* N „——— —27 —— ——————. — 1. oflensein der Bibliothek. pfangnahme und Rückgabe der 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. ei Rückgabe eines czahlt. Die Zeit eines Buches, eine dem W N hinterlegen, welche bei deſſen Zun wird 4. Abonneme Daſſelbe muß voraus be beir S für wöchentlich auf 1 Monat: „ ₰ „ 5. 4 uswürtige Abonnenten haben für Hi der Bücher auf ihre eigene ten und Gef hr 1 6. Schadenersa chmutzte, zerriſſene, verlo vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern 1 Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7 Ausieihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſt beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. oder tine Mutter aus dem Volhe und der Mann von Adel. Enlhüllungen dunkler Thalſachen aus der Gegenwark von B. v. Arnheim. —— Zweiter Band. Düſſeldorf, Verlag von F. A. Schönfeld. ————— ———— —— ———————— ——— ——— 19. Kapitel. Haß und iebe. Probella Grimaldi weilte nun ſchon ſeit einiger Zeit in dem lieblichſten Städchen der ſüdweſtlichen Schweiz, in Vevey am Ufer des Genfer Sees. Sie hatten im Hotel d'Angleterre eine freundliche Wohnung gefunden, und wenn ſie auch hier Manches, vor allen Dingen den Verkehr mit einem befreundeten Herzen, entbehrte, ſo fühlte ſie andererſeits doch auch, daß die Ruhe und Abgeſchiedenheit an dieſem herrlichen, lachenden Orte ihr wohl thaten. Sie war freilich in geſellſchaftlicher Beziehung auf ihre Mutter allein beſchränkt, indeß fand ſie Abwechslung und Zer⸗ ſtreuung genug in der Muſik wie in den prachtvollen Ausflügen und Spaziergängen, welche die nächſte Umgebung des Städtchens im reichſten Maße ihr bot. Es war allmälig ruhiger geworden in ihrem Innern, und auf die Erlebniſſe der jüngſten Zeit blickte ſie jetzt zurück, wie auf einen Traum. Mehr und mehr erkannte ſie, daß ſie nicht anders hatte han⸗ deln können, und wenn noch ein leiſer Zweifel ſich geltend ge⸗ macht hätte, ſo würde er gehoben worden ſein durch die Mit⸗ theilungen, welche Signora Grimaldi ihr eines Tages machte. Die alte Frau warf ihrer Tochter vor, ſie ſuche Geheimniſſe, wo keine ſeien. Hurter mußte ihr ſeine Unterredung mit Willy mitgetheilt haben, denn Sigsora Grimaldi nahm darauf Bezug und ſpottete über die Vermuthungen des Malers, die ſie kindiſch und thöricht nannte. Sie erklärte ihr, ſie ſei die Tochter eines Zigeuners, daran laſſe ſich nun einmal nichts ändern, und alle Nachforſchungen würden zu keinem Reſultat führen, Hurter empfange aus Grün⸗ den, die ihr Geheimniß bleiben müßten, eine Unterſtützung, und es ſei lächerlich, daraus total unbegründete Schlußfolgerungen ziehen zu wollen. 28* — 436— Signora Grimaldi hatte das Alles ſo ruhig erklärt, daß Ara⸗ bella die Wahrheit dieſer Erklärungen nicht bezweiſeln ſonnte, und von dieſer Stunde an dochte Arabella über die einſt geheg⸗ ten Vermuthungen nicht mehr nach. Ein Tag verſtrich ihr wie der andere, ſie gab ſich gauz dem wohlthuenden Einfluß hin, den die herrlichen Schönheiten der Natur auf ſie übten und correspondirte inzwiſchen fleißig mit den ihr bekannten Koryphäen der Kunſt und der Muſik. So ſaß ſie auch eines Abends im Chatcau Couvreu am Lan⸗ dungsplatze der Dampfboote und blickte träumeriſch hina us auf das reizende Panorama, welches vor ihr lag. Zu ihren Füßen der weite tiefblaue See, deſſen Spiegel von dem angenehmen kühlenden Rebat⸗Winde leicht gekräuſelt wurde, links das maleriſche Städtchen Tour d.. P.. weiter hinein Clarens und Montreux, rarüber der ſteile Felſen des Jaman und die Nayer Berge, fern im Winkel Schloß Chillon und Villeneude mit dem Einblick in das blauc Rhönethal. Im Hin⸗ tergrunde die hohen Gipfel der Walliſer Alpen und die ſteil⸗ zackigen Felſenhörner der Savoyer Alpen. Lange ruhte der Blick des ſchönen Mädchens auf dem fernen Schloß Chillon, jenem von den Wellen des Sees umſpülten Ge⸗ fängniſſe, in welchem ſchon im neunten Jahrhundert der Abt Wala von Corvay ſchmachtete, deſſen ſtarren Sinn Ludwig der Fromme beugen wollte. Eine Reihe von Unglücklichen folgte dieſem erſten Opfer, Schloß Chillon war ein Grab der Freiheit. Der berühmteſte Gefangene war Bonnivard, berühmt durch bes engliſchen Dich⸗ ter's Byron gewaltiges Epos:„Der Geſangene von Chillon.“ Bonnivard, einſt Prior zu Sankt Victor in Genf, der kühne Streiter für die Reformation am Genferſee, wurde von dem Herzog von Savoyen in Chillon eingekerkert. In einem der unterſeeiſchen Gefängniſſe mit Ketten an den Pfeiler geſchmiedet, ſchmachtete der Reformator, einer der edelſten Männer ſeiner Zeit ſechs Jahre lang in dieſem Raum, in den kein Lichtſtrahl drang, deſſen Grabesſtille nur unterbrochen wurde durch das Branden der Wellen und das Auf⸗ und Niederwandern des Geſangenen auf den Steinplatten ſeines Kerkers. Aber als am erſten Februar des Jahres fünfzehnhundert und g le dreißig die proteſtantiſchen Berner in die Waadt eindrangen um an die Stelle des geiſtigen Despotismus den weltlichen zu ſetzen, öffneten auch dem Gefangenen von Chillon ſich die Thü⸗ ren ſeines Gefängniſſes. In Sinnen verſunken, die ſchönen Augen auf das Schloß gerichtet, gedachte Arabella jenes Gedichts, welches ſie ſo oft ge⸗ leſen hatte. Mein Haar iſt grat, doch nicht von Jahren, Nicht eine Nacht Hat's weiß gemacht, Wie's Mancher wohl durch Schreck erfahren— citirte ſie leiſe vor ſich hin. Was aus mir ward in dieſer Gruft— Mir ward es nie und nimmer klar, Zuerſt entſchwand mir Licht und Luft. Und dann das Dunkel gar. Nicht denken, fühlen konnt' ich— nein! War unter Steinen ſelbſt ein Stein, Mir kaum bewußt, was ich empfand, Ein Fels den Nebel nur umwand. Denn grau war Alles, leer und bleich, Der Nacht nicht— noch dem Tage gleich, Selbſt das mir ſo verhaßte Licht Der Kerkerhöhle war es nicht; Nur Leere, die den Raum vernichtet, Ein Starren, das auf nichts gerichtet, Nicht Sterne gab's, nicht Erde, Zeit, Nicht Wechſel, Tugend, Schlechtigkeit,— Ein ſchweigend Athmen immerdar, Das weder Tod noch Leben war, Ein Pfuhl der Trägheit war es blos, Stumm, ewig licht⸗ und regungslos.“ „Sie citiren Byron!“ ſagte eine leiſe Stimme hinter ihr. Arabella wandte überraſcht ſich um, ihr Blick fiel auf eine elegante Dame, die ſie ſchon ſeit mehreren Tagen im Speiſeſaal des Hotel d'Angeleterre geſehen hatte. Es war eine ältere Dame mit leicht ergrautem Haar,„Miß Cleveland“ hatte ſie ihren Namen in das Fremdenbuch einge⸗ ſchrieben, ſie reiſte allein mit einem Diener, und Arabella glaubte bemerkt zu haben, daß ſie ſchon einigemal den Verſuch gemacht hatte, ſich ihr zu nähern, ein Verſuch, der jedesmal an der ſelt⸗ ſam ſchroffen Haltung der Signora Grimaldi ſcheiterte. — ———— 3 Muß man nicht unwillkührlich ſich des herrlichen Gedichts erinnern, wenn der Blick auf jenes düſtere Schloß fällt?“ er⸗ widerte ſie. „Gewiß,“ nickte Miß Cleveland mit freundlichem Lächeln. „Sie citiren den düſtern neunten Geſang des Gedichts, weshalb wählen Sie gerade ihn?“ „Iſt nicht das ganze Gedicht ſo düſter wie Schloß Chillon ſelbſt?“ „O, nein! Welche Hoffnung ſpricht ſich im zehnten Geſange aus! Kennen Sie ihn noch? Ein Lichtſtrahl fiel auf mich hernieder— Ein Vöglein war's, das fröhlich ſang, Jetzt ſchwieg es, dann begann es wieder, So ſüß, wie's nie dem Ohre klang. Mein Auge war des Dankes voll, Bis es von Thränen überſchwoll, So daß ich in dem Augenblick Nicht ſah mein jammervoll Geſchick; Allmälig wurden erſt die Sinne Dumpf des Gewohnten wieder inne, Ich ſah des Kerkers Wall und Thor Rings langſam wieder, wie zuvor. Ich ſah, wie ſich der Sonne Schimmer Hereinſtahl, ſchüchtern ſo wie immer, Doch durch den Spalt, woher es kam, Schlüpft auch das Vöglein traut und zahm, Viel zahmer, als im grünen Hag; Ein Vögelchen mit blauer Schwinge, Seine Lieder zählte tauſend Dinge, Und mir nur, meint' ich, galt ſein Schlag! „Signora, in der Bewunderung dieſes großen Dichters ſtim⸗ men wir überein, ſollte es nicht auch in and eren Dingen der Fall ſein?“ Die treuherzigen Augen der alten Dame ruhten voll herz⸗ licher Theilnahme auf dem ſchönen Antlitz Arabellas, die leicht erröthend die Wimpern ſenkte. „Ich will zugeben, daß es Geheimniſſe gibt, die das Men⸗ ſchenherz Niemandem anvertrauen mag,“ fuhr Miß Cleveland fort,„und fern ſei es von mir, mich in die Geheimniſſe Ihres Herzens eindrängen zu wollen, aber laſſen Sie's offen mich ge⸗ ſtehen, daß—“ ⸗ eln. alb on e * — . ſtim⸗ en der herz⸗ leicht Men⸗ evelond 9. Ihres ge⸗ „Ich bitte Sie, ſchonen Sie mich,“ fiel Arabella ihr in die Rede. Weiß ich doch ſelbſt nicht, was ſo oft mich beunrnhigt, und was eigentlich mich bewogen hat, mich hierher zu flüchten. Berühren wir die Vergangenheit nicht, Miß Cleveland, leben wir der Gegenwart und hoffen wir auf eine ſonnige Zukunft.“ „Hegen Sie dieſe Hoffnung wirklich?“ „Wes alb ſollte ich nicht hoffen dürfen?“ „Weil eine unglückliche Liebe Ihnen den inneren Frieden Arabella ſchwieg, ein trüber Schatten umwölkte ihre Stirne, aber ſie duldete es, daß Miß Cleveland ihre Hand ergriff. „Sie tragen einen berühmten Namen, Signora,“ fuhr die Engländerin fort, und eine innige Theilnahme ſpiegelte ſich in dem Tone, den ſie anſchlug, kann Ihnen die Muſik nicht Er⸗ ſatz geben für die Blüthen, die das Schickſal Ihnen geraubt pat2. Wenn Sie glauben, daß ich unglücklich ſei, ſo iſt das ein Irrthum, der wohl in meinem ſchweigſamen, zurückhaltenden Weſen ſeinen Grund findet,“ erwiderte Arabella, die ſchönen Augen aufſchlagend.“ Es iſt wahr, einſt zeigte mir das Geſchick ein ſchönes, Ziel, aber ich erkannte die Unmög⸗ lichkeit, dieſes Ziel zu erreichen und t Signora, iſt dei nichts!“ „Miß Cleveland, ſollten nicht auch in Ihrem Vaoterlande die einzelnen Stände durch ſchroffe Vorurtheile getrennt ſein?“ „Gewiß.“ „Und glauben Sie, daß ein Kampf mit dieſen Vorurtheilen ſiegreich enden würde?“ „Die Antwort auf dieſe Frage hängt von den Verhältniſſen ab, unter denen der Kampf begonnen wird.“ „Sie weichen mir aus. Geſetzt, ein Sproſſe Ihrer ſtolzen Lords wolle die Tochter einer Bettlerin heirathen, würde er die Genehmigung ſeiner Familie erhalten?“ Miß Cleveland wieste leicht das Haupt, ein verſtändniß⸗ inniges Lächeln umſpielte ihre 2 erſtehe Sie jeut,“ erwiderte ſie in ihrer ſanften, ruhi⸗ — 440— des Ruhmes auf der Stirne trüge, ſo würde ſie jedem Lord ebenbürtig ſein!“ „Und deunoch würde die Familie des Lords ſie in ihrem Kreiſe nur dulden,“ ſagte Arabella ruhig.„Ich bitte Sie noch einmal, laſſen Sie uns davon abbrechen.“ „Sie wünſchen es, ſo möge es geſchehen.“ „Zürnen Sie mir?“ „Wie könnte ich Ihnen zürnen! Wer Sie ſieht, muß Sie lieben!“ „Sagen Sie das nicht,“ bat Arabella,„auch die Liebe kann für den Menſchen zu einem Fluch werden, der ſich an ſeine Ferſen heftt.“ Die Unterhaltung ſtockte, eben war das Dampfboot gelandet, die Blicke der beiden Damen ruhten auf den Paſſagieren, die über die Landungsbrücke kamen, gefolgt von einem Schwarm von Gepäckträgern, Hausknechten und Schiffern. Jeden Tag kamen und fuhren Reiſende ab, die Ankunft eines Dampfbootes oder eines Bahnzuges bot immer dasſelbe gewohnte Schauſpiel, aber jedesmal wurden die Ankommenden von einer Menge Neugieriger empfangen, die eben nichts weiter, als ihre Neugier befriedigen wollten. Unter den Reugierigen, die das Schiff empfingen, befand ſich ein junger ſchlanker Herr in eleganter Reiſe⸗Toilette, ein alter bekannter, Baron Bruno von Oſthofen. Das goldene Lorgnon auf der Naſe, muſterte er die An⸗ kommenden, dann ſchritt er plötzlich auf einen Paſſagier zu, dem er mit ſichtbaren Zeichen der Ueberraſchung die Hand bot. „Biſt Du's denn wirklich, Ferdinand?“ fragte er. „Wie Du ſiehſt!“ erwiderte Ferdinand von Falkenberg, der die angenehme Ueberraſchung ſeines Freundes nicht zu theilen ſchien. „Hätte ich doch eher an alles Andere, als an dieſe Begeg⸗ nung gedacht! Du haſt Urlaub genommen?“ „Urlaub und meinen Abſchied zugleich.“ „Deinen Abſchied?“ ſagte Bruno mit wachſendem Erſtaunen. „Was iſt denn vorgefallen?“ „Nichts,“ erwiderte Ferdinand von Falkenberg lakoniſch, während er den Blick voll Entzücken über das reizende Pano⸗ Hi ter g ſtü n — 441— rama ſchweifen ließ, ohne die beiden Damen zu bemerken, die im Garten des Chateau Couvreu ſaßen.„Ich habe das ein⸗ förmige Garniſonleben ſatt, wen kann das wundern!“ „Seltſam, daß Du davon früher nie etwas geſagt haſt,“ ent⸗ gegnete Bruno mit einem verſtohlenen Seitenblick auf den Freund. „Parbleu, was kümmerts mich— des Menſchen Wille iſt ſein Himmelreich! Mich freut's, daß ich Dich hier habe, es iſt ver⸗ teufelt langweilig hier.“ „Und ſeit wann biſt Du hier?“ „Seit geſtern!“ „Und langweilſt Dich ſchon?“ fragte Ferdinand ironiſch. „Ja, ſo, Du haſt nie an den Schönheiten der Natur Gefallen gefunden! Ich finde es hier himmliſch ſchön!“ „Pah, man gewöhnt ſich an das Panorama, wenn man es ſtündlich ſieht.“ „Und die herrlichen Ausflüge!“ „Danke, ich ſitze lieber hinter geeiſtem Champagner, das Bergeklettern überlaſſe ich gerne den Engländern und den deut⸗ ſchen Profeſſoren.“ „Und was iſt dann der Zweck Deines hieſigen Aufenthalts?“ Der Baron zuckte geringſchätzend die Achſeln. „Das weiß ich wahrhaftig ſelbſt nicht,“ ſpottete er.„Mein Onkel hat's einmal ſo gewollt, und wie die Dinge augenblicklich liegen, muß ich feinem Willen mich fügen. Wo wirſt Du logiren?“ „Wo biſt Du abgeſtiegen?“ „Im Hotel Monnet, es iſt das feinſte Hotel in dieſem Neſt.“ „Dann wird es mir dort zu theuer ſein.“ „Biſt Du ſparſam geworden?“ „Du weißt, daß es nie meine Schwäche war, Geld zu ver⸗ geuden“ erwiderte Ferdinand ernſt. „Hm, dann empfehle ich Dir das Hotel d'Angleterre. Es ſoll dort fabelhaft billig ſein, ſchicke Deinen Koffer hin und laſſe ein Zimmer für Dich belegen, wir wollen auf dem Balkon des Cats du Lac eine Flaſche Sect trinken.“ Ferdinand von Falkenberg gab dem Kofferträger die nöthige Anweiſung, dann folgte er dem Freunde, und bald darauf ſaßen die Beiden auf dem Balkon des Café's, von dem aus ſie die herr⸗ lichſte Ausſicht auf den See hatten. „Du haſt mir nichts Neues aus der Heimath zu berichten?“ fragte Bruno, als der Wein in den Gläſern perlte. „Nicht, daß ich wüßte!“ Alſo Alles noch beim Alten?“ „Bei meiner Abreiſe— ja!“ „Der arrogante Maler trägt wohl jetzt den Kopf wieder ſo och wie möglich?“ Ferdinand zog die Brauen zuſammen, er warf einen vor⸗ wurfsvollen Blick auf den Freund, der eben eine Cigarre an⸗ zündete. „Du haſt ihn tief gekränkt,“ ſagte er mit ſeiner gewohnten Freimüthigkeit,„ich habe Dir das früher ebenſo offen geſagt, und ich meine, Du müſſeſt es einſehen. Der Maler hat für Deinen Onkel Aufträge übernommen—“ „Trotz ſeiner ſo tief gekränkten Ehre?“ ſpottete Bruno. „Meine Couſine begünſtigt ihn, ſie ſcheint in ihn verliebt zu ſein.“ „Und wenn ſie es wäre?“ Bruno blickte den Fragenden ſtarr an, der jäh auflodernde Haß verzerrte ſeine Züge. „Wenn ſie es wäre?“ wiederholte er.„Mit der Reitpeitſche würde ich ihm die Antwort auf ſeine Unverſchämtheit geben.“ „Und welches Recht hätteſt Du dazu?“ „Sie iſt meine Couſine!“ „So dürfteſt Du vielleicht reden, wenn Du das Haupt der Familie wäreſt, Bruno, aber ſo lange Dein Vater und der Vater Couſine leben, haben Sie in dieſer Frage allein zu entſcheiden.“ „Mein Vater würde—“ Entſchuldige, was Dein Vater thun würde, kommt hier gar nicht in Frage, der Vater der Baroneſſe Klara iſt gegenwärtig der Majoratsherr.“ „Wer weiß wie lange!“ murmelte Bruno, an der Unterlippe nagend. „Was willſt Du damit ſagen?“ „Nichts.“ ——— — „„ — — 3 „Du biſt ſehr ſonderbar,“ Wenn dieſes dara uf2“ „Weil ich den Maler haſſe,“ erwiderte Bruno, und ſein glü⸗ ender Blick ließ deutlich erkennen, daß er die Wahrheit ſagte. Seinetwegen mußte ich dieſe Reiſe machen, ſeinetwegen gab Klara mir einen Korb, ſoll ich das Alles geduldig einſtecken? Was habe ich denn von dieſer Reiſe? Die furchtbarſte Lange⸗ weile! Ich kaun mich nicht jeder Geſellſchaft anſchließen, ich darf nicht vergeſſen, wer ich bin.“ Ferdinand von Falkenberg lächelte ſarkaſtiſch, Blick ſinnend auf der ruhte. „Du darfſt das nicht vergeſſen,“ ſagte er ironiſch,„wir Ad⸗ lige haben ja einmal die ausſchließliche Berechtigung, recht vor⸗ nehm hochmüthig auf die Kanaille hinunter zu ſchauen. Kanaille ja nach Anſicht Jeder, in deſſen Adern kein blaues Ich ziehe die Grenzen nicht ſo u Bruno, der t eines Menſchen gilt mir höher, als Vorzüge, die Glüc oder Zufall erhalten hat.“ „Unſere Anſichten darüber ſind verſchieden.“ „Ich weiß es längſt.“ „Und die meinigen ſind allein die richtigen.“ „Nur ſchade, daß ich das nicht anerkennen kann!“ „Wir wollen darüber nicht ſtreiten,“ erwiderte Bruno, die Gläſer füllend,„ich kann's ruhig abwarten, bis trübe Erfahrun⸗ gen Dich klug gemacht haben.“ „Sehr wohl, warten wir das ab!“ „Wie lange gebenkſt Du hier zu bleiben?“ Bis ich gefunden habe, was ich ſuche!“ „Willſt Du mir Räthſel aufgeben?“ „Bewahre, der Sinn meiner Worte iſt deutlich genug.“ n wos ſuchſt Du?“ Ferdinand ſah den Freund forſchend an. Du ſeit Deiner Abreiſe Signora Grimaldi wieder ge⸗ ſehen?“ er. „Bewahre, wie wäre das möglich?“ ſot in der Schweiz ſein.“ ſagte Ferdinand achſelzuckend. Thema Dich ärgert, weshalb bringſt Du die Rede während ſein blauen Gebirgskette der Walliſer Alpen er durch le S — „So iſt ſie ebenfal I8 abgereiſt?“ erwiderte Bruno über⸗ raſcht. „Ja, bald nach Dir.“ „Aus welchem Grunde?“ „Nun, dieſe Frage könnteſt Du Dir ſelbſt beantworten,“ ſagte Ferdinand,„nach jenem Vorfall im Concertſaal konnte ihr der Aufenthalt in unſerer Stadt nicht mehr angenehm ſein.“ „Pah, das Urtheil der Kritik muß Jeder ſich gefollen laſſen. der öffentlich auftritt, und Signora Grimaldi war eine ſehr mittelmäßige Sängerin.“ In den Augen Ferdinands flammte es auf, aber er be⸗ zwang ſich. „Du ſcheinſt noch immer auf die Freundſchaft der Signora zu dem Maler eiferſüchtig zu ſein,“ erwiderte er,„anders laſſen Deine Worte ſich nicht erklären. Man macht Dir mit Recht den Vorwurf, Du habeſt die Sängerin gezwungen, alle Verträge zu löſen und die Stadt zu verlaſſen, daß ihr dadurch Opfer auf⸗ erlegt worden ſind, brauche ich wohl nicht zu erwähnen. Iſt da⸗ durch Deinem Haß noch nicht Genüge geſchehen?“ „Meinem Haß?“ ſagte Bruno achſelzuckend.„Wen ich gering⸗ ſchätze, den kann ich nicht haſſen, und ich wüßte auch wirklich keinen Grund, der ſolchen Haß motivirte.“ Der Blick Ferdinands ruhte ſinnend auf dem blauen Spiegel des Sees, er hatte die Lippen feſt aufeinander gepreßt, und der Ansdruck ſeines Geſichts ließ erkennen, daß es ihm unſaglich ſchwer fiel, den Groll, der in ihm erwacht war, zu bezwingen. „Und was bewegt Dich denn zu dieſer angelegentlichen Er⸗ kundigung nach der Sängerin?“ fragte der Baron nach einer Pauſe, und ein leiſer Spott lag in dem Tone, in welchem er dieſe Frage ſtellte.„Sollte es wirkkich Deine Abſicht ſein „Es iſt beſſer, wir berühren dieſes Thema nicht,“ fiel Fer⸗ dinand ihm in's Wort.„Meine Abſichten würden vielleicht Dei⸗ nen Beifall nicht finden, und ein Wortſtreit darüber wäre höchſt unerquicklich. Man hatte mir geſagt, Signora Grimaldi weile am Genfer See, da wundert es mich, daß Du ihr noch nicht be⸗ gegnet ſein ſollſt.“ „Zweifelſt Du an meinen Worten?“ erwiderte Bruno, ſpöt⸗ tiſch lächelnd.„Glaubſt Du bereits auf mich eiſerfüchtig ſein — S ſam Spot kunge trenne konnt der( um ſi U Uber⸗ —— — 4 su müſſen? Wenn es Dir gelingt, eine Liaiſon mit dieſem Zi⸗ geunermädchen anzuknüpfen, ſo gönne ich Dir dieſe zweifelhafte Ehre gern, leider kann ich die gewünſchte Auskunft Dir nicht geben. Wie geſagt, ich bin erſt geſtern hier angekommen und habe mich um Niemand bekümmert, ich bin keiner der neugierigen Reiſenden, die an jedem Ort, den ſie berühren, die Fremdenliſte durchblättern und Bekanntſchaften anknüpfen. Ucberdies iſt vie Umgebung des Genfer See's ziemlich weit ausgedehnt, einige Tage wirſt Du immerhin auf Deine Nachforſchungen verwenden müſſen.“ Ferdinand von Falkenberg hatte ſich erhoben, er wußte jetzt, daß er von dem Freunde keine Auskunft erhalten konnte. „Du wirſt mich entſchuldigen,“ ſagte er,„die Reiſe hat mich ermüdet, und ich möchte mich nun auch nach meinem Logis um⸗ ſehen.“ „Wie Du willſt, ich lege Dir nichts in den Weg. Sehe ich Dich heute Abend wieder?“ „Schwerlich, ich werde mich früh zur Ruhe begeben, damit der Körper morgen wieder friſch und rüſtig iſt.“ „Du haſt doch nicht vor, auf die Berge hinaufzuklettern?“ „Das iſt allerdings meine Abſicht.“ „Darum beneide ich Dich nicht,“ ſpottete der Baron.„Alſo bis morgen— auf Wiederſehen!“ Ferdinand von Falkenberg verließ das Café und ſchritt lang⸗ ſam auf das Hotel d'Angleterre zu. Er war verſtimmt, der Spott des Freundes, die beißenden, geradezu verletzenden Bemer⸗ kungen hatten ſeine Anfangs ſo heitere Stimmung getrübt. Er war entſchloſſen, ſeinen Weg von dem des Barons zu trennen, ein Mann, der ſo wenig Gemüth und Charakter beſaß, konnte ſein Freund nicht ſein, er theiſte die Vorurtheile desſelben nicht und den Grundſätzen dieſes Mannes, wenn man ſolche An⸗ ſchauungen überhaupt Grundſätze nennen durfte, konnte er un⸗ möglich beipflichten. Er war um ſeinen Abſchied eingekommen und verzehrt von der Sehnſucht nach der Geliebten hatte er Urlaub genommen, um ſie aufzuſuchen. Und nun am Ziele ſeiner Reiſe angekommen, mußte dieſer . Mann zuerſt ihm begegnen, mußte er ſeine reine heilige Liebe von ihm in den Koth treten laſſen. Das empörte nicht nur ſein ſittliches Gefühl, es beleidigte auch ſeine Ehre, und jedem Andern würde er mit Entſchiedenheit entgegengetreten ſein, hier unterließ er es, weil er den Hohn dieſes Mannes nicht noch mehr herausfordern wollte. Im Gaſthofe war das Zimmer ſchon für ihn beſtellt, der freundliche Empfang, den er hier fand, bereitete ihm ein wohl⸗ thuendes Gefühl. Er hatte ſich bald in ſeinem Zimmer eingerichtet, der Kellner brachte Licht und fragte ihn, ob er das Souper im Speiſeſaal einnehmen wolle. Ferdinand lehnte ab, er war in der That zu müde und da⸗ neben auch nicht in der Stimmung, mit fremden Perſonen ſich zu unterhalten. „Ich werde hier fpeiſen,“ erwiderte er,„bringen Sie mir eine Flaſche Wein und die Speiſekarte, ſodann wäre es mir lieb, wenn Sie mir die Fremdenliſte vorlegen wollten.“ Der Kellner zog ſich zurück, Ferdinand trat an's Fenſter und blickte, in Gedanken verloren, hinaus in die Dämmerung, deren Schatten immer dichter wurden. Wie raſch und wie plötzlich doch die äußeren Verhältniſſe eines Menſchen ſich ändern konnten! Noch vor wenig Wochen würde er über die Behauptung, daß er ſeinen Abſchied nehmen und in die Schweiz reiſen würde, geſpottet haben, und heute befand er ſich am Genfer See und ſein ganzes Denken galt nur dem Weſen, welches er ſo glühend liebte, daß er nicht mehr von ihm laſſen konnte. Wenn er nur alle dieſe Opfer nicht umſonſt ge⸗ bracht hatte! Der Kellner trat wieder ein, er legte das Fremdenbuch auf den Tiſch und überreichte dem Gaſt die Speiſekarte. Ferdinand hatte raſch ſeine Wahl getroffen und ſobald er ſich wieder allein ſah, öffnete er das Buch. Daß Arabella unter demſelben Wache mit ihm weilen könne, glaubte er nicht, er wollte nut ſehen, mit welchen Perſonen er am nächſten Tage in den Reſtaurationsräumen des Hotels zuſammentreffen würde, vielleicht fand er einen Bekannten, an den er ſich anſchließen wunte,“ angni . Nnel juch en ni lih rl hrlich Seele. Hätte ſofort zu Norgen. So hat Biellicht v trachten U Rodenberg Er ſch dann wan Eine! erdinnd glichülti „Das „Das! nit einer? „Wi Wit ſen. al ict Grin „Aufzl Die P die Numme „Ich il Signora G „Die a „Nicht „A— „Werd Det K aber verſt Danen le — 447— konnte, er war alsdann nicht allein auf den Verkehr mit Bruno angewieſen. Und als er jetzt das Blatt umſchlug, ſiel ſein Blick auf den Namen:„Signora Grimaldi nebſt Tochter.“ Er hätte laut auf⸗ jauchzen mögen, aber im nächſten Augenblick wälzte die unwill⸗ kührlich aufſteigende Frage, wie Arabella bei dieſer unerwarteten Begegnung ihn empfangen werde, eine ſchwere Laſt auf ſeine Seele. Hätte er dem inneren Drange folgen dürfen, ſo wäre er ſofort zu ihr geeilt, aber er mußte es verſchieben bis zum nächſten Morgen. So hatte er ſie gefunden, raſcher, als er erwarten konnte! Vielleicht war es ein gutes Omen, als ſolches wollte er es be⸗ trachten und an der Hoffnung feſthalten, welche die Mittheilungen Rodenberg's in ihm geweckt hatten. Er ſchrieb ſeinen Namen ein und ſchloß das Buch wieder, dann wanderte er lange auf und nieder. Eine halbe Stunde ſpäter brachte der Kellner das Abendeſſen, Ferdinand von Falkenberg blieb ſtehen und ſah ihm anſcheinend gleichgültig zu, wie er den Tiſch ſervirte. „Das Hotel iſt wohl beſetzt?“ „Das letzte Zimmer haben ſie erhalten,“ erwiderte der Kellner mit einer Verbeugung. „Wie ich ſehe, befindet ſich unter den Gäſten auch eine Sig⸗ nora Grimaldi, weilt ſie noch hier?“ „Aufzuwarten Nummer zwölf, auf demſelben Korridor.“ Die Pulſe Ferdinands pochten ſtürmiſcher, ſein Zimmer trug die Nummer ſechszehn, alſo befand er ſich ganz in ihrer Nähe. „Ich irre wohl nicht, wenn ich vermuthe, daß es dieſelbe Signora Grimaldi iſt, die als berühmte Sängerin gefeiert wird?“ „Die alte Dame?“ fragte der Kellner lächelnd. „Nicht ſie meine ich, ſondern ihre Tochter.“ „A— a— ah, da mögen Sie Recht haben!“ „Werde ich die Damen im Speiſeſaal ſehen?“ Der Kellner ſchüttelte den Kopf, ſein Blick ſtreifte forſchend, aber verſtohlen das männlich ſchöne Geſicht des Gaſtes. Des Mittags an der Table d'hote,“ erwiderte er.„Die Damen leben hier ſehr zurückgezogen, und ſind auch noch nicht 448 lange hier. Dann und wann machen ſie einen Ausflug oder einen Spaziergang, im Hotel ſelbſt beſchränken ſie ſich auf ihre Zimmer.“ „Sie haben gar keinen Verkehr?“ „Die junge Dame befindet ſich augenblicklich bei Miß Cleve⸗ land.“ „Eine Engländerin.“ „Eine junge Dame, die mit ihrer Familie reist?“ „Nein, eine ältere Dame, nur ein Diener begleitet ſie.“ „Signora Grimaldi iſt mit ihr befreundet?“ „So ſcheint es,“ nickte der Kellner, während er das Fremden. buch unter den Arm ſchob, die Serviette über die Achſel hing und mit einer Verbeugung den Gaſt einlud, Platz zu nehmen. Haben der Herr Baron noch etwas zu befehlen?“ „Nein. Aber ich bitte Sie, der Dame nicht zu ſagen, daß ich mich nach ihr erkundigt habe, es wäre mir unangenehm, ver⸗ ſtanden?“ „Der Herr Baron dürfen in allen Stücken auf meine Ver⸗ ſchwiegenheit rechnen.“ In der Seele Ferdinands war ein Entſchluß aufgeſtiegen, über den er jetzt nachbachte. Miß Cleveland war eine ältere Dame und die Freundin Arabella's, vielleicht konnte er ſie gewinnen, die Rolle einer Ver⸗ mittlerin zu übernehmen. Wenn ihm das gelang, dann hatte er ſchon viel gewonnen, die Fürſprache einer ſolchen Dame beſeitigte gewiß manches Be⸗ denken, welches Arabella geltend zu machen verſuchte. Er mußte allerdings ſehr vorſichtig zu Werke gehen und vor⸗ her die Geſinnungen und Anſchauungen der Engländerin prüfen, ehe er ihr volles Vertrauen ſchenken dürfte, es war ja möglich, daß ſie den Anſichten Arabella's beipflichtete. Vielleicht hatte Miß Cleveland ſelbſt nie geliebt, vielleicht war ſie von einem gewiſſenloſen Manne um den Frühling ihres Lebens betrogen worden, die Möglichkeit, daß ſie die Männer haßte, lag ja immerhin nahe und in dieſem Falle durfte Ferbinand auf ihr Wohlwolien und ihre Unterſtützung nicht rechnen. Er dachte lange darüber nach, und der Entſchluß, ſich an die wi Li — 449— Dame zu wenden, befeſtigte ſich mehr und mehr in ihm. Wenn Miß Cleveland ihren Beiſtand verweigerte, ſo konnte er ja immer noch direct an Arabella wenden. Mit dieſem Entſchluß, der ihn in eine muthige, freudige Stimmung verſetzte, ging er zur Ruhe, und als er am Morgen erwachte, galt ihm ſein erſter Gedanke. Er wollte und mußte Gewißheit haben, er hatte der Geliebten geſagt, daß er nicht ruhen werde, bis ſeine glühende Liebe Er⸗ widerung finde, er wollte ihr zeigen, daß jene Worte ihm aus tiefſtem Herzen gekommen waren. Bald nach dem Frühſtück ſchickte er den Kellner mit ſeiner Karte zu der Engländerin, Miß Cleveland ließ erwidern, ſein Beſuch werde ihr ſehr angenehm ſein. Sein Herz pochte ſtürmiſch, und der Druck der auf ihm lag, beengte ihm den Athem, als er in das Zimmer trat, aber der erſte Blick auf das treuherzige, ſeelenvolle Antlitz der Dame ließ ſeine Beſorgniſſe, wie Nebel vor dem Sonnenlicht zerrinnen. Miß Cleveland kam ihm entgegen und bot ihm mit freund⸗ lichem Lächeln die Hand. „Seien Sie mir herzlich willkommen,“ ſagte ſie in ihrer ge⸗ winnenden Weiſe,„ich wußte ja, daß Sie kommen würden.“ Ferdinand fühlte durch dieſen Empfang ſich freud ig überraſcht. „Sie wußten es?“ erwiderte er. Miß Cleveland ſah ihm eine Weile ſchweigend in die leuch⸗ tenden Augen, dann lud ſie durch einen Wink ihn ein, ſich in einem Seſſel niederzulaſſen. „Ja, ich wußte es, oder ſagen wir beſſer, ich ahnte es,“ ent⸗ gegnete ſie.„Wer Arabella Grimaldi liebt, der kann, wenn dieſe Liebe wahr und rein iſt, von ihr nicht wieder laſſen.“ „So hat Arabella Ihnen Mittheilungen gemacht?“ „Jawohl, Herr von Falkenberg.“- Der junge Mann athmete tief auf und eine glühende Röthe überzog ſein Antlitz. „Dann kann es ja nicht anders ſein, ſie muß mich lieben,“ ſagte er.„In dieſen Mittheilungen erblicke ich das Geſtändniß ihrer Liebe., „Miß Cleveland nickte, ein feines Lächeln umſpielte ihre Lippen. Der Baſtard. 29 „Ich glaube das auch,“ erwiderte ſie,„aber Arabella iſt eine jener ſtarken, energiſchen Naturen, die niemals von Gefühlen ſich überwältigen laſſen, die das Herz dem Verſtande unterordnen und nur den letzteren zu Rathe ziehen.“ „Und glauben Sie, daß in ſolchem Kampfe ſtets der Ver⸗ ſtand Sieger bleiben wird?, „Die Bedenken, welche Signora Arabella geltend macht, ſind, Sie können das nicht leugnen, begründet, ſie laſſen ſich ſo leicht nicht beſeitigen. Arabella iſt erſt ſeit geſtern mit mir befreundet, die gemeinſame Bewunderung der Dichtungen Byron's und die Erinnerung an den Gefangenen von Chillon führten uns zu⸗ ſammen.“ „Ich ſegne dieſe Erinnerung,“ ſagte Ferdinand leiſe. „Arabella mochte wohl in meinen erſten Fragen nur Neugier erblicken, aber es gelang mir doch, ihr Vertrauen zu gewinnen, ſie ließ mich in die Tiefen ihres Herzens hinabſchauen, und jetzt liegt ihre ganze Vergangenheit vor meinen Augen.“ „Und ſagte ſie Ihnen nicht, daß ſie meine Liebe erwidere? „Nein, aber ſie ſagte mir, es ſei ein ſchöner Traum gewe⸗ ſen, an den ſie nicht mehr zurückdenken dürfe und wolle, da ſeine Verwirklichung nicht in der Möglichkeit liege. Sie kennen ja die Schranken, die zwiſchen Ihnen und ihr liegen, ich kann und will darüber nicht urtheilen, denn wenn ich auch die deutſche Sprache rede, ſo ſind die Verhältniſſe der deutſchen Geſellſchaft mir doch fremd.“ „Dieſe Schranken ſind gefallen,“ ſagte Ferdinand raſch. Miß Cleveland blickte ihn forſchend an. „Gefallen?“ erwiderte ſie zweifelnd.„Wie ſoll ich das ver⸗ ſtehen?“ „Ich bin aus dem Offiziercorps ausgetreten.“ „In der That? Dieſes Opfer hätten Sie gebracht?“ „Iſt eine Arabella Grimaldi nicht der größten Opfer würdig?“ „Sie haben Recht,“ nickte die Engländerin, und ein freudiges Lächeln glitt über ihre Züge, wäre ich ein Mann, ich würde das Leben einſetzen, um ſie zu gewinnen. Aber es fragt ſich, ob Arabella dieſes große Opfer annehmen wird!“ „Es wäre grauſam, wenn ſie es nicht thäte.“ „Und Ihre Familie?“ Ul vo ſel ſind, leicht indet, d die eugier innen. jetzt te gewe⸗ ſeine en ja nund utſche ſchaft ver⸗ dig“ udiges würde ch, ob — 451— „Kann Arabella wirklich fürchten, daß die Wahl zwiſchen ihr und meiner Familie mir ſchwer fallen würde?“ erwiderte Ferdi⸗ nand ruhig„Ich bin ſelbſtſtändig und von meiner Familie völlig unabhängig, und wenn dieſe Familie wirklich uns aus⸗ ſtoßen wollte, was ich nimmermehr glaube, ſind wir uns nicht ſelbſt genug?“ „Gewiß— und dennoch Herr von Falkenberg dürfen Sie über dieſe Bedenken nicht ſo leicht hinweg zehen. Spaltungen in der Fanilie haben ſtets Unannehmlichkeiten im Geſolge, und ich kan es der jungen Dame niht verdenken, wenn ſie alle Folgen eines ſolchen entſcheidenden Schrittes ernſtlich prüft und erwäßt.“ „Miß Cleveland, wenn der Mann, der Sie liebt, Ihnen be⸗ wieſen hat, daß er bereit iſt, auch die ſchwerſten Opfer für Sie zu bringen, würden Sie auch dann noch das Herz dem Verſtande unterordnen und Bedenken hegen—“ „Nein, Herr von Falkenberg,“ unterbrach die Engländerin ihn raſch,„aber ich ſagte Ihnen ja ſchon, daß ich über deutſche Verhältniſſe nicht urtheilen könne.“ „Unſere Verhältniſſe ſind nicht ſchroffer, wie drüben in Iyrer Heimath, auch dort ſind die Stände getrennt, auch dort ſtehen Adel und Bürgerthum ſich, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, feindlich gegenüber. Ich möchte Sie bitten, Miß Cleveland, ein freundliches Wort für mich einzulegen, und die thörichten Be⸗ denken Arabellas zu beſeitigen.“ „Was ich vermag, will ich gerne thun.“ „Und der unvergeßliche Dank glücklichen Herzen wird Ihnen dafür lohnen.!“ „Und nun beantworten Sie mir offen eine Frage,“ ſagte Miß Cleveland, und wieder ruhte ihr Blick forſchend auf dem Antlitz des jungen Mannes,„haben Sie ernſtlich ſich geprüft und hegen Sie die felſenfeſte Ueberzeugung, daß Sie niemals, was auch kommen mag, dieſen Shritt bereuen werden? Die Folgen einer ſolchen Reue wären ſchrecklich, nicht für Sie allein, ſondern auch für Ihre Gattin, die ihr te Lebensglück von Ihnen erwartet und fordert.“ „Miß Cleveland, ich bin Edelmann, und eine ſolche Reue würde ich mit meiner Ehre nicht vereinbar halten,“ erwiderte — 452— Ferdinand in entſchiedenem Tone.„Ich habe nie etwas unter⸗ nommen ohne daß ich vorher alle möglichen Folgen bedacht hätte. Und von dieſem nüchternen Standpunkte abgeſehen, wurzelt auch die Liebe zu Arabella ſo tief und feſt in meinem Herzen, daß ſie niemals verdorren kann. Ich meine, darin müſſe die erſte Bürg⸗ „Wohl, ich will Ihnen glauben. Arabella hat wohl keine Ahnung davon, daß ſie hier Ihnen begegnen könne?“ Ich glaube— nein!“ Dann muß ſie auf dieſe Begegnung vorbereitet werden,“ ſagte Miß Cleveland in beſorgtem Tone,„wollen Sie mir das „Ich bitte Sie ſogar darum.“ „Und wer hat Ihnen geſagt, daß ich mit Arabella befreun⸗ „Ich erfuhr es durch den Kellner,“ Die alte Dame lächelte bedeutſam, es konnte ſie nicht be⸗ fremden, daß Herr von Falkenberg Erkundigungen eingezogen hatte. „Wann ſind Sie angekommen?“ fragte ſie. „Geſtern Abend.“ Arabella war geſtern Abend bei mir.“ Der Kellner ſagte es mir, daraus zog ich den Schluß, daß ſie mit Ihnen befreundet ſein müſſe, und dieſe Schlußfolgerung ermuthigte mich, Sie um Ihr Wohlwollen zu bitten!“ Miß Cleveland nickte wohlwollend und blickte ſinnend vor ſich hin. „Kennen Sie die Mutter Arabellas?“ nahm ſie nach einer Pauſe wieder das Wort.„Ich glaube, wir dürfen auf ihren Beiſtand nicht zählen, die alte Dame ſcheint menſchenſcheu zu ſein.“ „Ich kenne ſie nur von Anſehen, aber auch ich glaube, wir werden wohl thun, ſie nicht in das Geheimniß einzuweihen. Wenn Arabella mir ihr Jawort gegeben hat, ſo mag ſie ſelbſt beſtimmen, wie ich mich ihrer Mutter gegenüber verhalten ſoll, ich füge mich in dieſer Beziehung jedem ihrer Wünſche.“ „So wird es am Beſten ſein. Arabella wollte heute Vor⸗ mittag mich beſuchen, und wir hatten vor, nach Tiſch zum Schloß Chillon zu fahren. Dort könnten wir, wenn die Antwort, die der Säng ſehr ſt zun ſich zu zogen „daß etung d vor einer ihren ſein.“ eihen. ſelbſt ich von Arabella erhalten werde, Ihnen günſtig lautet, mit Ihnen zuſammentreffen. Speiſen Sie heute in einem anderen Hotel, ich laſſe, ehe wir abfahren, eine Nachricht für Sie zurück, damit Sie wiſſen, ob Sie kommen dürfen oder nicht.“ „Und wenn die Antwort Arabella's mir nicht günſtig lautet?“ „Dann warten wir bis morgen und wenn es ſein muß, bis übermorgen!“ Ferdinand wollte eben eine Erwiderung geben, als draußen im Korridor Stimmen laut wurden, die ſofort ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit feſſelten. Er hatte die Stimme Arabella's zu oft gehört, um ihren ſüßen Klang vergeſſen zu können er erkannte ſie augenblicklich wieder, nund auch die andere kannte er, die ihr antwortete, es war die Stimme Bruno's. Von einer bangen Ahnung ergriffen, erhob er ſich, in dem⸗ ſelben Augenblick wurde die Thür haſtig geöffnet und mit zorn⸗ glühendem Antlitz erſchien Arabella auf der Schwelle. „Miß Cleveland ſchützen Sie mich vor einem Manne, der ſo ehrlos iſt, eine wehrloſe Dame ohne jeglichen Grund zu inſul⸗ tiren, bat ſie, aber im nächſten Moment fiel ihr Blick auf Ferdinand, und das Wort erſtarb ihr auf den Lippen. Ferdinand von Falkenberg war raſch näher getreten. „Signora, geſtatten Sie mir, daß ich Ihnen meinen Schutz anbiete,“ ſagte er mit zitternder Stimme, während ſein flammen⸗ der Blick den Beleidiger ſuchte, der hohnlachend hinter der Sängerin ſtand. „Gib Dir weiter keine Mühe,“ ſpottete Bruno, der etwas ſehr ſtark gefrühſtückt zu haben ſchien,„ich trete ſie Dir ab, zum Ritter für ſolche Damen tauge ich nicht.“ Der Zorn übermannte Ferdinand, es war ihm nicht möglich, ſich zu mäßigen. „Das kann nur ein ehrloſer Feigling ſagen!“ rief er.„Man kann Baron und daneben trotzdem ein Mann ohne Ehre und Charakter ſein!“ Wirklich?“ höhnte Bruno.„Pah— So viel Worte einer Sängerin wegen? Ich verzichte auf die Komödiantin!“ Ferdinand machte eine Bewegung, als ob er ſich auf ihn — — — 454— ſtürzen wolle, der Baron ſah es nicht, eine Oper narie trällernd ſchritt er von dannen, er hatte nach ſeiner Anſicht die Ehre des Edelmannes gerettet. Die Wangen Arabella's waren bleich geworden, ſtunm und ſtarr, noch immer vor Erregung zitternd blickte ſie den jungen Herrn an, und Miß Cleveland beobochtete die Beiden mit fieber⸗ hafter Spannung. „Auch Sie ſind hier?“ fragte ſie und ihr Blick ſtreifte jetzt die Engländerin.„Sie hier in dieſem Zimmer? Ah, nun wird mir Alles klar, Miß Cleveland, Sie waren die Vermittlerin,— ich möchte nicht gerne ein härteres Wort gebrauchen, Sie gaben ſich zu dieſer Rolle her, und Herr von Falkenberg—“ „Signora, hören Sie mich!“ fiel Ferdinand ihr erregt Wort.„Sie müſſen mich hören, ein Mißverſtändniß verleitet Sie, eine Dame zu beleidigen, die—“ „Ich muß hören?“ erwiderte Arabella, den ſchönen Kopf trotzig erhebend.„Wer will und kann mich dazu zwingen? Ich glaube, Niemand! Die Antwort, die ich bei unſerer erſten Be⸗ gegnung Ihnen gegeben habe, war maßgebend für alle Zciten, eine andere werden Sie niemals von mir erhalten, und ich be⸗ daure nur, daß Sie zu ſolchen Mitteln Ihre Zuflucht genommen haben, in dem Wahne, dadurch Ihr Ziel erreichen zu können.“ Ehe Ferdinand eine Antwort darauf geben konnte, hatte ſie das Zimmer verlaſſen. „Jetzt iſt Alles verloren,“ ſagte der junge Monn verwirrt. „Es ſchmerzt mich tief, Miß Cleveland, daß Arabella Ihnen dieſen Vorwurf gemacht hat—“ „Sie wird ihn zurücknehmen und Ihren Irrthum einſehen, ſobald es ruhig in ihr geworden iſt und ich mit ihr geredet habe, erwiderte die Engländerin ruhig,„ich nehme dieſes Miß⸗ verſtändniß nicht übel. War der Herr, der ſie inſultirte, der⸗ ſelbe Baron von Oſthofen, der ihr in jenem Konzert die De⸗ müthigung bereitete?“ Die Erinnerung an Bruno weckte wieder den Zorn in der Seele des jungen Mannes, er zog die Brauen finſter zuſammen. „Derſelbe!“ antwortete er. „Und was mag ihn veranlaßt haben, Arabela auch hier zu beleidigen?“ — vetſ und ſr ſagt wär verl ſult dieſ klär nen Herz ſeine trotz denſ 6 und ihr eige ſpät ſucht llei Bett reite ein ſitt 455 Ich weiß es nicht. Er haßt ſie, weil ſie jeden Annäherungs⸗ verſuch zurückgewieſen hat.“ „Sie ſind mit ihm gekommen?“ unen„Nein Er war ſchon hier, ich begegnete ihm geſtern Abend, ſieber, und ich muß annehmen, daß er mich beſuchen wollte und bei die⸗ 3 ſer Gelegenheit mit Arabella zuſammentraf.“ ejet„Ein nochmaliges Zuſammentreffen muß vermieden werden,“ nird ſagte Miß Cleveland lebhaft,„jetzt laſſen Sie mich ſorgen. Es — ———— wäre das Beſte, wenn Sie das Hotel noch in dieſer Stunde Uhen verlaſſen wollten, das würde Arabella vorab beruhigen, das Re⸗ ſultat meiner Unterredung mit ihr ſollen Sie erfahren, ſobald dieſe Unterredung ſtattgefunden hat.“ egt Ferdinand konnte gegen dieſen Rath nichts einwenden, er er⸗ erlettet 6 r. g klärte bereitwillig ſich allen Anordnungen der ſo raſch gewonne⸗ k. v. B nen Freundin fügen zu wollen und verließ endlich mit ſchwerem Herzen das Zimmer, der letzten Hoffnung heraubt, die er bei 3 S ſeiner Ankunft in Vevey noch gehegt hatte. 4 Miß Cleveland war entſchloſſen, ihr Verſprechen zu erfüllen, trotz der Beleidigung, die Arabella in dem Aufwallen der Lei⸗ S denſchaften ihr zugefügt hatte. Sie wollte ruhig und leidenſchaftslos mit Arabella reden, en. 6 und da ſie wohl annehmen durfte, daß das Mädchen nicht zu ihr kommen würde, ſo mußte ſie ſich bequemen, Arabella in ihrer eigenen Wohnung aufzuſuchen. auun. Ohne ſich vorher anmelden zu laſſen, trat ſie eine Stunde dſen ſpäter in das Zimmer der Signora Grimaldi, aber vergeblich ſuchte hier ihr Blick das ſchöne Mädchen; die alte Frau war nſchen, 1 allein, und die vielen Garderobeſtücke, die auf den Stühlen und geredet 7 Betten lagen, ließen vermuthen, daß die Abreiſe bereits vorbe⸗ Viß⸗ reitet wurde. e der⸗„Ich ſuche Signora Arabella,“ ſagte Miß Cleveland mit ie De⸗ einem forſchenden Blick auf die alte Frau, deren häßliches Ge⸗ ſict ihr nie ſo ſchlecht gefallen hatte, wie in dieſem Augenblick. in det„Arabella?“ erwiderte Signora Grimaldi mit bitterem Spott. mmen. „Sie iſt abgereiſt.“ „So raſch?“ fragte die Engländerin beſtürzt. Vor eiuer Stunde war ſie noch bei mir.“ „Den Grund werden Sie ja kennen.“ — 456 „Ich glaube ihn zu errathen. Ich hatte keine Ahnung davon, daß ſie einen ſo raſchen Entſchluß faſſen würde, Sie hätte war⸗ ten ſollen—“ „Worauf?“ unterbrach Signora Grimaldi ſie ſcharf.„Dieſe adeligen Herren glauben ſich Alles herausnehmen zu dürfen, es war genug an der rohen Beleidigung—“ „Signora, die Sache beruht auf einem Mißverſtändniß, ich bin hierher gekommen, um es aufzuklären.“ „Geben Sie ſich keine Mühe Arabella kann auch Gott bit⸗ ten, daß er ſie vor ihren Freunden beſchützen möge, ich denke, Sie werden mich verſtehen.“ Miß Cleveland zuckte die Achſeln, jetzt erkannte ſie, auf wel cher niedrigen Bildungsſtufe dieſe Frau ſtand, aber zugleich wart es ihr auch klar, daß ſie mit dieſer Frau nicht ſtreiten konnte. „Wohin iſt Signora Arabella gereiſt?“ fragte ſie. „Glauben Sie daß ich Ihnen das ſagen werde?“ ſpottete die alte Frau. „Aber Sie werden ihr doch folgen?“ „Natürlich.“ „Und wahrſcheinlich haben Sie nicht einmal eine Ahnung davon, welchen Dienſt Sie Ihrer Tochter erzeigen, wenn Sie mir ſagen, wohin ich einen Brief an ſie adreſſiren darf“ „Habe ich keine Ahnung davon, ſo verlangt mich auch nicht danach, es zu erfahren!“ „Sie würden nicht ſo reden, wenn Sie die Liebe einer Mutter—“ „Miß Cleveland, mit ſolchen Redensarten werden Sie mich nicht überzeugen,“ ſagte Signora Grimaldt in barſchem Tour „Ich habe in meinem bewegten Leben Erfahrungen genug ge⸗ macht, ich möchte ſie wohl nicht gerne an meiner eigenen Toche ter machen. Den Leichtſinn und die Charakterloſigkeit der vor⸗ nehmen Herren kenne ich, ſie vergeſſen morgen ſchon, was ſie heute verſprochen haben, und ein argloſes Mädchen zu bethören und zu betrügen können ſie mit ihrem Gemiſſen wohl verein⸗ baren. Arabella hat Recht, wenn ſie ſolchen Herren aus dem Wege geht, und Ihnen nehme ich es ſehr übel, daß Sie—“ „Keine falſchen Vermuthungen, wenn ich bitten darf!“ fiel Mitz Cleveland ihr entrüſtet in die Rede. — G0 ½ Uicht fj⸗ ——— — 457 „Herr von Falkenberg iſt geſtern Abend angekommen, ich ſah ihn heute Morgen zum erſten Male, und in dieſer Unter— redung mit ihm gewann ich die Ueberzeugung, daß ſeine Geſin⸗ nungen und Abſichten durchaus ehrenwerth und über jeden Zwei⸗ fel erhaben ſind. Und dieſe Erkenntniß hat ihm meine Freund ſchaft erworben.“ „Arabella denkt darüber anders.“ Ueber ſeine Geſinnungen nicht. Sie fürchtet nur die Vor⸗ urtheile ſeines Standes! Herr von Falkenberg iſt aus dem Offi⸗ ziercrps ausgetreten, dieſes Opfer hat er ihr ſchon gebracht dies mußte auch Sie von dem Ernſt ſeiner Geſinnungen über zeugen.“ „Mich?“ erwiderte Signora Grimaldi unfreundlich.„Was habe ich damit zu ſchaffen? Arabella will ſich allein der Kunſt „Wollen Sie ihr mittheilen, was ich Ihnen geſagt hab „Das kann ich nicht verſprechen.“ „Trotzdem Sie wiſſen, daß das Glück Ihres Kindes davon abhängt?“ Die Richtigkeit dieſer Behauptung will mir nicht einleuchtenn.“ „Vielleicht geſtattet der Egoismus es Ihnen nicht,“ ſagte Miß Cleveland ſarkaſtiſch.„Wollen Sie einen Brief an Ara⸗ bella mitnehmen?“ „Bedaure dieſe Bitte muß ich ablehnen.“ „Oder wollen Sie mir verſprechen, mir in den nächſten Ta⸗ gen mitzutheilen, wohin ich einen Brief adreſſiren kann?“. „Miß Cleveland, Ihre Mühe iſt vergeblich,“ ſagte Signora Grimaldi ungeduldig,„Arabella iſt wegen Ihres Schützlings ab⸗ gereiſt, ſie wünſcht, nicht mehr an ihn erinnert zu werden, und ich kann dieſen Wunſch nur begründet finden. Sie ſehen, ich bin beſchäftigt, ich möchte meiner Tochter gerne ſo bald wie mög⸗ lich folgen.“ Das war deutlich geſprochen, die Engländerin mußte die Unterredung abbrechen, zumal ſie ja jetzt nicht mehr bezweifeln konnte, daß ſie ihren Zweck nicht erreichen würde. Draußen im Korridor begegnete ihr Ferninand von Fulten⸗ berg, er hatte ſie offenbar erwartet, um das Reſultat ihrer Be⸗ mühungen zu erfahren. — Sind Sie ſchon ausgezogen?“ fragte Miß Cleveland leiſe. „Noch nicht, ich wollte damit warten—“ „Nun, dann können Sie in dieſem Hotel bleiben.“ „Arabella will meinen Worten glauben?“ fragte Ferdinand freudig erregt. „Arabella iſt ſofort abgereiſt,“ erwiderte die Engländerin ernſt,„und mit Ihrer Mutter läßt ſich nicht reden, die Frau hat keine Bildung.“ Finſtere Schatten umwölkten das Geſicht des jungen Mannes,* er hatte ſich ſeinem Ziele ſo nahe geglaubt, nun war es wieder in weite Ferne gerückt. „Ich muß erfahren, wohin ſie ſich gewandt hat,“ ſagte er. „Ich fürchte, daß Ihnen dies ſchwer fallen wird. Eiſenbahn, Eilwagen und Dampfboote befördern von hier aus die Paſſa⸗ giere nach allen Richtungen, nach Lauſanne, nach Genf, Rex, Sit'en, Freiburg, Bern und Montbovon, in welcher Richtung wollen Sie die Entflohene verfolgen? Die Mutter wird ihr frei⸗ lich folgen, und es wäre vielleicht möglich zu erfahren, wohin ſie fährt, aber ich vermuthe, dieſe alte, ſchlaue Frau wird nicht direct, ſondern auf einem Umwege ihre Tochter zu erreichen ſuchen, um uns irre zu führen.“ „Trotzdem werde ich erfahren, wo ich Arabella finde!“ „Verſuchen Sie es, Herr von Falkenberg, wenn ich Sie da⸗ bei unterſtützen kann, ſo ſoll es mit Vergnügen geſchehen.“ Ferdinand blickte in Gedanken verſunken der Engländerin nach, dann wandte er ſich um, und die Laſt die auf ſeinem Her⸗ zen ruhte, war noch ſchwerer geworden. 20. Kapitel. Jalſche Freunde. 6 Ferdinand von Falkenberg war nach ſeiner Unterredung mit Miß Cleveland kaum in ſein Zimmer zurückgekehri, als der Kellner den Chevalier von Marmont anmeldete. Ferdinand hatte 7 3 9 nit 3 der — 459— dieſen Namen nie zuvor gehört, und er erinnerte ſich auch nicht, jemals den ſtattlichen Herrn geſehen zu haben, der jetzt mit der Höflichkeit und Lebhaftigkeit eines Franzoſen eintrat. „Ich bitte tauſendmal um Entſchuldigung,“ ſagte der Che⸗ valier mit einer nochmaligen Verbeugung,„die Angelegenheit, die mich zu Ihnen iführt, betrifft eine Ehrenſache. Ich komme im Namen und Auftrage des Herrn Baron von Oſthofen.“ Ferdinand hatte in der gewaltigen Aufregung die beleidigen⸗ den Worte ſchon vergeſſen, jetzt wurde er an ſie erinnert, aber zugleich mit der Erinnerung exwachte in ſeiner Seele auch ein glühender Haß gegen Bruno. „Der Herr Baron iſt hier fremd,“ fuhr der Chevalier fort, „er wandte ſich an mich mit der Bitte, die Vermittlung zu über⸗ nehmen, und von einem Edelmann darf der Edelmann die Er⸗ füllung einer ſolchen Bitte ſtets erwarten.“ „Auch ich bin hier fremd, Herr Chevalier!“ „Ich weiß es, und wenn Sie nur wünſchen, werde ich mei⸗ nen Freund, den Vicomte von la Grange fragen, ob er Ihnen als Zeuge zur Seite ſtehen will.“ „Sit würden mich dadurch zu großem Dank verpflichten.“ „So wäre das alſo abgemacht! Würden Sie ſich dazu ver⸗ ſtehen, die beleidigenden Worte zurückzunehmen—“ „Jene Worte, Herr Chevalier, ſtützten ſich auf die That⸗ ſachen, die der Herr Baron nicht leugnen wird. Er inſultirte ohne Grund eine mir befreundete Dame—“ „Wie er mir ſagte, eine Komödiantin“ ſagte der Chevalier achſelzuckend. Ferdinand fühlte, daß ihm das Blut in die Wangen ſtieg. „Sie kennen dieſe Dame nicht,“ erwiderte er, und ſeine Stimme klang ſchärfer, wie er es vielleicht beabſichtigte,„wenn der Herr Baron ſie eine Komödiantin zu nennen beliebt, ſo weiß er ſelbſt ſehr wohl, daß er ſich einer Unwahrheit ſchuldig macht.“ „Ich kann darüber allerdings nicht urtheilen.“ „Und ich glaube, es thut nichts zur Sache. Die Dame iſt mit mir befreundet, ſie ſteht unter meinem Schutze, und ich bin ent⸗ ſchloſſen, ihre Ehre zu vertheidigen. Eine wehrloſe Dame zu in⸗ ſultiren, iſt eine Ehrloſigkeit, die nicht ſcharf genug genommen werden kann. Ich glaube, Sie werden mir darin beipflichten, Herr 460 Chevalier, die franzöſiſche Nation iſt ja berühmt wegen ihrer Courtoiſie“ Der Chavalier verbeugte ſich geſchmeichelt. „Der Herr Baron fordert Genngthuung, ſei es in der einen oder in der anderen Weiſe, ſagte er. „Sie würden in ſeinem Falle dieſelbe Forderung ſtellen.“ Gewiß.“ „Der Herr Baron überläßt Ihnen die Wahl der Waffen.“ Piſtolen!“ ſagte Ferdinand lakoniſch. „Wollen Sie nicht auch die Diſtancen beſtimmen.?“ „Ich überlaſſe es Ihnen und meinem Secundanten, alles Wei⸗ tere zu ordnen. Freilich m ßte ich Sie bitten den Secundanten für mich zu ſtellen, da ich, wie geſagt hier unbekannt bin ich lege dieſe Sorge vertrauensvoll in Ihre Hände.“ „Ich danke Ihnen für dieſes Vertrauen und werde mich be mühen es zu verdienen. Nur muß ich, wenn Sie uns alles über laſſen, Sie darauf aufmerkſam machen, daß wir nach unſern fran zöſiſchen Duellgeſetzen die Angelegenheit ordnen werden.“ „Ich bin damit einverſtanden.“ Sehr angenem ſo werde ich heute Abend Sie von unſerer Ue bereinkunft benachrichtigen“ ſagte der Chevalier, ſich erhebend ich hoffe, daß Sie mit mir zufrieden ſein werden.“ Ferdinand von Falkenberg war wieder allein, ein bitterer Zug umſpielte ſeine Lippen. Was hatte er denn dem Baron geſagt? Die Wahrheit weiter nichts. Und nun ſollte er dafür ſein Leben einſetzen? Die Geſetze der Ehre verlangen es, es waren lächerliche Geſetze, und doch durfte Niemand ſich von ihnen losſagen, wenn er nicht in allen Kreiſen ſeines Standes ſich unmöglich machen wollte.“ Mochte es drum ſein, er hatte die Ehre der Geliebten ver⸗ theidigt, und den Vorwurf der Feigheit wollte er nicht auf ſich laden. Und wenn er ſein Leben hingeben mußte, was lag weiter daran! Der Blick in die Zukunft war ja doch ein trüber, und die Hoffnung, daß ein Sonnenblick jemals die Wolken wieder ver⸗ ſcheuchen werde, lag in weiter, weiter Ferne. Ja, mochte es drum ſein, vielleicht erführ ſie dann doch, daß er ſein Leben für ihre Ehre hingegeben hatte, und in dieſem Ge⸗ danken lag für ihn doch ein Troſt, der ihn die Todesgefahr ver⸗ geſſen ließ. Er verließ das Hotel und wanderte zum Bahnhof, und als er in den Warteſaal trat, fiel ſein erſter Blick auf die Mutter Ara⸗ bellas, die in Schweiß gebadet, auf dem rothſammtnen Divan ſaß. Raſch entſchloſſen winkte Ferdinand dem Portier. „Sehen Sie die Dame dort?“ fragte er, während er durch eine Thürſpalte auf Signora Grimaldi deutete. „Die alte Dame mit dem gelben Geſicht? Jawohl!“ „Sie erhalten zwanzig Francs, wenn Sie mir berichten, wo⸗ hin die Dame reiſt.“ Der Portier ſah ihn zweifelend an, er ſchien im erſten Au⸗ genblick an die Wahrheit dieſes Verſprechens nicht zu glauben. „Heute Vormittag, etwa vor zwei Stunden iſt die Tochter die⸗ ſer Frau, eine junge, ſchlanke, ſehr ſchöne Dame in eleganter aber einfacher Toilette ebenfalls abgereiſt, ich gebe Ihnen vierzig Francs wenn Sie erforſchen—“ „ Ah, jetzt verſtehe ich! Folgt die Dame ihrer Tochter?“ „Jawohl, aber es wäre möglich, daß ſie einen Umweg machte, um das Reiſeziel der Tochter nicht zu verrathen“ „Der Portier nickte und dachte eine Weile nach, dann ging er in den Warteſaal. Aber ſchon in der nächſten Secunde kehrte er wieder um, „Können Sie mir den Namen der Dame nennen?“ fragte er. „Weshalb wünſchen Sie ihn zu wiſſen?“ „Weil es mir denn leichter wird, ihr eine Falle zu ſtellen.“ „Huten ſie ſich, die Dame iſt außerordentlich vorſichtig und ſchlau.“ „Seien ſie ohne Sorgen, ich habe meinen Plan ſchon gemacht.“ „Die Dame iſt Signora Grimaldi.“ „Gut erwarten Sie mich hier.“ Ferdinand ſtudirte, um ſeine Unruhe zu bemeiſtern, die Fahr⸗ pläne bis der Portier zarückkehrte. „Die alte Dame reis't nach Lauſanne; flüſterte der Letztere.“ „Und ihre Tochter?“* „Sie iſt bereits dort.“ „Können Sie das mit voller Sicherheit behaupten?“ „Ja ich kann es, Signora Grimaldi hat ſelbſt es mir geſagt, und ich darf überzeugt ſein, daß ſie die Wahrheit ſprach. Ich ſagte ihr, eine junge ſchöne Dame habe mich beauftragt, die Signora Grimaldi zu benachrichtigen, es bleibe bei der Abſprache, ſie werde nach Genf reiſen. Darüber war ſie ganz beſtürzt, ſie fragte mich, ob ich mich nicht vechört habe die junge Dame wolle nach Lau⸗ ge ſaune, nicht nach Genf, ſo laute die Abſprache.“ in „Und darauf gaben Sie zu, ſich verhört zu haben?“*ſh „Natürlich!“ Ferdinand gab dem Portier das verſprochene Goldſtück und verließ den Bahnhof. Es war allerdings ſehr fraglich, ob Arabella in Lauſanne blieb die Möglichkeit lag ſehr nahe, daß ſie von dort aus ihre Reiſe fortſetzte aber man hatte doch jetzt eine Spur, die man verfolgen öu konnte. 5 Den Reſt des Tages verbrachte Ferdinand damit, einen Spa⸗ Seni ziergang zu machen und einige Briefe zu ſchreiben, in denen er gehlih von ſeinen Verwandten und Freunden Abſchied nahm. Er ſchrieb S auch an Willy Rodenberg, dem er das Vorgefallene ausführlich Ihnen mittheilte, er bat ihn, Arabella zu unterrichten und ihr den Brief nun bi den er für ſie beilegte zu überſenden. kannt In dieſem Briefe ſetzte er Arabella zur Univerſalerbin ſeines„S Vermögens ein, er bat ſie, dieſes Teſtament als den letzten Beweis. verſtan ſeiner Liebe zu betrachten, als den einzigen Beweis, den er ihr„U geben durfte, und er ſprach dabei die zuverſichtliche Hoffnung aus,„Ze daß ſie durch die Erfüllung ſeines letzten Wunſches ſein Andenken„G ehren werde. Es war ihm doch ſchwer um's Herz, als er dieſen Brief ſchrieb, aber er verbannte die trüben Gedanken, und wollte ſeinem Geg⸗„A ner als Mann gegenüber ſtehen. 1 uns A Er war eben mit dieſer Beſchäftigung fertig geworden, als 3 Kirzeſe der Chevalier von Warmont ſich anmelden ließ. Ihre n Mit heiterer Stirne trat Ferdinand ihm entgegen, er hatte het ji jetzt mit allem abgeſchloſſen. 1 „Iſt die Angelegenheit ſo weit geordnet?“ fragte er ruhig. minde Augenl ron Un als ſo „Ja, allerdings,“ erwiederte der Chevalier, während er ſich binnd in den Seſſel niederließ, den Ferdinand ihm hin geſchoben hatte. Der Baron von Oſthofen, mit dem ich ſoeben zuſammentraf, ſagte ſuttjn mir, er wolle ans Rückſichten auf Ihre und auf ſeine Familie ſich „T hier ſei als te ig. ſich te. gte ſich S — mit der Zurücknahme der beleidigenden Worte und der Bitte um Entſchuldigung begnügen, vorausgeſetzt, daß dies im Beiſein der Secundanten geſchehe.“ „Und ſind ſie nur einen Augenblick darüber im Zweifel, was ich darauf erwidern werde?“ fragte Ferdinand.„Seltſam, daß der Baron erſt jetzt an die Rückſichten denkt, die er ſeiner Fami⸗ lie ſchuldet; er hätte ſich ihrer erinnern ſollen, als er ſeine eigene Ehre in den Koth trat Und Rückſichten auf meine Familie ver⸗ lange ich von ihm nicht. Nein, Herr Chevalier, was ich in jenem Augenblick ihm geſagt habe, das wiederhole ich. Man kann Ba⸗ ron und trotzdem ein Menſch ohne Ehre und Character ſein, und als ſolcher hat Baron von Oſthofen ſich benommen Es giebt keine Entſchuldigung für ihn!“ „Ich habe meine Pflicht gethan,“ ſagte der Chevalier,„meine Bemühungen, eine Verſöhnung anzubahnen, ſind leider erfolglos geblieben.“ „Sie haben mehr als das gethan,“ Herr Chavalier, ich ſpreche Ihnen mit meinem Dank auch meine volle Anerkennung aus. Und nun bitte ich Sie, mich mit den gereinbartem Bedingungen be⸗ kannt zu machen.“ „Sie wünſchen als Waffe Piſtolen, damit iſt der Boron ein verſtanden.“ „Und die Diſtancen.?“ „Zehn Schritte, mit drei Schritte vorrücken.“ „Gut, ich habe nichts dagegen. Wer hat den erſten Schuß?“ Sie „Ich? Baron von Oſthofen iſt der Beleidigte.“ „Aber Sie ſind der Geforderte! Wir haben über dieſe Frage uns Anfangs auch nicht einigen können und es deshalb für das Kürzeſte gehalten, das Loos entſcheiden zu laſſen, wobei wir natürlich Ihre nachträgliche Genehmigung vorausfetzen mußten. Das Loos hat für Sie entſchieden.“ „Nun, wenn der Baron von Oſthofen dagegen nichts einzu⸗ wenden findet, ſo bin ich damit einverſtanden,“ erwiberte Fer⸗ dinand „Das Duell ſoll morgen früh in einem Gebüſch in der Nähe ſtattfinden, der Vicomte von la Grange wird gegen ſechs Uhr hier ſein.“ — Ich bin dem Herrn Vicomte ſehr dankbar!“ „Für die Waffen und den Arzt werde ich Sorge tragen Sie lerel Li werden Alles in beſter Ordnung finden. Und nun ſage ich Ihnen gute Nacht.“ Der Chevalier war von ſeinem Sitz aufgeſtanden, Ferdinand von Falkenberg drückte ihm die Hand und begleitete ihn bis zur 1 ſ Thür, dann ſchellte er dem Kellner, der in der nächſten Minute. erſchien. nuh „Bitte, fragen Sie Miß Cleveland, ob ſie mir die Ehre einer nct kurzen Unterredung ſchenken wolle,“ wandte Ferdinand ſich zu ſ 3 3 ihm,„ſollte ſie die Bitte ablehnen, ſo ſagen Sie der Dame, ich wünſche die Unterredung in einer dringenden Angelegenheit.“ gepro Miß Cleveland bewilligte die Bitte ohne zögern, und gleich darauf ſaß der junge Mann ihr gegenüber. ſehel, „Sie waren Zeugin des Auftritts, der heute Morgen zwiſchen 6 mir und meinem einſtigen Freunde ſtattfand,“ nahm Ferdinand ub ſt das Wort,„ich darf wohl die Ueberzeugung hegen, daß in Eng⸗ ſ zu mu land ein ſolcher Auftritt dieſelben Folgen haben wird, die er ujgeh unter deutſchen Edelleuten haben muß.“ 1 und ei „Sie erſchrecken mich,“ fiel Miß Cleveland ihm in's Wort, D und ihr Blick ruhte forſchend, voll ernſter Beſorgniß und erwar⸗ tungsvoller Spannung auf ſeinen Zügen, in denen nur eine A ruhige Entſchloſſenheit ſich ſpiegelte.„Was iſt vorgefallen?“„ „Verehrte Dame, ich bitte Sie vor allen Dingen, das, was Duell⸗ ich Ihnen ſagen werde, als unverbrüchliches Geheimniß zu be⸗ trachten, die Verhältniſſe zwingen mich, es Ihnen anzuvertrauen. Da ich nicht weiß, ob ich mich auf die Discretion und Pflicht⸗ treue Derjenigen verlaſſen kann, die allerdings ihre Freundſchaft mir angeboten haben, gleichwohl aber mir Fremde ſind und bleiben.“ „Baron von Oſthofen hat Sie gefordert?“ fragte die Eng⸗ 3 länderin beſtürzt. „Dieſe Forderung konnte nicht ausbleiben, Miß Cleveland, die Zumuthung, daß ich meine Worte zurücknehmen und um Ver⸗ zeihung bitten ſolle, beleidigte meine eigene Ehre zu ſehr, als daß ich ſie hätte erfüllen können.“ 3 „Dieſes Duell muß verhütet werden!“ ₰ „Verzeihen Sie, das iſt jetzt unmöglich geworden.“ 0 — nand zur nute „wae u be⸗ rauen. licht⸗ ſchaft und eland, Ver⸗ ks daß — 46 „Glauben Sie denn, ich werde dazu ſchweigen?“ rief Miß Cleveland erregt.„Ich werde die Polizei benachrichtigen—“ „Dadurch würden Sie meinem Gegner das Recht geben, mich der Feigheit zu beſchuldigen,“ unterbrach Ferdinand ſie in ernſtem Tone.„Baron von Oſthofen würde behaupten, ich habe Sie direct oder indirect veranlaßt, der Behörde dieſe Mittheilung zu machen, ich habe wohl den Muth, einen Menſchen zu beleidigen, nicht aber—“ „Ich ſelbſt werde mit dem Herrn Baron reden!“ „Und was wollten Sie ihm ſagen? Ich bedaure, jene Worte geſprochen zu haben? Ich glaube, Sie ſind ſelbſt zu ſehr über das Benehmen dieſes Mannes entrüſtet, als daß Sie ihm das ſagen, Ihr Bedauern ausſprechen könnten! Die Geſetze der Ehre, MWiß Cleveland, müſſen unter allen Umſtänden geachtet werden, und ſelbſt wenn es Ihnen gelänge, das Duell morgen unmöglich zu machen, ſo wäre es dadurch nur aufgeſchoben, keineswegs aber aufgehoben. Ich bitte Sie recht dringend, das zu berückſichtigen und einer unabänderlichen Sache ihren Lauf zu laſſen.“ Die alte Dame wiegte ſchmerzlich bewegt das Haupt. „Und wenn Sie nun in dieſem Buell fallen?“ fragte ſie. „Wir wollen nicht gleich das Schlimmſte annehmen.“ „Aber Sie werden mir zugeben, daß dieſer Ausgang des Tuells in der Möglichkeit liegt.“ „Gewiß, verehrte Dame!“ „Und Sie fürchten dieſen Ausgang nicht? In Ihrem Alter ſcheidet man nicht gerne aus dem Leben, und trotz der plötzlichen Flucht Arabellas dürfen Sie doch noch immer hoffen, daß ſie Ihre Gattin und ſo auch dieſer heiß erſehnte Wunſch erfüllt wird. Wer in eine ſolche Zukunft hineinblicken darf, der hängt mit allen Faſern ſeines Seins am Leben—“ „Miß Cleveland, ſolche Gedanken ziemen ſich für den Mann nicht,“ ſagte Ferdinand mit gemeſſener Ruhe,„dem Manne muß die Ehre theurer ſein, als das Leben. Und meine Ehre wäre unrettbar verloren, für alle Zeiten mit Schmach bebeckt, wollte ich dem Gegner die Genugthuung verweigern, die er nach den Geſetzen der Ehre von mir verlangen darf. Glauben Sie mir, ſelbſt Arabella würde mich nicht mehr achten können, wenn ich et Vaſtard 30 mich in dieſer Angelegenheit feige zeigte Ich habe den Buber der ſie beſchimpfte, gezüchtigt, nun muß ich auch den Folgen, dre daraus entſpringen, die Stirne bieten.“ So muß es ſein?“ fragte die Engländerin, tief aufathmend. es muß ſein, und ich bitte Sie noch einmal, der Sache ihren Gang zu laſſen. Arabella iſt in Lauſanne—“ „Wiſſen Sie das mit Beſtimmtheit?“ „Signora Grimaldi iſt dahin gereiſt und hat ſelb ihre Tochter erwarte ſie dort.“ „Ihnen hat ſie es geſagt?“ „Wäre das der Fall, ſo würde ich dieſer Behauptung keinen Glauben ſchenken. Sie hat es nie einem Andern geſagt, durch eine Liſt iſt es ihr entlockt worden.“ „So werde ich ſofort nach Lauſanne reiſen,“ ſagte Mis Cleveland lebhoft.„Arabella wird nicht dulden, daß—“ erehrte Dame, muß ich Sie nochmals an meine Worte er⸗ innern? Muß ich Ihnen nochmals ſagen, daß nichts, was Sie auch thun mögen, dieſes Duell verhindern kann? Zeigen Se Ihren ſtarken Charakter, der dem Nothwendigen, Unabänderlichen ſich fügt, ohne dennoch ſich beugen zu laſſen! Ich war hierher⸗ gekommen, um eine Bitte an Sie zu richten, darf ich ſie ausſprechen?“ „Ich errathe ſie ſchon. Sie wünſchen, daß ich Arabella Ihre letzten Grüße bringe!“ „Ja, das wünſche ich für den Fall, daß das Duell unglück⸗ lich für mich enden ſollte. Sodann möchte ich dieſe Briefe iu Ihre Hände legen und Sie bitten, dieſelben abzuſenden, ſobald Sie die Nachricht von meinem Tode erhalten haben.“ „Und wer wird dieſe Nachricht mir bringen?“ „Ich werde meinen Secundant darum bitten,“ erwiderte Ferdinand, während er mit der Hand leicht über die Augen ſtrich, als ob er die düſteren Bilder, die vor dem geiſtigen Blick auf⸗ ſtiegen, verſcheuchen wolle.„Ich habe Arabella zur Univerſal⸗ erbin meines Vermögens eingeſetzt, ich bitte Sie, ſagen Sie ihr, es ſei mein letzter Wunſch geweſen, daß ſie dieſes Geſchenk als ein Zeichen meiner Liebe annehme, ſie durfe die Erfüllung dieſes Wunſches nicht zurückweiſen“ „Und wenn ſie es nun dennoch thäte, Herr von Falkenberg?“ „Ich glaube es nicht, ſie muß ja wiſſen, daß dieſer letzte ſt geſag. Wun hine deshe Wun „ an wäre noc ſpre ſch ihn St auf — — 467— Wunſch nur einer reinen, innigen Liebe entſprungen iſt. Sie werden ihr das ja ſagen, ich glaube, Sie haben in mein Herz hineingeblickt und kein Falſch darin geſunden.“ „Nein, nein,“ erwiderte die Engländerin raſch,„und eben deshalb, weil ich dies erkannt habe, hege ich den ſehnlichen Wunſch, Arabella an Ihrer Seite glücklich zu ſehen, ſie muß ja an der Seite eines ſolchen Mannes glücklich werden.“ „Sollte ſie aber dennoch bei ihrer Weigerung beharren, ſo wäre es zweckmäßig, ihre Mutter von meinem letzten Willen in Kenntniß zu ſetzen, Signora Grimaldi wird keinesfalls auf die Erbſchaft verzichten.“ „Signora Grimaldi!“ wiederholte Miß Cleveland, die Brauen leicht zuſammenziehend.„Dieſe Frau hat in meiner Seele kein Gefühl der Zuneigung wecken können, und offen geſtanden, Herr von Falkenberg, habe ich mir die Frage vorlegen müſſen, ob Signora Grimaldi wirklich die Mutter unſerer Arabella ſein könne.“ „Und welche Antwort haben Sie auf dieſe Frage gefunden?“ fragte Ferdinand. „Eine beſtimmte und befriedigende Antwort darauf zu finden iſt begreiflicherweiſe nur dann möglich, wenn man in die Ver⸗ gangenheit dieſer beiden Daamen eingeweiht wird. Und Signora Grimaldi ſcheint keine offene Natur zu ſein.“ „Ich kenne ſie nicht und kann nicht über ſie urtheilen, ich weiß nur, daß ſie mit Argusaugen ihre ſchöne Tochter bewacht, und deshalb will ich ſie nicht tadeln.“ „Ich kann mich ja auch irren!“ nickte die Engländerin,„Ara⸗ bella hat jedenfalls eine gedieg ene Erziehung erhalten!“ „Das unterliegt keinem Zweifel. Und nun will ich Ihnen noch einmal meinen herzlichſten Dank für Ihre Freundſchaft aus⸗ ſprechen, Miß Clevel and, ich ſcheide von Ihnen mit der zuver⸗ ſichtlichen Hoffnung, daß ich Sie wiederſehen werde.“ Die alte Dame hielt ſeine Hand in der ihrigen und blickt ihm mit ernſter Wehmuth in die Augen. „Dieſe Hoffnung theile ich,“ erwiderte ſie, in den ſchweren Stunden, die nun folgen werden, wird ſie mich ermuthigen und aufrecht halten Bis wann werde ich Gewißheit erhalten?“ 468— morgen Mittag ſelbſt ſie Ihnen bringen zu „Ich hoffe, können.“ „Werden Sie nicht, wenn das Duell einen glücklichen Aus⸗ gang für Sie nimmt, ſofort abreiſen müſſen?“ „Ich denke darüber jetzt noch nicht nach, es wird ja nach der Entſcheidung ſich finden. Die Herren, welche ſich uns als Se⸗ cundanten angeboten haben, werden uns gewiß über das Alles unterrichten. Und nun noch einmal, leben Sie wohl, und wenn ich nicht zurückkehren ſollte, dann bewahren Sie mir ein freund⸗ liches Andenken.“ Ferdinand verließ nach dieſen Worten raſch das Zimmer, auch er war bewegt, aber er wollte bis zum letzten Augenblick ſich ſtark zeigen. Er ging in den Speiſeſaal, um nicht auf ſeine Gedanien allein angewieſen zu ſein, er fühlte das Bedürfniß, reges Leben um ſich zu ſehen, und es gelang ihm auch, die ruhige, heitere Stimmung wieder zu gewinnen. Nachdem er zu Nacht gegeſſen hatte, ſetzte er ſich an den Leſetiſch, der mit Zeitungen und Journalen reich ausgeſtattet war, und es lag in der Natur der Sache, daß er nach denjeni⸗ gen Zeitungen griff, in denen er Nachrichten aus der Heimath fand. Und als er in dieſen Zeitungen blätterte, fiel ſein Blick auf eine Notiz, die ihn in hohem Grade intereſſirte. Sie enthielt einen ziemlich ausführlichen Bericht über die Er⸗ mordung Florian Benders im Park von Oſthoſen, der muthmaß⸗ liche Thäter war nebſt den Motiven genannt. Anſchließend an dieſen Bericht war die Bemerkung hinzugefügt, daß ein in der letzten Zeit berühmt gewordener Künſtler muthmaßlich bald in nähere Beziehungen zur Familie von Oſthofen treten werse. Ferdinano ſtutzte, als er dieſe Bemerkung las, die offenbar auf Wiliy Rodenberg gemünzt war. Er konute nicht wohl glauben, daß Willy dieſem glänzenden Ziel ſchon ſo nahe ſein ſollte, hatte doch der Maler mit keiner Silbe⸗ erwähnt, daß er nach ſolchem Ziel ſtrebe. Und ſeltſam, derſelbe Edelmann, der eine Bürgerliche zur Gattin nehmen, der für ſie ſein Leben preis geben wollte, konnte es nicht billigen, daß ein berühmter Künſtler, eben weil er nur ein 1 ſolhe wind Notii ſie m Wes 6 ſaill woll dieſe dus wür in d terre dem unte lichk nan Kur mo nit lähr jet He Sa ihre —— — 1469 ein Bürgerlicher war, um Herz und Hand einer Baroneſſe warb. Er glaubte auch nicht, daß der Majoratsherr von Oſthofen ſolche Werbung um die Hand ſeiner einzigen Tochter gutheißen würde, und ſo drängte ſich ihm die Vermuthung auf, daß dieſe Notiz aus einer boshaften Feder gefloſſen ſein müſſe, und daß ſie nur die Beſtimmung habe, dem Maler einen Stein in den Weg zu werfen. Er ſchrieb die Notiz ab und legte das Blatt in ſein Porte⸗ feuille, nahm das Duell einen glücklichen Ausgang für ihn, ſo wollte er den Maler warnen und ihn auffordern, den Verſaſſer dieſes jedenfalls lügenhaften Berichts zu erforſchen; er glaubte das dem Manne, der ihm ſo freundſchaftlich entgegengekommen war, ſchuldig zu ſein. Wie der Chevalier von Marmont es verſprochen hatte, hielt in der Morgenfrühe ein vffener Wagen vor dem Hotel d'Angle⸗ terre, ein kleiner, wohlbeleibter Herr ſtieg aus und ſtellte ſich dem Gegner Bruno's als Vicomte von La Grange vor. Ferdinand war ſchon bereit, und der Vicomte konnte nicht unterlaſſen, ihm eine ſchmeichelhafte Bemerkung über die Pünkt⸗ lichkeit der Deutſchen zu machen. „Pünktlichkeit iſt die Höflichkeit der Könige,“ ſcherzte Ferdi⸗ nand, als er neben dem Franzoſen im Wagen ſaß,„ich war vor Kurzem noch Offizier, Herr Vicomte, und in unſerer Armee lernt man, pünktlich zu ſein.“ „Eine lobenswerthe Tugend,“ erwiderte Herr von la Grange in demſelben Tone,„aber ich bezweifle, daß man Schlachten da⸗ mit gewinnen kann.“ „Dieſe Tugend, mein Herr, hat andere im Gefolge!“ „Zum Beiſpiel?“ „Die Subordination, das ſtrenge Pflichtgefühl—“ „Aber ſie beſchränkt auch den Willen des Einzelnen und lähmt dadurch den perſönlichen Muth.“ „Ich glaube, daß dieſe Auffaſſung nicht richtig iſt.“ „Ah doch allen Reſpect vor Ihrer Armee, aber ſie hat bis jetzt nur den Oeſterreichern gegenüber geſtanden, und hätten die Oeſterteicher beſſere Führer gehabt und in der Mittagsſtunde bei Sadowa einen kräftigen Vorſtoß gemacht, ſo wäre der Sieg auf ihrer Seite geweſen“ Ein ironiſches Lächeln unzuckte die Lippen Ferdinands. „In bin dieſer Anſicht oft und namentlich bei Ihren Lands⸗ leuten begegnet,“ erwiderte er;„zuſtimmen kann ich ihr nicht, die Motive dieſes Urtheils liegen zu klar am Tage.“ „Sie meinen, wir ſeien neidiſch auf Ihre Erfolge?“ ſagte der Vicomte, während er aus ſeiner goldenen Tabatiere eine Prieſe nahm.„O, glauben Sie das nicht! Die Armee Frank⸗ reichs weiß, daß ſie die beſte der Welt iſt, daß ihre Glorie, ihr Elan von keiner anderen Armee erreicht wird.“ „Dann werden wir mit einem endgültigen Urtheil wohl⸗war⸗ ten müſſen, bis unſere Armeen einander gegenüber geſtanden haben,“ ſagte Ferdinand ſcherzend. „Ah, das wird bald der Fall F „Glauben Sie?“ Gi gewiß! Wir müſſen für Sadowa haben!“ „Herr Vicomte, ich begreife in der That nicht, daß Frank⸗ reich in unſerem Siege bei Sadowa ſtets eine Niederlage für ſich ſehen will.“ „Sie begreifen es nicht, weil Sie nicht Franzoſe ſind.“ „Und Sie glauben, daß ein Krieg zwiſchen unſeren Nationen ſo nahe bevorſtehe?“ „Er iſt unvermeidlich geworden.“ „Hm, ich vermuthe, Kaiſer Napoleon wird ſich ſehr ernſt be⸗ denken—“ „Was wollen Sie? Napoleon muß, wenn Frankreich will.“ „Und wiſſen Sie ſo ſicher daß Frankreich den Krieg will?“ „Frankreich, mein Herr, iſi eine große Nation, und eine große Ration ſchweigt nicht, wenn ihr Scepter und Schwert entriſſen werden. Frankreich iſt beſtimmt, Europa Geſetze zu geben, es wird ſich dieſes Recht nicht rauben laſſen.“ Ferdinand fühlte ſich unangenehn berührt; jedem Andern hätte er mit derben Worten die Wahrheit geſagt, hier aber durfte er es nich!, denn er ſchuldete dieſem Manne Dank, und die Höf⸗ lichkeit erlaubte ihm nicht, ihm eine Grobheit zu ſagen. „Wir wollen bieſe künftigen Ereigniſſe, die Sie mit Sicher⸗ heit vorausſehen, abwarten,“ erwiderte er achſelzuckend,„wes⸗ halb ſtreiten wir ſchon jetzt darüber? An einen nahe bevor⸗ heſtenden Krieg glanbe ich nicht—“ 6 —— Picon Ei pit i nurt Oeſte burh zoſ er Lih uns Del dieſe örte daß dere Va au Zi en „Weil Sie eben nicht an ihn glauben wollen!“ fiel der Vicomte, ſich ereifernd, ihm in's Wort.„Er wird kommen, ehe Sie daran denken! Unter uns geſagt, mein Herr, die Gelegen⸗ heit iſt für uns zu günſtig, Hannover, Heſſen, Naſſau, Däne⸗ mark und das katholiſche Baiern werden auf unſerer Seite ſein. Oeſterreich wird ſeine Niederlagen auswetzen wollen, Sachſen und Würtemberg gönnen dem ehemaligen Kurfürſten von Branden⸗ burg eine Schlappe—“ „Herr Vicomte, Sie entwickeln Anſichten, die von den Fran⸗ zoſen wohl getheilt werden mögen, uns aber nnr ein mitleidiges Lächeln abnöthigen,“ unterbrach Ferdinand ihn in ernſtem Tone. Wir werden den Krieg nicht beginnen, wenn aber Frankreich uns angreift, dann, verlaſſen Sie ſich darauf, wird es das ganze Deutſchland gerüſtet finden. Und nun laſſen Sie uns abbrechen, dieſe Stunde iſt wohl nicht geeignet, politiſche Anſichten zu er⸗ örtern.“ Herr von la Grange ſah ihn betroffen an, dann nahm er wieder eine Prieſe, und der Ausdruck ſeines Geſichts verrieth, daß ihm die Zurechtweiſung nicht gefiel. „Ich habe eine Bitte an Sie,“ fuhr Ferdinand fort,„für deren Erfüllung ich Ihnen im Voraus meinen beſten Dank ſage. Das Duell kann für mich einen unglücklichen Ausgang haben—“ „Ich glaube das nicht, da der erſte Schuß Ihnen gehört.“ „Ich bin kein guter Schütze! Und abgeſehen hiervon kann auch der beſte Schütze niemals mit⸗Sicherheit wiſſen, ob er ſein Ziel treffen wird.“ „Freilich wenn Sie fehlen, ſo hat Ihr Gegner doppelte Chancen, er iſt alsdann berechtigt, drei Schritte vorzurücken.“ Ferdinand zuckte geringſchätzend die Achſeln. „Im Hotel d'Angleterre wohnt eine Engländerin,“ ſagte er, Miß Cleveland, in ihre Hände habe ich meine letzten Verfü⸗ gungen niedergelegt, ich wollte Sie nur bitten, dieſer Dame von dem Ausgang des Duells Nachricht zu geben, im Falle mir ſelbſt dies nicht möglich iſt.“ „Ich verſpreche Ihnen, dieſe Bitte zu erfüllen.“ „Ich danke Ihnen, Herr Vicomte.“ „Wenn Sie vielleicht einen weiteren Wunſch hegen, ſo bitte ich, ihn zu nennen, Sie werden mich gerne dazu bereit finden.“⸗ — 472— „Ich wüßte nicht, was ich noch wünſchen könnte,“ erwiderte Ferdinand kopfſchüttelnd.„Meine Angelegenheiten ſind geordnet, und ein ehrliches Grab wird man mir nicht verſagen, wenn ich fallen ſollte. Die Mittel zu meiner Beerdigung finden Sie in meinem Portefeuille.“ „Machen Sie darüber ſich keine Sorgen!“ bat der Vicomte. „Einſtweilen wollen wir an dieſen Fall noch nicht denken.“ Der Wagen bog jetzt in ein kleines Gebüſch ein, gleich da⸗ rauf hielt er. Der Vicomte öffnete den Schlag und ſtieg aus. „Wir ſind zur Stelle,“ ſagte er. Ferdinand von Falkenberg folgte ihm, ſie ſchritten in das Gebüſch hinein und erreichten bald eine kleine Lichtung, auf der ſie den Baron und deſſen Secundanten trafen. Ein alter Herr, der ſich in ihrer Geſellſchaft befand, wurde Ferdinand als Arzt vorgeſtellt, der Baron warf dem ehemaligen Freunde einen trotzigen Blick zu. „Einer Komödiantin wegen!“ ſagte er verächtlich. Ferdinand richtete ſich hoch auf, aus ſeinen Augen loderte die Gluth des Zornes. „Herr Baron, Sie wiſſen ſo gut wie ich, daß jene Dame keine Komödiantin, ſondern eine gefeierte Künſtlerin iſt,“ erm⸗ derte er,„um ſo ehrloſer iſt es, in dieſem Tone ihrer zu er⸗ wähnen.“ Bruno zuckte die Achſeln, auch ihm koſtete es Mühe, ſeine Erregung zu bemeiſtern. „Wenn man ſich mit ſolchen Leuten auf eine Stufe ſtellt, dann allerdings ſieht man eher an ihnen hinauf als auf ſie hin⸗ unter,“ ſagte er höhniſch,„ich gönne dieſes Vergnügen Jedem von Herzen, ohne indeß dabei zu vergeſſen, was ich für meine Perſon meinem Stande ſchuldig bin.“ „Ich glaube, das haben Sie damals im Konzertſaale genü⸗ gend bewieſen.“ „Daß Ihnen die verdiente Züchtigung jenes arroganten Bur⸗ ſchen mißfallen hat, glaube ich jetzt gerne.“ „Und wenn Sie nicht die Rache des Beleidigten gefürchtet hätten, würden Sie nicht ſo raſch nach jenem Vorfall abge⸗ reiſt ſein!“ nur nuhn ung Du rüc nan feu eilt den Ko — „Sie wollen mich der Feigheit beſchuldigen?“ „Ja, das thue ich! Wer eine wehrloſe Dame inſultirt, kann nur ein Feigling ſein.“ „Meine Herren, ich glaube wohl mit Sicherheit annehmen zu dürſen, daß jeder Verſöhnungsverſuch erfolglos ſein würde, nahm der Chevalier das Wort,„oder wünſcht einer von Ihnen—“ „Beenden wir die Sache,“ unterbrach Bruno ihn ungeduldig, „mein Gegner ſcheint die Abſicht zu hegen, mein Blut in Wal— lung zu bringen, vielleicht hofft er dadurch, mich zu dieſem Kampf ungeſchickt zu machen. Es gibt Lente, die dieſe Taktik vor dem u Duell lieben!“ * 8 Ferdinand begnügte ſich damit, nur mit einem verächtlichen Blick auf dieſe Bemerkung zu antworten. Die Secundanten hatten die Diſtance abgemeſſen und die Waoffen geprüft, Ferdinand wählte eine der beiden Piſtolen, di⸗ der Chevalier ihm anbot und trat auf den ihm angewieſenen . Standpunkt. 2 Noch einmal ſtieg in dieſem Moment das Bild Arabellas in ſeiner ganzen ſtrahlenden Schönheit vor ihm auf, es entdeckte „ ihm einen leiſen Seufzer, im nächſten Augenblicke ſah er nur ſei⸗ 5 nen Gegner, der in trotziger Haltung ihm gegenüberſtand. 6 Langſam erhob er die Waffe, der Schuß fiel, und als der Pulverrauch ſich verzogen hatte, blickte Ferdinand noch immer in u das jetzt höhniſch lächelnde Geſicht Brunos. „Vorbei,“ ſagte der Baron, während er drei Schritte vor⸗ 1 rückte.„Ich hatte Sie für einen beſſeren Schützen gehalten“ „Die Sottiſen könnten Sie ſich erſparen,“ erwiderte Ferdi⸗ u nand ruhig. ne Jetzt erhob der Baron das Piſtol, er zielte lange, dann feuerte er den Schuß ab. i⸗ Dieſe Kugel hatte ihr Ziel nicht gefehlt, Ferdinand von Falkenberg wankte, dann brach er in den Armen der herbeige⸗ ⸗ eilten Secundanteu zuſammen. „Es iſt ſchade um ihn,“ ſagte Bruno, und in dem Tone, tet den er anſchlug, lag ein ſchneidender Hohn, er mag ſich bei der e⸗* Komödiantin bedanken, die dieſes Opfer nickt werth iſt.“ Der Chevalier von Marmont warf ihm einen vorwurfsvollen — 474— — ihrend der Arzt, unterſtützt von dem Vicom te, die Wunde unterſuchte. „Ich hatte die Ehre, Herrn von Falkenberg kennen zu ler⸗ nen,“ ſagte er leiſe mit feſter Stimme,„und er hat auf mich den Eindruck eines vollendeten Ehrenmannes gemacht. Und Sie, Herr Baron haben nun die volle Genngthuung erhalten, die Sie zu fordern berechtigt waren, das möge Ihnen genügen!“ Sie kennen die Urſache unſeres Zwiſtes nicht“ erwiderte Bruno, dem dieſe Zurechtweiſung das Blut in die Wangen trieb. Sie iſt mir allerdings nur aus Ihren Mittheilungen be⸗ kannt, Herr von Falkenberg hat ſich mir gegenüber darüber nicht geäußert, aber welche ſie auch ſein mag, nachdem der Hand Ihres Gegners die Waffe entfallen iſt, darf man dieſen Zwiſt als ge⸗ ſühnt betrachten und nichts berechtigt Sie, über einen wehrloſen Gegner beleidigende Gloſſen zu machen.“ Die Lippen Bruno's zuckten krampfhaft, es war offenbar ſeine Ahicht auf dieſe Bemerkung eine beleidigende Erwiderung zu geben, aber die herausſordernde Haltung des Franzoſen ſchien ihn doch einzuſchüchtern. „Wir ſtreiten da um Worte,“ ſpottete er achſelzuckend,„ich glaube es wäre beſſer, wenn wir nachſehen wollten, ob und welche Beſtimmungen Herr von Falkenberg für den eingetretenen Fall getroffen hat. Wollen Sie nicht die Güte haben, Herr Chevalier, das Portefeuille aus ſeinem Rock zu holen?“ Der Chavalier fand dagegen nichts einzuwenden, er kamſ ohne Zögern dem an ihn geſtellten Verlangen nach und überreichte das Portefeuille dem Baron, der es öffnete aber die geſuchten Briefe und Papiere nicht fand. Dafür aber fand Bruno etwas Anderes, was ihn in noch hoͤ⸗ herem Grade intereſſirte, jene Notiz, die Ferdinand von Fal⸗ tenberg am Abend zuvor aus der Zeitung abgeſchrieben hatte. Lange ruhte ſein ſtarrer Blick darauf, ſein Geſicht war bleich geworden, und mit zitternden Händen ſchloß er das Portefeuille wieder, um es dem Chavalier zurück zugeben. „Ich ſinde keine Verfügungen darin, die für uns maßgebend ſein könnten,“ ſagte er. Der Vicomte von la Grange hatte ſich der Beiden genähert⸗ „Dieſe Verfügungen befinden ſich in den Händen einer Eng⸗ lände Ver ben, ier hic T Ate Lebel K Pil tbe int wele Fre Lo unk die ern der ha der len ihn nel ho ni mi P — — 48— länderin, die im Hotel d'Angleterre wohnt,“ erwiderte er.„Der Verwundete muß getragen werden, wollen Sie bei ihm zurückblei⸗ ben, Chevalier, ſo fahre ich nach Vevey zurück, um die Träger hierher zuſchicken und in zwiſchen nehme ich mit Miß Cleveland Rück prache, wohin ihr Freund gebracht werden ſoll.“ Der Chevalier nickte zuſtimmend, Brund wanbte ſich zu dem Arzte mit der Frage ob er glaube, daß dem Verwundeten das Leben erhalten werde. „Ich kann darüber nichts Sicheres ſagen,“ erwiderte der Arzt, „die Verwundung iſt tödtlich und nur die ſorgſamſte, aufopferndſte Pflege kann ihm das Leben retten. Der Vicomte wußte das bereits, er eilte von dannen, um die ubernommene Pflicht zu erfüllen. Und als er eine Stunde ſpäter in das Zimmer der Engländerin trat, wußte auch di ſe ſofort, welche Nachricht er ihr brachte. Sie war darauf vorbereitet, in den Worten, mit denen der Freund am Abend vorher Abſchied von ihr nahm, hatte ſie eine Todesahnung gefunden, und darum verlor ſie auch jetzt ihre Ruhe und ihre Faſſung nicht. „Sie bringen mir eine Todesnachricht?“ ſagte ſie, und nur die leiſe zitternde Stimme ließ die innere Erregung erkennen. „Herr von Falkenberg iſt allerdinge ſehr ſchwer verwundet,“ erwiderte der Vicomte, der dieſe Ruhe bewunderte,„aber nach der Ausſage des Arztes kann ſorgſame Pflege ihm das Leben er⸗ halten.“ „Was geſchehen kann, das ſoll geſchehen! Wohin haben Sie den Verwundeten gebracht?“ „Ich habe eben die Träger hinaus geſchickt, die ihn holen ſol⸗ len, ſobald ich mit Ihnen das Nähere berathen habe, werde ich ihnen entgegengehen, um das Erforderliche zu veranlaſſen. Miß Cleveland nickte befriedigt. „Ich danke Ihnen, daß Sie in dieſer Angelegenheit auf mei⸗ nen Rath einigen Werth legen,“ entgegnete ſie.„In dieſem Gaſt⸗ hofe wird der Verwundete nicht die nöthige Pflege und vor Allem nicht die jevenfalls erforderliche Pflege finden, und im Hospitale möchte ich ihn nicht gerne unterbringen, er würde dadurch der Pflege, die ich ihn gewähren kann, entrückt. Es wäre alſo das das Beſte, wenn wir eine ruhige Privatwohnung mietheten und 6 für die erſte Zeit einen zuverläſſigen Wärter engagirten, der mich und meinen Diener in der Pflege unterſtüßt.“ „Ein ſolches Quartier finden wir in dem Hauſe, in welchem ich wohne.“ erwiderte der Vicomte,„es ſind dort einige ſehr freundliche Zimmer frei, und ich glaube, die Hausleute würden die Pflege des Verwundeten gern übernehmen.“ „Gut, ſo bitte ich Sie, dieſe Zimmer zu miethen., alle Aus⸗ lagen werde ich Ihnen erſetzen. Und ſobald der Verwundete dort untergebracht iſt, haben Sie wohl die Güte, es mir mitzutheilen und mich hinzuführen.“ Der Vicomte verbeugte ſich und eilte hinaus. Inzwiſchen hatte auch der Baron von Oſthofen den Schau⸗ platz des Duells rerlaſſen. Sein tief eingewurzelter Leichtſinn ließ ihn ſehr bald das Schickſal des Freundes vergeſſen, er dachte jetzt nur noch an die Notiz, die er in dem Porteſeuille des letzteren gefunden hatte. Der Sinn deſſelben war ihm ſofort klar geworden, der Ma⸗ ler Rodenberg warb um die Gunſt der Baroneſſe Klara von Oſthofen, und Klara ſchien dieſe Werbung zu begünſtigen. Der Gedanke an die Möhlichkeit dieſer Verbindung erfüllte ihn mit namenloſer Wuth, er zürnte nicht allein dem Maler, ſondern auch ſeiner Couſine; hatte er doch, trotz der Ablehnung ſeiner Werbung, mit Sicherheit darauf gerechnet, daß Klara nach ſeiner Heimkehr mit ihm ſich verloben werde. Im erſten Augenblick wollte er ſofort die Heimreiſe antreten und dem Maler den Standpunkt klar machen, aber nach kurzem Uberlegen ließ er den Vorſatz wieder fallen. Es ſtand mit Sicherheit zu erwarten, daß dieſes Dnell mit ſeinen Einzelnheiten in allen Zeitungen auspoſaunt wurde, und ebenſo unzweifelhaft war es, daß das Gericht in der Heimath ihn zur Rechenſchaft zog, ſobald er ſich dort blicken ließ. Und abgeſehen hiervon wußte er ja auch nicht, ob dieſe No⸗ tiz ſich auf Thatſachen ſtützte, oder ob ſte aus der Luft gegriffen war, er wünſchte darüber zuvor Gewiß heit zu haben, erſt bann, wenn er dieſe hatte, wollte er entſcheidende Schritte thun. Und dieſe Gewißheit konnte er am Beſten durch den Ver⸗ walter erhalten, der ihm ja verſprochen hatte, die Augen offen zu halten und ihn über Alles zu unterrichten. den V al de ſch ni wir! gebe nicht artig — 6 In ſeinem Hotel angelangt, ſetzte er ſich ſofort hin, um an den Verwalter zu ſchreiben, und er war noch damit beſchäftigt, hr als der Chevalier von Marmont eintrat. en Der Chevalier war ſehr ernſt, es lag etwas Düſteres, Feind⸗ ſeliges in ſeiner Miene, ſo daß Bruno ihn betroffen anblickte. „Sie werden wohl thuen, Herr Baron, wenn Sie Vevey ſo⸗ t bald wie möglich verlaſſen,“ ſagte der Chevalier in einem zwar höflich aber ſehr kühlen Tone, das vorgefallene kann unmöglich verſchwiegen bleiben, und ſo ungern auch in ſolchen Fällen die Behörde einſchreitet, ſieht ſie doch durch das Geſetz ſich dazu ge⸗ zwungen.“ mn„Und bis wann wird man mir Zeit laſſen?“ fragte Bruno. er„Man wird Ihrer Abreiſe nichts in den Weg legen, wenn . Sie heute noch reiſen.“ „Sind Sie beauftragt, mich darauf aufmerkſam zu machen?“ 3 8„Nein, aber frühere Erfahrungen.“ 6„Ich danke Ihnen für dieſe Aufmerkſamleit und werde noch 5 heute abreiſen. Aber ich möchte Sie fragen, Herr Chevalier, wes⸗ *„ halb ich die Freundlichkeit vermiſſen muß, die Sie noch geſtern 5 mir zeigten?“ Chevalier zog die Brauen noch mehr zuſammen. 3 „Ich glaube die Antwort würden Sie ſelbſt finden wenn Sie ſich der Worte erinnern wollten, die Sie nach dem Duell ſprachen,“ erwiderte er gemeſſen. „Haben dieſe Worte Sie wirklich ſo ſehr erregt?“ „Sie verletzten das ritterliche Gefühl, welches jeder Frauzoſe gegen einen überwundenen Gegner hegt Herr Baron.“ „Und was habe ich denn geſagt? Daß es ſchade um ihn ſei! Weshalb ſollte ich das nicht ſagen dürfen? In dieſen Worten lag weiter nichts als freundſchaftliches Bedauern.“ Es lag nicht darin, und es ſollte wohl auch nicht darin lie⸗ gen. Ich ſage Ihnen das, weil Sie mich gefragt haben, weshalb ich nicht mehr ſo frenndlich Ihnen gegenüber ſei. Und nun wollen wir nicht weiter darüber ſtreiten, ich ſage Ihnen Lebewohl und gebe Ihnen noch einmal den wohlmeinenden Rath, Ihre Abreiſe nicht zu lange hinaus zuſchieben.“ Befremdet blickte Bruno dem Chevalier nach, der ihm in der artigſten Form eine derbe Wahrheit geſagt hatte, dann becilte er ſich, den Brief zn beenden. Es wäre ihm grade jetzt zu unangenehm geweſen, wit der Be⸗ hörde in Conflict zu kommen, es war ja möglich, daß er ſchon in den nächſten Tagen ſich genöthigt ſah, nach Oſthofen zu reiſen. Der Brief war raſch fertig, und ſchon mit dem nächſten Ta⸗ ge reiſte der Baron von Vevey ab. 24. Kapitel. Schuld und Anſchuld. Die Nachricht von dem Verbrechen in Oſthoſen und der Ver⸗ haftung des Wilddiebs machte gleich einem Lauffeuer in der Stadt die Nunde. Wer war der Ermordete? Ein Vagabund! Und wer war der Thäter? Ebenfalls ein Vagabund! Von einem beſonderen Inter⸗ eſſe für dieſe beiden Perſonen konnte unter ſolchen Unſtänden wohl keine Rede ſein. Dennoch beſchäftigte man ſich mit dieſem Ereigniß, es bot eine willkommene Gelegenheit und für einige Tage auch hin⸗ reichenden Stoff zu aufregenden Geſprächen.. An der Schuld des Wilddiebs zweiſelte Niemand, die Gründe, die ihn zu der That bewogen hatten, lagen ja klar am Tage, und ein Verbrechen aus ſolchen Motiven kam ſo oft vor, daß man uichts auffallendes darin finden konnte. Auch in Oſthofen zweifelte man nicht an der Schuld des Ver⸗ hafteten, wenn man auch trotz der genaueſten Nachforſchungen das dem Ermordeten geraubte Gold noch nicht gefunden hatte. Der Majoratsherr war ſelbſt mit dem Förſter im Walde ge⸗ weſen, er hatte ſich an alle Stellen führen laſſen, auf denen man Spuren eines Nachtlagers fand, aber das Gold war nicht ge⸗ funden worden. ſie 1 ein Sti hur de let war Fra — 479— ratsherrn konnte das bei ſeinem ſcharf beobachtenden Blick nich entgehen. Drei Tage waren ſeit der Entdeckung des Nordes verſtriche als Friedrich Wortmann ſich wieder einmal zu einem Gang die Stadt rüſtete. Helene war in der Küche heſchäftigt, und der Verwalter ſtand in ſeinem Arbeitszimmer vor dem Spiegel, um ſein Halstuch knoten, als er plötzlich das faltenreiche Geſicht der alten Urſul hinter ſich erblickte. Im erſten Moment fuhr er erſchreckt zuſammen, aber raſch gefaßt wandte er anſcheinend ruhig ſich zu der Magd um. „Nun?“ fragte er kurz angebunden. Die alte Frau ſchüttelte den Kopf, als ob ſie andeuten woll— ſie wiſſe nicht, wie ſie beginnen ſolle, und man ſah ihr an, das ein ſchwerer Druck ihr auf der Seele lag. „Iſt noch nichts weiter entdeckt?“ fragte ſie mit gedämpfke Stimme. „Was ſoll denn noch entdeckt werden?“ erwiderte Wortmann barſch.„Der Kerl ſitzt ja hinter Schloß und Riegel.“ „Und iſt es ganz ſicher, daß er den Florian ermordet hat?“ „Sicher? Na, der Richter hat ihn ja verhaftet—“ „Im Gefängniß hat ſchon Mancher unſchuldig geſeſſen!“ „Wißt Ihr vielleicht etwas, Urſula?“ fragte der Verwalter, der lauernden Blick forſchend auf ſie geheftet.„Aber was könn⸗ tet Ihr wiſſen! Es iſt Unſinn, daß ich danach frage!“ Die alte Urſula blickte ſinnend vor ſich hin. „Den alten Florian hab' ich gekannt, als er noch ein Kind war,“ ſagte ſie, wie in Erinnerungen verloren,„und den rothen Franz kannte ich auch.“ „Darauf kommt's jetzt gar nicht an!“ „Aufangs waren ſie gute Freunde, aber die Vroni brachte ſie auseinanber, und von der Zeit an haben ſie ſich gehaßt. Ich weiß es noch, wie der Florian Hochzeit machte und der rothe Franz ſo wüthend war, daß ich meinte, er werde ihn noch am ſelben Tag ermorden. Und nachher hörten die Zänkereien nicht auf—“ Nur Einer ſchien zu zweiſeln, der Verwalter, und dem Majo ⸗ — 480— ———————————————— g 8„ „Zum Kuckuck, das Alles weiß ich ja,“ fiel Wortmann ihr ungeduldig in's Wort. den Die alte Frau ſoh ihn an, als ob ſie plötzlich aus einem ſchweren Traume erwache. „Wie kommt es nur, daß ich den Florian ſofort auf den 4 erſten Blick wiedererkannt hab'?“ fragte ſie.„Er war faſt eben⸗ bend ſo lang fort, wie der Baron, und heut' noch ſag' ich, der Baron in ſi . Edmund kann's nicht ſein.“„ „Wollt Ihr Euch denn mit aller Gewalt in's Unglück 3 ſchwätzen?“ erwiderte Wortmann ärgerlich, während er einen Uuruh ſcheuen Blick auf die Thüre warf.„Beweis't, was Ihr be⸗ hauptet, dann kann man dem Mann zu Leibe rücken.“„ „Nach der Narbe am Arm ſoll man ſehen!“ ſeh S „Befehlt Ihr einmal dem Maſoratsherrn, er ſolle den Rock 5 auszichen und Euch die Narbe zeigen!“ ſpottete der Verwalter. nicht „Er mürde Euch ſofort aus dem Dienſte jagen. Und beim. Baron Udo kommt Ihr mit Euren Dummheiten auch nicht an, kümm er hat ſeinen Bruder als den Majoratsherrn anerkannt und 36 ſeinen hochfahrenden Stolz kennt Ihr, er wird Euch in's Geſicht dus E ſagen, Ihr müßtet in's Irrenhaus gebracht werden.“ De „Es wird ſich ja finden, wer Recht hat!“ geſpa „Ich wiederhole Euch, Urſula, bringt mir Beweiſe, 2½ bin. 3 ich der Erſte, der die Geſchichte an den Tag bringen wird“ eine? „Der Erſte?“ fragte Urſula ſcharf, und vor ihrem durch⸗ dringenden Blick ſchlug der Verwalter verwirrt die Augen nieder. ſunde Ich glaub's nicht, ich denke mir immer, Sie wollen auch im ſuh. Trüben fiſchen! Nehmen Sie mir's nicht übel—“ er Un „Urſula, dieſer Gedanke iſt beleidigend für mich!“ rieſ Wort⸗ ihn a mann.„Vor Euch und Euren albernen Vermuthungen brauch' 9 ich mich nicht zu vertheidigen, aber das will ich Euch voch ſagen, ich hab' ſtets meine Pflichten treu erfüllt. Und gegenwärtig iſt eti Varon Edmund hier der Majoratsherr, ich werde nicht ſo dumm ſein und etwas gegen ihn unternehmen, ſo lange ich keine Be⸗„ weiſe gegen ihn habe. Was wolltet Ihr in Bezug auf den rothen Franz mir ſagen?“* „Ich glaub' nicht, daß er den Mord begangen hat!“ 6 Der Verwalter lachte, aber ſein Blick ſtreiſte dabei verſtohlen „2 das faltenreiche Geſicht. 5 Ver „ 1 „Ihr glaubt es nicht!“ erwiderte er ſpöttiſch.„Und damit, denkt Ihr, ſei ſeine Unſchuld bewieſen?“ „Das nicht. Aber ich hab' etwas geſehen—“ „Was, wenn man fragen darf?“ „Seien Sie doch nicht gleich ſo heftig. Es war an jen em Abend, an dem Sie noch einmal in den Park gingen, Sie wer⸗ den ſich erinnern, daß es eine ziemlich helle Nacht war.“ „Das iſt richtig— was weiter?“ „Ich konnt in der Nacht nicht einſchlafen, eine merkwürdige Unruhe war in mir, deshalb legte ich mich ins Fenſter.—“ „Um zu ſpioniren, wo ich blieb?“ ſragte Wortmann raſch. „Spionirt hab' ich niemals,“ erwiderte Urſula entrüſtet.„Ich ſah Sie heimkommen, und bald darauf fiel auch der Schuß.“ „Ihr habt ihn alſo auch gehört? Weshalb ſagtet Ihr das nicht früher?“ „Ich kann ſchweigen, und was mich nicht angeht, darum kümmere ich mich nicht gern, man hat nur Scherereien davon. Ich blieb im Fenſter liegen, Sie wiſſen, daß man von da aus das Schloß und den Garten überſehen kann.“ Der Verwalter wurde immer aufmerkſamer, er horchte mit geſpannter Erwartung. „Und was habt Ihr da geſehen? fragte er, als die alte Frau eine Pauſe machte. „Es war nicht lange nach dem Schuß, vielleicht eine Biertel⸗ ſtunde ſpäter, als ich einen Mann aus dem Park herauskommen ſah. Er ging raſch durch den Garten und es fiel mir auf, daß er Umwege machte, er ging nur auf den Wegen, auf denen man ihn aus dem Schloſſe wenig oder gar nicht ſehen konnte.“ „Aber Ihr habt ihn doch geſehen?“ „Ich hab' ihn deutlich geſehen, und ich ſah auch, daß er ins Schloß hineinging.“ „Und habt ihr den Mann erkannt?“ „Mit Sicherheit kann ich's nicht behaupten,“ erwiderte Urſula, ohne die furchtbare Erregung zu bemerken, die ſich des Verwalters bemächtigt hatte.„Aber ich meinte, es müſſe der Baron geweſen ſein.“ „Baron Udo?“ Der Barſtard. — 482— „Nein, der Majoratheherr!“ Wortmann hatte die Hände auf den Rücken gelegt, er wan⸗ derte mit großen Schritten auf und nieder, er wollte offenbar ſeiner Erregung Herr zu werden ſuchen. „Der Majoratsherr?“ wiederholte er.„Ihr könntet Euch den⸗ noch verſehen haben!“ „Meine Augen ſind noch ſcharf und mein Gedächtniß iſt es auch. Und eine Geſtalt wie die des Barons erkennt man immer.“ „Alſo er kam aus dem Park und ging ins Schloß?“ „Jawohl.“ „Dann wird ihn wohl der Schuß in den Park gelockt haben.“ „Ich glaub's nicht.“ Der Verwalter war ſtehen geblieben, ſein ſtechender Blick ſchien die geheimſten Gedanken der alten Frau erforſchen zu wollen. „Ihr glaubt an gar nichts,“ ſagte er ſpöttiſch.„Es iſt doch nichts leichter begreiflich, als daß man, wenn man in ſtiller Nacht einen Schuß hört, ſich überzeugen will, wo der ö chuß gefallen iſt.“ „Wenn er dies gewollt hätte, dann würd' er einen Diener mitgenommen haben, er wär' gewiß nicht allein in den Park ge⸗ gangen.“ „Bah, der Majorathsherr ſieht nicht aus, wie Einer, der ſich fürchte!“ „Und wenn er allein gegangen wäre, dann hätt' ich ihn doch ſchen müſſen,“ ſagte Urſula.„Ehe der Schuß fiel, lag ich ſchon im Fenſter, und es wär mir nicht entgangen, wenn Jemand das Schloß verlaffen hätt', um in den Park zu gehn. Ich hab' ja gerad' darauf geachtet, ich meinte, der Schuß müſſe das ganze Schloß allarmiren, aber es blieb merkwürdig ruhig, und keine Seele ließ ſich blicken.“ Der Verwalter ſchüttelt den Kopf und nahm ſeine Wanderung wie⸗ der auf. Er konnte nicht verbergen, daß dieſe Mittheilung einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatte, und dies ungläubige Lächeln welches ſeine Lippen umſpielte, hatte auch etwas Gezwungenes. „Ihr werdet Euch verſehen haben, Urſula,“ ſogte er nach einer Pauſe,„und wenn es wirklich der Majoratsherr geweſen iſt, dann wollen Eure Entdeckungen noch immer nichts beweiſen. Ihr ſagt, Ihr hättet nicht ſchlafen können wegen innerer Unruhe, die viel⸗ . dem ken und gri Alle mehr has hut An hein — 483— leicht von der Hitze herrühren mochte, konnte es dem Baron nicht ebenſo eigehen? Iſt es nicht möglich, daß er aus dieſem Grunde einen Gang in den Park gemacht hat?“ „Dann würd' er dem Mörder begegnet ſein und ihn feſtge⸗ halten haben.“ „Mit Sicherheit läßt ſich das auch nicht behaupten, bin ich doch auch im Park geweſen!“ „Als der Schuß fiel, waren ſie wieder zu Hauſe, der Mojo⸗ ratsherr aber kam erſt nach dem Schuß aus dem Park.“ „Das will alles nichts heißen,“ erwiderte Wortmann, mit ſol⸗ chen Vermuthungen lockt man keinen Hund hinter dem Ofen fort. Hat der Majoratsherr den Gerichtsherren geſagt, daß er in dem Park geweſen iſt?“ „Nein.“ „Und weshalb hat er's nicht gethan?“ „Weil er nicht darin geweſen iſt!“ „Weil er bange war, auch ihn—“ Urſula brach ab, als ob ſie fürchte, ſchon zuviel geſagt zu haben, der lauernde Blick des Verwalters ruhte durchdringend auf ihr. „Ich errathe Eure Gedanken,“ ſagte Wortmann in warnen⸗ dem Tone, bedenkt wohl, daß man in vielen Fällen ſeine Gedan⸗ ken nicht verrathen darf! Baron Edmund würde, wenn er Eure Worte gehört hätte, mir befehlen, Euch auf der Stelle zu entlaſſen, und bei ſeinem Bruder fändet Ihr mit Eurem aus der Luft ge⸗ griffenen Verdacht wahrhaſtig auch keinen Glauben. Ihr ſeid eine alte Perſon und findet ſobald nicht wieder eine Stelle.“ Die alte Frau hatte die Brauen finſter zuſammengezogen. „Aus der Luft greif' ich nichts,“ erwiderte ſie, ich ſag' nicht anehr, als ich weiß. Und daß Sie mir nicht glauben würden, has' ich auch gewußt, aber ich mußt es vom Herzen haben, es hat mich lang genug gedrückt.“ „Beſſer wärs geweſen, Ihr hättet den Unſinn ſür Euch be⸗ halten!“ „Ich find keinen Unſinn daran! Der Florian Bender hat in Amerika mit dem Baron Edmund zuſammengelebt, und nun er heimkommt, findet er einen Andern, der ſich für den Majoraths⸗ 31* — 484— herrn ausgibt. Maß der Andre nicht fürchten, daß der Florian reden wird?“ „Wenn er das gewollt oder gekonnt hätte, wäre es längſt ge⸗ ſchehen!“ „Mit Gewißheit können Sie das auch nicht behaupten! Wo⸗ her hat der Florian das viele Geld gehabt?„Der Majoratsherr hat's ihm gegeben, damit er ſchweigen ſoll.“ „Er hat's aus Californien mitgebracht.“ „Ja, wer's glaubt! Wenn er Geld gehabt hätt', wär er nicht wie ein Vagabund heimgekommen, ſolcher Heimlehr ſchämt ſich Jeder.“ „Das Alles ſind Vermuthungen,“ ſagte Wortmann ärgerlich, „und ich gebe Euch noch einmal den Rath, redet mit Niemandem darüber, es könnte dem Majoratsherrn zu Ohren kommen, und dann würdet Ihr vor die Thüre geworfen. Ich müßte das Alles ja auch wiſſen, wenn etwas Wahres daran wäre, denn ſo ſcharf Eure Augen find, ſo ſcharf ſind die meinigen auch! Ich habe Euch gewarnt, Urſula, Ihr werdet wohlthun, nicht leicht darüber hinweg zu gehen.“ Die alte Frau blickte ihn an, alz ob ſie ihren Ohren nicht trauen dürfe, dann ſchüttelte ſie energiſch das Haupt, und mit einem tiefen Athemzuge ſchien ſie die drückende Laſt von der Secele wälzen zu wollen. Peui Sie's nicht glauben wollen, ſo kann ich Sie ja nich dazu zwingen,“ erwiderte ſie,„aber ich glaub', Sie werden ſ noch einmal an meine Worten erinnern! Ich wollt noch über eine andre Sache mit Ihnen reden.“ „Dann macht es kurz, ich will zur Stabt.“ „Helene iſt mit dem Bildhauer verlobt, und Herr Waldſtern möcht' gerne bald Hochzeit machen.“ Der Verwalter lachte ſpöttiſch. „ Die Wünſche des Herru Waldſtern ſind für mich nicht maß⸗ gebend,“ ſagte er achſelzuckend. „Aber Helene—“ „Sie wünſcht es natürlich auch?“ „Eine Braut wünſcht dies ja immer,“ erwiderte Urſula,„und die Ausſteuer iſt ſoweit auch ſchon in Ordnung. Wenn wir eine tüchtige Magd engagiren, werden wir Helene nicht eutbehren.“ . nach wer nicht der an ſah ſo km de ru mi 485— „Und damit, denkt Ihr, ſei Alles abgemacht, nicht wahr? Wenns nach Eurem Sinne ging, könnte die Hochzeit morgen gefeiert werden.“ „Es wär' das Beſte,“ nickte Urſula, wir kämen Alle in Ruhe.“ „So,— wirklich? ſpottete Wortmann.„So raſch gehts doch nicht!“ „So raſch verlangt's auch Niemand!“ „Na, ich will es mir überlegen, und nun laßt mich in Ruhe!“ Die alte Frau war eben hinausgegangen, und ſchon hatte der Verwalter zu Hut und Rock gegriffen, um die kleine Reiſe anzutreten, als der Kammerdiener des Majoratsherrn eintrat. „Der Herr Baron läßt Sie erſuchen, in's Schloß zu kommen,“ ſagte Joſeph, während er einen Brief auf den Arbeitstiſch legte, „ſodann iſt dieſer Brief für ſie angekommen.“ Wortmann warf einen flüchtigen Blick auf die Adreſſe, er er⸗ kannte die Handſchrift Bruno's, und es entging ihm nicht, daß der forſchende Blick des Kammerdieners erwartungsyoll auf ihm ruhte. „Sie wiſſen nicht, in welcher Angelegenheit der Herr Baron mit mir zu reden wünſcht?“ fragte er, anſcheinend gleichgültig. „Nein, vielleicht möchte er gerne wiſſen, was Baron Bruno Ihnen mitzutheilen hat.“ „Und wenn es etwas wäre, was er nicht wiſſen ſoll, würden Sie es ihm mittheilen?“ Joſeph zuckte die Achſeln, einer directen Antwort ausweichend. „Es iſt nicht mehr Alles ſo, wie es früher war,“ ſagte er. „Und die Aenderungen, die hier ſtattgefunden haben, gefallen wohl auch Ihnen nicht?“ „Herr, ich rede nicht gerne darüber.“ „Sie ſind ein vorſichtiger Mann Joſeph,“ ſcherzte der Ver⸗ walter,„aber es könnte doch eine Stunde kommen, in der Sie Farbe bekennen müßten, und ich glaube, es wird gut ſein, wenn Sie bei Zeiten ſich darauf gefaßt machen.“ „Ich weiß nicht, was Sie damit ſagen wollen, und ich bin auch zu alt geworden, um an der Löſung ſchwieriger Räthſel Vergnügen zu finden, aber das will ich offen geſtehen, daß es mir lieber wäre, wenn wir die alten Verhältniſſe wieder hätten.“ „Baron Udo wird das auch wünſchen.“ — 486— „Das bedarf keiner Frage, ich glaube, er gäbe viel darum! Aber gegen das Geſetz läßt ſich nichts machen und durch einen Prozeß würde auch meiter nichts gewonnen, als Aerger, von den Koſten ganz abgeſehen.“ „Da haben Sie Recht,“ erwiderte Wortmann ruhig,„wetter würde nichts gewonnen. Und ich glaube, daß Baron Udo das Schloß bald verlaſſen wird, auf die Dauer können die beiden Brüder ſich nicht vertragen.“ „Das wäre hart füͤr Baroneſſe Adellaide!“ „Weßhalb gerade für ſie?“ „Sie wiſſen ja, das Kind in dem Waldſee, ſie betrachtet der Sce als das Grab Cäcilia's, und es lag bisher ein für ſie darin, nach dieſem See wallfahrten zu können.“ Der Verwalter nickte gedankenvoll. „Und trotz alledem glaubt ſie noch immer an den Tod des Kindes?“ fragte er. „Sie wird nie daran glauben, wenn nicht ein Zufall die Lei⸗ che ans Licht bringt.“ „Iſt das bis jetzt nicht geſchehen, ſo wird es wohl auch in Zukunft nicht geſchehen. Apropos, erinnern Sie ſich der Nacht, in der Florian Bender erſchoſſen wurde?“ Joſeph blickte den Fragenden überraſcht an. „Soweit ich mich ihrer erinnern kann— gewiß, erwiderte er. „Haben Sie den Schuß gehört?“ „Allerdings.“ „Sie waren noch nicht zu Bette gegangen?“ „Toch ich fuhr im Bett in die Höhe.“ „Aber Sie ſtanden nicht auf? „Nein, ich horchte nur, ob nicht ein zweiter Shuß fallen würde.“ „Es iſt nur ein Schuß gefallen,“ ſagte Wortmann.„Es ging alſo Niemand aus dem Schloſſe in den Park um Urſache und Zweck des Schuſſes zu erforſchen?“ „Ich habe nichts gehört,“ erwiderte Joſeph.„Erſt lange nach⸗ her glaubte ich eine Thüre öffnen und wieder ſchließen hören, es war die Thür zum Shlafgemach des Majorathsherrn, aber ich achtete nicht weiter darauf.“ der haß hab ht um de de Bl del e c — — — 5 — ₰ — 487— „Vielleicht hat er ſein Zimmer verlaſſen, um aus einem an⸗ dern Fenſter in den Garten zu ſehen?“ „So dachte ich auch, nickte Joſeph. Uebrigens ſteht es ja feſt, daß der rothe Franz der Mörder iſt.“ „Das glaub ich auch und damit wär dieſe Sache erledigt.“ Der Kammerdiener entfernte ſich, er würde anders geurtheilt haben, wenn er das höhniſche, triumphirende Lächeln geſehen hätte, welches die Lippen des Verwalters umzuckte. Wortmann öffnete erſt jetzt den Brief, er trat an's Fenſter, um ihn zn leſen, und je länger er las, deſto tückiſcher wurde der Ausdruck ſeines Geſichts. „Meine Berechnung war richtig,“ murmelte er, während er den Brief zuſammenfaltete,„Die Mine iſt explodirt! Die kleine Bemerkung über den Maler war ein famoſer Gedanke, ſie wird dem verhaßten Burſchen den Hals brechen. Er glaflbi, ſich auſ's hohe Pferd ſetzen zu dürfen, aber ich werde ihn vernichten ſannt ſeiner Mutter. Und die Geſchichte mit dem Duell kommt mir auch gelegen, er darf nicht zurückkommen, ich kann ihn hier ſehr entbehren. Die Geſchichte geht prächtig,“ fuhr er vergnügt die Hände reibend, fort,„zuerſt muß auf den Bruch hingearbeitet werden, wenn er erfolgt iſt und alle Beweiſe geſammelt ſind, dann ſtürzen wir den Betrüger, Baron Udo tritt wieder in ſeine Rechte ein, und ſein Sohn darf des Duells wegen, nicht heimkehren. Ausgezeichnet! In einigen Jahren bin ich ein ſehr reicher Mann, dann werde ich anfangen, mich für die Entbehrungen der Ver⸗ gangenheit zu entſchädigen.“ Er ſteckte den Brief in die Taſche und nahm ihn mit in's Schloß. Baron Edmund erwartete den Verwalter in ſeinem Cabinet, er ſchien mit allen vergilbten Akten beſchäftigt zu ſein, auf ſeinem Schreibtiſch lagen die Papiere hoch aufgethürmt. „Ich habe Sie rufen laſſen, um über einige Angelegenheiten mit Ihnen Rückſprache zu nehmen, die mich intereſſiren,“ ſagte er, indem er den Verwalter durch einen herablaſſenden Wink ein⸗ lud, Platz zu nehmen,„und zwar zunächſt über eine Sache, die das Majorat betrifft. Iſt es Ihnen bekannt, daß das Majorat Oſthofen auch auf die weibliche Descendenz übergehen kann, wenn keine männlichen Erben vorhanden ſind?“ Wortmann zog die Brauen hoch empor. Davon hatte er bis — 488— her noch nichts gehört, war es die Wahrheit, dann änderte das die Sachlage ſehr. „Nein, davon iſt mir nichts bekannt,“ erwiderte er. „Mein Bruder wird Ihnen davon nichts geſagt haben,“ fuhr der Majoratsherr fort, und ein leiſer Zug von Ironie glitt über ſein pockennarbiges Geſicht,„vielleicht auch hat er ſelbſt nichts da⸗ von gewußt, denn die Seſinmg iſt alt und der Fall bisher noch nicht eingetreten.“ „Und kann die Exiſtenz dieſer Beſtimmung bewieſen werden?“ „Unzweifelhaft. Leſen Sie dieſes Document! Es iſt zu Lebzeiten meines Großvaters mit landesherrlicher Genehmigung ausgefertigt worden, und weder die Aechtheit noch die Rechtsgültigkeit deſſelben kann angegriffen werden.“ Der Verwalter nahm das Schriftſtück und entfaltete es. Während er las beobachtete der Baron ihn unverwandt und ſein ſelbſtbewußtes Lächeln ließ erkennen, daß er ſeiner Sache ſicher war. „In der That, dieſes Document kann nicht angegriffen wer⸗ den,“ ſagte Wortmann, nachdem er die Lection beendet hatte, es enthält in klaren, deutlichen Worten die Beſtimmung, daß das Majorat, wenn Söhne fehlen, auf die älteſte Tochter übergehen ſoll. Nur dann, wenn keine Descendenz vorhanden iſt, tritt die Seitenlinie als Erbe ein.“ „Alſo in dieſem Falle Varoneſſe Clara!“ erwiderte der Ma⸗ joratsherr. „Daran läßt ſich nicht zweifeln.“ „Sie wäre auch dann Erbin des Majorats geweſen, wenn ich verſchollen blieb!“ „Allerdings.“ „Wie aber würde die Sache ſich geſtaltet haben, wenn ich nicht zurückgekommen wäre?“ fragte Baron Edmund mit ſchär- ferer Betonung. Ich wiederhole, mein Bruder hat vielleicht von der Exiſtenz dieſes Documents nichts gewußt, mir aber ſchwebte eine nackte Erinnerung vor, daß es in unſerm Archiv liegen müſſe.“ Der Verwalter konnte ſein Erſtaunen nicht verhehlen. Wie konnte dieſer Mann ein Betrüger ſein, wenn er ſich eines Schrift⸗ ſtücks erinnerte, von dem bisher Niemand eine Ahnung gehabt hu ge lie bie ron 3 ſih vie he mit ein igt den in en Lie —— ——. — 489— hatte? Oder ſollte Baron Udo abſichtlich über dieſes Schriftſtück geſchwiegen haben? Bei dem rechtlichen Charakter des Barons ließ ſich das nicht wohl annehmen, und doch hätte auch er von dieſen Documenten Kenntniß haben können. „Und darf ich fragen, was Sie nun thun werden, Herr Ba⸗ ron?“ ſagte er. „Ich glaube, die Antwort darauf können Sie ſelbſt finden. Ich werde mir von meinem Recht nichts nehmen laſſen!“ „Baron Udo wird darüber ſehr erſtaunt ſein, und es läßt ſich nicht lengnen, daß durch die Entdeckung dieſes Documents viele Hoffnungen vernichtet wenden—“ „Die auch dann vernichtet worden wären, wenn ich wieder heirathete!“. Das Erſtaunen des Verwalters wuchs, der Majoratsherr ſprach mit ihm, wie mit ſeines gleichen, er weihte ihn in Verhältniſſe ein, die ihn eigentlich gar nichts angingen. „Das Projekt Ihres Herrn Bruders wird Ihnen bekannt ſein,“ ſagte er,„ich meine das Project, welches die Verbindung der Ba⸗ roneſſe Klara—“ „Ja es iſt mir bekannt und da Sie mich daran erinnern, ſo möchte ich die Frage an Sie richten, worüber Sie mit meinem Neffen correspondiren?“ Der Ton, in welchem er dieſe Frage ſtellte, klang ſcharf und befehlend, er ließ erkennen, daß der Baron eine ſehr beſtimmte Antwort erwartete. Und der Verwalter hatte indeß keine Veranl aſſung mehr, mit der Wahrheit hinter dem Berge zu halten. „Baron Bruno theilt mir eine Notiz mit, die er in ein er Zeitung gefunden hat,“ erwiderte er, indem er den Brief aus der Taſche zog.„Sie betrifft die Beziehung des Malers Rodenberg zu der Familie von Oſthofen.“ „Wie ſoll ich das verſtehen?“ fragte der Majoratsherr be⸗ fremdet.„Dieſe Beziehungen ſind keineswegs derart, daß eine Zeitung berechtigt wäre, Gloſſen darüber zu machen, oder über⸗ haupt ſich in Vermuthungen zu ergehen.“ „Dennoch iſt es geſchehen.“ „Beſitzen Sie dieſe Notiz?“ — 490— Nein, aber Baron Bruno hat ſie mir mitgetheilt. Wenn Sie es wünſchen—“ „Bitte, zeigen Sie mir den Brief.“ „Es ſind noch andere Nichrichten in ihm enthalten,“ ſagte Wortmann zögernd. „Die ich nicht leſen darf.“ „Verzeihen Sie, Herr Baron, wiſſen Sie, o5 Herr Baron Udo geſtern oder heute einen Brief von ſeinem Sohne erhalten hat?“ „Da alle Briefe die bei uns ankommen, durch meine Hände gehen, ſo glaube ich, dieſe Frage verneinen zu dürfen,“ erwi⸗ derte Baron Edmund gelaſſen. „Dann möchte ich Sie bitten, die Eltern auf das Vorgeſallene allmälig vorzubereiten.“ ————— Brief in Empfang und ließ den Blick raſch über die Zeilen ſchwei⸗ fen. Kein Zug in ſeinem Geſicht verrieth, wie er über den Inhalt dieſes Schreibens dachte, nar einmal zog er die Brauen leicht zu⸗ ſammen, und im nächſten Augenblick glitt ein triumphirender Zig über ſein Antlitz. „Alſo ein Duell!“ ſagte er, den Brief zurückgebend, und auf ſeiner Stirn zeizten ſich einige leichte Falten,„ein Duell mit Herrn von Falkenberg, was mig die Veranlaſſung dazu geweſen ſein?“ „Geht das nicht ars dem Brief hervor?“ erwiderte Wort⸗ mann in ſarkaſtiſchem Tone.„Signora Arabella Grimaldi, die ſchöne Sängerin—“ „Ganz recht, ſie war, wie Bruno ſchreibt, in Ornay! Aber daß er einer ſolchen Dame wegen ſich mit einem Manne duellirt, der ſo riel ich weiß, ſtets ſein Freund geweſen iſt, das kenn ich nicht wohl begreifen.“ „Dennoch iſt es eine Thatſache, Herr Baron! Arabella Gri⸗ maldi war mit Herrn Nodenberg ſehr intim befreundet.—“ „Aber auch nur befreundet!“ „Verzeihen Sie, man urtheilt in wohl unterrichteten Kreiſen anders darüber. Die Beziehungen ſollen denn doch inniger gewe⸗ ſen ſein, wie Herr Rodenberg ſich darüber äußerte. Und man will auch wiſſen, daß Baron Bruno eiferſüchtig auf den begün⸗ — Der Majoratsherr nahm aus der Hand des Verwalters den ſtigt anl Urt ſe Her Due gel wü Ma was kom — 491— ſtigten Nebenbuhler geweſen iſt, und daß dieſe Eiferſucht die Ver⸗ anlaſſung zu jenem Vorfall im Konzertſaal geweſen ſein ſoll.“ „Urtheilt man wirklich ſo?“ „Ja wohl und die Thatſachen beweiſen die Richtigkeit des Urtheils. Baron Bruno wird der Sängerin nachgereiſt ſein, und ſie hat ihn zurückgewieſen, möglicherweiſe hat ſie den Schutz des Herrn von Falkenberg angerufen, und in Folge deſſen wurde das Duell unvermeidlich.“ Der Majoratsserr nickte zuſtimmend. „Bringen die Zeitungen hierüber noch keine Notiz?“ fragte er. „In den neueſten Zeitungen habe ich davon noch nichts geleſen.“ „Es wäre gut, wenn Bruno durch eine ſolche Notiz gewarnt würde; er darf nicht zurückkehren, wenigſtens jetzt noch nicht. Man müßt⸗ ihm die betreffende Notiz einſenden, damit er weiß, was ihn—er ſeiner Heimkehr erwartet.“ Friedrich Wortmann verſtand den Sinn dieſer Worte voll⸗ kommen, er blickte den Baron eine Weile forſchend an. „Wenn ich dieſe Notiz ihm einſenden wollte, ſo würde er glauben, ich habe für ihre Veroffentlichung Sorge getragen,“ ſagte er. „Und was ſchadete das Ihnen!“ erwiderte der Baron ruhig. „Habe ich Ihnen nicht bewieſen, daß Baron Bruno hier niemals Majoratsherr werden wird?“ An ſeinem Zorn kann Ihnen alſo ſehr wenig liegen. Aber Sie wollen gerne mit Jedermann be⸗ ſreundet bleiben,“ fuhr er in ironiſchem Tone fort,„Sie denken, man könne nicht voraus wiſſen, welche Aenderungen hier eintre⸗ ten würden, und deshalb ſei es rathſam, ſich für alle Fälle ſicher zu ſtellen. Nun, wie Sie wollen! Bringen Sie mir die Zeitung, welche die Notiz enthält, ſo werde ich ſie meinem Neffen einſenden, er muß jedenfalls gewarnt werden; es wäre für uns Alle zu un⸗ angenehm, wenn er bei ſeiner Rückkehr verhaftet würde.“ „Und ſeine Rückkehr könnte eher erfolgen, wie der Herr Varon vermuthen.“ „Aus welchem Grunde? Sie werden doch nicht behaupten wollen, daß er an der Ermordung des Vagabunds ſo lebhaften Antheil nehmen wird—“ „Keineswegs, Herr Baron, obſchon auch dieſer Vorſall zu — 492— einem raſchen Entſchluſſe beitragen dürfte.“ Der Blick des Majoratsherrn ruhte durchforſchend auf dem Verwalter. Was Sie damit ſagen wollen, verſtehe ich nicht,“ erwiderte er.„Der Mörder iſt entdeckt und verhaftet, damit kann man dieſe Angelegenheit als erledigt betrachten—“ „Nicht ſo ganz! Die Veweiſe fehlen noch immer.“ „Die Beweiſe?“ fragte Baron Edmund unwillig.„Die Be⸗ weiſe, die gefunden worden ſind, genügen; ich habe darüber geſtern noch mit dem Unterſuchungsrichter geſprochen.“ „Der beſte, ſchlagendſte Beweis fehlt noch; man hat das dem Ermordeten geraubte Geld nicht im Beſitz des Verhafteten ge⸗ funden.“ „Er wird es verſteckt haben!“ „Abcr alle Nachforſchungen ſind erfolglos geblieben!“ „Damit iſt nicht geſagt, daß nochmalige Nachforſchungen nicht das gewünſchte Reſultat herbeiführen können,“ erwiderte der Ma⸗ joratsherr in einem Tone, der keinen Widerſpruch dulden zu wollen ſchien. „Könnten nicht die Nachforſchungen an einem andern Orte geführt werden? Wäre es denn wirklich nicht möglich, daß der Thäter ſich vor der Ankunft Benders in dem Keller des Kammer⸗ hauſes verſteckt hätte, um ſein Opfer im Schlaf zu überfallen?“ „Auf dieſe Möglichkeit hat mein Bruder ſchon im erſten Ver⸗ hör aufmerkſam gemacht,“ ſagte der Baron nachdenklich,„und Sie werden ſich erinnern. daß die Gerichtsbeamten in den Keller hinuntergingen.“ „Wahrſcheinlich haben ſie nicht genau genug nachgeforſcht. Im Hinblick auf die bereits vorliegende Schreibweiſe wurden die Nachforſchungen wahrſcheinlich ſehr obenflächlich betrieben—“ „Und was hätte man möglicherweiſe in dem Keller entdecken können? unterbrach der Majoratsherr ihn ſcharf.„Sie ſcheinen ſich ja für den Vorfall ganz beſonders zu intereſſiren, Sie hätten beſſer gethan, ſofort nachzuforſchen, als Sie den Schuß fallen hörten!“ „Ich habe das leider verſäumt!“ „Vielleicht wäre der rothe Franz Ihnen bei dieſer Gelegen⸗ heit imn weile „ „wir Beve einen recht nach geleg ſchlu finde chen werd komn unte gem verfe auf wehr Lond Jug Fra / jener ob S — — erte man He⸗ l uder „ ker ge⸗ n die decken heinen htten fallen legen⸗ — 493— heit in die Hände gelaufen! Oder zweifeln Sie vielleicht noch immer daran, daß er der Thäter iſt?“ Der Verwalter ſchüttelte den Kopf, er fühlte, daß er nicht weiter gehen durfte. „Sie werden mich morgen begleiten,“ ſuhr der Baron fort, „wir beide wollen noch einmal in den Wald gehen, um nach den Beweiſen zu ſuchen, vielleicht finden wir ſie, Sie haben ja auch einen ſcharfen Blick.“ „Ich bin jederzeit bereit.“ „Und wann werden wir aufbrechen?“ „Direct nach dem Frühſtücke.“ „Wünſchen Sie, daß ich den Förſter benachrichtige?“ „Wie Sie wollen!“ ſagte Baron Edmund.„Der alte Lebe⸗ recht wird ſich wohl jetzt wegen des Waldes keine Sorgen mehr machen, ich habe ihm geſagt, er ſolle eiuſtweilen noch nicht nieder⸗ gelegt werden. Indeß habe ich darüber einen beſtimmten Ent⸗ ſchluß noch nicht gefaßt, wenn Sie einen Käufer für das Holz finden, ſo berichten Sie mir, zu welchen Preiſen und unter wel⸗ chen Bedingungen das Geſchäft abgeſchloſſen werden kann, ich werde alsdann eine definitive Entſcheidung treffen.“ „Ein Käufer wäre raſch zu finden—“ „Uebereilen Sie die Sache nicht, ich kann damit warten. Ich komme nun auf die Notiz über den Maler Rodenberg zurück, es unterliegt ja keinem Zweifel, daß er mit dem berühmten Künſtler gemeint iſt. Haben Sie eine Ahnung davon, wer dieſe Notiz verfaßt und der betreffenden Zeitung eingeſandt hat?“ Der Verwalter wandte das Antlitz ab und heſtete den Blick auf die Uhr, die auf den Kaminſims ſtand, ſie ſchien ihn weit mehr zu feſſeln, als das Geſpräch. „Wie ſollte ich davon Kenntniß haben können?“ erwiderte er. „Erlanben Sie, ich erinnere mich da unſres Geſpräch's in London. Sagten Sie mir nicht, die Mut'er des Malers ſei Ihre Jugendgeliebte geweſen und Sie wollten die noch immer ſchöne Frau als Ihre zweite Gattin heimführen?“ „Ich kann mich wirklich nicht erinnern.“ „Bah, weshalb wollen Sie es leugnen? Ich erinnere mich jener Worte ſehr genau, und es wäre mir intereſſant, zu erfahren, ob Sie bereits Schritte gethan haben,“ fuhr der Varon fort, — 494— „und in dieſem Falle finde ich es natürlich, daß die frühere Liebe ſich in Haß umgewandelt hat.“ „Aber was hätte das mit der Noriz zu ſchaffen?“ „Vielleicht ließe daraus ſich dieſe Notiz erklären,“ ſogte der Majoratsherr mit einem durchdringenden Blick auf den hageren Mann.„In Ihre Privatangelegenheiten will ich mich nicht ein⸗ miſchen, aber ich möchte Ihnen rathen, dieſelben nicht auf meine Familie auszudehnen. Herr Rodenberg iſt überdies mit mir be⸗ freundet, und ich dulde nicht, daß darüber Gloſſen gemacht wer⸗ den, die ſeiner und meiner Ehre zu nahe treten⸗ Und uun wollen wir nicht weiter darüber reden. Sie haben meine Meinung gehört Der Verwalter erhob ſich, der Verweis, der offenbar in den letzten Worten liegen ſollte, ärgerte ihn, aber er hielt es für rath⸗ ſam, dieſen Aerger nicht zu zeigen. „Wohin gehen Sie?“ fragte der Baron. „Zur Stadi „Zum Hofmeiſter Hurter?“ „Ich habe augenblicklich keine Veranlaſſung, ihn zu beſuchen.“ „Sie verkehren wohl viel mit ihm?“ „Hurter iſt nie mein Freund geweſen,“ erwiderte Wortmann, „da er nicht hieher kommen darf, ſo muß ich wohl zu ihm gehen, um ihm ſeine Penſion zu bringen.“ „Ich warne Sie vor ihm,“ ſagte der Majoratsherr, und in ſeinem Blick lag eine unverkennbare Drohung,„Hurter war ſtets ein Schleicher und Projectenmacher, laſſen Sie ſich mit ihm nicht ein, er iſt einer von Denen, die Andre gern auf's Glatt⸗ eis führen. Ein Bündniß mit dieſem Mann würde mich nöthigen—“ „Seien Sie ohne Sorgen, Herr Baron, Hurter iſt mein Mann nicht.“ „Denken Sie an Ihr Vermögen, man verliert nicht gerne eine Summe von ſechzigtauſend Thaler. Wenn mein Bruder Kennt⸗ niß davon erhielte, ſo würde das Geld nicht lange in ihrem Be⸗ ſitz bleiben. Und da Sie doch in die Stadt gehen, ſo könnten Sie wohl den Maler Rodenberg beſuchen und ihn bitten, mich morgen Nachmittag zu beſuchen. Sagen Sie ihm, ich wünſche ihn wegen der Renovation des Schloſſes zu Rathe zu ziehen.“ 6 ſch, um 2 ſch 9 begeh . „ſie würd 9 als um Brie zwei von als erim inſu herl hat, jener ford tige erwi nied ſchon getr g den th⸗ nn. en, in tets ihn alt⸗ nich tein eine unt⸗ Be⸗ Sie rgen cgen Er winckte herablaſſend mit der Hand, Wortmann entfernte ſich, und der Majoratsherr verließ bald nach ihm das Kabinet um ſich in die Gemächer ſeines Bruders zu verfügen. 5 5 Wußte Baron Udo ſchon, daß er auf ein peinliches Geſpräch ſich gefaßt machen mußte, oder war anch ihm Unangenehmes begegnet, er empfing den Bruder mit finſterer Miene. „Ich habe Nachrichten von Bruno,“ ſagte der Majoratsherr⸗ „ſie lauten nicht erfreulich. Meine Hoffnung, daß er ernſter würde, ſcheint ſich nicht verwirklichen zu wollen.“ Baron Udo ſtand am Fenſter, er ſah den Bruder fragend an, als ob er weitere Mittheilungen erwarte, ein ſpöttiſches Lächeln umſpielte ſeine Lippen. „Wann haſt Du dieſe Nachrichten erhalten?“ fragte er. „Vorhin.“ „Direct?“ „Nein durch Vermittelung eines Andern, aber ich habe ſeinen Brief geleſen, kann alſo an der Wahrheit des Mitgetheilten nicht zweifeln.“ „Und woher kommt die Rachricht?“ „Aus Orvoy vom Genfer See. Bruno iſt dort mit Herrn von Falkenberg zuſammengetroffen, und es hat den Anſchein, als ob er der Sängerin Grimaldi nachgereiſt ſei. Du wirſt Dich erinnern, es iſt dieſelbe Sängerin, die er damals im Conzertſaal inſultirte.“ Die Stirne des Baron Udo war noch finſtrer geworden, ein herber Zug breitete ſich über ſein ſonſt ſo offenes Geſicht. „Sie war auch in Orvay?“ fragte er. „Jawohl und es ſcheint, daß Bruno ſie abermals inſultirt hat, und daß er darüber mit Herrn von Falkenberg in einen jener Wortwechſel gerathen iſt, die in der Regel mit einer Heraus⸗ forderung endigen.“ „Unmöglich!“ rief Baron Udo, der jetzt aus ſeiner gleichgül⸗ tigen Haltung heraustrat.„Sie waren die beſten Freunde!“ „Nach jenem Vorfall im Konzertſaal waren ſie es nicht mehr,“ erwiderte der Majoratsherr, während er ſich in einem Seſſel niederließ und ſein Cigarrenetui aus der Taſche zog,„damals ſchon war eine Erkaltung in ihren Beziehungen zu einander ein⸗ getreten. Und Herr von Falkenberg ſcheint auch diesmal die — 496— Sängerin in Schutz genommen zu haben, denn es hat eine Heraus⸗ forderung ſtattgefunden.“ Baron Udo zitterte vor Erregung, ſein Blick ruhte ſtarr auf dem Bruder, er ſchien Entſetzliches zu erwarten. „Für Bruno hat das Duell einen glücklichen Ausgang ge⸗ nommen,“ fuhr der Majoratsherr fort,„aber man fürchtet für das Leben Falkenbergs, der tödtlich verwundet ſein ſoll.“ „Auch das noch!“ murmelte der Baron, während er tief auf⸗ ſeufzend, die Hände auf den Rücken legte und das Zimmer mit großen Schritten durchmaß.„Ruht denn ein Fluch auf unſrer Familie, daß ſie keinen Frieden ſinden können?“ „Ich glaube, in dieſem Falle iſt nicht das Schickſal, ſondern Bruno ſelbſt anzuklagen, ſein leidenſchaftlicher jähzorniger Charak⸗ ter ſtört den Familienfrieden uud ſtürzt ſich ſelbſt in's Unglück.“ Baron Udo erwiderte auf dieſe Bemerkung nichts. „Iſt Bruno noch in Orvay?“ fragte er. „Nein, er iſt auf dem Wege nach Paris.“ „Und an wen hat er von Orvay aus geſchrieben?“ „An den Verwalter Wortmann.“ „Seltſam! Weshalb an ihn?“ „Das frage ich auch,“ erwiderte Baron Edmund ſcharf. Wes⸗ halb ſchenkt er ihm ſo großes Vertrauen? Ich kann keine andere Antwort darauf finden, als die, daß der Verwalter eine ſehr leb⸗ hafte Correspondenz mit Bruno unterhält. Vielleicht hat er dazu beſonderen Auftrag erhalten, damit der junge Herr Alles, was hier vorfällt, ſofort erfährt.“ Baron Udo war ſtehen geblieben, er ſchien den Sinn dieſer Worte nicht zu verſtehen. „Ich ſehe darin keinen Zweck,“ ſagte er.„Wahrſcheinlich wird Bruno mir von Paris aus das Nähere mittheilen, erſt dann läßt ſich über dieſe Rngelegenheit ein richtiges Urtheil fällen.“** „Ein richtiges Urtheil kann wohl nur dann gefällt werden, wenn man beide Partheien gehört hat,“ ewiderte der Majorats⸗ herr achſelzuckend.„Keinesfalls darf Bruno jetzt ſo bald zurück⸗ kehren, das Duell wird kein Geheimniß bleiben, und das Gericht macht keinen Unterſchied, die Vorurtheile des Adels haben vor dem Richter keine Geltung.“ üb ber er rich de es n Li 18 1 — 497— „Wenn Herr von Falkenberg mit dem Leben davon kommt—“ „Auch in dieſem Falle bleibt Bruno vor dem Geſetze ſtrafbar, und Du wirſt ſelbſt nicht wünſchen, daß ein Varon von Oſthofen zu Feſtungshaſt verurtheilt wird.“ Wieder glitt jener herbe Zug über das Geſicht Udo's und dieſe unſagliche Bitterkeit ſpiegelte ſich auch in dem Blick, den er ſeinem Bruder zuwarf. „Faſt ſcheint es, als wollteſt Du abſichtlich Bruno von hier fern halten,“ ſagte er,„als ob Dir dieſe Gelegenheit, ihn für längere Zeit von hier zu verbannen, ſehr willkommen ſei.“ „Mir? Wie kommſt Du zu dieſer Vermuthung?“ „Kennſt Du dieſe Notiz?“ Baron Edmund entfaltete die Zeitung, die ſein Bruder ihm überreicht hatte, es war dieſelbe Notiz über den Maler Roden⸗ berg, die Bruno in ſeinem Briefe erwähnte. „Ich glaube, Bruno erwähnte ſie in feinem Briefe,“ erwiderte er kalt. „Läßt ſie Dich wirklich gleichgültig?“ „Geſchwätz, Udo! Was will man dagegen machen? Die Nach⸗ richt dementiren? Das wäre Thorheit, wir ſtehen zu hoch über dem Urtheil der Menge und ſolchem albernen Gerede, als daß ich es für nöthig erachtete, die Ehre unſerer Familie in einen Zei⸗ tungskrieg zu verwickeln. „Im Prinzip iſt das richtig“, erwiderte Baron Udo,„aber nach der anderen Seite hin ſollte man auch den Schein wahren. Dieſe Notiz müßte Dich beſtimmen, jeden Verkehr mit dem Maler abzubrechen.“ „Erlaube, Udo, dieſer Anſicht kann ich nicht beipflichten! Das hieße ſeine Handlungen von dem Urtheil der Menge beſtimmen laſſen, und das werde ich nimmer thun. Ich weiß nicht, wer dieſe Notiz veranlaßt oder verfaßt hat, werde mich auch weiter nicht darum kümmern.“ „Das heißt mit anderen Worten, Du wirſt die Beziehungen des Malers zu unſerer Familie begünſtigen?“ „Wer behauptet das? Ich habe Dir früher ſchon einmal geſagt, daß ich den freien Willen Klara's in keiner Weiſe be⸗ ſchränken werde.“ Der Baſtard. B — 498— . „Auch dann nicht, wenn Du ſie geneigt findeſt, eine Verbin⸗ dung mit dieſem Maler einzugchen?“ „Was haſt Du gegen den Maler?“ fragte der Majoratsherr, und es lag eine beißende Ironie in dem Tone, den er jetzt an⸗ ſchlug.„Ich meine doch, als könne er ſo antipatiſch nicht ſein.“ Baron Udo war ſtehen geblieben, eine glühende Röthe hatte ſich über ſein Antlitz ergoſſen. „Was ſoll dicſe Bemerkung?“ fragte er unwillig.„Wir iſt dieſer Maler ſo antipatiſch wie der Bankier und diſſen Tochter, aber ich kann dieſen Leuten leider den Zutritt nicht verweigern.“ „Ich will Dir auch weiter keine Vorwürfe über deinen Ver⸗ kehr mit ihnen machen, Jeder hat ja ſeine eigenen Anſichten, aber ich meine, in dieſem Falle erfordere die Ehre Klaras, daß den Leuten nicht noch wehr Stoff zu ſolchen Bemerkungen geboten wird. Ich will auch nicht ſagen, daß ich wohl ein Recht habe, bei der Berathung über die Zukunſt Klara's ein Wort mit zu reden, ich weiß ja, daß weder ein Rath noch ein Wunſch von meiner Seite Berückſichtigung findet.“ „Du wirſt bitter und ungerecht, Udo!“ „Was ich ſage, iſt Wahrheit. Mein Projekt ging dahin, daß Bruno Deine Tochter heirathen ſolle, wenn dieſes Projekt ſich verwirklichte, ſo war für die Zukunſt Klara's in jeder Weiſe geſorgt.“ „Dieſe Sorge war unnöthig,“ erwiderte der Majorctsherr ruhig, während er das Document aus der Taſche zog, weiches er kurz vorher dem Verwalter gezeigt hatte. Die Beſtimmung, welche zu Lebzeiten unſres Großvaters über die Erbfolge im Majorat getroffen wunde, muß Dir doch bekannt ſein.“ „Eine beſondere Beſtimmung über die Erbfolge?“ fragte Baron Udo überraſcht. „Allerdings. Ich habe mich ihrer erinnert und in unſerm Familienarchiv nachgeſehen, hier iſt das Schriflſtück.“ Baron Udo trat mit dem Document an's Fenſter, das Papier kniſterte in ſeiner zitternden Hand, ſein Blick wurde immer ſtarrer und große Schweißtropfen zeigten ſich auf ſeiner Stirne.“ Der Inhalt dieſes Schriftſtückes war vernichtend ſür alle lammert und die ihn Hoffnungen die er gebaut, an die er ſich gek 95 den gra Mo ha mi ph den in ein ſöt An abe daf ge der ſei — oy * — 499— immer wieder beruhigt hatten, wenn der Unmuth über das Be⸗ e= nehmen und Auftreten ſeines Bruders ihn übermannen wollte. War dieſes Document ächt, und daran konnte durchaus nicht gezweifelt werden, dann kam weder er noch ſein Sohn jemals in den Beſitz des Majorats, dann waren ſie Beide, wenn auch nicht grade Bettler, ſo doch in mancher Beziehung auf die Gnade des Majoratsbeſitzers angewieſen. Baron Udo war aber nicht nur ein durch und durch ehren⸗ hafter, ſondern auch ein ſtolzer Charakter, und ſein Stolz duldete nicht, äußerlich zu zeigen, wie tief dieſe Enttäuſchung ihn getroffen hatte! Mochte er auch verarmen, Niemand ſollte über ihn trium— phiren, Niemand ihm höniſch ſagen können, daß Hochmuth vor dem Falle komme. Er hatte ſeine Faſſung raſch wieder gefunden, und kein Zug in ſeinem Antlitz verrieth, was in ſeiner Seele vorging, es war einmal ſeine Art, auch die wichtigſten Sachen, wenn ſie ihn per⸗ ſönlich betrafen, vorzüglich in Geldangelegenheiten, in Gegenwart Andrer als Bagatelle zu behandeln. „Ich hatte von dieſem Document keine Ahnung,“ ſagte er, aber wie ſehr er ſich auch bezwang, konnte er doch nicht verhüten, daß ein leiſes, faſt kaum merkliches Zittern ſeiner Stimme die gewaltſam bekämpfte Erregung in ſeinem Innern verrieth. „Daran zweifle ich durchaus nicht,“ erwiderte der Majorats⸗ herr,„und ehrlich geſtanden, iſt mir ſelbſt die Exiſtenz desſelben nicht angenehm.“ „Hm, über dieſen Punkt wollen wir uns in keine Controverſe einlaſſen!“ „Ich ſage Dir meine aufrichtige Meinung, Udo, freilich kann ich Dich nicht zwingen, an ihre Wahrheit zu glauben. Du ſiehſt nun auch wohl ein, daß eine Verzichtleiſtung auf das Majorat von meiner Seite nicht möglich iſt.“ „Unter dieſen Umſtänden allerdings nicht.“ „Es ſei denn, doß wir dieſes Document vernichteten,“ ſagte der Majoratsherr mit einem verſtohlenen, lauernden Blick auf ſeinen Bruder. „Nimmermehr!“ rief Baron Udo, in deſſen Augen die Gluth der Entrüſtung hoch aufblitzte,„das wäre ein Verbrechen, ein Schanbfleck auf dem Namen von Oſthoſen, der nie wieder getilgt werden könnte.“ „Und es würde auch nichts dadurch gewonnen,“ erwiderte Edmund mit kalter Ruhe.„Dieſes Document iſt nur eine Kopie, das Original liegt im Staatsarchiv.“ „Natürlich. Aber wenn dies auch nicht der Fall wäre— ich begreife wirklich nicht, wie Du auf dieſen Gedanken kommen konnteſt.“ „Zwiſchen dem Gedanken und der Ausſührung liegt immer noch eine weite Kluft;“ kagte de Mojoratsherr achſelzuckend, wäh⸗ rend er ſinnend den Rauchwölkchen ſeiner Cigarre nachblickte,„ich glaubte Dir einen Gefallen erzeigen zu können— „Du konnteſt vorausſetzen, doß ich auf dieſen Vorſchlag nie⸗ mals eingehen würde.“ „Wir wollen darüber nicht weiter reden. Wie geſagt, ich er⸗ innerte mich dieſes Documents, Papa hatte früher einmal mit wir darüber geſprochen, aber ich konnte an die Exiſtenz desſelben nicht recht glauben, und als ich hente danach ſuchte, war ich einiger⸗ maßen ſicher, daß ich es niche finden würde.“ Baron Udo lächelte ſarkaſtiſch, an die Wahrheit dieſer Behaup⸗ tung konnte er nicht glauben, es lag ja in Allem, was ſein Bruder ſeit ſeiner Heimkehr gethan hatte, das Beſtreben, ſich den Beſitz des Majorats zu ſichern. „Das Document iſt rechtsgültig,“ ſagte er,„und was dich be⸗ wogen hat, es hervorzuſuchen, das kann ja der Thatſache gegen⸗ über, daß es exiſtirt, ſehr gleichgültig ſein. Und da nun jede Hoffnung, daß ich in den Beſitz des Majorats kommen werde, geſchwunden iſt, ſo halte ich es für beſſer, mit meiner Frau dieſes Haus zu verlaſſen.“ „Aber das eilt ja durchaus nicht!“ Was geſchehen muß, das thut man am Beſten gleich! Schwanken „—8 und Zögern macht den Schritt nur noch ſ uchmer. Ueberdies möchte ich Dir auch nicht im Wege ſtehen, wenn Du mit der Renovation des Schloſſes beginnen willſt.“ Der Majoratshere ſtrich die Aſche von ſeiner Eigarre und zuckte abermals die Achſeln, als ob er ſagen wolle, wer ſich nicht rathen laſſe, dem ſei auch nicht zu helfen. „Ich möchte nicht gern auf dieſe Renovation verzichten,“ er⸗ chwerer und unange⸗ — jht 501— widerte er,„meine Gründe habe ich Dir ja genannt und Du wirſt wenig gegen dieſelben einwenden können. Es iſt mir des halb auch unerklärlich, weshalb Du dagegen proteſtirſt. Die Aus⸗ ſtattung des Schloſſes iſt veraltet, ſie entſpricht dem Eeſchmacke der heutigen Zeit nicht und—“ „Ich denke, über dieſen Punkt ſind Worte genug gewechſelt worden,“ unterbrach Baron Udo ihn,„überdies habe ich auch nun keine Stimme mehr, der Inhalt dieſes Documents ſchließt mich und meinen Sohn von der Erbfolge aus, Du biſt hier Herr und Gebieter und ich habe keine Berechtigung, dem was Du willſt, entgegenzutreten.“ Auf der Stirne des Majoratsherrn zeigte ſich eine leichte Falte, der Ton, in welchem ſein Bruder dieſe Worte geſprochen hatte, klang hart und ſcharf, er mußte ihn unangenehm be⸗ rühren. „So ſteht Dein Entſchluß, mich zu verlaſſen, feſt?“ fragte er. „Nachdem ich von dieſem Document Kenntniß erhalten habe, kann ich nicht anders handeln; es wäre mir zu peinlich, Deine Gaſtfreundſchaft noch länger in Anſpruch zu nehmen.“ „Sollte nicht auch der Wunſch, dem Maler Rodenberg nicht zu begegnen, Dich dazu bewogen haben?“ fragte Baron Edmund mit einem raſchen, ſorſchenden Blick auf das Antlitz des Bruders. „Und wenn dics der Fell wäre, könnte mir ein Vorwurf daraus gemacht werden? Man ſoll die Vergangenheit ruhen laſſen, ſo lange nicht dringende Gründe uns zwingen, alte faſt vergeſſene Erinnerungen zu wecken. Und nun genug davon, ich werde bei meinem Entſchluß beharren.“ Baron Edmund hatte ſich von ſeinem Sitz erhoben, und einem ſcharf beobachtenden Blicke konnte es nicht entgehen, daß er im Innern über dieſen Entſchluß erfreut war, wenn er auch äußer⸗ lich die Freude nicht zeigte. „Und willſt Du wirklich dieſen Entſchluß ſchon ſo raſch aus⸗ führen?“ ſragte er. „In den nächſten Tagen, ſobald ich in der Stadt eine paſſende Wohnung gefunden habe.“ „Sobald ſchon? Das hatte ich nicht erwartet.“ „Sollte es nicht mit Deinen Wünſchen übereinſtimmen?“ „Ich wüßte nicht, was Dich zu dieſer Frage berechtigen könnte,“ ſagte der Majoratsherr kalt,„von meiner Seite iſt kein Wunſch, der hierauf Bezug hätte, geäußert worden.“ „Ich überlaſſe das Alles Dir, und was Du auch thun magſt, von meiner Seite wird Dir nichts in den Weg gelegt werden. Biſt Du mit der Rente zufrieden?“ Baron Udo richtete ſich hoch auf, in ſeiner Miene, ſeiner Haltung, ſeinem ganzen Weſen lag der würdevolle Stolz des Edelmanncs. „Die Ordnung dieſer Angelegenheit ſtelle ich ganz Deinem Ermeſſen anheim,“ antwortete er.„In Geldangelegenheiten zu feilſchen, habe ich ſtets unter meiner Würde gehalten, deshalb bitte ich Dich, die Sache zu ordnen, wie es Dir gefällt.“ Der Majoratsherr nickte zuſtimmend. „Du ſollſt mit mir zufrieden ſein,“ ſagte er, ich werde nicht vergeſſen, welchen Dank ich Dir ſchulde! Und was Bruno betrifft, ſo kannſt Du die Sorge für ihn einſiweilen mir überlaſſen; zu⸗ rücklehren darf er nicht, wenigſtens ſo bald noch nicht, er hat den dummen Streich einmal begangen, nun muß er auch die Folgen tragen.“ Baron Udo ſah mit ſtarrem Blicke ſeinem Bruder nach, der ohne eine Antwort abzuwarten, ſich entfernte, dann wandte er tief aufſeufzend ſich um, und erſchreckt fuhr er zuſammen, als er unter der Portiore des anſtoßenden Gemachs Baroneſſe Adelaide bemerkte. Ihr bleiches Antlitz und der Seelenſchmerz, der in ihren ſchönen Zügen ſich ſpiegelte, weckte in ſeinem Innern ernſte Be⸗ ſorgniſſe. „Du haſt die Unterredung vernommen?“ frogte er. „Ich war im Nebenzimmer,“ antwortete die Varoneſſe,„und Dein Bruder ſprach ſo laut und deutlich, daß ich jedes Wort verſtehen mußte. Sagte ich Dir nicht, dieſe Reiſe werde für Bruno eher ein Unglück, als ein Glück ſein?“ Der Baron hatte ſich ſeiner Gattin genähert, er erfaßte ihre Hand und führte ſie zum Divan. Auch in ſeinem Antlitz ſpiegelte. ſich ein tiefinnerer Schmerz, aber der entſchloſſene Zug um die Mundwinkel ließ erkennen, daß er mit ſeiner ganzen Willenkraft dieſen Schmerz bekämpſte; mochte das Geſchick auch noch ſo gſ ſah ſill lut der mie wu al Di dur du — — wi lu er 7 ————— — 503— ſchwer auf ihm ruhen, ihn beugte es ſo leicht nicht nieder. „Wir wollen mit unſerm Urtheil zurückhalten, bis Bruno geſchrieben und die näheren Einzelnheiten uns mitgetheilt hat,“ ſagte er,„erſt dann läßt ſich ein richtiges Urtheil fällen, es ge⸗ fällt mir nicht, daß Bruno zuerſt an den Verwalter geſchrieben hat, und daß Edmund von dem Vorfall früher Kenntniß empfing, als wir. Indeß können auch dafür Gründe vorliegen, die wir nicht kennen, und die ihn entſchuldigen! Leid ſollte es mir thun, wenn die Sängerin Veranlaſſung zu dem Duell geweſen wäre, das wäre eines Edelmannes unwürdig!“ Baroneſſe Adelaide wiegte das Haupt und auch ihren Lippen entrang ſich ein leiſer Seufzer. „Seitdem der Maler Rodenberg ſich gewiſſermaßen in unſre Familie hineingedrängt hat, verfolgt uns das Unglück,“ erwie⸗ derte ſie.„Der innere Friede iſt geſtört, und die Heimkehr Deines Bruders hat auch zu dieſer Störung beigetragen. Sich mich nicht ſo unfreundlich an, Udo, ich will Dir ja keinen Vor⸗ wurf machen, Du haſt ſtets und ſo auch in dieſer Angelegenheit als Ehrenmann gehandelt, und nicht der leiſeſte Vorwurf kann Dich treffen, aber Du wirſt mir Recht geben müſſen. Klara durſte ſich nicht ſo ſehr für den Maler intereſſiren, ſie weckte da⸗ durch in der Seele Vruno's die Eiferſucht.“ „Sollte dieſe Eiſerſucht nicht vielmehr durch die Freundſchaſt des Malers zu der Sängerin geweckt worden ſein?“ „Vielleicht auch das! Aber das Furchtbare iſt geſchehen, es läßt ſich nun nicht mehr ungeſchehen machen, und mir bangt, wir werden auch Vruno nicht wiederſehen.“ „Du ſiehſt zu ſchwar', Adelaide—“ „Den'e an die Vergangenheit Veines Bruders! Mußte nicht auch er zwanzig Jahre lang die Heimath meiden?“ „Bei ihm war diee Sachlage doch eine andere,“ erwiderte Baron Udo, während er langſam auf und nieder wanderte.„Er war mit unſerm Vater, mit uns allen zerfallen, nicht das unglück⸗ liche Duell, der eigene Trieb trieb ihn hinaus! Das haben wir bei Bruno nicht zu befürchten, und wenn Edmund glaubt, unfer Sohn dürfe nun nicht wieder heimkehren, ſo iſt das eine Behaup⸗ tung, die ich nicht gelten laſſen kann.“ „Ich vermuthe, er ſucht Bruno abſichtlich uns fernzuhalten!“ 504— Der Baron wich dem fragenden Blick ſeiner Gattin aus, er wollte ihr offenbar nicht verratheu, wie er über dieſen Punkt dachte. „Es iſt mir Manches noch unklar,“ ſagte er,„ich hoffe, der Brief Bruno's wird uns Klarheit bringen, aus ihm werde ich auch dann erſehen, auf welcher Seite die Schuld liegt, und welche Schritte gethan werden müſſen, um die Folgen dieſes Duells von ihm abzuwenden. Im Nothfalle reiſen wir nach Paris, um mit ihm perſönlich zu reden; es muß ja ohnedies jetzt über ſeine Zu⸗ kunft ernſt berathen und ein Entſchluß gefaßt werden.“ „Und iſt das Document wirklich ächt?“ „Ich kann es nicht bezweifeln.“ „Du hatteſt früher keine Ahnung von der Exiſtenz des⸗ ſelben?“„ „Wie Du nur fragen kannſt, Adelaide!“ erwiderte der Baron mit leiſem Vorwurf.„Hätte ich von der Exiſtenz dieſer Beſtim⸗ mung Kenntniß gehabt, ſo würde ich Klara ſtets als die Beſitzerin des Majorats betrachtet haben.“ „Und umſomehr märe ihre Verbindung mit Bruno zu wün⸗ ſchen geweſen,“ ſagte die Baronin gedankenvoll.„Aber eshat nicht ſollen ſein. Kann ſeine Beſtimmung nicht geſetzlich angefochten werden?“ „Nein Adelaide!“ „Das Majorat wird doch ſtets von einem Sohn auf den an⸗ dern vererbt.“ „Ausnahmen können ſtattfinden, wenn ſie vom Landesherrn genehmigt werden.“ „Und das iſt hier der Fall?“ „Allerdings,“ erwiderte der Baron, der ſtehen geblieben war und eine Weile finſter vor ſich hin ſchaute,„dieſe Beſtimmung hat die ausdrückliche Genehmigung des Landesherrn erhalten und ich wüßte keinen Geſetzparagraph, auf Grund deſſen ſie angefoch⸗ ten werden könnte. Und wenn es auch geſchehen könnte, Adelaide ſo werde ich dennoch darauf verzichten, ich möchte nicht der Welt⸗ und vorzüglich nicht dem Plebs das Schauſpiel geben, daß zwei Brüder aus altadliger Familie vor den Schranken des Gerichts feindlich gegenüberſtehen. Ich habe bisher mein Wappen rein gehalten, und ſo lange ich lebe, ſoll kein Flecken es beſudeln. ſu ein Me hal we W kon erin — — 505— Lieber arm und ein Ehrenmann, als reich und ohne Ehre ſein!“ Varoneſſe Adelaide nickte zuſtimmend, aber die finſtern Schatten ſchwanden nicht, die ihre Stirne umwölkten. „Das iſt der Wahlſpruch des Kaiſers Adolf von Naſſau,“ ſagte ſie, die ſchönen Augen zu ihrem Gatten aufſchlagend.„Beſſer ein Mann ſein ohne Geld, als—— Geld haben und kein Mann ſein!“ „Und es iſt auch mein Wahlſpruch,“ fuhr Baron Udo fort, an dem ich immer feſtgehalten habe!“ „Du wirſt alſo jenes Document nicht angreifen?“ „Nein, ſelbſt dann nicht, wenn ich wüßte, daß ich den Prozeß nicht verlieren kann.“ „Und was ſoll nun geſchehen, Udo?“ „Der Weg iſt mir vorgezeichnet, ich werde ihn gehen. So⸗ bald ich eine paſſende Wohnung für uns gefunden habe, und ich werde noch heute mich darum bemühen, verlaſſen wir dieſes Haus. Wir ſind lange Jahre hindurch glücklich in ihm geweſen—“ „Glücklich, Udo?“ „Ich bitte Dich, verbannne die trüben Gedanken, Adelaide! Thue es mir zu Liebe, ſei vernünftig und gebiete endlich den Zweifeln, mit denen Du ſelbſt Deine Seele marterſt.“ Baron Udo ſtand vor ſeiner Gattin, er hatte ſeine Hand au ihre Schulter gelegt und ſah ihr mit einem zärtlichen, flehenden Blick in die Augen. Eine leiſe Stimme ſchreckte die Beiden empor, der Baron, un⸗ willig über die Störung richtete ſich hoch auf war fund einen zürnenden Blick nach dem alten Kammerdiener, der unbemerkt eingetreten und an der Thüre ſtehen geblieben war „Soeben iſt ein Brieſ für die gnädige Frau abgegeben wor⸗ den,“ ſagte Joſeph in ſchüchternem Tone, als ob er um Entſchul⸗ digung bitten wolle. Baron Udo nahm den Brief von dem ſilbernen Teller, auf dem er lag und betrachtete prüfend die Adreſſe, dann übergab er ihn ſeiner Gattin. „Wer hat ihn abgegeben?“ fragte er. „Ein Dienſtmann,“ erwiderte der Kammerdiener. „Wartet er auf Antwort?“ Rein — „Es iſt gut,“ ſagte der Baron, und ſchon hatte er den alten Mann durch einen befehlenden Wink verabſchiedet, als ein lauter Schrei hinter ihm erſchallte. Er wand ſich um, todesbleich, die Augen weit geöffnet, und einer Ohnmacht nahe, war Baroneſſe Adelaide in den Divan zu⸗ rückgeſunken. „Cäcilie!“ rief ſie mit bebender Stimme, dem Gatten, der raſch ſich genähert halte, den Brief überreichend. Baron Udo zitterte vor Erregung, ihm war, als ob ein Fie⸗ berfroſt ihn ſchüttle, in dieſem markerſchütternden Tone hatte Baroneſſe Adelaide den Namen ihres geliebten Kindes nur ein⸗ mal ausgeſprochen, damals, als das Hütchen und der Mantel der Verunglückten am Ufer des Waldſees gefunden worden waren. Mit Fieberhaſt griff er nach dem Brieſe, die Buchſtaben tanz⸗ ten vor ſeinen Augen. „Gnädige Frau! las er mit wachſendem Erſtaunen. In un⸗ ſerer Zeit geſchehen keine Wunder mehr und die Todten kehren nicht in's Leben zurück, aber auch in unſrer nüchternen proſaiſchen Zeit beherrſchen die Leidenſchaften die Menſchenherzen. Haß und Rachſucht haben zu allen Zeiten Böſes geſtiftet und es iſt ſchon oft vorgekommen, daß eiu Kind ſeiner Mutter ge⸗ raubt wurde aus nicdriger Rachſucht. Sie beweinen ſeit achtzehn Jahren oder noch länger ein ge⸗ liebtes Kind, deſſen Leiche ſie vergeblich auf den Voden des Wald⸗ ſees geſucht haben, Sie haben während dieſer langen Zeit feſtge⸗ halten an dem Glauben und der Hoffnung, daß dieſes Kind noch unter den Lebenden weilen müſſe. Es war eine jener geheimnißvollen Ahnungen eines liebenden Mutterherzens, die menſchliches Wiſſen nicht ergründen kann, eine jener Ahnungen, über die nur Derjenige lacht und ſpöttelt, der niemals vor einem Räthſel des Menſchenherzens geſtanden und vergebens die Löſung dieſes Räthſels geſucht hat. Ich will mich kurz faſſen und Ihnen ſagen, daß ich mit Si⸗ cherheit glaube, dieſes ſpurlos verſchwundene Kind wiedergefunden zu haben und zwar in Verhältniſſen, die Ihnen, der Baronin von Oſthofen geſtatten, es in den Familienkreis aufzunehmen. Gnädige Frau, ich bin ein armer Teufel, verzeihen Sie dieſen Ausdruck, ich bin einer von Denjenigen, welche das Schickſal nie⸗ ben und Su —.————————— 507— mals Wohlwollen gezeigt hat, und ſo glaube ich, Sie können es mir nicht verargen, wenn ich den Sonnenſtrahl, der jetzt ſo plötz⸗ lich auf meinen Weg gefallen iſt, feſthalte. Kurz und bündig, ich verlange für die Enthüllung des Ge⸗ heimniſſes zwanzigtauſend Thaler, ſobald dieſe Summe in meinen Händen iſt, werde ich Ihnen mittheilen, wo Ihre Tochter ſich be⸗ findet, und Sie mit allen Mitteln ausrüſten, deren Sie bedürfen, um Ihre Rechte geltend machen zu können. Ihre Antwort erbitte ich mir unter der Chiffre A. B. 100 poſte reſtante innerhalb der nächſten drei Tage, ſollte während dieſer Friſt eine Antwort nicht eintreffen, ſo entnehme ich daraus, daß Sie überhaupt auf meinen Vorſchlag nicht eingehen wollen. Forſchen Sie mir nicht nach, gnädige Frau, ich werde erſt dann aus meinem geheimnißvollen Dunkel hinaustreten, wenn ich die Gewißheit habe, daß ich das Geld erhalten werde. Wäre ich ein reicher Mann, ſo würde ich keine Forderung ſtellen, die Verhältniſſe zwingen mich die Gelegenheit wahrzuneh⸗ men, um mir für den Reſt meines Lebens eine ſorgenfreie Exiſtenz zu ſichern.“ Der Baron ließ die Hand, welche das Papier hielt, ſinken, ſein Blick ruhte fragend auf der Gattin, in deren Augen eine fieberhafte Aufregung ſich ſpiegelte. „Was hältſt Du davon?“ fragte er. „Kannſt Du noch zweifeln, daß Cäcilie lebt?“ erwiderte die Varonin mit zitternder Stimme. „Und kann dieſer Brief nicht von einem Schwindler geſchrie— ben ſein? Von einem Menſchen, der unſere Familienereigniſſe kennt und nun uns aufs Glatteis führen will um für ſich ſelbſt eine Summe zu erpreſſen?“ „Udo, wenn dies der Fall wäre, dann würde der Brief nicht auf mich den überzeugenden Eindruck machen, im Gegentheil—“ „Sage das nicht, Adelaide, iſt der Schreiber dieſes Briefes ein Betrüger, dann wird er auch das, was er ſchrieb, reiflich überdacht haben, damit es einen überzeugenden Eindruck macht. Wenn ich mich auf einen durchaus objectiven Standpunkt ſtellen will, ſo muß ich ſagen, daß nur ein gebildeter Mann dieſen Brief geſchrieben haben kann.“ „Das gebe ich bedingungslos zu.“ 508— „Nun wohl, ein gebildeter Mann würde perſönlich mit uns unterhandeln—“ „Nicht doch, Udo, er würde Bedenken tragen, ſolche Bedin⸗ gungen mündlich zuſtellen.“ „Und wesholb ſollte er Bedenken tragen? „Weil ſeine Ehre—“ „Pah, was kennt der Plebs von Ehre, Adelaide! Ich behaupte nochmals, der Schreiber dieſes Brieſes kennt Deine Zweifel, Deine Ahnungen und ſtillen Hoffnungen, und darauf hin hat er ſeinen Plan gebaut. Er glaubt vielleicht, binnen der Friſt, die er uns geſtellt hat, die geforderte Summe zu erhalten, iſt er in ihrem Be⸗ ſitze, ſo zeigt er uns eine falche Fährte, der wir vielleicht Monate lang folgen, und während wir uns ſanguiniſchen Hoffnungen hin⸗ geben, verſchwindet er mit dem erpreßten Gelde.“ Der Blick der Baronin hing mit fieberhafter Spannung an den Lippen des Gatten, ſie konnte und wollte nicht an die Berech⸗ tigung ſeiner Zweifel glauben, mit der Verzweiflung des Ertrin⸗ kenden klammerte ſie ſich an den Anker, der ihren Jahre lang gehegten Hoffnungen ſo plötzlich geboten worden war. „Die Behauptung, daß der Schreiber dieſes Briefes ein Betrüger ſei, entbehrt bis jetzt nach jedes Beweiſes, erwiderte ſie, „und ich würde es mir niemals verzeihen, wenn—“ „Adela de, es war keine Behauptung, ſondern nur eine Ver⸗ muthung, und Du darſſt mit Sicherheit darauf bauen, daß ich Alles aufbieten werde, um mir Gewißheit über ſie zu ver⸗ ſchaffen.“ „J bitte Dich, überlaſſe das mir, ich werde vor allen Din⸗ gen den Schreiber des Briefes zu erforſchen ſuchen, damit ich weiß, woran wir ſind, ich rechne nicht gerne mit Factoren, die ich nicht krnne.“ Eine unſagliche Angſt prägte ſich in den Zügen der Baro⸗ nin aus. „Wir ſollen binnen drei Tagen antworten“, ſagte ſie. „Sehr wohl, in dieſer Friſt hoffe ich, erfahren zu haben, was ich zu wiſſen wünſche.“ „Und wenn dieſe Hoffnung ſich nicht verwirklicht und wir di⸗ Friſt verſtreichen laſſen?“ „Dann wird der Schreiber des Briefes noch einmal ſchreiben. — — —— 509 die Hoffnungen, die er hegt, wird er nicht ſo leicht fahren laſſen.“ Die Baronin hatte ſich erhoben, ihr Blick ruhte ernſt und voll auf dem Gatten, in deſſen Miene und Holtung eine errſte Entſchloſſenheit ſich kennzeichnete. „Was ich ſo lange Jahre hindurch gehofft und geahnt habe Udo, das iſt in dieſen Stunden in meiner Seele zur Gewißheit, geworden,“ ſagte ſie mit gehobener Stimme,„Cäcilie lebt, ſie wird uns wiedergegeben werden! Dieſe Zeilen kann kein Betrü⸗ ger geſchrieben haben, fie enthalten Wahrheit und wir müſſen ihnen Vertrauen ſchenken. Allerdings tritt uns jetzt die Frage nahe, ob wir die ziemlich hebeutende Summe zahlen können, denn ich ſetze voraus, daß Du Dich nicht dazu verſichen wirſt, mit dem Schreiber des Briefes um den geforderten Preis zu feilſchen.—“ „Du weißt, Adelaide, daß ich mich dazu niemals verſtehen konnte!“ „Nun wohl, wenn das Geld uns fehlen ſollte, ſo werde ich meinen Schmuck verkaufen!“ „Das iſt unnöthig, ich habe Erſparniſſe gemacht, die mehr als das Doppelte dieſer Summe betragen,“ ſagte Baron Udo, deſſen Brauen ſich mehr und mehr zuſammen zogen, aber gerade deshalb, weil es Erſparniſſe ſind, möchte ich ſie nicht ſo ohne Weiteres zum Fenſter hinaus werfen, wir müſſen auch an die Zukunft Brunos denken. Ich bitte Dich, warte in Geduld den Erfolg meiner Bemühungen ab, ich werde ſofort zur Stadt fah⸗ ren und bort meine Maßregeln treffen, um den Schreiber des Briefes zu erforſchen.“ Er zog haſtig an der Glocke, in der nächſten Minute ſchon trat Joſeph ein. „Haben Sie vielleicht üeiertt ob und welche Nummer»der Dienſtmann, der vorhin den Brief brachte, trug?“ fragte der Baron. „Ich habe nicht darauf geachtet.“ erwiderte der Diener. „Würden Sie ihn wieder erkennen, wenn Sie ihm wieder begegneten?“ „Mit Sicherheit kaun ich es nicht behaupten, aber ich glaube s. Hätte ich dieſe Frage vorausſehen können—“ — — 510— „Es iſt gut,“ winkte der Baron,„ich wollte weiter nichts wiſſen. Der Kutſcher ſoll ſofort anſpannen, ich will aus⸗ fahren.“ „Und welche Schritte gedenkſt Du zu thun? fragt die Ba⸗ roneſſe, als ſie ſich mit ihrem Gatten wieder allein befand. „Der Mann verlangt die Antwort durch einen Brief Poſt reſtante, bei der Richtigkeit der Sache wird er vorausſichtlich ſelbſt am Poſtſchalter nachfragen, ob ein Brief mit der uns an⸗ gegebenen Chiffre angekommen ſei, der Beamte ſoll eine Legiti⸗ mation von ihm fordern, ehe er ihm den Brief übergibt.“ „Du wirſt ihm alſo antworten?“ „Ge riß. Ich weide in meiner Antwort ihm eine perſönliche Zuſammenkunft vorſchlagen, geht er darauf nicht ein, ſo iſt er ein Schwindler. „Darf man das mit ſolcher Sicherheit behaupten? Wenn er nun unbekannt bleiben will“— „Ein Mann, der für die Enthüllung eines Geheimniſſes einen ſo hohen Preis fordert, muß auch mit ſeiner Perſon für die Wahrheit ſeiner Enthüllungen einſtehen. Daß wir das fordern werden, konnte und mußte er vorausſehen, und ſo wird ihn auch meine Zumuthung nicht überraſchen. Verweigert er aber die ver⸗ langte Zuſammenkunft, dann mag uns diecs als Beweis dienen, daß er keine redlichen Abſichten hegt, ich glaube, wir können dann ohne Bedauern auf weitere Mittheilungen von ſeiner Seite ver⸗ zichten. Und nun bitte ich Dich noch einmal, ſei geduldig,“ ſuhr Baron Udo fort, während er ſeinen Arm um die Taille der Gattin ſchlang und langſam mit ihr auf die Portiere zuſchritt, „uns ſteht ohnedies noch ſo viel Schweres bevor, daß wir unſre ganze geiſtige und körperliche Kraft aufbieten müſſen, um den Schlägen des Schickſals feſt und muthig die Stirne zu bieten.“ Baroneſſe Adelaide ſeufzte tief auf und nickte mit ſchmerzlich wehmüthiger Miene, als ob ſie ſagen wolle, ſie ſehe das Alles ein, aber wenn auch der Verſtand ihm Recht gebe, das Herz laſſe ſich doch nicht gebieten. Ein Viertelſtunde ſpäter ſtieg Baron Udo in den Wagen, der im nächſten Augenblick mit ihm von dannen rollte. dern auch ver⸗ enen, dann ver⸗ ſuht ritt, nſre den rzlich Ales Hetz 3 „der 22. Kapital. Am ſchnödes HGeld. Der Beſuch, den Friedrich Wortmann in der Stadt zu machen hatte, galt in der Hauptſache dem ehemaligen Hofmeiſter. Seitdem er ihn zuletzt geſehen hatte, war Vieles vorgefallen, und es drängte ihn, mit Hurter darüber zu reden und zu berathen. Der Hofmeiſter ſchien dasſelbe Bedürfniß zu empfinden, der Empfang, der dem Verwalter zu Theil wurde, bewies es. „Alſo endlich kommt Ihr doch noch einmal,“ ſagte Hurter, nachdem er mit fieberhafter Haſt ſeinem Gaſte einen Stuhl hin⸗ geſchoben hatte, ich glaubte ſchon, Ihr hättet mich vergeſſen und wolltet ſortan Euren Weg allein gehen.“ „Und wie konntet Ihr das glauben?“ erwiderte Wortmann vorwurfsvoll.„Ihr wißt ja, wie vorſichtig wir ſein müſſen, vorhin noch fragte der Majoratsherr mich, ob ich mit Euch verkehre.“ „Sieht der Fuchs die Fallen, die ihm geſtellt werden?“ ſpottete Hurter. „Er hat mich gewarnt vor Euch!“ „Daraus geht deutlich hervor daß er mich fürcht t.“ „Zugegeben, aber eben deshalb iſt uns Vorſicht geboten. Die Notiz hat bereits ihre Wirkung gethan.“ Hurter blickte fragend auf, ein boshafter Zug glitt über ſein Fuchsgeſicht.“ ₰„Hat der junge Herr ſie geleſen?“ fragte er. „Jawohl, an mich hat er bereits geſchrieben, und es kann nicht ausbleiben, daß er auch bei ſeinen Eltern ſich beſchweren wird.“ „Na, und was dann?“ „Dann muß der Majoratsherr dem Maler die Thür zeigen, 512 und deß es nicht in ſchonender Weiſe geſchehen wird, läßt ſich wohl mit Sicherheit erwarten.“ „und ich frage Euch noch einmal, was habt Ihr davon? Damals habt Ihr mic auf dieſe Frage keine Antwort gegeben „Die Antwort würde Cuch wemg intereſſiren,“ ſſagte Wort⸗ mann raſch,„es handeit ſich um eine Privatangelegenheit. Dem arroganten Burſchen muß der Standpuakt klar gemacht werden, wenn er auch ein berühmter Mann iſt, ſo bleibt er drum doch ein Baſtard, das ſollte er nicht vergeſſen, dem Majoratsherrn habe ich ſchon einen Floh in's Ohr geſetzt, aber er ſcheint kein beſonderes Gewicht darauf zu legen, ich glaube ſogar, er würde dieſem Burſchen die Hand der Baroneſſe Klara geben, wenn er nicht auf ſeine Familie Rückſichten nehmen müßte.“ „Rückſichten?“ höhnte der Hoſmeiſter.„Glaubt doch nicht, daß dieſer Mann irgend welche Rückſichten nehmen wird. Ich habe für die ganze Familie nichts übrig, meinetwegen kann ſie ſterben und verderben, und wenn ich noch jung wäre, dann würde ſch ganz entſchieden den Majoratsherrn unterſtützen, um das Ver⸗ derben über die ganze Sippe herauſzubeſchwören. Aber ich bin ein alter Mann und ſehne mich nach Ruhe. Vor allen Dingen ſehne ich mich nach einem ſeſten, geſicherten Einkommen, ich denke dann werde ich mir ſchon Ruhe verſchaffen. Und um dieſes Einkommen zu erhalten, kann ich ſelbſt auf meine Rache ver⸗ zichten.“ „Hm, es ſragt ſich, wie viel dabei heraus kommt?“ „Wenn's nicht der Mühe werth iſt, laſſe ich die Finger davon.“ „Und wodurch glaubt Ihr es zu erreichen.“ „Jetzt antworte ich Euch mit Euren eigenen Worten: Es iſt werdet's ja früh genug erfkhren— „Haben wir nicht ein Bündniß geſchloſſen?“ „In dieſer Angelegenheit nicht.“ Der Verwalter ſah ihn befremdet an, er konnte ſeinen Aerger über dieſe kurze und ſchroffe Antwort nicht verbergen. Aber er kannte auch den Charakter dieſes Mannes zu genau, um nicht eine Privatangelegenheit,“ erwiderte der Hofmeiſter ſpöttiſch.„Ihr — — 3 als achſ ſch une reif gebt phit wel 7) wenn kicht, S 0 müre würde t⸗ bin Ugen denke — 513— zu wiſſen, daß weder Drohungen noch Bitten ihn be negen würden, weitere Mittheilungen über dieſen Gegenſtand zu machen. „Hier iſt der Brief des jungen Herrn,“ ſagte er nach einer Pauſe,„der Majoratsherr hat den Wunſch geäußert, daß eine Notitz über dieſen Vorfall in der Zeitung erſcheinen möge, wollt Ihr das übernehmen?“ Hurter überflog mit raſchem Blick den Inhalt des Briefes und wieder umzuckte jenes boshafte tückiſche Lächeln ſeine⸗ Lippen. „Und aus welchem Grunde wünſcht er es?“ fragte er. „Der Grund liegt wohl auf der Hand! Baron Bruno hat ihm vom Anbeginn an Mißtrauen erzeigt, da liegt es wohl in ſeinem Jatereſſe, ihn fern zu halten. Er will dem jungen Herrn, den er offenbar fürchtet, die Heimkehr unmöglich machen.“ „Pah, von dem hat er nichts zu fürchten!“ „Das mhchte ich ſo ſicher nicht behaupten. Ein altes Sprich⸗ wort ſagt, wer mir als Freund nicht nützen kann, der kann als Feind mir ſchaden, und viele Hunde ſind des Haſen Tod.“ „Der Majoratsherr iſt ja unbeſchränkter Gebieter in Oſthofen, er kann ſeiner Familie das Aſyl kündigen,“ bemerkte der Hofmeiſter achſelzuckend.„Und wenn er wüßte, was ich wüßte, ſo würde er wenig Federleſens machen.“ „Deutet Ihr abermals auf ein Geheimniß hin?“ „Auf ein Geheimniß, welches in Oſthofen Niemand zu ahnen ſcheint. Wenn ich es enthülle werden die Verhältniſſe dort eine unerwartete Wendung erhalten! Baron Udo wird die Augen auf⸗ reißen, wenn er hört, daß er gar nicht erbberechtigt iſt.“ Der Verwalter lachte hell auf; jetzt war ihm eine Gelegenheit geboten, über die Geheimthuerei ſeines Verbündeten zu trium⸗ phiren. „Das iſt bereits kein Geheimniß mehr.“ ſagte er,„daraus werdet Ihr nicht einen rothen Pfennig gewinnen. Das Document iſt gefunden—“ „Und wer hat es entdeckt? fragte Hurter überraſcht. „Der Majoratsherr ſelbſt.“ „Durch einen Zufall?“ „Nein, er hat es im Archiv geſucht, er wußte, daß es dort lag.“ Der Baſtard. 33 — 514— „Er wußte das wirklich?“ „So hat er mir geſagt.“ „Das iſt ſeltſam,“ ſagte der Hofmeiſter nachdenklich,„und wenn es die Wahrheit iſt, dann frage ich, wann und wodurch iſt die Kenntniß von der Exiſtenz dieſes Documents ihm ge⸗ worden?“ „Könnte man nicht dieſelbe Frage auch an Euch richten?“ erwiderte Wortmann mit einem lauernden Blick auf den hageren Mann, der langſam mit der Handfläche über ſeinen kahlen Schädel ſtrich. „Muß es nicht befremden, daß Ihr Kenntniß davon habt, wäh⸗ rend Baron Udo nicht einmal eine Ahnung davon hatte?“ „Könnt Ihr die Wahrheit dieſer letzten Behauptung be⸗ weiſen?“ „Ich finde den Beweis in der Ehrenhaſtigkeit des Barons!“ „Dieſer Beweis genügt mir nicht. Mancher ſcheint ein Ehren⸗ mann zu ſein, aber der Schein trügt oft, mein Beſter. Und hier handelt es ſich nicht um einen Pappenſtiel, ſondern um ein Ma⸗ jorat. Mich hat Baron Edmund von der Exiſtenz dieſes Schrift⸗ ſtückes in Kenntniß geſetzt, ſein Vater hatte mit ihm darüber ge⸗ prochen.“ „Nun, dann wißt Ihr ja auch, durch wen der Majoratsherr dieſes Geheimniß erfahren hat!“ „Wollen wir das gelten laſſen, ſo müſſen wir auch annehmen, daß der Majoratsherr der verſchollene Bruder des Baron Udo iſt,“ entgegnete Hurter.„Und in dieſem Falle wäre es Thor⸗ heit, weiter nachforſchen zu wollen, wir könnten uns die nutzloſe Mühe erſparen.“ Der Verwalter zuckte ärgerlich die Achſeln. „Ihr ſchüttet gleich das Kind mit dem Bade aus,“ ſagte er. „Erinnert Euch der Mittheilungen, die Florian Bendexmir ge⸗ macht hat! Beſtätigen ſie nicht unſern Verdacht in allen Punkten? Wenn der Menſch mir nur einen einzigen Haltpunkt geboten hätte! Aber er war ſtumm wie ein Fiſch, nachdem er ſeinen erſten Beſuch bei dem Baron gemacht hatte. Weshalb ſagte er mir nicht offen und ehrlich, mein Verdacht ſei unbegründet, er habe den Baron Edmund wieder erkannt?“ 4 biſoc Lone uiſch ſihl ſchloſ „ auch unte ſpra der ſein eige ließ ter, hatt buch das hei ſchat nkten eboten erſten rnir habe —————— — 515— „Weshalb er das nicht that?“ ſpottete Hurter.„Weil er beſtochen war! Und ich ſage Euch,“ fuhr er in geheimnißvollem Tone fort,„ich glaube noch immer nicht, daß der Wilddieb ihn erſchoſſen haben ſoll.“ „Ich habe nie daran geglaubt, und ich komme heute haupt⸗ ſächlich dieſer Sache wegen zu Euch. Seid Ihr noch immer ent⸗ ſchloſſen, an unſrer früheren Vereinbarung feſtzuhalten?“ „Entlarvung erſt dann, wenn ſichere Beweiſe vorliegen und auch in dieſem Falle nur gegen Zahlung einer Summe, die wir unter uns theilen. Ihr werdet Euch erinnern, daß ſo die Ab⸗ ſprache lautete!“ „Allerdings und ich werde mein Verſprechen halten.“ „Gut, war ich Euch nun mittheile, das bleibt einſtweilen ganz unter uns!“ „Nun herans damit!“ ſagte Hurter ungeduldig.„Habt Ihr etwas entdeckt?“ „Hm, ich glaube— ja! Kennt Ihr das Sommerhaus im Park von Oſthofen?“ „Natürlich.“ „So wißt Ihr auch, daß ſich ein Keller unter demſelbenbefindet?“ „Gewiß, ich habe manche Flaſche Wein herausgeholt,“ nickte der Hofmeiſter. „Na, ſchon im erſten Verhör wurde darauf hingewieſen, daß der Mörder ſich in dem Gewölbe verſteckt haben könne,“ um hier ſein Opfer zu erwarten. Der Majoratsherr bekämpfte dieſe Vermuthung in einer Weiſe, die mich befremdete, er hatte ja eigentlich gar nichts mit der Sache zu thun. Der Staatsanwalt ließ ſich dadurch nicht irre machen, er ging in den Keller hinun⸗ ter, aber er entdeckte nichts. Als die Gerichtsherren ſich eutfernt hatten, ging ich auch hinunter—“ „Und habt Ihr etwas entdeckt?“ fragte Hurter haſtig. „Ja. Auf der unterſten Treppenſtufe fand ich dieſes Notiz⸗ buch. Es iſt, wie Ihr vielleicht wiſſen werdet, eine Holztreppe, das Buch war zwiſchen zwei Stufen eingeſchoben, ſo daß man es bei oberflächlichem Suchen nicht entdecken konnte, aber meinem ſcharfen Blicke entging es nicht. Dieſes Buch hat mir lange zu ſchaffen gemacht, bis ich endlich den Schlüſſel dazu gefunden habe. 335 — — 516— Der Hoſmeiſter nahm das Vuch aus den Händen ſeines Ver⸗ bündeten; es war ein kleines, unſcheinbares und ſehr abgenutztes Notizbuch, unter hundert Perſonen würden vielleicht neunund⸗ nennzig es nicht des Aufhebens werth gehalten haben, wenn ſi⸗ es auf der Straße gefunden hätten. „Und wem gehört dasſelbe?“ fragte er. „Blickt einmal hinein, vielleicht werdet Ihr's errathen.“ Hurter kam der Aufforderung nach, er blätterte lange darin, und der Ausdruck ſeines Geſichts errieth wachſendes Erſtaunen. Notizen die insgeſammt ſich auf die Familie Oſthofen beziehen!“ ſagte er kopfſchüttelnd. „Und zwar ſehr ausführliche Notizen,“ fügte Wortmann hinzu, findet Ihr das nicht auch?“ „Allerdings. Es ſind da Ereigniſſe berührt, deren ich mich kaum noch erinnere.“ „Außerdem enthält das Buch alle Namen und Perſonalbe⸗ ſchreibungen nicht nur der Familienglieder, ſondern auch der Beamten und der Dienerſchaft. Ihr ſeid auch darin erwähnt und zwar in keineswegs ſchmeichelhafter Weiſe.“ „Das iſt mir außerordentlich gleichgüktig!“ erwiderte Hurter, während er weiter blätterte.„Welchen Zweck mögen dieſe No⸗ tizen haben?“ „Den Zweck, ſpäter dem Gedächtniß zu Hülfe kommen zu können?“ k „Getroffen! Glaubt Ihr es nicht auch?“ Der Hoſmeiſter klappte das Buch zu und blickte ſinnend vor ſich hin. „Ihr könnt Recht haben,“ ſagte er und ich glaube auch, daß Eure Anſicht die richtige iſt, aber— aber——“ Er brach ab und ſchüttelte wiedernum den Kopf, indeß ſein Blick lauernd auf dem Verwalter ruhte. „Aber ich fürchte, damit ſei uns kein Beweis gegen den Ma⸗ joratsherrn gegeben,“ fagte der Letztere in ironiſchem Tone. „Ja, das fürchte ich nicht allein, ich behaupte es auch,“ nickte Hurter.„Geſetzt, es würde bewieſen, daß dieſes Buch wirklich Eigenthum des Barons wäre, was hätten wir dadurch gewonnen? Kann er nicht früher ſchon einmal in dem Keller geweſen ſein und bei dieſer Gelegenheit das Notizbuch verloren haben?“ „Ich glaube das nicht, was er dort ſuchen ſollen?“ „Ein Zufall, eine Laune kann ihn hineingeführt haben! Was wollt Ihr nun mit dem Buch beginnen 7 „Ich?“ fragte der Verwalter, aus ſeinem Sinnen erwachend „Gar uichts, ich kann ja nichts thun. Ich weiß nur zu wohl daß der Majoratsherr mich ſcharf beobachtet, ſobald ſein Miß⸗ trauen eine Beſtätigung findet, wird er mich entlaſſen, und ich kann dann zuſehen, wo ich bleibe!“ „Ueber dieſen Punkt habe ich auch nachgedacht,“ erwiderte Hurter, ihm in die Rede fallend,„ich habe die Nothwendigkeit erkannt, daß Ihr auch für dieſen Fall Eure Maßregeln treffen müßt. Wenn ich auch alle Vorarbeiten übernehmen will, ſo kann's doch nicht ausbleiben, daß Ihr endlich und zuletzt genö⸗ thigt werdet, thätig mit einzugreifen. Wir können auf Schwie⸗ rigkeiten ſtoßen, die nur durch Eure Hülfe zu bewältigen ſind, und in dieſem Falle dürft Ihr nicht unthätig bleiben!“ „Hm, das iſt ſehr leicht geſagt=“ „Hört weiter. Eure Tochter iſt mit dem Bildhauer Waldſtern verlobt, ſorgt daß die Hochzeit ſobald wie möglich gefeiert wird, und greift den jungen Leuten etwas unter die Arme. Wenn Ihr dann entlaſſen werden ſolltet, habt Ihr ein Aſyl bei Euren Kin⸗ dern, ſpäter wird Baron Udo Euch jedenfalls den Verwaltungs⸗ poſten wieder anvertrauen.“ Der Verwalter war wieder in Nachdenken verſunken, derVor⸗ ſchlag ſchien ihm einzuleuchten, er mußte zugeben, daß dieſer Rath Manches für ſich hatte. „Wir können einſtweilen noch gar nichts beweiſen,“ fuhr der Hofmeiſter fort,„wenn wir erforſchen wollen, ob das Buch Eigen⸗ thum des Majoratsherrn iſt, ſo müſſen wir erwarten, daß Baron Edmund uns zwingen wird, ihm dasſelbe herauszugeben.“ „Das darf nicht geſchehen!“ „So ſage ich auch, alſo können wir nach dieſer Seite hin nichts unternehmen. „Trotzdem werde ich erfahren ob Baron Edmund dieſes Notizbuch vermißt, ich werde nicht ruhen bis ich es weiß!“ — 518— „Und wenn Ihr darüber Gewißheit erhalten habt, ſo iſt da⸗ mit wirklich noch gar nichts erreicht,“ ſagte Hurter, das hagere Haupt ſchüttelnd,„er wird keinesfalls zugeben, daß er in jener Nacht im Sommerhauſe geweſen ſei.“ „Daß er in dem Augenblick, in welchem der Schuß ſiel, im Park war, kann bewieſen werden,“ erwiderte der Verwalter mit gedämpfter Stimme, während er einen ſcheuen Blick hinter ſich warf. „Bald nach dem Schuß hat die alte Urſula eine Geſtalt aus Park kommen und durch den Garten zum Schloß ſchleichen ſehen. Die Alte hat mit ihren ſcharfen Augen den Majorats⸗ herrn erkannt, ſie behauptet, er müſſe ſchon vor dem Fallen des Schuſſes im Park geweſen ſein.“ Der ehemalige Hofmeiſter hatte die Brauen hoch hinaufgezogen, er ſtarrte ſeinen Verbündeten an, wie wenn er fragen wollte, o5 das wirklich Wohrheit ſei. „Die alte Frau kann ſich trotz ihrer ſcharfen Augen noch ver⸗ ſehen haben,“ erwiderte er. „Das habe ich auch geſagt, aber ſie beharrt feſt bei ihrer Be⸗ hauptung, und ich bin überzeugt—,“ „Halt!“ fiel Hurter ihm raſch in die Rede.„Baut darauf nur nicht ſogleich große Hoffnungen. Es iſt das Zeugniß einer einzigen Perſon und noch dazu ein ſehr unbeſtimmtes Zeugniß, welches mit leichter Mühe widerlegt werden kann. Wenn Baron Edmund dieſer Zeugin gegenüber behauptet, er ſei in jener Nacht nicht aus dem Schloſſe gekommen, wem wird der Richter alsdann Glauben ſchenken? Dem reichen hochangeſehenen Majoratsherrn oder der alten Magd, einer Perſon, von der man gewohnt iſt, daß ſie am hellen Tage Geſpenſter ſieht? Damit kommen wir nicht durch, wir müßten mehrere Zeugen haben.“ „Ja, ja, das weiß ich auch,“ nickte Wortmann,„ich habe es mir gleich geſagt. Und auf den Förſter iſt jetzt auch nicht mehr zu rechnen, ſeitdem der Majoratsherr ihm zugeſtanden hat, daß der Wald nicht niedergelegt werden ſoll. Aber das iſt nur eine Frage der Zeit, Baron Cdmund wird den Handel doch machen, ſobald er einen Käufer gefunden hat.“, „Vor allen Dingen arbeitet auf den Bruch zwiſchen den beiden Brüdern hin!“ da⸗ dr gan ——— ———— „Der iſt ſchon ſo gut wie erfolgt.“ „Seid Ihr deſſen ſicher?“ „Ja, ich bin's. Baron Udo und Baroneſſe Adelaide werden das Schloß verlaſſen, und ſobald ſie fort ſind, geht's in Oſthofen drunter und drüber. Die Handwerker ſind ſchon beſtellt, das ganze Mobilar ſoll verkauft und Alles neu angeſchafft werden.“ „Wird ein Heidengeld koſten,“ brummte der Hofmeiſter. „Natürlich! Und wenn das Alles bezahlt werden ſoll, müſſen Schulden gemacht werden, das kann nicht ausbleiben! Das Gut wird vielleicht ruinirt—“ „Es fragt ſich, ob es ſomeit kommen wird. Jedenfalls wollen vir beide aus dem Schiffbruch einige Trümmer für uns retten, ich denke darin ſeid Ihr mit mir einverſtanden?“ „Gauz gewiß! Wißt Ihr, welchen Plan ich mir ausgedecht habe? Wir Beide ſind auf uns allein angewieſen, von keiner Seite haben wir auf Beiſtand zu hoffen. Baron Brunoiſt draußen und darf nicht heimkehren—“ „Mit ihm, dieſem hochnaſigen Junker, mag ich auch nicht zu ſchaffen haben!“ „Ich ebenfalls nicht, deshalb ſorgt, daß die Notiz in die Zeitung kommt, damit ihm die Heimkehr unmöglich gemacht wird. Florian Bender iſt todt, und auf den Förſter können wir nicht rechnen, wenigſtens einſtweilen nicht. Nun aber ſind uns auch die Hände gebunden, inſofern als der Majoratsherr nicht traut und ſogar Feindſeligkeiten von uns erwartet. Da habe ich mir gedacht, wenn wir einen tüchtigen Polizeibeamten in unſer Geheimniß ein⸗ weihen, ihm alle nöthigen Mittheilungen machen und eine gute Velohnung ihm in Ausſicht ſtellen, damit müßten wir wohl zum Ziel kommen. Man hat ſolcher geheimen Agenten genug, die mit dem größten Vergnügen eine ſchwierige Aufgabe übernehmen, und eine Ehre darin ſuchen, ſie zu löſen.“ „Kennt Ihr einen ſolchen Agenten?“ fragte der Hofmeiſter,“ über den Vorſchlag nachdenkend. „Nein; ich habe nie Gelegenheit gehalt, mit ſelcher Leuten in Berührung zu kommen—“ „Na, 1 er Zrit einen Mann kennen gelernt, * der früher Polizeibeamter war und jetzt penſionirt iſt. Er hat 520 mir aus ſeiner Vergangenheit Manches erzählt, woraus mir un⸗ zweifelhaft daß er ein geriebener Fuchs iſt, und wenn Ihr glaubt, daß wir es wagen dürfen, uns ihm anzuvertrauen, ſo will ich 3 reden.“ „Ich halte das für den beſten Weg!“ „Gut, laßt mir das Vuch hier, damit ich es ihm zeige, Wollen wir dieſen Entſchluß ausführen, ſo müſſen wir es auch ganz thun.“ Der Verwalter hatte ſich erhoben, er legte zögernd das Notiz⸗ buch auf den Tiſch. „Aber gebt es ihm nicht,“ ſagte cr,„es muß in mei nen Hän⸗ den bleiben. Ich kann ja nicht wiſſen, ob die Verhältniſſe mich nicht zwingen, es dem Majoratsherrn zurückzugeben, ich muß mir für dieſen Fall freie Hand ſichern.“ „Ich denke, wir thun gut, darüber die Anſicht und den Rath des Beamten zu hören,“ erwiderte Hurter, während Wortmann auf die Thüre zuſchritt,„wollen wir ihm dieſe Aufgabe anver⸗ trauen, ſo müſſen wir uns auch ſeinen Anordzungen fügen. Ich werde mit ihm reden, inzwiſchen ſetzt Eure Beobachtungen fort und beachtet auch das Geringſte. Vielleicht tritt in der nächſten Zeit ein Ereigniß ein, welches Euch im höchſten Grade überraſchen wird, aber laßt Euch dadurch nicht beirren, mit unſerer Angele⸗ genheit hat es nichts zu thun.“ Wortmann blickte ihn fragend an, aber da er in den Zügen des Hofmeiſters las, daß er nichts weiter erfahren würde, ver⸗ abſchiedete er ſich. Wenn er chrlich ſein wollte, ſo mußte er ſich ſelbſt ſagen, daß er nicht wußte, was er glauben ſollte. Es kamen Augen⸗ blicke, in denen er die feſte ung hegte, daß der Majo⸗ ratsherr ein Betrüger ſein müſſe, aber ſuchte er nach Beweiſen für dieſe Behauptung, dann verlor er jeden Haltpunkt, und es ſprach ſo Vieles gegen ihn, daß ihm das Gegentheil glaubhaſter ſchien. Woher konnte ein Betrüger und Abentheurer von der Exiſtenz jenes wichtigen Documents Kenntniß erhalten haben? Und wie war es möglich daß ein ſolcher Sſle ſo ſicher und unbe⸗ fangen auſtreten konnte? Es waren allerdings derartiger Fälle mehrere vorgekommen, ein al we ————— „ in denen der betreffende Schwindler ſeine Rolle mit einer bewun⸗ dernswerthen Virtuoſität geſpielt hatte, aber hier lagen doch wie⸗ der Verhältniſſe vor, hier ſtieß das Durchführen einer ſolchen Reihe auf zu große Schwierigkeiten. Und dennoch tauchten jene Zweifel immer wieder auf, ſie hatten eine neue Beſtätigung ge⸗ funden in der Ermordnung Benders und den Mittheilungen der alten Urſula, ſie mußten verfolgt werden. Auch das Notizbuch bot ihm einen Haltpunkt, der keineswegs gering zu ſchätzen war, dieſe Entdeckung konnte ein Glied in der Beweiskette bilden, aber wie viele Glieder fehlten noch, um die Kette zu ſchließen und vollſtändig zu machen. Der Verwalter hatte keinen leichten Standpunkt. Auf der einen Seite die Sorge um ſein Vermögen, die ſtete Angſt, es verlieren und zur Rechenſchaft gezogen werden zu können, auf der andern Seite das brennende Verlangen, die geſuchten Beweiſe zu erhalten. Er hätte die Finger davon ablaſſen und ſich den Befehlen des neuen Majoratsherrn unterwerfen können, ſein Vermögen wäre ihm alsdann geſichert geweſen, aber die Habgier geſtattete ihm das nicht. Die Entlarvung des Betrügers ſollte ihm einen großen Lohn einbringen, das Streben nach Reichthum ließ ihm keine Ruhe. Dazu kam, daß er den Majoratsherrn haßte, weil dieſer in Lon⸗ don ihn ſo ſchlau überliſtet hatte, und zu dieſem Haß geſellte ſih die Furcht, Baron Edmund könne eines Tages ohne jede Beranlaſſung ihn auffordern, die Rechnungsbücher vorzulegen, und den ehrlichen Erwerb des Vermögens nachzuweiſen Haß, Furcht und Habgier, waren die Factoren, die den Ver⸗ walter bewogen, an dem Bündniſſe mit dem ehemaligen Hofmei⸗ ſter feſtzuhalten, gegen den er gleichwohl nichts weniger als freundlich geſinnt war. Der Gang, den er jetzt machte, war ihm auch nicht angenehm, aber der Majoratsherr hatte ihm den Auftrag gegeben, den Maler Rodenberg zu beſuchen, und er wußte nicht, unter melchem Vor⸗ wande er es ablehnen ſollte. Er war jetzt vor dem Atelier angelangt, zögernd blieb er ſtehen, dann öffnete er die Thür, und lautes Lachen ſchallte ihm entgegnen. — 522— Sh An dem maſſiven, alterthümlichen Tiſche, auf dem die mäch⸗ meld tigen Humpen ſtanden, ſaßen der Maler und Hellmuth Waldſtern und in den friſchen, jugendlichen Geſichtern ſpiegelte ſich die aus⸗ jctt gelaſſenſte Heiterkeit. wohl Aber als Willy jetzt den Eintretenden erblickte, glitt ein finſt⸗ rer Schatten über ſeine Stirne, und die Gluth des Zornes loderte haue in ſeinen Augen auf. „Was wünſchen Sie?“ fragte er in einem Tone, der durchaus ſroh nicht freundlich klang. Auch dem Verwalter ſtieg das Blut in die Wangen, aber er e bezwang ſich. „Der Herr Baron ſchickt mich zu Ihnen,“ erwiderte er mit 6 einem bedertſamen Blick auf Hellmuth, als ob er ihn auffordern e wolle, ihm beizuſtehen,„er wünſcht Sie morgen in Oſthofen zu ſehen.“ z „Morgen? Gut, ich werde kommen!“ „Weshalb ſagſt Du das ſo unfreundlich?“ fragte deſſen Heiterkeit durch dieſen Mann nicht getrübt zu ſein ſchien. „Mein liebenswürdiger Schwiegervater kommt ja im Auftrage eines Andern, und auf dieſen Andern wirſt Du gewiß Rückſicht nehmen.“ Willy zuckte die Achſeln, aber ſo ſehr er auch gegen den Verwalter eingenommen war, mußte er ſich doch ſelbſt ſagen, daß er in der That zu ſolcher Unhöflichkeit keine Berechtigung hatte. Wenn Wortmann auch um die Hand der Frau Magdalena ge⸗ 6 worben hatte, ſo konnte ihm daraus am Ende kein Vorwurf ge⸗ macht werden, der Antrag war abgelehnt worden und er hatte ja noch keiner Verſuch gemacht, ihn zu wiederholen. de „Bin ich unfreundlich geweſen?“ ſagte er, ſich beſinnend und 6 einen höflic ren Ton anſchlagend,„das war meine Abſicht nicht, 5 ich bitte um Entſchuldigung.“ Um die Lippen des Verwalters zuckte ein ironiſcher Zug, aber er nahm doch den vollen Humpen, den Hellmuth ihm anbot und während er mit vollen Zügen aus demſelben trank, ruhte ſein Blick ſinnen) auf der Gliederpuppe, die jetzt ſtatt des Dolches einen Lorbeerkranz in der Hand hielt. 6 „Der Herr Baron wünſcht Sie wegen der Renovation des nuth, ſchie n. ſtrage ichſicht den n, daß hatte. W E uf ge⸗ hatte d und nicht, g aber ot und te ſein Dolches on des —————— 5 Schloſſes zu Rathe zu ziehen,“ ſagte er, nachdem er tief aufath⸗ mend den Humpen hingeſtellt hatte.“ „Er iſt alſo wirklich dazu entſchloſſen?“ Willy, der jetzt auch ſeine heitere Laune wiedergefunden hatte.„Da wird wohl auch für Dich ein Auftrag abfallen, Hellmuth.“ „Er kann meinen Todesengel bekommen,“ erwiderte der Bild⸗ hauer ſcherzend. „Der Genius des Todes, in einem Schloſſe, in welchem nur frohe Feſte gefeiert werden ſollen?“ „Weshalb nicht? Hoher Sinn liegt oft im Kind'ſchen Spiel!“ „Seltſame Idee!“ ſagte Wortmann, der ſich auf einen Sche⸗ mel niedergelaſſen und das Kinn auf den Knopf ſeines Stocks geſtützt hatte.„Eine gewiſſe Berechtigung hat dieſer Gedanke doch, gerade in den letzten Tagen lag die Möglichkeit ſehr nahe, daß eine Leiche io's Schloß gebracht wurde.“ Willy blickte betroffen auf, ſeine Wangen waren bleich ge⸗ worden. „Was wollen Sie damit ſagen?“ fragte er. „Hat Signora Grimaldi Ihnen noch nicht geſchrieben?“ „Ja doch, vor acht Tagen—“ „Dann allerdings können Sie es nicht wiſſen,“ „Aber was iſt denn vorgefallen?“ fragte Willy erregt. „Sie wiſſen doch, daß Signora Grimaldi ſich in Orvay am Genfer See befindet?“ „Natürlich— was weiter?“ „Zwei Herren ſind dort mit ihr zuſammengetroffen,“ ervi⸗ derte der Verwalter, dem es beſonderes Vergnügen bereit te, das Gift tropfenweiſe einzugeben.„Baron Bruno von Oſthofen und Herr von Falkenberg.“„ „Großer Gott!“ rief Willy, in deſſen Seele eine range Ahnung aufſtieg,„So ſprechen Sie doch, was iſt geſchehen?“ „Die beiden Herren haben ſich duellirt!“ „Und Baron Bruno iſt verwundet?“ „Im Gegentheil, man zweifelt an dem Aufkommen ſeines Gegners.“ „So wollte ich, daß ich dort geweſen wäre!“ ſagte Hellmuth zornig.„Ich hätte dieſen unverſchämten R aufbold niedergeſchla⸗ gen, wie— „Ruhig!“ bat Willy, der vergeblich ſeiner Erregung zu gebie⸗ ten ſuchte.„Wiſſen Sie etwas Näheres über die Urſache des Duells, Herr Verwalter?“ „Nein, den Grund zu dem Wortwechſel ſoll allerdings die Sinseth gegeben haben, aber mir ſcheint, daß der Baron ſchon vorher ſich in einer ſehr gereizten Stimmung befand, die ihren Urſprung möglich erweiſe in der Zeitungsnotiz hatte, welche er mir mitſchickte. In dieſer Notiz wird behauptet, ein berühmter Künſtler ſteht im Vegriff, in nähere Bezichungen zu der Oſthofen zu treten, und wenn ich auch die Notiz lächerlich finde ſo kann ſie drum doch auf den Baxon einen tieſen und aufregen⸗ den Eindruck gemacht haben.“ Ueber das vorhin noch ſo bleiche Antlitz des Malers hatte ſich eine glühende Röthe ergoſſen; auf ihn war der tiefere Sinn dieſer Notiz ſofort klar geworden. In welcher Zeitung ſtand dieſe Notiz und wer hat ſie einrücken laſſen?“ fragte er ſcharf. Der Verwaller, deſſen lauerndem Blick nicht die leiſeſte Ge ſth des jungen Mannes entging, zuckte leicht die Achſeln. „Dieſe beiden Fragen kann ich nicht beantworten,“ ſagte er, „Baron Bruno hat mir dieſe Notiz ohne jede weitere Erklärung mitgetheilt.“ „Was ſagſt Du dazu, Hellmuth?“ wandte Will Uy ſich zu dem Freunde. „Was ſoll ich ſagen?“ erwiderte der Bildhauer ruhig.„Künſ⸗ tige Ereigniſſe werfen ihre Schatten voraus, ich würde aus ſolchen Lappalien gar nichis machen und unbeirrt meinen Weg verfolgen. Die Hand der Baroneſſe Klara von O Oſthofen iſt immer⸗ hin ein begehrenswerther Preis! Willy wanderte mit großen Schritten auf und nieder, der Ver⸗ walter lächelte boshaft. „Ein Preis,“ ſagte der letztere,“ den ein Bürgerlicher niemals gewinnen wird! Es wäre Thorheit, wenn Sie ſich irgend welchen Illuſionen darüber hingeben wollten, Baron Ude—“ „Und wer hat Ihnen geſagt, daß ich ſolchen Illuſionen mich ——— hint fta W Weg er Ver⸗ S 25— hingebe?“ unterbrach Willy ihn mit ſcharfer Betonung. Ich frage Sie, wer war ſo kühn, dieſe Notiz zu erfinden und zu ver⸗ öffentlichen zu laſſen? Wenn Sie den Schreiber jener Zeilen mir gegenüberſtellen, ſo werde ich ihm in's Geſicht ſagen, daß er ein elender Verleumder ſei!“ „Na, na, ſchnell fertig iſt die Jugend mit dem Wort!“ ſagte Hellmuth ſche zend.„Weshalb ſollte Willy nicht um dieſen Preis ringen dürſen?“ „Weshalb?“ erwiderte der Verwalter achſelzuckend, und ein malitiöſer Blick ſtreifte die beiden Jünglinge.„Ja, wenn man in Oſthofen keine Kenntniß von der Herkunft des Herrn Rodenberg hätte, wollte ich die Möglichkeit eher gelten laſſen! Weshalb em⸗ pfängt der Baron Udo nicht den Maler? Dazu müſſen doch auch Gründe vorliegen!“ Die funkelnden, blitzenden Augen Willys hefteten ſich durch⸗ bohrend auf⸗ das hagere Geſicht des allen Mannes, in deſſe Zügen eine triumphirende Bosheit ſich ſpiegelte. „In welcher Abſicht, ſagen Sie mir das?“ fragte er mit be⸗ bender Stimme. Der Verwalter hatte ſich erhoben, er wußte ſelbſt, daß den Sturm, den er heraufbeſchworen hatte, jetzt losbrechen mußte. „Um Sie zu warnen,“ erwiderte er.„Um Ihnen zu zeigen, daß Sie Illuſionen hegen, die ſich nicht verwirklichen können und werden. Jene Notiz hat auch in Oſthoſen einen ſehr unangeneh⸗ men Eindruck gemacht, man hat ſich Ihres Streites mit dem Varon Bruno erinnert, und ich darf wohl annehmen, daß—“ „Nicht weiter, mein Herr!“ fiel Willy entrüſtet ihm in's Wort. „In dem Augenblick, in welchem ich Sie hier eintreten ſah, wußt. ch ſoſort, daß der eigentliche Zweck Ihres Beſuchs kein friedlicher war, niedrige Rachſucht veranlaßte Sie, mir dieſe beleidigenden Worte zu ſagen. Mit Ihnen will ich nicht darüber rechten, mit einem Menſchen, den niedrige Leidenſchaſten beherrſchen, läßt ſich a nicht ſtreiten.“ Er wandte ihm mit einer Miene der Verachtung den Rücken, aber die Lippen des Verwalters umzuckte das boshaſte Lächeln noch immer. — 526— „Ich würde mich auch mit Ihnen in keinen Wortwechſel ein⸗ laſſen,“ ſagte der letztere,„werfen Sie mir niedrige Leidenſchaf⸗ ten vor, ſo gebe ich Ihnen den Vorwurf zurück, indem ich Sie des Hochmuths beſchuldige, eines Hochmuths, wie er ſtets vor dem Falle zu kommen pflegt. Sie ſollten ſtets eingeden' ſein, wer Sie ſind, und woher Sie ſtammen, bann würden Sie demüthiger auf⸗ treten! Das bischen Ruhm, welches Sie ſich erworben haben, thut's nicht, Jeder, mit dem Sie in Berührung kommen, fragt doch nach Ihrer Herkunft und Vergangenheit.“ Damit verließ er das Atelier, und Hellmuth, der dieſe Wen⸗ dung des Geſprächs nicht erwartet hatte, folgte ihm, um ihm Vorwürfe zu machen, zu denen er ſich berechtigt glaubte. Der alte Mann ließ ihn nicht zu Worte kommen. „Ich habe dem Groll in meinem Innern einmal Luſt gemacht,“ ſagte er,„und das mußte geſchehen, denn ich bin zu tief von dieſen Leuten beleidigt worden. Mit welchem Recht wollen ſie ſich denn auf's hohe Pferd ſetzen? Wer ſind ſie denn, daß ſie ſo hochmüthig auftreten dürfen? Es geſchieht ihm Recht, wenn er an ſeine Herkunft erinnert wird, denn ſo berühmt er auch als Maler werden mag, er iſt und bleibt doch ein Baſtard. 2 „Schwiegervater Sie ſprechen da—“ „Wie ich denke!“ fuhr der Verwalter mehr und mehr ſich ereifernd fort.„Aus Hochmuth hat man meine Hand zurück⸗ gewieſen. „Das war der Grund nicht!“ „Er war's. Dieſe Leute wiſſen nicht, wie hoch hinaus ſie ſollen! Seitdem er das Glück gehabt hat, den erſten Preis zu bekommen, weil eben kein beſſeres Gemälde als das ſeinige aus⸗ geſtellt war, ſeitdem ſticht ihn der Hafer. Er ſoll ſich nur nicht einfallen laſſen, um Baroneſſe Klara zu werben! Mit Glanz würde er hinausgeworfen, wie man einen unverſchämten Bettler vor die Thür wirft, und Niemand könnte behaupten, daß ihm Un⸗ recht geſchehen wäre.“ Hellmuth hatte die Brauen zuſammengezogen, und aus ſeinen ehrlichen, treuen Augen traf ein finſtrer Blick den Begleiter. „Sie haſſen ihn,“ ſagte er,„und dem Haß muß man manches Wort zu gute halten, das unter anderen Unmſtänden ſich nicht ntſchuldigen ließe—“ paß ihn „Ja, ich haſſe ihn ſeines Hochmuthes wegen!“ rief der Ver⸗ walter ärgerlich.„Und dieſes Hochmuths wegen wünſche ich auch, daß Sie den Verkehr mit ihm abbrechen.“ „Das kann ich nicht.“ „Ich verlange es!“ Willy Rodenberg iſt mein einziger Freund!“ „Und zugleich iſt er der Feind Ihres Schwiegervaters, das paßt nicht zuſammen! Sie müſſen wählen zwiſchen Helene und ihm, und ich hoffe, die Wahl wird Ihnen nicht ſchwer fallen. Die Hochzeit kann, wenn Sie es wünſchen, in vier Wochen ge⸗ feiert werden, ich will meine Zuſtimmung dazu geben, und Helena wird auch nichts dagegen haben, aber der Verkehr mit dieſem Maler muß abgebrochen werden.“ „Sie fordern etwas von mir—“ „Was ich zu forden berechtigt bin!“ ſagte der Verwalter ent⸗ ſchloſſen.„Und dieſer Forderung werden Sie nachgeben, ich hoffe und erwarte es.— Unſre Equipage!“ unterbrach er ſich, indem er ſtehen blieb und dem raſch näher rollenden Wagen entgegen⸗ blickte.„Es iſt Baron Udo.“ Der Wagen hielt plötzlich, der Baron gab dem Verwalter einen Wink, der, dem Befehl gehorchend, auf die Equipage zutrat. „Es iſt mir ſehr lieb, daß ich Sie hier treffe,“ ſagte der Baron,„ich bedarf Ihres Beiſtandes in einer Privatangelegenheit Können Sie mich begleiten?“ „Ganz wie Sie befehlen, Herr Baron.“ „So ſteigen Sie ein.“ Wortmann kam der Aufforderung nach und nahm mit einem herablaſſenden Handwink von dem Bildhauer Abſchied, der bei dieſer Geberde laut auflachte. Baron Udo ſchien das gar nicht bemerkt zu haben, er zog einen Brief aus der Taſche und überreichte ihn dem Verwalter, während der Wagen weiter rollte. „Leſen Sie,“ ſagte er,„und dann theilen Sie mir Ihre An⸗ ſicht darüber mit.“ Bei dem erſten Blick, den Wortmann auf den Brief warf ſtutzte er, und während des Leſens glitt ein ironiſches Lächeln, faſt kaum merkbar über ſein Geſicht. 0 „Kennen Sie vielleicht die Handſchrift?“ fragte der Baron. Der Verwalter ſchültelte verneinend das Haupt. „Ich glaube, ſie ſchon einmal geſehen zu haben,“ erwiderte er, „aber behaupten kann ich es nicht.“ „Und was halten Sie von dem Inhalt des Briefes?“ Wortmann ſah den Baron forſchend an, wie wenn er die Gedanken desſelben ergründen wolle. „Sie glauben nicht an die Wahrheit dieſer Mittheilungen?“ erwiderte er. „Oſfen geſtanden nein!“ „Es wäre allerdings ein ſeltſames Ereigniß, wenn Baroneſſe Cäcilie wieder zum Vorſchein käme, aber in der Unmöglichkeit liegt das keineswegs! Meine Magd, die alte Urſula hat ſiets behauptet, die Baroneſſe könne damals nicht verunglückt ſein, man würde die Leiche gefunden haben, ſie glaubt, die Wärterin ſei mit dem Kinde geflüchtet, um der Frau Baronin ein bittres Herzeleid anzuthun.“ „An vieſe Möglichkeit habe auch ich damals gedacht,“ ſagte Baron Udo leiſe,„aber glauben kann ich nicht an ſie. Ueberdies iſt derzeit auch Alles geſchehen, was geſchehen konnte, um eine Spur zn finden, die gewiß mit der größten Energie verfolgt worden wäre. Man hat die Leiche nicht gefunden, es iſt wahr, auch das läßt am Ende ſich erklären, aber hinwiederum berechtigt es auch zu jenen Zweiſeln, mit denen ſmeine Gattin ihr eigenes Herz martert. Und obſchon ich glaube, daß auch jetzt alle Be⸗ mühungen fruchtlos ſein werden, will ich dennoch mich ihnen unter⸗ ziehen und mir keine Ruhe gönnen, bis ich Gewißheit erhalten habe.“ „Es iſt möglich, daß der Schreiber des Briefes Sie um das Seid prellen will,“ erwiderte der Verwalter ſinnend,„aber auf der andern Scite könnten doch auch ſeine Vehauptungen wirllich begründet ſein.“ „Eben deshalb!“ nickte der Baron.„Ich will es wiſſen!“ „Und was gedenken der Herr Baron nun zu thun?“ „Was ich zu thun gedachte, das werden Sie übernehmen! Sie können das beſſer wie ich, und ich weiß auch, daß ich mich auf Sie verlaſſen darf.“ — dert wei ba 52 „Ich werde Ihr Vertrauen rechtfertigen.“ „Alſo hören Sie. Sie werden einen Brief an den unbekann⸗ ten Geheimnißkrämer ſchreiben und ihn in meinem Auſtrage um eine Zuſammenkunft erſuchen. Den Beamten am Poſthalter weiſen Sie an, er möge von Denjenigen, der nach einem Briefe unter der Chiffre A. B. 100 frage, eine genaue Legitimation fordern und ſich den Namen desſelben bemerken. Außerdem fragen Sie en im Bureau des Dienſtmanns⸗Inſtituts nach dem Dienſtmanne der einen Brief nach Oſthofen gebracht hat, vielleicht erinnert derſelbe ſich der Perſon, die ihm den Brief übergeben hat. Ich hoffe dadurch wird es uns gelingen, den Schreiber zu ermitteln.“ „Ich glaube, Herr Baron, daß alle dieſe Bemühungen über⸗ ſetz flüſſig ſind,“ ſagte der Verwalter, und wieder heftete er den lauernden Blick auf das Geſicht des Edelmannes.„Wenn ich den Betreffenden zu einer Zuſammenkunſt einlade, ſo wird er jeden⸗ 6 falls kommen, und dann kann man ja hören, was er da ſagt, und S welche Beweiſe er vorzulegen hat.“ „Sie werden die erſten Unterhandlungen mit ihm führen!“ „Sehr wohl, Herr Baron. Aber ſind Sie geneigt, ſeine For⸗ derung zu bewilligen?“ „Ich glaube, die Beantwortung dieſer Frage können wir einſt⸗ weilen vertagen.“. „Ich möchte Sie um Beantwortung bitten, damit ich eine Richtſchnur habe!“ Varon Udo drehte gedankenvoll an den Spitzen ſeines Schnurr⸗ barts. „Die Forderung iſt unverſchämt“, ſagte er,„zwanzigtauſend Thaler für eine Mittheiluug zu der man ihn geſetzlich zwingen ——————— —— kann!“ bas„Die Forderung iſt allerbings hoch,“ erwiderte der Verwalter, aber aus dem Ton des Briefes läßt ſich ſchließen, daß der illich Schreiber entſchloſſen iſt, ſie auſrecht zu erhalten. Und handeln kann man mit ſolchen Leuten nicht. Herr Baron, ebenſowenig kann man ſie zu einem Geſtändniß zwingen, weun ſie es nicht gutwillig ablegen wollen.“ „Nun, ich will das Ihnen überlaſſen,“ ſagte der Baron Udo, die Brauen leicht zuſammenziehend,„es verſteht ſich natürlich von 54 Der Baſtard. — 530— ſelbſt, daß uns, ehe wir Zugeſtändniſſe machen, überzengende Be⸗ weiſe von der Exiſtenz meiner Tochter gegeben werden müſſen.“ Er gab dem Kutſcher ein Zeichen, der Wagen hielt. „Wir ſind in der Nähe der Poſt,“ fuhr der Baron fort,„Sie werden wohl in einer Reſtauration das nöthige Schreibmaterial finden, beginnen Sie ohne Verzug mit Ihren Nachforſchungen. Ihre Auslagen werde ich Ihnen erſtatten, und auf meinen Dank dürfen Sie rechnen, ſobald Sie etwas erfahren haben, erſtatten Sie mir Bericht. Adieu.“ Der Verwalter war ausgeſtiegen, er ſtand auf dem Trottoir und blickte dem davonrollenden Wagen nach und wieder umſpielte das ironiſche Lächeln ſeine ſchmalen Lippen. „Ich weiß bereits genug,“ murmelte er,„jetzt werde ich durch die ſchöne Rechnung eines Anderen einen Strich ziehen.“ Er ſchritt langſam, in Gedanken verſunken, von dannen und trat eine halbe Stunde ſpäter wieder in die Wohnung des ehe⸗ maligen Hofmeiſters. 23. Kapitel. Der gehobene Hchat. Die Unterſuchung gegen den rothen Franz nahm ihren Fort⸗ gang, aber trotz aller Schlauheit wollte es dem Gerichtsrath nicht gelingen, überzeugende Beweiſe für die Schuld des Angeklagten zu finden. Es lagen allerdings Beweiſe gegen ihn vor, aber es waren keine poſitiven Beweiſe, ſie ſtützten ſich auf Zeugenausſagen und auf die Vermuthungen, die aus denſelben gefolgert wurden. Ob er wirklich den Schuß auf den Ermordeten abgefeuert üſen⸗ prt, e. 7„Sie materiul wungen Dank ſuten Vottoir unſpielt i urh nen und des ehe⸗ Fort⸗ h nicht eklagten waren tzſagen urden. efeuert — 531— hatte, darüber konnte der Unterſuchungsrichter keine Klarheit er⸗ halten, alle Bemühungen, den Angeklagten zu einem Geſtändniß zu bewegen, blieben erfolglos. Der rothe Franz leugnete mit Entſchiedenheit, das Verbrechen begangen zu haben, und dabei deutete er darauf hin, daß der Majoratsherr von Oſthofen dieſer Andre ſeine könne. Natürlich wies der Richter dieſe Vermuthung mit Entrüſtung zurück, aber es war ihm doch intereſſant zu hören, auf welche Gründe der Vagabund dieſelbe ſtützte. Der Angeklagte berief ſich auf die Worte, die Florian Bender in der Schenke geſprochen hatte, auf das Geld, welches im Beſitz des Ermordeten geweſen war. Wer konnte denn wiſſen, was drüben in Amerika vorgefallen war? Konnte nicht ein, dem Majoratsherrn gefährliches Geheimniß vorliegen, von welchem Florian Bender Kenntniß gehabt hatte? Und war es denn ganz undenkbar, daß der Baron von Oſt⸗ hofen dieſes Mittel gewählt haben ſollte, um ſich von einem ge⸗ fährlichen Gegner zu befreien? Der Unterſuchungsrichter legte auf alle dieſe Ausführungen gar keinen Werth, in ſeinen Augen konnte nur der rothe Franz der Schuldige ſein, die Beweiſe, die gegen dieſen Mann vorlagen, genügten ihm. Dennoch hatten die Vermuthungen des Angeklagten ihn einiger⸗ maßen nachdenklich geſtimmt, er mochte wollen, oder nicht, er mußte darüber nachdenken, und der Entſchluß, am Schauplatze der That noch einmal Nachforſchungen anzuſtellen, war unter ſolchen Umſtänden wohl ein begreiflicher. In Begleitung des Polizeicommiſſars, der auch beim erſten Verhör zugegen geweſen war, trat er den Weg an. Es war ein heller ſonniger Morgen, als die Beiden die Stadt verließen. Der Unterſuchungsrichter theilte ſeinem Begleiter die Ver⸗ muthungen des Angeklagten mit, freilich nur in der Abſicht, die Lächerlichkeit derſelben zu beweiſen, aber der Kommiſſar nahm dieſe Mittheilungen ernſter auf. „Es wäre nicht das erſte Mal, daß ein reicher und vornehmer Herr ſich auf dieſem Wege eines Feindes entledigt hätte,“ ſagte 2 34 ½ — 532— er kopfſchüttelnd.„Der Zweck muß oſt die Mittel heiligen, und⸗ in dieſem Falle war der Zweck leicht und ſicher zu erreichen. Wir kenn en die Vergangenheit des Majoratsherrn nicht, wir wiſſen nicht, wie er drüben gelebt habt und was dort vorgefallen iſt. Muß es nicht auffallend ſcheinen daß der erſchoſſene Vagabund⸗ faſt gleichzeitig mit dem Baron zurückgekehrt iſt? Und gibt das Gold, welches er beſeſſen hoben ſoll, nicht auch Vieles zu denken?“ „Nein“ erwiderte der Richter,„in dem letzten Umſtande finde ich nichts, was mich beſremden könnte. Der Majoratsherr hat ja erklärt, er labe dem Vagabund kein Geld gegeben, er hat die Ver⸗ mu thung ausgeſprochen Bender werde dieſes Gold von drüben mitgebracht haben, und dieſe Vermuthung klingt durchaus wahr⸗ ſcheinlich.“ „Im Gegentheil Herr Gerichtsrath; ich finde ſie ſehr unwahr⸗ ſcheinlich. Wäre Florian Bender im Beſitz einer ſolchen Summe⸗ geweſen, ſo würde er bei ſeiner Heimkehr nicht als Vagabund aufgetreten ſein. In jedem Menſchen, mag er auch noch ſo tief geſunken ſein, liegt das Beſtreben, mehr zu ſcheinen, als er wirk⸗ lich iſt, dieſer angeborene Stolz regt ſich immer wieder. Als der Ermordete auswanderte, war er ein geachteter Mann, er beſaß ein kleines Vermögen und er hoffte mit Zuverſicht, dasſelbe drüben zu vermehren. Welcher Triumph für ihn, wenn er als gemachter Mann heimkehren und den ſtaunenden Bauern Hände voll Gold⸗ zeigen konnte! Und auf dieſen Triumph ſollte er aus eigenem Antriebe verzichtet haben, um ſich als Vagabund verſpotten und verhöhnen zu laſſen? Das klingt ganz unglaublich!“ „Und dennoch ließe es ſich erklären,“ erwiderte der Richter gedankenvoll,„er kann ſeine beſonderen Gründe dazu gehabt haben.“ „Möglich allerdings, aber nicht wahrſcheinlich!“ „So glauben Sie, der Baron müſſe ihm das Geld gegeben haben?“ „Ja, das gaube ich.“ „Herr van Oſthofen hat es mit Entſchiedenheit geleugnet.“ „Und iſt deshalb die Möglichkeit der Wahrheit ausgeſchloſſen?“ fragte der Commiſſar.„Der Baron kann ihm die Summe in Banknoten gegeben haben, und das gemeine Volk liebt das Pa⸗ viet hot Gi bieſ e ſinde hutje die ve⸗ drien wahr. ſwahr⸗ Eumme gabund ſo tief er wirt⸗ ls der beſaß Nüben machter 1 Gold. eigenen n und ſichter gehabt egeben piergeld nicht, es zieht klingende Münze vor. Florian Bender hat die Banknoten gegen Gold umgewechſelt—“ „Ich glaube nicht, daß er das gewagt haben würde! Jeder Geldwechſler hätte Verdacht geſchöpft und ihn wegen des Erwerbs dieſer Summe ſcharf in's Gebet genommen.“ Der Commiſſar zuckte die Achſeln. „Ich will und kann nicht darüber urtheilen,“ ſagte er,„ich wollte Ihnen nur beweiſen, daß die Vermuthungen des Angeklag⸗ ten nicht ſo ganz zu verwerſen ſeien. Beweiſe gegen ihn haben wir noch nicht; wäre der rothe Franz nicht ein Wilddieb und ein Vagabund, ſo würde—“ „Herr Kommiſſar vor dem Geſetze ſind Alle gleich, der Vaga⸗ bund gilt ſo viel, wie der Edelmann.“ „Gewiß, aber Sie werden gleich wohl zugeben, daß gewiſſe Vorurtheile ſich immer geltend machen, wenn der Angeklagte ein armer Teufel iſt.“ „Nicht doch, aber wenn die Vergangenheit des Angeklagten das Verbrechen wohrſcheinlich macht, ſo läßt ſich daraus immerhin ein Schluß ziehen.“ „Sie haben den Baron wohl noch nicht nach ſeinen Erleb⸗ niſſen in Amerika gefragt?“ „Was hätte mich dazu veranlaſſen können?“ „Hm, dadurch würde vielleicht feſtgeſtellt, ob der Ermordete von einem dem Majoratsherrn gefährlichen Geheimniß Kenntniß haben konnte.“ „Der Baron hat ja ſchon im erſten Verhör erklärt, Florian Bender habe ihm drüben das Leben gerettet.“ „Auch das kann man nehmen, wie man will!“ „Sie glauben dieſer Erklärung nicht?“ „Herr Gerichtsrath, was ſoll man glauben und was nicht? Ein ſicheres Urtheil kann wohl erſt dann gefällt werden, wenn überzeugende Beweiſe gefunden worden ſind.“ Der Richter ſchwieg, die Bemerkungen ſeines Begleiters hatten einen tieferen Eindruck aufihn gemacht, als er zeigen wollte. So erreichten ſie die Lindenallee, die zum Schloſſe führte, der Berichtsrath blieb ſtehen. „Ich möchte mich nicht ſofort an den Varon wenden,“ ſagte er zögernd. — 534— „Auch ich halte das nicht für rathſam,“ erwiderte der Kom⸗ miſſar,„gehen wir zum Verwalter.“ „Sie haben Recht, bedürfen wir einer Auskunft, ſo können wir ſie von ihm erhalten.“ Sie ſchlugen einen anderen Weg ein, und traten nicht lange darauf in die Schreibſtube des Verwalters, den dieſer Beſuch in nicht geringes Erſtaunen verſetzte. „Wir wollten Sie bitten, uns in den Park zu führen,“ nahm der Richter das Wort, nachdem er in dem ihm angebotenen Seſſel Platz genommen hatte,„vielleicht entdecken wir nachträglich noch eine Spur, die wir verfolgen können.“ Der Verwalter blickte ihn fragend an, es lag etwas in ſeinen Zügen, was darauf hindeutete, daß auch er einen Verdacht hegte, den er erſt dann ausſprechen wollte, wenn er ihn beſtätigt fand. „Vielleicht haben Sie eine ſolche Spur gefunden?“ fragte der Kommiſſar, der den hageren Mann ſcharf beobachtete. Wortmann fuhr erſchreckt zuſammen, er konnte ſeine Beſtürzung nicht verbergen. „Zweifeln Sie an der Schuld des rothen Franz?“ fragte er. „Es ſind noch keine poſitiven Beweiſe gefunden worden, und er ſelbſt leugnet,“ erwiderte der Richter achelzuckend.„Es gilt alſo, Beweiſe zu finden.“ „Ich fürchte, Sie werden vergeblich ſuchen,“ ſagte der Ver⸗ walter. „Und worauf ſtützen Sie dieſe Beſorgniß?“ entgegnete der Kommiſſar. „Ich meine, wenn etwas zu finden wäre, ſo hätte es ſofort nach der That entdeckt werden müſſen.“ „Das kann ich mit Sicherheit nicht behaupten,“ ſagte der Richter. „Man überſieht oft im erſten Augenblick Manches, was erſt ſpäter Bedeutung gewinnt, und in dem vorliegenden Falle wurde die Schuld des Angeklagten ſofort als erwieſen angenommen. Der Vagabund war ſofort nach ſeiner Heimkehr bei Ihnen, nicht wahr?“ „Sie meinen Florian Bender? Allerdings, wenigſtens ſagte er ſelbſt, er ſei zuerſt zu mir gekommen. Es war ihm drüben ſchlecht ergangen, er hoff'e hier Arbeit zu finden.“ nit Ge hen Rahm — Oeſſel hoch ſeinen fand. te der dzung te er. und hter. erſt urde Der nicht ſagte üben — 535— „Von dem Gelde, welches er miigebracht hatte, ſprach er nicht?“ „Im Gegentheil, er ſagte mir, er beſitze gar nichts.“ „Und dennoch prahlte er wenige Tage darauf mit ſeinem Gelde? Er behauptete kurz vor ſeinem Tode, dieſes Gold von dem Baron erhalten zu haben, ber Baron hingegen erklärt, dem Ermordeten kein Geld gegeben zu haben.“ „Ich vermag darüber keinen Aufſchluß zu geben,“ ſagte der Verwalter, aber der ſcheue Blick, den er auf die Thür warf, ließ nur zu deutlich erkennen, daß er mehr wußte, als er verrathen wollte.„Es iſt ja möglich, daß er das Gold von drüben mitge⸗ bracht hat, ich weiß es nicht, mir hat er nichts davon geſagt.“ „Und hat er Ihnen auch keine Mittheilungen über ſeine Be⸗ gegnung mit dem Baron drüben in Amerika gemacht?“ fragte der Commiſſar, während er verſtohlen einen bedeutſamen Blick mit dem Richter wechſelte. Wortmann zögerte mit der Antwort; er erinnerte ſich des Verſprechens, welches er dem Hofmeiſter gegeben hatte. Sollte er dieſen Beiden ſagen, was er wußte? Durfte er hoffen, daß ſie ſeinen Verdacht theilen und ihn in ſeinen Bemühungen unterſtützen würden? Die Frage verlangte eine Antwort, und mit dieſer Antwort durfte er nicht lange hinter dem Berge halten, er mußte berichten, was Bender ihm mitgetheilt hatte, und es alsdann dem Richter anheimſtellen, welche Vermuthungen dieſer daraus ziehen wollte. „Er war nicht lange bei mir,“ ſagte er nach einer Pauſe, aber eine Mittheilung hat er mir bei dieſer Gelegenheit doch ge⸗ macht, die mich überraſchte. Wie er mir ſagte, iſt er drüben einige Male mit dem Majoratsherrn zuſammen getroffen, und die Beiden ſchienen in gewiſſer Beziehung mit einander befreundet ge⸗ weſen zu ſein.“ „Und was lag für Sie überraſchendes in dieſer Mittheilung?“ fragte der Richter. „In dieſer Mittheilung nichts! Aber vor ſeiner Einſchiffung nach Europa will Florian Bender die Leiche des Majoratsherrn geſehen haben.“ Der Verwalter hatte die letzten Worte mit gedämpfter Stimme geſprochen, es ſchien faſt, als fürchte er, daß ein unberufener — 536— Lauſcher in der Nähe ſein könne und dies das Geheim⸗ nißvolle ſeiner Mittheilung. „Die Leiche des Majoratsherrn?“ fragte der Commiſſar be⸗ ſe„Das verſtehe ich nicht.“ „Er behauptete, der Baron ſei erſchoſſen worden. Von wem und aus welcher Veranlaſſung, gab er vor, nicht zu wiſſen.“ „Aber wenn das Wahrheit wäre, wie hätte alsdann der Baron zurückkehren können?“ ſagte der Unterſuchungsrichter, deſſen Blick mit fieberhafter Spannung auf dem Geſicht des hageren Mannes ruhte. „Das habe ich ihm auch erwidert, aber er blieb bei ſeiner Behauptung. Nun iſt es ja Fi daß er ſich dennoch geirrt hat, er hat den Schuß gehört, den Baron vor ſeinem Zelt leblos gefunden, und ſich darauf ohne Verzug wieder entfernt, weil er fürchtete man könne ihn für den Mörder halten. Wahrſcheinlich war der Bacon nur verwundet.“ „Haben Sie ſpäter noch einmal mit dem Ermordeten darüber geſprochen?“ fragte der Richter. „Ja, das heißt, ich habe einige darauf bezügliche Fragen an ihn gerichtet, aber er beantwortete ſie ausweichend.“ „Drohte er mit der Enthüllung von Geheimniſſen?“ „Das gerabe nicht, aber er führte ſeltſame Reden.“ „Deuteten dieſe Reden auf Geheimniſſe hin?“ „Auf dieſem Wege werden wir nichts erreichen,“ ſchnitt der Nichter dem Commiſſar das Wort ab,„wir müſſen uns an das halten, was der Herr Baron erklärt hat, die Mittheilungen jencs Vogabunden, der durch den Trunk unzurechnungsfähig geworden war, haben mir keinen Werth. Es wird ſo ſein, wie der Herr Verwalter geſagt hat, der Baron war ſchwer verwundet, und es iſt ſogar möglich, daß Florian Bender ſelbſt den Schuß abge⸗ feuert hat, wer kann wiſſen, was ihn zu dieſem Verbrechen ver⸗ anlaßte!“ „Hätte er es begangen, ſo würde er hier nicht gewagt haben, dem Baron vor die Augen zu treten,“ ſchaltete der Kom⸗ miſſar ein. Der Gerichtsrath hatte ſich von ſeinem Sitz erhoben. „Wer weiß, wie die Dinge licgen, und welcher Art die Be⸗ ziehungen der Beiden zu einander waren,“ erwiderte er, ſo lange — 3 man das nicht weiß, kann man auch nicht daräber urtheilen. Gehen wir jetzt in den Park.“. Der Verwalter folgte den beiden Herren, und ſeine nachdenk⸗ liche Miene verrieth, daß er bereits bereute, die an ihn gerich⸗ teten Fragen ſo ausführlich beantwortet zu haben. Er hätte ihnen noch Manches mittheilen können, die Ent⸗ deckung, die er im Weinkeller des Sommerhauſes gemacht hatte, die Zweifel des ehemaligen Hofmeiſters und die Ausſagen ſeiner alten Magd, aber er hielt es für beſſer, zu ſchweigen, er konnte dadurch ſich ſelbſt in Unannehmlichkeiten verwickeln, und daran, daß der Majoratsherr das Verbrechen begangen haben könne, glaubte ja doch Niemand, ſo lange überzeugende Beweiſe fehlten. Sie ſchritten auf den Park zu, der Richter ging voraus, der Kommiſſar folgte mit dem Verwalter. „Die plötzliche Heimkehr des ſo lange verſchollenen Majorats⸗ herrn war wohl kein freudiges Ereigniß?“ fragte der Kommiſſar leiſe.„Wie wurde er aufgenommen?“ „Baron Udo iſt ein Ehrenmann,“ entgegnete Wortmann;„er trat dem Bruder ſofort, ohne Widerrede das Majorat ab.“ „Und wie haben die Beziehungen der beiden Brüder zu einan⸗ der ſich geſtaltet?“ „Sie ſcheinen Beide ſich in die Verhältniſſe gefunden zu haben.“ „Das ließ ſich natürlich erwarten. Aber machte ſich denn gar keine Oppoſition gegen den Majoratsherrn geltend?“ „Nein, ich wenigſtens habe davon nichts erfahren.“ Der Kommiſſar ſah ſeinen Begleiter ſcharf an. „In der That nicht?“ erwiderte er.„Baron Udo von Oſt⸗ hofen war, wenn ich nicht irre, ſeit zwanzig Jahren Beſitzer des Majorats, mußte ihm der plötzliche Sturz von dieſer Höhe nicht außerordentlich unangenehm ſein?“ „Gewiß, aber ich ſagte ſchon, Baron Udo ſei ein Ehrenmann, und das Geſetz gebot ihm, das Majorat abzutreten, was hätte unter dieſen Umſtänden eine Oppoſition nützen können?“ „Er hat auch von dem Heimgekehrten keine Legitimation ge⸗ fordert? Oder erkannte er augenblicklich den Bruder wieder?“ „Von einem Wiedererkennen konnte nicht wohl die Rede ſein, da ja die Brüder früher einander kaum gekannt haben. Baron Edmund war meiſt auf Reiſen und Baron Udo weilte als Offi⸗ zier in einer anderen Stadt, die Brüder wurden ſchon in früher Kindheit getrennt und ſpäter haben ſie nur einmal ſich geſehen.“ Der Kommiſſar nickte gedankenvoll, als ob er ſagen wolle, er habe dieſe Antwort erwartet, und abermals ſtreifte ſein Blick forſchend den Begleiter, um dann zum Schloſſe hinüberzuſchweifen, in welchem nur Glück und Friede zu weilen ſchienen. „Und was halten Sie von den Mittheilungen des Ermorde⸗ ten?“ fragte er.„Machten dieſelben auf Sie den Eindruck der Wahrheit?“ „Jawohl, ich kann das nicht leugnen.“ „Und ſpäter wich Bender Ihnen aus?“ „Er hatte verſprochen, ſofort nach ſeiner erſten Begegnung mit dem Baron zu mir kommen zu wollen, aber dieſes Verſprechen löſte er nicht ein, und als er ſpäter kam, wollte er mir keine Antwort geben.“ „Befremdete Sie das nicht?“ „Allerdings, aber ich wollte nicht weiter in ihn dringen, ich hoffte, ſpäter eine Gelegenheit zu einer nochmaligen Frage zu finden.“ „Zeigte er Ihnen ſein Geld nicht?“ Die Unterhaltung ſtockte, ſie waren vor dem Sommerhauſe angekommen. Der Verwalter öffnete die Thür, und in demſelben Augenblick in welchem die Herren eintraten, wurde im Innern die Fallthür gehoben und der Majoratsherr ſtieg aus der dunklen Oeffnung empor. Ueberraſcht waren die Herren auf der Schwelle ſtehen geblie⸗ ben, in dem bleichen Geſicht des Barons ſpiegelte ſich unverkenn⸗ bares Entſetzen. „Sie werden entſchuldigen, Herr Baron,“ brach der Richter endlich das peinliche Schweigen,„die Verhältniſſe fordern noch⸗ malige genaue Nachforſchungen auf dem Schauplatze des Verbre⸗ chens. Der Angeklagte will kein Geſtändniß ablegen, und es fehlt noch immer an überzeugenden Beweiſen.“ 4 Der Majoratsherr hatte ſeine Faſſung wiedergefunden, er cen“ eifen, noch⸗ rhre⸗ — 539— ſchleuderte dem Verwalter einen zornglühenden Blick zu und zuckte verächtlich die Achſeln. „Ich habe ſoeben ſelbſt noch einmal nachgeforſcht,“ erwiderte er,„Sie werden ſchwerlich etwas finden. Das Gold, welches dem Ermordeten geraubt wurde, muß nach meiner Ueberzeugung im Walde verſteckt ſein, man hätte dort genauer nachforſchen ſollen.“ „Was geſchehen konnte, das iſt auch geſchehen,“ ſagte der Kommiſſar,„ebenſowohl kann das Geld auch hier verſteckt ſe „Wenn die Herren hier ſuchen wollen, ich habe nichts dagegen! Aber ich ſage Ihnen voraus, die Bemühungen werden erfolglos bleiben, hier finden Sie nicht die geringſte Spur, die zu einem Beweiſe führen könnte. Und wozu bedarf es auch weiterer Be⸗ weiſe? Die Schuld des Angeklagten kann ja gar nicht bezweifelt werden, der Streit in der Schenke iſt durch Zeugen bewieſen und daß dieſem Streit der Mord folgte, läßt ſich ſehr wohl be⸗ greifen.“ „Begreifen wohl, aber das Geſetz verlangt Beweiſe,“ erwiderte der Richter. „Und ich wünſche, daß Sie dieſe Beweiſe finden mögen,“ ſagte der Baron kalt. Die beiden Herren begannen ihre Nachforſchungen, die zuletzt auch auf den Weinkeller ausgedehnt wurden; der Baron trat zu dem Verwalter. „Wer hat dieſe Nachforſchungen angeregt?“ fragte er ſcharf. „Ich weiß nicht,“ erwiderte Wortmann.„Die beiden Herren kamen zu mir und forderten mich auf, ſie in den Park zu führen.“ „Und weshalb wurde ich nicht benachrichtigt?“ „Auch das weiß ich nicht, vielleicht wollte man den Herrn Baron nicht beläſtigen.“ Der Majoratsherr blickte den hageren Mann ſcharf an, ſein Blick war finſter und drohend. „Es muß mich befremden, daß Sie ſich ſo angelegentlich mit die⸗ ſer Sache beſchäftigen,“ ſagte er,„ich glaube Sie könnten Ihre Zeit beſſer anwenden.“ „Ich habe dieſen Vorwurf nicht verdient, Herr Baron—“ „Ich würde Ihnen denſelben nicht machen, wenn Sie ihn — 540— nicht verdient hätten! Ich liebe es nicht, wenn meine Leute die Naſe in Alles hineinſtecken, überlaſſen Sie die Unterſuchung dieſes Vorfalls dem Gericht, es wird ſchon Klarheit hinein⸗ bringen.“ „Das hoffe ich auch.“ „Sie hoffen es? Weshalb? Der Ton, in welchem Sie dieſe Worte ſprachen, läßt mich vermuthen, daß Sie wünſchen, die Un⸗ ſchuld des Angeklagten möge ſich herausſtellen. Welche Gründe haben Sie für dieſen Wunſch?“ „Der Herr Baron befinden ſich im Irrthum—“ „Keineswegs, ich verlange auf meine Frage eine befriedigende Antwort.“ Der Nothwendigkeit, dieſe Antwort zu geben, wurde Wortmann durch die Rückkehr der beiden Beamten überhoben. „Nichts?“ fragte der Baron, deſſen Lippen ein ironiſches Lächeln umzuckte. „Durchaus nichts,“ erwiderte der Richter. „Und würde das Gold, wenn Sie cs fänden, wirklich als überzeugender Beweis gegen den Angeklagten gelten?“ „Es kommt darauf an, wo es gefunden wird.“ „Sie werden es nur da finden können, wo der Verhaftete in der Nacht nach dem Morde ſich aufgehalten hat,“ ſagte der Ma⸗ joratsherr.„Sie ſagen, es ſeien im Walde umfaſſende Nachfor⸗ ſchungen angeſtellt worden, und ich ſelbſt habe mit dem Förſter überall nachgeſehen, nichtsdeſtoweniger kann die betreffende Stelle unſrer Aufmerkſamkeit entgangen ſein. Wenn die Herren geneigt ſind, ihre Nachforſchungen auf den Wald auszudehnen, ſo bin ich gerne bereit, Sie zu begleiten, ich habe mir die Stellen, die der Förſter mir zeigte, bemerkt.“ Der Richter wechſelte mit dem Kommiſſar leiſe einige Worte, dann gab er ſeine Zuſtimmung und die kleine Geſellſchaft brach ohne Zögern auf. „Dürfte ich mir einige Fragen erlauben, Herr Baron?“ ſagte der Commiſſar, nachdem ſie eine kurze Strecke zurückgelegt hatten. Der Verwalter blieb unwillkürlich ſtehen, er ahnte ſchon, wo⸗ rauf dieſe Fragen ſich bezogen. Er warf dem Beamten einen bittenden Blick zu, aber dieſer ſchien ihn nicht zu bemerken. „Weshalb nicht?“ erwiderte Me der glüt jenes verächtliche biges Geſicht.. „Sie ſind mit dem Ernorbet häufig zuſammenge⸗ troffen?“ 4 „Dann und wann einmal, wenn unſre Wege ſich kreuzten, ſehr oft kam das nicht vor.“ „Erinnern Sie ſich noch des letzten Zuſammentreffens?“ „So genau nicht mehr.“ „War es kurz vor Ihrer Heimreiſe?“ „Nein, ſo weit ich mich erinnern kann.“ „Sie wußten auch nicht, daß Bender ebenfalls nach Europa zurückkehren wollte?“ „Er hatte mir von dieſer Abſicht nichts geſagt.“ „Dennoch kam er hier faſt gleichzeitig mit Ihnen an!“ „Sollte darin etwas Auffallendes gefunden werden können?“ „Durchaus nicht, erwiderte der Kommiſſar,„ich erwähne das aus einem beſonderen Grunde.“ Der Verwalter fühlte, daß ihm der Schweiß auf die Stirne trat, er würde viel darum gegeben haben, wenn ihm ein Vorwand geſtattet hätte, ſich zu entfernen. „Aus einem beſonderen Grunde?“ wiederholte der Baron ſichtbar befremdet.„Ich muß darüber um Aufklärung bitten.“ „Sie ſind drüben durch einen Schuß verwundet worden, nicht wahr?“ Jetzt blieb auch der Baron ſtehen, in dem Blick, den er dem Fragenden znwarf, lag ein ſeltſames Gemiſch von Beſtürzung Beſorgniß und fieberhafter Erwartung. „Wer hat Ihnen das geſagt?“ erwiderte er. „Der Ermordete hat mit dem Herrn Verwalter darüber ge⸗ redet.“ Alles Blut war aus den Wangen des Verwaltexs gewichen, es ſtockte in ſeinen Adern, als er den glühenden Blick des Ma⸗ joratsherrn voll Haß und Wuth auf ſich gerichtet ſah. „So hat der Lump dem Herrn Verwalter ein Märchen auf⸗ gebunden,“ erwiderte der Baron.„Mich ſollte nicht wundern, wenn er ihm vorgelogen hätte, der Schuß habe mich getödtet.“ „Das hat er allerdings behauptet,“ ſagte der ſ 542 „Und der Verwalter hat's möglicherweiſe geglaubt“ Wortmann nahm den Hut ab und ſtrich mit dem Taſchentuch über die naſſe Stirne. „Es lag in dieſer Behauptung durchaus nichts Unwahr⸗ ſcheinliches,“ erwiderte er.„Drüben wird ſo mancher Mord ver⸗ übt—“ „Sie ſind ein alter Mann, und was ſie über die neue Welt ſehr fraglich ſein mag,“ fiel der Baron ihm mit ſchneidendem Hohn in's Wort.„Da iſt es leicht, Ihnen einen Bären aufzu⸗ binden. Sie nehmen Alles für baare Münze. Hat der Vagabund Ihnen vielleicht noch andre Lügen aufgetiſcht?“ Der Verwalter biß auf die Lippe, dieſer Hohn in Gegenwart der fremden Herren verletzte ſeinen Stolz tief. „Ich habe ihn nicht aufgefordert, mir Bericht zu erſtatten,“ erwiderte er, und in dem Tone, den er jetzt anſchlug, klang der verbiſſene Groll durch,„er hat mir aus eigenem Antrieb Mitthei⸗ lungen gemacht, und welche Veranlaſſung hätte ich haben können, die Wahrheit derſelben zu bezweifeln. „Sie mußten mir dieſe Mittheilungen berichten, um die Ver⸗ breitung falſcher Gerüchte zu verhüten,“ ſagte der Baron mit ſcharfer Betonung.„Genug davon! Die alberne Lüge, daß ich erſchoſſen worden ſei, bedarf keiner Widerlegung; ich wäre ja in dieſem Falle nicht von drüben zurückgekehrt.“ „Sie ſind auch nicht verwundet worden?“ fragte der Kom⸗ miſſar. „O, mehr als einmal!“ „Ich ſpreche von einer tödtlichen Vermundung.“ „Davon iſt mir ſelbſt nichts bekannt, alſo ergibt ſich die Un⸗ möglichkeit von ſelbſt.“ „Sie ſagten im erſten Verhör, Bender habe Ihnen das Leben gerettet.“ „Das iſt die Wahrheit.“ „Dürfte ich Sie bitten, die näheren Umſtände uns mitzu⸗ theilen?“ „Ich bin nicht gerne daran erinnert,“ erwiderte der Baron mit einer abwehrenden Bewegung, und für den vorliegenden Fall hat es wohl auch kein Intereſſe. Ich weiß überhaupt nicht, was entuch wahr, d ber⸗ Vllt ſigkeit denden aufzu⸗ gabund enwart 4 atten,“ g der können, e Ver⸗ on mit daß ich e ja in Kon⸗ ie Un⸗ Leben 42 — 543— dieſe Fragen bezwecken,“ fuhr er mit einem Blick voll Hoch⸗ auf den Commiſſar fort,„meine Beziehungen zu dem Er⸗ ordeten können ja der Unterſuchung durchaus keinen Haltpunkt bieten, und mir kann es nur unangenehm ſein, daran erinnert zu werden, daß ich einem ſolchen Vagabund Dank ſchuldete.“ „Der Herr Baron haben Recht,“ ſagte der Gerichtsrath.„Nur Eins hat für die Unterſuchung Intereſſe, die Frage nämlich, von wem der Ermordete das Geld erhielt, in deſſen Beſitz er nach der übereinſtimmenden Ausſage mehrerer Zeugen geweſen iſt.“ „Ich habe ihm dieſes Gold nicht gegeben,“ ſagte der Majo⸗ ratsherr ruhig, und im Grunde kann es gleichgültig ſein, woher er es genommen hat. Thatſache iſt es, daß er es beſaß, man hat es nach ſeinem Tode nicht mehr bei ihm gefunden, alſo muß man es ſuchen.“ Sie waren während dieſes Geſprächs im Walde angekommen, der Baron ſchlug einen Seitenpfad ein. „Wir kommen jetzt zu der Stelle, die nach der Vermuthung des Förſters dem Angeklagten in der letzten Nacht als Schlaf⸗ ſtätte gedient hat,“ fuhr er fort, hier alſo müſſen folgerichtig die Nachforſchungen beginnen.“ „Und woraus will der Förſter ſchließen, daß der Verhaſtete hier zuletzt übernachtet hat?“ fragte der Kommiſſar. „Ich weiß das nicht, an dieſe Frage habe ich nicht gedacht, als er die Behauptung aufſtellte.“ „Der Angeklagte wird über dieſen Punkt am beſten Aufſchluß geben können,“ ſagte der Richter. „Ich denke das auch,“ erwiderte der Baron, aber man muß dabei berückſichtigen, daß er keineswegs die Wahrheit ſagen wird. Es liegt ja in ſeinem eigenen Intereſſe, den Richter irre zu führen.“ „So leicht wird ihm das nicht gelingen,“ ſagte der Gerichts⸗ rath.„Sind wir hier an Ort und Stelle?“ „Jawohl,“ nickte der Majoratsherr. Die Stelle, auf der die Herren ſtanden, war in der That wie zu einem Nachtlager geſchaffen. Dichtes, weiches Moos bedeckte den Boden, die Wipfel der mächtigen Eichen und Buchen bildeten ein dichtes Laubdach, unter dem es ſich gewiß behaglich ſchlummern und träumen ließ. 544 Der Kommiſſar ließ den Blick forſchend umherſchweifen, wäh⸗ rend der Majoratsherr ſich an den Stamm einer Eiche lehnte und ruhig der kommenden Dinge harrte. „Sie haben hier ſchon mit dem Förſter geſucht, Herr Baron?“ fragte der Richter. „Ja, aber ich will aufrichtig bekennen, daß es eine ziemlich oberflächliche Unterſuchung war.“ Der Verwalter ſchritt von Baum zu Baum, ihn wurmte der Vorwurf noch immer, den er erhalten hatte. „Es müßte doch mit ſonderbaren Dingen zugehen, wenn das Gold hier gefunden würde,“ ſagte er. „Weshalb?“ fragte der Baron ſcharf. „Der rothe Franz wäre ein Eſel, wenn er— „Sie können darüber nicht urtheilen! Sie würden es vielleicht anders machen, das Geld möglicherweiſe in Actien anlegen.“ Wortmann zuckte zuſammen, der Pfeil hatte getroffen. „Ich wollte nur ſagen, daß ich dieſe raffinirte Schlauheit dem rothen Franz nicht zutraue,“ erwiderte er,„der Burſche war immer ein Dummkopf.“ „Pah, es gibt Leute, die ſich für ſehr ſchlau halten und den⸗ noch das Gegentheil ſind!“ ſpottete der Majoratsherr. Der Verwalter griff in dieſem Augenblick in die Höhlung eines altcn Baumes, er wußte ſehr wohl, daß auch dieſe Worte auf ihn gemünzt waren, und der Schrei, der jetzt ſeinen Lippen entfuhr, konnte ebenſowohl ein Ausruf der Wuth, wie der Ueber⸗ raſchung ſein. „Haben Sie etwas gefunden?“ fragte der Richter haſtig. „Ich müßte mich ſehr irren,“ erwiderte der Verwalter ver⸗ wirrt,„Geld iſt es jedenfalls,“ und damit zog er die Hand wieder heraus, in der jetze einige Goldſtücke blitzten. Der Kommiſſar und der Richter waren raſch hinzugetreten, der Baron näherte ſich langſam. „Was ſagen die Herren nun?“ fragte der Letztere mit ge⸗ meſſener Ruhe. Wortmann ſchien ſelbſt über ſeinen Fund erſtaunt zu ſein, er hatte ihn offenbar nicht erwartet. Der Majoratsherr warf einen gleichgültigen Blick auf die . un wo du de l z d hen⸗ öhlung Vorte Lippen Ueber⸗ Golbſtücke, die der Richter jetzt aus der Hand des Verwalters in Empfang nahm. „Es iſt engliſches Geld,“ ſagte er,„die Vermuthung, daß Bender es von drüben mitgebracht hat, erhält dadurch eine Be⸗ ſtätigung.“ Wortmann hatte inzwiſchen den Reſt des Geldes aus dem Baum herausgeholt, der unerwartete Fund ſchien ihn mehr und mehr zu verwirren. „Vor allen Dingen müßte nun feſtgeſtellt werden, daß der Angeklagte an dieſer Stelle wirklich übernachtet hat,“ ſagte der Kommiſſar. „Ich glaube, daß dies durch die Auffindung des Geldes zur Genüge bewieſen wird,“ erwiderte der Gerichtsrath, während er einige Zeilen in ſein Rotizbuch ſchrieb. „Das iſt auch meine Anſicht,“ nahm der Baron das Wort, und aus ſeinen Augen traf ein verächtlicher Blick den Polizei⸗ beamten,„ich meine dieſer Beweis müſſe genügen.“ „Könnte nicht ein Andrer das Gold dorthin gelegt haben?“ warf Wortmann ein. „Ein Andrer?“ wiederholte der Majoratsherr ſcharf. „Ja, allerdings!“ ſagte der Kommiſſar raſch.„Möglich wäre das immerhin, ſelten ſind die Fälle nicht, in denen ein Verbrecher durch ſolche Mittel die Schuld auf Andre zu lenken ſuchte.“ „Zugegeben, daß ſolche Fälle vorgekommen ſind,“ erwiderte der Baron,„dann aber müßte doch wohl eine Spur gefunden worden ſein, die zur Entdeckung des wirklichen Verbrechers führen könnte. Dieſen ganzen Wortſtreit finde ich unnütz, alle Beweiſe zeugen gegen den Angeklagten. Der Richter nickte zuſtimmend und ſchob ſein Notizbuch wieder in die Taſche. „Wir können wohl von hier aus zur Stadt zurückkehren?“ fragte er. „Wenn Sie den nächſten Weg vorziehen, allerdings,“ ſagte der Majoratsherr,„wollen Sie mir aber die Ehre ſchenken, in meinem Hauſe ein Frühſtück einzunehmen—“ „Ich muß wirklich danken, Herr Baron, meine Amtsgeſchäfte zwingen mich, die Rückkehr zu beſchleunigen. Für Ihre gütigen Bemühungen ſage ich Ihnen meinen beſten Dank, ich hoffe, daß Der Baſtard. 35 —— —— ——————— — — 546— der Angeklagte dieſem Beweis gegenüber nicht länger leugnen wird.—“ Er grüßte flüchtig und ſchritt raſch von dannen, der Kommi⸗ ſſar folgte ihm, und Wortmann blieb mit dem Majoratsherrn allein zurück. „Ich hoffe, Ihre albernen Zweifel werden nun gehoben ſein,“ nahm der letztere nach einer Pauſe das Wort, während er eben⸗ falls den Heimweg antrat,„Sie haben ſich überhaupt um dieſe Angelegenheit zu viel bekümmert.“ Der Verwalter hielt es für rathſam, einzulenken, der Bruch mit dem Baron lag jetzt noch nicht in ſeinem Intereſſe. „Ich finde dieſen Irrthum begreiflich, Herr Baron,“ erwi⸗ derte er,„und ich muß es Ihnen überlaſſen, ob Sie mir glauben ſchenken wollen, wenn ich Ihnen ſage, daß ich dieſen neuen Nach⸗ forſchungen ſehr fern ſtehe. Die Beamten kamen zu mir und ver⸗ langten, in den Park geführt zu werden, und dieſelben Fragen die der Kommiſſar an Sie richtete, hat er auch an mich ge⸗ richtet.“ „Und aus Ihrer Beantwortung dieſer Fragen geht mir un⸗ zweifelhaft hervor, daß Sie den Vagabund ausgeforſcht haben, um über mich Auskunft zu erhalten. Wozu das? Es geſchah doch wohl nur zu dem Zwecke, Geheimniſſe zu erforſchen, die nicht exiſtirten! Sie glaubten an die Lügen, die Bender Ihnen auf⸗ band, weil dieſe Lügen Ihren feindſeligen Zwecken dienlich waren, Sie verbreiteten dieſe Lügen weiter, um mir Unannehmlichkeiten zu bereiten. Die Gründe, die Sie dazu bewogen, ſind mir klar, Sie können den Aerger daruͤber, daß ich in London Sie über⸗ liſtete, noch nicht überwinden, Sie fürchten die Waffe, die ich gegen Sie beſitze, und ſuchen nach einem Mittel, mir dieſe Waffe zu entreißen.“ „Daran habe ich noch nicht gedacht!“ „Verſuchen Sie nicht, ſich zu rechtfertigen, die Beweggründe liegen zu Har am Tage. Sie ſind ein kluger Mann, jedenfalls haben Sie auch die Folgen Ihrer gegen mich gerichteten Beſtre⸗ bungen bedacht.“ Der Verwalter zog die Brauen zuſammen, er ſühlte, daß die Kataſtrophe nahe war, ſie ſollte ihn gerüſtet finden, galt es doch as Vermögen, an dem ſein Herz hing, zu retten. . 0 wi * Kugnen P Konn, bithen ben ſein“ er um eben⸗ 5 det Buch etwi⸗ 6 glauben euen Nac, t und ver⸗ 6 Frngen nich g⸗ nir un⸗ t heben, giſcheh die nicht hnen auſ⸗ ich waren, mlichkeiten nir llcr, Sie üler⸗ ich gegen Vuffe zu eggründe jedenfalls n Beſtre⸗ daß die es doch „Wären dieſe Beſtrebungen gegen Sie gerichtet geweſen, ſo würde ich auch die Folgen nicht fürchten,“ ſagte er in einem ſo entſchiedenen Tone, daß der Baron ihn betroffen anblickte. „Wer kann denn darin, daß das Gericht nach Beweiſen ſuchte, etwas finden, was—“ „Ich wiederhole Ihnen es wäre unnütz, einen Verſuch zur Vertheidigung machen zu wollen! Welchen Zweck hatte Ihre Be⸗ merkung, daß ein Andrer das Gold in den Baum gelegt haben könne?“„ „Lag dieſe Vermuthung nicht nahe?“ „Keineswegs. Sie war nur darauf berechnet, den Unterſu⸗ chungsrichter irre zu führen, gewiſſermaßen einen Druck auf ſein Urtheil zu üben.“ Der Baron war bei den letzten Worten am Saume des Wal⸗ des ſtehen geblieben, vor ihm lag das Schloß mit ſeinem Garten, dem herrlichen Park und den ſaftig grünen Wieſen, die es um⸗ gaben. Seine Stirne war umwölkt, ſein Blick finſter, und das Zucken ſeiner Lippen verrieth den gewaltigen Sturm in ſeinem Innern den er mühſam bekämpfte, um wenigſtens äußerlich ruhig zu ſcheinen. „Sie werden mir heute noch Ihre Verwaltungs⸗ und Rech⸗ nungsbücher vorlegen,“ nahm er nach einer Weile wieder das Wort, und der Ton, in dem er das ſagte, klang hart und ſcharf. Sie haben die Warnung, die ich in London Ihnen gab, ſehr raſch vergeſſen, meine Schuld iſt es nicht, wenn die Folgen dieſer Ver⸗ geßlichkeit Ihnen Unannehmlichkeiten bereiten.“ „Beſtehen Sie auf dieſem Verlangen?“ der fragte Verwalter in demſelben ſcharfen Tone. „Wenn ich einen Entſchluß einmal geäußert habe, ſo nehme ich ihn ni zurück.“ eicht ändern Sie ihn in dem vorliegenden Falle dennoch. C rrlagen mich feindſeliger Beſtrebungen gegen Sie an, wäre dieſe Anklage begründet, ſo würde ich den Gerichtsherren Alles mitgetheilt haben, was ich weiß.“ „Und was wiſſen Sie?“ „Daß Sie in dem Augenblick, in welchem der Schuß ſiel, im Parke waren.“ 35* — 548— „Wer behauptet das?“ brauſte der Baron auf⸗ aus deſſen Augen ein flammender Blitz zuckte. „Jemand, der den Schuß fallen hörte und Sie ti darauf aus dem Park kommen ſah.“ „Sind Sie dieſer Jemand?“ „Nein es iſt eine andre Perſon.“ „So lügt dieſe Perſon, und mich ſollte es nicht wuntcrn wenn Sie dieſe Lüge erfunden hätten!“ „So wäre wohl auch die Entdeckung, die ich im Weinkeller des Sommerhauſes gemacht habe, eine Lüge?“ ſragte der Ver⸗ walter ſarkaſtiſch. Der Majoratsherr war abermals ſtehen geblieben. „Drücken Sie ſich deutlicher aus,“ ſagte er,„was wollen Sie entdeckt haben?“ „Ich habe etwas gefunden,“ erwiderte Wortmann, den ſtechen⸗ den Blick feſt auf das pockennarbige Geſicht heſtend.„Etwas, was Sie wahrſcheinlich vorhin geſucht haben.“ „Wortmann, Sie treiben die Verwegenheit zu weit!“ „Ich ſage die Wahrheit, Herr Baron, das Notizbuch, welches ich gefunden habe, iſt unzweifelhaft Ihr Eigenthum.“ Der Baron athmete tief auf, ſein Geſicht war fahl geworden, aber in jedem Zuge desſelben ſpiegelte ſich finſtre Entſchloſſenheit und glühender Haß. „Wußten Sie das, ſo mußten Sie mir das Buch augenblicklich zurückbringen,“ ſagte er mit bebender Stimme,„Sie thaten es nicht, alſo machten Sie ſich eines Diebſtahls ſchuldig. Oder glaub⸗ ten Sie vielleicht, aus dieſer Entdeckung, wie Sie den Fund zu. nennen belieben, einen Schluß ziehen zu können? Das wäre eine kindiſche Albernheit, die Ihnen freilich ähnlich ſieht, eine Dumm⸗ heit, durch die Sie nur ſich ſelbſt lächerlich machen. Wo iſt das Buch?“ Der Verwalter gab keine Antwort, er erinnerte ſich, das die⸗ ſes Notitzbuch ſich noch in den Händen des Hoſmeiſters befand, der Baron durfte das um keinen Preis erfahren. „Ich weiß es nicht,“ erwiderte er,„kurz nachdem ich es ge⸗ funden hatte, verlor ich es wieder, ich werde es wohl verlegt haben.“ danuuf * unun inkeler t Ver⸗ len Eie ſtechen⸗ s mas velhes orden, Renhrit hliclic ſten es glaub⸗ nd zu re eine umm⸗ ſt das s die⸗ efand, es ge⸗ vetlegt — 549— „Abſichtlich verlegt, weil Sie die Hoffnung hegen, es gegen mich benutzen zu können, nicht wahr?“ ſagte der Majoratsherr höhniſch.„Ich vermuthe faſt, daß Sie reif für das Irrenhaus ſind. Was enthält dieſes Buch denn? Notizen, die ich drüben mir gemacht habe, Aufzeichnungen aus meiner Vergangenheit, wenn die Erinnerung an ſie mich überwältigte. Ich habe dieſes Buch ſchon lange vermißt, ich muß es verloren haben, als ich zum erſten Male in jenen Keller hinunterſtieg, um nachzuſehen, ob dort noch Wein lagerte.“ Der Verwulter zuckte die Achſeln. „Ich will das nicht bezweifeln,“ erwiderte er,„wie aber der Unterſuchungsrichter darüber denken würde, weiß ich nicht.“ „Sie haben ihn wohl auf dieſe Entdeckung aufmerkſam ge⸗ macht?“ „Nein, und daraus mögen Sie entnehmen, doß ich in keiner Weiſe feindſelige Beſtrebungen gegen Sie verfolge. Ich habe der Perſon, welche Sie aus dem Park kommen ſah, ſtreng ver⸗ boten, mit irgend Jemand darüber zu reden, ich habe mich ſogar bemüht, Beweiſe für die Schuld des rothen Franz zu ſuchen, und eben deshalb muß der Vorwurf, den Sie mir gemacht haben, mich um ſo tiefer verletzen. Dieſer Vorwurf hat nicht die min⸗ deſte Berechtigung, ich habe bisher ſtets auf Ihrer Seite geſtan⸗ den, und ich glaube, Sie werden mich nicht zwingen wollen, in das feindliche Lager überzugehen.“ Der Majoratsherr war in Nachdenken verſunken, die letzten Worte hatten offenbar Eindruck auf ihn gemacht, er mochte wohl einſehen, daß auch er zu weit gegangen war. Vielleicht auch traute er dem Verwalter trotz dieſer glatten Worte noch immer nicht, vielleicht ſann er über einen Plan nach, ihn mit einem einzigen Schlage unſchädlich zu machen. „Verſchaffen Sie mir das Buch wieder!“ brach er endlich das Schweigen. „So bald ich es gefunden habe, werde ich es Ihnen über⸗ bringen.“ „Sie werden ſo lange ſuchen, bis Sie es gefunden haben, und ich erwarte, daß dies heute noch der Fall ſein wird,“ erwi⸗ derte der Baron in befehlendem Tone. „Es ſoll geſchehen,“ nickte der Verwalter. — 550— „Und jetzt frage ich Sie noch einmal, zweifeln Sie noch immer an der Schuld des Verhafteten?“ „Das Gericht hat über dieſe Frage allein zu entſcheiden.“ „Sehr wohl, aber Sie haben Material genug, um ſich ſelbſt ein Urtheil bilden zu können.“ „Und hat dieſes Urtheil für Sie ſo großen Werth?“ fragte Wortmann mit einem forſchenden Blick auf die hohe Geſtalt ſei⸗ nes Begleiters. „Es hat inſofern Werth für mich, daß ich aus dieſem Urtheil entnehmen kann, was ich fortan von Ihnen zu erwarten habe. Es kann mir nicht gleichgültig ſein, welche Stellung meine Beam⸗ ten mir gegenüber einnehmen, ich will in dieſer mir ſelbſt unan⸗ genehmen Angelegenheit endlich Ruhe haben. Und damit ich an dieſelbe nicht mehr erinnert werde, ſoll das Sommerhaus im Park abgebrochen werden, ich befehle Ihnen, das Nöthige ſofort zu veranlaſſen, damit die Arbeit in den erſten Tagen begonnen wer⸗ den kann.“ „Müßte das Gericht nicht zuerſt um Erlaubniß gefragt werden?“ „Aus welchen Gründen?“ „So lange das Urtheil nicht geſprochen iſt—“ „Was kümmert das mich! Von Seiten des Gerichtes iſt kein Verbot in dieſer Beziehung erlaſſen worden, treffen Sie Ihre Anordnungen, die Verantwortung übernehme ich. Und ſollten die Gerichtsbeamten noch einmal zu Ihnen kommen, ſo verlange ich, daß Sie mich ſofort benachrichtigen, verſtanden?“ „Zu Befehl, Herr Baron!“ Der Majoratsherr nickte kurz und ſchritt auf das Schloß zu, und der Verwalter blickte ihm mit höhniſchem Lächeln nach. „Dieſer Sturm wäre glücklich überſtanden,“ murmelte er,„der Kampf hat begonnen, und ich werde in ihm Sieger bleiben.“ Baron Edmund mochte vielleicht denſelben Gedanken hegen, ſeine Stirne war noch immer umwölkt, als er in den Garten trat, der vor dem Schloſſe lag. Aber als jetzt Klara und Roſa ihm entgegen kamen, glitt es wie Sonnenſchein über ſein Antlitz, und die düſteren Schatten waren im Nu zerronnen. „Roſa hat endlich ihr Verſprechen eingelöſt,“ ſagte Baroneſſe den ern ni lad mi Klara, und dem Majoratsherrn fiel es ſoſort auf, daß der Ton, den ſeine Tochter anſchlug, nicht ſo freudig klang, wie er wohl erwarten durfte,„ſie will heute unſer Gaſt ſein.“ Der Baron bot der ſchönen Tochter des Bankiers ſeinen Arm mit einer leichten graciöſen Verbeugung nahm Roſa ihn an. „Wie glücklich macht es mich, daß Sie endlich meiner Ein⸗ kadung gefolgt ſind!“ füſterte er. Roſa ſchlug die Augen zu ihm auf und blickte ihn mit ſchel⸗ miſchem Lächeln an. „Und dennoch muß ich bekennen, daß es mich einige Ueber⸗ windung gekoſtet hat,“ erwiderte ſie. „Ueberwindung? Weshalb?“ „Der Raubmord, der hier veräbt wurde, iſt noch zu friſch in meinem Gedächtniß.“ „Deshalb hegen Sie Furcht?“ ſcherzte der Baron.„Ich werde das Sommerhaus, in welchem das Verbrechen verübt wurde, niederreißen laſſen, damit ſind alle Spuren, die an dasſelbe er⸗ innern könnten, verwiſcht.“ „Ich muß immer an die Möglichkeit denken, daß der Mörder aus dem Gefängniß entfliehen könnte.“ erwiderte Roſa.„Er würde gewiß den Schauplatz ſeiner blutigen That wieder aufſu⸗ chen, um ſich an denjenigen zu rächen, die ihn beſchuldigt haben. Und dann würde ſeine Rache den Schuldloſen mit dem Schuldi⸗ gen treffen.“ „Was ſagſt Du zu dieſer Beſorgniß?“ wandte der Baron ſich in halb heiterem, halb ironiſchem Tone zu ſeiner Tochter.„Ich glaube nicht, daß ſie in Deiner Seele ſchon aufgeſtiegen iſt.“ „Ich habe Furcht nie gekannt,“ ſagte Klara ruhig.„Und wenn dem Verbrecher die Flucht wirklich gelingen ſollte, ſo würde er gewiß ſo raſch wie möglich die Grenze zu erreichen ſuchen, um ſeine Freiheit ſich zu ſichern.“ „So denke ich auch,“ erwiderte der Majoratsherr,„Sie dür⸗ fen alſo unbeſorgt ſein, mein Fräulein, ganz abgeſehen davon, daß ein Gelingen der Flucht bei den jetzigen Gefängnißeinrich⸗ tungen gar nicht in der Möglichkeit liegt.“ „Behaupten Sie das nicht, Herr Bäron, noch vor wenigen Wochen iſt ein Verbrecher aus dem Zuchthauſe entſprungen. Aber reden wir von anderen Dingen,“ ſuhr Roſa jetzt in heiterem — 552— Tone fort.„Iſt es wahr, daß Baron Udo von Oſthofen in die Stadt ziehen wird?“ „Davon iſt mir ja noch nichts bekannt!“ ſagte Klara be⸗ troffen. Der Majoratsherr nickte zuſtimmend, kein Zug in kſeinem Ge⸗ ſicht verrieth, wie er über dieſe Angelegenheit dachte. „Wer hat Ihnen das mitgetheilt?“ fragte er. „Ich erfuhr durch meinen Vater, daß der Herr Baron geſtern eine Wohnung gemiethet hat, die er ſofort zu beziehen gedenkt.“ „So hat er ſeinen Entſchluß raſcher ausgeführt, wie ich er⸗ wartete,“ ſagte der Baron gleichgültig, und ſelbſt der Vorwurf, den er in den ſchönen Augen ſeiner Tochter las, ſchien keinen Eindruck auf ihn zu machen.„Den Entſchluß ſelbſt finde ich be⸗ greiflich, wenn man zwanzig Jahre hindurch unumſchränkter Ge⸗ bieter geweſen iſt, dann empfindet man es zu ſchmerzlich, ſich den Anordnungen Andrer fügen zu ſollen, vorzüglich wenn dieſe An⸗ ordnungen mit den eigenen Anſichten nicht übereinſtimmen.“ „So ſagte Papa auch,“ erwiderte Roſa. „Onkel Udo iſt wohl nicht mit der Renovation des Schloſſes einverſtanden?“ fragte Klara. „Das iſt der Hauptgrund, der ihn von hier vertreibt“, ant⸗ wortete der Baron,„es kommt noch Eins hinzu, der Vorfall am Genfer See, der mich veranlaßte, ein ſcharfes Urtheil über Bruno zu fällen. Daß dieſes Urtheil ihm mißfallen hat, bedaure ich, aber ich mußte es ausſprechen.“ Er brach ab, als er den Blick Roſas fragend auf ſich gerich⸗ tet ſah, die inneren Angelegenheiten der Familie kümmerten ſie ja nicht. Die kleine Geſellſchaft hatte ſich inzwiſchen dem Schloſſe ge⸗ nähert, Joſeph kam ihr entgegen, er brachte die Meldung, der Maler Rodenberg wünſche dem Majoratsherrn ſeine Aufwartung zu machen. „Ich bitte Dich, den Maler zu empfangen,“ wandte der Ba⸗ ron ſich zu Klara,„ich werde in einer Viertelſtunde erſcheinen.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, ſchritt er mit der Tochter des Bankiers weiter, er ging an der Terraſſe vorbei und ſchlug den Weg ein, der zu den Treibhäuſern führts⸗⸗ Im erſten Augenblick konnte Roſa ihr Befremden nicht ver⸗ —— hehle Bnt nir verm ſtin, grei gebe ſol in der un for ent wu noe nit it die ſel rel ra in die ra he⸗ geſtern enkt“ ich e, brwurf, keinen ich he⸗ er Ge⸗ ſch den ſe An⸗ hloſez ant⸗ U an Bruno re ich, gerich⸗ en ſie e he⸗ der rtung Ba⸗ en.“ er des den — 553— hehlen, der Majoratsherr ſchien es nicht zu bemerken. „Man ſpricht alſo ſchon in der Stadt darüber, daß mein Bruder ſich von mir trennen will?“ fragte er., Ich geſtehe, daß mir ſelbſt dieſe Trennung unangenehm iſt, aber ſie konnte nicht vermieden werden. Bin ich hier Herr, ſo will ich es auch ganz ſein, Sie werden das natürlich finden.“ „Gewiß, Herr Baron!“ „Und Sie werden auch zugeben, daß das Schloß einer durch⸗ greifenden Renovation bedarf, wenn es der Beſtimmung zurückge⸗ geben werden ſoll, für die es gebaut wurde. Die Räume eines ſolchen Hauſes müſſen zu frohen Feſten dienen, und Feſte ſollen in ihnen wieder gefeiert werden.“ Träumeriſch ruhte der Blick Roſa's auf den breiten Blättern der Palmengruppe, die in der Mitte des Gewächshauſes ſtand, und in dieſem Blick ſpiegelte ſich eine ungeduldige Erwartung. „Ich habe drüben zwanzig Jahre verloren,“ fuhr der Baron fort,„ich habe in dieſer langen Zeit allen Freuden des Lebens entſagen und mir Entbehrungen auferlegen müſſen, wen kann es wundern, wenn ich nach dieſer Zeit den Wunſch hege, das Leben noch einmal zu genießen.“ „Dieſer Vorſatz wird Niemand überraſchen,“ erwiderte Roſa mit bezauberndem Lächeln, ſtehen doch die Mittel zu ſeiner Aus⸗ führung Ihnen zu Gebote.“ „Gewiß, aber man könnte ſagen, ich ſei ein alter Mann—“ „Das wäre Verläumdung, Herr Baron!“ „Man wird es dennoch ſagen, aber was kümmert es mich! Ich werde das Schloß mit meinem Hochzeitsfeſte einweihen, wenn die Dame, die ich zu meiner Gattin auserſehen habe, mir in das⸗ ſelbe folgen will.“ In den ſchönen Augen des Mädchens blitzte eine triumphi⸗ rende Freude auf, aber als jetzt der forſchende Blick des Majo⸗ ratsherrn ſie traf, ſenkte ſie leichterglühend die Wimpern. Sie ſah die Frage voraus, die nun folgen würde, die noth⸗ wendig folgen mußte, und wenn ſie auch durch ihren Vater auf dieſe Frage vorbereitet war, ſo konnte ſie doch in dieſem Augen⸗ blick der Verwirrung, mit der ſie derſelben entgegen ſah, nicht gebieten. Der Baron hatte ihre Hand ergriffen, ſie wagte nicht, die — 554— Augen aufzuſchlagen, ſie fühlte, daß ſein Blick forſchend auf ihr ruhte. „Seit dem Augenblick, in welchem ich Sie zuerſt geſehen habe, denke ich nur an Sie,“ ſagte er leiſe,„in jenem Moment, in dem Sie mir gegenüberſtauden, ward es mir klar, daß ich Sie lieben mußte. Vielleicht ſcheint es Ihnen thöricht, oder gar kin⸗ diſch, daß ein alter Mann um ſolch hohen Preis werben will⸗ aber ich kann nicht anders, Roſa, ich muß dem Drange meines Herzens folgen, ich muß die Frage an Sie richten, ob Sie mir dieſe Hand überlaſſen wollen. Was ich Ihnen bieten kann, iſt nicht viel, und Ihnen mag es kaum begehrenswerth erſcheinen, aber meine Liebe ſoll die Jugend erſetzen und keiner Ihrer Wünſche ſoll unerfüllt bleiben.“ Roſa hielt noch immersden Blick geſenkt, ihre Wangen glüh⸗ ten und ihre Pulſe pochte fieberhaſt.. „Ihre Worte haben mich zu ſehr überraſcht,“ erwiderte ſie mit zitternder Stimme,„wie hätte ich ſie erwarten können!“ Der Baron ſchlang den Arm um ihre Taille, ſie lies es ge⸗ ſchehen, mit ſanfter Gewalt zeg er die leicht Wiederſtrebende an ſich. „Roſa, willſt Du mein ſein?“ flüſterte er.„Mein für Zeit und Ewigkeit?“ „Was wird Baroneſſe Klara dazu ſagen?“ fragte ſie, die ſchönen Augen aufſchlagend. „Was kümmert es uns?“ „Wird ſie mir nicht vorwerſen, ich—“ „Sie kann Dir keinen Vorwurf machen!“ „Und wenn ſie es dennoch thäte?“ „So ſchütze ich meine Cemahlin!“ ſagte der Majoratsherr ernſt.„Was gilt mir Klara? Man hat ſie bei meiner Heimkehr mir als meine Tochter vorgeſtellt, und wenn auch die Bande der Natur und der Blutsverwandtſchaft uns verbinden, ſo fehlt doch das Band der Liebe.“ „Und eben deshalb glaube ich von ihrer Seite kein freund⸗ liches Entgegenkommen erwarten zu dürfen,“ ſagte Roſa, leicht das Haupt wiegend.„Sie wird Ihnen und mir zürnen und mich beſchuldigen, ich habe mich in dieſes Haus eingeſchlichen.“ „Dieſe Beſchuldigung were eine Belecidigung, und nimmer —— — Her Sie wit hei Va dar ihr 555 werde ich dulden, daß meine Gattin beleidigt wird. Beantworte — moine Frage, Roſa, willſt Du meinen höchſten Wunſch erfüllen 6 3 und die Meinige werden?“ Sie blickte ihn eine Weile ernſt und voll an. * 6„Laſſen Sie mir Zeit, Herr Baron,“ ſagte ſie,„ich kann Ihnen nicht ſofort eine entſcheidende Antwort geben. Glauben Sie drum nicht, daß mein Herz nichts für Sie fühle, ich will 3, Ihnen gerne und offen bekennen, daß auch ich— „Roſa!“ fiel der Baron ihr mit jugendlichem Ungeſtüm in die Rede, und im nächſten Augenblick ſchloß ein Kuß ihre Lippen. anhe„Mit dieſem Kuſſe biſt Du mir verlobt und Niemand ſoll fortan E zwiſchen uns treten, Niemand!“ Ueber und über erglühend entwand ſie ſich ſeinen Armen, ihr Blck ſchien ihm einen Vorwurf machen zu wollen, aber das Lä⸗ cheln des Glücks und der Freude, welches ihre ſchwellenden Lippen umſpielte, ſtrafte dieſen Vorſatz Lüge. Der Baron legte wieder ſeinen Arm um ihre Taille. „Wozu die quälende Bedenkzeit, wenn Du meine Liebe erwie⸗ ir t derſt?“ ſagte er.„Welche Bedenken könnten Dich veranlaſſen, die Entſcheidung, die Dein Herz bereits getroffen hat, hinaus zu ſie, die ſchieben? Ich laſſe kein Bedenken gelten, Geliebte!“ „Wird Papa ſeine Einwilligung geben?“ fragte Roſa leiſe⸗ Ich möchte ihn nicht betrüben, denn er iſt mir immer ein guter liebevoller Vater geweſen.“ „Auch er kann kein Bedenken geltend machen!“ „Ich weiß nicht, wie er darüber urtheilt. Verzeihen Sie therr Herr Baron, ich will in keiner Weiſe Ihnen zu nahe treten, aber inkehr Sie werden mir Recht geben, wenn—“ e der„Gewiß, mein Kind,“ ſagte er raſch,„und ich bin ganz da⸗ doch mtt einverſtanden, wenn wir einſtweilen unſer ſüßes Glück ver⸗ heimlichen.“ teunt⸗„Verheimlichen?“ fragte Roſa betroffen. lecht„Lag das nicht in Deinem Wunſche?“ d nich„Nein, nein, ich wollte nur die erſte Entſcheidung meinem Vater überlaſſen, als ein Recht, welches er von mir beanſpruchen inmer darf.“ „Und dann?“ erwiderte 12 Majoratsherr lchelid. — 556— „Dann habe ich gegen die Veröffentlichung unſrer Verlobung nichts mehr einzuwenden.“ „Der Einwilligung Deines Vaters bin ich ſicher, aber nicht ſo freundlich wird meine Verlobung von meiner Familie aufge⸗ nommen werden. Und deshalb wünſche ich, daß wir mit der Veröffentlichung warten, bis mein Bruder die neue Wohnung bezogen hat, was ja in den nächſten Tagen geſchehen wird. Auf welchen Fuß er ſich dann ſpäter mit uns ſtellen wird, kann uns gleichgültig ſein.“ Roſa blickte wieder ſinnend auf die Palmengruppe, der Vor⸗ ſchlag ſchien ihr nicht ſehr zu gefallen, aber ſie wußte auch nicht was ſie gegen ihn einwenden ſollte. „Es wird wohl das Beſte ſein, wenn Sie mit Papa darüber reden,“ ſagte ſie nach einer Pauſe,„ich unterwerfe mich, nachdem er ſeine Zuſtimmung gegeben hat, allen Anordnungen, die Sie zu treffen gut befinden.“ Der Baron zog das ſchöne Mädchen an ſich, und küßte ſie. „Ich danke Dir für die Erfüllung dieſes Wunſches,“ ſagte er, „inzwiſchen finde ich auch Zeit, Klara vorzubereiten, ſie ſoll und wird Dir freundlich entgegen kommen. Und nun wollen wir in's Schloß gehen, komm Geliebte, es wird mir unſaglich ſchwer fallen mein Glück zu verheimlichen, aber es muß ſein.“ „Gehen Sie voraus, Herr Baron, ich werde Ihnen folgen,“ erwiderte Roſa,„ich möchte eine Weile allein bleiben, um meine Gedanken zu ſonmeln und den Sturm in meinem Innern zu be⸗ ruhigen.“ Der Baron mußte dieſen Wunſch als begründet gelten laſſen, er ſchloß ſeine Braut nochmals in ſeine Arme und verließ das Gewächshaus mit heiterer, triumphirender Miene. Der Sieg war ihm nicht ſchwer geworden, er hatte das vor⸗ aus gewußt, aber es lag doch nicht in ſeiner Abſicht, ſo bald ſchon ſich Gewißheit zu verſchaffen. Er hatte die günſtigſte Gelegenheit ergriffen, und es war ihm jetzt lieb, daß dieſe Angelegenheit geordnet war, er konnte nun ſeine Gedanken ganz und ungetheilt den kommenden Dingen widmen. Wenn er aufrichtig ſein wollte, ſo hätte er geſtehen müſſen, daß es ſeiner Ungeduld zu lange dauerte, bis ſein Bruder und vielen ſollte. N er de waren V hatte ihmen ergabe Beſorg D ſich in ſuchte parire ſah e ſicht! A derlag der V „ ſie. bte er, und in' allen meine 1 be⸗ ſen, das vor⸗ bald ihn nun ngen ſen, und Baroneſſe Adelaide das Schloß verließen. Er ſuchte jede Begegnung mit ihnen ſo weit als möglich zu vermeiden, und namentlich war es Baroneſſe Adelaide, gegen die er eine Abneigung hegte, welche er nicht überwinden konnte. Sah er ihren wehmüthig ernſten Blick auf ſich gerichtet, ſo beſchlich ihn eine Unruhe, deren Urſache er ſelbſt ſich nicht erklären konnte, ihm war, als ob in ſolchen Augenblicken eine innere Stimme ihm zu flüſtere, daß die Hand dieſer ſchönen Frau ihn einſt in einen Abgrund hinunterſtoßen werde. Und doch war die Baronin ihm gegenüber ſtets freundlich und zuvorkommend. Die Nachricht, daß ſein Bruder bereits eine Wohnung ge⸗ miethet hatte, war ihm aus dieſem Grunde um ſo willkommener, ſobald der Auszug erfolgt war, ſollte die innere Renovation des Schloſſes beginnen und dann auch mit den Mitteln, die der Ban⸗ kier ihm zur Verfügung geſtellt hatte, energiſch durchgeführt werden. Und war dieſes Geſchäft ſoweit beendet, dann wurde die Hoch⸗ zeit gefeiert und ein neues Leben begonnen, welches ihn für die vielen Entbehrungen der vergangenen Jahre reich entſchädigen ſollte. Nur vorübergehend zog ein Schatten über ſeine Stirne, als er der Ereigniſſe gedachte, die der Verlobung vorhergegangen waren. Mochten die Dinge liegen, wie ſie wollten, der Verwalter hatte jedenfalls ein falſches Spiel geſpielt, die Rechtfertigung war ihm nicht ganz gelungen, und die Vermuthungen, die daraus ſich ergaben, waren wohl geeignet, in der Seele des Barons ernſte Beſorgniſſe zu wecken. Der alte Fuchs war ohne Zweifel ergrimmt darüber, daß er ſich in London trotz ſeiner Schlauheit hatte überliſten laſſen, er ſuchte jetzt nach einer Waffe, mit der er die ihm drohende Gefah pariren könnte, und ſo ſehr der Majoratsherr ihn auch haßte, ſah er doch die Nothwendigkeit ein, nur mit der äußerſten Vor⸗ ſicht gegen ihn vorzugehen. Auch er wußte, daß dieſer Kampf nur mit der völligen Nie⸗ derlage, ja je nachdem die Verhältniſſe ſich geſtalteten nur mit der Vernichtung eines der beiden Gegner enden konnte, aber er ———— ———— — 558— wußte auch, daß in dieſem erbitterten Kampfe nicht die Gewalt, ſondern nur die Liſt den Sieg gewinnen konnte. In dem gegenwärtigen Augenblick war es beſſer, den Kampf einſtweilen ruhen zu laſſen und ſich darauf zu beſchränken, den Gegner ſcharf zn beobachten, wenigſtens war es nicht rathſam, ihn zu reizen und ſeinen Haß noch mehr herauszufordern. Zu dieſem Entſchluſſe war der Majoratsherr gekommen, als er auf der Teraſſe anlangte, er blieb eine Weile ſtehen und blickte in Gedanken verloren auf den im herrlichſten Blüthenſchmuck prangenden Garten hinunter. Die Roſen waren freilich ſchon verblüht, aber Petunien, Ge⸗ orginen und Aſtern ſtanden noch in voller Blüthe, und der Blick des Barons ruhte mit Wohlgefallen auf den reichen, mannigfach wechſelnden Farben. Endlich ging er in das Schloß hinein, er ſchien ſich erſt jetzt zu erinnern, daß der Maler ihn erwartete. Und als er jetzt die Thüre des Empfangzimmers öffnete, blieb er überraſcht auf der Schwelle ſtehen. Klara ſaß in einem Seſſel, und vor ihr lag Willy Rodenberg auf den Knieen!, Der Maler ſprang allerdings ſofort auf, und Klara ſuchte ihre Verlegenheit hinter einem anſcheinend heitern und unbefan⸗ genen Lachen zu verſtecken, aber der Majoratsherr hatte mit ſei⸗ nem ſcharſen Blick genug geſehen, er wußte, was er von dieſem Lachen zu halten hatte, die Situation war ihm ſofort klar geworden. „Nomeo und Julie!“ ſagte fie heiter.„So wäre die Grup⸗ pirung allerdings maleriſch, aber die Zuſammenkunft dieſes be⸗ rühmten Liebespaares hat auf einem Balkon ſtattgefunden, ſomit müßte die Gruppe etwas anders aufgefaßt werden.“ Das Antlitz Willys war todtenbleich geworden, er ſchien die Bedeutung des Blickes, den Klara ihm zuwarf, nicht zu verſtehen, aber der Baron bemerkte dieſen Blick, und ein ſarkaſtiſcher Zug umzuckte ſeine Lippen. „Iſt das Gemälde, welches ich zu erhalten wünſchte, bald vollendet Herr Rodenberg?“ fragte der Majoratsherr in kühlem Geſchäftstone. Willy ſchrack aus ſeinem Sinnen empor, er mußte ſeine ganze Beſi Fre las konn ihn zu ind Kanyj ben „alz und chmuc Ge⸗ Blit — ſ jetzt „blieh enberg ſuchte befan⸗ it ſei⸗ t klar Gruy⸗ be⸗ ſomit n die ſtehen, rZug „bald ühlem ganze Willenskraft aufbieten, um dem Sturm in ſeinem Innern zu gebieten. „Bis zur Ablieferung werden wohl noch einige Wochen hin⸗ gehen,“ erwiderte er.„Der Herr Baron ließen geſtern um mei⸗ nen Beſuch erſuchen—“ „Ach ſo, ja, ich wollte Ihren Rath hören, aber ich glaube, das iſt nun überflüſſig geworden.“ Klara ſah den Vater befremdet an, dann ſchweifte ihr Blick voll Beſorgniß zu dem jungen Manne hinüber. „Mit der Renovation des Schloſſes werde ich überhaupt noch nicht beginnen,“ fuhr der Baron fort,„zudem iſt es immerhin fraglich, ob unſre Anſchanungen übereinſtimmen werden.“ „Sie verzichten alſo auf meinen Rath?“ fragte Willy, die Brauen leicht zuſammenziehend. „Einſtweilen, ja.“ „Dann erlauben Sie wohl, daß ich mich entferne?“ „Ich will Sie nicht länger aufhalten, Herr Rodenberg.“ Klara blickte die beiden Herren noch immer mit wachſender Beſorgniß an, aber ſie wagte nicht, ein Wort zu Gunſten ihres Freundes einzulegen, in den zornflammenden Augen ihres Vaters las ſie den nahenden Sturm, der in jeder Sekunde ausbrechen konnte.. Und als Willy jetzt das Zimmer verließ, folgte der Baron ihm, während ein gebicteriſcher Blick der Baroneſſe befahl, zurück⸗ zu bleiben. „Ein Wort, Herr Rodenberg!“ ſagte der Majoratsherr draußen, indeß er eine Thüre öffnete. Willy ſchien dieſe Aufforderung erwartet zu haben, er trat ohne Zögern in das elegante Zimmer, und es ſchien ihm auch nicht aufzufallen, daß der Baron ihm keinen Sitz anbot.* „Die Situation, in der ich Sie vorhin überraſchte, berechtigt mich wohl, eine Erklärung von Ihnen zu fordern,“ nahm Baron Edmund das Wort, und ſeine Stimme klang noch herber und ſchärfer,„ich hatte geglaubt, daß meine Tochter einem Manne von Ehre ihr Vertrauen ſchenkte—“ „Nicht weiter, Herr Baron!“ fiel Willy, bebend vor Entrüſtung ihm in's Wort,„die Nothwendigkeit zu einer Beleidigung iſt nach meiner Anſicht nicht vorhanden. Sie können mir keinen Vorwurf — 6— daraus machen, daß ich Baroneſſe Klara liebe, dem Herzen kann Niemand gebieten, und wenn ich in dieſer Stunde ſo ſchwach ge⸗ weſen bin, den Verſtand meinem Herzen unterzuordnen, ſo bin ich dafür genugſam beſtraft, durch die Kälte, mit der mein Ge⸗ ſtändniß aufgenommen wurde.“ „Sie erwarteten wohl, nach dieſem Geſtändniß mit offenen Armen aufgenommen zu werden?“ fragte der Baron höhniſch. „Ich erwartete nichts, ich hegte weder Erwartungen noch Hoff⸗ nungen, als ich hierher kam. Die Liebenswürdigkeit der Baro⸗ neſſe war der Zauberſtab, der plötzlich mich in das blühende Eden eines ungeahnten Glücks hineinblicken ließ, und von dieſem beſeligenden Moment hingeriſſen, ließ ich mich zu einer Thorheit verleiten.“ „Zu einer Thorheit!“ erwiderte der Majoratsherr, und in dem Blick, den er dem jungen Manne zuwarf, lag eine Fülle von Verachtung.„Ich könnte ein andres Wort dafür gebrauchen, ich könnte Ihnen ſagen, es ſei eine Unverſchämtheit Ihrerſeits, ein Mißbrauch meines Vertrauens—“ „Herr Baron!“ „Fühlen Sie ſich getroffen? Ich will nicht unterſuchen, von wem die Zeitungsnotiz herrührt, in der die nahe Verbindung meiner Familie mit einem berühmt gewordenen Künſtler dem ſtau⸗ nenden Publikum in nahe Ausſicht geſtellt wurde. Jedenfalls war dieſe Notiz berechnet, der Zweck liegt ja klar am Tage. Man wollte einen Fühler ausſtrecken, meine Familie auf die hohe Ehre einer ſolchen Mesalliance vorbereiten, damit die Werbung nicht gar zu überraſchend kam.“ „Und Sie können glauben, daß ich dieſes Mittel habe?“ fragte Willy aufbrauſend. „Ruhig, junger Mann, vergeſſen Sie nicht, wer Sie ſind, und wem Sie gegenüber ſtehen! Ich ſagte ſchon, ich wollte nicht unterſuchen, wer der Verfaſſer des Artikels ſei, aber wenn ich an der Vermuthung feſthalte, daß Sie der intellektuelle Urheber des⸗ ſelben ſind, ſo ſtützt dieſe Vermuthung ſich auf Gründe, die zu wiederlegen Ihnen ſchwerlich gelingen dürfte.“ „Herr Baron, das iſt eine Beleidigung!“ „Pah, mit welchem Recht wollen Sie ſich darüber beſchweren? Haben Sie nict durch die Worte, die Sie meiner Tochter ſagten, nöthig, ohnebi die es zu über — 561— mich und meine ganze Familie beleidigt? Wer ſind Sie, denn doß Sie dieſe Unverſchämtheit ſich erlauben dürften? Man ſagt, Sie ſeien ein berühmter Maler, kann der Ruhm, den Sie vielleicht wohlfeil erhalten haben, den Makel tilgen, der auf Ihnen ruht?“ „Wenn Sie mich daran erinnern—“ „Sie hätten ſelbſt ſich daran erinnern müſſen! Der Stamm⸗ baum Derer von Oſthofen hat noch keinen Baſtard aufzuweiſen, Sie wären der Erſte, ich werde dieſe Schmach nimmermehr dulden.“ Willy hatte ſich bei den letzten Worten hochaufgerichtet, auch aus ſeinen Augen ſprühten Blitze und dunkle Zornesgluth über⸗ goß ſein Antlitz. „Dieſe Worte bilden eine Scheidewand zwiſchen uns, die nie wieder fallen kann,“ ſagte er mit bebender Stimme,„es war nicht nöthig, daß Sie mich an meine Geburt erinnerten, ich würde auch ohnedies gefühlt haben, daß ich eine Thorheit begangen hatte, die es mir unmöglich macht, die Schwelle dieſes Hauſes je wieder zu überſchreiten.“ „Es iſt mir lieb, daß Sie ſelbſt das einſehen!“ „Ich hoffe, Sie werden unter dieſen Verhältniſſen mich von der Ausführung des mir übertragenen Auftrages entbinden.“ „Gewiß, ſehr gerne. Für das Porträt meiner Tocher, welches Sie gemalt haben, bitte ich den Preis zu beſtimmen.“ „Ich habe es der Baroneſſe geſchenkt.“ „Verzeihen Sie, wir nehmen von Ihnen kein Geſchenk an.“ Willy preßte die Lippen aufeinander, er mußte gewaltſam ſich bezwingen, um ruhig zu bleiben. „Wenn Baroneſſe Klara von Oſthafen mein Geſchenk zurück⸗ weiſen zu müſſen glaubt, ſo werde ich dasſelbe zurücknehmen,“ ſagte er mit gepreßter Stimme. „Auch dieſen Vorſchlag kann ich nicht annehmen,“ erwiderte der Baron mit verächtlichem Achſelzucken,„ich müßte, wenn ich Ihnen das Porträt meiner Tochter zurückgebe, befürchten, daß Sie dasſelbe zu einer unedlen Rache benutzen würden. Seitdem Sie mein und meiner Tochter Vertrauen ſo ſchnöde mißbraucht haben, kann ich von Ihnen nur das Schlimmſte erwarten. Die Der Baſtard. 36 562— Erfahrung lehrt überhaupt, daß Perſonen Ihrer Herkunft jede Gelegenheit benutzen, ihren Haß gegen die Menſchheit zu befrie⸗ digen, und es kann wohl keinem Zweifel unterliegen, daß nach dieſem Vorfall nur Haß gegen uns Ihre Seele erfüllen wird. Aus dieſem Grunde dringe ich darauf, daß Sie einen Preis für das Porträt beſtimmen, glauben Sie außerdem wegen des noch unvollendeten Bildes eine Entſchädigung ſordern zu müſſen, ſo erwarte ich nur Ihre Forderung, um derſelben gerecht zu werden.“ Haß und Verachtung entſtellten die ſchönen Züge Willys. „Sie haben mir geſagt, Sie dürften kein Geſchenk von mir annehmen,“ entgegnete er,„nun wohl, ich werde von Ihnen kein Geld nehmen. Machen Sie mit dem Porträt, was Sie wollen, mein Stolz und meine Ehre verbieten mir—“» „Genug!“ fiel der Majoratsherr ihm mit eiüger Kälte in's Wort.„Da Sie die Ordnung dieſer Angelegenheit in der von mir vorgeſchlagenen Weiſe ablehnen, werde ich ſie wohl auf an⸗ derem Wege ordnen müſſen. Das Weitere werden Sie erfahren Ich erwarte, daß Sie keine Annährung an meine Familie mehr verſuchen, ich müßte in dieſem Falle Maßregeln gegen Sie er⸗ greifen, die mir ſelbſt unangenehm wären.“ Der junge Mann ſtand bereits an der Thüre, er wandte noch einmal ſich um, ein vernichtender Blick traf den Baron, der in herausfordernder Haltung ihm gegenüberſtand. „Es war unnöthig, daß Sie mir das ſagten,“ erwiderte er, „aber nachdem Sie meine Ehre ſo tief beleidigt haben, können Sie mir auch das noch bieten. Ich aber verachte Sie zu ſehr, als daß ich jemals den Verſuch machen könnte, die Schranke, die uns trennt, niederzureißen! Ja, mein Herr, ich wiederhole es ich verachte Sie, wie ich Jeden verachte, der auf Etwas ſtolz iſt, was er nur einem Zufall oder der Laune des Glücks verdankt.“ Baron Edmund lachte höhniſch. „Wenn Sie in dieſer Verachtung einen Troſt, oder ſagen wir, eine Genugthuung für Ihre beleidigte Ehre finden, ſo gönne ich Ihnen dieſelbe herzlich gerne,“ entgegnete er.„Jetzt aber er⸗ uche ich Sie, mein Haus zu verlaſſen!“ Willy ſchwankte gleich einem Trunkenen hinaus dieſe furcht⸗ t jede befli, nch vird noch n nmir vollen, ine von an⸗ fahren mehr e er, te noch er in e er, * önnen ſehr, e, die e es z iſt, ankt.“ ſagen gönne bet er⸗ rcht⸗ — 563— bare Demüthigung, dieſer jähe Sturz von erträumter Höhe brachte ihn der Verzweiflung nahe. Unwillkürlich erinnerte er ſich der Worte, die Auerbach ihm geſagt hatte, jener Worte, die ihn ſo tief verletzt und ihn bewo⸗ gen hatten, mit dem alten Freunde zu brechen. Jetzt erkannte er, daß jene Worte Wahrheit enthielten, daß Auerbach den Haß gegen die Menſchheit, die er gründlich kennen, gelernt hatte, auf unwiderlegbare Gründe ſtützte. Er warf keinen Blick auf das Schloß zurück, er ſagte ſich ſelbſt, das er ein Thor geweſen ſei, der Stimme des Herzens zu folgen, ohne vorher den Verſtand zu Rathe zu ziehen. Die bezaubernde Liebenswürdigkeit Klara's hatte ihn zu dem Schritt verleitet, deſſen Folgen er ſo bitter empfinden mußte. Das Blut kochte in ſeinen Adern bei der Erinnerung an den Schimpf, den der Majoratsherr ihm angethan hatte, es war ihm, als trüge er ein Kainszeichen auf der Stirne, als müſſe Jeder ihm anſehen, welche Schmach auf ihm ruhte. So war auch der letzte ſüße Traum, die letzte ſchöne Hoffnung dahin, den Anker, an den er bisher ſich klammerte, hatte er ver⸗ loren, wie ein Schiffbrüchiger trieb er auf den ſturmgepeitſchten Wogen des Lebens, und es war ihm gleichgültig ob die Wellen ihn hinunterzozen oder ihn noch einmal an's Ufer trugen. Baſtard! Das Wort gellte ihm noch immer in die Ohren War es denn ſeine Schuld, daß ſeine Mutter einem ehrvergeſſe⸗ nen Betrüger ihr Vertrauen geſchenkt hatte? Baſtard! Ausgeſtoßen gleich einem Ausſätzigen, niedergetreten in den Koth, verhöhnt und verſpottet von Allen,— welche Zu⸗ kunft lag jetzt noch vor ihm? Es war Nacht geworden um ihn und in ihm, der letzte Stern erloſchen, und die Verzweiflung breitete ihre dürren Arme aus, bei ihr fand er die letzte Zuflucht. 36* 24. Kapitel. Auf abſchüſſiger Bahn. Der Verwalter fand bei ſeiner Heimkehr aus dem Walde den Baron Udo in ſeinem Arbeitszimmer, und die Ungeduld, mit der derſelbe ihm entgegen kam, ließ ihn ſofort den Zweck dieſes Be⸗ unden ſuchs errathen. in „Die erſte Zuſammeukunft wird heute ſtattfinden,“ ſogte er, ſih 6 noch ehe der Baron Zeit geſunden hatte, eine Frage an ihn zu S zu richten.„Wir werden dann noch mit ziemlicher Sicherheit erfahren, was wir von dem Schreiber des Briefes zu halten haben.“ llär „Haben Ihre Nachforſchungen zu gar keinem Reſultat geführt?“ vorlie fragte Baron Udo mit fieberhafter Spannung.„Sie wollten glict ſich ja nach dem Dienſtmann erkundigen, der den Brief hierher haben⸗ brachte.“ uz 2 „Ich habe dieſen Dienſtmann allerdings gefunden, aber er znehr konnte mir keine ſichere Auskunft geben. Er ſagt mir nur, er 2 habe den Brief, ſo weit er ſich erinnern könne von einem ihm. nieder unbekannten alten Herrn erhalten, aber eine genaue Beſchreibung kenvo der Perſon wußte er nicht zu geben.“„ Der Baron kreuzte die Arme auf der Bruſt und wanderte Erfüll langſam auf und nieder. berte „Ich kann noch immer nicht glauben, daß die Behauptung dieſes Unbekannten fich auf Wahrheit ſtützen ſoll,“ ſagte er,„nach Bewe meiner Ueberzeugung muß das Kind damals verunglückt ſein. Ge⸗ ſetzt, die Wärterin ſei damals mit ihm geflohen, um aus niedri⸗ ger Rachſucht uns Kummer und Sorgen zu bereiten, ſo würden zchle wir jeden ſalls früher ſchon ein Lebenszeichen erhalten haben.. Das Weib mußte ja im Laufe der Zeit in Noth und Elend 1 kommen, und was wäre alsdann natürlicher geweſen, als daß er. ſie ſich an uns gewandt uns unter gewiſſen Bedingungen die wenr Enthüllung des Geheimniſſes angeboten hätte?“ — 565— „Ganz meine Meinung Herr Baron!“ „Es wird die Meinung eines Jeden ſein, der ruhig und vor⸗ urtheilsfrei darüber nachdenkt. Dem Mutterherzen verarge ich es nicht, wenn es dieſe Anſchauung nicht theilen will, wenn es an der Hoffnung feſthält, daß dies ſo räthſelhaft verlorene Kind ihm wiedergegeben werden könne. Die Leiche iſt bis heute noch nicht gefunden worden, und das bietet jener Hoffnung, wie ſich nicht leugnen läßt, eine ſtarke Stütze, aber ich kann mir das Verſchwinden der Leiche ſehr wohl erklären, der Waldſee hat Tiefen, die nicht erforſcht werden, können.“ „Auch das iſt richtig,“ nickte der Verwalter,„aber auf der andern Seite erſcheint es doch nicht recht glaublich, daß die Leiche in eine jener Tiefen gekommen ſein ſoll. Wie der Herr Baron ſich erinnern werden, hefinden jene Tiefen ſich in der Mitte des Sees und—“ „Ich habe auch darüber lange und oft nachgedacht, mein lie⸗ ber Wortmann, was uns ungläubig erſcheint kann immer noch erklärt werdrn, wenn nur ein Schimmer von Wahrſcheinlichkeit vorliegt. Ich wiederhole, wäre das Kind damals nicht verun⸗ glückt, ſo würden wir früher ein Lebenszeichen von ihm erhalten haben, und deshalb ſind die Enthüllungen, die der Schreiber je⸗ nes Briefes in Ausſicht ſtellt, nur mit der größten Vorſicht auf⸗ zunehmen.“ Baron Udo hatte ſich bei den letzten Worten in einen Seſſel niedergelaſſen, das Haupt auf den Arm geſtützt, blickte er gedan⸗ kenvoll vor ſich hin. „Dieſe Enthüllungen werden erſt dann erfolgen, wenn die Erfüllung der geſtellten Bedingungen zugeſagt worden iſt,“ erwi⸗ derte Wortmann. „Wie kann ſie zugeſagt werden, ſo lange keine überzeugende Beweiſe vorgelegt werden?“ „Und wenn ſie vorgelegt würden?“ „Dann, aber auch nur dann würde ich die geforderte Summe zahlen.“ Der Verwalter ſchüttelte mit bedenklicher Miene das Haupt. „Es bliebe auch dann noch Manches zu berückſichtigen,“ ſagte er.„Vielleicht lebt das Weib, jene Frau Grimm noch ſoll ſie, wenn ſie dies zur Bedingung macht, ſtraflos ausgehen?, — 566— „Wenn dieſe Bedingung erfüllt werden muß, ja!“ erwiderte der Baron, ſo ſehr auch mein Rechtligkeitsgefühl ſich dagegen empört. Wenn ich meiner Gattin den Seelenfrieden zurückgeben kann, ſo werde ich jede Bedingung erſüllen!“ „Sie geben mir alſo unumſchränkte Vollmacht Herr Baron?“ „Jawohl, ich erwarte dabei mit Zuverſicht, daß Sie mein Intereſſe nach jeder Seite hin wahren werden.“ „Als ob es mein eignes wäre!“ „Ich vertraue darauf. Wann wird die Zuſammenkunft ſtatt⸗ finden?“ „Heute Nachmittag.“ „Hier in Ihrem Hauſe?“ „Nein, in der Stadt.“ „Das iſt ſchade, vielleicht hätte ich als unſichtbarer Zeuge der Unterredung beiwohnen können.“ „Dadurch wären mir in gewiſſer Beziehung die Hände ge⸗ bunden worden,“ ſagte der Verwalter,„Sie würden möglicher⸗ weiſe dem Manne gegenüber zu nobel ſein, man muß mit ſolchen Leuten ganz anders verfahren.“ „Sie mögen Recht haben,“ erwiderte Baron Udo,„ich hoffe Sie werden den rechten Weg finden, und ich bitte Sie nur noch, ſofort nach Ihrer Rücktehr mir Bericht zu erſtatten. Kamen Sie nicht vorhin aus dem Walde?“ „Jawohl, Herr Baron.“ „Mein Bruder begleitete Sie, was thaten Sie dort?“ Soll der Wald wirklich niedergelegt werden?“ Wortmann wandte das Antlitz ab, er wollte offenbar ver⸗ meiden, dem forſchenden Blick des Barons zu begegnen. „Die Gerichtsherren waren wieder hier,“ ſie ſuchten Beweife für die Schuld des rothen Franz.“ „Im Walde?“ „Ja. das Gold, welches dem Ermordeten geraubt worden iſt, war noch nicht aufgefunden, wir haben es heute in einem hohlen Baum entdeckt“ „Und iſt damit die Schuld des Verhaſteten bewieſen?“ „Anſcheinend ja.“ „Anſcheinend?“ fragte Baron Udo befremdet.„Zweiſeln Sie nnd überhaupt an der Schuld des Angeklagten?“ geben on7“ mnein ſatt pe der e ge⸗ icher⸗ blchen hofe noch Sie iſt. en %½ it erhalten?“ 5* „Nein,“ entgegnete Wortmann,„dieſer Brief war der erſte.“ „Weshalb ſchrieb er nicht zuerſt an mich?“ „Vielleicht wünſchte er, daß ich Sie auf die Nachricht vorbe⸗ reiten ſollte!“ „Dann hätten Sie nicht meinem Bruder, ſondern mir den Brief vorlegen müſſen.“ „Ich wagte es nicht, Herr Baron, ich bat Ihren Herrn Bru⸗ der, Sie allmälig vorzubereiten!“ Die Stirne Baron Udo's hatte ſich umdüſtert, ein finſtrer Blick traf den Verwalter. „Haben Sie ſeitdem w fragte er. ii „Seien Sie aufrichtig, Wortmann, liegt dieſer Correſpondenz nicht ein andrer Zweck zu Grunde? Mein Bruder behauptet, Bruno benutze Sie als Spion, er habe Sie beauftragt, ihm über Alles, was hier vorfällt, Mittheilung zu machen.“ „Und wenn Behauptung begründet wäre, Herr Baron?“ „So würde mir das keineswegs angenehm ſein, ich liebe ſolche Winkelzüge nicht.“ Wortmann warf trotzig das Haupt zuück, und ein Zug des Unmuths glitt über ſein hageres Geſicht. „Baron Bruno hat allerdings mich gebeten, ihm dann und wann Mittheilungen über die hieſigen Ereigniſſe zu machen,“ ſatge „Wenn Alle an dieſe Schuld glauben, ſo wären Zweifel mei⸗ nerſeits nicht berechtigt,“ erwiderte der Verwalter ausweichend. Ich wage überhaupt nicht, ein Urtheil darüber zu fällen, aber ſo oft ich der früheren und der jetzigen Verhältniſſe gedenke, ergreift mich ein tiefes Bedauern.“ Ein ſchmerzlich wehmüthiger Zug glitt über das Antlitz des Barons, und der ſchwere Seufzer, der ſeinen Lippen ſich entrang, ließ nur zu deutlich erkennen, daß auch er der früheren Verhält⸗ niſſe nur mit tiefem Schmerz gedenken konnte. „Wie kommt es daß Baron Bruno von ſeinem Duell in Orvey Ihnen zuerſt Nachricht gab?“ fragte er, raſch das Haupt erhebend.„Haben Sie ſeit ſeiner Abreiſe öfter Briefe von ihm eitere Nachrichten von Bruno erhalten?“ — 567— — 568— er,„und ich konnte ihm die Erfüllung dieſes Wunſches nicht ab⸗ ſchlagen. Was ihn zu dieſem Wunſche veranlaßt hat—“ „Thorheit fiel Baron Udo ihm in's Wort.„Sollte er mit Ihnen darüber geſprochen haben, ſo—“ „Herr Baron, über dieſen Punkt kann man verſchiedener An⸗ ſicht ſein,“ fuhr der Verwalter mit ſcharfer Betonunz foct. Ba⸗ ron Bruno hat mich auf Manches aufmerkſam gemacht, was wohl berückſichtigt zu werden verdient.“ „Und ich ſage Ihnen noch einmal, es iſt Thorheit!“ erwiderte der Baron.„Ich darf es Ihnen offen geſtehen, daß ich nicht mit meinem Bruder ſymphatiſire, aber ich erkenne das Geſetz an, welches ihm das Majorat zuſpricht und nicht allein mich, ſondern auch meine Nachkommen von der Erbfolge ausſchließt. Und die Anordnungen und Befehle des Majoratsherrn müſſen reſpectirt werden, wenn ſie auch den eignen Anſchauungen entgegenſtehen. Ihnen, dem älteſten Beamten unſres Hauſes, darf ich es wohl bekennen, daß auch mich die Veränderungen der letzten Zeit ſehr unangenehm berühren, daß es mir unſaglich ſchwer fällt, von hier zu ſcheiden, aber ich füge mich den Verhältniſſen, ſo wenig ſie auch meinen Wünſchen und Hoffnungen entſprechen mögen.“ Wortmann blickte ſinnend den Baron an, es lag etwas lau⸗ erndes in ſeinem Blick. „Ich fürchte, wir ſind noch nicht am Schluſſe der Aenderun⸗ gen angekommen,“ ſagte er.„Sie werden Oſthofen verlaſſen⸗ Herr Baron, der alte Förſter hat bereits den Laufpaß erhalten und mit mir wird man auch kurzen Prozeß machen., „Das wird auf Sie allein ankommen!“ „Nicht auf mich, Herr Baron! Ihr Herr Bruder hat früher ſchon Aeßerungen fallen laſſen, die mich nur zu deutlich erkennen ließen, daß ich von meinem Poſten entfernt werden ſoll. Den Grund kann ich mir denken, er liegt in der Abneigung, mit der Baron Edmund mir von Anfang an entgegengetreten iſt.“ „Sollte dieſe Abneigung nicht eine gegenſeitige ſein?“ „I)) will das nicht beſtreiten, ja ich bekenne offen und ehr⸗ lich, daß ich ſchon in dem Augenblick, in welchem Sie mich be⸗ auftragten den verſchollenen Majoratsherrn in London zu em⸗ fangen, gegen den Heimkehrenden eine unbeſiegbare Abneigung enpful rung L Rede, ſich u 65 auch ſo lang ſernet nicht etwas tigte, geben E walter zudeu Anſy geiſ hracht floſen Alt — 569— empfand. Ich ſah ſchon damals voraus, daß alle dieſe Verände⸗ rungen kommen würden, ich wußte auch, daß Sie—“ „Laſſen wir das,“ fiel Baron Udo ihm abwehrend in die Rede,„ich wiederhole, man muß in bänderliche Verhältniſſe ſich zu fügen wiſſen, und wenn ich das bermag, ſo werden Sie es auch können. Ich werde nun bald Bſthofen verlaſſen, und ſo lange Sie hier ſind, erwarte ich, daß Sie wie bisher auch ſerner Ihre Pflicht treu und gewiſſenhaft erfüllen. Ich wünſche nicht, daß Sie ſpäter mich beſuchen, mein Bruder könnte darin etwas finden, was ihn mir gegenüber zu einem Vorwurf berech⸗ tigte, ich will ihm keinen Grund zu Argwohn und Mißtrauen geben.“ Ein ſeltſames Lächeln glitt über das hagere Geſicht des Ver⸗ walters. „Der Herr Baron wird ſchwerlich Zeit finden, darüber nach⸗ zudenken,“ erwiderte er,„andre Dinge werden ſeine Gedanken in Anſpruch nehmen. Der Maler Rodenberg kommt auch nur aus gewiſſen Gründen ſo häufig hieher—“ „Sie ſielen auf die Notiz an, welche kürzlich eine Zeitung brachte, kennen Sie die Quelle, aus der dieſe Notiz ge⸗ floſſen iſt?“ „Nein, aber ich glaube, daß ſie vicht ſo ganz aus der Luft gegriffen iſt.“ „Und woraus wollen Sie dieſen Schluß ziehen?“ „Aus der Vertraulichkeit des Malers mit der Baroneſſe Klara.“ Baron Udo hatte die Brauen finſter zuſammengezogen, und der Blick, mit dem er zu dem hageren Manne aufblickte, verrieth Unwillen und Entrüſtung. „Ich glaube nicht, daß das Reſultat Ihrer Beobachtungen richtig iſt,“ Baroneſſe Klara weiß, welche Rückſichten ſie ihrem Stande und ihrer Familie ſchuldet, zu einer ſolchen Mesalliance wird ſie ſich niemals erniedrigen.“ Der Verwalter zuckte die Achſeln; Baron Udo hatte nie zu⸗ vor ſo vertraulich mit ihm geredet, er wollte dieſe Gelegenheit, die vielleicht nie wieder kehrte, benutzen. „Baroneſſe Klara iſt in dieſer Beziehung unerfahren,“ ent⸗ gegnete er,„und eine directe Warnung könnte möglicherweiſe zum ——— — 570— entgegengeſetzten Reſultate führen. Baron Edmund müßte darauf aufmerkſam gemacht werden, aber es bleibt faglich, ob er die Warnung beherzigen wird. Scheint doch der Majoratsherr ſelbſt nicht abgeneigt zu ſein, eine Mesalliance einzugehen.“ Aus den Wangen des Barons war alles Blut gewichen, mit erwartungsvoller Spannung hing ſein Blick an den ſchmrlen Lippen des Verwalters. „Was wollen Sie damit ſagen?“ fragte er. „Sollte es Ihnen unbekannt ſein, daß die ſchöne Tochter des Bankiers Becker nicht nur häufig hieher kommt, ſondern auch ebenſo oft in ihrer Wohnung den Beſuch des Majoratsherrn em⸗ pfängt?“ „Woher wiſſen Sie das?“ „Man ſprach in der Stadt darüber.“ „Die Beſuche meines Bruder werden dem Bankier mehr als der Tochter desſelben gelten!“ „Die Anſichten darüber lauten verſchieden,“ ſagte Wortmann, „und das Urtheil der öffentlichen Meinung ſtützt ſich immer auf Gründe und Beweiſe.“ „Der Plebs urtheilt wie er es verſteht,“ erwiderte Baron Udo verächtlich,„und wenn er die, welche über ihm ſtehen, in den Staub ziehen kann, ſo findet er daran beſonderes Vergnügen. Ich lege auf ſolche Urtheile gar kein Gewicht, mein Bruder wird ſich ſo tief nicht erniedrigen. Und was den Maler betrifft, ſo erachte ich es unter meiner Würde, Klara an die Rückſichten, die ſie uas ſchuldet, zu erinnern, ſie wird dieſelben nicht vergeſſen, und ich hege in dieſer Beziehung nicht die leiſeſten Beſorg⸗ niſſe.“ Er hatte ſich erhoben, und in ſeiner Miene, wie in ſeiner ganzen Haltung prägte ſich der Stolz des Edelmanns aus, der von allen Andern ehrenfaft denit, weil er ſelbſt ehrenhaft handelt. „Ich will die Möglichkeit einer zweiten Heirath meines Bru⸗ ders zugeben,“ fuhr er fort,„aber ich kann nicht glauben, daß er eine Bürgerliche als ſeine Gattin in unſer Stammſchloß füh⸗ ren wird, er würde das erſte bürgerliche Reis auf unſern Stamm⸗ baum pfropfen, und das wird er nicht wollen.“ „Der Herr Baron berückſichtigen nicht, daß in dem Abentheu Lippe E det ſin abet eines nach greif T der 2 hange D vermi un d von iann, auf aron in igen. wird 1 di „die eſen, ſorg⸗ der haft Bru⸗ daß füh⸗ um⸗ — 571— rerleben drüben die Anſchauungen ſich geändert haben können⸗ und daß das Gold oft den Mangel eines adligen Wappens er⸗ ſetzen muß, Fräulein Becker iſt das einzige Kind des Bankiers⸗ und man behauptet, der Bankier ſei Millionair. Der Herr Ba⸗ ron werden ferner wiſſen, daß der Majoratsherr den Vorſatz hegt, das Schloß von Grund auf zu renoviren, und zur Ausführung dieſes Vorhabens wird er einer ſehr bedeutenden Summe be⸗ dürfen.“ „Sie ſcheinen dieſe Heirath als eine Spekulation zu be⸗ trachten!“ „Und liegt dieſer Gedanke nicht nahe? Der Bankier würde ſich außerordentlich geſchmeichelt fühlen, und ſeine Zuſtimmung nicht verweigern—“ „Mein Bruder iſt ſeiner Familie Rückſichten ſchuldig—“ „Aber er hat bisher noch nicht bewieſen, daß er geneigt iſt, dieſe Rückſichten zu beachten, er iſt, wie Sie zugeben werden, Egoiſt, das eigne Ich ſteht ſtets im Vordergrunde.“ Baron Udo konnte dagegen allerdings nichts einwenden, er nickte unwillkürlich, und abermals entrang ſich ein Seuſßzer ſeinen Lippen. „So will ich denn hoffen, daß Ihre Vermuthungen un begrün det ſind,“ ſagte er,„es würde mich ſehr betrüben, wenn—— aber nein, ich kann das nicht denken, ſelbſt an„die Möglichkeit eines ſolchen Ereigniſſes nicht glauben. Kommen Sie heute Abend nach Ihrer Rückkehr direct zu mir ins Schloß, Sie werden be greifen, daß ich Ihre Nachrichten mit Ungeduld erwarte.“ Der Baron entfernte ſich nach dieſen Worten und jert nahm der Verwalter in dem Seſſel Platz, um ſeinen Gedanken nachzu⸗ hangen. Der Bruch mit dem Majoratsherrn war noch einmal glückl ich vermieden, aber Wortmann hatte zu Drohungen greifen müſſen, um den Frieden zu erzwingen, ein ſolcher Friede konnte nicht von langer Daner ſein. Daß wußte der Verwalter ſo gut, wie Baron Edmund es wußte, auch er bereitete ſich auf die Fortſetzung des Kampfes vor. Beſtand der Majoratsherr darauf, daß die Verwaltungsbücher aus den letzten zehn Jahren ihm vorgelegt werden ſollten, dann — 5 wollte Wortmann mit offenem Viſir ihm entgegentreten,“ ihn ohne Umſchweife einen Betrüger nennen und ſich dabei auf das Zeugniß des Hofmeiſters und der alten Urſula berufen. Mochte es dann biegen oder brechen, es war der letzte, der einzige Weg, auf dem er einen Erfolg zu erzielen hoffen durfte. Aber ſoweit war der Kampf noch nicht gediehen, und je län⸗ ger Wortmann über die augenblickliche Situation nachdachte, deſto ruhiger ward es in ſeinem Innern, zu ernſten Beſorgniſſen la⸗ gen ja einſtweilen noch keine Gründe vor. Als er, zum Mittageſſen gerufen, in die Wohnſtube trat, fand er hier Hellmuth, den Helene als Gaſt eingeladen hatte, und die Nachrichten, die Hellmuth dem alten Manne brachte, erfreuten dieſen ſo ſehr, daß er den eigentlich ungebetenen Gaſt mit un⸗ gewohnter Herzlichkeit willkommen hieß. Hellmuth war auf der Landſtraße dem Maler begegnet, und hatte Willy ihm auch Anfangs über die Urſache ſeiner Auf⸗ regung nicht Rede ſtehen wollen, ſo war ihm doch durch die warme Theilnahme des Freundes zuletzt die Zunge gelöſt worden. Mit kurzen Worten hatte er ihm das Vorgefallene mitgetheilt und dabei ſeinen Groll gegen die Vorurtheile der Menſchen im Allgemeinen und des Adels im Beſonderen Luft gemacht. Er hatte offen ausgeſprochen, daß das Leben nun keinen Werth wehr für ihn habe, und daß ein unbeſiegbarer Haß gegen die ganze Menſchheit ſeine Seele erfüllte. Der Verwalter hörte mit leuchtenden Augen zu, für ihn war dies eine Genugthuung, wie er ſie nicht beſſer ſich wünſchen konnte. Helene bedauerte den Maler, ſie fühlte Mitleid mit ihm, aber ein ſtrenger Blick des Vaters gebot ihr, zu ſchweigen. „Ihm iſt Recht geſchehen,“ ſagte er, ohne ſeine Schadenfreude zu verhehlen,„wenn die Motte dem Licht zu nahe kommt, verſengt ſie ſich die Flügel! Er hätte das vorausſehen können, er wußie ja, wer er war, und welcher Makel auf ihm ruhte, wie durfte er wagen, bie Augen zu einer Baroneſſe von Oſthofen zu erheben! Es war eine Unverſchämtheit ſonder Gleichen, die eine ſchärfere Strafe verdient hätte.“ ſ He dieſen ich mr hilſer* wie der rie u den ber M „wenn Boron thigun liert, „Gen will, iſt do dieſem Deni hert ſehr Male er pr nung 3 ——— — 573— Hellmuth ſchüttelte mißbilligend das Haupt, er wußte ja, was dieſem ſcharfen Urtheil zu Grunde lag. „Wenn ich mich auf Ihren Standpunkt ſtellen will, ſo kann ich nur ſagen, es war eine Verirrung,“ erwiderte er,„und an dieſer Verirrung trägt die Baroneſſe vielleicht ebenſo große Schuld, wie der Maler. Sie hat ihn vielleicht durch Künſte der Kokette⸗ rie zu dieſem Schritt verleitet, es ſchmeichelte wohl ihrem Stolze, den berühmten Mann zu ihren Füßen zu ſehen—“ „Nicht doch, Hellmuth,“ fiel Helene ihm verweiſend in's Wort, „wenn Du das glaubſt, biſt Du in einen Irrthum befangen. Baroneſſe Klara iſt außerordentlich liebreizend und liebenswürdig, aber ſie gibt ſich, wie ſie iſt, ſchlicht und einfach, und den Vor⸗ wurf der Kokettere kann ihr Niemand machen.“ „Helene hat Recht,“ ſagte Wortmann,„der Baroneſſe kann nicht der leiſeſte Vorwurf gemacht werden, die ga ze Schuld fällt auf ihn allein, und ich ſage noch einmal, ihm iſt Recht geſchehen, der Baron hat ihm den Standpunkt klar gemacht—“ „Und ihn damit der Verzweiflung in die Arme getrieben!“ „Bah, was liegt daran!“ „Sie urtheilen darüber anders, wie ich,“ ſagte Hellmuth ent⸗ rüſtet,„Sie haſſen ihn, und deshalb gönnen Sie ihm die Demü⸗ thigung, aber Sie berückſichtigen dabei nicht, was die Welt ver⸗ liert, wenn dieſer berühmte, talentvolle Künſtler untergeht.“ Der Verwalter zuckte verächtlich mit den Achſeln. „Nimmt dieſer Ruhm den Makel von ihm?“ erwiderte er „Gewiß nicht, und wenn er gleichwohl ſich in Kreiſe eindrängen will, in denen er, wie er ſelbſt weiß, niemals geduldet wird, ſo iſt das eine Arroganz, die ſeinen Ruhm überragt und ſchon aus dieſem Grunde iſt ihm die wohlverdiente Demüthigung zu gönnen. Er wird ſich nun wohl nicht mehr hier blicken laſſen, der erſten Demüthigung könnte eine zweite ſchärfere folgen. Der Majorats⸗ herr verſteht darin keinen Spaß.“ „Und der Majoratsherr hat in dieſer Angelegenheit ſelbſt eine ſehr zweidentige Rolle geſpielt,“ ſagte Hellmuth.„Er hat den Maler in ſeinem Atelier aufgeſucht und ihn wiederholt eingeladen er protegirte ihn und es läßt ſich nicht leugnen, daß er ihm Hoff⸗ nungen einflößte—“ „Hoffnungen?“ unterbrach Wortmann ihn.„Keineswegs! — 574— Weshalb ſollte der Majoratsherr nicht freundlich gegen ihn ſein? Er wönſchte von dem Künſtler ein Bild zu erhalten, er wollte ihn wegen der neuen Einrichtung des Schloſſes um Rath fragen. Berechtigte das den Maler zu unverſchämten Hoffnungen, von denen er ſelbſt ſich ſagen mußte, daß ſie niemals ſich verwirklichen konnten? Im Gegentheil, er hätte dem Baron dankbar ſein und alles aufbieten ſollen, das Vertrauen dieſes Gönners zu recht⸗ fertigen und die Gunſt desſelben ſich zu erhalten.“ Der Verwalter hatte die Serviette hingelegt, die Fortſetzung dieſer Unterhaltung war ihm nicht intereſſant genug, er wollte ſofort den Weg zur Stadt antreten. Das Brautpaar nachte keinen Verſuch, ihn zurückz uhalten, es ſah ihm gerne auf den Rücken und ſo wanderte denn Wortmann gleich darauf hinaus, und ſeine heitere Miene ließ deutlich den Triumph über die Demüthigung des Malers erkennen. Frau Magdalene möchte jetzt zuſehen, wo ſie in den Stunden ſchwerer Sorge einen theilnehmenden Freund fand, nachdem ſie den Sohn verloren hatte! Vielleicht erinnerte ſie ſich nun, daß ſie die Hand eines Freun⸗ des zurückgeſtoßen hatte, vielleicht entſann er ſich der hochmüthi⸗ gen Worte, mit denen er dem Jugendfreunde ſeiner Mutter höh⸗ niſch entgegen getreten war. Die Reue kam zu ſpät, der Verwalter triumphirte! So mußte es kommen, und es kam jedenfalls noch beſſer, der hochfahrende Sinn des Malers mußte ſich ja gegen dieſe Demü⸗ thigung empören. Die Niederlage, die er erlitten hatte, mußte veröffentlicht wer⸗ den, es konnte nicht ausbleiben, daß das Urtheil der öffentlichen Meinung den Maler ſchonungslos verdammte. Und für dieſe Veröffentlichung wollte Wortmann Sorge tra⸗ gen, jetzt erſt begann ſeine Rache, der bereits der Weg gebahnt war. In der Stadt angekommen, begab er ſich gerades Weges in die Wohnung des Hofmeiſters. „Ich war geſtern bald nach meiner erſten Unterredung mit Euch noch einmal hier,“ ſagte er, nachdem er Platz genommen und ſeinen Hut auf den Tiſch gelegt hatte.„Eure Thür war geſchloſſen, ich mußte unverrichteter Sache heimkehren.“ r, der —„ Demi⸗ wer⸗ lichen tta⸗ hahnt mit unen war — 575— Der ſtechende Blick Hurter's ruhte lauernd auf dem Ver⸗ walter. „Wir haben ja alles Nöthige beſprochen,“ erwiderte er,„und ich ging ſofort nach Eurer Entfernung zu dem Polizeiagenten, um mit ihm zu berathen.“ der Agent die Sache übernehmen?“ fragte Wortmann raſch. „Ja, aber er hegt kein großes Vertrauen in die Löſung die⸗ ſer Aufgabe. „Ihr habt ihm alle unſre Verdachtgründe genannt?“ „So weit ſie mir erinnerlich waren. Er hat verſprochen, mich heute Nachmittag zu beſuchen, ſolltet Ihr dann noch hier ſein, könnt Ihr ſelbſt mit ihm reden.“ „Das wäre mir lieb,“ ſagte der Verwalter,„ich weiß jetzt, daß das Notizbuch Eigenthum des Majoratsherrn iſt, auch hat man heute Morgen das Gold, welches dem Ermordeten geraubt wurde, gefunden. „Wo?“ fragte der Hofmeiſter, die Brauen hinaufziehend. „Im Walde?“ „Ich meine, dort ſei ſchon mehrmals nachgeforſcht worden.“ „Ich fand es in einem hohlen Baum., „Ihr wart allein?“ „Nein, der Unterſuchungsrichter und ein Polizeicommiſſar wa⸗ ren zugegen, und der Majoratsherr hatte ſelbſt uns hinge⸗ führt.“ „Hm, er kann ſeine Gründe dafür gehabt haben,“ ſagte Hur⸗ ter in ſarkaſtiſchem Tone.„Was führte Euch geſtern noch ein⸗ mal zu mir?“ „Ihr habt an den Baron Udo geſchrieben.“ Der Hofmeiſter fuhr zuſammen, als ob er auf eine Schlange getreten hätte. „Ich?“ fuhr er auf. Was habe ich mit Baron Udo zu ſchaſſen?, „Hm, wenn Ihr noch einmal an ihn ſchreiben wollt, dann dictirt den Brief einem Andern, deſſen Handſchriſt man nicht kennt,“ ſagte Wortmann achſelzuckend, während er ſein Portefeuill aus der Taſche zog.„Bei dem Baron durftet Ihr es ſchon wagen, er kennt Eure Handſchrift nicht, und Daroeſſne Adelaide 576— hat ſie auch nie geſehen, aber Ihr hättet bedenken ſollen, daß Euer Brief in meine Hände ren konnte. Der ehemalige Hofmeiſter hatte ſeine Faſſung wiedergefunden er mochte wohl einſehen, daß Alles Leugnen dieſem Manne gegen⸗ über nutzlos war, und überdies lag weiteres Leugnen auch nicht, in ſeinem Intereſſe, wenn er die Sache verfolgen wollte. „Ihr alſo wollt die Handſchrift erkannt haben?“ fragte er ſpöttiſch. „Auf den erſten Blick.“ „Und da habt Ihr dem Baron Eure Entdeckung mitge⸗ theilt?“ „Bewahre! Der iſt ein ſchlechter Schütze, der ſeine Kugeln ſofort verſchießt.“ „Na, Ihr habt auch ſchon oft in's Blaue hineingeſcho ſſen! „Mag ſein, aber diesmal gedenke ich einen Kernſchuß zu thun, vorausgeſetzt, daß der Inhalt Eures Briefes auf Wahrheit beruht.“ „Glaubt Ihr, ich ſei ein Narr, daß ich etwas behaupte, was ich nicht vertreten kann?“ fragte der Hofmeiſter mit ſcharfer Be⸗ tonung. „Alſo das Kind lebt noch?“ „Jawohl.“ „Und wo befindet es ſich?“ Hurter lachte höhniſch. „Die Falle, wenn es eine ſolche ſein ſollte, war zu plump!“ ſagte er, und in ſeinem ſtechenden Blick ſpiegelte ſich eine Fülle Hohn und Bosheit.„Es fehlte nur noch, daß ich Euch zu dem⸗ Mädchen hinführen ſollte—“ „Ich will nur wiſſen, ob ſie hier in der Stadt iſt!“ „Auch das ſage ich nicht.“ ² „Am Ende ſeid Ihr ſelbſt nicht einmal ſicher ob das Mädchen auch wirklich die Tochter des Baron Udo iſt,“ ſpottete Wort⸗ mann.. „Ich bin meiner Sache ſicher,“ erwiderte der Hofmeiſter ruhig. „Hot der Baron Euch beauftragt, mit mir zu unterhandeln?“ „Jawohl.“ „Und will er meine Forderung bewilligen?“ „So weit ſind wir noch nicht, ſagte der Verwalter auswei⸗ chen, Fruge Nid gbelai net ſih dem ſchnin „ derte gebte⸗ jene ins meine Fam Gef ſunden gegen⸗ 77— chend,„ehe ich zu dieſem Punkt komme, müßt Ihr mir noch einige Fragen beantworten. Wodurch wollt Ihr beweiſen, daß jenes Mädchen in Wahrheit Cäcilie von Oſthofen iſt?“ „Der Beweis wird leicht zu führen ſein. Ich glaube Baroneſſe Adelaide wird ſofort ihr Kind erkennen, das Mutterherz verleug⸗ net ſich ja nie, ſodann lebt auch die Frau noch, die damals mit dem Kinde Oſthofen verließ, um ſeitdem ſpurlos zu ver⸗ ſchwinden.“ „Alſo waren die Vermuthungen Urſula's begründet!“ erwi⸗ derte Wortmann, in deſſen Zügen deutlich das Intereſſe ſich ſpie— gelte, welches er an dieſer Angelegenheit nahm.„Aber wird jene Frau Grimm die Wahrheit geſtehen, da dieſes Geſtändniß ſie in's Zuchthaus bringen kann?“ „Sie muß und wird es thun, wenn ihr Verzeihung zugeſichert wird.“ „Vielleicht würde Baron Udo auch auf dieſe Bedingung ein⸗ gehen. Was aber bewegt Euch, dem Baron dieſe Mittheilung zu machen? Iſt Euer Haß gegen ihn ſchon verraucht?“ Der ehemalige Hofmeiſter zuckte die Achſeln. „Ich bin ein alter Mann,“ ſagte er,„und die letzten Tage meines Lebens möchte ich ohne Sorgen verbringen. Ich hab' ja meine Gründe in dem Briefe angeführt.“ „Iſt das der einzige Grund?“ „Der einzige! Ich habe wahrhaftig keinen Veranlaſſung, der Familie von Oſthofen, die mich ſo ſchändlich behandelt hat, einen Gefallen zu erzeigen.“ „Und weshalb habt Ihr nicht ſchon früher daran gedacht, auf dieſem Wege Euren Sorgen ein Ende zu machen?“ „Weshalb? Weil ich erſt vor einiger Zeit von dec Exiſtenz des verſchwundenen Kindes die erſte Kenntniß erhalten habe.“ „Und wenn der Baron Eure Bedingungen genehmigt, werdet Ihr den Eltern ſofort das Kind zuführen?“ fragte der Verwalter lauernd. „Ich werde ihm ſagen, wo er die junge Dame findet, und wenn er es verlangt begleite ich ihn, um alle etwa entſtehenden Zweifel zu heben.“ „Und geſetzt, Baron Udo bewilligt Eure Forderung nicht?“ Der Baſtard. 37 — 578— „Dann werde ich ſchweigen.“ Der Verwalter nickte, als ob er andeuten wolle, er habe dieſe Antwort erwartet. „Der Baron glaubt nicht an die Wahrheit Eurer Behaup⸗ tungen,“ ſagte er,„und Ihr werdet das begreiflch finden. Wenn Baroneſſe Adelaide ihn nicht darum gebeten hätte, würde er von Eurem Briefe gar keine Notiz nehmen—“ „Pah, ich weiß daß beſſer!“ „Ihr dürft mir Baron Udo hat mit mir über dieſe Angelegenheit ſehr ausführlich geſprochen, er vermuthet, daß der Schreiber des Bri z ein Betrüger iſt, der ihn um eine Summe Geldes prellen will. „Wenn er das glaubt, dann ſ es ja unnütz—“ „Ereifert Euch deshalb nicht, Hurter, Ihr tönnt dem Baron nicht verargen, daß er vorſichtig iſt. Wüßte er, daß Ihr der Schre 3 des Briefes ſeid, ſo würde er es nicht der Mühe werth halten, die Sache zu verfolgen.“ i würde alsdann mit Sicherheit annehmen, daß ich ein Be⸗ trüger ſei?“ „Ganz gewiß,“ nickte Wortmann.„Er weiß, daß Ihr in die Geheimniſſe der Familie eingeweiht ſeid, und es iſt Euch ja be⸗ kannt, daß er niemals Euch freundlich geſinnt war. Deshalb auch liegt es in Eurem Intereſſe, daß der Baron nicht erfährt, wer den Brief geſchrieben hat, ſobald er Kenntniß davon erhält, wird er auf die weitere Verfolgung der Sache verzichten.“ „Dann wird die Baronin ſie weiter verfolgen,“ erwiderte der Hofmeiſter ironiſch. „Sie hat kein Geld. „Sie wird das Geld ſchon erhalten, wenn ich ihr die Wahr⸗ heit meiner Behauptung beweiſe.“ „Kommen wir zur Hauptſache,“ ſagte der Verwalter ungedul⸗ dig.„Ich bin bereit, zwiſchen Euch und dem Baron zu vermit⸗ teln, natürlich vorausgeſetzt—“ „Daß Ihr den Löwenantheil erhaltet, nicht wahr?“ „In erſter Reihe, daß Eure Angaben richtig ſind.“ „Sie ſind es, ich bin meiner Sache zu ſicher, und wenn's zur Entſcheidung kommt, kann ich unwiderlegbare Beweiſe beibringen. Ich denke, das muß genügen. . auze gahz erw — Tha edul⸗ ermit⸗ zur ngen. — 579— „Was nun Eure Forderung betrifft, ſo werde ich dafür ſor⸗ gen, daß Baron Udo dieſe zwanzigtauſend Thaler zahlt, aber ich verlange für meine Bemühungen die Hälfte.“ Der Hofmeiſter zog die Brauen hoch hinauf, ein höhniſcher Zug umzuckte ſeine Mundwinkeln.» „Nicht mehr?“ fragte er ſarkaſtiſch. „Ich will mich damit begnügen.“ „Wirklich?“ Ihr ſeid ſehr genügſam! Aber ich muß leider Eure ſchöne Hoffnung vernichten, ich verlange für mich die ganze Summe und werde davon keinen Pfenning abgeben.“ „Dann kann aus der Sache nichts werden,“ ſagte der Ver⸗ wolter harſch.„Ich werde Laſt und Mühe genug haben, den Baron zur Zahlung des Geldes zu besegen, und ich wäre ein Narr, wenn ich das um ſonſt thun wollte.“ „So laßt Euch von dem Baron dafür bezahlen!“ „Eure Forderung iſt ſchon ſo hoch—“ „Und ich wiederhole Euch, daß ich ſie nicht ermäßigen werde,“ erwiderte Hurter entſchieden.„Die Zinſen von zwanzigtauſend Thaler betragen tauſend Thaler, damit werde ich gerade aus⸗ reichen.“ „Ihr ſeid ein alter Mann, Hurter, wenn Ihr noch zehn Jahre lebt ſo iſt das eine lange Zeit und Erben habt Ihr nicht. Alſo könnt Ihr vom Kanital zehren, und da meine ich, mit zehntauſend Thaler werdet Ihr auskommen.“ „So denkt Ihr, ich aber muß das beſſer wiſſen!“ „In Gottes Namen!“ ſagte der Verwalter.„Ihr habt meine Vedingung gehört, wenn Ihr darauf nicht eingehen wollt, ſo laſſen wir die Sache ruhen, ich gebe mich nicht dazu her, die ge⸗ bratenen Kaſtanien für Euch aus dem Feuer zu holen.“ „Wenn der Baron das erführe—“ „Wollt Ihr es ihm ſagen?“ „Wenn ich es wollte, wer könnte mich daran hindern?“ „Niemand. Aber Ihr werdet auch wiſſen, daß Baron Udo mir größeres Vertrauen ſchenkt, als Euch, es kommt alſo darauf an, wie ich ihm die Sache vorſtellen werde. Sage ich ihm, daß an Euren Behauptungen kein wahres Wort iſt, ſo wird er mir glauben, und alle weiteren Mittheilungen Eurerſeits haben kein 3— 0 — 580— andres Reſultat, als daß man Euch für einen Betrüger hält.“ „Und wenn ich nun Beweiſe bringe?“ „Ihr ſeid zu klug, das zu thun, ehe Eure Forderung bewilligt iſt. Thätet Ihr es, ſo würde der Baron die entfallene Spur weiter verfolgen und auf Euch gar keine Rückſicht mehr nehmen. Wollt Ihr Euren Zweck erreichen, dann müßt Ihr Hand in Hand mit mir gehen. Theilen wir auf der einen Seite, ſo müſſen wir es auch auf der andern thun.“ „Ich ſehe die Nothwendigkeit nicht ein,“ ſagte Hurter ärger⸗ lich.„Ein Geheimniß, welches mir allein bekannt iſt, kann ich verwerthen, wie ich will, und was dabei heraus kommt, iſt mein allciniges Eigenthum.“ „Ueberlegt Euch meinen Vorſchlag noch einmal!“ „Das iſt unnöthig! Fordert dreißigtauſend Thaler und ſteckt zehntauſend ein, ich habe nichts dagegen, des Geheimniß iſt mir nur um dieſen Preis feil.“ Wortmann war in Nachdenken verſunken, er ſchien dieſe feſte Entſchloſſenheit nicht erwartet zu haben, aber er kannte auch den Hofmeiſter zu genau, um nicht zu wiſſen, daß alle Verſuche, den Entſchluß desſelben zu erſchüttern, vergeblich ſein würden. „Ich will verſuchen, ob ich es fertig bringe,“ ſagte er nach einer Weile,„Ihr werdet ſo lange warten, Ihr müßt es, denn ohne meinen Beiſtand erreicht Ihr Euren Zweck nicht.“ Hurter wurde durch den Eintritt eines Fremden verhindert eine Antwort auf dieſe Bemerkung zu gehen, er erhob ſich raſch und ging dem Eintretenden entgegen. „Sie kommen wie gerufen, Herr Heller,“ ſagte er,„dort ſitzt der Verwalter, er kann Ihnen über Alles, was Sie noch zu wiſſen wünſchen, Auskunft geben.“ Wortmann erhob ſich jetzt auch, ſein Blick ruhte prüfend auf der großen, ziemlich corpulenten Geſtalt des Fremden, der trotz ſeiner ſilbergrauen Haare noch ſehr kräftig und rüſtig zu ſein ſchien. „Herr Robert Heller, Polizeirath außer Dienſten, Herr Wort⸗ mann!“ ſtellte Hurter die beiden Herren ei nander vor, dann for⸗ derte er den Rath durch einen Wink auf, ſich niederzulaſſen. „Es iſt mir ſehr lieb, daß ich Sie hier antreffe,“ nahm der letztere das Wort, während er die blaugrauen von dichten Brau⸗ n ibe pei ters he lichen Auflir ns ſe nt ha ſchanb Vo erſten Veiſe ging über, D — huche mußte ort ſitzt uwiſſen d auf r trot zu ſein rWort⸗ nn jſor⸗ en. hn der Pre⸗ 581— en überſchatteten Augen feſt auf das hagere Geſicht des Verwal⸗ ters heftete,„wie Herr Hurter bereits bemerkte, iſt in der frag⸗ lichen Angelegenheit noch mancher dunkle Punkt, über den ich Aufklärung zu erhalten wünſche. Haben Sie die Güte, mir Alles was ſeit der Heimkehr des verſchollenen Majoratsherrn ſich ereig⸗ net hat mitzutheilen, ſo ausführlich wie möglich, auch das Kleinſte ſcheinbar Unbedeutende kann von großer Wichtigkeit ſein.“ Wortmann kam dieſem Verlangen nach, er begann mit ſeiner erſten Begegnung mit dem Baron in London, berichtete, in welcher Weiſe und durch welche Mittel er dort überliſtet worden war und ging dann zu ſeiner erſten Unterredung mit Florian Bender über, auf die der Polizéirath beſonderen Werth zu legen ſchien. Die Ermordung des Vagabunden, die Auffindung des Notiz⸗ buches und die Entdeckung des Geldes in dem hohlen Baume mußte Wortmann ebenfalls ſehr ausführlich berichten. Der Polizeirath ſchüttelte bedenklich das Haupt, als der Ver⸗ walter ſeinen Bericht beendet hatte. „Ich habe in Ihren Mittheilungen nichts Neues geſunden,“ ſagte er,„und ich geſtehe Ihnen offenherzig, daß ſür den Verdacht, den Sie hegen, faſt gar keine Haltpunkte vorliegen. Es iſt mög⸗ lich, daß der Majoratsherr ein Abentheurer iſt, aber behaupten läßt ſich das nicht.“ „Haben Sie das Notizbuch eingeſehen?“ fragte Wortmann. „Ja, allerdings, es enthält Erinnerungen an frühere Zeiten, die in einſamen Stunden aufgezeichnet ſein mögen.“ „Es enthält Perſonalbeſchreibungen, Herr Rath, und ich frage wohl mit Recht, wozu dieſelben dienen ſollten? Liegt nicht die Vermuthung nahe, daß ſie dem Abentheurer gewiſſermaßen als Leitfaden dienen mußten? Ich komme auf die Mittheilung Ben⸗ ders zurück. Er ſagt. Baron Edmund habe drüben einen vertrau⸗ ten Freund gehabt, er nannte ihn Konrad, den Familiennamen wußte er nicht anzugeben. Dieſer Konrad, der ſich die Zuneigung Benders in keiner Weiſe zu erwerben wußte, war jedenfalls in die Vergangenheit, die Familienverhältniſſe und wohl auch in die Geheimniſſe des Freundes eingeweiht. Nehmen wir nun den Fall, derſelbe Konrad habe von der Aufforderung Baron Udo's an den verſchollenen Bruder Kenntniß gehabt und den abentheuerlich 582 lan gefaßt, die Rolle des Berſchollenen zu übernehmen. Wäre dies ſo ganz unglaublich?“ „Derartige Fälle ſind ſchon oft vorgekommeu,“ erwiderte der Rath. „Wenn er dieſen Plan einmal gefaßt hatte, worin ihn vielleicht eine äußere ehrlichtet mit dem Freunde unterſtützte, ſo mußte er vor allen Dingen das nöt chige Material ſammeln und dieſes Material liegt in den Aufzeichnungen, die das Notizbuch enthält. Iſt es nicht möglich, daß bieſer Konrad den Boron erſchoſſen hat—“ „Wortmann, Eure lebhafte Phantaſie geht mit Eurem Ver⸗ ſtande durch!“ fiel der Hofmeiſter ihm beſtürzt in die Rede. „Ich ſage ja nur, daß dies in der Möglichkeit liegen könne, uad die Möglichkeit wird Niemand beſtreiten! Weshalb betäubte der Majoratsherr mich in London mit ſeinen Cigarten, die jeden⸗ falls für dieſen Zweck präparirt waren? Er wollte mein Porte⸗ feuille nnterſuchen, und dabei hatte er wahrſcheinlich einen doppel⸗ ten Zweck im Auge. Auf der einen Seite fürchtete er vielleicht, Baron Udo habe mich mit geheimen Inſtructionen verſehen, auf der andern Seite ſuchte er nach einem Geheimniß, welches er als Waffe gegen mich benutzen konnte.“ „Und hat er wirklich eine geheime Inſtruktion oder eine Waffe gefunden?“ fragte der Polizeirath. „Er hat von meinen Erſparniſſen Kenntniß erhalten, daß Alles.“ „Und dieſe Erſparniſſe ſind wohl ſehr bedeutend?“ fragte Hurter ironiſch.“ „Euch brauche ich darüber keinen Auf fſchluß zu geben,“ erwi⸗ derte der Verwalter in Tone,„was ich mir erſpart habe, iſt mein Eigenthum. 39 frage ferner, was hatte der Va⸗ ron in jener Nacht, in der Bender ermordet wurde, im Park zu 8 zu ſieu Zu einem Spaziergang war die Stunde ſchlecht gewählt— „Und dennoch, beweiſt auch dieſer Umſ ſtand nichts,“ fiel d Polizeirath ihm in die Rede.„Eine Zeugin will geſehen zaten daß er ons dem Parke kam, aber ſie hat nicht geſehen, wann er hineinging und ich glaube wenn es auf den Eid ankäme, ſo würd ich ſie die Behauptung, daß er es wirklich geweſen ſei nicht wieder 1—— in de und liege man ver Mar untet Wor Viſ Leic wide Alle Ng V * 1 l M t Weß —2) üot * mirs wurd ie eder holen. Und was wollen die Ausſagen einer ſolchen Zeugin be⸗ deuten gegenüber den Behauptungen des Majoratsherrn von Oſt⸗ hofen? Das Gold, welches dem Ermordeten geraubt wurde, iſt im Walde gefunden worden und zwar an einer Stelle, auf der der Angeklagte zu übernachten pflegte—“ „Ein Andrer kann es dahin gelegt haben!“ warf Wortmann ein. „Gewiß, aber mit dieſer Möglichkeit begnüzt der Richter ſich nicht, er ſordert Beweiſe, die Sie nicht liefern können.“ „Ja, wenn man ſo reden will, dann iſt es beſſer, man läßt den Verdacht ganz fallen,“ ſagte der Verwalter unwillig.„Dann hat überhaupt kein Vert acht eine Berechtigung. Liegen denn gegen den rothen Franz Beweiſe vor? Stützt ſich der Verdacht gegen ihn nicht auch auf Vermuthungen? Und welcher Art ſind dieſe Vermuthungen? Der Angeklagte hat mit dem Ermordeten im Wirthshauſe Streit gehabt, das iſt Alles. Hat Jemand geſehen, daß er in den Park ging? Er behauptet, aus der Schenke bire in den Wald g e Behauptung Wieder ſchättelte der Polizeirath das Haupt, und während er in dem Notizbuch blätterte, zogen ſeine buſchigen Brauen ſich mehr und mehr zuſammen. „Ein Verdacht, wenn ihm auch nur Vermuthungen zu Grunde liegen, hat immer eine gewiſſe Verechtigung,“ erwiderte er,„aber 9— e ein, wer will ihm beweiſen, daß dieſe man darf ſich nicht ſo feſt in ihn hineinrennen, daß man Alles verwirft, was ihn zu wiederlegen g ret wäre. Es liegt gewiß Manches vor, was den Verdacht, den Sie, meine Herren, hegen, unterſtützt, aber wenn man gegen einen Baron von Oſthofen in die Schranken treten will, muß man gute Waffen beſitzen.“ „So muß man dieſe Waffen ſich zu verſchaffen ſuchen,„ſagte Wortmann. „Allerdings, vorausgeſetzt, daß es in der Möglichkeit liegt. Wüßte man nur mit Sicherheit den Ort, wo Florian Bender die Leiche des Barons gefunden haben will!“ „Man müßte ſich an den Konſul in Kalifornien wenden,“ er⸗ widerte der Hofmeiſter.; „Glauben Sie denn, daß in jenem Lande der Konſul von Allem Kenntniß erhält? Was gilt dort ein Menſchenleben? Ba⸗ 584 ron Edmund von Oſthoſen war drüben nicht mehr als ein Vaga⸗ bund, und das Leben eines ſolchen Menſchen gilt keinen Pappen⸗ ſtiel. Ein Vagabund wird erſchoſſen und ſpäter von Andern, welche die Leiche finden, eingeſcharrt, Niemand denkt daran, von dem Vorfall Anzeige zu machen, der Ermordete iſt ſpurlos ver⸗ ſchwunden und bleibt in alle Ewigkeit verſchollen. Nehmen wir an, Ihre Vermuthungen träfen den Nagel auf den Kopf, jener Konrad habe den Baron ermordet, wird er in dieſem Falle nicht auch die Leiche beerdigt und jede Spur ſeines Verbrechens ver⸗ wiſcht haben?“ „Jedes Verbrechen läßt eine Spur zurück—“ „Nicht immer Herr Verwalter, es gibt Verbrechen, die vor den ſind.“ „Und was gedenken Sie in dieſer Sache zu thun?“ fragte Wortmann. „Ich weiß es noch nicht. Vielleicht werden Sie mir in Oſt⸗ hofen begegnen, ich bin Ihnen dann ein Fremder, verrathen Sie mit keinem Blick, daß Sie mich kennen. Wir müſſen die ſtrengſte Verſchwiegenheit beobachten und außerordentlich vorſichtig ſein, erhält der Baron die leiſeſte Ahnung von unſerm Vorhaben, ſo wird er auch Mittel finden, unſre Pläne zu durchkreuzen.“ „Das iſt ſo ſicher, wie das Amen in der Kirche!“ nickte der Verwalter. „Und auf die Unterſtü zu rechnen?“ „In keiner Weiſe, die Möglichkeit, daß der Majoratsherr ein Abentheurer ſein könne, weiſt er mit Entſchiedenheit zu⸗ rück.“ „Dann iſt es beſſer, wir ſchweigen auch ihm gegenüber,“ ſagte der Rath, ſich erhebend.„Aber von großer Wichtigkeit wäre es, wenn wir uns die Ueberzeugung verſchaffen könnten, ob die Narbe, von der Urſula geſprochen hat, fehlt oder vorhanden iſt.“ „Dieſe Ueberzeugung könnte nur ein Zufall uns geben.“ „Na, ich werde über die Sache nachdenken, aber ich ſchärfe Ihnen nochmals die ſtrengſte Verſchwiegenheit ein.“ „Und das Notizbuch?“ fragte Wortmann. „Müſſen Sie es zurückhaben?“ ützung Varcn Udo's iſt wohl auch nicht langen Jahren geſchehen und bis heute noch nicht aufgeklärt wor⸗ ſi vorent n Sime weilen herals Er heraus vetſpr ſobab ( ein, wert fund den ſihn Gaſ niß der e, von 3 ver⸗ nicht „Ja, der Baron würde V vorenthalte.“ „Sie haben Recht,“ erwiderte der Polizeirath nach kurzem Sinnen,„es iſt beſſer ſo, und für uns hat dieſes Buch ja einſt⸗ weilen auch keinen Werth. Aber warten Sie, ich werde ein Blatt herausnehmen, es könnte ſpäter ein Beweismittel werden.“ Er blätterte eine Weile in dem Buche, dann rieß erein Blatt heraus und gleich darauf entfernte er ſich, nachdem er den Beiden verſprochen hatte, daß er ihnen Nachricht zukommen laſſen wolle, ſobald er ihnen etwas mitzutheilen habe. Er bog nach einer ziemlich langen Wanderung in eine Gaſſe ein, die eigentlich nur ein Gartenweg genannt werden konnte. Sie war ſo ſchmal, daß ſie nur von Fußgängern benutzt werden konnte, ein Reiter würde in ihr kaum Raum genug ge⸗ funden haben. Zu beiden Seiten waren dichte Hecken, und dieſe Hecken wur⸗ den nur in angemeſſenen Zwiſchenräumen durch niedrige und ſchmale Holzthüren unterbrochen, während die Unſauberkeit der Gaſſe ſelbſt erkennen ließ, daß ſie nur wenig benutzt wurde. Der Polizeirath ſchien indeß auch hier eine genaue Ortskennt⸗ niß zu beſitzen, er blieb vor einer Thüre ſtehen und ſetzte den eiſernen Klopfer, der auf ihr angebracht war, in Bewegung. Es währte nicht lange, ſo wurde die Thür geöffnet und eine kfeine, dürre Geſtalt in einem großgeblümten Schlafrock und mit einem Sammtkäppchen auf dem grauen Haupt ſtand dem Rath gegenüber. „Ich komme in einer beſonderen Angelegenheit zu Ihnen Herr Schwanenthal,“ nahm der Polizeirath das Wort, nachdem er in den etwas verwilderten Carten getreten war,„in einer Soche, die Sie vielleicht längſt vergeſſen haben.“ Der olte Mann, der auf der ſcharf gebogenen Adlernaſe eine roße Hornbrille trug, die ihm eine frappante Achnlichkeit mit erdacht ſchöpfen, wenn ich es ihm einer Eule verrieth, blickte forſchend zu ihm auf, und eine er⸗ wartungsvolle Spannung ſpiegelte ſich in ſeinen Zügen. „Betriffts ein Geſchäft?“ fragte er. „Eine Summe, die Sie verloren gegeben haben.“ „Und die ich jetzt einkaſſiren kann?“ „Vielleicht.“ — 58 Schwanenthil nickte befriedigt und ſchritt ra voran auf das kleine Haus zu, welches in der Mi lag. ch nem Gaſt tte des Gartens 6 „An Unkraut fchit es hier auch nicht,“ ſagte der Rath in rzendem Tone. Der alte Mann zuckte die Achſeln. „Was ſoll ich mit dem großen Garten?“ erwiderte er.„Ich ſtehe allein in der Welt und bedarf nicht viel, vort das Gemüſe⸗ beet und hier das Kactoffelfeld lieferu mir meh)r, habe, und die Bäume bringen mir Obſt in Uedeefl ich mit dem übrigen Grund und Boden?“ „Hm, wenn Sie Blumen ſäen wollten— „Blumen?“ Die bringen nichts ein, überdies habe ich Arbei genug.“ „Sie haben gar keine Fa „Nur einen Neffen.“ „Der Geometer Bertram Schwanenthal?“ „Jawohl,“ erwiderte der alte Mann gelaſſen.„Der Burſche iſt ein Taugenicht⸗.“ Der Polizeirath blickte ihn befremdet an. „Ich glaube nicht, daß Sie das beweiſen können,“ ſagte „der junge Mann iſt ſehr geachtet „Aber er iſt ein armer Schlucker und wird es auch bleiben, er kommt nie auf einen grünen Zweig,“ brummte Schwanenthal. „Er wollte meinem Rath nicht folgen, er hätte ein nützliches Handwerk lernen ſollen, Handwerk hat einen goldnen Boden.“ „Wie manns nimmt!“ erwiderte der Rath.„Ein armer Hand⸗ werker, der von der Hand in den Mund leben muß, hat auch ein erbärmliches Daſein.“ „Aber wenn er ſparſam und fleißig iſt, kann er mit der Zeit ein vermögender Mann werden! Ich hab auch mit Sorgen käm⸗ pfen müſſen, und es iſt mir ſchwer geworden, den erſten Zehn⸗ thalerſchein zurückzulegen, aber nachher ging's beſſer—“ „Und jetzt ſind Sie ein reicher Maun!“ „So ſagen die Leute,“ erwiderte Schwanenthal höhniſch,„und doch habe ich Niemand in meine Kaſſe ſehen laſſen. Meigetwegen C. mögen ſie ſchwätzen, was ſie wollen, ich lache darüber.“ „Und der Geometer wird auch einmal lachen, wenn er Sie beerbt.“ Die Beiden waren jetzt vor dem Hauſe angelangt. Schwanen⸗ thal legte ſeine magere Hand auf die Schloßkrücke der Hausthüre und blickte den Rath ernſt an. m er dieſe Hoffnung hegt, ſo könnte er ſich getäuſcht ſehen,“ ſagte er,„es gibt noch andre Leute, die ich zu Erben . „Bah, ie werden Sie nicht ſein! Wenn Sie den jungen Mann jetzt mit einer kleinen Sume unterſtützen, ſo käme er raſcher vorwärts—“ „Jawohl, dann könnte er die Putzmamſell heirathen, in er vernarrt iſt,“ ſpottete Schwanenthal, und der Ton Stimme klang ſcharf ſeinem Auftrage Her weitere Worte darüber Bertram keinen Pf 1 2 Nuth „ D L † 4 n[pc er In dieſem Falle wäre es nutzlos, r ot t 31 7 lel 3.„P nr zu verlieren, ſo lange ich lebe, bekommt iming von mit, und ob er nach meinem Tode etwas erhalten wird, iſt noch ſehr die Frage. Mich hat aue h kein reicher Onkel unterſützt, ich war auf mich ſelbſt anz wieſen ¹ 3eWw „Beruhigen Sie ſich,“ ſch itt der Rath dem alten Manne, der ſich mehr und mehr ereiferte, die Rede ab,„ich komme nicht in ſeinem Auftrage. Wenn ich Ihnen gegenüber ſeine Parthie ergriff, ſo that ich es nur, weil ich ihn kenne und achte, und weil Sie nach meiner Ueberzeugung ein Werk thäten, wenn Sie ihn unterſtützen wollten. Wir wolle tnicht weiter darüber reden, ich nehme weiter kein Intereſſe an Sache, Sie müſſen ja ſelbſt wiſſen, ob Sie dieſe Hartherzigkeit Ihrem Gewiſſen gegenüber ver⸗ antworten können.“ Schwanenthal lachte ſpöttiſch und öffnete eine Thür, der Rath trat in ein kleines, niedriges Zimmer, welches durch die Unord⸗ nung und Unſauberkeit, die in ihm herrſchten, einen ebenſo un⸗ freundlichen Anblick bot, wie der Garten draußen. „Gewiſſen? Was iſt Gewiſſen?“ erwiderte der alte Mann, während er ſeinem Gaſt einen alten mit Leder überzogenen Seſſel hinſchob.„Wenn ich kein Verbrechen begehe, ſo habe ich vor meinem Gewiſſen nichts zu verantworten!« Ich hätte Viel zu thun⸗ wenn ich Alle, die kein Vermögen beſit itzen, unterſtützen müßte, und mein Neffe gilt mir nicht mehr als Andre, wenn er auch der Sohn 56 meines Bruders iſt. Er hat genug gelernt, er iſt jung und ge⸗ ſund, alſo kann er auch ſelbſt ſür ſich ſorgen. Ich würde viel⸗ leicht etwas für ihn gethan haben, aber da hing er ſich an die Putzmamſell, an eine Perſon, die keinen rothen Pfenning hat „Die aber ſehr liebenswürdig und durchaus unbeſcholten ſein ſoll!“ „Das ſind keine Vorzüge, die den Mangel an Vermögen auf⸗ wiegen! Ich gönne ihm das Beſte, mag er felbſt zuſehen, wie er ſich durchſchlägt.“ Der Polizeirath hatte Platz genommen, Schwanenthal heftete jetzt wieder den Blick erwartungsvoll auf ihn. „Standen Sie nicht vor einer Reihe von Jahren mit dem Baron Ebmund von Oſthofen in Verbindung?“ fragte der Rath. „Edmund von Oſthofen?“ erwiderte der alte Mann lebhaft. „Was iſt mit ihm? Hat er Nachrichten geſchickt? Will er die alten Schulden tilgen?“ „Geduld. Sie ſagten mir ei mal vor mehreren Jahren, der verſchollene Majoratsherr von Oſthofen ſchulde Ihnen eine nam⸗ hafte Summe, und ſein Bruder wolle dieſe Schuld nicht aner⸗ kennen.“ „Achthundert Thaler ſammt den Zinſen von zwei und zwanzig Jahren,“ ſagte Schwanenthal,„ich habe ihm das Geld baar ge⸗ liehen, er war in Verlegenheit wegen einer Spielſchuld—“, „Und aus dieſer Verlegenheit haben Sie gewiß Ihren Nutzen gezogen!“ „Nutzen? Wo ſollte der Nutzen ſtecken, wenn der Schuldner mit dem Kapital durchbrennt?“ „Sie haben ſich damals an Baron Udo gewandt?“ „Ja. Er erklärte mir gerade heraus, er ſei nicht verpflichtet für die Schulden ſeines Bruders aufzukommen, und als ich gegen dieſe Anſicht proteſtirte, zeigte er mir die Thüre.“ Der Polizeirath ſtützte das Kinn auf den Knopf ſeines Stockes und lächelte ironiſch. „Das hätten Sie vorausſehen können,“ ſagte er,„mit großen Herren iſt nicht gut Kirſchen eſſen. Haben Sie lange mit dem Baron Edmund in Geſchäftsverbindung geſtanden. hinau wol, er 0 eine Kiſte holt des forſ ( reicht derſe ſchr Auten uldner lichtet gegen tockes — 589— „Zwei Jahre.“. „War er in dieſer Zeit oft bei Ihnen?“ „So oft er Geld nöthig hatte.“ „Das kam wohl häufig vor?“ „Gewiß, der Herr Baron führte ein ſehr flottes Leben.“ „Weshalb wandten Sie ſich nicht an ſeinen Vater, als Sie erſuhren, daß Baron Edmund ausgewandert war?“ „Der alte Herr hat ja öffentlich erklärt, er tilge die Schulden ſeines Sohnes nicht, es wäre alſo vergebliche Mühe geweſen, und hinauswerfen laſſe ich mich nicht gerne. Als der alte Herr todt war, ging ich zum Baron Udo, ſeinem Erben in der Hoffnung er werde meiner Forderung nachkommen, aber wie geſagt, es war eine Täuſchung.“ „Beſitzen Sie den Schuldſchein noch? Schwanenthal erhob ſich und öffnete eine mit Eiſen beſchlagene Kiſte, die in einer Ecke des Zimmers ſtand. Aus dieſer Kiſte holte er ein Paket vergilbtes Papier hervor, und während er je— des einzelne Papier flüchtig prüfte, ließ der Polizeirath ſeine Blicke forſchend durch den engen Raum ſchweifen. Endlich hatte der alte Mann gefunden, was er ſuchte, er über⸗ reichte mit triumphirender Miene dem Rath einige Papiere, die derſelbe langſam und bedächtig eutfaltete. „Hat der Baron dieſe Brieſe und den Schein eigenhändig ge⸗ ſchrieben?“ fragte er. „Jawohl.“ „Sie wiſſen das ganz ſicher?“ „Wird denn der Herr Baron einen Andern damit beauftragt haben?“ erwiderte Schwanenthal in ſarkaſtiſchem Tone.„Er hätte dann auch dieſem Anderen ſeine zerrütteten Verhältniſſe aufdecken müſſen und dazu wird er keine Luſt gehabt haben.“ Der Polizeirath nickte zuſtimmend. „Dieſer Anſicht muß ich beipflichten,“ ſagte er.„Die Schuld würde ſich alſo ſammt den Zinſen zu ſechs Prozent auf beinahe zweitauſend Thaler belaufen— eine große Summe!“ „Und Sie glauben, daß ich dieſe Summe jetzt erhalten werbe?“ fragte der alte Mann erregt. „Es wäre möglich.“ „Sie wiſſen alſo, wo der Verſchollene iſt?“ /= r hätte mir ſelbſt A tilgt war—“ / kann.“ „„Was aber dann, wenn er ihn nicht anerkennt?“ „Dann werde ich ihn verklagen.“ „Damit ſchaffen Sie ſich ſelbſt auch nur Aerger und Sptge erwiderte der Nath,„und man weiß nie voraus, wie ein Prozeß enden wird.“ Der alte Mann ſchob die Hornbrille dicht vor die funkeln⸗ den Augen. „Denken Sie denn, ich werde ſo ohne Weiteres auf dieſe „Wenn ich das thäte, wäre ich Leugnet der Herr Baron die Schuld, dann iſt er ein Lump, denn er muß ſich erinnern, daß ich ihm das Geld hier auf den Tiſch hingezählt habe. Es war das letzte Darlehen, wel⸗ ches er von mir empfing, und ich entſinne mich noch ſehr wohl, daß ich es ihm nur ungern gab, er kann ſeine Handſchrift nicht ver⸗ Summe verzichten?“ fragte er. Prügel werth. leugnen.“ Der Polizeirath ſchien kaum auf die Worte zu hören, er las die Briefe, die Schwanenthal ihm mit dem Schuldſchein über⸗ reicht hatte. „Verſuchen Sie ihr Glück,“ ſagte er,„aber erwähnen Sie Sagen Sie ihm nicht daß ich Ihnen von es iſt ja nicht nöthig⸗ meinen Namen nicht. ſeiner Heimkehr Mittheilungen gema'ht hof n n ſprang von ſeinem Sitz empor, wachte Habgier verzerrte ſeine Züge. Heimgekehrt?“ rief er. die plötzlich er⸗ „Und ich weiß nichts davon.“ „Ein Zeichen, daß Sie mit Menſchen wenig verkehren.“ e machen, mir das Geld anbieten m üſſer 6 Als Mann von Eyre, er doch ſein will, nicht warten, bis ich ihn dazu aufforderte.“ „Wahrſcheinlich hat er trütet die Schuld vergeſſen.“ „Wie kann man eine Schuld erwiderte der alte Mann in fieberhafter Erregung. daß ſie nicht ge⸗ und vielleicht erinnert er ſich ihrer auch jetzt nicht mehr,“ ſagte der Polizeirath lakoniſch. es gut, daß ihm den Schein vorlegen dieſi uf dieſe wäre ich nn iß er Reld hier en, wel⸗ hl, daß 3 ch ver⸗ er las in über⸗ nen Sie nen von 591— doß Sie es thun und aus gewiſſen Gründen wünſche ich, daß mein Name nicht genannt wird. Dieſen Brief, der keinen beſon⸗ deren Werth für Sie hat, bitte ich, mir zu überlaſſen, den Zweck meiner Bitte werden Sie ſpäter erfahren.“ Der alte Mann warf einen flüchtigen Blick auf den Brief, dann gab er ihn zurück. „Wollen Sie mir den Zweck nicht ſchon jetzt nennen?“ fragte er. „Gedulden Sie ſich, es iſt kein großes Geheimniß, aber ich möchte nicht gerne darüber reden. Ihnen wird es genügen, wenn ich Ihnen ſage, daß ich dabei auch Ihr Intereſſe vertrete. Er⸗ halten Sie das Geld, um ſo heſſer ſür Sie, erbalten Sie es nicht, ſo werde ich gerne mit meinem Nath zur Seite ſtehen.“ Der Blick des alten Mannes ruhte lauernd auf dem leicht gerötheten Geſicht des Polizeiraths. „Es iſt ein Geheimniß,“ ſagte er,„aber ich will's nicht er⸗ gründen, mich kümmerts ja weiter nicht, wenn ich nur mein Geld hekomme. Den Brief können Sie behalten, wenn ich ihn ſpäter vielleicht nöthig habe, um die Verechtignng meiner Forderung zu beweiſen, ſo kann ich ihn immer ja zurückſordern.“ „Gewiß, er ſteht Ihnen jederzeit zur Verſügung. Hatte Ba⸗ ron Edmund von Oſthofen nicht der Zeit einen Reitknecht—“ „Freilich, den Johann!“ „Sie wiſſen nicht, wie der Mann mit ſeinem Familiennameu „Johann Walker!“ erwiderte Schwanenthal. In dem Geſicht des Polizeiraths ſpiegelte ſich Ueberraſchung. „Johann Walker?“ widerholte er„Ich habe einen Mann dieſes Namens gekannt, der wegen ſchweren Diebſtahls zu mehr⸗ jähriger Zuchthausſtrafe verurtheilt wurde.“ „Es wird derſelbe ſein. Der Baron entließ damals den Bur⸗ ſchen plötzlich, aus welchem Grunde weiß ich nicht, aber mir hat er nie gefallen.“ „Sind Sie ihm ſeitdem nicht wieder begegnet?“ „Nur einmal. Er ſprach mich auf der Straße um ein Almo⸗ ſen an, ich ſchlug es ihm ab.“ „Wann war das?“ „Vor ſechs Jahren vielleicht.“ — 5 „Kurz danach muß er in's Zuchthaus gekommen ſein.“ „Weshalb fragen Sie nach ihm?“ Der Polizeirath wachte aus ſeinem Sinnen auf. „Mich intereſſirt der Menſch nur deshalb, weil er Ihnen vielleicht als Zeuge dienen könnte,“ erwiderte er,„dieſer Burſche wird jedenfalls wiſſen, daß Sie mit ſeinem damaligen Herrn in geſchäftlicher Verbindung ſtanden.“ „Natürlich weiß er es, er hat mir häufig einen Brief von ſeinem Herrn gebracht.“ „Und neugierig war er natürlich auch, alle Diener ſind es.“ „Er hat jedenfalls gewußt, daß der Baron Geld von mir empfing.“ „Halten wir dieſen Zeugen im Auge!“ ſagte der Polizeirath, während er den Brief in ſeine Taſche ſteckte,„er kann ihnen ſpäter nützlich ſein.“ „Wenn man nur wüßte wo er zu finden iſt!“ „Ich werde mich danach erkundigen, jedenfalls ſteht er unter Polizeiaufſicht, alſo muß die Polizei auch wiſſen, wo er ſich auf⸗ hält. Aber damit ich nicht gehindert werde, verrathen Sie mich nicht—“ „Um keinen Preis,“ erwiderte Schwanenthal, während er ſei⸗ nem Gaſt das Geleite gab.„Es wäre undankbar, wenn ich die⸗ ſes Verſprechen vergäße, denn ich ſchulde Ihnen für die Mitthei⸗ lungen, die Sie mir gemacht haben, den Lrößten Dank.“ Die Beiden ſchritten durch den Garten, an dem kleinen Thor blieb der Polizeirath noch einmal ſtehen. „Wann wollen Sie den Baron beſuchen?“ fragte er. „Morgen,“ erwiderte der alte Mann,„für heute iſt es ſchon zu ſpät.“ „So werde ich morgen Abend hierherkommen, um das Reſul⸗ tat zu erfahren, iſt ihnen das Recht?“ „Gewiß, ich bin Ihnen für Ihre Theilnahme ſehr dankbar.“ Der Polizeirath nickte und ſchritt langſam von dannen, Schwa⸗ nenthal ſchloß die Thüre wieder und kehrte, vergnügt die Hände reibend, in ſein Haus zurück. er unter ſch auf⸗ Sie nich d er ſei⸗ n ich die⸗ Mithe⸗ nen Thor es ſchon Reſul⸗ ankhar.“ Schwa⸗ e Hände 25. Kapitel. Geiſt und Geld. Roſa Becker, die ſchöne Tochter des reichen Bankiers hatte ihren Vorſatz, den ganzen Tag in Oſthoſen zuzubringen, nicht ausgeſührt. Als ſie aus dem Gewächshauſe in das Schloß zurückkehrte, fand ſie Baroneſſe Klara verſtimmt, und da ſie den Grund dieſer Verſtimmung nicht kannte, Klara ihr auch keinen Aufſchluß darü⸗ ber gab, ſo fühlte ſie ſich durch die Kälte und Einſilbigkeit der Freundin unangenehm berührt. Auch auf der Stirne des Majoratsherrn, ihres Verlobten, bemerkte Sie eine dunkle Wolke, und die ängſtlich beſorgten Blicke, die Klara dem Vater zuwarf, legten ihr die Vermuthung nahe, daß während ihrer kurzen Abweſenheit eine unangenehme Scene zwiſchen Vater und Tochter ſtattgefunden hatte. Hatte der Baron ihr ſeine Verlobung mitgetheilt und war in Folge deſſen ein Wortwechſel entſtanden, der ſtörend in den Frieden dieſes Hauſes eingriff?“ Roſa fand keine Antwort auf dieſe Frage, ſie war nur zu ſehr geneigt, dieſelbe zu bejahen, und dadurch wurde jede Minute ihres längeren Verweilens ihr peinlich. Aus verſchiedenen Anzeichen wurde es ihr klar, daß Klara mit dem Vater allein zu ſein wünſchte, und ſo liebenswürdig auch der Majoratsherr ſich zeigte, ſo aufmerkſam und zuvorkommend er auch ſeiner Braut gegenüber war, Roſa ſehnte ſich doch fort, und als ſie nach dem Diner den Wunſch äußerte, heimzukehren, machte nur Baron Edmund einen ſchwachen Verſuch, ſie zurückzu⸗ halten, während Klara's Miene nur zu deutlich die innere Genug⸗ thuung über dieſen Wunſch verrieth. Der Baſtard. 38 — 594— Der Baron gab Befehl, anzuſpannen, er wollte ſeine Braut begleiten, aber Roſa lehnte ab, und dem Majoratsherrn ſchien die ablehnende Antwort nicht unangenehm zu ſein. Eine Viertelſtunde ſpäter bot er ſeiner Braut den Arm, um ſie zum Wogen zu führen, Klara nahm kalt und gleichgültig von ihr Abſchied. „Sie ſcheinen unſer Geheimniß doch nicht gewahrt zu haben,“ ſagte Roſa leiſe, als ſie die breite Treppe hinunterſtiegen, und ihre Stimme klang vorwurfsvoll. Der Majoratsherr ſah ſie befremdet an. „Woraus vermutheſt Du das?“ fragte er. „Die Baroneſſe war ſo kalt gegen mich—“ „Ach deshalb? Beruhige Dich, Geliebte, die veränderte Stim⸗ mung hatte einen andern Grund,“ erwiderte der Baron, einen heitern Ton anſchlagend,„von Dir war zwiſchen uns keine Rede.“ „Dennoch fürchte ich—“ „Du ſollſt und darfſt nichts fürchten Geliebte, morgen werde ich Deinen Vater beſuchen, und keine Macht der Erde ſoll fortan trennend zwiſchen uns treten.“ Roſa blickte mit einem bezaubernden Lächeln ihren Verlobten an, waren auch ihre Beſorgniſſe noch nicht ganz geſchwunden, ſo ermuthigten dieſe Worte ſie doch, Allem was ihr jetzt noch hin⸗ dernd in den Weg treten mochte, kühn die Stirne zu bieten. „Sei alſo ganz ruhig,“ fuhr der Baron flüſternd fort,„was ich will, das geſchieht, und es iſt mein Wille, daß wir Beide glücklich werden.“ Roſa erwiderte ſeinen Handdruck und warf ihm noch einmal einen bezaubernden Blick zu, dann ſtieg ſie in den Wagen, der gleich darauf von dannen rollte. So hatte ſie das Ziel nach dem ſie ſtrebte erreicht, das glän⸗ zende, verlockende Ziel, um welches gewiß Alle ſie beneideten! „Roſa, Freifrau von Oſthofen!“ Das klang doch ganz anders als„Roſa Becker!“ Und die reichen Mittel, die ihr zu Gebote ſtanden, jetzt und auch ſpäter, geſtatteten ihr, dem hohen Range gemäß aufzutreten und den Keid aller Bekannten und Freundinnen herauszufordern. Strahlend vor Glück trat ſie in ihr Boudoir, der gallonirt ———— bu Gef eine Tril ſeitd dür alte O wa ein ein te Stin⸗ or A einen uns keine Nen werde Berlobten nden, ſo woh ji⸗ eten. ri,„was ir Beide h einmal gen, der ufzutreten zufordern. gallonirt 595— Diener erhielt Befehl, den Bankier um eine kurze Unterredung zu bitten. Schon nach wenigen Minnten ſaß der corpulente Herr ſeinem ſchönen Kinde gegenüber. „Du biſt früh zurückgekehrt,“ ſagte er. „Um Dir eine freudige Nachricht zu bringen,“ erwiderte Roſa lächelnd. „Iſt das Eis gebrochen?“ „Vollſtändig, der Baron hat um meine Hand geworben.“ „Und Du?“ fragte der Bankier in athemloſer Spannung. „Ich habe ihm erwidert, daß die Entſcheidung von Dir a hänge. „Hm— ich weiß nicht, ob das klug gehandelt war. Iſt die Werbung einer augenblicklichen Stimmung entſprungen, ſo könnte ſie ebenſo raſch wieder vergeſſen werden.“ „Das wird nicht geſchehen, Papa, Baron von Oſthofen hat mir ſein Ehrenwort gegeben, er wird es nicht brechen.“ Wie Sonnenſchein glitt es über das leicht umwölkte Antlisz des Bankiers. „Dann allerdings ſind Beſorgniſſe grundlos,“ ſagte er. „Hat der Herr Baron Dir verſprochen, daß er mich beſuchen wollte?“ „Er will morgen kommen.“ Der curpulente Herr hatte ſich von ſeinem Sitz erhoben, im Gefühl ſeiner neuen Würde als der zukünftige Schwiegervater eines Majoratsherrn richtete er ſich hoch auf und ein ſiegesſtolzer Triumph blitzte aus ſeinen Augen. „So wären wir dem Ziele nahe, welches ich erſehnt habe, ſeitdem der Baron mit mir in Verbindung trat!“ ſagte er.„Wir dürfen einer glänzenden Zukunft entgegenſehen. Du wirſt den alternden Mann Dir unterthan machen und als Baronin von Oſthofen das Leben nach jeder Richtung hin genießen und ich er⸗ warte von dieſer Verbindung für mich ebenfalls die Erfüllung einiger lange gehegten Wünſche.“ Roſa blickte fragend zu dem Vater auf, in ihren Zügen lag eine erwartungsvolle Spannung. [. b⸗ 38* höchſten Kreiſe der adligen Geſellſchaft einführen,“ fuhr der Bankier fort,„er iſt das ſeiner jungen, reizenden Frau ſchuldig, und Du wirſt dieſes Recht beanſpruchen, wenn er zögern ſollte, es Dir zu bewilligen.“ „Ganz gewiß!“ nickte Roſa. „Man wird in jenen Kreiſen auf Dich aufmerkſam werden, und Dir den Hof machen, und Dir iſt es dann ein leichtes für die Standeserhöhung Deines Vaters an maßgebender Stelle ein gutes Wort einzulegen.“ „Jetzt verſteh ich Dich,“ erwiderte Roſa lebhaft,„ich würde jedenfalls ſelbſt daran gedacht haben, zumal ich dieſen Wunſch als berechtigt anerkennen muß. Aber ich fürchte, wir ſind unſerm Ziele ſo nahe noch nicht.“ „Wenn Herr von Oſthofen ſein Ehrenwort verpfändet hat—“ „Er hat es gethan, und ich wiederhole, daß ich die Einlöſung desſelben nicht bezweifle. Welche Stellung aher wird die Familie des Barons mir gegenüber einnehmen? Die höfliche Freundlich⸗ keit der Baroneſſe Klara täuſcht mich nicht, ich weiß nur zu wohl daß Klara von Oſthofen mir im Herzen nicht gewogen iſt. Sie betrachtet mich ſchon jetzt als—“ „Mein liebes Kind, darüber kannſt Du Dich leicht hinweg⸗ ſetzen,“ fiel der corpulente Herr ihr in die Rede,„Dein Gatte wird Dich gegen alle Feindſeligkeiten ſeiner Familie ſchützen. Baron Udo und Frau Gemahlin werden ſchon in den nächſten Tagen Oſthoſen verlaſſen, und man kann mit einiger Sicherheit zwiſchen den beider Brüdern den rölligen Bruch erwarten; von bieſen Seite alſo haſt Du keine Unanvehmlichkeiten zu befürchten.“ „Aber Klara—“ „Wenn ſie zwiſchen Dich und Deinen Gatten treten will, ſo wirſt Du wohl klug genug ſein, Deine Macht über den Baron geltend zu machen. Man myß der Baroneſſe einen Gatten ver⸗ ſchaffen, dann nehmen die Feindſeligkeiten von ſelbſt ein Ende. Auf dieſen Punkt mache ich Dich aufmerkſan, es wird Dir leicht ſein, unter den vielen Herren die Dich umſchwärmen werden, einen paſſenden Gemahl für Klara von Oſthofen zu finden. Daß die adelsſtolze Familie mit der Wahl des Majoratsherrn nicht zu⸗ fricden ſein wird, unterliegt keinem Zweifel,“ fuhr der Bankier „Der Baron von Oſthofen wird nach der Hochzeit Dich in die — 597— fort, während er auf dem weichen Teppich auf und nieder wan⸗ ** du ½ derte,„aber mit dieſen Kämpfen haben wir nichts zu ſchaffen. eru Unſre Sorge muß es ſein, den Baron ſo feſt an uns zu ketten, daß er auch dann, wenn er es wollte, die Feſſeln nicht mehr lö⸗ ſen kann.“ werden,„Sein Ehrenwort iſt die ſtärkſte Feſſel,“ warf Roſa ein. es für„Ich kenne eine beſſere,“ erwiderte der Bankier lächelnd.„Ba⸗ Fule ein ron von Oſthofen braucht Geld, um ſeinen Bruder abzufinden und um das Schloß zu renoviren, und ich kann ihm ungezählte 0 würde Summen zur Verfügung ſtellen. Er wird auch ſpäter auf einen unſchal Theil Deines Nadelgeldes angewieſen ſein, wenn er, wie er es d unſern vor hat, ein großes Haus machen will. Das ſind beſſere und ſtärkere Feſſeln, als ein Ehrenwort, welches unter veränderten ethat— Umſtänden vergeſſen werden kann. Du haſt das Deinige gethan, Eilöſung Roſa, jetzt überlaſſe es mir, die Sache zum Ende zu führen. Ich ie Familie werde mit dem Baron ſehr eingehend über die Angelegenheit reden reundlic, und die Unterzeichnung eines ſchriftlichen Ehevertrages für alle Fälle fordern.“ „Geh' nicht zu weit, Papa—“ „Sei unbeſorgt, ich weiß, wie weit ich gehen darf! Den inwen⸗ Maler Rodenberg werde ich beauftragen, Dein Porträt zu malen. in Gatt⸗ Du ſchenkſt es Deinem Verlobten, er wird entzückt ſein über die⸗ 3 ſes Geſchenk—“ n Tagen„Der Maler Rodenberg hat Dir ſchon einmal die Bitte ab⸗ geſchlagen!“ . 6„Sehr wohl, aber jetzt muß er ſie erfüllen, Baron von Oſt⸗ hofen iſt ſein Gönner, die Rückſicht auf ihn gebietet ihm, unſern Wunſch—“ „Ich fürchte, Du wirſt dennoch eine Fehlbitte thun,“ ſagte Roſa, ihn unterbrechend,„und das wäre beſchämend für Dich. Der Maler Rodenberg beſitzt den Künſtlerhochmuth im höchſten Grade, ich rathe Dir, vorſichtig zu ſein.“ „Laß mich nur machen,“ erwiderte der Bankier im Tone ſtolzen Selbſtbewußtſeins,„dem Glanz und Klang des Goldes kann auch der Hochmuth des Künſtlers nicht widerſtehen.“ ß di„Und noch Eins, Papa,“ bat Roſa, als der corpulente Herr ſchon an der Thüre ſtann,„Baron von Oſthofen ſprach von der Nothwendigkeit, unſre Verlobung geheim halten zu müſſen, bis er ————————— ſeine Familie darauf vorbereitet habe. Ich kann dieſe Nothwendig⸗ keit nicht anerkennen und Du wirſt einſehen, daß eine baldige Veröffentlichung der Verlobung in unſerem Intereſſe liegt. „Ich werde die ſofortige Veröffentlichung zur Bedingung machen!“ „Und wenn er dieſe Bedingung nicht erfüllen will?“ „Er wird ſie erfüllen,“ ſagte der Bankier mit zuverſichtlicher Ruhe, dann ging er, nachdem er ſeiner Tochter noch einmal lächelnd zugenickt hatte, hinaus.“ Mit ſiegesfroher Miene trat Herr Auguſt Becker einige Minu⸗ ten ſpäter in ſein Kabinet, und als er die Thüre öffnete, ſiel ſein erſter Blick auf den Verwalter Wortmann, der kurz vorher ge⸗ kommen und ohne ſich zuvor anmelden zu laſſen, direct in das Privatzimmer des Bankiers eingetreten war. Jedem Andern würde der corpulente Herr wegen dieſer Eigen⸗ mächtigkeit eine Grobheit geſagt haben, aber beim Anblick dieſes Mannes bezwang er ſich. „Kommen Sie im Auftrage des Herrn Barons zu mir?“ fragte er, nachdem er den Verwalter eingeladen hatte, ſich nieder⸗ zulaſſen. „Meine eignen Angelegenheiten führen mich zu Ihnen,“ er⸗ widerte Wortmann, deſſen ſcharfem Blick die Falte nicht entging, die bei dieſen Worten zwiſchen den Brauen des Bankiers ſich zeigte. „Unter den Werthpapieren, die ich vor einiger Zeit Ihnen übergab, befinden ſich einige, deren Zinſen heute fällig ſind, ich wollte Sie bitten, dieſe Zinſen zum Kapital zu legen, da ich ihrer augenblicklich nicht bedarf.“ „So waren alſo Ihre Befürchtungen, die Sie damals äußer⸗ ten, unbegründet?“ fragte der Bankier mit einem forſchenden Blick auf das hagere Antlitz des Verwalters. „Unbegründet? Das möchte ich nicht behaupten! Was mir die nächſte Zukunft bringen wird, kann ich leider nicht voraus⸗ ſehen, ich thue meine Schuldigkeit, indem ich gewiſſenhaft meine Pflicht erfülle, ob und in welcher Weiſe man dies anerkennen wird, muß ich abwarten.“ „Und wie huben die Verhältniſſe in Oſthofen ſich geſtaltet? ct⸗ uta utging, Ihnen ihrer ußer⸗ Blick s nir raus⸗ neine vird, ltet? — 599— Man ſagt, ein Bruch zwiſchen den Brüdern ſei unvermeidlich ge⸗ worden.“ Der Verwalter zuckte die Achſeln, er wußte aus welchem Grunde der Bankier ſo großes Intereſſe an jenen Verhältniſſen nahm, und in ſeinem eigenen Intereſſe lag es, ihm nur Angeneh⸗ mes zu ſagen. „Von einem völligen Bruch iſt mir nichts bekannt,“ erwiderte er.„Baron Udo wird mit ſeiner Gemahlin allerdings Oſthofen verlaſſen—“ „Aus welchem Grunde?“ „Weil die Anordnungen des Majoratsherrn nicht ſeinen Bei⸗ fall finden! Das ließ ſich vorausſehen, und deshalb hat es mich nicht überraſcht.“ „Würde Baron Udo nicht klüger handeln, wenn er trotz klei⸗ ner Unannehmlichkeiten, die am Ende ſich auch ertragen laſſen, in Oſthofen bliebe?“ fragte der corpulente Herr lauernd.„Nach dem Tode des Bruders geht das Majorat auf ihn über—“ „Nicht doch!“ erwiderte Wortmann raſch.„Es liegt eine vom Landesherrn genehmigte Veſtimmung vor, laut der auch die Töch⸗ ter das Majorat erben, wenn männliche Nachkommen fehlen.“ Der Bankier konnte ſeine Ueberraſchung nicht verhehlen, ſie ſpiegelte ſich deutlich in ſeinem runden, wohlgenährten Geſicht, in dem Blick ſeiner weitgeöffneten Augen. „So würde alſo Baroneſſe Klara Beſitzerin des Majorats wer⸗ den?“ fragte er. „Wenn Baron Edmund keinen Sohn hinterläßt, aller⸗ dings!“ „Und iſt dieſe Beſtimmung den übrigen Mitgliedern der Fa⸗ milie bekannt?“ „Allerdings.“ Der corpulente Herr ſchüttelte das Haupt, ihm gefiel dieſe Verfügung nicht. „Es iſt eine ſeltſame Beſtimmung,“ ſagte er gedankenvoll„aber wenn der Landesherr ihr ſeine Genehmigung ertheilt hat, ſo kann ihre Rechtsgültigkeit nicht vezweifelt werden. Man ſpricht ja auch davon, daß der Maler Rodenberg begründete Hoffnung habe, Baroneſſe Klara als ſeine Gattin heimzuführen; wenn ich nicht — 600— irre, las ich eine darauf bezügliche Notiz in irgend einer Zeitung.“ „Es war nur ein Gerücht, dem jede Berechtigung fehlte,“ er⸗ widerte Wortmann ironiſch.„Der Maler hat, wie ich höre, aller⸗ dings die Unverſchämtheit gehabt, um die Hand der Baroneſſe zu werben, aber er ſoll von Seiten des Majoratsherrn eine Ant⸗ wort erhalten haben, die ihm in derber Weiſe den Standpunkt klar machte.“ „In Wahrheit? Und wann iſt dies geſchehen?“ „Heute Vormittag!“ „Meine Tochter hat mir davon nichts mitgetheilt.“ „Sie wird keine Kenntniß davon erhalten haben, wer hätte es ihr auch mittheilen ſollen!“ „Und wer hat es Ihnen berichtet?“ „Ein Freund Rodenbergs.“ „Dann begreife ich nicht, daß man jene Zeitungsnotiz in die Welt ſchicken konnte!“ „Vielleicht hat Herr Rodenberg ſelbſt ſie veranlaßt.“ „Das wäre, unter uns geſagt, eine Infamie!“ „Zugegeben, aber die Unverſchämtheit ſolcher Leute verſchmäht ja kein Mittel, durch welches möglicherweiſe der Zweck erreicht werden kann, mag es noch ſo wenig mit der Ehre ſich vereinigen laſſen.“ Der corpulente Herr blickte eine Weile ſchweigend vor ſich hin, die erhaltenen Mittheilungen beſchäftigten ſeine Gedanken in hohem Grade. „Sie glauben alſo nicht, daß der Maler ſich jetzt noch einer leiſen Hoffnung hingeben darf?“ fragte er nach einer Pauſe. „Dieſer Glaube wäre eine Thorheit,“ erwiderte der Verwalter, „der Baron hat ihm die Thür gezeigt, Rodenberg wird ſich nicht noch einmal dieſer Demüthigung ausſetzen.“ „Und doch kann man nicht wiſſen, was geſchehen wird! Wenn Baroneſſe Klara, wie ich faſt annehmen möchte, den Maler liebt, ſo könnte der Kampf zwiſchen dem Baron und Rodenberg ein ſehr hartnäckiger werden.“ „Der Herr Baron wird niemals vergeſſen, daß der Maler ein Baſtard iſt, und ich meine, davor müſſe auch die Baroneſſe zurückſchrecken. Wie? Sie ſollte ſich überwinden können, ihren im be⸗ übe hätte s in die Inäht erteicht tinigen ch hin, ken in einer alter, nicht Wenn liebt, nſehr Raler meſe ihren — 601— ſtolzen und berühmten Namen gegen einen andern zu vertauſchen, auf dem der Makel der Unehelichkeit ruht? Das kann ich nicht glauben, die Folgen dieſes Schrittes wären geradezu ver⸗ nichtend.“ „Sagen Sie das nicht, die Leidenſchaft iſt blind, ſie lebt nur der Gegenwart und denkt nicht an die Zukunft. Es wäre der erſte Fall nicht, die Crfahrung lehrt, daß das Menſchenherz unbe⸗ rechenbar iſt.“ „Wohl wahr, aber in dieſem Falle iſt es doch ganz undenk⸗ bar, daß eine Baroneſſe von Oſthofen ſich ſo tief erniedrigen ſollte,“ erwiderte Wortmann, ſich erhebend.„Und wenn ſie wirklic ſich ſo ſehr vergeſſen könnte, vergeſſen, welche Rückſichten ſie ihrem Stande und ihrer Familie ſchuldet, dann würde ihr Vater ihr einen Spiegel vorhalten, der ſie gewiß erſchrecken müßte.“ Der Bankier rückte die goldene Brille dichter vor ſeine Augen und heftete die klugen, blitzenden Augen feſt auf den Ver⸗ walter. „Würden Sie bei dieſen Behauptungen auch dann noch be⸗ harren, wenn der Majoratsherr ſelbſt eine Mesalliance einginge?“ fragte er. „Ich errathe, was Sie ſagen wollen,“ entgegnete Wortmann mit bedeutſamem Lächeln.„Ja, ich würde dasſelbe noch immer behaupten, denn was Sie eine Mesalliance zu nennen belieben, kann ich als ſolche nicht anerkennen. Auf dem Namen der Braut ruht nicht der leiſeſte Makel, S und Reichthum können ein Adelswappen erſetzen.“ Der corpulente Herr nickte, und der Ausdruck ſeines Geſichts ließ die höchſte Befriedigung über dieſe Behauptung erkennen. „Wie aber würde die Familie ſich einer ſolchen Mesalliance gegenüber verhalten?“ fragte er. „Sie würde allerdings entſchieden Front machen, der Adels⸗ ſtolz Baron Udo's iſt in dieſer Beziehung unbeugſam, aber was kümmert das die Betheiligten! Mag die Familie grollen, ſie muß im Laufe der Zeit klein beigeben, denn ſie hängt von der Gnade des Majoratsherrn ab.“ „Da haben Sie allerdings Recht, und deshalb kann man über dieſen Groll leicht hinweggehen.“ ſagte der Bankier, das — 602— Haupt trotzig zurückwerfend.„Sie wünſchen alſo, daß die Zinſen ihres Depoſitums zum Kapital geſchlagen werden?“ „Jawohl.“ „Es ſoll geſchehen. Und Sie verlangen noch immer Ver⸗ ſchwiegenheit?“ „Ich vertraue darauf.“ „Aber wäre es nicht möglich, daß der Majoratsherr die Frage an mich richtete, ob ich ein Depoſitum von Ihnen empfangen habe?“ „Zu ſolcher Frage hätte er keine Veranlaſſung!“ „Ein von uns nicht vorhergeſehener Zufall könnte ſie ihm geben.“ Der Verwalter zog die Brauen zuſammen, es wurde ihm klar, daß ſein Vermögen in den Händen dieſes Mannes nicht mehr ſo ſicher war, wie er es wünſchte und erwartete. „Sollte dieſer Fall eintreten, dann bitte ich Sie, ihm eine ver⸗ neinende Antwort zu geben,“ ſagte er. „Wenn Sie über dieſe Bitte nachdenken, Herr Verwalter, dann wird es Ihnen einleuchten, daß ſie eine ſehr ſtarke Zumu⸗ thung enthält. Sie wiſſen, ich vertrete das Intereſſe des Majo⸗ ratsherrn, und es wäre möglich, daß meine Beziehungen zu ihm noch enger würden.“ „Sie würden ihm alſo antworten, daß ich Ihnen eine Summe von ſechszigtauſend Thalern übergeben habe?“ fragte Wortmann mit heiſerer Stimme. „Wir wollen darüber vernünftig und ruhig mit einander re⸗ den,“ erwiderte der Bankier in begütigendem Tone.„Sie wiſſen vielleicht ſo gut, wie ich, wie die Dinge liegen, und Sie können es mir nicht übel nehmen, wenn ich mich weigere eine Lüge aus⸗ zuſprechen. So lange der Baron keine Frage an mich richtet, bin ich auch nicht genöthigt, ihm eine Antwort zu geben, aber wie geſagt, ein Zufall kann dieſe Frage herbeiführen.“ „Und dann würden Sie die Wahrheit antworten?“ „Ja ich würde es thun.“ „Dann bedaure ich—“ „Erlauben Sie, noch haben Sie keine Urſache, ein Bedauern auszuſprechen. Wenn ich mich frage, aus welchem Grunde Sie ——— 5— 3 uhen N ver⸗ Nage angen ſie ver⸗ alter, nen bin wie ern Sie 60 die Verheimlichung des Depoſitums wünſchen, ſo finde ich darauf nur die eine Antwort, daß—“ „Ich bitte Sie, ſtoßen Sie keine Vermuthungen aus, die meine Ehre beleidigen könten,“ fiel Wortmann ihm mit ſcharfer Betonung in die Rede.„Das Geld iſt ehrlich erworben, es ſind meine Erſparniſſe, die ich mir ſichern will für den Fall einer immerhin möglichen plötzlichen Entlaſſung.“ Der Bankier ſah ihn ſcharf an „Sind es rechtlich erworbene Erſparniſſe,“ ſo kann Niemand ſie Ihnen nehmen. Ich würde die Verwaltung dieſer Erſparniſſe mit Vergnügen übernehmen, wenn nicht die Bedingnng der ſtreng⸗ ſten Verſchwiegenheit unter den obwaltenden Verhältniſſen mich zu ſehr genirte. Deshalb rathe ich Ihnen in Ihrem eigenen Intereſſe das Geld einem anderen Bankier zu übergeben, wenn Sie nicht vorziehen es ſelbſt zu verwalten.“ Darauf war Wortmann nicht vorbereitet geweſen, obſchon er ſich ſelbſt ſagen mußte, daß er es nach der Verbindung des Ma⸗ joratsherrn mit dem Bankier hätte erwarten können. Er ſah ein, daß er eine Thorheit begangen hatte, als er den Bankier Becker dem Baron empfahl, die Reue kam jetzt zu ſpät. „Ich werde darüber nachdenken,“ erwiderte er, ohne ſeinen Aerger zu verhehlen,„Sie werden mir wohl geſtatten, daß ich das Geld ſo lange in Ihren Händen laſſe.“ „Gewiß, nur möchte ich bitten—“ „Ich werde meine Entſcheidung in den erſten Tagen treffen!“ ſagte Wortmann mit eiſiger Kälte. Dann verließ cr das Cabinet und über das Geſicht des corpulenten Herrn glitt ein ſarkaſtiſches Lächelr. Was lag ihm an dem Groll dieſes Mannes? Er bedurfte ſeiner nicht mehr, und er hatte nach ſeiner Anſicht korreckt gehan⸗ delt, er mußte die Parthei ſeines zukünftigen Schwiegerſohnes er⸗ greifen, ſein Intereſſe gebot es ihm. Waren dieſe Erſparniſſe nicht ehrlich erworben, wie er wohl annehmen durfte, dann gehörten dieſe ſechszigtauſend Thaler von Rechtswegen dem Majoratsherrn, uud die Summe war zu bedeu⸗ tend, als daß man über dieſe Frage ſo leichtfertig hinweggehen durfte. — 604— Der Banlier behielt ſich vor, darüber reiflich nachzudenken, ſin in dieſem Augenblicke beſchäftigten ihn andere Gedanken. Er unterzeichnete haſtig die Briefe, die auf dem Schreibtiſch vie ſeiner Unterſchrift harrten, dann zog er an der Glockenſchnur. en Dem alten Buchhalter, der gleich darauf eintrat, gab er für purj die Dauer ſeiner Abweſenheit die nöthigen Anweiſungen, dann nahm er ſeinen Hut, um zur Ausführung des Planes zu ſchreiten, den er während ſeiner Unterredung mit dem Verwalter entworfen hatte. der Eine halbe Stunde ſpäter trat er in das Atelier des Malers we Rodenberg. De Willy ſtand mit finſter zuſammengezogenen Brauen vor der üt Stafflei, die Adern auf ſeiner Stirn waren geſchwollen, und der Gi herbe Zug um ſeine Mundwinkel verrieth, deß er alle ſeine Hoff⸗ nungen und Wünſche zu Grabe getragen und mit der Welt ab⸗ geſchloſſen hatte. gl Er hatte den Eintritt des corpulenten Herrn nicht einmal be⸗ merkt, ſo ſehr war er in Brüten verſunken, aus dem erſt der Gruß des Bankiers ihn aufſchreckte. Und beim Anblick dieſes Mannes ſchoß das Blut ihm jäh in die Wangen. „Was wünſchen Sie?“ frogte er, mit der Hand auf die Stirne ſtreichen, und der Ton ſeiner Stimme klarg ſchärfer und barſcher, wie er vielleicht ſelbſt wußte. „Ich bitte Sie, ereifern Sie fich nicht,“ ſagte der Bankier der ſich nicht beirren ließ,„die Angelegenheit, in der ich mir die Ehre gebe, Sie zu beſuchen—“ „Vitte, kommen Sie ohne Umſchweife zur Sache!“ ſchnitt Willy ihm das Wort ab. „Es betrifft eine Bitte“, fuhr der corpulente Herr fort, wäh⸗ er ſich neugierig in dem Atelier umſchaute und dann wieder den Blick auf das verſtörte, vom Kampf der Leidenſchaften entſtellte Antlitz des jungen Mannes richtete,„Sie würden mich durch die Erfüllung derſelben ſehr verbinden und daneben auch in Ihrem eignen Intereſſe handeln.“ „Ich verſtehe Sie nicht.“ „Ich wünſche, daß Sie für den Baron von Oſthofen das Por⸗ trait meiner Tochter malen.“ al be⸗ rſt det ih in Stirne rſcher, ankier ir die Vily den tellt h die hren Por⸗ —————,—— ůůů⁊ ůũ——— 605— In den Augen Willy's ſpiegelten ſich Ueberraſchung und Er⸗ ſtaunen. „Das Porträt Ihrer Tochter für den Baron von Oſthofen?“ wiederholte er in gedehntem Tone, dann entrang ſich ſeinen Lip— pen ein heiſeres Lachen.„Zu welchem Zweck, wenn ich fragen darf?“ Der Bantier zulte mit gleichgültiger Miene die Achſeln. „Ich kann dieſe Frage heute noch nicht beantworten,“ erwi⸗ derte er,„Rückſichten auf meine Tochter verbieten es mir, aber Sie werden in den nächſten Tagen die Antwort in der Zeitung finden, Das Porträt ſoll ein Geſchenk ſein, mit dem Roſa den Baron überraſchen will, und da der Majoratsherr von Oſthofen Ihr Gönner iſt—“ „Wer hat Ihnen das geſagt?“ fuhr der Maler auf. „Sollte er es wirklich nicht mehr ſein?„Bah, man darf nicht gleich die Flinte in's Korn werfen, Ausdauer und Muth führen immer zum Ziele.“ „Sie wiſſen, was in Oſthofen vorgefallen iſt?“ fragte Willy, zitternd vor Erregung, indem er den ſtarren Blick erwartungsvoll auf den corpulenten Herrn heftete. „Laſſen Sie ſich das nicht anſechten, der Baron war in einer gereizten Stimmung—“ „Hat er Sie beauftragt, ihn zu entſchuldigen?“ „Keineswegs, ich—“ „Dann, mein Herr, begreife ich nicht, was Sie berechtigt, dieſe Angelegenheit zu berühren!“ „Und Sie, Herr Rodenberg, werden nichts erreichen, wenn Sie in dieſem Tone die Freundſchaft, die ich Ihnen anbiete, zurück⸗ weiſen,“ erwiderte der Bankier vorwurfsvoll.„Hätten Sie ſich, ehe Sie den entſcheidenden Schritt thaten, an mich gewandt, ſo würde ich Ihnen vorausgeſagt haben, daß Sie im Begriff ſtänden, den falſchen Weg einzuſchlagen. Man darf nicht überall mit der Thür in's Haus hineinfallen, und vor allen Dingen hätten Sie ſich der Gegenliebe der Baroneſſe verſichern müſſen, ehe Sie eine Entſcheidung forderten. Der Baron mußte auf dieſe Mesalliance allmälig vorbereitet werden—“ „Glauben Sie, daß das ſeine Anſicht über Mesalliance geän⸗ 606 dert haben würde?“ fragte Willy mit bittrem Hohne.„Dieſer Abentheurer, der drüben das Leben eines heimathloſen Vagabund s geführt hat, pocht auf die Vorurtheile des Adels, auf einen Vor⸗ zug, den er einzig und allein durch ſeine Geburt erhalten hat. Was ich bin, das bin ich durch mich ſelbſt, durch meinen Fleiß und mein Talent geworden, und ich habe ein Recht ſtolz darauf zu ſei „Ich will das keines wegs beſtreiten,“ ſagte der corpulente Herr, während er vornehm nachläſſig mit ſeiner goldnen Uhrkette ſpielte, „aber dies berechtigt Sie trotz alledem nicht, die Schranken nieder⸗ zureißen, die Ihnen den Zutritt zu den geſellſchaftlichen Kreiſen verwehren. Zürnen Sie mir meiner Offenheit wegen nicht, die Sonde des Wundarztes ſchmerzt, aber dieſer Schmerz darf dem Patienten nicht erſpart werden, wenn die Wunde heilen ſoll.“ Der junge Mann ſtützte ſich auf die Lehne eines Seſſels, in ſeinen Augen loderte eine verzehrende Gluth. „Die Worte, die der Baron mir geſagt hat, werde ich nie ver⸗ geſſen,“ erwiderte er,„und die Kluft, welche zwiſchen ihm und mir liegt, kann nimmer überbrückt werden.“ „Wenn Baroneſſe Klara—“ „Nennen Sie den Namen dieſer Erzkokette nicht! Sie iſt eine Schlange mit dem Kopfe einer Taube!“ „Das kann ich nicht glauben,“ ſagte der Bankier betroffen. „Vertrauen Sie auf mein Urtheil, es ſtützt ſich auf Siaſtenze die ich ſelbſt meinem Todfeinde nicht wünſche!“ „Sie urtheilen zu ſcharf, zu hart, Herr Rodenberg. S neſſe Klara wird vielleicht nicht den Muth gehabt haben, dem Willen ihres Vaters Trotz zu bieten, die Sache kam auch für ſie zu überraſchend, Sie müſſen ihr Zeit gönnen. Meine Tochter wird Ihnen den Weg ebnen, wenn Sie uns Vertrauen ſchene wollen.“ „Ich verachte ſolche Umwege!“ fiel Willy ihm mit wachſender Erregung in's Wort. Kann ich nicht auf dem graden Wege mein Ziel erreichen, ſo verzichte ich darauf.“ „Sie reden gedankenlos in den Tag hinein, Sie dürfen nicht vergeſſen, daß Sie keine Berechtigung haben, nach dieſem Ziele zu ſtreben. So unangenehm dieſe Frage Sie auch herühren mag, hettu ein 1 der bekan Vn geruf finde Vorn tief: ſt eine engen, Jaro⸗ „dem ür ſie ochter enken ender mein nicht Ziele nüg, — 607— müſſen Sie dennoch Rückſicht auf ſie nehmen, und ich ſehe nicht ein, weshalb man nicht einen Umweg wählen ſoll, wenn man dabei mit einiger Sicherheit auf den gewünſchten Erfolg rechnen darf. Setzen wir den Fall, Baroneſſe Klara erwidere Ihre Liebe, ſie ſei bereit, mit dem Vater zu brechen, um Ihnen zu folgen, würden Sie auch dann noch ſich weigern—“ „Ja, auch dann noch!“ rief der junge Mann mit leidenſchaft⸗ licher Heftigkeit, und in ſeiner Stimme lag die ganze, maßloſe Bitterkeit, die ſeine Seele erfüllte.„Ich würde dieſes Opfer unter keinen Umſtänden annehmen, mein Stolz, meine Ehre und meine Selbſtachtung geſtatteten mir es nicht. Weshalb fragen Sie mir das Alles?“ fuhr er fort, und ein Zug der Verachtung um⸗ zuckte dabei ſeine Lippen.„Weshalb ſoll ich Ihre Fräulein Toch⸗ ter zur Vermittlerin wählen? Ich glaube, die Motive zu errathen! Als Sie zuerſt mir begegneten, ließen ſie mich, wenn auch nicht durch Worte, ſo doch durch Ihre Haltung und Blicke die Verach⸗ tung des Geldariſtokraten empfinden, ſie machten es mir ſühlbar daß Sie hoch über mir ſtanden. Daß Sie ein Recht zu haben glaubten, mit beleidigender Geringſchätzung auf mich hinuter zu blicken. Weshalb bieten Sie heute mir Ihre Freundſchaft an? Mein Glück oder das Glück der Baroneſſe von Oſthofen kommt dabei gewiß nicht in Frage, Sie denken nur an ſich ſelbſt und an Ihre Tochter. Sie denken, der jungen Frau des Majorats⸗ herrn werde die Entfernung der Stieſtochter angenehm ſein, und ein völliger Bruch zwiſchen dem Baron und ſeiner Tochter könne der Stiefmutter die Erfüllung ihrer Wünſche, die mir freilich un⸗ bekannt ſind, ſichern.“ „Sie werden beleidigend,“ ſagte der Bankier grollend. „Ich ſpreche nur meine Gedanken aus!“ „Leere Vermuthungen—“ „Nicht doch mein Herr, Gedanken, die Sie ſelbſt hervor⸗ gerufen haben, die in Ihren eigenen Worten eine Beſtätigung finden.“ Das Geſicht des corpulenten Herrn war fahl geworden, dieſer Vorwurf, der den Nagel auf den Kopf traf, hatte ſeinen Stolz tief verletzt. „Ich weiſe dieſe Behauptung mit aller Entſchiedenheit zu⸗ — 608— rück!“ ſagte er trotzig.„Ich habe nicht nöthig, zu Winkelzügen Ufn und Machinationen meine Zuflucht zu nehmen, und mir kann es w außerordentlich gleichgültig ſein, wie Ihr ferneres Geſchick ſich 6 geſtalten wird. An der Selbſtüberſchätzung iſt ſchon manches ſchn Talent zu Grunde gegangen, ich glaube, auch Sie werden an tn dieſer Klippe ſcheitern. Jeder nach Belieben ich habe nichts da⸗ gegen, erſuche Sie aber ernſtlich, mit beleidigenden Vermuthungen Bruſ mich zu verſchonen. Wollen Sie das Porträt meiner Tochter begrn malen?“ „Nein.“ V „Ich zahle jeden Preis—“ „So reich ſind Sie nicht, daß Sie mich bewegen könnten, ei⸗„Ni nen Auftrag von Ihnen zu übernehmen,“ erwiderte Willy gering⸗ Dieſ ſchätzend. ſie b „Recht ſo, ſtols liebe ich den Spanier, wenn auch der Becher bezl überſchäumt!“ ſagte eine Stimme hinter ihm. wie Der junge Mann wandte haſtig ſich um, befremdet ruhte ſein Blick auf dem Maler Auerbach, der unbemerkt eingetreten war. Er erinnerte ſich der herben Worte, mit denen er noch vor haſt wenig Tagen dieſem Mann die Thür gezeigt hatte, was führte Stir ihn ſobald wieder hieher? erd Der Bankier lachte höhniſch. des „Ja, das iſt die einzig paſſende Eeſellſchaft,“ ſpottete er,„ſage 1 Ge mir, mit wem Du umgehſt, ſo ſage ich Dir, wer Du biſt! Sie d hätten dieſen Herrn als Brautwerber nach Oſthofen ſchicken ſollen, ver dann würden Sie wenigſtens ſich ſelbſt die Demüthigung erſpart ſol haben.“ Knirſchend vor Wuth blickte Willy dem corpulenten Herrn nach, deſſen Hohnlachen er noch immer hörte, als der Bankier ſich 6 ſchon draußen in der Treppe befand.. „Was war das?“ fragte Auerbach betroffen.„Was wollte wi er mit den letzten Worten ſagen? Haſt Du wirklich Dir bei der zande da draußen einen Korb geholt?“ 1 9 „Was kummert daß Sie?“ rief der junge Mann wüthend. 8 „Nichts, ich bin ja Dein Freund nicht mehr,“ antwortete Auer⸗ bach achſelzuckend.„Ich kann ja warten, bis Du Dir die Hörner 5 abgelaufen haſt, es wird bald genug ſo weit gekommen ſein. 5 lnten„ Uen, ei⸗ gering⸗ er,„ſage iſtl Sie iſt Sie ken ſolen, 9 erſpart n Herrn nier ſich ſ wollte bei der 60 Auf meinen Rath wollteſt Du nicht hören— pah was liegt mir daran!“ Willy preßte die Lippen aufeinander, er hatte jenes Rathes ſich ſchon oft erinnert, aber ſein Stolz duldete auch jetzt noch nicht, dem alten Manne Recht zu geben. Auerbach war vor die Staffelei getreten, die Arme auf der Bruſt gekrenzt, betrachtetete er das in den äußeren Umriſſen kaum begonnene Gemälde. „Das wird wohl auch nicht vollendet werden?“ fragte er. Willy warf ihm einen flammenden Blick zu. „Wollen Sie mir die Galle in's Blut treiben?“ erwiderte er. „Mir iſt die Luſt vergangen, Perlen vor die Säue zu werfen. Dieſe Leute glauben mit ihrem Gelde Alles erreichen zu können, ſie brüſten ſich damit, daß ſie die Mittel beſitzen, ein Kunſtwerk bezahlen zu können, aber der Künſtler ſelbſt gilt ihnen nicht mehr, wie jeder andre Menſch.“ „Habe ich nicht Dir ganz dasſelbe geſagt?“ „Und die Erkenntniß dieſer traurigen Wahrheit kann wahr⸗ haftig nicht freudige Schaffensluſt wecken,“ fuhr Willy mit dumpfer Stimme fort, und von leidenſchaftlichem Zorn übermannt, nahm er das Gemälde von der Staffelei und ſchlenderte es in eine Ecke des Ateliers. Baſtard! Wie höniſch warf er mir das Wort in's Geſicht! Bin ich ein Baſtard und als ſolcher nicht würdig einem Edelmann die Hand zu drücken, ſo darf der Edelmann auch nicht verlangen, daß die Hand des Baſtards ſeine Räume ſchmücken ſoll.“ „Bravo!“ rief Auerbach.„Gut gebrüllt, Löwe! So ſpricht ein Mann, der ſeines Werthes ſich bewußt iſt.“ Mit großen Schritten wanderte der junge Mann auf und nieder, er wollte verſuchen, der furchtbaren Aufregung, die in ihm tobte, Herr zu werden. „Sie haben mir Unverſchämtheit vorgeworfen, ſie haben mich verhöhnt und über mich geſpottet, und ich ſtand vor ihnen wie ein Schulbube und fand keine Worte, um die Beleidigungen mit denen ſie mich überſchütteten, abzuwehren.“ „Auch ſie verſpottete Dich?“ fragte Anerbach, der jede Bewe⸗ gung ſeines Freundes beobachtete. Der Baſtard. 39 — 610— Willy blieb ſtehen. „Sie?“ erwiderte er, wie geiſtesabweſend.„Sie iſt eine Schlange! Sie fragte mich, ob ich ein lebendes Bild zu Romeo und Julia ſtellen wolle!“ „Hab' ich Dir das nicht auch voraus geſagt?“ „Nie hätte ich daran glauben können? Sie war ſo freundlich und liebenswürdig—“ „Das war der Köder, mit dem ſie Dich fing, die Kette, mit der ſie Dich an ihrem Triumphwagen feſſelte,“ ſpottete Auerbach. „Dazu war der Künſtler ihr gerade gut genug, aber mehr als Lächeln durfte er von ihren Lippen nicht fordern. Sprich mir von allen Schrecken des Gewiſſens, von jenen Kreiſen ſprich mir nicht, ich habe ſie keunen gelernt.“ Der alte Mann ſchüttelte die graue Mähne, und ein unver⸗ ſöhnlicher Haß blitzte aus ſeinen Augen, der tief eingewurzelte Haß gegen die Menſchheit.. „Es iſt geſchehen,“ fagte Willy tief aufathmend,„und ge⸗ ſchehene Dinge laſſen ſich nicht ungeſchehen machen, ich werde die Thorheit nicht noch einmal begehen.“ „Und was hat Deine Muter dazu geſagt?“ „Sie weiß noch nichts davon.“ „Sie wird es erfahren, verlaß' Dich darauf.“ „Dann müßte der Baron es ihr ſogen—“ „Pah, in Oſthofen wird's wie in jedem andern vornehmen Hauſe Spione genug geben, und die Luſt am Skandal iſt jedem Menſchen ja angeboren. Vielleicht haſt Du zum Ueberfluß noch einen ptrſönlichen Feind—“ „Der fehlt freilich auch nicht!“ „Wer iſt es?“ „Der Verwalter Wortmann.“ „Dieſer Schleicher? Ja, ja ich erinnere mich, er hat von Dei⸗ ner Mutter einen Korb erhalten, und das vergeſſen ſolche Naturen nicht. Dann iſt die Sache richtig, der Verwalter wird ſchon er⸗ fahren, was vorgefallen iſt, und er findet in der Veröffent⸗ lichung Deiner Niederlage eine vollkommene Befrlebigung ſein Rache.“ „Kann ich ihm den Mund ſtopfen—“ „Nein, Willy, ein Läſtermaul muß man ſchwätzen laſſen, wenn „ . mehmen ledem on Dii⸗ Naturen hon er⸗ röffent⸗ „wenn 611— man ihm entgegentritt, gikt man ihm nur noch mehr Stoff. Bah, wenn man einmal den Fluch nicht abſchütteln kann, dem das Schikſal an unſre Ferſen geheltet hat, dann thut man am Beſten, man verachtet die ganze Schwefelbande, ſo ſich Menſchheit nennt und wandert ſeinen eignen Weg. Ich bin auf dieſer Standpunkte längſt angekommen und befinde mich wohl dabei.“ „Und doch iſt das Leben, welches Sie führen, nicht viel beſſer, als ein Hundeleben.“ Der alte Mann ſtrich mit der Hand die grauen Haare zurück und lächelte bedeutſam. „Diogenes wohnte in einer Tonne,“ ſagte er,„und er war trotzdem zuſrieden. Nicht an die Güter hänge das Herz, die das Leben vergänglich zieren! Ich habe, was ich bedarf, und wasich nicht habe, kann ich entbehren.“ „Und wenn Sie keinen Freund mehr finden, der Ihnen unter die Arme greift?“ „Dann müſſen Andre mir borgen.“ „Und das Ende?“ fragte Willy ernſt. „Bah,— nach mir mag bie Sündfluth kommen! Ob ich in einem Pallaſt oder im Armenhaus ſierbe, iſt mir gleich⸗ gültig.“ „Und denken Sie nie daran, welches andre ſchöne Loos Ihnen zugefallen wäre, wenn Sie dieſen Weg nicht betreten hätten?“ „Nein,— wozu auch? Kann ich dadurch etwas ändern?“ erwiderte Auerbach.„Wenn ſolche Gedanken in mir auſſteigen wollen, dann greif ich zum Becher und ſpüle ſie nieder. Proba⸗ tum eſt!“ Der junge Mann ſtand am Fenſter und blickte gedankenvoll hinaus. Der Kampf in ſeinem Innern hatte noch lange nicht ausge⸗ tobt ſo oft das Bild Klara's vor ſeinem geiſtigen Blick auftauch⸗ te erwachten die Leidenſchaften wieder, und ihre Gluthen loderten wild und jäh auf, jede beſſere Regung, die ſich geltend machen Ute, erſtickend. Der Hohn des Barons, ſo mlef er ihn auch getroffen und ver⸗ wundot hatte, ſchmerzte ihn nicht ſo ſehr, wie der beißende Spott 39* — 612— Klara's, der ſein Giſt in die Wunde träufelte, daß ſie nicht ſich ſchließen und heilen konnte. „Romeo und Julie!“ hatte ſie geſagt und dazu gelacht, und daß in demſelben Augenblick, in dem er, der ernſte, beſonnene Mann, die Faſſung völlig verloren hatte. Damit wollte ſie ihn demüthigen, ſeine Werbung als einen Scherz auffaſſen! Ueber die heiligſten Gefühle ſeines Herzens hatte Sie geſpottet, das konnte er ihr nie, in alle Ewigkeit nicht ver⸗ geſſen. Er ſtrich mit der Hand über die Augen, als ob er ſeine Ge⸗ danken ſammeln wolle, dann wandte er ſich um. „Sie müſſen mir einen Gefallen erzeigen, Auerbach,“ ſagte er. „Alles, was ich thun kann, Bruderherz! Rück nur heraus mit der Sprache.“ „Sie wiſſen, ich habe das Porträt der Baroneſſe gemalt, und von einem Preis desſelben war bisher keine Rede. Heute Morgen brachte der Baron das varauf, er forderte mich auf, den Preis zu nennen.“ „Schön,— wie viel haſt Du geforbert?“ „Nichts; ich warf ihm das Porträt als Geſchenk vor die Füße!“ „Oho!“ fuhr Auerbach auf.„Gleich ſchenken? Das iſt brav, aber ich fürchte, da hat Jemand wieder cinmal einen dummen Streich gemacht. Ein Baron von Oſthofen nimmt ſolche Geſchenke nicht an.“ „Wie richtig Sie doch die Menſchen taxiren!“ ſagte Willy bitter „Pah, hab' ich des Menſchen Kern erſt unterſucht, ſo kenn' ich auch ſein Wollen und ſein Handeln! Er wies das Geſchenk zurück, nicht wahr?“ „Jawohl.“ „Gut, ſo nimm Dein Bild und verkaufe es dem erſten beſten Trödler, damit die Straßenjungen eine Augenweide haben.“ „Das ſcheint der ſtolze Baron zu befürchten, er ſn j das Bild herauszugeben, ich ſoll den Preis beſtimmen. 6 enn eſchenk erſten nweide eigert „Du haſt Dich auch dann noch geweigert?“ „Ja. Es wäre mir unmöglich geweſen, dieſem Verlangen zu entſprechen, Ich habe jenes Bild mit meinem Herzblut ge⸗ malt—“ „Unſinn, lieber Junge, Dein Herzblut gilt ſolchen Leuten nicht mehr, als rothe Farbe. Mit ſolchen romantiſchen Schwärmereien forderſt Du nur ihren Spott heraus. Nenne einen Preis und ſtecke das Geld ein, der Arbeiter iſt ſeines Lohnes werth.“ „Ich kann's nicht!“ „Und was ſoll ich nun in dieſer Angelegenheit thun?“ „Das Porträt zurückfordern. Ich verpfände mein Ehrenwort, daß ich—“ „Halt!“ unterbrach Auerbrach den erregten Jüngling.„Kannſt Du glauben, daß der Baron Dein Ehrenwort gelten laſſen wird? „Wenn er es nicht thut, dann—“ „Dann bleibt er drum noch immer Baron von Oſthofen, der Dir jede Genugthuung verweigern wird. Auf dieſem Wege reizelen wir nichts, deshalb ſage ich Dir noch einmal, nimm das Geld, es iſt ebenſo rund, wie das Geld andrer Leute.“ „Es würde mir in der Taſche brennen!“ Das ſind Redensarten, und wenn Du unter keiner vetingung dieſes Geld für Dich verwenden willſt, ſo kannſt Du es ja einem guten Freunde ſchenken.“ „Ihnen,“ fragte Willy mit leiſem Spott. „Ich nehme es mit Dank an.“ „Und ich müßte es zuvor von dem Baron annehmen!“ „Das können wir umgehen,“ ſagte Auerbach lebhaft.„Du ſchenkſt mir das Porträt, und ich verkaufe es dem Baron. Die Baroneſſe wird daraus ermeſſen können, welchen Werth Du jetzt noch auf das Conterfei ihrer ſchönen Larve legſt.“ „Und der Baron wird ſagen, ich habe dieſen Weg gewählt, um meinem Stolze gegenüber ihm nichts zu vergeben und trotzdem das Geld einzuſtecken.“ „Dieſen Glauben werde ich ihm nehmen,“ erwiderte Auerbach. „Ich gehe ſelbſt hin, Du gibſt mir einen Schein, daß das Bild mein Eigenthum iſt, das Andre überlaſſe mir, Deine Ehre ſoll über allen Zweifel erhaben bleiben.“ — 614— „Und was würden Sie mit dem Gelde thun?“ fragte der junge Mann ſinnend.„Sie würden es in die Schenke tragen, und es wäre doch nur ein Tropfen auf einen heißen Stein.“ Auerbach ſchüttelte ablehnend das graue Haupt, ſein Geſicht hatte einen ungewöhnlich ernſten Ausdruck angenommen. „Nein, das würde ich nicht thun,“ erwiderte er,„den größeren Theil der Summe würde ich zu einem andern Zweck ver⸗ wenden.“ „Darf ich ihn erfahren?“ 6 „Gewiß— hier iſt die Stelle, wo ich ſterblich bin! Gih mir eine Cigarre, es plaudert ſich beſſer, wenn man den blauen Rauchwölkchen nachſchaut, die Gedankem kommen dann raſcher und leichter, zumal, wenn es ſich um alte Erinnerungen handelt.“ Willy kam dem Verlangen nach, der alte Mann zündete die Cigarre an. „Ich habe Dir früher ſchon die Geſchichte mitgetheilt, wie ich um meit Lebensglück betrogen worden bin,“ begann Auerbach, nachde ner einige Rauchwölkchen ror ſich hin geblaſen hatte. „Meine Braut wurde gezwungen, die Verlobung mit mir zu löſen, weil—“ 5 „Ich kenne die Geſchichte!“ ſagte Willy ihn unterbrechend. „Na, meine Braut heirathete einen Andern, aber ſie lebte nicht glücklich mit ihm,“ fuhr Auerbach fort und die unſägliche Bitterkeit in ſeiner Stimme ließ den tiefen Seelenſchmerz, den dieſe Erinnerungen ihm bereiteten, erkennen.„Sie ſind beide ge⸗ ſtorben und das einzige Kind, welches ſie hinterließen, wurde von fremden Leuten aus Barmherzigkeit aufgenommen. Das Mädchen iſt arm geblieben, ober ihr Ruf iſt fleckenlos, ſie hat der Ver⸗ ſuchung widerſtanden.“ Willy blickte den alten Mann forſchend an, der bewegte Ton, in welchem Auerbach die letzten Worte geſprochen hatte, ſchien ſeltſame Vermuthungen in ihm zu wecken. „Wollen Sie das Geſchick dieſes Mädchens mit dem Ihrigen verketten?“ fragte er. Auerbach warf ihm einen zürnenden Blick zu. „Du ſprichſt ein großes Wort gelaſſen aus,“ ſagte er mit ſchneidendem Spott.„nur ſchade, daß dieſes große Wort eine unwi Inne frah der Lau ſah 615 Thorheit iſt. Was könnte ich denn dem jungen, blühenden Mäd⸗ chen bieten? Nein Willy, dieſer Gedanke liegt mir außerordent⸗ lich fern, un ſo ferner, als ich ja nicht einmal für mich ſelbſt eine ſichere Exiſtenz habe. Laura Brand hat das Blumenmachen erlernt, es ſoll ein ſauberes Geſchäft ſein, aber ich glaube, es kommt nicht piel dabei heraus. Anders wäre es, wenn ſie ein kleines Kapital hätte, mit dem ſie ein Geſchäſt und der Erlös aus dem Porträt ſoll ihr dieſes Kapital ver ſchaffen, vorausgeſetzt, daß Du auf meinen Vorſchla ag eingehſt.“ I p Der junge Mann ſtand in Nachdenken verſunken, noch immer umwölkten düſtre Schatten ſeine Stirne, der Sturm in ſeinem Innern hatte noch nicht ausgetobt. „Wann und wie haben Sie dieſes Mädchen kennen gelernt?“ einer Pauſe. „Wann? Vor einigen Wochen. Wie? Du lieber Himmel, Zufall greift mitunter ſeltſam in das Menſchenleben ein. Laura wohute ſchon lange unter demſelben Dache mit mir, ich ſah das Mädchen ſelten und fand weder Veranlaſſung noch eine Gelegenheit, mich zu nähern. Sie glich in ihrer ganzen äuße⸗ ren Erſcheinnng meiner erſten Geliebten, aber auch darauf achtete ich nicht, man 1 ja oft eine Aehnlichkeit zwiſchen einander völlig fern ſtehenden Menſchen. Aber vor einigen Wochen redete ich ſie an, ein Wort gab das andere, ich gewann ihr Vertrauen ſie erzählte mir ihre Lahinnſchicht und ich erhielt die Gewiß⸗ heit, daß ſie die Tochter meiner einſtigen Braut war.“ „Und Sie glauben, man würde wirklich ein gutes Werk thun, wenn man dieſem Mädchen ein Kapital gäbe?“ „Ich hege nicht den leiſeſten Bweil daran.“ „Gut, ſie ſoll das Geld haben,“ ſagte Willy entſchloſſen. Wie heißt ſie?“ „Laura Brand.“ Der junge Mann zündete eine Kerze an ſchrieb einige Zeilen in ſein Notizbuch und riß das Blatt he aus, welches er dem Freund übergab. „Den Preis zu beſtimmen, überlaſſe ich Ihnen,“ ſagte er, „handeln und feilſchen Sie nicht, wenn der Baron Ihre Forde⸗ rung zu hoch finden ſollte—“ . „Er wird zahlen, was ich fordere,“ erwiderte Auerbach,„und — 616— unter tauſend Thaler erhält er das Bild nicht. Und jetzt geſtatte mir, daß ich meinem Schützling eine frohe Stunde bereite, es iſt ein gutes Werk und eine gute Handlung ſoll man nicht ver⸗ ſchieben. In einer Stunde ſehen wir uns wieder.“ „Wo?“ fragte Willy, wie aus einem Traume erwachend. „In der Kneipe, in der wir ſo manches Feſt gefeiert haben.“ „Ich möchte lieber heute nicht hingehen.“ „Bah, ſind Deine Gedanken ſo angenehm, daß Du vorziehſt, mit ihnen allein zu ſein?“ „Gewiß nicht, aber gerade deshalb iſt es ein ſchlüpfriger Weg, der „Komm nur, in unſerm fröhlichen Kreiſe wirſt Du den Aer⸗ ger vergeſſen!“ „Ja, ich werde kommen,“ erwiderte Willy und Auerbach nickte befriedigt, während er das Atelier verließ. WMan ſah dem alten Manne an, daß er freudig erregt war, man las es in ſeinem leuchtenden Blick, und Laura Brand erkannte das auch ſofort, als er in ihre ſehr beſcheiden aus⸗ geſtattete aber dennoch trauliche und gemüthliche Kammer trat. Er hatte dem Freunde nicht zuviel geſagt, als er ſie lobte, bes Wort dieſes Lobes konnte er als der Wahrheit entſprechend vertreten. Laura war keine Schönheit; um dieſen Namen zu verdie⸗ nen, fehlte ihrer äußeren Erſcheinung Manches, aber gleich wohl mußte man ſie hübſch nennen, und wenn man ihr tief in die treuherzigen, ſeelenvollen Augen blickte, dann fühlte man unwill⸗ kürlich ſich gefeſſelt und zu ihr hingezogen. Ein weiches, ſinniges Gemüth und ein treues Herz ohne Arg und Falſch, ſpiegelten ſich in dieſen, meiſt wehmüthig ernſt und mitnnter ſchalkhaft blickenden Augen, während der ernſte Zug um ihre Mundwinkel von herben Erfahrungen und einem feſten, ent⸗ ſchiedenen Charakter zeugte. Ihr Ruf war in der That tadellos, ſie lebte ſtill für ſich in ſtrenger Zurückgezogenheit, fleißig vom frühen Morhc 5is in die Nacht hinein, und ob auch ſchwere Sorgen drückend auf ihr ruhen mochten, keine Klage und kein Wunſch kamen über ihre Lippen. M Weg, 6 — 617— Bei dem Eintritt des alten Mannes blickte ſie beſtürzt von ihrer Arbeit auf, dann aber, als ſie ſeine freudige Erregung bemerkte, glitt auch über ihr blaſſes Antlitz ein heiteres Lä⸗ cheln. „Ich bringe Ihnen eine recht frohe Botſchaft,“ ſagte Auerbach, „während ſein Blick voll herzlicher Theilnahme auf der ſchlanken Geſtalt ruhte, das Alte ſtürzt, es ändert ſich die Zeit, und neues Leben blüht aus den Ruinen.“ „Das verſtehe ich nicht,“ erwiderte Laura, leicht das Haupt wiegend,„woher ſollte die frohe Botſchaft mir kommen? Ich ſpiele nicht in der Lotterie, und ich habe auch keine reichen Ver⸗ wandten, die etwas für mich thun, oder gar ein Vermögen mir hinterlaſſen könnten. Es gab wohl eine Zeit, in der ich Illuſi⸗ onen nachhing, Träumen, deren Erfüllung auf irgend einem Zu⸗ fall beruhte, wie man's in Märchen findet, aber ich bin über dieſe Zeit hinaus und nüchtern geworden, ich weiß, daß ich nur auf das rechnen darf, was ich durch meiner Hände Arbeit ver⸗ diene.“ „Vortrefflich geſprochen, Laura!“ ſcherzte der alte Mann, während das Mädchen die unterbrochene Arbeit wieder aufnahm. „Dieſe Grundſätze ſind lobenswerth, und fern ſei es von mir, ſie anfechten zu wollen. Aber fragt denn der Menſch, woher der Sonnenſtrahl kommt, der plötzlich den dunklen Wolkenſchleier zer⸗ reißt? Er erfreut ſich des goldenen Lichts und der erquickenden Wärme und—“ „Und dennoch blickte er hinauf zu den Quell dieſes Lichts, um die Beſtändigkeit desſelben zu prüſen,“ fiel Laura ihm in die Rede.„Und nun laſſen Sie hören, was Sie bringen, Sie ha⸗ ben mich neugierig gemacht. nun müſſen Sie meine Neugier auch befriedigen.“ „Was würden Sie dazu ſagen, wenn Sie eine namhafte Geld⸗ ſumme erhielten?“ „Ich würde Sie mit herzlichem Dank annehmen.“ „Und in welcher Weiſe würden Sie das Geld verwenden?“ „Ich würde die Sorge dafür dem überlaſſen, den ich ſo innig liebe, der mein ganzes Vertrauen beſitzt.“ Auerbach zog die Brauen zuſammen, das freundliche Lächeln war von ſeinen Lippen verſchwunden. — 618— 5 „Und wer iſt dieſe Mann?“ fragte er. „Habe ich Ihnen das noch nicht geſagt?“ „K ine Silbe, ich ahnte von ſolchem Geheimniß nichts.“ Eine glühende Röthe überzog das vorhin noch ſo bleiche Ant⸗ des Mädchens, verwirrt ſchlug ſie vor dem forſchenden Blick 5 Malers die Augen nieder. „Ich weiß nicht, ob Sie einen Herrn Bertram Schwauenthal kennen,“ ſagte ſie. „Den Geometer? Gewiß!“ Laura blickte freudig überraſcht auf. „Unb nicht wahr, auch Sie e daß er ein guter Menſch iſt?“ fragte ſie. „Hm, gut mag er ſein, eben dabei iſt er arm wie Hiob.“ „Fragt ein liebendes Herz danach?“ „Jetzt weiß ich ſchon, wie die Dinge liegen,“ ſagte der Maler ärgerlich.„Was Du thuſt, o bedenke das Ende! Aber daran wird nur ſelten gedacht, ſagt doch der Dichter: Raum iſt in der kleinſten Hütte jür ein i iebend Paar, und da⸗ ran glaubt man, wie an das Evangelium! Aber mit dem Gürtel mit dem Schleier reißt der Wahn entzwei und wenn Armuth und Sorge in die kleine Hütte einziehen, kommt die Reue zu ſpät.“ Ein Lächeln des Glücks leuchtete aus den Augen des Mäd⸗ „Die Reue fürchte ich nicht,“ erwiberte ſie,„ich weiß ja, daß wir ſehr glücklich werden. Wir wären es ſchon, wenn Bertram nur die nöhigen Mittel beſäße—“ Oder wenn ſein Onkel nicht ſo geizig wäre! Der alte Schwa⸗ nenthal gibt zu ſeinen Lebzeiten keinen Pf ennig heraus. „Und thäte er es, ich wüßte nicht, ob wir es annehmen dürf⸗ ten,“ ſagte Laura ruhig. Es wäre gewiſſermaßen ein Almoſen, und wir würden bas bei jeder Gelegenheit uns vorwerfen laſſen müſſen!“ Der alte Mann zuckte geringſchätzend die Achſeln. „Die Botſchaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube,“ erwiderte er.„Ich wiederhole Ihnen, der alte Filz wird keinen Pfennig herausrücken, alſo iſt es unnütz, darüber zu ſtreiten! Sie ſind alſo mit dem Geometer verlobt?“ eingela ſhe nehme nun nicht gung guter Sie bilde nehn / tjppn keinen „Ja ich bin es.“ „Und wo lernten Sie ihn kennen?“ „In dem Geſchäft, für welches ich arbeite. Er iſt mit dem Inhaber dieſes Geſchäfts befreundet, und ich begegnete ihm dort mehrmals. Ich wurde dann ünd wann zu einer Taſſe Kaffee eingeladen—“ „Na, das Uebrige läßt ſich errathen, es iſt die alte Geſchichte!“ ſagte Auerbach.„Gebe der Himmel, daß ſie ein glückliches Ende nehmen möge, und daß Ihr Vertrauen nicht getäuſcht wird. Und nun zur Sache. Ein Freund hat mir aus Gründen, die Sie nicht weiter intereſſiren, ein Gemälde geſchenkt, mit der Bedin⸗ gung, daß ich den Erlös aus dem Verkauf dieſes Bildes zu einem guten Zweck verwenden ſoll. Ich habe ſofort an Sie gedacht, Sie ſollen das Geld haben, es ſoll gewiſſermaßen ein Fundament bilden, auf dem Sie Ihre Exiſtenz aufbauen können.“ „Sie ſind ſehr edelmüthig, aber darf ich dieſes Geſchenk an⸗ nehmen?“ „Was könnte Sie daran hindern?“ „Der Gedanke, daß es Leute gibt, die dieſer Unterſtützung in höherem Grade bedürfen!“ „Mein liebes Kind, wenn ich dieſen Grundſatz gelten laſſen wollte, daun könnte ich Millionen beſitzen, und doch nur einem verſchwindenden Theil aller Hülfshedürftigen helfen,“ erwiderte der Maler. Sie ſtehen meinem Herzen am nächſten, alſo haben Sie auch das erſte Anrecht.“ „Das erſte?“ fragte Laura zweifelnd.„Verzeihen Sie, Herr Auerbach, wenn ich eine wunde Stelle berühre, aber ſollten Sie nicht ſelbſt das erſte Anrecht haben?“ „Wär der Gedanke nicht verwünſcht geſcheidt, man wär ver⸗ ſuchte, ihn herzlich dumm zu nennen,“ ſcherzte Auerbach, die graue Mähne ſchüttelnd.„Ich ſagte Ihnen ja, daß ich das Geld zu einem guten Zweck verwenden müſſe, Sie dürfen es ohne Be⸗ denken annnehmen, Laura.“ „Ich werde mit Bertram darüber reden.“ „Schenken Sie mir, dem alten Manne, nicht einmal ſo viel Vertrauen—“ „O, doch, doch!“ ſagte das Mädchen raſch, wie um Verzeihung — 620— bittend, aber Sie werden es natürlich finden, daß ich ohne die Zuſtimmung meines Verlobten nichts thun möchte.“ „Und Sie werden ihm das Geld übergeben?“ „Gewiß! Soll ich ihm nicht vertrauen?“ Auerbach ſchwieg, er blickte lange finſter vor ſich hin, die treuherzigen Augen des Mädchens ruhten voll banger Erwartung auf ihm. 2 „Laſſen Sie mich zuvor den Character dieſes Mannes prüfen,“ brach er endlich das Schweigen,„ich werde unparteiiſch prüfen und ebenſo vorurtheilsfrei urtheilen. Das Geld bringe ich Ihnen, ſobald ich es erhalten habe, wir berathen dann, wie Sie es einſt⸗ weilen am vortheilhafteſten anlegen. Sind Sie damit einver⸗ ſtanden?“ Laura blickte fragend zu ihm auf. „Und meinem Verlobten ſoll ich nichts mittheilen?“ erwi⸗ derte ſie. „Vorläufig noch nicht, er erfährt den Glückswechſel ja nach einigen Tagen immer noch früh genug.“ „Aber dann wird er mir Vorwürfe machen!“ „Die Verantwortung übernehme ich allein, ich werde ganz offen mit ihm darüber reden! Wollen Sie mir vertrauen, Laura?“ „Ja, ich will es,“ ſagte das Mädchen nach einer kurzen Pauſe, „darf ich doch die feſte Ueberzeugung hegen, daß auch Sie Bert⸗ ram lieb gewinnen werden.“ „Das will ich hoffen und wünſchen für Sie,“ erwiderte Auer⸗ bach, indem er ihre kleine Hand feſt in der ſeinige hielt und ihr herzinnig in die Augen ſchaute.„Seitdem ich Sie geſunden habe, hat das Leben wieder Werth für mich gewonnen, und jetzt beſchäftigt mich nur noch die eine Aufsabe Sie glücklich zu ſehen. Gute Nacht.“ Er ging raſch hinaus, die alten Srinnerungen waren wieder wach in ihm geworden, ſie drohten ihn zu überwältigen. S— ſunden wieder 26. Kapitel. PVater und Tochter. „ Klara hatte mit Sicherheit erwartet, daß der Vater nach ſeiner Unterredung mit Willy ihr Vorwürfe machen werde, aber er er⸗ wähnte dieſe Unterredung mit keiner Silbe, und ihr fehlte der Muth, ihn zu fragen, was zwiſchen ihm und dem Maler vorge⸗ fallen ſei. Die Abſicht, das Geſtändniß, welches Willy vom Augenblick hingeriſſen, ihr abgelegt hatte zu verſpotten, hatte ihr unendlich fern gelegen. Raſcher gefaßt, wie er, hatte ſie der verfänglichen Situation einem ſcherzhaften Anſtrich gegeben, nicht ahnend, daß dieſer Scherz als eine beleidigende Verſpottung aufgefaßt werden könne. Das Geſtändniß war ihr zu plötzlich, zu überraſchend gekommen, und in jenem Augenblick hatte allerdings der Stolz ſich gegen dieſe ungeſtüme Liebeswerbung geſträubt. Wäre der Majoratsherr nicht wie ein Peus ex machina dazwiſchen getreten, ſo hätte Klara unzweifelhaft dem Maler eine ablehnende Antwort gegeben und ihn auf die Kluft, die zwiſchen ihnen lag, in ſchonender Weiſe aufmerkſam gemacht. Aber die Behandlung, die ihr Vater dem Manne hatte ange⸗ deihen laſſen, empörte das edeldenkende und feinfühlende Mädchen, und es bedurfte nur dieſes Anſtoßes, um den Liebesfunken in ihrem Herzen zu heller Gluth anzufachen. Jetzt fühlte ſie, daß ſie Willy liebte, daß ſie dieſer Liebe Alles opſern konnte, aber ihrem Character, ſo ſcharf er auch in jeder andren Beziehung ausgeprägt ſein mochte, fehlte doch die Energie, das feſte, entſchloſſene Auftreten. Der Majoratsherr hatte ſich nach der Entfernung Roſa's in 622 ſeine Zimmer zurückgezogen, und als er ſpäter gegen Abend mit ſeiner Tochter wieder zuſammentraf, war er einſilbig und ver⸗ ſtimmt. Brachte er die Rede nicht auf den peinlichen Vorfall ſo wollte Klara ſich auch nicht dazu entſchließen, ſfie hatte ja keine Verpflichtung, ſich zu rechtfertigen, und eine Vertheidigung Willy's, zu der allerdings die innere Stimme ſie antrieb, war dieſem adels⸗ ſtolzen Manne gegenüber nicht angebracht. Si wußte nicht, was ſie thun einmal dachte ſie daran, an Willy zu ſchreiben, aber dieſen Vorfatz ließ ſie wieder fallen, ſie fürchtete, ſich dadurch etwas zu vergehen, und überdies fiel die Frage, welcher Gebrauch möglicherweiſe von ihren Zeilen ge⸗ macht werden könne, ſchwer in die Wagſchale. Sie ahnte ja nicht, wie tief Willy ſich durch ihren formloſen Scherz beleidigt wähnte! Sir dachte nicht daran, daß dieſer Scherz ihn der Verzweiflung in die Arme führen könne, ſie forderte von ihm, dem ſtarken, energiſchen Manne, Geduld und Ausdauer, ſie erwartete, daß er nun auf ſeiner Bahn rüſtig weiter ſchreiten und durch raſtloſes Schaffen ſich die Anerkennung und die Hochachtung Aller erzwin⸗ gen werde. Mochten auch jetzt noch ſchroffe Standesvorurtheile eine Schranke zwiſchen ihm und ihr aufthürmen, auch dieſe Schranke mußte fallen, der lorbeergekrönte Künſtler war ja dem höchſten Adel ebenbürtig. Mit dieſen Hoffnungen und Vorausſetzungen beruhigte Klara ſich, ſie wollte es vertrauensvoll der Zeit iherlaffent die dunklen zu verſcheuchen, die den Horizont ihres L Lebens augenblick⸗ lich umdüſterten. Von Kindheit an gewohnt, jeden Wunſch erfüllt zu finden, vertraute ſie auch mit Zuverſicht auf die Erfüllung dieſes Wunſches eiſtweilen wollte ſie ruhig abwarten, ob ihr Vatec nicht ſelbſt die Rede auf den Maler brachte, dann war ihr Gelegenheit geboten, ihn zu vertheidigen. Es ſtürmte jetzt überhaupt ſo viel Unangenehmes auf ſie ein, daß es ihr unmöglich war, ſich dem ſüßen Geſühl der erwachen⸗ den Liebe mit ganzer Seele hinzugeben. Der Bruch zwiſchen ihrem Vater und Onkel Udo war eine Thatſache geworden, ſodann hatte Baroneſſe Adelaide ihr die ge⸗ ——— für Bel trot ron rig ſie, dar hal finden, F Lunſches elbſt die geboten, ſie ein, wacen⸗ heimnißvollen Nachrichten über das verſchwundene Kind mitge⸗ theilt, und Klara nahm an Allem herzlichen Antheil. Der Majoratsherr war auch am andern Morgen noch ein⸗ ſilbig und nachbenklich, er ſchien etwas auf dem Herzen zu haben, was ihn drückte. Vater und Tochter ſaßen am Frühſtücktiſch einander ſchweigend gegenüber, und Klara ſah oſt den Blick des Vaters fragend und mit einer unverkennbaren ämgſtlichen Beſorgniß auf ſich ge⸗ richtet. Es waren verſtohlene Blicke, ſo oft ihre Augen ihn begeg⸗ neten, ſenkte der Majoratsherr verwirrt die Wimpern, und ein⸗ mal ſah Klara deutlich, daß ſich eine helle Röthe über ſein ge⸗ bräuntes Antlitz ergoß. War er ſich einer Schuld bewußt, die er einzugeſtehen be⸗ fürchtete? Oder fühlte er die Nothwendigkeit ſich wegen ſeines Benehmens gegen den Maler zu entſchuldigen, und ſträubte ſein trotziger Stolz ſich gegen dieſes Geſtändniß? „Wie hat Roſa Becker Dir geſtern gefallen?“ brach der Va⸗ ron endlich das Schweigen. Befremdet blickte Klara ihn an, dieſe Frage hatte ſie am we⸗ nigſten erwartet. „Ich kann mir noch immer kein Urtheil erlauben,“ antwortete ſie,„wenn ich es aber geben müßte, ſo wäre es unverändert dasſelbe, welches ich nach der erſten Begegnung mit ihr gegeben habe.“ „So nachhaltig iſt dieſer erſte Eindruck geblieben?“ „Es war weniger der Eindruck, den ihre äußere Erſcheinung auf mich machte, die ja nicht anders, als blendend genannt wer⸗ den kann, es war vielmehr das Erkennen, daß—“ „Ich erinnere mich Deines damaligen Urtheils,“ unterbrach der Baron ſie, und auf ſeiner Stirne zeigte ſich eine leicht Falte, „ich ſagte Dir ſchon derzeit, daß ich ihm nicht beipflichten könne. Dieſes Urtheil iſt, verzeihe mir den Ausdruck, zu oberflächlich; wenn Du die junge Dame näher kennen lernſt, ſo wirſt Du das ſelbſt finden.“ „Ich will die Möglichkeit nicht beſtreiten.“ „Und ich hoffe und wünſche, daß Du Dich recht innig an ſie an⸗ 624 ſchließen mögeſt,“ ſagte der Majoratsherr mit ſtockender Stimme, „das wäre für uns Alle wünſchenswerth.“ „Für uns Alle, Papa?“ „So ſagte ich, und Du wirſt mir bei ruhigem Nachdenken beipflichten. Ich will Dir zuerſt mittheilen, welche Veränderung uns bevorſteht, und wenn Du auch im erſten Augenblick nicht ganz mit derſelben einverſtanden ſein ſollteſt, ſo bitte ich Dich, drum nicht ſogleich ein ſchroffes, ablehnendes Urtheil zu fällen.“ Der Baron machte eine Pauſe und benutzte dieſelbe, um eine Eigarre anzuzünden, der ſtarre Blick Klara's ruhte auf ihm mit fieberhafter Spannung. „Die Einkünfte des Majorats von Oſthofen ſind nicht ſo be⸗ deutend, wie ich glaubte,“ fuhr er fort,„und ſie werden noch geſchmälert durch die Jahresrente, die ich meinem Bruder zahlen muß. Um dieſe Einkünfte zu erhöhen, müſſen Aenderungen ge⸗ troffen und Neuerungen eingeführt werden, die ungezähltes Geld koſten, die Verwaltung iſt im alten Schlendrian weiter geführt worden, ſie muß durchgreifend reorganiſirt werden. Um die nöthigen Mittel dazu zu gewinnen, wollte ich die Waldungen ab⸗ holzen laſſen, aber ich würde dadurch den reellen Werth der Be⸗ ſisung ſehr erniedrigen und ſchließlich reichen dieſe Mittel nicht dinmal hin, um das Werk zu vollenden, wodurch doch allein auf Erfolg gerechnet werden kann. Eine Hypothekſchuld aufzunehmen konnte ich mich auch nicht recht entſchließen, wenn ſie auch jetzt mit der unabweisbaren Forderung der Nothwendigkeit entſchuldigt werden könnte, ſo würde mich doch vorausſichtlich ſpäter von Seiten der Erben Vorwurf treffen, ich habe leichtſinnig gewirthſchaftet, und dieſem Vorwurf will ich vorbeugen. Der Wunſch mit einem tüch⸗ tigen Geſchäftsmann in Verbindung zu treten, führte mich in das Haus des Bankiers Becker, und ich geſtehe offenherzig, daß Fräu⸗ lein Roſa Becker bei der erſten Begegnung einen ſeſſelnden Ein⸗ vruck auf mich machte. Ich habe die Frage, ob ich dieſem Zauber mich hingeben dürfe, mir vorgelest und ſehr reiflich darüber nach⸗ gedacht, und die Antwort, die ich darauf fand, hat mich geſtern bewogen, um die Hand dieſer Dame zu werben.“ Wieder machte der Baron eine Pauſe, und als er jetzt in das todesbleiche Antlitz ſeiner Tochter blickte, erſchrack er doch über den Eindruck, den ſeine Mittheilung gemacht hatte. „Roſa hat mein Ehrenwort,“ fuhnerfort, offenbar in der Abſicht, e etwa auftauchendem Zweifel im S zu erſticken,„ich wer⸗ de heute mir noch das Jawort ihres Vaterts holen und mit ihm den Hochz tetag feſtſetzen.“ Kl preßte unwillkürllich die Hand auf das chende H erz, die Entrüſtung, die ſie durchbebte, beengte ihr den ſie fühlte ſich einer Ohumacht nahe. Was bewog den 2 enn, ihr eine Stiefmutter zu geben, im Range unter ihr ſtand, und ihre Schweſter ſein konnte? unt ſofort, nicht das reine ſch po⸗ Sr S — — — 8 — S S 8 S — — — * — — S. — So e tio mit Ge zusſ raut dachte! Dich zu vieſem Eutſchluß geführt haben, ing zu geſtehen,“ ſagte ſie, mühſam nach 07 ti kel Udo hat niemals darüber Klage geführt, keine Berech Athem ringend.„Ot daß die Einkit rente die Dr 0h 5 ſte des Majorats zu gering ſe ien, und die Jahres⸗ zahlen wilſt, hätte durch weiſe Einſchränkun⸗ ₰ — gen wohl auch noch erübrigt werden können.“ Ein halb ironiſches, halb verächtliches Lächeln umzuckte die Lippen des Majoratsherrn „Der Le iſt verſchieden,“ erwiderte er achſelzuckend. „Viele Menſchen fühlen ſich glücklich, wenn ſie in ungeſtörter f h gönne ihnen dieſes Ver⸗ Ruhe ihren ehr pflanzen können, ich gnügen, aber theilen kann ich es nicht. Ich verlange mehr vom Leben, und ich betrachte es als eine ſtolze und ruhmvolle Auf⸗ gabe, unſerm Namen den ſ Glanz wieder zu verleihen. Ich will nicht leugnen, daß auch der Reichthum meiner Braut auf meinem Entſchluß Einfluß ge hat—“ „Und Deine gegen Alles, was bürgerlich iſt?“ fragte Klara vorwurfsvoll. „Sie ſind ſeben geblicben!“ „So geſtel Du ſelbſt, daß dieſe Heirath eine Mesalliance iſt?“ * „Wehalb nicht? Aber man kann eine Mesalliance entſchuldigen, wenn Schönheit und Reichthum das fehlende Adelswappen er⸗ Der Baſtard. 40 — 626— ſetzen. In unſerer heutigen Zeit denkt man darüber nicht mehr ſo ſchroff, wie früher, nur an einer Bedingung hält man feſt, an der Makelloſigkeit der Herkunft.“ Klara verſtand die Bedeutung der letzten Worte, und auch ihre Lippen umzuckte jetzt ein verächtlicher Zug. „Du mußt das ja ſelbſt wiſſen,“ ſagte ſie, und eine eiſige Kälte lag in dem Tone, der ſie anſchlug,„ich kann nur bedauern daß Du dieſen Schritt gethan haſt, und ich fürchte, daß Du einſt dieſes Bedauern theilen wirſt.“ „Dieſe Furcht ſcheint mir thöricht!“ „Ich will ſelbſt wünſchen, daß ſie es ſei, aber ich zweifle da⸗ ran! Und was wird Onkel Udo dazu ſagen?“ Der Majoratsherr ſchritt langſam auf und nieder, und der Ausdruck ſeines Geſichts verrieth, daß er herzlich froh war, den Druck abgeſchüttelt zu haben. „Soll ich mich in meinem Thun und Laſſen nach dem Urtheil Andrer richten?“ erwiderte er.„Udo mag nicht damit einverſtan⸗ den ſein, aber ich bedarf ſeiner Einwilligung nicht. Im Uebrigen gib Dich keinen Beſorgniſſen hin, Klara, Alles wird hier unver⸗ ändert bleiben, Du ſollſt aus Deiner bisherigen Stellung in keiner Weiſe verdrängt werden. Ich gebe mich der zuverſichtlichen Hoff⸗ nung hin, daß Du Dich mit Roſa recht innig befreunden wirſt—“ „Dieſe Hoffnung wird und kann ſich nicht verwirklichen,“ ſagte Klara raſch.„Es iſt mir nicht möglich, der jungen Stief⸗ mutter mit Vertrauen entgegen zu kommen.“ „Ich fordere es von Dir Klara!“ „Und ich wiederhole, es iſt mir unmöglich. Ich werde mich durch ſie nicht verdrängen laſſen,“ fuhr Klara mit gehobener Stimme fort,„wie auch unſere gegenſeitigen Beziehungen ſich geſtalten mögen, ich werde hier auf meinem Poſten ausharren—“ „Klara, reize mich nicht durch trotzigen Eigenſinn!“ rief der Baron warnend.„Ich würde mich dadurch nicht bewegen laſſen, mein Ehrenwort zu brechen, und die Folgen fielen auf Dich allein zurück. Laſſ uns in Frieden zuſammen leben, Roſa wird gewiß Alles aufbieten, ihn zu erhalten, und mit ein wenig Nachgiebig⸗ keit von Deiner Seite kann das leicht erreicht werden. Ich ver⸗ traue auf deinen Verſtand und Dein gutes Herz. Du wirſt ipe d niſe ſu Er als ob en hit unb M Pie chen F Er Rentn — — 3* „6 Baron „6 Gli ſicht de D ſagte e ſicht,, ohne d haben. De wehren wandte Gemiſc Zügen M Schult müſſen einige 5t nehr an ſeſ, nd auch e eiſge Hauern Pu iinſt eiſe da⸗ und der ar, den Urtheil verſtan⸗ ebrigen Unver⸗ tkeiner eunden lichen“ Stisf⸗ turch timme talten f der laſen, allein gewiß iebig⸗ ver⸗ wirſt — 627— über die Sache nachdenken und Dich in die veränderten Verhält⸗ niſſe fügen.“ Er nickte ihr nach dieſen Worten ſo vertraulich lächelnd zu, als ob er ſich mit ihr über die gleichgültigſten Dinge unterhal⸗ ten hätte, dann begab er ſich in ſein Arbeitskabinet, um ihr Zeit und Muße zum Nachdenken zu geben. Wie ſeine Familie über ſein Vorhaben urtheilte, und auf wei⸗ chen Fuß ſie in Folge deſſen ſich mit ihm ſtellte, das war ihm außerordentlich gleichgültig, er war zu ſehr Egoiſt, als daß er auf das Urtheil Andrer irgend welches Gewicht gelegt hätte. Er befand ſich noch nicht lange in ſeinem Kabinet, als der Rentner Abraham Schwanenthal ihm angemeldet wurde. „Schwanenthal?“ wiederholte er.„Was will der Mann? Ich kenne ihn nicht.“ „Er wünſcht in einer wichtigen Angelegenheit mit dem Herrn Baron zu reden,“ erwiderte der Diener. „Eine wichtige Angelegenheit? Er mag eintreten.“ Gleich darauf ſtand der alte hagere Mann mit dem Eulenge⸗ ſicht dem Majoratsherrn gegenüber. „Der Herr Baron werde ſich meiner gewiß noch erinnern,“ ſagte er mit einem forſchenden Blick auf das pockennarbige Ge⸗ ſicht,„es war wohl nur Vergeßlichkeit, daß Sie damals abreiſten, ohne die zwiſchen uns ſchwebende Angelegenheit zuvor geordnet zu haben.“ Der Baron hatte im erſten Augenblick eine entſchieden ab⸗ wehrende Handbewegung gemacht, aber bei den letzten Worten wandte er ſich zu dem alten Manne wieder um, und ein ſeltſames Gemiſch von Ueberraſchung und Zweifel drückte ſich in ſeinen Zügen aus. „Von welcher Angelegenheit reden Sie?“ fragte er barſch. „Hollten Sie wirklich die Schuld vergeſſen haben?“ „Ich erinnere mich keiner Schuld. Hinterließ ich damals Schulden, ſo hätten die Gläubiger ſich an meinen Vater wenden müſſen, er würde die Forderungen gedeckt haben.“ Schwanenthal zog ſein Portefeuille aus der Taſche und holte einige Papiere heraus, dann rückte er die Hornbrille dichter vor 40* — die Augen, um den Schuldner mit der ganzen Strenge eines er⸗ barmungsloſen Gläubigers anzuſchauen. „Ich habe das gethan,“ erwiderte er,„aber der ſelige Herr Baron wollte eine Verpflichtung zur Tilgung tieſc Schuld nich Ich habe mich ſpäter an den Herrn Baron Udo von Oſthofen gewandt, als dieſer dos Majorat übernahm, erzeigte mir PThüre.“ Der Majoratsherr ſtreckte die Hand nach den Papieren aus, aber der alte Mann zog ſie mit unverkennbarem Mißtrauen zuvück. „Wie groß iſt die Forderung?“ fragte er. „Achthundert Thaler.“ i in Allem?“ Die Zinſen zu ſechs Prozent von zwei und zwanzig Jahren hi cn wird die Geſammtſumme ungefähr zweitauſend Tha⸗ ler betragen.“ „Und Sie glauben, ich werbe dieſe Summe ohne Weiteres zahlen?“ fragte der Baron ſpöttiſch. „Wenn Sie ein ehrlicher Mann ſein wollen— ja! Der derr Baron werden ſich gewiß erinnern, daß ich dieſes Geld hnen baar hingezählt habe—“ „Ich erinnere mich züſe nicht“ „Sie hatten eine Spielſchuld zu tilgen— „Kann ſein, aber von wem ich das erhielt, weiß ich jetzt nicht mehr.“ „Ich hab' hier den Schuldſchein, eigenhändig vom Herrn Ba⸗ ron geſchrieben!“ Der Majoratsherr warf einen raſchen flüchtigen Blick auf das Papier, welches Schwanenthal ihm vor die Augen hielt, dann zuckte er die Achſeln „Es kann ja ſein, daß Sie die Wahrheit behaupten,“ ſagte 3, drum haben Sie noch immer kein Recht, die Sife von mir zu fordern. Nach dem Tode meines Vaters fiel das Majorat mir zu, aus den Einkünften des ſelben mußten ſofort meine Schulden getilgt werden, und an den Gläubigern war es, ſich zu dieſem Zwecke bei meinem Bruder zu me lden.“ „Das iſt ja auch geſchehen—“ „Wenn mein Bruder ſich weigerte, die 6 ¹ S 6 Forderungen auzuer⸗ alten erwi daß aber bili find 2 — 629— kennen, ſo mußten ſie auf geſetzlichem Wege geregelt werden, der Richter würde die Rechte der Gläubiger geſchützt haben. Nun das aher nicht geſchehen iſt, kann man doch von mir keine Zinſen verlangen dafür, daß durch das Verſchulden des Gläubigers die Forderung nicht früher eingezogen worden iſt?“ „Sie ſind im Irrthum, Herr Baron—“ „Wenn Sie das mit Sicherheit glauben, ſo leiten Sie die ge⸗ richtliche Klage gegen mich ein, wir werden als dann ja erfahren, welche Anſicht die richtige iſt.“ Der Majoratsherr wandte dem alten Manne wieder den Rücken, aber ſo raſch ließ Schwanenthal ſich nicht abfertigen. „Es würde ein ſchlechtes Licht auf den Herrn Baron und Majoratsherrn der reichen Beſitzung Oſthofen werfen, wenn er mit einem andern Manne wegen einer ſolchen Lumperei an's Ge— richt ginge,“ ſagte er mit bittrem Hohn.„Und das umſomehr weil es ſich hier um baar geliehenes Geld handelt, um eine Eh⸗ renſchuld, die jeder Cavalier ohne Widerrede tilgt.“ „Ich proteſtire nicht gegen die Forderung, ſonbern gegen die Zinſen!“. „Sie ſind damals zu ſechs Prozent verabredet worden.“ „Ich kann mich deſſen nicht mehr erinnern.“ „Es ſteht in dieſem Schein, den Sie unterſchrieben haben.“ „So gelten dieſe Zinſen doch nur bis zu dem Tode meines Vaters!“ „Alſo wollen der Herr Baron bie ganze Forderung nicht an⸗ erkennen?“ „Nein,“ erwiderte der Majorateherr barſch. „Dann zwingen Sie mich, die Sache einem Advokaten zu übergeben.“ Baron Edmund heſtete den flammenden Blick feſt auf den alten Mann. „Glauben Sie, durch Drohungen mich einſchüchtern zu können?“ erwiderte er.„Sie werden im eignen Intereſſe nicht wönſchen, daß die Sache vor den Schranken des Gerichts verhandelt wird, aber thun Sie, was Sie nicht laſſen können. Wollen Sie einen biligeren Vergleich eingehen, ſo werden Sie mich dazu bereit finden.“ „Was nennen der Herr Baron einen billigen Vergleich?“ „Ich gebe Ihnen neunhundert Thaler!“ „Das wären die Zinſen von kaum zwei Jahren.“ „Es iſt meine Schuld nicht, daß Sie das Geld nicht früher erhalten haben.“ „Und es iſt doch auch meine Schuld nicht, daß der Herr Baron ſo lange draußen geblieben iſt,“ ſagte Schwanenthal ſpitig. „Entſchließen Sie ſich,“ erwiderte der Majoratsherr lokoniſch,“ „wollen Sie den Vergleich annehmen?“ „Ich würde mehr als tauſend Thaler verlieren.“ „Dann ſehen Sie zu, auf welchem Wege Sie Ihre Forderung geltend machen wollen, ich habe keine Luſt und auch keine Zeit dieſe Unterhandlung noch länger fortzuſetzen.“ Der alte Mann legte die Papiere wieder in ſein Portefeuille, dann heftete er noch einmal die ſtechenden Augen lauernd auf den Baron. „Iſt das Ihr letztes Wort?“ fragte er. „Jawohl, ich bin bereit, Ihnen gegen Aushändigung dieſer Papiere neunhundert Thaler zu zahlen, Sie können das Geld jederzeit in Empfang nehmen. Und nun warte ich mit geduldiger Ruhe, was Sie thun werden,— adieu!“ Der Wink war zu deutlich, Schwanenthal mußte ſich verab⸗ ſchieden. Er that es mit einem Blick voll Haß und Wuth, und er ſtand noch in der Thüre, als der Diener den Maler Auerbach an⸗ meldete. Hoch aufgerichtet ſtand der Baron in der Mitte des elegan⸗ ten Zimmers, voll Stolz und Hochmuth empfing er den Maler, der ihm in herausfordernder Haltung gegenüberſtand. „Kommen Sie im Auftrag eines Andern?“ fragte er. „Das wäre vergebliche Mühe,“ erwiderte Auerbach.„Ich war ſchon einmal im Auftrage eines Freundes hier, um Genugthuung zu fordern für eine rohe Beleidigung, meine Forderung wurde von dem Beleidiger zurückgewieſen und Sie erklärten mir, daß Sie dieſes Verfahren für korrekt hielten.“ „Dieſe Erklärung würde ich Ihnen auch heute geben!“ „Ich weiß das, Herr Baron und deshalb erſpare ich mir den Aerger einer Niederlage. Ich will mir auch über das, was hier Küher t Herr enthal miſch,“ detung ne Zeit eſeuille ud auf s Geld ldiger verab⸗ W Malet, h war huung wurde ir ben — 631— vorgefallen iſt, kein Urtheil anmaßen, man würde es ja dochnicht gelten laſſen!“ „Ihr ſubjektives Urtheil hat allerdings keinen Werth und auch keine Intereſſe für mich, und ich glaube, es iſt ſür olle Theile beſſer, wenn dieſe Angelegenheit nicht weiter berührt wird. Haben Sie ſich entſchloſſen, meinen Auſtrag zu übernehmen?“ Der alte Mann ſchüttelte energiſch die graue Mähne, ein trotzig entſchloſſener Zug umzuckte ſeine Mundwinckel. „So ſehr kann ich niemals auf den Hund kommen, daß ich mich zum Decorationsmaler und Tüncher erniedrigen könnte,“ er⸗ widerte er ſpöltiſch,„ich überlaſſe dieſes Geſchäft andren Leu⸗ ten, denn was Deines Amtes nicht iſt, da laß' Deinen Vor⸗ witz. „Der Künſtlerſtolz ſcheint bei Ihnen ſehr tief eingewurzelt zu ſein,“ ſagte der Baron achſelzuckend,„nur ſchade für Sie, daß er Ihnen nichts einbringt.“ „Das habe ich allein zu vertreten!“ „Und die Gemeinde, die ſpäter für Sie ſorgen muß.“ „Herr Baron, Sie—“ „Laſſen wir das, ich wollte Ihnen nur zeigen, zu welchem Ende dieſer lächerliche Stolz führen muß. Darf ich nun fragen, was mir die Ehre verſchafft?“ „Mein Freund Rodenberg hat Ihnen ein Porträt gelie⸗ fert—“ „Und ich habe ihn aufgefordert, den Preis dafür zu be⸗ ſtimmen!“ „Er will das nicht—“ „Und ich nehme kein Geſchenk von ihm an!“ „Sie wollen auch das Porträt nicht zurückgeben?“ „Nein,“ erwiderte Baron Edmund,„niedrige Rachſucht könnte ſich verleiten laſſen, Mißbrauch damit zu treiben, ſiet Möglich⸗ keit will ich vorbeugen.“ „Sehr wohl,“ ſagte Auerbach,„wir müſſen alſo dieſe Ange⸗ legenheit in andrer Weiſe ordnen. Rodenberg iſt ein Narr, daß er keine Forderung ſtellen will, ich finde dieſes Zartgefühl falſch und übertrieben, aber einem feſten und in ſich fertigen Charakter kann man in ſolchen Dingen nicht entgegentreten. Rodenberg hat auf meinen Vorſchlag hin das Porträt einer Dame geſchenckt und ————— mir anheimgeſtellt, den Preis zu beſtimmen und das Geld für die Eigenthümerin einzukaſſiren.“ Ein ſpöttiſches Lächeln glitt über die Lippen des Majoratsherrn, ein Lächeln, welches deutlich bewies, daß er ſehr ſtarke Zweifel in die Wahrheit dieſer Behauptung ſetzte. „Mir iſt es gleichgültig, ob dieſe Angelegenheit auf dem graden Wege oder auf Umwegen geordnet wird,“ ſagte er. „Wenn Sie glauben, daß Rodenberg von dem Erlös des Bildes nur einen Pfenning beanſpruche, ſo iſt das eben ein Irr⸗ thum,“ erwiderte Auerbach in einem ſo entſchiedenen Tone, daß der Baron ihn betroffen anblickte.„Die ganze Summe wird un⸗ verkürzt der Dame übergeben.“ „Wohl ſeiner Mutter?“ „Erlauben Sie, nach meiner Erklärung iſt dieſes Mißtrauen eine Beleidigung. Sie mögen es freilich nicht ſo auffaſſen, bei Ihnen fängt ja der Menſch erſt mit dem Baron an, und das Gewürm, welches mit dem Wörtchen von nicht begnadigt iſt, muß demüthig die ihm zugedachten Fußtritte in Empfang nehmen. Hier iſt die Schenkungsurkunde, in der Fräulein Laura Brand als Eigenthümerin des Bildes erklärt wird.“ „Und welchen Preis ſtellen Sie für das Porträt?“ „Tauſend Thaler.“ „Sie werden mir die Bemerkung erlauben, daß ich dieſe For⸗ derung unverſchämt finde!“ „Dann geſtatten Sie mir wohl die Erwiderung, daß ein Mann der von Kunſt nichts verſteht, auch kein Kunſtwerk taxiren kann.“ „Ich taxire ein Werk nach dem Werthe, den es für mich hat,“ ſagte der Baron mit einem flammenden Blick auf den Maler.„Jeder andre Maler hätte mir dasſelbe Porträt für den vierten Theil des geforderten Preiſes geliefert. Aber mit Ihnen zu feilſchen halte ich unter meiner Würde, quittiren Sie auf die en Schein den Empfang der Summe.“ Er öffnete eine Schublade ſeines Schreibtiſches und holte eine Hand voll Banknoten heraus, dann zählte er die Summe auf den Tiſch, während Auerbach die verlangte Quittung ſchrieb. „So, nun wäre ich ja mit Ihnen fertig,“ verſetzte der Baron bunten einen und ve Fr darübe können 635 — ½ mit dem ganzen hochfahrenden Ihnen und Ihrem Freunde hier nicht wieder zu begegner Der Maler nahm ſeinen Kalabreſerhut und zog ſich mit einer ſpöttiſchen Verbeugung zur Thüre zurück. „Denſelben Wunſch hege ich für meine Perſon auch,“ erwi⸗ derte er,„und wenn Sie in dieſer Weiſe fortfahren, dann wer⸗ den Sie bald mehr Feinde als Freunde haben. Leben Sie wohl, ich ſcheide ohne Groll von Ihnen, wenn der Pfau mit ſeinem bunten Rad ſich ſpreizt, kommt er mir immer lächerlich vor.“ Lachend ſtieg er die breile eppe hinunter, er war ſich be⸗ wußt, daß er mit den letzten Worten dem ſtolzen Majorat einen Hieb gegeben hatte, den elbe ſo leicht nicht vergaß und und verſchmerzte. Stolz ſeines Standes,„ich wünſche . „ 5h eren — — S Er lachte noch immer, als er das Schloß veiließ, die Freude darüber, ſeiner Freundin eine ſo große Summe hüntite zu können, trug zur Erhöhung ſeiner Heiterkeit weſentlich bei. Da fiel ſein Blick plötlich auf die kleine Geſtalt Schwanen⸗ thals, der eine kurze Strecke vor ihm der Stadt zuwanderte, dieſe Gelegenheit, dem Alten auf den Zahn zu fühlen, wollte er ſich nicht entgehen laſſen. Er hatte ihn bald eingeholt, und der 6 ieß in er⸗ mung befand. „No, gute Geſchäfte gemacht?“ fragte er ſcherzend. Der alte Mann ſah mit einem grimmigen Blick zu ihm auf. „Gote Geſchäfte?“ erwiderte er höhniſch.„Kennen Sie den Baron?“ „Ich habe die Ehre!“ „Dann wiſſen Sie vielleicht ſo gut wie ich, da Lump iſt.“ „Das war ein großes Wort gelaſſen ausgeſprochen, aber auch große Worte können zu einer Injurienklage ver wenn Be⸗ weiſe fehlen.“ „Beweiſe?“ eiferte Schwanenthal.„Wenn mein Schuldner die Zinſen nicht zahlen will, die er rechtmäßig ſchuldet, was iſt er dann?“ ß er ein — 634— „Entweder ein armer Teufel, oder ein Schuft!“ „Und da der Majoratsherr von Oſthofen kein armer Teufel iſt, ſo muß er ein Schuft ſein! Für eine Forderung von zwei tauſend Thaler will er mir neunhundert geben.“ „Hm, da iſt der Majoratsherr mehr Jude, als Beron! Aber worauf gründet ſich die Forderung?“ „Auf eine Summe von achthundert Thalern, die ich ihm baar geliehen habe.“ „Und die Zinſen ſind ſo bedeutend?“ „Zinſen von zweiundzwanzig Jahren.“ „Na, haben Sie den Vergleich angenommen?“ fragte Auerbach, während er mit ſeinem Knotenſtock dic Riſpen des Graſes, welches am Wege wuchs, köpfte. „Werde ich doch kein Eſel ſein!“ fuhr Schwanenthal auf.„Ich werde ihn verklagen, das Gericht muß mir Recht geben! So war er früher nicht, da war er immer nobel, und wiſſen Sie, was ich glaube?“ „Nun?“ fragte der Maler, der unwillkürlich über den pfifffi⸗ gen Ausdruck des Eulengeſichts lachen mußte. „Daß er gar nicht der Baron iſt.“ „Sind Sie nicht recht geſcheidt?“ „Es iſt ja nichts weiter als eine Vermuthung, aber wie dieſer WMann ſich verändert hat, das iſt ganz unglaublich!“ „Bah, das iſt die Wirkung des fremden Klima's und des Vagabundenlebens, ein ſolches Leben geht nicht ſpurlos am Men⸗ ſchen vorüber.“ „Kann ſein,“ erwiderte der alte Mann gedankenvoll,„ſein Gedächtniß ſcheint auch gelitten zu haben, er konnte ſich der Schuld gar nicht mehr erinnern.“ „Zweiundzwanzig Jahre ſind eine lange Zeit!“ „Ich werde ihm das Gedächtniß ſchärfen! Was hatten Sie denn in Oſthofen zu ſuchen?“ „Ebenfalls Geſchäfte, altes Haus!“ „Sie?“ fragte Schwanenthal zweiſelnd. „Allerdings, ich habe ihm ein Gemälde verkauft.“ „Was haben Sie bekommen.“ „Tauſend Thaler.“ „Baares Geld?“ „ den„ Künſt irte, „D Neffe mich „S Lußel on zwei n9 Aber n bent N abah, weſf ½ 5 uf. 0 „ch en! So ſen S Sie, npf⸗ ie dieſer nd des un Men⸗ „ſein Schuld en Sie 635 „Jawohl.“ „Alſo dafür kann er das Geld zum Fenſter hinauswerfen?“ murrte der alte Mann.„Er ſollte beſſer ſeine Schulden he⸗ zahlen.“ „Rücken Sie ihm zu Leibe, Geld hat er wie Heu!“ ſpottete Auerbach. „Das wird auch geſchehen. Hatten Sie das Bild ge⸗ malt?“ „Nein, es war Eigenthum einer jungen Dame, einer Fräulein Laura Brand.“ Abraham Schwanenthal blieb ſtehen, ſeine funkelnden Augen hefteten ſich durchbohrend auf das ſpöttiſch und zugleich triumphi⸗ rend lächelnde Geſicht ſeines Begleiters. „Welchen Namen haben Sie da genannt?“ fragte er. „Laura Brand,“ antwortete der Maler pflegmatiſch. „Und die war Eigenthümerin des Bildes?“ „So ſagte ich.“ „Sie werden ihr tauſend Thaler baares Geld geben?“ „Natürlich, das Geld gehört ihr ja. Kennen Sie die Dame?“. „Ich weiß nicht; wenn es die Putzmacherin Brand iſt—“ „Blumenmacherin alter Herr!“ „Einerlei! Putzmamſell iſt dasſelbe!“ „Keineswegs, eine geſchickte Blumenmacherin kann immer zu den Künſtlerinnen gerechnet werden, und Laura Brand iſt eine Künſtlerin, das Zeugniß gebe ich ihr. Sie iſt ja, wenn ich nicht irre, mit Ihrem Neffen verlobt.“ „Davon weiß ich nichts,“ ſagte Schwanenthal mürriſch.„Mein Neffe kann thun, was er will, er iſt ſein eigner Herr, ich kummere mich nicht um ihn.“ „So, ſo,“ ſpottete der Maler,„der Sohn Ihres Bruders gilt Ihnen alſo gar nichts?“ „Er muß für ſich ſelbſt ſorgen, wie ich es auch gethan habe.“ „Aber Sie haben die Mittel, ihm unter die Arme greifen zu können,“ erwiderte Auerbach vorwurfsvoll,„und dabei haben Sie ſelbſt nicht Kind noch Kegel.“ „Gott ſei Dank, daß ich mit dieſer Plage verſchont blieb! — 636— Deshalb liegt mir doch wahrhaftig keine Verpflichtung ob, für meinen Neffen zu ſorgen!“ „Freilich nicht, aber Sie könnten ein gutes Werk thun, und das Bewußtſein, eine gute That vollbracht zu haben, würde Sie herrlich dafür belohnen.“ Der alte Mann zeigte höhniſch grinſend ſein lückenhaftes Gebiß. „Haben Sie ſchon ein gutes Werk gethan, daß Sie aus Er⸗ fahrung ſprechen können?“ fragte er mit beißendem Spott. „Ich habe der Braut Ihres Neffen ein kleines Vermöger verſchafft.“ „Und was iſt Ihnen die Braut meines Neffen?“ „Möchten Sie gerne den fleckenloſen Ruf des braven Mäd⸗ chens beſudeln?“ „Bewahre, die Mamſell iſt mir außerordentlich gleichgültig.“ „Und dennoch könnte ſie von der Vorſehung anserſehen ſein, Ihnen einmal die Augen zuzudrücken, wenn's Mathäi am Letzten iſt!“ ſagte der Maler, indem er mit ſeinem Stock einen gewalti⸗ gen Hieb in die Luft führte.„Das bedenken Sie gütigſt, denn wie die Sachen einmal liegen, werden die Beiden nicht von einan⸗ der laſſen, und am Ende kann es Ihnen nur angenehm ſein⸗ wenn Sie ſpäter einmal von zarten Händen geflegt werden.“ „Einſtweilen hat's damit noch keine Noth!“ „Was man von der Minute ausgeſchlagen, bringt keine Ewig⸗ keit zurück,“ ſagte Auerbach ernſt,„Sie ſäen Wind, alter Herr, und werden Sturm ernten.“ „Meinetwegen!“ „Ja, wenn Ihnen Alles gleichgültig iſt, dann läßt ſich nicht vernünftig mit Ihnen reden. Aber der Menſch verſuche die Göt⸗ ter nicht, mein Beſter, die Strafe bleibt nicht aus. Die Braut Ihres Neffen hat tauſend Thaler baares Geld, geben Sie dem jungen Manne ebenfalls tauſend Thaler, dann können die Beiden ruhig in die Zukunft blicken.“ Schwanenthal lächelte boshaft. „Sie nehmen ja ein merkwürdiges Intereſſe an der Putzmam⸗ ſell!“ ſagte er. Der Maler zog die buſchigen Brauen zuſammen, und ein , denn cinan⸗ m ſein Fwic⸗ SWig⸗ er Hor er Pelk, die Göt⸗ und ein finſtrer Blick traf den alten Mann, der höhniſch zu ihm auf⸗ ſchaute. „Laura Brand iſt die Tochter einer Frau, die ſich einſt meine Braut nannte und mir die Treue brach,“ erwiderte er.„Das werden Sie nicht begreifen können, die zarten Regungen eines feinfühlenden Herzens ſind Ihnen unbekannt. Und es kümmert fül Sie auch weiter nicht!“ om, liegen die Dinge ſo ete Schwanenthal.„Hat die Mutter die Treue ge ſo wird die Tochter es auch thun, der Apfel fällt niemals weit vom Stamme!“ „Ihre boshaften Vermuthungen können Sie ſich und mir er⸗ * ſpo tt ich auch die Mühe, über mein Vermögen zu ie verfügen zu wollen! Und damit Gott G „So ſparen Gunſten meines befohlen, Herr Auerbach, kehre Jeder vor ſeiner eigenen Thür⸗ Sie werden vor der Ihrigen auch Schmutz genug finden.“ Der alte Mann warf dem Maler durch die großen Gläſer ſeiner Hornbrille noch einmal einen boshaften Blick zu, dann ſchritt er quer über die Straße hinüber, und Auerbach ſah⸗ daß er einen ſchlecht gekleideten Mann anredete, deſſen ganze inßete Erſcheinung den heruntergekommenen Vagabund erkennen lie ich „Kennt Ihr mich noch?“ fragte Abraham Schwanenthal t ſen Mann. katürlich,“ nickte der Angeredete,„wer Sie einmal geſehen r kennt Sie nach fünfzig Jahren wieder. Ich war früher e.“ 1 ₰ hat, oft in Ihrem Hauſe. „Im Auſtrag Eures Herrn des Baron Edmund von Oſthofen. Wißt Ihr, daß er aus Amerika zurückgekommen iſt?“ „Nein.“ „Na, ich war ſoeben bei ihm, um eine alte Schuld einzukaſſi⸗ ren, die er jetzt nicht mehr etel will, wir ſprechen darüber ſpäter noch. Wie geht es E uch Johann?“ Der ehematige Reitknecht zuckte die Achſeln. „Wie ſoll's gehen?“ erwiderte er.„Wenn der Menſch kein Glück hat, kann er anfangen was er will, nichts wird ihm ge⸗ Ich hab' mein ganzes Lebenlang Unglück gehabt.“ tan hat mir geſagt, Ihr ſeiet im Geſängniß geweſen.“ „Ztn vohl, aber ich war unſchuldig.“ 8 — 638— „Das ſagen alle Verbrecher.“ „Eben drum ſage ich es auch. Wenn man Hunger hat und ſchlo keine Arbeit finden kann, fragt man nicht lange nach dem Geſetz⸗. buch, der Hunger thut weh, und Noth bricht Eiſen.“ g „Und was thut Ihr jetzt?“ fragte Schwanenthal. „Na, wenn man einmal auf dieſer Bahn iſt, dann muß man i vorwärts,“ ſpottete Johann.„Arbeit gibt mir Niemand und ich Unungen will doch auch leben.“ bunden. „Aber dieſe Bahn führt immer wieder ins Gefängniß zu⸗ i rück!“ Becker! „Vah, man wird das ſchließlich gewohnt, ſo gar ſchlimm iſt herrn n es auch nicht.“ Lichtln „Aber das Ende trägt die Laſt.“ Lörſen „Und ich wollt, das Ende wäre ſchon da, es iſt doch ein De Hundeleben!“ ſagte der Reitknecht, mit den Zähnen knirſchend. denſelt „Vielleicht thut der Majoratsherr etwas für Euch!“ V „Ich denke nicht daran! Wenn er nicht einmal ſeine Schul⸗„S den bezahlen will, dann wird er ſich auch ſeiner früheren Diener Vorte nicht erinnern, und die vornehmen Herren haben es nicht gerne, Der wenn ſie an ihre Vergangenheit erinnert werden.“ nit Su „Verſuchen könnt Ihr es immerhin,“ meinte Schwanenthal. Plot. „Das ſähe aus, als ob ich um ein Almoſen betteln wollte und„Ji zum Betteln bin ich zu ſtolz.“ geſtern Der alte Mann ſchüttelte mißbilligend den Kopf. heganr „Kommt morgen einmal zu mir,“ ſagte er nach einer Pauſe, wohl c „vielleicht findet ſich etwas für Euch, außerdem möchte ich wegen keine G Eures früheren Herrn einige Fragen an Euch richten. Wollt Ihr 5 kommen?“ widerte „Weshalb nicht? Ich habe ja Zeit genug und nichts zu ver⸗„ ſäumen.“ den“ „Da— Johann— ſeht dort— kennt Ihr den Herrn?“ Entſche In fieberhafter Erregung hatte Schwanenthal die Worte ge⸗ nun ſprochen, er zeigte dabei auf eine offene Equipage, die raſch an D ihnen vorbeirollte, und in deren Fond der Majoratsherr von heſchi Oſthofen ſaß. abzur „War er das?“ fragte der Reitknecht.„ „Habt Ihr ihn nicht erkannt?“ erwiderte der alte Mann Entſch lauernd. meiner tnh Seſet⸗ man dic — * n iſt uſe, egen Ir er⸗ 639 „Ich ſah nur die Geſtalt, nicht das Geſicht, auf dem Wogen⸗ ſchlag war das Oſthofenſche Wappen.“ Der Baron hatte die Beiden ebenfalls geſehen, das Eulenge⸗ geficht erinnerte ihn ſofort an ſeine Unterredung mit dieſem Manne. Angenehm war dieſe Erinnerung nicht, im Gegentheil, das Unangenehme derſelben wurde erhöht durch den Anblick des Vaga⸗ bunden. Aber als die glänzende Equipage vor dem Hauſe des Bankiers Becker hielt, war die düſtre Wolke von der Stirne des Majorats⸗ herrn wieder geſchwunden, und mit einem heitren, ſiegesſtolzen Lächeln auf den Lippen trat der Edelmann in das Kabinet des Börſenfürſten. Der corpulente Herr ſchritt ihm entgegen und bot ihm mit demſelben ſtolzen Lächeln die Hand. „Wollen wir in meine Familienräume hinaufgehen?“ fragte er. „Später,“ antwortete Baron Edmund,„ich möchte vorher einige Worte mit Ihnen reden.“ Der Bankier deutete mit einer leichten Verbeugung auf einen mit Sammt überzogenen Seſſel und nahm ſeinem Gaſt gegenüber Platz. „Ich weiß nicht, ob Ihnen die geheime Unterredung, die ich geſtern mit Ihrer liebenswürdigen Tochter hatte, bekannt iſt,“ begann der Majoratsherr nach einigem Zögern,„aber ich glaube wohl annehmen zu dürfen, daß Fräulein Roſa vor Ihrem Papa keine Geheimniſſe hat.“ „In dieſer Vermuthung täuſchen Sie ſich allerdings nicht,“ er⸗ widerte der Bankier. „Um ſo beſſir, wir können dann frei von der Leber weg re⸗ den,“ fuhr Baron Edmund, tief aufathmend fort,„Roſa hat die Entſcheidung in die Hände Ihres Vaters gelegt, und ich bitte Sie, nun mir dieſelbe zu geben.“ Der corpulente Herr hatte die goldene Brille abgenommen, er beſchäftigte ſich damit, die Gläſer derſelben mit ſeinem Taſchentuch abzureiben. „Sie werden gewiß keinen Zweifel gehegt haben, wie dieſe Entſcheidung ausfallen wird,“ ſagte er, ich muß es ja mir und meiner Familie zur höchſten Ehre anrechnen, mit einer ſo hoch⸗ ſtehenden Familie in enge Verbindung zu treten, und ſo ſage ich denn von ganzem Herzen Ja und Amen zu dieſem Herzensbunde, der mich glücklich und zugleich ſtolz macht.“ Der Baron verbeugte ſich geſchmeichelt und erwiderte den Handdruck ſeines zukünſtigen Schwiegervaters. „Roſa liebt Sie,“ fuhr der Bankier fort,„und ich gleube überzeugt ſein zu dürfen, daß dieſe Liebe eine gegenſeitige iſt.“ „Sie iſt es, Herr Commerzienrath, und ich werde Alles auf⸗ bieten, meine Gemahlin ſo glücklich zu machen, wie Sie es zu wer⸗ den verdient.“ „Ich zweifle nicht daran, wenn auch auf der andern Seite einige Bedenken ſich nicht ſo raſch beſeitigen laſſen.“ „Bedenken?“ fragte Baron Edmund befremdet. Der Bankier bot ſeinem Gaſt eine Cigarre an. „Bedenken, die keineswegs auf Sie, ſondern auf Ihre Fami⸗ lie ſich beziehen. Verzeihen Sie mir, wenn ich mir erlaube, die⸗ ſen Punkt zu berühren, es handelt ſich ja um die Zukunft meines einzigen Kindes.“ „Ich glaube, Sie darüber beruhigen zu können,“ erwiderte der Mojoratsherr, während er den brennenden Wachsſtock aus den Händen des Bankiers nahm, um ſeine Cigarre anzuzünden. „Was zunächſt meinen Bruder und deſſen Familie betrifft, ſo wird derſelbe Oſthofen heute oder morgen verlaſſen, und wenn in Folge meiner Heirath die Beziehungen zwiſchen ihm und mir abgebrochen werden ſollten, ſo wird er ſelbſt den größeren Scha⸗ den davon haben. Wie ich mich bisher durch ſein Urtheil und ſeine Anſchauungen in meinen Handlungen nicht beirren ließ, ſo werde ich es auch ſpäter nicht thun.“ „Und Baroneſſe Klara?“ „Sie wird in meiner Gemahlin eine Freundin finden.“ „Das wohl, aber wird auch Roſa dieſe Freundin finden?“ „Ich hoffe es.“ „Sie haben Ihre Fräulein Tochter noch nicht vorbereitet?“ „Ich habe ihr meinen Entſchluß mitgetheit, und ſie weiß, daß meine Entſchlüſſe niemals geändert werden.“ ſagte der Baron. „Nehmen wir die Dinge, wie ſie ſind, betrachten wir ſie vom objectiven Standpunkte, Herr Baron,“ erwiderte der corpulente Hert, einſtige ingin Friede ſo balb beriht und ie vollſtä als d aber gen Ihres „ an der beſeiti 6 Wn gen 2 „ wunde ter ni wird, 6 Zunei 9 Herr, leicht die Stirne runzelnd.„Baroneſſe Klara iſt die der⸗ einſtige Erbin des Majorats, vorausgeſetzt, daß ſie die einzige Erbin bleibt. Wird ſie nicht in meiner Tochter eine Eindring⸗ lingin ſehen? Unter uns geſagt, Herr Baron, glanbe ich, daß der Friede am Beſten dadurch geſichert würde, wenn Varoneſſe Klara ſo bald wie möglich heirathete. Ich bitte Sie noch einmal um Verzeihung—“ „Sie haben das nicht nöthig, Herr Commerzienrath, ich achte und ehre die Gründe, die Sie zu dieſen Bemerkungen veranlaſſen. Sie machen dieſe Bedenken im Intereſſe Ihrer Tochter geltend, und ich muß ihre Berechtigung anerkennen. Ja, ich gebe Ihnen vollſtändig Recht, wenn Sie eine baldige Heirath meiner Tochter als das beſte Mittel zur Beſeitigung aller Bedenken betrachten, aber ich frage Sie, kann die Erfüllung dieſes Wunſches erzwun⸗ gen werden?“ „War nicht die Verbindung der Baroneſſe Klara mit dem Sohn Ihres Herin Bruders projectirt?“ „Allerdings!“ „Baron Bruno iſt allerdings augenblicklich wegen eines Duells an der Heimkehr verhindert, indeß ließe dieſes Hinderniß ſich beſeitigen—“ „Nicht ſo leicht, wie Sie glauben!“ „Im ſchlimmſten Falle träfe ihn eine Feſtungshaft von eini⸗ gen Monaten—“ „Dann wäre noch immer nicht die größere Schwierigkeit über⸗ wunden,“ ſagte der Majoratsherr raſch.„Klara liebt ihren Vet⸗ ter nicht, und ich kann leider nicht glauben, daß es mir gelingen wird, ihre Abneigung gegen ihn zu überwinden.“ „Sollte die Abneigung gegen den Baron Bruno nicht in der Zuneigung zu dem Maler Rodenberg ihren Urſprung finden?“ Baron Edmund ſah den corpulenten Herrn beſremdet an. „Wer hat Sie darauf aufmerkſam gemacht?“ fragte er. „Mein eigner Scharfblick, Herr Baron. Ich war zugegen, als der Maler das Porträt der Baroneſſe brachte—“ „Und wiſſen Sie, was ich für dieſes Bild gezahlt habe?“ „Hat er es nicht aus Courtoiſie gemalt?“ „Bewahre, ich mußte tauſend Thaler dafür zahlen.“ Der Baſtard. 41 — 642— Der Banlier lächelte bedeutungsvoll. „Daraus ſcheint mir hervorzugehen, daß ein Bruch erfolgt iſt,“ ſagte er mit ſcheinbarer Unbefangenheit.„Ich erinnere mich, daß Rodenberg derzeit auch von Ihrer Seite ſich eines ſehr freund⸗ lichen Empfangs zu erfreuen hatte.“ „Der Bruch wurde hervorgerufen durch die Unverſchämtheit des Malers!“ „Ich habe das vorausgeſehen,“ nickte der Vankier, während er ſinnend den Rauchwölkchen ſeiner Cigarre nachblickte; ſolchen Leuten, mögen Sie auch noch ſo hoch ſteigen, bleibt immer die Erbärmlichkeit einer niedrigen Geſinnung anhaften, ſie haben ſie mit der Muttermilch eingeſogen. Und will das Glück ihnen wohl, dann kennt ihre Arrrganz keine Grenzen. Ich war geſtern bei dem Maler, Roſa wünſchte Sie mit ihrem Porträt zu überraſchen, und ich glaubte, es würde Ihnen angenehm ſein, wenn Rodenberg dieſes Porträt male. Wiſſen Sie, was er mir ant⸗ wortete? Ich ſei nicht genug, um ihn bewegen zu können, einen Auftrag von mir zu übernehmen! Auf eine ſo grobe Unver⸗ ſchämtheit konnte ich natürlich nichts erwidern, es blieb mir nur übrig, ihm mit Verachtung den Rücken zu wenden.“ „Der Menſch iſt zu unbedeutend, als daß wir uns länger mit ihm beſchäſtigen dürften,“ ſagte der Majoratsherr,„reden wir nicht mehr von ihm. Und was Ihre Bedenken betrifft, ſo ſind dieſelben in Wahrheit unbegründet, verlaſſen Sie ſich darauf, daß ich zu ihrer Beſeitigung das Meinige beitragen werde.“ „Ich zweifle keineswegs daran, und es wird mir gewiß ſehr angenehm ſein, wenn es Ihnen gelingt. Aber ich muß noch ein⸗ mal auf den Punkt zurückkommen, den ich vorhin berührte. Einer Ihrer Vorfahren hat, wenn ich nicht irre, die Beſtimmung ge⸗ troffen, daß in Ermangelung männlicher Erben, die Töchter des Majoratsherrn in die Erbfolge eintreten können.“ „Dieſe Beſtimmung liegt allerdings vor.“ „So würde alſo nach Ihrem Ableben Baroneſſe Klara in den Beſitz des Majorats treten,“ fuhr der corpulente Herr fort,„und die Erfahrung lehrt, daß das menſchliche Leben an einem ſehr dünnen Faden hängt.“ „Ich errathe die tiefere Bedeutung Ihrer Worte,“ ſagte der Baron ruhig,„und ich begreife, daß Sie wünſchen, die Zukunft hehlen. „E „J angeleg Roſo's „ einräu „ „A laſen Paron. gelegt „De meine ihr m ron,: ſammt mich, teund⸗ mthe Rtheit hrend ſulhen et die den ſie wohl, m hei aſchen, wenn ant⸗ einen Un über⸗ nur länger en wir o ſind ß ſehr Einer 9 ge⸗ et des in den „und ſehr te der kunft — 643— Roſa's für alle Fälle ſicher zu ſtellen. Wenn meine zweite Ehe mit einem Sohn geſegnet wird, ſo fällt natärlich dieſem das Ma⸗ jorat zu, ſollte dieſer Fall aber nicht eintreten, dann allerdings wäre Klarz die Erbin.“ „Und im letzteren Falle, Herr Baron—“ „Ich glaube, die Befürchtung, daß dieſer Fall ſchon bald ein⸗ treten könnte, liegt keineswegs ſo nahe, indeß er liegt in der Möglichkeit, und ich erachte es ſür meine Pflicht, Rückſicht auf ihn zu nehmen.“ Der Bankier nickte befriedigt, und ſtrich mit der fleiſchigen Hand leicht über die Augen. „Ich werde meiner Tochter eine Morgengabe von hundert⸗ tauſend Thalern und ein jährliches Nadelgeld von fünftauſend Thalern geben,“ ſagte er, und in ſeinen Zügen ſpiegelte ſich die ſtolze Genugthuuug, die er ſelbſt über dieſes fürſtliche Gebot empfand.„Ich hoffe, Sie werden damit zufrieden ſein, Herr Baron!“ Der Majoratsherr konnte ſeine Ueberraſchunz nicht ver⸗ hehlen. „Es iſt mehr, als ich erwarten durfte,“ erwiderte er. „Ich wünſche nun, daß dieſe Mitgift in ſoliden Obligationen angelegt werde, und es iſt natürlich, daß ſie alleiniges Eigenthum Roſa's bleibt.“ „Dagegen werden Sie ihr das Verfügungsrecht unbeſchränt einräumen?“ „Gewiß!“ „Wohlan, ich werde meiner Guttin ein kleines Schloß bauen laſſen und ihr dasſelbe als Wittwenſitz beſtimmen,“ ſagte der Baron.„Ueberdies ſollen die Zinſen der Mitgift zum Kapital gelegt werden—“ „Das iſt unnöthig,“ fiel der Bankier ihm in die Rede,„nach eneinem Tode iſt Roſa meine Univerſalerbin und ich hinterlaſſe ihr mehr, als ſie bedarf, um ihrem Stande gemäß aufzutreten. Wir wollen dieſe Fragen heute nicht weiter erörtern, Herr Ba⸗ ron, mein Notar ſoll den Ehevertrag aufſetzen, den wir insge⸗ ſammt an einem der nächſten Tage unterzeichnen. Somit wäre 41* — 644 alſo dieſe Angelegenheit ſo weit geordnet. Wann wollen Sie mit der Renovation des Schloſſes beginnen?“ „Ich wollte damit warten, bis mein Bruder es verlaſſen hat, nun aber beginne ich ſchon morgen.“ „Sie wünſchen jebenfalls, daß die Hochzeit nicht zu lange hinausgeſchoben werde?“ „Das iſt in der That mein Wunſch.“ „Nun, was mich anbetrifft, ſo finde ich nichts dagegen einzu⸗ wenden; ſollte die Renovation bis dahin noch nicht beendet ſein, ſo können Sie mir die weitere Aufſicht darüber anvertrauen, ich werde mich dieſer Aufgabe gerne unterziehen.“ „Dieſes freundliche Anerbieten nehme ich mit Dank an.“ „Werden Sie Ihre Gattin auch in der Reſidenz vorſtellen?“ fragte der Bankier nach einer Pauſe, während der er ſeinen Ge⸗ danken Audienz gegeben hatte. Jedenfalls!“ „Auch in den höchſten Kreiſen?“ „Auch dort. Die Barone von Oſthofen ſind ſchon zu lang, dem Hofe fern geblieben und dadurch etwas in Vergeſſenheit ge⸗ kommen, ich werde in den maßgebenden Kreiſen an die Verdienſte erinnern, die meine Väter ſich erworben haben.“ „Recht ſo!“ nickte der Bankier.„Man darf ſich nicht ſelbſt in den Hintergrund ſtellen, wenn man ein unbeſtrittenes Recht hat, im Vordergrunde zu ſtehen. Vielleicht finden Sie alsdann Gelegenheit, auch ein Wort zu meinen Gunſten einzulegen.“ „Ich werde an Sie denken,“ erwiderte der Majoratsherr, „liegt es nun doch in meinem eigenen Intereſſe, daß auch Ihr Verdienſt gebührend anerkannt wird.“ Die beiden Herren hatten ſich erhoben, Baron Edmund legte ſeine Cigarre in den Aſchenbecher. „Und wie ich Ihnen ſchon früher ſagte,“ nahm der Bankier noch einmal das Wort,„in Bezug auf die Mittel zur Renovation des Schloſſes können Sie bei mir über einen unbeſchränkten Cre⸗ dit verfügen. Ich bin auch Egoiſt, Herr Baron,“ fügte er lächelnd hinzu,„und ich verhehle Ihnen nicht, daß ich den leiſen Wunſch hege, der dereinſtige Majoratsherr von Oſthofen möge mein Enkel ſein.“ die d 6 vrig hatt war ſinn ibet nen ihn 0 645— Der Varon lächelte ebenfalls, und in den nächſten Minuten tiegen die beiden Herren die Treppe hinauf um ſich in das Bou⸗ doir Roſa's zu verfügen, die längſt die Equipage vor der Haus⸗ thüre bemerkt hatte und mit ungeduldiger Spannung ihren Ver⸗ 1 obten erwartete. — — — — — — — — — — 5 Abraham Schwanenthal erwartete nur den Beſuch des Poli⸗ zeiraths, um nach der Berathung mit dieſem Herrn den Prozeß gegen den Baron von Oſthofen einzuleiten. Wie er es verſprochen hatte, fand Heller am nächſten Tage ſich ein, und er ſchien keineswegs erſtaunt über die Mittheilungen, die der alte Mann ihm machte. Er hörte ſehr aufmerkſam zu und ſchien jedes Wort ſich ein⸗ prägen zu wollen, und als Schwanenthal ſene Bericht beendet hatte, nickte er, als ob er ſagen wollte, er habe das Alles er⸗ wartet. „Er ſagte alſo, er könne auf die Schuld ſich nicht mehr be⸗ ſinnen,“ verſetzte er,„erſchien Ihnen das nicht unbegreiflich?“ Ich glaube daraus ſchließen zu müſſen, daß er die Schuld „B 5 überhaupt leugnen wolle,“ antwortete der alte Mann.„Erin⸗ nern mußte er ſich ihrer, und er gab auch ſpäter, nachdem ich ihm den Schein vorgehalten hatte, ihre Richtigkeit zu. „Später erſt? Prüfte er den Schein lange?“ „Nein, er beſah ihn nur flüchtig.“ „Und dann bot er Ihnen ſofort den Vergleich an?“ „Nicht doch, er that e erſt als ich mich entfernen wollte.“ Der Polizeirath ſtützte das Kinn auf den Knopf ſeines Stockes und blickte eine Weile ſchweigend vor ſich hin. =———— — — 646— „Sie erkannten den Majoratsherrn wohl ſofort wieder?“ fragte er. „Das kann ich nicht behaupten.“ „Hat er ſo ſehr ſich verändert?“ „Die Pockennarben entſtellen ſein Geſicht furchtbar.“ „So, ſo, er hat die Blattern gehabt? Ich wußte das nicht. Seine Figur, ſein Gang und ſeine Stimme ſind wohl dieſelben geblieben?“ „Seine Stimme klingt etwas fremdartig—“ „Hm, er hat drüben zwanzig Jahre lang eine andre Sprache geſprochen und wohl ſelten während dieſes langen Zeitraumes Gelegenheit geſunden, ſich der deutſchen Sprache zu bedienen.“ „Das habe ich mir auch geſagt, die Erklärung iſt ja ſehr na⸗ türlich. Aber was rathen Sie mir jetzt zu thun? Soll ich den Prozeß anhängig machen?“ „Wenn Sie nicht auf die Zinſen verzichten wollen, werden Sie es wohl müſſen“ erwiderte der Rath, aus ſeinem Sinuen erwachend.„Man ſagt zwar, ein magerer Vergleich ſei beſſer als ein fetter Prozeß, und in vielen Fällen laſſe ich des gelten—“ „Aber hier iſt doch das Recht auf meiner Seite!“ „Nach meinem Dafürhalten gewiß.“ „Und was würden Sie an meiner Stelle thun?“ „Ich würde mein Recht auf dem geſetzlichen Wege geltend machen,“ ſagte Heller ruhig,„vielleicht zahlt der Baron die volle Summe aus freien Stücken, wenn er ſieht, daß Sie Ernſt machen; ich kann mir wenigſtens nicht denken, daß der Majoratsherr von Oſthofen wegen einer ſolchen Lumperei ſich vor Gericht fordern laſſen wird.“ „Das denke ich mir auch,“ entgegnete der alte Mann lebhaft, und hinter den großen Gläſern der Hornbrille leuchtete es freudig auf.„Wenn ihm der Advokat auf den Leib rückt und die Berech⸗ tigung meiner Forderung ihm klar macht, wird er wohl mit dem Gelde herau srücken. Er hats ja, dem heruntergekommenen Maler Auer bach hat er tauſend Thaler für ein Bild gezahlt.“ „Was? Dem?“ rief der Polizeirath überraſcht.„Auerbach arbeitet wieder?“ „Gott bewahre! Und das merkwündigſte an der Sache iſt, gelten ie volle nachen; r von otdern bhaſt, reudig gerech⸗ t dem Naler erbach e iſt, — 647— daß das Bild Eigenthum der Putzmamſell geweſen ſein ſoll, mit der mein hoffnungsvoller Reffe verlobt iſt „Das verſtehe ich nicht.“. „Ich auch nicht, Herr Rath. Auerbach hat es mir geſagt, da wirds wohl wahr ſein.“ „Vielleicht war es ein altes Bild, deſſen Werth das Mädchen nicht kannte!“ „Das weiß ich nicht; ich weiß eben nur, daß der Baron tau⸗ ſend Thaler dafür gezahlt hat. Möglich auch, daß mit dieſem Gelde etwas Andres, als das Bild bezahlt worden iſt,“ fügte der alte Mann achſelzuckend hinzu,„ich hab nicht weiter danach geſragt.“ „Na, wenn's die Wahrheit iſt, ſo werden Sie wohl jetzt nichts gegen die Heirath einzuwenden haben,“ ſagte Heller, einen ſcher⸗ zenden Ton anſchlagend.„Tauſend Thaler ſind für die jungen Leutchen ſchon ein hübſches Kapital—“ „Es fragt ſich, ob das Geld redlich erworben iſt!“ „Das wird man doch wohl erfahren können?“ „Ich kümmere mich nicht darum,“ erwiderte Schwanenthal un⸗ wirſch,„meinetwegen mag der Taugenichts in ſein Unglück hinein⸗ rennen, für mich iſt er ein Fremder.“ Er fuhr bei den letzten Worten von ſeinem Sitz empor, der Schall des eiſernen Hammers auf dem Gartenthörchen klang hell herüber.⸗ „Sie bekommen Beſuch,“ ſagte der Polizeirath. „Vielleicht iſt es der frühere Reitknecht des Baron, ich begeg⸗ nete ihm geſtern auf der Straße und redete ihn an. Der Mann iſt tief geſunken, und ich glaube nicht, daß ihm geholfen werden kann.“ „Und Sie wollten ihm wirklich helfen, wenn Sie es könnten?“ fragte Heller erſtaunt. „Hm— darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Aber in dem Prozeß gegen den Baron könnte er mir als Zeuge gute Dienſte leiſten.“ „Ah— daher rührt die humane Amwandlung?“ ſpottete der Rath.„Aber ſo gehen Sie doch, um ihn einzulaſſen, er klopft ſchon zum dritten Male.“ Schwanenthal ging mit ſichtbarem Zögern hinaus, Heller ging an das Fenſter und blickte ihm nach. S— — 648— Gleich darauf kehrte der alte Mann, von dem Vagabund be⸗ gleitet, zurück, und der Rath ließ den ſcharf beobachtenden Blick unverwandt auf dem letzteren ruhen. Der ehemalige Reitknecht ſtutzte, als bei ſeinem Eintritt in as Zimmer ſein Blick auf den Fremden fiel, dem er ſchon früher egegnet zu ſein ſchien. „Was ſoll das bedeuten?“ ſragte er barſch.„Was habe ich mit dieſem Herrn ſchaffen?“ „Er iſt nicht Euretwegen hier,“ beruhigte Schwanenthal ihn, „und wenn Ihr kein ſchlechtes Gewiſſen habt, dann braucht Ihr ja nichts zu befürchten.“ „Machen wir's kurz,“ erwiderte Johann unwirſch.„Haben Sie Arbeit für mich gefunden?“ „Na, na, ſo raſch geht das nicht. Setzt Euch, wollt Ihr ein Glas Wein haben?“ „Ich danke.“ „Ihr trinkt gar nicht?“ fragte Schwanenthal erſtaunt. „Nur dann, wenn ich das Bedürfniß dazu fühle.“ Der Polizeirath warf einen raſchen, ſtechenden Blick auf den Vagabund, er ſchien die Wahrheit dieſer Behauptung, die aus dieſem Munde überraſchend lautete, zu bezweifeln. „Erinnert Ihr Euch noch, daß Ihr mir früher häufig einen Brief des Barons von Oſthofen gebracht habt?“ fragte Schwanen⸗ thal. „Natürlich,“ erwiderte Johann. „Es war wohl eine recht luſtige Zeit?“ warf der Rath ein. „Wie man's nimmt! Es wurde freilich in Saus und Braus gelebt, aber oft fehlten Moſes und die Propheten.“ „Und dann mußte ich jedesmal aushelfen,“ ſagte Schwanen⸗ thal.„Erinnert Ihr Euch deſſen auch noch?“ „Daß wir von Ihnen oft Geld bekommen haben, weiß ich.“ „So wißt Ihr vielleicht auch, daß ich einmal dem Baron acht⸗ hundert Thaler zahlte. Er mußte eine Spielſchuld tilgen, es war das letzte, was er von mir erhielt.“ „Achthundert Thaler? Ich glaube, es waren nur ſiebenhun⸗ dertundfünfzig.“ „Nichtig!“ rief der alte Mann erfreut.„Ich wußte ja, daß Ihr Euch erinnern würdet. Ihr wart freilich nicht zugegen, da P b uf den le aus eien wanen⸗ ein. als ich ihm das Geld zahlte, aber er wird es Euch geſagt haben—“ „Ja, er ſagte es mir und dabei ſchimpfte er Sie einen Wuche⸗ rer, der gottesläſterliche Zinſen nehme und ſeinen Schuldnern die Kehle zuſchnüre.“ „Ihr könnt das vor Gericht bezeugen?“ „Gewiß, aber was wird Ihnen mein Zeugniß nutzen?“ erwi⸗ derte der Reitknecht in ſarkaſtiſchem Tone.„Ich habe ja nicht nicht mehr die Berechtigung, einen Eid ablegen zu dürfen.“ „Hm— das iſt freilich ein ſchlimmer Uebelſtand,“ ſagte der alte Mann kleinlaut,„aber das Zeugniß wird drum doch einigen Werth haben und wenn ichs bedarf, laſſe ich Euch vorladen, ver⸗ ſtanden?“ Der Polizeirath hatte Hut und Stock genommen, er ſtand ſchon an der Thüre, auf deren Schloßkrücke er jetzt die Hand legte. „Ich werde in den nächſten Tagen noch einmal vorſprechen,“ ſagte er,„befolgen Sie meinen Nath und warten Sie das Re⸗ ſultat ab, ich hoffe, es wird meinen Vermuthungen entſprechen.“ Damit ging er hinaus; langſam ſchritt er durch den Garten, das Thor zog er hinter ſich in's Schloß, dann blieb er ſtehen, wie wenn er nit ſich zu Rathe ginge, welchen Weg er nun ein⸗ ſchlagen ſolle. Es ſchien ihm ſchwer zu werden, einen Entſchluß zu faſſen denn als er am Ausgang der Gartengaſſe angekommen war, kehrte er wieder um, um denſelben Weg noch einmal zu beſchreiben. So verſtrich eine Viertelſtunde, und jetzt trat auch der ehe⸗ malige Reitknecht aus dem Gartenthor heraus. „Hab's mir faſt gedacht, daß Sie mich hier erwarten würden,“ ſagte Johann, als er ſich ſo plötzlich dem Polizeirath wieder gegen⸗ über ſah, und ein tückiſcher Blick ſchoß dabei aus ſeinen Augen. „Es war alſo doch eine Falle, in die ich gelockt wurde! Was will man von mir?“ „Nichts, gar nichts,“ erwiderte Heller kopfſchüttelnd,„und von einer Falle kann überhaupt keine Rede ſein, denn unſre Begeg⸗ nung in jeuem Hauſe war eine reit zufällige.“ „Der alte Eſel!“ brummte Johann ärgerlich, nachdem ſein forſchender Blick in dem Geſicht des Raths keinen Zug entdeckt 650 hatte, der ihn beunruhigen konnte.„Verſpricht goldene Berge und iſt zu geizig, Einem einen Groſchen anzubieten!“ „Daß er ſelbſt nichts für Euch thun würde, konntet Ihr vor⸗ ausſehen.“ „Na ja, aber wenn man ſo heruntergekommen iſt, wie ich, klammert man ſich an jede Hoffnung,“ ſagte der Reitknecht mürriſch. „Er wollte doch von mir Auskunft haben, da hätte er wohl auch etwas für mich thun können!“ „Verlaßt Euch darauf nicht. Sucht Ihr wirklich Arbeit?“ „Ich ſuche einen Poſten, auf dem ich verwenden kann, was ich gelernt habe. Steinklopfen iſt meine Sache nicht, ich würd's nicht aushalten, deshalb fange ich es lieber gar nicht an. „Und wovon habt Ihr bisher gelebt?“ „Wollen Sie mir auf den Zahn fühlen?“ „Nein, nein, dieſe Frage liegt ja ſehr nahe!“ „Aber die Antwort liegt nicht ſo nahe. Unſereins hat immer Hülfsquellen.“ „Wenn Ihr nur der Polizei gegenüber ein reines Gewiſſen habt!“ ſagte der Rath mit einem forſchenden Blick auf das etwas aufgedunſene Geſicht des Reitknechts. „Na, ich meine doch, die ſähe mir ſcharf genug auf die Finger!“ „Gebt mir eine offenherzige Antwort, Walker, ich meine es gut mit Euch.“ „Seitdem ich entlaſſen bin, habe ich nichts verbrochen.“ „Gut, ich will Euch glauben. Und jetzt mache ich Euch einen Vorſchlag, den Ihr wohl überlegen mögt, ehe Ihr ihn von der Hand weiſet. Wollt Ihr in unſern Dienſt treten?“ Der Reitknecht ſah ihn ganz betroffen an, er ſchien ſeinen Ohren nicht zu trauen. „In den Dienſt der Polizei?“ erwiderte er.„Wohl als Spion, wie?“ „Nennt es Agent, das lautet beſſer.“ „Aber es bleibt dasſelbe!“ „Was liegt daran! Ich kann Euch Hunderte nennen, die das⸗ ſelbe gethan haben, die als Verbrecher berüchtigt und ſpäter ge⸗ achtete Leute waren.“ 6 wirklit kann.“ Alles kleiden ein fo tinmer Bewiſen s etwas uf die eine ez ch einen on der ſeinen Spion, die da⸗ äter ge⸗ „Geachtet?“ ſpottete Johann.„Ein Spion kann niemals ein geachteter Mann werden!“ „Glaubt Ihr es auf dem Wege zu werden, auf dem Ihr jetzt ſeid?“ erwiderte der Rath mit ſcharfer Betonung.„Dieſer Weg endet immer im Zuchthauſe oder im Spital, wenn Ihr nicht eines elenden Hungertodes am Wege ſterbt.“ „Und wos hätte ich zu thun, wenn ich auf den Vorſchlag. einginge?“ „Nur die Aufgaben zu löſen, die Euch geſtellt werden.“ „Das heißt mit anderen Werten, ich müßte diejenigen ver⸗ rathen, die bisher meine Freunde waren, und denen ich Dank ſchulde,“ ſagte der Reitknecht, die Brauen zuſammen ziehend. „Das verlangt Niemand von Euch. Aber wenn Euch befoh⸗ len wird, dieſen, oder jenen Lump zu beobachten und Bericht über ihn zu erſtatten, ſo müßt Ihr dieſem Befehl gewiſſenhaſt nach⸗ kommen.“ „Und was wird dafür gezahlt?“ „So viel, daß Ihr anſtändig davon leben könnt. Trinkt Ihr wirklich nicht?“ „O, doch, aber nie, oder nur ſelten mehr, als ich vertragen kann.“ „Das iſt eine gute Eigenſchaft. Ihr ſcheint auch ein ſcharfes Gedächtniß zu haben?“ „Stellen Sie es auf die Probe, Herr Rath.“ „Später! Wenn Ihr meinen Vorſchlag annehmt, ſo tretet Ihr zuvor in meine Dienſte, es iſt die erſte Schule in der Ihr Alles lernen könnt, was Ihr wiſſen müßt. Ich werde Euch neu kleiden und in jeder Beziehung für Euch ſorgen, ſo lange Ihr ein folgſamer und pflichttreuer Schüler ſeid, und ich eröffne Euch damit eine Karriere, auf der Ihr es zu etwas bringen könnt.“ „Das klingt Alles recht ſchön, aber—“ „Entweder— oder, mein Beſter! Ein ſolcher Vorſchlag wird Euch nicht wieder gemacht, und kommt Ihr abermals in's Gefäng⸗ niß, dann iſt's für eine ſehr lange Zeit. Wie lange wart Ihr in den Dienſten des Barons von Oſthofen?“ „Fünf Jahre.“ „Und aus welchem Grunde wurdet Ihr entlaſſen?“ 7 652— Die Adern auf der Stirne des Reitknechis ſchwollen dro⸗ hend an. „Damals haben die Leute geſagt, ich ſei wegen Untreue fort⸗ geiagt worden,“ erwiderte er,„der Baron war der Erſte, der es behauptete, aber es war eine Lüge, und ich weiß wohl, weshalb der Baron ſie aus der Luft gegriffen hat. Wäre dieſe Schuld nicht auf mich gewälzt worden, dann hätte der Majoratsherr von Oſt⸗ hofen am Pranger geſtanden!“ „Holla, das iſt eine ſtarke Behauptung!“ „Hätte ich nur damals meine Unſchuld beweiſen können!“ knirſchte Johann mit verbiſſener Wuth.„Aber ich war ein armer Teufel, und mit dem macht man wenig Umſtände, die Leute glaub⸗ ten es ja, daß ich geſtohlen hoben ſollte, was wollte ich ehne Beweiſe dagegen machen? Ich hab den Baron zur Rede geſtellt, aber er ließ mich hinauswerfen, und von dem Augenblick an be⸗ gann mein Unglück.“ „Na, wenn Ihr in meine Dienſte tretet, findet Ihr wahrſchein⸗ lich Gelegenheit, Rache dafür zu nehmen,“ ſagte der Rath. „Wenn Sie mir das verſprechen, haben Sie mich ſofort!“ „Ich verſpreche es Euch, inſofern es in der Möglichkeicht lieg Wir reden darüber morgen näher, vorausgeſetzt, daß Ihr feſten ſchloſſen ſeid, auf meinen Vorſchlag einzugehen.“ „Bedenkt wohl, eine Rückkehr iſt unmöglich. Seid Ihr der Unſrige geworden, ſo müßt Ihr es anch ganz ſein. Werdet Ihr uns untreu, oder betrügt Ihr uns, ſo haben wir Mittel genug, Euch zu beſeitigen und unſchädtich zu machen.“ Dieſe drohenden Werte machten ſichtbar Eindruck auf den Vogabund, er blickte eine Weile finſter vor ſich hin, offenbar über das Gehörte nachdenkend, und Heller beobachtete ihn ſo ſcharf, als ob er in die innerſten Tiefen ſeiner Seele eindringen „Ich will der Ihrige ſein,“ ſagte er endlich,„aber ich erwarte dabei, daß Sie ebenſo treu Ihr Verſprechen halten, wie ich das meinige halten werde.“ „Das verſteht ſich von ſelbſt,“ erwiderte der Polizeirath, in⸗ dem er einen Thaler aus der Taſche holte und ihn dem Reitknecht 4 k. †. 1 onn — 653 überreichte,„hier iſt die erſte Abſchlagszahlung. ich wohne?“ „Nein.“ Heller nahm ſein Portefeuille heraus und überreichte ihm eine Karte. „Da habt Ihr meine Adreſſe,“ ſagte er,„Ihr könnt dreiſt zu mir kommen, ich wohne ziemlich abgelegen, alſo wird Euch Nie⸗ mand bemerken. Wir ſprechen dann über Alles ausführlich, und wenn ich ſehe, daß Ihr der⸗ Mann ſeid, von dem ich etwas er⸗ warten kann, ſo werde ich Euch ſofort die Mittel geben, einen neuen Anzug anzuſchaffen und eine beſcheidene Wohnung zu mie⸗ then. Aber das prägt vor allen Dingen Euch ein, Walker, ver⸗ ſchwiegen müßt Ihr ſein, wie das Grab! Es könnte ſpäter vor⸗ kommen, daß man Euch ins Geſicht ſagte, Ihr ſeiet ein Spion, dann fahrt nicht gleich auf, ſondern begegnet Euren Feinden mit Verachtung.“ Johann war bei dem Wort„Spion“ zuſammengezuckt, als ob eine Schlange ihn gebiſſen habe. „Ich werde kommen,“ erwiderte er. „Und noch Eins; ich möchte Eure Geſchicklichkeit auf eine kleine Probe ſtellen. Kennt Ihr den Maler Anerbach?“ „Ich glaube jedes Kind kennt ihn.“ „Gebt Acht. Auerbach hat geſtern von dem Baron von Oſt⸗ hofen tauſend Thaler erhalten, angeblich für ein Gemälde, wel⸗ ches Eigenthum einer gewiſſen Laura Brand geweſen ſein ſoll. Ich möchte mit Sicherheit erfahren, wie die Sache zuſammen⸗ hängt.“ „Und wie kann ich das erfahren?“ „Das iſt Eure Sache. Auerbach beſucht täglich die Schenke zur rothen Traube, Ihr wißt alſo wo Ihr ihn finden könnt.“ „Damit allein iſt es nicht gut—“ „Ich kann Euch nur ſagen, ſeht zu, wie Ihr's herausbringt, es iſt eine Probe, auf ldie ich Euch ſtelle. Morgen werdet Ihr mir Bericht erſtatten.“ „Alſo, Sie wünſchen zu wiſſen, ob Auerbach das Geld wirklich für ein Bild bekommen hat?“ „Und ob dieſes Bild Eigenthum jener Laura Brand war.“ — 654— r auf „Da müßte man ſich an Fräulein Brand wenden. War das ind Bild ihr Eigenthum, ſo wird ſie ja auch das Geld dafür bekom⸗ die der! men haben.“ Vilt „Allerdings logiſch gedacht, aber Fräulein Brand könnte trif⸗ vie in ſi tige Gründe haben, darüber zu ſchweigen und dann—“ un „Ich verſtehe,“ ſagte der Reitknecht raſch.„Was gemacht wer⸗ Und den kann, ſoll gemacht werden.“ d mi „Ich verlaſſe mich darauf,“ erwiderte der Rath,„und damit eue adieu, morgen erwarte ich Euch, und da ich ſehr früh aufzuſtehen. nja pflege, ſo wäre es mir lieb, wenn Ihr recht früh kommen wolltet, 6 du damit wir den Tag noch vor uns haben.“ ſch V „Wenn Sie es wünſchen, um fünf Uhr.“ „Kommt um ſechs Uhr, dann paßt es mir am beſten.“ 6 Johann blickte dem beleibten Manne nach, der ohne ein weite⸗ ſiult res Wort des Abſchieds raſch von dannen ging. ſin Bereute er den Entſchluß, den er ſo raſch gefaßt hatte? ni Im erſten Augenblick wollte allerdings ein Gefühl der Reue ſ2 ihn beſchleichen aber dann erinnerte er ſich, daß der Rath ihm Rache an dem Baron werſprochen hatte, und dieſe Erinnerung 6 überwand jedes Bedenken. Er ſchob die Hände in die Taſchen und ſetzte, einen luſtigen Marſch pfeifend, ſeinen Weg fort, und dabei dachte er über die 4 Löſung der ihm gewordenen Aufgabe nach.„Ein In der rothen Traube ſollle er Auerbach finden, und obgleich dent der Abend noch nicht angebrochen war, beſchloß er doch, unver⸗„ züglich hinzugehen. ling Er kannte die Schenke, ſie wurde meiſt nur von Künſtlern, bie S Gerichtsherren und Rentnern beſucht, und er dachte nicht daran, berze Der verächtliche Blick des Wirths machte ihn zuerſt darauf nußt. aufmerkſam, aber Johann Walker kümmerte ſich darum nicht, er„ ließ ſich in einer dunklen Ecke des kleinen Gaſtzimmers nieder und Gaſt forderte einen Schoppen Wein. Ihn daß er in dieſen Kreis nicht paßte. nem An einem andern Tiſche ſaß bereits eine luſtige, wenigſtens ſehr laute Geſellſchaft, und unter dieſen auch der Maler Auerbach mit ſeinem Freunde Rodenberg. Der Reitknecht gab ſich den Anſchein, als hege er nicht das geringſte Intereſſe für dieſe Gäſte, in Wahrheit aber horchte er weite⸗ Reue h ihn erung ſtigen er die leich g. Uern, wauf d er rund ſlens rhach — 655— ſehr aufmerkſam auf die Geſpräche, die dort geführt wurden, und in denen er eine genügende Beantwortung aller Fragen fand, die der Polizeirath ihm aufgegeben hatte. Willy Rodenberg trank haſtig, in ſeinen Worten und Blicken wie in ſeinem ganzen Weſen ſpiegelte ſich eine fieberhafte Aufre⸗ gung. „Und ich ſage noch einmal, derjenige, der darüber geſprochen und meine Riederlage an die große Glocke gehangen hat, iſt ein ehrloſer Schuft!“ rief er.„Die Motive dieſer Indiscretion lie gen ja klar auf der Hand, man will mich lächerlich machen und ſich durch ſolche niedrige Mittel an mir rächen.“ „Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu ſor⸗ gen,“ ſagte ein alter Herr, den die übrigen Gäſte„Profeſſor“ nannten,„das kann niemals ausbleiben. Sie hätten vorſichtiger ſein ſollen, mein beſter Freund, in ſolchen Kreiſen darf man nicht mit der Thüre in's Haus fallen, und man ſieht, daß Sie in de ſer Beziehung noch keine Erfahrungen gemacht haben.“ „Bah, ihn trifft kein Vorwurf“, erwiderte Auerbach, während er die Gläſer wieder füllte.„Wer kann dem Schmetterling weh⸗ ren, an der Flamme der brennenden Kerze die Flügel zu ver⸗ ſengen? Alles ſtrebt zum Licht, zur Schönheit, und „Der Vergleich hinkt!“ fiel der Proſeſſor ihm in's Wort „Ein unvernünftiges Thier kann man doch wahrhaftig nicht mi dem denkenden Menſchen vergleichen!“ „Was wollen Sie, Profeſſor? Wie das Licht den Schmetter⸗ ling blendet, daß er die Gefahr nicht erkennen kann, ſo blendete die Schönheit der Baroneſſe Klara unſern Freund! Der Zug des Herzens iſt des Schickſals Stimme und ein edler Menſch in ſei⸗ nem dunklen Drange iſt ſich des rechten Weges wohl be⸗ wußt.“ „Iſt es denn wirklich wahr?“ fragte ein ſoeben eingetretener Gaſt den Maler Rodenberg,„hat die Baroneſſe von Oſthofen Ihnen einen Korb gegeben?“ „Wer hat Ihnen das geſagt?“ brauſte Willy auf. „Wer? Man ſpricht ja überall darüber!“ „Jeder ſollte vor ſeiner eignen Thüre kehren, Ferrand!“ „Gilt das mir perſönlich, Rodenberg?“ erwiderte der junge Herr, in deſſen Augen der Zorn aufblitzte.„Ich weiß, wie weit — 656— ich gehen darf, und wenn ich zehnmal den erſten Preis gewonnen hätte, würde ich doch nicht ſo thöricht ſein, mich ſo gewaltig zu überheben. Eine Baroneſſe von Oſthofen macht andre Anſprüche und geſetzt, ſie b thäte es nicht, ſo thut es doch ihr Vater und ihre Familie.“ Auf der Stirne Willy's ſchwollen die Adern an, der Profeſſor legte beſchwichtigend die Hand auf ſeinen Arm und warf dem Gegner einen warnenden Blick zu. Auerbach hielt dem Freunde das volle Glas hin. „Trink' ihn aus den Trank der Labe und vergiß den großen Schmerz!“ ſagte er.„Was kümmert Dich die ganze Schwefel⸗ bande!“ Haſtig ſtürzte Willy den Inhalt des Glaſes hinunter. „Ich würde Ihnen rathen, in der Arbeit Vergeſſenheit z ſuchen,“ ſagte der Profeſſor in ernſtem, mahnendem Tone. ſchehene Dinge laſſen ſich nicht ungeſchehen machen, aber im Laufe der Zeit vergißt man ſie.“ „Arbeiten?“ erwiderte Willy mit bittrem Spott.„Können Sie arbeiten wenn's im Innern ſtürmt und tobt? Und für wen, für was ſoll ich arbeiten?“ „So dürfen Sie nicht reden!“ „Ja doch, ſo rede ich! Wenn ich ein neues Gemälde aus⸗ ſtelle, ſo werden die Leute davorſtehen und ſich die Geſchichte eines Maler erzählen, der von einigen hochnaſigen Burſchen wie ein Hund behandelt wurde!“ „Sie denken noch immer an den Vorfall im Konzertſaal?“ „Glauben Sie, daß ich ihn vergeſſen könne?“ „Freilich nicht, aber das Urtheil aller Anweſenden war auf Ihrer Seite.“ „Jetzt vielleicht nicht mehr,“ ſagte Ferrand, in deſſen Zügen eine ſchlecht verhehlte Schadenfreude ſich ausprägte.„Man wird jenen Vorfall mit dem neueſten Ereigniß in Verbindung bringen und daraus den Schluß ziehen, daß Baron Bruno von Oſt⸗ hofen—“ „Wollen Sie dieſen Buben vertheidigen?“ rief Willy, zornig auffahrend.„Ihnen ſähe das ähnliche, und ich würde keineswegs darüber erſtaunen, weiß ich doch, daß Sie derzeit, als mir der Preis zuerkannt wurde, der eifrigſte meiner Gegner waren. Sie haben tobe t theiſc 1en — 2 Waſih nuch ich ſtebe und der z das Al nit 02 ar auf Zügen n wird bringen n Oj⸗ 657 haben überall und bei jeder Gelegenheit erklärt, mein Gemälde habe dieſe Auszeichnung nicht verdient, die Preisrichter ſeien par⸗ theiiſch geweſen, ſie hätten einem andern Bilde den Preis zuer⸗ kennen müſſen.“ „Das habe ich nicht behauptet!“ erwiderte Ferrand, deſſen Wangen bleich geworden waren. „Pah, leugnen iſt Kinderſpiel, Sie wiſſen nur zu gut, daß ich mich zu wenig um ſolch albernes Geſchwätz kümmere, als daß ich ich mir die Mühe machen würde, Ihnen Zeugen gegenüber zu ſtellen.“ „Was ſoll der Lärm?“ ſcherzte Auerbach.„Die ſchlechtſten Früchte ſind es nicht, daran die Wespen nagen. Trink' Willy und laß die Todten ihre Todten begraben.“ „Sie haben ja das Porträt der Baroneſſe gemalt?“ wandte der Profeſſor ſich zu Willy.„Ich würde an Ihrer Stelle, um zu zeigen, daß ich über das Urtheil der öffentlichen Meinung und das Gerede boshafter Zungen erhaben wäre, dieſes Bild in die Ausſtellung ſchicken. Da es Ihr Eigenthum iſt, können Sie ja mit ihm machen, was Sie wollen.“ „Ich beſitze das Bild nicht mehr,“ erwiderte Wiley kurz. „Ah, Sie haben es ſchon abgeliefert?“ Jawohl.“ „Was haben Sie dafür bekommen?“ „Nichts.“ „Das glaubt Ihnen Niemand,“ ſpottete Ferrand.„Sie wer⸗ den doch dieſen Leuten nichts ſchenken?“ „Er hats einer andern Dame geſchenkt,“ nahm Auerbach das Wort,„und im Namen dieſer Dame habe ich das Porträt dem Baron von Oſthofen verkauft.“ Der Profeſſor ſchüttelte den Kopf. „Daraus werde ich nicht klug,“ ſagte er.„Das Bild einer andern Dame geſchenkt? Dieſe Großmuth iſt ja haarſträu⸗ bend.“ „Wer weiß, welche Gründe—“ „Erſparen Sie ſich unnütze Vermuthungen!“ ſchnitt Willy, deſſen Blick immer ſtierer und ichetet dem Maler S Der Baſtard. 42 — mir völlig unbekannt, Auerbach betrachtet ſie gewiſſermaßen als ſeine Pflegetochter.“ „Und dieſe Dame hat den vollen Preis erhalten?“ fragte der Profeſſor. „Jawohl,“ antwortete Auerbach,„tauſend Thaler.“ „Soviel hat der Baron für das Porträt gezahlt?“ „Wenn er den Preis nicht anlegen wollte, konnte er das Bild zurückgeben.“ „Das begreife, wer kann,“ ſpottete Ferrand. „Es iſt ja nicht nöthig, daß Sie es begreifen,“ erwiderte Willy, „ich rechne weder auf Dank, noch auf Anerkennung, und ich glaube, über meine Handlungen Niemandem Rechenſchaft ſchuldig zu ſein.“ „Ruhig, meine Herren!“ ſagte der Profeſſor begütigend,„ich ſehe keine Veranlaſſung zu einem Streit. Herr Rodenberg muß ja ſelbſt wiſſen, was er zu thun und zu laſſen hat und die Gründe ſeiner Handlungen können uns gleichgültig ſein.“ Zwei neue Gäſte traten in dieſem Augenblick ein, der Ver⸗ walter Wortmann und Hellmuth Waldſtern, und beim Anblick des Verwalters entſuhr ein leiſer Wuthſchrei den Lippen Willy's. Hellmuth trat auf ihn zu und bot ihm die Hand, Wortmann lächelte höhniſch. „Du haſt natürlich auch ſchon die Geſchichte erfahren?“ ſagte Wily in leidenſchaftlicher Aufregung.„Der alte Schleicher dort wird ſie Dir triumphirend erzählt heben—“ „Du thuſt ihm Unrecht,“ erwiderte Hellmuth gelaſſen,„haſt Du nicht vorgeſtern ſelbſt mir den unangenehmen Vorfſall mitge⸗ theilt?“ Du kamſt von Oſthofen und ich war auf dem Wege zu meiner Braut—“ „Jetzt wird mir Alles klar!“ fiel Willy ihm haſtig in die Rede.„Du haſt meine Mittheilungen dem Verwalter benichte nicht wahr?“ „Beſtreiten will ich das nicht.“ „Und der Schleicher hat dieſe Gelegenheit wahrgenommen, um ſich an mir und meiner Mutter zu rächen. Das war ein ſchlechter Freundſchaſtsdienſt, Hellmuth!“ „Kannſt Du glauben, doß ich dabei eine böſe Abſicht geheg habe?“ fündig g 6 wir Z 2 und ernſt will führ tote nehe gehe S hau Gle Niei beſt Wif Vich, glaube, ſig zu d,„ich mß Gründe er Ver⸗ lid des rtmann het dort „haſt nitge lge⸗ ege zu in die berichte *— „Wenn ich das annehmen könnte, wärſt Du in meinen Augen ein Ehrloſer!“ „Willy!“ fuhr Hellmuth drohend auf. „Bah, ich nehme an, daß Du nur oberflächlich und gedanken⸗ los gehandelt haſt, aber auch das kann ich Dir nicht verzei⸗ hen!“ „Suchſt Du einen Vorwand, um mir die Freundſchaſt aufzu⸗ kündigen?“ „Den brauche ich nicht zu ſuchen, Du ſorgſt ja dafür, daß er mir gegeben wird!“ Das Geſicht des Bildhauers hatte einen ungewöhnlich ernſteu und zugleich tieftraurigen Ausdruck angenommen. „Ich will jetzt über dieſe Worte nicht mit Dir richten,“ ſagte „Du biſt nicht in der Stimmung, in der ein ernſtes Wort Eindruck auf Dich machen könnte. Aber warnen will ich Dich doch vor dem Wege, auf dem Du Dich befindeſt, er führt zu einem Abgrunde.“ „Sie ſcheinen ſich zum Prediger ausbilden zu wollen,“ ſpot⸗ tete Auerbach.„Früh übt ſich, was ein Meiſter werden will— gehen Sie zum Teufel, Sie machen uns den Wein ſauer.“ Hellmuth warf ihm einen flammenden Blick zu, dann wand er ihm mit einer Miene unſaglicher Verachtung den Rücken. Wortmann hatte bereits eine Flaſche Wein beſtellt, der Bild⸗ hauer nahm ihm gegenüber Platz und griff mechaniſch nach dem Glaſe, welches für ihn bereit ſtand. „Was hatten Sie mit ihm?“ fragte der Verwilter lauernd „Er hat mir Vorwürfe gemacht darüber, daß ich Ihnen ſeine Niederlage in Oſthofen berichtet habe,“ erwiderte Hellmuth,„er beſchuldigt Sie, dieſe Niederlage weiter erzählt zu haben.“ „Wirklich? Mit welchem Recht kann er denn verlangen, daß die Sache geheim bleiben ſoll?“ „Sie hätten das nicht thun dürſen!“ „Dann dürfte er auch Ihnen keine Mittheilung machen.“ „Er vertraute ſich einem Freunde an.“ „Das will nichts heißen! In Oſthofen weiß gefallen iſt, die Diener haben für ſolche Ereigniſſe Jeder, was vor einen ſcharfer⸗ 111 —iC. 660 „Es kommt immer darauf an, wie eine Sache berichtet wird!“ „Man mag ſie berichten, wie man will, die Wahrheit findet Jeder heraus, und dieſe Wahrheit iſt für den hochnaſigen Maler nichts weniger, als ſchmeichelhaft,“ ſagte der Verwalter achſelzu⸗ cend.„Wie hat das Volk ſich mir gegenüber benommen? Mein Antrag war ſehr ehrenwerth, und man hätte ihn wohl in Erwä⸗ gung ziehen können, aber ſtatt deſſen behandelt man mich wie einen Menſchen, der um ein Almoſen bettelt. Ich hätte dem Bur⸗ ſchen dort einen makelloſen Namen gegeben und ſeiner Mutter eine ſorgenfreie Exiſtenz geſichert.“ „Das hat ſie ohnedies,“ fiel Hellmuth ihm in's Wort. „Was wird ſie haben? Ein kleines Vermögen, es iſt kaum der Rede werth! Und wenn der Junge ſo fortfährt, wie er jetzt begonnen zu haben ſcheint, ſo wird das Elend bald an ihre Thüre klopfen; der Menſch iſt ja betrunken?“ „Leider!“ „Und wer auf dieſem Wege einmal iſt—“ „Auerbach hat ihn verführt!“ „Ein charakterfeſter Menſch läßt ſich nicht verführen! Ich hätte ihm die Hand der Baroneſſe verſchafft—“ „Sie?“ fragte Hellmuth erſtaunt. „Ja, ich hätte es gethan! Ich weiß, wie man mit ſolchen Damen umgehen muß, ich würde mit Nath und That für ihn gewirkt haben, bis er das Ziel erreicht hätte. Aber er wollte ja nicht! Jetzt hat er die verdiente Naſe bekommen, und ich gönne ſie ihm von Herzen.“ Hellmuth ſchüttelte mißbilligend das Haupt, ein vorwurfsvoller Blick traf den alten Mann, der behaglich ſeinen Wein ſchlürfte. „Sie ſind rachſüchtig,“ ſagte er,„man muß vergeben und ver⸗ geſſen können.“ „Können Sie es?“ fragte Wortmann.„Würden Sie es ver⸗ geſſen haben, wenn Helene Ihnen einen Korb gegeben hätte?“ „Ich würde die Gründe— „Pah, hier waren keine Gründe wenigſtens nicht ſolche, die nar gelen laſſen konnte! Bin ich auch ein alter Mann, ſo iſt „ — D Pernbl lich Sl nic — 661— Frau Rodenberg auch nicht mehr jung, und ich brachte ihr ein Vermögen in die Ehe, welches—“ Wortmann brach ab, er ſchien offenbar zu fürchten, daß er ſchon zu viel geſagt hatte. Sein ſtechender Blick ſtreifte lauernd das Geſicht des Bildhauers, der die Worte kaum gehört zu ha⸗ ſchen ſchien. „Laſſen wir uns das nicht anfechten,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„die Unverſchämtheit hat ihre verdiente Strafe erhal⸗ ten, und was kümmert uns dieſer Burſche! Ich habe Ihnen ſchon geſagt, daß ich wünſche, Sie mögen jeden Verkehr mit ihm abbre⸗ chen, und ich ſagte Ihnen das nicht aus niedriger Rachſucht, ſon⸗ dern in Ihrem eigenen Intereſſe, ich ſah voraus, daß es ſo kom⸗ men würde, wie es gekommen iſt.“ Willy war von ſeinem Sitz aufgeſtanden, mit ſchwankenden Schritten hatte er ſich dem Tiſch genähert, an dem die Beiden ſaßen, und jetzt ſtand er dem Verwalter gegenüber, und ſein sornglühender ſtierer Blick ſchien den alten Mann vernichten zu wollen. We „Wenn Sie die Gerüchte verbreitet haben, von denen die ganze Stadt voll iſt, dann ſind Sie ein elender Lump,“ ſagte er mit bebender Stimme,„und daß kein Andrer als Sie es gethan hat, muß ich annehmen, ſo lange Sie mir nicht das Gegentheil be⸗ weiſen.“ e8 „Die Beweiſe hat der Ankläger zu liefern!“ erwiderte Wort⸗ mann höhniſch.„Den Lump gebe ich Ihnen zurück, er paßt für Sie beſſer.“ „Komm, komm,“ drängte Auerbach, der neben dem Freunde ſtand,„für einen Kammerdiener gibt es keinen Helden!“ „Laß mich!“ wehrte Willy ab, ich muß dieſem Manne ſagen, daß ich ihn verachte.“ „Ob Sie mich verachten oder verehren, iſt mir außerordent⸗ lich gleichgültig,“ ſpottete Wortmann,„halten Sie das ganz wie Sie wollen, ſorgen Sie nur dafür, daß die Straßenbuben Ihnen nicht nachlaufen, den guten Rath will ich Ihnen geben.“ „Und ich ſage Ihnen noch einmal, daß Sie ein Lump ſind!“ rief Willy wüthend. Wenn Sie nicht betrunken wären, würde ich Ihnen etwas „ 0 Andres ſagen! Scheeren Sie ſich hinaus, das iſt augenblicklich das Klügſte, was Wie thun können.“ Willy machte eine Bewegung, als ob er ſich auf den alten Mann ſtürzen wolle, aber er mochte wohl fühlen daß ſeine Kräfte dazu nicht ausreichten, überdies traten Hellmuth und der Profeſſor zwiſchen die Beiden, während Auerbach ſich bemühte, den Freund mit ſich fortzuziehen. „Es gibt kein erbärmlicheres Subjekt unter der Sonne, als dieſes, knirſchte Willy, bebend vor Wuth,„ſpäter wird's einmol an den Tag kommen, dann ſollen noch Manchem die Augen auf⸗ gehen.“ e alter ſchwieg, aber ſein funkelnder Blick folgte voll und 5 ß dem jungen Manne, der jetzt trotz ſeines Wider⸗ ſben s hinausgeführt wurde. „Der iſt auf einem guten Wege,“ ſpottete er,„ſeine Mutter wird ſich freuen, wenn er ihr in's Haus fällt!“ „Haben Sie denn gar kein Mitleid mit ihm?“ fragte Hell⸗ muth vorwurfsvoll. „Mitleid? Mit dem? Ich wüßte nicht, was mich dazu veran⸗ laſſen könnte!“ „Das Unglü ick— „Unſinn! Jeder iſt ſeines eignen Glückes Schmied! Er hätte in dem Kreiſe bleiben ſollen, in den er gehört, wer zu hoch hinaus will, der kann tief fallen.“ „Kennen Sie mich noch?“ fragte eine heiſere Stimme, und vor dem überraſcht aufblickenden Verwalter ſtand der ehemalige Reitknecht, dem bisher Niemand Beachtung geſchenkt hatte. Wortmann ſah ihn lange forſchend an, dann ſchüttelte er den Kopf. „Sie mögen vielleicht früher in beſſeren Verhältniſſen geweſen ſein,“ antwortete er,„aber ich kann mich nicht erinnern, Sie je geſehen zu haben.“ „Ich war Reitknecht bei dem Baron Edmund.“ „Johann? Hm, zu Ihrem Vortheil haben Sie ſich auch nicht verändert.“ „Sie ebenfalls nicht.“ „Und was thun Sie jetzt?“ „Ich privatiſire.“ ode wi . H — 663— „Das Geſchäſt ſcheint auch nicht viel abzuwerfen!“ „Jeder ergreift, was er verſteht,“ ſagte der Reitknecht achſel⸗ zuckend.„Der verſchollene Baron iſt ja zurückgekommen!“ „Wollt Ihr wieder in ſeinen Dienſt treten?“ fragte Wort mann ſpöttiſch. „Das nicht, aber ich glaube, wir haben noch eine alte Rech⸗ nung zu orbdnen.“ Der Verwalter ſchien den Sinn dieſer Worte nicht zu ver⸗ ſtehen, er zog die Brauen hoch hinauf und ſah den Vagabund erwartungsvoll an. „Eine alte Rechnung?“ fragte er.„Aus jener Zeit? Ich glaube, damit werdet Ihr wenig Glück haben, man weiß ja, wes⸗ halb Ihr damals entlaſſen wurdet.“ „So, weiß man das?“ Ihr ſeid natürlich auch einer von Denjenigen, die von allen Menſchen das Schlimmſte glauben! Wenn man Euch ſagt, der oder Jener habe geſtohlen, ſo frazt 2 Ihr nicht lange nach Beweiſen, Ihr glaubts auch ohne Beweis, es muß ja wahr ſein, weils behauptet wird.“ „Und daß Ihr die Schuld leugnet, finde ich auch natürlich,“ erwiderte Wortmann ſarkaſtiſch.„Sie machen's ja Alle ſo.“ War ihm die Unterhaltung mit dem Vagabund unangenehm, oder ſchmeckte ihm nach dem Auftritt mit Willy der Wein nicht mehr, er erhob ſich nach dieſen Worten und nahm ſeinen Hut. Hellmuth wollte ihn begleiten, aber der Verwalter bot ihn, zu bleiben und die Flaſche auszutrinken. „Ich werde allein den Weg nach Oſthofen finden,“ ſagte er, „morgen Mittag erwarte ich Sie zu Tiſch, wir können dann wegen der Hochzeit das Nähere verabreden.“ „Aber Helene wird mich erwarten—“ „So mag Sie warten, ich werde Sie ſchon entſchuldigen.“ Damit gins der alte Mann zinaus, und der Reitknecht folgte ihm „Ich möchte mit Ihnen noch einige Worte reden,“ ſagte Jo⸗ hann, als er den Verwalter eingeholt hatte,„Sie können mir ja am beſten Auskunft geben.“ „Worüber?“ fragte Wortmann lakoniſch. „Ueber den jetzigen Majoratsherrn. Iſt die Baroneſſe, die * — * Baron Ed⸗ 6 dem Maler den Korb gegeben hat, eine Tochter mund?“ .„Jawohl.“ „Der Baron hat ihm die§ „Wißt Ihr das auch ſchon „Sie ſprachen ja im laut darüber, und ich ſehe nicht ein, weshalb ich meine Ohren verſchließen ſollte.“ „Und weßhalb intereſſirt Ihr Euch dafür?“ „Weil ich daraus entnehmen muß, daß der Baron noch ſo ſtolz iſt, wie er früher war.“ „Dieſe Vermuthung iſt richtig,“ ſagte der Verwalter,„und ich möchte Euch nicht rathen, von dem Majoratsherrn etwas zu ver⸗ langen. Ihr würdet Euch eine Antwort holen, die Euch keines⸗ falls angenehm wäre.“ „Denkt nicht, daß ich um Almoſen betteln werde—“ „Om, Ihr werdet wohl ſelbſt wiſſen, daß es eine vergebliche Bitte wäre!“ „Wenn der Baron nicht einmal ſeine alten Schulden zahlt, darf man von ihm wahrhaftig nichts iticht „Was wollt Ihr damit ſagen?“ fragte Wortmann, deſſen Auf⸗ merkſamkeit geweckt wurde.„Habt Ihr etwas von ihm zu fordern?“ „Ich nicht, aber Schwanenthal.“ „Wer iſt Schwanenthal?“ „Ein alter Geizhals, der gegen Wucherzinſen Geld ver⸗ eiht „Wartet einmal— Schwanenthal?“ ſagte der Verwalter ſinnend.„Ich glaube, den Namen früher ſchon einmal gehört zu haben. Schuldet der Majoratsherr ihm wirklich Geld?“ „Achthundert Thaler,“ erwiderte Johann, der nicht ahnte, welch' großes Intereſſe Wortmann an dieſer Unterhaltung nahm. „Ich kann bezeugen, daß der Baron damals das Geld erhalten hat, und wenn Schwanenthal den Schuldſchein noch beſitzt, dann wird die Schuld auch noch nicht gedeckt ſein“ „Ihr ſagtet, der Baron wollte ſie nicht zahlen?“ „So hat Schwanenthal behauptet, er iſt in Oſthofen geweſen und muß dort wohl keinen freundlichen Empfang gefunden haben. Der Baron hat es gemacht, wie's ſolche Herren gerne zu machen — gewieſen?“ Mitthe wich e ander haun wof a o N ner net alten 5 dann ſen beſtl hen. . achei pflegen, er will ſich der Schuld nicht mehr erinnern.“ „Den Schein muß er anerkennen!“ „Na ja, es wird wohl zum Prozeß kommen; Schwanenthal hat ſchon mein Zeugniß verlangt, und ich—“ „Und Ihr wollt nun erforſchen, ob der Baron Euch mehr für dieſes Zeugniß zahlt, als der Gläubiger?“ fragte der Ver⸗ walter raſch. „Wenn ich das beabſichtigte, wäre ich ein Schurke!“ „Das will ich nicht behaupten,“ erwiderte Wortmann, den die Mittheilungen des Reitknechts immer mehr verwirrten.„Ich frage mich eben, was Ihr in Oſthofen wollt, und da finde ich keine andere Erklärung. Ihr könnt mir die Wahrheit ſagen, Jo⸗ hann—“ „Was ich thun will, weiß ich noch nicht,“ ſagte der Reitknecht ſpöttiſch,„aber darauf könnt Ihr Euch verlaſſen, ich werde weder etten nch ei Schure werde Wie ſind die Verhältniſſe in Oſthofen? Wohnt Baron Udo auch noch im Schloſſe?“ „Ja, aber er wird es in den nächſten Tagen verlaſſen.“ „Mit ſeiner ganzen Familie?“ „Baron Bruno iſt in Paris, und Baroneſſe Adelaide wird ihren Gemahl natürlich in die neue Wohnung begleiten.“ „Dann wäre alſo Baron Edmund mit ſeiner Tochter Park in Oſthofen?“ Der Verwalter blieb ſtehen und ſah ſeinen troffen an. „Führt Ihr Böſes im Schilde?“ fragte er.„Scnann iſt?“ Johann, die Sache könnte ein ſchiefes Ende nehmen, en ner genug im Schloſſe!“ ichts er⸗ „Ich denke nicht daran,“ erwiderte der Reitknecht ru „Ihr ſpracht vorhin von einer alten Rechnung, die nuorten?“ net werden müſſe!“ — aares Geld, üſſe liefern, „Die werd' ich Aug' in Auge mit ihm ordnen.“ t nach „Betrifft's Eure damalige Entlaſſung?“ fragte Wyaron in lauernd. eſe Sum⸗ „Jawohl, aber was nützt es, ob ich mit Ihnen dari Sie glauben mir ja doch nicht! Ich werde möglicherwa,“ erwi⸗ ſtens nach Oſthofen kommen, dann können wir über die v„indeß nen Geſchichten ausführlicher reden. Adieu.“ le zu Der Reitknecht wandte ſich um, ohne eine Antwort abzuwarten, und Wortmann ſetzte ſeinen Weg nach Oſthofen fort. Der Gedanke, doß er an dieſem Manne möglicherweiſe einen Verwalters auſgeſtiegen, aber er hatte nicht gewagt, ihm ſofort Folge zu geben. Weun Jemand den jetzigen Majoratsherrn genau kannte, ſo war es dieſer Reitknecht, aber die äußere Erſcheinung des Letzte⸗ ren war nichts weniger, als Vertrauen erweckend, man mußte zu⸗ vor ihn prüfen, ehe man ihm Vertrauen ſchenkte. [o Die geheimen Unternehmungen gegen den Baron wollten über⸗ haupt nicht recht in den Fluß kommen, die Hauptſchuld lag wohl daran, daß man nicht ſo energiſch auftreten konnte, wie es nöthig geweſens wäre. Zudem ſtieß man überall auf Zweifel, man war eben ſeiner Sache nicht ſicher genug, bis jetzt lagen noch immer haltloſe Ver⸗ muthungen vor, und man fand keine Spur, die man mit einiger Ausſicht auf ein günſtiges Reſultat hätte verfolgen können. Wortmmann hatte darüber heute wieder mit dem Hofmeiſter geſprochen, Hurter war durch die Zweifel des Polizeiraths auch entmuthigt, überdies ſetzte er jetzt ſeine ganze Hoffnung darauf, ſorderazaron Udo ſeine Forderung bewilligen werde, und wenn er— „J hen Beſitz dieſer Summe kam, dann, das ſah der Ve L= .. 6 iſt«, kümmerte er ſich um die Eutlarvung des Majorats⸗ „Ein alteiht mehr. 1 5 5 igerung des Bankiers, das Depoſitum länger zu ver⸗ .„Wartetunruhigte Wortmann ebenfalls. Abgeſehen davon, daß ſinnend. oußte, wem er das Geld anvertrauen ſollte, fürchtete er zu haben. Bankier könne dem Baron gegenüber einen Wink fallen „Achtnd es war ſehr wohl möglich, daß der Majoratsherr als⸗ welch grrreſt auf dieſes Geld kegte. „Ich karon Edmund hatte ja von der feindſeligen Geſinnung ſei⸗ hat, und⸗walters Veweiſe genug erhalten, und in dieſem Kampfe wird S auch er gewiß jedes Mittel, welches ihm als Waffe die⸗ „Ihr te. „So hn Bezug auf die Ermordung Bender's waren auchkeine und muß hatſachen an's Licht gekommen; der Verdacht blieb einzig er Bllein auf dem rothen Franz ruhen. legenhe geneſe i un . war! et ge gegel 5 ner hat gang Er en me der kar Der Unterſuchungsrichter hatte erklärt, nach der Auffindung des Goldes bedürfe er keiner weiter en Veweiſe mehr, die Schuld des Angeklagten ſei zur Genüge erwieſen, und er werde nun die Acten ſchließen und die Sache dem Schwurgericht überweiſen. Dem Verwalter fiel das Alles ſchwer auf die Seele, wenn der rothe Franz verurtheilt wurde, dann konnte der Majoratsherr ihm it einigem Recht den Vorwurf machen, er habe in dieſer Ange⸗ legenheit eine ſehr zweideutige unn ſeiner Stellung keineswegs an⸗ gemeſſene Rolle geſpielt, und es war möglich, daß dieſer Vorwurf zum völligen Bruch führte. In gedrückter Stimmung kam er in Oſthofen an, der Aben war bereits angebrochen, hinter den Bäumen des Parks ſtieg der Vollmond gleich einem Feuerball empor. Wortmann war im Begriff, in den Park zu treten, durch den er gewöhnlich ſeinen Weg nahm, als plötzlich der Baron Udo ihm gegenüberſtand. „Ich habe Sie erwartet,“ ſagte der Letztere, und der Ton ſei⸗ ner Stimme verrieth Ungeduld und Spannung.„Ihre Magd hat mir geſagt, Sie ſeien gleich nach Tiſch zur Stadt ge⸗ gangen.“ „Leider bringe ich Ihnen auch heute keine guten Nachrichten,“ erwiderte der Verwalter, während er dem Baron in den Park folgte,„der Mann fordert dreißigtauſend Thaler baares Geld, nd er will erſt dann Beweiſe und nähere Aufſchlüſſe liefern, wenn das Geld in ſeinen Händen iſt.“ „Und Sie wiſſen noch immer nicht, wer dieſer Mann iſt?“ fragte Baron Udv. „Ich konnte darüber trotz aller Nachforſchungen nichts er⸗ fahren.“ „Er will Ihre darauf bezüglichen Fragen nicht beantworten?“ „Nein“ „Dann beharre ich bei dem Urtheil, welches ich ſofort nach Empfang des Briefes über ihn gefällt habe,“ ſagte der Baron in enſchloſſenem Tone,„er iſt ein Betrüger, der mich um dieſe Sum⸗ me prellen will, glauben Sie das nicht auch?“ „Ich habe freilich keinen Grund, daran zu zweifeln,“ erwi⸗ derte Wortmann, einer beſtimmten Antwort ausweichend,„indeß kann man ihm auch nicht verargen, daß er ſich für alle Fälle zu 5 ſichern ſucht. Wenn er verriethe, wo Baroneſſe Cäcilie zu finden iſt, ſo mußte er erwarten—“ „Daß er um den geforderten Lohn betrogen würde?“ fiel der Baron ihm mit ſcharfer Betonung in's Wort.„Ich hoffe Herr Verwalter, daß dies nicht Ihre eigene Anſicht ſein wird, wenn ich ein Verſprechen gebe, ſo löſe ich es unter allen Umſtänden ein „Ich habe das nicht als meine eigue Anſicht ausgeſprochen—“ „Und jener Mann müßte das ebenfalls wiſſen,“ fuhr Baron Udo in demſelben herben Tone fort,„auf das Wort eines Edel⸗ manns kann und ſoll Jeder bauen.“ „Er will ſich nicht dazu verſtehen, einen Aufſchluß irgend wel⸗ cher Art zn geben.“ „Das iſt für uns ein ſicheres Zeichen, daß er ein Schwindler iſt. Die Forderung, die er ſtellt, iſt auch ſo unverſchämt hoch daß man ſchon aus ihr die Abſicht der Prellerei erkennen kaun. Man müßte den Mann der Polizei anzeigen. Weiß er, wo das Kind geblieben iſt, ſo iſt er verpflichtet, der Behörde Anzeige davon zu machen, weiß er es nicht, ſo macht er ſich eines Betruges ſchul⸗ dig, mit dem er eine Prellerei beabſichtigt.“ Der Verwalter erſchrack. Wenn der Baron ſich auf dieſen Standpunkt ſtellte, ſo konnte Alles an den Tag kommen, und dann war Wortmann im höchſten Grade compromittirt, Hurter ſchwieg vorausſichtlich nicht, wenn er gefragt wurde, weshalb er den geforderten Preis erhöht habe. „Ich glaube nicht, daß dies der richtige Weg iſt,“ erwiderte er zögernd,„eine Anzeige bei der Polizei könnte den Mann be⸗ wegen, die Stadt zu verlaſſen, und dann würden der Herr Ba⸗ ron ſich ſpäter die bitterſten Vorwürfe machen.“ „Beſſer das, als einem Betrüger in die Hände fallen „Ob er ein Betrüger iſt— wer weiß es! Es kann ſein, es kann auch nicht ſein, Manches ſpricht dafür und Manches dagegen. Die Möglichkeit, daß Baroneſſe Cäcilie nicht ertrunken iſt, muß ſtets im Auge behalten werden—“ „Im Princip zugegeben, aber man darf eine Hoffnung nicht zur Schwäche werden laſſen! Ich weiß wirklich nicht, ob es nicht der beſte Weg wäre, der Behörde die Verfolgung dieſer Sache zu übertragen. Ihr müßte der Mann Rede ſtehen, und ſie 1. 669 würde bald herausfinden, ob ſeine Behauptungen auf Wahrheit oder auf Betrug beruhen.“ Der Verwalter ſchüttelte den Kopf, er wich dem Blick des Baron's aus, in ſeiner Verwirrung wußte er nicht, wie er ſeine eigene Perſon mit Ehren aus dieſem Lügengewebe herauswinden ſollte, aber es ward immer klarer, daß dieſe Angelegenheit jetzt nicht weiter verfolgt werden durfte. „Ich glaube, der ehemalige Hofmeiſter ſteckt auch dahinter,“ ſagte er, auf die unbeſigbare Abneigung vertrauend, die der Ba⸗ ron gegen Hurter hegte.„Mit Sicherheit kann ich das freilich nicht behaupten, aber ich glaube, dieſe Entdeckung gemacht zu ha⸗ ben. Sein Name wurde genannt—“ „Wenn Hurter dabei betheiligt iſt, dann iſt die Abſicht des Betrugs für mich genügend bewieſen,“ unterbrach Baron Udo ihn.„Hurter war ſtets ein Intriguant, überdies war ihm das Verſchwinden Cäciliens mit allen näheren Umſtänden bekannt, und er wird wahrſcheinlich auch wiſſen, wie felſenfeſt meine Frau hei der Hoffnung, das verſchwundene Kind einſt wiederzufinden, beharrt.“ „Daran habe ich auch ſchon gedacht.“ „Hurter wird das Märchen erſunden haben—“ „Und der Andre iſt das Werkzeug— Sie mögen Recht haben, Herr Baron!“ „Und eben deshalb müßte man die Polizei davon in Kennt⸗ niß ſetzen.“ „Das kann ſpäter immer noch geſchehen. Brechen wir die Unterhandlungen ab, ſo wird die gnädige Frau Baronin untröſ⸗ lich ſein, ſie wird nimmermehr an die Möglichkeit eines Betruges glauben, nachdem ſie jenen Brief geleſen hat. Beſſer iſt es nach meinem Dafürhalten, wenn wir einſtweilen die Sache nicht wei⸗ ter verfolgen, vielmehr die Leute an uns herankommen laſſen. Ich glaube zwar nicht, daß der ehemalige Hofmeiſter ſo kühn ſein wird, an Sie deshalb zu ſchreiben, ſollte er es aber dennochthun, ſo bitte ich, mir auch ferner die Vermittlung zu überlaſſen.“ „Gewiß, ich werde mich mit der Sache nicht befaſſen.“ „Unter keinen Umſtänden darf die Bedingung der Vorausbe— „Ebenſowenig werde ich eine ſo gro ße Summe hergeben. A —————————————— „Anch dann zicht, wenn die Beweiſe unmiderligbar gegeben werden?“ „Ich will dieſe Frage erſt dann beantworten, wenn ſie an mich herantritt. Einſtweilen ſind es noch ſehr unſichere Factoren, mit denen wir rechnen. Und eine ſolche Summe kann ich, offen geſagt, nicht wohl entbehren. Ich werde morgen Oſthofen ver⸗ laſſen—“ „Morgen ſchon?“ fragte Wortmann überraſcht. „Je cher es geſchieht, deſto beſſer für uns Alle,“ fuhr der Baron in hartem Tone fort,„der Friede iſt gewichen, ich fürchte, er wird nie zurückkehren. Sie ſind ein alter treuer Beamter, mit Ihnen darf ich ſo offen darüber reden, Sie verſtehen mich und wiſſen meinen Schmerz zu würdigen, wenn ich ihn auch vor den Augen aller andren Menſchen verbergel“ „Gewiß, Herr Baron,“ nickte der Verwalter mit erheuchelter Theilnahme.„Ich hab's geahnt, als ich nach London reiſte.“ „Stille davon! Die Schuld trifft nicht ihn allein, ſie trifft auch, mich. Ich bin hier zu lange Gebieter geweſen, als daß ich das vergeſſen könnte.“ „Vielleicht ändern die Verhältnſſe ſich wieder— „Was wollen Sie damit ſagen?“ ſchnitt der Baron ihm haſtig die Rede ab.„Ihre Magd, die alte Urſula, hat vorhin auch ver⸗ worrene Andeutungen fallen laſſen, die mich im höchſten Grade überraſchten, mir ſchien es faſt, als habe ihr Verſtand Noth ge⸗ litten.“ Der Verwalter blickte betroffen auf, aber der Baron war ſo ſehr mit ſeinen eignen Gedanken beſchäftigt, daß er nicht einmal bemerkte, wie todesbleich das Geſicht Wortmanns geworden war. „Sie ſprach von einer Narbe, die mein Bruder am rechten Arm haben müſſe,“ fuhr er t„von einer Geſtalt, die ſie im Park geſehen haben will— „Die alte Frau träumt oft mit offenen Augen,“ ſagte der Verwalter raſch,„man muß ihre Worte mit großer Vorſicht auf⸗ nehmen. Ich habe die Faſelcien nicht angehört.“ „Sie will nicht glauben, daß Baron Edmund wirklich heimge⸗ kehrt iſt, ſie hält den Heimgekehrten, wenn ich ſie recht verſtanden e, für einen Betrüger.“ „Das hat ſie Ihnen geſagt?“ —— 8 3 e. „ zjmm Stell Nach G chl — em er ſ imme pocht 1 erja dem Bat län Aht keit gev jun wo chelior Ur eiſte.“ r ekißſt auch 40, ich daz duchvrt⸗ en Ltu n war ſo t einml n ben wäl. nrechten ie ſie in „Mit dürren Worten, aber ich habe auch nicht darauf geach⸗ tet. Der Majoratsherr ſcheint ſich ihrer Zuneigung nicht zu er⸗ freuen, und alte Leute ſind in ihrem Haß zähe.“ „Das iſt die einzige richtige Erklärung, Herr Baron,“ ſagte der Verwalter, erleichtert aufamthmend,„ich begreife nicht, da Urſula ſo unklug ſein kann, ſolche Thorheiten zu äußern.“ „Und ich gebe Ihnen den Rath, ihr das für die Folge zu verbieten, mein Bruder könnte anders darüber denken, wie ich.“ „Ich habe ihr das bereits vorgeſtellt—“ „Wenn ſie nicht darauf hören will, ſo werden Sie das Frauen⸗ zimmer entlaſſen müſſen!“ ſagte Baron Udo ſcharf.„Ihre eigne Stellung wird durch ſolche boshafte Behauptungen gefährdet. Gute Nacht.“ Langſam wanderte der Baron durch den Garten dem Schloſſe zu. Die Abende waren ſchon kühl geworSn, aber dieſe Kühle zwh dem Baron wohl, ſeine Stirne glühte wie im Fieber. Der Gedanke, morgen dieſes Haus verlaſſen zu müſſen, in dem er ſo lange Jahre hindurch glücklich geweſen war, verlaſſen für immer, lag ihm gleich einem Alp auf der Seele. Seine Pulſe pochten flverhaft und das Blut kochte ihm in den Adern. Und doch mußte er ruhis ſcheinen, ſeine Gattin ſollte nicht erfahren, wie ſchwer ihm ſelbſt das Scheiden wurde, und auch dem Bruder wollte er ſeine tiefe innere Erregung nicht zeigen. Trotz der anſcheinenden Höflichkeit und Freundlichkeit, mit der Baron Edmund ihm in allen Stücken entgegen kam, hatte er doch längſt die Maske durchſchaut, und auch in ſeiner Serle begann eine Abneigung gegen ihn ſich zu regen. Es war beſſer, wenn er ging, wenn er ſich nicht der Möglich⸗ keit ausſetzte, daß ihm mit dürren Worten geſogt wurde, es werde gewünſcht, daß er ſich nach einer andern Wohnung umſehe, da die junge Frau des Majoratsherrn, die Gemächer, die er bisher be⸗ wohnt habe, beanſpruche. Klara hatte der Tante die Verlobung Vaters berichtet, und Baron Udo war über dieſe Nach Si o ſehr empört geweſen, daß er im erſten Augenblick den Vorſatz geäußert hatte, ſeine Mißbilligung über dieſe Mesalliance dem Bruder unverholen aus⸗ zuſprochen. — 672— Beroneſſe Adelaide hatte ihn von der Ausführung dieſes Vor⸗ habens zurückgehalten, und es war ihm jetzt lieb, daß er ihren Rath beſolgte, ſeine Mißbilligung würde ja doch nichts geändert, vielmehr nur zu einer heftigen Scene geführt haben. Er dachte gerade daran, als er in das Boudoir ſeiner Gat⸗ tin trat. Klara ſaß neben der Baroneſſe Adelaide, von ihrem Arm um⸗ ſchlungen, auf dem Divan, und es bedurfte keines ſcharfen Blickes, um zu erkennen, daß ſie geweint hatte. Die Baroneſſe richtete den fragenden Blick voll fieberhafter Er⸗ wartung auf den Gatten, der die Bedeutung dieſes Blickes ſofort verſtand. „Es iſt noch immer nichts Sicheres zu erfahren,“ ſagte er mit herzlichem Bedauern,„wir müſſen uns in Geduld fügen.“ „Aber der Mann wollte ja ſofort nach Empfang des Geldes ausführliche Mittheilungen machen,“ erwiderte die Baronin unge⸗ duldig. „Und eben deshalb muß es mich frappiren, daß der Mann ſeine Forderung um zehntauſend Thaler erhöht und Vorausbezah⸗ lung verlangt.“ „Wenn wir Cäcilie wieder finden, iſt dieſes Opfer nicht zu groß!“ „Aber finden wir ſie nicht, dann haben wir eine für unſer Verhällniſſe zu bedeutende Summe zum Fenſter hinaus ge⸗ worfen.“ „Du glaubſt alſo wirklich, daß der Mann ein Betrüger iſt?“ fragte Klara. „Ich bin feſter denn je davon überzeugt,“ erwiderte der Ba⸗ ron.„Alle Nachſorſchungen über ihn find vergeblich, ſie führen zu keinem Reſultat, und er will nicht den geringſten Beweis vor⸗ legen. Ich habe mit meinem Ehrenwort mich verpflichtet, ihm die Summe zu zahlen, ſobald er uns Cäcilie zugeführt hat, er weiſt dieſen Vorſchlag zurück, trotzdem es der Vorſchlag eines Edelmannes iſt, deſſen Ehrenwort mehr gilt, als die geſammten Schätze der Erde.“ Stirne, auf der eine Falte des Unwillens ſich zeigte. c erkente lann* red e. 2 M Abela en M Vlices ¹ 5 ſofort n in unge⸗ er N er Mann shezah⸗ nicht zu für unſer naus ge⸗ geſanmten — 678— „Und was ſoll nun geſchehen,“ fragte ſie mit leiſe zitternder Stimne. „Die Unterhandlungen werden natürlich fortgeſetzt, bis wir die volle Wahrheit ermittelt haben,“ antwortete er.„Ich bin be⸗ reit, für die wirkliche Auffindung Cäciliens jedes, auch das ſchwerſte Opfer zu bringen, aber ich habe keine Luſt, mich von einem Be⸗ trüger düpiren zu laſſen.“ „Ich nehme Dir das ja nicht übel,“ ſagte die Baronin,„ich erkenne gerne die Nothwendigkeit einer gewiſſen Vorſicht an, aber lann man nicht auch zu vorſichtig ſein?“ „Nein, Adelaide, in dieſem Falle nicht.“ „Geſtatte mir weuigſtens, daß ich perſönlich mit dem Manne rede.“ „Wozu könnte das ſühren? Du würdeſt Dich erniedrigen, Adelaide!“ „Kann der Verwalte „Wortmann war uns ſtets ein treuer Diener— „Aber er iſt jetzt ver Diener Deines Bruders!“ „Welcher Verdacht. Adelaide!“ ſagte der Baron verweiſend, während er langſam auf und nieder wanderte.„Edmund kann. wahrlich kein Intereſſe daran haben—“ r nicht auch uns hintergehen?“ „Entſchuldige, das wollte ich auch nicht behaupten. Aber der Diener vertritt ſtets nur das Intereſſe ſeines Herrn, und der Verwalter könnte vergeſſen haben, daß er früher in unſeren Dien⸗ ſten geſtanden hat. Wortmann hat mir nie gefallen—“ „Es liegt durchaus nichts vor, woraus ihm ein Vorwurf ge⸗ macht werden könnte! Und er hat ebenfalls keinen Vortheil da⸗ von, wenn er uns in dieſer Sache hintergehen wollte.“ „Auch ich habe ſtets Abneigung gegen Wortmann empfunden, Onkel,“ nahm Klara das Wort,„in ſeinem Blick liegt etwas, was auf Falſchheit deutet.“ „Ich kann nur wiederholen, daß ich niemals Urſache gefun⸗ den habe, über ihn zu klagen. Und dann, Adelaide, wir können nicht direct mit dem Schreiber des Briefes unterhandeln, und am wenigſten mit einem Manne, dem das Ehrenwort des Edelmanns nichts gilt. Faſſen wir uns in Geduld, wenn die Unterhandlun⸗ Der Baſtard.. 43 gen zu keinem Reſultate führen, ſo werde ich die Behörde auffor⸗ dern, die Sache zu unterſuchen.“ „Dann könnte jede Spur verloren gehen,“ ſagte die Baronin erregt.„Ich weiß nicht, was ich thun kann und thun ſoh, um ihm halte ich feſt, Udo, die Behauptungen in enem Briefe ſtützen uf Wohrheit! Cäcilie lebt noch, ſie iſt bu s nicht vernn⸗ ict, ſie iſt uns geraubt worden—“ Adelaide!“ fiel Baron Udo ſeiner Gattin veſorgt ins Wo ſt Dich wieder unnöthig auf! Sei vernünftig, es ſoll geſche en, was geſchehen kann, um Dir Gewißheit zu verſchaffen, nun aber warte auch ruhig den Erfolg ab. Es liegt la ohnedies ſo viel Unangenehmes, Widerwärtiges drückend auf uns, weshalb ſollen wir die Laſt noch vermchren.“ „So viel Unangenehmes!“ wiederholte die Baronin, tief auf⸗ ſeufzend.„Ja Du haſt Recht, ich hatte es ſchon vergeſſen.“ „Und muß es denn ſein, daß Ihr Oſthofen morgen ſchon ver⸗ laſſen wollt?“ fragte Klara. „Ja, es muß erwiderte der Baron,„ie Brauen zuſam menziehend.„Und einen En tſe hluß, den mau faſſen muß, ſoll man ſo raſch wie it ich ausführen, je länger man ihn hinaus⸗ ſchiebt, deſto ſchwerer wird 3 Ausführung.“ „Ich hatte noch immer gehofft, es werde in irgend einer Weiſe ein Ausaleich gefunden werden,“ ſagte Klara ich kann mich auch jetzt noch nicht mit dem Gedanken vertraut machen, daß ich Euch hier nicht mehr ſehen ſoll. Wir warer ſo glücklich hrer—“ „Waren wir es wirklich?“ tia Adelaide, ſie unter⸗ brechend, und in dem Tone ihrer enden Stumme rag eine er⸗ greifende Schwermuth.„Wir hätten es ſein können, wenn nicht das Schickſal—“ „Adelaide!“ ſagte der Baron warnend.„Nur ſchwache Na⸗ turen hadern mit oem Geſchick ein ſtarker Charakter dan ſich durch die Hand des Schickſals, mag ſie auch noch ſo ſchwer auf ihm ruhen, nicht beugen laſſen. Klara hat Recht, wir waren hier glücklich wenn auch unſer Glück nicht ganz ungetrübt war, wir hatten Ruhe und Frieden innerhalb unſres kleinen Kreiſes, der uns Allen genügte. Ich hadere nicht,— wie es gekommen iſt, — mßte es kommen, und als ich die Nachricht erhialt, daß red vißheit zu verſchaffen, aber das Eine weiß ich, und an ¹0 uſan ß, ſoll naus⸗ Weiſe mich aß ich er— unter⸗ e er⸗ nicht ſich auf hier wir der 35— Verſchollene heimkehren werde, da wußte ich ſchon, daß es ſo kom⸗ men würde. Unſre Charaktere haben nie harmonirt, und es lag in ver Natur der Dinge, daß unſere Anſchaungen auch jetzt nich sbereinſtimmen konnten. Ich würde über das Alles mit ſtoiſchem Gleichmuth hinwegſehen, wenn Edmund unſern Namen nicht ſo tief in den Staub getreten hätte, dieſe Mesalliance kann ich ihm nicht verzeihen.“ „Und ich finde ſie ganz unbegreiflich!“ erwiderte die Baronin, über deren ſchönes Geſicht ein Zug der Entrüſtung glitt.„Nach⸗ dem Dein Bruder dieſen Schritt gethan hat, iſt ein ferneres Ver⸗ weilen hier für uns unmöglich geworden.“ „Ich werde dieſe Dame nie als meine Schwägerin aner⸗ kennen!“ „Und Du meine liebe Klara, weißt, wo Du eine Zuflucht finden wirſt, wenn die Verhältniſſe hier unhaltbar für Dich wer⸗ den,“ ſagte Baroneſſe Adelaide, indem ſie das ſchöne Mädchen an ſich zog. „Ich werde hier bleiben, um über unſres Hauſes Ehre zu wachen!“ erwiderte Klara mit feſter Entſchloſſenheit.„Hier iſt mein Poſten, von dem Niemand mich verdrängen ſoll.“ Baron Udo war ſtehen geblieben, er ſchüttelte mit ernſter, mißbilligender Miene das Haupt.“ „Wie leicht das geſagt iſt!“ verſetzte er.„Du haſt keine Ah⸗ nung von den Demüthigungen, die Dir nicht ausbleiben werden, Du weißt noch nicht—“ „Onkel, ich habe ernſt darüber nachgedacht, und ich weiß, daß keine heitre Zukunſt vor mir liegt, ich weiß, daß ich niemals mit der Stiefmutter harmoniren werde, dennoch veharre ich bei met— nem Entſchlufſe, und die kommenden Dingt ſollen mich gerüſtet finden.“ „Wirſt Du ſtark genug ein, as Alles zu ertragen in Geduld und ſchweigender Ergebung?“ fragte die Baronin leiſe.„Du mußt es wiſſen, Klara, und fern ſei es von uns, Deinen Ent⸗ ſchluß erſchüttern zu wollen. Aber vergiß nicht, daß unſre Arm Dir geöffnet ſind, zu jeder Zeit, wann Du auch kommen magſt!“ Ein Wagen fuhr in dieſem Augenblick vor, man hörte deutlich den Huſſchlag der Pferde und das Rollen der Räder auf dem Pllaſter des Hofes. — —————— ————— — 676— „Ich werde oft zu Euch kommen,“ ſagte Klara, nach Athem ringend,„die neue Frau bringt ja ein neues geräuſchvolles Leben in dieſes Haus, und inmitten dieſes Lebens werde ich mich ver⸗ laſſen und einſam fühlen.“ „Ein neues Leben!“ wiederholte der Baron mit bittrem Spott. „Ich glaub's auch, die Krämer und Geldprotzen werden hier ſich breit machen und ſich damit brüſten, daß ſie der Familie von Oſt⸗ hofen verwandt ſind. Nimmermehr wird Edmund die Schmach, die er damit ſeiner Familie angethan hat, verantworten können!“ Er verließ das Boudoir, und die Falten des mühſam verhal⸗ tenen Grolls lagen noch auf ſeiner Stirne, als er gleich darauf in das Kabinet ſeines Bruders trat. Baron Edmund war eben aus der Stadt zurückgekommen, er⸗ ſtand im Begriff die feinen Handſchuhe auszuziehen und ſein Blick ruhte ſinnend auf den Brieſen, die während ſeiner Abweſenheit für ihn eingetroffen und auf den Schreibtiſch gelegt worden waren. Beim Eintritt Udo's wandte er haſtig ſich um, und der Aus⸗ druck ſeines Geſichts verrieth, daß die Störung ihm unangenehm war. „Ich will Abſchied von Dir nehmen,“ ſagte der Eintretende mit erzwungener Ruhe,„morgen früh möchte ſich keine Zeit dafür finden, und Du ſollſt mir nicht den Vorwurf machen, daß ich mich entfernt habe, wie der Marder aus dem Taubenſchlag.“ „Abſchied?“ fragte der Majoratsherr mit ſcheinbarer Ueber⸗ raſchung.„So iſt alſo Dein Entſchluß wirklich unwiderruflich?“ „Haſt Du daran noch gezweifelt?“ „Bis zu dieſem Augenblick ja.“ Die Falte, die ſich um die Mundwinkel Baron Udo's legte, ließ die Verachtung erkennen, die in dieſem Augenblick ihn beſeelte. „Wir wollen nicht in der letzten Stunde noch Komödie ſpie⸗ len,“ ſagte er mit ſchneidender Kälte,„wozu auch? Du wrirſt mich nicht überzeugen können, daß Du ein längeres Zuſammen⸗ leben mit mir und meiner Familie wünſcheſt, haſt Du doch vom erſten Augenblick Deiner Heimkehr an, nach einer Trennuna o⸗⸗ ſtrebt.“ „Du witſt bitter, Udo!“ durt Ver vel nin geri über we gel di ſin nBit woden er Aus⸗ tgenhm tretende dafür a ich . leber uflich?“ legte. ihn ſie⸗ wirſ mner⸗ o n o 67— „Muß ich es nicht werden gegenüber den Veränderungen, die durch Dich hervorgernyen woroen ſind? Niemand bedauert dieſe Veränderungen nehr ais ech Niemand fühlt ſich durch ſie tiefer verletzt, und die Vorwurfe die Dich deshalb treffen, kannſt Du nimmer als ungerecht aurückweiſen. Trotzig hatte Baron womund oas Harpt erhoben, yoch auf⸗ oerichtet in herausfordernde Zalrung ſtand er dem Bruder gegen⸗ über Vorwürfe?“ erwiderte er.„Ich wüßte in der That nicht. welche mir gemacht werden könnten! Ich habe die Trennung mcht gewollt, im Gegentbeil, mir wäre es angenehm geweſen, wenn Du dem heingekehrten Bruder mi Deinem erfahrenen Rath die Wege geebnet hätteit Statt deſſen jano ich hier nur Mißtrauen und kühle Zurückhaltung, telbſt ue Pflichten der Höflichkeit, die ich meinen Gäſten gegenöber erwaelen und verlangen durfte, wurden verletzt.“ „Edmund!“ aß' mich ausreden, Udo, Du haſt mir Worte geſagt, über die ich nicht mit Schweigen ymweggehen kann. Wie ich die Dinge hier fand o konnten he uich vleiben, 1h durchſchaute die Sach⸗ lage ſofor“ mit karem Blick. Die Verwaltung vefand ſich in ſchlechten Händen, nur emne vurchareifende Reorganiſotion konnte dem Maporat ſeinen frehren Werth zurückgeben. Alles war ver⸗ altet unmodiſch und den Reſtauration bedürftig, ich machte Vor⸗ ſchläae und traf Anordnungen, die ich unbedingt nöthig erachtete und ſtieß daoer aut Widerſtand man verlangte oſfenvar von mir, ich ſollte mich in die ſeitherigen axen Anſchauungen fügen und Gottes Waſſer über Gottes Land laufen laſſen. Ich konnte das nicht, ich glaubte, das Rechte erkannt zu haben und Niemand kann mir verargen, daß ich meinem Willen Geltung zu verſchaffen ſuchte!“ Baron Udo hatte die Lippen aufeinander gepreßt, der mühſam verhaltene Groll ſpiegelte ſich in jedem Zuge ſeines Geſichts. „Du ſuchſt nach Gründen, Dein Verfahren zu rechtfertigen,“ ſagte er,„und woher Du dieſe Gründe nimmſt, iſt Dir gleichgül⸗ tig, wenn nur der Zweck erreicht wird. Ich weiſe alle dieſe Vor⸗ würfe zurück, Mißtrauen hat Dir Niemand gezeigt—“ „Erlaube, Dein Sohn—“ — 678— „Bruno ließ eine Aeußerung fallen, die er keinesfalls bedacht hat Du konnteſt und mußteſt eine Entſchuldigung für ſie in den geräuſchten Hoffnungen finden—“ „Auch das laſſe ich nicht gelten. Bruno hatte kein Recht, Hoffnungen zu hegen, nicht er, ſondern meine Tochter erbte das „Von jener Beſtimmung hatten wir damals keine Ahnung,“ ſagte Udo, die blitzenden Augen feſt auf das Antlitz des Bruders heftend,„Dir war es vorbehalten, ſie in unſerm Archio zu em⸗ decken.“ „Und wenn ich ſie nicht etdeckt hätte?“ „Willſt Du auf mich einen erniedrigenden Verdacht werfen?“ rief Udo entrüſtet.„Die Bereitwilligkeit, mit der ich Dir das Majorat übergab, die Mühe, die ich es mir koſten ließ, Dich zur Heimkehr aufzufordern und der Empfang, der Dir hier von mei⸗ ner Seite zu Theil wurde, das Alles muß Dir beweiſen, daß ich ehrlich und rechtlich gehandelt habe, und mit dieſem Beweis trete ich Deinem Verdacht energiſch entgegen. Jene Beſtimmung würde auch ohne Dich an den Tag aekommen ſein, und dann wäre ich der Erſte geweſen. der Klara in ihre Rechte eingeſetzt hätte“ „Inzwiſchen wäre Klara die Gattin Bruno's geweſen.“ Die Wan en Uoo's wurden fahl, die hohe Geſtalt ſchwankte, als ob ſie zuſammenbrechen wollte, aber im nächſten Augenblick richtete üe ſich wieder empor. „Das war eine Infamie!“ ſagte er in eidenſchaftlicher Auf⸗ wallung. „Was?“ fraate der Majoratsherr ſcharf„War es denn nicht Dein Projece „Es war mein Wunſch, abe nicht meines Sohnes ſondern Deiner Tochter wegen, deren Zukunft ich durch dieſe Verbindung ſicher ſtellen wollte. Wie geſagt, von 1ener Beſtimmuna hatte ich keine Ahnung, unſer Vater yatte mu davon gas nichts mitgetheilt und ich fand keine Veranlaſſung, das Archiv zu durchſuchen. Ich glaubte nicht anders, als daß nach meinem Tode das Majorat meinem Sohne zufallen werde, und dann ging Klara. von einer kleinen Apanage abgeſehen, reer aus. Das wallte ich verhüten, und wenn Du meinem Wunſche eine andre Abſicht zu Grunde legſt, ſo—“ 3, Udo e lo, mit ( a herr Päter Gerei hofen Reis e ih ni Ei ( ren als d bildete anders Bürge gegen. „ fen d. ir daz ich zur daß ich trele würde de ich ankte, pBis eudlic ajorat einer hüten, runde — 679— „Ich glaube, Du haſt mich mißverſtanden,“ unterbrach Edmund ihn kalt, aber ſein lauernder Blick ſtreifte dabei forſchend das Geſicht des Bruders.„Einen Vorwurf wollte ich Dir nicht ma⸗ chen, aber Du wirſt es auch begreiflich finden, daß Deine Unkennt⸗ niß jener Veſtimmung mich befremden mußte, Es wäre Pflicht unfres Vaters geweſen, Dich davon zu unterichten, er war das meinem Kinde ſchuldig.“ „Er hat wahrſcheinlich nicht daran gedacht.“ „Das entſchuldigt ihn nicht.“—— „Aber es rechtfertigt mich, es ſchützt mich gegen einen Ver⸗ dacht, der meiner Ehre zu nahe tritt.“ „Wir wollen darüber nicht ſtreiten.“ „Würdeſt Du zu einem ſolchen Verdachte ſchweigen?“ fragte Udo erbittert.„Mein Gewiſſen iſt rein und meine Ehre iſt flecken⸗ los, das iſt der Troſt, den ich beim Scheiden aus dieſem Hauſe mit mir nehme.“ „Ich bezweifle das in keiner Weiſe,“ erwiderte der Majorats⸗ herr achſelzuckend. „Dir aber mache ich den Vorwurf, das Andenken an unſere Väter beſchimpft zu haben,“ ſuhr Baron Udo mit wachſender Gereiztheit fort.„Eine Mesalliance hatte die Familie von Oſt⸗ hofen bisher noch nicht zu verzeichnen, Du haſt zuerſt das unedle Reis auf unſern Stammbaum gepfropft, ein trauriger Ruhm, den ich nicht mit Dir theilen möchte.“ Ein ironiſches Lächeln umzuckte die Lippen Edmunds. „Der Stolz und die Porurtheile des Adels mögen in frühe⸗ ren Zeiten ihre Berechtigung gehabt haben,“ ſagte er,„damals, als dem adligen Ritter nur der leibeigene Bauer und der unge⸗ bildete Handwerker gegenüberſtanden. Heute ſind die Verhältniſſe anders geworden, das Kapital ſammelt ſich in den Händen der Bürger und der adlige Grundbeſitzer geht der Verarmuna ent⸗ gegen.“ „Das verſtehe ich nicht.“ „Das Rechenexempel iſt außerordentlich einfach. Das haare Geld bringt hohe Zinſen, der Grundeigenthümer muß zufrieden ſein, wenn er durchſchnittlich drei bis vier Procent heraus⸗ ſchlägt.“ „Die Ausdrucksweiſe, Edmund—“ — 680— vie be „Iſ die eines Krämers, willſt Du ſagen? Man muß in der man heutigen Zeit rechnen können, um den Umſchwung der Dinge zu 5 begreifen. Nehmen wir zum Beiſpiel unſer Gut an, berechnen ter wir die Einkünfte aus demſelben und die Ausgaben, die dieſem 8 Einkommen gegenüberſtehen. Deine Rente, die Forderungen die Brund macht und die Verwaltungskoſten verſchlingen die Ein⸗ i künfte bis auf einen verſchwindenden Bruchtheil, was bleibt nun mir und meiner Tochter?“ Baron Udo ſchüttelte den Kopf; dieſe Berechnungen, denen er Vernh ſo raſch nicht zu folgen vermochte, verwirrten ihn. geworſe „Ich wäre gezwungen, eine Hypothek aufzunehmen,“ fuhr der S Majoratsherr fort,„ich müßte dafür fünf oder ſechs Prozent Wer Zinſen zahlen und würde aus der Verwaltung nicht einmal dieſe ſogte 2 Zinſen decken können. Was alſo bleibt mir andres übrig, als vertral mich mit dem Stande zu verbinden, der das Kapital beſitzt? Ich zetſchn gebe dieſem Stande den Adel und er gibt mir das Geld, ein„ Tauſchhandel. bei dem ich am meiſten gewinne!“ veruun „Wenn man ſolchen Anſchauungen huldigt—“ deren „Jeder vernünftig denkende Menſch muß ſie acceptiren. Geh„D einmal nach Amerika, dort gilt der Adel nichts, und ein Herzog munſt e ohne eigene Subſiſtenzmittel würde ſich drüben genöthigt ſehen“„D die Gaſſen zu kehren, wenn er nicht verhungern will.“ ſunden „Wir haben hier Gott ſei Dank keine amerikaniſchen Zu⸗ keine G ſtände!“„L „Aber wir werden ſie bekommen, wenn der Adel ſo unvernün⸗ doß D tig ift, bei ſeinen kindiſchen Vorurtheilen zu beharren.“ Udo m „Wenn Du dieſe Vorurtheile kindiſch nennſt=“„ „Das thue ich, und mit vollem Recht! Anſichten, die mit dem gegen geſunden Menſchenverſtande nicht vereinbart werden können, nenne den ho ich kindiſch. Und hier gebietet der geſunde Menſchenverſtand, 6 daß der Adel den Bürger gelten läßt und ſich mit ihm verbündet. uil Haſt Du in früheren Jahrhunderten jemals unter den Advokaten, Richtern, Aerzten und Profeſſoren jemals einen Adligen gefun⸗ 4. den? Und wie iſt es heute? Weshalb beſuchen ſo viele Adlige 1 die Univerſitäten, weshalb finden wir ſelbſt unter den Fabrikan⸗ ten, ja ſogar in der Handwerkerklaſſe ſo viele Ablige? Die Ant⸗ i wort iſt einfach, die Noth treibt ſie dazu, und kein vernunftiger„ Mnſch wird dieſen Umſchwung beklagen Wir ſind nicht beſſer — 681— wie die Andern und ein Stammbaum trägt keine Früchte, mit denen man den Hunger ſtillen kann!“ „Und das ſagt ein Baron von Oſthofen!“ erwiderte Udo bit⸗ ter, und ein verächtlicher Blick traf aus ſeinen ſtarren Augen den Brnuder. „Das ſagt ein Mann, der mit klarem Blick die Verhältniſſe zu würdigen weiß“ verſetzte der Majoratsherr. „So war dieſe Verlobung alſo eine berechnete Spekulation?“ „Das gerade nicht, aber ich will auch nicht leugnen, daß das Vermögen meiner Braut ein ſchweres Gewicht in die Wagagſchaale geworfen hat.“ „So wären wir nun ſo weit gekommen, daß der Krämergeiſt über das Geſchick der Familie von Oſthofen zu entſcheiden hat!“ ſagte Baron Udo.„Ich kann mich mit dieſem Gedanken niemals vertraut machen, zwiſchen Dir und mir muß ich das Tiſchtuch zerſchneiden.“ „Dann bleibt nur noch die Frage, auf welcher Seite die Un⸗ vernunft ſitzt,“ erwiderte der Majoratsherr gelaſſen,„eine Frage, deren Beantwortung nach meiner Anſicht keineswegs ſchwierig iſt.“ „Du wirſt hoffentlich zugeben, daß auf der Seite der Unver⸗ nunft auch die Ehre ſitzt!“ „Die Ehre? Ich finde keine Unehre darin, wenn man dem ge⸗ ſunden Verſtande gemäß handelt. Die alten Vorurtheile haben keine Geltung mehr.“ „Wenn das Deine ehrliche Anſicht iſt, dann begreife ich nicht, daß Du dem Maler Rodenberg die Thüre gezeigt haſt!“ ſagte Udo mit ſchneidendem Hohn. „Ruhte auf ihm nicht der Makel der Geburt, ſo würde ich gegen ihn als meinen zukünftigen Schwiegerſohn nichts einzuwen⸗ den haben.“ „Es iſt wenigſtens gut, daß Klara dieſe Anſchauung nicht theilt!“ „Kannſt Du das ſo ſicher behaupten?“ „Sie wird nie vergeſſen, was ſie ihrem Stande ſchuldig iſt.“ „Den Adel erniedrigt es nicht, ſich mit dem Künſtler zu ver⸗ binden.“ „Urtheilſt Du ſo, dann hätteſt Du ja über die Herkunft Ro⸗ denbergs hinwegſehen können!“ „Nein, das konnte und durfte ich nicht,“ ſagte der Majorats⸗ herr, den glühenden Blick feſt auf den Bruder heftend, in deſſen Zügen ein unſaglicher Hohn ſich ſpiegelte.„Auf dem Namen Ro⸗ denberg ruht trotz des Lorbeers ein Flecken, über den ich nicht⸗ hinwegſehen darf. Du ſagſt, die Heirath mit einer Bürgerlichen ſei eine Schmach für den Adligen, aber darin, daß ein Adliger eine Bürgerliche verführt, entehrt und dann mit einem Fußtritt in den Abgrund hinunterſtößt, ſcheinſt Du keine Schmach zu finden. Ich denke darüber anders.“ Baron Udo zuckte zuſammen, als ob ein elektriſcher Funke ihn getroffen habe, das Blut ſchoß ihm jäh in die Wangen. „Machſt Du mir dieſen Vorwurf?“ fragte er barſch. „Wenn Du Dich getroffen fühlſt, ſo iſt die Schuld allein auf Deiner Seite,“ erwiderte Baron Edmund kalt,„ich wollte Dir nur zeigen, daß der Vorwurf, den Du mir machſt, nicht ſo ſchwer wiegt. Und es muß bei dem, was ich beſchloſſen habe, bleiben,“ fuhr er fort,„nicht deshalb allein, weil ich mein Ehrenwort ver⸗ pfändet habe, ſondern weil ich nur auf dieſem Wege unſerm Na⸗ men den früheren Glanz wieder verleihen kann.“ „Dann bedaure ich, Dir ſagen zu müſſen—“ „Ich bitte Dich, Deine Gedanken nicht auszuſprechen,“ fiel der Majoratsherr ſeinem Bruder in die Rede,„es würde nur zu neuen Erbitterungen führen, und ich glaube, es iſt beſſer, wenn wir das vermeiden. An meinem Entſchluß würden ja Deine Worte doch nichts ändern, und zu einem offenen Bruch möchte ich es nicht kommen laſſen. Wir wollen ohne Bitterkeit von einan⸗ der ſcheiden, Udo, wenn Du Dich nicht entſchließen kannſt hier zu bleiben.“ „Ohne Bitterkeit!“ wiederholte Udo in herbem Tone.„Wie wäre das möglich? Ich will Dir wünſchen, daß Du den Schritt, den Du zu thun im Begriſſ ſtehſt, nie bereuen mögeſt, aber ich kann nicht glauben, daß dieſer Wunſch ſich erfüllen wird.“ „Und ich glaube es zuverſichtlich!“ „Um ſo beſſer für Dich! daß Du Klara ihres Enbes be⸗ raubſt—“ „Erlaube, ich ſorge dafür, es ihr zu erhalten.“ „Ich betrachte das von einem andern Geſichtspunkte, und die Zukunft wird lehren, wer von uns Beiven Recht hat.“ * Det wolle,“ 6e „0 00 7 non.“ ebei⸗ * N 0 Der tiſches deſſen „ el,„b nit da ſei,“ fi die Ver Lem nig al ſo ſage Wieder nöge“ ſo bot wandte pig nicht üke ipr ſi lein uf 4e Dir . ſchwer leiben,⸗ t ver⸗ m Na⸗ Der Majoratsherr zuckte wieder die Achſeln, als ob er ſagen wollte, er halte es unter ſeiner Würde, ſeine Anſicht über dieſer Punkt zu vertheidigen. „Wie ſou es mit Deiner Rente gehalten werden?“ fragte er! „Ich überlaſſe das Dir.“ „Genügt Dir die Summe von dreitauſend Thalern?“ „Ich bin damit zufrieden.“ „So will ich Dir ſofort die Summe für das erſte Jahrüber⸗ veben.“ „Nach Belieben.“ Der Majoratsherr nahm aus einer Schublade ſeines Schreib⸗ tiſches ein Päckchen Bauknoten und überreichte es ſeinem Bruder deſſen Antlitz noch finſtrer geworden war. „Ich würde von Herzen gerne die Summe verdoppeln,“ ſagte er,„aber Du wirſt ſelbſt wiſſen, daß die Einkünfte des Gutes mir das unmöglich machen. Später wenn ich verheirathet bin—“ „Ich ſagte Dir ſchon, daß ich mit dieſer Summe zufrieden ſei,“ ſiel Baron Udo ihm in's Wort,„mir wäre es lieber, wenn die Verhältniſſe mir geſtatteten, darauf zu verzichten. Von dem Vermögen Deiner zukünftigen Frau aber werde ich keinen Pfen nig annehmen, meine Ehre würde mir das nicht erlauben. Und ſo ſage ich Dir Lebewohl mit dem Wunſche, daß ein ſpäteres Wiederſehen nur unter angenehmen Verhältniſſen ſtattfinden möge.“ Edmund nickte beiſtimmend, da Udo ihm nicht die Hand reichte, ſo bot er ſie ihm auch nicht, aber als der Bruder ihm den Rücken wandte und davon ging, ſandte er ihm einen häßlichen Blick nach. 28. Kapitel. PVerlorenes Jebensglück. Eine Mutter häte für ihr Kind nicht treuer und aufopfern⸗ der ſorgen können, wie Miß Cleveland am Genfer See für Fer⸗ dinand von Falkenberg ſorate Der Jerwunde.- war in die Wohnung gebracht worden, welche die Engländerin pofort nach dem Duell gemiethet hatte, und die Hausteute des Vicomte von 1a Grange, der in demſelben Hauſe wohnte, übernahmen gerne die Pflege, ſoweit ſie es vermochten. Miß Cleveland ſiedelte aus dem Hotel ebenfalls in jenes Haus über, ſie wachte Tag und Nacht an dem Schmerzenslager des Mannes, der ihr ſein ganzes Vertrauen geſchenkt und in ihre Hände ſeine letzten Wünſche niedergelegt hatte. Mehrere Tage lang ſchwebte Ferdinand von Falkenberg zwi⸗ ſchen Tod und Leben. Der Arzt hatte ihn bereits verloren gegeben, aber die kräf⸗ tige, geſunde Natm des jugendlichen Mannes überwand die Ge⸗ fahr, und über vas treuherzige Geſicht der wackeren Engländerin glitt ein Lächeln des Glücs, als der Arzt ihr erklärte, der Pati⸗ ent ſei gerettet und werde nun auch bei ſorgſamer Pflege bald wieder hergeſtellt ſein. Jett erſt erinnerte Miß Ctevelanß ſich der letzten Unterredung bie ſe rit Herrn von Falkenberg vor dem Zweikampf gehabt hatte Ste zoa in Lauſanne Erkundigungen ein, Signora Arabella Grimaldi und ihre Mutter weilten noch dort, und es fchien, daß ſie son den Vorfällen ir Vevey bisher noch keine Ahnung hatten. Der Varon von Oſthofen war gleich nach dem Due, abge⸗ it und der Chevalier von Marmont wollte erfahren haben, er eſinde ſich in Paris. Ob er dort war, oder nicht, konnte Niemand mit Sicherheit whuue ten Gehn uch Niem ut⸗* Niß 6 znuz ir genken w ſchüſtigt Ferdin richt vie mſen gl Grinaldi Aber daß ſeine und ſie er ſein L ihn zu! Sie 1 konnte ih nicht thun So w bereits er nit jiemli treten. Sie ten am„ deſſen ble ihren Pun Gedan blaſſen A ſtinen Lir Wa meiner a nicht, wi „An Miß Cle man hätt pfern⸗ Fer⸗ welche nd die Harſe hten. ß Haus er des n ihre g zwi⸗ kräf⸗ Ge⸗ änderin r Pati⸗ e bald redung gehabt rabella n, daß lhnung hge⸗ ben, er behaupten, denn er hatte ſich nach dem Befinden ſeines verwunde⸗ ten Gegners mit keiner Silbe erkundigt, aber es intereſſirte ſich auch Niemand dafür, die Herzloſigkeit und Roheit dieſes Menſchen hatte We zurückgeſtoßen. Miß Cleveland wäre auch die Letzte geweſen, die am Geſchick Bruno's irgend welches Intereſſe genommen hätte, ihr ganzes Denken war mit ihrem Pflegling und der ſchönen Sängerin be⸗ ſchäftigt. Ferdinand von Faltenberg erkundigte ſich nach ded Geliebten nicht, die wenigen Worte, die er mit Miß Eleveland wechſelte, be⸗ trafen gleichgültige Dinge, es ſchien faſt, als ob er Arabella Grimaldi vergeſſen hätte. Aber dem ſcharſen Blick der Engländerin entging es nicht, daß ſeine Augen ſich oſt erwartungsvoll auf die Thür hefteten, und ſie las in ihnen die ſtumme Frage, ob ſie, für deren Ehre er ſein Leben eingeſetzt habe, denn gar nicht kommen werde, um ihm zu danken, ihm ein Wort der Liebe zu ſagen. Sie vermied es auch, die Rede auf Arabella zu bringen, ſie konnte ihm ja nichts tröſtliches ſagen, und wehe wollte ſie ihn nicht thun. So waren wieder einige Tage verſtrichen, die Geneſung machte bereits erfreuliche Fortſchritte, und Miß Cleveland konnte ſchon mit ziemlicher Sicherheit den Tag beſtimmen, an dem die Verhält⸗ niſſe ihr geſtatten würden, die Rückreiſe nach England anzu⸗ treten. Sie ſaß in der Abenddämmerung im Zimmer des Verwunde⸗ ten am Fenſter und blickte träumeriſch hinaus auf den See, über deſſen blauen Spiegel die letzten Strahlen der ſinkenden Sonne ihren Purputſchein breiteten. Gedankenvoll ruhte der Blick Ferdinands auf dem feinen blaſſen Antlitz, und ein leiſer Seufzer entrang ſich unwillkührlich ſeinen Lippen. „Was wäre wohl aus mir geworden, wenn Sie nicht ſich meiner angenommen hätten!“ ſagte er.„Ich weiß in Wahrheit nicht, wie ich Ihnen danken ſoll—“ „Am beſten dadurch, daß Sie nicht mehr daran denken,“ fiel Miß Cleveland ihm lächelnd in die Rede.„Glauben Sie denn b man hätte Sie draußen im Walde liegen laſſen? Herr von la — 688— Grange würd aanz unzweifelhaft ſeine Pflicht jo gewiſſenhaft er⸗ üllt haben wie ch„ zu erfülen mich beſtrebe.“ „Sie wollen den Dank ablehnen—“ „Weil ich ihn nicht verdiene, Herr von Falkenberg! Jeder ſoll ſeine Pflicht erſuuen, und wer dies thut. hat kein⸗ Berechti gung, einen Dank dafür zu beanſpruchen.“ Sie würden Ihre Pflicht vouſtandig erfüllt haben, wenn Sie „ mich der Obhut eines Spitals anvertraut hätten— „Laſſen wir das,“ bat Miß Cleveland,„reden wir nicht mehr davon. Ich hoffe, Sie werden bald wieder ſo weit hergeſtellt ſe in, daß Sie zu Ihrer Familie zurückreiſen können, die Pflege die Sie dort finden, iſt jedenfalls eine beſſere.“ Meine Familie?“ erwiderte Ferdinand.„Sie wird mir nicht verzechen, daß ich wegen einer Sängerin das edle blaue Blut ver⸗ goſſen habe.“ Es lag eine unſagliche Bitterkeit in dem Tone, in welchem er die letzten Worte geſprochen hatte, eine Schärfe, durch die ſelbſt die Engländerin ſich unangenehm berührt fühlte. „Und vielleicht war es auch Thorheit, daß ich es that,“ fuhr er fort,„wie ourft⸗ ich hoffen, Liebe erzwingen zu können?“ „Was Sie gethan haben, Herr von Falkenberg, das hätte jeder Edelmann an Ihrer Stelle ebenfalls ge han. Die Dame wurde in Ihrer Gegenwart beleidigt und dieſe Beleidigung traf auch Sie. Dagegen läßt ſich alſ nichts ſagen, wohl aber könnte man die Frage auſwerſen, ob Ihr Gegner der Herausforderung würdig geweſen ſei Ein günſtiges Zeugniß iſt es nicht für ſei⸗ nen Charakter und ſeine Geſinnung. daß er ſich ſeit dem Tage des Duells nicht einmal nach Ihrem Befinden erkundigt hat.“ „Sie wiſſen, wo er ſich befindet?“ „Man ſagt, er ſei in Part?* „Und ſie?“ Miß Cleveland warf einen Blick voll ängſtlicher Beſorgniß auf den jungen Mann, es war das erſte Mal, daß er über Arabella Auskunft forderte. „Ich habe auch von Ihr nichts gehört,“ erwiderte ſie. „Und wie urtheilen Sie darüber?“ „Ich kann und darf mir kein Urtheil erlauben,“ ſagte die Engländerin, leicht das Haupt wiegend.„Vielleicht weiß Sig⸗ Ferdin einwenden, grbenzeich es rathſan „Und ben Sie m gömnen ſi denn bald: ſolgen, bis gung ware „Und ſ „Sb ke die Englän an dus Fra mein. Lebe ſie was m mein zertret „Und e Ihnen geli die. Shmm ) 1 6 5n 8 5 i iß auf rabella 5 ei5* — 687— nora Grimaldi nicht einmal, daß jener Vorfal zu elnem Drel geführt hat.“ „Sie waren mi. ihr befreundet—“ „Doch nicht ſo lange und nicht ſe inkim, vaß araus ein Brieſwechſel hätte entſpringen müſſen. Ueberdies werden Sie ſich erinnern, daß Signora Arabella auch gegen mich eine ſchwere Un⸗ klage erhob, und daß ihre ſchleunige Ahreiſe mir nicht geſtattete. mich zu rechtfertigen. Sie hatte alſo umſoweniger Beranlaſſung, it mir eine Correspondenz anzuknüpten und ihre Mutter, mit mich gründlich überwarf, wird ſie in chrer Abneigung ge⸗ en mich nur noch beſtärkt haben.“ Ferdinand achwieg. Hegen dieſe Gründe ließ ſich eben nichts einwenden, dennoch ſchmerzte es ihn tief, daß Arabella gar kein Lebenszeichen gegeben hatte. „Und was gedenken Sie nach Ihrer Geneſuna„. hun?“ fragte Miß Eleveland nach einer langen Pauſe.„Vielleicht wäre es rathſam, den nächſten Winter in Italien zu verbringen.“ „Und was ſoll ich dort?“ erwiderte der junge Mann.„Glau⸗ ben Sie mir, vie Erinnerung an Arabella würde mir teine Ruhe gönnen, ſie würde mir jeden Genuß verbittern. So würde ich denn bald wieder, von innerem Drang getrieben, chrer Spur folgen, bis im ſie gefunden hätte und eine avermalige Demüthi⸗ gung ware vas unausbleibliche Ende dieſes neuen Verſuchs.“ „Und ſagten Sie ſelbſt vamals nicht, Ausdauer mäſſe zum Siege fücren“ „Ich g.aubte es aber heute glaube ich es nicht mehr.“ „So raſch tann ein Mann den Muth verheren?“ ſcherzte die Engländerin. „Den Muth- Nein! Wohl aber ni. Seduld und den Glauben an das Frauenyerz. Sind denn die Grünoe,(a denen Arabella nein. Liebe zurückweiſt, in irgend einer Werſe ſtichhaltig? Sind ſie twas mehr als eigenſinnige Launen, die rückſichtslos über mein zertretenes Lebensglück hinwegſchreiten? „Und eben, weil es Launen ſind, yone ich noch immer, daß es Ihnen gelingen wird, ſie zu beſiegen. Hat nicht der Freund Ara⸗ as Ihnen geſagt, Lhre Liebe werde erwiedert aver noch ſei die Stimme des nüchternen Verſtandes mächtiger, als die des N B 6§ „Ja, ſo ſagte er, aber ich glaube nicht daran. Wäre es Wahrheit, Arabella hätte mich nicht ſo kalt zurückgeſtoßen. Rein, Miß Cleveland, es war ein Traum, ich bin aus ihm erwackt und ſage mir jetzt, daß ich ein Thor war, als ich auf ſeine Er⸗ füllung hoffte. Ich werde mich auf mein Gut zurückziehen und⸗ in unermüdlicher Thätigkeit die verlorenen Hoffnungen zu ver⸗ geſſen ſuchen.“ Miß Cleveland ſchüttelte mißbilligend das Haupt. „Einen ſolchen Rückzug fände ich eines Mannes unwürdig,“ ſagte ſie.„Und in der ſtillen Zurückgezogenheit würden Sie auch die innere Ruhe nicht wiederfinden, gerade in der Einſamkeit machen die Erinnerungen ſich doppelt geltend. Sie müſſen ſtre⸗ ben und ringen, bis Sie das Ziel erreicht und den Rreis e*— nen haben.“ „Ich werde ihn nie gewinnen.“ „Wer den Muth verliert, der verliert ſich ſelbſt.“ Wieder verſank der junge Mann in Nachdenken, er glaubte, mit der Vergangenheit gebrochen zu haben, und es wurde ihm immer klarer, daß er es nicht konnte. Das Bild Arabellas ſchwebte ja immer in ſeiner ganzen ſtrah⸗ lenden Schönheit ihm vor Augen, es verließ ihn nicht im Wachen noch in ſeinen Träumen. „Weilt ſie noch in Lauſanne?“ fragte er endlich. „Ich weiß es nicht.“ „Es iſt Thorheit, daß wir Hoffnungen nähren, deren Erfül⸗ lung nicht in der Möglichkeit, oder beſſer geſagt in der Wahrſchein⸗ lichkeit liegt, und wenn ſolche Hoffnungen dennoch wieder auf⸗ ſteigen, dann ſoll man ſie zurückdrängen, man martert mit ihnen nur das eigene Herz. Ich habe der Geliebten bewieſen, daß ich bereit bin, ihr Alles zu opfern, wenn dieſer Beweis ſie von der Aufrichtigkeit und Beſtändigkeit meiner Liebe nicht überzeugen kann, was bleibt mir dann noch zu thun übrig? Die Bedenken, bie ſie mir entgegenhielt, haben nach ſolchem Beweis keine Geltung. mehr—“ „Und haben Sie denn wirklich dieſen Beweis ihr geliefert?“ ſiel Miß Eleveland ihm in's Wort.„So viel ich mich erinnere hatten Sie nicht die Zeit dazu, denn in demſelben Augenhlick, in dem Sle ihr begegnelen, ſtand auch der Baron von Oſthofen Jhnen lungen wollte e In den ſie fift un „ den, d ſc u Sie he Aufre Falken 52 eine l ſehen. „D ſcherzer denken Sie w Ich he ſie au Der A nicht v denn! 5 ein, Er⸗ de k⸗ Reli und. gegenüber. Sie waren freilich nicht in Uniform, aber konnte ſie daraus den Schluß ziehen, daß Sie den Abſchied genommen haben müßten?“ Ferdinand blickte erſtaunt die alte Dame an. Daran hatte er allerdings noch nicht gedacht, aber ſo geeignet dieſe Mitthei⸗ lungen auch waren, neue Hoffnungen in ſeiner Seele zu wecken, Sl er dieſen Hoffnungen doch keinen Raum geben. n der Seele Miß Clevelands aber reiſte ein Entſchluß, über S ſ früher ſchon nachgedacht hatte, und der in dieſer Stunde feſt und tief Wurzel faßte. „Ich glaube, wenn Sie darüber nachdenken, werden Sie fin⸗ den, daß Ihre Zweifel auf ſchwachen Stützen ruhen,“ ſagte ſie, ſich von ihrem Sitz erhebend.„Und nun gute Nacht, ich fürchte, Sie haben ſich ſchon zu ſehr aufgeregt, und der Arzt hat alle Aufregungen verboten.“ „Sie wollen mich ſchon verlaſſen?“ fragte Ferdinand von Falkenberg. „Ja, Sie ſollen ruhen und ſchlafen. Dieſer Aufregung muß eine lange Ruhe folgen, deshalb werden Sie mich morgen nicht ſehen.“ „Das wäre eine zu grauſame Strafe!“ „Eine Strafe ſoll es nicht ſein,“ erwiderte die Engländerin ſcherzend,„ich thue es ja nur zu Ihrem Beſten. Ruhen Sie und denken Sie an andere Dinge, oder denken Sie lieber gar nicht, Sie würden damit den Wünſchen des Arztes entgegen kommen, Ich habe einer befreundeten Familie das Verſprechen ge ben müſſen ſie auf einem Ausfluge nach Schloß Chillon begleiten zu wollen. Der Ausflug iſt von Tag zu Tag verſchoben worden, wei ilich Sie nicht verlaſſen wollte, nun könnte er morgen gemacht werden, denn wie geſagt, eine abſolute Ruhe iſt Ihnen nothwendig“ „So haben Sie meinetwegen jedem Vergnügen entſagt?“ fragte der junge Mann mit leiſem Vorwurf.„Wenn ich das gewußt . „Sie mißverſtehen mich, ich ſagte nur, ich habe jenen Ausflug verſchoben, aber dieſer Ausflug iſt weniger ein Vergnügen für mich, als für Diejenigen, welche ich beglelte. Und nun noch ein⸗ mal, ſchlafen Sie wohl und beherzigen Sie meinen Rath.“ Der Baſtard. 44 — 690— Miß Cleveland war kaum in ihr Zimmer zurückgekehrt, als ſie durch die Glocke die Hausfrau berief, die ſich perſönlich der Bedienung ihrer Gäſte unterzog. „Fährt heute Abend noch ein Zug nach Lauſanne?“ fragte ſie, als die biedere Schweizerin ihr gegenüberſtand⸗ „In einer Stunde,“ lautete die Antwort. „Und welches Hotel in Louſanne können Sie mir empfehlen?“ „Die gnädige Frau wollen uns verlaſſen?“ fragte die Schwei⸗ zerin beſtürzt. „Nur für eine Nacht und einen Taog, ich werde morgen Abend wieder hier ſein.“ „Am Beſten logiren Sie im Hotel Gibbon.“ „Ich danke Ihnen. Die Pflege unſres Petienten darf ich Ihnen wohl während meiner Abweſenheit allein überlaſſen, aber ich bitte Sie, ihm zu verſchweigen, daß ich dieſe Reiſe angetreten habe. Wenn er nach mir fragt, ſo ſagen Sie, ich ſei naͤch Schloß Chillon, ich habe ihm dasſelbe geſagt, es wäre mir unangenehm, wenn er erführe, daß ich ihn hintergangen habe, ich that es in ſeinem Intereſſe.“ Die Schweizerin blickte die alte Dame fragend und einiger⸗ maßen befremdet an, aber ſie nickte doch zuſtimmend, ihr kam es ja nicht zu, über die Haudlungen einer ſo vornehmen Dame zu urtheilen. „Ich werd' für den Herrn ſorgen,“ ſogte ſie,„Sie dürfen ſich auf mich verlaſſen.“ „Ich weiß das,“ erwiderte Miß Cleveland,„und beshalb reiſe ich bernhigt. Morgen Abend bin ich wieder hier, ich will nur einer befreundeten Familie einen Beſuch machen.“ Miß Cleveland hatte ihren Entſchluß gefaßt und ſie ſchritt zur Ausführung desſelben, ohne lange über ihn nachzudenken. Eine Stunde ſpäter trug der Bahnzug ſie ſchon nach Lauſanne⸗ und als ſie hier angekommen war, ließ ſie ſich von einem Führer in das Hotel Gibbon bringen. Es waren noch einige Zimmer frei, ſie folgte dem Kellner eine Treppe hinauf, und ein Ausruf des Entzückens entfuhr ihren Lippen, als ſie in dem ihr angewieſenen Zimmer durch das Fen⸗ ſter einen Blick auf die wundervolle Landſchaft warf, die vom Silberglanz des Mondlichts übergoſſen vor ihr log. tiglihsn emurtend enblich dw nnt zu Miß Asſicht feſſeln u Frenden Der derum, Landſcha Der haren 3 Gemüth hehren Menſchenl Ein? ſpiegel! lan näh die ſinge Und nit ſeine Feuetkug „Ent „Da hinter ih Die Dwan Namen Den „Kö Signoro alb reiſe l nur ritt zut uſanne, Führet ner eine r ihren s Fen⸗ e vom — 691— Ueber die glatte Fläche des Sees hinüber ſchweifte ihr Blick zu den Savoyer Alpen, die gleich gigantiſchen Rieſen zum ſtern⸗ beſäten Himmel emporragten. Der Kellner, dem dieſe Naturſchönheit etwas Gewöhntes, All⸗ tägliches war, ſtand an der Thür, die Befehle der fremden Dame erwartend, die ihn ganz vergeſſen zu haben ſchien; er fand es endlich zweckmäßig, ſie durch ein Räuspern an ſeine Gegen⸗ wart zu erinnern. Miß Cleveland wandte ſich um. „Entſchuldigen Sie,“ ſagte ſie in gewinnendem Tone,„dieſe Ausſicht iſt zu überraſchend ſchön, als daß ſie nicht das Auge feſſeln müßte. Bringen Sie mir eine Portion Thee und die Fremdenliſte.“ Der Kellner zog ſich zurück, Miß Cleveland verſenkte ſich wie⸗ derum, alles Andere vergeſſend, in den Anblick der reizenden Landſchaſt. Der heilige Frieden, der über ihr ſchwebte, übte einen wunder⸗ baren Zauber auf das für alles Hohe und Schöne empfängliche Gemüth der alten Dame, wie gering und kleinlich waren dieſem hehren Frieden gegenüber die Stinme der Leidenſchaften im Menſchenherzen! Ein Waſſerhuhn flog träge über den ſilberſchimmernden Waſſer⸗ ſpiegel, und der kleine dunkle Punkt, der in der Ferne auftauchte, kam näher und näher, ein Kahn mit einer fröhlichen Geſellſchaft, die ſingend und ſcherzend von einem Ausfluge zurückkehrte. Und über dieſem erhabenen Bilde der hohe, weite Himmel, mit ſeinen Millarden funkenlder Sterne und der leuchtenden Feuerkugel, die in dem tiefblauen See ſich ſpiegelte! „Entzückend!“ ſagte Miß Cleveland leiſe. „Das Fremdenbuch, gnädige Frau,“ erwiberte eine Stimme hinter ihr. Die alte Dante trat vom Fenſter zurück, ſie nahm auf dem Divan Platz und blätterte lange in dem Buche, ehe ſie ihren Namen hineinſchrieb. Den Namen, den ſie ſuchte, hatte ſie nicht geſunden. „Können Sie mir vielleicht Auskunft darüber geben, ob eine Signora Grimaldi mit ihrer Tochter hier in Lauſanne weilt?“ 44* wandte ſie ſich zu dem Kellner.„Die Tochter iſt eine berühmte. Sängerin—“ „Ach ja, ich erinnere mich,“ erwiderte der Kellner raſch,“ ſie hat ja geſtern im Hotel Richmont geſungen; es war ein Concert. u un zer zum Beſten einer armen Familie.“ u „Signora Arabella Grimaldi, nicht wahr?“ „Jawohl, ſo wurde der Name genanut, die Herren ſprachen m heute noch an der Tafel über das ſchöne Konzert.“ ugohe „Die Damen wohnen im Hotel Richmont?“ gguübe „Nein, im Hotel du Faucon, da iſt's billiger.“ U Miß Cleveland mußte unwillkürlich lächeln. ben J „Ich danke Ihnen,“ ſagte ſie, mehr wünſche ich nicht zu Bliſe wiſſen.“ Augen Sie waren alſo noch in Lauſanne! Wie aber würden ſie die Ei Freundin des Mannes empfangen, vor dem ſie aus Vevey ge⸗ ſcwig flüchtet waren? ſich de Ja, wer ihr auf dieſe Frage Antwort gegeben hätte! unetu Sie mußte ſich gedulden, bis zum nächten Morgen, ver Abend 46 war ſchon zu weit vorgerückt, als daß ſie jetzt noch den Damen iem einen Beſuch machen konnte. et Bis in die tiefe Nacht hinein, blieb Miß Cleveland am Fenſter niq ſtehen, ihren Gedanken nachhängend. Wie ſehr wünſchte ſie, dem Freunde eine hoffnungereiche Ant⸗ Bil wort zu bringen! 1 u Auch ſie konnte die Bedenken, die Arabella gegen die Verbin⸗ dung mit Herrn von Falkenberg geltend gemacht hatte, nicht billi⸗ gen, wenn ſie auch im Allgemeinen die Gründe, die Arabella für dieſe Bedenken anführte, natürlich fand. Aber würde es ihr gelingen, den Entſchluß Arabellas zu er⸗ ſchüttern, ſie zu ihren Anſchauungen zu bekehren? Mußte ſie nicht erwarten, daß ſie kühl und zurückhaltend empfangen, daß ihr aber⸗ S mals jener verletzende Vorwurf gemacht wurde, mit dem Arabella i in Vevey ihre Vermittlung zurückgewieſen hatte? Mit beklommenem Herzen trat Miß Cleveland am nächſten Morgen bald nach dem Frühſtück den Weg zum Hotel du Fau⸗ con an. e Am unongenehmſten war ihr die Begegnung mit der Mutter§ Frage Verbin⸗ cht billi⸗ ella für zu er⸗ ſie nicht hr aber⸗ Arabella nächſten u Far⸗ Mutter Frage ſchon damals an mich gerichtet hätten! Aber Sie reiſten — 693— Arabella's, von derem böſen Einfluß ſie bereits eine Probe er⸗ halten hatte. Sie ließ ſich durch den Portier anmelden, ohne ihren Namen zu nennen um Miß Arabella Grimaldi um eine kurze Unterredung unter vier Augen zu bitten. Einige Minuten ſpäter führte der Portier ſie in ein kleines, elegant eingerichtetes Zimmer, und als er die Thüre hinter ihr zugezogen hatte, ſah Miß Cleveland ſich der ſchönen Sängerin gegenüber. Arabella war in der kurzen Zeit blaß geworden, die blühen⸗ den Roſen waren von ihren Wangen geſchwunden, aber dieſe Bläſſe erhöhte nur ihre Schönheit, ſie verlieh den großen, dunkeln Augen mehr geiſtiges Leben und Feuer. Einen kurzen Moment ſtanden die beiden Damen einander ſchweigend gegenüber, in den feinen Zügen Arabella's ſpiegelte ſich deutlich der Unmuth über dieſe unerwartete und wohl auch unerwünſchte Begegnung. „Sie haben eine geheime Unterredung gewünſcht?“ ſagte ſie, indem ſie mit einer leichten Handbewegung auf einen Stuhl deu⸗ tete.„Nach dem, was in Vevey vorgefallen iſt, muß dieſer Wunſch mich befremden.“ „Dieſe Worte beweiſen mir, daß Sie nicht wiſſen, was jenem Vorfall gefolgt iſt,“ erwiderte Miß Cleveland, während ſie Platz nahm und dabei den Blick voll und erſt auf das Mädchen hef⸗ tete,„oder ſollten jene Folgen Ihnen doch bekannt ſein?“ Das Befremden, welches in dem Antlitz Arabellas ſich aus⸗ prägte, war eine genügende Antwort auf dieſe Frage, Miß Cle⸗ veland konnte nicht zweifeln, daß ihre Vermuthung begründet ge⸗ weſen war. „Ich glaube, Sie werden ſich jenes Vorfalls ſo lebhaft ent⸗ ſinnen, daß ich wohl nicht nöthig habe, Ihnen denſelben in's Gedächtniß zurückzurufen,“ fuhr ſie fort.„Sie machten mir einen Vorwurf, der mich tief verletzte, aber Sie ließen mir nicht die Zeit, mich gegen ihn zu vertheidigen.“ „Konnten Sie gegen ihn ſich vertheidigen?“ fragte Arabella deren Stirne ſich immer finſtrer umwölkte. „Ja, Signora, und es wäre gerecht geweſen, wenn Sie dieſe — 694— ſofort ab und entzogen mir dadurch die Möglichkeit einer Recht⸗ fertigung. Herr von Falkenberg war am Abend zuvor ange⸗ kommen—“ „Ich verlange das nicht zu wiſſen „Sie müſſen mich anhören,“ ſatzte Miß Cleveland ent⸗ ſchieden. „Muß ich wirklich? Wer will mich dazu zwingen?“ „Ihr eigenes Rechtlichkeitsgefühl, an das ich appelire! Wer anklagt, der muß auch dem Beſchuldigten das Recht der Verthei⸗ digung einräumen.“ Arabella mochte eine Bewegung der Ungeduld, ihr Blick heftete ſich eine Weile forſchend auf die Thür des Nebenzimmers, dann richtete ſie die ſchönen Augen wieder auf die alte Dame. „Wohlan, reden Sie;“ ſagte ſie. „Herr von Falkenberg war Ihnen gefolgt, er konnte dem Drange ſeines Herzens nicht widerſtehen, er hegte die tiefinnere Ueberzeugung, daß die Liebe, die ihn beſeelte, Erwiderung finden müſſe.“ „Die Ueberzeugung der Selbſtſucht!“ „Nicht doch, ich möchte es den unerſchütterlichen Glauben an die hohe Macht der Liebe nennen.“ „Bei ſeiner Ankunft in Vevey erfuhr er, daß Sie unter dem⸗ ſelben Dache mit ihm wohnten, und daß ich mit Ihnen befreundet war, er beſchloß ſich an mich zu wenden, mir ſein Herz zu er⸗ ſchließen und meine Vermittelung anzuruſen.“ „Und Sie erfüllte ſofort dieſen Wunſch, ohne den Herrn zu fennen, ohne vorher ihn gepräft zu haben?“ ſagte Arabella vor⸗ wurfsvoll. „Ja, ich erfüllten ihn, weil ich ja auch burch Sie die Geſchicht⸗ vieſer Liebe erfahren haite, wril ich wußte, daß Sie Ferdinand von Folkenberg liebten, auch wenn Ihr trotziges Herz das nicht eingeſtehen wollte. Ich wollte Sie und ihn glücklich machen, und ich hoffte das umſpeher zu erreichen, als Herr von Folkenberg mir berichtete, welche Opfer er Ihnen gebracht hatte und noch bringen wollte. Er war aus dem Offizierkorps ausgetreten und das Urtheil ſeiner Familie hatte keine Bedeutung für ihn, er ſuchte ſein Glück nur an Ihrer Seite und um dieſes Glück zu erreichen, wollte er alles Andere freudig hingeben“ ) id nick il, U d noch en und —— 695 „Der Rauſch des Augenblicks—“ „Eine ſo tiefe Neigung kann ich nicht einen Rauſch nennen! Er war ſich der Folgen dieſer Verbindung, weun ſie zu Stande kam, wohl bewußt, aber er bot ihnen mit männlicher Kühnheit die Stirne, und eine ſpätere Reue war bei einem ſo charakter⸗ feſten Manne nicht zu befürchten.“ „Miß Cleveland, Sie kennen unſere Verhältniſſe in Deutſch⸗ land nicht.“ „Mögen ſie ſein, welche ſie wollen, ich gründe mein Urtheil auf den Charakter und die Geſinnungen des Herrn von Falken⸗ berg, und meine Augen blicken ſcharf genug, um varüber urthei⸗ len zu können.“ Arabella ſchüttelte unmuthig das Haupt, aber die Engländerin ließ ſich nicht beirren. „Nachdem Herr von Falkenberg mir das Alles geſagt und ich, ihn geprüft hatle, ſtand mein Entſchluß feſt unb ich glaube ich würde das Ziel erreicht haben, wenn nicht der Baron von Oſthoſen dazwiſchen getreten wäre. Ich hoite keine Ahnung da⸗ von, baß auch er in Vevey war, Herr von Falkenberg wußte es allerdings, aber er mochte wohl an die Möglichkeit eines ſolchen Auftritts nicht denken. Das Uebrige wiſſen Sie, Baron von Oſthofen, inſultirte Sie, Sie wollten zu mir flüchten, und bei mir fanden Sie Herrn von Falkenberg. Ich gebe gerne zu, daß dieſe plötzliche Begegnung Sie überraſchen mußte, aber ſie berech⸗ ſple tigte gleichwohl Sie nicht zu beleidigenden Vermuthungen.“ ni Sj 1 hopichte hen 1 „Liegen die Dinge ſo, wie Sie mir berichtet haben, dann nehme ich die Worte, die ich Ihnen ſagte, zurück,“ erwiderte Ara⸗ n Auf⸗ 1. bella, der alten Dame die Hand bietend, in der gewaltie regung jenes Augenblicks war mein Urtheil befangen, und den Argwohn, der in meiner Seele aufſtieg, werden Sie ſelbſt begreif⸗ lich finden.“ „Ich eilte bald darauf zu Ihnen und hätten Sie ſich nicht ſo raſch durch Ihre unerwartete Abreiſe mir entzogen, ſo würde ich dieſen Argwohn beſeitigt zaben. Mit Ihrer Mutter konnte ich nicht darüber reden, ſie trat mir in einer Weiſe entgegen, die jede ruhige Unterhaltung unmöglich machte.“ „Und wer hat Ihnen verrathen, aß ichnach Lauſn z⸗qugen 9 ——— — 696— reiſt war?“ fragte Arabella, einer Antwort auf die letzte Bemer⸗ kung ausweichend. „Herr von Falkenberg erfuhr es noch am Tage Ihrer Ab⸗ reiſe—“ „Wer kanns ihm geſagt haben?“ „Auf dem Bahnhofe hat er es erfahren, aber Ihnen zu folgen, geſtatteten ihm die Verhältniſſe nicht. Baron von Oſt⸗ hofen verlangte Genugthuung für die ihm widerfahrene Demü⸗ thigung—“ „Mein Gott!“ rief Arabella entſetzt, und alles Blut wich aus ihren Wangen.„Daran hatte ich nicht gedacht. Der Ba⸗ ron war zu einer ſolchen Forderung nicht berechtigt.“ „Nach moraliſchen Begriffen wohl nicht,“ erwiderte Miß Cle⸗ veland,„aber die Geſetze der Ehre geſtatten dem Edelmann nicht, eine ſolche Forderung zurückzuweiſen.“ „Herr von Falkenberg nahm die Herausforderung an?“ „Er mußte!“ „Und das Duell hat ſtattgefunden?“ ſragte Arabella mit zit⸗ ternder Stimme. „Am Tage darauf,“ nickte Miß Cleveland, der die fieberhafte Erregung des Mädchens ein günſtiges Zeichen ſchien.„Herr von Falkenberg wurde verwundet, es war eine ſchwere Verwundung⸗ und er hat lange mit dem Tode gerungen, aber jetzt iſt er gerettet, und wir dürfen mit Sicherheit ſeine Geneſung er⸗ warten.“ Arabella athmete tief auf, eine ſchwere, drückende Laſt war ihr vom Herzen genommen, aber ihre fieberglühenden Augen ruhten noch immer voll ängſtlicher Beſorgniß und geſponnter Er⸗ wartung auf dem treuherzigen Antlitz der alten Dame. „Haben Sie mir die volle Wahrheit geſagt?“ fragte ſie. „Dürfen Sie mit Sicherheit behaupten, daß Herr von Falken⸗ berg geneſen wird?“ „Ich vertraue auf das Urtheil des Arztes, überdies ſind ſeit einigen Tagen die Fortſchritte der Geneſung unverkennbar.“ „Dem Himmel ſei Dank! Ihm und auch Ihnen, Miß Cleve⸗ land, hege ich doch nicht den leiſeſten Zweifel, daß Sie mit aller Aufopferung ſeiner Pflege ſich unterzogen haben.“ „Dann rllit, d That erbrechen“ „h i „Sie wohl die! antworten. „Sie n „Keines Geheinniß Lebzeiten n „Das „Velcher 2 „351 „So n „Sie h „Nein, getheilt.( gen „Ich habe gethan, was meine Pflicht war,“ erwiderte die Eng⸗ länderin ruhig,„und mein Pflichtgefühl treibt mich nun auch zu Ihnen., Ich habe Ihnen geſagt, welche Opfer Herr von Falken⸗ berg gebracht hat, um Ihnen die Treue und Innigkeit ſeiner Liebe zu beweiſen, aber auf die Gefahr hin, ein Indiscretion zu begehen, möchte ich Ihnen weiteren und gewiß überzeugenden Be⸗ weis geben. Am Tage vor dem Duell bat Herr von Falkenberg mich, die Beſorgung ſeiner letzten Wünſche zu übernehmen, und unter den Briefen, die er mir übergab, befand ſich auch einer, der an Sie adreſſirt war. Leſen Sie dieſen Brief, Signora, und ich bin überzeugt, daß Ihre letzten Zweifel ſchwinden werden.“ Arabella hatte zögernd den Brief angenommen, den Miß Cle⸗ veland ihr überreichte. „Hat Herr von Falkenberg Sie zu mir geſchickt?“ fragte ſie. „Nein, er weiß von dieſem Schritt nichts.“ „Und dieſer Brief ſollte mir für den Fall ſeines Todes über⸗ geben werden?“ „Jawohl.“ „Dann werden Sie gewiß mir nicht zürnen, wenn ich Ihneu erkläre, daß ich ihn nicht annehmen kann, und es wäre in der That eine unverantwortliche Indiscretion, wollte ich dieſes Siegel erbrechen,“ „Ich übernehme die Verantwortung!“ „Sie können es nicht,“ ſagte Arabella ernſt.„Sie können wohl die Uebergabe, nicht aber die Erbrechung des Siegelè ver antworten.“ „Sie nehmen das zu gewiſſenhaft!“ „Keineswegs, Miß Cleveland. Kann dieſer Brief nicht ein Geheimniß enthalten, welches Herr von Falkenberg mir zu ſeinen Lebzeiten niemals enthüllen würde?“ „Das glaube ich nicht,“ erwiderte die Engländerin raſch. „Welcher Art ſollte dieſes Geheimniß ſein?“ „Ich weiß das nicht, aber möglich wäre es immerhin.“ „So will ich Ihnen ſagen, was der Brief enthält.“ „Sie haben ihn geleſen?“ „Nein, aber Herr von Falkenberg hat mir ſeinen Inhalt mit⸗ getheilt. Er verſichert Sie darin noch einmal ſeiner Liebe und ſetzt Sie zur Univerſalerbin ſeiner Hinterlaſſenſchaft ein.“ Arabella legte den Brief auf den Tiſch, und ein dunkler Schat⸗ ten umwölkte ihre Stirne. „Ich würde dieſe Erbſchaft nicht angenommen haben,“ ſag⸗ te ſie. „Aber mein Gott, weshalb nicht?“ fragte Miß Cleveland erſtaunt. „Verſchiedene Gründe hätten mir das nicht geſtattet. Die Anrecht auf das Vermögen des Herrn von Folkenberg, und die Annahme der Erbſchaft würde allen gift⸗ gekränkten Zungen einen willkommenen Anlaß und eine ſcheinbare eben haben, meinen Namen mit Schmach zu be⸗ Familie hat ein größeres Berechtigung geg gran hat Miß Cleveland allerdings nicht gedacht, und ſie auch dem ſchönen Mädchen Recht geben mußte, ſo är⸗ wenn ſie gerte es ſie doch⸗ daß ſie dieſer Anſchauung nicht entgegen treten konnte. „Die Läſterungen ſchweigen nie,“ erwiderte ſie,„wer auf ſie Rückſicht nehmen wollte, der—“ „Miß Cleveland, ſo falſch auch oft das Urtheil der öffent- lichen Meinung iſt,“ fiel Arabella ihr in die Rede, ſo oſt es auch aus niedrigen Motiven hervorgegangen iſt, ſo darf doch Niemand⸗ ſtünde er auch noch ſo hoch, es leichtfertig herausfordern. Ich glaube, Sie werden mir darin Recht geben, wenn Sie auch in vielen anderen Fragen nicht mit mir einverſtanden ſind.“ „Nun wohl, ſehen wir ganz davon ab, was Sie gethan haben würden, wenn der unglückliche Fall eingetreten wäre“, erwiderto die alte Dame,„Halten wir uns an die Thatſache, daß Herr von Falfenberg Ihnen durch dieſen ſeinen letzten Willen einen un⸗ widerlegbaren Beweis ſeiner Liebe gegeben hat. Oder zweifeln Sie auch jetzt noch baran 7 Arabella hatte die Wimpern geſen goß ihr Antlitz. Waren Sie früher ſchon kt, eine glühende Röthe übe in Lauſanne?“ fragte ſie, die ſchö⸗ nen Augen auſſchlagend. „Nein.“ „Wollen Sie mich auf einem Spaziergang begleiten „Von Herzen gerne.“ 2 * So Auobl Dane⸗ Wesh Vehulb uihen Mußte teruheit e zſyrehe warten⸗ winden? „Mit Domen reizende s ob nirenden ſchön ſe bleiber 0 t, und asn jn. geü trcten ot auf ſie * „p der öffen 1 ent- Riemand, LU v0 d Umgebung mit ihren Natur — 699— „So entſchuldigen Sie mich einen kurzen Augenblick.“ Arabella eilte in das Nebenzimmer, und ein Lächeln des Glücks verſcheuchte die Falten der Beſorgniß von der Stirne der alten Dame. Weshalb hatte Arabella ſo plötzlich das Geſpräch abgebrochen? Weshalb war ſie einer offenen und beſtimmten Antwort ausge⸗ wichen? Mußte Miß Cleveland darin nicht eine mädchenhafte Schüch⸗ ternheit erblicken, die ſich ſträubte, das Geſtändniß der Liebe aus⸗ zuſprechen? Und durſte ſie jetzt nicht mit einiger Sicherheit er⸗ warten, daß es ihr gelingen werde, dieſe Schüchternheit zu über⸗ winden? „Mit Hut und Shwals kehrte Arabella zurück, und die beiden Damen verließen das Hotel. „Wenn Sie einige Tage hier bleiben wollen, ſo werden wir reizende Spaziergänge machen,“ ſagte Arabella, und es ſchien oft als ob ſie ihre ganze unbefangene Heiterkeit wiedergewonnen habe, „Das Innere der Stadt bietet außer dem PViadukt, dieſer impo⸗ nirenden Brücke, der prachtvollen Münſterkirche und dem kaſtell⸗ artigen Schloß wenig Sehenswerthes, deſto herrlicher aber iſt die ſchönheiten.“ „Ich hatte ſchon geſtern Abend einen entzückenden Anblick, als ich in mein Zimmer trat.“ „Wo logieren Sie?“ „Im Hotel Gibbon.“ „Aus den Fenſtern dieſes Hotels ſoll die Ausſicht wunderbar ſchön ſein, ich habe das oſt gehört, hatte aber noch keine Gelegen⸗ heit, mich dovon zu überzeugen.“ „Wenn Sie mich in mein Zimmer begleiten wollen—“ „Später vielleicht, wir gehen jetzt auf den Promenaden⸗Platz Moytbenow, wo wir ebenfalls eine prächtige Ausſicht über den See haben. Der Spaziergang nach Montriond, dem Landhauſe Voltair's, bietet ebenfalls viele Schönheiten, wahrhaft großartig aber iſt die Ausſicht von Signal, einer Höhe, die nur eine halbe Stunde von hier entfernt liegt. Sie müſſen einige Tage hier⸗ bleiben, Miß Cleveland.“ „Ich habe verſprochen, heute Abend zurückzukehren.“ „Wem verſprachen Sie es?“ „Meiner Wirthin.“ „Und iſt dieſes Verſprechen für ſie bindend?“ „Ein Verſprechen, meine liebe Arabella, iſt für mich ſtets bin⸗ dend, hier aber handelt es ſich außerdem um die Sorge für einen Patienten, der meine Pflege noch nicht entbehren kann.“ Der forſchende Blick der Engländerin ſtreifte bei dieſen Worten verſtohlen das Antlitz der ſchönen Begleiterin, aber vergeblich ſuchte er ihre Gedanken zu erforſchen. Arabella ſchwieg, und als ſie auf der Promenade angelangt waren, blieb ſie ſtehen, und deutete mit dem Sonnenſchirm auf den See. „Iſt es hier nicht ſchön?“ fragte ſie, und das leiſe Zittern ihrer Stimme ließ erkennen, daß ſie vergeblich die innere Erre⸗ gung bekämpfte. „Gewiß,“ erwiderte Miß Cleveland,„und wenn die Erfül⸗ lung einer ernſten Pflicht mich nicht an Vevey feſſelte, ſo würde ich vor meiner Heimreiſe hier noch einige Wochen verweilen.“ „So können Sie immer noch kommen!“ „Ich könnte es, wenn die Sehnſucht nach dem eignen Heim mich nicht forttriebe.“ „So kennt auch der Engländer die Krankheit, die wir Deutſche Heimweh nennen?“ „Ich glaube, jede Nation kennt ſie.“ „Und wann wollen Sie die Rückreiſe antreten 2 „Sobald ich die Pflege meines Patienten mit voller Ruhe andern Händen anvertrauen darf.“ „Vielleicht werde ich drüben Sie beſuchen,“ ſagte Arabella ſinnend. Miß Cleveland blickte ſie überraſcht an. „Sie wollen auch nach England?“ fragte ſie. „Vielleicht. Ein Konzert⸗Unternchmer in London hat mir ein Engagement für den kommenden Winter angeboten, aber ich ſchwanke noch, ich kann mich ſo raſch nicht entſchließen, meine Heimath zu verlaſſen.“ „Sie werden ja nach dem Winter zurückkehren!“ „Das wohl, aber vor dem Winter ſelbſt bangt mir in dem feuchten, nebligen Lande!“ „Wer hat Ihnen nur dieſe Beſorgniſſe eingeflößt?“ fragte nien i 0 MN gewe zu er ſinnu bin e Rauſc Lebe Rauſ Ston man ſeine urthe Kind rabella at mir ber ich meine n dem fragte 701— die alte Dame lächelnd.„Das Klima dort iſt nicht ſchlimmer wie in Deutſchland, und Sie finden in England ein dankbares Publikum, Sie werden Geld und Ruhm ernten, das Verſprechen kann ich Ihnen geben.“ Arabella wiegte zweifelnd das Haupt, ihre Bedenken ſchienen tiefer zu wurzeln, als daß ſie ſo raſch ſich beſeitigen ließen. „Ehe ich einen Entſchluß faſſe, werde ich die Sache mir reiflich überlegen,“ ſagte ſie.„Ein Kontrakt iſt raſch unterzeich⸗ net, und vor einer Reue, die zu ſpät kommt, möchte ich mich be⸗ wahren.“ „Aber wenn Sie nach England kommen, dann rechne ich mit Sicherheit auf Ihren Beſuch und zwar für längere Zeit.“ „Für längere Zeit? Das kann ich Ihnen nicht verſprechen, aber kommen werde ich, darauf dürfen Sie ſich verlaſſen.“ Die Unterhaltung ſtockte, Miß Cleveland ließ ſich auf eine Bank nieder, und nach kurzem Zögern ſetzte Arabella ſich ne⸗ ben ſie. „Wollen Sie mir nicht die Frage beantworten, die ich an Sie richtete, bevor wir das Hotel verließen?“ fragte die alte Dame nach einer Pauſe. Arabella zeichnete mit dem Sonnenſchirm verſchlungene Li⸗ nien in den Sand zu ihren Füßen. „Ich habe niemals an der Liebe des Herrn von Falkenberg gezweifelt,“ ſagte ſie leiſe, aber mit feſter Stimme, ohne den Blick zu erheben, ich zweifle auch nicht an der Aufrichtigkeit ſeiner Ge⸗ ſinnungen und der Ehrenhaftigkeit ſeines Charakters. Aber ich bin eine zu ruhige, nüchterne Natur, als vaß ich mich von dem Rauſch hinreißen laſſen könnte, der ihn ergriffen hat.“ „Nennen Sie es nicht einen Rauſch—“ „Doch, Miß Cleveland, ich nenne es ſo, das Erwachen der Liebe iſt immer ein Rauſch, und die Vernunft läßt von dieſem Rauſch ſich gar zu gerne bethören. Und nun bedenken Sie den Standesunterſchied! Herr von Falkenberg, der begüterte Edel⸗ mann, der in allen Kreiſen, in denen er verkehrt, und auf die er ſeiner Stellung zufolge, angewieſen iſt, den ſtolzen, ſchroffen Vor⸗ urtheilen ſeines Standes begegnet, und die arme Sängerin, das Kind einer Zigeuntrin! Mag er über dieſen Unterſchied jetzt noch hinwegſehen, er wird ihm ſpäter fühlbar werden, und dann kann 5 die Reue nicht ausbleiben.“ gulte de „Wenn Sie das glauben, dann glauben Sie überhaupt nich an die Beſtündigkeit der Liebe!“ „Doch ich glaube an ſie, aber ich glaube daneben auch, daß auch I . 4 cn t— 3. del E eine Verbindung zweier Perſonen für ein ganzes Menſchenleben, werdel auf gleichen Grundlagen ruhen muß. Wird es ihn nicht ärgern das* und perletzen, wenn er ſieht, daß ich in ſeinen Kreiſen nur aus„Die Rückſicht auf ihn geduldet werde? Wird der Riß in ſeiner Fa⸗ einer b milie nicht endlich ihm unangenehm werden, und kann es aus⸗ bewege bleiben, daß er alsdann über die Urſachen desſelben nachdenkt?“„P „Und geſetzt, er thäte es, mußte er dieſe Urſachen nicht in hätten, ſeiner eigenen Liebe finden?“ gutn „Anfangs ja, aber damit begnügen die Gedanken ſich nicht, That, ſie ſchweifen weiter und ſuchen zu ergründen, wie die Verhält⸗ eigne niſſe ſich geſtaltet hätten, wenn der andere Fall eingetreten wäre. meine Und Herr von Falkenberg würde ſich dann ſagen, er habe leicht⸗ der En fertig gehandelt und—“„N „So dürfen Sie nicht reden,“ erwiderte Miß Cleveland haſtig,„Un „wenn Herr von Falkenberg ſo denken könnte, dann wäre er Stinne Ihrer Liebe nicht werth!“ mal eir „Wer kann den Gedanken gebieten?“ Werth „Niemand, aber—“ ger St „Miß Cleveland, glauben Sie mir, daß ich ſehr ernſt über ſin g das Alles nachgedacht habe, und daß es mir nicht leicht geworden iſt, 1 legen.“ den Entſchluß zu faſſen, den ich faſſen mußte wenn ich mir den„ inneren Frieden bewahren wollte.“ derte „Und gilt das Glück des Mannes, den Sie lieben, Ihnen gar llaſſe nichts?“ S „Den ich liebe?“ in de „Haben Sie nicht ſelbſt die Liebe mir geſtanden?“ Wieder übergoß eine flammende Röthe das Antlitz der Sän⸗ Sie ſi gerin, während ſie ablehnend das Haupt ſchüttelte. „Wäre ich ebenbürtig, ſo würde ich freudig ihm meine Hand reichen“, ſagte ſie leiſe. „Ihre Hand! Hat er nicht ſchon Ihr Herz?“ „Ich weiß es nicht. Aber ich ſagte Ihnen ja, ich bin eine nüchterne Natur, mein Herz muß ſich dem Verſtande unterordnen.“ ſt über den iſt, nir den ſen gar in eine en.“ N Zwiſchen den Brauen der Engländerin zeigte ſich eine leichte Immuths. „Freveln Sie nicht an dem eignen Herzen,“ ſagte ſie war⸗ nend,„ein ſolcher Frevel bleibt niemals ungeſtraft. Wenn Sie auch jetzt noch nicht klar empfinden, was Sie zurückweiſen, einſt werden Sie anders darüber denken und dann bringt keine Reue das Verlorene zurück.“ „Die Reue iſt nur dann ſchmerzlich und bitter, wenn man einer böſen That ſich bewußt iſt,“ erwiderte Arabella leiſe, mit bewegter Stimme. „Wenn Sie jemals ſchon die Bitterkeit der Reue erfahren hätten, würden Sie anders reden. Auch die Unterlaſſung einer guten That kann Reue hervorrufen und vorzüglich einer ſolchen That, durch deren Unterlaſſung man in trotzigem Eigenſinn das eigne Glück verſcherzt hat. Legen Sie die Hand auf's Herz, meine liebe Arabella, iſt es nicht Eigenſinn, was den Entſchluß der Entſagung in Ihnen befeſtigt hat?“ „Nein, Miß Cleveland, der Verſtand—“ „Und ich ſage Ihnen, es iſt der Eigenſinn! Sie wollen der Stimme des Herzens nicht Gehör ſchenken, Sie haben ſich ein⸗ mal eingeredet, Herr von Falkenberg werde dereinſt größeren Werth auf den Frieden mit ſeiner Familie und die Urtheile ſei⸗ ner Standesgenoſſen, als auf Ihre Liebe legen, und Ihr Eigen⸗ ſinn geſtattet Ihnen nicht, dieſes einſeitige Urtheil zu wider⸗ legen.“ „Miß Cleveland, ich bin das Kind einer Zigeunerin,“ erwi⸗ derte Arabella ernſt,„das Kind einer verachteten Menſchen⸗ klaſſe—“ „Sie ſind es nicht!“ fiel die alte Dame ihr leidenſchaftlich in die Rede,„ich kann nicht glauben, daß Sie es ſein ſollen.“ „Meine Erinnerungen beſtätigen es, und meine Mutter haben Sie ſelbſt kennen gelernt,“ ſagte Arabella mit einem leiſen Seuf⸗ zer.„Was iſt da noch zu bezweifeln und zu beſtreiten? Ich habe die Verpflichtung, für meine alte Mutter zu ſorgen, denn wir beſitzen kein eignes Vermögen, und dieſe Pflicht werde ich, ſo lange ſie lebt, erfüllen.“ „Sie dürfen dieſe Sorge getroſt dem Gatten überlaſſen—“ „Glauben Sie, daß meine Mutter ſich von mir trennen wird, — und dürfte ich dieſes Verlanzen an ſie ſtellen? Und auf der 1 E andern Seite können Sie glauben, datz Herr von Falkenberg ſich 1 gber ſi mit dieſer Schwiegermutter befreunden würde? Ich ſpreche ganz„ offen mit Ihnen, weshalb auch ſollte ich mit meinen Gedanken iſt“ hinter dem Berge halten?“ noch „Da ließe ſich am Ende auch ein Ausweg finden—“ neine „Für eine kurze Zeit vielleicht, aber von Dauer würde es nein nicht ſein! Abgeſehen davon, daß meine Mutter aller Wahr⸗ Erden ſcheinlichkeit nach dieſer Heirath nicht zuſtimmen wird—“ aus „Weshalb ſollte ſie es nicht thun?“ ſchw⸗ „Sie feindet alle Männer an, die mir ſich nähern wollen! Sie fürchtet vielleicht mich gasz zu verlieren, wenn—“ ſi „Aber mein Gott, darauf muß doch jede Mutter gefaßt diſe ſein?“ „Und ich denke mir, jeder Mutter wird die Trennung von dem Kinde ſchmerzlich ſein. Hier aber treten noch andre Motive hinzu. So lange ich allein für meine Mutter ſorge, behält ſie ihre Unabhängigkeit, die ſie verliert, wenn—“ „Ich werde mit ihr reden,“ ſagte Miß Cleveland lebhaft,„ſie darf dem Glücke ihres Kinbes nicht ſelbſtſüchtig in den Weg treten, ſie muß den Verhältniſſen ſich fügen, und am Ende kann ſie auch nur ſtolz auf dieſe Verbindung ſein.“ Wieder ſchüttelte Arabella das Köpſchen, und abermals ent⸗ rang ſich ein Seufzer ihrer bekl⸗mmenen Bruſt. „Es iſt Alles umſonſt,“ ſagte ſie leiſe,„ich erkenne Ihre Freundſchaſt mit dankbarem Herzen an, aber was Sie mir auch ſagen mögen, meinen Entſchluß kann nichts ändern, er ſtützt ſich auf ernſtliche und reifliche Ueberlegung. Glauben Sie mir, Miß Cleveland, es iſt für uns beibe, für ihn und für mich beſſer, wenn wir entſagen und vergeſſen!“ „Glauben Sie, vergeſſen zu können?“ „Jeder kann es, wenn er nur ernſtlich will!“ „Und ich ſage Ihnen, Niemand kann es,“ erwiderte die S3 derle gelin boch Rein, gunge Jit und j 2 eine Chat Alles ſelbſt erſchi länderin in eindringl ichem Jone. „Sie zerſtören mit Ihrem Eigenſinn nicht nur das eigene Lebens⸗ glück, ſondern auch das Glück eines Mannes, der Sie liebt. Er darf von Ihnen Entſchädigung fordern für das Opfer, welches er Ihnen gebracht hat.“ . n wollen k gef e aung von te Motive [18 bopz dehält ſie 1 nne Ihre nir auch h beſſer, te Lebens⸗ „Habe ich dieſes Opfer von ihm verlangt?“ „Sie urtheilen zu ſchroff, Arabella. Die Liebe verlangt nie, aber ſie nimmt freudig an, was freiwillig ihr geboten wird.“ „Beenden wir dieſe Untervedung, die für mich nur peinl'ch iſt“ ſagte Arabella, ſich raſch erhebend,„ich wicderhole Ihnen noch einmal, wäre ich jenem Manne, der um mein Herz und meine Hand wirbt, ebenbürtig, ſo würde ich ohne Bedenken ihm mein Jawort geben und ihn ſegnen dafür, daß er mir das höchſte Erdenglück bietet. Nun hahe ich meinen Entſchluß gefaßt, er iſt aus langer ernſter Prüfung hervorgegangen, und das Herz muß ſchweigen.“ „Gehen Sie mit mir nach Vevey,“ bat die alte Dame, be⸗ troffen von dem Ernſt und der Entſchiedenheit, womit Arabella dieſe Wort⸗ geſprochen hatte. „Wozu? Um ihm und mir neue Qualen zu berciten?“ „Sagen Sie ihm das Alles ſelbſt, er wird jedes Wort wi derlegen.“ „Er wird es verſuchen, ich weiß es, aber es kann ihm nicht gelingen. Und wünden auch jetzt dieſe Bedenken beſeitigt, was doch nur ſcheinbar geſchehen lönnte, ſpäter kehrten ſie doch zurück. Nein, Miß Cleveland, erſparen Sie ihm und mir dieſe Aufre⸗ gungen, die keinen Zweck haben. Er wird mich im Laufe der Zeit vergeſſen, er wird eine Andre finden, die ihm ebenbürtig iſt und ihn glücklich machen wird.“ Wiß Eleveland ſchwieg; ſie fühlte, daß jeder weitere Verſuch, eine Aenderung dieſes Entſchluſſes zu bewirken, an dem feſten Charakter dieſes Mädchens ſcheitern würde. Was auch hätte ſie jetzt noch ſagen können? Sie hatte Alles erſchöpft, um die Schranken niederzurreißen, die Arabella ſelbſt aufthürmte, und es war ihr nicht einmal gelungen, ſie zu erſchüttern. „So, muß ich denn auf Gottes Fügung vertrauen,“ ſagte ſie nach einer langen Pauſe,„er wird's wohl recht machen, und gegen das, was in ſeinem Rathe beſchloſſen iſt, kämpfen auch Sie vergebens.“ „Ja, vertrauen wir auf ihn,“ erwiderte Arabella ruhig,„und hat es nicht ſollen ſein, daun müſſen wir geduldig uns fügen. Der Baſtard. 3 25 — Und nun ſagen Sie mir aufrichtig, weiß Hers von Falkenberg wirklich nicht, 35 S zu mir gereiſt ſind?“ n, er glaubt mich auf einem Ausfluge nach Schloß Chihon. Es wünrde ihn zu 6 z aufgeregt haben, wenn ich ihn von mei⸗ nem Vorzaben unterrichtet „Und vielleicht pätte er es nicht einmal gebilligt.“ glauben, ſeine Liebe könne bereits erloſchen ſein?“ nicht, aber es muß ihm jetzt nun rar geworden ſein, Hoffnungen ſich niemals verwirklichen werden.“ das dürfen Sie nicht glauben. Das Menſchenherz hält an Jeinen Hofſnungen feſt ſo lange das Blut in ihm pulſirt.“ Langſam ſchritten die beiden Damen zur Stadt zurück; und als Miß Eleveland jetzt einen prüfenden Seitenblick auf ihre Be⸗ gleiterin warf, erkannte ſie an dem ſcharf ausgeprägten Zuge, der die feſt geſchloſſenen Lippen umſpielte, daß ihr Entſchluß unab⸗ derlich war. „Sie werden alſo nicht mehr nach Vevey kommen?“ fragte ſie. „Nein,“ erwiderte Arabella,„ich werde auch hier nicht iange mehr bleiben.“ „Und wohin gedenken Sie von hier aus zu reiſen?“ „Ich weiß es noch nicht.“ „Fürchten Sie, daß ich es verrathen würde?“ An dieſe Beſorgniß dachte ich nicht. Ste werden ja ſelbſt ien daß Sie ihm damit keinen Gefallen erzeigen würden, enn ſobald Herr von Falkenberg mir wieder vegegnet. werde ich Stadt, in der dieſe Begegnung ſtattfindet, unverzüglich ver⸗ laſſen.“ „Sind Sie ſo grauſam, Arabella?“ „Grauſem? Ich will meinen Frieden mir bewahren.“ Sie wareu vor dem Hotel Gibbon ſtehen gevaeben, Miß Cle⸗ veland blickte Arabella voll herzlicher Theilnahme an⸗ „Wollen Sie mich in mein Zimmer begretten?“ fragte ſie. Jetzt nicht,“ erwiderte Arabella, wie aus einem Traume er⸗ echend,„ich bin nicht in der ruhigen Stunmung, in der man ſ befinden muß, wenn man die Schönheit der Natur ganz und ane genießen will Woann werden Sie wieder abreiſen?“ „Gleich nach Tiſch.“ u mei 3 j ſelbſt würden, eide ich ich v⸗ ß Cle⸗ ſie. ume er⸗ der man uz und ————— — 707— „Dann leben Sie wohl, Miß Cleveland. Ich danke Ihnen nochmal von ganzem Herzen für die Freundſchaft, die Sie in Ve vey und auch neuerdings mir bewieſen haben, ich weiß ja auch daß nur die lauterſten Grün e Sie z: dieſem Schritt bewogen haben, und deshalb ſchmerzt es mich doppelt, daß Ihr Wunſch keine Erfüllung gefunden hat.“ Tie alte Dame hielt die feine Hand des Mädchens feſt in der ihrigen. „Und für ihn haben Sie keinen Gruß?“ fragte ſie. „Wollen Sie ihm ſagen, daß Sie bei mir geweſen ſind?“ „Später vielleicht, wenn er geneſen iſt.“ „Nun dann ſagen Sie ihm auch, daß unſere Wege getrenn tieen müßten, daß ich von ſeiner Liebe das fordere, und daß ich in der Erfüllung bieſes Wunſches einen Beweis ſeiner Liebe er blicken würde. Sagen Sie ihm, duß ich von ganzem Herzen wünſche, er möge an der Seite einer Andern ein ungetrübtes Glück ſinden, ein Glück, wie er es verdient mit ſeinem treuen, edlen Herzen. Ich ſende ihm durch Sie meine letzten Grüße und ein Lebewohl auf emig, möge er mir ein freundliches Andenken bewahren.“ Tief bewegt wandte ſie ſich ab, Miß Cleveland hult ihre Hand noch immer feſt. „Und wenn Sie nach England kommen, dann beſuchen Sie mich, nicht wahr?“ „Ich verſpreche es Ihnen.“ „Und ich erwarte Sie mit Zuverſicht,“ erwiderte die alte Da⸗ me,„eine innere Stimme ſagt mir, daß wir uns wiederſehen werden. Leben Sie wohl, Arabella, mögen Sie dieſer Stnde nie mit bittrer Reue gedenken!“ Signora Arabella Erimaldi wiegte mit erzwungenem Lächeln das Haupt, und ſchlug den Weg zu ihrem Hotel ein. Wie unſaglich ſchwer es ihr geworden war, der Freunbis dieſe Antwort zu geben. und äußerlich ruhig zu bleiben, während in ihrem Innern alle Leidenſchaften entfeſſelt waren, das wußte außer ihr Niemand, und Niemand ſollte es erfahren. Niemand ſollte erfahren, wie tief und innig ſie jinen Mann liebte, deſſen Liebe ſie gleichwohl zurückwies! 708— Wie namenlos glücklich wäre ſie geweſen, hätte ſie dem Manne die Hand reichen, ihm ſagen dürſen, ſie wolle die Seinige ſein für Zeit und Ewigkeit! Es war nicht Trotz und Eigenſinn, was ſie hinderte, dieſes Wort auszuſprechen, es war das Reſultat einer ernſten Prüſung und dieſem Reſultat mußte das Herz mit ſeinen Wünſchen und Hoffen ſich unterordnen. Miß Cleveland hatte gewiß das Beſte gewollt, aber ihr ſelbſt war wohl nie eine ſolche Frage nahe getreten, alſo konnte ſie auch nicht aus eigner Erfahrung darüber urtheilen. In gedankenvoller Stimmung ſetzte Arabella ihren Weg fort. Was Miß Cleveland ihr über ihre Mutter geſagt hatte, das hatte ſie ſelbſt einmal ſich geſagt, und Willy Rodenberg war eben⸗ falls auf die Vermuthung gekommen, daß Signora Grimaldi nicht die Mutter Arabellas ſein könne. Aber dieſe Vermuthung ruhte auf zu ſchwachen Stützen, und Arabella hatte ſpäter ſelbſt ſie als unbegründet verworfen. Sie hatte dem Freunde die Abreſſe des Mannes mitgetheilt, dem die Mutter von Zeit zu Zeit Geld ſchickte, und Willy hatte daraufhin ihr geſchrieben, er habe jenem Manne ſchauf auf den Zahn gefühlt, aber nicht die geringſte Entdeckung gemacht, die man hätte weiter verfolgen können. Hurter behaupte, er ſei ein alter Freund ihrer Mutter, und er eryane die Geldſendungen als Unterſtützung. Seitdem hatte ſie von Willy keinen Brief mehr erhalten. Ihre Mutter hatte Briefe von Hurter erhalten, aber über den Inkalt verfelben nichts geäußert, nur glaubte Arabella bemerkt zu haben, daß ſie jetzt ſchärfer beobachtet und überraſcht werde. Und auch jetzt fand ſie in dem Blick der Mutter, der ſich. forſchend auf ſie heſtete, ein ſcharf ausgeprägtes Wißtrauen, wel⸗ ches ſie höchſt unangenehm berührte. „Wer war die Dame?“ fragte Signora Grimaldi ſcharf⸗ „Fängt jetzt auch hier die Geheimthuerei an?“ Arabella war an dieſem rohen Ton zu ſehr gewöhnt, als daß ſie etwas Auffallendes in ihm hätte finden können, ſie legte Hut und Shawl ab und trat vor den Spiegel, um ihre Friſur zu ordnen. — te, du r eben⸗ bi nüt en, und O 5 hre vabalt haben, er ſich „wel⸗ ſchurf , als hte . Frur — „Die Dame war Miß Cleveland,“ gener Ruhe,„Du wirſt nen lernte.“ erwiderte ſie mit erzwun⸗ Dich erinnern, daß ich in Vevey ſie keu⸗ „Die intriguante Engländerin?“ ſpottete die alte Frau.„Alſo hat ſie doch ſo lange ſpionit, bis ſie un fuhr. Was wollte ſie hier?“ „Mich beſuchen!“ „Das war Alles?“ „Jawohl.“ „Und deshalb forderte ſie eine geheime Unterredung? Wer das glaubt, der muß leichtgläubiger ſein, als ich.“ Arabella wandte ſich um, ein zornglühender Blick traf aus de dunklen Augen die alte Frau. ſern Aufenthaltsort er⸗ „Daß ſie Dir nicht nehr zu begegnen wüsſchte, wirſt D begreiflich fieden,“ erwiderte ſie„es thut mir leid, daß Du mi zwingſt, Dich darauf aufmerkſam zu machen.“ „Und weshalb will ſie mir nicht begegnen?“ Grimaldi.„Sie iſt wohl zu ſtolz, wie?“ „Hüte Dich vor den Leuten, wer Deine Mutter nicht e der ehrt Dich auch nicht, und wer nicht den Muth hat, mir die Augen zu ſehen, die hat mit Dir Vößes vor.“ Arabella zuckte die Achſeln. „Ich glaube, darüber ſelb ſie kält. „Verlaß' Dich nur auf Dein Urtheil, dann wirſt Du bald verlaſſen ſein! Wenn ich nicht über Dich gewacht hätte, dann—“ „Dann würde ich ſelbſt meinen Weg geſunden haben,„unter⸗ brach Arabella ße.„Ich glaube, Dir bis jetzt noch keine Gele⸗ genheit zu einem Vorwurf gegeben zu haben.“ „Vus haſt Du mir zu danken! Es ſind Dir Fallen genug geſtelt worden, und wer weiß, ob Du nicht hineingegangen wäreſt⸗ wenn ich ſie Dir nicht eus dem Wege zeränmt hätte. So oft Du etwas gethan haſt, ohn⸗ mich um Rath zu fragen, handelteſt Du thöricht, ich erinnere Dich nur an das geſtrige Konzert-“ „Und welche Thorheit habe ich in Bezug darauf begangen?“ „Des fragſt Du noch? Was iſt denn für uns dabei heraus⸗ gekommen?“ „Duß Bewußtſein, eine gute That vollbracht zu haben, er⸗ eiferte Sign ſt urtheilen zu können,“ erwiderte — 710— widerte Arabella, das Köpſchen trotzig zurückwerfend. Es galt eine verarmte Famile zu unterſtützen—“ „Und wer unterſtützt uns, wenn wir verarmen?“ „Dieſe Frage kann ich nicht beantworten, einſtweilen droht uns die angedeutete Gefahr noch nicht.“ „Du denkſt wohl, unſre Kaſſe ſei unerſchöpflich?“ höhnte die alte Frau.„Ich muß Dir leider mittheilen, daß unſer Ver⸗ mögen mehr und mehr zuſammenſchmilzt.“ „Trotz unſrer beſcheidenen Anſprüche?“ „Ja, trotzdem!“ „Dann trogen andere Urſachen die Schuld,“ ſagte Arabella mit einem forſchenden Blick auf das Geſicht der Mutter.„Wir leben ſo einfach und anſpruchslos, daß meine Erſparniſſe noch für lange Zeit ausreichen mußten.“ „Davon verſtehſt Du nichts!“ „Ich rerſtehe ſoviel davon, daß ich wohl zu der Frage be⸗ rechtigt bin, wo das Geld geblieben iſt? Und vor allen Dingen wünſche ich zu wiſſen, aus welchen Gründen ein gewiſſer Hurter die verſchiedenen Geldſendungen beanſpruchen darf.“ Signora Grimaldi blickte erſchreckt auf, ein häßlicher Zug um⸗ zuckte ihre ſchmalen Lippen. So energiſch war Arabella noch nie gegen ſie aufgetreten, mit ſolcher Entſchiedenheit hatte ſie nie zu vor ihren Willen gelten gemacht. „Du ſpionirſt?“ ſragte ſie boshaft. „Ich kann meinen Augen das Sehen nicht verbieten!“ „Und magſt Du ſehen, was Du willſt, ſo haſt Du doch keine Berechtigung, von Deiner Mutter Rechenſchaft zu fordern,“ er⸗ widerte die alte Frau zornig. „Es iſt mein Geld, welches Du fortſchickſt!“ „Wenn es Dich befremdete, ſo hätteſt Du mich fragen ſollen das wäre einfacher und ehrlicher geweſen, als durch einen Andern ſpioniren zu laſſen.“ Arabella zuckte zuſammen, ſie konnte dieſen Hieb nich pariren. „Willy Rodenberg hat nicht ſpionirt, ſondern offen und chr⸗ lich, „Es war ſeine Sache nicht, und Du hatteſt kein Recht ihn verhal bie at „ richt halte e 9* Dinge — agen Hurter ten, wit ſ gelten en ſollen n Anderu ieb nich — 711— bamit zu beauſtragen. Ich trage eine alte Schuld ab, die ich früher machen mußte, um die Koſten für Deine Ausbildung zu beſereiten, ich genke oas wird Her genügen.“ „Es vutz mir genügen, wenn ich einen andern Aufſchluß er⸗ halte.“ Der ſtechende Blick oer Signora Grimaldi heftete ſich aber⸗ mals auf das blaſſe Aatlitz des Mädchens, aber ſie ſand in dem⸗ ſelben mr jenen Teſen, entſchloſſenen Zug, der auch Miß Cleve⸗ land von weiteren Verſuchen zurückgehalten Jatte. „Das war eine ungezogene Antwort,“ ſagte ſie. In den Augen Arabellas flammte es zornig auf. „Wenn mir die Wahrheit vochehlt wird, dann kann meine Vitterkeit Niemand mir verargen,“ erwiderte ſie. Die alte Frau zuckte verächtlich die Achſeln, ſie ſchien es nicht der Mühe werth zu finden, eine Antwort dgraut au geben. „Der Maler Rodenberg iſt auch von ſeiner Höhe hinunterge⸗ ſtürzt“ nagte ſie höhiſch,„ich wußte es wohl, er war auch einer von denen. die nicht wiſſen, wie hoch ſie hinaus ſollen. Dort liegt der Bries, er iſt vor einer Stunde angetommen.“ Sie zeigte auf den Tiſch, Arabella ſchrect raſch auf ihn zu und nahm den Brief auf. „Er iſt an mich adreſſirt,“ verſetzte ſie mit einem vorwurſs⸗ vollen Blick auf die Mutter. „Ich weiß es.“ „Und Du haſt ihn geöffnet?“ „Wie Du ſiehſt.“ „Ich muß mir das verbitten,“ erwiderte Arabella, deren lang verhaltener Groll ſich endlich eine Bahn brechen mußte,„Brieſe, vie an mich aoreſſirt ſind, will ich zuerſt leſen.“ „Es könnten Geheimniſſe darin ſein, welche Deine Mukter nicht erfahren darf, wie?“ ſpottete Signora Grimaldi. „Das ſürchte ich nicht, aber ſie könnten Mittheilungen ent⸗ halten, die den Anlaß zu verletzendem Spott geben.“ „Es ärgert Dich wohl, daß ich über Deinen guten Freund ſo genau unterrichtet worden bin?“ „Wenn es Wahrheit iſt, was Du ſoeben geſagt haſt— Du warſt immer hehäſſig gegen meine Freunde.“ „Aus guten Gründen!“ „Aus Gründen der Selbſtſucht.“ „Bah, was verſtehſt Du davon!“ Arabella gab keine Antwort, ſie flüchtete ſich mit den Briefe der Mutter Willy's in das Nebenzimmer, um ihn dort ungeſtört zu leſen. „Meine theure Freundin!“ ſchrieb Frau Magdalene, und ſchon pei den erſten Worten tauchte das Bild der ſanſten, ſchönen Frau vor dem geiſtigen Blick Arabella's auf.„Es will mir faſt ſchei⸗ nen, als ob mit Ihnen unſer guter Engel geſchieden ſei, denn wo⸗ hin ich blicke, finde ich nur dunkle Wolken, die meinem Daſein jeden Lichtſtrahl rauben. Laſſen Sie mich vorab Ihnen berichten, was Alles hier vor⸗ gefallen iſt, ſeitdeim Sie Abſchied von uns genommen haben. In den erſten Tagen ſchien es, als ob Willy ſich aufraffen und ſeinen Gegnern zeigen wolle, daß er zu hoch über ihnen ſtehe, als daß ſie ſeine Ehrs antaſten könnten. Baron Bruno von Oſthofen reiſte ab, und der Majoratsherr mochte meinem Sohne einen Beſuch, der immerhin ſchmeichelhaft für ihn war. Willy brach mit dem Maler Auerbach, dieſem enfant terriblo, welches Sie ja auch kennen, er ging oft nach Oſthofen, öfter, als mir aus gewiſſen Gründen lieb war. Hätte ich vorausgeſchen, was daraus entſtehen würde, ſo hätte ich ihn gewarnt und zurückgehalten, aber mein Herz hatte keine Ahnung davon. In Oſthofen vollzog ſich der Vruch der beiden Brüder, der Majoratsherr verlobte ſich mit Fräulein Roſa Becker, der Tochter des reichen Bankiers und ſeinem adelſtolzen Bruder mag dies einen zu gewaltigen Schlag gegeben haben. Baron Udo hat eine Wohnung in unſrer Stadt bezogen, und in Oſthofen werden bereits Vorbereitungen zur Aufnahme der jungen Frau getroffen.—— Ich kann und will darüber nicht richten und urtheilen, nuß Jeder doch ſelbſt wiſſen, was er thun und laſſen darf. Man ſagt, der Majoratsherr wolle mit dem Gelde ſeines Schwiegervaters ſein Wapven neu vergolden, und geſetzt, dieſes on dit ſei Wahr⸗ heit, wer kann ihm baraus einen Vorwurf machen? Ihr Freund Hellmuth Waldſtern wird nun auch bald ſeine —— ri eſtört dſchon Fru ſchei- n we⸗ k vor⸗ en. raffen en ſtche, tsherr Selheft eriblo, er, als ſo hätte e keine ct, der Lochter ig dies n, und me der n, nuß an ſagt, erwaters Wahr d ſein — 713— junge Frau heimführen, er heirathet die einzige Tochter des Ver⸗ walters Wortmann, und ich wünſche dem jungen Paar des Him⸗ mels reichſten Segen. Meine theure Arabella, was ſoll ich Ihnen von uns melden? Ich würde ſchweigen, wenn ich nicht wüßte, S6 herzlichen An⸗ theil Sie an unſerm Geſchick Es hatte den Anſchein, als o? Willy die rohe Schmach ver⸗ geſſen habe, welche Bruno von Oſthoſen ihm zugefügt hotte, er arbeitete emſig an dem Gemälde, welches er für den Majorats⸗ herrn malte, und das freundliche Entgegenknmen der Baroneſſe Klara mag wohl auch zu ſeiner Berubigung beigetragen haben. Er wollte, ſobald das Gemälde fertig und abgeliefert war, mit mir eine längere Reiſe antreten, es lag in unſerm Plane, Sie in der Schweiz aufzuſachen, einige Tage mit Ihnen zu verbringen und dann nach Italien zu reiſen, wo wir den Winter über zu bleiben gedachten. Ich hatte mich in dieſen Plan ſo recht hineingelebt und war⸗ tete mit ungeduldiger Sehnſucht auf den Tag, an dem wir die Ausführung beginnen konnten, aber wie mir in meinem vielbe⸗ wegten Leben manche ſchöne Hoffnung in die Brüche gegangen iſt, ſo ſollte auch dieſe mir vernichtet werden. Vor einiger Zeit kam Willy eines Toges von Oſthofen zurück nio zuvor hatte ich ihn in ſolcher Aufregung geſehen. Vergebens fragte ich ihn, was vergefallen ſei, er antwortete mir nicht, aber aus den Aeußerungen, die er fallen ließ, konnte ich das Vorgefallene mit ziemlicher Sicherheit errathen. Mit Angſt und Sorge beobachtete ich ihn; er arbeitete nicht mehr, war er nicht draußen, ſo hörte ich ihn im Atelier unermüd⸗ lich auf und abwandern. Das für den Majoratsherrn begonnene Gemülde hatte er zer⸗ rämmert, und meine Beſorgniß wuchs, als ich bemerkte, daß Auevbach ihn wieder beſuchte. 5 Der Verkehr mit dieſem Manne, vor dem ich En ſo oft ge⸗ wont habe, war niemals ſegensreich für ihn, er wußte es ſelbſt und eben deshalb hatte er mit ihm gebrochen. Seit jenem Tage habe ich keine frohe Stunde mehr gehabt, Willy macht die Nacht zum Tage und vernichtet ſelbſt ſeine That⸗ kruft und ſeine Geſundheit. — 714— Da ich von ihm ſelbſt die Urſache dieſer Verirrung nicht er⸗ ihn hi fahren konnte, ſo entſchloß ich mich endlich mit ſchwerem Herzen 3 dazu, an die Baroueſſe Klara von Oſthofen zu ſchreiben. Lel Sie war ſelbſt bei mir, um mich zu tröſten, aus ihrem Munde Frelln erfuhr ich, daß Willy ſo thöricht geweſen war, um ihre Hand zu Ar werben. begreife das nicht, eine gewaltige Leidenſchaft muß ihn er⸗ 6 ſfen und hingeriſſen haben, eine Leidenſchaft, die ihn an die 6 ig zen dieſes gewagten Schrittes nicht denken ließ. Majoratsherr übesraſchte ihn, als er vor der Baroneſſe Mam auf den Knicen lag, und es ſoll zwiſchen ihm und meine: nSohne 3½ zu einem heftigen Auſtritt gekommen ſein. tn Welche Worte da gefallen ſind, wußte die Baroneſſe nicht, z ihr Vater hat ihr keine M ſcheterge darüber gemacht, aber die Verzweiflaug Willys läßt mich das Schlimmſte ahnen. 8 So hat der Fluch, der mir den Lebensfrühling raubte, ſich nun an ſeine Ferſeu geheitet, und ich fürchte, er wird erſt dann enden, wenn ſein Werk vollbracht und das Lebensglück Willy's für immer vernichtet iſt. Beklagen Sie mich, meine theure Freundin, ich weiß es, Sie werden Ihre Theilnahme mir nicht verſagen. Was nun noch kommen wut, weiß Gott allein, ich habe nicht die Macht, das Schlimme abzuwenden, ich muß auf Gott vertrauen, ihn will ich Unl bitten, meinen armen, unglücklichen Sohn auf die beſſere Bahn ihre zurückzuführen. Wie viel Schmerz und Kummer knüpft ſich doch für mich an den Namen in Oſthofen! Wenn es mir gelänge, Willy aus dieſer Stadt fortzubringen, ſo würde dadurch vielleicht ſeinem völligen Ruin vorgebeugt. Darf ich Sie bitten, in dieſem Sinne an ihn zu ſchreiben? Vielleicht gelingt es Ihrer Freundſchaft, was meine Liebe nicht meör vermag! Schreiben Sie ihm vicht, was ich Ihnen mitge⸗ theilt habe, es würde ihn verletzen und erbittern, plaudern Sie gebe duß dem leid len mit ihm wie Sie es früher ſo oft gethan haben, harmlos und unbefangen, und ſuchen Sie die alte Sehnſucht nach dem ſonnigen Jtalien in ſeiner Seele wieder zu wecken. Dieſe Sehnſucht ſchlummert noch immer in ihm, gebe Gott, oß ſie noch einmal in ihrer früheren Kraft ſich geltend machee, — gelingt es mir, ihn der gefährlichen Geſellſchaft zu entziehen, die ihn hier ſo feſt gefeſſellt hält, ſo glanbe ich, wieder hoffen und mit Vertrauen in die Zulunſt blicken zu können. Leben Sie wohl, tauſend Grüße ſendet Ihnen Ihre treue Freundin Magdalena Rodenberg.“ Arabella ließ die Hand, die den Vrief hielt, in den Schosſ ſinken und blickte in Sinnen verloren lange vor ſich hin. Eine unſagliche Bitterkeit gegen die Batoneſſe von Oſthofen erfüllte ihre Seele. Welchen Grund hatte Klara gehabt, die Liebe dieſes edlen Mannes zurückzuweiſen? War er nicht durch ſein Talent und ſeinen Ruhm ihr eben bürtig? Und wenn ihr Stolz ihr nicht geſtattete, ihm das Jawort geben, war es dann nicht natürlicher, daß er ſie verachtete, daß er ihretwegen ſich der Verzweiflung in die Arme waf? Sie begriff des nicht, ſie zürnte Beiden, der Baroneſſe und dem Freunde, und auf der anderen Seite fühlte ſie inniges Mit⸗ leid mit der Mutter Willy's, deren Wunſch ſte heute noch erfül⸗ len wollte. Nach einer Weile kehrte ſie in das andere Zimmer zurück. Signora Grimaldi heſtete die ſtechenden Augen auf das bleiche Antlitz ihrer Tochter, und wieder umſpielte ein boshafter Zug ihre ſchmalen Lippen. „So geht's, wenn man zu hoch hinaus will,“ ſagte ſie tückiſch, aber vor dem flammenden Blick, der aus den dunklen Augen Rrabellas ſie traf, mußte ſie unwillkürlich die Augen niede⸗ ſchlagen. „Zu hoch?“ erwiderte die Sängerin in herbem Tone.„Willy Rodenberg gilt in meinen Augen mehr, als der Majoratshert von Oſthofen, er ſteht hoch über ihm.“ „Was kennſt Du davon?“ ſpottete die alte Frau.“ Dein guter Freund iſt, wie aus dem Briefe deutlich hervorgeht, ein Trunkenbold geworden—“ „Und wenn er wirklich ſo tief geſunken wäre, ſo gibt dies uns noch nicht die Berechtigung, ihn zu verdammen,“ fuhr Ar bells mit gehobener Stimme fort.„Mögen diejenigen, die das ven⸗ ſchuldet haben, es vor mi Gewiſſen verantworten ich k nn ihn — S S * nur bedauern, und meiner Theilnahme darf er gewiß ſein.“ „Wirſt Du ihm ſchreiben?“ „Gewiß, was ich dazu beitragen kann, ihn auf den rechten Weg zurückzufuͤhren, das ſoll geſchehen, das Vertrauen, welches Frau Rodenberg mir ſchenkt, werde ich rechtfertigen.“ „Und wenn Du ihn einladeſt, hierher zu kommen, dann— „Dann?“ fraßzte Arabella ſcharf.„Du wirſt mich nicht hin⸗ dern, das zu thun, was Freundespflicht und Gewiſſen mir ge⸗ bieten!“ „Gebieten ſie Dir, eines Fn wegen unſre ganze Exi⸗ auf's Spiel zu ſetzen?“ „Das verſtehe ich nicht.“ „Die Brieſe aus London und Wien müſſen beantwortet wer⸗ den. In beiden hat man Dir einen Kontrakt für den Herbſt und Winter angebeten, willſt Du keinen von ihnen unter⸗ zeichnen?“ „Ich glaube, damit hat es noch Zeit, es eilt ſo ſehr nicht!“ „Die Herren verlangen baldige Antwort,“ eiferte die alte Frau,„ſie wollen wiſſen, woran ſie ſind, und das kann ihnen Niemand übel nehmen. Die Kontrakte ſind beide ſehr gunſrig für Dich, und wir müſſen dafür ſorgen, daß wir für den Winter eine geſicherte Einnahme haben.“ Arabella konnte die Nichtigkeit dieſer Behauptung nicht be⸗ ſtreiten, ernſt und voll blickte fie die Mutter an. „Und für welchen Kontralt würdeſt Du ſtimmen?“ fragte ſie. Für London.“ „Aus welchen Gründen?“ 1 „Ich kann Dir alle meine Gründe aber ich glaube, daß Du in England ein ſehr dankbares Feld finden wirſt und kehrſt Du von drüben ruhmgekrönt nach Deutſchland zurück, ſo brauchſt Du für Deine Zukunft nicht mehr zu ſorgen.“ „Gut, ich will Deinem Rathe folgen und heute noch den Kon⸗ trakt unterzeichnet nach London zurückſchicken,“ erwiderte Arabella ℳ raſch entſchloſſen.„Wir brauchen erſt in vier Wochen abzu⸗ reiſen—“ „Und ſo lange willſt Du noch hier bleiben?“ fragte Signo⸗ ra Grimaldi raſch. „Vielleicht.“ waren richt E vertre es na Inter D eien Ahlk e älte inen er eine ct be⸗ agte ſi. glaube, tſt und ic(, ſo en Kon⸗ Arabella n abz⸗ Sigue⸗ — 717— „Ich ſtimme entſchieden dagegen.“ „Wenn Frau Rodenberg mich hier auſſuchen will, weshalb ſollte ich ihr aus dem Wege gehen?“ erwiderte Arabella ruhig. „Ich werde hier Hleiben, ſo lange nicht andere Verhältniſſe mir den Aufenthalt verleiden. Und nun bitte ich Dich, mich nicht weiter zu ſtören, ich habe mehrere Briefe zu ſchreiben.“ Sie nahm ihre Schreibmappe und ging wieder in das Neben⸗ zimmer, ohne den boshaft triumphirenden Blick zu bemerken, den die alte Frau ihr nachſchickte. 29. Käpitel. Das Zirlheil. Die Akten in der Unterſuchungsſache gegen den rothen Franz waren geſchloſſen, der Tag der Verhandlung vor dem Schwurge⸗ richt erſchien. Ein zahlreiches Publikum ſüllte den Saal, alle Stäude waren vertreten, oas Verbrechen hatte damals Aufſehen gemacht, da war es natürlich, daß mit der Erinnerung an jenen Mord auch das Intereſſe des Publikums wieder geweckt würde. Der Anklageact ließ der Schuld des Angeklagten kaum noch einen Zweiſel. Die That war mit ihren Motiven ſo klar und deutlich ge⸗ ſchiltert, daß ein Zweifel gar nicht mehr aufkommen konnte. Der Angeklagte hatte ſchon vor zwanzig Jahren mit dem E.⸗ mordeten in Hader und Zwietracht gelebt, die Frau des letzteren war die Urſache dieſer Feinbſchaft geweſen, und dieſe Feindſchaft hatte Florian Bender veranlaßt, in Amerika eine neue Heimathzu ſuchen. Der Angeklagte war ein roher, händelſüchtiger Menſch, man hatte ihn aus ti ſem Grunde entlaſſen müſſen, und ſeitdem lebte — 718— er als Vagabund von dem, was die Wilddieberei ihm einbrachte Er war von dem Förſter Lebrecht als Wilddieb ertappt aber nicht zur Straſe gezogen worden, und man durfte anneymen, daß er den Wilbdiebſtahl fortgeſetzt hatts, da von einer andern, ehr⸗ lichen Erwerbsquelle Niemandem etwas bekannt war. Nun war Floriau Bender plötzlich von Amerika zurückge⸗ kommen. Der Maſoratsherr von Oſthofen, den milden Anſchauungen ſeines Bruders nickt beipflichtend, hatte dem ſortgeſetzten Wilbdieb⸗ ſtahl ein Ende machen wollen, und da er für Florian Bender, dem et zu großem Tank verpflichtet war, ein Unterkommen ſuchte, ſo bekleidete er ihn mit der Stelle eines Wildhüters, darauf ver⸗ trauend, daß der frühere Haß der beſte Wächter ſein werde. Der Förſter Lebrecht glaubte darin ein Zeichen des Mißtrau⸗ ens erblicken zu müſſen, er begegnete dem rothen Franz im Walde und machte dicſem gegenüber ſeinem Groll Luft. In der Bruſt ves Angeklagten loderte der Haß wild auf, er ſuchte ſeinen Gegner in der Schenke auf, und es kam hier zu einem heftigen Wortwechſel, den der Haß rähren und ſteigern mußte.. Wären die Gäſte nicht zwiſchen die Beiden getreten, ſo würde 2 es wohl ſchon in der Schenke zu Mord und Tobtſchlag gekom⸗ 1 men ſein. Florian Bender hatte ſeinem Gegne. eine Hand voll Gold⸗ ſtücke gezeigt, der rothe Franz verließ vor ihm das Wirthshaus und nach der Ausſage aller Gäſte befand er ſich in der ruhig⸗ ſten Stimmung, um einen Entſchluß faſſen zu können. Er hatte von dem Haß des Ermordeten einen deutlichen Be⸗ weis erhalten, er mußte ſich ſagen, daß dieſer Haß ihm ale bis⸗ herigen Exiſtenzmittel entziehen werde, und daß er im Walde vor einer Kugel Benders jetzt nicht mehr ſicher ſei. Florian Bender konnte den Wilddieb ungeſtraft niederſchießen und ſich damit rechtfertigen, er habe ihn auf dem Anſtand er⸗ tappt, der Majoratsherr forſchte„orausſichtlich der Sache gar nicht weiter nach. Dem mußte er zuvorkommen, und die letzten Zweifel wurden deeitigt durch die Habſucht, welche ber Anblick des Geldes gereizt Hälte der e Schu ſo en konnt A Verbr devib die 0 mfe fand gann ( dieſe hab er e er ein —— Vender ſchliet im Sommerhame, dort fund er auch eine gela⸗ i i er ſelbſt hatte es geſogt. ie des Vertrechens war alfo außerordentlich S und der Entſchluß in Ame veſſen raſch gsfaßt. Der rothe Franz ſchlich ſich in den Pok und als er glaubte, daß ſein Gegner ſchlafe, nat er n das Scmmerhaus, nahm die Büchſe und erſchoß den Schlummernden. Nachdem der Mord vollyracht war bot die Veraubung keine Schwierigkeiten mehr, und der Angeklaate Hielt es für rathſam, das geraubte Gold im Walde zu verſtecken, da er wohl wußte, daß ſeine Verhaſtung ſchon am nächſten Tage erfolgen konnte, der erſte Verdacht mußte ja auf ihn fallen. Der Angeklagte hatte zwar kein Geſtänd von einem ſo verſtodten, verhärteten Verorecher auch nicht erwarten. Sein rrecher Trotz im erſten Verhör und die Conſequenz, mi⸗ der er den Verdacht auf Andre zu tenlen ſuchte, ohne für ſeine Schuldloſigkeit den leiſeſten Beweis beibringen mu können, zeugte ſo entſchieden gegen ihn daß ſeine Schuld nicht vezweifelt werden konnte Alles deutete darauf hin, deß er ollein und kein Anderer das Verbrechen begangen hatte, die Unterſuchung hatte eas klar und deuthch ergeoen, es war ounchaus keine Spur gefunden worden, die auf einen andern Thäter hindeuten konnte. Nach ver Verieſung dieles Aktes wurden die Zeugen aufge⸗ rufen, unter denen ſich auch der Majoratsherr von Oſthofen be⸗ fand, und nachdem ſie aus dem Saale entfernt worden waren, be⸗ gann vas Verhor des Angeklagten. Er gab zu, den Ermordeten gchaßt zu haben, aber die Urſache dieſes Haſſes ſchob er auf ihn zurück. Er beſchuldigte Florian Bender, ihm die Braut geraubt zu haben, alle Vorwürfe, die ihm ſelbſt gemacht worden wären, wälzte er auf Jenen. Er gab ferner zu, daß die Mittheilungen des Förſters ihn gewaltig aufgebracht hätten, aber mit Entſchiedenheit proteſtirte er dagegen, daß er daran gedacht habe, den verhaßten Gegner durch ein Verbrechen zu beſeitigen. Hätte Bender in der Schenke ihn angegriffen, ſo würde erden dniß abgelegt, aber durfte man das Kampf aufgenommen und ihm einen Denkzetel für alle Zeiten gegeben haben, etwas Anders habe er nicht beabſichtigt. Das Gold habe ihn auch nicht gereizt, er bedürfe wenig zum Leben, und dieſes Wenige habe er ſtets gefunden. Er behauptete, aus dem Wirthshauſe ſofort in den Wald ge⸗ gangen zu ſein, der Auftritt mit Bender hatte ihn aufgeregt, im Park war er an jenem Abend nicht geweſen. Im Augenblick ſeiner Verhaftung wollte er von dem Verbre⸗ chen noch keine Kenntniß gehabt haben, um ſo mehr hatte das ſcharfe Verhör ihn überraſcht, und er begriff auch jetzt noch nicht, daß die Klage gegen ihn erhalten wurde. Wie das Gold in den hohlen Baum gekommen war, wollte er nicht wiſſen, er ſelbſt hatte es, wie er ſagte, nicht hineingelegt, und die Zumuthung, jetzt noch ein offenes Geſtändniß abzulegen und ſich ſchuldig zu bekennen, wies er ſo trotzig und höhniſch zu⸗ rück, daß ſchon daraus ein Schuldbewußtſein hergeleitet werden mußte. Der Präſident des Schwurgerichts begann jetzt mit dem Ver⸗ hör der Zeugen. Friedrich Wortmann war der Erſte der vor die Schranken gerufen wurde. Er berichtete, was Florian Bender ihm an jenem Abend nach ſeiner Heimkehr mitgetheilt hatte, ohne aber dabei die Ausſagen zu erwähnen, die bei dieſer Gelegenheit über den Majoratsherrn gemacht worden waren. Es war ein ziemlich dürftiger Vericht, aus dem nur hervor⸗ ging, daß Bender drüben Alles verloren hatte und in der Hoff⸗ nung, in der Heimath ein Unterkommen zu finden, zurückgekehrt war. Der Verwalter war kurz vor dem Morde dem Erſchoſſenen im Park begegnet, er conſeatirte, daß Bender ſich in einer unge⸗ wöhnlichen Aufregung befunden habe, etwa eine Viertelſtunde ſpäter ſei der Schuß gefallen, und es laſſe ſich wohl annehmen, daß der Ermordete ſo raſch eingeſchlafen ſei, da er einen ſtarken Rauſch gehabt habe. Der Förſter Lebrecht berichtete ſeine Begegnung mit dem Ange⸗ klagten im Wolde Seine Ausſagen waren erſchwerend, ihm gegenüber hatte der rot the 5 griſe Folge hin Er b Gb et hient hab weiſlht Die den Un tte ſc daß dos ſroche Ermort gekonm nur er Ue und ſe ůnfig ſelbe ei haft, eo 3 721— rothe Franz Drohungen gegen den Ermorbdeten ausgeſtoßen, die gewiſſermaßen auf das ſpätere Verbrechen als eine nothwendige Folge hindeuteten. Er bezeugte ferner, daß die Stelle im Walde, auf der das Gold gefunden worden ſei, dem Angeklagten als Nachtlager ge⸗ dient habe, wie das aus verſchiedenen aufgefundenen Spuren un⸗ zweifelhaft hervorgehe. Die Ausſagen des Wirths und der Gäſte waren ebenfalls dem Angeklagten ungünſtig, und ein erfahrener Menſchenkenner hätte ſchon jetzt in den Mienen der Geſchworenen leſen können, daß das Schickſal des rothen Franz bereits beſiegelt war. Die Drohungen, die der Angeklagte in der Schenke ausge⸗ ſprochen hatte, der glühende, unverſöhnliche Haß, mit dem er den Ermordeten gereizt hatte, und die Wuth, die dabei zum Ausbruch gekommen war, das Alles mußte ja darauf hindeuten, daß er und nur er allein das Verbrechen begangen haben konnte. Ueber die Vergangenheit des rothen Franz, ſeine Lebensweiſe und ſeinen Charakter konnten dieſeZeugen auch nur ein ſehr un⸗ günſtiges Zeugniß ausſtellen, es ging aus Allem hervor, daß der⸗ ſelbe ein Vagabund der ſchlimmſten Sorte und daneben ein bos⸗ hafter, rachſüchtiger Menſch geweſen war. Der Majoratsherr von Oſthofen war der letzte Zeuge. Er gab über ſeine Beziehungen zu dem Ermordeten drüben in Pmerika in klarer, ruhiger Weiſe Auskunft. Von Zeit zu Zeit ar er dort mit ihm zuſommengetroffen, und einmal hatte Florian Bender ihn aus drohender Lebensgefahr errettet, wofür er ihm zu Dank verpflichtet war. Davon, daß derſelbe faſt gleichzeitig mit ih heimgekehrt war hatte er nichts gewußt, er war überraſcht geweſen, als Bender o plötzlich ihm gegenüberſtand. Bender hatte ihn um ein Unterkommen gebeten, er konnte dieſe Bitte nicht zurückweiſen, wenngleich er auf der andern Seite auch Bedenken trug, einem ſo verkommenen Menſchen einen wichtigen Poſten anzuvertrauen. Um ihn zu beſchäftigen, hatte er ihm das Amt eines Wild⸗ hüters anvertraut und ihn dabei auf den rothen Franz aufmerk⸗ ſam gemach' der des fortgeſetzten Wilddiebſtahls dringend ver⸗ Der B ard. 46 dächtig war. Er geſtand auch zu, ihm eine Unterſtützung in baa⸗ rem Gelde gegeben zu haben, aber er onnte keine Auskunft darüber geben, von wem der Ermordete das Gold erhalten hatte. Seine Vermuthung, Bender müſſe es von drüben mitgebracht ha⸗ ben, konnte nicht beſtritten werden. Der Staatsanwalt erhob ſich jetzt zur Begründung ſeines Strafantrages. Er wiederholte den Thatbeſtand, wie er im Anklageakt ge⸗ ſchildert war und bewies die Richtigkeit desſelben durch die Zeugen⸗ ausſagen. Nach ſeiner Anſicht konnte au der Schuld des Angeklagten nicht der geringſte Zweifel mehr obwalten, die Geſchworenen mußten, wenn ſie gerecht richten wollten, das Schuldig aus⸗ ſprechen. Der Vertheidiger, den das Gericht dem unbenitelten Ange⸗ klagten geſtellt hatte, trat dieſen Ausführungen nur ſchwach ent⸗ gegen. Er konnte für die Schuldloſigkeit ſeines Klienten aber keine i vorbringen, und er beſchränkte ſich deshalb darauf, ſeine That nicht als einen Raubmord, ſondern als einen im Affekt und ⸗ Ueberlegung begangenen Tobtſchlag darzuſtellen, zu dem der Angeklagte durch die Drohungen ſeines Gegners gereizt wor⸗ den ſei. Die Geſchworenen zogen ſich jetzt zurück, ſie bedurften nur einiger Minuten, um ihren Wahrſpruch zn fällen, der dahin lau⸗ tete, daß der Angeklagte, Franz Stellmacher, ſchuldig ſei, Florian Bender vorſätzlich und mit Ueberlegung getödtet und nach voll⸗ brachtem Morde beraubt zu haben. Auf Grund dieſes Wahrſpruchs verurtheilte das Gericht den Angeklagten zum Tode. Der rothe Franz blickte, als ihm das Urtheil bekannt gemacht wurde, den Präfident des Gerichtshofes ſtarr und mit weit geöff⸗ neten Augen an. Er ſchien dieſes Urtheil nicht erwartet zu haben, obſchon er auf dasſelbe hätte vorbereitet ſein können. „In dieſem ernſten Augenblick frage ich Sie noch einmal,“ ſchloß der Präſident die Sitzung, wollen Sie der Wahrheit die — 723— Ehre geben und durch ein offenes Schuldgeſtändniß Ihr Gewiſſen erleichtern?“ Der Verurtheilte ſchrack empor, wie Einer, der aus einem wüſten, beängſtigenden Traume erwacht. Er ſah die Blicke aller Anweſenden erwartungsvoll auf ſich geheftet, ein bitt'rer, trotziger Zug umzuckte ſeine Mundwinkel. „Ich bin ſchuldlos,“ erwiderte er mit ſeſter Stimme,„die, welche dieſes Urtheil fällten, haben einen Mord begangen, den—“ Der Präſident gebot ihm Schweigen und befahl den Gens⸗ darmen, ihn in's Geſängniß zurückzubringen. Die Zuhörer verließen den Saal, und in den Zügen Aller konnte man eine gewiſſe Befriediguug leſen, ein andres Urtheil ſchien Niemand erwartet zn haben. Der Verwalter wollte eben das Gerichtsgebände verlaſſen, als eine Hand ſich auf ſeine Schultern legte. Er wandte ſich um und blickte in das hagere Geſicht des Hofmeiſters. „Was ſagt Ihr nun?“ flüſterte der Letztere. „Nichts,“ erwiderte Wortmann achſelzuckend.„Was ſoll ich ſagen?“ „Hm, wir können hier nicht darüber reden, iſt es Euch recht⸗ ſo gehen wir in die rothe Traube, der Rath will auch hin kommen.“ Der Verwalter nickte zuſtimmend, die Beiden ſahen nicht, daß in dieſem Augenblick der Majoratsherr an ihnen vorbeiging und einen ſcharfen, lauernden Blick auf ſie warf. „Wie die Dinge lagen, konnte man dieſes Urtheil vorausſehen,“ ſagte Hurter, als ſie draußen auf der Straße waren.„Ich glaube außer uns Beiden und dem Polizeirath war kein Menſch im Saale der an der Schuld des rothen Franz zweifelte.“ „Habt Ihr wirklich daran gezweifelt?“ fragte Wortmann. „Heute mehr, als je zuvor. Ihr nicht?“ „Aufrichtig geſagt, glaube ich ein maßgebendes Urtheil nicht fällen zu können,“ erwiderte der Verwalter kopfſchüttelnd.„Ich ange an, irre zu werden an meinen Vermuthungen.“ „Das beweißt mir, daß Ihr keine Ausdauer habt“ „Ich fürchte wir haben Mühe und Zeit an eine verlorene Sache verſchwendet!“ „Wirklich? Eſt iſt nur gut, daß der Rath Heller nicht ſo denkt,“ ſpottete Hurter,„ſonſt könnten wir die Flinte ohne Wei⸗ teres in's Korn werfen.“ „Der Rath glaubt an die Wahrheit unſrer Vermuthungen?“ „Jawohl.“ „Er hat mir bavon nichts geſagt.“ „Wir werden ja ſogleich mit ihm ſprechen. Wie ſieht es aus in Oſthofen?“ „Wie in dem geplünderten Hauſe einer eroberten Stadt, das Oberſte wird zu unterſt gekehrt.“ „Alſo macht er mit der Renovation doch Ernſt?“ „Natürlich,“ nickte Wortmann,„die junge Frau iſt ja an den Pomp gewöhnt. Es iſt ein Geſchwirre von Handwerkern da, wie in einem Bienenkorbe, und der Majoratsherr befindet ſich vom Morgen bis zum Abend unter ihnen, um Alles zu überwachen und zu leiten.“ „Und wann ſoll die Hochzeit gefeiert werden?“ „Noch in dieſem Herbſt.“ „So bald ſchon?“ „Der Baron hat's eilig,“ ſpottete Wortmann,„weniger der jungen Frau, als der Mitgift wegen.“ „Na, das Ende wird die Laſt tragen,“ ſagte Hurter achſelzu⸗ ckend,„dem Bankier werden die Augen überlaufen.“ „Wir können's nicht verhindern. Wollten wir den Bankier warnen, ſo würde man uns der Verleumdung beſchuldigen, denn Beweiſe haben wir nicht.“ „Und was liegt uns an dem Bankier und ſeiner ſtolzen Toch⸗ ter?“ erwiderte der Hofmeiſter.„Die mögen ſelbſt für ſich ſorgen, weshalb wollen ſie ſo hoch hinaus?“ „Da habt Ihr Recht,“ ſagte Wortmann,„ſorge Jeder für ſich ſelbſt! Baron Udo kommt wohl nicht mehr nach Oſthofen?“ „Seitdem er das Schloß verlaſſen hat, nicht mehr.“ „Der Bruch iſt alſo vollzogen,“ erwiderte Hurter,“ und wenn wir jetzt mit Beweiſen auftreten können, dürfen wir auch eine große Belohnung beanſpruchen.“ „Hm, die Sachlage iſt eine andre geworden,“ ſagte der Ver⸗ walter.„Baron Udo iſt nicht mehr der Erbe des Ma jorats ſondern Baroneſſe Klara.“ —— — —— wole ten* ( uf i Eutſch Dor 725 „Iſt das Document wirklich ächt?“ „Ja, es iſt ächt, es wäre Thorheit, daran zweifeln zu wollen.“ „Und Baron Udo wird dieſe Beſtimmung auch nicht anfech⸗ ten wollen—“ „Er kann es nicht, Baroneſſe Klara erbt das Majorat, und auf ihren zukünftigen Gatten wird es ankommen, ob und welche Entſchädigung Baron Udo erhält.“ „So muß die Baroneſſe uns die Belohnung geben!“ ſagte Hurter. „Wir ſind ſo weit noch nicht,“ erwiderte der Verwalter,„und es wäre wohl möglich, daß Baroneſſe Klara uns trotz der unwi⸗ derlegbarſten Beweiſe keinen Glauben ſchenkt. Sie denkt zu gut von allen Menſchen, als daß ſie von dem Manne, den ſie Vater nennt, ſo Furchtbares glauben könnte.“ Der ehemalige Hofmeiſter ſchwieg, er war in Nachdenken ver⸗ ſunken und der finſtre Ausdruck ſeines Geſichts ließ erkennen, daß keine angenehmen Gedanken ihn beſchäftigten. „Da wäre es das Beſte, wenn ich die Verbindung mit dem Baron Udo wieder anknüpfte und ihm das Geheimniß verkaufte,“ ſagte er nach einer geraumen Weile. Wortmann erſchrack. Wenn Hurter mit dem Baron in directe Verbindung trat, war für ihn Alles verloren, und die zweideu⸗ tige Rolle, die er in dieſer Angelegenheit geſpielt hatte. konnte dann auch nicht mehr geheim bleiben. „Denkt Ihr noch immer daran?“ fragte er. „Ich würde das Geld längſt erhalten haben, wenn Ihr nicht dazwiſchen gekommen wäret,“ erwiderte Hurter murrend. „Das iſt ein Irrthum, den ich allerdings erklärlich finde, denn er entſpringt Eurem Aerger über das Fehlſchlagen dieſer Hoff⸗ nung. Der Baron hat niemals an die Wahrheit Eurer Behaupt tungen geglaubt, beſter Freund, und er ſagte mir, er würde nicht einmal zehntauſend Thaler dafür opfern. Baron Udo von Oſt⸗ hofen hat kein großes Vermögen, er erhält von ſeinem Bruder eine Jahresrente von dreitauſend Thaler, damit macht man heut⸗ zutage keine großen Sprünge.“ „Wenn Baroneſſe Adelaide ihr verlorenes Kind wiederfände—“ — 726— „Jn— wenn!“ ſpottete der Verwalter.„Ihr hättet den Brief an ſie nicht ſchreiben ſollen!“ „Weshalb nicht?“ „Der Baron war wüthend auf den Schreiber des Briefes, er iſt es noch, und er hat mir bei. Gelegenheit unſrer letzten Unter⸗ redung geſagt, wenn dieſer Mann ihm noch einmal das Geheim⸗ niß anbiete, ſo werde er die Polizei auf ihn aufmerkſam machen. Verſteht Ihr das? Er behauptet, wenn Ihr wüßtet, wo ſein ver⸗ lorenes Kind ſei, ſo müßtet Ihr unter allen Umſtänden ihm oder der Behörde Anzeige davon machen, und Ihr hättet nicht das ge⸗ ringſte Recht, dafür eine Belohnung zu forbern. Wüßtet Ihr es aber nicht, ſo ſei Eure Forderung eine Prellerei, und die Polizei ihn ſchützen.“ Der chemalige Hofmeiſter zog die Brauen drohend zu⸗ ſammen. „Hat er das wirklich geſagt?“ fragte er. „Es hat mir Mühe genug gekoſtet, ihn von der Ausführung dieſes Vorhabens abzuhalten, ob es mir ſpäter noch einmal ge⸗ lingen würde, weiß ich nicht, ich möchte es bezweifeln.“ „Die Polizei kann mich nicht zwingen, ein Geheimniß zu ent⸗ hüllen, wenn 1. es nicht will.“ „Weigert Ihr Euch, ſo werdet Ihr der beabſichtigten beſchuldigt.“ „Auch das kann nicht bewieſen werden.“ „Hier gibt es nur ein entweder— oder!“ „Und ich ſage noch einmal, Ihr wart der Störenfried!“ er⸗ widerte Hurter ärgerlich.„Ihr habt meine Forderung in die Höhe geſchraubt, um Eure eigene Habſucht zu beſriedigen, und als der Baron darauf nicht eingehen wollte, wirktet Ihr gegen mich.“ „Die Dinge liegen doch anders,“ ſagte Wortmann gelaſſear „Der Baron hat ſofort von derPolizei geſprochen, der Grund dafür liegt ja auf der Hand. Durch die Polizei will er Euch zwingen, das Geheimniß, wenn Ihr es wirklich kennt, ohne irgend welche Entſchädigung zu enthüllen, und er wird dies erreichen, wenn er erfährt, daß Ihr der Schreiber des Briefee ſeid.“ „Das weiß er alſo noch nicht?“ „Hätte ich e ihm geſagt, ſo wäre die Sache längſt in den * 6 öffen über dig ſ gelaſſen. Gend er Euch ne irgend erreichen, ſt in den Händen des Staatsanwalts, Baron Udo von Oſthofen liebt es nicht, in ſolchen Dingen zu ſcherzen.“ Sie traten jetzt in die Weinſchenke, in welcher der Polizeirath ſie bereits erwartete. Außer ihnen waren keine Gäſte anweſend, nichts deſtoweniger hatte der Rath in einer entfernten Ecke des Zimmers Platz ge⸗ nommen. „Sie ſcheinen Beide den Muth verloren zu haben,“ ſagte er ſcherzend, während ſein Blick forſchend ihre finſtren Mienen ſtreifte, „ich war darauf vorbereitet, daß es ſo kommen werde, mich hat das Urtheil nicht überraſcht.“ „Und wie denken Sie darüber?“ fragte Wortmann. „Daß ein Schuldloſer verurtheilt worden iſ „Iſt das Ihre aufrichtige Meinung?“ „Wäre ſie es nicht, würde ich ſie nicht ausſprechen. Ich habe den Angeklagten ſcharf beobachtet, er mag ein roher, rachſüchtiger Menſch ſein, aber den Mord hat er nicht begangen.“ „Das ſind Vermuthungen, Herr Rath—“ „Allerdings nur Vermuthungen, aber auch ſie haben Werth, wenn ſie ſich auf einen durch Erfahrungen erworbenen Scharfblick ſtützen.“ „Und wen halten Sie für den Mörder?“ fragte Wort⸗ mann. Der Polizeirath warf ihm einen ernſten verweiſenden Blick zu. „Sie werden es begreiflich finden, daß ich darüber in einem öffentlichen Lokale nicht reden will,“ ſagte er.„Namen ſoll man überhaupt nie nennen, ſo lange man ſeiner Sache nicht vollſtän⸗ dig ſicher iſt.“ „Und hoffen Sie, die nöthigen Beweiſe zu finden?“ „Hoffte ich das nicht, ſo thäte ich beſſer, mich der Sache gar nicht anzunehmen.“ „Und was wollen Sie nun thun?“ fragte Hurter. „Ich weiß es ſelbſt noch nicht, aber wenn ich mir auch klar darüber wäre, würde ich dennoch nichts verrathen. Ich geſtehe gan; offen, daß ich den Majoratsherrn von Oſthofen füc einen Abentheurer halte, aber meine perſönliche Anſicht hat keinen Werth, ſo lange ich ihre Richtigkeit nicht beweiſen kann Und hier Be⸗ weiſe zu finden, wird außerordentlich ſchwer fallen man kann aber — 728— nicht auf geradem Wege das Ziel zu erreichen ſuchen, und Um⸗ wege, wie ſie hier eingeſchlagen werden müſſen, ſind ſehr zeit⸗ raubend.“ Der Verwalter hatte das Haupt auf den Arm geſtützt, er blickte gedankenvoll vor ſich hin. „Inzwiſchen kann der Betrüger ſich aus dem Staube machen,“ warf Hurter ein. „Er wird es thun, ſobald er Verrath wittert,“ entgegnete der Rath,„deshalb iſt die ſtrengſte Vorſicht geboten, und aus dieſem Grunde auch ſchweige ich über meine Pläne. Habe ich Ihre Hülfe nöthig, ſo werde ich mich an Sie wenden, und ſollte ich in Oſt⸗ hofen Ihnen begegnen, ſo erwarte ich, daß ich Ihnen ein völlig Fremder bin. Er trank haſtig ſein Glas aus und erhob ſich. „Sie wollen ſchon fort?“ fragte Wortmann erſtaunt. „Geſchäfte rufen mich, und was ſoll ich hier noch?“ „Ich habe noch manche Frage an Sie zu richten—“ „So verſchieben Sie's auf ein andres Mal. Es iſt überhaupt beſſer, wenn ich in Ihrer Geſellſchaft nicht geſehen werde, man kann nicht wiſſen, wer es dem Baron hinterbringt, und dadurch würde mein Plan durchkreuzt. Alſo auf Wiederſehen; erfahren Sie etwas Wichtiges, ſo bitte ich um ſofortige Mittheilung.“ Im Begriff, hinauszugehen, begegnete der Rath in der Thüre einer lärmenden Geſellſchaft, die ſich in einer ſehr angeheiterten Stimmung zu befinden ſchien. Er kannte nur einige von ihnen, die Maler Auerbach und Rodenberg, und er trat zur Seite, um die Beiden, die offenbar zu viel getrunken hatten, vorbei zu laſſen. Eine halbe Stunde ſpäter trat er in ſeine Wohnung, die, da er Junggeſelle war, nur aus einigen beſcheiden eingerichteten Stuben beſtand. Als er die Thür öffnete, fiel ſein erſter Blick auf Schwanen⸗ thal, der ihn mit Ungeduld erwartet zu haben ſchien. „Was führt Sie denn zu mir?“ fragte Heller erſtaunt, nach⸗ dem er die Thüre geſchloſſen hatte.„Waren Sie auch amSchwur⸗ gericht?“ „Ich? Nein, was hätte ich dort ſuchen ſollen?“ erwiderte der überhaupt erde,„ , M o dadurch etfahren Non vet Vhüre geheiterten tbach und offenbar g die, da gerichteten Schwanen⸗ t, nach⸗ Schwur⸗ viderte der — 729— alte Mann.„Mich intereſſiren derartige Geſchichten nicht, undich ann meine Zeit beſſer verwenden.“ „Hm, ich dachte, dieſe Verhandlung würde Sie doch intereſſirt haben, weil der Majoratsherr von Oſthofen als Zeuge in ihr auftrat.“ Schwanenthal ſchüttelte ablehnend das Haupt und rückte die Hornbrille dicht vor die Augen. „Der Majoratsherr von Oſthofen ſollte ſeinen alten Veppflich⸗ tungen nachkommen,“ ſagte er barſch, während er auf dem Stuhl Platz nahm, den der Rath ihm hinſchob.„Ich hätte nie gedacht daß er ein ſolcher Lump ſein könne.“ „Sie wollten ihn ja verklagen!“ „Jawohl, aber wenn ich das vermeiden kann, dann vermeide ich's. Recht würde ich ſchon bekommen, aber ein Prozeß koſtet Geld und wenn der verlierende Theil auch die Koſten zahlen muß, etwas bleibt immer hängen. Wenn die Advokaten einmal eine Sache in der Hand haben, dann nehmen ſie das Fett von der„ Suppe.“ „Sehr wahr,“ nickte Heller,„aber wenn Sie Ihrer Sache ſicher ſind, dürfen Sie es getroſt wagen.„Sie haben ſeitdem gar nichts in dieſer Angelegenheit gethan?“ „Ich habe dem Baron geſchrieben.“ „Und was antwortete er?“ „Nichts, drei Tage lang habe ich auf ſeine Antwort gewartet, dann ſchickte ich ihm einen Winkelconſulent auf den Hals.“ „Der auch nichts ausrichtete, wie?“ „Ich weiß nicht, ob der Mann grob geworden iſt,“ erwiderte Schwanenthal achſelzuckend,„war er es, ſo hatte er ein Recht da⸗ zu, und der Majoratsherr durfte ihn doch wahrhaftig nicht vor die Thüre werſen laſſen.“ „Hat er das gethan?“ „Jawohl.“ Der Polizeirath wanderte mit großen Schritten auf und nieder, endlich blieb er vor dem alten Manne ſtehen, in deſſen faltenrei⸗ chen Zügen ein verbiſſener Groll ſich ſpiegelte. „Wollen Sie mir den Schuldſchein anvertrauen?“ fragte er. „Mit Vergnügen,“ erwiderte Schwanenthal, haſtig aufbli⸗ ckend.„Glauben Sie, die Forderung einkaſſiren zu können?“ ſie beſc „Ichwill es wenigſtens verſuchen.“ Inn, „Aber laſſen Sie ſich nicht auf einen Vergleich ein!“ win „Hat er ihn. noch einmal angeboten?“ ſi für „Ja, neunhundert Thaler, mehr will er nicht geben.“ Zmu „Sie werden alſo einen Vergleich unter keinen Umſtänden ſuters annehmen?“„De „Ich verlange die volle Summe,“ ſagte der alte Mann, wäh⸗ tauſend rend er einige Papiere aus ſeinem Portefeuille holte und ſie dem ich das Polizeirath überreichte.„Wer eine Anleihe macht, der weiß auch, Y daß er Zinſen zahlen muß, und den Zinsfuß von ſechs Prozent 1 kann der Baron nicht anfechten, er hat ihn derzeit gebilligt, unter. andern Bedingungen würde er das Geld pon mir nicht erhalten gelde haben.“. triſi „Dagegen läßt ſich ja gar nichts einwenden,“ erwiderte Heller, 66 „im Gegentheil, man kann dieſen Zinsfuß noch niedrig nennen, 1 3 wenn man bedenkt, welche andren Bedingungen die jungen Ver 3 de ſchwender eingehen müſſen, wenn ſie eine Anleihe machen pbrt wollen.“ ini „Und das nehme ich Keinem übel,“ ſagte Schwanenthal leb⸗ nict. haft,„es iſt ein gewagtes Geſchäft, bei dem man das Kapital 2 ſammt den Zinſen verlieren kann. Wäre der Majoratsherr nicht zurückgekommen, ſo hätte ich von meinem Gelde keinen Pfenning er, W⸗ wiedergeſehen.“ wird .„Na, ich will verſuchen, was gemacht werden kann,“ beruhigte iht, der Polizeirath ihn,„erreiche ich nichts, ſo wird Ihnen nichts Nich Anderes, als der Prozeß übrig bleiben, Sie müſſen dann die Nft Koſten daran wagen, Morgen erhalten Sie darüber Gewißheit. Pelt Die Braut ihres Neffen hat ja geerbt?“. 6 Der alte Mann zog die Brauen zuſammen, das Thema ſchien nit ihn unangenehm zu berühren. pin „Geerbt?“ erwiderte er.„So viel ich weiß, hat ihr Jemand ſt tauſend Thaler geſchenkt, aus welchem Grunde und zu welchem Zweck— daß iſt mir unbekannt.“ 3 „Der Zweck liegt doch auf der Hand! Ein junger Freund 3 bl will dem jungen Paar den Weg ebnen, erthut das, was Sie zu thun 1 verpflichtet wären.“ ntz „Ha, wer weiß, weshalb er es thut!“ liiſ „Sie wollen die gute That nicht anerkennen, weil Sie — 731— ſie beſchämt werden,“ ſagte Heller in erſtem Tone,„Ich mache Ihnen einen Vorſchlag. Ihre Forderung an den Baron von Oſtho⸗ ſen haben Sie ſtets als eine verlorene Sache betrachtet, Sie würden ſie für ein Butterbröd verkauft haben, ſchenken Sie dieſelbe dem Brautpaar, damit thun Sie ein gutes Werk, ohne dafür ein be⸗ ſonderes Opfer bringen zu müſſen.“ „Das ſollte mir noch einfallen! ſpottete Schwanenthal.„Zwei⸗ tauſend Thaler zum Fenſter hinauswerfen? So bin ich nicht, daß ich das kann!“ „Machen Sie ſich nicht ärmer, als Sie ſind—“ „Die Leute glauben, ich ſei ein Kröſus, aber das iſt eine Lüge; ich muß das Meinige zuſammenhalten, und den Verluſt dieſes Geldes habe ich damals ſchwer genug empfunden. Weshalb in⸗ tereſſiren Sie ſich denn ſo ſehr für den Taugenichts?“ „Bertram Schwanenthal iſt ein ſtrebſamer Menſch,“ erwiderte der Polizeirath.„Jeder, der ihn kennt, achtet ihn, und mich em⸗ pört die Ungerechtigkeit, mit der Sie ihn behandeln. Das iſt der einzige Grund, auf den mein Intereſſe ſich ſtützt, und ich begreife nicht, daß Sie das nicht einſehen wollen.“ Der alte Mann war von ſeinem Sitz aufgeſtanden. „Jeder muß lernen, auf ſeinen eignen Füßen zu ſtehen,“ ſagte er,„und wenn Bertram wirklich ein ordentlicher Kerl iſt, ſo wird er auch vorwärts kommen, und dann iſt es ehrenvoller für ihn, als wenn er von mir Unterſtützungen angenommen hat. Mich hat auch Niemand unterſtüßt, ich war in dem Alter meines Keffen ſo arm wie Hiob, mag er ſelbſt zuſehen, wie er durch die Welt kommt. Das iſt mein letztes Wort, mag er heirathen oder nicht, mag er thun und laſſen, was er will, ich kümmere mich nicht darum. Adieu, Herr Nath! Wenn Sie heute noch nach Oſt⸗ hofen wollen, müſſen Sie bald aufbrechen, der Abend dämmert ſchon.“ Der Polizeirath ſah dem alten Manne mit einem ironiſchen Blick nach. „Du weißt auch noch nicht, zu welchen Zwecken ich Dich be⸗ nutze,“ ſagte er mit gedämpfter Stimme,„hätteſt Du nur eine leiſe Ahnung davon, würdeſt Du mit beiden Händen zugreifen⸗ nnd den Vergleich annehmen.“ 732 Er nahm die Papiere, die Schwanenthal ihm überreicht hatte, vom Tiſch und trat damit an's Fenſter, um ſie zu prüfen. Aber er hatte noch nicht lange den Blick auf ſie geheftet, als nach kurzem Anvochen der ehemalig⸗ Reitknecht des Majoratsherrn eintrat. Heller legte die Papiere wieder hin und blickte den Eintre⸗ tenden, der, wenn auch grade nicht elegant, doch anſtändig ge⸗ kleidet war, forſchend an. „Nun?“ fragte er.„Sie waren da?“ „Bis zum Schluß,“ etwiderte Johann. „Sie haben ihn cuch beobachtet?“ „Jawohl, ich ſtand vorne an und konnte ihn ſehr genau ſehen.“ „Und zu welchem Reſultat ſind Sie gekommen?“ „Zu einem beſtimmten Reſultat noch immer nicht. Manchmal glaubte ich, er ſei es, und dann wieder zweifelte ich daran.“ „Und worauf ſtützten ſich die Zweifel?“ „Auf die Stimme, ich erkannte ſie nicht wieder. Es iſt ſeine Figur, eine ſtolze Haltung; in ſeinem ganzen Aeußeren habe ich meinen früheren Herrn wieder erkannt, aber ſobald er ſprach⸗ ſtiegen die alten Zweifel wieder auf.“ Hm— haben Sie die Ueberzeugung gewonnen, daß der Verurtheilte ſchuldig iſt?“ „Jawohl.“ „Ich begreife das,“ nickte der Polizeirath.„Jeder urtheilt, ſo gut er es verſteht, und die Beweiſe gegen den Wilddieb muß⸗ ten ja auch für Sie überzeugend ſein. Setzen Sie ſich.“ Johann kam der Aufforderung nach, Heller holte eine Wein⸗ flaſche aus einem Schrank und füllte ein Glas, welches er ihm überreichte. „Ihre Thätigkeit wird nun beginnen,“ ſagte er,„und ich er⸗ warte mit Zuverſicht, daß Sie das Vertrauen, welches ich in Sie ſetze, rechtfertigen. „Ich werde Alles thun— „Schon gut! Zuvor beantworten Sie mir einige Fragen. Baron Edmund von Oſthofen führte in ſeinen jungen Jahren, alſo in der Zeit, in der Sie bei ihm waren, wohl ein recht luſt⸗ iges Leben?“ „Si ben iſt? „Nei lobte,! Y nähern W ſeid?“ ſcärfer „ glühen glaube wollte Braut wesha ron m beleidi iſt ſeine n hahe ich et ſprach, daß der 5 et urtheilt, ddieh muß⸗ und ich er⸗ ich in Sie ige Fragen. en Juhren, recht kit⸗ — 733— „Das will ich meinen. Er lebte in Saus und Braus, trotz⸗ dem er mit dem alten Baron, ſeinem Vater auf geſpanntem Fuße ſtand.“ „War der Hofmeiſter damals noch bei ihm „Nein, der alte Schleicher hatte längſt ſeine Entlaſſung.“ „Mit wem verkehrte der Baron?“ „Mit Offizieren, Schauſpielern und adligen Gutsbeſitzern, je nachdem es kam.“ „Er ſpielte natürlich auch?“ „Bis in die ſpäte Nacht hinein; oft kam er erſt am hellen Morgen heim. Es hat manchmal wüſt hergegangen, ſo daß ich glaubte, er werde es auf die Dauer nicht aushalten.“ „Waren in jenem Kreiſe auch Damen?“ „Verſteht ſich.“ „Und war unter dieſen eine, die der Baron beſonders bevor⸗ zugte?“ „Ja, eine Schauſpielerin. 4 „Erinnern Sie ſich noch des Namens S „Florentine Rabe.“ „Sie wiſſen nicht, was aus dieſer Frau ſpäter gewor⸗ den iſt?“ „Nein. Als der Baron ſich mit ſeiner ſpäteren Frau ver⸗ lobte, mußte er mit der Schauſpielerin brechen, und ſo viel ich weiß, ging ſie nach Wien.“ „Machte Sie ſpäter keinen Verſuch, ſich ihm wieder zu nähern?“ „Ich weiß das nicht, kurz nachher wurde ich entlaſſen.“ „Wollt Ihr nir nicht ſagen, weshalb Ihr entlaſſen worden ſeid?“ fragte Heller, und der Ton ſeiner Stimme klang jetzt ſchärfer, befehlender. „Ich kann das Jedem ſagen,“ erwiderte Johann, aus deſſen glühenden Augen ein zornflammender Blitz zuckte,„ob Sie mir glauben wollen, muß ich freilich Ihnen überlaſſen. Der Baron wollte heirathen, und von ſeinem vergangenen Leben ſollte ſeine Braut ſo wenig als möglich erfahren. Das war der erſte Grund, weshalb ich entlaſſen werden mußte. Dann auch hatte der Ba⸗ ron mir einmal Unrecht gethan und mich im Beiſein ſeiner Freunde beleidigt, dadurch ließ ich mich zu Drohungen verleiten, die jeden⸗ 2 ————————— falls ſeiner Ehre zu nahe traten. Er hätte mir kündigen, oder ohne Grund mit einer kleinen Entſchädigung mich entlaſſen können, aber das wagte er nicht, weil ich in ſeine Geheimniſſe zu tief ein⸗ geweiht war, in Geheimniſſe, die, wenn ich Sie enthüllt hätte, ſeine Braut zur Auflöſung der Verlobung veranlaßt haben wür⸗ den. Deshalb mußte er mich unſchäblich machen, und die erſte Gelegenheit, die ſich ihm dazu bot, benutzte er. Der Baron halte einen Brillantſchmuck gekauft, und dieſen Schmuck mit Aus⸗ nahme eines Ringes einer Dame geſchenkt, mit der er noch wäh⸗ rend ſeiner Verlobung eine Liaiſon anknüpſte.“ „Wer war dieſe Dame?“ fragte der Polizeirath raſch. „Sie war die Frau eines Andern, eines Freundes meines Herrn, ein junges, ſchönes Weib, ein Jahr darauf iſt ſie geſtor⸗ ben. Die Braut des Barons hatte erfahren, daß ihr Verlobter jenen Schmuck beſaß, ſie glaubte, er ſei für ſie beſtimmt, und nachdem ſie lange Zeit vergeblich auf das koſtbare Geſchenk ge⸗ wartet hatte, fragte ſie ihn endlich, wann ſie es erhalten würde. Der Baron wurde dadurch nicht in geringe Verlegenheit geſetzt, er durſte die Wahrheit nicht ſagen, und in dieſer Verwirrung er⸗ miderte er, der Schmuck ſei noch in ſeinem Beſitz und er werde ihn demnächſt ihr überreichen. No, nun war guter Rath theuer; die junge Frau durfte nicht compromittirt werden, und der Ba⸗ ron konnte auch nicht den Schmuck zurückfordern. In dieſer Ver⸗ legenheit beſchuldigte er mich, den Schmuck geſtohlen zu haben, der Ring, den er zuruͤckgehalten hatte, wurde in meiner Kommode gefunden, dadurch war ein genügender Beweis geliefert.“ „Ein Beweis?“ erwiderte Heller, der mit ſcharfem, forſchen⸗ den Blick die Züge des ehemaligen Reitknechts beobachtet hatte. „Sie wußten ja, wo der Schmuck gefunden werden konnte.“ „Nein, damals wußte ich es nicht, erſt ſpäter erfuhr ich den ſauberen Handel, und da war es zu ſpät, mich zu rechtfer⸗ tigen.“ „Sie wurden daraufhin entlaſſen?“ „Mit Schimpf und Schanbe!“ „Und Sie thaten gar nichts, um Ihre Ehre zu retten?“ „Was ſollte ich thun? Ich wußte weiter nichts, als daß ich ſchuldlos war, ich dachte nicht einmal daran, daß der Baron ſelbſt den Ring in meine Kommode gelegt haben könne. Das Einzige, —— was ic nit ie Pro⸗ mein und dos erkenner iberal „S beantre V (6) 7) trug“ hatte behauf dann üherſta „ falls d zulend wagen mß gleich. „L „ die Hä V der Be ich hi de mi „ der in 0 N „— geheiß a3 Einzige, — geheißen haben.“ 735— was ich that, war, daß ich dem Baron Vorwürfe machte und mit dieſen Vorwürfen Drohungen verband. Er machte kurzen Prozeß, und ließ mich hinauswerfen, und wenn ich einem andern mein Leid klagen wollte, ſo wurde ich gar nicht angehört.“ „Sehr natürlich; Sie hatten ja keine Beweiſe!“ „Ich habe das dem Baron nie vergeſſen,“ fuhr Johann fort, und das Kuirſchen ſeiner Zähne ließ den wild auflobernden Haß erkennen,„ich habe es ihm um ſo weniger vergeſſen, weil er überall erzählte, ich ſei wegen eines Diebſtahls entlaſſen worden.“ „Sie hätten Ihre Verhaftung und eine ſtrenge Unterſuchung beantragen ſollen!“ „Wäre rir dadurch geholfen worden?“ „Die Polizei würde dem Schmuck nachgeforſcht haben.“ „Sie hätte ihn nicht gefunden. Die Dame, die ihn beſaß, trug ihn nicht, ſie war von dem Baron gewarnt, vielleicht auch hatte ſie ihn bereits umändern laſſen, und dann konnte Niemand behaupten, daß es der vermißte Schmuck ſei. Und wäre mir dann geglaubt worden, wenn ein Baron von Oſthofen mir gegen⸗ überſtand?“ „Hm, ich weiß nicht, aber an Eurer Stelle hätte ich jeden⸗ falls die Unterſuchung beantragt,“ ſagte der Polizeirath achſel⸗ zuckend.„Leute Eures Standes verlieren gleich den Kopf und wagen nicht, gegen einem vornehmen Herrn aufzutreten; Recht muß doch immer Recht bleiben, und vor dem Geſetze ſind Alle gleich.“ „Das ſagt man wohl—“ „Und es iſt die Wahrheit, aber dann darf man freilich nicht die Hände in den Schooß legen!“ „Was wollte ich machen? Als ich die Wahrheit erſuhr, war der Baron ſchon ausgewandert, und die Dame lag im Sterben, ich hätte jetzt die Geſchichte erzählen können, aber Niemand wür⸗ de mir geglanbt haben.“ „Befand ſich unter den Freunden des Barons nicht Einer, der in der äußeren Erſcheinung ihm ähnlich war?“ „Ich wüßte Keinen.“ „Beſinnt Euch einmal, er ſoll mit ſeinem Vornamen Konrad „Er wäre mir ſicher aufgefallen.“ „Ihr erinnert Euch alſo eines ſolchen Herrn nicht?“ „Nein.“ „Kennt Ihr die Freunde des Barons noch alle?“ „Jawohl, ich würde ſie wenigſtens wieder erkennen, wenn ich ihnen begegnete. Viele von ihnen ſind geſtorben und ver⸗ dorben.“ „Aber Ihr erinnert Euch der damaligen Ereigniſſe noch genau?“ „Ich habe ein ſehr gutes Gedächtniß.“ „Das iſt mir lieb. Ihr werdet heute noch dem Majorats⸗ herrn Eure Dienſte anbieten.“ „Ich?“ rief der Reitknecht überracht.„Sie ſcherzen wohl?“ „Es iſt mein voller Ernſt.“ „Ich ſoll wieder in die Dienſte des Barons treten „So ſagte ich,“ nickte der Polizeirath, während er langſam auf und nieder wanderte.„Ihr werdet nicht vergeſſen, was ich Euch in Bezug auf Eure neue Stellung geſagt habe, ſchweigen und gehorchen iſt die erſte Bedingung.“ „Sehr wohl, aber wird der Baron mich in ſeine Dienſte nehmen.“ „Ich überlaſſe es Euch, dafür zu ſorgen. Ihr könnt ihm drohen, oder ihn bitten, Ihr könnt thun, was Ihr wollt, wenn nur der Zweck erreicht wird.“ „Ich habe keine Zeugniſſe.“ Heller öffnete ſeinen Schreibſecretär und nahm aus einer Schublade einige Papiere. „Hier ſind Zeugniſſe, die auf Euren Namen lauten,“ ſagte er ruhig, ſie werden genügen, ſollten noch andre Papiere von Euch gefordert werden, ſo kommt nur zu mir, ich verſchaffe ſie Euch.“ Johann blickte noch immer befremdet den Polizeirath an. „Er wird mich wieder hinauswerfen laſſen,“ ſagte er. „Ich glaube das nicht. Es iſt ja keineswegs nöthig, daß Ihr unverſchämt anftretet, oder daß Ihr ihn an die Vergangenheit erinnert. Ich habe Euch ſchon geſagt, welche Vermuthungen und Zweifel in mir aufgeſtiegen ſind, und worüber ich Gewiß⸗ heit zu erhalten wünſche. Iſt er nun nicht der Mann für den er ſich ausgibt, ſo wird er auch nicht wiſſen, weshalb Ihr daß mals nes 3 netet lingen T „6 ten, ic 0 „ pill I Ebmu bietet, eiguiß muß heter Rein habe Euch Geſpr Zeit ſchärf Baro wohir wenn wollte immer 1 frogte „in laſſe — 737— mals entlaſſen wurdet, und vielleicht gebietet ihm dann ſein eig⸗ nes Intereſſe, Euch in ſeine Dienſte zu nehmen. Verſucht es, tretet offen, aber beſcheiden auf, und ich denke, es wird Euch ge⸗ in lingen.“ „Und wenn es mir wirklich gelungen iſt, was dann?“ „Dann reden wir weiter darüber.“ och„Es wäre gut, wenn Sie ſchon jetzt mich unterrichten woll⸗ ten, ich könnte meine Maßregeln danach treffen.“ „Ihr wißt ja, warum es ſich in der Hauptſache handelt. Ich at⸗ will wiſſen, ob der Majoratsherr wirklich der verſchollene Baron Edmund iſt. Ihr werdet ihn ſo oft eine Gelegenheit dazu ſich hld bietet, an die Vergangenheit erinnern, ihm dies oder jenes Er⸗ eigniß in's Gedächtniß zurückrufen und ihn dabei beobachten. Es muß Euch kann bald klar werden, ob der Majoratsherr Euer frü⸗ ſam herer Herr oder ein Fremder iſt, und wenn Ihr darüber im Reinen ſeid, dann ſucht zu erforſchen, mit wem wir es zu thun haben.“ ₰ „Und wie kann ich das erreichen?“ enſe„Ebenfalls durch unausgeſetzte Beobachtungen. Ihr werdet Euch am Beſten täglich über alles Vorgefallene, ſelbſt über Eure Geſpräche mit dem Baron Notizen machen und mir von Zeit zu 3 Zeit das Tagebuch vorlegen, ich habe in dieſen Dingen einen ſchärferen Blick, als Ihr. Ihr werdet erforſchen, mit wem der Baron verkehrt, wer ihn beſucht, woher er Briefe empfängt, und wohin er welche ſendet. Vielleicht wäre es auch zweckdienlich, wenn Ihr mit einer Kammerzofe eine kleine Liaiſon anknüpfen 6 wolltet, die Frauenzimmer ſind im Erforſchen von Geheimniſſen 6uh immer gewandter als die Männer.“* „Und wenn es nun vort keine Geheimniſſe zu erforſchen gibt?“ einet uch.“ fragte Johann. „Wir werden das ja ſehr bald erfahren,“ erwiderte Heller, 2„in dieſem Falle werde ich, wenn Ihr den Dienſt wieder ver⸗ 1 laſſen wollt, weiter für Euch ſorgen.“ .„Das zu verhüten iſt Eure Sache. enib⸗ 6„Mann kann es nicht immer verhüten!“ Se 1„Wir wollen es darauf ankommen laſſen. Wenn Ihr Eure daß Der Baſtard. 47 — 738— . em Rolle gut ſpielt, iſt ein Mißtranen von Seiten des Barons ſo 1 leicht nicht zu befürchten, ſorgt nur vorab dafür, daß er Euch in finn ſeine Dienſte nimmt.“ e „Und das muß heute noch geſchehen?“ „Ja. „Es iſt bereits Abend.“ „Was ſchadet das! Nach einer Stunde brecht Ihr von hier Au auf, vielleicht begegne ich Euch auf dem Wege, ſollte das nicht“ tn ke der Fall ſein, ſo laßt Euch dreiſt anmelden. Der Baron will Riune auf großem Fuße leben, alſo wird er auch Reitpferde anſchaffen, inige und zum Reitpferd gehört der Reitknecht.“ Priefe „Das iſt wohl richtig, aber—“ angeke „Kein Wort weiter, Ihr werdet thun, was ich befehle und T Alles aufbieten, die Euch übertragene Aufgabe zu löſen, ſo gut wurd Ihr es vermögt.“ hnd Damit war der ehemalige Reitknecht entlaſſen, und bald da⸗ ⁰ rauf, nachdem Johann ſich entfernt hatte, verließ auch der Poli⸗ zeirath das Haus, um den Weg nach Oſthofen anzutreten.— 5 Der Majoratsherr hatte nach Beendigung der Schwurgerichts⸗ verhandlungen noch einen kurzen Beſuch bei ſeiner Braut gemacht, und war dann in einſilbiger und gedankenvoller Stimmung zu⸗ zen rückgekehrt. den Hier fand er ſofort wieder Zerſtreuung, er hatte die Leitung dieſe der Rendvation perſönlich übernommen und verlangte dabei dann mch und wann nur den Rath Roſa's zu hören, der aber auch nicht immer mit ſeinen Anſichten und ſeinem Geſchmack überein⸗ zar ſtimmte. kein Baroneſſe Klara hatte dabei gar keine Stimme, und ſie wirt wünſchte es auch nicht, ſie bekümmerte ſich um das geräuſchvolle zuti Schaffen und Treiben in dem ſonſt ſo friedlich ſtillen Schloſſe nicht, und mit dem Vater kam ſie, außer bei Tiſche jetzt nur noch dun ſelten zuſammen. Seitdem Baron Udo das Schloß verlaſſen hatte, machte der kon Riß zwiſchen dem Majoratsherrn und ſeiner Tochter ſich mehr wa und mehr geltend, und von keiner Seite geſchah etwas, die Kluft zu überbrücken. Zr Baron Edmund ſchien das nicht zu empfinden, er ging kalt und gleichgültig an ſeiner Tochter vorüber, und Klara war zu tief empört über die Verlobung ihres Vaters und deſſen jähen Bruch mit dem Bruder, als daß ſie es über ſich hätte gewinnen können, ihm entgegen zu kommen. So waren die Wege Beider jetzt ſchon getrennt, und es ließ ſich nicht erwarten, daß die junge Stiefmutter ſich bemühen werde ier ſie wieder zu vereinigen. it Auch jetzt nach ſeiner Rückkehr aus der Stadt zeigte der Ba⸗ il ron kein Verlangen, ſeine Tochter zu ſehen, er durchſchritt die ſen, Räume, in denen die Handwerker arbeiteten, traf hier und dort einige Anordnungen und ging dann in ſein Arbeitskabinet, um die Briefe und Zeitungen zu leſen, die während ſeiner Abweſenheit und angekommen waren. gut Damit war er noch beſchäftigt, als der Verwalter angemeldet 1 wurde, Baron Edmund ließ ihn eintreten, und es lag etwas dro⸗ d⸗ hendes in dem Blick, den er auf ihn heftete. olr„Sind Sie jetzt überzeugt?“ fragte er ſcharf. t„Ich war es längſt, Herr Baron!“ erwiderte Wortmann ruhig. *„Längſt? Das glaube ich nicht, Sie äußerten noch vor Kur⸗ zem Zweifel und Bedenken, die mich im höchſten Grade befrem⸗ un den mußten. Und daß ich es Ihnen gerade heraus ſage, in * dieſen Zweifeln lag etwas Verdächtigendes gegen mich, wozu Sie auch nicht die leiſeſte Veranlaſſung hatten.“ . Der Verwalter, der es jetzt in ſeinem Jatereſſe fand, die Parthei des Majaratsherrn zu ergreifen, wenigſtens ſo lange als . keine Beweiſe gegen ihn gefunden waren, ſchlug den Blick ver⸗ 6 wirrt nieder, der Vorwurf hatte getroffen, er konnte ihn nicht le zurückweiſen. oſte„Es waren eben nur Zweifel, Herr Baron,“ ſagte er, und o damals waren dieſe Zweifel ſo ganz unberechtigt nicht.“ „Es war mehr als das! Ich will jetzt nicht darauf zurück⸗ der kommen, vielmehr die Geſchichte als abgethan betrachten, aber ich uhr warne Sie noch einmal.“ luft„Das iſt unnöthig, ich ſagte Ihnen ja bereits, daß meine Zweifel geſchwunden ſeien.“ lalt„Und was führt Sie jetzt zu mir?“ 740— „Die Bitte, der Herr Baron und Baroneſſe Klara mögen uns morgen die Ehre ſchenken,“ erwiderte Wortmann mit einer depro⸗ ten Verbeugung.„Wir feiern morgen die Hochzeit meiner Toch⸗ ter mit dem Bildhauer Waldſtern.“ „Morgen ſchon?“ fragte der Baron überraſcht.„Waldſtern iſt ein talentvoller Künſtler, ich habe ſeine neueſte Schöpfung einen Genius des Todes, geſehen, er macht Aufſehen bamit und wird es gewiß noch zu etwas bringen.“ „Nun, das hoffe ich auch,“ erwiderte der Verwalter, den dieſe Schmeichelei ſehr angenehm berührte,„ich glaube, meine Helene wird dieſe Nachricht freuen, wenn ich auch Anfangs nicht damit einverſtanden war.“ „Und was hatten Sie gegen die Heirath?“ „Waldſtern iſt unbemittelt.“ „Pah, Sie haben ja ein bedeutendes Vermögen, da konnten Sie Ihrer Tochter eine namhafte Ausſteuer mitgeben.“ „Sie ſpielen da wieder auf die Entdeckung an, die Sie in London gemacht haben wollen,“ erwiderte Wortmann,„und ich muß nochmals erklären, daß dieſe Entdeckung auf einem Irr⸗ thum beruht. Ich beſitze jene Summe nicht, deren Verzeichniß Sie in meinem Portefeuille fanden, im Gegentheil—“ „Weshalb wollen Sie das leugnen?“, fiel der Majoratsherr ihm in's Wort.„Sie werden mich nicht überzeugen, daß ich mich in einem Irrthum befinde, ich weiß zu gut, was ich von ſol⸗ chen Notizen zu halten habe. Und wenn ich mir eine ſichere Ueberzeugung verſchaffen wollte, ſo brauchte ich ja nur die Vor⸗ lage der Rechnungebücher zu verlangen. Aber was hinter mir liegt, will ich nicht einer ſtrengen Prüfung unterwerfen, wenn ich nicht durch diejenigen, die dieſe Prüfung zu fürchten haben, dazu genöthigt werde. Erfüllen Sie fortan gewiſſenhaft Ihre Pflicht und ſtehen Sie in allen Stücken feſt auf meiner Seite, dann dür⸗ fen Sie wegen Ihrer Zukunft beruhigt ſein.“ Der Verwalter nickte zuſtimmend, wie die Dinge jetzt lagen, konnte er allerdings nichts Beſſeres thun, als den Nacken beugen. „Sie waren vorhin mit dem Hofmeiſter zuſammen,“ fuhr der Baron fort,„ich ſehe das nicht gerne, Hurter iſt ein intriguanter Menſch und nur darauf bedacht, Händel zu ſtiften.“ „Er redete mich an.“ run die war ———— ————— „Was wollte er von Ihnen?“ „Er iſt mit ſeiner Penſion noch immer nicht zufrieden.“ „Dann ſoll er ſehen, wo er mehr bekommt, wenn er hieher kommt, um Beſchwerde zu führen, zahle ich ihm gar nichts mehr. Sie wiſſen doch auch, daß er an meinem Zerwürfniß mit meiner Familie die größere Schuld trug, er kann nicht verlangen, daß ich ihn dafür jetzt noch belohnen ſoll.“ „Er beruft ſich auf ſeine Verdienſte,“ ſchaltete der Verwal⸗ ter ein. „Ich ſchlage ſie nicht ſo hoch an,“ entgegnete der Baron ach⸗ ſelzuckend,„er hat ſeiner Zeit ſein Gehalt empfangen, und er darf nicht vergeſſen, wie und aus welchen Gründen er entlaſſen wor⸗ den iſt. Er ſoll froh ſein, daß ich ihm überhaupt eine Penſion zahle. Und Sie thun wohl, wenn Sie ihm fern bleiben, ich weiß daß er mir nicht freundlich geſinnt iſt, und da muß ich von Je⸗ dem, der mit ihm verkehrt, dasſelbe vorausſetzen.“ „Ich halte mich ihm ſo fern wie möglich.“ „Und wenn er Sie anredet, ſo geben Sie ihm keine Ant⸗ wort!“ „Ich muß ihm die Penſion zahlen—“ „Er ſoll ſie fortan an der Kaſſe des Bankhauſes in Empfang nehmen.“ „Wenn der Herr Baron das Bankhaus anweiſen wollen, die Zahlung monatlich zu leiſten, ſo will ich dem Hofmeiſter die nö⸗ thige Mittheilung machen,“ erwiderte Wortmann. „Das ſoll morgen geſchehen. Wie viel baben Sie bis jetzt dem Bankhauſe gezahlt?“ „Zwölftauſend Thaler.“ „Und wieviel glauben Sie noch zahlen zu können?“ „Wenn's hoch kommt, vier bis fünftauſend Thaler.“ „Mehr bringt das Gut nicht ein?“ „Nein.“ Der Majoratsherr ſchüttelte den Kopf. „Das iſt zu wenig,“ ſagte er unwillig,„wir müſſen Verbeſſe⸗ rungen einführen, ich denke dabei in erſter Reihe noch immer an die Einrichtung einer großartigen Brennerei, aber ich will damit warten, bis ich mit allem Andern iu Ruhe bin. Apropos, was — 742— ſpricht man denn von einer Wiederauffindung des verſchwundenen Kindes meines Bruders?“ Wortmann blickte den Baron betroffen an; es war ihm nicht lieb, daß ſo viele Perſonen ſchon mit dieſer Angelegenheit ſich beſchäftigten. „Darf ich mir die Frage erlauben, wer dem Herrn Baron davon Mittheilung gemacht hat?“ erwiderte er ausweichend. „Meine Tochter!“ „Ah, Baroneſſe Adelaide wird es ihr geſagt haben. Sprach Ihr Herr Bruder mit Ihnen nicht darüber?“ „Nein.“ „Es iſt wahr, Baroneſſe Adelaide hat einen anonymen Brief erhalten, in der ihr mitgetheilt wurde, daß das damals ſo ſpur⸗ los verſchwundene Kind noch lebe. Der Schreiber forderte die Kleinigkeit von zwanzigtauſend Thaler und er erhöhte ſpäter ſeine Forderung auf dreißigtauſend, aber die ganze Sache läuft auf einen beabſichtigten Betrug hinaus, und es iſt nur zu bedauern, daß Baroneſſe Adelaide das nicht einſehen will.“ „Sie glauben auch, es ſei ein Betrug?“ fragte der Baron. „Eine Prellerei, weiter nichts. Das Kind iſt damals verun⸗ glückt, und man thäte beſſer, wenn man bie nutzloſen Aufregungen ſich erſparen wollte.“ „Hm, es wäre immerhin möglich, daß der Schreiber jenes Briefes dennoch die Wahrheit behauptete.“ „Möglich allerdings, aber nicht wah ſcheinlich, und wenn eine ſo unverſchämte Forderung geſtellt wird, dann glaube ich erſt recht nicht an die Aufrichtigkeit der betreffenden Mittheilung.“ „Mein Bruder will die Sache auch nicht verfolgen?“ „Er theilt meine Anſicht.“ Der Majoratsherr nickte beſriedigt; er ſchnitt gedankenvoll von einer Cigarre die Spitze ab und zündete ſie an. „Es iſt gut,“ ſagte er,„ich war von den Mittheilungen Klara's nur deshalb ſo ſehr überraſcht, weil ich vorher nichts da⸗ von gehört hatte.“ „Herr Advokat Rabe,“ meldete in dieſem Aygenblick der Diener. Wortmann wollte ſich entfernen, ein Wink des Barons befahl ihm, zu bleiben. ſ agte whte 5 Vem ihn d Majot De ſtreiſt „ U erorb er d das geſch Sac Klie raun empf Gegi man und würd ſein wun in! nel⸗ 743— „Ich wüßte nicht, was ich mit einem Advokat zu ſchaffen hätte“ ſagte er leiſe, während ſein Blick erwartungsvoll auf der Thür ruhte. In demſelben Moment trat der Angemeldete ein, und der Verwalter konnte ſeine Ueberraſchung nicht verbergen, als er in ihm den Polizeirath erkannte, glücklicherweiſe bemerkte davon der Majoratsherr nichts. Der Polizeirath verbeugte ſich leicht vor dem Baron, dann ſtreifte ſein Blick warnend das hagere Geſicht des Verwalters. „Ich komme im Auftrage des Herrn Schwanenthal,“ ſagte er. Ueber die Lippen des Barons glitt ein ironiſches Lächeln. „Herr Schwanenthal müßte jetzt doch wiſſen, daß ich ſeine erorbikante Forderung nicht bewilligen werde,“ erwiderte er.,, Will er den Vergleich, den ich ihm angeboten habe, annehmen, ſo liegt das Geld zu ſeiner Verfügung.“ „Sie werden entſchuldigen, Herr Baron, wenn ich dem vor⸗ geſchlagenen Vergleich entgegentrete,“ ſagte der Rath ruhig.„Die Sache licgt denn doch etwas anders, wie Sie glauben; mein Klient iſt völlig berechtigt, von dem Darlehn Zinſen für den Zeit⸗ raum von zweiundzwanzig Jahren zu fordern.“ „Zu ſechs Prozent?“ fragte der Baron ſcharf. „Der Zinsfuß war Ihnen bekannt, als Sie das Darlehen empfingen.“ „Wenn der Herr Baron nicht aus beſonderen Gründe meine Gogenwart wünſchen, ſo bitte ich mich zu entlaſſen,“ ſahte Wort⸗ mann, dem die Situation peinlich wurde. Der Majoratsherr nickte herablaſſend. „Ich nenne das Wucher,“ wandte er ſich zu dem Polizeir ath, und ich bin nicht geſonnen, ein ſo häßliches und verabſcheuungs⸗ würdiges Gewerbe mit meinem Gelde zu unterſtützen“ „Will Schwanenthal den Vergleich nicht annehmen, ſo mag er ſeine Forderung auf dem geſetzlichen Wege geltend machen, es wundert mich, daß er dies nicht ſchon gethan hat, er drohte mir in der erſten Viertelſtunde damit.“ „Wenn er es thut, ſo muß und wird er den Prozeß gewin⸗ nen,“ ſagte Heller. „YDas iſt noch nicht geſagt.“ „Was wollen Sie gegen die Klage einwenden?“ — 744— Do „Könnte ich nicht behaupten, der Schein ſei nicht von meiner 5 Hand ausgeſtellt?“ bichni Der Polizeirath zog die Brauen hoch hinauf. zr ge „Es könnte allerdings der Fall ſein, daß die Sachverſtändigen zwiſchen Ihrer jetzigen und der früheren Handſchrift einen merk⸗ den lichen Unterſchied fänden,“ ſagte er mit gehobener Stimme, es Wi iſt ja möglich, daß eine Handſchrift ſich im Laufe der Jahre ver⸗ ändert, aber damit hätten Sie nichts gewonnen.“ m Auf der Stirne des Barons waren die Adern angeſchwollen, ein flammender Blick traf den alten Mann, der die Wirkung ſeiner Worte ſcharf beobachtete. St „Nichts?“ erwiderte er barſch.„Und wenn nun der Schein theidig D V wirklich gefälſcht wäre?“ „Dann müßte ich Sie fragen, wen Sie der Fälſchung be⸗ ſragen, F ſchuldigen.“ de3 „Es wäre Sache des Gerichts, das zu ermitteln.“ gnüb „Es würde Sache des Gerichts ſein, die Zeugen zu ver⸗ hören.“ imt „Zeugen?“ fuhr der Baron auf.„Welche Zeugen will der„St Wucherer gegen mich in's Feld führen?“ Dr „Ihren früheren Reitknecht.“„ „Wer iſt das?“ icht, „Erinnern Sie ſich ſeiner nicht mehr? Er hieß Johann Walker.“ „Der Baron ſtrich mit der Hand über die Stiene, als ob er geleg ſeine Gedanken zwingen wolle, ſich mit dieſem Namen zu beſchäf⸗ L tigen. ſich! „Ach ſo,“ erwiderte er nach einer Pauſe.„Lebt der auch haben noch„ „Allerdings.“ haben „Und was weiß er von der Sache?“ tritt „Er weiß, daß Sie damals das Geld von Schwanenthal em- pfangen haben.“ legen Der Majoratsherr blickte eine Weile den Rath ſtarr an, als ob er ſich auf jene Zeit beſinnen müſſe. 4 „Ich glaube nicht, daß er das bezeugen kann,“ ſagte er. Bar „Weiß ich doch ſelbſt nicht mehr, ob ich die Summe wirklich em⸗ pfangen habe.“ „Das mag ſein, aber Sie müſſen dabei berückſichtigen, daß das Dienſtperſonal für ſolche Dinge ein bedeutend ſchärferes Ge⸗ dächtniß hat,“ erwiderte Heller.„Johann erinnert ſich ber Sache ſehr genau, er wird ohne Bedenken das Zeugniß ablegen. Ueber⸗ dies möchte ich Ihnen den wohlgemeinten Rath geben, dem Prozeß aus dem Wege zu gehen, in einem ſolchen Prozeſſe kommen immer unangenehme Dinge vor, und man kann nicht vorauswiſſen, wo⸗ rauf die Rede gebracht wird.“ „Was hätte ich dabei zu fürchten?“ „Das damalige Leben könnte etwas grell beleuchtet werden, Herr Baron, wir Advokaten müſſen eben alle Mittel benutzen, um die Rechte unſerer Klienten klar zu ſtellen und zu ver⸗ theidigen.“ Der Paron klemmte die Spitzen ſeines Schnurrbarts zwiſchen die Zähne, es wurde ihm jetzt klar, daß er ſich einem Gegner ge⸗ genüber befand, der ſich nicht einſchüchtern ließ. „Wenn Sie auf dieſem Wege mich anzugreifen verſuchten, ſo könnten die Folgen auf Sie ſelbſt zurückfallen.“ erwiderte er. „Sie werden begreifen, daß ein Mann meines Standes ſich durch Drohungen nicht einſchüchtern läßt.“ „Vollkommen, Herr Baron, dieſe Sprache überraſcht mich gar nicht, ich habe Sie früher ſchon gehört.“ „Sie?“ fragte der Majoratsherr befremdet. „Ich komme ſpäter darauf zurück, vorerſt möchte ich die An⸗ gelegenheit meines Klienten ordnen.“ Der Baron zuckte die Achſeln unb blies eine Rauchwolke vor ſich hin! er ſchien ſeinen Gleichmuth völlig wiedergefunden zu haben. „Ich bedaure Sie, daß Sie eine ſo faule Sache übernommen haben,“ ſagte er,„die Forderungen eines ſolchen Wucherers ver⸗ tritt nicht Jeder.“ „Wenn ſie ſo gerecht ſind, wie dieſe, wird jeder meiner Kol⸗ legen ſie übernehmen.“ „Das iſt die Anſicht eines Advokaten.“ „Und daneben auch die Anſicht eines Ehrenmannes, Herr Baron!“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ fuhr der Majoratsherr zor⸗ nig auf. — 746— „Nichts weiter, als daß ich die Vertretung dieſer Sache mit meiner Ehre und meinem Gewiſſen vereinigen kann. Sechs Pro⸗ zent kann ich bei ſolchen gewagten Darlehen keine Wucherzinſen nennen, die meiſten Leute, welche mit ſolchen Geſchäſten ſich be⸗ faſſen, nehmen zwanzig, vierzig, ja hundert Prozent und noch mehr. Mit ihnen Schwanenthal in eine Kategorie ſtellen zu wollen, wäre das größte Unrecht, und ebenſo großes Unrecht iſt es, ihm die Zinſen vorzuenthalten. Ich kenne den Einwurf, den Sie gemacht haben, er iſt in keiner Beiſe ſtichhaltig, weder Ihr Herr Vater, noch Ihr Herr Bruder war verpflichtet, dieſe Schuld zu tilgen alſo konnte Schwanenthal ſeine Forderung auch nicht geltendmachen.“ „Waren ſie auch nicht geſetzlich, ſo waren ſie doch moraliſch dazu verpflichtet.“ „Eine moraliſche Verpflichtung, Herr Baron, erkennt man nicht gerne an, wenn es ſich um Zahlung einer Geldſumme han⸗ delt. Schwanenthal hat ja den Verſuch gemacht, die beiden Herren zur Tilgung der Schuld zu bewegen, aber er iſt ſo energiſch zu⸗ rückgewieſen worden, daß er keine Luſt haben konnte, dieſen Ver⸗ ſuch auf gerichtlichem Wege zu wiederholen. Somit zerfällt Ihr Einwurf, und der Richter wird ſie unter allen Umſtänden zur Zahlung der vollen Summe verurtheilen.“ Der Baron ſtrich langſam die Aſche von ſeiner Cigarre. „Mag Alles ſo ſein, wie Sie ſagen,“ erwiderte er,„ſo werde ich dennoch die Forderung Schwanenthals nicht anerkennen. Er ſoll mich verklagen, daun wird es ſich finden, wer Recht hat.“ „Und das iſt Ihr letztes Wort, Herr Baron?“ „Jawol, vorausgeſetzt, daß Schwanenthal nicht vorzieht, den wuhl angebotenen Vergleich anzunehmen, Ich will die Summe, die ich ihm geboten habe, auf tauſend Thaler erhöhen—“ „Er verlangt die volle Summe.“ 0 zahle ſie nur dann, wenn ich dazu verurtheilt werd „Bedenken Sie die Conſequenzen des Prozeſſes.“ „Ich ſagte Ibnen ſchon, daß Drohungen mich nicht ein⸗ ſchüchtern.“ „Man würde ſich ſehr angelegentlich mit Ihrer Vergangen⸗ heit beſchäftigen,“ erwiderte der Polizeirath in warendem Tone. „Meinetwegen, ich habe das nicht zu fürchten.“ — 747— „Es kann ebenſowenig Ihnen gleichgültig ſein!“ „Ich muß das beſſer wiſſen,“ ſagte der Baron achſelzuckend. „Und damit wäre dieſe Unterredung wohl beendet?“ „Noch nicht ganz.“ „Was wünſchen Sie noch?“ „Ich glaube, Herr Baron, Sie werden ſich meines Namens noch erinnern, wenn Sie die Güte haben wollen, Ihr Gedächt⸗ niß anzuſtrengen und einer allerdings längſt vergangenen Zeit zu gedenken.. Der Majoratsherr heftete den Blick forſchend auf das Ge⸗ ſicht des alten Herrn, und wieder ſtrich er mit der Hand über die Stirne, für Namen ſchien er ein ſehr ſchwaches Gedächtniß zu beſitzen. „Entſchuldigen Sie, ich habe den Namen, den mir vorhin der Diener meldete, bereits vergeſſen,“ erwiderte er. „Advokat Rabe!“ antwortete der Rath, der jeden Zug in dem Geſicht des Barons beobachtete. „Rabe? Ich erinnere mich in der That nicht.“ „Auch nicht des Namens Florentine?“ Nei „Das wäre mehr als ſeltſam,“ ſagte Heller mit ſcharfer Be⸗ tonung.„Die ſchöne Schauſpielerin war meine Schweſter, Herr Baron!“ Jetzt ſchien der Majoratsherr ihn zu verſtehen; er drehte lang⸗ ſam an den Enden ſeines Schnurrbarts und ein ſarkaſtiſches Lächeln umſpielte dahei ſeine Lippen. „So, ſo!“ ſagte er gleichgültig. „Sie erinnern ſich ihrer alſo wirklich nicht mehr?“ „Nur dunkel noch. Ich habe in jenen Jahren ſo manche Dame kennen gelernt, daß man mir keinen Vorwurf daraus ma⸗ chen kann, wenn—“ „Florentine Rabe, Herr Baron, ragte durch ihren Geiſt und ihre Schönheit unter jenen Damen hervor,“ ſagte der Rath mit ge⸗ hobener Stimme.„Wer ſo innig, wie Sie mit Ihr befreundet geweſen iſt, der kann ſie unmöglich vergeſſen.“ „Ich gebe das gerne zu,“ erwiderte der Majoratsherr achſel⸗ zuckend,„indeß dürfen Sie nicht vergeſſen, daß ich in der Zwi⸗ ſchenzeit ein ſehr bewegtes Leben geführt in wbahleelchem die Erinnerungen an die Vergangenheit mehr und mehr verwiſcht wurden Jetzt, wo Sie mich an Ihre Schweſter erinnern, taucht das ſchöne Bild wieder vor mir auf.“ „Meine Schweſter ging damals nach Wien,“ fuhr Heller fort, „haben Sie ſeirdem nichts mehr von ihr gehört?“ „Ich? Nein!“ „Dann iſt ſie verſchollen, die Erkundigungen, die ich einzog, blieben reſultatlos.“ Der Baron zuckte geringſchätzend die Achſeln. „Iſt das nicht das gewöhnliche Loos der Comödianten?“ er widerte er.„In ihrer Jugend glänzen ſie, und im Alter ſind ſie die elendſten unter allen Menſchen. Pah, ich würde mir da⸗ rum keine Sorge machen; luſtig gelebt und luſtig geſtorben iſt der Wahlſpruch dieſes leichtſinnigen Völkchens“ „Und doch wäre ihr Loos vielleicht ein andres, beſſeres, wenn nicht die Verſuchung ſo verführeriſch an ſie heranträte,“ ſagte der Rath in vorwurfsvollem Tone.„Ein junges, lebensluſtiges Mäd⸗ chen, wenn es allein in der Welt ſteht und den ſittlichen Halt im Familienkreiſe nicht findet, kann ſolcher Verſuchung nur ſchwer widerſtehen, und der gewiſſenloſe Verführer prahlt mit ſolchen Er⸗ oberungen—“ „Bitte, Herr Advokat, Sie fällen da ein Urtheil, welches keine Berechtigung hat,“ fiel der Baron ihm ſcharf ins Wort.„Die Verſuchung geht in den meiſten Fällen von den Schauſpielerinnen ſelbſt aus, hätten ſie auf dieſem Felde Erfahrungen gemacht, ſo würden ſie ein ſolches Urtheil nicht ausgeſprochen haben. Und Florentine Rabe war in dieſem Punkte nicht beſſer und ſchlimmer, als alle Andern.“ Heller hatte ſich erhoben, ſeine finſter zuſammengezogenen Brauen ließen erkennen, daß die letzten Worte einen unangeneh⸗ men Eindruck auf ihn gemacht hatten. „Wir wollen darüber nicht ſtreiten, Herr Baron,“ ſagte er, „einen Abweſenden zu beſchuldigen iſt kinderleicht, Florentine kann ſich jetzt nicht vertheidigen. Ich aber erinnere mich, ſo lange ich lebe, der Worte, die ſie mir vor ihrer Abreiſe nach Wien ge⸗ ſchrieben hat, die Anklagen, die ſie gegen Sie erhob, will ich nicht wiederholen, aber ich trage die Ueberzeugung in mir, daß dieſe Anklagen begründet waren.“ merdi nolig eine ———— 749— „Daß ich mich über ſolche Anklazen hinweg ſetze, werden Sie begreifen.“ „Gewiß, und eben deshalb komme ich nicht weiter auf ſie zu⸗ rück. Sie wollen alſo den Prozeß, Herr Baron?“ „Ob ich ihn will? Nein! Aber wenn der Wuchcrer ihn an⸗ ſtrengen wib, ſo kann ich ihn nicht daran verhindern.“ Der Polizeirath verbeugte ſich ſchweigend und ging hinaus das Thema der Unterredung war vollſtändig erſchöpft. Die Lippen in verbiſſenem Grimm feſt auf einander gepreßt, ölickte der Majoratsherr finſter auf die Thür, hinter welcher der angebliche Advokat verſchwunden war. Welche Gedanken mochten in dieſem Moment in ſeiner Seele aufſteigen! Es lag ein Gemiſch von Trotz, Haß und unausſprechlicher Angſt in dieſem ſtarren Blick, der erſt nach mehreren Minuten allmählig wieder Leben gewann! Dann ſtand der Baron auf, und die Hände auf den Rücken gelegt wanderte er lange mit großen Schritten auf und nieder. Hatte die Erinnerung an Florentine Rabe ihn ſo gewaltig erregt, oder machten die Drohungen Schwanenthals ihm dennoch Sorgen? Die Ruhe, die er dem Vertreter Schwanenthal's gezeigt hatte, beſaß er jetzt nicht mehr, der Ausdruck ſeines Geſichts, ſein haſti⸗ ger Gang, ſein ganzes Weſen zeugte von einer gewaltigen innern Erreguns, die er mit Aufbietung ſeiner ganzen Kraft zu bewäl⸗ tigen ſuchte. So mochte eine halbe Stunde verſtrichen ſein, als der Kam⸗ merdiener wiederum Beſuch anmeldete und gleich darauf den ehe⸗ maligen Reitknecht einließ, auf dem der Blick des Majoratsherrn eine geraume Weile forſchend haftete. „Wer ſeid Ihr und was führt Euch zu mir?“ brach der Ba⸗ ron endlich das Schweigen. „Sie kennen mich nicht mehr?“ fragte Johann erſtaunt. „Ich verlange eine kurze und deutliche Antwort auf mein Frage,“ brauſte Baron Edmund auf, den dieſes ſtete Erinnern an vergangene Zeiten und nergeſſene Perſonen ärgerte. „Na, dann muß ich mich ſehr verändert haben,“ ſpotlete dee Reitknecht.„Ich heiße Johann Walker.“ „Johann Walker?“ wiederholte der Majoratsherr gedehnt. Hatte er nicht kurz vorher ſchon dieſen Namen gehört? Richtig der Advokat hatte ihn genannt, ihn als Zeugen für die Rechte Schwanenthals angeführt. „Ach ſo, mein alter Reitknecht!“ ſagte er mit einem lauern⸗ den Blick auf den Mann, auf deſſen Antlitz der volle Schein der Lampe fiel, während der Baron ſelbſt im Schatten ſtand.„Wer ſchickt Euch zu mir?“ „Niemand, Herr Baron. Ich hörte, daß Sie zurückgekehrt ſeien und—“ „Und da denkt Ihr gleich, Eure früheren Beziehungen zu mir gäben Euch ein Recht, eine Unterſtützung von mir zu fordern?“ ſpottete der Baron. „Daxan habe ich nicht gedacht, ſo arm bin ich nicht, daß ich von Almoſen leben mißte!“ „So hat der Wucherer Schwanenthal Euch hieher geſchickt, um zu ſpioniren.“ „Schwanenthal?“ erwiderte der Reitknecht befremdet.„Was hätte ich mit ihm zu thun?“ „Hat er nicht Euch aufgefordert, gegen mich zu zeugen?“ „Er hat mich nur gefragt, ob ich mich noch erinnern könne, daß der Herr Baron in früheren Jahren Geld von ihm empfan⸗ gen habe.“ „Und Ihr könnt Euch deſſen erinnern?“ allerdings.“ „Wegen dieſes Geldes will Schwanenthal einen Prozeß gegen mich anſtrengen,“ ſagte der Baron, ohne den Blick von demReit⸗ knecht abzuwenden,„er hat mir damit gedroht, daß Ihr gegen mich zeugen würdet.“ „Da könnte er ſich doch in die Finger ſchneiden,“ ſpottete Johann,„ich werde gegen meinen früheren Herrn nicht zeugen. Daß der Herr Baron von dem Wucherer Geld empfangen hat, ſteht ja feſt und der Herr Baron werden das ſelbſt nicht leugnen, aber 0 „Es handelt ſich hier um eine gewiſſe Summe, von der ich mich nicht erinnern kann, daß ich ſie wirklich empfangen habe,“ unterbrach der Majoratsherr ihn. „Wenn Schwanenthal keinen beſſeren Beweis, als mein Zeug⸗ Hoffut Reitpſe hie der B auf ih önne, gegen Reit⸗ gegen pottete eugtn. K ugnen, der ich habe“ ———————— niß beibringen kann, wird er den Prozeß verlieren.“ — 751— Baron Edmund nickte befriedigt, er hatte dieſe ihm günſtige Wendung ſchwerlich erwartet. „Wollt Ihr mir nun ſagen, was Euch zu mir führt?“ fragte er in freundlicherem Tone. „Ich bin ohne Stelle, Herr Baron.“ „Hm— was weiter?“ „Ich dachte mir, Sie würden mich vielleicht engagiren.“ „Hat Euch Jemand darauf aufmerkſam gemacht?“ „Nein. Als ich hörte, daß Sie wieder da waren, ſtieg dieſe Hoffnung gleich in mir auf. Der Herr Baron werden gewiß Reitpferde halten, und dann auch muß es Ihnen doch lieb ſein, einen Diener zu haben, auf den Sie ſich verlaſſen können.“ Der Baron war einen Schritt näher getreten. „Kann ich das wirklich?“ fragte er. „Unter allen Umſtänden!“ „In weſſen Dienſten ſeid Ihr vordem geweſen?“ „Hier ſind meine Papiere.“ Der Majoratsherr ſetzte ſich an ſeinen Schreibtiſch und prüfte die Zeugniſſe, die Johann ihm übergeben hatte, er ſah nicht, daß der Blick des letzteren mit durchdringender Schärfe unverwandt auf ihm ruhte. „Erinnert Ihr Euch noch der Schauſpielerin Rabe?“ fragte er nach einer Weile. „Fräulein Florentine? Gewiß!“ „Ihr habt wohl überhaupt ein gutes Gedächtniß?“ „Ich erinnere mich noch aller damaligen Vorfälle.“ „Auch der Perſonen. mit denen ich verkehrte?“ „Sehr genau, Herr Baron.“ „Ich kann das von mir nicht behaupten,“ ſagte der Baron, „mein Gedächtniß läßt mich manchmal im Stich, und da wäre es mir angenehm, einen Menſchen um mich zu haben, deſſen Gedächt⸗ niß mir in ſolchen Fällen zu Hülfe käme.“ „Der Herr Baron können ſich auf mich verlaſſen.“ „Sehr wohl! Ihr würdet Euch meinen Anordnungen und Befehlen fügen, ſelbſt dann, wenn dieſe Befehle mit Euren eig⸗ nen Anſichten nicht übereinſtimmen, verſtanden? Ich verlange Gehorſam, Treue und Verſchwiegenheit, ich verlange ferner, daß „ meine Diener in allen Angelegenheiten nur mein Intereſſe im Auge behalten, doß ſie, ohne nac rechts oder links anszubiegen den geraden Weg gehen, den ich ihnen vorzeichne. Wollt Ihr mir das verſprechen?“ „Jawohl, Herr Baron!“ „Wann könnt Ihr den Dienſt antreten?“ „Wann Sie befehlen!“ „Morgen ſchon?“ „Je eher deſto lieber.“ „Gut, findet Cuch morgen früh ein, über den Lohn und die andern Bedingungen werden wir dann näher ſprechen.“ Ein Handwink entließ den Reitknecht, der gleich darauf ver⸗ Bnügt das Schloß verließ. 30. Kapitel. Die Mutter und ihr Find. Friedrich Wortmann hatte nur gezwungen und mit innerem Widerſtreben ſeine Einwilligung in die Verbindung ſeiner Tochter mit Hellmuth Waldſtern gegeben, aber nun ſie einmal gegeben war, fügte er ſich auch willig in die Verhältniſſe. Sein eigenes Projekt war freilich in die Brüche gegangen, und ſo oft er daran dachte, erwachte auch in ſeiner Seele wieder der ſchlummernde Haß gegen Frau Magdalena, aber auch das war ſo weit überwunden, und er ſuchte die Niederlage, ſo gut er konnte, zu vergeſſen. Die alte Urſuln ſollte einſtwellen ihm die Haushaltung füh⸗ ren, und was ſpäter kam, wollte Wortmann jetzt in aller Ruhe gerurt boß e Bar den Go erabla ſprechen der Re Ge Baron er aud ſelbſt hatte. 2 übet, ſie au irgend nahm, dieſe S De nichts hätte weſen. lichen dir ihr ſpäter berner der pi ſürmi poar Der Mk, 753— abwarten, ſeine Stellung war wieder geſichert, und im ſchlimmſten Falle reichte ſein Vermögen hin, ihm, dem alleinſtehenden Manne, ein ſorgenfreies Leben zu ſichern. So hatte er denn die Hochzeit ſeiner Tochter auf den heuti⸗ gen Tag feſtgeſetzt, und wenn ſie auch nicht mit großem Pomp gefeiert wurde, ſo zeigte der Verwalter bei dieſer Gelegenheit doch, daß er eine Ehre darin ſuchte, ſeine Gäſte zufrieden zu ſtellen. Baron Edmund und Baroneſſe Klara erſchienen auch unter den Gäſten, und der Majoratsherr unterhielt ſich ſehr lange in herablaſſender Weiſe mit dem jungen Ehemann, der ihm das Ver⸗ ſprechen geben mußte, nach der Rückkehr von der Hochzeitsreiſe an der Renovation des Schloſſes mitzuwirken. Gern gab Helimuth dieſes Verſprechen nicht, er konnte dem Baron die ſchnöde Zurückweiſung Willy's nicht vergeſſen, wenn er auch auf der andern Seite ſich ſagen mußte, daß Willy ſelbſt dieſe Demüthigung verſchuldet, ja ſogar herausgefordert hatte. Oft ſchweifte der Blick Hellmuths gedankenvoll zu Klara, hin⸗ über, ſie war ungewöhnlich ſchweigſam, und man ſah ihr an, daß ſie aus dieſem lauten, fröhlichen Kreiſe ſich hinausſehnte. Wie gerne hätte er eine Frage an ſie gerichtet, ihr gegenüber irgend eine Andeutung fallen laſſen, die auf den Freund Bezug nahm, aber er wagte es nicht, er wußte nicht, wie die Baroneſſe dieſe Kühnheit aufnehmen würde. 4 Der Majoratsherr ſchien von der Pepint ſeiner Tochter nichts zu bemerken, er kümmerte ſich nicht um ſie, man hätte glauben können, ſie ſei für ihn gar nicht vorhanden ge⸗ weſen. Als die Tafel aufgehoben war, und die Gäſte nach ihrem Be lieben ſich gruppirten, gab Baron Edmund ſeinem Kammerdiener⸗ der ihn bei Tiſch bedient hatte, einen Wink, und einige Minuten; ſpäter wurde eine ſtattliche Reihe von Champagnerflaſchen in ſil⸗ bernen Eiskühlern auf der Tafel aufgeflanzt. Die Pfropfen knallten in den hohen Spitzgläſern ſchäumte der perlende Feuerwein, und der Majoratsherr brachte unter dem ſtürmiſchen Beifall aller Gäſte den Toaſt auf das junge Ehe⸗ paar aus. Der Baſtard. 48 — 754— Damit hatte er alle Herzen im Sturm erobert, er wußte es, er las es in den lächelnden Mienen und den blitzenden Augen und er las es auch in dem freudeſtrahlenden Geſicht des Verwal⸗ ters, der jetzt auf ihn zutrat, um ihm für dieſe Ueberraſchung zu danken. „Laſſen Sie es gut ſein, Wortmann,“ ſagte er lächelnd,„mir macht es ſelbſt Vergnügen, wenn ich nur heitre Geſichter um mich ſehe, und dafür wird der Champagner ſchon ſorgen.“ „Ich war darauf nicht vorbereitet,“ erwiderte Wortmann, „meine Mittel erlauben mir leider eine ſo fürſtliche Bewirthung nicht—“ „Ah, bah, ich weiß das beſſer!“ „Was gäbe ich nicht darum, wenn ich den Verdacht tilgen könnte—“ „Das glaube ich Ihnen gerne,“ ſcherzte der Baron,„es iſt Keinem angenehm, wenn ein Unberufener ihm in die Karten blickt.— „Das wollte ich damit nicht ſagen.“ „Ach was, weshalb beunruhigen Sie ſich? Sie wiſſen ja, daß Sie nichts zu befürchten ih Aber da Sie mich gerade an unſern kurzen Aufenthalt in London erinnern, entſinne ich mich auch eines Geſtändniſſes, welches Sie damals mir gemacht haben.“ „Herr Baron!“ fagte der Verwalter bittend. wollen ja wieder heirathen!“ fuhr der Majoratsherr in ſcherzendem Tone fort.„Werden Sie dieſes Projekt nicht aus⸗ ſchrenz⸗. i „Die Trauben ſind wohl ſauer, weil ſie zu hoch hängen?“ „Weshalb ſoll ich es leugnen? Frau Rodenberg hat meine Werbung ablehnend beantwortet, und ich gräme mich darüber jetzt nicht mehr. Die Unverſchämtheit ihres Sohnes wirft auf ſie ſelbſt auch kein günſtiges Licht.“ „Glauben Sie, daß Frau Rodenberg ihren Sohn zu dieſer Unverſchämtheit ermuthigt haben könne?“ fragte der Baron in ernſterem Tone. „Möglich wäre es immerhin.“ „Sie wiſſen wohl auch, wer der Vater des Malers iſt?“ I6h 0 verborg Demüt Niema hoff, beſuch 5 eine Trunk n Korion en ht — 755— „Ich wußte es ſchon bei ſeiner Gehurt, mir konnte es ja nicht verborgen bleiben, wer meine Geliebte verführt und entehrt hatte.“ „Hm, die Schuld mag auf beiden Seiten gelegen haben.“ „Ich will Magdalena durchaus nicht in Schutz nehmen.“ „Und ſollte Frau Rodenberg ihrem Sohne das Geheimniß mitgetheilt haben?“ Der Verwalter zuckte die Achſeln. „Darüber kann ich nicht urtheilen,“ erwiderte er.„Wie ich bereits mir zu bemerken erlaubte, halte ich es für möglich, aber ich meine, in dieſem Falle würde der Maler noch arroganter auf getreten ſein, und es wäre gewiß zwiſchen ihm und ſeinem Vater zu einer Scene gekommen, von der wir Kenntniß erhalten hätten „Dieſer Anſicht kann ich ſo unbebingt nicht beiflichten,“ ſagte der Baron kopfſchüttelnd,„Frau Rodenberg kann ihrem Sohne verboten haben, über die Sache zu reden und ſie weiter zu ver⸗ folgen, überdies iſt cs ja auch möglich, daß der Maler zu ſtolz war, ſeinem Vater gegenüberzutreten, da er ja keine Rechte bean⸗ ſpruchen durfte. Und wer hat Ihnen die Unverſchämtheit dieſes Mannes berichtet?“ „Mein Schwiegerſohn.“ „Woher hat er es erfahren?“ „Von ihm ſelbſt.“ „Wie? So wenig hält er auf Ehre, daß er ſelbſt eine ſolche Demüthigung auspoſaunt? Er muß doch ſelbſt einſehen, daß Niemand ſeine Beſchwerde als gerecht anerkennen wird.“ „Er ſelbſt denkt wohl anders darüber, Herr Baron!“ „Nun, es mag ſein,“ erwiderte der Majoratsherr,„aber ich hoffe, daß ihm die Luſt vergangen iſt, Oſthofen noch einmal zu beſuchen.“ Der Verwalter lächelte bedeutſam, und in dieſem Lächeln lag eine Fülle von Bosheit. „Ich glaube nicht, daß er daran jemals denken wird,“ ſagte er,„habe ich doch mit eigenen Augen geſehen, daß er ſich dem Trunk ergeben hat.“ — 756— „Jawohl, Herr Baron. Man ſprach in der Stadt auch da⸗ Dieb rüber, und wenn Einige auch bedauern, daß ein ſo hervorragen⸗ des Talent dadurch zu Grunde geht. ſo fehlt es doch auch nicht an Solchen, die ihm dieſen Sturz als einen wohlverdienten wen gönnen.“ lij Der Baron ſpielte gedankenvoll mit dem Glaſe welches vor 35 ihm ſtand. ſeine „Wenn er ſo tief geſunken iſt, dann iſt er überhaupt kein gů Charakter,“ ſagte er,„und umſomehr war die Zurückweiſung ſeiner Unverſchämtheit gerechtfertigt. Apropos, haben Sie meinen frü⸗ ſol heren Reitknecht gekannt. ber „Den Johann?“ erwiderte Wortmann.„Nun, natürlich, er aut war ja ſehr oft in Oſthofen.“ wo „Sie haben ſpäter nichts mehr von ihm gehört?“ in Nein „Er war geſtern bei mir, und ich habe ihn wieder en⸗. gagirt.“ „Nicht möglich!“ ge „Und weshalb ſollte es nicht möglich ſein?“ fragte der Ma⸗ ke joratsherr erſtaunt. „Sie haben ihn derzeit wegen eines Diebſtahles entlaſſen.“ fol „Wiſſen Sie das nicht mehr?“ w „In der That, ich dachte nicht mehr daran.“ „Er hatte Ihnen einen Brillantſchmuck entwendet,„ich be⸗ greife ihn nicht, daß er ſo frech ſein konnte, Ihnen ſeine Dienſte wieder anzubieten.“ Der Baron ſchüttelte den Kopf. „Wie war doch die Geſchichte?“ fragte er.„Mein Gedächt⸗ niß iſt ſehr ſchwach geworden, ich bemerke das zu meinem Schre⸗ cken immer deutlicher.“ „Sie hatten für Ihre Fräulein Braut den Schmuck gekauft, und als Sie ihn ihr überreichen wollten, war er verſchwunden Der Verdacht richtete ſich ſofort auf Johann, und bei der Haus, ſuchung wurde in ſeinem Zimmer ein Ring gefunden, der zu dem Schmuck gehörte.“ „Richtig, damit war der Beweis geliefert!“ er Mr — 757— „Und der Herr Baron begnügte ſich mit der Entlaſſung des Diebes.“ „Damit war er genügend beſtraft,“ nickte der Majoratsherr. „Ich hoffe, daß ihm das eine heilſame Lehre geweſen ſein wird, wenigſtens machte er geſtern auf mich den Eindruck eines ordent⸗ lichen Mannes, und ich will's noch einmal mit ihm verſuchen. Ich werde ihm dabei ſchon auf die Finger ſehen, und ſollte er in ſeinen alten Fehler zurückfallen, ſo kommt er diesmal nicht ſo gnädig davon.“ Der Verwalter ſchwieg, was hätte er auch darauf erwidern ſollen? Eine Warnung kam zu ſpät, denn das Engagement war bereits erfolgt, und auf der andern Seite wollte Wortmann ſich auch nicht in dem Reitknecht einen gefährlichen Feind ſchaffen, es war das Beſte, er wartete nun ab, welche Stellung Johann einnahm. Der Baron hatte ſich von ſeinem Sitz erhoben, die Mitthei⸗ lungen Wortmanns über den Reitknecht ſchienen keinen angeneh⸗ men Eindruck auf ihn gemacht zu haben, ſeine finſter zuſammen⸗ gezogenen Brauen ließen wenigſtens vermuthen, daß ſeine Gedan⸗ ken mit einer unerfreulichen Sache beſchäftigt waren. Er verließ bald darauf das Zimmer, und Baroneſſe Klara folgte ihm, ohne daß er es bemerkte. Als ſie ihm draußen anredete, ſuhr er erſchreckt zuſammen, wie Einer, der auf einer böſen That ertappt wird, und in ſehr unſanftem Tone fragte er ſie, was ſie wünſche. Klara ſah ihn betroffen an, dieſen Ton hatte er ihr gegenüber noch nicht angeſchlagen. „Ich wollte Dich nur fragen, ob ich über unſere Equipage verfügen könne,“ ſagte ſie,„wenn Du nicht darauf reflectirſt, möchte ich ſie benutzen.“ „Wozu?“ erwiderte der Baron. „Ich will zur Stadt fahren.“ „Und wen willſt Du dort beſuchen?“ „Tante Ndelaide.“ „An die Braut Deines Vaters denkſt Du wohl nie?“ ſagte er vorwurfsvoll. Zwiſchen den Brauen des Mädchens zeigte ſich eine leichte Fealt. — 758— „Sie hat mich nicht eingeladen, und ich dränge mich nicht gerne auf,“ erwiderte ſie,„überdies wird ſich ja auch ſpäter Ge⸗ legenheit genug zu näherer Bekanntſchaft finden.“ „Es iſt Dein eigner Schade, Klara, wenn Du eine Kluft zwi⸗ ſchen Dich und ſie legen willſt!“ „Das iſt meine Abſicht nicht.“ „Mir ſcheint das doch der Fall zu ſein, und Du wirſt Dich ſpäter erinnern, daß ich Dich gewarnt habe. Den Wagen kannſt Du benutzen, ich bleibe heute wahrſcheinlich in Oſthofen, ſollte ich aber ſpäter noch den Entſchluß faſſen, meine Braut zu beſuchen, ſo nehme ich ein Reityferd. Noch Eins, Klara! Wie die Dinge augenblicklich liegen, und es iſt wahrlich nicht meine Schuld, daß ſie ſich ſo geſtaltet haben, bietet mein Bruder Alles auf, mir Steine in den Weg zu werfen, und ich weiß, das er auchzwiſchen Dich und mich zu treten verſucht, um mir Dein Herz zu ent⸗ fremden—“ „Papa, das iſt—“ „Die Wahrheit, Klara! Du merkſt davon vielleicht nichts, Udo wird natürlich nicht mit der Thüre ins Haus hineinfollen, er gibt Dir das Gift des Mißtrauens tropfenweiſe ein, umſomehr mußt Du auf Deiner Hut ſein.“ „Du thuſt ihm gewiß Unrecht, Papa!“ ſagte Klara vorwurfs⸗ voll,„Onkel Udo denkt nicht daran, uns Beide zu entzweien. Und wenn er Dir grollt, ſo kann man nicht beſtreiten, daß er dafür Gründe hat, Gründe, die ja auch Dir einleuchten.“ „Die ich keineswegs anerkenne!“ „Aber die dennoch vorhanden ſind.“ „Pah, Gründe kann man immer finden, wenn man ſie ſuchen will!“ Klara wandte entrüſtet dem Vater den Rücken, auf bieſem Felde wollte und konnte ſie ihm nicht folgen. Eine halbe Stunde ſpäter fuhr die Equipage mit ihr von dannen. Sie hatte ſich gelangweilt in dem fröhlichen Kreiſe der Hoch⸗ zeitsgäſte, und ſonderbar, daß gerade in dieſer Umgebung die Er⸗ innerung an Frau Magdalena Rodenberg ſo lebendig in ihr wurde und ſo gewaltig auf ſie einſtürmte. Man hatte ihr mitgetheilt, daß der Maler Rodenberg die Hoff unt nut ihre wid ten nc geh pfa gů gr — 759— nungen, die in ihn geſetzt worden ſeien, nicht rechtfertige, daß er Sklave niedriger Leidenſchaften geworden ſei. zwi⸗ Wer ihr das geſagt hatte, wußte ſie ſelbſt nicht mehr, ſie fühlte tiefes, inniges Mitleid mit dem unglücklichen Manne, und dies umſomehr, als ſie ſich nicht verhehlen konnte, daß ſie viel⸗ bich leicht ſelbſt einen großen Theil der Schuld an dieſer Verirrung nſt trug. aih Da war der Wunſch, der Mutter Willy's ihre Theilnahme e auszuſprechen und ſich zu überzeugen, ob die erhaltenen Mitthei⸗ inge lungen auf Wahrheit beruh'en, wohl natürlich, und dieſer Wunſch deß hatte ihr inmitten der heiteren Geſellſchaft keine Ruhe gelaſſen. nit Um alles Aufſehen zu vermeiden, ſtieg ſie in einer andern 6e Straße aus dem Wagen, ſie gab dem Kutſcher Befehl, ſie nach zwei Stunden beim Baron Udo abzuholen und trat zu Fuß den Weg zur Wohnung des Malers an. Ihre Pulſe pochten fieberhaft, als ſie die Treppe hinauſßſtieg. n Wie leicht war es möglich, daß ſie hier dem Maler begegnete, und eine ſolche Begegnung in ſeiner eigenen Wohnung konnte ihr nur peinlich und unangenehm ſein. Was ſollte ſie ihm antworten, wenn er ſie nach dem Zweck ihres Beſuchs fragte? Und durfte ſie nicht erwarten, daß ſer die in Oſthofen ihm widerfahrene Demüthigung ihr bei dieſer Gelegenheit vergalt? Sie athmete erleichtert auf, als ſie in die Wohnſtube eintre⸗ tend, Frau Magdalene allein fand. Willy's Mutter blickte erſtaunt und befremdet auf, aber im nächſten Moment erhob ſie ſich, um der Baroneſſe entgegen zu gen ⁰ gehen und ſie in ihrer freundlichen, gewinnenden Weiſe zu em⸗ pfangen. em Dem ſorſchenden Blick Klara's konnten die Furchen nicht ent⸗ gehen, die Sorge und Kummer in das Antlitz Magdalena's ge⸗ ron graben hatten. „So iſt es wirklich war?“ fragte ſie theilnehmend, als ſie neben ihr auf dem Divan ſaß.„Sollte der talentvolle reich be⸗ Er⸗ gabte Mann ſo ſehr die Achtung vor dem eignen Ich vergeſſen“ haben, daß er ſo tief ſinken konnte?“ Ein ſchwerer Seufzer entrang ſich den Lippen der Mutter. „Ich habe das auch Anfangs nicht glauben wollen.“ ⸗erwid — — * —— — 760— derte ſie, ich klammerte mich an die Hoffnung, daß es eine augen⸗ blickliche Verirrung ſei, aus der er mit der ganzen Kraft ſeiner moraliſchen Willensſtärke, ſich wieder aufraffen werde, aber in dieſer Hoffnung habe ich mich leider getäuſcht geſehen.“ „Sie geben ihn verloren?“ „O, nein, das Herz einer Mutter verzweifelt nicht ſo raſch! Der größere Theil meiner Sorge würde ſchwinden, wenn es mir gelänge, Auerbach von ihm zu entfernen, dieſen Mann, der einen ſo unheilvollen Einfluß auf ihn übt. Seitdem er mit ihm verkehrt, habe ich keine Macht mehr über ihn.“ „Auerbach?“ wiederholte Baroneſſe Klara„Das iſt wohl derſelbe Mann, der das Geld für das Porträt in Empfang nahm? Ich verſtehe das noch immer nicht; in welchen Beziehungen ſteht Herr Rodenberg zu einer Fräulein Laura Brand?“ „Der Name iſt mir ganz unbekannt,“ erwiderte Frau Mag⸗ dalena.„Was veranlaßt Sie, ihn mit dem Namen meines Soh⸗ nes in Verbindung zu bringen?“ „Maler Auerbach legte meinem Papa ein Document vor, in welchem Herr Rodenberg mein Porträt dieſer Dame ſchenkt, da⸗ raufhin nahm Auerbach den Preis für das Porträt, wie er be⸗ hauptete, im Auftrage jener Dame in Empfang.“ „Das iſt mir unbegreiflich!“ „Herr Rodenberg hat mit Ihnen nicht darüber geſprochen?“ „Nein, Willy hat mir überhaupt von Allem, was in Oſtho⸗ fen vorgefallen iſt, keine Silbe mitgetheilt,“ fagte Frau Magda⸗ lena kopfſchüttelnd.„Ich weiß nicht, ob ich ſein Vertrauen ver⸗ loren habe, oder ob das Vorgefallene ſo furchtbar iſt, daß er es nicht über die Lippen zu bringen vermag. Sie ſah die Baroneſſe forſchend an, aber auch dieſe wiegte leicht das Haupt. „Was zwiſchen Herrn Rodenberg und meinem Vater vorge⸗ fallen iſt, weiß ich nicht,“ erwiderte ſie,„mein Vater hat darüber bis heute geſchwiegen, und eine begreifliche Scheu hielt mich ab, ihn drum zu fragen.“ „Jedenfalls ſind harte Worte gefallen!“ „Vielleicht von beiden Seiten.“ „Ich will das nicht beſtreiten und Willy keineswegs in Schutz Zehmen.“ egte rge⸗ über ab, hu ——— — 761— „Und kann denn gar nichts geſchehen, ihn von der verderb⸗ lichen Bahn zurückzuführen?“ fragte Klara mit herzlicher Wärme. „Ich habe Alles verſucht, ich habe an das Kindesherz und an ſeine Ehre appellirt, aber ſelbſt zu einem guten Vorſatz kann oder will er ſich nicht mehr aufraffen.“ „Und daran trägt vielleicht nur der verderbliche Einfluß Auer⸗ bachs die Schuld!“ „Ich glaube das auch. Wie aber kann ich dieſen Einfluß brechen?“ „Wohl nur dadurch allein, daß Sie mit Ihrem Sohne die Stadt verlaſſen—“ „Auch dazu kann ich ihn nicht bewegen!“ Ein herber Zug umzuckte die Lippen Klaras, noch immer hatte ſie an dem Ideal feſtgehalten, welches ſie in dieſem begabten Künſtler gefunden zu haben glaubte, das Bild verblaßte mehr und mehr und das Ideal zerrann wie eine Traumgeſtalt. „Dann muß ſein Geſchick ſich erfüllen,“ ſagte ſie, und ouch in ihrer Stimme lag eine unverkensbare Bitterkeit,„und wir müſſen abwarten, ob der Charakter des Mannes ſich an dieſem Kampfe bewähren wird.“ „Es iſt kein Kampf mehr, in dem Charakter und Willensſtärke erprobt werden,“ erwiderte Frau Magdalena,„die entfeſſelten Lei⸗ denſchaften haben bereits den Sieg errungen, und die Willenskraft iſt gebrochen.“ „Wenn Sie das glauben, dann geben Sie ihn verloren, ich kann und werde es nicht glauben, ich habe eine ſichere Meinung von ihm, und die laſſe ich mir ſo raſch nicht rauben.“ Frau Rodenberg blickte mit ſichtbarer Ueberraſchung ſie an. So konnte eine junge Dame nicht von dem Manne ſprechen, deſſen Liebe ſie verſpottet, deſſen Werbung ſie hochmüthig zurück⸗ gewieſen hatte. Alſo war das Eine oder das Andre falſch, ent⸗ weder kamen dieſe Worte nicht aus einem offenen, ehrlichen Her⸗ zen, oder Willy hatte die Baroneſſe zu ſcharf beurtheilt. „Ich habe Ihnen ſchon geſagt, daß ein Mutterherz das Kind nicht ſo raſch verloren gibt,“ erwiderte ſie, tief aufathmend,„auch ich halte an der Hoffnung feſt und ich bitte Gott täglich, daß er ſie mir erhalten möge.“ 762— „Und haben die früheren Freunde keine mehr über den Unglücklichen?“ „Seine Freunde? Wie wenige dürfen ſich rühmen, einen wahren und aufrichtigen Freund zu beſitzen! Bei meinem Sohne hat ſich die Wahrheit dieſer Worte auch wieder gezeigt. Diejeni⸗ gen, die ſich ſeine Freunde nannten, zogen ſich ſchon damals, nach dem Vorfall im Konzerſaale von ihm zurück, nur Einer blieb ihm treu, der Bildhauer Waldſtern, aber die Freundſchaftdieſes Man⸗ nes Jat Willy ſelbſt verſcherzt.“ „Herr Waldſtern feiert heute ſeine Hochzeit.“ „Ich weiß es, Willy war eingeladen, aber er glanbte, ableh⸗ nen zu müſſen.“ Klara wollte eben eine Erwiderung darauf geben, als Frau Magdalena haſtig die Hand auf den Arm der Baroneſſe legte. „Ich höre ihn kommen,“ ſagte ſie erregt,„Sie dürfen ihm hier nicht begegnen.“ Erſchreckt hatte Klara ſich erhoben. „Habe ich noch Zeit genug, eit Begegnung auszuweichen?“ fragte ſie. „Gehen Sie in's Nebenzimmer, Sie können von dort aus ſich unbemerkt entfernen, ſobald mein Sohn hier eingetreten iſt.“ „Ich danke Ihnen— leben Sie wohl!“ Frau Magdalene nickte ſtumm, und kaum hatte die Thüre des anſtoßenden Zimmers ſich hinter der Baroneſſe geſchloſſen, als die Thüre zum Korridor geöffnet wurde und Willy eintrat. Klara würde entſetzt geweſen ſein, wenn ſie ihn geſehen hätte! Seine Wangen waren eingefallen, der Glanz ſeiner einſt ſo feurigen Augen erloſchen, um die Lippen zuckte der herbe Zug der Welt⸗ und Menſchenverachtung, auf die auch die Unordnung in ſeinem Anzuge hindeutete. Mit ſtierem Blick ſah er die Mutter an, dann warf er den zerknitterten Hut auf einen Stuhl. „Blödſiunn, weiter nichts!“ ſagte er mit heiſerer Stimme, die den verbiſſenen Groll erkennen ließ.„Jeder dünkt ſich über den Andern hoch erhaben, und er iſt doch auch nur ein Theil des Ganzen, ein armſeliges Glied in der langen Kettel“ „Wenn er nur fühlt und einſtehr, daß er ein nothwendiges ich die Stimm Stitne Thatſ junge Geſich * e des den die den dez ———— Glied iſt, und daß er es ſein muß mit ſeiner ganzen Kraſt!“ er⸗ widerte Frau Rodenberg.„Willy, wie lange noch willſt Du auf dieſer Bahn wandern, die Dich zu einem Abgrunde führt, aus dem es keine Rettung mehr gibt.“ „Bah, was liegt daran! Je raſcher das Ende kommt, deſto beſſer!“ „Und das ſagſt Du, Du, dem das Leben die höchſten Ehren bietet?“ „Ehren?“ erwiderte der Maler mit bittrem Spott.„Wenn ich die Hand ausſtrecke nach dem verdienten Lorbeer, ruft mir eine Stimme höhniſch zu, ich ſei nicht berechtigt, den Lorbeer auf meine Stirne zu drücken—“ „Das kann und darf Niemand Dir ſagen!“ „Wenn mich Jemand Baſtard nennen will, wer kann es ihm verbieten?“ „Willy,“ rief Frau Magdalene, die Hand auf das ſtürmiſch pochende Herz preſſend. „Iſt es nicht die Wahrheit, Mutter?“ „Willſt Du mir wieder dieſen furchtbaren Vorwurf machen?“, „Nein, er würde nichts ändern, und geſchehene Dinge kann man nicht ungeſchehen machen,“ ſagte der junge Mann, während er mit großen Schritten auf und nieder wanderte.„Aber die Thatſache läßt ſich nun einmal nicht leugnen, und jeder Gaſſen⸗ junge hat eine gewiſſe Berechtigung mir das entehrende Wort ins Geſicht zu ſchleudern.“ Voll tiefer Bekümmerniß hing der Blick der Mutter an dem Sohne. „Das ſind die Worte und Gedanken Auerbachs,“ erwiderte ſie vorwurfsvoll,„ihm haſt Du Dein Vertrauen geſchenkt, und Du ahnſt nicht, wie ſehr er es mißbraucht.“ Willy war ſtehen geblieben. „Auerbach?“ erwiederte er. auch ihn zu Fall gebracht.“ „Und deshalb ſolite er Dir als abſchreckendes Beiſpiel dienen.“ „Weshalb abſchreckend? Er iſt zufrieden und glücklich, er hat ſich daran gewöhnt, die Menſchen zu verachten, wie ſie es verdie⸗ nen, ich werde wohl auch dahin kommen.“ „Dieſelben Verhältniſſe haben ——————— — 764— „Dann würdeſt Du auch Deine eigne Mutter verachten müſ⸗ ſen,“ ſagte Frau Magdalena ernſt. Der junge Mann zuckte zuſammen, als ob eine Schlange ihn gebiſſen habe, wieder heftete er den ſtarren Blick auf die Mutter, deren Worte ihm Entſetzen einzuflößen ſchienen. „Dieſe Behauptung iſt unbegründet,“ erwiderte er. „Sie liegt in der Natur der Sache. In den Stunden der Reue und des Abſcheus vor dem eignen Ich wirſt Du nach der Urſache Deiner Menſchenverachtung fragen und—“ „Dann finde ich ſie in der Behandlung, welche die Menſchen mir angedeihen ließen.“ „Nur darin allein?“ „Ja, nur darin!“ „Und was kümmern Dich die Menſchen? Gehe an ihnen vor⸗ bei, ſo werden ſie Dir nichts in den Weg legen.“ „Als ob das der Künſtler könnte, der mehr wie jeder Andre auf den Verkehr mit den⸗Menſchen angewieſen iſt?“ erwiderte Willy bitter.„Darf der Künſtler nicht nach dem höchſten Ziele ſtreben? Iſt er nicht den Fürſten ebenbürtig? Und wenn ich nun die Hand nach einem hohen Ziele ausſtrecke, nach einem Ziele, welches für mich der Inbegriff des höchſten Erdenglücks iſt, muß in ſolchem Augenblick nicht das Wort Baſtard mir wie das Hohn⸗ gelächter eines Satans in die Ohren gellen?“ „Wer hat dieſes Wort Dir geſagt?“ „Wer? Der abentheuerliche Vagabund in Oſthofen!“ „Der Majoratsherr?“ „Jawohl, der Lump, von dem man nicht weiß, was er drüben getrieben hat. Es fragt ſich, weſſen Ehre reiner und höher da⸗ ſteht, aber wer kann das unterſuchen! Er iſt der hochgeborene Herr Baron von Oſthofen und ich—“ „Und weißt Du, ob Baroneſſe Klara dieſe Handlungsweiſe ihres Vaters billigt?“ fiel Frau Rodenberg ihm in's Wort. „Sie? Der Spott, mich mit dem liebeſchmachtenden Romeo zu vergleichen, war ſehr wohlfeil, ſo konnte nur eine herzloſe Kokette potten!“ „Ich glaube, Du thuſt ihr Unrecht.“ „Ich habe in jenem Augenblick den Glauben an das Frauen⸗ herz verloren.“ Romel Nomel Grund nau u plaude unter e ihn Ater, Andre widerte n Ziele ch nun Ziele, uß Hohn⸗ drühen er da⸗ eborene gtweiſe omeozu Kokette Frauen⸗ — 765— „Und wohl auch den Glauben an das Mutterherz!“ „Du wirſt bitter und ungerecht.“ „Ungerecht nicht, aber Du zwingſt mich bitter zu werden. Ba⸗ roneſſe Klara war ſoeben bei mir.“ „Und was wollte ſie hier?“ „Mir ihre Theilnahme beweiſen.“ Der junge Mann hatte im erſten Augenblick die Brauen zu⸗ ſammengezogen, jetzt lachte er höhniſch. „Als ob das in ihrer Abſicht gelegen hätte!“ erwiderte er. „Die liebe Neugier trieb ſie hieher, ſte wollte erforſchen, wie ich den Schlag aufgenommen hatte, um in ihren Kreiſen darüber geiſtreiche Bemerkungen machen zu können.“ „Willy, das war wieder ein hartes, bittres Urtheil! Baro⸗ neſſe Klara“— „Sie iſt nicht beſſer, wie die Anderu,“ fuhr der junge Mann achſelzuckend fort.„Was konnte denn Andres ſie hieher geführt haben? Wollte ſie etwa um Verzeihung bitten, oder das Ver⸗ fahren ihres Vaters entſchuldigen? Pah, ich weiß das beſſer Romeo hatte eine Niederlage erlitten, nun will man wiſſen, ob Romeo ſtark genug iſt, daß zu tragen. oder ob er darüber zu Grunde gehen wird. Es iſt ja ſo angenehm, wenn man wohl ge⸗ nau unterrichtet iſt und über Senſationsgeſchichten mit Andern plaudern kann,— was liegt daran, ob ein Menſchenherz dabei unter die Füße getreten wird.“ Er hatte ſeine Wanderung wieder aufgenommen, und der be⸗ kümmerte Blick der Mutter folgte jeder ſeiner Bewegungen. „Was auch der Baron Dir geſagt haben mag, ich glaube nicht, daß Baroneſſe Klara denkt, wie ihr Vater,“ erwiderte ſie. „Würde ſie ſonſt ausgeſprochen haben, daß ſie die feſte Zuverſicht hege, Du werdeſt nicht auf dieſer verderblichen Bahn bleiben und Dich aufraffen—“ „Wann hat ſie das geſagt?“ „Vorhin“ „Und was veranlaßte ſie dazu?“ Mein Kummer.“ 3„Es war eine Redensart, nichts weiter. Mit ſolchen Redens⸗ arten ſucht man die Schuld von ſich abzuwälzen, oder doch ſie zu verweigern—“ — 766— „Nein, das war es nicht,“ ſagte Fran Magdalena lebhaft, „ſie ſagte es in einem Tone, der eine tiefinnere Ueberzeugung verrieth!“ „Komödie! ſpottete Willy. „Nicht 33 Roffe Dich auf, erfülle die Hoffnung, welche die Baroneſſe hegt und beweiſe ihr, daß Du der willensſtarke Mann biſt, für den ſie Dich hält.“ „Und was weiter?“ Wenn ich es thäte, ſo würde ſie ſich da⸗ mit brüſten, die Gewalt, die ſie über mich beſitze, habe mich zum ſoliden Philiſter umgewandelt. Das wäre ein neuer Triumph für ſie, um den ſie beneidet würde. Ich müßte die Menſchen nicht kennen, wenn ich die Gründe nicht durchſchaute, die—“ „Dieſer Verdacht iſt erniebrigend für ſie und auch für Dich,“ fiel die Mutter ihm in's Wort,„er iſt es umſomehr, weil er nur Deiner Bitterkeit entſpringt. Wie kannſt Du behaupten, die Men⸗ ſchen kennen zu wollen, da Du einem Auerbach Dein volles Ver⸗ trauen ſchenkſt?“ „Auerbach mag Manchem nicht gefallen, aber was kümmert es mich, wie man über mich urtheilen wird? Der Fluch der Ge⸗ burt folgt mir bis an mein Ende, und ich ſage noch einmal, je raſcher das Ende kommt, deſto beſſer iſt es für mich. Was ich zu leiſten vermag, das habe ich gezeigt, was nutzt mir der Erfolg Ich ſoll bleiben, was ich war, ein Unbekannter, den die Geſell⸗ ſchaft in ihren Kreiſen dulbet, ſo lange er nicht verſucht, ſeine Perſon geltend zu machen, ſo lange er demüthig und beſcheiden im Hintergrund bleibt. Sobald ich den Verſuch mache, die Alt⸗ tagsmenſchen zu überragen, werde ich in den Staub niedergedrückt, ich habe ja kein Recht, mehr ſein und geltend zu wollen, als die Andern!“ „Du haſt das Recht, und wenn man es Dir nehmen will, ſo zeige Deinen Gegnern die Stirne! „Damit ſie mit der Retipeitſche mich in's Geſicht ſchlagen können!“ „Die Rohheit eines Einzelnen kann nicht maßgebend ſein für Alle. Die öffenliche Meinung hat damals Dich in Schutz genom⸗ „Was iſt die öffenttliche Meinung? Eine Wetterfahne, die je⸗ dm Schulbube nach feinem Belieben drehen kann. Sie mag da⸗ meine Vorw S „. kann! . „ anerke mals geſagt haben, der Varon ſei ein roher Burſche, aber es gab ihrer genug, die mir die Dehmüthigung gönnten und mich ver⸗ höhnten, und in allen Kreiſen wurde darüber geſprochen, in ollen Kreiſen urtheilte man, dem Baſtard ſei ſein Recht geſchehen. „Mußt Du denn immer dieſes harte Wort ausſprechen?“ fragte die Mutter vorwurfsvoll. „Wird mir es nicht überall in's Geſicht geworfen?“ fuhr der junge Mann auf.„Iſt es nicht die Wahrheit, und kann ich die⸗ ſer Wahrheit entgegentreten? Mit meinen heiligſten Gefühlen hat jene adelige Kokette ein frevelhaftes Spiel getrieben, glaube nur nicht, daß ſie das bereut, ſie will ihren Triumph jetzt ganz und voll genießen. Welcher Triumph für ſie, wenn ſie ſich rüh⸗ men könnte, ſie habe den Löwen gebändigt, den talentvollen Maler der Kunſt zurückgegeben und er folgte ihr jetzt wie ein zahmes Hünd⸗ chen! Pah, den Triumph ſoll ſie nicht haben, und wenn ſie noch einmal kommt, dann ſage ihr, ich—“ „Nicht weiter, Willy!“ rief Frau Magdalena entrüſtet.„Wenn Selbſtachtung und Ehre Dich nicht warnen vor dieſem falſchen Freunde, dann müßte Dein Gewiſſen Dir ſagen, daß Du Dich verſündigſt an Deiner Mutter und der Gottheit in Deinem In⸗ nern. Wehe Dir, wenn die Stunden der Reue kommen! Drei⸗ mal wehe, wenn Du an meinem Grabe bittre Thränen weinſt und Dich erinnerſt, wie Du mir gedankt häſt für meine Liebe und meine Aufopferung! Du kannſt mir keinen Vorwurf machen, Dein Vorwurf träfe nur jenen Mann, der mich betrogen hat.“ „Nenne ihn mir, damit ich von ihm Rechenſchaft fordern kann!“ „Glaubſt Du, er werde die Gerechtigkeit Deiner Forderung anerkennen?“ „So ſage ich ihm in's Geſicht, daß er ein Schurke iſt!“ „Und was würdeſt Du dadurch erreichen?“ „Vielleicht nichts, aber es wäre eine Genugthuung für mich und auch für Dich.“ „Er wird Dich niemals als ſeinen Sohn anerkennen.“ „Mich verlangt nicht danach, einen ehrloſen Schuft Vater zu nennen!“ „Um ſo leichter kannſt Du darauf verzichten, ſeinen Namen zu erfahren,“ ſagte Frau Rodenberg in hinterlaſſener Erregung. „Deinetwegen nenne ich ihn nicht, Du würdeſt einen Kampf mit ihm beginnen, in dem Du ſelbſt zu Grunde gehen müßteſt. Ich beſchwöre Dich noch einmal, ſei vernünſtig, brich mit Auerbach und ordne Deine hieſigen Angelegenheiten; wir werden dann die Stadt verlaſſen, und ſo ſchwer mir auch der Abſchied von der Heimath wird, mir iſt es recht, wenn wir nie wieder hieher zu⸗ rückkehren.“ Wieder umzuckte der herbe, höhniſche Zug die Lippen Willy's, jener Zug, in dem ſeine ganze Menſchenverachtung ſich aus⸗ drückte. „Wohin ich auch gehen mag, der Fluch folgt mir,“ erwi⸗ derte er. „So ſpricht Auerbach, wie aber urtheilte Arabella da⸗ rüber?“ „Sie war zu zartfühlend, um mir die Wahrheit zu ſagen.“ „Haſt Du jemals an ihrer Aufrichtigkeit gezweifelt? Hier iſt ein Brief aus Lauſanne, er wird von ihr ſein, lies, was ſie Dir ſchreibt.“ Mechaniſch nahm Willy den Brief, nach einem kurzen prüfen⸗ den Blick anf die Adreſſe erbrach er das Siegel. Er las lange, der bittre Zug um ſeine Mundwinkel trat im⸗ mer ſchärfer hervor. Frau Magdalena beobachtete ihn unverwandt, ein tiefer Seuf⸗ zer entrang ſich ihrer beklommenen Bruſt, ſie las in ſeinen Zü⸗ gen, daß auch die Worte Arabella's nicht den Eindruck auf ihn machten, den ſie gehofft und erwartet hatte. Endlich faltete er das Papier wieder zuſammen. „Leere Worte, weiter nichts,“ ſagte er.„Mit ſolchen Worten lockt man keinen Hund hinter den Ofen fort, wie ſollten ſie noch überzeugen können!“ „Arabella war ſtets eine aufrichtige, herzlich theilnehmende Freundin!“ „Hm— ſollteſt Du ſie nicht veranlaßt haben, mir dieſen Brief zu ſchreiben?“ Frau Rodenberg ſchlug unwillkürlich die Augen vor dem for⸗ ſchenden Blick des Sohnes nieder, ſie fühlte den Vorwurf, der in dieſer Frage lag. ralyrdi nahm. erzühlt lage! „3 ſind a Mann einma „ mit ich antwl aushe unte wir wie Nfen⸗ Seuf⸗ uf ihn dieſen n for⸗ R bt der in ———————— — 769— „Ich habe ihr nur berichtet, was hier vorgeſallen iſt,“ erwi⸗ derte ſie,„und wenn ich dabei meinem Gram Luft gemacht habe, ſo kannſt Du mir deshalb nicht zürnen.“ „Und das genügte der zartfühlenden Freundin, mir eine Mo⸗ ralpredigt zu halten,“ ſpottete Willy, während er ſeinen Hut nahm.„Sie weiß nun auch, was hier in allen Wirthshäuſern erzählt wird, vielleicht gönnt auch ſie im Herzen mir die Nieder⸗ lage!“ „Wenn Du das glauben kannſt—“ „Bah, weshalb ſoll ich es nicht glauben? In dieſem Punkte ſind alle Menſchen gleich!“ „Bleib hier, Willy,“ bat Frau Rodenberg, als der junge Mann bei den letzten Worten der Thüre zuſchritt.„Bleib' heute einmal zu Hauſe—“ „Um über meine Schmach nachzudenken?“ unterbrach er ſie mit bittrem Spott.„Ich will vergeſſen, und Vergeſſenheit finde ich hier nicht.“ Die Thüre fiel hinter ihm in's Schloß, Frau Magdalena barg das Antlitz in ihre Hände und ſchluchzte leiſe, der Schmerz um den verlornen Sohn überwältigte ſie. Eine Hand legte ſich leiſe auf ihre Schulter, erſchreckt blickte ſie auf, Klara ſtand vor ihr. „Sie ſind hier?“ fragte ſie beſtürzt. Die Thür nebenan war verſchloſſen, ich konnte nicht hinaus,“ antwortete die Baroneſſe mir zitternder Stimme,„ſo mußte ich ausharren, bis er ſich wieder entfernt hatte.“ „Und Sie haben gehört, was er ſagte?“ „Alles.“ „Verzeihen Sie die Aufregung, die in ihm tobt „Ich habe ihm nichts zu verzeihen,“ ſagte Klara ſanft, aber auch um ihre Lippen zuckte jetzt ein herber Zug,„ich muß ja dieſe Aufregung natürlich finden. Er hat manches harte Wort ausgeſprochen und meinem Handeln Abſichten untergeſchoben, die unter anderen Verhältniſſen mich tief beleidigen würden. Laſſen wir das, ich will dieſe Worte vergeſſen, denken wir nur daran, wie wir ihn retten können.“ „Sie hoffen noch immer?“ Der Baſtard. 44 * 770— „Ja. Darf ich fragen, von wem der Brief war?“ „Von Arabella Grimaldi, ſie iſt eine Jugendfreundin mei⸗ nes Sohnes, ſie nahm ſtets den innigſten Antheil an ſeinem Geſchicke.“ Baroneſſe Klara ſah ſie ſcharf und forſchend an. „Hat ſie großen Einfluß auf ihn gehabt, daß Sie von ihrer Vermittlung einen günſtigen Erfolg erwarten durften?“ ſagte ſie. „Er hing an ihr mit der Liebe eines Bruders, und ſie hat ſich ſtets als ſeine Schweſter betrachtet, ſie ließ ſich in dieſer Zu⸗ neigung durch das Gerede böſer Zungen niemals irre machen.“ „Und haben Sie wirklich den Brief veranlaßt?“ „Ja, ich that es, weil ich hoffte, die Worte Arabellas würden Eindruck auf ihn machen.“ „Sie konnten vorausſehen, daß er das durchſchauen würde,“ ſagte Klara kopfſchüttelnd,„und dann war der Zweck verfehlt. Aber es iſt geſchehen, und man muß ſich nun nach andern Mit⸗ teln umſehen, um ſeine Ehre und ſein Gewiſſen aufzurütteln. Ich kann in dieſer Angelegenheit nicht wirken, jedes Wort, welches ich ihm ſagen wollte, würde ihn nur noch mehr erbittern. Man muß ihn überzeugen, daß Auerbach ihn einem Abgrunde entgegenführt.“ „Das Alles habe ich ja verſucht—“ „Man darf in dieſen Verſuchen nicht ermüden, Frau Roden⸗ berg, und wenn ich in irgend einer Weiſe Ihnen darin beiſtehen kann, dann verfügen Sie über mich!“ Klara bot ihr nach dieſen Worten die Hand, und in ihren ſchönen Augen ſpiegelte ſich eine warme, herzinnige Theilnahme. „Gebe Gott, daß ein glücklicher Erfolg meine Bemühungen krönt,“ ſagte Frau Magdalena leiſe,„den Troſt, den Sie mir ge⸗ bracht haben, werde ich Ihnen nicht vergeſſen.“ Tief bewegt ſchied Klara von der unglücklichen Frau, ſie theilte den Schmerz, der Frau Rodenberg beſeelte, war es ihr doch grade in dieſer Stunde klar geworden, wie innig ſie Willy liebte. Sie hätte ihm das ſagen mögen, als er ſo hart über ſie ur⸗ theilte, aber ſie wagte es nicht, ſie mußte ja fürchten, daß er mit bittrem Hohn ſie zurückweiſen würde. Dann aber wollte ſie auch ihm in jenem Augenblick nicht be⸗ gegnen, ſein männlich ſchönes Bild, wie es vor ihrem geiſtigen erſaunt „Ni ten, bis wenn d W — „Jt Thüre; „Da denn?“ Ein „Di „Ne „Se muthun Sie vie verſchw Der ihr auf Rod eu⸗ eiſtehe ihren nahme. hungen nir ge⸗ m, ſie es ihr Villy ſie ur⸗ daß er icht be⸗ eiſtigen ———. ——— Blick ſtand, ſollte ſie nicht durch die Wi Als ſie das Haus, in we ſah ſie vor demſelben wandern. Sie kannte dieſen Mann nicht, den ihres Vaters hatte ſie nie geſehen, ſie ka Um ſo mehr überraſchte es ſie, als und ſie anredete. „Gnädiges Fräulein,“ ſagte er, indem er den Hut abnahm und ſich verbeugte,„darf ein alter Mann ſich erlauben, eine Bitte an Sie zu richten?“ Klara griff unwillkührlich in die T er ſie um ein Almoſen anſprechen wolle. Hurter hatte die Bewegung bemerkt, er lächelte gering⸗ ſchätzend. „Das beabſichtige ich nicht,“ fuhr er fort,„ich ler. Ich wünſche nichts weiter, als eine geheime Unterredung mit der gnädigen Frau Baronin Adelaide von Oſthofen.“ „Eine geheime Unterredung mit meiner Tante?“ erſtaunt. „Nichts weiter,“ nickte der Hofmeiſter.„Ich wollte hier war⸗ ten, bis die Frau Baronin vielleicht einen Ausgang machte, aber wenn das gnädige Fräulein meine Fürſprecherin ſein wollen—“ „Weshalb wenden Sie ſich nicht an meinen Onkel?“ „Ich bitte um Verzeihung, der Herr Baron würde mir die Thüre zeigen.“ „Das verſtehe ich nicht. Was betrifft dieſe Unterredung denn?“ „Ein Geheimniß.“ „Dürfen Sie es mir nicht enthüllen?“ „Nein, nur die gnädige Frau darf es erfahren.“ „Seltſam,“ ſagte Klara, in deren Seele plötzlich eine Ver⸗ muthung auftauchte, der ſie ſofort Folge geben mußte.„Sind Sie vielleicht der Schreiber jenes Briefes, in welchem von der verſchwundenen Baroneſſe Cäcilie die Rede iſt?“ Der kleine Mann ſah mit einem raſchen forſchenden Blick zu ihr auf. rklichkeit zerſtört werden. ſchem Onkel Udo wohnte, erreichte, eine kleine, hagere Geſtalt auf und ab ehemaligen Hofmeiſter ante nur ſeinen Namen. dieſer Mann ſtehen blieb, aſche, ſie vermuthete, daß bin kein Bett⸗ fragte Klara 49* „Ja, ich bin s,“ erwiderte er leiſe. Sie nun meine Bitte erfüllen?“ „Und wiſſen Sie wirklich, wo das Kind iſt?“ „Wenn ich es nicht wüßte, würde ich—“ „Erlauben Sie, mein Onkel glaubt nicht an die Wahrheit Ihrer Behauptung „Ich weiß daß, und deshalb will ich auch mit ihm nicht in Unterhandlung treten.“ Klara ſchüttelte den Kopf, ihr gefiel dieſer Umweg nicht. „Wenn Sie Beweiſe vorlegen können, wird Onkel Udo Ihnen gewiß glauben,“ ſagte ſie. „Aber er will die geſorderte Summe nich zahlen!“ „Er wird es thun, wenn Sie die Wahrheit Ihre tung beweiſen.“ „Ich weiß das beſſer, gnädiges Fräulein. Er will mich zwin⸗ gen, unentgeltlich das Geheimniß zu enthüllen und dozu habe ich keine Luſt.“ „Geſetzlich müßten Sie es.“ „Ich bin ein alter Mann und möchte meine letzten Tage ſor⸗ Gelegenheit benutze, die eine Erfüllung dieſes Wunſches mir in ſichete Ausſicht ſtellt.“ Klara zog an der Glocke. „Ich will meiner Tante Ihren Wunſch mittheilen,“ ſagte ſie,„warten Sie hier ſo lange, Sie ſollen ſogleich Antwort haben.“ Der alte Mann nickte, und die Baroneſſe trat in das Haus. Als ſie gedankenvoll die Treppe hinaufſtieg, begegnete ihr auf der oberſten Stufe Baron Udo, der ihr mit freudigem Lächeln entgegenkam. „Das iſt recht, daß Du Dich auch einmal blicken läßt,“ ſagte er, ihr die Hand reichend,„wir hatten Dich längſt erwartet.“ Aber Ihr wohnt ja kaum hier!“ erwiderte Klara. „Hm ja, indeß darfſt Du nicht vergeſſen, daß man in einer fremden Wohnung ſich nicht ſo raſch heimiſch fühlt, das Herz hängt doch zu feſt an den alten Gewohnheiten und früher ſahen wir Dich jeden Tag, jede Stunde.“ genfrei verbringen⸗ und Niemand kann mir verargen, wenn ich die in ein die Le auch ſ junge ſchon „Ich werde nun öfter kommen, Onkel.“ „Du wirſt ſtets willkommen ſein, und ich meine, auch für Dich müſſe unſer liehes Haus in Oſthofen—“ „Ich bitte Dich, erinnere mich daran nicht, ich denke immer an das zerſtörte Jeruſalem, wenn ich das Hämmern und Pochen höre.“ Ueber das vorhin noch ſo heitere Geſicht des Barons glitt ein trüber Schatten. „Ich kann mir das denken,“ erwiderte er, während er Klara in ein Zinmer führte,„ſo pompös die neue Ausſtattung auch werden mag, Du wirſt Dich nicht heimiſch in ihnen fühlen. Aber die Tochter des Parvenüs will es, und ich fürchte ihr Wille wird auch ſpäter allein maßgebend ſein. Wenn ein alter Mann eine junge Frau nimmt, ſo fängt auch mit dem Tage der Hochzeit ſchon das Pantoffelregiment an.“ „Und glaubſt Du wirklich, daß Papa ſich dieſem Regiment unterwerfen wird?“ ſragte Klara. „Gewiß glaube ich es. Der Bruch mit mir und die Renova⸗ tion des Schloſſes ſind einzig und allein ihr Werk, ſie hat es be⸗ fohlen, und er fügte ſich.“ „Sollte das in der That der Fall ſein?“ „Ich zweifle nicht daran.“ „Dann wird meine ſpätere Stellung um ſo unangenehmer ſein.“ „Und wenn ſie Dir zu drückend wird, dann weißt Du ja, wo Du eine Zuflucht findeſt,“ ſagte der Baron.„Es wird Dir gewiß ſehr ſchwer fallen, Oſthofen, und noch dazu aus ſolchem Grunde zu verlaſſen, aber der Vorwurf trifft dann nicht Dich, ſondern Deinen Vater, der Dich zu dieſem Schritt gezwun⸗ gen hat.“ „Ich werde ausharren, ſo lange ich es vermag.“ „Das rathe auch ich Dir, aber ich kann auf der andern Seite auch nicht gleuben, daß Du mit der Stiefmutter Dich befreunden wirſt, ſie will herrſchen, und die Anſchauungen einer im bürger⸗ lichen Stande erzogenen Dame werden niemals und in keiner Weiſe mit Deinen Anſichten übereinſtimmen. Ein Zwieſpalt kann und wird nicht ausbleiben“ Klara erinnerte ſich in dieſem Augenblick des Auftrages, den ſie übernommen hatte. „Wo iſt Tante Adelaide?“ fragte ſie haſtig, wie au . einem Traume erwachend. Der Baron blickte ſie betroffen an. „Was haſt Du?“ emwiderte er.„Wos erregt Dich ſo plöt⸗ „Ich habe der Tonte etwas mitzutheilen.“ „Sie wird ſogleich kommen. Iſt es etwas Beſonderes?“ Baroneſſe Klara war eine offene, aufrichtige Natur, ihrer gra⸗ den Denkungsart widerſtrebte es, hinter dem Rücken des Onkels ſich zur Vermittlerin einer Intrigue zu machen. Ueberdies verhehlte ſie ſich nicht, daß es ſich hier um eine An⸗ gelegenheit handelte, in der ihrer Tante mit leichter Mühe eine Folle geſtellt werden konnte, und wenn der ihr völlig unbekannte Mann, Tante Adelaide um eine namhafte Geldſumme betrog, ſo fiel ein Theil der Verantwortung auch auf die Vermittlerin. Und die Furcht vor dieſer Verantwortung lag zu ſchwer, zu drückend auf ihrer Seele, als daß ſie leichtfertig ſich hätte darüber hinwegſetzen können. „Die Mittheilung betrifft Eure verſchwundene Tochter,“ ſagte ſie leiſe. „Haſt Du darüber etwas erfahren?“ „Nichts Sicheres, der Mann, der das Geheimniß zu kennen behauptet, wünſcht eine geheime Unterredung mit Tante Ade⸗ laide.“ Der Baron zog die Brauen zuſammen. „Und Du willſt das vermitteln?“ fraste er mit leiſem Vor⸗ wurf. „Wer „Ein Mann, den ich nicht kenne.“ „War er in Oſthofen bei Dir?“ „Nein, er ſtand unten vor der Thür dieſes Hauſes, und wie er mir ſagte, wartete er da auf Tante Adelaide.“ „Und er ſprach Dich an?“ Dann mußte er Dich doch kennen.“ „So ſchien es ollerdings,“ ſogte Klara,„er redete mich an „Man hat mich um dieſe Vermittlung gebeten, Onkel.“ Dich, prüfer „ leiden ordne nicht 3 ſchwu nicht Unan Adelai gend E Hut Blick duld den — — — 775— und bat mich, ich möge ihm die Erfüllung eines Wunſches ver⸗ ſprechen. Dann ſagte er mir, er ſei der Schreiber des geheimniß⸗ vollen Briefes und er wünſche mit Tante Adelaide darüber zu reden, mit Dir könne er nicht unterhandeln, denn Du verlangteſt unentgeltliche Enthüllung des Geheimniſſes—“ „Still!“ ſagte der Baron haſtig.„Dem Himmel ſei Dank⸗, daß ich davon rechtzeitig Kenntniß erhalten habe. Der Mann iſt ein Gauner, daran läßt ſich jetzt gar nicht mehr zweifeln, nach⸗ dem er die Ueberzeugung erlangt hat, daß ich ihm zu klug bin, verſucht er, neine Frau zu betrügen, und das würde ihm ſicher gelingen, Tante Adelaide glaubt ja Alles, was man in dieſer Angelegenhtit ihr vorlügt, wenn man ihr nur Hoffnung macht, daß ſie das verlorene Kind wiederfinden wird. Alſo ich bitte Dich, ſage ihr nichts, gar nichts, hörſt Du? Laß zuvor mich prüfen.“ „Der Mann wartet noch unten,“ erwiderte Klara, von der leidenſchaſtlichen Erregung ihres Onkels ganz verwirrt. Um ſo beſſer, dann kann die Angelegenheit unverzüglich ge⸗ werden. Alſo willſt Du mir verſprechen, mit der Tante nicht darüber zu reden?“ „Und wenn nun dadurch, daß ſie gar nichts erfährt, das ver⸗ ſchwundene Kind nicht wieder zum Vorſchein käme, würde mich nicht eine zu ſchwere Verantwortung treffen?“ „Ueber dieſes Bedenken kannſt Du Dich hinwegſetzen,“ ſagte der Baron.„Iſt jener Mann kein Gauner, ſo werde ich der Erſte ſein, der meiner Gattin die freudige Nachricht überbringt. Unangenehmer wäre die Verantwortung für Dich, wenn Tante Adelaide durch Deine Vermittlung einem Betrüger in die Hände fiele. Alſo verrathe keine Silbe, ich bitte Dich noch einmal drin⸗ gend darum.“ Er wartete die Antwort Klara's nicht ab, nachdem er ſeinen Hut geholt hatte, eilte er hinaus und draußen fiel ſein erſter Blick auf den ehemaligen Hofmeiſter, der mit Unge⸗ duld die kommenden Dinge abwartete. Baron Udo ſtutzte im erſten Augenblick, dann ſchritt er auf den alten Mann zu. „Alſo Sie ſind der Schreiber des Briefes?“ ſagte er. „Wer hat das behauptet?“ erwiderte Furter verwirrt. „Sie ſelbſt!“ „Ich— Herr Baron?“ „Haben Sie es nicht der Baroneſſe Klara ge eſagt?“ fragte der Baron mit ſcharfer Betonung. können Sie es nun nicht mehr, und im Nothfalle dürfte eine Vergleichung jenes Briefes mit Ihrer Handſchrift jeden Zweifel beſeitigen. Sie haben eine geheime Unterredung mit meiner Gemahlin verlangt.“ Hurter hatte ſeine Faſſung wiebergefunden Ausweichen konnte er jetzt nicht mehr, alſo blieb ihm nichts Andres übrig, als ſeinen Vortheil wahrzunehmen und ſich vor einer Uebereilung zu hüten. „Kommen Sie,“ ſagte der Baron,„ich will Sie eine Strecke brit und hören, was Sie uns zu ſagen haben.“ „Mit Ihnen kann man nicht unterhandeln,“ entgegnete Hurter mürriſch. „Weshalb nicht?“ „Sie wollen meine Forderung nicht bewilligen!“ „Hat Ihnen das der Verwalter Wortmann geſagt?“ „Jawohl, in Ihrem Auſtrage.“ „Ihre Forderung war zu groß, überdies verlangten Sie Vor⸗ auszahlung.“ „Und Sie drohten mit einer Anzeige bei der Polizei.“ „Das war, wie Sie ſelbſt zugeben müſſen, der einzig richtige Veg,“ ſagte Baron Udo.„Sie ſind geſetzlich verpflichtet, mir oder der Behörde das Geheimniß zu euthüllen, und thun Sie es nicht, ſo machen Sie ſich zum Mitſchuldigen an dem damals be⸗ gangenen Verbrechen. Eine Belohnung für dieſe Enthüllung zu dern, ſind Sie in keiner Weiſe berechtigt und es muß meinem eiee üeſe bleie, ich eine ſolche Ihnen zahlen „Und glauben Sie, daß die Polizei mich zur Enthüllung dieſes Geheimniſſes zwingen könnte?“ erwiderte Hurter ironiſch. „Wie weit in dieſer Beziehung die Macht der Polizei reicht, weiß ich nicht. Sie würde der Angelegenheit jedenfalls eine be⸗ ſondere Aufmerkſamkeit widmen und Sie der Theilnahme an jenem Verbrechen anklagen.“ „Dann müßte ſie zuvor conſtatiren, daß überhaupt ein Ver⸗ brechen vorliegt.“ „Sie wird das nicht können, dann aber fällt auf Sie der treien raſch Ange den? meinem zahlen n jenem Ver⸗ ie der — 777— Vorwurf der verſuchten Prellerei. Sie ſehen, daß ich die Sache nach jeder Seite hin überlegt habe, und es muß Ihnen endlich klar werden, daß ich mich nicht betrügen laſſe. Sie wiſſen das ſelbſt, und deshalb verſuchen Sie, meiner Gattin eine Falle zu ſtellen. Aber auch dieſe Mühe iſt vergeblich, und wenn es Ihnen gelänge, der Baronin, ſei es brieflich oder mündlich, näher zu treten, dann würde ich ohne Verzug der Behörde Anzeige machen.“ Der Hofmeiſter ſchüttelte den Kopf, dieſes energiſche Entgegen treten ſchien er nicht erwartet zu haben. „Sie hätten damals den Verwalter nicht zu mir ſchicken ſollen, Herr Baron!“ ſagte er.„Mit Ihnen würde ich jedenfalls mich raſch geeinigt haben, Wortmann brachte nur Verwirrung in die Angelegenheit. Was ich geſchrieben habe, iſt Wahrheit, ich kann den Beweis lieſern.“ „Wohlan, ſo geben Sie mir dieſen Beweis.“ „Dann werden Sie ihn benutzen, und ich habe das Nach⸗ ſehen.“ „Genügt Ihnen das Wort eines Edelmannes nicht?“ „Einigen wir uns zuvor über die Bedingungen!“ erwiderte Hurter. „Die Forderung, die Sie geſtellt haben, kann und werde ich nicht bewilligen,“ ſagte Baron Udo, die Erregung, welche die letz⸗ ten Worte des Hofmeiſters in ſeinem Innern hervorgerufen hat⸗ ten, gewaltſam bezwingend.„Sie iſt zu exorbitant.“ „Ich fordere nur zwanzigtauſend Thaler.“ „Und was wollten Sie mit dieſer für Sie enormen Summe anfangen?“ Ich werde ſie ſicher anlegen und die Zinſen benutzen, um mir ein ſorgenfreies Leben zu ſichern. Sie wiſſen ſelbſt, Herr Baron, wie undankbar Ihre Familie und beſonders Ihr Herr Bruder gegen mich geweſen iſt, hätte der gegenwärtige Majorats⸗ herr mir ſtatt eines armſeligen Almoſens eine meinen Verdienſten und meiner Stellung entſprechende Penſion angeboten, ſo würde ich für die Enthüllung des Geheimniſſes keinen Pfenning gefor⸗ dert haben.“ „Sie hinterlaſſen keine Erben?“ fragte der Baron.“ „Ntin.“ 778 „Und wenn Sie um das Kapital betrogen würden—“ „Dafür, daß dies nicht geſchieht, laſſen Sie mich ſorgen!“ „Sie ſind in ſolchen Dingen unerfahren, und es kann Ihnen gleichgültig ſein, auf welchem Wege Sie die Zinſen jährlich erhal⸗ ten. Wie hoch berechnen Sie dieſe Zinſen?“ „Auf tauſend Thaler.“ „Gut, ich werde Ihnen jährlich, ſo lange Sie leben, tauſend Thaler zahlen, ſind Sie damit einverſtanden?“ „Das Kapital iſt mir lieber, weil es ſicherer iſt.“ „Wieder ein Beweis, daß Sie nur einen Betrug beabſichtigen,“ ſagte der Baron in verächtlichem Tone.„Wenn ich mich beſtim⸗ men ließe, Ihnen die geforderte Summe zu zahlen, ſo würden Sie mich in den April ſchicken und inzwiſchen Zeit gewinnen, ſich aus dem Staube zu machen.“ „Sie hegen ein Mißtrauen, welches mich beleidigen muß,“ er⸗ widerte Hurter ärgerlich.„Was ich Ihnen ſagen darf, das will ich Ihnen ſagen, Sie mögen daraus entnehmen, ob ich in das Geheimniß eingeweiht bin oder nicht. Sie hatten damals eine Wärterin, eine Frau Grimm, die ſich in mancher Beziehung von der Frau Baronin beleidigt glaubte und in Folge deſſen ihr Rache geſchworen hatte.“ „Hm, das wußte der Zeit jedes Kind!“ „Allerdings und eben deshalb auch ging man ſo leicht darüber hinweg, als eines Tages Baroneſſe Cäcilie ſemmt ihrer Wärterin verſchwunden war. Man fand ja den Hut und den Mantel des Kindes am Waldſee, und die Behauptung, die Wärterin habe mit dem Kinde den Tod im See geſucht, wurde von keiner Seite be⸗ ſtritten. Die Leichen wurden freilich nicht gefunden, aber der See hat einige tiefe Stellen, die nicht durchſucht werden können, und andre Nachforſchungen ergaben keinen Anhaltspunkt. Wyßte man damals nicht, oder dachte man nicht daran, daß etwa drei Wochen vorher eine Zigeunerbande nahe bei Oſthofen gelagert hatte? Bei dieſer Bande hatte Frou Grimm zufällig eine alte Jugend⸗ freundin gefunden, von der ſie im erſten Augenblick der Begegnung wieder erkannt worden war.“ „Wie war das möglich?“ fragte der Baron lebhaft. „Das Nähere weiß ich nicht, aber was ich Ihnen erzähle, iſt Thatſache. Frau Grimm klagte dieſer Jugendfreundin ihr Leid mmm und di führt ſchwunt wartet htte ei gſehen den ge — Der vergege in ihm nicht ſchuld vor d zu ſeh die ge „ „ wenn und die beiden Frauen verabredeten den Plan, der ſpäter ausge⸗ führt wurde. An dem Tage, an welchem Wärterin und Kind ver⸗ ſchwanden, wurden die Beiden von einem Zigeuner im Walde er⸗ wartet. Die nöthigen Kleidungsſtücke hatte er mitgebracht, und hätte eine Stunde ſpäter irgend Jemand dieſe kleine Geſellſchaft geſehen, er würde ſie für eine Zigeunerfamilie gehalten und in dem gelben, ſchmutzigen Kinde keine Baroneſſe vermuthet haben.“ Der Baron knirſchte mit den Zähnen, ſeine lebhafte Phantaſie vergegenwärtigte ihm das Bild, und eine maßloſe Wuth loderte in ihm auf. „Und blieb das Kind bei dieſer Bande?“ fragte er. „Vorerſt ja. Indeß nach einigen Jahren ſtarb die Freundin der Frau Grimm, und der letzteren behagte das Nomadenleben, nicht mehr. Mit dem, was ſie erworben hatte, trennte ſich ſich von den Zigeunern, um ſich fortan ganz der Erziehung des Kin⸗ des zu widmen.“ „Und was iſt aus dem Kinde geworden?“ „Es mag Ihnen genügen, wenn ich darauf erwiedere, daß Sie keine Veranlaſſung haben, ſich ſeiner zu ſchämen.“ „Iſt ihre Erziehung eine gediegene?“ „In jeder Weiſe.“ „Und jenes Weib lebt auch noch?“ „Baroneſſe Cäcilie hat keine Ahnung davon, daß dieſe Frau nicht ihre Mutter iſt, ſie trägt jetzt den Dank ab, den ſie ihr zu ſchulden glaubt.“ „Der Baron war ſtehen geblieben, er bemerkte nicht, daß er vor dem Hauſe des Bankiers Becker ſtand, ſeine Gedanken waren zu ſehr Leſchäftigt, als daß er der nächſten Umgebung auch nur die geringſte Aufmerkſamkeit hätte ſchenken können. „Und wo finde ich meine Tochter?“ frägte er. „Dieſe Frage, Herr Baron, kann ich erſt dann beantworten, wenn meine Bedingungen erfüllt ſind,“ erwiderte der Hofmeiſter. „Weilt ſie in dieſer Stadt?“ Nein „Es iſt möglich, daß Sie mir die Wahrheit geſagt haben, aber ebenſowohl kann es ein Märchen ſein, durch welches Sie mich zur Zahlung des Geldes zu verleiten ſuchen. Es iſt möglich, daß Sie mir zwei Perſonen nahmhaft machen, von denen die 780— Eine übernommen hat, die Rolle meiner Tochter zu ſpieler „Ihr Mißtrauen geht zu weit. Sie würden dieſen Betrug ſofort durchſchauen.“ genommen.“ „Ich bin ein alter Mann— „Bah. es giht Kinder mit grauen Haaren!“ „Beri Sie der Frau Pnion in, was 68 Ihnen mitgetheilt habe und hören Sie e 4 heil.“ „Das dieſes Urtheil zu Ihren Gunſten ausfallen würbe unter⸗ liegt keinem Zweifel,“ erwiderte Baron Udo mit erzwungener Ruhe. „Ich ziehe vor, ſelbſt zu prüfen und mich auf mein eignes Ur theil zu n Von ei Vorza keine Rede ſein, aber ich gel e Ih nen mein Ehrenwort, daß Sie jährlich, ſo lange Sie leben, tauſend Thaler erhalten ſollen, wenn ich in der von Ihnen bezeichneten Dome meine Tochter ei erkenne.“ „Und wenn ich Sie überlebe, Herr Baron? „Dann werde ich teſtamentariſch dafür ſorgen, daß mei terbliebenen Ihnen dieſe Penſion zahlen müſſen.“ Der ehemalige Hoſmeiſter verſank in Nachbenke Nahm er dieſen Vorſchlag nicht an, ſo erhielt er vielleicht gar nichts. Es ſtand zu erwarten, daß der Baron in dieſem Falle der Polizei die ihm gewordenen Mittheilungen berichtete, und die unausbleibliche Folge war, daß die Polizei alsdann von ihm einen ausführlicheren Bericht forderte.“ Er konnte dadurch in eine unangenehme Situation kommen und daneden um den ganzen Lohn betrogen werden. Nahm er aber den Vorſchlag an, ſo war er für den Reſt ſeines Lebens geſichert, und er hatte erreicht, was er erreichen wollte. Unter ſolchen Verhältniſſen konnte es ihm nicht ſo ſchwer fal⸗ len, einen Entſchluß zu faſſen. „Ich würde Sie bitten müſſen, mir dieſe Penſion durch ein ſchriftliches Document ſicher zu ſtellen,“ ſagte er nach einer Pauſe. „Wenn Sie das verlangen, ſoll es geſchehen.“ „Und außer der Frau Baronin dürfte Niemand es erfahren, wenigſtens ſo lange nicht, bis Baroneſſe Cäcilie ihren Eltern zu⸗ rückgegeben iſt.“ „Weshalb ſtellen Sie dieſe Bedinguag?“ „Weil ich ſürchte, uß jene Frau Grimm gewarnt werden könnte,“ erwiderte Hurter.„ In dieſem Falle würde ſie bie Stadt in der ſie gegenwärtig ſich befindet, ſofort ve rlaſſen und jede Spur zu verwiſchen ſuchen. Das Weib iſt mit allen Hunden ge⸗ hetzt, zumal ſie weiß, daß die E Fntdeckung ihres Verbrechens ſi in's Zuchthaus bringen kann.“ Iſt ier re Stadt weit von hier entfernt?“ ſcen ſobald Sie mir das gewü iſchte Document üb haben.“ Der Schein der Gaslaterne, die an dem Hauſe des Bankiers angebracht war, fiel in dieſem Augenblick voll auf das Geſicht des alten Mannes, und der Baron las in den Zügen desſelben eine ſo feſte Ent 2 loſſenheit, daß er die Nothwendigkeit ſeiner Bewilli⸗ gung dieſer 2 edingung einſehen n ußte. Sie morger ſrüh zu mir,“ erwiderte er,„ſobald ich das Nähere weiß, werde ich unverzüglich meine M aregelt treffen.“ Er nickte ihm zu und trat dann den Rückweg an, und der Hofmeiſter ſetzte ſeinen Weg fort. 34. Kapitel. Aeberliſtet. Baron Udo hatte ſich kaum von dem ehemaligen Hofmeiſter getrennt, und der letztere die Ecke der Straße noch nicht erreicht, als aus dem Thorweg der ſich neben dem Hauſe des Bankier Becker befand, eine hohe Geſtalt heraustrat, die nach kurzem Zö⸗ gern dem alten Manne folgte. Dieſer Mann war kein Andrer, als der Majoratsherr von Oſthofen. Baron Edmund hatte bald nach ſeiner Tochter ebenfalls den fröhlichen Kreis der Hochzeitsgäſte verlaſſen ſein Pferd befohlen, um zur Stadt zu reiten. „ Es war ſeine Abſicht, ſeine Braut zu beſuchen und den Abend bei ihr zu verbringen. Dem Reitknecht befahl er in Oſthofen zu bleiben und hier ſeine Rückkehr zu erwarten, dann ritt er langſam der Stadt zu, Pläne für die Zukunft ſchmiedend, die im roſigſten Lichte vor ihm lag. In demſelben Hotel, in das Baroneſſe Klara den Wagen ge⸗ ſchickt hatte, gab er ſein Pferd ab und nachdem er hier mit ſeinem Kutſcher einige Worte gewechſelt und ihn mit der Verpflegung des Pferdes betraut hatte, trat er den Weg zum Hauſe des Bankiers an. Der corpulente Herr empfing ihn außerordentlich freundlich, aber er war ſehr beſchäftigt, und Roſa war kurz vorher zum Theater gefahren. Sie hatte nicht vermuthet, daß der Baron ſie heute beſuchen würde, ſie wußte ja, daß er zur Hochzeitsfeier der Verwalters⸗ tochter eingeladen war, deshalb wollte ſie die Gelegenheit wahr⸗ nehmen und heute die Oper beſuchen, die durch das Auftreten eines berühmten Gaſtes glänzend zu werden verſprach. Del hn ute di ten al nur w Bal Er vernahn ſen A Thorw gen w Un ehema D ſch V trobd zelne 1 T ſelbſt wohnt E er ſal Mann erwar E von d auf eit A Hofme ob Hi meln, herrn — 783— Der Baron konnte unter dieſen Umſtänden nichts Beſſeres thun, als ebenfalls in's Theater zu gehen, und der Bankier pflich⸗ tete dieſem Entſchluß um ſo lebhafter bei, weil dringende Arbei⸗ ten auf ihn warteten, und ihm deshalb die Entfernung des Gaſtes nur wünſchenswerth ſein konnte. Baron Edmund verabſchiedete ſich und verließ das Haus. Er ſtand an der Hausthür, als er eine bekannte Stimme vernahm, die Stimme ſeines Bruders, und da er mit ihm in die⸗ ſem Augenblick nicht zuſammentreffen wollte, trat er raſch in den Thorweg, um hier abzuwarten, bis Baron Udo vorbeigegan⸗ gen war. Und jetzt erkannte er in dem Begleiter ſeines Bruders den ehemaligen Hofmeiſter! Die Beiden ſahen ihn nicht, er hingegen ſah ſie deutlich, er ſah auch, daß ſie ſehr eifrig ſich miteinander unterhielten. Was ſie verhandelten, konnte er allerdings nicht erfahren, trotzdem ſie in ſeiner Nähe ſtehen blieben, aber er vernahm ein⸗ zelne Worte, die ihn in die größte Beſtürzung verſetzten. Und dieſe Worte bewogen ihn jetzt den Hofmeiſter zu folgen⸗ Was er damit beabſichtigte, wußte er im Grunde genommen ſelbſt nicht, einſtweilen wollte er erforſchen, wo dieſer Mann wohnte. Er erinnert ſich ſeiner erſten Begegnung mit dem Hofmeiſter er ſah jetzt noch in der Erinnerung den Haß in den Augen dieſes tannes aufleuchten, er wußte, daß er von ihm das Schlimmſte erwarten durfte. Er erinnerte ſich ferner, daß ſein Bruder mit Verachtung von dieſem Manne geſprochen hatte, und nun ſchien er plötzlich auf einem ſehr vertrauten Fuße mit ihm zu ſtehen. Auch Wortmann, mochte er ſagen, was er wollte, war mit dem Hofmeiſter befreundet oder doch verbündet, und es ſchien faſt, als ob Hurter die Abſicht hege, in ſeiner Hand alle Fäden zu ſam⸗ meln, aus denen er ein Netz des Verderbens für den Majorats⸗ herrn ſtricken wolle. Dieſe Vermuthung ſollt unerwartet eine neue Beſtätigung er⸗ halten. Als der Hofmeiſter in die Straße einbog, in der er wohnte, kam von der andern Seite ein Mann, in welchem der Baron den 8 Advokat Rabe, den Vertreter Schwanenthals erkannte, und er ſah deutlich, daß dieſer Advokat dem Hofmeiſter in dasſelbe Haus folgte Es war nun allerdings möglich, Se in gar keiner Ver⸗ bindung mit Hurter ſtand und einen anderen Einwohner des Hauſes beſuchen wollte, aber der einmal erwachte Argwohn ließ ſich ſo raſch nicht wieder einſchläfern und es war zu natürüch, daß Baron Edmund mit zähem Eigenſinn an ihm feſthielt. Je länger er über das Alles nachdachte, deſto drohender er⸗ ſchien ihm die Gefahr, die nach ſeiner Ueberzeugung der Hof⸗ meiſter heraufbeſchworen k tte und dieſer Gefahr mit aller Ener⸗ gie entgegen zu reten, vor allen Dingen aber ſich Gewißheit über ihren Umfang zu verſchaffen, war ſein feſter Vorſatz. Rabe nicht ſehr lange in dem Hauſe, und der Majorats⸗ herr hatte Sorge getragen, daß er auch jetzt nicht bemerkt wurde, gleich darauf ſtieg er ſelbſt die Treppen hinauf, nach ſeiner Ueber⸗ zeugung konnte der Mann, der von einer ſehr mäßigen Penſion lebte, nur unter dem Dache wohnen. Darin hatte er ſich denn auch nicht geirrt, nachdem er an ver⸗ ſchiedenen Thüren angepocht hatte, ohne eine Antwort zu erhal⸗ ten, rief endlich eine Stimme!„Herein!“ und der Majoratsherr ſtand dem beſtürzten Hofmeiſter gegenüber. „So, enblich findet mau Sie!“ ſagte Baron Edmund in einem halb vertraulichen, halb vorwurfsvollen Tone.„Ich habe Sie gefucht wie eine Stecknadel.“ „Sie haben mich geſucht?“ fragte Hurter ganz verwirrt. „Jawohl, ſcheint Ihnen das ſo ganz unglaublich?“ „Und welchem Umſtande verbanke ich dieſe Ehre?“ „Pah, alter Herr, eine Ehre ſoll es gar nicht ſein. Wir wa⸗ ren ja früher gute Freunde, und wenn Sie nicht gleich nach meiner Rückkehr mit der Thüre in's Haus hineingefallen wären, donn würden wir es auch jetzt noch ſein.“ Der Baron hatte den Hut abgelegt und einen Stuhl an den Tiſch gerückt, auf dem die brennende Lampe ſtand, ſein Blick ſchweifte prüfend durch das armſelig ausgeſtattete Zimmer. Der Hofmeiſter wußte noch immer nicht, was er dazu ſagen ſolltr. War der Baron gekommen, um ſich mit ihm auszuſöhnen⸗ oder hatte die Augſt ihn hiehergetrieben? gewonn ſo kur die So Wein nie, „ 9 haben QA Blick Ei nete il arligſe Kü tenſtück dungeſ ander. Bl entdeck haben D fehlte, doß e — Eine beſtimmte Abſicht lag jedenfalls dieſem Beſuch zu Grunde, aber welche? „Sie haben dem Verwalter geklagt, Ihre Penſion ſei zu ge⸗ ring,“ nahm der Majoratsherr wieder das Wort,„aber darüber ließe ſich immerhin ſprechen, und ich wäre nicht abgeneigt, mehr für Sie zu thun, wenn Sie nicht mir gegenüber eine ſo feind⸗ ſelige Richung einnehmen wollten.“ „Wer hat Ihnen das geſagt, Herr Baron?“ fragte Hurter. „Hm, ich habe dieſe Ueberzeugung aus verſchiedenen Anzeichen gewonnen. Sie können nicht vergeſſen, daß ich in Oſthofen Sie ſo kurz abfertigte und berückſichtigen dabei nicht, daß Sie ſelbſt die Schuld daran trugen. Haben Sie nicht irgendwo eine Flaſche Wein in einer Ecke ſtehen?“ „Ich bedaure ſehr, Herr Baron=“ „Dann bitte ich Sie, eine holen zu laſſen, Bordeaur, wenn er in der Nähe zu haben iſt.“ Der Varon warf ein Goldſtück auf den Tiſch, haſtig griff der alte Mann danach, dem funkelnden Glanz des Goldes hatte er nie, ſo lange er lebte, widerſtehen können. „Ich werde ſelbſt gehen, ſagte er. „Recht ſo!“ nickte der Majoratsherr.„In früheren Jahren haben wir es auch oft ſo gemacht!“ Hurter eilte hinaus, und der Baron ließ jetzt wieder den Blick prüfend durch das Zimmer ſchweifen. Ein kleiner Schrank ſtand in einer Ecke des Gemachs, er öff⸗ nete ihn und fand darin ein wunderliches Chaos der verſchieden⸗ artigſten Gegenſtände. Küchengeräthe und Ueberreſte von Lebensmitteln, Bücher, Ac⸗ tenſtücke und ein Pagquet vergilbter Papiere, Wäſche und Klei⸗ dungsſtücke, Alles das lag in größter Unordnung durchein⸗ ander. Der ſcharfe Blick des Majoratsherrn hatte ſofort einen Brief entdeckt, den der Hofmeiſter offenbar erſt vor Kurzem empfangen haben mußte, er griff haſtig danach und entfaltete ihn. Datirt war dieſer Brief aus Lauſanne, aber die Unterſchrift fehlte, die Handſchrift ließ mit ziemlicher Sicherheit vermuthen, daß eine Frau ihn geſchrieben hatte. Der Baſtard. 50 — 786— Flüchtig glitt der Blick des Barons über die Zeilen, bis er plötzlich haften blieb auf dem eignen Namen. Wenn es Ihnen gelingt! den Majoratsherrn von Oſthofen als einen Betrüger und Abentheurer zu entlarven,“ las er, „dann fordern Sie für den Dienſt, den Sie dadurch dem Varon Udo erzeigen, eine hohe Summe. Damit wäre Ihren Sorgen und Verlegenheiten für immer ein Ende gemacht, und ich will Ihnen wünſchen, daß dieſe Hoffnung ſich erfüllt. Aber ſeien Sie vorſichtig, mir ſcheint, es iſt ein ebenſo gefähr'iches, als ſchwie⸗ riges Unternehmen.“ Der Baron preßte die Lippen aufeinander, ſein Geſicht war fahl geworden, und die Hand, welche den Brief in den Schrank zurücklegte, zitterte. Als der Hofmeiſter zurückkehrte, fand er den Majoratsherrn in Sinnen verſunken, er ſtellte die Flaſche auf den Tiſch und holte aus dem Schrank zwei Gläſer. „Ich habe ſoeben über die alten Zeiten nachgedacht,“ ſagte der Baron, während er mit der Hand über die Stirne ſtrich, „wenn ich ſie noch einmal durchleben könnte, ſo würde doch manche Thorheit ungeſchehen bleiben.“ „Sie würden dann wohl nicht Alles im Stiche laſſen und nach Amerika auswandern?“ fragte Hurter mit leiſem Spott. „Nein, das würde ich in der That nicht thun. Ich empfinde umſomehr, daß es eine Thorheit war weil ich bei meiner Heim⸗ kehr nur feindſeligen Geſinnungen begegnete.“ „Mußten Sie das nicht erwarten? Baron Udo war zu lange im Beſitz des Majorats geweſen, als daß er—“ „Mein Bruder war der Einzige, der mir mit Vertrauen und freundſchaftlichen Gefühlen entgegenkam,“ fiel der Baron ihm in's Wort, während er ſein Cigarrenetui aus der Taſche zog,„ich— nehmen Sie eine Cigarre, ein ſo ſeines Kraut werden Sie lange nicht mehr geraucht haben!“ „Ich danke.“ „Sie rauchen nicht?“ „Nur ſelten, und ich fürchte, daß mir dieſe Cigarre zu ſchwer iſt.“ „Durchaus nicht, verſuchen Sie nur.“ ſein, kn. 6 wor es Sicherh . mann „ Der ratsher ner offe fuhr d Bruno und Ji derben „Nein, nein, Wortmann hat mir ſchon geſagt, Ihre Cigarren ſeien ſehr ſtart.“ Ein ſtechender Blick traf aus den Augen des Majoratsherrn den alten Mann, in deſſen Zügen das Mißtrauen ſich ſpi⸗ gelte. „Sie ſind mit Wortmann wohl ſehr befreundet? fragte er. „Das gerade nicht.“ „Aber er hat Ihnen den Vorfall in London erzählt?“ erwi⸗ derte der Baron höhniſch.„Wortmann iſt ein mißtrauiſcher Menſch, und unter uns geſagt, mag er es zumeiſt wohl deshalb ſein, weil er Grund hat, eine Reviſion ſeiner Bücher zu befürch⸗ ten. Er kam mir mit unverkennbarem Mißtrauen entgegen, ihm war es ſehr unangenehm, daß ich zurückkehrte und ich durfte mit Sicherheit erwarten, daß er mir alle möglichen Hinderniſſe und Schwierigkeiten in den Weg legen werde. Dem mußte ich vor⸗ beugen, und als ich einen Blick in ſein Portefeuille geworfen und von ſeinen enormen Erſparniſſen Kenntniß erhalten hatte, war er gezähmt.“ „Sind ſeine Erſparniſſe wirklich ſo enorm?“ „Mein lieber Freund, wenn der Verwalter eines Gutes zehn Jahre lang jährlich ſechstauſend Thaler erſpart haben will, dann frage ich Sie, wieviel das Gut ſelbſt einbringen muß.“ „Sechszigtauſend Thaler?“ rief Hurter erſtaunt.„Das klingt ja unglaublich!“ „Und nun wird es Ihnen auch begreiflich ſein, weshalb Wort⸗ mann ſo feindſelig gegen mich geſinnt iſt.“ „Iſt er das wirklich?“ „Pah, ſollten Sie das nicht wiſſen?“ Der Hofmeiſter ſenkte vor dem trauernden Blick des Majo⸗ ratsherrn unwillkürlich die Wimpern, den Kampf mit einem Geg⸗ ner offen aufzunehmen, hatte er nicht den Muth. „Ich weiß, daß ſich eine Koterie gegen mich gebildet hat,“ fuhr der Baron fort,„Sie, der Verwalter, mein Bruder, Baron Bruno und ein Advokat Rabe haben ein Bündniß geſchloſſen, und Jeder von dieſen ſucht nach Waffen, mit denen er mich ver⸗ derben kann.“ „Ich glaube, mich müſſen Sie ausnehmen,“ ſagte Hurter, den dieſe directe Anklage in Verwirrung brachte. 50* 788 „Sie? Können Sie leugnen, daß Sie mit all' den Perſonen, die ich genannt habe, in Verbindung ſtehe? ſragte der Baron ſcharf, „Ich kenne keinen Advokat Rabe.“ „Er war ja noch vor einer halben Stunde bei Ihnen!“ „Das iſt ein Irrthum.“ „Wollen Sie leugnen, daß Sie vor einer halben Stunde Be⸗ ſuch hatten?“ Der alte Mann ſah den Fragenden betroffen an, er hatte in dieſem Augenblick ſeine Faſſung völlig verloren. „Nein, das nicht,“ erwiderte er,„aber es war kein Advo⸗ kat—“ „So? wer war's dann?“ „Ein alter Freund—“ „Das mag ſein, aber ich bleibe dabei, es war ein Ad⸗ vokat!“ „Nicht doch, es war der penſionirte Rath Heller.“ „Rath?“ fragte der Baron. Juſtizrath nicht wahr?“ „Nein, Polizeirath!“ Hurter hatte das Wort kaum geſprochen, als er es auch ſchon bereute; er ſah das jähe Aufleuchten in den Augen des Majorats⸗ herrn, er erkannte, daß er dem Verdacht desſelben nur neue Nah⸗ rung gegeben hatte. Daß der Polizeirath ſich als Advokat bei dem Baron eingeführt hatte, konnte er ja nicht wiſſen, von Heller ſelbſt, war ihm darüber keine Mittheilung gemacht worden. „Und Sie ſind mit dieſem Manne befreundet?“ fragte Baron Edmund, während er die Aſche von ſeiner Cigarre ſtrich.„Wie kommen Sie zu dieſer Freundſchaft?“ „Wir haben uns ſchon vor Jahren einander in der Weinſchenke kennen gelernt.“ „Hm, Sie werden zugeben, mein beſter Freund, daß Sie da⸗ durch den Verdacht, der in meinen Augen auf Ihnen ruht, nicht abſchwächen können, die Freundſchaft mit einem Polizeirath muß mir ja noch verdächtiger erſcheinen, als die Freundſchaft mit ei⸗ nem Advokaten.“ „Und weshalb haben Sie Verdacht auf mich geworſen fragte der Hofmeiſter, der jetzt ſeine Faſſung wiederfand.„Ich habe nie etwas Böſes gegen Sie im Schilde geführt, mich är⸗ gerte es nur, daß ich in dieſer ſchroffen Weiſe abgefertigt wurde, 27 S —— als ich imern⸗ „Si ſtlug leg vürfuiß daran gegen „ werber 4 treten V druck te er daß forſc verde wein zu v ( reriſ het wer ihn, jede den Ha er — 789— als ich mir erlaubte, Sie an meine früheren Dienſte zu innern.“ „Sie hätten das ſchriftlich thun und mir Zeit laſſen ſollen, über die Sache nachzudenken, aber Sie überfielen mich damit und ſchlugen einen Ton an, der mich empören mußte. Mögen Sie es leugnen, ich bleibe bei der Behauptung, daß Sie an meinem Zer⸗ würfniß mit meiner Familie einen großen Antheil trugen, und daran dachte ich in dem Augenblick, als Sie mir ſo unerwartet gegenüberſtanden.“ „Und darf ich jetzt hoffen, daß Sie meine Penſion erhöhen werden?“ „Würden Sie, wenn ich es thäte, ganz auf meine Seite treten und mir alle Machinationen meiner Feinde enthüllen?“ Wieder ſchlug Hurter die Augen nieder, der verlegene Aus⸗ druck ſeines Geſichts verrieth das Schuldbewußtſein. „Ich weiß wirklich nicht, wie ich das verſtehen ſoll,“ ſag⸗ „Ich glaube, daß es ſehr leicht zu verſtehen iſt. Ich weiß, daß man gegen mich agitirt, daß man meiner Vergangenheit nach⸗ forſcht und Alles aufbietet, irgend etwas zu entdecken, was mich verderben könnte. Ich weiß ferner, daß man ein Bündniß mit meinem Bruder geſchloſſen hat, um dieſem das Majorat wieder zu verſchaffen, und Sie ſind in das alles eingeweiht.“ „Das iſt ein Irrthum, Herr Baron!“ „Keineswegs, ich bin meiner Sache zu ſicher!“ In der Seele Hurters ſtieg ein Gedanke auf, der zu verfüh⸗ reriſch war, als daß er ihm nicht hätte Folge geben ſollen. Es war jetzt offenbar, daß die Angſt den Majoratsherrn hie⸗ her geführt hatte, und dieſe Angſt, wenn ſie ſtatt beſeitigt zu werden, beſtätigt wurde, war ein mächtiger Verbündeter gegen ihn, man konnte ſie benutzen, um den Baron zur Bewilligung jeder Bedingung zu bewegen. Und im Grunde genommen konnte es ja dem Hofmeiſter ziem⸗ lich gleichgültig ſein, ob er den Lohn für ſeine Bemühungen von dem Majoratsherrn oder von dem Bruder deſſelben empfing, die Hauptſache war, daß er es überhaupt erhielt. „Und geſetzt, Ihre Behauptung wäre wirklich begründet,“ ſagte er nach einer Pauſe, während er langſam ſein Glas ausgetrun⸗ — 790— ken hatte,„was würden Sie mir bicten, wenn ich mich bereit er⸗ klärte Ihrer Forderung rachzukommen?“ „Eine höhere Penſion,“ antwortete Baron Edmund, der ſei⸗ nen Gegner ſcharf und unverwandt beobachtete. „Ich würde eine baare Geldſumme vorziehen.“ „Mag ſein, aber mir bietet eine Penſion mehr Sicher⸗ heit.“ „Inwiefern?“ „Inſoſern, als mir die Macht bliebe, Ihnen dieſe Penſion ſofort wieder zu entziehen, ſobald Sie ein neues Bündniß mit meinen Feinden ſchlöſſen.“ „Sie ſind ſehr mißtrauiſch.“ „Ich bin es durch bittre Erfahrungen geworden.“ „Aber Sie kennen mich doch, Sie wiſſen, daß ich ein einmal gegebenes Wort halte.“ „Davon bin ich eben nicht überzeugt,“ ſagte der Baron iro⸗ niſch.„Ich erinnere mich aus der früheren Zeit manchen Vor⸗ falles—“ „Sprechen wir davon nicht,“ bat Hurter,„vergangene Dinge Dinge muß mon vergeſſen können. Was ſagen Sie zu der Ver⸗ urtheilung des Wilddiebs?“ Der Majoratsherr ſah ihn ſcharf an, dieſe ſo plötzlich vom Zaun gebrochene Frage mußte ihn überraſchen und ihm Manches zu denken geben. Wollte der alte Mann ihn auf's Glatteis führen? Wollte er ihm zeigen, daß ſeine Gegner mehr wußten, als er bisher ver⸗ muthet hatte? „Ich denke daß dem Verurtheilten Recht geſchehen iſt!“ erwi⸗ derte er. „Sie glauben alſo auch, daß er das Verbrechen began⸗ gen hat?“ „Glauben Sie es nicht?“ „Hm, Jeder kann darüber ſeine beſondere Anſicht haben!“ „Doch wohl nicht, wenn die Schuld ſo klar und unweifel⸗ haſt bewieſen iſt.“ „Verzeihen Sie, in der Beweiskette fehlt uach meiner An⸗ ſicht manches Glied. Die Geſchworenen ſind darüber leicht hin⸗ weggegangen, weil der Staatsanwalt ſie nicht darauf auſmerkſam N Ror⸗ vor⸗ Dinge r Aer⸗ ch von K Nanche ollte er er ver⸗ er An⸗ ht hin⸗ nerkſam —— ———— — machte, ihm lag zuſtellen.“ 791— ja nur daran, die Schuld des Angeklagten „Und welches Glied vermiſſen Sie?“ „Aufrichtig geſagt, weiß ich das ſelbſt noch nicht.“ „Aber Sie beriethen vorhin mit dem Polizeirath darüber, nicht wahr?“ „Gott bewahre—“ „Leugnen Sie nicht!“ „Wir haben darüber nicht geſprochen!“ „Und weshalb war der Polizeirath bei „Er machte mir einen freundſchaftlichen Beſuch.“ „Sie ſind noch immer der alte ſchlaue Fuchs!“ lachte der Baron.„Sie ſtrecken vorſichtig einen Fühler aus, um zu er⸗ forſchen, wie weit Sie gehen dürfen, und wenn Sie bemerken, daß Ihnen eine Gefahr droht, ziehen Sie die Fühlhörner wieder ein. Das iſt nun allerdings ſehr ſchlau, aber Sie überliſten da⸗ mit doch nur die Dummen, nur Diejenigen, die Sie nicht kennen.“ Der alte Mann ſchüttelte das kahle Haupt, und ein ſpöttiſches Lächeln umzuckte dabei ſeine Lippen, er wußte nur zu gut, daß der Pſeil getroffen, und eine Wunde hinterlaſſen hatte. „Ich habe nur meine Gedanken ausgeſprochen,“ erwiderte er, „und dabei an eine Liſt nicht gedacht.“ „Und wenn nun, wie Sie vermuthen, der Verurtheilte ſchuld⸗ los wäre, wo wollten Sie den Schuldigen ſuchen?“ fragte der Majoratsherr. „Darüber habe ich noch nicht gedacht.“ „Dieſe ausweichende Antwort genügt mir nicht—“ „Eine andere kann ich Ihnen nicht geben!“ Der Baron goß den Reſt aus der Flaſche in die Gläſer, dann warf er abermals ein Goldſtück auf den Tiſch. „Wir wollen noch eine Flaſche trinken!“ ſagte er. „Was mich betrifft, Herr Baron—“ „Bah, Sie haben früher oft mich ſelbſt unter den Tiſch ge⸗ rute „Ja, früher, aber ich bin jetzt ein alter Mann— „Unſinn, holen Sie noch ine Flaſche, der“ Wein iſt gut, und 0 — 592— den Reſt, der nicht getrunken wird, können Sie ja bis morgen aufheben.“ Der Hofmeiſter erhob ſich, er hatte bereits das Gold⸗ ſtück aufgenommen; es liegen zu laſſen, wäre ihm unmöglich ge⸗ weſen. Und weshalb ſollte er auch dem Baron den Gefallen nicht er⸗ zeigen? Er war nun einmal auf dem beſten Wege, ein vortheil⸗ haftes Abkommen mit ihm zu treffen, die Gelegenheit, die ſich vorausſichtlich nicht ſo bald wieder bot, durfte er nicht unbenutzt laſſen. Er hätte freilich jetzt nicht mehr ſo ſehr darauf zu ſehen brauchen, Baron Udo hatte ihm ja eine Penſion von tauſend Thaler in Ausſicht geſtellt, aber Hurter war ein unerſättlich hab⸗ gieriger Menſch und er dachte, je größer ſein Einkommen ſei, de⸗ ſto angenehmer könne er ſich den Reſt ſeines Lebens machen. Er entwarf ſchon jetzt kühne Pläne in Bezug auf ſeine künf⸗ tige Wohnung, ſeine Tafel und die Kreiſe in die er ſich Eintritt verſchaffen wollte. Der Majoratsherr ſollte ihm ein namhaftes Kapital zahlen, das war ſicherer, als eine Jahrespenſion, er wollte dann wie ein vornehmer Herr leben. Was ſeine bisherigen Verbündeten dazu ſagen würden, war ihm gleichgültig, ſie gaben ihm ja doch nichte, und der Verwal⸗ ter ſchien überhaupt in der jüngſten Zeit auch in das Lager des Majoratsherrn übergehen zu wollen. Dem Polizeirath konnte man ſagen, man habe ſich getäuſcht, der Majoratsherr ſei wirklich der verſchollene Baron Edmund und deshalb ſei es unnöthig, daß er ſich weiter noch Mühe gebe, man werde nichts gegen den Baron entdecken. Im Stillen hielt man dann trotz alledem die Augen offen, und fand man Beweiſe, ſo ſammelte man ſie, um im geeig ne⸗ ten Folle dem Baron eine Waffe zeigen zu können. Vor allen Dingen galt es jetzt, die Bedingungen feſtzuſtellen, unter denen man der Forderung des Majoratsherrn nachgeben konnte. Der Letztere mußte nun wiſſen, daß ſeine Feinde gut — nuri Lerhilin Ube ſih bend Eine ds erſte geſchen währen den kon Der Hurter fingen⸗ Glos thun,“ Sie meine miſſe Hurte . hung unterrichtet waren, und es ließ ſich erwarten, daß er unter dieſen Verhältniſſen jede Bedingung annahm. Ueber dieſen Punkt dachte der ehemalige Hofmeiſter nach, als er ſich mit der Weinflaſche in der Rocktaſche auf dem Heimwege befand. licht er, Eine Jahrespenſion war zu unſicher, ſchon nach dem Ablauf brtheil⸗ des erſten Jahres konnte der Baron durch irgend einen unvorher⸗ t ſic geſehenen Zufall entlarvt ſein, dann war die Penſion verloren, entzt während das Kapital dem Hofmeiſter nſcht mehr genommen wer⸗ den konnte. 4 ſchen Der Baron hatte eben eine friſche Cigarre angezündet, als uſ Hurter eintrat; ohne nach dem Verbleib des übrigen Gelbes zu heh⸗ fragen, entkorkte er die Flaſche, um ſein Glas zu füllen, das — Glas des Hofmeiſters war noch gefüllt. —„Wollen Sie zu mir übergehen ſo müſſen Sie es auch ganz thun,“ ſagte er,„ich verlange in dieſem Falle von Ihnen, daß n⸗ Sie mir Alles enthüllen, und daß Sie fortan in meinem Intereſſe intritt meinen Gegnern mit Entſchiedenheit entgegentreten. Darüber müſſen Sie ſich klar werden,— entweber— oder.“ „Ich glaube, daß ſich das ganz von ſelbſt verſteht,“ erwiderte Hurter,„es kommt nur auf die Bedingungen an—“ „Ich zahle Ihnen eine Penſion von ſechshundert Thalern.“ „Das iſt in der heutigen Zeit gerade genug, um nicht zu ver⸗ ß hungern.“ S„Iſt es Ihnen zu wenig?“ 6„Ich verlange eine runde Summe, Herr Baron!“ „Wie hoch?“ uſcht,„Zehntauſend Thaler.“ dund„Dann haben Sie weniger, als ich Ihnen biete. Zehntau⸗ man ſend Thaler ergeben nur fünfhundert Thaler Zinſen.“ „Reiche ich damit nicht aus, ſo kann ich ja das Kapital an⸗ greifen. So ſehr lange lebe ich nicht mehr, und Erben hinter⸗ laſſe ich nicht.“ Der Baron hatte die Brauen zuſammengezogen, ein Blick voll glühenden Haſſes traf den alten Mann, der im Stillen ſchon llen, triumphirte. ebe„Und wenn ich dieſes Kapital Ihnen ausgezahlt hätte, dann würden Sie zu meinem Bruder gehen und ihn fragen, wie viel „V er Ihnen geben wolle für den Fall daß Sie mich verriethen,“ ſagte einand er.„Beſtreiten Sie das nicht, ich kenne Ihren Charakter, und Boton Sie können mir nicht verargen, daß ich ihm mißtraue.“ 5 „Wenn ich das thun wollte—“ dos 6 „Pah, Sie haben ſich ja meinem Bruder ſchon verkauft!“ ga „Wer hat Ihnen das geſagt?“ ehn „Sie hören, daß ich es weiß.“ 1 „Dann müßte Wortmann Andeutungen gemacht haben—“ 3. „Gleichviel, wer ſie gemacht hat, ich bin meiner Sache ſicher. m Und was wollen Sie Ihren Bundesgenoſſen ſagen, wenn ſie, wie 6 das ja nicht ausbleiben kann, von dem Verrath Kenntniß erhal⸗ war, ten? Sie werden charakterlos genug ſein, ein doppeltes Spiel ſchwe zu ſpielen und ſich nach derjenigen Seite hinneigen, auf der Sie in d die meiſten Chancen des Gewinns finden. Leute Ihres Schlages denken nur an den eigenen Vortheil, ihm opfern ſie ohne Beden⸗ ken Ehre und Gewiſſen. Und weil ich das weiß, ziehe ich es vor nur Ihnen eine Jahrespenſion auszuſetzen, ich kann dieſe wieder zurück⸗ ziehen, ſobald ich den Beweis erhalte, daß Sie Ihr Verſprechen ſe brechen wollen.“ „Ich muß bei meiner Bedingung beharren!“ Lhe „Bei Ihrer Bedingung? Mein beſter Herr, dazu wären Sie ab doch nur dann berechtigt, wenn Sie Beweiſe gegen mich hätten, wol und ich frage Sie, woher wollen Sie Veweiſe gegen mich nehmen? Glauben Sie nicht, daß ich Furcht vor Ihnen hatte, der Majo⸗ ihn ratsherr von Oſthofen Furcht vor einem Bettler? Das wäre zu. lächerlich!“ d Hurter zuckte die Achſeln, als ob er ſagen wolle, er wiſſe das beſſer, und leere Worte würden ihn nicht irre führen. Ff „Ich will Ruhe haben, das iſt das Ganze!“ fuhr der Baron fort.„Und dafür bin ich bereit, ein Opfer zu bringen, voraus⸗ 1 geſetzt, daß ich durch dieſes Opfer mir den Frieden für immer de ſichern kann. Ueberlegen Sie das, denken Sie über meinen Vor⸗ ſchlag nach und ſchreiben Sie mir morgen ſein ige Zeilen darüber Wollen Sie das?“ Der Hofmeiſter nickte zuſtimmend. „Aber Sie dürfen nicht vorher mit meinem Bruder darüber V reden!“ „Ich verſpreche es Ihnen.“ rocho iſſe das Zaron waus⸗ immer Vor⸗ arüber — „Wohlan, ſtoßen wir darauf an, daß unſre Beziehungen zu einander ſich wieder freundſchaftlich geſtalten mögen!“ ſagte der Baron, indem er ſein Glas ergriff und ſich erhob. Hurter kam der Aufforderung vach, und da der Majoratsherr das Glas auf einen Zug austrank, ſo that er es auch. Baron Edmund ſtellte das Glas wieder auf den Tiſch und nahm ſeinen Hut. „Ich erwarte alſo morgen Ihre Entſcheidung,“ ſagte er,„und nun gute Nacht.“ Er ging raſch hinaus, und als er draußen auf der Treppe war, glaubte er einen dumpfen Schrei und gleich darauf einen ſchweren Fall zu vernehmen, aber er achtete nicht weiter darauf, in der nächſten Minute verließ er das Haus. Haſtig eilte er durch die belebten Straßen zum Theater. Die Oper hatte längſt begonnen, der Majoratsherr erhielt nur mit Mühe noch einen Platz im Sperrſit. Seine Braut ſaß in einer Loge, ſein ſcharfer Blick ſie ſofort, ſie ſchien ihn nicht zu ſehen. Als die Oper beendet war, erwartete er ſie am des Theaters, aber ihre Bitte, ſie nach Hauſe zu begleiten, lehnte er ab unter dem Vorwande, es ſei ſchon zu ſpät geworden, und er wolle unverzüglich heimreiten. Er hob ſie in den Wagen und ſie ſchied mit dem Leee ihn am nächſten Tage zu beſuchen. Der Baron blickte dem davonrollenden Wagen eine Weile nach, dann ſchlug er den Weg zu dem Gaſthoſe ein, in welchem ſein Pferd ſtand. Dieſer Weg führte ihn an der Reſtauration zur rothen Traube vorbei, und der würzige Bratenduft, der aus der offenen Thür der Schenke ihm in die Naſe drang, erinnerte ihn daran, daß er noch nicht zu Nacht geſpeiſt hatte. Der Appettit regte ſich plötzlich, und der Majoratsherr ging in das Haus hinein, um dieſer Regung nachzugeben. Es ſaßen nur noch drei Gäſte in dem Zimmer, Auerbach, Willy und ein junger Mann, den der Baron nicht kannte. Er ſußie, als ſin Blick auf die Beiden fiel, aber ſein Stolz 796 verbot ihm, jetzt wieder umzukehren, man hätte ihm daraus ja den Vorwurf der Furcht machen können. Nachdem er an einem Seitentiſche Platz genommen und ſeine Beſtellung gemacht hatte, vertiefte er ſich in die Lektüre einer Zei⸗ tung, die halb neugierigen, halb drohenden Blicke der Beiden waren ihm unangenehm, zumal es ihm nicht entgangen war, daß Rodenberg zu viel getrunken „Ja, das iſt er!“ hörte er Willy mit heiſerer Stimme ſagen, während die Fauſt dröhnend auf den Tiſch fiel.„Was iſt er denn mehr, wie jeder Andre?“ „Das kennſt Du noch nicht, Bruderherz,“ erwiderte Auerbach ſpöttiſch.„Vielen wirds in der Wiege ſchon gegeben und Nie⸗ mand kann ihnen wehren, wenn ſie darauf ſtolz ſein wollen. Wenn ſie auch nach moraliſchen Begriffen die größten Lumpen ſind. in's Geſicht darf man's ihnen doch nicht ſagen, das beleidigt ihre Standesehre.“ „Und wenn man das weiß, ſo bleibt man am Beſten ihnen fern,“ ſagte der junge Mann. „Davon verſtehen Sie auch nichts, Schwanenthal,“ fuhr Auer⸗ bach fort,„es ſind Katzennaturen, die Katzen ſchmeicheln auch mit ihren weichen Sammtpfoten ſo lange, bis man an ihre Krallen gar nicht mehr denkt, und ehe man ſichs verſieht, hat man einen Hieb weg.“ „Einer Katze kann ich wenigſtens das Genick umdrehen,“ er⸗ widerte Willy auffahrend,„aber von einem ſolchen hochnaſigen Burſchen muß ich mir Alles gefallen laſſen.“ „Daß iſt nun einmal nicht anders,“ ſpottete Auerbach. „Ich würde mich darüber hinwegſetzen!“ ſagte Schwanenthal. „Wer auf mich hinabſieht, auf den ſehe ich erſt recht mit Verach⸗ tung hinunter.“ „Was nutzt mir das!“ entgegnete Willy.„Verachtung allein iſt keine Genugthuung für einen ſolchen Schimpf.“ Der Baron wußte ſehr wohl, daß alle dieſe Worte auf ihn gemünzt waren, aber er gab ſich den Anſchein, als ob er ſie nicht vernommen habe. „Gib Acht, es werden noch andere Tage kommen,“ ſagte Auer⸗ bach,„wer ſich zu grün macht, den freſſen die Ziegen. Die ganze Schwefelbande iſt freilich nicht werth, daß man ſich um ſie be⸗ fimmer ken⸗ ſſt jän ſcdenſ tufil ſieri hringe „l „Ein alter ein 2 ² dend einer nie tät er 3 Kbach „ Rie⸗ mn vollen. in ſind. tihre ihnen Auer⸗ ch nit trallen einen nß 6 f ihn eniqt g. 5. Auer⸗ garze kümmert, aber dieſem wollen wir doch einige Aufmerkſamkeit ſchen⸗ ken. Mit ſeinem Gelde wird er ſchon ſertig werden, und nichts iſt jämmerlicher, als ein verarmter Edelmann. Ein verſchoſſener fadenſcheiniger Anzug mit ausgeriſſenen Knopflöchern paßt ver⸗ teufelt ſchlecht zu einer hochnaſigen Miene.“ „Dieſer fromme Wunſch wird ſobald nicht in Erfüllung gehen, ſcherzte Schwanenthal,„die Braut wird eine enorme Summe mit⸗ bringen.“ „Und daſür ouch die erſte Violine ſpielen,“ höhnte Auerbach. „Ein Pantoffelheld war mir immer verächtlich, aber wenn ein alter Mann ſich von einer jungen Frau regieren läßt, dann iſt er ein Narr, über den ich nur lachen kann.“ Der Majoratsherr biß ſich auf die Lippe, das Blut ſchoß ihm ſie⸗ dend heiß in die Wangen, es war offenbar, man wollte ihn zu einem Wortwechſel herausfordern. „Wenn damals der Bube mir in die Hände gefallen wäre, ich hätte ihn geohrfeigt wie einen Gaſſenjungen,“ knirſchte Willy „Dieſe Züchtigung hatte er verdient, und er fühlte das auch, denn er riß aus, wie ein Haſe.“ „Hätteſt dabei doch den Kürzeren gezogen!“ ſagte Auerbach achſelzuckend. „Bah, er hätte aber die Ohrfeigen weggehabt.“ „Und Du wärſt vielleicht noch ſchlimmer dabei fortgekommen. Die ſchießen und ſtechen einen Menſchen mir nichts, dir nichts nieder, wir haben's ja noch kürzlich in Vevey erlebt. Der Atten⸗ täter freut ſich in Paris ſeines Lebens—“ „Falkenberg iſt auf der Beſſerung,“ ſchaltete Willy ein. „Vielleicht hat er für ſein ganzes Leben genug. Dafür hater einmal eine Dame gegen die Rohheit eines Gaſſenbuben in Schutz genommen.“ Bleich wie der Tod und am ganzen Leibe zitternd erhob der Baron ſich, die Sprache war jetzt zu deutlich geworden, er konnte und durfte nicht länger ſchweigen. „Darüber haben Sie kein Urtheil!“ rief er mit bebender Stimme.„Einen Abweſenden zu beſchimpfen iſt ja leicht, aber es verräth wenig Ehrgefühl.“ „Das Ehrgefühl iſt wohl ſiets auf Ihrer Seite?“ ſpottete Auerbach. — „ Oh „Ich habe keine Luſt, mich mit Ihnen in eine Controverſe daröber einzulaſſen,“ erwiderte der Baron,„ich wollte Sie nur darauf aufmerkſam machen, daß Sie auf dieſem Wege das nicht erreichen werden, was Sie beabſichtigen. Im Uebrigen dürfte ſchon die Bildung, auf welche Sie Anſpruch machen, Ihnen nicht geſtatten, in einem Wirtshauſe ſolche rohe Ausdrücke zu gebrau⸗ chen. Was zwiſchen meinem Neffen und einem Andern vorgefal⸗ len iſt, entzieht ſich der Beurtheilung eines Jeden, der Urſache und Zuſammenhang dieſes Ereigniſſes nicht kennt.“ „Laſſen Se ihn ſchwätzen,“ ſagte Willy verächtlich,„Recht be⸗ kommen Sie doch nicht, und ſchließlich könnte er Sie darauf auf⸗ merkſam mochen, wie ungeheuer hoch er über Ihnen ſteht. Zu einem Herrn Baron dürfen wir Niedriggeborenen den Blick nicht erheben, wenn auch der Herr Baron ſein halbes Leben lang ein vagabundirender Abentheurer geweſen iſt.“ „Haſt Recht, Bruderherz,“ höhnte Auerbach, die graue Mähne zurückwerfend,„aber wir Wilde ſind dennoch beſſre Menſchen. Was weiß dieſer Kanadier von Europa's übertünchter Höflichkeit! Drüben in Kalifornien wird's wohl Sitte ſein, daß man Jeden hinauswirft, der Einem nicht gefällt, weshalb ſollten die hohen Herren nicht verſuchen, dieſe Sitte auch hier einzuführen?“ Der Baron hatte ſein Glas ausgetrunken und ſeinen Hut ge⸗ nommen, er trat auf den alten Mann zu und blieb dicht vor ihm ſtehen. „Drüben in Kalifornien iſt es Sitte, daß man derartige flegel⸗ hafte Ungezogenheiten mit einer Ohrfeige beantwortet,“ ſagte ee mit heiſerer Stimme,„hier in Europa erlaubt mir die Rückſicht auf meine Ehre nicht, in dieſer Weiſe Genugthuung zu geben.“ Auerbach blickte ihm ſtarr nach, eine Antwort hatte der Baron auf dieſe Beleidigung nicht abgewartet, dann aber ſchlug er ein höhniſches Gelächter auf. „Da wird er ſelbſt wohl mancke Ohrſeige empfangen habenl“ rief er.„Und wenn er nur noch eine Minute geblieben wäre, ſo hätte er ſie von mir beſehen können.“ „Er ſcheint wirklich ein ſtolzer Herr zu ſein,“ ſagte Schwanen⸗ thal,„und mit ſoichen Leuten iſt nicht gut Kirſchen eſſen:“ der Di ber 799— Willy ſtützte das Haupt auf den Arm und blickte finſter vor ſich hin. „Weshalb kam er hieher?“ fragte Auerbach erboſt.„Wahr⸗ ſcheinlich wußte er, daß er uns hier antreffen würde.“ „Das glaube ich nicht,“ erwiderte Schwanenthal. „Ach, was wiſſen Sie davon? Sie kennen dieſe Bande noch nicht! Daß wir ihm die Zähne zeigen würden, hat er nicht ver⸗ muthet, er wollte über uns triumphiren.“ „Wie ich dieſe Familie haſſe!“ knirſchte Willy.„Ich habe ſie nicht geſucht, ſie hat ſich mir aufgedrängt, ſie hat mich unglück⸗ lich und gemacht.“ Er erhob ſich und drückte den Hut tief in die Augen, beſorgt blickte Auerbach zu ihm auf. „Wohin? fragte der alte Mann.“ „Nach Hauſe.“ „Jetzt ſchon? Es iſt noch nicht Mitternacht.“ „Ich habe genug, und der Aerger hat mir vollends den Reſt gegeben.“ „Aergerſt Du Dich noch immer?“ „ch muß es, ſo oft ich an dieſe Familie denke!“ „Wirſt ſchon bald lernen ſie zu verachten,“ ſpottete Auerbach. „Wir wollen noch eine Flaſche trinken.“ „Ich danke, heute nicht mehr.“ „Na, dann nicht,“ ſagte Auerbach gelaſſen.„Trink ihn aus den Trank 6 Labe und vergiß den großen Schmerz! Aber wie Du willſt, Dir zu Liebe wäre ich noch eine Stunde ſitzen geblie⸗ ben, jetzt c mit Dir.“ „Ich kann allein gehen,“ erwiderte Willy verſtimmt. „Auch das wird abgelehnt?“ „Weshalb ſoll ich Dich beläſtigen? Du gehſt ja doch einen anderen Weg!“ „Das klingt faſt, wie ein moraliſcher Kater,“ ſpottete der alte Mann.„Höre einmal, Bruderherz, wenn Du eine Anwandlung von Reue fühlſt, dann geh' in die Kirche zu den alten Weibern und laſſe Dich auslachen. Hat Deine Mutter Dir wieber einmal die Leviten geleſen und vor mir gewarnt? Frau Magdalene iſt eine Keuzbrave und ſeelengute Frau, aber von ſolchen Dingen verſteht ſi nichts.“ 30 „Ich gehe meinen eignen Weg,“ ſagte Willy, in dem er einen ſchwachen Verſuch machte, den Kopf in den Nacken zu werfen. „So, ſo,“ brummte Auerbach mit einem lauernden Seitenblick auf den Freund,„den eignen Weg! Aber die Frau Mama—“ „Schweige über meine Mutter!“ fiel Willy ihm barſch in's Wort.„Du kannſt mir ſagen, was Du willſt, aber meine Mutter ſollſt Du in Ruhe laſſen. Sie iſt beſſer, als wir Alle.“ „Da haben wir's ja! Ein moraliſcher Kater—“ „Unſinn, ich denke nicht daran! Gute Nacht.“ „Na, na, die Sache wird bedenklich,“ ſagte Auerbach leiſe, als Willy ſich entfernt hatte,„der Einfluß der Mutter macht ſich wie⸗ der geltend—“ „Und dem ſollten Sie nicht entgegentreten,“ unterbrach Schwa⸗ nenthal ihn,„auf die Dauer werden Sie keinen Dank damit ernten.“ „Dant? Den erwarte ich nie!“ „Und welchen Vortheil haben Sie dayon, daß Sie Rodenberg zwingen wollen auf dieſer ſchlimmen und gefährlichen Bahn zu bleiben?“ „Ich? Gar keinen! Gewöhnlich glaubt der Menſch, wenn er nur Worte hört, es müſſe ſich dabei auch etwas denken laſſen! Pah, grau, theurer Freund, iſt alle Theorie und grün des Lebens goldner Baum. Der Vortheil iſt allein auf ſeiner Seite. Wenn er ſeiner Mutter folgt, kehrt er in die Geſellſchaft zurück, und es kann dann nicht ausbleiben, daß er von allen Seiten Fußtritte erhält. Die aber moͤchte ich ihm erſparen!“ „Auch gegen ſeinen Willen?“ „Es iſt meine Pflicht. Er kennt die Welt noch nicht, ich muß ihn auf die Gefahren aufmerkſam machen, und er ſollte ſich freuen, daß er einen ſo erfahrenen Mentor gefunden hat.“ Damit hatte Auerbach ſeinen Hut aufgeſetzt, er ſchob ſeinen Arm in den Arm des jungen Mannes und verließ mit ihm die Schenke. „Seine Mutter hat natürlich keine Freude daran, ſagte er, als ſie draußen auf der Straße waren,„die Weiber wollen immer regieren.“ „Immer?“ fragte Schwanenthal zweifelnd. „Jawohl, immer! Deshalb hüten Sie ſich, mein Freund, es 6 ſollte mir leid thun, wenn auch Sie unter den Pantoffel — kämen.“ wüdlic. 5„ .„Glauben Sie, daß Laura htigen wird?“ ₰ „Beabſichtigen els es kommt auf Sie an, ob ſi ihren Zweck erreichen wird.“ „Keinesfalls!“ „Behaupten Sie das nicht,“ ſpottete Auerbach.„Ich wette, Sie würden ſchon jetzt nicht wagen, einen Wunſch Ihrer Braut unerfüllt zu laſſen, vorausgeſetzt, daß Sie ihn erfüllen können.“ „Und weshalb ſollte ich ihn unter ſolchen Umſtänden nicht S n „Ja, wesha Nach der Hochzeit wird's noch beſſer kommen.“ 15 we⸗„Laura wird nichts Unmögliches verlangen.“ danit„Natürlich nicht. Aber es iſt ja nichts Unmögliches, wenn e verlangt, daß Sie jeden Abend zu Hauſe bleiben und kein Wirths⸗ haus betreten ſollen!“ enberg„Ich glaube nicht, daß ſie das verlangen wird,“ ſagte der zu junge Mann ruhig.„Und wenn ſie es verlangte, ſo würde ich ihr ſagen, daß der Mann des Tages Mühen einer Erho⸗ nn er lung bedürfe, und daß dieſe Erholung, mit Maß und Ziel ge⸗ aſſen! noſſen ihn zu neuer Arbeit t ſtär re d amuntere!“ Kheyz 3*„Und Sie glauben wirklich, mit ſolchen Gründen durchzu⸗ Wenn dringen?“ de„Laura wird einſehen, daß ich Recht habe.“ tritte 1„Und ſelbſt wenn ſie es einſähe, würde ſie es nicht zugeben, das Recht iſt immer und in allen Angelegenheiten auf der Seite * der Frauen, Sie werden das auch noch erfahren.“ ⸗„Ich will es abwarten.“ „Hüten Sie ſich nur vor dem erſten Nachgeben, ſonſt dürfte 2 Ihnen ſpäter das Widerſtreben tl werden.“ Der junge Mann ſchüttelte lächelnd das Haupt. „Waun werden Sie heirathen?“ fragte Auerbach. die „Wir haben den Termin noch nicht feſtgeſetzt.“ Thaler—“ „Davon muß die erſte Cinrichtung der Wohnung beſchafft werden. Wenn nur mein Einko men etwas größer wäre!“ 4 Der Baſtard. 51 „Wie groß iſt es?“ „Etwa ſechehundert Thaler.“ „Hm, viel iſt das nicht, aber es kann im Laufe der Zeit ſich beſſern.“ „Dieſe Hoffnung iſt zu unſicher, als daß man darauf das Geſchick eines jungen Ehepaares gründen dürfte.“ „Vertrauen Sie ſo wenig darauf, daß dieſe Hoffnung ſich er⸗ füllen wird?“ „Keineswegs, aber ich ziehe das Sichere dem Unſicheren vor.“ „Und wo bietet ſich Ihnen das Sichere?“ „Hm, wenn mein Oheim—“ „Für dieſe Hoffnung gebe ich keinen Heller,“ ſpottete Auerbach. „Der alte Schwanenthal iſt Ihnen nicht grün.“ „Das mag ſein, aber er hinterläßt keinen andern Erben.“ „Er kann ſein Vermögen jeder beliebigen Perſon vererben, er kann es zu wohlthätigen Zwecken beſtimmen, kurz, es liegen ſo viele Möglichkeiten vor, daß ich Ihnen den guten Rath gebe, auf dieſe Erbſchaft gar keine Hoffnung zu bauen.“ Der junge Mann war ſtehen geblieben, betroffen blickte er den Maler an. „Hat er Ihnen vielleicht geſagt, was er mit ſeinem Nachlaß beabſichtigt?“ fragte er. „Nein, aber ich kenne meine Pappenheimer!“ „Bah, er denkt nicht an das Ende, alſo wird er auch keine Beſtimmungen für dasſelbe treffen.“ „Er wird an das Ende denken, ſobald Alter und Schwachheit ihn daran erinnern,“ erwiderte Auerbach in warnendem Tone, „und mit dieſen Plagen ſtellen auch in der Regel die Diener der Kirche ſich ein, namentlich bei ſolchen Leuten, die etwas be⸗ ſitzen.“ „Von ihne nwill mein Oheim nichts wiſſen!“ „Vertrauen Sie darauf nicht, es iſt noch nicht zu ſpät für ihn, ein frommer Mann zu werden, und die Kirche hat einen großen Magen.“ „Sie wollen mich erſchrecken,“ ſagte Schwauenthal, und ſeine zitternde Stimme ließ erkennen, daß die Worte des alten Mannes ihre Wirkung nicht verfehlt hatten,„aber Alles, was Sie da be⸗ haupten, iſt völlig aus der Luft gegriffen.“ e 5 — „Wenn Sie das glauben— in Gottes Namen! Ich will Ihnen gewiß das Beſte wünſchen, ſchon ihrer zukünftigen Gattin wegen, aber wäre ich an Ihrer ſo nürde ich mir auf dieſe Erbſchaft keine Hoffnung machen.“ „Sie glauben alſo in allem Ernſte, daß mein Oheim mir nichts hinterlaſſen wird?“ „Hinterläßt er kein Teſtament, ſo faut Ihnen der ganz Rih⸗ laß zu, im anderen Falle aber werden Sie wahrſcheinlich gar nichts erhalten. Die Verlobung mit einem unbemittelten Mädchen hat Ihnen bei ihm den Hals gebrochen.“ In dieſem Augenblick ſchlugen raſche Hufſchläge an das Ohr der beiden Wanderer, und da ſie in der Mitte der Straße gingen, wollten Sie eben auf die Seite treten, als ein Reiter mit vechäng⸗ tem Zügel an ihnen vorbeiflog. Der junge Mann hörte einen Fluch, in demſelben Augenblick ſah er ſeinen Begleiter niederſtürzen, aber ehe er ſich des Vor⸗ gefallenen klar wurde, war der Reiler ſchon in der Ferne ver⸗ ſchwunden. Er beugte ſich über den Maler; aus einer Kopfwunde blu⸗ tend, lag Auerbach bewußtlos auf dem Pflaſter. Hatte der Reiter ihn abſichtlich niedergeritten, oder war dieſes Unglück nur einem Zufall zuzuſchreiben? Weshalb hatte der Reiter ihnen nicht zugerufen oder gewarnt? Er mußte die bei⸗ den Geſtalten jedenfalls bemerkt haben, und ſelbſt nach dem Un⸗ glück noch wäre es ſeine Pflicht geweſen, anzuhalten und ſich nach dem Verunglückten zu erkundigen. Indeß eine Abſicht ließ ſich nicht wohl annehmen, eher konnte man vermuthen, daß das Pferd mit dem Reiter durchgegangen war, und der letztere keine Gewalt über ſein Roß hatte. En lich erſchienen einige Nachtwächter, der alte Mann war noch immer bewußtlos. Einer von ihnen hatte ebenfalls den Reiter geſehen, ihm ſogar zugerufen, er ſolle in den Straßen langſamer reiten, aber erkannt hatle er ihn nicht. Was nun? Sollte der Verunglückte ins Spitl oder in ſeine Wohnung gebracht werden? S. „—— 804— Bertram Schwanenthal erinnerte ſich der Wohlthaten, die Auer⸗ bach ſeiner Braut erzeigt hatte, er erinnerte ſich der dankbaren Liebe, mit der Laura an dem väterlichen Freunde hing, ſie machte ihm gewiß Vorwürfe, wenn er ihn in's Spital bringen ließ. Vielleicht war auch die Verwundung nicht ſo bedeutend, der furchtbare Schrecken hatte jedenfalls das meiſte zu der Ohnmacht beigetragen. „Bringen wir ihn in ſeine Wohnung,“ ſagte er nach einer kurzen Pauſe. „Wiſſen Sie denn, wo er wohnt?“ fragte einer der Wächter. „Es wird wohl nahebei ſein,“ brummte ein Andrer. „Es iſt nicht weit von hier,“ erwiderte Bertram, den dieſes Zaudern ärgerte. „Hat er dort auch vie nöthige Pflege?“ „Daſür werde ich ſorgen.“ „Na, dann vorwärts!“ befahl ein Wächter, und zwei von ihnen hoben den alten Mann behutſam auf, der auch jetzt noch nicht aus ſeiner Ohnmacht erwachte. Den Schlüſſel zum Hauſe fund man in der Taſche Auerbachs. Bertram eilte haſtig die Treppe hinauf und pochte an der Thüre ſeiner Braut an. Der Lichtſchimmer, der durch eine Spalte der Thüre drang, ließ ihn erkennen, daß ſeine Braut noch nicht zu Bett gegaugen war, er hatte das erwartet, Laura arbeitete in der Regel bis Mitternacht, trotzdem ihr Verlobter ſie oft gebeten hatte, ihre Ge⸗ ſundheit mehr zu ſchonen. „Was führt Dich noch ſo ſpät hieher?“ ſragte Laura erſchreckt, als ſie ihrem Bräutigam in das verſtörte Antlitz ſah. „Erſchrick nicht,“ bat der junge Mann,„dem Maler iſt ein Unfall begegnet, Du wirſt ihm nun Deinen Dank abtragen müſſen.“ „Ein Unglück—“ „Frage jetzt nicht lange, wo iſt ſein Zimmer?“ „Die zweite Thüre rechts.“ „Sei ſo gut und bringe Licht dorthin und ſorge, daß der alte Mann ſo gut wie möglich gebettet wird, ich werde unverzüglich . einen Arzt holen.“ eilte Ma Vet! hett fen lich hol die ur 3 — 805— Bertram gab unten den Wächtern die nöthige Weiſung, dann eilte er hinaus. Ein Arzt wohnte in der Nähe, er war ſofort bereit, den jungen Mann zu dem Patienten zu begleiten. Und als Bertram jetzt in das Zimmer trat, in welchem der Verwundete lag, fühlte er ſich durch die Unordnung, die hier herrſchte und die armſelige Ausſtattung unangenehm berührt. Auch der Arzt ſchüttelte den Kopf, während er den Blick prü⸗ fend durch das Zimmer ſchweifen ließ. Dann trat er an das ärm⸗ liche Lager des alten Mannes. „So hätte ich es mir doch nicht gedacht,“ ſagte er mit einem halb fragenden, halb vorwurfsvollen Blick auf Laura, ſind Sie die Tochter dieſes Mannes?“ Dem Mädchen war das Blut in die Wangen geſtiegen. „Ich wohne hier in demſelben Hauſe,“ erwiberte ſie. „Hm— eine angenehme Krankenſtube iſt dieſes Zimmer nicht.“ „Ich habe hier oft aufräumen und ordnen wollen,“ ſagte Laura,„aber Herr Auerbach verbot es mir, es mußte Alles ſo liegen und ſtehen bleiben, wie es lag und ſtand.“ „Für einen Sonderling habe ich ihn immer gehalten,“ nickte der Doctor,„ſchade um ihn, daß er ſo heruntergekommen iſt. Aber jetzt bitte ich um Waſſer und etwas alte Leinewand.“ Er beugte ſich über den Verunglückten und unterſuchte die Kopfwunde, Auerbach öffnete für einen kurzen Moment die Augen, ſchloß ſie aber ſofort wieder. Der Arzt ſchüttelte mit einer ſehr bedenklichen Miene das Haupt. „Die Sache iſt ziemlich bedenklich,“ ſagte er leiſe,„der An⸗ prall des Pferdes muß ungemein wuchtig geweſen ſein.“, „Fürchten Sie für ihn?“ fragte Bertram beſorgt. „Ich kann darüber jetzt noch nichts ſagen, vollſtändige Ruhe und eine gut⸗ Pflege ſind vor allen Dingen erforderlich.“ „Beides ſoll er haben.“ „Kann er es hier finden?“ „Meine Braut und ich werden dafür Sorge tragen.“ „Ihre Braut?“ fragte der Arzt erſtaunt. — 806— „Ja, die junge D wundeteu hielten.“ „So, ſo, na, deſto beſſer.“ Laura trat in dieſem Augenblick mit einer Schüſſel voll Waſſer in, der Arzt reinigte die Wunde und verband ſie. „Was ſich nun noch entwickeln wird, müſſen wir abwarten,“ ſagte er,„ich fürchte, es wird eine Hirnentzündung werden, etwas icheres läßt ſich jetzt darüber noch nicht ſagen. Ich werde mor⸗ gen früh wieder nachſehen, ſollte der Verwundete über Durſt klagen, ſo geben Sie ihm etwas Zuckerwaſſer, jedenfalls muß bei ihm gewacht werden.“ Damit ging er hinaus, Bertram gab ihm das Geleite, und als der junge Mann in's Krankenzimmer zurückkehrte, ſah er ſeine Braut betroffen an. „Da habe ich Dir eine ſchöne Laſt aufgebürdet!“ ſagte er. „Wie kannſt Du nur ſo reden, Bertram!“ erwiderte das Mädchen verweiſend.„Iſt es denn nicht meine Pflicht, daß ich mich ſeiner annehme?“ „Das wohl, aber wenn nun wirklich eine ſchwere Krankheit ausbricht?“ „Dann werde ich ihn pflegen, bis er geneſen iſt. „Sehr gut, aber dieſe Pflege wird Dich auſreiben“ „Ich fürchte das nicht.“ „Sie wird Deine ganze Zeit in Anſpruch nehmen!“ „Das iſt die ſchlimmere Seite, ich werde nur wenig für mich arbeiten können. Aber bin ich denn nicht durch das Geſchenk, er mir gemacht hat, mehr als hinreichend entſchädigt?“ Der junge Mann ſchüttelte den Kopf, umwölk⸗ ten Stirne. „Ich will gegen dieſen Punkt keine Zweifel erheben,“ erwi⸗ derte er,„aber ich fürchte, Deine Geſundheit wird darunter lei⸗ den. Wäre es nicht beſſer, wenn wir eine Wärterin engagirten, die dieſe Pflege übernimmt?“ „Werden fremde Hände ihn ſo aufmerkſam pflegen, wie die meinigen?“ „Du kannſt ſie ja beauſſichtigen!“ Das Mädchen ſtand lange in Nachdenken verſunken, ſie fühlte ame, welche Sie für die Tochter des Ver⸗ ihr de — ſeloſt, daß die Aufgabe, die ſie übernehmen wollte, für ſies zu ſchwer war, daß ſie möglicherweiſe unter ihr erliegen konnte, aber ſie glaubte dennoch, den Verſuch machen zu müſſen, die Pflicht der Dankbarkeit gebot es ihr.“ „Ich weiß nicht, was wir thun ſollen,“ ſagte ſie rathlos. „Wir wollen darüber nachdenken. Dieſe Nacht wache ich bei ihm.“ Du „Ja mein Schatz. Du haſt bis jetzt gearbeitet und bedarfſt der Ruhe—“ „Nicht doch, Vertram— „Und ich ſage ja!“ „Aber was werden die Leute ſagen, wenn Du die ganze Nacht hier im Hauſe worſt? Mein guter Name würde dadurch ge⸗ fährdet.“ „Wenn die Leute die Wahrheit erfahren, und es liegt ja kein Grund vor, ſie ihnen zu verſchweigen, dann werden ſie gewiß nicht daran denken, Dir oder mir einen Vorwurf zu machen und einen Makel auf Deinen Namen zu werfen,“ ſagte der junge Mann ernſt.„Man kann und darf nicht immer ängſtlich an das Urtheil der Leute denken, das eigne Gewiſſen iſt der beſte Richter.“ Er hatte ihre beiden Hände ergriffen und ſah ihr voll inniger Liebe in di⸗ treuherzigen Augen. „Ich weiß. Du wirſt meinem Wunſche Dich fügen,“ fuhr er fort,„ſelbſt wenn Dein gutes, edles Herz nicht ganz damit ein⸗ verſtanden wäre. Du weißt ja doch auch, daß Du mir das Liebſte auf der Welt biſt und daß ich Dir nur zu Deinem Beſten rathe.“ „Gewiß, gewiß, Bertram, aber ich muß doch auch auf die Stimme meines Herzens Der alte Mann hat ſich meiner mit der Liebe eines Vaters angenommen, er hat uns Beiden eine große Summe geſchenkt, trotzdem er ſie für ſich ſelbſt beſſer hätte verwenden können, wir dürfen ihn nun nicht im Stich laſſen.“ „Aber das ſoll ja auch nicht geſchehen!“ „Ich könnte ja hier arbeiten—“ „In dieſer Luft? In der verdorbenen Atmoſphäreeines Kran⸗ kenzimmers? Das wäre ein Frevel an Deiner Geſundheit, den D A — 808— niemals verantworten könnteſt. Nein, wir engagiren eine Wärte⸗ rin, und—“— „Du bedenkſt die Koſten nicht, Bertram!“ „Wir beſtreiten ſie von dem, was wir von dem alten Manne erhalten haben. Vielleicht gelingt es mir, den Reiter zu entdecken, der das Unglück verſchuldet hat, er ſoll die Kurkoſten zahlen, und wenn ſeine Mittel nicht dazu ausreichen, nun wohl, dann thun wir es.“ „Du haſt den Reiter nicht erkannt?“ fragte Laura ſinnend. „Nein“ „Vielleicht war es ein vornehmer Herr!“ „Möglich, die Vornehmen haben ja das Privilegium, oder ſie nehmen es wenigſtens ſich heraus, ich werde die Sache der Polizei anzeigen und nicht ruhen, bis ich Gewißheit erhalten habe. Und nun kein Wort weiter, Geliebte, ſei ſo gut und beſorge mir et⸗ was Zuckerwaſſer und ein gutes Buch, damit ich die Zeit herum⸗ bringe.“ Laura wagte jetzt nicht mehr, einen Einwurf zu machen, im Großen und Ganzen mußte ſie ja ihrem Verlobten Recht geben, und ſie ſelbſt fühlte ſich auch in der That zu ermüdet, um für heute die Nachtwache zu übernehmen. Sie brachte ihm Alles, was er bedurfte und wünſchte, und Bertram nahm an dem Lager des Verwundeten Platz. Er mußte ſich unwillkürlich der Scene in der Reſtauration er⸗ innern, der Gereiztheit, mit der der Majoratsherr von Oſthofen aufgetreten war, und es ſtieg eine leiſe Vermuthung in ihm auf, ob nicht am Ende der Majoratsherr ſelbſt der Reiter geweſen ſei, der während des Heimritts ſeinen Widerſacher an der Stimme er⸗ kannt und abſichtlich ihu niedergeritten habe, um eine niedrige Rache an ihm zu nehmen.. Es war nur eine Vermuthung, die ſich auf ſehr ſchwache Gründe ſtützte, und es war vielleicht Thorheit, dieſer Vermuthung nach zu grübeln, aber die Gedanken des jungen Mannes kehrten doch immer wieder zu ihr zurück, und in ſeiner Seele reifte all⸗ mälig der Entſchluß, ſich darüber Gewißheit zu verſchaffen und ſchon am nächſten Tage mit ſeinen Nachforſchungen zu beginnen. Saß 7 2 * 5 S ———— *—½£.