3— 5 2 7 6 — — ——————— Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher! und n öſiſcher itertur Ednard Ottmann in S Schloßgaſſe Lit 2 A. Nr. 256. Leiß und eſebedingungen 1. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wi xMR— ke „ 4 Aponnement. Daſſelbe muß voraus vezahtt werden eträ für 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bucher: —.——— 2 W— f a 1Monat: N W 1 W 2 W Pr. 3 Auswärtige Abonnenten haben für und Zurückſendung der Bücher auf ihre enen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit upfern 1c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, Pſei ver⸗ borene oder defecte Buch ein Theil größeren erkes ſo iſt* der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Sgeebe iſt u 14 Tage feſtge eſett und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das eiterverleihen der Bücher nicht fiattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. S N Eu K tin Mutter aus dem Volke und der Mann von Adel. Enthüllungen dunkler Thalſachen aus der Gegenwark von ZB.. Arnheim. — Dritter Band. Düſſeldorf, Verlag von F. A. Schönfeld. In 6 ſen Mo endlich Ba i ieſn 2 ſchweige tet war. Sie 6t —— * „ „ 1 müſſe* trüben geſtiege n eir vor dn derte in geſtgt h Port, nich hin . 32. Kapitel. Getäuſchte offnungen. In fieberhafter Erregung erwartete Baroneſſe Adelaide an die⸗ ſem Morgen den Hofmeiſter, von dem ſie über ihr verlorenes Kind endlich Auskunft zu erhalten hoffte. Baron Udo hatte Anfangs ſeiner Gattin die Begegnung mit dieſem Manne und die von ihm erhaltenen Mittheilungen ver⸗ ſchweigen wollen, aber nach einigem Nachdenken hielt er es für beſſer, ihr Alles zu ſagen, damit ſie auf das Folgende vorberei⸗ tet war. Und alle Zweifel, die er ſelbſt noch hegte, wurden von dem Mutterhe zen verworfen, welches mit ſeiner ganzen Kraft ſich an dieſen Hoffnungsanker klammerte. Sie hatte ja immer an dem Glauben feſtgehalten, Cäcilie müſſe noch leben, und die Mittheilungen des Hofmeiſters ent⸗ ſprachen in jeder Weiſe den Vermuthungen, die in mancher trüben Stunde, ſo mancher ſchlafloſen Nacht in ihrer Seele auf⸗ geſtiegen waren. Wie hätte ſie jetzt noch zweifeln können! Joſeph hatte das Frühſtückgeſchirr abgeräumt, die Baronin warf einen Blick auf die Penduluhr, die auf der Marmorconſole vor dem Spiegel ſtand. Baron Udo hatte die Hände auf den Rücken gelegt, er wan⸗ derte in Nachdenken verſunken auf und nieder. „Ich will ja gerne zugeben, daß er mir die lautere Wahrheit geſagt haben kann,“ nahm der alte Herr nach einer Weile das Wort,„aber auf der anderen Seite iſt es auch möglich, daß er mich hinter das Licht geführt hat.“ —— „Gewiß nicht Udo,“ erwiderte die Baronin.„Ich würde dieſe letztere Möglichkeit eher gelten laſſen, wenn er eine beſtimmte Sum⸗ me gefordert hätte.“ „Hat er das nicht gethan?“ „Anfangs allerdings—“ „Er forderte ſogar Vorausbezahlung,“ ſagte der Baron,„eine Forderung, die Jeden mißtrauiſch machen mußte.“ „Er hat von dieſer Forberung Abſtand genommen uud ſich mit einer Jahrespenſion zufrieden erklärt, er muß ſich ja ſelbſt ſagen, daß er ſie verlieren wird, ſobald es ſich herausſtellt, daß er uns betrogen hat.“ „Ich weiß nicht, welches Document er von mir fordern wird,“ erwiderte der alte Herr, der am Fenſter ſtehen geblieben war,„ich ſoll die Penſion ihm ſicher ſtellen, es wäre möglich, daß er eine Schuldverſchreibung fordert. Du weißt ſelbſt, Adelaide, daß die Verpflichtung, jährlich tauſend Thaler zu zahlen, uns ſchwere Opfer auferlegt. Edmund hat ſich bereit erklärt, mir jährlich dreitauſend Thaler zu zahlen und mein Privatvermögen bringt allerdings auch eine kleine Revenue ein, aber ich muß auch für Bruno ſorgen und daueben ſind wir gezwungen, unſerm Stande gemäß aufzutreten.“ „Das Opfer iſt nicht zu groß „Wenn wir durch dasſelbe unſer verlorenes Kind zurückerhal⸗ ten, gewiß nicht, und ich bringe es in dieſem Falle auch genne. Was aber dann, wenn Cäcilie in ihrer Erziehung, wie ich das faſt befürchte, ſo ſehr verwahrloſt iſt, daß wir—“ „Udo, ich bitte Dich dringen?, ſprich nicht immer dieſe Befürch⸗ tungen aus! In welchen Verhältniſſen wir auch Cäcklie wieder⸗ finden mögen, ſie iſt unſer Kind, und im ſchlimmſten Fallekönnen wir ihrer Erziehung immer noch nachhelfen. Sie iſt ja noch jung und es gibt eine Unzahl vorzüglicher Erziehungsanſtalten.“ Die Stirne des alten Herrn umdüſterte ſich mehr und mehr. „Wir können darüber erſt dann beſtimmen, wenn Cäcitie ge⸗ funden iſt,“ antwortete er.„Ich werde ſofort abreiſen, um das Kind zu holen.“ „Und Du willſt mir wirklich nicht geſtatten, Dich zu begleiten?“ „Ich bitte Dich, auf dieſen Wunſch nicht zu beſtehen. Wozu die unnöthige Aufregung? Ich reiſe allein raſcher, und es kön⸗ A nen ligunl telegr hes hegni Z . g nicht! es iſt geſagt, Frau Veih Freun könnte hent Fra 0 Folg hen — 811— nen möglicherweiſe mir Schwierigkeiten begegnen, bei deren Bethei⸗ ligung Du mir hinderlich ſein würdeſt. Ich werde Dir ſofort telegraphiren, wenn ich Cäcilie gefunden haben, Du erfährſt alſo das Reſultat kaum eine Stunde ſpäter, damit kannſt Du Dich begnügen.“ „Die Ungeduld und Ungewißheit—“ „Du mußt ſie bezwingen, Adelaide, die Reiſe würde Dich auch nicht beruhigen, ſondern nur noch Deine Erregung ſteigern. Und es iſt beſſer, daß Du Dir das erſparſt. Hurter hat überdies mir geſagt, die ſtrengſte Verſchwiegenheit ſei nothwendig, damit die Frau Grimm nicht gewarnt werde. Daraus geht hervor, daß das Weib hier Freunde hat, und es läßt ſich erwarten, daß dieſe Freunde uns beobachten. Reiſen wir beide zuſammen ab, ſo könnte das Verdacht erregen, und der Telegraph arbeitet raſch.“ Die Baronin blickte ven alten Herrn beſorgt an, ſie ſchien an dieſe Möglichkeit noch nicht gedacht zu haben. „Ich kann mir in der That nicht wohl denken, daß Alles ſich ſo verhalten ſoll, wie Hurter behauptet,“ nahm der Baron wieder das Wort.„Der Haß der Wärterin gegen Dich mußte doch im Laufe der Zeit verrauchen und das Kind izr zur Luſt fallen, ſie mußte ſich ſagen, daß wir ihr Strafloſigkeit zuſichern würden er Bedingung uns die Tochter zurückgeben wenn ſie nur unter dieſ wollte—“ „Auch dieſe Gründe ſind zu ſchwach, um darauf Zweifel ſtü⸗ tzen zu können,“ unterbrach Baroneſſe Adelcide ihn.„Hatte die Frau einmal das Verbrechen begangen, dann fürchtete ſie auch die Folgen eines Geftändniſſes zu ſehr, als daß ſie ſich zu einem ſol⸗ chen hätte entſchließen können. Und ſie durfte auch nicht hoffen, daß wir ihr Strafloſigkeit zuſichern würden.“. „Wir hätten es gethan!“ „Wer weiß, Udo! Wir können es mit Sicherheit nicht behaup⸗ ten, denn dieſe Frage iſt nie an uns herangetreten. Es war ein zu ſchändliches Verbrechen, wir können es nie verzeihen. Und es wäre auch unmöglich geweſen, die Sache geheim zu halten, unſre Freunde und Bekannte würden Aufſchluß über das plötzliche Er⸗ ſcheinen des verſchwundenen Kindes gefordert haben, und das Ge⸗ richt hätte jedenfalls die Verfolgung der Wärterin beantragt.“ — 812— Die Arme auf der Bruſt gekreuzt blickte Baron Udo ſinnend auf die Straße hinunter, während ſeine Gattin abermals einen ungeduldigen Blick auf die Uhr warf. „Wir werden ja nun Gewißheit erhalten,“ brach er nach einer Pauſe das Schweigen,„gedulden wir uns alſo! Bruno macht mir große Sorgen, ich fürchte jetzt auch, daß wir an ihm keine Freude erlehen.“ „Haſt Du Nachrichten von ihm erhalten?“ „Ja; er verlangt Geld.“ „In Paris iſt das Leben theuer, Udo!“ „Deshalb ſoll er das theure Pflaſter verlaſſen. Er darf nicht verlangen, daß ich ſeinetwegen mich in Schulden ſtürze, und er weiß doch auch, daß meine Verhältniſſe mir nicht mehr geſtatten, ihm ſo große Zuſchüſſe zu geben. Es iſt unangenehm genug, daß ich dieſe Cröffnungen machen muß, aber was hilfts, daß ich damit hinter dem Berge halte?“ „Wir können und dürfen unſere Hand nicht von ihm ab⸗ ziehen.“ „Gewiß nicht, aber er ſoll auch ſelbſt über ſeine Zukunft nach⸗ denken! Er hat nichts gelernt, das iſt theils ſeine, theils unſre Schuld, und er iſt zu alt geworden, um in die Armee einzu⸗ treten; er würde graue Haare haben, ehe er Hauptmann iſt.“ „Aber es muß Rath geſchafft werden!“ ſagte die Baronin be⸗ ſorgt.„Haſt Du nicht damals zu ſehr auf ſeine Verbindung mit Klara vertraut?“ „Dieſes Vertrauen wäre nicht getäuſcht worden, wenn Bruno nicht die Achtung Klara's verſcherzt hätte,“ erwiderte Baron Udo ernſt. „Sein Auftreten gegenüber dem Maler mußte das feinfühlende Mädchen empören, und ſein Duell in Vevey war auch nicht ge⸗ eignet, ihm die verlorene Achtung wieder zu geben.“ „Sollte er wirklich der Sängerin nachgereiſt ſein?“ „Ich weiß daß nicht, möglich iſt es, und dann wäre es ein Grund mehr zu ernſten Vorwürfen. Ich habe es nach dem Vor⸗ fall in dem Konzertſaal an ernſten Ermahnungen und Vorſtellun⸗ gen nicht fehlen laſſen, ich habe ihm den Abgrund gezeigt, an dem ſein Weg ſcharf vorbeiſtreifte, ſeine Sache war es, die Au⸗ gen offen zu halten und über meine Worte ernſt nachzudenken. darau vnhif war nehne — ſern nahm ihn. jolle zuckt des E Verb ——— — 813— „Es iſt ja auch möglich, daß das Zuſammentreffen mit der Sängerin ein zufälliges war.“ „Ich will dieſe Möglichkeit gelten laſſen, Adelaide aber ich finde keine Entſchuldigung dafür, daß er die Dame inſultirte⸗ Das verbot ihm ſchon ſein Name und ſein Stand! Daß Herr von Falkenberg ihn herausgefordert haben ſoll, kann ich auch nicht glauben. Falkenberg iſt eine ſtille ruhige Natur, die ſolchen Provokationen gerne aus dem Wege geht. So deutet das Alles darauf hin, daß Bruno in der Sängerin die Freundin des ihm verhaßten Malers beleidigen wollte, und Herr von Falkenberg war als Mann von Ehre gezwungen, die Dane in Schutz zu nehmen.“ Die Baronin wiegte ernſt das ſorgenſchwere Haupt. „Der Maler Rodenberg hat dieſen ganzen Zwieſpalt in un⸗ ſern Familienkreis gebracht,“ ſagte ſie tiefaufſeufzend.„Klara nahm ſofort Parthei für ihn, und auch Dein Bruder protegirte ihn. Das Benehmen Edmunds in dieſer Sache hat mir nie ge⸗ fallen.“ „Mir mißfällt auch Manches,“ erwiderte der alte Herr achſel⸗ zuckend,„aber ich kann's leider nicht ändern. Die Renovation des Schloſſes, die Verbindung mit der Tochter des Bankiers—“ „Das nicht allein, Udo, er hat auch Klara beſtimmt, die Werbung Bruno's abzulehnen.“ „Ich weiß es, und ich mache ihm mit Recht den Vorwurf, daß er in dieſer Angelegenheit ein doppelzüngiges Spiel geſpielt hat, er ſagte mir, er habe gegen dieſe Verbindung gar nichts ein⸗ zuwenden und hinter meinem Rücken erklärte er ſeiner Tochter, die Verbindung finde er nicht wünſchenswerth.“ „Und flößt Dir das Alles kein Mißtrauen ein?“ „Mißtrauen? Gegen wen?“ „Gegen Deinen Bruder.“ „Bruno hat über dieſen Punkt auch oft geſprochen,“ erwiderte der alte Herr zögernd,„und ich will offenherzig geſtehen, daß mit⸗ unter Zweifel und ernſte Bedenken in mir aufſtiegen. Aber hätte der Verwalter nicht zuerſt Argwohn ſchöpfen und mir denſelben mittheilen müſſen?“ „Er kann den Verwalter gewonnen haben.“ „Wortmann iſt ein chrlicher Mann, Adelaide, und ich habe n——2———„ — 4* — 814— Beweiſe genug erhalten, daß Edmund mit ihm nicht harmonirt., „In dieſem Falle würde er ihn entlaſſen.“ „Ich fürchte, daß dies bald geſchehen wird, er kann ihn jetzt noch nicht entbehren. Die alte Magd des Verwalters hat mir auch tolles Zeug vorgeſchwätzt, aber darauf kann man nichts ge⸗ ben, die alte Frau iſt kindiſch geworden.“ „Was ſagte ſie Dir?“ „Ich weiß es nicht mehr.“ „Es bezog ſich auf Deinen Bruder?“ „Jowohl, aber ich hörte nicht darauf, wie geſagt, es war tolles Zeug, und Wortmann wird wohl thun, wenn er dafür ſorgt, daß ſie ſo bald wie möglich vom Gute entfernt wird. Die Vermuthung, daß Edmund nur ein Abentheurer ſein könne, iſt ganz haltlos, er würde mit dieſer Rolle ſchon am erſten Tage Fiasco gemacht haben.“ „Dieſer Behauptung kann ich nicht beipflichten,“ erwiderte die Baronin,„derartige Betrüger haben ſchon oft ihre Rolle mit Geſchick durchgeführt. Und ihm kommt hier auch Manches zur Hülfe. Du haſt den Bruder nur oberflächlich gekannt, ihn vor ſeiner Flucht geſehen, die früheren Freunde und Bekannten—“ „Der Verwalter und der Hofmeiſter würden genügen, ihn zu entlarven!“ „Und ich behaupte noch einmal, er kann dieſe Beiden btſto⸗ chen und für ſich gewonnen haben, bei dieſen Leuten läßt ſich Alles erreichen. Ich fange an zu fürchten, daß der Hofmeiſter nicht Wort halten wird.“ Jept warf auch der Baron einen Blick auf die Uhr, und ſeine Brauen zogen unmuthig ſich zuſammen. „Er hat es verſprochen,“ ſagte er,„und es liegt in ſeinem eignen Intereſſe, daß er dieſes Verſprechen einlöst, ſeine ganze zukünftige Exiſtenz hängt davon ab.“ „Aber er wollte früh kommen.“ „Gleich nach dem Frühſtück.“ „Und dieſe Leute frühſtücken früher, wie wir,“ erwiderte Ta⸗ roneſſe Adelaide mit wachſender Ungeduld,„er hätte längſt hier ſein müſſen.“ „Kommt er nicht bald, ſo gehe ich zu ihm.“ „Weißt Du, wo er wohnt?“ ihn ei ben u hebe i nuß W jezt v hen ha „F „Ne haſtig, Fründe nan it ſcoſe ſchuß heſer annehn „D Var Aue eingelö zu dür übethat Snen er ve noch riedrig De Hoß k um ih rauben Ei derſelb nur eir —— nur einen Erpreſſungsverſuch bezweckten, erbittert ſein mußte. „Ja, er hat es mir geſagt.“ „Dann wollen wir Joſeph hinſchicken.“ „Nicht doch, ich werde ſelbſt gehen. Du darfſt nicht vergeſſen, daß das Geheimniß gewahrt bleiben muß.“ „Wir können auf Joſeph vertrauen.“ „Ich zweifle daran nicht, aber nichts deſtoweniger möchte ich ihm ein ſo wichtiges Geheimniß doch nicht anvertrauen! Auch dem treueſten Diener traue ich nur ſo weit, wie ich ihn ſehe, ich habe in dieſer Bezichung herbe Erfahrungen gemacht. Hurter muß Abhaltung haben, ich kann mir nicht wohl denken, daß er jetzt wieder ſich zurückziehen ſoll, nachdem er mir ſo viel verra⸗ then hat.“ „Vielleicht bereut er ſchon—“ „Nein, nein, ich kann das nicht glauben,“ ſagte der Baron haſtig, während er bereits die Handſchuhe anzog,„es müſſen andre Gründe vorliegen. Eine Penſion von tauſend Thalern verſcherzt man in ſeinen Verhältniſſen nicht, und wenn er einmal ſich ent⸗ ſchloſſen hatte, uns Alles mitzutheilen, dann mußte er dieſen Ent⸗ ſchluß auch ausführen. Von andrer Seite können ihm keine beſſeren Anerbietungen gemacht worden ſein, es läßt ſich nicht annehmen, daß die Frau Grimm Reichthümer erworben hat.“ „Das glaube ich auch nicht, aber möglich wäre es dennoch.“ Baron Udo nahm ſein Hut und Stock und ging hinaus. Auch ihn beunruhigte es, daß der Hoſmeiſter ſein Wort nicht eingelöſt hatte, und er glaubte daraus ſchon den Schluß ziehen zu dürfen, daß Hurter deshalb nicht gekommen war, weil er überhaupt nichts wußte. Vielleicht hatte er am vorigen Abend einen Rauſch gehabt und in dieſem Rauſch mehr geſchwäzt, als er verantworten konnte, vielleicht auch, und dieſe Annahme lag noch näher, hatte er mit ſeinen halben Mittheilungen nur eine niedrige Rache bezweckt. Der Baron wußte ja, wie ſehr dieſer Mann ihn haßte, der Haß konnte ihn verleitet haben, jene Mittheilungen zu machen, um ihn und die Baronin aufzuregen, ihnen die innere Ruhe zu rauben. Ein em ſolchen Menſchen durfte man dieſe Rache zutrauen, zumal derſelbe durch die Zurückweiſung ſeiner früheren Vorſchläge, die * — 816— Indeß, es konnten auch endre Gründe vorliegen, die ihn ver⸗ hinderten, ſein Verſprechen zu erfüllen; Hurter konnte plötzlich erkrankt ſein, man durfte erſt dann urtheilen, wenn man darüber Gewißheit hatte. Baron Udo hatte endlich das Haus erreicht, er ging hinein und ſtieg die Treppen hinauf, auch er ſuchte, wie ſein Bruder am Abend vorher, die Wohnung des Hofmeiſters unter dem In ſchmalen, dunkeln Gange begegnete ihm eine Frau⸗ er fragte ſie nach der Wohnung Hurters. Die Frau zeigte ſchweigend auf ſeine Thüre, der Baron klopfte an. Keine Antwort erfolgte. „Der alte Herr wird ausgegangen ſein,“ ſagte die Frau. Baron Udo wandte ſich zu ihr um und ließ den Blick for⸗ ſchend auf ihr ruhen. Sie mochte die Vierzig kaum überſchritten haben, ihr Wuchs war ſchlank, ihre Haltung imponirend, und ihre feinen Zügen zeigten noch jetzt deutliche Spuren früherer Schönheit aber dane⸗ ben auch die unverkennbaren Merkmale einer ſtürmiſchen von ſtür⸗ miſchen Leidenſchaften und drückenden Sorgen durchflochtenen Ver⸗ gangenheit. Darauf deutete auch ihr Anzug, der früher wahr⸗ ſcheinlich in den Salons der feineren Kreiſe Bewunderung erregt hatte. „Frau Winkel!“ ſagte die Frau mit einer leichten Ver⸗ beußuns Der Baron verbeugte ſich ebenfalle, aber er ſchien es für überflüſſig zu halten, dieſe Höflichteit zu erwidern, und ſich nun auch vorzuſtellen. „Sie glauben, daß er ausgegangen ſei?“ erwiderte er.„Wiſſen Sie es beſtimmt?“ „Ich habe ihn heute Morgen noch nicht geſehen. „Sie wohnen jedenfalls ſien Mademe?“ „Neben ſeinem Zimmer.“ Baron Udo klopfte noch einmal an, dann legte er ſeine Hand auf die Schloßkrücke. „Ueberzeugen wir uns,“ ſagle er ruhig, indem er die Türe 0 und d aber Gi ten ſi drayir ſichtig Dutze vetſchi (egun Zwil 9 wiſch woſenf — —b. S — 817— öffnete, aber im nächſten Augenblick prallte er mit einem leiſen Schreckensruf zurück. In der Mitte des Zimmers lag die Leiche des Hofmeiſters 6 lang ausgeſtreckt, eine noch halbgefüllte Weinflaſche und zwei leer Gläſer ſtanden neben der erloſchenen Lampe auf dem Tiſch. „Wir müſſen die Polizei und den Arzt holen,“ ſagte Mada⸗ me Winkel entſetzt,„der alte Mann ſcheint einen Schlaganfall bekommen zu haben.“ „Finen Schlaganfall?“ wiederholte der Baron, deſſen Blick ſtarr auf der Leiche ruhte,„kann ſein, aber Sie haben Recht, es muß konſtatirt werden!“ „Darf ich Sie bitten, ſo lange in mein Zimmer zu treten?“ „Ich nehme Ihre freundliche Einladung an, mir liegt viel daran Gewißheit zu erhalten.“ Baron Udo folgte bei den letzten Worten der Frau Winkel in ein helles, freundliches Zimmer, deſſen Ausſtattung ebenfalls auf früheren Wohlſtand ſchließen ließ. „Ich bitte Sie, mich einen Augenblick zu entſchuldigen,“ ſagte ſie,„ich werde ſofort einen Boten zum Polizeikommiſſar unſres Reviers ſchicken.“ Der Baron nickte, er fand jetzt Muße, daß Zimmer näher in Augenſchein zu nehmen. Die Möbel waren von Mahagoniholz verfertigt, die Stühle und der Divan trugen Ueberzeüge von urſprünglich blauem, jetzt aber verblichenem Seidenzeug. Ein alter Teppich bedeckte den Fußboden, die Gardinen zeig⸗ ten ſtellenweiſe große Riſſe und Löcher, waren aber ſo geſchickt drapirt, daß man die Schäden nur bei langer und genauer Be⸗ ſichtigung hemerkte. Hinter der Glasthür eines Schrankes paradirten ein halbes Dutzend hohe Champagnergläſer, einige vergoldete Porzellantaſſen verſchiedene zierliche Nippfiguren, ein hoher Glaspokal, eine Reihe elegant gebundener Bücher und verſchiedene andere Dinge, deren Zweck der Baron nicht ermitteln konnte. Die Wände waren geſchmückt mit zahlloſen Photographien und zwiſchen dieſen hingen einige welke Lorbeerkränze mit weißen oder roſenfarbenen Bandſchleifen. Der Baſtard. 52 — 818— Die Photographien zeigten mit geringen Ausnahmen ein und dieſelbe junge Damen in den verſchiedenſten Coſtümen, und da dieſe Dame eine frappante Aehnlichkeit mit Madame Winkel zeigte, ſo lag die Vermuthung, daß die letztere eine Schauſpielerin war, außerordentlich nahe. Baron Udo empfand nun allerdings eine unbeſiegbare Abnei⸗ gung gegen Alles, was mit dem Theater in Verbindung ſtand, aber er hatte nun einmal die Einladung dieſer Schauſpielerin an⸗ genommen, es wäre unmöglich geweſen, ihr jetzt ſchroff entgegen zu treten, wozu ja auch keine Berechtigung vorlag. Als ſie gleich darauf zurückkehrte, ſtellte er ſich ihr vor, er glaubte ihr dieſe Rückſicht, durch die er ſich nichts vergab, ſchul⸗ dig zu ſein, überdies war es möglich, daß Hurter mit dieſer Frau über ſeine Geheimniſſe geſprochen hatte. Ein ſeltſamer Blick traf ihn aus den noch immer ſchönen, lebhaft blitzenden Augen der Schauſpiekerin, als er ſeinen Namen nannte, im nächſten Moment umzuckte ein geringſchätzendes Lächeln ihre Lippen. „Sie hatten einen älteren Bruder,“ fagte ſie, nachdem ſie ihm gegenüber Platz genommen hatte,„Baron Edmund von Oſthofen, lebt er noch?“ „Er iſt vor einiger Zeit aus Amerika zurückgekehrt.“ „In der That?“ Ach ja, ich erinnere mich jetzt, er mußte da⸗ mals wegen eines Duells flüchten und war ſeitdem verſchollen. „Und jetzt iſt er zurückgekehrt?“ fuhr die Frau in lebhafterem Tone fort.„Wenn ich nicht irre, mußte er das Majorat erben, er war der Aeltere!“ Ihr Blick ruhte mit fieberhafter Erwartung auf ihm, und Ba⸗ ron Udo, ſo unbequem ihm auch die Fragen waren, fand keine Urſache, die Wahrheit zu verſchweigen. „Er hat nach ſeiner Heimkehr das Majorat übernommen,“ ſagte er,„während ſeiner Abweſenheit wurde es in ſeinem Intereſſe verwaltet.“ „Davon wußte ich noch nichts.“ „Sollte man in den Theaterkreiſen nicht darüber geſprochen haben?“ fragte der Baron ironiſch mit einem bedeutungsvollen Blick auf die Lorbeerkränze. „Ich betrete die Bretter nicht mehr, Herr Baron.“ Flitte danq und pein genc — — „Nicht mehr? Sollten Sie wirklich nach ſo ſchönen und ruhm— reichen Erfolgen ſchon ſo frühe entſagt haben?“ „Und weshalb nicht?“ erwiderte Madame Winkel achſel⸗ zuckend.„Das heitere Völkchen der Theaterwelt wird in der Regel verkannt. Man glaubt, es führe ein recht ungebundenes Leben im glücklichen Leichtſinn, es gewinne dem Leben nur die heiterſten Seiten ab und kenne weder Sorge noch Aerger. Hinter die Couliſſen blicken Wenige, alſo ſehen ſie die Dornen nicht, die in die Lorbeerkränze hineingeflochten ſind. Sie wiſſen nichts von dem Neid, der Mißgunſt und dem Hader dieſes Völkchens unter⸗ einander, ſie ſehen beim ſtrahlenden Lampenlicht nur die goldnen Flitter und haben keine Ahnung von den Lumpen, die unter ih⸗ nen ſich verbergen. Nein, Herr Baron, ich war's herzlich ſatt, als ich mir ſo viel erſpart hatte daß ich ruhig in die Zukunft blicken konnte, zog ich mich von der Bühne zurück.“ „Es war vielleicht das Klügſte, was Sie thun konnten!“ „Jedenfalls war es das.“ „Aber Sie werden doch Manches entbehren—“ „Anfangs wohl, Herr Baron, jetzt aber nicht mehr. Ich habe gefunden, daß man Vieles entbehren kann, wenn man es ernſt⸗ lich will.“ Baron Udo nickte zuſtimmend, er mußte an ſeine eigenen Ver⸗ hältniſſe denken, auch ihm wurden jetzt Einſchränkungen und Entbehrungen auferlegt, an die er früher nicht gedacht hatte. „Hat Baron Edmund nicht ſchon vor mehreren Jahren ſeine Gemahlin verloren?“ fragte Madame Winkel. „Kurz nach ſeiner Flucht,“ erwiderte der Baron. „Und er hat nicht wieder geheirathet?“ „Nein. Veranlaßt Sie ein beſonderes Intereſſe dieſe Fragen an mich zu richten?“ Madame Winkel ſchlug verwirrt die Augen nieder. „Das nicht,“ erwiderte ſie,„Baron Edmund intereſſirte ſich damals für das Theater, er war in unſern Kreiſen ſehr beliebt und angeſehen.“ Die Brauen des alten Herrn zogen ſich zuſammen, es war ihm peinlich, daß der Name des Majoratsherrn von ſolchen Lippen genannt wurde. ——————————————,——— Er blickte auf ſeine Uhr und ſchütteite den Kopf. „Die Beamteu laſſen lange auf ſich warten,“ fagte er un⸗ willig. „Wir müſſen uns gedulden! Herr Baron, die Herren können nicht in jeder Minute über ihre Zeit verfügen.“ „Sie kannten den Verſtorbenen wohl ſehr genau?“ „Er wohnte noch nicht lange hier,“ erwiderte Madame Winkel „aber wir hielten gute Nachbarſchaſt.“ „Hat er Ihnen über ſeine Vergangenheit niemals Mittheilun⸗ gen gemacht?“ „Selten, er ſchien darüber nicht gerne zu reden, und mit neu⸗ gierigen Fragen mochte ich ihm nicht läſtig fallen.“ „War er geſtern Abend nicht bei Ihnen?“ „Nein.“ „Er hat Ihnen auch nicht geſagt, daß er günſtige Ausſichten ſür ſeine Zukunft habe?“ „Ich erinnere mich einer ſolchen Aeußerung nicht. Seine Ver⸗ hältniſſe ſchienen keineswegs glänzend zu ſein, er mußte ſich in ſeinen Bedürfniſſen ſehr einſchränken, aber er klagte nicht, dazu war er zu ſtolz.“ „Hat er nie mit Ihnen über Hoffnungen geſprochen, die er auf mich ſetze?“ „Nein, einmal erwähnte er, die Barone von Oſthofen hätten ihm mit Undank gelohnt, er habe Ihnen eine glänzende Exiſtenz geopfert, aber weiter wollte er ſich darüber nicht auslaſſen.“ „Es war eine Lüge, er hat nur geerntet, was er ſäete, und wenn die Erute ſeinen Wünſchen nicht entſprach, ſo lag die Schuld an ihm ſelbſt. Er wollte mir heute wichtige Mittheilun⸗ lungen machen, hat er auch davon Ihnen nichts geſagt?“ „Nein, ſeine ſchwache Seite war es überhaupt nicht, viel zu reden.“ Die Unterredung wurde in dieſem Augenblick durch den Ein⸗ tt des Polizeiraths Heller unterbrochen. Madame Winkel kannte ihn, ſie ging lebhaft ihin entgegen. „Sie kommen zur rechten Zeit,“ ſagte ſie,„wiſſen Sie ſchon was ſich zugetragen hat? Ich bitte um Eutſchuldigung! Herr Ba⸗ ron Udo von Oſthofen— Herr Polizeirath Heller!“ „ de Bl muiſhen Stuhl ech „Notür Gän Grigriß „Haben Der kor „Glaub „An ein in iur Uhnge ich nie dard „Wenn erſte, de Aerd de — „Sie w ging ich zu erwiderte „Als S ſchlißen un „Wesha „Weil „Ermor die Unterſu kann ich we dafür vorli „Nein, ſpielerin,„ dus Lben Ach ron.„Er chen—“ „Da ſi er die Thü Baron äete, und lag die tittheilun⸗ — 821— Der Blick des Polizeirat)s ruhte eine Weile auf dem ariſto⸗ kratiſchen Geſicht des Edelmanns, der ſich langſam von ſeinem Stuhl erhoben hatte. „Natürlich weiß ich es,“ erwiderte er haſtig,„draußen in den Gängen und Treppen ſtehen überall Gruppen die ſich über das Ereigniß unterhalten.“ „Haben Sie die Leiche ſchon geſehen?“ fragte der Baron. . „Glauben Sie auch an einen Schlaganfall?“ „An einen Schlaganfall?“ etwiderte der Polizeirath.„Wenns in der Umgebung einer Leiche nach bittren Mandeln riecht, glaube ich nie daran.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Wenn ich recht unterrichtet bin, Herr Baron, ſo waren Sie der erſte, der die Leiche fand.“ „Alerdings.“ „Sie wollten den alten Mann beſuchen?“ „Er hat mir ſeinen Beſuch verſprochen, da er nicht kam, ging ich zu ihm, um den Grund ſeines Ausbleibens zu erforſchen,“ erwiderte Baron Udo. „Als Sie die Leiche fanden, hätten Sie die Thüre ſofort ver⸗ ſchließen und den Schlüſſel einſtecken ſollen.“ „Weshalb das?“ „Weil Hurter wahrſcheinlich ermordet worden iſt.“ „Ermordet?“ rief Madame Winkel entſetzt. „So ſagte ich,“ nickte der Polizeirath,„das Weitere muß nun die Unterſuchnng ergeben. Daß er ſich ſelbſt vergiftet haben ſoll, kann ich wohl nicht gut annehmen, ich wüßte nicht, welche Gründe dafür vorliegen ſollten.“ „Nein, das glaube ich auch nicht,“ erwiderte die frühere Schau⸗ ſpielerin,„dazu war er zu ruhig und in ſeinen Anſprüchen an das Leben zu genügſam.“ „Auch ich glaube nicht an einen Selbſtmord,“ ſagte der Ba⸗ ron.„Er hatte mir für heute wichtige Mittheilungen verſpro⸗ chen „Da ſind die Gerichtsherren,“ unterbrach Heller ihn, während er die Thüre öffnete. Baron Udo und Madame Winkel folgten ihm in das Zimmer —— — 822— Hurters, in das jetzt auch der Unterſuchungsrichter, der Staats⸗ anmalt, der Gerichtsarzt und ein Polizeikommiſſar eintraten. Der Arzt kniete neben der Leiche nieder und beugte ſich über ſie. „Vergiftet mit Blauſäure!“ ſagte er lakoniſch.„Starke Do⸗ ſis— Tod jedenfalls ſoſort erfolgt.“ „Kann ein Selbſtmoed vorliegen?“ fragte der Staats⸗ anwalt. „Gewiß,“ antwortete der Doktor,„dieſe Vermuthung liegt am nächſten—“ „Verzeihen Sie, daß ich dieſer Anſicht widerſpreche,“ ſagte der Polizeirath.„Ich habe den Verſtorbenen perſönlich gekannt, und dieſe Dame wird Ihnen ebenfalls ſagen, daß zu einem Selbſtmord keine triftigen Gründe vorlagen—“ „Müſſen dieſe denn ſtets vorliegen?“ unterbrach der Doctor ihn gereizt.„Eine augenblickliche Geiſtesſtörung kann zu ſolcher That verleiten. Ueberdies giebt es eine Menge von Gründen, die Niemand verſicht, es iſt ſchon oft vorgekommen, daß ſteinreiche Leute ſich allein deshalb das Leben genommen haben, weil ſie fürchteten, mit ihrem Gelde nicht auszukommen.“ „Ich will das nicht beſtreiten. aber ich habe noch andere, beſſere Gründe, die gegen den Selbſtmord ſprechen. Hier ſtehen zwei Flaſchen und zwei Gläſer, eine Flaſche iſt noch halb gefüllt, und aus beiden Gläſern iſt getrunken worden. Ein Selbſtmörder würde erſt im letzten Glaſe das Giſt genommen haben, er hätte gewiß die Flaſche leer getrunken. Sodann frage ich, wer hat aus dem zweiten Glas getrunken? Der Verſtorbene hat kurz vor ſei⸗ nem Tode Geſellſchaft gehabt, und man muß erforſchen, wer die⸗ ſer Gaſt war.“ Der Doktor hielt bald die Flaſche, bald die Gläſer unter die Naſe. „Das Gift war in dieſem Glaſe,“ ſagte er,„der Wein ſcheint kein Gift zu enthalten.“ Der Unterſuchungsrichter ordnete ſofort eine genaue Durch⸗ ſuchung des Zimmers an, aber es wurde nichts gefunden, was darauf hindeutete, daß der Verſtorbene Gift beſeſſen hatte. „Das Reſultat dieſer Haus uchung beſtätigt meinen Verdacht“ ſagte der Polizeirath,„Die Frage, wo das Flacon iſt, welches die viß nicht log ja Sie! tichter ſi odizuſchb „Eln „Nein. famen da „Kenn „Nein „66 ſagte der „Könn terſuchung „Joh ſhon jñ glaube it „Hör fragte der „Nein WVa „Ely „Unt „Nei griff au meinen 2 ² * — Blauſäute enthalten hat, muß ſich ja Jedem aufdrängen. Hätte der Vaſtorbene ſelbſt ſich das Leben genommen, ſo würde er ge⸗ wiß nicht daran gedacht haden, das Flacon zu entfernen, für ihn lag ja dazu keine Veranlaſſung vor.“ „Sie wohnen im Zimmer nebenan?“ wandte der Unterſuchungs⸗ richter ſich zu der früheren Schauſpielerin. „Jawohl.“ „Bitte, treten Sie näher. Ihr Name?“ „Florentine Winkel.“ „Stand?“ „Ich war früher Schauſpielerin und lebe jetzt von meinen Renten.“ „Sie haben den Verſtorbenen gekannt?“ „Seitdem er hier wohnte.“ „Womit beſchäftigte er ſich?“ „Er las und ſchrieb, ging häufig ſpazieren und ſuchte die Zeit todtzuſchlagen ſo gut er es vermochte.“ „Empfing er oft Beſuche?“ „Nein. Der Herr Polizeirath und ein andrer älterer Herr kamen dann und wann.“ „Kennen Sie dieſen älteren Herrn?“ „Nein „Es war der Verwalter des Majoratsherrn von Oſthofen,“ ſagte der Polizeirath. „Können Sie das mit Sicherheit behaupten?“ fragte der Un⸗ terſuchungsrichter. „Jawohl, Herr Gerichtsrath, ich bin mit dem Verwalter hier ſchon zuſammengetroffen. Daß auf ihn ein Verdacht fallen kann, glaube ich nicht, Hurter war mit dem Manne befreundet.“ „Hörten Sie geſtern Abend kein Geräuſch in dieſem Zimmer?“ fragte der Gerichtsrath ſich wieder zu der Schauſpielerin wendend. „Nein. Ich hörte allerdings, daß er Beſuch empfing—“ „Wann war das?“ „Etwas nach ſieben Uhr. „Und dann vernahmen Sie einen Wortwechſel— „Nein, nein, ich hörte weiter gar nichts. Ich ſtand im Be⸗ griff auszugehen, und es war mir auch ſehr gleichgültig, wer meinen Nachbar beſuchte.“ — — —— ———— „Sie gingen wir „Jawohl.“ Und wann kehrten Sie wieder heim?“ „Gegen zehn Uhr?“ „Wo waren Sie?“ „Im Theater. „Und als Sie heimkehrten, hörten Sie auch nichts?“ „Nein. Es war nebenan Alles ſtill, und ich begab mich auch gleich zur Ruhe.“ Sie hörten nicht, daß Jemand ſich entfernte, vernahmen ke 7 e Stöhnen—“ „Nichts, gar nichts.“ in „Und auch heute Morgen dachten Sie nicht daran, ſich nach dem Befinden des Nachbars zu erkundigen?“ „Das iſt nie geſchehen,“ antwortete Madame Winkel.„We hätte heute Morgen mich dazu veranlaſſen ſollen?“ „Wie waren ſeine Verhältniſſe?“ „Darüber habe ich nie Klarheit erhalten, er ſprach nicht da⸗ von, und ich mochte nicht fragen.“ „Ich verlange nur das Reſultat Ihrer eigenen Beobachtun gen zu wiſſen. Wie lebte der Mann 3 „Sehr einfach und beſcheiden, aber Sorgen ſchien er keine haben, oder ſich doch nicht zu machen, er war eben mit Allen frieden.“ „Beweiſe von Ge iſtesſtörung hat er Ihnen nicht gegeben?“ „Rie.“ „Er war auch nicht kränklich?“ „Er hat ſo viel ich mich erinnern kann, nie geklagt.“ „Beſaß er Verwandte?“ glaube es nicht“ „Hat er nie von einem Feind geſprochen, den zu fürchten Grund habe?“ „Auch das nicht.“ zu zu⸗ er Der Gerichtsrath ſchwieg, er wußte nicht, welche Frage er noch an die Frau richten ſollte. „Haben Sie noch eine Frage zu ſtellen, Kollege?“ wandte 5 er ſich zu dem Staatsanwalt. „— N„ „ 9 6 dder ob it hat“ „Geſtt Pol ijan iſ au nich huß Glus Weil we nih raſch zn 5 3* e6 z nr „Sate Nein, nieder verl gebrocht. „Vorg „Eine weſen, un Flaſche ebe Argwohn C neinſchaſtli durſte nit zweiten Flo ker, aber als der hätte ſeine Nachbatſch „Und fragte der Anſicht nie wolle“ „Das zuckend gen mit Opfer un das gimm „ „Ich wünſche zu wiſſen, ob er den Wein im Houſe hatte, . oder ob ihn vielleicht der uns unbekannte Beſucher mitgebracht hat.“ „Geſtatten Sie mir, dieſe Frage zu beantworten,“ ſagte der Polizeirath.„Im Hauſe hatte er den Wein nicht, ſeine Verhält⸗ 5 niſſe erlaubten ihm ſolche Ausgaben nicht, überdies erinnere ich mich, daß er noch geſtern Ahend meine Frage, ob er mir ein Glas Wein geben könne, verneinte.“ „Sie waren geſtern Abend auch hier?“ fragte der Gerichts⸗ rath raſch. „Ja, zwiſchen ſechs und ſieben Uhr. Ich war ſehr ermüdet und hätte gerne ein Glas Wein getrunken, aber Hurter behaup⸗ tete, es mir nicht geben zu können.“ „Sagte er Ihnen, daß er Beſuch erwarte?“ „Nein, es war ihm ſogar unangenehm, doß ich ihn ſobald wieder verließ. Und der Beſucher hat keinenfalls den Wein mit⸗ gebracht. „Woraus ſchließen Sie das?“ a⸗„Eine der beiden Flaſchen wäre bann vorher präparirt ge— 3 weſen, und wir müßten in dem Reſt dieſer noch halb vollen 3 Flaſche ebenfalls Gift finden. Das ließ ſich ja ohne zu einem Argwohn Grund zu geben, machen. Die erſte Flaſche wurde ge⸗ zu meinſchaftlich getrunken, die zweite ließ der Beſucher zurück, er 2 durfte mit Sicherheit darauf vertrauen, daß Hurter von dieſer zweiten Flaſche trinken würde. Der alte Mann war kein Trin⸗ 5 ker, aber er verſchmähte einen guten Tropfen nicht. Er würde aus der vergiſteten Flaſche getrunken haben, und der Mörder hätte ſeinen Zweck erreicht. Ich vermuthe, daß der Wein in der Nachbarſchaft geholt worden iſt.“ „Und wie ſollte das Gift in dieſes Glas gekommen ſein?“ fragte der Doctor, den es noch immer ärgerte, daß man ſeine Anſicht nicht gelten laſſen, an den Selbſtmord nicht glauben wollte.“ „Das kann ich freilich nicht wiſſen,“ erwiderte Heller achſel⸗ zuckend,„aber es laſſen ſich auch über dieſen Punkt Vermuthun⸗ gen mit ziemlicher Sicherheit aufſtellen. Der Mörder kann ſein te Opfer unter irgend einem plauſiblen Vorwande bewogen haben, das Zimmer für einen Augenblick zu verlaſſen, es bedurfte nur 1 — — . ——— — 826— einer halben Miuute, um den Inhalt des Flacons in das Glas auszugießen.“ „Sie vergeſſen den penetranten Geruch der Blauſäure, der ge⸗ wiß Verdacht erwekt haben würde!“ „Dieſer Geruch hat ſich wahrſcheinlich nicht ſo ſehr bemerk⸗ bar gemacht, wie Sie annehmen.“ „Hurter hat das Glas vielleicht raſch ausgetrunken, kurz, es ſind ſo viele Möglichkeiten vorhanden, daß ich ſie unmöglich Alle aufzählen kann.“ Der Gerichtsrath hatte ſeinem Schreiber das Protokoll diectirt, er wandte ſich jetzt zu dem Baron, während der Polizeikommiſſar noch immer unermüdlich alle Winkel durchſtöberte, offenbar in der Hoffnung, daß er ſchließlich doch noch eine Spur entdecken werde. „Sie werden es unter den obwaltenden Verhältniſſen ent, ſchuldigen, Herr Baron, wenn ich mir erlaube, einige Fragen an Sie zu richten,“ ſagte er.„Die Hauptſache iſt ja, daß wir Klar⸗ heit erhalten, und es wäre immerhin möglich, daß Sie uns eine Fährte zeigen könnten.“ „Ich bin bereit,“ erwiderte der Baron ruhig. „Sie wollten den Verſtorbenen beſuchen; kannten Sie ihn ſchon longe, und in welchen Beziehungen ſtanden Sie zu ihm?“ „Ich will Ihnen Alles mittheilen, Herr Gerichtsrath, es wäre allerdings möglich, daß Sie eine Spur fänden, die zugleich auch in meinem eignen Intereſſe verfolgt werden könnte,“ ſagte Baron Udo, das Haupt erhebend, wie einem plötzlichen Entſchluſſe folgend. „Hurter war in früheren Jahren in den Dienſten meines ſeligen Vaters, er war der Hofmeiſter meines Bruders. Ueber ſeine In⸗ triguen und die ſchlimmen Eigenſchaften ſeines Charakters will ich ſchweigen; ſie trugen die Schuld, daß er ſpäter ohne Ausſicht auf eine Penſion entlaſſen wurde, die ihm kürzlich allerdings von mei⸗ nem Bruder, dem nunmehrigen Majoratsherrn bewilligt wurde. Meine Ehe war mit zwei Kindern geſegnet, einem Sohne und einer Tochter, und die letztere wurde uns plötzlich in räthſelhafter Weiſe entriſſen. Das Kind war ſammt der Wärterin ſpurlos verſchwunden, die Herren werden ſich vielleicht dieſes Ereigniſſes, wenn auch nur dunkel erinnern. — Scht Nicheilun „Pirf Walbſers, gind, et uch hut &n guor bies nli heuchlin ken ſei, bef noch leben⸗ dun echielt hen uns zuicgegeb zchen wol Prief geſch Perwalter zu treten. ner Sache auszahlun Das ſchien geſonnen, ſen, zumal Spiel hatt nir zu Re Ctpreſſung Entſo dircct in „Nein Mann we det das e 3 ging et mit de lichſten N ſen Mitt eniführt verbracht. ſen, und ent, en an Klar⸗ s eine ſchon wäre auch zaton gend. eligen e In⸗ il ich tauf mei⸗ urde. e und hafter urlos niſſes, S S „Sehr genau ſogar,“ ſchaltete der Polizeirath ein, der dieſen Mittheilungen die größte Aufmerkſamkeit ſchenkte.“ „Wir fanden Hut und Mantel des Kindes am Rende des Waldſees, die Vermuthung lag nahe, daß Beide, Wärterin und Kind, ertrunken waren. Vielleicht waren ſie verunglückt, vielleicht auch hatte die Wärterin aus boshafter Rachſucht das Kind inden See geworfen und die Flucht ergrifſen. Der See wurde, ſo weit dies möglich war durchſucht, aber die Leiche nicht gefunden. Meine Gemahlin hat ſich nie mit dem Gedanken, daß das Kind ertrun⸗ ken ſei, befreunden können, nach ihrer Anſicht mußte das Kind noch leben, obſchon alle Nachforſchungen fruchtlos geblieben waren. Nun erhielten wir vor einiger Zeit einen anonymen Brief inwel⸗ chem uns mitgetheilt wurde, das Kind lebe noch, es würde uns zurückgegeben werden, wenn wir dafür zwanzigtauſend Thaler zahlen wollten. Wie ſich ſpäter herausſtellte, hatte Hurter den Brief geſchrieben, damals wußte ich das nicht, ich beauftragte den Verwalter, mit dem Schreiber in Verbindung und Unterhandlung zu treten. Vielleicht hätte ich die Summe geopfert, wenn ich mei⸗ ner Sache ſicher geweſen wäre, aber der Anonymus forderte Vor⸗ auszahlung und erhöhte die Summe auf dreißigtauſend Thaler. Das ſchien mir auf eine Prellerei hinauszulaufen, ich war nicht geſonnen, eine ſo bedeutende Summe zum Fenſter hinauszuwer⸗ ſen, zumal, als ich vernahm, daß Hurter ſeine Hände dabei im Spiel hatte. Ich ließ die Sache auf ſich beruhen, ginz aber mit mir zu Rathe, ob ich nicht beſſer thuc, der Behörde ven dieſem Expreſſungsverſuch Anzeige zu machen—“ „Entſchuldigen Sie Herr Baron, Sie waren mit Hurter nicht direct in Verbindung getreten?“ fragte der Gerichtsrats. „Nein, dazu hätte ich mich nicht überwinden können, denn der Mann war mir verhaßt. Eeſtern Abend wurde mir nun gemel⸗ det, das er eine geheime Unterredung mit meiner Gemahlin wünſche. Ich ging hinaus und traf ihn auf der Straße. Anfangs wollte er mit der Sprache nicht heraus, endlich bot er mir die ausführ⸗ lichſten Mittheilungen über mein verſchwundenes Kind an. Die⸗ ſen Mittheilungen zufolge hatte die Wärterin damals das Kind entführt und mit demſelben einige Jahre bei einer Zigeunerbande verbracht. Die Bande war lurz vorher in unſrer Gegend gewe⸗ ſen, und es ſoll ſich bei ihr ein Weib befunden haben, welches mit der Wärterin noch aus früherer Zeit her befreundet war. Später hatten ſie die Bande verlaſſen, und nach den Ausſagen Hurters ſollten ſie in einer von hier weit entfernten Stadt woh⸗ nen. Wir einigten uns endlich dahin, daß ich dem Manne eine jährliche Penſion von tauſend Thalern bis an ſein Lebensende be⸗ willigte, dagegen wollte er mir alle Mittheilungen, die jetzt noch nöthig waren, machen, und ich ſollte ſofort abreiſen, um mein Kind zu holen. Dieſe Mittheilungen ſollten mir heute Morgen gemacht werden, Hurter wollte zu dieſem Zweck mich beſuchen. Ich wartete vergeblich auf ihn und deshalb ging ich hieher, um mir über den Grund ſeines Ausbleibens Gewißheit zu ver⸗ ſchaffen.“ „Ich danke Ihnen, Herr Baron,“ ſagte Gerichtsrath mit einer leichten Verbeugung,„das Vertrauen, welches Sie durch dieſe offenen Mittheilungen in uns geſetzt ite werden wir in jeder Weiſe rechtfertigen. Erlauben Sie mir nun noch einige Fragen. Wann ſprachen Sie geſtern Abend mit Hurter?“ „Gegen ſechs Uhr.“ „Auf der Straße?“ „Jowohl.“ „Sie begleiteten ihn nicht nach Hauſe? Vei Als er mit mir über die Bedingungen einig gewor⸗ den war, trennten wir uns.“ „Er ſagte auch Ihnen nicht, daß er Beſuch erwarte?“ N „Machte er auf Sie den Eindruck eines nüchternen und völlig geiſtesfriſchen Mannes?“ „Ich habe nichts Auffallendes an ihm bemerkt,“ erwiderte Baron Udo. „Auch in ſeinen Aeußerungen nicht?“ „Nein, es befremdete mich nur, daß er mir ſagte, ſeine Mit⸗ theilungen müßten geheim gehalten werden, bis das Kind mie zu⸗ rückgegeben ſei, er fürchte die Wärterin könne gewarnt werden, dann würde ſie die Stadt, in der ſie gegenwärtig ſich befinde, ſofort verlaſſen und jede Spur zu verwiſchen ſuchen.“ „Erörterte er dieſe Warnung nicht näher?“ Nei „Er bezeichnete alſo Niemand, vor dem er beſonders warnen u nüſen ſein Blic „Nei ſ, Ftau hier nen und ſ „Und geſelten uie un!“ ute Locument „Gewiß 3 log auc ur weß eine Lüge, Auſreguns für immer „Habe fragte der „Er h priche au wußte daf Wiede Doctor. „Es iſt ſagte der fallen ließ lich ſind. ron, man darf ich 6 Baron Vinkel. „Könn leiſe. „Jawt „Om, derhole 3 — X ⸗ zu⸗ Ll, de, — — 829— zu müſſen glaubte?“ fragte der Unterſuchungsrichter, während ſein Blick prüfend auf der früheren Schauſpielerin ruhte. „Nein, aus ſeinen Aeußerungen ging nur hervor, daß jene Frau hier Freunde haben muß, welche ihre Vergangenheit ken⸗ nen und ſie ſofort unterrichten, wenn ihr Gefahr droht.“ „Und weshalb drangen Sie nicht darauf, daß die in Ausſicht geſtellten Mittheilungen Ihnen noch geſtern Abend gemacht wurden?“ „Hurter verlangte, daß die Penſion ihm durch ein ſchriftliches Document ſicher geſtellt werde.“ „Hätte das nicht auch geſtern Abend geſchehen können?“ „Gewiß. Aber Hurter wollte bis heute Morgen warten und es lag auch in meiner Abſicht, meine Gattin vorher vorzubereiten. Nur weiß ich nicht, hat er nun die Wahrheit geſagt oder wars eine Lüge, mit der er aus dem Leben ſcheiden wollte, um mir Aufregung zu hinterlaſſen und den Seelenfrieden meiner Gattin für immer zu zerſtören!“ „Haben Sie Grund, das letztere wahrſcheinlich zu halten?“ fragte der Gerichtsrath „Er haßte mich, ich hatte ihm, als er ſeine vermeintlichen An⸗ ſprüche auf eine Penſion geltend machte, die Thüre gezeigt, und er wußte, daß ich ihn verachtete.“ „Wieder ein Motiv für den Selbſtmord!“ bemerkte der Doctor. „Es iſt nicht denkbar, daß er dieſe Lüge erſonnen haben ſoll,“ ſagte der Polizeirath,„ich erinnere mich, daß er Aeußerungen fallen ließ, die derzeit mir dankel waren, nun aber mir verſtänd⸗ lich ſind. Wir haben wohl nichts mehr hier zu thun, Herr Ba⸗ ron, man wird jetzt die Einwohner dieſes Hauſes verhören,— darf ich Sie um eine kurze Unterredung bitten?“ Baron Udo folgte ihm, ſie gingen in das Zimmer der Frau Winkel. „Können Sie für dieſe Frau bürgen?“ fragte der Baron leiſe. „Jawohl.“ „Hm, ſie könnte eine Freundin der Wärterin ſein—“ „Befürchten Sie das nicht, ich kenne ſie genau, und ich wie⸗ derhole Ihnen, daß ich für ſie bürgen n. Wäre ich meiner- Sache nicht ganz ſicher, ſo würde ich vorſichtiger ſein.“ In dieſem Augenblick trat die ehemalige Schauſpielerin ein; auf ihrer Stirne zeigten ſich Falten des Unmuths. „Haben Sie den Blick geſehen, den der Unterſuchungsrichter mir zuwarf?“ fragte ſie in gereiztem Tone, ſich zu dem Polizeirath wendend.„Weshalb hätte denn der Verſtorbene Jemand vor mir warnen ſollen? Ich habe ihm ſtets nur Freundſchaft be⸗ zeigt und—“ Beunruhigen Sie ſich deshalb nicht,“ ſagte Heller lächelnd, „Es wäre gar zu lächerlich, wenn auf Sie ein Verdacht fallen ſollte, und geſchähe es dennoch, ſo werde ich den Gerichtsrath ſchon davon abbringen. Und nun zu Ihnen, Herr Baron. Wün⸗ ſchen Sie, daß den Mittheilungen, die Hurter Ihnen gemacht hat, weiter nachgeforſcht wird?“ „Gewiß,“ erwiderte der Baron lebhaft. „So will ich, wenn Sie nichts dagegen haben, dieſe Nachfor⸗ ſchungen übernehmen.“ „Ich werde Ihnen ſehr dankbar dafür ſein.“ „Ich mache mir ein Vergnügen daraus, derartige dunkle Räth⸗ ſel zu löſen, und ich hoffe, daß es mir auch bei dieſem gelingen wird. Wollen Sie mir alſo Vertrauen ſchenken, ſo verſuche ich es, und ich verlange dafür weiter nichts, als die Erſtattung meiner Auslagen.“ „Und das Weitere würde ſich dann ja auch finden,“ nickte der Buzn in deſſen Augen es aufblitzte.„Ich hätte mich längſt an die Behörde wenden ſollen.“ „Thaten Sie es damals nicht, als das Kind verſchwunden war?“ Ohne Zögern. Aber es wurde allgemein angenommen, daß das Kind ertrunken ſei, und an die Verfolgung der Zigeuner, die acht Tage vorher in unſrer Gegend geweſen waren, dachte Niemand.“ „Es wurde damals auch von der Wäterin keine Spur ent⸗ deckt?“ „Richt die geringſte. „Wie hieß ſie?“ „Frau Grimm.“ „Ihr Charakter?“ s 7 „Heſtig tuht n beuchlern „Nei, „hut „hhlt uge nich niemals un tinmert“ „Man Poli u Verhält niſſ Gen 47 ob die Fr Nein n nommen? „Mei ſich befunk nahn dar ſcheinlich, die ſie erb ihter Rui der Drohr Mß zeit nicht „Neit „Und „Dur ſtüc aus eichte, „ll 5 Noy — zuſamner e4 N — 831— „Heftig, eigenſinnig und tückiſch. Dabei auf ihren Vortheil bedacht, in jeder Weiſe berechnend und daneben eine vollendete Heuchlerin.“ „Sie war nicht verheirathet?“ „Nein, ſie war Wittwe.“ „Hatte ſie eigne Kinder?“ „Soviel ich weiß, nicht, aber ich kann mit Sicherheit die ſe Frage nicht beantworten, denn aufrichtig geſagt, habe ich mich niemals um die Familienverhältniſſe meines Dienſtperſonals be⸗ kümmert.“ „Man ſollte das niemals unterlaſſen, Herr Baron!“ ſagte der Polizeirath ernſt, während er ſeine Notizen machte,„es können Verhältniſſe eintreten, in denen es ſehr wünſchenwerth iſt, die Genealogie jedes Dieners zu kennen. Sie wiſſen alſo auch nicht, ob die Frau Grimm Verwandte beſaß?“ „Nein ich weiß es nicht.“ „Und aus welchem Grunde hat die Wärterin dieſe Rache ge⸗ nommen?“ „Meine Gattin war nervös gereizt, der Zuſtand, in dem ſie ſich befand, forderte Nachſicht und Schonung, aber die Wärterin nahm darauf keine Rückficht, und da mochte wohl oft ein böſes Wort das andre geben. Es iſt gewiß möglich und ſogar wahr⸗ ſcheinlich, daß der Fran ungerechte Vorwürfe gemacht worden ſind, die ſie erbittert haben, erſt ſpäter erfuhren wir, daß ſie uns mit ihrer Rache gedroht hatte, da aber war es leider ſchon zu ſpät. der Drohung wirkſam entgegen zu treten.“ „Außer dem Hut und dem Mantel des Kindes haben Sie der⸗ zeit nichts gefunden?“ Veiſ „Und die erſte Nachricht erhielten Sie erſt vor kurzer Zeit?“ „Durch dieſen Brief,“ ſagte der Baron, indem er das Schrift⸗ ſtück aus ſeinem Portefeuille nahm und es dem Agent über⸗ reichte. „Hurter gab zu, daß er ihn geſchrieben hat?“ „Jawohl.“ Der Polizeirath las den Brief, dann faltete er ihn wieder zuſammen. „Er wußte alſo, wo die Fran ſich befindet,“ ſagte er gedan⸗ kenvoll,„er wußte, daß ſie hier Freunde beſitzt, die ſie warnen können, alſo war er ſeiner Sache ſicher, und ich ziehe daraus den Schluß, daß er mit der Frau in Verbindung geſtanden hat. Ich werde den Unterſuchungsrichter bitten, mich einen Blick in die hinterlaſſenen Papiere des Verſtorbenen werfen zu laſſen. Wiſſen Sie vielleicht, Madame Winkel, ob Hurter dann und wann Briefe empfangen hat?“ „In der letzten Zeit kam das öfter vor,“ erwiderte die ehe⸗ malige Schauſpielerin, aus dem Brüten, in das ſie verſunken war, emporfahrend. „Woher kamen die Briefe?“ „Ich weiß es nicht, der Poſtbote brachte ſie.“ „Haben Sie nie einen Blick auf die Adreſſe eines ſolchen Brie⸗ fes geworfen?“ „Nein, in der Regel waren es Geldbrife, die der alte Herr perſönlich in Empfang nehmen mußte.“ „So, ſo, Gelbbriefe?“ ſagte Heller gedehnt.„Sie enthielten jedenfalls den Preis für ſein Schweigen.“ „Glauben Sie das wirklich?“ fragte der Baron. „Nun ich denke, dieſe Vermuthung liege nahe, ich hoffe, da⸗ rüber in den nachgelaſſenen Papieren näheren Aufſchluß zu finden.“ „Mit dem Inhalt der Briefe ſchien er nicht ganz zufrieden zu ſein,“ ſagte Madame Winkel. ringen n „Sie haßen nie eine Frage deshalb an ihn gerichtet?“ 451 „Nur einmal, aber da wurde er ſo grob, daß ich es nicht verliß, ſ wieder wagte.“ S „Alſo darf man annehmen, daß dieſe Briefe ſich auf ein Ge⸗ e heimniß bezogen, welches er Niemanden enthüllen wollte,“ ſagte uillili Heller ſinnend.„Es wird nicht ſchwer zu ermitteln ſein, aus Viglichk welcher Stabt dieſe Briefe abgeſchickt worden find, da es Werth⸗„Ds briefe waren, ſo müſſen die Bücher der Poſt darüber Auskunft zwerfend gebeu.“ und die Baron Udo erhob das Haupt, auch er war in Nachdenken verſunken geweſen, ein leuchtender Hoffnungsſtern ſtieg vor ſeinen Sü⸗ Augen wieder auf. „Vielleicht kommen wir auf dieſem Wege raſch und ſicher zum zu verfol Der Brie⸗ Lerr nicht n Ge⸗ ſagte aus Lerth⸗ Skunft denken ſeinen etzum Ziele⸗“erwiderte er,„bieten Sie Alles auf, Herr Rath, mir Klar⸗ eit und Ger ßheit zu verſchaffer F 5 „Was ich zu thun vermag, ſoll geſchehen. „Hurter hätte mich vielleicht boch noch betrogen, er war keine ehrliche Natur, das hat er ſchon damals in ſeiner Stellung als Hofmeiſter bewieſen. Ich gehe jetzt, um meine Gattin von dem Vorgeſallenen zu benachrichtigen,. ſich bald bei mir ſehen, Sie werden begreifen, wie ſehr ich mich darnach ſehne, Baron Udo Fna dieſen Worten raſch hinaus, es war ein ſchwerer Gang, den er jetzt antrat, erwartete Baroneſſe Ade⸗ laide doch mit Fie Zvetſict, daß er ihr endlich Gewißheit bringen werde. 33. Kapitel. Sich ſelbſt erobert. Als der Polizeirath das Zimmer der früheren Schauſpielerin verließ, ſah er ſich dem Gerichtsarzt gegenüber, der ebenfalls das Haus verlaſſen wollte. „Iſt das Verhör ſchon beendet?“ fragte er, indem er ſich un⸗ willkürlich der Gereiztheit erinnerte, mit welcher der Doctor die Möglichkeit eines Mordes beſtritten hatte „Das Verhör?“ erwiderte der Arzt, ihm einen zürnendon Blick zuwerfend.„Es war weiter nichts, als unnütze Zeitverſchwendung, und die verdanken wir Ihnen!“ „Ich habe meine Pflicht gethan.“ „Bah, Sie haben eine Anſicht ausgeſprochen und dieſelbe mit Gründen belegt, die den Uuterſuchungsrichter zwangen, die Sache zu verfolgen und die et zu eröffnen.“ Der Baſtard. 53 — 834— „Sehr wohl und das Reſultat dieſer Unterſuchung—“ „Iſt bereits ins Waſſer geſallen,“ ſagte der Doctor triumphi⸗ rend.„Sämmtliche Einwohner ſind verhört worden, Niemand hat geſtern Abend einen Fremden geſehen—“ „Sie haben die Ausſagen der Frau Winkel gehört?“ „Was hat ſie ausgeſagt? Es ſei gegen ſieben Uhr ein Frem⸗ der bei ihrem Nachbar geweſen aber Geräuſch und Stimmen hat ſie nicht vernommen, wie alſo kann ſie behaupten, daß der Ver⸗ ſtorbene wirklich Beſuch gehabt habe? Und Sie wollen zu derſel⸗ ben Zeit den alten Mann beſucht haben, iſt es da nicht ſehr möglich, ja ſogar wahrſcheinlich, daß die Schauſpielerin— „Mit all dieſen Vermuthungen werden Sie meinen Verdacht nicht wiberlegen,“ unterbrach Heller ihn.„Daß nach mir ein Fremder bei ihm geweſen iſt, beweiſen die Flaſchen und Gläſer.“ „Sie beweiſen gar nichts, Herr Rath. Jede andre Spur fehlt—“ „Sie werden mir zugeben, doß ein Mörder jede Spur zu ver⸗ wiſchen ſucht, bevor er den Schauplatz ſeines Verbrechens verläßt. Es iſt wohl nur Eigenſinn, Herr Doctor, was Sie ſo feſt bei Ihrer Anſicht beharren läßt. Hurter hatte keinen Grund, ſeinem Leben ein Ende zu machen. Sie haben gehört, daß ihm eine Penſion von tanſend Thalern jöhrlich in ſicherer Ausſicht ſtand—“ „Vorausgeſetzt, daß er mit dem Geheimniß nicht geflunkert hatte.“ „Er war wirklich im Beſitz des Geheimniſſes. „Können Sie das mit Sicherheit behaupten?“ „Ja, Herr Doctor, und ich verlaſſe mich dabei auf meinen ſcharfen, erfahrenen Blick, der mich ſelten oder nie getäuſcht hat.“ „Und der gleichwohl Sie diesmal täuſchen kann.“ „Wenn ich das befürchten könnte, ſo würde ich meine Behaup⸗ tung nicht ſo entſchieden aus ſprechen,“ erwiderte der Polizeirath, „Hurter ſollte alſo von heute ab eine Penſion beziehen, die für ſeine Verhältniſſe bedeutend war, und der alte Mann liebte es, das Leben zu genießen, ſoweit ſein Alter ihm das geſtattete. Er aß und trank gerne gut—“ „Ich will das Alles zugeben, nichtsdeſtoweniger kann er irgend znen Grn ber thuner den Bodel hiet ht hulen ſo 1 uſprech⸗ ten Antwo Unvill ohne Ben grifen „Die erwiderle aufgenor worden i kannte, de ſochte, d haben.“ „Zig „Fein die ihn Abet der Beſit vr gen muß „Sie „An eutfernte „Hol „Je, Der dentlich wucde e, 5 einen Grund gehabt haben, der ihm dae Leben verleidete. Darit⸗ ber können und wollen wir nicht ſtreiten, ich ſtelle mich nur auf den Boden der Wahrſcheinlichkeit und behaupte, doß ein Mord hier nicht vorliegen kann. Wollen Sie an Ihrem Verdacht feſt⸗ halten, ſo muß derſelbe auch auf eine beſtimmte Perſon fallen—“ „Und das iſt vielleicht ſchon der Fall“ Der Doctor blieb ſtehen und ſah ſeinen Begleiter betroffen an „Wer iſt's?“ fragte er erwartungsvoll. Ein ſarkaſtiſches Lächeln umzuckte die Lippen des corpulenten hi⸗ het Mannes. zoht„Sie werden begreifen, daß ich meinen Verdacht erſt dann aus ſpreche, wenn ich Beweiſe habe,“ erwiderte er, einer beſtimm⸗ ten Antwort ausweichend. e Unwillig ſtieß der Doctor mit ſeinem Stock auf das Pflaſter. 1„Ja, die Beweiſe!“ ſagte er.„Daran hapert's! Ein Verdacht 1 ohne Beweiſe iſt nichts weiter, als eine haltloſe aus der Luft ge⸗ 1 griffene Vermuthung!“ 4 1„Die Vermuthung geht in der Regel dem Verdacht voraus,“ erwiderte Heller achſelzuckend.„Zuvörderſt muß hier die Frage aufgeworfen werden, aus welchen Motiven der Mord kegangen 4 worden iſt! Ein Raubmord liegt nicht vor, wer den alten Mann icht kannte, der wußte, daß er nichts beſaß, und wer Schätze bei ihm ſochte, der würde eine andre Mordwaffe, als Gift, gewählt ker haben.“ „Zugegeben!“ „Feinde hatte Hurter nicht, ich verſtehe darunter ſolche Feinde, die ihm wegen einer Beleidigung Rache geſchworen haben könnten. emen Aber der alte Mann hatte viel erlebt und erfahren, er war im iuſcht Beſitz von Geheimniſſen, deren Enthüllnng Anderen Gefahr brin⸗ gen mußte, und unter dieſen Andern iſt der Mörder zu ſuchen.“ „Sie denken an die Wärterin, die das Kind geraubt hat?“ aup⸗„An ſie nicht, ſie ſoll ſich ja in einer andern, von hier weit rath, entfernten Stadt befinden.“ für„Haben Sie wirklich eine beſtimmte Perſon im Ange?“ e es, 1„Ja, aber ich werde ſie nicht nennen“ Er Der Doctor ſchüttelte den Kopf, in ſeinen Zügen ſpiegelte ſich deutlich der Aerger darüber, daß ſeine Neugier nicht befriedigt wurde. 53 — —— — —— — 836— „Sie könnten einen Fehlgriff thun und in ein Wespenneſt hineingreifen,“ ſagte er in warnendem Tone. „Bevor ich zugreiſe, werde ich mich überzeugen, ob ich den Griff wagen darf.“ „Na, Sie müſſen es wiſſen,“ ſagte der Doctor,„aber ſo lange Sie keine beſſeren Beweiſe bringen können, halte ich an meiner Anſicht feſt, und ich glaube, Sie werden die Ueherzeugung gewin⸗ nen, datz ſie die allein richtige iſt. Adieu.“ Er eilte haſtig von dannen und trat bald darauf in das Haus, in welchem der Maler Auerbach wohnte. Bertram ſaß am Lager des Verletzten, als der Arzt eintrat; Laura hatte trotz der Proteſte ihres Verlobten ihr Arbeitstiſchchen in das Krankenzimmer gebracht und am Fenſter Platz genommen. Der Doctor warf einen prüfenden Blick auf den alten Mann und griff nach dem Puls. „Wie war die Nacht?“ fragte er. „Ziemlich ruhig,“ erwiberte Bertram,„er hat meiſt geſchlafen.“ „Phantaſirt?“ „Gar nicht.“ „Nicht über Durſt geklagt?“ „Nur einmal, nach Ihrer Vorſchrift gab ich ihm Zuckerwaſſer, er verlangte Wein.“ „Hm— unverbeſſerlich““ brummte der Doctor, während ſein Blick durch das Zimmer ſchweifte.„Werden einige Tage faſten müſſen, alter Freund, geiſtige Getränke wären Gift.“ „Ob's ſo oder ſo ein Ende nimmt, was liegt daran!“ erwi⸗ derte Auerbach ſpottend.„Früher oder ſpäter wuß ich doch da⸗ ran glauben.“ „Sehr richtig, und je früher es geſchieht, deſto beſſer für Sie!“ ſagte der Doctor in ſeiner derben rückſichtsloſen Weiſe. „Jetzt aber ſind Sie mein Patient, und da verlange ich, daß Sie meinen Anordnungen ſich fügen. Die Sache iſt einfach die: ich bin Gerichts⸗ und Armen⸗Arzt und als ſolcher nicht allein ver⸗ pflichtet, Ihnen ärztliche Hülfe angedeihen zu laſſen, ſondern auch verantwortlich für Ihre Wiederherſtellung. Befolgen Sie meine Vorſchriften nicht, ſo mache ich kurzen Prozeß und laſſe Sie in's Spital bringen, da findet der Gehorſam ſich von ſelbſt.“ „Und Sie haben die Laſt davon.“ „Do⸗ räut. kinen S ytgefahr veile ent Firi „Hn ſchütterun vorbeugen „Sig nicht ſo Sie wole kaufen un heabſicht „Lar Groſchen verſchlim leben wie „Dar „Sie Ihnen 9 werden 6 „Am „Alle ſcheitert. zuſamme „Vo ftagte de „We dieſe Ir hauſe f „Ne kommen glechgül — 837— „Das hringt mein Amt nun einmal mit ſich!“ Sie werd Waſſer und Haferſchleim trinken, das iſt ein ſehr geſundes Ge⸗ tränk. Schmerzt der Kopf noch?“ „Bei jeder Vewegung, die ich mache.“ „Alſo machen Sie keine Bewegung, dann werden Sie auch keinen Schmerz empfinden. Mit den naſſen Auſſchlägen muß fortgefahren werden, im Uebrigen müſſen wir abwarten, was ſich weiter entwickeln wird.“ „Fürchten Sie noch immer?“ fragte Bertram. „Hm, man kann nicht wiſſen, welche Folgen die Gehirner⸗ ſchütterung haben wird, Ruhe und ſtrenge Diät können Manchem vorbeugen.“ „Sagen Sie nur den beiden jungen Leuten, ſie ſollten ſich nicht ſo große Sorgen meinetwegen machen,“ verſetzte Auerbach. Sie wollen einen Wärter engagiren, einen Schlafrock für mich kaufen und der Himmel mag wiſſen, welchen weiteren Unſinn ſie beabſichtigen.“ „Larifaria!“ ſagte der Doctor unwirſch.„Behalten Sie die Groſchen in der Taſche, wenn der Zuſtand des Patienten ſich nicht verſchlimmert, ſo kann er nach einigen Tagen ſein Vagabunden⸗ leben wieder fortſetzen.“ „Danke für das Kompliment!“ „Sie haben's verdient, und Sie ſollten ſich ſchämen, daß es Ihnen gemacht wird. Wenn Sie es, wie bisher weiter treiben, werden Sie im Irrenhauſe enden.“ „Am Säuferwahnſinn, nicht wahr?“ „Allerdings.“ „Hm, an dieſer Klippe iſt ſchon mancher geniale Menſch ge⸗ ſcheitert. Die Schwefelbande hetzt das Wild ſo lange, bis es zuſammenbricht.“ „Wollen Sie damit ſagen, daß Sie auch gehetzt worden ſind?“ fragte der Doctor. „Wenn meine Vergangenheit Ihnen bekannt wäre, würden Sie dieſe Frage nicht aufwerfen,“ erwiderte Auerbach.„Im Irren⸗ hauſe finde ich jedenfalls beſſere Geſellſchaft als—“ „Na dann ſorgen Sie, daß Sie ſobald wie möglich hinein kommen!“ rief der Doctor erboſt;„mir wirds außerordentlich gleichgültig ſein“ en Damit verließ er das Zimmer, und Auerbach ſah den Blick des ſchönen Mädchens mit ernſtem Vorwurf auf ſich gerichtet. „Der gute Mann glaubt, ſeine Erobheit ſei genial,“ ſpottete er,„deshalb ärgert es ihn, wenn Andre noch grober ſind. Ich werde ſelbſt wiſſen, wie ich zu leben habe, in dieſem Punkte ſoll mir Niemand Vorſchriften machen.“ „Er meint es gut mit Ihnen,“ ſagte Laura ſchüchtern, wäh⸗ rend ihr Verlobter eine Kreidezeichung betrachtete, die an der Wand hing und den Raub der Sabinerinnen vorſtellte.„Und ich meine, Sie müßten ſelbſt empfinden, daß dieſe unſolide Lebensweiſe Ih⸗ nen nicht gut bekommt.“ „Bah, man gewöhnt ſich auch daran!“ „Ich würde es nie können,“ Bertram. S S darkes Sh ſo 5 Sie Ur⸗ erb aenſher Menſcher, 4. iter Auerbach erbittert.„Sie ſtehen noch auf dem Standpunkte, auf welchem man Alles, was glänzt, für gediegenes Gold hält, das wird im Laufe der Zeit anders werden!“ „Sie müſſen ſehr viel Trübes und Bittres erfahren haben,“ ſagte Laura. „Trübe Erfahrungen bleiben Niemanden erſpart, ſie laſſen ſich verſchmerzen und vergeſſen, wenn nur die Hetzjagd einmal ein Ende nimmt. Sprechen wir nicht darüber, ich bin nicht gerne daran erinnert, und es nutzt ja auch nichts, ob man ſich über die Schwefelbande ärgert, geſchehene Dinge werden dadurch nicht geändert und die Bande ſelbſt nicht gebeſſert.“ „Sie haben den Glauben an die Menſchheit verloren,“ warf Bertram ein. „Und wer hot ihn mir geraubt? Sie werden ihn auch noch verlieren! Denken Sie nur an Ihren Oheim, den alten Geiz⸗ hals—“ „Ich verlange von ihm nichts.“ „Sie verlangen nichts? Sehr ſchön! Wovon wollen Sie denn leben? Auf Ihr jetziges Einkommen hin können Sie wahr⸗ haftig nicht heirathen, und wenn Ihnen nicht die Mittel geboten werden, ſelbſtſtändig zu werden, ſo bleiben Sie ein armer Schlucker. Die Liebe iſt gewiß recht ſchön, aber man wird nicht ſatt daran, * und wen „No ihn unn kann bnn i Auerboch ſchli ilich herzukon ſlhe 2 „Sie ich für wennem leiten, n tes Lan konmt. alte Ge hinterlie geſptoa ſtützen“ Ber ſeiner 2 ran, S5 F. „ und wenn eine ganze Familie am Hungertuche nagt, ſo—“ „Na, na, Sie blicken doch etwas zu ſchwarz,“ fiel Bertram ihm unwillig ins Wort,„ich werde ſchon vorwärts kommen! Man kann ja Alles, was man ernſtlich will.“ „Das iſt auch eine jener albernen Redensarten, mit denen die Jugend alle Schranken nied erzureißen glaubt,“ ſpottete Auerbach.„Man kann Alles, was man will? Jawohl, und ſchließlich ſteht man vor einem Steine, über den man nicht hinü⸗ berzukommen weiß. Die Bosheit der Menſchen wirft Einem gerne ſolche Steine vor die Füße!“ „So muß man ſie nicht beachten!“ „Sie haben kein Urtheil darüber. Und ich ſage noch einmal, wenn Ihr Oakel Ihnen nicht unter die Arme greift, gebe 6* ich für ihre Zukunft keinen Heller.“ „Ich kann den alten Mann nicht zwingen—“ „Freilich nicht, aber Sie könnten einen morsliſchen Druck auf Sie könnten ihn öfter beſuchen und ſeine ſchwachen 77 hat keine!“ „Dann wäre erein Ideal! Jeder Menſch hat Schwächen, und wenn man dieſe zu benutzen verſteht, kann man ihn lenken und leiten, wie man will. Aber wenn man Gottes Waſſer über Got⸗ tes Land laufen läßt, daun 5 man's auch nehmen, wie es kommt. Ihnen wär ſſeres nſchen, als daß der alte Geizhals und kein Teſtament hinterließ.“ „Enterben wird er mich nicht.“ „Ich glaube, wir haben geſtern Abend darüber I lang und breit geſprochen, Sie kennen meine Bebenken, die ſich auf triſtige Gründe ſtützen.“ Bertram nahm ſ nen dem Arbeitstiſchchen ſeiner Braut un blickte gedankenvoll auf die künſtlichen Blumen „Wie geſagt, zwingen ka ich ihn nicht“ erwiderte er,„und ich habe auch keine Luſt, fortwährend Grobheiten von ihm ſagen zu laſſen. Er ſoll nicht glauben, daß ich nur ſeines Gel⸗ des wegen zu ihm komme—“„ „Was er glaubt, kann Ihnen ſehr gle gültig ſein!“ „Doch nicht ſo ganz! Er billigt meine Heirath nicht, das iſt das Einzige! Wollte ich ihn verſöhnen, ſo könnte dies nur durch die Aufhebung meiner Verlobung geſchehen, und ich glaube, das werden Sie mir nicht zumuthen.“ „Gewiß nicht!“ „Nun wohl, nach der Hochzeit wird er ſich allmälig in das Unabänderliche finden, und wenn er meine kleine Frau kennen lernt, macht er mir gewiß teiner mehr. Alſo Geduld, im Laufe der Zeit kann ſich Manches ändern.“ „Das Alte ſtürzt, es ändert ſich die Zeit, und neues Leben 4 1 v blüht aus den Ruinen,“ ſagte der alte Mann ſpöttiſch.„Der alte Schwanenthal wird ſchon dafür ſorgen, daß aus ſeiner Ruine neues Leben erblüht,— nicht für Sie, ſondern für Andere, für die Kirche und frommen Vereine.“ „Er war nie ein Frömmler!“ „Die Meiſten werden's wenn das Alter kommt!“ „Mein Onkel nie!“ „Wir werden ſehen.“ „Und wenn es geſchähe, müßte ich es ruhig über mich erge⸗⸗ hen laſſen, dagegen läßt ſich eben nichts machen. Ich bin über⸗ zeugt, daß ich auch ohne ſeine Hülfe vorwärts kommen werde, und nun Adieu, auf Wiederſehen!“ Bertram drückte einen Kuß auf die Stirne ſeiner Braut, nickte dem alten Mann noch einmal zu und ging dann hinaus. „Er redet, wie er's verſteht,“ ſagte Averbach, als er ſich mit dem Mädchen allein befand,„er weiß noch nicht wie es im Leben zu geht. Wer heirathet, thut wohl, ſagt der Apoſtel Paulus, wer nicht heirathet, thut beſſer.“ „Wollen Sie uns das Herz ſchwer machen?“ fragte Laura vorwurfsvoll. „Bewahre, ich mache als aufrichtiger Freund nur auf die Klippen auſmerkſam, an denen ſo Viele zu Grunde gehen, weil ſie die Gefahr unterſchätzen, oder ſie überhaupt nicht ſehen wollen.“ „Und ſind Sie nicht ſelbſt an dieſer Klippe geſcheitert?“ „Ich habe mir keinen Vorwurf zu machen.“ „Sie wären ein großer und berühmter Mann geworden!“ „Wenn Neid und Bosheit es zugegeben hätten! Wir kommen da wieder auf das alte Thema, das ich nicht gerne berühre. In 4 W ſicht nt Gel tile gehört 7 ſtreuen z ſ. Do onnt ſein komnt nur tnn gel uch nehr ingerichte recht unbe Laua ſie den a und frgte ſe „Ven alte Schr dazu hetg Verſchwen „Na, Sie ſich Wen decken, ſo „Alle Einkomm Einkonne Der Men friden ge ſo ſchift Reiz.“ Das „Und ſragte ſie rge⸗ ² und allem Ernſte, Laura, der Verſuch muß gemacht werden, den gei⸗ zigen Onkel zu verſöhnen. Mit den tauſend Thalern reicht ihr nicht weit, und Bertram darf nicht ſein ganzes Leben lang der Gehülfe Andrer bleiben. Er muß ſelbſtſtändig werden und dazu gehört vor allen Dingen, daß man den Leuten Sand in die Augen zu ſtreuen verſteht.“ „Das hat Bertram doch nicht nöthig, er iſt Geometer, und kennt ſein Fach!“ „Nicht nöthig? Der beſte Künſtler muß es thun, heutzutage kommt nur der Schwindler vorwärts. Blicken Sie, wohin Sie wollen, überall werden Sie Schwindel und Gaunerei finden. Wer etwas gelten will, muß auſtreten, wie ein Millionär, wenn er auch mehr Schulden, wie Haare auf dem Kopfe hat. Elegant eingerichtete Räume, Equipage und Livreebediente und dabei ein recht unverſchämtes, hochmüthiges Auftreten täuſchen Jeden.“ Laura hatte die Hände in den Schooß gelegt, befremdezblickte ſie den alten Mann an. und Sie meinen, ſo müſſe auch Bert am auftreten?“ fragte ſie. „Wenn auch nicht ganz ſo, dann doch annähernd. Und der alte Schwanenthal iſt ein reicher Mann, er könnte die Mittel dazu hergeben.“ „Das wird er nimmermehr thun. Er würde ſagen, das ſei Verſchwendung!“ „Na, dann müſſen Sie ſich auch darauf gefaßt machen, daß Sie ſich niemals aus dem Staube erheben werden.“ „Wenn unſer Einkommen nur hinreicht, die Ausgaben zu decken, ſo wollen wir gerne zufrieden ſein.“ — „Allermals eine Redensart, ſchöne Freundin! Steigt das Einkommen, ſo ſteigen auch die Bedürfniſſe, und ſo gruß auch das Einkommen werden mag, immer werden Wünſcheunerfüllt bleiben. Der Menſch iſt nun einmal ſo geartet, er kann niemals ganz zu⸗ frieden geſtellt werden, und drücken ihn keine Nahrungsſorgen, ſo ſchafft er ſelbſt ſich Sorgen, ohne ſie hat das Leben keinen Reiz.“ Das Mädchen mußte lächeln. „Und welche Sorgen machen Sie ſich in dieſem Augenblick?“ fragte ſie. — 842— c; 6 or. 8„Jo, „Mich peinigt der Aerger darüber, daß ich nur Waſſer und ₰. Hoferſchleim trinken ſoll. Na, wer kommt denn da?“ ud 5 Die Thüre murde geöffnet, Willy ſtand auf der Schwelle, mit ächtbarer Uberraſchung ruhte ſein Blick auf dem ſchönen ſen Fo Mäbchen. ſchft u „Nur immer herein, Verehrteſter,“ ſagte Auerbach.„Wirſt 6h Dich wohl vor einer jungen Dame nicht fürchten?“ Ei „Das gerade nicht,“ erwiderte Willy eintretend, aber in Ih⸗ Ein ren Räumen iſt dies eine ſo ungewohnte Erſcheinung— Vir „Es iſt vicht gut, daß der Menſch allein ſei!“ ſcherzte Auer⸗ Im bach.„Fräulein Laura Brand, meine Pflegetochter— Herr hat Willy Rodenberg.“„Hl Das Mädchen hatte ſich erboben, eine flüchtige Röthe überzog nich grin ihr Antlitz treuet V „Wenn Sie meine Dienſte nickt bedürfen, ſo geſtatten Sie Mihe ge mir wohl, taß ich mich entferne?“ wandte ſie ſich zu dem alten Malz ve Manne, und da er keine Antwort darauf gab, nahm ſie ihre geſtern! „Daß alſo iſt ſie?“ fragte Willy, dem ſchönen Mädchen nach⸗ kene ſall blickend. Vill „Jawohl, das iſt ſie?“ erwiberte Auerbach, deſſen Lippen ein„Ors ſtolzes ſelbſtbewußtes Lächeln umſpielte.„Nag „Sie weiß doch nicht, baß ſie die tauſend Thaler von mir ein hert erhalten hat?“„Und „Bewahre, wer ſollte es ihr geſagt haben?“ u „Sie ſelbſt!“ noch de „Ich habe keinen Namen genannt.“ 4 gu Bu „Daun bin ich beruhigt,“ ſagte Willy indem er ſeinen Hut Nu hinlegte.„Aber was machen Sie noch im Bett? Sind Sie 6 wirklich krank?“ vniger „Wenn ich nicht einen Mammuthſchädel hätte, dann wäre ich ſnn eine Leiche,“ erwiderte Auerbach.„Aber Du weißt noch nicht, Pu was mir geſtern Abend paſſirt iſt. Als Du mich verlaſſen, ging i ich mit dem Geometer, dem Verlobten des Mätchens in lebhaf⸗ tem Geſpräch weiter. Plötzlich hörte ich dicht hinter mir Huf⸗, ſchläge, ich wandte mich um und wurde in demſelben Augenblick 3 niedergeritten.“. eine Be „Von wem?“ ſotgen, d — 843— und 1*„Na, ich denke, das war gleichgültig, ich lag auf dem Pflaſter, wele, und es war ein Glück für mich, daß der junge Mann mich be⸗ tänen gleitete, ſonſt würde ich wohl liegen geblieben ſein. Im günſtig⸗ ſten Falle hätten die Wächter mich gefunden und ins Spital ge⸗ Virſt ſchafft und derartige Anſtalten ſind mir immer verhaßt geweſen.“ Erſchreckt blickte Willy den Freund an. 3h⸗„Sie wurden nicht verletzt?“ ſragte er theilnehmend. „Eine Beule auf dem Schädel, das iſt Alles. Auer⸗ 15„Wirklich Alles?“ Herr„Jawohl, vorausgeſetzt, daß nichts Schlimmeres nachfolgt.“ „Hat der Arzt Befürchtungen ausgeſprochen?“ herzo„Hm, ich glaube er wünſcht mir eine Gehirnentzündung, um 8 mich gründlich zu kuriren, es gefällt ihm nicht, daß ich ein ſo Sie treuer Verehrer des Gottes Bachus bin. Er ſoll ſich nur keine alten Mühe geben, an mir iſt in dieſer Beziehung längſt Hopfen und ihre Malz verloren. Ich gebe Dir mir mein Wort darauf, hätte ich geſtern Abend nicht einen Spitz gehabt, dann wäre bei dei furcht⸗ baren Sturz mein Schädel zerſplittert, aber Kinder und Betrun⸗ kene ſallen immer glücklich.“ 3 Willy ſchüttelte ernſt das Haupt. „„Das iſt ein ſchlechter Troſt,“ erwiderte er. „Mag ſein, aber es iſt wenigſtens cin Troſt! Du ſiehſt, daß 26 5 ein harter Kopf auch ſeine guten Eigenſchaften hat.“ „Und wiſſen Sie wirklich nicht, wer der Reiter war?“ „Nur mit einem Blick habe ich ihn geſehen. Frinnerſt Du Dich noch des Auftritts, den wir geſtern Abend mit dem pockennarbi⸗ gen Baron hatten?“ S Es war eine billige Rache, und auf einen Mord mehr oder weniger wäre es dem vornehmen Herrn am Ende auch nicht an⸗ ih gekommen.“ „War er wirklich der Reiter?“ fragte Willy entrüſtet. „Ich habe ihn gleich erkannt, und in ſeinen glühenden Augen las ich auch, daß es ſeine Abſicht war, mich von den Hufen ſei⸗ nes Roſſes zertreten zu laſſen.„Das iſt ihm nun freilich nicht gelungen, aber ich werde ihm auch nichts anhabenkönnen, ich habe keine Beweiſe bafür, daß er es war, und er wird gewiß dafür ſorgen, daß er ſein Alibi beweiſen kann.“ * — — „Infam!“ knirſchte der junge Mann.„Iſt denn dieſen Leu⸗ ten Alles erlaubt?“ „Wenn auch nicht Alles, ſo doch Vieles,“ erwidert mit bittrem Hohn,„wir können dagegen nich an. Au den ruht der Fluch, den die Sünden der Väter auf die Kinder bis ins dritte und vierte Glied vererben, wir müſſen uns ducken und Alles über uns ergehen laſſen das Recht eine Genugthuung zu verlangen haben wir nicht. Der unehelich Geborene und der Sohn des Zuchthäuslers müſſen das Maul halten, wenn andre Leute ſprechen wollen.“ Willy hatte die Brauen finſter zuſammengezogen die Gluth, des Haſſes loderte aus ſeinen Angen. „Und weshald ſagen Sie mir das heute wieder?“ fragte er, mit der Hand über die brennend heiße Stirne ſtreichend.„Wes⸗ halb erinnern Sie mich täglich, ſtündlich daran? Wenn ich ver⸗ geſſen will, was hinter mir liegt—“ „So zeige ich Dir immer wieder, was Dich erwartet,“ unter⸗ brach Auerbach ihn,„und ich thue das zu Deinem Beſten, damit Du nicht Illuſionen Dich hingibſt, die ſich niemals erfüllen kön⸗ nen. Beſſer, Du blickſt mit klaren Augen in die Zukunft hinein, als daß Du enttäuſcht wirſt, denn nichts iſt bitterer, als Ent⸗ täuſchung.“ „Ich erwarte von der Zukunft nichts.“ „Gut für Dich, wenn das Deine aufrichtige Meinung iſt.“ „Weshalb ſollte ſie es nicht ſein? Ich weiß, was mir blüht, mag's kommen, wie es will, mir iſt es einerlei.“ „So gefällſt Du mir nickte Auerbach.„Man muß der gan⸗ zen Bande den Handſchuh hinwerfen und ihr zeigen, daß man ſie verachtet.“ „Und Sie wollen dem Baron dieſe Infamie, dieſen Mordver⸗ ſuch ſchweigend hingehen laſſen?“ „Geſchenkt iſt ihm dieſer Adler nicht! Sobald der Schädel wieder heil iſt, werde ich ihm ins Geſicht ſagen, daß er ein Mör⸗ der iſt. Ich weiß wohl, daß ich dadurch nichts erreiche, er wird mir erwidern, meine Behauptung ſei eine Lüge, dieſe Feiglinge ſind ja um eine Ausrede nie verlegen.“. „Wenn Sie ihn nicht gerichtlich belangen wollen—“ „Gerichtlich? Was gelte ich denn vor den Schranken des e Auerbach f uns Bei⸗ 6er qts. ſcher I Vogobun ten und then nicht Und wer Boron 0 ſo werde nich ſorte Der heiß in d angethan „St „Nei „Ver Nich weiß, ma „30 nverwa ſehlt nit „Ru „Di uhet we aufſprin iſt, taub „üſ Heligſte eine We aber di nicht al gelunget 1in. teinlen. gan⸗ an ſie dyer⸗ hädel Mör⸗ wird glinge — des — 845— — Gerſchts, wenn ich einem ſolchen Manne als Ankläger gegenüber ſtehe? Der Advokat des Verklagten wird behaupten, ich ſei ein Vagabund, und einem Vagabund könne Niemand Glauben ſchen⸗ ken und—“ „Recht muß Recht bleiben.“ „Jawohl, aber die Richter verlangen Beweiſe und da habe ich eben nichts weiter, als mein Wort und meine Ehre einzuſetzen. Und wer glaubt dem Wort eines Vagabunden? Wenn der Herr Baron von Oſthofen behauptet, er ſei der Reiter nicht geweſen, ſo werde ich mit meiner Klage abgewieſen, und Jedermann wird mich ſortan einen Verleumder nennen. Der junge Mann blickte fin ſter vor ſich hin. „Schon der Name Oſthofen genügt, mir das Blut ſiedend heiß in die Stirne zu treiben,“ ſagte er,„was dieſe Familie mir angethan hat, das kann ſie niemals verantworten.“ „Sehr richtig!“ „Und deshalb kennt mein Haß gegen ſie keine Schranken!“ „Du weiſt noch nicht Alles, was ſie Dir angethan hat!“ „Nicht Alles?“ ein.“ „Was iſt mir noch unbekannt?“ „Nichts, nichts,“ ſagte Auerbach abwehrend.„Was man nicht weiß, macht Einen nicht heiß. Arbeiteſt Du wieder?“ „Ich kann es nicht,“ erwiderte Willy, den forſchenden Blick unverwandt auf den alten Marn gerichtet„die innere Ruhe fehlt mir.“ „Kann's mir denken.“ —„Die Luſt zum Schaffen iſt da, ich fühle den Trieb in mir, aber wenn ich vor der Staffelei ſitze, dann muß ich ſofort wieder aufſpringen, die Erinnerung an alle Schmach, die mir wiberfahren iſt, raubt mir den Frieden.“ „Juſt ſo erging es mir auch, als die Bande mich um mein Heiligſtes betrogen und die Hetzagd begonnen hatte. Ich hätte eine Wolluſt barin gefunden, die ganze Menſchheit zu vergiften, aber dieſer edle Vorſatz war leider nicht ausführbar, ich konnte nicht alle Brunnen auf einmal vergiſten, und wenn mir das auch gelungen wäre, gibt es doch zu viele Menſchen, die kein Waſſer trinken. An die Reiſe wirſt Du wohl auch nicht mehr denken?“ „Nein.“ „Wäre auch Unſinn! Draußen findeſt Du auch keine Ruhe, die Menſchen ſind da nicht beſſer, wie hier.“ Wie aus einem verworrenen Traume erwachend, blickte Willy auf und ſein Blick fiel auf das höhniſch grinſende Antlitz des al⸗ ten Mannes. Es war ihm nie ſo häßlich erſchienen, wie in dieſem Moment, es zeigte die Züge eines Mephiſtopheles „Ich wollte Alles vergeſſen,“ ſagte er, nur Eins kann ich nicht vergeſſen—“ „Weiß ſchon, was Du meinſt,“ ſchnitt Auerbach ihm das Wort ab,„ich habs Dir ja vorausgeſagt! Es war eine Thorheit glau⸗ ben zu können, daß eine vornehme Dame ihre vielumworbene Hand einem Baſtard—“ „Auerbach!“ „Ah, bah, man muß jedem Ding ſeinen richtigen Namen geben. Beleidigen will ich Dich wahrhaftig nicht, ich will Dir nur die Kluft zeigen, die zwiſchen Dir und der Dame liegt. Mit dem berühmten Künſtler kokettiren, ſeine Huldigungen anneh⸗ men, und mit dieſem Triumph großthun, das verſchmähen die vornehmen Damen nicht, aber daneben verlangen ſie auch, daß er ſich nur ja nichts darauf einbilden ſoll.“ „Ich hätte nimmer geglaubt, daß ſie eine herzloſe Kokette ſein könne!“ „Durch Erfahrungen muß man klug werden, auf meinen Rath wollteſt Du nicht hör n. Schlag' Dir die Dummheit aus dem Sinn, es iſt nun einmal nicht anders, und es wird niemals beſſer werden. Wer einmal das Pech hat, welches Dir beſcheert iſt, der darf überhaupt an den Eheſtand und an den eignen Heerd nicht denken. Wer in den Eheſtand treten will, muß ein Geburtszeugniß beibringen, und Du kannſt das Deinige nicht vor⸗ legen.“ „Ich wollte, daß Sie mit Ihrem heiſeren Gekrächz wären, wo der Pfeffer wächſt!“ knirſchte Willy, den dieſe Bemerkungen tief verletzten. „Wäre mir auch recht,“ ſpottete Auerbach,„vorausgeſetzt, daß es mir dort an einem kühlen Trunt nicht fehlte, es ſoll in jener Gegend unangenehm heiß ſein.“ ——————————— Vily ihn al⸗ „Du Monn ſoit 0 v 6 it beſt ſe anbte, „r eniderte 2 „duli wie Hellmu ſchlichte No durch die! „Und „Volb tetwochen den daß ten ſeiner det, werde Schleier r ſeiner Fra det er ſag meinem V „Deß zweifte ſeh „Der „Wor „Abw Burſchen „Bah, et nicht dieſen Fo „Der ſchleim t kümmere. wollen Al vierzig e — 847— zuhe Willy wandte ihm den Rücken, die cyniſche Roheit widerte ihn an. „Du willſt mir noch immer nicht glauben,“ fuhr der alte Mann fort, während er die grauen Haare aus der Stirne ſtrich, „ich weiß wohl, wie wehe es thut, wenn alle Ideale mit roher ment Fauſt zertrümmert werden, hab's ja an mir ſelbſt erfahren. Aber 3 es iſt beſſer, daß dieſe Ideale in Trümmer gehen, als daß man ſie anbetet, ich habe von ſolchem Götzendienſt nie viel gehalten.“ „Nur kommt es dabei nur darauf an, wer ſie zertrümmert,“ 8 erwiderte Willy achſelzuckend.„Hellmuth hats beſſer gehabt—“ „Du lieber Gott, weshalb ſollten auch ſo beſcheidene Wünſche, wie Hellmuth Waldſtern ſie hegt, nicht in Erfüllung gehen! Das ſchlichte Naturkind vom Lande mußte ſich ja ſehr geehrt fühlen durch die Werbung eines Künſtlers!“ „Und er iſt glücklich!“ ſagte Willy bitter. n„Wollen ſehen, wie lange dieſes Glück währt. Wenn die Flit⸗ terwochen verſtrichen ſind, könnte es dem Bildhauer doch klar wer⸗ den, daß er einen Mißgriff gethan hat. Die proſaiſchen Anſich⸗ ten ſeiner Frau, die er jetzt noch originell und naturwüchſig fin⸗ det, werden dann ihn zurückſtoßen. Mit dem Gürtel mit dem Schleier reißt der ſchöne Wahn entzwei. Und was den Vater ſeiner Frau anbelangt, ſo könnte die Stunde auch kommen, in e ſein der er ſagt, ſprich mir von allen Schrecken des Gewiſſens, von meinem Vater ſprich mir nicht!“ Rath„Daß der Verwalter ein Schuft iſt, glaube ich auch, aber ich s dem zweifle ſehr, daß man ihm das jemals beweiſen wird.“ „Der Krug geht ſo lange zu Waſſer, bis er zerbricht.“ „Wortmann iſt mit allen Hunden gehetzt“ „Abwarten!“ ſagte Auerbach lakoniſch.„Ich möchte dieſen Burſchen nicht in der Familie haben!“ „Bah, was kümmert es uns!“ erwiderte Willy.„Mir wird er nicht mehr über die Schwelle kommen, er weiß, was ihn in wären, dieſem Falle erwarten würde. Werden Sie heute nicht auſſtehen?“ kungen„Der Doctor hat's mir verboten. Ich ſoll Waſſer und Hafer⸗ ſchleim trinken, aber ich glaub' nicht, daß ich mich viel darum beß kümmere. Die Aerzte ſind mehr oder weniger Ignoranten, ſie jnt wollen Alles kennen und wiſſen gar nichts. Und wenn Jemand vierzig Jahre alt geworden iſt und dann noch nicht ſeinen Kör⸗ „ per kennt, dann iſt er ein unerbeſſerlicher Eſel. Ich weiß ſelbſ am beſten, was mir zuträzlich iſt oder nicht, und ich hege die feſte Ueberzeugung, daß mir eine Kanze Wein nicht ſchaden wird. Sei ſo gut und leihe mir einige elende Schraden—“ „Ich habe ſelbſt nichts!“ „Na, na, Verehrte ſter, verſchanze? 9 ich nicht hinter greifbare Lüge en!“ habe ſeit langer Zeit nicht mehr gearbeitet.“ Und alſo aic 3 t verdient, daß iſt freilich richtig. Aber vorher hoſt Du bed e Einnahmen gehabt. Der Kunſtverein hat die ii nud quch den Preis für das Bild ge⸗ zRhlt „Ich dieſes Geld meiner Mutter gegeben.“ „Das glaube ich nicht,“ ſagte Auerbach, in deſſen weit geff⸗ neten Augen grenzenloſes Erſtaunen ſich au ückte „Weshalb ſollte ich Sie belügen?“ 2 „Ich hätte nicht geglaubt, daß Du eins ſolche Dummheit be⸗ gehen könnteſt. Wer wird ſich denn unter den Pantoffel ſeiner Mutter ſtellen! Ich begreife Dich nicht, Willy, jetzt kannſt Du um jeden Groſchen Deines Eigenthums betteln.“ „Meine Mutter hat ſtets die Kaſſe verwaltet,“ erwiderte Willy, „und ich hielt es für meine Pflicht, ihr das Geld zu übergeben, mit dem ich ohnedies nichts anzufangen wußte.“ „Du fürchteſt wohl, Deine Freunde könnten Dich anpumpen wollen?“ ſagte Auerbach verächtlich.„Für dieſen Fall war's ſrei⸗ lich eine gute Ausrede, ſagen zu können, das Geld ſei nicht mehr in Wit Beſitz.“ „Ob ich das gefürchtet habe? Es kann ſein, jetzt weiß ich es nicht mehr. Uebrigens ich meine Herren Collegen nicht ſo genau kennen, wenn ich— „Ah, da haben wir ja das Geſtändniß! Alſo deshalb haſt Du's gethan? Haſt gefürchtet, ein armer Kollege könnte ein paar Groſchen von Dir verlangen? Pfui Teufel, Willy, von bieſer Seite hatte ich Dich noch nicht kennen gelernt.“ Dem jungen Mann war das Blut jäh in die Wangen ge⸗ ſchoſſen, hell loderte der lang verhaltene Zorn in ſeinen Au⸗ gen auf. „Sie hätten es nicht nöthig, Ihren Kollegen auf der Taſche ige Ert bas mi inmer fülen ſeſet, hier 0 waren, ben w 0 i . Taſche —— zu liegen,“ erwiderte er, und ſeine Stimme bekunbete die gewal⸗ tige Erregung, die in ſeinem Inner rn tobte,„Sie könnten in Ue⸗ berfluß leben, wenn Sie Ihr Talent benutzen wollten.“ „Das iſt vorbei!“ 5 Vorbei? Weshalb? Weil Sie nicht arbeiten wollen! Weil das miſtige Schlarahenleben Ihnen beſſer behagt, und immer noch gute Seelen fir nden, die Ihnen füllen.“ „Iſt das Alles?“ fragte Auerbach ironiſch. „Alles? Was ſoll ich Ihnen noch ſagen? Sie werben doch nicht zugeben, doß bieſes „Danke ſchön! Ziehe Dich gütigſt ſelbſt an der Naſe! Arbeiteſt Du?“ „Ja, ich werde wieder arbeiten!“ „Wirklich? Ich glaube eher wird die Velt unterg gehen.“ Willy hatte das Haupt erhoben, eine trotzige Entſchloſſenheit leuchtete aus ſeinen Zügen. „Ich werde arbeiten,“ ſagte er mit ſcharfer Betom ung. „Unter dem Fluche, der auf Dir ruht?“ „Kann ich ihn nicht abſchütteln, ſo ſo drücken. Ich biete dem Geſchick muthig die es nicht gekonnt, und deshalb ſind Sie unter „Bravo! Du wärſt ein famoſer Predig „Ihr Spott wird mich ſo wenig in ſchüttern, wie Ihre cyniſche Welt⸗ und Menſcher die ganze Menſchheit verachten will, der muß achten, das Eine iſt ohne das Andere undenkba die leere Taſche wieder . j %[ 8 Leben eine Sünde und Schande — „Vortrefflich geſprochen, ebler Menſchenſreun? Dir noch nicht genug auf der Naſe herumgetanzt, abe es wird noch kommen.“ „Sie waren talentvoll, Sie hatten bereits Vorzügliches ge⸗ leiſtet, Sie mußten in Ihrem Schaffen fortfah ren. Die Skizzen hier an den Wänden beweiſe wartn, deren Ausführung J ben würde—“ i Ber Baſtad. — 850— „Für eine kurze Zeit laſſe ich dieſe Entſchuldigung gelten, Alles will ſeine Zeit haben, aber Alles läßt ſich auch überwinden. Und überwinden muß der Mann, er darf ſich nicht wiederwerfen und in den Staub treten laſſen.“ „Das Alles hat Dir wohl Deine Mama geſagt?“ „Was ſoll dieſer Hohn? Meine Mutter hat ſich Ihrer an⸗ genommen und Sie ſchulden der vortrefflichen, edlen Frau den größten Dank.“ „Wohl auch dafür, daß ſie mir die Erziehung ihres hoffnungs⸗ vollen Sohnes übertragen hat?“ ſpottete Auerbach. „Laſſen wir das und bleiben wir bei der Sache. Ich ſage, wenn Sie jetzt noch zu Pinſel und Pallete greifen wollten, ſo würden Sie nicht genöthigt ſein, ſich von Ihren Freunden er⸗ nähren zu laſſen.“ „Ich könnte ja Decorationsmaler werden und dem Baron von Oſthofen die Wände mit zierlichen Arabesken, Blumen und Po⸗ ſaunenengeln ſchmücken!“ rief der alte Mann mit höhniſchem Lachen. „Das muthe ich Ihnen nicht zu—“ „Und wenn ich's wollte, würdeſt Du mich auch nicht zurück⸗ halten. Vielleicht bleibt das beneidenswerthe Loos eines Tünchers Dir vorbehalten, man kann's in dieſem Fache auch zu etwas brin⸗ gen, Handwerk ſoll einen goldnen Boden haben. Und ob man Künſtler oder Handwerker iſt, bleibt ſich am Ende auch einerlei, wenn man nicht eine Ehrenſache darin erblicken will.“ Wieder zuckte Willy die Achſeln. „Ich gebe Ihnen darauf keine Antwort, weil ſie beleidigend lauten könnte,“ erwiderte er,„und das möchte ich vermeiden.“ „Ach was, ſag' nur die Wahrheit, Dich ärgert's, daß ich die früheren Bären noch nicht losgebunden habe,“ fiel Auerbach ihm höhniſch in's Wort.„Wie viel iſt's denn im Ganzen, was ich von Dir geliehen habe?“ „Ich habe varan noch nicht gedacht, es zu berechnen.“ „Achtzig Thaler werden's ſein, eine wahre Lumperei! Ich habe immer vorgehabt, Dir die paar Groſchen wiederzugeben, ich weiß ja, wie ſehr Du am Gelde hängſt, aber es war mir nicht möglich. Gib mir noch zwanzig Thaler dazu und mache Dich be⸗ zahlt. Da hängt der Raub der Sabinerinnen, ich habe mich nie afgehol auslaſſe „Vb ſondern eine Bot letzes, i nerkſam haben.“ Si Perleger zu kön ſoll.“ „Bi Wahrhei Sel ſcgn.“ Di nir je eine Ve N „Pu — 851— davon trennen können, aber Du ſollſt ſie haben. Die Zei chnung iſt hundert Thaler unter Brüdern werth—“ „Ich bin kein Freund von ſolchem Schacherhandel,“ unter⸗ brach Willy ihn verächtlich,„Sie ſollen ſpäter nicht ſagen, ich t an⸗ habe Ihre Verlegenheit benutzt, um Sie Ihrer letzten Werke zu be⸗ den* rauben.“ „Wenn ich das jemals ſagte—“ ung⸗„Sie werden es ſagen, ich kenne Ihre biſſige Zunge! Und für mich hat auch dieſe Zeichnung, aufrichtig geſtanden, keinen ſige, Werth.“ en ſo„Ah— da liegt der Haſe im Pfeffer!“ 3 „Wahrhaftig nicht,“ erwiderte Willy, indem er ſein Porte⸗ feuille aus der Taſche zog.„Ein Kleinigkeitskrämer bin ich nie von Fſ bLe⸗„Und Du wirſt Dich erinnern, daß Du mir Dank ſchuldeſt hin„Was Sie Gutes an mir gethan haben, Auerbach, das wird 6 aufgehoben durch manches Böſe, ich will mich darüber nicht weiter auslaſſen, Sie werden mich verſtehen.“ „Vollkommen, und in dieſem Augenblicke höre ich nicht Dich, mic⸗ ſondern Deine Mutter reden.“ ſerz„Es iſt meine eigene Anſicht,“ erwiderte Willy, während er brin⸗ eine Banknote auf das Bett legte.„Zehn Thaler, es iſt mein letztes, ich gebe es Ihnen, aber ich mache Sie auch darauf auf⸗ nerläi, merkſam, daß Sie nun nichts mehr von mir zu erwarten haben.“ „Schön, ich werde es mir bemerken, und wenn Du ſpäter in digend Verlegenheit kommſt, ſo hoffe ich Dir das Darlehn zurückgeben n.“ zu können, was dann mit denſelben biſſigen Worten geſchehen ich die ſoll.“ h ihm„Biſſig ſollten meine Worten nicht ſein, ſie enthielten nur s ich Wahrheit, das war ihr ganzer Zweck.“ „Sehr wohl, ich werde Dir ſpäter auch nur die Wohrheit ſagen.“ „Die Wahrheit nehme ich von Jedem an, aber ich verbiete n, ich mir jeden Spott, der nur zu oft in der Hand des Verſuchers nicht eine Waffe wird.“ be⸗„Pah, Dein Herz iſt noch nicht hart genug geworden, warte — 852— nur, bis Dir die Ueberzeugung ſich aufgedrängt hat, daß jeder Menſch ein Schuft iſt, dann wirſt Du aus einer anderen Ton⸗ art pfeifen.“ Ein höhniſches Lachen begleitete dieſe Worte, Willy griff nach ſeinem Hut, die Geſellſchaft dieſes einſtigen Freundes war ihm zuwider geworden. „Ich beneide Sie um dieſen Glauben nicht, ſagte er,„und ie Achtung vor dem eignen Ich will ich mir bewahren.“ e „Wirſt ſie bald verlieren!“ „Ich denke darüber anders; wenn auch für mich die Menſchen keine Ideale ſind, ſo glaube ich doch an den Funken des Göttlichen der in jedem Menſchenherzen ruht. Leben Sie wohl, Auerbach, unſre Wege ſind fortan getrennt. Ich will damit nicht ſagen, vaß ich ganz und gar mit Ihnen gebrochen habe, im Gegentheil, wenn wir einander begegnen, ſei es, wo es ſei, werden wir gute Freunde ſein, aber einen Einfluß werden Sie fortan nicht mehr auf mich üben.“ Er ging nach dieſen Worten raſch hinaus, und als die Thüre hinter ihm zugefallen war, athmeteer tief auf; ihm war, als ſei eine ſchwere, drückende Laſt ihm von ber Seele gefallen. Die beißenden höhniſchen Bemerkungen Auerbachs hatten mehr bewirkt, als die ernſten Vorſtellungen und die rührenden Bitten ſeiner Mutter, ſie hatten ihm gezeigt, welcher troſtloſen Zukunft er entgegenging, wenn er auf dem bisherigen Wege Der Vorwurf, daß er nicht mehr arbeiten könne, daß er un⸗ tergehen werde, weil er nicht die moraliſche Kraft beſitze, ſich aus dem Sumpf ber Erſchlaffung aufzuraffen, hatte ihn gereizt, er hatte ſofort den Entſchluß in ihm geweckt, die Nichtigkeit dieſes Vorwurfs durch die That zu beweiſen. Ihm graute vor dem Looſe, welches Auerbach ſelbſt ſich ge⸗ ſchaffen hatte, und er erkannte, daß ihm dasſelbe Loos blühte, weun er nicht ſeine ganze moraliſche und phyſiſche Kraft aufbor um ein Andrer zu werden und die Leidenſchaften, die ihn jetzt beherrſchten, zu beſiegen. Alle Schmach und aller Schimpf, die ihm widerfahren waren, entſchuldigten dieſe Lebensweiſe nicht, der Mann mußte Allem kühn die Stirne bieten, er mußte flark bleiben, mochten auch noch ſo ſchwere Stürme ihn umtoben. leiſe v „Sie w und die über die dieſe l — 85 Und war's nicht für ihn eine Genugthuung, wenn er, auf der glänzenden Vahn des Ruhmes ge der Baroneſſe be⸗ wies, daß er ein ganzer Mann war, der nach dem höchſten Ziel ſtreben Das Wort:„Baſtard“ klang ihm freilich wieder in die Oh⸗ ren, aber er pal es jetzt nicht hören. Ruhte ein Fluch auf ihn, ſo wollte er ihn tilgen durch ernſte Arbeit, er wollte die Menſchen zwingen, ihm Achtung und Anerkennung zu zollen. Mit dieſem Entſchluß trat er in ſeine Wohnung, und der freundliche Empfang, den er bei der Mutter fand, that ſeinem Herzen wohl, es hatte nie ſo ſehr der mütterlichen Liebe bedurft, wie in dieſer Stunde und er fand ſie in reichſtem Maße. Frau Magdolena hatte offenbar nicht erwartet, ihren Sohn ſo bald wiederzuſehen, ſie war's bereits gewohnt, daß er nach dem Frühſtück ausging, und erſt zum eſſen heimkehrte, erſtaunt blickte ſie ihn an, und Willy erſchrack, als er jetzt die Spuren des Grams und der Sorgen in ihrem Antlitz fand. „Arabella Grimaldi hat noch einmal g gcrſeb en,“ ſagte ſie keiſe, während 3 den Tiſch deutete, auf dem der Brief lage „Sie wird in den nächſten Tagen nach London ſe und dort bis zum kommenden Frhjehr bleiben.“ Willy entfaltete den Brief; er war an ſeine Mutter gerichtet, und die Theilnahme, die Arabella ihr bewies, das tiefe Bedauern über die Verirrungen des Jugendfreundes, verbunden mit der zu⸗ verſichtlichen Hoffnung, daß er dieſe Verirrungen erkennen und den gefahrvollen Veg wieder verlaſſen werde, das Alles machte einen tiefen und ernſten Eindruck auf ihn, es war die Sprache des Herzens und der treuen, uneigennützigen Freundſchaft. „Sie hat Recht,“ ſagte er, indem er den Brief wieber hin⸗ legte. In den Augen der Mutter leuchtete es freudig auf, un dieſe leuchtenden Augen ruhten voll fieberhafter Erwartung auf dem jungen Manne, in deſſen Zügen eine feſte Entſchloſſenheit mit ſich ausprägte. „Wir wollen reiſen,“ fuhr er fort,„bis wann können alle Vorbereitugen getroffen ſein?“ Frau Magdalena halte ſich raſch erhoben, ſie legte ihre Händ. — 854— auf ſeine Schultern und ſah ihm mit inniger Liebe in die Augen. „Was hat Dich ſo plötzlich zu dieſem Entſchluß bewogen?“ fragte ſie mit leiſe Stimme. „Die Erkenneniß, daß es ſo wie bisher nicht fortgehen kann,“ tenicte er ruhig. „Und wie biſt Du zu dieſer Erkenntniß gekommen?“ „Durch den Abſcheu, den ich vor Auerbach empfand, durch das Entſetzen, welches ſeine Behauptung, ich gehe demſelben Schickſal entgegen, mir einflößte. Die eyniſche Rohheit dieſes Menſchen hat mir die Augen geöffnet, ich will mit ihm nichts gemein haben, nicht den traurigen Ruhm eines Vagabund mit ihm theilen.“ „Dem Himmel ſei Dank, daß Dein beſſeres Selbſt die böſen Leidenſchaften überwunden hat,“ ſagte Frau Rodenberg, indem ſie ihren Arm um den Nacken des Sohnes ſchlang und ihn küßte. „Ich wußte wohl, daß Du Dich ſelbſt erobern würdeſt, ich gab die Hoffnung nicht verloren. Ich wußte, daß der Umgang mit Auerbach Dich auf die Dauer anwidern würde, dieſer Mann hat jeden ſittlichen Halt verloren, und ſtatt die Schuld in ſeiner eignen moraliſchen Feigheit zu ſuchen, wälzt er ſie auf Andere.“ „Ich habe das auch erkannt.“ „Und Dich hat er aufgehetzt, Willy! Glaube mir, Klara von Oſthofen iſt nicht die herzloſe Kokette—“ „Ich bitte Dich, nenne ihren Namen nicht!“ „Ich muß ſie vertheidigen, muß ſie in Schutz nehmen gegen die rohen Bemerkungen eines Auerbach. Ich ſage ja ohne Hehl, daß es von Deiner Seite Thorheit war, Hoffnungen zu hegen, die nie erfüllt werden konnten, aber— „Wir wollen darüber ſchweigen,“ uuterbrach der junge Mann ſie, und eine Falte des Unwillens zeigte ſich zwiſchen ſeinen Brau⸗ en,„ich will dieſen Traum vergeſſen, deshalb erinnere mich nicht mehr an ihn.“ „Du mußt das Alles vergeſſen, Willy!“ „Ich will es verſuchen, und um es zu können, mu Stadt verlaſſen, damit ich durch Nichts an die Vergan innert werde.“ „Darin pflichte ich Dir bei,“ ſagte Frau Magdalena lebhaſt. „Du wirſt draußen Deine Ruhe wiederfinden und dann kehrt ß ich dieſe genheit er⸗ auch die 2 reiſen M Deinen Und li zu m Weil und ſein Fral Gelingen Bi ſchwierig indeß v glüclic dieſes Gattin J — verlier nen wi 8 wi die en“ m — 855— auch die Freudigkeit des Schaffens zurück. Wohin ſollen wir reiſen?“ „Nach Lauſanne.“ „Recht ſo, Arabella Grimaldi wird Dich nur beſtärken in Deinen Entſchluß, ſie nimmt an Deinem Geſchick innigen An⸗ theil.“ „Und vielleicht gel ngt es mir dort, zwei Menſchenherzen glück⸗ lich zu machen, Herr von Falkenberg weilt noch in Vevey— „Sie hat ſeine Werbung zurückgewieſen.“ „Weil ſie fürchtet, er ſtehe zu hoch über ihr! Er liebt ſie, und ſeine Liebe wird erwiedert, ich will verſuchen, die Bedenken zu beſeitigen, die ihrem Glücke hindernd entgegenſtehen.“ Frau Magdalena ſchüttelte den Kopf, ſie glaubte nicht an das Gelingen dieſes Verſuchs. „Wie Du willit!“ ſagte ſie.„Vorurtheile zu beſiegen iſt ſchwierig, ſie ſind in der Regel zu tief und zu feſt eingewurzelt, indeß verſuche es, mich wird es gewiß freuen, wenn ich Arabella glücklich ſehe. Ich hatte im Stillen gehofft, Du ſelbſt werdeſt dieſes edle Frauenherz erobern und Arabella als Dein geliebtes Weib heimführen, mich hätte dieſe Wahl glücklich gemacht, aber es ſoll nicht ſein.“ „Nein, Mutter, daran habe ich nie gedacht.“ „Drum könnte Arabella doch daran gedacht haben“ „Ich glaube es nicht, ſie würde es mir verrathen haben.“ „Sollte ſie ſelbſt ihre Hand Dir anbieten?“ „Nicht doch, ihre Blicke hätten es mir verrathen,“ erwiderte Willy, gedankenvol! vor ſich hinſchauend,„ſie würde mir ihre Liebe zu Herrn von Falkenberg nicht bekannt haben. Sie war mir ſtets eiue treue, liebe Freundin, und das wird ſie mir blei⸗ ben, daß ſie jemals mir mehr ſein könnte, erwarte ich nicht.“ „Und regt ſich kein Gefühl des Bedauerns und des Neides in Dir, wenn Du an die Möglichkeit denkſt, das Arabella die Gattin eines Andern werden könne?“ „Nein.“ „Dann wäre es allerdings nutzlos, weitere Worte darüber zu verlieren,“ ſagte Frau Magdalenec.„Wenn Dues wünſcheſt, kön⸗ nen wir morgen ſchon reiſen.“ „₰e kher, deſto lieber „Gut, wir ſchließen unſre Wohnung hier zu, und ob wir ſpäter hicher zurücktehren wollen oder nicht, darüber können wir beſtimmen. Biſt Du damit einverſtanden?“ „Ich genehmige Alles was Du thun wirſt. Abſe brauchen wir von Niemand zu nehmen, es hat ſich ja auch Niemand um uns gekümmert, und Niemand wird uns vermiſſen. Und nun an's Geſchäft, liebe Mutter, es wird noch Manches zu ſein.“ Er wollte das Zimmer verlaſſen, Frau Magdalene eilte ihm h nch inmal in ihre Arme. 4 b, mein Sohn!“ ſagte ſie,„Du haſt mir den Fried das s Glüc wiedergegeben, dieſe eine freudige Stunde Kummer und alle Sorgen auf, die mein armes ver⸗ z gemartert haben.“ tief bewe gt in Nachdenken verſunten, vor der Staffelei, und tnu ruhte ſein Blick auf dem Bilde, welches er damals für den Majorats⸗ herrn von Oſthofen begonnen hatte. Wie viele bittre Erfahrungen und Enttäuſchungen lagen zwi⸗ ſchen damals und heute! Der ſüße Traum, der damals ſeine Seele durchzogen hatte, war wie Nebel zerronnen, das Ideal, zu dem er voll Hoffnung und Vertrauen emporgeblickt hatte, war verloren für immer. Aber aus dieſem Schiffbruch ſeiner ſüßeſten Hoffnungen und räume hatte er ſich ſelbſt gerettet, was nun auch kommen mochte⸗ te er wollte feſtſtehen in allen Stürmen, die böſen Leidenſchaften ſollten keine Macht mehr über ihn haben. MWir 17 Foj 3 1115 hier ſa 7an Willy ging n ſein Atelier, und hier ſaß er lange 3 — ſich wohl. lich woh Er wWo wor es( daß dieſe Den gleich die tände be und in d wahrzune Moch damit ber reſſe, dieſ Dani ſpioniren aber das ihn en 2 „ Die Kinder aus dem Volke. „ herrn außerordent⸗ Johann fühlte ſich im Dienſte des Majorats lich wohl. Er war eine ſchlaue, berechnende Natur, er erkannte ſofort, auf welcher Seite er ſein eignes Intereſſe zu ſuchen hatte. Wiederſtrebte ihm ſchon ohnedies die Rolle eines Polizeiſpions, die der Rath Heller ihm gewiſſermaßen aufgedrungen hatte, ſo war es auf der anderen Seite ihm auch raſch klar geworden, daß dieſe Rolle ihn in eine ſchiefe Stellung bringen mußte. Den Grundſatz adoptirend, daß Niemand zweien Herren zu⸗ gleich dienen könne, hatte er unter reiflicher Erwägung aller Um⸗ ſtände beſchloſſen, vorläufig die Parthei ines Herrn zu ergreifen und in dieſer Stellung alle Vortheile, die ihm geboten wurben wahrzunehmen. Mochte der Polizeirath ſelbſt ſpioniren, oder einen Andern damit beauftragen. Johann Walker ſand es nicht in ſeinem Inte⸗ reſſe, dieſe Rolle zu übernehmen. Damit war freilich nicht geſagt, daß Johann üb ſpioniren wollte, im Gegentheil, er war entſch aber das Reſultat ſeiner Beobachtungen gedachte er zu ſeinem eignen Vortheil zu verwenden. Er hatte wohl bemerkt, daß der Polizeirath den Majorats⸗ herrn für einen W r hielt, und daß er hierüber Gewiß⸗ heit zu erhalten wün ſchte⸗ aber wenn Johann bieſe be ewißheit er⸗ hielt, konnte ſie für ih z elbſt eine unerſchöpfliche Goldgrube werden. Ueberdies war das Leben in Oſthofen ſehr angenehm, er hatte wenig Arbeit, einen hohen Lohn und einen ausgezeichneten Tiſch und der Baron bezeigte ſich in jeder Weiſe freundlich gegen ihn. — 858— Was alſo wollte er mehr! Daß ihm damals Unrecht geſche⸗ hen war, und daß dieſes Unrecht ihn in's Zuchthaus gebracht hatte, vergaß er, wurde er doch jetzt dafür entſchädigt, und die Hoffnungen, die ſich ihm für die Zukunft boten, konnten ihn auch mit der Vergangenheit ausſöhnen. Nur gegen einen Menſchen in Oſthofen hegte er vom Augen⸗ blick der erſten Begegnung an eine unbeſiegbare Abneigung, und dieſer Eine war der Verwalter Wortmann. Der Majoratsherr mußte das wohl bemerkt haben, und es ſchien in ſeinem Intereſſe zu liegen, dieſe Abneigung zu be⸗ ſtärken. Es war am zweiten Tage nach dem plötzlichen Tode des Hof⸗ meiſters, als Baron Edmund den Reitknecht zu ſich in ſein Arbeits⸗ kabinet beſchied. Er übergab ihm einen Brief an den Bankier Becker mit dem Befehl, denſelben unverzüglich an ſeine Adreſſe zu befördern. „Eine Antwort iſt nicht nöthig,“ fügte er hinzu,„ich werde am Abend ſelbſt hinkommen. Und da ich Deiner Dienſte bis dahin nicht bedarf, ſo gebe ich Dir ſür heute Urlaub, ich erwarte Dich heute Abend gegen elf Uhr mit den Pferden vor dem Hauſe des Bankiers.“ „Sehr wohl,“ erwiderte Johann, den dieſer nicht erbetene Urlaub einigermaßen befremdete,„ich werde alſo ein Pferd mit⸗ nehmen, und im Gaſthofe unterbringen.“ „Im Anker,“ nickte der Baron,„Du wirſt dort am Abend auch mein Pferd finden und dafür Sorge tragen, daß es gut gepflegt wird.“ „Es ſoll geſchehen.“ „Höre Dich in der Stadt um, was es Neues gibt, vielleicht intereſſi rt mich das Eine r das 2 Dem Reitknecht ging ein Licht auf,— das alſo war der Zweck des Urlaubs! „Wenn der Herr Baron mir nähere Andeutungen g geben wollen, worüber Sie etwas zu erfahren wünſchen—“ „Vielleicht würdeſt Du in ber Reſtauration zur goldnen Traube Manches hören, man findet dort Gäſte aus allen Kreiſen!“ „Gut, ich werde hingehen.“ S— Sodo ofneiſter Da nuls Ler Nß dui Deinem* „n⸗ Zeiten nit Alo erku ich eine u verſtonde Iohar zu vertat Pob unbefan ſcen S „Nei ſionirten Spione 8 „Sle „Viel Neir alſo nur andeten „De Im Ueh Du nur ohne 36 „ch — 859— „Sodann könnteſt Du Dich erkundigen, wo mein früherer Hofmeiſter wohnt.“ „Der alte Heuchler?“ ſagte Johann raſch.„Er hat uns da⸗ mals Aerger genug gemacht—“ „Ich will nur wiſſen, wo er wohnt, ich verlange keineswegs, duß Du ihn beſuchen ſollſt,“ erwiderte der Baron ſpottend,„in Deinem Wunſche wird das ja auch nicht liegen.“ „Hm, wenn ich's thäte, ſo würde ich von alten, vergangenen Zeiten mit ihm reden und ihm die Wahrheit ſagen—“ „Und ich ſehe nicht ein, welchen Nutzen das haben könnte! Alſo erkundige Dich nur nach ſeiner Wohnung. Sodann wünſche ich eine möglichſt genaue Auskunſt über einen Polizeirath Heller, verſtanden?“ Johann ſtutzte, er bezwang ſich, um ſeine Ueberraſchung nicht zu verrathen. „Polizeirath Heller!“ wiederholte er ſcheinbar gleichgültig und unbefangen.„Ich werde mir Mühe geben, aber worüber wün⸗ ſchen Sie ſpezielle Auskunft? Ueber ſeine Vermögensverhältniſſe?“ „Nein, darüber, ob er noch aktiver Beamter iſt. Dieſe pen⸗ ſionirten Polizeibeamten werden ſpäter in der Regel Agenten und Spione—“ „Sie wollen ihn beſchäftigen?“ „Vielleicht.“ „Wenn ich mit ihm reden ſoll—“ „Nein, nein, das wünſche ich nicht.“ „Ich könnte ihn ja ganz offen fragen ob er—“ „Ich will es nicht,“ erwiderte der Baron befehlend.„Du haſt Dich ſtreng an meine Befehle zu halten.“ „Sehr gut,“ nickte Johann, während ſein lauernder Blick ver⸗ ſtohlen das Antlitz des Ma joratsherrn ſtreifte,„ich werde mich alſo nur erkundigen, ob der Polizeirath noch in der einen oder anderen Weiſe Dienſt thut.“ „Das iſt Alles, was ich über dieſen Punkt zu w ſſen ver ange. Im Uebrigen kaunſt Du Dir einen vergnügten Tag machen, wenn Du nur dafür ſorgſt, daß Du heute Abend nüchtern biſt.“ Der Baron legte einen Thaler auf den Tiſch, den Johann ohne Zögern einſteckte. „Ich bin kein Trinker,“ erwiderte er. — 8560 5 „Mit den Jahren wird man ruhiger und vernünftiger. — 1. z 6 L2 „Es iſt mir lieb, das zu hören. Apropos, auſ welchem Fuße or s7d Johann ſchlug vor dem ſtechenden Blick des Majoratsherrn die Augen nicht nieder, er zuckte nur mit verachtender Gering⸗ ſchätzung die Achſeln. „Die Abneigung iſt wohl gegenſeitig?“ „Scheint wohl nicht. Der Verwalter hat mehrmals verſucht, mir näher zu kommen, aber ich habs nicht beachtet.“ „Und Du wirſt wohl thun, ihm fern zu bleiben,“ ſagte der Majoratsherr.„Er iſt Einer von Denen, die überall Mißtrauen ſäen und Zwieſpalt ſtiften—“ „Ich kenne ihn ja aus früherer Zeit!“ „Dann wirſt Du wiſſen, wie weit Du ihm vertrauen darſſt.“ „Gar nicht,“ ſpottete Johann.„So lange er mir nicht das Gegentheil beweiſt, halte ich ihn für einen Schuft.“ Der Baron nickte zuſtimmend, ein Zug der Befriedigung und der Genugthunng umzuckte ſeine Mundwinkel. „Ich will das ſo ſchroff nicht behaupten,“ ſagte er,„aber ctwas Wahres mag daran ſein, und wenn Du mir dafür ſichere Beweiſe bringen kannſt, ſo wird mir das angenehm ſein. Ich weiß dann, woran ich mit ihm bin. „Beweiſe? Das wird ſchwer halten! „Mann muß ſich bei Andern hinter ſeinem Rücken erkundi⸗ edigen, zum Beiſpiel bei den Leuten, die hier Getreide kaufen—“ „Ich verſtehe,“ ſagte Johann,„aber ich fürchte, daß dieſe Leute mit ihm unter einer Decke liegen werden.“ „Das müßte natürlich ermittelt werden. Ich äberlaſſe das Dir,“ fuhr der Baron fort, während er ſich mit den Papieren beſchäftigte, die auf dem Schreibtiſch lagen,„Du wirſt vernünf⸗ tig genug ſein, einzuſehen, daß Dein eigner Vortheil Dir gebie⸗ tet, in allen Stücken treu zu mir zu halten und Dich von Deiner Pflicht nicht abwendig machen zu laſſen. Du kannſt jetzt gehen, heute Abend punkt elf Uhr erwarte ich Dich. ten, unk Erb ebenſau? „ dir Ver „Er wi ( „Y ſchäſtig ſagt da 0 N O W R „A 40, Der Reitknecht verließ das Schloß und ging in die Stallun⸗ gen, um ſein Pferd zu ſatteln. Die Aufträge, die er erhalten hatte, gaben ihm Viel zu den⸗ ken, und die Warnung vor dem Verwalter befremdete ihn auch. Er befand ſich noch nicht lange in Stille, als Wortmann ebenfalls eintrot. „Wie ſieht's mit dem Hafer aus?“ fragte der Verwalter, während er in die Futterkiſten blickte.„Die letzie Aernte hat einen geringen Ertrag ergeben, wenn der Vorrath zur Neig ge geht, müßt Ihr es mir melden.“ „Werd' mich ſchon melden, weuns Zeit iſt,“ erwiderte Johann lakon ſch. „Auf einige mehr oder weniger kommt's ja nicht an.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ Der hagere Mann ſah den Reiknecht mit einem verſ ſchmitzten Lächeln an, aber als er in den Zügen desſellen kein Verſtänd⸗ niß für ſeine Bemerkung entbeckte, verſchwand das Lächeln wieder von ſeinen Lippen en „Die Pferde ſollen gut gefüttert werden,“ ſagte er achſel⸗ zuckend. „Ich denke, das ver ht ſich von ſelbſt.“ „Hm, die Rettknecht wollen oft ſparen in dem Glauben, der Herr ſehe das gerne—“ „Ich weiß, daß der Herr Baron kein Knicker iſt.“ „Das hat er ja früher ſchon bewieſen, nſcht wahr?“ fragte der Verwalter kchernd, während er die mageren Hände rieb. „Er war immer ein luſtiger Herr, dem's auf ein paar Thaler nicht ankam.“ „Das iſt richtig,“ erwiderte Jol ann, ohne ſich in ſeiner Be⸗ ſchäftigung ſtören zu laſſen,„und jung gewohnt, olt gethan!“ ſagt das Sprichwort.“ „Hm, Ihr wa damals doch nicht ſo ganz zufri den mit ihm!“ „Wer behauptet das?“ „Ihr s nicht leugnen ie „Was wiſſen Sie davon?“ fragte hatte keinen Grund, üher ihn zu kla „Auch dann nicht, ale er Euch—“ ahun mürriſch h. — 862— Der Verwalter beendete den Satz durch eine bedeutſame und verſtändliche Geberde. Johann zuckte geringſchätzend die Achſeln. „Man muß vergeſſen können!“ ſagte der letztere. „Allerdings, mich wunderts nur, daß der Herr Baron die Sache vergeſſen hat.“ „Sie ſcheinen nicht zu wiſſen, wie die Sache lag. Es war eine ungerechte Anklage—“ „Aber ſie wurde bewieſen.“ „Wenn es keine Scheinbeweiſe gäbe, könnte niemals ein Schuld⸗ loſer verurtheilt werden, und doch iſt das ſchon häufig vorgekom⸗ men. Daß derzeit die Geſchichte mich gewurmt hat, leugne ich gewiß nicht, aber kann ich Geſchehenes ungeſchehen machen? Oder könnt Ihr es vielleicht? Deshalb ſage ich, man muß vergeſſen können,“ fuhr der Reitknecht ſort, während er den Sattelgurt feſter ſchnallte.„Vorwürfe und Klagen ändern nichts.“ „Und dem Majoratsherrn feindlich entgegenzutreten, wäre ge⸗ fährlich,“ erwiderte der Verwalter, die liſtigen Fuchsaugen lau⸗ ernd auf das Geſicht Johanns heftend.„Das wolltet Ihr wohl auch ſagen?“ Neit „Ihr wolltet es ſagen! Habt Ihr den früheren Hofmeiſter gekannt?“ „Natürlich“ „Er ſtand auch nicht auf dem beſten Fuße mit Baron Edmund.“ „Daran trug er ſelbſt die Schuld.“ „Kann ſein, einen liebenswürdigen Charakter hatte Hurter nicht.“ „Und was iſt mit ihm?“ fragte Johann erwartungsvoll. „Er ſoll ſich das Leben genommen haben.“ „Unſinn!“ „Wenn es nicht wahr wäre, würde ich es nicht behaupten.“ Der Reitknecht legte die Hand auf den Sattel und blickte den hageren Mann feſt an. „Wann iſt es geſchehen?“ fragte er. „Geſtern Morgen hat man die Leiche gefunden,“ erwiderte Wortmann mit gedämpfter Stimme. Lippen. „Syr 6 Un „Ich Blick o Feind u ſ. „Ma „Det hefolgen, den ſchli ſcheint n ler wird Schuld werden Mund, „h „Be nit ſei ner Arn nes arn „Er „St „Ze „Au ten.“ te den widerte — 863— „Im Fluſſe, 2 „Nein, in der eignen Wohnung. Man behauptet, er habe Gift genommen.“ „Wenn er's gethan hat, dann war er ein Eſel,“ ſagte Johann kopfſchüttelnd. „Hm, es gibt Leute, die an den Selbſtmord nicht glauben.“ „So? Und was behaupten dieſe Leute?“ „Ich werde mich hüten, es zu wiederholen,“ entgegnete der Verwalter. Der Blick Johann's war ſtarr geworden, er ruhte noch im⸗ mer unverwandt auf dem mageren Geſicht mit den blutleeren Lippen. „Spricht man von einem Mord?“ fragte er. „Es kann ſein.“ „Und wer ſoll in dieſem Falle der Mörder ſein?“ „Ich weiß es nicht,“ erwiderte Wortmann mit einem ſcheuen Blick auf die Thüre,„ich weiß nur, daß man, wenn man einen Feind hat, ſich vor ihm in Acht nehmen ſoll. Denkt Ihr nicht auch ſo?“ „Gewiß, aber wie kann man ſich vor Gift hüten?“ „Man ſoll nicht trinken, was ſolche Leute Einem vorſetzen.“ „Der Rath mag gut ſein, aber man kann ihn nicht immer befolgen,“ ſagte der Reitknecht,„man darf in vielen Fällen auch den ſchlimmſten Feind nicht vor den Kopf ſtoßen. Uebrigens ſcheint mir das Alles altes Weibergeſchwätz zu ſein, der alte Heach⸗ ler wird ſelbſt ſich das Leben genommen haben. Er hatte manche Schuld auf dem Gewiſſen und je älter man wird, deſto ſchlimmer werden die Gewiſſensbiſſe. Zudem lebte er aus der Hand in den Mund, er hatte keine Einnahmen, kein Vermögen—“ „Ihr ſcheint ihn ja ſehr genau gekannt zu haben!“ „Bewahre! Einmal traf ich ihn auf der Straße, da hat er mir ſein Leid geklagt. Sein Freund bin ich nie geweſen, in ſei⸗ ner Armuth ſah ich eine gerechte Vergeltung. Er mag wohl ſei⸗ nes armſeligen Lebens überdrüſſig geworden ſein.“ „Er hatte eine Penſion.“ „So? Wie groß war ſie?“ „Zehn Thaler monatlich.“ „Auch zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben!“ ſagte —— ſicherer. ines Feind aus dem Wege ſchaffen geh ch zu ihm und vergifte ihn, mit einem Strick, oder einem langen Meſſer iſt der Prozeß — 1 Der Verwalter ſchwieg, er ſchien nicht den Muth zu haben, offen mit Sprache herauszurücken. er ſo geht's immer,“ fuhr der Reitknecht fort, während er den den Zügel über den Kopf warf,„wenne ein Menſch durch einen unglücklichen Zufall oder auch mit ſeinem eignen frei⸗ en Vilen 6 aus dem Leben geſchieden iſt, dann gibt's ſo und ſo viele alte Weiber, die ſogleich ein Verbrechen dahinter wittern.“ „Und es wird Mancher auch als Selbſtmörder in einer Kirch⸗ i verſcharrt, der ſeinen Tod einem Verbrecher verdankt.“ dann ſein, ich zerbreche mir darüber den Kopf nicht.“ 6 verlangt ja auch Niemand,“ ſagte der Verwalter.„Rei⸗ tet Ihr zu Stadt?“ „Jawohl.“ „Dann erkundigt Euch einmal wegen dieſer Geſchichte.“ „Werd' daran denken.“ „Aber macht es nicht ſo auffallend! „Hm, weshalb nicht?“ „Man könnte daraus mögl licherweiſe Verdacht ſchöpfen.“ „Verdacht?“ fragte Johann raſch.„Auf wen?“ „Ich ſage weiter nichts,“ erwiderte Wortmann.„Man kann ſich raſch die Finger verbrennen und ich habe dazu keine Luſt. Wenn Ihr mich einmal beſuchen wolit, ſo können wir in meiner Wohnung ungeſtört über Alles reden, ich bin jeden Abend zu Hauſe und einen guten Tropfen habe ich auch im Keller.“ „Danke, werd's mir überlegen,“ ſagt e Johann, der jetzt das Pferd hinausführte,„ich glaube nur, der Herr Baron würde es nicht gerne ſehen.“ „Was ſoll er dagegen haben?“ „Die Herrſchaft ſieht's nie gerne, wenn das Dienſtperſonal die Köpfe zuſammenſteckt.“ „Er braucht es 2 zu erfahren!“ Ueber die ee Wenn nit einem heute Aben „Heut „Dann 36. ohann tel und rit Es unt ausjorſchen Gefallen 7 klater war wus et fü Und v führen, di enlocken. In B munn aud wogte vielleicht ko Er hat Ernartung zufüllen, e So ga er auch je den Majo Nuchforſc ſuchen, ſo 865— „Nicht auch über die Gegenwart?“ „Wenn Ihr wollt, ſogar über die Zukunft,“ ſagte Wortmann haben ntt einem bebeutungsvollen Blick.„Kommt nur einmal, darf ich heute Abend Euch erwarten?“ „Heute Abend werde ich erſt gegen Mitternacht heimkommen.“ 2„Dann alſo morgen!“ Johann ſchwang ſich nach bieſer kurzen Antwort in den Sat⸗ tel und ritt von dannen. Es unterlag für ihn keinem Zweifel, daß der Verwalter ihn ausforſchen wollte, und er war keineswegs geſon nen, ihm dieſen Gefallen zu erzeigen, aber je länger er darüber nachdachte, deſto klarer ward es ihm auch, daß Wortmann ſelbſt Manches wußte, was er für ſeine eignen Zwecke benutzen konnte. Und vielleicht gelang es, den alten Mann aufs Glatteis zu führen, durch ſcheinbare Zugeſtändniſſe ihm ſeine Geheimniſſe zu entlocken. In Bezug auf den plötzlichen Tod des Hofmeiſters ſchien Wort⸗ mann auch einen Verdacht zu hegen, den er nicht auszuſprechen wagte. Johann wollte darüber Klarheit und Gewißheit erhalten, vielleicht konnte er dieſen Verdacht in ſeinem Intereſſe verwerthen. Er hatte bereits manche Entdeckung gemacht, die ganz ſeinen Erwartungen entſprach, aber es hlieh doch noch manche Lücke aus⸗ nkann zufüllen, ehe er wagen durfte, handelnd aufzutreten. e Luſt. So ganz ſicher war er ſeiner Sache noch lange nicht, wenn meiner er auch jetzt begriff, weshalb der Polizeirath Mißtrauen gegen bend zu den Majoratsherrn hegte. Er wollte ſeine Beobachtungen und Nachforſchungen fortſetzen und den Verwalter dabei zu benutzen ſuchen, ſo gut es eben anging. Er ritt in die Stadt hinein und gab im Gaſthofe zum Anker— S. ſein Pferd ab. Was nun? Es war noch zu früh, in die Reſtauration zu gehn, er beſchloß alſo, zuerſt über das Ende des Hofmeiſters Er⸗ Pr kundigungen einzuziehen. Die Wohnung des alten Mannes hatte-er nach einigem Su⸗ chen endlich gefunden, ohne Bedenken ſtieg er die Treppen hinauf, ihn kannte ja Niemand, und es konnte auch Niemand etwas Auf⸗ fallendes darin finden, wenn er vorgab, den alten Herrn beſu⸗ chen zu wollen. Jedenfalls erfuhr er in dieſem Hauſe Alles, was er zu wiſ⸗ ſen wünſchte, an keinem andern Orte konnte er es beſſer und ge⸗ nauer erfahren. Er klopfte an verſchiedenen Thüren an, endlich rief eine helle Stimme:„Herein!“ und der Reitknecht ſtand im nächſten Augen⸗ blick der Madame Floreutine Winkel gegenüber. „Alle guten Geiſter!“ ſagte er überraſcht, und die Jockei⸗ mütze entfiel dabei ſeiner Hand,„ſind Sie's denn wirklich?“ „Wahrhaftig, Johann, wie er leibt und lebt!“ erwiderte die frühere Schauſpielerin, die unwillkürlich einen Schritt zurückge⸗ treten war. „Fräulein Rabe—“ „Verzeihen Sie, jetzt bin ich Frau Winkel.“ „Sie haben geheirathet?“ „Ei freilich, denken Sie denn, ich hätte auf Ihren Baron warten müſſen?“ „Das will ich nicht behaupten,“ ſagte Johann kopfſchüttelnd, der inziſchen ſeine Mütze aufgehoben und auf dem ihm angebo⸗ tenen Stuhl Platz genommen hatte,„er hatte Sie ja verlaſſen—“ „Erlauben Sie, ich hatte ihm den Abſchied gegeben!“ „In Folge des Brillantſchmucks, nicht wahr?“ „Ja, das gab den Anlaß.“ „Und nachher behauptete er, ich hätte den Schmuck geſtohlen, den er Ihnen geſchenkt hatte,“ ſagte der Reitknecht, die Brauen finſter zuſammenziehend.„Ja, wenn ich damals Alles gewußt hätte, was ich heute weiß! Aber ſo gehts immer und man wird alle Tage klüger“ „Sie wurden damals wirklich angeklagt?“ „Freilich! Die Braut wollte wiſſen, wo der Schmuck geblieben war, und die Wahrheit durfte der Baron nicht ſagen. Sie wa⸗ ren abgereiſt—“ „Nach Wien.“ „Und in meinem Koffer wurde ein Ring gefunden, den der Baron damals von dem Schmuck zurückgehalten hatte.“ „Das war infam!“ ſagte die Schauſpielerin entrüſtet, während ſie gus de wurden „Jo „Und „V „it Ber ich noch „Trin Fru uſ „Alſo un hir „Dos ins Vor es traten werth m laufen, An Ein „Dl Triumyh und dal „Sie „Eint er war e „Sth Zimmer me Sat hraver „ führen: in den Die ihre Au zeugung „Na „ch gewohnt 8 e E ₰ — — ohlen, Zrauen gewußt wird lieben wa⸗ ber — 867— ſie aus dem Schrank eine Weinflaſche und ein Glas holte. wurden wirklich verurtheilt?“ „Jawohl.“ „Und Sie ließen es ſich gefallen?“ „Was wollte ich machen?“ erwiderte Johann achſelzuckend „Die Beweiſe waren gegen mich, und ich wiederhole, damals wußte ich noch nicht, was ich heute weiß.“ „Trinken Sie, es iſt ſpaniſcher Wein.“ „Der Reitknecht nippte an dem Glaſe und ſah die hübſche Frau forſchend an. „Alſo, Sie gingen damals nach Wien?“ ſagte er.„Sie wa ren hier ſehr gefeiert—“ „Das hatte bereits nachgelaſſen,“ fiel Madame Winkel ihm in's Wort.„Es war nicht der jähe Bruch mit dem Baron allein, es traten auch nach andere Gründe hinzu, die es mir wünſchens⸗ werth machten, von hier abzureiſen. Mein Kontrakt war abge⸗ laufen, alſo ſtand der Abreiſe nichts im Wege.“ „Und in Wien wurden Sie gewiß vergöttert?“ Ein ironiſches Lächeln umſpielte die Lippen der Schauſpielerin. „Das gerade nicht,“ erwiderte ſie,„ich habe dort manchen Triumph gefeiert, aber ich bemerkte doch bald, daß es bergab ging und da hielt ich es für rathſam, mich bei Zeiten vorzuſehen.“ „Sie heiratheten?“ „Einen Schauſpieler, und was das Beſte bei der Sache war er war ein ſolider Mann und beſaß einiges Vermögen.“ „Sehr gut!“ ſagte Johann, während er den Blick durch das Zimmer ſchweifen ließ.„Vermögen iſt immer eine ſehr angeneh⸗ me Sache, man kann nicht leicht zu viel haben. Er war ein braver Mann?“ „Ich würde ihm Unrecht thun, wenn ich eine Klage über ihn führen wollte. Leider behielt ich ihn nicht lange, er ſtarb ſchon in dem dritten Jahre unſrer Ehe.“ Die gefühlvolle Wittwe ſtrich mit dem weißen Taſchentuch über ihre Augen, und Johann ſeufzte, er glaubte ihr dieſe Beileidsbe⸗ zeugung ſchuldig zu ſein „Na, und da?“ fragte er. „Ich habe dann noch einige Jahre in einer andern Stadt rend gewohnt und kam darauf wieder hieher.“ 55* — 868— offnung, hier dem Majoratsherrn von Oſthofen 2“ „Wo denken Sie hin!“ „Na, Sie ſind immer noch eine öne Frau—“ „Sie wollen mir ſchmeicheln!“ ſagte Madame Winkel in einem Tone, der vorwurfsvoll klang, aber Ausdruck ihres Geſichts verrieth, daß ihr dieſe Schmeichelei keineswegs unanzenehm war. „Ich ſage Ihnen die Wahrheit. Habe ich Sie nicht ſofort wiedererkannt? Und wäre das wohl möglich geweſen, wenn— „Sie waren derzeit ſchon ein Schmeichler, Johann. Wie der Herr, ſo der Diener!“ 6 „Hm, nur waren die Schmeicheleien des Herrn Baron Ihnen „Und es fragt ſich noch ſehr, welche aufrichtiger waren.“ „Dieſe Frage habe ich mir ſchon beantwortet,“ erwiderte der Reitknecht, während er das Glas an die Lippen ſetzte und über den Rand desſelben die hübſche Frau anblickte;„Sie dürſen mir Glauben ſchenken, ich habe ſtets meine Meinung offenherzig aus⸗ geſprochen. Alſo an den Baron dachten Sie nicht mehr 5. „Mit keiner Silbe.“ „Er iſt wieder hier.“ „Ich weiß es.“ „Und Sie haben ihm noch keinen Beſuch gemacht?“ „Ich erfuhr es erſt geſtern, daß er wieder heimgekehrt iſt, und weshalb ſollte ich ihn beſuchen? Ich habe dazu keine Ver⸗ anlaſſung.“ „Hm, darüber reden wir nachher noch,“ ſagte Johann.„Alſo ie ſind zufrieden?“ „Nun ja, wus man zufrieden nennt. Ich kann beſſer haben, meine Mittel erlauben das nicht.“ „Vielleicht doch!“ „Was wollen Sie damit ſag G s leider nicht en 2 „Geduld, ich ſage es Ihnen nachher; es iſ ein her ükerlegt S muß.“ „Und wie iſt es Ihnen ergangen?“ „Schlecht genug. Wenn man aus dem Gefängniß kommt, ſo Einem Niemand an, ob man des Brandmal auf der Stirne ht trägt und an das Unrecht gloubt auch 6 1 „ „„ 5 Da „dr ut geht, bal. auch“ „ rend ſi ihres G „Ein nüher ri ſter des We 6 Oe * Se „Se G genomn „S „6 „Un 3 M es täne ſammen „Ht „Er po kannt! hofen Niemand. Ich hab' mich d durchgeſchlagen ſo gut es ging.“ „Und jetzt haben Sie wieder einen guten Dienſt?“ „Bei dem Majoratsherrn von Oſthoſen!“ „Unmöglich!“ ſagte Frau Winkel im höchſten Grade erſtaunt. „Bei demſelben Herrn, der Sie in's Gefängniß gebracht hat?“ „Jawohl. Beſſer das, als auf der Straße verh ngern, miei⸗ nen Sie nicht auch?“ „Es ſind Geſchmacksſachen!“ „Und wenn der Baron mich jetzt eitſchüit weshalb ſoll ich die Entſchädigung nicht annehmen „Da haben Sie allerdings Recht.“ „Drum hab' ich mich auch nicht lange beſonnen, und wenn's gut geht, kann ich bald ein gemachter Mann ſein.“ „Warten Sie auf eine Erbſchaft?“ „So dumm bin ich nicht, duß ich darauf meine Hoffnung baue. Der Deutſche ſagt: Hilf Dir ſelbſt, und ſo ſage ich auch.“ „Und was führt Sie hieher?“ fragte Madame Winkel, wäh⸗ rend ſie das Glas wieder füllte, trotz der ablehnenden Geberd ihres Gaſtes. „Eine ganz ſonderbare Geſchichte,“ ſagte Johnnn, ſeinen Stuhl näher rückend.„Hat nicht in dieſem Hauſe der frühe ſter des Barons „Wenn Sie den alten Hurter meinen, jawohl.“ „Der Mann iſt plötzlich geſtorben, nicht wahr?“ „Seine Leiche wurde geſtern Morgen gefunden.“ „Ganz recht,“ nickte Johann,„er ſoll ſich ſelbſt das Leben genommen haben.“ „So ſagt man,“ erwiderte die Schauſpielerin zurückhaltend. „Glauben Sie es nicht?“ „Und weshalb fragen Sie mich? Der Mann iſt todt—“ „Weshalb ich Sie frage, das ſage ich Ihnen ſpäter, Madame, es hängt mit den Plane, den ich vorhin hindeutete, zu⸗ ſammen.“ „Hat der Baron Sie vielleicht beauftragt—“ „Er wünſchte nur zu erfahren, wo der Hofmeiſter wohnt.“ „„Von dem plötzlichen Tode desſelben war ihm noch nichts bekannt?“ re Hofmei⸗ — „Nein, er würde mir doch in dieſem Falle den Auftrag nicht gegeben haben.“ „Das Gericht war geſtern hier, die Unterſuchung und das Verhör haben kein Reſultat ergeben, man weiß eben nur, daß der alte Mann Blauſäure genommen hat.“ „Genommen oder erhalten?“ fragte Johann, einen beſonde⸗ ren Nachdruck auf das letzte Wort legend. Madame Winkel ſah ihn ſcharf, durchdringend an. „Einer der Herren behauptete allerdings, Hurter müſſe das Gift echalten, ein Andrer müſſe es ihm gegeben haben, aber es iſt eben nur eine Behauptung, für die kein Beweis gefunden werden konnte.“ „Und wer war dieſer Herr?“ „Sie werden ihn nicht kennen—“ „Es wäre am Ende doch möglich, vergeſſen Sie nicht, daß ich mit vielen Gerichtsherrn in Berührung gekommen bin.“ „Es war ein Polizeirath Heller.“ „Ah, den kenne ich ſogar ſehr genau,“ ſpottete Johann.„Sprach er vielleicht einen beſtimmten Verdacht aus?“ ein nein „Aber Sie haben einen Namen errathen?“ „Auch das nicht.“ „Na, wir können ja ganz offen miteinander reden,“ ſagte der Reitknecht, einen vertraulichen Ton anſchlagend.„Was Sie mir mittheilen werden—“ „Seien Sie zuvor offen gegen mich.“ „Fragen Sie nur, ich werde jede Frage beantworten.“ „Sie leugnen, daß Ihr Herr Sie beauftragt habe, hier Erkun⸗ digungen einzuzichen, und es iſt doch die Wahrheit.“ „Was ich Ihnen geſagt habe, Madame, das iſt die Wahrheit. Er wollte nichts weiter wiſſen, ich ſollte mich nur erkundigen, wo der Hofmeiſter wohnte. Er verbat mir ſogar, den alten Mann zu beſuchen, und davon, daß Hurter todt war, hat er gewiß nichts gewußt.“ Madame Winkel ſchüttelte zweifelnd das Haupt. „Es kann ſein, daß Sie mir die Wahrheit ſagen,“ erwiderte ſie,„aber dann hat der Baron Ihnen nicht die Wahrheit geſagt. 9 glaube, er war von dem plötzlichen Tod Hurter's unterrich⸗ „Un nander. ſenen 75 — * den mi tet war „Er haben „ gen“ ſ den au terd K und h ten, w ten h X * Schne WPole gte der ie mir rErkun⸗ en, we Mann iß nichts rwiderte geſagt. nterrich⸗ ————— — 871— tet, es kann ja nicht anders ſein, denn der Bruder des Majorats⸗ herrn war geſtern Morgen hier, er war der Eiſte, der die Leiche entdeckte.“ „Baron Udo war fragte Johann erſtaunt.„Was wollte er denn bei demHofmeiſter?“ Hurter hatte verſprochen, i ein Geheimniß zu enthüllen, lte ſich dabei um die kleine Tochter des Barons, die vor Jahren ſpurlos verſchwunden iſt.“ Der Reitknecht blickte in Sinnen verſunken auf den verbliche⸗ nen Teppich, auf dem ſeine Füße ſtanden. „So, ſo, das wußte ich noch nicht,“ ſagte er.„Alſo, Baron Udo war hier und fand die Leiche?“ „Und von ihm muß es doch Baron Edmund erfahren haben?“ „Gott bewahre, die Beiden haben gar keinen Verkehr mit ei⸗ nander. Baron Udo wohnt in der Stadt und denkt nicht daran, ſeinen Bruder zu beſuchen.“ Sie waren ſchon derzeit nicht miteinander befreundet.“ ad heute ſind ſie es noch weniger, als damals. Sie wer⸗ dn mir nun wohl glauben, daß Baron Edmund nicht unterrich⸗ tet war.“ „Er befahl Ihnen, nich in dieſes Haus zu gehen, und Sie haben es doch gethan?“ „Ich habe es gethan, um meine eigne Neugierde zu befriedi⸗ gen,“ ſagte Johann ruhig,„Sie würden es unter dieſen Umſtän⸗ den auch gethan haben. Als ich von dem plötzlichen Tode Hur⸗ ters Kenntniß erhielt, wollte ich auch die näheren Umſtände wiſſen, und hätte ich nur eine Ahnung davon gehabt, daß Sie hier wohn⸗ ten, würde ich die Schwelle dieſes Hauſes längſt ſchon überſchrit⸗ ten haben.“ „Ich ſage Ihnen noch einmal, Sie ſind ein Schmeichler!“ „Wenn ich es bin, dann bin ich wenigſtens ein aufrichtiger Schmeichler, und kein Heuchler, wie der alte Mann es war. Wollen Sie mir nun Ihren Verdacht nennen?“ „Meinen Verdacht? Ich habe wirklich keinen.“ „Aber der Polizeirath—“ „Er nannte keinen Namen!“ „Hatte der Hofmeiſter Feinde?“ „So viel ich weiß, nein.“ S —5 „Hm, ich darf die Vermuthung nicht ausſprechen, die in mir aufgeſtiegen iſt, der Verwalter ſcheint ebenfalls einen beſtimmten Verdacht zu hegen, aber auch er will ſich nicht näher erklären.“ Madame Winkel ſah ihn fragend an, ſie erwartete offenbar weitere Enthüllungen, aber er machte eine ablehnende Bewegung⸗ „Es iſt beſſer, daß ich ſchweige, bis die rechte Stunde gekom⸗ men iſt,“ ſagte er, mit der Hand über die Stirne ſtreichend,„ein guter Schütze behält für den Nothfall immer noch eine Kugel im Lauf.“ „Alſo haben Sie auch einen Verdacht?“ „Ich? Noch nicht, aber ich leugne nicht, daß meine Vermu⸗ thungen ernſtlich damit beſchäſtigt ſind, die Perſon des Mörders zu entdecken.“ „Sie glauben an den Mord?“ „Ich glaube an Alles, woran die Polizei glaubt,“ lachte Jo⸗ hann,„die Polizei muß es ja beſſer wiſſen—“ „Sie ſcherzen mit Dingen, die zu ernſt ſind!“ ſagte die hüb⸗ ſche Frau vorwurfsvoll,„der Polizeirath kann ja auch irren, er ſteht mit ſeiner Anſicht allein.“ „Die anderen Gerichtsherrn nahmen den Selbſtmord als er⸗ wieſen an?“ „Ja, vorzugsweiſe der Arzt.“ „Es iſt natürlich das einfachſte Mittel, allen weiteren Mühen und Unannehmlichkeiten aus dem Wege zu gehen,“ nickte der Reit⸗ knecht,„aber damit beweist man nichts, und ein Verdacht will widerlegt werden, ſonſt niſtet er ſich feſt und man wird ihn nim⸗ mer los. Sollen wir gemeinſchaftliche Sache machen?“ „Inwiefern?“ „Beantworten Sie mir zuvor einige Fragen, wollen Sie das?“ „Wenn ſie nicht indiscret ſind.“ „Nein. Lieben Sie noch den Baron?“ „Gott bewahre, welche Frage!“ lachte die Schauſpielerin. „Ich bitte Sie, geben Sie mir eine aufrichtige Antwort!“ „Hätte ich ihn geliebt, würde ich ihn damals nicht verlaſſen haben.“ „Richtige ich meine, S a rgeſagt, verließ er Sie,“ erwiderte Johann,„und ie önte im das nie ergeben. be es ſogar ſchon vergeſſen.“ — Wurnun We ſir min „Auz nit kln An ſcheint, Sta ich Pn es — 873— „Und wenn dem Baron eine Gefahr drohte, würden Sie ihn ett „Das iſt abermals—“ „Erlauben Sie, wenn es in Ihrer Macht läge, ihn durch eine. Warnung zu retten, würden Sie es thun?“ „Wenn das ſo billig geſchehen könnte, würde ich es vielleicht für meine Pflicht halten.“ „Auch dann, wenn die Warnung mit Undank, Schweigen aber mit klingendem Dank gelohnt würde?“ „Dann würde ich ſchweigen.“ „Und geſetzt, der Baron wäre nicht Derjenige, der er zu ſein ſcheint, ſondern ein Abenthenrer?“ Starr blickte die Schauſpielerin den Fragenden an. „Wäre das möglich?“ fragte ſie. „Möglich iſt Alles,“ erwiderte Johann achſelzuckend,„Schneider⸗ geſellen haben die Rolle eines Prinzen geſpielt.“ „Und Sie haben ſchon Beweiſe?“ Der Reitknecht rückte der hübſchen Fran wieder näher, und ſeine Stimme ſank zum Flüſterton herab. „Sie werden begreifen, daß man einen ſolchen Mann nicht angreifen darf, ſo lange man nicht eine ganze Kette von Be⸗ weiſen gegen ihn geſchmiedet hat,“ ſagte er,„und dabei ſollen Sie mir helfen!“ „Ich? Wie könnte ich es?“ „Das zu überlegen und einen Plan zu erſinnen,“ überlaſſe ich Ihnen,“ Sie ſind eine kluge, erfahrene Frou und bedürfen eines Rathes dabei nicht. Ich will Ihnen ganz offen geſtehen, daß ich ſelbſt meiner Sache noch nicht ſo ganz ſicher bin. Oft möchte ich darauf ſchwören, daß er der rechte Baron iſt, aber dann kommen auch wieder Stunden, in denen der Abentheurer ſo deutlich durchblickt, daß ich mich verſucht fühle, ihn ſofort die Anklage in's Geſicht zu ſchleudern.“ Madame Winkel ſchüttelte mit ernſter, bedenklicher Miene das Haupt, dann heſtete ſie den Blick ſinnend auf die welken Lorbeerkränze. „Es wäre doch ein zu großes Wagniß geweſen,“ ſagte ſie zweiſelnd.„Abgeſehen davon, daß zu ſo einer Rolle große Routine gehört, mußte auch der Abentheurer ſich ſagen, daß er hier eine Menge von Perſonen finden werde, die ihn ſofort erkennen und entlarven würden.“ „Das will nichts heißen, dieſe Bedenken laſſe ich nicht gelten. Sein Bruder kannte ihn nicht, er hatte ihn früher ſelten geſehen, und wenn Jemand mit einem glatten Geſicht fortgegangen iſt und nach zwanzig Jahren mit einem pockennarbigen zurückkehrt, ſo kann er ziemlich ſicher ſein, daß unter hundert ehemaligen Freun⸗ den ihn kaum zehn wiedererkennen werden.“ „Er hat die Blattern gehabt?“ „Sein Geſicht gleicht einem Reibeiſen!“ „Es gibt ein Kennzeichen, welches noch vorhanden ſein muß.“ „Welches?“* „Haben Sie ſeine Arme unbekleidet geſehen?“ „Nein.“ „Einer dieſer Arme, ich glaube, der rechte, trägt eine häß⸗ liche Narbe.“ „Wiſſen Sie das ſicher?“ „Ich erinnere mich dieſer Narbe zu deutlich.“ „So werde ich darauf achten. Wie geſagt, die Gefahren für einen ſolchen Abentheurer ſind nickt ſo groß, wie wir glauben, ein keckes Auftreten thut riel, und mit hochmüthiger Grobheit kann man die meiſten Menſchen einſchuchtern. Eine außerordent⸗ liche Aehnlichkeit in Figur, Haltung und Manieren kommen ihm dabei auch zu Hülfe. Und wenn ein ſolcher Mann entſchloſſen iſt, die Perſonen, die ihm gefährlich werden könnten, für immer zu beſeitigen, ſo hat er das Spiel ſchon halb gewonnen.“ „Die Schauſpielerin zog die Brauen empor, ihre Beſtürzung war nicht zu verkennen. „Wie ſoll ich das verſtehen?“ fragte ſie. „Muß es nicht auffallen, daß binnen kurzer Zeit zwei Per⸗ ſonen, die den Varon ſehr nahe kannten, ermordet worden ſind? Zuerſt ein Vagabund, der mit dem Majoratsherrn drüben geweſen und bald nach ihm zurückgekehrt iſt, ein gewiſſer Florian Bender, der vor ſeiner Auswanderung Tagelöhner in Oſthofen war. Er iſt in der Nacht, während er ſchlief, erſchoſſen worden, der Verdacht fiel auf einen Wilddieb, man hat ihn verhaftet und verurtheilt.“ irgend hat ode „M geit hi „De muthun Aufgab Sicherk meiſter auch Geſcht einma buchſt chen Geld ſorge gemac vird, en für lauben, tobheit ordent⸗ en ihm hloſſen immer türzung ei Per⸗ worden drüben Florian ſthofen worden, tet und — 875— „Alſo können Sie dieſe Schuld nicht dem Baron aufbürden!“ „So ſcheint es alerdings, aber der Polizeirath Heller denkt darüber anders. Ich weiß nicht, ob Sie mit dieſem Herrn be⸗ freundet ſind—“ „Ich kenne ihn perſönlich.“ „So werden Sie auch wiſſen, daß er einen Verdacht nur dann verfolgt, wenn es ein haltbarer Verdacht iſt.“ „Darüber kann ich nicht urtheilen, ich weiß nur, daß der Rath die Manie hat, überall ein Verbrechen zu wittern,“ er⸗ widerte Modame Winkel. „Dieſe Schwäche hat jeder Polizeibeamte! Was ich Ihnen ſage, Madame, das muß natürlich ſtreng unter uns bleiben, Sie werden die Nothwendigkeit einſehen, wenn ich Ihnen meinen gan⸗ zen Plan entwickelt habe.“ „Reden Sie nur weiter, Johann, ich höre.“ Der zweite gefährliche Gegner war der Hofmeiſter— „Sie wollen behaupten—“ „Ich behaupte nichts. Ob der Hofmeiſter dem Baron in irgend einer Weiſe in den Weg getreten iſt, ob er ihm gedroht hat oder nicht, das weiß ich nicht, aber ich hoffe es zu erfahren.“ „Möglich iſt es, der Polizeirath beſuchte ihn in der letzten Zeit häufig.“ „Darin liegt ſchon ein Beweis für die Richtigkeit meiner Ver⸗ muthung,“ ſagte der Reitknecht lebhaft.„Heller hat es ſich zur Aufgabe gemacht, den Baron zu entlarven, es läßt ſich mit Sicherheit annehmen, daß dieſer Zweck allein ihn bewog, den Hof⸗ meiſter zu beſuchen. Und habe ich darin Recht, dann wird Heller auch auf den Baron Verdacht geworfen haben—“ „Das wäre ſchrecklich!“ „Bah, als ich im Gefängniß war, habe ich noch ganz andere Geſchichten gehört, die weit ſchrecklicher waren. Und wenn man einmal A geſagt, dann muß man auch das ganze Alphabet durch⸗ buchſtabiren. Der Baron iſt mit der einzigen Tochter eines rei⸗ chen Bankiers verlobt, hat er ſie geheirathet, ſo verfügt er über Geldmittel, mit denen er Alles erreichen kann. Er muß nur dafür ſorgen, daß ihm vor der Hochzeit kein Strich durch die Rechnung gemacht wird, nach der Hochzeit kann er Allem, was noch kommen wird, ruhig entgegenſehen.“ A — 876— „Der Baron hat ſich jetzt wieder verlobt?“ „Befremdet Sie das ſo ſehr?“ „Wenn man ſo alt geworden iſt—“ „Erlauben Sie, ſchöne Frau, wie alt ſoll er denn ſein? Sie ſind noch keine vierzig und ich bin jetzt zweiundvierzig, wenn wir beide uns verloben wollten, wer könnte dagegen ctwas einwenden und was berechtigte ihn, darüber zu ſpotten?“ Er hatte dieſe Frage in ſchertendem Tone aufgeworfen, aber Madame Florentine Winkel ſchlug doch vor ſeinem glühenden Blicke die Augen nieder. „Und der Baron iſt vier Jahre älter als ich“, fuhr Johann fort,„alſo immer noch ein Mann in den beſten Jahren.“ „Und die Braut iſt vielleicht dreißig Jahre jünger.“ „Nicht ganz, aber was macht das?“ „Wenn er ein Schwindler wäre, müßte man dieſe Verbindung verhindern!“ „Weshalb? Auftreten kann man erſt dann gegen ihn, wenn man Beweiſe hat, ich werde mich hüten, eine Anklage gegen ihn zu erheben, ſo lange ich nicht mit Sicherheit weiß, daß der An⸗ klage ſofort die Verhaftung folgt. Der Vater der Braut iſt ein reicher Mann, mag er ſelbſt prüfen und nachforſchen, unſere Sache iſt es nicht, ihn vor Schaden zu bewahren. In dieſer Angelegen⸗ heit wollen wir die Hände aus dem Spiel laſſen, ſchöne Frau, Jeder ſorgt am Beſten nur für ſich ſelbſt. Ich komme noch ein⸗ mal auf den Fall zurück, daß wir uns verlobten—“ „Ein unmöglicher Fall!“ „Unmöglich? Wenn ich Ihnen eine ſorgenfreie und glänzende Zukunft anbiete, würden Sie dann nicht vergeſſen, daß ich anderer Leute Diener und ſchuldlos im Gefängniß geſeſſen habe? Ich würde mich ja auch um Ihre Vergangenheit weiter gar nicht be⸗ kümmern, ſondern nur dafür ſorgen, daß Sie ein beſſeres Leben hätten, wie ſie es jetzt haben. Und was meine Perſon be⸗ trifft, ſo—“ „Aber ich bitte Sie, Johann, wie können Sie nur ſchon in der erſten Stunde des Wiederſehens daran denken?“ rief Madame Winkel, deren Wangen helle Gluth übergoß. Bleiben Sie hübſch bei der Sache, mein Freund—“ „Jr, hätte i Schuld d habe, Alſo zur zabe ic ſtse noch Sie gemi „Erkl und was „Sie zu entlat wir dieſe unſet Wi „Do⸗ wollen „Erp zweifeln, hafte Sun Majeratse Vorſchlag gegen Ba Goldgrub „Den Bch, ſo lange Drohung „Und „Den „Ver man ken Waffe be „Vit „Und „Dan Ggl vohann g irdunz wenn gen ihn er An⸗ iſt ein Sache elegen⸗ Frau, h ein⸗ änzende anderer 3 icht be⸗ Leben on be⸗ chon in Madame „Ja, ja, Sie haben Recht,“ erwiderte der Reitknecht lächelnd. „Wären Sie nicht eine ſo ſchine und liebenswürdige Frau, ſo hätte ich wirklich nicht daran gedacht, alſo tragen Sie ſelbſt die Schuld daran. Wir werden ſehen! Wenn ich erſt ein Kapital habe, werde ich auf dieſes Thema noch einmal zurückkommen. Alſo zur Sache wie die Advokaten ſagen! Meine Verdachtgründe habe ich Ihnen nun genannt, wenigſtens die wichtigſten, ich be⸗ ſitze noch andere, aber ſie ſind nicht ſo weſentlich, deshalb führe ich ſie heute nicht an. Und nun frage ich Sie, ſchöne Frau, wollen Sie gem inſchaftliche Sache mit mir machen?“ „Erklären Sie ſich deutlicher, was hätte ich dabei zu thun und was könnte ich gewinnen?“ „Sie unterſtützen mich in dem Beſtreben, den Majoratsherrn zu entlarven. Wir ſammeln Beide Beweiſe gegen ihn, und wenn wir dieſen Zweck vollſtändig erreicht haben, ſo verwerthen wir unſer Wiſſen in unſerm Intereſſe.“ „Das heißt mit andern Worten, auf dieſe Beweiſe geſtützt, wollen Sie Geld erpieſſen?“ „Erpreſſen? Nein! Aber Sie werden ſo wenig wie ich be⸗ zweifeln, daß Varon Udo uns gerne fer dieſe Beweiſe eine nam⸗ hafte Summe zahlen würde; er kommt durch ſie in den Beſitz des Majoratsgutes. Und wenn er, was nicht anzunehmen iſt, unſern Vorſchlag zurückweiſen wollte, ſo haben wir allerdings eine Waffe gegen Baron Edmund in den Händen, mit der wir uns eine Goldgrube öffnen können.“ „Denken Sie an das Schickſal des Hofmeiſters!“ Bah, der alte Mann war ein Narr. Man darf nicht drohen, ſo lange man nicht den Staatsanwalt hinter ſich hat. Der Drohung muß in der nächſten Stunde die Ausführung ſolgen!“ „Und was haben wir davon, wenn er ſich verhaften läßt? „Denken Sie nicht, daß er das thun wird!“ „Wer weiß! Ein ſolcher Maun iſt auf Alles vorbereitet, und man kann ihm keine Waffe zeigen, gegen die er nicht auch eine Waffe beſäße.“ „Wir wollen es darauf ankommen laſſen.“ „Und wenn er nun wirklich der verſchollene Majoratshert iſt?“ „Dann kann ihm natürlich Niemand etwas anhaben,“ ſagte⸗ Johann achſelzuckend,„und ich denke, wir werden das bald er 6 ——— — 8 fahren. Sin? wir überzeugt, daß er es iſt, ſo ziehen wir uns zurück, die Finge wollen wir uns nicht verbrennen. Aber ich habe bereits zu riele Molive, diee gegen dieſe Annahme ſprechen, und wenn wir behutſam zu Werke gehen, ſo—“ „Was habe ich dabei zu thun? „Si werden den Baron beſuchen.“ „Unter welchem Vorwande?“ „Du lieber Himmel, waren Sie nicht mit ihm be reundet? Bedarf es da noch eines Vorwandes?“ „Es wird ſür ihn kein angenehmer Beſuch ſein.“ „Was thut das zur Sache? Sie gehen hin und leißen ihn in der Heimath willkommen.“ Madame Winkel zog die Brauen ernſter zuſammen. „Wird er nilt glauben, ich komme nur deshalb, um eine Unterſützung von ihm zu ordern?“ fragte ſie. „Es kommt ganz auf Sie und Ihr erſtes Auftreten an, was er glauben wird. Die Hauptſache iſt ja die Frage, ob Sie in ihm den Baron Somund erkennen. Sodann werden Sie augen⸗ blicklich bemerken, ob er Sie wiedererkennt oder nicht. Iſt er's, ſo muß er Si⸗ beim erſten Blick wiedererkennen, er war genauer mit Ihnen befreundet, wie ich, und ich habe Sie ſofort erkannt.“ „Und wenn er mir die Thüre zeigt?“ „So nehmen Sie auch das geduldig hin und treſten Sie ſich mit dem Gedanken, daß wir Rache nehmen werden.“ Die Schauſpielerin hatte ſich von ihrem Sitze erhoben, ſicht⸗ bar erregt wanderte ſie langſam auf und nieder, während Johann die Photographien, die an den Wänden hingen, ſehr aufmerkſam betrachtete. „Es iſt eine ſchwierige und ſehr gefährliche Aufgabe,“ ſagte ſie nach einer Pauſe,„und dies umſomehr, wenn Ihre Ver⸗ muthungen bezüglich der Ermordung des Hofmeiſters auf Wahr⸗ heit beruhen.“ „Seien Sie unbeſorgt,“ erwiderte der Reitknecht,„ich werde Sie beſchützen. Und über meine Vermuthungen hoffe ich ſchon heute Abend einige Gewißheit zu erhalten. Sie haben ja nichts weiter zu thun, als ihn zu beſuchen und einige Worte mit ihm zu ſprechen,“ je nachdem er Ihnen entgegenkommt, können Sie den Beſuch verlängern oder abkürzen. Sie können ihm erklären, durch de ſä, ſonſt hoben, Geheinn „Da „Um ſihtig 5 rchen— frogte N „Nei „Er „Erle Portheil keine Rü ſobald e für ſein und hal Verrath redet ha Die fährlich lokung nanhafte Sie denen ſi doß dieſ natürlit Zeit no Und verlangt oh die 2 ſie konn knecht a „W lich das Erkläru ſucht hab eundet? chn in um eine , was Sie in angen⸗ ers, ſo genauer fan kannt.“ Sie ſich „ſicht⸗ Johaun ſagte re Ver⸗ Wohr⸗ ch werde h ſchon a nichts nen Sie rklären, — 879— durch den Tod Hurters hätten Sie erfahren, daß er heimgekehrt ſei, ſonſt würden Sie ſchon früher ihm einen Beſuch gemacht haben, aber laſſen Sie ihn nicht ahnen, daß Sie in eins ſeiner Geheimniſſe eingeweiht ſind.“ „Das bin ich auch wirklich nicht.“ „Umſo beſſer, es wird Ihnen dann nicht ſchwer fallen, vor⸗ ſichtig zu ſein. Mit dem Polizeirath dürfen Sie nicht darüber reden—“ „Wäre es nicht rathſam, mit ihm ein Bündniß zu ſchließen?“ fragte Madame Winkel raſch. „Nein!“ „Er würde uns ſchützen—“ „Erlauben Sie, er würde uns nicht geſtatten, unſern eigenen Vortheil wahrzunehmen. Polizeibeamte kennen in dieſer Beziehung keine Rückſichten, er würde den Abentheurer ſofort verhaften laſſen, ſobald er genügende Beweiſe gefunden hätte. Wenn Heller Sie für ſeine Pläne gewinnen will, ſo gehen ſie ſcheinbar darauf ein und halten Sie ihm mit halben Zuſagen und Vermuthungen hin. Verrathen Sie ihm aber ja nicht, daß ich mit Ihnen darüber ge⸗ redet habe.“ Die hübſche Frau war in Nachdenken verſunken, aber ſo ge⸗ fährlich ihr auch die Aufgabe erſchien, konnte ſie doch der Ver⸗ lockung nicht widerſtehen, durch die Löſung dieſer Aufgabe eine namhafte Geldſumme zu erwerben. Sie hatte freilich keinen Grund, mit den Verhältniſſen, in denen ſie lebte, unzufrieden zu ſein, aber ſie erinnerte ſich auch, daß dieſe Verhältniſſe früher glänzender geweſen waren, und der natürliche Wunſch regte ſich in ihr, die Annehmlichkeiten jener Zeit noch einmal zu genießen. Und es wurde ja auch nichts Großes und Schweres von ihr verlangt. Stand ſie dem Baron gegenüber, ſo wußte ſie ſofort, ob die Vermuthungen Johanns begründet waren oder nicht, und ſie konnte ſich dann immer noch zurückziehen und es dem Reit⸗ knecht anheimſtellen, die Aufgabe allein zu löſen. „Wohlan, ich will auf Ihren Plan eingehen,“ brach ſie end⸗ lich das Schweigen; aber ich binde mich noch nicht, eine definitive Erklärung gebe ich Ihnen erſt dann, wenn ich den Baron be⸗ ſucht hab.“ —— — — — — 880— „Ich bin damit zufrieden,“ erwiderte Johann, indem er ſich erhob und ihr die Hand reichte,„ich weiß, daß Sie nach dieſem Beſuch das Bündniß mit mir ſchließen werden. Und nun bitte ich Sie noch eiumal, von dem, was ich Ihnen geſagt habe nichts zu verrathen, ſchöne Frau, vor allen Dingen aber ſich vor dem Polizeirath zu hüten. Weiß er noch nicht, daß Sie die frühere gefeierte Florentine Rabe ſind?“ Rein „Er hat nie nach Ihrer Vergangenheit geforſcht?“ „Niemals!“ „Das begreife ich nicht.“ 5 „Und weshalb nicht? Nichts berechtigte ihn eine darauf be⸗ zügliche Frage on mich zu richten.“ „Ihre Freundſchaft—“ „So ſehr bin ich nicht mit ihm befreundet.“ „Er beſucht Sie nicht oft?“ „Nein,“ erwiderte Madame Winkel, die ihre Verlegenheit nicht ganz verbergen konnte,„ich ſah ihn ſelten und wenn unſere Be⸗ ziehungen auch freundſchaftlicher Natur ſind, ſo berechtigt ihn doch nichts zu vertraulichen Fragen.“ „Umſobeſſer,“ fagte Johann befriedigt, und wann wollen Sie nach Oſthofen kommen?“ „Vielleicht morgen.“ „Gut, kommen Sie zwiſchen elf und zwölf Uhr, ich werde Sie erwarten und Ihnen den Weg zum Kabinet zeigen. Anmelden darf ich Sie nicht, der Baron muß überrumpelt werden, damit er ſich nicht vorbereiten kann.“ „Er iſt in Oſthofen allein?“ „Mit ſeiner Tochter.“ „Ah, er hat er hat eine Tochter? fragte Madame Winkel erſtannt.„Von drüben mitgebracht?“ „Sie wurde ihm geboren, als er ſchon drüben war. Baron Udo hat ſich des verwaiſten Kindes angenommen—“ „Und jetzt iſt ſie natürlich erwachſen!“ „Und eine ſehr ſchöne Dame!“ „Bereits verlobt?“ „Nein. Der Sohn des Baron Udo ſollte ſie heirathen, aber ſie muß ihm wohl einen Korb gegeben haben, der junge Herr iſt ℳ — abgereſt ſollen da ſein, ich „Wir kene Toe Dinge in „o nur ſo in Frn wol wieder z ſhön gehl lauben, ge „Es 1 Vielle Iohar ſchob ſeir Einen Las ühel nicht dachte. Gelan, kommen, Madame 5 Vas h helle Zut Schwierig verwirklich Er b nur ein A etwachſene eine ſchall Danit denn ſoſot Weibet, 5 titeln kein Der R als et bem it nicht ere Be⸗ hn doch 0 n Sie de Sie mol nelden wit er abgereiſt und man ſagt, er werde ſobald nicht wiederkommen. Es ſollen da dunkle Geſchichten mit einem jungen Maler vorgefallen ſein, ich kann nicht recht dahinter kommen.“ „Wirkliche Liebesgeſchichten? fragte die Schauſpielerin, die“ keine Tochter Eva's geweſen wäre, wenn ſie ſich nicht für ſolche Dinge intereſſirt hätte.“ „Ja, natürlich, aber wie geſagt, ich weiß es nicht, man ſpricht nur ſo im Allgemeinen darüber. Und jetzt muß ich ſcheiden, ſchöne Frau, wahrhaftig, es hat mir recht große Freude gemacht, Ihnen wieder zu begegnen, und noch mehr freut es mich, daß Sie ſo ſchön geblieben ſind. Alſo leben Sie wohl, und wenn Sit er⸗ lauben, gebe ich mir recht bald wieder einmal die Ehre.“ „Es wird mir ſehr angenehm ſein.“ „Vielleicht morgen ſchon nach Ihrem Beſuche in Oſthofen.“ „Ich werde Sie mit Vergnügen erwarten.“ Johann nickte, bedeckte ſein Haupt mit der Jockeimütze und ſchob ſeine Hände in die Taſchen ſeiner Beinkleider. Einen luſtigen Marſch pfeifend verließ er das Haus. Das Projekt, die hübſche Frau zu heirathen, war wirklich ſo übel nicht, es geſiel ihm immer beſſer, je länger er darüber nach⸗ dachte. Gelang es ihm in den Beſitz einer namhaften Summe zu kommen, ſo konnte er damit eine Reſtauration eröffnen, und Madame Florentine war gewiß eine hübſche, imponirende Wirthin. Was hinter ihm lag, war vergeſſen, er blickte in eine ſonnen⸗ helle Zukunft hinein, und wenn nicht unerwartet gar zu große Schwierigkeiten auftauchten, ſo mußten ſeine ſchönen Projekte ſich verwirklichen. Er befand ſich in der heiterſten Laune, und es war wohl nur ein Ausfluß ſeiner gehobenen Stimmung, daß er einem halb⸗ erwachſenen Burſchen, der auf dem Trottvir gegen ihn anrannte, eine ſchallende Ohrfeige gab. Damit hatte er nun allerdings in ein Weſpenneſt geſtochen, denn ſofort erſchienen rechts und links, vor und hinter ihm einige Weiber, die des Mißhandelten Parthei nahmen und mit Ehren⸗ titeln keineswegs geizten. Der Reitknecht lachte darüber und ſetzte ſeinen Weg fort, aber als er bemerkte, daß der Mißhandelte ihm folgte, wandte er ſich Der Baſtard. 56 * ich eine Hand auf die Schulter and dem Polizeirath gegen⸗ In dieſem Augenblicke legte ſ Johanns, er blickte ſich um und ſ über. „Was macht Ihr da?“ fragte Heller vorwurfsvoll. „Nichts Beſonderes,“ antwortete der Reitknecht, dem dieſe Be⸗ gegnung nicht angenehm war,„wenn der Burſche da eine Caram⸗ bolage Parthie mit lebendigen Menſchen ſpielen will, dann muß er auch ſelbſt einen Puff hinnehmen.“ „Hat er Euch angegriffen?“ „Er iſt mir vor den Bauch gerannt, und ich habe ihm eine Ohrfeige gegeben.“ „Ihr ſolltet das nicht thun,“ ſagte der Polizeirath warnend, wißt Ihr doch ſelbſt, daß es Euch nur unangenehm ſein könnte mit der Pol zei in Berührung zu kommen.“ „Pah, iſt das jetzt nicht der Fal?“ „Ihr wißt ſehr wohl, was ich will.“ „Ich gebe das zu, aber drum laſſe ich mich doch nicht von jedem dummen Jungen beleidigen.“ Der Polizeirath ſchritt weiter, Johann mußte der Aufforde ung ihn zu begleiten, Folge leiſten. Was habt Ihr da ausge ichtet?“ fragte Heller leiſe. „Noch nichts.“ „Habt Ihr den Varon ſofort wieder erkannt?“ „Er erinnerte ſich meiner und bot mir die Stelle an. Ich habe einen guten Lohn, wenig Arbeit und eine freundliche Be⸗ handlung, mehr verlange ich nicht.“ „Habt Ihr nichts Verdächtiges bemerkt?“ Nein. Der Polizeirath zog die Brauen zuſammen, ſein Geſicht zeigte einen drohenden Ausdruck. „Weicht mir nicht aus,“ ſagte er mit ſcharfer Betonung,„ver⸗ geßt nicht, unter welchen Bedingungen ich Euch engagirt habe. Ihr befindet Euch ganz in meinen Händen, von mir hängt Euer Wohl und Wehe ab, ein Wort von mir— Laſſen wir das,“ fiel Johann ihm ärgerlich in die Rede,„ich 772 weiß das Alles beſſer, als Sie es mirſagen können. Wenn ich — —„ er mit 9 u offe Abend i „Jar „U „G „Ne „Ab geganger „ih zu nehn WVe Gt und gr „N des ehn Di „Di „N „St obachtet — 883— etwas Verdächtiges bemerkt hätte, würde ich es Ihnen mitgetheilt haben, ich weiß ja ſehr genau, was Sie zu erfahren wün chen.“ „So? Wißt Ihr das wirklich?“ „Jawohl. Sie halten den Baron für einen Abentheurer und Sie haben ſogar auf ihn den Verdacht geworfen, daß er der Mörder Benders ſei. Heller blickte ſich beſtürzt um. „Ob ich wirklich dieſen Verdacht hege oder nicht, könnt Ihr nicht beurtheilen, und es kümmere Euch weter auch nicht,“ ſagte er mit gedämpfter Stimme,„in jedem Falle aber iſt es unklug⸗ auf offener Straße darüber zu reden. War der Baron vorgeſtern ne Abend in der Stadt?“ „Jawohl.“ d,„Wann verließ er Oſthofen?“ te„Bald nach fünf Uhr.“ „Zu Fuß?“ „Nein, zu Pferde.“ „Und wann kam er zurück?“ on„Gegen Mitternacht.“ „Habt Ihr ihn begleitet?“ 9„Nein.“ „Aber als er heimkehrte, wart Ihr wohl noch nicht zu Bett gegangen?“ „Ich mußte ja warten, bis er kam, um das Pferd in Empfang zu nehmen.“ ſch„War der Baron aufgeregt?“ e⸗„Er hat mit mir nicht geſprochen, er warf mir den Zügel zu und ging dann in's Schloß.“ „Habt Ihr auch geſtern keine Aufregung an ihm bemerkt?“ „Nein, er war ernſt und ruhig wie immer.“ gte„Iſt in Oſthofen ſchon die Nachricht von dem plötzlichen Tode des ehemaligen Hofmeiſters Hurter eingetroffen?“ fragte Heller. er⸗„Der Verwalter ſprach heute Mittag mit mir darüber.“ he.„Der Baron nicht?“ uer ſ„Nein, er ſchien noch nichts davon erfahren zu haben.“ „So theilt ihm bei Eurer Rücktehr die Nachricht mit und be⸗ ih obachtet ihn,“ ſagte der Polizeirath;„ſagt ihm, der Hofmeiſter 56* — 884— habe nicht ſelbſt ſich das Leben genommen, er ſei ermordet wor⸗ den, und man werde den Mörder ſchon entdecken.“ warf einen forſchenden Seitenblick auf ſeinen Beglei⸗ ter, ein ironiſcher Zug umzuckte dabei ſeine Lippen. „Fragten Sie mich deshalb, ob der Baron vorgeſtern in der Stadt geweſen ſei?“ erwiderte er.„Ich kann mir doch nicht wohl denken, daß er—“ Es iſt beſſer, Ihr denkt überhaupt nichts und richtet Euch nach meinen Befehlen,“ unterbrach Heller ihn barſch.„Entweder — oder, Walker! Halbe Arbeit lieben wir nicht, Ihr müßt Euch entweder ganz zu uns bekennen, oder Euren Weg nach eignem Ermeſſen gehen. Wählt Ihr das letztere, ſo könnte es ſehr wohl der Fall ſein, daß Ihr die gute Stelle bald wieder verliert.“ „Aber du lieber Gott, was ſoll ich denn ſac agen nn ich nichte zu ſagen weiß? Der Verwalter wollte mich auch zeren rſchen—“ „Dem braucht Ihr keine Antwort zu geben.“ „Das weiß ich, und deshalb thue ich's auch nicht.“ „Aber wenn ich frage, dann antwortet Ihr. Denkt nicht, es ſei Euer Intereſſe, mit dem Baron zu halten und ihn möglicher⸗ weiſe vor mir zu warnen—“ ſch ſch S „Das wäre ſehr überflüſſig, denn vor Ihnen t ſt er ſchon ge⸗ warnt,“ ſpottete Johann⸗ „Vor mir? Durch wen?“ „Er hat mir Auftrag gegeben, mich nach Ihnen zu erkundi⸗ gen. Dabei wünſcht er hauptſächlich zu wiſſen, ob Sie noch Po⸗ lizeidienſte thun—“ „Alſo fürchtet er mich?“ „Das weiß ich auch nicht. Ich fragte ihn, ob er Ihnen einen Auftrag geben wollte, aber er antwortete mir grob, ich ſollte mich an ſeine Befehle halten und mich um nichts weiter kümmern.“ Der Polizeirath ſchüttelte befremdend den Kopf. „Wer mag ihm nur verrathen haben, daß ich ihm nachforſche?“ agte er.„Er kann mich nicht erlannt haben, als ich bei ihm war. Sollte der Verwalter— apropos, auf welchem Fuße ſteht der Verwalter mit ihm?“ „Auf einem freundſchaftlichen gewiß nicht, denn der Baron hat mich vor dem Verwalter gewarnt,“ erwiderte Johann. ſih f nicht tige Duel ſucht den 3 4 der B einige wunkt, nicht es eit ob de Abrei beobach ——— = beobachtet ſcharf. Sobald Ihr etwas entdeckt, was für mich eini⸗ — 885— „Das will am Ende nicht viel bedeuten. Erinnert der Baron ſich noch aller früheren Ereigniſſe.“ „Ich habe noch keine Gelegenheit gefunden, ihm ſcharf auf den Zahn zu fühlen. Dann und wann läßt ſein Gedächtniß ihn im Stich, aber er erinnert ſich des Vergeſſenen dann bald wieder darüber läßt ſich eben gar nichts Sicheres ſagen.“ „Wie ſteht er mit ſeiner Tochter?“ „Sie kommen wenig zuſammen; Baroneſſe Klara ſcheint nicht ſehr an ihm zu hangen.“ „Und mit ſeinem Bruder hat er ſich ganz überworfen?“ „Er ſpricht nicht von ihm und beſucht ihn auch nicht.“ Heller war ſtehen geblieben, ſeine blitzenden Augen hefteten ſich feſt auf den Reitknecht. „Ihr werdet ihm ſagen, ich ſei penſionirt und kümmere mich nicht mehr um Polizeiangelegenheiten,“ verſetzte er,„ich beſchäf⸗ tige mich nur noch damit, Forderungen einzukaſſiren, verſtanden?“ „Wird er das glauben?“ „Das überlaſſe ich ihm, ſagt nur, Ihr wüßtet es aus guter Quelle. Dann aber fühlt ihm einmal gründlich auf den Zahn. ſucht zu erforſchen, wie weit ſein Gedächtniß reicht. Ihr habt ja den Florian Bender auch gekannt?“ „Natürlich, er war damals—“ „Na, dann bringt einmal die Rede auf ihn und hört, was der Baron ſagt. Vielleicht findet Ihr auch in ſeinen Papieren einigen Aufſchluß über ſeine Vergangenheit oder doch einen Halt⸗ punkt, der zu irgend einer Spur führt. Ihr dürft die Hände nicht in den Schooß legen, dürft auch keine Mittel ſcheuen, wenn es einen großen Zweck zu erreichen gilt. Gebt nur ſcharf Acht, ob der Baron Vorbereitungen zu einer ſchleunigen und heimlichen Abreiſe trifft—“ „Bah, daran denkt er nicht!“ „Das könnt Ihr nicht wiſſen!“ „Sobald die Arbeiten im Schloß fertig ſind, ſoll die Hoch⸗ zeit gefeiert werden.“ „Wie lange kann das noch dauern?“ „Immerhin noch einige Wochen.“ „Na, ich ſage Euch noch einmal, haltet die Augen offen und germaßen Werth hat, theilt es mir mit. Ihr könntet auch wohl zu erforſchen ſuchen, ob der Baron Gift, namentlich Blauſäure, beſitzt.“ „Eine Antwort wartete Heller nicht ab, er bog haſtig in eine andere Straße ein und ließ den Reitknecht ſtehen, der verduzt ihm nach blickte. „Gift!“ murmelte Johann.„Hm, gar nicht übel! Alſo war's richt g, er hat auf ihn Verdacht geworfen.“ Er ſchüttelte den Kopf und ging weiter. Er hatte allerdings geahnt, daß der Polizeirath dieſen Verdacht hegte, aber nun dieſe Ahnung eine Beſtätigung fand, beſtürtzte ſie ihn doch. Sollte der Baron wirklich dieſen Mord begangen haben? Es war nicht wohl glaublich, aber dennoch war vie Möglich⸗ keit, ja ſogar die Wahrſcheinlichkeit nahe. Uund hatte er wirklich dieſes Verbrechen verübt, ſo zeugte das von einer Verwegenheit und Raffinirtheit, die jeden Gegner dieſes Mannes erſchrecken mußten. Ohne es zu wollen, war Johann in ein Stadtviertel gerathen, in welchem er lange nicht geweſen war, in einem Viertel, in dem er als entlaſſener Sträfling eine Zuflucht geſucht und gefunden hatte. Hier wohnten Armuth und Laſter friedlich beiſammen, und wo⸗ hin auch der Blick ſich wenden mochte, traf er nur Schmutz und Lumpen. er Reitknecht in dem eleganten Jockeicoſtüm war eine ſeit⸗ ſame Erſcheinung in dieſen unſauberen Gaſſen, die mir ihren vie⸗ len Seitengäßchen ein Netz bildeten, in welchem nur ein Ortskun⸗ diger ſich zurecht finden konnte. Es fehlte nicht an Spelunken der niedrigſten Klaſſe, ſeuchte, modrige Kellerréume, in die man über ſchlüpfrige Stufen hinun⸗ terſtieg, und in denen nur Branntwein verkauit wurde. Johann hatte dieſe Spelunken oft beſucht, er kannte die Ge⸗ ſellſchaft, die da unten ſich verfammelte und ihre Heldenthaten auf dem Felde des Verbrechens erzählte, er hatte oft genug in ihrer Mitte geſeſſen und mit ihr allen Reichen den Tod geſchworen Jetzt waren die Verhältniſſe andere geworden; in der elegan⸗ ten Livree ſchien ihn Niemand zu erkennen, und dies beruhigte ihn, es bewog ihn ſogar, ſeine Wanderung fortzuſetzen. 8 Getin grün Naſe unter auyfl E ſtigen quelle verze * 5 3 en, it en — 887— Wie oft hatten dieſe zerlumpten Geſtalten mit einer gewiſſen Geringſchätzung auf ihn hi nuntergeſehen, ihn einen Neuling und grünen Jungen genannt, dem der rechte Wind noch nicht um die Naſe geweht habe! Jetzt konnte er ihnen zeigen, daß er mehr war als ſie, daß er ſie gründlich verachtete! Stolz und trotzig erhob er das Haupt, als ſich plötzlich eine unterſetzte breitſchultrige Geſtalt mit geſpreizten Beinen vor ihm aupflanzte. Ein wahrer Stierkopf mit vorſpringenden Backenknochen, wul— ſtigen Lippen und einem ſtruppigen La rt blickte mit weit hervor⸗ quellenden Augen in das plötzlich erbleichende Geſicht des Reit⸗ knechts, und das höhniſche Grinſen, welches die ſes rohe Geſicht verzerrte, machte es nur noch abſchreckender. Der ſchwarze Kaspar!“ ſagte Johann, einer Schritt zurück⸗ e und in ſeinem ſtarren Blick ſpiegelte ſich das Entſe etzen, welches dieſe gewiß unerwartete Begegnnng ihm einflößte. „Na, es iſt wenigſtens gut, daß Du mich noch kennſt, Jungel“ erwiberte der Vagabund.„Potz Teufel, Burſche, ſiehſt jo aus wie ein Zeiſig!“ Ein rohes Gelächter folgte bieſen Worten, es trieb dem Reit⸗ knecht das Blut heiß in die Sti: ne. „Haſt Dich alſo doch geduckt?“ fuhr der ſchwarze Kaspar höhniſch fort.„Na, ja, ich dachte mirs h, mit dem Maul ſchlagen ſie die Vornehmen todt, und wen ihnen ein Zuckerplätz⸗ chen angedoten wird, werden ſie ſo zahm, wie ein n Schvoßhündchen. 4 „Was ſoll das?“ fragte Johann ärgerlich.„Der Hunger thut weh, und ich bin über meine Handlungen Niemanden Rechen⸗ ſchaft ſchuldig.“ „Durſt thut auch weh.“ Johann griff in die Taſche, aber der ſchwarze Kaspar legte raſch die Hand auf ſeinen Arm. „Einen Bettelpfennig verlange ich von Dir nicht,“ ſagte er heiſer,„aber wenn Du da unten ein Glas tractiren willſt, habe ich nichts dagegen. Der Träumer ſitzt auch da unten und ſchläft in ſeiner gewohnten Weiſe mit offenen Augen, Du kennſt ihn ja den frommen Fridolin, der wegen Wechſelfälſchung mit uns in großen dem logirte. Ober willſt du deine Freunde nicht — 888— mehr kennen?“ fuhr er mit ſchroffer Betonung fort, ſtolz geworden?“ Die Verlegenheit Johanns wuchs mit jeder Secunde. Gab er dem früheren Zuchthausgenoſſen nicht nach, ſo durfte er ſich auf einen Auftritt gefaßt machen, bei dem er jedenfalls den Kür⸗ zeren zog, er kannte ja die Wuth dieſer Leute, die einem ehemali⸗ gen Genoſſen Stolz und Hochmuth nicht verziehen. „Bewahre,“ erwiderte er,„aber wenn ich mich in dieſer da unten zeige, wirds Skandal geben. „Hab keine Angſt, wer Dich verſpotten will, dem ſchlage ich die Zähne in den Rachen.. Wahr iſt's freilich, Du ſiehſt kurios aus—“ „Und deshalb wär's beſſer—“ „Dummes Zeug, die Meiſten werden Dich angaffen wie ein Wunderthier und Dich für einen Graf halten. Komm nur mit, es iſt nicht ſo ſchlimm, wie Du glaubſt, und im Nothfalle bin ich da.“ Johann folgte der breiten Geſtalt mit innerem Widerſtreben, er durfte ſich jetzt nicht mehr weigern, der ſchwarze Kaspar hätte möglicherweiſe ihn mit einem Fauſtſchlage niedergeſtreckt, er war zu Allem fähig, und ſein wild auflodernder Jůhzorn kannte keine F Der Vagabund ſtieg die dunkle, feuchte Treppe hinunter und ſtieß mit dem Fuß eine Thür auf. Der Blick fiel in ein niedri⸗ ges ewölbe, welches einige qualmende Talgkerzen matt erleuchte⸗ ten, und aus dem ein erſuckender Tabaksqualm dem Eintretenden entgegendrang. An den roh gerimmerten Tiſchen ſaßen zerlumpte Geſtalten, Vagabunden in des Wortes reellſter Bedeutung, und die Blick⸗ aller Anweſenden hefteten ſich auf Johann, während er ſeinem Begleiter in die entfernteſte Ecke des Raumes folgte. In dieſer Ecke ſaß der Mann, den der ſchwarze Kaspar den Träumer und frommen Fridolin genannt hatte, eine lange, ſchmäch⸗ tige Geſtalt mit hellblondem Haar und einem Geſicht, als ob er vor einer Minute aus dem Grabe auferſtanden ſei. „Da iſt er!“ ſagte Kaspar, auf ſeinen Begleiter zeigend. „Scheint ein großer Herr geworden zu ſein, aber es ſteckt nichts dahinter.“ „Biſt du etwide „A andre erfunde De nes He Finger knackte tig, ab und n wir ke Ding „6 „6 ergänzt pige 5 dafür. derie hlitze. gelehr „ finden „ dolin, Zug e Vorſch Der Träumer erhob das Haupt und ſah den Reitknecht ſtarr an, dann ſeufzte er tief auf. „Was er auch geworden ſein mag, er hats beſſer wie wir,“ erwiderte er. „Meinſt Du?“ ſpottete ſein Genoſſe, während er dem ſchmut⸗ zigen, in ſeinem Fett faſt erſtickenden Wirth einen Wink gab. „Möchte doch nicht mit ihm tauſchen.“ „Wie gehts, Fridolin?“ fragte Johann, der dem Geſpräch eine andre Richtung geben wollte.„Iſt das Ding noch immer nicht erfunden?“ Der Angeredete ſtrich mit der hageren Hand durch ſein dün⸗ nes Haar und ſeufzte abermals, dann zog er ſeine ſämmtlichen Finger, einen nach dem andern, aus den Gelenken, daß ſie knackten. „Erfunden?“ erwiderte er.„Im Kopf hab' ich's längſt fer⸗ tig, aber das Geld fehlt. Ich kann ja keine Verſuche machen, und wenn ich das Modell nicht fir und fertig hinſtelle, glaubt mir keine Seele.“ „Schnickſchnack!“ ſagte der ſchwarze Kaspar.„Wie heißt das Ding noch?“ „Ein Perpetuum mobile.“ „Ein Ding, was ſich immerfort bewegt und nimals ſtille ſteht,“ ergänzte Johann. „Das hat ja gar keinen Zweck?“ brummte Kaspar das ſtrup⸗ pige Haupt auf den Arm ſtützend.„Ich gebe keinen Pfenning dafür.“ „So ſprechen nur die, welche nichts davon verſtehen!“ erwi⸗ derte der Träumer, in deſſen glanzloſen Augen es plötzlich auf⸗ blitzte.„Wenn es keinen Zweck hätte, würden ſich nicht ſo viele gelehrte Männer damit beſchäftigt haben.“ „Haben Die's nicht herausgekriegt, wirſt Du's auch nicht er⸗ finden.“ „Erfunden hab' ich's ſchon, aber das Geld fehlt,“ ſagte Fri⸗ dolin, und wieder begleitete ein Seufzer dieſe Worte. „Ja, dus Geld!“ ſpottete Kaspar, der ſein Glas auf einen Zug ausgetrunken hatte,„vielleicht kann Dir der Zeiſig da einen Vorſchuß geben.“ „Maſinn!“ erwiderte Johann ärgerlich“ ich habe ſelbſt nichts.“ 0 „Haſt wenigſtens einen guten Dienſt,“ ſagte der Träumer. „Bei meinem früheren Herrn.“ „Was?“ rief der ſchwarze Kaspar erſtaunt.„Bei dem Baron? No, höre mal, die Geſchichte, die Du uns von dem erzählt haſt⸗ ſcheint mir auch nicht wahr zu ſein. Einem ſolchen Kerl wäre ich nicht mehr über die Schwelle gegangen.“ „Ich hab' dafür meine Gründe gehabt.“ „Hm— mußt das ſelbſt wiſſen, mir liegt weiter nicht daran. Deine ganze Lebensgeſchichte haſt Du ihm gewiß nicht erzählt?“ „Was geht ſie ihn an!“ „Iſt der Baron reich?“ fragte der Träumer.„Vielleicht gibt er mir die Mittel—“ „Hinaus werfen würd' er Dich ſagte Johann ſpottend „Von Künſtlern will er nichts wiſſen. Kürzlich hat er einem be⸗ rühmten Maler die Thür gezeigt.“ „Siehſt Du wohl?“ erwiderte Kaspar höhniſch.„Von den reichen Leuten haſt Du nichts zu erwarten, willſt Du etwas hat ben, mußt Du es Dir nehmen.“* Der Träumer zuckte die Achſeln und ſeufzte abermals. „Den Unſinn an den Nagel hängen und arbeiten, daß iſt beſſer!“ ſagte Johann.„Bei dem nehmen kommt auch nichts Gutes heraus, und das Ende trägt die Laſt.“ „Arbeiten!“ erwiderte Fridolin.„Was, wo, und bei wem?“ „Ich weiß nicht, was Du gelernt haſt.“ „Ich bin früher Schreiber geweſen.“ „Und das war Dein Unglück,“ ſagte der ſchwarze Kaspar „Die Schreibekunſt hat Dich verführt, den Namen des alten Schwanenthal unter einen Wechſel zu ſchreiben.“ „Was wollte ich denn machen? Die paar Groſchen, die ich verdiente, reichten zum Leben nicht aus und Schulden hatte ich mehr, wie Haare auf dem Kopf. Dabei mußte ich meine alte Mutter ernähren, die Frau war krank, und der Arzt verlangte, daß ſie kräftig eſſen ſolle.“ „Es gibt ja Armenvereine, die für alte Leute kräftige Suppen kochen,“ warf Kaspar ein. „Wirklich?“ ſpottete der Träumer.„Die Suppen ſollen ver⸗ teufelt mager ſein, aber die, welche ſie kochen, werden von Tag zu Tag fetter. Und der Teufel ſoll betteln, wenn er's nicht ge⸗ hat. haus „ dunn Bnber findel wenn 82 ten e ich ich alte ngte, ppen vel⸗ S wohnt iſt! Verſucht hab' ich'e, aber es kamen nur Pfennige heraus, und damit war mir nicht geholfen. Dem alten Schwanen⸗ thal war ich Geld ſchuldig, der Geizhals drängte mich, ich ſollte zahlen und hatte nichts. Na, da konnte ich denn in einer ſchwa⸗ chen Stunde der Verſuchung nicht widerſtehen, und fo ein armer Teufel, wie ich bin, wird immer gleich erwiſcht.“ „Die großen Herren ſündigen Jahr und Tag,“ nickte Kaspar, „und wenn ſie Gott und alle Welt betrogen haben, fahren ſie vierſpännig!“ „Und die kleinen Spitzbuben werden gehangen,“ fuhr Fridolin ſeufzend fort.„Der alte Schuft hätte auch das Maul halten kön⸗ nen, die Summe war nicht ſo groß, er konnte den Verluſt ertra⸗ gen, man weiß auch nicht, wie er ſein Vermögen zuſammengeſchaar⸗ hat. Was ſoll ich nun arbeiten? Meine Mutter iſt im Armen⸗ haus geſtorben, und den Fälſcher will Niemand beſchäftigen.“ „Und wodurch kamſt Du auf die unglückſelige Jdee mit dem dummen Ding, was ſich immer bewegen ſoll?“ fragte Johonn. „Es war immer mein Vorſatz, das ßerpetuum mooile zu er⸗ finden, ich wäre ein berühmter und reicher Mann geworden, und wenn ich Geld gehabt hätte—“ „Jetzt will ich Dir was ſagen,“ fiel der ſchwarze Kaspar ihm in's Wort,„ich hab' einen Plan, einen famoſen Plan. Deralte Schanenthal ſoll Dir das Geld geben.“ „Der? Eher ginge die Welt unter.“ „Es iſt ja nicht nöthig, daß er's freiwillig gibt.“ Dummes Zeug, Kaspar?“ „Poß Teufel, das iſt kein dummes Zeug! Wenn ich einen Plan habe, dann ſetz' ich ihn auch durch. Ich hab' ſchon früher daran gedacht und mich nach Allem erkundigt. Der alte Geiz⸗ hals iſt reich und wie alle reichen Leute mißtrau ſch. Mit Gewalt kann man auch nicht gut in ſein Haus eindringen, er hat ſeine Maßregeln zu gut getroffen. Jett weiß ich, wie wir's machen. Der Zeiſig da geht zu ihm und meldet ihm den Veſuch eines vor⸗ nehmen Herrn an, der Geld leihen will Ein gutes Geſchäft weiſt ein ſolcher Burſche nie von der Hand, alſo wird er darauf eingehen.“ Aber ich gehe nicht darauf ein,“ ſagte Johann. „Ach was es iſt gar nicht gefährlich. Am Abend gehen wir Beide hin, der fromme Fridolin ſpielt den Baron und ich bin der Bediente, für Anzüge werde ich ſchon ſorgen.“ „Und was dann?“ fragte der Träumer. „Dann viſitiren wir ſeinen Geldſchrank.“ „Und eine Stunde ſpäter hetzt er uns die Polizei auf den Leib.“ „Wenn das zu befürchten iſt, drehe ich ihm vorher das Ge⸗ nick um,“ ſagte der ſchwarze Kaspar kaltblütig, während er eine ſchmutzige Tonpfeife aus der Taſche zog und ſie aus einem leder⸗ nen Tabaksbeutel füllte. „Den Teufel auch!“ erwiderte Johann. „Was iſt denn weiter dabei? Nur ein Schuft weniger in der Welt, der längſt am Galgen hängen müßte.“ „Wenn er es verdient hätte—“ „Verdient hat ers hundertmal, aber dieſe Leute wiſſen das Geſetz ſo ſchlau zu umgehen, daß Niemand ihnen was anhaben kann. Ich mach' mir kein Gewiſſen daraus, einem ſolchen Lump den Hals umzudrehen.“ „Und wenn Du erwiſcht wirſt—“ „Davor hüten wir uns. Wenn ſie den alten Mann in ſei⸗ nem einſamen Hauſe finden, ſind wir über alle Berge. Ehe ihn Jemand vermißt und aufſucht, haben wir die Grenze ſchon hinter uns, in den erſten Wochen wird Niemand ihn vermiſſen. Der fromme Fridolin erwiderte nichts, er blickte ſtarr vor ſich hin. „Natürlich theilen wir,“ fuhr der ſchwarze Kaspar fort,„tau⸗ ſend Thaler bekommt der Zeiſig, wenn er nicht mit uns gehen und fortan gemeinſchaftliche Sache mit uns machen will. Und Dir kann's ja auch gleichzültig ſein, ob Du hier oder in Amerika Deine werthvolle Erfindung unter die Leute bringſt.“ „Das iſt allerdings ſehr gleichgültig, ſie wird mit ſchnelle die Reiſe über die ganze Erde machen.“ „Mich laßt nur getroſt aus dem Spiel,“ ſagte Johann. „Für Dich iſt ja gar keine Gefahr dabei,“ erwiderte Kaspar. „Selbſt wenn ich das mit Sicherheit wüßte, würde ich mich dennoch nicht betheiligen.“ „Biſt Du furchtſam geworden?“ „Ich will ein ehrlicher Menſch bleiben“. Gluthel kommt „K dus wi N „— vichts Dir Genoj und einfoc und oder — der mp ſei⸗ ihn ter or w⸗ hen Ind rika es⸗ — — 893— „Das biſt Du nie geweſen.“ „Hüte Deine Zunge!“ fuhr Johann empört auf. „Hüte Du ſie ſelbſt! Wenn Du jetzt auf Deine Livree pochen willſt, ſo finde ich das lächerlich, wirſt ſie bald wieder ausziehen müſſen.“ „Um mein eigener Herr zu werden!“ „Willſt Du das werden, weshalb haſt Du dann die Lioree angezogen?“ ſpottete der ſchwarze Kasper, in deſſen Augen die Gluthen mühſam verhaltenen Zorns loderten.„Du warſt esja vorher ſchon! Wer einmal in dem großen Hauſe geweſen iſt, der kommt auch immer wieder hinein. Thue was Du willſt, mit all' Deinen guten Vorſätzen bringſt Du es doch nicht auf einen grünen Zweig, Du mußt vorwärts auf dem Wege, der immer wieder in das große Haus mit den vergitterten Fenſtern zurück⸗ führt.“ „Das will ich abwarten!“ „Narr, Du könnteſt Dir ſelbſt ſagen, daß es Thorheit iſt auf Beſſerung zu hoffen. Und ſind wir denn nicht ſo gut, wi⸗ andere Menſchen? Wir nehmen uns unſer Recht—“ „Thut was Ihr wollt, aber mich laßt aus dem Spiele,“ fiel Johann ihm in's Wort. „Oho, Du willſt uns verrathen?“ „Daran denke ich nicht.“ „Kerl, Du ſiehſt mir ganz aus, wie ein Spion! Wenn ich das wüßte, drehte ich Dir einen Strick um den Hals!“ „Mach' Dir meinetwegen keine unnöthige Mühe, ich werde nichts verrathen, aler Du kannſt mich auch nicht zwingen, mit Dir gemeinſchaftliche Sache zu machen.“ „Der Lump iſt ſtolz geworden!“ ſagte Kaspar, ſich zu ſeinem Genoſſen wendend, der an der Unterhaltung keinen Antheil nahm und mit dem Zeigefinger Figuren auf den Tiſch zeichnete. „Auch das iſt nicht wohr,“ erwiderte Johann,„ich hab' nur einfach meinen Weg vorgezeichnet und will ihn gehen, daran kann und ſoll mich Niemand hindern. Ob der alte Geizhals heute oder morgen um die Ecke geht, iſt mir genz gleichgültig, und wenn ſeine Leiche gefunden werden ſollte, ſo werde ich ſchweigen⸗ Und jetzt laßt mich gehen, ich habe noch Pflichten zu erfüllen.“ Er warf einen Thaler auf den Tiſch, und der ſchwarze Kas⸗ — 894— 3 par ließ ihn wirtlich unbehelligt gehen, er ſandte ihm nur einen tückiſchen haßerfüllten Blick nach. Wie aus einem Traume erwachend, ſah der fromme Fridolin ſeinen Genoſſen an. ſt er ſort ſr „Meinetwegen kann er zum Teufel gehn!“ murrte Kaspar, indem er ihm eine dichte Rauchwolke ins Geſicht blies. „Hätteſt ihm nicht Deinen Plan verrathen ſollen. Wenn ſolche Burſchen einen guten Rock am Leibe haben, wiſſen ſie vor Hoch⸗ muth ſich nicht zu laſſen.“ „Fürchteſt Du, er werde uns verrathen?“ „Man kann's nicht wiſſen! Fähig halte ich ihn dazu“ Der ſchwarze Kaspar ſtierte lange vor ſich hin und hüllte ſich immer dichter in Rauchwolken ein, die Bedenken ſeines Genoſſen hatten doch Eindruck auf ihn gemacht. „Ich werd ihn zwingen, mit uns zu halten,“ ſagte er nach einer Weile.„Er ſoll das Zeiſiggefieder wieder ablegen, dann wird er ſchon Vernunft annehmen!“ Potz Teufel, will der Kerl mehr ſein, w wir? Werd's ihm beweiſen, daß er von uns ab⸗ hängt, er ſoll zu Kreuz kriechen und uns danken, wenn wir ihm ein Almoſen geben.“ Er ſchlug bei den letzten Worten mit der Fauſt aufden Tiſch, daß die Gläſer klirrend in die Höhe fuhren, und der fromme Fri⸗ dolin nickte ihm zu, als ob er ſagen wolle, mit dieſem Vorſatz ſei er ganz einverſtanden. Majora einſchlu Es ſchein beſeiti D Schwe in hö Eintrei Polizei Zwec D — und ledig 2 vorw Lerfi volle werd 6 jung Mon gewiß 35. Kapitel. Geiz und Habſucht. Johann hatte Oſthofen noch nicht lange verlaſſen als auch der Majoratsherr ſich auf ſein Roß ſchwang und den Weg zur Stadt einſchlug. Es war in ſeinem Innern nicht ſo ruhig, wie er ſich den An⸗ ſchein gab, ernſte Beſorgniſſe quälten ihn, die ſich nicht ſo raſch beſeitigen ließen. Die Entdeckung, daß der Mann, der ſich ihm als Sachwalter Schwanenthals vorgeſtellt hatte, ein Polizeirath war, hatte ihn im höchſten Grade beunruhigt. Wie kam Schwanenthal dazu, gerade dieſen Mann mit der Eintreibuug ſeiner Forderung zu beauftragen, und was hatte den Poltzeirath veranlatzt, ſich unter ſalſchem Namen vorzuſtellen?“ Ein beſtimmter Zweck lag dem gewiß zu Grunde, und dieſen Zweck wollte der Baron erforſchen. Die Angelegenheit mit dem Wucherer mußte geordnet werden, und war dies geſchehen, ſo ſollte auch eine andere Frage zur Er⸗ ledigung kommen. Die Aenderungen im Innern des Schloſſes ſchritten rüſtig vorwärts, der Bankier Becker hatte ſeine Kaſſe bereitwillig zur Verfügung geſtellt, binnen wenig Wochen konnte die Renovation vollendet ſein, und dann ſollte ohne Verzug die Hochzeit gefeiert werden. Sofort nach der Hochzeit gedachte Baron Edmund mit ſeiner jungen Frau eine weite Reiſe anzutreten, von der er erſt nach Monaten zurückzukehren wollte, bei ſeiner Heimkehr waren dann gewiß alle früheren Ereigniſſe vergeſſen. — 896— Ein Leben in Pracht und Ueberfluß ſollte dann beginnen, der reiche Schwiegervater mußte den Ausfall decken, wenn die Aus⸗ gaben die Einnahmen überſtiegen, dafür war ſeine ſchöne Tochter Baronin von Oſthofen geworben. Aber Eins drohte dieſen ſchönen Plan zu durchkreuzen: die Abneigung der Baroneſſe Klara gegen Roſa. Dieſe Abneigung wuchs mit jedem Tage, ſie war gegenſeitig und der Baron hatte die Hoffnung, daß ſie ſchwinden werde, be⸗ reits verloren. Roſa beklagte ſich ſtets über die Kälte und Zurückhaltung hrer zukünftigen Stieftochter, der ſie ſo gerne eine Freundin wer⸗ en wolle, und Baron ſſe Klara ſprach mit unverholener Gering⸗ ſchätzung über die Bankierstochter, die ſie geradezu ein eitles ko⸗ kettes Geſchöpf nannte. Baron Edmund hatte unermüdlich den Verſuch gemacht, zwi⸗ ſchen Beiden zu vermitteln, aber dieſer Verſuch war geſcheitert er mußte ſcheitern, denn die Charaktere der beiden Mädchen waren zu ſehr verſchieden, als daß ſie jemals miteinander Jarmoniren könnten. Roſa wollte herrſchen, ihr Wille ſollte in Oſchofen allein maß⸗ gebend ſein, ſie wollte das Leben in vollen Zügen genießen und als die Gattin des Majoratsherrn von Oſthofen Triumphe fei⸗ ern. Vor ihr ſollten Alle ſich beugen, ihrem Wink Alle ge⸗ horchen. Barbneſſe Klara aber ſah in der eitlen, ſelbſtgefälligen Ban⸗ kierstochter die Kokette, die den Majoratsherrn mit ihren Reizen umgarnt hatte, die Penſionsdame, deren Wiſſen, mit dem ſie bei jeder Gelegenheit prahlte, nur eine oberflächliche Politur war, ein allerdings blendend ſchönes, aber daneben auch ſtolzes, hochmüthi⸗ ges Geſchöpf ohne Herz und Gemüth. Sie begriff nicht, daß ihr Vater das nicht erkannte, daß er ſich in das Netz dieſer Kokette hatte locken laſſen, und ihrer Ach⸗ tung vor ihm gab es einen gewaltigen Stoß, daß das Geld des Bankiers für ihn maßgebend geweſen war. Sie wurde dadurch dem Vater mehr und mehrentfremdet, ſein ſchroffer Bruch mit dem Bruder hatte dazu auch Vieles beigetra⸗ gen, und ihre häufigen Beſuche bei Onkel Udo und der Tante Adelaide, gaben ihr dieſe verlorene Achtung nicht zurück. ſ. 5 i d Lieſe ſch die er dieſe ſchuldig Und uß Kla Der ben&o Hoffuuns juridgen die Hein den, dieſ Ein Der Me verfolge Ba Parthi Erbe v Wu Sohne wieſen ſich gen Ba ſu Wihl tigen hetrn — 897— Dieſe Verhältniſſe lagen drückend auf dem Majoratsherrn, er ſah die Nothwendigkeit ein, daß ſie geändert werden mußten, daß er dieſe Aenderung ſeiner Braut und der Rückficht auf ſich ſelbſt ſchuldig war. Und eine Aenderung konnte nur dadurch ermöglicht werden, daß Klara von Oſthofen entfernt wurde. Der Baron würde jetzt gern ein die Verbindung Klara's mit dem Sohne ſeines Bruders eingewilligt haben, aber mit dieſer Hoffnung wars vorbei, Klara hatte die Werbung ihres Vetters zurückgewieſen, und Bruno durfte in Folge des Duells nicht in die Heimath zurückkehren, es war alſo keine Möglichkeit vorhan⸗ den, dieſe Verbindung jetzt noch zu Stande zu bringen. Ein andrer Gatte mußte für die Baroneſſe geſucht werden. Der Majoratsherr hatte darüber ſehr reiflich nachgedacht, er wollte jetzt zur Ausführung ſchreiten und mit aller Energie ſeinen Zweck verfolgen. Baroneſſe Klara von Oſthofen war jetzt noch eine glänzende Parthie, beim Tode ihres Vaters fiel ihr, wenn kein männlicher Erbe vorhanden war, das Majorat zu. Wurde aber die zweite Ehe des Majoratsherin mit einem Sohne geſegnet, ſo war Klara auf eine dürſtige Apanage ange⸗ wieſen und vorausſichtlich fand ſich dann ſo leicht Niemand, der ſich geneigt fühlte, um ihre Hand zu werben. Baron Edmuud wollte im Kreiſe ſeiner Standesgenoſſen Um⸗ ſchau halten und ſeine Wahl treffen, und billigte Klara dieſe Wahl nicht, weigerte ſie ſich, aus der Hand des Vaters den künf⸗ tigen Gatten zu nehmen⸗ ſo gab dieſe Weigerung dem Majorats⸗ herrn ein Recht, die ungehorſame Tochter aus ſeinem Hauſe zu entfernen. Wie man in ſeinen Kreiſen darüber urtheilen würde, war ihm gleichgültig. das Gerede der Leute kümmerte ihn nicht, ſein eige⸗ nes Inte eſſe ſtand ſtets im Vordergrund. Nur auf dieſem Wege konnte die allerdings paſſive, aber drum nicht minder unangenehme Oppoſition Klaras gebrochen werden und dies letztere mußte geſchehen, Baron Edmund glaubte es ſei⸗ ner Braut ſchuldig zu ſein. Der Baſtard. 57 — 898— Er gab ſein Pferd im Hotel ab und trat in Gedanken ver⸗ tieft den Weg zum Hauſe Schwanenthals an. Es war ein unangenehmer Gong für ihn, um ſo unangeneh⸗ mer, weil er den alten Mann ſo hochmüthig abgefertigt und mit ſeiner Forderung zurückgewieſen hatt, aber die veränderten Um⸗ ſtände machten ihn unvermeiblich. Abraham Schwanenthal zeigte nicht die mindeſte Ueberraſchung, als er das Gartenthor öffnend, dem Majoratsherrn gegenüberſtund; im Gegentheil, er ſchien ihn ſogar erwartet zu haben, das iro⸗ niſche Lächeln, welches ſeine Lippen umſpielte, bew es es. Nachdem er den herablaſſenden Gruß erwidert hatte, ſchritt er dem Edelmann vorauf in das keine Haus. „Sie werden natürlich wiſſen, weshalb ich mich herablaſſe, zu Ihnen zu kommen,“ nahm der Baron das Wort, als er in dem Zimmer angelangt war,„die Sache ſoll geordnet et ich will nſcht, daß mein Name vor Gericht genaunt wird. Sie die Schuld, ſo iſt die Sache geordnet,“ erwiderte der alte Mann lakoniſch, während er die Hornbrille dichter vor die Augen rückte,„ich denke, das ſei ſo einfach, daß es gar keiner weiteren Erklärung bedürfe.“ „Ihre Forderung war zu unverſchämt, hätte ſie ſich in den Grenzen der Beſcheidenheit gehalten, ſo würde ich ſie ſofort an⸗ erkannt haben. Ich weiß wirklich nicht, ob ich damals in der That das Geld von Ihnen empfangen habe—“ „Ihr früherer Reitknecht kann es bezeugen!“ „Sie irren, er ſteht wieder in meinen Dienſten, und er hat mir erklärt, daß er von dieſer Schuld gar nichts wiſſe.“ Abraham Schwanenthal ſchob die Brille haſtig auf die Stirne hinauf, und aus ſeinen grauen, funkelnden Augen traf jetzt ein ſtechender Blick das hochfahrende Geſicht des Edelmanns. „Das iſt allerdings ein gutes Mittel, einen unliebſamen Zeu⸗ gen ſtumm zu mechen,“ ſagte er mit ſcharfer Betonung.„Wenn der Burſche den Meineid auf ſein Gewiſſen nehmen will—“ „Beden en Sie gütigſt ihre Worte,“ rief der Baron gereizt „Ich wiederhole, wenn er einen Meineid ſchwören will, ſo mag er das vor dem eignen Gewiſſen zu verantworten ſuchen. Uebri⸗ gens kann ich einen Zeugen ſtellen, in deſſen Gegenwart der Reit⸗ erfol konn 31 ub ver⸗ wh⸗ ung, and; iro⸗ hat knecht mir geſagt hat, er erinnere ſich genau, daß Sie das Geld erholten hätten.“ „Dieſer Zeuge iſt wohl ein geheimer Polizeiſpion?“ fragte Baron Edmund verächtlich. „Wer und was er iſt, werden Sie immer noch früh genug erfahren, wenn er vor den Schranken des Gerichts ſteht.“ „Ich kenne ihn bereits, es iſt ein penſionirter Polizeirath⸗ Wie kommen Sie dazu, dieſen Mann mit der Eint tritn Ihrer For⸗ derung zu beauftragen?“ Schwanenthal zuckte die Achſeln und ließ die Brille auf ſeine Naſe zurückfallen. „Sie wollten auf dem Wege der Güte die Schuld nicht il⸗ gen,“ Sie er,„da mußte ich wohl zu andern Mitteln gre fen „Der Mann ſtelte ſich mir als Advokat Rabe vor!“ „Das war ſeine Soache; ich habe ihm in dieſer Beziehung kei⸗ mnen Rath gegeben.“ „Und wie kommen Sie dazu— „Der Herr iſt mit mir befreundet.“ „Sagen Sie mir die Wahrheit,“ erwiderte der Baron, in deſſen Augen der mühſam verhaltene Zorn jäh aufloderte.„Wir werden uns raſcher einigen, wenn Sie meine Fragen offen be⸗ antworlen und mir reinen Wein einſchenken. Muß es mich denn nicht befremden, wenn ein Polizeirath zu mir kommt, um mich an eine Schuld zu mahnen, unter fremdem Namen ſich mir vorſtellt und Fragen an mich richtet, die gar nicht zur Sache gehören?“ Der alte Mann zuckte wieder die Achſeln. „Ich kann Ihnen nur ſagen, daß ich mit ihm befreundet bin,“ erwiderte er.„Als ich Ihre Rückkehr erfuhr, habe ich mit ihm über meine Forderung an Sie berathen, und als Sie meiner Aufforderung nicht nachkamen, die Schuld nicht tilgen wohlten, er⸗ bot er ſich, das Geld einzutreiben. Ich hatte natürlich keine Ver⸗ anloſſung, dieſes Anerbieten zurückzuweiſin, und ich weiß auch ob er Nebenabſichten bei demſelben verfolgte.“ Noch immer ruhte der Blick des Majoratsherrn ſorſchend 3 ihm, ſo wahrſcheinlich dieſe Antwort auch klang, ſchien der Baron 3—— N och keinen Glauben zu ſchenken. 57* A — 900— „Hat der Polizeirath, der offenbar Nebenabſichten hegte, die mir allerdings unbekannt ſind, Ihnen übe. dieſen Punkt garnichts mitgetheilt?“ fragte er lauernd. „Nein.“ „Acußerte er nicht irgend einen Zweifel?“ „Ich erinnere mich wirllic keiner Aeußerung, die mich befrem⸗ bdet hätte.“ Baron Edmund legte jetzt ſeinen Hut auf den Tiſch und nahm auf dem Stuhle Platz, den Schwanenthal ihm ſchon S ange⸗ boten hatte. „Sie leben wohl ſehr einſam?“ fragte er. „Ich bin ein alter Mann und ſtehe allein in der Welt. 4 Früher war's anders, wenn ich mich recht erinnere.“ „Es war immer ſo.“ „Hm, vor zwanzig Jahren waren Sie noch nicht elt, man wollte damals behaupten, Sie ſeien den Frauen gefährlich.“ „Das war jedenfalls Verleumdung,“ ſagte Schwanenthal kopf⸗ ſchüttelnd,„ich bin nie verheirathet geweſen, und—“ „Die Junggeſellen ſind die Schlimmſten.“ „Mag ſein, aber auf dieſem Felde habe ich niemals Lorbeeren geſucht.“ „Waren Sie nicht damals mit meinem Hofmeiſter befreundet?“ „Nein.“ „Hm, ich glaube, wenn Sie Ihr Gedächtniß anſtrengen woll⸗ ten, würden Sie meine Frage bejahen müſſen,“ erwiderte der Ma⸗ joratsherr.„Man ſagte mir damals, der Hofmeiſter erhalte von jedem Darlehen, welches Sie mir machten, gewiſſe Prozente.“ „Wer das behauptet hat, der hat gelogen,“ erwiderte Schwa⸗ nenthal ruhig. „Es liegt ja weiter nichts daran,“ fuhr der Baron fort,„ich habe dem Hofmeiſter niemals Vertrauen geſchenkt, und es würde mir nicht einfallen, ihn für Dinge, die damals geſchehen ſind, verantwortlich zu machen.“ „Aber wenn ich Ihnen nun erkläre, daß ich den Mann gar nicht gekannt habe und auch heute noch nicht kenne—“ „Können Sie mir das auf Ehrenwort verſichern?“ „Jawohl!“ „Dann bin ich derzeit allerdings falſch berichtet worden.“ wei gelo nicht Die ſord io mi me Zi nit ie t — 901— „Die Verleumdung liegt ja auf der Hand! Ich habe nie mehr als ſechs Prozent Zinſen von Ihnen genommen, wie hätte ich davon noch Prozente abgeben können? Und was ſollte mich denn veranlaſſen, dem Hofmeiſter Prozente zu geben?“ „Es iſt wahr, Sie habe: Recht,“ ſagte der Baron.„Spre⸗ chen wir über die Forderung. Wie groß iſt die Geſammtſumme?“ „Etwas über zweitauſend Thaler.“ „Sie können nicht die ſämmtlichen Zinſen be echnen.“ „Ich bin dazu berechtigt!“ „So fordern Sie dieſelben von meinem Bruder. Als er das Majorat übernommen hatte, mußte er aus den Einkünften deſ⸗ ſelben meine Schulden tilgen.“ „Er hat es nicht gethan, und ich konnte ihn gerichtlich nicht dazu zwingen.“ „Aber Sie können mich auch nicht verantwortlich da ür machen.“ „Doch, Herr Baron! Sie hätten von Amerika aus An⸗ weiſung geben müſſen, daß dieſe Schuld getilgt werden ſolle, dann würde es geſchehen ſein.“ „Das wiſſen Sie auch nicht ſo ſicher.“ „Ihr Herr Bruder wäre gewiß dieſer Aufforderung nach⸗ gekommen.“ Sie haben das verſäumt, und ich erhielt mein Geld nicht, mit de ich eine ſchöne Summe hätte verdienen können. Die Zinſen ſind alſo das Wenigſte, was ich fordern kann und fordern muß.“ „Ich gebe Ihnen zwölfhundert Thaler.“ Der alte Mann rückte das Sammtkäppchen auf den Hinter⸗ kopf und machte eine ablehnende Bewegung. „Es iſt mir peinlich, mit einem ſo reichen Herrn feilſchen zu müſſen,“ ſagte er, ich hatte erwartet, Sie würden ohne Widerrede meine gerechte Forderung anerkennen und das Geld auf den Tiſch legen. Sagen wir; achtzehnhundert Thaler, ich erhalte dann nicht einmal die vollen Zinſen, geſchweige denn Zinſeszins.“ „Sie berechnen die Zinſen zu ſechs Prozent.“ „So ſteht's im Schuldſchein, den Sie unterſchrieben haben. Ich kann mit dem baaren Gel de mehr als ſechs Prozent ver dienen—“ „Dann begreife ich nicht, daß Sie es mir geliehen haben!“ 902— „Was thut man nicht für die Ehre, mit einem Edelmann in Verbindung zu ſtehen! Ich konnte nicht ahnen, daß ich die Ehre ſo theuer bezahlen ſollte.“ Der Majoratsherr biß auf die Lippe, ihm ſelbſt wurde dieſes Feilſchen peinlich. „Sie ſollen das Geld haben,“ ſagte er, ich ſchicke es Ihnen morgen.“ „Achtzehnhundert Thaler!“ „Jawohl, Sie werden meinem Reitknecht den Schuldſchein quittirt übergeben.“ „Es ſoll geſchehen.“ „Und wenn Sie den Polizeirath wieder ehen, ſo ſagen Sie ihm, Leute, die ſich mir unter einem falſchen Namen vorſtellten—“ „Ich werde ihn fragen, was er beabſichtigt hat.“ „Nein, nein, thun Sie das nicht, die Wahrheit würden Sie doch nicht erfahren. Aber Sie dürfen ihm ſagen, wenn er ſich in meinem Hanſe noch einmal blicken laſſe, ſo würde ich ihm die Thüre zeigen.“ Der Baron erhob ſich und nahm ſeinen Hut, dann ſchritt er langſam auf die Thüre zu, und der alte Mann ſolgte ihm. „Vielleicht fürchtete er, der Herr Baron könne es mir übel nehmen, daß ich einen Polizeibeamten mit der Eintreibung einer Forderung beauftragt habe,“ nahm Schwanenthal noch einmal das Wort,„vielleicht war dies der Grund, der ihn bewog, ſich unter einem andern Namen vorzuſtellen.“ „Welchen Grund er auch gehabt haben mag, eines Ehrenmann's iſt er nicht würdig,“ erwiderte der Majoratsherr,„ich glau e, das werden Sie auch zugeben. Solcher Mittel bedient ſich nur ein Menſch, der im Geheimen ſpioniren will, und Spione ſind mir ſtets verächtlich geweſen.“ „Ich glaube nicht, daß er das beabſichtigte.“ „Nun gut, ich werde es erfahren.“ „Und wenn die Rede darauf kommen ſollte, ſo mögen Sie ihm auch ſagen, ich mich würde am geeigneten Ort über ihn beſchwe⸗ ren, ſein Benehmen mache ſeinem Titel keine Ehre und er möge ſich vorſehen, daß er ſich nicht ſelbſt eine Grube grabe. Wer, wie ich, Jedem frei in's Auge ſehen kann, braucht Niemand zu fürch⸗ ten, auch einen Polizeibeamten nicht.“ vorl und er, chwe⸗ nige wie ürch⸗ 0— Sie waren an der Gartenpforte angekommen, Abroham Schwanenthal öffnete ſie und ſah ſich ſeinem Neffen gegenüber. Er zog die Brauen finſter zuſammen und warf ihm einen zornigen Blick zu, aber Bertram achtete nicht darauf, er grüßte den Baron und ſchritt an dem alten Manne vorbei in den Garten. Der Majoratsherr nahm Abſchied, Schwanenthal ſchloß die Pforte und trat in den Garten zurück. „Was führt Dich hieher?“ fragte er mürriſch. „Darf der Neffe ſeinen Onkel nicht beſuchen?“ erpiderte Bertram, der auf dieſen unfreundlichen Empfaug vorßereitet zu ſein ſchien. „Du ſcheinſt die Worte, die ich Dir bei Deinem letzten Beſuch geſagt habe, vergeſſen zu haben.“ „Das gerade nicht, aber ich kann mir nicht denken, daß Du das Alles im Ernſt geſagt haben ſollteſt,“ entgegnete der junge Mann, während er auf das Haus zuſchritt. „Im vollen Ernſt!“ ſagte Schwanenthal mit ſcharſe, ſchnei⸗ dender Stimme. „Das wäre ein Beweis der Herzloſigkeit—“ „Du haſt kein Recht darüber zu urtheilen! Ich kann thun und laſſen, was ich will, und ich habe keine Luſt einen Ver⸗ wandten zu unterſtützen.“ „Habe ich das verlangt?“ „Nichts And'res!“ „Nun wohl, dann war es doch nur eine einmalige Unterſtützung, die mir das Fundament zu einer geſicherten Er ſtenz bieten ſoll.“ „Ich habe mir dieſes Fundament ſelbſt ſchaffen müſſen.“ ertram ließ ſich auf d mſelben Stuhl nieder, auf dem kurz vorher der Baron geſeſſen hatte, der alte Mann ſtand vor ihm und ſah ihn mit einem böſen Blick an. „Mir iſt der Weg vorgezeichnet, den ich gehen muß,“ ſagte er,„ich darf ihn nicht verlaſſen, das wirſt Du zugeben.“ „Meinetwegen gehe ihn.“ „Natürlich werde ich das thun. Aber wenn Niemand mir die Hand bietet, ſo werde ich ein armer Teuſel bleiben, der Gehülfe Andrer; und eine beneidenswerthe Exiſtenz iſt bas nicht.“ „Habe ich Dich gezwungen, ſie zu wählen?“ — 904— „Wer ſpricht denn davon? Ich habe die Karriere gewählt, weil ich Luſt und Liebe dazu hatte, und ich bin weit davon ent⸗ fernt, das zu bereuen.“ „So mußt Du auch ſehen, wie weit Du auf dieſer Laufbahn kommen wirſt,“ ſagte der alte Mann ſpöttiſch. „Du biſt der einzige Verwandte, den ich beſitze—“ „Und wenn ich ſelbſt ein armer Teufel, würdeſt Du Dich meiner gar nicht erinnern.“ „Das iſt ein ſcharfes Urtheil, Onkel, eine Behauptung, für die Du gar keine Begründung haſt. Ich würde dann allerdings Dir nicht mit einer Bitte läſtig fallen, aber ich würde Dich des⸗ halb auch nicht verleugnen.“ Ueber das Geſicht des Wucherers glitt ein höhniſches Lächeln. „Ich kenne das beſſer,“ erwiderte er, den Sack ſchlägt man und den Eſel meint man.“ „Du biſt Geometer geworden und man ſagt, Du verſtändeſt Dein Fach, nun wohl, weshalb ſiehſt Du Dich nicht nach einer reichen Frau um. Heutzutage kann ein junger Mann, der nur einigermaßen eine geachtete Stellung einnimmt, jeden Tag eine reiche Frau finden—“ „Und wenn er dieſe Frau nicht liebt, was hat er davon?“ „Wenn er ſie nicht liebt? Was thue ich mit der Li be? Sie iſt keine Münze, mit der man zahlen kann, im Gegentheil, die Liebe koſtet immer Geld, ſie iſt eine koſtſpielige Sache. Dich an eine Putzmamſell zu feſſeln! Eine größere Dummheit als dieſe hätteſt Du nicht begehen können. Bertram zog die Stirne in Falten, ein herber Zug umzuckte ſeine Lippen. „Wenn Du meine Braut kennteſt, würdeſt Du anders über ſie vrtheilen,“ erwiderte er,„Du würdeſt zugeben, daß ich eine gute Wahl getroffen habe.“ „Ach was, im Brautſtande ſind ſie Alle Tauben, aber nach der Hochzeit ändert das ſich. Dann kommen die Krallen aus dem Sammtpfötchen—“ „Das fürchte ich nicht.“ „Du haſt noch keine Erfahrungen gemacht.“ „Waren die Erfahrungen, die Du gemacht haſt, ſo 35 k v A — wählt, n ent⸗ uſbehn 12i i9, für krding ch des⸗ Lächeln. bt man ch einer der nur 9 eine E 7 Sie il, die ich au dieſe mzuckte — 905— „So bitter?“ erwiderte der alte Mann höhniſch.„Ich habe die Weiber kennen gelernt und mit dem einen Male hatte ich genug. Ich war auch einmal verlobt, ſie war, wie Deine Braut, eine Putzmamſell und ich ein armſeliger Commis. Damals konnte man mit einem geringen Einkommen eine kleine Familie ernähren, die Lebensmittel waren nicht ſo theuer wie heute und den jetzigen Luxus kannte man noch nicht.“ „Der Luxus war zu allen Zeiten.“ „Ja, unter den vornehmen Leuten, aber der Mittelſtand wollte nichts davon wiſſen. Es fiel damals keiner Frau und keinem Mädchen aus dem Bürgerſtande ein, auf dem Kopfe einen Thurm von fremden Haaren aufzubäuen und ähnliche koſtſpielige Allotria zu treiben, was heute eine einzige Frau für ihre Toilette ver⸗ braucht, demit konnte man zu der Zeit eine ganze Familie ernähren.“ „Meine Laura—“ „Sie wird nicht beſſer ſein, wie jede Andre. Mir hat meine Braut auch ewige, vnverbrüchliche Treue geſchworen, ſie wollte mir den Hinmel auf Erden ſchaffen und ich ſchenkte ihr mein volles Vertrauen. Na, das Ende vom Liede war, daß ich ſie eines Abends in den Armen eines Andern fand. Der Andre war ein reicher Herr, und meine Braut war ein ſchönes Mädchen und Schönheit iſt ſelten mit Tugend gepaart.“ „Selten? Dies Urtheil iſt ungerecht—“ „Es ſtützt ſich auf Beweiſe. Der reiche Herr hat ſie natürlich nicht geheirathet, und wo ſie ſpäter geblicben, weiß ich nicht.“ Bertram ſchüttelte mit ernſter Miene das Haupt. „Diſe Erfahrung berechtigt Dich noch immer nicht, über meine Braut ein wegwerfendes Urtheil zu fällen,“ fagte er,„gegen ein ſolches Urtheil muß ich proteſtiren. Und ſo ganz arm iſt meine Braut auch nicht—“ „Der verrückte Maler hat ihr tauſend Tholer geſchenkt.“ „Und dieſe Summe wird zur Beſchaffung der erſten Einrich⸗ tung hinreichen,“ fuhr der junge Mann ſort. Aber die Haupt⸗ ſache iſt, daß ich ſelbſtſtändig werde, daß ich die Mittel erhalte, mir ein Vermögen zu erwerben.“ „Hm, ich war auch rur auf mich angewieſen und hab's doch fertig gebracht, mir hat Keiner Mittel geboten—“ 6 —— „Es war eine andre Sache, Du hatteſt nur für Dich allein zu ſorgen, und daß Du ſo reich werden würbeſt, wie Du es ge⸗ worden biſt, haſt Du derzeit auch nicht erwartet!“ „Ich bin nicht reich“ „Weshalb willſt Du es leugnen? Jedermann weiß es!“ „Ich habe Niemand in meine Taſche ſehen laſſen,“ erwiderte Schwanenthal barſch,„alſo kann auch Niemand wiſſen, wie viel ich beſitze.“ „Ich will das auch nicht wiſſen—“ „Bah, es iſt ja Dein größter Wunſch, das zu erfahren! Ich habe ſo viel, daß ich ohne Sorgen leben kann—“ „Du haſt mehr und wenn Du von dieſem Ueberfluſſe mir nur einen geringen Theil geben wollteſt, ſo wäre mir damit ge⸗ holfen. Ich würde es als ein Darlehen betrachten und Dir Sicher⸗ heit dafür geben—“ „Welche?“ fragte der alte Mann haſtig. „Es ſind mir einige Grundſtücke ſehr preiswürdig angeboten worden, ich würde ſie kaufen und parzelliren und ſodann ſie mit Häuſern bebauen. Es fehlt an bequemen, nicht zu theuren Woh⸗ nungen für Beamte und kleine Renrner, ich würde eine kleine Vorſtadt anlegen und—“ „Hallo, ein ganzer Sack voll großer Roſinen!“ rief der alte Mann ſpöttiſch.„Dieſe Idee gehört in's Tollhaus!“ „Wenn Du mich nur ruhig anhören wollteſt—“ „Unſinn! Ich kann meine Zeit beſſer verwenden. Keinen Heller in der Taſche und eine ganze Vorſtadt bauen! Wenn Du ſie wirklich hauſt, vergiß nur den Schuldſchein nicht, Du würdeſt ſonſt die Wohnung für Dich ſelbſt vergeſſen!“ Bertram nagte unwillig an der Unterlippe, der herbe Spott verletzte ihn. „Die Idee iſt geſund und lebensfähig!“ ſagte er,„und ich wäre der Mann, ſie auszuſühren. Mit fünftauſend Thalern wäre mir geholfen,„ich würde als Beſitzer der Grundſtücke gewiß Ka⸗ pitaliſten genug finden, die mir das Geld für die Baukoſten vor⸗ ſtrecken.“ „Das nennt man mit Schulden anfangen!“ „Nicht doch, das Geld iſt ja nicht verloren. Ueberhaupt kann die A non ruht — 907 bei dieſem Unternehmen nichts verloren werden, die fertigen Häuſer finden gewiß ſoſort und zu guten Preiſen Käufer—“ „So ſuch' den Narr anderswo, der ſich bei dieſem Schwindel betheiligt,“ fiel ihm der alte Mann in die Rede.“ Wenn Du noch die Abſicht hegteſt ein Pfandgeſchäft zu errichten! Dabei kann man immer etwas herausſchlagen—“ „Damit mag ich nichts zu ſchaffen haben!“ ſogte Bertram ent⸗ rüſtet.„Auf dem Gelde, das in ſolchem Geſchäft verdient wird, ruht der Fluch des Armen, es kann keinen Segen bringen.“ „Narr, Geld iſt Geld!“ „Mag ſein, aber nicht auf allem Gelde ruht Segen.“ „Es kommt nur darauf an, wie man es verwendet, Häuſer⸗ ſpeculation ſtelle ich dem Hazardſpiel gleich, glückt's, kann man ein reicher Mann werden, und glückt es nicht, ſo iſt man über Nacht ein Bettler.“ „Mein Unternehmen iſt keine Speculation.“ „Jawohl iſt es das, und ich gebe dazu keinen Pfenning her!“ „Ich gebe Dir ja erſte Hypothek!“ „Danke! Wenn die Speculation mißlingt, kann ich mit den Hypoth kakten die Pfeifen anzünden, mehr Werth haben ſie dann nicht.“ Bertram zuckte die Achſeln, er ſah jetzt ein, daß der alte Geſz⸗ hals ſich nicht belehren laſſen wollte, daß alle weiteren Worte verſchwendet waren. „Darf ich Dir meine Braut vorſtellen?“ fragte er. „Wozu das? Ich trage kein Verlangen, ſie zu ſehen.“ „Das heißt mit anderen Worten, Du willſt die Bande, die uns aneinander kettet, nicht anerkennen!“ „Wenn ich das wirklich nicht wollte, ſo wäre es meine Schuld nicht,“ erwiderte Abraham Schwanenthal.„Du biſt der echte Sohn Deines Vaters, er war auch ein Projektenmacher, deshalb iſt er auch auf keinen grünen Zweig gekommen. Es ging ihm wie Dir, er trug ſich immer mit neuen Ideen und von jeder Idee hoffte er— „Mein Vater war ein Ehrenmann!“ „Soll das ein Vorwurf für mich ſein?“ „Durchaus nicht.“ „Faſt ſcheint es mir doch ſo, dein Vater pochte auch immer 6 S auf ſeine Ehre, von meinem Geſchäfte wollte er nichts wiſſen, hal. 4 aber ich wurde ein reicher Mann und er blieb ein armſeliger e hun Lump.“ A „Ich kann darüber nicht urtheilen,“ ſagte Bertram erbittert, den St „ich weiß uur, daß das Unglück meinen armen Vater verfolgt hoben hat, und daß er nichts thun wollte, um das Glück zu erzwingen. aber di Es iſt nicht immer ehrenvoll, ein reicher Mann zu ſein, es kommt ter ſein darauf an, wie man es geworden iſt.“ boh Der alte Mann hatte die Brille wieder auf die Stirne hinauf⸗ bes alte geſchoben, das Wetterleuchten in ſeinen Augen verkündete den nahen„De Sturm.„De „Was ſoll das heißen?“ fragte er. tunn ke „Ich will nur beweiſen, daß Du kein Recht haſt, die Ehrenhaf⸗„U tigkeit meines Vaters zu bezweifeln.“ gründer „Und daneben willſt Du mir den Vorwurf machen, ich habe 3 mein Vermögen nicht in ehrenhafter Weiſe erworben.“ Dich: „Habe ich dieſen Vorwurf ausgeſprochen?“ fragte Bertram ochte. gereizt. Anhei „Man läßt oft Gedanken erratheu, die man nicht auszuſprechen ſichet wagt!“ ite ve „Ich habe keinen Vorwurf beabſichtigt, aber daß es mich er⸗ ſe. S bittern muß, bei Dir keine Theilnahme und Hülfe zu finden, das geben wirſt Du begreiflich finden.“ 1 „Die Schuld liegt an Dir.“ finten, „An mir gewiß nicht.“ „An Deiner Dummheit, wenn das beſſer lautet. Gib der Putz⸗ toit e mamſell den Laufpaß und mache mir ſür die Zukunft einen ver⸗. nünftigen Vorſchlag, dann werde ich mich nicht länger weigern, Dir unter die Arme zu greifen.“ Der junge Mann warf das Haupt trotzig zurück, jetzt loderte auch in ſeinen Augen der lang verhaltene Grimm auf. „Du weißt ſehr wohl, daß ich dieſe Bedingung nimmermehr erfüllen werde,“ ſagte er,„thäte ich's, ſo entehrte ich mich ſelbſt. fündt Ich habe meiner Braut für Zeit und Ewigkeit Treue geſchworen, meinen Schwur werde ich halten. Und das projektirte Unterneh⸗ men kann ich ruhig der Prüfung jedes vernünftigen Mannes unterbreiten, Niemand mird mir den Vorwurf machen, daß es eine ſchwindelhafte Spekulalion ſei.“ U es nehr ren, neh⸗ nes — 909— „So bin ich der Einzige, der anders denkt!“ ſpottete Schwanen⸗ thal.„Und ich denke, das Recht dazu wird mir Jeder einräumen, es handelt ſich ja um mein Geld.“ „Und die Liebe zu dieſem Gelde iſt's, was Dir nicht erlaubt, den Sohn Deines Bruders zu unterſtützen! Geiz und Habſucht haben Dein Herz verhärtet und Dein Gewiſſen eingeſchrumpft, aber die Stunde wird kommen, in der dieſer unbeſtechliche Rich⸗ ter ſeine Stimme erhebt, um Dich anzuklagen.“ Hohn und Spott zuckten um die ſchmalen, farbloſen Lippen des alten Mannes. „Der Neid ſpricht aus Dir!“ ſagte er ſarkaſtiſch. „Der Neid? Nein, ich beneide Dich nicht, auf Deinem Gelde kann kein Segen ruhen!“ „Und trotzdem willſt Du mit meinem Gelde ein Geſchäft gründen?“ „Ich verlange nichts von Dir, ich werde keine Bitte mehr an Dich richten,“ fuhr Bertram fort, dem das Blut in den Adern kochte.„Ich hatte bisher immer noch gehofft, Du werdeſt einigen Antheil an meinem Geſchicke nehmen, zumal ich Dich vor Verluſt ſicher ſtellen wollte, nun aber iſt es mir klar geworden, daß dies eine vergebliche Hoffnung war, und deshalb verzichte ich auch auf ſie. Selbſt iſt der Mann, und ich werde meinen Weg durch's Leben ſchon finden, wenn er auch nicht ſo glatt und eben iſt, wie ich es meiner künftigen Gattin wegen gehofft hatte Ich werde ihn finden, und wäre es nicht der Fall, ſo würde ich dennoch—“ „Es wird nicht der Fall ſen,“ warf Schwanenthal bos⸗ haft ein. „So werde ich eher an Andre als an Dich wegen einer Unter⸗ ſtützung mich wenden, vorausgeſetzt, daß ich nicht durchzukommen wüßte. Aber auch Dir wird einſt die Stunde der Reue ſchlagen, die Du heute noch verachteſt, Du wirſt in Deiner Todesſtunde—“ „Schweige!“ rief der alte Mann gereizt. „Ah, Du fürchteſt dieſe letzte Stunde? Der Gedanke von dem ſündhaft erworbenen Gelde ſcheiden zu müſſen erregt Dir Grauen?“ „Von dieſem Gelde wirſt Du nie einen Heller erhalten!“ „Ich weiß es und bin nicht traurig deshalb,“ ſagte Bertram, indem er nach ſeinem Hute griff.„gib es den Armen zwrück, denen Du es genommen haſt, vieleicht verzeihen ſie Dir.“ Abraham fuhr erſchreckt zuſammen und blickte durch das Fen⸗ ſter hinaus in den Garten, an deſſen Thor eben angepocht wor⸗ den war. „Keinen Heller!“ wiederholte er.„Und wenn Du ſammt Dei ner Familie am Hungertuche nagteſt.“ „So weit wird's nicht kommen,“ erwiderte Bertram, 3 lange ich arbeiten kann, werde ich meine Arme gebrauchen.“ „Und daß Du Dich hier nicht wieder blicken läßt!“ Ich würde— „Spare die Drohnungen, ich weiß, was Du ſagen willſt und werde mich der Unannehmlichkeit, Fitaustepieſen zu werden, nicht ausſetzen. Ich hatte nicht gedacht, daß es ſo weit kommen würde, aber nun es geſchehen iſt, mag es auch ſo bleiben.“ VT½ „Du haſt es gewollt.“ „Gewollt? Nein! Deine abſucht trägt allein die Schuld.“ „Beſſer ein Geizhals als ein Verſchender! Hätte ich das Geld in Spekulationsgeſchäften vergeuden wollen, ſo würde ich dazu Gelegenheit genug gefunden haben, ich brauchte zu dieſem Zwecke nicht auf Dich zu warten.“ Die Beiden waren jetzt am Gartenthor angekommen, Abraham Schwanenthal öffnete es, und Bertram ſchritt raſch an dem Poli⸗ zeirath vorbei hinau „Es war ein Glück, daß Sie kamen,“ ſagte der alte Mann, tief aufathmend. „Weshalb?“ fragte Heller ruhig, während er dem Geometer nachblickte, deſſen Aufregung ihm nicht entgangen ſein konnte. „Der Burſche fing an gefährlich zu werden, er hat Drohun⸗ gen gegen mich ausgeſtoßen.“ Der Polizeirath blickte den alten Mann forſchend an. „Das kann ich wohl nicht glauben,“ ſagte er.„Der junge Herr iſt ſonſt ſo rahig und beſcheiden, Sie werden ihn gereizt haben.“ „Bewohre. Er verlangte Geld, fünſtauſend Thaler, er nill Grundſtücke kaufen, und in Häuſerſpekulationen mein ſauer er⸗ worbenes Geld verlaboriren. Würden Sie es ihm gegeben haben?“ 2 „Was? Sie hetten es nicht gethan“ —— hab Hiod dies 3 Ben⸗ wor⸗ h das de ich dieſem cham tann, meter 5 . S ohun⸗ ben?“ 9 „Ich hätte es gethan, denn ich ſchenke ihm das Verträuen, daß er das, was er unternimmt, vorher reiflich überlegt.“ „Was thue ich mit der Ueberlegung eines jungen, unerfahre⸗ nen Menſchen,“ erwiderte Schwanenthal achſelzuckend. Er hatte mir vorgeworfen, ich ſei ein reicher Mann, und ich habe mein Geld nicht ehrlich verdient. Und es klang ganz ſo, als ob er mir vorwerfen wolle, mein Vermögen müſſe ihm doch früher oder ſpä⸗ ter zufallen, da ſei es gleichgültig, ob er einen Theil ſchon jetzt bekomme.“ „So ungerecht wäe dieſer Vorwurf nicht geweſen,“ ſagte Heller ruhig.„Sie könnnen fünftauſend Thaler entbehren, und durch die Summe wird er in den Stand geſetzt, ſei ne Zukunft ſicher zu ſtellen, alſo würden Sie ein gutes Werk thun, und wer das ohne beſondere Opfer thun kann, von dem darf man es auch verlangen.“ „Wirklich?“ ſpottete der alte Mann.„Das kann man wohl behaupten, wenn man nicht ſelbſt das Opfer bringen ſoll.“ „Wäre ich an Ihrer Stelle, ſo würde ich es ohne Bedenken bringen.“ „Ich hab' ihm etwas Andres geſagt!“ ſpotitete Schwanenthal, während er die Brille wieder dicht vor die Augen rückte,„ich ihm geſagt, er werde keinen Heller von mir bekommen, und dies Wort halte ich.“ „Das dürfen Sie nicht.“ „Ich kann mit meinem Gelde thun, was mir beliebt.“ „Gewiß, aber es iſt unklug, den Haß herauszufordern!“ „Mag er mich haſſen, er t ut's ohnedies, er würde mich ver⸗ giften, wenn er es könnte.“ „Hat er das geſagt?“ Mit dürren Worten nicht, aber aus ſeinen Aeußerungen ging es hervor. Ich habe ihm gedroht, er ſoll ſich hüten, meine Schwelle noch einmal u üherſchreiten.“ Der Polizeirath ſtrich mit dem Taſchentuch über ſeine naſſe Stirne und ſah dem alten Manne ſchweigend zu, wie er die Lampe anzündete. „Ich komme wegen Ihrer Forderung an den Baron von Oſt⸗ hofen zu Ihnen,“ ſagte er, nicht ahnend, daß das Thema, wel⸗ ches er ſoeben abgebrochen hatte, ſchon nach einigen Tagen ihm S lebhaſt wieder in's Gerächtniß gerufen werden ſollte.„Wie weit — 912 n2, iſt die Sache gediehen? Haben Sie die gerichtliche Klage ein⸗ haben. geleitet?“ E „Der Baron war vorhin hier“ erwiderte Schwanenthal. chal „Er ſelbſt?“„ „Jawohl, ich habe den Vergleich⸗ den er mir anbot, angenommen.“ zoßi „Die Sache iſt alſo geordnet?“ fragte Heller, den dieſe Nach⸗ richt eben nicht angenehm zu überraſchen ſchien.„ „Jawohl, ich erhalte morgen achtzehnhundert Thaler und gebe 6 den Schuldſchein zurück.“„ „Sie konnten nichts Beſſeres thun, as dieſen Vergleich anzu⸗ 6 nehmen. Er ſcheint alſo doch den Prozeß gefürchtet zu haben?“ und d „Wahrſcheinlich. Ich glaube, Ihr Beſuch hat ihm noch größere Furcht eingeflößt.“„ „Sprach er davon?“ „Wollen Sie mir eine Frage aufrichtig beantworten?“ „Fragen Sie nur.“ eine „Hatten Sie als Sie die Eintreibung dieſer Forderung über⸗ nahmen, eine perſönliche Nebenabſicht dabei?“ Der Polizeirath lächelte, als er den lauernden Blick des alten ließe Mannes ſo feſt auf ſich gerichtet ſah. „Weshalb ſtellen Sie dieſe Frage?“ erwiderte er. das l „Weil Sie ſich dem Baron unter einem faſchen Namen vor⸗ Schlo geſtellt haben!“ Sie: „Hat er ſelbſt Ihnen das geſagt?“ „Jawohl.“ „Und er war beunruhigt?“ „Er war entrüſtet.“ hinter ſcheinbarer Entrüſtung verbirgt ſich oft eine „Herr⸗ Furcht, die man nicht zeigen will,“ ſagte der Rath, während ſein gen Blick verſtohlen das Eulengeſicht des Wucherers ſtreifte;„haben nig ſie davon nichts bemerkt.“ „Sie können Recht haben, aber wollen Sie meine Frage nicht z beantworten?“ Ich könnte Ihnen ſagen, es habe in der Natur der Sache gelegen, mich unter einen andern Namen vorzuſtellen, ich war ja, Rolle eines Advokaten zu übernehmen, einem Polizeirath würde 5 u⸗ r⸗ — — 5— der Baron wegen einer Schuldforderung keine Rede geſtanden haben.“ „Das könnten Sie mir freilich ſagen,“ erwiberte Schwanen⸗ thal erwartungsvoll, als der Rath eine Pauſe machte,„aber—“ „Und Sie müßten es glauben! Aher ich will nicht leugnen, daß ich eine Nebenabſicht hatte.“ „Und welche, wenn ich fragen darf?“ „Sie werden mir geſtatten, daß ich darüber jetzt noch ſchweige.“ „Wiſſen Sie, was der Varon mir ſagte?“ „Nun?“ „Leute, die ſich eines falſchen Namens bedienten, ſeien Spione, und dieſe habe er immer veracktet.“ „Damit geſteht er, daß er Grund hat, Spione zu fürchten.“ „Er würde am geeigneten Ort ſich über Sie beſchweren—“ „Dazu wird er nicht den Muth haben!“ „Sie möchten ſich vorſehen. Sie könnten ſehr leicht ſich ſelbſt eine Grube graben.“ „Davor bangt mir nicht.“ „Und wenn Sie noch einmal in ſeinem Schloſſe ſich blicken ließen, würde er Ihnen die Thüre zeigen.“ „Jetzt will ich Ihnen etwas Andres ſagen,“ erwiderte Heller, das bisher geſenkte Haupt erhebend. Wenn ich noch einmal in's Schloß komme, könnte der umgekehrte Fall eintreten, verſtehen Sie mich?“ Nin „Dann müſſen Sie ſich gedulden, bis es Ihnen klar wird!“ Der alte Mann ſchüttelte den Kopf, es war für ihn wirklich ein Räthſel, welches er nicht löſen konnte. „Und nun frage ich Sie, ob Sie ihm meinen wahren Namen genannt haben?“ fuhr der Polizeirath fort. Es wäre ja möglich—“ „Nein, es iſt nicht möglich, denn ſeit ihrem Beſuch in Oſt⸗ hofen habe ich heute den Baron zum erſten Male geſehen.“ „So muß ein Anderer ihn unterrichtet haben.“ „Jedenſalls.“ „Und Sie können mir keinen Fingerzeig geben, wer dieſer Andre iſt?“ Der Baſtard. 58 5 „Nein geredet.“ „Johann Walker war auch nicht bei Ihnen?“ „Ich habe ihn nicht mehr geſehen.“ „Seltſam, ich werde nickt klug daraus,“ ſagte Heller ſinnend. „Er richtete eine kurioſe Frage an mich, nahm der alte Mann das Wort, vielleicht gibt ſie Ihnen Aufſchluß. Er wollte be⸗ haupten, ich müſſe mit ſeinem früheren Hofmeiſter befreundet ſein.“ „A— a— ah!“ rief der Polizeirath gedehnt. „Kommen Sie jetzt auf eine Fährte?“ „Vielleicht. Er wollte Sie ausforſchen?“ „So ſchien es mir.“ „Hm. Ich war vorgeſtern Abend bei dem Hoſmeiſter, kurz nachdem ich fortging, muß ein Anderer den alten Mann beſucht haben. Es iſt möglich, daß dieſer Andere mich ſah, als ich aus dem Hauſe kam, es iſt ferner möglich, daß dieſer Andere der Baron war. Nehmen wir dieſen Fall an; ſo mußte es natürlich den Baron befremden, daß der Aovokat, der Ihre Forderung ein⸗ kaſſiren wollte, den Hofmeiſter beſuchte—“ „Jetzt verſtehe ich, weshalb der Baron behauptete, der Hof⸗ meiſter habe von j dem Darleher an den Majoratsherrn Prozente erhalten.“ „Hat er das wirklich behauptet?“ eii „Es war eben nur ein Mittel zum Zweck; er wollte hören, was Sie darauf antworteten. Was haben Sie erwidert?“ „Daß ich den Hofmeiſter nie gekannt habe!“ „Hätte ich das voraus ſehen können, ſo würde ich Sie gebeten haben, ihm eine andere Antwort zu geben. Er wird den alten Mann gefragt und von ihm gehört haben, daß ich kein Advokat bin. Er hat ihm dann ſo lange mit Fragen zugeſetzt, bis er Alles wußte, was er zu erfahren wünſchte. So wird's ge⸗ weſen ſein.“ „Und iſt es Ihnen unangenehm?“ „Angenehm gerade nicht.“ „Durchkreuzt es Ihre Pläne?“ Ich habe mit Niemandem über dieſe Angelegenheit —— 15— WDer Polizeirath blickte auf und fuhr, wie aus einem Traume 4 erwachend, mit der Hand über die Augen. ch weis das noch nicht,“ erwiderte er,„aber es iſt mir uend ieb, daß ich über dieſe Sache im Klaren bin.“ umn„Der Varon hat doch kein Verbrechen—“ e⸗„Wo denken Sie hin?“ *„Wenn die Polizei einen Menſchen auf's Korn nimmt—“ Alter Freund, Sie wiſſen doch, daß ich penſionirt bin!“ Abraham Schwanenthal lächelte, er wußte es beſſer. „Die Kotze läßt das Mauſen nicht,“ ſagte er. Jetzt lachte auch der Rath, aber es war ein gezwungenes Lachen. „Wird der Baron ſelbſt das Feld bringen?“ fragte er. 6 8„Er hat geſagt, er wolle ſeinen Reicknecht ſchicken.“ 6½ 3„Es wäre möglich daß er ſelbſt läme, oder daß der Reitknecht beauftragt wäre, einige Fragen an Sie zu richten, die ſich auf mich beziehen. Wollen Sie in dieſem Falle verſchweigen, daß ich* bei Ihnen geweſen bin?“ „Wenn Sie es wünſchen, ja.“ „Ich wünſche es, denn es liegt in meinem Intereſſe!“ bo„Und auch in dem meinigem 7“ ente„Jedenfa 18,“ nickte Heller.„Der Baron würde auch auf Sie ſeinen Haß werfen, wenn er erführe, daß wir miteinander be⸗ Freundet ſind.“ „Das habe ich ihm geſagt.“ ren,„Sie hätten es nicht thun ſollen.“ Abraham Schwanenthal zuckte die Achſeln. „Ich mußte es ja rechtfertigen, daß Sie die Eintreibung meiner beten Forderung übernommen hatten,“ erwiderte er,„und da war es das ten Einfachſte, daß ich ihm die Wahrheit ſagte!“ okat„So ſchweigen Sie wenigſtens jetzt! Welche Frage auch über er Diefen Punkt an Sie gerichtet werden mig, beantworten Sie die⸗ ge⸗ ſelbe nicht, oder geben Sie eine ausweichende Antwort, die ihm Leinen Haltepunkt bietet. Sie haben den Hofmeiſter Hurter wirk⸗ Lich nicht gekannt?“ „Nein.“ Seltſam, daß er dieſe Frage an Sie richtete,“ ſagte der Po⸗ Frag 6 8 — 916— lizeirath ſinnend,„ich glaube ſie zeugt von innerer Angſt,— na, ich werde darüber Gewißheit erhalten.“ „Sie erinnern ſich wohl noch des Reitknechts und der Aus⸗ ſage, die dieſer Mann gemacht hat? Er behauptete ja, er wiſſe, daß ich dem Baron das Geld gegeben habe.“ „Ich erinnere mich deſſen,“ erwiderte Heller.„Und was weiter?“ „Der Majoratsherr ſagte mir, der Burſche, der wieber in ſeinem Dienſt ſtehe, habe erklärt, er wiſſe von dieſer Schuld nichts. Es iſt offenbar, daß der Baron ihn zu einem Meineid be⸗ wogen hat.“ Die ſtechenden Augen des Wucheres ruhten bei den letzten Worten lauernd auf dem Antlitz des Polizeiraths, deſſen Lippen ein ironiſches Lächeln umzuckte. „Sie haben ja dieſes Zeugniß nun nicht mehr nöthig,“ er⸗ widerte er.„Hätte der Burſche den Meineid wirklich geſchworen, ſo würde ich ihm ein Logis im Zuchthans verſchafft haben. Na, venken Sie an meine Worte, alter Freund und prägen Sie ſich die Fragen ein, die möglicherweiſe an Sie gerichtet werden, ſie werden jedenfalls für mich ein beſonderes Intereſſe haben. Dieſe kleine Gefälligkeit können Sie mir ſchon erzeigen, verbanken Sie es doch mir, daß die alte Forderung eingegangen iſt. Die Furcht vor mir hat den Baron bewogen, Ihnen den Vergleich anzu⸗ bieten—“ „Das glaube ich auch, obſchon eine gerichtliche Klage— „Wie ein Prozeß endet, weiß man im voraus,“ fuhr Heller fort, während er langſam auf die Thüre zuſchritt.„Ihr Advokat hätte ihn in die Länge ziehen können, um ſich den Löwenantheil zu ſichern, und das wäre Ihnen doch auch nicht angenehm ge⸗ weſen.“ „Gewiß nicht.“ „Es iſt mir lieb, daß Sie es einſehen. Ich werde morgen Abend zu Ihnen kommen um das Weitere zu hören. Und was Ihren Neffen betrifft, ſo hoffe ich, Sie werden ſich doch eines Beſſeren beſinnen.“ „Ich bin fertig mit ihm!“ „Ganz und gar?“* „Unter allen Umſtänden. Er iſt ungezogen gegen mich ge⸗ . ——— — weſeu, g wire nehn hat ſe Fn i ihn ju meine S langſe 6 et 9 5 der 5 L — unter reiche weiſte lizire N klar D hei ih geweſe De Rler vokat theil ge⸗ weſen, er hat mit Grobheiten mich beleidi mich ausgeſtoßen, daß kann i „Wirklich Drohungen?“ „Ich würde es ni wäre!“ „Sie werden ihn gereizt haben, man darf das ni nehmen. Der arme Junge möcht hat ſeine ganze Hoffnung au Ihn erbittern.“ „Er ſoll auf ſich ſelbſt hoffen; ich habe keine Verpflichtung, ihn zu unterſtützen, und dies am allerwenigſten, wenn er mit meinem Gelde ſpeculiren will.“ Sie ſtanden jetzt am Gartenthor, der alte langſam. „Denken Sie noch einmol ernſt darüber nach.“ ſagte Heller, „er iſt der Sohn ihres Bruders und Ihr einziger Verwandter.“ „Sein Vater war auch ein leichtfinniger Projektenmacher!“ „Dem Sohne können Sie das nicht vorwerfen—“ „Bah, der Apfel fällt nicht weit vom Stamme!“ „Das iſt auch eins von jenen Sprichwörtern, die man in der Regel falſch anwendet und mit denen man Beweiſe liefern will—“ „Hier trifft's ein, Herr Rath, wie die Alten ſungen, ſo zwitſchern die Jungen, und ich wäre ein leichtſinniger Verſchwender, wenn ich mein Geld zum Fenſter hinans werfen wollte“ „Na, zwingen kann ich Sie nicht, Sie müſſen es wiſſen und der Folgen ſich bewußt ſein,— guten Abend.“ Langſam wanderte der Polizeirath die enge Gartenſtraße hin⸗ unter, die Mitth eilungen Schwanenthals hatten ſeinem Denken reichen Stoff gegeben. Es unterlag keinem Zweifel, der Baron mußte von dem Hof⸗ meiſter erfahren haben, daß der angebliche Advokat Rabe ein Po⸗ lizeirath war. Nahm man dies al klar am Tage. Der Baron war bei dem Hofmeiſter geweſen, er hatte Rabe bei ihm geſehen, er mu ßte alſo kurz nach dem Polizei rath bei ihm geweſen ſein. Daß ber Majoratsherr trif gt und Drohungen gegen ch ihm nicht vergeben und vergeſſen.“ cht behaupten, wenn es nicht die Wahrheit cht ſo genau e gerne vorwärts kommen, er f Sie geſetzt, Ihre Hartherzigkeit muß Mann öffnete es s erwieſen an, ſo lagen die Schlußfolgerungen tige Gründe hatte, dieſen Mann — 918— zu fürchten, war ebenſalls unzweifelhaft, und es war ſehr wahr⸗ ſcheinlich, daß er von den Machinotionen deſſelben Keuntniß er⸗ halten hatte. Es waren allerdings nur Vermuthungen, für deren Richtigkeit noch jeder Beweis ſehlte, aber Heller hatte wenigſtens die Genug⸗ thuung, daß er einen Schritt weiter gekommen war. Ectrat nach einer ziemlich langen Wanderung in das Gerichts⸗ gebände und ſtand gleich darauf dem Unterſuchungsrichter in deſſen Kabinet gegenüber. Der Gerichtsrath blickte von ſeinen Akten auf, es war ein Blick geſpannter Erwartung. „Nun!“ fragte er nach einer Pauſe.— Was bringen Sie mir?“ „Der Hurter'ſche Fall führt mich zu Ihnen.“ „Läßt er Ihnen keine Ruhe?“ „Ich bleibe bei der Behauptung, daß hier ein Verbrecher verliegt.“ Der Gerichtsrath zog ärgerlich die Brauen zuſammen. „Daß ſie doch überall ein Verbrechen wittern müſſen!“ ſagte er, und es lag ein ſchneidender Spott in dem Ton ſeiner Stimme. Können Sie Beweiſe vorlegen?“ „Leider nein!“ „Vann iſt der Fall doch nach meiner Anſicht ſehr klar. Hur⸗ ter hat ſelbſt ſich das Leben genommen.“ „So ſteht eine Behauptung der andern gegenüber,“ ſagte Heller ruhig,„und fragen Sie nach Beweiſen, ſo fordere ich Gründe!“ „Gründe für den Selbſtmord?“ „Jawohl.“ „Es wird ſchwer halten, ſie zu finden. Ver ſoll ſic nennen? Tie That kann in einem Anfall von Geiſtes ſtörung geſchehen ſein, es können Gründe vorgelegen haben, die wic niemals errathen werden, kurz, ſo lange das Verbrechen nicht bewieſen wird, muß der Selbſimord angenommen werden.“ „Ich mache Sie nochmals darauf auſmerkſam, daß von dem Gift keine Spur entdeckt werden iſt—“ „Gewiß, es iſt in der Leiche geſunden worden.“ „Gewiß, es iſt in der Leiche gefunden worden.“ nůc techen ſagte timme nnen? ſtin, rathen muß n dem. — 919— „Gut, ich will das gelten laſſen. Aber das Fläſchchen, wel⸗ ches das Giſt enthalten haben muß—“ „Legen Sie darauf ſo großes Gewicht? Kann Hurter es nicht, nachdem er das Giſt in den Wein gegoſſen hat, zum Fen⸗ ſter hinaus geworfen haben.“ „Möglich iſt das, aber nicht glaublich. Was ſollte einen Selbſtmörder veranlaſſen, vor der Ausführung ſeines Vorhabens jede Sput zu verwiſchen? Muß er nicht im Gegentheil darauf bedacht ſein, daß man ſofort den Selbſtmord erkennt und kein Verdacht auf irgend Jemand ſallen kann?“ Der Gerichtsrath zuckte die Achſeln. „Ich glaube Sie zerbrechen ſich den Kopf über unnütze Fra⸗ gen.“ ſagte er in lakoniſchem Tone.„Das Verhör hat kein Re⸗ ſultat ergeben—“ „Die Ausſage der Frau Winkel—“ „Beweiſt gar nichts. Die Frau kann nicht einmal mit Si⸗ cherheit behaupten, doß Hurter an jenem Abend Beſuch gehabt hat, ſie hat Niemand geſehen und keine fremde Stimme gehört, und während der Zeit, in der nach Ihrer Anſicht das Verbrechen geſchehen ſein muß, war ſie abweſend. Wie geſagt, es läßt ſich nur annehmen, daß Hurter ſeines Lebens überdrüſſig war.“ „Sie berückſichtigen dabei nicht die Ausſagen des Barons von Oſthofen!“ „Gewiß thue ich das. Ich glaube ſogar, daß Hurter über das verſchwundene Kind nicht die geringſte Auskunft geben konnte, wären die Ausſagen, die er dem Barrn gegenüber gemacht hat, wahr, ſo würde das Gericht dazu Spuren gefunden und verfolgt haben. Gerade aus den Ausſagen des Barons geht mir ziemlich unzweifelhaft hervor, daß Hurter vor ſeinem Ende an dieſer Fa⸗ milie, die er haßte, Rache nehmen wollte dadurch, daß er längſt begrabene Hoffnungen wieder weckte. Er wußte ſehr wohl, daß er die ihm verſprochene Penſion nicht verdienen konnte. Ich frage Sie, wenn er die Wahrheit ſeiner Ausſagen beweiſen konnte, weshalb that er es nicht ſofort? Weshalb verſchob er es bis zum nächſten Tage?“ „Weil er ein ſchriftliches Verſprechen haben wollte!“ „Konnte es ihm nicht an demſelben Abend gegeben werden? Jeder Andere würde mit dem Ehrenwort des Barons ſich begnügt — — — S haben, er that es nicht, nun wohl, ein ſchriftliches Verſprechen konnte in einer Viertelſtunde ausgefertigt werden, und ſolche An⸗ gelegenheiten, das werden Sie zugeben, ordnet Jeder ſo raſch wie möglich.“ Es lag etwas Wahres in dieſen Behauptungen, der Polizei⸗ rath mußte es zugeben, aber er hielt trotzdem an ſeinem Ver⸗ dacht feſt. Auf wen dieſer Verdacht gefallen war, wollte und durfte er nicht ſagen, er wußte nur zu wohl, daß derſelbe keinen Glauben fand, ſo lange überzeugende Beweiſe fehlten.„Und „Haben Sie die hinterlaſſenen Papiere des Verſtorbenen ſchon herr, wi durchgeſehen?“ fragte er nach einer Pauſe. e neben de „Noch nicht.“ tief wie „Wo ſind ſie?“ Verhültn „Sie liegen noch in der Wohnung Hurter's. Das Zimmer Schuld! iſt ſofort, nachdem die Leiche herausgebracht war, verſiegelt iſt bide worden.“„Un „Und wann werden die Siegel abgenommen werden?“ erwiebe „In den nächſten Tagen. So lange keine Erben ſich melden, eſchit iſt das Gericht verantwortlich für die Hinterlaſſenſchaft.“ ſeiig n „Wollen Sie mir geſtatten, die nachgelaſſenen Papiere—“„Nic „Glauben Sie wirklich, eine Spur darin zu entdecken?“ knmen, „Ich weiß es nicht, aber es wäre möglich, und man darf nichts du heg verſäumen, was zur Aufklärung dienen kann.“ Ve „Sie werden nichts finden,“ ſagte der Gerichtsrath,„und ich 8 wiederhole Ihnen, die Mühe, die Sie ſich machen, iſt unnütz, Si⸗ 4 werden das ſpäter einſehen.“ „Gleichwohl beſtehe ich auf meiner Bitte,“ erwiederte Heller eigenſinnig. 3 „Ich werde ſie gerne erfüllen. Sobald die Siegel abgenom⸗ ii Ade men ſind, ſollen Sie die Papiere erhalten.“ Sin Damit war die Unterhandlung beendet, und der Polizeirath l verließ das Bureau in ärgerlicher Stimmung; er hatte mit einiger Sicherheit erwartet, der Unterſuchungsrichter werde ſeine Anſichten„5 wenigſtens gelten laſſen, wenn er ihnen auch nicht unbedingt bei⸗„ L pflichten wollte. U gründe K.8 — —— — — 36. Kapitel. Ein unerwartetes Viederſehen. „Und ſo wird's am Beſten ſein, Klara!“ ſagte der Majorats⸗ herr, während er vor ſeiner ſchönen Tochter ſtehen blieb, die neben dem Bluwentiſch am Fenſter ſaß.„Niemand bedauert ſo tief wie ich, daß zwiſchen Dir und Roſa kein freundſchaftliches Verhältniß ſich geſtalten will. An wem der größere Theil der Schuld liegt, kann und will ich nicht unterſuchen, die Thatſache iſt leider da.“ „Und ich glaube auch nicht, daß es jemals anders wird,“ erwiederte die Baroneſſe, aus deren blitzenden Augen eine un⸗ erſchütterliche Entſchloſſenheit ſprach„Die Abneigung iſt gegen⸗ ſeitig und—“ „Nicht doch, Klara, Roſa iſt Dir ſtets freundlich entgegen ge⸗ kommen, Sie wünſcht aufrichtig, Deine Freundin zu werden, aber Du hegſt dieſen Wunſch nicht.“ „Weil Sie es eben nicht verſteht, in meiner Seele Sym⸗ pathien zu wecken. Reden wir darüber nicht weiter, die Pietät gegen Dich hindert mich, Dir Alles zu ſagen, da iſt es beſſer, ich ſchweige.“ Der Majoratsherr warf einen böſen Blick auf ſeine Tochter, die Adern auf ſeiner Stirn ſchwollen an, er verſtand den tieferen Sinn dieſer Worte. „Und wie ſoll es in Zukunſt werden?“ fragte er. „Ich weiß es nicht,“ erwiederte Klara, tief aufathmend. „Hätteſt Du die Werbung Bruno's angenommen—“ „Verzeihe, Du ſelbſt wänſchteſt ſie nicht.“ „Weil ich Rückſicht auf Deine Abneigung gegen ihn nahm.“ „Und Du mußteſt ſelbſt zugeben, daß dieſe Abneigung be⸗ gründet war.“ „Begrürdet,“ ſagte der Baron achſ lzuckend.„Das will und — 922— kann ich nicht behaupten. Die Abneigung ſtützte ſich einzig und allein auf den Vorfall im Conzertſaal und mag man darüber denken, wie man will, er läßt ſich entſchuldigen.“ In den ſchönen Augen der Baroneſſe blitzte es unmuthig auf. „Ich finde keine Entſchuldigung dafür,“ erwiederte ſie. „Zum erſten hatte Bruno im Kreiſe ſeiner Freunde etwas ſtark pokulirt—“ „Und dieſe Entſchuldigung könnteſt Du gelten laſſen—“ „Erlaube, Klara, eine Entſchuldigung iſt es immerhin, wenig⸗ ſtens inſofern, als man einen berauſchten Mann nicht für Alles verantwortlich machen kann, aber abgeſehen hiervon, ärgerte es Bruno, daß die Claque ſich im Conzertſaale ſo breit machte. An einem ſolchen Ort darf Jeder ſeine Meinung äußern, und die Vergötterung einer mittelmäßigen Sängerin muß den Kenner der Muſik empören.“ „Bruno hat nicht einmal Sinn für die Muſik!“ „Ein Urtheil hat Jeder, auch Derjenige, der nicht muſikaliſch gebildet iſt. Und ich ſage noch einmal, es iſt empörend, wenn andere ihr Urtheil octroyren und keine andere Meinung gelten laſſen wollen. Bruno hat ſeine Meinung geäußert, und wenn dies in einer etwas derben Weiſe geſchah, ſo mußte man berück⸗ ſichtigen, daß er gereizt worden war. Und nun tritt ihm ein Menſch entgegen, der ein Brandmal auf der Stirne trägt, ein Menſch, den Jeder verachtet, und dieſer Mann will einem Baron von Oſthofen öffentlich Sottieſen ins Geſicht werfen! Parbleu, Klara, unter ſolchen Umſtänden hätte ich ganz wie Bruno ge⸗ handelt, ein Schlag mit der Reitgerte iſt die einzig richtige Ant⸗ wort auf ſolche Unverſchämtheit.“ Die Baroneſſe beſchäftigte ſich mit den Pflanzen, die auf dem Blumentiſch ſtanden, ſie pflückte hie und da ein welkes Blatt ab, und das Zittern ihrer feinen Hände bekundete die gewaltige Er⸗ regung, die ſie nur mühſam bemeiſtern kounte. „Der Baron von Oſthoſen hätte bedenken müſſen, daß er einem Manne gegenüber ſt der eine Achtung verdiente und genoß, wie er ſelbſt.“ „Ein Baſtard?“ ſpottete der Majoratsherr. „War nicht auch der berühmte Normannenherzog, Wilhelm der Eroberer, ein Baſtard? Und hat er nicht ſelbſt ſich ſo ge⸗ — non Poter n Vorwuſ in der⸗ „Hi clc. „Wr ih wohl „Del „Er wenn ni nnchte⸗ „De funden er dieſe nuthig die alt Ein Schlſe „J geſchieh „ine o nannt? Iſt hier ein Vorwurf berechtigt, ſo muß man ihn dem Vater, nicht aber dem Kinde machen. Und hier iſt ein ſolcher Vorwurf umſomehr ein Unrecht, als der Baſtard bewieſen hat, daß er Talent beſitzt und redlich danach ſtrebt, ein tüchtiges Glied in der Kette der menſchlichen Geſellſchaft zu werden.“ „Hinter der Bierflaſche— jawohl!“ ſagte der Baron ver⸗ ächtlich. „Wenn er auf dieſe verderbliche Bahn gekommen iſt, ſo frage ich wohl mit Recht, wer hat ihn darauf getrieben?“ „Der Fluch der auf ihm ruht.“ „Er würde dieſen Fluch nicht kennen und nicht empfinden, wenn nicht das gehäſſige Vorurtheil der Menſchen ihn geltend machte.“ „Der Maler hat ja an Dir eine warme Vertheidigerin ge⸗ funden!“ erwiederte der Majoratsherr boshaft.„Wie ſchade, daß er dieſe Worte nicht höden kann! Vielleicht würden ſie ihn er⸗ muthigen, ſich noch einmal auf die Knie vor Dir zu werfen und die alberne Scene zu wiederholen, die Dich beleidigen mußte.“ Eine glühende Röthe hatte das Antlitz Klara's bis zu den Schläfen übergoſſen, ein trotziger Zug umzuckte ihre Lippen. „Ich halte cs für meine Pflicht, den Abweſenden, dem Unrecht geſchieht, zu vertheidigen,“ ſagte ſie, den Vater feſt anſchauend, „eine andere Abſicht liegt meiner Vertheidigung nicht zu Grunde. Haſt Du nicht auch ihn in Schutz genommen?“ „Ten Künſtler, nicht den Menſchen!“ „Ich glaube nicht, daß man den Einen vom Anbern trennen kann! Was der Künſtler geſchaffen hat, das ehrt den Menſchen in ihm—“ „Laſſen wir das,“ fiel der Baron ihr unwillig ns Wort. „Du würdeſt alſo eine wieberholte Werbung Bruno's abermals ablehnen?“ „Ganz gewiß!“ „Hm, dann werde ich wohl eine andere Wahl für Dich treffen maſſen!“ „Was mich betrifft, ſo wünſche ich es nicht.“ „Und doch liegt es in Deinem eigenen Intereſſe, Du wirſt das ſelbſt einſehen, wenn Du ruhig darüber nachdenken willſt. Binnen einigen Wochen wird Roſa hier Gebieterin ſein, und wenn ————— — — — —— — ————— 924— Deine Beziehungen zu ihr nicht beſſer werden, ſo mußt Du ja ſelbſt wünſchen, daß die Verhältniſſe Dir eine Trennung ermög⸗ lichen.“ „Wenn dieſer Wunſch ſich wirklich mit zwingender Gewalt mir aufdrängt, ſo finde ich bei Tante Adelaide eine Zuflucht,“ er⸗ wiederte Klara, ohne den Blick von den Pflanzen zu erheben. „Mit einem Manne, den ich nicht liebe, kann und werde ich eine Verbindung nicht eingehen, nicht der Verſtand, ſondern das Herz muß die Verbindung ſchließen, denn es iſt ein Bund für Zeit und Ewigkeit.“ „Und eben deshalb ſoll der Verſtand allein die Wahl treffen!“ „Ich kann dieſer Anſicht nicht beipflichten!“ „Du wirſt wiſſen, Klara, daß in unſeren Kreiſen ſtets die Eltern die Wahl treffen,“ ſagte der Baron, und ſeine Stimme klang jetzt hart und ſcharf,„Du magſt das auch ein Vorurtheil nennen, aber Du wirſt Dich ihm fügen müſſen.“ „Nur dann, wenn meine eigenen Wünſche mit dieſer Wahl übereinſtimmen.“ Der Majoratsherr kreuzte die Arme auf der Bruſt, ſein Blick war drohend. „Nur dann?“ fragte er ſcharf. „Ja, ich werde das Glück meines Lebens nicht einer Laune opfern.“ „Und das nennſt Du eine Laune, wenn ich nach beſtem Er⸗ meſſen und nur Dein Wohl bedentend, den Gatten für Dich wähle?“ „Und was iſt es anders?“ erwiederte Klara mit erzwungener Ruhe.„Du willſt mich entfernen, weil Du fürchteſt, zwiſchen mir und Fräulein Becker—“ „Genug!“ fiel der Majoratsherr ihr entrüſtet in's Wort. „Wenn ich den Frieden unter meinem Dache wahren will, ſo muß das Jeder vernünſtig finden, und ich bin dies auch meiner künf⸗ tigen Gattin ſchuldig. Kannſt Du Dich alſo nicht entſchließen, inem Manne die Hand zu reichen und ihm an den eignen Heerd zu folgen, ſo wird es wohl das Beſte ſein, daß Du eine Reiſe machſt. Vielleicht ſind bei Deiner Heimkehr Deine Anſchauungen andere geworden, ich wünſche ja nichts ſehnlicher, als ein freund⸗ — ſchſthche Stefman wud“ e Friede ſt athing⸗ „We⸗ niten!“ e Lein bz jn ir ſo lange gekehrt ſi Klaro heſtete n volen 2 etwieder auf die ſagte er beiden p ſich ereig Er le auf und wie er f Endl ziemlich 5 „D Puchet nicht, n „6 Dir de wohl 5 ſehen Der M — Ne — 925— ſchaſtliches Verhältniß zwiſchen Dir und Deiner liebenswürdigen Stiefmama.“ „Ich glaube nicht, daß dieſer Wunſch jemals Erfüllung finden wird,“ entgegnete Klara, indem ſie haſtig ſich erhoo. Und der Friede ſoll dieſem Hauſe bleiben; inſofern dies von mir allein abhängt, ich werde Tante Adelaide bitten—“ „Weshalb ſoll dieſe Angelegenheit über's Knie gebrochen werden?“ fiel der Baron ihr abermals in die Rede.—„Wenn es Dein ernſter Wille iſt, bei Tante Adelaide zu wohnen, ſo kann das ja in aller Güte geordnet werden. Jedenfalls bitte ich Dich, ſo lange hier zu weilen, bis wir von der Hochzeitsreiſe zurück⸗ gekehrt find. Darf ich auf die Erfüllung dieſer Bitte vertrauen?“ Klara ſtand bereits an der Thüre, ſie wanbte ſich um und heftete noch einwal die ſchönen Augen mit einem ernſten, vorwurfs⸗ vollen Blick auf den Vater. „Wenn Du es wünſcheſt, ſo werde ich dieſen Wunſch erfüllen,“ erwiederte ſie, dann ging ſie hinaus, und der Baron blickte lange auf die Thür, hinter der ſie verſchwunden war.„Es muß ſein,“ ſagte er leiſe,„und es iſt gut, daß ſie ſelbſt es einſieht. Die beiden paſſen nicht zuſammen, und Klara würde von Allem, was ſich ereignet, meinen Bruder unterrichten.“ Er legte die Hände auf den Rücken und wanderte langſam auf und nieder, in ſeinem Innern war es doch nicht ſo ruhig, wie er ſich den Anſchein geben wollte. Endlich blieb er ſtehen er zog die Glocke und nahm einen ziemlich umfangreichen Brief aus der Taſche. Johann trat in der nächſten Minute ein. „Du wirſt Dich aus früherer Zeit noch erinnern, wo der Wucherer Schwanenthal wohnt,“ fagte der Majoratsherr,„wenn nicht, mußt Du Dich danach erkundigen.“ „Ich weiß es,“ erwiederte Johann. „Gut, reite ohne Verzug hin und bringe ihm dies. Er wird Dir dafür einen guittirten Schuldſchein übergeben, aber achte wohl darauf, daß der Schein mit einer gültigen Quittung ver⸗ ſehen ſein muß.“ Der Reitknecht nickte zuſtimmend. „Weiter habe ich nichts zu beſtellen?“ fragte er. nNein.“ — ——— —— „Auch ſonſt nichts in der Stadt zu beſorgen?“ „Nicht daß ich wüßte!“ „Wenn ich mich in dem Hauſe erkundigen ſoll, in dem der Hofmeiſter gewohnt hat—“ „Wonach?“ fragte der Baron raſch. „Das wollte ich von dem gnädigen Herrn hören— „Ich verlange über das Ende dieſcs Mannes nichts weiter zu wiſſen. Hät er ſich das Leben genommen, ſo wird er auch ſeine Gründe dafür gehabt haben, was kümmert's mich!“ „Om, es wurde geſtern behauptet, der Selbſtmord ſei noch nicht erwieſen—“ „Wer behauptete es?“ „Ich hörte es im Wirthshauſe.“ „In der Reſtauration, in die ich Tich geſchict habe?“ er⸗ widerte der Baron ſcheinbar gleichgültig. „Jawohl. Es ſaß da ein Herr, der behaupten wollte, der alte Mann müſſe ermordet worden ſein.“ Der Majoratsherr, der dem Reitknecht den Rücken gewandt hatte, wandte ſich haſtig um, der lauernde Blick Johann's mußte ihn befremden. „Kannteſt Du den Herrn?“ fragte er. „Nein „Sprach er einen beſtimmten Verdacht aus, nannte er vielleicht einen Namen?“ „Er ſagte nur, man dürfe nicht Alles ausplaudern, was man wiſſe, man könne ſich dadurch zu leicht Unannehmlichteiten bereiten. Die übrigen Gäſte waren auch nicht neugierig genug, weiter in ihn zu dringen.“ „Großthuerei!“ ſagte der Baron achſelzuckend.„Es gibt Menſchen, die überall Räthſel und Verbrechen wittern, man muß ſie ſchwätzen laſſen. Dieſe Behauptung iſt übrigens zu albern, als daß man irgend welche Notiz von ihr nehmen könnte. Der Mann ſoll ſich vergiftet haben, und Gift iſt doch wohl das letzte Mittel, zu dem ein Morder greift. Sollte Dir ſolch' kindiſches Geſchwätz heute wieder zu Ohren kommen, ſo mache die Leute auf dieſen Punkt aufmerkſam.“ „Ueber den Polizeirath ſoll ich auch keine weiteren Erkun⸗ digungen einziehen?“ —̃ ————— Nein! genden Au ſomen nerken“ „Sth Und reits etwa ſüter hot Sie ſchur! Er ſüh des Zinm er fort. Meda eine gerc über. „Ven „Kenn ſpielerin. Paron Was nict ann „Veiß Und würden? „ „Zu wünſchen Nad Sie ſah ſie nahr Al „A in ſche. Habe ic R 927 „Nein! über das was ich zu wiſſen wünſche, habe ich genü⸗ genden Aufſchluß erhalten. Sollte der Mann noch einmal hieher kommen, ſo bin ich für ihn nicht zu Hauſe, Du kannſt Dir das merken.“ „Sehr wohl.“ „Und nun ſäume nicht länger, Schwanenthal wird Dich be⸗ reits erwarten.“ Johann ging hinaus, und er ſtand in Begriff das Schloß zu verlaſſen, als er ſich der Madame Winkel gegenüber ſah. „Sie kommen wie gerufen,“ ſagte er leiſe, einige Minuten ſpäter hätten Sie mich hier nicht mehr getroffen. Beobachten Sie ſcharf und ſeien Sie vorſichtig, in einer Stunde bin ich bei Ihnen, wir werden dann weiter berathen.“ Er führte Sie die Treppe hinauf und deutete auf die Thüre des Zimmers, indem der Majoratsherr ſich befand. „Auf Wiederſehen, ſchöne Frau!“ flüſterte er, damit eilte wer fort. Madame Winkel pochte an, dann öffaete ſie die Thür, und eine geraume Weile ſtanden die Beiden ſchweigend einander gegen⸗ über. „Wen ſuchen Sie, Madame?“ fragte der Baron endlich. „Kennen Sie mich nicht mehr?“ erwiederte die frühere Schau⸗ ſpielerin. Baron Bruno zog die Brauen zuſammen. „Was ſoll das?“ ſagte er barſch.„Weshalb ließen Sie ſich nicht anmelden?“ „Weil kein Diener mir begegnete.“ „Und wer ſagte Ihnen, daß Sie mich in dieſem Zimmer finden würden?“ „Ich hatte an wehreren Thüren angepocht—“ „Zur Sache!“ unterbrach der Baron ſie ungeduldig.„Was wünſchen Sie?“ Madame Winkel lachte und ließ ſich in einen Seſſel nieder. Sie ſah wohl, wie unangenehm ihr Beſuch dem Baron war, aber ſie nahm keine Notiz davon. „Alſo kennen Sie mich wirklich nicht mehr,“ erwiederte ſie in ſche zendem Tone„Muß ich Sie an ihre Florentine erinnern? Habe ich mich denn ſo ſehr verändert—“ 928— „Florentine?“ wiederholte der Maſoratsherr überraſcht.„Ja,„Scho ja, jetzt erinnere ich mich,“ fuhr er fort, indem er mit der Hand gen, duß über die Augen ſtrich, aber der Ton ſeiner Stimme klang noch„Wet immer nicht freundlicher.„Verließen Sie nicht damals nach un⸗„Ihr ſerm Streich die Stadt?“ Det „Ja wohl, ich ging nach Wien.“„Nei „Und weshalb ſind ſie dort nicht geblieben?“ ei S „Weshalh?“ Man ſehnt ſich immer wieder in die Heimath„Per zurück, Sie haben das ja auch empfunden.“„Eie hab Der Baron ſetzte ſich ihr gegenüber, ihr Blick ruhte unver⸗ t vefül c 1h 6 5 nicht gefül wandt auf ihm. hrfneiſe „Wir ſind beide nicht mehr jung,“ fagte er, ironiſch lächelnd. die Leche „Zu den alten zähle ich mich auch noch nicht,“ erwiderte Ma⸗ Und dame Winkel.„Aber ich finde, daß Sie ſich nicht zu Ihrem„hut Vortheil geändert haben.“ ie „Davon tragen in der Haupt e die Blattern Sn Ue⸗ S 3 berdies habe ich drüben ein ſehr bewegtes Leben geführ Wi gen den Sie mich ſofort wieber erkannt haben, wenn Sie mir an ö einem andern Orte begegnet wären?“ i r turon „Dann können Sie auch nicht behaupten, daß ich mich ſehr i geänbert habe.“ 9 „Ich würde S 1 dieſer Veränderung wieder erkannt ha⸗ Si ben, und ich begrei ſ daß Sie—“ ſer, „Mein iſt ſchwach geworden.“ e „Aber mich 3 S nicht vergeſſen.“ gr im Der Baron zuckte die Achſeln und drehte ſchweigend an den Spitzen ſeines Schuurrbarts; er fühlte wohl, daß er gegen dieſen Pi Vorwurf ſich rechtfertigen mußte.„m „Ich konnte nicht erwarten, daß ich Ihnen hier wieder begeg⸗ ſchwunden nen würde,“ ſagte er nach einer Pauſe.„Seit unſerer Trennung und in w hatte ich nichts von Ihnen gehört, ich mußte alſo glauben, daß hes der c Siee.„Go, „Daß ich geſtorben und verdorben ſei?“ lachte Madame„Ir Winkel. richtr an „Nein, daß Sie noch in Wien ſeien. Wohnen ſie jetzt wieder der durhnaß — 929— „Schon ſeit einiger Zeit, aber ich erfuhr erſt vor einigen Ta⸗ gen, daß Sie aus Amerika zurückgekehrt waren.“ „Wer ſagte es Ihnen?“ „Ihr Herr Bruder.“ Der Majoratsherr ſtutzte, dieſe Antwort mußte ihn befremden. „Mein Bruder?“ erwiderte er, die Brauen hoch hinaufziehend. „Sind Sie vielleicht ſeinetwegen von Wien hieher gekommen?“ „Werden Sie ſchon eiferſüchtig?“ ſcherzte die Schauſpielerin. „Sie haben keine Urſache dazu, Edmund. Ihr Bruder kann mir nicht gefährlich werden, er iſt zu ſolide. Er wollte Ihren früheren Hofmeiſter beſuchen und zwar an demſelben Morgen, an welchem die Leiche Hurter's gefunden wurde—“ „Und was hatten Sie dabei zu thun?“ „Hurter wohnte in demſelben Hauſe nehen mir.“ „Sie waren mit ihm befreundet?“ fragte Baron Edmund raſch. „Bewahre, wir waren Nachbarn, das iſt Alles!“ „Hörten Sie nicht von ihm, daß ich zurückgekehrt ſei?“ „Ueber Sie hat er nie mit mir geſprochen.“ Baron Edmuud athmete auf, ſeine Befürchtung war unbe⸗ gründet geweſen. „Alſo mein Bruder theilte es Ihnen mit?“ fragte er. ten Sie ihn früher ſchon?“ „Nein, er wartete in meinem Zimmer auf die Gerichtsherren, und da gab ein Wort das andere,“ erwiderte Madame Winkel. „Er kannte mich auch weiter nicht, und ich hatte natürlich keine Veranlaſſung, ihn über meine Vergangenheit zu unterrichten.“ „Wiſſen Sie, weshalb er den Hofmeiſter beſuchen wollte?“ „Jawohl. Hurter wollte ihm Mittheilungen über das ver⸗ ſchwundene Kind machen. Dieſes Kind ſoll wohl leben, wo und in welchen Verhältniſſen, das iſt freilich ein Geheimniß, wel⸗ ches der alte Mann in's Grab mitgenommen hat.“ „So, ſo, alſo das war der Grund?“ „Ihr Herr Bruder hat ihn genau ſo vor dem Unterſuchungs⸗ richter angegeben.“ Der Majoratsherr war von ſeinem Sitz aufgeſtanden, er durchmaß einigemal mit großen Schritten das Zimmer, um die Der Baſtard. 59 „Kann⸗ ————————— ——————* — — 930— Erregung, die ſeiner ſich bemächtigt hatte, zu bemeiſtern. Dieſem Geheimniß alſo hatte die Unterredung Hurter's mit ſeinem Bru⸗ der gegolten. Das änderte freilich die Sache und durch dieſe Entdeckung wurden ernſte Beſorgniſſe, die er bisher gehegt hatte, beſeitigt. „Und wie ſpricht man über den Selbſtmord Hurter's?“ fragte er nach einer Weile.„Hat man die Gründe für denſelben entdeckt?“ „Gründe? Nein,“ erwiderte Madame Winkel.„Iſt es nicht überhaupt thöricht, jetzt noch nach Gründen zu forſchen? Der Mann iſt todt, er hat Giſt genommen, an dieſer Thatſache läßt ſich nichts leugnen und nichts ändern, man muß ſie nehmen, wie ſie iſt.“ „Das iſt wahr,“ nickte Baron Edmund.„Ich hatte ihm eine Penſion ausgeſetzt, obſchon ich dazu nicht verpflichtet war, und mein Bruder würde ihn für die Enthüllung des Geheimniſſes auch reich belohnt haben—“ „Eine Penſion von tauſend Thaler jährlich!“ „War das verabredet?“ „Jawohl, aber ich vermuthe, daß Hurter nichts zu enthüllen hatte.“ „Dann würde er ſich nicht dazu erboten haben.“ „Und wenn er es nun gethan hätte, um vor ſeinem Ende ſeinen Haß zu befriedigen?“ Der Baron blieb ſtehen. Daswar eine neue Anſchauung, an die er bisher noch nicht gedacht hatte. Eine ſolche Rache konnte man allerdings dem olten Heuchler wohlzutrauen, und je länger er dorüber nachdachte, deſto mehr gewann ſie an Wahrſcheinlichkeit. „Das trüge allerdings zur Aufklärung über den Selbſtmord bei,“ ſagte er.„Haben Sie mit Andern über dieſe Vermuthung geſprochen?“ „Ihr Herr Bruder äußerte ſie zuerſt.“ „So hat er auch Gründe dafür gehabt; er urtheilt nicht raſch, ſondern erſt nach richtiger Ueberlegung. Haben Sie lange mit dem alten Manne zuſammen gewohnt?“ „So ſehr lange nicht.“ „Und er ſprach nie über mich?“ „Nein.“ „Seliſe „Davv die Verga um den fo ſein ſchin „Ir Sie w Madame L den man! Frinnern mund?“ Der 2 jene Zeit „Vir „und auft gewiſſermaf „Hat di Schauſpiele „Gewiß „Und folgte?“ „Das „Geſch dieſer Lra nir nitthe unſer Per „Ju, „Und „Muß „Wer nicht eine ht er t ie len de die an er it. ord ng icht nge Schauſpielerin ſchmollend. „Seltſam, er haßte auch mich.“ „Davon hat er nichts geſagt, er war überhaupt wortkarg, an die Vergangenheit durfte man ihn nicht erinnern.“ „Empfing er häufig Beſuche?“ „Sehr ſelten.“ „Von wem?“ fragte der Ma um dem forſchenden Blick zu en ſein ſchien. „Ihr Verwalter kam dann und wann.“ „Sie wiſſen wohl nicht, was der Zweck dieſer Beſuche war?“ „Ich habe mich nie danach erkundigt.“ „War der Verwalter mit ihm befreundet?“ „Auch das weiß ich nicht. Aber Du lieber Himmel,“ fuhr Madame Winkel lachend fort,„iſt das nun ein Geſpräch, mit dem man nach zwanzigjähriger Trennung ein Wiederſehen feiert? Erinnern Sie ſich denn jener ſchönen Zeit gar nicht mehr, Ed⸗ mund?“ Der Baron hielt die Augen mit der Hand bedeckt, er ſchien jene Zeit in ſein Gebächtniß zurückrufen zu wollen. „Wir ſind beide alt geworden, Florentine,“ erwiderte er ernſt, ſer damaliges Verhältniß ſchauen wir heute ruhiger, joratsherr, das Antlitz abwendend, tgehen, der ihm unangenehm zu „und auf unſ gewiſſermaßen ernüchtert zurück.“ „Hat die Erinnerung gar keinen Werth für Sie?“ fragte die „Gewiß, ich würde lügen, wenn ich es leugnen wollte.“ „Und Sie werden ſich auch erinnern, weshalb der Bruch er⸗ folgte?“ „Das iſt mir nie ſo ganz klar geworden.“ „Geſchah es nicht, weil Sie fürchteten, Ihre Braut könne an dieſer Lwaiſon Anſtoß nehmen? Und als Sie dieſe Befürchtung mir mittheilten, fanden Sie mich nicht ſoſort bereit, freiwillig unſer Berhältniß zu löſen?“ „Ja, allerdings, aber—“ „Und Sie nahmen das Opfer, welches ich Ihnen anbot, an!“ „Mußte ich es nicht?“ „Wer zwang Sie dazu? Ihr Vater war mit dieſer Heirath nicht einverſtanden, und wenn Sie dieſelbe nicht geſchloſſen hätten, 59* = ————— —— — — 932— wären Sie nicht zu dem unglückſeligen Duell gezwungen worden, in Folge deſſen Sie Europa verlaſſen mußten.“ „Ja, wenn man Alles voraus wüßte!“ „Dann würde freilich manche Thorheit ungeſchehen bleiben; ich wollte Ihnen nur beweiſen, daß Sie nicht gezwungen waren, mein Opfer anzunehmen.“ „Ich hatte meiner Braut mein Ehrenwort verpfändet!“ „Weshalb thaten Sie es 7 „Weil ich ſie liebte.“ „Das iſt ein Grund,“ ſag te die hübſche Frau.„Aber hatte Baron Udo nicht auch einmal ſein Ehrenwort verpfändet?“ „Einer Bürgerlichen!“ ſagte der Majoratsherr geringſchätzend. „Macht es für den Edelmann einen Unterſchied, wem er ſein Wort gibt?“ „Es war eine Verirrung, daß er es gab.“ „Sagen Sie mir, was Sie wollen, Edmund, Sie werden mich nicht bekehren.“ „Und wie hat es Ihnen ergangen?“ fragte der Baron. „Schlecht und gut— jenachdem!“ erwiederte Madame Winkel achſelzuckend. „Und Sie hegen wirklich die Hoffnung, daß die früheren Be⸗ ziehungen wieder angeknüpft werden könnten?“ „Hätte ich ſie gehegt, ſo würde ich ſie jetzt ſchon verloren haben.“ „Dieſe Hoffnung wäre eine Thorheit geweſen,“ ſagte der Ma⸗ joratsherr.„Ich habe eine erwachſene Tochter „Und ſtehen im Begriff ſich wieder zu verheirathen.“ „Das wiſſen Sie auch ſchon?“ „Die ganze Stadt weiß es, da konnte es mir nicht unbekannt bleiben.“ „Nun wohl, da werden Sie einſehen, daß ich mich von Thor⸗ heiten fern halten muß, die man nur dem Jüngling verzeiht.“ „Sie nennen heute eine Thorheit, was Sie damals—“ „Zürnen Sie mir deshalb nicht, Florentine, Sie werden mich verſtehen und mir Recht geben.“ „Und wenn ich das letztere nicht thäte?“ „Dann— aber weshalb ſtreiten wir darüber! Sind Sie noch beim Theater?“ wiederte holte— B „Die „Un nhn“ goy der in „Be eines 7 3 „V nicht ve „V ſagte de ſchaſt „Si nicht e Sie e „N wegen, „ „ gibt.“ — ₰ „Ven Man „U erführ⸗ dorden, waren, den mich 0. e Winkel unbekannt on Thor⸗ rzeiht.“ erden nich Sind Sie E 8 — 933— „Nein.“ „Und Sie leben wohl in drückenden Verhältniſſen?“ „Erlauben Sie, Edmund, der Zweck meines Beſuches war nicht, eine Unterſtützung von Ihnen zu fordern,“ ſagte die Schau⸗ ſpielerin raſch.„Meine Verhältniſſe ſind nicht glänzend, aber auch nicht drückend, ich habe genug und bin zufrieden.“ „So geſtatten Sie mir, Ihnen ein Geſchenk anzubieten,“ er⸗ wiederte der Baron, während er ſein Portefeuille aus der Taſche holte—“ „Geld? Edmund, Sie beleidigen mich!“ „Die Zeit, in der ich Brillanten verſchenkte, liegt hinter uns.“ „Und auch die Zeit, in der ich Geld und Banknoten an⸗ nahm.“ Kopfſchüttelnd ſteckte der Majoratsherr das Portefeuille wie⸗ der in die Taſche. „Beleidigen will ich Sie nicht,“ ſagte er,„wenn Sie einmal einer Freundes bedürfen, ſo erinnern Sie ſich meiner.“ „Ich hoffe, dieſer Fall wird nicht eintreten.“ „Das kann man nicht wiſſen.“ „Wenn Sie meine Freundſchaft zurückweiſen, können Sie nicht verlangen, daß ich die Ihrige annehmen ſoll.“ „Wenn Sie das glauben, ſo haben Sie mich falſch verſtanden,“ ſagte der Baron mit leiſem Vorwurf.„Ich weiſe Ihre Freund⸗ ſchaft nicht zurück—“ „Seien Sie ehrlich, Edmund! Ich wette, Sie werden mir nicht erlauben, meinen Beſuch zu wiederholen, wenigſtens würden Sie es nicht gerne ſehen.“ „Nun ja, offen geſtanden wünſche ich es nicht, der Rückſichten wegen, die ich nehmen muß.“ „Und Sie werden mich auch nicht beſuchen?“ „Es iſt beſſer, wenn man den böſen Zungen keinen Stoff gibt.“ „Dos fürchten Sie wirklich?“ ſpottete die Schauſpielerin. „Wenn Sie mich beſuchen, ſo wind darin Niemand etwas finden. Man wird glauben, Sie wollten mir eine Arbeit übertragen.“ „Und man würde ſo lange forſchen, bis man die Wahrheit erführe.“ — 934— „Wer wollte danach forſchen? In unſerm Hauſe kümmert kein Menſch ſich um den andern, Jeder ſorgt nur für ſich—“ „Glauben Sie mir, Florentine, es iſt beſſer, Sie fügen ſich meinem Rath,“ fiel Baron Edmund ihr in's Wort.„Die alten Geſchichten ſind vergeſſen, weshalb ſollen wir ſie wieder in der Leute Mund bringen? Ob Sie Rückſichten zu nehmen haben, weiß ich nicht, ich für meine Perſon darf darüber nicht leicht hinwegſehen.“ „Ich will das nicht bezweifeln, von der Verbindung mit der Tochter des reichen Bankiers hängt gewiß ſehr viel ab.“ „Das thuts. Bin ich auch Majoratsherr, ſo dürfen Sie doch nicht vergeſſen, daß die Familie meines Bruders ebenfalls ſtan⸗ desgemäß leben will, und das koſtet Geld, enormes Geld.“ „Sie werden alſo meinen Beſuch nicht erwiedern, Edmund?“ „Würden Sie es mir ſehr übelnehmen, wenn ich es nicht thäte?“ „Ja, das würde ich.“ „Nun, dann muß ich wohl Ihrem Wunſch mich fügen,“ ſagte der Baron, den der drohende Blick, welchen die hübſche Frau ihm zuwarf zu erſchrecken ſchien.„Aber dabei wird es dann auch bleiben, Florentine.“ „Und wann werden Sie mir die Ehre ſchenken?“ fragte Ma⸗ dame Winkel lächelnd. „Ich weiß es noch nicht, Sie müſſen es abwarten.“ „Sie ſind nicht mehr ſo galant wie früher, Edmund.“ „Sehr natürlich, in den Urwäldern drüben verlernt man das bald.“ Die Schauſpielerin erhob ſich und hot ihm lächelnd die Hand. „Ich werde Sie erwarten,“ ſagte ſie,„vergeſſen Sie mich nicht.“ „Ich habe es Ihnen verſprochen und werde Wort haltes.“ „Thun Sie es nicht, Edmund, ſo komme ich zu Ihnen, wir wollen von alten Zeiten plaudern.“ Mit einer Verbeugung verließ die Schauſpielerin das Zimmer; ſie ſah nicht den zornig drohenden Blick, der ihr folgte. Was ſie mit dieſem Beſuch bezweckt hatte, ſchien ſie doch nicht ganz erreicht zu haben, der ernſte, gedankenvolle Ausdruck ihres Giſcht viß wn Uebe tungen! ſriher ſie wal Sejchu freundſe 63 1 daß er i die et i lungte Und mht) war U verwor Ka als ſie holte, genen Es traits, Photog ihrer e ſelbſt ſ noch a N legte ausge hatten ſelben V talen auf d Z Blätt breitet mel, — — 935— Geſichts ließ erkennen, daß ſie ihrer Sache noch nicht ganz ge⸗ wiß war. Ueberdies hatte auch die Aufnahme in Oſthofen ihren Erwar⸗ tungen nicht entſprochen. Sic hatte keineswegs beabſichtigt, die frühere Liaiſon mit dem Majoratsherrn wieder anzuknüpfen, auch ſie war über ſolche Thorheiten hinaus, aber auf die damaligen Beziehungen geſtützt durfte ſie wohl von Seiten des Barons ein freundſchaſtliches Entgegenkommen erwarten. Es verletzte ſie, daß ihr Beſuch ihm unangenehm war, und daß er ihr verboten hatte, ihn zu wiederholen. Die Gründe, die er für dieſes Verbot anführte, ließ ſie nicht gelten, ſie ver⸗ langte ja nichts weiter als Freundſchaft von ihm. Und dann dachte ſie der Mittheilungen, die Johann ihr ge⸗ macht hatte, und durch die ſie zu dieſem Beſuch bewogen worden war, und in ihrem vorhin noch ſo klarem Denken wurde es immer verworrener. Kaum hatte ſie in ihrer Wohnung Hut und Shawl abgelegt, als ſie ihren Glasſchrank öffnete und aus demſelben ein Album holte, deſſen Einband ſchon verrieth, daß es aus längſt vergan⸗ genen Zeiten herſtammte. Es enthielt Kreidezeichnungen, meiſt Koſtümbilder und Por⸗ traits, dann folgten ein Dutzend mit bunten Farben bemalte Photographien aus jener Zeit in der die Photographie noch in ihrer erſten Kindheit war, verſchwommene, verblichene Blätter, die ſelbſt für die Erinnerung keinen Werth mehr hatten und nur noch als Kurioſität betrachtet werden konnten. Madame Winkel nahm zwei Blätter aus dieſem Buche und legte ſie vor ſich hin. Es waren zwei markig gezeichnete und bis ins kleinſte Detail ausgeführte Portraits, die eine frappante Aehnlichkeit mit einander hatten, man konnte glauben, es ſeien die Portraits ein und deſ⸗ ſelben Mannes von zwei verſchiedenen Malern gezeichnet. Wie dem auch ſein mochte, jedenfalls war der Zeichner ein talentvoller Mann geweſen, das erkannte man beim erſten Blick auf dieſe wirklich künſtleriſch ausgeführten Zeichnungen. Der Blick der Schauſpielerin ruhte noch immer auf dieſen Blättern, als Johann eintrat, ſie legte ſie auf den Tiſch und breitete eine Zeitung darüber. Der Reitknecht ſah die hübſche Frau erwartungsvoll an, ſie lächelte bedeutſam. „Haben Sie ihn wieder erkannt?“ fragte er. „Nicht ſofort,“ erwiederte Madame Winkel, die einer beſtimm⸗ ten Antwort ausweichen zu wollen ſchien,„Sie hatten Recht als Sie mir ſagten, die Blatternarben entſtellten ſein Geſicht.“ „Aber Sie erkannten ihn dennoch?“ „Ich habe ſchließlich die Aehnlichkeit gefunden.“ „Die Aehnlichkeit— ja,“ ſagte Johann, leicht das Haupt neigend,„aber das iſt auch alles. Erkannte er Sie?“ „Nein, erſt als ich ihm meinen Namen nannte, ſchien er ſich meiner zu erinnern.“ „Fanden Sie das nicht auffallend?“ Madame Wi kel zuckte die Achſeln. „Er entſchuldigte ſich damit, daß ſein Gedächtniß ſchwach ge⸗ worden ſei,“ ſagte ſie. „Dieſe Entſchuldigung bringt er immer vor, aber ich finde, daß es eine ſehr ſchwache Entſchuldigung iſt,“ erwiderte der Reit⸗ knecht, in deſſen Zügen eine fieberhafte Erregung ſich ſpiegelte. „Ihnen gegenüber durfte er ſich auf eine ſolche Entſchuldigung nicht berufen. Er mußte Sie wiedererkennen, das werden Sie doch auch zugeben.“ „Gewiß. Nun er hat ſich ja dann auch meiner erinnert—“ „Und über frühere Ereigniſſe mit Ihnen geſprochen?“ „Nein, das nicht. Unſer Geſpräch betraf hauptſächlich den Hofmeiſter.“ Johann zog die Brauen hinauf und ein verſchmitztes Lächeln glitt über ſein Antlitz. „Das hätten wir erwarten können,“ ſagte er,„der Tod Hurters ſcheint ihm große Sorge zu machen. Haben Sie in den Fragen, die er an Sie richtete, nicht eine innere Angſt entbeckt, die er zu verbergen ſuchte?“ „Sie hegen alſo noch immer Verdacht?“ „Ihnen geſtehe ich offen, daß dies der Fall iſt, Anderen ge⸗ genüber müſſen wir über dieſen Punkt ſchweigen, bis wir Beweiſe haben.“ „Die wir nach meiner Ueberzeugung nie finden werden!“ „Das kann man nicht wiſſen.“ deret nuß darin ver Ruhe— „Und als Joha „3 kann es trait, un „Nei erſte Bla hatten da glied, we hite. E traits zu den Br ʒüglicher „Di ſchaltete „Ne Bilder, zu yrop hegleite angeno war di das zu deſen mußte“ tinn, ht alz 5 ge⸗ finde, Reit⸗ le. gung Sie 33 Madame Winkel ſchüttelte zweifelnd das Haupt und nahm die Zeitung fort. „Betrachten Sie dieſes Portrait,“ ſagte ſie, indem ſie ihm das Blatt überreichte.„Kennen Sie das Geſicht?“ „Baron Edmund, wie er leibt und lebt,“ erwiderte Johann überraſcht.„Nicht jetzt, damals, er könnte nicht beſſer getroffen ſein! Das iſt der ſtolze Blick und das verächtliche Lächeln, jeder Zug iſt getroffen.“ „Und nun betrachten Sie dieſes Portrait!“ „Hm, das iſt er auch, aber nicht ſo gut getroffen. Ein An⸗ derer muß dieſes Bild gezeichnet haben,— wiſſen Sie, was ich darin vermiſſe? Das Ariſtokratiſche, den vornehmen Stolz, die Ruhe—“ „Und was noch weiter?“ fragte die Schauſpielerin lächelnd, als Johann ſtockte. „Ich weiß es nicht, das heißt, ich weiß es wohl, aber ich kann es in Worten nicht ausdrücken. Ich ſage, es iſt ſein Por⸗ trait, und es iſt's auch nicht.“ „Nein, es iſt's nicht,“ erwiderte Madame Winkel.„Dieſes erſte Blatt iſt das rechte Portrait Edmunds von Oſthofen. Wir hatten damals bei unſrer Geſellſchaft ein ſehr talentvolles Mit⸗ glied, welches als Maler gewiß eine glänzende Karriere ge macht hätte. Es war ſeine beſondere Liebhaberei, uns mit unſeren Por⸗ traits zu überraſchen, und auf meinen Wunſch zeichnete er auch den Baron, es war, was Sie vorhin auch ſagten, ein ganz vor⸗ zügliches Portratt.“ „Die Photographie kannte man damals wohl noch nicht?“ ſchaltete Johann ein. „Nein, man hatte noch keine Ahnung davon, und die erſten Bilder, die ſie lieferte, waren auch nicht geeignet, ihr die Zukunft zu prophezeihen, die ſie gehabt hat. Als ich nach Wien ging, begleitete der Zeichner mich, er hatte dort auch ein Engagement angenommen. Und der erſte Kollege, der mir in Wien begegnete, war dieſer Mann,“ fuhr Madame Winkel fort, indem ſie auf das zweite Portrait zeigte, ein Schauſpieler Konrad Landau, deſſen frappante Aehnlichkeit mit dem Baron mir auffallen mußte.“ — 938— Konrad Landau,“ wiederholte Johann, der mit offenem Munde zuhörte,„Sie wurden natürlich näher mit ihm bekannt?“ „Natürlich, er war ja mein Kollege! Der Mann war ſchon weit in der Welt herumgekommen, in allen Dingen erfahren und im gewöhnlichen Leben ein beſſerer Schauſpieler als auf der Bühne. Er hatte das Auftreten eines Kavaliers und die Mittel dazu wußte er ſich zu verſchaffen.“ „Alſo ein Schwinbler?“ „Das will ich grade nicht behaupten. Woher er die Mittel genommen hat, iſt mir noch heute nicht ganz klar. Wir zogen uns alle von ihm zurück, und ihm ſelbſt war das nur angenehm, er ſpielte ſeine Hauptrolle in den Kreiſen der Offiziere und jun⸗ gen Edelleute. Und lange währte die Herrlichkeit auch nicht; ich war noch kein halbes Jahr in Wien, als er eines Tages ohne Lebewohl zu ſagen abreiſte.“ „Ausgekniffen?“ „Jawohl. Einige behaupteten, die enormen Schulden hätten ihn fortgetrieben; Andre wollten wiſſen, er ſei einem Duell aus dem Wege gegangen und wieder Andre wollten gehört haben, er habe mit falſchen Karten geſpielt und ſei dabei ertappt worden. Die Wahrheit haben wir nicht erfahren; diejenigen, welche ſie wußten, ſchienen damit nicht herausrücken zu wollen, vielleicht fürchteten ſie ſich ſelbſt zu compromittiren.“ Johann betrachtete gedankenvoll das Porträt. „Er war ſpurlos verſchwunden?“ fragte er. „Spurlos,“ erwiederte die hübſche Frau. „Und Sie haben nie wieder etwas von ihm gehört?“ „Nein, aber ich habe mich auch nicht nach ihm erkundigt, ich intereſſirte mich nicht für ihn.“ „Die Aehnlichkeit iſt wirklich überraſchend.“ „Nur dann wenn man die Beiden nebeneinander ſieht, findet man den Unterſchied; wie Sie vorhin mit Recht behaupteten, dieſem Geſicht fehlt das Ariſtokratiſche!“ „Sie wiſſen alſo nicht, wohin er von Wien aus gegangen iſt?“ „Keine Silbe!“ Der Reitknecht legte die Zeichnung auf den Tiſch und ſah die frühere Schauſpielerin mit geſpannter Erwartung an. „Und nun?“ fragte er. ja bri Sie beſt Wenn den Sie wundert Freund: brechen. Brider, auf in „Ct weüen?“ „Fo „i Die etwider die alt troffen „ freund ſeine e niß zu afenen iannt?“ ur ſtan pren und auf der e Mitte Rittel ſr zogen genehn, ind jun⸗ nicht Pes ohne hätten uel au ahen, er vorden. lche ſe ie ielleicht findet wleten, en iſt“ h die — 939— „Ich errathe Ihre Gedanken,“ erwiderte Madame Winkel, „aber eine Antwort kann ich Ihnen darauf nicht geben.“ „Sie haben einen ſcharfen Blick, ſchöne Frau—“ „Das leugne ich nicht, aber auch der ſchärſſte Blick kann ſich täuſchen, und ein Urtheil iſt raſch ausgeſprochen.“ „Sprechen Sie es nur aus, ich werde keinen Gebrauch davon machen.“ „Ich kann es nicht. Was ſoll ich Ihnen ſagen? Dem Baron habe ich ſehr nahe geſtanden, mit Landau war ich nur kurze Zeit und dazu oberflächlich befreundet, da liegt es doch in der Natur der Sache, daß ich bei dieſem Wiederſehen mehr an den Baron als an den Schauſpieler dachte.“ „Aber Sie können doch irgend etwas entdeckt haben, was Sie unwillkürlich an den Schauſpieler Landau erinnerte! Sie hegten ja bereits Argwohn, als Sie nach Oſthofen gingen, und es mußte Sie befremden, daß er Sie nicht augenblicklich wieder erkannte. Wenn Sie ihn an die früheren Zeiten erinnert hätten, ſo wür⸗ den Sie bald herausgefunden haben, ob er ſattelſeſt war, mich wundert's daß Sie daran nicht dachten.“ „Gedacht habe ich daran,“ ſuchte Madame Winkel den erregten Freund zu beſchwichtigen,„aber vom Zaune konnte ich es nicht brechen. Er ſprach nur über den Hofmeiſter und über ſeinen Bruder, und ich fand keine paſſende Gelegenheit, das Geſpräch auf ein anderes Thema zu lenken.“ „Er vermied es wohl abſichtlich, die alten Erinnerungen zu wecken?“ „Faſt ſchien es ſv.“ „Liegt darin nicht eine Beſtätigung unſres Verdachts?“ Die Schanſpielerin blickte ſinnend vor ſich hin. „Ich weiß es nicht und wage auch nicht, es zu behaupten,“ erwiderte ſie nach einer Pauſe. Ich machte ihm den Vorſchlag, die alten Beziehungen wieder anzuknüpfen, er lehnte ihn ab.“ „Das hätten Sie im Ernſte gewollt?“ fragte Johann be⸗ troffen. „Verſtehen Sie mich recht, mein Freund, ich wollte nur ein freundſchaftliches Verhältniß anbahnen, aber er berief ſich auf ſeine erwachſene Tochter und ſeine Braut, denen er ein Aerger⸗ niß zu geben fürchtete.“ — 940— „Das hätten Sie erwarten können!“ „Ich machte ihm den Vorſchlag nur, um mir Gelegenheit zu verſchaffen, ihm auf den Zahn zu fühlen.“ „Beſuchen Sie ihn noch einmal.“ „Er wünſcht nicht, daß ich meinen Beſuch wiederhole.“ „Ah— wieder eine Beſtätigung!“ „Aber er hat mir verſprochen, meinen Beſuch zu erwidern, wie es die Höflichkeit ihm gebietet.“ „Er wird dies Verſprechen nicht einlöſen.“ „Dann gehe ich zu ihm, ich habe ihm damit gedroht.“ Der Reitknecht erhob ſich und warf noch einmal einen prü⸗ fenden Blick auf die beiden Porträts, die jetzt nebeneinander lagen. „Wie lange wollen Sie auf ſeinen Beſuch wartrn?“ fragte er „Nur drei Tage.“ „Wohlan, gedulden wir uns, wir haben ja Zeit und brauchen nichts zu übereilen. Sobald wir die Gewißheit erhalten haben, daß dieſer Majoratsherr ein Abentheurer iſt, werden wir unſern Plan entwerfen, ſchöne Frau, und ich hoffe, es kommt dabei ſo viel heraus, daß wir Beide uns eine angenehme Zukunſt ſichern.“ Madame Winkel ſchlug verwirrt die Augen nieder, eine leichte Röthe überzog ihr Antlitz, ſie hatte den tieferen Sinn dieſer Worte verſtanden, und ihre Verlegenheit ließ vermuthen, daß ſie einer Werbung keineswegs abgeneigt war. „Ich baue darauf noch keine Hoffnung,“ erwiderte ſie. „Und ich vertraue feſt auf das Gelingen,“ ſagte Johann. „Mein Verdacht wurzelt ſo feſt, daß er unmöglich—“ „Ein Verdacht, beſter Freund, hat gar keinen Werth, man muß Beweiſe haben! Sehen Sie nach der Narbe, auf die ich Sie aufmerkſam gemacht habe.“ „Ich werde daran denken. War der Polizeirath wieder bei Ihnen?“ „Nein.“ „Sagen Sie ihm nicht, daß Sie in Oſthofen waren.“ „Könnte er es nicht von andrer Seite erfahren?“ „Wer ſollte es ihm ſagen? Ich gewiß nicht, und wenn er in Oſthofen ſich blicken läßt, wird er hinausgeworfen. Wir wollen n uif ihn Synag „Wenn Bal, bjen bn danit ward Er gin Fr hatte wolle et inziſhen) Die Mi eine nebe in welhen Nujoruts) Der L lag freiliq Was Fir i ihn hätte zu werfen. Daran tereſſe, de immer no gebeuttl tenyforte „Enl konmen. „Ve ſollen“ Stunde zu ma „N „Dazu „U in Ort „S twidenn, . en pri⸗ teinanber fragte er brachen nhoben, r unſern dahei ſo ſichern.“ e beichte n dieſer daß ſi e Iohann. h, man die ich edet bei wenn er t wollen ihn auf eigne Fauſt ſpioniren laſſen und das Reſultat ſeiner — 941— Spionage für uns benutzen.“ „Wenn er das erfährt—“ „Ba), ſo ſchlau iſt er auch nicht, daß man ihn nicht über⸗ liſten könnte! Alſo Muth, ſchöne Frau, Muth, Vorſicht und Liſt, damit werden wir wohl zum Ziele kommen.“ Er ging hinaus, nachdem er der Schauſpielerin galant die Hand getüßt hatte, was ſie lächelnd geſchehen ließ. Er hatte das Haus des Wucherers verſchloſſen gefunden, jetzt wollte er noch einmal hingehen, um zu ſehen, ob der alte Mann inzwiſchen heimgekehrt war. Die Mittheilungen der Schauſpielerin gaben ſeinem Verdacht eine neue Stütze, vorzüglich beſchäftigte ihn das Porträt Landaus, in welchem er mehr und mehr eine Aehnlichkeit mit dem jetzigen Majoratsherrn entdeckte. Der Verdacht, daß dieſer Landau ein Abentheurer ſein könne, lag freilich nahe, aber die Wahrſcheinlichkeit fehlte. Was hätte der Polizeirath für dieſe Mittheilungen gegeben! Für ihn würden ſie einen weit höheren Werth gehabt haben, ihm hätten ſie es ermöglicht, einen klaren Blick in die Sachlage zu werfen. Daran dachte Johann auch, aber es lag nicht in ſeinem In⸗ tereſſe, den Polizeirath ſchon jetzt einzuweihen, das kam ſpäter immer noch früh genug, wenn er ſeinen eigenen Vortheil aus⸗ gebeutet hatte. Abraham Schwanenthal war zu Hauſe, er öffnete die Gar⸗ tenpforte und lächelte befriedigt, als er den Reitknecht ſah. „Endlich!“ ſagte er. Ich glaubte ſchon, Sie wären nicht ge⸗ kommen.“ „Wenn Sie mich erwarteten, hätten Sie auch nicht ausgehen ſollen,“ erwiderte Johann ironiſch. Ich war ſchon vor einer Stunde hier, und ich hatte keinen Auftrag, den Weg zweimal zu machen.“ „Na, na, werden Sie nicht grob!“ brummte der alte Mann. „Dazu werden Sie auch keinen Auftrag haben.“ „Und wenn ich es dennoch bin, ſo wird der Herr Baron das in Ordnung finden!“ „Sie ſingen jetzt wieder ſein Lied, weil Sie ſein Brod eſſen,“ — 942— ſpottete Schwanenthal,„dagegen läßt ſich freilich nicht viel ein⸗ wenden. Sie wollten ſogar bezeugen, von der Schuld nichts zu wiſſen, trotzdem Sie mir das Gegentheil geſagt hatten, es wäre Ihnen ſchlecht bekommen.“ „Wäre mein Zeugniß gefordert worden, ſo würde ich auch gewußt haben, was ich zu ſagen hatte,“ erwiderte der Reitknecht, „und bei dem Prozeß hätten Sie jedenfalls ſich am meiſten blamirt.“ Der alte Mann zuckte die Achſeln und öffnete den Brief, den Johann ihm überreicht hatte. „So geht's in der Regel,“ ſagte er,„wenn die Leute Geld nöthig haben, betteln ſie, wie Krüppel am Wege, und wenn ſie das Darlehen zurückgeben ſollen, werden ſie grob bis zur Ge⸗ meinheit. Zuerſt war man der liebe Freund, und ſpäter iſt man ein hartherziger Wucherer und Leuteſchinder.“ „Und in den meiſten Fällen iſt das letzte die Wahrheit.“ „Uebrigens könnten Sie den Mund halten, Sie haben kein Recht, mitzureden, ein Menſch mit ſolcher Vergangenheit—“ „Alter Freund, ſehen Sie ſich vor!“ fiel Johann ihm drohend in's Wort.„Ich bin die geduldige Seele nicht, die ſich von Jedem beleidigen läßt.“ „Wenn man die Wahrheit ſagt—“ „Auch die Wahrheit kann beleidigen, und wenn Jemand ſeine Strafe verbüßt hat, ſo zarf er nicht mehr daran erinnert werden. Sie ſollten ſich an der eigenen Naſe ziehen, alter Herr, ich habe ſchuldlos hinter den ſchwediſchen Gardinen geſeſſen, und Sie hätten längſt verdient, dahinter zu kommen.“ „Wirklich?“ erwiderte Schwanenthal höhniſch, während er die Banknoten zählte. „Dann iſt zu bedauern, daß mich das Geſchick noch nicht er⸗ eilt hat.“ „Das müſſen allerdings alle ehrlichen Leute bedauern!“ „Und Sie ſind wohl einer dieſer Ehrlichen?“ „Wenigſtens bin ich ehrlicher wie Sie!“ „Sie ſind ein Lump!“ fuhr der alte Mann erboſt auf.„Und Sie werden auch Ihr ganzes Leben lang ein Lump bleiben!“ „Abwarten! Wenn Sie einmal in dem großen Hauſe mit den vergitterten Fenſtern wohnen, werde ich Sie beſuchen.“ hla ihn wi un alt un ha end von nd ert rt, und die Und den — ——— tiren müſſen Sie ihn.“ , „Sie haben ja dort Lokalkenntniß!“ „Und Sie werden ſie ſich noch verſchaffen. Geben Sie mir den Schuldſchein, damit ſind wir miteinander fertig. Aber quit⸗ Abraham Schwanenthal legte die Banknoten in ſeine Kaſſette und holte den Schein heraus, auf den er raſch einige Zeilen ſchrieb. Hat der Baron Ihnen keinen weiteren Auſtrag gegeben fragte er. „Nein.“ „Sollten Sie keine Frage an mich richten?“ „Worüber?“ „Das weiß ich ſelbſt nicht.“ „Dann wiſſen Sie immer mehr als ich,“ ſagte der Reitknecht ſpottend, während er den Schein in die Taſche ſteckte.„Der Baron wird ſie jetzt nicht mehr beläſtigen, darauf können Sie Giſt nehmen!“ 2* „Ich geize auch wahrhaftig nicht nach der Ehre, mit ihm noch einmal in Verbindung zu treten,“ erwiderte der alte Mann, er hat mich genug geärgert, und ich kann nicht behaupten, doß er ſich nobel benommen habe. Hätte nicht der Polizeirath ſich der Sache angenommen, ſo würde ich mein Geld nie zurückerhal⸗ ten haben, er wollte ſeine Unterſchrift ableugnen und Sie ſollten gegen heſſeres Wiſſen ausſagen. Solche Mannöver ſind eines Edelmannes nicht würdig, mir ſcheint, das Ehrgefühl iſt ihm drüben abhanden gekommen.“ „Soll ich ihm das wiederholen?“ „Er könnte Ihnen einen Injurienprozeß an den Hols hängen.“ „In Gottes Namen, ich habe nichts dagegen, wenn er ſich vlamiren will,“ ſagte Schwanenthal achſelzuckend.„Sogen Sie ihm, was Sie wollen, mir iſt es gleichgültig.“ „Ich will Ihnen den Aerger nicht anthun,“ ſpottete Johann, während er hinaus ging.„Wir ſind ja nun miteinander fertig, und da iſt's beſſer, wir bleiben auseinander, leben Sie wohl, altes Haus, Sie werden wohl noch Manchen betrügen, ehe Sie um die Ecke gehen.“ Ein heiſeres Hohngelächter folgte dieſen Worten und Abra⸗ ham Schwanenthal machte eine Bewegung, als ob er ſeinen Geg⸗ ————— — 942— ſpottete Schwanenthal,„dagegen läßt ſich freilich nicht viel ein⸗ wenden. Sie wollten ſogar bezeugen, von der Schuld nichts zu wiſſen, trotzdem Sie mir das Gegentheil geſagt hatten, es wäre Ihnen ſchlecht bekommen.“ „Wäre mein Zeugniß gefordert worden, ſo würde ich auch gewußt haben, was ich zu ſagen hatte,“ erwiderte der Reitknecht, „und bei dem Prozeß hätten Sie jedenfalls ſich am meiſten blamirt.“ Der alte Mann zuckte die Achſeln und öffnete den Brief, den Johann ihm überreicht hatte. „So geht's in der Regel,“ ſagte er,„wenn die Leute Geld nöthig haben, betteln ſie, wie Krüppel am Wege, und wenn ſie das Darlehen zurückgeben ſollen, werden ſie grob bis zur Ge⸗ meinheit. Zuerſt war man der liebe Freund, und ſpäter iſt man ein hartherziger Wucherer und Leuteſchinder.“ „Und in den meiſten Fällen iſt das letzte die Wahrheit.“ „Uebrigens könnten Sie den Mund halten, Sie haben kein Recht, mitzureden, ein Menſch mit ſolcher Vergangenheit—“ „Alter Freund, ſehen Sie ſich vor!“ fiel Johann ihm drohend in's Wort.„Ich bin die geduldige Seele nicht, die ſich von Jedem beleidigen läßt.“ „Wenn man die Wahrheit ſagt—“ „Auch die Wahrheit kann beleidigen, und wenn Jemand ſeine Strafe verbüßt hat, ſo barf er nicht mehr daran erinnert werden. Sie ſollten ſich an der eigenen Naſe ziehen, alter Herr, ich habe ſchuldlos hinter den ſchwediſchen Gardinen geſeſſen, und Sie hätten längſt verdient, dahinter zu kommen.“ „Wirklich?“ erwiderte Schwanenthal höhniſch, während er die Banknoten zählte. „Dann iſt zu bedauern, daß mich das Geſchick noch nicht er⸗ eilt hat.“ „Das müſſen allerdings alle ehrlichen Leute bedauern!“ „Und Sie ſind wohl einer dieſer Ehrlichen?“ „Wenigſtens bin ich ehrlicher wie Sie!“ „Sie ſind ein Lump!“ fuhr der alte Mann erboſt auf.„Und Sie werden auch Ihr ganzes Leben lang ein Lump bleiben!“ „Abwarten! Wenn Sie einmal in dem großen Hauſe mit den vergitterten Fenſtern wohnen, werde ich Sie beſuchen.“ end von nd rr, md die Und , „Sie haben ja dort Lokalkenntniß!“ „Und Sie werden ſie ſich noch verſchaffen. Geben Sie mir den Schuldſchein, damit ſind wir miteinander fertig. Aber quit⸗ tiren müſſen Sie ihn.“ Abraham Schwanenthal legte die Banknoten in ſeine Kaſſette und holte den Schein heraus, auf den er raſch einige Zeilen ſchrieb. Hat der Baron Ihnen keinen weiteren Auſtrag gegeber fragte er. „Nein.“ „Sollten Sie keine Frage an mich richten?“ „Worüber?“ „Das weiß ich ſelbſt nicht.“ „Dann wiſſen Sie immer mehr als ich,“ ſagte der Reitknecht ſpottend, während er den Schein in die Taſche ſteckte.„Der Baron wird ſie jetzt nicht mehr beläſtigen, darauf können Sie Giſt nehmen!“ „Ich geize auch wahrhaftig nicht nach der Ehre, mit ihm noch einmal in Verbindung zu treten,“ erwiderte der alte Mann, er hat mich genug geärgert⸗ und ich kann nicht behaupten, duß er ſich nobel benommen habe. Hätte nicht der Polizeirath ſich der Sache angenommen, ſo würde ich mein Geld nie zurückerhal⸗ ten haben, er wollte ſeine Unterſchrift ableugnen und Sie ſollten gegen heſſeres Wiſſen ausſagen. Solche Mannöver ſind eines Edelmannes nicht würdig, mir ſcheint, das Ehrgefühl iſt ihm drüben abhanden gekommen.“ „Soll ich ihm das wiederholen?“ „Er könnte Ihnen einen Injurienprozeß an den Hols hängen.“ „In Gottes Namen, ich habe nichts dagegen, wenn er ſich blamiren will,“ ſagte Schwanenthal achſelzuckend.„Sagen Sie ihm, was Sie wollen, mir iſt es gleichgültig.“ „Ich will Ihnen den Aerger nicht anthun,“ ſpottete Johann, während er hinaus ging.„Wir ſind ja nun miteinander fertig, und da iſt's beſſer, wir bleiben auseinunder, leben Sie wohl, altes Haus, Sie werden wohl noch Manchen betrügen, ehe Sie um die Ecke gehen.“ Ein heiſeres Hohngelächter folgte dieſen Worten und Abra⸗ ham Schwanenthal machte eine Bewegung, als ob er ſeinen Geg⸗ n2 — 944— ner niederſchlagen wollte, aber er fand doch nicht den Muth da⸗ zu, er wußte nur zu wohl, daß er in dieſem Streit den Kürze⸗ zeren ziehen würde. „Ich habe noch Niemand beſtohlen,“ erwiderte er. „Ich ebenfalls nicht.“ „Hm, man weiß ja aus Erfahrung, daß die Diebe ſich immer ausreden⸗ ſie hätten das geſtohlene Gut gefunden.“ „Sie ſcheinen Erſahrungen zu ſammeln, um ſie ſpäter, wenn Sie ſelbſt in den unangenehmen Fall kommen, benutzen zu kön⸗ nen,“ ſagte Johann höhniſch, während der alte Mann das Thor öffnete. Ich wünſche Ihnen Glück dazu, aber ob Sie durchkom⸗ men, das iſt freilich eine andere Frage, die ich nicht zu bejahen wage, Sie haben zu viel auf dem Gewiſſen, als daß eine ganze Kompagnie Advokaten Sie weiß waſchen könnte!“ Damit ſchritt er hinaus und hinter ihm fiel das Gartenthor dröhnend in's Schloß. Er ſteckte die Hände in die Taſchen und ſpitzte eben die Lip⸗ pen, um einen Marſch zu pfeifen, als plötzlich eine Geſtalt vor ihm auftauchte, bei deren Anblick er hell auflachte. Es war der fromme Fridolin, es war die lange hagere Ge⸗ ſtalt des Träumers und zwar in einem Anzuge, der mit dem ſei⸗ nigen eine merkwürdige Aehnlichkeit hatte, aber dem man ſofort anſah, daß ſie nicht für ihn gemacht war. Der Anzug eines Jockeis aber noch zu eng für die dürre Geſtalt und dabei an allen Enden um einige Zoll zu kurz. Dem frommeu Fridolin ſchien dieſe Begegnung keineswegs an⸗ genehm zu ſein, er warf dem Reitknacht einen finſtern Blick zu, den Johann nicht beachtete. „Haben wir denn ſchon Faſtnecht, oder iſt heute Maskenball?“ fragte Johann ſpottend, während er ſeinen ehemaligen Gefährten prüfend beobachtete. „Was geht es Dich an!“ erwiderte der Fridolin ärgerlich. „Ich kann mich kleiden, wie ich will.“ „Natürlich nickte der Reitknecht,„nur immer nobel, wenn uuch kein Rand mehr am Hut iſt!“ „Und Du hätteſt am wenigſten ein Recht darüber zu ſpotten⸗ „Willſt wohl dem Alten einen Beſuch mechen?“ u Der* ſänen Au „Vllſ . hruucht 2 Fartentho Er ſet öfnete u raſchuns „Sie Hab höſes Ge „Unre meinen Ne Fridolin waren Sie ten Sie n ſo elend gevorden „Abr Jockeimüt lüchelte i „Und „Ko „Be „De Sie „Es S „Das wäre möglich!“ „Und der ſchwarze Kaspar hat noch immer den Plan?“ Der Träumer zog die Stirn in Falten, trotzig blitzte es in ſeinen Augen auf. „Willſt Du Dich an unſern Geſchäften nicht betheiligen, ſo brauchſt Du Dich auch nicht um ſte zu kümmern,“ ſagte er. „Niemand hat's gerne, daß man ihm in die Karten ſieht, und uns ärgert's genug, daß Du ſchon einen Blick hineingeworfen haſt. Hüte Dich vor Verrath, Du weißt, wir ſpaſſen nicht.“ „Ach was, Spione und Verräther ſind mir immer verächtlich geweſen,“ erwiderte Johann achſelzuckend. Meinetwegen thut, was Ihr wollt. Der fromme Fridolin ſchritt weiter und blieb vor dem Gartenthor Schwanenthals ſtehen. Er ſetzte den eiſernen Klopſer in Bewegung, der alte Mann öffnete und ſah ihn ſtarr mit allen Zeichen der höchſten Ueber⸗ raſchung an. „Sie ſind's?“ fragte er.„Was zum Tenfel wollen Sie hier?“ „Haben Sie Angſt?“ erwiderte der Träumer.„Sagt Ihr böſes Gewiſſen Ihnen, daß Sie mir Unrecht gethan haben?“ „Unrecht?“ Nein! Es iſt Ihnen bewieſen worden, daß Sie meinen Namen—“ „Ihrem Namen hat das keinen Schaden gethan,“ ſpottete Fridolin,„und wenn die Wechſel Ihnen vorgezeigt wurden, ſo waren Sie nicht verpflichtet, dieſelben einzulöſen. Weshalb zeig⸗ ten Sie mich an?“ Ich habe meine Strafe abſitzen müſſen, aber ſo elend wie Sie mich machen wollten, bin ich doch noch nicht geworden.“ „Abraham Schwanenthal muſterte ihn von der Spitze der Jockeimütze bis zu den Sohlen der ziemlich fuchſigen Stiefel und lächelte ironiſch. „Und was ſind Sie jetzt?“ fragte er. „Kammerdiener und Secretär!“ „Bei wem?“ „Den Namen darf ich Ihnen noch nicht nennen.“ Sie dürfen es nicht?“ „Es wäre indiscret. Aber wollen wir nicht in's Haus gehen?“ Der Baſtard. 60 — 926— „Wozu ſagte der alte Mann unwirſch.„Was Sie mir ſagen wollen, können Sie mir auch hier ſagen—“ „Es ſind Geſchäftsangelegenheiten.“ „Glauben Sie, ich werde Ihnen noch einen Pfenning leihen? Tilgen Sie zuvor die alte Schuld, ſie iſt noch immer nicht ge⸗ ordnet“ „Ich rde nicht von mir, ſondern von meinem Herrn,“ er⸗ widerte der Träumer kopfſchüttelnd.„Und was meine Schuld be⸗ trifft, ſo ſod ſie auch getilgt werden, ſobald ich meine Erfindung an den Mann gebracht habe. Von mir habeu Sie nichts zu fürchten, ich bin friedliebender Natur.“ Es war bei den letzten Worten ihm gelungen, an dem alten Mann vorbei zu ſchreiten, er ging jetzt auf das Haus zu, und der Wucherer folgte ihm. „Denken Sie noch immer an den alten Uaſinn?“ fragte Schwaneuthal mit ſchneidendem Spott.„Sie werden nie etwas erfinden und Ihr Perpetuum me ile bringt Sie noch in's Irren⸗ haus.“ „Glauben Sie das wirklich?“ „Es iſt meine feſte Ueberzeugung.“ „Und wenn ich Ihnen nun ſage, daß es nun erfunden iſt?“ „Das müßten Sie mir beweiſen, wenn ich es glauben ſoll.“ „Beweiſen? Geben Sie mir zehntauſend Thaler, dann ſoll das Modell binnen zwei Monaten fertig ſein.“ Der alte Mann lachte und ſchob die Brille auf die Stirne. „Nicht mehr?“ erwiderte er. Das iſt ja ſehr billig! Schade, daß mir an der Summe nur noch ein Silbergroſchen fehlt, ſonſt würde ich ſie Ihnen vorſchießen.“ „Sie ſpotten, und Ihr Spott iſt wohlfeil“ ſagte der fromme Fridolin achſelzuckend,„man ſpottet in der Regel über das, was man nicht verſteht.“ „Ich ſage Ihnen ja, beweiſen Sie mir⸗ daß Sie die Er⸗ findung gemacht haben! Sie können mir noch ſo viele Zeichnun⸗ gen vorlegen, das Papier iſt geduldig, und Zeichnungen beweiſen nichts.“ Der Träumer ſeufzte tief auf. „Zeichnungen?“ wiederholte er.„Lege ich ſie vor, ſo iſt das Geheimniß verrathen und jeder Schuljunge kann es verwerthen, wenn et nit nehm gliten „Piel „Sie end fort „Das Sie mir Wen kommen“ „Und Nei vetgeblic Herrn.“ „Un „Ein hefindet „Das „Nich Daß ich finden. bin über Wi dem So Fi „Do 2 „— die Re aufgeno — Zeichnun⸗ beweiſen wenn er nur Geld hat. Den Ruhm der Erfindung will ich mir nicht nehmen laſſen, lieber ſoll die Erfindung mich ins Grab be⸗ gleiten.“ „Vielleicht wäre das das Beſte!“ „Sie kennen das nicht, und deshalb lege ich auch auf Ihr Urtheil keinen Werth,“ fuhr der fromme Fridolin abermals ſeuf⸗ zend fort.„Aber wenn Sie mich unterſtützen wollten, könnten Sie Millionär werden.“ Die Hornbrille ſiel wieder auf die Habichtsnaſe hinunter. „Das wäre ſchon etwas,“ ſagte der Wucherer,„womit können Sie mir die Million garantiren?“ „Wenn ich dies könnte, brauchte ich nicht zu Ihnen zu kommen.“ „Und Sie ſind wirklich deshalb zu mir gekommen?“ „Nein, gewiß nicht, ich hätte ja voraus wiſſen können, daß es vergebliche Mühe ſein würde. Ich komme im Auftrage meines Herrn.“ „Und ich frage noch einmal, wer iſt Ihr Herr?“ „Ein reicher Mann, der ſich augenblicklich in Geldverlegenheit befindet. Er will eine Anleihe machen und ich habe Sie vorgeſchlagen.“ „Das haben Sie gethan?“ fragte Schwanenthal zweifelnd.“ „Nicht um Ihnen, ſondern um meinem Herrn gefällig zu ſein. Daß ich es Ihretwegen nicht gethan habe, werden Sie natürlich finden. Ich habs gethan, weil ich keinen Andern wußte, und ich bin überzeugt, Sie werden das Geſchäft gerne machen.“ „Wie hoch ſoll die Anleihe ſein?“ fragte der alte Mann, an dem Sammtkäppchen rückend.“ „Fünf bis zehntauſend Thaler.“ „Das iſt viel Geld. Kann er Sicherheit bieten?“ „Vierfache, wenn es ſein muß.“ „Worin beſteht fie?“ „In Grundſtücken. Mein Herr beſitzt Landgüter.“ „Hm, Weshalb wendet er ſich nicht nach einem großen Ban⸗ kier? Gegen ſo'che Sicherheit—“ „Das eben will er nicht,“ ſagte der Träumer, ihm raſch in die Rede fallend.„Niemand ſoll erfahren, daß er die Summ aufgenommen hat.“ 60* — 948— Bah, Grundbeſitzer haben in der Regel Hypothekſchulden!“ „Drum muß ſie doch nicht jeder Grundbeſitzer haben! Mein Herr iſt mit einer ſehr reichen Dame verlobt, die Hochzeit ſoll erſt nach einem halben Jahre gefeiert werden, weil die Familie der Braut ſich in Trauer befindet. Die Dame aber darf von den Geldverlegenheiten ihres Verlobten nichts erfahren, ver⸗ ſtehen Sie?“ „Vollkommen! winkte der Wucherer.“ „Nach der Hochzeit werden Sie das Geld zurückerhalten, bis dahin müſſen Sie die ſtrengſte Verſchwiegenheit geloben.“ „Und die weiteren Bedingungen?“ „Sie werden Sie ſtellen, und ich bin überzengt, daß mein Herr ſie annimmt.“ Der alte Mann blickte in Nachdenken verſunken hinaus in den Garten⸗ der jetzt, wo das Laub ſchon zum größten Theil ab⸗ gefallen war, nur noch unordentlicher ausſah, wie zu anderen Zeiten. „Sie werden einſehen, daß ich bei einem ſolchen Geſchäſt höhere Zinſen nehmen muß,“ ſagte er. „Welche Gründe haben Sie dafür?“ fragte der fromme Fri⸗ dolin, aus dem Traum⸗, der ihn wieder umfangen hatte, er⸗ wachenb. „Es iſt eine Geſchäftsdiscretion—“ „Aber Sie wagen nichts dabei!“ „Kann ſein, kann auch nicht ſein, ich weiß es nicht. Mir ſind ſchon von vorne herein durch das Verſprechen der Verſchwiegen⸗ heit die Hände gebunden, das iſt unamgenehm und unter Um⸗ ſtänden kann es ſtörend werden.“ „Mein Herr wird allen Verpflichtungen pünktlich nachkommen.“ „Daran zweifle ich nicht. Aber wenn nun das Kapital ſelbſt in Gefahr kommt?“ „Das iſt unmöglich!“ „Ah, bah, unmöglich iſt nichts. Millionär kann über Nacht verarmem die Beiſpiele ſind ſchon da geweſen. Und ein Kapital iſt geht gerne ſicher, mein Beſter.“ „Sie erhalten ja Sicherheit—“ „Ich verlange ſie auch!“ „Und was die Prozente betrifft—“ Ihnen werde itren E „He „3h ſ den D ürich⸗ ten ein — 949— „So wird Ihr Herr wohl zwölf Prozent bewilligen? Ich nehme in der Regel nur ſechs, aber wie geſagt, bei dieſem Ge⸗ ſchäſt muß ich mich vorſehen und wenn ich darüb er ſchweigen ſoll, verlange ich dafür auch ein Aequivalent. Sie können das Ihrem Herrn ſagen, über das dehalie ich mir noch immer die definitive Entſcheidung vor⸗ bis ich weiß, wer Ihr Herr iſt.“ „Er wird zu Ihnen kommen.“ „Dann muß er einen bekannten Namen haben, ober ich muß ihn perſönlich kennen, ſagte der alte Mann,„Und ſofort kann er das Geld auch nicht erhalten, ich werde zuvor Erkundigungen über ihn einziehen. Vorſicht iſt die Mutter des Porzellanhandels und in Geldſachen hört alle Gemüthlichkeit auf. Und das will ich Ihnen aach ſagen, damit Sie es wiſſen. Wenn Sie glauben, ich werde Ihnen eine Belohnung oder eine Proviſion geben ſo irren Sie gewaltig, an Unterhändler zahle ich nie etwas.“ „Habe ich ſchon etwas gefordert?“ fragte der Träumer ruhig. „Ich ſagte Ihnen ja, daß ich nicht Ihnen ſondern meinem Herrn den Dienſt erzeige.“ „So mag er Sie auch dafür belohnen.“ „Wenn ich das verlangte, würde er es thun.“ „Vielleicht gibt er Ihnen das Geld zur Ausführung Ihrer Erſindung,“ ſpottete Abraham Schwanenthal. „Später,“ ſeufzte der fromme Fridolin.„Sie ſind wirklich thöricht, daß Sie ſich mit mir nicht aſſociren wollen! Sie könn⸗ ten ein reicher Mann werden.“ „Oder auch ein Bettler!“ „Das iſt ganz unmöglich!“ „Na ich merke ſchon, Sie ſind auf dem beſten Wege zum Irrenhaus ich glaube ſogar, Sie ſtehen ſchon nahe davor, beſter Mann. Das Perpetuum mobile kann und wird Niemand erfinden, weil es ein Unſinn iſt. Jeder vernünftiger Menſch hat das längſt erkaunt und nur die Narren, die nicht klug werden wollen, zer⸗ brechen ſich noch die Köpfe darüber.“ Der Träumer blickte den alten Mann eine Weile ſtarr an dann entrang ſich ſeiner Bruſt ein ſchwerer und tiefer Seufzer. „Der Neid ſpricht aus Ihnen!“ ſagte er.„Das iſt ja das Un⸗ glück aller großer Männer. und namentlich aller Erfinder ge⸗ weſen, daß der Reid ſie nicht aufkommen laſſen wollte. Wenn ich — 950— einmal an meinem Ziele angekommen bin, wenn meine Erfindung die Runde macht und überall Auſſehen macht, dann werden Sie ſich vor den Kopf ſchlagen und ſagen: Der Fridolin Wortmann war doch ein geſcheidter Menſch, und Du warſt ein Eſel, daß Du nicht Halbpart mit ihm machteſt“ „Na, das wollen wir abwarten!“ „Sie werden warten, bis es zu ſpät iſt!“ „In Gottes Namen! Ich gönne Ihnen den Ruhm gerne, aber ich werde mein Geld nicht zum Fenſter hinaus werfen, um Ihnen ein Logis im Irrenhauſe zu verſchaffen. In früheren Zeiten herrſchte die verrückte Ider, man könne aus jedem Metall Gold machen, jetzt zieht das nicht, dafür tauchen nun andere, ebenſo verrückte Ideen auf. Ich gönne es Ihnen— haben Sie ſonſt noch etwas zu ſagen?“ „Nein. Ich werde mit meinem Herrn an einem der nächſt⸗ folgenden Abende kommen—“ „Weshalb am Abend?“ „Weil ihn Jemand ſehen könnte, wenn er am Tage in dieſes Haus geht. Und da man weiß, wer hier wohnt, ſo würde man auch ſogleich den Zweck ſogleich ſeines Beſuches errathen. Leuch⸗ tet Ihnen das nicht ein?“ „Wenn die Sache ſo geheim gehalten werden muß— „Sie kennen den Grund.“ „Dann verzichte ich lieber darauf; ich bin gewohnt⸗ meine Geſchäfte am hellen Tage zu ordnen.“ „Pah, Abend's verſäumen Sic am wenißſten.“ „Aber ich nehme Abends keinen Beſuch an.“ „Wir werden in der Dämmerſtunde kommen,“ ſagte der Träu⸗ mer.„Sie werden uns ſchon empfangen, zwölf Prozent von zehntauſend macht zwölfhundert; wenn man eine ſolche Summe ſo raſch verdienen kann, läßt man ſich eine kleine Unbequemlich⸗ keit gerne gefallen.“ Er nickte dem alten Mann vertraulich zu und ging ſeufzend hinaus. Was er ſagen wollte, hatte er geſagt, jetzt dachte er wieder an ſeine Erfindung, und Abraham Schwanenthal ſchwieg auch, die letzten Worte des frommen Fridolin hatten doch Ein⸗ druck auf ihn gemacht er wollte ſich mit der Ablehnung des ihm angebotenen Geſchäfts nicht übereilen. Fer Ruhe d Sie zu köm Patien ihres 5 ziergat der Ar in alle der let ihre Re den ſie Ju bracht ſproche Fe gehend Sees Geneſe M ſütze Blic dem — — ſie, n Vinte in dieſes rde man 0 Luuch⸗ Meine er Träu⸗ zent von Summe guemlich⸗ ſeufzend dachte er 1 ſchwieg doch Ein⸗ des ihn „ Schveigend trennten die Beiden ſich, und mit ſeinem Tage⸗ werk zufrieden, kehrte der Wucherer in ſein einſames Haus zurück. — 37. Kapitel. Es hat nicht ſollen ſein. Ferdinand von Falkenberg war nun ſoweit wieder hergeſtellt daß Miß Cleveland, ſeine Freundin und unermüdliche Pflegerin mit Nuhe daran denken durfte, ihn zu verlaſſen. Sie hatte ſich längſt danach geſehnt, die Heimreiſe antreten zu können, aber die vielleicht etwas übertriebene Sorge für den Patient hielt ſie immer und immer wieder von der Ausführung ihres Vorhabens ab. Jetzt aber hatte Herr von Falkenberg ſchon ſeinen erſten Spa⸗ ziergang gemacht und die kleine Strapatze war ihm gut bekommen, der Arzt äußerte ebenfalls kein Bedenken mehr, man konnte alſo in aller Ruhe ihn ſeinem ferneren Geſchick überlaſſen. Es war der letzte Abend, am nächſten Morgen wollte Miß Cleveland ihre Reiſe antreten, ſie widmete dieſe letzten Stunden dem Freunde, den ſie wie einen Sohn liebgewonnen hatte. In dieſer Abſchiedsſtunde mußte Manches zur Sprache ge⸗ bracht werden, was bisher aus beſonderen Rückſichten nicht be⸗ ſprochen worden war. Ferdinand ſaß am Fenſter, die letzten Strahlen der unter⸗ gehenden Sonne zitterten auf den leichtgekräuſelten Wellen des See's und warfen ihren Widerſchein auf das blaſſe Antlitz des Geneſenen. Miß Cleveland hatte auf dem Divan Platz genommen, ſie ſtützte das Haupt mit dem Silberhaar auf den Arm, und ihr Blick ruhte voll inniger Theilaahme und treuherziger Liebe auf dem jungen Mann, der ſeinen Gedanken Audienz gab. Sie werden nun wohl auch zur Heimath zurückreiſen,“ ſagte ſie, nach einer Weile das Wort ergreifend,„oder wollen Sie den Winter in Italien verbringen?“ ———— Sie wußte es wohl, wo dieſe Gedanken weilten und mit wem ſie ſich beſchäftigten, wie gerne hätte ſie die Wunde geheilt, die dieſem Menſchenherzen geſchlagen worden war. Der junge Mann wandte ihr das blaſſe Antlitz zu, ein weh⸗ müthiges Lächeln umſpielte ſeine Lippen. „Was ich will, was ich nicht will, weiß ich eigentlich ſelbſt nicht,“ erwiderte er,„ich dachte ſoeben daran, wie werthlos das Leben ſei, wenn—“ „So dürfen Sie nicht reden!“ unterbrach Miß Cleveland ihn „Man muß das Leben nehmen, wie es ſich bietet und mit dem, was das Geſchick bringt, zufrieden ſein.“ „Waren Sie es immer?“ „Immer? Nein, ſicher nicht, aber ich fand auch, daß Unzu⸗ friedenheit und Klagen nichts änderten. Manchem Menſchen iſt ein herber Schmerz beſchieden, den er ſein ganzes Leben lang tragen muß, Wunden, die nie heilen und vernarben, auch das muß er annehmen, denn Gott will es ſo, und was Gott thut, das iſt wohlgethan.“ Ferdinand von Falkenberg ſchwieg; in träumeriſchem Sinnen verſunken, blickte er hinaus auf den See. „Und wiſſen Sie denn jetzt ſchon ſo ſicher, daß dieſe Wunde ſich niemals ſchließen wird?“ fuhr die Enzländerin fort.„Es iſt wahr, Signora Grimaldi hat mir keine Hoffnung gelaſſen, aber—“ „Wenn Sie von ihr reden, Miß Cleveland, dann müſſen Sie auch hinzufügen, daß Sie grauſam und hartherzig iſt.“ „Sagen Sie das nicht. Es iſt meine eigene Ueberzeugung, daß Sie heiß und innig geliebt werden, wie nur ein Mann ge⸗ liebt werden kann, und wenn trotz alledem Signora Arabella ſich weigert, ihre Gattin zu werden, ſo wird dieſes ſchwere Opfer ihr auferlegt durch andere Gründe als diejenigen, welche ſie ge⸗ nannt hat.“ „Welche Gründe könnten es ſein?“ „Ich habe dieſe Frage mir ſelbſt vorgelegt und meine Ant⸗ wort darauf gefunden, aber ich werde ſie finden, vorausgeſetzt, daß Signora Arabella das Engagement in London annimmt.“ „Es können keine Gründe ſein, die dieſe Trennung unabän⸗ an ihr& um dieſ weiß m Gedanke Schuld „Nu „Eie „Nie „Und Dane he eine ung Tochter e „Se ſie Arabe ihren S ſich gen Si „Un „Ab LeA, nen ſen Ste eugung, ann ge⸗ ella ſich fer ihr 02 — 953— derlich nothwendig machen,“ ſagte der junge Mann, leicht das Haupt wiegend,„es ſind thörichte Bedenken, die gar keine Gel⸗ tung haben. Ich habe mit frohem Herzen jedes Opfer gebracht, darf ich nun nicht auch von ihr ſolche Opfer fordern?“ „Laſſen Sie mich dieſes Herz ſondiren, ich werde die Wahr⸗ heit ermitteln.“ „Und dann ſagen Sie ihr noch einmal Alles, was ich Ihnen geſagt habe.“ „Ich werde es thun.“ „Sagen Sie ihr, daß mein ganzes Sein und Denken nur ihr gete und daß ich zu Allem bereit bin, um ſie zu gewinnen.“ „Ich werde es ihr ſagen,“ erwiderte Miß Cleveland,„ich werde an ihr Herz und ihr Gewiſſen appelliren und Alles aufbieten, um dieſe Herzenswunde zu heilen. Ob es mir gelingen wird, weiß nur Gott allein.“ „Ich hoffe es nicht mehr. „Wer die Hoffnung verliert, verliert ſich ſelbſt. Oft ſteigt der Gedanke in mir auf, daß die Mutter Arabella's die alleinige Schuld an der Weigerung trage. Kennen Sie dieſe Frau?“ „Nur von Anſehen.“ „Sie haben alſo nie ein böſes Wort mit ihr gehabt?“ „Niemals.“ „Und doch kehrt dieſer Gedanke immer wieder zurück. Die alte Dame hat auf mich keinen günſtigen Eindruck gemacht, ſie ſcheint eine ungebildete Frau zu ſein, und ich glaube, daß ſie auf ihre Tochter einen ſehr großen Einfluß übt.“ „Eine ungebil)ete Frau auf dieſes feingebildete Mädchen?“ „S iſt ihre Mutter!“ „Und was könnte dieſe Mutter gegen mich einzuwenden haben? Von einer perſönlichen Abneigung kann ja keine Rede ſein.“ „Sehr viel, Herr von Falkenberz,“ erwiderte Miß Cleveland. „Nicht gegen ihre Perſon, ſondern gegen die Verhältniſſe, in welche ſie Arabella einführen, würde ſie ſich nicht heimiſch fühlen, ſie würde ihren Einfluß, ihre bisherige Freiheit und Macht verlieren und ſich genöthigt ſehen, beſcheiden in den Hintergrund zu treten.“ „Sie würde ein ruhiges Alter haben.“ „Und von Ihnen abhängig ſein.“ „Abhängig? Nicht doch!“ — 954— „Sie würte es ſein, betonte Miß Eleveland,„ſchon deshalb weil ſie eine ungebildete Frau iſt. Man würde ſich vielleicht ge⸗ zwungen ſehen, ihr Porſchriften zu machen und Verhaltungsregeln zu geben, und das können ſolche Leute nicht ertragen. Hat nicht Arabella Ihnen geſagt, ſie erinnere ſich, ihre Kindheit bei Zigeu⸗ nern verlebt zu haben? Alſo war die Mutter eine Zigeunerin, und unter uns geſagt, ſie ſieht auch ganz ſo aus.“ „Ich habe darüber meine beſonderen Gedanken.“ „Ich kenne ſie, aber es iſt unnütz ihnen nachzugrübeln.“ „Sie glauben, daß es nicht möglich wäre—“ „Nicht wahrſcheinlich, mein Freund, es find Märchengedanken, die kein feſtes Fundament haben auf das ſie ſich ſtützen können.“ Ferdinand ſchüttelte wieder das Haupt, er dachte darüber doch anders. „Signora Grimaldi müßte es ja als ein beſonderes Glück für ihre Tochter betrachten⸗ daß ihr eine ſo ſichere, angenehme und ſorgenſreie Zukunft geboten wird,“ ſagte er. „Aber ſie ſelbſt kann dann nicht mehr herrſchen.“ „Dem Glücke ſeines Kindes muß man die eignen Intereſſen opfern können.“ „Gewiß Herr von Falkenberg⸗ aber können das alle Leute?“ „Alle, welche ihre Kinder lieben.“ „Zugegeben? Wiſſen wir aber, ob die Liebe der Signora Gei⸗ maldi zu ihrer Tochter ſo uneigennützig iſt? Ich fürchte, die Selbſtſucht überwiegt dieſe Liebe, wenn von der letzteren über⸗ haupt die Rede ſein kann.“ „Dann wäre es mir unbegreiflich daß Arabella ſich von ihrer Mutter tyranniſiren laſſen ſollte!“ „Wir kennen die Verhältniſſe nicht, und drum iſt es ſchwer, ein ſicheres Urtheil zu fällen,“ ſagte die Engländerin,„ich will verſuchen, ſie kennen zu lernen⸗ und habe ich erſt einen tlaren Blick hineingeworfen, ſo werde ich die ſchwachen Seiten finden, an denen Breſche geſchoſſen werden kann. So lange müſſen Sie ſich gedulden und hoffen.“ „Und wenn Arabella nicht nach England komn „So werde ich erfahren⸗ wohin ſie geht⸗ ſie hat mir verſpro⸗ chen, mit mir in Briefwechſel bleiben zu wollen.“ 3 „Viel don zuri ſieſen Geſchüft uuß da ihret 2. kin „Vu heit Vi gunem ßen Dar „Red halb ko wiſſen ſüllen 1 „S „Gi manche ganze 2 ſtrenge und ich „Nic freiwilli Samari „Un ernſte u wollen Lhema. wei H einen über e weiß e Sie al „ einem „U nora Gli⸗ Ri rchte, die ren über⸗ von ihrer es ſchwer, ich will ( „—— nüſſen Sie r verſpro⸗ — „Vielleicht wird ihre Mutter ſie von dem Engagement in Lon⸗ don zurückhalten.“ „Es wäre möglich, aber ich glaube nicht, daß Arabella in dieſem Punkte ihren Willen beeinfluſſen läßt. Es iſt dies eine Geſchäftsfrage, von der zu vicl abhängt, und Signora Grimaldi muuß das ja auch einſehen, und die Entſcheidung über dieſelbe ihrer Tochter überlaſſen.“ Ein tiefer Seufzer entrang ſich der Bruſt des jungen Mannes. „Was Sie auch ferner noch thun mögen in dieſer Angelegen⸗ heit, Miß Cleveland,“ ſagte er,„ich danke Ihnen im Voraus von ganzem Herzen für Ihre Güte. Ich ſchulde Ihnen bereits ſo gro⸗ ßen Dank für das, was Sie erwieſen haben, daß—“ „Reden Sie doch vavon nicht,“ bat die Engländerin.„Wes⸗ halb kommen Sie immer auf dieſes Thema zurück, da Sie doch wiſſen, daß es mir unangenehn iſt? Jeder ſoll ſeine Pflicht er⸗ ſfüllen und keinen Dank dafür erwarten.“ „Si wollen damit ſagen, daß Undank der Welt Lohn ſei!“ „Gewiß nicht, mein Freund es wäre ein großes Unrecht, wenn ich Ihnen dieſen Vorwurf machen wollte. Und wenn auch in manchen Fällen dieſes Sprüchwort zutrifft, darf man drum die ganze Menſchheit verurtheilen? Neis, ich wollte nur ſager, daß ſtrenge Pflichterfüllung auf keinen Dank Anſpruch machen dürfe, und ich meine, darin müßten Sie mir Recht geben.“ „Nicht ſo ganz. Miß Cleveland, es gibt Pflichten, die man freiwillig ſich auferlegt ich will ſie bie Pflichten des barmherzigen Samariters nennen—“ „Und erfüllte denn der larmherzige Samariter nicht eine ernſte und heilige Pflicht, als er ſich des Kranken annahm? Wir wollen nicht weiter darüber reden, für mich iſt es ein peinliches Thema. Und wenn ich Sie und Arabella glücklich machen kann, zwei Herzen, die mit mir befreundet ſind, habe ich dann nicht einen reichen Lohn in der freudigen Genugthuung, die ich dar⸗ über empfinden muß? Ob es mir gelingen wird— ich weiß es nicht, aber ich hoffe mit Zuverſicht darauf. Wann wollen Sie abreiſen?“ „Uebermorgen“ erwiderte Ferdinand non Falkenberg, wie aus einem Traume erwachend. „Und das Ziel Ihrer Reiſe?“ — 956— „Ich werde zuerſt nach Lauſanne gehen“ „Nach Lauſanne? Was wollen Sie dort?“ „Weilt Arabella Grimaldi noch dort?“ „Ich glaube es nicht. Sie ſagte nur ſie wollle in den erſten Tagen die Schweiz verlaſſen. Aber wenn ſie auch noch in Lau⸗ ſanne wäre, Sie würden doch nichts erreichen.“ „Ich würde ſie nur ſehen—“ „Und was hätten Sie mehr davon als eine Aufregung, die Ihnen nur ſchaben könnte?“ erwiderte Miß Cleveland in ernſtem, warnendem Tone.„Verzichten Sie darauf warten Sie in Geduld ab, bis ich Ihnen geſchrieben habe, vielleicht lade ich Sie ſchon bald ein, nach London zu kommen. Ueberlaſſen Sie mir die Ver⸗ mittlung, glauben Sie, es iſt beſſer ſo.“ „Ich weiß das Alles,“ ſagte Ferdinand, ich gebe Ihnen in dieſem Punkte ja vollſtändig Recht, aber Sie wer en auch be⸗ greifen—“ „Daß es ſchwer iſt, Geduld zu üben?“ fiel die Engländerin ihm ſcherzend in's Wort.„Sie werden es können, wenn Sie ernſtlich wollen. Erinnern Sie ſich nicht mehr der Geſchichte, die der Vicomte von la Grange uns erzählt hat?“ „Gewiß, es war eine erſchütternde Herzensgeſchichte.“ „Erſchütternd. Sie haben Recht. Und doch hat dieſer leb⸗ hafte, ſo leicht bewegte Franzoſe ſich hineingefunden, er hat ſeine Hoffnungen zu Grabe getragen und—“ „Es war ein andrer Fall“ erwiderte Ferdinand raſch.„Er verlor die Geliebte, er mußte ſich in den unabänderlichen Spruch des Schickſals fügen—“ „Uns bleibt noch die Hoffnung, mein Freund! Gewiß, es iſt ein andrer Fall, aber für Sie iſt er günſtiger.“ Der Vicomte war, wenn keine politiſche Frage berührt wurde⸗ ein angenehmer Geſellſchafter,“ ſagte der junge Mann, offenbar in der Abſicht, dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben,„ich ſah ihn mit Bedauern ſcheiden.“ „Chevalier Marmont gefiel mir beſſer“ erwiderte Miß Eleve⸗ land.„Er war auch ruhiger, ernſter und in jeber ein vollendeter Kavalier.“ „Sie haben Recht. Er billigte damals das Duell nicht, er ſprach ſich mit Entrüſtung über die Handlungsweiſe meines Geg⸗ S — —— — ——————— ners aus, neidlich w gebe die Z N weſen, N genom nel gegen hie „Gege „Der nn! N mun in 2 „Sie auch fete mir nicht „Der in den „Ab „Ma ie „Und den Fehde drüben w Der Zwe Frauzoſer genug be Haben d ſie haber Schwert Stimme auf dieſ digkeit, ſeine G weis ka niederw S langſam un Sie 1* ichte die . ſer leb⸗ at ſeine ¹ iß, es iſt t wurde⸗ offenbar ben,„ich iß Eleve⸗ hung ein nicht er tes Geg⸗ ——— — 957— ners aus, aber er ſah auch wohl ein, daß der Zweikampf unver⸗ meidlich war und mit feinem Takt löste er die unangenehme Auf⸗ gabe die ihm ſelbſt zugefallen war.“ Der Vicomte hat anch ſeine Pflicht gewiſſenhaft erfüllt.“ „Ich bin ihm dankbar dafür; mein Leben wäre verloren ge⸗ weſen, wenn die beiden Franzoſen ſich nicht ſo warm meiner an⸗ genommen hätten. Und trotzdem war dieſer Vicomte von Haß gegen die Deutſchen erfüllt.“ „Gegen die Nation, aber nicht gegen den Einzelnen!“ „Der Haß gegen Nationen erſtreckt ſich auch auf den Einzel⸗ nen! Ich glaube der Krieg mit Frankreich iſt uns näher wie man in Deutſchland ahnt.“ „Sie haben das oft ausgeſprochen, und der Vicomte ſprach auch ſtets von der Rothwendigkeit dieſes Krieges, aber ich glaube nicht daran,“ erwiderte Miß Cleveland kopſſchüttelnd,„ich kann mir nicht denken, daß zwei gebildete Nationen—“ „Der Haß der Racen tritt ſchonungslos niever, was ſich ihm in den Weg ſtellt.“ „Aber zu einem Kriege muß eine Urſache vorhanden ſein!“ „Man wird ſie finden.“ „Sie läßt ſich nicht vom Zaune brechen.“ „Und weshalb nicht? Wirft Frankreich dem deutſchen Volke den Fehdehandſchuh hin, ſo wird es ihn aufheben, und hüben wie drüben wird der Haß hell aufflammen. Was liegt an der Urſache! Der Zweck muß das Mittel heiligen und daß der Kaiſer der Franzoſen in ſeinen Mitteln nicht ſehr wähleriſch iſt, hat er oft genug bewieſen. Was ſoll dieſes Rachegeſchrei wegen Sadowa? Haben die Franzoſen dort eine Niederlage erlitten? Nein, aber ſie haben erfahren, daß Preußen eine Macht iſt, die mit dem Schwerte in der Fauſt Geſetze dictirt, eine Macht, welche die Stimme Frankreichs nicht mehr anerkennen wird. Frankreich blickt auf dieſe wachſende Macht mit Beſorgniß, es fühlt die Nothwen⸗ digkeit, ſein Anſehen neu zu befeſtigen zu beweiſen, daß es auf ſeine Gloire und ſein Preſtigo noch pochen darf. Unb dieſen Be⸗ weis kann es nur dadurch liefern, daß es den mächtigen Nachbar niederwirſt und ihn demüthigt.“ „Sie mögen Recht haben“ ſagte Miß Cleveland, indem ſie langſam ſich erhob und auf das Fenſter zuſchritt,„ich verſtehe * das nicht, weil die Fragen der Politik kein Intereſſe für mich — 958— haben. Es wäre ein frevelhafter Krieg, gleichviel, von welcher Seite er begonnen und welche Nation in ihm beſiegt wird. Es iſt ſchon ſpät, mein Freund und Sie bedürfen der Ruhe; wir müſſen ſcheiden.“ Ferdinand ſtand von ſeinem Seſſel auf und reichte ihr beide Hände. Es iſt ein ſchwerer Abſchied für mich,“ erwiderte er mit zit⸗ ternder Stimme,„aber die Hoffnung, daß ich Sie wiederſehen werde, erleichtert ihn. Ich will nicht noch einmal Ihnen danken, Sie werden ja ſelbſt wiſſen—“ „Alles, mein Freund, unterbrach die alte Dame Uhn.„Sie werden alſo warten und ſich gedulden, bis ich Ihnen geſchrieben habe?“ „Jawohl, aber ich hoffe, Sie werden meine Geduld nicht auf eine zu harte Probe ſtellen.“ „Ich werde ſchreiben, ſobald ich weif, wo Arabella ſich be⸗ findet.“ „Und kommt ſie nach London?“ „Nun, dann reiſe ich zu ihr.“ „Das wollen Sie wirklich thun? fragte Ferdinand überraſcht. „Muß ich nicht? Wenn ich einmal eine Aufgabe übernommen habe, dann löſe ich ſie auch ganz, eine halbe Löſung kann ja nicht zum Ziele führen. Sie haben meine Adreſſe, ſchreiben Sie mir auch, Sie wiſſen ja, wie ſehr ich mich für Alles, was Sie betrifft, intereſſire.“ „Ich werde Ihnen oft ſchreiben.“ „Und bald, nicht wahr?“ „Binnen acht Tagen.“ „Und ich werde Ihren Brief ſofort beantworten. Und nun noch Eins! Suchen Sie jede Begegnung mit dem Baron zu ver⸗ meiden, und ſollte der Zufall eine ſolche herbeifühten ſo würdi⸗ gen Sie ihn keines Wortes. Behandeln Sie ihn mit der Ver⸗ achtung, die er verdieut, wollen Sie mir das verſprechen?“ „Ich glaube, daß er ſelbſt einer nochmaligen Begegnung aus⸗ weichen wird.“ „Er iſt in Paris—“ „Ich werde nicht nach Paris reiſen.“ „Aber Dit nit Er haßt tis er di — Die mhig. uu nicht auf ſo iſ er „Kön Ju jett. daß ſchon au meiden.“ etnſt ur ſpiegelt ja einle gegen d dürfen. bald Ihr Sie Ale wohl.“ Sie ſchinme Lon verſunk noch la ſ „M Pild 2 vergeſſ Ob Antwo mählig U Blüthe auch a — 956— „Aber er könnte dieſe Stadt verloſſen und an einem andern Orte mit Ihnen zuſammentreffen,“ ſagte Miß Cleveland beſorgt. Er haßt Sie und ich fürchte, daß dieſer Haß nicht ruhen wird, bis er durch den Tod des Wegners befriedigt iſt.“ hr beide„Dieſe Furcht iſt wirklich unbegründet“ erwiderte Ferdinand 1 ruhig.„Im Allgemeinen iſt der Baron feige, nur in der Er⸗ nit ji. regung zeigt er den Muth der Todesverachtung. Er wird mich derſehen nicht aufſuchen und ſollte er zufällig mit mir zuſammentreffen, hnt, ſo iſt er gewiß der Erſte, der das Feld räumt.“ „Können Sie das ſo ſicher behaupten?“ „8i„Ja meine Freundin, ich kenne ihn ſeit Jahren. Er fürchtet ſhrilen jetzt, daß ich den Vorſatz hegen könne, Rache an ihm zu nehmen ſchon aus dieſem Grunde wird er eine Begegnung mit mir ver⸗ meiden.“ Miß Cleveland hielt ſeine Hand noch immer in der ihrigen, ſß be Sß und voll ruhte ihr Blick auf ihm, und in ihren treuen Augen ſpiegelte ſich eine warme, innige Theilnahme. „Ich will auf Sie vertrauen, ſagte ſie, es muß Ihnen ſelbſt ja einleuchten, daß Ihr Leben zu werthvoll iſt, als daß Sie es S gegen das Leben eines ſolchen Mannes in die Schranken ſetzen v dürfen. Und nun leben Sie wohl, ſchonen Sie ſich, damit Sie . bald Ihre volle Geſundheit und Kraft wieder erlangen und geher Lahn.— 4— 8. Sie Allem aus dem Wege was Se aufregen könnte.“ Leben Sie 5 wohl.“ Sie drückte ihm noch einmal die Hand und eine Thräne ſchimmerte dabei in ihren Augen, dann ging ſie hinaus. Lange noch blickte Ferdinand von Falkenberg in Nachdenken verſunken, und als er endlich ſein Lager aufſuchte, floh der Schlaf noch lange ſeine müden Augen.“. nd nun„Mochte er ſie ſchließen oder öffnen, ſtets ſchwebte ihnen das zu ver⸗ Bild Arabella's vor, dieſes ſüße⸗ liebreizende Bild das er nimmer würdi⸗ vergeſſen konnte. er Ver⸗ Ob er ſie jemals ſein eigen nennen würde? Er fand keine 7 Antwort auf dieſe Frage, auch in dem Traume nicht, der all⸗ ng aus⸗ mählig ſeine Seele umfing. Ihm träumte, er befinde fich mit der Geliebten in einem mit Blüthen überſäeten Garten⸗ ſie ging vor ihm, aber ſo ſehr er ſich auch anſtrengte, es gelang ihn nicht, ſie einzuholen. Die Entfernung zwiſchen ihr und ihm wurde immer größer, neckiſch warf ſie mit Blumen nach ihm, ſie fielen vor ihm nieder, und wenn er ſich bücken wollte, um ſie aufzuheben, ſo waren ſie ſpurlos verſchwunden. Oſft war er ihr nahe, daß er glaubte, er müſſe ſie erhaſchen wenn er nur die Arme ausſtreckte, ſo zerrann die Geſtalt unter ſeinen Händen wie ein Nebelbild, er verfolgte einen Schatten, er ver⸗ folgte ihn unermüdlich, bis er ſich plötzllch allein in einer wilden Einöde ſah. Als er erwachte, war der Tag längſt angebrochen. Raſch erhob er ſich, er wollte der Engländerin noch einmal Lebewohl ſagen, aber als er einen Blick auf ſeine Uhr warf, er⸗ kannte er, daß ſie ſchon vor einer halben Stunde abgereiſt ſein mußte. Es ärgerte ihn, daß er den letzten Abſchied verſchlafen hatte, aber vielleicht war es auch beſſer ſo, es würde ihn wieder aufge⸗ regt haben, er ſühlte ſelbſt, daß ſolche Aufregungen ſeinem ge⸗ ſchwächten Körper ſchaden konnten. Er zog an der Glocke und beſtellte das Frühſtück. Wo hin nun? In Vevey wollte er nicht länger bleiben, hier hielt ihn nichts mehr zurück, nachdem die Freundin es verlaſſen hatte. Sie hatte ihm gerathen, nach Italien zu reiſen, er konnte ſich nicht dazu entſchließen; er fand dort auch Niemand, der ihm half, die trüben Gedanken fern zu halten. In die Heimath mochte er auch nicht zurückkehren. Er hatte mit ſeiner Familie ſich überworfen, weil er aus dem Offiziercorps einer Sängerin wegen ausgeſchieden war, und von ſeinen frühe⸗ ren Freunden und Bekannten, die jedenfalls von ſeinem Duell Kenntniß erhalten hatten⸗ durfte er nur ſpöttiſche Bemerkungen erwarten. Was ſollte er auch dort? Es wäre ihm zu peinlich geweſen, Jedem Rede ſtehen zu müſſen und fern bleiben konnte er den Kreiſen auch nicht, mit denen er früher verkehrt hatte. Wäre nur ein Freund, ein wirklicher, aufrichtiger Freund ihm zur Seite geweſen. Er erinnerte ſich des Malers Rodenberg, noch jetzt berührten ihn die Worte, die Willy damals ihm geſagt hatte, wohlthuend. ——— Inſ Vilyl Uehe gehen, „Sir Gla helen li „ei tauſendm ih Ihre Mivan⸗ ſcweige S ternom galt ne naldi“ „Ein über ſei „S den G D — Vpen zu ken hole i gewor reden mir di geworfen, und ich weiß, 56— .* In jener Stunde hatte er ſich ſympathiſch zu dem Maler gezogen gefühlt, und als er jetzt ſo lebhaft an i Wily plötzlich vor ihm. Ueberraſcht erhob er ſich, um dem Eintretenben eutgegen zu gehen, er glaubte Anfangs ſeinen Augen nicht trauen zu dürfen. „Sind Sie es wirklich?“ fragte er zweifelnd. „Glauben Sie an Geſpenſter?“ erwiderte Willy ſcherzend.„Am hellen lichten Tage werden Sie dieſelben wohl nicht fürchten?“ „Nein, wahrhaftig nicht,“ lachte Ferdinand.„Seien Sie mir tauſendmal willkommen! Gerade in dieſem Augenblicke gedacht. ich Ihrer!“ Er reichte ihm die Hand und zog ihn neben ſich auf den Divan, und eine Weile ſchauten die beiden Männer einander ſchweigend an. hin⸗ hu dachte, ſland „Sie machen eine Kunſtreiſe?“ fragte Ferdinand endlich.„Wie ſehr danke ich Ihnen dafür, daß Sie meiner dabei gedacht haben.“ „Eine Kunſtreiſe?“ wiederholte Willy leicht das Haupt wiegend. „Ich habe die Reiſe in der Hauptſache nur aus dem Grunde un⸗ ternommen⸗ den drückenden Erinnerungen zu entfliehen. Und dann galt meine Reiſe auch Ihnen und meiner Freundin Arabella Gri⸗ maldi.“ „Ein leiſer Seufzer entrang ſich den Lippen Ferdinands, und über ſeine vorhin noch ſo heitere Stirn glitt flüchtig ein duneler Schatten. „Haben Sie meinen Brief erhalten?“ fragte er. „Jawohl.“ „So werden Sie auch wiſſen, daß meine Hoffnungen unter den Geſrierpunkt geſunken ſind.“ „Das eben habe ich nicht entbecken können,“ ſagte Willy, deſſeu Lippen ein feines Lächeln umſpielte. Ich glaube Prabella beſſer zu kennen, und was ich ſchon damals Ihnen ſagte, das wieder⸗ hole ich heute, ich habe einen tiefen Blick in dieſes Menſchenherz daß Sie geliebt werden. Aber davon reden wir nachher,“ fuhr er fort, während er die Cigarre nahm, die Ferdinand ihm auboh vor allen Dingen beantworten Sie mir die Frage, ni Ste ſich befinden.“ „Ich danke Ihnen, ber Art iſt zufrieden, alſo kann ich es „Sie ſind ganz wieder hergeſtellt?“ „Die Kräfte ſind allerbings noch nicht wieder da, aber Sie, werden ſchon wieder kommen.“ „Und wo iſt der Veron, Ihr Gegner 7 „Soviel ich weiß, in Paris,“ ſagte Ferdinand von Falken⸗ berg.— „Sie haben nichts mehr von ihm gehört?“ „Nein.“ „Und Sie werden auch kein Verlangen tragen, ihm wieder zu begegnen,“ ſagte Willy, die Brauen leicht zuſammenziehend. „Ich habe lange ihm Haß nach getragen, aber dieſer Haß iſt un⸗ tergegangen in Verachtung.“ Ferdinand nickte zuſtimmend. „Sie haben Recht,“ erwiderte er; man kann ihn nur verach⸗ ten. Iſt mein Duell in der Heimath hekannt geworden?“ „Die Zeitungen haben es berichtet.“ „Die Zeitungen? Wer konnte ein Intereſſe daran haben, zu veröffentlichen? Und in welcher Abſicht iſt es geſchehen?“ „Darüber kaun ich Ihnen nichts ſagen,“ entgegnete Willy ochſelzuckend,„daß es in beſonderer Abſicht grſchehen iſt, mag wohl möglich ſein, aber ebenſowohl kann auch—“ „Nein, nein, es liegt irgend ein Zweck zu Grunde, mag er nun gegen mich oder den Baron von Oſthofen gerichtet ſein, Indeß was liegt daran; Soweit ich unterbrach Ferdinand ihn.„J Klara von Oſthofen kenne, glaube ich nicht, daß ihr Vetter durch dieſes Duell ihre Gunſt erwerben wird.“ „Darf ich Sie bitten, mir ein offene roneſſe von Oſthofen zu geben? fragte Willy, deſſ umwölkt hatte. „Ein offenes Urtheil?“ wiederholte Ferdinand.„Sie kennen die Urtheil über ſie gebildet s Urtheil über die Ba⸗ en Stirne ſich Deme beſſer wie ich, ſollten Sie ſich kein haben?“ „Ich wage nicht, es auszuſprechen.“ Ferdinand von Faltenberg ſah ihn erſtaunt an, aber im näch⸗ ſen Augenblick glitt ein Lächeln über ſein blaſſes Antlitz. „Haben Sie ſo bittere Erfahrungen gemacht?“ erwiderte er. ih ihr nich gl haben So ber Vaj lhende Maiorat worden hilden. „u Villy, ſcweig Inen Pruno ließ mi Hoffnu hilden „h ꝙ — wein fahren chel würde richt ße uloſt werde einme ſie mi aber; * 5 es ——— — 963— „Daß ich ſie mechte, war meine eigene Schuld. Nur das kann ich ihr nicht verzeihen, daß ſie mir Hofſnungen machte, daß ſie mich glauben ließ, ſie ſei übe. all⸗ Vorurtheile ihres Standes er⸗ haben. Nach ſolchen war der Sturz zu gewaltig? „So haben Sie wirklich den kühnen Schritt gewagt.“ „Jenden auch Sie ihn zu et „Nein, Herr Rodenberg, aber ich urtheile ande.s Larüber wie der Majoratsherr von Oſthofen,“ ſagte Ferdinand lächelnd.„Und wenn bie Form in der Sie zurückgewieſen worden ſind, eine vs⸗ letzende war, ſo trug daran Baroneſſe Klara wohl weniger de Sculd, als ihr Vater. Ich habe allerdings nicht di⸗ 65. den Majoratsherrn zu kennen, ober was mir von ihm„rt worden iſt, das genügt mir, um mir eine Anſicht über ihn zu bilden.“ „Aud ich habe leider zu ſpät ihn kennen gelernt,“ erwiderte Willy, die Brauen zuſammenziehend.„Ich weiß, daß Sie darüber ſchweigen werden, und das gibt mir den Muth, meine Niederlage Ihnen zu geſtehen. JI hätte an das Wort denken ſollen, welches Bruno von Oſthofen mir in's Geſicht warf, aber Baroneſſe Klara ließ mich dieſe Schmach vergeſſen, ſie weckte in meiner Seele die Hoffnung, daß dieſes Wort keine trennende Schranke zwiſchen uns bilden werde.“ „Und dieſe Hoffnung hat ſie getäuſcht?“ „Das will ich nicht behaupten. So tief die Baroneſſe auch mein Herz verwundet hat, werde ich ihr doch Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen, und da kann ich nicht anders ſagen, als daß ſi⸗ edel denkt und ein ſolches Wort nie über ihre Lippen k'mmen würde. Aber von den Vorurtheilen ihres Standes kann ſe ſich nicht losſagen, das iſt's, worüber ich mich beklage.“ Ferdinand von Falkenberg ſchüttelte den Kopf und zündet die erloſchene Cigarre wieder an. „Sie konnten vies vbrausſehen,“ ſagte er,„ſolche Vorurthei werden ſo leicht nicht überwunden und ich wiederhole Ihnen z6 einma!, hätte Baroneſſe Klara allein die Wahl gehabt, ſo würde ſie möglicherweiſe ſich über alle Bedenken hinweggeſetzt haben, aber dem Willen ihres Vaters mußte ſie gehorchen.“ „Mußte ſie es?“ fragte Willy bitter. 61 — 964— „Ja, mein Freund, ſie mußte, wenn ſie nicht mit dem Vater brechen woll e.“ „Und vielleicht wäre es beſſer geweſen, ſie hätte mit ihm ge⸗ brochen!“ „Beſſer? Weshalb?“ „Ah, Sie wiſſen wohl noch nicht, daß der Majoratsherr ſich mit der Tochter des Bankiers Becker verlobt hat?“ „Keine Silbe,“ ſagte Ferdinand überraſcht.„Ich kenne Fräu⸗ lein Becker,„ſie iſt eine ſchöne Erſcheinung und es wird Ihrem Stolze ſchmeicheln, Baronin von Oſthofen zu werden, ich kenne auch ihren Vater und kann mir denken, daß er über dieſe Ver⸗ lobung glücklich iſt. Was aber ſagt die Familie des Majorats⸗ herrn dazu?“ „Ich weiß es nicht. Was ſollte ſie auch ſagen? Wie weit ich ich den Baron kenne, wird er ſich durch die Urtheile Anderer nicht beirren laſſen.“ „Aber er wird durch dieſe Mesalliance mit ſeiner ganzen Fa⸗ milie zerfallen“ „Das iſt bereits geſchehen.“ Sein Bruder hat Oſthofen ver⸗ haſſen und eine Wohnung in der Stadt gemiethet, und wie das Verhältniß zwiſchen Baroneſſe Klara und ihrer Stiefmutter ſich geſtalten wird, das muß die Zeit lehren.“ „Es wird keinesfalls ein angenehmes Verhältniß werden.“ „Man kann das nicht wiſſen. Stimmen die Charaktere und die Anſichten der Beiden überein, ſo kann ein aufrichtig freund⸗ ſchaftliches Verhältniß werden. Was mich betrifft, ſo iſt es mir gleichgültig,“ fuhr Willy in erbittertem Tone fort,„ich habe von dieſer Familie nur herbe Kränkungen erfahren. Und das war's auch, was mich bewog, die längſt geplante Reiſe anzutreten.“ „Sie reiſen allein?“ „Meine Mutter begleitet mich.“ „Sie Glücklicher!“ ſeufste Ferdinand.„Ich ſtehe allein— „Die treue Pflegerin, von Ler Sie mir ſchrieben—“ „Sie iſt abgereiſt, das Heimweh hat ſie fortgetrieben und ich konnte es ihr nicht verdenken. Ein Patient iſt kein angenehmer Ge⸗ ſellſchafter und die Luft, die in einem Krankenzimmer weht macht melancholiſch.“ Lauſan würden „U 6 „Do nand m Begesnu „Uel dedurch reden, btauche C N und B darf n legen nicht 1 wartet ue Frä⸗ d Ihren ich kme ieſe Ver⸗ g freund⸗ ſt es nir habe von „2 5 45 wars und ich hmer Ge⸗ t naht 5 „Und Sie werden nun auch heimreiſen?“ „Nein, mit dieſem Gedanken kann ich mich nicht Lefreunden. Wie man auch in meiner Heimath über mein Drell denken mag, es wird nicht an Leuten fehlen, welche die Parthei meines Geg⸗ ners ergreifen, und ich habe keine Luſt, Jedem darüber Rede zu ſtehen. Wohin ich gehen werde, weiß ich noch nicht. Ich hatte ein⸗ mal den Borſatz gefaßt, nach Lauſanne zu reiſen, aber wie ich höre iſt Signora Grimaldi nicht mehr dort—“ „Wer ſagt Ihnen das?“ „Miß Cleveland, die wie ick Ihnen auch ſchrieb, Arabella be⸗ ſucht hat.“ „Vor drei Tagen war ſie noch in Lauſanne.“ „Hat ſie Ihnen geſchrieben?“ fragte Ferdinand erregt. „Kurz vor meiner Abreiſe empfing ich ihren letzten Brief—“ „In dem wohl von mir nicht die Rede war?“ „Leider kann ich dieſe Frage nicht bejahen. Sie wird mich in Lauſanne erwerten, meine Mutter ſchrieb ihr, daß wir hinkommen würden.“ „Und Sie werden noch heute hinreiſen?“ „Jawohl.“ „Dann erlauben Sie mir daß ich Sie begleite, ſagte Ferdi⸗ nand mit wachſender Erregung. Vielleicht würde eine perſönliche Begegnung—“ „Uebereilen wir nichts, unterbrech Willy ihn ernſt,“ gerade dadurch könnten wir Alles verderben. Ich werde mit der Dame reden, und daß ich dabei Ihr Intereſſe auf das Wärmſte vertrete, brauche ich Ihnen wohl nicht zu ſagen.“ „Ich weiß es und danke Ihnen von ganzen Herzen dafür!“ „Signora Arabella wird vorausſichtlich meinen Vorſtellungen und Bitten ihre Gründe und Bedenlen entgegenſtellen, und ich darf nicht erwarten, daß es mir leicht fallen wird, ſie zu wider⸗ legen und zu beſeitigen. Es liegt ein gewiſſer Totz in dieſen Gründen, und wenn man den Trotz beugen will, ſo darf man ihn nicht reizen, darin werden Sie mir Kecht geben.“ „Gewiß, aber „Signora Arab lla würde glauben, Sie wollten ſie zwingen, Ihre Liebe zu erwibern, wenn Sie ſo plötzlich und ganz uner⸗ wartet vor ihr erſchienen, deshalb iſt es beſſer, man bereitet ſie — 966— auf dieſe Begegnung vor. Wenn Sie alſo morgen mir nachfol⸗ gen wollten, ſo würde ich Sie am Bahnhofe in Empfang nehmen und Ihnen das Reſultat meiner Bemühungen berichten.“ Ferdinand war in Nachdenken verſunken. Es ſiel ihm ſchwer, ſich ſo lange zu gedulden, aber er ſah wohl ein daß es am Beſten war, er mußte den Bedenken die Willy ausgeſprochen hatte, bei⸗ pflichten. „Wohlan, ich will ihren Rath befolgen,“ ſagte e nach einer Pauſe,„ich will warten, ſo ſchwer es mir auch föllt. Hat Sig⸗ nora Arabella Ihnen mitgetheilt, wo ſie den nächſten Winter zu⸗ zubeingen gedenkt?“ „Sie hat ein Engagement in London angenommen.“ „Wiſſen Sie das ſicher?“ „So ſchrieb ſie mir.“ Ein helles Aufblitzen in den Augen Ferdinands ließ daß dieſe Nachricht ihn angenehm berührte; er erinuerte ſich der ei die Miß Cleveland ihm gegeben S die nur dann ſich verwirklichen konnten, wenn A abella wirdh nsch kam. „Hat ſie das Engagement angenommen, ſo wird ſie auch ihren Kontrakt erfüllen müſſen,“ ſagte er.„Stehen Sie mit der Mutter Arabella's in Verbindung?“ „Nein.“ „Aber S kenne dieſe wa „So weit legenheit 5 atie, ſie kennen zu lernen“ erwiderte Wily ſehne 8„Sympat⸗ ie hat mir die Frau nie eingeflößt.“ „Sie ſoll nicht ſo gebildet ſein.“ „Wie wäre das auch möglich? Arabella behauptet, ihre Mutter ſei früher eine Zig unerin geweſen, ſie wird das auch Ihnen ge⸗ ſagt haben— 3* 1, B 70 „Glauben Sie an die Wahrheit dieſer Behauptung?“ „Ich finde keinen Grund, daran zu zweifeln. Weshalb ſollte Arabella es behaupten, wenn es nicht wahr wäre?“ 3 „und haben Sie nie entdeckt, daß Signgpa Grimaldi einen ſchlimmen Einfluß auf ihre Tochter übt?“. Willy ſah den Fragenden befremdet an daln ſchüttelte er ab⸗ lehnend das Haupt. „Einen ſchlimmen Einfluß?“ erwiderte er.„Das kann ich nicht - von ih ———— 1 wi ſcen uest 5 ter ire richgeh trobde waren „J innend Enpfn nora( 3 hi § ich de ernſt ſinnig tet, ke „ bella richt Ihre urth — —— und will ich nicht behaupten; ich glaube nicht, beß Arabella ſich von ihrer Mutter beeinfluſſen laſſen wird. Das Verhältniß zwi⸗ ſchen Mutter und Tochter iſt kein ſo inniges, und die Schuld uest meiner Ueberzeugung nach an der alten Frau. Sie hat ihre Toch⸗ ter ſtreng überwacht, ſie vor jedem Verkehr mit der Außenwelt zu⸗ rückgehalten und ſoger ihre Beziehungen zu mir nicht gebiltigt, trotzdem ſie wußte, daß dieſelben burchaus freuaoſchaftlich⸗ waren.“ „Ich glaube, ſie beſitzt einen großen Einfluß,“ ſagte Ferdinand ſinnend.„Miß Cleveland theilt dieſen Glauben.“ „Hm, Miß Clereland mag ſich auch keines freundlichen Empfanges zu erfreuen gehabt haben,“ entgegnete Willy,„Sig⸗ nora Grimaldi haßt ja Jeden, der ihrer Tochter zu nahe tritt. ⸗ Ich habe in der letzten Zeit darüber ſehr ernſt nachgedacht, und ich bin entſchloſſen, der Sache jetzt auf den Grund zu gehen.“ „Werden Sie es können?“ „Ich hoffe es. Arabella wird mir reinen Wein einſchenken, ich darf von ihr Vertrauen fordern. Und meine Mama wird auch ernſt mit ihr reden, auch ſie begreift nicht, daß Arabella ſo eigen⸗ ſinnig auf ihrer Meinung beharrt, zu der ſie bei Lichte betrach⸗ tet, keinen berechtigten Grund hat.“ „Es find Vorurtheile—“ „Nicht doch, Herr von Falkenberg, über Vorurtheile iſt Ara⸗ bella erhaben. Andere Gründe müſſen vorliegen, Gründe, die wir nicht kennen, die ſie aber nur mir nennen ſoll. Nachdem Sie Ihre Stellung und Ihre Familie geopfert haben, ſind jene Vor⸗ urtheile wide legt, ſie können jetzt keine Schranke mehr bilden.“ „Und ſie thun es dennoch.“ „Dann iſt die alte Signora—“ „Ich werde es erfahren,“ ſagte Willy, indem er einen Blick auf ſeine Uhr warf.„Arabella muß mir Rede ſtehen, und ſie wird es dem Freunde vertrauen. Ob ich ihren Widerſtand be⸗ ſiegen und das Ziel erreichen werde, weiß ich freilich nicht, viel⸗ leicht hängt es eigzig und allein von der Gemüthsſtimmung ab, in der ich Arabeb finde. Sie aber müſſen wiſſen, ob Sie ſich ſtark genug fühlen, die Aufregung zu ertragen, zweifeln Sie daran, ſo iſt es beſſer, ich komme von Lauſanne wieder hieher, w Ihnen das Reſultat mitzutheilen.“ * — 968— „Und was würde dadurch an der Sachlage ſelbſt geändert?“ Fragte Ferdinand. Die Ungewißheit iſt nicht minder aufregend, das werden Sie aus eigener Erfahrung wiſſen. Am liebſten ginge ich ſchon jetzt mit Ihnen, dann erhielte ich heute ſchon Gewißheit—“ „Halten wir an meinem Plane feſt, es iſt beſſer ſo! Ich muß Sie jetzt verlaſſen, der Zug fährt in einer halben Stunde ab.“ „Ich werde morgen in Lauſanne ſein!“ „Ich erwarte Sie dort am Bahnhofe.“ „Sie haben überhaupt nicht vor, nach Vevey zurückzu⸗ kehren?“ „Ich weiß es noch nicht,“ erwiderte Willy.„Allerdings war es meine Abſicht, mich einige Zeit am Genfer See aufzuhalten, indeß die Jahreszeit iſt ſchon zu weit vorgeſchritten und einen feſten Reiſeplan habe ich überhaupt nicht aufgeſtellt. Wo es mir behagt, da werde ich mich niederlaſſen ich bin augenblichlich ein Zugvogel, der für die nächſte Zeit eine neue Heimath ſucht.“ Er drückte dem Freunde noch einmal die Hand, dann kehrte er in das Zimmer zurück, in welchem Frau Rodenberg ihn er⸗ wartete. „Alles verhält ſich ſo, wie er mir geſchrieben hat,“ ſagte er, Hen fragenden Blick der Mutter beantwortend,„ich hoffe, es wird muns gelingen, die Beiden glücklich zu machen.“ Fran Mogdalene war bereits zur Abreiſe gerüſtet, der Haus⸗ Fnecht holte das Gepäck, um es zum Bahnhofe zu bringen.“ „Und wenn nun Arabella ſeine Werbung abgelehnt hat, weil ſie Dich liebt?“ fragte ſie, während ſie den Weg zum Bahnhofe antraten. Dieſer Gedanke tauchte immer und immer wieder in mir auf und es hilft mir nichts, daß ich ihn zurückzudrängen ver⸗ ſuche.“ „Arabella war mir nie mehr, als eine Freundin.“ „So glaubſt Du, aber mit Sicherheit weißt Du es nicht!“ „Wenn Sie für mich ein tieferes Gefühl als das der Freund⸗ ſchaft hegte, ſo würde ſie es mir ſicher verrathen haben,“ ſagte Willy,„ſie hätte es gethan, wenn auch unbewußt, in jener Stunde, in der ſie Abſchied von mir nahm. Nein, liebe Mutter, ich weiß, daß ſie Herrn von Falkenberg liebt und dieſe Ueberzeugung er⸗ muthigt mich, an meiner Hoffnung feſtzuhalten“ 6 ſwge ſen“ Fral nit Zeſi könnten Vill hlickte ſe leicht a abermal Menſch Nn ſchon nette weſen gegent ſö n meſſen. Si Lauſen ihr bei gelinge P danke geſſen S anget ten, ſo kül eigen L Juli eine! weſen wenn mehr. dert. ngend, ſjokp Aebſten 6 o muß de r ah* ric ruckzu. at, weil ahnhofe ieder in en ver⸗ 969 „Und fürchteſt Du nicht, daß die Mutter Araßella's Dich aber⸗ mals beleidigen werde?“ fragte Frau Rodenberg beſorgt. „Nein. Mag ſie das böſe Wort wiederbolen, ich werde dazu ſchweigen und mich darauf beſchränken, ihr die Wahrheit zu ſagen.“ Frau Magdalene ſchwieg, aber ſie ſah den kommenben Dingen mit Beſorgniß entgegen, ſie fürchtete, die böſen Leibenſchaften könnten noch einmal in der Secle ihres Sohnes erwachen. Willy war bisher ſeinen guten Vorſätzen treu geblieben, er blickte ſelbſt mit ernſter Reue auf ſeine Verirrungen zurück. Wie leicht aber konnter dieſe Vorſätze einen Stoß erhalten, wenn abermals eine neue heleibigende Demüthigung den Haß gegen die Menſchheit in ihm weckte! Nnd wie nahe lag die Möglichkeit! Signora Grimaldi hatte ihm ſchon einmal dieſe Schmach bereitet, und Frau Magdalena erin⸗ nerte ſich noch ſehr genau, wie furchtbar erregt ihr Sohn ge⸗ weſen war! Wenn er dieſer Frau jetzt abermals ſeindlich ent⸗ gegentrat, durfte man mit Sicherheit erwarten, daß jene Scene ſich wiederholen würde uud die Folgen konnte man nicht er⸗ meſſen. Sie dachte darüber während der ganzen Fahrt von Veyey bis Lauſanne, und ſo viele Gründe ſie auch hervorſuchen mochte, um ihr bekümmertes Herz zu beruhigen, wollte ihr das doch nicht gelingen. Willy war ebenfalls in Nachsenken verſunken, sber ſeine Ge⸗ danken weilten in Oſthofen bei dem Bilde, wolches er nimmer ver⸗ geſſen konnte. So groß und ſchmer das Leid auch war, welches Klara ihm angethan hatte, er fand jetzt doch Gründe, welche ſie entſchuldig⸗ ten, er ſah mehr und mehr ein, daß er ein Thor geweſen war, ſo kühnen Hoffnungen ſich hinzugeben, und baß bie gonze Schuld eigentlich auf ihm allein ruhe. Vielleicht hatte auch Klara mit der Bezeichnung:„Romeo und Julie“ keinen verletzenden Spott bezweckt, es war möglicherweiſe eine der augenblicklichen Verlegenheit entſprungene Bemerkung ge⸗ weſen, der man keine weitere Bedeutung unterſchieben durfte, und wenn man dies annahm, ſo hatte die Bemerkung nichts Gehäſſiges mehr. — 970— — „Aber trotz alledem konnte er die oneſſe von dem Vor⸗ wurfe der Koketterie nicht ganz freiſpre u, die Lehren Auerbachs aren zu tief in ſeine Seele eingedrungen, die böſe Saat hatte ort leiber einen ſruchtbaren Boden gefunden. Weshalb war Klara ihm ſo freundlich entgegengekommen, weshalb hotte ſie ihn in jeder Veiſe ausgezeichnet und ihm den Gkeuben an ſich ſelbſt und an die Menſchheit wiedergegeben, wenn ſie gleich darauf ihm dieſen Glauben wieder rauben wollte?“ Mußte ſie denn nicht vorausſehen, daß dieſe Freundſchaft in ſeiner Seele Hoffnungen wecken würde, die zu erfüllen ſie nicht geneigt war? Ja, ſie mußte es wiſſen und dennoch ermuthigte ſie ihn zu dieſen Hoffnungen! Berechtigte ihn das nicht, ihr Koketterie vor⸗ zuwerfen? Und wenn ihr Vater hinter ihr ſtand, wenn man ihr befoh⸗ len hatte, ſeine Werbung mit Hohn zurückzuweiſen, was konnte ſie zwingen, dem Befehl Folge zu leiſten? Nachdem er ſelbſt durch ſeine Verlobung mit einer Bürger⸗ lichen den Vorurtheilen ſeines Standes den Handſchuh vorge⸗ worfen hatte, durfte er ſeiner Tochter keinen Vorwurf machen, wenn ſie dasſelbe that, und kam es in Folge deſſen zu einem Bruch, ſo war ja dieſer Bruch durch ſeine eigene Mesalliance ſchon eingeleitet. Aber das waren unnütze Gedanken, die das Geſchehene nicht ungeſchehen machen konnten, man mußte vergeſſen, was ſich nicht ändern ließ. Der Zug hielt, Willy ſtrich mit der Hand über die Augen und ſtieg aus und ſein erſter Blick fiel auf Arohella, die auf dem Perron ſtand und ihn offenbar erwartet hatte. Nach einer herzlichen Begrüßung von beiden Seiten trat die kleine Geſellſchaft den Weg zum Hotel an, in welchem Signora Grimaldi logirte Unterwegs wurde wenig geſprochen, das Thema der Unter⸗ haltung betraf nur die Reiſe, und als Willy die Bemerkung fallen ließ, daß er eine Nacht in Vevey geblieben ſci, traf ihn aus den ſchönen Augen der Sängerin ein vorwurfsvoller Blick, ſie errieth ſofort, was er mit dieſer Bemerkung bezweckte. „ Ein Kellner wies im Gaßthofe den neu angekommenen Gäſten berauſ nur n verweg Wußte mußte — 971— die verlangten Zimmer an und Arabella ſprach jetzt ihre Freude darüber aus, daß der Freund ſich ermannt und dem Rathe ſei⸗ ner Mutter Gehör geſchenkt hatte. „Sie werden vergeſſen, was hinter Ihnen liegt,“ ſagte ſie lächelnd, indeß ihr ſtrahlender Blick voll inniger Theilnahme auf ihm ruhte,„Sie werden nur Eindrücke empfangen und ganz der Kunſt leben, und ich hege die feſte Ueberzeugung, daß wir Großes nnd Schönes von Ihnen erwaran dürfen.“ Ein ſchwerer Seufzer entrang ſi) er Bruſt des jun gen Man⸗ nes, ſinnend blickte er vor ſich hin und ſene zogen ſich leicht zuſammen. „Ich muß vergeſſen,“ erwiderte er,„und eben deshalb habe ich die Heimath verlaſſen. Oö, es mir gelingen wird, weiß ich freilich nicht—“ Ein echter, rechter Mann kann Alles, was er o1“ „Kann er auch dem Ganzen gebieten?“ „Wenn die Liebe Verachtung geboren hat, muß ſie ſterben, Willy!“ „Verachtung? wiederholte 6 pfſe das möglich? Reden wir nicht? berauſchender Traum, ich bi nur meiner eignen Thorheit verwegen, mit Flügeln von Wachs der Sonne egen zu woln MWußte ich mir nicht ſagen, daß die Flügeln ſchmelzen würden, mußte ich den Sturz von der Höhe nicht vorausſehen? Ich hab's überwunden, Arabella, und auch ich hoffe, daß ich in der Arbei⸗ Vergeſſenheit finden werde. Und bitte ich Sie noch ein⸗ mal, erinnern Sie mich nicht mehr daran, wenn Sie Näheres 2 3 wünſchen, ſo wird meine gute Mutter Ihnen jede Froh beantworten.“ „Und dazu bin ich. vne bereit,“ lagte Frau Rodenberg, dem Mädchen zunickend,„wir finden wohl nachher ein Stündchen, in dem wir Beide plaudern können. Ihre Mutter weiß doch daß wir hier ſind?“ „Nein,“ erwiderte Arabella mit einen ſcheuen Blick auf die Thüre,„ſie weiß nichts Javon.“ „Und darf ich fragen, weshalb ſie es ihr v ben?“ ſagte Willy. W — — S 2 — — ₰ — — 6 — 972— „Können Sie es nicht errathen? Wiſſen Sie denn nicht mehr, daß ſie mir alle Freunde fern gehalten hat?“ „Und unter dieſen Freunden war ich wohl der am meiſten gehaßte?“ „Sie un? Hellmuth. Wie geht es ihm?“ „Er iſt glucklich in den Hafen der Ehe eingelaufen und wird ſich jetzt wohl auf der Hochzeitsreiſe befinden.“ „Und er iſt wirklich glücklich?“ „So ſagt er, und ich glaube es.“ „Seine Beziehungen zu dem Vater ſeiner Frau?“ „Sind jetzt die Beſten von der Welt,“ erwiberte Willy. „Hellmuths Genius des Todes hat mit Recht Aufſehen gemacht und dem Verwalter den Beweis geliefert, daß ein Bildhauer, wenn er Talert beſitzt, doch etwas mehr iſt, als ein gewöhnlicher Handwerker.“ „Und Auerbach?“ fragte Arabella. „Iſt noch immer verAlte! Er verachtet die Menſchen und ſich ſelbſt, je tiefer der Schmutz, deſto behaglicher füht er ſich in ihm.“ „Sie haben ganz mit iöm gebrochen, Willy?“ „Vollſtändig! Da blieb keine andere Wahl.“ „Und es war gut, daß Du dieſe Natur in ihrer ganzen Ver⸗ worfenheii erkennteſt;“ ſagte Frau Magdalens. „Auch er het mit dem Baron von Oſthofen ein Rencontre gehabt,“ fuhr Willy fort,„er hätte den Tod daran haben können. Er haßte ihn, und Auerbach iſt nicht der Mann, der ein Blatt vor den Mund nimmt, wenn er einem Menſchen gegenüberſteht, der ihm nicht gefällt. So hat er denn eines Abends die Gelegen⸗ heit wahrgenommen, dem Majorstsherrn Sottiſen in's Geſicht zu werfen, die auch das Blut eines Phlegmatikers in Wallung gebracht hätten. Der Baron antwortete ihm nur wenige Worte und verließ dann die Reſtauration, in der dieſer Wortwechſel ſtattfand. Eine halbe Stunde ſpäter wurbe Auerbach, als er ſich auf dem Heimwege befand, von einem Reiter niedergeritten, und in dem Reiter hat er den Majoratsherrn von Oſthofen erkannt.“ „Davon haſt Du mir ja noch gar nichts geſagt!“ rief Frau Rodenberg überraſcht. „So habe ich nicht daran gedacht, liebe Mutter.“ ——— abwa aber urthe denfal erinne mitthe den ſ kann enide d wirh n Ver⸗ ncontre können. Blatt Boh erſteht, eleen 9 Geſicht alung Vorte vechſe er ſich und nnt A annt. Frau 2n — — 973— „Und Auerbach iſt ſchwer verletzt?“ fragte Arabella in deren Zügen ſich unverkennbare Entrüſtung ſpiegelte. „Der Arzt hat eine Gehirnentzündung befürchtet, als ich den alten Mann verließ, ſchwebte er noch in Gefahr.“ „Und der Baron? Wird er nitt dafür beſtraft werden?“ „Was Auerbach than wird, weiß ich nicht. Der Beweis wird ſchwer zu führen ſeis, wenn der Baron leugnet, könnte das Zeugniß Auerbachs in's Waſſer fallen.“ „Und ſo rächt ein Edelmann ſich an einem wehrloſen Men⸗ ſchen?“ ſagte Arabella empört.„Auch den Namen dieſer Familie—“ „Urtheilen wir nicht,“ unterbrach Frau Rodenberg ſie,„wir wiſſen zicht, wie die Sache liegt. Es kann Zufall, nicht böſe Abſicht geweſen ſein, man muß Alles von zwei Seiten betrachten. Sie wollen alſo nach London?“ „Ja, ich habe den Kontrakt unterzeichnet.“ „Erwarten Sie große Vortheile von ihm?“ „Man hat ſie mir in Ausſicht geſtellt, den Erfolg muß ich abwarten. Pecuniäre Vortheile werde ich jeden alls haben, ob aber auch künſtleriſche, varüber kann ich jetzt natürlich noch nicht urtheilen.“ „Ich habe Ihnen noch etwes mitzutheilen, was für Sie je⸗ denfalls von Intereſſe ſein wird,“ ſagte Willy.„Sie werden ſich erinnern, daß Sie mir von hier aus die Adreſſe eines Mannes mittheilten, dem Ihre Mutter Ge dſendungen machten, Sie wer⸗ den ſich auch erinnern, welche Hoffnungen wir daran knüpten.“ „Gewiß gewiß,“ erwitere Arabella lebhaft, während ihr Blick mit fieherhaſter Erwartung auf ihm ruhte.„Sie ſchrieben mir damals, der Mann habe Sie grob abgefertigt—“ „So war es, ich konnte nichts erfahren, aber trotzdem er⸗ kannte ich, daß er ein Geheimniß beſoß, welches er mir nicht entdecken wollte.“ „Ueber Ihren Beſuch hat er ſich bei meiner Mutter beſchwert.“ „Alſo hat er errathen, wo der Haſe im Pfeffer lag?“ „Und meine Mutter hat ihm daraufhin abermals eine Geld⸗ ſenbung gemacht.“ „Hm, daß er ſich das Leben genommen hat, wiſſen Sie wohl noch nicht?“ „Er ſelbſt?“ fragte Arabello überraſcht. — ———— — 974— „Es iſt eine myſteriöſe Eſchichte,“ erwiderte Willy.„Er ſoll ſich vergiftet haben, aber es gibt Leute, die das bezweifeln.“ „Und was behaupten dieſe Leute?“ „Ich weiß es nicht. Man ſpricht von Mord, aber ich kann vicht wshl daran glauben. Er ſol im Begriff geſtanden haben, ein Geheimniß zu enhü en, ſür das ihm eine jährliche Penſion von tauſend Thaler angebolen war—“ „Und vor dieſer Enthüllung iſt er geſorben „Ja wohl.“ „Seltſam!“ ſagte Arabella ſinnend.„Hat man der Sache nich nachzcforſcht?“ „Ge wird es geſchehen ſein, aber was Sicheres habe ich nicht erfahren.“ iderte Willy„zu einem Selbſtmorde ſoll kein Grund vorgele hen und ein Mord läßt ſich auch nicht wohl annehmen. Ich hait keine Zeit, mich genau danach zu erkunbigen, die Sache ereign ſich kurz vor unſerer Abreie.“ Arabella ſchüttelte gedankenvo. 48 Haupt. „Wir haben hier nichts davon erfahren,“ ſagte ſie,„wer hätte es uns auch berichten ſollen, wenn Sie es nicht thaten? Welche Geheimniſſe zwiſchen meiner Mutter und dieſem Manne beſtanden haben, weiß ich auch nicht, meine Mutter wollte mir darüber keinen Aufſchluß geben, und was ſie einmal nicht will das geſchieht auch nicht.“ „Vielleicht hat er Briefe hinterlaſſen, die das Geheimniß enthüllen.“ „Briefe meiner Mutter?“ „Wäre das nicht möglich?“ „Ich glaube es nicht, die alte Frau iſt vo⸗ ti, als daß ſie ein Geheimniß, deſſen Enthüllung ihr gefährlich wen könnte, dem Papier anvertrauen würde.“ Willy hatte ſich ihr genähert, er ergriff ihre Hand und ſah ſie mit einem ernſten, vollen Blick an, es ſchien, als ob er ihre geheimſten Gedanken erforſchen nolle. „Ich war in Vevey,“ ſagte er,„Sie werden errathen, wen ich dort getroffen habe.“ Im erſten Moment hatte Arabella die Augen niedergeſchla⸗ gen, aber jetzt erhob ſie den Blick wieder, und es ſaß in ihm aur eine feſte, unerſchütterliche Entſchloſſenheit. 4 „Velz O 1 iſ ouc teine res Jawort den Off ſchluß ä Leben g laſſen, Dennve der mi 5 0 von Oſ Sie waren dort, um ihn zu beſuchen?“ fragte ſie. „Ja wohl.“ „Und hut er Ißnen geſogt, was zwiſchen uns Alles, Arabella, und daß ich es Ihnen offen ſag ich begreife Ihren Eigenſinn nicht.“ „Iſt der Eigenſinn denn auf meiner, ober auf ſeiner Seite Weshalb verfoſgt er mich, da er doch weiß, daß ich ſeine Liebe nicht erwidere?“ „Verzeihen Sie, Arabella, das eben weiß er nicht. Und es iſt auch nicht die Wahrheit, Sie müßten das ſelbſt zugeben, wenn Sie ehrlich ſein wollten. Sie lieben ihn, aber Vorurtheile, die keine rechtliche Begrüntun, haben, geſtatten Ihnen nicht, das Jawort auszuſprechen. Er hat Ihnen alles gespfert, er iſt aus dem Offizierco ps ausgeſchi⸗den—“ „Ich habe dieſe Opfer nicht gefordert!“ „So hat er freiwillig Ihnen gebracht, um Ihre Bedenken zu beſeitigen. Müſſen Sie nicht die Tiefe und Innigkeit ſeiner Liebe er kennc Arabella Grimaldi hatte die ſr Brauen zuſammengezogen ein trotziger Zug umzuckte ihre Lippen. „Weshalb that er es?“ erwiderte ſie.„Ich hatte es nicht ver⸗ langt und er konnte nicht hoffen, daß dieſe Opfer meinen Ent⸗ ſchluß ändern würden. Ich hatte ihm geſagt, ich wollte mein Le ben ganz der Kunſt widmen, dieſen Grund mußte er gelter laſſen, er hatte nicht die leiſeſte Berechtigung, mich zu verfolgen. Dennoch that er es, und er führte dadt urch einen Auftritt herbei, der mir nur unangenehm ſein konnte.“ „Er ſchützte Sie gegen die Rehheit eines Ehrloſen—“ „Nicht doch Willy, ich hätte dieſes S Schutzes nicht wenn er mir fern geblieben wäre! Hatte er nicht geſchworen er wolle mich zwingen, ſeine Liebe zu erwidern? Wie durfte er mir das bieten? Wenn er mich achtete, ſo mußte er ſich mit der Antwort, ne ich ihm gegeben hatte, begnügen, er konnte und durfte nicht erwarten, daß ich meinen Entſchluß ändern werde.“ „Und weshalb ſollte er es nicht erwarten dürfen? Hoffen darf jeder, Arabella—“ „Hoffen Sie noch auf eine Sinnesä derung der Baroneſſe von Oſthofen?“ O* „ „Nein, aber—“ „Es iſt derſelbe Fall!“ „Nicht ſo ganz, Ferdinand von Falkenberg weiß. daß er Ihnen nicht gleichgültig iſt—“ „Er kann es nicht wiſſen, und wenn Sie es ihm geſagt hätten, ſo wäre es—“ „Arabella, erinnern Sie ſich der Worte, die Sie mir geſagt haben, damals, als Sie Abſchied von mir nahmen. Weshalb martern Sie das eigne Herz? Weshalb fällt es Ihnen ſo ſchwer, das bindende Wort zu ſprechen, da Sie doch wiſſen, daß durch dasſelbe zwei Menſchenherzen glücklich werden? Herr von Fal⸗ kenberg wird jede Bedingung erfüllen, die Sie ſtellen zu müſſen glauben, und ich meine, die Exiſtenz, die er Ihnen bietet, müſſ Ihnen weit angenehmer erſcheinen, als die, welche Sie jetzt haben Zürnen Sie mir nicht, doß ich Ihnen das Alles ſage, mein Wunſch iſt es js, Sie glücklich zu ſehen.“ „Ich zweifle daran nicht, aber über meine Zukunft laſſen Sie mich ſelbſt entſcheiden,“ bat die Sängerin. „Und Sie wollen mir keine Gründe nennen? „Gründe? Genügt der Grund nicht, daß ich nur der Muſik leben will?“ „Können Sie das als Gattin Falkenbergs nicht auch?“ „Nein. Er wird mir nicht geſtatten, in öffentlichen Konzerten aufzutreten und ich ſehe auch wohl ein, vaß ich es nicht verlan⸗ gen dürfte; nehmen dann doch andre Pflichten mich in Anſpruch. Die Bahn, die ich betreten habe, will ich verfolgen, nicht des Ruhmes wegen, den ich zu ernten hoffe, ſondern weil mein in⸗ nerſter Sinn mich dazu drängt. Herr von Falkenberg ſoll und muß ſich damit beguügen, er ſoll in ſeine Heimath zurückkehren und in ſeinen Kreiſen wird er bald eine Andre finden, die wür⸗ dig iſt, als ſeine Gefährtin ihn durch das Leben zu begleiten. Dann wird er aus dem Traume erwachen and einſehen, wie ſehr ich Recht hatte, als ich die Ehre, ſeine Gattin zu ⸗werden, ab⸗ lehnte. Das Kind der Zigeunerin paßt nicht in jene Kreiſe, be⸗ leidigende Demüthigungen würden ihm nicht erſpart bleiben, De⸗ müthigungen, vor denen ſelbſt mein Gatte mich nicht bewahren könnte.“ „Das ſind Vorausſetzungen— 1* 2 neinetw nit, V „M „S reden, die Wi Fru waren ſrehl„ ſchönen W 2 wir geſ ſchwig mußte leichtfe und be Herr v denen cher) müſſen Mann . daß er Im geſtgt nir gejigt Veshalb ſo ſcwer, daß durh von Fal⸗ R müſſen tetet, miſſe ejeßt haben age, mein ſ laſen Si der Muſit uch?“ a Konzerten ücht verlan⸗ n Anſpruch. rg ſoll und n, die wür⸗ u begleiten. en, wie ſehr verden, ab⸗ Kreiſe, be⸗ bleiben, De⸗ t bewahren „Vie ſich auf triftige Gründe ſtützen!“ „Die in ſich ſelbſt zerfallen, wenn Sie ernſt und ruhig drü⸗ ber nachdenken wollen. Fürchten Sie jene Kreiſe, ſo können Sie ihnen fern bleiben, Ferdinand von Falkenberg wirb Sie gewiß nicht zwingen wollen— „Die Berührung mit ihnen würde mich „Und Ihr Gatte würde Sie„ ſchützen—“ „Er würde diejenigen, welche nicht beleidigen, zur Rede ſtellen und Genugthuung von ihnen fordern. Könnte mir das angenehm ſein? Müßte ich nicht jeden Morgen mit Zittern und Zagen den Ereigniſſen des Tages entgegenſehen? Und müßte ich nicht ſelbſt mir Vorwürfe machen, ſo oft ich daran denke, daß mein Gatte meinetwegen mit ſeiner Familie gebrochen hat? Glauben Sie mir, Willy, es iſt beſſer ſo, wie es iſt—⸗ „Weil Ihre Mutter es ſo wünſcht.“ „Meine Mutter?“ „So ſagte ich, Arabella, und Sie werden mir's reden, daß Sie in dieſer Angelegenheit zu große R die Wünſche Ihrer Mutter nehmen.“ Frau Magdalena hatte das Zimmer verlaſſen, die Beiden waren allein, ſie ſtanden einander gegenüber, und ein Sonnen⸗ ſtrahl glitt in dieſem Augenblick über das blaſſe Antlitz des ſchönen Mädchens. „Wenn Sie wüßten, wie ſchmerzlich mich Alles das, was Sie mir geſagt haben, berührt, ſo würden Sie über dieſen Punkt ſchweigen und nicht weiter in mich dringen,“ erwiderte ſie.„Es mußte Ihnen doch bekannt ſein, daß ich niemals einen Entſchluß leichtfertig faſſe, ich habe auch hier ernſt und reiflich nachgedacht und bei der Antwort, die ich gegeben habe, muß es bleiben Herr von Falkenberg ſollte nicht an Hoffnungen feſthalten, von denen er weiß, daß ſie niemals ſich verwirklichen können. Man⸗ cher hat gehofft und geträumt und ſpäter dennoch ſich ſagen müſſen, es habe nicht ſein ſollen, und der ſtarke, charakterfeſte Mann unterwirft ſich dem Spruch des Schickſals.“ „Nein, Arabella, der ſtarke Mann nimmt den Kampf mit dem Geſchick auf unb kämpft bis er ſiegt ober untergeht.“ Der Baſtard. zu vermeiben ſein.“ nter allen Umſtänden be⸗ nicht aus⸗ ückſicht auf 62 „Schwebt das Schickſal Auerbachs Ihnen noch immer als Idesl vor? Auch er iſt untergegangen— „Womit habe ich dieſen Spott verdient, Arabella?“ Auerbach hatte nicht den Muth, dem Geſchick eine eiſerne Stirne zu bieten, er ging unter, weil er zu ſchwach war, ſich über ungerechte Vor⸗ urtheile hinwegzu etzen. Und dieſe Vorurtheile bilden auch für Sie eine Klippe, vor der Sie muthlos ſtehen bleiben. Hinter dieſer Klippe finden Sie das Glück Ihres Lebens, aber Sie wagen nicht hinüberzuſteigen.“ Wieder zuckte jener trotzige Zug um die Lippen Arabellas, und ein zürnender, vorwurfsvoller Blick traf den Freund, der nun wohl einſehen mußte, daß alle weiteren Worte verſchwendet waren, daß nichts dieſen feſten Entſchluß ändern konnte. „Daß Sie mir das Alles ſagen, muß mir ſeltſam erſcheinen,“ entgegnete ſie,„ſind Sie doch ſelbſt an dieſer Klippe geſcheitert! Antworten Sie mir nicht, dieſer Foll liege anders, Sie haben jene Klippe überſtiegen und—“ „Und drüben fand ich nicht das Entgegenkommen, auf wel⸗ ches Sie rechnen dürfen. Hätte Klara von Oſthofen ſich über die Vorurtheile ihres Standes hinweg ſetzen können, wie es Herr von Falkenberg thut, ſo—“ „Ich bitte Sie, wenden wir dieſes Geſpräch,“ fiel Arabella ihm ins Wort,„was Sie mir auch ſagen mögen, die Bedenken, welche dieſer Verbindung entgegenſtehen, werden Sie nicht beſei⸗ tigen können. Herr von Falkenberg müßte das nun endlich wiſſen, ich habe es nicht allein ihm ſelbſt, ſondern auch der Eng⸗ länderin geſagt, die zwiſchen uns vermitteln wollte. Iſt Miß Cleveland noch in Wevey? „Nein.“ „Ich werde ſie in London wiederſehen und dort wohl noch einmal auf einen Sturm mich gefaßt machen müſſen,“ ſagte Ara⸗ bella, ironiſch lächelnd.„Die alte Dame hatt⸗ es ſich in den Kopf geſetzt, mich glücklich ma chen zu wollen, und ſie wird Alles verſuchen, dieſen Vorſatz auszuführen.“ „Und glaut en Sie, daß es ihr gelingen könnte?“ 8„Nein. das alaube ich nicht Willy, denn wie geſagt, mein Gryſchluß iſt unerſchürterlich.“ bicken Augerblice trart Fran Rodenberg wieder ein ſie nen varf eſullct ih „Iſt wiedere A o nerdet zielt were mahrf — „Sit h „Noch! o% als 4** W 0 ſcherzte Ara etwarte vor Pily ſ hinaus, er etwariet. und ihr e 6 hatte kein 6 W — 979— warf einen raſchen, prüfenden Blick auf die Beiden, und das Reſultat ihrer Prüfung ſchien ſie zu befriedigen. „Iſt die Berathung zu End de?“ fragte ſie ſcherzend. „Ich wünſche nicht, daß ſie noch weiter ausgedehnt wird,“ er⸗ wiederte Arabella, andres Reſultat würde ja doch nicht er⸗ zielt werden. Sie werden nach 3 Italien reiſen, Willy?“ „Wahrſcheinlich,“ ſagte der junge Mann verſtimmt. „Sie haben noch keine feſte S teiſeroute?“ och nicht, ich werde bleiben, wo es mir gefällt.“ „Ich glaube, dann wird Ihnen die Wa hl ſchwer fallen,“ ſcherzte Arabella.„Ich beneide Sie wirklich um dieſe Reiſe und erwarte von ihr für 6 das Beſte“ Willy ſchwieg, er ſtand am Fenſter und blickte ſinnend hinaus, er hatte vieſen unbeugſamen Eigenſinn nicht erwartet. zu finden Wort wech ſelte te und daß di⸗ Beib en at ch n en, aber er ſah ſe unten Arm in Erm von! und tief aufſeufzend trat er vom zurück. 9 ſchuld an dieſem Eigenſinn n rage, ſich mehr und me ihm; er wollte der Sache auf ben Grund kommen und mit der alten ſelbſ reden. Unge nehm Es war ja vorausſich hatte keinen Grund, die ſelig entgegenget etreten war. m dadurch e 38. Kapitel. Durch Dornen zum Ziele. Signora Grimaldi hatte keine Ahnung von der Ueberraſchung, die ihrer harrte; ſie ſaß in einer Ecke ihres Zimmers und blickte, das Haupt auf beiden Armen geſtützt, träumend vor ſich hin. Arabella hatte Ihr verſchwiegen, welche Gäſte ſie erwartete, ſie kannte ja die Abneigung ihrer Mutter gegen den Maler. Um ſo größer wor die Beſtürzung der Signora, als ſie ſo plötzlich den jungen Mann vor ſich ſtehen ſah. Die funkelnden Augen voll Haß und Zorn auf ihn gerichtet, ah ſie ihn durchbohrend an, mas konnte in bieſem glühenden Blick leſen, daß es ihr eine freudige Genugthuung bereitet haben würde, ihn zu vergiften. „Was bedeutet das?“ fragte ſie heiſer.„Was wollen Sie hier? Weshalb verfolgen Sie uns?“ Willy nahm einen Stuhl und ſetzte ſich ihr gegenüber, er war auf dieſen unfreundliche Empfang vorbereitet. „Von einer Verfolgung kann noch keine Rebe ſein,“ erwiderte er,„Ich befinde mich auf dem Wege nach Italien—“ „So reiſen Sie weiter und beläſtigen Sie uns nicht,“ fiel die alte Frau ihm gereizt in die Rede,„Sie wiſſen ja, daß mir Ihre Beſuche nicht angenehm find.“ „Das weiß ich allerdings, aber ich ſinde leinen Grund dafür!“ „Keinen Grund? Vor Spionen muß man ſich hüten!“ Ach ſo— der alte Hofmeiſter hat ſich wohl über mich be⸗ ſchwert? ſpottete Willy.“„Er hätte das unterlaſſen können, und was ſeine Geheimniſſe betrifft, ſo werden ſie jetzt wohl ohne ſein Zuthun an den Tag kommen.“ Signora Grimaldi blickte ihn ſtarr an, eine unverkennbare Angſt ſpiegelte ſich in dieſem Blick. „ — = — — „Ge vl hur Sie 1 ſch aſpar piert werd Dunkel wa . Die alt 6 worden. P 1 1 ntt ſile 1 niß enthül die Penſi Ra- „Bar „Und „Niin — „Vl 1 16 — —= — ——— ——— XL „Geheimniſſe?“ ſagte ſie.„Ich weiß nicht, ob er wirklich welche hat.“ „Sie wollen mir ausweichen, aber dieſe Mühe könnten Sie ſich erſparen. Der Hofmeiſter iß todt, ſeine hinterlaſſenen Pa⸗ piere werden er ſt über Manches Aufſchluß geben, was bisher noch Dunkel war.“ Die alte Frau wollte ſich erheben, aber kraftlos ſank ſie in den Seſſel zurück „Todt?“ ſie mit bebender Stimme.„Ich nicht.“ 8 45 ſt2 unmöglich „Das ſagen auch Andere, ſie behatpten, er ſei ermordet worden.“ „Und wer ſoll begangen haben?“ „Das e ben weiß Niemand“ „Alſo ſind' leere Bermu thungen—“ „Pirlieicht, ein ſicheres Lrtheil läßt ſich datüber jetzt noch nicht fällen. Er hat Gift benommen oder bekommen, man fand ſeine Leiche am Morgen ves T Tages, an welchem er n Gehei⸗ niß enthüllen wollte, für das ihm eine jährlich verſprochen worden war.“ r ſtiere, angſterfüllte Blick ruhre noch immer mit fieber⸗ auf dem jungen Manne. „Wem wollte er es enthüllen?“ fragte ſie.„Wer halte ihm die Penſion verſprochen?“ „Baron von Oſthofen.“ „Und es iſt nicht ſo weit gekommen?“ „Nrin.“ „Dummes Zere, Si Ende) gar nichts.“ „Was ich weiß, das habe ich aus guter Quelle.“ „Sie werden's im Wirthshaus erfahren haben, Sie haben ja in der letzten Zeit in den S 6 In den Augen Willy's blitzte es auf, aber er bezwang ſich. „Ich weiß, daß der Baron dieſe Mittheilungen dem Unter⸗ uußericter gemacht hat,“ ſagte er, und der Ton, den er jetzt Penſton on tauſer cben ewas wiſſen und wiſſen am lang hart und ſcharf,„wollen Sie nun noch zweifeln, hdas Ihrem Belieben anheim.“ weiß man, worauf dieſes Geheimn iß Bezug nahm?“ „ Grimaldi athmete tief auf, ein höhniſcher Zug glitt „Bah, es ti iicht der Rede werth ſein“ ſagte ſie,„Hurter verſtand es, aus einer Mücke einen Elephant zu machen, er war habſüchtig, und auf eine Lüge kam es ihm auch nicht an.“ „Er hat Ihnen Unterſtützt ingen empfangen!“ h etwas an? Sie wollten ihn aus ſpioniren, desholb nicht, weil es nichts zu ſpioniren We ich im as Geld geſchickt habe? Ich war i mit ihm befreundet, ich hatte Verpflichtungen gegen i? er die Niemanden Rechenſchaft zu geben brauche.“ „Ich verlange ſie auch nicht.“ „Wenn ich Ihnen ſagte, Hurter ſei der Vater Arabella's ge weſen, ſo könnten Sie keine Veranlaſſung finden, die Wahrheit dieſer Behau Willy erſchrack. War Arabella die Er konnte es nich es war ja un ſchöne Mädchen die Sohe eines ſo n ſi ts ihm i egente uchtete, ſtraſte ebenfalls Lüge. „Ich würde das nicht gbauben,“ erwiderte „Aus welchem Grunde nicht?“ 5 abe dafür viele Gründe, aber Zeit und Luſt mir, ſie aufzuzählen. Man wird ja die hinterlaſſenen Papi und Brieſe des Hofmeiſters finden und dur chſehen, und ich der pau muß jenes Geheimniß enthüllt werden, welches er mit in's Grab genommen het.“ „Glauben Sie das wir klich?“ „Ich bin ſogar überzeugt davon!“ „Und dabei denken Sie in erſter Reihe an die Briefe, zeſt 3 habe, nicht wahr?“ „2 Allerb ings. 4 die Sie w Mann und Solé e Lel damit ſie kann. Q e gethan Auf di Eindruch das Zimn Was * M wenn gu O Die nahm ihr Grunde.“ Alſo Nat beſtimmt ſagt daß Sig ſtürzung R. — — 983— „Nun, dann will ich Ihnen ſchon jetzt ſagen, daß man darin gar nichts finden wird.“ „Wiſſen Sie das ſo ſicher?“ fragte Willy. „Ja, das weiß ich,“ nickte Signora Grimaldt.„Haben Ge⸗ heimniſſe zwiſchen mir und dem Verſtorbenen beſtanden, ſo bin ich gewiß nicht ſo dumm geweſen, in meinen Briefen darüber zu reden, ich weiß auch, daß es gefährlich iſt, ſolche Dinge dein Pa⸗ pier anzuvertrauen.“ „So Si Sie am Ende doch Haltepunkte in ihnen— „Auch das nicht.“ „Wohlan, es werden ſich außer dieſen Briefen noch ander⸗ Papiere vorfinden,“ ſagte der junge Mann ruhig,„Papiere, an die Sie wahrſcheinlich nicht denken. Hurter war ein vorſichtiger Mann und, wie Sie felbſt behaupten, eine habſüchtige Natur, Solche Leute pflegen Alles, was ſie erlebt haben, aufzuzeichnen damit ſie in gwiſſen ällen Beweiſe haben, die Niemand anfechten kann. Hurter hatte Zeit genug, ein Tagebuch zu führen, er wird es gethan haben.“ Auf die alte Frau machten dieſe Worte einen beum Eindruck das läßt ſich nicht Ihr B Blick ſcwei das Zimmer und blieb endlich wieder auf dem Maler haften. „Was kümmert das mich?“ ſagte ſie „Wenn Sie ein reines Gewiſſen haben nichts!“ „Glauben Sie, daß ich es nicht habe?“ „Ja das glaube ich.“ Die alte Frau heftete den ſtechenden Blick auf ihn und wieder nahm ihr Geſicht den Ausdruck boshaften Hohns an. „Was Sie glauben, iſt mir gleichgültig,“ ſagte ſie.„Vielleicht ſind Sie in der Abſicht n hier zu ſpioniren.“ „Sie irren, meiner Reiſe hieher liegt eine andere Abſicht zu Grunde. „Alſo doch eine Abſicht?“ „Natürlich, ein vernünftiger Menſch thyt nichts, ohne einen beſtimmten Zweck dabei zu verfolgen. Hat Arabella Ihnen ge⸗ ſagt daß ein Herr um ihre Hand geworben hat?“ Signora Grimaldi erhob haſtig das Haupt, Angſt nnd Be⸗ ſtürzung ſprachen aus ihren häßlichen Zügen. nor Grime „Nein,“ antwortete ſie. tet“ „In Wahrheit nicht?“ 1„Undd „Weshalb ſollte ich lügen? Waren Sie vielleicht ſo kühn—“ 4„Pesh „Sie wiſſen, daß mir Arabella nur eine Schweſter geweſen Sie ſt und daß ſie mir niemals mehr ſein wird.“ „Und auch nicht ſein kann!“ „Zugegeben, und ich denke, damit können Sie ſich beruhigen, groß auch im Uebrigen Ihre Abneigung gegen mich ſein mag. Die alte Frau zuckte verächtlich die Achſeln. „Sie wiſſen ja, wie ich über Sie drnke,“ ſagte ſie. „Ich glanhe, wir wiſſen Beide, wie wir zu cinander ſtehen,“ erwiderte Willy gelaſſen„verletzemde Außerungen können wir uns alſo erſparen.„Haben Sie den Namen von Fulkenberg ſchon gehört?“ „Ein Herr dieſes Namens hat um die Hond Arabella's ge⸗ worben.“ „Derſelbe Herr, der in Vevey mit dem Baron von Oſthofen das Dyuell hatte.“ 4 „Jawohl.“ „Ah, ich dachte mir, daß der Sache eine tieſere Bedeutung zu Gru de liegen müſſe“ ſagte die alte Frau ſpöttiſch.„Der Herr 1 iſt wohl Ihr Freund?“ weltele S „Welche Antwort bat Arabella ihm gegeben?“ pengeind Eine ablehnende.“ „Bravo, braviſſimo! Gründe?„Hat ſie welche genaunt?“ Willy blickte ſie ſcharf an. 1 duß An „Jawohl,“ erwiderte er mit ſcharfer Bedeutung.„Sie hat„Sie ihm geſagt, ſie ſei das Kind einer Zigeunerin und paſſe nicht in nehnen? die Kreiſe, denen er angehöre.“ Und er?“ „Er hat ihr bewieſen, daß dieſer Grund für ihn nicht ſtich⸗„De haltig iſt. Er hat ſeinen Abſchied aus der Armee genommen und ¹ Ve mit ſeiner Familie gebrochen—“„du „Der Narr!“ richet „Nennen Sie das Narrheit? Ich finde darin einen Beweis 16 genehm von inniger, opferfreudiger Liebe, und dieſer Beweis mußte auch 1„U Arabella überzeugen.“ Signor „Thut er es nicht ſo iſt ſie ein kluges Mädchen,“ ſagte Sig 11 dieſem gu Aral und loſſen „Und „Doft ſicher ſtell und Aral dieſe Kr gungen —4 eſen ¹h gen, ſthofen —— —— M — 985— nora Grimaldi triumphirend,„ich hatte das nicht anders von ihr erwartet.“ „Und das ſagen Sie ſo ruhig?“ „Weshalb ſoll ich mich dabei aufregen?“ „Sie ſollten an das Glück Ihres Kindes denken,“ erwiderte Willy vornurfsvoll.„Es iſt Ihre Pflicht, bafür zu ſorgen, daß Ihre Tochter glücklich wird, Sie follen dieſe alberne Vorurtheile beſeitigen und ihr über die Bebenken weghelfen.“ 2 chüttelte den Kopf. „Wird ſie glücklich durch dieſe Heirail h?“ fragte ſie zweifelnd. „Ich weiß es nicht, und wenn Arabella es nicht glaubt, wes⸗ halb ſollte ich daran glauben? Iſt denn mit der Heicath Alles gut? Arabella hat ihre volle Freiheit, ſie kann thun und laſſen was ſie wil— „Und ihre Zukunft?“ unterbrach Willy ſie ſcharf. „Dafür wirb ſie ſelbſt ſorgen. Ihr Talent wird ihre Zukunft ſicher ſtellen. Ich habe nichts übrig ſür die hochnaſigen Abligen, and Arabella ißt ſehr verſtändia, wenn ſie Bedenken ugt, in dieſe Kreiſe ſich einführen zu loſen, Kränkungt und Demüihi⸗ gungen würden ihr nicht ausbleiben.“ „Der Charakter des Herrn von Falkenberg bürgt dafür—“ „Der Charaktet eines Menſchen gar keine Bürgſchaft,“ Signora Erimalbi,„und für den Charakter eines Abligen gebe ich keinen Heller. Für ſie ſin die Bürgerlichen nur Lun⸗ pengefindel, das zufrieden ſein muß, wenn es ihnen Sklaven⸗ dienſte erweiſen darf. Ich ſage noch einmal, Bravo, braviſſimo, daß Arobella ſo klug geweſen iſt.“ „Sie werden ihr alſo nicht zureden, den Antrag anzu⸗ nehmen?“ „Nein, gewiß nicht!“ „Denken Sie auch an Ihre Zukunft!“ ſagte Willy warnend. „Was hat ſie damit zu ſchaffen?“ „Das begreifen Sie nicht? Herr von Falkenberg iſt ein reicher Mann, er würde auch Ihnen eine ſorgenfreie und an⸗ genehme Exiſtenz bieten.“ „Und dadurch glauben Sie mich beſtechen zu können?“ fragte Signora Grimaldi ſpöttich.„Ich weiß beſſer, welche Zukunft in dieſem Falle mich erwarten würde. Der adelige Schwiegerſohn —— —— — — 35 würde ſich meiner ſchämen und mir in einem verſteckten Winkel eine Wohnung anweiſen, er würde mir Bedingungen vor⸗ ſchreiben, nach denen ich mich richten müßte, damit ſeinen Kreiſen kein Aergerniß gegeben wird. Was wäre ich? Die Sklavin ſeiner Launen, eine Geduldete in dem Hauſe meiner Tochtey. Und Ausſicht ſei ſo verlockend für mich?“ Ein höhniſches Lachen folgte dieſen Worten, und ſo ſehr auch Willy durch dieſes. ſich verletzt fühlte, mußte er doch de alten Frau in mancher Beziehung Recht „Wie die Verhältniſſe ſich geſtalten n, das hinge wohl zumeiſt von Ih ab,“ erwiederte er in verweiſendem Tone, icher zu gehen, vor der Ver⸗ Sie glauben, nen Freiheit de Wollens fragte Willy mann Sie betrogen, Ihnen hat, müſſen drum Alle verutthelt daß Fer dinand von Falkenberg i einmal auf alle 8 — — = Loos Ihnen blüht, Sie haben kein Vermögen, die geringen aufgezehrt ſein, Noth und Sorge an es nicht wöglich, daß Arabella ihre kann? Das Klima in England hat ſchon ſehe ich die Nothwendigkeit einer Heirath noch immer eir fiel die alte Frau ihm in's Wort,„Noth und Sorgen laſſen ſich auch ertragen, die Stlaverei iſt ſchlimmer als das. Und wenn Arcbella behauptet, ſie werde ſich in jenen Krei⸗ ſen nicht glücklich fühlen, ſo kann ich ihr nur heipflichten, und ich ſehe nicht ein, weshalb ich ihr dieſen Glauben nehmen ſoll.“ Willy konnte den aufſteigenden Groll nicht länger zurück⸗ drängen. — e nürd Si verſtol zbpn — — n „Das ſpricht die Selbſtſucht aus Ihnen, ſagte er.„Sis r denken dabei nur an ſich u gleichgültig.“ „Und Sie mein Herr, ſind nicht theilen.“ „Als Arabella's— „Ich erkenne dieſe Freundſchaft n icht an!“ „Sägen Sie es nur mit dürren Worten: Wenn Arab bella 9 der inneren Stimme Gehör ſchenken und den Ar ntrag ann d das Glück Ihrcs Kindes iſt Ihnen darüber zu ur⸗ wollte, ſo würden Sie ihr abrathen und Ihre ganze mütterliche Autorität geltend machen, um ſie davon ſurückzuh hol „Ja, das würde ich thun,“ aus dem ſtechenden Blick lauerte f 10 das wiſſen, werden Sie auch wäre, weitere Worte zu — Antrag abgelehnt, und es kann Ihnen 6 unbeka ſie ſich was ſie will, ſtets klar ßt cht ändern, und i ich habe Aenderung zu wünſchen. Wen Sie mir S ſo reiſen Sie 6 in dieſer Stunde weiter, das Mann ſch von ſeinem Sitz erhoben, t, und der Zorn 3 ſeinen 6 ie war „Ihre Worte beſtätigen meine Vermuthung mehr und mehr,“ ſagte er mit gehobener Stimme,„ſie iſt in dieſer Stunde zur N Gewißheit geworden. Arabella iſt nicht Ihre Tochter, wäre ſie es, würden Sie anders he Signora Grimaldi lahte heiſer, ihr lauernber Blick ſtreifte verſtohlen das Antlitz des Malers. „Wenn man etwas behaupten will, muß man's auch beweiſen können,“ erwiberte ſie höhniſch,„und hier werden alle Beweiſe Ihnen fehlen.“ „Man wird ſie finden!“ „Ah, Sie wollen ſich darum bemühen?“ „Was ich thun kann, um bie Wahrheit zu ermitteln, das wird 1. geniß geſchehen! „Wäre es nicht wichtiger und vortheilhafter für Sie, den zöonen Vater zu ſuchen?“ höhnte die alte Frau.„Vielleicht — 988— könnten Sie den Mann zwingen, den Baſtard anzuerkennen!“ Auf der Stirne Willy's ſchwollen die Adern an, aher er be⸗ zwang den aufſteigenden Zorn. „Sie können mich nicht beleidigen,“ ſagte er,„ich trage kein Verlangen mehr danach, den Mann kennen zu ver meine Mutter um die höchſten Güter der Wenſchheit betroge t. Und wollte er auch mich als ſeinen ich würde ihn niemals Vater nennen können, weil ich ihn zu ſehr verachte! Ich bin ſtolz auf meinen Namen und denke nicht daran ihn gegen einen andern zu vertauſchen.“ 8 „Sie würden anders reden, wenn Sie wüßten, wer Ihr Vater iſt.“ „Wiſſen Sie es?“ „Ja, aber ich werde es Ihnen nicht ſagen.“ „Und ich verlange nicht, es zu wiſſen. Mehr intereſſirt mich die Frage, wer die Eltern Arabella's ſind, und daß hierüber vie Pspiere Hurters Aufſchluß geben wer „Wirklich? Sie vermuthen das?“ „Aledinas, und je länger ich darüber nachdenke, deſto—“ „Denken Sie nach bis ihr Verſtand fich verwirrt, Sie werden nichts entdecken!“ „Es wird an den Tag kommen, und bann fürchten Sie die Ebrechnung!“ ſagte Willy mit ſcharfer Betonung.„Denken Sie an das Sprichwort, daß kein Faden ſo fein geſponnen iſt, der nicht einmal an die Sonne kommen muß!“ „Wieder war ein höhniſches Lachen die Antwort der Signora, aber dieſes Lachen verſtummte, als der junge Monn das Zimmer verlaſſen hatte. „Wenn ich einen Menſchen haſſe, ſo iſt e eſer,“ murmelte ſie,„ich weiß, daß er mein Feind iſt, und daß ich von ihm das Schlimmſte zu erwarten darf.“ Haſtig erhob ſie ſich, und mit derſelben ficberhaſten Haſt 309 ſie an der Glockenſchnur. „Ich werde ſeine Pläne durchkrerzen“ ſagte ſie zitternd vor Erregung,„Arabello iſt meine letzte Heftnung, ſie darf mir nicht geronb werden.“ x on der 2 Wie ſa 63 Poh in „ „Neil 7. — = — reden wünſch Der Kell maldi be legte lisen? Reiſet ntt fatg zwiſchen gel heſtete das f den ge „Pir re „Und w „Von n Die alt loderte in i Der Kellner trat ein, mit der Serviette auf dem Arme blieb er an der Thüre „Wie fahren die Züge?“ fragte Signora Grimaldi mit er⸗ zwungener Ruhe. „Wohin? Nach Genf?“ „Nein, nach Baſel.“ 3„Ein Schnellzug fährt heute Abend nc aber ich würde der hu gnädigen Frau rathen, den Zug morgen f früh zu benutzen.“ 365„Weshalb?“ erwiderte die alte Frau raſch. .„Sie werden in der Nacht nichts ſehen, und es iſt eine ſehr ſchone Tour.“ I„Ich kenne ſie bereits. Alſo heute Abend? Wie lange Zeit haben wir noch bis dahin?“ „Noch vier Stunden,“ erwiderte der Kellner, während er ſeine Uhr zu Rathe zog. nih„Gut,— ſötgen Sie, daß ich die Rechnung bekomme, und daß unſer Gepäck rechtzeitig zur Bahn befördert wird.“ „Sehr wohl!“ „Wiſſen Sic wo meine Tochter eiſt?“ „Sie hot mit einer anderen Bame vorhin das Hotel ver⸗ — laſſen.“ werden„Sobald Sie zurückkehrt, ſagen Sie ihr, daß ich mit ihr zu reden wünſche. Aber ſagen Sie es ihr allein, verſtanden?“ Der Kellner verbeugte ſich und ging hinaus, Signora Gri⸗ maldi begann ohne Verzug damit, ihre Koffer zu packen. Sie legte einen Reiſeanzug an und thürmte die Koffer, Hutſchachteln und Reiſetaſchen in einer Ecke des Zimmers auf, und als ſie da⸗ mit fertig war, berichtigte ſie die Rechnung, die der Kellner in⸗ zwiſchen gebrächt hatte. Es dämmerte ſchon, als Arabella endlich erſchien, erſtaunt heftete das Mädchen den Blick auf die Koffer, um ihn dann fragend — — — Signora, auf dem gelben Antlitz ihrer Muttter ruhen zu laſſen. zu bu„Wir reiſen heute Abend noch,“ ſagte Signora Grimaldi. „Und weshalb ſo eilig?“ fragte Arabella betroffen. heſ zo„Weil uns Gefahr droht.“ „Von welcher Seite?“ 6 Die alte Frau war näher getreten, ein unheimliches Feuer loderte in ihren Augen. tternd vor „ nb mit ſ † 1 „Ich hätte nicht geglaubt, daß meine Tochter mir ihr Ver⸗ 15 trauen entziehen würde,“ ſagte ſie mit heiſerer Stimme,„umſo⸗ weniger, als ich mir nicht bewußt bin, dieſes Mißtrauen verdient zu haben.“ Die Wangen Arabellos erbleichten ſie konnte nicht mehr be⸗ zweifeln, daß ihre Mutter erfahren hatte, welche Gäſte angekom⸗ men waren. 3 „Mißtrauen? erwiderte fie. Inwiefern.“ „Daß ein gewiſſer Herr um Deine Hanb geworben hät, habe ich durch Andre erfahren müſſen. Kann ich darin vielleicht Ver⸗ trauen—“ „Willy war bei Dir?“ fragte Arabella beſtürzt. „Jawohl.“ „In welcher Abſicht?“ Um mir plauſibel zu machen, daß es meine Pflicht ſei, Dich Arc dieſer Heirath zu überreden“ Lhpen. „Wie tröricht!“ ols daß ſ „Ich finde es unverſchämt, daß er uns verfolgt,“ eiferte die i alte Frau,„r ill ſich den Kepelpelz verdienen—“ „Das iſt e falſche Vorausſetzung!“ unterbrach Arabella ſie empört.„Willy hat dabei nur mein Intereſſ im Auze „Liegt es in Deinem Intereſſe, Dich zu einer Heirath zu zwingen, die Dir verhaßt iſt?“ Zu zwingen? Davon kann keine Rede ſein!“ Dein guter Freund iſt dazu entſchloſſen. Es iſt keine Par⸗ ür Dich, Arabella, Du würdeſt nicht glücklich werden.“ „Ich würde an der Seite Falkenberg's das Glück meines Le⸗ bens finden,“ erwiederte das Mädchen im Tone der Ueberzeugung, „wenn— ober es iſt ja unni tz, daß wir darüber reden, und eben deshalb habe ich auch damals von dieſer Werbung Dir keine Mittheilung gemacht. Ich nehme dabei auch auf Dich Rückſicht, ſchon Deinetwegen kann ich nicht die Gattin dieſes Mannes werden—“ „Das heißt mit anderen Worten, ich ſtehe Dir im Wege!“ rten nicht aber—“ 6 . „So lege auch meinen Vorten eine andere Abſicht unter, bel inhr 2 Fi ſir 8 I8rt„ cter nhr Arabella zürnend fort.„Ich wi.— . — ka habe 9. Dich* 5 . 3 die 3 % ſ ell ſe 6 . Pär⸗ 1 3 3 6 Wons!* urter t l* — 991— gungen erſparen, die uns nicht ausbleiben können, wenn wir uns in höhere Kreiſe eindrängen, das iſt der Grund, der hauptſächtlich mich bewogen hat, den abzulehnen. Ihn anzunehmen kann mich Niemand zwingen.“ „Herr von Falkenberg iſt „Ich weiß es.“ „Er wied hieherkommen.“ „Wann?“ Signora Grimaldi triumphirte, ſie las in den Zügen ihre Tochter Angſt und Beſtürzung. „Heute Abend!“ erwiderte ſie. „Und was will er hier?“ noch in Vevey.“ „Ich ſoll gezwungen werden, meine Einwilligung zu geben, mit Dir hoffen ſie dann leichtes Spiel zu das Haupt, ein trotziger gug umzuckte ihre Lippen. Die Behe der Mutter klang zu wahrſcheinlich, als daß ſie ben Betrug hätte ahnen können. „Sie haben meinen Eutſchluß ge Arabella dern, ſagte ſie.„Wer gegen mein beſſeres Wiſſen und meinen eig ln?“ „Der Maler pocht den, nicht mißbrauchen.“ Die alte Frau nickte end. „Ebendrum,“ erwiderte ſie,„wir Schnellzuge ab.“ „Wohin?“ „Direct nach London.“ „Ohne Abſchied zu nehmen?“ „Wozu Es wür de ſie eingeräumt wer⸗ 2 — Scene ay. Maler ver⸗ der ſoll für ſich ſelb d Welche öſen Le⸗ Schmach wäre es für uns benswandel fortſetzte? Ma. würd iſt ver i A mſte Freund der berüh nuen Sängerin, enbold 6 ja, wie leicht aus dem Einen das Andere geſch Ar ebe la war 6 Fenſter g ſie! hlicte — 992— Das für hte ich nicht,“ ſagte ſie,„ſein Lebenswandel war nicht ſcandalös, wie Du Behaupteſt, eine Verirrung kann man verzeihen, wenigſtens ſoll und darf man nicht ſo ſtreng darüber richten.“ „Gleichviel, wir werden reiſen.“ „Die Nothwendigkeit einer ſo eiligen Abreiſe ſehe ich noch immer nicht ein!“ „So wäre es Dir angenehm, dem Manne noch einmal zu begegnen, dem Du einen Korb gegeben haſt?“ „Angenehm gewiß nicht, aber—“ „Hat er uns nicht von Vevey vertrieben?“ „Nicht er, ein Andrer that es.“ „Der Andre würde nicht mehr an Dich gedacht haben, wenn er dieſem Manne, der uns verfoigte, nicht begegnet wäre. Du haſt damals daſſelbe behauptet.“ Arabella ſchüttelte den Kopf. Sie war bereit, die Reiſe ſo⸗ fort anzutreten, aber unter den obwaltenden Verhältniſſen glich dieſe Reiſe einer Flucht, und damit konnte ſie ſo raſch ſich nicht befreunden.£ Und auf der anderen Seite war es ihr auch zu unangenehm, Herren von Falkenberg wieder zu begegnen, es lag ja klar— Tage, daß dieſer Mann ſie verfolgte, daß er ſie zwingen wo„, ſeinen Wunſch zu erfüllen. Und ebenſo offenbar war es, daß er an Willy einen Ver⸗ bündeten hatte, der Alles aufbot, ihren Entſchluß zu erſchütter Sie zürnte ihm, daß er ſogar verſucht hatte, ſich mit ihrer Mutter zu verbünden, da er doch wiſſen mußte, daß auch dies vergebliche Mühe war, die kein Reſultat haben konnte. „Es läge ſogar in Deinem Intereſſe, wenn der Maler nicht erführe, wohin wir reiſen,“ nahm Signora Grimaldi nach einer Pauſe wieder das Wort,„wozu auch iſt es nöthig, daß er es weiß?“ „Und weshalb darf er es nicht wiſſen?“ „Weil er uns folgen würde!“ „Er will nach Italien.“ „So ſagte er aber ich glaube ihm nicht.“ „Es liegt kein Grund vor, ihm zu mißtrauen!“— „Das behaupte ich doch.“ ———— Arabel Und „Und lnnte!“ „Ju nir. Di( lichkeiten b inmer ſtre noch beſta berührt jen trennen un „Und „Jt, 1 „Hurte „ „Und „Berul „Nein. dieſes Man ihnen Ande ten. Mit Vorſicht re Eine g dieſe Mitt „Wär⸗ man uns ort nicht „Kann „Abet regt.—( wirſt Du nicht nur: D nan * —— — 993— Arabella wandte ſich raſch um. „Und dieſer Grund?“ fragte ſie. „Er will ſpioniren!“ Das Mädchen ſah die alte Frau feſt an. „Und gibt es ein Geheimnß, welches uns gefährlich werden könnte?“ fragte ſie. „Ja,“ erwiderte Signora Grimaldi.„Nicht Dir, ſondern mir. Die Enthüllung deſſelben würde mir die größten Unannehm⸗ lichkeiten bereiten. Bei den Zigeunern wird das Geſetz nicht immer ſtreng beobachtet, und es gibt Vergehen, die nach Jahren noch beſtraft werden. Forſche nicht weiter, wie geſagt, Dich berührt jenes Geheimniß nur inſofern, als es trennen und einen Makel auf unſern Namen „Und Hurter kannte dieſes Geheimniß?“ „Ja, und das war's, was mich nöthigte, ihn zu unterſtützen.“ „Hurter iſt todt.“ „Ich weiß es.“ „Und es heißt er ſei ermordet worden.“ „Ich kann darüber nicht urtheilen.“ „Beruhigt es Dich, daß er todt iſt?“ „Nein. Der Maler hat mich auf die hinterlaſſenen Papier dieſes Mannes aufmerkſam gemacht und es wäre möglich, daß in ihnen Andeutungen gefunden würden, die mich in Gefahr bräch⸗ ten. Mit Sicherheit läßt ſich dartber nichts ſagen, jedenfalls iſt Vorſicht rathſam.“ Eine gewaltige Aufregung hatte ſich der Sängerin bemächtigt, dieſe Mittheilungen mußten ſie ja beunruhigen. „Wäre das der Fall und man wollte uns verfolgen, ſo würte man uns auffinden,“ ſagte ſie,„wir können unſern Aufenthalts⸗ ort nicht mehr verheimlichen, ſobald ich wieder öffentlich auftrete.“ „Ich werde in London meine Vorſichtsmaßregeln treffen.“ „Kannſt Du es? Ich glaube nicht?“ „Aber ich hoffe es; erwiderte die alte Frau nicht minder er eT= regt.— Schleunige Abreiſe thut vor allen Dingen Noth, darin wirſt Du mir Recht geben. Der Abſchied von dem Maler iſt nicht nur überflüſſig, ſondern auch—“ b. Der Baſtard. Dich von mir werfen würde.“ 63 5 dieſen⸗Abend bei Willy und ſeiner Falkenberg's?“ fragte Signora dete Fü ſie hegt eine andere Hoffnung.“ bella ſchwieg; ſie mochte Magdalena ihr auf dem tiefere Vedeutung ſie ſoſort verſtanden hatte. Ich errathe es ſchon,“ fuhr die alte Frau fort,“ ſie hofft, Sohnes werden, iſt es nicht ſo 3 dieſe Hoffnung hegt!“ ds!“ ine Berechtigung! Willy iſt ein „Mutter, dieſer Hohn hat keir „Gut, gut, aber ehe Da ſeine Frau würdeſt, ſtieße ich mit eigner Hund Dir den Dolch ins Herz!“ Eutſetzt blickte Arabela die Mutter an, ſie erſchrack vor dem glühenden Haß, der in den Zügen der alten Frau ſich ſpiegelte. Und das geſchähe zu Deinem Beſten,“ nahm Signora Gri⸗ maldi wieder vas Wort,„ich würde es thun, wis auch daraus die Worte nicht wiederholen, die Spaziergange geſagt, und deren Du werdeſt die Gattin ih es „Es wäre möglich, daß ſie „Du die Frau eines Baſtar (Ehr — — „ für mich entſtehen möchte.“ „Mutter! „Jat Frau Rodenberg dieſe Hoffnung aus geſprochen?“ „Mur verblümt.“ „Und w3 darauf erwider „Richts, erwiderte Arabella.„Was ſollte ich erwidern? Ich liebe Willy⸗ wie die Schweſter de nicmals ſein.“ n Bruder liebt, mehr kann und werde ich ihm „Und wenn er Deine Hand begehrte?“ „Ich weiß, daß er es nicht thun wird.“ „Frau Rodenberg könnte ihren Sohn dazu bewegen!“ „Wenn es geſchähe, ſo würde ich ihm daſſelbe ſagen, wäs ich Dir geſagt habe.“ Signora Grimaldi blickte ihre Tochter eine Weile forſchend — an, do den 3 ) * ein ſur ruhigen 6 — — 67 * ſpiegelte —[pr Sioubrd Gri⸗ 305 an, dann nickte ſie befriedigt, ihre Beſorgniſſe ſchienen verſ den zu ſein. „Du darfit ihn nicht heirathen,“ ſagte ſie es wire für Dich ein ſurchtbares Unglück. Und darum auch iſt es ihm nicht wieder begegneteſt, ruhigen mich.“ beſſer, daß Du die Projekte ſeiner Mutter beun⸗ . G ie werden an meinem Willen ſcheitern!“ „Gleichviel, es iſt beſſer ſo. Und deshalb wollen wir keine Spur hinterlaſſen, die er verfolgen könnte. durch einen Kellner ſagen laſſen, es ſei Dir nicht möglich, ihrer Einladung heute Abend Folge zu leiſten, ſchütze heftiges Kopf⸗ weh vor, wir ſchli ßen vunn die Thür und laſſen Niemand ein, Und wenn ſie morgen früh ſich nach Dir erkundigen, ſo ſind wir längſt über alle Verge!“ Arabella ſchüttelte gedankenvoll das Haupt. „Sie wiſſen ſchon, daß wir nach London wollen,“ EN, / Du kannſt ihnen ſagte ſie. „Weshalh haſt Du es ihneñ geſagt?“ „Ich hatte ja keine Veranlaſſung Die alte Frau zog die Brauen finſter zuſammen, und ein drohender Blick traf das ſchöne Mädchen, auf das in Stunde ſo Vielcs einſtürmte, daß es ganz verwerrt wurde. ns verfolgen, es zu verheimlichen.“ dieſer „Mögen ſie u ſie ſollen uns nicht finden,“ ſagte ſie. kenne London, ich war früher ſchon einmal dort, das kommt uns jetzt zu Statten. Wird es Dir denn nicht immer klarer, daß die Beiden hieher gekommen ſind, um Dir eine Falle zu ſtelen? Wollteſt Du ihrer Einladung Folge leiſten, ſo wür⸗ eſt Du in ihrem Zimmer Lerrn von Falkenberg finden, eine Flaſche Ckampogner laſſen die beſten Vorfätze verbeſſern, und ein iſt raſch geſprochen.“ ich werde ſo ſchwach ſein—“ 2 j0 16 5 1 wa, ich habe Erfahrungen gemacht, Beg zur Hölle mit guten Vorſätzen gepflaſtert iſt. Man Verſuchung ſo weit wie möglich aus dem Wege gehen.“ Wie aus Traum erwachend, ſtrich Arabela Hand über die Stirne, und abermals blieb ihr Wie 191 ouf Sem Gepöck ruhen. bindendes Wort S — ich weiß, daf ſo einem 0 — 996— „Ja, reiſen wir,“ ſagte ſie,„es wird das Beſte ſein, wenn ich den inneren Frieden mir wieder erringen will.“ „Du erlaubſt mir alſo, daß ich für Dich handle?“ „Ich ſtelle es Dir anheim, Alles zu ordnen.“ Signora Grinaldi zog an der Glocke. Sie traf alle Anord⸗ nungen zur Abreiſe, die eine Stunde ſpäter in aller Stille ſtattfand. Als Willy am nächſten Morgen erfuhr, daß die beiden Da⸗ men Lauſanne verlaſſen hatten, fühlte er ſich durch dieſe Nach⸗ richt nicht ſehr überraſcht. Schon am Abend vorher, als der Kellner meldete, Signora Grimaldi könne wegen heſtigen Kopfwehs der Einladung nicht Folge leiſten, hatte eine Ahnung ihm geſagt, daß dies nur ein Vorwand ſei, der die Flucht verdecken ſolle. Frau Magdalena hatte daraufhin Arabella beſuchen wollen, um unter dem Vorwande freundſchaftlicher Theilnahme die Wahr⸗ heit zu erforſchen, aber verſchloſſene Thüren gefunden und jetzt zürnte ſic dem Mädchen, weil es ohne Abſchied abgereiſt war. Willy wußte ſehr wohl, daß Arabella's Mutter die Anſtifterin dieſer Flucht geweſen war, unt auch ihn ärgerte es jetzt, daß er der alten Frau ſo verb die Wahrheit geſagt hatte, indeß Geſche⸗ henes ließ ſich nicht ungeſchehen machen, und er ſuchte ſich damit zu beruhigen, daß er dieſe Folgen unmöglich habe vorausſehen können. Und aus der Unterredung mit ihr war es ihm auch klar ge⸗ worden, daß ſie ſelbſt die hinterlaſſenen Papiere Hurter's fürchtete, hier mußte ein Geheimniß vorliegen, deſſen Enthüllung ihr ge⸗ fährlicher werden konnnte, wie ſie ſelbſt zugeben wollte. Wohin ſie gereist waren, wußte er. Die Alte hatte den Kellner gefragt, wann der Zug nach Baſel abgehe, es unterlag alſo keinem Zweifel, ſie hatten die Reiſe nach London angetreten. Mit ſchwerem Herzen ging er zum Bahnhoſe, um Ferdinand von Folkenberg zu erwarten. Er hatte gehofft, ihn mit einer beſſeren Nachricht empfangen zu können, und ſo ſchwach dieſe Hoffnung auch geweſen wor, hatte er dennoch bis zum letzten Augenblick an ihrdfeſtgehalten, geſtützt auf ſeine damalige Unter⸗ redung mit Arabella, in der ihm die Gewißheit wurde, daß die Freundin die Liebe Falkenbergs erwiderte. znterliege Endlich knberg ſi Giſcht de⸗ Nachrict e „Sie ij Hand drüc „Geflol „Vor— hiet er ko „S0 „Silk „3 „Erfol „Leider ihres Entſ weil ſie k Ferdin Arn in Hotel zu. „Der Villy na Näbchen wartet ſie / „c „Duß druck auf daß Aral ich der 2 nicht verl Ferdin mit einet zum letzten glige Unter⸗ ² — 05 Auch er konnte ſich jetzt der Vermuthung nicht erwehren, deß Signora Grinaldi die eigentliche Triebfeder der Weigerung Ara⸗ bella's war. Sie übte einen großen Einfluß auf ihre Tochter, einen grö⸗ ßeren vielleicht, wie er ahnte, und das konnte keinem Zweifel unterliegen. Endlich fuhr der Zug in die Halle ein, Ferdinand von Fal⸗ kenberg ſtieg aus, und ſchon der erſte Blick in das umwölkte Geſicht des Freundes ließ ihn erkennen, duß ihn keine angenehme Nachricht erwartete. „Sie iſt abgereiſt,“ ſagte Willy, während er dem Freunde die Hand drückte. „Geflohen vor mir?“ fragte Ferdinand. „Vor Ihnen? Ich glaube nicht, daß ſie wußte, Sie würden hier er kommen.“ „So hat ſie es geahnt.“ „Es kann ſein, ſie hat nicht einmal von mir Abſchied ge⸗ nommen.“ „Sie haben mit ihr geſprochen?“ „Ich habe mein Möglichſtes gethan.“ „Erfolglos, nicht wahr?“ „Leider wollte es mir nicht gelingen, ſie zu einer Aenderung ihres Entſchluſſes zu bewegen; das hielt auch um ſo ſchwerer, weil ſie keine Gründe für ihre Weigerung nannte.“ Ferdinand von Falkenberg athmete tief auf, er ſchob ſeinen Arm in den des Freundes und ſchritt mit ihm auf das Hotel zu. „Der Einfluß ihrer Mutter iſt das Haupthinderniß,“ fuhr Willy nach einer Pauſe fort,„die alle Frau will ſich von dem Mädchen nicht trennen, und von der Verbindung mit Ihnen er⸗ wartet ſie für ſich nichts Gutes.“ „Ich würde jede Bedingung erfüllen!“ „Das habe ich ihr auch geſagt, aber es machte keinen Ein⸗ druck auf ſie. Und offen geſtanden, glaube ich mehr und mehr, daß Arabella nicht die Tochter dieſer Frau iſt. Auch das habe ich der Alten ins Geſicht geſagt, und ſie konnte ihre Verlegenheit nicht verleugnen, ſo ſehr ſie ſich auch bemühte, es zu thun.“ Ferdinand blickte ſeinen Begleiter betroffen an. — 998— „Haben Sie für dieſe Vermuthung Gründe, auf die Sic ſich ſtützen können?“ fragte er. „Gründe wohl, aber keine Beweiſe. Hier ruht ein Geheimniß, das man zu erforſchen ſuchen muß. Könnte man beweiſen, daß Arabella nicht die Tochter dieſer Frau iſt, ſo wäre der Bann ge⸗ brochen, und Ste ſtänden vor dem „Wiſſen Sie des ſo ſicher?“ „Zweifeln Sie daran? Wenn der Einfluß dieſer Frau un⸗ wirkſam gemacht iſt, wird Arabella erleichtert aufathmen.“ „Behaupten Sie das nicht ſo feſt—“ „Ich darf es, denn ich weiß, daß Arabella dieſe Frau weder liebt noch achtet. Sie fürchtet ſie und ſie weiß, daß ſie der Mutter gehorchen muß. Deshalb ſoge ich Ihnen noch einmal, brechen wir dieſen Einfluß, ſo iſt auch der Bann gelöst, und Arabella wird nicht länger zögern, Ihnen das Jawort zu geben.“ Fer inand von Faltenberg ſchüttelte zweifelnd das Haupt. „Alles, was Sie mir da ſagen, ſind Vermuthungen,“ erwi⸗ derte er,„das feſte Fundament fehlt ihnen. Durch welche Mittel könnte das Geheimniß enthüllt werden?“ „Darüber will ich nachdenken,“ erwiderte Willy.„Ich kann nicht ſelbſt in die Heimath zurückkehren aber ich werde hinſchrei⸗ ben und einen Freund beauftragen. unermüdlich nachzuforſchen. Sie müſſen nach London.“ „Wos ſoll ich dort?“ „Nichts weiter, als unbemerkt beobachten! Ich traue der alten Signora alles Böſe zu, überdies iſt es rathſam, daß Sie der Geliebten nohe bleiben, für den Fall ſie plötzlich der Hülfe eines Freundes bedürfen ſollte. Sobald irgend eine Entdeckung erfolgt iſt, theile ich ſie Ihnen mit. Sie werden dann wiſſen, welchen Gebrauch ſie von ihr machen müſſen. Ueberdies wäre es vielleicht möglich, durch einen tüchtigen und geſchickten Polizeia⸗ gent eine Preſſion auf die alte Signora zu üben, ihr das Ge⸗ heimniß zu entlocken und ſie zu einem Geſtändniß zu zwingen. Wie das zu ermöglichen iſt, weiß ich freilich nicht anzugeben, aber darüber kann der Agent, dem Sie ſich anvertrauen werden, Ihnen Aufſchluß geben.“ Ferbinand war in Nachdenken verſunken, der Plan ſeines Beglerers hatte Manches für ſich, ſo unwahrſcheinlich auch die — kom Ferdin daß i wirb, A fragt land ſo alten S denie ſobald Ueberd heit in Beſuch achter „ erwac chen la † † 1 ch kann 3 1 — E S Vermuthungen lauteten, auf die er ſich ſtützte. don gereist ſind?“ fragte er. „Sie haben die Route über Baſil genommen.“ ( „Und wo werde ich ſie in London treffen?“ „Es kann Ihnen ſo ſchver nicht fallen, ſie zu finden. Sig⸗ nora Arabella wird ja öffentlich in Konzerten auſtreten— 4 „Sie darf mich im Konzertſaal nicht ſehen.“ „Allerdings nicht. Si müſſen unter allen Umſtänden je Begegnung vermeiden, Signora Grimaldi wäre im Stande, mit ihrer Tochter ſ fort wieder abzur iſen. Invdeß in ver großen Weltſtant iſt es ja leicht zu beobachten und ſelbſt unbemerkt zu bleiben, und kann man nicht ſelbſt beobachten, ſo findet man wohl Andere, die das für Geld und gute Worte gerne über⸗ 2 nehmen.“ „Ich hatte Miß Cloveland verſprochen, nicht nach Engla zu kommen, ſondern zu warten, bis ſie mir ſchriebe,“ erwiederte Ferdinand von Falkenberg zögernd⸗„womit ſoll ich es motwiren, Verſprechen breche?“ Sie denn wirklich, daß wird, Arabella zu einer Aenderung ihres Entſchluſſes zu bewegen? fragt Willy.„Ich glaude es nicht, denn was auch Miß Cleve⸗ land ſagen mag, alle ihre Worte werde an dem Wiberſtand der alten Signora ſcheitern. Und Signora Grimaldi wird kein Be— denke tragen, der ſreundlichen Vermittlerin die Thüre z“ zeigen, ſobald die Gefahren dieſer Vermittlung ihr ſichtbar werden. Ueberdies haben die Verhältniſſe ſich geändert und Ihre Anweſen⸗ heit in London nöthig gemacht, darauf können Sie ſich ſtützen.* Beſuchen Sie Miß Cleveland, ſagen Sie ihr, was ich Ihnen ge⸗ ſagt habe und theilen Sie ihr meinen Plan mit, ſie wird hoffent⸗ lich Sie in der Ausführung deſſelben unterſtützen.“ daß ich dieſes „Glauben es dieſer Dame gelingen „Jedenfalls.“ „Laſſen Sie ſich nur nicht durch Zweifel irre mache! Miß Eleveland könnte die Wahrheit meiner Vermuthungen bezweifeln, achten Sie nicht darauf, bebenken Sie ſtets, um welchen hohen Preis es ſich hanbelt.“ „Und wo bleiben Sie?“ fragte Ferdinand, aus erwachend. — 1000— „Ich würde Sie begleiten, wenn ich nicht fürchtete, dadurch Alles zu gefährden. Ein Zufall könnte mich mit Arabella oder ihrer Mutter zuſammenführen, und dann wäre unſer ganzer Plan durchkreuzt. Die alte Signora kennt Sie nicht, und eine Begeg⸗ nung mit Arabella können und müſſen Sie vermeiden. Ich werde nach Italien reiſen und Ihnen von dort aus ſchreiben, ſobald ich mich an irzend einem Ort für längere Zeit niedergelaſſen habe. Ich ſende Ihnen den Brief Poſte reſtante und Sie ſchrei⸗ ben mir dann ebenfalls und theilen mir Ihre Adreſſe mit.“ „Und bis wann hoffen Sie mir über das bewußte Geheimniß etwas mittheilen zu könnea?“ „Etwas Sicheres kann ich Ihnen darüber jett noch nicht ſagen. Die Enthüllung dieſes Geheimniſſes kann ſchon bald er⸗ folgen, ſie kann aber auch noch Wochen, ja Monate ſich ver⸗ zögern. Bleiben Sie inzwiſchen nicht müßig, bieten Sie Alles auf, was Sie können und ſchrecken Sie vor keinem Opfer zurück, um die Vergangenheit der Signora Grimaldi und ihrer angeb⸗ lichen Tochter zu ermitteln. Mit⸗Geld kann man viel erreichen, vorzüglich in einer ſo großen Stadt.“ „Und wenn nun alle dieſe Bemühungen fruchtlos blieben und Ihre Vermuthungen unbegründet wären?“ So wäre dadurch noch immer nichts verloren. Aber glauben Sie mir, Herr von Falkenberg, wäre ich meiner Sache nicht ſo ſicher, ſo würde ich nicht ſo zuverſichtlich Ihnen dieſen Weg zeigen! Ich bin überzeugt, daß wir auf ihm alle Hinderniſſe be⸗ ſeitigen werden.“ „Nun wohl, ich werde ihn gehen,“ ſagte Ferdinand lebhaft, ich werde Alles aufbieten, um mir Gewißheit zu verſchaffen, und kein Opfer ſoll mir zu groß ſein, wenn ich es dieſem Zwecke bringen muß. Ich reiſe noch heute ab und werde in London mit Ungeduld Ihren erſten Brief erwarten, um danach meine Maß⸗ regel zu treffen.“ „Und ich werde ebenfalls heute noch an meinen Freund Wolbſtern ſchreiben, der ebenfalls mit Signora Arabella befreun⸗ det iſt, wir dürfen darauf vertrauen, daß er Alles thun wird, was in ſeinen Kräften ſteht.“ „Iſt es der Bildhauer Waldſtern?“ „Jawohl, Kennen Sie ihn? 7 — raſch von Blic entſ don ohn⸗ gekomme Arab tuter renden, Grimoldi ein gebie „Du Frou, de auf den Erſcheinu zuſtößen. ſobald gelaſen ie ſchrei⸗ heimniß Dop⸗ ne Maß⸗ Freund befreun⸗ un vird, — —— — — 1001— „Nur dem Namen nach. Und jetzt laſſen Sie mich zum Bahnhofe zurückkehren, ich will den nächſten Zug nach Vewey benutzen, um dort mein Koffer zu packen um alsdann ohne Ver⸗ zug die Reiſe anzutreten.“ „Ich wollte Sie meiner Mutter vorſtellen—“ „Für jetzt muß ich leider auf die Ehre verzichten. Alſo leben Sie wohl und ſchreiben Sie mir recht bald, damit ich weiß, wo meine Briefe Sie antreffen.“ Ferdinand drückte dem Freunde die Hand, dann ſchritt er raſch von dannen, und Willy ſchaute ihm nach, bis er ſeinem Blick entſchwunden war. 39. Kapitel. In Jondon. Signora Grimaldi und Arabella hatten ihre Reiſe nach Lon⸗ don ohn⸗ Aufenthalt fortgeſetzt, und als ſie in der Weltſtadt an⸗ gekommen waren, winkte die alte Frau dem Kutſcher eines Cab's. Arabella bewunderte im Stillen die Sicherheit, mit der ihre Mutter ſich auf dieſem fremden Pflaſter, inmitten eines verwir⸗ renden, betäubenden Menſchengewühls bewegte, aber Signora Grimaldi ließ ihr keine Zeit, dieſer Bewunderung Worte zu leihen; ein gebieteriſcher Wink befahl dem Mädchen einzuſteigen. „Duvals Penſion 10 Myddleton— ſquare,“ ſagte die alte Frau, dann folgte ſie ihrer Tochter, und als der Kutſcher ſich auf den Bock ſchwang, folgte auch ihm ein Mann, deſſen äußere Erſcheinung gerade nicht geeignet war, beſonderes Vertrauen ein⸗ zuflößen. 1002 Mann war, der das Gepäck der beiden Et, Indeß da es derſelb nen hatte, ſo lag dorin weiter PDamen un ter 5 du ſcheinſt ſſe zu beſitzen, ſſe als das S die Straßen ro colte muß es ſchon lange her ſein, ſeit i i ein gutes maldi lakoniſch. kann haben“ läßt ſich vicht b dae Hotel—“ logiren in ſe Gedächtniß,“ erwiderte ſich in einer ſo großen „Der Aufenthalt 6 nichts eingekommen. 6 Wir werden hier hoffentl „Es wäre zu wünſchen.“ Zrabella ſah die Mutter betroffen an, die ſo kurz angebunden. Für einige Wochen reicht es noch,“ ſagte Signora Grimat di — aber es wäre beſſ iher verlaſſen in London billiger gehort, daß das theil behauptet wir hätten „nb er widerte 1 agte die alte „In London kann ich leben, wie ich will,“ Gaſthofe el uckend,„in der Schweiz muß ich in einem Frau achſel ſind.“ togiren. Ich bin froh⸗ daß wir hier ſ Sie athnete tief auf und ſah ihre Tochter forſchend an. „Hieher wird man uns hoffentlich nicht folgen,“ fuhr ſie ſort, ſollte es dennoch geſcheh en, ſo findet man uns „Wer ſollte auch ein Intereſſe daran haber, uns zu folgen? erwiderte A bella, während ſie gedankenvl auf die Straße hin⸗ aus blickte.„Herr von Fulkenberg muß ja nun nicht mehr Joffen varf, und Willy iſt nach Italien.“ wiſſen, 6 daß er henmädc Sehr konnte gen, und gung ihr von dem unſre Ke n —05 mo mmer p . 4 Hel „in Lon M Wit 9 003 iden„Da mag er ſich ti begraben laſſen!“ r„Weshalb haſſeſt Du ihn ſo glühend?“ „Weil er ein unverſchämter Burſche iſt! Mit ſeinem Talent wird es auch nicht ſo weit her ſein; man weiß ja, wie es ge⸗ macht wird, wenn Preiſe vertheilt werden ſollen. Wer das größte t Maul hat, bekommt den erſten Preis.“ Arabella ſchwieg, ſie wußte, daß ſie über dieſen Punkt mit Fi ihrer Mutter nicht ſtreiten die alte Frau empfand nun einmal eine unbeſiegbare Abneigung gegen den jungen Maler, deſſen eigentliche Urſache völlig räthſelhaft war. Da die Damen mit der Eiſenbahn bis zu Kinge tion gefahren wa n, ſo hatte das Cab keinen weite Weg zurückzulegen, es hielt nach einer kurzen Sah vor einem gſen Hauſe, über deſſen Thüre ein Schild mit Pu⸗ 16 vals Penſion“ hing. Signora Grimaldi forderte zwei Zimm ſer, ein hageres Stu⸗ benmädchen führte ſie die Treppen hinau Sehr hell und freundlich waren die Zimmer nicht, konnte auch nicht behaupten, daß ſie eine me Au währten, aber die innere Ei nrichtung en len Anf var ſo 18 gen, und Signora Grimaldi legte mit einer Miene der Leſttet gung ihre kleine auf den Tiſch zum Zeichen, Frimaldi von dem Logis Beſitz nehme. ättn 1„Wenn der Wirth oder die Wirthin ſich zu mir . 0 o würden wir über die Bedingungen uns einigen können, a ſe ſie ſich zu dem Stubenmädchen.„J) wänſche es, ege t 3 unſre Lit er tie alie immer prüfend i t 8 Se ſch ſboſe„Man muß Nägel mit Köpnfen machen; ſagte die alte Frau, 3*„in London iſt der Schwinde l zu 6„Wir werden alſo hier bleiben fragte Arabella. 2 8„Ich weiß es noch nicht, wahrſc werde ich in den nächten Tagen in einem Privathauſe möblürte Zinmer miethen.“ 13„Mir ſoeint, weiter haben wir hier auch nichts.“ „Wir 466 en hier Alles, was wir wünſchen, Koſt und Logis?“ Steße ⸗ Aber ich ſehe nicht ein, we shalb ich nicht ſelbſt das Eſſen für — 1004— uns zubereiten ſoll, wie das auch früher geſchehen iſt. Zeit ge⸗ nug habe ich dazu, und es iſt nicht ſo theuer.“ „Auf alles dies kommt es weniger an, als auf den Weg, den ich zum Konzertſaale zu machen habe,“ erwiderte Arabella.„Da⸗ rauf müßte zuerſt Rückſicht genommen werden.“ „Du haſt Recht, ich werde mich morgen danach erkundigen.“ 1 „Könnten wir in der Nähe des Konzertſaales möblirte Zim⸗ mer finden, ſo würde mir das ſehr angenehm ſein.“ Der Eintritt der Wirthin brach die Unterredung ab. Sie war eine große, corpulente Frau mit einem rothen Ge⸗ ſicht und einer unangenehmen rauhen Stimme, aber ſo wenig — angenehm ihre äußere Erſcheinung auch war, gewöhnte man ſich doch bald an ſie. Signora Grimaldi fand die Preiſe nicht zu hog, ſie war bald mit der Frau einig, aber auffallen mußte es der letzteren, daß die Dame mit dem italieniſchen Namen ihr die Bedingung ſtellte, keinem Dienſtboten und keinem Gaſt ihren Namen zu nennen und alle etwaigen Anfragen dahin zu heantworten, daß eine Dame dieſes Namens nicht bei ihr woh 4 Sie ſchien daran gewohnt zu ſein, daß ihre Gäſte ihr mit⸗ unter ſonderbare Bedingungen ſtellten, denn ſie fand auch gegen dieſe nichts einzuwenden. An der Thüre wandte ſie ſich noch einmal um. „Der Mann, der Ihr Gepäck gebracht hat, wünſcht mit Ihnen zu reden,“ ſagte ſie. „Mit mir?“ erwiderte Signore Grimaldi.„Bitte zahlen Sie ihm ſeinen Lohn, ich kenne die Tare nicht.“ „Das iſt bereits geſchehen.“ „Und was will er nun noch?“ „Ich weiß es nicht.“ t „Gut er mag kommen.“ „Er läßt Sie bitten, zu ihm zu kommen,“ antwortete die Wirthin,„es ſcheint, daß er Ihnen eine wichtige Mittheilung machen will.“ Die alte Frau ſah bald die Wirthin, bald ihre Tochter an 1 dann zuckte ſie die Achſeln, als ob ſie andeuten wolle, ihr ſei 1 das ganz unbegreiflich. 6 „Haben Sie keine Furcht,“ ſagte die Wirthin,„in unſerem Huſe ſn auch nicht Sie cber „Nel wil, vo „Su ſo lange heginne zeugten⸗ [aenn Wonge Briuen Del W Del „Vl ſind, be „Un Sie Mann 1† belter hr mit Mil r egen er S ahien Sie unſetem — Hauſe ſind Sie ſo ſicher, wie im Tower, und der — 1005— tann ſieht auch nicht danach ans, als ob er Vöſes im Schilde führe. Wenn Sie aber wünſchen, daß er ſpäter wiederkommen ſoll—“ „Nein, nein, ich kann ja nicht wiſſen, was er mir mittheilen will, wo iſt er?“ „Im Geſindezimmer.“ „Sagen Sie ihm, er möge heraufkommen, meine Tochter wir ird ſo lange in das andere Zimmer gehen. Sei ſo gut, Aabella und beginne inzwiſchen ſchon mit dem Einräumen der Garderoben die Koffer ſind doch alle hier oben, Madame?“ „Sie ſind im Nebenzimmer.“ „Sehr wohl, ich werde den Mann hier erwarten.“ Einige Minuten ſpäter trat der Gepäckträger ein. Er war eine mittelgroße, gedrungene Geſtalt mit breiten Schultern und großen, plumpen Händen, die von ſchwerer Arbeit zeugten, Sein Geſicht war vom Wetter gebräunt, über die rechte Wange zog ſich eine breite Narbe und aus den von buſchigen Brauen überſchatteten Augen lauerte eine tückiſche Verſchmitztheit. Der Blick der Signora ruhte erwartungsvoll auf ihm. „Was haben Sie mir mitzutheilen?“ fragte ſie. Der Mann trat leiſe lachend näher. „Kennſt Du mich nicht mehr?“ erwiderte er. Erſchreckt wich die alte Frau zurück. „Was ſoll das?“ ſagte ſie ſcharf.„Bleiben Sie, wo Sie ſind, bei der geringſten Bewegung rufe ich um Hülfe.“ „Um Hülfe gegen den eigenen Sohn?“ Signore Grimalbi ſtieß wirklich einen leichten Schrei aus, ihr Blick ruhte ſtier, mit dem Ausdruck des Entſetzens auf dem Manne, der eher einem Vagabund, als einem angeſtellten Ar⸗ † Die Thür des Nebenzimmers wurde geöffnet, die alte F hli darch einen Wink, ſie wieder zu nicht wahr ſei,“ ſagte ſie, nach Athem ringend. „Aber es iſt S Mutter.“ „Du ſollteſt derſelbe Samuel ſein, der vor zwanzig Jahren 6 — davonſie „Freilich bin ichs,“ nickte der Mann, während er grinſend 1006— ſein Gebiß zeigte.„Ich begreife nicht, daß Du's nicht glauben willſt. Frag' nur Alle die mich kennen, ob ich nicht Sam Grim⸗ mel heiße.“ „Und Du mußt der Erſte ſein, der mir hier be geßnet?“ erwiderte Signora Grimaldi, bie ihre Faſſung noch nicht wieder finden konnte.„Das ſieht ja faſt ſo aus, als ob Du gewußt hätteſt, ich werde in dieſer Stunde eintreffen.“ „Hm, ein ſonderbarer Zufall iſt es,“ ſagte Sam achſelzuckend, „ hätte auch nicht geglaubt, daß ich Dich je wiederſehen war auf dem Bahnhof, als Du ſ Pa cträger!“ 3 a ja, ich hab's nicht weiter gebracht, es kann nicht Jed nd meine Erziehung war auch nicht danach.“ Baron werden, u „Wer i aran die Schuld?“ „Davon wollen wir ſpäter ſprechen, altes Haus. Alſo mich glei ( „ der Dein Geſicht und Deine Ninnen erinnerten an eine bekannte Seele, und als ich Dir in die Augen ſah, erkannte ich Dich gleich. Solche grüne Katzenaugen hat außer Dir Menſch, deruuf mache ich jede Wette.“ „Du ſollteſt mehr Achtung haben vor deiner Mutter!“ „Achtung? Wrüte nicht wo ſie herkommen ſollte. Na, dann der Name auf dem Koffer, ich konnte mich gar nicht meh „Und da biſt Du mir gefolgt?“ fragte die alte Frau, i Prieb der Natur muß man. ſſer geweſen, Du hätteſt das nicht gethan. Wa 5 2 ſoll es denn nen gebe.. „Durü wollen wir gemeinſchaftlich berathen.“ „Du denkſt wohl, ich ſei eine reiche Frau?“ fuhr Signora „Halt, das wollen wir doch etwas näher beleuchten,“ ihr ins„Wie alt war ich Samals? Zehn oder fieh r, wie ich,“erwiderte Sam lakoniſch. l, ſo durfteſt Du doch nicht auf Un⸗ ng rechnen, Du beſt damals als ein ungezogener Bube 8 c Voter ——. 6 der Saufaus und Du dienteſt bei andern Leuten Und als der Va egegnetpe ſich ins Leben hinüber getru hatte, da kümme rteſt 8 — S S 3 8. — „Kounte ich's?“ fragte die alte ungeduldig. „Hm, ich glaube doch, aber wenn ber gute V eben die Frage nach dem Können unnütz. Du — f DTge ſitr Dich Lgetagen „ ſo nennen will, hab' ich nichts d widerte Sam,„aber des Rühmens war es wahrhaftie E r gnicht werth. Das alte Weib, der ich anvertraut war, gab mir mehr Prüzet „Und war das meine Schuld?“ fragte Signora Grimaldi, die jetzt ihre Faſſung wiederge funden hatte und bereits darüber . 0 Wieder⸗ nachdachte, welche Folgen ihr aus dieſem unerwarteten Wieder⸗ ſehen erwachſen könnten.„Kann mich deshalb ein Vorwurf 3 en? Die Frau hat Aerger End Liſt mit Dir genug 9 gehabt⸗ ur den größten Theil meines ſauer verdienten Un Dich hergeben. Weshalb wollteſt Du nichts Ordentliches R Sam hatte ſich auf einen Stuhl er dr 1 Mütze zwiſchen den Händen un lächelte ir i he „Ja, wenn ich dazu nur er te!“ er viderte n. er.„Ich hab' damals nur Eins grändlich ge dus Betteln! Das alte Weib ſchickte mich Morgen auf die Straße — 3. ß 4 pIis hinaus, und wenn ich 1 ds heimkam, nußte ich ablieſern, was ich zuſammengebettelt hatte. Zufrieden war ſie nie und da v's jedesmal Prügel.“ Gott, und ich glaubte—“ r .„Na, wenn Du Dich um mich gekümmert hätteſt, würdeſt Du's ſchon geſehen haben! Aber bei den reichen Leuten geſtet auf Un⸗. 3 S 3. Dir's beſſer, und wenn ich um die Ecke ging, ſo war dir eine können ja reden, wie uns Ko e ollen wir uns Komplimente hräne na hgeweint, als Dir da mir iß keine — 1008— geſagt wurde, ich ſei verduftet! Wozu auch— es war keine Urſache dazu vorhanden!“ Die alte Frau ſchüttelte mißbilligend das Haupt, aber ſie wiederſprach nicht, es war offenbar die Wahrheit, was er ihr geſagt hatte, und den Vorwürfen, die er ihr machte, konnte ſie nicht entgegentreten. „Ich bin dann fortgelaufen,“ fuhr er fort,„dieſe Hun ide⸗ leben konnt' ich nicht mehr ertragen. Wohin, das war mir gleich⸗ gültig⸗ und was aus mir werder ſolle, banach fragte ich auch nicht.“ „Du hätteſt zu mir kommen ſollen.“ „Zu Dir? No, da würd' ich einen ſchönen Empfang gefunden haben Geglaubt hätteſt Du wir ja auch nicht, und ich war von andren Leuten genug getreten worden. Zuerſt war ich Kellner⸗ junge in einer Vagabundenkneipe, da hab ich auch nichts Gutes gelernt, aber ich wurde ſatt und daran lag mir am meiſten. Dann kam ich zu einer it rit die auf den Dörfern herumreiſten, es war ein hungeriges Leben und ich hielts nicht lange aus. Mit einem Schauſpielgr, dem es bei der Bande auch nicht gefiel, brannte ich durch, und wir führten dann ein herrli⸗ ches Leben in dulci jubilo.“ „Das ſagte Dir wohl zu?“ fragte Signora Grimaldi ſpöttiſch. „Nicht immer! Ich mußte zu oft daran denken, daß es mit der Herrlichkeit mal ein Ende nehmen würde, und es verbitterte mir die Freude Der Schauſpieler war ein Schwinbler, und die Menſchen wollen betrogen ſein, wir fanden überall Dummköpfe genug, die hineingingen.“ „Und wo endete es? Im Gefängniß!“ „Für mich nicht. Wir waren in allen Reſidenz zſtädten und ſpielten überall eine große Rolle, aber es hieß auch bei uns: wie gewonnen, ſo genommen! Erſpart hab ich mir nichts, und ein angenehmes Leben iſt es auch nicht, den Gepäckträger ſpielen zu müſſen!“ „Und was ſoll nun geſchehen?“ „Ich nicht, aber ich denke mir, eine M Sohn— „Auf mich darfſt Du nicht rechnen, ich habe ſelbſt nichts.“ utter wird ihren „Sf o ich von Stell W danken, es Ne aber ich „t „Ha „i der Str Samuel So „ / n gend An Samn glit „V mindeſt „ er ſpielen S — — 1009— „Spaß „In ollem Ernſt! Ich habe auch nicht ſo viel verdient, daß ich von meinen Renten leben könnte. Kannſt Du denn keine andr Stelle annehmen? Du biſt voch ſo alt geworden, daß Du ſelbſt Dir vorwärts helfen mußt!“ „Weun ich's thue, brauche ich Dir wahrhaftig nicht dafür zu danken,“ ſpottete Sam, während er gedankenvoll auf die Thü des Nebenzimmers blickte.„Man hat mir eine Stelle angeboten, aber ich weiß nicht, ob ich f werde.“ „Iſt es eine gute Stelle? „Kammer ie bei einem reichen Herrn.“ „Nimm ſie an! ſagte die alte Frau lebhaft. Du kommſt von der Straße und kannſt es noch zu etwas bringen. Sei kein Narr, Samuel, es iſt Zeit, daß Du endlich ſolide und vernünftig wirſt.“ Sam zuckte verächtlich die Achſeln. „Ich weiß noch nicht, was ich thun werde,“ erwiderte er. „Ich kann nichts für Dich thun!“ „Hab' auch noch nichts von Dir verlangt.“ „Du müßteſt ſchämen⸗ wenn Du von mir eine Unter⸗ ſtütung forderteſt! Ich bin eine alte Frau—“ „Ach was, das es iſt Unſinn! Hätteſt Dich in meiner Ju⸗ gend um mich bekümmern ſollen, denn wär' ich ein andrer Kerl geworden.“ „Haſt Du Dich um mich gekümmert?“ „Das war ein andrer Fall! Als ich mich ſpäter einmal nach Dir erkundigt habe, da hieß es, Du ſeiſt geſtorben und verdorben, aber ich hab's nicht geglaubt, es bleibt immer wahr, daß Unkraut nicht vergeht. Wer iſt das Fräulein?“ Signora Grinaldi blickte jett auch auf die Thüre, Sam mit dem Zeigefinger deutete und ein Zug von Verl glitt über ihr gelbes Geſicht. „Meine Tochter!“ ſagte ſie? „Und meine Schweſter?“ „Natürlich!“ „Das glaub' ich nicht,“ K Sam kopfſchüttelnd,„ſie iſt 3. mindeſtens zehn Jahre jünger, als „iUnd weshalb ſollt es unmög Der Vaſtard. 1010— M A „Mein V chon lange todt, als— „Muß denn dein Vater auch ihr Valer ſein?“ Sam blickte ſeine Mutter eine Weile befremdet an, dann ſchüttelte er wieder den Kopf. „Glaub's noch immer nicht,“ erwiderte er.„Du warſt da⸗ mals eine alte Frau und—“ „Glaub', was Du willſt,“ unterbrach Signora Grimaldi ihn ärgerlich,„nur laß mich mit Deinen dummen Vermuthuagen in Ruhe. Das Mädchen iſt meine Tochter, und wer ihr Vater iſt, das brauchſt Du nicht zu wiſſen.“ „Sehr gut, ſo kommt man am kürzeſten davon! Was wollt Ihr in London?“ Die alte Frau hätte om liebſten geſchwiegen, aber das ging jetzt auch nicht mehr, denn Sam erfuhr ja doch Alles, was er zu wiſſen wünſchte, auf die Dauer konnte es ihm nicht verborgen bleiben. Und auf der anberen Seite war es vielleicht das Beſte, ihn in Alles einzuweigen und an ihm Kinen Verbündeten zu wiſſen, der ſie im Nothfalle beſchützen und unter allen Umſtänden ihnen weſentliche Dienſte leiſten konnte. Zurückweiſen konnte ſie ihn ohne dies nicht, ſie mußte ihn als ihren Sohn anerkennen, welche Vergangenheit er auch gehabt haben mochte, und es war mit Sicherheit voraus zu ſehen, daß er ſelbſt vor einem öffentlichen Eklat nicht. zurückſchreckte, wenn ſie ihm feindlich entgegentrat. „Ich will es Dir ſagen, Samuel,“ erwiderte ſie,„und wenn Du ein braver Sohn ſein willſt, ſo wirſt Du ſelbſt wiſſen, welche Stellung Du uns gegenüber zu nehmen haſt,“ Sam nickte zuſtimmend und klickte abermals auf die Thür des Nebenzimmers. „Arabella hat ſich in der Muſik und im Geſang ausgebildet ſie wird im nächſten Winter hier Konzerte geben—“ „Jetzt weiß ich's ſchon,“ fiel Sam ihr in die Rede,„die Zeitungen haben's angekündigt.“ „Iſt das ſchon geſchehen?“ „Natürlich! BZerühmte Sängerin! Italienerin! Blendende ein finſtt „Me neiner! „Nu reden n Yich li „Zu in der 2 Du uns gibt hie „Pl ſchüter „Do „W für ein ſter hin Schauſt Ar „4 maldi i lauben, S — porharno 6 eborgen nen 3 — 1011— Schönheit! Ich dachte mir, es werde viel Geſchrei und wenig Wolle ſein.“ „Was die Zeitungen geſchrieben haben, iſt die volle Wahr⸗ heit Samuel! Die Londoner haben eine ſolche Sängerin noch nicht gehört.“ „Na, na, ſie haben mehr gehört, wie Du Dir vorſtellen kannſt. Alſo ſo liegts? Und dieſe ſchöne berühmte Sängerin ſoll Deine Tochter ſein? Thue mir den einzigen Gefallen und laß Dich nicht neben ihr blicken, die Leute würden's nicht glauben, daß Du ihre Mntter biſt.“ Signora Grimaldi zog die Brauen drohend zuſammen, und ein finſtrer Blick traf aus den ſtechenden Augen ihren Sohn. „Man hat ſolcher Beiſpiele viele,“ erwiderte ſie,„und in meiner Jugend war ich auch nicht häßlich.“ „Na, und was weiter?“ Es wäre wir lieb, wenn Du über dieſen Punkt nicht weiter reden wollteſt.“ „Werd' mir den Kopf nicht darüber zerbrechen! Wom auch? Mich kümmert's ja weiter nicht, wer der Vater des Mädchens ift.“ „Es iſt beſſer, wenn Du Dich über andre Dinge kümmerſt,“ „Zum Beiſpiel?“ „Ich will Dir etwas ſagen, Sam,“ fuhr die alte Frau mit gedämpfter Stimme fort, während ſie ihm näher trat,„wenn Du in der That ein guter Sohn und Bruder ſein willſt, dann wirſt Du uns hier beſchützen. London iſt eine große Stadt und es gibt hier viel ſchlechtes Geſindel, wir ſtehen ganz allein—“ „Pah, ein ſo ſchönes Mädchen kann unter den Lords Be⸗ ſchützer genug finden!“ „Das wollen wir nicht.“ 1 „Wirklich nicht?“ fragte Sam erſtaunt.„Unſre Lords werfen für ein ſchönes Mäbchen das Geld mit vollen Händen zum Fen⸗ ſter hinaus, und in dieſem Punkte ſind die Sängerinnen und Schauſpielerinnen—“ „Arabella denkt darüber doch anders,“ ſchnitt Signora Gri⸗ maldi ihm das Wort ab,„ſie würde niemals einem Mann er lauben, ihr näher zu treten—“ „Ach was, das iſt Unſinn!“ — 1012— „Und was mich betrifft, ſo werde ich es auch nicht geſtatten.“ „ 1 „Eine junge ſchöne Sängerin, die an jedem Finger einen Millionär als Liebhaber haben tönnte?“ ſagte Sam erſteunt. Ich glaube, die Tugend einer ſolchen Dame gebe keinen Heller dafür.“ „Bei der Schauſpielerbande, hei der Du warſt, werden die Damen nicht ſo tugendhaft geweſen ſein, ich will das gerne glau⸗ ben, aber meine Tochter widerſteht jeder Verſuchung. Und Du, ſohſt uns vor dieſen zubringlichen Lords ſchützen.“ ² „Hm, was habe ich davon?“ „Ich werde Dich neu kleiden und pafür ſorgen, daß keinen Mangel leideſt.“ „Das wäre etwas, aber nicht viel.“ „Viel haben wir ſelbſt nicht, das Leben iſt hier theuer, und „Eben drum!“ „Nein, eben drum nicht! Arabella ſoll London ſo rein und ſſen, wie ſie es betreten hat, das habe ich mir tugendhaft verlaſſ zugeſchworen, und ſoviel kann man mir nicht bieten, daß ich — dieſen Schwur breche.“ „Wenn Du über mich ſo gewiſſenhaft gewacht hätteſt, wär's mit mir auch anders gekommen. Mich ließ man aufwachſen wie das Unkraut, und Leshalb iſt auch Unkraut daraus geworden!“ „Laſſen wir das, es iſt nun genug barüber geſprochen wor⸗ den. Wir hatten auch in Deutſchland Anſechtungen, und trotz⸗ dem, daß Arabella die Herren mit dürren Worten zurückgewieſen hat, fürchte ich doch, daß ſie uns folgen werden. Man kennt ja die Unverſchämtheit dieſer Leute und daß wir hierher reiſten konnten wir nicht verheimlichen.“ „Wenn ſie kommen und Euch läſtig fallen, dann gibts Mittel genug, ihnen zu zeigen, wo Barthel den Moſt holt', ſagte Sam lakoniſch. Mit dieſen deutſchen Bären will ich ſchon fertig iſt nur Schein. ich 82 4 werden.“ „Und mit den Andern auch?“ fragte Signora Grimaldi er⸗ wartungsvoll. „Mit den Andern auch! wenn es ſein muß.“ „Ja es muß ſein! mir werben keine Einladung annehmen, von welcher Seite ſie auch den mach.“ Wir wollen keinen Umgang mit Herren⸗ ——— —— „Viel auch feſt und kon unſehen⸗ lürte Vo viel kön her ihm 6 — 1013— „Vielleicht ſprichſt Du nach einigen Tagen anders.“ „Habe ich einmal einen Entſchluß ausgeſprochen, ſo halte ich auch feſt an ihm. Und nun wollen wir die Unterredung beenden, ſie hat ſchon zu lange gedauert. Sorge für eine beſſere Kleidung und komme morgen wieder hieher, inzwiſchen kannſt Du Dich umſehen, ob Du nickt in der Nähe des Konzertſaales eine möb⸗ lirte Wohnung für uns findeſt. Sie darf nicht zu theuer ſein, viel können wir nicht anlegen.“ Sam hatte ſich erhoben, er warf einen Blick in den Spiegel, der ihm gegenüber hing. „Ein neuer Anzug iſt raſch angeſchafft,“ ſagte er,„aber man karf nicht mit leeren Händen in den Kleiderladen gehen.“ ora Grimaldi legte einige Goldſtücke auf den Tiſch. „Mehr kann ich Dir jetzt nicht geben,“ erwiderte ſie,„Du Sht Dich danach einrichten, ſpäter wird's wohl beſſer ge⸗ hen. Aber in dieſem Aufzug komm' nicht wieder zu mir, ſo wie Du jetzt biſt, kann ich Dich Deiner Schweſter nicht vorſtellen.“ Sam hatte das Gold in die Taſche geſteckt, der unzufriedene Ausdruck ſeines Geſichts verrieth, daß er mehr erwartet hatte. „Wir könnten her und in Freuden leben, wenn Du ver⸗ nünftig ſein woltteſt ſagte er achſelzuckend. „Sprich nicht mehr davon!“ „Meinetwegen— des Menſchen Wille iſt ſein Himmelreich.“ „Und ich vertraue jetzt darauf, daß wir an Dir einen Be⸗ 1 en weren i6 mit Euch zufrieden, ſo ſollt Ihr es ſein,“ erwiderte Sam lakoniſch „Morgen werde ich alſo die Ehr vorgeſtellt zu werden? Gut, ich kann mich ger und Arabella wird wohl auch nicht ſehr damit eilen. rlich ſa auch mit mir E pinor re haben, metner Er ging hinaus, ohne jeiner Mutter die Hand zu unerwartete Wiede überhaupt auf ihn keinen beſonderen Eindruck gemackt, ldi tänſchie ſich ihr, wenn ſie glaubte tze aben. Sie nie eine nie um Signora Gri RMi Den 0 „Wie hätte er nun jetzt plötzlich Liebe für ſie empſinden können? Er ſah ja, daß ſie ſich ſeiner ſchämte, daß ihr dieſes Wieder⸗ ſchen nur unangenehm geweſen war. und was lag ihm an dem Schickſal des ſchönen Mädchens, von deren Daſein er nie zuvor eine Ahnung gehabt hatte? Wenn er einen Vortheil für ſich daraus gewinnen konnte, weshalb ſollte er es nicht thun? Welche Rückſichten konnten ihm gebieten, dieſen Vortheil zurückzuweiſen? Er wollte ſich die Sache gründlich überlegen, eine ſolche Ge⸗ legenheit durfte er nicht unbenutzt laſſen. Sam ſtieg in einen Omnibus und verließ denſelben in Weſt⸗ end, dem vornehmſten Stadttheile Londons. Nachdem er einige Straßen durchwandert hatte, ohne dem Gewühl in ihnen nur die geringſte Beachtung zu ſchenken, blieb er vor einem Palai's ſtehen, in deſſen Thür ein herkuliſcher Portier in reicher Livree paradirte. „Mylord zu ſprechen?“ fragte er in einem Tone, als ob er zu den intimſten Freunden Mylesd's gehöre. Der Portier muſterte ihn mit einem Blick, indem Verachtung und Entrüſtung deutlich ſich ausſprachen. „Hm, glaubt ihr den, Mylord Stanhope ſei für jeden her⸗ gelaufenen Vagabund zu Hauſe?“ erwiderte er.„Habt ihr eine Viſitenkarte? Nein? dann ſcheert euch zum Teufel ſeiner Groß⸗ mutter und fragt ob ſie für euch zu ſprechen ſei.“ Sam ſteckte die Hände in die Taſchen und betrachtete nun auch mit einem nicht minder verächtlichen Blick den Portier. „Wofür ſteht Ihr da?“ fragte er.„Um den Leuten Grob⸗ heiten zu ſagen? Wer ſeid Ihr denn, guter Freund? Ihr habt dieſen Rock auch nicht immer getragen und er iſt auch heute noch nicht Euer Eigenthum!“ „Ich will Euch ſagen, weshalb ich hier ſtehe,“ fuhr der Portier heraus,„im Hauſe liegen ſilberne Löffel und—“ „und da denkt Ihr wohl, wenn ein Menſch einen ſchlechten Rock trage, müſſe er auch ſilberne Löffel ſtehlen? Ihr ſchließt wohl von Euch auf Andere, man ſucht Niemand hinter dem Ofen, wenn man nicht ſelbſt dahinter geſtanden hat. Ich habe Burſchen — ſolchen Röcklen wie Ihr ihn a tragt, oft genug in's Gefäng⸗ niß we c 0 „JN Keil,1 wieder „ iſ, un könntet und ich lieren. türlich darübe als mi D der er beabſi kannte daß 1 den b 3 ärgerli da iſt lord er Di Mann herunt den S 6 ihren ( n S „ ſiſche hochn Mylo aber das 2 . Hulden Leuten Grob⸗ ch heule noch nen ſchlechten Ir ſchließt uer den Ofen, hobe gurſchen z in 3 Geſüng⸗ m 1015—— niß wandern ſehen, der Rock allein thuts nicht.“ „Ihr ſeid unverſchämt!“ „Nicht immer! Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil, und wie man in den Wald hineinruſt, ſo ſchallt's auch wieder heraus.“ „Und wenn Ihr nicht bald macht, daß Ihr ſortkommt—“ „Holla, guter Freund, bedenkt daß Mylord ke in Gefangener iſt, und daß ich ihn an einem andern Orte treffen kann. Ihr könntet im Hand umdrehen die gute Stelle wieder los werden,⸗ und ich glaube, Ihr würdet Euer Fert dann raſch wieder ver⸗ lieren. Ihr wißt wohl nicht, daß Mylord mich erwartet? Na⸗ türlich nicht, vorher ſolltet Ihr es auch wiſſen? Mylord ſpricht darüber mit Euch gewiß nicht, Ihr habt weiter nichts zu thun, als mich einzulaſſen.“ Die Sicherheit, mit der Sam auftrat, und die Ruhe, mit der er dieſe Behauptung geäußert hatte, verfehlten den jedenfalls beabſichtigten Eindruck nicht, der Portier war verduzt, und er kannte die Lebensweiſe ſeines Herrn genugſam, um zu wiſſen, daß Mylord ſich in vielen Stücken der Hülfe ſolcher Vagabun⸗ den bediente. „Weshalb habt Ihr das nicht ſogleich geſagt?“ fragte er ärgerlich.„Anſehen konnte ich es Euch nicht und— ha, Georg da iſt ein Mann, der zu Mylorb wünſcht. Er behauptet, My⸗ lord erwarte ihn, iſt Ihnen davon etwas bekannt?“ Die letzten Worte waren an einen ſehr elegant gekleideten Mann gerichtet, der im Innern des Palai's die breite Treppe herunterkam, und in welchen Sam mit ſeinem Scharfblick ſofort den Kammerdiener Mylord's erkannte. Georg ſtand jetz neben dem Portier, die glanzloſen, tief in ihren Höhlen liegenden Augen ruhten prüfend auf dem Vagabund „Ich weiß nichts davon,“ ſagte er achſelzuckend. „Na, wenn ich Mylord wäre, dann würde ich ſolche Stock⸗ fiſche nicht mäſten,“ erwiderte Sam ſpöttiſch.„Müſſen denn hochwohlgeborenen Herren vonAllem unterrichtet ſein? Sagen Si Mylord, der Mann ſei da, dem er die Stelle angeboten habe aber er komme nicht der Stelle wegen, ſondern wegen einer Dame, das Weitere würde ich ſelbſt ihm mittheilen.“ „Vagabund!“ brummte der Kammerbiener, aber er ging doch „d — S — 8 E 8 um die Meldung auszurichten, wer wegen einet Palais Stanhope fond dort jede Thüre offen, denn Mylord war ein Lebemann, der ſeine Guineen mit vollen ſchönen Damen ve ſchwendete. „Was hat er geſagt?“ fragte Sam den Portier. „Ich weiß es nicht, und wenn ich es wüßte, würde ich Euch nicht den Gefallen erzeigen, es auszuplaudern.“ „Das glaub⸗ ich, eine Krähe hackt ja der andeen kein Auge aus, und beſſer, als Krähen ſeid Ihr beide nicht.“ „Thäte mir leid, wenn ich ein Vagabund wäre!“ „O es iſt ein freies Leben, erwiderte höhniſch,„aber freilich, Sklaven können ſie ein freies Leben nicht hineinfin⸗ den, ſie fühlen ſich am wohlſten, wenn ſie mit Fußtritten rega⸗ lirt werden.“ „Wirklich? Ihr habt in Eurem Leben wohl ſchon viele Fuß⸗ tritte bekommen?“ „Danke der gütigen i ich ihn auch wieder zurückgegeben.= „Daz kann ich mir F Ihr ſeht ganz dar ob Ihr Euch mit jedem Gaſſenjungen—“ „Oho, beſſer das, als Alles gedulbig einſtecken — S — — — 8 Iht eine Ohrſeige bekommt, guter Freund, müßt Ihr das alte, höchſtens dürſt Ihr es öffnen, um euch bedan aber cehe Lit Ohrrige zurück, und es fraöt ſich ehrenvoller Gt 9 De D hliße zrück, und 68 fraßt ſich, was ehren 2 iſt blickte feß an gt nie etwas . 1 1 1 ordentlich nehm na bart ſr ₰ Si — — enen „M ſphen ehen, — — — 1017— Andres, als Marmor, Parquetböden und perſiſche Teppiche be rührt hätten. Die Mauern des Treppenhauſes waren mit Oelgemälden und Statuetten geſchmückt, und oben im Veſtibül ſtand umgeben von dem dunklen Grün der Lorbeer⸗ und Oranienbäume eine Statue aus carrariſchem Marmor, eine Nachbildung der mevicäiſchen Venus, vor der Sam eine Weile ſtehen blieb, währ der Kam⸗ merdiener mit einem geringſchätzendem Lächeln an ihr vor⸗ beiſchritt. rg eine Thür und Sam trat in ein außer⸗ Gemach, in welchem Lord Stanhope vor⸗ Fauteuil lag. Er war noch jung, aber die Ausſchweifungen ſeines vielbe⸗ wegten Lebens hatten ſeinen Zügen ihren unverk nnbaren Stem⸗ pel aufgeprägt, es war bas fahle von Leidenſchaften durchfurchte Antlitz des Roué's welches ſich jetzt erwartungsvoll dem Eintre⸗ tenden zuwandte. Dann öffnete Geo ordentlich prächtiges nehm nachläſſig in einem „Welche ſch Sie zu mir?“ n ev. „Keine, Mylord!“ ewiderte Sam. „Aber Sie ließen mir melden—“ S s, Mylord, und es iſt perſt and 1 1n in r Dame.“ ylors werden weißen, bart ie iſt men.“ ehr wohl, und was Signora cu ldi iſ — 1018— Der Lord zuckte mit den Achſeln und zog die Branuen in 5 die Höhe. ₰ „Sind Sie beauſtragt, mir das zu ſagen?“ fragte er in ſar⸗ kaſtiſchem Tone. 1 „Im Gegentheile, Signora Mabella's Mutter hat mir die„S Rolle elnes Beſchützers zugedacht. Die Damen wollen durchaus„L keinen Umgang mit Herren anknüpfen, ſie ſind entſchloſſen Jeden 1„ zurückzuweifen—“ hhr u „Bah, mit ſolchem Köder laſſe ich mich nicht fangen! W ill„N man mit mir anknüpfen, ſo mag man den Preis beſtimmen, ich welcher werde dann prüſen, ob er—“„P „Mylord dürfen von dieſen Vorausſetzungen nicht ausgehen“„Mei ſagte Sam kopfſchüttelnd.„Auf dieſem Wege werden Sie nicht wis ſi zum Ziele kommen. Und es iſt der Mühe werth, nach dieſem Ein Ziele zu ſtreben, ſo ſchön, wie Miß Arabella Grimaldi iſt keine„„G Dame in Londoy.“„ „Und dieſe Sängerin ſollte ſo tugendhaſt ſein?“ etwide „So behauptet ihre Matter. Plan Die lobt die Waare, um ſie deſto theurer zu verkaufen.“ 1 „Ich kann dieſer Vermuthung nicht beipflichten. Zufällig iſt„ die Mutter Arabella's auch meine Mutted, Mylord. Vor zwanzig für ſie Jahren bin ich ihr davongelaufen, und heute bei ihrer Ankunft in London war ich der Erſte, der ihr begegnete. Ich erkannte ſie augenblicklich, aber ihr war es nicht angeuehm, den verlorenen Sohn wiederzufinden, und ein Kalb hat ſie mir zu Ehren auch nicht geſchlachtet. Mylord dürfen aber nicht glauben, daß meine Schweſter mir gleiche, es iſt keine Spur von Aehnlichkeit vor⸗ handen.“ Die wäſſrigen Augen des Lords verriethen ein lebhafteres Intereſſe, ſie ruhten voll geſpannter Erwartung auf dem Geſichte Sam's, der noch immer an der Thüre ſand. 1 „Sie ein Bruder der berühmten Stngein⸗ fragte er 1 ſo wi zweifelnd. „Ob ich wirklich ihr Bruder bin, weiß ich vicht“ erwiderte 1 Sam, aber dieſelbe Frau, welche ſie Mutter nennt, iſt meine Mutter, und dieſe Frau hat mich gebeten, ſie zu beſchützen.“ Der Lord hatte ſich erhoben, er wanderte einigemale auf und nieder. — 1019— — „Signora Grimaldi iſt alſo wirklich ſchön?“ fragte er. t in ſar⸗„Blendend.“ „Und wo wohnt ſie?“ ut nir di⸗ 1„Du wal's Penſion.“ „Sehr beſcheiden!“ „Die Mittel werden Hotel erſten Ranges erlauben.“ „Und man hat Ihnen wirklich geſagt, man würde keinen Ver⸗ kehr anknüpfen?“ „Man würde nicht einmal eine Einladung annehmen, von welcher Seite ſie auch kommen möge.“ „Wir werden ſehen!“ „Meine Mutter war immer eine energiſche Frau, Mylord, und was ſie will, das ſetzt ſie auch durch.“ Ein ironiſches Lächeln umzuckte die Lippen des Lords. „Gold kann einen energiſchen Willen brechen,“ ſagte er. „Man wird Mylord keine Gelegenheit geben, Gold anzubieten,“ erwiderte Sam in ſeiner lakoniſchen Weiſe.„Ich habe einen Plan entworfen, aber ich weiß nicht—“ „Laſſen Sie hören?“ „Meine Mutter hat mich beauftragt, eine möblirte Wohnung 1 für ſie in der Nähe des Konzertſaales zu ſuchen—“ 6„Die Signora Grimaldi wird in St. James Hall auſtreten.“ „St. James Hall in Piccaddilly?“ viore„Jawohl.“ uch„Das iſt ganz in der Nähe. Mylord, und das Gartenhaus daß weine in Iyrem Park würde ſich vortrefflich für die Damen eignen.“ lichkeit vor⸗„Mein Gartenhaus?“ wiederholte der Lord ſinnend. „Es hat einen beſonderen Auegang, und den Damen könnte lebhafteres es unbekannt bleiben, daß dieſes Häuschen Eigenthum Eurer dem Geſcchte Lordſchaft iſt. Wenn es in einfacher Weiſe möblirt würde, und der Kammerdiener Mylords die Rolle des Vermiethers übernähmen. freete er ſo würde nicht der leiſeſte Verdacht entſtehen können.“ „In der That, dieſe Idee iſt nicht übel.“ “ ewiderte„Mylord könnten alsdann an einen andern Orte eine Annä⸗ nt, iſt meine herung verſuchen und dieſen Verſuch hier wiederholen.“ ſchützen.“„Und Sie?“ fragte der Wüſtling, Sa merwartungsvoll anſtarrnd. male auf und„Wenn man ſich bei mir beſchweren wollte, ſo werde ich mei⸗ uer Schweſter den Rath geben, ſich den Verhältniſſen zu fügen 1020— es ſich bieket. Natürlich müßten e ge und ſich davor hüten, die Aeußerungen meiner Mutter und das Leben zu neh Wylord ſehr vorſichtigz Sache über's Knie zu 3 us iſt es mir klar geworden, daß— „Ich werde meinen Plan erſt dann entwerfen, wenn ich die Damen kennen gelernt habe,“ unterbrach der Lord ihn.„Ihren Rath kann ich in dieſem Punkte entbehren. Wollten Sie nicht in meine Dienſte treten?“ „Jawohl.“ „Und beabſichtigen Sie es heute noch?“ „Ich glaube nicht, daß es jetzt noch in Ihrem Intereſſe läge, meine Mutter könnte mißtrauiſch werden—“ „Gut, ſehen wir einſtweilen davon ab. Ich darf mich alſo auf Sie verlaſſen?“ „Ja, vorausgeſetzt—“ Ich errathe, was Sie ſagen wollen,“ fuhr der Lord fort, ndem er eine Schublade ſeines Schreibtiſches öffnete und eine, drol nah geiz⸗ nicht, wer mir dient, der darf hahen keine Beſchäftigung?“ Nein.“ Eine Lioree ich Ihnen nicht, kaufen Sie einen Anzug, „G, 5 ral zeigen können und ſorgen Sie dafür, olles Vertrauen ſchenken. Dies iſt, wie Surchaus nothwendig. Wann wollen 8 Rolle in fang der Gäſte bereit iſt— Abend ge⸗ 4 So werde ich übermorgen mit den Danzn kommen. ſoll ſich nur vorſehen, daß er nicht aus 3 4. as nicht, er hat ſie oſt genug 6 telt. eſpi die Rolle in feine Taſche, er nochte wohl im — Gatten „T ihn m oh es bann ki vergeſe trügen „M mein 2 ich 3 davon wollen bella ſchen unver um hi 60 67 — 1021— Geiſte ſchon berechnen, wie viele Kameraden ihr noch folgen wür⸗ den, ein niumphirendes Lächeln verklärte ſein ganzes Geſt icht. „Sie können, wenn die Damen das Gartenhaus bezogen ha⸗ ben, zu mir konmmen, um mir Meldung zu erſtatten,“ nahm der Lord wieber das Wort,„wir werden dann darüber berathen, ob und welche kleine Aufmerkſamkeiten einen ſpäteren Annäherungs⸗ verſuch begünſtigen würden. Da Sie die Damen kennen, wer⸗ ie mir wohl hie und da einen Fingerzeig geben können.“ 5 werde in jeder Beziehung Ihr Intereſſe wahrnehmen, Ich werde jeden Herrn, der die Damen beſuchen will, kwe ſen und auch im Konzertſaale in der Nähe meiner Sch we leie, m jee Intrige ze verhüten. Alles Weitere wird ſich dänn finden, wie ich hoffe. Morgen theile ich meiner Mutter mit, baß ich eine Wohnung gefunden habe und übermorgen ſind die Damen ſchon, ohne es zu wiſſen, die Gäſte Mylords. Das Gartenhaus liegt einſam und abgeſondert, es kann in ihm Vieles ſich ereignen—“ „Darüber wollen wir dann ſpäter reden,“ unterbrach der Lord ihn mit einer abwehrenden Geberde.„Ich weiß ja noch nicht, ob es überhaupt ſich der Mühe lohnt, die Gunſt der berühmten Sängerin zu erobern. Wenn ſie Ihnen im Ent ietnteſten gleicht⸗ dann krümme ich keinen Finger deshalb. Und noch Eins, Sam, vergeſſen Sie das nicht, Sie kennen mich. Wenn Sie mich be⸗ ten „Mylord, wenn ich überhaupt ein Betrüger wäre, würde ich mein Talent an andren Leuten verſuchen,“ ſagte Sam,„ich nur zu wohl, daß ich damit bei Ihnen nicht ankomme. Was ich Ihnen geſagt habe, das iſt die Wahrheit, und Sie können ſich davon ja heute ſchon überzeugen, wenn Sie die Damen beſuchen wollen, wozu ich Ihnen aber nicht rathe. Wäre Signora Ara⸗ bella Grimaldi nicht eine ſeltene Schönheit, ſo würden ihre deut⸗ ſchen Bewunderer ihe nicht hierher folgen—“ „Ah, ſie hatte alſo in Deutſchland ſchon Bewunderer?“ „Aber nur ſolche, die nicht erhört worden ſind.“ „Und dieſe ſind mit ihr hieher gekommen?“. „Meine Mutter ſagte mir, ſie fürchte, daß dieſe Herrn ſo unverſchämt ſein würden, der berühmten Sängerin zu folgen, um hier ihre Bemühungen ſortzuſetzen. Ich werde darauf mein 8 — 1022— beſonderes Augenmerk ꝛichten, ſie ſollen mit langen Naſen wie⸗ der abziehen.“ Der Lord nickte befriedigt, Sam verließ nach einer ſteifen Verbeugung das Gemach. Eine Jährte. Baron Udo erwartete mit Ungeduld die Mittheilungen des Polizerraths, von deſſen Bemühungen er ſich ein Reſultate ver⸗ ſprach, gleichviel, wie dasſelbe auch ausfallen mochte. Die Ungewißheit, in der er ſchwebte, wurde mit jedem Tage drückender, ſie wurde nur noch qualvoller durch die Auf⸗ regung, in der Baroneſſe Adelaide ſich befand. Es war möglich, daß Cäcilie noch lebte daß alle Mittheilun⸗ gen Hurters auf Wahrheit beruhten, aber ebenſo möglich war es auch, daß der Hofmeiſter eine Lüge erſonnen hatte, um ſeinem Haß gegen die Familie von Oſthofen Befriedigung zu verſchaffen, Die Baronin hielt mit der ganzen ausdauernden Zähigkeit ihres Charakters an dem Glauben feſt, daß Hurter das Geheim⸗ niß mit ins Grab genommen habe, ſie erwartete von den Bemü⸗ hungen des Polizeiraths ein Reſultat, weſches ihren Hoffnungen Erfüllung verſprach. Es war vergebliche Mühe, daß Baron Udo ſein Gattin auf den entgegengeſetzten Fall vorzubereiten ſuchte, ſie wollte nicht einmal die Möglichkeit dieſes Falles gelten laſſen. Die Geduld der Beiden wurde auf eine harte Probe g ſtellt. So lange die Gerichtsſiegel nicht abgenommen waren, konteu der Uate dieſe An Eubl tan in! hnterlaſ An goleira lebhafter Pletz nel behaupte eine Fät Sit der alte ſcgar gl ihm um in Noth „Abe daß er in welches durch ih „35 Urthel Mörder Ausgabe et hat d Reht her niſſen 9 Majora Penſion kleine G dieſe S ſteien † 4 5 t jedem die Auf⸗ lich war n ſeinem rſcha affen, Zůhigkeit Gcin⸗ ffuungen Gn tin 5 Heler die hinterlaſſenen Hurters nicht erhalten, und der Unterſuchu gsrichter beeilte ſich damit gur nicht, für ihn war dieſe Angelegenheit abgemacht er trat der Anſicht des Arztes bei, daß hier ein Selbſtmord vorliegen müſſe. Endlich gab er dem Drängen des Polizeiraths nach, und Heller kam in den Beſitz der Briefe und Papiere, die der Hofmeiſter hinterlaſſen hatte. Am Tage darauf meldete Joſeph dem Baron den Beſuch des Polizeirathe, Baron Udoempfing ihn in ſeinem Privatkabinet, mit lebhafter Ungeduld trat er ihm entgegen. „Haben Sie etwas entdeckt?“ fragte er haſtig. „Ich glaube ja,“ erwiderte Heller, während er auf dem Stuhle Platz nehm, den der Baron ihm hingeſchoben hatte,„ich will nicht behaupten, daß es eine ſichere Fährte it, aber jedenfolls iſt es eine Fährt⸗, die verſolgt werden kann.“ „Sie glauben alſo, daß Hurter mir die Wahrheit geſagt hat?“ „Ja, und dieſer Glaube beſtätigt meine Vermuthung, daß der alte Mann ermordet worden iſt, denn man nimmt ſich nicht das Leben, wenn man eine ſorgenfreie und in gewiſſer Beziehung ſogar glänzende Zukunft vor ſih ieht. Und vieſe Zukunft mußte ihm um ſo verführeriſcher erſcheinen als er ſeit langen Jahren in Noth und Sorgen gelebt hatte.“ „Aber wer ſollte den Mord begangen haben? Glauben Sie, daß er in irgend welchen Beziehungen zu dem Geheimniß ht, welches Hurter mit in's Grab genommen hat? Solte vie 5 durch ihn die Enthüllung dieſes Geheimniſſes verhütet werden?“ „Ich glaube das nicht,“ erwiderte Hurter,„aber ein Urtheil läßt ſich darüber erſt dann fällen, wenn die Perſon dez Mörders feſitgeſtellt iſt. Hurter hat über ſeine Einnahmen und Ausgahen mit einer pedantiſchen Buch geführt, er hat die kleinſte Ausgabe angeſchrieben, und aus dieſen Notizen geht hervor, daß er lange Jrhre in ſehr erbärmlichen Verhält⸗ niſſen gelebt hat. Er empfing von Ihrem Herrn Bruder, dem Majoratsherrn von Oſthofen in der letzten Zeit eine monatliche Penſion von zehn Thaler, auße dem aber von Zeit zu Zeit eine kleine Geldſendung von einer Signora Grim ldi. Die Briefe, welche dieſe Sendungen begleiteten, hebe ch im Nachlaß des Verſtorbenen gefunden, ſie enthalten ſür⸗den, der ſie overflächlich lieſt, durch⸗ ——— ——— ů 1024 aus nichts Verfängliches, aber wenn man zwiſchen den Zeilen zu leſen verſteht, ſo findet man in ihnen Manches, was zu wei⸗ teren Vermuthungen und Schlußfolgerungen berechtigt.“ „Signora Grimaldi?“ wiederholte der Baron erregt. 3ch erinnere mich dunkel einer Sängerin dieſes Namens—“ „Die vor längerer Zeit mit ihrer Mutter hier weilte und von hier aus in die Schwei; gereiſt iſt. Laſſen Sie mich den Faden meines Berichts verfolgen.“ Fin leiſes Geräuſch bewog den Baron, ſich umzuwenden, er erblickte ſeine Gattin, die unbemerkt eingetreten war und mit todesbleichen Wangen an der Thüre ſtand. Er erhob ſich raſch und führte ſie zum Divan. „Wie auch ver Bericht lauten mag,“ ſagte er,„Du wirſt ihn ja früher vder ſpäter doch hören müſſen—“ „Und ich glaube, daß er Sie befriedigen wird,“ fügte Heller hinzu,„wenn er auch nicht völlig Ihren Erwartungen entſpricht“ Boroneſſe Ibelaide athmete tief auf, eine ſchwere Laſt ſchien ihr von der Seele genommen zu werden, in den Worten des Po⸗ lizeiraths mußte ſie ja eine Beſtätigung ihrer Hoffnung finden. „Die erſte Zahlung enpfing Hurter von der Signora, als ſie noch hier weilte,“ fuhr Heller ſort,„aus den Notizen iſt das deutlich zu erſehen. Gleich darauf iſt ſie abgereiſt, ihr erſter Brief datirt aus Vevey. Sie ſchreibt darin, es ſei ihr nicht möglich, ihm größere Summen zu ſchicken, er müſſe ſich einſchränken, bis ihre Techter wieder verdiene, ſie habe ſelbſt jetzt noch keine Einnahme und er werde begreifen, daß fie ihre Erſparniſſe zu Rathe halten müfſe. Sie ſügt dann hinzu, wenn es ihm gelinge, einen gewiſſen Herren zu entlarven, ſo würde er damit jedenfälls eine bedeutende Summe verdienen. Der zweite Brief iſt etwa vierzehn Tage ſpäter geſchrieben. Signora Grimaldi giebt darin zu, daß ihre Tochter dem Maler Rodenberg die Geldſendungen an ihn verrathen haben könne. Wenn— ſo ſchreibt ſie weiter, Rodenberg noch einmal zu ihm komme, um zu ſpioniren, ſo möge er ihn die Trepoe hinunterwerfen, der Burſche ſei unverſchämt und wittere überall Geheimniſſe, wan miſſe ihm energiſch ent⸗ gegentreten. Sie erwarte, daß er ſein Wort halten werde, wenn er es breche, wurden die Folgen auf ihn zurückfallen.“ ———— — „ Pauſe Gewij nora Grun geſtll In Be hatte ger die we „ „abet mir, Sign welch nit Hildh Stabt mir n konnte. ſoll, w ſie ihr „ ſtim kehr und ind berg dieſe erfah nun ſagte D. erſter ſchränken, noch keine m gelinge, f iſt etwa erde, wenn 05 „Und das iſt Alles?“ fragte die Baron in als Heller ein Pauſe machte. „Alles, in ſoweit es ſich auf den Punkt bezieht, über den ich Gewißheit zu erhalten wünſchte. Die ſpäteren Briefe der Sig⸗ nora enthalten keine Andeutungen mehr. Ich habe nun auf Grund dieſer Briefe und Papiere weitere Nachforſchungen an⸗ geſtellt und bin zu dem Reſultat gekommen, daß dieſe Sängerin Ihre verſchwundene Tochter ſein muß.“ Baron Udo blickte den Polizetrath ſtarr an, die Baronin hatte ſich hoſtig erhoben, die Hand auf das fieberhaft pochende Herz gepreßt, erwartete ſie mit unſaglicher Angſt und Spannung die weiteren Mittheilungen. „Beweiſe!“ ſagte der Baron mit zitternder Stimme. „Sie mögen Ihnen ungenügend erſcheinen“ ermw iberte Heller, „aber ch ſtütze mich auf meine Erfahrungen, und ſie gebieten mir, dieſe Spur zu verfolgen. Was die Vergangenheit dieſer Signora Grimaldi betrifft, ſo ſchwebt darüber ein Dunkel, über welches Niemand Aufſchluß geben kann. Nur zwei Herren waren mit der Sängerin befreundet, der Maler Rodenberg und ber Bildhauer Waldſtern. Rodenberg hat vor einigen Tagen die Stadt verlaſſen und eine Reiſe nach Italien angetreten, alſo blieb mir nur der Bildhauer, der mir auch keine ſichere Auskunft geben konnte. Er wußte nur, daß die Signora eine Zigennerin ſein ſoll, wenigſtens hat die Sängerin behauptet, ſie erinnere ſich, daß ſie ihre Kindheit unter Zigeunern verbracht habe.“ „Das lautet mit den Behauptungen des Hofmeiſt ers überein⸗ ſtimmend,“ ſchaltete der Baron ein. „Mit dieſem Hofmeiſter hat die Fran vordem in keinem Ver⸗ kehr geſtanden, die Beziehungen ſind plötzlich angeknüpft worden und für Hurter wurden ſie eine Geldquelle. Die geloſenbungen ſind jogar der Sängerin aufgefallen, ſie hat dem Maler Roden⸗ berg darüber geſchrieben und ihn aufgeſorbert, Zweck und Urſache dieſer Sendungen zu ermitteln. Hurter muß alſo das Geheimniß erfahren haben, vielleicht hat er die Wärterin ſchon früher gekannt und nun bei einer ufälligen Begegnung die alte Bekanntſchaft erneuert.“ „Die damaligen Ereigniſſe waren ihm jedenfalls bekannt,“ ſagte Baron Udo mit einem beſorgten Blick auf ſeine Gattin. Der Baſtard. 65 —— —— — 1026— „Der Name Grimaldi kann als weiterer Beweis dienen. Grimm— Grimaldi, Gründe zur Aenderung des Namens lagen jo genügend vor, abgeſehen davon, daß Sängerinnen und Schau⸗ wielerinnen in der Regel einen proſaiſchen Namen zu ändern zilegen.“ „Eine Sängerin! ſeufzte Baroneſſe Adelaide. Der Baron wanderte mit großen Schritten durch das Zim⸗ mer und ſchüttelte das ergraute Haupt, als ob er ſagen wollte, er könne noch immer nicht an die Wahrheit dieſer Mittheilungen glauben. „Ja, eine Sängerin,“ erwiderte Heller,„aber keine Sängerin der gewöhnlichen Sorte. Ich weiß wohl, wie man in diſtin⸗ guirten Kreiſen über Damen, die öffentlich auftreten, denkt, und in vielen Fällen ſind dieſe Vorausſetzungen auch richtig; das freie, ungebundene Leben führt zu Verirrungen, die ein zweifel⸗ haftes Licht auf die Tugend und Ehre dieſer Damen werfen. Signora Arabella Grimaldi hingegen hat ihre jungfräuliche Ehre eckenlos bewahrt, darüber herrſcht in der Stadt nur eine einzige Stimme. Sie hat niemals den Beſüch eines Herrn empfangen, ſie hat Alle, die ihr näher treten wollten, zurückgewieſen, nur Rodenberg und Waldſtern durften ſich ihrer Freundſchaft rühmen einer Freundſchaft, die rein und lauter war, die weniger den MWenſchen, als den Künſtlern galt.“ „Sind das verbürgte Mittheilungen?“ fragte die Baronin. „Ja, gnädige Frau. Ich habe nicht aus einer, ſondern aus nehreren Quellen geſchöpft und die Mittheilungen die mir ge⸗ macht wurden, lauteten alle übereinſtimmend. Auch iſt es mir gelungen, eine Photographie der jungen Dame zu erhalten, viel Leicht finden Sie in ihr verwandte Züge, die Sie an das ver⸗ ſchwundene Kind erinnern. Die Baronin hielt das Bild in den zitternden Händen und hr fieberhaft glühender Blick ruhte lange auf ihm. „Es gleicht Dir,“ ſagte Baron Udo leiſe. „In der That, eine Schönheit!“ erwiderte Baroneſſe Adelaide. „In dieſen Augen ſpiegelt ſich noch die Unſchuld einer jung⸗ fräulichen Seele, ſie können nicht leugnen. Aber bewieſen iſt ja noch gar nichts,“ fuhr ſie, wie aus einem Traume erwachend fart,„es ſind nur noch Vermuthungen.“ D antwor ſpricht ſteigen „5 zweife finden! „Da der Sig ſanne de werben“ „Ich „Ve Sie da⸗ Sie ge nalige müglich lich eiht Veranla fuhr„ p ohnen dienen. lagen Schau ändern Zim⸗ wollte, lungen ingerin diſtin⸗ kt, und zweifel⸗ werfen. — 1027— „Die indeß auf ein feſtes und ſicheres Fundament ſich ſtützen,“ antwortete der Polizeirath mit zuverſichtlicher Ruhe.„Alles ſpricht für die Richtigkeit dieſer Vermuthungen, jeder etwa auf⸗ ſteigende Zweifel wird im Keime erſtickt, wenn—“ „Sie haben Recht,“ ſagte der Baron lebhaft,„und ich zweifle nicht, daß die fehlenden Beweiſe gefunden werden. Wo finden wir die Sängerin?“ „Darüber kann ich nichts Sicheres ſagen. Die letzten Briefe der Signora Grimaldi an den Hofmeiſter Hurter ſind aus Lau⸗ ſanne datirt, dort alſo müßte mit den Nachſorſchungen begonnen werden.“ „Ich bin bereit, heute noch abzureiſen.“ „Verzeihen Sie, Herr Laron, ich halte es für beſſer, wenn Sie das mir überlaſſen. Sie werden ſich erinnern, daß Hurter Sie gewarnt und die Befürchtung ausgeſprochen hat, die ehe⸗ malige Wärterin könne hier gute Freunde haben. Nun wäre es möglich, daß dieſe Freunde Verdacht ſchöpfen, wenn Sie ſo plötz⸗ lich eine Reiſe nach ber Schweiz antreten und daß ſie daraus Veranlaſſung nähmen, die Frau zu warnen. Ueberdies könnte Ihr Erſcheinen in Lauſanne die Signora zur ſofortigen Abreiſe veranlaſſen—“ „Ich würde ihr folgen.“* „Unzweifelhaft, aber dieſe durchtriebene, gewiß auf Alles vor⸗ bereitete Frau würbe Sie auf eine falſche Fährte führen, und dadurch Zeit gewinnen, ſich ſpurlos aus dem Staube zu machen.“ Der Baron war in Gedanken verſunken ſtehen geblieben, er mußte zugeben, daß in dieſen Bemerkungen viel Wahres lag. Auch Baroneſſe Abelaide konnte ſich dieſer Erkenntniß nicht verſchließen, von einer Frau die ein ſolches Geheimniß ſo lange gehütet hatte, durfte man Alles erwarten, zumal, da dieſe Frau ja wußte, daß die Enthüllung des Geheimniſſes ſie in's Zucht⸗ haus hrachte.“ „Ueberlaſſen Sie es mir, die Sache weiter zu verfolgen,“ fuhr Heller nach einer Weile fort,„ich werde, wenn Sie es wünſchen, heute abreiſen und nach meiner Ankunft in Lauſanne Ihnen ſofort telegraphiren. Iſt die Enthüllung mir gelungen 65* — —— — 1028— und das Weib entlarvt, ſo ſteht es Ihnen ja frei, ſelbſt nach Lauſanne zu kommen, um Ihre Tochter abzuholen.“ Der Baron blickte fragend ſeine Gattin an. „Muß die Frau verhoftet werden?“ ſagte Baroneſſe Adelaide. „Wenn dieſer Eclat vermieden werden könnte—“ „Es muß geſchehen, gnädige Fran! Der Beweis, daß Ara⸗ bella Grimaldi Ihre Tochter iſt, muß vor Gericht geführt werden, nur dadurch können Sie Ihre Rechte ſich ſichern. Ueberdies wären hier Schorung und Rückſicht übel angebracht, dieſes Weib hat die Zuchthausſtrafe hundertfach verdient—“ „Uno ſie ſoll in's Zuchthaus!“ ſagte der Baron.„Wenn ich an alle die trüben Stunden und ſchlafloſen Nächte denke, die ſie uns bereitet hat, dann meine ich, einige Jahre Zuchthaus ſei eine zu gelinde Strafe für ſolche Bosheit. Sie mögen Recht haben, Herr Rath, es wird beſſer ſein, wenn Sie allein die Reiſe unternehmen. Sie haben die nöthigen Erfahrungen, Ihnen wird das Weib keine Naſe drehen, überdies finden Sie als Beamter überall die nöthige Unterftützung, die mir vielleicht verweigert würde. Ich darf mit Sicherheit erwarten, daß Sie mir ſofort Nochricht geben werden—“ „Sobald ich es kann, Herr Baron! Es wäre möglich, da die Frau Lauſanne bereits verlaſſen hat, ich werde dann wohl erfahren, wohin ſie gereiſt iſt, eine Spur findet ſich immer, und ich werde ſie mit aller Energie verfolgen. Ueberdies hoffe ich in der Schweiz Herrn von Faltenberg zu finden. Keunen Sie ihn?“ „Jawohl, er war früher Offizier.“ „Und er nahm ſeine Entlafſung, um der Signora Arabella Grimaldi ſeine Hand anzubieten. Ich alaube, ſchon darin müſſen Sie den Beweis finden, daß auf der Ehre dieſer Dame nicht der leiſeſte Makel ruht.“ „Und Herr von Falkenberg hat ihr wirklich ſeine Hand an⸗ geboten?“ fragte die Baronin. „Ja, aber ſeine Werbung iſt abgelehnt worden.“ „Aus welchem Grunde? „Weil die Tochter der Zigeunerin fühlte, daß ſie nicht in die Kreiſe paßte, in die Herr von Falkenberg ſie führen wollte.“ „Sollte dies der einzige Grund geweſen ſein?“ „St ungen berg iſ dort de Bar Stirne⸗ „So bejahen nicht, da maldi ge Der Panknot auf, un ſo ruſch „Wi den“ ji ſchimner biener. „Wal „Soll Beamter ir ſofort a Arabella e nicht der Hand an⸗ — 1029— „So hehauptet der Bildhauer Waldſtern, der dieſe Mittheil⸗ ungen von ſeinem Freunde Rodenberg hat. Herr von Faeken⸗ berg iſt arauf der Sängerin in die Schweiz gefolgt und hat dort das Rencontre mit dem Herrn Baron Bruno von Oſthofen gehabt, welches Ihnen ja bekannt ſein wird.“ Baron Udo nickte, ein finſterer Schatten glitt über ſeine Stirne. „Un iſt der Verwundete wieder geneſen?“ fragte er. „So viel ich darüber erfahren habe, glaube ich dieſe Frage bejahen zu dürfen. Er iſt noch in der Schweiz, und ich zweifle nicht, daß er mir die ſicherſten Nachrichten über Signora Gri⸗ maldi geben kann und wirb.“ Der Baron holte aus ſeinem Schreibſekretär ein Päckchen Banknoten und übereichte es dem Polizeirath. „Sparen S e keine Koſten,“ fagte er erregt; bieten Sie Alles auf, uns Gewißheit zu verſchaffen und benachrichtigen Sie uns ſo raſch wie möglich.“ „Wir werden nie vergeſſen, welchen Dank wir Ihnen ſchul⸗ den“ fügte Baroneſſe Abelaide hinzu, in deren Augen Thränen ſchimmerten. „Herr Waldſtern!“ meldete in dieſem Augenblick der Kammer⸗ diener. „Waldſtern?“ fragte der Baron betroffen 5 D S. — „Sollte er aus den Mittheilungen, bie ich perſönliche Vortheile ziehen wollen?“ ſagte „Vas kann ich nicht wohl glauben—“ „Laſſen Sie ihn eintreten,“ hefahl ihm gemacht habe, eller kopfſchüttelnd. S der Baron dem Diener. H lmuth Waldſtern ſtutzte, als ſein Blick auf den Polizei⸗ rath fiel, er ſchien nicht erwartet zu haben, ihm hier zu begegnen, aber im nächſten Augenblick nickte er ihm vertraulich zu. „Ich habe ſoeben einen Brief aus La ſanne erhalten,“ ſagte er,„die Mittheilungen, die er enthält, ſo wichtig, daß ie mich verpflichtet 4 Sie hatten Grimaldi ſei die Tochter bes Herrn Baron von Oſt⸗ hoſen, und da ich Sie vorhin in Ihrer Wohnung nicht antraf, ſo teſchloß ich, um keine Zeit zu verlieren, den Inhalt des Briefes dem Herrn Baron direkt mitzutheilen.“ ſinh M hielt, ſie ſofort we 0 „Ich bin Ihnen dafür ſehr verbunden,“ erwiderte Baron Udo.„Iſt das Geheimniß bereits enthüllt?“ „Mein Freund Robenberg ſchreibt mir, er habe die Damen in Lauſanne beſucht, vorzüglich, um Arabella zu beſtimmen, die Werbung des Herrn von Falkenberg anzunehmen. Der Zweck dieſes Beſuches iſt nun freilich nicht erfüllt worden, die junge Dame beharrt bei dieſer Weigerung und in dem Glauben, daß die alte Signora dieſen Figenſinn unterſtütze, hat der Maler mit dieſer eine ſehr ernſte Unterredung gehabt. Wir vermutheten ſtets, daß Arabella nicht die Tochter dieſer Frau ſei und es kamen Stunden, in denen Arabella dieſer Vermuthung beipflichtete. Im Hauſe jener Unterredung hat mein Freund der alten Frau dieſe Vermuthung mit dürren Worten in's Geſicht geworfen— „Ah, das war ſchlimm!“ ſagte der Polizeirath beſtürzt.„Das hätte er beſſer nicht thun ſollen.“ „Er hat es gethan, und die Signora hat ſich hinter Spott und Hohn verſteckt, um ihre Verwirrung zu verbergen.“ „Sie hat alſo die Behauptung nicht widerlegen können?“ fragte der Baron. „Wie es ſcheint nicht. die Damen heimlich abgereiſt.“ „Wohin?“ fragte Heller raſch. „Nach London.“ „Iſt das verbürgt?“ „Signora Arabella hat für London angenommen.“ „Es muß gelöſt werden,“ ſagte die Baronin. . Gleich nach dieſer Unterredung ſind den Winter ein Engagement in „Keberlaſſen Sie das Alles mir,“ bat der Polizeirath.„Iſt Herr Rodenberg noch in Lauſanne 2“ „Ich weiß es nicht, er ſchreibt mir, er wolle nach Italien, von dort aus werde er mir ſchreiben, wo meine Brieſe ihn an⸗ treffen tönuten. Herr von Falkenberg aber iſt am nächſten Tage den Damen nackge eiſt.“. „Das iſt ebenfalls mir unangenehm,“ ſagte Heller kopf⸗ ſchüttelnd.„Seine Werbung iſt ja ſo entſchieden abgelehnt worden, doß er keine Hoffnung mehr hegen kann, was alſo beab⸗ ſichtigt er mit dieſer conſequenten Verfolgung, ie möglicherweiſe die Damen abermals bewegen wird, die Flucht zu ergreifen?“ Schritt die Le „T Fullen Sie he keine 3 S inden? warten, vielleich entdecke E malige „ ein un Stand ciren?“ „Le ein gol ſchlichte „Ur gangen res Ei noch ve laſſene geben nich a Polize mit S durch hütte T — Baron eDanen imen, die Net Jue ie junge Naler mit eten ſtetz, es kamen ter Spott tönnen?“ dung ſind Hel — —— — — 1031— „Diesmal hat die Verfolgung einen andern Zweck,“ erwidert Hel muth,„Herr von Falkenberg ſoll in London die Damen über⸗ wachen und im Nothfalle beſchützen, er ſoll ferner geeignete Schritte thun, um durch das eine oder andere Mittel ſich über die Vergangenheit der Damen Gewißheit zu verſchaffen.“ „Thorheit! Thorheit!“ rief Heller ärgerlich.„Herr von Falkenberg hat keine Erfahrungen, er kann Alles verderben.“ „Die Zeit iſt zu kurz,“ ſagte der Baron beruhigend.„Wenn Sie heute abreiſen, wird er bis zu dem Augenblick Ihrer Aukunft noch keine Zeit geſunden haben, einen entſcheidenden Schritt zu thun.“ „Sehr gut, aber werde ich ihn in der großen Stadt ſoſort finden? Iſt es nicht wahrſcheinlich, ja, mit Sicherheit zu er⸗ warten, daß er ein verſtecktes Logis wählen wird? Ich kann vielleicht Wochenlang nachſorſchen, ohne eine Spur von ihm zu entdecken und er durchkreuzt inzwiſchen meine Pläne.“ „Sie müſſen auf dem geradeſten und kürzeſten Wege die ehe⸗ malige Wärterin angreifen,“ ſagte die Baronin erregt. „Habe ich Beweiſe, gnädige Frau? Können Sie mir vielleicht ein untrügliches Erkennungszeichen angeben, welches mich in den Stand ſetzt, Signora Arabella als Ihre Tochter zu recognos⸗ ciren?“ „Leider nein. Cäcilia trug am Tage ihres Verſchwindens ein goldenes Kreuzchen an goldener Kette, es war ein ein faches, ſchlichtes Kreuzchen, wie es unzählige Kinder tragen.“ „Und dieſes Kreuzchen kann im Laufe der Zeit verloren ge⸗ gangen, oder verkauft worden ſein,“ erwiederte Heller,„ein ſiche⸗ res Erkennungszeichen iſt es auch dann nicht, wenn es wirklich noch vorhanden ſein ſollte.“ „Willy Rodenberg ſchrieb mir, er glaube, daß bie hinter⸗ laſſenen Papiere des früheren Hofmeiſters Hutter Aufſchlüſſe geben müßten,“ ſagte Hellmuth,„es war der Zweck ſeines Briefes, mich auf dieſe Papiere aufmerkſam zu machen.“ „Aufſchlüſſe allerdings, aber keine Beweiſe,“ antwortete der Polizeirath achſelzuckend.„Es iſt mir wenigſtens lieb, daß ich jetzt mit Sicherheit weiß, wo ich die Damen finden werde; der Umweg durch die Schweiz wäre zeitraubend geweſen, und möglicherweiſe hätte ich dort nicht einmal erfahren können—“ „Da Rodenberg und Herr von Falkenberg nicht mehr dort 8— — 1032— ſind, würden Sie allerdings nicht erfahren haben,“ fiel der Bild⸗ hauer ihm in's Wort,„die Damen werden jedenfalls das Ziel ihrer Reiſe geheim gehalten haben.“ „Sie werden auch in London ſchon aufzufinden ſein,“ ſagte der Baron nachdenklich,„zumal das Weib gewarnt iſt.“ „Da Arabella Grimaldi dort engagirt iſt, wird ſie auch jeden⸗ Pwsöffemlich aufmeten,“ emnidente der Polizeiroth.“ olſo koun ſie ſich meinen Rachforſchungen nicht entziehen. Sie aber, Herr Wolbſtern, muß ich dringend bitten, die größte Verſchwiegenheit zu beobochten—“ „Auch meinem Freunde Rodenberg gegenüber?“ „Ja, auch ihm gegenüber.“ „Er ſteht auf unſerer Seite—“ „Ich hezweifle das nicht. Aber könnte er ſich nicht veron⸗ aßt ſehen, ſofort aufzubrechen, um in London die Bemühungen des Herrn von Falkenberg zu unterſtützen? Könnten Ihre Mit⸗ theilungen ihn nicht verleiten, die Sache über's Knie zu brechen? So weit ſind wir noch nicht, daß wir dies könnten, eine Ueber⸗ eilung—“. „Sie haben vollſtändig Recht, Herr Rath,“ ſagte der Baron, „wir alle wollen ſchweigen, bis Sie ihren Zweck erreicht haben.“ „Ich verſpreche das auch,“ fügte Hellmuth hinzu,„und kann ich in dieſer Angelegenheit in irgend einer Weiſe mich nützlich machen, ſo werden Sie mich in jeder Stunde dazu bereit ſinden.“ Er verabſchiedete ſich nach dieſen Worten, und auch der Po⸗ lizeirath nahm jetzt ſeinen Hut; er ſtand neben dem Baron, deſſen Gattin in Gedanken verſunken auf dem Divan ſaß. „Ich möchte Sie noch um einige Worte unter vier Augen bitten,“ flüſterte er. Der Baron nickte und begleitete ihn hinaus. „Zürnen Sie mir nicht, Herr Baron, wenn die Fragen die ich an Sie richte Ihnen i discret erſcheinen oder gar Sie ver⸗ letzen ſol ten“ ſagte Heller mit gedämpfter Stimme. Iſt Ihnen nie der Gedanke gekommen, daß der gegenwärtige Majoratsherr von Oßhofen ein Betrüger ſein könne?“ Baron Udo ſah den Fragenden befremdet an, die tiefe Furche zwiſchen ſeinen Brauen verrieth, daß die Frage ihn unangenehm berührt hatte. ſchlen. wollte vieleich zudenk E 8 Mojo mir e wobur Blickk was ſchwäc daß i auf, ihnen Und: Habe den dieſer er Baron, t teien.“ und kann ch nützlich t finden.“ ch der Po⸗ ton, deſſen iet Augen — 1033— „Die Vermuthung, welche Sie ſoeben ausgeſprochen haben, mußte ich früher ſchon von meinem Sohne hören,“ erwiderte er, „ich könnte ihr nicht beipflichten, da jeder Beweis für ihre Rich⸗ tigteit fehlt. Womit wollen Sie dieſelbe begründen?“ „Hätte ich Gründe, Herr Baron, ſo würde ich bereits Schritte gethan haben, um den Abentheurer zu entlarven—“ „Alſo iſt es eine aus der Luft gegriffene Vermuthung!“ „Nicht doch! Ich habe mich wohl nicht richtig ausgedrückt. Gründe ſind für dieſe Vermuthung vorhanden, aber die Beweiſe fehlen. Es würde zu weit führen und auch zu nichts dienen, wollte ich Ihnen bie Gründe auseinanderſetzen, Sie würden ſie vielleicht nicht einmol verſtehen, oder aber ſie nicht anerkennen. Ich meine, dieſer Verdacht liege ſo nahe, daß er—“ „Ich habe noch keine Veranlaſſung gefunden, über ihn nach⸗ zudenken!“ „Sie haben alſo nie daran gezweifelt, daß der heimgekehrte Mojoratt herr in der That Ihr verſchollener Bruder ſei? „Rie? Es mögen wohl dann und wann einmal Zweifel in mir aufgeſtiegen ſeis, aber ich habe ſie nie aufkommen laſſen.“ „Und worauf ſtützen dieſe Zweifel ſich? Oder beſſer geſagt, wodurch wurden ſie hervorgerufen?“ frägte Heller, auf dem der Blick des Barons unverwandt ruhte. „War vielleicht in dem Benehmen des Majoratsherrn et⸗ was Auffollendes? Oder befremdete Sie ſeine Gebachtniß⸗ ſchwäche?“ „Nein, nein,“ erwiderte Baron Udo.„Ich wiederhole J daß ich ſolchen Zweifeln niemals Folge gegeben habe, ſe ſe auf, ſo eſchah es unwillkürlich, und eine beſtimmte Urſache lag ihnen nicht zu Grunde Weshalb fragen Sie mich das Alles? Und was veranlaßt Sie, dieſem Verdacht nachzuforſchen? Haben Sie ein beſonderes Intereſſe daran?“ „Vielleicht, Herr Baron! Es wäre ja möglich, daß ich in den Payieren des Hofmeiſters etwas entdeckt haben könnte, was Verdacht zur Grunblage 4 „Ich kann das nicht gl lauben! Es ſcheint mir unmöglich, daß n Abentheurer dieſe ſchwierige oll mit“ ſolcher Meiſterſchaft ſie könnte!“ „Was dieſen Punkt 5 etrifft, ſo könnte ich en Beiſpiele — 1034— vführen, Herr Baron, die noch unglaublicher erſcheinen. Und vIhnen dürfte eine Entlarvung des Abentheurers nur angenehm ſein—“ „Weshalb?“ fragte der Baron raſch. „Weil alsdann das Majorat an Sie zurückfiele.“ „Keineswegs. Baroneſſe Klara würde das Majorat erben, ein erſt kürzlich aufgefundenes Dokument enthält die Beſtimmung, daß in Ermanglung männlicher Nachfolger das Erbrecht auf die Töchter übergeht. Wenn Sie alſo in dieſer Angelegenheit auf einen Dank gerechnet haben—“ „Daran habe ich noch nicht gebacht,“ erwiderte Heller ruhig, „mich beſchäftigt dieſe Sache aus anderen Gründen, über die ich einſtweilen noch nicht reden darf. Sie können mir alſo gar keinen Anhalt geben?“ „Durchaus keinen,“ ſagte der Baron mit einem verlegenen Blick auf die Treppe, auf der gerade in dieſem Augenblick der Majoratsherr von Oſthofen erſchien,„Sie ſehen ja wie ſehr Ihre Fragen mich überraſchen.“ „Aber ich dorf wohl auf Ihre Verſchwiegenheit rechnen?“ „Gewiß.“ Erſt jetzt erblickte Heller den Majoratsherrn, und es gelang ihm nicht, ſeine Ueberraſchung ſo vollſtändig zu verbergen, daß ſie dem ſcharf beobachtenden Blick des Baron Edmund entgangen wäre. Mit einer raſchen Verbeugung verabſchiedete er ſich, und Baron Udo lud durch einen Wink ſeinen Bruder ein, ihm zu folgen. Der Majoratsherr warf dem Polizeirath einen glühenden Blick nach. „Was haſt Du mit dieſem Menſchen zu ſchaffen?“ fragte er. „Kennſt Du ihn?“ erwiderte Baron Udo. „Er hat ſich in mein Haus unter einem falſchen Namen ein⸗ geſchlichen. Du wirſt vielleicht auch noch nicht wiſſen, daß er ein Polizeiſpion iſt?“ „Ein Spion? Das kann ich nicht wohl glauben—“ „Erlaube, ein penſionirter Polizeibeamter bleibt immerhin mit der Polizei in Verbindung,“ ſagte der Maojoratsherr mit ſcharfer Betonung, während er in das Kabinet trat, welches Baroneſſe „ fteunde entdes 8r lauern des 2 er,/ den genon Udo, weren könve ſtagi Ud en. Und ugnehn i etben, uf die ler tuhig, et die ich gar teinen es geleng enig gen ſich, und in, ihm zu tamen ein⸗ daß er ein — 1035— delaide inzwiſchen verlaſſen hatte,„man muß ſich vor ſolchen Leuten hüten.“ „Bah, was hätten wir beide von ihnen zu fürchten?“ „In Wahrheit nichts, aber man kann durch ſie in Angelegen⸗ heiten kommen, und ich für meine Perſon gehe ihnen am lieb⸗ ſten aus dem Wege. Hat er ſich auch Dir unter falſchem Namen vorgeſtellt?“ „Nein, ich weiß, daß er Polizeirath außer Dienſten iſt.“ „War er heute zum erſten Male hier?“ „Ich traf zuerſt mit ihm zufammen, als ich unſeren früheren Hofmeiſter aufſuchen wollte. Er muß mit dem alten Manne be⸗ freundet geweſen ſein, in derſelben Stunde, in der ich die Leiche entdecte, kam er auch.“ Baron Edmund hatte ſich in einen Seſſel niedergelaſſen, ſein lauernder Blick ſtreifte von Zeit zu Zeit verſtohlen das Geſicht des Bruders. „Der plötzliche Tod Hurters kam ſehr überrraſchend,“ ſagte er,„ich hätte nie geglaubt, daß der alte Heuchler z ſolcher That den Muth haben würde.“ „Es ſoll ſehr fraglich ſein, ob Hurter ſelbſt ſich das Leben genommen hat, oder ob er ermordet worden iſt,“ erwiderte Baron Udo, deſſen Gedanken zu ſehr mit andren Dingen beſchäftigt woren, als daß ſie ſich dieſer Angelegenheit ganz hätten widmen können. „Wer hat die ſo alberne Behauptung zuerſt ausgeſprochen 2* fragte der Majoratsherr in höhniſchem Tone. „Der Polizeirath!“ „Ich habe es mir ſchon gedacht. Dieſe Spione witiern überall ein Verbrechen, ſie müſſen Beſchüftigung haben, und es kommt ihnen gar nicht darauf an, einen Schuldloſen ins Zucht⸗ haus zu hringen, wenn ihnen nur der Ruhm bleibt, ein dunkles Verbrechen, von dem Niemand eine Ahnung hotte, und das nie⸗ mals begangen worden iſt, entbeckt zu haben.“ „Ich glaube, Du gehſt darin doch zu weit,“ ſagte Boron Udo, leicht das Haupt wiegend,„Der Polizeirath will bervits Beweiſe gefunden haben, und wie er mir erklärte, wird er die Ich kann mir denken, daß ein Beamter es Soche verfolgen. — 1036— ſeiner eigenen Ehre ſchuldig zu ſein glaubt, vie einmal betretene Bahn zu verfolgen, bis er ſein Ziel erreicht hat.“ „War er in dieſer Angelegenheit bei Di? „Nein.“ „Aber er hat mit Dir darüber geſprochen—“ „Er erwähnte es nur vorübergehend. Die Angelegenheit, in der er bei mir war, betrifft meine domals verſchwundene Tochter. Sie ſoll noch leben, und der Hofmeiſter ſoll das Geheimniß ge⸗ kannt haben. Um es zu erforſchen, hat der Polizeirath bie Pa⸗ piere des Verſtorbenen durchgeſehen, und eben darin will er auch den Beweis gefunden haben, daß Hurter ermordet worden iſt.“ Der Wajoratsherr hatte ſein Cigarrenetui hervo rgehot und geöffnet, ſtarr ruhte ſein Blick auf den Cigarren, es ſchien ihm ſchwer zu fallen, eine Wahl zu treffen. „Und dos ſo räthſelhaft verſchwundene Kind lebt wirklich noch?“ fragte er. „Allem Anſcheine nach. Mit Sicherheit wage ich es nicht zu behaupten.“ „Wohl in ärmlichen Verhältniſſen?“ „Das gerade nicht. Sie iſt eine berühmte Sängerin ge⸗ worden—“ „Doch wohl nicht Signora Grimaldi?“ „Wie kommnſt Du darauf? „Vielleicht nur deshalb, weil ich keine andere berühmte Sän⸗ gerin kenne,“ erwiderte Baron Edmund mit leichtem Spott. Habe ich den Nagel auf den Kopf getroffen? Ne, dann muß ich ge⸗ ſtehen, daß mir bei der Sache nicht ganz wohl wäre. Dein Sohn hat die eigene Schweſter verfolgt, vielleicht thut er es noch—“ „Bruno iſt in Paris.“ „Und die Sängerin?“ „In London.“ „Das würde mich an Deiner Stelle nicht beruhigen. Ueber⸗ — dies iſt er der Einzige nicht, der Maler Rodenberg verfolgt ſi ebenfalls“ „Er iſt mit ihr befreundet.“ „Hm, die Freundſchaft einer Sängerin.“ „Dein Spott iſt verletzend, Eomund 4 S Der garre a E „E geweſen der Vät wäre k Bo voller dem ja au daß halb will kehrer Nlretene — 1037— „Ich bitte um Verzeihung, das lag keineswegs in meiner Abſicht. Du darfſt übrigens nicht vergeſſen, daß dreſer Rden⸗ berg—“ „Laſſen wir das,“ ſchnitt Bäron Udo ihm das Wort ab.„Er iſt ihr Freund, und es ſoll ein durchaus makelloſes, reines Ver⸗ hältniß ſein.“ „Es hätte anders kommen können!“ „Das zu denken iſt entſetzlich, aber mich hätte dann doch keine Schuld getroffen.“ Der Majoratsherr zuckte die Achſeln und zündete ſeine Ci⸗ garre an. „Es wäre nur eine neue Illuſtration des alten Sprichworts geweſen, daß jede Schuld gerächt wird,“ ſagte er.„Die Sünden der Väter ſollen ja an den Kindern heimgeſucht werden, und hier wäre das in der That der Fall geweſen.“ Baron Udo ſah ihn ſcharf an, es war ein ernſter, vorwurfs⸗ voller Blick. „Fühlſt Du Dich frei von Sünden?“ fragite er. „Gewiß nicht,“ ſpottete Er Majoratsherr„aber ich kümmere mich weiter nicht darum. Was wirſt Du nun thun?“ „Wenn die junge Dame meine Tochter iſt, werde ich ſie als ſolche anerkennen.“ „Sehr gut, und Rodenberg?“ „Was kümmert er mich?“ „Hm, er könnte auch einmal ein Geheimniß erfahren, daß er bisher vergeblich zu enthüllen verſuchte.“ „Und was weiter?“ „Das mußt Du ſelbſt wiſſen, Udo. Ich würbe Dir rathen, dem Maler ein für allemal dein Haus zu verbieten, Bruno wird ja auch einmal zurückkehren, und die Beiden haſſen ſich bis in den Tod.“ „Ich denke, dieſer Haß wird den Maler fern halten, ohne daß ich nöthig hätte, ihn darauf aufmerkſam zu machen. Wes⸗ halb ſoll ich mir jetzt ſchon den Kopf darüber zerbrechen? Ich will abwarten, wie die Verhältniſſe ſich geſtalten werden.“ „Und wie iſt es mit Bruno? Hoffſt Du, daß er bald zurück⸗ kehren wird?“ —— — 1038— „Ja, ich darf es hoffen. Man wird ihn wegen des Duells nicht weiter verfolgen, weil es im Auslande ſtattgefunden hat.“ „Er iſt noch in Paris?“ „Ich habe ihm gerathen, dort zu bleiben, bis die Sache ent⸗ ſchieden iſt.“ „Und biſt Du auch jetzt noch geneigt, einer Verbindung Brunos mit Klara Deine Zuſtimmung zu geben?“ Baron Udo er ob raſch das Haupt, in ſeinen Zügen prägte ſich ein ernſter Zweifel aus. „Damals warſt Du gegen dieſe Verbindung,“ ſagte er. „Die Gründe aus denen ich es war, ſind Dir bekannt, Udo. Bruno war mir in der erſten Stunde feindlich entgegengetreten.“ und ſeine Lebensweiſe konnte mir nicht die Garantie bieten, die ich verlangen mußte.“ „Und Klara wollte auch nicht.“ „Aus denſelben Gründen, es iſt wahr. Aber die Verhältniſſe ſind ſeitdem andere geworben, und dadurch werben viele Bedenken, die damals obwalteten, beſeitigt. Es ſtellt ſich immer deutlicher heraus, daß Klara mit ihrer künftigen Siefmutte niemals auf einen freundſchaftlichen Fuß kommen wird.“ „Das ſinde ich ſehr begreiflich,“ „Es rührt einzig und allein daher, daß Klara in den Vor⸗ urtheilen ihres Standes erzogen worden iſt, und daß nun vieſe Vorurtheile für ihr Denken und Handeln maßgebend ſind. Roſa Becker wünſcht nichts ſehnlicher, als ein freundſchaftlies Ver hältniß, aber Klara tritt ihr mit ihrem ganzen Abelſtolz entge⸗ gen, und es liegt ſo viel Verletzendes in ihrer Kälte und ihrer Zurückhaltung, daß ich die Geduld und Sanftmuth meiner Braut bewundere.“ „Die Schuld mag doch wohl auf beiden Seiten liegen.“ „Und ſelbſt wenn dies der Fall wäre, was würde Sadurh geänvert? Richts. An mich aber tritt unter dieſen Verhältniſſen die Nothwendigkeit heran, Maßregeln zu treffen, die den Frieden meines Hauſes ſichern.“ „Du haſt bereits einen Entſchluß gefaßt?“ „Klara iſt mir in richtiger Wärdigung der Unſtände bereits zuvorgekommen. Sie hat eingeſehen, daß ein zuſammenleben mit der jung den kann überaſch „66 jratsher ml ſel kommel, inbe ich kann, we ſein, und Baror ſines Br „Daß brauche nung ha Heirath alſo es die mich Väter wi nicht geth „M „Un meine zehntauſe „Unt einen V Die Re „Fbe „Un vater die e edr rhältuiſen en Frieden 1ℳ ———— — — 53— der jungen Stiefmutter für beide Theile nur unangenehm wer den kann.“ „Und da will ſie Oſthofen verlaſſen?“ fragte Baron Udo, überraſcht. „Es iſt der kürzeſte und einfachſte Weg,“ entgegnete der Ma⸗ joratsherr, während er die Aſche von ſeiner Cigarre ſtrich, zu⸗ mal ſie bereits eine Zuflucht gefunden hat. Sie will zu Dir kommen, und ſo ungern ich mich auch von meinem Kinde trenne finde ich doch gegen dieſes Projekt nichts einzuwenden. Ich kann, wenn Klara bei Dir wohnt, über ihr Geſchick beruhigt — ſein, und unter meinem Dache wird der Friede gewahrt bleiben.“ . Baron Udo ſchritt kopfſchüttelnd auf und nieder, die Blicke ſeines Bruders folgten ihm unb beobachteten jede Bewegung. „Daß Klara hier die freundlichſte Aufnahme finden wird, brauche ich wohl nicht zu erwähnen,“ ſagte er,„aber die Tren⸗ nung hat im Grunde genommen, meinen Beifall doch nicht. Die Heirath mit einer Börgerlichen—“ „Ich glaube, Du haſt mir das Alles ſchon geſagt, weshalb alſo es wiederholen? Du kernſt ſo gut wie ich die Gründe, die mich zu dieſer Heirath bewogen haben, und die Mesalliance glanbe ich auch verantworten zu können. Das Stammgut unſrer Väter würde dem Verfall preisgegeben, wenn ich dieſen Schritt nicht gethan hätte, die Einkünfte ſind nicht ſo bedeutend, daß zwei Familien ſtandesgemäß davon leben können.“ „Man muß ſich nach der Decke ſtrecken!“ „Sagſt Du das mir, Udo?“ „Und mit vollem Recht, dos Gut bringt jährlich ſiebenzehn⸗ tauſend Thaler ein, davon erhalte ich breitauſend, ſie genügen meine Bedürfniſſe zu beſtreiten. Tlſo bleiben Dir noch vier⸗ zehntauſend—,“ „Und die Anforderungen, die ich an das Leben ſtelle, ſind nicht ſo beſcheiden, wie die Deinigen. Willſt Du mir daraus einen Vorwurf machen, ſo muß ich ihn hinnehmen, indeß glaube ich, daß ich nicht verpflichtet bin, Rechenſchaft darüber zu geben. Die Renovation des Schloſſes koſtet enorme Summen—“ „Eben deshalb würde ich ſie nicht unternommen haben.“ „Und weshalb ſollte ich es nicht thun, wenn mein Schwieger⸗ vater die Koſten deckt?“ Bleibt meine zweite Ehe kinderlos, ſo — 1040— on erbt Klara das Majorat, und wird Klara die Gattin Deines 6 Sohnes, ſo wird Bruno über die Renovation nur erfreut ſein.„ Ich werde meiner Tochter, ſo lange ſie bei Dir iſt, ein nam⸗. haftes Nadelgeld zahlen,“ fuhr der Majoratsherr fort,„das n verſteht ſich von ſelbſt, die Höhe desſelben mag Klara ſelbſt be⸗ ih ſtimmen. Rufe Bruno zurück und ſuche die Beiden miteinander 1 auszuſöhnen, ich würde dieſer Verbindung mit Freuden meine 3 Zuſtimmung geben.“ 2 Baron Udo nickte gedankenvoll; auch er wünſchte noch immer P dieſe Verbindung, wenn er auch nur geringe Hoffnung hegen ſuct ſe durfte, daß dieſer Wunſch ſich erfüllen werde. ihn fri „Bruno wird allerdings ſich bemühen müſſen, die vergangenen Ant n Ereigniſſe vergeſſen zu machen,“ nahm Baron Edmund wieder 1 uf ve das Wort,„er wird ſo klug ſein, die Nothwendigkeit einzuſehen 1 1 wenn Du ihn auf die Vortheile der Verbindung aufmerkſam nhſ „Du berückſichtigſt die Abneigung Klara's nicht.“ geſult „Dieſe Abncigung gründete ſich in der Hauptſache auf die„V ſchwärmeriſche Zuneigung für den Maler Rodenberg, den ſie ge⸗ ſie in gen die Brutalität iores Vetters in Schutz nehmen wollte. Der ſinmen Maler hat bie Stadt verlaſſen, und Klara denkt nicht mehr an„N ihn, zudem wird ſie nun ſelbſt wünſchen, den eigenen Heerd zu„Fe gründen, es kann alſo Deinem Sohne ſo ſchwer nicht fallen, nlißt das erſehnte Ziel zu erreichen.“„J „Ich werde keinen Druck auf ſie üben,“ ſagte Baron Udo, Maun „ſie müſſen aus ſreien Stücken die Entſcheidung treffen.“ kann n „Und ich zweifle nicht, daß dies geſchehen wird.“ 1 Ant n „Wann dürfen wir Klara erwarten?“ Najor „Sie wird in Oſthofen bleiben, bis wir von der Hochzeits⸗ reiſe zurückgekehrt ſind.“ ſagte e Ein ſpöttiſcher Zug glitt über die Lippen des Udo.„eine „Und wann gedenkſt 3 dein Hochzeit zu feiern?“ fragte er „In vierzehn Tagen.“ „So bald ſchon? Ich dachte Du würdeſt bis zum Frühiahr e „Wozu ich möchte gerne in Ruhe kommen. Wir hatten An⸗ fangs vor, den Winter in Italien zuzubringen, aber wir ſind tin D Deinez kfreu t ſein. ein nan⸗ ſort,„das niteinander uden meine noch inmer ung hegen vergangenen lund wieder einzuſehen aufmerkſan iche auf die den ſie ge⸗ wollte. Der mehr an n Heerd zu nichr fallen, Baron Udo, ffen — — 1041— davon zurückgekommen, wir werden dafür im Frühjahr eine län⸗ gere Reeie antreten.“ „So hätten wir alſo Klara erſt in ſechs Wochen zu erwarten?“ „Sie wird ſelbſt mit Euch darüber reden,“ ſagte der Majo⸗ ratsherr, indem er auf ſeine Uhr blickte und ſich dann erhob, „ich habe das Meinige nun gethan.“ „Und im Uebrigen iſt in Oſthofen noch Alles beim Alten 7 „Jawohl.“ „Der Verwalter—“ „Wird die längſte Zeit Verwalter geweſen ſein, der Mann ſteckt ſeine Naſe in Dinge die ihn nichts angehen. Man hätte ihm früher auf die Finger ſehen müſſen, ich glaube, er hat ſein Amt nicht ehrlich verwaltet. Mit dem Hofmeiſter ſtand er auch auf vertrautem Fuße—“ „Und weshalb auch nicht? fiel Udo ihm in's Wort.„Der Verwalter mußte ihm die Penſion auszahlen, da konnte es nicht ausbleiben, daß die Beziehungen ſich allmälig freundſchaftlich geſtalteten.“ „Wie das bei den Dienſtboten in der Regel geſchieht, wenn ſie in dem Beſtreben, ihre Herrſchaſt zu verleumden, überein⸗ ſtimmen.“ „Man muß ſich darüber hinwegſetzen.“ „Gewiß, aber Dienſtboten, die man auf Verleumdung ertappt, entläßt man rückſichtslos.“ „Ich würde den Verwalter nicht entlaſſen, er iſt ein alter Mann und ſeine Pflicht erfüllt er noch immer. Unreblichkeiten kann man durch ſtrenge Reviſion verhindern, und Leute, die ihr Amt noch verſehen können, penſionirt man nicht gerne.“ Der Majoratsherr nahm ſeinen Hut und reichte dem Bruder die Hand. „Ich wünſche Dir, daß Deine Hoffnungen ſich erfüllen,“ ſagte er in einem Tone, der nicht weniger als herzlich klang, „eine Enttäuſchung würde Dich bitter berühren.“ „Wohl noch bittrer meine Frau.“ „Der Polizeirath iſt alſo nach London?“ „Jawohl.“ „Er wird heute ahreiſen?“ „Mit dem nächſten Schnellzuge.“ Der Baeſtard. — 1042— i könnteſt alſo übermorgen ſchon Nachricht haben?“ hricht wohl, aber ſchwerlich Gewißheit.“ in der Mann ſeiner Sache gewiß iſt— „Die Beweiſe fehlen, ich fürchte, ſie in London noch geſucht werden.“ „Dann könnte es freilich noch Wochen, vielleicht Monate dauern, ehe Du Gewißheit haſt. Wird der Beamte ſo lange in London bleiben?“ „Er wird dort bleiben, bis die Angelegenheit erledigt iſt.“ „Die Mutter der Sängerin iſt alſo jene Wärterin, die mit dem Kinde ugleich verſchwand, wie hieß ſie doch?“ „Frau Grimm.“ „Und jetzt heißt ſie Grimaldi? Natürlich wird die Frau in's Zuchthaus kommen, wonn das Verbrechen enthüllt und bewie⸗ ſen iſt.“ „Und ich werde ihr die verdiente Strafe nicht ſchenken.“ „Ich würde es auch nicht thun. Die Sängerin wird in Lon don auftreten?“ „Sie ſoll ein Engagement dort angenommen haben.“ „Beſitzt der Polizeirath eine genaue Adreſſe?“ „Leider nein,“ ſagte Baron Udo, während er ſeinen Bruder zur Thüre begleitete. „Aber die Dame iſt doch leicht zu ermitteln, der Polizeirath braucht nur an die Kon ertvirection zu ſchreiben.“ „Es gibt vie le Konzertdirectionen in London.“ „Aber doch wohl nur eine, mit der eine berühmte Sängerin in Verbindung treten kann.“ „Das iſt wahr, daran habe ich nicht gedacht,“ erwiderte der Majoratsherr, den dieſe Antwort in hohem Grade zu befriedigen ſchien.„Alſo wie geſagt, ich hoffe und wünſche das Beſte und bitte Dich, mir ſofort Nachricht zu ſcicſi wenn Du Gewißheit erhalten haſt.“ „Das ſoll geſchehen.“ „Joſeph könnte mir die Nachricht bringen.“ „Ich verſpreche es dir.“ Der Majoratsherr drückte ſeinem Bruder noch einmal die Hand, dann verließ er das Haus, und eine halbe Stunde ſpäter 5 „Un Geſchäf nehnen. W „Na, icht, R Zeit ni garre a „Ml Loht ler des ſchl rakter G „S grund Gläſer Mühe nd* noc 9 Rate ge in gt 8 die mit Mal iws und und bewie, 3 ird in Von „„ P en Bruder einmol die tunde ſpäter — — 1043— trat er ni das Kabinet ſeines zukünftigen Schwiegervat rs. Der Bantier lag nachläſſig in einem Fauteuil gelehnt und blickte den Rauchwöltchen ſeiner feinen Havannacigarre nach. „Wiſſen Sie, woran ich in dieſem Augenblicke dachte, Baron?“ ſagte er, als der Majoratsherr ſich ebenfalls in einen Seſſel nie⸗ dergelaſſen hatte. „Wie ſchade es ſei, daß ich keinen Sohn habe. Ich könnte ihm jetzt mein Geſchäſt übertragen und den Reſt meines Lebens auf meinen goldenen Lorbeern verbringen.“ „Und können Sie das nicht auch ohnedies?“ „Ich möchte das Geſchäft liquidiren.“ „Verkaufen Sie es.“ „Hm, wenn ich einen Käufer fände— „Ich glaube, daß Sie ihn mit leichter Mühe finden werden.“ „Ja, aber Jeder paßt mir auch nicht.“ „Natürlich muß es ein ſolider i „Und ein reicher Mann, denn ich werde meine Fonds nicht im Geſchäft laſſen, und ganz kasn ich e S nicht ſofort heraus⸗ nehmen.“ „Ich glaube, wenn Sie es einmal verſuchen wollten—“ „Na, ich werde ſehen, was ich thue, es eilt ja ſo ſchr noch nicht, Roſa iſt oben—“ „Ich we rde ſie ſpäter beſuchen, augenblicklich erlaubt es meine Zeit ſicht Ich bringe ihr eine angenehme Rachricht.“ Der Bankier ſah ihn fragend an und bot ihm eine Ci⸗ garre an. wird vielleicht auch Ihnen gegenü ber ſich über meine belat haen, uh Barnn Edmund fort,„der Grund bes ſctehten Einvernehmens liegt in der Verſchiedenheit der Cha⸗ raktere.“ „Ich glaube das auch.“ „Ein Vorwu 3 keiner der beiden Damen gemacht werden.“ „Sollt⸗ nicht der Adelsſtolz der Baroneſſe Klaro den Haupt⸗ grund bilden?“ fragte der Bankier, er langſam die Gläſer ſeiner goldenen Brille abrieb.„Roſa hat ſich gewiß alle Mühe gegeben, der Baroneſſe zu beweiſen, daß ſie auf ihre Freund⸗ 66* — 044 ſchaft großen Werth legt, aber ſie hat kein Entgegenkommen ge⸗ funden.“ „Ich will meine Tochter nicht in Schutz nehmen⸗ mein lieber Commerzienrath, wie geſagt, die Charaftere ſind zu ſehr verſchieden, und deshalb würde auch ein Entgegenkommen zu keiner danern⸗ den und feſten Freundſchaft führen. Das at Klara nun auch eingeſehen und ſich deshalb entſchloſſen, nach unſerer Hochzeit Op⸗ hoſen zu verlaſſen und zu ihrem Onkel zu ziehen.“ „Das iſt allerdings der beſte Ausweg!“ „Und drum habe ich dieſem Emſchluſſe beigepflichtet, er macht allen Verlegenheiten ein Ende. Sollte ſpäter vas Verhältniß der beiden Domen ſich beſſern ſo kann immer noch eine Aenderung getroffen werden, wir wollen das in aller Ruhe abwarten!“ „Der Bankier nickte und rückte die Brille dichter vor die Augen. „Dieſes geſpannte Vertältniß zwiſchen meiner Tochter und der Baroneſſe Klara hat wich mit einiger Sorge erfüllt,“ ſagte er, „und ich geſtehe Ihnen, daß dieſe Sorge auch noch nicht gehoben iſ 5 „Sorge? Weshalb?“ „Für den Fall Sie ſterben und Ihre zweite Ehe kinderlos bleibt, erbt Baroneſſe Klara das Majorat, iſt es nicht ſo?“ „Allerdings, und das Geſetz ſpricht hier ſo deutlich und be⸗ ſtimmt, daß ſich mit dem beſten Willen nichts daran ändern läßt.“ „Baroneſſe Klara würde, wenn dieſer Fall einträte, ſofort bas Erbe antreten und ihre Stiefmutter verdrängen, glauben Sie das nicht auch?“ „Ich kann es nicht beſtreiten.“ „Nun wohl, Sie werden ferner zugeben müſſen, daß dies— Frlauben Sie mein lieber Commerzienrath⸗ ich habe über dieſen Fell ernſt nachgedacht und eine Abhülfe, ſo gut ſie zu ſchaffen ifr, geſunden. Die Beſtimmung! welche Klara nach meinem Tode in den Beſitz des Majorats bringt, vorausgeſetzt, daß ich keine männlichen Erben hinterlaſſe, läßt ſich nicht ändern, ſo wenig, wie man das Seſetz umgehen oder gar anfechten kaun. Schiede Klara vor mir aus dem Leben, ſo würde das Maisrat an meinen Bruder zurückfallen, olſo wäre auch durch des Tod meiner Tochter nichts gewonnen. Nehmen wir nun on, dß 2 ſi ſi den, „ hleibe dann daß a als 6 — „ iwe vner hůte * 1 L ( B . 4 tert· „ er val 6 erwid — 1045— an, unſre Ehe bliebe kinderlos, ſo müßte Sorge getragen werden, daß Roſa nach meinem Tode eine neue Heimath findet, in der ſie ſich wohl fühlen kann. Dies könnte nur dadurch erreicht wer⸗ den, baß ich ein zweites Gut kaufe, welches für alle Zeiten von dem Mojorat getrennt bleibt.“ „Ganz meine Meinung!“ „Dieſes Gut wü de Eigenthum meiner Gemahlin ſein und bleiben, ſie könnte es ſofort nach meinem Tode beziehen und als⸗ dann ohne Bedauern das Majorat abtreten. Bedenken wir ferner, daß auf dem Majorat eine große Hypothekſchuld ruht, die eben⸗ falls Eigenthum meiner Gattin iſt, ſo—“ „Auch daran habe ich gedacht,“ fiel der Bankier lebhaſt ihm in's Wort.„Dieſe Hypothekforderung müßte auf den Namen mei⸗ ner Tochter eingetragen merden, damit ein etwaiger Prozeß ver⸗ hütet wird.“ „Ich überlaſſe das ganz Ihrem Ermeſſen.“ „Sie würden alſo nichts dagegen einzuwenden finden?“ „Durchaus nicht.“ „Der Bankier nahm ſein Notizbuch vom Schreibtiſch und blät⸗ tert eine Weile darin.“ „Dieſe Forberung beträgt heute vierzigtauſend Thaler,“ ſagte er nachbenklich. „Die Renovation des Scheoſſes iſt noch nicht ganz beendet,“ erwiberte der Baron,„ich werde noch einer Summe bedürfen.“ „Sie ſteht Ihnen zu Dienſten? Wie viel wünſchen Sie?“ „Zwanzigtauſend Thaler.“ „Sie können ſie erhalten, ſobald Sie es wünſchen,“ nickte der corpulente Herr. 1. „Die Geſammtforderung würde dann alſo ſechszigtauſend Tha⸗ ler betragen,“ ſagte der Majoratsherr.„Haben Sie die Güte, mit Ihrem Notar das Nöthige zu berathen und mich zu benach⸗ richtigen, wann ich den Akt unterzei chnen ſoll. Die Bedingungen überlaſfe ich Ihnen, der Rotar wird am beſten wiſſen, wi der Akt abgefaßt werden muß.“ 1046 „Und zugleich eine Sicherheit, die ihr Rechte einräumt, welche 65 niemals beſtritten werden können,“ erwiderte der Baron.„Was nun den Ankauf des Wittwenſitzes betrifft, ſo werde ich dazu einer ſehr bedeutenden Summe bedürfen, mein lieber Commerzienrath; er ſoll in allen Stücken den Anforderungen entſprechen, die eine Varonin von Oſthofen an ihn ſtellen darf.“ „Ich habe mir gedacht, daß Sie dozu die Mitgift Roſo's ver⸗ wenden.“ „Wird ſie ausreichen?“ „Hunderttauſend Thaler? Ich glaube ja. Wäre es aber nicht der Fall, ſo lege ich ds Fehlende zu, auf einige tauſend Thaler kommt es ja nicht an.“ Der Majoratsherr drehte gedankenvoll an den Spitzen ſeines Schnurrbarts, während ſein Blick forſchend auf dem rothen Ant⸗ litz des corpulenten Herrn ruhte. „Sie werden mir dieſe Summe am Hochzeitstage in Staats⸗ papieren übergeben?“ fragte er. „Wollen Sis nicht lieber das Geld in meiner Bank laſſen?“ „Ich ſehe darin weder für Sien noch für mich einen Zweck!“ „Es würde Ihnen höhere Zinſen bringen.“ „Darauf ſehe ich nicht. Die Staatspapiere verzinſen ſich ja auch, und ich habe in jeder Stunde das Geld bereit, wenn mir ein vortheichafter Kauf angeboten wird.“ Der Bankier wiegte bedenklich das Haupt. „Das Geld wird ſiets für Sie bereit liegen, ich glaube, es liegt in meinem feuerfeſten Gewölbe ſicherer, als in Oſthoſen.“ „Was bezwecken alle dieſe Bedenken?“ erwiderte der Baron unwillig.„Ich meins, es ſei ein alter Brauch, daß man die Mit⸗ gift Tochter dem Gatten derſelben kurz vor oder am Hoch⸗ ge ſelbſt übergibt. Weshalb ſollen wir von dieſer Sitte ab⸗ gehen? Es muß mir überlaſſen bleiben, über dieſe Mitgift zu verfügen, und wenn ich mein Ehrenwort darauf gebe, daß dieſes Geld meiner Gemahlin geſichert bleiben ſoll, ſo dürfen Sie tber dieſen Punkt beruhigt ſein. Ich bin nicht gerne bevormundet, mein lieber Commrzienrath.“ „Es liegt ja auch nicht in meiner Abſicht— „Verzelhen Sie, ich kann darin nur eine Bevormundung fin⸗ * Sie! kaufen her mi beſond dieſes Se übet undet, 1047 ben. Das Nadelgeld, welches Sie meiner künftigen Gemahlin ausgeſetzt haben, mag Roſa perſönlich in Empfang nehmen und verwalten; ich werde mich auch nicht im Entfernteſten darum kümmern, aber die Verwaltung der Mitgift muß mir anheim geſtellt werden.“ Der Baron hatte die letzten Worte in einem trotzigeu, faſt drohenden Tone geſprochen unb dieſer Ton ſchüchterte den Bankier ein, der mit Schrecken an die dachte, daß der Majo⸗ ratsherr ſich veranlaßſ ſehen könne, die Verlobung zu löſen. „Sie nehmen das wirtlich zu ſcharf,“ entgegnete er mit ge⸗ zwungenem Lächeln„ich beabſichtigte nichts weiter, als Ihnen die Laſt und Verwaltung des Geldes zu erſparen. Das haben Sie mißverſtanden, und um dieſes Miß nerſtändniß zn be⸗ ſeitigen, erkläre ich ei bereit, Ihnen die Mitgift am Tage der Hochzeit einzuhändigen.“ „Gut, damit bin ich zufrieden. Sobald ich ein Gut gefun⸗ den habe, welches um Wittwenſitz für meine Gemahlin eig⸗ net, ich mit dem Eigenthümer desſelben in Unterhandlung treten. ₰ „Und ich wiederhole Ihnen, daß es mir auf zehn oder zwan⸗ zigtauſend Thaler nicht ankommt,“ ſagte der Bankier.„Wenn Sie nichts Paſſendes finden, ſo muß man das nöthige Terrain kaufen und ein kleines Palais bauen. Sprechen Sie darüber vor⸗ her mit Roſe ſelbſt, mein lieber Baron, vielleicht hegt ſie einen beſonderen Wunſch, auf den man Rückſicht nehmen müßte. Es iſt ja möglich, daß ſie ein Haus in der Stadt einem Landſitz vor⸗ zieht, der Aufenthalt auf dem Lande iſt im Winter ſehr lang⸗ weilig, und ein ſolcher Landſitz bringt außerdem Arbeit und Laſt. Roſa kann darüber ſelbſt am beſten entſcheiden und ihre Anſicht wird gehört werden müſſen.“ „Sie haben Recht, aber es iſt jetzt noch zu früh, mit ihr dar⸗ über zu reden, ſcherzte der Majoratsherr.„Man ſpricht nicht mit einer Braut über ihren Wittwenſitz, es iſt ein delikater Punk, der nur bei einer paſſenden Gelegenheit zur Sprache gebracht werden darf.“ „Ich will das Ihnen überlaſſen, wir ſ en ja in der Haupt⸗ in unſern Anſichten überein.“ Vollkommen!“ — 43— „Gut. Einſtweilen beruhigt es mich, daß Baroneſſe Klara ben vernönſtigen Entſchluß gefaßt hat, ich darf wohl darauf ver⸗ twauen, daß ſie ihn auch ausführen würde.“ „Gewiß. Ich habe bereits mit meinem Bruder Rückſprache genommen; die Sache iſt ſoweit geordnet, und ich weiß auch, daß Klara von einem einmal gefaßten Beſchluſſe nicht abgeht, Sie haben jedenfalls Berbindungen in London?“ Der corpulente Herr blickte überraſcht auf. „Ratürlich!“ erwiderte er.„Ein Bankhaus muß in jeder großen Stadt ſeine Verbindungen haben.“ „Ich wünſche einer Perſon, die augenblicklich dort weilt, eine tleine Summe anzuweiſen.“ „Wie groß iſt der Betrag?“ „Fünfzig Pfund Sterling.“ „Nicht der Rede werth,“ erwiderte der Bankier achſelzuckend. „Ich kann Ihnen dieſes Geld in engliſchen Banknoten übergeben, Sie ſchicken es dann durch die Poſt an die betreffende Perſon—“ „Das wird zu lange dauern, ich wünſche eine telegraphiſche Anweiſung.“ 3 „Eilt es ſo ſehr?“ fragte der Bankier ſcherzend.„Sie können die Anweiſung haben, auf welchen Namen ſoll ſie lauten?“ „Auf meinen eigenen Namen.“ Der corpulente Herr zog die Glocke und wechſelte mit dem gleich darauf eintretenden Buchhalter einige Worte. „Sie können ſchon heute Abend über das Geld verfügen,“ wandte er ſich zu dem Mojoratsherrn. „Und der Name des Bankhanſes?“ „Parker, Parkins und Compagnie; warten Sie, ich werde Ihnen die genaue Adreſſe aufſchreiben.“ Der Baron nickte zuſtimmend, und nachdem er die Adreſſe empfangen und in ſein Portefeuille gelegt hatte, verabſchiedete er ſich mit dem Verſprechen, ſeiner Braut ſpüter einen Beſuch zu Der Bankier war bei dieſem Abſchied außerordentlich freund⸗ lich und liebenswürdig, er ſchien das Bedürfniß zu fühlen, die immung wegen der Mitgift gänzlich zu beſeitigen, und dies ten Stimmung und trai eine halbe Stunde ſpäter in das 7/ Telegr eine Signe ſcl ue Klarg runf ver, 1 es or 905 — 1049— Telegraphenbureau, in welchem er zwei Depeſchen nach London, eine an Parker, Parkins und Compagnie und die zweite an die Signora Grimaldi, Mutter der Sängerin Arabella Grimaldi, zur ſchleunigſten Beförderung aufgab. 41. Kapitel. Ein vielbewegtes Jeben. Madame Florentine Winkel ſaß, von ihren Photographien und Lorbeerkränzen, den Erinnerangen aus einem vielbewegten Leben umgeben, in ihrem traulichen Stübchen und blickte gedankenvoll in die Kaffeetaſſe, die vor ihr ſtand. Die Nachmittagsſonne ſchien hell und freundlich herein, ſie ſpiegelte ſich in dem würzig duftenden, braunen Trank und ver⸗ goldete die Lorbeerkränze, die längſt verwelkt und vergilbt waren. Die Gedanken der hübſchen Frau ſchweiften zurück in die Ver⸗ gangenheit, halbvergeſſene Geſtalten und Bilder tauchten vor ihrem geiſtigen Blick wieder auf, glänzende Bilder, die damals ſie berauſcht hatten und nun ſo welk waren, wie jene Kränze. „Ja, damals baute ſie darauß, daß dieſes an Ruhm und Ge⸗ nuß ſo reiche Leben erſt im ſpäten Alter enden könne, und wie raſch hatte es ſein Ende genommen! Sie war nie ein Stern erſter Größe geweſen, ihre blendende Schönheit hatte mehr zu ihrem Ruhme und ihren Erfolgen bei⸗ getragen, als ihr Talent, welches immer nur mittelmäßig geweſen glänzende Sterne waren auf 8 dem ihnen gehuldigt wurde, nah 1050— feierten Florentine Rabe ab. Ihre Sit mit einem Manne, der allerdings vermögend, aber daneben auch über alle Maßen eiferſüchtig war, hatte den Kreis ihrer Freunde und Bewunde⸗ xer noch mehr gelichtet es war zwiſchen ihrem Gatten und den früheren Freunden zu heſtigen Wiſie itten gekommen, und die Klugheit gebot ihr, dem Willen des Gatten ſich zu fügen. Sie wur immer eine kluge, herechnende Frau geweſen, ſie höchſten Rauſch des Vergnügens nicht vergeſſen eunft zu denken von drr abgetreten, auf der ſie keine Er⸗ ſie verkaufte ihre Garderobe und Ju⸗ legte den Erlia, zu dem ſpäter das Vermögen ihres ſellte, in ſoliden Staatspapieren an, wodurch ſie —. S — — 2 — — S — — —— — e Rente Rente reichte bei beſcheidenen Anſprüchen aus, aber Madame Winkel war immer noch eine Frau in den peſten Jah⸗ ren eine hübſche Frau, die noch nicht daran dachte, hllen Freu⸗ den des Lebens zu entſagen. Dazu kam, daß die Preiſe aller Vebensbedürfniſſe in den letz⸗ ten Ja ren geſtiegen waren, während die Rente dieſelbe blieb, und dieſe Steigerung nahm von Tag zu Tag zu, ſie nöthigte ſchränkungen, welche Madame Winkel ſehr ſchmerzlich empfand und ihr ſo manche trübe Stunde bereitete. Sie r eine zu gute Rechnerin, als daß ſie ſich hätte entſchließen können, das Kapital anzugreifen, ſie wußte nur zu wohl, daß ſie auf dieſem Wege raſch verarmen konnte, und ſo ſah ſie mit ſchweren Sorgen in die Zukunft, die ihr vorausſich⸗ lich noch weitere Einſchränkungen auferlegte. Unter ſolchen Verhältniſſen mußte das Prbjekt Johanns viel Verführeriſches für ſie haben, und je länger ſie über das ſelbe nachdachte, deſto beſſer gefiel es ihr. Wenn es gelang. den Baron zur Zohlung einer bedeutenden Summe zu zwingen, oder dos enthüllte Geheimnß mit allen Be⸗ 2 en, ſo war dies zu Einſc welſen dem Bruder des Majoratsherrn zu ve ein Zuſchuß, der allen Sorgen und Verlegenheiten ein Ende machte. Puch an den ver ckten H rathsantrag . 1051 Freilich hatte Anfangs ihr Stolz ſich dagegen empört, die Gatiin eines Mannes zu werden, der vordem Reitknecht ge weſen wor. Aber ſie bedachte auch, daß ſie keine Anſprüche mehr durfte, und daß er ihr geſagt hatte, er wolle an ihre Vergangen nic ht und i einen Vorwurf machen. fie Geld hatten, ſo konnten ſie in eine Stadt ziehen, mand ihre Ver kannte, ſie konnten dort ſo e e eine ſtauration gründen und dann fanden ſie — ſ Und es kam noch Eins hinzu, denken leicht hinweggehen ließ. Johann war ein ungebildeter öhe, und er war eine jener gutmüt lenken und beherrſchen laſſen. Sie war überzeugt, daß er ſich gehorſam unter ihren Pan⸗ toffel fügen und gegen ihren Willen niemals opponiren werde, und dieſe Ueberzeugung bot ihr Vortheile, deren Werth ſie kei⸗ neswegs unterſchätzte. Dies Alles zuſammengenommen befreundete ſie mehr und mehr mit dem Gedanken an jene Verbindung und ſie war entſchloſſen den Antrag anzunehmen, ſohald er geſtellt wurde und Johann ihr mit ſeiner Hand auch ein kleines Vermögen anbieten konnte. r war verliebt in ſie, und ſie wußte auch, Macht ihrer Reize vertrauen durfte. Aber wenn das Projekt nicht gelang? Der Majoratsherr war noch nicht bei ihren Beſuch nicht erwidern zu wollen. That er es icht ſie ging zu ihm aufbieten, um ſich E ber ie Zwei nach ihrem Beſuch ih be —. Mehr denn ie er ſuh an ihr daß ſie auf die b 3 rfte ſeit erinnern u 2 ſie 15 — 52— Ueberraſcht blickte ſie auf, ſie erkannte in dem kleinen, hageren Manne, der jetzt eintrat, ſofort den Verwalter des Majorats⸗ hetrn. Er hatte dann und wann den verſtorbenen Hoſmeiſter beſucht, und wenn ſie auch ſelbſt noch kein Wort mit ihm gewech elt hatte, ſo wußte ſie doch aus verſchiedenen Aeußerungen Hurters, daß er ein ſchlauer verſchmitzter Menſch war, vor bem man ſich hüten mußte. Und dieſe Verſchmitztheit documentirte ſich auch in dem ſcheuen Blick des Verwalters, der ſorſchend und lauernd durch das Zim⸗ mer ſchweifte, bevor er auf ihr ruhen blieb. „Sie werden verzeihen, wenn ich Sie beläſtige,“ ſagte er mit einer leiſen Verbeugung,„mein Name iſt Wortmann, ich war der beſte Freund des Herrn Proſeſſor Hurter, der nebenan wohnte.“ Madame Winkel hatte ſich erhoben und dem alten Herrn einen Stuhl angeboten; war er gekommen, ſie auszuforſchen, ſo konnte ſie auch dieſe Gelegenheit benutzen und für ſich ſelbſt Vortheile daraus ziehen. „Ich bitte Sie, nehmen Sie Platt“ erwiderte ſie, die Einladung mit einem Wink ihrer ſeinen Hand begleitend.„Sie woren mit dem alten Herrn befreundet, darf ich fragen, was Sie zu mir führt?“ Der ſtechende Blick Wortmann's ruhte jetzt lauernd auf dem Geſicht der hübſchen Frau. „Sollten Sie es vicht etrathen können?“ fragte er.„Hurter hat ſo plötzlich unter Unfländen, die auffallend genannt werden müſſen, ein raſches Ende genommen—“ „Unter auffallenden Umſtänden? Das habe ich noch nicht gewußt!“ „Sie glauben alſo an ſeinen Selbſtmord? Ich darf wohl an⸗ nehmen, daß Sie ihn gekannt haben, und in dieſem Falle werden Sie mir beipflichten, daß er ein ruhiger, vernünftiger Maun war, und daß er keine Urſache hatte ſeinem Lelen ein Ende zu machen. Wenn es auch kein glänzendes Leben war, ſo ſchützte ihn ſeine „Aher es war nicht ſo armſelig und jämmerlich, Laß jebe e 4. konnten, wn Blei zel, uf hülun „Sie nenne.“ 0 3 e 10 „Lieg wem der natirlich tieſe Pe Fe1 „Döt widerte ſes Ra ſn „Un maßgeb Erfahn ageten ritz⸗ beſucht uu deß er 6. hüten ſcheuen er nit bohute.“ in einen konnte heile — 1053 Mann kannte Geheimniſſe, deren Enthüllung ihn reich machen konnten, und ſo viel ich weiß, war er entſchloſſen, dieſe Mittel zu benutzen, um ſein Leben angenehmer zu geſtalten.“ „Bleiben wir bei dieſem Punkte ſtehen,“ ſagte Madame Win⸗ kel, auf deren Zügen der lauernde Blick unverwandt ruhte, als ob er die geheimſten Gedanken erforſchen wolle.„Konnte die Ent⸗ hüllung dieſer Geheimviſſe einem Menſchen gefährlich werden?“ „Jawohl,“ nickte Wortmann. „Und wer war dieſer Menſch?“ „Sie werden mir geſtatten, daß ich den Namen jetzt noch nicht nenne.“ „Iſt es vielleicht der Majoratsherr von Oſthofen?“ „Wie kommen Sie darauf Madame?“ „Liegt dieſe Frage nicht nahe? Ich denke darüber nach, mit wem der Verſtorbene in Verbindung geſtanden hat, es iſt ja natürlich, daß es ſich nur um Geheimniſſe handeln kann, die dieſe Perſonen berühren.“ „Hot der Majoratsherr ihn vielleicht beſucht?“ 86 weiß es nicht.“„ „Vielleicht an dem Abend vor jener Nacht, in der Hurter ſtarb? 2* „Es iſt möglich, aber behanpten kann ich es nicht.“ „An jenem Abend ſoll er Beſnch gehabt haben.“ „Wer hat Ihnen das geſagt?“ „Ein Herr, den Sie wahrſcheinlich auch kennen.“ Madame Winkel ſchüttelte das Haupt, der Verwalter ſah ſie erwartungsvoll an. „Es iſt der Polizeirath Heller,“ ſagte er. „Dann weiß ich auch, worauf Ihre Zweifel ſich ſtützen,“ er⸗ widerte die ehemalige Schauſpielerin,„auf die Vermuthungen die⸗ ſes Mannes, der von Anfang an nicht an einen Selbſtmord glau⸗ ben wollte.“ „Und ich denke, daß ſeine Anſichten und ſein Urtheil wohl S nd, ſein Se icSt der Verwalter.„Er hat ſo viele Erfaheun n gemscht— * Deshalh kann er ſich doch irren.“ „Nein Madame. Er ift ein gewitzter Beamter, und„ er ein Verbrechen wittert, da darf auch ſicher eins geſucht werden. — 1054— Aber kommen wir doch auf die Sache ſelbſt zurück. Sie den alten Herrn, nicht wahr? „Nur oberflächlich, er war nicht ſehr mittheilſam, das werden Sie auch wiſſen.“ „Freilich, aber er ſtand ſo gan ollein, und es mußte ihm doch mitunter ein Bedürfniß ſein, ſich mit Anderen zu unterhal⸗ ten, ihnen ſeine Hoffnungen und ſeine Pläne mitzutheilen. Sollte er darüber nie mit Ihnen 3e hben?⸗ „Nein, Er vohnte noch nicht lange hier.“ „Und früher haben Sie ihn nicht gekannt?“ „Nein,“ erwiderte Madame Winkel, ſeinen ſtechenden mit unbeſangener Ruhe bege gnend.„Ich habe mich auch nie ſi1 „ ſeine Verhältniſſe intereſſirt, ich wußte, daß er neugierige Fragen nicht liebte.“ „Sie weichen mir aus,“ ſagte Wortmann kopfſchüttelnd,„Sie wiſſen mehr als Sie verrathen wollen. An den Selbſtmord haben Sie auch nicht geglaubt?“ „Und weshalb ſollte ich nicht an ihn da ich doch die Thatſache vor Angen ſah? Sie behe er ſei vergiftet wor⸗ den, ich frage Sie, wie iſt das mögli „Nichts leichter als das. Wenn der, den ich vergiften will, den Rücken wendet oder einmal das Zimmer verläßt, ſo iſt es Kinderſpiel, ihm das Gift in's Glos zu gie ßen. „Und wenn der, welcher vergiftet e ſoll, dieſes Glas an die Lippen 65 muß er doch ſofort entdecken daß in dem Weine etwas enthalten iſt, was nicht hinein gehört.“ „Das ſind Behauptungen, denen ich heipflichten kann. Es gibt Gifte, die farblos und ge eſchmacklos ſind, überdies muß man auch die Aufregung, in welcher der Trinker ſich gewöhnlich hefindet, in Betracht ziehen.“ „Sodann hahe ich ſtets daß e ſäglichen Qualen ſtirbt, es n Vergifteter unter un⸗ ir befremden, daß ich keinen Schmerzenslaut gehört 3 Geht ncht auth daraus hervor, daß es ſein eigner Wille war, zu ſeen daß er den To geſucht und mit ſeiner 3te Willenskraſt den Schmerz, der in ſeinen Eingeweiden wüthete, bezwungen hat?“ „Auch das laſſe ich nicht gelten,“ ſagte der Verwalter mit leiſer Fronie.„Es gibt Gifte, die ſofort tödten, zumal, wenn ſie bringen, „Ge „Es m legt, e der Ma der Geh „Ne „Ma nicht die Ur „De Vekann „Hl „St ſuch hat 1055 in einer großen Doſis genommen werden. Der Mann hat arg⸗ los das Glas ausgetrunken und iſt ſofort todt e ſtürzt.“ „Es mag ſein,“ erwiderte die hübſche Frau achſelzuckend,„es iſt ja auch möglich, daß Ihre Vermuthungen richtig ſind, aber es wird ſchwer ja wohl ganz unmöglich ſein, Beweiſe zu finden.“ „Ed reche ch ei a n den konnte.“ „So werden wir wohl auch hier auf einen Zufall warten müſſen.“ „Müſſen? Dieſe Nothwendigkeit ſehe ich nicht ein. Ich war, wie ich Ihnen ſchon ſagte, der beſte Freund des Verſtorbenen, und da halte ich es für meine Pilicht, Licht in dieſes Dunkel zu bringen, Sie werden das begreiflich finden.“ aber ob es Ihnen gelingen wird—“ as iſt freilich eine andere Frage,“ nickte der Verwalter „s m muß verſucht werden; ſo lange man die Hände in den Schvoß legt, erreicht man allerdings nichts. Sie ſagten vorhin ſelbſt, der Majoratsherr von Oſthohen ſei Derjenige, der die Enthüllung der Geheimniſſe habe fürchten müſſen. Kennen Sie den Herrn?“ „Nein.“ „Madame, ich muß die Vermuthung ausſprechen, daß Sie mir die Wahrheit geſagt haben. Sie waren vor einigen Tagen in Oſthofen.“ Die ehemalige Schauſpielerin zog die Brauen zuſammen. „Und was folgt daraus?“ fragte ſie ſcharf „Daß Sie ein beſonderes Intereſſe daran de müſſen, die Bekanntſchaft mit dem Baron zu leugnen.“ t⸗ 385 8 te „Konnte mein Beſuch nicht einer andren Perſon gelten?“ „Ich weiß, daß er nur dem Baron galt.“ „So wiſſen Sie immer noch nicht, welchen Zweck mein Be⸗ ſuch hatte.“ „Darüber kann man verſchiedene Verm der Verwalter, aus deſſen Augen eine rü osheit leuchtete „Für Sie wäre die gefährlichſte Vermuthung die, daß Sie mit dem Majoratsherrn verbündet ſeien— „Herr Verwalter!“ rief Madame Winkel empört.„Dieſe An⸗ klage kann Niemand gegen mich — 1056— „Dann iſt es ſehr unklug, daß ſie einen ſolchen Verdacht nahe lezen. Sie beſuchen den Baron und leugnen Andren gegen⸗ über, ihn zu kennen, muß das nicht verdächtig erſcheinen?“ „Nein. Ich habe den Baron beſucht, um— aber die Gründe können Sie nicht intereſſiren. Ich ſtehe in keiner Verbindung mit ihm und hahe mir auch durchaus nichts vorzuwerfen.“ „Hat er Sie hier nicht befucht?“ „Nein.“ „Dann galt ſein Beſuch dem Hofmeiſter.“ „Ich habe ihn in dieſem Harſe nie geſehen,“ ſagte die ehe⸗ malige Schauſpielerin, das Haupt trotzig zurückwerfend,„ob er mit dem Hofmeiſter in irgend welcher Verbindung geſt anden hat, weiß ich nicht. „Er war an dem Abend vor jener Nacht hier.“ „Wenn Sie das ſo ſicher wiſſen—“ „Weshalb wollen Sie es nicht eingeſtehen, Madame?“ „Weil ich nichts eingeſtehen kann, was ich nicht weiß. Ken⸗ nen Sie vielleicht das Geheimniß, welches dem Majoratsherrn ſo gefährlich werden kann?“ „Sollte es Ihnen unbekannt ſein?“ ℳs wäre möglich, daß ich etwas davon wüßte.“ „Was zum Beiſpiel?“ fragte Wortmann lauernd.“ „Daß es Schauſpieler gibt, die jede Rolle ſpielen können.“ „Nennen Sie dieſe Leute Schauſpieler?“ „Soll ich ſie anders nennen?“ „Ich glaube die Bezeichnung: Abentheurer wäre richtiger.“ „Auf das Wort kommt es nicht an. Haben Sie Beweiſe?“ „Leider nein.“ „Ich anch nicht.“ „Und wenn Sie Beweiſe hätten, würden Sie keinen Gebrauch en machen,“ ſagte der Verwalter in ſarkaſtiſchem Tone. „Ich würde mich vielleicht nicht weiter darum bekümmern,“ erwiderte Madame Winkel, ich habe weder an dem Hofmeiſter, noch an dem Baron irgend ein perſönliches Intereſſe. „Wenn man ein Verbrechen entdeckt, muß man es anzeigen, ſonſt macht man ſich zum Mitſchuldigen des Thäters.“ „Das iſt mir allerdings auch hekannt. Aber wiſſen Sie denn mit Beſtimmtheit, daß der Majoratsherr—“ digt wer „6s „Das nen beob Der „Glo n ſeiner „Er ſehr äng ihn eing zu finden „Ma mann, it ich ſie e Viſſen „c „Un w * Gründe ng mit ie ehe⸗ „05 er en hat, errn ſo nor 3*. weiſe?“ Tone. mern,“ fmeiſter, nzeigen, edenn 057 „Nein, Madame!“ „Und das Gericht hat die Unterſuchung ſchon in der erſten Stunde geſchloſſen, weil es kein Verbrechen entdecken konnte. Ich meine, darin würde der eclatanteſte Beweis liegen, daß—“ „Ich gebe euf ſolche Beweiſe nichts,“ fiel der Verwalter ihr in's Wort„Hat man die Papiere des Verſtorhenen ſchon durchgeſehen? „Ich weiß es nicht.“ „Sie liegen wohl im Zimmer uebenan?“ „Auch darüber kann ich Ihnen nichts ſagen.“ „Haben Sie den Schlüſſel zu dem Zimmer?“ „Nein. Es war verſiegelt; das Gericht hat die Siegel geſtern abgenommen.“ „Und der Schlüſſel?“ „Der Hausherr hat ihn. Er iſt für die Sachen, die ſich in dem Zimmer befinden, verantwortlich gemacht worden, und ſoviel ich weiß, hat er ſtrengen Befehl, Niemand hinein zu laſſen.“ „Bah, wenn die Unterſuchung geſchloſſen iſt—“ „Dann iſt das Gericht immer noch verpflichtet, im Intereſſe der Erben über den Nachlaß zu wachen, bis er ihnen ausgehän⸗ digt werden kann.“ „Es ſind keine Erben vorhanden.“ „Das wiſſen Sie nicht, jedenfalls müſſen die geſetzlichen For⸗ men beobachtet werden.“ Der Verwalter zuckte ärgerlich die Achſeln. „Glauben Sie nicht, daß der Hausherr mir erlauben wird, in ſeiner Gegenwart die Papiere durchzuſuchen?“ fragte er. „Er wird Ihnen die Erlaubniß nicht geben, denn er iſt ein ſehr ängſtlicher Mann und ich bin überzeugt, daß die Drohungen ihn eingeſchüchtert haben. Was auch hoffen Sie in den Papieren zu finden?“ „Man kann nicht wiſſen, was ſie enthalten,“ erwiderte Wort⸗ mann, in dem er ſich erhob,„ich würde etwas darum geben, wemn ich ſie einer genauen Durchſicht und Prüfung unterwerfen dürfte. Wiſſen Sie keinen Weg, auf dem das zu ermöglichen wäre?“ „Ich will darüber nachdenken.“ „Und ſeien Sie verſichert, daß ich mich erkenntlich zeigen werde, wenn Sie meinen Wunſch erfüllen.— Selbſt in dem Falle, —— — * 1058 daß ich nichte finde,“ fügte der Verwalter hinzu.„Ich gebe Ihnen ferner die Verſicherung, daß ich dabei weniger an die Enthüllung des Mordes, als an ein anderes Geheimniß denke, welches viel⸗ leicht noch werthvoller iſt.“ „Das Geheimniß, welches der Verſtorbene dem Baron Udo von Oſthofen verkaufen wollte?“ „Kennen Sie es?“ fragte Wertmann haſtig. „Ich weiß nur, daß es ſich dobei um die Wiedereuffindung ein es verſchwundenen Kinbes handelt, ich weiß dies aus den Mit⸗ theilungen, die der Baron in meiner Gegenwart dem Unter⸗ ſuchungsrichter gemacht hat.“ „Hurter hat auch darüber nicht mit Ihnen geſprochen?“ „Niemals.“ „Und glauben Sie nicht auch, daß die Papiere Aufſchlüſſe ent⸗ halten können, die möglicherweiſe auf eine Spur führen?“ Madame Winkel gab keine Antwort, ſie blicte erwartungsvoll auf die Thüre, ihr ſcharfes Ohr hatte draußen leiſe Schritte ver⸗ nommen, die ber Verwalter nicht gehört zu haben ſchien. Und ale jetzt die Thüre nach kurzem Anpochen haſtig geöffnet wurde, trat Wortmann beſtürzt zurtck, er ſah ſich plötzlich dem Majoratsherrn gegenüber. Aber dieſe Beſtü zung währte nur einen kurzen Moment, dann ſtreifte ſein ſiechender Blick voll Bosheit und Tücke das Geſicht der früheren Schauſpielerin, welche mit ſichtbarem Intereſſe, die beiden Herren beobachtete. „Ich habe die Ehre, mich zu empfehlen,“ ſagte er, ohne den Baron anzuſchauen, und im nächſten Augenblick hatte er das Zimmer ſchon verlaſſen.* Der Mojoratsherr heftete jetzt den zornglühenden Blick auf die ſchöne Frau. „Iſt dieſer Mann mit Ihnen befreundet?“ fragte er in bar⸗ ſchem Tone. „Nicht im Entfernteſten,“ erwiderte Madame Winkel ruhig. „Sagen Sie mir die Wahrheit!“ „Ich finde keine Veranlaſſung ſie Ihnen zu verhehlen, ich ſah dieſen Herrn heute zum erſten Male.“ Der Baron ſchien ihr immer noch keinen Glauben zu ſchenken, er ſchüttelte mit finſtrer Miene das Haupt und der Ausdruck * ſins 6 „Fö die Her fohrung Mat und hef 1en „6 können“ 9 habe Intrigue könnte, e „A gen! bei mir mete er Verwalt Et einen! genhei deutlie hegte. Ur et viel uuhig D ſſe ent⸗ ngsvol itte ver⸗ geöffnet lich dem tt, dann Geſicht ſſe, die hne den et das lick auf in dar⸗ ruhig. v ih ſch ſchenken, Ausdrud ſeines Geſichts war drohend. „Es iſt ja eine beliebte Manier mit den Dienſthoten gegen die Herrſchaft zu intrigutren,“ ſagte er,„ich kenne das aus Er⸗ fahrung und finde darin nichts, was nich befremden könnte.“ Madame Florentine Winkel warf pas Haupt trotzig zurück, und heftete en Blick voll ernſten Vowurfs feſt suf den Majo⸗ ot errn. „Es ſchmerzt mich tief, daß Sie dieſen orwurf mir machen können,“ ſagte ſie,„einen Vorwurf, der geradezu beleidigend iſt. Ich habe mich niemals mit Perſonen, die unter mir ſtanden, in Intriguen eingelaſſen, und ich wüßte nicht, was mich veranlaſſen könnte, eine Intrigue mit dieſem Manne anzukuüpfen.“ „Vielleicht waren Sie unzufrieden über den Empfang, den Sie in meinem Hauſe gefunden haben?“ „Auch n dieſem Falle würde ich mich nicht ſo tief erniedri⸗ gen! Ich wiederhole Ihnen, der Mann war zum erſten Male bei mir.“ „Und wa wollte er hier?“ „Spioniren.“— Der Baron blickte die hübſche Frau forſchend an, dann ath⸗ mete er erleichtert auf, bie Befürchtung, daß ſie ſich mit dem Verwalter gegen ihn verbündet haben könne, war beſeitigt. Er hatte am Tage vorher mit dem Verwalter wieder einmal einen heftigen Auftritt gehabt, und es waren bei dieſer Gele, genheit von Seiten des letzteren Aeußerungen gefallen, die ihn deutlich erkennen ließen, welchen Verdacht Wortmann gegen ihn hegte. Unter ſolchen Umſtänden mußte es ihm doppelt lieb ſein, daß die ſo plötzlich aufget auchte Beſorgniß unbegründet war. „Spioniren?“ wiederholte er, während er Platz nahm.„Forſcht er vielleicht Geheimniſſen aach?“ „Er kann ſich über den Tod ſeines Freundes Hurter nicht be⸗ ruhigen.“ Der Baron zog die Brauen zuſammen. „Deshalb war er bei Ihnen?“ ———————— ———— — 1060— „Nur deshalb,“ nicke Madame Winkel lächelnd. auf die hinterlaſſenen Papiere Hurter's abgeſehen—“ „Ein Andrer beſitzt ſie ſchon.“ „Woher wiſſen Sie das?“ „Sie hören, daß ich es weiß.“ „Und wer iſt dieſer Andre?“ „Spekuliren Sie vielleicht auch auf die Papiere?“ fragte der Majo atsherr ſpottend. „Bewahre, was ſollte ich in ihnen ſuchen?“ „Das weiß ich freilich ebenfalls nicht, aber es wäre ja mög⸗ lich, daß auch Sie Geheimniſſe wittern, deren Enthüllung Ihnen Sorge und Kopfweh macht.“ „Nein, nein,“ lachte die hübſche Frau mit einer abwehrenden Bewegung,„avon bin ich keine Freundin. Ich errathe übrigens ſchon, wer die Papiere hot, iſt es nicht der Po.„irath Heller?“ „Kennen Sie den auch?“ „Er war ja hier, als die Leiche gefunden wurde.“ „Erſt da haben Sie ihn kennen gelernt?“ „Nun ja, er ging mit Ihrem Beüder in mein Zimmer, m mit ihm über das verſchwundene Kind zu reden. Bei dieſer Ge⸗ legenheit ſprach er davon, man müſſe die hinterloſſenen Papiere des Verſtorbenen durchſehen, um in ihnen Aufſchlüſſe zu ſuchen.“ „Nur deshalb wollte er die Papiere haben?“ „So viel ich weiß, ja.“ „Und mein Verwalter verfolgte denſelben Zweck?“ „Jawohl, aber nicht ihn allein, wie es mir ſchien. Er hoffte in den Papieren noch etwas Andres zu enidecken, was, weiß ich ſelbſt nicht. Ich glaube, Sie haben keinen treuen Diener an die⸗ ſem Manne.“ „Dieſen Glauben habe ich längſt gehegt,“ ſagte der Wio 8 atsherr.„Worauf ſützen Sie ihn?“ „Auf Aeuserungen, die mich befremdeten. Ich würde ihn entlaſſen und mich nicht weiter um ihn bekümmern, er iſt nur dann gefährlich, wenn er in Ihren Dienſten bleibt.“ Der Baron nickte, ſeine Brauen zogen ſich immer drohender zuſammen, und ein Zug voll trotzigen Hohns umzuckte ſeine Mundwinkel. „Er hatte Eie ſich Sorte“ Schau pil nich und „Er ſt „Dis den Tede niſſe Si waren a aus ſeine nach eine Monn ve habe wit viedrigen wußt. zu vermuth „Ge „Er „Sa n „Un Aög⸗ Unen renden higuns eller?“ hofte eiß ich an die⸗ Majo⸗ de ihn iſt nur hender ſeine — 1061— „Er weiß, daß es nur eines geringen Anſtoßes bedarf, ihn zu entlaſſen,“ ſagte er,„und eben deshalb bietet er Alles auf, um ſeine Stellung zu befeſtigen. Ee ſucht und forſcht nach Ge⸗ heimniſſen, mit denen er mir drohen könnte, aber es will ihm nicht gelingen, im Gegentheil, er gräot nur ſich ſelbſt die Grube. Wenn Sie meine Freundin bleiben wollen, Florentine, dann hüten Sie ſich vor dieſem Manne, er iſt ein Intriguant der ſchlimmſten Sorte.“ „Ich habe mir das ſchon gedacht,“ erwiderte die ehemalige Schauſpieler,„er machte ſofort einen unangenehmen Eindruck auf mich, und auf den erſten Eindruck ich viel.“ „Er ſprach al o auch über mich?“ „Das gerade nicht, aber er wollte wiſſen, ob Sie kurz vor dem Tode Hurters hier geweſen ſeien. Ee beſtand darauf, ich müſſe Sie geſehen haben—“ „Und was bezweckte er damit?“ fragte „I'h weiß es nicht.“ Der Majoratsherr ſchüttelte den Kopf. Aber ſeine Wangen waren auffallend bleich geworsten, und eine ſichtbare Angſt ſprach aus ſeinen unſtäten Blicken. „Sie erſehen daraus, daß er gegen mich intriguirt,“ ſagte er nach einer Pauſe,„und zwar benutzt er dabei Mittel, die kein Mann von Shre gutheißen, geſchweige denn wihlen würde. Ich habe mit Hurter niemals Verkehr gehabt, ich verachte ihn ſeiner niedrigen Geſinnungen wegen, und Wortmann hat das auch ge⸗ wußt. Wie kommt er nun dazu, mich in dieſe Verbindung mit ihm zu bringen, und wos bezweckt er damit?“ „Ich ſage Imen noch einmal, ich weiß es nicht, aber ich vermuthe, naß es nichts Gutes iſt, was er bezweckt.“ „Gewiß nicht, und deshalb hſiten Sie ſich vor ihm.“ „Er hat mich in Oſthofen geſehen.“ „Sagte er Ihnen das?“ „Jawohl.“ „Und was kümmerte es ihn?“ fuhr der Majorais „Er hat Sie ausforſchen wollen—“ „Benn er das mollte, bann iſt es ihm nicht gelungen, über den Zweck meines Beſuchs het er nichts erfahren.“ „Das veruhigt mich nicht gan:. Er wird dieſen Verſuch wie⸗ der Baron raſch. — 1062— derholen, er iſe eine von jenen zähen Naturen, die mit unermüd⸗ licher Ausdauer ihren Zweck verfolgen, bis ſie ihn erreicht haben., „Dieſen Zweck wird er nicht erreichen,“ erwiderte Madame Winkel lächelnd.„Erinnern Sie ſich noch der kleinen Roſi?“ Der Baron ſah ſie frag en an, er ſchien nicht zu wiſſen was er darauf antworten ſollte. „Reſi, die Bollettänzerin,“ fügte die Schau ſpielerin hinzu. „Sie lief Ihnen ja förmlich nach, und Sie ſpielten wit ihr, wie die Katze mit der Maus.“ „Ach ja, war ſie nicht brüneit?“ 7 „Nein, goldblond.“„. „Richtig, goldſchimmerndes Haar und blaue Augen, ſie war wüthend auf mich, weil ich ſie nicht beachrete.“ „Na, na, Sie haben einen kleinen Roman mit ihr geſpielt, wollen Sie das jetzt noch leugnen?“ „Die Wahrbeit leugne ich nie.“ „Und ſpäter verſuchte die Roſi alles Mögliche, um mich zum Bruch mit Ihnen zu veranlaſſen. Einen boshafteren Satan habe ich nie kennen gelernt ſie ſäete überd Zwietracht, aber bei mir gelang es ihr nicht.“ Der Majoratsherr nickte, dieſes Thema ſchien ihn gar nicht zu intereſſiren. „Sie hotte eine Schweſter,“ fuhr Madome Winkel fort,„ſie wurde nur Patſchuli⸗Olga genonnt wegen ihrer Vorliebe für die⸗ ſee Parfum. Die ſchöne Olga haben Sie auch gekannt.“ „Kann ſein, ich habe damals viele Damen gekannt,“ erwi⸗ derte der Beron verwirrt, ohne zu bemerken, baß der forſchende Blick der ſchönen Frau durchdringend auf ihm ruhte. „Aber der ſchönen Olga müſſen Sie ſich noch ſehr lebhaft erinnern.“ Weshalb?“ „Haben Sie ſchon das Duell mi unſerm erſten Liebhaber vergeſſen?“ „Mit Winkelmann?“ „Nein, ſo hieß er nicht. Winkelmann hieß auch ein Schau⸗ pieler, den ich erſt ſpäter kennen lernte, er ſpielte llerbings ebenfalls dis erſten Liebhaberrollen, aber mit ihm hatten Sie keine Duelle.“. „Rö hutten L nächſten Der enen N weiter,„ „Ach Majorals N ſ „Un geſſen m „De „6s anders, verſagte erſt aus genoſſe „A und S „El handelt c zum n habe dei mir G — — — 1063— „Ja ich dachte, er ſei es geweſen.“ „Röder hieß er, entſin nen Sie ſich jetzt der Affire? Sie hatten Olga beleidigt, er forderte Sie, und das Puell find am nächſten Tage ſtatt.“ Der Baron ſtrich mit der Hund über die Stirne und ließ ſie einen Moment auf den Augen ruhen. „Es war ein unblutiges Duell,“ plauderte Madame Winkel weiter,„Sie müſſen ſich der Sache noch erinnern.“ „Ach was, laſſen wir die Vergangenheit ruhen,“ ſagte der Majoratsherr ungedulbig,„wozu autzen denn dieſe alten Erinne⸗ rungen?“ „Ich finde ſic ſo ſehr angenehm.“ „Und mich führen ſie in eine Zeit zurück, die ich lieber ver⸗ geſſen möchte“ „Das kann Ihr Ernſt nicht ſein.“ „Es war eine tolle Zeit, der gereifte Mann denkt darüber anders, wie der leichtlebige Jüngling.“ „Aber jenes Duell! Es war ja ſo heiter, wie die Piſtolen verſagten, und dem Duell ene Champagnerféte folgte, vei der es erſt ausgeplaudert wurde, daß die Waffen gar nicht geladen ze⸗ weſen waren.“ „Laſſen wir dieſe Thorheiten ruhen,“ ſagte der Baro un⸗ willig, wahrenb ſein Blick die Photographien an der Wand ſtreifte. „Ich frage noch einmal, welchen Nutzen haben dieſe Frinn r4 gen? Wir ſind beide älter geworden und auch Sie werden jener Zeit nur mit Bedauern gedenken—“ „Keineswegs!“ fiel Madome Winkel ihm in die Rede.„Es war meine ſchönſte, und ich darf es dreiſt behaupten, meine glück⸗ lichſte Zeit. Könnte ich ſie noch einmal zürückrufen, ſo würde ich es mit Vergnügen thun. Sie haben auch damals das Leben genoſſen, und ich habe Sie nie darüber ertappt, daß Sie Reue empfunden hätten.“ „Sie kommt ſpäter!“ „Ah bah, die Reue hat nur über ſchwache Naturen Gewalt und Sie waren ſiets ein ſtarker Charakter.“ „Eben beshalb habe ich ſpäter eingeſehen, wie thöricht ich handelte, als ich meine Jugend ſo leichtfertig vergeudete, erwi⸗ — 1064— derte der Majaratsherr achſelzuckend,„und an Thorheiten wird man nicht gerne erinnert.“ „An Thorheiten? So war wohl auch Ihre Liebe zu mir eine Thorheit?“ „Ich kann das nicht leugnen.“ In den Augen der früheren Schauſpielerin blitzte es auf, aber der Baron bemerkte es nicht, oder er legte keinen Werth darauf⸗ „So haben Sie auch alle jene Worte ſchon vergeſſen, die Sie amals zn mir geredet haben?“ ſagte ſie.„Ich hätte nie geglaubt daß Sie es könnten, und erſt jetzt wird es mir klar, daß ihre Liebe Heuchelei war.“ „Damals wohl nicht!“ „So ſind Sie ein Andrer geworden oder niemals derjenige geweſen, der mit den heiligſten Schwüren ſeine Liebe mir verſicherte.“ Ihr glühender Slick ruhte feſt auf ihm, und ein triumphi⸗ rendes Lächeln umzuckte ihre Lippen, als er vernirrt die Augen iederſchlug. „Was wollen Sie damit ſagen, Florentine?“ fragte er ſcharf. „Ich will Ihnen keinen Vorwurf machen, aber beweiſen will ich Ihnen, daß ich niemals ſo gedachtshabe, wie Sie.“ Sie holte das Album aus dem Glasſchrank und öffnete es, dann legte ſie das Porträt des Barons auf den Tiſch. „So habe ich das Andenken an Sie bewahrt,“ ſagte ſie, und wieder traf ihn ein ernſter voller Blick,„ich habe mich nie von ieſem orträt getrennt, und um keinen Preis wäre es mir feilgeweſen.“ Im erſten Moment war der Baron überraſcht geweſen, aber etzt zuckte er abermals die Achſeln und ein Zug der Gering⸗ ſchätzung glitt über ſein pockenmarkiges Geſicht. „Und welchen Werth haben ſolche Andenken?“ fragte er ſpöttiſch. „Erinnern Sie ſich noch der Hand, die das Bild gezeichnet hat?“ erwiderte Mademe Winkel, ohne von ſeinem Spott Rotiz zunehmen. „Nein“ „Jinden Sie das Poträt ähnlich?“ „Ueßer die Aenlichkeit des eignen Porträts ann wohl Nie⸗ mand ein richtiges Urtheil fällen.“ „Dieſelbe Haid zeichnete auch dieſes Porträt!“ Baron Edmund warf einen gleichgultigen Blick auf das Blatt ſielers, „3 fuhr der Sudeleie widerte dings n mögen innerun „ neide S „2 wenn S ſpielet Zit kei kte, n war fe chwöre „D erwide gen de Nie⸗ — 1065— ſeine Brauen zogen ſich zuſammen und die Adern auf ſeiner Stirne ſchwollen an. „Was ſoll das?“ fragte er barſch. „Kennen Sie des Porträt nicht?“ „Nein. „Es gleicht Ihnen mehr, als das andre.“ „Kann ſein, ich will darüber nicht urtheilen.“ „Und doch iſt es nicht das Porträt des Baron Edmund von von Oſthofen,“ ſagte die Schauſpielerin langfam und feſt auf jedes Wort Nachdruck legend,„es iſt das Porträt eines Schau⸗ ſpielers, den Sie ſehr gut gekannt haben.“ „Ich frage Sie noch einmal, was das Alles bedeuten ſoll!“ fuhr der Majoratsherr zornig auf.„Was kümmern mich dieſe Sudeleien, dieſe Reminiacenzen aus einer vergangenen Zeit?“ „Du lieber Himmel, weshalb ereifern Sie ſich ſo ſehr?“ er⸗ widerte Madame Winkel ſcheinbar befremdet.„Sie haben aller⸗ dings nach dieſer Zeit ein vielbewegtes Leben geführt, und da mögen Sie Vieles vergeſſen haben, ich aber zehre von dieſen Er⸗ innerungen und vergolde mit ihnen die Gegenwart.“ „Ich will Ihnen dieſes Vergnügen nicht rauben, aber ich be⸗ neide Sie auch nicht darum!“ „Wie höhniſch Sie das ſagen. Ich würde Ihnen eher glauben, wenn Sie nicht der Baron von Oſthofen, ſondern dieſer Schau⸗ ſpieler Konrad Landau wären, ihm iſt die Erinnerung an jene Zeit keines wegs angenehm. Sie wiſſen doch, doß er heimlich flüch⸗ tete, weil er mit gefälſchten Karten geſpielt hatte?“ Wieder ſtrich der Baron mit der Hand über die Stirne, ſie war feucht geworden und die Falten auf ihr hatten ſich vermehrt. „Ich habe ihn nicht gekannt,“ ſagte er. „Nicht? Des wäre ſeltſam. Ich möchte einen Eid darauf chwören, daß Sie ihn beſſer gekannt haben, wie ich.“ „Der Baron ſah ſie ſtarr an, der Ausdruck ſeines fahlen Ge⸗ ſichts verrieth, daß er nicht wußte, was er auf dieſe Bemerkung erwidern ſollte, und danehen prägte ſich in dieſen verzerrten Zü⸗ gen deutlich die wachſende Angſt aus, die er vergeblich zu ver⸗ bergen ſuchte.“ „War dieſer Maun gleichzeitig mit Ihnen engagirt?“ fragte er nach einer Pauſe. —— — — — 1066— „J- ohl, in Wien. „Ich bin nie in Wien geveſen.“ „Nie?“ etwiderte die Schauſpielerin mit gehobener Stimme, „daß Sie das behaupten können, iſt mir geradezu unbegreiflich, Sie haben mich dort beſucht—, „Und ich ſage Ihnen, dem iſt nicht ſo, Madame!“ „Aber, Konrad, weshalb wollen Sie es leugnen?“ „Sie verwechſein mich mit einer andern Perſon,“ ſchnitt er Majoratsherr ihr das Wort ab, indem er ſich von ſeinem Sitz erhob.„Ihr Gedächtniß ſcheint ſchwächer geworden zu ſein, als i meinige. Oder ſollte ich dennoch Recht haben, ſollte die Be⸗ füͤrchtung, daß Sie mit meinem Verwalter verbündet ſind, be⸗ gründet ſein? Ich würde in dieſem Falle Sie bedauern, denn ein Bündniß mit jenem Intrignant konnte nur unheilvoll für Sie ſein.“ „Das weiß ich ſelbſt, desh lö, werde ich mich vor einem ſolchen Bün niß hüten,“ ſagte Madame Winkel. „Ich habe ja überhaupt keine Veranliſſung zu einer Intrigue gegen Sie—“— „Das haben Sie in der That nicht, meine? chaft muß Ihnen werthvoller ſein, als die Freundſchaft dieſes boshaften Menſchen, der den Freund ſo gut wie den Feind ſeinen ſelöſt⸗ ſüchtigen Zwecken opſert. Aber ich kann mir jett venken, wie das Alles gekommen iſt,“ fuhr der Barou irvniſch fott er Verwalter heſuchte den Hofmeiſter, die Beiden paßten in ihren Geſinnungen zu einander, Sie waren mit Hurter befreundet, und der letztere verſtand es vortrefflich, Intrizuen einzufädeln. Da wurde denn der Plan entworfen, mich zu verdächtigen, um eine namhafte Summe von mir zu erpreſſen.“ „Wenn dieſer Plan jemals beſtanden hat, ſo war ich aicht an ihm betheiligt!“ erwiderte die Schauſpielerin, das Haupt trotzig zurückwerfend.„Wenn ich eine Ahnung von ihm gehabt hätte, ſo würde ich den Geliebten meiner Jugend gewarnt haben, aber niemals wäre ich ihm beigetreten. Das hätten Sie, wollten Sie der früheren Zeit ſich erinnern, ſelbſt ſich ſagen können Sie mußten wiſſen, daß Sie von mir—“ nungen nicht erfüllt fanden.“ ſtehe S W ſelt? lung ni kürlich, werden 7 zurüc ſagt haben und a feindli — 1067— „Eine Rache? ſo niedrig habe ich niemals gedacht. Und Hoff⸗ nungen habe ich damals auch nicht gehegt, i wußte, daß ich Ihrer Braut das Feld räumen mußte, und als ich es that, da bedauerte ich nicht mich ſondern Sie.“ „Dennoch behaupte ich noch einmal, daß ein ſolcher Plan be⸗ ſtanden hat.“ „Ich will das nicht beſtreiten.“ „Und wenn Sie das zugeben—“ „So beſtreite ich trotzdem die Conſequenzen, die Sie daraus ziehen wollen! Mit mir hat der verſtorbene Hofmeiſter nie über Sie geſprochen, im Gegentheil, es war ihm nur unangenehm, wenn man in Bezug auf ſeine Vergangenheit oder ſeine Perſon eine Frage an ihn richtete.“ „Er ſollte nie mit Ihnen darüber geredet haben?“ fragte der Baron zweifelnd. „Nein, niemals.“ „Ihre Haltung ſtraft dieſe Behauptung Lüge!“ „Meine Haltung?“ fragte Madame Winkel erſtaunt.„Ich ver⸗ ſtehe Sie wirklich nicht.“ „Weshalb haben Sie mich mit einer andern Perſon verwech⸗ ſelt? Wollen Sie leugnen, daß es abſichtlich geſchehen iſt?“ „Ja, das beſtreite ich! Ich habe an eine abſichtliche Verwechs⸗ lung nicht gedacht, iſt ſie dennoch geſchehen, ſo geſchah es unwill⸗ kürlich, und darüber kann mir ſchwerlich ein Vorwurf gemacht werden.“ „Sie haben behauptet, ich müſſe Sie in Wien beſucht haben!“ „Ich dachte an den Schauſpieler Landau und noch in dieſem Augenblick muß ich an ihn denken,“ erwiderte die hübſche Frau, während ihr Blick verſtohlen das pockennarbige Geſicht ſtreiſte „Sie gleichen ihm auß⸗rordentlich.“ Der Baron befand ſich in ſichtbarer Verlegesheit, er kaute an den Spitzen ſeines Schnurbarts und blickte dabei finſter vor ſich bin. „Ich erſuche Sie noch einmal, auf deſes Thema nicht mehr zurückzukommen und überhaupt die Vergangenheit ruhen zu laſſen,“ ſagte er nach einer Weile in herbem, befehlendem Tone.„Wir haben es mit der Gegenwort zuthun, und da fragt es ſich einzig und allein, ob Sie ſich auf einen und ſchaftlichen oder einen feindlichen Fuß mit mir ſtellen wollen. Blriber —— — — —— — 1068— din, ſo dürfen Sie in allen Stücken auf mich zählen, und ich meine, Sie müßten einſehen, daß Ihnen daraus uur Vortheile erwachſen können.“ „Vortheile?“ fragte die Schauſpielerin,„Sie ſtehen im Be⸗ griff, wieder zu heirathen—“ „Ich glaube Ihnen ſchon geſagt zu haben, daß von einer Wiederanknüpfung unſrer früheren Beziehungen nicht die Rede ſein kann, und Sie werden das unter den obwaltenden Umſtän⸗ den auch ſelbſt nicht wünſchenswerth finden.“ „Sie verlangen ſogar, daß jede Verbindung zwiſchen uns abgebrochen wird.“ „Ich muß auf meine Familierverhältniſſe Rückſicht nehmen.“ „Sehr wohl, dann aber dürfen Sie auch nicht von Vorthei⸗ len reden, die Sie mir ſo verlockend ſchildern wollen.“ „Sie haben mir geſagt, daß Sie keiner Unterſtützung ürften.“ „Und dies iſt die Wahrheit. Der Nachlaß meines ſel'gen Gatten hat mir eine kleine Rente geſichert, aber das iſt auch Alles.“ „Genügt ſie Ihnen nicht? Freili in früheren Jahren— „An die frühere Zeit denke ich nicht; es wäre thöricht, wollte ich Vergleiche zwiſchen ihr und der Gegenwart ziehen. Ich würde auch nicht nöthi haben, mich einzuſchränken, wenn nicht die Preiſe aller Bedürfniſſe ſo ſehr geſtiegen wären. „Alſo würden Sie eine Unterſtützung annehmen?“ „Eine Unterſtützung wohl, nicht aber ein Almoſen,“ erwiderte Madame Winkel, die Oberlippe trotzig aufwerfend „Und was nennen Sie ein Almoſen?“ „Die Penſion, die Sie Ihrem früheren Hofmeiſter gezahlt haben.“ „Sie wäre Ihnen zu gering?“ Die Schaupielerin ſah ihn feſt an, er ſchlug den Blick nie⸗ der, es lag etwas in ihren Augen, was ihn erkennen ließ, daß ſie ihn durchſchaut haite, und daß es vergebliche Mühe war, ſie täuſchen zu wollen. „Ich würde das, wie geſagt, als ein Almoſen betrachten,“ erwiderte ſie„Giue Uanterſtützung in runder Summe hingegen würde ich nicht zurückweiſen.“ „Unb wie groß müßte dieſe Summe ſein?“ fragte der Baron ni nihj Theoter thelen, zu wiſſel ind. S — Q —— — S S mungen, ſeine Ge ſeine Er Geld iſ viel, wie „Vo zehntauſe ſponend. könnte geſetzt! Der „W „Zu „Y „No duß m dabei e „N gen in jotatih rn — 1069— mit mühſam erzwungener Ruhe. Ich weiß, das leichte Völkchen vom Theater gibt ſich nicht mit Kleinigkeiten ab, es fordert gleich—“ „Verzeihen Sie, ich fordere nichts! Sie ſprechen von Vor⸗ theilen, auf die rechnen dürfe, da iſt es wohl natürlich, daß ich zu wiſſen wünſche, ob dieſe Vortheile wirklich der Rede werth ſind.“ „Und wenn ſie es nicht wären.“ „So würde Ihnen nicht geſtatten, damit zu prahlen.“ „Sie würden dann nicht meine Freundin ſein?“ „Das habe ich nicht geſagt.“ Der Blick des Majoratsherrn tuhte gedankenvoll auf den Zeich⸗ nungen, die noch auf dem Tiſch lagen, der wechſelnde Ausdruck ſeines Geſichts ließ erkennen, daß es ihm unſägliche Mühe koſtete⸗ ſeine Erregung zu bezwingen, und die äußere Ruhe zu bewahren, „Würden Sie tauſend Thaler annehmen?“ fragte er. „Es gab e ne Zeit, in der ein Schmuck, der nur tauſend Tha⸗ ler koſtete, von mir zurückgewieſen wurde—“ „Aber die Zeit hat ſich geändert!“ „Ich für meine Perſons kann dem nicht beipflichten. Das Geld iſt werthloſer geworden, damals galten tauſend Thaler ſo viel, wie heute zehntauſend.“ „Wollen Sie damit ſagen, daß Sie nur ein Geſchenk von zehntauſend Thaler annehmen würden?“ fragte der Baron ſpottend. „Es wöre die niedrigſte Summe, die mir angeboten werden könnte,“ erwiderte die hübſche Frau, ironiſch lächelnd,„voraus⸗ geſetzt natürlich, daß Sie mir überhaupt etwas anbieten wollten.“ Derr Baron ſchwieg, er ſchien mit einem Entſchluß zu kämpfen. „Wollen Sie mir dieſe Porträts überlaſſen?“ fragte er. „Zu welchem Zweck?“ „Muß denn Alles, was man wünſcht, einen Zweck haben?“ „Nach meinem Dafürhalten ja! Ich kann mir nicht denken“ daß man etwas thun oder wiſſentlich unterlaſſen könnte, ohne dabei einen beſtimmten Zweck im Auge zu haben.“ „Nun denn, ich möchte der Möglichkeit, daß dieſe Zeichnun⸗ gen in andere Hände fallen können, vorbeugen,“ ſagte der Ma⸗ ioratsherr,„ein Intriguant könnte ſie beuntzen, un—“ =—— mmm— —— ————— — — — 1070— „So lang ſie in meinen Händen ſind, haben Sie das nicht zu befürchten.“ „Sie werden ſie mir alſo nicht geben?“ „Ich will ſie Ihnen verkaufen.“ „Zu welchem Preis?“ „Jedes Stück zehntauſend Thaler.“ Jetzt blitzte es auch in den Augen des Barons auf. „Madame, Sie knüpfen an dem ſoeben ausgeſprochenen Wunſch Vermuthungen, die vollſtändig aus der Luft gegriffen ſind,“ ſagte er in leibenſchaftlicher Aufwalung. Für mich haben dieſe Zeich⸗ nungen gar keinen Werth, und ich müßte wirklich wahnſinnig ſein, wenn ich den ſo unverſchämt hohen Preis dafür zahlen wollte⸗ Es iſt mir ſogar ganz gleichgültig, ob und welchen Gebrauch Sie von den Porträts machen wollen, außerordentlich gleichgültig, ich würde einer böswilligen Vermuthung ſehr energiſch entgegen⸗ treten und den Verläumder rückſichtlos vernichten.“ „Sagen Sie das Alles mir?“ fragte die Schauſpielerin ruhig. „Natürlich! Ich weiß jetzt, was ich von der Maske zu halten habe, die Sie mir zu zeigen ſich befbben und—“ „Herr Baron, wo zu ereifern Sie ſich? Was habe ich Ihnen denn gethan, woraus Sie Veranlaſſung nehmen können, mir dieſe Worte zu ſagen, die offenbar darauf berechnet ſind, mich au be⸗ leidigen und zu verletzen? Sie haben mir Vortheile und Ge⸗ ſchenke aus freien Stücken angeboten, und ich ging auf dieſes Anerbieten ein, wie es jeder andere gethan haben würde. Sie wünſchen dieſe Porträts zu erhalten, aus welchem Grunde, weiß ich nicht, und es kann mir auch gleichgültig ſein. Für mich aber find die Zeichnungen werthvolle Erinnerungen, alſo muß es mir auch freiſtehen, ihren Werth zu beſtimmen. Haben ſie für Sie nicht denſelben Werth, ſo zwingt Sie ja Niemand, ſie zu kaufen.“ Sie ha tte das in aller Ruhe und ohne eine Spur von Er⸗ regung geſagt, und der Baron mochte einſehen, daß er zu weit ge⸗ gangen war, er preßte die Lippen aufeinander und zwang ſich ſichtbar, ſeiner Aufregung Herr zu werden. „Sie weichen mir aus, wie eine Schlange,“ erwiderte er, Sie nehmen im nächſten Augenblick zurück, was Sie in der Minute vorher geſagt haben, aber mich täuſchen Sie durch dieſe Maske nicht. z zahlen dre eſor ſu dieſen ſucht hal erinnert dieſen 3 Sie den ſyp gen, die wurf mit mir auge rungeh ſch ecen vergang zwerft „De „Si forberte „Ich „Leu ausſyred „He Es wö gefulle dies, n ſchaftli liegt, 1 chtte, güben. De klarer gab, g „Ei genen „U du nicht en Wy Wunſch ad ſagte nnig ſein, wollte. auch Sie ichgültig, entgegen⸗ „ uſpielerin zu halten ich Jhnen mir dieſe cheen be⸗ und Ge⸗ uf dieſes ude. Sie nde, weiß nich aber uß es mir Sie nicht ufen.“ rvon Er⸗ u weit ge⸗ zwong ſich te et,„Sie er Minute ieſe Masle — — 1071— nicht. Sie wollen mich zwingen, Ihnen eine namhafte Summe zu zahlen, und Sie ſtützen ſich dabei auf Vermuthungen, die An⸗ dre erſonnen haben, euf Vermuthungen, die haltlos und albern find, daß jedes Kind darüber lachen würde. Ich weiß, daß Sie dieſen Zweck verfolgen, und daß Sie nur deshalb mich aufge⸗ ſucht haben, während Sie im andern Falle ſich meiner nicht mehr erinnert hätten, aber ich gebe Ihnen die Verſicherung, daß Sie dieſen Zweck nicht erreichen werden.“ „Sie ſcheinen ſich heute in einer ſehr üblen Laune zu befin⸗ den,“ ſpottete Madame Winkel,„Sprechen Sie von Vermuthun⸗ gen, die ich aus der Luft greife, ſo kann ich Ihnen dieſen Vor⸗ wurf mit beſſerem Recht machen. Sie haben den Verwalter bei mir angetroffen und ziehen zaraus ohne Weiteres Schlußfolge⸗ rungen, die jeder Begründung entbheren. Ihre Drohungen er⸗ ſchrecken mich nicht, Hrre Baron, ſie dienen mir nur dazu, die vergangenen Ereigniſſe noch einmal zu prüfen und bie Frage auf⸗ zuwerfen, ob Sie wirklich der Mann ſind, den ich geliebt habe.“ „Daß Sie daran zweifeln—“ „Das iſt lediglich Ihre Schuld!“ „Sie würden nicht mehe zweifeln, wenn ich Ihnen die ge⸗ forderte Summe zahlte!“. „Ich habe keine Forderung geſiellt!“ „Leugnen Sie doch nicht. Man kann auch verblümt etwas ausſprechen.“ „Herr Baron, die Unterhaltung beginnt peinlich zu werden. Es wäre vielleicht beſſer, wenn Sie über die Worte die hier ge⸗ gefallen ſind, ruhig nachdenken wollten. Vielleicht, und ich hoffe dies, werden Sie dann zu der Einſicht gelangen, daß ein freund⸗ ſchaftliches Verhältniß mehr in Ihrem als in meinem Intereſſe liegt, und es wäre möglich, daß ich Ihnen dieſe Porträts ver⸗ ehrte, wenn Sie mir Beweiſe einer aufrichtigen Freundſchaft gäben.“ Der Baron ſah ſie wiederum ſtarr an, es mußte ihm immer klarer werden, daß er ſelbſt dieſer Frau Waffen in die Hände gab, gegen die er ſelbſt machtlos war. „Eine aufrichtige Freundſchaft kann ich nach dem Vorhergegan⸗ genen von Ihnen nicht erwarten,“ ſagte er. „Und weshalb nicht?“ erwiderte die Schauſpielerin ruhig. — 1072— „Verſuchen Sie es, und Sie wer⸗en mich bereit finden, Ihnen entgegen zu kommen. Und ich wiederhole Ihnen, es iſt beſſer, daß Sie vorher ruhig darüber nachdenken, in erregten Augen⸗ blicken thut man nur das, was ſpäter Reue erweckt. Und wenn Sie einen Entſchluß gefaßt haben, dann theilen Sie ihn mir mit, damit auch ich weiß, welche Stellung ich Ihnen gegenüber zu nehmen habe. Als Ihre Freundin könnte ich Ihnen vielleicht manchen werchvollen Wink geben, ich bitte Sie auch darauf Rück⸗ ſicht zu nehmen.“ Der Majoratsherr erwiederte darauf kein Wort, er ſtand be⸗ reits an der Thür, die er jetzt öffnete, und er ſah nicht das triumphirende Lächeln, welches die Lippen der hübſchen Frau um⸗ ſpielte, als er ohne Gruß hinausſchritt! Seine Stirne war finſter umwölkt, und die Gluthen der Rach⸗ ſucht leuchteten aus ſeinen Augen, während er raſch die Straßen durchwanderte, um im Hotel ſein Pferd zu beſteigen und den Heimweg anzutreten. Wuchſen denn ſeine Feinde wie Pilze aus dem Boden? Es war ganz unzweifelhaft, daß dieſe ehemalige Schauſpielerin ſich mit dem Verwalter verbündet hatte, aber er wollte ihre Pläne durchkreuzen. Wer konnte ihm denn etwas anhaben? Wer hatte Beweiſe gegen ihn, die er fürchten mußte? In finſterem Sinnen ritt er nach Oſthofen, es war doch nicht Alles ſo, wie er es wünſchte, es waren noch immer dro hende Wolken am Horizont, und dieſe Wolken ſchienen ſich allmälig über ihm zuſam menziehen zu wollen. Er ſtieß ſeinem Roß die Sporen in die Weichen, daß es ſich hoch aufbäumte. Mochten ſie ſich Alle gegen ihn verſchwören, Alle genen ihn intriguiren, er wollte ihnen die Stirne zeigen; ſo lange ſie nichts beweiſen konnten, brauchte er ſie nicht zu fürchten. Der Polizei⸗ rath war der Einzige, und dieſer wurde jetzt in London beſchäf⸗ tigt, er konnte ſich der Hurter'ſchen Angelegenheit nicht widmen, vielleicht in Monaten nicht, denn es war mit Gewißheit anzu⸗ nehmen, daß er nicht eher zurückkehrte, bis er die damals ver⸗ ſchwundene Tochter des Baron Udo gefunden hatte. Und kam er ſpäter zurück, dann war über die alten Ge⸗ ſchichten Gras gewachſen, dann hotte der Majgratsberr die To“⸗ ter des! nhrſche 66 man du Die und meh Krebit, t Wochen Händen, iu 3 „Ho hauſen Das ſinen der wit Zügel 3 „N will u De zu ihn vc die ieden S derreite Unde Eie ſ D „ er mit do ſa hans i „ ißen „Und auf n 3 Iren beſer, nAgen, lnd ven nir nit enüber zu vielleiht auf Rüc⸗ ſond be⸗ det Rach⸗ Straßen und den en? ſpielerin re Pläne Beweiſe ritt er ünſchte, Wolken . e ſich wen ihn ie nichts Polizei⸗ heſchf⸗ widmen, t anzl⸗ us ver⸗ en Ge⸗ To⸗ — 1073— ter des reichen Bankiers geheirathet und er befand ſich höchſt wahrſcheinlich mit ſeiner iungen Fran auf der Reiſe Es war Alles nicht ſo ſchlimm, wie es den Anſchein hatte, man durfte ſich nur nicht in's Bockshorn jagen laſſen. Die Schatten auf der Stirne des Barons ſchwanden mehr und mehr, er dachte an die Mitgift ſeiner Braut und an den Kredit, den der Bankier ihm eingeräumt hatte.„Nur wenige Wochen noch, dann war die bedeutende Summe in ſeinen Händen, und dann mochte kommen, was wollie, er hatte ſeine Zukanft geſichert. „Holla, wollen Sie noch einmal einen alten Mann über den Haufen reiten7“ Das Pferd hůumte ſich und hlieb ſtehen, der Reiter fuhr aus ſeinem Brüten auf, und ſein Blick fiel auf den Maler Auerbach, der mit verbundenem Haupt vor ihm ſtand und das Thier am Zügel hielt. „Zurück!“ donnerte er.„Laſſen Sie die Zügel los!“ „Nicht eher, bis ich Ihnen geſagt habe, was ich Ihnen ſagen will und muß!“— Der Majoratsherr erhob die Reitgerte, trotzig blickte Aue rbach zu ihm auf. „Schlagen Sie nur,“ ſagte er,„aber hetrachten Sie ſich zu⸗ vor dieſen Ziegenhainer, ich werbe kein Bedenken tragen, Ihnen jeden Schlag mit Zinſen zurückzugeben. Einen alten Mann nie⸗ derreiten iſt Kinderſpiel, aber nur ein elender Schurke thut es. Und ein feiger elender Schurke find Sie trotz des Namens, den Sie führen.“ Der Baron knirſchte mit den Zähnen vor Wuth. „Ich werde Sie wegen Beleidigung verurtheilen laſſen!“ rief er mit heiſerer Stimme.„Muß ich mir von einem Vagabund das ſagen laſſen? Ich werde dafür ſorgen, daß Sie ins Ar beits⸗ haus kommen, wo Sie längſt ſein ſollten.“ „Wenn alle Maſchen da wären, wo ſie ſein ſollen, dann ſßᷣen Sie jetzt im Zuchthauſe,“ erwiderte der Maler höhnniſch. „Und menn ich Ihnen beweiſen könnte, daß Sie den Mordverſuch auf mich gemacht haben—“ „Lügner!“ Der Baſtard. — — ——— —— — —— — — 1074— „Selbſt Lügner! Ich habe Sie in jener Nacht deutlich er⸗ kannt! Und eine ſolche Feigheit ſieht Ihnen ähnlich. Mit der Waffe in der Hand dem Gegner Genugthuung zu geben, dazu fehlt Ihnen der Muth, deshalb greifen Sie zum Meuchelmord, es iſt ja das kürzeſte und bequemſte Mittel, ſich eines Feindes zu entledigen.“ „In des Teufels Namen, wollen Sie ietzt loslaſſen?“ rief der Baron wäthend. „Noch nicht!“ Die Reitgerte ſauſte durch die Luft, wieder bäumte ſich das Pferd, dann flog es pfeilſchnell mit ſeinem Reiter von dannen. Der alte Mann lag aus einer tiefen Kopfwunde blutend, auf der Landſtraße, der Baron kümmerte ſich nicht um ihn, es war nach ſeiner Anſicht nur Nothwehr geweſen, daß er den Schlag geführt hatte. Vor dem Porta! des Schloſſes ſtieg er ab, Johann erſchien nicht, um das Pferd in Empfang zu nehmen, der Majoratsherr gab ihm mit der Hand einen leichten Schlag, und das Thier ſchritt wiehernd dem Stalle zu.„⸗. Die Rechnung mit dem Verwalter ſollte ſofort geordnet wer⸗ den, Baron Edmund wollte damit keine Minute mehr zögern. Der Abend war bereits angebrochen, und ein ſcharfer, eiſig⸗ kalter Wind wehte dem Majoratsherrn entgegen, als er in den Park trat, durch den der nächſte Weg zum Hauſe des Verwalters führte. Die Bäume waren größtentheils ſchon entlaubt, der Winter kündigte ſich an, alle Anzeichen deuteten darauf hin, daß dem ſchönen, ſonnigen Herbſttage eine rauhe Nacht folgen werde. Der Baron hatte das Ziel ſeiner kurzen Wanderung faſt er⸗ reicht, als er ſich plötzlich dem Reitknecht gegenüber ſah. „Woherd Wohin?“ fragte er barſch.„Sie waren beim Ver⸗ walter?“ „Jawohl,“ antwortete Johann, ohne Verlegenheit zu zeigen. „Was wollten Sie bei ihm!“ „Er hatte mich eingeladen—“ „Wam?“ fragte der Veron raſch. „Verhin, als er ans der Stabt kan, er ſagte mir, er habe ſelbſt würde „A „N „Gl Stall g Arbeit ſchen; heit on laſſen, hat er lich, de fahren. Er Schreit erwart bergen „E ratshet Sie x i beſ tüch. Rit de à dazu Helnot, Feindez — ſich das annen. end, auf es war Schlag erſchien oratsherr us Thier „ net wer⸗ gern. r, eiſig⸗ in den twaltets WPinter daß den the. faſt er⸗ ein Ver⸗ eigen. et habe — 1075— mir etwas Wichtiges mitzutheilen, und da wollte ich hören, was es war.“ „Nun? Und was war es?“ „Ja. das weiß ich eigentlich ſelbſt nicht. Er ſchwätzte eine Menge Unſinn, ich bin gar nicht klug daraus g'worden. Aus früberen Zeiten ſollte ich ihm erzählen, er wollte wiſſen, wer damals mit Ihnen befreundet war, wo wir überall gewohnt hatten und—“ „Sie haben ihm auf alle Fragen Antwort gegeben2“ „Da kennen Sie mich ſchlecht, ich laſſe mich nicht aus⸗ ſorſchen.“ „Aber was haben Sie ihm erwidert?“ „Wenn er das Alles genau wiſſen wolle, dann möge er Sie ſelbſt fragen, Sie wüßten es beſſer, wie ich.“ „Und weshalb wollte er es wiſſen? Hat er es Ihnen nicht geſagt?“ „Mit dürren Worten nicht. Er äußerte nur, man müſſe ſich ſelbſt vorſehen, damit man den Schlag pariten könne, und es würde bald hier anders ausſehen.“ „Alſo Ste haben ihm üichts geſagt?“ „Nein.“ „Gut,“ nickte der Baron befriedigt.„Das Pferd iſt in den Stall gegangen, Sie werden es dort finden. Wenn Sie Ihre Arbeit gethan haben, können Sie einmal auf der Landſtraße nach⸗ ſehen; etwa eine Viertelſtunde von hier bin ich in der Dunkel⸗ heit angefallen worden, der Burſche wollte die Zügel nicht los⸗ laſſen, bis ich ihm einen Hieb ins Geſicht gab. Wahrſcheinlich hat er ſich aus dem Staube gemucht, aber es wäre auch mög⸗ lich, daß das Pferd ihn verletzt hat, Sie werden es ja er⸗ fahren.“ Er ſetzte ſeinen Weg fort und trat kurz darauf in die Schreibſtube des Verwalters. Wortmann hatte ihn keinesfalls erwartet, er bemühte ſich vergebens ſeine Beſtürzung zu ver⸗ bergen. „Sie haben kein Glück mit ihrer Signora,“ ſagte der Majo⸗ ratsherr höhniſch,„ich ertappe Sie überal auf friſcher That, und Sie weiden es begreiflich finden, daß ich keine Luſt habe, Leute zu beſolden, die gegen mich intriguiren.“ 68* — — 1076— Der Verwalter hat die verlorenen Faſſun wiedergefunden, ein trotziger Zug glitt über ſein hageres Geſicht. „Es iſt immer mein Beſtreben geweſen, die Wahrheit zu er⸗ forſchen,“ erwiderte er. „Deshalb alſo waren ſie auch bei der Frau Winkel?“ „Ja. Ich will wiſſen, wie es gekommen iſt, daß Hurter ſo raſch und plötzlich ſein Ende gefunden hat.“ „In der That? Sie waren mit Hurter wohl ſehr gut be⸗ freundet?“ „Das ich nicht wüßte! Aber ich intereſſirte mich für ihn.“ „Ich habe Ihnen ſchon früher geſagt, daß bei dieſem In⸗ tereſſe nichts Gutes für Sie heraus kommen würde. Und Sie erklärten damals mir, Sie ſtänden mit dem Manne in keiner Weiſe in Verbindung. Das war eine Lüge, Sie hatten mit ihm und jener Frau Winkel ein Komplott gegen mich geſchmiedet, und von dieſer Intrigue erwarten Sie heute noch ihr Theil.“ „Ich habe die Frau Winkel nie zuvor gekaunt!“ „Dieſe Behanptung klingt ſeltſam, wenn ich derſelben Ihre Erklärung entgegenhalte, daß Sie vfß. dem Beſuch der Frau bei mir Kenntniß gehabt haben.“ „Wenn die Frau Ihnen das Alles wiebererzählt hat, muß ſie auf ſehr intimen Fuß mit Ihnen ſtehen,“ ſagte Wortmann mit beißenden Spott.„Ebenſowohl könnte ich behaupten, daß ſie mit Ihnen verbündet ſein müſſe mehr von dem Tode Hurters wiſſe, als ſie verrathen wolle.“ „Auf vieſe Bemerkung gebe ich Ihnen gar keine Antwort, ſie iſt zu albern,“ erwiberte der Majoratsherr achſelzuckend.„Was die Frau weiß, oser nicht weiß, kümmert mich auch weiter nicht. Sie haben vorhin den Verſuch genacht, meinen Reitknecht auszu⸗ forſchen, Sie wellten unter jeder Bedingung ſich eine Waffe gegen mich verſchaffen.“ „Vielleicht habe ich ſie ſchon!“ Wenn der Verwalter geglaubt hatte, mit di ſer Behauptung den Baron einſchränken zu können, ſo ſollte er ſich darin ge⸗ täuſcht ſehen, der Majoratsherr lachte und der ruhige Ausdruck ſeines Geſichts verrieth nicht die mindeſte Beſorgniß. „Dann machen Sie Gebrauch davon,“ ſagte er.„Gelegen⸗ heit dazu werde ich Ihnen geben. All dieſe Machinationen ſind —— erinner Sie h ſollen, Beuder hahen, anerken 5. Blut Sie v brige ſo ſc Reviſ müſ gunt nſt ſie mit em Tode 3 d. atvort, ter nicht. t aun⸗ ffe gegen hauptung arin ge⸗ udnd Gelegen⸗ nen ſind — 1077— nur Ihrer Angſt entſprungen, Sie haben kein reines Gewiſſen und leben in der ſteten Beſorgniß, daß ich Ihnen die Heuchler⸗ maske abreißen werbe.“ „Ich glaube, die Furcht auf Ihrer Seite iſt größer!“ „Daß ſie es nicht iſt, werde ich Ihnen ſogleich beweiſen. Ich erinnere Sie noch einmal an unſere letzte Unterredung in London; Sie hätten meine Warnung beherzigen und meinem Rathe folgen follen, ſo wären Sie beſſer gefahren. Daß Sie direct meinen Bruder und indirect mich um ſechszigtauſend Thaler beſtohlen haben, unterliegt für mich keinem Zweifel. Ich habe dafür Be⸗ weiſe, die mir genügen, und der Richter wirb bieſe Beweiſe auch anerkennen müſſen.“ „Sie haben keinen Beweis,“ rief der Verwalter, dem das Blut jäh in die Wangen ſtieg,„Has Geld iſt ehrlich erworben, Sie werden das Gegentheil nicht beweiſen können.“ „Der Beweit wir Ihnen, nicht mir auferlegt werden. Ue⸗ brigens werde ich auch die Rechnungsbücher prüfen laſſen, und ſo ſchlau Sie auch ſein mögen, zweifle ich doch nicht, daß die Reviſoren die Fälſchungen und Unterſchlagungen herausfinben werden.“ „Mir kann's recht ſein, wenn ſie ſich den Kopf darüber zer⸗ brechen wollen,“ erwiderte Wortmann, der jetzt die Maske fallen ließ,„entdecken werden ſie nichts.“ „Sie pochen auf Ihre Schlauheit!“ „Pah, ich habe ein gutes Gewiſſen, und ich denke, das iſt die beſte Stütze. Sie behaupten nur deshalb, ich müſſe das Geld ge⸗ ſtohlen haben, um mir eine Waffe zeigen zu können, mit der ich eingeſchüchtert werden ſoll.“ „Sie wollen es alſo darauf ankommen laſſen—“ „Jdas will ich! Wenn Sie mich angreifen wollen, ſo mögen Sie es thun, die offenen Wafſen fürchte ich nicht, und vor den verſteckten werde ich mich zu ſchützen wiſſen.“ „Sie werden morgen dieſes Haus räumen!“ „So raſch geht das nicht. Wenn Sie darauf beſtehen, ſo müſſen Sie mich für ein ganzes Jahr entſchädigen, die Kündi⸗ gungsfriſt iſt in meinem Kontrakt auf ein Jahr feſtgeſetzt.“ „Mit einem Manne, der mich betrogen hat, Prauche ich keine mſt zzu machen,“ rief der Baron erregt. ——— — —— — — 1078— „Beweiſen Sie mir zuvor, daß ich Sie betrogen habe!“ „Das wird geſchehen.“ „Und erſt dann, wenn es geſchehen iſt, haben Sie das Recht, unſern Kontrakt zu zerreißen.“ „Sie weigern ſich alſo, dieſes Haus zu verlaſſen?“ „Ich muß der Gewalt weichen, aber ich werde dann auch ſo⸗ fort den Prozeß gegen Sie einleiten und eine Entſchädigungs⸗ klage anhängig machen.“ „Sparen Sie ſich die Mühe, den Prozeß werde ich einleiten,“ ſagte der Majoratsherr mit ſcharfer Betonung.„Velches Ende er nehmen wird—“ „Das mögen Sie ſelbſt bedenken,“ fiel Wortmann ihm mit gehobener Stimme in die Rede. Es können noch andere Dinge zur Sprache kommen, an die Sie vielleicht nicht denken. Was mir der ermordete Florian Bender aus der Zeit ſeines Aufent⸗ halts in Amerika mitgetheilt hat—“ „Damit werde ich ſchwerlich etwas zu ſchaffen haben!“ „Die Unſchuld des rothen Franz könnte dadurch an den Tag kommen!“ 3 Der Baron heftete den glühenden Blick durchdringend auf ihn. „Huͤten Sie Ihre böſe Zunge,“ ſagte er,„ſie könnte Sie in's Zuchthaus bringen!“ „Nicht mich, ſondern andere Leute. Es iſt Kinderſpiel, bei Nacht und Nebel Geld in einen hohlen Baum zu legen, und ſpäter Andre auf das Verſteck aufmerkſam zu machen, aber ſo ſchlau es auch erſonnen iſt, an den Tag kommt's doch einmal. Das Notizbuch iſt auch nicht zufällig in den Keller des Garten⸗ hauſes gekommen und noch weniger abſichtlich dahin gelegt wor⸗ den, das ſteht ebenfalls feſt.“ Der Baron erhob den Arm, die Reitpeitſche zitterte in ſeiner Hand, aber in demſelben Augnblick griff Wortmann hinter ſich, und die Mündung eines Revolvers richtete ſich drohend auf den Majoratsherrn. „Ich werde kein Bedenken tragen, Sie niederzuſchießen,“ ſagte der Verwalter in ernſtem, entſchloſſenen Tone,„an Ihnen geht der Menſchheit nichts verloren! Schlagen Sie, wenn Sie den Muth haben.“ * ließ. ⸗ forder hetrůg Sie de zu beſt durh ſcheiter hlieben Da drohte Stirn „ Stim nich des, v geben als m Ei ſchritt ihm ei V prallt alte 1 5 „Hahe ich no — 1079— el „Elender!“ erwiderte der Baron, indem er den Arm ſinken ließ.„An einem andern Orte werde ich Genngthuung von Ihnen Nit fordern.“ „An demſelben Orte, an den Sie den Hofmeiſter geſchickt ha⸗ u5 ben? Sie werfen mir vor, ich trage die Maske eines Heuchlers, — und doch find Sie es, der die ganze Welt durch eine Maske zu zunʒ⸗ betrügen ſucht. Mich aber betrügen Sie nicht, und aben weil i Sie das wiſſen, fürchten Sie mich. Sie haben es verſucht, mich zu beſtechen, und mein Schweigen zu erkaufen, Sie verſuchten es es Gbe durch Drohungen und durch Verſprechungen, aber der Verſuch ſcheiterte immer wieder daran, daß Sie Ihrer Rolle nicht treu ihn nit blieben.“ * Dinge Das Geſicht des Majoratsherrn war fahl geworden, die Augen Vu drohten aus ihren Höhlen herauszutreten und die Adern auf der Aufent⸗ Stirne waren dunkelroth. „Sie werden dieſe Worte bereuen,“ ſagte er mit heiſerer Stimme.„Verlaſſen Sie ſich darauf, ich vernichte Sie!“ 1 den Tog„Durch Meuchelmord?“ höhnte der Verwolter.„Ich werde mich zu ſchützen wiſſen. Und für den Fall meines plötzlichen To⸗ dringend des, vergeſſen Sie das nicht, wird dem Gericht ein Papier über⸗ geben werden, in welchem ich Sie unter Anführung aller Gründe Sie ins als meinen Mörder bezeichne!“ Ein heiſeres Lachen war die Antwort des Barons, rückwärte piel, hei ſchritt er langſam zur Thüre, als ob er fürchte, daß ſein Gegner gen und ihm eine Kugel nachſchicken werde. abet ſo Aber als er ſich jetzt umwandte, um das Zimmer zu verlaſſen, einncl. prallte er entſetzt zurück, denn vor ihm ſtand hochaufgerichtet die Garten⸗ alte Urſula. legt wor⸗„Die Narbe! Wo iſt die Narbe?“ ſagte die alte Magd. „Haben Sie die Narbe geſehen, Herr Verwalter? Dann ſage in ſinn ich noch einmal, er iſt es nicht, er kann es nicht ſein.“ inter ſich,„Was will dieſes verrückte Weib?“ rief der Baron wüthend. auf den„Ihnen beweiſen, daß Sie ein Betrüger find, erwiderte Wort⸗ mann.„Die Frau hat das ſofort erkannt, und wenn ich ſie nicht zurückgehalten hätte, ſo—“ ſigte .„In's Irrenhaus muß das Weib!“ Sie den„Was ſagt er?“ fragte die alte Urſula.„Ich bin eine alte Frau, aber ich habe ein gutes Gedächtniß, und wenn auch mei⸗ — 2 — — 1080— Körper ſchwach geworden iſt, mein Geiſt iſt noch friſch und geſend.“ „Dann will ich Euch etwas ſagen,“ erwiderte der Barn mit ſcharfer Betonung.„Wenn Ihr dieſes zahnloſe, böſe Maul nicht beſſer hütet, dann werde ich dafür ſorgen, daß Ihr ins Irren⸗ haus gebracht werdet, einerlei, ob Ihr irrſinnig ſeid oder nicht. Das merkt Euch und denkt nicht, Erer Herr werde Euch ſchützen!“ Damit ging er hinaus, zitternd vor Wuth und noch wüthen⸗ per darüber, daß er nicht die Macht beſaß, dieſe neuen Feinde mit einem einzigen Schlage zu vernichten. Aber es waren ohnmächtige Feinde, eine alte ndiſche Schwätzerin und ein Betrüger, der ſich durch ſolche Mittel vor der Strafe zu ſichern ſuchte. Was heatte ſie nur mit der Narbe ſagen wollen? Es war ihm ein Räthſel, welches er nicht löſen konnte, aber was lag weiter daran! Er wollte ſich den Kopf darüber nicht zerbrechen. Es war dunkel, als er in das Schloß trat, in feinem Kabi⸗ net brannte die Lampe, und die trauliche Stille, die ihn hier umfing, würde auf jedes andere Gemüth einen beruhigenden Einfluß geübt haben, aber er fand keine Ruhe, trotz aller Gründe, vie er hervorſuchte, um ſeine Beſorgniſſe zu beſeitigen. Es wurde ihm jetzt doch klar, daß ſeine Feinde eifrig be⸗ ſchäftigt waren, ein Netz um ihn zu weben, und den Boden unter Aber im nächſten Angenblick ſagte er ſich auch wieder, daß Icat ſei, daß ſie ihm nichts gar n abe ihren Machinationen mit aller Seelenruhe entgegenſehen dürfe. Mit großen Schritten wanderte er auf und nieder, bis er endlich am Fenſter ſtehen blieb, um in die bunkle Nacht hinaus zu ſtarren. Er vachte nicht daran, wie gonz anders es ſeit ſeiner Heim⸗ kehr in Oſthofen geworden ſei, er hatte ja das frühere friedliche Leben hier nicht gekannt, er dachte nur an ſeine eigene Perſon, vor der Alles in den Hintergrund zurücktreten mußte. Es war wirklich nicht ſo ſchlimm, wie es den Anſchein hatte, einn zerſe feln meht iſc uh n nit ul niht 1 Inen. ſeid oder erde Euch vühen⸗ n Feinde ändiſche tittel vor ute, aber über nicht nem Jabi⸗ eihn hier nhigenden Gründe, tifrig be⸗ den unter rieder, dr be Stelenuhe det, bis et acht hinens er hein⸗ n frieliche ne Perſon, ſchein hette, — 1081— es waren nur leere Drohungen, die er nicht zu fürchten brauchte, und deren weitere Reſultate er in aller Ruhe abwarten konnte. Vielleicht war es rathſam, das Bündniß anzunehmen, welches Madam Winkel ihm angeboten hatte, aber es fiel ihm ſchwer, ſich zu dem geforberten Opfer zu entſchließen, er wollte darüber nachdenken und ſpäter ſeinen Entſchluß faſſen. So weit war er in ſeinem Ibeengange gkommen, als bie Thüre geöffnet wurde und Johann eintrat. Der Baron ſah ihn erwartungsvoll an. „Tobt!“ ſagte der Reikrecht leiſe. „Wer?“ fragte der Majoratsherr zuſammenfahrend. „Der alte Vagabund.“ „Wo iſt er?“ „Auf der Landſtraße.“ Der Baron war näher getreten, er ſtützte ſich mit der Hand auf ſeinen Schreibtiſch, und ein convulſwiſches Zittern überlief ſeinen Körper. „Wirklich tobt?“ fragte er mit bebender Stimme. Johann nickte bejahend, auch er ſchien unter bem Eindruck des Entſetzens zu ſtehen. „Das begreife ich nicht.“ „Hm, es iſt nicht ſchwer zu begreifen. Das Pferd hat ihm einen Trit ver die Stirne gegeben und dabei iſt der Schädel zerſchmettert worden.“ „Vielleicht iſt er nur betänbt,“ wandte der Baron zwei⸗ felnd ein. „Nein, nein, ich ſage Ihnen, er iſt mauſetokt.“ „Und Du haſt ihn liegen laſſen?“ „Natürlich. Im Spital erwecken ſie einen Todten auch nicht mehr.“ „Und es war Niemand bei der Leiche?“ „Keine Seele.“ „Biſt Du übe zeugt, vaß Dich Kiemand geſehen hat?“ „Wer ſollte mich denn geſehen haben?“ erwiderte Johann. „Es war ja dunkel und Niemand in der Nähe.“ „Und weil es dunkel war, wirſt Du auch nicht mit voller Sicherheit beſtimmen können, daß er todt iſt.“ ———— — —— — ——— —— — —— — ——— — 1082— „Ich habe ihn genau unterſucht. Uebrigens liegt ja auch weiter nichts daran. Wenn die Sache ſich ſo verhält, wie Sie ſagen, ſo trifft Sie keine Schuld. Wenn man auf der einſamen Landſtraße angegriffen wird, wehrt man ſich ſeines Lebens, das iſt eine alte Jacke.“ Der Baron war in Nachdenken verſunken, er ſchien doch nicht ſo leicht darüber hinweg zu gehen. „Am Liebſten wäre es mir, wenn ich aus dem Spiele gelaſſen würde,“ ſa te er nach einer Weiie. Der Blick des Reitknechts ruhte lauernd auf ihm, Johann begriff ſofort, daß er ols der einzige Zeuge daraus den größten Vortheil ziehen konnte. „Ich werde nichts ausplaudern,“ erwiderte er. „Man wird die Leiche finden und—“ „Und dann weiß man noch lange nicht, ob ein Menſch ihn vor den Kopf geſchlagen, oder ein Pferd ihn getreten hat.“ „Aber man wird erfahren, daß ich in jener Zeit aus der Stadt hiehergeritten bin.“ „So genau kann man die Zeit auch nicht berechnen.“ „Nun, wir wollen es abwarten,“ ſägte der Baron,„Jje nach⸗ dem die Sachen ſich geſtalten, kann man morgen immer noch einen Entſchluß faſſen.“ Er ſchritt einigemal auf und nieder, dann blieb er vor dem Reitknecht ſtehen, der jede Bewegung mit lauerndem Blick ver⸗ folgte. „Ich habe dem Verwalter befohlen, morgen das Haus, in wel⸗ chem er wohnt, zu räumen,“ ſagte er, und der Ton ſeiner Stimme klang jetzt nicht mehr ſo vertranlich.„Du wirſt die Aus⸗ führung meines Befehls überwachen.“. „Du wirſt in aller Frühe hingehen und die Schlüſſel zum Bureau und zu den Schränken in demſelben fordern, dieſe Schlüſſel überbringſt Du mir.“ „Und wenn er ſich weigert, ſie mir zu geben?“ „Mache ihn darauf aufmerkſam, daß eine ſolche Wei⸗ gerung nir ihm ſelbſt Unannehmlichkeiten bereiten würde. Liefert er die Schlüſſel nicht ab, ſo werden die Thüren gewaltſam er⸗ brochen, die Weigerung zeugt dann aber von einem böſen Ge⸗ wiſſen.“ ſi si inſanen 8, das p niht gelaſſen o Johann größten uſch ihn 1. aus der je nach⸗ ner noch or em lick ver⸗ in wel⸗ Stimne ie Aus⸗ ſſel zun n, dieſe e Wei⸗ Liejert ſan er⸗ ſen Ge⸗ — 1033— „Sehr richtig!“ nickte Johann. „Sodann ſorge Du dafür, daß has Haus bis morgen Abend geräumt iſt, im Nothfalle laſſe Du Dich durch einige Knechte unterſtützen.“ „Alſo wenn es nicht anders iſt, mit Gewalt?“ „Gut, das wird mir Spaß machen?“ „Der Verwalter iſt wohl nicht beliebt?“ „Nein, ich wenigftens habe noch Keinen gefunden, der ein Loblied auf ihn geſungen hätte,“ erwiderte Johann. „Deſto beſſer, die Arbeiter werden ſich alſo nicht weigern an⸗ zufaſſen, wenn ſie dazu commandirt werden?“ „Gewiß nicht. Und wenn man ihnen ein Faß Bier gibt, werfen Sie den Verwalter ſeinem Meublement nach.“ Der Majoratsherr nickte. „Noch Eins,“ ſagte er,„Du wirſt dich, ſobald Du Zeit dazu findeſt, in der Stadt nach den Verhältniſſen der Mabame Winkel erkundigen.“ Der Reitknecht blickte ihn betroffen an, eine fieberhafte Span⸗ nung ſpiegelte ſich in ſeinem Blick. „Die Frau wohnt in demſelben Hauſe, in welchem Hurter ge⸗ wohnt hat,“ fuhr der Baron fort,„Du wirſt in der Nachbar⸗ ſchaft erfahren, was ich zu wiſſen wünſche.“ „Und wonach ſoll ich mich ſpeziell erkundigen?“ „Danach, in welchen Verhältniſſen die Frau lebt, wie lange ſie in dem Hauſe wohnt, ob und welche Beſuche ſie empfängt, und ob ſie mit dem Hoſmeiſter befreundet war.“ „Iſt das Alles?“ fragte Johann. „Ja. Ueber ihren Chararter und manches Andere wird man ja ohne dies Dir Auskunft geben, wenn Du nur an die rich⸗ tige Quelle dich wendeſt. Vielleicht findeſt Du morgen die Zeit dazu.— Ueber die Leiche auf der Landſtraße ſchweigſt Du, bis Andre darüber ſprechen und Dich fragen.“ Ein befehlender Wink verabſchiedete den Diener, der mit einem triumphirenden Lächeln auf den Lippen das Kabinet verließ. 42. Kopitel. Vergeltung. In der Gaunerkneipe ſaß der fromme Fridolin in ſeiner ge⸗ wohnten Ece und verſunken in ſeinem gewohnten Brüten, be⸗ ſchäftigt mit der hochwichtigen Erfindung, die er gemacht haben wollte und doch nicht verwerthen konnte Ihm gegenüber, das ſtruppige Haupt auf den Arm geſtützt ſaß der ſchwarze Kaspar, der ſeinen Genoſſen unverwandt beob⸗ achtete und aus der irdenen Pfeife unabläſſig ſtinkende Nauch⸗ wolken ſog, die er mit ſichtbarem Behagen vor ſich hin blies. Es war Abent, und die Talgkerzen brannten ſchon auf den unſauberen Tiſchen, Gäſte kamen und gingen und an mehreren Tiſchen ſpielten zerlumpte Männer und Weiber mit ſchmutzigen Karten. Um bie beiden kümmerte ſich Niewand, ſelbſt der Wirth nicht, der ſich wieder hinter den Schenktiſch zurückzeg, nachbem er ihnen die Brauntweinflaſche hingeſtellt haite. Alſo Du glaubſt nicht, daß er uns einlaſſen wird?“ fragte der ſchwarze Kapar, nach einer Weile das Schweigen brechend. „Wenn er's nicht thut, haſt Du's nicht richtig angefangen. Lief aufſenfzend erwochte der fromme Fridolin aus ſeinen Träumen. „Ich hab' gethan, was ic konnte,“ erwiderte er, und meine Schuld iſt es nicht, wenn der alte Sünder kein Vertrauen faſſen kann.“ „Du haſt ihm geſagt, daß heute Abend kommen wollen?“ „Rein, das wär unklug geweſen. Ich hab ihm geſagt, mor⸗ en Abend wollten wir das Geſchäft mit ihm ordnen.“ —. nee zher ſei „A tungen „Dos nhr iſ wiſhe „A „De und er mf di⸗ „5 „J honde 1 wir in jeden e „U geben, Edela Wern gedän einen mß. dt beoh⸗ nd meine uen faſſen volen?“ 9t, — 1085— Der ſchwarze Kaspar nickte, ein Zug der Befriedigung glitt über ſein knochiges Geſicht. „Alſo erwartet er uns nicht, und er kann keine Vorberei⸗ tungen getroffen, keinen Hinterhalt uns gelegt haben,“ ſagte er. „Das iſt die Hauptſache. Und ſo ſpät kommen wir ja auch nicht, daß er Verdacht hegen könnte, zwiſchen ſechs und ſieben Uhr iſt es noch immer Geſchäftszeit, die Bureaus werden erſt zwiſchen ſieben und acht geſchloſſen.“ „Aher wenn er ſchon in ber Dämmerung die Thür nicht mehr öffnen will?“ „Oeffnen wird er ſchon, dann gib ihm nur die BVifitenkarte, und er wird uns auch einlaſſen. Man muß bei ſolchen Burſchen auf die Habſucht ſpeculiren, ſie werben blind gegen jede Gefahr, wenn ihre Habgier gereizt wird.“ „Hm, wenn er uns glaubt—“ „Weshald ſoll er vicht glauben? Es iſt kein Grund vor⸗ handen, der—“ „Na, er braucht Dich nur anzuſehen—“ „In der Nacht ſind all e Katzen grau!“ „Und ſieht er Dich nicht gleich, ſo ſieht er Dich doch, ſobald wir in ſeinem Hauſe ſind,“ erwiderte der Träumer, während er jeden einzelnen ſeiner zehn Finger in den Gelenken knacken ließ. „Und was weiter?“ fragte Kaspar ſpöttiſch.„Ich will zu⸗ geben, daß meine Phyſiognomie nichts Feines hat, aber gibts nicht Edelleute genug, die einem Bauer im Sonntagsſtaat gleichen? Wenn er Verdacht ſchöpft, dann wird die Geſchichte ſofort in's Reine gebracht.“ Der fromme Fridolis blickte ſeinea Gen oſſen ſtarr an. „Kann es denn nicht vermieden werden?“ fragte er. „Sei kein Narr, es wird kein Hahn danach krähen, daß ein Schuft weniger in der Welt iſt.“ „An dem Mann ſelhſt liegt nichts, ader wir—“ „Was will man uns denn beweiſen?“ „Es könnte Lärm geben—“ „Das werden wir verhüten,“ ſagte der ſchwarze Kaspar mit gedämpfter Stimme.„Sei Du nur bei der Hand, wenn ich Dir einen Wink gebe, oder wenn Du ſiehſt, daß angegriffen werden muß. Wir miüſſen es raſch und glatt abmachen, Fridolin.“ — — —— — 1086— „Er könnte trotzdem einen Schrei ausſtoßen.“ „Was wär' weiter dabei? Der Mann wohnt einſam, das Haus hat keine Nachbarſchaft, und durch tie abgelegene Straße geht ſelten Jemand. Wir könnten die ganze Geſchichte in einer einzigen Minute ordnen und ihm einige Zoll Eiſen in's Herz ſtoßen,“ fuhr Kaspar fort, während er ſich ſcheu nach allen Rich⸗ tungen umblickte, aber das liegt nicht in unſerm Intereſſe. Wir müſſen wiſſen, wo er ſein Geld hat, es kann ja ſein, daß er es verſteckt, und außerdem ſoll er auch zuſehen, wie wir's anfangen. Der Kerl hat ſo Manchem bie Kehle zugehalten, daß er darin nur eine gerechte Vergeltung erblicken kann, und ich glaub', für Dich iſt es auch eine Rache—“ „Natürlich,“ nickte der Träumer,„eine Rache wie ich ſie längſt erſehnt habe, wäre das wohl, aber ich denke dabei auch an mich.“ „Du wirſt bei dem Gchäft ſo viel verdienen, daß Du das dumme Spielzeug, was ſich ewig bewegen ſoll—“ „Davon verſtehſt Du nichts!“ „S iſt mir auch lieb, daß mir ſolche Kindereien kein Kepf⸗ weh machen. Ich will Dir ja gerne die Ehre und den Ruhm gönnen, aber ich glaub' Du wirſt das Geld verplempern und nachher wieder ſo arm ſein, wie eine Kirchenmaus.“ „Wenn meine Erfindung das Tageslicht erblickt hat, werde ich nicht nur ein berühmter, ſondern auch ein reicher Mann wer⸗ den,“ ſagte der Träumer ſeufzend.„Es iſt wahr, Viele, die es erfinden wollten, ſind darüber wahnſinnig geworden, aber wes⸗ halb haben ſo viele gelehrte Leute ihre Zeit und ihr Geld dicer Erfindung geopfert, wenn ſie nur ein Spielzeug ſein ſollte? Das Perpetuum mobile wird die Dampfkraft erſetzen und Veränderun⸗ gen hervorrufen, von denen die Menſchheit keine Ahnung hat.“ „Na, ich verſteh' wirklich nichts davon,“ ſagte Kaspar ſpöttiſch, „aber mir ſcheint, Du haſt ſchon einen Sparren. Halb biſt Du ſcon reif für's Irrenhaus, das will ich Dir ſchriftlich geben. Niets für ungut, es iſt mir ja einerlei, wofür Du Dein Geld ausgibſt.“ „Erſt haben, dann ausgeben!“ brummte Fridolin. „Wir werden's heut' bekommen.“ gxnk Ler al haben, „D * „ ſchwar nichts mond erinde D Miene Dun „6 „ en, de ne Straße in eine As Herz llen Rich, ſe Pir daß er ez anfange. er darin laub fir ie ich ſie dahei auch Du das den Ruhn nper und t, werde ann wer⸗ le, die es aber wet⸗ 1 Hiner bb llte Da ränderun⸗ . w ſpöttiſch biſt Du ich geben. Dein Eeld — 1087— „Und morgen möglicherweiſe wieder hinter den ſchwediſchen Gardinen ſitzen.“ „Du biſt ein furchtſames Haſenherz,“ ſpottete Kaspar, wäh⸗ rend er mit dem Daumen die Aſche in ſeiner Pfeife niederſtieß. „Ich hab mir einen Plan gemacht, der gar nicht ſchlecht iſt. Wenn wir das Geld haben, dann ſchaffen wir Alles wieder in ſchönſter Ordnung, ſo daß Niemand etwas Verdächtiges entdecken kann. Wir haben ja Zeit genug dazu.“ „Und was ſoll mit ihm geſchehen?“ fragte Fridolin leiſe. „Wir hängen ihn auf.“ „Den Teufel auch!“ „Ruhig. Was iſt denn weiter dabei? Einen Strick nehmen wir mit, und ein Haken wird ſich ſchon finden, es iſt Kinderſpiel. So raſch wird Riemand den alten Schuft vermiſſen, und wenn ſie endlich in das Haus eindringen und ihn finden, dann wird Jeder glauben, der Burſche habe ſich das Leben genommen.“ „Man wird uns entdecken, wenn wir nicht dafür geſorgt haben, daß Niemand eine Spur findet.“ „Wenn kein Geld gefunden wird—“ „So wird man annehmen, er habe keins gehabt.“ „Jeder weiß, daß er ein reicher Mann iſt.“ „Das wird von Menchem behauptet, der es doch nicht iſt. Der alte Schuft zann ſchlecht ſpeculirt und ſein Geld verloren haben, dos iſt ein guter Grund für den Selbſtmord.“ „Die Wahrheit kommt zuletzt doch heraus.“ „Dann ſind wir längſt über alle Berge.“ „Und man wird uns verfolgen.“ „Dann muß man z'wor Verdacht auf uns werfen,“ ſagte der ſchwarze Kaspar lakoniſch.„Sei doch nicht ſo furchtſam, wer nichts wagen kann, gewinnt auch nichts, und es wird Dir Nie⸗ mand einen Silbergroſchen ſchenken, damit Du Dein Spielzeug erfinden kannſt.“ 4. Der fromme Fridolin ſchüttelt. noch immer mit bedenklicher Miene das Haupt. „Ich würde mehr Vertrauen auf Deinen Plan ſetzen, wenn Du nicht dem Zeiſig ſo viel mitgetheilt hätteſt,“ erwiderte er. „Fr wird uns nicht verrathen.“ „Das möchte ich nicht ſo ſicher behaupten. Ich traue Keinem!“ ziſ — 1088— „Bah, er hot keinen Vortheil daran, und außerdem weiß er, wos er von uns zu erwarten hat, wenn er uns in die Hände fällt. Und jetzt iſt es Zeit, daß wir aufbrechen.“ Er trank ſein Glas aus und erhob ſich, und der Träumer folgte ihm ſeufzend, ſeine Beſorgniſſe ſchienen noch immer nicht boſeitigt zu ſein. Nach einer kurzen Wanderung traten ſie in ein großes ka⸗ ſernenartiges Haus, in dem eine größere Finſterniß herrſchte, als draußen auf der Straße. In dieſem Hauſe bewohnten die Beiden gemeinſchaftlich eine Dachkammer, die nichts weiter enthielt als einen breiten Stcoh⸗ ſack, einige wollene Decken und einen alten Stuhl. Der ſchwarze Kaspar zündete ein Talglicht an und ſtellte es auf den Stuhl, dann trat er vor den Strohſack, auf dem in punter Unordnung eine Meage der verſchiedenartigſten Kleidungs⸗ ſtücke lagen. „Na, jetzt an die Toilette,“ ſagte er, während er ſeinem Ge⸗ noſſen den Jockey⸗Auzug zuwarf, den der fromme Fridolin ge⸗ tragen hatte, als er den Wucherer zum erſten Male beſuchte. Ich hoffe, Du wirſt Deine Rolle wie ein guter Schauſpieler ſpielen, jetzt heißt es, Alles oder nichts“ Der Träumer nickte und began ohne Zögeen ſeinen Anzug zu wechſeln, es bedurfte keines Scharfblicks, um zu erkennen, doß er nicht wagte, gegen die Befehle und Anordnaugen ſeines Ge⸗ noſſen zu proteſtiren⸗ Auch der ſchwarze Kaspar beeilte ſich mit ſeiner Toilette; er legte einen Anzug an, der freilich ziemlich abgetragen war, aber einen modern n Schnitt hatte und in Folge deſſen ans einiger Entfernung elegant ausſah. Um den Eindruck der Eleganz zu vervollſtändigen, trug er auf der Weſte eine ſchwere unechte Uyrkette, an den Händen ſchwarze Glaceehandſchuhe und auf dem ſtruppigen Kopf einen noch ziemlich neuen Kulabreſer Hut. So nusgerüſtet konnte er allerdings, wenn man ihm nicht zu nohe kam und nicht ein zu helles Licht auf ihn fiel die Rolle eines vornehmen Herrn ſpielen, vyrausgeſetzt, daß es eine ſtumme Nolle blieb und nicht die Roheit der Sprache bie Illuſton zer⸗ ſtörte. u die! ten⸗ woß wieder,! nach ein offe⸗ di „Die ſunden? „Haſt „Ang „Du ſcheitern, wit gut „Dh „Di ſtunden! „D „V Vorwur „Un Träumer „Da „In W Yunper „U „D Uhr fü in einer Pon do „Ei „V den me und da ſich das Der i er, d Trinner imer ucht grohes ke⸗ chte, alz en Stroh⸗ ſtellte es uf den h ſeinen Ge⸗ tidolia g⸗ ie beſucht. huuſpieler e Atzug nuen, beß eines Ge⸗ ilelte; er war, abet aus einiger , trug er en Hinden Kopf eine nicht zu die Nolle in ſummt uſon zer⸗ — 1089— Die beiden Schurken betrachteten einander prüfend und änder⸗ ten, was ſich noch auszuſetzen fand, dann verließen ſie das Haus wieder, um den Weg zur Wohnung ihres Opfers anzutreten. „Ich habe alles, was nöthig iſt,“ ſagte der ſchwarze Kaspar nach einer geraumen Weile,„das Handwerkszeug iſt gut, ich voffe, die Arbeit wird's auch ſein. Du haſt doch die Karte?“ „Die Karte und den Knebel,“ erwiderte Fridolin. „Nur Acht gegeben und die Augen offen gehalten, ver⸗ ſtanden?“ „Ich werde ſchon Acht geben.“ „Haſt Du noch immer Angſt?“ „Angſt gerade nicht, aber—“ „Dummer Teufel, an Deiner Dummheit wild noch Alles ſcheitern,“ brummte Kaspar ärgerlich. Wenn's ſchief geht, ſind wir gute Freunde geweſen.“ „Oho! Ich kann doch nicht—“ „Du ſollſt Dich nach meinen Anordnungen richten, ver⸗ ſtanden?“ „Dann kann's immer noch ſchief gehen.“ „Wenn Du keine Schurd daran trägſt, kann ich Dir keinen Vorwurf machen.“ „Und geſetzt, es läuft Alles glatt ab, was dann?“ fragte der Träumer ſeufzend. „Dann verlaſſen wir augenblicklich die Stadt.“ „In dieſer Kleidung?“ „Weshalb nicht? Sie iſt für uns ein beſſrer Paß, als die Lumpen, die wir vorhin ausgezogen haben.“ „Und wohin—“ „Du bleibſt bei mir, ich werde Dich ſchon führen. Um elf Uhr fährt der Nachtzug von hier, er hält an jeder Station und in einer Stunde können wir zu Fuß die nächſte Station erreichen. Von dort aus benutzen wir den Zug.“ „Es wird auffallen—“ „Was? daß dort Paſſagiere einſteigen? Unſinn! Sie wer⸗ den morgen und vielleicht auch übermorgen noch nichts entdecken, und dann müſſen ſie noch immer rathen, ob der Schuft ſelbſt ſich das Leben genommen hat oder nicht. Inzwiſchen ſind wir Der Baſtard. 69 — 5. —— — „ —— — 1 13 — 1090— ſchon auf dem Waſſer, ich möchte den ſehen, der uns dann noch nachlaufen wollte.“ „Es ſind Verbrecher aus Amerika zurückgebracht worden—“ „Wenn ſie ſo dumm waren, ſich fangen zu laſſen, ſo hatten ſie ihr Schickſal verdient!“ „Wenn die Polizei Jemand ſucht—“ „Jetzt halte endlich einmal den Rand!“ brauſte der ſchwarze Kaspar auf.„In Amerika ſind die Verhältniſſe ganz anders wie hier. Da hat Jeder einen Revolver in der Taſche, und wenn man angegriffen wird und den Angreifer niederſchießt, ſo kräht weiter kein Hahn danach.“ Der fromme Fridolin ſchwieg, die Grobheit ſeines Genoſſen hatte ihn eingeſchüchtert. Bald darauf erreichten ſie das Gartenthor in der engen ſtillen Gaſſe. Ringsum war kein lebendes Weſen zu ſehen. Der Träumer ſetzte den Klofer in Bewegung, und es währte nicht lange, ſo hörte man jenſe s der Mauer Schritte, die lang⸗ ſam näher kamen. „Wer iſt da?“ fragte Schwanenthal hinter der geſchloſſenen Thür.. „Oeffnen Sie! erwiderte Fridolin. „Sobald es dunkel geworden iſt, nehme ich keinen Beſuch mehr an.“ „Sie wiſſen ja nicht einmal, wer Sie beſuchen will.“ „Einerlei!“ „Heffnen Sie, dann gebe ich Ihnen eine Karte,“ ſagte Fri⸗ dolin ungeduldig.„Mein Herr kommt nicht wieder, wenn—“ „Na, geben Sie her,“ erwiderte der Wucherer ärgerlich, wäh⸗ rend er das Thor nur ſoweit öffnete, daß man eine Hand hin⸗ durch reichen konnte. Der Träumer ſchob die Viſitenkarte durch die Oeffnuns, das Thor wurde geſchloſſen und die Schritte entfernten ſich wieder. „Er wird uns nicht öffnen,“ brummte Fridolin. „Geduld, wenn er den Namen Graf Harrach lieſt, wird er ſchon zu Kreuz kriechen, die Habſucht macht die Menſchen blind.“ Der ſchwarze Kaspar ſollte Recht behalten, nach wenigen Minuten ſahen die Beiden einen ſchwachen Lichtſchimmer, der longjan Thor 9 WMWi ihnen, kragen Erſchein auf den Fridoli angekon an cherer „4 thol a Pe „ „ Eit Kaspa Fridol uf gei Die ſeinen worde Kind nit E A ken ti gründ Gehif komm dunn noch orden, ſo hatten anderz und wenn io kriht Geno ſen es währte die lang⸗ eſchloſenen en Beſuch „ ſagte Fri⸗ venn—“ rlich, wih⸗ Hand hin⸗ fuuns, das h wieder. ieſt, wird er chen blind“ ach werigen chimnet, ber — 1091— langſam der Mauer näher kam, und gleich darauf wurde das Thor geöffnet. Mit einer Laterne in der Hand, ſtand der alte Mann vor ihnen, er konnte das Geſicht des„Grafen“ nicht ſehen, der Rock⸗ kragen verdeckte es wegen des ſcharfen Windes, aber die äußere Erſcheinung mußte ihm doch wohl kein Mißtrauen einflößen, denn er ließ die Beiden ein und ſchritt mit der Laterne ihnen vor⸗ auf dem Hauſe zu. „Die Vorbedingungen ſind eigentlich ſchon erledigt,“ nahm Fridolin das Wort, als ſie in dem Wohnzimmer Schwanenthals angekommen waren,„zehn Prozent Zinſen—“ „Und dieſer Herr ſoll Graf Harrach ſein?“ ſchnitt der Wu⸗ cherer ihm entſetzt das Wort ab. „Allerdings!“ erwiderte der ſchwarze Kaspar, den Schwanen⸗ thal anſtarrte, als ob ein Geſpenſt vor ihm aufgeſtiegen ſei. „Weshalb zweifeln ſie daran?“ „Ich kenne den Grafen—“ „So? dann bdeſto beſſer!“ Ein raſcher Wink hatte⸗ den Träumer verſtändigt, der ſchwarze Kaspar ſtürzte ſich mit voller Wucht auf den alten Mann, dem Fridolin in der nächſten Secunde einen Knebel in den zum Hülfe⸗ ruf geöffneten Mund ſchob. Die Anſtrengungen, die Schwanenthal machte, um ſich von ſeinen Angreifern zu befreien, waren vergeblich, Hände und Füße wurden ihm gefeſſelt, der ſchwarze Kaspar hob ihn auf wie ein Kind und ſetzte ihn in den Seſſel, in welchem ſie ihn nochmals mit Stricken banden. Als das Geſchäft ſoweit beendet war, athmeten die Schur⸗ ken tief auf. „So,“ ſagte Kaspar,„jetzt werdet ihr den Grafen Harrach gründlich kennen,“ und dabei zeigte er grinſend ſein furchtbares Gebiß.„Ihr habt andre Leute betrogen und beſtohlen, jetzt kommt die Stunde der Vergeltung. Dem alten Mann traten die Augen aus den Höhlen, dicke Schweißtropfen bedeckten ſeine Stirne. „Denken Sie an mich,“ nahm der Träumer das Wort, wäh⸗ rend er ſeine Finger der Reihe nach knacken ließ.„Mich haben Sie in's Zuchthaus gebracht.“ 69* — 1092— „Er wirb Dir ſagen, es ſei nicht wahr,“ erwiderte der ſchwarze Kaspar. „Nicht wahr?“ fuhr Fridolin auf.„Ich hatte ein kleines Einkommen und eine kranke Mutter und ich ſchuldete lieſem Manne eine kleine Summe—“ „Und aus der kleinen wurde eine große Summe!“ „So groß, daß ich ſie nicht bezahlen konnte. Und dieſer hartherzige Wucherer drohte mir, er wolle mir Alles abpfänden, ſogar das Bett meiner Mutter,— Arreſt auf mein Gehalt legen und mir meine Stelle neymen—“ „Hört Ihr's, alter Sünder?“ in's Ohr. „Und da ſah ich endlich keinen andern Ausweg falſche Wechſel, um den Satan hier zu befriedigen.“ Der ſchwarze Kaspar nahm dem alten Mann die Brille ab und warf ſie in eine Ecke. „Jetzt könnt Ihr beſſer ſehen, alte Nachteule,“ ſagte er höh⸗ niſch lachend.„Es wird Euch nicht lieb ſein, was Ihr zu ſchen bekommt,— na, Andern iſt es auch nicht lieb geweſen, wenn ſie Euch in's Geſicht ſehen mußten.“ „So kam's, daß ich in's Zuchthaus gebracht wurde, und während ich dort war, ſtarb meine Mutter im Arreſthauſe.“ „Habt Ihr's gehört, elender Schuft?“ Der alte Mann bot, man las es in ſeinen Zügen, ſeine ganze Kraft auf, eine Bewegung zu machen, aber es gelang ihm nicht. Der ſchwarze Kaspar ſah alle Feſſeln nach und zog die Kno⸗ ten der Stricke feſter zuſammen, dann durchſuchte er die Taſchen des Wucherers, aus denen er eine Geldbörſe, ein Taſchenmeſſer und ein Schlüſſelbund herausholte. „Weißt Du, wo er ſein Geld aufbewahrt?“ wandte er ſich zu dem Genoſſen.. „Nein,“ erwiderte Fridolin. „Ra, dann müſſen wir ſuchen. Kannſt Dich dabei auch nach einem Haken umſehen, an dem wir den Burſchen nachher auf⸗ hängen.“ Ein dumpfer Ton entrang ſich der Bruſt des Gefeſſelten, der rief Kaspar dem Wucherer ich machte .—. 3 — gerchte nartert De feſſelte ſiegel die Zi hange chen. Er und ſi hatte. De Span wech ſtand. V ja mö verau die m war d 6 entful uuf „ wolte E t ſhwae u kleines e ieſem ub nd bieſer pfünden, hult ſon ut legen Wyche Vucherer Pn. Brille ah le er höh⸗ zu ſchen wenn ſie urbe, und ſe.“ es gelang g die Kno⸗ ie Taſchen ſchenneſer te er ſich u nh achher auſ⸗ ſelten, der — 1093— ſchwarze Kaspar lachte und ſah ihn mit einem verächtlichen Blick an. „Sprich nicht davon,“ ſagte der Träumer ärgerlich. „Bah, ſtumm muß der Kerl gemacht werden, das wird er ſelbſt einſehen,“ erwiderte ſein Genoſſe, während er die Schränke öffnete und in jeden einen prüfenden Blick warf.„Was man thut, ſol man ganz thun, halbes Werk iſt immer gefährlich.“ „Aber es iſt ja nicht nöthig, daß man davon ſpricht.“ „Weshalb ſoll oder darf man es nicht thun?“ Der Schuft hat ja ſo manchen Menſchen gefoltert, daß er es nur als eine gerechte Vergeltung betrachten kann, wenn er jetzt auch mal ge⸗ martert wird.“ Der fromme Fridolin warf einen ſcheuen Blick auf den Ge⸗ feſſelten, in deſſen verzerrten Zügen die Angſt des Todes ſich ſpiegelte. „Da wäre ja der Haken,“ fuhr Kaspar ſort, während er auf die Zimmerdecke zeigte,„früher mag ein Kronleuhter daran ge⸗ hangen haben. Na, der Kerl wird ſich da ganz vortrefflich ma⸗ chen. Und hier haben wir auch die Geldkiſte.“ Er ſtellte mit heiſerem Lachen eine Schatulle auf den Tiſch und ſuchte unter den Schlüſſeln, bis er den richtigen gefunden hatte. Der Träumer ſtand neben ihm und ſah ihm mit fieberhafter Spannung zu, es fragte ſich jetzt, ob mit der Gefahr, die man durch dieſen Raubmord heraufbeſchworen, der Preis in Einklang ſtand. Vielleicht enthielt die Schatulle wenig oder gar nichts, es war ja möglich, daß der alte Mann ſein baares Geld insgeſammt verausgabt hatte, daß man nur Schuldſcheine und Aktien fand, die nur für den Eigenthümer Werth beſaßen, in dieſem Falle war die ganze Arbeit dergeblich geweſen. Endlich hob der ſchwarze Kaspar den Deckel und unwillkürlich entfuhr Beiden ein Ruf freudigen Erſtaunens; ihre Blicke fielen auf Bankroten und funkelndes Gold.“ „Gemach,“ ſagte Kaspar, als der fromme Fridolin hineingreifen wollte, wir haben Zeit, Eile mit Weile!“ Er holte die Banknoten heraus und zählte ſie mit lauter — 1094— Stimme, es ſchien ihm einen beſonderen Genuß zu gewähren, den alten Mann, der jedes Wort hören mußte, zu peinigen. Dann machte er von den Banknoten zwei Haufen, und zu jedem dieſer Haufen legte er die Hälfte Goldes. „Sehen wir weiter“ ſagte er,„was haben wir jetzt noch in der Kaſſe? Da ſind Schuldſcheine, Wechſel und Kaufakten, damit können wir nichts anfangen.“ „Laß' ſie liegen,“ erwiderte der Träumer,„etwas muß in der Kaſſe bleiben.“ „Meinetwegen, wir können das Zeug ja doch nicht verwerthen. Aber hier ſind Actien.“ „Laß ſie auch liegen.“ „Wollen erſt ſehen, was und wie viel es iſt. Staatsſchuld⸗ ſcheine und Obligationen, den Teufel auch, es ſind vierzigtauſend Thaler, wir können ſie an jeder Thür verkaufen.“ „Und wenn wir gefiſcht werden—“ „Ach was, wenn der Mann todt iſt, weiß Keiner, was er gehabt hat. Familie hat er ja nicht—“ „Einen Neffen!“„ „So? Na, der wird auch nicht wiſſen, wie viel ſein Oheim hatte,“ ſpottete der ſchwarze Kaspar,„der alte Geizhals hat ge⸗ wiß keine Seele in ſeine Geldkiſte blicken laſſen.“ „Aber hier dürfen wir die Aktien nicht verkaufen.“ Wir können ſie überall quitt werden.“ „Auch in Amerika?“ „Auch da, es ſind gute Papiere, ich verſtehe was davon.“ Während dieſer kurzen Unterredung hatte Kaspar auch die Actien getheilt und ſie zu den beiden Haufen gelegt. „So,“ ſagte er, während er noch einmal einen prüfenden Blick in die Schatulle warf und ſie dann zuſchloß,„das Neſt iſt leer, der lachende Erbe mag zuſehen, was er aus den Papieren noch herausſchlägt, wir wollen's ihm gönnen Wenn wir mit Allem fertig ſind, nimmſt Du dieſen Haufen und ſteckſt ihn in die Taſche.“ „Redlich getheilt?“ „Keiner hat einen Pfenning mehr wie der andre.“ „Und wie viel iſt es im Ganzen?“ „Beinahe dreißigtauſend für Jeden.“ umbli Er wieder Blick b ein ſu den§ R ihn a D kannt lag, E Fall: d ß in etwerthen. atsſchuld⸗ zigtauſend davon.“ wauch die enden Blid eſt iſt leer, pieten noch mit Alen ihn in de — 1095— „Das iſt genng, wenn wirs behalten.“ Der ſchwarze Kaspar trug die Schatulle wieder in den Schrank und ſchloß den letzteren zu, dann entfernte er alle Spuren, die Verdacht wecken konnten. „Soweit wären wir fertig,“ ſagte er mit prüfendem Blick ſich umſchauend,„jetzt kommt das letzte. He, Alter, nenn Ihr noch ein Gebet verrichten wollt, dann macht es kurz.“ „Vorwärts!“ drängte der fromme Fridolin, in deſſen Innern iebt plötzlich Beſorgniſſe aufzuſteigen ſchienen.„Wozu der Hokus vokus? Machen wir kurzen Prozeß, ob ein ſolcher Kerl an ihn denkt oder nicht, das wird unſerm Herrgott wohl ganz einer⸗ lei ſein.“ „Haſt Recht,“ nickte ſein Genoſſe,„wir wollen kurzen Prozeß machen.“ „Wie ſoll es geſchehen?“ „Wir erſticken ihn mit einem Kiſſen und hängen ihn auf wie ein geſchlachtetes Kalb.“ „Aber wo finden wir ein Kiſſen?“ ſagte der Träumer ſich umblickend.„Wart', ich Werd im Nebenzim ner nachſehen.“ Er ging hinaus, und der ſchwarze Kaspar beugte ſich jetzt wieder zu dem alten Manne, der in Schweiß gebadet mit einem Blick der unſaglichſten Angſt ien anſtierte. „Das iſt die Vergeltung,“ ſagte er mit heiſerer Stimme, ohne eine Ahnung davon zu haben daß in dieſem Moment hinter ihm ein junger Mann auf die Schwelle des Zimmers trat,„Mancher hat ſie Dir geſchworen, jetzt endlich erreicht ſie Dich.“ Das letzte Wort war ſeinen Lippen noch nicht entflohen, als ein furchtbarer Schlag, dem ſofort ein zweiter folgte, ihn auf den Hinterkopf traf. Mit einem Fluch wandte er ſich um, ein dritter Schlag traf ihn auf die Stirne und bewußtlos brach er zuſammen. Die Thür des Nebenzimmers wurde geöffnet, aber kaum er⸗ kannte der fromme Fridolin in der Geſtalt, die auf dem Boden lag, ſeinen Genoſſen, als er die Thür wieder zuwarf. Ein Fenſter klirrte, man hörte einen Sprung, einen dumpfen Fall und gleich darauf Schritte die eilig ſich entfernten. Der Retter in der Noth achtete nicht darauf, er zog dem Ge⸗ — 1096— feſſelten den Knebel aus dem Munde und begann, die Stricke zu löſen. „Du Bertram?“ fragte der alte Mann mit zitternder Stimme, nachdem er einigemal ſchwer aufgeathmet hatie.„Hatte ich Dir nicht mein Haus verboten?“ „Du ſiehſt, daß es manchmal gut iſt, einem Verbot zu trotzen,“ erwiderte Bertram erregt.„Frage jetzt nicht, dieſer Burſche muß gebunden werden, damit er uns nicht entwiſcht. Wie riele waren's?“ „Zwei.“ „Der Andre ſcheint ſich aus dem Staube gemacht zu haben, wir wollen es der Polizei überlaſſen, ihn zu ſuchen.“ 8 „Die iſt auch niemals da, wo ſie nöthig wäre,“ murtte Schwanenthal, während er die ſchmerzenden Handgelenke rieb. Hm, Du kannſt nicht verlangen, daß ſie an jedes Haus Poſten halten ſoll! Du wohnſt ſo einſam und abgelegen—“ „Ich kann wohnen wo ich will!“ „Natürlich, das verbietet Dir Niemand. Aber weshalb haſt 3 Du die Steolche eingelaſſen?“ 3 „Weshalb? Weil ich ein Eſel war! Sie haben mir eine 4 Falle geſtellt, und ich bin hineingegangen, das kann auch dem Klügſten paſſiren.“ Bertram gab keine Antwort darauf, er hatte den Verbrecher an Händen und Füßen gefeſſelt, ſo gut er es verſtand, jetzt löſte er den letzten Strick und der alte Mann erhob ſich langſam, reckte und dehnte ſich und trat, nachdem er die Brille aufgehoben hatte, an den Tiſch, auf dem das Geld noch unberührt lag. „Es wäre eine Schande geweſen,“ brummte er,„das ſchöne Geld! Wart' nur, Graf Harrach, im Zuchthaus wirſt Du an dieſe Stunde noch denken!“ „Graf Harrach?“ fragte Bertram erſtaunt, während er mit dem Taſchentuch über ſeine naſſe Stirne ſtrich.„War der dabei?“ „So nannte ſich dieſer Vagabund, ich hoffe, ſie werden ihn jetzt nicht mehr aus dem Gefängniß herauslaſſen. An den Haken wo ten ſie mich hängen.“ „Das haben ſie Dir geſagt 7“ erwiderte Bertram entſetzt. „Ja wohl. Der Eine war ſchon fortgegangen, um ein Kiſſen nölhig die H erinn komm 6 . „6 haſt;“ Sttide zu ie ich dir u trozen urſche mß zu hahen, mute ke rieb. edes Haus gen— halb heſt n mir eine auch den Verbrecher jetzt löſte gſn, aufgehoben t lag. das ſchöne irſt Du au nd er mit „War der werden ihn den Helen entſett. ein Kiſen — 1097— zu holen, ſie wollten mich vorher erſticken, ſie ſagten's mir ganz offen, ſie müßten mich ſtumm machen.“ „Die Scheuſale! Kannteſt Vu keinen von ihnen?“ „Doch, den Andern, der fortgelaufen iſt.“ „Wie heißt er?“ „Fridolin Wortmann.“ „Gut, ich werde der Polizei den Namen nennen, der Burſche muß verfolgt werden. Sie haben Dir nichts geraubt?“ „Gott ſei Dank, nein,“ ſagte der alte Mann, während er mit zitternden Händen die Werthpapiere und das Geld wieder in die Schatulle legte.„Aber jetzt möchte ich doch wiſſen, wes⸗ halb Du hergekommen, und wie Du hereingekommen biſt. Das Thor war geſchloſſen, und ich hab' auch kein Klopfen gehört.“ „Und doch iſt es ſo einfach, daß es Jeder begreifen kann,“ erwiderte Bertram,„aber ein Fingerzeig Gottes wirſt Du auch darin erkennen. Ich ordnete heute Abend meine Sachen, es war nöthig, daß ich einmal aufräumte. Da fiel mir ein Schlüſſel in die Hand, den ich nicht kannte, und erſt nach langem Beſinnen erinnerte ich mich, daß ich dieſen Schlüſſel einmal von Dir be⸗ kommen hatte.“ „Der Schlüſſel zum Thor?“ „Erinnerſt Du Dich nicht mehr, daß Du ihn mir gegeben haſt?“ „Jowohl, damals—“ „Vor mehreren Jahren, ganz recht, als ich noch gern geſehen wurde, wenn ich kam. Es war Dir zu läſtig, immer durch den Garten zu gehen, um mir zu öffnen, deshalb erhielt ich den Schlüſſel, den ich ſpäter zurückzugeben vergaß.“ „Und was wollteſt Du heute mit dem Schlüſſel?“ fragte der Alte mit einem mißtrauiſchen Blick. „Ich wollte Dir ihn zurückbringen.“ „Weshalb das?“ „Zu e nem Hauſe, welches ich nicht betreten darf, will ich auch den Schlüſſel nicht haben,“ ſagte Bertram achſelzuckend. „Man kann nicht wiſſen, was paſſirt, und vor der Möglichkeit eines Verdachts ſchütze ich mich gerne.“ Der mißtrauiſche Zug in dem Geſicht des Wucherers trat noch ſchärfer hervor. — 1098— „Ein ſeltſame Vorwand! ſagte er.„Faſt könnte man glau⸗ ben, daß das Alles eine abgekartete Sache geweſen ſei.“ „Onkel!“ fuhr Bertram entrüſtet auf.—„Würde ich in dle⸗ ſem Falle den Mann niedergeſchlagen haben? Schon das allein muß Dir beweiſen, wie haltlos Deine Vermuthung iſt, die mich im höchſten Grade beleidigt. Ich verlange keinen Dank für das, was ich gethan habe, ich nehme an, es ſei Gottes Fügung ge⸗ weſen, und da würde Jeder an meiner Stelle daſſelbe gethan haben.“ „So ſchlimm war es nicht gemeint,“ lenkte Schwanenthal ein.„Daß ich dieſes Zuſammentreffen auffallend finde, kann mir Niemand übel nehmen—“ „Es iſt nichts Auffallendes darin!“ „Auffallend bleibt es, das wird Niemand leugnen.“ Der junge Mann nahm mit einem prüfenden Blick auf den Gefeſſelten ſeinen Hut und ſah den Wucherer mit einer Miene an, als ob er ihn an alle ſeine Sünden erinnern und über ihn zu Gericht ſitzen wolle. „Ich muß es Dir überloſſen, darübhr zu denken und zu ur⸗ theilen, wie es Dir beliebt,“ ſagte er mit ſcharfer Betonung, „drückt Dich aber dabei die Vermuthung, daß ich für meine Hülfe Dank von Dir erwarte, ſo wiederhole ich Dir hiermit noch ein⸗ mal, daß ich keinen Dank erwarte.“ „Du willſt mich verl ſſen?“ rief Schwanenthal beſtürzt. „Ich gehe zur Polizei, damit dieſer Burſche an einen ſichern Ort gebracht und ſein Genoſſe verfolgt wird, Du mußt ihn ſo lange bewachen.“ Der alte Mann ſah mit unverkennbarer Angſt ſeinen Neffen ſcheiden, aber ein Blick auf die f ſten Stricke mit denen der Ver⸗ brecher gefeſſelt war, berupigte ihn wied r. Der ſchwarze Kaspar war inzwiſchen auch aus ſeiner Betäu⸗ bung erwacht, Haß und Wuth leuchteten aus ſeinen glühenden Augen. „Heute mir, morgen Dir!“ brummte er,„es iſt noch nicht aller Tage Abend.“ Erichreckt wandte der Wucherer ſich um, er wußte, daß er verloren war, wenn es dieſem Man e gelang ſich zu befreien. Ich hoffe, Ihr werdet keinen freien Tag mehr erleben,“ ſagte drben, d „Nat chun,“ n heobocht morden? „Sy „So die Ankl wird es „Baß „Haf „Koy wollte?“ „De „Be aber ich Hund m Und da mein er „De „P „E „D ſpruch ihr pa Ab auf den MWiene ber ihn zu e⸗ etonung, ne Hülfe och ein⸗ ſichetn ihn ſo Neffen der Ver⸗ Betäu⸗ lühenden och nicht daß er freien. ſogte — 1099— er,„und im Zuchthauſe könnt Ihr Gottlob Euren Rachegelüſten keine Folge geben.“ „Schlöſſer und Mauern hindern mich nicht, wenn ich durch⸗ brechen will.“ „Das ſind Redensarten.“ „Wir werden uns wiederſehen.“ „Vor dem Gericht, und nachher wohl nicht mehr.“ „Auch nachher noch,“ ſagte der ſchwarze Kaspar mit unſag⸗ lichem Hohn,„aufgeſchoben iſt nicht aufgehoben. Haben ſie den Andern auch?“* „Sie werden ihn ſchon finden.“ „Was Ihr dazu beitragen könnt, den armen Teuſel zu ver⸗ derben, daß thut Ihr gewiß.“ „Natürlich thue ich es, und Jeder würde es an meiner Stelle thun,“ nickte der Wucherer, der jede Bewegung des Verbrechers beobachtete.„War es nicht Euer feſter Wille, mich zu er⸗ morden?“ „Spaß!“ „So ſagt Ihr jetzt! Vielleicht hofft Ihr, mit frechem Leugnen die Anklage auf Mordverſuch widerlegen zu können, aber gelingen wird es Euch nicht.“ „Bah, das muß man kennen!“ „Daß Ihr frech genug ſeid.“ „Kann mir denn bewieſen werden, daß ich Euch ermorden wollte?“ „Der Zuſtand, in dem mein Befreier mich gefunden hat—“ „Beweiſt gar nichts, alter Sünder, den Raub leugne ich nicht, aber ich werde vor Gericht Dinge zur Sprache bringen, die keinem Hund mehr erlauben, ein Stück Brod von Euch anzune⸗men. Und das ſage ich Euch, bin ich wieder auf freiem Fuß, ſo gilt mein erſter Beſuch Euch, und dann erreicht Euch die Vergeltung.“ „Das will ich ruhig abwarten.“ „Wie lang es auch dauern mag, die Vergeltung kommt—“ „Einſtweilen hat ſie Euch erreicht!“ „Das könnt Ihr auch noch nicht wiſſen, bis zum Urtheils⸗ ſpruch iſt's noch eine lange Zeit, und man weiß nicht, was in ihr paſſiren wird; bin ich aber frei, dann gnade Euch Gott.“ Abraham Schwanenthal zuckte verächtlich die Achſeln. — — 2000— „Eure Drohungen erſchr⸗cken mich nicht mehr, denn ich habe das feſte Vertrauen, daß Ihr am Ende Eurer ruchloſen Lauf⸗ bahn angelangt ſeid und im Zuchthauſe enden werdet. Unſere Geſetze ſind leider nicht ſtreng genug, in England würdet Ihr binnen heute und vierzehn Tagen am Galgen baumeln.“ „Da hättet Ihr längſt am Galgen gehangen,“ ſpottete der ſchwarze Kaspar,„Ihr habt ihn hundertfach verdient. Das iſt eben das Unrecht, die armen Teufel werden eingeſperrt, und die großen Schurken gehen frei aus!“ Der alte Mann ſchwieg, er war in Gedanken verſunken; eine furchtbare Stunde lag hinter ihm, eine Stunde, die in der Er⸗ innerung faſt noch entſetzlicher war, als in der Wirklichkeit. Er hatte an der Schwelle des Todes geſtanden, und wenn der Retter nicht gekommen wäre, ſo——— er wagte nicht, den Gedanken weiter zu verfolgen, ihm graute vor dem Haken da oben unter der Decke. Und wenn nun wirklich die ruchloſe That beendet worden wäre? Hätte ein Menſchenherz um ihrggetrauert, ein Auge an ſeinem Sarge geweint? Hätte ein Einziger ihm das Geleit zum Friedhofe gegeben und an ſeinem Grabe ein Gebet geſprochen? Schwerlich! Er hatte keinen Freund, er hatte in ſeinem ganzen Leben Niemandem Gutes gethan, nie eine edle That ver⸗ richtet, nie eine Thräne Andrer getrodnet. Flüche und Verwünſchungen wären ſtatt der Blumen und Kränze ihm in's Grab gefolgt, ſo war er auch vergeſſen für alle Zeiten. Hatte er es heſſer gewollt? Niemals, aber er hatte auch nie darüber nachgedacht, wie es nach ſeinem Tode werden könne, er war einer von den Feig⸗ lingen, die vom Tode nichts wiſſen, nicht an ihn erinnert ſein wollten. „Wer war der Burſche, der mich ſo hinterrücks überfallen hat?“ unterbrach der ſchwarze Kaspar mit heiſerer Stimme den Gedankengang des alten Mannes. „Das kann Euch wenig kümmern,“ erwiederte der Wucherer. „Ich wid nur wiſſen, ob wir verrathen worden ſind.“ „Nein.“ Lerbrecher der Burſch ich auch m zwi viet. Kanpf ni „Pr „Jem „Mut richtigen Gott ſei Der zwei Poli Die 2 ſie hatten fängniß z Der höhriſch Drohung amten, e Drohung Der die Hand Bertr nicht err er den 2 den war „J wäre ich „Un geweſen 6 habe 1 Luf. Unſere det r tete der Vas ſt und die nz eine der Er⸗ . d wenn e nicht, n Halen vorden luge an eit zum ochen ſeinem at ver⸗ nen und ſür alle wie es en Feig⸗ tert ſein herfallen mme den Zucherer. . — 2001— „Wie iſt der Menſch dann in's Haus gekommen? Das Thor war ja zu.“ „Ihr habt wohl geglaubt, ich wohne allein?“ fragte Abraham Schwanenthal höhniſch. „Iſt es nicht die Wahrheit?“ „Nein. Ihr werdet nun wohl wiſſen, daß es gefährlich wäre, mich noch einmal zu beſuchen!“ „Dann hat der fromme Fridolin mich belogen,“ knirrſchte der Verbrecher.„Der Teufel ſoll ſeinen Leichtſinn holen. Und wenn der Burſche nicht hinterrücks ich überfallen hätte, dann wäre ich auch mit ihm fertig geworden, das iſt ſo ſicher wie zweimal zwii vier. Der Fridolin iſt auch ein ſeiger Hund, er hätte den Kampf mit ihm aufnehmen müſſen, es war nur ein Einzelner.“ „Ihr habt ſeine Kraft kennen gelernt“ „Jemanden hinterrücks niederzuſchlagen iſt Kinderſpiel!“ „Muth gehört doch dazu! Trifft der erſte Schlag nicht den richtigen Fleck dann gilt es, das eigne Leben zu vertheidigen.— Gott ſei Dank, da kommen ſie!“ Der alte Mann eilte zur Thüre und öffne.e ſie, gefolgt von zwei Polizeibeamten trat Bertram ein. Die Beamten waren über das Vorgefallene bereits unterrichtet, ſie hatten nichts weiter zu thun, als den Verbrecher in's Ge⸗ fängniß zu führen. Der ſchwarze Kaspar ergab ſich in ſein Schickſal, er lachte höhniſch, als ihm die Handſchellen angelegt wurden, mit einer Drohung gegen Bertram und den Wucherer folgte er den Be⸗ amten, es lag eine Fülle von Haß und Rachſucht in dieſer Drohung Der alte Mann blieb mit ſeinem Neffen allein, er reichte ihm die Hand. Bertram war erſtaunt über dieſe Gefühlsäußerung, die er nicht erwartet haben konnte, fragend und erwartungsvoll blickte er den Wucherer an, aus deſſen Zügen jede Härte verſchwun⸗ den war. „Ich danke Dir, ſagte Abraham Schwanenthal,„ohne Dich wäre ich jetzt ein todter Mann.“ „Und ich ſagte Dir ſchon, daß es das Werk der Vorſehung geweſen ſei.“ — 2002— „Glaubſt Du das wirklich?“ „Gewiß. Es war mir, als ob eine Ahnung mir zuflüſtere, ich ſolle den Stock mit dem Bleiknopf mitnehmen, den ich ſonſt ſelten trage.“ Wieder ſpiegelte ſich ein leiſes Mißtrauen in dem welken Geſicht des Alten. „Vielleicht hatteſt Du einen beſtimmten Zweck im Auge, ols Du dieſen Stock wählteſt?“ ſagte er lauernd. „Ich wüßte nicht, welcher Zweck es geweſen ſein könnte!“ „om— Du wollteſt mit mir abrechnen.“ „Onkel, dieſer Verdacht—“ „Na, na, es kommen dem Menſchen oft kurioſe Gedanken, wir wollen nicht weiter darüber reden. Du biſt alſo entſchloſſen, zu heirathen?“ „Ja. Ich muß das verpfändete Wort einlöſen, das bin ich meiner Ehre und meinem Gewiſſen ſchuldig.“ „Und Du bauſt auf die Treue Deiner Braut?“ „Wie auf einen Felſen.“ „Der kann auch trügen, ich hab's tlebt!“ ſagte Abraham Schwanenthal kopfſchüttelnd.„Die Augen offen halten, das iſt die Hauptſache!“ „Ich weiß, doß ich meiner Braut volles Vertrauen ſchenken darf,“ erwiderte Bertram ruhig.„Und ich weiß auch, daß ſie alle Mühen und alle Sorgen mit mir tragen wird, mag es auch kom⸗ men, wie es will!“ Der alte Monn zuckte die Achſeln, als ob er ſagen wolle, wem nicht zu rathen ſei, dem ſei auch nicht zu helfen. „Sie iſt arm?“ fragte er. „Sie beſitzt tauſend Thaler.“ „So viel wie nichts alſo!“ „Für die Ausſteuer reicht dieſe Mitgift hin.“ „Und was dann?“ „Dann müſſen wir uns nach der Decke ſtrecken.“ „Wie groß iſt Dein Gehalt jetzt?“ „Sechshundert Thaler.“ „Davon können zwei Perſonen leben,“ ſagte der Wucherer, „aber große Sprünge dürfen ſie nicht machen.“ „Das wollen wir auch nicht.“ aus einen er die leb auf, nit i „Made „Ahra „Wel „3c6h iſt keine reichen G ſtüc iſt Wohnun „hn, „30 „Bön „Pon leuchtet“ „Zu Fün „Un Fri „Da man' a „Un alte Me hinaufſ „Et Verth finden Abr danken, loſſen, bin ich braham das iſt ſcheuken ſie alle ch kom⸗ n wolle, Bucherer, * — 2003— „Und wenn die Famlie ſich vermehrt, dann wird Schmalhans Küchenmeiſter.“ „Bis dahin hoffe ich mir beſſere Erwerbsquellen geöffnet zu haben.“ „Auf Hoffnungen gebe ich nichts.“ „Sie könnten ſich ſchon in den nächſten Tagen verwirk⸗ lichen.“ Der alte Mann ſah ſeinen Neffen erſtaunt an, dann holte er aus einem Schrank eine Flaſche und zwei Gläſer, und nachdem er die letzteren gefüllt hatte, forderte er ihn durch einen Wink auf, mit ihm anzuſtoßen. „Madeira?“ ſagte Bertram erſtaunt. „Abraham Schwanenthal nickte lächelnd. „Welche Ausſichten haſt Du?“ fragte er. „Ich glaube, ich habe Dir mein Projekt ſchon mitgetheilt, es iſt keine ſchlechte Speculation, im Gegentheil, ſie muß einen reichen Gewinn abwerfen. Das mir zum Kauf angebotene Grund⸗ ſtück iſt billig und es fehlt an anſtändigen und nicht zu theuren Wohnungen für den ittelſtand.“ „Hm, es gehört ein großes Kapital dazu.“ „Ich werde es erhalten.“ „Von wem?“ „Von einem Kavitaliſten, dem das vortheilhafte Geſchäft ein⸗ leuchtet.“ „Zu welchem Zinsfuß?“ „Fünf Prozent und Theilung des Gewinns.“ „Und wie groß muß das Kapital ſein?“ „Zehntauſend Thaler.“ „Früher ſprachſt Du von fünftauſend.“ „Das iſt richtig, aber wenn man etwas anfängt, dann ſoll man's auch ordentlich thun.“ „Und das Geld kann wirklich nicht verloren gehen?“ fragte der alte Mann gedankenvoll, während er die Brille auf die Stirne hi naufſchob. „Es iſt unmöglich. Sind die Grundſtücke bebaut, ſo muß ihr Werth ſteigen, und Häuſer, die ſolid und einfach gebaut ſind, finden immer Käufer.“ Abrahum Schwanenthal trank ſein Glas aus und wanderte 4 2. „ — 2004— langſam auf und ab, er ſchien mit einem Entſchluß zu kämpfen, denn von Zeit zu Zeit ſtreifte ſein Blick verſtohlen das Geſicht des jungen Mannes, der keine Hoffnungen hegte. Wie hätte er ſie auch hegen können? Daß er keinen Dank erwarten durfte, wußte er, zumal der Wucherer ihm nur Miß⸗ trauen gezeigt hatte. Er wußte auch, daß der alte Mann von ſeinem Gelde nicht ſcheiden konnte, ſeine Bitte war damals ſchon ſo energiſch zurückgewieſen worden, daß er nicht den Muth fand, ſie noch einmal zu wiederholen. „Es iſt ein Speculatiönsgeſchäft,“ brach der Wucherer endlich das Schweigen,„und kann am Ende auch nicht Alles verloren gehen, ſo können doch die Zinſen das Kapital aufzehren. Neh⸗ men wir an, die Häuſer werden nicht verkauft—“ „So werden ſie einſtweilen vermiethet.“ „Vorausgeſetzt, daß man Miether findet!“ „In jeder Zeitungsnummer werden Wohnungen maſſenweiſe geſucht.“ Der alte Mann war ſtehen geblieben, ſein forſchender Blick ruhte feſt auf den Neffen. „Du glaubſt alſo wirklich, auf dieſens Wege Dir eine ſichere Exiſtenz gründen zu können? fragte er. „Ich bin davon feſt überzeugt.“ „Wenn Du das Kapital verzinſen und ben Gewinn mit einem Andern theilen mußt—“ „Auch daun noch wird für mich genug übrig bleiben.“ Abraham Schwanenthal ſchüttelte den Kopf. „Könnteſt Du Dich entſchließen, bei mir zu wohnen?“ fragte er. Bertram ſah ihn betroffen an, in dieſer Frage lag der Wunſch der Verſöhnung, es fiel ihm ſchwer, zu glauben, daß es ein auf⸗ richtiger Wunſch ſein ſolle. „Ich wurde Deine Freiheit in keiner Weiſe beſchränken,“ fuhr der Wucherer fort, aber ich wäre denn nicht mehr ſo allein und ränberiſche Ueberfälle wie der heutige könnten nicht mehr vorkommen. Das Haus hat Raum genug, ich begnüge mich, wenn es ſein muß, nit zwei Stuben—“ „Ich wurde Dich ja doch bals wieder verlaſſen müſſen,“ unterbrach Bertram ihn,„ſobalb ich mit dem Geſchäft begonnen „ habe werd Ende gen Ih ſchn des Tage fnben“ fragte der firhteſt 2 werden, w uen Huſt Dos E wos er zu „Sie: er.„Abe ſo longe „Ich „So „Mor ſehr lieb „Und erwiberte hieten, D kenne,“ ſt Dont chl haſt nit „Noc „Gu es den C haben. theil am „We 1 fung zu gen ſcho mich ge nicht lä D Geiht * Dank t Piß⸗ mn von R ſhn h fun, endlich erloren ſeweiſe et Blick e ſichere t einem ohnen?“ WVunſch ein auf⸗ ränken“ ſo allein cht mehr niſſen“ egonnen — 1105— habe, werde ich heira hen, damit dieſem Hangen und Bangen ein Ende gemacht wird und ich nach dieſer Seite hin Ruhe bekomme. Ich ſehne mich nach dem Frieden des häuslichen Heerdes, nach des Tages Laſt werde ich dort meine Erholung ſuchen und finden.“ „Und würde mein Haus nicht auch Raum für ſie haben?“ fragte der alte Mann mit einem bedeutſamen Lächeln.„Oder fürchteſt Du, daß die Anſprüche Deiner Frau nicht befriedigt werden, wenn ſie mit einer beſcheidenen Wohnung in einem klei⸗ nen Hauſe verlieb nehmen ſoll?“ Das Erſtaunen Bertram's wuchs, er wußte in der That nicht, was er zu dieſem Anerbieten ſagen ſollte. „Sie würde das gewiß mit herzlichem Dank annehmen,“ ſagte er.„Aber trägſt Du kein Bedenken, dieſen Vorſchlag zu machen, ſo lange Du meine Braut nicht kennſt?“ „Ich werde ſie kennen lernen.“ „So darf ich ſie Dir bringen?“ „Morgen ſchon, wenn Du ſo gut ſein willſt, es wird mir ſehr lieb ſein.“. „Und ich bin überzegt, daß Du ſie lieb gewinnen wirſt,“ erwiderte Bertram freudig bewegt,„ſie würde gewiß Alles auf⸗ bieten, Dein Alter zu erheitern.“ „Ich werde darüber ſelbſt urtheilen können, wenn ich fie kenne,“ ſagte der alte Mann in einem Tone, als ob er jeden Dank ablehnen wolle.„Ich werde ſie morgen erwaten. Du haſt mit dem Kapitaliſt noch keinen Vertrag geſchloſſen?“ „Noch nicht.“ „Gut, ich werde morgen Dein Projekt prüfen und finde ich es den Erwartungen entſprechend, ſo ſollſt Du das Geld von mir haben. Ich gebe es Dir zu fünf Prozent Zinſen, auf einen An⸗ theil am Gewinn verzichte ich.“ „Wenn Du das thun wollteſt—,“ „Ich werde es thun, wenn ich mit dem Reſultat meiner Prü⸗ fung zufrieden bin. Es wäre mir übrigens lieb, wenn Du mor⸗ gen ſchon zu mir ziehen wollteſt, thuſt Du es nicht, ſo ſehe ich mich genöthigt, einem Andern die Wohnung anzubieten, ich oleibe nicht länger allein in dieſem Hauſe. Die Burſchen, deren Ueber⸗ Der Baſtard. 70 — 1106— fall heute mißlungen iſt, haben mir Rache geſchworen, ſie wer⸗ den dieſen Schwur erfüllen, ſobald ſie die Gelegenheit dazu finden.“ „Sie werden ſie nicht mehr finden.“ „Behaupte das nicht. Es wäre nicht das erſte Mal, daß ein Verbrecher aus dein Gefängniß entſprungen iſt.„Ja, es gibt Fälle, in denen Gefangene dieſes Wagniß nur deshalb unternom⸗ men haben, um ſich an einem Feinde zu rächen. War der Rache⸗ durſt geſtillt, ſo kehrten ſie freiwillig in das Gefängn iß zurück.“ „Es lag nicht im Intereſſe Bertrams, den alten Mann über dieſen Punkt zu beruhigen und die Angſt deſſe ben zu beſeitigen, im Gegentheil, es war beſſer für ihn, wenn er ſich ihm unent⸗ behrlich machte. „Ich werde Deinen Wunſch erfüllen,“ ſagte er, indem er ſich von ſeinem Sitz erhob,„aber Du darfſt Dich nicht beſchweren, wenn es in Deinem Hauſe mitunter etwas unruhig ſein wird, das Geſchäft bringt dies einmal mit ſich.“ „Ich werde mich über nichts beſchweren.“ „Gut, dann werden wir in Frieden beiſammen leben. Für heute ſage ich Dir gute Nacht.“ „Es iſt erſt acht Uhr.“ „Du haſt heute nichts mehr zu fürchten, aber wenn Du es verlangſt, komme ich gegen zehn Uhr zurück, um hier zu ſchlafen.“ „Das wäre mir allerdings eine große Beruhigung.“ „Ich werde kommen,“ ſagte der junge Monn, während er den Schlüſſel zum Gartenthor, den er auf den Tiſch gelegt hatte, ein⸗ ſteckte.„Bleibe ruhig hier, ich ſchließe hinter mir ab, ſieh nur zu, daß Du Niemandem öffneſt.“ Er eilte hinaus, er konnte ſeiner freudigen Erregung nicht gebieten, und es drängte ihn, ſeiner Braut die angenehme Bot⸗ ſchaft zu bringen. Mochte Angſt oder eine erwachende Zuneigung den alten Mann bewogen haben, ihm dieſes Anerbieten zu machen, im Grunde genommen war es gleichgültig, welche Triebfeder ihn dazu bewogen hatte, das Anerbieten ſelbſt war die Hauptſache, und es lag keine Veranlaſſung vor, es abzulehnen. Gewiß war es nur die Angſt vor einem nochmaligen Beſuch Me dig, den FPi „n „Mei thung au ſich ſelb meidet“ Das nit bieſer geben, di Bertr Onkels, ihr aus Aui liegen, empor die Ber als ſtra empor. Der wenn di ſichtigen ſe wer⸗ Rt bh beß ein e git unternom, der Jache⸗ n ann über beſeitigen, n unent⸗ m er ſich eſch eſchweren, ein wird, nn Du es hier zu nd er den hatte, ein⸗ „ſieh nur ung nicht ehme Bot⸗ den alten machen, im bfeder ihn Hauytſache, igen Beſuch — 1109— „Aber find wir es nicht dem Andenken an den Freund ſchul⸗ dig, den Mord zu rächen?“ „Wiſſen wir denn, ob ein Mord vorliegt?“ „Der Beamte—“ „Mein liebes Kind, der Beamte hat auch nur eine Vermu⸗ thung ausg⸗ſprochen, und es iſt nicht unſre Sache, zu unterſuchen, ob dieſe Vermuthung begründet iſt. Man kann dadurch nur ſich ſelbſt Unannehmlichkeiten zuziehen, die man beſſer ver⸗ meidet.“ Das Mädchen ſchüttelte jetzt auch den Kopf, ſo ganz war ſie mit dieſer Anſicht nicht einverſtanden, aber ſie mußte dennoch zu⸗ geben, daß man ſie gelten laſſen mußte. Bertram berichtete ihr jetzt die Ereigniſſe im Hauſe ſeines Onkels, und das Mädchen erkannte ſofort die Vortheile, die auch ihr aus denſelben erwuchſen. Auch ſie ſah jetzt die Zukunft in ſonnigem Lichte vor ſich liegen, die Wolken, zu denen ſie ſo oft mit ernſter Beſorgniß empor geſchaut hatte, waren verſchwunden, und die Hoffnungen, die Bertram an ſeine Ereigniſſe knüpfte, leuchteten auf ihr ein, als ſtrahlende Sterne Hiegen ſie an dem Horizont ihres Lebens empor. Der junge Mann nahm bald darauf Abſchied, er wollte, wenn die Morgue noch geöffnet war, de Leiche Auerbachs be⸗ ſichtigen und darauf zu ſeinem Onkel zurückkehren. ter Verbr tie elen alten Nar Er vel in die Zu 43. Kopitel. Semnt c n z0 machen, 1 Eine Depeſche. zuteun Laura Signora Grimaldi hatte mit ihrer Tochter das Gartenhaus lten ſich des Lord Stanhope bezogen, ohne zu ahnen, daß ſie ſich unter dem Dache eines Mannes befand, der allgemein als ein Wüſtling r bekannt war. Ver Der Kammerdiener des Lorbs, gekleidet wie ein ſchlichter Lon⸗„u doner Bürger, hatte ihr die Wohnung vermiethet und dabei Unn allen Vünſchen, die ſie ausſprach, bereitwillig Rechnung getragen. faſt wic Der Preis war niebrig, die Wohnun: lag nicht nur in der weh klog Nähe des Konzertſaales, ſondern auch einſam und zwiſchen Bäu⸗„Und men verſteckt, Signora Grimaldi du⸗fte üh der Hoffnung hin⸗ Spazierg geben, daß ſelbſt ein eifrig ſuchender Verfolger ſie hier nicht fin⸗ glaube, d den würde. Sam hatte ſich ihre volle Zufriedenheit erworben, kum nicht ſie hatte auch ſeinem Wunſche nachgegeben und ihn Arabella vor⸗ warttte d geſtellt, aber die letztere war ihrem Bruder ſo kalt und gering⸗„Und ſchätzend entgegengetreten, daß Sam ſich in hohem Grade beleidigt nird ſih fühlte. Krorkheit Der erſte Eindruck war für die Beiden maßgebend, eine dem Han gegenſeitige Abneigung, die zu überwinben ſie ſich nicht einmal„Da Mühe gaben, erfüllte ſie, und Signora Grimaldi erachtete es„So 8 ebenfalls nicht der Mühe werth, ein beſſeres Einvernehmen zwi⸗ ſn he ſchen den Beiden zu erzielen. i Sam hatte die beiden Damen in das erſte Konzert begleitet, et nt welches am zweiten Tage nach der Ankunft Arabella's in London Paheib ſtattfand, ein Konzert für die Elite der Geſellſchaft, welches ge⸗ P wiſſermaßen als Probe für die folgenden Konzerte dienen ſollte.„ Lord Stanhope hatte natürlich dieſem Konzert beigewohnt, und er war nicht ſo ſehr von der Stimme, als der blendenden Schön⸗ 6. ehit der Sängerin entzückt. heit die holeidi deleidigt ht einmal htete es men zwi⸗ begleitet, n London elches ge⸗ nen ſollte. ohnt, und en Schön⸗ — 1107— der Verbrecher geweſen, aber Bertram hoffte mit Zwerſicht, daß die edlen Charaktereigenſchaften Laura's hald auch das Herz des alten Mannes gewinnen würden. Er vertraute darauf, und dieſes Vertrauen ließ ihn freudig in die Znkunft blicken, ein heller, Glück und Segen verheißender Sonnenſtrahl hatte die finſtre Nacht durchbrochen. Es war noch nicht zu ſpät, ſeiner Braut einen Beſuch zu machen, und als er jetzt in ihr Zimmer trat, fand er ſie in einer Aufregung, deren Urſache ihm unerklärlich war. „Was iſt vorgefallen?“ fragte er beſtürzt. Laura warf ſich in ſeine Arme, Angſt und Entſetzen ſpie⸗ gelten ſich in dem Blick, mit dem ſie zu ihm aufſchaute. „Er iſt todt!“ ſagte ſie mit zitternder Stimme. „Auerbach!“ „Unmöglich!“ rief Bertram entſetzt.—„Er war ja geſtern faſt wieder hergeſtellt, ich erinnere mich, daß er nur über Kopf⸗ weh klagte.“ „Und gegen Abend ging er aus, wie er mir ſagte, um einen Spaziergang zu machen, erwiderte das Mädchen.„Aber ich glaube, dieſem Ausgang lag ein anderer Zweck zu Grunde. Er kam nicht heim, heute Morgen fand ich ſein Bett unberührt, ich wartete den ganzen Tag vergebens auf ihn.“ „Und das ängſtigt Dich?“ fragte Bertram achſelzuckend.„Er wird ſich entſchädigt haben ſür die Enthaltſamkeit, zu der ſeine Krankheit ihn zwang. Oder ſollte er niemals eine Nacht außer dem Hauſe geblieben ſein?“ „Das wohl aber—“ „So warte es ruhig ab. Wenn er ausgetobt hat, wird er ſchon heimkommen.“ „Nicht doch, Bertram,“ ſagte das Mädchen,„ich weiß, daß er nicht heimkehren wird. Vor einer halben Stunde war ein Polizeibeamter hier, der eine Menge Fragen an mich richtete.“ „Weshalb? Iſt er verhaftet?“ „Nein, nein, man hat ihn in der vergangenen Nacht todt auf der Landſtraße geſunden, die nach Oſthofen führt.“ „Todt?“ fragte Bertram, dem es ſchwer piel, an die Wahr⸗ heit dieſer Behauptung zu glauben. 105 — 1108— „Todt! wiederholte das Mädchen.„Ein Schlag hat ihm den Schädel zerſchmettert und der Beamte ſprach die Vermuthuug aus, daß ebenſowohl ein Mord, als eine Verunglückung vorliegen könne. Es ſei möglich, daß der Huf eines Pferdes die Ver⸗ letzung bewirkt habe, die Unterſuchung müſſe es ergeben.“ Bertram blickte ſinnend vor ſich hin, düſtre Schatten um⸗ wölkten ſeine Stirne. „Seltſam!“ ſagte er.„Zum zweitenmal niebergeritten, und auf dem Wege nach Oſthofen.“ „Da ſollte man wirklich glauben, es ſei abſichtlich ge⸗ ſchehen—“ „Und wer ſollte es gethan haben?“ „Ich wage nicht, den Verdacht auszuſprechen, der in mir auf⸗ ſteigt. Wo iſt die Leiche?“ „In der Morgue.“ „Weshalb hat man ſie nicht ſicher gebracht?“ „Ich weiß es nicht. Vielleicht hat Niemand den alten Mann gekannt—“ „Und im Grunde genommen iſt es Fſſer ſo! Hat der Beamte vielleicht einen Verdacht geäußert?“. Rein. „Was wollte er von Dir erfahren?“ „Wann Auerbach von hier fortgegangen ſei und ob er ge⸗ äußert habe, wohin er gehen wollte. Ob er einen Feind gehabt habe, und in welchen Vermögensverhältniſſen er geweſen ſei.“ Der junge Mann ſchüttelte den Kopf. „Es iſt wirklich ſeltſam,“ ſagte er noch einmal,„aber was nutzt es, ob wir uns den Kopf darüber zerbrechen! Wir müſſen es dem Gericht überlaſſen, den Vorfall zu unterſuchen, einen Auf⸗ chluß werden wir ſchwerlich geben können.“ „Du ſprachſt von einem Verdacht,“ erwiderte Laura, indem ſie ihn erwartungsvoll anblickte.„Ich vermuthe, Du weißt mehr—“ „Nein, mein Kind, ich weiß nichts, es ſind nur Vermuthungen und man ſoll nie Vermuthungen ausſprechen, wenn man keine Beweiſe für ſie hat. Ich ſage noch ein nal, überlaſſen wir es dem Eericht, die Sache zu unterſuchen—“ Er hi glten Sio war e digung de Sam forſchen, filt: erb Arabel hatte, Sig Herren, 1 des Konze geſorgniß verſelgen Der do ſofot Frenbe Er n und eine Mutter! er es. Es n daß die mußte, de In ih eignes 3 in doe Die lung ma ihn durs „Ha „Ve „De Ne „Ein krank g „Er weit?“ „Bi ihn den uhug vorligen die Ver⸗ wir m, lten Mann der Beante oh er ge⸗ ud gehabt en ſa.“ „aber was Wir müſſen einen Auf⸗ na, indem Du weißt rmuthungen nun käne n wir es — 1111— Er hatte verſucht, ſich ihr zu nähern, aber er war von der alten Signora ziemlich barſch abgefertigt worden, und ebenſo war es Andern ergangen, die der ſchönen Sängerin ihre Hul⸗ digung darbringen wollten. Sam begleitete ſeine Mutter in ihre Wohnung, er wollte er⸗ forſchen, ob und auf welchem Wege die Wünſche des Lords er⸗ füllt werden konnten. Arabella war zufrieden mit dem Triumph, den ſie gefeiert hatte, Signora Grimaldi ärgerte ſich über die Zubringlichkeit der Herren, und Sam war nachdenklich, denn er hatte am Ausgange des Konzertſaales einen Herrn bemerkt, deſſen Anblick ihn an die Beſorgniß ſeiner Mutter, man werde ſie von Deutſchland aus verfolgen, erinnerte. Der Herr war kein Engländer, Sam's geübter Blick erkannte das ſofort, und ſeine Beſorgniß wuchs, als er bemerkte, daß der Frembe in angemeſſener Entfernung ihnen folgte. Er wollte einmal ſtehen bleiben, um den Herrn zu erwarten und eine Frage an ihn zu richten, aber er wußte nicht, ob ſeine Mutter damit ſein würde, und deshalb unterließ er es. Es war ja möglich, daß Arabella den Fremden kannte und daß die Anweſenheit deſſelben in London ihr unbekannt bleiben mußte, deshalb war Schweigen rathſamer. In ihrer Wohnung angelangt, ging Arabella ſofort in ihr eignes Zimmer, um ſich umzukleiden, Sam folgte ſeiner Mutter in das Wohnzimmer. Die alte Frau hatte bereits bemerkt, daß er ihr eine Mitthei⸗ lung machen wollte, ſie ſah ihn erwartungsvoll an und forberte ihn durch einen Wink auf, zu reden. „Haſt Du den Herrn bemerkt?“ fragte Sam. „Welchen Herrn?“ „Der uns folgte?“ „Nein. Wie ſah er aus?“ „Eine große Geſtalt, bleich und hager, als ob er lange Zeit krank geweſen ſei.“ „Er folgte uns?“ fragte Signora Arabella beſtürzt.„Wie weit?“ „Bis hieher, ich habe es deutlich geſehen, aber ich wußte — ——— — 1112— nicht, ob ich ihn anreden durfte. Arabella ſoll vielleicht nicht erfahren, daß er hier iſt—“ „Was dies anbelangt, ſo können wir darüber ruhig ſein,“ unterbrach die alte Fran ihn.„Arabella will nichts von ihm wiſſen, und es würde ſie nur beunruhigen, wenn ſie erführe, daß er hier iſt.“ ⸗ „Ich kann ihm alſo dreiſt zu Leibe gehen?“ „Ganz gewiß, aber es wäre gut, wenn Arabella nichts davon erführe. Wir müſſen aber Aufſehen vermeiden—“ „Allerdings,“ nickte Sam,„ſchon des Lords wegen.“ Aus den ſtechenden Augen traf ihn ein lauernder Blick, und ein höhniſcher Zug umzuckte dabei die welken Lippen. „Was kümmern mich die Lords?“ ſagte Signora Grimaldi achſelzuckend. „Hm— Lord Stanhope zum Beiſpiel iſt ein ſehr reicher und ſehr freigebiger Herr. Wenn er Arabella heirathete— „Ich denke nicht daran!“ „Weshalb ſollte es nicht möglich ſein? Es iſt oft vorgekom⸗ men, daß ein Mann aus den reichſten und vornehmſten Familien ein armes Mädchen geheirathet hat, ur* dem Lord Stanhope hab' ich's heute Abend angeſehen, daß er entzückt und raſend ver⸗ liebt war.“ „Kennſt Du ihn?“ fragte die Alte mit ſo viel Mißtrauen, daß Sam nicht wagte, die Wahrheit zn geſtehen. „Ihn nicht,“ erwidente er,„aber ſeinen Kammerdiener. Es wäre mir leicht, eine Annäherung zu vermitteln.“ „Aber ich will ſie nicht!“ „Ich weiß nicht, weshalb Du ſo ſehr dagegen biſt,“ ſagte Sam kopfſchüttelnd.„Du könnteſt Dir und uns Allen eine glänzende Zukunft verſchaffen, und Arabella würde ebenfalls für ihr ganzes Leben geſichert ſein.“ „Und glaubſt Du denn wirklich, Du Thor, daß ein Lord ſie heirathen würde?“ „Weshalb nicht? Ich frage das noch einmal. Die Liebe macht die Leute blind, und ein engliſcher Lord kennt keine Vorurtheile, er folgt nur ſeinem eignen Willen. Wenn Du ihm ſagteſt, der Weg zum Schlafzimmer Arabella's führe nur am Altar vorbe, ſo würde er auch dieſe Bedingung erfüllen. Und was dann ſpäter 3 pnnt, ka vinte ib⸗ Sorgen hi „ i berde „Und „Ju 1 nit gbe „Dos Sam: net ſchwe Tochter h „3 rathen“ ihres Le pflichtunt wüßte w die alte „Dun „Dar in Deut und z Tochter beſſet 1 „D „Y vor Ne „E wenn begebt und r wer C Ir! wenn niht ſig ſen⸗ von ihn ihn, daß hts dapen Blich und Grimalhi eicher und ℳ vorgekon⸗ n Familien nhope hab aſend ver⸗ Mißtrauen, ener. Es ſt,“ ſagte Alen eine enfalls füt in Lord ſie Liebe nacht Vorurtheile, ſagtet, de ltar vorbe, dann pitet — 1113— kommt, kann uns Allen gleichgültig ſein. Milady Stanhoep würde über Schätze gebieten, die groß genng ſind, ſie über alle Sorgen hinweg ſehen zu laſſen—“ „Es iſt Thorheit!“ ſagte die Alte mit einer ablehnenden Ge⸗ berde. „Und wenn nun der Lord einen Heirathsantrag machte?“ „Ja, wenn er es thäte, und Arabella wollte ihm das Jawort nicht geben?“ „So müßte man ſie dazu zwingen.“ „Das kann Niemand.“ Sam zuckte die Achſeln und ließ ſeinen Blick durch das Zim⸗ mer ſchweifen. „Ich hatte geglaubt, Du würdeſt ſo viele Macht über Deine Tochter haben,“ ſagte er. „Ich werde Sie nicht zwingen, gegen ihre Meinung zu hei⸗ rathen.“ „Gegen ihre Neigung? Es handelt ſich hier um das Glück ihres Lebens und um unſere Zukunſt, Mutter, und ſie hat Ver⸗ pflichtungen gegen Dich, denen ſie nachkommen muß. Und ich wüßte wirklich nicht „Haſt Du mir das Alles zu ſagen?“ fragte die alte Frau, ihm in die Rede fallend. „Durchaus nicht.“ „Dann wollen wir auch nicht weiter darüber reden. Wie ich in Deutſchland gelebt habe, ſo werde ich hier auch leben, ſtill und zurückgezogen, und kein Makel ſoll auf die Ehre meiner Tochter fallen. Was kümmern mich Eure Lords? Sie ſind nicht beſſer wie unſere Barone.“ „Das ſind ſie doch! Sie ſind reicher und freigebiger.“ „Mag ſein, und nun genug davon! Sind wir eigentlich hier vor Nachforſchungen ſicher?“ „Sicher? erwiderte Sam ſpöttiſch.„Ihr ſeid es nirgend, wenn Ihr Euch nicht unter den Schutz eines reichen Mannes begebt. Jeder kann Euch folgen und erforſchen, wo Ihr wohnt, und was ſoll ich dagegen machen? Ich bin ein einzelner Mann, wer Euch verfolgen will, kann mich niederſchlagen, dann habt Ihr keinen Schutz mehr. Irgendwo müßt Ihr wohnen, und wenn Eure Wohnung nicht verrathen werden ſoll, dann darf Ara⸗ 1 5 6 3 i — 1114— bella nicht mehr auftreten. Hier in London ſeid Ihr ſchutzloſer, als in jeder anderen Stadt. Der Fremde, der Euch heute Abend gefolgt iſt, kann morgen ſchon Euch einen Beſuch machen, wie wollt Ihr ihn zurückweiſen?“ „Und wer iſt dieſer Fremde?“ fragte Arabella, die bei den letzten Worten eingetreten war. „Wahrſcheinlich Falkenberg! etwiderte die Alte mürriſch. „Das kann ich nicht wohl glauben,“ ſagte Arabella beſtürzt. „Er weiß ja, daß er nichts mehr hoffen darf, und daß er durch ſolche Verfolgung mich nur erzürnen würde, deshalb— „Gerade desbalb glaube ich, daß er es iſt,“ Sig⸗ nora Grimalbi ſie.„Ich habe ihn nicht geſehen, und ich kenne ihn auch nicht, aber er hat ſeine Unverſchämtheit uns genügend bewieſen.“ „Und wenn er es wäre, und er ſollte kommen, ſo muß er abgewieſeu werden,“ ſagte Arabella, ich kann und will ihn nicht empfangen.“ „Und Du willſt auch keinen andern Herrn empfangen?“ fragte Sam lauernd. „Nein.“ 1 „Auch dann nicht, wenn dieſer Andre ein mächtiger Lord wäre?“ Arabella warf dem Fragenden einen Blick der Verachtung zu. „Auch dann nicht!“ antwortete ſie.„Du würdeſt Dir keinen Dank damit verdienen, deshalb erſpare Dir die Mühe.“ „Hm, ich möchte Dir doch zu bedenken geben, daß die Stimme nicht immer ſo bleibt, wie ſie iſt,“ ſagte Sam ſpöttiſch.„Und S verfliſſene Sängerin iſt allemal eine traurige Ruine. Ver⸗ gen habt Ihr nicht, und erſparen werdet Ihr Euch auch nichts, wenn die großen Einnahmen einmal ein Ende nehmen, dann nagt Ihr am Hungertuch. Da wollte ich doch lieber eine Lady als ene Bettlerin ſein.“ Signora Grimaldi blickte ihre Tochter forſchend an, ſie ſchien beobachten zu wollen, welchen Eindruck dieſe Worte auf ſie mochten. Aber des Geſicht Arabellas zeigte noch immer einen herben, kalten Zug, jener Zug der Verachtung, ber Sam ſchon bei der rſten Begegnung zurückgeſtoßen hatte. ————— richt verbe ihrer Lohh uiſhn Sir 1 „Kein⸗ „Bah, „Aher „Duf“ nügen lun das vortre brennt ſi Die A die er ſo „Und nit ʒjifi nehmen „Still da nicht der „Wer ſiche zu, „Abe We emyfang „J während anders ja noch Er ſtand v MW „A Ruügend onuß er nnicht . fen 4 o e Stimme ſch.„Und nen, dann eine Lady ſie ſchien e auf ſie en herben, n bei det * — 1117— nicht verbergen konute, daß auch ſie von dem ſchroffen Auſtreten ihrer Tochter unangenehm berührt war.— Sie wird ja ſelbſt einſehen, welchen Weg ſie gehen muß.“ „Sie wird wohl ſchon ihre Wahl getroffen haben.“ „Keine Idee!“ „Bah, Dir hat ſie's gewiß nicht verrathen.“ „Aber ich würde es bemerkt haben.“ „Du?“ ſpottete Sam.„So ſchlau Du auch ſein magſt, be⸗ trügen kann man Dich doch. Und die iungen Mädchen verſtehen das vortrefflich, namentlich, wenn ſie verliebt ſind. Eines Tages brennt ſie mit einem armen Teufel durch, und dann ſieh zu, wie Du durch die Welt kommſt.“ Die Alte blickte ihren Sohn betroffen an, ſeine Behauptungen, die er ſo ruhig und zuverſichtlich gab, beunruhigten ſie. „Und deshalb wüßte ich, was ich thun würde,“ fügte Sam mit pfiffiger Miene hinzu.„Ich würde mir mein Recht nicht nehmen laſſen und Gehorſam von ihm fordern. Ich würde—“ „Still!“ fiel Signora Grimaldi ihr ins Wort— Wurde da nicht geſchellt?“ Der junge Mann 4ob ſich. „Wer ſollte jetzt noch kommen?“ fragte er. „Ich weiß es nicht,“ erwiderte die Alte erregt.„Geh und fiehe zu, weiſe Jeden ab, Arabella iſt ſchon zu Bett gegangen.“ „Aber es iſt kaum neun Uhr.“ „Wer mir etwas zu ſagen hat, kann morgen kommen. Ich empfauge Abends keine Beſuche.“ „Ja, Dich wird auch Niemand beſuchen wollen,“ lachte Sam⸗ während er mit dem Licht in der Hand hinaus ging.„Es wird anders hier werden,“ brummte er leiſe vor ſich hin,„ſie wiſſen ja noch gar nicht, was ſie zurückweiſen.“ Er öffnete die Hausthüre, ein Bote des Telegraphenamts ſtand vor ihm. „Wohnt hier die Signora Grimaldi?“ fragte der alte Mann. Sam nickte bejahenb. „Na, Gott ſei Dank, ich hab' ſie den ganzen Tag geſucht.“ „Man muß ſuchen, wenn man finden will,“ ſpottete Sam. „Eine De peſche 7Jawohl.“ ————— — — 1118— „Für welche Signora? Für die junge oder die alte?“ „Für die Mutter der Sängerin.“ „Na, geben Sie her,“ ſagte Sam,„ich werd's quittiren laſſen. Warten Sie eizen Augenblick.“ „Eine Depeſche für mich?“ fragte die alte Frau erſchreckt, als Sam ihr die Quittung vorlegte. „Woher? Was kann ſie enthalten?“ „Unterſchreib!“ befahl Sam.„Das Andre wird ſich jv finden.“ Die Alte unterſchrieb den Sch in mit zitternder Hand, Sam brachte ihn heraus und händigte ihn ſammt einem Trinkgeld dem Boten ein, dann kehrte er in das Zimmer zurück. Mit der Brille auf der Naſe ſaß ſeine Mutter da und blickte ſtarr auf das Papier, Sam machte kurzen Prozeß, er nahm es ihr aus der Hand. „Geheimniß enthüllt,“ las er,„Papiere Hurters, Beamter unterwegs. Verlaſſen Sie London, Parker, Parkins und Com⸗ pagnie dort ſind beauftragt, Ihnen fünfzig Pfund zu zahlen. Geben Sie dieſem Hauſe ihre Adreſſe, Sie werden dann Briefe erhalten.“ „Was ſoll das heißen?“ fragte Sam. Wie aus einem Traume erwachend, blickte Signora Gri⸗ maldi auſ. „Ich weiß es nicht,“ ſagte ſie,„weiß nicht einmal, wer mir die Depeſche geſchickt hat.“ „Jedenfalls ein Freund.“ „Gloubſt Du?“ „Ein Feind wird Dir doch keine fünfzig Pfund ſchenken.“ „Parker, Parkins und Compagnie, wer iſt das?“ „Ein großes Bankhaus.“ „Glaubſt Du, daß ich das Geld bekommen werde?“ „Da ſteht's ja, nimm nur die Depeſche mit, damit Du Dich legitimiren kannſt. Was ſoll jetzt weiter geſchehen?“ Die alte Frau ſchüttelte rathlos das Haupt, ſie war ſichtbar werwirrt. „Ich muß fort,“ ſagte ſie. „Iſt es ein gefährliches Geheimniß?“ „Gefährlich genug!“ N Dmn Heinen Bor „s nä „Genug eines Lord⸗ willich de wählen, ſo wirbt.“ „Er m lernen.“ „Und: heute Aben „Jhr Arabella de lag in dem meine Hand dung über In ſ einem trot den Beide wahren. Ueber mochte na beugen u unterſtütz „Mir mich ſcho Perſon gut, daf du d blite nuhn ez Beamter und Com⸗ u zahlen. un Prieſe ora Gri⸗ wer mir nken.“ 2 du Dich — — ſichthar — 1115— „Und wenn Du willſt, kannſt Du eine Lady werden,“ fuhr Sam fort,„die Gattin eines reichen Lords, ich verſpreche Dir, dafuͤr zu ſorgen.“ „Und wie viel hoffſt Du dabei zu verdienen?“ fragte Ara⸗ bella höhniſch. „Ich thue es in Deinem Intereſſe.“ „Dann haſt Du alſo auch keinen Schaden davon, wenn ich Deinen Borſchlag zurückweiſe.“ „Es wäre Dein eigner Schaden.“ „Genug!“ ſagte die alte Frau ärgerlich.„Wir geizen nicht nach der Freundſchaft vornehmer Herrn, und ſerbſt der Titel eines Lords kann uns nicht reizen. Wenn Lord Stanhope uns wirklich die Ehre erzeigen will, Arabella zu ſeiner Gattin zu wählen, ſo erwarten wir, daß er in aller Form um ihre Hand wirbt.“ „Er muß doch zuvor Gelegenheit haben, Arabella kennen zu lernen.“ „Wozu das? BFr ſieht ſie im Konzertſaal—“ „Und wenn er dort jo ſchnöde zurückgewieſen wird, wie es heute Abend geſchah, tanj. man nicht die Hoffnung hegen—“ „Ihr verkauft den Pelz, ehe Ier den Fuchs habt,“ ſchnitt Arabella den Beiden das Wort ab, und ein ſchneidender Hohn lag in dem Tone, den ſie jetzt anſchlug.„Ich laſſe nicht über meine Hand beſtimmen, laſſe mich nicht verkaufen, die Entſchei⸗ dung über vieſen Punkt behalte ich wir allein vor.“ In ſtolzer Haltung, das Haupt zurückgeworfen und mit einem trotzigen, entſchloſſenen Blick um die Lippen ſtand ſie vor den Beiden, entſchloſſen, ihre Rechte zu behaupten und zu wahren. Ueber das Geſicht Sams glitt ein höhniſches Lächeln, er mochte nachdenken, daß es ihm leicht ſein werde, dieſen Trotz zu beugen und zu brechen, ſobald die Verhältniſſe ſeine Bemühungen unterſtützten. „Mir kann es ja gleichgültig ſein,“ ſagte er,„ich ſchlage mich ſchon durch, und was mich betrifft, ſo verlange ich für meine Perſon nicht den geringſten Vortheil davon. Ich weiß ja nur gut, daß ich vonmeiner ſchönen Schweſter nichts zu erantworten — habe, nicht einmal Dank für die Dienſte, die ich aus brüderlicher Liebe ihr leiſte.“ „Aus brüderlicher Liebe?“ wiederholte Arabella achſelzuckend. „Ich weiß wirklich nicht, ob ich darauf ſtolz ſein darf—“ „Wozu auch? Ich verlange es nicht, ich erwarte nicht einmal Dank! Was liegt mir daran, ob ein Lord oder ein Bettler mein Schwager iſt! Ich verlange von meinen Verwandten keine Unterſtützung, ſo lange ich mir ſelbſt helfen kann, und kann ich das nicht mehr, dann muß mich das Armenhaus aufnehmen.“ „Es iſt keine beneidenswerthe Erinenz!“ ſagte Arabella, die inzwiſchen eine Kerze angezündet hatte.“ Es wäre beſſer ge⸗ weſen, Du hätteſt ein gutes Handwerk gelernt—“ „Ja, wenn unſre Mutter nur die Hälfte des Geldes, die Du ihr gekoſtet haſt, auf mich verwandt hätte, wäre aus mir auch etwas Beſſeres geworden,“ erwiederte Sam mit einem boshaften Blick auf die alte Frau.„Aber mich ließ man aufwachſen wie das Unkraut, und da if's begreiflich, daß aus mir nichts ge⸗ worden iſt.“ „Er hat's nicht beſſer gewollt,“ brummte Signora Grimaldi. „Ich habe Opfer genug gebracht, und l iſt meine Schuld nicht, wenn—“ „Es iſt Deine Schuld nicht,“ ſpottete Sam,„mit dieſer wohl⸗ feilen Redensart ſucht man ſich immer zu rechtfertigen, wenn man ſich ſchuldig weiß. Es iſt freilich Deine Schuld nicht, daß ich in die weite Welt gelaufen bin, Du haſt mich nicht fortgejagt aus der Heimath, aber es iſt doch auch Deine Schuld, denn Du haſt mich nicht gehalten in der Heimath. Du haſt Dich nicht geküm⸗ mert um mich, aber dieſe da haſt Du gehätſchelt, für ſie hatteſt Du Alles übrig und für mich nichts.“ Arabella hatte dieſe Zänkereien und Vorwürfe ſo oft gehört, daß ſie ſich angewidert fühlte, ſie nahm die Kerze und zog ſich in ihr eignes Zimmer zurück. „Jetzt haſt Du's gehört,“ ſagte Sam höhniſch.„Sie läßt ſich nicht verkaufen, ſie will ſelbſt entſcheiden! Das heißt mit dürren Worten, ſie will Dir in keiner Weiſe die Opfer vergelten, die Du für ſie gebracht haſt, Dein Schickſal iſt ihr gleichgültig, ſie opfert es gleichgültig ihren Launen.“ Sowarten!“ erwiderte die Alte achſelzuckend, die gleichwohl ub Signor ſten Liefen „Es kal Belonung. niß iſt, ſo tiſehen⸗ Eam ha ſeh miden Ps ſ „Wenn Plänen nic „Sie w zudte dabe „Hm, „Wenn „So n fahren zu „Was niemals Und wen dann mü „Und eine andr hieher ge helfen, de nich, Mu Wird der Signt unſtät du auf dem „Mög „Don nicht lan ein ange „Ver Fn, Werlicher ekuted. 62 ict ennl ein Bittler dten keine d kan ith ehmen.“ tabell, die beſet ge⸗ S, die Du nit auh boshaften wachſen wie diſet wohl⸗ venn man daß ich in geiagt aus un Du haſt nicht gelün⸗ r ſie hatteſt oft gehört, und zog ſch „Sie läßt heißt nit et vergelten, gleichgültig e gleichwohl „Und es betrifft Arabella?“ Signora Grimaldi blickte ihn ſeſt an, ſie ſchien in die inner⸗ ſten Tiefen ſeiner Seele eindringen zu wollen. „Es kann Dir gleichgültig ſein,“ erwiderte ſie mit ſcharfer Betonung.„Wenn ich Dir ſage, daß es ein gefährliches Geheim⸗ niß iſt, ſo muß Dir das genügen, und ich hoffe, Du wirſt mir beiſtehen.“ Sam hatte wieder auf ſeinem Stuhle Platz genommen, er ſah nachdenklich vor ſich hin. „Was ſoll die Frage?“ „Wenn ſie es nicht kennt, ſo wird ſie vielleicht mit Deinen Plänen nicht einverſtanden ſein.“ „Sie muß!“ fuhr die Alte auf, und ein Blitz des Zorns zuckte dabei aus ihren Augen. „Hm, es fragt ſich, ob ſie gehorchen wird.“ „Wenn ſie weiß, daß uns Gefahren drohen—“ „So wird ſie auch wiſſen wollen, welche Urſachen dieſen Ge⸗ fahren zu Grunde liegen.“ „Was ſie will oderſ nicht will, kann auf meine Entſchlüſſe niemals Einfluß üben,“ſagte die alte Frau, ihn feſt anblickend.“ Und wenn der Inhalt dieſer Depeſche ſich auf Wahrheit gründet, dann müſſen wir fort von hier.“ „Und wohin?“ fragte Sam.„Verlaßt London und geht in eine andre Stadt und man wird Euch folgen, wie man Euch hieher gefolgt iſt. Wechſelt die Wohnung, es wird Euch nichts helfen, denn im Konzertſaal findet men Euch. Sei offen gegen mich, Mutter, nur dann kann ich Dir rathen und Dich ſchützen. Wird der Enthüllung des Geheimniſſes die Verhaftung folgen?“ Signora Grimaldi erſchrack ſichtbar, ihr ſchener Blick irrte unſtät durch das Zimmer und blieb endlich voll unſaglicher Angſt auf dem Geſicht Sem's ruhen. „Möglich wäre es,“ ſagte ſie leiſe. „Dann wird's auch geſchehen, die Londoner Polizei fackelt nicht lange. Und dann werden ſie Euch auch finden, wenn nicht ein angeſehener und mächtiger Herr ſich Eurer annimmt.“ „Wer ſollte das thun?“ „Hm, Du willſt ja meinen Rath nicht annehmen!“ erwiderte * 4 5+ 6 t Sam achſelzuckend. Ich frage Dich, was iſt Dir Arabella? Nichts! Sie iſt Deine Tochter nicht—“ „Samuel, ich—“ „Wozu die Komödie? Mich betrügſt Du nicht, Mutter. Wenn ich Dir und dem ſchönen Mädchen in's Geſicht ſehe, dann weiß ich gleich, daß ſie dein Kind nicht ſein kann, denn es iſt ein Un terſchied zwiſchen Euch, wie zwiſchen Tog und Nacht! Aber mich kümmert das weiter nicht, ich will domit nur aufmerkſam machen darauf, daß das Schickſal dieſes Mädchens Dir gleichgültig ſein tann, ſoforn es Dir Vortheil bringt.“ „Ihre Unehre kann mir keinen Vortheil bringen.“ „Wer ſpricht denn davon? Verlange ich ihre Unehre? Und bringt damit ihre Ehre Dir jetzt noch Vortheil? Welchen Kon⸗ trakt ſie auch geſchloſſen haben mag, Deiner Sicherheit wegen darf ſie nicht mehr auſtreten, das wirſt Du einſehen. Man wird ſie ein Konzertſaal ſuchen, um Dich zu finden, und ſo gut der Telegraphenbote Dich gefunden hat, ſo gut wird auch die Polizei Dich finden, vielleicht noch etwas raſcher.“ Die alte Freu athmete tief auf, dif innere Angſt, die ſie nicht zu bezwingen vermochte, verzerrte ihre Züge. „Was ſoll ich anfangen?“ fragte ſie.„Der Kontrakt muß erfüllt wersen, und wir haben keine andere Einnahmequelle.“ „Krankheit löst den Kontrakt,“ fuhr Sam fort,„mau muß den Leuten anzeigen, daß Arabella krank geworden ſei; es kann nicht Jeder das Londoner Klima vertragen.“ „Dann wird die Direction ihr einen Arzt ſchicken—“ „Man kann einen Arzt verkaufen, wenn man Geld hat!“ „Aber ich habe keins.“ „Drum iſt es nothwendig, daß wir uns welches verſchaffen. Auf der einen Seite das Gefängniß, auf der andern der Hunger und in der Mitte ein Leben in Pracht und Ueberfluß— da wüßte ich ſofort, was ich thäte!“ „Ein Leben in Pracht und Ueberfluß, erkauft mit der Schande Arabella's!“ erwiderte die alte Frau. „Iſt es eine Schande, die Frau eines Lords zu werden?“ „Das find die Lockſpeiſen, die uns hingeworfen werden „Liegt es denn nicht in dem freien Willen Arabella's— „Sprich mir davon nicht,“ ſagte die Alte erregt.„Wenn ein junges 1 muß ſie „Muf Zwang Signt Auweg peſche rie nicht leih „hoſt „30 ſpricht, 2 Nutter ſt „Und „Ein eines mä ſein und tete Euc dafür ſc entſchlie die Bild dem Zw „Kan „Vie Un „Lor Aeußer men ka zu nehr „h 6 der Ri man v Lords Der kabel; inn weiß ein Un lber nich machen re? Und en Kon⸗ it wegen Nan wird gut der die Polizei ſ, de ſe trakt muß nan muß es kann het! erſchaffen. der Hunget 15— du er Schande erden“ erden!“ lle's— Pen ein — 1121— junges Mädchen ſich in den Schutz eines Wüſtlings begiebt, dann muß ſie auch ſcinem Willen ſich unterwerſen.“ „Muß ſie?“ erwiderte Sam ironiſch.„Man wird ihr keinen Zwang anthun, und wenn es geſchähe, ſo wäre ich auch noch da.“ Signora Grimaldi ſchüttelte den Kopf, aber ſie ſah keinen Ausweg aus ihren drohenden Gefahren. Ein Blick auf die De⸗ peſche rief ihr dieſe Gefahren in die Erinnerung zurück, ſie durfte nicht leicht darüber hinweggehen. „Haſt Du ſchon einen Plan?“ fragte ſie nach einer Pauſe. „Ich werde mir nur dann Mühe geben, wenn Du mir ver⸗ ſprichſt, Alles gutzuheißen, was ich thue,“ erwiderte Sam, ſeine Mutter feſt anblickend. „Und was würdeſt Du dann thun?“ „Ein Aſyl für Euch ſuchen, in dem Ihr unter dem Schutze eines mächtigen Herrn ſteht. Ihr würdet die Gäſte dieſes Herrn ſein und wie geſagt, ein Leben in Pracht und Ueberfluß erwar⸗ tete Euch unter ſeinem Dache, ohne daß Ihr ihm einen Dank dafür ſchuldig wäret. Arabella könnte dann noch immer ſich entſchließen, ob ſie die Pattin dieſes Herrn werden will oder nicht, die Bildung und die höhe Stellung des Herrn werden ſie vor je⸗ dem Zwang ſchützen.“ „Kann man darauf vertrauen?“ „Wie auf einen Felſen.“ „Und wer iſt der Herr?“ „Lord Stanhope.“ „So hat er alſo doch ſchon mit Dir geſprochen?“ „Nein,“ ſagte Sam, ohne Verlegenheit zu zeigen,„ſo weit iſt es noch nicht zwiſchen uns gekommen. Er hat nur einige Aeußerungen fallen laſſen, aus dem ich allerdings genug entneh⸗ men kann, und die mich berechtigen, nähere Rückſprache mit ihm zu nehmen.“ „Und Du glaubſt, daß er—“ „Daß er Euch ſeinen vollen Schutz gewähren un? Euch mit der Rückſicht behandeln wird, die ine Dame von jedem Gentle⸗ man verlangen darf. Die Sache wäre einfach. Der Wagen des Lords bringt Euch auf einen Landſitz und Niemand wird von Der Baſtard. 71 — 1122— Eurer Abreiſe etwos erfahren, nicht eher, bis Ihr geſucht und vermißt werdet.“ „Der Kutſcher—“ „Die Diener des Lords ſind verſchw iegen, ſie müſſen es ſein, für ſie bürg ich. Und dann weiß ja auch Niemand, daß Ihr in des Lords Wagen von dannen gefahren ſeid. Auf dem Land⸗ gut könnt Ihr in aller Ruhe abwarten, bis die Gefahr vorbei iſt, ich werde hier die Augen offen halten und ſpioniren. Ich hab' gute Freunde bei der Polizei, und da ſie nicht wiſſen, daß Ihr meine Mutter ſeid, werden ſie mir ſchon Alles ſagen, was ich wiſſen will. Iſt die Gefahr vorüber, und Arabella will nicht des Lords Gattin werden, ſo könnt Ihr England wieder verlaſſen.“ „Dann reiſen wir nach Amerika.“ „Wie Ihr wollt, Ihr könnt dort einen andern Namen an⸗ nehmen und braucht dann nichts mehr zu fürchten. Ich melde Arabella hier krank, für ein ärztliches Atteſt wird der Lord ſor⸗ gen und da Niemand weiß, wo Ihr ſeid, ſo kann auch Niemand Euch Unannehmlichkeiten bereiten.“ Signora Grimaldi nickte ſchweigend, die Brauen finſter zu⸗ ſammengezogen blickte ſie brütend vor ſichk hin. Ihre Bedenken ſchwanden, die Angſt vor dem Gefängniß über⸗ wand ſie. Ihr blieb ja kein anderes Mittel, der drohenden Ge⸗ fahr zu entrinnen, und wenn Arabella die Verhältniſſe zu be⸗ nutzen verſtund, ſo konnte ſie möglicherweiſe Lady Stanhope werden. In der That, dieſe Möglichkeit war nicht ausgeſchloſſen, und wenn dieſer glänzende Traum in Erfüllung ging, dann war auch die Zukunft der alten Frau geſichert, und der Gatte Arabella's mußte ſie vor jeder weiteren Verfolgung ſchützen. Und wenn auch dieſer Traum ſich nicht verwirklichte, ſo war ſie wenigſtens einſtweilen geſchützt. „Und wie iſt es mit den fünfzig Pfund?“ fratzte ſie. Daruber hatte Sam auch ſchon nachzedacht, die Schnelligkeit, mit der er die Frage beantwortete, bewies es. „Ich weiß nicht, ob Du klug thuſt, ſelbſt das Geld in Em⸗ pfang zu nehme,“ ſagte er in bedenklichem Tone.„Ich will nicht vehaupten, daß man Dir damit eine Falle geſtellt haben könnte, um Dich an der Kaſſe des Bankhauſes zu verhaften, aber es rile nt von der durſſt Z gib nit Vied alten 5 die Auge „Mat „Pa gan nh nung iſt in Emyf „Un „St wo Du gewohnt funden, „Abe „0 ich thue „Il, „Un „S „Ei ſol. iſt—“ „De kann il ſollt f die We V ſchlag Fuß, und ſein, hr in Land⸗ vorhei hah r as ich nicht ſen.“ an⸗ melde d ſor. mand er zu⸗ über⸗ Ge⸗ he⸗ hope und tauch bellas war ligket, n En⸗ ill nicht könnte, her es 6 ſ — 1128— wäre möglich, daß der Beamte, der Dir nachgeſchickt worden iſt, von der Depeſche Kenntniß erhalten hat, und in dieſem Falle darfſt Du mit Sicherheit auf Deine Verhaftung rechnen.“ „Aber ich kann doch auch nicht das Geld im Stich laſſen!“ „Wenn es wirklich für Dich angewieſen iſt, allerdings nicht. Gib mir die Depeſche, dann werde ich morgen früh hingehen.“ Wieder ſpiegelte ſich Mißtrauen in dem welken Geſicht der alten Frau, aber da Sam vor dieſem forſchenden, ſtechenden Blick die Augen nicht niederſchlug, ſo ſchien ſie ſich wieder zu beruhigen. „Man wird Dir das Geld nicht geben,“ ſagte ſie. „Wahrſcheinlich nicht, aber ich will es verſuchen,“ erwiderte Sam ruhig.„Ich erfahre dann wenigſtens, ob die Sache in Ord⸗ nung iſt und ob Du mit Sicherheit hingehen kannſt, um das Geld in Empfang zu nehmen.“ „Und wann ſollen wir abreiſen?“ „Sobald wie möglich. Der Beamte wird, wenn er nicht ſchon hier iſt, morgen ankommen und dann auch ſofort ſich erkundigen, wo Du wohnſt. Man muß ihm zuvorkommen, dieſe Leute ſind gewohnt, raſch zu hangeln, und haben ſie einmal eine Spur ge⸗ funden, ſo—“ „Aber wir können doch nicht heute noch abreiſen?“ „Ich will mit dem Lord reden, Du billigſt alſo Alles, was ich thue?“ „Ja, das heißt, wenn es ehrenhaft iſt.“ „Und Arabella?“ „Sie muß!“ „Es iſt beſſer, man verſchweigt ihr, wohin ſie gebracht werden ſoll. Sie mag es ſpäter erfahren, wenn ſie an Ort und Stelle „Was ſoll ich ihr ſagen 7“ „Der Director, mit dem ſie den Kontrakt abgeſchloſſen hat, kann ihr ja eine andre Wohnung angeboten haben. Weshalb ſollt- ſie das nicht glauben? An Ort und Stelle ſagt man ihr die Wahrheit, ſoweit ſie dieſelbe erfahren darf.“ Wieder nickte die alte Frau, ſie wußte keinen anderen Vor⸗ ſchlag zu machen, und die Kohle lag ihr glühend heiß auf dem Fuß, ein Entſchluß mußte gefaßt werden. 1 — 1124— „Vielleicht bringe ich Dir heute Abend noch Antwort,“ ſagte Sam, während er ſich der Thüre näherte,„es wäre möglich, daß Ihr morgen ſchon abreiſen könntet, je eher, deſto beſſer.“ „Ich werde auf Dich warten.“ Sam ging hinaus, das Eiſen war warm, er wollte es ſchmie⸗ den, dieſe Gelegenheit mußte benutzt werden, vielleicht bot fie nie ſich wieder. Es war ſo ſpät noch nicht, und der Zufall begünſtigte Sam inſofern, als der Lord ſich in ſeinem Palais befand und der Kammerdiener ſich ſofort bereit ze gte, ihn anzumelden. Lord Stanhope hatte den Eintretenden kaum erkannt, als er ihm mit unverkennbarer Ungeduld entgegenging. „Welche Nachricht bringen Sie mir?“ fragte er raſch.„Ara⸗ bella Grimaldi iſt eine bezaubernde Schönheit, ſie muß mein werden.“ Sam lächelte triumphirend. „Vielleicht ſind Eure Herrlichkeit der Erfüllung dieſes Wunſches näher, als Sie glauben,“ erwiderte er. „Was wollen Sie damit ſagen? Siezwiſſen wohl nicht, daß die Mutter der Säng rin mir in einer Weiſe entgegengetreten iſt, die ich nur grob nennen kann.“ „Ich weiß es, aber die Verhältniſſe haben in ker letzten Stun e ſich geändert. Die alte Frau wird Ihnen dankbar ſein, wenn Sie ihr Schutz gewähren wollen.“ Lord Stanhope ſah ihn erwartungsvoll an, dann ließ er ſich in ſein Fauteuil nieder. „Natürlich werde ich ihn nicht verweigern,“ ſagte er. „Die Sache iſt die, Mylord. Signora Grimaldi wird verfolgt, ſie hat ſoeben eine Depeſche erhalten, in der ſie gewarnt wird. Weshalb man ſie verfolgt, weiß ich nicht, und Verm thungen, deren Wahrheit nicht bewieſen werden kann, wären auch für Sie werthlos. Bleiben wir alſo bei der Thatſache, deß ſie verfolgt und dadurch genöthigt wird, einen Verſteck zu ſuchen.“ „Vortrefflich!“ nickte der Lord. „Arabella wird nicht mehr auftreten dürfen, weil jede Spur der Damen, wenigſtens für die nächſte Zeit verloren gehen muß. Es würde zu nichts nützen, wenn ſie eine andre Wohnung be⸗ daß ſe er nnte nö „Aber „Und Bn „Gut „Sig und ich! güter ein „Seh „Die lich geſche anbefohlen „Ez ſ Sigr gut, wen Damen n „ Augen be lungen n Nähe die zu woche „ dieſe An rathe Il nur dad Ich wei ich glau ſagte deß chmie⸗ te nie Sam d der ls er Ara⸗ mein nſches daß treten leßten ſein, r ſich rfolgt, wird. ngen, r Sie rfolgt Spur muß. he⸗ — 1125— ziehen wollten, denn ſo groß London iſt, findet die Polizei doch in dieſer Stadt Jeden, den ſie ſucht.“ „Sehr wahr! Weiter!“ „Ich habe der alten Frau das vorgeſtellt und ihr den Vor⸗ ſchlag gemacht, ſich unter den Schutz eines reichen und ongeſehe⸗ nen Mannes zuſtellen, und ſie hat dieſen Vorſchlag angenommen.“ „Ebenſo die Sängerin?“ fragte Mylord. „Mit Ihr haben wir noch nicht geredet, und es iſt auch beſſer, daß ſie erſt ſpäter die Wahrheit erfährt,“ erwiderte Sam.„Sie könnte möglicherweiſe mißtraniſch werden und—“ „Aber kennt ſie denn die Gefahr nicht, die ihrer Mutter droht?“ „So wie ich weiß nein.“ „Und es ſoll ihr auch nicht mitgetheilt werden?“ „Wahrſcheinlich nicht.“ „Gut, und wa weiter?“ „Signora Grimaldi wünſcht ſo bald wie möglich abzureiſen, und ich habe ihr Hoffnung gemacht daß Sie ihr eins Ihrer Land⸗ güter einräumen würden.“ „Sehr gut. Sie hat das angenommen?“ „Die Verhältniſſe zwingen ſie dazu. Die Abreiſe müßte heim⸗ lich geſchehen und der Dienerſchaft die größte Verſchwiegenheit anbefohlen werden.“ „Es ſoll geſchehen.“ „Signora Arabella muß krank gemeldet werden, und es wäre gut, wenn man ein ärztliches Atteſt vorlegen könnte, damit den Damen nicht weiter nachgeforſcht wird.“ „Ich werde dafür ſorgen,“ ſagte der Lord, deſſen leuchtende Augen bewieſen, welchen lebhaften Antheil er an dieſen Mitthei⸗ lungen nahm.„Ich werde die Damen auf ein Landgut in der Nähe dieſer Stadt bringen laſſen, es iſt dann an Ihnen, darüber zu wachen, daß ſie dort ble ben und ihr Verſteck nicht verrathen.“ „Ich werde die Angſt der alten Frau jeden Tag nähren, dieſe Angſt iſt der beſte Wächter,“ erwiderte Sam.„Aber ich rathe Ihnen, Arabella mit der größten Rückſicht zu behandeln, nur dadurch wird es Ihnen gelingen, ihre Gunſt zu gewinnen, Ich weiß nicht ob ſie ſchon in einen Andern verliebt iſt, aber ich glaube es indeß hat das am Ende nicht viel zu bedeuten, ſis, „ 6 „—— ———— 7 — 1126— iſt ein Weib, wie jedes Andre und durch Geſchenke kann man Jede gewinnen.“ „Sie ſprechen, als ob Sie auf dieſem Felde Erfahrungen gemacht hätten,“ ſpottete der Lord.„Ueberlaſſen Sie das mir, vorläufig genügt es mir, wenn die Signora unter einem Dache wohnt. Wann kann die Abreiſe ſtattfinden?“ „Ich glaube, es wäre rathſam, ſie zu beeilen. Könnte der Wagen morgen früh etwa bei Tagesanbruch bereit ſtehen?“ „Gewiß.“ „Die Dienerſchaft auf dem Lanbgute müßte natürlich unterrichtet werden.“ „Ich werde dem Kutſcher einen Brief an die Verwalterin mitgeben, ſie hat dort ſchon oft Damen empfangen, und ſie weiß, daß ich Verſchwiegenheit von ihr verlange.“ „So wäre das alſo in Ordnung,“ ſagte Sam befriedigte. „Ich werde die Damen begleiten und ſie überwachen und be⸗ ſchützen, ſchon heute wurden ſie von einem Herrn verfolgt, der ihnen ſicher gefolgt iſt, von dem aber Arabella nichts wiſſen will. Vielleicht wird in den nächſten Tagen ½ Polizei hier Erkundi⸗ gungen einziehen, ich mache Eure Herrlichkeit darauf aufmerkſam, damit Sie wiſſen, wie Sie ſich dem gegenüber zu verhalten haben.“ Der Lord blickte Sam feſt an, es lag etwas Lauerndes in den tief eingeſunkenen Augen. „Wiſſen Sie wirklich nicht, welche Gefahr der Signora droht?“ fragte er. „Nein, Mylord.“ „Aus Ihren Aeußerungen glaube ich vermuthen zu dürfen, daß ſie eine Verhaftung befürchten muß.“ „Das kann ich nicht beſtreiten.“ „Nun wohl, dann muß doch ein Verbrechen vorliegen.“ „Ein Verbrechen? Ich will das nicht behaupten, vielleicht nur ein Vergehen, oder—“ „Sprechen Sie Ihre Veruuthungen aus,“ ſagte Mylord, in herablaſſendem Tone, als Sam zögernd abbrach. „Ich weiß nicht, ob ich es darf.“ „Weil ich keine Beweiſe habe“ Ich werde darauf Rückſicht nehmen.“ Um „Wen „30 Dan halten we ich werde Fen un Sie Sie! „Arub ſturb ſcho Ein ir kann,“ ſo „ch nebeneine Mädchen „Sie „Jaw Lord nen und! ſein,“ er es nicht Der „Sie men in Ihnen C „Gut haft.„ „Nic dingung Punkt( die alte an ungen mir, Dache e der richtet lterin weiß, edigte. d he⸗ , der n will. tkundi⸗ erkſam, aben.“ nden oht7“ ℳ cht nur ord, in — 1127— „Und Mylord verſprechen mir, mit der olten Frau nicht da⸗ rüber zu reden?“ „Wenn Sie es verlangen, gewiß!“ „Ich muß es verlangen.“ „Dann dürfen Sie auch darauf vertrauen, daß ich mein Wort halten werde,“ nickte der Lord. Alſo reden Sie ſrei und offen, ich werde keinen Gebrauch von Ihren Mittheilungen machen, der Ihnen Unannehmlichkeiten zu ziehen könnte.“ „Sie wiſſen, daß Signora Grimaldi meine Mutter iſt?“ „Sie haben es mir geſagt.“ „Arabella iſt zehn Jahre jünger als ich, und mein Vater ſtarb ſchon mehrere Jahre vor ihrer Geburt.“ Ein ironiſches Lächeln umſpielte die Lippen des Lords. „Ich glaube, daß darin nichts Auffallendes gefunden werden kann,“ ſagte er. „Ich will das zugeben, aber wenn man Mutter und Tochter nebeneinander ſieht, ſo fragt man ſich doch, ob dieſes ſchöne Mädchen wirklich die Tochter der häßlichen Frau ſei.“ „Sie bezweifeln das?“ „Jawohl.“ Lord Stanhope hatte die Brauen hoch hinaufgezogen, Erſtau⸗ nen und Ueberraſchung ſpiegelten ſich in ſeinem Geſicht. „Beweiſe haben Sie nicht?“ fragte er. „Nein, Mylord.“ „Auch keine Gründe auf die Sie Ihre Behauptung ſtützen?“ „Es ſoll keine Behauptung, ſondern nur eine Vermuthung ſein,“ erwiderte Sam kopfſchüttelnd.„Und Gründe? Hm, wäre es nicht möglich, daß ſie deshalb verfolgt wird?“ Der Lord ſchüttelte jetzt auch den Kopf. „Sie könnten es erfahren,“ fügte Sam hinzu.„Da die Da⸗ men in Ihrem Garten hauſe gewohnt haben, ſo wird man bei Ihnen Erkundigungen einziehen—“ „Gut, ich werde daran denken,“ ſagte Lord Stanhope leb⸗ haft.„Und wenn Ihre Vermuthung richtig iſt, dann—“ „Nichts gegen meine Mutter, Mylord, das muß ich zur Be⸗ dingung machen!“ unterbrach Sam ihn.„Wenn man über dieſen Punkt Gewißheit erhielte, ſo könnte man das benutzen, um auf die alte Frau einen Druck zu üben. Aber wollten Sie die Beiden — 1128— trennen, ſo würden Sie weiter nichts erreichen, als daß Arabella Sie augenblicklich verließe.“ „Arabella wäre in dieſem Falle auf meinen Schutz allein an⸗ gewieſen.“ „Sie würde vorziehen, ſich unter den Schutz der Polizei zu⸗ ſtellen.“ „Ah— bah „Mylord, alauben Sie mir. Arabella betrachtet die Ehre als ihr höchſtes Gut, ſie iſt nicht ſo leicht zu gewinnen, wie Sie⸗ annehmen. Löſen Sie das Band, welches ſie jetzt noch an Sig⸗ nora Grimaldi feſſelt, und Sie werden erfahren, daß Arabella ohne Z gern in ihre Heimath zurückkehrt.“ „Sie ſagten vorhin, Arabella ſei ein Weib, wie jedes andre—“ „Inſofern, als ſie gegen werthvolle Geſchenke nicht unem⸗ pfindlich ſein wird, aber ſie iſt keine von denen, bei welchen man mit der Thüre in's Haus hineinfallen darf! Mylord werden mich verſtehen.“ Mylord zucte die Achſeln und ſagte:„Wir werden ſehen!“ dann gab er Sam durch einen Wink zu perſtehen, daß er allein zu ſein wünſche. Sam ſchritt langſam auf die Thüre zu. „Alſo morgen früh, wenn der Tag anbricht?“ ſagte er. „Der Wagen wird bereit ſtehen.“ „Ich werde es ſogleich meiner Mutter ſagen.“ „Und wenn die Damen an ihrem Beſtimmungsorte angelangt find, ſo kommen Sie zu mir, ich werde Sie zufrieden ſtellen.“ Sam verließ das Palais in der heiterſten Stimmung, er hatte nach ſeiner Anſicht Alles ſo gut eingefädelt, baß er das Spiel nicht mehr verlieren konnte. An Geld fehlte es ihm jetzt nicht mehr, Mylord mußte ihm die Taſchen wieder füllen, ſobald ſie leer waren, und er hatte dafür nichts weiter zu thun, als ſpazieren zu gehen und zu horchen. Es war ihm gleichgültig, welche Folgen den Fauen daraus erwuchſen, er dachte dabei nur an ſich, er hatte ja von Kindes⸗ beinen an ſelbſt für ſich ſorgen müſſen. Signora Grimaldi war zwar nicht ganz mit der ſchnellen Abreiſe einverſtanden, als Sam ihr über ſeine Unterredung mit den Lord Gefcht ſiſ w fund, ſo n ju b Sam werde der dies deun rücſichtsv Arabe Signora geſchehen Sie ſih ſchn ein an tiſchchen. Die übet die „Huſ „Ju, „Und „Weil „Voz keht mit „0 „Et „Und m Geſcic daß—“ „ Beſchwer „ich bin Wiedethe wilſſt, de heute kei „Ein „Ve abella in an⸗ ei zu⸗ Ehre ie Sie, Siz⸗ abella te—“ unen⸗ n nan en mich ehen 1“ allei dangt en r hatte Spiel e ihn hatte nd zu daraus inder⸗ hnellen g nit — 1129— dem Lord Bericht erſtattete, aber die Nähe der ihr drohenden Gefahr zwang ſie, einen raſchen Entſchluß zu faſſen, und da ſie ſelbſt in ihrer rathloſen Verwirrung keinen beſſeren Ausweg fand, ſo blieb ihr nichts Andres übrig, als den Plan ihres Soh⸗ nes zu billigen. Sam hatte ſie außerdem beruhigt durch die Behauptung, ſie werde dem Lord auf ſeinem Landgute nicht begegnen, und ſollte dies dennoch einmal geſchehen, ſo dürfe ſie mit Zuverſicht die rückſichtsvollſte Höflichkeit erwarten. Arabella mußte ſofort vorbereitet werden, und dies war für Signora Grimaldi keine angenehme Arbeit, aber es mußt⸗ geſchehen. Sie ging in das Schlafzimmer ihrer Tochter, Arabella hatte ſich ſchon halb entkleidet, ſie war im Begriff zu Bett zu gehen, ein an Willy Rodenberg adreſſirter Brief lag auf dem Nacht⸗ tiſchchen. Die alte Frau legte ihre Hand auf den Brief und ſah das über dieſen ſpäten Beſuch befremrete Mädchen feſt an. „Haſt Du ihm unſde Adreſſe mitgetheilt?“ fragle ſie. „Ja,“ erwiderte Arabella ruhig. „Und weshalb thateſt Du es?“ „Weil er verſprochen hat, mir zu ſch eiben—“ „Wozu wäre das nöthig? Du weißt ja, daß ich jeden Ver⸗ kehr mit dieſem Manne abgebrochen zu ſehen wünſche.“ „Ich ſehe die Nothwendigkeit nicht ein.“ „Es iſt genug, wenn ich ſie einſehe,“ eiferte die alte Frau. „Und meinem Befehl ſollteſt Du gehorchen! Oder iſt Dir das Geſchick deiner alten Mutter gleichgültig? Du weißt, Arabella, daß—, „Ich bitte Dich, verſchone mich mit den alten Klagen und Beſchwerden,“ ſagte Arabella mit einer abwehrenden Geberde, „ich bin müde und ſehne mich nach Ruhe. Wozu ſollte auch die Wiederholung dienen? Ich weiß ja Alles, was Du mir ſagen willſt, denn ich habe es oft genug hören müſſen, und es liegt heute kein Grund vor, abermals darauf zurückzukommen.“ „Ein Grund liegt wohl vor,“ erwiderte Signora Grimaldi, „Welcher?“ „Hörteſt Du nicht, was Sam ſagt? Wir werden ſchon ver⸗ folgt.“ „Ich glaube, er hat ſich geirrt.“ „Und ich weiß aus Erfahrung, daß Sam einen ſcharfen Blick hat. Herr von Falkenberg iſt uns nachgereiſt. Und wem ver⸗ danken wir das 2 Deinem guten Freunde, dem Maler.“ Arabella ſchüttelte den Kopf, ſie hatte die feinen Brauen un⸗ willig zuſammengezogen. „Man darf erſt dann ein Urtheil ſällen, wenn man Beweiſe hat,“ ſagte ſie.„Und was Herrn von Falkenberg betrifft, ſo kann ich Niemand verwehren—“ „Ah, es würde Dich wohl freuen, ihm hier zu begegnen?“ „Im Gegentheil, ich werde Alles aufbieten, dieſe Begegnung zu vermeiden.“ „Kannſt Du ihn abweiſen, wenn er morgen kommt, um Dich zu beſuchen.“ „Gewiß kann ich das, wer will mich zwingen, einen Beſuch der mir nicht angenehm iſt, anzunehmen?“ „Die Pflicht der Höflichkeit!“„ „Sie erſtreckt ſich nicht ſo weit.“ „Sie verlangt dieſes Opfer ſogar von Dir,“ erwiderte Sig⸗ nora Grimaldi.„Und wenn er draußen auf der Straße oder im Konzertſaal Dir entgegentritt, willſt Du noch einmal Scenen hervorrufen, wie—“ „Ich habe niemals eine Scene hervortzerufen, und war ich an einer ſolchen betheiligt, ſo geſchah es indirect und ohne mein Verſchulden,“ ſagte Arabells, ſich hoch emporrichtend.„Und Herr von Falkenberg wird nicht ſo rückſichtslos ſein—“ „Vertraue darauf nicht!“ rief die alte Frau.„Rückſichtslos ſind ſie Ale! Dieſe Adligen glauben, ſie dürften ſich Alles er⸗ lauben, ſie ſehen auf uns mit Verachtung hinunter, was liegt ihnen an der Ehre und dem guten Rufe einer Dame— „Biſt Du deshalb noch ſo ſpät zu mir gekommen, um mir das zu ſagen?“ fragte Arabella, ihr ins Wort fallend.„Ich mache mir keine Sorgen wegen dieſes Herrn, er weiß, daß mein Entſchluß unabänderlich iſt—“ „Und trotzdem verſolgt er Dich?“ Arabella zuckte die Achſeln. * „Ich k Bett, Nut von Fulle „Wir nit ſchrf wir vorbe kann. 6 Oihofen! „ſt e „Iſt er „Wer Sam „Ein nung des wart wer wieder, w dieſen P daß wir Deiner C Arabe Beſorgniſ „Drun die Alte f Das „Vit nir ſeine „Vor „Die nihuffe de und köm hringt, ſo wohnen „Und „Wa andete 6 h „Uud m Beſuch der in Secenen ar ich de mein d Hett ichtzlo les er⸗ s liegt . nir ß mein — 1131— „Ich kann e ihm nicht verbieten,“ erwiderte ſie.„Geh' zu Bett, Mutter, es iſt früh genug, darüber zu reden, wenn Herr von Falkenberg den Verſuch macht, ſich mir zu nähern“ „Wir dürfen das nicht abwarten,“ ſagte Signora Grimaldi mit ſchärferer Betonung,„es drohen noch andre Gefahren, denen wir vorbeugen müſſen, Gefahren, die ich Dir jetzt nicht erklären kann. Es würde Dir auch nicht angenehm ſein, dem Baron von Oſthofen wieder zu begegnen—“ „Iſt er hier?“ fragte Arabella beſtürzt. „Iſt er es heute noch nicht, ſo wird er es morgen ſein.“ „Wer ſagte Dir das?“ „Ich habe es vorhin erfahren.“ „Sam? Er kennt ihn nicht—“ „Ein Freund hat mich gewarut, und die Folgen einer Begeg⸗ nung des Barons mit Herrn von Falkenberg in Deiner Segen⸗ wart werden Dir auch nicht zweifelhaft ſein, der Eclat fällt dann wieder, wie amals auf Dich zurück, und die Engländer ſind in dieſen Punkte peinlicher, wie die Deutſchen. Es wäre möglich, daß wir polizeilich ausgewieſen würden, und dann dürfte es mit Deiner Carriére für immer vorbei ſein.“ Arabella ſtand in Nachdenken verſunken, in ihrer Seele waren Beſorgniſſe erwacht, denen ſie nicht gebieten konnte. „Drum iſt es beſſer, wir gehen ihnen aus dem Wege,“ fuhr die Alte fert. „Das können wir nicht.“ „Wir können es, und es muß geſchehen. Der Direktor hat mir ſeine Villa angeboten, wir ſollen dort wohnen—“ „Vor der Stadt?“ fragte Arabella erſtaunt. „Die Entfernung iſt ſo weit nicht und ſtündlich fahren Om⸗ nibuſſe dort vorbei. Wir ſparen das Geld für die Wohnung und können dafür einen Wagen miethen, der uns zur Stadt bringt, ſo oft wir es wünſchen. Niemand wird erfahren, wo wir wohnen—“ „Und was liegt dean daran, ob Jemand es erfährt?“ „Was daran liegt? Sagte ich Dir nicht, es drohten uns noch andere Gefahren?“ Ich kenne ſie nicht.“ „Uud es iſt auch nicht nöthig, daß Du ſie kennen lernſt. — 1132— Meine Worte müſſen Dir genügen, und ich erwarte, daß Du meinen Anordnungen Dich fügen wirſt. Alles Unheil kommt von Deinen Bekannten, ſie verfolgen uns und empfinden Vergnügen daran, uns Unannehmlichkeiten zu bereiten.“ „Vas kann ich nicht glauben.“ „Und wenn ich es Dir ſage, dann iſt es ſo! Wir ſind ſchon ſo weit gekommen, daß— aber was nutzt es, deß ich Dir das Alles ſage! Wir werden morgen in der Frühe in die neue Woh⸗ nung überſiedeln und dort hoffentlich Ruhe finden.“ Arabella ſah die Mutter betroffen an. „Sobald ſchon?“ erwiederte ſie.„Weshalb die Eil⸗ und weshalb überhaupt—“ „Frage nicht lange,“ unterbrach die alte Frau ſie ärgerlich. „Der Wagen ſteht morgen früh vor der Thüre, und ich verbiete Dir, irgend Jemanden unſere neue Adreſſe mitzutheilen. Vielleicht reiſen wir bald wieder weiter—“ „Nach Deutſchland zurück?“ „Niemals! Nach Amerika!“ „Und mein Ko trakt, der mich hier für den ganzen Winter bindet?“ „Willſt Du warten, bis er durch einen öffentlichen Eclat ge⸗ riſſen wird? Wir ſprechen über dieſen Punkt ſpäter noch, halte Dich nur morgen früh bereit.“ „Muß es wirklich ſein?“ fragte Arabella, die ganz ver⸗ wirrt war. „Ja, es muß ſein,“ ſagte die Alte mit ſcharfer Betonung. „Ich liebe auch die Ruhe und glaubte ſchon, ſie hier zu finden, es iſt mir gewiß nicht angenehm, die Wohnung wieder wechſeln zu müſſen.“ „So warte wenigſtens, bis ich mit dem Director geſprochen habe.“ „Willſt Du Deine Vergangenheit an die große Glocke hängen und Dich dem Hohn und Spott der vornehmen Welt preis geben? Willſt Du ihnen ſagen, Du ſeieſt das Kind einer Zigeunerin und ein Baſtard ſei—“ „Mutter!“ „Das müßteſt Du ihnen ſagen, wenn ſie Dich verſtehen un unſre Beſoraniſſe anerk ennen ſoelltn, und es kann uns doch nur lich ſin, nit Ales vorbei iſ⸗ „Er 9 „Vas „t iſt „Dmin 30 fült. „Er iſt Etziehung ſegle die o und wit k getroffen „Es ſe hätteſt“ denm Tone ich ihn Signo ihre dürre „Duk hin übene dann das Alo halte fin, ich n Ohne dachte nor zu löſen: 6 Du ſt von ügen ſchon ir das VPoh⸗ und gerlich. erbiete ielicht Winter lat ge⸗ halte ver⸗ onung. finden, echſeln prochen hängen geben? in und F — 1133— lieb ſein, wenn es Niemand erfährt. Du wirſt ſchweigen und mir Alles überlaſſen; Sam wird uns ſagen, wenn die Gefahr vorbei iſt, er hat mir verſprochen—“ „Er gefällt mir nicht.“ „Was haſt Du an ihm auszuſetzen?“ „Er iſt nicht ehrlich, er ſpricht nicht, wie er denkt!“ „Darin thuſt Du ihm Unrecht—“ „Ich habe ihn beobachtet und Vieles entdeckt, was mir miß⸗ fällt.“ „Er iſt etwas roh, das gebe ich zu, aber daran trägt ſeine Erziehung und die Umgebung, in der er gelebt hat, Schuld,“ ſagte die alte Frau.„Sonſt aber iſt er treu und zuverläſfig und wir können uns nur darüber freuen, daß wir ihn hier an⸗ getroffen haben.“ „Es ſchien mir nicht, als ob Du Dich ſehr darüber gefreut hätteſt!“ erwiderte Arabella, und es lag ein beißender Spott in dem Tone, in dem ſie das ſagte.„Was mich betrifft, ſo werde ich ihm nicht allzuviel Vertrauen ſchenken.“ Signora Grimaldi ſchüttelte ärgerlich den Kopf und lehnte ihre dürre Hand auf du Thürkrücke. „Du kannſt das halten, wie Du willſt,“ ſagte ſie,„aber ich bin überzeugt, Du wirſt Samuel beſſer kennen lernen und ihm dann das Unrecht abbitten, welches Du eben ihm gethan haſt. Alſo halte Dich bereit, Arabella, der Wagen wird ſehr früh hier ſein, ich wecke Dich. Gute Nacht.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, ging ſie hinaus, und Arabella dachte noch lange über das dunkle Räthſel nach, welches ſie nicht zu löſen vermochte. „Aufz „Kenne h „Viell „Bielle 44. Kapitel. 11„Und! 11„Könn Vole „Wenn „ch v pen ppöttiſ als duß S „Mit d Stroße hit „Nein, Verſchwunden. Alz Sam die Wohnung ſeiner Mutter verließ, fiel ſein Blick auf eine dunkle Geſtalt, von der er wegen der herrſchenden Fin⸗ ſterniß kaum die äußeren Umriſſe erkennen konnte. Dieſe Geſtalt ſtand dem Gartenhauſe gegenüber und ſah zu Sem dem einzigen Fenſter, welches noch erleuchtet war, ſo unverwandt ſrben u empor, als ob er erwarte, daſſelbe müſſe in der nächſten Secunde lange Uel ſich öffnen. Sie Sam vermuthete ſofort, daß es derſelbe Herr ſei, der nach Im dem Konzert ihnen verſtohlen gefolgt war, und al er jetzt auf ihn zutrat und in das bleiche Geſicht blickte, erkannte er ihn 6 augenblicklich. S „Maler?“ fragte er ſpöttiſch. „Was wünſchen Sie?“ fragte der Fremde, aus ſeinem Brüten erwachend. „Venn bieten Sie „Ich frage, ob Sie Maler ſind?“ z können „Nein, was bezwecken Sie mit der Frazek“ ii fin „Wenn Sie es wären, wollte ich Ihnen rathen, eine beſſere Beleuchtung abzuwarten, um das Haus zu zeichnen.“ en Wie Arabella richtig errathen hatte, war Ferdinand von Fal⸗ Sie ſind⸗ kenberg der Fremde, der ſchon am erſten Konzertabend erforſcht dr ht hatte, wo die Geliebte wohnte. eſcht n „Ich danke für den Rath,“ erwiderte er ruhig.„Sie „Warten Sie, ich bin noch nicht fertig,“ fuhr Sam fort, den Dan dieſe Ruhe ärgerte„Wenn Sie das Haus zeichnen wollen, Vyiſcriſ dann—“ land hich „Sie ſind wohl der junge Mann, der Signora Grimaldi nach das ſtcht dem Konzert begleitte?“ fiel Ferdinand ihm ins Wort. Nei — 1135— „Aufzuwarten.“ „Kennen Sie die Dame perſönlich?“ 4„Ich habe die Ehre.“ 7„Vielleicht ein Diener?“ 4„Vielleicht!“ nickte Sam. „Und gegen ein gutes Trinkgeld nicht unempfindlich wie?“ „Könnte wohl ſein.“ Wollen Sie's verdienen?“ „Wenn es ſich machen läßt, ſehr gerne!“ „Ich verlange nicht Viel von Ihnen“ ſagte Ferdinand, ohne den ſpöttiſchen Ton zu beachten, den Sam anſchlug,„weiter nichts, nBli als daß Sie mir eine Unterredung mit der Dame verſchaffen.“ en Fin⸗„Mit der Alten?“ fragte Sam, während ſie gemeinſam die Straße hinunterſchritten. ſch zu„Nein, mit der Sängerin.“ emndt Sam hatte die Hände in die Taſchen ſeiner Beinkleider ge⸗ Secunde ſchoben und pfiff das Rule⸗Britannia mit einer Meiſterſchaft, die lange Uebung verrieth. der nach„Sie ſind ein Fremder?“ fragte er nach einer Weile. jett uf„Jawohl.“ e ihn„Hör's an der Ausſprache, ein Deatſcher! Sie haben wohl drüben ſchon die Sängerin gekannt?“ „Ich glaube, es kann Ihnen einerlei ſein—“ Brüten„Wenn's mir einerlei wäre, würde ich nicht fragen. Weshalb bieten Sie dem Diener ein Trinkgeld, um mit dem Fräulein ſprechen zu können? Finden Sie das nicht ſelbſt ſonderbar? Wenn Sie nicht fürchteten, hinausgeworfen zu werden—“ e beſete„Ich verbitte mir dieſe Sprache!“ fuhr Ferdinand zornig auf. „Mein beſter Herr, ich kenne Sie nicht, und weiß nicht, wer ih Sie ſind,“ fuhr Sam lakoniſch fort,„und wenn mich Jemand in ejnſht der Nacht anredet, ſo denke ich mir, er hat Urſache, mir ſein Geſicht nicht zu zeigen.“ „Sie werden es morgen früh genus ſehen.“ 8 „Dann müſſen Sie auch bis morgen warten, wenn Sie mir ſort⸗ Vorſchriften machen wollen. Sie ſind der Sängerin aus Deutſch⸗ n wolin, land hieher gefolgt und haben nicht den Muth, ſich ihr zu zeigen, das ſteht feſt.“ albi nach Nein, das ſteht nicht ſeſt, wenigſtens haben Sie keinen Be⸗ 3 ——— — 1136— veis dafür,“ ſagte Ferdinand erbittert.„Und im Grunde ge⸗ nommen kann es Sie ja auch wenig kümmern, Sie haben nichts weiter zu thun, als mir eine Unterredung mit der Signora Ara⸗ bella Grimaldi zu ermöglichen, das iſt Alles, was ich verlange.“ „Einen Namen darf ich dabei wohl nicht nennen?“ „Es iſt unnöthig.“ „Und wenn ſie danach fragt?“ „Weshalb eine Frage abwarten? Sie führen mich in das Zimmer, in dem ſie iſt—“ „Und dann befiehlt ſie mir, Sie hinauszuwerfen!“ „Wenn Sie es thun ſollte, ſo gehorchen Se nicht.“ „Mein beſter Herr, wiſſen Sie, was ich dadurch erreiche? Daß mir ſelbſt die Thüre gezeigt wird. Und das können Sie von mir nicht verlangen.“ „So ſchlimm wird es nicht werden,“ erwiderte Ferdinand in beruhigendem Tone.„Sie ziehen ſich ſofort zurück, wenn Sie mich eingeführt haben und überlaſſen alles weitere mir. Es würde mir lieb ſein, wenn Sie die alte Signora beſchäft gen wollten, während ich mit der Sängerin rede—“ „Fürchten Sie die Alte?“ „Nein, aber ich möchte ihr nicht gerne begegnen.“ „Hm, ich will Ihnen was ſagen, beſter Herr,“ entgegnete Sam ſarkaſtiſch.„Ich fange an zu glauben, daß Sie der Herr ſind, vor dem die beiden Damen ausgekniffen ſind, und es ſcheint mir faſt, als ob der ganzen Sache ein Geheimniß zu Grunde läge, wollen Sie mir nicht reinen Wein einſchenken?“ „Ich kenne kein Geheimniß.“ „Sie ſind aber Beamter?“ „Ich? Nein.“ „Sagen Sie's gerade heraus. Wenn was gegen die Damen vorliegt, und Sie Auftrag haben, ſie zu arretiren, ſo können Sie ſich auf mich verlaſſen, verſtanden 2* „Nein, das verſtehe ich wirklich nicht.“ „Ich meine, in dieſem Falle würde ich Ihnen eher den Weg frei machen, als Ihnen einen Stein vor die Füße werfen, mit der Polizei mag ich mich nicht überwerfen.“ „Ich bin kein Polizeibeamter.“ „Aber Sie wiſſen mehr, als Sie verrathen wollen.“ „Sie ich wei nir ver! wieder e gitte bel „Und ſſn „Mo „Sie „Wen als nich und ich Mo „Wo bo „ Fo „Ne „Dr können ßerd nachgeda zu erreic „Sie einer W Fert 2 engagir „Si andre L Deutſch werden nde ge⸗ nichtz à Ar⸗ lunge⸗ in daz 7 Daß ie von nand in nn Sie ir. Es häſt gen te Sam ſind, int mir e läge, — 1137— „Sie ſind auf einem falſchen Wege,“ ſagte Ferdinand ruhig, ich weiß nichts von Geheimniſſen und der einzige Zweck meines Hierſeins iſt eine Zuſammenkunft mit der Sängerin, zu der Sie mir verhelfen ſollen. Vielleicht reiſe ich nach derſelben ſofort wieder ab, keinesfalls aber werde ich Sie noch einmal mit einer Bitte behelligen.“ „Und wann muß die Unterredung ſtattfinden?“ fragte Sam, ſich für einen Augenblick in Rule Britannia unterbrechend. „Morgen.“ „Sie können nicht warten?“ „Wenn es ſein muß, ſo bleibt mir wohl nichts Andres übrig, als mich zu gedulden, aber ich möchte die Sache gerne ordnen und ich ſehe auch die Nothwendigkeit eines Aufſchubs nicht ein.“ „Morgen alſo? widerholte Sam, während er ſtehen blieb. „Wo logiren Sie?“ „Im Langham Hotel.“ „Portland Place,“ ſagte Sam.„Sind ſie bekannt in London?“ „Nein.“ „Dann will ich Sie führen, bis Sie Ihr Hotel finden können.“ Ferdinand nahm das Anerbieten an, er hatte ſchon darüber nachgedacht, an wen er ſich wenden ſolle, um den Gaſthof wieder zu erreichen. „Sie ſind alſo wirklich kein Geſandter?“ fragte Som nach einer Weile. Ferdinand mußte unwillkürlich lachen. „Was Alles wollen Sie noch aus mir machen? erwiderte er.„Denken Sie, ich wolle die Sängerin für einen Fürſtenhof engagiren?“ „Sie haben mich nicht verſtanden. Ich meine nur, ob nicht andre Leute Sie geſandt haben, um den Damen den Weg nach Deutſchland zu zeigen. Wiſſen Sie, mit Zwangspaß— jetzt werden Sie mich wohl verſtehen.“ „Vollkommen!“ lachte Ferdinand.„Wenn meine Worte Sie noch nicht beruhigt haben, dann weiß ich nicht, was ich Ihnen noch ſagen ſoll.“ „Na, gehen Sie jetzt noch eine kleine Strecke gerade aus, Der Baſtard. 72 — 1138— dann kommen Sie auf den Portland Place, an dem Ihr Hotel liegt.“ „Warten Sie.“ Ferdinand griff in die Taſche und drückte ſeinem Begleiter ein Geldſtück in die Hand. „Um welche Zeit morgen früh?“ fragte er. „Nicht vor elf Uhr,“ antwortete Sam. „Werden Sie mich erwarten?“ „Wenn ich nicht da bin, müſſen Sie übermorgen kommen.“ „Morgen Abend iſt wieder Konzert.“ „So?“ fragte Sam ruhig.„Es kann ſein, aber ich glaub's nicht.“ Damit eilte er raſch von dannen, er ſchien allen ferneren Fragen ausweichen zu wollen. Ferdinand blickte ihm betroffen nach, dann ſetzte er ſeinen Weg fort, und als er in dem großen, prächtigen Hotel ankam, zog er ſich ſofort in ſein Zimmer zurück. Am Toge vorher in London angekommen, haite er heute ſchon das Glück gehabt, die Wohnung Arabell's zu erforſchen, das ſchien ihm eine gute Vorbedeutung zu ſein. Er vertraute darauf daß der Diener die Zuſammenkunft ermöglichen werde, wenn auch manche Aueßerung Sams ihm unverſtändlich geblieben war. Was er der Geliebten bei dieſer Gelegenheit ſasen wollte, das wußte er jetzt ſelbſt noch nicht, er meinte, der Augenblick werde ihm die Worte in den Mund legen, deshalb wollte er auch jetzt nicht darüber nachgrübeln. Und wenn ſie wieder ſeine Hand zurückſtieß, dann—— ja, was er dann thun wollte, das wußte er eigentlich auch noch nicht. Abreiſen durfte er nicht, er hatte Will verſprochen, in Lon⸗ don zu bleiben, um im Nothfalle Arabella beſchützen zu können. Aber er mußte ihr dann fern bleiben, um ſie nicht zu ſehr zu erzürnen und zu erbittern. An Willy hatte er noch nicht geſchrieben, er wollte erſt das Reſultat der Unterredung abwarten, um es ihm gleichzeitig mit⸗ zutheilen. Er erinnerte ſich jetzt wieder aller Mittheilungen, die Willy ihm gemacht, aller Hoffnungen, die er daran geknüpft hatte. Wenn es ſich wirklich herausſtellte, daß Arabella nicht die vohtt donn, ja liebten ſ vß ſe Trennun Aber die Beve die Verm Mone und für er, abgen hleiben n Ale am onde Er ſ jett ini und lieb Aber die Vera haß Sar als er k hela's h Und einſamen Zu b hin, die hoch übe Ale Hauſe. Eine Sollt wegen di Halte den Dan Mög nicht we Lille Dotel egleiter nen.“ glaubs erneren ſeinen ankam, te ſchon en, das darauf, nn auch tr. wollte, genblic te er ja, 6 nicht. in Lon⸗ können. ſehr zu erſt das e Villy te. nicht die 139 Tochter dieſer Frau war, und wenn dies bewieſen werden konnte, dann, ja dann konnte Ferdinand mit voller Berechtigung der Ge⸗ liebten ſeinen Schutz anbieten und ſie darauf aufmerkſam machen, daß ſie nun doch nicht das Kind einer Zigeunerin ſei, dieſer Trennungsgrund alſo keine Berechtigung mehr habe. Aber in wie weitem Felde lag das noch! Wie ſchwer war es, die Beweiſe zu finden, und wie nahe lag die Möglichkeit, daß die Vermuthungen Wylly's völlig der Begründung entbehrten! Monate konnten vergehen, ehe man darüber Gewißheit erhielt, und für Ferdinand waren es vielleicht qualvolle Monate, wenn er, abgewieſen und gedemüthigt von ihr dennoch in ihrer Nähe bleiben mußte. Alle dieſe Gedanken ſtiegen wieder in ſeiner Seele auf, als er am andeen Worgen erwachte. Er ſehnte ſich nach einer Entſcheidung und dennoch regte ſich ietzt in ihm der leiſe Wunſch, daß ſie nicht hente ſchon erfolgen und lieber bis morgen verſchoben werden möge. Aber fortbleiben durfte er jetzt nicht, nachdem er mit Sam die Verabredung getroffen hatte, er konnte nur noch wünſchen, daß Sam verhindert ſein möge, und er wünſchte es in der That, als er kurz vor elf Uhr ſich auf dem Wege zur Wohnung Ara⸗ bella's befand. Und richtig, Sam war nicht da, Niemand zu ſehen in der einſamen Straße, an der das Gartenhaus Lord Stanhopes lag. Zu beiden Seiten des Hauſes zog ſich der Park des Lords hin, die Wipfel der Väume ragten mit ihren entlaubten Aeſten hoch über die hohe Mauer hinüber. Alle Jalouſien waren geſchloſſen, nichts regte ſich in dem Hauſe. Eine bange Ahnung ſtieg in der Seele Ferdinands auf. Sollten die Damen wirklich das Haus verlaſſen und ſeinet⸗ wegen die Flucht ergriffen haben? Hatte der Diener ihn verrathen, ſeine Unterredung mit ihm den Damen berichtet? Möglich war bas immerhin, aber im Grunde genommen doch nicht wahrſcheinlich. Villeicht war Arabella jetzt in der Probe, ihre Mutter und 1 1 6 der Diener begleiteten ſie, dem Konzert ging ja ſtets eine Probe voraus. Je länger Ferdinand über dieſe Möglichkeit nachdachte, deſto mehr gewann ſie an Wahrſcheinlichkeit, um ſich indeß Gewißheit zu verſchaffen, zog er an der Glocke. Niemand öffnete, in dem Hauſe blieb es ſtill, und ein wieder⸗ holtes Schellen hatte keinen beſſeren Erfolg. Jetzt wurde die Vermuthung Ferdinands zur Gewißheit, er trat den Weg zum Konzertſaale an, um dort Erkunbigungen ein⸗ zuziehen. Es war ja möglich, daß er den Dieger an der Thür fand und mit ihm einige Worte wechſeln konnte, die ihn beruhigten, jedenfalls aber erhielt er dort Sicherheit. Da der Konzertſaal nicht weit entfernt war, ſo hatte er ihn bald erreicht. Er trat in das Gebäude, und das Erſte, worauf ſein Blick fiel, waren rieſige Anſchlagezettel, auf denen das Kon⸗ zert für heute Abend angekündigt war. Die berühmte Arabella Grimaldi ſollte auftreten und ver⸗ ſchiedene Arien und Lieder ſingen, es ween außer ihr noch an⸗ dere berühmte Sänger und Virtuoſen gewonnen, kurz, wenn man dieſer Ankündigung Glauben ſchenken wollte, ſo konnte kein an⸗ deres Konzert, weder in Gegenwart und Vergangenheit, noch in Zukunſt dieſem gleich kommen. Ferdinand ſtudirte die Ankündigung Wort für Wort, er war⸗ tete nur darauf, daß Jemand kommen ſollte, bei dem er ſich er⸗ kundigen konute, ob die berühmte Arabella Grimaldi ſich in der Probe befinde. Dieſer„Jemand“ kam endlich. Er trug in der Hand einen kleinen Keſſel und unter dem Arm ein Packet Zettel und machte dicht vor dem jungen Herrn Halt. „Sie werden's bedauern,“ ſagte er,„aber es läßt ſich nicht ändern. Vieleicht iſt es nür eine Marotte, man kennt das ja! Große Leute haben große Schwächen.“ Er lachte hei den letzten Worten in ſich hinein und klebte unter den großen Zettel einen kleineren, auf dem die Konzert⸗ Direktion mit Lapidarſchrift bekannt machte, daß wegen plötzlicher Erkrankung der Signora Arabella Grimaldi das für heute an⸗ gekündigte Konzert nicht ſtattfiaden könne. Schilling Au klebe ſe A „Wen Bn Vor „Und „Pa können d jache, un eine Tha „Wo aufſuchen nicht unſ „30 „Güt. Place. Der corpulent „Kön wandte d hatte. „Hab „Wo „In „Unb Der des Kor Ferdi Probe vißheit heit, er en ein⸗ ir fand chigten, et ihn worauf as Kon⸗ nd ver⸗ noch an⸗ enn man kein an⸗ noch in et war⸗ ſih er⸗ in der d einen d machte ſich nicht tdas jal plotzlicer heute an⸗ — Ferdinand erſchrack, er hatte im Fluge den Zettel geleſen, heftig erregt legte er ſeine Hand auf den Arm des Mannes. „Und wann wird das Konzert ſtattfinden?“ fragte er. „Mylord, das kann ich nicht wiſſen,“ lautete die Antwort. Ferdinand griff in die Taſche und drückte dem Manne einen Schilling in die Hand. „Seit wann iſt die Signora erkrankt?“ ſagte er. „Auch das weiß ich nicht. Man gibt mir die Zettel, und ich klebe ſie an, das iſt mein Geſchäſt, und weiter erfahre ich nichts.“ „Aber Sie könnten mehr erfahren?“ „Wenn ich es wollte— vielleicht!“ „Wann haben Sie die Zettel erhalten?“ „Vor einer halben Stunde.“ „Und es iſt Wahrheit, daß—“ „Wahrheit?“ unterbrach der Mann ihn achſelzuckend.„Viele können den Londoner Nebel nicht vertragen, daß iſt eine That⸗ ſache, und Viele werden kcank, wenn ſie ſich ärgern, das iſt auch eine Thatſache.“ „Wollen Sie ſich Wundigen und mich im Langham Hotel aufſuchen, ſobald Sie etwas erfahren haben? Sie ſollen es nicht umſonſt thun.“ „Ich werde mich erkundigen. „Gut. Nummer vierundachtzig, Langham Hotel, Portland Place.“ Der Mann nickte und wollte ſich entfernen, als ein großer, corpulenter Herr auf die Beiden zu kam. „Können Sie mir ſagen, wo die Signora Grimaldi wohnt?“ wandte der Fremde ſich zu dem Manne, der den Zettel aufgeklebt hatte. „Hab mich noch nicht drum gekümmert,“ lautete die Antwort. „Wo kann i es erfahren?“ „Im Burean wahrſcheinlich.“ „Und wo iſt das Bureau?“ Der Mann zeigte auf eine Thür die ſich am anderen Ende des Korridors befand und ging raſch von dannen. Ferdinand hatte inzwiſchen den fremden Herrn prüfend ge⸗ — 1142— muſtert, es lag etwas in dem Weſen und Auftreten deſſelben, was ſeine Aufmerkſamkeit weckte und rege erhielt. Signora Grimaldi iſt plötzlich erkrankt,“ ſagte er. Jetzt erſt fiel der Blick des Fremden auf den Zettel, und ein ſeltſamer Zug umzuckte ſeine Lippen. „Erkrankt?“ wiederholte er in einem Tone, als ob er die Wahrheit dieſer Behauptung bezweifle.„Kennen Sie die Dame?“ „Sie wiſſen, wo ſie wohnt?“ „Ich weiß es, aber ſeit einer Stunde bin ich meiner Sache nicht mehr ganz ſicher,“ erwiderte Ferdinand.„Darf ich ſie fragen, weshalb Sie die Wohnung zu erfahren wünſchen?“ Der Fremde heftete die blitzenden Augen durchdringend auf ihn. „Weshalb?“ erwiderte er.„Darf ich um Ihren werthen Namen bitten?“ „Ferdinand von Falkenberg.“ „Welch glücklicher Zuſall!“ rief der Fremde erfreut.„In der nächſten Stunde würde ich Sie aufgeſucht haben, und nun führt mein guter Stern Sie mir in den Weg.⸗ Herr von Falkenberg, unſere Intereſſen ſind eng mit einander verknüpft, mein Name iſt Robert Heller, Polizeirath außer Dienſt.“ „Und was führt Sie hieher?“ fragte Ferdinand zurückhaltend. „Sie werden es ſogleich erfahren, ich bitte Sie, mir vorher noch einige Fragen zu beantworten. Seit wann ſind Sie hier?“ „Seit vorgeſtern.“ „Sie haben mit Signora Grimaldi ſchon geredet?“ „Nein.“ „Und die Dame weiß auch noch nicht, daß Sie hier ſind?“ „Dieſe Frage kann ich nicht mit Sicherheit beantworten. Ich habe mit ihrem Diener geſtern Abend geſprochen, und ich weiß nicht, ob derſelbe den Inhalt unſerer Unterredung den Damen mitgetheilt hat.“ „Hm, Sie wiſſen, wo ſie wohnen?“ „Ja, aber als ich vor einer Stunde dort war, fand ich das Haus verlaſſen. Ich hoffte, die Damen hier im Konzertſacl zu finden, fand aber ſtatt ihrer dieſen Zettel.“ Der Polizeirath ſchüttelte gedankenvoll das graue Haupt. „Kon guſe einziehen Fed ihn der Bezug Dieſ er halte ſeine Un ſein Ni „Sie nohe wal ez unkl Vertrau warnen vermuth „Un ein Gr dinond. nicht ei „Da „Der „Des „Sie die Der Der Begleite „Un fragte e „Nu läubig. „Ne Arabell anlaßt gezogen „Si ugend erthen zn der führt nbetg, Nane ltend. vorher hiet“ weiß Damen ich das ſacl zu 1pt. — 1143— „ „Kommen Sie, wir wollen hingehen,“ ſagte er nach einer Pauſe,„an Ort und Stelle laſſen ſich Erkundigungen leichter einziehen.“ Ferdinand war damit einverſtanden, und unterwegs theilte ihm der Polizeirath ſeine Entdeckungen und Vermuthungen in Bezug auf die Herkunft Arabellas mit—. Dieſe Mittheilungen überraſchten Ferdinand in hohem Grade, er hatte ſie ſo bald nicht erwartet, und auch er berichtete nun ſeine Unterredung mit Sam, über die ſein Begleiter unverholen ſein Mißfallen ausſprach. „Sie konnten freilich nicht wiſſen, daß die Entſcheidung ſo nahe war,“ ſagte er, als der junge Mann ſchwieg,„dennoch war es unklug, einem Menſchen, den Sie nicht kannten, ſo großes Vertrauen zu ſchenken. Die Befürchtung, daß er die Damen warnen und Ihre Pläne verrathen würde, lag zu nahe, und ich vermuthe, daß es in der That geſchehen iſt.“ „Und geſetzt, es wäre geſchehen, läge deshalb für die Damen ein Grund vor, ihre Wohnung zu wechſeln?“ erwiderte Fer⸗ dinand.„Es genügt⸗e wenn ſie ihrem Diener befahlen, mich nicht einzulaſſen—“ „Das mochte ihnen vielleicht nicht genügend erſcheinen!“ „Den Konzertſaal konnten ſie mir nicht verbieten.“ „Deshalb hat die Sängerin ſich krank gemeldet.“ „Sie wird trotzdem wieder auſtreten müſſen, benn ſie iſt für die Dauer der ganzen Saiſon engagirt.“ Der Polizeirath blieb ſtehen und blickte kopfſchüttelnd ſeinen Begleiter an. „Und wenn ſie nun den Kontrakt bereits gebrochen hätte?“ fragte er. „Nur, um mir auszuweichen?“ erwiderte Ferdinand un⸗ gläubig. „Hm, ich kenne die Verhältniſſe ſo genau nicht.“ „Nein, Herr Rath, ich kann das nicht glauben. Signora Arabella weiß, daß eine ablehnende Antwort ihrerſeits mich ver⸗ anlaßt haben würde, London zu verlaſſen, ſie würde gewiß vor⸗ gezogen haben, auf dieſem Wege—“ „Sie können das nicht wiſſen, aber wir werden ſehen.“ — 1144— „Wir ſind in der Straße, in der die Damen wohnen oder gewohnt haben, dort iſt das Haus.“ Heller warf einen langen, prüfenden Blick auf das Haus und deſſen Umgebung. „Gut,“ ſagte er,„verſuchen Sie Ihr Heil. Befindet ſich Jemand in dem Hauſe, ſo muß er Ihnen öffnen, und es wäre möglich, daß Sie vorgelaſſen werden. Berichten Sie in dieſem Falle nicht, was ich Ihnen mitgetheilt habe, wir können nicht wiſſen, wie die junge Dame die Nachricht aufnimmt—“ „Jedenfalls mit freudiger Ueberraſchung.“ „Können Sie das ſo ſicher beh aupten?“ „Ich weiß, daß ſie für die Frau, die ſie Mutter nennt, keine Liebe fühlt.“ „Sehr wohl, aber glauben Sie, daß der Name Oſthofen für ſie einen angenehmen Klang hat? Erinnern Sie ſich nicht mehr, daß ein Baron von Oſthofen ſie inſultirt hat?“ „Es iſt wahr,“ erwiderte Ferdinand,„ich dachte in dieſem Augenblick nicht daran. Aber dieſer Baron von Oſthofen iſt nun ihr Bruder, und ſie wird ihm verzeihen.“ „Sie wird aber auch darüber nachd ken, wie ihr Bruder über dieſe Entbeckung urtheilen wird. Es iſt beſſer, Sie ſchweigen, die alte Frau könnte lauſchen, und dann würden nur Schwierig⸗ keiten hemmend uns entgegentreten. Ich muß zuvor mit der Londoner Polizeibehörde reden—“ „Haben Sie denn ſchon die Berechtigung, die alte Frau zu verhaſten?“ „Leider nein; die Beweiſe fehlen noch, und eben deshalb iſt Schweigen geboten.“ „Ich werde dieſen Punkt nicht berühren; ſagte Ferdinand! dann ſchritt er auf das Haus zu. Bie Jalouſien wareu noch immer feſt geſchloſſen, der junge Mann zog ungeſtüm an der Glocke, ungeſtümer in ſeiner fiel erhaften Aufregung, als er ſelbſt es gewollt hatie. Nichts regte ſich in dem Hauſe, nicht ein nal das Klirren eines Fenſters antwortete auf den Lärm, den das Läuten ver⸗ urſacht hatte. Er wiederholte es dreimal, dann trat er zurück, um noch einmal einen forſchenden Blick auf die Fenſter zu werfen⸗ „Sie rolh ſiar keinem „Nit dette He öffnen,. dann li Das Ha umgibt, genthum Er ſc des Lord „Geh zu ſeiner lönnen t then dar ßerd kungen e des Hal beſſeres „Mei „Wes der ganze et griffi bezahlen, ob Sie t zu wifen „My „Gehö „Ihn „Es „Dat nicht me obachten wenn ich keine für nehr, dieſen ſtnun Zruder eigen, vierig⸗ it der un zu alh iſt inand! u voch an der ſelbſt Klirren en ver⸗ n nch — 1145— „Sie ſind fort,“ ſagte er, als er wieder neben dem Polizei⸗ rath ſtand, der ſeinen Standpunkt ſo gewählt hatte, daß er aus keinem Fenſter des Hauſes geſehen werden konnte. „Mit Sicherheit können wir das noch nicht behaupten,“ erwi⸗ derte Heller.„Vielleicht ſind die Damen allein und wollen nicht öffnen, vielleicht haben ſie geſehn, wer an der Glocke zog, und dann läßt es ſich ja begreifen, weshalb ſi⸗ nicht öffnen wollten. Das Haus ſcheint ein Gartenpavillan zu ſein, der Park. der es umgibt, läßt darauf ſchließen. Erkundigen wir uns, weſſen Ei⸗ genthum es iſt.“ Er ſchritt an der Mauer entlang und blieb vor dem Palais des Lords Stanhope ſtehen. „Gehen Sie hinein und erkundigen Sie ſich,“ ſagte er leiſe zu ſeinem Begleiter,„Sie haben kein Incognito zu wahren und lönnen dreiſt Ihren Namen nennen, während ich mich nicht verra⸗ then darf.“ Ferdinand von Falkenberg ſah die Richtigkeit vieſer Bemer⸗ kungen ein, er trat auf den Portier zu, der uiter dem Portal des Hauſes ſtand undie Beiden beobachtete, da er eben nichts beſſeres zu thun wußte. „Mein guter Freund, wem gehört dieſes Palais2“ fragte er. „Weshalb wollen Sie es wiſſen?“ antwortete der Portier mit der ganzen Unverſchämtheit ſeines würdevollen Selbſtbewußtſeins. Ferdinand erkanute ſogleich, welchen Fehler er begangen hatte, er griff in die Taſche und zeigte dem Portier ein Golſtück. „Ich bin gewohnt, jeden Dienſt, der mir geleiſtet wird, zu bezahlen,“ ſagie er ruhig,„es wird alſo von Ihnen abhängen, ob Sie dieſes Goldſtück verdienen wollen oder nicht. Ih wunſche zu wiſſen, wer dieſes Palais bewohnt.“ „Mylord Stanhope.“ „Gehört das Gartenhaus in der Staße dort zu dem Palais?“ „Jowohl.“ „Es iſt an zwei Damen vermirthet, nicht wahr?“ „Darum kümmere ich mich nicht,“ ſagte der Portier.„Es iſt nicht meine Sache, auf jenes Haus zu achten uns Jeden zu be⸗ obachten, der dort aus und eingeht, ich habe genug zu thun, wenn ich hier mein Amt verwalte.“ — 1146— „Sie wiſſen ſomit auch nicht ob die Damen dort noch wohnen?“ „Nein, ich weiß es nicht.“ „Iſt Mylord Stanhope zu ſprechen?“ Der Portier ſah bald den Fremden, bald das Goldſtück an. „Sie müſſen ſich an den Kammerdiener wenden,“ erwiderte er. „Hier iſt meine Karte. Verſchaffen Sie mir eine Audienz, und Sie erhalten das Goldſtück..“ Der Portier warf einen prüfenden Blick auf die Karte und trat in das Haus, Ferdinand folgte ihm. Er ſah, daß der Portier dem Kammerdiener die Karte gab, und der letztere nach einer tiefen Verbeugung vor hm die Treppe hinaufſtieg. Nicht lange darauf kehrte der Kammerdiener zurück und for⸗ derte ihn mit einer abermaligen Verbeugung auf, ihm zu folgen, der adelige Name auf der Karte hatte den ſonſt ſo ſteifen Rücken geſchmeidig gemacht. Ferdinand ſtand jetzt dem Lord gegenüber, der ihn mit kalter Zurückhaltung empfing. „Ich muß um Entſchuldigung bitten wegen dieſer Störung,“ ſagte er, ohne dem unangenehmem Gefühl wehren zu können welches der Anblick dieſes fahlen, verlebten Geſichts ihm einflößte. „Ich wollte Sie nur um gütige Auskunft über die Damen bitten, die geſtern noch das Gartenhaus in Ihrem Park bewohnten und heute, wie es ſcheint, fpurlos verſchwunden ſind.“ „Mein Gartenhaus?“ fragte der Lord, ais ob er ſein Ge⸗ dächtniß anſtrengen müſſe, um ſich auf ein längſt vergangenes Ereigniß zu beſinnen.„Sie ſagten, es ſei von Damen bewohnt?“ „Geweſen, Mylord. Signora Arabella Grimaldi, die berühmte Sängerin, wohnte geſtern noch dort.“ „Nicht möglich!“ rief der Lord erſtaunt.„Wie, dieſe Nachti⸗ gall ſollte mir ſo nahe geweſen ſein, ohne daß ich eine Ahnung davon hatte?“ „Ferdinand ſah ihn ganz verbuzt an. War dieſes Erſtaunen erheuchelt oder aufrichtig?“ „Mylord ſollle davon wirklich nichts gewußt haben 7“ fraägte er⸗ „In der That, nein, und ich glaube ſogar, daß Sie ſich ge⸗ irrt haben.“ „Kein „Vor Gartenhot während ſtn S5. Grlaubriß then. Nat Weiſe gen rühnte S worben die ſie An Der K hereits zu Fragen il Wer „Wer Lord. „Zwei „Seit „Seit „Der „Grin „Aber widerte 2 rühmte S wahrſchein „Mylc Dame ein erwühnt Aber „4 vorwurfs Ih ſich mit „Die „Jan geſchloſe erhalten. n. teer. und und gab, reppe for⸗ olgen, tücken kalter tung.“ önnen flößte. hitten, n und in Ge⸗ ngenes ohnt?“ rühmte Nachti⸗ Ahnung ſtaunen ragte et⸗ ſich g⸗ — 1147— „Keineswegs.“ „Warten Sie, ich werde meinen Kammerdiener rufen. Das Gartenhaus wird im Winter nicht benutzt,“ fuhr der Lord fort, während er den Arm ausſtreckte, um auf den Knopf der elektri⸗ ſchen Schelle zu drücken,„da habe ich denn meinem Kammerdiener Erlaubniß gegeben, das Haus für die Wintermonate zu vermie⸗ then. Natürlich nur unter der Bedingung, daß es mich in keiner Weiſe genirt. Aber er hätte mir mittheilen müſſen, daß die be⸗ rühmte Sängerin dort wohnte, damit mir Gelegenheit geboten worden wäre, ihr diejenigen Aufmerkſamkeiten zu erweiſen, auf die ſie Anſpruch machen darf.“ Der Kammerdiener trat in dieſem Augenblick ein, er ſchien bereits zu wiſſen, weshalb er gerufen worden war, und welche Fragen ihn hier erwarteten. „Wer wohnt augenblicklich im Gartenpovillon?“ fragte der Lord. „Zwei Damen,“ erwiderte der Diener lakoniſch. „Seit wann?“ „Seit drei oder viez Tagen, Mylord.“ „Der Name dieſer Damen?“ „Grimaldi. „Aber weshalb haben Sie mir das nicht früher geſagt?“ er⸗ widerte Mylord in unwilligem Tone.„Signota Grimaldi, die be⸗ rühmte Sängerin, konute auf Rückſichten Anſpruch machen, die wahrſcheinlich nicht beobachtet worden ſind.“ „Mylord werden entſchuldigen, ich habe nicht gewußt, daß die Dame eine berühmte Sängerin iſt. Sie ſelbſt hat davon nichts erwähnt und—“ „Aber das mußten Sie doch wiſſen!“ unterbrach der Lord ihn vorwurfswoll. „Ich wußte es wirklich nicht,“ entſchuldigte der Kammerdiener ſich mit einer tiefen Verbeugung. „Die Damen wohnen noch immer da?“ „Jawohl, „Ich muß das beweifeln, ſagte Ferdinand,„das Haus iſt geſchloſſen, und auf mehrmaliges Läuten habe ich keine Antwort erhalten.“ — 1148— „So werden die Damen einen Ausgang gemacht haben,“ er⸗ widerte der Kammerdiener achſelzuckend. „Das läßt ſich nicht wohl annehmen, da Signora Grimaldi ſich krank gemeldet hat.“ „Krank?“ fragte der Lord überraſcht.„Sie hat geſtern Abend noch geſungen und ihre brillante Stimme ließ nicht im Entfern⸗ teſten auf ein körperliches Leiden ſchließen.“ „Das heutige Konzert wird nicht ſtattfinden, weil Signora Grimaldi plötzlich erkrankt iſt,“ erwiderte Ferdinand.„Ich habe dieſe Ankündigung mit eignen Augen geleſen.“ „Dann laßt ſich allerbings nicht mehr zweifeln,“ ſagte My⸗ lord, ſich zu ſeinem Kammerdiener weudend.„Sie werden ſich ſo⸗ fort erkundigen, mein Hausarzt ſoll die Damen behandeln und—“ „Mylord, ich wiederhole, die Damen haben das Haus ver⸗ laſſen,“ unterbrach Ferdinand von Falkenberg ihn. „Wir werden das bald erfahren. Das Haus hat einen Aus⸗ gang nach dieſer Seite hin, wie werden durch den Park gehen und—“ „Darf ich mich anſchließen, Mylord? Gewiß. Aber da wir den Damen nicht vorgeſtellt ſind— oder ſtehen ſie in einem verwandſchaftlichen Verhältniß mit Ihnen?“ „Nein, Mylord.“ „Dann müſſen wir zurückbleiben, während mein Kammerdie⸗ ner hineingeht. Er als der Vermiether des Hauſes, hat dazu ein Recht, welches wir für uns nicht beanſpruchen dürfen, trotz⸗ dem ich der Eigenthümer bin.“ Ferdinand nickte zuſtimmend, er konnte dagegen nichts ein⸗ wenden, und nachdem der Lord ſein edles Haupt bedeckt hatte, traten die Herren den Weg an. Sie ſchritten durch den Park und erreichten bald das Haus, deſſen Fenſter auch nach dieſer Seite hin feſt geſchloſſen waren. Der Kammerdiener holte einen Schlüſſel aus der Taſche und öffnete, dann ging er in das Haus hinein⸗ „Sie ſind ein Deutſcher?“ fragte der Lord. Ferdinand bejahte. „Kennen Sie die Damen ſchon länger?“ „Ich lernte ſie in Deutſchland kennen.“ inbiscret Perſon Kammer bringtk „Nu „Die „Abe beläſtigt Gen weifeln, „Un „So „So ga grund rechtfett 0 „0 mich nu er⸗ rinali Abend Fntſern⸗ Signora habe ſe My⸗ ſich ſo⸗ nd— us ver⸗ n Aus⸗ ſind— hneni merdie⸗ tt dazu , trot⸗ ein⸗ t hatte, s Hals, waten. ſche und — 1149— „Verzeihen Sie, wenn ich indiscret bin. Waren Sie mit der Sängerin befreundet?“ „Perſönlich nicht.“ „Und dennoch folgen Sie ihr hieher?“ Ferdinand biß auf die Lippe; die Frage war allerdings ſehr indiscret, ſie brachte ihn in Verlegenheit. „Ich habe ihr eine Nachricht zu bringen,“ ſagte er. Mylord Stanhope lächelte ironiſch und warf einen verſtohlenen Blick auf den jungen Herrn, deſſen Verlegenheit ihm nicht ent⸗ gehen konnte. „Hätte das nicht brieflich abgemacht werden können? fragt er. „Nein.“ „Ich ſange an zu fürchten, daß Sie uns die Nachtigall ent⸗ führen wollen. Das wäre grauſam und—“ „Mylord, ich glaube, daß dieſe Furcht, inſofern ſie auf meine Perſon Bezug nimmt, unbegründet iſt,“ ſagte Ferdinand, auf den Kam merdiener zeigend, der in dieſem Augenblick zurückkehrte„Er bringt keine gute Nachricht“ „Nun?“ fragte der Lord haſtig, als der Diener vor ihm ſtand. „Die Damen haben uns verlaſſen, Mylord.“ „Aber wie iſt das möglich? Ich hoffe, daß ſie in keiner Weiſe beläſtigt worden ſind⸗—“ „Gewiß nicht, Mylord. Ich kann an ihrem Auszuge nicht zweifeln, denn das Gepäck iſt verſchwunden.“ „Und ſie haben keinen Brief hinter aſſen?“ fragte Ferdinand „Ich habe nichts derartiges geſehen.“ „Sonderbar, höchſt ſonderbar,“ ſagte der Lord nachdenklich. „So ganz ohne Abſchied abzuziehen— lag denn gar kein Beweg⸗ grund vor, der dieſes räthſelhafte Verſchwinden einigermaßen rechtfertigen könnte?“ „Ich wüßte keinen,“ erwiderte der Kammerdiener.„Ich erinner⸗ mich nur, daß die Damen äußerten, es gefalle ihnen in London ganz und gar nicht, und ſobald ſie könnten, würden ſie nach Deutſchland zuruͤckkehren.“ „Sollten ſie dieſen Entſchluß ausgeführt haben?“ wandte der Lord ſich zu Ferdinand. „Ich glaube es nicht, Mylord. Signora Arabella war durch — 1150— ihren Kontrakt für die Dauer der Saiſon engagirt, und ein Kontraktbruch hat ſtets unangenehme Folgen.“ „Aber wenn man unter zwei Uebeln wählen ſoll, ſo wählt man in der Regel das kleinere,“ erwiderte Mylord.„Und das Heimweh ſetzt ſich über alle Bedenken hinweg. Sie werden wiſſen, daß Tyroler und Italiener, die in der öſterreichiſchen Armee dienten, deſertirten, um in ihre Heimath zurückzukehren, trotzdem ſie wußten, daß die Deſertion mit dem Tode beſtraft wurde.“ „Ich gebe das Alles zu, aber ich kann nicht glauben, daß Signora Arabella Grimaldi London verlaſſen haben ſollte, ohne vorher ihren Kontrakt erfüllt oder gelöt zu haben,“ erwiderte Ferdinand. Mylord zuckte die Achſeln, ſein Geſicht nahm jetzt den alten, blaſirten Ausdruck wieder an. „Ich kann Ihnen nichts weiter ſagen,“ verſetzte er.„Hätte ich eine Ahnung davon gehabt, daß die berühmte Dame mir ſo nahe war, ſo würde ſie keinesfalls ſo ſpurlos verſchwunden ſein. Ich würde Ihnen rathen, in Deutſchland Erkundigungen einzu⸗ ziehen, die Vermuthung, daß Signora Grimaldi dahin zurückge⸗ kehrt iſt, wird mehr und mehr zur Gewißheit.“ Sie waren während er dieſes ſagte, ſchon auf dem Rück⸗ wege zum Palais, und da Ferdinand wohl einſah, daß er nichts weiter erfahren würde, v rabſchiedete er ſich von dem Lord, der nochmals ſein Bedauern darüber ausdrückte, vaß er die Gelegen⸗ heit verſäumt habe, die perſönliche Bekanntſchaft der berühmten Sängerin zu machen. Der Polizeirath wanderte in einiger Entfernung vor dem Palais auf und nieder, Ferdinand berichtete ihm das Reſultat ſeiner Erkundigunger. „Alſo wirklich fort?“ ſagte Heller, während er gedankenvoll in die Ferne blickte.„Da müſſen andre Urſachen zu Grunde lie⸗ gen, als diejenigen, welche Sie annehmen wollen.“ „Der Lerd und deſſen Kammerdiener ſprachen von Heimweh—“ „Unſinn! Deshalb wäre eine ſo raſche und heimliche Flucht nicht nöthig geweſen. Und ſo raſch und gewaltig überfällt das Heimweh Niemand, ich kann alſo dieſen Grund nicht gelten laſſen.“ „Und was halten Sie davon?“ den iſt“ „Vor „Nein Grund zu nir gewa ſchehen ſe Der P einen vol gleiter ſi genechſelt Eine legrayhen Der an wen peſhe A Man betreffen ſchlagen Grimaldi maldi an „Und en die Wohr finden“ Alſp lichen F i „Wit „Au „Nm gung eir Der öffnete Beamter „t „und es Verbrec ud ein owählt niſet, Arme totnen Ude.“ en, daß ohre widerte walten, „Hätte nir ſo en ſein. einzu⸗ uräcke⸗ m Rück⸗ r nichtz td, der zelegen⸗ tühmten or den Reſultat nkenvoll nde lie⸗ weh—“ It das laſſen. — 15 „Ich kann mir nicht anders denken, als daß ſie gewarnt wor⸗ den iſt.“ „Vor mir?“ „Nein, denn wie Sie vochin bemerkten, wäre auch dies kein Grund zu einer plötzlichen und heimlichen Flucht. F Sie iſt vor mir gewarnt worden, nnd das kann nur durch den Telegraph ge⸗ ſchehen ſein. Ich hoffe, wir werden darüber Aufſchluß erhalten.“ Der Polizeirath zog ein Stadtplan aus der Taſche und rief einen vorbeifahrenden Omnibus an, in den er ſammt ſeinem Be⸗ gleiter ſtieg, nachdem er zuvor mit dem Kondukteur einige Worte gewechſelt hatt. Eine halbe Stunde ſpäter traten ſie in das Bureau des Te⸗ legraphenamts. Der Polizeirath trat zu einem der Bemten mit der Frage, an wen er ſich wenden müſſe, um über die Ankunft einer De⸗ peſche Auskunft zu erhalten. Man wies ihn mit zuvorkommender Höflichkeit zurecht und der betreffende Beamte erklärte, nachdem er ein großes Buch aufge⸗ ſchlagen hatte, am vaxigen Tage ſei eine Depeſche für Signora Grimaldi, die Mutter der berühmten Sängerin Arabella Gri⸗ maldi angekommen. „Und wann wurde ſie expedirt?“ fragte der Rath „Erſt geſtern Abend,“ lautete die Antwort.„Der Bote konnte die Wohnung der Adreſſatin erſt nach längeren Nachforſchungen finden.“ Alſo hat auch dieſe Depeſche die Veranlaſſung zu der plötz⸗ lichen Flucht gegeben; dachte Heller. „Iſt es erlaubt, nach dem Inhalt der Depeſche zu fragen?“ „Wir dürfen ihn nicht verrathen.“ „Auch der Behörde nicht?“ „Nur dann, wenn es ſich um die Enthüllung und Verfol⸗ gung eines Verbrechers handelt.“ Der Polizeirath zog ſein Portefeuille aus der Taſche und öffnete es, er holte aus demſelben ein Papier, welches er dem Beamten vorlegte. „Ich bin in meiner amtlichen Eigenſchaft hier,“ ſagte er, „und es handelt ſich dabei in der That um die Verfolgung eines Verbrechens, der Inhalt der Depeſche iſt für mich um ſo wich⸗ — 1152— tiger, als die Adreſſatin ſofort nach Erhalt derſelben ihre Woh⸗ nung verlaſſen hat.“ Der Beamte nahm das Papier und ging damit in ein andres Bureau, aus dem er erſt nach längerer Zeit zurückkehrte. „Ihrem BVerlangen ſoll Folge gegeben werden,“ ſagte er, „aber wir erwarten, daß Sie von unſeren Mittheilungen—“ „Seien Sie unbeſorgt,“ unterbrach Heller ihn,„ich bin ſelbſt Beamter und weiß alſo, wie weit ich gehen darf.“ Der Beante ſchlug jetzt ein andres Buch auf, blätterte eine Weile in demſelben und ſchrieb dann die Depeſche ab, die Sig⸗ nora Grimaldi am Tage zuvor empfangen hatte, dieſe Abſchrift händigte er dem Polizeirath ein, der nach einigen Worten des Dankes ſich entfernte. Ferdinand hatte ihn mit fieberhafter Ungeduld erwartet, die Nachrichten die er jett empfing, beſtürzten ihn in hohem Grade. „Jetzt läßt ſich ihre Flucht erklären,“ ſagte er,„und man darf nun wohl auch anuehmen, daß ſie London verlaſſen hat.“ „Nein, daß glaube ich nicht,“ erwiderte Heller. „Was ſollen ſie hier noch? Auſtreten, darf Signora Arabella nicht mehr—“ „Und trotz alledem behaupte ich, doß ſie noch in L ndon iſt. Keine andre Stadt bietet ihr ſo ſehr wie dieſe die Möglis keit ſich zu verſtecken. Signora Arabella wird wahrſcheinlich nicht ein⸗ mal wiſſen, weshalb ſie die kaum bezogene Wohnung wieder ver⸗ laſſen mußte, das alte Weib hat zu irgend einer Lüge ſeine Zu⸗ flucht genommen, und wer von einem ſolchen Weibe abhängt, der muß ihm auch gehorchen.“ „Wo aber wollen Sie nun die Entflohenen ſuchen?“ „Dieſe Frage läßt ſich ſo raſch nicht beantworten,“ ſagte der Polzeirath,„es handelt ſich vor allen Dingen darum, Spuren aufzufuchen, die verfo gt werben können. Wir gehen jetzt zu Parker, Perkins und Compognie, um dort Erkundigungen ein⸗ zuziehen.“ Heller wandte ſich nach dieſen Worten an einen elegant ge⸗ kleideten Herrn, nm ihn nach der Wohnuug von Parker, Parkins und Compagnie zu fragen und nachdem er die genaue Adreſſe erhalten hatte, ſtieg er mit ſeinem Begleiter abermals in einen Omnibus der nach der bezeichneten Richtung fuhr. S ——— Pähr Sinuen ve gen nut Erſt Schweigen „WVir vill dieſe ſugen, de Süngerin ein erhiud „Sie „Gewi dus Garte iſt nicht g Diener.“ „Das „Jede niß könnt folge habe autzulaſſe „Es n „Glt, wohl auch jeder neuen „Ahlch Ferdinand das Haus geduldet h „Das iſt es nich Signora G poſaunt 1 grohe Zet Kammerdiſ „Daß „Iſt e Voh⸗ n andre ſagte et, — bin ſilbſt terte eine Abſchrift rten des artet, die m Grade. „und man n hat.“ Arabella ndon iſt. Nöglia keit nicht ein⸗ leder ver⸗ ſeine Zu⸗ hängt, der ſagte der Spuren n jit z mnen ein⸗ elegaut ge⸗ t, Puins ue Wreſe in einen — 1153— Wahrend der Fahrt ſprach er mit Ferdinand kein Wort, in Sinnen verſunken dachte er über die Wege, die er nun einſchla⸗ gen mufte, nach. Erſt als ſie den Omnibus verlaſſen hatten, brach er das Schweigen. „Wir haben noch eine kurze Strecke zu gehen,“ ſagte er,„ich will dieſe Zeit benutzen, um meine Anſicht n aus zuſprechen. Sie ſagen, der Lord ſei erſtaunt geweſen darüber, daß die berühmt Sängerin ihm ſo nahe geweſen ſein ſoll, ich vermuthe, es ware ein erheucheltes Erſtaunen.“ „Sie glauben, er habe es gewußt?“ „Gewiß. Der Kammerdiener ſoll die Erlaubniß gehabt haben das Gartenhaus während der Wintermonate zu vermithen. Das iſt nicht glaublich, dieſe Erlaubniß gibt kein engliſcher Lord ſeinem Diener.“ „Das habe ich mir allerdings auch geſagt.“ „Jeder hält ſein Haus gerne rein, und eine ſolche Erlaub⸗ niß könnte für den Lord ſelbſt nur Unannehmlichkeiten im Ge⸗ folge haben. Ich brauch? mich wohl nicht weiter über dieſen Punkt auszulaſſen, Herr Baron, Sie werden mir Recht geben.“ „Es wäre dennoch möglich—“ „Gut, nehmen wir dieſe Möglichkeit an, dann dürfen wir wohl auch annehmen, daß der Kammerdiener verpflichtet war, von jeder neuen Vermiethung ſeinem Herrn Anzeige zu mach'n.“ „Auch das kann ich nicht ſo unbedingt gelten laſſen,“ ſagte Ferdinand kopfſchüttelnd, der Kammerdiener hat meglicherweiſe das Haus mitunter an Leute vermiethet, die der Lord dort nicht geduldet haben würde.“ „Das mag immerhin der Fall geweſen ſein, aber maßgebend iſt es nicht. Sollte aber der Kammerdiener nicht den Ruf der Signora Grimaldi gekannt haben? Alle Zeitungen haben ihn aus⸗ poſaunt und auf die berühmte Sängerin aufmerkſam gemacht, große Zettel mit ihrem Namen hingen an allen Ecken, und der, Kammerdiener eines Lords ſollte davon nichts erfahren haben?“ „Daß iſt allerdings ſchwer glaublich.“ „Iſt es wirklich glaubhaft, daß der Kammerdiener gar keine Zeitung geleſen haben ſoll? Dieſe Leute kümmern ſich ja um Der Baſtard. 73 — 1154— jede Neuigkeit, und ich habe die feſte Ueberzeugung, daß der Kammerdiener des Lord St nhope ſchon vor Wochen den Namen Arabella Grimaldi gehört oder geleſen hat. Und wenn nun dieſe Dame das Gartenhaus miethete, was war natürlicher, als daß der Kammerdiener es ſofort ſeinem Herrn mittheilte!“ Ferdinand mußte dieſer Anſicht beipflichten. „Der Lord hat das Alles geleugnet,“ fuhr Heller fort,„da⸗ raus ziehe ich den Schluß, daß ihm die heimliche Flucht der Damen bekannt war. Er wollte allen Fragen darüber ausweichen und der Nothwendigkeit, Auskunft darüber geben zu müſſen, vor⸗ beugen. Das iſt die einzige Urſache, die ich dieſer Heuchelei zu Grunde legen kann, und ich glaube, daß meine Vermut)ung—“ „Dann Herr Rath, müſſen Sie auch annehmen, daß dem Lord der jetzige Aufenthaltsort der Damen bekannt iſt.“ „Sie haben Recht, die eine Annahme wird aus der andern bedingt. Aber wir dürfen hierauf keine Hoffnungen bauen, auf dieſem Wege würden wir nichts erreichen. Wir können den Lord nicht zwingen, unſre Fragen der Wahrheit gemäß zu beantworten.“ Der Polizeirath blieb ſtehen, ſie wart vor dem Geſchäfts⸗ hauſe der Firma Parker Perkins und Compagnie angelangt. „Und wenn wir die Frau hier antreffen,“ ſagte Ferdinand erwartungsvoll,„werden Sie dieſelbe verhaften?“ „Verhaften?“ erwiderte Heller.„Ich habe dazu keine Berech⸗ tigung, aber ich werde ſie feſthalten und einen Boten zur näch⸗ ſten Poliz iſtation ſchicken.“ „Wäre es nicht beſſer, ſie entwiſchen zu laſſen, natürlich unter der Bedingung, daß ſie ein offenes Geſtändniß ablegt?“ „Baron von Oſthofen verlangt ihre Verhaftung.“ „Er fürchtet den Eclat nicht?“ „Es handelt ſich hier um die Rechte ſeines ihm geraubten Kindes, und Sie werden überdies zugeben, daß dieſes Weib eine Zuchthausſtrafe verdient hat. Ihre Flucht beweiſt ihre Schuld, das werden Sie nicht leugnen.“ „Keineswegs!“ „Und nun vorwärts, ich hoffe, wir erfahren hier Weiteres. Ich bitte um Verzeihung,“ wandte er ſich zu dem Kaſſirer der hinter dem Gitter des Zahltiſches ſtand,„bei Ihrem Hauſe iſt ß 3 einet ge Der Antwort „ch mit eine er,„das „All „Un „e mund ve der Sigr Helle ſanen 8 „Unk Ich eri von ſei meiner wandte „We „We viel dar überneh O4 „V „Si werden uß der anen un nn er, alz tt.„da⸗ ucht der zweichen en, vor⸗ elei zu g— e den andern len, auf en Lord vorten. eſchäſte⸗ ngt. erdinand Berech⸗ n näch⸗ natürlich blegt?“ zetaubten Leib eine Schuld, Weiteres. ſitet der — 1155— einer gewiſſen Signora Grimaldi eine Summe von fünfzig Pfund angewieſen?“ Der Kaſſirer blickte in ein Buch weiches vor ihm lag. „Fünfzig Pfund, es ſtimmt,“ erwiderte er. „Iſt die Summe ſchon erhoben?“ „Nein.“ „Auch noch kein Verſuch gemacht worden, ſie einzukaſſiren?“ Der Kaſſirer blickte den Fragenden befremdet an. „Auch das nicht,“ erwiederte er. „Und wer hat die Summe angewieſen?“ „Das Bankhaus Auguſt Becker und Compagnie.“ Der Polizeirath ſchüttelte den Kopf, er ſchien eine andere Antwort erwartet zu haben. „Ich kann mir nicht wohl denken, daß Signora Grimaldi mit einem Bankhauſe in directer Verbindung ſtehen ſoll,“ ſagte er,„das Geld iſt jedenfalls telegraphiſch angewieſen worden?“ „Allerdings,“ nickte der Kaſſirer. „Und wirklich diregt?“ „Nein. Becker u Compagnie haben es dem Baron Ed⸗ mund von Oſthofen angewieſen und der Baron hat zu Gunſten „der Signora Grimaldi darüber verfuͤgt.“ Heller wechſelte mit Ferdinand von Falkenberg einen bedeut⸗ ſamen Blick. „Unbegreiflich!“ ſagte der letztere. „Hm, einen Zweck hat er dabei jedenfalls im Auge gehabt. Ich erinnere mich, daß Baron Edmund zugegen war, als ich mich von ſeinem Bruder verabſchiedete, er wird von dieſem den Zweck meiner Reiſe erfahren haben. Sie werden das Geld auszahlen? wandte er ſich wieder zu dem Kaſſirer. „Wenn die Dame kommt und ſich legitimirt, gewiß.“ „Wollen Sie mir einen Gefallen erzeigen? Mir liegt fehr viel daran, zu erfahren, wo die Dame wohnt, würden Sie es übernehmen, dies zu erforſchen.“ „Ich weiß nicht, ob ich es vermag.“ „Sie könnten vielleicht erklären, das Geld ſolle ihr geſchickt werden?“ „Welche Gruͤnde ſoll ich dafür anführen, abgeſehen davon, daß die Summe eine Bagatelle iſt?“ 73* „Ich bitte Sie, denken Sie darüber nach. Es handelt ſich hier nicht um die Befriedigung einer Neugierde, ſondern um et⸗ was mehr, und Sie würden ein gutes Werk thun, wenn Sie meine Bitte erfüllen wollten.“ „Ich will thun, was ich vermag.“ „So darf ich wohl morgen noch einmal wieder kommen, um mich zu erkundigen?“ „Gewiß, mein Herr, ich verſpreche Ihnen noch einmal, Alles zu thun, was ich vermag.“ Die Beiden ſtanden ſchon im Begriff, das Kaſſenzimmer zu verlaſſen, als Sam eintrat. Ferdinand ſtieß den Polizeirath in die Seite und forderte ihn durch einen Wink auf, zu ſchweigen. Sam ſchenkte den Anweſenden keine Beachtung, er ſchien große Eile zu haben, denn er trat haſtig au den Zahltiſch und übergab dem Kaſſirer einige Papiere. „35 „Va⸗ „Der „Dus lice Men „Aber ſpötliſch, verleten „Ven wird ſie — „Was ſoll das?“ fragte der letztere. der Kuſi „Ich wünſche die Summe zu erheben,“ ſagte Sam lakoniſch. da ich di „Die Dame muß ſelbſt kommen.“ 12 Sagen S „Wenn ſie aber nicht kommen kann? Hier iſt die Depeſche 4 nanhiſt und da iſt die Quittung, was wollen Sie mehr?“ Dani „Seien Sie nicht ſo unverſchämt!“ ſagte der Kaſſire barſch. Wen „Dieſe Documente können gefälſcht ſein, mein Beſter, Signora terſchrift Grimaldi muß ſelbſt erſcheinen.“ 1 den Poliz Sie iſt kränk. deſte Noti „Gut, das iſt eine Entſchuldigung, aber es verpflichtet mich„Eine noch immer nicht, das Geld einem Fremden auszuzahlen.“ an, wer „Wenn der Fremde eine Quittung hat—“„Ein „Wer ſind Sie?“„Virl „Ich könnte ſagen, ein Diener der Signora, aber ich bin noch Vir brau mehr, und es kann Ihnen einerlei ſein, denn dieſe Papiere legi⸗ enweder timiren mich.“ einz von „Verlaſſen Sie mich jetzt,“ flüſterte Heller ſeinem Verbündeten„Ande zu,„er hat ſie noch nicht geſehen, und es liegt in unſerem In⸗„Nein tereſſe, daß ich allein mit ihm rede. Wo logiren Sie?“ 3„Dan „Langham Hotel, Portland Place.“. vährend „Ich werde Sie dort heute noch aufſuchen.“„ e de Ferdinand entfernte ſich, es lag ja auch in ſeinem Intereſſe, n Sie — ndelt ſch um et⸗ enn Eie men, un al, Alez nner zu Ate ihn en groe iberzab lakniſch Depeſche Signora hiet nich bin noch iere leg⸗ tbundeten 4 „m ⸗ — 1157— daß die Pläne des Polizeiraths, der in ſolchen Dingen jedenfalls erfahren war, nicht durchkreuzt wurden. „Wo wohnt die Signora? fragte der Kaſſirer. „Weshalb wollen Sie es wiſſen?“ erwiederte Sam in einem Tone, der deutlich das erwachende Mißtrauen verrieth. „Weil ich ihr das Geld ſchicken will.“ „Ich darf es Ihnen nicht ſagen.“ „Was hindert Sie daran?“ „Der Befehl meiner Herrſchaft.“ „Das klingt ſehr auffallend,“ ſagte der Kaſſirer. Jeder ehr⸗ liche Menſch darf ſeine Wohnung nennen.“ „Aber Damen haben Rückſichten zu nehmen,“ erwiderte Sam ſpöttiſch, und ich bin zu höflich, als daß ich ſolche Rückſichten verletzen könnte.“ „Wenn Signora Grimoldi einen ſo höflichen Diener hat, ſo wird ſie ſich begnügen müſſen ſelbſt hieher zu kommen,“ ſagte der Kaſſirer in demſelben Tone.„Dieſe Quittung hat für mich, da ich die Handſchrift de Signora nicht kenne, keinen Werth. Sagen Sie das der Wme; erlaubt ſie Ihnen, ihre Wohnung namhaft zu machen, ſo werde ich das Geld ſchicken.“ Damit war Sam abgefertigt, aber er blieb trotzdem ſtehen. Wenn ich nun einen Bürgen hätte, der die Aechtheit der Un⸗ terſchrift beſcheinigt und dafür garantirt?“ fragte er, ohne von dem Polizeirath, dem er den Rucken zugewandt hatte, die min⸗ deſte Notiz zu nehmen. „Einen Bürgen? erwiderte der Kaſſirer.„Es kommt darauf an, wer dieſer Bürge iſt.“ „Ein ſehr angeſehener Herr!“ „Wirklich? Na, ich will Iynen etwas ſagen, guter Freund. Wir brauchen hier keine Bürgſchaft, Signora Grimaldi kommt entweder ſelbſt, oder ſie empfängt das Geld in ihrer Wohnung, eins von beiden!“ „Anders thun Sie's nicht?“ „Nein.“ „Dann warten Sie, bis ſie ſelbſt kommt,“ erwiderte Sam, während er ärgerlich den Hut auf den Kopf warf. Und wenn Sie die Signora nicht kennen, wer bürgt Ihnen dann dafür, daß Sie nicht betrogen werden?“ N — 1158— „Laſſen Sie das meine Sorge ſein!“ Na joa, ich werde mir den Kopf deshalb nicht Dan it ging Sam hinaus und Heller folgte ihm. „Ein Wort, Freund,“ ſagte der letztere, während er die Hand auf die Schulter Sams legte, der erſchreckt zuſammenfuhr.„Ich höre ſoeben, daß Sie die Grimaldis kennen“ Sam muſterte den Fremden vom Kopf bis zu den in ein ſpöttiſches Lächeln umſpielte ſeine Lippen. „Wer hat Ihnen das geſagt?“ fragte er. „Sie hören, daß ich es weiß.“ „Na, und was weiter?“ „Ich möchte ſie auch kennen lernen.“ „Sie? Jetzt möchte ich nur wiſſen, ob Sie in die Alt⸗ oder in die Junge verliebt ſind.“ * „Scherz bei Seite, guter Freund, Ihr ſteht im Dienſte eines Lords, ich kenne Euch.“ „Sehr viel Ehre, von einem ſolchen Heern gekannt zu ſcn⸗ 3 „Lord Stanhope iſt Euer Herr.“ ch „Was Sie nicht alles wiſſen!“ ſpottete Sam, der gleichwohl nicht verfehlen konnte, daß die Bemerkungen des ihm fremden Herrn ihn verwirrten. „Und Ihr ſeid gleichzeitig im Dienſt der Signora Grimaldi.“ ſagte Heller mit kalter Ruhe. „Das könnte möglich ſein!“ „Ihr wißt, wo ſie jetzt wohnt.“ „Wahrſcheinlich.“ „Und weshalb muß dies ein Geheimniß bleiben?“ „Wenn Sie das wiſſen wollen, müſſen Sie die Signora ſelbſt fragen.“ „Ihr werdet es mir nicht ſahen „Bewahre.“ „Hm, wahrſcheinlich wird Lord Stanhope es meinem Herrn miittheilen, dann brauchen wir Euch nicht mehr.“ „So? Ihr ſeid auch gewohnt, die Livree Andrer zu 2 fragte Sam höhniſch. „Habt Ihr mir das nicht gleich angeſehen „Bei wem ſeid Ihr?“. „Das werdet Ihr nicht errathen,“ ſagte Heller in lakoni ſchem aber 5 Rang h „Vie Sam „Unb wohnt!“ „Erl zahlen u „Un „Die werthlos hat Eig und Neb „Nei „We Pri „Gl auftrete „Ve „We „Ve Londone Der Schulten „3 6 Stanho „Si nicht a thungen m Herrn nagen? loni ſchen — 1159— Tone.„Ich will Euch nur ſo viel verrathen, daß mein Herr hoch über dem Euren ſteht.“ „Holla, Lord Stanhope—“ „Ich verkenne den Rang nicht, den Lord Stanhope einnimmt aber Ihr werdet auch zugeben, Laß es Perſonen gibt, deren Rang höher iſt.“ „Königliche Hoheit?“ „Vielleicht.“ Sam blickte ſeinen Begleiter ſcheu an. „Und Euer Herr wünſcht zu wiſſen, wo Signora Grimaldi wohnt?“ „So iſt es,“ nickte Heller.„Wir wiſſen, daß ſie im Garten⸗ hauſe des Lords gewohnt hat, weshalb hat ſie es verlaſſen?“ „Aus Gründen, die—“ „Erlaubt mir die Bemerkung, daß man Euch jedes Wort be⸗ zahlen wird, vorausgeſetzt, das es nur Wahrheit enthält.“ „Und wie hoch wird jedes Wort taxirt?“ „Die Taxe iſt ſel- verſchieden. Es gibt Worte, die ganz werthlos ſind, für dee zahlen wir gar nichts. Alſo weshalb hat Signora Grimaldi das Gartenhaus ſo plötzlich bei Nacht und Nebel verlaſſen? Gab der Lord die Veranlaſſung dazu?“ „Nein, es lagen andere Gründe vor.“ „Welche?“ „Privatangelegenheiten, über die ich nicht reden darf.“ „Gut geſagt! S Grimaldi wird wohl hier nicht mehr auftreten?“ „Weshalb ſollte ſie nicht W „Weil ſie ſich krank gemeldet hat ohne es zu ſein.“ „Was wißt Ihr davon? Die junge Dame iſt heiſer, der Londoner Nebel iſt keine geſunde Luft für den Hals.“ Der Polizeirath lächelte ungläubig und klopfte Sam auf die Schulter. „Ich will Euch was ſagen, mein Junge,“ erwiderte er„Lord Stanhope iſt ein eiferſüchtiger Narr, der—“ „Sagt, was Ihr wollt,“ unterbrach Sam ihn,„aber ſchimpft nicht auf meinen Herrn und ergeht Euch nicht in Vermu⸗ thungen—“ — 1160— „Bah, wir kennen das beſſer! Weshalb hat der Lord die ſchöne Sängecin unter ſein Dach aufgenommen?“ „Weil ſie keine Wohnung hatte“ „Und durch wen erfuhr er, daß ſie keine hattes“ „Durch mich!“ „Ach, Ihr ſeid ein prächtiger Kerl,“ ſagte Heller mit leiſem Spott.„Ihr ſorgt für das Vergnügen Eures Herrn in einer Weiſe, die alle Anerkennung verdient. Ihr wart natürlich beauf⸗ tragt, den Damen nachzuforſchen?“ „Bewahre!“ „So hättet Ihr es aus eignem Antriebe gethan?“ „Natürlich. Was man aus freien Stücken thut, hat jeden⸗ falls mehr werth als das, was man zu thun gezwungen wird.“ „Das iſt richtig. Und die Damen nahmen den Vorſchlag des Lords ſofort an? Es gibt ja Logirhäuſer genug in London.“ „Weshalb ſollten ſie's nicht annehmen?“ „Weil es kein gutes Licht auf die Tugend einer jungen Dame wirſt, wenn—“— „Verzeiht, die Sängerin hat gar nicht gewußt, wo ſie wohnte.“ „Und ſie weiß es auch jetzt noch nicht?“ „Nein.“ Wieder lächelte der Polizeirath, aber es war jetzt mehr ein Lächeln der Befriedigung als des Unglaubens. „Das lügt Andern vor,“ ſagte er.„Sollie ſie ſich nicht er⸗ kundigt haben, unter welchem Dache ſie wohnt? Sollte ſie nicht damit einverſtanden ſein, daß ſie krank gemeldet worden iſt? Wäre es wirklich nicht der Fall, dann möchte ich Euch warnen, Eure Hände nicht in ſolche ſchmutzige Angelegenheiten zu ſtecken, es könnte ein ſchlimmes Ende für Euch haben.“ „Für mich?“ fragte Sam betroffen. „Jawohl. Ihr wißt wohl noch nicht aus Erfahrung, daß die großen Herren ihre Diener gerne als Sündenböcke benutzen. Und der Richter nimmt mit einem ſolchen Sündenbock vorlieb und beſtraft ihn nach der ganzen Strenge des Geſetzes.“ „Iſt Cuch das ſchon paſſirt?“ „Ich ſpreche aus Erſahrung“ 2 bwhat j „Un turiter ſt. Wen man den könnten „Wol 36 ſelbſ. ₰ hafür kön „Seh „Sur „Sm „Die „Rol „Abe „Va muel heiſ „Seh „Alſo eine Droh maldi nich „Sie „Das „Und mein Her „Sie neſen iſt. „Ode Leute, di nichts ko „Ich „Ihr grünen 3 niemais f leiſen einer benuf⸗ jeden⸗ wird.“ urſchlag nug in jungen wo ſie ht ein icht er⸗ ie nicht en iſt varnen, ſtecken, n, bi enutzen. vorlieb — — 1161— „Dann möchte ich nicht Kammerdiener einer Königlichen Hoheit ſein.“ „Und ich will Euch noch mehr ſagen, aber Ihr thut wohl, darüber zu ſchweigen und Euch danach zu richten, ehe es zu ſpät iſt. Wenn die Signora nicht morgen wieder geneſen iſt, ſo wird man den Lord für die Krankheit verantwortlich machen und es könnten dabei Dinge zur Sprache kommen—“ „Wollt Ihr mir drohen?“ „Ich Euch? Daran denke ich nicht. Sorge Jeder für ſich ſelbſt. Ich gebe Euch nur einen freundſchaftlichen Rath, und dafür könnt Ihr mir dankbar ſein.“ „Sehr verbunden, wirklich!“ „Spottet nicht darüber,— wie heißt Ihr?“ „Sam „Sam nur?“ „Dieſer Name genügt. Und Ihr?“ „Robin.“ „Aber Ihr ſeid ein Deutſcher!“ „Was thut das? Sam iſt auch kein Name, Ihr werdet Sa⸗ muel heißen, wie ich Robert heiße, aber man ruft mich Robin.“ „Sehr gut, ein ſchöner Name!“ „Alſo beherzigt meine Warnung und erblickt darin nicht eine Drohung, an die ich gar nicht denke. Wenn Signora Gri⸗ maldi nicht wieder auftritt, dann—“ „Sie wird wieder auſtreten!“ „Wann?“ „Das weiß ich nicht.“ „Und glaubt Ihr, die Verehrer dieſer Dame, zu denen auch mein Herr zählt, werden ſich ſehr lange gedulden?“ „Sie werden ſich gedulden müſſen, bis die Signora ge⸗ neſen iſt.“ „Oder bis Lord Stanhope— na, guter Freund, es gibt Leute, die niemals in die Zukunft blicken und deshalb auch zu nichts kommen, dazu gehört Ihr auch.“ „Ich?“ ſpottete Sam.„Was Ihr ſagt!“ „Ihr könntet zum Beiſpiel jetzt für alle Zeiten auf den grünen Zweig kommen, den ſo viele Leute vergeblich ſuchen und niemals finden. Ihr brauchtet nur meinem Herrn einen guten 6 Dienſt zu leiſten, und Ihr wäret für Euer ganzes Leben ge- borgen.“ „Und worin beſtände der gute Dienſt?“ fragte Sam, der gegen ſolche Ausſichten keineswegs unempfindlich war. „Nur darin, daß Ihr mir die Wohnung der Signora nennt und Euch verpflichtet, meinem Herrn oder mir eine Zuſammen⸗ kunſt mit der jungen Dame zu ermöglichen.“ „Oder Euch? Was habt Ihr denn damit zu ſchaffen?“ „Nichts weiter, als daß ich der Dame einen Vorſchlag zu machen hätte.“ Sam blickte ſeinen Begleiter mißtrauiſch an, ein Verdacht ſchien plötzlich in ihm aufzuſteigen. „Einen Vorſchlag?“ wiederholte er.„Den könnte ich ja auch machen“ „Ihr könnt es nicht, und Euch würde die Signora keinen Glauben ſchenken.“ „So wenig Vertrauen ſoll ich verdienen?“ ſpottete Sam. „Wahrhaſtig, Ihr ſeid—“ ₰ „Wollt Ihr meinem Verlangen nachkommen?“ fiel Heller ihm in's Wort. „Wenn ich's thue, verrathe ich meine Herrſchaft.“ „Wie könnt Ihr das Verrath neunen? Im Gegentheil, Ihr erzeigt dadurch Eurer Herrſchaft einen großen Dienſt.“ Sam war ſitehen geblieben, er ſah ſeinen Begleiter an, als ob er iyn zum Fauſtkampf herausfordern wolle. „Wenn das wirklich der Fall wäre, weshalb ſteckt Ihr Euch hinter michd ſagte er.„Weshalb geht Ihr nicht auf geradem Wege auf das Ziel zu. Sagt nicht, Ihr wolltet für meine Zu⸗ kunft ſorgen, denn ich glaube es nicht! Ihr würdet den Lohn ſelbſt einſtecken und nicht daran denken, ihn mit einem Andern zu theilen.“ „Wenn ich wüßte, wo Signora Grimaldi wohnte— „Ah, das iſt es und ich ſage Euch, Ihr werdet es nicht er⸗ fahren. Alles was Ihr mir geſagt habt, iſt Schwindel, Euer guter Rath, Eure Verſprechungen und Eure Warnungen— Schwindel! Die Königliche Hoheit— Schwindel, Alles Schwindel! Ihr ſeid ein geheimer Polizei⸗Agent, ein Detectiv und wollt nich aus ſchlecht, e Ler! nict verb nur Vern ſten Bew Sam ſcht ſein, du⸗ ſehen woll „8c „Wär um meine Vorſchlag nicht zu Ihr nicht eine Kön „Wa „Wei kann ich „Kom das Andr einmal,( Euch aue habe, nic den Lord find. Un fügte er Schulb.“ Oh ſchaſtzdi „Ihr allen Fe nit mir „He zu als „M al Ihr an, als hr Euch getaden eine Zu⸗ en Lohn Andern nicht er⸗ l, Euer ngen— windel! d wolt — 1163— mich ausforſchen. Proſit die Mahlzeit, da kennt Ihr Sam ſchlecht, er läßt ſich nicht ausſpioniren.“ Der Polizeirath hatte bei den erſten Worten ſeine Beſtürzung nicht verbergen können, aber er erkannte doch bald, daß Sam nur Vermuthungen ausſprach, für die er ſelbſt nicht die gering⸗ ſten Beweiſe beſaß. „Ihr ſcheint kein gutes Gewiſſen zu haben,“ ſagte er, als Sam ſchwieg.„Fürchtet ihr die Polizei ſo ſehr? Es muß wohl ſein, da Ihr in jedem Menſchen einen verkappten Polizeibeamten ſehen wollt.“ „Seid ihr es nicht?“ „Wäre ich es, ſo würde ich andere Mittel und Wege wählen, um meinen Zweck zu erreichen. Und jetzt überlegt Euch meinen Vorſchlag, Ihr werdet wohl thun, ihn anzunehmen und Euch nicht zu ſehr auf den Lord zu verlaſſen, von dieſer Seite habt Ihr nichts Gutes zu erwarten.“ „Ich glaube das weiß ich beſſer. Iſt Euer Herr wirklich eine Königliche Hoheie“ „Was er iſt, werdet Ihr ſpäter erfahren.“ „Weshalb nicht jetzt? Fordert Ihr von mir Vertrauen, ſo kann ich—“ „Kommt mir erſt mit Vertrauen entgegen, dann wird ſich das Andre finden,“ unterbrach Heller ihn.„Ich ſage Euch noch einmal, Euer Schade wird es nicht ſein, und die Damen ſollen Euch auch dafür danken. Wird das, was ich von Euch verlangt habe, nicht erfüllt, ſo werden die Zeitungen einige Notizen über den Lord und die Sängerin bringen, die Beiden nicht angenehm ſind. Und wenn dieſe Notizen Euch um Euren Dienſt bringen,“ fügte er mit ſcharfer Betonung hinzu,„ſo iſt das Eure eigene Schuld.“ „Oho!“ fuhr San auf.„Das wär' ein ſchlechter Freund⸗ ſchaftsdienſt!“. „Ihr köunt keinen beſſeren erwarten, nachdem ich Euch vor allen Folgen gewarnt habe. Wo und wann wollt Ihr wieder mit mir zuſammentreffen?“ „Heute nicht!“ erwied erte Sam raſch, deſſen Mißtrauen eher zu als abgenommen hatte. „Morgen alſo?“ — 1164— „Vielleicht.“ „Ich werde Euch morgen Mittag zwiſchen elf und zwölf Uhr in der Straße erwarten, in der das Gartenhaus Eures Lords liegt,“ ſagte Heller mit gehobener Stimme.„Es iſt eine einſame Straße uud Niemand wird uns dort bemerken. Wollt Ihr kommen?“ „Ich weiß es noch nicht. „Ihr habt bis dahin Zeit genug, zu überlegen, Sam. Ich werde Euch erwarten, kommt Ihr nicht, ſo weiß ich, daß wir auf Euch nicht rechnen können.“ Der Polizeirath nickte ihm nach dieſen Worten noch einmal zu und ſtieg in einen vorbeifahrenden Omnibus, und Sam ſchlug nach kurzem Ueberlegen den Weg zum Palais des Lords ein. * 45. Kapitel. Blicie in die Zußnnft. hope ihr geboten hatte, in jeder Beziehung zufrieden. Es war eine einſam gelegene Villa, umgeben von Gärten und Perkanlagen und ausgeſtattet mit allem Comfort, den ein verwöhntes Menſchenkind nur wünſchen konnte. . Signora Grimaldi war mit dem Aſyl, welches Lord Stan⸗ „ Hie . warten, ſelbſt w vertraue Sun haß dieſ Polizeir und der ieſen 2 Die Mann, t Beamte peſche w in ihrer E5 teifen,! treten. Dri nicht zu Aber Verſteck Beante, hinbung Sie theilung Wen Gefahret denken, ihnen zu Arab Sie und wes krank m Die ſie ſpra der Not welt abz verlaſſen — 1165— Hier ſuchte ſie gewiß Niemand, ſie konnte in aller Ruhe ab⸗ Uurtz warten, bis Sam ihr meldete, daß die Gefahr vorüber ſei, und einſune ſelbſt wenn dieſe Gefahr auch hier ihr nahte, ſo durfte ſie darauf t Ihr vertrauen, daß der Lord ſie ſchützen würde. Sam verhehlte ihr nach ſeiner Vegegnung mit Heller nicht, daß dieſe Gefahr ihr ſehr nahe ſei. Trotz der Maske die der Polizeirath ihm gezeigt hatte, hielt er an ſeinem Mißtrauen feſt, d wölf 3 und der Lord, dem er Alles mitgetheilt hatte, beſtärtte ihn in t † dieſem Mißtrauen. Die alte Frau zweifelte auch nicht daran, daß der fremde einmal Mann, der ſich ſo angelegentlich nach ihr erkundigt hatte, jener Sn Beamte war, vor den ihr unbekannter Freund ſie in der De⸗ Led peſche warnte, und die kaum beſeitigten Beſorgniſſe ſtiegen wieder in ihrer Seele auf. Es war ihr feſter Entſchluß, mit Arabella nach Amerika zu reifen, und ſie hätte die Reiſe lieber heute, als morgen ange⸗ treten. Drüben konnte ſie einen andern Namen annehmen, es war nicht zu erwarten, diß man ſie dort ſuchen würde. Aber in den erſten Tagen durfte ſie noch nicht wagen, ihr Verſteck zu vetlaſſen, zumal es keinem Zweifel unterlag, daß der Beamte, der ſie verfolgte, ſich mit der Londoner Polizei in Ver⸗ bindung geſetzt hatte. Sie dachte vorübergehend auch an den Lord und an die Mit⸗ theilungen, die Sam ihr über ihn gemacht hatte. Wenn der Lord wirklich Arabella heirathete, dann war allen Gefahren für immer vorgebeugt, aber man durfte nicht daran denken, und ſo blieb die Auswanderung das einzige Mittel, ſich ihnen zu entziehen. Arabella hatte von alledem keine Ahnung. Sie begriff nicht, weshalb ſie hieher gebracht worden war, und weshalb ihre Mutter darauf gedrungen hatte, daß ſie ſich krank melden ſolle. d Stun⸗ Die alte Frau wollte ihr darüber keinen Aufſchluß geben, . ſie ſprach nur von Gefahren, denen man ausweichen müſſe, von Girten der Nothwendigkeit, eine Zeit lang jeden Verkehr mit der Außen⸗ den ein welt abzubrecheu und von der Wahrſcheinlichkeit, Europa ganz verlaſſen zu müſſen. —.———— — 1166— Arabella begriff das nicht; trotz ihrer Abneigung gegen Sam wandte ſie ſich doch an ihn, um ſich Gewißheit zu verſchaffen, aber auch dieſe Hoffnung war vergeblich, es lag ja im Intereſſe Sam's, ihr das Räthſel nicht zu löſen. So verſtrich der erſte Tag in dem allerdings traulichen Aſyl, und als Arab lla in der Nacht darauf über die Löſung des dunklen Räthſels wieder nachdachte, ſtieg die Erinnerung an Alles das, was ſie mit Willy beſprochen hatte, klar und deutlich in ihrer Seele auf. Sie erinnerte ſich dabei auch an Miß Cleveland, an dieſe treue, opferfreudige Freundin, und allmälig reifte in ihrem Innern ein Entſchluß, der die ſelbſtfüchtigen Pläne ihrer Mutter zu durchkreuzen drohte. War ſie denn in den Händen der Frau ein willenloſes Werkzeug? Durfte dieſe Frau von ihr ohne Angabe von Gründen ver⸗ langen, daß ſie kontraktbrüchig werden ſoll? Wurde nicht durch dieſes Verlangen ihre ganze Exiſtenz untergraben? Sie wollte erſt mit der Frau reden Snd Gründe verlangen, die ihr genügen konnten, um den Kontraktbruch zu rechtfertigen. Mit dieſem Entſchluß erſchien ſie am Morgen zum Frühſtück. Signers Grimaldi hatte ihre Tochter ſchon erwartet, und als ſie in das bleiche Geſicht des ſchönen Mädchens blickte, als ſie den trotzig entſchloſſenen Zug um die feſtgeſchloſſenen Lippen be⸗ merkte, wußte ſie ſchon, daß ſie ſich auf einen Sturm gefaßt machen mußte. „Wie lange werden wir noch hier bleiben?“ eröffnete Ara⸗ bella das Geſpräch, und die blitzenden Augen heſteten ſich feſt auf das welke Geſicht der alten Frau. „So lange, bis die Gefahr vorüber iſt,“ lautete die Ant⸗ wort. „Bedroht bieſe Gefahr Dich oder mich?“ „Uns beide.“ „Das genügt mir nicht,“ ſagte Arabella,„ich will klar ſehen, und Du biſt es mir ſchuldig—“ „Du haſt zu gehorchen und meinen Anordnungen Dich zu fügen.“ „So konnteſt Du fruher ſprechen, aber die Verhältniſſe ha⸗ ——— ————— hen ſtith⸗ henden. darauf a meiner 6 können. neines K gontrakib Noth ger „So 6 Ven heh die Du ji Die o pie Woh loſen M „Und zu verfol „3 fra 3 „Und „ch alte Fra „Wa Vertrme ttakthruc tigſten 6 „Du „Ve Dir gen „Da „Ve lebe? auben, en Pläne i ilenloſt berlangen, tfertigen. Frühſtück. und als als ſe ppen he⸗ m gefaßt nete Ara⸗ ſich feſt die Ant⸗ ar ſehen, miſſe ha⸗ „ ben ſeitdem ſich geändert,“ erwiderte Arabella, ohne vor dem ſte⸗ chenden Blick die Augen niederzuſchlagen. Es thut mir leid, Dich darauf aufmerkſam machen zu müſſen, daß unſre Exiſtenz von meiner Ein nahme abhängt, Du hätteſt ſelbſt Dir das ſagen können. Und nun willſt Du mir verbieten, die Bedingungen meines Kontrakts zu erfüllen? Abgeſehen bavon, daß dieſer Kontraktbruch mich entehrt, werden wir auch durch denſelben in Noth gerathen—“ „So lange wir hier wohnen, nicht.“ „So lange wir hier wohnen? Wem gehört dieſes Haus? Wem haben wir dafür zu danken, daß er uns vor den Gefahren, die Du fürchteſt, ſchützt?“ Die alte Frau wandte verwirrt das Antlitz ab, ſie durfte die Wohrheit nicht ſagen, wenn ſie nicht in der Seele des arg⸗ loſen Mädchens Mißtrauen erwecken wollte. „Du darfſt darüber ruhig ſein,“ ſagte ſie,„Sam hat für dieſes Aſyl geſorgt.“ „Sam? Ihm tra ich nicht—“ „Er iſt Dein Bruder!“ „Und zu allem Böſen fähig, wenn es ſelbſtſüchtige Zwecke zu verfolgen gibt,“ erwiderte Arabella mit ſcharfer Betonung. „Ich frage noch einmal, in welchem Hauſe wohnen wir?“ „Ich weiß es nicht.“ „Und glaubſt Du, damit werde ich mich beruhigen?“ „Ich ſehe nichts, was Dich beunruhigen könnte,“ ſagte die alte Frau in demſelben ſcharfen Tone. „Was mich betrifft, ſo ſchenke ich meinem Sohne volles Vertrauen, und Du müßteſt doch wiſſen, daß ich ſelbſt den Kon⸗ traktbruch nicht gebilligt haben würde, wenn mich nicht die trif⸗ tigſten Gründe dazu zwängen.“ „Du willſt mir dieſe Gründe nicht nennen?“ „Weshalb ſoll ich Dich beunruhigen? Meine Worte müſſen Dir genügen.“ „Das erkenne ich nicht en. Ich verlange Vertrauen!“ „Vertrauen? Habe ich es Dir nicht bewieſen, ſo lange ich lebe? Wenn ich Dir ſage, es muß ſein, ſo darfſt Du auch glauben, daß es ſein muß!“ — 1168— Arabella rückte ihrer Mutter näher, unverwandt ruhte ihr glühender Blick auf dem welken Geſicht. „Was fürchteſt Du?“ fragte ſie.„Haſt Du ein Verbrechen begangen—“ „Arabella, dieſe Vermuthung—“ „Muß ſie nicht in mir auſſteigen? Weshalb flüchteſt Du bei Nacht und Nebel? Weshalb zwingſt Du mich zu einer Lüge, die mich entehrt? Wenn man ein reines Gewiſſen hat, ſo kann man jedem Feinde entgegentreten, und die hieſige Polizei würde uns ihren Schutz nicht verſagen.“ „Und was ſagte ich Dir vorgeſtern? Falkenberg und Baron Oſthofen—“ „Sind ſie wirklich in London? Wir haben darüber keine ſichere Nachricht.“ „Ich habe ſie geſehen.“ „Gut. Ich nehme an ſie ſind bort, ſo wäre doh abzuwarten, ob ein Rencontre zwiſchen ihnen ſtattfinden wird. Und geſchähe es wirklich, ſo wäre es Sache der Polizei die Folgen zu ver⸗ hüten“ „Und Dein Name?“ „Er würde dadurch nicht entehrt werden, mir kann man die Schuld nicht zuſchieben, wenn einige Hitzköpfe meinetwegen—“ „Der Eclat würde Dich allein treffen!“ „Das wäre noch immer nicht ſo ſchmachvoll wie der Kontrakt⸗ bruch!“ ſagte Arabella, das ſchöne Haupt trotzig erhebend.„Und ich erkläre Dir hiermit, daß ich meinen Kontrakt unter allen Umſtänden erfüllen werde. Ich werde heute noch zur Konzert⸗ Direktion gehen—“ „Du wirſt es nicht thun!“ fuhr die Alte erboſt auf. „Willſt Du mich gewaltſam hier feſthalten?“ „Wenn es nicht anders iſt— ja!“ Arabella legte die Hand auf das ſtürmiſch pochende Herz und athmete tief auf. „Verſuche es, und das letzte Vand, welches Dich an mich feſſeit, iſt geriſſen!“ erwiderte ſie mit zitternder Stimme. „Das letzte Band? Was ſoll das heißen?“ „Ich kann mir nicht helfen, ich muß es ausſprechen, was meine Gedanken ſchon ſeit Monaten beſchäftigt hat. Das Ge⸗ hemiß⸗ Geld ſchi ſirhteeſ, Signt genes Loc ſürzung „Jene ſuhr Au Lemuthu ing her „Bi ſpringend⸗ ſetti De Puater iſt WVilb wiſſen, 1 mein Gel Antwort und ſtets „Die in ſicheth „Du angenehn „Offe ter ſollen und führ aufgetauc „Und ſie ſind.“ „ in die H Nachlaſſe Voten al Awarten, geſchähe zu ver⸗ man die gen— ontrakt⸗ d.„Und ter allen Konzert⸗ — 1169— heimniß, welches der Mann wußte, dem Du von Zeit zu Zeit Geld ſchickteſt, dieſes Geheimniß, deſſen Enthüllung Du ſo ſehr fürchteteſt, betraf mich, meine Geburt.“ Signora Grimaldi lachte höhniſch, aber es war ein gezwun⸗ genes Lachen, welches deutlich erkennen ließ, daß Angſt und Be⸗ ſtürzung hinter ihm ſich verſteckten. „Jener Mann ſtarb und ſeine Papiere fielen in andre Hände,“ fuhr Arabella fort, die vielleicht ſelbſt nicht ahnte, wie nahe ihre Vermuthungen der Wahrheit kamen,„und aus dieſen Papieren ging hervor, daß ich nicht Deine Tochter bin.“ „Biſt Du wahnſinnig?“ rief die Alle, von ihrem Sitz auf⸗ ſpringend.„Wer hat Dir dieſe Dummheiten in den Kopf ge⸗ ſetzt? Der Baſtard wahrſcheinlich, der ſelbſt nicht weiß, wer ſein Vater iſt und nun auch—“ „Willy hat mir nichts geſagt—“ „Er hat ja ſpionirt!“ „That er es, ſo geſchah es in meinem Auftrage!“ „Ah— meine eigne Tochter ſpionirt hinter meinem Rücken—“ „Dein Hohn iſt Werechtigt, ſagte Arabe a kalt;„ich wollte wiſſen, weshalb jener Mann unterſtützt wurde, denn es war mein Geld, was Du ihm ſchickteſt. Du verweigerteſt mir die Antwort auf meine Fragen, Du haſt mir nie Vertrauen gezeigt und ſtets Geheimniſſe vor mir gehabt, die—“ „Die Dich weiter nichts angingen!“ fuhr Signora Grimaldi in fieberhaſter Erregung auf. „Du ſollteſt mir dankbar ſein, daß ich Dich mit allem Un⸗ angenehmen verſchonte, Dir Alles aus dem Wege räumte—“ „Offenheit wäre beſſer geweſen! Zwiſchen Mutter und Toch⸗ ter ſollen keine Geheimniſſe ſchweben, ſie entfremden die Herzen und führen unwillkürlich zu Vermuthungen, die wenn ſie einmal aufgetaucht ſind, auch raſch einen feſten Halt gewinnen.“ „Und an die man ſich um ſo feſter klammert, je unſinniger ſie ſind.“ „Ich bin darüber andrer Anſicht. Jene Papiere alſo fielen in die Hände des Gerichts, welches ſich mit der Ordnung des Nachlaſſes beſchäftigen mußte. Und nun hat das Gericht ſeine Boten abgeſanbt, um meine Rechte zu wahren und—“ Der Baſtard. 74 „Wahnſinn!“ rief die Alte mit ſchneidender Stimme.„Du biſt mein Kind, das Kind eines Zigeuners und einer Zigeunerin! Weshalb bin ich ſo thöricht geweſen, Dir dieſe Erziehung zu geben? Weshalb habe ich mich von meinem Stamme getrennt? Du wäreſt eine Zigeunerin und die Frau eines Zigeuners ge⸗ worden—“ „Laſſen wir das,“ unterbrach Arabella ſie mit einem wahr⸗ haft vernichtenden Blick auf das alte Weib, deſſen Häßlichkeit immer ſchärfer hervorktrat.„Was Du auch ſagen magſt, das Mißtrauen, welches Du ſelbſt in mir geweckt haſt, wirſt Du nicht mehr beſiegen tönnen. Ich frage Dich noch einmal, weshalb flüchteſt Du, und weshalb zwingſt Du mich, ebenfalls mich zu verbergen? Wenn die Gefahr nur Dir droht, ſo wäre es doch das Einfochſte, Du flüchteſt allein und geſtatteteſt mir, alle ein⸗ gegangenen Verbindlichkeiten zu löſen; ich würde Dich deshalb nicht im Stich laſſen, Du ſollteſt keine Noth leiden—“ „Beenden wir dieſes Geſchwätz“ ſagte die alte Frau in her⸗ bem Tone.„Du wirſt meine Befehlen gehorchen, und thuſt Du es nicht, ſo zwinge ich Dich dazu.“„ „Dieſe Drohung kann nur meine Vermuthung beſtätigen.“ „Vermuthe was Du willſt, Du bleibſt doch das Kind einer Zigeunerin. Denkſt wohl an Miß Cleveland?“ fuhr die Alte höhniſch fort.„Willſt wohl bei ihr Schutz gegen mich, gegen Deine eigene Mutter ſuchen?“ „Wenn ich es thun wollte—“ „Poh, was Du willſt, gilt mir keinen Pappenſtiel! Du wirſt noch einſehen, wie gut ich es immer mit Dir gemeint habe.“ Arabella hatte ſich erhoben, wieder heftete ſie den Blick ernſt und voll auf die alte Frau. „Es wäre beſſer, wenn Du offen gegen mich ſein wollteſt,“ ſagte ſie,„beſſer für Dich und für mich. Ich würde Vir Alles verzeihen, was Dn auch geſündigt haben magſt, ich würde Dir helfen und rathen ſo gut ich es vermöchte und für Dich ſorgen, ſo lange Du lebſt. Mögen meine Vermuthungen begründet ſein oder nicht, ich weß, daß ich Dir Dank ſchulde und werde das nicht vergeſſen.“ Wieder war ein höhniſches Lachen die Antwort der Alten. „Ich habe Dir nichts zu enthüllen,“ ſagte ſie,„und wenn Rolh un „Du „Nei „Dat Ich kann befiehlſt, verichte Du haſt werbe mi Sie! Sitz und fricdigu Arabella Dieſ die alte jenes 3 Aral abgezoge werde di unmöglic Sie in Sinn Lie gelehnt Mädche zutrauen Vie War vertraue Nim zeihen für al waren, Vie ſo hart thuſt Du tigen.“ inb o kind einer die Mie , gegen Du nirſt abe.“ lick ernſt wollteſt“ ir Ales ürde Dir ſorgen, ndet ſein rde das Alten. d wenn ich Geheimniſſe habe, ſo kümmern ſie Dich nicht. Höre auf meinen Rath und meine Befehle, das iſt das Beſte, was Du thun kannſt.“ „Du haſt mir nichts weiter zu ſagen?“ „Nein.“ „Dann iſt es nicht meine Schuld, wenn auf Dich die Folgen zurückfallen,“ erwiderte Arabella, die bereits an der Thüre ſtand. Ich kann und darf Dir nicht gehorchen, wenn Du mir etwas befiehlſt, was meiner Ehre zu nahe tritt und meine Exiſtenz zu vernichten droht, ich muß die Pflichten, die mir obliegen erfüllen. Du haſt mich zur rechten Zeit an Miß Eleveland erinnert, ich werde mich unter ihren Schutz ſtellen.“ Sie giag hinaus, Signora Grimaldi erhob ſich von ihrem Sitz und horchte mit verhaltenem Athem, und ein Lächeln der Be⸗ friedigung glitt über ihr welkes Geſicht, als ſie vernahm, daß Arabella in ihr Zimmer trat. Dieſes Ziumer hatte nur einen Ausgang auf den Korridor, die alte Frau ſchlich ſich geräuſchlos hinaus und ſchloß die Thüre jenes Zimmers von außen. Arabella war eing Gefangene, die Alte hatte den Schlüſſel abgezogen und in ihre Taſche geſteckt. „Jetz geh' und verrathe deine Mutter!“ brummte ſie.„Ich werde dich ſorgfältig bewachen und Dir den ſchwarzen Undank unmöglich machen.“ Sie kehrte in das Wohnzimmer zurück und blieb hier lange in Sinnen verſunken. Die Gefahr war dadurch daß auch Arabella ſich gegen ſie auf⸗ gelehnt hatte, gewachſen, ſte durfte dem entſchloſſenen energiſchen Mädchen, ſobald es ſeine Freiheit wieder genommen hatte, Alles zutrauen. Wie ſollte und konnte ſie dem vorbeugen? War es beſſer, wenn ſie die Wahrheit ſagte und ihr Geſchick vertrauensvoll in bie Hände Arabella's legte? Nimmermehr! Sie durſte nicht erwarten, daß man ihr ver⸗ zeihen würde, es war unzweifelhaft, daß die Eltern Arabella's für all den Gram und die Sorgen, die ihnen bereitet worden waren, Vergeltung fordern würden. Wie konnte ſie auf Gnade und Schonung hoffen, da ſieſelbſt ſo hart und grauſam geweſen war? 74* — 1172— Der Eintritt Sam's weckte ſie aus ihrem Brüten, ſie blickte erſchreckt auf, als ſie den Namen:„Lord Stanhope“ vernahm. „Was gibte? Was willſt Du?“ fragte ſie verwirrt. „Mylord Stanhope erzeigt Dir die Ehre,“ erwiderte Sam grinſend. „Ich kann ihn jetzt nicht empfangen.“ „Unſinn! Du darfſt ihn nicht abweiſen—“ „Meine Toilette—“ „Ach was, der Lord verlangt von einer alten Frau nicht daß ſie— Lord Stanhope!“ Sam hatte bei den letzten Wo ten die Thüre geöffnet, und Signora Grimaldi ſah ſich dem Lord gegenüber. Er begrüßte ſie mit zuvorkommender Höflichkeit und führte ſie zum Divan, dann nahm er ihr gegenüber in einem Seſſel Piatz. „Wir ſchulden Ihnen großen Dank,“ ſagte die alte Frau, die ihrer Verlegenheit ſo raſch nicht gebieten konnte,„Sie haben uns—“ „Reden wir davon nicht,“ unterbrach der Lord ſie,„es war meine Pflicht, Sie zu beſchützen, und ich werde es ſtets als meine Pflicht betrachten, bedrängten Damen meinen Schutz anzu⸗ bieten. Ich hoffe, Sie ſind hier mit Allem zufrieden, ſollten Sie irgend etwas entbehren, irgend einen Wunſch hegen, ſo bitte ich, mir es zu ſagen, ich werde ſofort jeden Wnnſch erfüllen.“ „Sie ſind zu gütig!“ „Sagen Sie das nicht, Signora, ich bin eben gewohnt, nichts halb zu thun.“ „Ich muß meine Tochter entſchuldigen,“ ſagte die alte Frau, gewiſſermaßen als Antwort auf den fragenden Blick, den der Lord durch das Zimmer ſchweifen ließ,“ ſie fühlt ſich nicht ganz wohl—“ „Das bedaure ich aufrichtig. Ich bedaure es umſomehr, als ich leider fürchten muß, daß Signora Arabella auch hier nicht die erſehnte Ruhe finden wird,“ fuhr Mylord Stanhope fort, während, er langſam über ſeinen blonden Backenbart ſtrib,„ich hoffe, ſie wird ſich wohl genug fühlen, die Fluch: fortzuſetzen, wenn dirs ſein muß.“ Signora Grimaldi ſah ihn betroffen an, ſie ſchien den Sinn ſeiner B genſeig dern Of Gefohr⸗ bie Lon was dieſ Sie wir wohnen, „Leit „Gel ſi und man günſtigt „Ve „J in Ihre ſien gegen j nora At Reiſe ne hleiben, Tochter „Yy Waß kör „Sie „e Angeleg „Da „Nic bella iſt klärt, es wieder nach D den Kor „Ar „Er was Si an u niht net, und ſd ſchrte en Seſſel hlte Fr e Frau, „es war ſets alz hut anzu⸗ ollten Sie n nt, nichtz Ate Frau, den der icht ganz was Signora Arabella wünſcht, ſondern es handelt ſich um Ihre — 1173— ſeiner Worte nicht zu verſtehen.„Es nutzt nichts, daß wir ge⸗ genſeitig hinter dem Verge halten, Signora, die Verhältniſſe for⸗ dern Offenheit, Sie werden mir darin Recht geben müſſen. Die Gefahr, vor der Sie geflohen ſind, iſt größer, als ich vermuthete, die Londoner Polizei ha⸗ Auftrag erhalten, Sie zu ſuchen, und was dieſe Beamten wollen, das ſühren ſie auch aus. Ich kann Sie wirklich nicht ſchützen, wenn die Polizei erfährt, daß Sie hier wohnen, und wie leicht iſt es für ſie, das zu erfahren.“ „Leicht?“ fragte die alte Frau beſtürzt. „Gewiß. Sie haben in meinem Pavillon gewohnt, daraus ſch ließt man ſchon, daß wir miteinander befleundet ſein müſſen, und man wird weiter darans ſchließen, daß ich Ihre Flucht be⸗ günſtigt und Ihnen ein Aſyl angeboten habe.“ „Wenn Mylord fürchten—“ „Ich für meine Perſon fürchte nichts, Signora, ich rede nur in Ihrem Intereſſe, Ich ſagte Ihnen, hier könne ich Sie nicht ſchützen, aber auf meinen ſchottiſchen Beſitzungen würden Sie gegen jede Verfolgung geſichert ſein. Sie könnten dort mit Sig⸗ nora Arabella bleiben, ſo lange es Ihnen beliebt und ſpäter die Reiſe nach Amerika antreten. Sie könnten auch für immer dort bleiben, die Entſcheidung über dieſen Punkt bleibt ganz Ihrer Tochter überlaſſen.“ „Mylord, ich weiß nicht—“ „Ob Signora Arabella dieſen Vorſchlag annehmen wird? Was könnte ſie gegen ihn einzuwenden habens“ „Sie will die Verpflichtungen ihres Kontrakts erfüllen.“ „Darüber möge ſie ſich keine Sorge machen, ich werde dieſe Angelegenheit zu ihrer vollen Zufriedenheit ordnen.“ „Darf ich fragen, in welcher Weiſe?“ „Nichts leichter als das. Die Krankheit der Signora Ara⸗ bella iſt ernſter, wie man Anfangs geglaubt hat, der Arzt er⸗ klärt, es ſei keine Ausſicht vorhanden, daß ſie in dieſer Saiſon wieder auftreten könne, und ſobald als thunlich müſſe die Kranke nach Deutſchland zurückgebracht werden. Dieſe Erklärung löſt den Kontrakt, und für die ärztlichen Atteſte werde ich ſorgen.“ „Arabella wird—“. „Erlauben Sie, Signora, es handelt ſich hier nicht darum, — 1174— Freiheit, mon ſucht Sie und man wird Sie verhaften, ſobald man Sie gefunden hat—“ „Verhaften?“ „So ſagte ich,“ nickte der Lord.„Ich weiß das aus zuver⸗ läſſiger Quelle, man wird nicht die mindeſte Rückſicht auf Sie nehmen. Wollen Sie dieſer Gefahr Trotz bieten, ſo habe ich Ihnen weiter nichts mehr zu ſagen, ich kann alsdann nur wie⸗ derholen, daß dieſes Haus mit Allem was es enthält, zu Ihrer Verfügung ſteht, ſo lange es Ihnen beliebt, mir das geſchenkte Vertrauen zu bewahren.“ Signora Grimaldi wurde immer verwirrter. In ſo ernſtem Licht hatte ſie ſelbſt noch nicht die Gefahr betrachtet, wie ſie ihr jetzt gezeigt wurde. Aber ſie konnte auch nicht den leiſeſten Zweifel in die Wahr⸗ heit dieſer Mittheilungen ſetzen, der Lord hatte ja überall ſeine Verbindungen und aus ſeinen Aueßerungen ging hervor, daß er gut unterrichtet war. Verhaftet! Dieſes Wort klang ihr immer in den Ohren, und im Geiſte ſah ſie ſich ſchon mit gefeſſelten Händen gleich einer gemeinen Verbrecherin von dannen geſchleppt. Eine furchtbare Angſt hatte ſich ihrer bemächtigt, un? dieſe Angſt ließ ihr keine Ruhe, ſie ſpiegelte ſich in ihrem unſtäten Blick und ihren ver⸗ zerrten Zügen. „Noch eine andre Frage fällt in die Waagſchale, Mylord,“ ſagte ſie mit gedämpfter Stimme, als ob ſie fürchte, doß ein Lauſcher hinter ihr ſtehen könne.„Wir haben kein Vermögen, und wenn Arabella gezwungen wird, den Kontrakt zu brechen, wird ſie auch kein Honorar erhalten.“ Ein Lächeln der Geringſchätzung glitt über die ſchmalen Lippen des Lords. „Wollen Sie mir nicht auch dieſe Sorge überlaſſen?“ fragte er.„Es würde mir wirklich zu großem Vergnügen gereichen, wenn Sie meine Gaſtfreundſchaft bedingungslos annehmen wollten.“ „Beding ungslos?“ fragte Signora Grimaldi mit einem ſte⸗ chenden Blick. „Jawohl.“ „Mylord, ſeien Sie offenherzig. Sollten Sie nicht Wünſche hegen, deren Erfüllung Sie von uns erwarten?“ verſchaf „St gen, At „Da „G eine kir gültig. U neuen B bella et nit „ geſagt verlaſ eine 3 Miß e urchthare ihr keine ren ver⸗ ylord,“ daß ein ermögen, hrechen, ſchmalen fragte ereichen, vollten.“ em ſie⸗ Pünſche „Und wenn dies der Fall wäre?“ „Dann fürchte ich, daß Sie ſich getäuſcht ſehen würden.“ „Wohlan, Signora, ſprechen wir ganz offen! Was würde der Erfüllung dieſes Wunſches entgegenſtehen?“ „Die Anſchauungen Arabella's.“ „Sie kann keine Abneigung gegen mich hegen, da ich noch nicht das Vergnügen hatte, ihr vorgeſtellt zu werden.“ „Dieſe Abneigung wird erwachen, ſobald Arabella von Ihren Wünſchen Kenntniß erhält,“ erwiderte die alte Frau. „Und dürfte ich in dieſem Falle auf Ihre Unterſtützung rechnen?“ „Nein, Mylord.“ „In keinem Falle?“ fragte der Lorb lächelnd. „Nur in einem Falle,“ antwortete Signora Grimaldi, ihn feſt anſchauend.„Meine Lochter iſt würdig, die Gattin eines hochge⸗ ſtellten Herrn zu werden—“ „Ich verſtehe! Alſo in dieſem Falle würden Sie mir beiſtehen, alle Bedenken Arabella's zu beſeitigen?“— „Ich würde Alles aufbieten, Ihrem Wunſche Erfüllung zu verſchaffen.“ „So wären wir über dieſen Punkt einig.“ „Vorausgeſetzt, daß Eure Herrlichkeit die ernſte Abſicht he⸗ gen, Arabella zum Altar zu führen.“ „Das kann in Schottland ſo gut, wie hier geſchehen.“ „Gewiß,“ nickte die Alte,„wo es auch geſchehen mag, eine kirchliche Trauung iſt in aller Welt und vor jedem Geſetz gültig.“ „Und glauben Sie, daß es beſſer wäre, wenn ich erſt in dem neuen Aſyl mich der jungen Dame näherte?“ „Ja, das glaube ich Mylord.“ „Vielleicht wird es mit Schwierigkeiten verknüpſt ſein, Ara⸗ bella zu dieſer Reiſe zu überreden?“ forſchte der Lord, während er mit den ariſtokratiſchen Händen durch ſeinen Bart ſtrich. „Ich kann Ihnen darauſ keine Antwort geben. Aufrichtig geſagt, hat Arabella vorhin den Entſchluß geäußert, dieſe Villa verlaſſen und nach London zurückkehren zu wollen. Sie hat dort eine Freundin, mit ber ſie am Genſer See bekannt wurde,— Miß Cleveland, wenn Sie die Dame kennen.“ 3 1 3 — — 1176— „Nicht perſönlich, nur dem Namen nach. Höchſt achtbare Familie!“ „Unter den Schutz dieſer Dame will ſie ſich ſtellen.“ „Damit wäre alſo der Bruch zwiſchen Ihnen und Arabella ausgeſprochen?“ „Nicht doch, Mylord. Wenn auch augenblicklich das Verhält⸗ niß zwiſchen uns etwas getrübt iſt, ſo wird es mir doch nicht ſchwer fallen, ihr volles Vertrauen wieder zu gewinnen, ſobald ſie ſieht, daß ſie auf mich allein angewieſen iſt.“ „Glauben Sie das wirklich?“ „Ich bin davon überzeugt.“ 3 „Das beruhigt mich,“ ſagte der Lord.„Was aber dann, wenn Arabella ſich weigert, Ihnen nach Schottland zu folgen?“ „Ich hoffe, ſie wird die Gründe, die uns zu dieſer Reiſe zwingen, anerkennen.“ „Dieſe Hoffnung kann ich nicht theilen, Signora. Ich glaube ſogar, daß ſie ihr rie Gründe nicht nennen dürfen, wenn Sie nicht Mißtrauen ſäen und Alles verderben wollen. Weiß die junge Dame, daß ſie unter meinem Dache wohnt?“ „Nein.“ S „Weshalb haben Sie es ihr verſchwiegen?“ „Weil ich vorausſah, daß Sie ſich weigern würde, die Gaſt⸗ freundſchaft eines ihr unbekannten Herrn auzunehmen.“ „Iſt Arabella wirklich ſo peinlich?“ fragte der Lord mit lei⸗ ſem Spott. „Wäre ſie es nicht, Mylord, ſo würde ich ihr die Wahrheit geſagt haben.“ „So kennt ſie wohl auch nicht die Gründe, die Sie gezwun⸗ gen haben, Ihre ſrühere Wohnung ſo plötzlich zu verlaſſen?“ „Nein.“ Der Lord ſchüttelte mißbilligend das Haupt. „Ich komme auf meine Frage zurück,“ ſagte er.„Was wollen Sie thun, wenn Arabella ſich weigert, Sie nach Schottland zu begleiten?“ „Ich hoffe S „Signora, damit kommen wir nicht zum Ziel. Sie müſſen auch hierauf vorbereitet ſein.“ „Was ſoll ich in diefem Falle thun k. E tunte di „Es veland l loren“ laſſen, 7 Lord ſenes 8 „Sig kömen“ „30 iſt ein 6 unterzuo gerunger füllt we „ Ihnen! das Kür gäb?“ Sig Verdächt deuten r „Si Mylord Sorge „3 alte Fre tig mit den mu „Si fteundſ. „J „N „J glaube enn S 7 „Ich würde Ihnen einen Rath geben, wenn ich glauben könnte, daß Sie ihn gutheißen und befolgen werden.“ „Reden Sie, Mylord, ich höre.“ „Es wäre möglich, daß Signora Arabella ſich zu Miß Cle⸗ veland flüchtete,“ ſagte der Lord, den prüfenden Blick unverwandt auf ſie heftend,„und wenn dies geſchähe, dann wären Sie ver⸗ loren.“ „Sie würden mir dann Ihren Schutz nicht mehr angedeihen laſſen, Mylord?“ Lord Stanhope drehte eine geraume Weile an den Spitzen ſeines Bartes. „Signora, ich glaube, daß Sie dieſe Frage ſelbſt beantworten können,“ erwiderte er. Ich würde es ſehr bedauern, aber—“ „Ich weiß bereits genug“ unterbrach die alte Frau ihn,„es iſt ein Grund mehr, Arabella zu zwingen, meinem Willen ſich unterzuordnen. Aber ziehen Sie daraus keine falſche Schlußfol⸗ gerungen, Mylord, die Bedingung, die ich geſtellt habe, muß er⸗ füllt werden.“ „Ich frage nur, was Sie thun wollen, wenn die junge Dame Ihnen den Gehorſank verweigert. Wäre es in dieſem Falle nicht das Kürzeſte und Sicherſte, wenn man iyr einen Schlaftrank gäb?“ Signora Grimaldi ſchien in dieſem Vorſchlage dur aus nichts Verdächtiges zu finden, ſie nickte ſogar zuſtimmerd, als ob ſie an⸗ deuten wolle, ſie ſei damit ganz einverſtanden. „Sie würden die Reiſe in meinem Wagen machen,“ fuhr Mylord fort,„und Sam kann Sie begleiten, es muß dann Ihre Sorge ſein, daß Arabella nicht entflieht und—“ „Ich hoffe, das Alles wird unnöthig ſein,“ erwiderte die alte Frau, das Haupt erhebend,„ich werde ruhig und vernünf⸗ tig mit ihr reden und ihr vorſtellen, daß dieſe Reiſe genacht wer⸗ den muß.“ „Sehr wohl, aber wird ſie nicht f agen, wer Ihnen Gaſt⸗ freundſchaft angeboten hat?“ „Ich will das abwarten, Mylord.“ „Gut. Wann wollen Sie mit ihr reden?“ „Natürlich heute noch.“ „Ich würde Ihnen rathen, die Sache zu beeilen,“ ſagte der — 1178— Lord lakoniſch.„Die Londoner Polizei iſt außerordentlich raſch und wenn ſie e nmal eine Spur entdeckt hat, dann verfolgt ſie die⸗ ſelbe auch mit unermüblicher Energie.“ „Dieſe Spur kennt außer Ihnen nur Sam!“ „Und Sam iſt ſo unvorſichtig geweſen, einem Manne Rede zuſtehen, den er nicht kannte, Sie dürfen das nicht unberückſichtigt laſſen.“ „Wiſſen Sie, wer dieſer Mann war?“ fragte Signora Gri⸗ maldi. „Nein, aber ich ahne, daß er ein Polizeibeamter war.“ „Sam hat ihm nichts verrathen.“ „Sagen Sie das nicht. Dieſen Leuten genügen halbe Worte ſie entdecken darin mehr, als Andre in einem ganzen Satz. Ich weiß nicht, was Sam ihm auf ſeine Fragen geantwortet hat. Jedenfalls aber iſt es ſchon beunruhigend, daß überhaupt Fragen an ihn geſtellt worden ſind.“ Die alte Frau konnte ihrer Angſt nicht gebieten, ſie ſpiegelte ſich in jeder Falte ihres welken Geſichts, in jeder Bewegung, die ſie machte. „So würden Sie mir rathen, heute noch abzurciſen?“ fragte ſie. „Ja, allerdings.“ „Ich glaube nicht, daß es mir ſo raſch gelingen wird.“ „Arabella zu überreden? Verzichten Sie darauf!“ „Ich greife nicht gerne zu einem Gewaltmittel, ſo lange ich es vermeiden kann.“ „Es iſt keine Gefahr dabei—“ „Mag ſein, aber ich fürchte das Erwachen.“ „Iſt Sam nicht bei Ihnen?“ „Was vermag er? Gewalt will und darf ich nicht an⸗ wenden—“ „Signora, ich muß es Ihnen überlaſſen, über die Sachlage nachzudenken und das zu thun, was Ihnen gut dünkt,“ ſagte der Lord kühl, indem er ſich erhob.„Ich habe Sie auf Alles auf⸗ merkſam gemacht, mas Sie zu berückfichtigen haben und wüßte nicht, was ich demnach hinzufügen ſollte. Wollen Sie auf meinen Schutz Anſpruch machen, ſo wiſſen Sie, unter welchen Bedingun⸗ gen er Ihnen wird, und Sie können barauf rechnen, daß Ste un⸗ durfte e geſichert Er! annehme Und zun Ge davon, Sig ihren 2 Die — 1179— ter meinem Schutze in voller Sicherheit ſind. Ich muß es nun Ihnen anheim ſtellen, darüber nachzudenken, ob und in welcher Weiſe Sie dieſe Bedingunaen erfüllen können.“ „Ich werde darüber nachdenken, Mylord.“ „Und wenn Sie einen Entſchluß gefaßt haben, ſo ſchicken Sie mir Sam, damit ich mit ihm alles Weitere beſprechen kann.“ „Die Abreiſe könnte alſo in der nächſten Nacht ſtattfinden?“ „Wenn Sie es wünſchen, ja!“ „Und woher nehme ich das Mittel, wenn ich von ihm Ge⸗ brauch machen müßte?“ „Sam wird es Ihnen geben,“ erwiderte der Lord, und als ob er alle weiteren Fragen aöſchneiden wollte, verließ er nach dieſen Worten das Zimmer. Die alte Frau hielt den Blick lange auf die Thür geheftet, hinter der er verſchwunden war. Wenn der Lord wirklich Arabella heirathete, dann konnte und durfte er ſie nicht mehr im Stich laſſen, und ihre Zukunſt war geſichert. Er hatte verſprochen, daß er es thun wolle, und es ließ ſich annehmen, daß er ſein Verſprechen einlöſen würde. Und es war unter ſolchen Verhältniſſen ihre Pflicht, Arabella zum Gehorſam zu zwingen, das Mädchen hatte ja keine Ahnung davon, daß es ſein eignes Glück zurückſtieß. Signora Grimaldi wurde erſt durch den Eintritt Sams aus uge ich ihren Brüten geweckt. Die Hände auf den Riücken gelegt, ſtund Sam vor ihr und ſein Blick ruhte erwartungsvoll auf dem welken Geſicht. „Nun?“ fragte er.„Noch immer nicht entſchloſſen?“ Die alte Frau ſchaute zu ihm auf. wegung, eiſen?“ t„Hat der Lord mit Dir geſprochen?“ erwiderte ſie. „Soeben.“ achlage 1„Und was ſggte er?“ 5 ge er„Der Wagen ſoll um Mitternacht vor der Thüre ſtehen. auf⸗ 1 Wenn er nicht benutzt wird, dann hat die Herrlichkeir hier ein wüßte Ende.“„ neinen„Er will uns zwingen?“ rief Signora Grimaldi entrüſtet. ngun⸗ Beſtürzt blickte Sam auf die Thüre. e un⸗ 1„Wo iſt ſie?“ fragte er leiſe. „Eingeſchloſſen.“ „War das nöthig?“ „Ich hielt es für beſſer. Wenn man den Trotz nicht beugen kann, muß man ihn brechen.“ „Richtig!“ nickte Sam.„Hat's Lärm gegeben?“ „Noch nicht.“ „Dann ſorge, daß es auch keinen gibt, es wäre zu unange⸗ nehm für Mylord. Und den guten Rath gebe ich Dir, laß' den Wagen nicht leer abfahren—“ „Ich frage Dich noch einmal, will er uns zwingen?“ „Zwingen? Bewahre, Du haſt Deinen freien Willen. Aber nimm die Sache, wie ſie iſt, Mutter und ſei vernünftig. Mylord bietet der ganzen Polizei Trotz, um Dich zu ſchützen, und für ihn könnte das übel ablaufen, wenn es heraus käme.. Es liegt alſo in ſeinem eigenen Intereſſe, wenn er darauf dringt, daß Ihr nach Schottland reiſen ſollt, dort ſucht Euch Niemand während man hier Euch ſehr bald finden wird. Und wenn er für dieſen Schutz einen Lohn verlangt, ſo kann man ihm das auch nicht übel nehmen, umſonſt iſt der Tod—“ „Er hat verſprochen, Arabella zu heirathen,“ fiel die Alte ihm in's Wort. „Was er verſprochen hat, das hält er.“ „Du glaubſt wirklich, daß er es thun wird?“ „Und weshalb ſollte er es nicht? Er iſt in Arabella ſterblich verliebt, und ich de ke, es iſt ſchon oft vorgekommen, daß eine Sängerin oder Schauſpielerin einen vornehmen Herrn geheira⸗ thet hat.“ „Ja, aber wenn Arabella—“ „Unſinn, Mutter, man darf nicht zu ängſtlich ſein, man muß das Glück faſſen und feſthalten, wo man es findet. Was könnte denn Arabella gegen dieſe Heirath einwenden? Von dem Manne, der aus Deutſchland ihr gefolgt in, will ſie nichts wiſſen, und eine beſſere Parthie kann ſie niemals machen.“ „Sie hat einen harten Kopf,“ ſagte die Alte, finſter vor ſich hinſtarrend. „Man muß ihn beugen.“ „Sie wollte heute ſchon mich verlaſſen und nach London zu⸗ rückkehren.“ ——— San „Sie derte e Karriér doß ſie „We „Ba Du au trügſt ſo klar ſolgt. auzgege wenn „G „N „U „Un Vermut Zunge A Aernte. Ne „Se longt. und w „N vor de Vorſch Schutz bie P lichkei digen. V beugen unange⸗ laß den . Aber Nylord und für 6 liegt während ir dieſen uch nicht Alt ihn ſterhlich daß eine geheira⸗ man muß 3 könnte Manne, en, und vor ſich won zu⸗ — 1181— Sam lachte ſpöttiſch und zuckte die Achſeln. „Sie wird wiſſen, daß ihr ſelbſt keine Gefahr droht,“ erwi⸗ derte er,„und da fragt ſie einfach, weshalb ſie Deinetwegen ihre Karriére verderben ſoll! Vielleicht hat ſie auch eine Ahnung davon, daß ſie nicht Deine Tochter iſt—“ „Was ſoll das?“ „Bah, Du biſt eine ſchlechte Komödiantin, Mutter, und wenn Du auch alle Anderen täuſchen und betrügen könnteſt, mich be⸗ trügſt Du nicht. Arabella iſt nicht Deine Tochter, das iſt mir ſo klar geworden wie die Sonne, und deshalb auch wirſt Du ver⸗ folgt. Na, Du haſt ſie erzogen und Dein gutes Geld dafür ausgegeben, welches Du beſſer hätteſt verwenden können, und wenn man geſäet hat, will man auch ernten.“ „Ich proteſtire dagegen!“ rief Signora Grimaldi gereizt. „Gegen die Aernte?“ „Nein, gegen Deine kindiſche Vermuthung!“ „Unſinn, ich weiß, was ich weiß.“ „Und das ſage ich Dir, Samuel, wenn Du den Lord dieſe Vermuthungen mitthkilſt, dann ſind wir Alle verloren. Hüte Deine Zunge— „Ach was, das weiß ich ſelbſt. Ich ſpreche jetzt nur von der Aernte. Willſt Du darauf verzichten?“ „Nein.“ „Sehr gut, dann müſſen wir auch thun, was der Lord ver⸗ langt. Thun wir's nicht, ſo zieht er die Hand von uns ab und wir können dann ſehen, wo wir bleiben.“ „Hat er das geſagt?“ „Natürlich hat er's geſagt, weshalb ſollte er auch ein Blatt vor den Mund nehmen? Er hat mir geſagt, wenn Du ſeinen Vorſchlag nicht annähmſt, dann könne er Dir nicht länger ſeinen Schutz gewähren, und ich glaube, er würde in dieſem Falle ſelbſt die Polizei auf die richtige Fährte bringen.“ „Das wäre eines Eoelmannes nicht würdig!“ „Erlaube, er würde dadurch nur ſich ſelbſt vor Unannehm⸗ lichkeiten ſchützen, und damit ließe dieſer Schritt ſich entſchul⸗ digen.“ Die olte Frau ſah kopfſchüttelnd ihren Sohn an und ſie — 1182— las in ſeinen Zügen, daß er ihr die volle Wahrheit geſagt hatte, und daß ihr nur die eine Wahl blieb. „Ich bin ja zu Allen bereit,“ ſagte ſie,„natürlich vorausge⸗ ſetzt, daß er ſein Verſprechen erfüllt und ſie heirathet!“ „Das wird er thun.“ „Aber ich fürchte, Arabella wird ſich nicht überreden laſſen— „Dann kenne ich ein andres Mittel—“ „Hat der Lord es Dir gegeben?“ „Ja.“ 1 Mutter und Sohn ſahen einander eine Weile ſchweigend an, ſie verſtanden ſich. „Ich will verſuchen, ſie in Gutem zu bewegen,“ ſagte ſir. „Thu's lieber nicht.“ „Weshalb ſoll ich es unterlaſſen?“ „Sie könnte Mißtrauen ſchöpfen und dann—“ „Bah, ſie denkt nicht an das andre Mittel.“ „Das kannſt Du nicht wiſſen, es wäre dennoch möglich, und wir dürſen uns dieſer Gefahr nicht ausſetzen.“ „Und wenn ich ſie freigebe, dann läuft ſie uns davon.“ „Gut, dann halten wir ſie gefangen,“ ſagte Sam entſchloſſen, und wenn ſie Lärm macht, werde ich ihr Ruhe gebieten. Alſo ſind wir einig?“ Die Alte nickte, und wie ſie jetzt da ſaß, die Arme auf die Knie, und das Haupt auf die Arme geſtützt glich ſie einer Here, die Unheil brütet. „Was aber dann, wenn ſie erwacht?“ fragte ſie nach einer Pauſe. „Dann ſind wir auf der Reiſe.“ „Wird ſie nicht Jeden um Hülfe anrufen?“ Sam lächelte ſarkaſtich. „Wir werden nicht vielen Leuten begegnen,“ erwiderte er, „und nur da übernachten und ſpeiſen, wo wir nichts zu be⸗ fürchten haben. Inbeß denke ich, Arabella wird vernünftig wer⸗ den, wenn wir ihr ernſt zureben und ſie auf Alles aufmerkſam machen. Wo ſoll ſie hin ohne Geld und ohne Freunde? Sie wiid ſich in das Unabänderliche finden, wenigſtens ſo lange, bis wir am Ziel unſrer Reiſe angekommen ſind.“ „Wir werden alſo nicht die Eiſenbahn benutzen?“ glich, und on. en. Alſo auf die net Here, nach einer derte er, s zu be⸗ ſtiz wer⸗ ufmerkſam de! Sie ange, biz — 6 „Es iſt beſſer, daß wir es nicht thun, wir brauchen uns ja nicht zu übereilen. Wer mit der Eiſenbahn flüchtet, hinterläßt immer eine Spur, die ihn verderben kann, die Londoner Polizei ſucht ſehr ſcharf, ſie weiß, was—“ „Und werden wir in Schottland den Lord antreffen?“ „Wahrſcheinlich,“ nickte Sam.„Er wird dort ſein und Ara⸗ bella—“ „Er will ſie ſofort heirathen?“ „Lieber heute als morgen.“ Die alte Frau wiegte bedenklich das graue Haupt, ſie ſchien das nicht begreifen zu können, die Eile des Lords weckte ihr Mißtrauen. „So raſch geht das nicht,“ ſagte ſie. „Was ein Lord will, das kann er auch,“ erwiderte Sam. „Aber es muß doch ein Aufgebot vorhergehen!“ „Unſinn! In Schottland iſt das nicht nöthig“ „Und wenn nun Arabella nicht will?“ „Das wird ſich finden. Laß' uns nur erſt in Schottland ſein. Wo iſt das Wädchen?“ „In ihrem Zimmer.“ „Gut! Zum Fenſter wird ſie nicht herausſpringen und durch die Thür kann ſie nicht, alſo ſind wir ihrer ſicher. Sie wird ſich ſchon hineinfinden. Wenn Jemand gegen eine Mauer rennen will und er einſieht, das es vergebliche Mühe iſt, dann läßt er es bleiben. Und wenn ſie um Hülfe ruft, ſo wird ſie hier keine finden. Mylords Dienſtboten ſind das gewohnt, ſie ſtehen alle⸗ mal auf der Seite ihres Herrn.“ „Sie ſind das gewohnt?“ fragte die Alte mechaniſch. „Ja, ſie ſind's gewohnt, hier haben ſchon oft Damen ge⸗ wohnt—“ „Die um Hülfe riefen?“ „Die eigenſinnig waren.“ „Und was geſchah mit ihnen?“ „Bah, mit Gold und Diamanten kann man jedes Weib zahm machen.“ „Arabella nicht!“ „Wir werden ſehen. Der Titel Lady klingt auch nicht ſchlecht.“ — 1184— „Alles gut, aber—“ „Aber wir werden das Spiel gewinnen, wenn wir nur erſt in Schottland ſind. Heute Abend muß das Pülverchen in den Thee geſchüttet werden.“ „Es iſt doch nicht gefährlich?“ „Denkſt Du, der Lord werde eine Leiche nach Schottland bringen wollen?“ „Und wie lange dauert der Schlaf?“ „Das weiß ich nicht, jedenfalls aber ſo lange, daß wir ſchon eine tüchtige Strecke hinter uns haben, wenn ſie aufwacht. Und dann kann ſie ſchreien, wie es ihr beliebt, der Kutſcher wird keine Notiz davon nehmen, und ich denke, ſie wird auch darauf hören, was wir ihr zu ſagen haben.“ Die Alte ſchüttelte noch immer das Haupt, aber die ruhige Zuverſicht ihres Sohnes half auch ihr über die auſſteigenden Bedenken hinweg und die letzten Zweifel wurden dadurch beſei⸗ tigt, daß ſie ſelbſt keinen andern Ausweg fand, auf dem ſie den drohenden Gefahren begegnen konnte. Zu derſelben Stunde, in der Sam mis ſeiner Mutter dieſe Unte rredung hatte, erwartete der Polizeirath Heller ihn an dem Gartenhauſe des Lords. Er hegte die zuverſichtlichſte Hoffnung, daß Sam ſich ein⸗ finden werde, und er ſtützte dieſe Hoffnung auf die Habſucht des Burſchen, aber er ſollte in dieſer Hoffnung ſich getäuſcht ſehen. Sam kam nicht, und als die Stunde faſt verſtrichen war, ſtand plötzlich der Portier des Lords vor dem ungeduldig Harrenden. „Weshalb treiben Sie ſich hier herum? fragte der Portier in barſchem Tone.„Sagen Sie nicht, es wäre weiter kein Zweck dabei, Niemand thut etwas ohne Zweck, und in dieſer einſamen Gaſſe gibt es auch nichts merkwürdiges zu ſehen.“ „Ich gehe hier ſpazieren,“ erwiderte Heller ruhig,„und Niemand kann mir verwehren, daß ich zu meinen Spaziergängen einſame Straßen ſuche.“ „Dann ſuchen Sie dieſe Straßen, wo Sie wollen, aber nicht hier!“ „Iſt dieſe Gaſſe vielleicht Privateigenthum?“ * 1 r nur n fu in ben Schotlan ct Un cher wirp daruf die nhige ſteigenden n ſie den ltter dieſe n an dem ſich ein⸗ Habſucht gtäuſcht hen wer, ngeduldig Portier ein Zwek — „Ah, man weiß ſehr wohl, weshalb Sie hier ſpioniren! Sie waren auch geſtern hier, ich habe Sie geſehen.“ „Das könnte möglich ſein,“ ſagte Heller achſelzuckend. „Dann will ich Sie nur darauf aufmerkſam machen, daß wir unſer Silbergeſchirr unter Schloß und Riegel halten und ein Einbruch, ſelbſt wenn er gelänge, nicht der Mühe lohnte.“ Dem Polizeir ath ſtieg das Blut in die Wangen, bezwang ſich, er nußte lachen über den Verdacht. „Beruhigen Sie ſich,“ ſagte er,„ich denke nicht daran, durch ſolche Mittel mein Vermögen zu vermehren. Ich erwarte hier Jemund, und es iſt nicht Ihre Sache, Ihre Naſe in die Privat⸗ angelegenheiten andrer Leute zu ſtecken.“ „Es iſt meine Sache, unſer Haus zu bewachen und das ver⸗ dächtige Geſindel fern zu halten,“ ewiderte der Portier grob. „Zählen Sie mich auch dazu?“ „Ich zähle Jeden dazu, ver in abgelegenen Straßen auf und ab ſpaziert und Maulaffen feil hält.“ „Iſt das nicht Ihre tägliche Beſchäftigung?“ „Herr, wenn Sie grob werden wollen—“ „Nun? Was dann? fragte Heller herausfordernd, als der Portier plötzlich abbrach.„Sie werden mir nicht verbieten kön⸗ nen, hier ſpazieren zu Lehen. Wenn es Ihnen aber Vergnügen macht, die Polizei zu rufen, ſo thun Sie es, wir werden dann ſehen, wer den Kürzeren zieht.“ Der Portier ſah ihn mit weit geöffneten Augen an, eine Ah⸗ nung ſchien in ihm aufzudämmern, daß dieſem Spaziergang ein andrer Zweck als der, den er vermuthete, zu Grunde lag. „Wen erwarten Sie?“ fragte er. „Ich glaube, daß Ihnen das außerordentlich gleichgültig ſein kann.“ „Iſt es einer von unſern Leuten?“ „Vielleicht.“ „Dann errathe ich ſchon, wer er iſt. Sam— wie?“ „Was wiſſen Sie von ihm?“ „Daß er nicht kommen wird, weil er mit Mylord aus⸗ aber er gegangen iſt.“ „Wo kann ich ihn finden?“ Der Baſtard. — 1186— — ch weiß es nicht,“ erwiderte der Portier höhniſch„My⸗ 4 lon yflegt mir nicht zu ſagen, wohin er geht.“ 1 „Und Sie wiſſen, vaß Sam nicht ſobald zurückkehren wird?“ uheu „Jawohl, aber wenn Sie trotzdem warten wollen, ſo habe ichl ich nichts dagegen.“ ₰ Fer. Der Polizeirath wußte jetzt, daß er vergeblich auf die Hab⸗ 4 ſunter ſucht Sam's gerechnet hatte, und daß er nur unnütz die Zeit 1 verlor, wenn er noch länger wartete. Sam hatte es jedenfalls ₰ vorgezogen, ſeinem Herrn treu zu bleiben und ihn in ſeinen ieen 2 Plänuen zu unterſtützen, und dadurch war für Arabella die Ge⸗ ſi ſahr nur noch geſteigert worden. du ſe n Er ließ den Portier ſtehen und verfügte ſich ohne Zögern„Vir ins Langham Hotel um mit Heren von Falkenberg Rüdſprache Anbd zu nehmen und die weiteren Schritte zu berathen. Wat Ferdinand kam ihm mit fieberhafter Ungedulb entgegen.„Jh „Was haben Sie erreicht? fragte er erregt.„Ale 1„Nochtè, er iſt nicht gekommen.“ ihr in V „Ach ich dachte es mir, er war ſchlauer wie Sie!“ Der 3„Sagen Sie das nicht“, erwiederte Hellert kayfſchüttelnd. Ich„Sch täuſche mich ſonſt nicht leicht in dieſer Sorte von Menſchen, ſie n hr ſind alle habſüchtig.“ ten „Aber Sie werden zugeben müſſen, daß vieſer Mann Sie„Und ½ dennoch getäuſcht hat“, ſagte Ferdinand, der jetzt mit großen 4 ich. Sie Schriten auf⸗ und niederwanderte.„Es wäre beſſer geweſen,„Die wenn man den Loid durch die Polizei aufgefordert hätte, den„Bas wi Aufenthalt der Damen anzugeben. Das Verbrechen der alten ſuchen.“ Frau iſt erwiefen, nach meiner Ueberzeugung tann ſie ſofort„Sie verhaſtet werden.“— 3 ſett?“ 6„Vergeſſen Sie nicht, was ich Ihnen geſtern Abend oeſagt 1„Gi habe“, erwiederte der Polizeirath.„Sie wollen gegen den Lord richnen, ⁰ einſchreiten, ihn zu einer Ausſage zwingen und haben nicht das ſchte ten mir deſte Recht, auf das Sie ſich ſtützen können. Wenn er nun ich auch n 3 leugnet, etwas von den Damen zu wiſſen, was wollen Sie da⸗. von Fu rauf erwiedern?“ thange „Das Zeuguiß ſeines Dieuers“— nnn „Glauben Sie denn, daß Sam ſelbſt den Kopf in die Schlinge 4„V ſtecken wird? Denken Sie nicht daran! Hat der Burſche mir udg — 1 3 gegenüber ein Geſtändniß gemacht? In keiner Weiſe! Aus ſeinen Fr en Aeußerungen kann ich auch nur Vermuthungen ſchöpfen, Beweife fehlen mir ganz und gar.“ Ferdinand war ſtehen geblieben, ſein Blick ruhte voll ge⸗ ſpannter Erwartung auf dem Polizeirath. „Und was vermuthen Sie?“ fregte er. „Ich kann Vieles vérmuthen, aber ich weiß nicht, was unter dieſem Vielen das Richtige iſt. Es iſt möglich, daß die Damen ſich im Palais des Lorde befinden, es iſt ebenſowohl möglich, daß ſie an einem andern Orte ſind—“ „Wir müſſen das vor allen Dingen zu erforſchen ſuchen.“ „Und eben dies hoffte ich von Sam zu erfahren.“ „Was halten Sie von Miß Ceve and?“ fragte Ferd nand. „Ich kenne die Dame nicht.“ „Allerdings nicht, aber würden Sie es rathſam finden, mit ihr in Verbindung zu treten?“ Der Polizeirath blickte eine Weile ſchweigend vor ſich hin. „Schaden könnte es nicht,“ erwiderte er enelich„wir erfahren odn hr wenigſtens Manchs über lieſen Lord, was uns ven Nutzen ſein kann.“ 2 „Und daß ſie uns in jeder Weiſe beiſtehen wird, dafür bürge ich. Sie hat jedenfalls in den höheren Kreiſen Freunde, die—“ „Die uns wenig helfen können,“ fiel Heller ihm in die Rede. „Was wir erreichen wollen, müſſen wir durch Liſt zu erreichen ſuchen.“ ſofort„Sie haben ſich mit der hieſigen Polizei in Verbindung ge⸗ ſetzt?“ 8 eſagt„Grſtern ſchon. Ich kann auf die kräftigſte Unterſtützung Lord rechnen, ll ich auf Grund von Bewiſen zur Verhaftung 1das 4 ſchre ten darf, aber ſo lange ich dieſe Beweiſe nicht habe, darf ich auch keinen Beiſtand erwarten. Sie werden begreifen, Herr von Falkenberg, daß die Polizei auf Grund haltloſer Vermu⸗ thungen gegen einen Lord nicht vorgehen wird, daß ſie es ſelbſt dann nur ungern thut, wenn Beweiſe gegen ihn vorlie en.“ „Vor dem Geſttz ſind Alle gleich!“ warf Ferdinand unge⸗ duldig ein.. „Trotzdem wild auf Rang und Stellung immerhin Rückſicht genommen. Geſetzt, wir können beweiſen, daß Signora Arabella 75* * ———— — — 1188— ſich im Palois des Lerds befindet,„as haben wir dadurch ge⸗ wonnen?“ „Sehr viel.“ „Nicht« weiter, ols S wir wiſſen wo die Dame ſich be⸗ findet. Was können wir etwidern, wenn man uns erklärt, die Sä gerin ſei freiwillig— „Herr Rath, dieſe Erklärung wäre eine Lüge!“ „Zugegeben, daß ſie es iſt, können wir's beweiſen?“ „Signora Arabella würde dieſer Ecklärung mit Entſchieden⸗ heit entgegenkreten.“ „Ja wenn man das All s ſo glatt ordnen könnte!“ ſagte Heller achſelzuckend.„Man wird uns Stein in den Weg werfen, über die wir ſo raſch nicht hinüber können, und jeder Tag, den wir nutzlos verlieren, kann— „Beunruhigen Sie mich nicht noch mehr,“ ſagte Ferdinand erregt,„meine Beſorgniſſe ſind ohnedies groß genug, ſie laſſen mir keine Ruhe. Wollen Sie mich zu Miß Cleveland be⸗ gleiten 7 F „Haben Sie die Adreſſe?“ „Jawohl.“ „Gut, dann wollen wir gehen,“ erwiderte Heller, iadem er ſeinen Hut nahm. Die Veiden ſtiegen in ein Cab, nachdem Ferdinand dem Kut⸗ ſcher die Abreſſe genannt hatte, und nach einer ziemlich langen Fahrt vurch breite und enge, belebte und ſtille Straßen hielt der Wagen vor der Thür eines kleinen, freundlichen Hauſes. Das Innere des Hauſes war dem äußerrn entſprechend, we⸗ niger elegant, als gemüthlich, mir allem Comfort aigeſtattet und Alles ſo ſauber und ordentlich wie in einem Schmuckkäſichen. Schon das freundliche Dienſtmädchen in dem ſauberen An zuge und mit der heiter lächelnden Miene, machte einen ange⸗ nehmen Eindruck, und als nun die Beiden in das trauliche Stübchen traten, in welchem Miß Cleveland ſie empfing, be⸗ 7 ſchlich ſie ein wirklich wohlthuendes G fühl der Ruhe und des Friedens Miß Cleveland trat dem Freunde mit herzlicher Wärme ent⸗ gegen, jeder Zug ihres treuherzigen Geſichts ließ erkennen, wie angenehm ihr dieſer Bejuch war. ʒubinond Plotz genor b der alten ſhig wer⸗ Piß Clev nn Brauen zürne zeigten „Und das den Polize n Bimme 9 „hinßweile ren inen9 Unſte Pe Bewiß, a Sie hät „Doß er „„Jawohl“ „Glauben ſnen wird?“ ehrlichkeit er hienen.“ Miß Clev eriger Viick heſicht Ferdin Loid Ste zmein als Le ohl vermuth „In ſeiner „Das glo ſlten, ſchon ſbeugen.“ „In ſein ſhen?“ frag lweſenhet S lber man kan iu Privatl nit Entſchieden⸗ nie“ ** und jeder ſogte uu euug, ſie iie Ceveland be⸗ ler, inden er AM ddm Kut⸗ i rAbpon Niof„ rahen hielt der duues. ne⸗ geſtattet und uc kaſichen. ſauberen An einen ange⸗ das trauliche uhe ud b erlencü, Wie kennen wird?“ ehnlichkeit entdecken, dienen.“ „Das glaube ich ſuchen?“ fragte Heller ſinnend. Abweſenheit Sam's läßt benfalls auf dieſe Vermuthung ſchließen. 8 Ferdinand ſtellte den Polizeirath vor und berichtete, nachdem Platz genommen hatten, Alles, was auf Arabella Bezug nahm nd der alten Dame, um ſie vollſtändig zu unterrichten, zu wiſſen zthig war.— Miß Cleveland hörte ihm zu, ohne' Sn zu unterbrechen, ihre einen Brauen zogen ſich mehr und mehr zuſammen und auf ihrer Stirne zeigten ſich leichte Falten. „Und das iſt Alles, was Sie bis jetzt entdeckt haben? fragte ie, den Polizeirath anblickend, der inzwiſchen mit prüfendem Blick as Zimmer gemuſtert hatte. „Einſtweilen ja,“ erwiderte Heller.„Aber wir hoffen, von nn einen guten Rath zu erhalten.“ „Unſre Polizei will Sie nicht unterſtützen?“ „Gewiß, aber ſie verlangt vorher Beweiſe.“ „Sie hätten den Baron von Oſthofen mitbringen ſollen.“ „Ich habe an ihn telegraphirt.“ „Daß er kommen ſoll?“ „Jawohl.“ „Glauben Se, daß er nwo langer Zeit ſeine Tochter er⸗ „Ich weiß es nicht, aber ich denke mir, er wird ſofort eine und das muß uns dann als Beweis Miß Clevelund wiegte bedenklich das Haupt und ihr treu⸗ herziger Blick uhte voll warmer Theilnahme auf dem bleichen Geſicht Ferdinands. „Lord 3 iſt, ich darf Ihnen das nicht verhehlen all⸗ gemein als Lebemann bekannt,“ ſagte ſie,„und ſo können wir wohl vermuthen, baß er den Damen ein Alyl angeboten hat.“ „In ſeinem Palais?“ warf Ferbdinand ein. nicht. Sein eignes Haus wird er rein halten, ſchon deshalb, um der Möglichkeit eines Verraths vor⸗ zubeugen.“ „In ſeinem Palais würden Sie alſo die Vamen nicht „Sie mögen Recht haben, die Aber man kann auch nicht annehmen, daß. in einem Hotel ver Privatlogis untergebracht haben ſoll— — 1190— „Nein, nein, die Polizei würde dann raſch eine Fährte finden und ihm muß viel daran liegen, jede Spur zu verwiſchen. Dean das müſſen wir feſthalten, meine Herren, daß Arabella nicht frei willig ſich in das Verſteck g⸗flüchtet hat.“ „Gewiß nicht,“ erwiderte Ferdinand, der alten Dame einen dankbaren Blick zuwerfend,„welche Verſprechunget ihr dieſer Mann auh gemacht haben mig, ſie wird ſie, davon bin ich üer⸗ zeugt, mit Entrüſtung zurückgewieſen haben.“ „A'ſo müſſen wir eine Intrigue ihrer Mutter vorausſetzen fuhr Miß Cleveland fort,„ſie hat Arabella gez vungen, ihrem Willen zu gehorchen, uad wer weiß, welche Lügen dabei al Mittel zum Zweck dienen mußten.“ „Beſitzt Lord Stanhope außer ſeinem Palais noch andere Be⸗ ſitungen?“ fragte Heller. „Jedenfalls, aber mit Sicherheit kann ich es nicht ſagen.“ „Würden Sie die Güle haben, ſich dan⸗ch zu erkund⸗ „Gewiß, wenn Sie es wünſchen.“ „Ich hege die Vermuthung daß der Lord die Damen au eine dieſer Beſitzungen gebracht hat, ſagte der Polizeirath,„ℳi jedem Falle wäre es zweckentſprechend, an den betreffenden Oiten Beobachtungen anzuſtellen. „Ich werde mich ſogleich erkundigen,“ erwiderte Miß Cleve⸗ 3 land lebhaft,„und wenn die Herren heute Abend mir wieder dir Ehre ſchenken wollen, ſo hoffe ich, Ihre Fragen beantworten zu konnen. Gibt es kein Mittel, den Diener des Lords zu einem Geſtandniß zu zwingen?“ „Nein,“ ſagte der Polizeirath;„ein Fwung wäre nur dann berechtigt, wenn Beweiſe vorlägen. Indeß hoffe ich, auf einem andern Wege etwas zu erreichen.“ Ferdinand blickte ihn erwartungsvoll an, Heller ſtrich m der Hand über die Stirne und nickte gedankenvoll. „Ich kann nicht glauben, daß S gnora Grimaldi auf das Geh verzichten wird, welches ihr bei dem Bankhauſe ang gewieſen iſt, fuhr er fort,„es ſoll ihr ausgezahlt werden, wenn ſie pe ſönli erſcheint und ſie kann in dieſer Bedingung nichts Verdächtiges finden. Sle wird hingehen und das Geld holen—“ „Und ihre Abreſſe dem Kaſſirer nicht nennen, ſiel Fa. vi de ve da gri e budgen, ihren a dahei dhz ucht ſagen.“ eriund gen?“ e Danen uf 0 käth,„in ueffenden Diten te Miß Cleve⸗ and wir wieder en beantworten Lords zu einen * üre nur denn ich, auf eine auf daß Geld gewieſen iſ n ſie peſönli Lndächig voraltſeten“ 5 ch endett B dinand ihm in die Rede,„vas alſo würden wir dadurch ge⸗ winnen?“ „Wenn ſie kommt, wird ſie beobachtet—“ „Sie kann ſchon dort geweſen ſein.“ „Gut, dann werden wir vielleicht bald erfahren, was wir zu wiſſen wünſchen. Ein Detektiv hat es übernommen, die Thüre des Hauſes zu bewachen, er wird ihr folgen, wenn ſie das Haus verläßt, und ich glaube, wir dürfen ſeiner Schlauheit volles Ver⸗ trauen ſchenken.“ Ferdinand von Fallenberg ſchüttelte mit zweifelnder Miene das Haupt. „Ich meine es ſei beſſer, wenn wir felbſt thatkräftig ein⸗ griffen,“ ſagte er.„Signora Grimaldi weiß ſehr wohl, was ſie erwartet, wenn—“ „Von einem thatkräftigen Eingreifen kann erſt dann die Rede ein, wenn wir wiſſen, wo die Damen wohnen, Herr Baron, und um dies zu erfahren, müſſen wir uns aller Mittel bedienen, die uns zu Gebote ſtehen.“ »Und ſeien Sie verſichert, daß ich das Meinige auch dazu bei⸗ tragen werde,“ ugte Miß Cleveland in ihrer treuherzigen Weiſe. Ich werde ſofort Erkundigungen einziehen, und ich denke, wir erhalten dadurch eine Fährte, die wir verfolgen können.“ „So wollen wir Sie auch nicht länger aufhalteu,“ erwiderte Heller, indem er ſich erhob,„hoffentlich erfahren wir heute Abend, daß Ihre Bemühungen ein glückliches Reſultat gehabt haben.“ Ferdinand ſtand jetzt auch von ſeinem Sitz auf, Miß Clere⸗ land reichte ihm die Hand und ſah ihn mit einem Blick vol herz⸗ licher Theilnahme an. „Wir werden ſie finden,“ ſagte ſie in zuverſichtlichem Tone, „und wenn ſie Alles erfahren hat, dann, darauf vertraue ich mit Zuverſicht, wird ſie nicht länger Bedenken lragen, der Stimme ihres Herzens Folge zu geben.“ „Und glauben Sie wirllich, daß ihr Herz für mich ſpricht?“ „Ja, ich glaube es, weil ich es weiß.“ „Ich danke Ihnen für dieſen Troſt.“ „Ich glaube es, weil ihre Augen es mir verrathen haben, und weil ich weiß, daß dieſe Augen nicht lügen können, und des⸗ — 1192— halb ſage ich Se holten Sie feſt an Ihrer Hoffiung⸗ deren Erfüllung jetzt na'e iſt.“ „Wenn ſie in der Gewalt dieſes Wiſtlings wäre—“ „Auch das möge Sie nicht beunruhigen, Arabella wird jeder Verſuchung widerſtehen un, auch aus dieſer Prüfung rein hervor⸗ gehen.“ „Und dennoch fürchte ich das Schlimmſte“ erwiderte Ferdinand. „Die alte Frau iſt gewarnt— Fluch über den, der dieſen Frevel beging!— ſie weiß, daß ſte verfolgt wird und daß ſi verloren iſt, wenn man ſie erwiſcht, ſie ſpielt jetzt Va banque und vertraut dabei auf den Schutz des Mannes, dem ſie ln beri wird.“ „Was ſie auch unternehmen mag, Herr von Fultenberg. alle Machinationen werden an der Charakterfeſtigkeit und Arabella's ſcheitern.“ Der Polizeirath ſtand mit dem Hute in der Hand an der Thüre, er drängte zum Aufbruch, es währte ihm zu lange, bis Miß El eveland mit ihren Nachforſchungen begann. Ferdinand drückte noch einmal der alten Dane die Hand, donr verließen die Beiden das Haus, ohne zu huen, daß bereits Pläne geſchmiedet und Schritte gethan waren, die alle ihre Hoff⸗— nungen und Bemühungen vereiteln ſollten. 1 rey Control Chart 5 GSrey 2 Grey 3 Srey 4 Biack