—— ——— ——— * 4. Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Okimann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und eſebedingungen. 1 offensein der Bibliotbek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Ubr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe veſſelben entſprechende Summe hihterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 2 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 6 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— ————— auf 1 Monat: 1 Wer.— Pf. 1 Wr. 50 Pf. 2 wer.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bucher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Der Fluch der Geburt. — „Men lieber Freund, ich bringe Ihnen die frohe Botſchaft, daß die Preisrichter Ihrem prächtigen Gemälde den erſten Preis zuerkannt haben!“ Es war an einem hellen, ſonnigen Frühlingsmorgen, als die blendend ſchöne, gefeierte Sängerin Arabella Grimaldi mit dieſen Worten in das Atelier des jungen Malers Willy Rodenberg trat. Freudig überraſcht hatte der Maler ſich erhoben, mit leuch⸗ tendem Blick kam er der Sängerin entgegen, und als nun die Beiden Hand in Hand einander gegenüberſtanden und durch das hohe Fenſter ein goldiger Sonnenſtrahl auf ſie fiel, da durfte man in Wahrheit behaupten, daß es kein ſchöneres Paar in der weiten Gotteswelt geben könne. Beide waren hohe, ſchlanke Geſtalten, umfloſſen von dem Zauber jugendlicher Anmuth, noch unberührt von jenen Leiden— ſchaften, die dem jungen Menſchenherzen neben ſüßer Luſt manch bittres Leid ſchaffen. „Ich danke Ihnen aus vollem Herzen für dieſe angenehme Nachricht,“ erwiderte Willy, und in ſeinen blauen Augen leuchteſe noch einmal die reinſte Freude auf,„ſie iſt mir um ſo will— kommener, weil Sie es ſind, die ſie mir gebracht hat.“ „Und dieſe verdiente Anerkennung wird Sie anſpornen, raſt— los weiter zu ſtreben,“ ſagte Arabella, während ſie einen raſchen prüfenden Blick durch das Atelier warf, in welchem jene Unord⸗ nung herrſchte, die man mit dem Worte„genial“ zu bezeichnen pflegt„Vielleicht werden Sie den„ einer Kunſtreiſe nach Italien benutzen. ) e1 hnen zuerkannten Preis zu Willy hatte der jungen Dame einen alterthümlich geſchnitzten Seſſel hingeſchoben, er ſelbſt nahm vor ſeiner Staffelei wieder Platz. „Nach Italien?“ wiederholte er ſinnend.„Wer weiß! Möchten Sie nicht auch Ihr ſonniges Vaterland wiederſehen? Empfindet ls Heimweh nach jenem Lande, an das für Sie Ihr Herz niema 12“ ſo viele Erinnerungen ſich knüpfer Ein tiefernſter, wehmüthiger Zug umzuckte die roſigen Lippen Arabella's. Wiſſen Sie denn, ob dieſe Erinnerungen ſüß und angenehm ſind?“ fragte ſie leiſe.„Die Tage meiner erſten Kind⸗ heit, die ich in jenem ſonnigen Lande verbrachte, haben mir der Dornen viele und der Blüthen wenige geboten, ein ſtetes Umher⸗ wandern von Ort zu Ort, ein Kampf mit Strapatzen und Ent⸗ behrungen und——— haben Sie ſchon Precioſa geſehen?“ „Gewiß,“ nickte der Maler, deſſen treuherziger Blick voll warmer Theilnahme auf dem wunderbar ſchönen Antlitz ruhte. „Dann brauche ich Ihnen nichts weiter zu ſagen, als daß die Kindheit Precioſa's, dieſer wandernden Zigeunertochter, auch meine Kindheit war.“ „Unmöglich!“ bemerkte Willy. „Und weshalb ſollte es unmöglich ſein?“ erwiderte Arabella, mit der feinen Hand leiſe über ihre Stirne ſtreichend, als ob ſie jene Erinnerungen verſcheuchen wolle.„Das Alles iſt ſo ſcharf und klar meinem Gedächtniß eingeprägt, daß ich keinen Zweifel an der Wahrheit diefer Erlebniſſe hegen kann. Nach jener Zeit kam dann eine andere; ich war noch immer ein Kind, als meine Mutter mit mir nach Deutſchland zog, und ich will gerne zugeben, daß nun beſſere Tage folgten.“ „Tage der Freude, des Glücks und des Ruhmes,“ ſagte Willy, während ſein Blick ſinnend auf der halbvollendeten Landſchaft ruhte, die vor ihm auf der Staffelei ſtand.„Aus dem Zigeuner⸗ kinde, als welches Sie ſelbſt ſich bezeichnen, wurde eine berühmte, gefeierte Sängerin, die alle Herzen im Fluge erobert, der Jeder huldigend zu Füßen liegt?“ „Und glauben Sie, daß dieſe Huldigungen mir Freude be⸗ reiten?“ fragte Arabella mit leichtem Achſelzucken. Ich verachte die Männer, die mich zu lieben behaupten, weil meine Stimme ſie bezaubert hat, ich haſſe die, welche ſich unwiderſtehlich halten — 2 ſer Puppe zu nehmen ſchien, bildete doch dieſe mit ihrer um⸗ und in Wahrheit unausſtehlich ſind. Wer meine Liebe erringen will, der nuß zuvor mein ganzes Denken ſich zu eigen machen und vor allen Dingen ein ehrenhafter, charakterfeſter Mann in des Wortes vollſter Bedeutung ſein.“ „Daran halten Sie feſt!“ ſagte Willy raſch.„Und bedürfen Sie in dieſem Punkte jemals den Rath eines Freundes, ſo—“. „So komme ich zu Ihnen,“ fiel Arabella ihm lächelnd in die tede,„Sie und Hellmuth Waldſtern ſind die einzigen Männer, ie ich bisher achten, denen ich vertrauen lernte. Aber ich will ie nicht länger ſtören, Sie betommen Beſuch.“ Sie hatte ſich von ihrem Sitz erhoben, ihr Blick ruhte erwar⸗ tungsvoll auf der Thüre, der raſche Schritte ſich näherten. Auf der Schwelle des Ateliers erſchienen zwei junge Herren, der eine in der Uniform eines Dragoner-Offiziers, der andere in elegantem Civilanzuge, und faſt hätte man laubeu können, daß ihr Beſuch nur der Sängerin gelte, denn ohne den Maler eines Blickes zu würdigen, verbeugten ſie ſich vor der ſchönen, ge⸗ feierten Dame, und über die Lippen Arabella's glitt in dieſem Augenblick abermals jener geringſchätzende, an Verachtung ſtrei— fende Zug, der vorhin bei ihrem Urtheil über die Männer ihre Lippen umſpielt hatte. „Was man ſo lange vergeblich erſehnt, das bietet mitunter unerwartet ein glücklicher Zufall,“ ſagte der Herr in Civil, und der Ton, den er anſchlug, ließ in ihm einen jener Männer er⸗ kennen, von denen Arabella behauplet hatte, ſie hielten ſich ſelbſt für unwiderſtehlich.„Ich preiſe den Zufall, der mir endlich die Erfüllung eines Wunſches bringt— aber ich muß tauſendmal um Entſchuldigung bitten, diva Signora, ehe ich fortfahre, verlangt die Höflichkeit, daß ich mich und meinen Freund vorſtelle, „Baron Beuno von Oſthofen und Premierlieutenant Ferdinand von Falkenberg!“ Die blitzenden Augen Arabella's ſtreiften flüchtig die hohe, ſchlanke Geſtalt des Offiziers, dann heſteten ſie ſich wieder auf die Gliederpuppe, die maleriſch drapirt, von einem Sonnenſtrahl leicht berührt, in einer Ecke des Ateliers ſtand. Wäre die Sängerin zum erſten Male in dem Atelier geweſen, ſo hätte man das Intereſſe begreifen können, welches ſie an die— ſ H ( — gebung eine in der That intereſſante Gruppe, an der ein ſcharfer Beobachter reiche Studien machen konnte. Die Puppe hatte den Arm drohend erhoben, und in ihrer Hand blitzte die Klinge eines Dolches, aber das lächelnde Wachs⸗ geſicht mit den ſtarren, blauen Augen und den rothen Wangen machte dabei einen ganz komiſchen Eindruck, es paßte durchaus nicht zu der drohenden, heraus fordernden Haltung. Hinter der Puppe hingen verroſtete Waffen aus uralten Zeiten, Hellebarden, Morgenſterne und breite Ritterſchwerter, kunſtloſe Lanzen und Pfeilbogen wilder Volksſtämme, ſelbſt der Tomahawk, die Streit⸗ axt der nordamerikaniſchen Indianer, fehlte nicht in dieſer Tro⸗ vphäengruppe, deren Mitte ein Ritterſchild bildete. Und unten vor der Gliederpuppe ſtanden auf einem alter⸗ thümlichen Tiſchchen zwei hohe, mächtige Humpen neben einem großen Steinkruge, und als jetzt der Blick Arabella's dieſe ge⸗ waltigen Trinkgefäße ſtreifte, über denen die Puppe gleich einem Engel der Rache ſchwebte, glitt plötzlich wieder ein heiteres Lächeln über ihr Antlitz. „Ihr Beſuch gilt ohne Zweifel Herrn Rodenberg, dem ſoeben preisgekrönten Künſtler,“ ſagte ſie, ſich leicht verneigend,„da will ich denn nicht ſtören, auf Wiederſehen, meine Herren, im Conzert⸗ iale!“ Dieſe Antwort kam ſo ganz unerwartet, daß der Baron eine geraume Weile erſtaunt auf die Thüre blickte, hinter der die Sängerin verſchwunden war, indeß der Offizier, raſcher gefaßt, ſich zu dem Maler wandte, in deſſen Zügen er eine leiſe Schaden⸗ freude über dieſe Niederlage leſen mußte. „Ich wünſche Ihnen Glück zu dieſer Preiskrönung“ ſagte er, und es lag eine wohlthuende Herzlichkeit in dem ſonoren Klang ſeiner Stimme, wie in der biederen Offenheit, mit der er dem Maler die Hand reichte,„ich habe in der Kunſtausſtellung oft vor Ihrem Gemälde geſtanden und in dem Gemälde ſelbſt den Maler bewundert, daraus entſtand denn das Verlangen, die perſönliche Bekanntſchaft des talentvollen Künſtlers zu machen.“ Baron von Oſthofen hatte ſich jetzt auch von ſeinem Erſtaunen erholt, ein finſterer Blick voll Aerger und Groll traf aus ſeinen dunklen Augen den Maler. Signora Arabella Grimaldi hat Ihnen wohl, wenn auch mit andern Worten, daſſelbe geſagt?“ fragte er ſpöttiſch. „Signora Grimaldi iſt meine Jugendfreundin„ antwortete Willy ruhig, aber das Blut ſtieg ihm doch in die Wangen, als er ſetzt den ungläubigen Blick des Barons bemertte.„Wir waren ſchon miteinander befreundet, als ſie noch das Conſervatorium, ich die Akademie beſuchte,“ fuhr er mit ſchärferer Betonung fort, „und an dieſer Freundſchaft werden wir feſthalten in allen Zeiten. und Verhältniſſen.“ Der Baron mochte wohl die Warnung herausfinden, die nicht in dieſen Worten allein, ſondern auch in dem Blick, der ſie be⸗ gleitete lag, er ſchlug die Augen nieder und drehte an den Spitzen ſeines Schnurrbarts. „Ich bin in der Abſicht gekommen, Sie zu fragen, ob und zu welchem Preiſe Sie das preisgekrönte Bild verkaufen wollen,“ ſagte er iſ hochfahrendem Tone.„Papa unterſtützt gerne den ſtrebſamen Künſtler, er würde nicht abgeneigt ſein das Bild zu kaufen, wenn der Preis nicht gar zu hoch geſtellt id.“ Willy fühlte ſich unangenehm berührt, ihm gefiel dieſer Ton nicht, vielleicht auch hatte die Preiskrönung ſelbſt die ſtolze Zu⸗ verſicht in ihm geweckt, daß er jetzt der Unterſtützung nicht mehr bedürfe. „Eine beſtimmte Antwort kann ich Ihnen auf dieſe Frage noch nicht geben,“ erwiderte er kalt,„durch die Preisvertheilung hat der Kunſtverein das erſte Anrecht auf den Antauf meines Gemäldes erworben, alſo muß ich abwarten, ob er dieſes Recht in Anſpruch nehmen will.“ „Darüber könnten Sie ſich durch eine Anfrage ſe r bald Ge⸗ wißheit verſchaffen,“ ſagte Ferdinand von Falkenberg,„der Kunſt⸗ verein kann nicht verlangen, daß Sie warten ſollen, bis es viel⸗ leicht nach Jahr und Tag ihm gefällt, eine Entſcheidung zu treffen. Dadurch würden Ihnen die Hände gebunden—“ „Nicht doch, Herr Lieutenant,“ fiel Willy ihm in die Rede, „dieſe Entſcheidung muß auf Grund der Stagiten des Vereins binnen vier Wochen getroffen werden.“ Der Baron hatte ſein goldnes Lorgnon anf die Naſe ge⸗ klemmt, und einen prüfenden Blick auf das Gemälde geworfen, welches auf der Staffelei ſtand.. . Dieſer Sonnenuntergang ſcheint mir verjehlt. ſagte er weg⸗ werfend,„die Lichteffecten ſind zu grell— i Bild iſt noch nicht fertig!“ erwiderte Willy gemeſſen. „Das ſehe ich wohl, aber ſchon aus der Anlage muß man erkennen tönnen—“ „Entſchuldigen Sie, Herr Baron, ich gebe meine Gemälde erſt dann dem öffentlichen Urtheile preis, wenn ſie vollendet ſind.“ Mit dieſen Worten hatte Willy ein Tuch über das Bild ge⸗ breitet, der Baron biß ſich auf die Lippe und wandte ſich ärgerlich um. „Sie beſitzen wohl keine fertigen Bilder,“ fragte er. „Nur eins, aber das Urtheil, welches Sie ſo eben äußerten, läßt mich befürchten, daß es Ihnen nicht gefallen wird.“ „Bitte, ich wünſche es zu ſehen.“ Der Maler trat in das anſtoßende Zimmer, um das Gemälde zu holen. „Du zeigſt Deinen Aerger zu deutlich, Bruno,“ ſagtk Ferdinand von Falkenberg in vorwurfsvollem Tone.„Signora Grimaldi— „Bah, ſie iſt auch nichts weiter, als eine Kokette,“ erwiderte der Baron grollend. Die Stirne Ferdinand's zog ſich in Falten, das Lächeln war von ſeinen Lippen verſchwunden.„Du urtheileſt über ſie ebenſo oberflächlich, wie Du vorhin über das unfertige Vild urtheilteſt,“ ſagte er,„die Antwort des Malers war durchaus begründet.“ „Es gereicht Dir gerade nicht zur Ehre, daß Du auf ſeine Seite trittſt,“ entgegnete der Baron achſelzuckend.„Wenn ich auch ein gewiſſes Talent, ich möchte es das Talent der Mache nennen, ihm nicht abſprechen will, ſo wird es ihm doch niemals gelingen, ſeine Perſon zur Se zu bringen. Wer die Ver⸗ gangenheit dieſes Mannes kennt, wird ihm ſeine Thüre nicht öffnen, man vergibt einem Menſchen Vieles, aber man wird nie⸗ mals, ſo lange er lebt, ihm vergeben und vergeſſen, daß er nicht berechtigt iſt, den Namen ſeines Vaters zu führen.“ „Bruno!“ „Ich ſage die Wahrheit. Vielleicht weiß Signora Grimaldi nicht, daß ihr berühmter, vielgeliebter Freund ein, wie nenne ich's doch gleich— nun ja, ein Baſtard iſt!“ Willy war, ohne von den Beiden bemerkt zu werden, in das Atelier zurückgekehrt, ein dumofer Schrei entrang ſich ſeinen Lio⸗ — — — — pen, das Gemälde, welches er geholt hatte, entfiel ſeiner zittern⸗ den Hand, todesbleich ſtand er vor dem Baron, und das krampf⸗ hafte Zucken ſeiner Lippen verrieth die gewaltige Erregung, die in ſeinem Innern tobte, und die er gewaltſam zu bezwingen verſuchte. „Können Sie die Wahrheit der Behauptung, welche Sie jetzt ausgeſprochen haben, beweiſen?“ fragte er mit dumpfer Stimme. „Ah, Sie haben gelauſcht?“ erwiderte der Baron.„Hätte ich davon eine Ahnung haben können, ſo würde ich das Wort 6 nicht geſprochen haben.“ „Sie wollen mir ausweichen— „Keineswegs, ich ſehe keinen Grund dazu!“ „So fordere ich noch einmal den Beweis der Wahrheit von Ihnen!“ Der Baron von Oſthofen zuckte geringſchätzend die Achſeln. „Dieſen Beweis wird Ihre Frau Mutter beſſer liefern können, wie ich,“ ſagte er,„und wenn ich auch bedaure, daß das Wort gefallen iſt, ſo kann mich deshalb doch kein Vorwurf treffen, ich habe meinem Freunde nur dasſelbe mitgetheilt, was man in unſeren Kreiſen ſtets erwähnt, ſo oft von dem Maler des viel bewunderten Bildes die Rede iſt.“ „Sie wollten mir ja ein anderes Gemälde zeigen!“ Ferdinand hatte dieſes Gemälde vom Boden aufgehoben, er ſtand vor demſelben in Sinnen verſunken, man ſah ihm an, daß die Scene ihm peinlich war. *„Jetzt nicht,“ erwiderte Willy mit einer abwehrenden Geberde. „ſelbſt wenn es Ihnen gefiele, würde ich es Ihnen doch nicht — verkaufen.“ „Dann ollerdings iſt auch mein Urtheil überflüſſig,“ entgegn der Baron.„Wenn Sie ſpäter das preisgekrönte Vild verkar wollen, ſo haben Sie wohl die Güte, meinem Papa Ihre derung mitzutheilen, die Barone von Oſthofen haben ſete hn K Talent geachtet und unterſtützt, wo ſie es fanden, auch we nicht mit der Perſon des Künſtlers ſpr zie Ehre, mich Ihnen zu empfehlen. F 6 S hp F Willy bemerkte kaum, daß die ick feſt auf das Antliß der Tiefen ihrer Se indri er ſah auch nicht den theilnehmen Tief hrer Seele eindringen Falkenberg ſich verabſchiedete; r — — auf ſeinen Sitz vor der Staffelei niedergeſunken, den Blick ſtarr auf das Tuch geheftet, welches das unvollendete Gemälde verhüllte. Das war ein Blitz aus heit'rem Himmel geweſen, der ver⸗ nichtend auf ſein erträumtes Glück niederfuhr. Im goldnen Sonnenglanze hatte die Zukunft gleich einem duftenden Blüthengarten vor ihm gelegen,— und nun? Die Stürme des unerbittlichen Schickſals brauſten verheerend über die Blüthen hinweg, und dunkle Wolkenmaſſen umlagerten die Sonne — vor ihm lag finſtere Nacht, die ſein Blick nicht durchdringen konnte. Was galt ihm uun der Ruhm? Mußte er nicht erwarten, daß die Preisertheilung ihm zahlloſe Neider und Feinde erwer⸗ ben würde? Und war es nicht ganz unzweifelhaft, daß dieſe Neider cuf ſeine dunkle Hertunft hindeuten, den Fluch ſeiner Geburt als Waffe gegen ihn benutzen würden? O, er kannte die ſchlimmen Vorurtheile der Menſchen ſchon in ſeiner Kindheit hatte er ſie kennen gelernt, er wußte nur zu wohl, daß dieſer Fluch ſich fortan an ſeine Ferſe heftete, und daß es nutzlos war, den Kampf mit ihm aufnehmen zu wollen. Und war es denn wirklich Wahrheit, was der Baron be⸗ hauptet hatte? Konnte dieſe Behauptung nicht einer boshaften Abſicht ent⸗ ſprungen ſein? In ſeinem Beiſein hatte Arabella den Baron ge⸗ demüthigt, ſeinen Seviz, ſeine Eigenliebe tief gekränkt, und es war ein ganz natürlicher, menſchlicher Charakterzug, wenn der in ſeinem Adelsſtolze ſo empfindlich beleidigte Ariſtokrat ſeinen Haß auf den Mann warf, der ſich ſelbſt ihm gegenüber der Freund⸗ goaft der gefeierten Sängerin rühmte. Und doch— war es öfſglich oder denkbar, daß ein Baron von Oſthofen eine ſo bos⸗ mae Lüge erfunden haben ſollte, einzig und allein aus niedriger beroſucht? jin tiefer—fzer entrang ſich der beklommenen Bruſt des „IF ſage die Wu ſchweifte unſtät, gleich dem Blick eines nicht, daß ihr berühmter, vd blieb eine Weile auf der Glieder⸗ doch gleich— nun ja, ein B Willy war, ohne von den die nur ſeine Mutter ihm geben Atelier zurückgekehrt, ein dumyf' be Willy erhob ſich, langſam ſchritt er durch das anſtoßende Ge⸗ mach in das gemeinſame Wohnzimmer. Es war ein recht freundliches und wenn auch einfach, ſo doch geſchmackvoll ausgeſtattetes Gemach, welches auf Jeden, der es betrat, einen wohlthuenden Eindruck machte. Und dieſer Eindruck wurde erhöht durch die ſchöne ſtattliche Erſcheinung der Frau Magdalena Rodenberg, in der man eben⸗ wohl eine ältere Schweſter, wie die Mutter des Malers hätte erblicken können. Hatte ſie auch das vierzigſte Lebensjahr ſchon überſchritten and waren auch die Kämpfe und Stürme einer bewegten und an bitteren Erfahrungen reichen Vergangenheit nicht ſo ganz ſpurlos an ihr vorübergegangen, ſo durfte man ſie doch noch immer eine chöne Erſcheinung nennen, eine jener Erſcheinungen, in deren Nähe man ſich wohl fühlen muß, weil der Zauber würdevoller Hohheit und eines nnerſchütterlichen Seelenfriedens ſie umgibt und von ihnen ausgeht. Aber heute ſcheuchte das freundliche Lächeln der Mutter nicht die finſteren Schatten von der ſonſt ſo heitern Stirne des Sohnes, elbſt der Kuß, den ſie auf ſeine Stirne drückte, konnte ihm die Heiterkeit nicht zurückgeben. „Hat man Dir die freudige Botſchaft noch nicht gebracht?“ ragte ſie zärtlich, während ſie ſeine Hand erfaßte und ihn neben ſich auf den Divan niederzog.„Du haſt den erſten Preis er⸗ halten—“ „Ich weiß es ſchon,“ ßiel Willy ihr ungeduldig in's Wort, „Arabella theilte es mir mit.“ „Und dennoch ſo ernſt und verſtimmt? Man wird Dich uim dieſen Erfolg beneiden—“ „Eben das verſtimmt mich!“ „Ich begreife Dich nicht, Willy! Soll der Gedanke an dieſen Reid Dir die Freude verbittern? Ihm kann Niemand entgehen, den das Glück begünſtigt.“ Der junge Mann ſtrich mit der Hand über die hohe Stirne, dann heftete er den forſchenden Blick feſt auf das Antlitz der Mutter, er ſchien in die geheimſten Tiefen ihrer Seele eindringen zu wollen. — 1 „Wirſt Du mir nicht zürnen, wenn ich eine Frage an Dich richte, die Du vielleicht indiscret findeſt?“ ſagte er tief auf⸗ athmend. Frau Magdalena ſah ihn betroffen an, ſo ernſt hatte ſie ihren Sohn nie geſehen. „Das kommt auf die Frage ſelbſt an,“ erwiderte ſie. „Es iſt nur die eine: Trage ich den Namen meines oder Deines Vaters?“ Todesbläſſe überzog das Antlitz der Mutter, voll Angſt und Beſtürzung ruhte ihr ſtarrer Blick auf dem Sohne, in deſſen Zügen eine düſtere Entſchloſſenheit ſich ſpiegelte. Wie kommſt Du auf dieſe Frage?“ erwiderte ſie mit zittern der Stimme. „Ich muß Dich bitten, mir eine offene Antwort darauf zu geben.“ „Du mußt das? Aus welchem Grunde? „Man hat mich Baſtard genannt,“ ſagte Willy, den Blick ab⸗ wendend,„ſoll ich, darf ich ſchweigen zu dieſem Schimpf?“ „Und wer hat Dir dieſen Schimpf angethan?“ „Ein Baron von Oſthofen!“ Ein leiſer Schrei entfuhr den Lippen der Frau Magdalena. War es ein Schrei der Ueberraſchung oder der Entrüſtung? „Baron von Oſthofen! widerholte ſie leiſe.„Was führte Dich mit ihm zuſammen?“ „Er war vorhin bei mir, um mich zu fragen, ob ich ihm mein Gemälde verkaufen wolle, er traf Fräulein Grimaldi in meinem Atelier, die kurze Abfertigung, die ſie ſeiner faden Schmeichelei zu Theil werden ließ, empörte ihn, und im Zorne darüber hat er. wie es mir ſchien, abſichtlich das Wort geſprochen, welches mich ſo tief verwunden ſollte.“ Frau Magdalena rang noch immer nach Faſſung und Ruhe. „Und Du glaubſt ihm?“ fragte ſie. „Ich habe den Beweis der Wahrheit gefordert—“ „Er konnte ihn Dir nicht geben,“ erwiderte die Mutter raſch, „er am wenigſten. Mir allein mußt Du vertrauen, blick zurück in Dein ganzes vergangenes Leben und ſage mir, ob Du irgend etwas findeſt, ſei es in meinem Lebenswandel oder in Deiner Er⸗ ziehung, was mir zum Vorwurfe gereichen könnte! — „Nein, nein, aber ich habe oft darüber nachdenken müſſen, woher es wohl komme, daß Du mir niemals von meinem Vater erzählt haſt!“ „Was iſt da zu erzählen! Er hat mich kurz nach Deiner Ge⸗ burt verlaſſen und— aber ich bitte Dich, Willy, wozu dieſe trüben Gedanken? Der heutige Tag iſt ein Freudentag für Dich—“ „Auch Du weichſt mir aus,“ unterbrach der junge Mann ſie erbittert.„Wo ſoll ich Gewißheit finden, wenn Du ſie mir ver⸗ weigerſt? Ich hatte nie eine Ahnung davon, daß ein ſolcher Fluch auf mir ruhen könne, jetzt aber wird mir Manches klar, was bisher mir dunkel blieb. Ich erinnere mich jetzt manches Achſelzuckens, mancher verletzenden Zurückſetzung deren Bedeutung ich nicht erforſchen konnte, ich konnte nur vermuthen, daß ich mir erſt dann volle Achtung und Gleichberechtigung mit den höheren Ständen verſchaffen würde, wenn ich mir einen berühmten Namen erworben habe. Und nun ich im Begriffe ſtehe, die Leiter des Ruhmes hinanzuſteigen, ſtößt der erſte Ariſtokrat, der mir begegnet, mich rauh hinunter mit dem höhniſchen Bemerken, ich ſei nicht berechtigt, nach einem ſolchen Ziele zu ſtreben. Und hinter ihm ſteht das ſchroffe Vorurtheil der ganzen Menſchheit, ich bin zu ſchwach, den Kampf mit dieſer Macht aufzunehmen.“ „Dir zur Seite ſteht Dein Talent—“ „Und glaubſt Du wirklich, dieſes Talent gebe mir eine wirk⸗ ſame Waffe? Wenn die Schmach einer unehelichen Geburt auf meinem Namen ruht, Mutter, dann—“ „Willy, Du beleidigſt mich!“ rief Frau Magdalena, die jetzt ihre Faſſung wiedergefunden hatte.„Was ich über Deinen Vater Dir mittheilen durfte, das habe ich Dir geſagt, mehr zu erfahren, ſollſt Du nicht verlangen, und wenn ein böſer Menſch Dich läſtert, ſo denke an jenen griechiſchen Weiſen Ariſtippus: Du kannſt ſchimpfen, das hängt von Dir ab— daß mein Ruf aber ein guter iſt, das hängt von mir ab.“ „Und iſt das die einzige Erwiderung, die Du mir geben tannſt auf meine Frage?“ erwiderte der Maler mit wachſender Erbitterung.„Nun, dann mögen Alle über mich herfallen, ich rann ihnen nicht wehren.“ „Den böſen Zungen kann überhaupt Niemand wehren,“ ſagte die Mutter„und jeder gu“⸗ Menſch wird Dir ſeine Achtung nicht verſagen. Was willſt Du wiſſen? Laſſe die Vergangenheit ruhen und ſtöre den Frieden nicht, den ich ſo mühſam mir errungen habe. Selbſt iſt der Mann, ob er nun in der Hütte, oder im Grafenſchloſſe geboren iſt, danach ſoll und darf Niemand frager, ſeine Thaten müſſen für ihn zeugen!“ „Ja, wenn dieſer Grundſatz allgemein gälte! Wenn ich bis⸗ her meiner Vergangenheit gedachte, ſo zeigte ſie mir nur freund⸗ liche Bilder,“ fuhr Willy fort, indem er, wie in Sinnen verloren, das Haupt auf den Arm ſtützte,„Bilder, auf denen das geiſtige Auge mit Wohlgefallen ruhte. Ich verkenne die Liebe und Sorg⸗ falt nicht, mit der Du meine Schritte geleitet und mich erzogen haſt, ich werde Dir dafür danken bis über das Grab hinaus. Manchmal meine ich mich einer noch ferneren Zeit zu entſinnen, in der eine andere Frau von mir Mutter genannt wurde, aber dieſe Erinnerung iſt zu dnnkel, als daß ich ſie feſthalten könnte.“ „Jene Frau war Deine Pflegemutter!“ ſchaltete Frau Magda⸗ lena ein.„Ihr vertraute ich Dich an, als die Verhältniſſe mich zwangen, in der Fremde ein Unterkommen für mich zu ſuchen. Eo waren für mich furchtbare Jahre, aber ich ertrug die Schick⸗ ſalsſchtäge geduldig, auf eine beſſere Zeit hoffend, und die Hoff⸗ nung hat mich nicht betrogen.“ „So weit meine Erinnerung reicht, warſt Du an meiner Seite, und Deine Liebe ließ mich den Vater nicht vermiſſen. Jetzt aber entſinne ich mich auch wieder, daß meine Schulkameraden ſich mir fern hielten, und daß es mir niemals gelingen wollte, Freunde unter ihnen zu erwerben.“ „Iſt Hellmuth Waldſtern nicht Dein Freund?“ „Ihn lernte ich erſt ſpäter kennen, gleiches Streben beſeelte uns, unſere Charaktere und Anſchauungen harmonirten mitein⸗ ander, und ſein ſtets ſchlagfertiger Humor ergänzte meinen Ernſt. So fanden und verbanden wir uns raſch, und Arabella wurde in unſerm Bunde die Dritte.“ „Und glaubſt Du denn, die böſen Zungen urtheilten nicht auch ganz anders über Deine Freundſchaft zu der gefeierten Sängerin?“ „Was wollen ſie darüber ſagen? Arabella Grimaldi iſt ohne Makel; kein Schatten fällt auf ihren Lebenswandel, kein Mann kann ſich rühmen, jemals mehr als einen freundlichen Blick von ————— —— — 15 ihr erhalten zu haben. Das weiß die ganze Stadt, und ins⸗ beſondere wiſſen es Diejenigen, die ihr näher zu treten verſuchten. Ich bin gewiß kein Freund ihrer Mutter, im Gegentheil, die alte Frau gefällt mir gauz und gar nicht, aber das muß ich ihr zum Lobe nachſagen, daß ſie mit gewiſſenhafter Treue die Unſchuld und Ehre ihrer Tochter bewacht.“ „Ich will das Alles ja zugeben und Deinem Urtheile über Arabella gern beipflichten, aber wenn tückiſche Bosheit einen Menſchen ſteinigen will, ſo findet ſie überall Steine genug.“ „Gewiß, nur fragt es ſich dabei, ob ſie ihre Berechtigung zu ſolcher Steinigung beweiſen kann, oder nicht. Für mich begann, wie mir das erſt jetzt klar wird, die Steinigung ſchon in der Schule. Man ließ mich meinen Weg gehen, weil man vielleicht nicht den Muth hatte, mir offen entgegen zu treten, aber Keinem meiner Kameraden fiel es ein, mir eine freundſchaftliche Theil— nahme zu zeigen. Ich weiß es noch ſehr gut, daß ei er dieſer Knaben, der eine Käferſammlung beſaß, einen ſeltenen Käfer zu erhalten wünſchte, und daß ich, um dieſen Wunſch zu erfüllen und in der Hoffnung, mir dadurch einen Freund zu erwerben, mit raſtloſem Eifer die Büſche durchſtreifte, bis es mir gelungen war, den Käfer zu finden. Und was war der Lohn für meine Mühe? Der Knabe ſah mich erſtaunt an und ſagte mir, er nehme von Anderen kein Geſchenk an, aber er ſei bereit, mir einige Groſchen für das Thier zu zahlen. Ich konnte mir die Urſache dieſes verletzenden Benehmens nicht erklären, aber ich zertrat den Käfer vor ſeinen Augen und wandte ihm ſchweigend den Rücken, ſeitdem haben wir nie wieder ein Wort miteinander geſprochen.“ Frau Magdalena ſchüttelte den Kopf, als ob ſie ihre Miß⸗ billigung ausdrücken wolle, und dabei ſtreifte ihr Blick verſtohlen das bleiche, finſtre Geſicht des Sohnes. „Vielleicht wurde durch dieſe Zurückſetzungen die Schule mir verleidet,“ fuhr Willy fort,„und nun begann eine andere Aera für mich. Ich erinnere mich noch des Tages, an dem der wun⸗ derliche Maler, dieſes verkommene Genie, die Wohnung in unſerm Hauſe bezog. Robert Auerbach war damals ſchon ein Vagabund, aber er beſaß ein unlengbares Talent und das gereichte mir zum Segen. Auch er wäre ohne Zweifel ein berühmter und geachteter Künſtler geworden, wenn nicht auch auf ihm der Fluch der Paria — 16— geruht hätte. Sein Vater war im Zuchthauſe geſtorben, und geint Mutter hatte im Delirium des Sauferwahnſinns auf der Straße geendet,— was konnte er dafür? Auf ihn fiel der Fluch zuruck, den Sohn ſolcher Eltern duldete man in der Geſellſchaft nicht, man ſtieß ihn aus, und wurde er, was er geworden iſt, ein genialer Vagabund. Und doch, wie oft ſaß ich ihm gegenüber und lauſchte mit fieberhafter Spannung ſeinen intereſſanten Mit⸗ heilungen, und wie oft, wenn er der Verachtung, die er gegen die geſammte Menſchheit im Herzen trug, in ſeiner derben Weiſe Luft machte, ſagte ich mir, ſo ſchlimm, wie er ſie ſchildere, könnten die Menſchen nimmermehr ſein!. Und nun werde ich's an mir felbſt erfahren,— ſchon der Gedanke daran iſt entſetzlich!“ Frau Magdalena legte ihre Händ auf die Schulter des Sohnes, und Thränen ſchimmerten in ihren Augen. „So darfſt Du nicht reden und nicht denken,“ ſagte ſie mit bewegter Stimme,„ich ſage Dir noch einmal, ſelbſt iſt der Mann, und wer Dich verachtet, den verachte wieder. Wer ſich eine hohe, evorzugte Stellung erringen will, der muß ſich darauf gefaßt nachen, auf dieſem Pfade Dornen und Steine zu finden, der Kampf um's Daſein wird Keinem leicht gemacht. Wenn Robert Auerbach behauptet, die Geſellſchaft habe ihn der Sünden ſeiner Eitern wegen ausgeſtoßen, ſo iſt das auch nichts weiter, als eine Entſchuldigung, mit der er ſeine Verirrungen rechtfertigen will. Der ernſte, ſtrebſame Mann erzwingt ſich die Anerkennung, die man ihm verſagen will, und das wirſt Du auch thun. Was ich gelitten und erduldet habe Deinetwegen, das kann ich mit Worten nicht ſchildern, ich hab's getragen, hab's vergeben und vergeſſen, nun reiße Du die alten, vernarbten Wunden nicht wieder auf, raube mir die Ruhe nicht, die ich ſo theuer mir erkauft habe.“ Willy hatte das Haupt erhoben, ein halb trauriger, halb trotziger Zug umzuckte die feſt aufeinander gepreßten Lippen. Trage ich den Namen meines Vaters 2“ fragte er. „Nein,“ erwiderte die Mutter, tief aufſeufzend,„Verhältniſſe, die ich vielleicht ſpäter einmal Dir berichten werde, zwangen mich, Dir meinen eignen Namen zu geben.“ „So bin ich alſo—“ „Sprich das Wort nicht aus!“ fiel Frau Magdalena dem leidenſchaftlich aufwallenden Jüngling in die Rede:„Du biſt mein V 5* 3— Sohn und den Namen, den Du trägſt, haſt Du berühmt gemacht.“ „Und der Name meines Vaters?“ „Heute nenne ich ihn Dir nicht, meine Gründe, die mich zwingen, ihn zu verſchweigen, ſollſt Du ſpäter erfahren.“ Willy trocknete mit ſeinem Taſchentuche die Stirne, auf der große Schweißtropfen perlten, hoch aufgerichtet ſtand er ſeiner Mutter gegenüber, und in dem Blick, den er ihr zuwarf, lag ein herber Vorwurf. „Du mußt das wiſſen,“ ſagte er mit mühſam erzwungener Ruhe,„ich kann Dich nicht zwingen, meine Fragen mit aufrich⸗ tiger Offenheit zu beantworten, und ſo bleibt mir nichts übrig, als allen Hohn und Schimpf über mich ergehen zu laſſen. Die Folgen, die daraus entſtehen, ſind nicht vorauszuſehen.“ Er kehrte nach dieſen Worten in ſein Atelier zurück, und als er die Thüre deſſelben öffnete, fiel ſein Blick auf einen jungen Mann, der mit Blick ihm entgegen kam. „Ich dachte ſchon, Du ſeieſt nicht Daheim,“ ſagte der F Fremde kleine, unterſetzte Geſtalt, aus deſſen blitzenden Augen Lebens⸗ luſt und Humor leuchteten,„und es wäre Dir auch wirklich verzeihen geweſen, wenn Du in der erſten Freude über den groß⸗ artigen Erfolg Dich in irgend einer Weinſchenke hinter duftenden Rüdesheimer feſtgeſetzt hätteſt. Na, Glück zu, Brudexherz— Aber was iſt Dir denn begegnet?“ fuhr er überraſ ſcht fort, ols er jetzt die finſtre Miene des Freundes bemerkte.„Siehſt Du Geſpenſter am hellen Tage?“ „Für Deinen Glückwunſch danke ich Dir, Hellmuth,“ erwiderte Willy,„aber ich bin heute nicht in der Laune, zu ſcherzen.“ „Nicht? Und ich möchte aus Freude über die Auszeichnung, die Du erhalten haſt, Alles entzwei ſchlagen! Bei Dir ſcheint ſich allerdings die Freude in anderer zu äußern. 30) will nicht hoffen, daß ſie Dir den Verſtand— „Sie iſt mir getrübt worden!“ unterbrach der Maler ihn, wehmüthig das Pin ſchüttelnd.„Mit uns Beiden wird es nun auch wohl aus ſein.“ „So?“ fragte Hellmuth gedehnt, während er den Freund zweifelnd anblickte.„Du ſprichſt da ein großes Wort ſehr ge laſſen aus, willſt Du mir den Fehdehandſchuh vor die Füße werfen?“ Der Baſtard. 2 —e „Ich will nur eine Frage an Dich richten, würdeſt Du einem Baſtard Deine Freundſchaft ſchenken?“ Hellmuth konnte ſein Befremden über dieſe Frage nicht ver⸗ bergen, aber im nächſten Augenblicke lachte er laut auf. „Welcher Vogel hat Dir das vorgeſungen?“ fragte er ironiſch „Du weißt alſo ſchon, daß ich—“ „Bruderherz, mache Dir darum keine Sorgen! Was kümmert's mich, wem Du Dein Daſein verdankſt, mir genügt's, daß Du uberhaupt da biſt und mich Deiner Freundſchaft werth hältſt, die Freundſchaft eines edlen Menſchen ehrt Denjenigen, der ſich ihrer erfreuen darf. Da haſt Du meine Hand, Willy, wir wollen Freunde bleiben auf Tod und Leben. Und jetzt ſende Deinen Farbenreiber oder einen andern dienſtbaren Geiſt hinaus und laſſe dieſen Apoſtel mit edlem Gerſtenſaft füllen, auf daß wir mit unſern Ritterhumpen anſtoßen können auf Deine Preiskrönung und unſere Freundſchaft!“ Hellmuth hatte bei den letzten Worten den großen Krug er⸗ griffen, und unwillkürlich lächelnd, nahm Willy aus der Hand des Freundes, um dem Verlangen des Letzteren nachzugeben. „So haſt Du das Alles ſchon gewußt?“ fragte er, als er die Magd mit dem Kruge fortgeſchickt hatte.„Dann muß es ja Stadtbekannt ſein—“ „Halt— keine voreiligen Schlüſſe gezogen! Stadtbekannt iſt es nicht, und was ich weiß, das erfuhr ich von einer alten Frau, die inzwiſchen das Zeitliche geſegnet hat.“ „So weißt Du auch, wer mein Vater iſt?“ „Keine Idee,“ erwiderte Hellmuth achſelzuckend.„Es intereſ⸗ firt mich auch nicht im Entfernteſten. Aber wer hat Dir das Liedchen vorgeſungen?“ „Baron von Oſthofen war vorhin bei mir— „Der alte Majoratsherr?“ „Nein, ſein Sohn.“ „So? Dieſer Windbeutel? Der ſollte vor ſeiner eigenen Thur kehren!“ „Und meine Mutter weicht auch meinen Fragen aus.“ „Das iſt ſehr vernünftig von ihr,“ nickte Hellmuth„und Du ſollſt Deiner Mutter keine Vorwürfe machen! Ob ſie unn ſelbſt gefehlt, oder ob ſie verführt und betrogen wurde, was A —b kummert es Dich! Gehe Du energiſch Deinen Weg und laß Dich nicht beirren durch das Gerede boshafter Menſchen, die über die Splitter in den Augen Anderer richten, aber den Balken im eigenen Auge nicht ſehen.“ „Wie leicht das Alles geſagt iſt!“ erwiderte Willy, während er langſam auf und ab wanderte.„Der Fluch der Geburt wird auf mir ruhen bleiben, ſo lange ich lebe, er wird meine ſchönſten Vorſätze durchkreuzen—“ „Ach was, wer wird ſo ſchwarz in die Zukunft blicken! Wenn Dich der Muth verlaſſen will, ſo flüchte zu Deinen Freunden, zu Deiner Mutter, zu Arabella und zu mir, wir werden Dir ſchon den Kopf wieder zurechtſetzen. Ja, wenn ich ſtets auf das Ge⸗ ſchwätz der Menſchen hätte hören wollen, dann arbeitete ich getroſt noch im Atelier meines pedantiſchen Lehrmeiſters. Der gute Mann konnte und wollte es nicht billigen, daß ich von den althergebrachten Formen abwich und neue ſchuf, wenn er auch zugeben mußte, daß dieſe neuen gefälliger, edler und eleganter waren. Hellmuth Waldſtern, ſagte er eines Tages zu mir, Du wirſt nie ein Meiſter in der Bildhauerkunſt werden, ich erlebe es noch, daß Du als verkommenes Genie wie der Maler Auerbach die Werkſtätten Deiner Freunde unſicher machſt und von der Barmherzigkeit Anderer lebſt! Ich aber habe ihm in's Geſicht gelacht und jetzt iſt er längſt anderer Meinung geworden. Man muß den Menſchen zeigen, daß man auf ſeinen eigenen Füßen ſeſtſteht, nur dadurch imponirt man ihnen! Her mit dem Krug und nun fort mit allen Grillen und Sorgen!“ Willy ſchüttelte mit gedankenvoller Miene das Haupt, während Fein Freund die Humpen füllte. „Ich muß die Wahrheit erfahren,“ ſagte er,„erſt dann wird es wieder ruhig in meinem Innern werden. Meine Mutter darum zu bitten, wäre vergebliche Mühe, und die alten Wunden möchte ich auch nicht wieder anfreißen, ich werde den Baron zur Rede ſtellen!“ „„Und was erreichſt Du dadurch?“ fragte Hellmuth achſel⸗ zuckend.„Neuen Hohn, beißende Bemerkungen, die Dir die Galle in's Blut treiben. Laß' das, geh' über die Sache hinweg, wie man über ſo manches Unangenehme im Leben hinweggehen muß, wenn's einmal nicht zu ändern iſt.“ 2* 20 „Würdeſt Dn das an meiner Stelle wirklich thun?“ „Natürlich! Der Aerger macht den Menſchen gallig und ver⸗ biſſen, ich könnte mich auch über Vieles ärgern, zum Beiſpiel über den Herrn Friedrich Wortmann, den Verwalter des Barons von Oſthofen, der ſeine kleine Tochter hütet wie ſeinen Augapfel und den armen Bildhauer— ah, bah, ich erzähle Dir das ſpäter einmal, jetzt wollen wir anſtoßen und den Humpen leeren auf Deinen glänzenden Sieg! Vivat sequens, Bruderherz?“ Mechaniſch ergriff Willy den vollen Humpen, wie geiſtesabweſend ſchweifte ſein Blick hinaus in weite, weite Fernen, als ob er die Zukunft ergründen wolle, und tief aufathmend ſtieß er mit dem Freunde an, der mit heiterem Lächeln ihm zunickte. 2. Kapitel. Geheimniſſe des Ballaſtes. Wenn man die Stadt, deren Schauplatz unſere Erzählung bildet, auf der ſüdlichen Seite verläßt und die lange mit ele⸗ ganten Villen und geſchmackvollen Gärten geſchmückte Vorſtadt durchſchritten hat, gelangt man nach einer halbſtündigen Wande⸗ rung an die alte Linden⸗Allee, die zum Schloſſe der Familie von Oſthofen führt. In dem gefälligen Style der edelſten Renaiſſance erbaut, liegt dieſes Schloß inmitten eines parkartigen Gartens, der mit ſeinen Statnen und Springbrunnen, ſeinen ſchattigen Voskets und duf⸗ tenden Blumenbeeten einen entzückenden Anblick bietet. Der dunkle ſchattige Park im Hintergrunde mit den mächtigen Wipfeln hundertjähriger Buchen, und die Oekonomiegebäude ſeit⸗ wärts mit dem freundlichen Wohnhauſe des Verwalters, dahinter die ſaſtig grünen Wieſen und wohlbeſtellten Felder us denen hie und da eine Gruppe breitäſtiger Obſtbäume ſich erhebt und in der Ferne die blaue Gebirgskette, das Alles vercinigt ſich in ung — ungeſtörter Harmonie zu einem lieblich idylliſchen Landſchaftsbilde, deſſen Vordergrund das Schloß mit ſeinen Gärten bildet. Und in der hellen, freundlichen Erkerſtube dieſes Schloſſes war an dieſem Vormittage die Familie des Majoratsherrn von Oſthofen verſammelt. Baron Bruno von Oſthofen lag mit vornehmer Läſſigkeit in einem Fauteuil und blickte mit der Gleichgültigkeit eines Menſchen, der ſich mit nichts Beſſerem zu beſchäftigen weiß, den blauen Rauchwölkchen nach, die langſam zu der hohen Decke des Gemachs emporſchwebten. Auf dem mit rother Seide überzogenen Divan ſaßen zwei Damen, Baroneſſe Adelaide von Oſthofen, und die Couſine Bruno's, Klara von Oſthofen, während Baron Udo von Oſthofen, der Majoratsherr und das Haupt der Familie, am Fenſter ſtand und gedankenvoll auf den Garten hinunterſchaute, den der Früh⸗ ling mit ſeinen erſten Blüthen reich geſchmückt hatte. . Baroneſſe Adelaide war eine ſtattliche Dame, eine Erſcheinung voll Hoheit und Würde, aber der ſchmerzlich⸗wehmüthige Zug, der § ihre Lippen ſtets umſpielte, ließ errathen, daß ihr vergangenes Leben ein tiefer Kummer durchzogen hatte. Von dem ganzen Zauber jugendlichen Liebreizes unfloſſen er⸗ ſchien Klara neben ihr, wie eine halberſchloſſene Knospe neben der vollen, aufgeblühten Roſe. In ihren tiefblauen Anugen ſpie⸗ gelte ſich noch die reine, unſchuldvolle Seele des Kindes, deſſen Weg bisher auf Blüthenpfaden durch das Leben führte. Heiter und ſorglos blickten dieſe ſchönen Augen in die Welt hinein, und wer in ihre unergründlichen Tiefen hineinſchaute, der fand in ihnen Herzenstreue und Edelmuth und ein inniges, ſin⸗ niges Gemüth, das ſich für alles Hohe, Schöne und Gute be⸗ geiſterte. Der Majoratsherr war in mancher Beziehung das Ebenbild ſeines Sohnes. Sein Körperbau war nur etwas kräftiger, die Haltung, die den einſtigen Offizier erkennen ließ, ſtrammer, Haar und Schnurrbart zeigten eine hellere Färbung, und der Ausdruck der fein geſchnittenen, ariſtokratiſchen Züge war ernſter, er zeugte ebenfalls von herben Erfahrungen, von ſorgenreichen Tagen, der niederdrückende Laſt er wohl gemeinſam mit ſeiner Gattin ge⸗ tragen hatte. — 22 5 In dem Geſpräch war eine Pauſe eingetreten, und als der Majoratsherr nun das Schweigen wieder brach, hefteten ſich die Blicke aller Anweſenden voll geſpannter Erwartung auf ihn. „Es muß ſein, Adelaide,“ ſagte er,„ich bin dieſe Mitthei⸗ lungen unſerer Klara, der Tochter meines Bruders ſchuldig. Es kann ja nicht ausbleiben, daß das, was ich ihr jetzt berichten will, einſt von anderer Seite ihr mitgetheilt wird, und wer weiß, mit welchen Zuſätzen und Entſtellungen es dann geſchieht. Ueber⸗ dies iſt es noch immer keine feſtſtehende Thatſache, daß mein Bruder Edmund, der eigentliche Majoratsherr von Oſthofen, nicht mehr unter den Lebenden weilt.“ „Ich glaube, daran darf wohl nicht mehr gezweifelt werden udo,“ ſchaltete die Baroneſſe ein, während Bruno den Vater be⸗ troffen anblickte.„Seit dem Ableben Deines Vaters haſt Du alljährlich in allen Zeitungen den verſchollenen Bruder aufge⸗ fordert, in die Heimath zurückzukehren und das Majorat zu übernehmen, Du haſt alle Conſuln in den fremden Welttheilen gebeten, dem Verſchollenen nachzuforſchen, aber alle Schritte blieben erfolglos.“ „Und glaubſt Du daraus den Schluß ziehen zu dürfen, daß . Edmund das Zeitliche geſegnet haben muß?“ fragte der Majo⸗ rathsherr mit ernſter Ruhe.„Gewiß nicht, Adelaide, dieſe Schlußfolgerung wäre übereilt. Meine Aufforderung iſt vielleicht bis zur Stunde noch nicht in ſeine Hände gekommen, ein Zufall, oder nennen wir es beſſer das Walten der Vorſehung, kann ihm plötzlich Kenntniß davon geben, und dann wird er nicht ziget. 3 dieſer Aufforderung Folge zu leiſten.— Aber die Kinder ver⸗ ſtehen uns nicht,“ unterbrach er ſich ſelbſt,„und ich glaube, es wäre längſt meine Pflicht geweſen, ſie von den vergangenen Er⸗ eigniſſen in unſerer Familie zu unterrichten,— möge es denn jetzt geſchehen.“ „Wenn die Erinnerung an dieſe Ereigniſſe Dir ſchmerzlich iſt, lieber Onkel, dann bitte ich, ſie nicht zu wecken,“ ſagte Klara, „ich will ja gerne darauf verzichten.“ Ein leiſer Aerger ſpiegelte ſich in dem Blick, den Bruno ſeiner ſchönen Couſine zuwarf, er war nicht geneigt, auf die Be⸗ friedigung ſeiner Neugier Verzicht zu leiſten. „Wir waren zwei Söhne, Edmund und ich,“ begann Baron — 25 ido ruhig,„und ich will ſofort vorausſchicken, daß wir Brüder enander ſtets fern geſtanden haben. Die Mutter hatten wir rüh verloren, und unſer Vater kümmerte ſich gerade nicht ſon⸗ erlich um unſere erſte Erziehung. Der Hofmeiſter, der dieſe Er⸗ ziehung leitete, war eine ſelbſtſüchtige Natur; er ſuchte und ver⸗ tand es, meinen Bruder, den künftigen Majoratsherrn, eng an ſich zu feſſeln, offenbar in der zuverſichtlichen Hoffnung, dadurch ſich felbſt eine ſorgenfreie Zukunft zu ſichern. Und ſchlug ſpäter dieſe Hoffnung ihm fehl, ſo war das ſeine eigne Schuld, die Schuld ſeiner Erziehungsmethode, die Edmund auf jenen Weg bringen mußte, auf dem er das Glück ſeines Lebens verſcherzte. Ich hatte raſch die Abſichten des Hofmeiſters durchſchaut und konnte meine Abneigung gegen ihn nicht überwinden, ſo blieb ich ihm und dadurch auch meinem Bruder fern, der ſeinerſeits nichts that, das Band brüderlicher Liebe feſter zu knüpfen. Mein Vater war ein ſcharfer Beobachter, er entdeckte bald den innern Zwie⸗ ſpalt, und hätte er den Hofmeiſter entlaſſen, ſo wäre Alles beſſer geworden. Aber der Schleicher hatte ſich zu feſt in die Gunſt des alten Herrn eingeniſtet, und ſo mußte ich denn das Feld räumen. Ich wurde in eine ziemlich weit entfernte Stadt ge⸗ ſchickt, dort ſollte ich das Gymnaſium beſuchen; einem Vetter meincs Vaters, einem alten penſionirten Oberſt, war meine Ueber⸗ wachung und fernere Erziehung anvertraut. Der alte Herr mochte ein wackerer Haudegen geweſen ſein, aber mit ſeiner mili⸗ täriſchen Strenge richtete er bei mir wenig oder gar nichts aus, und die Berichte, die er über mich nach Oſthofen ſchickte, mögen wohl nicht immer glänzend geweſen ſein.“ „Udo!“ ſagte die Baroneſſe in warnendem Tone. Ein heiteres Lächeln umſpielte die Lippen des Majoratsherrn, während er ſeine Gattin fragend anblickte. „Weshalb ſoll ich das leugnen?“ erwiderte er.„Ich habe die Ehre meines Namens und das Wappen meiner Väter ſtets rein erhalten, aber wenn's einen luſtigen Knabenſtreich galt, dann ſchloß ich mich nicht aus, und ſpäter auf der Univerſität war Ude Hon Oſthofen ein flotter Bruder Studio. Verzeihe mir, wenn ich mich da etwas burſchikos ausgedrückt habe, die Erinne⸗ rung an meine Studienzeit hat mich dazu verleitet. Wber ich walte jn en niht von mir, fondern von Edmund reden. Seit⸗ — 4 dem ich das väterliche Schloß verlaſſen hatte, ſah ich ihn nur einmal flüchtig wieder, war dieſe Seltenheit einer Begegnung Abſicht oder Verhängniß, ich weiß es heute noch nicht. Kam ich nach Oſthofen, ſo war Edmund mit ſeinem Hofmeiſter auf Reiſen, und die Stadt, in der ich lebte, berührte mein Bruder niemals. Ich darf wohl annehmen, daß dies das Werk des Hofmeiſters war, der uur zu wohl wußte, wie ſehr ich ihn verachtete. Später trat ich in die Armee ein, wurde Offizier, heirathete ſehr früh und kam erſt dann wieder nach Oſthofen, als Edmund bereits Europa verlaſſen hatte. Selbſt auf meiner Hochzeit fehlte mein Bruder, Du wirſt Dich noch erinnern, Adelaide, mit welchen nich⸗ tigen Gründen er ſich brieflich entſchuldigte.“ „Und Dein guter Vater war empört darüber,“ erwiderte die Baroneſſe. „Der Bruch war damals ſchon erfolgt, und der trotzige Eigenſinn Edmund's geſtattete nicht, die Kluft zu überbrücken, die zwiſchen ihm und ſeinem Vater lag. Dank der Erziehungs⸗ methode des Hofmeiſters hatte Edmund ſchon früh einen Weg betreten, der zum Ruin führen mußte. Er war in eine Geſell⸗ ſchaft hineingerathen, in der er nichts Gutes lernen konnte, und zu ſchwach der Verſuchung zu widerſtehen, vergeudete er im Spiel ſo bedeutende Summen, daß unſer Vater ihm endlich ein kate⸗ goriſches Halt! zurufen mußte. Vielleicht mag die Art und Weiſe, in der es that, auch nicht die richtige geweſen ſein, ſo daß durch dieſes Halt der Trotz geweckt wurde, in keinem Falle konute aber unter den obwaltenden Verhältniſſen das Zerwürfniß ausbleiben Es thut mir weh, Klara, daß ich das Alles Dir ſagen muß, aber es iſt beſſer, daß ich es Dir mittheile, als daß Andere es Dir berichten, die es mit weniger Schonung thun würden.“ „Manches wußte ich ſchon aus Andeutungen, die der Ver⸗ walter mitunter mir gab,“ erwiderte Klara, auf deren Stirne eine leichte Falte ſich zeigte. „Dazu hatte Wortmann durchaus keine Berechtigung,“ ſagte Bruno unwillig,„was gehen denn ihn die inneren Angelegen⸗ heiten unſerer Familie an?“ „Wortmann iſt ſeit dreißig Jahren in unſern Dienſten,“ ent⸗ gegnete der Majoratsherr ruhig,„er hat in dieſem langen Zeit⸗ raume Manches erlebt, und ein alter Diener betrachtet die Inte⸗ reſſen ſeiner Herrſchaft als ſeine eignen Intereſſen. Hat er nur Andeutungen gemacht, ſo kann man ihm das hingehen laſſen. Aber laßt mich zu meinem Thema zurücktehren. Mein Vater hatte für den künftigen Erben des Majorats die Gattin bereits gewählt, und wenn Edmund nur in dieſem Punkte ein gehor⸗ ſamer Sohn geweſen wäre, ſo würde er durch ſeinen Gehorſam volle Verzeihung erhalten haben. Aber auch hier trat er dem Willen des Vaters entgegen, auch er hatte eine Wahl getroffen und war es auf der einen Seite ehrenvoll, daß er ſein Wort nicht brechen wollte, ſo mußte es auf der andern Seite un⸗ klug genannt werden, daß er ſo ſchroff und trotzig auftrat. Hätte er ernſte Reue gezeigt und um Verſöhnung gebeten, ſo würde der alte Herr endlich doch nachgegeben haben, denn war auch Deine Mutter, Klara, unbemittelt, ſo ſtand ihre Familie doch im Range der unſerigen gleich, und kein Makel ruhte auf ihrem Namen. Zwei harte Steine mahlen niemals gut, und die Barone von Oſthofeu haben alle von ihren Altvordern den trotzigen Sinn und den unbeugſamen Willen geerbt. Der Trotz Edmunds er⸗ bitterte den Vater, die Kluft wurde immer tiefer und weiter, Niemand bot ſeine Vermittlung, die wohl auch von keiner Seite angenommen worden wäre, und ſo ſchieden Vater und Sohn von⸗ einander, ohne vielleicht zu ahnen, daß es ein Abſchied auf Nimmer⸗ wiederſehen war. Edmund führte ohne die Einwilligung und den Segen ſeines Vaters die Braut heim, und ich will dabei nicht verſchweigen, daß er jene verderdliche Bahn des Leichtſinns ver⸗ laſſen hatte, daß er ein Andrer geworden war.“ „Die Liebe meiner Mutter hatte ihn auf den beſſern Weg zurückgeführt,“ ſagte Klara leiſe, die der Arm der Baroneſſe leicht umſchlungen hielt. „Du haſt Recht,“ fuhr Baron Udo fort„und im Laufe der Zeit würde wohl auch die Verſöhnung zwiſchen Vater und Sohn erfolgt ſein, wenn nicht ein anderes, unerwartetes Ereigniß in das Glück und den Frieden des jungen Ehepaares ſo tief ein⸗ geſchnitten hätte. Dié früheren Zech⸗ und Spielgenoſſen Edmunds konnten ihm nicht verzeihen, daß er ihnen den Rücken gewandt hatte, und da er allen Verlockungen männlich widerſtand, ſo ver⸗ ſuchten ſie anderes Mittel, ſich an ihm zu rächen. Die Gelegenheit dazu fand ſich bald. Unter jenen ehemaligen Genoſſen befand ſich ——— —— ein Menſch, dem nichts heilig war, ein Raufbold, dem Jeder aus dem Wege ging, ſo lange die Verhältniſſe es geſtatteten. Einer verarmten adligen Familie entſproſſen, lebte er von der Gnade ſeiner Verwandten und von dem, was er im Spiel gewann; ar⸗ beiten wollte er nicht, und in die Armee konnte er nicht eintreten, kein Offiziercorps würde ihn aufgenommen haben. Dieſer Burſche wußte keine andere Rache zu nehmen, als daß er öffentlich im Beiſein Edmunds die Ehre Deiner Mutter in Zweifel zog. Die Folge dieſer Beleidigung war eine Herausforderung. Edmund konnte nicht anders, er mußte dieſen Weg wählen, um die tief⸗ gekränkte Ehre ſeiner geliebten Gattin zu vertheidigen. Und in dieſem Duell hatte Edmund das Unglück ſeinen Gegner zu tödten.“ „Eutſetzlich!“ flüſterte Klara erſchüttert. „Edmund flüchtete, er wäre beſſer geblieben, ein Jahr Feſtungs⸗ haft ließ ſich ertragen, dann war die Schuld geſühnt für alle Zeiten. Er zog die Flucht vor, und auf dieſer Flucht kam er noch einmal in das Schloß ſeines Vaters. Der alte Herr war auf der Jagd, dem Flüchtling fehlten die Mittel, die Reiſe fort⸗ zuſetzen, er nahm ſie aus der Kaſſe ſeines Vaters, die Zeit drängte, er durfte die Heimkehr des alten Mannes nicht abwarten. Und von dieſer Stunde war er verſchollen.“ „Man hat nie wieder etwas von ihm gehört?“ fragte Bruno, tief aufathmend, als ob ihm eine ſchwere Laſt von der Seele genommen ſei. „Nie,“ erwiderte der Majoratsherr.„Kein Brief traf von ihm ein, in keiner Zeitung fanden wir jemals eine Notiz über ihn und Niemand gab uns Nachricht. Wir haben uns ſpäter, nachdem einige Jahre verſtrichen waren, alle Mühe gegeben, ſeinen Aufenthaltsort zu erforſchen, aber die Mühe war vergeblich.“ „Und meine Mutter?“ fragte Klara erwartungsvoll. „Sofort nach jenem Ereigniß ſchrieb mein Vater mir. Er bat mich, meinen Abſchied zu nehmen und fortan bei ihm zu wohnen, ich konnte die Erfüllung dieſer Bitte ihm nicht verweigern.“ „Hätten wir es nicht gethan,“ ſeufzte die Baroneſſe, auf deren blaſſen Wangen eine Thräne langſam niederrann.„Ich war damals nicht damit einverſtanden, und wären wir in der Reſidenz geblieben, ſo hätten wir unſere Cäcilie, das theure, heißgeliebte Kind, nicht verloren.“ Baron Udo wiegte gedankenvoll das Haupt. „Unſer Leben ſteht in Gottes Hand,“ und jedem Menſchen⸗ leben iſt das Ziel feſtgeſetzt, daran läßt ſich nichts ändern.“ „Frlaube, Papa, darin bin ich nicht Deiner Meinung,“ warf Bruno ein, aber der ernſte, verweiſende Blick des Vaters, bewog ihn, ſeine eigene Meinung nicht auszuſprecheu. „Jeder mag darüber ſeine eigene Anſicht haben,“ erwiderte der Majoratsherr in entſchiedenem Tone,„ich halte feſt an der meinigen, und es wäre verlorene Mühe, ſie erſchüttern zu wollen. Wir kamen alſo hieher und fanden den Vater tief gebeugt. Er hat ſich nie wieder von dem furchtbaren Schickſalsſchlage ganz erholt. Und nicht lange darauf ſtarb Deine Mutter, bald nach⸗ dem ſie Dir das Leben gegeben hatte, Klara; ich reiſte zur Be⸗ erdigung hin, und brachte bei meiner Heimkehr Dich mit.“ „Und alle die Liebe, die ich hier gefunden habe, möge Gott Euch vergelten,“ ſagte Klara tief bewegt, während ſie ſich an die Baroneſſe anſchmiegte und dem Onkel einen Blick voll tiefgefühl⸗ ten Dankes zuwarf. Auf den jungen Herrn ſchien dieſe Scene nicht den geringſten Eindruck zu machen, glitt doch gerade jetzt ein ſpöttiſches Lächeln flüchtig über ſein Antlitz. „Und wenn nun Alles geſchehen und erſchöpft iſt, um den Verſchollenen ausfindig zu machen, ſo hat doch die Beſorgniß, daß er zurückkehren könnte, jetzt keine Berechtigung mehr,“ ſagte er, während er die erloſchene Cigarre wieder anzündete, und ſich behaglich in den Seſſel zurücklehnte. „Du nennſt das Beſorgniß?“ fragte Baron Udo vorwurfs⸗ voll.„Ich bin in jeder Stunde bereit, den rechtsmäßigen Majo⸗ ratsheurn in ſeine Rechte einzuſetzen, und ſo lange ich nicht die volle Gewißheit habe, daß Edmund wirklich das Zeitliche geſegnet hat, betrachte ich mich hier nur als den Verwalter meines Bru⸗ ders. Das iſt meine Pflicht, die ich erfüllen werde bis zu meinem letzten Athemzuge.“ „Aber wenn Alles geſchehen iſt, was geſchehen konnte, dann kann Dir Niemand den Vorwurf machen, Du habeſt Deine Pflicht nicht erfüllt!“ Und macht das eigene Gewiſſen ihn mir, ſo iſt das ſchiimmer als enn die ganze Welt ihn mir machte!“ erwiderte der Majorals— 0 8 herr, ſich hochaufrichtend, und ein flammender Blitz zuckte aue ſeinen Augen, ein Wetterleuchten, das den nahenden Sturm an⸗ kündigte. „Ich will Dir darin gewiß nicht entgegentreten“, ſagte die Baroneſſe in ihrer ſauften ſchüchternen Weiſe, die den noch immer nagenden Seelenſchmerz erkennen ließ,„aber ich meine auch, es ſei nun genug geſchehen, und ſelbſt Dein Gewiſſen könne Dir nicht den leiſeſten Vorwurf machen, wenn Du mit dem, was Du gethan haſt, Dich begnügen wollteſt.“ „Und wollte ich es auch, ich dürfte es nicht, Adelaide, das Teſtament meines Vaters verpflichtet mich ja, zwanzig Jahre hin⸗ durch alljährlich eine öffentliche Aufforderung in den geleſenſten Zeitungen Europa's und Amerika's zu erlaſſen. Erſt wenn aud die letzte dieſer Aufforderungen reſultatlos geblieben iſt, darf ich mich rechtlich und geſetzlich als den Majoratsherrn von Oſthofen betrachten.“ Bruno machte eine Bewegung der Ungeduld, ihm gefiel offenbar dieſes zähe Feſthalten an den Beſtimmungen des Teſtaments nicht, aber er kannte auch den ehrenhaften Charakter ſeines Vaters zu genau, um nicht zu wiſſen, daß jeder Proteſt dagegen fruchtlos ſein würde. „So ſtehen wir alſo gewiſſermaßen auf einem Vulkane, deſſen Ausbruch ſtündlich erfolgen kann“, ſagte er, die Brauen leicht zuſammienziehend,„und die Mühe und Arbeit ſo vieler Jahre wäre dann vergeblich geweſen.“ „Den Lohn für dieſe Mühe und Arbeit ſnche ich dann in dem Bewußtſein, meine Pflicht erfüllt zu haben,“ entgegnete Baron Udo.„Und damit ſei es genug! Die Mittheilungen, die ich Euch machen wollte, habe ich gemacht, ich möchte nichts mehr hinzu⸗ fügen. Was aber Deinen leiſen Vorwurf betrifft, Adelaide, ſo bitte ich Dich nach einmal, endlich dieſen trüben Gedanken zu entſagen und die bekümmerte Seele auſzurichten an dem alten, fromme Ergebung hauchenden Spruch: Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn ſei gelobt!“ Die Baroneſſe wiegte ablehnend das Haupt, und wieder ſchimmerten Thränen in ihren Augen, die flehend auf den Gatten gerichtet waren. „Ich kann dieſen Zweifeln nicht gebieten, Udo,“ ſagte ſie mit Ah Ki bewegter Stimme,„ich muß ihnen immer und immer wieder Raum geben, ſo oſt Du mich auch darauf aufmerkſam machen magſt, daß ſie thöricht und unbegründet ſeien. Und glaube auch nicht, daß ich dieſe furchtbare Selbſtanklage vergeſſen könne, die ich damals ſofort mir machte und die ſeitdem in ſo mancher ſchlaf⸗ los durchwachten Nacht meine Seele gemartert hat. Forderte ich nicht den Haß und die Rachſucht der Wärterin heraus? Trieb ich ſie nicht zu der That, wenn überhaupt—“ „Adelaide, dieſe Selbſtanklage iſt— ich will nicht gerade ſagen, eine Thorheit, nein, ſie iſt noch mehr als das“, unterbrach der Majoratsherr ſeine Gattin, auf der die Blicke Klara's und Bruno's voll Vefremden ruhten.„Iſt denn die Thatſache feſt⸗ geſtellt? Kann das Kind nicht in einer Weiſe verunglückt ſein, 1 daß die Wärterin nur der Vorwurf der Unachtſamkeit, nicht aber der einer Rache trifft? Jenes Weib hatte ein reizbares Tem⸗ varament, es iſt wahr, und Deine nervöſe Aufregung—“ „Mildere meine Schuld nicht!“ ſagte die Baroneſſe raſch. „Ich war heftig, leidenſchaftlich aufbrauſend, und ich hatte der Frau ein großes Unrecht angethan, ich wollte ſie mit Schimpf und Schande entlaſſen, eines kleinen Verſehens wegen, welches kaum der Rede werth war. Ich werde niemals den glühenden Blick vergeſſen, mit dem ſie in jener Stunde mich anſah. Eine Ahnung beſchlich mich, daß ſie für dieſe Beleidigung an unſeren Kindern Rache nehmen werde, und im erſten Augenblick faßte ich den Vorſatz, ihr die Kinder nicht mehr anzuvertrauen. Hätte ich an dieſem Vorſatz feſtgehalten! Ich ließ ihn fallen, weil ich dachte, es ſei kindiſch, auf Ahnungen ein Gewicht zu legen, und weil ich glaubte, die Frau werde nicht wagen, Rache zu nehmen. Aber als einige Tage ſpäter Cäcilia ſammt ihrer Wärterin ver⸗ ſchwunden war und wir endlich nach langem, langem Suchen Mantel und Hütchen des Kindes draußen am Ufer des Waldſec's fanden, da erinnerte ich mich ſofort jener Ahnung wieder.“ „Und Du glaubſt, die Wärterin habe mit dem Kinde den Tod in jenem See geſucht und gefunden?“ fragte Klara tief erſchüttert. „Was da zu glauben iſt, kann Niemand wiſſen, Niemand mit Sicherheit behaupten,“ ſagte Baron Udo, wie aus einem Traum erwachend.„Das Kind kann am Ufer des See's geſpielt haben und verunglückt ſein, und die Wärterin hatte nicht den Muth, — die Hiobspoſt zu bringen, ſie fürchtete, wir würden ſie ver⸗ autwortlich machen, die Angſt trieb ſie von dannen. „Ich gebe auch dieſe Möglichkeit zu“ erwiderte die Baroneſſe „aber es gibt noch eine dritte Möglichkeit, die man ebenfalls be⸗ rückſichtigen muß. Der See iſt viele Wochen hindurch Tag für Tag durchſucht worden, man hat die kleine Leiche nicht gefunden. Tritt da der Gedanke nicht nahe, daß die Wärterin mit dem Kinde geflüchtet ſein könne?“ „Das Mutterherz klammert ſich an Hoffnungen, ſo lange es noch hoffen zu dürfen glaubt,“ antwortete der Majoratsherr, deſſen hohe Stirne trübe Schatten umwölkten,„Du darfſt nur nicht vergeſſen, Adelaide, daß jener See nicht trocken gelegt werden kann, und daß er an vielen Stellen zu tief iſt, um bis auf den Grund durchſucht werden zu können. Und geſetzt, die Frau ſei aus niedriger Rachſucht wirklich mit dem Kinde in die weite Welt gegangen, es wäre ihr doch bald zur Laſt gefallen, und nicht das allein, Eigennutz und Habſucht würden im Laufe der Jahre ſie bewogen haben, uns dieſe Laſt unter gewiſſen Bedingungen zurück⸗ zugeben. Ich habe damals weder Mühe noch Koſten geſcheut, der Frau nachzuforſchen, man hat keine Spur von ihr entdeckt.“ „Aber auch ihre Leiche nicht gefunden!“ „Weil dort, wo ſie liegt, der See zu tief iſt.“ „Das gibt mir keine Gewißheit, und eben deshalb halte ich feſt an meinen Zweifeln,“ ſagte die Baroneſſe.„Meine arme, theure Cäcilia!“ „Mit dieſen Zweifeln quälſt Du Dich ſelbſt, Mama,“ nahm Bruno das Wort,„es iſt wohl mit Sicherheit anzunehmen, daß die Behauptung Papa's richtig iſt. Die Zurückgezogenheit, in der Du Dein Leben verbringſt, nährt dieſe Zweifel, Du ſollteſt für Dein krankes Gemäth Zerſtreuung ſuchen, dann würde es bald geneſen. Ich wollte Dich ſchon längſt bitten, mich in den Conzert⸗ ſaal zu begleiten, am muſikaliſchen Horizont iſt ein neuer Stern aufgeſtiegen, er würde auch Dich entzücken.“ „Arabella Grimaldi?“ ſagte Klara in fragendem Tone. „Du haſt ſie ſchon gehört?“ erwiderte Bruno. „Was ich über ſie weiß, erfuhr ich durch die Berichte in den Zettungen.“ Nan Ge dina erlö Fulk er O zu er 31— „Man behauptet, ſie übertreſfe Henriette Sonntag. Es liegt ein wunderbarer Zauber in ihrer Stimme.“ „So hoffe ich, daß dieſer Zauber Dich nicht berücken wird,“ ſagte der Majoratsherr ernſt,„und daß Du ſtets bedenkſt, welch⸗ Rückſichten ein Baron von Oſthofen der fleckenloſen Ehre ſeines Namens ſchuldet. Für den Bürgerlichen mag's hingehen, aber für den Edelmann iſt es eine Schmach, an dem Triumphwagen einer Sängerin oder einer Komödiantin zu ziehen, das vergiß nicht.“ „In dieſer Beziehung darfſt Du ganz unbeſorgt ſein,“ er⸗ widerte Bruno in leichtfertig ſcherzendem Tone,“ Signora Gri⸗ maldi iſt unnahbar und das Schloß dieſes modernen Dorn⸗ röschens hütet ein alter Drache in Geſtalt ihrer Mutter.“ „Bruno, vergiß nicht, daß augenblicklich Damen in Deiner Geſellſchaft ſind,“ ſagte die Baroneſſe verweiſend. „Pardon, liebe Mama, ich wollte nur Papa beruhigen. Fer⸗ dinand von Falkenberg ſchwärmt für das Dorncöschen, aber ich fürchte, auch er iſt nicht berufen, ſie von dem Zauberbann zu erlöſen.“ Baron Udo hatte die Brauen zuſammen gezogen. „Ich liebe dieſe frivole Redensarten nicht,„wenn Herr von Falkenberg die Rückſichten auf ſeinen Stand ſo ſehr vergißt, daß er einer Sängerin den Hof macht, ſo bedaure ich ihn, und für Dich liegt dann wahrlich kein Grund vor, ihn zu beneiden.“ „Aber das Alles könnte Mama nicht hindern, die Sängerin zu hören,“ erwiderte Bruno, der jedem Wortſtreit über Meinungs⸗ verſchiedenheiten gerne auswich, da er aus Erfahrung wußte, daß er in einem ſolchen Streit ſtets den Kürzeren zog,„ſie würde in einem ſolchen Conzerte wirklich—“ „Gieb Dir keine Mühe, mich zu überreden,“ bat die Baroneſſe ablehnend,„ſeit dem Verluſte meines Kindes habe ich mich in ſolchen Kreiſen nicht mehr bewegt, ich würde mich nicht wohl in ihnen fühlen.“ „Dann möchte ich Dir einen Beſuch der Kunſtausſtellung vorſchlagen! Da fällt mir ein, Klara, der Maler der ſchönen Landſchaft, die Du ſo oft bewundert haſt, hat den erſten Preis erhalten.“„ In den Augen Klara's leuchtete es freudig auf. 30 2— So hat diesmal das wahre Verdienſt die wohl erworbene Krone erhalten,“ ſagte ſie,„ich wünſche dem talentvollen Maler „Wie heißt der Maler?“ fragte Baron Udo. „Willy Rodenberg.“ Der Majoratsherr trat raſch an das Erkerfenſter und blickte eine Weile ſchweigend hinaus, irgend etwas unten im Garten ſchien ſeine Aufmerkſamkeit plötzlich geweckt zu haben. „Ich war ſofort nach der Preisvertheilung bei ihm,“ fuhr Bruno fort, während er mit dem ſeidenen Tuche die Gläſer des goldenen Lorgnons abrieb,„ich wollte das Gemälde kaufen, aber er wußte nicht, was er dafür fordern ſollte. Wenn ſolchen aus niederm Stande emporgekommenen Menſchen plötlich eine gebratene Taube in den Mund fliegt, dann verlangen ſie auch ſofort ein goldenes Beſteck dazu, gerade als ob ſie gewohnt ſeien, nur aus Schüſſeln von gediegenem Golde zu ſpeiſen.“ „Er ſoll noch jung ſein,“ ſagte Klara ſinnend; die boshafte Bemerkung ihres Vetters ſchien ſie nicht einmal gehört zu haben. „Nicht viel älter, wie ich!“ „Um ſo beſſer für ihn und auch für uns, ſein reiches Talent wird gewiß noch manches Meiſterwerk ſchaffen.“ „Vorausgeſetzt, daß dieſes Talent nicht an Selbſtüberſchätzung zu Grunde geht?“ Das wäre jammerſchade. Haſt Du Grund, es zu fürchten?“ Bruno klemmte das Lorgnon auf die Naſe und lächelte ſpöttiſch. „Intereſſirſt Du Dich ſo ſehr für ihn?“ fragte er. „Ich intereſſire mich für jeden gottbegabten Menſchen, der in Wiſſenſchaft, Kunſt oder Dichtung Vorzügliches leiſtet,“ antwortete Klara mit würdevollem Ernſt,„und ich meine, das müſſe jeder Gebildete thun.“ Abee dann muß doch der Gelehrte, Künſtler oder Dichter ſelbſt ein vorzüglicher Menſch ſein!“ „Von Schwächen und Fehlern iſt kein Menſch frei.“ „So meinte ich das nicht, ich wollte damit ſagen, es dürfe kein Makel auf ſeinen Namen ruhen“ Klara ſah den jungen Herrn befremdet an, ſie verſtand den Sinn ſeiner Worte nicht. — en „Und welcher Makel ſollte auf dem Namen dieſes Malers ruhen?“ fragte ſie. „Der Makel der Geburt.“ „Das verſtehe ich nicht.“ „Er führt den Namen ſeiner Mutter.“ „Bruno!“ rief die Baroneſſe empört, indeß die glühende Röthe der beleidigten Scham die Wangen Klara's übergoß. Der Majoratsherr wandte ſich langſam um, auch aus ſeinen blitzenden Augen traf ein Blick der Entrüſtung den jungen Herrn, der abermals vergeſſen zu haben ſchien, daß er ſich in Damen⸗ geſellſchaft befand. „Du haſt die unpaſſenden Worte geſprochen, ehe ich es ver⸗ hindern konnte,“ ſagte er in ſtrengem Tone,„mehr aber als dieſe Worte betrüben mich die Geſinnungen, die ſie verrathen. Iſt ein ſolcher Menſch auch nicht gleichberechtigt mit uns, ſo iſt doch ihm kein directer Vorwurf zu machen, wie Du es thun willft.“ „Und nicht Herkunft und Geburt, ſondern Thaten und Geſinnungen adeln den Menſchen,“ fügte Klara mit leiſem Groll hinzu,„wie das Werk den Meiſter loben muß. Willy Rodenberg, der Schöpfer des preisgekrönten Meiſterwerks, mag ſein, wer er will, jedenfalls iſt er einer jener gottbegnadeten Menſchen, zu denen wir voll Ehrfurcht und Bewunderung hinaufblicken müſſen, ſie tragen den Geiſtesadel des Genies auf der Stirne.“ Sie hatte, während ſie das ſagte, ſich raſch erhoben, und betroffen blickte Bruno ihr nach, als ſie jetzt, ohne eine Erwi⸗ derung abzuwarten, das Gemach verließ. „Wie konnteſt Du nur mit ſolchen Worten das Zartgefühl Klara's ſo tief verletzen?“ ſagte die Baronin vorwurfsvoll. „Man ſoll jedes Wort bedenken, ehe man es ausſpricht—“ „Ich muß abermals um Verzeihung bitten, liebe Mama,“ unterbrach Bruno ſie in leichtfertigem Tone,„aber Klara zeigte ein ſo warmes Intereſſe, daß ich den Illuſionen, denen ſie ſich über dieſen— wie ſagte ſie doch?— gottbegnadeten Menſchen hingab, ein Ende machen zu müſſen glaubte.“ „Und ärgerte es Dich wirklich ſo ſehr, daß ſie ſich ſo warm für ihn intereſſirte?“ fragte Baron Udo. Nun, das gerade nicht, aber ich fand dieſes Intereſſe dem Der Baſtard. 3 — 3 Range Klara's nicht angemeſſen. Ich liebe die Künſtler ſchon deshalb aicht, weil ſie mit edler Unverſchämtheit ſich in Kreiſe eindrängen, in die ſie nicht hineinpaſſen. Jeder ſoll in ſeiner Sphäre bleiben, es iſt ſchon unangenehm genug, daß de. Adel dem Golde ſeine Salons öffnen muß.“ „Muß er das, wie viel mehr iſt der Künſtler berechtigt, dem Adel ſich zur Seite zu ſtellen! Ich ſage das uur im Allgemeinen, denn zwiſchen Künſtler und Künſtler iſt immerhin noch eine Gränze zu ziehen, und ich gebe Dir darin Recht, daß wir einem Manne auf dem der Matel der Geburt ruht, unſere Kreiſe nicht öffnen dürfen. Aber muß man das ſo geradezu mit dürren Worten ausſprechen? Der gebildete Mann ſagt es nicht, er läßt die be⸗ treffende Perſon nur fühlen, daß ſie auf Gleichberechtigung keinen Anſpruch erheben darf, und erſt dann, wenn ſie das nicht ver⸗ ſtehen will, hat man ein Recht, ihr die Thüre zu zeigen. Im Uebrigen muß man dem Talente dieſes Malers alle Anerkennung zollen, und ich wäre nicht abgeneigt, ihm einige Gemälde für meine Gallerie zu beſtellen.“ „Damit wäre ihm dann hier Thor und Thür geöffnet!“ er⸗ widerte Bruno ſpottend, und auch er verließ jetzt in ſichtbarer Verſtimmung das Gemach. Die Baronin ſchüttelte ernſt das Haupt und ein Seufzer entfuhr ihren Lippen. „Ich fürchte, er hat kein Herz, Udo!“ ſagte ſie leiſe.„Schonungs⸗ los richtet und urtheilt er über Andere, das Mitgefühl fehlt ihm.“ Der Majoratsherr mochte wohl denſelben Gedanken gehegt haben, er nickte leiſe und ſtrich mit der Hand über die Augen. „Bruno iſt noch jung,“ erwiderte er,„ich wünſche ihm nicht, daß er die Erfahrungen machen müßte, die wir gemacht haben, aber heilſam wären ſie ihm jedenfalls. Noch iſt er auf glatten Bahnen durch das Leben gewandert, auch ihm werden die Dornen nicht ausbleiben, es gibt ja kein vollkommenes, ungetrübtes Glück hienieden!“ „Und Klara?“ fragte die Baronin beſorgt.„Wenn unſer Wunſch ſich erfüllen ſoll, wenn—* Er muß in Erfüllung gehen,“ fuhr Baron Udo haſtig fort, „wir dürfen auf dieſes Projekt nicht verzichten. Und was ſollte ver Ausführung deſſelben auch entgegenſtehen? Bruno und Klara ſo darer ufzer ngs⸗ m.“ eheg ugen. nicht, eben tten rnen üc nſer fort, ollte Aara 35— werden Beide die getroffene Wahl billigen, und zeigt ſich auch jetzt noch in ihren Anſichten mitunter eine kleine Verſchiedenheit, ſo wird ſich das vorausſichtlich bald ausgleichen. Und wie es bei Edmund der Fall war, ſo wird auch hier die Liebe Klara's der gute Engel Bruno's werden, darauf vertraue ich und deshalb bin ich unbeſorgt.“ Er hatte das im Tone feſter Ueberzeugung geſprochen, aber die Baronin ſchien ſeine Zuverſicht nicht zu theilen, wenigſtens ließ das der ernſte, nachdenkliche Ausdruck ihres bleichen Geſichtes wermuthen. „Ich habe ſie Beide beobachtet,“ ſagte ſie,„und ich habe bis jetzt noch in keinem dieſer beiden Menſchenherzen nur die leiſeſte Regung erwachender Liebe entdeckt.“ „Wenn ſie erſt wiſſen, daß ſie bis an ihr Ende Hand in Hand gemeinſam durch das Leben wandern ſollen, dann wird auch die Liebe erwachen,“ tröſtete der Majoratsherr. „Und wenn nun das Gegentheil einträte?7“ „Das fürchte ich nicht.“ „Und dennoch könnte es der Fall ſein. Dann verſprich mir Eins, Udo, laß' ſie ihren Weg gehen, ſelbſt wenn dieſe Wege ſich trennen ſollten!“ Der Majoratsherr ſtand in Nachdenken verſunken; es mußte ihm unſäglich ſchwer fallen, ſich mit dem Gedanken zu befreunden, daß ſein Projekt ſcheitern könne. „Die Angelegenheit iſt von größerer Wichtigkeit, wie Du glaubſt,“ ſagte er nach einer Pauſe und ſeine Stimme klang nicht mehr ſo zuverſichtlich, wie vorher. Ich mag mich dagegen ſträuben, wie ich will, immer wieder ſteigt die Ahnung in mir auf, daß Edmund eines Tages heimkehren und das Erbe ſeiner Väter zurückfordern wird. Es bleibt dann vollſtändig ihm überlaſſen, in welcher Weiſe er mich abfinden will, das Teſtament enthält darüber keine Beſtimmung—“ „Er muß Dir eine Jahresrente ausſetzen!“ „Er wird das auch ohne Zweifel thun, und für uns Beide, die wir wenig bedürfen, würde das wohl hinreichen, wie aber würde die Zukunft Bruno's ſich geſtalten?“ „Fällt das Majoratsrecht nicht ihm zu, wenn Dein Bruder 4 3* — 35 ohne männliche Nachkommen zu hinterlaſſen, ſtirbt?“ fragte die Baronin. „Allerdings, aber können wir wiſſen, ob Edmund drüben nicht wieder gehetrathet hat und ob aus einer ſolchen Ehe teine Sohne—“ „Aber weshalb willſt Du mit ſolchen Gedanten Dich quälen, Udo? Darüber nachzudenken, wäre immer nech früh genng, wenn Dein Bruder zurückgetehrt iſt.“ „Nicht doch!“ ſagte der Majoratsherr in ernſtem Tone,„denten wir jetzt daran, damit die Ereigniſſe uns nicht überraſchen. Wenn Bruno der Gatte Klara's iſt, ſo wird dadurch vielleicht mein Bruder ſich beſtimmen laſſen, ihm das Majorat zu übertragen, muß er uns doch Dank wiſſen dafür, daß wir uns ſeines hülf— loſen, verlaſſenen Kindes angenommen haben. Glaube mir, Adelaide, es widerſtrebt mir ſelbſt, alſo rechnen zu müſſen, aber ich habe dabei nur die Zutunft meines Sohnes im Auge.“ „Ich will das ja durchaus nicht vertennen,“ erwiderte die Baronin, und ein warmer Strahl traf ihn dabei aus ihren noch En immer feuchten Augen,„aber trotz alledem komme ich noch einmal in auf meine Bitte zurück, die ich vorhin ausgeſprochen habe. Er⸗ di zwingen kann man Liebe nicht, und eine Ehe ohne Liebe kann N niemals eine glückliche werden. Magſt Du auch meine Anſchauung m bürgerlich nennen, magſt Du auch ſagen, in unſerm Stande ſei es Sitte, daß die Eltern für ihre Kinder wählten, ich halte 1 dennoch an meiner Anſicht feſt. Willſt Du mir das Verſprechen i geben?“ „Aber darüber können wir ja ſpäter ſprechen!“— „Es würde mich beruhigen.“ Baron Udo kam nicht dazu, eine Antwort zu geben, denn„ eben wurde die Thür geöffnet und ein Diener meldete den Maler d Willy Rodenbeig. Betroffen blickte der Majoratsherr ſeine Gattin an. „Wie tomme ich zu dieſer Ehre?“ fragle er. „Bruno war ja bei ihm, er wollte das Gemälde kaufen.“ „Ach ja, es iſt wahr,“ ſagte Baron Udo, mit der Hand üve die Stirne ſtreichend,„führe ihn in mein Kabinet, ich werde ſo⸗ gleich erſcheinen.“ —— — 3 Die letzten Worte galten dem Diener, der ſich augenblicklich zurückzog. „Wie bleich Du biſt!“ ſagte die Baronin beſorgt. Der Majoratsherr trat vor den Spiegel. „Es iſt weiter nichts, als die Folgen der Aufregung“, er⸗ widerte er, einen heiteren Ton anſchlagend, dann ging er raſch hinaus. 3. Kapitel. Der Adel der Zrbeit. Baron Udo ſchritt eben durch den Corridor, um ſich in das Empfangszimmer zu begeben, als ihm Klara begegnete. Sie trug in der Hand eine elegante Taſche, in welcher die Briefe für die Familie von Oſthofen von der Poſt geholt wurden, und der Majoratsherr konnte es nicht unterlaſſen, den Inhalt dieſer Taſche mit einem raſchen Blick zu muſtern. „Der Maler, für den Du Dich ſo ſehr intereſſirſt, iſt in Deiner Rähe,“ ſagte er in ſcherzendem„er erwartet mich im Empfangszimmer.“ „Und der Zweck dieſes unerwarteten Beſuches?“ fragte Klara überraſcht. „Ich kenne ihn ſelbſt noch nicht, aber 36 denke mir, er wird mir ſein Gemälde anbieten wollen, Bruno ſagte ja, er habe nach dem Preiſe deſſelben gefragt.“ „Es wäre reizend, wenn Du es erwerben könnteſt,“ ſagte Klara, dem Onkel einen bittenden Blick zuwerfend,„dieſes wun⸗ dervolle Bild würde eine Perle Deiner Gemäldegallerie ſein.“ Baron Udo ſchwieg, ſein Blick ruhte ſtarr auf der Adreſſe eines Briefes, den er unter den übrigen gefunden hatte. „Liegt Melbourne nicht in Auſtralien?“ fragte er nach einer Weile. 90 „Kolonie Victoria!“ erwiderte Klara. Der Majoratsherr blickte auf, wie Einer, der aus einem ver⸗ worrenen Traum erwacht und legte raſch die Briefe in die Taſche. „Ich kann den Maler jetzt nicht empfangen,“ ſagte er,„drin⸗ gende Geſchäfte halten mich ab, und ich bin auch nicht in der Stimmung dazu, wo iſt Bruno?“ „Vor einigen Minuten iſt er fortgeritten!“ „Jatal! Er hätte mich vertreten können— „Willſt Du mir erlauben, den Maler zu empfangen, ſo wird es mir zum Vergnügen gereichen,“ ſagte Klara noch immer in dem unbefangenen, heiteren Tone, ſie hatte ja keine Ahnung von der fieberhaften Erregung, welche die Scele des Barons durch⸗ tobte.„Ich werde, wenn Du es wünſcheſt, das Geſchäft mit ihm abſchließen—“ „Damit hat's noch Zeit,“ erwiderte Baron Udo raſch,„will er das Gemälde verkaufen, ſo kann er ja in den nächſten Tagen noch einmal vorſprechen, oder er mag ſeine Forderung nennen, ich werde ihm dann meine Entſcheidung mittheilen. Es wäre unartig, wollten wir ihn durch einen Diener abweiſen laſſen, nach⸗ dem ich erſt kurz vorher ſeinen Beſuch angenommen habe. Du kannſt ihm ſagen, es ſei mein Wunſch, einige Gemälde von ſeiner Hand zu erwerben, über das Nähere würde ich ſpäter Rückſprache mit ihm nehmen.“ Er hatte das Alles in fliegender Haſt geſagt und entfernte ſich jetzt ſo eilig, daß Klara keine Zeit fand, noch eine Frage an ihn zu richten. Sie dachte auch nicht lange darüber nach, welche Geſchäfte, die er ſelbſt als dringende bezeichnete, ſo plötzlich ihn in Anſpruch nehmen konnte, mit heiterer, lächelnder Miene trat ſie in das Empfangszimmer, in welchem Willy mit mühſam bezwungener Erregung nicht ſic, noch den Majoratsherrn, ſondern den Baron Bruno erwartete. 3 „Mein Onkel hat mich beauftragt, ihn zu entſchuldigen,“ ſagte Klara, nachdem die ceremoniellen Begrüßungen gewechſelt waren, „er wer ſchon auf dem Wege hierher, als unaufſchiebbare Ge⸗ 7. ſchäfte ihn ganz unerwartet abriefen. Er hat mich gebeten, Sie zu fragen, was uns die Ehre dieſes Beſuchs verſchaffte, denn eine beſondere Ehre dürfen wir es wohl mit Recht nennen, wenn ein berühmter Künſtler unſer Haus betritt.“ eSie lud den Maler durch einen Wink ein, ſich in einem Fau⸗ teuil nieder zu laſſen, aber Willy ſchien dieſen Wink nicht be⸗ merkt zu haben, voll hoher Bewunderung ruhte ſein Blick auf der liebreizenden Erſcheinung, und Klara ſenkte leicht erröthend die Wimpern, als ſie dieſem Blick begegnete. „Ich wünſche mit dem Herrn Baron von Oſthofen zu reden,“ erwiderte er. „Baron Bruno iſt vorhin ausgeritten, und den Zeitpunkt ſeiner Rückkehr kann ich nicht genau beſtimmen. Er theilte uns mit, daß er bei Ihnen geweſen ſei, um Ihnen zu dem glänzenden Erfolge Ihres Strebens Glück zu wünſchen, und wenn ich hiermit daſſelbe thue, ſo knüpfe ich daran die Bitte, an der Auf⸗ richtigkeit meines Glückwunſches nicht zu zweifeln. Sie haben mir durch Ihr Meiſterwerk manche ſchöne Stunde bereitet, dafür danke ich Ihnen aus vollem Herzen. Baron Bruno ſprach Ihnen gegenüber den Wunſch aus, dieſes Gemälde zu erwerben, und mein Onkel läßt Sie durch mich bitten, Ihre Forderung zu nennen—“ „Verzeihen Sie, gnädiges Fräulein, ich erwiderte dem Herrn Baron ſchon, daß ich über das Gemälde nicht eher verfügen könne, bis der Kunſtverein entſchieden habe, ob er es für ſeine Gallerie ankaufen wolle oder nicht.“ „Das wäre ſchade,“ antwortete Klara,„und dennoch kann ich am Ende nur wünſchen, daß der Kunſtverein das herrliche Werk ſeiner Gallerie einverleibt. Dort wird es Tauſende ent⸗ zücken, während es in unſerm Schloſſe nur einen kleinen Kreis erfreute. Aber die Hand, die dieſes Gemälde geſchaffen hat, kann noch manches andere Meiſterwerk ſchaffen,“ fuhr ſie in lebhafterem Tone fort,„und ich hoffe keine Fehlbitte zu thun, wenn ich im Namen meiner ganzen Familie den Wunſch ausſpreche, eins oder mehrere dieſer Meiſterwerke für unſere Gallerie zu erwerben.“ Willy verbeugte ſich leicht,— wie ſehr würde dieſer Auftrag ihn erfreut und geiſtig gehoben haben, wenn nicht durch die Er⸗ innerung an das Wort, welches Bruno geſprochen hatte, ſeine Stimmung getrübt worden wäre! Der Druck, der auf ſeiner Seele lag, ſpiegelte ſich wiever in n Zügen, und dem Blick Klara's der voll Intereſſe und Theil⸗ — 46 nahme auf ihm ruhte, konnte dieſe trübe Stimmung nicht ent⸗ gehen. „Ich weiß noch nicht, ob es mir möglich ſein wird, Ihren ehrenvollen und ſchmeichelhaften Auftrag auszuführen,“ ſagte er, vergeblich ſeine Verlegenheit zu verbergen ſuchend,„der Name des Meiſters beſtimmt in vielen Fällen den Werth des Werkes, und zuckt man über dieſen die Achſeln, ſo—“ „Nicht weiter, Herr Rodenberg!“ fiel Klara ihm vorwurfs⸗ voll in die Rede.„Sie freveln an Ihrer Kunſt, an dem Talent, welches Gott Ihnen gegeben hat, an dem Siege, den Ihr Streben errang!“ Ein bitteres Lächeln glitt über die Lippen des jungen Mannes, aus dieſen Worten glaubte er entnehmen zu dürfen, daß Bruno auch in dieſem Kreiſe das entehrende Wort geſprochen hatte. „Baron Bruno hat mich tief, zu tief beleidigt,“ ſagte er mit bebender Stimme. „Und Sie kamen ſicher, um dafür Genugthuung von ihm zu fordern?“ fragte Klara, beſtürzt zu ihm aufblickend. „Genugthuung?“ wiederholte Willy, die Angen niederſchlagend. „Was berechtigt mich, ſie zu fordern, wenn er mir beweiſt, daß er ein Recht hatte, jenes beleidigende Wort auszuſprechen? Nur deeſen Beweis fordere ich!“ „Und wenn Sie ihn erhalten, was ändern Sie dadurch? Der Name, den ſie tragen, iſt mit Ruhm gekrönt, mit einem Ruhm, der höher gilt, als der Adel der Geburt. Genügt Ihnen das nicht, Herr Rodenberg? Vor dem Adel der Arbeit beugt ſich die ganze Nation, mit welchem Recht alſo dürfen Sie be⸗ haupten, daß man über einen ſo geadelten Namen die Achſel zucken könne? Sie müſſen dieſes Wort zurücknehmen, im Namen der ewig göttlichen Kunſt verlange ich es von Ihnen.“ „Die Vorurtheile der Menſchen—“ „Der Künſtler ſteht über ihnen, ſo lange ſein eigener Lebens⸗ wandel rein und tadellos iſt. Ueber Vorurtheile ſchreitet er hin⸗ weg, ſie dürfen ihn nicht hindern, die Bahn zu verfolgen, auf der er das Höchſte und Schönſte erſtrebt. Was auch Bruno Ihnen geſagt haben mag, achten Sie nicht darauf, ich glaube, Ihnen die Verſicherung geben zu dürfen, daß er es nicht in der Abſicht ſagte, Sie zu beleidigen.“ ——— zi zů ů ůů——————————————— her nul un M na lo A — Klara hatte mit geſteigerter Wärme geſprochen, und eine innige, herzliche Theilnahme leuchtete dabei aus ihren ſchönen, tiefblauen Augen, dieſe Theilnahme mußte dem jungen Manne ein wohl⸗ thuendes, erhebendes Gefühl bereiten und in ſeinem Innern eine herzliche Zuneigung zu dem für die Kunſt begeiſterten Mädchen wecken. Wie hätte er ſein Herz auch dem Zauber verſchließen können, den ihr Liebreiz auf Jeden übte, der ihr nahe trat Waren ihre Augen ja auch ihm der von keinem Hauch getrübte Spiegel einer unſchuldvollen, für alles Gute und Edle erglühenden Seele! „Ich danke Ihnen für dieſe Worte,“ ſagte er, und der⸗ Sonnenſchein des Glücks ſcheuchte die finſteren Schatten von ſeiner Stirne,„ich will glauben, mein guter Genius habe mich zu dieſer Stunde hiehergeführt, damit ich den Glauben an die Menſchheit und mein eigenes Ich wiederfinden möge.“ „So iſt es Recht!“ erwiderte Klara heiter.„Das war die Sprache eines Mannes, der entſchloſſen iſt, unbeirrt um die Mei⸗ nungen und das Gerede der Menſchen ſeine Ziele zu verfolgen, und energiſche Thatkraft verlange ich auch von dem gottbegnadeten Menſchen!“ „Sie beſchämen mich, gnädiges Fräulein.“ „Ich zeige Ihnen nur den Weg, den Sie gehen umüſſen, weil nach ſolchem Erfolge die ganze Menſchheit es von Ihnen ver⸗ langt.— Verzeihen Sie mir, daß ich ſo kühn war, Ihnen das Alles zu ſagen—“ „Gnädiges Fräulein, ich bin's, der um Verzeihung bitten muß, weil ich ſo feige war, an mir ſelbſt zu zweifeln“, erwiderte Willu erregt, während er die Hand, die Klara ihm bot, erfaßte und küßte,„noch einmal: tauſend Dank!“ „Und darf ich nun hoffen, daß Sie meinen Wunſch erfüllen werden?“ fragte Klara lächelnd. „Ihr Wunſch wird mir fortan Befehl ſein!“ „Nicht doch, Herr Rodenberg, ein Mann von Geiſt und Talent darf nicht den Launeu Anderer unterthan ſein. Glauben Sie alſo, meinen Wunſch aus irgend einem Grunde nicht erfüllen zu können, ſo werde ich, wenn auch mit ſchwerem Herzen, darau? verzichten.“ Der einzige Grund, der vorhin mich bewog, die Erfüllung — — ——— — ———— — ———— — 42— Ihres mich ehrenden Wunſches zu verweigern, iſt nun gehoben,“ ſagte Willy, das Haupt erhebend, und eine herzinnige Freude leuchtete dabei aus ſeinen Augen.„Befehlen Sie nur, welches Gemälde Sie vorziehen“— „Die Wahl des Sujets möchte ich Ihnen überlaſſen, aber darüber wollte ja auch mein Onkel Rückſprache mit Ihnen nehmen. Er beſitzt eine kleine, aber ſehr gewählte Gallerie, wenn Sie uns noch einmal die Ehre Ihres Beſuches ſchenken wollen, ſo könnte alsdann alles Nähere verabredet werden. Sie malen auch Portraits?“ „Wenn Sie es wünſchen, mit Vergnügen?“ Eine leichte Röthe überzog das ſchöne Antlitz Klara's, ſie hatte durch die unbedachte Frage ſich ſelbſt in Verlegenheit gebracht. „Wir reden wohl ſpäter darüber weiter,“ ſagte ſie,„ohne die Zuſtimmung meines Onkels kann ich nichts beſchließen.“ Willy fand in dieſen Worten eine leiſe Mahnung, das Geſpräch abzubrechen und ſich zu entfernen, er nahm ſeinen Hut und blickte noch einmal das ſchöne Mädchen voll und ernſt in freudiger Er⸗ regung an. „Ich werde dieſe Stunde niemals vergeſſen“ ſagte er mit leiſe bebender Stimme,„Sie haben mir den inneren Frieden wiedergegeben, dafür werde ich Ihnen danken, ſo lange ich lebe.“ „So danken Sie mir dadurch, daß Sie dieſen Frieden feſt⸗ halten und jeder Hand energiſch wehren, die Ihnen die Seelenruhe wieder rauben will“, erwiderte Klara,„der innere Friede iſt nach meiner Ueberzengung ein Haupterforderniß für geiſtiges und künſt⸗ leriſches Schaffen. Auf baldiges Wiederſehen denn, Herr Roden⸗ berg, ich hoffe, Sie werden uns dann für längere Zeit die Ehre ſchenken.“ In gehobener Stimmung verließ Willy das Schloß, und Klara ſtand am Fenſter und ſah ihm nach, bis er in der Lindenallee ihrem Blick entſchwand. Auch auf ihr Gemüth hatte dieſe kurze Unterredung einen er⸗ hebenden Eindruck gemacht, das beſeeligende Bewußtſein, einem Verzweifelnden den Glauben an ſich ſelbſt zurückgegeben zu haben, durchſtrömte ihre Seele. Bruno mußte den talentvollen Maler tief beleivigt haben, ſie zürnte ihm deshalb, und er ſollte bei der nächſten Begegnung, mit ihr erſahren, daß ſie dieſe Handlungsweiſe entſchieden mißbilliate . ſpn — Sie erinnerte ſich freilich auch der Anſichten, die ihr Onkel über dieſen Punkt geäußert hatte, aber ſo gerne ſie auch in allen anderen Dingen das Urcheil des erfahrenen Mannes gelten ließ, hierin konnte ſie ihm nicht beipflichten, über dieſes harte, ſchroffe Vorurtheil war ihre edeldenkende Seele zu hoch erhaben. Lange noch ruhte ihr Blick ſinnend auf dem mit duftenden Blüthen überſäeten Garten, dann ſchweifte er hinüber zu den blauen Bergen. Ein ſtiller, heiliger Friede lag über der ſonnigen Landſchaft, — Friede und Ruhe ringsum, und auch in ihrem Innern war Ruhe und Frieden. Sie verließ das Zimmer, um ſich in ihr eigenes Gemach zu begeben, ſie fühlte das Beoürfniß, noch eine Weile allein zu ſein mit ihren Gedanken. Aber kaum hatte ſie ihr Gemach betreten, als ein Diener ſie zu dem Majoratsherrn beſchied. Hatte er es ſo eilig, Ihr Ge⸗ ſpräch mit dem Maler zu erfahren? Sie lächelte unwillkürlich bei dieſem Gedanken, aber das Lächeln verſchwand von ihren Lippen, als ſie dem alten Herrn gegenüberſtand und in ſeinen Zügen die ſichtbaren Zeichen einer ungewohnten Erregung fend. „Herr Rodenberg will Deinen Wunſch erfüllen,“ ſagte ſie, „Bruno muß ihm beleidigende Worte geſagt haben—“ „Was berechtigt ihn dazu?“ fiel Baron Udo ihr ſcharf in die Rede.„Ich werbe niemals billigen und dulden, daß ein Glied meines Hauſes ohne Grund zu beleidigenden Schmähungen ſich hinreißen läßt!“ Beſtürzt ſah Klara den Onkel an, in ſolcher Aufregung hatte ſie den ſonſt ſo ernſten, ruhigen Mann nie zuvor geſehen. „Ich habe Bruno entſchuldigt und den Beleidigten verſohnt,“ erwiderte ſie in begütigendem Tone.— Bruno hat keinesfalls die Beleidigung beabſichtigt—“ „Haſt Du dafür Beweiſe?“ „Ich verlaſſe mich dabei auf das Urtheil, welches ich mir über den Charakter Bruno's gebildet habe.“ Der Majoratsherr legte die Hände auf den Rücken und wanderte eine Weile mit großen Schritten auf und nieder. „Es iſt mir gewiß ſehr lieb, von Dir ſelbſt zu hören, daß — Du ein ſo guͤnſtiges Urtheil über Bruno fällſt,“ ſagte er,„aber ee unabſichtliche Beleidigung iſt in manchen Fällen nach weniger entſchuldigen, als eine abſichtliche, in keinem Falle läßt ſie ſich rechtfertigen und auf die Bildung des Beleidigers wirft ſie kein ehrenvolles Licht. Ich werde mit Bruno ſehr ernſt darüber reden, hat er mich doch durch dieſen Vorfall in die peinliche Lage verſetzt, den Maler um Entſchuldigung für das Benehmen meines Sohnes bitten zu müſſen.“ „Es iſt bereits entſchuldigt,“ antwortete Klara,„Herr Riden⸗ berg hat meinen Worten vollen Glauben geſchenkt.“ Baron Udo ſchüttelte mit bedenklicher Miene das Haupt und ſein forſchender Blick ſtreifte dabei verſtohlen das Antlitz Klara's, deren Züge ein ſeltſames Gemiſch von Heiterkeit und Beſorgniß zeigten. Dann nahm er von ſeinem maſſiven, mit Schnitzwerk reich⸗ verzierten Schreibtiſch einen offenen Brief, denſelben, deſſen Adreſſe den Poſtſtempel„Melbourne“ trug. „Du wirſt Dich erinnern, was ich vor einer Stunde Dir über Deinen Vater mitgetheilt habe,“ ſagte er, und der bewegte Ton ſeiner Stimme ließ erkennen, daß es ihm unſäglich ſchwer fiel, ſeine Erregung, die er vergeblich zu verbergen ſuchte, zu bekämpfen, „dieſe Mittheilungen kamen eben vor Thoresſchluß, meine Ahnung, an der ich ſtets ſo conſequent feſtgehalten habe, iſt nun plötzlich Dein Vater lebt und hat die Heimreiſe bereits an⸗ ge ten. „Er lebt?“ rief Klara in freudiger Ueberraſchung. „Still!“ fuhr Baron Udo fort.„Noch weiß es außer uns Beiden Niemand in dieſem Schloſſe, ich glaubte Dir, dem Kinde des Verſchollenen, zuerſt die Mittheilung machen zu müſſen. Lies dieſen Brief.“ Mit gemiſchten Empfindungen nahm Klara den Brief aus der Hand ihres Onkels. „Mein lieber Bruder,“ las ſie.„Vor einigen Tagen erſt iſt Deine Aufforderung an mich in meine Hände gekommen. Der Schmerz über den Tod unſeres ſeligen Vaters wird gemildert durch die Freude, enolich den heimathlichen Boden wieder betreten zu dürfen. Mein langes Schweigen müſſen die Verhältniſſe hier wie drüben entſchuldigen, ich will darüber keine Worte verlieren, — 45— und auch Du wirſt wünſchen, daß der Staub nicht wieder auf⸗ gewühlt wird, unter dem die Ereigniſſe der Vergangenheit be— graben ſind. Ich leiſte Deiner Aufforderung Folge und werde in etwa acht Tagen mit dem Schiff„Victoria“ von hier abſegeln. Das Schiff fährt direct nach England, ſei ſo gut und ſende mir eine Summe Geldes nach London, Grosvenor Hotel, damit ich dort mich meinem Stande gemäß equipiren kann. Du wirſt ſchon aus dieſer Bitte erſehen, daß mir das Glück während meiner zwanzigjährigen Abweſenheit nicht günſtig geweſen iſt, indeß thut das nichts zur Sache, der Menſch kann ſich mit gutem Willen an Alles gewöhnen. Auf Wiederſehen! Dein treuer Bruder Edmund von Oſthofen.“ „Und nicht einmal ein Gruß an nmich?“ fragte Klara mit leiſem Vorwurf. „Er weiß ja nicht, daß außer dem Bruder auch eine Tochter ihn hier erwartet,“ erwiderte der Majoratsherr.„Wer hätte es ihm mittheilen ſollen?“ „Es iſt wahr, aber er hätte doch an Deine Familie einen Gruß ſenden können!“ „Das ſind Nebenfragen, die mit der Hauptſache ſelbſt nichts zu thun haben. Und dieſe Hauptſache iſt, daß der wirkliche Majo— ratsherr heimkehrt, um ſein Erbe in Empfang zu nehmen.“ Es lag eine leiſe Bitterkeit in dem Tone, in welchem Baron Udo das geſagt hatte, und erſt jetzt ward auch Klara ſich aller Folgen der Heimkehr des Verſchollenen bewußt. 3 Sie wußte nicht, ſollte ſie auch jetzt noch Freude zeigen, es widerſtrebte dem Dankgefühl, welches ſie Denen ſchuldete, die ſich ihrer mit ſo treuer und uneigennütziger Liebe angenommen hatten. „Das darf nicht geſchehen, und Papa wird das ſelbſt nicht wollen,“ ſagte ſie,„das Majorat haſt Du durch Deine Mühe und Arbeit rechtmäßig Dir erworben—“ „„Geſetzlich nicht,“ unterbrach Baron Udo ſie,„und die Familie von Oſthofen iſt niemals von dem Boden des Geſetzes abgewichen, auch dann nicht, wenn neue Landesgeſetze in alte Rechte und Privilegien der Familie eingriff. Achtung vor dem König und vor dem Geſetz war ſtets unſer Wahlſpruch, er ſoll es bleiben, ſo lange ich lebe.“ Aber wenn Papa aus freiem Antriebe auf ſein Recht verzichtet—“ — 46 „Er wird es nicht thun, und wenn er's thäte, wäre es Thorheit!“ „Oder pflichtſchuldiger Dank für die treue, gewiſſenhafte Ver⸗ waltung.“ „Dafür wird er ſich bei dem Verwalter bedanken! erwiderte der Baron, deſſen Stirn ſich mehr und mehr umdüſterte.„Und habe ich mich denn nicht ſtets darauf gefaßt gemacht, daß der Verſchollene zurückkehren könne? Habe ich mich nicht immerdar bis zu dieſer Stunde als einen Gaſt meines abweſenden Bruders betrachtet? Was meine Perſon betrifft, meine liebe Klara, ſo werde ich, wenn auch mit innigem Bedauern, doch ohne Wider⸗ rede dieſes Haus verlaſſen.“ Klara ſchüttelte unwillig den Kopf, in dem Blick, der aus ihren ſchönen Augen den Onkel traf, lag ein ernſter Vorwurf. „In dieſem Hauſe iſt Raum genug für uns Alle!“ ſagte ſie. „Du ſollſt und darfſt Dein väterliches Schloß nicht mehr ver⸗ laſſen, iſt doch Alles ringsum Deine eigenſte Schöpfung—“ „Und wer weiß, ob dieſe Schöpfung meinem Bruder gefallen wird,“ entgegnete Baron Udo, einen ſcherzenden Ton anſchlagend. „Wer weiß, ob er mir nicht den Vorwurf machen wird, ſeine Heimath habe den Zauber der Erinnerung für ihn verloren, er liebe den modernen Geſchmack nicht, den Schloß und Garten jetzt trage!“. „Nun, das wollen wir ruhig abwarten,“ ſagte Klara,„dieſer Vorwurf wäre Undank, und eines ſolchen Undanks wird Papa ſich nicht ſchuldig machen, er könnte ihn nicht mit ſeiner Ehre vereinen.“ „Ja, wir wollen es abwarten,“ wiederholte der Baron mit einem tiefen und ſchweren Athemzuge,„die Würſel rollen, warten wir, wie ſie fallen werden. Ich möchte Dich bitten, die Tante auf dieſe unerwartete Nachricht vorzubereiten, mit Bruno werde ich ſelbſt darüber reden, ſobald ich die geſchäftlichen Anordnungen getroffen habe. Sie wird ſehr unangenehm überraſcht werden, aber ich hege auch die Zuverſicht, daß ſie mit der ihr eigenen reſignirten Ruhe ſich in das Unvermeidliche fügt. Ob Edmund allein koment, oder ob er Familie mitbringt, davon leſe ich in dem Briefe nichts—“ „Brächte er Familie mit, ſo würde er es gewiß geſchrieben haben!“ als wer Diel lung nüh tog eini get als dof im Soh den jühr von wie „Wir wollen das ſo feſt nicht behaupten, er kann das auch als ache betrachtet haben. Und nun geh, mein Kind, ich werde nachkommen, ſobald ich meine Geſchäfte erledigt habe.“ Klara hatte kaum das Kabinet verlaſſen, als der Baron einen Diener beauſtragte, den Verwalter zu rufen. Die Arme auf der Bruſt gekrenzt ging der hohe ſtattliche Herr langſam auf und nieder. Es war ein niederdrückender Gedanke, nach zwanzigjähriger, mühevoller Arbeit die Früchte dieſer Arbeit einem Anderen über⸗ tragen zu ſollen, ohne vielleicht etwas mehr davon zu ernten, als einige Worte des Dankes und das Bewußtſein, ſeine Schuldigkeit 6 zu haben. Und dieſer Gedanke war um ſo niederdrückender, als Baron Udo ſich ſchon der ſicheren Hoffnung hingegeben hatte, daß er ſelbſt die Früchte ſeiner gewiſſenhaften Arbeit ernten und im Beſitz des Majorats bleiben werde. Er dachte dabei nicht an ſich allein, ſondern auch an ſeinen Sohn, an Bruno, der im Wohlleben erzogen, bisher ſorglos in den Tag hineingelebt hatte, und deſſen Zukuuft jetzt ernſtlich ge⸗ fährdet war. Sollte Bruno ſpäter von der Gnade ſeines Onkels abhängen, von Almoſen ein wenig beneidenswerthes Daſein friſten? Und ſelbſt, wenn Edmund keine männlichen Nachkommen beſaß, wie lange konnte es noch währen, bis das Majorat an Bruno fiel? Der nunmehrige Majoratsherr konnte ein hohes Alter erreichen, er konnte jetzt noch eine zweite Ehe eingehen, auch dieſe Möglichkeit war nicht ausgeſchloſſen, und welches Loos erwartete alsdann den Sohn Udo's, der nur gewohnt war, zu herrſchen und zu befehlen? Zum Eintritt in die Armer war Bruno ſchon zu alt geworden, wiſſenſchaftliche Studien hatte er nie gemacht, weil ihm von jeher die Luſt dazu fehlte— es war ein troſtloſer Blick in die Zukunft, die rabenſchwarz vor den Anugen des Barons lag. Und wenn er jetzt dem Sohne die eheliche Verbindung mit der Tochter des rechtmäßigen Majoratsherrn vorſchlug, ſo konnte ihm daraus der Vorwurj der Selbſtſucht gemacht werden, ein Vorwurf, gegen den ſein Stolz ſich empörie. Und doch gab es keinen anderen Ausweg, dieſe Heirath war das einzige Mits“ 8 Z 2 eniaſter uiamaßan⸗ ſicher 32 Feller — Der Eintritt des Verwalters unterbrach den Ideengang des Barons. Eine Weile ruhte der Blick des letzteren ſinnend auf dem kleinen hageren Manne mit dem bereits ergrauenden Haar, in deſſen ſtechenden Augen Habſucht und Verſchlagenheit ſeltſam ſich paarten mit kriechender Unterwürfigkeit und erheuchelter Treu⸗ herzigkeit. „Der Herr Baron haben befohlen?“ brach Wortmann das Schweigen. Baron Udo deutete auf einen Stuhl und nahm ſelbſt in dem hochlehnigen Seſſel vor ſeinem Schreibtiſch Platz. „Sie haben meinen Bruder, den Baron Edmund perſönlich gekannt,“ ſagte er,„glauben Sie, daß Sie ihn wiedererkennen würden?“ Der Verwalter blickte überraſcht auf. „Herr Bacon Edmund von Oſthofen hat ſchon vor zwanzig Jahren die Heimath verlaſſen“, erwiderte er,„ſeitdem iſt er ver⸗ ſchollen.“ „Ein Brief, den ich vorhin erhielt, benachrichtigt mich, daß er ſich auf der Heimreiſe befindet. An der Wahrheit dieſer Nach⸗ richt kann ich nicht zweifeln, und ich frage Sie nun noch einmal, würden Sie ihn wiedererkennen?“ Wortmann wiegte bedenklich das Haupt. „Zwanzig Jahre ſind ein langer Zeitraum,“ ſagte er zögernd, „und das abenteuerliche Leben, welches Herr Baron Edmund ohne Zweifel in dieſer Zeit gefuͤhrt haben wird—“ „Ich laſſe Ihre Bedenken gelten,“ fiel der Baron ihm in die Rede,„aber trotz dieſer zwanzig Jahre kann mein Bruder in ſeiner äußeren Erſcheinung ſich nicht ſo gewaltig verändert haben, daß er Ihnen ein völlig Fremder geworden wäre. Als ich ihn zuletzt ſah, war er noch ein Kind, ein tiefer Eindruck iſt mir, wie Sie wohl begreifen werden, nicht geblieben, und ſomit muß ich mich auf Ihren Blick verlaſſen.“ Der lauernde Blick des Verwalters ruhte unverwandt auf dem Antlitz des Majoratsherrn. Der Herr Baron befürchten doch nicht, daß irgend ein Betrüger, ein Abenteurer die Rolle des Verſchollenen ſpielen wolle?“ fragte er. — w — 2 — „Nein, das nicht, es wäre eine thörichte unhaltbare Ver⸗ muthung; zu einem ſo gewagten Spiel würde wohl Niemand den Muth haben. Baron Edmund wird in den erſten Tagen in Lond eintreffen und dort im Großvenor Hotel abſteigen, er wünſcht dort eine Geldſumme in Empfang zu nehmen, und ich habe Sie aus⸗ erſehen, ihm dieſes Geld zu überbringen. Ich halte das ſo für beſſer, als daß ich ihm das Geld durch die Poſt überſchicke,“ fuhr Baron Udo, gewiſſermaßen als Antwort auf den erſtaunten Blick ſeines Verwalters fort,„Sie können bei dieſer Gelegenheit per⸗ ſönlich ihm ſagon, daß er in dem Hauſe ſeiner Väter einen herz⸗ lichen Empfang finden wird, und Sie können ihn daneben noch mit Allem bekannt machen, was während ſeiner langen Abweſen⸗ heit hier ſich ereignet hat.“ Wortmann nickte zuſtimmend, aber es zeigten ſich doch einige Falten auf ſeiner Stirne, die erkennen ließen, daß er nicht ſo ganz mit dem erhaltenen Auftrag einverſtanden war. „Es wäre gegen das Intereſſe der Verwaltung, wenn meine Abweſenheit lange dauern ſollte,“ ſagte er in gedehntem Tone, für dieſen Fall würde ich rathen, einen Anderen zu beauftragen—“ „Könnte ich das, ſo würde ich es bereits gethan haben, denn auch ich entbehre Sie hier ſehr ungern,“ erwiderte der Baron, die Brauen leicht zuſammenziehend.„Aber wen ſoll ich ſchicken? Baron Bruno hat nicht Erfahrung genug, überdies kennen Sie meinen Bruder perſönlich, und es ſteht Ihnen ja frei, ſofort wieder abzureiſen, ſobald Sie das Geld übergeben haben.“ Er nahm aus einer Schublade ſeines Schreibtiſches ein kleines Packetchen und händigte es dem Verwalter ein. „Sie werden heute Abend mit dem Schnellzuge abreiſen,“ ſagte er, und der Ton ſeiner Stimme klang jetzt feſter und entſchiedener, „Baron Edmund kommt mit dem Schiffe Viktbria an und ſteigt im Großvenor Hotel ab, prägen Sie dieſe beiden Namen Ihrem Ge⸗ dächtniſſe ein. Mein Bruder wird manche Frage an Sie richten, geben Sie ihm auf jede eine offene und wahrheitsgetreue Antwort, es liegt ja durchaus nichts vor, was ihm verſchwiegen werden mußte.“ Ein tückiſcher Zug umzuckte die Mundwinkel des Verwalters. „Ich glaube, den Herrn Baron darauf aufmerkſam machen zu müſſen, daß nach der Rückkehr des Herrn Baron Edmund die Der Baſtard. 4 n Frage wegen des Majorats— „Sparen Sie die Wühe, ſchnitt Baron Udo ihm mit würde⸗ vollem Stolz die Rede ab,„dieſe Frage betrifft eine Angelegenheit, die nur meinen Bruder und mich angeht. Ich habe ſie bereits entſchieden und verlange von Niemandem einen Rath, wenn er auch wirklich gut gemeint wäre.“ Damit war die Unterredung beendet, Wortmann erhob ſich, aber ehe er die Thür erreicht hatte, rief der Baron ihn noch einmal zurück. „Treffen Sie jedenfalls die nöthigen Vor bereitungen, daß die Verwaltungsbücher zu jerer Stunde vorgelegt und eingeſehen werden können,“ ſagte er.„Und was Ihre eigene Perſon be⸗ rifft, ſo dürfen Sie ſich beruhigen, mein Bruder wird jedenfalls Ihre Dienſte anerkennen und Ihnen auch ferner die Verwaltung es Gutes anvertrauen. Sollte er das aber aus irgend einem Grut n ude nicht wünſchenswerth finden, ſo muß er in anderer Weiſe f hre Zukunft ſorgen. Und nun reiſen Sie glücklich und te Sie bald zurück.“ Der Verwalter verließ gleich einem Träumenden das Schloß. Daß der Verſchollene je wiederkehren könnte, daran hatte er ſchon ſeit Jahren nicht mehr gedacht, um ſo mehr mußte ihn dieſe unerwartete Nachricht überraſchen. Und eine angenehme Ueberraſchung war es keineswegs. Baron Udo war ſtets nachſichtig und in Bezug auf die Ab⸗ rechnungen ſeines Verwalters ſogar leichtfertig geweſen, er hatte ſelten und auch dann nur flüchtig die Verwaltungsbücher durch⸗ geſehen, ihm genügte es, wenn er ſtets eine gefüllte Kaſſe beſaß, und wenn er bei einer gelegentlichen Reviſion des Gutes Alles in Ordnung fand. Ob Baron Edmund ſeinem Verwalter daſſelbe Vertrauen ſchen⸗ ken würde, wer konnte es voraus wiſſen! Vielleicht auch war das Gewiſſen Friedrich Wortmanns keines⸗ wegs ſo frei von Schuld, wie Graf Udo annahm! Der Verwalter führte allerdings eine ſehr einfache Lebens⸗ weiſe, er machte in keiner Beziehung Aufwand, und ſein einziges Kind, ſeine Tochter Helene ging ſo ſchlicht wie das einfachſte Mädchen aus dem Dorfe, auch hatte man nie vernommen, daß Friedrich Wortmann bei ſeinen Beſuchen in der nahen Stadt an⸗ 0 — S — die en be l m . * 51— dere Genüſſe ſuchte, als diejenigen, welche er in ſeinem eigenen Hauſe finden konnte, er war weder ein Schwelger, noch ein Spie⸗ ler, nichts deſtoweniger konnte er heimlich ein reicher Mann ſein und ſeinen Reichthum auf unredlichem Wege erworben haben. Durch eine Seitenpforte des Gartens ſchritt er ſeinem Hauſe zu, das, wie wir bereits bemerkten, in unmittelbarcr Nähe der Dekonomiegebäude lag. Es war ein kleines, freundliches Haus, ſo freundlich im Innern, wie in ſeinem Aeußern. Der Verwalter bewohnte es allein mit Jeiner Tochter und einer Magd, der alten Urſula, auf deren Treue er ſich in allen Stücken verlaſſen durfte. Noch immer in gedankenvoller Stimn ung trat der Verwalter zn die Küche, die alte Urſula traf eben die letzten Vorbereitungen für das Mittageſſen. „Wo iſt Helene?“ fragte er. „Im Garten,“ lautete die lakoniſche Antwort. „Ich werde heute Abend auf einige Tage verrciſen,“ ſagte Wortmann, näher tretend,„wie lange ich ausbleibe, weiß ich noch nicht. Er iſt wiedergekommen.“ Jetzt wandte Urſula ſich um, und ein grenzenloſes Entſetzen ſpiegelte ſich in ihrem faltenreichen Geſicht. „Er? Baron Edmund?“ fragte ſie. „Ja, aber haltet reinen Mund, Urſula, ich weiß nicht, ob drr PBaron es ſchon jetzt bekannt machen will. Soll mich wundern, ob wir ihn wiedererkennen.“ „Ich hab' ihn ja auf den Armen getragen!“ erwiderte die Magd, die ſich von ihrem Erſtaunen noch nicht erholen konnte „Wie iſt das nur menſchenmöglich? Er war ſo lange fort und hat nie eine Silbe geſchrieben!“ „Hät s auch nicht gedacht,“ nickte der Verwalter,„aber wahr aſt es, ich muß nach London, um ihn abzuholen.“ „Und wie wird's dann hier werden?“ „Na, ich denke, Baron Edmund wird Majoratsherr werden.„ „Und dann?“ „Hm, die beiden Brüder haben ſich nie verſtanden, ich glaub' micht, daß es beſſer werden wird. Baron Udo wird mit ſeiner Familie abziehen, und für den alten Herrn thut mir's leid, wenn ächs auch dem Baron Bruno gönne—“ 4* . — 5 „Es wird ein Unglück geben!“ ſagte Urſula. „Ein Unglück? Weshalb?“ „Der junge Herr wird nicht gutwillig weichen, er that ja jetzt ſchon, als ob er hier allein der Herr wäre, geben Sie Acht, ohne Ungück geht's nicht ab.“ „Thorheit, Urſula!“ erwiderte der Verwalter achſelzuckend. was will denn Baron Bruno dagegen machen?“ „Das weiß ich nicht, aber ich ſage Ihnen, Alles rächt ſich im Leben. Und die Sünden der Väter ſollen gerochen werden an den Kindern ins dritte und vierte Glied. Es ruht ein Fluch auf dem Hauſe von Oſthofen.“ „Das iſt wieder Unſinn,“ ſagte Wortmann ärgerlich.„In andern Familien paſſiren derlei Dinge auch.“— „Hm, nicht in jeder Familie verſchwindet ein Kind ſo räth ſelhaft. „Es iſt ertrunken.“ „So ſagt man, ich weiß es beſſer, und ich weiß auch, für welche Sünde Baron Udo büßen muß. Es wird noch mehr kommen, geben Sie Acht!“ Der Verwalter ſah die alte Frau ſtarr an. „Man ſollte wahrhaftig glauben, es rapple bei Euch im Oberſtübchen,“ ſagte er.„Welche Sünde ſoll denn Baron Udo auf dem Gewiſſen haben?“ „Wenn Sie es nicht wiſſen, dann will ich auch darüber ſchwei⸗ gen, ich habe damals die Geſchichte miterlebt und ich wußte gleich, daß ihn früher oder ſpäter die Vergeltung dafür erreichen mußte. Cäcilie iſt verſchwunden“— „Im Waldſee!“ „Wäre ſie ertrunken, ſo hätte man ihre Leiche gefunden! Over ſoll die Wärterin auch ertrunken ſein, weil man ſeitdem nichts mehr von ihr entdeckt hat?“ Die Hand des Verwalters umklammerte den Arm der alten Frau. „Wenn Ihr dieſes dunkle Geheimniß enthüllen könnt, Urſula,“ ſagte er,„dann thut es, damit die gnädige Frau endlich Ruhe findet, Ihr hättet es längſt thun müſſen.“ „Ich habe nichts zu enthüllen,“ erwiderte die Magd ruhig „Ich weiß nur, daß hier ein Geheimniß cxiſtirt, welches ich ſelbß nicht kenne.“ ein d im „Alſo ſind nur Vermuthungen!“ „Ja, aber Vermuthungen, die Niemand antaſten da hätte damals beſſer nachforſchen ſollen, und wäre d 0 E Frau nicht ſo gefährlich krank geworden, ſo würde es auch ſchehen ſein, jetzt iſt es zu ſpät, und nur ein Zuf Reue jener Wärterin kann die volle Wahrheit an den Tag bringen. „So glaubt Ihr, daß dieſe Wärterin, die Frau( it noch lebt?“ „Ja, ich glaub's,“ nickte Urſula.„Mit einer ſolchen Schuld auf dem Gewiſſen geht Niemand hinüber,— wenn's zum Sterben rommt, ſucht man in der Beichte Vergebung für ſolche Sünden, und ſo denke ich, wird auch jenes Weib vor ihrem Tode beichten müſſen und dieſe Beichte wird für die Baroneſſe von Oſthofen kein Geheimniß bleiben.“ Der Verwalter ſchüttelte den Kopf. „Vermuthungen, nichts als Vermuthungen!“ ſagte er.„Jene Frau iſt längſt geſtorben und verdorben, und man ſoll ſolche aufregende Erinnerungen ruhen laſſen. Na, Urſula, ſorgt dafür, daß ich am Abend aufbrechen kann, Ihr braucht mir nur etwas Wäſche und einen tüchtigen Imbiß in den Nachtſack zu packen. Und dann— gebt auf Helene Acht. Der Bildhauer aus der Stadt—“ „Was haben Sie gegen ihn?“ fragte Urſula raſch. Er iſt ein braver Mann und die Beiden haben ſich lieb. Wenn er eine Frau ernähren kann, ſoll man nicht dreinreden.“ „Ich danke, das muß ich beſſer wiſſen, Helene iſt mein Kind!“ „Haben Sie Rechte, haben Sie auch Pflichten, und Ihre Pflicht iſt, Helene glücklich zu machen. Was haben Sie denn gegen den Bildhauer?“ „Er iſt ein Handwerker“ „Wer ſo ſchöne Arbeit mache nkann, der iſt kein Handwerker!“ „So? Habt wohl ſchon ſeine Arbeit geſehen?“ fragte der Verwalter boshaft. „Ja, das hab' ich. In der Marienkirche in der Stadt auf dem rechten Seitenaltar ſteht eine Mutter Gottes, die er gemacht hat, ich hab' mein Lebtag nichts Schöneres geſehen.“ „Ihr habt überhaupt noch nicht viel geſehen,“ ſpottete Wort⸗ mann, aber ſein Spott ließ den verbiſſenen Groll durchblicken. „Und wenn's auch wahr wäre, was Ihr ſagt, dieſem Mann geb'“ — 54 ich meine Tochter nicht. und was ich einmal geſagt habe, das ſteht feſt, wie ein Evangelium. Ihr wißt es, Urſula, deshalb redet dem Mädchen vernünſtig zu und nehmt nicht Partei gegen mich, es wär' mir ſelbſt nicht lieb, wenn wir uns trennen müßten.“ Er verließ nach dieſen Worten die Küche und trat hinaus in den kleinen Garten, der hinter dem Hauſe lag und deſſen Pflege Helene allein übernommen hatte. Der Garten war von einer Hecke umſchloſſen, der Fußweg durch die Wieſen zur Stadt führte dicht an dieſer Hecke vorbei. Und am äußeren Ende des Gartens dicht an der Hecke ſtand Helene in eifriger Unterhaltung mit einem Manne, in welchem der ſcharfe Blick des Verwalters ſofort den Bildhauer Hellmuth Waldſtern erkaunte, denſelben Mann, über den er vorhin mit Urſula geſprochen hatte. Die Gluth des Zornes loderte hell in ihm auf und übergoß ſein hageres Geſicht mit dunkler Röthe. Helene wandte ſich bei den raſchen Schritten ihres Vaters erſchreckt um, ſie war keine Schönheit, aber die treuherzige Gut⸗ müthigkeit, die aus jedem Zuge ihres blühenden Geſichts leuchtete, mußte ihr jedes Herz gewinnen. Erbleichend trat ſie zurück, aber Hellmuth blieb ruhig hinter der Hecke ſtehen, und das freundliche Lächeln verſchwand nicht von ſeinen Lippen. „Geh' in's Haus!“ befahl Wortmann ſeiner Tochter in bar⸗ ſchem Tone.„In der Küche gibt's Arbeit genug für Dich. Und Sie, mein Herr—“ „Bitte, geniren Sie ſich nicht,“ fiel Hellmuth ihm gelaſſen in die Rede,„taub bin ich nicht,“ alſo brauchen Sie nicht laut zu ſprechen.“ Der Verwalter ſah ihn verdutzt an, dieſe unerwartete- Anrede verwirrte ihn. „Sie haben hier nichts zu ſchaffen,“ ſagte er rauh,„das er⸗ kläre ich Ihnen ein für allemal!“ „Ei, ei, Herr Verwalter,“ erwiderte Hellmuth ſcherzend,„der Weg führt an Ihrer Hecke vorbei, und unter den hochſtämmigen Roſen in Ihrem Garten befinden ſich ſeltene Exemplare. Wenn es Sie ärgert, daß dieſe Roſen bewundert werden, ſo müſſen Sie eine recht hohe Mauer um den Garten ziehen laſſen.“ —————,.— — „Meine Roſen?“ polterte Wortmann ärgerlich.„Sie blühen ja noch gar nicht.“ „Sehr richtig, ſie blühen noch nicht! Aber ich bin ein ge⸗ wiegter Kenner, und ich kann Ihnen ganz genau ſagen, welche Roſe jeder einzelne Stock tragen wird; laſſen Sie uns nur einen Monat weiter ſein.“ „Sie wollen mich verhöhnen! Nicht meine Roſen, ſondern meiner Tochter galt Ihr ungebetener Beſuch.“ „Was wollen Sie?“ erwiderte Hellmuth ſcherzend.„Ich bin Künßtler und verehre vas Schöne, wo ich es finde.“ Aber ich verbiete Ihnen—“ it mein Freund, dem Künſtler können Sie das nicht ver⸗ bieten, und im Grunde muß es Ihnen doch ſchmeichelhaft ſein, 5 wenn die Schönheit Ihrer Tochter die verdiente Anerkennung findet.“ Der Verwalter wurde immer erboster, der Scherz des jungen tannes klang ihm wie ſchneidender Hohn, vergeblich ſuchte er den Groll zu bemeiſtern und ſeine Ruhe, wenigſtens äußerlich zu bewahren, es war ihm nicht möglich. „Sie lungern ſchon ſeit einiger Zeit hier herum,“ ſagte er, „meine Tochter iſt der Magnet, der Sie anzieht, aber hoffen Sie nicht, daß ich jemals in eine Verlobung meines Kindes mit Ihnen einwilligen werde. Ich ſage Ihnen das gerade heraus, mit dürren Worten, weil ich Sie Alles in Allem genommen für einen ehr⸗ lichen Mann halte.“. „Danke,“ erwiderte Hellmuth noch immer in dem ſcherzenden Tone,„Sie haben mir wenigſtens ein ehrenvolles Zeugniß ge⸗ geben. Uebrigens glauben Sie nicht, daß Hinderniſſe mich ab⸗ ſchrecken, den Kampf mit ihnen bin ich ſeit früheſter Jugend ge⸗ wohnt, und je härter der Kampf, deſto werthvoller däucht uns der Preis.“ „Halten Sie das, wie Sie wollen, ich werde nun auch wiſſen, was ich zu thun habe.“ „Sie würden alſo nicht mehr geſtatten, daß ich Ihre Roſen bewundere?“ „Thun Sie es ferner ſo werde ich meiner Tochter ver⸗ bicten den Garten zu beſuchen.“ „Das wäre ein hartes Verbot, und ich fürchte, Sie werden es nicht aufrecht halten können, Herr Verwalter,“ ſagte Hellmuth kopfſchüttelnd.„Sie können den Bach nicht aufhalten, er fließt doch zum Strome, und ich meine, es wäre beſſer, wenn wir Frieden ſchlöſſen!“ „Ich mit Ihnen Frieden? Der iſt nur dann möglich, wenn wir auseinander bleiben.“ „Sie halten mich wohl für einen armen Teufel?“ „Wenigſtens für nichts Beſſeres!“ „Wenn Sie einmal mein Atelier beſuchen wollen—“ „Ihr Atelier? Der Schneider des Se ern Barons nennt ſein Werkſtätte auch Atelier,“ ſpottete der Verwalter.„Das kli recht hochtönend und es ſteckt doch a phinter Und ich trage gar kein Verlangen danach, mich in Ihrem Atelier umzuſchauen. Wenn Sie etwas in die Milch brocken könnten, dann ließ ich mir's allenfalls noch gefallen, aber einen Menſchen, der nichts hat und dabei unſerm Herrgott mit Spazierengehen den hellen Tag ſtiehlt, dem vertraue ich mein Kind nicht an.“ „Den nennen Sie einen Vagabund, nicht wahr?“ ſagte Helmuth lachend.„Na, ſo ſchlimm, wie Sie ſich geben wollen, ſind Sie auch nicht, und wir werden uns mit der Zeit ſchon näher kennen lernen. So lange ich nicht durch die Haus⸗ thür zu Helene kommen darf, muß ich andere Wege ſuchen, das ſage ich Ihnen ganz offen und ehrlich, was ich einmal gefaßt habe, das laſſe ich nicht los.“ „Und wenn ich Sie auf einem W ertappe—“ „Dann thun Sie mir auch noch nichts, alter Freund, denken Sie an die eigene Jugend, Sie ſind vieleicht dieſelben Wege gegangen!“ „Ich bin immer ein Ehrenmann geweſen—“ „Nur ruhig,“ fiel Hellmuth dem erregten Manne in die Rede, „mit der Ehre hat das weiter nichts zu ſchaffen, im Gegentheil, die Ehre verlangt, daß man ein verpfändetes Wort einlöſt. Leben Sie wohl.“ Er grüßte den Verwalter, der vor Zorn zitterte, mit der freundlichſten Miene von der Welt und ſchritt heiter lachend von dannen. ber 4. Kapitel. Die Verſuchung. In freudig gehobener Stimmung war Willy in die Stadt zurückgekehrt. Die Worte Klara's hatten i m den Weg gezeigt, den er gehen mußte, und er war entſchloſſen, dieſe Bahn mit der ganzen Energie eines thatkräftigen Mannes zu verfolgen. Klara hatte Recht, wenn ſie behauptete, er ſtehe über dem Vorurtheil der Menſchen, welches ihn in ſeinem Streben und Schaffen nicht beirren dürfe,— mochten ſie nun ſagen, was ſie wollten, ihn kümmerte es nicht. Liebevoll und zärtlich gegen ſeine Mutter, ganz der Freude ſich hingebend, welche ihm die Zuerkennung des erſten Preiſes bereitete, ließ Willy an dieſem Tage ſeine Stimmung durch nichts trüben, kein dunkler Schatten fiel auf den ſonnigen Pfad, den er jetzt vor ſich liegen ſah. Und was war natürlicher, als doß ſeine Gedanken ſich mit dem ſchönen liebreizenden Bilde Klara's beſchäftigten! Wohin er auch ſchauen mochte, überall ſah er dieſes Bild, deſſen Zauber ihn feſſelte und ſchon jetzt ſtieg in ſeiner Seele die kühne, faſt verwegene Frage auf, ob es ihm gelingen werde, dieſes Bild jemals ſein eigen zu nennen, ob er nach dieſem hohen Preiſe ſtreben dürfe, er, der niedrig Geborene? Gewiß, es war eine verwegene Frage, aber hatte nicht Klara ſelbſt ihm geſagt, der Adel der Arbeit und des Talentes ſtehe höher, als der Adel der Geburt? Und mußte er nicht annehmen, daß ſie ihm das aus voller Ueberzeugung geſagt hatte? Ja, ſie hatte Recht, ſein Name war geadelt durch den Ruhm, er durfte ſich dreiſt den Beſten und Höchſten zur Seite ſtellen! Ein Gefühl des edelſten Stolzes bemächtigte ſich ſeiner, mit — 56 N freiem, freudigem Blick ſchaute er in die Zukunft, mochte nun kommen, was wollte, vor ihm lag ein glänzendes Ziel, mit Muth und Ausdauer konnte er es erreichen. Wo er geweſen war, hatte er ſeiner Mutter nicht geſagt.— wozu auch? Er wollte in ihrer Gegenwart auf jenes Thema nicht mehr zurückkommen, um ſie nicht zu betrüben, es war ja ohnehin nutzlos, was er zu wiſſen wünſchte, theilte ſie ihm doch nicht mit. Und es war ihm jetzt gleichgültig— aber nein, ſo gleich⸗ gültig ging er über dieſen Punkt doch nicht hinweg; wenn er an ihn dachte, dann erfüllte ſeine Seele ein glühender Haß gegen den Mann, der ſeine Mutter verführt und betrogen hatte. Fort mit dieſen trüben Gedanken— das Bild Klara's mußte ihm wieder hinüberhelfen. Er ſaß vor der Staffelei und zeichnete mit ſchwarzer Kreide Striche auf das weiße Papier, markig und ſicher, und dieſe Striche geſtalteten ſich zu einem wunderbar ſchönen Frauenantlitz, zum Portrait Klara's von Oſthofen. Wie ſie vor ihm geſeſſen hatte mit dem ſeelenvollen Blick und dem liebreizenden Lächeln, ihr ſchönes Antlitz ſtrahlend in edler Begeiſterung, ſo blickte ſie ihn auch jetzt wieder an, und in Ent⸗ zucken verſunken über ſein eigenes Werk, bemerkte er nicht, daß die Thür geöffnet wurde und ein Mann eintrat, deſſen ganze äußcre Erſcheinung den verkommenen Künſtler verrieth. Die Kleidung dieſes Mannes war dürftig und der Jahreszeit nicht angemeſſen, ſie trug eine gewiſſe abſichtliche Nachläſſigkeit zur Schau. Unter dem breitrandigen Kalabreſerhut ſiel das graue Haar leicht gelockt auf die Schultern nieder, gleich der Mähne eines Löwen, und die leicht geröthete Naſe in dem ſchwammigen Geſicht ließ die Klippe erkennen, an der die Thatkraft und das Talent dieſes Mannes geſcheitert waren. Einen Augenblick blieb er an der Thür ſtehen, dann trat er leiſe hinter den jungen Mann, der träumend vor der Staffelei ſaß. „Baroneſſe von Oſthofen!“ ſagte er mit einer unangenehm heiſeren Stimme. Willy fuhr erſchreckt zuſammen, im erſten Moment ſchien er unwillig die Zeichnung entfernen zu wollen, dann aber, ſich eines * kir hu — — Anderen beſinnend, wandte er ſich zu dem Fremden um, der jetzt den Hut abnahm und dem Maler die Hand bot. „Sie kommen wie ein Dieb in der Nacht, Auerbach,“ ſagte er,„aber ich bin das gewohnt, und nun Sie einmal hier ſind, heiße ich Sie willkommen.“ „Aſo angenehm iſt mein Beſuch Dir nicht?“ fragte Auerbach ironiſch. „Wenn ich das behaupten wollte, wäre ich undankbar, Ihnen verdanke ich ſo viel—“ „Gut, daß Du das einſiehſt“, nickte der alte Mann, während er mit der Hand durch ſeine Mähne ſtrich,„ohne mich wäreſt Du nicht ſo weit gekommen. Aber laſſen wir das, ich bin's gewohnt, Undank zu ernten und mache dieſe Erfahrung auch jetzt noch täglich. Alſo vorab meinen Glückwunſch zu dem erſten Preiſe, wirſt das Geld wohl ſchon erhalten haben, wie?“ Willy nickte bejahend. „Man hat es mir geſtern ausgezahlt,“ erwiderte er. „Deſto beſſer, klingende Münze iſt die beſte Anerkennung. Ein berühmter Name allein thut's nicht, man kann dabei ver⸗ bungern, und vor dem Namen ziehen die Leute den Hut nicht ab. Die Hände in die Taſchen, mein Junge, und recht hochnaſig mit dem Gelde geklimpert, als ob Du fragen wollteſt, was die ganze Weit koſte, dann beugt ſich jeder Nacken vor Dir.“ „Aber, wenn auf dem Namen ein Makel ruht—“ „Thut nichts, den reichen Mann fragt Niemand nach ſeiner Vergangenheit, wenn er nur Gold hat, im Uebrigen kann er ein notoriſcher Lump ſein. Ich hab' das an mir ſelbſt erfahren! Talent? Genie? Du lieber Gott, man gab ja gerne zu, daß ich Beides beſaß, aber ich war dabei ein armer Schlucker, verſtand auch nicht, ſo recht hochmüthig mich in die Bruſt zu werfen und auf die ganze Schwefelbande, die man Menſchheit nennt, mit Verachtung hinabzuſehen, alſo mußte ich ein Lump ſein! Jeder gab mir einen Fußtritt, und ſo bin ich im Staube liegen ge⸗ blieben. Wie kommſt Du zu dem Portrait die „Finden Sie es ähnlich?“ fragte Willy. „Natürlich, wie hätte ich ſonſt aus der Kopie ſ Driginal erkennen können?“ erwiderte Auerbach. Aber 2 ſer Dame? ofort vas — 36 noch einmal, wie kommſt Du dazu, dos Portrait dieſer Dame zu zeichnen?“ Er hatte dieſe Frage mit einem ſolchen Nachdruck geſtellt, daß Willy ihn befremdet anblickte. „Ich hatte geſtern das Glück, Sie kennen zu lernen,“ ant⸗ wortete er. „Darf man fragen, bei welcher Gelegenheit?“ Weßhalb nicht! ich war in Oſthofen—“ „Du? In Oſthofen?“ ſagte der alte Mann betroffen. „Finden Sie das ſo ſeltſam?“ erwiderte Willy erſtaunt, während Auerbach ſich vor dem Tiſche niederließ, auf dem die Humpen ſtanden.„Baron von Oſthofen wollte mein Gemälde kaufen—“ „Seit wann iſt denn dieſer Lump ein Mäcen der Kunſt ge⸗ worden?“ ſpottete Auerbach, in deſſen Augen es jäh aufblitzte. „Mit ſolchen Leuten darf ein Mann wie Du, nicht in Verbindung treten, ſie wiſſen die Kunſt nicht zu würdigen, und der Künſtler ſoll die Perlen nicht vor die Säue werfen.“ „Anerbach, das ſprach perſönlicher Haß gegen den Baron aus Ihnen!“ ſagte der junge Mann entrüſtet.„Ich kenne den alten Baron nicht, aber das ſage ich Ihnen, wenn ich weiß, daß auch nur das Auge dieſes lieblichen Weſens“— damit deutete er auf das Portrait—„auf einem meiner Gemälde ruht, ſo belohnt dieſes Wiſſen mich hinlänglich für meine Arbeit.“ Ein heiſeres, höhniſches Lachen war die Antwort Auerbachs, ein Lachen, welches Willy tief verletzte. „Wo haſt Du dieſe Phraſe gelernt?“ fragte er.„Hat Dir ein ſentimentaler Roman den nüchternen Verſtand geraubt? Nur immer zu, mein Junge, wirſt auch ſchon Deine Erfahrungen machen!“ Willy hatte die Brauen zuſammengezogen, dieſer Hohn em⸗ pörte ihn. Sollte er dem Manne, dem er mit Grobheit nicht entgegen⸗ treten konnte und wollte, mittheilen, was ihn nach Oſthofen ge⸗ führt, und welchen Troſt er dort gefunden hatte? Vielleicht war es ſo beſſer, Auerbach mußte dann ja einſehen, wie wenig er verechtigt war, dieſe edle, charaktervolle Dame zu ſchmähen, er mußte erlangen, die Ueberzeusung daß die erwachende Liebe zu heili er1 ſedt für poſſe wer ſein F ko mi ge hör ihn Pa ſo fra We — —5 heilig war, als daß er ſie mit ſeinen Sarkasmen begeifern durfte Und weshalb auch ſollte er Bedenken tragen, es zu thun? Er hatte ja nie Geheimniſſe vor dem väterlichen Freunde gehabt, er wußte ja auch, daß in dieſer rauhen Schale ein guter Kern ſteckte und daß das Herz dieſes Mannes voll warmer Theilnahme für ihn ſchlug. Und ſo durfte er wohl auch mit Zuverſicht hoffen, daß Auerbach die edlen Eigenſchaften Klara's anerkennen werde. „Baron Bruno von Oſthofen war geſtern bei mir“, ſagte er, ſeiner inneren Erregung gebietend,„ein Dragonerlieutenant von Falkenberg begleitete ihn. Der Baron wollte mein Gemälde kaufen, und der Zufall fügte es, daß er Arabella Grimaldi bei mir traf. Arabella fertigte ſeine faden Schmeicheleien in ihrer gewohnten Weiſe mit kalter Geringſchätzung ab, das mag ſeinen Groll geweckt haben, der ſich gegen mich richtete. Ob ich es hören ſollte oder nicht, ich weiß das nicht, aber ich ſtand hinter ihm, als er ſeinem Freunde ſagte, auf meinem Namen ruhe der Makel der Geburt, und wenn ich auch die höchſten Ziele erreiche, ſo bleibe ich doch ein Baſtard.“ „Und das hat ein Baron von Oſthofen Dir vorgeworfen?“ fragte Auerbach, die Brauen hoch hinaufziehend.„Da hört die Weltgeſchichte auf!“ Willy nickte zuſtimmend und fuhr in ſeinen Mittheilungen fort. Er berichtete ſeine reſultatloſe Unterredung mit der Mutter, ſeinen Beſuch in Oſthofen und die Worte, die Klara ihm geſagt hatte, ſoweit ſie ihm in der Erinnerung geblieben waren. Der alte Mann hatte mehrfach mißbilligend die graue Mähne geſchüttelt, und ein ſeltſamer Zug umzuckte dabei ſeine feſt⸗ geſchloſſenen Lippen, jetzt erhob er ſich, um aus einem alterthüm⸗ lichen Schranke eine volle Weinflaſche zu holen, deren Inhalt er in einen der beiden großen Humpen goß. „Wenn ich Dir einen guten Rath geben ſoll, ſo bleibe de Familie Oſthofen fern“, ſagte er, nachdem er einen kräftigen Zug aus dem Humpen gethan hatte,„dort blüht kein Weizen für Dich, laß' es Dir geſagt ſein. Der Alte iſt ein Lump, und der Junge ein Windbeutel—“ „Mag ſein, aber Baroneſſe Klara—“ — 6— „Ein hübſches Lärvchen, im Uebrigen ſo hochmüthig, vie die Anderen auch!“ „Auerbach, Sie saſſen dieſe Familie!“ dieſen Leuten nie in Berührung gekommen. Schon, daß man Dir den Baſtard vorwirft, zeugt von Gemeinheit der Geſinnung, na, und wenn man einmal weiß, daß man dieſem Vorwurf nicht entgegentreten kann, dann hält man ſich am Beßten den Kreiſen fern, in denen man ihn erwarten darf.“ „So ſprechen Sie?“ fragte Willy überraſcht. Sie theilen alſo die Anſichten der Baroneſſe nicht?“ „Worte, nur Worte!“ erwiderte der alte Mann lakoniſch, „Es iſt außerordentlich wohlfeil, in Worten ſich edel und ge⸗ ſinnungstüchtig zu zeigen, aber Thaten fokgen dieſen Worten nicht. Verſuch's und begehre Einlaß in die Kreiſe dieſer Barone, und Du wirſt einen Fußtritt erleben, der Dir die Haare zu Berge treibt. Ja, ſieh' das ſchöne Geſicht nur an! Wie freundlich lächelt es Dich an! Weißt Du, wem das Lächeln gilt? Nicht dem Menſchen, ſondern dem preisgekrönten Maler Rodenberg, Das lautet dann ſo recht vornehm, wenn ein ſolches Gänschen den neidiſch aufhorchenden Freundinnen ſagen kann! ihm über den berühmten Mann kennen gelernt und lange mit ihm über die Kunſt und ſeine Ziele geſprochen! Der arme Menſch iſt leider durch ſeine Geburt nicht berechtigt, unſere Salons zu be⸗ treten, und er war deshalb ſehr niedergeſchlagen, aber ich habe ihn ermuthigt, und er küßte mir aus überſtrömender Dankbarkeit die Hand. Natürlich werden wir ihm einige Bilder beſtellen, um ihn zu unterſtützen, einem jungen Talent muß man unter die Arme greifen, und ein paar tauſend Thaler opfern wir gerne dafür,— wie ſchade, daß wir ihn nicht zu einer Soiree ein⸗ laben dürfen, er iſt ſo ſehr intereſſant!—“ So ſpricht das Gänschen, und wenn Du wieher kommſt, lacht es Dich ebenſo freundlich an. Aber bei Zeus, ich möchte das niedliche Geſichtchen ſehen, wenn Du ſo verwegen wäreſt, ihr ſtatt Deiner intereſſanten Unterhaltung Dein Herz anzubieten! Mein Herr, Sie werden unverſchämt! würde es dann hellen. Wiſſen Sie, wer ich bin? Baroneſſe Klara von Oſthofen! Welchen anderen Namen bieten Sie mir dafür? Den Namen eiaes berühmten Künſtlers? Ver⸗ „Bewahre, ich habe dazu gar keine Veranlaſſung, bin mit ſei gel Ne ber iſt be⸗ abe keit un die ne en en n7 ten — 56 zeihen Sn es iſt der Name Ihres Großvaters von mütterlicher Seite, ich bedauere, daß Sie mich zwingen, Ihnen das ſagen zu müſſen.“ Willy war abwechſelnd glühend roth und dann wieder todos⸗ bleich geworden, und der wechſelnde Ausdruck ſeines Geſichts ver⸗ rieth, welch' tiefen Eindruck die Worte Auerbach's auf ihn machten. Die Saat des Mißtrauens war in ſein Herz geſäect nnd manches Körnchen hatte einen fruchtbaren Boden gefunden. Starr blickte er den alten Mann an, deſſen rothe Naſe wie in dem Humpen verſchwand. „So würde Klara von Oſthofen nicht ſprechen!“ ſagte er mit zitternder Stimme. „Wenn Du's nicht glaubſt, verſuch's!“ Ich möchte dieſe De⸗ müthigung an mir ſelbſt nicht erleben, es gibt Leute, die ſich daraus nichts machen, aber ich glaube, zu dieſen gehörſt Du nicht.“ „Eine ſolche Demüthigung wäre mein Tod!“ „Hm, das ſind auch nur Worte“, erwiberte Auerbach achſel⸗ zuckend.„Früher hab' ich das auch einmal geſagt, aber ich bin trotzdem über die Geſchichte hinweggekommen.“ Er ſtützte das Haupt auf den Arm und blickte gedankenvoll in den beinahe geleerten Humpen, und über ihm ſchwebte die Gliederpuppe mit dem drohend gezückten Dolch und dem nichts⸗ ſagenden lächelnden Geſicht. „Einen Preis hatte ich nicht errungen,“ ſagte er, während der finſtere Blick Willy's auf dem Portrait Klara's ruhte,„aber ich darf wohl behaupten, daß ich glänzende Proben meines Ta⸗ lents abgelegt hatte. Meine Bilder wurden in der Ausſtellung bewundert und es fehlte auch nicht an Käufern, und ſo durfte ich wohl mit Vertrauen in die Zukunft blicken. Mein Vater war im Zuchthaus, und meine Mutter— Du lieber Gott, man kann nun einmal ſeine Eltern nicht wählen, wie man ſie gerne haben möchte, man muß aber vorlieb nehmen mit dem, was man hat. Ich will mich auch nicht des Langen und Breiten darüber auslaſſen, wie ungerecht es iſt, daß man dem Kinde die Schuld ſeiner Eltern anrechnet, es iſt das nun einmal, nicht anders, und gegen ſolche Vorurtheile anzukämpfen wäre vergebliche Mühe, Man muß das Leben nehmen, wie es iſt, und im Allgemeinen — 5 thut man am Beſten, die ganze Schwefelbande zu verachten und ruhig ſeinen eigenen Weg zu gehen.“ „Das wäre auch ein troſtloſes Daſein!“ ſchaltete Willy ein. „Troſtlos? Bah, ich bin mir ſelbſt genug, und einen gleich⸗ gefinnten Freund findet nian immer, wenn man ihn ernſtlich ſucht. Wenn man vor der Hochzeit ſteht, glaubt man, den Himmel auf Erden zu haben, und kommt nachher die Enttäuſchung, dann iſt man für das ganze Leben an ein Weſen gekettet, das Einem jede Stunde verbittert. Ich glaubte damals auch mir einen ſolchen Himmel ſchaffen zu können. Das Mädchen, welches ich liebte, hatte mir ewige Treue geſchworen und die Zukunft mir ſo roſig ausgemalt, daß ich der Glücklichſte unter den Sterblichen zu ſein glaubte. Die Eltern hatten in unſere Verlobung eingewilligt, reich und vornehm waren ſie gerade nicht, aber vermögend, auf eine gute Ausſteuer durfte ich rechnen, und für des Lebens Noth⸗ durft mußte mein Talent ſorgen. Mir bangte nicht, einſtweilen hatte ich noch Aufträge genug, für die erſten Jahre waren wir geſichert, und was nachher kommen würde, konnten wir in aller Ruhe abwarten. So kam denn die Zeit, in der wir ffür die nöthigen Papiere zum Aufgebot ſorgen mußten, denn ohne das geht's einmal nicht, ein Staatsbürger mußte unſerem papierenen Jahrhundert ſich bei jeder paſſenden Gelegenheit über ſeine Ge⸗ burt und ſeine Eltern ausweiſen können. Da kamen denn die bisher unbekannten Sünden meiner Eltern an den Tag, über die ich bisher wohlweislich geſchwiegen hatte. Der Vater im Zucht⸗ haus, die Mutter durch Trunkſucht zerrüttet, im Spital— das gab ein Halloh, als ob die ganze Hölle losgelaſſen würde. Natür⸗ lich konnte der Sohn ſolcher Eltern auch nur ein liederliches zu allen ſchlechten Streichen fähiges Subjekt ſein, und es war ganz unerhört, daß ein ſolcher Menſch die Unverſchämtheit gehabt hatte, ſich in eine geachtete Familie einzudrängen.“ „Das ſagte man Ihnen?“ fragte Willy entrüſtet. „Mit dürren Worten gerade zu in's Geſicht!“ „Aber Ihre Braut—“ „Sie war die Erſte, die mir's vorwarf. Nach ihrer Anſicht hatte ich ſie ſchändlich belogen und betrogen, verführt und ent⸗ ehrt, ich war der ſchlechteſte, erbärmlichſte Menſch unter der Sonne.“ dar heit dald niß Na ma jene nich Re ——.———— „Dann war ihre Liebe nur eine Lüge!“ „Und was änderte es denn an der Sache ſelbſt, daß ich ihr das vorwarf? Man zeigte mir, wie einem Ausſätzigen die Thür, und am nächſten Tage wußte die ganze Stadt, aus welchem Grunde die Verlobung gelöſt worden war. Natürlich Hohn und Spott überall. Theilnahme fand ich nirgend, die Buben auf der Straße ſteckten die Köpfe zuſammen, wenn ich an ihnen vorbei⸗ ging, ich kam mir ſelbſt vor, als ſei ich plötzlich ein Wunderthier geworden Ich hatte das Mädchen wirklich und wahrhaftig ge⸗ liebt, hatte mir das prachtvollſte Luftſchloß gebaut, und nun war Alles dahin! Daß ich damals nicht wahnſinnig geworden oder in's Waſſer gelaufen bin, mag Mancher nicht begriffen haben, aber vor dem Wahnſinn ſchützte mich die Verachtung gegen die ganze Schwefelbande, und das Waſſer war mir zu naß. Da ging ich lieber in die Schenke, wo ich Leute genug fand, die mir Recht gaben, auf meine Koſten mit mir zechten und mit mir auf die geſammte Menſchheit ſchimpften.“ „Und das war ihr Ruin!“ „Das ſchützte mich vor dem Wahnſinn. Das Toalent litt darunter, aber zur Arbeit hatte ich ohnehin keine Luſt, ich ar⸗ beitete nicht mehr, wie ich mußte. Meine ehemalige Braut hat vald nachher einen Andern geheirathet, und dieſer Andere hat ſie mißhandelt und das Ihrige mit ſeinen Kumpanen vergeudet,— ſo mußte es freilich kommen, aber weh hat mir's doch gethan! Na, es iſt vorüber, und ich lebe noch immer, und hätte ich da⸗ mals den dummen Streich nicht gemacht, deſſen Ende ich vor⸗ ausſehen konnte, dann wäre ich jetzt vielleicht ein reicher und an⸗ geſehener Mann, Profeſſor an der Akademie, Ritter dieſes oder ienes Ordens und ſo weiter.“ Willy ſtand noch immer in Gedanken verſunken vor ſeiner Zeichnung. „Und wenn Sie dies geworden wären, würden Ihnen dann nicht auch die höchſten Kreiſe offen geſtanden haben?“ fragte er. „Vielleicht! Orden, Titel und Geld ſind für dieſe Kreiſe die beſte Empfehlungskarte, aber es hätte nur irgend ein Neidhammel die Geſchichte meiner Eltern bekannt machen dürfen, dann wäre der Nimbus erloſchen geweſen.“ „Und daſſelbe Prognoſtikon wollen Sie mir ſtellen?“ Der Baſtard. 5 — 6 „Wenn Du dieſelbe Dummheit begehſt, die ich begangen habe, ſo wird Dir auch dasſelbe Loos blühen, mein Junge. In den Augen der Welt iſt es ein Verbrechen, wenn man ten Namen ſeines Vaters nicht tragen darf. Weshalb ſoll ich Dir das ver⸗ ſchweigen? Es iſt beſſer, ich zeige Dir die Klippen, an denen Du ſcheitern kannſt. Hab' d'rum keine Angſt,“ fuhr der alte Mann in beruhigendem Tone fort,„wenn Du Dich Niemandem aufdrängſt, wird man ſich auch nicht weiter um Dich bekümmern.“ „Ich habe mich Niemandem aufgedrängt,“ erwiderte Willy unwirſch. „Dann bleib' auch der Familie Oſthofen fern!“ „Der Baron will mir eine Beſtellung machen—“ „Und dann kann es nicht ausbleiben, daß Du öfter in das Schloß kommſt, ein Wort gibt bei irgend einer Gelegenheit das andere, Du glaubſt, eine vertrauliche Aeußerung machen, Dich als Freund des Hauſes betrachten zu dürfen, und urplötzlich haſt Du Deinen Fußtritt weg! So endet das Lied in der Regel, wer ſich zu grün macht, den freſſen die Ziegen. Haſt Du keinen Wein mehr?“ Mechaniſch trat Willy an den Schrank, er öffnete ihn und holte eine zweite Flaſche heraus, aber ehe er ſie dem alten Mann. überreichte, goß er einen Theil des Inhalts in den andern Humpen „So bliebe alſo nach Ihrer Meinung dieſer Fluch ewig auf mir ruhen?“ fragte er verwirrt. „Verſuch's, ihn abzuſchütteln, es wird Dir nicht gelingen,“ antwortete Auerbach.„Aber er wird Dich auch nicht drücken, wenn Du ihn nicht herausforderſt.“ „Sie kannten ihn, noch ehe ich eine Ahnung davon hatte?“ „Ich fänd in Eurem Hauſe ein Aſyl, und Deine Mutter hat mir einmal, als wir über Deine Zukunft ſprachen, das Geheimniß mitgetheilt.“ „So wiſſen Sie auch, wer mein Vater iſt?“ „Das weiß ich auch.“ „Dem Hinmel ſei Dank!“ rief Willy erregt,„Sie werden ihn mir nennen!“ „Das werde ich nicht thun,“ ſagte der alte Mann gelaſſen. „Ich habe Deiner Mutter die ſtrengſte Verſchwiegenheit gelobt.“ und Dir ruſt mir ſot Ru be we ic glü fih lich tror Er nit da das das nd en uf ſ und auf der anderen Seite hat es auch keinen Nutzen für Dich, wennich Dir das Geheimniß offenbare. Die Jugend iſt mit einem Entſchluß raſch fertig, und wenn du deinem Vater Vorwürfe machen wollteſt—“ „Ich würde ihn zwingen, mich als ſeinen Sohn anzuerkennen, mir das Recht zu geben, ſeinen Namen zu führen!“ unterbrach Willy ihn, leidenſchaftlich aufwallend. „Die Botſchaft hör⸗ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube,“ ſpottete Auerbach.„Dein Herr Vater würde mit der größten Ruhe ſeinen Dienern befehlen, Dich vor die Thür zu werfen.“ „Das ſollte er mir bieten!“ „Pah, weshalb ſollte er es nicht? Er wird Deine Mutter beſchimpfen und Dir ins Geſicht ſagen, er ſei Dein Vater nicht, wenigſtens wiſſe er nicht mit Sicherheit, daß er es ſei. Damit redet ein ſolcher Lump ſich am leichteſten heraus.“ Dem jungen Manne ſtockte das Blut in den Adern und im nächſten Augenblick wallte es ſiedend heiß auf, ſeine Wangen mit glühender Röthe überziehend. „Das wäre der Infamie die Krone aufgeſetzt“ rief er, un⸗ fähig, den in ihm tobenden Zorn zu bezwingen. Eine Unglück⸗ liche zu beſchimpfen, die man mit den heiligſten Schwüren be trogen hat, dazu gehört eine Frechheit, die—“ Er brach ab, die Stimme verſagte ihm, ſo furchtbar war die Erregung, die ſich ſeiner bemächtigt hatte, er konnte den Satz nicht vollenden. Ein Blick voll herzlicher Theilnahme traf aus den Augen des verkommenen Malers den Jüngling, der mit großen Schritten das Atelier durchmaß. „Ich muß Dir Alles ſagen,“ verſetzte er,„Du biſt auf dem beſten Wege zu dem Elend, in das ich durch meine eigene Dumm⸗ heit gerieth und daß ich es immer gut mit Dir gemeint habe, das wirſt Du wiſſen. Ja, wenn man die Menſchen vollkommen machen könnte! Wie es von Anbeginn der Welt war, ſo wird's auch bleiben in alle Ewigkeit, der Eine mäkelt den Anderen, der Eine dünkt ſich höher und beſſer wie der Andere, und den Balken im eigenen Auge achtet man nicht, wenn man nur die Splitter Anderer richten kann. Deshalb, mein Junge, nimm 5* — das Leben, wie es iſt und laſſe Dich nicht durch Illuſionen irre machen.“ Willy war ſtehen geblieben, jeder Zug ſeines bleichen Geſichts verrieth die innere Erregung. „Und wollen Sie mir nicht ſagen, wer mein Vater iſt?“ fragte er. „Nein, zu Deinem eigenen Heil thue ich es nicht.“ „Sie ſagten vorhin, er habe Diener, denen er befehlen könne, alſo muß er ein reicher Mann ſein.“ „Um ſo ſchlimmer für Dich!“ „Um ſo ſchlimmer? Ich mache ihm keine Schande, er dar ſtolz auf mich ſein!“ „Aber auf den Betrug, den er an Deiner Mutter verübt hat, kann er nicht ſtolz ſein, und deshalb wird er dieſen Betrug leugnen. Du würdeſt überhaupt keine Worte darüber verlieren, wenn Du Alles wüßteſt, was damals ſich ereignet hat. Oder glaubſt Du denn, Deine Mutter und ihr rechtſchaffener Vater hätten zu der Infamie geſchwiegen? Sie haben ſich bitter be⸗ ſchwert und das gefordert, was ſie zu fordern berechtigt waren, aber ſie wurden mit verletzendem Hohn zurückgewieſen, und Deine Mutter beſchimpfte man durch Almoſen, die man ihr vor die Füße warf.“ Ein heiſerer Schrei entfuhr den Lippen des jungen Mannes, der verkommene Maler blickte ſtarr in ſeinen Humpen und ſtrich das graue Haar von der Stirne. „Was willſt Du fordern?“ fuhr er fort,„die Rechte des Sohnes? Unſiun! Was man Deiner Mutter nicht bewilligte, das wird man Dir gewiß nicht bewilligen. Würde ein ſchönes Auf⸗ ſehen geben, wenn der reiche Herr in ſeinen Kreiſen den vom Himmel heruntergeſchnciten Sohn präſentirte! Ja, wenn der Fall umgekehrt wäre, dann brauchteſt Dn um die Anerkennung nicht verlegen zu ſein! Du müßteſt reich, und Dein Vater ein armer Lump ſein, dann würde er ungebeten kommen, um ſich von Dir ernähren zu laſſen.“ Er lachte heiſer vor ſich hin, Willy ballte in ohnmächtiger Wuth die Fäuſte, er konnte nicht leugnen, daß Wahrheit, bittere Wahrheit in all' dieſen Worten lag. „Ich werde ihn dennoch finden!“ ſagte er. leit ver bre ein ban Dir vor von G ne nn r „Und wenn Du ihn gefunden haſt, dann erinnere Dich meiner borte. Ich würde ihn gar nicht ſuchen, und käme er zu mir, ſo ſtrafte ich ihn mit Verachtung. und vor allen Dingen begib Dich nicht in Verhältniſſe, in denen Du ein Geburtszeugniß nöthig haſt.“ Wieder ruhte der Blick Willy's auf dem Portrait Klara's. Wär' es denn möglich, ja nur denkbar, daß dieſes ſchöne Ge⸗ ſicht lügen konnte? Sollten es wirklich nur leere Phraſen ge⸗ weſen ſein, was ſie ihm geſagt hatte! Sie hatte ihn ermuthigt und aufgefordert, den Vorurtheilen aufzunehmen, ſie hatte ihn einen gottbegnadeten ihm geſagt, er ſtehe über ſolchen Vorurtheilen, die ihn nicht beirren dürften— nein, das Alles war ihr aus dem Herzen gekommen, wie ſie ſprach, doch, wenn die Frage an ſie herantrat, Worte durch Thaten zu bekräftigen, welche Antwort mochte ſie darauf geben? Ob ſie wirklich ſo lautete, wie Auerbach behauptete? Der alte Mann war tief geſunken und verkommen, aber er hatte und auf dieſe geſtützt konnte er die Men⸗ Menſchen genannt, Erfahrungen gemacht, ſchen richtig beurtheilen. Die Saat des Mißtrauens keimte üppig auf, ſchon begann das Unkraut die Blüthen, die ſich kaum erſchloſſen hatten, überwuchern. Der alte Mann war von ſeinem Sitz aufgeſtanden, leicht ſeine S auf die Schulter Willy's, in deſſen Innern 5 zwiſchen Glauben und Mißtrauen vernichtende brannt war. „Nimm Dir das nicht ſo ſehr zu Herzen,“ ſagte er,„es iſt Sei ſtolz und verachte die ganze Schwefel⸗ bande, und wenn Jemand ſeinen Salon mit einem Bilde von Dir zu ſchmücken wünſcht, ſo mag er zu Dir kommen, ein Künſtler von Gottes Gnaden, wie er nun einmal in Dir ſteckt, geht nicht von Haus zu Haus, um Aufträge; zu erbetteln, das überlaſſe den Decorationsmalern und ſolchen, es werden wollen. Grimaldi, Deine Freundin, Bande auch ſo fern wie möglich.“ „Ruht denn auch auf ihrem Namen ein Makel?“ fragte Willy, aus ſeinem Brüten auffahrend. einmal nicht anders. Du in Deinen Kreiſen den Kampf mit ſo dachte ſie auch. Und ob ſie bereit ſei, ihre iſt klüger, ſie hält ſich die ganze Robert Auerbach ſchüttelte ſeltſam lächelnd das Haupt. „So ganz klar iſt ihre Herkunft auch nicht,“ ſagte er,„Sie ſelbſt meint, ſie ſei als Kind mit einer vagabundirenden Zigeuner⸗ bande durch die Welt gezogen. Kann ſein! Die alte Grimaldi giebt darüber gar keine Auskunft, ſie ſcheint mir kein gutes Ge⸗ wiſſen zu haben. Auf den amtlichen Tauf⸗ oder Geburtsſchein tommt's an, ich glaube kaum, daß Signora Arabella ein ſolches Document aufzuweiſen hat.“ „Sie ſind ein Mephiſto, Auerbach 6 „Na, dann ſei Du der Fauſt,“ ſpottete der alte Mann,„die alte Grimaldi übernimmt die Rolle der Martha, und wen nehmen wir denn als Gretchen? Fräulein Klara von Oſthofen? Ich glaube nicht, daß—“ „Ihr Spott wird verletzend!“ „Das nennſt Du Spott? Bei Zeus, es iſt die ſchneidendſte Satyre, die Dir die Augen öffnen ſoll. Du könnteſt mir wohl fünfundzwanzig Thaler leihen?“ „Fünfundzwanzig?“ fragte Willy, wie aus einem Traume erwachend. „Ich gebe Dir einen Wechſel auf drei Monate und für die Zinſen male ich Dir eine Scene aus Fauſt's Leben, Thaten und Höllenfahrt.“ Ein ſpöttiſches Lächeln glitt über die Lippen Willy's. „Sie tariren Ihre Bilder ſehr billig,“ ſagte er. „Wie ſo? Ich ſtelle nicht Jedem denſelben Preis.“ „Wie viele Bilder ſchulden Sie mir noch?“ „Bah, von ſolchen Kleinigkeiten ſpricht man nicht. Wenn ich einmal an's Arbeiten komme, dann geht's flott von der Hand, und die Schulden werden hintereinander abgemacht. Aber ich habe jetzt keine Ruhe, ſieh nur, wie meine Hände zittern.“ Willy warf wirklich einen Blick auf die mageren, rothen Hände, dann zuckte er die Achſeln. „Das iſt Ihre eigene Schuld!“ erwiderte er.„Wenn Sie einen nüchternen Lebenswandel führen wollten, würden die Hände bald wieder fähig ſein, den Pinſel zu führen.“ „Nie, mein Junge, nie! In dieſes Elend haben mich meine Eltern gebracht. Aber ich will Dir einen anderen Vorſchlag machen, damit Du nicht zu kurz kommſt. Haſt Du nicht Luſt, hin Sie Wet N ſot nit 6 den die ihne gelb e ſo ha An ine lag ſt, den ewigen Juden zu malen? Ich biete mich Dir dazu als Modell an, ein ſchöneres Modell findeſt Du nirgend, das Bild würde Aufſehen machen. Im Hintergrunde das brennende Jeru⸗ ſalem, vorn der ewige Jude—“ „Laſſen wir das,“ unterbrach Willy ihn ernſt.„Zum Scherzen bin ich nicht aufgelegt, und Ihr Spott thut mir wehe. Ich wollte Sie hätten mir das Alles nicht geſagt.“ „Du wirſt mir noch einma! Dank dafür wiſſen.“ „Dafür, daß Sie mir den Glauben an eine ſchöne Zukunft Igeraubt haben?“ „Sie liegt noch immer vor Dir, ich habe Dich nur vor falſchen Wegen gewarnt. Zerreiß dieſe Zeichnung und vergiß das Original, es wird Dir ſobald nicht wieder begegnen, wenn Du ſo klug biſt, Dich von Oſthofen fern zu halten. Alſo, wie iſt es mit der Anleihe?“ Deß junge Mann holte aus dem Schranke, der zugleich zum Weinkeller diente, eine kleine antike, mit Leder überzogene und an den Enden mit Meſſi ſing beſchlagene Schatulle und öffnete ſie, und die Augen Auerbachs funkelten beim Anblick des Goldes, welches ihnen entgegenblitzte. „Sieh, das iſt der nervus rerum!“ ſagte er.„Mit dieſem gelben Metall kannſt Du Alles erreichen!“ „Auch die Anerkennung meines Vaters?“ fragte Willy, während er einige Goldſtücke auf den Tiſch warf und die Schatulle wieder fortbrachte. „Vielleicht auch ſie, aber dann müßteſt Du etwas mehr haben, wie dieſe Bagatelle! Na, einſtweilen beſten Dank, das Andere findet ſich bei der Abrechnung. Und noch Eins, mein Junge, ſag' Deiner Mutter nichts von dem, was wir miteinander geredet haben, die arme Frau hat Sorgen und Kummer genug gehabt, Du darfſt ſie nicht betrüben. Im Uebrigen nur Muth, wirſt Deinen Weg ſchon finden! Addio!“ Der alte Mann grüßte mit der Hand, bedeckte das graue Haupt mit dem Kalabreſerhut, und ging, die Melodie eines Trink⸗ liedes trällernd, hinaus. Willy ſtampfte mit dem Fuß auf den Boden, daß der Staube hoch aufwirbelte. Er war ſo glücklich geweſen in der Erinnerung an die Wort Klara's und nun mußte dieſer Menſch kommen, und ihm den inneren Frieden wieder rauben! Ja, ja, es war Alles Wahrheit, was Auerbach ihm geſagt hatte, und er ſelbſt hätte ſich das auch ſagen können, aber er würde es nicht gethan, nicht daran gedacht haben, wenn deeſer Mann nicht gekommen wäre. Er betrachtete noch einmal die Zeichnung, und die Erinnerung an die ſchöne Stunde, die er gemeinſam mit dieſem reizenden Mädchen verlebt hatte, ward wiederum lebendig in ihm. Aber die freudige ungetrübte Erinnerung, die einen ſo erhebenden Ein⸗, fluß auf ſeine Stimmung und ſein Gemüth geübt hatte, war es nicht mehr, ein dunkler Schatten lag auf ihr, der Schatten des Mißtrauens, der den Worten Klara's eine andere Deutung gab. Wäre ſie wirklich fähig, ihn mit verletzendem Hohn an ſeine dunkle Herkunft zu erinnern, wenn er ſein Herz, ein Herz voll der reinſten, treueſten Liebe, ihr anbot? Was konnte denn er dafür, wenn ſeine Mutter verführt worden war? Wie konnte ihm ein Vormurf daraus gemacht werden, daß er den Namen ſeines Vaters nicht tragen durfte? Den Namen, den er trug, hatte er berühmt gemacht, das war ſein eigenes, alleiniges Verdienſt, und dieſes Verdienſt mußte alles Andere aufwiegen. Er dachte freilich noch nicht daran, um Herz und Hand dieſer Dame zu werben, ein ſolcher Gedanke wäre gewiß nicht in ihm aufgeſtiegen, wenn Auerbach ihn nicht darauf aufmerkſam gemacht hätte, jetzt aber berückſichtigte er die Möglich⸗ keit dieſer Werbung, und ſchon die Vermuthung, daß er, der Edelſten und Beſten einer, zurückgewieſen werden könne, brachte ſein Blut in Wallung. War es beſſer, wenn er nicht wieder hinging? Aber er hatte ja verſprochen, noch einmal zu kommen, um das Geſchäft mit dem Baron abzuſchließen, durfte er ſein Wort ohne genügende Erklärung brechen? Wer konnte ihm rathen, was er thun ſollte? Auerbach rieth ab, Hellmuth rieth wahrſcheinlich zu dem Entgegengeſetzten, damit das vortheilhafte Geſchäft nicht in die Brüche ging. Arabella Grimaldi! Gleich einem Blitzſtrahl durchzuckte der Gedanke an ſie ſeine Seele! Ihr konnte er volles Vertrauen ſchenken, ſie fand gewiß mit ihrem feinen Takt den richtigen Weg, auf ihr Urtheil und ihren Rath durfte er ſich verlaſſen. Sie war ſeine Freundin im edelſten Sinne des Wortes, das hatte ſie oft ihm bewieſen, ihr durfte er die innerſten Tiefen ſeines Herzens öffnen. Als Willy ſoweit in ſeinem Gedankengange gekommen war, befand er ſich ſchon auf der Straße, er ſchlug den Weg zur Wohnung Arabella's ein Wie und was er mit der Sängerin reden wollte, das wußte er ſelbſt noch nicht, die beſten Worte wollte er ſchon finden, wenn er ihr gegenüberſtand. Arabella Grimaldi wohnte nicht im eleganteſten Sradtviertel, wozu ſie als gefeierte Sängerin wohl berechtigt geweſen wäre, ihre Wohnung lag in einer ſtillen und ziemlich entlegenen Straße, ſie beſtand aus den nöthigſten Räumen und war, wenn auch mit feinem, gediegenem Geſchmack, doch außerordentlich einfach ein⸗ gerichtet. So hatte ihre Mutter es gewollt, und Arabella fügte ſich dieſem Willen um ſo lieber, weil ſie ſelbſt den Prunt und Alles, was Aufſehen erregte, nicht liebte. Mutter und Tochter lebten ſehr zurückgezogen, und ihre Lebensweiſe war außerordentlich einfach, trotz der hohen Honorare welche jedes Conzert einbrachte. Beſuche empfingen ſie gar nicht; Anfangs hatten einige Herren, auf ihren Rang und ihren Reichthum pochend, eine Annäherung verſucht, ſie waren an der Thür abgewieſen worden, und ſeitdem nannte man Arahella Grimaldi„Dornröschen“ und ihre Mutter einen„alten Drachen.“ Willy und Hellmuth waren die Einzigen, welche das Dorn⸗ röschen in dem verzauberten Schloſſe beſuchen durften, und der alte Drachen hatte auch gegen dieſe Beiden Manches einzuwenden, vorzüglich gegen Willy, der ſich ihrer beſonderen Abneigung er⸗ freute, aber Arabella ließ ſie proteſtiren und empfing die Freunde nach wie vor mit derſelben wohlthuenden Herzlichkeit. Sie kamen ohnedies nicht allzu oft, mitunter ließen ſie wochen⸗ lang ſich nicht blicken, ſo daß Arabella ihnen Vorwürfe machen zu müſſen glaubte. Diesmal traf i ſie nicht zu Hauſe, er fand im Wohnzimmer 74 nur die alte Signora, eine dürre, hagere Frau mit ergrautem Haar, die mürriſch und mit mißtrauiſchem Blick ihn empfing. Er war dieſes zurückſtoßende Benehmen von ihrer Seite ge⸗ wohnt, es würde ihn befremdet haben, wenn ſie ihn freundlich empfangen hätte. „Meine Tochter iſt in der Probe,“ ſagte ſie, als er die Thür noch nicht hinter ſich geſchloſſen hatte. „Dann werde ich ihre Rückkehr hier erwarten,“ entgegnete er lakoniſch und ohne eine Einladung abzuwarten, oder lange um Erlaubniß zu fragen, ſetzte er ſich in einen Seſſel mit der Miene Müßiggang todtzuſchlagen. Der ſtechende Blick der alten Frau ruhte verſtohlen auf ihm. „Iſt es ſo eilig?“ fragte ſie nach einer Pauſe. „Eilig? Das gerade nicht, aber ich bin nun einmal hier und möchte nicht den Weg noch einmal machen.“ Signora Grimaldi handhabte die Stricknadeln, mit denen ſie ſich beſchäftigte, eifriger, ſie ſis eine eingehendere er⸗ wartet zu haben. „Im Atelier liegt jetzt wohl der Staub auf der⸗Staffelei?“ ſagte ſie. „Wie meinen Sie das?“ „Hm, wenn die Herren Maler die Taſchen voll Geld haben arbeiten ſie nicht gern.“ Willy ſah die alte Frau an und lachte, der Pfeil hatte nicht getroffen. „Von mir kann ich das gerade nicht behaupten,“ erwiderte er. „Dann hat man Ihnen wohl den Preis noch nicht aus⸗ gezahlt?“ „Das iſt allerdings geſchehen!“ „Und mehr als das bischen Ruhm haben Sie auch nicht da⸗ von!“ brummte Signora Grimaldi. „Sie irren, Madame, dem Ruhm ſind bereits Aufträge ge⸗ folgt.“ „Darf man wiſſen, von wem? Wahrſcheinlich von einem—“ „Quälen Sie ſich nicht mit Vermuthungen,“ ſpottete Willy, „ich darf den Namen des Mäcens nennen, es iſt der Baron von Oſthofen.“ eines Mannes, der nichts Beſſeres zu thun hat, als die Zeit mit ¹0 Signora Grimaldi warf haſtig das graue Haupt mit der langen Naſe und dem ſpitzen Kinn zurück; Erſtaunen und Gering⸗ ſchätzung ſpiegelten ſich zugleich in ihrem vergilbten Geſicht. „Gratulire!“ ſagte ſie trocken.„War der alte Herr ſelbſt bei Ihneu?“ MRein „So waren Sie wohl bei ihm?“ „Jawohl.“ „Und wie benahm er ſich gegen Sie?. „Ich habe ihn nicht geſehen,“ erwiderte Willy, dem dieſe t Fragen läſtig wurden. „Er hat Ihnen wohl den Auftrag durch ſeine Diener gegeben?“ „Madame, Ihr Spott hat keine Berechtigung— „Weshalb nicht?“ ſagte Signora Grimaldi.„Der Baron von Oſthofen iſt ein ſtolzer Herr, und ſeine Gemahlin ſoll noch hochmüthiger ſein, Sie aber—“ Sie brach ab, wie wenn ſie plötzlich zu der Erkenntniß ge⸗ 6 tommen wäre, daß ſie ſchon zu viel geſagt habe. „Ich aber, Madame?“ fragte Willy ſcharf.„Wollen Sie Ihren Satz nicht beenden?“ „Wozu?“ erwiderte die alte Frau achſelzuckend.„Das Uebrige können Sie errathen.“ „Durchaus nicht, ich war nie ein Freund von Räthſel⸗ aufgaben.“ „Nun denn, wenn Sie's wiſſen wollen, man unterſtützt die Kunſt, weil es einmal Mode iſt, den Künſtler ſelbſt hält man ſich vom Leibe.“ Willy blickte ſie betroffen an. War das nicht daſſelbe, was Auerbach ihm geſagt hatte? „Ich verſtehe Sie noch immer nicht ganz,“ ſagte er. „Vielleicht wollen Sie es nicht verſtehen! Die Preisertheilung hat den Namen, den Sie tragen, berühmt gemacht, aber er hat Ihnen keinen anderen Namen gegeben, verſtehen Sie mich jetzt?“ Dem jungen Manne ſchoß das Blut in die Wangen, auf dem Wege hieher hatte er ſeine Erregung allmählig bezwungen, ruhig und gefaßt wollte er der Freundin die nöthigen Mitthei⸗ lungen machen, er glaubte, ſie ſei über den Makel, der auf ihm ruhte, noch nicht unterrichtet, und jetzt empfing ihn ihre Mutter mit dieſer beleidigenden Aeußerung! Das brachte ſein Blut wieder in Wallung. „Was wiſſen Sie denn davon?“ fragte er auffahrend. „Vielleicht mehr, als Sie ahnen,“ antwortete Signora Gri⸗ maldi, und der Ausdruck ihres Geſichts ließ deutlich eine trium⸗ phirende Schadenfreude erkennen. „Wenn das Wahrheit iſt, dann beweiſen Sie es mir dadurch, daß Sie mir Alles berichten, was Sie wiſſen,“ ſagte er. „Wiſſen Sie denn noch nicht, wem Sie Ihr Daſein ver⸗ danken?“ „Nein!“ „Ihre Mutter ſollte es Ihnen nicht geſagt haben?“ „Sie hat meine Frage nach jenem Manne nicht beantwortet!“ „So thue ich es auch nicht,“ erwiderte Signora Grimaldi boshaft. Willy war von ſeinem Sitz emporgeſprungen, aus ſeinen glühenden Augen traf ein flammender Blick die alte Frau, deren Stricknadeln immer raſcher und eifriger klapperten. „Jedermann kennt das Geheimniß,“ ſagte er, zitternd vor Erregung, und„Keiner will es mir enthüllen. Was ſoll ich da⸗ von halten?“ „Was Sie wollen, mir iſt es gleichgültig. Was würden Sie thun, wenn ich Ihnen das Geheimniß offenbarte?“ „Ich würde den Schimpf, der meiner Mutter angethan wurde, rächen!“ „Wirklich? In Ihren Adern fließt das ſtolze, leidenſchaftliche Blut Ihres Vaters, aber was nutzt das Ihnen, ſo lange Sie nicht als der Sohn dieſes Mannes anerkannt ſind?“ „Ich werde ihn zwingen, mich anzuerkennen?“ „Womit? Wollen Sie ihn fordern? Das wäre lächerlich! Wollen Sie Hülfe des Geſetzes anrufen? Es ſchützt Sie nicht! Oder wollen Sie in der ganzen Stadt bekannt machen, wer Ihr Vater iſt? Dadurch würden Sie ſich auch nur lächerlich machen.“ „Was ich thun werde, daß iſt meine Sache,“ erwiedrte Willy, dem der Hohn dieſer Frau die Galle noch tiefer in's Blut trieb, „nennen Sie mir nur den Namen, Sie haben doch wahrlich keinen Grund, ihn mir zu verſchweigen.“ ſich, Signora Grimaldi ſchüttelte ablehnend das Haupt, und der boshafte, tückiſche Zug, der jetzt über ihr gelbes Geſicht glitt, ließ daſſelbe noch häßlicher erſcheinen. „Meine Gründe nenne ich nicht,“ ſagte ſie,„vielleicht ſage ich Ihnen ſpäter, was Sie jetzt zu wiſſen wünſchen, gedulden Sie ſich, Sie haben's ſo lange getragen, Sie können's nun auch noch länger tragen, ändern werden Sie ja doch uichts an der Geſchichte, und all' Ihr Ruhm kann Ihnen nichts helfen.“ Der junge Mann hatte die Unterlippe zwiſchen die Zähne gepreßt, ſein glühender Blick ruhte durchdringend auf der bos⸗ baften Frau, die ihre Abneigung gegen ihn ſchroff hervor⸗ treten ließ. „Wollen Sie nichts verrathen, ſo wird Arabella es chun,“ erwiderte er. „Hoffen Sie das nicht! Noch weiß Arabella von dieſer Ge⸗ ſchichte keine Silbe, aber ich werde heute noch ſie ihr mittheilen, ſie muß dann einſehen, daß ſie ihrer eigenen Ehre ſchadet, wenn ſie noch länger mit Ihnen verkehrt.“ Das war zu viel, Willy konnte nicht länger an ſich halten, er mußte der Wuth, die in ihm tobte, Luft machen. „Ihrer eigenen Ehre!“ rief er. Madame, ich frage Sie, was waren Sie früher? Welcher Art iſt Ihre Herkunft? Ihre Wiege hat in irgend einer Scheune, oder unter Gottes freiem Himmel umgeben von vagabundirenden Zigeunern, geſtanden! Signora Grimbaldi zuckte zuſammen, als ob eine Natter ſie gebiſſen habe, ſie ſchleuderte dem erregten Maler einen Blick zu, der ihn zerſchmettert haben würde, wenn er eine tödtende Kraft boſeſſen hätte. „Das iſt eine Lüge!“ ſagte ſie mit zitternder Stimme. „Hat Arabella nicht ſelbſt mir geſagt, ſie habe mit einer Zigeu⸗ nerbande den Süden durchzogen? Wollen Sie die eigene Tochter Lügen ſtrafen? Sie wären die Letzte, die ſich erlauben dürfte, mir einen Vorwurf zu machen!“ „Und Sie ſind der Letzte, dem ich jemals erlauben werde, meine Schwelle wieder zu überſchreiten,“ erwiderte Signora Grimaldi, nicht minder erregt.„Und würden Sie auch der berühmteſte Mann Gllb den dunklen Flecken, der auf Ihrem Namen iſt, können Sie niemals tilgen!“ ruht⸗ Willy ſtand eine Weile wie gelähmt vor Beſtürzung und Zorn vor der alten Frau, die ihn höhniſch anblickte, dann wandte er ſich haſtig um. In demſelben Augenblicke wurde die Thür gss et, und Ara⸗ bella erſchien auf der Schwelle, aber der junge Mann, unfähig, ſeiner Erregung zu gebieten, eilte mit flüchtigem Gruß an ihr vorbei, es wäre ihm in dieſem Augenblicke nicht möglich geweſen, ein Wort an ſie zu richten, er fühlte ſelbſt, daß ſie dieſes Wort ſich zu einer Beleidigung hätte zuziehen können. Beſtürzt blickte Arabella ihm nach, dann heftete ſie ihre ſchö⸗ nen Augen auf die Mutter:„Was war das? fragte ſie.„Was iſt vorgefallen?“ Signora Grimaldi zuckte die Achſeln, ein höniſcher Zug um⸗ ſpielte ihre Mundwinkel. „Daß es ſo kommen würde, habe ich lange vorausgeſehen,“ nun iſt das Ende da, und ich erwarte von Dir, daß du jetzt nicht länger gegen meinen Willen proteſtiren wirſt. „Wann hätte ich das je gethan?“ ſagte Arabella, deren Blicke noch immer voll fieberhafter Spannung auf dem gelben, häßlichen Geſicht ruhten. „Wann habe ich nicht immer Dich vor dem Umgang mit dieſem Manne gewarnt?“ Willy Rodenberg iſt ſeit Jahren mein Freund,“ „Wenn ein Baſtard deiner Mutter vorwirft, ſie ſei eine Zigen⸗ nerin, willſt Du ihn auch dann noch Deinen Freund nennen?“ fragte ſchneidend die Alte und die ſtechenden Augen ſahen voll Haß und Bosheit an der ſchlanken, hohen Geſtalt empor. „Ein Baſtard?“ antwortete die Sängerin mit zitternder Stimme. Signora Grimaldi lachte, es war einhäßliches, tückiſches Lachen. „Dein ſtolzer Freund hat den Namen ſeiner Mutter berühmt gemacht,“ ſagte ſie,„der Name ſeines Vaters iſt ihm noch ein Geheimniß.“ Arabella preßte die Hände auf den wogenden Buſen, als ob ſie dem ſtürmiſch pochenden Herzen Ruhe gebieten wolle. „Und das haſt Du ihm vorgeworfen?“ fragte ſie. „Ich habe ihm die Wahrheit geſagt,“ nickte die Alte,„und nun iſt es aus zwiſchen uns, er wird unſere Schwe icht mehr überſchreiten!“ —z—— mit ne n⸗ 4 Bei den letzten Worten flammte die Gluth des Zornes in den Augen der Sängerin auf, und ihr ſchönes Antlitz zeigte einen trotzigen Ausdruck. „Du warſt ts ſeine Feindin,“ ſagte ſie,„weßhalb? ich weiß es nicht! Es mag ſein, daß der Vorwurf, den Du ihm machſt, auf Wahrheit beruht, aber ihn ſelbſt trifft dieſer Vorwurf nicht, er raubt ihm nichts von ſeinem Werthe.“ „Davon verſtehſt Du nichts, Arabella!“ „Was ich davon verſtehe, das genügt mir, um mir ein Ur⸗ theil zu bilden. Und bin ich denn beſſer, wie er? Glaubſt Du, ich erinnere mich nicht mehr meiner Kindheit? Waren die Zigeu⸗ ner, mit denen wir die Welt durchzogen, nicht unſere Familie? Und habe ich vielleicht Grund, ſtolz zu ſein auf dieſe Herkunft?“ Die Alte blickte finſter vor ſich hin, das krampfhafte Zucken ihrer Lippen ließ erkennen, daß in ihrem Innern ein Kampf tobte, den ſie nicht zur Entſcheidung bringen konnte. „Davon weiß Niemand etwas,“ erwiderte ſie nach einer Pauſe mit ſcharfer Betonung, und wenn's unter die Leute kommt, ſo trägſt Du allein die Schuld daran. Du haſt es dem Baſtard mitgetheilt, und daraufhin beſchimpfte er Deine Mutter, er wird's jetzt an allen Straßenecken auspoſaunen, und deshalb können wir nicht länger in dieſer Stadt bleiben.“ „Und ſagſt Du mit dieſen Worten nicht ſelbſt, daß ich mich meiner Herkunft ſchämen müſſe? fragte Arabella.„Wie alſo kannſt Du ihm vorwerfen, daß auf ſeiner Gebnrt ein Makel ruhe? Und was berechtigt Dich, ihm deßhalb die Thüre zu zeigen? Du mußt ihn furchtbar beleidigt haben, Mutter, durch Deine Beleidigung haſt Du ſelbſt ihn gezwungen—“ „Was geſchehen iſt, iſt geſchehen,“ fiel Signora Grimaldi ihr in's Wort,„und mich reut es nicht, daß ich ihm die Wahrheit geſagt habe! Er wird ſie auch von anderen Leuten hören müſſen, weshalb hat er ſich ſo nahe an's Licht gewagt! Wenn ihm die Flügel verſengt werden, ſo mag er ſich ſagen, es ſei eine ver⸗ wegene Thorheit geweſen, aus dem Dunkel hervorzutreten, früher hat Niemand ihn beachtet, jetzt beſchäftigt ſich Jeder mit ihm und ſeiner Vergangenheit und da kann's nicht ausbleiben, daß man auch die Frage aufwirft, welchen Vater dieſer berühmte Mann gehabt habe! Und auf Deinen guten Ruf wirft's auch einen dunklen Flecken, wenn Du Dich die Freundin eines ſolchen Man⸗ nes nennſt, deshalb befehle ich Dir, fortan jeden Verkehr mit ihm abzubrechen, ich werde dafür ſorgen, daß wir ſobald wie möglich die Stadt verlaſſen.“ Arabella hatte ſich auf den Divan niedergelaſſen; das ſchöne Haupt auf den Arm geſtützt, blickte ſie die Mutter, deren fieber⸗ hafte Unruhe ſie nicht begriff, vorwurfsvoll an. „All' Deine Gründe ſind nicht ſtichhaltig,“ ſagte ſie in ent⸗ ſchloſſenem Tone,„ich werde dieſem Manne eine Freundin ſein, ſo lange ich lebe.“ „Und weißt Du, was die Leute dazu ſagen?“ „Nein, es kümmert mich auch nicht. Der Verleumdung kann Niemand Schweigen gebieten—“ „Darum ſoll man Alles vermeiden, was ihr nur einen Schein von Berechtigung geben kann!“ „Auch dazu iſt Niemand im Stande! Dem Reinen iſt aber Alles rein, und—“ „Die Menſchen glauben ſtets das Schlechteſte, und ſo wird Niemand glauben, daß dieſer Mann Dir nicht mehr ſei als ein Freund.“ „In Gottes Namen!“ erwiderte Arabella, tief aufathmend. „Das Gerede der Leute darf mich aber nicht zwingen, einen Verrath an der edelſten Freundſchaft zu begehen. Wir waren faſt noch Kinder, als wir einander kennen lernten, und ich darf es wohl ſagen, daß ich dieſem Freunde großen Dank ſchulde. Er hat mich ermuthigt, rüſtig auf der betretenen Bahn weiter zu ſchreiten, er hat mich eingeführt in die heiligen Hallen der Kunſt und mir ſein reiches Wiſſen erſchloſſen er—“ „Ich habe das Alles ſchon zum Ueberdruß hören müſſen,“ ſagte Signora Grimaldi ärgerlich,„er iſt Dein Abgott, aber ich werde dieſem Götzendienſt jetzt ein Ende machen. Triff Deine 35 Vorbereitungen, wir werden in den erſten Tagen abreiſen.“ „Darüber haſt Du nicht zu beſtimmen!“ „Willſt Du meinem Willen Dich widerſetzen% „Nein,“ entgegnete Arabella, aber der Trotz, der aus ihren Augen leuchtete, ſtrafte dieſe Antwort Lüge.„Du wirſt jeden⸗ falls warten müſſen, bis mein Contract abgelaufen iſt.“ w0 könn ginn wäre ( Fran ( din ab au erg ſenl ie, Dr ſir Fr a „Ich werde ihn löſen!“ rief die alte Frau erboſt.„Ich werde ſofort zum Director der Muſik vorausgehen und—“ „Gieb Dir keine Mühe, ſie wäre fruchtlos. Wollen auch die Directoren des Muſikvereins und des Conſervatoriums mich von meinem Contrakt entbinden, ſo würde ich doch nicht darein eit⸗ willigen. Ich habe hier, ſo lange dieſer Vertrag beſtehen bleibt, eine glänzende Einnahme, in einer andern Stadt müßte ich mir eine neue Exiſtenz Wo finde ich ſie ſo raſch?“ „Ueberall!“ erwiderte die Mutter,„Arabella Grimaldi wirb überall Gold und e ernten, ihr Name reicht hin—“ „Arabella Grimaldi darf nicht, gleich einer Opernſängerin, von Stadt zu Stadt wandern, um überall Concerte zu geben,“ fiel das ſchöne Mädchen ihr mit gemeſſenem Ernſt in die Rede. „Das würde ihrem Ruhme ſchaden, und außerdem verſtehen wir beide das Geſchäft nicht. Sodann bringt mir meine Stelle als Lehrerin am hieſigen Conſervatorium eine hübſche Summe ein, wo finde ich Erſatz, wenn ich ſie aufgebe? Man muß rechnen können, Mutter! Im Herbſt, wenn die Concertſaiſon wieder be⸗ ginnt, dürfen wir eher den Schritt wagen, ihn jetzt zu thun, wäre unverantwortlicher Leichtſinn.“ Dieſe Worte blieben nicht ohne Eindruck auf die habgierige Frau. Signora Grimaldi ſah ihre Tochter mit einem durchdringen⸗ den Blick an. „Willſt Du mir verſpr jeden Verkehr mit dem Baſtard abzubrechen?“ fragte ſie.„Unt r dieſer Bedingung verzichte ich auf mein Vorhaben!“ Arabella warf ſtolz das Haupt zurück, jeder Zug ihres leicht erglühenden Geſichts verrieth eine unerſchütterliche Entſchloſ⸗ ſenheit. „Dieſe Bedingung kann ich nicht eingehen,“ antwortete ſie.„Und wozu auch? Ich ſehe die Nothwendigkeit dieſes ch⸗ nicht ein, die Gefahr, die Du mir zeigen willſt, iſt für mich nicht vorhanden, und einer eigenſinnigen Laune den Freund zu opfern, das könnte ich vor meinem Gewiſſen nicht ver⸗ antworten.“ Die alte Frau hatte ſich haſtig erhoben. Der Baſtard. — 52 „Dann löſe ich den Contract,“ ſagte ſie,„den Vorwand da⸗ zu werde ich ſchon finden, triff nur Deine Vorbereitungen, wi werden bald abreiſen.“ Sie ging in das Nebenzimmer, um Hut und Shawl zu holen Die energiſche Frau war gewohnt, einen einmal gefaßten Ent⸗ ſchluß ohne Verzug auszuführen. 5. Kapitel. Der verſchollene Majorckherr. Der Omnibus des Großvenor Hotels hielt, vom Bahnhofe kommend, vor dem großartigen, eleganten Gaſthofe, einem der ſchönſten Gebäude London's. Geſchäftig eilten mehrere Kellner herbei, der Portier öffnete du Thure, aber diesmal brachte der in der Regel überfüllte Wagen nur einen Gaſt, einen ſchlanken Herrn von mittlerer Größe mit einem wettergebräunten, pockennarbigen Geſicht, in welchem unter der breiten, gewölbten Stirn, von buſchigen Brauen beſchattet, zwei Falkenaugen blitzten. Haar und Schnurrbart waren leicht ergraut, und die unmoderne, ſchäbige Kleidung paßte ſchlecht zu dem ſicheren, weltmänniſchen Auftreten und der ariſto⸗ kratiſchen Haltung des Fremden. Außer einer kleinen Reiſetaſche beſaß der Fremde kein Gepäck, und die Stimmen der Kellner verriethen, daß ſie in ihren Er⸗ wartungen ſich außerordentlich getäuſcht ſahen, ſelbſt der Portier blickte dem wenig verſprechenden Gaſt geringſchätzig nach, ale dieſer dem Keltner folgte, der veauftragt war, ihm ein Zimmer anzuweiſen. Immer höher ſtiegen die Beiden die breite Treppe hinauf, der Kellner voran, bis endlich der Fremde ſtehen blieb. — buß ſönn har fort, eih „Sie wollen mich wohl unter dem Dache einquärtiren?“ fragte er barſch. Der Kellner wandte ſich um, er ſchien nicht erwartet zu haben⸗ daß der unſcheinbare Gaſt einen ſo herriſchen Ton anſchlagen könne, das verrieth die Ueberraſchung, die in ſeinen Zügen ſicht⸗ bar ſich ſpiegelte. Es gibt noch andere Gaſthöfe in London,“ fuhr der Fremde fort, und wenn man direct aus Auſtralien kommt, ſo liebt man Ruhe und Bequemlichkeit.“ „Beides werden Sie dort oben finden,“ erwiderte der Kellner, während er mit einem raſchen Blick den Gaſt noch einmal vom Kopf bis zu den Füßen muſterte. „Aber ich liebe das Klettern Zimmer frei iſt, ſo ziehe ich logiren.“ ht, und wenn hierunten kein in einem andern Hotel zu Der Kellner war ganz verwirrt, grob wollte und durfte er nicht werden, und zu geſchmeidiger Höflichkeit gab ihm die äußere Erſcheinung des Fremden keine Veranlaſſung. „Die Zimmer hierunten ſind bedeutend theurer und dabei nicht bequemer, nur etwas elegantr eingerichtet, wie die oberen Räume!“ „Was kümmert mich der Preis!“ fuhr der Gaſt auf. einem Actien⸗Hotel, wie das Ihrige, Tare haben, das genügt mir.“ Der Kellner hatte bereits erfahren, daß der Herr aus Auſtra⸗ lien kam, vielleicht war die Reiſetaſche mit Gold und Banknoten gefüllt, wenigſtens ließ das Auftreten des Fremden es vermuthen alſo war es rathſam, vorſichtig zu ſein. O. „V muß man für Alles eine „Wie viele Zimmer wünſchen Sie?“ fragte er. „Nur eins, ich werde nicht ſehr lange in London bleiben.“ „Sehr wohl, ich werde mich erkundigen, ob hier unten noch ein Zimmer frei iſt, haben Sie die Güte, ſo lange zu warten.“ Dann fragen Sie im Bureau auch einmal an, ob ein Brief für den Baron Edmund von Oſthofen eingetroffen ſei?“ „Baron Edmund von Oſthofen,“ wiederholte der Kellner, dann eilte er die Treppe hinunter. Der Baron folgte ihm *6 „„— langſam, und als er im Corridor des erſten Stockwerks anlangte, kam der Kellner ihm ſchon entgegen. „Ein Zimmer iſt noch frei, MWylord,“ ſagte er dienſteifrig, „ich ſchätze mich glücklich—“ „Nur keine Komplimente,“ unterbrach Baron Edmund ihn, und ein Zug der Geringſchätzung glitt dabei über ſein pocken⸗ narbiges Geſicht,„ich bin von der Reiſe ermüdet. Kein Brief angekommen?“ „Nein, aber ein Herr hat geſtern Abend gleich nach ſeiner Ankunft nach Mylord gefragt, er logirt im Hotel.“ Bei den letzten Worten hatte der Kellner die Thüre eines ſehr eleganten Zimmers geöffnet, der Baron trat ein und blieb in der Mitte des Gemachs ſtehen. „Ein Herr?“ fragte er, die buſchigen Brauen leicht zuſam⸗ menziehend.„Sein Name?“ „Wortmann, Verwalter. Er tam geſtern Abend aus Deutſch⸗ land an.“ Baron Edmund nickte, wie wenn er ſagen wollte, er habe erwartet, dieſen Herrn hier zu finden. „Es iſt gut,“ erwiderte er.„Bringen Sie mir ein Beeſſteak und eine Flaſche Sherry!“ wi „Und ſoll ich den Herrn benachrichtigen—“ ge „Nachher, ich will zuvor eine Stunde ruhen.“ Ein befehlender Wink verabſchiedete den Kellner, der mit einer tiefen Verbeugung ſich zurückzog. Der Baron ſchien doch nicht ſo ſehr ermüdet zu ſein, wie er vorgab, denn nachdem er eine Weile durch das Fenſter auf den ſehr belebten Grosvenorplatz hinuntergeſchaut hatte, wanderte er. a auf dem weichen Teppich lange hin und her. E Endlich brachte der Kellner das Verlangte, der Baron ſchentte ſofort ein und leerte das Glas auf einen Zug. t „So“, ſagte er, tief aufathmend, indem er eine goldene Uhr n aus der Taſche zog,„in einer Stunde bin ich bereit, den Herrn zu empfangen, laſſen Sie ihn davon unterrichten.“. Er nahm Platz und ſpeiſte mit ſichtbarem Appetit, dann holte er aus der Bruſttaſche ſeines Rockes ein Notizbuch, in welchem er lange blätterte. Endlich hatte er die Notiz, welche er ſuchte, efunden, er las 00 gegeben, daß Sie aus der Verſchollenheit zurückkehren würden.“ 85— mit großer Aufmerkſamkeit und ſchob dann das Buch wieder in die Taſche. Die Schatten des Abends hatten ſich inzwiſchen niedergeſenkt, ein trauliches Halbdunkel herrſchte in dem Gemach, der Baron goß den Reſt aus der Flaſche in das Glas und ſchlürfte den feurigen Wein mit ſichtbarem Behagen. In dieſem Augenblick wurde angepocht, Baron Edmund rief: „Herein!“ und heftete den Blick erwartungsvoll auf die Thür. „Mir iſt der ehrenvolle Auftrag zu Theil geworden, den Herrn Baron bei ſeiner Rückkehr nach Europa im Namen ſeiner Familie willkommen zu heißen,“ ſagte der Verwalter eintretend, während die beiden Männer einander mit prüfendem Blick muſterten. Der Baron trat raſch näher und reichte dem hageren Manne die Hand. „Ich danke Ihnen, alter Freund,“ erwiderte er lebhaft, „dieſe zarte Aufmerkſamkeit hatte ich, aufrichtig geſtanden, von Seiten meines Bruders nicht erwartet, um ſo freudiger über⸗ raſcht ſie mich. Und meine Freude iſt um ſo größer, weil gerade Sie es ſind, der dieſen Gruß mir bringt! Erkennen Sie mich wieder? Sie ſind ganz der Alte geblieben, nur ein wenig älter geworden— ja, freilich, Sie haben das nicht durchgemacht, was ich in der Fremde durchmachen mußte.“ Der Verwalter ſah ihn noch immer an und ſchüttelte den Kopf. „Sie haben ſich freilich ſehr verändert,“ ſagte er. „Das thun die Pockennarben, alter Freund, aber was liegt an dem Geſicht, wenn nur das Herz jung geblieben iſt. Nehmen Sie Platz, ich werde ſogleich ein Souper für uns beſtellen.“ Er drückte auf einen Knopf, der den elektriſchen Glocken⸗ telegraph in Bewegung ſetzte und ließ ſich darauf in einen Seſſel nieder. „Und was macht mein Bruder?“ fragte er in leutſeligem Tone. „Ich danke, er befindet ſich wohl.“ „Sehr entzückt war er wohl von meiner Heimkehr nicht?“ „Ich glaube, der Herr Baron Udo hat nie die Hoffnung auf⸗ erwiderte Wortmann, und dem Baron konnte es nicht entgehen daß in dem Blick des Verwalters noch immer ein leiſes Miß⸗ trauen ſich ſpiegelte. „Um ſo beſſer für uns Beide! Und ſeine Familie befindet ſich hoffentlich auch wohl? Wie ſtark iſt ſie jetzt?“ „Sie beſteht aus drei Perſonen, dem Baron Udo, der Baroneſſe Adelaide, ſeiner Gemahlin, und dem Baron Bruno, ſeinem Sohne. Eine Tochter, Baroneſſe Cäcilie, iſt im zarteſten Kindesalter ver⸗ unglückt.“ „Verunglückt?“ fragte der Baron Edmund.„Davon weiß ich nichts. Aber freilich, derzeit war ich ſchon in Auſtralien.“, „Sie ertrank im Waldſee.“ „Das thut mir leid, für die Eltern war das gewiß ein harter Schlag?“ „Ein Schlag, von dem die Mutter ſich bis heute noch nicht erholt hat.“ Da der Kellner in dieſem Augenblicke eintrat, ſo mußte das Geſpräch unterbrochen werden; Baron Edmund beſtellte ein Souper mit Sherry und Champagner. Inzwiſchen hatte Wortmann ſein Portefeuille aus der Taſche geholt und dasſelbe vor ſich auf den Tiſch gelegt. „Wenn der Herr Baron befehlen, daß Licht ang ezündet wird, ſo könnten wir jetzt unſere Geſchäfte erledigen,“ ſagte er. „Warten wir damit,“ erwiderte der Majoratsherr von Oſt⸗ hofen,„es hat noch Zeit, und was mich betrifft, ſo liebe ich es, in der Dämmerſtunde zu plaudern. Mein Neffe iſt wohl Offizier?“ „Nicht doch, Herr Baron! Ich habe die Photographie von der ganzen Familie mitgebracht—“ „Ah, das iſt mir ſehr angenehm!“ „Dann auch hat Baron Udo mir eine Summe Geldes für Sie übergeben.“ „Ich bat ihn darum“, erwiderte Baron Edmund leichthin. Glücksgüter habe ich drüben nicht erworben, ſelbſt in den Tagen nicht, in denen Göttin Fortuna mir lächelte. Wie gewonnen, ſo ze ronnen! Nach langen Entbehrungen will man ſich entſchädigen, Gelegenheit dazu iſt auch drüben genug vorhanden, aber es koſtet Geld. Alſo Bruno iſt nicht Offizier? Ich glaubte es, weil auch ſein Vater Offizier war.“ ein ticht as pet — — — — 87— „Baron Udo nahm bald nach Ihrer Abreiſe den Abſchied—“ „Ich habe mir das bereits gedacht,“ nickte der Majoratsherr. „In Oſthofen iſt wohl noch Alles beim Alten?“ „Es ſind manche Neuerungen und Verbeſſerungen eingeführt, Schloß und Garten wurden dem modernen Geſchmack angepaßt—“ „Aber der Buchenpark wird wohl noch—“ „Er iſt nicht angetaſtet worden.“ „Nun das freut mich, und unter Ihrer bewährten Verwaltung kann das Gut auch nur gewonnen haben. Wie viel Revenüen wirft es jährlich ab?“ „Das hängt vom Ausfall der Aernte ab.“ „Natürlich, aber eine Durchſchnittsſumme werden Sie wohl nennen können!“ „Achtzehn bis zwanzigtauſend Thaler.“ „Und wie viel iſt das Gut gegenwärtig werth?“ „Niedrig geſchätzt viermalhunderttauſend Thaler.“ „So kommen ja kaum die Zinſen heraus!“ ſagte der Baron erſtaunt. „Bei der gegenwärtigen Bewirthſchaftung kann man mit dieſem Prozentſatze zufrieden ſein,“ erwiderte der Verwalter achſel⸗ zuckend.„Freilich, mit dem baaren Gelde könnte man mehr machen, aber das Gut iſt Majorat, es darf nicht verkauft werden.“ „Glauben Sie, daß mein Bruder es übernehmen würde?“ „Uebernehmen? Gewiß, mit großem Vergnügen.“ „Das heißt, er müßte den Werth in baarem Gelde auszahlen, wobei ich natürlich nicht den vollen Werth beanſpruchen würbe.“ Wortmann blickte den Baron ſcharf an, aber da die Seite des Tiſches, auf welcher der Letztere ſaß, in tieſerem Dunkel lag, ſo war es dem Verwalter nicht wohl möglich, den Geſichtsausdruck ſeines Herrn zu ſtudiren. „Und woher ſollte Baron Udo das Geld nehmen?“ fragte er. „Die Beantwortung dieſer Frage wäre natürlich ſeine Sache,“ erwiderte Baron Edmund,„vielleicht würde ein Kapitaliſt ſich bereit finden, die Summe auf erſte Hypothek vorzuſtrecken. Auf⸗ richtig geſtanden iſt es nach einem zwanzigjährigen, abenteuer⸗ lichen Leben nicht meine Sache, mich an irgend einem Flecken feſt⸗ zuſetzen,“ fuhr er fort,„ich muß wandern, wandern, und von der Bewirthſchaftung eines Gutes verſtehe ich auch nichts, was Sie begreiflich finden werden.“ „Gewiß, Herr Baron, aber— „Nun? Aber? Welche Bedenken wollen Sie geltend machen?“ „Das Gut würde durch dieſe Kapitalaufnahme überſchuldet, und die Revenüen würden kaum hinreichen, die Zinſen zu decken.“ „Könnte nicht durch Bewirthſchaftung ein größerer Ertrag erzielt werden?“ „Allerbings, aber dazu wären bedeutende Kapitalien erforderlich.“ „Zur Anſchaffung von landwirthſchaftlichen Maſchienen?“ „Darauf würde ich weniger mein Augenmerk legen, als auf die Anlage einer Branntweinbrennerei.“ „Erwarten Sie von dieſem Projekt ein günſtiges Reſultat.“ „Gewiß“ erwiderte Wortmann, in lebhafterem Tone,„Das Kapital würde enorme Zinſen abwerſen, ich würde ganz entſchieden zu dieſer Anlage rathen, wenn das Kapital vorhanden wäre oder auf einige Jahre beſchafft werden könnte.“ „Haben Sie meinem Brüder dieſen Rath ſchon gegeben?“ fragte der Baron. „Jawohl aber Baron Udo iſt nicht Geſchäftsmann, er glaubt es mit ſeiner Ehre als Edelmann nicht vereinen zu können—“ „Nun im Allgemeinen mag er Recht haben. Ich will darü⸗ ber nicht mit ihm ſtreiten, Jeder hat eben ſeine beſondere An⸗ ſichten. Vielleicht reden wir ſpäter noch über dieſe Angelegenheit.“ „Der Herr Baron werden jedenfalls von Ihrem Erbrechte Gebrauch machen?“ forſchte Wortmann. „Nun, natürlich! Aber ich werde dabei nicht vergeſſen, welchen Dank ich meinem Bruder ſchulde, und ſollte er wünſchen, das Gut für ſich und ſeine Familie zu behalten, ſo wird er mich gerne zu billigen Bedingungen bereit finden.“ Baron Edmund hatte bei den letzten Worten ſich erhoben, er zündete eine Kerze an und ſtellte ſie auf den Tiſch, und jetzt erſt konnte der Verwalter ihn voll in's Auge faſſen. „Nun?“ fragte der Majoratsherr.„Betrachten Sie mich nur recht ſcharf, es könnte ja irgend ein Abentheuerer auf die Idee gekommen ſein, die Rolle des verſchollenen Majoratsherrn von Oſthofen zu ſpielen!“ Sie 2 et, ag . uf — 13 7 t 16 1 1 ⸗ — 89— Der hagere Mann ſchüttelte den Kopf, aber ein leiſer Zug des Mißtrauens verſchwand trotzdem nicht aus ſeinem Antlitze. „Das wäre doch eine zu große Verwegenheit,“ ſagte er. „Geſtehen Sie's nur aufrichtig, mein Bruder hat Sie des⸗ halb mir entgegengeſchickt,“ ſpottete Baron Edmund.„Er ſelbſt kennt mich wenig, oder gar nicht, Sie ſollten—“ „Mit keiner Silbe hat er daran gedacht,“ fiel der Verwalter haſtig ihm in's Wort,„er würde mir's gewiß geſagt haben.“ „Und wenn ein Zweifel auftauchen ſollte, ſo würde ich ihn ſehr raſch widerlegen. Mein Gedächtniß mag freilich nicht mehr ſo ganz zuverläſſig ſein, aber der Hauptereigniſſe der Vergangen⸗ heit erinnert es ſich doch noch, und wo es mich im Stiche laſſen ſollte, da werde ich mich auf Sie berufen. Und nun zu den Geſchäften, ich ſeh's Ihnen an, Sie möchten dieſe Angelegenheit gerne in Ordnung bringen.“ Der Verwalter nickte zuſtimmend und überreichte dem Baron das Packetchen welches die Banknoten enthielt, dann holte er aus ſeinem Portefeuille mehrere Photographieen, die er einzeln mit kurzen Bemerkungen dem Majoratsherrn einhändigte. „Baron Udo,“ ſagte er,„Sie werden ihn wenig verändert finden.“ „Ich kann darüber kaum urtheilen, denn ich ſah ihn zuletzt als Knabe; es lag damals etwas Fremdes zwiſchen uns—“ „Der Hofmeiſter trug wohl die Schuld daran!“ „Es kann ſein, ſo genau weiß ich das nicht mehr. Uebrigens gleicht Udo ſehr meinem Vater, beſitzt er auch den zähen, eigen⸗ finnigen Charakter des Verſtorbenen?“ „In vielen Dingen ja!“ „Nun, wir werden ja ſehen, ich bin nachgiebiger geworden!“ „Baroneſſe Adelaide!“ fuhr der Verwalter fort.„Der Gram uver den herben Verluſt nagt noch an ihrem Herzen.“ „Wie thöricht! Hin iſt hin, was hilft und ändert da die Trauer! Ein ſchönes, intereſſantes Geſicht! Nur etwas zu düſter, zu ſchwermüthig für mich!“ „Baron Bruno!“ „Das alſo iſt der junge Herr? Nicht übel! Scheint etwas blaſirt zu ſein.“ „Der Baron ſah bei den letzten Worten den Verwalter fra⸗ — gend an, der leicht die Achſeln zuckte, als ob er ſagen wolle, das verſtehe ſich bei einem jungen Manne ganz von ſelbſt. „Wohl ein echter Bonvivant, wie?“ fragte Baron Edmund. Nimmt er Ihre Kaſſe ſtark in Anſpruch?“ „Ich habe darüber keine Kontrolle,“ antwortete Wortmann die Ueberſchüſſe liefere ich insgeſammt dem Herrn Baron Udo ab. Daß der junge Herr nicht auf den Pfenning ſieht, will ich gerne glauben, aber da es nicht zu meinem Reſſort gehört, ſo kümmere ich mich auch nicht darum.“ „Und das iſt jedenfalls das Klügſte, in die inneren Angelegen heiten der Familie ſoll man ſich nicht hineinmiſchen. Wie oft rechneten Sie bisher in jedem Jahre ab?“ „Nur einmal.“ „Genügt das?“ „Vollkommen!“ „So mag's meinetwegen ſo bleiben, ich werde überhaupt keine Aenderungen treffen, die nicht durchaus nöthig ſind. Und wer mir treu dient und in allen Stücken zu mir hält, den werde ich angemeſſen belohnen, leben und leben laſſen! lautet mein Wahl⸗ ſpruch.“ Der Verwalter warf einen raſchen, verſtohlenen Blick auf den Baron, dann überreichte er ihm die letzte Photographie. „Können Sie errathen, wer dieſe junge Dame iſt?“ fragte er geheimnißvoll lächelnd. „Wie ſollte ich? Das Geſicht iſt mir allerdings bekannt, aber—“ „Erinnert es Sie nicht an Ihre Frau Gemahlin?“ Der Baron blickte betroffen auf, fieberhafte Spannung lag in ſeinen Zügen. „In der That— ja,“ erwiderte er mit unſicherer Stimme, „aber man ſagte mir drüben, ſie ſei bald nach meiner Abreiſe geſtorben. Es war freilich ein Vagabund aus meiner Heimath, der mir dieſe Nachricht mittheilte, aber ich fand keinen Grund, die Wahrheit dieſer Mittheilung zu bezweifeln.“ „Er ſagte Ihnen allerdings die Wahrheit, aber kurz vordem Ihre ſelige Frau Gemahlin ſtarb, gab ſie einer Tochter das Leben—“ Hol 6 1 wer en ſt, „Und dies iſt das Porträt meiner Tochter?“ rief Baron Edmund erregt. „Baroneſſe Klara— jawohl!“ „Und das ſagen Sie mir erſt jetzt?“ „Der Herr Baron ließen mir keine Zeit, die Familienange⸗ legenheiten zur Sprache zu bringen. Baroneſſe Klara wurde im Hauſe ihres Onkels erzogen, ſie iſt ein Engel an Güte und Sanftmuth.“ Baron Edmund ſchien die Worte nicht gehört zu haben, ſein Blick ruhte ſtarr auf dem Bilde des ſchönen Mädchens. „Ja, ſie gleicht ihrer Mutter,“ ſagte er endlich ſeufzend, „dieſes Bild reißt in meinem Herzen Wunden auf, die ich längſt vernarbt glaubte. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerkſamkeit, hoffentlich wird man meiner Tochter nicht zu viel Schlimmes von ihrem Vater berichtet haben.“ Er ſtützte das Haupt auf den Arm, der Verwalter ſchloß ſein Portefeuille wieder und ſteckte es in die Taſche. „Von alledem hatte ich drüben keine Ahnung,“ nahm der Majoratsherr nach einer Pauſe wieder das Wort.„Ich wußte weder, daß meine Gattin mir ein Kind hinterlaſſen hatte, noch daß mein Vater geſtorben war, und daß ich zu Lebzeiten meines Vaters nicht zurückkehren konnte, werden Sie, der Sie die Ver⸗ hältniſſe kannten, begreiflich finden.“ „Wären Sie nur gekommen, es wäre Alles vergeben und vergeſſen geweſen.“ „Das kann ich nicht glauben.“ „Ich aber weiß es. Der alte Herr Baron klagte ſich im Stillen auch an, er ſei oft zu hart gegen Sie geweſen, und vor⸗ züglich die eigenſinnige Verweiaerung ſeiner Einwilligung in Ihre Heirath—“ „Sie machte den Riß zwirchen uns unheilbar! Und zu einem innigen Verhältniß wiſchen uns Beiden wäre es nie wieder ge⸗ kommen. Meinem Bruder ſtand ich auch fremd gegenüber, ich mußte befür en, er werde, um mir das Majorat ſtreitig zu machen, zwiſchen mich und den Vater treten, da war es beſſer ich blieb, wo ich mich befand. Ueberdies geſtattete mir auch der unglücklich Ausgang des Duells die Heimkehr nicht.“ „Das war ſchon nach ein paar Jahren vergeſſen!“ „Mag ſein, und im Nothfalle hätte ich mich auch rechtfertigen können. Ich war zu dem Duell gezwungen worden und ſtand einem notoriſchen Raufbold gegenüber. Fiel er nicht, ſo fiel ich. einen anderen Ausgang gab's nicht, und in ſolchem Kampfe wehrt Jeder ſich ſeiner Haut.“ „Wenn Sie nur einmal geſchrieben hätten!“ „Wozu? Es kümmerte ſich doch Niemand um mich, und ich wollte auch Niemandem Gelegenheit geben, mir ein Almoſen an— zubieten. Alſo wozu ſchreiben? Ich hatte mit der Vergangenheit abgeſchloſſen und wollte für meine Familie todt ſein, und durch die Todesnachricht meiner Gattin wurde ich in dieſem Entſchluſſe beſtärkt. Wäre ein Brief von mir angekommen, ſo würde man geſagt haben, ich habe mich drüben in meinen Hoffnungen und Erwartungen getäucht gefunden und wolle nun pater peccavi ſa⸗ ſagen, um in das warme Neſt heimkehren zu können. Und dann beſter Freund, hat man drüben nicht immer Zeit und Raum, einen Brief zu ſchreiben, und wenn man ſie hat, fehlten in der Regel die Schreibmaterialien.“ Der Verwalter nickte ſinnend, es ließ ſich gegen dieſe Ent⸗ ſchuldigungsgründe gar nichts einwenden. Der Eintritt des Kellners brach abermals die Unterhaltung ab, und während der Tiſch gedeckt und die Teller, Flaſchen und Gläſer geordnet wurden, fand Wortmann wiederum Muße, den nunmehrigen Majoratsherrn mit forſchendem Blick zu betrachten. Er that es freilich verſtohlen, und es entging ihm dabei nicht, daß dann und wann auch der Blick des Barons ihn ſtreifte, wodurch er genöthigt wurde, ſeine Beobachtungen zu unterbrechen, aber er ſchien doch manche iutereſſante Entdeckung zu machen, wenigſtene ließ der wechſelnde Ausdruck ſeines Geſichts dies ver⸗ muthen. Endlich hatte der Kellner ſein Geſchäft beendet, der Baron entkorkte eine Flaſche und füllte die Gläſer. „So wollen wir denn anſtoßen auf treues Zuſammenhalten in der alten Heimath“, ſagte er, ſein Glas erhebend, und der Verwalter kam ohne Zögern der an ihn ergangenen Auffor⸗ derung nach. Die Speiſen waren vorzüglich zubereitet, und der Wein mundete köſtlich, dazu entwickelten die beiden Herren einen herzhaften wl igen and n⸗ heit nan und — Appetit,— kein Wunder, daß die Unterhaltung eine geraume Weile ſtockte. Friedrich Wortmann hatte ſeit Jahren nicht ſo vortrefflich geſpeiſt und in ſeinem ganzen bisherigen Leben einen ſolchen Wein noch nicht getrunken, er langte wacker zu, einer beſonderen Auf⸗ forderung bedurfte es dazu nicht. Und ſo oft der Verwalter ſein Glas geleert hatte, füllte der Baron es wieder, Wortmann achtete gar nicht darauf, wie viel er trank, ihm ſchmeckte es, und er war kein Freund davon, ſich i Geuuß verkümmern zu laſſen. Er ſah auch nicht einmal, daß Mißtrauen und verhaltener, Groll immer deutlicher in dem Antlitz des Barons ſ6 ausprägten, und über dieſes Antlitz mitunter ein finſterer Schatten glitt, der böſe Abſichten ahnen ließ. Endlich ſpülte er den letzten Biſſen mit einem Glaſe Scherry hinunter, d dann legte er die Serviette hin. „In England ſpeiſt man beſſer, wie bei uns,“ ſagte er, behag⸗ lich ſchmunzelnd,„die Zubereitung der Gerichte iſt ſaftiger und kräftiger, es wäre mir ſehr angenehm, wenn meine alte Urſula ſich die engliche Küche zum Muſter nehmen wollte.“ „Die alte Urſula lebt alſo auch noch?“ fragte der Baron während er dem Verwalter eine Cigarre anbot.„Bitte greifen Sie zu, eine echte Havanna Cigarre werden Sie wohl nicht ver⸗ ſchmähen.“ „Ich fürchte nur Sie zu berauben!“ „Das hat nichts zu ſagen, iſt der Vorrath erſchöpft, ſo finden wir überall neue Quellen.“ „Ja die Urſula lebt noch,“ ſagte Wortmann, nachdem er die Cigarre angezündet und ſich behaglich in ſeinen Seſſel zurückgelehnt hatte,„ſie hat meine Tochter erzogen—“ „Ach, Sie haben auch eine Tochter?“ „Richtig Sie waren damals ſchon fort, Helene wird jetzt erſt — einen neunzehn Jahre. Die Mutter des Kindes iſt früh geſtorben, und mich nahm die Verwaltung des Gutes ſo ſehr in Anſpruch, daß ich mich wenig um meine Tochter bekümmern konnte. Da mußte ich dem Himmel dankbar dafür ſein, daß ich an der alten Urſula eine ſo treue Stütze fand.“ „Und Helene macht Ihnen Freude?“ „Ich danke— ja,“ erwiderte der Verwalter zögernd, ſie hilft in rechtſchaffen in Haus und Hof. Aber ich hab auch ſchon meine liebe Laſt mit dem Kinde, ſobald ein Mädchen heirathsfähig iſt, und nur etwas in die Milch zu brocken hat, finden ſich auch die Glücksjäger, die durch eine Heirath ſich ſelbſt eine Exiſtenz grün⸗ den wollen.“ „So? damit haben Sie auch ſchon zu ſchaffen?“ ſcherzte der Majoratsherr.„Werden ſie Ihrer Tochter ſo viel mitgeben?“ „Bewahre! Aber ich kann's keinem Menſchen verwehren, daß er mich für einen Kröſus hält. Ich lebe ſehr einfach und zurück⸗ gezogen und gebe keinen Groſchen unnöthig aus, da glaubt man denn, ich müſſe mir Berge von Gold erſpart haben.“ Und die Glücksjäger, die bis jetzt gekommen ſind, gefallen Ihnen wohl nicht? „Wie könnte mir ein armſeliger Bildhauer als Schwiegerſohn gefallen, ein Menſch, der nichts hat, und aus dem niemals etwas wird?“ Wenn Sie ihn mit Ihrem Gelde unterſtützen—“ „So viel habe ich nicht, Herr Baron. Und meine geringen halte Erſparn iſſe werde ich doch auch nicht opfern, um einem mir wild⸗ . fremden Menſchen eine Exiſtenz zu ſchaffen. Wer meine Helene„Di heirathet, der bekommt eine tüchtige, erfahrene Hausfrau, das iſt an und für ſich ein Schatz, das Ernähren iſt Sache.“ pe „Sie faſſen die Sache von der ſchen Seite auf,“ ſagte 3 er Majoratsherr noch immer in dem ſche Tone, ich weiß darauf nichts zu erwidern, denn i6 bin in ſolchem Falle noch nicht geweſen.“ Er ſtrich mit der Hand leiſe über die Stirne und ſtrich die Aſche von ſeiner Cigarre, dann nahm er die Champagnerflaſche ſ aus dem ſilbernen Eiskühler und goß den perlenden Trank in die Kelchgläſer „Sie müſſen das ſelbſt wiſſen, und Niemand kann Ihnen w darin einen Rath geben,“ fuhr er fort,„ich an Ihrer Stelle d würde mehr auf die Rechtſchaffenheit und den Charakter des t Mannes als auf ſein Vermögen ſehen. Aber die Meinungen darüber ſind verſchieden!“ wolke vor ſich hin. len phn 95 „Ihr früherer Hofmeiſter lebt auch noch,“ ſagte er, offenbar in der Abſicht, dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben. „Dann muß er jetzt ein alter Mann ſein,“ erwiderte der Baron gleichgültig. „Ja, freilich, er iſt recht alt geworden.“ „Und wo wohnt er?“ „In der Stadt.“ „Alſo in unſerer Nähe? Er war von jeher ein Intriguant!“ „Wenn der Herr Baron das früher erkannt hätte, wäre wohl Alles anders gekommen!“ „Sie meinen, dann wäre der Bruch mit meinem Vater ver⸗ mieden worden?“ „Sicher!“ nickte Wortmann.„Herr Hurter hatte allerdings auch die Gunſt des alten Herrn Barons ſich erſchlichen, abet dem ſeligen Herrn wären auch die Augen aufgegangen. Er har im Stillen immer gehetzt und vorzüglich unter die Brüder Zwie⸗ tracht geſäet, er wollte Hahn im Korbe bleiben, hoffte jedenfalls ſpäter ein einträgliches Amt bis an ſein Lebensende zu er⸗ halten.“ „Darin hat er ſich verrechnet,“ ſagte Baron Edmund kühl „Durchſchaut hatte ich den Schleicher längſt“— „Aber da war es ſchon zu ſpät, die verderbliche Saat war bereits geſäet. Und ſpäter konnte das nicht mehr ausgeglichen werden. Seine Strafe hat er dafür erhalten, es ſoll ihm küm⸗ merlich genug ergehen.“ Der Majoratsherr blickte fragend auf, und als er dem ſtechenden, lauernden Blick des Verwalters begegnete, zuckte es ſeltſam um ſeine Mundwinkel. „So hat mein Bruder nichts für ihn gethan?“ fragte er. „Wie hätte der ehemalige Hofmeiſter das verlangen und er⸗ warten können. Er wußte nur zu wohl, daß Baron Udo ihm die Thüre zeigen würde, ſo wagte er nicht, das Schloß zu be⸗ treten. Aber er wird kommen, wenn Sie wieder da ſind—“ „Ich will nichts mit ihm zu thun haben!“ „„Den ſchütteln Sie ſo leicht nicht ab, Herr Baron, er wird Sie au früheren Zeiten erinnern und Sie gewiſſermaßen ver⸗ pflichten, ihn zu unterſtützen“ „Mit welchem Recht könnte er eine ſolche Verpflichtung mir auferlegen?“ „Mit dem Rechte, welches jeder ſtandalſüchtige Menſch für ſich in Anſpruch nimmt. Er hat lange Jahre hindurch Privat unterricht gegeben, aber mit der Zat hörte das auch auf, er machte ſich bei Allen verhaßt durch ſeinen bo ohaten Charakter. tlebt er von der 2 mildthätiger Leute. Ich ihm dann und wann einmal beg egegnet, aber er wich mir ſtets aus, und ich hatte dagegen nichts einzuwenden.“ Der Verwal lter zog ſein ſeidenes Tuch aus der Taſche und trocknete die Nd) ſſe S tirn. „Ich werde mir ihn ſchon fern zu halten wiſſen,“ ſagte der Baron,„aber Sie trinken ja gar nicht!“ Der Wein ſteigt mir in den Kopf!“ „Ah bah, da hätten Sie in Auſtralien ſein müſſen! Dort wurde nur Wisky len ſtarker Branntwein, und man wurde das ſehr raſch 3en Aber ich trinke ſelten ein Glas Wein.“ Dann ſind Sie zu mäßig! Ein Mann in Ihren Jahren täglich ſeinen Wein trinken.“ fühle mich noch ſehr rüſtig!“ Na, na, wie alt ſind Sie denn?“ ſcherzte der Baron „Fünfzig Jahre!“ „Und etwas darüber. Sie waren damals ſchon Verwalter, „Ich war noch ſehr jung, als der ſelige Herr Baron mir dieſen Poſten anvertraute.“ „Kann ſein, aber i Sie einmal, mindeſtens fünfund⸗ fünfzig Jahre zählen Sie Friedrich Wortmann zuckte die Achſeln als ob er ſagen wolle, erin ſeiner untergeordneten Stellung müſſe Alles über ſich er⸗ gehen laſſen. „Das Alter thut's auch nicht immer, wenn nur das Her; jung 5 wie der Herr Baron vorhin ſagten,“ erwiderte er. Der Majoratsherr lachte. „Sollte man, wenn man dieſe Worte hört, nicht glauben Sie wollten noch einmal heirathen?“ ſagte er. Wortmann blickte auf, ſein Blick wurde immer ſtarrer, man — im m hat ſeh ihm an, daß der Nauſch von Minute zu Minute Fortſchritte machte, nichts deſto weniger füllte der Baron das leere G immer wieder. „Und weshalb ſollte ich darauf verzichten, wenn eine zweite Heirath wirklich in meiner Abſicht läge?“ antmortete er. „Damit ſagen Sie, daß ſie in Ihrer Abſicht liegt!“ „Hm. ſo aanz unmöglich wär's nicht.“ „Wenn Sie nur nicht die Thorheit begehen, ein junges Mäd⸗ chen heimzuführen!“ „Bewahre, eine alte Jugendliebe,“ lallte der Verwalter, der immer redſeliger wurde. „Und Sie haben dreißig Jahre gewarket—“ „Ja, damit hat's eine eigene Bewandtniß. Zuerſt holte ich mir einen Korb, weil ich, ohne es zu ahnen, einen Nebenbußhler hatte, der ſie mit glänzenden Verſprechungen köderte, ſie verführte und dann betrog. Es war die gerechte Strafe für ihren Hoch⸗ muth, und Sie können wohl denken, daß ich keine Luſt fühlen konnte, in den Riß zu treten und an dem Kinde Vaterſtelle zu übernehmen.“ Friedrich Wortmann lachte roh auf, er ſchien im Rauſch ver⸗ geſſen zu haben, wer ihm gegenüber ſaß, er ſah auch nicht den verachtenden Zug, der die Lippyen des Barons umzuckte. „Nach dem Unglück verließ ſie die Stadt,“ fuhr er fort.„erſt nach einigen Jahren kehrte ſie zurück, aber ich war damals ſchon verheirathet und dachte auch nicht mehr an ſie. Erſt vor einem Jahre, als ich ihr zufällig begegnete, erwachte die alte Liebe wieder in mir.“ „Na, und da machten Sie ihr einen Antrag?“ „Ich hab's bis heute no! nicht gewagt.“ „Aus welchem Grunde nicht.“ „Das weiß ich ſelbſt nicht. Ihr Sohn iſt Maler geworden, er hat für ein Gemälde vom Kunſtverein den erſten Preis er⸗ halten—“ „Und da fürchten Sie wohl den Sohn?“ „O nein, aber ich möchte zuvor meiner Sache ſicher ſein,“ ſagte der Verwalter,„in meinem Alter ſett man ſich nicht gerne der Gefahr aus, einen Korb zu erhalten.“ Der Baſtard. [„2 . 65 — 96 Wieder lachte der Majoratsherr, während er abermals das Glas ſeines Gaſtes füllte, aber Friedrich Wortmann ſenkte das ſchwere Haupt auf die Bruſt und war nach wenig Minuten ſanft eingeſchlummert. Baron Edmund lehnte ſich in ſeinen Seſſel zurück und blickte eine geraume Weile den Rauchwölkchen nach, die er vor ſich hin⸗ blies und die gleich einem blauen Nebelſchleier die Flamme der Kerze immer dichter umhüllten, dann wieder ſich zertheilten und in langen Fäden zur Decke emporſtiegen. Darüber verſtrich eine Viertelſtunde, dann rief der Baron den Namen des Verwalters, aber Wortmann ſchlief den feſten, tiefen Schlaf des Gerechten. Der Majoratsherr erhob ſich und trat hinter den Schlum⸗ mernden, raſch und gewandt zog er ihm das Portefeuille aus der Bruſttaſche, mit dem er auf ſeinen Sitz zurückkehrte. Er blätterte geraume Zeit in dem Notizbuche und holte dann die Briefe und Papiere aus den Seitentaſchen, die er einer ge⸗ nauen Prüfung unterzog. Und als er jetzt wieder eins dieſer Papiere entfaltete, blitzte es triumphirend in ſeinen Augen auf, er ſchien gefunden zu haben, was er ſuchte. Er legte das Portefeuille auf einen Stuhl, der in der ent⸗ fernteſten Ecke des Gemachs ſtand und drückte heftig auf den Schellenknopf. Der Kellner trat nach wenig Minuten ein. „Sie wiſſen wohl, in welchem Zimmer dieſer Herr logirt?“ fragte der Baron ruhig.„Die Freude des Wiederſehens hat ihn zu ſehr angegriffen; ſorgen Sie gefälligſt dafür, daß er zu Bett kommt.“ Der Kellner lächelte, als der Majoratsherr bei den letzten Worten ihm ein Geldſtück in die Hand drückte, er rüttelte den Schlummernden ſo lange, bis derſelbe endlich die Augen öffnete, und verwirrt ihn anſtierte. Und dann währte es noch eine lange Zeit bevor Friedrich Wortmann begriff, wo und in welchem Zuſtande er ſich befand, und was man von ihm wollte. Schwerfällig erhob er ſich, und von dem Kellner geführt, ſchwankte er hinaus. Vert ttau ( Noti w v Baron Edmund verſchloß hinter den Beiden die Thüre und holte das Portefeuille wieder hervor, ein triumphirender Hohn leuchtete aus ſeinen Augen. „Sechszigtauſend Thaler,“ ſagte er leiſe,„angelegt in ſoliden Werthpapieren, es iſt geſtohlenes Geld, jetzt kann ich ſeinem Miß⸗ trauen entgegentreten, dieſen Fuchs habe ich nicht mehr zu fürchten.“ Er ſchrieb das Papier ab und machte außerdem noch einige Notizen zu denen der Inhalt des Portefeuilles ihm Veranlaſſung zu geben ſchien, dann ging auch er zu Bett. Als der Verwalter am nächſten Morgen erwachte, fühlte er einen heftigen, ſtechenden Schmerz im Kopfe, und dieſer Schmerz erinnerte ihn augenblicklich an die Ereigniſſe des geſtrigen Abends. Daß ihm, dem ſoliden, nüchternen Manne, das hatte begeg⸗ nen müſſen! Ein leiſer Verdacht ſtieg in ihm auf, daß dieſer Rauſch von dem Varon beabſichtigt geweſen ſei, und wenn dies wirklich der Fall war, was hatte denn der Majoratsherr damit bezweckt? Es war ſchwer, eine befriedigende Antwort auf dieſe Frage zu finden; was er geſtern Abend Alles geſprochen hatte, wußte Wortmann jetzt nicht mehr, er konnte Worte geäußert haben, die ihm möglicherweiſe gefährlich wurden. Aergerlich über ſich ſelbſt, in jener gedrückten, unbehaglichen Stimmung, die dem Rauſch in der Regel zu folgen pflegt, trat er nach dem Frühſtück in das Zimmer des Barons, nachdem er vorher ſich hatte anmelden laſſen. Baron Edmund empfing ihn mit kühler Höflichkeit. Jetzt, wo das Licht des Tages voll auf ihn fiel, konnte der Verwalter ihn noch einmal, und beſſer wie am Abend zuvor betrachten, und der Majoratsherr geſtattete es ihm, ohne die mindeſte Unruhe zu verrathen. „Ich muß tauſendmal um Entſchuldigung bitten,“ ſagte Wort⸗ mann ſofort nach der Begrüßung,„in meinem ganzen Leben, ſo weit ich zurückdenken kann, iſt mir das nicht paſſirt, was mir geſtern Abend begegnete.“ „Machen Sie ſich deshalb keine Sorgen,“ erwiderte Baron Edmund mit geringſchätzendem Lächeln,„ich habe in Auſtralien andere Scenen geſehen Uebrigens haben Sie auch ſo ſehr viel nicht getrunken.“ — 100— „Ich bin's eben nicht gewohnt, aber ich hätte das vorher be⸗ denken ſollen.“ „Pah, einen Rauſch verzeihe ich Jedem, wenn er nicht zu oft ſich wiederholt. Aber für den Berauſchten ſelbſt iſt es eine miß⸗ liche Sache,“ fuhr der Majoratsherr mit einem lauernden Blick auf den Verwalter fort,„man iſt in ſolchem Zuſtande zu ſehr geneigt, kleine Geheimniſſe auszuplaudern.“ Wortmann ſah befremdet auf, das Blut ſtockte ihm in den Adern. So waren alſo ſeine Befürchtungen begründet! „Sollte das auch bei mir der Fall geweſen ſein?“ fragte er erregt. „Erinnern Sie ſich nicht mehr, daß Sie mir die Geſchichte Ihrer Jugendliebe erzählt haben?“ antwortete Baron Edmund ſpöttiſch.„Wie hieß doch die Dame gleich?“ „Magdalena Rodenberg.“ „Ganz recht. Beruhigen Sie ſich, ich werde von Ihren Mit⸗ theilungen keinen Gebrauch machen, und ich wiederhole Ihnen noch einmal, was ich geſtern Ihnen ſagte, wer treu zu mir ſieht, der darf ſich in allen Fällen auch auf mich verlaſſen, prägen Sie das Ihrem Gedächtniſſe ein. Ich bete das Geld nicht an, ich ſehe gerne Jeden in meiner Umgebung zufrieden und erfülle alle Wünſche, die einigermaßen berechtigt ſcheinen. Trinken Sie ein Glas Porter, alter Freund, das wird Sie reſtauriren.“ Der Verwalter wollte dankenb ablehnen, aber Baron Edmund hatte aus der vor ihm ſtehenden Porterflaſche bereits ein Glas eingeſchenkt und daſſelbe ihm hingeſchoben. „Wie hoch iſt das Gehalt, welches Sie bisher bezogen?“ fragte der Majoratsherr nach einer Pauſe. „Achthundert Thaler jährlich,“ erwiderte Wortmann. „Und die übrigen Revenüen?“ „Ich habe freie Wohnung, einen ziemlich großen Garten, ein Stückchen Feld und Wieſe, Holz zur Feuerung ſo viel ich bedarf, — das iſt Alles!“ „Da werden Sie ſo ſehr viel nicht erſparen können.“ „Bewahre, ich weiß gar nicht, was die Leute denken, wenn ſie behaupten, ich müſſe ein reicher Mann ſein!“ ſagte der Verwalter achſelzuckend, während er einen verſtohlenen Blick auf den Baron warf.„Zwei bis dreihundert Thaler jährlich, das iſt Alles was ich im günſtigſten Falle zurücklegen kann.“ rih (ol Gt gt 31 9 — 5 —— „Und eigenes Vermögen beſaßen Sie wohl nicht, als Sie die Verwallung übernahmen?“ „Keinen Heller!“ „Dann müſſen Sie eine reiche Erbſchaft gemacht oder in der Lotterie gewonnen haben!“ „Woraus wollen Sie das ſchließen?“ fragte der Verwalter, den dieſe Behauptung ſichtbar beunruhigte. „Wenn Sie kein Vermögen beſäßen, würden die Glücksjäger ſich nicht ſo ſehr um Ihre Tochter bemühen,“ erwiderte Baron Edmund gleichgültig. Sie vermuthen dieſes Vermögen, und ſolchen Vermuthungen entgegenzutreten, wäre nutzlos, dadurch beſtätigt man ſie nur. Ich habe Niemanden beerbt, noch jemals in der Lotterie geſpielt.“ „Dann begreife ich nicht, woher die ſechszigtauſend Thaler rühren, die Sie beſitzen!“ Friedrich Wortmann blickte ſtarr den Majoratsherrn an, ſein Geſicht war erdfahl geworden. „Sechszigtauſend Thaler?“ wiederholte er. „Wie das aus Ihren eigenen Notizen hervorgeht!“ Der Verwalter griff haſtig in die Bruſttaſche. „Mein Portefeuille!“ rief er beſtürzt. „Es iſt gut aufgehoben, alter Freund! Sie ließen es geſtern Abend auf dem Tiſch liegen, und wenn ich mir erlaubte, eine: Blick hineinzuwerfen, ſo werden Sie das begreiflich finden.“ Wie vernichtet ſank Wortmann in ſeinen Seſſel zurück, Schlimmeres als dies hätte ſich für ihn nicht ereignen können, das verrieth jeder Zug in ſeinem verſtörten Antlitz. „Sechszigtauſend Thaler, angelegt in ſicheren Werthpapieren,“ ſagte Baron Edmund mit ſcharfer, ſchneidender Betonung.„Die Verwaltung des Gutes Oſthofen ſcheint alſo doch etwas mehr abzuwerfen, wie Sie geſtern behaupten wollten.“ „Aber es iſt ja nicht mein Vermögen—“ „Alter Freund, glauben Sie wirklich, durch ſolche Ausflüchte mich irre führen zu können? Sie werden doch nicht die Notiz über das Vermögen eines Anderen bei ſich führen, ich wüßte nicht, welches Intereſſe Sie dabei haben könnten.“ „Es find Werthpapiere, die ich für den Herrn Baron Udo kaufte!“ ſagte der Verwalter mit wachſender Verwirrung, wäh⸗ 102— rend er mit der Handfläche die Schweißtropfen von der Stirne ſtrich. „Darüber würde dann mein Bruder die beſte Auskunft geben können, wenn Sie bei Ihrer Behauptung beharren und mich nöthigen, mir auf anderm Wege Gewißheit zu verſchaffen,“ ent⸗ gegnete der Majoratsherr mit eiſiger Ruhe.„Ich glaube nicht, daß Sie eine ſolche Nachfrage wünſchenswerth finden. Die' Pa⸗ piere ſind, wie das aus der Notiz hervorgeht, innerhalb der letz⸗ ten zehn Jahre angekauft worden—“ „Ich habe darin ſpeculirt—“ „Auch das laſſe ich nicht gelten! Die Notizen ſind außer⸗ ordentlich genau, ſie enthalten die Anzahl und die Nummern der Papiere, den Tag des Ankaufs und den Preis, zu welchem ſie gekauft worden ſind, und es geht unzweifelhaft aus ihnen her⸗ vor, daß Sie heute noch dieſelben Papiere beſitzen, welche Sie vor zehn Jahren kauften. Es wird Ihnen nicht gelingen, mir die Ueberzeugung beizubringen, daß dieſes Geld nicht ihr Eizenthum ſei, den Gegenbeweis könnte man vorausſichtlich ſehr leicht erhal⸗ ten, wenn man die Verwaltungsbücher einer ſcharfen Reviſion unterzöge. Aber ich habe Ihnen ſchon geſagt: Leben und leben laſſen! iſt mein Wahlſpruch, und es wäre Sache meines Bruders geweſen, die Abrechnungen ſchärfer zu prüfen. Daß er es nicht gethan hat, iſt ſeine eigene Schuld, und wenn ich dieſe Sache mit Stillſchweigen übergehe, ſo erwarte ich dafür, daß Sie mir dankbar ſein werden,“ Der Verwalter athmete auf, er hatte ja nicht erwarten können, daß er ſo gnädig davonkommen werde, daß dieſen Worten eine tiefere Bedeutung zu Grunde liegen könne, daran dachte er in dieſem Augenblicke nicht. „Sollte ich aber in meinen Erwartungen mich getäuſcht ſehen, ſo iſt es ja auch ſpäter noch immer früh genug, eine nachträgliche Reviſion der Bücher anzuordnen, der dann die Verhaftung auf dem Fuße folgen würde,“ fuhr Baron Edmund mit gehobener Stimme fort,„haben Sie die Güte, das nicht zu vergeſſen. Ich weiß ſehr wohl, daß meine Heimkehr nicht ſo willkommen iſt, wie man mir zu zeigen ſich bemüht, ich weiß, daß ich, wenn auch nicht ſofort, ſo doch im Laufe der ſpäteren Tage auf Feindſeligkeiten, offene oder heimliche, ſtoßen werde, wenn man ein ſo ſchönes Gut zwanzig Jahre hindurch beſeſſen hat, ſo gibt man es wahrlich nicht .— ———— ———— * — 103— ohne Kampf auf. Und wer in bieſem Kampſe auf meiner Seite ſicht, der ſoll erfahren, daß ich nicht undankbar bin, wer mir aber entgegentritt, den vernichte 5. Friedrich Wortmann blickte erſchreckt den Majoratsherrn an, deſſen drohender Blick eine trotzige Entſchloſſenheit zeigte, jetzt ward es ihm klar, daß er ſich ganz in der Gewalt dieſes Mannes befand, und daß ihm nichts übrig blieb, als die Parthei deſſelben zu ergreifen. „Und nun wiſſen wir Beide, woran wir ſind,“ nahm der Baron noch einmal das Wort, indem er ſich erhob,„handeln Sie, wie Ihr eigenes Intereſſe es Ihnen gebietet, bann werde ich wohl zufrieden mit Ihnen ſein. Ob ich nun meinem Bruder das Ma⸗ jorat übertrage, oder ob ich ſelbſt es übernehme, Sie werden Ihr Amt behalten, wenn Sie mir treu und ergeben ſind. Und nun entlaſſe ich Sie bis heute Abend, ich habe noch verſchiedene Ein⸗ käufe zu machen. Benutzen Sie die Zeit, um einige Sehens⸗ würdigkeiten Londons zu beſichtigen, morgen früh gedenke ich weiter zu reiſen, das Nähere werde ich Ihnen heute Abend mittheilen.“ Schweigend, in ſeiner Verwirrung noch immer keines Wortes mächtig, verließ der Verwalter das elegante Zimmer, der Stunde fluchend, in der er ſo ſchwach geweſen war, ſeinen ſoliden Grunb⸗ ſätzen untreu zu werden. 20. Kapitel. Vater und Zohn. Baroneſſe Adelaide hatte die Nachricht von der plötzlichen Heimkehr des Verſchollenen mit mehr Ruhe und Faſſung auſge⸗ nommen, wie ihr Gatte es erwartete. Wenn auch dieſe Nachricht ſie wie der Blitz aus wolkenloſer Höhe traf, ſo war ſie doch durch die Zuverſicht, mit der Baron Udo ſtets auf dieſe Heimkehr gerechnet hatte, einigermaßen auf den — 6 Glückswechſel vorbereitet, und der Gram über den Verluſt ihrer Se ließ ſie dieſen B e ſo ſchwer e em⸗ Si e ſich in das Unat zndertich mit hiuer Reſiguntion aber ſie klammerte dabei ſich doch an die Hoffnung, daß der Heim⸗ kehrende nicht ſo gefühllos ſein werde, ſie aus dem Schloſſe zu ertreiben, an das für ſie ſo viele ſchmerzliche Erinnerungen ſich knüpften. Denn ſo ſchmerzlich auch dieſe Erinnerungen ſein mochten, welche die Herzenswunden nicht vernarben ließen, wäre es ihr doch furchtbar geweſen, ſich von ihnen trennen zu müſſen. Ueber dieſen Punkt ſuchte Klara, die Tochter des nunmehrigen Majoratsherrn, ſie zu it n, und Baroneſſe Adelaide glaubte en Verſicherungen des ſchönen Mädchens, man glaubt ja ſo gerne, was man hofft Weit unangenehmer war für den Baron Udo die Aufgabe, ſcinen Sohn von dem Glückswechſel zu unterrichten. Er kannte den hochfahrenden Sinn und den Trotz des jungen Mannes, und er zögerte deshalb lange, 3. die aufregende Mittheilung zu aber geſchehen mußte endlich doch. war am Nachmittag de eſſelbe n Tages, an welchem der te in London i Bruno im iFatittt it Die ſinkende warf P letzten Strahlen auf die alten Pergamentbände, die eine ganze Wand des Ka tiuts vom Boden bis zur Deck⸗ einnahmen, La in dem Reflex dieſes goldigen Lichtes trat der wehmüthige Ernſt in den feinen Zügen des Ba⸗ rons noch ſhärfer hervor. Ruhig und in jenem feſten, beſtimm⸗ ten Tone, der jedem Widerſpruch von vorne herein vorbeugt, richtete Baron Udo ſeinem Sohne den Inhalt des Briefes, den er aus Auſtralien erhalten hatte. Im erſten Augenblick war Bruno betäubt von Nach⸗ richt, aber dann regte ſich der Trotz in ihm, und dieſer Trotz ge⸗ bar ſofort einen glühenden Haß gegen den e vor dem ſein Hochsuth ſich nimmer beugen wollte. „Und was ſoll nun geſchehen?“ fragte er, als der Vater ſchwieg.„Wirſt Du den Verſchollenen, der, wie das ja aus ſeinem Briefe hervorgeht, als Vagabund in ſeine Heimath zurück⸗ —— ———————————— — —— kehrt, ſo ohne Weiteres anerkennen und alle Rechte ihm ab⸗ treten?“ „Ich muß dem Geſetz gehorchen,“ antwortete Baron Udo. „Und alle Deine Arbeit wäre umſonſt geweſen?“ „Umſonſt? Nicht doch! BVin ich nicht zwanzig Jahre hindurch im ungeſtörten Beſitz des Majorats geweſen?“ „Und in dieſen zwanzig Jahren haſt Du das Gut auf die Höhe gebracht, auf der es ſich jetzt befindet, und nun ſollſt Du es einem Anderen übergeben, einem Manne, der durch ſeine Flucht aus der Heimath und ſein langes Schweigen auf alle Rechte verzichtet hat? Das finde ich unbillig, und das Geſetz kann dics nicht verlangen.“ „Das Geſetz über das Majorat läßt an Klarheit nichts zu wünſchen,“ ſagte Baron Udo, die Brauen leicht zuſammenziehend. „Es ſpricht dem Erſtgeborenen das Majorat zu, und dieſem Erben bleibt es überlaſſen, ſeine Geſchwiſter nach ſeinem Ermeſſen zu entſchädigen und abzufinden, vorausgeſetzt, daß dieſer Punkt nicht durch letzwillige Verfügungen des verſtorbenen Majoratsherrn ge⸗ ordnet wird,“ „Und das Teſtament meines Großvaters enthält wohl ſolche Verfügungen nicht?“ „Nein.“ „So müßten wir alſo den Bettelſtab in die Hand nehmen und das Schloß verlaſſen, wenn es dieſem Abentheurer gefällt, uns die Thüre zu zeigen?“ erwiderte Bruno in leidenſchaftlicher Aufwallung, während ſein glühender Blick durchdringend auf dem Vater ruhte. „So ſchlimm, wie Du es machſt, iſt es nicht,“ ſagte der alte Herr,„und Worte, wie Du ſie ſprichſt, ſollte ein Baron von Oſthofen, auch in dem Aufwallen der Leidenſchaften, nicht äußern. Ich habe eine nicht unbedeutende Summe erſpart und für alle Fälle ſicher angelegt, Edmund wird mir auch eine Entſchädigung bieten müſſen, alſo kann ich über meine eigene Zukunft ziemlich beruhigt ſein.“ „Und was wäre dieſe Entſchädigung mehr als ein Almoſen, welches der Bruder von dem Bruder annehmen muß?“ „So darf man das auch nicht nennen! Eine ſolche Entſchä⸗ digung muß der Majoratsherr ſeinen Geſchwiſtern geben, alſo iſt — es auch keine Unehre, ſie anzunehmen. Wenn Edmund das Schloß allein bewohnen will, ſo müſſen wir natürlich weichen—“ „Ich aber weiche nicht!“ ſagte Bruno, ſeinem Vater heftig in die Rede fallend.„Er ſoll zuvor beweiſen, daß er berechtigt iſt, dieſes Anſinnen an uns zu ſtellen. Iſt es denn ſchon bewieſen, daß der Schreiber dieſes Briefes auch in der That der verſchollene Majoratsherr iſt? Irgend ein Abendtheurer der ſchlimmſten Sorte kann Deine Aufforderung geleſen und ſeinen ſauberen Plan darauf gebaut haben—“ „Er wüdde in der erſten Stunde entlarpt ſein,“ erwiderte Baron Udo mit gemeſſenem Ernſt.„Was weiß ein ſolcher Aben⸗ theurer von unſeren Familienverhältniſſen? Und abgeſehen von ſeiner äußeren Erſcheinung, glaubſt Du denn, ich werde ihm nicht auf den Zahn fühlen, zumal dann, wenn der leiſeſte Zweifel in mir aufſteigt? Es mag mancher Schwindler unter einer adeligen Maske ſeine Gaunerſtreiche verübt haben, ich will das zugeben, wer eine ſolche Rolle mit Geſchick ſpielt, der kann mit leichter Mühe die Menſchen betrügen. Aber in unſerem Falle gehört doch etwas mehr dazu, und meinen ſcharfen, erfahrenen Blick be⸗ rügt man ſo leicht nicht. Ueberdies dürfen wir uns auf das Urtheil unſeres Verwalters verlaſſen, er wird den Heimkehrenden in London empfangen und auf den erſten Blick erkennen, ob er meinem Bruder oder einem Betrüger gegenüberſteht.“ „Auf das Urtheil Wortmanns ſetze ich kein Vertrauen.“ „Und was hätte er davon, wenn er ſich mit einem Betrüger gegen uns verbündete?“ „Vielleicht einen Gewinn, den wir ihm niemals bieten werden!“ „Wortmann iſt ein ehrlicher Mann!“ „Schon mancher ehrliche Mann iſt der Verſuchung erlegen—“ „Mit allen dieſen Vermuthungen ändern wir nichts,“ ſagte der Baron ungeduldig,„unabänderlichen Verhältniſſen muß man ſich beugen.“ 3 „Erſt dann, wenn ſie unabänderlich geworden ſind!“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Daß zuvor das Gericht über dieſe Frage entſcheiden muß,“ erwiderte Bruno. Der alte Herr ſchüttelte ernſt und mißbilligend das Haupt, ſeine Stirne zog ſich immer mehr und mehr in Falten. auf d einen Namne Prid⸗ denſ eigen eige zeß unv du ma die —— — 107 „Willſt Du von mir verlangen, daß ich wegen einer Frage, auf die das Geſetz mir eine klare und bündige Antwort giebt, einen Prozeß anſtrengen ſoll?“ entgeonete er unwillig.„Unſer Name würde geſchändet durch dieſen Prozeß, in welchem zwei Brüder einander feindlich gegenüberſtehen, der überdies auf mich den ſcheinbar berechtigten Vorwurf laden könnte, ich wollte den eigenen Bruder um ſein Erbe betrügen, Bruno, denke an Deine eigene Ehre, einem jüdiſchen Wucherer würde man ſolchen Pro⸗ zeß verzeihen, aber auf die Ehre des Edelmanns würde er einen unvertilgbaren Schandfleck werfen.“ „Du urtheilſt zu ſcharf. Nachdem Du zwanzig Jahre hin⸗ durch im Beſitz des Majorats geweſen biſt, kann und darf Rie⸗ mand von Dir fordern—“ „Genug!“ ſagte Baron Udo in befehlendem Tone.„Ich werde handeln, wie Ehre und Pflicht mir gebieten, und ich hege die Ueberzeugung, daß Edmund an meiner Stelle nicht anders gehandelt haben würde.“ „Seine Vergangenheit beweiſt das nicht!“ „Welcher Flecken auch auf ihr ruhen mag, im Punkte der Ehre war Edmund den Traditionen ſeiner Familie getrcu. Und nun nochmals: Genug! Ich erwarte, daß Du den Heimkehrenden mit der Achtung und Freundlichkeit empſängſt, die der Bruder Deines Vaters von Dir erwarten und beanſpruchen darf.“ Ein bitterer, boshafter Hohn geſellte ſich zu dem Haß, deſſen Gluthen in dem Innern des jungen Mannes wild aufloderten. „Ich werde mich ſchon jetzt nach einem Kalbe umſehen, wel⸗ ches für den verlorenen Sohn geſchlachtet werden ſoll,“ ſagte er, aber die Worte waren noch nicht über ſeine Lippen, als er ſie auch ſchon bereute. „Sprichſt Du ſo, dann biſt Du kein Edelmann und nicht würdig der Familie Oſthofen anzugehören!“ rief Baron Udo mit einem zornflammenden Blick auf den Sohn.„Du wirſt meinen Befehlen gehorchen und mir Dank wiſſen, daß ich beſſer über Deine Ehre wache, wie Du ſelbſt!“ Bruno ſchlug die Augen nieder, er wagte nicht, ſeinen Vater anzuſehen, aber das Zucken ſeiner Geſichtsmuskeln ließ deutlich erkennen, daß die Leidenſchaften, die in ihm tobten, nur gewalt⸗ ſam zurückgehalten wurden. 108— „Ob wir nun in der nächſten Zeit das Schloß verlaſſen wer⸗ den oder nicht, an der Frage, wie Deine Zukunft ſich geſtalten ſoll, ändert das nichts,“ nahm der alte Herr nach einer geraumen Weile wieder das Wort, während er langſam auf und nieder wanderte.„Und über dieſe Frage müſſen wir uns nun ſchlüſſig ſächet 4 Damit hat's keine Eile!“ warf Bruno trotzig ein. Z Dir Deine Zukunft ſo gleichgültig?“ Wenn der nunmehrige Majoratsherr keinen männlichen Erben zie äßt—“ „So wird Dir das Mejorat zufallen,— ſehr recht! aber wie unſicher iſt dieſes„Wenn!“ Edmund iſt ſo alt noch nicht, er kann Dich überleben, er kann jetzt noch heirathen, er kann das Majorat ruiniren, kurz, es ſind eine Menge von Möglichkeiten erſtanden, die Deinen Hoffnungen entgegentreten. Und das kleine Vermögen, welches ich beſitze, bietet Dir auch keine geſicherte Exiſtenz, ſo lange ich lebe, kann ich's nicht entbehren, und wird es Dir ſpäter nach meinem Tode zu Theil.—“ „Aber weshalb reden wir darüber ſchon jetzt,“ unterbrach Bruno ungeduldig ſeinen Vater.„Warten wir ab, bis der Ver⸗ ſchollene Her iſt, vielleicht geſtalten die Dinge ſich anders, wie wir heute annehmen.“ „Mit ſolchen Hoffnungen darf man ſich icht beruhigen, wenn man, wie Du, vor einem Wendepunkt ſeines Lebens ſteht,“ ſagte Baron Udo ernſt. Feſt und ruhig dem Geſchick in's Auge ſehen und von den kommenden Ereigniſſen ſich nicht überraſchen laſſen, das verlange ich von dem Manne, und ich verlange es auch von Dir, Du biſt alt genug geworden. Ich würde Dir die militä⸗ riſche Carriere vorſchlagen, wenn Du einige Jahre jünger wäreſt, zu einem Fachſtudium iſt es auch ſchon zu ſpät, da wird wohl nichts Anderes übrig bleiben, als daß Du Dich bei Hofe vor⸗ ſtellen läßt und Dich um eine paſſende Anſtellung bewirbſt. Ich werde Dir Empfehlungen mitgeben, Du mußt dann ſelbſt Dich bemühen, Dir eine ſichere Exiſtenz zu ſchaffen.“ Der junge Mann ſtand, an der Unterlippe nagend, in Ge⸗ danken verſunken. „Und wäre es nicht eine Schmach, ſo ganz ohne Kampf auf alle Hoffnungen zu verzichten, deren Erſüllung ſeit Jahren geſichert iberh Allen gennc tn de Du b hutt „ich genq wär 9 rend ich ihr lie en Ei der⸗ lten nen der wie er das 10 el ine rte rd — S. —— —— un ———— —— —— 09 ſchien?“ fragte er.„Ich kann es nicht und werde es auch nicht thun, man würde uns verſpotten—“ „Du wirſt es thun!“ fuhr der Baron zornig auf.„Du haſt überhaupt keine Stimme in dieſer Angelegenheit; Du wirſt Dich Allem fügen, was ich beſchließe. Ich hatte mir auch andere Pläne gemacht ich muß auch verzichten, kann ich's in dieſem Alter, ohne mit dem Geſchick zu hadern, ſo wirſt Du es wohl auch können, Du biſt noch jung, und der Jugend ſteht die Welt offen. Ich hatte Klara Dir zur Gattin beſtimmt,“ fuhr der alte Herr fort, „ich würde mit dieſem Projekt Dich heute oder morgen bekannt gemacht haben, wenn der Brief meines Bruders nicht eingetroffen wäre, jetzt muß ich vorher mit Edmund darüber reden.“ Bruno hatte haſtig das Haupt erhoben, mit einem triumphi⸗ renden Blick ſah er den Vater an, der noch immer auf und nie⸗ der ſchritt. „Mit dieſer Verbindung wäre uns Allen geholfen,“ erwiderte er,„und ich wüßte nicht, was Klara's Vater dagegen einzuwen⸗ den haben ſollte.“ Baron Udo blieb ſtehen. „So wärſt Du alſo einverſtanden damit?“ fragte er. „Gewiß!“ „Und Klara?“ „Sie wird entzückt ſein!“ „Weißt Du das ſo beſtimmt? Sie kann anderer Anſicht ſein, ich weiß nicht, wie ſie über dieſe Frage denken wird, wenn ſie ihr nahe tritt. Sie mag Dich lieben, wie man einen Bruder liebt, ob aber dieſe Liebe—“ „Dem Willen des Vaters wird ſie ſich unterwerfen!“ ſagte Bruno zuverſichtlich. „Vor allen Dingen müßte der Vater ſeine Zuſtimmung geben,“ entgegnete Baron Udo kalt,„deshalb ſorge, daß Du einen guten Eindruck auf ihn machſt.“ In der Seele Bruno's loderte der Haß wieder wild auf, ſein Stolz empörte ſich gegen die Zumuthung, vor dem Manne ſich beugen zu ſollen, deſſen unerwartete Rückkehr ihn zwang, dieſem Leben voll Glanz und Pracht zu entſagen. „Ich werde nicht vor ihm kriechen,“ ſagte er,„ich werde ihn fühlen laſſen, daß er beſſer gelhan hätte, drüben in ſeiner Ver⸗ — — ſchollenheit zu bleiben. Es wäre beſſer für ihn und für uns geweſen, er hätte ſich mit einer Geldſumme abfinden laſſen. Was will er hier? Dem Abentheurer wird man niemals Achtung zollen—“ Schweige!“ rief Baron Udo zornig.„Der Heimkehrende iſt mein Bruder, das vergiß nicht. Und über meinen Vorſchlag denke nach, es wird rathſan ſein, daß Du bald die Reiſe an⸗ trittſt, die Empfehlungsbriefe liegen ſchon morgen hier zu Deiner Verfügung.“ Er begleitete dieſe Worte mit einem befehlenden Wink, Bruno preßte die Lippen aufeinander und verließ das Kabinet. Eine unſäzliche Wuth kochte in ſeinem Inneren, eine Wuth, die ihn blind machte gegen alle Gründe, die ſein Bater ange⸗ führt hatte und die unter anderen Umſtänden ihm gewiß einge⸗ leuchtet haben würden. War es nicht eine ganz unverantwortliche Thorheit, dem her⸗ gelaufenen Vagabund das Majorat abtreten und ſich mit einem Almoſen begnügen zu wollen? War Baron Udo es nicht ſeinen eigenen Angehörigen und vor allen Anderen ſeinem Sohne ſchul⸗ dig, dieſes Opfer zu verweigern? Mocht dann dieſer Abentheurer ſein Recht auf gerichtlichem Wege ſuchen, es war noch ſehr die Frage, ob die Richter es ihm zuerkennen würden. Der Vater wollte dieſe Bedenken nicht anerkennen, und mit der Mutter darüber zu reden, war unnütz, ihre Engelsgeduld fügte ſich ja in alle Verhältniſſe. Baron Bruno befahl dem Diener, der im Korridor ih be⸗ gegnete, ſein Pferd ſatteln zu laſſen; er that es in einem ſo barſchen Tone, daß der Diener betroffen ihm nachblickte. Nach ſolchen Mittheilungen noch ruhig zu bleiben, wie wäre das möglich geweſen? Sein Vater hatte ihm ja die Zukunft ſo reizend gemalt, daß ibm nur noch die Wahl zwiſchen einem Bettler und einem Aben⸗ theurer blieb. Weshalb hatte man ihn nicht früher darauf aufmerkſam ge⸗ macht? Weshalb hatte Baron Udo nicht ſeinen Sohn auf die Univerſität oder die Krieqsſchule geſchickt? Jetzt war das freilich zu ſpät, und es klang wie Hohn, wenn man ihm die Vortheile wie vorhin zeigte, die er nicht mehr betreten konnte. Oiof hett 5 mit d ſem ber ſ 6 und bäum Poh her⸗ inen einen ſcul⸗ ichen ihn nit duld nbe⸗ m ſo wäre haß ben⸗ ge⸗ f die eilich heile — 111— Der junge Herr ſchien ganz vergeſſen zu haben, daß ihm alle dieſe Vorſchläge früher gemacht worden waren, und daß er ſich damals entſchieden geweigert hatte, ſowoh! die Univerſität, wie die Kriegsſchule zu beſuchen. Bei Hofe um eine Anſtellung betteln? Er, ein Baron von Oſthofen? Er, den man bisher ſtets den zukünftigen Majorats⸗ herrn genannt hatte? Fühlte denn Baron Udo ſelbſt nicht, welche Schmach er da⸗ mit dem Sohne zumuthete? Nein, er wollte nicht weichen, er wollte den Kampf mit die⸗ ſem Abentheurer aufnehmen, der in ſeinen Augen nicht der Bru⸗ der ſeines Vaters ſondern ein Vagabund war. Das Pferd ſtand bereit, Bruno ſchwang ſich in den Sattel und ſtieß dem Thier die Sporen in die Weichen, daß es hochauf⸗ bäumte und dann pfeilſchnell mit dem Reiter von dannen ſprengte. Wohin? Dem jungen Manne war es gleichgültig, und das Thier ſchlug den Weg zur Stadt ein. Der Baron hatte eben die Hälfte des Weges zurückgelegt, als er in der Ferne einen Reiter erblickte, deſſen bl itzende Uniſorm ihn ſofort vermuthen ließ, daß es Ferdinand von Falken berg ſein könne. Und in dieſer Vermuthung ſah er ſich, als der Reiter ihn er⸗ reicht hatte, nicht getäuſcht.. „Ich bin auf dem Wege zu Dir!“ rief Ferdinand ihm ent⸗ gegen, nachdem er ſein Pferd parirt hatte. „Und Du? Wohin willſt Du?“ „Mir iſt es gleichgültig,“ erwiderte Bruno mit gewaltſam erzwungener Ruhe. Daheim litt es mich nicht mehr.“ „Haſt Du Verdruß gehabt?“ „Wenn ich die ganze Menſchheit vergiften könnte, es wäre mir eine Wolluſt!“ „Oho! Was iſt Dir denn begegnet?“ fragte der Offizier er⸗ ſtaunt.„Ich erinnere mich nicht, daß Du einen ſchlimmen Streich gemacht haben ſollteſt—“ „Darum handelt es ſich nicht,“ ſchnitt Bruno dem Freunde das Wort ab. Ferdinand ſah ſeinen Begleiter mit wachſender Ueberraſchung an. „Du haſt doch nicht mit dem Maler ein Rencontre gehabt?“ fragte er. 112 „Bah, was kümmert mich der Baſtard! Im Schloſſe war er allerdings, und ich vermuthe, er wollte mich zur Rede ſtellen, es war ſein Glück, daß er mich nicht zu Hauſe traf. Ich würde verteufelt wenig Umſtände mit ihm gemacht haben.“ „Aber jetzt?“ „Hol's der Teufel, Ferdinand, ich komme mir jetzt ſelbſt wie ein Baſtard vor.“ „Biſt Du wahnſinnig?“ „Wäre ich's, ſo würde man ſchon dafür ſorgen, daß ich in's Irrenhaus käme,“ erwiderte Bruno mit den Zähnen knirſchend. „Bitte, ſage mir doch, welche Zukunft prophezeihſt Du mir?“ „Nun ich denke, eine glänzende. Wenn Dein Vater zu ſeinen Ahnen verſammelt wird, worüber allerdings noch manches Jahr hingehen kann, biſt Du Majoratsherr von Oſthofen.“ „Fehlgeſchoſſen!“ erwiderte Bruno, heiſer auflachend.„Iſt es Dir bekannt, daß ein älterer Bruder meines Vaters vor etwa zwanzig Jahren wegen eines Duells geflüchtet iſt?“ „Ich glaube, mich zu erinnern, daß davon vor einiger Zeit einmal die Rede war,“ ſagte Ferdinand ſinnend,„und wenn ich nicht irre, erwähnte unſer Oberſt dieſes Duell, als ein anderer Kamerad das Geſpräch auf Eure Familie brachte.“ „Und wenn nün dieſer ältere Bruder, der ſeitdem verſchollen war, plötzlich zurückkehrt, mußte er in ſeine Rechte als Majorats⸗ herr eingeſetzt werden?“ „Wenn Dein Großvater keine anderen Beſtimmungen hinter⸗ laſſen hat, allerdings!“ „Alſo auch Du biſt dieſer Anſicht?“ „Ich ſage nur, was das Geſetz über dieſen Punkt beſtimmt,“ erwiderte der Offizier achſelzuckend. „Damit will ich das Majorat ſelbſt nicht vertheidigen, im Gegentheil, dieſe Erbordnung, in der Hauptſache aus der Abſicht hervorgegangen, die Theilung der Güter zu verhindern und ſie für alle Zeiten der Familie zu erhalten, läßt ſich weder vom Standpunkte des Rechts, noch der Politik, noch der Volkswirth⸗ ſchaft rechtfertigen, aber das Geſetz hat cinmal dieſe Erbfolge ſanctionirt, und dem Geſetz muß Jeder ſich fügen.“ „Aber mein Papa iſt ſchon zwanzig Jahre im Beſitz des Majorats!“ mar ine ine „ 14 4, in icht i „Nur proviſoriſch, ſo lange ſein älterer Bruder noch lebt. Indeß, wenn dieſer Bruder ſchon ſecit zwanzig Jahren verſchollen iſt, ſo darf man wohl mit Sicherheit annehmen, daß er nicht mehr unter den Lebenden weilt.“ „Und geſetzt, es meltete ſich nun trotz dieſer Se mand unter dem Namen des und dieſer Jemard machte Anſpruch auf das Majorat, würdeſt Du es ihm Weiteres übergeben?“ fragte Bruno. „Ich würde mir die Ueberzeugung verſchaffen, ob dieſer Je— mand wirklich der Verſchollene iſt,“ antwortete Ferdinand ruhig. „Und wenn Du die eet erlangteſt?“ „Dann würde 6 ihm ohne Widerrede das Majorat abtreten.“ Bruno blickte de n Freund vorwurfsvoll an. „Und was würde er thun?“ fragte er boshaft.„Er würde Dich einen Narren nennen und Dir einen Fußtritt geben.“ „Dagegen ließe ſich, dann auch nichts machen,“ erwiderte Ferdinand,„dieſer Undank würde ihn, nicht mich entehren. 2 wir ſtreiten da um des Kaiſers Bart—“ „Keineswegs, mich berühren dieſe Fragen ſehr nahe. Der verſchollene Bruder meines Vaters hat uns ſeine Heimkehr an⸗ i 4 „Ah, jetzt begreiſe ich Deine Aufregung! Wird er ſchon bald eintreffen 2. „In den erſten Tagen.“ „Und was hat Dein Vater beſchloſſen?“ „Er denkt ganz wie Du,“ ſagte Bruno ärgerlich. „Von ihm ließ es ſich nicht anders erwarten,“ nickte Ferdinan „Baron Udo von Oßhofen iſt in jeder Beziehung ein Edelmann.“ Der Baron zuckte mit verächtlicher Miene die Achſeln. „So werde ich alſo in Beinen Augen kein Edelmann ſein,“ ſagte er höhniſch,„denn ich bin nich ſtei meinem angeblichen Onkel ohne Kampf das Feld zu räumen. Ich vertheidige dabei mein Eigenthum, ſehen wir alſo wer beſſere Waffen hat, er, oder ich!“ „Auf ſeiner Seile iſt das Geſctz,“ entgegne'e der Offizier ernſt, „und nicht das allein, wenn Dein Vater das Majorat abtritt, ſo ſieht Dir kein Recht zu, u zu proleſtiren. Es wäre alſo ein nutzloſer Kampf, durch den Du Richts erreichen wirſt.“ Der W 8 — 114— 7. „Das Alles hat mir Papa bereits geſagt, aber— „Und Du thuſt wohl, ſeinem Rothe zu folgen und den Ver⸗ hältniſſen Dich zu fügen. Wie würde es denn ſein, wenn der Vater nie in den Beſitz des Majorats gekommen wäre?“ „Dann hätten alle Verhältniſſe unſerer Familie ſich anders geſtaltet.“ „Vielleicht, aber möglicherweiſe auch nicht!“ „Ich würde die Kriegsſchule beſucht und die militäriſche Kar⸗ riere gewählt haben.“ Wie raſch das geſagt iſt! Hat man es endlich ſo weit gebracht, daß man den Oſſizierdegen trägt, ſo hat man auch noch nicht den Himmel auf Erden. Wer dieſe Karriere betreten will, der muß auch mit Leib und Seele Soldat ſein, ſonſt kommt er nicht vor⸗ wärts, und ich erinnere mich ſehr genau, daß Du ſtets behauptet haſt, Du würdeſt nie ein guter Soldat geworden ſein.“ „Hätte ich einmal den erſten Schritt auf dieſer Laufbahn gethan—“ „Dann, glaubſt Du, müßten die anderen von ſelbſt folgen? Ja, im Avancement rückt man allmälig weiter, aber beim Einen geht's raſcher, wie bei dem Anderen.“ „Du kannſt Dich nicht beklagen.“ „In dieſer Beziehung nicht.“ „In anderer vielleicht?“ Ferdinand von Falkenberg blickte ſinnend in die Ferne, und ein wehmüthiger Zug glitt über ſein ernſtes, männlich ſchönes Antlitz. „Wenn man als Offizier nur auf ſeinen Sold angewieſen iſt, ſo bietet das Leben gewiß nicht den vollen ſchäumenden Becher, der Anderen gereicht wird,“ ſagte er,„und der Blick in die Zu⸗ kunſt geſtaltet ſich dann auch nicht ſo freudig und ſonnenhell. Ich muß auf Manches verzichten—“ „Und werde ich das nun nicht auch müſſen 2 „Du biſt nicht gebunden!“ „Biſt Du es?“ „So nimm doch nur den einzigen Fall, ich liebte eine junge, ſchöne Dame, darf ich ihr meine Liebe geſtehen, wenn ſie mir nicht ebenbürtig iſt?“ „Was hindert Dich daran?“ „Will ich den Conſens zur Hiroth hoben, ſo—“ (2 er dar⸗ ſht, Nn muß vor⸗ uptet ahn gen? inen dein ntlit. en iſt, echer, e Zu⸗ nhell. unge, e mir 115 „Aber weshalb denn gleich heirathen?“ Ferdinand warf dem Freunde einen vorwurfsvollen Blick zu— „Wenn ich mit einer Dame mich verlobe, dann thue ich es mit dem ſeſten Vorſatz, ſie als meine Gatlin heimzuführen,“ er— widerte er,„ich habe darin feſte Grundſätze, von denen ich nie⸗ mals abweichen werde.“ „Vor allen Dingen mußt Du bei der Wahl Deiner Gattin auf Geld ſehen.“ „Weshalb iſt das ſo nöthig?“ „Deiner Kaution wegen!“ „Daran hatte ich noch nicht gedacht,“ ſagte der Offizier, deſſen Stirne ſich noch ſinſterer umwölkte. „Aber wer wird denn auch in Deinem Alter ſchon daran denken,“ entgegnete Bruno mit leiſem Spott.„Du biſt noch jung—“ 7 „Laſſen wir das!“ ſiel Ferdinand ihm in's Wort,„ich wollte Dir nur zeigen, daß ich auch nicht auf Roſen gebettet bin, aber ich ertrage das ruhig und geduldig, es wäre ja vergebliche Mühe, wollte ich den Verſuch machen, es zu ändern. Und ſollteſt Du auch dem heimkehrenden Onkel entgegentreten, ſtolz und ruhig, wie ein Mann, der ſeines Werthes ſich bewußt iſt und ohne Vitterkeit auf Glücksgüter verzichten kann. Es wäre Thorheit, einen Kampf beginnen zu wollen, gegen das Geſetz kannſt Du nicht kämpfen, Du haſt keine Waſfen, alſo mußt Du unterliegen, und dann haſt Du nichts erreicht, als Haß und Feindſchaft.“ „Fordert nicht er dieſen Haß und dieſe Feindſchaft heraus?“ rief Bruno zornig. „Nein, er fordert nur ſein Recht und das kann ihm Niemaud ſtreitig machen.“ „So hätte er es ſrüher fordern ſollen „Die Verhältniſſe hinderten ihn daran; geht daraus aber für ihn eine Verpflichtung hervor, auf dieſes Recht verzichten zu müſſen?“ „Eine moraliſche Verpflichtung ſicher! Seine Ehre kann un— möglich—“ „Streiten wir darüber nicht,“ ſchnitt Ferdinand dem Freunde das Wort ab,„unſere Anſchauungen gehen zu weit auseinander. Ich gebe ja zu, daß es für Dich ſehr hart iſt, auf den einſtigen Beſitz des Majorats verzichten zu mäſſen, aber auf der anderen 8. — Seite mußteſt Du auch auf den Eintritt dieſer Möglichkeit vor⸗ bereitet ſein, ſo lange Du keine ſichere Nachricht von dem Tode Deines Onkels erhalten hatteſt. Ich gebe Dir als Freund den guten Rath, ſtelle Dich mit dem Heimkehrenden auf einen freund— ſchaftlichen Fuß, dann wird leichter und raſcher ein Weg gefunden werden, auf dem Deine zukünftige Exiſtenz geſichert iſt. Hinter⸗ läßt Dein Onkel keine mäm lic en Nachkemmen, ſo muß Dir das Majorat ſpäter zufollen—“ „In Bezug auf dieſen Punkt bemerkte mir mein Vater ſehr richtig, daß ſein Bruder noch lange leben und ſogar zu einer zweiten Heirath ſchreiten könne. Dann wäre mir ſelbſt dann nicht die ſpätere Erbfolge geſichert, wenn ich die Tochter des Majoratsherrn heirathete.“ „Baroneſſe Klara?“ fragte Ferdinand, einigermaßen überraſcht. „Haſt Du an dieſe Möglichkeit bisher nie gedacht?“ „Aufrichtig geſagt, nein! Aber beſtreiten will ich ſie nicht, und wenn Baroneſſe Klara Dich liebt, dann wünſche ich Dir von Herzen Glück zu dieſer Verbindung. Und wenn ich darüber nach⸗ denke, dann leuchtet es mir ein, daß durch dieſe Heirath alle Sorgen für Deine Zukunft gehoben würden, ſelbſt in dem Falle, daß der Majoratsherr eine zweite Ehe einginge und bei ſeinem Tode männliche Erben hinterließe. Er würde ohne Zweifel mit Berückſichtigung der obwaltenden Verhältniſſe ſeiner Tochter aus erſter Ehe eine Ausſteuer geben, die ſie und Dich völlig ſicher ſtellte, Du kaufſt mit dieſem Gelde ein kleines Gut und biſt nach wie vor Dein eigener Herr. So möchte ich dieſe Verbindung ge⸗ wiſſermaßen als eine Lebensfrage für Dich betrachten,“ fuhr Fer⸗ dinand in lebhaſterem Tone fort;„und ich zweifle auch nicht daran, daß Du dies ſelbſt einſiehſt!“ Der Baron hatte die Brauen zuſammengezogen, unwillig, faſt drohend ſchaute ſein Blick in die Ferne. „Klara hat eine mir unbegreifliche Sympathie für den Maler gefaßt,“ ſagte er,„ſie machte mir Vorwürfe, daß ich ihn beleidigt habe, und das Entzücken, mit dem ſie von ihm ſprach, beunruhigte mich.“ „An dem Erwachen dieſer Sumpathie trägſt Du die Haupt⸗ ſchuld,“ erwiderte der Ofſizier,„wer hieß Dich auch, jenen Mann ohne Grund zu beſchimpfen?“ „Habe ich denn etwas Anderes, als die Wahrheit geſagt?“ weshe nib er p diant — — 117— „Auch die Wahrheit kann unter Umſtänden beleidigen!“ „Mag ſein, aber ich wußte ja nicht, daß er hinter mir ſtand, weshalb lauſchte er?“ Und ich war ärgerlich, die Grimaldi hatte mih in ſeiner Gegenwart in hochfahrender Weiſe abgefertigt, und er prahlte mit der Freundſchaft dieſer Dame,— ah, bah, Comö⸗ dianten bleiben Comödianten, mögen ſie noch ſo berühmt werden.“ Der Blick Ferdinands ſtreifte mit zürnendem Ausdrucke den Begleiter, die beiden Reiter waren jetzt in der Vorſtadt angelangt. „Signora Grimaldi iſt keine Komödiantin in dem Sinne, wie Du es meinſt,“ ſagte er, und ſeine Stimme zitterte leiſe, ſie ver⸗ rieth die innere Erregung.„Auf ihrem Namen und ihrer Ehre ruht nicht der leiſeſte Makel, und Du haſt keine Verechtigung, daran zu zweifeln.“ Der Baron lachte ſpöttiſch, er ſah nicht das zornige Aufleuchten in den Augen Ferdinands, die Erinnerung an jene demüthigende Niederlage weckte wieder den Groll in ihm. „Biſt Du verliebt in ſie?“ fragte er höhniſch. „Und wenn ich es wäre?“ erwiderte der Offizier mit müh⸗ ſam erzwungener Ruhe. „Dann würde ich Dich bedauern! So lange der alte Drache dieſes Dornröschen bewacht, wird es Dir nicht gelingen, in das verwunſchene Schloß einzudringen und die ſpröde Schönheit zu entzaubern, platoniſche Liebe zu einer Sängerin finde ich für einen Mann lächerlich.“ Ferdinand preßte die Lippen aufeinander und ſchwieg, er mußte gewaltſam an ſich halten, der ſchneidende Hohn des Freun⸗ des hatte ſein Blut in ſieberhafte Wallung gebracht. „Ich habe auch ſchon den Verſuch gemacht, die Wachſamkeit des Drachen zu überliſten,“ fuhr Bruno ſort, aber alle Verſuche ſcheiterten, und Papa machte mich darauf aufmerkſam, daß es eines Edelmanns unwürdig ſei, ſich an den Triumphwagen einer Sängerin ſpannen zu laſſen. „Und wer ſagt Dir denn, daß ich dieſe Abſicht hege?“ fragte Ferdinand in entrüſtetem Tone. Der Anſicht Deines Vaters pflichte ich bei, und die Verbindung, die Du mit Signora Grimaldi an⸗ knüpfen wollteſt, würde ich ganz entſchieden mißbilligen.“ „Hegſt Du am Ende die kühne Abſicht, ſie zu heirathen?“ „Schlägſt Du dieſen Tdn an, ſo antworte ich Dir auf ſolche — 118— Fragen nicht. Ueberhaupt iſt es beſſer, wir laſſen dieſes Thema fallen?“ Der Baron ſchwieg, er wollte den Zorn des Freundes nicht och mehr herausfordern, überdies nahmen auch die eigenen An⸗ gelegenheiten ſein Denken ſo ſehr in Anſpruch, daß die Ange⸗ legenheiten Anderer ihm nur ein flüchtig vorübergehendes Inter⸗ eſſe einflößen konnten. So ritten ſie in die Stadt hinein, vor dem Gaſthofe, in welchem Bruno einzukehren pflegte, hielt er ſein Pferd an. „Es iſt vielleicht manches Wort in der Erregung gefallen, welches beſſer ungeſprochen geblieben wäre,“ ſagte er,“ wir wol⸗ len uns drum nicht überwerfen. Kommſt Du nachher in's Concert?“ „Jedenfalls,“ erwiderte Ferdinand,„und ich hoffe, Dich dann ruhiger zu finden.“ Mit einem Handdruck trennten ſich die Freunde, Ferdinand ritt weiter, der Baron ſtieg ab und ging in den Gaſthof. In einem Nebenzimmer des Speiſeſaals, dem eigentlichen Gaſtzimmer, ſaß eine Geſellſchaft junger Herren beim Würfelſpiel. Mit lautem Halloh wurde der Baron empfangen, die Herren waren meiſt Söhne von Gutsnachbaren, Bruno konnte der Auf⸗ forderung, Platz zu nehmen und mit ihnen zu ziehen, nicht ablehnen, und in ſeiner erregten Stimmung leiſtete er ihr auch gerne Folge. Der Kellner mußte die Eiskübel mit neuen Champagner⸗ flaſchen füllen, und das Würfelſpiel nahm ſeinen Fortgang. Schlechte Witze flogen hinüber und herüber, und wenn einer dieſer mitunter ſehr geiſtloſen Pfeile in's Schwarze traf, jubelte ein wieherndes Gelächter dem glücklichen Schützen auf Koſten des Getrofſenen Beifall zu. Bruno hatte ſelten Glück im Spiel, diesmal verfolgte ihn das Unglück mit eiſerner Conſequenz, er verlor Zug um Zug, und dies gab den Freunden reichen Stoff zu Neckereien, Unglück im Spiel, Glück in der Liebe! Dieſe alten, verbrauchten Worte, die man in ſolchen Fällen ſtets anzuwenden pflegt, mußten auch jetzt wieder die Verluſte Bruno's erklären, und es konnte nicht aus⸗ bleiben, daß die erhitzten Köpfe ſich zu den tollſten Vermuthungen anſirengten. Glück in der Liebe! Natürlich mußte Arabella Grimaldi die Glückliche ſein, die den reichen Baron von Oſthofen zum Sclaven ihrer lange hi Gunſt ſünen in den die Err erinner Schue die Stör beſte dem ſin hini ihm, maldi als d Siill etfül ema —————— — — ihrer Laune gemacht hatte, man wußte ja, daß Bruno ſich ſchon lange um ihre Gunſt bewarb. Hätte die ſchöne Sängerin ihn wirklich erhört und mit ihrer Gunſt beglückt? War es ihm gelungen, den Maler Rodenberg, ſeinen bisherigen Nebenbuhlcr, zu verdrängen? Dieſe Fragen, die in den verſchiedenſten Variationen ausgeworſen wurden, mußten die Erregung des Barons ſteigern, ſie klangen ihm wie Hohn und erinnerten ihn an die Demüthigung, welche Arabella ihm bereit⸗t hatte. Und dennoch durfte er ſeinen Aerger nicht zeigen, wollte er dieſen Hohn nicht noch mehr herausfordern, in dieſem Kreiſe blieb— ihm nichts Anderes übrig, als gute Miene zum böſen Spiel zu machen und ſich den Anſchein zu geben, als ob ihn der Spott nicht treffe. Der feurige Wein ſtieg ihm in den Kopf, der Ver⸗ luſt im Spiel ärgerte ihn auch, und als er endlich aufbrach, um in den Concertſal zu gehen, mußte er ſeine ganze Willenskraf: aufbieten, um ſeinen Rauſch zu verbergen. Die Freunde wollten ihn begleiten, nach dem Concert ſollte das Zechgelage ſortgeſetzt werden, Bruno war mit Allem, was ſie beſchloſſen, einverſtanden, er hatte keinen eigenen Willen mehr. Mit wüſtem Lärm brach man auf, und lärmend trat die kleine Schaar in den Concertſaal. Das Concert hatte bereits begonnen, die Blicke aller Anweſenden richteten ſich voll Unwillen auf die Störenfriede, die durchaus keine Rückſicht auf die zahlreiche, den beſten Ständen angehörende Geſellſchaft nahm. Erſt als man ſie energiſch zu Ruhe verwies, fügten ſie ſich dem Gebot. Bruno blieb im Hintergrund an einer Säule ſtehen, ſein nn⸗ ſicherer Blick ſchweifte höhniſch über den Zuhörerraum zur Bühne hinüber. Ein Violinvirtuoſe ſpielte den Carneval von Venedig; neben ihm, von den übrigen Mitwirkenden umgeben, ſaß Arabella Gri⸗ maldi in einfacher, aber eleganter und geſchmackvoller Toilette. Rauſchender Beifall folgte dem Vortrag des Virtuoſen, und als dieſer kaum ſich legte, hörte man in der darauf folgenden Stille das laute Wort:„Lächerlich!“ Baron Bruno hatte es geſprochen, er lachte über die zorn⸗ erfüllten Blicke, die ihn auf das Unpaſeende ſeines Venehmens — 120— aufmerkſam machen wollten, und ſeine Zechgenoſſen, die Unver⸗ ſchämtheit des Freundes bewundernd, lachten mit ihm. Jetzt erhob Arabella ſich, um eine Arie aus Roſſini's Barbier von Sevilla zu ſingen. Lebhafter Beifall begrüßte ſie, noch ehe ſie begonnen hatte, ſie verneigte ſich dankend, und gleich darauf ſang ſie mit glockenreiner, entzückender Stimme die ſchwierige aber danfbare Arie. Ind wieder erhob ſich der Beifallsſturm, der nicht enden zu wollen ſchien, und mit glühendem Geſicht und hoßſprühendem Blick ſtand Bruno an der Säule. „Komödiantin!“ rief er in den Sturm hinein. Geſang ſein?“ Ruhe!“ riefen mehrere Stimmen zugleich. „ „Hinaus mit dem Menſchen!“ fügte eine zornbebende Stimme „Das ſoll hinzu. Baron Bruno ziſchte, der Hoß ſchien ihm den Verſtand ge⸗ raubt zu haben, aber ſeine Freunde hatten nicht den Muth, in dieſes Ziſchen einzuſtimmen. Ein in der Nähe ſitzender Herr erhob ſich und trat auf ihn zu. „Ihr Benehmen iſt flegelhaft,“ ſagte er empört,„Sie haben vielleicht ſelbſt keine Ahnung dovon, wie ſehr Sie ſich blamiren.“ „Sie ſind ſelbſt ein Flegel!“ erwiderte Bruno auffahrend. In einem Concert darf Jeder ſeine Meinung äußeren, und mir gefällt die Sängerin nicht.“ „Dann bleiben Sie fort,“ lautete die Antwort,„Niemand zwingt Sie, die Sängerin zu hören.“ „Alſo dürfen nach Ihrer Anſicht nur die Verehrer dieſer Signora den Concertſaal beſuchen? Nun, dann weiß man doch, woher es kommt, daß Niemand den zweifelhaften Ruhm einer ſo mittelmäßigen Sängerin anzugreifen wagt.“ Die Unterhaltung war ſo laut geführt worden, daß man im ganzen Saale jedes Wort deutlich vernehmen konnte, das Con⸗ cert mußte unterbrochen werden, ſchon erhoben ſich mehrere Her⸗ ren von ihren Sitzen, um den Störenfried zu entfernen, als plötzlich der Maler Rodenberg vor dem Baron ſtand. „Wer ſich im Concertſaale nicht zu benehmen weiß, wie Bil⸗ dung und Anſtand es erfordern, der ſoll draußen bleiben!“ ſagte Vort. oder ve 9 6 hen“ ſein, 1 ihni V gette hinde er in einem ſtiren welche ier ehe uf auf ben n.“ nd. mir — 121— Willy, den Baron feſt anblickend.„Ich hoffe, Sie werden mich verſtehen und nicht länger—“ „Es wird immer heiterer!“ fiel Bruno ihm höhniſch in's Wort.„Wer ſind Sie denn, mein Herr, daß Sie ſich berechtigt oder verpflichtet glauben, für dieſe Signora eine Lanze zu bre⸗ chen? Auf Ihre Vertheidigung kann die Dame wahrlich nicht ſtolz ſein, und Sie thäten beſſer, vor Ihrer eigenen Thüre zu kehren.“ „Sie ſind betrunken, Herr Baron!“ erwiderte Willy, den in ihm kochenden Groll Luft machend. War es Abſicht, oder Zufall geweſen, Bruno hatte ſeine Reit⸗ gerte in den Saal mitgenommen, und ehe ihn Jemand daran hindern konnte, ſchlug er mit dieſer Gerte den Maler in's Geſicht. „Das für Deine Frechheit, erbärmlicher Baſtard!“ knirſchte er in maßloſer Wuth, aber im nächſten Augenblick war er von einem dichten Kreis umzingelt und trotz ſeines energiſchen Prote⸗ ſtirens mußte er den Saal verlaſſen, nur mit Mühe konnten, die welche ihn umgaben, ihn vor Mißhandlung ſchützen. Todesbleich ſtarrte Willy auf die Thür, hinter der ſein Geg⸗ ner verſchwunden war; er hörte nicht die beruhigenden Worte, die zu ihm grſprochen wurden, er dachte nur an die entehrende Schmach, die ihm vor ſo vielen Augen widerfahren war. Ferdinand von Falkenberg trat zu ihm, auch er war im tief⸗ ſten Innern empört über dieſes rohe und ihm ganz unbegreifliche Benehmen ſeines Freundes. „Nehmen Sie es nicht ſo ſcharf,“ ſagte er begütigend,„der Baron war von Sinnen—“ „Und entſchuldigt das ſein Benehmen?“ fragte Willy ſcharf. „Ich bin weit entfernt, es entſchuldigen zu wollen,“ erwiderte Ferdinand,„aber ich möchte Ihnen mein herzliches Bedauern darüber ausdrücken.“ „Das macht leider die Sache nicht ungeſchehen!“ „Gewiß nicht, aber wenn Sie ganz aufeichtig ſein wollen, mſſen Sie dann nicht ſelbſt ſagen, daß Sie beſſer gethan hätten, die Vertheidigung der Signora Grimaldi Andern zu überlaſſen? Es war Ihnen bekannt, daß Baron Oſthofen Ihnen nicht freund⸗ lich geſinnt iſt, Sie hätten ſeinen Haß nicht herausfordern ſollen!“ „Ich ſollte alſo dazu ſchweigen, wenn meine Frenndin öffent⸗ lich von einem Menſchen beſchimpft wurde, der ſich wie ein Gaſſen — bube benahm?“ zürnte Willy.„Bah, die Herren vom Adel glauben Vorrechte zu beſitzen, die ihnen geſtatten, Anſtand und Sitte in den Koth zu treten, der Bürgerliche muß ſich das ge⸗ duldig gefallen laſſen, nicht wahr, Herr Licutenant?“ Ferdinand ſchüttelte unwillig den Kopf, Willy wandte ihm den Rücken und verließ den Saal, ſeine tiefbeleidigte Ehre ge⸗ ſtattete ihm nicht länger in dem Kreiſe Derjenigen zu weilen, die Zeugen ſeiner Schmach geweſen waren. Ein Streichquartett hatte eben begonnen, Ferdinand hörte nicht mehr darauf, er folgte dem Maler, der gleich einem Ver⸗ zweifelnden in die anbrechende Nacht hinausſtürmte. „Baſtard“ hatte er ihn genannt vor der Etite der Geſell⸗ ſchaft!„Baſtard!“ Jeder hatte es gehört, es war unausbleiblich, daß jetzt dieſes Wort ihn verfolgte, ſo lange er lebte. Und was half ihm aller Ruhm, alle Anerkennung ſeines Ta⸗ lents gegenüber dieſem Wort, welches als Fluch ſich fortan an ſeine Ferſe heftete! Jetzt wurde in alleu Kreiſen über ihn geſprochen, ſeiner Ver⸗ gangenheit nachgefurſcht, ſeine Mutter und mit ihr auch er be⸗ ſchimpft, und er hatte keine Waffe, um der Bosheit und der Verleumdung entgegenzutreten. Und der Schlag mit der Reitgerte verdoppelte, verzehnfachte den Schimpf! Wo er ſich jetzt auch blicken laſſen mochte, überall erwartete ihn Achſelzucken und jene Geringſchätzung die das blinde Vor⸗ urtheil ohne lange Prüfung Jedem zu Theil werden läßt, der, gleich viel, ob aus eigenem Verſchulden oder nicht, gegen das⸗ ſelbe ſündigt. Das Zeichen der Schmach und der Entehrung brannte auf ſeinen Wangen, nichts konnte dieſes Zeicheu tilgen. Ja, Auerbach hatte Recht, wenn er ſagte, der Makel, der auf ſeiner Geburt ruhe, werde niemals ſchwinden, und er könne nichts Beſſeres thun, als den Kreiſen ſich fern zu halten, in denen man aus dieſem Makel ihm einen Vorwurf mache. Und wohin wollte er jetzt, während er ſo cilig vorwärts ſtürmte? Es war ihm gleichgültig— oder hatte am Ende ſeine Wanderung doch ein beſtimmtes Ziel? Wahrfcheinlich doch— er ſtand vor dem Hauſe, in welchem S— 9 Z ſand deſen bett A einem U welche ler e lei, d benu wit und reg er, „N heut Sti auf der, das — 123— der Maler Robert Auerbach ſeine Wohnung aufgeſchlagen hatte, nachdem er wegen ſeiner unverbeſſerlichen unſoliden Lebensweiſe genöthigt worden war, das Haus der Frau Rodenberg zu verlaſſen. Und als Ferdinand, der ihm bis hieher geſolgt war, ihn in dieſes Haus treten ſah, kehrte er beruhigt um, es kam wenigſtens an dieſem Abend nicht zu einem nochmaligen Zuſammentreffen des Malers mit dem Baron. Willy ſtieg die dunkele Treppe hinauf, Lie zu der Wohnung ſeines Freundes führte. Ob er ihn zu Hauſe fand, war ſchr fraglich, in der Regel ſaß Auerbach um dieſe Stunde im Wirthshauſe hinter der Flaſche. Die Thür war nicht geſchloſſen, Willy öffncte ſie und trat in ein ziemlich geräumiges aber ſehr nicdriges Zimmer. Eine hrennende Talgkerze, der eine Flaſche als Leuchter diente, ſtand auf dem Tiſche, hinter dem letzteren auf einem Sopha, deſſen zerriſſener Ueberzug jeder Beſchreibung ſpottete, lag Ro⸗ bert Auerbach, mit der langen Pfeife im Munde, umhüllt von einem dichten Tabaksqualm. Unordnung und Unſauberkeit herrſchten in dieſem Raume welcher weit eher die Wohnung eines Vagabunden, als das Ate⸗, lier eines Malers genannt zu werden verdiente, trotz der Stafle⸗ lei, die in einer Ecke ſtand und wohl ſeit undenklicher Zeit nicht benutzt worden war und trotz der zahlloſen Kohlenzeichnungen, mit denen alle Wände des Zimmers geſchmückt waren. Auerbach hatte ſichtbar erſtaunt ſich halb erhoben, ſragend und voll Erwartung blickte er den Eintretenden an, deſſen Auf⸗ regung er trotz des unſicheren Lichtes ſofort bemerken mußte. „Was führt Dich denn in ſo ſpäter Stunde hieher?“ ſagte er, während er mit der Pfeifenſpitze auf einen Stuhl zeigte. „Nimm Platz. Du kommſt mir ganz gelegen, ausgehen kann ich heute Abend nicht, der Schuſter hat ſoeben mein einziges Paar Stiefel geholt.“ Willy legte ſeinen Hut auf den Tiſch und preßte die Hand auf die Stirne. „Sie werden bereits errathen haben, daß nur eine beſondere Veranlaſſung mich zu Ihnen geführt haben kann,“ erwiderte er mit dumpfer Stimme.„Sehen Sie mich an, Auerbach, bemerken Sie nichts!“ — Das verkommene Genie ſchüttelte die graue Mähne. „Nichts,“ entgegnete er. „Kein Zeichen auf meiner linken Wange?“ „Der Teufel auch, mein Junge, was ſoll das heißen?“ rief Autrbach überraſcht.„Ich hoffe, Du wirſt Dir keinen ſchlechten Scherz mit mir erlauben.“ „Sehen Sie den rothen Streifen nicht?“ fragte Willy mit ſcharfer Betonung.„Ich fühle ihn, er brennt wie Feuer, die Reitpeitſche eines Buben hat ihn hinterlaſſen, würden Sie ſolche Schmach ſich gefallen laſſen?“ Der alte Mann war von ſeinem Lager aufgeſprungen, er legte ſeine Hand auf die Schulter des Malers und drückte ihn mit ſanfter Gewalt auf den Stuhl nieder. „Was iſt das?“ ſagte er. Du mußt mir das deutlich mit klaren Worten erzählen! Hat man Dich wirklich geſchlagen? „Wer? Und weshalb?“ „Daß man's gethan hat, beweiſt Ihnen dieſes Zeichen,“ er⸗ widerte Willy.„Wer? Der Varon von Oſthofen? Und wes⸗ halb? Weil ich Arabella in Schutz nahm, die er beſchimpfte.“ Auerbach blickte den Redenden ſtarr an. „Der Baron von Oſthofen?“ ſagte er.„Giebt's denn keinen ſtrafenden Gott über uns? Wer war's? Der alte oder der junge Baron?“ „Der junge! Er war freilich betrunken, aber das entſchuldigt ihn nicht. Kommt er als Betrunkener in den Concertſaal, dann iſt er auch verantwortlich für Alles, was er thut. Er beſchimpfte Arobella, er ziſchte, während das ganze verſammelte Publikum Beifall ſpendete,„er ſprach Worte, die ein Gaſſenbube ſich an dieſem Orte nicht herausgenommen haben würde.“ Der alte Mann nickte, ein ſpöttiſcher Zug umzuckte ſeine Lippen. „Das war ſeine Rache dafür, daß ſeine faden Schmeicheleien kein Gehör bei ihr fanden,“ ſagte er,„eine niedrige Rache, aber ſolche Herren ſind nicht wähleriſch in ihren Mitteln, wenn es gilt, einen beſtimmten Zweck zu erreichen. War denn kein An⸗ derer da, der ihn hinauswerfen konnte?“ „Mit Höflichkeit richtet man bei ſolchen Menſchen nichts aus, erwiderte Willy, finſter vor ſich hinblickend.„Ihm war genug⸗ Siii4S2 red ſteh nich Jun wür der Kint — wall ver ſf er ihn mit en et⸗ nen der digt ann pfte ikum an ſeine eien ber es An⸗ 125 ſam bedeutet worden, daß ſein Benehmen unpaſſend ſei und er ſich entfernen möge, aber er wollte darauf nicht hören, er machte nur um ſo mehr Lärm—“ „Und da mußteſt Du Dich in den Streit hineinmengen?“ ſagte Auerbach kopfſchüttelnd.„Du hätteſt klüger ſein ſollen.“ „Ich war zu tief empört, ich mußte ihm ſagen, daß er be⸗ trunken ſei.“ „Na, ja, damit wurde dem Faß der Boden ausgeſtoßen. Er ließ ſich das natürlich nicht gefallen!“ „Er nannte mich Baſtard und ſchlug mit der Reitpeitſche nach mir.“ Der alte Monn wanderte mit großen Schritten auf und ab, er war jetzt auch erregt, und er gab ſich keine Mühe, dieſe Er⸗ regung zu verbergen. „Und was geſchah darauf?“ fragte er nach einer Weile. „Daß weiß ich ſelbſt nicht, ich erinnere mich nur dunkcl, daß er hinausgedrängt wurde, und daß der Lieutenant von Falkenberg mich zu beruhigen und ſcinen Freund zu entſchuldigen verſuchte. Was er mir Alles geſagt hat, weiß ich nicht mehr, ich hab's ver⸗ geſſen, aber Eins weiß ich, daß ich dieſe Schmach tilgen muß.“ Auerbach war ſtehen geblieben, er ſtrich das graue Haar von der Stirne zurück, und ein tiefer, ſchwerer Athemzug entrang ſich ſeiner gepreßten Bruſt. „Das iſt das Verhängniß,“ ſagte er leiſe, wie mit ſich ſelbſt redend,„das iſt der Fluch der böſen That, daß fie fortzeugend Böſes muß gebären! Was wird nun noch weiter daraus ent⸗ ſtehen? Der Himmel weiß es, und wir Menſchen werden es nicht ändern können. Denk' an mein vergangenes Leben, mein Junge! Wären meine Eltern rechtſchaffene Leute geweſen, dann würde ich auch glücklich und nicht der Vagabund geworden ſein, der ich jetzt bin. Die Sünden der Eitern rächen ſich an den Kindern. „Und damit ſoll ich mich beruhigen?“ fragte Willy auf⸗ wallend. „Ich weiß nicht, was Du thun ſollſt! Du kannſt den Baron verklagen, er wird vielleicht wegen Mißhandlung in's Gefängniß geſieckt, vielleicht auch kommt er mit einer Geldſtrafe danon.“ — 126— „Und wird dadurch in den Augen der Menſchen die Schmach den F von mir genommen?“ fordert „Du haſt dann die Genugthuung erhalten, die das Geſetz geleten Dir zugeſteht.“ ſis i Ein bittetes Lachen war die Antwort Willy's. nich in „Das Geſetz!“ wiederholte er.„In unſeren Kreiſen ver⸗ zuloſſer langt man eine andere Genugthuung, und Denjenigen, der nach neine ſolcher Beleidigung ſich hinter das Geſetz verkriecht, nennt man 5 eine Memme.“ 3* große „Ich weiß, worauf Du hindeuteſt,“ ſagte der alte Mann ſlbe ernſt.„Will ich Dir auch ſo ganz Unrecht nicht geben, ſo möchte dieſe ich Dich doch an Deine Mutter erinnern. Verzichteſt Du auf dieſe Genugthuung, ſo thuſt Du es ihr zu Liebe, und Niemand ſi kann Dich deshalb tadeln.“ te Jeder wird ſortan ſich iert halten, mir den Va⸗ Wei ſtard in's Geſicht zu werfen!“ „Glaubſt Du, das würde unter anderen Verhältniſſen nicht geſchehen?“ 6eh Wenn ich gezeigt habe, daß ich für meine Ehre mein Loben Fit ein ſet dann wird man ſich hüten, ſie zu beleidigen.“. „Und wenn Du in dieſem Kampf bleibſt?“ „Dann hat die Qual ein Ende!“ „Die Qual? Liegt denn das Leben nicht noch immer ver⸗* lockend vor Dir?“ „Es zeigt mir in der Ferne Ziele, dir ich nie erreichen kann.“ „Wenn man das voraus weiß, dann ſtrebt man nach ſolchen Zielen nicht,“ ſagte Auerbach in verweiſendem Tone.„Und tuldet's Dich hier nicht mehr, was hindert Dich, in eine andere Stadt zu gehen, wo Niemand Dich kennt?“ „Der Fluch würde mir auch dahin folgen.“ „Es kommt ja nur auf Dich en! Erfährt Niemand Deine —— Herkunft, wer will ſie Dir dann zum Vorwurf machen? Und bringſt Du damit ein Opfer, daß Du Dich hier von Allem los⸗ reißen mußt, dann denke, Du brächteſt es Deiner Mutter, dieſes Willy ſchüttelte das Haupt, eine unerſchütterliche Entſchloſſen⸗ ( heit lag in ſeinen Zügen. „Der Schande kann man nicht entfliehen,“ ſag Bewußtſein wird Dir das Opfer erleichtern.“ te er, ſie ſont ver⸗ nach man Mann nöchte lauf ienand n Ba⸗ nicht Ohon Lben t ver⸗ kann.“ ſolchen „Und dere — 127— dem Flüchtigen bis an's Ende der Welt. und dieſe Schmach fordert Genugthuung, ich muß ſie haben. Ih würde Hellmuth gebeten haben, die Vermittelung zu übernehmen, aber er war ſtets ein prinzipieller Gegner des Duells, und ich habe keine Luſt, mich in eine Controverſe über dieſe Prinzipienfrage mit ihm ein— zulaſſen. Ueberdies hegte ich auch keinen Zweifel, daß Sie gerne meine Bitte erfüllen würden.“ „Der Kuckuck auch!“ unterbrach Auerbach ihn,„das deißt ein großes Wort gelaſſen ausgeſprochen. Der Kartellträger hat die⸗ ſelbe Straſe zu erwarten, wie der Duellant, und daß ich mit dieſem Duell einverſtanden ſei, behaupte ich noch lange nicht““ „Alſo darf ich auf Sie nicht rechnen?“ fragte Willy, haſtig ſich erhebend. „Bleib' nur ſitzen, mein Junge, man bricht das nicht ſo ohne Weiteres über's Knie. Wenn man etwas unternimmt, ſoll man zuvor das Ende bedenken, und abgeſehen von anderen Umſtänden kann dieſes Ende für Dich nur unglücklich ſein. Entweder Dein Gegner tödtct oder verwundet Dich, oder du wirſt zur Flucht gezwungen, in allen Fällen iſt es für Tich eine unangenehme Geſchichte.“ „Mag ſie enden, wie ſie will, ich bin's meiner Ehre ſchuldig—“ Was? Dich todtſchießen zu laſſen und Deine Mutter un⸗ glücklich zu machen? Sci vernünftig, Willy, es kommt wahr⸗ haftig nichts dabei heraus. War der Baron betrunken, ſo liegt darin ſchon eine genügende Genugthuung für Dich, die Jeder als ſolche anerkennen wird, der dieſer Szene beiwohnte. Der An⸗ greifer verdient dann nur Verachtung und vielleicht bietet ſich uns eine Gelegenheit, ihm außerdem etwas anzuhangen, was ihn der allgemeinen Verachtung preisgiebt.“ „Das ſind Wege, die ein Ehrenmann nicht betreten kann,“ erwiderte Willy achſelzuckend,„und wenn Sie keinen beſſeren Rath wiſſen, dann werde ich mich wohl an einen Anderen wen⸗ den müſſen.“ „Er wollte auf die Thür zuſchreiten, der alte Mann vertrat ihm den Weg. „Das iſt auch wieder nichts geſogt,“ entgegnete er,„und wenn's Dein feſter, unabänderliche Wille iſt, Dir auf dieſem, Wege Senugthuung zu verſchaffen, dann bin ich wohl der Einzige der die Angelegenheit in Deinem Sinne ordnen kann. ſol geſchehen?“ „Die Antwort auf dieſe Frage iſt ſehr einfach. Sie gehen zum Baron und verabreden mit ihm das Nöthige.“ „Haſt Du dabei beſondere Wünſche?“ „Alſo iſt Dir Alles genehm? Waffe, Zeit, Ort— „Alles einerlei, aber wenn der Baron es ander? be⸗ ſtimmt, ſo ziehe ich Piſtolen den Degen vor, die Sache iſt dann raſcher beendigt.“ „Wenn Du das wünſcheſt— aber beim Zeus, ich habe ja keine Stiefel!“ „Dieſes Hinderniß kann leicht beſeitigt werden,“ erwiderte Willy, indem er ſein Portefe uille öffnete und eine Banknote auf den Tiſch legte,„es Zgiebt Geſchäſte genug, in denen fertige Stiefel gekauft werden können.“ Der alte Mann nickte zuſtimmend. „Ich ſchreibe Alles an, mein Junge,“ ſagte er,„Du ſollſt um keinen Pfennig zu kurz kommen. Und morgen werde ich mich auf den Weg nach Oſthofen machen, es ſoll Alles geſchehen, wie Du es wünſcheſt.“ „Und wann erhalte ich Nachricht?“ komme zu Dir, ſofort, wenn ich von Oſthofen zurück⸗ kehre. Vielleicht wird die Sache doch noch auf gütlichem Wege beigelegt, wenn der Baron die Beleidigung zurücknimmt und ein⸗ geſteht, daß er Su geweſen iſt.—“ „Das genügt mir nicht!“ ſagte Willy haſtig.„Das iſt keine Gerugthuung ſü ſolche Schwach. Ich habe Ihnen in dieſer Stunde meine Ehre Auerbach, ich erwarte, daß Sie mein Vertrauen rechtfertigen werden.“ Damit eilte er von dannen, der alte Mann ſchüttelte mit ernſter, bedenklicher Miene das Haupt und zündete die erloſchene Pfeife wieder an Kapitel. Familiengeſchichten. M Ein Telegramm hatte den Baron Udo von der Ankunſt ſei nes Bruders unterrichtet, der Zug mit welchem der verſchollene Majoratsherr einzutreffen gedachte, war genau angegeben. Schon eine Viertelſtunde vor dem Eintreſfen des Zuges ſtand die Equipage des Barons vor dem Portal des Bahnhofgebäusctz und der bisherige Majoratsherr wanderte auf dem Perron auf und nieder, von Zeit zu Zeit in die Ferne ſpähend, ob der Zug noch nicht ſignaliſirt wurde. Es wäre eine Lüge geweſen, wenn er geſagt hätte, die Rück⸗ kehr des ſo lange verſchollenen Bruders bereite ihm große Freude, denn ſo ehrenhaft er auch in dieſem Punkte dachte, ſchieb er doch nicht gerne aus den bish rigen, glänzenden Verhältniſſen, und die unſichere Zukunft ſeines Sohnes machte ihm auch ſchwere Sorgen. Vruno hatte es abgelehnt, den Vater zu begleiten, er geſtand offen, daß er ſeine Abneigung gegen den Onkel nicht überwinden könne, und unter ſolchen Umſtänden wäre es thöricht und nutz⸗ los geweſen, einen Zwang auf ihn üben zu wollen. Von dem Ereigniß im Concertſaale war der Baron auch ſchon unterrichtet, einer ſeiner Freurde hatte ihm den Vorfall brieflich mitgetheilt und dabei ſeiner Entrüſtung über das Be⸗ nehmen Bruno's unverholeu Ausdruck gegeben. Baron Udo hatte ſeinem Sohne deshalb ernſte Vorwürfe ge⸗ macht, aber damit nichts erreicht, Bruno leugnete nicht, aber er rechtfertigte ſein Benehmen damit, der Maler habe durch Grob⸗ heit ihn gereizt und von einem ſolchen Menſchen laſſe er ſich nichts gefallen. Auch ſei es richtig, daß er vocher Champagner getrunken habe, er ſei eben durch Zufall in einen Kreis ſröhlicher Freunde gekommen, da habe er mittrinken müſſen, und kein Spießbürger ſei berechtigt ihm darans einen Vorwurf zu machen. Der Baſtard. 9 — 130— Der alte Herr hatte darauf geſchwiegen, er wollte zuvor die genaue Wahrheit erforſchen und dann erſt ein Urtheil fällen, vielleicht erinnerte er ſich der eigenen Jugend, die von ſolchen Extravaganzen auch nicht ganz frei geweſen wor. Das Signal wurde jetzt gegeben, der Portier öffnete die Warteſäle und bald füllte der Perron ſich mit Reiſenden, Beam⸗ ten und Gepäckſtücken. Ein ſchriller, langgezogener Pfiff ertönte, langſam fuhr der Zug in die Halle ein. Aus einem Coupee erſter Klaſſe ſtieg der Verwalter Friedrich Wortmann, ihm folgte ein hagerer, pockennarbiger Herr. Bnron Udo war im erſten Augenblick betroffen, er hatte ſich den Bruder ganz anders vorgeſtellt, aber raſch geſaßt trat er auf ihn zu, und in der nächſten Minute hielten die Arme des Heimkehrenden ihn feſt umſchloſſen. „Na, da bin ich wleder,“ ſagte Baron Edmund ſo gelaſſen, als ob er erſt vor einigen Wochen Abſchied genommen habe, „und will's Gott, ſo bleibe ich nun den ganzen Reſt meines Lebens bei Cuch.“ Baron Udo blickte den Bruder feſt an, aber da konnte ja kein Zweifel obwalten, der Verwalter hatte ja Zeit genug ge⸗ habt, zu prüfen, und wenn er keine Zweifel hegte, ſo lag auch keine Berechtigung dazu vor. „Ich heiße Dich herzlich willkommen in der Heimath,“ erwi⸗ derte er, und der bewegte Ton, den er anſchlug, zeugte von tie⸗ fer Erregung,„Du haſt ihren Segen lange entbehren müſſen. Aber komm', der Wagen wartet ſchon ſeit einer Viertelſtunde. Sie können mit uns fahren, Herr Wortmann.“ Der Majoratsherr folgte ſeinem Bruder und nahm ohne Widerrede den ihm angebotenen Ehrenſitz ein. „Ueber Deine Familte hat Dein Verwalter mich bereits unter⸗ richtet,“ ſagte er, während der Wagen ſich in Bewegung ſetzte, „Du haſt auch Schweres erlebt.“ „Das iſt überſtanden, und ich hab's getragen, ruhig und muthig, wie man Unabänderliches tragen ſoll,“ antwortete Udo, „aber meine Frau kann ſich noch immer nicht hineinfinden, und es wäre mir lieb, wollteſt Du in ihrer Gegenwart jene Wunde — nicht berü ren 35 /0 werde Pie Ab warten i vihrend habe m und we che ich S — / i vol,„„ lichen T fonnte . math k Porten wartet O „ in Hi —* P 3 3 „Ich danke Dir für dieſen Wink, den ich gerne befolgen werde. Und meine Tochter?“ 2„Wie wir Alle, freut auch ſie ſich Deiner Heimkehr.“ „Und die Nochricht meiner Heimtehr, die Ihr keinesfalls er⸗ warten konntet, hat Euch gewiß ſehr überraſcht?“ fragte Edmund, während er jedes Haus, an dem ſie vorbeifuhreu, muſterte.„Ich der habe mir das ſo recht lebhaft vorgeſtellt, als ich den Vrief ſchrieb, und wenn ich's Dir chrlich ſagen ſoll, ſo ſchwankte ich lange, brich ehe ich den Brief abſchickte. Für Euch war ich ſeid Jahren todt—“ „So darfſt Du nicht reden,“ unterbrach Udo lhn vorwurfs⸗ ſih voll,„Du konnteſt doch nicht zweifeln, daß Du hier einen herz⸗ bt er lichen Empfang findeu würdeſt“ des „Das Heimweh flel endlich entſcheideud in die Wagſchale, ich konnte es nicht mehr bezwingen. Und jeßt eikenne ich dieſe Hei⸗ ſen, math kaum wieder.“ abe, Baron Udo fühlte ſich unangenehmt berührt, er fand in den nes Worten des Heimkehrenden nicht die brüderliche Liebe, die er er⸗ wartet und erwarteu zu dürfen geglaubt hatte. jn„Ja, es hat ſich hier Manches geändert,“ erwiderte er. Auch ge⸗ in Oſthofen ſelbſt.“ uch„Ich bin darauf bereits vorbereitet.“ „Aber die alte heimathliche Scholle iſt es noch, und ich hoffe, wi⸗ Du wirſt Dich auſ ihr wohlfühlen,“ ſagte Udo mit herzlicher ie⸗ Wärme. ſen.„Wenn's nicht gar zu langweilig dort iſt!“ ſcherzte Edmund. de.„Drüben wird man an ein aufrezendes Leben gewöhnt—“ „Und ich meine, da müſſe Dir die Ruhe doppelt willkommen hne ſein!“ „Ich will's verſuchen. Wie lange iſt es wohl her, ſeit wir ⸗ uns zuletzt geſchen haben?“ e,„Dreißig Jahre mindeſtens.“ „Es muß noch länger ſein,“ erwiderte Edmund ſinnend,„wir d waren noch Knaben und jetzt ſtehen wir vor dem Greiſenalter.“ „Und weißt Du, wer der alte Mann iſt, der da vor dem Wagen herſchleicht?“ fragte Udo, auf eine kleine, gebeugte ſchäbig gekleidete Geſtalt zeigend. „Ich erinnere mich wirllich nicht—“ „Unſer friherer Hofmeiſter!“ Edmnund zuckte gleichgültig die Achſeln. „Der Sann iſt ſehr alt geworden,“ ſagte er gelaſſen, wäh⸗ rend der Wagen an dem Hofmeiſter vorbeirollte. „Und ſehr arm dazu!“ erwiderte Udo. „Und er hat Nicmanden, der für ihn ſorgt?“ „Nein. Wahrſcheinlich wird er nun Dich um Unterlötzuns anſprechen.“ „Dann wäre es nir lieber, daß er meine Heimkehr nicht er⸗ führe,“ ſagte Edmund, die Stirne runzelnd.„Und mit welchem Rechte will er eine Unterſtützung von mir fordern? Er ſoll ſich erinnern, daß wir Beide durch ſeine Intriguen einander ent⸗ fremdet wurden, wir ſchulden ihm wahrlich keinen Dank.“ „Alſo biſt Du auch zu dieſer Einſicht gekommen?“ fragte Baron Udo mit einem ſorſchenden Blick auf den Bruder. Ja, er hat Vieles auf dem Gewiſſen, aber er ſelbſt wird das nicht zugeben. Die Abneigung, die ich ihm ſchon in meiner früheſten Kindheit zeigte, hat ihn mir auch ſpäter fern gehalten, er machte nie den Verſuch, ſich mir zu nähern, er mußle ja wiſſen, daß dieſe Abneigung zu tief in mir wurzelte.“ So hoffe ich, daß er auch jetzt unſerem Schloſſe ſern bleiben wird,“ antwortete Edmund, gedankenvoll in die Ferne ſchauen?, „ich möchte nicht gerne von dieſem Manne an die Vergangenheit erinnert werden. Das alſo hier iſt die Vorſtadt? In der That. recht hübſch angelegt, hier wohnen wohl nur wohlhabende Leute?“ „Rentner und penſionirte Oſſiziere,“ nickte Udo.„Der Wohl⸗ ſtand der Stadt hot ſich überhaupt ſeit Deiner Abweſenheit Ichr gehoben.“ „Und ſpricht man nicht mehr von jenem Duell, welches nich zur Flucht nöthigte?“ fragte Edmund mit gedämpfter Stimme. „Nein, die Sache iſt verjährt.“ „Du glaudſt alſo nicht, daß ich deshalb mit der Vehörde in unliebſame Berührung kommen werder“ „Keineswegs! Die Vehörde kann Dir wegen jenes Vorfalls jetzt nichts mehr anhaben, da wäre es Thorhe,t, eine nachträg liche Unterſuchung anzuordnen und die Zeit unnütz zu vergeuden. Ich habe darüber mit unſerem Gerichtsdirsltor vor Kurzem noch Rücſprache genommen, alſo darfſt Du beruhigt ſein. Ueberdies Du w Lar 9 „Un zwiſc hoben — ulhen ſol ſch er ent⸗ fragte v, n us nich rühoß uheſen machte ſen, baß hleiben hauen, ſgenheit r That. WVohl hit ſhe es nich limne. d orfalls achträg rgeuden. em noch berbies war 6 Sache nicht ſo ſchlimm, wie Du glaubteſt, Du hätteſt ruhig hier blerben ſollen. Dein Gegner hatte Dich in roher 1 Weiſe gereizt und zu dem Duell gezwungen, mit einigen Monaten Feſtungshaft wäre die Schuld geſühnt geweſen.“ „Du magſt Recht haben,“ erwiderte Edmund,„aber es war der unglückliche Ausgang des Duels, als das Drückende er damaligen Verhältniſſe, was mich aus der Heimath forttrieb, Du weißt das ja auch. Der Bruch mit dem Vater war unheil⸗ var geworden—“ „Das kann ich nicht zugeben,“ fiel Udo ihm in die Rede. „Unſer ſeliger Vater hat ſpäer oſt geäußert, die Beziehungen zwiſchen Euch würden ſich im Laufe der Zeit beſſer geſtaltet haben, und hätteſt Du nur einmal von drüben geſchrieben, ſo wäre Dir volle Verzeihung geworden.“ „Verzeihung?“ wiederholte Eemund in bitterem Tone.„Wer rug denn die Hauptſchuld an dieſem unſeligen Zerwürfniß? Ich 2 zu, daß unſer Vater nicht ganz mit meiner früheren Lebens⸗ weiſe einverſtanden ſein konnte, aber er hätte auch bedenken müſſen, Haß der Intrignant, den er mir zum Hofmeiſter beſtimmt hatte, mich auf dieſe Bahn führte. Und was berechtigte ihn, mir ſeine Einwilligung in den Bund, den ich mit meiner ſpäteren Gattin geſchloſſen hatte, zu verweigern? Du biſt vielleicht nicht ſo genau über das, was zwiſchen mir und dem Vater vorgeſallen iſt, unter⸗ richtct, was Du davon weißt, haſt Du durch ihn allein erfahren, und daß er alle Schuld auf mich warf, iſt leicht zu begreifen. Baron Udo ſchwieg; es mochte ſein, daß der Bruder Recht hatte, aber ihm gefiel der Ton nicht, in welchem Edmund über den heimgegangenen Vater ſprach, es lag noch immer eine faſt gehäſſige Feinſeligkeit in ihm. „Und der Vorwunf, daß ich von drüben nicht geſchrieben habe, kann mich auch nicht treffen,“ nahm Edmund wieder das Wort. „Um Almoſen mochte ich nicht betteln, und es wäre eine Lüge geweſen, wenn ich geſchrieben hätte, ich habe drüben das Glück gefunden. Es war ein bewegtes Leben voll Gefahren und Stra⸗ pazen, auch an Entbehrungen und Kämpfen mit Widerwärtigkeiten, da konnte ich keine Luſt haben, ſentimentale Vriefe in die Heimath zu ſchicken. Und dann, wie ich Dir auch vorhin ſagte, wollte ich für Euch Alle todt ſein, nachdem ich die Nachricht erhalten hatte, — 134— daß meine geliebte Frau heimgegangen war. Aber liegt drüben nicht ſchon Oſthofen?“ „Kennſt Du das heimathliche Dach noch?“ fragte Udo in ſcherzendem Tone.„Die majeſtätiſchen Wipfel der alten Buchen—“ „Ich ſche ſie,“ unterbrach Cdmund ihn lebhaft, ihrer habe ich in der Fremde oſt gedacht.“ Die Unterhaltung ſtockte, der Kutſcher trieb die Pferde an, der Wagen rollte raſcher ſeinem Ziele zu. Kurz vor demſelben überholte er den Maler Auerbach, der den Inſaſſen desſelben nur einen flüchtigen Blick ſchenken konnte. Vor dem Portale hielt der Wagen, ein Diener eilte herbei und öffnete den Schlag, aber von der Familie Udo's war Nie⸗ mand anweſend, den Heimkehrenden zu empfangen. Es were die Pflicht Bruno's geweſen, auf der Schwelle des Hauſes den nunmehrigen Majoratsherrn willkommen zu heißen, und Baron Udo hatte auch erwartet, daß ſein Sohn dieſe Pflicht erfüllen würde, aber Bruno befand ſich im Salon bei den Damen, und als der Heimkehrende von ſeinem Buder begleitet, jetzt ein⸗ trat und der junge Mann in das pockennarbige Geſicht mit den olitzenden Augen und den ſcharfmarkirten Zügen blickte, verſchwand das ſpöttiſche Lächeln von ſeinen Lippen, es ward ihm ſofort klar, daß er mit dieſem energiſchen Manne einen harten Kampf haben würde. Baroneſſe Adelaide ging ihm entgegen und hieß ihn mit eini— gen herzlichen Worten willkommen, wobei ihre zitternde Stimme die innere Erregung erkennen ließ, eine Erregung, die man be⸗ greiflich finden mußte. Klara warf ſich an die Bruſt des Vaters, und Baron Ed⸗ mund ſchloß mit ſichtbarer Bewunderung das ſchöne Mädchen in ſeine Arme. „Das getreue Ebenbild ihrer Mutter,“ ſagte er leiſe, nach⸗ dem er ſie geküßt hatte, und ſeine Stimme klang bewegt.„Hätte ich nur eine Ahnung davon gehabt, daß ich einen ſolchen Schatz beſaß, ſo würde ich längſt heimgekehrt ſein.“ „Und das wäre beſſer für uns Alle geweſen,“ erwiderte Bruno, der nur zögernd ſeine Hand in die des Onkels legte. „Wenn Sie uns ein Lebenszeichen gegeben hätten, ſo würden Sie von dieſem Schatze Kenntniß erhalten hoben.“ ihen, licht men, eiſ⸗ den dand fort mf eini⸗ mme be⸗ Ed⸗ nin ertle gte. — 135 Baron Udo warf ſeinem Sohne einen zürnenden Blick zu, der Majoratsherr mußte ja die ſchneidende Ironie herzusfühlen, die in dieſen Worten lag— dieſer Empfang hieß den Kampf herausſordern! „Du wirſt ermüdet ſein,“ wandte er ſich zu dem Bruder, „wenn Du mich begleiten willſt, ſo zeige ich Dir Dein Zimmer—“ „Es wird mir angenehm ſein,“ ſagte Edmund raſch, der bei den Worten Bruno's die Brauen zuſarimengezogen hatte, und die beiden Herren wandten ſich der Thür zu. In demſelben Augenblick wurde die letztere geöffnet, und ein Diener meldete dem Baron Bruno, der Maler Auerbach laſſe um eine Unterredung bitten. Die Brüder achteten nicht darauf, ſie ſchritten durch den Kor⸗ ridor und traten nach kurzer Wanderung in ein ſehr elegant ein⸗ gerichtetes Zimmer, deſſen Fenſter eine prächtige Ausſicht auf den Park und die hinter demſelben liegende Gebirgskette boten. „Für die erſten Tage bitte ich Dich, mit dieſem Quartier vorlieb zu nehmen,“ fagte Baron Udo,„ich habe drei Gemächer für Dich eingerichtet, und ich hoffe, Du wirſt in ihnen nichts entbehren, was zu Deiner Bequemlichkeit dienen könnte. Deine Koffer wirſt Du nebenan im Schlafzimmer finden, wenigſtens habe ich Auftrag gegeben, ſie dorthin zu bringen—“ „Laß gut ſein,“ erwiderte Edund, als ſein Bruder nach⸗ ſchen wollte, ob ſein Auftrag vollzogen worden war,„augen⸗ blicklich bedarf ich nichts weiter, als etwas Waſchwaſſer, einen Kamm und eine Bürſle, und das Alles finde ich ja nebenan Du haſt eine ſehr liebensmürdige Gattin, Udo, ſie ſprach zwar nur wenige Worte zu mir, aber dieſe Worte, das hörte man ihnen an, kamen aus dem Herzen.“ „An der Aufrichtigkeit ihrer Geſinnungen darfſt Du nicht weifeln,“ nickte Udo, während er ſich neben dem Bruder auf dem Divan niederließ,„und wenn Bruno Dir nicht ſo herzlich entgegenkam, wie er es hätte thun müſſen, ſo glaube ich, läßt ſich das einigerma,en entſchuldigen. Bruno hat ſich ſtets als den zukünftigen Mojoratsherrn betrachtet,“ fuhr er fort,„nimm er mir nicht übel, daß ich ganz offen mit Dir rede,—“ „Nein, nein, durchaus nicht, es iſt mir ſogar ſehr lieb, wenn ——— Du mich auf Alles aufmerkſam machſt, was einer möglichen Ver⸗ ſtimmung in unſerem Familienkreiſe vorbeugen kann.“ „Ich hätte vielleicht früher ſchon ihn auf die Möglichkeit Deiner Heinkehr aufmerkſam machen ſollen, aber ich konnte mich nicht dazu entſchließen, Bruno iſt mein einziges Kind, und ich wollte ihm die Heiterkeit des Gemüths nicht rauben. Ich dachte 7 mir, dieſe Mittheilung komme immer noch früh genug, wenn ein Lebenszeichen von Dir eintraſ. Du mußt ihm nun Zeit gönnrn, ſich in die Verhältniſſe hineinzufinden, der geſunde Menſchenver⸗ ſtand wird ihm ſchon ſagen, daß es Thorheit wäre—“ „Ich gebe Dir vollkommen Recht,“ fiel Edmund ihm in's Wort,„und ich hoffe, mir in Deinem Sohne einen auſrichligen Freund zu erwerben. Man findet das ja häufig, auf den Ein⸗ druck, den die erſte Vegegnung hinterläßt, ſoll man nie einen entſcheidenden Werth legen. Ich leugne nicht, daß die Worte Bruno's mich frappirten, aber jetzt erſcheinen ſie mir ſchon in anderem Lichte, es iſt ja natürlich, daß meine unerwartete Heim⸗ ehr dein jungen Herrn nicht angenehm ſein kann. Im Uebrigen aber wird Bruno auch wiſſen, daß nach meinem Jode das Ma⸗ jorat ihm zufallen muß.“ „Das liegt noch in weitem Felde, Edmund! Du biſt ſo alt noch nicht und noch immer ein rüſtiger Mann, die Verſuchung, einen eigenen Hausſtand zu gründen, wird oft genug an Dich herantreten—“ „Udo, glaubſt Du denn wirklich, daß ich die Thorheit be⸗ gehen könne, wieder zu heirathen?“ rief der Majoratsherr lachend.„Ich denke nicht daran—“ „Hm, ſo hat Mancher geſprochen, den man nahher an dieſe Worte nicht erinnern durfte,— aber Scherz bei Seite, Du wirſt mir Recht geben, daß Bruno auf dieſe Hoffnung ſeine Zukunſt nicht mehr aufbauen darf.“ „Darin bin ich allerdings mit Dir einverſtnuden, vorausge⸗ ſetzt, daß die Verhältniſſe ſo bleiben, wie ſie augenblicklich ſind.“ „Du biſt von Rechtswegen Majoratsherr von Oſthofen.“ „Ich wollte, daß ich es nicht wäre!“ „Scherz, Edmund—“ „Wahrlich nicht! Ich wäre jedenfalls Euch Allen willkommener geweſen, und ein Aſyl hätte ich ja ohne Vweiſel bei Dir gefun⸗ rend Brud die 1 § 2) — — —— keit ieſe irſt nſt e⸗ er ——— den. Was bedarf ich als einzelner Mann 1 dann mehr als ein Obdoch und einen Platz an Deiner Tafel? Ich habe drüben ge⸗ lernt, genügſam zu ſein und meine Vedürfniſſe einzuſchränken. Und offen geſtanden, von der Landwirthſchaſt verſtehe ich gar nichts—“ „Dieſe Geſchäfte beſorgt der Verwalter!“ „Aber man muß doch auch ſetbſt nachſehen, und entdeckt ein Verwalter erſt, daß der Herr nichts verſteht, dann hat er freies Spiel. „Wortmann wird Deine Unkenntniß nicht mißbrauchen,“ ſagte Udo, in deſſen Innern dennoch die Beſorgniß erwachte, daß auf dem ſchönen Gute nun Manches den Krebsgang gehen könne. „Er mag bisher ein chrlicher Mann geweſen ſein—“ „Das war er!“ „Aber Gelegenheit macht Diebe. Ich weiß noch nicht, was ich thun werde,“ fuhr der Majoratsherr gedankenvoll fort, wäh⸗ end ſein forſchender Blick verſtohlen das ſorgenvolle Antlitz des ſtreifte, ſich eine geſetzgültige Form finden ließe, die mir geſtattete, Dir das Majorat zu übertragen, ſo wäre mir das vielleicht das Liebſte.“ Baron Udo blickte überraſcht auf. „Dazu wäreſt Du wirklich geneigt?“ fragte er tebhaft „Weshalb nicht? Wir würden den Werth des Gutes tariren laſſen und uns ohne Schwierigkeit über die Höhe der Abfin⸗ dungsſumme einigen.“ Baron Udo ſchüttelte mit enttäuſchter Miene das Haupt. „Und woher ſollte ich dieſe Summe nehmen?“ fragte er. „Eine Antwort auf dieſe Frage zu finden, wäre natärlich Deine Sache,“ entgegnete Edmund achſelzuckend.„Vielleicht könnte das durch Aufnahme einer Hypothek geordnet werden.“ „Dadurch würde das Gut zu ſehr überlaſtet.“ „Du mußt das natürlich beſſer wiſſen, wie ich. Wenn wir dieſes Abkommen treffen, werde ich nicht lange mehr hier bleiben, mich treibt's ohnedies hinaus, ich muß wandern, je bewegter mein Leben iſt, deſio beſſer gefällt es mir.“ „Nun ich hoffe, es wird Dir bei uns auch gefallen,“ ſagte Udo, mit der Hand über die Stirne ſtreichend, wir werden gewiß Alles aufbieten, Dir das Leben angenehm zu machen. Ich — 138— ſage das natürlich in der Vorausſetzung, daß Du mir und meiner Familie einige Zimmer im Schloſſe einräumen willſt—“ „Wie kannſt Du nur daran zweifeln?“ rief Edmund in vor⸗ wurfsvollem Tone.„Bin ich auch geſetzlich der Majoratsherr, ſo bleibſt Du doch hier der Gebieter. Alſo es wird durchaus nichts geändert, Deine Familie hat ſich nur um eine Perſon vermehrt.“ Udo reichte ſichtbar erfreut dem Bruder die Hand. „Daſür danke ich Dir,“ ſagte er,„Du nimmſt mir und uns Allen eine ſchwere Laſt vom Herzen. Ich habe noch ein anderes Projekt, wir werden ſpäter darüber reden, jetzt ruhe Dich einen Augenblick aus, in einer halben Stunde wird der Diener Dich zum Diner rufen.“ Der Major itsherr erhob ſich haſtig, ſobald jein Bruder ſich entfernt hatte. Er durchwanderte die ihm zur Verfügung geſtellten Räume, die elegante Einrichtung mit prüfendem Blick muſternd, dann trat er an ein Fenſter, und ſah lange ſinnend in die herrliche Landſchaft hinaus. So mochte eine Viertelſtunde vergangen ſein, als der Baron raſche Schritte auf dem Corridor vernahm. Er öffnete die Thür und ſah ſich dem Maler Auerbach gegenüber, der beim Anblick des ihm fremden Herrn zögernd ſtehen blieb. „Wenn ich nicht irre, ſind Sie ein alter Bekannter,“ ſagte der Baron mit einem prüfenden Blick auf das finſtere Geſicht des Malers.„Vor zwanzig Jahren ſchon habe ich Sie gekannt.“ „Mit wem habe ich die Ehre?“ fragte Auerbach befremdet. „Baron Edmund von Oſthoſen!“ „Unmöglich!“ rief der alte Mann überraſcht. „Weshalb unmöglich?“ erwiderte der Majoratsherr lächelnd. „Ich bin ſoeben heimgekehrt, und daß während meiner Abweſen⸗ heit mein Gedächtniß mir treu geblieben iſt, werden Sie daraus erkenneu, daß ich mich ſofort Ihrer erinnere. Sie ſind Herr Auerbach, und damals waren Sie ein berühmter Mann. Bitte, wollen Sie nicht einen Augenblick eintreten?“ Robert Auerbach leiſtete der Einladung mechaniſch Folge, man ſah ihm an, daß dieſe unerwartete Begegnung ihn verwirrte. „Ich hoffe, Sie befinden ſich wohl,“ ſagte Baron Edmund ————————— — nihden och in Ler und wi ſih üb „ wortet Die ſ nicht, dadi vern Luuf löße Müh hine de ih ih nan und — 139— nachdem er dem Maler einen Stuhl angeboten hatte.„Sind Sie noch immer als Jünger der Kunſt thätig?“ Der alte Mann ſtrich mit der Hand durch die grauen Haare und wiegte gedankenvoll das Haupt, indeß ein wehmüthiger Zug ſich über ſein Antlitz breitete. „Mein körperliches Befinden läßt nichts zu wünſchen“, ant⸗ wortete er,„aber mit dem Schaffen hat's ein Ende genommen. Die finſteren Mächte des Schickſals gönnten mir meine Lorbeeren nicht, im Kampfe mit ihnen bin ich erlahmt.“ „Das bedauere ich aufrichtig.“ „Bah, in die Lücke ſind Andere eingetreten, die Kunſt hat dadurch nichts verloren.“ „Ich glaube, Sie unterſchätzen Ihr Talent, dus iſt ebenſo verwerflich und gefährlich, wie Ueberſchätung. Ich werde Sie im Laufe der nächſten Tage in Ihrem Atelier ausſuchen.“ „Sie würden dort nichts finden, was Ihnen Intereſſe ein⸗ flößen könnte,“ ſagte Auerbach raſch,„es wäre wirklich vergebliche Mühe, wollten Sie die Treppen die zu meinem Tusculum führen, hinaufklettern.“ „Und was führt Sie in dieſes Haus?“ fragte der Majorats⸗ herr mit einem lauernden Blicke. „Eine ſehr unangenehme Angelegenheit. Vielleicht hat die Vor⸗ ſehung mir durch dieſe unerwartete Begegnung mit Ihnen einen Wink gegeben. Oſthofen iſt, ſoviel ich weiß, ein Majoretsgut und Sie ſind nun der berechtigte Majoratsherr, als ſolcher ſind Sie auch das Haupt der Familie—“ „Kommen Sie zur Sache, beſter Herr, che ich zum Diner gerufen werde.“ „Ich habe einen jungen Kollegen, der vor einigen Tagen mit dem erſten Preiſe ausgezeichnet worden iſt, und ich bin ſtolz auf ihn, weil ich mich rühmen darf, ihm die erſte Anleitung gegeben, ihm den Weg gebahnt zu haben. Ja, ich kann wohl ſagen, daß ich ihm ein Vater geweſen bin, er hat das Unglück gehabt, ohne Vater auf die Welt zu kommen,— Sie werden mich verſtehen.“ „Ein Kind der Licbe,“ nickte der Baron. „Die Mehrzahl nennt's Baſtard, und Baſtard hat ihn auch Ihr Herr Neffe, der Baron Bruno von Oſthofen genannt. Das iſt an einem öffentlichen Orte, im Konzertſaale geſchehen, und ein — 140— gebli Schlag mit der Reitpeitſche hat dieſes Wort begleitet. Der Herr nie Baron ſoll betrunken geweſen ſein, das mag ihn einigermaßen ent⸗ 6 ſchuldigen, aber was man im Rauſch ſich zu Schulden kommen bring läßt, muß man im nüchternen Zuſtande ſühnen.. „Ihr Kollege verlangt Genugthuung?“ fragte Baron Edmund. „Ja freilich, und ich kann ihm das wahrhaftig nicht verargen, ſco ſo gerne ich auch aus einem gewiſſen Grunde das Duell verhüten möchte. Sie werden dieſen Grund nicht errathen, wenn ich a«n Ihre Verſchwiegenheit vertrauen darf, will ich Ihnen denſelben Bi nennen. Erlauben Sie, in ſolchen Häuſern haben die Wände vi Ohren.“ Er näherte ſich raſch dem Baron und flüſterte ihm einige Worte in's Ohr. Der Majoratsherr ſchien im erſten Augenblicke im höchſten Grade überraſcht zu ſein, aber dieſe Ueberraſchung währte nicht lange, in der nächſten Minute glitt ein triumpfirender, höhniſcher 2 Zug über das pockennarbige Geſicht. 9 „Können Sie das mit voller Sicherheit behaupten?“ fragte er. „Ja, das kann ich,“ nickte der Maler,„es unterliegt gar keinem Zweifel. Aber meinem Freunde Rodenberg darf ich dieſes Geheimniß nicht enthüllen, der junge Mann würde in ſeiner ſurchtbaren Aufregung ſich unglücklich machen.“ „Kennt mein Neffe dieſes Geheimniß?“ „Baron Vruno? Nein.“ „Sie waren ſoeben bei ihm?“ „Im Auftrage meines Freundes. Ich forderte Anfangs nur von ihm, er ſolle das beleidigte Wort zurücknehmen, aber er wollte das nicht, und als ich ihn dann anfforderte, mir ſeinen Setundanten zu bezeichnen, damit ich mit dem die nöthigen Ver⸗ abredungen treffen könne, lachte er mir in's Geſicht. Mit einem Baſtard ſchlage er ſich nicht,“ ſagte er trotzig, er ſei Edelmann und ſeine Ehre erlaube ihm nicht, mit einem Menſchen die Klinge zu kreuzen, der ſchon durch ſeine Geburt keinen Anſpruch auf Ehre machen dürfe.“ Der Baron hatte die Hände auf den Rücken gelegt, er wanderte langſam auf und nieder. „Und was gefchah weiter?“ fragte er. „Was onmie ich weiter thun? Alle meine Worte waren ver⸗ nur er nen rte *. geblich, der Herr Baron zeigte mir die Thür, und weigerte ſich entſchieden, irgend welche Genugthuung zu geben.“ Der Majoraksherr blieb ſtehen, ſein Blick ruhte ſtechend, durch⸗ dringend auf dem Maler. „Und was wird nun geſchehen?“ ſagte er. „Was mein Freund jetzt thun wird, weiß ich nicht. Ich dachte ſchon, ob Sie vielleicht die Vermittelung übernehmen würden.“ „Wie könnte ich das?“ „Wenn Sie Ihren Herrn Neffen jauf das Unpaſſende ſeines Benehmens aufmerkſam machen wollten, ſo würde Baron Bruno vielleicht—“ „Erlauben Sie, ich muß meinem Neffen Recht geben,“ ſchnitt der Baron dem alten Manne das Wort ab,„die Wahrheit darf man Jedem ſagen, an welchem Orte es auch ſein mag, uud da Herr Rodenberg ſelbſt weiß, daß er ein Baſtard iſt, ſo ſollte er im eigenen Intereſſe jede Herausforderung vermeiden. Baron Bruno würde jenes Wort nicht geſprochen haben, wenn er nicht gereizt worden wäre, und wenn Jemand ſo thöricht iſt, ſeine Hand in ein Wespenneſt zu ſtecken, dann darf er ſich auch nicht beſchweren, daß die Wespen ihn ſtechen.“ Auerbach blickte den Majoratsherrn ſtarr an, der Ausdruck ſeines zorngiühenden Geſichts ließ den mühſam verhaltenen Groll erkennen. „So billigen Sie das Benehmen Ihres Neffen?“ fragte er „Billigen? Das gerade nicht; Bruno hätte bedenken müſſen, daß er zu hoch ſteht, als daß—“ „Herr Baron, der Edelmann iſt auch dem bürgerlich Gebo⸗ renen Achtung ſchuldig, und vor allen Dingen verlange ich von ihm, daß er den Anſtand wahrt.“ „Mein lieber Herr Aucrbach, weßhalb erecifern Sie ſich?“ ſagte der Baron ruhig, einen freundlicheren Ton anſchlagend. „Ich bin ja im Prinzip ganz mit ihnen einverſtanden, nur die Berechtigung zu einer Herausforderung kann ich Ihrem Freuude nicht zugeſtehen. Ein Baron von Oſthoſen kann nicht mit einem Manne die Klinge kreuzen der ihm nicht ebenbürtig iſt.“ „Alſo darf der Edelmaun den Bürgerlichen ungeſtraft be⸗ eidigen?“ — 142— „Behaupte ich das?“ „Aus Ihren Worten— „Sie haben dieſe Worte mißverſtanden. Wenn Ihr Freund ſich beleidigt glaubt, ſo ſteht es ihm frei, ſich auf geſetzlichem Wege Genugthuung zu verſchaffen, das Gericht wird ihm dieſelbe nicht verweigern. „Dadurch würde der Baſtard an die große Glocke gehangen.“ „Wenn Herr Rodenberg dieſe Folgen fürchtet, dann muß er auf die Klage verzichten. Ich kann Ihnen nichts Anderes ſagen, und ſelbſt wenn ich eine Vermittelung übernehmen wollte, ſo wußte ich ſchon voraus, daß es vergebliche Mühe ſein würde. zhalb iſt es beſſer, Sie ſuchen Ihren Freund zu bernhigen, um ſo raſcher wird der Vorfall vergeſſen. Ich werde meinem Neffen ernſte Vorſtellungen machen, darauf dürfen Sie ſich ver⸗ laſſen. Es iſt dann rathſam, daß die beiden Herren jede Be⸗ gegnung vermeiden, der Haß könnte den Einen oder den Anderen abermals zu einer Beleidigung hinreißen und wenn man das ver⸗ hüten kann, ſo ſoll man es thun.“ „Und glauben Sie, daß Herr Rodenberg ſich damit beruhigen wird?“ fragte der Maler, in deſſen Adern das Blut kschte.„Der Schlag mit der Reitpeitſche war mehr als eine Beleidigung, er war eine Entehrung—“ „Und kann durch ein Dnell das Geſchehene ungeſchehen gemacht werden? Sie ſagen, Baron Bruno ſei berauſcht geweſen, nun wohl, wer bei jenem Ereigniß zugegen war, der wird kaum eine Blleidigung darin finden, ein Menſch, der berauſcht, alſo augen⸗ blicklich nicht zurechnungsfähig iſt, kann nicht beleidigen. Und nun muß ich Sie bitten, mich zu verlaſſen,“ fügte der Majorats⸗ herr mit einem Blick auf den eintretenden Diener hinzu,„be⸗ ſolgen Sie meinen Rath, Herr Auerbach, Sie werden bei ruhigem Nachdenken einſehen, daß ich einen Rath Ihnen nicht geben konnte.“ „Die Schwefelbande ner dieſelbe!“ murmelte der Maler leiſe, während er zitternd vor Erregung hinaus ſchritt. „Wer dieſen Leuten nicht gleichſteht, der iſt in ihren Augen eine Null.“ Baron Edmund folgte dem Diener in den Speiſeſaal, wo er die Familie ſchon verſammelt fand. 1. ſelbſt 2 winnen ſpöttiſt ſie ſet theilu Anhhei enen Bo von be Frogel guz1 W Inde geind völlig ſpöte vorg — 143— Er nahm der Ehrenſitz an der Tafel ein, und während er wacker zukangte, erzählte er ſeine Erlebniſſe in Auſtralien. Er wußte vortrefflich zu erzählen, es war ein Vergnügen, ihm zuzuhören, und er hatte viel, ſehr viel Intereſſantes erlebt, er ſchilderte dabei Land und Leute ſo lebhaft und farbenfriſch, daß man aus dieſen Schilderungen reiche Velchrung ziehen konnte. Die Damen hörten ihm mit ſichtbarer Spannung zu, und ſelbſt Bruno ſchien allmählich Intereſſe an dem Onkel zu ge⸗ winnen, wenn auch dann und wann ein ung äubiges, ſogar ſpöttiſches Lächeln ſeine Lippen umzuckte. Der Blick Klara's hing unverwandt an den Lippen des Voters ſie ſetzte nicht den leiſeſten Zweifel in die Wahrheit ſciner Mit— theilungen, ſie nahm an ſeinem vergangenen Leben den innigſten Antheil, während Bruno ſeinen Onkel mehr oder einen Abenteurer betrachtete. Baron Udo warf dann und wann einige Fragen ein, aber von beſonderem Intereſſe zeugten ſie nicht, es waren eben nur Fragen, wie die Höflichkeit des Zuhörers ſie gebot, wenn er nicht ganz unaufmerkſam ſcheinen wollte. War ihm auch eine Laſt ven der Seele genommen, als der Bruder ihm erklärte, es ſolle Alles beim Alten bleiben und nichts geändert werden, ſo konnte dieſe Erzählung ihn doch nicht völlig beruhigen, es war ja nur ein proviſoriſcher Zuſtand, der ſpäter erſt definitiv geregelt wurde, und es ließ ſich jetzt noch nicht vorausſehen, ob das Verhältniß zwiſchen den Brüdern ein freund⸗ ſchaftliches bleiben würde. Wenn Baron Udo ſeine aufrichtige Meinung ſogen ſollte, dann mußte er geſtehen, daß trotz aller anſcheinenden Herzlichkeit Manches an ſeinem Bruder ihm nicht gefiel, er hatte nicht nur die äußere Erſcheinung desſelben ſich anders vorgeſtellt, ſondern auch eine natürlichere Herzlichkeit und eine etwas wärmere Theil⸗ nahme für die Familie erwartet. Man mußte es ja als einen Mangel an Theilnahme deuten, daß Cdmund über die Ereigniſſe während ſeiner langen Abweſenheit gar keine Frage weder an ſcinen Bruder, noch an deſſen Angehörige richtete, daß er nur von ſich ollein, von ſeinen eigenen Erlebniſſen ſprach, ſich ſelbſt als die Hauptperſon in dieſem Kreiſe hinſtellte. Sogar ſeiner Tochter ſchenkte er nicht die Beachtung, die ſie weniger als beanſpruchen durſte, er richtete ſe lundigte ſich gar nich heit, nach den Schulen, die lebniſſen, die doch auch ihr wollte er das ſeine Perſon in den Fam Bruder war ja in dieſe ſelbſt ſich heimiſch fühlen mußte, bevor er Anderen in — ſie das Wort, er er, Loben, i rer Kind⸗ tereſſanten Er⸗ lten an t nach ihrem vergangenen ſie beſucht oder den ir Leben ſchon zu verzeichnen hatte. War es wirküich Mangel an Theilnahme und Gefühl, oder Alles auf die nächſten Tage ilienkreis einzuführen? verſchieben um zuerſt das Letztere annehmen zu müſſen, m Kreiſe ein völlig Fremder, der zn das Vertrauen der Baron Udo glaubte ein erſ — ſt * Anſpruch nehmen durſte. der Unterhaltmng allein de, ſchlug Udo ſeinen dem er ihm einen „ So trug Edmund heute die Koſten lich die Tafel aufgehoben wur und als end Spaziergang vor, auf Bruder einen kurzen Theil ves Gutes zeigen wollte. Der Maſoratsherr nahm den Vorſchlag an, er küßte der delaide die Hand, umarmte ſcine Tochter und trat, en den Speiſecſaal verließen und Baron Udo Bruno in eine während die Dam ſich entſernte, um ſeinen Hut zu holen, mit Fenſierniſche. Bruno hatte dem Folge geleiſtet, er that es nur, auf die Spitze zu treiben. „Der Maler Auerbach war vorhin bei mix,“ ſagte der Stimme, ich kannte den Mann ſofort wieder. Er wollte mich errathen haben, Wink des Onkels nur mit Widerſtreben um die Unhöflſchkeit nicht zu ſehr Majoratsherr mit gedämpfter fröher ſchon, und er erkannte mich um meine Verwittelung bitten⸗ Du wirſt bereits in welcher Angelegenheit, ich habe ihm die Vitte abgeſchlagen.“ Den jungen Herrn war das Blut in die Wengen geſtiegen, Blitz zuckte aus ſeinen Augen. „Wenn dieſer Vagabund noch einmal hierherkommt, werde ich ihn hinauswerfen laſſen,“ erwiederte er.„In dieſer Angelegenheit bedarf es keiner Vermittelung, ich habe den arroganten Freund Auerbachs einen Baſtard genannt, er ſoll beweiſen, daß er kein Baſiard iſt, daun bin ich bereit, ihm Rede zu ſtehen und Genug⸗ thuung zu geben.“ „Ich gebe Dir vollkomien Recht,“ ſagte Baron Edmund, „aber es wäre doch beſſer geweſen, wenn Du bedacht hätteſt, an ein flammender — hen Vorwu olchel nann nochel⸗ „U thun ſit d weide gebie 5 wil § er er⸗ ler Fu⸗ ron Udo in fina R eie tzu ſehr agte der n Maun ollte mich en haben, legen.“ geſtiegen, werbe ic clegenheit Freund er kein ütteſt, an dur Orte Du Dich befandeſt. Ich mache Dir durchau Vorwurf, im Gegentheit, ich ſtehe ganz auf Seite, mit ſolchen unverſchämten Menſchen, die möglicherweiſe einen Edel⸗ mann als ihres Gleichen betrachten, muß man kurzen Prozeß machen.“ „Und das habe ich gethan.“ „Ich weiß es, und es iſt lächerlich, daß der Maler Genug⸗ thuung dafür fordert. Aber Du wirſt Doch gut thun, wenigſtens für die nächſte Zeit jede Begegnung mit dem Manne zu ver⸗ meiden, dieſe Leute können ihren niedrigen Leidenſchaften nicht gebieten.“ Bruno nickte zuſtimmend, und der Blick, der jetzt aus ſeinen Augen den Onkel traf, war um Vieles frei uet „Papa denkt darüber leider anders,“ ſagte er,„und es wundert mich wirklich, daß Sie trotz Ihres bewegten Lebens dieſe ariſtokratiſchen Geſinnungen ſich bewahrt haben.“ Der Majoratsherr lächelte bedeutſam und legte leicht ſeine Hand auf die Schulter des jungen Mannes. „Wer in ariſtokratiſchen Grundſätzen erzogen iſt, wird die⸗ ſelben niemals, in keiner Lage ſeincs Lebens verleugnen können,“ erwiderte er.„Dein Papa hat eine andere Erziehung genoſſen, wenn Du jemals eines Raths bedarſſt. ſo komm nur zu mir, ich werde immer den Nagel auf den Kopf treffen. Und weger Deiner Zukunft darfſt Du unbeſorgt ſein, ich bin nicht gekommen, um Dich in irgend einer Weiſe zu berauben.“ Er brach ab und ging ſeinem Bruder entgegen. mit dem er gleich darauf das Schloß verließ. Bruno blieb in Gedanken verſunken am Fenſier ſtehen. Sollte er ſich dennoch getäuſcht haben und ohne C gegen die ſen Mann unhöflich geweſen ſein Was ſein Vater ſo ent⸗ ſchieden mißbilligt hatte, das billigte ſein Ot rkel ohne Vorbehalt, er zeigte ariſtokratiſche Geſinnungen, er bot ihm ſeinen Rath und ſeine Unterſtützung an,— durfte er dieſes Anerbieten ablehnen? Er trat auch gar nicht auf, wie der nunmehrige e Majorats⸗ herr, dieſen Punkt berührte er gar nicht einmal, ja er hatte ſo⸗ gar den Vruder völlige Perſchleiſceng auf das Majorat an⸗ ilte t geboten, wie ſein Vater ihm kurz vor Tiſch mittheilte. 10 1s keinen Der Baſard. 1 * — 146— Lag unter ſolchen Umſtänden eine Berechtigung zu einem unfreundlichen Benehmen vor? Gewiß nicht! Klugheit und eigenes Intereſſe geboten ſogar, ihm freundlich entgegen zu kom⸗ men und ihm volles Vertrauen zu zeigen. Aber wenn er nun trotz alledem ein Abentheurer, ein Schwind⸗ ler war? Der junge Mann trat vom Fenſter zurück, dieſer Gedanke hatte etwas Beunruhigendes für ihn, er konnte ihn nicht zurück⸗ drängen. Er nahm ſeinen Hut, ging in den Garten, und hier ſah er ſich vor einem Veilchenbeete plötzlich ſeiner ſchönen Couſine gegenüber. „Wie entſpricht denn Deinen Erwartungen das wirkliche Bild Deines Vaters?“ fragte er. Baroneſſe Klara ſchlug die tiefblauen Augen zu ihm auf, und ein ſchmerzlich wehmüthiger Zug umzuckte ihre roſigen Lippen. „Nicht ſo ganz, wie ich es wünſche,“ erwiderte ſie,„ich be⸗ dauere, daß ich es ſagen muß.“ „Und ich fürchte, daß ein fremdes Element in unſeren Kreis gekommen iſt, welches die bisherige Harmonie desſelben ſtören wird.“ „Dieſer Beſorgniß habe ich mich noch nicht hingegeben, und ich meine, man dürfe ſie nicht eher hegen, bis man überhaupt ein Urtheil fällen kann. Ich hatte erwartet, er würde zärtlicher, herz⸗ licher gegen mich ſein, aber das mag nicht in ſeiner Natur liegen, und die vielen trüben Erfahrungen, die er drüben machen mußte, mögen ihn wohl auch abgeſtumpft haben. Wir wollen noch nicht über ihn urtheilen, Bruno, wir müſſen ihm Zeit laſſen, ſich in der Heimath, die ihm fremd geworden iſt, wieder zurecht zu finden.“ „Das kann raſch geſchehen,“ erwiderte Bruno, während er dem ſchönen Mädchen zuſah, wie es die duftenden Veilchen zu einem kleinen Strauße zuſammenband,„wir kommen ihm ja alle mit Herzlichkeit entgegen.—“ „Auch Du, Bruno?“ „Du fragſt das ſo vorwurfsvoll—“ „Und iſt dieſer Vorwurf nicht begründet?“ ſagte Klara, ihn feſt anſchauend. Der Empfang von Deiner Seite war nicht herz⸗ lich, nicht einmal freundlich. Du machteſt mit den erſten Worten Sſi Pop aunh Der „r nom mel einen u kom⸗ hwind⸗ danke zurück⸗ Couine he Bild uf und pen. Kreis ſören n, und upt ein herz⸗ liegen, mußte, ch nicht ſich in inden.“ tend et chen zu ja alle 3 to, ihn ſ herz⸗ Vorten — Papa darauf aufmerkſam, daß ſeine Heimkehr hier mallche Hoff⸗ nung durchkreuzt habe.“ Der junge Mann zuckte gleichgültig die Achſeln. „Er konnte das ſich ſelbſt ſagen,“ erwiderte er,„und übel ge⸗ nommen hat er es mir auch nicht. Das bewieſen die Worte, die er nach Tiſch an mich richtete. „Was ſagte er Dir?“ Bruno lachte ironiſch. „Wir haben bereits unſere kleinen Geheimniſſe,“ ſagte er mit keiſem Spott,„und weißt Du, worauf ſie ſich beziehen? Meine kluge Couſine wird es leicht errathen.“ Klara ſah ihn erwartungsvoll an. „Auf deinen Schützling, den berühmten Moler,“ fuhr er fort, und das Erſtaunen, welches ſich in ihrem Blick ſpiegelte, ſchien ihn im hohen Grade zu ergötzen, ja, es lag etwas wie Schaden⸗ freude in dem Ausdruck ſeines Geſichtes.„Deine Anſichten über den Makel, der auf dieſem lorbeergekrönten Menſchen ruht, theilt er nicht, dieſe Erklärung darf ich Dir geben.“ „Und glaubſt Du, daß ſie dadurch erſchuttert werden könnte?“ fragte Klara, die Oberlippe trotzig aufwerfend.„Ich halte an ihr feſt, wenn auch Niemand ihr beipflichtet.“ „Und ihm wird das von gar keinem Nutzen ſein, die öffent⸗ liche Meinung bricht doch den Stab über ihn!“ „So mögen das Diejenigen verantworten, welcher dieſer Un⸗ gerechtigkeit ſich ſchuldig machen!“ erwiderte die Baroneſſe, ohne ihre Entrüſtung zu verhehlen. Was haſt Du nur gegen den Maler? Faſt möchte ich annehmen, Du beneideſt ihn um ſeinen Ruhm—“ „Das wäre kindiſch, Klara!“ „Allerdings, aber die Möglichkeit iſt im ner vorhanden. Herr Rodenberg hatte mir verſprochen, ſeinen Beſuch zu wiede holen, Dein Papa wollte ihm Aufträge „Er wird nicht kommen „Weißt Du das ſo ſicher?“ „Wir haben ein kleincs Rencontre gehabt,“ erwiderte Bruno gleichgültig,„der Unverſchämtheit muß man derb begegnen, wenn wan ihr ein für allemal ein Ende machen will.“ — 148— Schrecken und Beſtürzung ſpiegelten ſich in dem ſchönen blicke Antlitz des Mädchens, die ſanfte Röthe ihrer Wangen war einer die i durchſichtigen Bläſſe gewichen. wie di „Was iſt geſchehen?“ fragte ſie mit bebender Stimme. A „Nichts von Bedeutung,“ antwortete Bruno achſelzuckend. redet. „Der Mann glaubte ein Recht zu haben, mich zu inſultiren, er Geſch wollte mir verbieten, eine Kritik über die Leiſtung einer viel be⸗ S wunderten, aber höchſt mittelmäßigen Sängerin zu äußern. Das nicht war eine Herausforderung, die ihrer Unverſchämtheit wegen eine 6 derbe Zurechtweiſung forderte, ich habe ſie ihm gegeben. Er wird durd nicht noch einmal kommen, um bei Dir Troſt zu holen, thäte er hatt es, ſo beſäße er den Charakter eines Schulknaben, der auch zur das Mutter flüchtet, wenn er die Prügel bekommen hat.“ Damit wandte er ſeiner Couſine den Rücken, und Klara ſah mehl ihm mit ſtarrem Blick nach, wie er auf das Haus des Verwalters anyf zuſchritt, in welchem er bald darauf ihrem Blick entſchwand. u1 und Red gew 8. Kapitel. ſcha Iögeſchloſſen mit der Pelt. Die Antwort des Barons auf ſeine Herausforderung verſetzte Willy in furchtbare Anfregung. Er wollte ſelbſt nach Oſthofen ſ und ſeinem Gegner den erhaltenen Schlag vergelten, ihm mit gleicher Münze zurückzahlen, aber Auerbach ſtellte ihm in aller Ruhe 9 vor, er werde dadurch nur neuen Demüthigen ſich ausſetzen, denn ſol der Baron gebiete über eine Schaar von Dienern, und man wiſſe ſ ja, daß es ſolchen Sklavenſeelen ein beſonderes Vergnügen be⸗ reite, einen unangenehmen Gaſt unter Anwendung roher Gewalt vor die Thüre zu werfen. d Das lalf, Willy ſah die Richtigkeit dieſer Bemerkung ein, aber ſein Haß gegen den Gegner wurde durch ſie nur geſteigert. thofen m nit Ruhe denn piſſe n be⸗ ewalt „aber — 149— Während des Vorfalls im Conzertſaal hatte er ſich nirgend blicken laſſen, er wollte ſich nicht ſchadenfrohen Fragen ausſetzen, die ihm vorausſichtlich nicht erſpart werden, und ebenſo peinlich wie dieſe wären ihm theilnehmende Bemerkungen geweſen. Auch mit ſeiner Mutter hatte er über das Ereigniß nicht ge⸗ redet. Wozu ihr das Herz ſchwer machen, da ſie ja doch das Geſchehene nicht ändern konnte! So trug er denn die erlittene Schmach allein, feſt entſchloſſen, nicht zu ruhen, bis er Rache genommen hatte. Er wollte verſuchen, zu arbeiten, vielleicht gelang es ihm, da⸗ durch ſeinen Gedanken eine andere Richtung zu geben, aber er hatte keine Ruhe, er mußte Pinſel und Palette wieder fortlegen, das halb vollendete Bild blieb, wie es war. Einige Kunſtenthuſiaſten ſuchten ihn in ſeinem Atelier auf, mehrere kamen, un ein Gemälde von ſeiner Hand zu kaufen; er empfing ſie unfreundlich und fertigte ſie kurz ab, es war ihm nicht zu thun um lohnende Arbeit, er dachte nur an ſeine Entbehrung und an Rachepläne. Einer dieſer Kunſtfreunde war ſoga ſo unklug geweſen, die Rede auf jenen Vorfall zu bringen, dem er ſelbſt als Zeuge bei⸗ gewohnt hatte. Er drückte freilich ſein tiefſtes Bedauern aus und verurtheilte ſcharf das Benehmen des Varons, aber er fragte zugleich auch, ob Herr Nodenberg dieſe Schmach ſchweigend einſtecken werde und goß dadurch neues Oel in's Feuer. Und nun brachte Auerbach dieſe Antwort! Willy fühlte ſich dem Wahnſinn nahe. Wenn er auf dieſem Wege keine Genugthuung erhalten konnte, welcher andere Weg ſtand ihm dann noch offen? Die gerichtliche Klage? Es klang wie Hohn, die Genug⸗ thuung ſür eine ſolche Schmach auf gerichtlichem Wege ſuchen zu ſollen! „Ich würde das auch verſchmäheu,“ ſagte Auerbach, der jetzt ſeine Ruhe wiedergeſunden hatte, und die Angelegenheit im Lichte ſeiner eigenen Philoſophie betrachtete,„mit dieſer Klage könnteſt Du Dich ſelbſt kompromittiren, und was liegt dem Herrn Baron von Oſthofen an einer kleinen Geldſtrafe! Man muß Geduld haben, mein Junge, ich ſagte Dir ſchon, mit großen Herrn ſei nicht gut Kirſchen eſſen, ſie nehmen die beſten für ſich, und wenn man ſich darüber beſchwert, werfen ſie Einem die Steine in's Geſicht. Ader gib Acht, die Gelegenheit zur Rache kommt auch, die Vergeltung läßt mitunter lange auf ſich warten, aber ſie kommt ſicher.“ Willy durchmaß mit großen Schritten das Zimmer, er hörte die Worie kaum, die das verkommene Genie zu ihm redete. „Und bei dem Baron von Oſthofen wird ſie ſchon bald ein⸗ treffen,“ fuhr Auerbach ſort.„Der verſchollene Majoratsherr iſt heimgekehrt, und beurtheile ich ihn richtig, dann wird er ſeine Verwandten vor die Thüre ſetzen. Dem jungen Herrn könnte dann ein anderes Leben aufgehen—“ „Und darin wollen Sie eine Genugthuung für mich finden?“ fragte Willy, die glühenden Augen ſeſt auf den Maler heftend. „Nein, aber dann wird er Dir die Genugthuung geben müſſen, die Du forderſt, denn er iſt ein Bettler, ſobald Baron Edmund das Majorat übernimmt. Und mit einem verarmten Edelmann macht man nicht viele Umſtände Du ſtehſt dann über ihm.“ „Trotz des Makels, der auf meiner Geburt ruht?“ „Ja, trotzdem!“ „Und wie lange ſoll ich darauf warten?“ erwiderte Willy mit unſäglicher Bitterkeit. „Bis mein Haar ergraut iſt und ich ein alter Mann gewor⸗ den bin? Wie redet man jetzt ſchon über mich? Wirft man mir nicht vor, daß ich eine feige Memme ſei? Erwartet man nicht ſtündlich die Nachricht von einem Duell zu erhalten, in welchem die mir widerfahrene Schmach getilgt worden iſt? Und wenn ich nun Jedem, der es hören will, ſage, der Baron habe mir die Genugthuung verweigert, wird man nicht die Gründe wiſſen wollen? Kann ich, ohne zu erröthen, dieſe Gründe nennen? Nein, Auerbach. Ihr Rath iſt ſchlecht, mit ihm locken Sie keinen Hund hinter dem Ofen fort. Wiſſen Sie, was ich thun werde? Ich werde eine Reitpeitſche kaufen und auf die Gelegenheit warten, wie der Jäger auf den Fuchs. Sobald ich dem Baron in öffentlicher Geſellſchaft begegne, gebe ich ihm den Schlag zurück.“ „Und kennſt Du auch die unausbleiblichen Folgen?“ ſragte Auerbach die graue Mäne energiſch ſchüttelnd. „Dann muß der Baron mich fordern, will er die ihm wider⸗ ſei ly nit ewot⸗ n mir nicht elchen enn mir die vollen? ethach. er den eine Jäger ſragte wider⸗ * * fahrene Schmach tilgen.“ „Muß er? Ich ſage Dir, er wird es nicht thun. Er wird Dich verklagen, und dann iſt die Sache eine ganz andere. Der Baron hat Dir den Schlag in der Erregung des Augenblicks und noch dazu im Rauſch gegeben, er würde mit einer Geldſtrafe da⸗ vonkommen, Dir aber würde man beweiſen, daß Du die Abſicht gehegt haſt, Deinen Gegner zu mißhandeln und daß dieſe Abſicht in brutaler Weiſe ausgeführt worden iſt, das bringt Dich auf einige Wochen in's Gefängniß.“ Willy blickte den alten Mann wie geiſtesabweſend an. „Die Richter werden erkennen, daß mir kein anderer Weg blieb, die Schmach zu vergelten,“ ſagte er mit bebender Stimme. „Bewahre, das Geſetz verbietet in ſolchen Fällen die Selbſt⸗ hülfe.“ „Und mag das Geſetz auch die höchſte Straſe darauf ſetzen, ich werde den Baron züchtigen. wie er es verdient,“ rief Willy, unfähig, ſeiner Erregung zu gebieten. Das iſt mein feſter Ent⸗ ſchluß und Niemand ſoll ihn erſchüttern.“ Mit einem riſchen Griff hatte er ſich ſeines Hutes bemächtigt, und ehe Auerbach ihn daran verhindern konnte, war er gleich einem Verzweifelnden hinaus geſtürmt. Der alte Mann war ſelbſt verwirrt durch dieſen Ausbruch der wildeſten Leidenſchaften. Was ſollte er thun? Beruhigen ließ Willy ſich nicht, man mußte es der Zeit überlaſſen, dieſen Leiden⸗ ſchaften einen Damm zu ſetzen, man mußte warten, bis die Ver⸗ nunft wieder den Sieg gewann, und es blieb nichts weiter übrig, — als ſich der Hoffnung hinzugeben, daß Willy in der nächſten Zeit ſeinem Todfeinde nicht begegnen möge. Oder konnte Auerbach wirklich etwas thun, um die gefürchtete Kataſtrophe zu verhüten? Sollte er den Baron warnen? Die Folgen ſolcher Warnung ließen ſich mit einiger Sicherheit vor⸗ ausſehen. Der Beron, keinenfalls geſonnen, in ſteter Furcht vor ſeinem Gegner bleiben zu müſſen, benachrichtigte vorausſichtlich die Polizei von dem Vorhaben des Kalers, und dann ſah Willy ſich unter Polizeiaufſicht geſtellt, was ihm auf die Dauer gewiß nicht entgehen konnte und ſeinen Haß nur noch mehr ſteigern mußte, wenn dieſer überhaupt einer Steigerung fähig war. Sollte Auerbach die Mutter Willys benachrichtigen? Auch dazu konnte er ſich nicht entſchließen, wenigſtens jetzt Und was wäre auch dadurch gewonnen worden? So ſehr Willy ſeine Mutter auch liebte, wenn ſeine Leidenſchaften einmal entfeſſelt waren, hatten auch ihre Bitten keine Macht mehr über ihn und der ohnedies vom Schickſal ſo ſchwer heimgeſuchten Frau ward dann das Leben noch ſchwerer gemacht. Man dürfte annehmen, daß Frau Rodenberg in ihrer Zurück⸗ gezogenheit von dem Zwiſchelſal in jenem Concert noch nichts erfahren hatte. Die Kritik hat freilich in ihrem Bericht über das Concert dieſes bedauerlichen Vorfalls Erwähnung gethan, aber keinen Namen genannt, und Frau Rodenberg las keine Zeitung, ſie hatte mit der Welt abgeſchloſſen und lebte nur noch für ihren Sohn. Weshalb alſo ſollte man ihr das Herz ſchwer machen, ihr Be⸗ ſorgniſſe einflößen, die ihr den Schlaf raubten und jede Stunde ihr verbitterten! Sie hatte ja doch keine Macht über den Sohn, ſie konnte ihm nicht auf Schritt und Tritt folgen, um im entſcheidenden Augen⸗ blick ihn zurückzuhalten. So that Auerbach nichts, er überließ den Verzweifelnden ſich ſelbſt, auf die Zeit vertrauend, die dieſen Sturm beſchwichtigen mußte. Aber wenn auch Frau Magdalena Rodenberg von jenem Vor⸗ fall keine Kenntniß hatte, ſo mußten doch bange Ahnungen in i icen als ſie die fur btbare Erregung und die plötzlich ſo verät erte Lebensweiſe ihres Sohnes bemertte. Willy war am Abend jenes Tages, an welchem Auerbach ihm die Antwort Bruno's gebracht hatte, erſt ſpät in der Nacht heim⸗ gekehrt und zwar in einem Zuſtande, welcher der bekümmerten Frau die ernſteſten Beſorgniſſe einflößte. So hatte ſie ihn nie geſehen, und es vermehrte nur ihre Angſt, als er auf ihre Fragen nur ausweichende Antworten gab, Ant⸗ worten, die entweder von vollſtändiger Geiſtesverwirrung, oder von Verzweiflung zeugten. Sie wollte warten bis zum Morgen, dann ſollte er ihr Rede ſtehen, ſie mußte wiſſen, was ihn ſo furchtbar aufgeregt hatte. Die ganze Nacht hindurch quälte ſie ſich damit, über die muth⸗ S ——— ſ Hald ſe wa nit ſich ußte. Vor⸗ en in ößlich h ihn hein⸗ nerten lngſt, Ant⸗ oder Rede tte. muth⸗ 153 moßlichen Urſachen dieſer Aufregung nachzudenken, aber auf keine der zahlloſen Fragen, die ſie in dieſer troſtloſen Nacht aufwarf, fand ſie eine befriedigende Antwort. Und als ſie nun beim Frühſtück die Urſachen dieſer Aufregung erforſchen wollte, wich Willy abermals ihren Fragen aus. Er ſagte ihr nur, er habe Unannehmlichkeiten gehabt, an die er nicht gerne erinnert ſei, Unannehmlichkeiten, die mit dem Makel ſeiner Geburt eng zuſammenhingen, und die tief bekümmerte Mutter mußte darin einen Vorwurf erblicken, der ſie ſelbſt treffen ſollte. Vergebens bat ſie um nähere Mittheilungen, er ſchüttelte den Kopf und blickte in finſterem Schweigen vor ſich hin, ſich der vielen, bald bedauernden, bald ſchadenfrohen Fragen erinnernd, die am geſtrigen Abend an ihn gerichtet worden waren. Im Kreiſe ſeiner Freunde und Bekannten hatte er gelobt, Rache an dem Baron zu nehmen, eine Rache, über welche die ganze Stadt ſprechen ſollte, mit der kurz vorher gekauften Reitgerte hatte er dabei, um ſeinen Schwur zu bekräftigen, auf den Tiſch geſchlagen daß die Gläſer klirrend emporgefahren waren. Und nun grübelte er nach über ſeine Rachepläne, und mit dieſem Grübeln nährte er elbſt den wilden, leidenſchaftlichen Haß, der ſich mehr und mehr zum Haß gegen die ganze Menſchheit ſteigerte. Voll tiefer Betrübniß ruhte der Blick der bekümmerten Mutter auf dem jungen Manne, deſſen ſonſt ſo ruhige, ſchöne Züge jetzt die Leidenſchaft entſtellte. Wie raſch und unerwartet waren Glück und Friede aus dieſen traulichen Räumen gewichen! Selbſt der Lorbeer, den ihr Sohn durch ſein Talent und ſeinen Fleiß erungen hatte, galt jetzt nicht, mehr, er ſchien vergeſſen, werthlos geworden zu ſein. Ein heiſeres, bitteres Lachen war die Antworts Willy's, als ſeine Mutter dieſen Punkt berührte. Sie hatte Recht, dieſen Lor⸗ beer, um den ſo viele ihn beneideten, nach dem ſo Viele geizten, war für ihn werthlos geworden, was ſollte auch der Baſtard da⸗ mit, an deſſen Ferſen der Fluch eines unbeſiegbaren Vorurtheils ſich geheftet hatte? Noch einmal verlangte er den Namen ſeines Vaters zu wiſſen, er ſtellte dieſes Verlangen mit dem ganzen Ungeſtüm der in ihm tobenden Leidenſchaft, aber gerade dieſes Ungeſtüm warnte die Mutter, dem Verlangen Folge zu leiſten, mutzte ſie doch aus ihm —— ——— erkennen, daß Willy einen Entſchluß gefaßt hatte, deſſen Ausfüh⸗ ſelhſt rung ihn ſelbſt verberben konnte. Vielleicht bewogen noch andere Gründe ſie, zu ſchweigen, ſie er⸗ klärte ernſt und entſchieden, daß ſie auf dieſe Frage keine Antwort geben könne, und daß es auch für ihn ſelbſt beſſer ſei wenn er auf ihre Beantwortung verzichte. Dieſe Erwiderung war natürlich nicht geeignet, Willy zu be⸗ ruhigen, grollend verließ er das Zimmer, und Frau Rodenberg hörte ihn lange in ſeinem Atelier mit raſchen Schritten auf und nieder wändern. Auch ſie ſtand gleich dem Maler Auerbach rathlos vor dieſem Räthſel, auch ſie wußte nicht, was ſie thun ſollte oder konnte, den Sturm zu beſchwichtigen, und auch ſie kam endlich zu dem Reſul⸗ tat, daß man es der Zeit überlaſſen müſſe, die wild erregten Lei⸗ denſchaften zu beruhigen. Ein tiefer, ſchwerer Seufzer entranz ſich ihren Lippen, während ihr geiſtiger Blick zurückſchweifte in die Vergangenheit. Sollte ſie noch immer keine Ruhe, keinen dauernden Frieden finden. Der Frühling ihres Lebens war vergiftet worden durch den Betrug des Mannes, dem ſie ihr ganzes volles Vertrauen geſchenkt, auf deſſen Treue ſie wie auf einen Felſen gebaut hatte! Der Sturm des Schickſals hatte alle Blüthen entblättert und den goldnen Frühlingsſonnenſchein in finſtre Racht verwandelt. Sie hatte das getragen voll Muth und Ergebung, hatte raſtlos gear⸗ beitet ſfür ihr geliebtes Kind und ihr gauzes Leben nur voch der Aufgabe gewidmet, den Sohn zu erziehen. Demüthigungen und Schmähungen waren auf dieſer dornen⸗ vollen Bahn ihr nicht erſpart geblieben, ſie hatte auch durch ſie ſich nicht beirren laſſen, der Errcichung ihres Zieles ſicher, war ſie muthig weiter geſchritten. Wie manche freudige Stunde hatte das immer reicher ſich ent⸗ faltende Talent Willy's ihr bereitet! Sie war ſtolz auf ihn ge⸗ weſen, und ſie durfte es ſein, ſie durfte mit freudigem Blick in die Zukunft ſchauen, die für ihr geliebtes Kind ſich überaus glänzend geſtalten mußte! Und ihre Hoffnung war denn auch in Erfüllung gegangen, ſchöner und herrlicher, wie ſie ſelbſt es erwartet hatte! Der Lorbe r des Ruhmes ſchmückte die Stirne ihres Kindes, jetzt ei do er Lie Lie ic d war die Bahn gebrochen, eine glänzende Bahn, die nur die Aus⸗ erwählten der Nation betreten durſten. 3 Wer wollte jetzt noch dem gefeierten Künſtler den Makel ſeiner Bebn Geburt vorwerfen? Den Namen, den er trug, hatte er ſebſt be— Fihr rühmt gemacht und dieſer Ruhm mußte jeden Flecken tilgen! Und nun war das doch anders gekommen! Nun wurde ihm zu be⸗ dennoch vorgeworfen, es ſei der Name ſeiner Mutter und nicht nberz der ſeines Vaters, dem er Ruhm verſchafft habe; der und Neid beſchwor die Wolken herauf, wolche die ſtrahlende Sonne 6 verdunkelten. Aus ihrem Sinnen und Träumen weckte leiſes Po⸗ dujen chen die bekümmerte Frau. ſte den Sie blickte auf, vor ihr in der geöffneten Thür ſtand der Ver⸗ eſul⸗ wolter des Barons von Oſthofen. Starr, voll unverkennbarer en Li⸗ 5 Beſtürzung ruhte ihr Blick auf ihm, mit einem ſiegesſtolzen Lä⸗ cheln auf den ſchmolen Lippen trat er ein. ihrend„Daß uns nach einem Vierteljahrhundert dieſes Wiederſehen blühen würde, hätten Sie damals auch nicht geglaubt, Magdalene“, ſtieden ſagte er, nachdem er die Thüre hinter ſich geſchloſſen und ſeinen Hut auf einen Stuhl gelegt hatte.„Erinnern Sie ſich noch der ch den Worte, die ich in jener Stunde zu Ihnen redete?“ chenit, Ein finſterer Schatten glitt über die Stirne der noch immer Der ſchönen Frau, und ein Zug verachtender Geringſchätzung umzuckte d den ihre Mundwinkel. Sie„Sind Sie gekommen, um mich daran zu erinnern?, fragte ſie. gegt⸗„Ich komme zu Ihnen als Freund“, erwiderte der Verwalter. och der„Und wer hat Ihnen geſagt, diß ich eines Freundes bedürfe?“ Wortmann hatte ſich auf einen Stuhl niedergelaſſen, ohne i eine Einladung dazu abzuwarten. u ſi 6 So reich an treuen und aufrichtigen Freunden iſt Niemand, daß er eine Hand, die ihm ſich anbietet, zurückſtoßen dürfte“, ſagte er kopfſchüttelnd. Magdalene, Sie waren damals verblendet, e Sie glaubten an die Treue eines Mannes, deſſen Lippen ihnen . Liebe geſchworen hatten, Sie glaubten an die Aufrichtigkeit dieſer Liebe, weil es Ihrem Stolze ſchmeichelte, die Gattin dieſes Mannes i zu werden. Es war eine glänzende Rechnung, aber Sie hatten 1 nicht alle Factoren berechnet, und als Sie ſich betrogen ſahen, da mußten Sie ſelbſt ſich den Vorwurf machen, daß es eine leicht⸗ hotte fertige Rechnung geweſen ſei. Mich hatten Sie zurückgeſtoßen⸗ 3, jett — 156— mich, der keinen andern Wunſch kannte, als Sie glücklich zu machen und in Ihrem Lebensglück das eigene zu ſuchen“. „Alle dieſe Vorwürfe—“ „Verzeihen Sie, Magdalene, es ſollen keine Vorwürfe ſein, was könnten ſie ändern und beſſern an dem Geſchehenen! Ich ſah das Ende Ihres ſchönen, ſtolzen Traumes voraus, aber ich konnte es Ihnen nicht erſparen, ſo gerne ich es auch gewollt hätte. Welche Antwort würde Sie mir gegeben haben, wenn ich dieſes Ende, wie es ſpäter wirklich eintraf, Ihnen vorausgeſagt hätte? Sie würden mir den Vorwurf gemacht haben, Haß und Neid gegen den Mann, den Sie liebten, ſeien die alleinigen Triebfedern meiner Warnung. Mir wollte das Herz brechen, als ich das Un⸗ glück kommen ſah, aber ich konnte es nicht verhüten! Ich war zugegen, als der Vater des Verführers Ihren Vater vor der Hohne abfertigte und ihn durch das Anerbieten einer Geldentſchä⸗ digung noch tiefer demüthigte. Ich ſchützte Ihren Vater mit bitterem brutaleft Roheit der Diener, die den Befehl erhalten hatten, ihn hinaus zu werfen,— das war Alles, was ich thun konnte.“ „Und weshalb erinnern Sie mich daran?“ fragte Frau Roden⸗ berg mit zitternder Stimme.„Weshalb wecken Sie Erinnerungen, von denen ſie ſelbſt wiſſen, daß ſie mir nur unangenehm ſein können? „Um Ihnen zu zeigen, Magdalene, was Sie damals ver⸗ ſcherzten, um einem unreichbaren Phantom nachzujagen! Ich habe Sie damals tief bedauert, aber durfte ich, als das Unglück über Sie hereingebrochen war, Ihnen meine Hülfe anbieten? Würden Sie mir nicht vorgeworfen haben, ich wolle eine niedrige Rache nehmen, mich weiden an Ihrem Unglück? Und wären Sie in jener Lage den Worten der Vernunft zugänglich geweſen? Durfte ich unter dieſen Verhältniſſen noch einmal von meiner Liebe zu Ihnen reden? Nein, Magdalene, das hätte von nie⸗ driger Geſinnung gezeugt, und dieſen Vorwurf ſollten Sie mir nicht machen.“ Es war ein Blick voll herzlicher Theilnahme und Danlkbarkeit, mit dem Frau Rodenberg den Verwalter anſah. „Ich danke Ihnen für dieſes Zartgefühl,“ erwiderte ſie. „Was iſt da zu danken?“ fuhr Wortmann fort.„Das Un⸗ glück, mag es mn ſelbſt verſchuldet ſein oder nicht, forderz Achtu Sie de i Geni Englo / nich der mötl meit duß den ein hiel muß Kre hat bie U und andi geko thig wy zu mei der in! etr nac achen ſein, h ſah onnte hätte. dieſes itte Neid ſidern Un⸗ h war or der lerem ver⸗ 36 nglück ieten? edrige n Sie veſen? meiner n nie⸗ e mir rkeit, Un⸗ ordet 5 Achtung, und nur ein roher Menſch kann dieſe Achtung verletzen. Sie verließen bald darauf die Stadt und ich fand keine Spur, die ich verfolgen konnte, um mir über Ihre weiteren Schickſale Gewißheit zu verſchaffen.“ „Ich hatte eine Stelle als Geſellſchafterin bei einer Dame in England angenommen.“ „Und entſprach dieſe Stelle Ihren Erwartungen?“ „In der erſten Zeit ja. Man war ſehr aufmerkſam gegen mich und ließ mich meine Abhängigkeit nicht empfinden. Ich war der Familie dankbar dafür, aber mir fehlte die Heiterkeit des Gr⸗ müths, ich blieb ernſt und ſchweigſam, und man ſuchte die Urſache meines Kummers zu ergründen. Ich hatte keine Ahnung davon daß man in meiner Heimath Erkungigungen einzog, was kümmerte denn mein Gram fremde Menſchen? Eines Tages wurde mir ein Brief vorgelegt, der die Geſchichte meiner Vergangenheit ent⸗ hielt. Der Bericht war in gehäſſiger Weiſe verfaßt, Per ich mußte die Thatſachen ſelbſt zugeben, und die Familie, in deren Kreiſe ich ſeit einem Jahre ſchon ein friedliches Aſyl geſunden hatte, verſchanzte ſich hinter ſittlicher Entrüſtung und zeigte mir die Thüre. „Das war abſcheulich,“ warf der Verwalter empört ein. „Was konnte ich dagegen machen? Ich verließ das Haus und fand nach einiger Zeit eine Stelle als Gouvernante in einer anderen Stadt Englands. Ich war aus dem Regen in die Traufe gekommen. Nicht nur, daß ich in meiner Stellung ſelbſt Demü— thigungen erdulden mußte, gegen die mein Stolz ſich empörte, wurde ich auch mit Schimpf und Schande entlaſſen, als man mein Geheimniß entdeckte.“ „Und diesmal wurde es wieder durch Erkuntigungen in Ih⸗ rer Heimath—“ „Nein, man entblödete ſich nicht, einen Brief, der an mich adreſſirt war zu erbrechen, um einen Blick in meine Verhältniſſe zu gewinnen. Ich hatte vor meiner Abreiſe aus der Heimath mein armes Kind einer mir befreundeten Frau in Pflege gegeben, der ich von Zeit zu Zeit einen Theil meines Gehalts ſchickte. Ich that das heimlich, aber man erfuhr es doch, die Dienſtboten in dem Hauſe, in welchem ich mich befand, ſpionirten im Auf⸗ e trag ihrer Herrſchaft. Dann und wann erhielt ich von der — 153— Pflegefrau Nachrichten über das Befinden meines Kindes, die ſchlechte Handſchrift auf der Adreſſe mochte wohl die Neugier der Herrſchaft reizen, und wenn man ſich auch mir gegenüber damit entſchuldigen wollte, der Brief ſei aus Verſehen erbrochen worden, ſo wußte ich doch, was ich von dieſer Entſchuldigung zu halten hatte. Ich wurde ſofort entlaſſen, und die Zeit, die nun folgte, war eine recht trübe, ſie war reich an Demüthigungen und Ent⸗ behrungen, eine Zeit des bitterſten Elends, in der ich oft den Tod herbeiſehnte. „Und in dieſer Zeit erinnerten Sie ſich Ihrer Freunde nicht?“ fragte der Verwalter vorwurfsvoll. „Ich hatte keine Freunde!“ „Magdalena!“ „Verzeihen Sie an Ihre Freundſchaft konnte ich nicht glauben—“ „Sie dachten überhaupt nicht an mich!“ „Es iſt wahr, ich dachte nicht an Sie, ich dachte an Nie⸗ mand, auch nicht an meinen Vater, der mich verſtoßen hatte. Ich fand mitleidige Seelen, die meine Stickereien mir abkauften, es war ein erbärmliches Daſein, ein ſteter Kampf mit Sorge und Hunger.“ „Wenn ich davon nur eine Ahnung gehabt hätte!“ „Slauben Sie, ich würde von Ihnen einen Almoſen ange⸗ nommen haben?“ „Ich würde es Ihnen in einer Form angeboten haben, in der Sie es ſchwerlich ein Almoſen hätte nennen können,“ ſagte Wortmann leiſe. „Welche Form Sie auch gewählt hätten, ich würde Ihre Unterſtützung zurückgewieſen haben,“ antwortete Frau Rodenberg „Aus jener entſetzlichen Lage wurde ich befreit durch einen Brief, den ich von der Pflegefrau meines Kindes empfing. Sie ſchrieb mir, mein Vater ſei plötzlich geſtorben, ich möge heimkehren, um die Erb⸗ ſchaſt in Empfang zu nehmen. Die Hinterlaſſenſchaft meines Vaters war bedeutender, als ich geglaubt hatte, ſie ſicherte mir ein ſorgenfreies Leben und ſetzte mich in den Stand, meinem Sohne eine gediegene Erziehung zu geben.“ Der Verwalter nickte zuſtimmend, ſein lauernder Blick ſtreifte verſtohlen das blaſſe Antlitz der ſchönen Frau, und dieſcr Blick ließ erkennen, daß es doch nicht Theilnahme allein war, was ihn —— — erfüll, Riema Frend eine( nit noch mein auch habe mich dieſe alt, duma biete finde 8, die er der danit orden, halten olgte, Ent⸗ ſt den ihn⸗ en—“ Nie⸗ ten, es ge und * ange⸗ in der ſigte e Ihte deuberg Brief, ieb mir, ie Erb⸗ meines te mir neinem ſtreiſte r Blick vas ihn — 159— zu ihr geführt hatte, daß ſeinem Kommen noch eine andere ſelbſt⸗ füchtige Abſicht zu Grunde lag. „Sie haben Ihre Pflicht als Mutter mit gewiſſenhafter Treue erfüllt,“ ſagte er,„in dieſer Beziehung darf und wird Ihnen Niemand einen Vorwurf machen.„Als Sie zurückkehrten aus der Fremde, hatte ich bereits geheirathet, meine Stellung nöthigte mich, eine Gattin zu nehmen, und als ſich eine paſſende Gelegenheit mir bot, beſann ich mich nicht lange. Meine Frau ſtarb ſchon noch wenigen Jahren, eine alte Magd übernahm die Führung meines Haushalt und die Pflege meines Kindes. Nun ſtehe ich auch ſeit Jahren wieder allein, und in meinen einſamen Stunden habe ich ſtets Ihrer gedenken müſſen, Magdalena, Ihr Bild hat mich nie verlaſſen.“ Befremdet ſah Frau Rodenberg den Verwalter an, er ſchien dieſen Blick nicht zu bemerken.„Wir ſind Beide noch nicht ſo alt, daß nir nicht jetzt noch den Traum erfüllen könnten, der damals mich ſo glücklich machte,“ ſuhr er fort,„Magdalena, ich biete Ihnen in meinem Hauſe ein Aſyl an, in welchem Sie Alles fin den ſollen, was nur Ihr Herz begehren mag!“ „Das iſt zu ſpät,“ erwiderte Frau Rodenberg ruhig,„ich habe mit der Welt abgeſchloſſen, und mein Herz begehrt nichts weiter als Ruhe und Frieden.“ „Sie werden Beides in meinem Hanſe finden! „Wir haben Beide erwachſene Kinder, was würden ſie dazu ſagen?“ „Nichts, was wollen ſie ſagen?“ „Wir würden ihre Achtung verſcherzen!“ „Gewiß nicht. Ich werde meine Tochter verheirathen und ihr eine gute Ausſteuer geben, ich bin ein vermögender Mann, Magda⸗ lena, und iſt mir gleichgültig, in welcher Weiſe Sie über Ihr Vermögen verfügen wollen. Ihr Sohn hat ſich eine Bahn ge⸗ brochen, auf der er weiter ſchreiten wird, er bedarf Ihrer Hülfe nicht mehr, und Sie werden bald erfahren, daß die Söhne für ihre Eltern verloren ſind, ſobald ſie ſich eine ſelbſtſtändige, unab⸗ hängige Stellung errungen haben.“ „Dennoch würde er es mir nie verzeihen, wenn ich dieſen Schritt thäte,“ erwiderte Frau Rodenberg mit kalter Ruhe. „Im Gegentheil, er würde Ihnen dankbar ſein. Verzeihen — 160 Sie mir, wenn ich Sie darauf aufmerkſam mache, daß ein Makel auf ſeinem Namen ruht, der durch dieſe Heirath gehoben würde. „Wer ihm dieſen Makel vorwerfen will, der wird es auch dann noch thun, wenn— „Nicht noch, Magdalena,“ ſiel Wortmaun ihr in die Rede, „ich zeige Ihnen den Weg, auf dem Sie dieſen Makel für alle Zeiten tilgen können. Faſſen Sie einen kühnen Entſchluß, auch der Herbſt des Lebens bietet der Blüthen noch genug, und dem der ſie ſucht, erſchließen ſie ſich gern. Und was kann's uns kümmern, was die Leute reden? Wünſchen Sie es, ſo quittire ich meine Stelle, und wir ſuchen uns an einem andern Orte eine neue Heimath, eine Heimath findet man überall—“ „Brechen wir ab,“ fagte die ſchöne Frau, ſich von ihrem Sitz erhebend,„was Sie wünſchen, kann nicht in Erfüllung gehen. Ich will an der Reinheit und der Aufrichtigkeit Ihres Wunſches nicht zweifeln, dazu fehit mir ja jede Veranlaſſung, aber ich ſinde ihn thöricht, und auch Ihnen würde die Thorheit deſſelben klar werden—“ „Niemals, Magdalene!“ rief Wortmann mit leidenſchaftlicher Gluth. „Ich beharre bei meiner Behauptung. Und ich ſage Ihnen noch einmal, meine Rechnung mit der Welt iſt abgeſchloſſen für immer, ich will mir den Frieden bewahren, den ich mit ſo ſchweren Opfern mir errungen habe. Meine Freundſchaſt bleibt Ihnen, aber fordern Sie nicht mehr von mir, ich kann es Ihnen nicht bewilligen.“ Der Verwalter blickte ſtumm und ſtarr die ſchöne Frau an, er hatte eine andere Antwort, wenigſtens nicht dieſe entſchiedene blehnung ſeiner Werbung erwartet. Sein Stolz war verletzt, ſeine Eigenliebe gekränkt und die ſchöne Rechnung durchkreuzt, die er im Stillen ſich gemacht hatte. „Sie bedenken nicht, Magdalena, was Sie zurückweiſen,“ ſagte er, nach Athem ringend, und ſeinen Groll gewaltſam zurück⸗ drängend.„Ich will ja nicht von mir reden, nicht von dem Glück, welches dieſe Verbindang mir ſichern würde, ich will nur an Ihr eigenes Wohl denken und an das Wohl Ihres Sohnes.“ „Und inwiefern könnte dieſe Verbindung auf das Wohl meines Sohnes irgend welchen Einfluſt haben?“ M — 2 * 3 ſche inde 1en al, Qnn 5 5 edenk 11 5 3* d die atte. 1 5 lück, 1 eines* — 16 „Sie gibt ihm einen Namen und zugleich eine Waffe, mit der er der Verleumdung entgegentreten kann!“ „Er hat den Namen Rodenberg berühmt gemacht.“ „Ich rathe ihm ja auch nicht, dieſen Namen abzulegen. Aber iſt ſeine Mutter die Gattin eines geachteten Mannes, dann wird Niemand daran denken—“ „Ich bitte Sie noch einmal, nicht länger in mich zu deingen!“ „Sie wollen nicht, Magdolene, aber es war wohl das Ueber⸗ aſchende meiner Werbung, was Sie zn der ſofortigen Ablehnung veranlaßt hat. Denken Sie darüber nach und faſſen Sie erſt dann einen Entſchluß, wenn Sie jedes„Für“ und„Wider“ reif⸗ lich erwogen haben. Ich verlaſſe Sie mit der Hoffnung, daß mein Wunſch dennoch ſich erfüllen werde, und ſo ſage ich einſt⸗ weilen Ihnen Lebewohl, möge unſer Wiederſehen ein freudiges ſein. Er entfernte ſich mit einer achtungsvollen Verbeugung, aber als er draußen war, preßte er die Lippen feſt aufeinander, und ſein hageres Geſicht nahm einen finſteren, feindſeligen Aus⸗ druck an. „Wieder abgewieſen! murmelte er.„Aber Geduld, Ausdauer gewinnt den Siecg.“ Er hatte die elegante Dane nicht bemerkt, die langſam die Treppe herauf kam, jetzt, als ſie ſo plötzlich vor ihm ſtand, trat er erſchreckt zurück, und ſeine Beſtürzung wuchs, als er die Ba⸗ roneſſe Klara von Oſthofen erkannte. „Sie hier, Herr Verwalter?“ fragte Klara, nicht minder über⸗ raſcht.„Führt Sie ein beſonderer Auftrag in dieſes Haus?“ *„Nein, gnädiges Fräulein,“ erwiderte Wortmann, der ſeine Faſſung ſchell wiedergefunden hatte,„ich war in Privatangelegen⸗ heiten hier.“ Klara nickte befriedigt und ſchritt auf eine Thüre zu, welche die Aufſchrift„Atelier“ trug. Sie pochte leiſe an, dann öffnete ſie und ihr erſter Blick fiel aüf Willy, der vor der Staffelei ſaß und träumeriſch vor ſich hinſtarrte. Er blickte auf, eine glühende Röthe übergoß ſein Antlitz haſtig, erhob er ſich von ſeinem Sitz, aber ehe er bie Zeichnung von der Der Baſtard. 11 — — .————— 162 Staffelei entfernen konnte, ſtand Klara ſchon neben ihm, und auch ihre Wangen erglühten, als ſie jetzt ihr eigenes Portrait erbickte. ſühri Die ganze Bitterkeit, die nur für einen kurzen Augenblick ein⸗ geſchlummert war, erwachte wieder in der Seele des jungen Man⸗ ſtn nes, die Erinnerung an die beißenden Bemerkungen Auerbachs per er wurde lebendig in ihm. puh „Sie fragten mich, gnädiges Fräulein, ob ich auch Portraits cu male,“ ſagte er in herbem Tone,„ich habe den Verſuch gemacht, Schl ob er mir auch gelungen iſt, wage ich nicht zu beurtheilen.“ n „Wie bitter Sie das ſagen!“ erwiderte Klara mit leiſem Vor⸗ 5 wurf, ohne die Augen aufzuſchlagen.„Was habe ich denn gethan—“ „Verzeihen Sie mir!“ rief Willy, dem dieſe Worte plötzlich 3 klar machten, welche Ungeſchicklichkeit er begangen hatte.„Die ₰ Stimmung, in der ich mich befinde, muß mich entſchuldigen, eine iu andere Entſchuldigung giebt's nicht für meine Ungezogenheit.“ ſ „Wenn ich Ihnen verzeihen ſoll, dann müſſen Sie mir dieſe 4 Zeichnung überlaſſen,“ ſagte Klara lächelnd.„Beſtimmen Sie 5 den Preis.“ haft „Es iſt eine unfertige Zeichnung,“ entgegnete der Maler iſ zögernd. „Keineswegs, Herr Rodenberg—“ 4 4 u „Nur eine Skizze, gnädiges Fräulein!“ 2 „Eine Skizze zu einem Oelgemälde?“ „Wenn ich dieſes Gemälde ausführen und als ein Zeichen ko meiner Veehrung Ihnen überreichen darf, dann—“ „Das wäre ein zu koſtbares Geſchenk!“ ſagte Klara lebhaft. „Ich wußte wohl, daß Sie ein ſolches Geſchenk aus meiner wo Hand nicht annehmen würden,“ erwiderte Willy, und wieder war ſch es der bittere Ton, in welchem er es ſagte.„Weshalb ſoll ich die den Kampf mit den Vorurtheilen aufnehmen, ich weiß ja doch, un daß ich unterliegen werde.“ ſei „Verzagen Sie ſo leicht?“ Si „Verzagen? Gewiß nicht! Aber iſt es nicht Thorheit, den lon Kampf mit der Uebermacht aufzunehmen, wenn man die Gewiß⸗ de heit der Niederlage vor Augen hat?“ 6 „Und Sie haben dieſe Gewißheit?“. „Ja, ich habe erwiderte Willy tonlos.— n Die Baroneſſe ſchüttelte mißbilligend den ſchönen Kopf chen einer war l ich doch, — ließ ihre Blicke prüfend durch das Atelier ſchweifen, und als dieſer Blick auf den dolchbewaffneten Racheengel fiel, mußte ſie unwill⸗ kührlich lächeln. „Sie ſcheinen meine Worte, für die Sie ſo ſehr mir dankten, ſchon vergeſſen zu haben,“ ſagte ſie und ihr Blick heftete ſich wie⸗ der ernſt und voll auf ihn,„Sie haben auch vergeſſen, ihr Ver⸗ ſprechen einzulöſen und uns mit Ihrem Beſuch zu beehren. Wenn auch inzwiſchen mein Papa heimgekehrt iſt, ſo hat doch in unſerm Schloſſe ſich nichts geändert, und wir erwarten nur Sie, um Ihnen die Aufträge zu übergeben über die ich mit Ihnen redete.“ Willy zuckte die Achſeln und wandte das Antlitz ab. „Sie wiſſen wohl nicht, was unterdeſſen vorgefallen iſt?“ fragte er mit bebender Stimme.„Mich wundert's, daß der Herr Baron, Ihr Vetter nicht damit geprahlt hat, war es doch in ſeinen Augen eine Heldenthat, einen Wehrloſen zu beſchimpfen und zu mißhandeln.“ Befremdet blickte Klara den erregten Jüngling an, eine fieber⸗ hafte Spannung ſpiegelte ſich in jedem Zuge ihres erbleichenden Geſichts. „Was iſt geſchehen?“ fragte ſie.„Hat Bruno abermals Sie belcidigt? Ich erinnere mich, daß er Aueßerungen fallen ließ, die darauf hindeuten, aber Näheres wollte er mir nicht ſagen.“ Willy bedeckte die Augen mit der Hand, ſeine Lippen zuckten krampfhaft. „Die ganze Stadt ſpricht darüber, und ſie ſollten es nicht wiſſen?“ erwiderte er mit dumpfer Stimme„Im Conzertſaal war's, Signoria Grimaldi wurde mit rauſchendem Beifall über⸗ ſchüttet, Baron Bruno allein vpponirte, er that es in einer Weiſe, die eines gebildeten Mannes nicht würdig war, die Alle empören und beleidigen mußte. Man mag mir den Vorwurf machen, es ſei nicht meine Verpflichtung geweſen, die tiefgekränkte Ehre der Sängerin zu ſchützen, ich hab's gethan, weil ich nicht anders konnte, es war mir nicht möglich, der Entrüſtung zu gebieten, die meiner ſich bemächtigt hatte. Und der Baron benutzte dieſe Gelegenheit, ſeinen Hoß an mir auszulaſſen, er warf mir das entehrende Wort, das er ſchon einmal geſprochen hat, in's Geſicht und ein Schlag mit der Reitpeitſche begleitete es.“ — 164— Keines Wortes mächtig, ſtarr vor Entſetzen und Entrüſtung ſtand Klara vor dem Maler, aus deſſen Augen die Gluth des Haſſes leuchtete. Jetzt verſtand ſie die Andeutungen, die Bruno ihr gegeben hatte, als er ihr ſagte, der Maler werde nicht wagen, das Schloß wieder zu betreten. „Ich habe von ihm Geuugthuung für dieſe Schmach gefordert,“ fuhr Willy nach einer Pauſe fort,„er hat ſie verweigert.“ „Auch das noch?“ fiel Klara empört ihm in die Rede.„Aber es iſt beſſer ſo, Sie ſind zu hoch über ihn erhaben, als daß Sie Ihr Leben gegen das ſeinige ſetzen dürſten, der Kampf wäre zu ungleich!“ „Gnädiges Fräulein—“ „Widerſprechen Sie mir nicht, ich rede, wie ich denke! Was kann Ihnen denn an dem Haß und der Verachtung eines Mannes liegen, der ſelbſt ſeine Ehre in den Staub tritt und zu ſolchen Mitteln greift, um einen Gegner zu erniedrigen?“ „Wäre tieſer Schimpf mir unter vier Augen zugefügt wor⸗ den, ſo würde ich den Beleidiger zu Boden geſchlagen haben,“ erwiderte Willy,„aber alle Diejenigen, welche bei jenem Vorfall zugegen waren, erwarten, daß ich mir die Genugthuung verſchaffe, die in unſerm Stande ſolcher Beleidigung folgen muß. Und wenn mein Gegner die Genugthuung mir verweigert, auf wem bleibt die Schmach ruhen?“ „Sie ſollen Genugthuung erhalten!“ ſagte Klara, in deren ſchönen Augen der Zorn aufblitzte,„ich werde ſie Ihnen ver⸗ ſchaffen! Baron Udo, mein Onkel, wird ſie Ihnen geben—“ „Bemühen Sie ſich nicht, gnädiges Fräulein,“ unterbrach Willy ſie erbittert,“ ſteht doch ſogar Ihr Herr Vater auf der Seite meines Gegners!“ „Das iſt nicht möglich! Wer hat es Ihnen geſagt?“ „Mein Freund, den ich nach Oſthofen ſchickte, damit er die näheren Vereinbarungen mit dem Beleidiger treffe.“ „Und woher weiß er es?“ „Er hat mit dem Majoratsherrn perſönlich darüber geredet.“ „Das kann nicht möglich ſein,“ erwiderte Klara,„ich kann es nicht glauben. Und wäre es auch Wahrheit, mein Onkel den we mu Po Ank 4 2+ R Aetitiheitt——— . — G* det.“ kann nkel 165 denkt micht ſo, und die Genugthuung, die er Ihnen geben kann werden Sie gewiß erhalten.“ „Und welche könnte er mir geben?“ ſagte der Maler achſel⸗ zuckend. Oeffentlich bin ich entbehrt worden—“ „Drum muß auch die Genugthuung öffentlich erfolgen. Bruno muß eine Reiſe antreten und ſo lange draußen bleiben, bis der Vorfall hier vergeſſen iſt.“ „Er wird nie vergeſſen werden!“ „Das iſt ein zu ſcharfes Urtheil. Im Laufe der Zeit ver⸗ gißt ſich Alles. Uebernehmen Sie die Aufträge, die mein Onkel und mein Vater Ihnen zu geben wünſchen, ſchon daraus wird man den Schluß ziehen, daß—“ „Ich kann es nicht, gnädiges Fräulein,“ ſagte Willy raſch. „Sie dürfen mir deshalb nicht zürnen, Stimmungen kann Nie⸗ mand gebieten, und ſolche Veleidigungen vergeſſen ſich ſo raſch nicht. Meine tiefgekränkte Ehre geſtattet mir nicht, die Schwelle wieder zu überſchreiten—“ „Warten Sie nur noch einige Tage, dann wird Bruno das Schloß verlaſſen haben!“ „Und würde dadurch etwas an der Sachlage geändert? fragte der junge Mann.„Würde dadurch die Schmach von mir ge⸗ nommen? Ich verkenne Ihre Freundſchaft nicht, gnädiges Fräu⸗ lein, und ich werde nicht vergeſſen, daß Sie es waren, die mich ermuthigte, den Kampf mit ungerechten Vorurtheilen aufzunehmen und muthig in demſelben, auszuharren, aber es gibt Dinge, Ver⸗ hältniſſe, über die man nicht mit Worten hinweggehen kann und darf, und es gibt Vorurtheile, die niemals zu beſiegen ſind. Ich habe redlich nach einem hohen Ziele geſtrebt, aber das Hinderniß, welches jetzt meinem Streben ſich entgegengeſtellt, kann ich nicht be⸗ ſiegen, an ihm ſcheitert die Willenskraft des muthigſten Mannes. Nehmen Sie dem üppigſten Baume die Wurzel, und er wird ver⸗ dorren, rauben Sie dem Manne die Ehre und er hat mit ihr Alles verloren!“ „Und ich ſage Ihnen noch einmal, Sie urtheilen zu ſcharf,“ erwiderte Klara, voll herzlicher Theilnahme und innigem Bedauern ihn anſchauend..„Andere würden unter ſolchen Verhältniſſen vielleicht untergehen, Sie dürfen es nicht, von Ihneu erwarte und verlange ich, daß Sie Allem, was auch kommen möge, eine eiſerne — 166— Stirne bieten, daß Sie, wie ich auch vor einigen Tagen Ihnen ſagte, unbeirrt die betretene Bahn verfolgen und für alle Die⸗ jenigen, welche Sie aufhalten wollen, nur Verachtung haben. Ich werde für Sie handeln und Ihnen Genugthuung verſchaffen, er⸗ warten Sie meine Nachrichten, Sie ſollen zufrieden ſein mit mir.“ Willy ſtarrte finſter vor ſich hin, er fand in dieſen Worten nichts, was ihn tröſten und beruhigen konnte, es waren eben nur Worte, die für ihn nur inſofern einigen Werth hatten, als ſie ihm die Theilnahme der ſchönen Baroneſſe bewieſen. Und Klara fühlte wohl auch, daß der junge Mann in dieſer verzweifelten Stimmung nicht geneigt ſein konnte, die Unterredung mit ihr fortzuſetzen, daß ſie durch Thaten die Aufrichtigkeit ihrer Worte beweiſen mußte, wenn ſie auf ſein volles Vertrauen An⸗ ſpruch machen wollte, ſie bot ihm mit ſchmerzlichen Lächeln die Hand. Ich hoffe Sie bald in unſerm Hauſe wiederzuſehen,“ ſagte ſie mit herzlicher Wärme,„inzwiſchen bitte ich Sie, Ihren Vor⸗ ſatz auszuführen und recht fleißig an dem Portait zu arbeiten. Ich möchte mit demſelben meinen Papa überraſchen, weiß ich doch voraus, daß ich etwas außerordentlich Schönes, künſtleriſch Voll⸗ endetes erwarten darf. Ich ſcheide von Ihnen mit tiefer Trauer und, ich darf es wohl ſagen, mit ſchwerem Herzen, Sie ſtehen vor einer Klippe, die Ihren ganzen Mannesmuth erfordert, wenn Sie an ihr nicht ſcheitern ſollen. Aber ich vertraue auch mit feſter Zuverſicht darauf, daß Sie dieſen Muth zeigen und der drohenden Gefahr entgehen werden. Leben Sie wohl.“ Sie entfernte ſich raſch, als ob ſie ihre Bewegung ihm verbergen wolle, und im erſten Augenblick ſah er ihr betroffen nach, dann aber lachte er mit bitterem Hohne vor ſich hin, und bald darauf verließ auch er das Haus, um im Weine Vergeſſenheit zu ſuchen. ve ———— 9. Kapitel. e Viſſen und Gewiſſen. Friedrich Wortmann, der Verwalter des Barons von Oſthofen verließ die Wohnung der Frau Rodenberg mit ſehr gemiſchten Empfindungen. Er konnte nicht leugnen, daß er eine Niederlage erlitten hatte, und es war begreiflich, daß dieſe Niederlage ihn ärgerte, hatte er doch mit einiger Zuverſicht darauf gerechnet, daß Magdalena Rodenberg fortan ihr Geſchick ihm freudig anvertcauen werde. Er liebte die ſchöne Frau noch immer, aber es war nicht Liebe allein, was ihn zu dieſem S ritt bewogen haite, auch ſein ier. Stolz war dabei in's Spiel gekommen, ſeine Selbſtſucht, die über⸗ w haupt ſtets die Triebfeder ſeines Denkens und Handelns war. ul⸗ Um ſo empfindlicher berührte ihn die Ablehnung ſeines An⸗ trages, die ſeinen Trotz herausforderte. An niedrige Rache dachte er in dieſem Augenblick noch nicht, aber er war entſchloſſen, Alles aufzubieten, um das erſehnte Ziel zu erreichen. S Die Begegnung mit der Baroneſſe Klara vor dem Atelier des mit Malers nahm auch ſeine Gedanken in Anſpruch; dieſe Begegnung der mußte ihn nach dem, was zwiſchen dem Maler und Baron Bruno vorgefallen war, beſremden. ren Indeß über den Zweck dieſes Beſuches lange nachzudenken, dunn hatte er weder Zeit noch Luſt, ſeine eigenen Angelegenheiten ſtan⸗ rauf. den zu ſehr im Vordergrund, als daß er nicht über ſie alles An⸗ chen. dere hätte vergeſſen ſollen. In erſter Reihe war es die Erinnerung an ſeine letzte Unter⸗ redung mit dem Baron Edmund in London, was ihm immer wieder aor die Seele trat und ihn in hohem Grade beunruhigte. Er konnte es ſich nicht vergeben, daß er, der nüchterne Mann, an jenem Abend zuviel getrunken und dadurch es dem Baron ermög⸗ licht hatte, Geheimniſſe zu erſorſchen, die Niemand erfahren durfte. Es mußte ja befremden und Verdacht wecken, wenn Jemand erfuhr, daß er im Laufe weniger Jahre ein ſo großes Vermögen — 168— ſich erworben hatte, und daß Baron Edmund dies wußte, war dem u Verwalter außerordentlich drückend. 5. Zwar hatte der Baron einen Vergleich mit ihm geſchloſſen i und ihm verſprochen, unter gewiſſen Bedingungen ihn im ruhigen her Beſitz dieſes Vermögens zu laſſen, aber das Damoklesſchwert hing gu doch an einem ſeidenen Faden über ſeinem Haupte, und wenn dieſer Faden plötzlich riß, dann war er verloren. e Es unterlag keinem Zweifel, daß Baron Edmund es obſicht⸗ Un lich daranf angelegt hatte, ihn zu betäuben, und eben dieſe Ge⸗ gr wißheit gab dem Mißtrauen des Verwalters eine feſte Stütze. Er war überliſtet worden, das ließ ſich nicht leugnen, und es galt nur, dieſer Liſt mit Liſt zu begegnen, um dem Gegner die ſo gefährliche Waffe zu entreißen Friedrich Wortmann hatte ſchon im Augenblick jener Unter⸗ redung gewußt, daß der Friede, den der Baron mit ihm ſchloß, het nur ein ſcheinbarer Friede von kurzer Dauer ſein konnte, daß in ſortan ſein ganzes Streben dahin gerichtet ſein mußte, für den ern demnächſt wieder ausbrechenden Kampf ſich Wafſen zu verſchaffen. Ho Vor allen Dingen galt es, das Erworbene in Sicherheit zu bringen, damit er, wenn er in jenem Kampfe unterlag, nicht als ein Bettler daraus hervorging. ker Und jetzt ſtieg in ſeiner Seele zum erſten Male die Frage auf, für wen er denn eigentlich das viele Geld zuſammengeſcharrt, und welchen Genuß er ſelbſt davon habe? 5 Er hatte bisher vom Leben nie mehr gefordert, als das, was L es ihm in ſeinen beſcheidenen Verhältniſſen bot, er war damit zu⸗ frieden geweſen, jetzt aber erwachte plößlich das Verlangen in ihm, das Leben in anderer Weiſe zu genießen, nach jahrelanger Arbeit ei mit vollen Zügen den Freudenbecher zu leeren. R Und als dieſer Entſchluß in ihm reifte, erinnerte er ſich der g⸗ Jugendgeliebten. Sie ſollte dieſes freudenreiche Leben mit ihm theilen, an ihrer Seite hoffte er einen neuen Lebensfrühling zu L finden. m Ja, er liebte die ſchöne Frau noch immer trotz dem dunkeln Flecken, der auf ihrer Vergangenheit ruhte, er konnte ſie nicht vergeſſen, und es war gewiſſermaßen ein Triumph für ihn, wenn er jeßt noch ſie als ſeine Gattin heimführte. dem Sneeenee ⸗ Hinderniſſe, an denen die Erfüllung dieſes Wunſches ſcheitern konnte, ſah er nicht, der Sohn Magdalena's war ſelbſtſtändig und Helene hatte in dieſer Angelegenheit keine Stimme; wollte ſie den Bildhauer Waldſtern heirathen, ſo mochte ſie dem Drange ihres Herzens folgen, die Beiden mußten dann ſehen, wie ſie fertig wurden. Und brach dann der Kampf zwiſchen ihm und dem Majorats⸗ herrn, aus, ſo konnte er, wenn er die Niederlage vorausſah, ſein Amt niederlegen und mit ſeiner ſchönen Frau in irgend einer großen Stadt ein ſorgenfreies und genußreiches Leben führen. Die Ablehnung ſeines Antrages hatte nun freilich den ſchönen Plan durchkreuzt, aber der Verwalter war nicht der Mann, der ſo raſch ſich einſchüchtern und von der einmal betretenen Bahn ablenken ließ. Das Mißtrauen, welches er gegen den heimgekehrten Majorats⸗ herrn hegte, ſchien Baron Bruno zu theilen, vielleicht gewann er in ihm einen Verbündeten, der junge Herr war ja durch die un⸗ erwartetete Rückkehr des rechtmäßigen Erben um ſeine ſchönſten Hoffnungen betrogen worden. Auf Baron Udo durſte Wortmann nicht rechnen, er durfte einſtweilen noch nicht wagen, ſein Mißtrauen dieſem rechtlich den⸗ kenden Manne gegenüber zu äußern. Der Verwalter hatte, währrnd er raſch die Straßen durch⸗ wanderte, über dies Alles nachgedacht, er trat jetzt in ein elegantes Haus, deſſen prachtvolle innere Ausſtattung den Reichthum des Bewohners verrieth. Es war das Haus des Bankiers Auguſt Becker, eines in der That ſehr reichen Mannes, der ſich in allen geſellſchaftlichen Kreiſen eines ſoliden Rufes erfreute und an der Börſe wegen ſeincs Reichthums und ſeinen großartigen, ſtets glücklichen Unternehmun⸗ gen die höchſte Achtung genoß. Dielem reichen und ſoliden Manne würde Jeder ſein ganzes Vermögen ohne Bedenken anvertraut haben, und Friedrich Wort⸗ mann war jetzt auf dem Wege, dasſelbe zu thun. Durch zwei Büreaus, in denen die Buchhalter, Korreſponden⸗ ten und Lehrlinge arbeiteten, ſchritt er in das elegante Privat⸗ kabinet des Bankiers, welches durch zwei ondere Thüren mit dem Korridor und dem Kaſſenzimmer in Verbindung ſtand. — 170— Der kleine, korpulente Herr, der vor dem maſſiven, mit Brieſen und Papieren bedeckten Schreibtiſche ſaß, wandte ſich nur ſoweit um, daß er einen fragenden Blick auf den Eintretenden richten konnte, und da ihm die äußere Erſcheinung des Verwalters nicht viel zu verſprechen ſchien, hielt er es nicht der Mühe werth ſich von ſeinem Sitz zu erheben. „Mit wem habe ich die Ehre?“ fragte er kurz angebunden. „Mein Name iſt Friedrich Wortmann, Verwalter der Majo⸗ ratsherrſchaft von Oſthofen.“ „Hinter der goldenen Brille des Bankiers leuchtete es auf, er lud mit einem herablaſſenden Wink den Verwalter ein, Platz zu nehmen. „Ich komme in einer perſönlichen Angelegenheit zu Ihnen“, fuhr der Verwalter fort, nachdem er der Einladung Folge geleiſtet hatte,„ich hoffe, daß die Bitte, die ich an Sie richten möchte, keine vergebliche ſein wird.“ „Laſſen Sie hören“, nickte der corpulente Herr. „Es wird Ihnen nicht unbekannt ſein, daß durch die Rückkehr des lange verſchollenen Majoratsherrn die Verhältniſſe in Oſt⸗ hofen ſich geändert haben, und ebenſo werden Sie es begreiflich finden, daß ich unter ſolchen Umſtänden meine Zukunft ſicher zu ſtellen wünſche. Ich kann nicht voraus wiſſen, welche Stellung der neue Majoratsherr mir gegenüber nehmen wird, ich war der treueſte Diener ſeines Bruders und werde das auch bleiben, ſo lange ich es vermag. „Recht ſo!“ ſagte der Bankier.„Ich billige dieſen Vorſatz vollkommmen“. „Eben dies könnte aber den neuen Majoratsherrn veranlaſſen, mich zu beſeitigen, und da ſein Bruder mir die Verwaltung des Majoratsgutes bis zu meinem Lebensende, eventuell bis zu meiner totalen Arbeitsunfähigkeit zugeſagt hat, ſo müßte die Beſeitigung auf Umwegen erreicht zu werden——“ „Ich verſtehe“, unterbrach der Bankier ihn ungeduldig,“ Sie fürchten eine Entlaſſung—“ „Die durch Machinationen herbeigeführt werden könnte“, er⸗ gänzte Wortmann.„Es iſt ja ſo ſehr leicht, einen Beamten, der volles Vertrauen fordern muß, zu verdächtigen. Und überdies kann ich nicht wiſſen, ob der Majoratsherr nicht drüben einem ron nit hoh eröt, tul wir Nie Fu un 171— it 6 ſeiner Freunde den Verwalterpoſten bereits verſprochen hat. Ba⸗ nden ron Edmund hat ein ſehr unſtätes Leben geführt und er mag da let mit manchem intriguanten Menſchen bekaunt geworden ſein. Nun eri habe ich vor einigen Jahren eine nicht unbedeutende Summe ge⸗ 2 erbt, zu der ich meine Erſparniſſe hinzufügte, um das ganze Kapi⸗ t tal in ſicheren Werthpapieren anzulegen. Dieſe Papiere haben 3 mir manche unruhige Stunde bereitet, und nur der Gedanke, daß Niemand von meinem Reichthum Kenntniß habe, konnte meine Furcht ver Dieben und Einbrechern in etwa beſeitigen. Nun aber unter den veränderten Verhältniſſen halte ich es doch für rathſam . die Papiere aus meinem Hauſe zu entfernen und ſie an einem vie Orte zu deponiren, an welchem Niemand ſie ſucht. Würden Sie dieſen Depoſitum übernehmen?“ eiſtet„In welcher Weiſe und unter welchen Bedingungen?“ fregte hte, der Bankier ruhig. „Die Beantwortung dieſer Frage will ich Ihnen allein über⸗ laſſen, ich verlange nichts weiter als Verſchwiegenheit. Es wäre — mir zu unangenehm, wenn Jemand erführe, daß ich ein ſo großes S Vermögen beſitze, dies würde, trotzdem ich das Geld ehrlich, durch ifich einen Glücksfall, erworben habe, zu Verdächtigungen Veranlaſſung rzu geben, und es iſt immer beſſer, wenn man ſolche Veranlaſſung lung* vermeidet.“ det 5 Der Blick des corpulenten Herrn ruhte erwartungsvoll auf dem n, ſo hageren Geſicht des Verwalter, es ſpiegelte ſich doch ein leiſes Mißtrauen in ihm.* orſatz„Wie groß iſt die Summe?“ frugte er. „Sechszigtauſend Thaler“ aſſen,„In ſicheren Papieren ſind ſie angelegt?“ g des„Jawohl“ erwiderte Wortmann, während er ein umfangreiches neiner Packet aus der Rocktaſche zog. gung„Es verſteht ſich von ſelbſt, daß von dieſem Depoſitium Nie⸗ 6 mand etwas erfahren wird, außer meinem Kaſſirer und meinem Sie erſten Buchhalter“, ſagte der Bankier ruhig,„und für die Ver⸗ ſchwiegenheit dieſer beiden Herren kann ich bürgen. Sie müſſen et⸗ 1 mir aber die Papiere bedingungslos anvertraueu, das heißt, Sie , der müſſen mir Vollmacht geben, dieſe Papiere verſilbern zu dürfen, erdies wenn ich es in Ihrem Intereſſe nothwendig erachte. Ich verlange einen volles Vertrauen, denn mit der Uebernahme dieſes Depoſitums — 172— übernehme ich auch die Verwaltung deſſelben und zugleich eine Ver⸗ antwortung, über die ich niemals leicht hinweggehe. Für meine Bemühungen berechne ich eine geringe Proviſion und ſo lange die Papiere in meinen Händen ſind, können Sie an den beſtimmten Terminen die Coupons oder deren Betrag hier in Empfang neh⸗ men. Sind Sie damit einverſtanden?“ „Vollkommen, und ich danke Ihnen für die Bereitwilligkeit—“ „Laſſen wir das, es iſt ja nichts weiter als eine Geſchäfts⸗ ſache. Die Rückgabe des Depoſitums erfolgt nur gegen Rückgabe des Scheines, den ich Ihnen ausſtellen werde—“ „Und nur an mich perſönlich!“ „Wenn Sie dies wünſchen, ſo habe ich dagegen nichts einzu⸗ wenden. Wie aber ſoll es im Falle Ihres Todes gehalten werden?“ Dieſe Frage ſchien den Verwalter unangenehm zu berühren, er, der das Leben noch mit vollen Zügen genießen wollte, war nicht gerne daran erinnert, daß auch ihm einſt die letzte Stunde ſchlagen mußte. „Für dieſen Fall wird mein Teſtament maßgebend ſein“, er⸗ widerte er. „Und wenn der Tod Sie plötzlich übrraſchen ſollte? Dieſer Fall kann ja auch eintreten.“ „Dann wird das Depoſitum Eigenthum meiner geſetzlich berech⸗ tigten Erben.“ Der Bankier nickte zuſtimmend und legte einen Bogen Papier zurecht, um den Empfangsſchein auszufertigen. Der neue Majoratsherr iſt noch kein alter Mann?“ fragte er. „Er kann ſechsundvierzig Jahre zählen.“ „Glauben Sie, daß die beiden Brüder ſich in Güte und Frie⸗ den einigen werden?“ „Ich habe bis jetzt noch keinen Anlaß, daran zu zweifeln.“ „Baron Udo von Oſthofen und ſeine Familie werden das Gut verlaſſen?“ „Einſtweilen noch nicht, aber ich denke mir, daß es ihnen auf die Dauer peinlich werden muß in einem Hauſe, welches ſie ſo lange als ihr Eigenthum betrachteten, fortan nur noch geouldet zu ſein, und dann wird der Bruch erfolgen, er kann nach meinem Dafürhalten nicht ausbleiben. Baron Edmund hat allerdings die Aeußerung fallen laſſen, er ſei geneigt, das Wajorat ſeinem Bru⸗ — — Ver⸗ neine e die nten neh⸗ fts⸗ gahe inzu⸗ end hren, war unde wiet te er. Frie⸗ Gut auf ie ſo et zu einem s die — — — der zu übertragen, aber geſetzlich iſt das unzuläſſig. Das Majo⸗ rat geht ſtets auf den älteſten Nachkommen des älteſten Stammes über, Baron Edmund könnte wohl für ſeine eigene Perſon verzich⸗ ten, nicht aber für ſeine Nachkommen. Es iſt ja immerhin mög⸗ lich, daß er zu einer zweiten Ehe ſchreitet, und daß aus dieſer Ehe Söhne hervorgehen, dieſe Söhne würden die rechtmäßigen Erben des Majorats ſein und nach dem Tode ihres Vaters auf dieſes Erbe Anſpruch erheben.“ Der corpulente Herr hatte den Schein geſchrieben, er war in Nachdenken verſunken. „Zudem glaube ich auch nicht, daß Varon Edmund bei dieſem Vorhaben beharren wird“, fuhr Wortmann nach einer Pauſe fort, „er wird ſich nicht wohl entſchließen können, von der glänzenden Höhe herunterzuſteigen, auf der er jetzt ſteht. Er hat jene Aeuße⸗ rung fallen laſſen, um ſeinem Bruder den Sturz von dieſer Höhe weniger ſichtbar zu machen, ich lege gar keinen Werth auf ſie.“ „Ich glaube, Sie haben Recht“, erwiderte der Bankier, wäh⸗ rend er dem Verwalter das Document überreichte,„derartige Aeu⸗ ßerungen ſind in der Regel ſchon im nächſten Augenblick wieder⸗ vergeſſen. Ließe ſich nicht eine Geſchäftsverbindung mit dem Ma⸗ ioratsherrn von Oſthofen anknüpfen?“ Der Verwalter blickte den Fragenden befremdet an. „Wünſchen Sie dieſelbe?“ fragte er. „Weßhalb nicht?“ antwortete der corpulente Herr achſelzuckend und ein bedeutungsvolles Lächeln umſpielte dabei ſeine Lippen. „Nicht des möglichen Gewin ns, ſondern einzig und allein der Ehre wegen. Ich würde ſtolz d arauf ſein, wenn der Name des Majo⸗ ratsherrn von Oſthofen in meinem Hauptbuche verzeichnet ſtände, und können Sie dieſe Verbindung ermöglichen, ſo werden Sie mich dadurch zu großem Dank verpflichten.“ „Zu ermöglichen wäre das vielleicht—“ „Nun wohl, dann will ich mich der Hoffnung hingeben, daß durch Ihre Vermittlung mein Wunſch erfüllt wird. Darf ich dieſe Hoffnung hegen?“ „Ich werde Alles thun, was in meinen Kräften ſteht, aber ich verlaſſe mich feſt darauf, daß der Herr Varon von meinem Depoſitum nichts erfährt.“. — 174— „Ich habe Ihnen mein Wort verpfändet, dieſe Bürgſchaft möge Ihnen genügen!“ Der Verwalter hatte den Empfangſchein in ſein Portefeuille gelegt, er erhob ſich. „Sobald ſich eine paſſende Gelegenheit findet, werde ich mit dem Herrn Baron reden,“ ſagte er, ich danke Ihnen nochmals für Ihre Bereitwilligkeit.“ Er verließ daz Haus mit leichterem Herzen, ſein Vermögen war ihm nun geſichert, mochte jetzt auch kommen, was wollte, er konnte ruhiger dem gefürchteten Kampfe entgegenſehen, die Sorge um das Geld drückte ihn nicht mehr. Langſam, mit den behäbigen Schritten eines Mannes, der ſein Schäfchen im Trockenen hat, wanderte er durch die Straßen, jenem Stadtviertel zuſchreitend, in welchem vorzugsweiſe die ärmere Klaſſe wohnte. Es waren unſaubere Straßen und Gaſſen, die jetzt ſein Fuß betrat, in jeglicher Geſtalt traten Armuth, Elend und Vorkommen⸗ heit ihm entgegen, und wohin er den Blick auch richten mochte, nirgend fand er einen erfreulichen Ruhepunkt. Die Armuth und das Laſter hatten hier eine Zufluchtsſtätte gefunden, in der ſie vor neugierigen Blicken geſichert waren, in der ſie ſogar dem Arm des Geſetzes Trotz bieten konnetn, wenn ſie Geſetzwidriges beganzen hatten. Das Haus, in veiches Wortmann eintrat, glich einer Kaſerne die Treppen ware ſchmal und ſteil, die Gänge eng und finſter, die Wände feucht und ſchmutzig und von einer urſprünglichen Farbe, die Manern und Holzwerk doch gehabt haben mußten, nichts mehr zu entdeden. Der Verwalter ſtieg mehrere Treppen hinauf und blieb von Zeit zu Zeit ſtehen, um Athem zu ſchöpfen, es war eine beſchwer⸗ liche Wanderung, und er athmete lief auf, als er endlich am Ziele derſelben angelangt war. Leiſe pochte er an die Thüre, hinter der man gleich darauf ſchlürfende Schritte vernahm, und als die Thüre nun geöffnet wurde, ſtand Wortmann demſelben Manne gegenüber, den Baron udo ſeinem Bruder auf der Fahrt nach Oſthofen gezeigt hatte. Theodor Hurter, der ehemalige Hofmeiſter des Baron Edmund war eine kleine, ſchmächtige, von der Laſt der Jahre und der feuile ch mit hmals nögen l, er Sorge er ſein jenen eKlaſe nFiß mme mochte, tsſtätte en, in wenn Kaſeine finſtet, glichen mußlen, ieb von eſchwer⸗ m Ziele darauf — — Sorgen gebeugte Geſtalt, aber wenn auch die breite, von einem dünnen Kranz ſilberweißer Haare umſäumte Glatze und die un⸗ zähligen Runzeln in ſeinem Geſicht auf ein hohes Alter deuteten ſo verriethen doch die lebhaft blitzenden, ſtechenden Augen mit ihrem durchdringenden, intriguanten Blick, daß in dieſer morſchen Hülle noch ein reger Geiſt wohnte, der an Allem, was um ihn vorging, lebendigen An'heil nahm und baßei ſtets auf den eigenen Vortheil bedacht war. Sein Anzug war ſo dürftig und fadenſcheinig, und die ärm⸗ liche Ausſtattung der unſauberen Dachkammer machte auch keinen erfreulichen Eindruck, ſie harmonirte ganz mit der äußeren Er⸗ ſcheinung ihres Bewohners, der den Verwalter anſtarrte, als ob vlötzlich ein Geſpenſt vor ihm aufgeſtiegen ſei. „Was wollen Sie denn hier?“ fragte er, und ſein Geſicht nahm jetzt einen tückiſchen, lauernden Ausdruck an.„Erinnert man ſich endlich in Oſchofen der Verpflichtungen, die man mir ſchuldet? Undank iſt von ieher der Welt Lohn geweſen, aber ſo ſcharf wie an mir iſt dieſe 8 Sprüchwort ſelten illuſtrirt worden.“ Friedrich Wortmänn war unterdeſſen eingetreten, er hatte den Hut auf den Tiſch gelegt und mit einem prüfenden Blick ſich un⸗ geſchaut. „Wenn Sie ehrlich ſein wollen, ſo müſſen Sie zugeben, daß Sie kein Recht haben, von Undank zu reden,“ erwiderte er, Baron Udo hatte wahrlich keine Veranlaſſung ſich einer Ver⸗ pflichlung gegen Sie zu erinnern. Aber wir wollen die Ver⸗ gangenheit ruhen laſſen, Sie wiſſen ja ſelbſt, wie Baron Udo arüber denkt.“ „Er hat mich verkannt, vielleicht abſichtlich, weil es ihm läſtig und drückend war—“ „Laſſen wir das,“ ſiel der Verwalter ihm in's Wort, während er auf einem Stuhle Platz nahm,„Sie mi üſſen ja ſelbſt fühlen, daß Sie kein gutes Andenken in Oſthofen hinterlaſſen haben.“ „Bei Udo nicht,“ erwiderte Hurter,„er hat immer einen ſchlechten Charalkter bewieſen, aber Edmund wußte, was er an mir hatte. Ich weiß, er iſt zurückgekehrt, vielleicht ſendet er Sie zu mir.“ Der lauernde Blick ruhte mit fieberhafter S pannung äuf den Verwalter, er las ſofort in den Zügen deſſelben, daß er das Richtige errathen hatte. „Ich komme allerdings in ſeinem Auftrage,“ erwiderte Wor mann, aber Sie irren doch, wenn Sie glauben, daß Baron Ed mund Ihnen goldene Berge bieten werde. Er hat ſich Ihrer kaum noch crinnert, dennoch will er Sie unterſtützen, wenn Sie ſich bereit erklären, gewiſſe Bedingungen zu erfüllen.“ „Bedingungen?“ fragte Hurter ſcharf.„Welcher Art ſind ſie?“ „Daß Sie mit dem, was Ihnen gebolen wird, zufrieden ſind und daß Sie keinen Verſuch uchen, dem Majoratsherrn durch chriftliche oder mündliche Bitten läſtig zu fallen. Sie dürfen ſich in Oſthofen nicht ſehen laſſen, übertreten Sie dieſe Bedingung, ſo verſcherzen Sie dadurch die Gunſt des Barons und den An⸗ ſpruch auf weitere Unterſtützung.“ „Dieſe Bedingung finde ich außerordentlich ſeltſam,“ ſagte der ehemalige Hofmeiſter, aus deſſen halb geſchloſſenen Augen ein tückiſcher Blick ſchoß,„weßhalb ſtellt ſie der Baron 2“ Der Verwalter zuckte bedauernd die Achſeln. „Ich weiß das nich“, erwiderte er,„Baron Edmund hat mich nicht zum Vertrauten ſeiner Geheimniſſe gemacht.“ 2* „Seiner Geheimniſſe? Welche könnte er haben? Glauben Sie, t= — daß es gefährliche Geheimniſſe ſind?“ Die Stimme Hurters klang ſcharf und ſchneidend, Wortmann blickte ihn überraſcht an, er errieth, daß dieſer Frage eine beſon⸗ dere Abſicht zu Grunde lag. „Ich kann Ihnen darüber nichts ſagen,“ entgegnete er,„vielleicht finden Sie ſelbſt eine Antwort auf dieſe Frage, wenn Sie dem Majoratsherrn begegnen. Ich will Sie nicht dazu ermuthigen, venn wie ich Ihnen ſchon ſagte, dürfte in Oſthofen kein freund⸗ licher Empfang Sie erwarten, Sie müſſen eine ſolche Begegnung anſcheinend zufällig herbeizuführen ſuchen, und vor allen Dingen verrathen Sie mich nicht.“* Der alte Mann wiegte das Haupt, er beobachtete verſtohlen die Züge des Verwalters. „Ich glaube, Sie wiſſen mehr, als Sie mir verrathen wollen,“ ſagte er mit gedämpfter Stimme. Ich? Was ſoll ich wiſſen. Ich bin in früheren Jahren ſelten mit Baron Edmund zuſammengekommen, ich habe keine Berechti⸗ erimann e beſon⸗ vielleicht Sie dem nuthigen, freund⸗ egegnung Dingen erſtohlen wollen,“ ren ſelten Berechti⸗ — 177— gung, mir ein Urtheil über ihn anzumaßen. Ich rathe Ihnen auch durchaus nicht, nach Oſthofen zu kommen, im Gegentheil, Sie können nichts Beſſeres thun, als ſich mit der Unterſtützung, die Baron Edmund Ihnen ausſetzt zu begnügen.“ Der ehemalige Hofmeiſter hatte die Arme auf der Bruſt ver⸗ ſchränkt, er wanderte mit langſamen Schritten auf und nieder. „Und wie viel beträgt dieſe Unterſtützung“ fragte er. „Zehn Thaler monatlich.“ „Alſo zehn Groſchen täglich! erwiderte Hurter mit bitterem Spott.„Und dieſes Almoſen bietet man einem Manne, der auf mehreren Univerſitäten ſtudirt und ſein ganzes Leben geiſtiger Arbeit gewidmet hat! Ich begreife wirklich nicht, wie man mir dieſes Anerbieten machen kann.“ „Hundertzwanzig Thaler jährlich,“ ſagte der Verwalter mit ſcharfer Betonung,„und es wird dafür keine Arbeit von Ihnen verlangt. Es muß Ihnen in den letzten Jahren ſchlecht ergangen haben, deshalb meine ich, konnten Sie für dieſes Anerbieten doppelt dankbar ſein. Wollen Sie es ein Almoſen oder eine Pen⸗ ſion nennen, an dem Namen liegt weiter nichts, aber ich würde Ihnen rathen, es anzunehmen.“ Hurter war ſtehen geblieben, er ſtrich mit der mageren Hand über ſeine gefurchte Stirn, und ein ſchwerer Seufzer entrang ſich ſeinen Lippen. „Daß weiß Gott, wie ſchwer es mir geworden iſt, mein arm⸗ ſeliges Daſein zu friſten,“ erwiderte er,„aber ich habe es mög⸗ lich gemacht, ohne zu betteln. Der alte Baron hatte mir eine Penſion zugeſagt, aber als Baron Edmund mit ſeinem Vater brach da wollte der letztere auch von mir nichts mehr wiſſen. Ich ſollte an dem Leichtſinn ſeines Sohnes Schuld tragen, und doch war dieſer Vorwurf ſo ungerecht, daß ich mich nicht einmal gegen ihn vertheidigen mochte. Die Herren von Oſthofen haben mich ſchlimmer behandelt wie einen Hund,“ fuhr er, ſich ereifernd fort, „ſie haben mich benutzt, ſo lange es in ihrem Interreſſe lag und dann mich auf die Straße geworfen. Als junger, thatkräftiger Mann trat ich in ihre Dienſte, auf das Verſprechen bauend, wel⸗ ches mir eine geſicherte Exiſtenz bis an das Ende meines Lebens verhieß, und als ich entlaſſen wurde, da war ich zu alt gewor⸗ Der Baſtard. 12 — 178— den, um die frühere Laufbahn wieder zu betrelen. Hätte ich dieſe Laufbahn nicht verlaſſen, ſo wäre ich binnen einigen Jahren Pro⸗ feſſor an einer Univerſität geworden.“ „Dann wunderts mich, daß Sie Hofmeiſter wurden,“ ſagte der Verwalter ironiſch. „Ich zog das Sichere dem Unſichern vor, und wie geſagt, ich baute dabei auf das Verſprechen des Barons, der ſich ſpäter deſſen nicht mehr erinnern wollte. Baron Edmund mußte es für ſeine Pflicht halten, dieſes Verſprechen einzulöſen, aber mit zehn Groſchen kann mir wenig oder gar nicht gedient ſein.“ „Sagen Sie das dem Majoratsherrn ſelbſt.“ „Ich werde es thun,“ nickte der alte Mann.„Ich werde ſeinem Verbot trotzen und ihn aufſuchen, mag er dann auch dieſes Almoſen mir entziehen! Ich habe Stunden gegeben und Demüthigungen ſchweigend hingenommen, um mir trockenes Brod zu verſchaffen, ich bin an dieſes Hundeleben gewöhnt, und mein Mannesſtolz würde ſich dagegen empören, von denjenigen Almoſen zu nehmen, von denen ich eine Penſion zu fordern berechtigt bin.“ Noch immer umſpielte das ironiſche Lächeln die Lippen des Verwalters, ihm mochte dieſer Stolz lächerlich erſcheinen, Hurter dachte über dieſen Punkt anders. „Ich bin hier im Auftrage des Majoratsherrn,“ ſagte er, „ich habe meinen Auſtrag erfüllt, und muß es nun Ihnen über⸗ laſſen, was Sie thun wollen. Ich ſtehe nicht auf ſeiner und nicht auf Ihrer Seite, für mich hat dieſe Angelegenheit gar kein Intereſſe, aber es wäre möglich, daß mein Intereſſe geweckt wer⸗ den könnte.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Nichts weiter, als daß es mir nicht gleichgültig ſein kann, weſſen Befehl ich gehorchen muß; verſtehen Sie das?, „Nicht ganz,“ erwiderte Hurter kopfſchüttelnd. „Vielleicht wird Ihnen nach Ihrer Begegnung mit dem Baron der Sinn meiner Worte klar. Welches Reſultat dieſe Vegegnung auch haben mag, wollen Sie es mir mittheilen?, „Zu welchem Zweck?“ „Vielleicht kann ich Sie mit Rath und That unterſtützen“ „Darf ich annehmen, daß Sie mir einen ehrlichen, aufrichtigen Nath geben werden?“ ſ Bal run ich 3 ſpr ren Pro⸗ . „ſagte geſagt, ſpäter für uit hn ſh werhe unn auch hen und es Brod und wein Anoſen tiyt bi.⸗ pen des „Hurter ſagte er, nen über⸗ iner und gar kein veckt wer⸗ ſein kann, m Baton egegnung üten“ ufrichtigen Hurter blickte eine Weile gedankenvoll vor ſich hin. „Ich nehme das Geld, weil ich's augenblicklich nöthig habe,“ ſagte er nach einer Pauſe,„aber ich behalte mir vor, es dem Baron zurück zu erſtatten, wenn er nicht meiner gerechten Forde⸗ rung Gehör ſchenkt.“ „Ganz nach Ihrem Belieben! Nur möchte ich Ihnen rathen, nicht gleich zu ſchroff aufzutreten. Welche Gedanken auch in Ihnen aufſteigen mögen, bedenken Sie jedes Wort, ehe Sie es ſprechen, ein einziges übereiltes Wort, kann dem Gegner eine vernichtende Waffe liefern. Mit mir könnnen Sie reden, weil Sie denken, ich werde nichts verrathen, aber dieſelbe Verſchwiegenheit verlange ich von Ihnen in Bezug auf Alles, was ich Ihnen ge⸗ ſagt habe. Vergeſſen Sie nicht, daß es ſich hier nicht um mein, ſondern um Ihr Intereſſe handelt. Wann wollen Sie nach Oſt⸗ hofen kommen?“ „Vielleicht heute noch.“ „65 iſt beſſer, Sie warten noch einige Tage, der Baron iſt von den Strapatzen der Reiſe noch nervös angegriffen, nach eini⸗ gen Tagen werden ſeine Nerven ſich wohl beruhigt haben.“ „Gut, ich werde warten,“ nickte der alte Mann, und der Ver⸗ walter verließ jetzt die Dachkammer, um den Rückweg nach Oſt⸗ hofen anzutreten. Friedrich Wortmann hatte das Geld in harten Thalern auf den Tiſch gezählt, und der Eifer, mit welchem der ehemalige Hof⸗ meiſter jetzt dieſe Thaler zuſammenſcharrte und in ſeine Taſche ſteckte, verrieth deutlich, wie außerordenlich angenehm dieſes„Al⸗ moſen“ ihm war. Der alte Mann mochte wohl ſeit langer Zeit eine ſolche Sum⸗ me nicht beſeſſen haben, und wenn er ſie auch als ein Al⸗ moſen betrachtete, ſo ſchien ihm ſein Mannesſtolz trotz ſeiner gegentheiligen Verſicherung die Annahme desſelben doch zu er⸗ lauben. Er brummte einige unverſtändliche Worte vor ſich hin und bedeckte ſein kahles Haupt mit einem fuchſigen Cylinderhut, dann vevließ auch er das Haus. Es war ſeine Abſicht, heute einmal ſeinem ausgehungerten Magen ein beſſeres Mittagsbrod anzubieten, um ihn für die vielen 12* — 180— Entbehrungen zu entſchädigen, und in dieſer Abſicht trat er in eine Reſitauration, die er in früheren Jahren oft beſucht hatte. Eine luſtige, lärmende Geſellſchaft empfing ihn. Das war früher anders geweſen, er hatte hier immer Ruhe und ein ſtilles trauliches Plätzchen gefunden. Wie raſch ſich doch Alles änderte! Der alte Mann bedachte nicht, daß auch er im Laufe der Jahre ſich geändert hatte, daß er alt geworden war, und daß das Alter ſich nach Ruhe ſehnt. Er wollte Anfangs zurücktreten, aber die Erinnerung an die vortrefflichen Mahlzeiten, die er hier gehalten hatte, war ein zu ſtarker Magnet, er nahm an einem Seitentiſche Platz und forderte die Speiſekarte. Nachdem dieſes Geſchäft verrichtet war, ließ er den Blick prü⸗ fend über die Anweſenden ſchweifen. Er kannte nur einen von dieſen, den Waler Robert Auerbach, er hatte ihn freilich lange nicht geſehen, aber er erkannte ihn ſofort wieder. Und wer war der andere, ſchlanke, junge Herr, der neben Auerbach ſaß? Wie gebannt hing ſein Blick an ihm, und von Zeit zu Zeit ſchüttelte er den Kopf mit einer Miene, als ob er andeuten wolle, daß ein dunkles Räthſel ihn beſchäftige, deſſen Löſung er nicht finden könne. Der junge Herr trank haſtig und viel, er ſelbſt war ſehr ſchweigſam und dieſe Schweigſamkeit bildete einen ſcharfen Gegen⸗ ſatz zu der Heiterkeit, dem Scherzen und Lachen ſeiner Umgebung. Nur dann und wann, wenn er das Haupt erhob, zuckte ein flam⸗ mender Blitz aus ſeinen glühenden Augen, finſtre unheimliche Ge⸗ danken ſchienen ihn zu beſchäſtigen, und gar oft ruhte der Blick Auerbachs voll ernſter Beſorgniß auf ihm. Jetzt bemerkte der Maler den ehemaligen Hofmeiſter, er nickte ihm vertraulich zu, und einige Minuten ſpäter erhob er ſich, um ſich eine Weile zu dem alten Manne zu ſetzen. „Sie leben alſo auch noch?“ fragte er in ſcherzendem Tone. „Es geht Ihnen, wie mir, Unkraut vergeht nicht, und in ſchlimmen Tagen iſt das immer ein Troſt.“ 1„Für mich nicht,“ erwiderte Hurter achſelzuckend, dem der Kellner eben die verlangten Speiſen brachte. 9 em iel mit län t er in utte. 8 wer ſtilles edachte chut. ein zu r ſehr Gegen⸗ ebung. n flam⸗ t Blic m der —— — 181— „Pah, das Leben iſt ſchön, ſelbſt dann noch, wenn man kei⸗ nen Groſchen in der Taſche hat!“ „Wenn man ſo glücklich iſt, den Druck der Sorgen nicht zu empfinden, dann allerdings—“ „Wer wird denn ſo thöricht ſein, ſich Sorgen zu machen!“ fiel Auerbach ihm in's Wort, während er die lange graue Mähne mit einer energiſchen Kopfbewegung zurückwarf.„Ich habe das längſt verlernt. Wer mich tritt, den trete ich wie der, und wenn ich nichts habe, dann borge ich. Mögen meine Gläubiger ſich um das Geld, welches ſie mir geliehen haben, Sorgen machen, ich thue es nicht, wüßte auch nicht, warum! Der alte Mann hatte keine Zeit, aufzublicken, jedenfalls wäre ſein Blick ſo ſartaſtiſch geweſen, wie das Zucken ſeiner Mand⸗ winkel. „Arbeiten wäre ehrenvoller,“ ſagte er. „Arbeiten?“ erwiderte Auerbach.„Für wen ſoll ich denn arbeiten? Für mich allein? Und nachher jedem Stümper und Ignoranten das Recht einräumen, meine Arbeit zu kritiſiren? Soll mir nicht einfallen!“ Es gab eine Zeit, in der Sie die Kritik nicht zu ſürchten brauchten.“ „Und es gab eine Zeit, in der Sie recht hochmüthig auf die Menſchheit hinabſahen, in der für Sie die Menſchen erſt bei dem Baron anfingen. Tempi passati, altes Haus, das Alte ſtürzt, es ändert ſich die Zeit, und neues Leben blüht aus den Ruinen!“ „Sie ſchwatzen in den Tag hinein und verſtehen vielleicht ſelbſt den Unſinn nicht,“ ſagte Hurter ärgerlich.„Daß ich auf keinen grünen Zweig gekommen bin, iſt meine Schuld nicht, Sie aber hatten Ihr ſchönes Talent—“ „Bitte keine moraliſche Vorleſung, der auf mich abgeſchoſſene Pfeil könnte auf Sie zurückfallen! Ich habe redlich geſtrebt, aber wenn dem Menſchen Steine in den Weg geworfen werden, über die er nicht hinüber kann, dann erlahmt die Thatkraft, und vor— züglich dann, wenn die Bosheit grinſend auf den Steinen hockt und den Strebenden mit ihrem Hohn überſchüttet. Weiter mag ich mich darüber nicht auslaſſen, ich habe mich in mein Loos ge⸗ funden und fühle mich ſehr wohl dabei.“ „Mag ſein, man wird ja zuletzt gegen Alles abgeſtumpft,“ 182 erwiderte Hurter,„aber ſagen Sie mir doch, wer iſt der junge Herr, der ſoeben neben Ihnen ſaß?“ „Sie kenuen ihn nicht?“ fragte Auerbach erſtaunt.„Aber freilich, Sie werden die Kunſtausſtellung ſchwerlich beſucht haben. Jener Herr iſt der Maler Willy Rodenberg, deſſen Gemälde mit dem erſten Preiſe gekrönt worden iſt. Mein ſpecieller Freund, und ich darf wohl mit gerechtem Stolz hinzufügen: mein Schüler!“ „Willy Rodenberg!“ wiederholte Hurter ſinnend.„Haben Sie den Baron Udo von Oſthofen in ſeiner Jugend gekannt?“ „Perſönlich nicht, wohl aber von Anſehen.“ „Dann frage ich Sie, hatte er damals nicht eine überraſchende Aehnlichkeit mit dieſem Maler?“ Auecbach blickte den Fragenden im erſten Moment befremdet an, dann lachte er hell auf. „Keine Idee“ erwiderte er. Wie kommen Sie nur auf dieſen Gedanken?“ „Die Aehnlichkeit fiel mir auf.“ „Thorheit! Wie können Sie dieſen Vergleich jetzt noch an⸗ ſtellen wollen, nachdem der Baron ein alter Mann geworden iſt? So ſcharf wird das Bild deſſelben aus der damaligen Zeit Ihrem Gedächtniß ſchwerlich eingeprägt ſein. Uebrigens habe ich oft die Erfahrung gemacht, daß zwei Perſonen, die einander in jeder Be⸗ ziehung fern ſtehen, eine gewiſſe Aehnlichkeit in ihrer äußeren Er⸗ ſcheinung haben können.“ Ich gebe das gerne zu, aber wie geſagt, mir iſt die Aehn⸗ lichkeit ſofort aufgefallen.“ „Und ich ſage Ihnen nochmals, daß ich dieſe Aehnlichkeit mit aller Entſchiedenheit beſtreite,“ erwiderte Auerbach,„mir werden Sie doch auch ein richtiges Urtheil zutrauen.“ „Der Blick Hurters heftete ſich noch einmal prüfend auf Willy der ſein Glas haſtig austrank und darauf ſich erhob. Auerbach wollte ebenfalls aufſtehen, aber Willy ſtand ſchon hinter ihm und legte die Hand ſchwer auf die Schulter des Freundes. „Ich gehe nach Hauſe,“ ſagte der junge Mann mit unſicherer Stimme. „Warte einen Augenblick, ich gehe mit,“ erwiderte Auerbach. ein, nein, ich will allein ſein, auf Wiederſehen heute Abend.“ — ſah hin ſchende frendet dieſen och an⸗ en iſt? Ihrem oſt die er Be⸗ ten Er⸗ ehn⸗ keit mit werden f Wily d ſchon er des ſicherer uerhach. Abend.“ — 183— „Er eilte hinaus, Auerbach blickte ihm kopſſchüttelnd nach. „Der ſcheint in jeder Beziehung ſeinem Meiſter nachzueifern,“ ſagte Hurter mit ſchneidender Ironie.„Erwähnten Sie nicht vor⸗ hin, daß er Ihr Schüler ſei?“ „Ihre Vorauſetzungen ſind nicht ganz richtig,“ erwiderte Auerbach. „Wollen Sie leugnen, daß er zuviel getrunken hat?“ „Durchaus nicht, aber das wird Ihnen auch ſchon paſſirt ſein. Jeder brave Mann muß einmal einen Rauſch gehabt haben, wie es im Liede heißt.“ „Aber wenn der Rauſch zur Gewohnheit wird—“ „Dann iſt's allerdings eine ſchlimme Sache, indeß fürchte ich das bei meinem Freunde nicht. Ein augenblicklicher Aerger kann auch den Beſten einmal ſeine ſoliden Vorſätze vergeſſen laſſen, deßhalb darf man nicht gleich den Stab über ihn brechen. Sie werden jetzt wohl auch wieder beſſere Tage erleben,“ fuhr Auer⸗ bach fort, offenbar in der Abſicht, dem Geſpräch eine andere Wen⸗ dung zu geben,„Baron Edmund iſt ja aus ſeiner Verſchollenheit plötzlich wieder aufgetaucht und in das Haus ſeiner Väter zurück⸗ gekehrt—“ „Und da meinen Sie, mein Himmel müſſe ſofort voller Baß⸗ geigen hängen?“ „Das gerade nicht, aber der Baron wird ſich gewiß ſeines Mentors erinnern—“ „Vielleicht nur deßhalb, um ihm ein Almoſen anzubieten!“ ſagte Hurter die Brauen finſter zuſammenziehend.„So tief bin ich noch nicht geſunken.“ „Nur nicht gleich zu hoch hinaus,“ ſpottete der Maler.„Ich habe den Baron bereits geſehen und mit ihm geſprochen, von ſeinen hochmüthigen, ariſtokratiſchen Geſinnungen ſcheint er drüben nichts verloren zu haben, und mit ſolchen Herren iſt nicht gut Kirſchen eſſen, das werden Sie aus alter Erfahrung wiſſen.“ Der lauernde Blick des ehemaligen Hofmeiſters ruhte mit fie⸗ berhafter Spannung auf dem rothen Geſicht des Malers. „Sie haben ihn geſehen?“ fragte er.„Welchen Eindruck machte er auf Sie?“ „Ich ſagte es Ihnen ſchon, den eines hochmüthigen, adelsſtol⸗ zen Ariſtokraten.“ — 184— „Nein, ich meine ſeine äußere Erſcheinung.“ „Darüber läßt ſich wenig ſagen, er iſt häßlich geworden, ſein Geſicht gleicht einem Reibeiſen, ſo ſehr iſt es mit Pockennarben überſäet.“ „Sie erkannten ihn gleich wieder?“ „Pockennarben können einen Menſchen entſtellen, ich ſehe ein ſolches Geſicht nicht gern.“ „Sie behaupten, mit ihm gtſprochen zu haben; wurde in dieſer Unterredung auch mein Name vielleicht erwähnt? fragte Hurter, ſichtbar erregt. „In keiner Weiſe“, antwortete Auerbach.„Es lag dazu auch keine Veranlaſſung vor, und Sie werden wohl ſelbſt zuſehen müſſen, wie Sie mit dem Baron fertig werden, ich kann Ihnen in dieſer Beziehung nicht behülflich ſein.“ Der alte Mann legte die Serviette hin und holte einen Zahn- ſtocher aus der Weſtentaſche, er mochte ihn wohl lange nicht mehr benutzt haben. „Ich beanſpruche Ihre Hülfe nicht,“ ſagte er,„eine Vermitt⸗ lung zwiſchen mir und dem Baron würde ja vorausſichtlich zu keinem Reſultat führen. Ich muß ſelbſt ihm gegenüber treten, und ihn an frühere Zeiten erinnern.—“ „An ſeine ſchönen Tage von Aranjuez!“ fiel Auerbach ihm ſarkaſtiſch in's Wort,„aber es fragt ſich, ob dieſe Erinnerung dem Herrn Baron angenehm ſein wird. In ſpäteren Jahren denkt man über leichſinnige Jugendſtreiche ernſter, und man iſt dann nicht gerne an ſie erinnert. Deshalb nehmen Sie ſich in Acht, altes Haus!“ Hurter berichtigte die Zeche und nahm ſeinen Hut, er hatte auf die letzte warnende Bemerkung nur ein Achſelzucken zur Antwort. Auerbach begleitete ihn und in dem Angenblick, in welchem die Beiden die Reſtauration verließen, ſchritt auf der andern Seite der Straße Signora Grimaldi, die Mutter der berühmten Sän⸗ gerin, in eleganter Toilette vorbei. Wie vom Schlage getroffen, blieb Hurter ſtehen, krampfhaſt umklammerte ſeine Hand den Arm des Malers. „Kennen ſiie dieſe denn?“ fragte er mit zitternder Stimme. Beim Zeus, Sind Sie verliebt in dieſe Zigeunerin?“ erwi⸗ erte Auerbah überraſcht. uauch tüſſen, dieſer Zahn⸗ tmehr rmitt⸗ ich zu reten, h ihn etung ndenkt tdann Acht, lte auf itwort. em die Seite Sän⸗ ½fhaſt timme. erwi⸗ „ * 185— „Reden Sie nicht ſo unſinnig, ich frage Sie nur, ob Sie die Frau kennen!“ „Nun ja, aber die Tochter dieſer Frau wäre Ihrer Aufmerk⸗ ſamkeit würdiger, ſie iſt die Mutter der ſchönen Sängerin Gri⸗ maldi.“ „Grimaldi!“ wiederholte der alte Mann mechaniſch.„Sie nannten ſie eine Zigeunerin!“ „Weil die Wiege der Sängerin im Lager einer Zigeunerbande geſtanden hat.“ „Seltſam!“ murmelte Hurter. „Wollen Sie auch hier eine Aehnlichkeit entdecken?“ „Spotten Sie nicht, die Sache iſt ernſter, wie Sie glauben.“ Auerbach ſah ihn mit wachſender Ueberraſchung an, der Er⸗ regung dieſes Mannes mußte eine beſondere Urſache zu Grunde liegen. „Ein Geheimniß alſo?“ fragte er. Der Hofmeiſter blickte der Dame ſtarr nach, ſein Geſicht zeigte einen finſtern, drohenden Ausdruck, er bemerkte nicht, daß Auer⸗ bach ihn ſcharf beobachtete. „Können Sie mir ſagen, wo ſie wohnt?“ wandte er ſich end⸗ lich, wie aus einem Traum erwachend, zu ſeinem Begleiter. „Wenn Sie es wünſchen, zeige ich Ihnen Straße und Haus.“ „Ich werde Ihnen dankbar ſein, kommen Sie“, erwiderte Hur⸗ ter in fieberhafter Erregung, dann ſchritt er ſo haſtig aus, daß Auerbach ihm kaum zu folgen vermochte. 10. Kapitel Edelmann und Bürger. „Von ihrem Beſuch bei Willy war Klara von Oſthofen in ſehr gedrückter Stimmung heimgekehrt. Sie empfand inniges Mitleid mit dem jungen Maler, ſie fühlte mit ihm die Schmach, die ihm widerfahren war, und es war ihr ſehnlichſter Wunſch, ihm die Genugthuung zu verſchaffen, die er von dem Beleidiger fordern durfte. Es drängte ſich ihr gewiſſermaßen als eine heilige Pflicht auf, dem Manne, der ihr ſo raſch Freund geworden war, gegen die Vorurtheile ihres Standes und die aus dieſen Vorurtheilen ent⸗ ſpringenden Gehäſſigkeiten zu ſchützen. Sie dachte nicht darüber nach, ob es ein tieferes Gefühl war, was ſie zu ihm hinzog, ſie richtete keine Frage an das eigene Herz, um darüber Gewißheit zu erhalten, ſie dachte nur an die Erfüllung ihres Vorſatzes in der tiefinneren Ueberzeugung, daß es ein gutes Werk ſein werde. Mit dieſem Entſchluß kehrte ſie nach Oſthofen zurück, aber an dem heutigen Tage fand ſich keine Gelegenheit, das Vorhaben auszuführen. Baron Udo verhandelte bis zum ſpäten Abend mit ihrem Vater über die geſchäftlichen Angelegenheiten des Majorats, Bruno war auf der Jagd, und mit der Tante mochte Klara über dieſe Sache nicht reden, ſie fürchtete, ihr neuen Gram zu bereiten, und es wäre überdies nutzlos geweſen, denn Baroneſſe Adelaide beſaß keinen Einfluß auf ihren Sohn. Erſt am Tage darauf bald nach dem Frühſtück fand die ge⸗ wünſchte Gelegenheit ſich. Klara war im Garten, der Unterredung mit ſeinem Vater ſich erinnernd, ſuchte Bruno ſie auf, um eine Erllärung herbeizu⸗ führen. Auch ihm war es nach reiflichem Nochdenken klar geworden, daß das Project ſeines Vaters, die Verbindung mit der Tochter — —— git me Dam dos gelö Bor ou ſte NW A we ih ſehr ltleid eihm m die ordern t uf, n die went⸗ wer, eigene n die daß ber an chaben ihren Bruno dieſe n, und beſaß ie ge⸗ er ſich rbeizu⸗ vorden, Tochter — 187— des Majoratsherrn, ihm die beſte Sicherheit für ſeine Zu⸗ kunft bot. Es war nicht wohl anzunehmen, daß Baron Edmund zu einer zweiten Ehe ſchritt, und dem Gatten ſeines einzigen Kindes mußte er eine ſichere Exiſtenz bieten, bis dieſer das Majorat erbte. Damit werden alle noch ſchwebenden Fragen, ſoweit ſie ſich auf das fernere Geſchick der Familie von Oſthofen bezogen, glücklich gelöſt, und es blieb dann im Grunde genommen gleichgültig, ob Baron Edmund oder Baron Udo das Majorat verwaltete. Ueber die Frage, ob die Ausführung dieſer Projektes nicht auf Schwierigkeiten ſtoßen werde, ging Bruno leicht hinweg. Wie ſollte er auch nicht! Er hatte in ſeinem bisherigen Leben ſtets eine glatte Bahn gefunden, er war gewohnt, daß alle ſeine Wünſche in Erfüllung gingen, weshalb und warum ſollte dieſer Wunſch ſcheitern? Klara konnte unmöglich den Antrag zurückweiſen, wenn die, welche Elternſtelle an ihr vertreten hatten, ihn befürworteten und ihr Vater konnte ja auch nichts gegen denſelben einwenden. Allerdings waren die Beziehungen zwiſchen Baron Edmund und ſeinem Neffen etwas geſpannter Natur, Bruno wußte das ſehr wohl, aber er vertraute darauf, daß ſein Vater mit dem Bruder dieſe Angelegenheit ordnen werde, ſobald Klara ihr Ja⸗ wort gegeben hatte. Seines Sieges gewiß trat Bruno mit einem Lächeln auf den Lippen in den Garten, aus dem er nur als Verlobter ſeiner ſchönen Couſine zurückzukehren gedachte, von den ſchweren Vor⸗ würfen, die ihn erwarteten, hatte er nicht die leiſeſte Ahnung. Klara ſah in kommen, ihr Herz pochte ſtürmiſch, der Groll gegen ihn erwachte wieder in ihrem Innern, und gevaltſam mußte ſie ſich bezwingen, um wenigſtens äußerlich ruhig zu er⸗ ſcheinen. Und jetzt ſtand Bruno neben ihr; das goldene Lorgnon auf der Naſe geklemmt, ſah er ihr zu, wie ihre feinen, zierlichen Hände einen Roſenzweig aufbanden. „Beneidenswerthe Blumen!“ ſagte er, und der Ton ſeiner Stimme klang faſt wie leiſer Spott.„Scheint es nicht, als ob ſie ſelbſt empfänden, daß die zarten Hände einer Edeldame ſie pflegen, als ob ſie ſtolz auf dieſe Pflege ſeien? — 188— Ein ironiſches Lächeln glitt flüchtig über das ſchöne Antlitz der Baroneſſe, und aus ihren tiefblauen Augen traf ihn ein zür⸗ nender Blick. „Man nennt die Roſe die Fönigin der Blumen,“ erwiderte ſie,„und Niemand wird dieſen höchſten Rang ihr ſtreitig machen. Aber ſieh nur, wie prächtig neben ihr das beſcheidene Veilchen blüht!“ „Und welche Bedeutung liegt dieſem Gleichniß zu Grunde?“ fragte Bruno. „Die Natur kennt keinen Rangunterricht,“ fuhr Klara fort, „in ihr iſt alles Frieden und Harmonie, nur der Menſch, den Gott nach ſeinem Ebenbilde geſchaffen hat, will von Gleichheit und Gleichberechtigung nichts wiſſen.“ Die Stirn des jungen Herrn umwölkte ſich, die leichte Falte zwiſchen den Brauen verrieth den wachſenden Unmuth. „Daß iſt wieder das alte Thema,“ erwiderle er vorwurfsvoll. „Wie kannſt Du den Edelmann mit dem Eckenſteher auf dieſelbe Stufe ſtellen wollen?“ „Habe ich das gewollt?“ fragte Klara zürnend.„Du ſtellſt die Gegenſätze zu ſchroff hin!“ „Hätte ich ſtatt des Eckenſtehers einen Maler genannt—“ „Bruno, Du wirſt bitter und dazu berechtigt Dich nichts? Meine Anſchauung, daß der Künſtler dem Edelmann ebenbürtig ſei, wirſt Du ziemals gelten laſſen, ich weiß es, die Vorurtheile des Adels haben zu tief, zu feſt Wurzel in Deiner Seele gefaßt. Aber wer dieſe Vorurtheile geltend machen will, der ſoll auch zeigen, daß er ein Edelmann iſt, der ſoll durch den Adel ſeiner Geſinnungen und ſeiner Handlung beweiſen, daß er wirklich ſo hoch über den Anderen ſteht, auf die mil Geringſchätzung hinab⸗ zublicken er trotzdem kein Recht hat. Jeder ſteht da, wo er ſteht, an ſeinem Platze, und wenn er ſeine Pflicht erfüllt, wenn er in ſeiner Weiſe und nach ſeinen Fähigkeiten mit dem Pfunde wuchert, das ihm Gott gegeben hat, dann darf er auf die Achtung Aller Anſpruch machen.“ Bruno zuckte die Achſeln, die Wendung, welche das Geſpräch zu nehmen drohte, war ihm unangenehm und peinlich. „Ich will das zugeben“, erwiderte er, aber dann ſoll auch b n zir⸗ viderte achen. eilchen lichte7 bürtig trtheile gefaßt. ll auch ſeiner klich ſo hinab⸗ Uchert, Aller ſprich ll auch — 189— Jeder auf dem ihm angewieſenen Platze bleiben und ſich nicht hervordrängen.“ „Kannſt Du es ein Hervordrängen nennen, wenn ein talent⸗ voller, befähigter Menſch vermöge ſeines Talents in den Vorder⸗ grund tritt, wenn—“ „Immer wieder der Maler!“ „Mocht Dein Gewißen Dir keinen Vorwurf, wenn Du an ihn denkſt?“ Der junge Herr rieb mit dem ſeidenen Taſchentuche die Gläſer des Lorgnons, ein höhniſcher, verächtlicher Zug unmzuckte ſeine Mundwinkel. „Nicht, daß ich wüßte,“ erwiderte er.„Die Unverſchämtheit verdient eine Züchtigung!“ „Es wird Dir ſchwer fallen, Dich mir gegenüber zu rechtfer⸗ tigen, Vruno, es iſt mir bekannt, auf welcher Seite die— ver⸗ zeihe, Du ſelbſt haſt das Wort ausgeſprochen— die Unverſchämt⸗ heit war. Was veranlaßte Dich, dem Maler jenes kränkende Wort zu ſagen, welches ihn demüthigen ſollte? Was konnte es Dich denn kümmern, wer die Eltern dieſes Künſtlers ſind und ob wirklich auf ſeiner Geburt ein Makel ruht?“ „Es war ja gar nicht meine Abſicht, ihn zu beleidigen,“ ſagte Bruno unwillig. Ferdinand von Falkenberg intereſſirte ſich für den Maler, der plötzlich ein berühmter Mann geworden war, ihn machte ich auf den Makel, der dem Namen dieſes Mannes an⸗ haftet, aufmerkſam, ich konnte nicht wiſſen, daß der Maler unſer Geſpräch belauſchte.“ „Eine Abſicht lag dennoch zu Grunde! Arabella Grimaldi war in dem Atelier Rodenbergs und—“ „Verzelhe, daß ich Dir abermals in's Wort falle! Signora Grimaldi iſt in meinen Augen eine ſehr mittelmäßige Sängerin, und ein Baron von Oſthofen wird ſich niemals ſo tief erniedrigen, um die Gunſt einer Comödiantin zu buhlen. Alſo ſind Deine Vorausſetzungen nicht richtig, wenn Du glaubſt der Aerger über eine ſchnippiſche Bemerkung der Signora habe mich veranlaßt, ihren Freund zu beleidigen. Ich gönne ihm dieſe Freundſchaft von ganzem Herzen, was dabei am Ende herauskommt, weiß man aus Erfahrung. Der Maler hatte dann die Gewogenheit, ſeinen Haß auf mich zu werfen, und weshalb? Weil ich eine Wahrheit —————— — 190— ausgeſprochen hattte, die ihm unangenehm war. Wenn ein Schul⸗ bube von ſeinem Lehrer eine Züchtigung erhalten hat, ſo klagt er zu Hauſe über Ungerechtigkeit, ganz ſo hat auch Rodenberg es gemacht. Er wußte nichts Eiligeres zu thun, als hieher zu gehen, und bei meiner Familie Klage gegen mich zu erheben.“ „Das war ſeine Abſicht nicht, er wollte Deinem Vater nur ſagen, daß er auf die Aufträge verzichten müſſe, da er nach ſol⸗ cher Beleidigung dieſes Haus nicht betreten könne.“ „Nach ſolcher Beleidigung!“ ſpottete Brunv.„Kann die Wahrheit beleidigen?“ „Es kommt darauf an, in welcher Abſicht ſie geſagt wird. Aber wenn ich auch in dieſem Falle Dich entſchuldigen wollte, das Ereigniß im Concertſaale läßt gar keine Entſchuldigung zu. Hier liegt die Beleidigung klar am Tage.“ „Nicht doch!“ erwiderte Bruno, das Haupt trotzig erhebend. „Ich geſtehe offen, daß ich mich in einer etwas erregten Stimmung beſand. Es war nicht meine Schuld, der Zufall führte mich vor dem Conzert in einen Freundenkreis, es wurde Champagner ge⸗ trunken, und ich konnte mich nicht ausſchließen. Wie geſagt, ich war etwas erregt, aber keineswegs in dem Zuſtande, der zu dem Vorwurf berechtigt hätte, ich ſei berauſcht. Das kann bei mir nicht vorkommen, denn ich weiß, wie weit ich gehen darf. Ich hatte Ferdinand verſprochen, in's Conzert zu kommen, und meine Freunde wollten auch hin. Es war ein ſogenanntes Künſtler⸗ konzert, aber von künſtleriſchen Leiſtungen konnte ich nichts ent⸗ decken. Die Elaque machte ſich breit, die guten Freunde der Signora Grimaldi wollten dem Auditorium ihr Urtheil in der unverſchämteſten Weiſe octroiren, das trieb mir die Galle in's Blut, ich war berechtigt, ſo gut wie jeder andere Zuhörer, gegen dieſes Urtheil zu proteſtiren. Ich allein hatte den Muth, die Wahrheit zu ſagen, die Leiſtung der Sängerin als eine höchſt mittelmäßige zu bezeichnen, was ging's den Maler an? Er hütte fühlen müſſen, daß er ſich durch ſeine Parthein ahme für die Sängerin compromittirt, es mußte ihm doch klar ſein, daß er von allen Anweſenden am wenigſten berechtigt war, eine Meinung zu äußern. Dennoch beſaß er die Unverſchämtheit, und was er mir ſagte, daß durfte ein Edelmann ſich von einem ſolchen Menſchen nicht bieten laſſen. Wenn ich mich in jenem Augenblick zu einer raſchen Th dern — — n Schul, klagt er berg e gehen, tet nur aun dis gt wird. ollt, dus zu. Hier echebend. tinnung mich vor ner ge⸗ ſagt, ich zu dem bei mir n. nd meine Künſtler⸗ ichts ent⸗ unde der il in der Falle ins ter, gegen Nuth, die ne höchſt Et hitte Sängerin von allen u äußen. nir ſogte, ſchen nit ner raſchen — 191— That verleiten ließ, ſo trifft die Schuld wahrlich nicht mich, ſon⸗ dern Denjenigen, der meine Ehre angriff und mich herausforderte.“ Varoneſſe Klara blickte ihren Vetter ernſt und voll an. „Und wenn ich nun annehmen will, daß Alles ſich ſo genon verhält, wie Du es jetzt berichtet haſt, kann ich darin wirklich eine Entſchuldigung für Dich finden?“ fragte ſie, und ihre be⸗ bende Stimme ließ die gewaltige innere Erregung erkennen. „Glaubteſt Du Dich beleidigt, ſo mußteſt Du auf dem einzig rich⸗ tigen Wege der Ehre Genugthuung fordern, es würde dann ſich herausgeſtellt haben, wer der Beleidiger war. Aber mit der Reit⸗ peitſche einen Menſchen in's Geſicht zu ſchlagen, das iſt weder ehren⸗ voll, noch eines Edelmannes würdig, daß iſt, verzeihe mir den Ausdruck brutal.“ Aus den Augen des jungen Herrn zuckte ein flammender Blitz, ſeine Brauen zogen ſich drohend zuſammen. „Du ſprichſt von einem andern, einem einzig richtigen Wege der Ehre, auf dem ich Genugthuung hätte fordern ſollen,“ ſagte er mit mühſam erwungener Ruhe,„aber Du ſcheinſt nicht dabei zu berückſichtigen, daß ich, der Edelmann, nicht mit einem Manne die Klinge kreuzen oder eine Kugel wechſeln kann, den nicht ein⸗ mal die bürgerliche Geſellſchaft in ihren Kreiſen duldet. Der Maler hat daran wohl auch nicht gedacht, als er mir die frag⸗ liche Ehre einer Herausforderung erzeigte.“ „So willſt Du ihm jede Genugthuung verweigern „Ich fühle mich nicht verpflichtet, ihm eine ſolche zu geben.“ „Bruno, zeugt das von adeliger Geſinnung?“ „Frage Deinen und meinen Vater, ſie werden Dir dieſelbe Antwort geben! Ich würde mich in unſeren Kreiſen unmöglich machen, wollte ich die Herausforderung dieſes Mannes annehmen. Ueber den bürgerlichen Namen könnte ich hinwegſehen, aber der Makel, der auf dieſem Namen ruht, macht das Duell unmöglich. Der Baron von Oſthofen ſetzt ſein Leben gegen das Leben des Sohnes einer— vielleicht einer Waſchfrau, der nicht einmal be⸗ rechtigt iſt, den Namen ſeines Vaters zu führen! Es wäre mehr 2 7 als lächerlich, ich würde den Hohn und den Spott unſeres ganzen Standes herausfordern!“ Eine tiefe Entrüſtung ſpiegelte ſich in den Zügen des ſchönen 192 Mädchens, ider Blick, mit dem ſie zu ihm aufſah, war ernſt und vorwurfsvoll. „Dem Beleidigten, der keine Genugthuung erhalten kann, bleibt nur die Selbſthülſe übrig,“ ſagte ſie, haſt Du auch daran gedacht? Wie nun, wenn er Gleiches mit Gleichem vergelten wollte?“ „Ich würde ihn niederſchießen,“ erwiderte Bruno kalt. Baroneſſe Klara fuhr erſchreckt zuſammen; wie leicht konnte die Vermuthung ſich verwirklichen, die ſie ſoeben ausgeſprochen hatte! „Das wäre ein Mord!“ ſagte ſie entſetzt.„Und was Du auch dagegen einweuden magſt, Bruno, Herr Rodenberg iſt nach den Geſetzen der Ehre, die ja für alle Menſchen gültig und maß⸗ gebend ſind, berechtigt, für den Schimpf Genugthuung zu fordern. Gibſt Du ſie ihm nicht, ſo wird er ſelbſt ſie nehmen! Was ge⸗ ſchehen iſt, das läßt ſich nicht ungeſchehen machen, aber man kann es im Laufe der Zeit vergeſſen, jede Wunde muß ja früher oder oder ſpäter vernarben. Und da meine ich, es ſei das Beſte, wenn Du eine Reiſe machteſt, Du würbeſt dadurch am Sicherſten jeder Begegnung mit dem Beleidigten ausweichen und eine Kataſtrophe verhüten, die für uns Alle entſetzliche Folgen haben könnte. Während Deiner Abweſenheit wird Herr Rodenberg die ihm wi⸗ derfahrene Schmach überwinden, und wenn er ſie auch niemals ganz vergeſſen kann—“ „Klara, Dein Vorſchlag, ſo gut er auch gemeint ſein mag, iſt unausführbar,“ erwiderte Bruno in ablehnendem Tone. Meine Ehre erlaubt mir nicht, einem Gegner aus dem Wege zu gehen. Man würde ſagen, ich habe vor einem Baſtard die Flucht er⸗ griffen, vor einem Menſchen, der—“ „Nun ſei es genug!“ fiel Klara entrüſtet ihm in's Wort.„Ich habe an Deine Ehre und an Dein Gewiſſen appellirt, und ſehe mich in meinen Hoffnungen getäuſcht. Was nun kommen wird, weiß ich nicht, aber was es auch ſein mag, Dich allein trifft die Verantwortung, denn die Schuld der Herausforderung beruht auf Dir. Ich habe Dir den einzigen Weg gezeigt, auf dem den ge⸗ fürchteten Folgen vorgebeugt werden kann, es gibt noch einen zweiten Weg, aber Du wirſt auch dieſen nicht gehen wollen. Es wäre keine Erniedrigung, ſondern die Handlung eines Mannes von Ehre, wenn Du den Beleidigten offen um Verzeihung bäteſt—“ F wyrfsb ſchrit verberh Bat zuch U „U „Begr gegen Geſic 2 — er ſei glitt Ihrer dante benei andet 6 MX mhig. Rede tungs Urthe Dir ten, gegan gereizt e Unge men Chat — nſt und i bleibt edacht 4 1 jed er ſtrophe könnte. m wi⸗ iemals n mag, Meine gehen. icht er⸗ nd ſehe wird, ift die ht auf en ge⸗ einen n. Es es von ℳ 1 1 193 „Klara, wie kannſt Du mir das bieten!“ rief Bruno vor⸗ wurfsvoll, aber das ſchöne Mädchen wandte ihm ben Rücken und ſchritt haſtig von dannen, ſie wollte ihm offenbar die Erregung verbergen, die ſie zu übermannen drohte. Baron Bruno ſchaute ihr mit einem zornflammenden Blick nach und ſtampfte heftig mit dem Fuß auf dem Boden. „Und das Alles muß ich ruhig hinnehmen?“ murmelte er „Begreift ſie denn nicht, daß ſie durch ſolche Worte meinen Haß gegen den Baſtard nur noch ſteigert?“ Eine Hand legte ſich auf ſeine Schultet, er blickte erſchreckt ſich um, Baron Edmund ſtand vor ihm, und der Ausdruck ſeines Geſichts verrieth, daß er von Allem unterrichtet war. Der junge Herr ſtrich mit der Hand über die Stirne, als ob er ſeine Gedanken ſammeln wolle, und ein unſaglich bitterer Zug glitt über ſein verzerrtes Geſicht. „Wären Sie einige Minnten früher gekommen, ſo hätten Sie Ihrer Tochter die Worte wiederho len können, die Sie dem Secun⸗ danten des Baſtards ſagten,“ verſetzte er, unfähig ſeinen Groll zu bemeiſtern.„Sie würden die Erfahrung gemacht haben, daß Klara anderen Anſchauungen huldigt, Anſichten, die—“ „Ich habe Alles vernommen,“ unterbrach Baron Edmund ihn ruhig.„Es war mir lieb, daß Klara mich hinter jenem Bosket nicht vermuthete, dadurch wurde es mir möglich, unbemerkt der Rede beizuwohnen. „Und wie urtheilen Sie darüber?“ fragte Bruno erwar⸗ tungsvoll. „Durch die Anſchauungen Anderer laſſe ich mich in meinem Urtheil nicht beirren, aber ich geſtehe eben ſo offen, daß Klara Dir einen guten Rath gab. Mag Deine Entſchuldigung nun lau⸗ ten, wie ſie will, ſo läßt ſich doch nicht leugnen, daß Du zu weit gegangen biſt. Ich will ja gerne zugeben, duß der Maler Dich gereizt hat, aber—“ „Seine Unverſchämtheit verdiente die ſt Züchtigung!“ „Ich bitte Dich, laſſe uns in aller Ruhe darüber reden, die Angelegenheit iſt in ihren Folgen doch ernſter, wie Du anzuneh⸗ men ſcheinſt Der Freund Deines Gegners hat mir über den Character des letzteren Aufſchlüſſe gegeben, die mich vermuthen Der Baſtard. 13 meſſener Ruhe.„Mag man auch heute noch in einzelnen Kreiſen = 194= laſſen, daß die Befürchtungen Klara's begründet ſind. Und ſelbſt wenn Du Deinen Gegner, nachdem er Revanche genommen hat, niederſchießen wollteſt, ſo würde„dadurch die Dir widerfahrene Schmag nicht getilgt, und außerdem würde das Geſetzt durchaus keine Rückſicht auf den Baron von Oſthofen nehmen. Gedenke der bitteren Erfahrung, dii ich machen mußte, Bruno! Ich habe auch in meiner Jugend einen Menſchen niedergeſchoſſen, und ich mußte es thun, die beleidigte Ehre meiner Gattin zwang mich dazu. Und was war die Folge? Zwanzig Jahre lang irrte ich ich unſtät in der Fremde umher, gezwungen, Allem zu entſagen, auf Alles zu verzichten, was mir das Leben theuer machen konnte.“ „War das nicht Ihre eigene Schuld?“ dragte Bruno bitter. „Sie hätten hier bleiben und ſich dem Richter ſtellen ſollen, Sie waren ja gezwungen worden zu dem Duell.“ „Darüber läßt ſich ſpäter leicht urtheilen,“ erwiderte Baron Edmund achſelzuckend, während er an der Seite ſeines Neffen den Garten durchwanderte,„Entſchlüſſe, die der Augenblick gebiert, dürfen ſpäter der Kritik nicht unterworfen werden. Und wenn ein ſolcher Entſchluß einmal zur Ausführung gekommen iſt, dann muß man auch die Folgen tragen. Ich hobe wohl nicht nöthig, Dir die Folgen zu zeigen, die eine Begegnung des Malers mit Dir haben könnto, Du kennſt ſie ſelrſt und Du weißt auch, daß Du einen heftigen leidenſchaftlichen Charakter beſitzeſt. Und eben deßhalb pflichte ich dem Rath meiner Tochter bei, Du würdeſt durch eine Reiſe allen Eventualitäten aus dem Wege gehen und ein Vorwurf kann Dir durchaus in keiner Weiſe gemacht werden.“ „Sie würde einer Flucht gleichen,“ erwiderte der junge Mann. in deſſen dunkelen Augen noch immer die Gluth des Zornes loderte,„und den Flüchtling trifft ſtets der Vorwurf der Feigheit.“ Baron Edmund ſchüttelte mißbilligend das Haupt. „Wer wollte behaupten, Du ſeieſt Deinem Gegner aus dem Wege gegangen, wenn die ſchöne Jahreszeit Dich zu eine Reiſe nach der Schweiz oder nach Italien veranlaßt?“ ſagte er mit ge⸗ üher den Vorfall im Conzertſaale reden, nach einigen Tagen wird man ihn vergeſſen haben, und wenn Du ſpäter zurückkehrſt, denkt Niemand mehr daran. In der Zwiſchenzeit werde ich mich be⸗ mühen, ein Pflaſter auf die Wunde zu legen.“ „ In hewo hie iſte dies ge de Unſeht men hit, derfahren⸗ durhu Gedenke und ich ang nich irte ich hagen auf konnte,“ uno bitter. ſollen Sie erte Paron Neffen den ck g geliet Und wenn iſt, dann cht nothig, Nalers mit t auch daß Und chen Du wirdeſt gehen und cht werden“ Su er aus den eine Reiſe er wit ge⸗ lnen Kreiſen Tagen vird gkchrſt denkt ich nih be⸗ — 195— Bruno blickte fragend zu ſeinem Onkel auf. „Ich werde ihm Aufträge geben,“ ſuhr der Majoratsherr fort, „damit verſöhnt man einen beleidigten Künſtler am raſcheſten. Man muß ſeine Werke loben und kaufen, dann hat man ihn ſchon gewonnen, und er wird dann gewiß nicht ſo thöricht ſein, gegen die Familie, die ihn protegirt, Feindſeliges zu unternehmen.“ „Im Gegentheil, er wird verſuchen, ſich in die Familie einzu⸗ niſten,“ erwiderte der junge Mann mit beißendem Spott,„und dies wird ihm um ſo eher gelingen, als—“ „Ich weiß, was Du ſagen willſt,“ unterbrach Baron Edmund ihn ruhig. Die Protection, welche Klara dieſem Manne ange⸗ deihen läßt, entſpringt ihrer Liebe zur Kunſt, es wäre thöricht, andere Motive in ihr ſuchen zu wollen. Ueber dieſen Punkt darſſt Du ganz ruhig ſein, ich werde die Augen offen halten und nichts dulden, was ſich mit der Ehre unſerer Familie nicht vereinen ließe. Die Mittel zur Reiſe werde ich Dir in ausreichender Weiſe geben.“ Bruno hatte die Enden ſeines Schnurrbarts zwiſchen die Zähne gezogen und der Ausdruck ſeines Geſichts verrieth den Aerger, den die letzte Bemerkung ihm bereitete. Mußte doch dieſe Bemerkung ihm fühlbar machen, daß er jetzt von dem Willen ſeines Onkels völlig abhing, daß ſelbſt ſein Vater keine entſcheidende Stimme mehr hatte. Waren die Worte abſichtlich geſprochen wordeu, um ihn dar⸗ auf aufmerkſam zu machen, ihn gewiſſermaßen zu einem Entſchluß zu drängen? Er warf verſtohlen einen prüfenden Blick auf den Majorats⸗ herrn, aber kein Zug in dem Geſicht desſelben verrieth, welche Gedanken ſeine Seele bewegten⸗ „Ich bitte Dich, darüber reiflich nachzudenken,“ nahm Baron Edmund noch Einmal das Wort.„Du wirſt wohl thun, Dich der Stadt fern zu halten, der Zufall könnte eine Begegnung mit dem Maler herbeiführen.“ Die beiden Herren waren auf ihrer Wanderung jetzt am Aus⸗ gange ihres Gartens angelangt, da, wo der Weg zur Teraſſe des Schloſſes hinaufführte. Baron Edmund war ſtehen geblieben, ſein Blick haftete ſtarr 13* — auf einem kleinen, hageren Manne, der in dürſtiger Kleidung den Hut in der Hand, von der Teraſſe herunterkam. „Wer iſt das?“ fragte er leiſe. „Kennen Sie ihn nicht mehr?“ erwiderte Bruno erſtaunt. „Ich habe für Namen und Perſonen ein ſchlechtes Ge⸗ dächtiß!“ „Ihr früherer Hofmeiſter— „Ach ja, ganz recht,“ ſagte der Majoratsherr haſtig„ich bitte Dich, laſſe mich mit ihm allein.“ 1. Bruno entfernte ſich zögernd, er hätte dieſer Unterredung gerne beigewohnt, aber er durſte nicht Sen dem Befehl des Mannes . zu trotzen, von dem ſein Geſchick abhing. Hurter ſtand jetzt vor dem Majoratsherrn, ſeine ſtechenden Augen ruhten mit einem forſchenden, Blick auf ihm. „Ich würde Sie nicht wieder erkannt haben, Herr Baron,“ ſagte er kopſfſchüttelnd, und es lag eine gewiſſe Vertraulichkeit in dem Tone, den er anſchlug.„Sie müſſen drüben wohl ein ſehr bewegtes Leben geführt haben!“ „Was führt Sie hicher?“ fragte Baron Edmund ſchroff. „Hat Ihnen der Verwalter nicht geſagt, daß ich Ihren Beſuch nicht wünſche?“ „Daß allerdings, aber ich konnte mir nicht wohl denken daß—“ „Es war mein voller Ernſt! Ich möchte nicht gerne an die vergangene Zeit erinnert ſein, das müſſen Sie begreiflich finden.“ „Gewiß, aber erinnert hier nicht Alles Sie an jene Zeit?“ erwiderte Hurter, deſſen Blick jede Bewegung des Majoratsherrn beobachtete.„Stoßen Sie nicht bei jedem Schritt auf eine Er⸗ innerung?“. „Aber alle dieſe Erinnerung ſind mir nicht ſo unangenehm, wie Ihr Anblick!“ „Und was habe ich Ihnen denn gethan, Herr Baron, daß Sie ſo ungcehalten über mich ſind? Ich muß Sie an die Worte erinnern, die Sie mir bei unſerer Trennung ſagten. Sie be⸗ dauerten für meine Zukunſt nichts thun zu können, Sie ertlärten mir, Sie ſeien ſich wohl bewußt, welchen Dank Sie mir ſchuldeten und Sie hofften, daß ſich Ihnen bald Gelegenheit bieten werde 5iß n 5 währet rüchic Jüng V wurf niſe Sie 1 „ der 2 nüſſe nahm rne mes den — 197— dieſen Dank mir durch die That zu beweiſen. Sollten Sie jene Worte wirklich vergeſſen haben?“ Der Majoratsherr war zur Teraſſe hinaufgegangen, er hatte ſich auf einen Stuhl niedergelaſſen, ohne dem alten Manne einen Sitz anzubieten. „Ich erinnere mich jener Worte nicht mehr,“ erwiderte er, während er ſein Cigarrenetui öffnete.„Ueberdies müſſen Sie be⸗ rückſichtigen, daß der gereifte Mann anders urtheilt, w der Jüngling.“ Wie Sie auch urtheilen mögen, mir können Sie keinen Vor⸗ wurf machen.“ „Darin dürften unſere Anſichten verſchieden ſein.“ „Dann wäre Offenheit der geradeſte Weg, um Mißverſtänd⸗ niſſe zu beſeitigen, Herr Baron, ſagen Sie mir, welchen Vorwurf Sie mir machen!“ „Ihnen das auseinander zu ſetzen, fehlt mir die Luſt,“ ſagte der Baron nachdem er ſeine Cigarre angezündet hatte,„Sie müſſen es ſelbſt fühlen, daß die Stellung, die Sie damals ein⸗ nahmen, eine ſehr zweideutige war.“ „Herr Baron!“ „Wenn Sie das leugnen wollen, ſo würde mein Bruder Udo meine Behauptung beſtät'gen können,“ fuhr der Majoratsherr fort „aber wozu ſollte der Wortwechſel führen! Daß ich mich Ihrer erinnert habe, beweiſt die Unterſtützung, die ich ſofort nach meiner Rückkehr Ihnen anbieten ließ. Sie hätten auf meine Wünſche Rückſicht nehmen und ſich ſagen ſollen, daß dieſe Wünſche berech⸗ tigt waren.“ „Sie berufen ſich auf die Unterſtützung,“ erwiderte Hurter, und es log etwas Boshaftes in ſeinen Worten,„aber dieſe mir angebotene Unterſtützung hat denn doch zu ſehr den Anſchein eines Almoſens!“ Der Baron erhob trotzig das Haupt, er hatte bisher vermie⸗ den, den alten Mann anzuſehen, jetzt aber traf ihn ein zorniger faſt drohender Blick. „Eines Almoſens?“ wiederholte er. Eine Penſion von. hundertzwanzig Thaler jährlich kann ich kein Almoſen nennen, Man hat mir geſagt, es ſei Ihnen in dem letzten Jahr ſclech — 198— ergangen, um ſo willkommener muß dieſe Unterſtütung Ihnen ſein, die Ihnen wenigſtens drückende Nahrunngsſorgen fernhält.“ „Und doch läge es vielleicht in Ihrem eigenen Intereſſe, in anderer, beſſerer Weiſe für mich zu ſorgen,“ ſagte der Hofmeiſter mit gedämpfter Stimme, die jetzt wie das Ziſchen einer Schlange klang.„Sie würden dadurch am ſicherſten mein Schweigen er⸗ kaufen und mich für alle Fälle gewinnen.“ Ueber das wettergebräunte Geſicht des Majoratsherrn glitt eine duntle Wolke, ſein funkelnder Blick ſchien die geheimſten Ge⸗ danken des Mannes erforſchen zu wollen „Wie ſoll ich das verſtehen?“ fragte er.„Aus welchem Grunde könnte ich mich genöthigt ſehen, Ihr Schweigen erkaufen zu müſſen? Sie haben mich um Offenheit erſucht, jetzt verlange ich ſie von Den Hofmeiſter ſchienen dieſe barſchen Worte eingeſchüchtert zu haben. ſein Blick war nicht mehr ſo feſt und ſicher, und das ironiſche Lächeln verſchwand von ſeinen Lippen. „Ich kann Ihnen darauf jetzt noch keine Antwort geben,“ er⸗ widerte er,„aber doß ich dieſe Antwort finden werde, bezweifle ich dur aus nicht, mein Gedächtniß iſt ſehr ſcharf, und es tau⸗ chen eben jetzt Erinnerungen in ihm auf, die mir einen feſten Halt⸗ punkt geben werden.“ „Sie wollen mir drohen?“ fragte Baron Edmund „Nein ich wollte Ihnen ja nur beweiſen, daß Sie wohl thä⸗ ten, an mir einen Verbündeten zu gewinnen. Ich muß es freilich Ihrem Ermeſſen überlaſſen, ob Sie dieſen wohlgemeinten Rath annehmen wollen, oder nicht.“ „Sie fallen in Ihren früheren Fehler zurück,“ ſagte der Ma⸗ joratsherr ſpöttiſch,„Sie halten ſich für unentbehrlich und glau⸗ ben, darauf geſtützt, Forderungen ſtellen zu dürfen, die unver⸗ ſchämt ſind. Wenn Sie glauben, das Almoſen, wie Sie es nennen, zurückweiſen zu müſſen, ſo habe ich dagegen nichts ein⸗ zuwenden, aber ich werde meine Maßregeln treffen, daß Sie mir in meinem eigenen Haufe keine Sottiſen mehr ſagen können.“ Er hatte ſich bei den letzten Worten erhoben, hoch auſgerichtet ſtand er vor dem hageren Manne, auf den er mit verachtender Geringſchätzung hinunterblickte. nach, ſchie / hünde einne ment viell Perſi ich d Ude reg het ſchi ſein, ſe, in ſeiſter ange ner⸗ glitt Ge⸗ jrunde üſen? ie von tert zu d das e⸗ weifle 8tau⸗ Halt⸗ l thi⸗ freilich Rath e Ma⸗ gerichtet chtender — 199— Um die Lippen des Hofmeiſters zuckte es, wie verbi ener Grimm und mühſam verhaltener Haß. „Sei es denn! erwiderte er. Habe ich ſo lange in Armuth— und Sorgen gelebt, ſo werde ich das Elend wohl auch noch in den wenigen Tagen tragen können, die mir noch beſchieden ſind. Unverſchämheit hat man mir noch nie zum Vorwurf gemacht, und Ihnen gab ich auch keine Veranlaſſung dazu. Ich kann keine Almoſen annehmen, meine Ehre und mein Mannesſtolz geſtatten es mir nicht! Leben Sie wohl, Sie werden weiter von mir hören ſobald ich die Antwort auf jene Frage gefunden habe, die Sie vorhin mir vorlegten.“ Der Majoratsherr blickte ſichtbar betroffen dem alten Maune nach, der langſam von dannen ſchritt, ein ſo trotziges Auftreten ſchien er doch nicht erwartet zu haben. „Vielleicht hatte er dennoch Recht!“ ſagte er leiſe.„Ein Ver⸗ bündeler iſt immer beſſer, als ein gereizter und erbitterter Feind.“ Er ſtieß unwillig die Aſche von der Cigarre und warf noch einmal einen Blick auf die gebeugte Geſtalt, die im nächſten Mo⸗ ment hinter dem eiſernen Gitterthor verſchwand. „Ihn ganz zu entfe nen, wäre das Beſte,“ fuhr er ſort, „vielleicht ging er dieſe Bedingung ein, wenn ihm eine genügende Penſion geboten würde. Aber ich vergebe mir dadurch zu viel, ich darf dieſe Bedingung nicht ſtellen, er würde in ihr Furcht er⸗ blicken. Warten wir ab, was er gegen mich unternehmen wird.“ Hinter ihm wurden Schritte laut, er wandte ſich um, Baron Udo ſtand vor ihm. „Du haſt Verdruß gehabt?“ fragte der letztere, dem die Er⸗ regtheit nicht entgehen konnte. „Den erſten ſeit meiner Heimkehr,“ erwiderte der Majorats⸗ herr mit gezwungenem Lächeln,„der alte Hofmeiſter war ſo unver⸗ ſchämt, die ihm angebotene Penſion mir vor die Füße zu werſen.“ Baron Udo zog die Brauen zuſammen. „Aus welchem Grunde?“ fragte er. „Sie war ihm zu gering, ein Almoſen glaubte er zurückweiſen zu müſſen. Er hat nichts gelernt und nichts vergeſſen, er iſt noch immer ſo unverſchämt, wie er damals war. Er verlangte eine größere Summe, und als ich ihm darauf eine Antwort gab, wie er ſie verdiente, ließ er ſich zu Drohungen hinreißen.“ 200— „Zu Drohungen Dir gegenüber?“ „Befremdet Dich das? Jahrelanges Elend hat ihn verbittert, und was ſolche Leute in Güte nicht erreichen können, das glauben ſie erzwingen zu müſſen. Ich habe dieſe Erfahrung oft gemacht, 5 das Scheitern einer Hoffnung, auf deren Erfüllung ſie mit Zu⸗ 3 verſicht rechneten, macht ſie immer trotziger, und dieſer Trotz läßt iun ſie jede Vorſicht und Klugheit vergeſſen.“ ie „Du hätteſt den Menſchen durch die Diener hinauswerfen laſſen ſollen,“ ſagte Baron Udo entrüſtet,„mit ſolchen Leuten we muß man kurzen Prozeß machen.“ nide „Verdient hätte er es,“ erwiderte der Majoratsherr achſel⸗ inn zucken,„aber es iſt ein alter Mann, und trotz ſeiner Ungezogen⸗ Pe heit fühlte ich Mitleid mit ihm.“ ſi „Mitleid iſt in manchen Fällen nicht angebracht!“ gre „Ich weiß es, aber es iſt mir jetzt ſelbſt lieb, daß ich mich gemäßigt habe. Ich werde Befehl geben, daß ihm die Thüre ge⸗ zeigt wird, wenn er noch einmal kommen ſollte.“ Kla „ Und die Penſion?“ Mä „Er hat ſie verſcherzt, ich werde mich fortan nicht weiter um Vel ihn kommern.“ Ra Baron Udo blickte forſchend den Bruder an, ein leiſes Miß⸗ ſu trauen ſpiegelte ſich in dieſem Blick. „Und wie war es möglich, daß er Dir drohen konnte?“ fragte zu er.„Worauf ſtützte er dieſe Drohungen?“ „Das weiß ich ſelbſt nicht; wielleicht erinnert er ſich irzend eines Freigniſſes aus der Vergangenheit, in dem er etwas ent⸗ 2 decken will, deſſen nachträgliche Veröffentlichung mir unangenehm N werden könnte. Wie geſagt, ich weiß es nicht, aber es beunruhigt B mich auch nicht, es kann ſich ja nur um einen Wespenſtich handeln.“ ſe „Auch Wespeuſtiche haben unangenehme Folgen.“ be „Die kleinen Unannehmlichkeiten muß man ertragen, kein m Menſchenleben iſt davon frei,“ erwiderte der Majoratsherr ruhig, während er eine Rauchwolke vor ſich hin blies.„Reden wir vi nicht mehr davon, der Charakter jenes Menſchen iſt Dir bekannt, mich ärgert es nur, daß ich ihn damals nicht durchſchaut habe.“„ „Er hatte Dich zu eng umgarnt und unſern Vater dazu—“ 2 „Du haſt Recht, er verſtand es meiſterhaft, ſich in die Gunſt ſ bittert, lauben macht, it Zu⸗ 6 läßt verfen Auten chſel⸗ zogen⸗ nich 7 üre ge m jagte irzend s ent⸗ genehm muhigt deln.“ kein ruhig, wit kannt, habe.“ ¹ Gunſt — 201— Anderer einzuſchleichen. Ich will ruhig abwarten, was er thun wird. Ich möchte mit dir über Bruno einige Worte reden.“ Baron Udo ſtrich mit der Hand über die Stirne, ein ſchwerer Seufzer entrang ſich ſeiner Bruſt. „Du weißt, was vorgefallen iſt?“ fragte er, während er auf einem Stuhle Platz nahm.“ „Ja, ich weiß es, der Secundant des Malers war ja bei mir.“ „Und wie denkſt Du darüber?“ „Daß der Rath, den Klara Deinem Sohne gegeben hat, der beſte iſt, der in dieſer Angelegenheit gegeben werden kann,“ er⸗ widerte der Majoratsherr.„Bruno muß eine Reiſe antreten, inzwiſchen wird hier der unangenehme Vorfall vergeſſen. Eine Begegnung Bruno's mit dem Maler könnte zu einem Auftritt führen, der furchtbare Folgen haben würde, Du wirſt das be⸗ greifen, wenn Du darüber nachdenkſt.“ Baron Udo nickte gedankenvoll. „Ich habe daran auch ſchon gedacht,“ ſagte er,„oder vielmehr Klara machte mich darauf aufmerſam. Sie iſt ein vernünftiges Mädchen, und in dieſer Angelegenheit hat ſie wirklich praktiſchen Verſtand bewieſen. Aber ſie ſagte mir auch, Bruno wollte den Rath nicht befolgen, er fürchte, ſich dadurch der Feigheit ſchuldig zu machen.“ „Du mußt Deine Autorität in der Wagſchale werfen, um ihn zu der Reiſe zu veranlaſſen.“ „So glaubſt Du wirklich, daß die Reiſe nöthig iſt?“ „Ja, ich halte ſie nöthig,“ erwiderte Baron Edmund in ernſtem Tone,„und ich würde ſogar zu einer recht langen Reiſe rathen. Nicht allein des Malers wegen, ſondern auch aus andern Gründen. Bruno wird ja doch einmal das Majorat erben, und wie mir ſcheint, beſitzt er noch nicht die Erfahrungen, die in einer ſolchen bevorzugten Stellung ihm gewiſſermaßen zur Stütze dienen müſſen.“ „Und Du glaubſt, dieſe Erfahrungen werde er draußen ge⸗ winnen?“ „Gewiß, er wird mit den anderen Menſchen zuſammenkommen, andere Länder kennen lernen und auf ſich ſelbſt, auf ſeine eigenen Beobachtungen und ſein eigenes Urtheil angewieſen ſein. Das ſchärft den Verſtand, bildet den Geiſt und gibt den perſönlichen — 202— Anſchauungen ein ſicheres Ziel. An den nöthigen Mitteln ſoll es ihm in keiner Weiſe fehlen, und eines Mentors bedarf er nicht.“ „Dn haſt Recht,“ ſagte Baron Udo, ich werde mit ihm reden, er ſoll in den erſten Tagen ſeine Reiſe antreten, die nöthigen Vorbereitungen ſind ja raſch getroffen.“ „Und ſobald er fort iſt, laden wir den Maler Rodenberg ein, deſſen Atelier ich heute oder morgen beſuchen werde. Eine gewiſſe Genugthuung iſt man dem Manne doch ſchuldig, er iſt ein be⸗ rühmter Künſtler, und dieſe Leute darf man auch von unſerem Standpunkte aus nicht ſo ganz en bagatelle behandeln. Wir werdem ihm erklären, daß wir jenen vi bedauern und ihm Aufträge geben, die hoffentlich verſöhnen“ „Wird er mit r zufrieden ſein?“ fragte Baron Udo, deſſen St ſich wieder in Falten gelegt hatte. Jene Beleidigung muß ihn in's innerſte Mark getroffen haben.“ „Ueberlaß' es mir, dieſe Angelegenheit zu ordnen,“ erwiderte der Majoratsher,„wenn Du nur dafür ſorgen willſt, daß Bruno ſich zu der Reiſe entſchließt.“ „Und wie lange ſoll dieſe Reiſe dauern?“ „Mindeſtens ein Jahr.“ „Bangt Dir nicht, daß auf dieſer Reiſe nerderbliche Einflüſſe ſich geltend machen könnten?“ „Nein. Bruno hat einen ſcharfen Blick und ein ziemlich geſundes Urtheil, ich denke, er wird die Klippen erkennuen und glücklich an ihnen vorbeikommen.“ „Wir müſſen das hoffen,“ ſagte Baron Bruno ſeufzend, „Darf ich Dich mit einem Project bekannt machen, welches ich ſchon ſeit Jahren gehegt habe?“ „Ich bitte Dich darum.“ „Es betrifft unſere Kinder.“ „Dann habe ich es ſchon errathen.“ ſagte der Majoratsherr ſcherzend.„Du wünſcheſt, daß ſie ein Paar würden?“ „Ja, das war ſeit Jahren mein Wunſch!“ „Ich finde gegen die Erfüllung deſſelben durchaus nichts ein⸗ zuwenden. Sind die Beiben ſchon unterrichtet?“ „Nur Bruno.“ „Dann ſoll auch Klara von unſerer Seite nicht etwas aon dieſem Wunſche erfahren, bis Bruno bei ihr um Herz und S — — 2 ſoll red Nn, ſigen ein, wiſſe be⸗ erem Vir ein⸗ etwas und 20 Hand geworben und das Jawort erhalten hat. Unſere Andeu⸗ tungen könnten einen entſcheidenden Druck auf ſie üben, und das möchte ich vermeiden. Biſt Du damit einverſtanden?“ Baron Udo reichte dem Bruder die Hand. „Vollſtändig,“ erwiderte er,„aber es wäre mir lieb, wenn die Verlobung noch vor der Abreiſe Bruno's ſtattfände.“ „Haſt Du beſondere Gründe für dieſen Wunſch?“ „Abgeſehen davon, daß alsdann die Erfüllung meines liebſten Wunſches mir geſichert wäre, würde dieſe Verbindung auch meinem Sohne draußen einen ſittlichen Haltpunkt geben, er würde den Verſuchungen, die gewiß an ihn herantreten, energiſcher wider⸗ ſtehen, und in dem Briefwechſel mit ſeiner Braut fände er für müßige Stunden eine angenehme Beſchäftigung.“ „Mein lieber Udo, Du betrachteſt das Alles mit idealen Blicken,“ ſagte der Majorateherr lächelnd,„in der Wirklichkeit ſehen die Dinge ſich meiſt anders an. Aber ich will Dir in kei⸗ ner Weiſe widerſprechen, mag Bruno ſein Glück verſuchen, und wenn Klara ihm das Jawort gibt, ſo ſoll meine Einwilligung den Beiden nicht fehlen.“ „Ich danke Dir. Daran, daß Klara ihr Jawort geben wird, zweifle ich nicht.“ Der Majoratsher blickte ſinnend in die Ferne und ſchwieg. „Oder haſt Du vielleicht Gründe, Zweifel zu hegen? Ich?“ erwiderte Baron Edmund, über deſſen Lippen ein Lächeln glitt, welches mit ſeinen Worten nicht ganz in Cinklang zu bringen war.„Keineswegs. Aber, wie ich vorher bemerkte, Klara muß frei entſcheiden, es darf in keiner Weiſe ein Druck auf ſie geübt werden.“ „Das verſpreche ich Dir.“ „Gut, dann wollen wir vas Reſultat in aller Ruhe abwarten,“ nickte der Majoratsherr. Du entſchuldigſt mich für eine halbe Stunde, ich habe mit Verwalter einige Anordnungen zu berathen, mit denen ich ſpäter Dich überraſchen möchte.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, ſchritt er die Teraſſe hinunter. Baron Udo zog unwillkürlich die Brauen zuſammen, ſeine ſeſt aufeinander gepreßten Lippen zuckten, wie in innerem Kampfe. Es hatte in den wenigen Tagen ſeit der Heimkehr des ver⸗ — 204— ſchollenen Bruders doch Manches ſich geändert, und Baron Udo konnte an dieſen Aenderungen keine Freude empfinden. Edmund kehrte mehr und mehr den Gebieter heraus, er traf jetzt ſchon in Bezug auf die Verwaltung des Majoratsgutes Anordnungen, ohne darüber vorher mit ſeinem Bruder zu berathen, und er hatte ſchon wiederholt eine Gelgenheit benutzt, um ſeiner Familie zu zeigen, daß er der Majoratsherr von Oſthofen war. Daß dies den Baron Udo kränken mußte, war begreiflich, wenngleich er auch ſelbſt ſich ſagte, daß ſein Bruder in der That der rechtmäßige Beſitzer des Majorats ſei; er empfand um ſo ſchmerzlicher die Ungeſtaltung der Dinge, weil er ſelbſt ſo lange Jahre hindurch hier der Gebieter geweſen war. Aber was half alles Grübeln und Grämen, in die Verhält⸗ niſſe mußte man ſich fügen, ſo unangenehm ſie auch ſein mochten. Der Majoratsherr ſchritt langſam durch den Garten und Park dem Hauſe des Verwalters zu, die Unterredung mit dem Bruder ſchien ihm ſeine gewohnte Ruhe und Faſſung wiedergegeben zu haben. Friedrich Wortmann ſtand vor der Thüre ſeines Hauſes, als der Baron aus dem Park heraustrat, er war eben im Begriff ſeine Pfeife anzuzünden, jetzt unterließ er es, und mit einigen Schritten ging er ſeinem Herrn entgegen. „Wir wollen in's Haus gehen,“ ſagte Baron Edmund, als der Verwalter ihn erreicht hatte,„ich habe Manches mit Ihnen zu bereden.“ Wortmann blickte ihn fragend an, aber er entdeckte in dem ernſten Antlitz des Majoratsherrn nichts, was ſein Neugier hätte befriedigen können. Der Baron ſchien dieſen Blick nicht zu bemerken, er ſetzte ſeinen Weg fort und bald darauf ſaßen die Beiden im Arbeitszimmer des Verwalters einander gegenüber. „Sie haben doch dem ehemaligen Hofmeiſter geſagt, daß ich ihm ſtreng verbiete, nach Oſthofen zu kommen und mir mit ſeinem Quäelereien läſtig zu fallen?“ nahm Baron Edmund das Wort. „Ich hatte Ihnen dieſen Auftrag gegeben—“ „Und ich habe ihn wortgetreu ausgeführt,“ erwiderte der Ver⸗ walter, deſſen Blick jetzt ebenſo lauernd auf dem Geſicht des Edel⸗ manns ruhte, wie es der Blick Hurters gethun hatte. Ud ſ dazu zu leg in de deſton fernt nehMe has, nachen fürchte De nank ſich in dürſte ( kurze grün ich e verm ſogte no dnund hon in ohne ſchon eigen, ilich, That Un ſo lange rhült⸗ chten. Park ruder en zu als griff nigen als Ihnen dem hätte einen mmer ß ich nem ort. Ver⸗ Fdel⸗ — 205— „Dennoch iſt der Mann hier geweſen, um mir zu ſagen, daß er mit der ihm ausgeſetzten Penſion nicht zufrieden ſei.“ „Dasſelbe hat er auch mir geſagt!“ „Hat er auch Ihnen gegenüber Drohungen gegen mich ausge— ſtoßen?“ fragte der Majoratsherr mit ſcheinbarem Gleichmuth. „Nein, Herr Baron, was könnte ihn auch dazu berechtigen? Und ſelbſt wenn der Aerger über eine getäuſchte Hoffnung ihn dazu verleitete, ſo wäre doch auf ſolche Drohungen kein Gewicht zu legen, dieſer armſelige, unbedeutende Menſch—“ „Ich weiß das,“ fiel Baron Edmund ihm in's Wort,„und in der That ſind ſeine Drohungen mir lächerlich erſchienen. Nichts⸗ deſtoweniger wünſche ich, daß dieſer Mann aus meiner Nä he ent⸗ fernt wird. Er ſoll in einer anderen Stadt ſeinen Aufenthalt nehmen, ich will dafür gern ein Opfer bringen. Sagen Sie ihm das, aber verſchweigen Sie ihm, daß ich ihm dieſen Vorſchlag machen laſſe, er würde daraus den Schluß ziehen, daß ich ihn fürchte.“ Der Verwalter hatte dieſe Schlußfolgerung bereits gezogen man konnte das deutlich in ſcinen Zügen leſen, die Jronie, die ſich in ihnen ſpiegelte, ließ es erkennen. „Und wenn er auf dieſen Vorſchlag einginge, welchen Preis dürſte ich ihm bieten?“ fragte er. „Er ſoll ſeine Forderung ſtellen.“ „In Form einer einmaligen Kapitalzahlung, oder einer jähr⸗ lich zu zahlenden Penſion?“ „Ich ziehe das Letztere vor,“ erwiderte der Majoratsherr nach kurzem Sinnen, eine jährliche Penſion wird ſeine Exiſtenz am gründlichſten ſichern. Perſönliche Unterhandlungen mit ihm lehne ich entſchieden ab, es genügt vollſtändig, wenn Sie die Sache vermitteln.“ „Ich werde mir Mühe geben, Ihren Wunſch zu erfüllen,“ ſagte der Verwalter,„und ich kann mir kaum denken, daß der Hofmeiſter dieſen Vorſchlag zurückweiſen wird, einen Vorſchlag der ſeiner Armuth, ſeinen Sorgen und ſeiner Noth ein Ende machen würde. Es iſt allerdings wahr, der Mann hat einen har⸗ ten eisenſinnigen Kopf, aber er muß doch einſehen, daß er nichts Beſſeres thun kann—“ „Stellen Sie ihm das Alles vor,“ entgegnete Baron Edmund 206— ruhig,„aber laſſen Sie mich aus dem Spiele, ich will ihn nicht wiederſehen, ſchon ſein Anblick erinnert mich an Manches, was ich für immer vergeſſen möchte. Iſt Ihnen das Teſtament meines Vaters bekannt, oder hat der ſelige Herr kein ſolches Schriftſtück hinterlaſſen?“ „Ein Teſtament iſt allerdings vorhanden,“ ſagte Wortmann, „und wenn ich nicht irre, muß es ſich im Beſitze Ihres Herrn Bruders befinden—“ „Kennen Sie ſeinen Inhalt?“ „In der Hauptſache— ja.“ Wiſſen Sie, ob in demſelben der frühere Hofmeiſter erwähn⸗ wird?“ „Ich möchte mit Beſtimmtheit behaupten, daß dies nicht der Fall iſt,“ entgegnete der Verwalter.„Baron Udo würde ſolche Beſtimmungen gewiß mit der ihn ehrenden Gewiſſenhaftigkeit er⸗ füllt haben.“ „Das glaube ich auch,“ nickte der Mdjoratsherr gedankenvoll, während ein raſcher, mißtrauiſcher Blick den Verwalter verſtohlen ſtreifte,„mein Bruder hat dem Hofmeiſter wohl nie eine Unter⸗ ſtützung zukommen laſſen?“ „Im Gegentheil, er verweigerte ſie ihm ganz entſchieden. Kurz nach dem Tode des ſeligen Herrn fand Hurter ſich in Oſt⸗ hofen ein, um ſich nach den letzten Verfügungen des Verſtorbenen zu erkundigen. Er rechnete offenbar auf eine nahmhafte Penſion, und als er in dieſen Erwartungen ſich getäuſcht ſah, trat er in einer Weiſe auf, die den damaligen Majoratsherrn empören mußte.“ „Und dennoch wagte er noch einmal, hierher zu kommen? Erinnern Sie an jene Begegnung mit mit meinem Bruder, viel⸗ leicht ſchüchtern Sie dadurch ihn ein, man muß den Trotz brechen, wenn man ihn nicht beugen kann.“ „Und man ſollte ſagen, daß er bei dieſem Manne leicht wrtt könne! Aber der Mann hat ſich an ſein Elend gewöhnt, er fühlt das Drückende einer ſolchen Exiſtenz nicht mehr. Ich werde thun, was ich vermag, verlaſſen Sie ſich darauf.“ Den Baron ſchien dieſes Verſprechen zufrieden zu ſtellen, er heftete jetzt den Blick auf den Arbeitstiſch, der mit Büchern und Papieren bebeckt war. nicht a ich ſeine ſtſtück ann, errn wähn⸗ ht der ſolche nvoll, ohlen nter⸗ ieden. Dſt⸗ rhenen nſion, et in npören 7 , viel⸗ rechen, beugt öhnt, 3 * nund — 207— „An dieſem Tiſche alſo iſt das große Vermögen erworben worden?“ fragte er ſarkaſtiſch. „Herr Baron, ich wiederhole Ihnen, was ich ſchon in London ihnen ſagte, daß Ihre Ben auf einem Irrthum entgegnete Wortmann, deſſen Geſicht fahl geworden war. Wes halb kommen Sie jetzt wieder darauf zurück?“ „Erinnern Sie mich an Ihre Worte, ſo erinnere ich Sie auch an das, was ich Ihnen geſagt habe,“ erwiderte der Majoratsherr mit ſchärferer Betonung,„ich weiß was ich von Ihren Behaup⸗ tungen zu halten habe, und wenn ich Beweiſe ſuchen wollte, ſo würde ich ſie ganz gewiß in den Verwaltungsbüchern finden. Wo iſt das Rechnungsbuch?“ „Wünſchen Sie es einzuſehen?“ „Ich will nur einen Blick hineinwerfen.“ Wortmann ſtand von ſeinem Stuhl auf und holte aus einem Schranke, der faſt eine ganze Wand des ziemlich geräumigen Ge⸗ machs einnahm, ein dickes Buch, welches er auf den Schreibtiſch legte, vor dem inzwiſchen Baron Edmund Platz genommen hatte. Es lag etwas Finſteres, Stechendes und daneben doch auch eine unverkennbare Angſt in ſeinem Blick den er unverwandt auf den Majoratsherrn gerichtet hielt, während dieſer in dem Vuch blätterte, man konnte glauben, er wolle ſich zum Kampfe vorbe⸗ reiten, der nach ſeiner Anſicht ja unvermeidlich war. Baron Edmund ſchien keineswegs geneigt zu ſein, dieſen Kampf ſchon jetzt zu beginnen. Wozu auch? Die Entdeckung, die er in London gemacht hatte, genügte ihm einſtweilen, ſie war in 6 Hand eine Waffe, mit der er den Verwalter ſich unterthänig ma chen konnte. „Sie haben die Einnahmen ſtets an meinen B ausge⸗ zahlt?“ fragte er nach einer Weile. „Jawohl. Wenn der Herr Baron eine Summe Geldes zu empfangen wünſchte, ſo wandte er ſich an mich, ich mußte alsdann dafür ſorgen, daß ſie zur beſtimmten Stunde zur Stelle war. Und wenn ich zur Zeit der Ernte eine große Summe eingenom⸗ men hatte, ſo trug ich das Geld hinüber in's Schloß, es war dort ſicherer, wie hier in meinem Hauſe.“ „Kam es nie vor, daß Baron Uds von Ihnen Geld forderte, wenn die Kaſſe leer war?“ — „Selten, aber es kam vor.“ „Und auch wurden Sie ſeinen Forderungen dann gerecht?“ „Gewiß, Herr Baron!“ „Wie ermöglichten Sie das?“ „Ich ließ mir in der Stadt Vorſchüſſe geben.“ Der Majoratsherr lächelte ſpöttiſch. „Ich verſtehe ſchon,“ erwiderte er, dieſe Vorſchüſſe nahmen Sie aus Ihrer Privatkaſſe. Im Großen und Ganzen war das von Ihrem Standpunkte aus betrachtet, ſehr vernünftig. Sie konnten die Zinſen für dieſe Darlehn ebenſowohl verdienen, wie jeder Wucherer in der Stadt, es war ein kleines, aber lohnendes Nebengeſchäft.“ Der Verwalter klemmte die Unterlippe zwiſchen die Zähne, und ein tückiſcher Blick ſchoß aus ſeinen Augen. „Sie ſetzen ſtets das Schlimmſte vordus,“ ſagte er,„aber mein eigenes Gewiſſen macht mir keinen Vorwurf, und ich glaube es iſt der beſte Richter.“ „Nur keine Maske, alter Herr!“ ſpottete der Baron.„Welche Sie auch wählen mögen, ich werde jede durchſchauen. Mir ge⸗ fällt dieſe Geſchäftsordnung nicht, ich werde eine andere ein⸗ führen.“ „Darf ich um nähere Auskunft darüber bitten?“ „Sie werden die geſammten Einnahmen aus der Verwaltung einem Bankier übergeben, den ich in den nächſten Tagen Ihnen bezeichne, dieſer Bonlier ſoll fortan meine Kapitalien verwalten. Ihnen kann das nur angenehm ſein, die Buchführung wird da⸗ durch weſentlich vereinfacht und die Verantwortung für Sie ge⸗ ringer.“ Friedrich Wortmann nickte zuſtimmend, der Baron kam ja ſeinen Wünſchen entgegegen. Aber daneben fühlte er auch, daß in dieſer neuen Anordnung ein Mißtrauen gegen ihn ſich ausſprach, und dieſes Mißtrauen mußte ihn empfindlich kränken, zumal Baron Udo ihm bisher ſein volles Vertrauen geſchenkt hatte. „Die Arbeit ſowohl wie die Verantwortung habe ich bisher gerne auf mich genommen, erwiderte er, die Brauen leicht zuſam⸗ menziehend,„aber Sie haben zu beſtimmen, und ich füge mich jeder Anordnung, die Sie treffen, ſoweit ich in ihr keine Gefahr für das Gut ſelbſt erblicke.“ —. 209— Der Majoratsherr blickte haſtig auf, eine bunkele Gluth färbte ſeine Wangen. „Was wollen Sie damit ſagen?“ fragte er,„Sie ſprachen von einer Gefahr—“ „Die dem Gute drohen könne,“ entgegnete Wortmann ſo feſt und entſchieden, als ob er hier der Gebieter ſei.„So ſagte ich, Herr Baron, und ich ſprach dieſe Worte mit voller Ueberzeugung Es wäre ja möglich, daß Sie in die Verwaltung des Gutes ein⸗ griffen, und etwas anordneten, was bie Einnahmen verringern und zuletzt zum Ruin führen müßte. Wenn das geſchähe, ſo würde ich meine Zuſtimmung nicht geben.“ „Sie würden wahrſcheinlich nicht gefragt werden!“ erwiderte Baron Edmund auf deſſen Stirne die Adern aufſchwollen.„Ich bin Majoratsherr von Oſthofen, und was ich auch thun mag, Ihrer Zuſtimmung bedürfen meine Anordnungen nicht. Halten Sie das gütigſt im Auge und vergeſſen Sie nicht, daß ich mir das Recht vorbehalten habe, Ihre Verwaltung während der letzten zehn Jahre einer ſtrengen Prüfung zu unterwerfen. Ich dulde keine Einmiſchung in meine Angelegenheiten, halten Sie ſich an das, was Ihnen obliegt und ſorgen Sie ſtets dafür, daß ich keine zeranlaſſung finde, mit Ihnen unzufrieden zu ſein.“ 62 Der Verwalter begegnete dem zornflammeuden Blick des Ma⸗ joratsherrn mit entſchloſſener Ruhe, er wollte offenbar ihm zeigen, daß er ihn nicht fürchtete. „Ich kann der Prüfung meincr Verwaltung mit aller Ruhe entgegenſehen,“ erwiderte er,„ſie würde jedenfalls zu an⸗ deren überraſchenben Entdeckungen führen und ich glaube, Baron Udo von Oſthofen hätte alle Urſache, mit dieſen Entdeckungen zu frieden ſein. Deshalb, Herr Baron, bitte ich Sie, die Dro⸗ hungen zu unterlaſſen, ſie rufen nur Erbitterungen hervor, und dies kann doch auch nicht in Ihrer Abſicht liegen.“ Eine geraume Weile blickten die beiden Männer einander an, jeder von ihnen ſchien mit dieſem Blick die Kräfte des Gegners meſſen zu wollen. „Können Sie mir einen ſoliden Bankier namhaft machen, dem man mit voller Ruhe Vertrauen ſchenken darf?“ fragte der Ma⸗ — 210— joratsherr nach einer Pauſe; dem peinlichen Geſpräch eine andere Wendung gebend. „Die Firma Auguſt Becker kann ich Ihnen empfehlen,“ ant⸗ worterte der Verwalter.„Auguſt Becker iſt nicht nur ein außer⸗ ordentlich reicher, ſondern auch ein ſehr ſolider und durchaus ge⸗ achteter Bankier.“ „Haben Sie ſchon mit ihm in Verbindung geſtanden?“ „Nein.“ „Oder kennen Sie ihn perſönlich?“ Auch dieſe Frage verneinte Wortmann, gewarnt durch das Mißtrauen, welches ſich deutlich in dem Blick des Barons ſpiegelte. „Ich kann Ihnen nur das über ihn mittheilen, was die ganze Stadt weiß,“ ſagte er. „Hat der Bankier Familie?“ „Nur eine Tochter, eine bildſchöne Dame, die bisher alle Be⸗ werbungen um ihre Hand zurückgewieſen hat.“ „Iſt Ihnen der Grund bekannt?“ Man ſagt, Fréulein Roſa Becker ſei ebenſo ſtolz als ſchön,“ erwiderte der Verwalter achſelzuckend, in dieſem Stolz mag der Grund zu ſuchen ſein.“ Baron Edmund hatte ſich erhoben, er zündete eine neue Ci⸗ garre an und trat an's Fenſter, um eine Weile ſchweigend hin⸗ auszublicken. „Gut,“ brach er endlich das Schweigen,„ich werde, auf Ihre Empfehlung vertrauend, mit dieſem Bankier in Verbindung treten. Im Uebrigen wollen Sie nicht vergeſſen, was ich Ihnen geſagt habe, und es wird mir angenehm ſein, wenn Sie mir bald die Mittheilung machen können, daß mein ehemaliger Hofmeiſter mei⸗ nen Vorſchlag angenommen hat.“ Er nickte grüßend und ſchritt hinaus. Friedrich Wortmann ſtand, auf die Lehne eines Stuhls ge⸗ ſtützt, in der Mitte des Zimmers, und durch das Fenſter fiel ein Sonnenſtrahl anf ſeine, vom Kampf der Leidenſchaften verzerrten Ich habe vielleicht mehr geſagt, als ich durfte,“ murmelte er,„aber ich konnte nicht anders, er muß wiſſen, daß er mich ncht wie einen Schulbuben behandeln darf. Wie gans anders ———— andere ant⸗ außer⸗ ch daß Barons e ganze lle Be⸗ ſchön,“ nag der neue Ci⸗ end hin⸗ auf Ihre ng treten. en geſogt hald die ſſtet mei⸗ uhls ge⸗ fiel ein erzertten murmelte er nih i anderz Lägen die Dinge, wenn ich in London die Falle geahnt und ver⸗ mieden hätte!“ Er blickte ſtarr auf die Thüre, die in dieſem Moment leiſe geöffnet wurde. Die alte Urſula war eingetreten, jeder Zug in ihrem runzel⸗ ligen Geſicht verrieth ihre Erregung. „Jetzt habe ich ihn geſehen und ſeine Stimme gehört,“ ſagte ſie leiſe,„er iſt es nicht.“ Ein drohenber Blick traf ſie aus den umſchleierten Augen des Verwalters. „Alberheit!“ erwiderte er ärgerlich.„Wie können Sie eine ſolche Behauptung aufſtellen?“ „Meine Augen ſind alt geworden, aber ſie ſehen noch ſehr ſcharf—“ Und da denken Sie, eine Baron könne niemals an den Pocken erkranken!“ „Das wäre kindiſch. Es iſt ſein Wuchs und ſein Gang, aber es iſt nicht ſeine Stimme, und an der Stimme erkenne ich jeden Menſchen wieder, mag ich ihn auch in einer Ewigkeit nicht ge⸗ ſehen haben.“ Der Verwalter war raſch der alten Frau näher getreten, er ſtand dicht vor ihr. „Das ſind wirklich kindiſche Vermuthungen,“ ſagte er mit ge⸗ dämpfter Stimme.„Ihr Gedächtniß iſt alt und ſchwach gewor⸗ den, und Sie ſind gewohnt, in jeder Ecke ein Geſpenſt zu ſehen. Sie zeigen überall Mißtrauen, Sie glauben ſelbſt an Thatſachen nicht. Nach Ihrer Anſicht muß Cäcilie von Oſthofen noch leben—“ „Das behaupte ich auch jetzt noch!“ „Und mit dieſen Behauptungen richten Sie nun Verwirrung an! Sie können glauben, was Sie wollen, Urſula, aber hüten Sie ſich, mit Anderen darüber zu ſprechen. Ich weiß, was ich von dieſen Behauptung zu halten habe, mich alteriren ſie wei⸗ ter nicht, aber wenn ſie unſerm Majoratsherrn zu Ohren kämen, ſo könnte er möglicherweiſe auf Ihre Entlaſſung dringen, und Sie wiſſen, ich bin von ihm abhängig und muß ſeinen Befehlen gehorchen.“ 14* „Glauben Sie denn ſelbſt, daß er der verſchollene Baron iſt?“ fragte die Alte zweifelnd. „Wenn ſein eigener Bruder es glaubt, weshalb ſoll ich zweifeln?“ „Baron Udo hat ſeinen Bruder nicht ſo genan gekannt— „Aber er iſt ſein Bruder, und die Stimme des Herzens ha doch auch eine gewiſſe Berechtigung.“ „Die Stimme des Herzens?“ erwiderte Urſula kopfſchüttelnd „Davon kann zwiſchen dieſen Brüdern keine Rede ſein.“ „Weshalb erörtern wir dieſe Fragen?“ ſagte Wortmann un⸗ geduldig.„Was kümmert ſie uns? Baron Edmund iſt heimge⸗ kehrt, er hat das Majorat übernommen, und dem Majoratsherrn ſchulden wir Gehorſam. Bei allem Spioniren kommt nichts her⸗ aus, nehmen wir die Dinge, wie ſie ſind.“ „Wenn ich nur die Narbe ſehen könnte!“ „Welche Narbe?“ fragte der Verwalter raſch. „Erinnern Sie ſich der Geſchichte nicht mehr?“ „Jetzt muß ich fragen, welcher Geſchichte?“ Ueber die Lippen der alten Frau glitt ein ſpöttiſcher Zug. „Sie haben mir vorgeworſen, mein Gedächtniß ſei ſchwach ge⸗ worden“, ſagte ſie,„dieſen Vorwurf gebe ich Ihnen z'rück⸗ Varon Edmund war noch ein Knabe, als er eines Abends ſich damit belnſtigte, von jener Mauer hinunterzuſpringen.“ Sie zeigte auf das Fenſter, durch welches man die Mauer er⸗ blicken konnte, und Wortmann ſchien ſich jetzt jenes Ereigniſſes zu erinnern, er nickte zuſtimmend. Niemand gab auf den Knaben Acht, der Hofmeiſter plauderte mit mir, er war ja hinter jedem jungen Mädchen her. Plötzlich hörten wir einen Schrei, Baron Edmund war unglückli, ge⸗ ſprungen, er hing mit dem Arm in einer eiſernen Spitze. „War es nicht der rechte Arm?“ „Ja, und es war eine häbliche Wunde, die zwar glücklich heilte, aber eine große Narbe hinterließ. Der Schrecken war mir in alle Glieder gefahren, und nachher wollten Sie mir noch Vor⸗ würfe machen, daß ich nicht beſſer auf den Knaben geachtet habe.“ Wieder nickte der Verwalter, es leuchtete ſeltſam in ſeinen Augen, man hätte glauben Triunph. 4 5 können, er feiere im Stillen einen. mer er⸗ igniſſes — 213— „Ich entſinne mich jetzt des Vorfalle,“ ſagte er,„aber wenn Sie glauben, dieſe Narbe müſſe maßgebend ſein, ſo iſt das doch ein Irrthum. Narben können im Laufe der Jahre faſt ſpurlos verſchwinden, vorzüglich ſolche Narben, welche in der Kindheit entſtanden ſind. So kann auch dieſe Narbe verſchwunden ſein—“ „Nicht ganz, ſie war zu groß!“ „Der Umfang kommt dabei gar nicht in Betracht,“ fuhr Wortmann fort.„Narben ſind Narben, mögen ſie nun groß oder klein ſein. Und ich rathe Ihnen noch einmal, behalten Sie Ihre Vermuthungen für ſich und richten Sie kein Unheil an, es ſollte mir wahrhaftig leid thun, wenn ich gezwungen würde, Sie zu entlaſſen.“ Damit ging er hinaus, und ganz verdutzt blickte Urſula ihm nach, ſeine Worte hatten ſiie verwirrt, ſie konnte ſich ſo raſch in ihrem Denken nicht zurechtfinden, aber an dem Zweifel, der in ihr aufgeſtiegen war, hielt ſie trotz aller Warnungen feſt. 9. Kapitel. Ferzenskämpfe. Es war ein troſtloſes Leben, und im Weine fand Willy auch keine Vergeſſenheit. Die Erinnerung an jene Schmach wollte nicht ſchwinden und immer glühender machte in ſeiner Seele der Durſt nach Rache ſich geltend. Die ſarkaſtiſchen, menſchenfeindlichen Bemerkungen Auerbach's waren auch nicht geeignet, ihn zu beruhigen, und Hellmuth Wald ſtern hatte den früheren Einfluß auf das jetzt verbitterte Gemüth des Freundes verloren. Frau Rodenberg litt unſäglich unter dieſen Verhältniſſen, die ſo plötzlich ſich geändert hatten, aber ſie war feſter denn je ent⸗ ſchloſſen, das Geheimniß ſeiner Geburt ihm nicht zu verrathen. „Glaube mir,“ ſagte ſie,„als er abermals die Enthüllung dieſes Geheimniſſes gefordert hatte,„über uns alle würde unſägliches Unglüc hereinbrechen, wenn ich Deiner Forderung nachgeben wollte. Und auf der anderen Seite, was hätteſt Du dadurch ge⸗ wonnen?“ „Gewißheit, Mutter!“ erwiderte Willy mit dumpfer Stimme. „Und nicht das allein, ich wüßte auch, an welche Adreſſe ich mich zu wenden hätte, um meinem Rechte Geltung zu ver⸗ ſchaffen.“ Frau Magdalena ſchüttelte tiefaufſeufzend das Haupt. „Man würde Deine Forterung in einer Weiſe ablehnen, die Dich kränken und verletzen müßte,“ ſagte ſie,„und dieſe Kränkung möchte ich Dir erſpahren. Es iſt ein Irrthum, wenn Du glaubſt Deine Ehre ſei verletzt, jener Vorfall im Conzertſaal gereicht nicht Dir, ſondern Deinem Gegner zur Schmach“ „So ſprichſt Du, Mutter—“ „So ſprechen Alle, die vorurtheilsfrei darüber richten!“ „Und kannſt Du glauben, daß bei dieſem Urtheil nicht der Unterſchied der Stände ſchwer in die Wagſchaale fallen wird?“ bemerkte Willy in bitterem Tone. „Liegt in der einen Wagſchale der Geburtsadel Deines Geg⸗ ners, ſo liegt in der andern Dein ehrenvoll erworbener Ruhm und Dein Recht, welches Niemand Dir beſtreiten wird. Mit ſolchen Gegnern kann man nicht kämpfen, man muß ſie verachten, denn ſie benutzen Waffen, die jeder Mann von Ehre ſeiner nicht wür⸗ dig hält.“ „Und eben deshalb muß man mit denſelben Waffen— „Willy, Du willſt Dich doch nicht ſo tief erniedrigen?“ rief Fau Magdalena erſchreckt. So brutal das Benehmen Deines Gegners war, Dir würde man noch größere Brutalität vorwerfen, denn er handelte ſo im Rauſch, Du aber—“ „Mutter, ich kann und darf nicht ſchweigen zu dieſer Schmach!“ fiel Willy ihr in's Wort, unfähig, den wild anflammenden Haß zu bemeiſtern.„Den Buben entſchuldigt es nicht, daß ex berau ſcht war, ein Betrunkener muß ſelbſt fühlen, daß er nicht in den Conzertſaal paßt.“ „und ich ſage Dir noch einmal, die Schmach trifft ihn, nicht A 0 then. ieſes liches ollte. ge⸗ mmn Geg⸗ m und ſolchen „denn t wür⸗ 7 rief Deines erfen, —. nach!“ u Haß rauſcht in den n nicht 215 Dich. Ueber ihn wird man den Stab brechen, und jeder Ver⸗ nünflige wird es begreiflich und natürlich finden, daß Du zu ſtolz biſt, um an eine Aak zu denken. Zeige durch Dein Schaſſen Deinen Werth und Du wirſt Dir die Hochachtung und Bewunderung aller it Menſchen ſichern. Was kann Dir denn an dem Haß eines Niedriggeſinnten liegen, der tief unter Dir ſteht, wenn auch ſein Name der Name eines Edel⸗ manns iſt! Willy hatte das Haupt auf den Arm geſtützt, ſein brennender Blick ruhte faſt trotzig auf dem wehmüthiz ernſten Antlitz der Mutter. „Und wenn ich auch ſchaffen wollte Tag und Nacht,“ ſagte er,„wenn auch die herrlichſten Schöpfungen aus meinem Atelier hervorgingen, die Kreiſe der Geſellſchaft blieben mir nach dieſem Vorfall doch verſchloſſen. Man wird mir nie verzeihen, daß ich den Schlag ſchweigend hingenommen habe, man wird mich der Feigheit beſchuldigen—“ „Und wenn dies auch Einzelne thäten, iſt denn das Urtheil eines Jeden maßgebend für Dich? Und glaubſt Du in den Kreiſen der Geſellſchaft ein erhebendes Glück zu finden?“ „Nein, gewiß nicht, aber es würde mir immerfort am Herzue nagen, wenn man mich fühlen ließe, daß ich nicht berechtigt ſei, Einlaß zu fordern, daß mein Pl a, wie der Platz eines Ausge⸗ ſtoßenen draußen vor der T A Thüre ſei. Ich könnte das nicht er⸗ tragen, Mutter, ich will, daß Jeder die Stellung achtet, die ich mir errungen habe, und auf die ich Anſpruch machen darf.“ i Ziel wirſt Du erreichen!“ „Hier niemals!“ Fun wohl, was ſeſſelt uns an dieſe Stadt? Wir finden überall eine Heimath, in der wir uns wohl fühlen können, und Du biſt ja durch nichts gebunden.“ „Wird uns nicht die Schande folgen, wohin wir uns auch wenden mögen?“ Ein dunkler Schatten glitt über das ſchöne Geſicht Frau Magdalenas. „Die Schande?“ erwiderte ſie vorwurfsvoll.„Ich ſehe keine! Sei nicht hart und ungerecht gegen mich, ich bitte Dich noch ein⸗ mal, raube mir den Frieden nicht, den ich nach ſo ſchweren 216 Kämpfen mir errungen habe. Denke über meinen Rath nach, und wähle Du ſelbſt die Stadt, in der wir künftig wohnen ſollen, ich werde mit jeder Wahl einverſtanden ſein.“ Sie hatte ſich erhoben, leiſe ſtrich ihre feine Hand über das blonde lockige Haar des jungen Mannes, der finſter vor ſich hin⸗ ſtarrte. „Und noch Eins!“ ſagte ſie leiſe, in bittendem Tone.„Geh nicht mehr in's Wirthshaus, Du ſindeſt dort ſchlechte Geſellſchaft und zerrütteſt Körper und Geiſt zugleich. Es thut nimmer gut, wenn man in geiſtigen Getränken Vergeſſenheit ſucht, was auch den Mann drücken mag er muß es tragen und überwinden, darin zeigt er ſeinen Muth, ſeine geiſtige Kraft und ſeinen inneren Werth; nur der Schwächling läßt ſich von Leidenſchaſten und Verzweiflung unterjochen.“ „Ich habe ja auch dagegen gekämpft, aber—“ „Aber der Verſucher trat Dir immer wieder nahe, ich weiß es. Auerbach übt keinen guten Einfluß auf Dich, er lohnt uns unſere Güte ſchlecht.“ „Er iſt der Verſucher nicht,“ erwiderte Willy haſtig. „Er iſt es, vielleicht ohne ſelbſt es zu wiſſen und zu wollen,“ fuhr Frau Magvalena fort.„Er mit ſeiner Verbiſſenheit und ſeiner Menſchenverachtung hetzt Dich gegen Alle auf, er zeigt Dir an ſeiner eigenen Vergangenhei“, daß Du dieſelbe Bahn wandern mußt, wie er, auch er beruft ſich ja darauf, an den gehäſſigen Vorurtheilen der Menſchen ſei ſein Streben und ſein Schaffen geſcheitert. Das aber iſt eine feige Entſchuldigung für ſeine Schwäche, ich hab's ihm ſelbſt mit dürren Worten geſagt, er hätte dem Schickſal muthig die Stirne bieten und unbeirrt ſeinen Weg verfolgen ſollen.“ Auch Willy war von ſeinem Sitz aufgeſtanden, der böſe Vor⸗ wurf, der für ihn in den Worten der Mutter lag, hatte den Weg zu ſeinem Herzen gefunden. Er trat an's Fenſter und blieb dort lange, in Gedanken ver⸗ ſunken, ſtehen. Es war freilich eine niedrige und eines gebildeten Mannes nicht würdige Sache, wenn er dem Baron den Schlag vergalt, und an der Sachlage ſelbſt änderte dieſe Vergeltung auch nichts. , und ſollen, r das Geh ſchnt r gu, 8 auch „darin nneren n und weiß t uns ollen,“ it und igt Dir andern ſſigen chaffen ſeine rhätte n WVeg ſe Vor⸗ te den n vert⸗ Nannes vetgalt, nichts. Oſthofen trat ein. 27 Und Auerbach war in der That ein gefährlicher Freund, auch in dieſer Beziehung mußte er der Mutter Recht geben. Baroneſſe Klara von Oſthoſen und Arabella Grimaldi hatten ihm ja daſſelbe, wenn auch mit anderen Worten geſagt, auch ſie hatten ihn aufgefordert, jenen Vorfall zu vergeſſen und un⸗ beirrt auf der ruhmgekrönten Bahn vorwärts zu ſchreiten. Vielleicht war es wirklich das Beſte, wenn er für immer die Heimath verließ! In einer anderen Stadt forſchte wohl Niemand ſeiner Ver⸗ gangenheit nach, wozu auch, es hatte ja Niemand Intereſſe daran ſich um die perſönlichen Verhältniſſe des fremden Malers zu be⸗ kümmmern, und im weiten, deutſchen Reich gab es ſo manche ſchöne Stadt und in der Stadt konnte man ſich bald heimiſch fühlen, wenn man frei von Nahrungsſorgen war. Ja, er wollte dieſen Rath befolgen, ſeine kluge Mutter hatte mit ihrem ſcharfen Blick das Richtige getroffen. Er wandte ſich um, Frau Magdalena hatte das Zimmer verlaſſen. Er ging jetzt anch in ſein Atelier; auf der Staffelei ſtand das Portrait Klara's. Dieſes Portrait mußte fertig ſein, ehe er abreiſte, er hatte es der Baronefſe verſprochen, ihr ſollte es ein Andenken an ihn ſein. Sinnend ſtand er vor dem Bilde, aus den blauen Augen leuchteten alle Tugenden einer reinen, jungfräulichen Seele ihm entgegen. Sanftmuth und Herzensgüte, Edelſinn und Heiterkeit ſpie⸗ gelten ſich in den unergründlichen Tiefen dieſer blauen Sterne während ein ſchelmiſcher Zug die roſigen Lippen umſpielte. Weshalb mußte ſie ſo hoch über ihm ſtehen, daß er nicht wagen durfte, ſie zu lieben? Ein Seufzer entrag ſich ſeiner beklommenen Bruſt, an der Seite dieſes Engels hätte er dauernd das ſüßeſte Erdenglück ge⸗ funden. Aber es ſollte nicht ſein! Er nahm die Pallete und ließ ſich vor der Staffelei nieder, es war ein entzückender Genuß für ihn, an dieſem Bilde zu malen. Ein leiſes Pochen weckte ihn aus ſeinen Sinnen und Träu⸗ men, die Thür des Ateliers öffnete ſich und Baron Edmund von — 218— Willy kannte den fremden Herrn nicht, erwollte ſich erheben aber der Baron bat ihn in dem leutſeligſten Ton, ſitzen zu bleiben. „Laſſen Sie ſich nicht ſtören,“ ſagte er,„wenn Sie erlauben, nehme ich einen Stuhl und ſetze mich zu Ihnen. Oder genirt es Sie, wenn Jemand Ihnen zuſieht?“ „Durchaus nicht,“ erwiderte Willy, der mit einem prüfenden Blick die ariſtokratiſche Erſcheinung muſterte,„Sie dürfen mir nur keinen Vorwurf machen, wenn dieſes Zuſehen Ihnen auf die Dauer langweilig wird.“ „Wie wäre das möglich?“ ſcherzte der Majoratsherr, aber faſt erſtarb ihm das letzte Wort auf den Lippen, als jetzt ſein Blick auf das Porträt fiel. „Meine Tochter!“ fagte er überraſcht. Die Stirne Willy's verfinſterte ſich. „So habe ich die Ehre den Herrn Baron von Oſthofen vor mir zu ſehen?“ fragte er. Der Baron nickte bejahend, er konnte den Blick von dem Bilde nicht abwenden, und Willy gewann dadurch Zeit, den Vater Klara's zu betrachten. „Hat meine Tochter Ihnen zu dieſem Porträt geſeſſen?“ brach der Baron endlich das Schweigen. „Nein, es iſt aus dem Gedächtniß gemalt.“ „Dann geſtatten Sie mir, daß ich meine höchſte Bewunderung ausſpreche. Man hat mir viel von Ihrem Talent erzählt, und ich geſtehe Ihnen offen, daß ich mit großen Erwartungen hieher gekommen bin, Sie dürfen ſich dafür bei Baroneſſe Klara be⸗ danken. Aber meine Erwartungen, daß geſtehe ich ebenſo ehrlich, ſind weit übertroffen, und ich bitte Sie darin keine Schmeichelei, ſondern Wahrheit zu erblicken. Dieſes Portrait iſt ein Meiſter⸗ werk.“ Dem junge Manne ſtieg das Blut heiß in die Stirne, Em⸗ pfindungen und Gefühle ſtürmten auf ihn ein, von denen er ſich ſelbſt keine Rechenſchaft zu geben wußte. „Varoneſſe Klara von Oſthofen war ſo gütig, an meinem Schaffen regen Antheil zu nehmen,“ ſagte er, und es zuckte dabei ſeltſam um ſeine Lippen„dieſe Theilnahme war um ſo wohl⸗ thuender für mich, als ich auf anderer Seite feindſeligen Geſin⸗ nungen begegnete.“ ) eben iben. hen, tes nden nir ſdie vor Bater broch erung t, und hieher ta be⸗ hrlich, ichelei, keiſtet⸗ er ſich einem dabei wohl· Geſin⸗ — 219— „Ich verſtehe, was Sie ſagen wollen,“ erwiderte der Majo⸗ ratsherr, während er den Blick durch das Atelier ſchweifen ließ, „Klara hat mich von dem Vorgefallenen unterrichtet, und ihre Mittheilungen veranlaßte mich, Ihnen Genugthuung zu verſchaf⸗ fen. Baron Udo, mein Bruder, war in dieſem Punkte ganz mit mir einverſtanden, wir bedauren beide lebhaft das Vorgefallene und geben Ihnen gerne die Erklärung, daß wir die Schuld allein auf der Seite meines Neffen finden. Baron Bruno wird in den erſten Tagen abreiſen und ſo lange draußen bleiben, bis ich ihn zurückrufe.“ „Und finden Sie darin eine Genugthuung für mich?“ fragte Willy, die Brauen leicht zuſammenziehend.„Wird dadurch die Schmach, die auf mir ruht, getilgt?“ „Ich könnte in dieſer Frage einen Vorwurf für mich finden,“ erwiderte der Majoratsherr, einen heiteren Ten anſchlagend, „einen Vorwurf, der Bezug nimmt auf eine Unterredung, die ich mit Ihrem Freunde hotte. Indeß, man muß Alles von zwei Seiten betrachten, Herr Rodenberg; und wenn ich auch auf der einen Seite das Recht der Herausforderung Ihnen einräume, ſo beſtreite ich doch auf der anderen Seite mit aller Entſchiedenheit, daß die Sache ſelbſt zu einer Herausforderung berechtigte. Sie ſind tief beleidigt worden, aber es geſchah im Rauſch. Ihr Gegner war nicht zurechnungsfähig und für Sie lag ſchon darin eine Genugthuung, daß ihm die Thüre gezeigt und er genöthigt wurde, den Saal zu verlaſſen. Ueberdies hätte ein Duell nur die traurigſten Folgen für Sie haben können, ein ſolches Duell hat mich aus der Heimath verbannt, und die Erinnerung an das⸗ ſelbe iſt mir heute noch peinlich. Ihnen möchte ich dieſes Schick⸗ ſal nicht wünſchen, das Leben eines talentvollen Mannes gilt mehr als das Leben meines Neffen.“ Willy blickte betroffen den Baron an, die letzten Worte mußten ihn überraſchen. „Glaub en Sie, daß Jeder dieſem Urtheil beipflichten wird?“ fragte er. „Gewiß nicht; es gibt Menſchen genug, die den Adel der Geburt höher ſtellen, als den Adel des Talents und der Geſin⸗ nungen. Mit dieſen Leuten iſt nicht zu rechten, ſie laſſen ſich nicht belehren, man muß ſich damit begnügen, über ihre ver⸗ 220 ſchrobenen Anſichten die Achſel zu zucken. Indeß wird Jeder, der Zeuge jenes Vorfalls war, auf Ihrer Seite ſtehen, ſelbſt die Freunde meines Neffen mißbilligen dieſe Verirrung, und Niemand erwartet, daß Sie ſich durch dieſelbe zu einer Herausforderung genöthigt glauben. Und ſo bitte ich Sie, auch im Namen meines Bruders und meiner Tochter, laſſen Sie die Sache ruhen und begnügen Sie ſich mit der Erklärung, die ich Ihnen gegeben habe; wenn Bruno zurückkehrt, wird er ſelbſt Sie um Verzeihung bitten.“ „Nur unter der Bevingung kann ich auf eine weitere Genug⸗ thuung verzichten,“ „Baron Bruno ſoll ſie erfüllen, ich verſpreche es Ihnen.“ „Und weshalb geſchieht es nicht vor der Abreiſe?“ „Sie werden das begreifiich ſinden,“ ſagte der Baron achſel⸗ zuckend.„Baron Bruno fühlt ſich ja auch gekränkt, Sie haben ihm vorgeworfen, er ſei berauſcht—“ „Das war die Wahrheit.“ „Auch die Wahrheit kann unangenehm werden. Es iſt beſſer, wenn man den jetzt noch wild erregten Leidenſchaften Zeit läßt, ſich zu beruhigen.“ Willy blickte auf das Porträt, es war ihm, als ſäh blauen Augen ihn bittend an, er konnte ihrem Zauber nicht derſtehen. „Baron Bruno zeigte mir ſchon im Augenblick unſerer erſten Begegnung eine feindſelige Geſinnung, zu der ich ihm durchaus keine Veranlaſſung gegeben habe,“ ſagte er,„er hat mich dann mit ſeinem Haß verfolgt und dieſen Haß auch auf meine Freunde ausgedehnt.“ „Auch das iſt mir bekaunt,“ nickte der Baron.„Sollten ſie aber wirklich keine Ahnung davon haben, daß dieſe feindliche Ge⸗ ſinnung dem Neid entſprungen iſt?“ „Dem Neid— worüber?“ „Darüber, daß Sie Signora Arabella Grimaldi Ihre Freund⸗ din nennen dürfen!“ ſcherzte der Majoratsherr.„Sehen Sie mich nicht ſo böſe an, Herr Rodenberg, ich will damit weder Ihnen, noch dieſer Dame zu nahe treten, im Gegentheil, ich habe die feſte Ueberzergung, daß Signora Grimaldi Ihnen nur eine Freundin im edelſten Sinne des Wortes iſt. Vielleicht theilt Ba⸗ en di F von et, de ſt ron Bruno dieſe Ueberzeugung nicht, wer will ihn deshalb ver⸗ enand urtheilen!“ erung„Ja Signora Geimaldi iſt meine Freundin in des Wortes neinet edelſter Bedeutung,“ etwiderte der Maler, deſſen Wangen ſich rö⸗ nund theten,„ihr Name iſt ſo makellos, wie das Sonnenlicht.“ egeben„Und nun denke ich, wäre dieſe Angelegenheit, wenigſtens vor⸗ . läufig, erledigt,“ ſagte Baron Edmund mit einem forſchenden Blick auf das Antlitz des jungen Mannes,„ſeien Sie überdies e noch verſichert, daß ich überall, wo in meiner Gegenwart die 6 Rede auf jenes Ereigniß kommen ſollte, für Sie in die Schran⸗ 4 ken treten werde. Haben Sie Auftrag erhalten, dieſes Porträt zu malen?“ ₰„Nein, ich hatte es in Kreidezeichnung entworfen, Baroneſſe aiſil⸗ Klara äußerte den Wunſch, es in Oel zu beſitzen.“ haben„Und dieſer Wunſch war für Sie hinreichend—“ „Der Wunſch einer ſo liebenswürdigen Dame mußte mir Be⸗ fehl ſein!“ deſer,„Pas iſt allerdings ſehr ritterlich gedacht,“ erwiderte der Ba⸗ tläßt, ron in heiterem Tone,„aber Sie werden dadurch von beſſerem . Schaffen abgehalten. Dieſes Porträt iſt ein Meiſterwerk, aber man hen die ſagte mir, Sie ſeien Landſchaftsmaler.“ icht w„So iſt es in der That,“ erwiderte Willy; ſollte aber ein Landſchaftsmaler nicht auch ein gutes Porträt malen können?“ t erſten„Man ſindet dieſe Talente ſelten miteinander vereinigt. Ich urchaus habe leider Ihr preisgekröntes Gemälde noch nicht geſehen, ge⸗ ch dann ſchäftliche und Familienangelegenheiten nahmen bisher meine Zeit Freunde gauz in Anſpruch, aber ich werde das verſäumte nachholen, ſo bald es mir möglich iſt. Werden Sie jenes Gemälde verkaufen?“ lten ſie„Es iſt bereits in den Beſitz des Kunſtvereins übergegangen.“ iche Ge⸗„Das bedaure ich für meine Perſon! Hat der Preis, den man Ihnen zahlte, Ihren Erwartungen entſprochen 2 „Man hat mir den Preis grzahlt, den ich fordert.“ reund⸗„Vor der Preiskrönung?“ en Sie„Jawohl.“ t weder„Sie würden nach derſelben einen höheren Preis gefordert ih hebe haben. Aber das läßt ſich nun freilich nicht mehr ändern, und ur eine Sie haben trotz alledem ein gutes Geſchäft gemacht,“ ſagte der eilt Be⸗ Majoratsherr, an den Spitzen ſeines Schnurrbarts drehend — 222— „Baroneſſe Klara läßt Sie an Ihr Verſprechen erinnern“ „Willy wiegte ablehnend das Haupt. „Ich glaube kaum, daß die Erfüllung desſelben mir möglich ſein wird,“ erwiderte er,„auch ich habe vor, dieſe Stadt zu ver⸗ laſſen.“ „Um eine Kunſtreiſe zu machen?“ „Nicht doch, um mir in einer anderen Stadt eine Heimath zu gründen.“ „Das kann Ihr Ernſt nicht ſein,“ ſagte der Baron über⸗ raſcht. „Weshalb zweifeln Sie daran?“ „Weil ich nicht glauben kann, daß es ein wohl und reiflich überlegter Entſchluß ſein ſoll. Verlaſſen Sie die Heimath für immer, ſo wird ja jeder ſagen die Furcht habe Sie ſortgetrieben. Verzeihen Sie mir dieſe Bemerkung, ich mache ſie ja nur in Ihrem Interel. Man wird behaupten, Sie fürchteten eine noch⸗ malige Begegung mit meinem Neffen und ſeien deshalb aus⸗ gewandert. Ind abgeſehen hiervon hat die Sache auch noch eine andere Seite ſür Sie. Hier iſt Ihr Wukungskreis, hier haben Sie Ihre Freunde und Bekannte, draußen kommen Sie in eine ſremde Umgebung und—“ „Ich weiß das Alles, Herr Baron, aber—“ „Und ich ſage Ihnen, Sie dürfen dieſen Entſchluß nicht aus⸗ ſühren!“ rief der Majbratsherr in lebhafterem Tone.„Wir würden Ihnen das nie verzeihen, das Verſprechen welches Sie meiner Tochter gegeben haben, müſſen Sie einlöſen.“ Wieder ſtreifte der Blick Willy's das Porträt. Er ſollte ſie wiederſehen, vielleicht oft, mit ihr plaudern, dem ſüßen Ton ihrer Stimme wieder lauſchen dürfen— die Ver⸗ ſuchung war zu groß, er konnte nicht widerſtehen. Und dennoch warnte eine innere Stimme ihn, ſie flüſterte ihm zu, er thne beſſer, darauf zu verzichten, und den Zauber zu mei⸗ den, der verlockend ihm winke. „Ich erinnere mich wirklich nicht, ein bindendes Verſprechen gegeben zu haben,“ ſagte er zögernd.„Es war allerdings die Rede davon, aber—“ „So muß ich annehmen, daß Klara ein beſſeres Gedächtniß hat, wie Sie,“ ſcherzte der Baron.„Die Hoffnung, daß Ihre nern“ möglic t zu ver⸗ inath zu on über⸗ nd reiſich math für getrieben. nur in eine noch⸗ alb aus⸗ noch eine er haben in eine nicht aus⸗ „Vir lches Sie ern, den die Ver⸗ erte ihn zu mei ſprechen ings die dächtniß aß Ihte — 223— Meiſterhand die Räume unſeres Schloſſes ſchmücken werde, berei⸗ tete meine Tochter ſtets neues Entzücken, ſo oft ſie ſich Ihres Verſprechens erinnerte, nun können und dürfen Sie nicht mehr zurücktreten, es wäre, ehrlich geſagt, eine Beleidigung, deren Sie ſich einer Dame gegenüber gewiß nicht ſchuldig machen wollen.“ Willy ſchwankte noch immer. Freilich, wenn Bruno abgereiſt war, dann durfte er jenes Schloß wieder betreten, in welchem jetzt nicht mehr der Vater ſeines Gegners, Jondern deſſen Bruder der Gebieter war. Und der Gedanke an das Wiederſehen und ein öfteres Beiſammenſein mit der ſchönen Baroneſſe war doch auch gar zu verführeriſch. Alles Andere mußte vor dieſem Gedanken in den Hintergrund reten! Der Majoratsherr ſah mit ſeinem ſcharfen, durchdringenden Blick, daß auch die letzten Bedenken allmählig ſchwanden, er reichte dem jungen Manne die Hand. „Alſo dürfen wir auf Sie rechnen? fragte e. Willy athmete tief auf, der Entſchluß ſchien ihm doch ſchwer geworden zu ſein. „Wann wird Baron Bruno abreiſen?“ erwiderte er. „Wahrſcheinlich übermorgen.“ „Wollen Sie die Güte haben, es mir mitzutheilen, ſobald er abgereiſt iſt? Sie werden begreifen, weshalb ich nicht gerne noch einmal mit ihm zuſammentreffen mochte; es iſt nicht Feigheit, was dieſem Wunſche zu Grunde lisgt—“ „Ich weiß das, es iſt Rückſcht auf meine Familie, und ich danke Ihnen dafür,“ ſagte Baron Edmund.„Ich werde Ihnen die Mittheilung Jofort nach erfolgter Abreiſe machen, und ich hoffe, Sie dann recht bald in Oſthofen zu ſehen.“ „Ich verſpreche nichts, Herr Baron!“ „Aber ich habe bereits Ihr Verſprechen und—“ „Nein, nein, ich muß ja zuvor wiſſen, welche Aufträge ich ausführen ſoll, und welche Bedingungen man mir ſtellen wird—“ „Die Bedingungen haben Sie zu beſtimmen. Wir werden ja über das Alles noch näher reden und gewiß in allen Dingen einig werden. Und nun ſage ich Ihnen Lebewohl auf baldiges Wiederſehen,“ fuhr der Baron fort, indem er ſeinen Hut nahm, ich hoffe, wir werden in Oſthofen manche vergnügte Stunde mit 22 einander verleben. Wie ſchade, daß ich drüben keine Skizzen ge⸗ ſammelt habe! Die Landſchaft, namentlich in Kalifornien bietet entzückende und gigantiſche Schönheiten, ſie iſt eine wahre Fund⸗ grube für jeden Landſchaftsmaler⸗ 6 „Ich habe das oft gehört und geleſen,“ nickte Willy,„und wer weiß, vielleicht komme auch ich einmal hin.“ „Dann will ich Ihnen nur wünſchen, daß es unter beſſeren Verhältniſſen geſchieht, als diejenigen waren, unter denen ich hin⸗ ging,“ ſagte der Majoratsherr.„Aber nun will ich nicht länger ſtören,— alſo nachmals auf Wiederſehen.“ Die Equipage des Barons ſtand vor der Thür des Hauſes, 5 der Majoratsherr ſtieg ein und befahl dem Kutſcher, zum Ban⸗ kier Auguſt Becker zu fahren. Es wäre au einem ſcharfen, erfahrenen Blick ſchwer gewor⸗ den, in den ernſten, ſtrengen Zügen des Edelmanns zu leſen, welche Gedanken ſeine Seele bewegten, er blickte ſo ſtolz und vornehm auf die Luſtgänger hinab, als ob der Gedanken an ſei⸗ nen Reichthum allein ihn beherrſche. Und doch war dieſe ſtolze vornehme Ruhe nur eine Maske, hinter der ſich glühende Leiden⸗ ſchaften bargen, von denen die Umgebung dieſes Mannes keine hatte. Der Wagen hielt vor dem eleganten Hauſe des Bankiers und gleich r rat der Majoratsherr, in Gang und Haltung ein vollendeter Ariſtokrat, in das Kabinet des Börſenfürſten. Ueber das wohlgenährte Antlitz des Bankiers glitt ein Lächeln der Beſriedigung, als der Baron ſich ihm vorſtellte, mit zuvor⸗ n Höflichkeit bot er ihm einen Seſſel an, und erſt nach⸗ dem der Majoratsherr ſich niedergelaſſen hatte, nahm auch der Bankier vor ſeinem Schreibtiſch wieder Platz. „Sie werden bereits errathen haben, daß ich in Geſchäfts⸗ angelegenheiten zu Ihnen komme, ſagt- Baron Edmund, während S Blick forſchend durch das elegante Gemach ſchweifte,“ viel⸗ leicht erſcheint Ihnen eine geſchäftliche Verbindung mit mir kaum wünſchenswerth, ſo hoffe ich dann, daß Sie aus perſönlichen Rück⸗ ſichten, aus Rückſichten auf meinen Namen und meinen Rang dieſen Wunſch erfüllen werden.“ Der Bankier verbeugte ſich leicht, wieder umſpielte jenes trinm⸗ phirende Lächeln ſeine Lippen. hann! lange nahme es 0 ſprech Sie Und dem Ein gabe Ver und wend / Bato „ wider daß lih; 225 „Eine geſchäftliche Verbindung mit dem Herrn Baron von Oſthofen würde meinem Hauſe zur Ehre gereichen,“ erwiderte er. „Nun denn, wenn dies Wahrheit und nicht Schmeichelei iſt, dann werden wir ja raſch einig ſein,“ fuhr der Baron ſort.„So lange mein Bruder das Majorat verwaltete, wurden die Ein— nahmen und Ausgaben ganz dem e überlaſſen. Fern ſei es von mir, gegen den Verwaltec irgend einen Argwohn aus ſprechen zu wollen, ich habe dazu gar keine Ve ranlaſſung, aber Sie werden begreiſen, daß es für den Gutsherrn mit mancherlei Unannehmlichkeiten verknüpft iſt, jede Summe, die er bedarf, von dem Verwalter fordern zu müſſen, ganz abgeſehen davon, daß die Einnahmen nur zur Zeit der Aernte erfolgen, während die Aus⸗ gaben täglich eine gefüllte Kaſſe erfordern. Ich habe nun meinen Verwalter beauftragt, ſämmtliche Einnahmen Ihnen auszuhändigen und ſo oſt ich einer Summe bedarf, werde ich mich an Si⸗ wenden.“ „Ich ſaze Ihnen meinen Dank für dieſes Vertrauen, Herr Baron.“ „Vielleicht fordere ich größeres Vertrauen von S widerte der Majoratsherr ſcherzend.„Es könnte oft der Fall ſein daß ich einen Kredit von Ihnen beanſpruchen müßte, der natür lich zur Zeit der Ernte wieder gedeckt würde.“ „Meine Kaſſe ſteht ganz zu ihrer Verfügung,“ i der Bankier ſich einzuſchalten,„es wird mir außerordentlich angenehm ſein, wenn „Sie geben mir Kredit ohne mich zu kennen?“ „Du lieber Himmel, was wage ich denn dabei, wenn ich dem Majoratsherrn von Oſthofen einen unbeſchränkten Kredit ein⸗ räume?“ „Sie können nicht wiſſen, wie weit ich i in Anſpruch nehmen werde,“ ſagte Baron Edmund, deſſen Blick forſchend auf dem gerötheten Antlitz des corpulenten Herrn ruhte.„Ich trage mich mit großen Plänen, die ich wahrſchein 1 zur Ausführung bringen werde. Mit Ihnen kann ich wohl darüber reden,“ fuhr er nach einer kurzen Pauſe fort, Si werden in meinem Intereſſe ſchweigen. In Oſthofen iſt ſeit dem Tode meines Vaters Alles beim Alten geblieben, die neurren Forſchungen und Entdeckungen 8 S 5 — Lanowirthſchaft haben gar keine Verückſich⸗ der alten 36. 6 auf dem Gebiete der tigung gefunden, der Verwalter iſt ein Mann aus und wohl auch zu bequem, jetztz noch zu lernen. Mein Bruder hat ſich wenig um die Heconomie gelümmert, ich nehme das nicht übel, er war Offizier und hätte dieſem Stande ihm da— treu bleiben ſollen. So ſind die Eiunahmen dieſelben geblieben, trotzdem man ſie mit einiger Unſicht hätte vermehren können, und es bedarf einer gründlichen Regeneration, wenn das ſchöne, reiche Gut Oſthofen auſ den Standpankt der neueren Zeit gebracht wer⸗ den ſoll.“ Der Bankier nickte; er verſtand ja ſelbſt auch n andwirthſchaft, alſo konnte er kein ſelſt ſtändiges Urtheil fällen. „Ich werde mich dieſer Aufgabe widmen,“ nahm Baron Ed⸗ mund wieder das Wort,„Oſthofen ſoll ein Muſtergut werden, darin ſuche ich meinen Stolz, und vazu bedarf ich Ihrer Unter⸗ ſtützung. Vielleicht werde ich mich gezwungen ſehen, das Gut mit einem Kapital zu belaſten, um die nöthigen Mittel zu ge⸗ ichts von der 2 winnen—“. „Wozu das?“ ſagte der Bankier raſch.„Ich habe Ihnen ja unbeſchränkten Kredit angeboten—“ „Ich könnte demnach einen zu großen Kredit in Anſpruch nehmen.“ „Wenn ich das nicht fürchte— „Verzeihen Sie, Herr Commerzienrath, der Geſchäftsmann iſt vorſichtig, und er muß es ſein, ich verarge ihm das durchaus nicht. Indeß ließe ſich ja auch in dieſem Falle ein Ausweg fin⸗ den, ich gebe Ihnen bis zu einem gewiſſen Betrage hypothekariſche Sicherheit, damit wäre uns beiden geholfen.“ Der corpulente Herr fühlte ſich über den Titel, der ihm nicht gebührte, außerordentlich geſchmeichelt, wie jeder andere Menſch, hatte auch er ſeine Schwächen. „Wenn Sie es ſo wollen, Herr Baron, ſo finde ich nichts dagegen einzuwenden,“ erwiderte er, mit einer abermaligen Ver⸗ beugung,„aber ich wiederhole Ihnen, daß es unnöthig iſt. Ver⸗ fügen Sie ganz über meine Kaſſe, wenn ich bitten darf. „So wäre alſo die geſchäftliche Angelegenheit geordnet,“ ſagte Baron Edmund iu heiterem Tone, darf ich mir nun erlauben, noch einige Fragen an Sie zu richten?“ W —.— nu Ro 2 mun ällen. rden, nter⸗ t mit ge⸗ en ja ſpruch nn iſt cchaus g fin⸗ nnicht Menſch, nichts Ver⸗ Ver⸗ ſagte lauben, 8 4 nehmen— „Je größer das Vertrauen, welches Sie mir ſchenken, deſto mehr Ehre für mich!“ „Nicht doch, ich fürchte Ihre Zeit zu ſehr in Anſpruch zu „Bitte recht ſehr, augenblicklich liegt nichts vor, was ſoſort erledigt werden müßte. Darf ich Ihnen eine Cigarre anbieten?“ „Ich nehme Sie mit Vergnügen an, denn ich bin ein leiden⸗ ſchaftlicher Raucher.“ Der Bankier nahm ein elegantes Käſtchen von ſeinem Schreib⸗ tiſche und öffnete es, die beiden Herren zündeten ihre Cigarren an, und die blauen, aromatiſch duftenden Rauchwölkchen ſtiegen zu der mit klaſſiſch ſchönen Stuckverzierungen geſchmückten Decke des Kabinets empor. „Sie kennen meinen Verwalter wohl nicht?“ fragte der Ma⸗ joratsherr in einem Tone, als ob die Beantwortung dieſer Frage ihm außerordentlich gleichgültig ſei. Der corpulente Herr erinnerte ſich des Verſprechens, welches er dem Verwalter gegeben hatte, und es war ja möglich, daß die Erfüllung dieſes Verſprechens auch in ſeinem eigenen Intereſſe lag, qbgeſehen davon, daß auch ſeine Ehre dieſe Erfüllung forderte. „Nein.“ erwiderte er,„ich habe bisher mit dem Majorats⸗ herrn von Oſthofen in keiner Verbindung geſtanden.“ „So wäre es mir' lieb, wenn mein Verwalter Ihnen auch ferner ein Fremder blieb. Der alte Mann iſt ſehr redſelig und es läßt ſich erwarten, daß er in der mit Ihnen angeknüpften Verbindung ein Mißtrauensvotum für ſeine eigene Perſon er⸗ blickt.“ „Seien Sie unbeſorgt, man wird in meinem Hauſe mit ihm nur geſchäftlich verkehren,“ „Das wünſche ich,“ nickte der Baron.„Iſt Ihnen der Maler Rodenberg bekannt?“ Willy Rodenberg, deſſen Gemälde der erſte Preis zuerkannt wurde?“ „Derſelbe, Herr Kommerzienrath.“ „Perſönlich nicht, aber Jedermann ſpricht über ihn.“ „Und was ſagt man von ihm?“ 1758 „Nun, man gönnt ihm den Erfolg, aber man tadelt es auch, daß er ſich ſo ſehr vordrängt.“ „Vordrängt? In welcher Weiſe?“ erwiderte der Majoratsherr. „Der Vorfall im Conzerſaal wird Ihnen gewiß bekannt ſein—“ „Ich denke nur mit Bedauern an ihn.“ „Bedauert hat ihn Jeder mit Ausnahme derjenigen, die den Skanbal lieben,“ erwiderte der Bankier achſelzuckend, bedauert ſchon deshalb, weil eine ſehr geachtete, talentvolle Sängerin in den Skandal hineingezogen wurde. Ich will Ihren Herrn nicht entſchuldigen, wenn ihm auch das Recht, ſein Mißfallen z äußern, nicht beſtritten werden kann, ſo trifft ihn doch der wurf, daß er zu weit gegangen iſt.“ „Darin pflichte ich Ihnen vollkommen bei.“ „Ich wußte es, und das gab mir den Muth, meine Meinung Ihnen gegenüber offen zu äußern. Der Herr Baron kam aus einer heiteren Geſellſchaſt, er war in erregter Stimmung, und der Vorſtand des Conzertvereins hatte ihn bereits auf das Un⸗ gebührliche ſeines Benehmens aufmerkſam gemacht. Das genügte, zumal ja auch die Freunde des Störenfrieds dieſen zu veranlaſſen ſuchten, den Saal zu verlaſſen. Was berechtigte unter ſolchen Umſtänden den Maler, perſönlich für die Sängerin in die Schranken zu treten und dem Herrn Baron Sottiſen zu ſagen? Er mußte bedenken, wem er gegenüberſtand, und welche Stellung er ſelbſt in der Geſellſchaft einnahm. Wenn auch die Schuld nicht ihn ſelbſt, ſondern ſeine Mutter trifft, ſo wendet ſich das Vorurth eil doch auch gegen ihn, und ſolche Leute thun beſſer, im Hinter⸗ grunde zu bleiben und dieſes Vorurtheil nicht herauszufordern.“ „Das iſt ein hartes Urtheil,“ ſagte der Majoratsherr,„aber Sie mögen Recht haben. Ich intereſſire mich für den Maler, wie ich für jeden talentvollen Menſchen mich intereſſire, können Sie mir vielleicht Mittheilungen über ſeine Vergangenheit machen?“ „Nein, ich habe nie eine Ahnung davon gehabt, daß es einen Maler Nodenberg gab, bis ich eben in der Kunſtausſtellung ſein Gemälde ſah, welches mich wirklich entzückte. Aber es geht ja in der Regel ſo, über die Schöpfung vergißt man den Meiſter, Rodenberg war ein unbekannter Name, und erſt die Preiskrönung dieſ alle nung lenkte die Aufmerkſamkeit auf ihn. Und als die öffentliche Mei⸗ nung nun Anlaß fand, ſich mit ihm zu beſchäftigen, erfuhr man auch, daß er über Nacht berühmt gewordene Mann ein Baſtard war, einer jener Paria's, denen man unmöglich ſeine Salons öffnen kann. Mit dieſer Entdeckung erloſch das Intereſſe, man durfte dem Künſtler nicht näher treten, ſo gerne man es auch gewollt hätte, und Herr Rodenaerg hätte ſelbſt das fühlen und ein⸗ ſehen müſſen. Sein Auſtreten im Conzertſaale war eine Unklug⸗ h⸗it, die ſich bitter an ihm ſelbſt rächte.“ Der Bankier hatte das in einem ſehr lebhaften Tone geſagt, in einem Tone, der den Stempel der Ueberzeugung trug und gegen den ſich kein Widerſpruch erheben ließ, und Baron Edmund ſchien auch an keinen Widerſpruch zu denken. „Die Mutter des Malers ſoll die Tochter eines früheren hie⸗ ſigen Bürgers ſein,“ ſagte er. „Ich weiß das nicht, Herr Baron.“ „Man kennt alſo den Vater nicht?“ „In einer ſo großen Stadt kümmert man ſich um das Geſicht des Einzelnen nicht. Vielleicht hat man früher über den Fall geſprochen, aber das iſt ſchon lange her, und ſeitdem haben an⸗ dere Ereigniſſe ein ſo alltägliches Vorkommniß, wie es die Ver⸗ führung eines jungen Mädchens leider iſt, in völlige Vergeſſenheit gebracht.“ „Man ſpricht auch jetzt nicht mehr darüber?“ „Bewahre, wozu auch! Wen kümmert es, wer der Vater dieſes Malers iſt? Die Gegenwart hat's mit dieſem Manne allein zu thun, die Eltern desſelben intereſſiren ſie nicht.“ „Dennoch finde ich das Urtheil etwas ſchroff, Herr Kommer⸗ zienrath.“ „Sie werden in allen Kreiſen meines Standes dasſelbe Ur⸗ theil hören. Würden Sie dieſem Maler Eintritt in Ihren Fa⸗ milienkreis geſtatten?“ „Wenn ich es thäte, ſo würde dieſe Auszeichnung nicht der Perſon, ſondern dem Talent gelten.“ „Wenn ich mir erlauben darf, Ihnen einen Rath zu geben, ſo iſt es der, ihm dieſe Auszeichnung nicht zu Theil werden zu laſſen.“ „Lieben Sie die Kunſt nicht?“ — 250 „O, Gewiß!“ „Und Sie unterſtützen Sie auch?“ „Vo ich es vermag,“ erwiderte der Bankier, ſich in die Bruſt werfend. Dem Geſchäftsmann bleibt leider wenig Zeit zu ſolchen Liebhabereien.“ „Beſitzen Sie Gemälde, oder andere Kunſtgegenſtände?“ fragte der Majoratsherr. „Wenn ich Sie i Ehre bitten darf, mir in meine Privat⸗ wohnung zu folge en Sie ſind ſehr lie ruiüt ig, Herr Kommerzi aber ich fürchte wirklich, cheiden zu ſein, indem ich Ihre Zeit zu ſehr in Anſpruch nehme.“ „Der Banlier ſtand bereits an der Thüre, ſein Geſicht ſirahlte vor Wonne. Baron Edmund folgte ihm die breite, mit weichen Teppichen belegte Treppe hinauf, und wohin er auch den Blick wenden mochte, überall traten ihm Beweiſe von dem enormen Reichthum des Bankiers entgegen Er durchwanderte mit ihm die pracht tvollen, mit wahrhaft fürſt⸗ lichem Lurus ausgeſtatteten R er geizte nicht mit ſeinem Lob und ſeiner Bewunderung, die ja in der That bei jedem Schritt herausgefordert wurde. Der Vankier hatte Geſchmack, man kounte es nicht leugaen, und es war ein künſtleriſch gebildeter Geſchmack, kein plumpes“ oſtenſibles Prunken mit dem Reichthum. Es war eine ſolide, gediegene Pracht, und in ieheſt. Naunms, den der Baron betrat, fand er in der Zuſammeuſte Uung der Ein⸗ richtung eine wohlthuende Harmonie. „Ich geſtehe Ihnen offen, daß ich nie ein ſchöner eingerichtetes Haus geſehen habe,“ ſagte er, als der Bankier die Flügelthüren ſeines großen Salons öffnete,„um dieſe Einrichtung könnte mancher Fürſt Sie beneiden. Und vor Allem iſt es die Harmonie des Ganzen, die Gediegenheit jedes Einzelnen, was ſo außer⸗ ordentlich angenehm mich iht Sie mir in glänzender Weiſe den Beweis geliefert, daß Sie neben koloſſalen Mitteln einen ſeinen Geſchmack beſitzen.“ Ueber das ſtrahlende Geſicht des corpulenten Herrn glitt ein ———— ——— — 6 3 Lächel aus ee zu können.“ Der Bankier Teppich blickte in der Bankier, ſich an der auch Roſa konnte bei dem plötz ihre Veberraſchung nicht verberge beugung. Ich n wohl, da einen feineren ebleren Ge ſcna der Schöpſung, aber wes ich doch in Erſtaunen und flößt mir zug gl ein. ſa 6 ß S S Eine glühende Röthe ſchöne 2 utlis über Dein ſchari gehen, daß di war, es kam bei ihr eben nur auf ſagte. „Papa beſchämt mich,“ rte ſie mit reizendem§ Lächeln, fen Slic en ie junge Dame an während ſie den vergeblichen Verſuch machte, dem corpulenten Herrn einen Blic zuzuwe„an dem Lobe, welches Sie mir ſvenden, Herr Baron, hat er wohl den größeren Antheil.“ „Nicht doch!“ wollte der Bankier einfallen, aber Noſa ſchnit — ihm das Wort ab, indem ſie darauf hindeutete, daß ohne die Mittel, die er ſo freigiebig bewilligt habe und ohne ſeinen Rath und ſeine Bemühungen die Schöpfung unmöglich entſtanden ſein „Aus aller Herren Länder mußten wir die einzelnen Gegen⸗ ſtände kommen laſſen,“ ſagte ſie, als der Baron auf dem ſchwel⸗ lenden Polſter eins überaus zierlichen Seſſels ihr gegenüber ſaß, „und wie hätte ich das fertig gebracht ohne die Unterſtützung Papas.“ „Nun ja das will ich zugeben,“ erwiderte der Bankier,„aber Du warſt es, welche jeden einzelnen Gegenſtand beſtimmte und zwar mit einer ſolchen Sicherheit, daß auch nicht ein einziger Mißgriff geſchah.“ Wieder umſpielte das reizende, bezaubernde Lächeln die Lippen Roſa's und aus ihren dunklen, blitzenden Augen traf ein ſchel⸗ miſcher Blick den Majoracsherrn, der dieſes ſchöne Antlitz unver⸗ wandt anſchauen mußte. „Papa verwöhnt mich,“ ſagte ſie,„aber er hat nur mich allein und das muß ihn entſchuldigen. Nun aber geſtatten ſie mir, Herr Baron daß ich Ihnen von ganzem Herzen meinen Glück⸗ wunſch zu Ihrer Heimkehr darbringe, ich hoffe und wünſche, daß Sie in ver alten, ſo lange entbehrten Heimath die Erfüllung aller Wänſche und Hoffnungen finden mögen.“ Baron Edmund umfaßte die feine, ſchmale Hand und hielt ſie lange in der ſeinigen. „Ich danke Ihnen,“ antwortete er,„Wünſche, die von ſo ſchönen Lippen ausgeſprochen werden, müſſen ja in Erfüllung gehen.“ „Sind Sie davon ſo ſeſt überzeugt?“ „Ich leſe ja in Ihren Augen, daß dieſe Wünſche aus dem Herzen kommen.“ Roſa ſenkte, anſcheinend verwirrt, die Wimpern. „Ja, aus dem Herzen kommen ſie,“ ſagte ſie leiſe,„aber die Erfüllung eines Wunſches liegt nicht immer in unſerer Macht. Ihre Familie war gewiß ſehr erfreut über Ihre Heimkehr?“ „Doch wohl nur theilweiſe. Es wurden durch meine Heim⸗ kehr Hoffnungen vernichtet, auf deren Erfüllung man mit Zuver⸗ ſicht gebaut hatte.“ finde 9 von Hau heut die ath ein m⸗ er⸗ 1 — — — 233— „Ich verſtehe, aber das war doch nicht Ihre Schuld! Sie werden ſich dadurch gewiß nicht abhalten laſſen, von Ihren Rech⸗ ten Gebrauch zu machen und—“ „Durchaus nicht mein Fräulein, und in dieſem Punkte bin ich auch nicht dem leiſeſten Widerſpruch begegnet.“ „Sie haben das Majorat übernommen?“ „Ja, allerdings, es war ja das Erbe, welches mein ſeliger Vater mir hinterließ.“ „Und wie groß muß die Freude der Baroneſſe Klara geweſen ſein!“ „Kennen Sie meine Tochter, gnädiges Fräulein?“ „Ich hatte das Vergnügen, ſie kennen zu lernen.“ „Und Sie wurden Ihre Freundiv?“ „Nein, ein näherer Verkehr hat zwiſchen uns nicht ſtattge⸗ funden.“ „Dann muß das Verſäumte nachgeholt werden,“ ſagte der Baron lebhaft.„Klara ſchwärmt ja auch für die Kunſt, ſie iſt begeiſtert für alles Schöne und Eble, ich hege die Ueberzeugung daß ſie Ihr Herz im Fluge gewinnen wird.“ In den Augen des Bankiers leuchtete es auf, er blickte mit Stolz auf ſeine Tochter, die dieſer Auszeichnung würdig befunden wurde. „Sie werden meiner Tochter mit Ihrem gediegenen Rath zur Seite ſtehen,“ fuhr der Majoratsherr fort, es iſt mein lebhafter Wunſch, Schloß Oſthofen im Inneren mit derſelben Gediegenheit auszuſchmücken, mit der dieſes Haus geſchmückt iſt.“ „Baroneſſe Klara beſitzt ſelbſt einen ſo feinen, gediegenen Geſchmack—“ „Gnädiges Fräulein, Sie dürfen mir die Erfüllung dieſer Bitte nicht verweigern.“ „Wenn Baroneſſe Klara mich ihrer Freundſchaft würdig hält, in verſpreche ich Ihnen, ſoll ſie eine treue Freundin an mir finden.“ Baron Edmund erhob ſich, der Ausbruck ſeines Geſichts zeugte von innerer Befriedigung. „So hoffe ich denn, recht bald Sie in den Räumen meines Hauſes begrüßen zu können,“ ſagte er in heiterem Tone,„die heute angeknüpfte Verbindung wird alſo nicht nur eine geſchäft⸗ liche, ſondern auch erreicht. und dafür bin ich Ihnen zu Dank verpflichtet, Herr Commerzienrath. 4 e n perließ Er nahm mit einer tiefen Verbeugung Abſchied und verleß as Boudoir, und der Bankier gab ihm das Gelei Wagen. „Alſo auf während er auf nochmals die He ſchöne Sturde“ verleb Er ſtieg ein, der trat mit triumphire In Sinnen verſunken ſtieg er lanſam Unterredung mit dem Baron ſchien ſein ganzes Denken zu be⸗ ſaß Roſa auf dem Divan, ſie empfing 6 an 5 Treppe hinauf, die 6 auf 8 and Vater mit einem forſchenden B 1 jeſor „Was ſagſt Du zu dieſer immer klarer hervor, der muß, die Börſe beherrſcht alle ratsherr von Oſthofen wird, will, meine Kaſſe in Anſpruch nel baaren Mittel nicht, ſein 1t Ka „Und er iſt der alleinige „Natärlich,“ nickte der verſtorbenen Vater iſt er er ſcheint mir auch der Mann zu ſein, der ſchmälern laſſen wird. Es iſt tit für den Baron Udo, ſeinen Bruder, daß er jetzt noch auf das Majorat verzichten ſoll, aber das läßt ſich nicht er ſich in das Unver⸗ meidliche ſügen, und mir ſcheint, daß dies bereits geſchehen iſt.“ „Aber eine Entſchädigung wird der Majoratsherr ſeinem Bru⸗ der doch geben müſſen,“ warf Roſa ein, die ſich für dieſe Ange⸗ legenheit in hohem Grade zu intereſſiren ſchien. „Ich weiß das nicht, möglich, daß der verſtorbene Baron in Bezug auf dieſen Punkt beſonder te Beſtimmungen getroffen hat, jedenfalls aber werden die Brüder darüber ſich bereits gecinigt ein Er be ſich nicht äl des z und * ſe N —— S * — ſ * 1 4 — vo1 wer m — 35 haben der Majoratsherr tritt wenigſtens ſo ſelbſiſtändie giſch auf, daß man dies wohl annehmen darf. Uebrig tulire ich Dir zu dieſer Eroberung, Roſa, es wäre Triumph für Dich, Baronin des Mojsrats Oſthofen zu werden.“ Roſa blickte betroffen den Vater an. „Wie kommſt Du nur auf dieſe Idee?“ fragte ſie überraſcht. „Liegt ſie nicht nahe erwiderte der corp S Herr. Majoratsherr von Oſthofen war geblendet von Deiner Erſcheinung er will ein großes e Projecte zu au ſ meiner Hülfe bedarf, er hat Dich eingeladen, ſchaft ſeiner Tochter eboten, unſer Reic ſchwer in die Wagſc kurz, es wird nur auf Diche ſen, vereinzelt daſtel 2 ſtel del am auf un 3 nieder w alt iſt der Majoratsher r noch nicht, er kann vielleicht zwanzig Jahre mehr zählen, als Du, und ſic 3 daß er ein Mann in den Le iſt. erwachſene Tochter iſt auch kein Hinderniß, entweder wi Deine Freundin, oder der Baron, Dein Ga atte, trifft eine geeie Wahl für ſie. Du biſt auch nicht mehr jung, Roſa und ſe oft in der unangenehmen Lage geweſen, einem Bewerber um Deit Hand einen Korb geben zu müſſen, weil unter ihnen nicht ei war, der Deinen Anforderungen entſprach. Ich mache Dir des⸗ halb durchaus keinen Vorwurf, im Gegentheil, ich erkenne an, daß Du in i Seziehung ganz ſo gehandelt haſt, wie ich es von meiner klugen Lochter erwartete, aber es läßt ſich auch durchaus nicht leugnen, daß die Herren dadurch znrückgeſchreckt werden, und ich möchte Dich gern an der Seite eines Gatten ſehen, dem ich die Sorge für Deine Zukunſt ruhig anvertrauen darf. „Und kennſt Du den Majoratsherrn von Oſthoſen ſcho ſo ge nau, daß Du ihm dieſes Vertrauen ſchenken zu düpfen g lauſts⸗ fragte Roſa in Sinnen verloren. — 236— „Ich werde ihn natürlich prüſen, aber ſchon der Umſtand, daß er ein Edelmann iſt, gibt mir eine gewiſſe, nicht gering zu ſchätzende Garantie für ſeinen Charakter. Zudem wird er, ich ſehe das kommen, binnen Kurzem von mir abhängig ſein, ſpäter alſo von Dir, denn aus Deiner Hand wird er die Mittel nehmen müſ⸗ ſen, um den Glanz ſeines Hauſes zu erhalten. Es verſteht ſich natürlich von ſelbſt, daß ich im Ehevertrag dein Vermögen ſicher ſtellen werde, Du bleibſt unbeſchränkte Herrin über dasſelbe, da⸗ durch wird Deine Stellung dem Gatten gegenüber geſichert.“ Ein ſilberhelles Lachen unterbrach den Ideengang des corpu⸗ lenten Herrn, der befremdet ſtehen blieb. „Wir verkaufen den Pelz, ehe wir den Bär haben, Papa,“ ſagte Roſa ſcherzend,„alle dieſe Fragen machen erſt dann Anſpruch auf Eröterung, wenn ſie uns nahe treten.“ „Nichts deſtoweniger kann man immerhin ſich auf ſie vorbe⸗ reiten,“ erwiderte der Bankier.„Gebt Acht es wir? ſo kommen wie ich Dir ſagte, und es iſt immer gut, wenn man ſich rechtzei⸗ tig auf kommende Ereigniſſe vorbereitet. Weshalb wünſchte der Majoratsherr, meine Kunſtſchätze zu beſichtigen? Nur das Ver⸗ langen, Dich kennen zu lernen, lag dieſem Wunſch zu Grunde.“ „Glaubſt Du das wirklich?“ „Ich bin meiner Sache ſicher!“ „Baron von Oſthofen iſt kein ſchöner Mann!“ „Aber er iſt der Majoratsherr von Oſthofen, und als ſeine Gattin wirſt Du in ollen geſellſchaftlichen Kreiſen eine bevorzugte Stellung einnehmen, vorzüglich wenn dem Titel der Reichthum zur Seite ſteht. Na, wir wollen jetzt nicht weiter darüber reden, meine Geſchäfte rufen mich, warten wir ab, was der Herr Baron thun, ob er Dir ſeine Tochter zuführen, oder ob er uns einladen wird, das Weitere findet ſich dann ja auch.“ Der Bankier nickte ſeiner Tochter nach dieſen Worten lächelnd zu und ging hinaus, Roſa aber blieb noch lange in Nachdenken verſunken. llör lon ſie heit den Bar unb leid Tot die beſ de die wo Ar 0 Hat eine dir ger ſp eine ugte zur den, won den elnd nken 12. Kapitel. JFrauenherzen. Arabella Grimaldi hatte ihrer Mutter mit Entſchiedenheit er⸗ klärt, ſie werde unter keinen Umſtänden die Stadt verlaſſen, ſo lange ihre eingegangenen Contracte nicht abgelaufen ſeien, und ſo empört die alte Frau auch über dieſen'Eigenſinn war, mußte ſie dennoch dem Entſchluß ihrer Tochter ſich fügen. Es herrſchte ein eigenthümliches Verhältniß zwiſchen dieſen beiden Frauen, ein Verhältniß, welches Niemand ganz zu ergrün⸗ den vermochte. Oft ſchien es, als ſei nicht die Liebe ſondern die Furcht das Band, welches die Beiden einander feſſle, die Furcht vor einem unbeſtimmten Etwas, was ſie beide nicht auszuſprechen wagten. Und zu anderen Zeiten wieder zeigte Signora Grimaldi eine leidenſchaftlich glühende, zu jedem Opfer bereite Liebe zu ihrer Tochter, und es war dann ſchwer zu erklären, weshalb Arabella dieſen Liebesbeweiſen gegenüber ſo kalt und gleichgültig blieb. Arabella ſchien die Machr zu kennen, die ſie über ihre Mutter beſaß, aber ſie machte keinen Gebrauch von ihr, ſie erfüllte ihre Pflichten treu und gewiſſenhaft und fügte ſich in allem Anderen den Wünſchen der alten Frau, die ſtreng darauf bedacht war, die Ehre und den guten Ruf ihres Kindes makellos zu erhalten. Daß die Mutter jeden Herrn, der ſich ihrer Tochter nähern wollte, entſchieden und mitunter ſchroff zurückwies, wurde von Arabella gebilligt, die nur für die Kunſt lebte; aber als Signo⸗ ra Grimaldi nun auch dem Jugendfreunde ihrer Tochter das Haus verbot, da bäumte der Stolz Arabella's gewaltig ſich auf einen ſolchen Eingriff in ihre Rechte glaubte ſie nicht dulden zu dürfen.. Hatte Willy die alte Frau im auflodernden Zorne Zigeunerin genannt, ſo war er dazu gereizt worden, und ein vorſchnell ge⸗ ſprochenes Wort konnte man dem Erregten verzeihen. Er war ja — 238— gekemmen, um in ſeiner verzweiſelten Stimmung bei der Freundin h und Troſt zu ſuchen, ſtatt deſſen fand er neue Beleidigun⸗ ätte e ri n gelaſſen bleiben können. hatte der Mutter ernſte Vorwürfe darüber gemacht und von der erzürnten Frau manches bittere Wort hören müſſen, ſie war dann zu Willy geeilt, um ihn zu beruhigen, aber er ließ ſich nicht bewegen, die Schwelle ihrer Wohnung noch einmal zu Pat Dieſem vnangenehmen Ereigniß war der Vorfall im Conzert⸗ ſaal gefolgt, und die Schuld an demſelben wollte Signora Gri⸗ maldi auch wieder dem Maler aufbürden, den ſie glühend zu haſ⸗ Auch darüber war es zwiſchen den beiden Frauen zu heftigen Erörterungen gekommen, und ſeitdem hatte Arabella ihrer Wutter nur noch größere Kälte gezeigt. Darüber waren mehrere Tage verſtrichen, Signora Grimaldi kam auf ihr Project nicht mehr zurück, ſie ſchien damit zufrieden Willy ihre Tochter nicht mehr beſuchte. igen Mutter und Tochter jeden ihren eigenen Weg, und Da kam eines Tages Signora Grimaldi von einem Ausgange in ſieberhafter Erregung zurück, und der Sängerin mußte es auf⸗ fallend erſcheinen, daß die Mutter ihr»ieſe Aufregung zu ver⸗ heimlichen ſuchte. Was war der Grund derſelben? Und weshalb kam die alte Fran jetzt wieder darauf zurück, daß triftige Gründe ſie nöthigten, auf ſchleunige Abreiſe zu dringen? Vergeblich forſchte Arabella nach dieſen Gründen, umſonſt be⸗ obachtete ſie heimlich die Mutter, ſie entdeckte nichts, was zu einer Löſung des dunklen Räthſels führen konnte. Signora gab auf alle Fragen ausweichende Antwoxten, und ihre beunruhigende Aufregung nahm cher zu als ab. Sie forderte ſofortige Auflöſung aller Contracte, aber Ara⸗ bella weigerte ſich entſchieden, dieſem Anſinnen Folge zu leiſten, ſo lange ſie di Nothwendigkeit des Nachgebens nicht anerkennen konnte. Sie hatte wieder einen Wortſtreit mit der Mutter deshalb ge⸗ Hapt, die alte Frau war im Groll über den Eigenſinn der Tochter zert⸗ Gri⸗ haſ⸗ Rutter maldi ieden und gange auf⸗ l vet⸗ e alte higten, nſt be⸗ u einer n, und Ara⸗ leiſten, kennen alb ge⸗ Lochter ausgegangen, und Arabella ſtand am Fenſter, in abermaligen fr ſerhſ Sinnen über die Löſung des ihr unerklärbaren Räthſels. Es war kurz vor Mittag, unten auf der Straß Sh ein grſchätiges Leben und Treiben, und die ſchönen Augen Arabel⸗ ruhten gedankenvoll auf den haſtig vorübereilenden Ge⸗ alten. Was bewog denn eigentlich die Mutter, ſo hartnäckig bei ih⸗ rem Vorhaben zu beharren. Hatte Sie abermals eine Begegnung mit Willy ge⸗ habt, bei der wiederum herbe Worte gefallen waren? Weshalb haßte ſie den 3 ollen Jüngling ſo leide lich, der ihr doch nie zu nahe getreten war? Fürchtete ſie, könne ihr die Liebe der Tochter rauben, oder lag ihrem Haß eine andere, tiefere Urſache zu Grunde? Ja, wer ihr auf alle dieſe Fragen eine befriedigende Antwort hätte geben können! Die Mutter vermochte es, aber ſie wollte es nicht, und gerade — — „. dies mußte Arabella nur noch mehr beunruhigen. Und was gewannen ſie dadur., daß ſie in eine andere Stadt zogen? Die Erſparniſſe Arabella's reichten allerdings hin, die Lebens⸗ bedürfniſſe für einige Monate zu beſtreiten, aber dieſe Erſparniſſe ſollten für Krankheits⸗ oder andere Unglücksfälle einen Nothpfen⸗ nig bilden. Hier war ein gutes Einkommen ſicher geſtellt, und draußen mußte man eine neue Exiſtenz ſuchen, das durfte man doch auch nicht unberückſichtigt laſſen. Es war in der That ein unbilliges Verlagen, und wenn der Haß gegen Willy die Urſache bildete, ſo würde durch dieſelbe noch immer nichts geändert. Frau Magdalena Rodenberg hatte ja dem Mädchen erklärt, ſie wollte ebenfalls mit ihrem Sohne die alte Heimath verlaſſen, und es war faſt mit Sicherheit anzunehmen, daß Willy dieſelbe Stadt zu ſeinem künftigen Wohnort wählte, in der die Freundin weilte. Und es war ja auch gar kein vernünftiger Grund vorhanden ſeinetwegen die Flucht zu ergrezfen, wenn ihre Mutter das nur nicht einſehen wollte.. ½ Ein ſeiſes Pochen ſchreckte ſie aus ihrem Sinnen auf, ſie wandte ſich haſtig um, in der bereits geöffneten Thür ſtand Fer dinand von Falkenberg in ſeiner kleidſamen Uniform. „Verzeihen Sie mir Signora,“ ſagte er mit bittender Stimme, „der Wunſch, mit Ihnen reden, läßt mich unbeſcheiden, ja zu⸗ dringlich erſcheinen, aber ich ſah einen ee Weg, Ihnen n zu kommen. Zürnen Sie mir deshalb nicht, ich verpfände mein Ehrenwort, daß es, wenn Sie es verlangen, mein erſter und letzter Beſuch ſein ſoll.“ Arabella befand ſich allein in Ihrer W dem Offizier die Thüre zeigen köanen: aber un nicht erſcheinen, und das beſcheidene Auftreten Ferdinands konnte ihr ja auch keine Furcht einflößen Sie deutete auf einen Seſſel bat ihn. Platz zu nehmen. „Und womit kann ich dienen?“ fragte ſie, vor ſeinem A wohl hätte ſie öflich mochte ſie Blick die ſchönen Augen niederſchlagend. Ferdinand von Falkenberg athmete tief auf, er ſchien drückende Laſt abſchütteln zu wollen. „Ich wage es, in einer perſönlichen Angel zu kommen, erwiderte er,„und wenn das, was ich Ihnen ſage, Sie überraſcht, vielleicht befremdet, ſo liegt die Schuld an der ſtrengen in der Sie leben. Ich tadle Sie des⸗ halb nicht, Signora, gerade dieſe ſtrenge Zurückgezogen eit be⸗ wahrt ja Ihren berühmten Namen vor jedem Makel, den Neid und be Sleibigte Eigenliebe gewiß allzugern auf ihn werfen möchten, aber Ihnen wird es dadurch auch unmöglich gemacht, Ihre Um⸗ gebung zu beobachten. Wie oft habe ich verſ ſuct, am Schluſſe eines Conzertes mich Ihnen zu nähern, aber Sie boten mir nie Gelegenheit dazu und deu Vorwurf der S ſollten, Sie mir nicht machen. Von Ihren Lippen, d denſelben Lippen, die ſo oft bezauberten, hätte ich dieſen Vorwurf nimmer er⸗ tragen „Und was ich Ihnen verweigerte, vielleicht unbew ußt,“ ſagte Arabe lla, deren Wangen L glühende Röthe überg oß, habe ich auch nie einem Anderen bewill ligt.“ „Den Maler Rodenberg ausgenommen.“ „Er iſt mein Jugendfreund.“ „So ſagte er ſelbſt mir, und ich glaube Ihnen und ihm, — eine legenheit zu Ihnen ſun Sie n der ie des⸗ Neid öchten, 241— Sie ahnen nicht, welche Qualen dieſe Freundſchaſt meiner Seele bereitet hat. Laſſen Sie mich ausreden, ich verlange es von Ihnen als eine Guade, Sie, deren edles Herz man rühmt, wer⸗ en nicht ſo grauſam ſein, mir dieſe Bitte zu verweigern.“ „Herr Lieutenant, meine Mama iſt nicht zu Hauſe,“ ſagte Arabella verwirrt, aber dieſe Erinnerung an ihre völlige Schutz⸗ und Hülfloſigkeit gab ihr in demſelben Augenblick die volle Faſ⸗ ſung zurück. Sie war freilich allein, aber ſie ſaß einem Manne gegenüber, der ihr keineswegs fremd war, und den die Uniform, die er trug, als einen Mann von Ehre bezeichncte. „In dem Augenblick, in welchem ich zum erſten Male in Ihre Angen ſchaute, Signora, erwachte die Liebe in meinem Herzen,“ fuhr Ferdinand von Falkenberg fort,„jenes unnennbar ſüße Ge⸗ fühl, welches den Menſchen zur Sternenhöhe erhebt. Ich habe gerungen und gekämpft mit dieſer Liebe, indem ich mir immer und immer wieder ſagte, es ſei ein vergebliches Hoffen, mir werde dieſes ſüße Glück nimmer beſchieden werden, aber ich unterlag in dieſem Kampfe, das Herz behielt den Sieg und die Liebe faßte immer tiefer und feſter Wurzel. Ja, Signora, die Liebe zu Ihnen; zürnen Sie mir deshalb, wenn Sie glauben, meine Ver⸗ wegenheit beſtrafen zu müſſen, aber alle Vorwürfe, die mich tref⸗ fen könnten, fallen doch immer wieder auf Sie zurück! Weshalb hat die Natur Ihnen dieſe bezaubernden Reize verliehen, und weshalb mußte der Blick aus Ihren ſchönen Augen die heilige Flamme in meiner Seele anfachen?“ Arabella Grimaldi hielt den Blick geſenkt, ſie wagte nicht, aufzuſchauen, ſie fühlte ja, daß ſeine brennenden Augen unver⸗ wandt auf ihr ruhten. „Herr von Falkenberg, dieſe Worte müſſen in Wahrheit mich überraſchen,“ ſagte ſie, gewaltſam ihre Faſſung behauptend,„ich konnte ja nicht die leiſeſte Ahnung haben, daß Sie mir ſolche Nittheilungen machen würden.“ „Seien Sie verſichert, Signora, daß ich aus tiefſter Seele zu Ihnen geſprochen habe, und daß es mein heißeſter Wunſch iſt, Sie an meiner Seite glücklich zu ſehen, wie ja auch ich nur an Ihrer Seite das höchſte Erdenglück ſuche.“ Der Baſtard. 16 — Signora“ erwiderte der Offizier mit leiſe zitternder Stimme,„aber S 242— Arabella mußte jetzt doch aufblicken, und als ihr Blick dem ſeinigen begegnete, da las ſie in dieſen dunkelen, feucht glänzenden Augen den feſten und ehrlichen Entſchluß, dieſes Verſprechen zu erfüllen. Aber wenn auch das eigene Herz bis in die innerſten Tiefen davon berührt wurde, es ſprachen doch zu viele Gründe gegen dieſe Verbindung, und Arabella hielt es für das Rathſamſte die Leidenſchaft mit den unwiderlegbaren Gründen der Vernunft zu bekämpfen. „Und geſetzt, ich wolle Ihren mich ehrenden Antrag annehmen und Ihnen vor dem Altar die Hand reichen,“ ſagte ſie,„wie würde unſere Zukunft ſich geſtalten?“ „Sie würde für mich ein Paradies des Glückes ſein,“ erwi⸗ derte der Offizier leidenſchaftlich.„Nur mir allein dürfte Ihr ſchönes Talent noch gelten—“ „Und Ihre Familie?“ fragte Arabella, ihn unterbrechend. „Würde die Sängerin, ſage ich es offen heraus, das Kind einer Zigeunerin, in ihren Kreis aufnehmen?“ Ferdinand von Falkenberg ſtutzte doch, als ſie das Wort: „Zigeunerin“ ausſprach, aber er ſetzte ſich ebenſo raſch darüber hinweg. „Habe ich denn nach Ihrer Vergangenheit, nach Ihren Eltern gefragt?“ erwiderte er mit leiſem Vorwurf. „Nein, und ich danke Ihnen dafür, aber lag mir nicht die Frage nahe, ob Ihre Familie mich als ebenbürtig anerkennen würde?“ „Signora, das Adelsdiplom, welches die Kunſt ausſtellt, achte ich höher, als den Adel der Geburt,“ erwiderte der Offizier. „Sie weichen mir aus, Herr von Falkenberg. Können Sie mit Zuverſicht die Ueberzeugung hegen, daß Sie im Kreiſe Ihrer Familie derſelben Geſinnung, denſelben Grundſätzen begegnen werden?“ „Und wäre es nicht der Fall, Signora, könnte dadurch unſer Glück getrübt werden?“ „Auf dieſe Frage werden Sie ſelbſt bei ruhigem Nachdenken die Antwort finden.“ „Ich verneine Sie mit aller Entſchiedenheit. Ich bin reif genug, Sig ora, und muß es ſein, ſo kann ich Ihretwegen mit 7 1 ſil A ſic ge ennen achte l. n Sie Ihrer egnen unſer enken n reif n n mit leichtem Herzen auf meine Familie und meine militäriſche Lauf⸗ bahn verzichten.“ „Das Opfer wäre zu groß!“ „Kann ein Opfer zu groß ſein, wenn man damit das höchſte Glück der Erde erkauft?“ „Und wiſſen Sie denn ſo zuverſichtlich, daß Sie wirklich das höchſte Erdenglück gewinnen werden?“ ftagte Arabella, ihn ernſt anblickend.„Vielleicht jagen Sie einem Phantom nach, welches in dem Augenblick, indem Sie es erhaſchen wollen, gleich einer Fata morgana vor Ihren Augen zerrinnt.“ „Nimmermehr, Arabella!“ rief der Offizier, leidenſchaftlich aufwallend.„Wenn ich Dich mein nenne, Dich, Du Holde, Süße, dann habe ich Alles, was das Menſchenherz, um glücklich zu ſein, begehren kann.“ Er hatte ihre beiden Hände ergriffen, aber ſie entzog ſie ihm ſanft, und ihrem bittenden Blick wagte er nicht zu wider⸗ ſtehen. „Und wenn ich auch über alle dieſe ernſten Bedenken hinweg⸗ ſehen wollte,“ ſagte ſie mit leiſer, tief bewegter Stimme,„ſo könnte ich dennoch Ihren Wunſch nicht erfüllen.“ „Nennen Sie mir das Hinderniß, Arabella, welches Sie zu erblicken glauben, nur Eins ſagen Sie mir nicht, nur das Eine nicht, daß Sie mich nicht lieben können.“ „Und dennoch muß ich es Ihnen ſagen!“ „Arabella, ich will Alles aufbieten, mir Ihre Liebe zu ge⸗ winnen, ich will dieſes ſtolze Herz erobern, welches—“ „Herr von Falkenberg, es wäre vergebliche Mühe! Mein Herz hat ſich der Kunſt allein geweiht, es wird niemals ſeinem Schwur untreu werden.“ „So will ich auch darin mich fügen; mögen Sie, wenn Sie es nicht anders können, dieſer Gottheit treu bleiben, aber ge⸗ ſtatten Sie mir, daß ich auf der Bahn des Ruhmes als Ihr Gatte Sie begleite.„Stoßeu Sie meine Hand nicht zurück, Arabella, Sie würden mich unſäglich unglücklich machen.“ „Herr von Falkenberg, ein Menſchenherz, welches der Kunſt ſich weihen will, das muß auch ganz und ungetheilt ſich ihr hin— geben,“ erwiderte Arabella mit würdevoller Hoheit,„und mein 16 Leben, ich wiederhole es Ihnen, iſt nur der Kunſt gewidmet. Scheiden Sie deshalb nicht im Groll von mir, ich kann ja nicht anders. Denken Sie auch nicht gering von mir, ich werde nie⸗ mals einem Andern angehören!“ Sie hatte ſich erhoben, hoch aufgerichtet ſtand ſie dem Offizier gegenüber, aber ſo ſehr ſie ſich auch bemühte, ihre äußere Ruhe behaupten, in ihren Augen ſpiegelte ſich doch die gewaltige innere Erregung wieder. Ferdinand von Falkenberg heftete noch einmal den flehenden Blick auf ihr bleiches Antlitz, er las in dieſen ſchönen Zügen, was in ihrer Seele vorging, und war es Schein oder Wirklich⸗ eit, er glaubte die Entdeckung zu machen, daß er ihr doch nicht ſo gleichgültig ſei, wie ihre Worte ihn glauben machen wollten. „Und wenn ich Sie nun bitte,“ entgegnete er,„über das, was ich Ihnen geſagt habe, nachzudenken—“ „So würde nach Ablauf der Bedenkzeit meine Antwort immer wieder dieſelbe ſein,“ fiel Arabella ihm in's Wort.„Es wäre ein Mißverſtändniß Ihrerſcits, wenn Sie glauben wollten, die Ueberraſchung über Ihre Eröffnungen habe mir die Antwort, die ich Ihnen gab, dictirt, dieſe Antwort war reiflich erwogen, ich würde ſie Jedem geben, der dieſe Frage an mich richtet.“ „Auch dem Maler Rodeuberg?“ „Auch ihm, mein Herz kann für ihn nur Freundſchaft em⸗ pfinden.“ „Ich danke Ihnen, daß Sie wenigſtens dieſen Troſt mir gegeben haben,“ ſagte der Offizier, und ſeine Stimme klang ſelt⸗ ſam bewegt,„ſo darf ich alſo feſthalten an der Hoffnung, daß ich dennoch dieſes ſtolze, ſpröde Herz überwinden werde, und ich ſchwöre Ihnen, Arabella, daß das fortan die Aufgabe meines Lebens ſein wird.“ „Sie werden dieſe Aufgabe nicht löſen, Herr von Falkenberg!“ „Ich hoffe es „Die Hoffnung wäre vergeblich. Sie werden nur den Frieden meiner Seele ſtören, das iſt das Einzige, was Sie erreichen könaen.“ „Und wenn ich das erreicht habe, dann Arabella, ſoll meine heiße, innige Liebe Ihrer Seele den Frieden wiedergeben,“ ſagte der Offizier, in deſſen Augen es freudig aufleuchtete.„Ich! abe — em⸗ mir ſelt⸗ duß id ich eines —— — 245— oft gehört und geleſen, daß dauernde Liebe endlich Erwiderung finden müſſe, nun wohl, an dieſe Behauptung will ich all mein Hoffen, Wünſchen und Sehnen klammern, bis ſie zur Wahrheit geworden iſt. Und wie ich jetzt ohne Groll von Ihnen ſcheide, ſo hoffe ich, werden auch Sie mir nicht grollen, wer könnte der Liebe zürnen, wenn auf ihrer reinen Stirne der Stempel der Gottheit leuchtet Leben Sie wohl, Arabella, ich werde Sie wiederſehen, und ein inneres Ahnen ſagt mir, daß ich Sie einſt in meinen Armen halten, Sie auf ewig die Meine nennen werde.“ Starr blickte Arabella Grimaldi auf die Thüre, hinter der Ferdinand von Falkenberg verſchwunden war. Ihr Herz pochte ſtürmiſch, und mühſam rang ſie nach Athem. War es ein Traum oder Wirklichkeit, was ſie in dieſer Stunde erlebt hatte? Und wenn ſie das eigene Herz fragte, welche Antwort gab es ihr? Nein, nein, nur dieſe Frage nicht, die ihr den Frieden zu rauben drohte! Sie hatte ja längſt den ſchönen, ſchweigſamen Offizier ge⸗ kannt, der im Conzertſaale ſtets in ihrer Nähe ſtand und den ſchwermüthigen Blick ſo ausdrucksvoll auf ſie gerichtet hielt. Man hatte ihr ſeinen Namen genannt, und ſo oft ſie auf⸗ trat, ſuchte ihr Blick unwillkürlich ihn, ihr würde etwas gefehlt haben, wenn ſie ihn vermißt hätte. Damals ahnte ſie nicht, daß eine Stunde kommen könne in der er dieſe Frage an ſie richten würde, und nun dieſe Stunde hinter ihr lag, war es ihr unerklärlich, daß ſie dieſelbe nicht vorausgeſehen und ſich auf ſie vorbereitet hatte. Und wenn ſie nun der inneren Stimme gefolgt wäre, die ihr eine ganz andere Antwort dictirte, als die, welche ſie gegeben hatte? Nein, ſie durfte es nicht, ſie durfte dieſe Stimme nicht fragen, ſeinetwegen nicht, er fand ja nicht das erträumte Glück an der Seite einer Gattin, die ſeine Famlie gewiß niemals anerkannte. Es war nur ein Rauſch, der bei ruhigem Nachdenken verfliegen mußte. Und dennoch— er hatte ihr gedroht, nicht von ihr laſſen 33 — 246— wollen, und die Entſchloſſenheit, die dabei in ſeinen Zügen ſich ſpiegelte, unterſtützte dieſe Drohung. Sie mußte erwarten, daß er mit ſeiner Liebe ſie verfolgen werde, und ſie fühlte ſich nicht ſtark genug, dieſem ſtürmiſchen Werben zu widerſtehen, es lag etwas Wahres in dem, was er geſagt hatte, darin, daß dauernde Liebe endlich Erwiederung fin⸗ den müſſe. Und nie, nie konnte ſie ſeine Gattin werden! Auch von ihrer Vergangenheit durfte der Schleier nicht fort⸗ gezogen werden, ſie war ja das Kind einer Zigeunerin, und nim⸗ mermehr durfte ſie hoffen, daß die adelsſtolze Familie des Offiziers ihr dieſe Herkunft verzeihen werde. Weshalb war er gekommen, um ihrer Seele die Ruhe und den Frieden zu rauben! Sie zitterte bei dem Gedanken, daß ſie im nächſten Conzert ihm wieder begegnen werde, und jetzt erſchien ihr das Projekt ihrer Mutter der beſte und ſicherſte Rettungsweg. Er konnte ihr nicht folgen, wenn ſie die Stadt verließ, er war ja als Offizier an ſeine Garniſon gebunden, und wenn er auch wirklich erfuhr, wohin ſie ſich vor ihm geflüchtet hatte, ſo war es ihm doch, wenigſtens ſobald nicht möglich, ſie aufzu⸗ ſuchen. Und wenn er Zeit fand, ernſt und ruhig über den Rauſch ſeiner Leidenſchaft nachzudenlen, dann ſah er vielleicht ein, daß er einem Phantom nachjagte und dieſe Einſicht mußte ihn all⸗ mählig ernüchternen. Es war jetzt wieder ruhig geworden in dem Inneren des ſchönen Mädchens, ſie hatte ihren Entſchluß gefaßt. Die Mutter ſollte von dem Vorgefallenen nichts erfahren, Arabella fürchtete, die alte Frau werde ihren Entſchluß tadeln und ihr Vorwürfe machen, daß ſie den Antrag nicht angenommen habe. Signora Grimaldi hatte ihr ja oft geſagt, ſie werde einſt die Gattin eines vornehmen Mannes werden, und wenn ein ſol⸗ cher komme und ihre Hand begehre, Lann dürfe ſich nicht lange das Herz fragen, ſie müſſe den Verſtand zu Rathe ziehen und bedenten, daß Schönheit und Jugend raſch geſchwunden ſeien. Signora Grimaldi entdeckte bei ihrer Rückkehr nichts von an Tol voll nüh Fra ckig Ver das lgen chen er fin⸗ nzert ojekt et mer ſo ufzu⸗ tauſch deß 8 n des ahren, abeln umen einſt ſol⸗ — J Erregung, die nur wenige Minuten vorher die Sehe ihrer ſchönen Tochter durchtobt hatte. Sie mochte wohl auch mit dem eigenen Gedanken zu ſehr be⸗ ſchäftigt geweſen ſein, als daß ſie dem Seelenleben ihres Kindes volle Aufmerkſamkeit hätte ſchenken können, und Arabella be⸗ mühte ſich, heiter zu ſcheinen, um die alte Frau nicht zu peinlichen Fragen zu veranlaſſen. Das Mittageſſen wurde ſchweigend eingenommen, und als der Tiſch abgetragen war, nahm Arabella neben ihrer Mutter auf dem Divan Platz. Signora Grimaldi hatte mit ihrer Tochter nie über die Ver⸗ gangenheit geſprochen, ſie war allen Fragen ausgewichen, die Er⸗ iunerung an frühere Zeiten ſchien ihr unangenehm zu ſein. Wer konnte es dem Mädchen verdenken, daß dieſes hartnä⸗ ckige Schweigen die ſeltſamſten Vermuthungen in ihr weckte, Vermuthungen, welche ſie beunruhigen mußten. „Du haſt vor einigen Tagen abermals darauf gedrungen, daß wir dieſe Stadt verlaſſen ſollen,“ begann ſie das Geſpräch, und wenn anch der Ton ihrer Stimme gleichgültig klang, ſo ver⸗ rieth doch ihr Blick das Intreſſe, welches ſie an der Beantwor⸗ tung ihrer Frage nahm,„die Gründe die Dich dazu bewegen, willſt Du mir nicht nennen, ſo muß ich alſo annehmen, daß es Geheimniſſe gibt, deren Enthuͤllung uns in Gefahr bringen könnte.“ Signora Grimaldi heftete die ſtechenden Augen forſchend auf das ſchöne Mädchen, und um die ſchmalen, farbloſen Lippen zuckte es wie Hohn und Spott. „Glaubſt Du, auf dieſem Wege meine Gründe zu erfahren?“ erwiderte ſie mit ſcharfer Betonung.„Habe ich Dir nicht ſchon erklärt, daß ich ſie deshalb Dir nicht mittheile, um Dich nicht zu beunruhigen?“ „Und ſiehſt Du denn nicht ein, Mutter, daß eben dieſe Er⸗ klärung mich beunruhigen muß?“ „Nein. Wenn Du mie vas Vertrauen ſchenkſt, welches ich von ford ern S bann Lirſ Du iſen da Alh Dir und deshe e Pcht meinen Anordnungen ohne langes Forſchen und Fragen Folge zu leiſten.“ „Du hätteſt Recht, wenn ich noch ein Kind wäre, und wenn nicht Rückſichten auf meine eigene Zukunft mir geböten⸗ jeden Schritt ernſt zu überlegen, ehe ich ihn thue. Und dann kann ich es auch nicht gerechtfertigt finden, daß Du mir Geheimniſſe verbergen willſt, die auf mich ſelbſt Bezug nehmen“ „Auf Dich ſelbſt?“ „Muß ich dies nicht vermuthen? Ueber meine Herkunft haſt Du mir niemals Aufſchluß geben wollen, was ich über meine Kindheit weiß, iſt wenig, es beſchränkt ſich auf dunkle Erinne⸗ rungen. Ich weiß, daß wir damals ein unſtätes Nomadenleben führten, ich ſehe noch den ſonnigen Himmel Italiens über mir, höre noch die eintönigen Lieder der braunen Geſtalten, die da⸗ mals mich umgaben. Es kann nicht anders ſein, es muß eine Zigeunerbande geweſen ſein, bei der wir damals uns befanden. Weshalb willſt Du es nicht eingeſtehen? Fürchteſt Du, ich werde meiner Herkunft mich ſchämen, Dir einen Vorwurf machen? Ich bin, was ich bin, mag nun meine Wiege in dem Pallaſt eines Fürſten oder in der Hütte eines Bettlers geſtanden haben. Und Dich kann kein Vorwurf treffen, ich werde mich ſtets erinnern, welchen Dank ich Dir ſchulde.“ „So beweiſe dieſen Dank!“ ſagte die alte Frau mürriſch. „Habe ich das jemals verweigert?“ „Oft! Als ich Dich bat, mit dem Maler zu brechen—“ „Mutter, ſei nicht ungerecht, Du nannteſt keine Gründe für dieſe Bitte, und Willy iſt mir nie mehr geweſen, als ein Freund, der mit mir auf derſelben Bahn vorwärts ſtrebt, deſſen Herz wie das meinige, nur für die Kunſt, für alles Schöne und Edle ſchlägt. Weshalb ſollte ich dieſem Freunde entſagen, dem einzigen, den ich als Mann achten kann?“ „Der Leute wegen, die ja immer nur das Schlechte glauben, Deines guten Rufes wegen, der durch dieſen Verkehr gefährdet wurde.“ „Ich ſehe keine Gefahr,“ erwiderte Arabella,„und Du hatteſt kein Recht und wohl auch keine Veranlaſſung, Willy ſo tief zu kränken.“ Wieder ruhte der ſtechende Blick auf dem ſchönen Mädchen, — 249 aber es ſpiegelte ſich jetzt in ihm eine innere Unruhe, die Signora Grimaldi vergeblich zu verbergen ſuchte. „Und Du biſt jetzt bereit, mit mir dieſe Stadt zu verlaſſen?“ fragte ſie. „Ich bin es, wenn Du mir Gründe nennſt, die ich aner— kennen muß.“ „Die Du anerkennen mußt?“ ſagte die alte Frau mit bitte⸗ rem Spott.„Dazu kann ich Dich ja nicht zwingen. Denke, ich ſei einem Manne begegnet, der unſere Vergangenheit kennt, wür⸗ deſt Du dabei ruhig bleiben?“ „Wenn unſere V gergangenheit keine gefährlichen Geheimniſſe—“ „Sprich nicht ſo unnernünftig, Arabella! Schon das Ge⸗ heimniß Deiner S muß Dir ſchaden, Dir Unannehmlich⸗ keiten bereiten, wenn es in die Oeffentlichkeit dringt. Du ſagſt ſelbſt, Deine Wiege ſei der Karren eines Zigeuners geweſen, Du gehſt darüber hinweg und es iſt klug, daß Du nicht weiter dar— über nachdenkſt. Wenn nun oaber dieſes Geheinniß enthüllt würde, was würden Diejenigen dazu ſagen, die huldigend Deinen Füßen liegen? Auch Du haſt Neider und Feinde Du haſt in der t manches Mannes den Groll gegen Dich geweckt, und wagten Deine Feinde bisher nicht, die berühmte Sängerin anzu— greifen, mit der Zigeunerin würden ſie kurzen Prozeß machen.“ Arabella blickte ſinnend vor ſich hin; das war wenigſtens ein Grund, den ſie gelten laſſen konnte. „Und Du glaubſt, daß dieſer Mann das Geheimniß errathen könne?“ fragte ſie. „Daß er es kann, weiß ich.“ „Hat er mit Dir geredet?“ wird er auch nichts Feindſeliges gegen uns im Schilde führen.“ „Wie leicht und raſch das geſagt iſt!“ ſpottete Signora Gri⸗ maldi.„Ich begegnete jenem Manne vor einigen Tagen, beim erſten Blick erkannte ich ihn, und daß er S mich erkännte, da⸗ für erhielt ich in der nächſten Minute ſchon Beweiſe. Er folgte ſ er weiß, wo wir wohnen, und ſeit jenem Augenblick zwarte einen Beſuch.“ Ihr Blick richtete ſich bei den letzten Worten ſtarr auf die ——— 250— hür, und mit einem leiſen Schreckensruf fuhr ſie von ihrem itz empor, faſt unhörbar war der ehemalige Hofmeiſter Theodor rter eingetreten, mit dem Hut in der Hand-ſtand er vor der hür, den lauernden Blick voll Bewunderung auf das ſchöne ädchen geheftet. „Geh, Arabella, laß mich mit ihm allein,“ flüſterte die alte Frau, nach Faſſung ringend, und Arabella gehorchte ohne zögern, die äußere Erſcheinung des ihr gänzlich unbekannten Mannes machte auf ſie einen unangenehmen Eindruck. Hurter trat näher, ſein hageres Geſicht verzog ſich zu einem höhniſchen Grinſen. „Ein ſcharfes Auge und ein gutes Gedächtniß ſind werthvolle Dinge,“ ſagte er,„ſie laſſen ſich nicht täuſchen, und deshalb wäre nutzlos, wenn Sie durch Leugnen mir auszuweichen ſuchten, ignora Grimaldi.“ Die alte Frau hatte ihre Faſſung wiedergefunden, nur un⸗ merklich zuckte ſie zuſammen, als der Hofmeiſter ihren Namen ſo höhniſch ausſprach.“ „Ein gutes Gedächtniß beſitze ich auch,“ erwiderte ſie,„und es erinnert mich an Manches, was Sie gerne vergeſſen möchten. Deshalb würden Drohungen zu keinem Reſultat führen, ich be⸗ gegne ihnen mit derſelben Waffe.“ „Dabei fragt es ſich nur, welche Waffe die ſtärkere „Die Waffe des Haſſes!“ „Das verſtehe ich nicht,“ ſagte Hurter, den lauernden Blick fragend auf die Signora richtend. „Des gemeinſamen Haſſes!“ erwiderte die alte Frau.„Ich glaube, auf dieſem Wege gehen wir Hand in Hand, oder ſollten Sie bereits vergeſſen haben, was—“ „Vergeſſen habe ich nichts.“ „Auch ich kann es nicht, und meine Ra e iſt ja auch die Ihrige!“ „Bis zu einem gewiſſen Punkte lſſe ich das gelten. Aber wenn die Sorge um die eigene Exiſte z vrückend auf dem Men⸗ ſchen ruht, dann kann er ſelbſt ſeine Rſche zum Opfer bringen, um dieſe Laſt abzuſchütteln.“ „Ich glaube nicht, daß Sie es können!“ Hat eine ſphhe S wals auf Ihnen geruht?“ 3 G S S ——— ch 0 und — nuc Zut gut, geſta nich gehe St Bei köm Zah dieſe wer ſchi htem eodor der höne alte ern, ne einem volle wäre chten, Un⸗ n ſo „und ten. he⸗ Blic ollten h die Aber Ren⸗ ngen, s. 2A. S — — 251— Ein ironiſches Lächeln umſpielte die Lippen der alten Frau „Wie können Sie dieſe Frage an mich richten?“ erwiderte ſie. „Ich habe mit Noth und Armuth kämpfen müſſen, mit Sorgen und Entbehrungen, die Sie vielleicht niemals kannten.“ Der Hofmeiſter zuckte geringſchätzend die Achſeln. „So lange man jung iſt, läßt ſich das ertragen,“ ſagte er, „man darf dann immer noch auf eine beſſere Zukunft hoffen, aber im Alter hat alles Hoffen ein Ende, und der Augenblick macht ſeine Rechte geltend. Sie leben jetzt im Ueberfluß und ich darbe dabei. Wie ganz anders würde es werden, wenn ich reden wollte. Nur wenige Worte brauchte ich zu ſprechen, man würde ſie mir mit Gold aufwiegen. Und Sie? Ich glaube wohl nicht zu irren, wenn ich behaupte, daß Ihnen das Gefängniß ſicher wäre.“ „Auch ich könnte reden und volle Verzeihung zur Bedingung machen,“ erwiderte Signora Grimaldi ſpöttiſch,„und für meine Zukunft wäre mir dann nicht bange. Ich weiß aber nur zu gut, daß wir Beide es nicht wollen, daß unſer Haß es uns nicht geſtattet, und deshalb haben Ihre Drohungen kein Gewicht für mich.“ „Ich würde nur in dem Falle Hand in Hand mit Ihnen gehen, wenn—“ „Ich weiß, was Sie ſagen wollen, Sie verlangen Geld!“ „Ich verlange, von meinen Sorgen befreit zu ſein.“ „Und wie viel bedürfen Sie, um dieſes Verlangen zu ſtillen?“ „Die Stimme Arabella's iſt für Sie eine Goldgrube—“ „Dieſe Vorausſetzung iſt grundfalſch. Wenn auch meine Tochter ein gutes Einkommen hat, ſo erfordert doch auch die Stellung, die ſie einnimmt, manche Ausgabe, und wir wollen Beide davon leben. Da wird nicht viel erübrigt—“ „Aber immerhin genug, daß noch ein Dritter davon leben könnte,“ ſagte Hurter kalt,„und darauf mache ich Anſpruch. Zahlen Sie mir monatlich fünfundzwanzig Thaler, ſo lange ich dieſe Summe regelmäßig zu Anfang eines jeden Monats empfange, werde ich ſchweigen. Signora Grimaldi blickte ihn beſtürzt an, dieſe Forderung ſchien ſie zu überraſchen. Sin S A —— S 3* . fagte ſie nach einer Pauſe,„ſo viel erübrigen wir nicht, und ich kann meiner Tochter nicht zu⸗ jed muthen, daß ſie Ihretwegen ſich Entbehrungen auferlegen ſoll.“ PVe „Pah, Sie haben ihr ſo Vieles zugemuthet—“„ „Nichts, was ich nicht vor meinem Gewiſſen verantworten Drohl könnte!“ ſohle „Redensarten, Signora Grimaldi! Sie müſſen meine Forde erhal rung bewilligen, wenn Sie ſich meiner Verſchwiegenheit verſichern wollen.“ Eine unerſchütterliche Entſchloſſenheit ſprach aus jedem Zuge ſc ſeines trotz ſeiner unzähligen Runzeln noch immer ſcharf mar— wie 9 kirten Geſichts, die alte Frau erkannte, daß ſie von ihm kein Er 2 barmen, keine Schonung erwarten durfte. den e „Ich will ſehen, was ich thun kann,“ ſagte ſie,„ich will den! Ihnen von Zeit zu Zeit Geld ſchicken, ſo oft ich ſelbſt welches zimn habe, denn daß ich mit Arabella nicht darüber reden kann, werden Sie einſehn. ngte Der Hofmeiſter ſtrich mit der Hand über ſein kahles Haupt 3 „Und weshalb ſollten ſie es nicht können?“ ſagte er.„Sagen Th Sie meinetwegen dem Mädchen, ich ſei ihr Vater, oder ihr Onkel, Grina erſinnen Sie irgend einen Verwandſchaftsgrad der ihr die Ver ius dr pflichtung auferlegt, mir eine anſtändige Exiſtenz zu verſchaffen, Ar und ſie wird ſich gewiß nicht weigern, dieſe Verpflichtung zu er— das 6 füllen.“ 5 Signora Grimaldi ſchüttelte ablehnend das Haupt, immer drohender zogen ihre Brauen ſich zuſammen, und der Blick, der üc aus ihren funkelnden Augen ihn traf, verrieth eine Fülle des glit hendſten Haſſes. „Mit fünfundzwanzig Thalern monatlich kann ich dieſe Ext⸗ ſtenz mir ſichern,“ fuhr er fort,„dieſer Summe bedarf ich, wenn uhe ich einigermaßen anſtändig leben will. Ich kann davon nicht ab— gehen, an dieſer Bedingung muß ich feſthalten.“ „Und wenn wir dieſe Stadt verlaſſen, werden Sie uns folgen?“ U A „So lange ich das Geld erhalte, mögen Sie thun und laſſen ſ zuſeße was Sie wollen.“ pe 3 6 8 r A die „Und worin find ich eine Bürgſchaft dafür, daß Sie ſchwei— gen werden?“ iber „Gebietet mir nicht mein eigenes Intereſſe Verſchwiegenheit?“ „Gewiß,“ nickte die Alte,„ſogar auch dann, wenn Sie das — — 253— Geld nicht erhalten. Ich könnte auch Ihnen einen Stein in den Weg werfen—“ „Laſſen wir das,“ fiel Hurter ihr in's Wort,„es ſind leere Drohungen. Und nun entſchließen Sie ſich, mir liegt die glühende Kohle auf dem Fuß, ich muß Geld haben, gleichviel, woher ich es erhalte.“ „Sie ſollen morgen meine Antwort haben.“ „Weshalb morgen erſt?“ „Weil ich darüber nachdenken muß, weil ich berechnen muß, wie groß die Erſparniſſe ſein werden, über die ich verfügen kann.“ Der alte Mann erhob ſich und nahm ſeinen fuchſigen Hut, den er auf einen Stuhl gelegt hatte, dann ließ er noch einmal den lauernden Blick durch das traulich und behaglich eingerichtete Zimmer ſchweifen. „Werde ich morgen mit der Antwort auch Geld erhalten?“ fragte er. „Ich werde Ihnen geben, was ich entbehren kann.“. Theodor Hurter nickte befriedigt und entfernte ſich, Signora Grimaldi blieb in Brüten verſunken, bis ein leiſes Geräuſch ſie aus demſelben auſſchreckte. Arabella war eingetreten, forſchend blickte die Mutter ſie an, das Geſicht des Mädchens war blaß, aber ernſt und ruhig. Hatte ſie die Unterredung belauſcht? Möglich war es, wenn ſie im Nebenzimmer ſich befunden hatte,— Signora Grimaldi dachte daran leider erſt jetzt. „Hat er Dir gedroht?“ fragte Arabella gleichgültig. Die alte Frau fühlte ſich beruhigt, ſie nickte bejahend. „Wir müſſen fort,“ ſagte ſie,„ich finde nicht eher wieder Ruhe, bis wir dieſe Stadt im Rücken haben. Glaubſt Du, daß man Dir große Schwierigkeiten machen wird, wenn Du Deine Kontrakte löſen willſt?“ Arabella war vor den Spiegel getreten, um ihren Hut auf⸗ zuſetzen, der Mutter entging dadurch der tiefſchmerzliche Zug, der in dieſem Augenblick die ſchönen Lippen umzuckte. „Ich weiß es nicht,“ erwiderte ſie,„aber ich werde mir dar⸗ über ſogleich Gewißheit verſchaffen.“ „So willſt Du meinen Wunſch erfüllen?“ „Muß ich es nicht?“ — In den Augen der alten Fräu leuchtete es freudig auf. „Ja, Du mußt es,“ ſagte ſie,„auch Deine Ruhe ſordert es Du mußt es der Stellung wegen, die Du Dir errungen haſt, Du darfſt dem Hohn Deiner Feinde nicht die Stirne bieten. Und wenn Du es thun wollteſt, was würde die Folge ſein? Denke nur an den Vorfall im Concertſaal, der Maler und Deine übrigen Freunde würden—“ „Ich weiß das Alles,“ unterbrach Arabella ſie, und in dem Tone, den ſie jetzt anſchlug, lag eine eiſige Kälte,„und nachdem ich Dir erklärt habe, Deinen Wunſch erfüllen zu wollen, bedarf es ja der Anführung weiterer Gründe nicht mehr. Ich hoffe, daß man mich ziehen laſſen wird, kontraktbrüchig möchte ich nicht werden.“ Sie war mit ihrer Toilette fertig und nach kurzem Gruß ver⸗ ließ ſie das Zimmer, um den ſchweren Gang anzutreten. Es war in der That ein ſchwerer Gang für ſie, denn ſie ſchied ungern aus dieſer Stadt, in der ſie den einzigen Freund zurückließ, den ſie beſaß. In der Fremde war ſie allein auf die Mutter angewieſen, und die Geſellſchaft dieſer Frau, die für die Kunſt weder Intereſſe noch Verſtändniß beſaß, konnte ihr ja unmöglich genügen. Aber es mußte ſein, mochte Ferdinand von Falkenberg auch denken, ſie ſei vor ihm geflohen, die Gründe, welche ſie zu dieſer Flucht bewogen hatten, konnte er ja aus ihren Antworten auf ſeine Fragen herausfinden, wenn er ruhig und vorurtheilsfrei über ſie nachdachte, dann mußte er ſie achten und ehren. Es wurde ihr leichter, wie ſie geglaubt hatte, die Einwilligung zur Löſung ihrer Contracte zu erhalten. So tief auch die Directoren der Muſikſchule und des Concert⸗ vereins ihr Scheiden bedauerten, fanden ſie es doch begreiflich, daß Arabella durch jenen Vorfall im Concertſaale ihre Ehre ge— kränkt fühlte und in derſelben Stadt nicht mehr aufzutreten wünſchte. Dieſer Vorwand war in ver That ſo begründet, daß man nichts gegen ihn einzuwenden vermochte, und unter ſolchen Um⸗ ſtänden wäre es ebenſo thöricht als unbillig 9eweſen, die belei⸗ digte Sängerin zum bleiben zwingen zu wollen. Man begnügte ſich damit, daß ſie das Verſprechen gab, wie⸗ derkon ſei, ha zenden ſſche nihelo Nidch De hereits Norde hung genſta V hob, tere ſ ſichts B zweifli bemerk M Hand, ein tie hr de ſo ft Man nit imme Vort Geleg könnte nchg habe die ſchwe und loch auch dieſer auf über —— — 255— derkommen zu wollen, ſobald über jenen Vorfall Gras gewachſen ſei, hatte doch auch dieſes Verſprechen einen nicht gering zu ſchä⸗ tzenden Werth, Arabella Grimaldi konnte nur als eine europä— iſche Berühmtheit zurückkehren. Die Schwierigkeiten waren alſo mühelos gehoben, und noch ein ſchwerer Gang ſtand jetzt dem Mädchen bevor, der Abſchied von dem Freunde. Der Abend dämmerte ſchon, draußen in den Straßen war es bereits dunkel, aber im Atelier Willy, deſſen Fenſter nach dem Norden lag, hatte das ſcheidende Licht jene eigenthümliche Fär⸗ bung angenommen, die dem Auge ſo wohlthuend iſt und jedem Ge⸗ genſtande ſchärfere Umriſſe gibt. Willy ſaß noch vor der Staffelei, und als er jetzt ſich er⸗ hob, um die eintretende Freundin zu begrüßen, erkannte die letz⸗ tere ſofort, daß ſein Blick wieder freier, der Ausdruck ſeines Ge— ſichts ruhiger und ſeine Haltung ſicherer geworden war. Von der Aufregung der vergangenen Tage und der Ver⸗ zweiflung, die dieſe im Gefolge gehabt hatte, war nichts mehr zu bemerken. Mit ihrem alten freundlichen Lächeln reichte Arabella ihm die Hand, und er bemerkte nicht einmal, daß trotz dieſes Lächelns ein tiefſchmerzlicher Zug ihre Mundwinkel umzuckte. „Wie freue ich mich, daß Sie kommen,“ ſagte er, während er hr den antiken, mit Leder gepolſterten Seſſel hinſchob, indem ſie ſo oft geſeſſen hatte.„Geſtern ſchon erwartete ich Sie, ich hatte Manches auf dem Herzen, worüber ich mit Ihnen reden wollte.“ „Weshalb kommen Sie da nicht zu mir? erwiderte Arabella mit leiſem Vorwurf.„Zürnen Sie denn meiner Mutter noch immer?“ Ein dunkler Schatten glitt über ſeine Stirne. „Ich kann ihr nicht ſo raſch vergeſſen, daß ſie mir das harte Wort geſagt hat,“ antwortete er,„und ich möchte ihr auch nicht Gelegenheit geben, es zu wiederholen, was ja leicht der Fall ſein könnte, wenn ich ihr wieder begegnete. Sie hat mir immer Haß nachgetragen; und ich weiß doch nicht, womit ich ihn verdient habe.“ Der Blick Arabella's ruhte ſinnend auf der Gliederpuppe, die noch immer mit gezücktem Dolche über der Waffentrophäe ſchwebte. — 256— „Hoß?“ wiederholte ſie leicht das ſchöne Haupt wiegend.„Ich glaube, in dieſer Vermuthung gehen Sie zu weit. Abneigung darf man nicht gleich Haß nennen, und Abneigung empfindet neine Mutter gegen Alle, die mir nahe treten. Das iſt einmal ine Schwäche, die man ihr verzeihen muß, ſie liegt im Charakter alten Frau. Aber deshalb dürfen Sie doch zu mir kommen, Willy—“ „Nein Arabella, wenigſtens jetzt noch nicht. Signora Gri⸗ maldi wacht ſo ängſtlich über den guten Ruſ ihrer ſchönen Toch⸗ ter, daß ich ihr keinen Anlaß zu anſcheinend begründeten und den⸗ noch ungerechten Vorwürfen geben möchte. Laſſen wir darum die Verhältniſſe, wie ſie ſich geſtaltet haben und freuen wir uns der wenigen Stunden, iu denen wir ungeſtört unſere Gedanken austau⸗ ſchen können. Baron Edmund von Oſthofen, der jetzige Majo⸗ ratsherr, hat mich beſucht, um mir ſein Bedauern über den be⸗ wußten Vorfall auszuſprechen; der junge Mann ſoll heute oder morgen eine längere Reiſe antreten. Was ſagen Sie dazu, Ara⸗ bella? Finden Sie darin eine Genugthuung für mich?“ — „Gewiß,“ erwiderte Arabella, ſeinem forſchenden Blick mit ernſter Ruhe begegnend,„damit können und müſſen Sie ſich zu⸗ frieden geben.“ „Damit, daß der Mann, der Sie und mich ſo tief gekränkt hat, feige die Flucht ergreift, um ſich der Züchtigung zu entziehen, die ihm gebührt?“ „Gerade dieſe Feigheit beweiſt, daß ſein brutales Benehmen einem niedrigen Charakter entſprungen iſt, und gegen ſolche Gegner hat der Mann von Ehre keine Waffe. Aber auch darin, daß ſeine Familie ihr Bedauern ſo offen und freimüthig ausſpricht, liegt eine Genugthuung für Sie, mit der Sie zufrieden ſein können.“ „Ich habe mir das auch geſagt, und dennoch meine ich, es ſei nicht die rechte Weiſe, jene Schmach zu tilgen, indeß ich will nun nicht weiter darüber nachgrübeln und mich mit dem mir aus⸗ geſprochenen Bedauern zufrieden geben. Der Baron hat mich dann gebeten, ihn zu beſuchen und Aufträge für ihn zu über⸗ nehmen; er ſah das Portrait der Baroneſſe, ſeiner Tochter—“ Raſch hatte hei den letzten Worten Arabella ſich erhoben, ſie lei ti ſindet nmal akter men, Gri⸗ Loch⸗ d den⸗ m die s der Stau⸗ Map⸗ n be⸗ oder Ara⸗ mit kränkt iehen, ehmen jegner „doß pricht, ſein s ſei nun aus⸗ mich über⸗ — — 257— ſtand vor der Staffelei und blickte voll Bewunderung auf das farbenfriſche Bild, welches nahezu vollendet war. „Ein ſchönes, herrliches Mädchen,“ ſagte ſie entzückt. „Herz und Seele ſpiegeln ſich in dieſen wunderbar klaren Augen, und wenn das Original der Copie entſpricht, daun Willy, be⸗ neide ich Sie um dieſe Freundin. Sagten Sie mir nicht, Baro⸗ neſſe Klara von Oſthofen habe Ihnen Beweiſe einer uneigen⸗ nützigen Freundſchaft gegeben?“ „Sie hat mir allerdings eine freundſchaſtliche Theilnahme be⸗ wieſen, aber ob mir das ſchon ein Recht gibt, ſie meine Freundin zu nennen, das wage ich nicht zu beurtheilen.“ „Und gälte dieſe Freundſchaft auch nur dem Künſtler, nicht dem Menſchen, ſo ſind Sie dennoch darum zu beneiden!“ „Nun wohl, iſt es nicht eben deshalb gefährlich für mich, die Einladung ihres Vaters anzunehmen?“ „Deshalb? Wahrlich nein! Wäre ich ein Mann, ich würde es mir zur höchſten Aufgabe machen, dieſe Perle für mich zu gewinnen!“ Willy ſchüttelte das Haupt, auf ſeiner Stirne zeigten ſich leichte Falten. „Wie dürfte ich danach ſtreben!“ erwiderte er.„Ich ſtehe zu tief unter ihr—“ „Zweifeln Sie wieder an ſich ſelbſt?“ unterbrach Arabella ihn vorwurfsvoll.„Achten Sie ſich ſelbſt ſo gering, daß Ihnen dieſes Ziel zu hoch dünkt?“ Der junge Mann ſtrich, tiefaufathmend, mit der Hand über die Stirn. „Reden wir nicht davon,“ ſagte er,„ich möchte nicht das Schickſal des Icarus theilen, der mit Wachsflügeln zur Sonne emporſtrebte und in's Meer hinunterſtürzte.“ „Aber in jedem Falle müſſen Sie der Einladung des Barons folgen.“ „Und weshalb muß ich es, Arabella?“ „Ihrer ſelbſt wegen, Willy! Setzen Sie dem Stolz des Adels den Stolz des Künſtlers entgegen, er iſt ſo viel, ja noch mehr werth, als jener. Und wenn dieſes edle Geſchöpf Ihnen eine Freundin wird, weshalb wollen Sie die Freundſchaft zurücweiſen?“ Der Baſtard. 17 Der Blick Willy's ruhte ſinnend auf dem Portrait. „Meine Mutter hatte mir den Vorſchlag gemacht, die Stadt zu verlaſſen,“ ſagte er nach einer Weile, ich nahm ihn an, und ich glaube faſt, es wäre beſſer, wenn er zur Ausführung käme. Ich kann mir draußen eine neue Heimath gründen—“ „Und was nöthigt Sie jetzt noch dazu? Sie haben Genug⸗ thuung erhalten und eine lohnende, ehrenvolle Beſchäftigung harrt Ihrer weshalb wollen Sie das zurückweiſen? Und glauben Sie, daß es Ihrer Mutter leicht fallen würde, aus der alten Heimath für immer zu ſcheiden? Sie will Ihnen das Opfer bringen, aber wenn dieſes Opfer unnöthig iſt, dann erlaſſen Sie es ihr.“ „Sie ſelbſt ſprach zuerſt davon!“ „Sie bot Ihnen das Opfer an, ohne Ihnen zu ſagen, daß es ein Opfer für ſie ſei, nun iſt es an Ihnen, darauf zu ver⸗ zichten.“ Arabella hatte in dem Seſſel wieder Platz genommen, ſie ſtützte das ſchöne Haupt auf den Arm, und ein wehmüthiger Blick traf aus ihren dunkelen Augen den gedankenvollen Freund. „Nein, bleiben Sie,“ ſagte ſie nach einer Weile wieder in lebhafterem Tone,„hier iſt Ihr Wirkungskreis, Sie dürfen ihn jetzt nicht verlaſſen. Und gerade dadurch, daß Sie bleiben, zeigen Sie, daß Sie den Gegner nicht fürchten, gerade dadurch, daß Sie die Aufträge des Majoratsherrn von Oſthofen übernehmen, be⸗ weiſen Sie, daß Ihnen Genugthuung zu Theil geworden und jene Beleidigung geſühnt iſt. Ich aber komme, mein Freund, um Abſchied von Ihnen zu nehmen.“ „Sie?“ rief Willy überraſcht.„Sie wollen fort von hier?“ „Gründe zwingen mich dazu!“ „Aber Ihre Contracte—“ „Sie ſind bereits gelöst.“ „Und dieſen entſcheidenden Schritt haben Sie gethan, ohne vorher meinen Rath zu hören?“ fragte der Maler mit wachſender Beſtürzung.„Habe ich denn Ihr ganzes Vertrauen verloren—“ „Zürnen Sie mir nicht, mein Freund, es gibt Fragen, die auch der beſte Freund nicht beantworten kann, auf die man nur m eigengp Inneren die rechte Antwort findet.“ Ich perſtehe Sie nicht, Arabella!“ ch bin Ihnen Offenheit ſchuldig unſerer Freundſchaft wegen, fin del nae um Stadt enug⸗ harrt Sie, emath aber „daß A ver⸗ , ſie thiger eund. er in nihn zeigen Sie t, be⸗ v und id, um hier?“ — 259— ſo will ich Ihnen denn ſagen, was ich keinem anderen Menſchen, auch nicht meiner Mutter verrathen werde. Kennen Sie den Lieutenant Ferdinand von Falkenberg?“ „Er iſt, ſoweit ich ihn kenne, ein Ehrenmann in des Wortes vollſter Bedeutung.“ „Er hat mir ſeine Hand angeboten—“ „Dann wünſche ich aus vollem Herzen Ihnen Glück—“ „Nicht doch, Willy, ich habe ſeine Werbung abgelehnt,“ ſagte Arabella, vor dem erſtaunten Blick des jungen Mannes die Augen niederſchlagend.„Ich mußte es, denn ich bin ihm nicht eben⸗ bürtig, und mein Stolz würde ſich empören, wenn ich in der Familie meines Gatten mich nur als eine Geduldete betrachten dürfte. Ich habe ihm geſagt, daß ich ihn nicht lieben könne, und daß mein Leben nur der Kunſt gewidmet ſei, ſo wehe es mir auch that, ich mußte ihm den Korb geben.“ Mit ernſter, mißbilligender Miene ſchüttelte Willy das Haupt. „Das war ein übereilter Entſchluß, Arabella,“ ſagte er mit leiſem Vorwurf,„Sie werden ihn bereuen, ſobald Sie ruhig über ihn nachdenken. Herr von Falkenberg hat ja jedenfalls alle Folgen ſeiner Werbung wohl bedacht, Sie durften ihm Vertrauen ſchenken, ihm überlaſſen, Sie in den Kreis ſeiner Familie einzu⸗ führen. Er iſt ein reicher Mann, an ſeiner Seite hätten Sie eine geſicherte Zukunft gefunden, und haben nicht Fürſten und Herzöge berühmte Sängerinnen geheirathet? Ich könnte Ihnen den Namen mancher fürſtlichen Dame nennen, der einſt als Stern erſter Größe am muſikaliſchen Himmel ſtrahlte—“ „Aber eine Zigeunerin werden Sie ſchwerlich unter ihnen finden.“ „Wie bitter Sie das ſagen!“ erwiderte Willy,„Wiſſen Sie denn ſo ſicher, daß Sie wirklich das Kind einer Zigeunerin ſind? Mir iſt es manchmal, wenn ich Sie anſchaue, oder über Sie nachdenke, als müſſe auch Ihre Geburt ein dunkeles Geheimniß umſchweben—“ „Und dann denken Sie wohl jedesmal an die alten Märchen in denen von geſtohlenen Kindern und verzauberten die Rede iſt?“ ſcherzte Arabella, aber der ſcherzends Ton klang gezwungener wie ſonſt, die friſche, aus dem Herzen kommende — 260— Natürlichkeit fehlte ihm.„Man nennt ichm ja ſchon das Dorn⸗ röschen, in deren verzauberten Pallaſt Niemand den Eingang finden kann—“ „Spotten Sie nicht!“ Wenn ich für meine Ahnung einen An⸗ haltspunkt ſuchen will, dann finde ich ihn raſch, ich brauche Sie nur neben Ihrer Mutter zu betrachten—“ „Betrachten Sie Precioſa neben einer uralten Zigeunerin—“ „So werde ich doch noch immer eine Aehnlichkeit zwiſchen Beiden finden. Ihnen aber, Arabella, fehlt der Typus dieſer Race, der ſich doch niemals verleugnet.“ Auf Arabella waren dieſe Worte, wie es ſchien, nicht ohne Eindruck geblieben, in Nachdenken verſunken blickte ſie lange ſchweigend vor ſich hin. „Und weshalb könnte meine Ahnung nicht richtig ſein?“ fuhr Willy fort.„Iſt es denn ſo ganz undenkbar, daß Sie, ſei es nun in welcher Weiſe es wolle, als Kind zu jener Zigeunerbande gekommen ſnd?“ „Ganz undenkbar?“ erwiderte Arabella, wie aus einem Traume erwachend.„Nein, das iſt es nicht, aber es wäre doch auch thöricht, ſolchen Illufionen ſich hinzugeben, die mindeſtens unwahrſcheinlich ſind.“ „Ich bezeichnete es ja auch nur als eine Ahnung! Aber kommen wir auf Herrn von Falkenberg zurück. Sie haben ihm einen Korb gegeben, und damit iſt dieſe Angelegenheit nach mei⸗ nem Dafürhalten erlediat.“ „Doch nicht ſo ganz, mein Freund,“ Herr von Falkenberg will ſich mit meiner Antwort nicht begnügen, er hat mir gedroht, daß er mich zwingen wolle, ſeine Liebe zu erwidern.“ „Gedroht?“ fragte Willy überraſcht. „Nicht in dem Sinne, wie Sie es annehmen! Er hat mir nur geſagt, daß dauernde Liebe endlich Erwiderung finden müſſe, und daß er nicht ablaſſen werde, bis ich die Seinige ſei. Und er wird Wort halten.“„ „So würde ich ihn heute ſchon lieben, um der Verfolgung zu entgehen,“ ſagte Willy lächelnd. „Um ihn und mich namenlos unglücklich zu machen!“ „Unglücklich? Er iſt Ihrer Liebe werth—“ „Sagen Sie mir das nicht, Willy, ich bitte Sie, berühren Sie meine ich di ihn li gher wurzel Seite würde rauſc Will Ihne Luuft kaltet 3orn⸗ Sie dieſen Punkt nicht, Sie ahnen nicht, welche Wunde Sie Einz meinem Herzen ſchlagen. Das eben iſt es ja, was mich forttreibt.“ „Das Räthſel wird mir immer unlösbarer!“ nen An⸗„Und doch habe ich die Löſung Ihnen ſchon gegeben! Wenn ſche Sie ich die Liebe dieſes Mannes erwiderte, Willy, dann würde ich ihn lieben mit der vollen Gluth meines jungen Herzens. Wer tin—“ aber gibt mir die Verſicherung, daß ſeine Liebe tief und feſt wwiſchen wurzelt und nicht ein Sinnesrauſch iſt, aus dem er an meiner s dieſer Seite bald erwachen würde? Und wenn es ihm dann klar würde, welch' ſchwere Opfer er bringen mußte, um dieſen Sinnes⸗ cht ohne rauſch zu befriedigen, was wäre die unabweisliche Folge? Nein, e lange Willy, ich könnte das nicht ertragen, Sie werden es begreifen, Sie denken und fühlen ja ganz wie ich.“ fuhr„Sie ſehen zu ſchwarz, Arabella! Welche Opfer müßte er „ſei e3 Ihnen dann bringen?“ nerbande„Er müßte austreten aus dem Offiziercorps, ſeiner bisherigen Laufbahn entſagen und mit ſeiner Familie brechen. Kann er⸗ einen kaltete Liebe ihn für dieſe Opfer entſchädigen?“ ere doch„Aber weshalb fürchten Sie, daß dieſe Liebe erkalten wird?“ ndeſteus 1„Weil ich ſie für einen Rauſch halten muß. Und dieſer Rauſch wird dauern, ſo lange Herr von Falkenberg mich in ſeiner Uber Nähe weiß. Ich fürchte keine unehrenhafte Schritte von ihm, er aben ihn wird ſich niemals dazu hergeben, aber wie bisher, wird er in oh. jedem Concert vor mir ſtehen und den Blick nicht von mir ab⸗ wenden, und ich werde in dieſem Blick immerdar den ſtummen ultnber Vorwurf leſen, daß ich ſein Lebensglück zerrüttet habe. Ich verde meinen Frieden verlieren und Tag und Nacht dieſen Blick auf mich gerichtet ſehen, und deshalb muß ich fort, um zu ver⸗ geſſen. Er wird dann auch allmählig aus dem Rauſch erwachen und mich vergeſſen—“ gedroht, „Glauben Sie nicht, Arabellat⸗ warnte der Maler. ei Und„Was ein Mann, wie Ferdinand von Falkenberg, einmal erfaßt 3 hat das hält er feſt, und er ruht nicht, bis er es ganz ſein eigen nennt. Er wird Ihnen folgen, verlaſſen Sie ſich darauf“ lgun ju„Er kann es nicht, denn er iſt gebunden an ſeine Garniſon.“ „So wird er ſeinen Abſchied nehnen.“ „Ich glaube auch das nicht, ſo leicht entſchließt ein Offizier ſich dazu nicht.“ 1 berühren 262— „Und wenn er es nun dennoch thäte, wenn er Ihnen dadurch den überzeugenden Beweis lieferte, daß ihm kein Opfer zu groß und zu ſchwer iſt, wenn es Ihr Herz und Ihre Hand zu erringen gilt, würden Sie auch dann noch ſagen, ſeine Liebe ſei ein Sinnesrauſch? Was Sie auch thun mögen, Arabella, überlegen Sie wohl, welche Frage Ihnen nahe treten kann, und welche Antwort Sie alsdann auf ſie geben wollen. Prüfen Sie Ihr Herz und räumen Sie auch ihm eine Stimme ein.“ „Und als ich Ihnen vorher faſt dasſelbe ſagte, was antwor⸗ teten Sie mir darauf?“ erwiderte Arabella mit leiſe zitternder Stimme,„daß Sie mit Ihren Wachsflügeln nicht zur Sonne emporſtreben wollten, um nicht in den Abgrund hinunter zu ſtürzen! Können Sie nun von mir eine andere Antwort erwarten?“ „Ja, Arabella, denn geſetzt auch, Sie wären das Kind einer Zigeunerin, ſo ruht auf Ihnen doch nicht der Makel der Geburt!“ „Aber der Fluch meines Volkes,“ ſagte Arabella leiſe.„Den⸗ ken Sie ſich ein Zigeunerkind in dem Kreiſe einer adelsſtolzen Familie, wird man nicht mit Verachtung und Geringſchätzung auf es hinunterſehen?“ „Davor muß und wird Ihr Gatte Sie ſchützen.“ „Kann er für jedes Achſelzucken, für jedes leiſe geflüſterte Wort Genugthuung verlangen? Ich bin nicht ſtark genug, dieſe geiſtigen Nadelſtiche geduldig zu ertragen, und deshalb iſt es beſſer, ich beharre bei meinem Entſchluß und verzichte auf ein Glück, von dem ich vorausſehe, daß es kein feſtes Fundament haben wird. Herr von Falkenberg weiß, daß Sie mein Freund ſind, vielleicht wird er ſich an Sie wenden, Sie um Ihre Ver⸗ mittelung bitten. Dann, Willy, gedenken Sie Alles deſſen, was ich Ihnen geſagt habe und ſtören Sie nicht meine Seelenruhe, deren ich ſo dringend bedarf, wie Sie. Wir können ja Beide nicht ſchaffen, wenn es nicht friedlich ſtille in uns iſt. „So kann Sie nichts von Ihrem Entſchluß abbringen?“ „Nichts, mein Freund.“ „Senden Sie mich zu Herrn von Falkenberg, ich verſpreche Ihnen, gewiſſenhaft zu prüfen, ob ſeine Liebe ächt und treu iſt, faſſen Sie erſt dann einen Entſchluß, wenn ich mit ihm geredet habe.“ 4 todesl denno hfer iberle blicken mun! und 9 V der ſ on d bezw der ewid das( Mach nicht Sie kannt wir wiht denk ſchaf übri Ihn ſolle ſo bl dunn Und vorh gehe ddurch u groß tringen ſti en erlegen welche i Ihr twor⸗ ternder Sonne ter zu arten?“ d einer burt!“ „Den⸗ ſtolzen g auf lüſterte g, dieſe iſt es auf ein ndament Freund re Ver⸗ n, was lenruhe, a Beide 2 rſpreche treu iſt, geredet 263— Arabella hatte ſich von ihrem Sitz erhoben, ihr Antlitz war todesbleich. „Ich danke Ihnen, Willy,“ ſagte ſie bewegt,„aber ich muß dennoch bei meinem Entſchluß beharren, glauben Sie mir, es iſt beſſer ſo, Sie wiſſen ja längſt, daß ich ſtets meine Entſchlüſſe überlege, und daß ich auch in leidenſchaftlich bewegten Augen⸗ blicken mich nicht zu vorſchnellen Urtheilen hinreißen laſſe. Und nun leben Sie wohl, mein Freund, mögen wir uns einſt froh und glücklich wiederſehen!“ Willy ergriff die zarte, ſchmale Hand und drückte ſie warm in der ſeinigen. Auch er war bewegt, auch ihn ergriff der Gedanke an dieſe unerwartete Trennung mächtig, er mußte gewaltſam ſich bezwingen, um ruhig zu bleiben. „Arahella, Sie wollen dem Glück entſagen, weil Zweifel an der Beſtändigkeit desſelben ſich in Ihrer Seele geltend machen,“ erwiderte er.„Solche Zweifel haben keine Berechtigung, man ſoll das Glück ergreifen und mit ſeiner ganzen Kraft es feſthalten, die Macht dazu iſt jedem Menſchen gegeben.“ „Das ſage ich Ihnen, Willy, denn, wenn meine Ahnung mich nicht trügt, dann iſt dieſes Glück Ihnen nahe. Mich aber laſſen Sie unbeirrt den Weg gehen, den ich ſelbſt für den beßten er⸗ kannt habe, auch ich werde mein Ziel erreichen, vielleicht ſehen wir erſt dann uns wieder, aber ſo lange auch die Trennung währen mag, ſtets werde ich Ihrer in treuer Freundſchaft ge⸗ denken.“ „Können Sie zweifeln, daß ich es nicht auch thun werde?“ „Nein, dieſer Zweifel wäre ein Verrath an unſerer Freund⸗ ſchaft. Ich hoffe, Sie werden dann und wann eine Stunde er⸗ übrigen können, um mir einige Zeilen zu ſchreiben, ein Brief von Ihnen wird ſtets ein Lichtſtrahl in meinem Daſein ſein. Sie ſollen dann auch von mir hören, das verſpreche ich Ihnen, und ſo bleiben wir, wenn auch getrennt, doch beiſammen.“ „Und wenn es denn nicht anders ſein ſoll und darf, Arabella, dann rufe auch ich Ihnen ein herzliches Lebewohl zu!“ „Ein Lebewohl auf Wiederſehen, nicht wahr, mein Freund? Und nun noch Eins, faſt hätte ich es vergeſſen. Sie ſprachen vorhin von einer Ahnung, mit der Sie über meine Herkunft einen geheimnißvollen Schleier breiten wollten. Soll ich ehrlich ſein, — 264— ſo muß ich Ihnen bekennen, daß dieſe Ahnung auch in mir auf⸗ geſtiegen iſt, und daß ich heute eine Beſtätigung derſelben er⸗ halten habe.“ „Durch meine Vermuthungen?“ „Nein, obſchon es mich überraſcht hat, daß auch Sie an Märchen in unſerer unpoetiſchen Gegenwart glauben. Meine Mutter hat ſchon ſeit einigen Tagen auf Löſung meiner Kontrakte gedrungen, heute erſt erfuhr ich den Grund. Ein Mann war bei ihr, den ſie fürchtet, der irgend ein Geheimniß kennt, deſſen Ent⸗ hüllung ihr Gefahr bringen kann. Ich ahne, daß dieſes Geheim⸗ niß ſich auf mich bezieht, denn ich mußte das Zimmer verlaſſen. Was ich im Nebenzimmer vernahm, war wenig und Klarheit konnte ich nicht gewinnen. Auf beiden Seiten fielen Drohungen, aber worauf dieſe Drohungen ſich bezogen, erfuhr ich nicht. Beide, meine Mutter ſowohl, wie der Fremde, berührten den Kern der Sache mit keiner Silbe, es ſchien faſt, als ob ſie fürchteten, daß ich lauſchen könne. Ich konnte auch nicht erfahren, wie der Fremde heißt, und wo er wohnt, aber da meine Mutter ver⸗ ſprochen hat, ihm Geld zu ſchicken, ſo werde ich wohl ſeine Adreſſe im Laufe der Zeit erhalten. Darf ich alsdann Ihnen dieſe Adreſſe ſenden und Sie bitten, jenen Mann aufzuſuchen?“ „Ich werde Alles aufbieten, um Ihnen Gewißheit zu ver⸗ ſchaffen, erwiderte Willy. „Suchen Sie jenes Geheimniß zu erforſchen, welches meine Mutter zwingt, ihn zu unterſtützen. Es kann ja ſein, daß meine Ahnung mich täuſcht, daß jenes Geheimniß ſich gar nicht auf mich bezieht, aber dann erhalte ich doch Gewißheit, und das iſt Alles, was ich wünſche. Morgen will der Fremde wiederkommen, aber ich werde dann mit dem Packen meiner Koffer beſchäftigt ſein und der Unterredung keine Aufmerkſamkeit widmen können.“ „Sobald Sie mir die Adreſſe ſenden, werde ich meine Nach⸗ forſchungen beginnen.“ „Ich danke Ihnen, Willy, und nun noch einmal, leben Sie wohl!“ Verwirrt ſtarrte der junge Maler der ſchlanken Geſtalt nach, die gleich einem dunklen Schatten in dem unſicheren Dämmerlicht der Thüre zueilte und gleich darauf verſchwunden war. Ihre ſchönen Lippen hatten flüchtig ſeine Stirne berührt, der Kuß ſond ſie 1 hind Priſt habe. 2 nit von Dos der wer ern der n, daß vie der er ver⸗ Ihnen en u ver⸗ t Nach⸗ n Sie n Sie lt nach, merlicht — 265— Kuß, den er dort brennen fühlte, galt nicht ihm, dem Manne, ſondern dem Genius in ihm. Verwirrt, faſt betäubt ſank er in den Seſſel nieder, in dem ſie noch kurz vorher geſeſſen hatte, er bedeckte das Antlitz mit den Händen, und ein tiefer Seufzer entrang ſich ſeiner beklommenen Bruſt, war es ihm doch, als ob ſein guter Engel ihn verlaſſen habe. 13. Kapitel. Juchsnaturen. Theodor Hurter verließ die Wohnung der Signora Grimaldi mit ſehr zufriedener Miene, er hatte die Frau gezwungen, ihn von ſeinen Sorgen zu befreien und ſeine Exiſtenz ſicher zu ſtellen. Das war einſtweilen für ihn die Hauptſache. Daß Signora Grimaldi ihr Verſprechen halten würde, unter⸗ lag für ihn keinem Zweifel, ihre eigene Sicherheit zwang ſie ja dazu, er hatte ja in ihrem gelben Geſicht den Eindruck ſeiner Drohungen deutlich geleſen, und ſie mußte nun auch wiſſen, daß er es nicht liebte, mit leeren Drohungen zu ſcherzen. Schon am nächſten Tage wollte ſie ihm eine Abſchlagszahlung machen, an Geld konnte es ihm jetzt nicht mehr fehlen, die mageren Jahre waren überwunden, jetzt kamen die fetten Jahre, die Zeit der Ernte nach der Ausſaat. Der alte Mann rieb vergnügt die Hände, als er ſich in ſeiner ärmlichen Dachkammer befand, und ein boshaftes Grinſen ver⸗ zerrte ſein ohnedies ſchon tückiſches Geſicht. Jetzt ſollte ein anderes Leben beginnen! Für alle die Entbehrungen und Entſagungen der vergangenen Jahre wollte er ſich jetzt entſchädigen, er wollte wieder Menſch werden und ſein Daſein genießen, wenn's auch nicht lange mehr währte. Eine andere Wohnung mußte geſucht werden, in dieſem Hauſe wollte er nicht länger bleiben, jetzt erſt machte er die Entdeckung, daß dieſe Wohnung ſeiner ganz unwürdig war. Auch der Anzug, den er trug, war ihm nicht mehr gut genug für einen Mann, der möglicherweiſe Profeſſor hätte werden können, wenn ihm nicht ſo viele Steine in den Weg geworfen worden wären. Und vor allen Dingen ſollte der Magen auch nicht mehr darben. Wenn er ſeiner Lebensweiſe gedachte, dann begriff er nicht, daß die Sorgen ihn nicht erdrückt hatten, daß er trotz aller Noth und allen Elends noch geſund geblieben war. Und dann dachte er auch wieder daran, daß der Majorats⸗ herr von Oſthofen verpflichtet geweſen wäre, ihm eine menſchen⸗ würdige Exſſtenz zu verſchaffen, nicht Baron Edmund allein, auch deſſen Bruder hätte dieſe Verpflichtung anerkennen müſſen, mit dem Nachlaß ſeines verſtorbenen Vaters hatte er auch ſie über⸗ nommen. Wenn er darüber nachdachte, dann regte ſich in ſeinem Innern der Haß, und dieſer Haß richtete ſich hauptſächlich gegen den Baron Udo, der ihn ſtets ſo ſtolz und verächtlich behandelt hatte. In ſeiner Kammer auf und nieder wandernd, bemerkte der alte Mann nicht, daß die Thür geöffnet wurde, erſt als ſein Blick zufällig dahin fiel, ſah er dort den Verwalter ſtehen, der ihn mit lauernden Blicken beobachtete. „Schickt der Baron Sie noch einmal?“ fragte er mit bittrem Hohne. Will er nochmals mir das Almoſen anbieten?“ Wortmann war näher getreten, er ſchüttelte ablehnend das Haupt. „Sie haben ſein Verbot übertreten,“ ſagte er,„und mehr, als das, Sie haben ihm Worte geſagt, die kin Baron von Oſthofen niemals ſchweigend hinnehmen wird. Das hätten Sie nicht thun ſollen.“ Hurter kniff die Lippen zuſammen, die ein trotziger Zug umzuckte. „Ich hab's gethan, weil mein Haß und meine Erbitterung herausgefordert wurden,“ erwiderte er,„wenn man einen Hund tritt, beißt er—“ „Unk ſinel nicht. Beſeh ewid fund mals im hün ſten Inte den, get Dyl wun ſtel der kan Hauſe ekung geug onnen, vorden wehr nicht, t Poth jorat⸗ nſchen⸗ , auch , nit über⸗ nnern Baron kte der lS ſein en, der bittrem ud das ehr, als ſthofen ſt thun Zug tterung 1 Hund W „Nicht immer!“ fiel der Verwalter ihm raſch in's Wort. „Und was konnte ſie denn verleiten, dem Baron zu drohen?“ „Hat er Ihnen geſagt, daß ich es gethan habe?“ „Er hat mir Vorwürfe gemacht, weil er glaubte, ich habe ſeinen Auftrag nicht ausgeführt. Ihre Drohungen fürchtet er nicht, um aber ähnliche, ärgerliche Szenen zu vermeiden, hat er Befehl gegeben—“ „Mir die Thüre zu zeigen, wenn ich mich wieder blicken laſſe,“ erwiderte Hurter ſpöttiſch,„ich weiß das. Aber, wenn ich ge⸗ funden habe, was ich ſuche, dann werde ich dieſem Verbot noch⸗ mals trotzen, und ein ganzes Regiment von Dienern wird nicht im Stande ſein, mir die Thüre vor der Rache zu ſchließen.“ „Wollen Sie ſich nicht deutlicher ausdrücken?“ „Nein.“ „Sie denken wohl nicht daran, daß Sie an mir einen Ver⸗ büundeten gewinnen könnten?“ Hurter blickte den Fragenden ſcharf an, er ſchien die geheim— ſten Gedanken desſelben erforſchen zu wollen. „Einen Verbündeten?“ ewiderte er.„Sie haben gar kein Intereſſe daran, daß die gegenwärtigen Verhältniſſe geändert wer⸗ den, Baron Edmund wird Ihnen nicht allzu ſcharf auf die Fin⸗ ger ſehen, das liegt ja in ſeinem Intreſſe!“ „Und wenn es nun umgekehrt wäre?“ fragte der Verwalter mit ſeinem Stuhle näher rückend.„Wenn ich nun ſelbſt ein Intereſſe daran hätte, daß die Verhälltniſſe geändert würden?“ „Dann erwidere ich Ihnen, daß ich dasſelbe nicht theile,“ entgegnete der Hofmeiſter.„Baron Udo hat mich nahrlich nicht zu Dank verpflichtet, ich denke ſie werden mich verſtehen.“ „Gewiß verſtehe ich Sie, ich errathe auch, welcher Art die Drohungen waren, die Sie aus geſprochen haben, und nur Eins wundert mich, daß Sie keine Forderung, keine Bedingungen ge⸗ ſtellt haben.“ „Das kann ich nur dann, wenn ich Beweiſe beſitze.“ „Und hoffen Sie dieſe zu finden?“ „Ja ich hoffe es!“ erwiderte Hurter, während er leicht mit der Hand über ſeine Augen ſtrich.„Eile hat's damit nicht, ich kann warten, und wenn inzwiſchen das Gut ruinirt wird, ſo iſt mir das nur angenehm. Was liegt mir an dem Herrn — 268— von Oſthofen! Sie haben mich hungern laſſen, mich, der ihnen ſein ganzes Leben geopfert hat, das war eine ſchlimme Ausſaat, mögen ſie nun die Früchte ernten.“ „Seien Sie offen gegen mich,“ ſagte der Verwalter.„Wel⸗ chen Eindruck hat Baron Edmund auf Sie gemacht? Ich ſagte Ihnen früher ſchon, daß Sie ihn verändert finden würden, aber Sie haben ſo lange mit ihm zuſammen gelebt, daß irgend ein Kennzeichen Ihnen bleiben mußte.“ „Und das beßte Kennzeichen iſt die Stimme,“ erwiderte Hurter. „Ein Geſicht kann ſich änderrn, aber die Stimme niemals!“ „Seltſam, in der That, ſehr merkwürdig!“ „Wais finden Sie ſeltſam?“ „Nun, ich will es gerade nicht ſeltſam nennen, aber auffallen muß es mir doch, daß meine alte Magd mir ganz dasſelbe ſagte“ „Dasſelbe!“ ſpottete Hurter.„Und Ihnen ſollte es nicht auch ſofort aufgefallen ſein?“ „Ich habe Baron Ednund nicht ſo genau gekannt. Sie wiſſen ſelbſt, daß er meiſt abweſend war, und in der Zeit, in der er ſich auf dem Gute befand, kam ich ſelten mit ihm in Be⸗ rührung. Urſula hat ſür dergleichen Dinge überhaupt ein ſchärferes Gedächtniß. Sie erinnerte mich auch an eine Narbe, die Baron Edmund am rechten Arme haben muß.“ Der Hofmeiſter blickte haſtig auf, die letzte Bemerkung mußte ihn wohl überraſchen. „Eine Narbe?“ fragte er lauernd.„Davon iſt mir nichts bekannt.“ „Sie waren zugegen, als er die Wunde empfing. Er fiel mit dem Arm in eine eiſerne Spitze, als er von der Mauer in meinem Hofe herunterſprang. Erinnern Sie ſich deſſen nicht mehr?“ „Nur noch dunkel, wenn Ihre Magd es behauptet, wird es wohl Wahrheit ſein!“ „Ich ſagte Ihnen ſchon, die alte Urſula habe ein ſcharfes Gedächtniß,“ fuhr der Verwalter fort,„aber, ich habe ihr ſtreng verboten, ihren albernen Vermuthungen weiter nachzugrübeln.“ „Wozu das?“ „Ich will meine Stellung nicht gefährden. Bin ich nicht verantwortlich für das, was mein Dienſtperſonal thut? Und Si bef hol au ſpot rick hen ihnen lusſunt „Wel⸗ ſagte , aber durter. s nicht P et, mn ein P uſn Narbe, mußte richts 4 Er ſiel 5 uer in nnicht — 269— glauben Sie, es könne mir gleichgültig ſein, auf welchem Fuße ich mit dem Majoratsherrn ſtehe? Sie dürfen ihm drohen, für Sie iſt das kein großes Wagniß, Sie verſcherzen dadurch nur Ihre Penſion—“ „Hat er Ihnen geſagt, daß er mir nichts zahlen wolle?“ „Sie haben ja ſelbſt ihm die Penſion vor die Füße geworfen!“ „Und ich denke mir, daß gerade das ihn beunruhigt hat,“ er⸗ widerte der Hofmeiſter.„Hat er Ihnen nicht den Auftrag ge⸗ geben, mir andere Anerbietungen zu machen?“ „Aus Ihren Worten geht hervor, daß Sie glauben, er fürchte Sie, ſagte Wortmann, dem forſchenden Blick mit ſcheinbarer Un⸗ befangenheit begegnend,„darin ſind Sie im Irrthum. Ich wieder⸗ hole Ihnen, der Baron fürchtet Ihre Drohungen nicht, wenn auch der Auſtritt mit Ihnen ihn unangenehm berührt hat.“ „Und weshalb ſind Sie zu mir gekommen?“ „Um zu hören, wie Sie über den Baron urtheilen.“ „Welchen Werth kann denn mein Urtheil für Sie haben?“ ſpottete Hurter.„Geben Sie doch der Wahrheit die Ehre und rücken Sie mit dem Auftrag heraus, den Sie von dem Majorats⸗ herrn erhalten haben.“ „Einen beſtimmten Auftrag habe ich nicht; aber ich glaube, daß es dem Baron angenehm wäre, wenn Sie die Stadt ver⸗ laſſen wollten.“ „Ah, da hinaus will er?“ „Er würde vielleicht in dieſem Falle die Penſion verdoppeln.“ „Dann wär's noch immer ein Almoſen.“ „Zum Kuckuk, Herr, wieviel verlangen Sie denn?“ „Ich verlange gar nichts,“ erwiderte der Hofmeiſter,„wenn ich das thäte, würde ich mich vielleicht zum Mitſchuldigen machen* ndd davor werde ich mich hüten. Ich glaube wohl, daß es ihm angenehm wäre, wenn ich mich in die Urwälder Amerika's zurück⸗ zöge, aber geholfen wäre ihm damit auch nicht, es können noch andere Perſonen in der Stadt ſein, die ſich ſeiner aus früherer Zeit erinnern. Daß die Familie ihn ohne Mißtrauen auf⸗ genommen hat, beweiſt gar nichts, ſein Bruder hat ihn früher kaum gekannt, und die jungen Leute waren bei ſeiner Answan⸗ derung noch nicht auf der Welt. Aber, es gibt andere Perſonen, die auch ein ſcharfes Auge haben, die müßte er ebenfalls ent⸗ fernen. „Zum Beiſpiel?“ fragte der Verwalter mit fieberhafter Spannung. „Zum Beiſpiel Sie, die alte Urſula, der Förſter Leberecht und noch Andere, die ich augenblicklich nicht kenne. Und will er mich entfernen, ſo wird er ſpäter auch die Anderen entfernen wollen.“ „Er könnte uns Alle entlaſſen,“ ſchaltete Wortmann ein. „Und wäre Ihnen damit gedient?“ „Nein, eben deshalb iſt mir die größte Vorſicht geboten.“ Der Hofmeiſter blickte eine Weile ſchweigend vor ſich hin, er ſchien über einen Entſchluß nachzudenken, Wortmann beobachtete ihn unverwandt. „Glauben Sie, daß Baron Udo eine große Summe denjeni⸗ gen zahlen würde, die ihn in die Rechte eines Majoratsherrn wieder einſetzen?“ fragte er endlich. „Wenn dabei ein Betrüger entlarvt würde, gewiß!“ erwiderte Wortmann. „Wie iſt das Verhältniß der Brüder zu einander?“ „Einſtweilen noch ſehr freundſchaftlich.“ „Glauben Sie, daß es ſo bleiben wird?.“ „Nein. „Bitte, worauf ſtützen Sie Ihre Zweifel?“ „In den erſten Tagen wollte Baron Edmund Alles beim Alten laſſen, er war ſogar halb und halb entſchloſſen, ſeinem Bruder das Majorat zu übertragen, aber davon iſt jetzt keine Rede mehr.“ „Nun, das ließ ſich ja vorausſehen! Er iſt jetzt wohl der alleinige Gebieter in Oſthofen?“ „Allerdings; ſeinem Willen muß Alles ſich fügen, und er hat bereits Anordnungen und Aenderungen getroffen, die ſein Bruder niemals gebilligt haben würde.“ „Und was ſagt Baron Udo dazu?“ „Was kann er ſagen? Er ſchweigt.“ „Will er das Gut nicht verlaſſen? Der Aufenthalt dort muß ihm doch auf die Dauer unangenehm werden. Er war immer ein ſtolzer, herrſchſüchtiger Herr—“ „Er kann den Offizier noch immer nicht verleugnen, aber mit ſeinem in die neiſte „L und da u etfolgr ich ne Anord len. zurüc ehe 1 jt! gut, für m 0 die H mit. einen Hoh ihm den Ihne könne Brud 3 ſeine ein l Bruc und berhnſter echt und er mich wollen.“ n. en hin er eobachtete denjeni⸗ tatsherrn rwiderte les beim ſeinem etzt keine wohl der nd er hat n Bruder ort muß mmer ein gber nit —— — — 271— ſeinem feſten und wirklich ehrenhaften Charakter weiß er ſich auch in die Verhältniſſe hineinzufinden.“ „So lange, bis ihm die Galle überläuft,“ ſpottete der Hof⸗ meiſter. „Wenn das geſchieht, dann wird er ſich nicht lange bedenken und das Gut verlaſſen, das iſt meine feſte Ueberzeugung.“ „Und dann erſt iſt der Zeitpunkt gekommen, in welchem man erfolgreich mit ihm unterhandeln kann,“ erwiderte Hurter.„Gut, ich nehme das Bündniß mit Ihnen an, aber Sie müſſen meinen Anordnungen Folge leiſten und den Gewinn redlich mit mir thei⸗ len. Wollen Sie mir das verſprechen?“ „Und mein Rath ſoll gar nichts gelten?“ fragte Wortmann zurückhaltend. „Gewiß, aber Sie werden mir geſtatten, daß ich ihn prüfe, ehe wir ihn ausführen. Im Großen und Ganzen will ich ſchon jetzt meinen Plan Ihnen entwickeln. Es iſt damit allein nicht gut, daß wir einen Betrüger entlarven, wir wollen dabei auch für uns etwas gewinnen, ich denke, damit ſind Sie einverſtanden.“ „Ich verſchmähe einen Gewinn nicht, wenn er auf redlichem Wege erworben werden kann.“ „Ueber das Wort redlich will ich nicht mit Ihnen ſtreiten, die Herren Verwalter nehmen es in der Regel nicht ſo genau da⸗ mit. Wenn wir jetzt dem Baron Udo, wie man zu ſagen pflegt, einen Floh in's Ohr ſetzen wollten, ſo würden wir nur ſeinen Hohn herausfordern, und eher Widerſtand, als Unterſtützung bei ihm finden; wir müſſen damit warten, bis der Bruch zwiſchen den Brüdern erfolgt iſt. Sie ſagten ja, er werde bald erfolgen.“ „Darüber läßt ſich mit Sicherheit nichts beſtimmen—“ Thut auch nichts, wir können warten. Vielleicht iſt es Ihnen auch ſo ſchwer nicht, den Bruch zu beſchleunigen, Sie können den Majoratsherrn zu Aenderungen veranlaſſen, die ſeinen Bruder empören müſſen.“ „Und Sie glauben, daß alsdann der Bruch erfolgen wird?“ „Baron Udo wird ſeinem Bruder Vorwürfe machen, ſich auf ſeine eigene Verwaltung berufen, und da der Majoratsherr mir ein leicht erregter, jähzorniger Mann zu ſein ſcheint, ſo kann der Bruch nicht ausbleiben. Inzwiſchen haben wir Beweiſe geſammelt, und auf dieſe Beweiſe geſtützt fragen wir den Baron Udo, ob re 272— unſere Bedingungen erfüllen wolle, wenn wir den Betrüger entlarven.“ „Ich als Verwalter des Gutes darf keine Bedingungen ſtellen.“ „Das würde allerdings Ihre Stellung gefährden und deshalb iſt es für Sie beſſer, daß Sie mir die Unterhandlungen überlaſſen, aber im entſcheidenden Augenblick können und müſſen Sie als Zeuge auftreten. Es bedarf keiner Frage, daß wir unſere ganze Kraft aufbieten müſſen, wenn wir dieſe Aufgabe löſen wollen.“ „Das glaube ich auch,“ ſagte der Verwalter gedankenvoll. „Und vor allen Dingen muß das, was in dieſer Angelegenheit geſchieht, ſtreng geheim gehalten werden.“ „Dasſelbe wollte ich eben bemerken, Sie kommen mir zuvor.“ „Und ebenndeshalb kann ich ſehr wenig thun.“ „Das ſchadet nichts, wenn Sie nur mich in anderer Weiſe unterſtützen. Ihnen ſtelle ich die Aufgabe, den Bruch zwiſchen den Brüdern herbeizuführen, und mich über Alles, was in Oſt⸗ hofen geſchieht, uuterrichtet zu halten. Sollte ich dann noch Ihrer Hülfe weiter bedürfen, ſo werde ich darüber näher mit Ihnen ſprechen.“ „Und was werden Sie nun thun?“ fragte Wortmann. „Darüber bin ich mit mir ſelbſt noch nicht im Klaren.“ „Sie müſſen die Perſonen aufſuchen, von denen Sie glauben, daß ſie als Zeugen uns unterſtützen können. Aber bleiben Sie einſtweilen meiner Magd fern; die alte Urſula hat mitunter ganz verrückte Ideen, überdies könnte ſie ein unbedachtes Wort fallen laſſen, wenn man ſie in's Vertrauen zöge.“ „Wir werden ihr Zeugniß nicht entbehren können.“ „Aber wir können damit bis zur Kataſtrophe warten! Ich will inzwiſchen ihr Gedächtniß ſchärfen und ſie auf dieſes oder jenes aufmerkſam machen, vielleicht erhalten wir dadurch noch Anhalts⸗ punkte, die uns von Werth ſind.“ „Wenn man ſich überzeugen könnte, ob die Narbe ſich an dem Arm befindet! „Ich will auch darauf mein Augenmerk richten, aber es fragt ſich, ob ich Gelegenheit haben werde, mir dieſe Ueberzeugung zu verſchaffen. Wir müſſen unſere Pläne außerordentlich geheim halten,“ fuhr Wortmann fort,„denn wenn unſere Vermuthung falſch iſt, dann ſpielen wir ein gewagtes Spiel, das werden Sie gar ein von gibt be Sie gel hel „di laſſ uns Ber me 57 un W Berige en ſtelen nd dehub iterlaſen, Sie als ſere ganze wollen“ Dankenvoll. gelegenheit nir zuvor.“ derer Weiſe h zriſchen as in Oſt⸗ noch Ihrer mit Ihnen mn. ren.“ ie glauben, eiben Sie tunter ganz Wort fallen en! I0 wil oder jenes ch Anhalts⸗ ſih an den er es fragt rzeugung zl tlich gehein Vermthuns werden Sie E .MMM 4R — 273 mir zugeben. Der Majoratsherr iſt in alle Ereigniſſe der Ver⸗ gangenheit, in alle Verhältniſſe ſeiner Familie eingeweiht, nur ſelten ſcheint ſein Gedächtniß ihn im Stich zu laſſen, aber er er— innert ſich dann auch augenblicklich wieder—“ „Und was will das Alles beweiſen?“ unterbrach Hurter ihn. „In meinen Augen gar nichts. Kann der Betrüger nicht drüben ein guter Freund des Verſchollenen geweſen ſein? Kann er nicht von ihm Alles erfahren haben, was er zu wiſſen wünſchte?“ Es gibt ſolcher Schwindler genug, die muthig die gewagteſte Rolle übernehmen, und es kommt dabei in der Hauptſache nur auf die Sicherheit des Auftretens an. Hier aber, Sie werden das zu⸗ geben, iſt dem Betrüger Alles günſtig, ſeine Familie hat ihn frü⸗ her nicht gekannt—“ „Ich gebe das Alles ja bereitwillig zu,“ fuhr Wortmann fort, „dennoch wiederhole ich, wir ſpielen ein gewagtes Spiel, wir laſſen uns beide von dem erſten Eindruck, den der Baron auf uns gemacht hat, leiten.“ „Und haben Sie nie erfahren, daß der erſte Eindruck eine Berechtigung hat?“ „Nicht immer,“ ſagte der Verwalter.„Ich habe Menſchen kennen gelernt, die Anfangs mich abſtießen, und ſpäter wurden ſie meine beſten Freunde.“ „Das ſind Ausnahmen, aber wir wollen darüber nicht ſtreiten! Für mich iſt der erſte Eindruck immer maßgebend.“ „Und nun noch eine Frage,“ erwiderte Wortmann, den Blick voll auf ihn richtend,„wovon wollen Sie leben, bis dieſe Sache entſchieden iſt?“ Ein ironiſches Lächeln glitt über das runzelige Geſicht des Hoſmeiſters. „Wollen Sie noch einmal auf das Anerbieten, welches der Baron mir machen läßt, zurückkommen?“ fragte er. „Das liegt nicht in meiner Abſicht, trauen Sie mir noch immer nicht?“ „Ihre Frage lautete verfänglich.“ „Sie iſt begründet. Was ſoll ich dem Baron erwidern, wenn er mich fragt, wie ſein Vorſchlag von Ihnen aufgenommen worden ſei?“ Der Baſtard. 18 — „Alſo hatte er Ihnen doch den Auftrag gegeben, mir dieſen Vorſchlag zu machen?“ „Ich will das jetzt nicht mehr leugnen.“ „Nun, ſo ſagen Sie ihm, daß ich noch nicht genöthigt ſei, den Bettelſtab in die Hand zu nehmen—“ „Halt!“ ſchnitt Wortmann ihm die Rede ab.„Bedenken wir, was wir thun. Weiſen Sie mit dieſer Entſchiedenheit Alles zu⸗ rück, ſo weiß der Baron, daß er an Ihnen einen gefährlichen Gegner hat, der Alles aufbieten wird, ihm Unannehmlichkeiten zu bereiten. Er wird Sie beobachten und vielleicht Entdeckungen machen, die es ihm ermöglichen, unſere Pläne zu durchkreuzen. Wir müſſen ihm entgegen arbeiten, ihn in Sicherheit wiegen, da⸗ mit wir freie Hand behalten. Ich werde dem Baron ſagen, Sie könnten ſich nicht entſchließen, die alte Heimath zu verlaſſen, aber Sie wollten die Penſion annehmen, die er Ihnen geboten habe.“ „Wie kann ich Geld von einem Manne annehmen, der—“ „Nur nicht gleich wieder oben hinaus! Sie erhalten dieſes Geld aus der Kaſſe des Majoratsgutes, und ich ſehe nicht ein, weshalb Sie es nicht annehmen könnten. Sie haben ja die Pen⸗ ſion, wie Sie ſelbſt behaupten, verdient, und erſcheint Ihnen die Summe, die Ihnen augenblicklich geboten iſt, auch als ein Almoſen, ſo brauchen Sie dieſelbe drum doch nicht zurückzuweiſen. Mancher Staatsbeamte muß mit einer noch geringeren Penſion vorlieb nehmen. Dann auch können Sie, wenn Ihr Stolz ſich gegen dieſes Almoſen empören ſollte, ſich damit rechtfertigen, daß Sie einen Zweck verfolgen, der—“ „Ja, Sie haben Recht und ich will Ihren Rath befolgen,“ unterbrach Hurter ihn.„Sagen Sie alſo dem Baron, ich habe mein Unrecht eingeſehen, und die Noth zwinge mich, ſein Aner⸗ bieten anzunehmen. Er kann darin nichts Befremdliches finden, wenn Sie ihm meine Lage ſchildern. Apropros, trauert Baro⸗ neſſe Adelaide noch immer um ihre Tochter Cäcilie?“ Der Verwalter blickte betroffen auf. „Weshalb fragen Sie mich?“ antwortete er. „Weil ich es zu wiſſen wünſche,“ erwiderte Hurter ironiſch. „Sie wiſſen doch nichts Näheres über jenes unglückliche Er⸗ eigniß?“ „Durchaus nicht, aber Sie werden ſich erinnern, daß Baron nich Ve ler we Vo per Ti 3„— en wir, les zu⸗ hrlichen eiten zu ungen kreuzen. gen, da⸗ en, Sie en, aber habe.“ ht ein, ie Pen⸗ nen die hnoſen, Nancher vorlieb h gegen daß Sie folgen,“ ich habe in Aner⸗ finden, t Faro⸗ niſch. iche Er⸗ Baron — — neſſe Adelaide hauptſächlich ihren Gatten veranlaßte, meinen be⸗ gründeten Bitten um eine Penſion ſchroff entgegen zu treten. J ſelbſt hatte derzeit eine Begegnung mit der Baroneſſe, und nie werde ich den Hochmuth vergeſſen, mit dem ſie ſo verächtlich auf mich hinabſah.“ Der Verwalter ſchüttelte mißbilligend das Haupt. „Ich glaube doch, daß Sie ihr Unrecht thun,“ ſagte eir „Baroneſſe Adelaide iſt eine ſanfte, herzensgute Frau, die das Schickſal ſchwer getroffen hat.“ „Von dem Druck des Schickſals bemerkte ich damals gar nichts.“ „Mag ſein, daß ſie gegen Sie eingenommen iſt ate Wortmann, ſich erhebend,„aber wenn Sie die Dame näher kennen lernen, werden Sie anders über ſie urtheilen. Wo und wann werden wir wieder zuſammentreffen?“ „Das kann ich jetzt noch nicht beſtimmen, ich ſuche eine andere Wohnung für mich.“ „In Oſthoſen dürfen Sie ſich nicht blicken laſſen!“ „Ich könnte unter dem Vorwande hinkommen, daß ich me ine Penſion in Empfang nehmen wolle,“ erwiderte Hurter. „Ich rathe Ihnen, es nicht zu thun, der Zufal hat ſeine Tücken, und wir müſſen ſorgfältig Alles vermeiden, was zu einem Verdacht Anlaß geben könnte. Sobald Sie eine neue Wohnung gefunden und bezogen haben, laſſen Sie Ihre Adreſſe hier zu⸗ rück, ich werde Sie dann aufſuchen, das iſt unſtreitig das Beſte.“ „Fürchten Sie nicht, daß der Baron auch Sie beobachten wird?“ „Einſtweilen noch nicht, ich hüte mich, ihm Mißtrauen zu zeigen, und er weiß, daß ich von ihm abhänge und ſchon des⸗ halb Bedenken tragen werde, etwas gegen ihn zu unternehmen. Zudem bedingen die Verhältniſſe ja, daß ich Sie dann und wann beſuche, um Ihnen die Penſion zu zahlen. Alſo bleibt es bei der Abſprache, ſeien Sie vorſichtig und verſchwiegen.“ Der Verwalter verließ nach dieſen Worten die Dachkammer und bald darauf auch das unſaubere, kaſernenartige Haus. Er war zufrieden mit dem Reſultat dieſer Unterredung; das Bündniß mit dem ehemaligen Hofmeiſter entſprach ganz ſeinen Wünſchen und Plänen. 18* — Wenn er ſeine ehrliche Meinung ſagen ſollte, ſo mußte er geſtehen, daß er ſelbſt ſeiner Sache nicht ganz ſicher war, und gerade dies veranlaßte ihn zur größten Vorſicht. Es waren ſchon Augenblicke genug gekommen, in denen er ſich gefragt hatte, Baron Edmund müſſe ein Betrüger, ein Aben⸗ teurer ſein, der durch verſchiedene Zufälle begünſtigt, die Rolle des Verſchollenen mit Geſchick ſpiele aher wenn er darüber reiflich nachdachte, dann konnte er auch wieder nicht an die Richtigkeit ſeiner Vermuthungen glauben, es ſprach eben zu Manches da gegen. Der Majoratsherr kannte die Vergangenheit ſo genau, er hatte ſogar den Verwalter an Vorfälle erinnert, deren dieſer ſich kaum noch entſinnen konnte, er war in alle Familiengeheimniſſe eingeweiht, und ſein Auſtreten ließ in jeder Beziehung den Ariſtokrat erkennen. Kam dann und wann auch einmal ein weniger ariſtokratiſcher Zug zum Vorſchein, ſo ließ das ſich mit enthatt des Barons in den unwirthlichen Steppen dem langen Au Amerika's, unter unciviliſirten Völkern, unter Abenteurern und Vagabunden entſchuldigen. Aber dennoch, trotz aller Entſchuldigungsgründe wollte dei Argwohn nicht weichen, und dazu trug wohl am meiſten das Be nehmen des Barons in London bei. Der Verwalter war beunruhigt, ſeine Beſorgniſſe, daß er ſein Vermögen verlieren könne, zwangen ihn, dieſen Verdacht zu ver⸗ folgen, Jeder war ſich ſelbſt der Nächſte. Durch die Drohungen des Majoratsherrn waren ihm ſelbſt leider die Hände gebunden, und eben deshalb wünſchte er, daß ein Anderer die nöthigen Nachforſchungen übernehmen möge, den er dann im Geheimen mit allen Kräften unterſtützen wollte. Es war ihm lieb, daß Hurter dies übernommen hatte. So wenig er auch mit dem Manne ſelbſt ſympathiſirte, in dieſer An⸗ gelegenheit konnte er keinen beſſeren Verbündeten finden, ihm durfte er die Löſung dieſer Aufgabe vertrauensvoll überlaſſen. Und was gewann er ſelbſt durch dieſe Löſung? Nun, vor allen Dingen Sicherſtellung ſeines Vermögens, außerdem hoffte auch er, daß Baron Udo den Entlarvern des Betrügers eine große Belohnung zahlen werde, und Friedrich Wortmann bedurfte eines großen Kapitals, wenn ſeine Pläne teppen n und te der er ſein zu ver⸗ n ſelbſt er, daß ge, den te So ſer An⸗ ihm ſen. mögens, ern des Friedrich Pläne 8 6 3 — 277— in Erfüllung gingen und er fortan das Leben in ſeiner Weiſe genießen wollte. Wenn nur Frau Magdalena Rodenberg ihm keinen Strich durch die Rechnung machte! Seitdem er ſie wiedergeſehen und abermals um ihre Hand geworben hatte, war der Vorſatz, ſie zu gewinnen, nur noch feſter in ihm geworden, und der Verwalter war gewohnt, das was er ſich einmal vorgenommen hatte, ungeachet aller Hinderniſſe und Schwierigkeiten auszuführen. Eine definitiv ablehnende Antwort hatte Frau Magdalena ihm noch nicht gegeben, alſo glaubte er, noch hoffen zu dürfen. Vielleicht kam er raſcher zum Ziele, wenn er ihr bewies, daß es ihm voller Ernſt mit ſeiner Werbung war, und dieſen Beweis konnte er mit leichter Mühe liefern. Er ſah ein, daß es der zweiten Frau nicht angenehm ſein konnte, eine erwachſene Stieftochter an ihrem künftigen Herde zu finden,— dem konnte abgeholfen werden. Helene liebte den Bildhauer Waldſtern, die Beiden warteten nur auf eine günſtige Gelegenheit, ihn um ſeine Einwilligung zu ihr er Verlobung zu bitten. Run hatte er freilich ſtets eine Abneigung gegen Hellmuth Waldſtern empfunden, nicht gegen den Menſchen, ſondern gegen den Bildhauer, die Künſtler erfreuten ſich überhaupt ſeiner Sym⸗ pathie nicht, und er konnte nicht wohl glauben, daß ein Bildhauer genug verdiene, um eine Familie zu ernähren. Davon wollte er ſich jetzt überzeugen, er befand ſich auf dem Wege zum Atelier Waldſterns, der von dieſem Beſuch nicht die leiſeſte Ahnung hatte. Hellmuth Waldſtern war früh verwaiſt von einem Bruder ſeiner Mutter erzogen worden, und da dieſer Bruder Bildhauer war, ſo konnte es nicht ausbleiben, daß der Knabe ſchon früh in die edle Kunſt eingeweiht wurde. Seine Lernbegier und das Talent, welches mehr und mehr ſich entwickelte, beſtimmten den Oheim, den Knaben im Atelier zu beſchäftigen und zu unterrichten, und Hellmuth lohnte ſeinem Lehrer mit eiſernem, unermüdlichem Fleiß. Bald hatte der Schüler den Meiſter ſberflügelt, an die ge⸗ wohnten, althergebrachten Formen ſich nicht bindend, ſchuf Hell⸗ —————————— ——— —— 278— muth Werke, welche Aufſehen erregten und die Aufmerkſamkeit der Kenner und Kunſtliebbaber auf den Jüngling richteten, der jetzt rüſtig auf der Bahn des Schaffens weiterſchritt und weder durch den Neid ſeiner Gegner, noch durch eine unverſtändige Kritik ſich beirren ließ. Er fühlte im eigenen Innern, daß das, was er ſchuf, jeder Kritik die Stirne bieten konnte, und das genügte ihm, das auch ließ ihn leicht über unverſtändige oder boshafte Urtheile hinweg⸗ ſehen. Und in dieſen Anſichten beſtärkten Willy und Arabella ihn, ſie beruhigten ihn, wenn zu Zeiten der Zorn über die Bosheit ſeiner Gegner ihn übermannen wollte, ſie munterten ihn auf, rüſtig vorwärts zu ſchreiten und kein Haar breit von dem betre⸗ tenen Wege abzuweichen. Ein Auftrag des Barons Udo hatte ihn nach Oſthofen geführt, er war dort mehrere Wochen beſchäftigt und lernte bei dieſer Ge⸗ legenheit die Tochter des Verwalters kennen. Die friſche Natürlichkeit des hübſchen Mädchens, ihre heitere Lanne, ihr geſundes Urtheil in allen Dingen, ihre Herzensgüte und die Tiefe ihres Gemüths,— das Alles feſſelte ihn, und auch Helene fühlte ſich bald zu ihm hingezogen. Der Verwalter kümmerte ſich um die Beiden nicht, er ſah in ſeiner Tochter nur noch ein Kind, ſeinem in allen übrigen Dingen ſo geübten Scharfblick war es entgangen, daß Helene längſt die Kinderſchuhe ausgetreten hatte. Und als es ihm endlich klar wurde, wie leichtfertig und un⸗ vorſichtig er gehandelt hatte, da war es bereits zu ſpät, die jungen Herzen hatten ſich gefunden und den Bund der Liebe für Zeit und Ewigkeit geſchloſſen. Wie das ſo raſch gekommen war, wußten die Beiden ſelbſt nicht, aber geſchehen war es, und ſie hielten nun auch mit inniger Treue feſt an dem Bunde, den ſie nur ſo lange vor dem Vater geheim halten wollten, bis Hellmuth ſeine Arbeit im Schloſſe be⸗ endet hatte. Und als dieſer Zeitpunkt nun gekommen war, löſte der Bild— hauer ſein Verſprechen ein, er warb bei dem Verwalter um die Hand der Tochter, und wurde mit ſchnöden Worten zurück⸗ gewieſen. V wider ſeiger inden udb Ei hſanteit ten, der weder e Kritit f. jeder auch hinweg, gefühtt, ſer Ge⸗ heitere ensgüte nd auch ſch in Dingen ngſt die nd un⸗ pät, die iebe für n ſelbſt inniger Vater ſſe be⸗ Bild⸗ um die uric⸗ r ——— Vergeblich bemühte er ſich, alle Gründe des alten Mannes zu widerlegen und ihm die Ueberzeugung einzuflößen, daß Helene an ſeiner Seite ein ſorgenfreies Auskommen und ein glückliches Daſein finden werde, Friedrich Wortmann ſpottete über dieſe Verſicherungen und beharrte bei ſeiner Weigerung. Es war ſeitdem oft zu Reibereien zwiſchen den beiden Männern gekommen, und umſomehr mußte es Hellmuth jetzt überraſchen, als er den Verwalter ſo plötzlich in ſein Atelier eintreten ſah. Der junge Mann ſtand vor einer Marmorfigur, die er wenige Stunden vorher vollendet hatte, und die in der Erfindung, wie in der Ausführung für ſein Talent das glänzendſte Zeugniß ablegte. Er war zufrieden mit dieſer neuen Schöpfung, der er Monate lang den unermüdlichſten Fleiß gewidmet hatte, und dieſe Zu⸗ friedenheit ſpiegelte ſich in ſeinem leuchtenden Blick und dem Lächeln, welches ſeine Lippen umſpielte. Der Verwalter ſtand neben ihm und betrachtete die Statue ebenfalls mit ſichtbarer Bewunderung, er hatte wohl nicht geahnt, daß der Verlobte ſeiner Tochter ein ſolches Werk ſchaffen könne. „Iſt das ein Modell, oder haben Sie's ſelbſt gemacht?“ brach er endlich das Schweigen. Hellmuth zuckte mit einer geringſchätzenden Bewegung die Achſeln. „Was verſteht der Bauer von Gurtenſalat!“ erwiderte er in ſeiner derben Weiſe. Unter anderen Verhältniſſen würde Wortmann nach dieſer Be⸗ merkung heftig aufgefahren ſein, aber er erinnerte ſich, weshalb er gekommen war. „Deshalb frage ich ja“, ſagte er,„eine höfliche Frage iſt immer eine Antwort werth.“ „Herr, es liegt ſchon eine Beleidigung darin, annehmen zu können, daß ich in meinem Atelier Werke anderer Künſtler aus⸗ ſtelle“, entgegnete Hellmuth.„Aber freilich, Sie ſehen ja in dem Künſtler nur einen Handwerker, daß er auch mit dem Kopfe ar⸗ beiten muß, wenn er Gutes ſchaffen will, das begreifen Sie nicht.“ „Alſo Sie haben ſelbſt dieſe Figur gemacht?“ „Nun natürlich!“ „Na, dann mache ich Ihnen mein Kompliment, ich hatte dsv —— ——— wirklich nicht erwartet, ſagte der Verwalter, indem er dem freudig überraſchten Bildhauer die Hand bot. Jetzt darf ich wohl auch fragen, was die Figur vorſtellen ſoll.“ „Den Genius des Todes.“ „So, ſo, in der Regel wird der Tod als Gerippe mit einer Senſe dargeſtellt.“ „Hier haben Sie die ideale Auffaſſung.“ Der Verwalter nickte befriedigt. „Ich bin kein Kunſtkenner“, ſagte er,„aber ich glaube, dieſe Figur muß Jedem gefallen, iſt ſie ſchon verkauft?“ „Ich habe ſie für die Kunſtausſtellung beſtimmt.“ „Und was fordern Sie fi „Fünfzehnhundert Thaler!“ ſagte Hellmuth, den das wachſende Erſtaunen des alten Mannes ergötzte„Viel Geld für ein Stück Marmor, nicht wahr?“ „Ja, ich würd's nicht dafür ausgeben, aber ich verſtehe auch nichts davon,“ erwiderte der Verwalter, während er ſich in der Werkſtätte umſah.„Da hängen ja eine ganze Maſſe von ein⸗ zelnen Armen, Köpfen und Beinen, werden daraus auch Figuren zuſammengeſetzt?“ „Nein, Herr Verwalter, dies ſind Modelle, nach denen ich ar⸗ beite. Gipsabgüſſe klaſſiſcher Meiſterwerke. Aber das Alles wird Sie wenig intereſſiren, darf ich Sie bitten, mir in meine Woh⸗ nung zu folgen?“ Wortmann warf noch einmal einen flüchtigen Blick durch das Atelier, dann kam er der Aufforderung des jungen Mannes nach, der das Atelier verließ und nach kurzer Wanderung durch einen halbdunkeln Gang eine Thüre öffnete. Der Verwalter konnte einen leiſen Ruf der Ueberraſchung nicht unterdrücken, als ſein Blick in das trauliche, wirklich künſt⸗ leriſch eingerichtete Gemach fiel, in welches Hellmuth ihn jetzt führte. An den Fenſtern ſtanden ſeltene Blattpflanzen, zu ſinnigen Gruppen geordnet, und zwiſchen dieſen zwitſcherten und ſangen buntſchillernde Vögel in zierlichen Käfigen. Hellmuth rückte dem alten Manne einen Seſſel hin und nahm ihm gegenüber Platz. „Und nun bitte ich Sie, mir zv ſagen, was mir die Ehre Ihres obete 9 funde Fohre Hildhe Nenſt 5 ſein? ten Vey um zt ihn ſuger Pöhe man dam viel Si nic dieſ ich fuhr ſoll ten vo eudig hl auch 1 de deſe achſende in Stü he auch in der on ein⸗ figuren ich ar⸗ wird e Woh⸗ mch das es nach, ch einen raſchung h künſt⸗ hn jetzt innigen ſangen d nahn ie Ehre e 3 — 281— Ihres Beſuches verſchafft“, verſetzte er,„ich habe Sie oft darum gebeten, aber ſtets lehnten Sie es ab—“ „Weil ich nicht erwartete, das hier zu finden, was ich ge⸗ funden habe,“ fiel Wortmann ihm in die Rede. Vor einigen Jahren war einmal ein Handwerker im Schloſſe, der ſich auch Bildhauer und Künſtler nannte Du lieber Himmel, was dieſer Menſch leiſtete, das hätte ich im Nothfalle auch leiſten können.!“ „Und weil er ein Stümper var, mußte ich es deshalb auch ſein?“ fragte Hellmuth vorwurfsvoll.„Sie hätten meinen Wor⸗ ten Vertrauen ſchenken ſollen!“ „Wir wollen uns jetzt keine Vorwürfe machen,“ entgegnete der Verwalter mit einer abwehrenden Handbewegung.„Sie haben um die Hand meiner Helene geworben, und welche Stellung“ ich zu dieſer Werbung genommen habe, wiſſen Sie.“ Hellmuth ſoh ihn erwartungsvoll an, unterbrechen wollte er ihn nicht, der alte Mann hatte ihm jedenfalls noch mehr zu ſagen. Wortmann warf einen langen Blick auf die zwitſchernden Vögel, die ihn mehr als alles Andere zu intereſſiren ſchienen, man ſah ihm an, daß er nur ſchwer ſich überwinden konnte, ſeine damalige Weigerung zurück zu nehmen. „Sie haben da eine ſchöne Vogelſammlung,“ ſagte er.„Wohl viele ausländiſche, wie?“ „Faſt alle,“ erwiderte der junge Mann ruhig.„Aber wollten Sie nicht über ein anderes Thema mit mir ſprechen?“ „Ja ſo, Helene will nicht von Ihnen laſſen, und ich möchte nicht gerne dem Glück meiner Tochter im Wege ſtehen. Ob ſie dieſes Glück finden wird, muß ſie freilich ſelbſt am Beſten wiſſen, ich kann darüber nicht urtheilen.“ „Wenn ich Ihnen verſpreche, daß Helene glücklich werden ſoll— „So iſt das immer noch nichts weiter, als ein Verſprechen,“ fuhr Wortmann fort.„Wenn eine Ehe ſich glücklich geſtalten ſoll, ſo dürfen vor allen Dingen keine Rahrungsſorgen ſich gel⸗ tend machen.“ „Mein Einkommen iſt ſchon jetzt ausreichend, es wird ſich von Jahr zu Jahr ſteigern.“ „Und wie viel verdienen Sie jetzt im Jahre?“ —— ——— ———— „Im letzten Jahre waren es tauſend Thaler.“ „Das läßt ſich ſchon hören.“ „Und in dieſem Jahre wirds noch mehr ſein, vorzüglich wenn ich für mein neueſtes Werk bald einen Käufer finde!“ „Auf ein Wenn ſoll man ſich niemals verlaſſen,“ ſagte Wortmann kopfſchüttelnd,„an ſolchen Illuſionen ſcheitert oft die Kraft des Mannes. Arbeiten und den Kopf oben halten, das iſt die Hauptſache, den Augenblick ergreifen und benutzen und nicht von der Zukunft Alles hoffen und erwarten. Und was wird's geben, wenn Sie einmal krank werden?“ Hellmuth lächelte bedeutſam. „Jetzt anmworte ich Ihnen mit denſelben Worten,“ erwiderte er.„Ein Wenn ſoll der Mann niemals fürchten, er ſoll arbeiten und den Kopf oben halten und nicht mit Bangen und Sorgen fragen, was wohl die Zukunft bringen könnte.“ „In Ihrer Art war das ganz gut geantwortet,“ ſagte der Verwalter,„aber nichtsdeſtoweniger war meine Frage berechtigt. Meine Helene bringt Ihnen außer einer ſoliden Ausſteuer nichts in die Ehe mit, wenn Sie alſo baares Geld erwarten—“ „Habe ich je dieſe Erwartung ausgeſprochen?“ Ich wollte Sie nur anf dieſen Punkt aufmerkſam machen.“ „An ihn habe ich nie gedacht.“ „Um ſo beſſer, meine Worte bereiten Ihnen alſo keine Ent⸗ täuſchung. Nun aber kommen wir zur Hauptſache. Ich kann meine Tochter nicht entbehren.“ Hellmuth blickte den alten Mann betroffen an, dieſen Ein⸗ ſpruch hatte er am wenigſten erwartet. „Ich verſtehe Sie nicht ganz,“ ſagte er.„Helene—“ „Führt ſeit Jahren mir die Haushaltung,“ erwiderte Wort⸗ mann,„wem ſoll ich das ſpäter übertragen?“ „Sie haben eine tüchtige Magd, die in Ihren Dienſten er⸗ graut iſt—“ „Die aber niemals ſo für mich ſorgen wird, wie meine Tochter es thut. Helene kennt alle meine Gewohnheiten, ich würde zuviel vermiſſen, wenn ich von ihr mich trennen wollte.“ „So egviſtiſch dürfen Sie nicht denken! Wenn jeder Vater ſo denken wollte—“ „Erlauben Sie, wenn ich mehrere Töchter oder noch eine — mach nicht ande und wenn halb ſch wenn ſagte oft die das ſſt nd niht wirdz rwiderte arheiten Sorgen gte der rechtigt. r nichts chen.“ ne Ent⸗ ſch kann ſen Ein⸗ e Wort⸗ ſten er⸗ Tochter e zwwiel r Vetet — 83— Frau hätte, ſo wäre die Sache eine andere, und ich würde Ihnen ohne zögern meine Einwilligung gehen.“ „So heirathen Sie wieder,“ ſagte Hellmuth ärgerlich. Der Verwalter blickte ihn ſcharf an. „Rathen Sie mir das in allem Ernſte?“ fragte er. „Wenn es Ihnen Spaß macht, weshalb nicht?“ „Denken Sie denn wirklich daran?“ fragte Hellmuth über⸗ raſcht. Der Verwalter heftete den Blick auf die Büſte eines römiſchen Kaiſers, die auf dem Bücherſchrank ſtand. „Das Sprichwort ſagt, alte Liebe roſtet nicht,“ ſagte er, einen ſcherzenden Ton anſchlagend,„und wenn nun dieſes Sprichwort ſich bei mir bewahrheitet, wer will mir paraus einen Vorwurf machen? Ich habe auch einmal geliebt, und meine Liebe war nicht glücklich, ich habe entſagen und auf das Glück, welches andern Sterblichen zu Theil wird, verzichten müſſen, wer kann und will mich zwingen, dieſem Glück noch länger zu entſagen, wenn es mir plötzlich wieder nahe tritt? Helene kann mir des⸗ halb keinen Vorwurf machen, ihr Weg trennt ſich von dem mei— nigen, ſobald ſie Ihre Gattin geworden iſt. Ihr müßte es zur Beruhigung dienen, wenn ſie die Ueberzeugung hegen darf, daß ihr Vater nichts entbehren wird, und daß ihre Stelle in meinem Hauſe wieder beſetzt iſt.“ Die Stirne des jungen Mannes hatte ſich umwölkt, das Vor⸗ haben des künftigen Schwiegervaters wollte ihm doch nicht ſo gefallen. „Sie ſind ein alter Mann,“ erwiderte er,„und das Sprich⸗ wort ſagt auch, Alter ſchützt vor Thorheit nicht, aber Sie müſſen das wiſſen, ich kann und werde Ihnen keine Vorſchriften machen.“ „Und Ihnen könnte es nur angenehm ſein, wenn ich mein Ziel bald erreichte, denn je eher ich es erreiche, deſto eher wer⸗ den Sie Helene die Ihrige nennen.“ „Machen Sie das Eine von dem Anderen abhängig?“ „Jawohl.“ „Aber das finde ich—“ „Mein lieber Herr, denken Sie darüber, wie Sie wollen,“ ſagte Wortmann mit ſcharfer Betonung,„Sie haben meinen Ent⸗ ſchluß vernommen Und dieſer Entſchluß rechtfertigt Manches, —* 284— wenn Sie es auch nicht einſehen od er gelten laſſen wollen. Ich kann nicht in meinem Hauſe mit fremden Leuten wirthſchaften, und die alte Urſula iſt nicht fähig, ſel bſtſtändig einer Haushaltung vorzuſtehen.“ „Dann legen Sie Ihr Amt nieder und ziehen zu uns!“ „Und was wäre ich dann? Ein Geduldeter in Ihrem Hauſe, der Jedem im Wege ſtände, ich danke für die Rolle eines unbe⸗ quemen Schwiegervaters. Meine Selbſtſtändigkeit gebe ich nich auf, und ſo lange ich arbeiten kann, lege ich auch mein Amt nicht nieder. Sie ſind wohl befreundet mit dem Maler Roden⸗ berg?“ „Das bin ich allerdings.“ „Intim?“ forſchte Wortmann. „Ich bin ſein beſter Freund.“ „Und Sie kennen auch ſeine Mutter?“ „Nun, natürlich!“ erwiderte Hellmuth lächelnd. „Was ich Ihnen jetzt ſage, Herr Waldſtern, das theile ich Ihnen unter dem Siegel der ſtrengſten Verſchwiegenheit mit, wollen Sie mir Schweigen verſprechen?“ Der junge Mann nickte zuſtimmend, ſein Blick ruhte mit fie⸗ berhafter Spannung auf dem hageren Geſicht des Verwalters. „Nun wohl, die Mutter Ihres Freundes iſt meine Jugend⸗ geliebte!“ Hellmuth wollte Anfangs lachen, er verzog ſchon die Lippen, aber der ernſte, bewegte Ton, in welchem der Verwalter dieſes Geſtändniß gemacht hatte, ſetzte ſeiner Heiterkeit Schranken, er fühlte, daß ſie den alten Mann tief kränken würde. „Und Sie denken wirklich daran, ſie zu heirathen?“ fragte er⸗ „Es kommt nicht auf mich, ſondern auf Frau Rodenberg an, und wenn Sie, ſei es ſelbſt, oder durch Ihren Freund ein gutes Wort für mich einlegen wollten, ſo könnte das auf ihren Ent⸗ ſchluß entſcheidend wirken.“ Hellmuth hatte ſich erhoben, das Blut ſtieg ihm heiß in die Stirne, er wußte nicht, was er darauf erwidern ſollte, ohne den Vater Helenens zu beleidigen. „Haben Sie ihr denn wirklich die Frage ſchon vorgelegt?“ ſagte er nach einer Pauſe. *„Ja, ich habe es gethan! Als ich nach ſo vielen langen war ke noch Vege ſinken Vöge trage „ nann freun für il denbe Wort wal find 8* Hauſe, e unbe⸗ ſch nich ſein Ant Roden⸗ theile ich heit mit, nit fi⸗ ltere. Jpgend⸗ e Lippen, ter dieſes nken, er fragte er nberg an, ein gute ren Ent⸗ ß in die ohne den rgelegt?“ en langen — — Jahren ſie wiederſah, erwachte auch die Liebe wieder in meinem Herzen.“ „Und was hat ſie Ihnen darauf geantwortet?“ Der alte Mann athmete tief und ſchwer auf. „Ihre Antwort lautete ablehnend,“ erwiderte er,„aber es war kein ſchroffes, entſchiedenes Ahlehnen, und deshalb hoffe ich noch immer. Vorzüglich, wenn Sie auf dem einen oder anderen Wege mich unterſtützen wollen.“ Hellmuth wanderte mit großen Schritten auf und nieder, die ſinkende Sonne warf ihren letzten Lichtreflex auf die Blumen und Vögel am Fenſter.— „Ich glaube nicht, daß ich zur Erfüllung dieſer Hoffnung bei⸗ tragen kann,“ ſagte er. „Und weshalb ſollten Sie es nicht können?“ erwiderte Wort⸗ mann ungeduldig.„Sie ſind mit dem Sohne der Dame be freundet, und ein Sohn vermag viel über ſeine Mutter. Auch für ihn hat dieſe Angelegenheit ein Intereſſe. Wenn Frau Ro⸗ denberg meine Gattin wird, ſo—“ „Ich errathe, was Sie ſagen wollen,“ fiel Hellmuth ihm in's Wort,„aber ich gebe Ihnen den wohlgemeinten Rath, berühren Sie dieſen Punkt nicht, Sie könnten damit böſes Blut ſchaffen.“ „Aber muß denn nicht dem Maler viel daran liegen, dem Gerede über ſeine dunkele Herkunft ein Ende zu machen? Und geſchieht dies nicht am beſten durch eine Heirath ſeiner Mutter? Frau Rodenberg wird das gewiß auch einſehen und über dieſen Punkt nicht ſo leichtfertig hinweggehen.“ Der junge Mann ſchüttelte den Kopf, ein bitterer Spott umzuckte ſeine Lippen, aber der Verwalter bemerkte das nicht, er war zu ſehr mit ſeinen Gedanken beſchäftigt. „Und denken Sie denn gar nicht daran, wie die öffentliche Meinung über dieſe Heirath urtheilen wird?“ fragte er.„Sie ſind ein alter Mann, und Frau Rodenberg iſt nicht mehr jung—“ „Das Gerede der Leute kümmert mich nicht, es hat mich in meinem eigenen Urtheil nie beirren können! Derjenige, der ſein Thun und Laſſen von dem Urtheil der Leute abhängig macht, iſt ein Narr. Alſo, ſprechen Sie mit Ihrem Freunde, wenn er auch Anfangs die Sache nicht günſtig aufnimmt, ſo wird er doch nach ruhiger Prüfung anders denken und ſich damit befreunden. ———— —— — — — 286 Und können Sie mit Frau Rodenberg ſelbſt darüber reden, ſo beuutzen Sie die erſte paſſende Gelegenheit, Sie wiſſen ja, was von der Annahme meiner Werbung für Sie ſelbſt abhängt.“ Der Verwalter hatte ſich von ſeinem Sitze erhoben, ſein Blick folgte dem jungen Manne, der noch immer das Zimmer durchmaß. „Ich habe Ihnen mein volles Vertrauen geſchenkt“, fuhr er fort,„ich erwarte, daß Sie über Alles, was ich Ihnen mittheilte, ſchweigen werden, es iſt eine zu zarte Angelegenheit, als daß man über ſie ſpotten dürfte.“ „Das verſteht ſich von ſelbſt“, brummte Hellmuth,„über ſolche Dinge ſpricht man nicht öffentlich. Aber, daß Sie von der Annahme Ihrer Werbung die Hochzeit Ihrer Tochter abhängig machen wollen, das finde ich nicht gerechtfertigt. Ich möchte ſchon jetzt jede Wette eingehen, daß Frau Rodenberg den Antrag wieder⸗ holt zurückweiſen wird, die Feſtigkeit ihres Charakters bürgt mir dafür.“ „Sagen Sie das nicht, Sie können das nicht ſo feſt be⸗ haupten! Wenn Magdalena damals nicht von einem Verführer ſo eng umgarnt worden wäre, dann würde ſie meine Gattin ge⸗ worden ſein, und die Erinnerung an jene Zeit könnte ja in ihrer Seele wieder erwachen und auf ihre Entſcheidung Einfluß üben.“ „Sie kennen den Vater Willy's?“ fragte Hellmuth raſch. „Gewiß, er betrog mich ja um mein Lebensglück.“ „Wer war's?“ „Ich würde mich einer Indiscretion ſchuldig machen, wenn ich ſeinen Namen nennen wollte,“ erwiderte Wortmann.„Will Frau Rodenberg ſelbſt dieſes Geheimniß wahren, ſo habe ich kein Recht, es zu enthüllen. Und es iſt auch beſſer, daß der Maler es nicht erfährt, anerkennen wird ihn ſein Vater nie, was alſo könnte er durch dieſe Enthüllung gewinnen?“ „Er fände dann wenigſtens eine Antwort auf die Frage, die ihm Tag und Nacht keine Ruhe läßt,“ ſagte Hellmuth.„Er iſt zu ſtolz, als daß er von ſeinem Vater Anerkennung fordern wird.“ „Weiß er erſt, wer ſein Vater iſt, ſo wird er von ihm for⸗ dern, ihn von dem Makel zu befreien, der auf ſeiner Geburt ruht, und dieſe Forderung wird und kann nimmermehr Erfüllung finden. Es würde zu unerquicklichen Auftritten führen, und da⸗ durch, Sie werden das ſelbſt zugeben, wäre nichts gewonnen.“ wird erzeien ngel fir nit Nochric D die Ho 0 Reſult Unſtä die§ möcht auswe ich er über unter Gele ven daß kan abe zün u war ding unm Er En . fül ein Plic ntheilte, Hor düß Man über e von der abhingig chte ſchon g wieder⸗ ürgt mir feſt he⸗ zerſührer attin ge⸗ in ihrer ß üben.“ aſch. wenn ich Will Frau kein Recht, r es nicht konnte er ruge, die „Er iſt n wird.“ ihm fot⸗ Geburt Erfüllung „ und da⸗ 287— „Nun dann will ich Ihnen verſprechen, zu ſchweigen—“ „Sie können dieſes Verſprechen nicht halten, die Verſuchung wird zu oft an Sie herantreten, dem Freunde den Gefallen zu erzeigen, deshalb iſt es beſſer, daß auch Ihnen dieſes Räthſel ungelöſt bleibt. Und nun bitte ich Sie noch einmal, thun Sie für mich, was Sie können, und bringen Sie mir bald eine gute Nachricht.“ Der junge Mann war ſtehen geblieben, er bot dem Verwalter die Hand. „Ich werde thun, was ich vermag,“ ſagte er,„aber melches Reſultat ich auch erreichen mag, ich betrachte mich unter allen Umſtänden als den Verlobten Ihrer Tochter. Und ich denke, über die Hochzeit läßt ſich auch noch mit Ihnen reden, gar zu wei möchte ich den Zeitpunkt nicht hinausſchieben.“ „Bringen Sie mir gute Nachrichten,“ erwiderte Wortmann ausweichend,„das Andere wird ſich dann finden. Und nun adieu, ich erwarte Sie bald in Oſthofen. Reden Sie mit Helene nicht über die Angelegenheit, es iſt immer noch früh genug, ſie zu unterrichten, wenn Magdalene meine Werbung angenommen hat.“ Damit ging er hinaus, und Hellmuth vergaß ganz, ihm das Geleit zu geben, er war durch das, was er gehört hatte, zu ſehr verwirrt. „Alter Schwachkopf!“ murmelte er.„Sollte man es glauben, daß ein Mann in dieſem Alter noch ſolche Thorheiten begehen kann? Was nun? Ich werde mein Verſprechen einlöſen müſſen, aber das Reſultat meiner Bemühungen wird ihm nicht gefallen.“ Es war zur Arbeit im Atelier zu dunkel geworden, Hellmuth zündete eine Lampe an, und ſchritt in Gedanken verſunken, wieder uf und ab. Durch die Einwilligung des Verwalters in ſeine Verlobung war ihm eine ſchwere Laſt von der Seele gefallen, aber die Be⸗ dingungen, die der alte Mann daran geknüpft hatte, konnten ihm unmöglich gefallen. Es war das Beſte, wenn er ſich über die Möglichkeit ihrer Erfüllung ſofort Gewißheit verſchaffte, und nachdem er zu dieſem Entſchluſſe gekommen war, wollte er ihn auch unverzüglich aus⸗ führen..„ — — 288— Wenige Minuten ſpäter verließ er das Haus, und als er in die Wohnung Willy's trat, fand er dieſen bei ſeiner Mutter. Er wurde von Beiden mit herzlicher Freundlichteit empfangen, aber es entging ihm nicht, daß Willy nicht ſo heiter wie ſonſt war. Der Grund dieſer trüben Stimmung wurde ihm aus den erſten Worten des Freundes klar. N „Arabella hat Abſchied genommen,“ ſagte Willy, nachdem Hell⸗ muth ſich niedergelaſſen hatte,„ſie verläßt uns morgen, und es iſt fraglich, wann wir ſie wiederſehen werden.“ „Und was iſt der Grund dieſes plötzlichen Scheidens?“ fragte Hellmuth überraſcht. „Manches hat ſie zu dieſem Entſchluſſe veranlaßt, ich konnte ſie nicht bewegen, ihn zu ändern. Jenes Ereigniß im Conzertſaal mag wohl auch dazu beigetragen haben.“ „Ich glaube das auch“, ſagte Frau Magdalene in ihrer ſanften Weiſe, während aus ihren ſchonen Augen ein theilneh⸗ mender Blick, ein Blick voll herzlicher Liebe gepaart mit ernſter Beſorgniß den Sohn traf.„Sie mußte ſich gekränkt fühlen, und es konnte ihr nicht angenehm ſein, vor demſelben Publikum wieder aufzutreten, welches Zeuge dieſer Kränkung geweſen war.“ Und betrübt dieſe Trennung Dich wirklich ſo tief?“ wandte „ Hellmuth ſich zu dem Freunde.„Du darfſt ja offen reden, wir nehmen herzlichen Antheil an Deinem Seelenleben. Ueber das Antlitz des Malers glitt ein verſtändnißinniges Lächeln. „Nicht in dem Sinne, wie Du zu vermuthen ſcheinſt,“ er⸗ widerte er.„Arabella war und iſt mir noch eine treue, aufrich⸗ tige Freundin, und der Abſchied von einem befreundeten Herzen thut immer wehe, er ſchmerzt um ſo tiefer, wenn der Abſchied ſo ganz unerwartet kommt.“ „Wenn Arabella Grimaldi nur das Glück hätte eine andere Mutter zu beſitzen,“ ſagte Hellmuth mit leiſer Jronie,„mir war in der Nähe dieſer Frau immer unheimlich. Sie hat uns ſtets ſcheel angeſehen, wenn wir ihrer Tochter einen Beſuch abſtatteten, und es kam mir oft vor, als ob ſie mit dem größten Vergnügen uns vergiftet haben würde, wenn—“ „Hellmuth!“ ſchaltete Willy vorwurfsvoll ein.„Du chuſt ihr man kein wihrend „i ha welches Majorats tisher fü Hoffuung theils in zog er d dieſe S niſſſe i einem haben geht.“ Wi Mutter tenden „D Schaffe nit ſein Sieges „U Vil auch n dem Hell⸗ ſch konnte onzertſaal in ihrer theilneh⸗ t ernſter und blikum ſen war“ woandte 1, wir lbſchied ſo ne andere „mir war un ſten bſtatteten, Bergnügen u thuſt ihr — Fnn — 289— vielleicht doch Unrecht. Signora Grimaldi wacht ſo ängſtlich über den guten Ruf ihrer Tochter, daß ſie möglicherweiſe auch in unſern Beſuchen eine Gefahr für denſelben erblickt hat. Nun, dieſes Aergerniß iſt ja jetzt beſeitigt“ fuhr er in ſcherzendem Tone fort,„Arabella wird in der Fremde keine Freunde finden.“ „Das iſt eine ſehr gewagte Behauptung,“ ſagte Frau Magda⸗ lena.„Wenn der Mann ihr begegnet, der beſtimmt iſt ſie durch das Leben zu geleiten, ſo wird das Herz ſein Recht fordern, ſo ſehr auch der kalte Verſtand ſich dagegen ſträuben mag.“ „Vielleicht hat dieſe Begegnung ſchon ſtattgefunden!“ „Weißt Du Näheres, Willy?“ „Geheimniſſe, Mutter, die ich nicht enthüllen darf!“ „So begegnet man überall Geheimniſſen, von deren Exiſtenz man keine Ahnung gehabt hat,“ nahm Hellmuth das Wort, während er einen verſtohlenen Blick auf Frau Magdalena warf. „Ich hatte vorhin Beſuch und erfuhr da auch ein Geheimniß, welches uns alle drei betrifft. Wortmann, der Verwalter des Majorats von Oſthofen war bei mir; der gute Mann hatte mich bisher für einen gewöhnlichen Handwerker gehalten, er ſchien die Hoffnung zu hegen, eine Beſtätigung dieſes liebenswürdigen Ur⸗ theils in meinem Atelier zu finden. Aber vor meinem Genius zog er doch den Hut ab, und es fiel ihm ſchwer, zu glauben, daß dieſe Statue wirklich mein Werk ſei. Die Leute denken, ſo etwas müſſe in einer Form gegoſſen werden, daß ein ſolches Werk aus einem rohen Marmorblock herausgemeißelt werden kann, davon haben ſte keine Ahnung, weil es über ihr Begriffsvermögen geht.“. Willy lächelte, aber die vorhin noch ſo heitere Stirne ſeiner Mutter umwölkte ein trüber Schatten, und dem ſcharf beobach⸗ tenden Blick Hellmuths entging die Wolke nicht. „Der Herr Verwalter hat denn doch Reſpekt vor meinem Schaffen bekommen und ſeine Einwilligung in meine Verlobung mit ſeiner Tochter nicht länger verweigert,“ fuhr er fort,„dieſes Sieges darf ich mich freuen.“ „Und dazu wünſche ich Dir von ganzem Herzen Glück,“ ſagte Willy mit warmer, aufrichtiger Theilnahme.„Du wirſt nun auch wohi bald Dir ein trauliches Heim gründen?“ Der Baſtard. 19 ———————— Hellmuth zuckte die Achſeln, auch Frau e ta reichte ihm die Hand über den Tiſch hinüber. „Damit hat's eine beſondere Bewandtniß,“ erwiderte er, „Wortmann will ſich erſt dann von ſeiner Tochter trennen, wenn er die Sorge für ſein Hausweſen und ſeine Perſon einem andern weiblichen Weſen anvertrauen kann. Mit einem Wort, der Ver⸗ walter will wieder heirathen.“ Frau Rodenberg ſchlug die Augen auf und warf einen fra⸗ genden Blick auf den Bildhauer, ſie konnte in ſeinen Zügen leſen, daß er genau unterrichtet war. „Hat er Ihnen über dieſen Punkt mehr mitgetheilt?“ fragte ſie. Hellmuth nickte bejahend. „Und hat er Ihnen auch geſagt, daß er keine Hoffnung hegen dürfe, dieſen Wunſch erfüllt zu ſehen?“ „Im Gegentheil, er hofft mit Zuverſicht auf die Erfüllung.“ „Dann muß ich dieſe Hoffnung, als eine Unverſchämtheit be⸗ zeichnen.“ „Werfen Sie deshalb keinen Groll auf mich—“ „Ich bitte Sie um Verzeihung, wenn Sie glauben, in meinen Worten einen Vorwurf, der Ihnen gelten könnte, gefunden zu haben,“ ſagte Frau Magdalena raſch, und eine glühende Röthe übergoß ihr Antlitz bis zu den Schläfen. „Aber ich verſtehe von alledem gar nichts,“ nahm Willy das Wort, während er bald ſeine Mutter, bald den Freund anblickte, „Eure Worte ſind mir Räthſel.“ „Ich wollte Dir davon nichts mittheilen,“ erwiderte Frau Rodenberg,„wozu Dich beunruhigen, ſo lange die Verhältniſſe es nicht forderten! Wortmann hat vor einigen Tagen um meine Hand geworben und einen Korb erhalten, damit glaubte ich dieſe Angelegenheit erledigt. 3 „Das iſt in der That überraſchend für mich!“ ſagte Willy mit einem forſchenden Blick auf den Freund, als ob er von ihm näheren Aufſchluß erwarte.„Was konnte denn dieſen Mann, der uns ganz unbekannt iſt—“ „So unbekannt iſt er mir nicht,“ unterbrach die Mutter ihn. „Er hat früher ſchon um meine Liebe geworben, aber ich hegte immer Abneigung gegen ihn, und aus dieſer Abneigung habe ich J ir darin ich dari alten M „Ne jener S anſchein und ich nungin Man i nünftige n Dir zur nommen „D disſe ſ in die ein g „ die A kein 2 Mutt dieſer mals inmn reicht ihn widert⸗ S inen, wenn em andern det Ver⸗ inen fra⸗ zagen leſen, nung hegen Erfüllung.. intheit be⸗ in meinen funden zu hende Röthe n WPilly das nd anblicke, iderte Frau Vrrhältniſſe n un meine bte ich dieſe ſagte Vill er von ihm eſen Mann, Mutter ihn. er ich hegte ung habe ich ihm nie ein Geheimniß gemacht. Um ſo mehr mußte es mich überraſchen, daß er an jene Zeit mich erinnerte, daß er ſogar die Kühnheit hatte, noch einmal um meine Hand zu werben.“ „Haben Sie ihm das mit denſelben Worten geſagt?“ fragte Hellmuth. „Nein, ich dachte, er werde es fühlen, aber mir ſcheint, daß ich darin mich geirrt habe.“ „Du hätteſt mich rufen ſollen,“ ſagte Willy,„ich würde dem alten Manne die Thüre gezeigt haben, wie er es verbiente!“ „Nein Willy,“ das wollte ich nicht. Und ſein Auftreten in jener Stunde gab dazu auch keine Veranlaſſung. Er erkannte ja anſcheinend alle Gründe an, die ich für meine Weigerung anführte und ich konnte nicht vermuthen, daß er trotzdem an ſeinen Hoff⸗ nungen feſthalten würde; ich konnte es um ſo weniger, als ein Mann in ſeinem Alter über ſolche Dinge doch ernſter und ver⸗ nünftiger denkt, als ein Jüngling.“ „Und er hat Dir geſagt, er wolle erſt dann ſeine Tochter Dir zur Gattin geben, wenn meine Mutter ſeine Werbung ange⸗ nommen habe?“ fragte Willy den Freund. a ſo ſapte er. „Dann bedaure ich Sie,“ verſetzte Frau Magdalena.„Wenn dieſe Bedingung maßgebend iſt, werden Sie—“ „Ich hoffe, er wird Vernunft annehmen,“ ſagte Hellmuth, ihr in die Rede fallend,„ich habe allerdings ihm verſprechen müſſen, ein gutes Wort für ihn einzulegen—“ „Wie konnteſt Du das!“ „Erlaube, ich habe ihm auch geſagt, daß ich nicht glaube, ihm die Antwort, die er wünſche, bringen zu können, und ich werde kein Bedenken tragen, ihm dieſelbe Antwort zu geben, die Deine Mutter mir gibt.“ „So ſagen Sie ihm, daß es ſeinerſeits eine Thorheit ſei, an dieſer Hoffnung feſtzuhalten,“ erwiderte Frau Magdalena,„nie⸗ mals würde ich eine Heirath eingehen, weder mit ihm, noch mit einem andern Manne, ich ſei zufrieden mit dem Looſe, welches das Schickſal mir beſchieden habe.“ „Man müßte ihm das mit derberen Worten ſagen,“ erwiderte Willy entrüſtet. 105 292— „Wozu das?“ fuhr ſeine Mutter ruhig fort.„Er wird's auch ohne das verſtehen, und ohne Noth Erbitterung zu wecken, iſt immer unklug.“ „Er könnte noch einmal Dir mit ſeiner Unverſchämtheit läſtig fallen!“ „Thut er es, dann iſt es ja immer noch früh genug, ihn derb zurückzuweiſen. Wenn Sie alſo die Güte haben wollen, Herr Waldſtern—“ „Ich werde ihm wiederholen, was Sie mir geſagt haben!“ „Und dann ſage ihm auch, daß ich entſchloſſen ſei, über den Frieden unſeres Hauſes zu wachen und jeden Eingriff in den⸗ ſelben energiſch zurückzuweiſen.“ „Nein, ſagen Sie ihm das nicht,“ bat Frau Rodenberg, es würde ihn reizen und erbittern, und man ſoll nicht übermüthig ſich Feinde ſchaffen.“ Die Unterhaltung ſtockte, ſie hatte eine Wendung genommen, die Allen peinlich war, und Hellmuth hielt es für rathſam, jetzt ſich zu verabſchieden. Der Zweck ſeines Beſuches war erfüllt, was er zu erfahren wünſchte, das wußte er jetzt und es lag nicht in ſeinem Intereſſe, Frau Rodenberg zu einer Aenderung ihres Entſchluſſes zu be⸗ wegen. 14. Kapitel. Getäuſchte Joffnungen. Nur mit innerem Widerſtreben hatte Bruno ſich entſchloſſen, dem Rathe ſeines Onkels Folge zu geben, und die ihm gewiſſer⸗ maßen anbefohlene Reiſe anzutreten. Er hatte im Anfang dagegen proteſtirt, das herriſche Auf⸗ treten Baron Edmunds weckte und reizte ſeinen Trotz, aber als auch ſein Vater den Willen ſeines Bruders unterftützte, mußte Bruno, wenn er einem Zerwürfniß vorbeugen wollte, nachgeben. Ani uNit Die ſolun i vollte el den bete Das machte znehm zu bew grrichte Die druch nichſten Altet bi lette U aufnerk war ſei fand, gegeben Eutſch Un Couſir eine( von ſi ging uhruh ſollte ergrif Je Pater iußer ſolle 5 Er witd zu wecken eit liſig ihn derh en, Herr aben über den in den⸗ enberg, e bemithig nommen, an, jetzt erfahren Intereſe, zu be⸗ tſchloſſen, gewiſer⸗ iſche Auf⸗ aber als zte, mßte nochgeben Allmählich befreundete er ſich mit dem Gedanken an die Reiſe, an Mitteln ſollte es ihm ja nicht fehlen, und er gedachte draußen ſein Leben zu genießen. Die Schweiz, Italien, Frankreich und vielleicht auch England ſollten im Fluge durchzogen werden, in allen größeren Städten wollte er eine kurze Zeit verweilen, um mit vollen Zügen aus dem berauſchenden Freudenbecher zu trinken. Das allein war in ſeinen Augen der Zweck ſeiner Reiſe, er machte ſie nicht, um zu lernen und andere Eindrücke in ſich auf⸗ zunehmen, es intereſſirte ihn auch nicht, die Schönheiten der Natur zu bewundern, ſein ganzes Streben war nach materiellem Genuß gerichtet. Die guten Lehren ſeines Vaters machten auf ihn keinen Ein⸗ druck, die ernſten Ermahnungen der Mutter waren ſchon in der nächſten Stunde vergeſſen, er war ja kein Kind mehr, in ſeinem Alter bedurfte man ſolcher Ermahnungen nicht mehr. Es war am Abend vor der Abreiſe, Baron Udo hatte die letzte Unterredung mit ſeinem Sohne, er machte ihn auf Klara aufmerkſam und erinnerte ihn an eine frühere Unterredung. Es war ſein Wunſch, daß die Verlobung noch vor der Abreiſe ſtatt⸗ fand, aber eingedenk des Verſprechens, welches er ſeiner Gattin gegeben hatte, mochte er nicht ſelbſt den Schritt thun, der eine Entſcheidung herbeiführen mußte. Und Bruno hatte ſeit der letzten Unterredung mit ſeiner Couſine an dieſen Schritt nicht mehr gedacht. Ihre Vertheidigung des Malers hatte ihn erbittert, er wollte ſie dafür ſtrafen, ohne eine Erklärung abreiſen und ſie in Ungewißheit zurücklaſſen. Es unterlag ja gar keinem Zweifel, daß ſie eine Erklärung von ſeiner Seite erwartete, aus den Aeußerungen ſeines Vaters ging ihm das ziemlich klar hervor, es mußte ſie ärgern und be⸗ unruhigen, wenn er damit ſo lange zögerte, und dieſe Unruhe ſollte ihre Strafe dafür ſein, daß ſie für den Baſtard Parthei ergriffen hatte. Jetzt aber durfte er bei dieſem Vorhaben nicht beharren, ſein Vater wünſchte die Verlobung, er hatte einen leiſen Zweifel ge⸗ äußert, ob Klara die Werbung annehmen werde, dieſer Zweifel ſollte gehoben werden. Daß Baron Edmund mit ſeiner Tochter kurz vorher über den⸗ ſelben Punkt geredet hatte, wußte Bruno nicht, noch weniger konnte er ahnen, daß dieſe Unterrndurg ihm ungünſtig geweſen war. Der Majoratsherr hatte Klara auf alle Fehler und Schwächen ihres Vetters aufmerkſam gemacht und dabei allerdings verſucht, ſie mit ſeiner Erziehung und ſeinem bisherigen Umgang zu ent⸗ ſchuldigen, aber in der Hauptſache war es doch ſein Beſtreben ge⸗ weſen, ſeiner Tochter zu beweiſen, daß eine Verbindung mit dieſem Manne ihr keine Garantien für die Zukunſt bieten könne. Klara hatte Anfangs ihn nicht verſtanden, nicht gewußt, wo hinaus er wollte, von dem Projekt einer ſolchen Verbindung hatte ſie ja nie eine Ahnung gehabt. Die Unterredung mit dem Vater hatte ſie verſtimmt und unter dem Einfluſſe dieſer Verſtimmung empfing ſie den jungen Mann mit einer Kälte, die ihm ſofort auffallen mußte. Er hatte ſie aufgeſucht, um ihr Hand und Herz anzubieten, ſie mußte das ja ahnen, weshalb empfing ſie ihn ſo zurückhaltend? Zürnte ſie ihm, daß er nicht eher gekommen war, um ihr dieſes Anerbieten zu machen? Wenn das der einzige Grund war, dann ſollte bald das ge⸗ wohnte heitere Lächeln ihre Lippen wieder umſpielen. Ohne lange Einleitung ſteuerte er ſofort auf ſein Ziel los; ſeines Erfolges ſicher, behandelte er die Angelegenheit ſo leicht⸗ fertig und in einer nahezu ſo geringſchätzenden Weiſe, daß ſchon dies allein das Zartgefühl des Mädchens verletzen mußte. Und als er ihr nun in die zornflammenden Augen blickte, er⸗ kannte er zu ſeinem Schrecken, daß er zu früh triumphirt hatte. Ihrer Entrüſtung gewaltſam gebietend, erwiderte Klara ihm mit entſchloſſener Ruhe, daß ſie ihr Jawort ihm nicht geben könne. Die Werbung habe ſie gänzlich unvorbereitet getroffen, aber auch abgeſehen hiervon werde ſie doch niemals ihre Hand ohne ihr Herz vergeben, und dieſes Herz zu gewinnen, habe Bruno nie verſtanden. Das war eine unerwartete und geradezu demüthigende Niederlage! Bruno fuͤhlte, daß ihm das Blut heiß in die Stirne ſtieg, aber auch er mußte ſich bezwingen, er durfte ſeinen Groll nicht zeigen, wenn er dieſe Niederlage nicht verdoppeln wollte. veruut Di ſte Verhäl Dum es nit haben, nur di de wiſche verriet 4 8 Du er freund N in ſicht für volle den Zeit ſagte ſein h wen; rige 5 geweſen wic verſucht, u ent⸗ teben gi⸗ ung nit en linne wußt, wo ung hatte Und unter en Mann zubieten, haltend? um iht Ziel los; ſo leicht daß ſchon lickte, er⸗ itt hatte. lara ihm en könne. bet auch ohne ihr uno nie chigende ne ſtieg, toll nicht Du nun mir Vorwürfe machen? — 295 „Ich hatte mit Sicherheit eine andere Antwort erwartet“, ſagte er, während ſein glühender Blick auf dem bleichen Antlitz des ſchönen Mädchens ruhte,„ich konnte ja nicht an Deiner Liebe zweifeln. Selbſt Deine Partheinahme für jenen obſcuren Menſchen, den Maler Rodenberg, machte mich in dieſer Zuverſicht nicht irre, jetzt freilich glaube ich ſie mit anderen Blicken betrachten zu müſſen.—“ „Bruno, das iſt beleidigend,“ rief Klara empört.„Zu ſolchen Vermuthungen habe ich Dir keinen Anlaß gegeben. Ich habe in Dir ſtets einen Bruder geſehen und nie daran gedacht, daß dieſes s werden könne, mit welchem Recht willſt Hegteſt Du Hoffnungen, ſo iſt es nicht meine Schuld, wenn dieſelben keine Erfüllung gefunden haben, wie es ja auch meine Schuld nicht iſt, daß mein Herz nur die Liebe einer Schweſter empfindet.“ Der junge Munn hatte die Spitzen ſeines Schnurrbartes zwiſchen die Zähne gezogen, der verzerrte Ausdruck ſeiner Züge verrieth den gewaltigen Kampf, der in ihm tobte. „Die Liebe einer Schweſter!“ wiederholte er bitter.„Wenn Du erſt mit dem Gedanken, meine Gattin zu werden, Dich be⸗ freundet haſt, ſo wird dieſe kalte, nüchterne Schweſterliebe bald der innigen, glühenden Liebe einer Braut weichen. Das kann ja nicht ausbleiben, und ich werde natürlich Alles aufbieten, um mir für das ganze Leben Deine Liebe zu ſichern.“ Klara ſchüttelte ablehnend das Köpfchen, mit einem ernſten, vollen Blick ſah ſie den Vetter an, der zitternd vor Erregung an den Enden ſeines Schnurrborts drehte. „Wenn ich das glauben könnte, ſo würde ich Dich bitten, mir Zeit zu gönnen, bis ich darüber mit mir klar geworden ſei“, ſagte ſie, ich weiß aber, daß Du mir nie mehr als ein Bruder ſein kannſt, und ich bitte Dich, damit Dich zu begnügen.“ „Beharrſt Du auch dann bei dieſer Bitte, wenn ich Dir ſage, daß unſere Eltern dieſe Verlobung wünſchen?“ „Unſere Eltern?“ fragte Klara befremdet. „Es war ſtets der Wunſch meines Vaters Mutter—“ „Aber ich glaube nicht, daß es der Wunſch Vaters iſt.“ Verhältniß ein andere und auch meiner meines — 296— Der junge Mann zuckte zuſammen, als ob eine Natter ihn gebiſſen habe. „Hat er ſelbſt Dir das geſagt?“ fragte er. „Das nicht, aber ich glaube es aus einigen Aeußerungen ent⸗ nehmen zu müſſen.“ „Aeußerungen, die er über mich fallen ließ?“ „Weshalb ſoll ich die Wahrheit Dir verheimlichen?“ erwiderte Klara, der jede Lüge verhaßt war.„Mein Vater findet Manches an Dir zu tadeln, aber ſein Tadel iſt nicht herb und verletzend, im Gegentheil, Papa hegt die Ueberzeugung, daß Deine Fehler ſchwinden werden, wenn Du in andere Umgebung kommſt. Er hofft von dieſer Reiſe das Beſte für Dich, und ich hoffe, daß bei Deiner Heimkehr Deine Vorurtheile gemildert ſein werden.“ Bruno blickte finſter vor ſich hin, die drohende Falte, die ſich zwiſchen ſeinen Brauen zeigte, ließ vermuthen, daß der Haß in ſeiner Seele erwacht war. „Ich werde niemals vergeſſen, daß ich Edelmann bin,“ ſagte er, und in ſeinen Augen flammte es jäh dabei auf,„ich weiß, welche Rückſichten ich meinem Stande ſchulde. Nennſt Du das Vorurtheile, ſo—“ „Wir wollen darüber nicht ſtreiten, Bruno, unſere Anſchau⸗ ungen ſind zu verſchieden, und ſo kurz vor einer vielleicht langen Trennung möchte ich nicht gerne einen Zwiſt heryorruſen. Du wirſt das auch nicht wollen, und ſo iſt es beſſer, wir berühren dieſen Punkt nicht.“ „Du erwähnſt ſelbſt, das uns eine vielleicht longe Trennung bevorſteht,“ erwiderte Bruno, und eine unſagliche Bitterkeit machte ſich in dem Tone, den er jetzt anſchlug, geltend,„ſoll ich während Fier Trennung keine Hoffnung hegen dürfen?“ „Iſt eine Hoffnung, die keine Verwirklichung finden kann, nicht qualvoll?“ „So ſoll ich ganz ohne Hoffnung ſcheiden?“ „Ich kann Dir keine geben.“ „Klara, Du biſt grauſam!“ „Du kannſt es nicht grauſam nennen, wenn ich Dich vor Illuſionen bewahre,“ erwiderte das Mädchen, die jetzt ihre Ruhe und Faſſung wiedergefunden hatte.„Ich bitte Dich noch einmal recht herzlich, begnüge Dich mit der Liebe einer Schweſter, ſie ſennel, e3 unter ßrigleit nige Lie friedige Nöglich Eltern Wunſch 0 inneru das w Rede f Wunſch würbe wenn M / eigenen „Kl „6 etwas Dir m zeugun inden Groll 3 Inner ich ni Si Perzei Rollte können finſte Hätte ater ihn gen ent⸗ widerte erletzend Fehler nſt. Er daß bei die ſich Haß in ſagte . u das lnſchau⸗ langen n Du berühren tennung tmachte während n kann, ich vor e Ruhe einmal ſter, ſie — 297— wird Dir immer und unter allen Verhäliniſſen bleiben. Wenn Du draußen Dich recht ernſt prüfen willſt, dann wirſt Du er⸗ kennen, daß auch Du mir nur ein Bruder ſein kannſt, und wäre es unter ſolchen Verhältniſſen nicht thöricht, den Bund für die Ewigkeit ſchließen zu wollen? Kann eine Ehe, der die echte in⸗ nige Liebe fehlt, eine glückliche werden und das Menſchenherz be⸗ friedigen? Gewiß nicht, wenigſtens ich glaube nicht an dieſe Möglichkeit. Du könnteſt mir ſagen, ich verdanke Deinen guten Eltern Alles, und das lege mir die Verpflichtung auf ihren Wunſch zu erfüllen—“ „Nein, Klara, Dich daran zu erinnern, und durch dieſe Er⸗ innerung einen Druck auf Deine Entſcheidung üben zu wollen, das wäre eines Edelmannes unwürdig,“ ſagte Bruno, ihr in die Rede fallend.„Ich muß es Deinem Ermeſſen überlaſſen, ob der Wunſch meiner Eltern für Dich einen beſonderen Werth hat, ich würde von dieſem Wunſch gar keine Erwähnung gethan haben, wenn—“ „Wenn Du nicht geglaubt hätteſt, ihn zur Unterſtützung Deines eigenen Wunſches anführen zu müſſen!“ „Klara, das waren harte Worte!“ „Gewiß nicht, wenigſtens lag es nicht in meiner Abſicht, Dir etwas zu ſagen, was Dich hätte verletzen können! Ich erkläre Dir mit ehrlicher Offenheit, daß es meinem Herzen wehe thut, Dir die ablehnende Antwort geben zu müſſen, aber die Ueber⸗ zeugung, daß wir Beide in dieſer Verbindung unſer Glück nicht finden würden, zwingt mich dazu. Deshalb trage mir keinen Groll nach, ich muß der inneren Stimme folgen.“ „Sie hat nicht immer eine Berechtigung, Klara—“ „Immer! Und nun laß' uns abbrechen, wenn es in Deinem Innern wieder ruhiger geworden iſt, dann wirſt Du einſehen, daß ich nicht anders antworten konnte.“ Sie bot dem jungen Manne die Händ, als ob ſie ihn um Verzeihung bitten wolle, Bruno ſchien es nicht zu bemerken, er grollte ihr doch zu ſehr, als daß er ihr ſo raſch hätte verzeihen können. „So bin ich dann um eine ſchöne Hoffnung ärmer,“ ſagte er, finſter vor ſich hinſtarrend,„und das danke ich Dir, Klara! Hätte ich jemals eine Ahnung davon haben können, ſo würde ich — 298— längſt Oſthofen verlaſſen haben. Ich hatte mir die Zukunft anders, heiterer gedacht.“ „Und vielleicht iſt es Dein eigenes Verſchulden, daß Deine Hoffnung ſich nicht verwirklicht hat.“ Befremdet blickte Bruno ſeine Couſine an. „Wie ſoll ich das verſtehen?“ fragte er. „In der jüngſten Zeit lernte ich eine Seite Deines Charakters kennen, die mir unmöglich ein tieferes Gefühl für Dich einflößen konnte,“ erwiderte Klara, ſeinem flammenden Blick mit ernſter Ruhe begegnend.„Ich kann's einmal nicht billigen, wenn ein Menſch ſich ſo ſtolz über alle Anderen erhebt und—“ „Schon wieder der Maler! Soll denn der Burſche immer zwiſchen uns beiden ſtehen?“ „Wie wäre das möglich Wenn ich ſeine Partei ergreife, ſo thue ich es nicht ſeiner Perſon wegen, ſondern weil mich das Unrecht kräpkt, welches ihm widerfahren iſt. Ein Unrecht muß ich es nepen, magſt Du auch noch ſo ſehr Dich vertheidigen. Uund daß Du dieſes Unrecht nicht einſehen und offen bekennen willſt, das entfremdet mein Herz Dir noch mehr.“ „Der junge Mann zuckte mit einer verächtlichen Miene die Achſeln, er fühlte in dieſem Augenblicke keine Luſt, mit ſeiner Couſine über ihre Anſchauungen zu ſtreiten, Recht behielt er ja ihr gegenüber doch nicht, was er auch vorbringen mochte. Aber es war eiue natürliche und begreifliche Folge, daß ſein Haß gegen den Maler wuchs, und dieſer Haß richtete ſich jetzt auch gegen den Vater Klara's, hatte doch Klara ſelbſt ihm ge⸗ ſagt, ihr Vater wünſche die Verlobung nicht, er habe ſich miß⸗ billigend über ihn geäußert. Er wechſelte nur noch einige Worte mit der Baroneſſe, dann verließ er ſie, und ſtatt des ſiegbewußten Lächeln, mit dem er ge⸗ tommen war, umſpielte jetzt ein trotziger Zug ſeine Lippen, wäh⸗ rend mühſam verhaltener Groll aus ſeinen Augen leuchtete. Klara's Vater war jetzt freilich der Majoratsherr, aber wenn er ſtarb, ging das Majorat auf ſeinen Bruder über, und wurde auch dieſer zu ſeinen Vätern verſammelt, ſo erbte Bruno das Gut. War dieſer Fall eingetreten, dann war auch der Zeitpunkt ge⸗ tommen, Baroneſſe Klara fühlen zu laſſen, daß ſie in Oſthofen nut go ihres b Ande konnte, wortet ßomund Die Manne zeigt) ſeine einer erlang wande Reſult hofen der G Au ſtand: guf ih bald chen, ebenſ . word in ſti gezin meine Oſthofen„Damit ſagt ſie nichts weiter, daß Deine Werbung ſie über⸗ Zukunft nur geduldet war, und daß ſie klüger gethan hätte, die Werbung Deine ihres Vetters anzunehmen. Anders aber geſtalteten ſich die Dinge, wenn man beweiſen konnte, daß dieſer ſo lange verſchollen geweſene und ganz uner⸗ wartet heimgekehrte nicht jener verſchollene Baron ralters Edmund ſondern ein Abenteurer, ein Betrüger war. nfſößen Dieſer Gedanke war ſchon damals in der Seele des jungen enſte Mannes aufgeſtiegen, als der Verſchollene ſeine Heimkehr ange⸗ en ein zeigt hatte, er hielt noch immer an ihn ſeſt, und ez glaubte, für ſeine Vermuthung Beweiſe gefunden zu haben, die allerdings inn einer Beſtätigung bedurften, wenn ſie vor dem Geſetz Gültigkeit erlangen ſollten. Er dachte darüber nach, während er langſam durch den Park e wanderte, in welchem Baron Udo ihn erwarten wollte, um das 6 dis Reſultat der Werbung zu vernehmen. t muß Wenn man dieſen Beweis liefern konnte, dann trat in Oſt⸗ dizen hofen das frühere Verhältniß wieder ein, und Klara war ganz iennen der Gnade ſeiner Eltern anheimgegeben. Aus ſeinem Sinnen erwachend, blickt er auf, Baron Udo ene die* ſtund vor ihm, ſchweigend, nur durch einen Blick forderte er ihn ſeiner 1 auf, ihm zu folgen. hielt er 1 Die Beiden ſchritten tiefer in den Park hinein und traten te. bald darauf in ein aus rohen Baumſtämmen aufgebautes Häus⸗ doß ſen chen, welches im Hochſommer täglich henutzt wurde, da es einen ſch jett. ebenſo freundlichen, als kühlen Aufenthalt bot. ge⸗ 1 Manche Flaſche war in dieſem jetzt dunkelen Raume geleert ſch mi⸗ 3 worden, manches Luftſchloß hatten träumende Menſchenherzen hier . in ſtiller Abgeſchloſſenheit gebaut. Baron Udo ließ ſich in einem ebenfalls aus Baumſtämmen 3. gezimmerten Seſſel nieder und Bruno nahm neben ihm Platz. „Wir haben uns getäuſcht,“ ſagte der letztere,„Klara hat n näh⸗ meine Werbung abgelehnt.“ . 1„Aus welchem Grunde?“ fragte der Baron. r wenn„Die Gründe ſelbſt hat ſie verſchwiegen, was ſie Grund d wurde war wohl nichts weiter, als ein das Gut. 1„Und dieſer Vorwand?“ untt ge⸗„Sie ſühle für mich nur die Liebe einer Schweſter.“ — 300— raſcht habe,“ erwiderte Baron Udo, aufathmend,“ laſſen wir ihr Zeit, ſich mit dem Gedanken zu befreunden. Sie wird allmählig ſich daran gewöhnen, ſich als Deine Braut zu betrachten, und dann wiederholen wir die Werbung.“ „Ja, wenn der Maler Rodenberg nicht zwiſchen uns beiden ſtände!“ ſagte Bruno bitter. „Wie kannſt Du das glauben? Baroneſſe Klara von Oſt⸗ hofen und dieſer bürgerliche Maler! Das wäre in den Annalen unſerer Familie unerhört!“ „Und deshalb auch unmöglich?“ fragte Bruno ſcharf. „Ja, deshalb auch unmöglich!“ erwiderte Baron Udo mit der Ruhe der Ueberzeugung. „Erinnerſt Du Dich denn nicht mehr, mit welcher Wärme Klara den Maler vertheidigte?“ ſagte der junge Mann bitter. „Ich glaube, es iſt beſſer, wir erinnern uns überhaupt an dieſe Geſchichte nicht,“ entgegnete Baron Udo, und der Ton ſeiner Stimme klang hart und ſcharf.„Wenn Klara in dieſer An⸗ gelegenheit auf der Seite des Malers ſtand, ſo kann ihr daraus Niemand einen Vorwurf machen, im Gegentheil, alle Vorwürfe treffen Dich allein! Aber, wenn Klara auch die Menſchenrechte Deines Gegners vertheidigt hat, ſo läßt ſich daraus noch nicht der Schluß folgern, daß ſie auch ein tieferes Gefühl für ihn empfinden muß; ich ſage Dir noch einmal, Klara von Oſthofen kann ſich nicht ſo tief erniedrigen, die Gattin eines Bürgerlichen zu werden.“ „Dieſer Fall ſtände nicht vereinzelt da!“ warf Bruno ein. „Zugegeben, daß eine Mesalliance in unſerer Zeit keine Seltenheit mehr iſt, leugne ich hier doch die Möglichkeit derſelben mit aller Entſchiedenheit. Wenn Du alſo keine beſſeren Gründe für die Weigerung Klara's kennſt, ſo dürfen wir noch immer hoffen.“ „Haſt Du über dieſe Angelegenheit mit Deinem Bruder ge⸗ ſprochen?“ „Jawohl.“ „Und wie äußerte er ſich über das Projekt?“ „Er war damit einverſtanden, er wünſchte nur, daß Klara nicht vorbereitet werde, daß ſie aus eigenem, freien Willen die Entſcheidung treffe.“ vrehi hindun „Unn „Sie Velhe „Dy Er mu Tochter wrüc alle 5 ganz anlaßt N / R 6 an wel traf. „ wollteſt „ heute 3 dürfe wahrl gekon vorne 36 fort! iehr Nr6 Prrt ang ſtütz wir ihr nihl n, und beiden n Oſt⸗ lnnalen nit der Wärne itter. Aupt an nſeiner er An⸗ daraus würfe enrechte h nicht füt ihn Oſchofen gerlichen ein. it keine erſelben Gründe immer der ge⸗ 3 Klara llen die — 301— „Das hat er Dir geſagt?“ fragte Bruno.„Dann iſt er doppelzüngig, Klara erklärte mir, ihr Vater wünſche dieſe Ver⸗ bindung nicht.“ „Unmöglich!“ rief Baron Edmund überraſcht. „Sie hat es mir geſagt, ich wiederhole ihre eigenen Worte. A Welche Gründe mag er haben— „Durchaus keine!“ fiel der Baron ſeinem Sohne in's Wort⸗ Er muß ja einſehen, daß dieſe Verbindung im Intereſſe ſeiner Tochter liegt. Das Majorat fällt nach ſeinem Ableben an uns zurück, durch die Heirath mit Dir wäre die Zukunft Klara's für alle Fälle geſichert. Und Edmund war in dieſem Punkte ja auch ganz einverſtanden mit mir, ich begreife alſo nicht, was ihn ver⸗ anlaßt haben könnte, uns entgegen zu arbeiten.“ „Vielleicht liegen die Beweggründe näher, wie wir glauben!“ „Wenn Du Vermuthnngen hegſt—“ „Gewiß, es ſind dieſelben, die ich an jenem Tage gusſprach, an welchem der erſte Brief des verſchollenen Majoratsherrn ein⸗ traf. Erinnerſt Du Dich meiner Warnung noch?“ „Ich erinnere mich allerdings, daß Du mein Mißtrauen wecken wollteſt.“ „Und hatte ich dazu gar keine Berechtigung? Ich glaube noch heute an die Möglichkeit, daß wir mit einem Abenteurer—“ „Bruno!“ rief Baron Udo warnend. „Und weshalb ſoll ich dieſe Vermuthung nicht ausſprechen dürfen? Sie hat ebenſo viel für, wie gegen ſich, und es wäre wahrlich nicht das erſte Mal, daß ein Abenteurer von drüben gekommen iſt, um hier mit Geſchick nnd Glück die Rolle eines vornehmen Herrn zu ſpielen.“ „Den Abenteurer erkennt man ſtets,“ erwiderte der Baron. Ich habe dafür einen ſehr ſcharfen Blick, die Maske würde ich ſo⸗ fort durchſchaut haben.“ „Verzeihe, daß ich Dir widerſpreche. Du warſt bei der Heim⸗ kehr des ſo lange verſchollen geweſenen Bruders erregt, und in der Erregung iſt auch der ſchärfſte Blick getrübt. Ich habe kein Vertrauen faſſen können, und— „Bruno, das ſind Vermuthungen, die Denjenigen, welchen ſie angehen, um ſo tiefer kränken, weil ſie ſich nicht auf Gründe ſtützen können. Ein Abenteurer würde hier ſchon am erſten — 302— nit Klof Tage ſeine Rolle ausgeſpielt haben, wie könnte er in unſere Familiengeheimniſſe eingeweiht ſein, wie wäre es ihm möglich, auf gänzlich fremdem Boden ſo ſicher aufzutreten?“ „Beſäße er dieſes ſichere Auftreten nicht, ſo wäre er eben kein Abentheurer“, erwiderte Bruno,„und unſere Familien⸗ geheimniſſe kann er von Demjenigen erfahren haben, deſſen Rolle er ſpielt. Iſt es denn nicht möglich, daß er mit dem Ver⸗ ſchollenen befreundet war? Und iſt es denkbar, daß ein ſolcher Abentheurer die ſchwere Rolle übernehmen wird, ehe er ſich voll⸗ ſtändig präparirt hat? Ich möchte doch auf Manches aufmerkſam machen, was meinen Verdacht unterſtützt. Wie war das Wieder⸗ ſehen zwiſchen Vater und Tochter? Ich habe in jenem Augen⸗ blick den Heimkehrenden ſcharf beobachtet und von einer herzlichen Freude wenig bemerkt.“ „Daran trug wohl die Ueberraſchung Schuld! Edmund ahnte genmt Lerbind immer Offenh S — mit de Hith weshi ſehe dacht unſer einem nicht, daß ihn hier eine Tochter erwartete—“ ch v „Schon in London wurde es ihm mitgetheilt, alſo hatte er ten Zeit Zeit genug ſich darauf vorzubereiten.“ grin Die Freude, welche der Majoratsherr bezeigte, war rein äußerlich und gemachte, das Herz hatte keinen Antheil daran. 4 „Mit Sicherheit läßt ſich das doch nicht behaupten,“ ſagte Varon Udo ruhig,„in's Herz kann man keinem Menſchen ſehen.“ „Höre weiter. Ich war zugegen, als der frühere Hofmeiſter ſc hier dem Heimgekehrten begegnete. pfin Der Majoratsherr erſuchte mich, ihn mit dem Manne allein Per zu laſſen, er erkannte den Hofmeiſter erſt dann, als ich ihm den dan Namen des Fremden genannt hatte. nur „Er hat kein gutes Gedächtniß für Namen!“ ben „So müßte er es doch für ſolche Perſonen haben! Der Hof⸗ ener meiſter ſtutzte, als er dem ehemaligen Zögling gegenüberſtand—“ Dei „Auch das läßt ſich erklären. Die Blattern haben das Ge⸗ freu ſicht Edmunds entſtellt. Hätte Hofmeiſter nicht den früheren zni Zögling wiebererkannt, ſo würde er mir Mittheilungen gemacht ihn habeén.“ nui „Auch dieſe Anſchauung muß ich beſtreiten. Hurter haßt uns, Ph er würde ſich eher mit den Beirüger als mit uns in Verbindung ſetzen. Und weshalb wünſcht der Majoratsherr meine Verbindung nöglich er eben Familien⸗ ſen Rolle den Per⸗ n ſt lcher c vol⸗ WVieder⸗ Augen⸗ herzlichen nd ahnte hatte er ar rein tan. u 2 Hofmeiſter nue allein ihm den Der Hoſ⸗ ſund—“ früheren tgemacht haßt uns, erbindung erbindung mit Klara nicht? Weshalb hat er darauf gedrungen, daß ich Oſt⸗ hofen verlaſſen ſoll?“ „Die Gründe die er mir in Bezug auf deine letzte Frage genannt hat, muß ich anerkennen, ſagte Baron Udo. Und daß er die Verbindung Klara's mit Dir nicht wünſchen ſoll, kann ich noch immer nicht glauben, ich werde darüber offen mit ihm reden, Offenheit iſt in ſolchen Dingen der beſte Weg.“ Sodann frage ich, weshalb hat er die Geſchäftsverbindung mit dem Bankier Becker angeknüpft?“ fuhr Bruno ärgerlich fort. „Oſthoven iſt bisher ohne Hülfe eines Bankiers verwaltet worden weshalhb—“ Darüber kann ich Dir keine Auskunft geben. Uebrigens ſch. 6 vurchaus keine Gefahr und ebenſowenig Grund zu Ver⸗ dacht und Mißtrauen. Iſt es denn nicht möglich, daß Edmund unſerm Verwalter mißtraut? Und iſt es vielleicht nicht ſicherer, einem Bankier die Verwaltung der Einnahmen anzuvertrauen? Ich weiß nicht, was Edmund zu dieſer Aenderung bewogen hat, jedenfalls wird er Gründe dafür gehabt haben und ich muß dieſe Gründe gelten laſſen, denn er iſt hier der Majoratsherr.“ „Und er benutzt jede Gelegenheit uns das fühlbar zu machen.“ „In dieſem Punkt urtheilſt Du auch zu ſcharf.“ „Gewiß nicht, ich habe das bitter genug empfunden— „Das iſt begreiflich. Wenn man ſo lange befohlen hat und ſich dann plötzlich dem Willen eines Anderen unterwerfen ſoll, ſo em⸗ pfindet man das immer bitter. Nein, Bruno, wenn Du Deine Vermuthungen nicht auf beſſere Gründe und Beweiſe ſtützen kannſt, dann bleiben ſie, was ſie ſind, Ausflüſſe einer Phantaſie, die ſich nur veshalb mit einem Verdacht beſchäftigt, weil ſie aus demſel⸗ ben Gewinn zu ziehen hofft. Ich muß dieſen Vermuthungen energiſch entgegentreten, mit Deinen geringen Erfahrungen und Deinem befangenen Blick, fiendeſt Du einen Mann an, der auf freundliche Geſinnungen vertrauend, in den Kreis ſeiner Familie zurückgekehrt iſt, und der mit vollem Recht erwarten darf, daß wir ihm mit Liebe entgegenkommen. Alle Entdeckungen, die Du ge⸗ macht haben willſt, ſind Ausgeburten einer krankhaft überreizten Phantaſie, ſie haben für mich keinen Werth, ich verlaſſe mich auf meinen eigenen Blick. Und ich erwarte, dbaß Du meinem Urtheil Dich fügſt und dieſen thörichten Vermuthungen nicht länger nach⸗ A — 304— nter de grübelſt, ich will, daß der Friede in unſerem Familienkreiſe ge⸗ unu wahrt bleibe, und jedem Verſuch, ihn zu ſtören, werde ich ent⸗ Vant ſchloſſen entgegentreten!“ Baron Udo hatte bei den letzten Worten ſich erhoben, es war Bmun inzwiſchen ſo dunkel geworden, daß man nur noch die Umriſſe tene ſeiner hohen, ſchlanken Geſtalt erkennen konnte. ud Br „Und Klara?“ fragte Bruno, deſſen zitternde Stimme die ftigen innere Erregung verrieth. Ral „Wir müſſen ihr Zeit gönnen, damit ſie mit dem Gedanken gehoben an dieſe Verlobung ſich befreunden kann, inzwiſchen werde ich auch ihr ſtch mit Edmund reden, ich verzichte nicht gerne auf dieſes Projekt, Wern 3 wenn mir auch die Abſicht, auf Klara einen entſcheibenden Ein⸗ Verdat fluß zu üben, fernliegt. Zeige ihr keinen Groll, nimm freundlich daram wie immer Abſchied von ihr und überlaſſe es der Zeit, die Be⸗ Ni denken zu beſeitigen, die jetzt noch ſich geltend machen. Es wäre ärgerte vielleicht beſſer geweſen, wenn man ſie früher auf Deine Verlo⸗ erdcht bung vorbereitet hätte, aber Edmund und Deine Mama wünſchten den Ein es nicht, und ihren Wünſchen mochte ich nicht entgegentreten. den er i Wie geſagt, warten wir nun ab, was uns die Zukunft bringen wird.“ Frie E ſeufzte tief auf, eine ſchwere Laſt ſchien ſ eine Seele zu Uberraſ bedrücken, und Bruno errieth ſofort, wem dieſer Seufzer galt. gend an Gewiß, es war hart, dem Willen eines Andern ſich unterwerfen„Si und ſchweigend fügen zu müſſen, wenn man ſo lange Jahre hin⸗ von de durch alleiniger Gebieter geweſen war! Bruno „Magſt Du mir zürnen und mich deshalb ſchelten,“ ſagte nannt der junge Mann, ich kann meinen Verdacht nicht fallen laſſen, Aender 77 ich muß an ihm feſthalten, ſo lange, bis ich nach der einen oder gar no anderen Seite hin Gewißheit erhalten haben.“ „Und was erreichſt Du dadurch?“ fragte Baron Udo, in der Verwa Thüre noch einmal ſich umwendend, Du ſchaffſt Dir ſelbſt Sor⸗ 1 gen und unnütze Mühe, um endlich und zuletzt die Entdeckung zu„N machen, daß Du Dich geirrt haſt.“. ind ſet Die beiden Herren verließen das Sommerhaus, Bruno nahm Ihren vor demſelben Abſchied von ſeinem Vater und ſchlug den Weg den Be ein, der zum Hauſe des Verwalters führte.„Si 1 Wenn er eine Ahnung davon gehabt hätte, daß die Unter⸗ ſicht be redung belauſcht worden war! Ler Das Sommerhaus war unterwölbt, der kleine Kellerraum, der — 305— eiſe ge⸗ unter demſelben lag, wurde zur Aufbewahrung eines kleinen Wein⸗ ich ent⸗ vorraths benutzt, man brauchte dann, wenn man hier ein Glas Wein trinken wollte, nicht immer in's Schloß zu ſchicken. es nar Nun war Baron Edmund kurz vor der Ankunft ſeiner beiden umiſe Verwandten in dieſes Sommerhaus eingetreten, ohne dabei eine beſondere Abſicht zu hegen, er hatte von hier aus ſeinen Bruder me die und Bruno bemerkt, und ſofort war die Vermuthung in ihm auf⸗ geſtiegen, daß die Beiden ebenfalls hier eintreten würden. geunln Raſch entſchloſſen hatte er die Fallthüre zum Weinkeller auf⸗ ichn gehoben und hinter ſich geräuſchlos wieder geſchloſſen; dicht unter grijet ihr ſtehend vernahm er jedes Wort, welches die Beiden ſprachen. i En. Wenn Bruno den Lauſcher entdeckt hätte ſo würde dies ſeinem nunlih Verdacht eine neue Beſtätigung gegeben haben, aber wie hätte er die Ze daran denken können!. Nicht die Niederlage allein, die Klara ihm bereitet hatte, N 3 ärgerte ihn, er zürnte auch ſeinem Vater, weil dieſer keinen ſeiner Verlo⸗ 1 Verdachtgründe gelten laſſen wollte, und unter dem verſtimmen⸗ ünſchten den Einfluß dieſes Aergers trat er in das Haus des Verwalters, ntreten. den er in ſeinem Arbeitszimmer antraf. wird.“. Friedrich Wortmann empfing den jungen Herrn mit ſichtbarer Seele zu Ueberraſchung, er bat ihn, Platz zu nehmen und blickte ihn fra⸗ zer galt. gend an, die Anrede erwartend. erwetfen*„Sie wiſſen, daß ich morgen eine weite Reiſe antreten will, hre hin⸗ von der ich vielleicht ſobald nicht zurückkehren werde,“ begann Bruno in einem Tone, der eher herablaſſend, als vertraulich ge⸗ ſagte nannt werden konnte,„aber ich werde ſofort umkehren, wenn hier n laſſen, Aenderungen eintreten, die meine Anweſenheit wünſchenswerth oder nen oder 1 gar nothwendig machen.“ „Und an welche Aenderungen denken Sie dabei?“ fragte der , in der Verwalter lauernd. bſt Sor⸗ Der junge Mann zuckte die Achſeln. qung ju„Reden wir endlich einmal offen miteinander,“ ſagte er,„Sie 6 ſind ſtets meinen Fragen ausgewichen, und doch läge es auch in o nahm 1 Ihrem Intereſſe, mir gegenüber mit der Wahrheit nicht hinter en Veg dem Berge zu halten.“ „Sie haben Fragen an mich gerichtet, Herr Baron, die ich Unter⸗ nicht beantworten konnte.“ Der Baſtard. 20 aun, der — 306— „Die Sie nicht beantworten wollten! Vielleicht fürchteten Sie, ich könne von Ihrer Offenheit einen Ihnen unangenehmen Ge⸗ brauch machen, aber dieſe Furcht iſt unbegründet, denn unſere beiderſeitigen Intereſſen ſind eng miteinander verbunden. Der Majoratsherr hat einen Bankier in der Stadt mit der Verwal⸗ tung ſeiner Einnahmen beauftragt, darin liegt, Sie werden das ſelbſt fühlen, ein Mißtrauen gegen Sie und daneben das Ver⸗ langen, ſeine Ausgaben jeder Kontrolle zu entziehen. Wie und wozu er die Einnahmen benutzt, wird fortan nur er wiſſen, Sie erfahren davon nichts, denn durch Ihre Hände fließen dieſe Gelder nicht mehr.“ Der Verwalter nickte, ein ironiſches Lächeln glitt über ſein hageres Geſicht. „Angenehm kann Ihnen das nicht ſein,“ fuhr Bruno fort, während er den alten Mann ſcharf beobachtete,„mein Vater hat Ihnen ſtets freie Hand gelaſſen, und ich würde als Majoratsherr das auch thun, ein Baron von Oſthofen ſoll kein Träumer ſein und nicht direct mit Juden in Verbindung treten—“ „Verzeihen Sie Herr Baron, der Bonkier Auguſt Becker iſt kein Jude!“ „So, ſo, ich wußte das nicht. Einerlei, er iſt Bankier, und dieſe Leute ſind mehr oder weniger Wucherer. Aber davon wollte ich nicht reden. Ich möchte noch einmal die Frage an Sie richten, welchen Eindruck der gegenwärtige Majoratsherr in Lon⸗ don auf Sie gemacht hat!“ „Ich glaube, dieſe Frage ſchon beantwortet zu haben.“ „Nicht doch, es war nur eine halbe Antwort, die mir nicht genügen konnte! Sagen Sie mir die volle Wahrheit, gleichviel, wie ſie auch lauten mag, und ſeien Sie verſichert, daß ich dar⸗ über ſchweigen und in allen Fällen Sie ſchützen werde.“ Der Verwalter blickte ſinnend vor ſich hin. Seine eigenen Vermuthungen ſtanden noch auf einem zu ſchwachen Boden, er durfte nicht wagen, ſie einem Manne anzuvertrauen, der ihm für die allerdings verſprochene Verſchwiegenheit keine ſichere Garantie bot, einem Manne, deſſen Jugend und Charakter begründete Be⸗ denken in ihm aufſteigen ließen. Wenn dieſer Mann in einem Leidenſchaftlic en Augenblick zu einer unbedachten Aeußerung ſich verleite 0 inet behauy uchtfer Verdas ſimmt dieſem keine Venr des lich. duß Flic kennba Sie de Sie gl liches U 2 derte e Sie d konnt wurd daß ſriede man Yt teten Sie, men Ge, m unſere en. Der Verwal⸗ rden das das Ver⸗ Wie und . Sie ieſe Geher ubet ſein runo fort, Vatet het ioratsher umer ſein Becker iſt iier, und ber davon age an Sie rr in Von⸗ en. e mir nicht gleichriel, aß ich dar⸗ . ine eigenen Boden, er der ihm für e Garantie ründete Be⸗ un in einem eußerung ſch 8 verleiten ließe, ſo ward dadurch auch die Exiſtenz des Verwalters gefährdet. „Ich errathe den Verdacht, den Sie hegen,“ ſagte er nach einer Pauſe,„er iſt ja natürlich und begreiflich, und ich möchte behaupten, die ſo plötzlich geänderten Verhältniſſe in Oſthofen rechtfertigten ihn. Aber ich kann Ihnen für die Richtigkeit dieſes Verdachts keine Beweiſe ſchaffen. Sie wiſſen, ich hatte den be⸗ ſtimmten Auftrag, in London den Majoratsherrn zu empfangen, dieſem Auftrage mußte ich Folge leiſten, und es lag für mich keine Veranlaſſung vor, irgend einem Verdacht Raum zu geben. Wenn es mich auch betrübte, daß durch die unerwartete Heimkehr des Verſchollenen—“ „Sie weichen mir wieder aus,“ unterbrach Bruno ihn ärger⸗ lich.„Bei Ihrer Rückkehr von London habe ich wohl bemerkt, daß Ihre Stirne ſorgenvoll umwölkt war, und daß in jedem Blick der aus Ihren Augen den Majoratsherrn traf, ein unver⸗ kennbares Mißtrauen ſich ſpiegeite. Sie wollen nicht ſagen, was Sie denken, das veranlaßt mich, Sie zu warnen, für den Fall Sie glauben, mehr gewinnen zu können, wenn Sie ein gefähr⸗ liches Geheimniß im eigenen Intereſſe verwerthen.“ Der Verwalter blickte befremdet auf. „Ich verſtehe nicht, was Sie damit ſagen wollen,“ erwi⸗ derte er. „Laſſen Sie mich eine andere Frage an Sie richten. Kennen Sie den früheren Hofmeiſter?“ „Hurter? Jawohl!“ „Haben Sie mit ihm über den Majoratsherrn geredet?“ „Ich war beauftragt, ihm eine Penſion anzubieten.“ „Dieſer Auftrag mußte zu einer Beſprechung führen, und es konnte nicht ausbleiben, daß dabei der Majoratsherr erwähnt wurde. Wie äußerte der Hofmeiſter ſich über ihn?“ „Herr Baron, vor allen Dingen müſſen Sie berückſichtigen, daß der Hofmeiſter mit der ihm angebotenen Penſion nicht zu⸗ frieden war. Und was im Unmuth geſprochen wird, darauf darf man niemals Gewicht legen, es ſind unbedachte und meiſt aus der Luft gegriffene Aeußerungen.“ „Damit geben Sie zu, daß der Hofmeiſter—“ 0 „Ich bitte dringend, Herr Baron, aus meinen Worten keine Schlüſſe zu fol ern, es könnten Trugſchlüſſe ſein, die mehr ver⸗ wirren als auftlären. Sodann bitte ich Sie, zu bedenken, daß die Sorge um die eigene Exiſtenz mir gebietet, dem Willen und den Befehlen des Majoratsherrn in allen Dingen mich zu unter⸗ werfen Ein Anderes wäre es, wenn Sie auf Grund unwider⸗ legbarer Beweiſe mich aufforderten, Sie in Ihren Nachforſchungen zu unterſtützen, dieſe Beweiſe würden mich dazu verpflichten.“ „Aber Sie könnten und müßten mir helfen, dieſe Beweiſe zu ſuchen!“ „Ich kann es nicht, denn mir ſind die Hände gebunden,„ich muß das Ihnen überlaſſen. Ueberdies ſtehen mir auch nicht die Mittel zu Gebote, über welche Sie verfügen. Ich kann zum Beiſpiel nicht an die Konſuln in Amerika ſchreiben und dort Er⸗ kundigungen einziehen, man würde mich fragen, was mich dazu berechtige, während man Ihnen dieſe Berechtigung ohne Wider⸗ rede zugeſtehen wird. Bruno nickte zuſtimmend, er hatte deran noch nicht gedacht, es war ihm lieb, daß der Verwalter ihn auf dieſen Weg auf⸗ merkſam machte, auf dem vielleicht die gewünſchten Beweiſe ſich finden ließen. „Sie wollen alſo mich nicht unterſtützen?“ fragte er. „Gewiß, Herr Baron, aber dann erſt, wenn ic den Beweis finde, daß der Verdacht, den Sie hegen, ſich auf Gründe und nicht nur auf Vermuthungen ſtützt.“ „Vielleicht könnten Sie dieſen Beweis leicht finden, wenn Sie hier mit ſcharfem Blick beobachten wollten“, ſagte Bruno.„Mein Vater beſitzt darin, wie ich vermuthe, keine Erfahrung, er ver⸗ traut Jedem, und dieſes blinde Vertrauen läßt dem, der es miß⸗ brauchen will, freie Hand. Ich kann das nicht ändern, meine Reiſe iſt einmal beſchloſſeu, und es würde zu unangenehmen Er⸗ örterungen führen, wenn ich jetzt noch, in der zwölften Stunde meinen Entſchluß ändern wollte. Aber darf ich Sie bitten, mich von Allem, was während meiner Abweſenheit hier vorfällt, zu unterrichten? Ich werde Ihnen von Zeit zu Zeit meine Adreſſe angeben, Sie ſchreiben mir dann einige Zeilen, und ſobald etwas Beſonderes vorfällt, kehre ich augenblicklich zurück.“ — Anlaß J liegt j in die dieſe führt, Fälle Dunt halten Er das thüre, 6 / darf ſchreite heißbl E pieren ſchlen nicht man Die läßt E unterh d ſtern ern Zufl tlen kein, nehr ver⸗ nken, duß illen und zu unter⸗ unwider⸗ ſchungen ten.“ weiſe zu iden, ich nicht die kann zun dort Er⸗ nich dazu ne Wider⸗ t gedocht, Veg auf⸗ eweiſe ſich e en Beweis e und nicht wenn Sie ug er ve⸗ et es miß⸗ ern, meine hmen Er⸗ en Stunde itten, mich orfüllt, zu ine Adreſe ————.——— ————— — 309— „Könnte dieſe Korreſpondenz nicht zu falſchen Vermuthungen Anlaß geben?“ fragte der Verwalter in beſorgtem Tone. „Iſt es den n nöthig, daß ein Anderer Kenntniß davon erhält?“ „Der Zufall könnte es verrathen.“ „Dieſem Zufall vorzubeugen und ihn unmöglich zu machen, liegt ja ganz in Ihrer Macht,“ erwiderte Bruno,„ich darf mich in dieſer Beziehung wohl auf Ihre kluge Vorſicht verlaſſen. Und dieſe Korreſpondenz wird ja auch im Intereſſe meiner Familie ge⸗ führt, deshalb dürfen Sie un beſorgt ſein, ich ſchütze Sie in allen Fällen.“ Er war von ſeinem Sitz aufgeſtanden, fragend blickte er den alten Mann an, der nach einer Weile bejahend nickte. „Ich danke Ihnen für dieſes Verſprechen,“ ſagte der Baron, „es läßt mich ruhiger von hier ſcheiden. Hofſentlich finde ich Sie bei meiner Heimkehr noch rüſtig und geſund, damit ich meinen Dank Ihnen beweiſen kann. Leben Sie wohl und noch einmal, halten Sie die Augen offen, es thut Noth!“ Er bot dem alten Manne herablaſſend die Hand und verließ das Zimmer. Wortmann gab ihm das Geleit bis zur Haus⸗ thüre, dann kehrte er in ſeine Arbeitsſtube zurück. „Ein Verbündeter mehr!“ ſagte er leiſe.„Aber reinen Wein darf man ihm nicht einſchenken, ſo lange man nicht zur That ſchreiten kann. Er iſt noch zu jung und zu unerfahren, mit ſeinem heißblütigen Ungeſtüm würde er alles verderben.“ Er ſetzte ſich wieder an den Tiſch und blätterte in den Pa⸗ pieren, die auſ demſelben lagen. „Es läßt ſich eben gar nichts anfangen, ſo lange Beweiſe fehlen,“ fuhr er fort, mit offenem Viſir darf man ſolchen Leuten nicht entgegentreten, auf den offenen Angriff ſind ſie vorbereitet, man muß zuvor den Boden unter ihren Füßen unterminiren. Die Verbindung mit dem Bankier ärgert mich auch, aber was läßt ſich dagegen machen! Abwarten und beobachten!“ Er wurde in ſeinem Selbſtgeſpräch plötzlich ſehr ungeſtüm unterbrochen. Die Thüre war haſtig geöffnet worden und Hellmuth Wald⸗ ſtern ſtürzte mit einem Fluch herein, man hätte glauben können, er werde von erbitterten Feinden verfolgt und wollte hier ein⸗ Zuflucht ſuchen. — 30 „Der Kuckuck auch, Herr, was iſt Ihnen denn paſſirt?“ rief Wortmann, entrüſtet über dieſe Störung.„Iſt es bei Ihnen Sitte, in dieſer Weiſe bei fremden Leuten einzutreten?“ Das Antlitz des jungen Mannes war dunkelbraun vor Zorn, der Verwalter ſah es erſt jetzt, er erſchrack vor dem flammenden Blick, der ihn traf. „Ich ſoll wohl dazu ſchweigen und lachend zuſehen, wenn ein Anderer bei dunkler Nacht meine Braut überfällt und ihr em⸗ pörende Zumuthungen macht?“ erwiderte Hellmuth mit bebender Stimme.„Und wenn dieſer Andere hundertmal ein Herr Baron iſt, ich dulde es nicht!“ „Was iſt denn geſchehen?“ „Ich habe es Ihnen ja geſagt. Draußen vor der Thüre ſtand Helene, der Baron kam heraus, ſchloß ſie in ſeine Arme und küßte ſie—“ „Regen Sie ſich doch nicht ſo ſehr deshalb auf,“ ſagte der Verwalter. Der Baron reiſt morgen früh ab, er kommt vielleicht in Jahresfriſt nicht wieder, und einen Kuß in Ehren kann Nie⸗ mand erwehren.“ „Wenn er ſich nicht ſofort aus dem Staube gemacht hätte, dann würde ich ihm Eins hinter die Ohren gegeben haben. Dieſer Baron glaubt ſich Alles herausnehmen zu dürfen, als ich ihn zur Rede ſtellte, warf er mir das Wort Plebejer in's Geſicht. Es war nur gut für ihn, daß er ſich augenblicklich von dannen machte, ich hätte ihn wahrhaftig niedergeſchlagen.“ „Und wenn Sie das gethan hätten, dann wäre es mit unſerer Freundſchaft zu Ende geweſen!“ ſagte der Verwalter zornig. „Wenn der Baron mit einem Kuß von meiner Tochter Abſchied nimmt, ſo finde ich darin nichts, und—“ „Ach, was, Sie ſind ein alter Mann! fiel Hellmuth ärgerlich ihm in's Wort. In Ihrer Jugend hätten Sie Ihre Braut auch nicht von jedem wildfremden Menſchen küſſen laſſen. Der Baron ſoll nur recht lange draußen bleiben, hier wird ihm Keiner eine Thräne nachweinen.“ Er hatte ſich auf einen Stuhl niedergelaſſen und ſtrich jetzt mit der Handfläche den Schweiß von ſeiner Stirne. Wortmann warf einen lauernden Blick auf ihn. „Bringen Sie mir Nachricht?“ fragte er. guten zu be nicht dem D wande ß Ne der, gering mich genom Ihren Angel nich 9 rif a Ihnen or Zorn, nmenden venn ein ihr en⸗ dedender r Baron er Thüre ine Arme ſagte der vielleicht kann Nir⸗ cht hätte,, n haben. u, als ich Geſicht. on dannen nit unſerer er zornig. r Abſchied h ärgerlich Braut auch Der Baron deinet eine ſtrich jett — 311— „Jawohl, aber leider nicht die, welche Sie wünſchen!“ „Sie haben mit Frau Rodenberg geſprochen?“ „Mit ihr und auch mit ihrem Sohne, ſie ſind Beide gegen die projektirte Verbindung und unter uns geſagt, Herr Schwieger⸗ vater, finde ich, daß ſie Recht haben.“* Dem alten Manne ſtieg das Blut in die Wangen. „Sie nehmen alſo gegen mich Parthei?“ fragte er unwillig. „Keineswegs; ich urtheile über dieſe Angelegenheit vom Stand⸗ vunkte der Vernunft und Sie dürfen mir nicht zürnen, wenn das Urtheil nicht zu Ihren Gunſten ausfällt. Sie ſind ein alter Mann, und Frau Rodenberg, die feingebildete Dame, würde ſich hier nicht glücklich fühlen—“ „Und weshalb nicht?“ Sie hat in der Stadt ja gar keinen Verkehr, alſo wird ſie hier nichts entbehren! Ich kann dieſen Grund nicht anerkennen.“ „Gründe hat Frau Rodenberg nicht genannt, ſie hat mir nur die einfache Antwort gegeben, daß von dieſer Verbindung niemals Rede ſein könne und Sie deshalb ſich keine weitere Mühe geben möchten.“ „Und der Maler?“ „Er gab ſeiner Mutter Recht, und wenn ich Ihnen einen guten Rath geben darf, ſo iſt es der, auf thörichte Hoffnungen zu verzichten. Engagiren Sie, wenn Sie mit der alten Magd nicht fertig werden können, eine tüchtige Haushälterin, dann iſt dem Schaden abgeholfen.“ Der alte Mann hatte die Hände auf den Rücken gelegt, er wanderte langſam auf und nieder. „Ich habe keinen Rath von Ihnen gefordert,“ fegte er,„und der, den Sie mir jetzt gaben, hat in meinen Augen nicht den geringſten Werth. Sie haben mir verſprochen, daß Sie ſich für mich bemühen wollten, ſtatt deſſen haben Sie gegen mich Partei genommen!“ „Dieſe Vermuthung verzeihe ich Ihnen, ſie entſpringt lediglich Ihrem Aerger! Nachdem Frau Rodenberg mir die kategoriſche Erklärung gegeben hatte, blieb mir nichts weiter übrig, als die Angelegenheit fallen zu laſſen, ich fühlte wahrhaftig keine Luſt, mich Ihretwegen lächerlich zu machen.“ — 31 Der Verwalter zuckte zufammen, als ob eine Schlange ihn gebiſſen habe. „Und das ſagen Sie mir?“ fragte er aufwallend.„Ich habe nur unter gewiſſen Bedingungen in Ihre Verlobung mit meiner Tochter eingewilligt—“ „Sie werden dieſe Einwilligung nicht mehr zurücknehmen!“ „Das liegt ganz allein in meinem Belieben.“ „Erlauben Sie, morgen früh bringt die Zeitung unſere Ver⸗ lobungsanzeige.“ „Wer hat Ihnen Erlaubniß gegeben, dieſe Anzeige einrücken zu laſſen?“ fragte der Verwalter mit ſcharfer Betonung. „Wer? Sie ſelbſt! Ihre Einwilligung genügte!“ „Ich werde ſie öffentlich zurücknehmen, und die Verlobung aufgelöſt erklären!“ „Sie werden das nicht thun,“ erwiderte Hellmuth ſo ernſt und entſchieden, daß der alte Mann ſtehen blieb um ihn betroffen an⸗ zublicken.„Wenn Sie es thäten, ſo würden mich keine Rück⸗ ſichten mehr binden, ich wäre alsdann an das Verſprechen, welches ich Ihnen gegeben habe nicht mehr gebunden, und Sie könnten mir keinen Vorwurf machen, wenn ich die Beweggründe Ihrer Erklärung veröffentlichte. Ich würde Sie dadurch dem Gelächter preisgeben, Helene wüßte dann auch, welcher Laune ihres Vaters ſie ihr Glück opfern ſoll. Hätte Frau Rodenberg Ihre Werbung angenommen, ſo würde ich ja gegen dieſe Verbindung nichts ein⸗ zuwenden finden, abgeſehen davon, daß ein ſo alter Bräutigam—“ „Weshalb wollen Sie mich beleidigen?“ unterbrach Wort⸗ mann ihn erzürnt.„Die faulen Bemerkungen ſchenke ich Ihnen, und Sie würden ſie nicht machen, wenn Sie in meine freudloſe Vergangenhet einen Blick werfen könnten wenn Sie wüßten, wie ſehr ich dieſe Frau geliebt habe! Um ſo tiefer kränkt mich die ablehnende Antwort,“ fuhr er fort, während er wie in Sinnen verloren, vor ſich hin blickte,„verſchmähte Liebe kann den Haß gebären, das ſollte Magdalene bedenken.“ „ImAlter ſollte man darüber ruhiger denken und den Leiden⸗ ſchaften, wenn ſie erwachen wollen gebieten!“ ſagte Hellmuth warnend. „Was wiſſen Sie davon? Wenn auch der Körper alt ge⸗ worden iſt, das Herz kann jnng geblieben ſein, und das Herz S — nicht eine Sie eines kaun ur Bei ange läßt ſich nicht gebieten. Es gab eine Zeit, in der ich mein Leben Ih hahe für dieſe Frau hingegeben hätte S tmeiner„Trotzdem Sie ſchon damals einen Korb erhielten?“ fragte der junge Mann. nen! 8„Wer hat Ihnen das geſagt?“ „Sie hören, daß ich es weiß.“ „Magdalene! Sie kann ſpotten über die heiligſten Gefühle eines Herzens, welches ſie liebte. Das verzeihe ich ihr nicht.“ Hellmuth erſchrack, als er in das verzerrte Geſicht des Ver⸗ ſee Ver⸗ walters blickte, er erkannte, daß er in ſeinem Innern den Haß geweckt hatte. uchn ſ„Geſpottet hat ſie nicht“ erwiderte er,„Frau Kodenberg denkt zu edel, als daß man das von ihr erwarten könnte. Und wenn ſie auf den früheren Korb hindeutete, ſo geſchah dies wohl 2 und nur deshalb, um mir zu beweiſen, daß ſie niemals Ihre Liebe oſen an⸗ erwidert hat. Es ſollte gewiſſermaßen zur Rechtfertigung ihrer n Rüc⸗ ablehnenden Antwort dienen, und Sie können ihr daraus keinen welches Vorwurf machen, Sie mußten das ja erwarten.“ e könnten Der Verwalter hatte ſeine Wanderung wieder aufgenommen, de Ihrer er befand ſich in einer furchtbaren Aufregung. Gelächter So tief hatte noch Niemand ihn gedemüthigt, dieſe Nieder⸗ es Vaterz lage forderte Rache. Werbung Und war es denn Wahrheit, daß er Magdalene Rodenberg nichts ein⸗ ſo glühend geliebt hatte? utigam—“ Was lag ihm an der Beantwortung dieſer Frage— ſie war tach Vort⸗ ihm gleichgültig, der Haß fragt nicht nach Gründen und Urſachen, ich Ihnen, ſe freudloſe er lechzt nach Befriedigung. „Sie könnten ſelbſt Ihr Heil noch einmal verſuchen,“ brach vüßten, wie Hellmuth nach einer Weile das Schweigen,„aber ich rathe Ihnen tt nich die nicht dazu, Sie würden dieſelbe Antwort erhalten und vielleicht in Sinnen einen unangenehmen Auſtritt erleben. Wie geſagt, engagiren nden Hoß Sie eine Haushälterin und verzichten Sie mit dem Gleichmuth eines Philoſophen auf einen Wunſch, der nicht erfüllt werden den Leiden⸗ kann. Und wird's Ihnen hier zu einſam, dann kommen Sie l u uns— Er brach ab, der Verwalter war ſtehen geblieben, die Blicke e alt g⸗ Beider hefteten ſich auf einen Mann, der in dieſem Augenblick, bos he ohne vorher anzupochen, eingetreten war. ——— — — 314— Es war eine große robuſte Geſtalt mit feuerrother Naſe und ſtierem Blick; der unſaubere und ſtellenweiſe zerriſſene Anzug war aus grobem Tuch angefertigt, und in der Hand hielt dieſer Mann, deſſen ganze äußere Erſcheinung den Vagabund erkennen ließ, ein kleines Bündel und einen Knotenſtock⸗ „Den Teufel auch, Florian Bender, ſeid Ihr's wirklich?“ fragte der Verwalter im Tone der höchſten Ueberraſchung.„Ja, ja, Unkraut vergeht nicht, aber daß ich Euch noch einmal wieder⸗ ſehen würde, das hätte ich nimmer geglaubt.“ Der Vagabund war näher getreten, ein häßliches Grinſen verzerrte ſein rothes Geſicht, auf das jetzt der volle Schein der Lampe fiel. „Und denkt Ihr denn, unſereins kenne kein Heimweh?“ er⸗ widerte er mit heiſerer Stimme, während er einen prüfenden Blick auf Hellmuth warf.„Wir ſind doch auch Menſchen und wenn man in der Fremde nicht findet, was man zu finden erwartet hat, dann denkt man immer wieder an die Heimath.“ „Es war hier wohl beſſer, wie drüben?“ ſpottete Wortmann. Kann's grad nicht ſagen,“ fuhr der Vagabund achſelzuckend ſert indeß er das Bündel in eine Ecke warf und ſich auf einen Stuhl niederließ,„wer einmal Pech haben ſoll, der hat's überall.“ „Und Ihr habt's auch gehabt?“ „Seh ich aus wie ein reicher Mann?“ „Das kann Riemand behaupten,“ ſpottete der Verwalter„und eben deshalb wundert es mich, daß Ihr in die Heimath zurück⸗ kehrt. Ich glaube, Ihr wärt beſſer drüben geblieben.“ „Kann immer wieder hinkommen!“ „Dazu gehört Geld.“ „Wie ich drüben aufbrach, hatte ich auch keinen Groſchen in der Taſche.“ Hellmuth erhob ſich, ihn intereſſirte dieſes Geſpräch nicht, er hatte den Vagabunden nie zuvor geſehen. „Ich will noch eine halbe Stunde mit Helene plaudern und dann den Heimweg antreten,“ wandte er ſich zu dem Verwalter, „ſollten Sie mir noch etwas mitzutheilen haben, ſo kann das ja morgen oder übermorgen geſchehen.“ Wortmann nickte, noch einmal glitt eine finſtere Wolke uber ſein S er kurz P „Di Sl — ſhone ward ⁰ man mehr! gelaſſ eine riſtige un me „ Verwe Eure Auge „ Raſe ein es n tiger Hirſe dam müd auch wollt eine don nſe unh Nn Un 4 dieſer rennen wieder⸗ Grinſen hein der h et⸗ den Blick id wenn etwartet ortmann. elzuckend uf einen iberall.“ ter und h zurück⸗ oſchen in ticht, er ern und erwalter, nn das olke uber ſeine Stirne, ſie galt der Erinnerung an das Geſpräch, welches er kurz vorher mit dem Bildhauer geführt hatte. „Wer iſt der Herr?“ fragte Bender. „Der Bräutigam meiner Tochter.“ „So, ſo! Bin auch'mal Bräutigam geweſen, aber das iſt ſchon eine Weile her.“ „Zwanzig Jahre mindeſtens,“ erwiderte der Verwalter.„Ihr ward damals einſchmucker Burſche, Florian, und Eure Frau nannte man das ſchönſte Mädel weit und breit. Sie lebt wohl nicht mehr?“ „Ich hab' ſie drüben begraben.“ „Und Eure Kinder?“ „Liegen neben ihr. Ja, Herr, ich hab drüben viel zurück⸗ gelaſſen. Es ſind jetzt fünfzehn Jahre her, daß ich fortging, eine lange Zeit, aber ich erinnere mich noch genau. Ich war ein rüſtiger Arbeiter, aber wenn ich hierblieb, ſo blieb ich auch bis an mein Lebensende ein Sklave, der Knecht Anderer—“ „Das war's wohl nicht allein, was Euch forttrieb,“ fiel der Verwalter ihm in die Rede,„die Eiferſucht ließ Euch keine Ruhe. Eure Frau war ein ſchönes Weib und der rothe Franz hatte ein Auge auf ſie geworfen.“ „Lebt er noch?“ fragte Bender haſtig. „Na, ich glaub', ihm wäre auch wohler, wenn er unter dem Raſen läge,“ erwiderte Wortmann achſelzuckend.„Er war immer ein Händelſucher, ich mußte ihn endlich entlaſſen, und da konnte es nicht ausbleiben, daß er verarmte. Er iſt dann auch ein rich⸗ tiger Vagabund geworden, ein Wilderer, der uns ſchon manchen Hirſch aus dem Walde geholt hat.“ „Auch ein ſchönes Geſchäft!“ ſpottete Bender.„Mich hat er damals richtig von hier fortgebiſſen, ich war der ewigen Zänkerei müde, und wie ich die kleine Erbſchaft gemacht hatte, da ſtand's auch feſt bei mir, daß ich mir drüben ein eigenes Heim gründen wollt!“ „Das hat Mancher gewollt, und Wenigen iſt es gelungen.“ „Kann ſein! Anfangs glaubte ich Glück zu haben, ich kaufte eine Farm verteufelt billig, aber ſie war auch danach! Himmel⸗ donnerwetter, wenn der elende Schwindler mir wieder in die Hände gefallen wär, ich hätt' ihn todtgeſchlagen wie einen tollen Hund. Es war gar nichts anzufangen mit dem erbärmlichen Land, mußt' mir ein neues Blockhaus bauen, und die letzten Pfennige gingen dabei zum Teufel.“ „Ich hab's Euch ja vorausgeſagt!“ „Hab' auch oft an Euch und Eure Warnung gedacht, aber wenn man einmal blind geworden iſt, dann hört man auf keinen Rath mehr.“ „Und nachher iſt es zu ſpät!“ Der Vagabund athmete ſchwer auf, und ein finſterer Schatten umwölkte ſein aufgedunſenes Geſicht. „Zuerſt wurde mein Weib krank,“ ſagte er,„und wir ſaßen allein in der Wildniß, keine menſchliche Seele kam in unſere Gegend, und von einem Doktor war gar keine Rede. Und wie ich mein Weib begraben hatte, da kamen die Kinder an die Reihe, und helfen konnt' ich keinem von Allen.“ „Sie ſino Alle geſtorben?“ „Alle, und ich glaub', es war ein Glück für ſie. Verkau fen konnt' ich die Farm nicht, und bleiben mocht ich auch nicht in der Wildniß; mit einem Jäger, der ſich eines Tages in meine Hütte verirrte, zog ich fort in die Prairien und über die Berge nach Californien.“ „In's Goldland!“ nickte Wortmann mit einem lauernden Blick auf den Vagabund.„Da hat Euer Weizen wohl auch nicht geblüht?“ „Pah, man kann da raſch ein reicher Mann werden, wenn man Glück hat! Aber damit allein iſt's auch noch nicht gut. Wer etwas gewonnen hat, kann's in der nächſten Stunde wieder verlieren; Mörder und Wegelagerer gibt's überall, aber nirgend ſo viel wie in Kalifornien. Und neben der Goldgrube ſteht immer eine Spielhölle, da kann man in einer Stunde verlieren, was man in Monaten zuſammengeſcharrt hat.“ „Und Ihr habt in ſolchen Spielhöllen Euer Glück auch ver⸗ ſucht?“ „Ich hab' Alles durchgemacht und bin ein armer Teufel ge⸗ blieben, wie gewonnen, ſo zerronnen! So ging ein Jahr nach dem andern hin und endlich hat das Heimweh mich gepackt. Es war nicht anders, ich mußte heim, wenn ich auch keinen Groſchen in der Taſche hatte.“ der V gebror „ wie rungen Eures „A trinke, — wir d vrüber er Eu führt „ nicht tärnlihen de letzten cht, aber uf keinen Schatten vit ſußen u unſete Und wie die Reihe, Verkaufen ch nicht in in meine die Zerze lauernden auch nicht rden, wenn nicht gut. unde wieder ber nirgend ſteht imner lieren, was auch ver⸗ Teufel ge⸗ Jahr nach epackt. Es n Groſchen „Und wie brachtet Ihr es fertig?“ „Ein Schiff lag im Hafen, ich verdang mich als Matroſe und hatte dafür freie Ueberfahrt. Und wie ich erſt in Hamburg war, hab' ich mich durchgebettelt.“ „Und was nun?“ fragte Wortmann „Das weiß ich noch nicht.“ „Arbeiten werdet Ihr nicht mehr können!“ „Na, na, meine Arme ſind noch geſund und ſtark.“ „Aber der Körper iſt es nicht.“ „Wie könnt Ihr das behaupten?“ „Wenn ich Eure Naſe anſehe, ſo weiß ich ſchon genug“, ſagte der Verwalter achſelzuckend. Und ſolche Leute können wir nicht gebrauchen.“ „Verſucht es mit mir“, erwiderte Bender, es wird beſſer gehen, wie Ihr glaubt.“ „Ich kenne das, in dieſem Punkte habe ich zu viele Erfah⸗ rungen gemacht. Nicht an Euch, ſondern an Anderen, Leute Eures Schlages ſind nicht mehr zu kuriren.“ „Und wenn ich dann auch mal nach Feierabend ein Glas trinke, was kümmert's Euch?“ „Oho, Florian, wenn die Arbeit verſäumt wird, dann haben wir den Schaden davon, und wenn unſer Majoratsherr auch drüben ein ähnliches Leben geführt haben mag wie Ihr, ſo wird er Euch drum doch kein milder Richter ſein. Im Gegentheil, er führt ein ſtrenges Regiment.“ „Wer? Baron Udo?“ „Ah, Ihr wißt nicht, daß Baron Edmund wieder hier iſt?“ „Baron Edmund?“ rief der Vagabund überraſcht.„Das iſt nicht möglich.“ „Und weshalb ſollte es nicht möglich ſein?“ „Weil der Baron todt iſt.“ Der Verwalter warf einen raſchen, forſchenden Blick auf die Thüre, dann ging er auf den Fußſpitzen hin, um ſie zu ver⸗ ſchließen. „Iſt das die Wahrheit?“ fragte er mit gedämpfter Stimme. „Ich war ja dabei,“ erwiderte Bender.„Aber wenn Ihr mehr wiſſen wollt, dann gebt mir zuvor einen Schluck, die Kehle iſt mir von dem vielen Sprechen gedörrt.“ —— Wortmann öffnete den großen Schrank und holte eine Flaſche und ein Glas heraus. „Es iſt echter, alter Korn,“ ſagte er, und ſeine zitternde Stimme verrieth die furchtbare Aufregung, die ſich ſeiner bemäch⸗ tigt hatte,„Ihr werdet die Sorte noch kennen.“ Der Vagabund nahm das Glas und leerte es auf einen Zug. „Der iſt famos,“ erwiderte er,„drüben gab's nur Whisky und ſchlechten Rum, verdünnte Schwefelſäure, aber man gewöhnte ſich raſch an das Teufelwaſſer.“ „Wie war's mit dem Baron?“ fragte Wortmann ungeduldig. „Na, als ich nach Californien kam, ſah ich ihn zuerſt wieder. Er erkannte mich gleich, und er war ſehr freundlich gegen mich.“ „In welchen Verhältniſſen war er?“ „Ein armer Teufel wie ich.“ „Und er ſprach nie davon, heimzukehren?“ „Er dachte gar nicht daran. Das unſtäte Leben gefiel ihm, wenn's auch nicht beſſer als ein Hundeleben war. Von der Hei⸗ math durfte ich gar nicht reden, er wollte nichts wiſſen.“ „Und Ihr ſagtet ihm auch nichts? „Nein. Wenn ich davon anfing, befahl er mir, zu ſchweigen, da hielt ich das Maul, ich ſah in ihm noch immer den Herrn. So lebten wir ein paar Monate zuſammen, dann ging der Baron wieder fort, die Wanderluſt ließ ihm keine Ruhe. Wo er all' die Jahre ſich herumgetrieben hat, weiß ich nicht, ich verließ Kali⸗ fornien auch auf einige Jahre, und als ich endlich wieder dahin tam, traf ich ein paar Tage ſpäter den Baron.“ „Wann war das?“ fragte der Verwalter haſtig. „Vor einem halben Jahr.“ „Länger iſt es noch nicht her?“ Nein „Spracht Ihr auch jetzt nicht mit ihm von der Heimath? Ihr hattet ja ſelbſt das Heimweh!“ „Ja, ich that's. Er ſagte mir, in der Heimath ſei er ver⸗ ſchollen, er wiſſe wohl, daß man ihn noch immer ſuche, aber er wolle von der ganzen Sippe nichts wiſſen, Geld möge er von ihnen nicht annehmen, und in das ruhige Leben, welches er hier führen müſſe, könne er ſich nicht ſchicken. Wartet, er ſagte noch mehr; er meinte, wenn er heimkomme, dann müſſe ſein Bruder nit ſei pringen hiet do W „V nere 6 „Ne der Se „ beſſere wir* wie e 5 Konn „ ſt es ſchon ich be paſſen doch gerad kaufe um gen zure ich Fra Auf Das wem lich erſter Und lag deut ne Flaſche zitternde bemäch⸗ inen Zug. t PVhist wöhnte ngeduldig. rſt wieder gen mich,“ gefiel ihm n der Hei⸗ ſchweigen, den Hertn. der Baron Vo er al erließ Kali⸗ ieder dahin math? hr ſei er ver⸗ he, abet er öge er von hes er hier ſagte noch ſein Bruder — 319— mit ſeiner Familie weichen, und in's Unglück wolle er ſie nicht bringen, d'rum ſei's beſſer, wenn er verſchollen bleibe; er würde hier doch nur eine traurige Rolle ſpielen.“ „Weiter, weiter!“ drängte der Verwalter, während er das leere Glas wieder füllte. „Na, er hatte damals einen guten Freund, der ihm nicht von der Seite wich, und den ich nicht ausſtehen konnte.“ „Weshalb nicht?“ „Es war ein hochmüthiger Vagabund, der wohl auch einmal beſſere Tage geſehen und auch viel gelernt hatte, aber er gefiel mir nicht, der Menſch ſpottete über Alles und mich behandelte er wie einen Lump.“ „Wie hieß er?“ fragte der Verwalter, in deſſen hagerem Ge⸗ ſicht eine fieberhafte Spannung ſich ſpiegelte. „Das konnte ich nicht erfahren, der Baron nannte ihn nur Konrad.“ „Na, wann und wie ſtarb der Baron?“ „Ich muß das ausführlich erzählen,“ erwiderte Bender,„mir iſt es ſelbſt noch ein Räthſel, wie es gekommen iſt. Wie ich Euch ſchon ſagte, hatte ich in Californien in den Goldgruben kein Glück, ich beſchloß, nach San Francisco zu gehen, um mir dort eine paſſende Stelle zu ſuchen, mit der Selbſtſtändigkeit war es ja doch nichts, ich kam auf keinen grünen Zweig. Es blieb mir gerade noch ſo viel, daß ich mir ein Pferd und etwas Proviant kaufen konnte, und ſo verließ ich eines Morgens die Anſiedelung, um meinen Weg anzutreten. Da ich den Baron ſeit einigen Ta⸗ gen nicht geſehen hatte, ſo beſchloß ich, an ſeiner Grube vorbei⸗ zureiten, um Abſchied von ihm zu nehmen. Halb und halb hatte ich ſchon vor, mich nach Europa einzuſchiffen, wenn ich in San Francisco nichts Paſſendes fand, vielleicht gab der Baron mir Aufträge mit, vielleicht auch entſchloß er ſich, mich zu begleiten. Das Alles ging mir durch den Kopf, es wär mir lieb geweſen, wenn Baron Edmund dieſen Entſchluß ausgeſprochen hätte. Plötz⸗ lich hörte ich raſch nacheinander zwei Schüſſe fallen und mein erſter Gedanke galt dem Baron, ich war ſeiner Grube ſchon nahe. Und wie ich nun hinkam, fand ich eine Leiche, Baron Edmund lag in ſeinem Zelt mit einer Kugel in der Bruſt und Alles deutete darauf hin, daß er beraubt worden war.“ — 320— „Er war wirklich todt?“ „Na, wenn ein Menſch nicht mehr athmet, dann wird er wohl todt ſein!“ S „Das kann man nicht immer mit Sicherheit behaupten. Wer war der Mörder?“ „Von dem Mörder entdeckte ich keine Spur, den Freund des Barons ſah ich auch nicht, ich war allein mit dem Todten und Ihr könnt denken, daß mir dabei gar nicht wohl war.“ Der Verwalter konnte ſeiner Erregung nicht gebieten, er wanderte mit großen Schritten auf und nieder, und von Zeit zu Zeit ſtreifte ſein lauernder Blick das rothe, aufgedunſene Geſicht des Vagabunden, der abermals zu dem Glaſe griff. „Habt Ihr den Mörder nicht verfolgt?“ fragte er.„Wart Ihr zugegen, als der Baron beerdigt wurde?“ „Keins von Beiden,“ erwiderte Bender.„Mich trieb es, fortzukommen, ich hatte keine Zeit, mich lange aufzuhalten, denn mein Proviant war gering, er mußte bis San Francisco aus⸗ halten, dann aber auch ſtand ich vor einer Gefahr, die ich nicht gering achten durfte. Wie geſagt, ich war allein bei der Leiche, und die Schüſſe konnten auch von Anderen gehört worden ſein. Wenn die Goldgräbe herbeieilten und mich in dem Zelt fanden, dann fragten ſie gewiß nicht lange, wo der Mörder ſei, Alles zeugte ja gegen mich, und in Californien macht man verteufelt kurzen Prozeß. Wie ein Gentleman ſah ich wahrhaftig nicht aus, und ein Vagabundenleben gilt dort gar nichts. Der Gedanke daran fiel mir ſchwer auf die Seele, helfen konnte ich dem Todten doch nicht, ich mußte für mich ſelbſt ſorgen, und da bedachte ich mich nicht lange.“ „Ihr machtet Euch aus dem Staube?“ „Augenblicklich.“ „Aber gerade dadurch konntet Ihr Verdacht auf Euch lenken.“ „Ich glaube, wenn man mich gefaßt hätte, dann wäre ich am erſten Baum aufgeknüpft worden. Aber als ich das Zelt ver⸗ laſſen hatte, konnte mir Niemand beweiſen, daß ich in demſelben geweſen war.“ Der Verwalter war ſtehen geblieben, er blickte den Vagabund ſcharf an. — v in eit Ein darübel. Menſche So ſich jeß D „— auf irt hatte 6 den N Und n De Plan und K daran heit zu ermor Leute Baun Aber Baro herot eund des dten und Reten er n Zeit zu ne Geſicht .„WVart trieb es, ten, denn ciscd aus⸗ ie ich nicht der Leiche, rden ſein. l fanden, ſei, Ales verteufelt nicht aus, er Gedanke dem Todten bedachte ich ich lenken.“ äre ich am Zell ver⸗ demſelben Vagabund —— „Habt Ihr eine Ahnung davon, wer der Mörder war?“ fragte er in einem ſeltſamen Tone, daß Bender betroffen aufſchaute. Ein heiſeres Lachen war die Antwort Florians. „Ich errathe Eure Gedanken,“ erwiderte er,„und ich lache darüber. Meine Hand iſt drüben rein geblieben, ſie hat kein Menſchenblut vergoſſen.“ So nahe der Verdacht auch gelegen hatte, Wortmann ſchämte ſich jetzt desſelben. „Davon iſt ja keine Rede,“ ſagte er,„ich frage nur, ob Ihr auf irgend Jemand einen Verdacht geworfen habt.“ „Wie kann ich das? Die Spuren des Mörders aufzuſuchen, hatte ich keine Zeit.“ „Vielleicht war's der Freund, von dem Ihr vorhin ſpracht.“ „Es kann ſein, aber es iſt auch möglich, daß dieſer Freund den Mörder verfolgte, ich will auf Niemand Verdacht werfen. Und wer wollte und könnte jetzt noch den Fall unterſuchen?“ Der Verwalter ſchritt wieder auf und ab, er ſchien über einen Plan nachzudenken, und es fiel ihm offenbar ſchwer, Ordnung und Klarheit in das Chaos ſeiner Gedanken zu bringen. „Die Familie von Oſthofen würde natürlich ein Intereſſe daran haben, ſich über das, was Ihr da berichtet habt, Gewiß⸗ heit zu verſchaffen,“ ſagte er nach einer Weile. „Pah, wer will ſie ihr geben? Wenn in Californien Einer ermordet wird, dann kräht kein Hahn weiter danach. Fremde Leute ſcharren ihn ein, und wenn's hoch kommt, machen ſie aus Baumzweigen ein Kreuz und ſetzen es auf's Grab.“ „Ihr müßtet mit hinüber, um die Unterſuchung zu leiten. Aber, ich rede da dummes Zeug,“ fuhr Wortmann fort,„der Baron iſt ja von drüben zurückgekehrt, und daraus geht deutlich hervor, daß er nicht ermordet wurde.“ Der Vagabund ſchüttelte den Kopf. „Iſt es wirklich der Baron Edmund?“ fragte er. „Wer ſollte es ſonſt ſein?“ „Ich weiß es nicht, aber ich laſſe mir nicht ausreden, daß ich die Leiche geſehen hab.“ „Das läßt ſich ja auch erklären. Der Baron war bewußtlos und ſchwer verwundet, Ihr habt Euch nicht die Zeit genommen, Der Baſtard. 21 die Wunde zu unterſuchen. Barmherzige Samariter haben ſich des Verwundeten angenommen, und als er wieder hergeſtellt war hat er ſich nach Europa eingeſchifft. Auf dem Schmerzenslager 3 mag er der Heimath gedacht haben die Sehnſucht nach ihr iſt in ihm erwacht, ich finde das ſo natürlich, daß es mir unnütz chent, weitere Worte darüber zu verlieren.“ „Und ſagt, was Ihr wollt, ich kann's nicht glauben!“ 1„Dann bleibt nichts weiter übrig, als durch den Aügenſchein 3 Euch zu überzeugen.“ „Daß ich das thun werd', verſteht ſich von ſelbſt. Ich gehe noch heute Abend in's Schloß, will doch ſehen, obs der richtige Baron iſt, und wenn er's iſt, donn ſorgt er auch für mich.“ Bender hatte bei den letzten Worten ſich erhoben, der Aus⸗ 3 druck ſeines Geſichts zeugte von feſter Entſchloſſenheit. Wortmann war vor ihm ſtehen geblieben, ſein ſtechender Blick ruhte durchdringend auf ihm. „Wollt Ihr meinem Rathe folgen?“ fragte er. „Wenn er gut iſt, weshalb nicht?“ „Dann thut nichts, ohne zuvor mit mir geſprochen zu haben. Es kann ſein, daß Ihr ſtatt des Barons einen Anderen findet iſt das der Fall, dann wird dieſer Andere vor keinem Mittel - zurückbeben, um ſeinen Zweck zu erreichen, und Ihr thut deshalb wohl—“ „Ich verſtehe ſchon,“ nickte Bender,„wollt auch Euren An⸗ theil haben, jenachdem's ausfällt! „Davon rede ich nicht, Florian—“ „Aber Ihr denkt daran, und ich nehm's Euch nicht übel Wo Holz gehauen wird, fallen Späne, und Ihr wart immer ein kluger Mann, der ſeinen Vortheil zu wahren gewußt hat.“ „Die Dinge liegen hier doch anders,“ erwiderte Wortmann achſelzuckend,„ich wollte Euch nur warnen und mich mit Euch verbünden, um die Wahrheit an den Tag zu bringen. Ich thue das nicht in meinem Intereſſe, ſondern im Intereſſe der Familie, der ich diene. Alſo macht Euren Beſuch im Schloſſe, aber ver— rathet nicht, daß Ihr mir ſchon Bericht erſtattet habt, und iſt der Majoratsherr ein Anderer, dann droht ihm nicht, kommt zu mir, wir wollen alsdann weiter berathen.“ Der Vagabund dachte eine Weile nach, dann nickte er zum ſimmen De ric. ſhwank zun S Ba ſomme Er Klera riſe i B mäche doch! ſchmer hracht 8 — die u gang erſch leere herzel 7 Tone ben ſic Jeſtelt vn nerzenslager nach ihr f Mir unnütz Augenſchen der richtige t nich.“ der As⸗ chender Blick eren findet em Mittel hut deshalb Furen An⸗ nicht übel rt immer ein that.“ ich mit Euch ober ver⸗ bt, und iſt t, komnt zu ickte er zum ſtimmend, und der Verwalter gab auch ihm bis zur Hausth ür das Geleite. „Den Weg werdet Ihr noch kennen,“ flüſterte Wortmann, „ſobald Ihr das Schloß wieder verlaſſen habt, kommt zu mir zurück.“ „Je nachdein!“ brummte der Vagabund, dann ging er mit ſchwankenden Schritten auf den Park zu, durch den der Weg zum Schloſſe führte. 15. Kapitel. Große Jeute, kleine Schwächen. Baron Bruno war abgereiſt, ohne von Klara Abſchied ge⸗ nommen zu haben. Er konnte ihr ſo raſch die Niederlage nicht verzeihen, und Klara hatte das jedenfalls gefühlt, ſie erſchien erſt nach der Ab⸗ reiſe ihres Vetters im Familienzimmer. Baron Udo und deſſen Gattin hatten ſich in ihre eigenen Ge⸗ mächer zurückgezogen, der Abſchied von dem Sohne war ihnen doch nahe gegangen, und in dieſer Stunde empfanden ſie tief und ſchmerzlich die Aenderungen, welche die letzte Zeit ihnen ge⸗ bracht hatte. Baroneſſe Adelaide konnte die Thränen nicht zurückdrängen, die unaufhaltſam ihr in die Augen ſtiegen, der Blick in die Ver⸗ gangenheit war trüb und troſtlos, und noch trüber und troſtloſer erſchienen ihr Gegenwart und Zukunft. Baron Udo redete vergeblich Worte des Troſtes, was galten leere Worte gegenüber den brennenden Wunden, die dem Mutter⸗ herzen geſchlagen waren. „Er wird zurückkehren,“ ſagte der Baron in ermuthigendem Tone,„wir müſſen uns gedulden, Adelaide, verloren iſt er uns nicht.“ 24 „Und gerade das fürchte ich,“ erwiderte ſie, die ſchönen Augen tieftraurig zu ihm aufſchlagend,„Bruno hat keinen feſten, gedie⸗ genen Charakter.“ „Wir müſſen von den Eindrücken, die er draußen empfangen wird, das Beſte hoffen.“ „Und wenn es nun ſchlechte Eindrücke ſind?“ „So wollen wir darauf vertrauen, daß er ihnen keinen Ein⸗ fluß auf ſein Denken und Handeln geſtattet. Eben deshalb wäre es für mich beruhigend geweſen, wenn Klara ihm Herz und Hand zugeſagt hätte, ihm würde das ein Leitſtern geweſen ſein. Ich halte an der Hoffnung, daß mein Wunſch in Erfüllung gehen wird, noch immer feſt; wenn Bruno glaubt, der Maler Roden⸗ berg ſtehe zwiſchen ihm und ihr, ſo iſt das eine unbegründete Vermuthung, die für mich gar keinen Werth hat. Klara iſt zu ſtolz, um ſich an einen Bürgerlichen fortzuwerfen—“ „Und wenn ſie es thäte, Udo, wenn dieſer Maler ihre Liebe gewänne, wer wollte ihr zürnen, folgte ſie der Stimme ihres Herzens!“ „Adelaide, dieſe Anſchauung—“ „Du theilſt ſie nicht, ich weiß es, aber ich finde ſie vernünf⸗ tig und gerecht. Die ſchroffen Vorurtheile der Stände haben das Glück unzähliger Menſchenherzen vernichtet—“ „Und dann trugen die Betreffenden ſelbſt die Schuld,“ unter⸗ brach Baron Udo ſie,„dieſe Vorurtheile waren ihnen bekannt, ſie hätten die Folgen vorausſehen können. Klara denkt darüber vernünftiger und ernſter, ihre Theilnahme für den Maler ent⸗ ſpringt nur einem menſchlichen Gefühle, und deshalb ſollte Bruno ſich nicht beunruhigen.“ Die Stirne leicht in Falten gezogen ſtand er am Fenſter und blickte ſinnend hinaus, Baroneſſe Adelaide wiegte tief auf⸗ ſeufzend das Haupt. „Ich würde es leichter tragen, wenn Cäcitie noch lebte,“ ſagte ſie leiſe. „Du mußt endlich vergeſſen, Adelaide!“ „Ich kann es nicht.“ „Meinetwegen und Bruno's wegen mußt Du es, dieſes ewige Foltern der Seele reibt Dich auf. So tiefe Wunden auch jenes Ereigniß Deinem Herzen geſchlagen hat, auch ſie werden und müſſe reißt. Helr herm feber den geſtat Grab verſo geth e en, gedie enpfangen inen Ein⸗ und Hud ing gehen er Roden⸗ begründele ara iſt zu hre Liebe ne hres vernünf⸗ aben das unter⸗ beannt, i Fenſter e, ſagte ſes ewige uch jenes iden und müſſen vernarben, wenn man nicht ſelbſt ſie immer wieder auf— reißt. Cäcilie iſt todt, daran kann ja Niemand zweifeln, der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn ſei gelobt!“ „In alle Ewigkeit!“ flüſterte die Baronin, die Hand auf das fieberhaft pochende Herz preſſend.„Ich würde ruhiger ſein und den Schmerz in meinem Innern gebieten können, wenn es mir geſtattet wäre, am Grabe des geliebten Kindes zu beten und den Grabhügel mit Blumen zu ſchmücken. Auch dieſer Troſt iſt mir verſagt, Du ahnſt nicht Udo, welcher Troſt für mich darin läge.“ „Ich glaube es Dir ja gerne. Aber habe ich denn nicht Alles gethan, um ihn Dir zu verſchaffen?“ „Gewiß, ich gebe es zu und mache Dir keinen Vorwurf.“ „Ich kann den Waldſee nicht völlig ablaſſen, die Quellen, aus denen er geſpeiſt wird, füllen ihn immer wieder, und einzelne Tiefen in ihm ſind nicht trocken zu legen.“ „Dennoch hätte man die Leiche finden müſſen.“ „Müſſen? Nein, Adelaide, ich habe Dir oft geſagt, weshalb ich dieſ es Müſſen nicht anerkennen kann, und es betrübt mich tief daß Du trotzdem an dieſe Anſicht Dich klammerſt.“ „Verzeihe mir, Udo, ich kann nicht anders. Ich muß Dir immer und immer wieder ſagen, daß eine Ahnung mir zuflüſtert, meine Cäcilie ſei nicht todt.“ „Ahnungen ſind Phantasmagorien, die uns durch eine krank⸗ hafte Ueberreizung der Nerven vorgeſpiegelt werden.“ „Denke darüber, wie Du willſt,“ erwiderte die Baronin, deren ſchönes Antlitz noch bleicher geworden war,„ich habe 5 Ereigniß vorausgeahnt, und meine Ahnungen ſind bisher faſt immer eingetroffen. Ich weiß ſchon jetzt, daß uns eine Kata⸗ ſtrophe bevorſteht, die eine nikhe Umgeſtaltung unſerer Ver⸗ hältniſſe zur Folge haben wird.“ „Und worauf gründeſt Du dieſe Ahnung?“ „Auf die Rückkehr Deines Bruders.“ „Du ſürchteſt einen Bruch mit ihm?“ „Das würde mich nicht ſo ſehr beunruhigen. Eure Charaktete ſind zu verſchieden, als daß dieſer Bruch vermieden werden könnte, und ſo ſehr es mich auch ſchmerzen wird, dieſes Haus verlaſſen zu müſſen, wird drum doch keine Klage über meine Lippen — 326— kommen, ich weiß ja, daß wir Beide überall eine Heimath finden werden, ſo lange Du bei mir biſt.“ Bewegt legte Baron Udo ſeinen Arm um den Nacken der Gattin. „Du liebes, gutes Weib!“ ſagte er, ſie auf die Stirne küſ⸗ ſend.„Aber wenn Du dies nicht fürchteſt, was fürchteſt Du dann?“ „Ich weiß es nicht, Udo!“ „Thörichtes Herz, was könnte Dich ſo ſehr erſchrecken?“ „Ich würde Dich betrüben, wenn ich meine Gedanken aus⸗ ſprechen wollte.“ „Wie wäre das möglich!“ erwiderte Baron Udo kopfſchüttelnd. „Wir haben doch niemals Geheimniſſe vor einander gehabt!“ „Wie urtheilſt Du über Deinen Bruder?“ „Er iſt noch ganz der Alte, der er früher war. Herrſchſüchtig und rückſichtslos, nur für ſein eigenes Ich intereſſirt. Ich glaubte wirklich in den erſten Tagen, die Beziehungen zwiſchen uns wür⸗ den ſich freundlich geſtalten, Edmund äußerte den Vorſatz, mir das Majorat zu übertragen, und wenn er auch ſpäter nicht wie⸗ der darauf zurückkam, ſo ſchien doch Alles beim Alten bleiben zu ſollen. Die Verwaltung blieb gewiſſermaßen in meinen Händen, Edmund kümmerte ſich wenigſtens gar nicht darum, aber ohne daß ich es ahnte, benutzte er die Zeit, um ſich in Feld und Wald umzuſchauen und über Alles ſich zu orientiren.“ „Und das haſt Du erſt jetzt erfahren?“ „Ich erfuhr es nach und nach durch Andeutungen, welche die Arbeiter mir machten, aber ich ſah darin noch immer nichts Auf⸗ fallendes, bis das herriſche Auftreten Edmunds mich über ſeine Abſichten belehrte.“ „Und beunruhigt Dich das nicht?“ „Nein, Adelaide, ich bin ja darauf gefaßt, daß wir dem Ma⸗ joratsherrn weichen müſſen. Und meine Anſicht darüber glaube ich ſchon vor dem Eintreffen Edmunds ausgeſprochen zu haben Edmund iſt hier der Gebieter, und ſobald es mir fühlbar wird, daß wir neben ihm nur noch geduldet ſind, werde ich keinen Augenblick zögern, den Schritt zu thun, zu dem die Achtung vor dem eigenen Ich mich nöthigt.“ „Und dann wird hier ein Leben beginnen, wie es in dieſem Huſe Aus bare! nicht Be lunger ſagte hindu laſſer ſein mit gelo dieſ went Anle Bli —————————— ——— math fnden Hauſe noch nicht geführt worden iſt,“ erwiderte die Baronin. Aus den Augen Deines Bruders leuchtet eine wilde, unbezähm⸗ Nacken der hare Leidenſchaft, und ſchon ſind Geſtalten hier erſchienen, die mir litne kin nicht gefallen wollen.“ chteſt Du Baron Udo blickte ſeine Gattin fragend an, weitere Mitthei⸗ lungen mit ſichtbarer Spannung erwartend.“ ſe„Du denkſt an ſeine Verbindung mit dem Bankier Becker,“ ſagte er, leicht die Achſeln zuckend.„Ich gebe zu, daß dieſe Ver⸗ bindung unnöthig war, aber ich muß das ſeinem Ermeſſen über⸗ laſſen, er ſichert ſich dadurch eine ſtets gefüllte Kaſſe, und es mag ſchüttelnd. eein, daß er dabei beſondere Abſichten hegt. Auffallend iſt es habt!“ mir nur, daß er den Bankier und deſſen Tochter auf heute ein⸗ geladen hat, ich denke vergeblich darüber nach, welche Abſicht dieſer Einladung zu Grunde liegen mag.“ rſchſücht 3 Si„Es ſind die Abſichten eines Abenteurers, Udo.“ uns wür⸗„Inwiefern?“ nſ nr Dein Bruder will dem Bankier das Gut zeigen, ihn auf den nicht wie⸗ Werth ſeines Beſitzthums aufmerkſam machen, un ihn ſpäter, bleien zu wenn die Verhältniſſe es wünſchenswerth machen, raſcher zu einer nHänden, Anleihe bewegen zu können.“ aber ohne Der Baron hatte die Brauen hoch hinaufgezogen, in ſeinem Feld und Blick ſpiegelte ſich wachſendes Erſtaunen. „Daran hatte ich wirklich noch nicht gedacht,“ ſagte er,„aber ich beuge mich vor Deinem Scharfblick, den ich bewundere. Ja welche die ſo mag es ſein, aber was kann ich daran ändern! Ich werd nichts Auf⸗ nicht zugegen ſein, wenn mein Bruder dieſen Bankier em pfängt das mag ihm beweiſen, daß meine Anſchauungen mit den ſeinigen nicht übereinſtimmen. Weiter kann ich nichts thun. Und was ſoll ſeine Tochter hier? Weshalb hat er auch ſie eingeladen?“ den Le⸗.„Sprach er nicht mit Klara darüber? Sagte er ihr nicht, es iet gule ſei ſein Wunſch, daß ſie die Tochter des Bankiers lerne und ſich mit ihr befreunde? Die Abſicht liegt klar auf der Hand. Durch dieſe Herablaſſung will er ſich den Bankier zu Dank ver⸗ 5 nird pflichten, es ſind Mittel, die zur Erreichung des Zweckes dienen ich keinen ſen chtung vot„Und wird Klara den Wunſch ihres Vaters erfüllen?“ Die Zeit wird es lehren, Udo.“ „Faſt möchte ich es glauben“ ſagte der Baron, unmuthig die — 328— Brauen zuſammenziehend,„hat ſie doch auch der Abneigung ihres Vaters gegen Bruno Gehör gegeben! Ich weiß nicht, was Ed⸗ mund gegen unſeren Sohn hat—“ „Die Abneigung iſt eine gegenſeitige,“ erwiderte die Baronin „Du wirſt Dich noch erinnern, wie unhöflich Bruno den heim⸗ kehrenden Majoratsherrn empfing. Bruno kann ihm kein Zu⸗ trauen ſchenken—“ „Und findeſt Du das nicht natürlich?“ fiel Baron Udo ihr in's Wort.„Hat die unerwartete Heimkehr des Verſchollenen nicht Bruno um alle ſeine Hoffnungen betrogen? Uns mußte Edmund darauf nicht vorbereitet ſein? Wir ſind ihm herzlich entgegengekommen, von Bruno aber konnte er dieſes Entgegen— kommen nicht erwarten.“ „Und deßhalb haßt er ihn,“ ſagte Baroneſſe Adelaide „Dieſer Haß hat Bruno von hier fortgetrieben, er wird auch uns aus dem Hauſe Deiner Väter vertreiben.“ „Nicht der Haß thut's, ſondern das Geſetz, welches dem älteſten Sohne das Majorat zuſpricht, und gegen das Geſetz können wir nicht opponiren, wir müſſen uns fügen.“ Wieder entrang ſich ein ſchwerer Seufzer der Bruſt der Baronin, und ein trüber Schatten glitt über ihre hohe, weiße Stirne. „Alles das würde mich nicht ſo ſehr beunruhigen,“ erwidert⸗ ſie,„etwas Anderes iſt es, was bange Ahnungen in mir weckt Ich ſprach vorhin von Geſtalten, die mir nicht gefallen wollen Geſtern Abend begegnete mir eine ſolche Geſtalt im Korrido! Joſeph begleitete ſie, ich habe mich noch nicht weiter danach er kundigt, und ich fürchte auch, daß ich nichts Angenehmes erfahre: werde.“ Baron Udo blickte fragend auf. „Was war's?“ ſagte er. „Ein zerlumpter Menſch, ein richtiger Vagabund, vor den ich erſchrack. Joſeph führte ihn in das Zimmer Deines Bruders der Mann ſchien ſogar betrunken zu ſein—“ ſei „Da werde ich doch einmal ſelbſt mich erkundigen,“ ſagte der Baron haſtig, indeß er an der Glockenſchnur zog,„ſo ganz gleich gültig iſt es mir doch nicht, wer hier aus und eingeht, ſo lange ich im Schloſſe wohne.“ ſchien n ſene m „Pe Baron Die Fl erwider 9 nehr wieder ſ den 2 ſproch Ham verſe und wohl oft u iſt es ſch dara In der nächſten Minute trat ein alter Diener ein, auch er ſchien mit den ſtattgehabten Aenderungen nicht zufrieden zu ſein ſeine mürriſche Miene ließ es vermuthen. „Wer war geſtern Abend bei dem Majoratsherrn?“ fragte Baron Udo. Die Lippen des Dieners umzuckte ein ironiſcher Zug. „Florian Bender, der vor fünfzehn Jahren auswanderte,“ erwiderte er.„Der Mann iſt geſtern heimgekehrt, und wie es ſcheint, galt ſein erſter Beſuch dem Herrn Baron.“ „Nannte er den Zweck ſeines Beſuchs?“ „Nein.“ „Und wie wurde er empfangen?“ „Der Herr Baron ſchien ſehr erſtaunt zu ſein, ich mußte mich ſogleich entfernen.“ „Und wie lange blieb er bei ihm?“ „Ueber eine halbe Stunde, ich habe den Mann ſpäter nicht mehr geſehen, ich hörte nur, wie er die Treppe hinunterſtieg.“ „Hat der Majoratsherr vielleicht Befehl gegeben, ihn nicht wieder vorzulaſſen?“ „Bis zu dieſem Augeublick noch nicht.“ „Es iſt gut,“ ſagte der Baron, indem er mit einem Wink den Diener verabſchiedete, ich will, daß darüber nicht weiter ge⸗ ſprochen wird, verſtanden?“ Joſeph entfernte ſich, der Baron ſchüttelte unwillig das Haupt. „Es wird eine amerikaniſche Bekanntſchaft geweſen ſein,“ verſetzte er,„wenn man mit ſolchen Leuten gemeinſame Gefahren und Strapatzen beſtanden hat, ſo kann mam ihnen ſ wohl die Thüre zeigen.“ päter nicht „Aber es wäre mir zu unangenehm, wenn ich ſolchen Leuten oft unter dieſem Dach begegnete,“ erwiderte die Baronin.„Und iſt es Dir nicht aufgefallen, daß Dein Bruder heute Morgen ſehr ernſt und ſchweigſamer war? Der Abſchied von Bruno trug daran wahrlich keine Schuld, er war ſo kalt und gleichgültig daß es ſogar mich unangenehm berührte.“ „Willſt Du dieſe Einſilbigkeit, die allerdings auch mir auf⸗ gefallen iſt, mit dem geſtrigen Beſuch in Verbindung bringen?“ „Die Erinnerung an dieſen Beſuch drängte ſie mir auf,“ nickte die Baronin. „Nun, warten wir ab, ob Eduard mir mit darüber reden wird. Florian Bender kann ja drüben mit ihm zuſammen⸗ getroffen ſein und ihn auf der Heimreiſe begleitet haben. Wer weiß, vielleicht hat er ihm das Leben gerettet oder in anderer Weiſe ihm einen Dienſt erzeigt, das würde dieſen Beſuch voll⸗ Kändig rechtfertigen.— Da fährt die Equipage des Bankiers vor,— wir werden dieſen Leuten nicht die Ehre erzeigen.“ Der Baron trat raſch vom Fenſter zurück, in demſelben Augenblick ſtieg der corpulente Herr, von ſeiner ſchönen Tochter begleitet, aus dem Wagen. Unter dem Portal trat Baron Edmund ihnen entgegen; er bot der jungen Dame mit einer Verbeugung den Arm und führte tie die breite, elegante Treppe hinauf. Klara erwartete ſie im Empfangsſalon, in welchem ein aus⸗ gewähltes Frühſtück ſervirt war, im erſten Augenblick zurück⸗ haltend, empfing ſie gleich darauf die junge Dame mit herzlicher Freundlichkeit. Der Bankier glaubte offenbar, dem Baron die empfangene Schmeicheleien zurückgeben zu müſſen, er bewunderte Alles, und auch Roſa ließ hie und da einige Worte des Lobes einfließen. Die kleine Geſellſchaft gruppirte ſich um den Frühſtückstiſch, und bald war Roſa mit der Baroneſſe in ein eifriges Geſpräch uber Kunſt und Muſik vertieft. Die Rede kam dabei auch auf den Maler Rodenberg, deſſen herrliches Gemälde mit dem erſten Preiſe gekrönt worden war⸗ und es trug weſentlich zur raſchen Befreundung der beiden Damen bei, daß Roſa nicht nur gediegene Kenntniſſe und ein ſcharſes Urtheil entwickelte, ſondern auch mit den Anſchauungen der Baroneſſe harmonirte. Die Herren hatten ihnen eine Weile ſchweigend zugehört und der Blick des Barons ruhte dabei voll Bewunderung auf der ſchönen Tochter des Bankiers. „Ich denke, wir überlaſſen die Damen ihren geiſtreichen Ge⸗ danken und machen einen kleinen Gang durch das Schloß,“ wandte Baron Edmund ſich endlich zu dem Bankier, und da der letztere nichts d un den Der zend aus ſimnter in den Auszeich gultigen de nen erlegter „D De eine G „6 voraus Bruder taß di etſpri Reit ſigen auch eder hofe Eige Da was auch Herr weich ich 0 mit auf,“ rüber teden zuſammen⸗ ben. Ver in anderer u ul— Bankier eigen.“ demſelben nen Tochter ugegen; er und führte m ein aus⸗ blick zurück⸗ it herzlicher enpfungene Ales, und infließen. ihſtückstiſch, es Geſprich erg, deſſen vorden war, der beiden ſſe und ein nſchauungen gehört und ng auf der treichen Ge⸗ oß,“ wandte det lettere ————— ———————— —— 331 nichts dagegen einzuwenden wußte, erhoben die beiden Herren ſich, um den Salon zu verlaſſen. Der Majoratsherr führte ſeinen Gaſt durch eine Reihe glän⸗ zend ausgeſtatteter Gemächer, dann ſtieg er mit ihm die Treppe mnunter, und am Fuße derſelben angelangt, ſchob er ſeinen Arm in den des Bankiers, aus deſſen Augen die Freude über dieſe Auszeichnung leuchtete. „Den linken Flügel bewohnt mein Bruder“, ſagte er in gleich⸗ gultigem Tone,„Sie werden begreifen, daß die Verhältniſſe, unter denen ich das Majorat übernahm, mir gewiſſe Rückſichten auf⸗ erlegten— „Die Ihnen auf die Dauer läſtig fallen werden“, erwiderte der korpulente Herr, während er von der Terraſſe aus ſeinen Blick über den Garten ſchweifen ließ. Der Baron zog ein Etui aus der Taſche und bot ſeinem Gaſte eine Cigarre an. „Sie könnten Recht haben“, ſagte er,„umſomehr, als ich vorausſehe, daß die Aenderungen, die ich zu treffen gedenke, meinem Bruder nicht gefallen werden. Sie haben wohl ſelbſt gefunden, daß die Einrichtung des Schloſſes dem modernen Geſchmack nicht entſpricht, die alten ſteifen Möbel aus der Zeopfzeit mögen ſeiner Zeit ſehr ſchön geweſen ſein, heute geht man mit einem mitlei⸗ digen Lächeln an ihnen vorbei.“ Aber das können Sie mit leichter Mühe ändern!“ Es gibt auch heute noch Leute, die an dieſen Möbeln Geſchmack finden, ſeder Kunſthändler wird ſie mit Vergnügen Ihnen abkaufen.“ „Mein Bruder würde mir darüber Vorwürfe machen!“ „Verzeihen Sie, ſind Sie nicht der Majoratsherr von Oſt⸗ hofen? Und ſind Sie als ſolcher nicht rechtmäßiger und alleiniger Eigenthümer des Schloſſes und aller dazu gehörenden Ländereien? Da würde ich wirklich nicht viele Bedenken hegen, ich würde thun, was mir gefiele und mich dabei nicht weiter bekümmern ob es auch Anderen gefällt. Setzen wir den Fall, Herr Baron, Ihr Herr Bruder wäre an Ihrer Stelle, würden Sie nicht auch ihm weichen müſſen? Sie könnten ja, ſelbſt wenn Sie es wollten, nicht einmal auf das Majorat verzichten, das Geſetz verbietet es Ihnen.“ „Mir für meine Perſon wohl nicht!“ 332— „Aber für Ihre Kinder hätte dieſe Verzichtleiſtung keine bin⸗ dende Kraft!“ „Für meine Kinder?“ ſagte der Majoratsherr lächelnd. Ich habe nur eine Tochter, und es wird Ihnen bekannt ſein, daß das Majorat nur auf die Söhne vererbt werden kann.“ „Hm, Sie ſind noch ein rüſtiger Herr!“ „Und da meinen Sie, ich könne eine zweite Ehe eingehen? „Wäre das undenkbar?“ Der Baron blickte ſinnend den Rauchwölkchen ſeiner Cigarre nach, dann ſtrich er leicht mit der Hand über die Augen. „Undenkbar nicht, wenn man einer ſo ſchönen liebreizenden Dame, wie Ihrer Tochter, begegnet,“ entgegnete er leiſe, wie in Nachdenken verloren. Der corpulente Herr warf einen verſtohlenen Blick auf ihn, und ein triumphirendes Lächeln glitt flüchtig über ſeine Lippen. „Aber ich fürchte, für mich iſt es dazu doch zu ſpät gewor⸗ den,“ fuhr der Majoratsherr fort, wie aus einem Traume er⸗ wachend,„und überdies habe ich wirklich keine Zeit, mich damkt zu beſchäftigen. Ich muß hier eine andere Ordnung einführen, denn unter uns geſagt, liebſter Commerzienrath, das Gut iſt eine Goldgrube, wenn man's nur richtig zu verwalten weiß.“ „Ich glaube Ihnen das ſehr gerne.“ „Und Bruder hat das ſo wenig verſtanden, wie ſein Verwalter.“ „So würde ich den Peiwaſte entlaſſen.“ „Thue ich das, ſo muß ich ihm eine namhafte Penſion zahlen.“ „Beſſer dies, als—“ „Nein, nein, ich habe keine Luſt, einen Diener, dem ich keinen Dank ſchulde, bis an ſein Lebensende zu anterhalten. Ich werde ſelbſt die Verwaltung des Gutes übernehmen, und wenn das dem alten Manne nicht gefällt, ſo mag er gehen. Hat er Ihne ſchon Geld überliefert?“ „Noch nicht.“ 1 Sl* „Hm, die Kaſſe wird leer ſein, man hat ſich vor meiner Heim⸗ kunft vorgeſehen, ſagte der Baron mit ſchneidendem Hohn„man konnte ja nicht vorauswiſſen, ob ich auf die Verhältniſſ Jüc⸗ ſicht nehmen werde Ich muß mich darin fügen, eine würd nit einer de nich id in d h wwiderte beſtimn Auge „ nſchlag ſchlag zw winde di ja nicht erfährt. alleiniger „Du „Nn wünſchte jihrlice zahlen,“ ob er füt habe mit hundlun ich, do einigen. als wen joratshl als ein jene S einen 2 dieſe G men, o heit di W Ihnent De V wieder ig keine hin⸗ cheln S S vh gen. ſj liebreienden eiſe wie ir 0 m ich keinen — 333— würde nichts ändern. Da werde ich mich wohl genöthigt ſehen, mit einer Anleihe bei Ihnen anzufangen.“ Er ſtützte ſich auf die Balluſtrade der Terraſſe und blickte ſin⸗ nend in die Ferne hinaus. „Ich habe Sie bereits gebeten, über meine Kaſſe zu verfügen,“ erwiderte der corpulente Herr.„Sie brauchen nur die Summe zu beſtimmen—“ „Augenblicklich kann ich das nicht, ich muß zuvor einen Koſten⸗ anſchlag machen. Ich komme dabei nochmals auf meinen Vor⸗ ſchlag zurück, Ihnen hypothekariſche Sicherheit zu geben, mir würde die Annahme desſelben zur Beruhigung dienen, und es iſt ja nicht nöthig, daß ein Anderer außer uns Beiden etwas davon erfährt. Wie geſagt, ich gebrauche viel Geld. Ich will hier alleiniger Herr ſein und in allen Dingen freie Hand haben.“ „Das finde ich begreiflich!“ „Nnn aber würde ich, wenn ich hier allein zu wohnen wünſchte, mich genöthigt ſehen, meinem Bruder entweder eine jährliche Rente, oder ein dieſer Rente entſprechendes Kapital zu zahlen,“ fuhr der Majoratsherr mit gedämpfter Stimme fort, als ob er fürchte, daß die Unterredung belauſcht werden könne.„Ich habe mit Udo darüber noch nicht geſprochen, aber nähere Unter⸗ händlungen werden wohl bald ſtattfinden müſſen und es iſt mög⸗ lich, daß wir uns ſofort über die Höhe der Abfindungsſumme einigen. Sie wird jedenfalls fünfzigtauſend Thaler, eher mehr, als weniger betragen, und da ich keinen Fußbreit von dem Ma⸗ joratsgute verkaufen darf, ſo bleibt mir nichts Anderes übrig, als ein Kapital gegen hypothekariſche Sicherheit aufzunehmen, um ſene Summe zu decken. Und da möchte ich mich nicht gerne an einen Anderen wenden.“ „Wozu auch!“ ſagte der Bankier raſch.„Wollen Sie mir dieſe Sicherheit geben, ſo werde ich Ihr Anerbieten gerne anneh⸗ men, obgleich ich es überflüſſig halte, und auf meine Verſchwiegen⸗ heit dürfen Sie natürlich vertrauen.“ „Ich danke Ihnen, Herr Commerzienrath.“ „Was iſt da zu danken! Es ſind Geſchäftsſachen, und ich muß Ihnen danken für das Vertrauen, mit welchem Sie mich auszeichnen.“ Der Baron ſchien dieſe Worte nicht gehört zu haben, er war wieder in Gedanken verloren. „Es wird hier wohl ein anderes Leben beginnen,“ ſagte er, „die Barone von Oſthofen find in der feinen Welt vergeſſen, man muß dem alten, berühmten Namen neuen Glanz verleihen. „Und das hat Baron Udo von Oſthofen nicht verſtanden, erwiderte der Bankier,„er lebte ſehr einfach und zurückgezogen—“ „Es liegt nicht in ſeinem Charakter. Vielleicht würde ſein Sohn es ſpäter übernommen haben, das Wappen Derer von Oſthofen neu zu vergolden“ „Fällt nicht an ihn ſpäter das Majorat?“ „Wenn ich ohne männliche Erben ſterbe, allerdings.“ „Das wäre für mich ein drückender Gedanke!“ „Das Geſetz beſtimmt es einmal ſo—“ „Aber man kann dieſen Beſtimmungen vorbeugen, Herr Baron!“ Der Majoratsherr zuckte die Achſeln, ein bedeutſames Lächeln glitt über ſein wettergebräuntes Antlitz. „Vielleicht reden wir ſpäter näher darüber,“ ſagte er,„ich habe wirklich noch nicht darüber nachgedacht. Wir ſind alſo einig, Herr Commerzienrath?“ „Vollkommen,“ erwiderte der corpulente Herr, deſſen rundes Antlitz ſtrahlte,„ich erwarte nun Ihre Befehle!“ „Und wann wird es Ihnen genehm ſein, den notariellen Theil unſeres Vertrags zu erledigen?“ „Wann Sie es wünſchen?“ „Gut, wir wollen nun zu den Damen zurückkchren. Viel⸗ leicht beſuche ich Sie ſchon morgen, um alles Weitere feſtzuſteller und zu ordnen.“ Der Bankier nickte zuſtimmend, und die beiden Herren gin⸗ gen in das Schloß zurück. Als ſie in den Empfangſalon traten, fanden ſie Willy bei den Damen, das Portrait Klara's ſtand in der Nähe des Fenſters auf einem Stuhle, und während Klara erglühend in ſtummem Schweigen die leuchtenden Augen auf ihm ruhen ließ, erſchöpfte Roſa ſich dem Maler gegenüber iu Lobeserhebungen, die auch ihm das Blut in die Wangen trieben. Der Majoratsherr ſchritt auf Willy zu und reichte ihm die Hand. „Willkommen!“ ſagte er.„Sie haben mir dadurch, daß Sie Wort halten, eine recht große Freude bereitet, und auch Dir, nicht wahr, Klara?“ Die dankbare tor o „Gel Inen d. Der Vily g zu beme ringſchä deuten Abe doch nic tes Lob weſende Gönner Vill davon Der ihn an, „Un werden nit jen zaubert Schöpf Grund reits an ihr Salon junge hatte. Zögern 70 wir la der Be der he — —— 335 Die Baroneſſe ſchlug die tiefblauen Augen auf, und ein voller, dankbarer Blick traf aus ihnen den Maler, deſſen Pulſe hör— bar pochten. „Gewiß,“ erwiderte ſie mit warmer Herzlichkeit,„ich danke Ihnen dafür aus vollem Herzen.“ Der Baron ſtellte jetzt den Maler dem Bankier vor, und Willy glaubte in dem Geſicht des corpulenten Herrn einen Zug zu bemerken, der ihn unangenehm berührte. Es lag etwas Ge⸗ ringſchätzendes darin, es ſchien faſt, als ob der reiche Herr an— deuten wolle, die Geſellſchaft des Malers behage ihn nicht. Aber wie dem auch ſein mochte, Herr Auguſt Becker konnte doch nicht umhin, das Portrait zu betrachten und ein volles ungetheil⸗ tes Lob zu zollen, er that es vielleicht nur deshalb, um die An⸗ weſenden glauben zu machen, daß er ein gediegener Kenner und Gönner der Kunſt ſei. Willy blieb bei dieſer Schmeichelei kalt, er wußte, was er davon zu halten hatte. Der Majoratsherr reichte ihm ein volles Glas und ſtieß mit ihm an, indem er ihn nochmals herzlich willkommen hieß. „Und darf ich hoffen, daß Sie nun auch den Wunſch erfüllen werden, den ich früher zu äußern mir erlaubte?“ fragte Klara mit jenem Lächeln, welches den jungen Mann ſchon ſo oft be⸗ zaubert hatte.„Wir wünſchen ja nichts weiter, als einige Schöpfungen von Ihrer Meiſterhand zu beſitzen, und aus dieſem Grunde bedauern wir ſehr, daß Ihr preisgekröntes Gemälde be⸗ reits verkauft iſt.“ Willy verbeugte ſich leicht, und jetzt glaubte auch der Bankier an ihn die Bitte richten zu müſſen, ihm ein Gemälde für ſeinen Salon zu liefern. „Ich muß dieſen Auftrag dankend ablehnen,“ erwiderte der junge Mann, der jenen! geringſchätzenden Zug noch nicht vergeſſen hatte.„Bände mich nicht ein Verſprechen, ſo würde ich ohne Zögern die Reiſe nach dem ſonnigen Italien antreten.“ „So groß auch Ihr Sehnen nach jenem Lande ſein mag, wir laſſen Sie nicht ziehen,“ ſcherzte der Majoratsherr, während der Bankier die Achſeln zuckte, als ob er ſagen wolle, es gebe der berühmten Maler vwMe in der Welt, und er begreife nicht —— daß man auf die Schöpfungen dieſes Mannes ſo großen Werth lege.„Wie lange darf ich Ihre Zeit in Anſpruch nehmen?“ „Es fragt ſich, welches Bild Sie wünſchen!“ „Wollen Sie uns nicht mit mehreren beglücken?“ Ich kann das noch nicht verſprechen. Laſſen Sie mich mit einem beginnen, und wenn Sie es wünſchen, male ich für Sie das Seitenſtück zu jenem Gemälde, welches den Preis erhalten hat.“ „Einverſtanden!“ ſagte Klara heiter. „Halt!“ rief der Baron, während er das Glas Willy's wie⸗ der füllte.„Damit begnüge ich mich nicht. Ich trage mich mit dem Plane, dieſes Schloß im Innern gänzlich umzugeſtalten, es würdiger und vor allen Dingen künſtleriſch auszuſtatten. Dazu bedarf ich des Rathes eines Künſtlers, und ich hoffe, Sie werden mir dieſen Rath nicht vekweigern.“ „Es würde dabei nur die Frage entſtehen, ob unſere An⸗ ſchauungen miteinander harmoniren,“ erwiderte Willy ruhig. „Ich werde mein Urtheil gerne dem Ihrigen unterwerfen.“ „Das dürfen Sie nicht, wenn meine Anordnungen nicht Ihren Beifall finden, ſo—“ „Das ſteht wohl nicht zu befürchten, Herr Rodenberg,“ ſagte Klara, die ſchönen Augen wieder zu ihm aufſchlagend, deren Zauber er nicht widerſtehen konnte.„Und ſo ſchließe ich mich der Bitte meines Vaters an, wenngleich mir auch von der beab⸗ ſichtigten Umgeſtaltung bis jetzt noch nichts bekannt war.“ Der Bankier traf Anſtalten, aufzubrechen, er hatte bereits ſeiner Tochter einen Wink gegeben, und die Frage des Majorats⸗ herrn, ob Fräulein Roſa ihm nicht die Ehre erzeigen wolle, zum Diner zu bleiben, wurde unter ſcheinbar triftigen Vorwänden dankend abgelehnt. „Sie mußte ihm das Verſprechen geben, bald wieder zu kommen und zwar zu einem längeren Beſuche um den Freund⸗ ſchaftsbund mit Klara feſter zu ſchließen, und Baroneſſe Klara verſprach ebenfalls, die Freundin beſuchen zu wollen, um die Kunſtſchätze zu bewundern, von denen ihr Vater ihr ſo viel er⸗ zählt hatte. Der Bankier und ſeine Tochter ſchieden im herzlichſten Ein⸗ vernehmen aus dem Schloſſe, und bald darauf nahm auch Willy „Un „P entſprie „Un „De „Es zu entd viel koſt D U „ ſtimme „ „ ruhig. geben nußt mehr S ment „ zärtlie zu ve mich nit s echalten age nich nit atten. JDe. Dazu 62 — ₰= — —9 S S berg,“ ſagte gend, deren eße ich mich der beab⸗ hatte beteits des Maorats⸗ n wolle, zum Vorwänden d wieder zu den Freund⸗ oneſſe Klara en, um die r ſo viel er⸗ zlchſten Ein⸗ m auch Pilh Abſchied, der durch das Zuſammentreffen mit dem corpulenten Herrn zu unangenehm berührt worden war. Der Majoratsherr befand ſich jetzt wieder mit ſeiner Tochter allein. Er ſtand vor dem Portrait und betrachtete es lange, dann zündete er eine Cigarre an. „Aber Papa, in dieſem Salon iſt niemals geraucht worden!“ ſagte Klara ſcherzend, als die erſten Rauchwölkchen aufſtiegen. „Was liegt daran!“ erwiderte er achſelzuckend.„Ich ſagte Dir ja ſchon, daß ich hier Alles umgeſtalten wolle.“ „Und weshalb das?“ fragte Klara er vartungsvoll. „Weil die Ausſtattung des Schloſſes meinem Geſchmack nicht entſpricht.“ „Und was entbehrſt Du?“ „Das Schöne, die Kunſt!“ „Es iſt wahr, in manchen Gemächern iſt von Kunſt wenig zu entdecken, aber das Alles umzugeſtalten, würde viel, ſehr viel koſten.“ „Das ſchreckt mich nicht zurück.“ „Und was wird Onkel Udo dazu ſagen?“ „Mein liebes Kind, ſollen wir uns von ſeinem Urtheil be⸗ ſtimmen laſſen?“ 1 „Aber Papa, Onkel Udo—“ „War vor mir Majoratsherr von Oſthofen,“ ſagte der Baron ruhig.„Nun bin ich es, und mein Wille iſt hier allein maß⸗ gebend. Du mußt Dich an dieſe Aenderung gewöhnen, Klara, mußt Dich endlich damit vertraut machen, daß Du hier nicht mehr die Geduldete, ſondern die Gebieterin biſt.“ Starr blickte Klara den Vater an, ſie ſchien im erſten Mo⸗ ment den Sinn ſeiner Worte nicht zu verſtehen. „Onkel Udo und Tante Adelaide haben ſich meiner mit der zärtlichſten Elternliebe angenommen,“ erwiderte ſie. „Und dafür bin ich ihnen gewiß dankbar, aber—“ „Aber, lieber Vater?“ „Dieſer Dank verpflichtet mich doch nicht, auf meine Rechte zu verzichten.“ „Das wird Niemand von Dir fordern.“ Der Baſtard. b PO — 338— „Alſo muß auch mein Wille hier allein maßgebend ſein.“ „Zwingt Dich das, hart gegen Onkel Udo zu ſein?“ Der Baron ſah ſeine Tochter befremdet an, in dieſem Blick ſpiegelte ſich ein leiſer Vorwurf. „Wie kannſt Du behaupten, daß ich es ſein wolle?“ erwiderte er.„Ich laſſe ihm ja ſeinen freien Willen, ſelbſt wenn ſeine Anſichten mich verletzen, trete ich ihnen nicht entgegen. Hat er ſich nicht geweigert, meinen Bankier zu empfangen? Es ärgert ihn, daß ich dieſe Verbindung angeknüpft habe, und doch mußte ich es aus Gründen, die ihm ſelbſt einleuchten werden, wenn er ernſtlich über ſie nachdenken will.“ „So ſehr übel kannſt Du ihm das nicht nehmen,“ ſagte Klara,„jede Aenderung, die hier getroffen wird, muß ihn ja ſchmerzlich berühren.“ „So hätte er mich nicht zurückrufen ſollen! Entweder bin ich hier der Gebieter, und dann muß mein Wille auch allein maß⸗ gebend ſein, oder ich verzichte auf meine Rechte und gehe dahin zurück, woher ich gekommen bin. Was will ich denn hier? Es iſt mein Beſtreben, die Einnahmen des Gutes zu vermehren und unſerm Namen neuen Glanz zu geben, gegen dieſes Streben kann Niemand etwas einwenden! Und wenn ich dadurch zu Aenderun⸗ gen und Umgeſtaltungen genöthigt werde, ſo ſollte man das freu⸗ dig anerkennen, es geſchieht ja nur im Intereſſe des Majorats. Mir gefällt hier auch Manches nicht, mein Kind, und dennoch ſchweige ich dazu. Das Projekt, Dich an Bruno zu ketten, miß⸗ fiel mir ſofort, aber ich überließ Dir die Entſcheidung, und ich konnte das unbeſorgt thun, ich wußte ja, daß Du dieſem Manne Herz und Hand nicht ſchenken würdeſt.“ „Was haſt Du gegen Bruno, Papa?“ fragte die Baroneſſe „Ich mache ihm nur den Vorwurf, daß Herz und Gemüth ihm fehlen, und das iſt der ſchlimmſte Vorwurf, den ich einem Manne machen kann. Nicht allein ſein Venehmen gegen den Maler Rodenberg hat mich das erkennen laſſen, aus vielen anderen, anſcheinend unbedeutenden Aeußerungen und Ereigniſſen mußte ich dieſe Schlußfolgerung ziehen. Daß Udo und Baroneſſe Ade⸗ laide dieſe Anſcha uung nicht theilen, iſt ja erklärlich, ſie haben ihre Hoffuungen auf dieſen Sohn gebaut, und Udo, Du wirſt das nicht leugnen können, ſteht auf demſelben ſfſ Standpunkte, den ſei Rodenb ſichten Morgen und ſei zu reich 0 wohl! haſt, Maler ll hende troti vorwu Vaters digune D M praut Gebi ſehr dieſe tete völli ger Ma gehe dieſe ſeine und laid end ſin ein? dieſen ur. n Blic ernidert wenn ſeine gen. Hat er Es irgert o doh miht den, wen er men ſagte nuß ihn j weder bin ich allein maß⸗ d gehe dahin nn hier? Es ermehren und Streben kann zu Aendetun⸗ un das freu⸗ e Maorats. und dennoch u ietten, miß⸗ ung, und ich dieſen Manne die Bardneſſe und Gemüth den ich einen n gegen den ielen anderen, niſſen mßte zaroneſſe Ade⸗ ch ſie hahen Du wirſt das Standpunkte, —— —ᷣàZ — 339— den ſein Sohn einnimmt. Er hat ſich geweigert, dem Maler Rodenberg die Genugthuung zu geben, die er nach meinen An⸗ ſichten ihm ſchuldete. Geſtern noch gab er mir die Zuſage, heute Morgen nahm er ſie zurück unter dem Vorwande, daß ſein Stolz und ſeine Ehre ihm nicht geſtatteten, einem Bürgerlichen die Hand zu reichen.“ „Hat das Onkel Udo wirklich geſagt?“ „Ja, wenn auch gerade nicht mit denſelben Worten! Es war wohl der Aerger über den Korb, den Du ſeinem Sohne gegeben haſt, was ihn dazu bewog, man geht ja ſchon ſo weit, in dem Maler einen Nebenbuhler Bruno's zu ſehen.“ Ueber das ſchöne Antlitz der Baroneſſe ergoß ſich eine glü— hende Röthe, gleichwohl umzuckte ihre Lippen ein herber, faſt trotziger Zug. „Wie darf man dieſe Behauptung aufſtellen?“ fragte ſie in vorwurfsvollem Tone, indeß ſie vor dem forſchenden Blick des Vaters die Augen niederſchlug.„Liegt nicht in ihr eine Belei— digung, die für mich kränkend iſt?“ Der Majoratsherr zuckte die Achſeln. „Ich ſagte Dir ja, Du müſſeſt Dich mit dem Gedanken ver⸗ traut machen, daß Du hier nicht mehr die Geduldete, ſondern die Gebieterin biſt,“ erwiderte er.„Und offen geſtanden, Klara, ſo ſehr ich es auch meines Bruders wegen bedauern würde, wünſche ich ſür meine Perſon doch, daß Udo den Entſchluß faſſen möge, dieſes Haus zu verlaſſen. Erſchrick nicht, ich wünſche es im In— tereſſe unſerer ganzen Familie, durch die Trennung würde dem völligen Bruch vorgebeugt. „Und was könnte dieſen Bruch herbeiführen?“ „Ich ſehe ihn kommen und kann ihm nicht entgegentreten, ſo gerne ich es auch wollte. Udo hat allerdings mir alle Rechte des Majorotserben eingeräumt, aber dabei wohl auch die Hoffnung gehegt, ich werde, wenn auch nicht auf alle, ſo doch auf einige dieſer Rechte verzichten und die Verwaltung des Majorats in ſeinen Händen laſſen. In dieſer Hoffnung ſieht er ſich getäuſcht, und daß ihn das ärgert, nehm ich ihm nicht übel.“ „Es wäre gewiß ſehr unangenehm für ihn und Tante Ade⸗ laide wenn ſie genöthigt würden, dirſes Schloß zu verlaſſen,“ — 340— ſagte Klara ſchmerzlich bewegt,„die Hoffnung, hier bleiben zu dürfen, hat—“ „Mein liebes Kind, ich gebe das ja gerne zu, aber Du wirſt mir auch darin beipflichten, daß es uns nichts weniger als an⸗ genehm ſein kann, wenn man unſere Gäſte in unſerem Hauſe beleidigt. Muß der Bankier nicht eine Beleidigung darin ſinden, daß mein Bruder ſich weigert), ihn zu empfangen? Und iſt das⸗ ſelbe nicht bei dem Maler der Fall? Und nun denke, Bruno kehre von ſeiner Reiſe plötzlich zurück und begegne dem Maler unter unſerem Dache! Kannſt Du glauben, daß der Haß Bruno's gegen Rodenberg jemals ſchwinden wird? Und auf der anderen Seite, glaubſt Du, daß der Maler die ihm widerfahrene Schmach vergeſſen wird? Ich habe ſehr ernſt darüber nachgedacht, es iſt nöthig, daß die beiden Familien ſich trennen, aber ich werde den erſten Schritt, dieſe Trennung herbeizuführen, nicht thun. Und nun mache Dir weiter keine Gedanken und Sorgen darüber, Klara, was geſchehen wird, das muß geſchehen, und wir müſſen es nehmen, wie es kommt. Man darf nicht immer ängſtlich auf Rückſichten bedacht ſein, das eigene Intereſſe tritt ſtets in den Vordergrund. Und ſollte Tante Adelaide über denſelben Punkt, den ich ſoeben anregte, mit Dir reden, ſo vergiß nicht, daß Du die Tochter des Majoratsherrn und in Oſthofen die Gebie⸗ terin biſt.“ „Du verlangſt, daß ich Tänte Adelaide vorbereiten ſoll?“ „Nein, das wäre für Dich eine zu ſchwere Aufgabe, die ich Dir nicht zumuthe! Wie gefällt Dir Fräulein Becker?“ „Ich kann noch kein Urtheil über ſie fällen,“ erwiderte Klara, ihre Erregung gewalſam bezwingend,„der erſte Eindruck, den ſie auf mich machte, war ein guter, ich leugne das nicht. Sie hat Geſchmack und Sinn für Kunſt und Wiſſenſchaft, ihre Urtheile waren ſcharf und treffend, aber ich weiß nicht, ob es eigenes Urtheil oder einſtudirte Phraſe iſt.“ „Du wirſt darüber Gewißheit erhalten, wenn Du ihre Wohnung betrittſt, icht habe nirgends eine ſo geſchmackvolle Ein⸗ richtung gefunden.“ „Ich fürchte, man kann auch daraus keinen ſicheren Schluß ziehen, man müßte zuerſt ftagen, ob dieſe Einrichtung ihre eigene Schöpfung iſt.“ Einſan von ei ſchaul iſt es wenn freier Klara r bleiten i Du piſt ger als an⸗ ren Huſe arin ſinden Und iſt us nie Puno den Muler Haß Bruncs der anderen rene Schnah dacht ez ſt werde de thun Und en darüber, ir wüſſen ängſtlich uf ſtets in den elben Punft, chi, daß Dü die Gebie⸗ en ſoll?“ gabe, die ich iderte Klara, druck den ſie cht. Sie hat ihre Urtheile es eigenes n Du ihte ackvolle Ein⸗ heren Schluß g ihre eigene — 341— „Du biſt ja außerordentlich vorſichtig!“ „Muß man es nicht ſein, Papa? In der heutigen Zeit gilt der Schein oft mehr, als das Sein, hinter dem glänzenden Firniß birgt ſich mitunter—“ „Mein liebes Kind, dieſes Zweifeln und Forſchen läßt den Menſchen nicht zum Genuß kommen,“ ſagte der Baron ernſt, „man ſoll das Leben genießen, wie es ſich bietet. Und ich wünſche, Du mögeſt Dich mit dieſer jungen Dame befreunden, ich wünſche es Deinetwegen, Klara, Du biſt hier erzogen in ſtiller Einſamkeit, nur angewieſen auf Deine Tante Adelaide, umgeben von einem kleinen Kreiſe, der einſeitig urtheilt, und deſſen An⸗ ſchauungen und Intereſſen enge Gränzen gezogen ſind. Drum iſt es gut für Dich, wenn Du Dich an eine Freundin anſchließeſt, wenn Du in einen anderen Kreis trittſt, in welchem Du Dich freier bewegen kannſt.“ „Wenn nur dieſe Dame die rechte Freundin iſt!“ erwiderte Klara gedankenvoll. „Ich glaube nicht daran zweifeln zu dürfen, aber ich muß es Dir überlaſſen, ſelbſt zu prüfen und zu entſcheiden. Du wirſt der Dome einen Gegenbeſuch machen, und dann wollen wir ſie auf einen ganzen Tag einladen, Du findeſt dann gewiß Gelegen⸗ heit, ſie näher kennen zu lernen.“ Ohne eine Antwort darauf abzuwarten, verließ der Majorats⸗ herr den Salon, und als er die Thüre hinter ſich geſchloſſen hatte, verſchwand das Lächeln von ſeinen Lippen, und tiefe Furchen zeigten ſich auf ſeiner Stirne. Es lag etwas drohendes in dem Ausdruck ſeines Geſichts aber daneben auch eine eiſerne Entſchloſſenheit, die jeder Gefahr nuthig und trotzig die Stirne bietet. Er ging in ſein Zimmer und kehrte gleich darauf mit Hut und Stock zuxück, und in ſeinem Gang, ſeiner Haltung, ſeinem ganzen Weſen prägte ſich der Stolz des Gebieters aus. Er wanderte langſam durch den Garten und den Park und trat bald darauf in das Haus des Verwalters. Friedrich Wortmann ſaß wieder vor ſeinem Schreibtiſch, ſeit der Heimkehr des verſchollenen Majoratsherrn nahmen die ſchrift⸗ lichen Arbeiten faſt ſeine ganze Zeit in Anſpruch. Es war da ſo Vieles nachzuſehen und zu ordnen, daß er kaum an etwas Anderes denken konnte. Der Beſuch des Barons ſchien ihn keineswegs zu überraſchen, er erhob ſich und blieb erwartungsvoll ſtehen, und eine gerauie Weile blickten die Beiden einander ſcharf und forſchend an. „Sie haben dem Bankier noch keine Zahlung gemacht?“ nahm der Majoratsherr endlich das Wort, während er den Ver⸗ walter durch eine herablaſſende Geberde aufforderte, ſich nieder⸗ zulaſſen. „Ich bin eben damit beſchäftigt, die Einnahmen zu berechnen, die in der nächſten Zeit mit einiger Sicherheit zu erwarten ſind,“ erwiderte Wortmann,„augenblickl ich iſt die Kaſſe nicht in der Lage, eine namhafte Zahlung leiſten zu können.“ „Und woher rührt das?“ fragte der Baron, während er die Aſche von ſeiner Cigarre ſchnellte.„Iſt vor meiner Heimkehr die Kaſſe ſo ſeh- in Anſpruch genommen worden?“ „Nicht mehr, wie in früheren Jahren. Während des Sommers iſt die Kaſſe in der Regel leer, Herbſt und Winter bringen die Einnahmen, die ja, wie der Herr Baron wiſſen werden, aus der Aernte erzielt werden müſſen.“ „Werden nicht auch aus den Waldungen Einnahmen erzielt?“ „Gewiß, aber nicht in jedem Jahre.“ „Und wann hat der letzte Holzſchlag ſtattgefunden?“ „Zu Ende des vorigen Winters.“ „Alſo kurz vor meiner Heimkehr?“ „Jawohl, aber wir hatten damals noch keine Ahnung davon, daß der Herr Baron heimkehren würde. Ein Mißtrauen Ihrer⸗ ſeits wäre ſonach ganz unbegründet.“ „Habe ich ein Mißtrauen ausgeſprochen?“ fragte der Majo⸗ ratsherr mit ſcharfer Betonung.„Es will mir überhaupt ſcheinen, als ob Sie die Worte ſchon vergeſſen hätten, die ich in London Ihnen geſagt habe. Ich wiederhole Ihnen nochmals, wer mir feindſelig entgegentritt, den trete ich in den Staub ohne Schonung und Erbarmen. Denken Sie daran ſtets und Sie werden leicht erkennen, auf welcher Seite für Sie der größere Vortheil liegt. Es muß mich denn doch befremden, daß die Kaſſe leer ſeiu ſoll—“ „Wenn der Herr Baron die Bücher einſehen wollen, ſo werden Sie finden—“ ßimahn Da Getted hedeute „J werde! ihrt di ſchriftl dieſen des N „Al De Schran hern ſchluß wünſt in gl der n keinen nahme große dafür d ableh * twaz rraſch⸗ chen, geraune 4 nacht 2. en Ver⸗ nieder⸗ erechnen, en ind“ in der deet die kehr die ommers igen die aus der tzielt?“ daon, hrer⸗ ſcheinen, London ver wir honung n leicht eil liegt. ſol—“ werden —— — 343— „Das Papier iſt geduldig, und jede einzelne Poſition in den Einnahmen und Ausgaben kann ich nicht prüfen,“ fiel der Baron ihm ins Wort.„Es können Einnahmen zu notiren vergeſſen ſein, von denen ich keine Kenntniß habe. Wie hoch werden ſich die Einnahmen in den nächſten Monaten belaufen?“ „Höchſtens auf dreitauſend Thaler.“ „Das iſt ſehr wenig.“ „Wir müſſen Gedald haben bis zur Aernte. Zwar kann das Getreide ſchon jetzt verkauft werden, dann aber würden wir zu bedeutend billigeren Preiſen verkaufen müſſen und der Kredit—“ „Ich will das nicht,“ ſagte der Majoratsh err raſch.„Ich werde die Kaſſe meines Bankiers in Anſpruch nehmen und aus ihr die nöthigen Ausgaben beſtreiten. Sie werden mir einen ſchriftlichen Bericht darüber erſtatten, welche Einnahmen ich in dieſem Jahre erwarten darf. Beſitzen Sie eine amtliche Taxe des Majoratsgutes?“ „Allerdings.“ „Wie hoch iſt der Werth des Gutes geſchätzt?“ Der Verwalter hatte ſich erhoben und aus dem großen Schranke ein Dokument herausgeholt, welches er dem Majorats herrn überreichte. „Hier iſt das Aktenſtück,“ ſagte er,„Sie finden in ihm Auf⸗ ſchluß über Alles, was Sie in Bezug auf das Gut zu wiſſen wünſchen.“ „Mit Hypothekenſchulden iſt das Gut nicht belaſtet?“ „Nein, bisher noch nicht.“ Der Baron unterwarf das Dokument einer flüchtigen Prüfung. „Es müſſen manche Aenderungen getroffen werden,“ ſagte er in gleichgültigem Tone,„— die Forſchungen und Entdeckungen der neueren Zeit auf dem Gebiete der Landwirthſchaft haben hier keinen Eingang gefunden. Und doch hätten durch ſie die Ein⸗ nahmen geſteigert werden können So würde zum Beiſpiel eine große Brennerei einen bedeutenden Gewinn abwerfen und gerade dafür wäre hier der geeignete Platz.“ Der Verwalter blickte ihn befremdend an, dann ſchüttelte er ablehnend das Haupt. „Baron Udo war kein Freund ſolcher Neuerungen,“ erwiderte er,„und aufrichtig geſagt, würde auch der Koſtenpunkt zu groß * * — 344— ſein. Die Einnahmen aus der Verwaltung reichen dazu nicht aus, man müßte mit Schulden beginnen, und das kann unmöglich zu einem guten Ende führen.“ „Sie ſind zu alt geworden, um das zu verſtehen, mein Beſter. Das Gut iſt ſchuldenfrei, darin ſucht mancher Gutsbeſitzer einen Stolz, den ich lächerlich finde. Was bringt denn das Gut jähr⸗ lich ein? Drei, höchſtens vier Prozent ſeines Werthes. Und wenn ein Theil dieſes Werthes in Geſtalt klingender Münzen in meinen Händen iſt, ſo will ich damit zehn Prozent und noch mehr gewinnen!“ „Es wäre gegen die Tradition Ihrer alten Familie, Herr Baron—“ „Den Kuckuck auch, was kümmert mich die Familie? Ich bin mir ſelbſt der Nächſte, und was ich für gut befinde, das thue ich, ohne vorher meine Familie um Rath zu fragen. Sie müſſen wiſſen, ob Sie meine oder meiner Familie Parthei ergreifen wollen, ſtellen Sie ſich auf meine Seite, ſo verlange ich, daß Sie es auch ganz thun! Es werden hier verſchiedene Aenderungen vorgenommen werden, aber ich beabſichtige einſtweilen noch nicht, im Perſonal Aenderungen eintreten zu laſſen, ich will zuvor die Leute prüfen, und alle Diejenigen, die ſich in die neue Ordnung der Dinge fügen, ſollen in meinen Dienſten bleiben. Ich habe das voraus geſchickt, damit Sie wiſſen, woran Sie ſind. Und nun frage ich Sie noch einmal, wollen Sie auf meiner Seite ſtehen oder nicht?“ Der Verwalter blickte ſinnend vor ſich hin, dann ſtreifte die⸗ ſer Blick lauernd den Majoratsherrn. Es ſchien ihn etwas zu beunruhigen, ſeine nachdenkliche Miene ließ das vermuthen. „Ich denke in dieſem Punkte ganz wie Sie, Herr Baron,“ ſagte er,„Jeder iſt ſich ſelbſt der Nächſte, und ſo ſuche auch ich meinen Vortheil zu wahren. Es wäre ja gegen mein eigenes Intereſſe, wollte ich Ihnen Oppoſition machen, Sie ſind der Majoratsherr und Ihren Befehlen muß ich gehorchen.“ „Wohlan, bleiben Sie einſtweilen auf dieſem Standpunkte, mir genügt das. Und nun zur Sache! Können die Einnahmen, wenn auch nur einſtweilen, erhöht werden?“ Wenn der Herr Baron befehlen—“ Hr „N 65 ſondern energiſ D „ herr ir machen ihn de fehle tufen ſcweig 57 Alſo Holz bis ge 5 30 b lieb ſe Sie meine gůlti holb über cht u, ögl ich; zu Beſtr. er einen it jähr⸗ . Und inzen in 0c mehr , Herr Ih bin thue ich miſſen rgreifen doß Sie etungen ch nicht, wor die rdnung ch habe d Und er Seite eifte die⸗ twas zu n. Baton, auch ich eigenes ind der dpunkte, nahmen, 2 345— „Ich frage ja nur, und eine Frage iſt kein Befehl. Beſitze ich noch viel Schlagholz in meinen Waldungen?“ Der Verwalter zog die Brauen finſter zuſammen, dieſe Frage verrieth ihm, wohinaus der Majoratsherr wollte. „Der alte Leberecht, unſer Förſter hat nur wenig Holz ſchla⸗ gen laſſen,“ erwiderte er.„Sie werden mit ihm zufrieden ſein.“ „Könnte in dieſem Jahre noch eine bedeutende Summe aus den Waldungen erzielt werden?“ „Hm, die Wälder würden dadurch entwerthet.“ „Nicht für immer! Nach einigen Jahren—“ „Herr Baron, es handelt ſich hier nicht um einige Jahre, ſondern um ein ganzes Menſchenalter, und der Förſter würde energiſch dagegen proteſtiren.“ „Der Förſter wird gehorchen!“ „Er wird ſich mit ſeinem Proteſt hinter Baron Udo ſtecken.“ „Und was würde er dadurch erreichen?“ ſagte der Majorats⸗ herr ironiſch.„Ich laſſe mir hier von Niemandem Vorſchriften machen, und wenn der Förſter mir unbequem wird, ſo gebe ich ihm den Laufpaß. Warnen Sie ihn, ſagen Sie ihm, daß Be⸗ fehle, die ich einmal gegeben habe, unter keinen Umſtänden wider⸗ rufen würden, und daß er deshalb wohithue, ſich meinem Willen ſchweigend unterzuordnen.“ „Der alte Leberecht iſt ein Querkopf.“ „Und Querköpfe kann ich in meinen Dienſten nicht gebrauchen! Alſo wie viel würde herauskommen, wenn wir das ſchlagbare Holz verkaufen?“ „Ich kann das ſo genau nicht tariren, Herr Baron, ſunehn⸗ bis achtzehntauſend Thaler würden immerhin zu erzielen ſein.“ „Man könnte das Holz wohl ſchon jetzt verkaufen?“ „Es kann erſt im Herbſt geſchlagen werden.“ „So muß der Käufer mit der Lieferung bis dahin warten. Ich bevollmächtige Sie, die Sache zu ordnen, und es wird mir lieb ſein wenn es bald geſchieht. Auch vertraue ich darauf, daß Sie meinen Vortheil wahren werden, das Geld bringen Sie meinem Bankier. Und noch Eins Es kann mir nicht gleich⸗ gültig ſein, ob und wie man über dieſe Angelegenheit redet, des⸗ halb erwarte ich von Ihnen die ſtrengſte Verſchwiegenheit gegen⸗ über Jedermann. Man ſoll ſich kein ſchiefes Urtheil über mich —————— — ——— ———— — bilden, man ſoll erſt dann über mich urtheilen wenn ich mit den projektirten Aenderungen begonnen habe. Da fällt mir ein, geſtern Abend ſuchte noch in ſpäter Stunde ein Mann mich auf, dem ich drüben in Amerika unter anderen Verhältniſſen be⸗ gegnet bin.“ Der Verwalter hatte raſch das Haupt erhoben, es konnte dem ſcharfen Blick des Barons nicht entgehen, daß Wortmann ein be⸗ ſonderes, ſehr lebhaftes Intereſſe zeigte. „Sie werden dieſen Mann auch kennen“, fuhr der Majorats⸗ herr fort,„er war früher in unſeren Dienſten und wanderte dann aus, um drüben ſein Glück zu verſuchen.“ „Florian Bender!“ ſagte der Verwalter. „War der Mann auch bei Ihnen ſchon?“ „Jawohl, er iſt arm heimgekehrt und ich fürchte daß er zur Arbeit nicht mehr taugt.“ „Hm, ich möchte ihn nicht ganz fallen laſſen. Man könnte ihn vielleicht doch beſchäftigen. Weshalb iſt er damals aus⸗ gewandert?“ „Hauptſächlich eines Streites wegen, den er mit einem andern Arbeiter hatte. Ich weiß nicht, ob Sie den rothen Franz ge⸗ kannt haben, er warb vor Florian um die Hand der hübſchen Vroni, die ihm einen Korb gab. Das hat er nie vergeſſen können, ſein Haß richtete ſich nicht gegen Vroni allein, ſondern auch gegen ihren Mann, und dieſen Reibereien wollte Florian durch ſeine Auswanderung aus dem Wege gehen.“ „Und lebt der Mann, den Sie den rothen Franz nannten, noch?“ fragte der Baron mit erwartungsvoller Spannung. „Ja, allerdings. Er mußte entlaſſen werden, weil er mit Keinem Frieden halten konnte, dadurch kam er auf die Vagabunden⸗ bahn und ſchließlich wurde er Wilddieb.“ „Iſt er es noch?“ „Ich glaube es, wüßte ſonſt nicht, wovon er lebt! Er treibt ſich vagabundirend in der Gegend umher und Jedermann weicht ihm aus.“ „Und glauben Sie, daß er noch immer den Mann haßt?“ „In der Bruſt eines ſolchen Menſchen bleibt der Haß lebendig, bis er Befriedigung gefunden hat. Der rothe Franz war immer ein roher, rachſüchtiger Burſche. Und Florian ſcheint drüben ——————————————————— — uch ſt Sie we prüben weichen habe, W nih hi De das Gedan ernſte im G gülti „Dure den T 5 — Denke könnte fernen ( 9 auch „ Ander Bettl habe iſt m D ſich ſrt, niſe Hund ſo ſ nit nit den in, h nf, en be⸗ nte dem ein be⸗ iorats⸗ vanderte er zur könnte o aus⸗ andern anz ge⸗ übſchen ergeſſen ſondern Florian annten, er mit bunden⸗ treibt weicht t2“ uberdig. r immer drühen — 347— auch ſeine Sitten und ſeinen Charakter nicht veredelt zu haben. Sie werden das jedenfalls beſſer wiſſen, wie ich, da Sie ja drüben längere Zeit mit ihm zuſammen waren.“ „Ich traf ihn von Zeit zu Zeit,“ erwiderte der Baron aus⸗ weichend, und daß ich mich nicht ſonderlich um ihn gekümmert habe, werden Sie begreiflich finden. Nichtsdeſtoweniger möchte ich mich hier ſeiner annehmen.“ Der Verwalter hielt den lauernden Blick faſt unverwandt auf das pockennarbige Geſicht geheftet, aber es war vergeblich, die Gedanken des Majoratsherrn ergründen zu wollen; in dieſen ernſten, ſtrengen Zügen deutete nichts auf eine innere Erregung, im Gegentheil, dem Baron ſchien die Angelegenheit ziemlich gleich⸗ gültig zu ſein. „Ich glaube, Sie werden keinen Dank ernten“, ſagte er. „Darauf möchte ich Sie aufmerkſam machen, Florian Bender dem Trunk ergeben—“ „Deshalb darf man einen Menſchen nicht ſogleich fallen laſſen. Denken Sie darüber nach, welcher Poſten ihm anvertraut werden könnte“ „Vielleicht wäre es beſſer, wenn man ihn von hier zu ent⸗ fernen ſuchte!“ „Weshalb das?“ fragte der Baron ſcharf. „Ich glaubte, es ſei Ihnen angenehm. Wollten Sie doch auch den Hofmeiſter bewegen, die Heimath zu verlaſſen!“ „Und mit welchem Recht wollen Sie von dem Einen auf das Andere ſchließen? Daß ich dem Hofmeiſter, dieſem unverſchämten Bettler, nicht mehr zu begegnen wünſche, iſt begreiflich, was aber habe ich mit dem andern Vagabnnd zu ſchaffen? Sein Schickſal iſt mir außerordentlich gleichgültig.“ Der Majoratsherr zündete eine neue Cigarre an und erhob ſich von ſeinem Sitz. „Dieſer Burſche iſt mir freilich auch läſtig gefallen“, fuhr er fort,„von ſolchen Leuten bin ich nicht gerne an frühere Verhält⸗ niſſe eyinnert, aber wenn ſie ſich zu breit machen, kann man die Hunde auf ſie hetzen. Sollte er noch einmal zu Ihnen kommen, ſo ſagen Sie ihm, ich wolle für ihn ſorgen, nur müſſe er ſich mit dem begnügen, was ich ihm biete. In Bezug auf unſere — geſchäftlichen Angelegenheiten erwarte ich Ihren Bericht in den nächſten Tagen.“ Er nickte herablaſſend, und der Verwalter blickte ihm be⸗ fremdet nach. „Sollte Florian deunoch ſich geirrt haben?“ murmelte er. Ich kann nicht glauben, daß der Majoratsherr drüben ein⸗ geſcharrt ſein ſoll, dieſes ruhige, ſichere Auftreten nach der Be⸗ gegnung mit einem Manne, der ſo genau unterrichtet iſt— und dennoch, der Verdacht will nicht weichen.“ Er verſchränkte die Arme auf der Bruſt und durchmaß das geräumige Zimmer mit großen Schritten. „Florian hatte verſprochen, keinen Verdacht zu äußern“, fuhr er in ſeinem Selbſtgeſpräch fort,„vielleicht hat das den Baron in Sicherheit gewiegt. Vielleicht ahnt er nicht einmal, wie tief dieſer Vagabund eingeweiht iſt. Aber weshalb iſt Florian nicht zu mir zurückgekommen?“ Er trat an's Fenſter und blickte hinaus, und in demſelben Moment fiel auch ſein Blick auf den Vagabund, der raſch auf das Haus zuſchritt. Der Verwalter athmete tief auf, in der nächſten Minute mußte er Gewißheit erhalten; er ging dem ungeduldig Erwarteten ent⸗ gegen und heftete den lauernden Blick voll fieberhafter Spannung auf ihn. „Was habt Ihr entdeckt?“ fragte er haſtig. „Noch nichts“, erwiderte Bender, dem ſtechenden Blick aus⸗ weichend, der ſeine Gedanken erforſchen zu wollen ſchien„War der Baron nicht ſoeben hier?“ „Jawohl.“ „Hat er über mich geſprochen?“ „Er will Euch beſchäftigen!“ „Es käme darauf an, welche Arbeit er mir zugedacht hat!“ ſagte der Vagabund, dem dieſe Abſicht nicht zu gefallen ſchien. „Ihr würdet wohl nicht jede Arbeit übernehmen?“ ſpottete Wortmann. „Nein, jede nicht!“ „Seid Ihr über Nacht ſo wähleriſch geworden? Geſtern Abend noch wärt Ihr für Alles dankbar geweſen, und heute wißt Ihr nicht—“ 9„ 5e „ſo ſehr tuche Der verſteher widert „V Leben oder n durchd ſagte daß di bich h wie Ji Buron aller) Tag! ſchichte E daß t und daß auf d agte auf 6 ſam hab' tin den ihn be⸗ nelte er. en ein⸗ der Be⸗ — und naß das n“, fuhr n Baron wie tief ian nicht demſelben raſch auf ute mußte eten ent⸗ wannung Blick aus⸗ War cht hat!“ ſchien. ſpottete ern Abend wißt Iht — 349— „Zerbrecht Euch darüber den Kopf nicht,“ ſagte Bender trotzig, „ſo ſehr bin ich noch nicht heruntergekommen, daß ich am Hunger⸗ tuche nage, ich hab' meine Leute, die für mich ſorgen.“ Der Verwalter glaubte den tieferen Sinn dieſer Worte zu verſtehen. „Dann habt Ihr mit dem Baron ein Bündniß geſchloſſen,“ erwiderte er. „Wie könnt Ihr das behaupten? Ich ſag', ich hab' ihm das Leben gerettet, und es iſt mir gleichgültig, ob Ihr daran glaubt, oder nicht.“ Wortmann war ihm näher getreten, der ſtechende Blick ruhte durchdringend auf ihm. „Florian, es iſt möglich, daß Ihr ein falſches Spiel ſpielt“, ſagte er in halb warnendem, halb drohendem Tone,„bedenkt wohl, daß das Ende die Laſt trägt, und daß dabei nichts Gutes für Euch herauskommen könnte. Wenn Baron Edmund von Oſthofen, wie Ihr geſtern ſagtet, in Kalifornien eingeſcharrt iſt, dann iſt Baron Udo der rechtmäßige Majoratsherr von Oſthofen, und trotz aller Ränke und Umtriebe muß und wird die Wahrheit an den Tag kommen. Beherzigt das wohl und laßt Euch nicht in Ge— ſchichten ein, die ſpäter Euch bitter gereuen könnten!“ Ein trotziger Zug umzuckte die Lippen Benders. „Ich verſtehe das nicht,“ erwiderte er.„Habt Ihr nicht geſtern ſelbſt geſagt, ich könne mich geirrt haben? Möglich war's, daß der Bavon noch lebte, und daß mitleidige Seelen ihn fanden und pflegten, alſo iſt Eüer Verdacht ein Unfinn, und hütet Euch, daß der Baron etwas davon erfährt, er würde Euch die Vögel auf den Bäumen zeigen.“ „Wie ganz anders habt Ihr geſtern Abend geredet!“ „In einer Stunde kann Manches ſich ändern!“ „Sehr richtig. Wißt Ihr, was der Majoratsherr vorhin ſagte? Wenn Ihr Euch zu breit machtet, könne man die Hunde auf Euch hetzen!“ In den ſtieren Augen Benders blitzte es jäh auf, aber gewalt⸗ ſam hielt er den wild auflodernden Zorn zurück. „Das war wohl nur eine Redensart!“ ſpottete er.„Drohungen hab' ich nie gefürchtet, aber wenn Jemand mit der Fauſt mich angriff, dann hab' ich nicht lang gewartet, bis die Fauſt nieder⸗ fiel, den erſten Schlag führte ich.“ „Und hier würdet Ihr es auch thun?“ forſchte der Ver⸗ walter, der noch immer hoffte, den Vagabund auf's Glatteis führen zu können. „Ich will abwarten, wos geſchieht,“ entgegnete Bender achſel⸗ zuckend, während er ſein Bündel aufhob, welches er am Abend vorher zurückgelaſſen hatte,„mit kindiſchen Worten laß ich mich nicht erſchrecken. Meinetwegen könnt Ihr das dem Majorats⸗ herrn ſagen, und wenn Ihr mir Arbeit geben wollt, ſo ſorgt dafür, daß es leichte Arbeit iſt, ich bin nicht mehr jung und im Alter hat man gerne Ruhe.“ Wortmann ſtampſte ärgerlich mit dem Fuß auf den Boden und trat wieder an's Fenſter, um dem Vagabund nachzublicker, der langſam von dannen ſchritt. „Er hat mit ihm ein Bündniß geſchloſſen,“ ſagte er leiſe mit heiſerer Stimme,„ich war ein Narr, daß ich ihn allein in's Schloß gehen ließ. Geduld, ergründen werde ich es doch!“ 16. Kapitel. Vogen des ebens. Noch einmal war Willy in Oſthofen geweſen, und ſeit dieſem Beſuch ſchien er mit ſeinem Schickſal ausgeſöhnt zu ſein. Er hatte mit der Baroneſſe Klara eine Stunde verplaudert und den vollen Zauber ihrer liebreizenden Erſcheinung auf ſein krankes Gemüth einwirken laſſen. War die Liebe iu ſeiner Seele erwacht? Durfte er das Ge⸗ fühl, welches beſeligend ihn durchſtrömte und ihn ſo hoch über alle Erbärmlichkeiten des Lebens erhob, Liebe nennen? Ene. — Er 1 gun u get ibe Der würdig Veiſe fü Bart kommen digt, in ſchuldi Er gegeni ſaale e geſchh hlicken, duß e ſprechen ſogar i Ind Klarcs digten ſich de Ab ſeiner nur a je län er ſein ein di Ar ſein, ſcheint Er weilte erſte lich ihrem Falke tnider⸗ er Ver⸗ Glatteis achſel⸗ Abend ih nich Kajorat⸗ ſo ſorgt undein n Beden zublicke, leiſe mit lein iwe eit dieſem 6 tplaudert auf ſein das Ge⸗ hoch über ——— —— Er wollte über dieſe Frage nicht nachdenken, er wollte ſich ganz und ungetheilt dem ſüßen Zauber hingeben, und es der Zeit überlaſſen, die Frage zu löſen. Der Vater Klara's war ebenfalls außerordentlich liebens⸗ würdig geweſen, er hatte ihn den Unterſchied der Stände in keiner Weiſe fühlen laſſen. Baron Udo aber war auch diesmal nicht zum Vorſchein ge⸗ kommen, der Majoratsherr hatte freilich ſeinen Bruder entſchul⸗ digt, indeß war Willy trotz dieſer anſcheinend begründeten Ent⸗ ſchuldigung unangenehm berührt worden. Er hatte erwartet, Baron Udo werde frei und offen ihm gegenübertreten und ſein Bedauern über den Vorfall im Conzert⸗ ſaale ausſprechen, damit wäre Willy zufrieden geweſen, nun aber geſchah von dieſer Seite nichts, der Baron ließ ſich nicht einmal blicken, dem jungen Mann mußte dies als ein Beweis dienen, daß es nicht in der Abſicht des adelsſtolzen Herrn lag, das Ver⸗ ſprechen zu erfüllen, welches ſein Bruder in ſeinem Namen und ſogar in ſeinem Auftrage gegeben hatte. Indeß Willy ſetzte ſich bald darüber hinweg, die Freundſchaft Klara's und die Liebenswürdigkeit des Majoratsherrn entſchä⸗ digten ihn hinreichend, und mit ſeiner ganzen Kraft widmete er ſich der Arbeit, die er übernommen hatte. Aber darüber vergaß er das Verſprechen nicht, welches er ſeiner Freundin Arabella beim Abſchied gegeben hatte. Er wartete nur auf einen Brief, um die Nachforſchungen zu beginnen, und je länger er über dieſe Angelegenheit nachdachte, deſto mehr fand er ſeine Vermuthung beſtätigt, daß auch die Herkunft Arabella's ein dunkles Geheimniß umſchweben müſſe. Arabella Grimaldi konnte nicht die Tochter einer Zigeunerin ſein, es war ihm unmöglich, dies glauben zu ſollen, wenn auch ſcheinbar überzeugende Gründe dafür ſprachen. Endlich, nach mehreren Tagen traf ein Brief ein, Arabella weilte am Genfer See, von dort aus gab ſie dem Freunde das erſte Lebenszeichen. Sie ſchrieb ihm, den Entſchluß der Abreiſe, den ſie ſo plötz⸗ lich gefaßt habe, bereue ſie nicht, es ſei jetzt wieder ruhig in ihrem Innern geworden, und ſie hoffe, daß auch Ferdinand von Falkenberg nun zur ruhigen Einſicht gekommen ſein werde. Der — 352— Aufenthalt am Genfer See ſei entzückend ſchön, und ſie entbehre hier weiter nichts, als den Verkehr mit den gleichgeſinnten Freunde, da das einförmige Zuſammenleben mit der Mutter in dieſer Be⸗ ziehung durchaus keine Abwechſelung biete. Dann beſchrieb ſie die Naturſchönheiten, ſchilderte ihre Lebensweiſe, entwarf Pläne für die nächſte Zukunft und plauderte über neue Kunſtſchöpfungen, die ſie auf ihrer Reiſe geſehen hatte. Erſt am Schluſſe des Briefes kam ſie auf die Hauptſache. Sie theilte ihm die Adreſſe Hurter's mit, ohne indeß von den damals geäußerten Vermuthungen etwas zu erwähnen. Sie fügte nur hinzu, ihre Mutter habe dieſem Manne Geld geſchickt, und ſie müſſe annehmen, daß Friedrich Hurter derſelbe Mann ſei, der kurz vor ihrer Abreiſe die geheimnißvolle Unterredung mit ihrer Mutter gehabt habe Willy ſuchte noch an demſelben Tage den ehemaligen Hof⸗ meiſter auf. Hurter hatte inzwiſchen eine andere Wohnung bezogen, die in⸗ deß in der früheren Wohnung mit leichter Mühe zu erfragen war. Etwas beſſer war dieſe nene Wohnung allerdings ausgeſtattet, aber ſie lag in einem ebenſo armſeligen Stadtviertel, uud in Be⸗ zug auf Sauberkeit ließ ſie Vieles zu wünſchen. Dafür aber hatte Hurter ſeinem äußeren Menſchen einen neuen Anſtrich gegeben, und wenn auch der neue Anzug gerade nicht elegant zu nennen war, ſo konnte der Hofmeiſter doch in ihm ſich überall blicken laſſen, ohne befürchten zu müſſen, daß man ihm die Thüre zeigen werde. Willy erkannte ſofort, als er dieſem Manne gegenüberſtand, daß er es mit einem ſchlauen Fuchs zu thun hatte, und er be⸗ ſchloß deshalb, ſehr vorſichtig zu Werke zu gehen. „Ich weiß nicht, ob Sie mich kennen,“ nahm er das Wort, dem lauernden Blick und ruhig begegnend,„mein Name iſt Willy Rodenberg— „So habe ich die Ehre, den berühmten Maler in meiner be⸗ ſcheidenen Wohnung zu ſehen?“ fragte Hurter raſch. „Ich bin Maler, mein Herr!“ „Und was verſchafft mir die Ehre 2 „Eine Angelegenheit, die eine dritte Perſon betrifft. Sie ſind befteundet mit einer gewiſſen Signora Grimaldi und können über — über Liche wider das nſt W füt Gelt eine dem nied Grin wolle „Die alter Unte Geſe d entbehre teunde, ſer Be rieb ſie Pläne ſungen lpiſache. von den Kt, un ſei, det it ihrer en Hof⸗ die in⸗ gen war. eſtuttet, in Be⸗ u einen ggerade doch in en, daß berſtund, d er be⸗ 13 Wort, Name iſt iner be⸗ Sie ſind men über 353— die Vergangenheit dieſer Dame, wie ich nicht bezweifle, genaue Auskunft geben—“ „Woraus ſchließen Sie das?“ „Darüber möchte ich mich jetzt nicht weiter auslaſſen, Sie hören, daß ich ſo ziemlich unterrichtet bin. Arabella Grimaldi, mein Herr, iſt nicht die Tochter der Signora, aber bisher ſchwebt noch ein Dunkel über ihrer Herkunft, und ich habe es mir zur Aufgabe geſtellt, dieſes Dunkel zu lichten.“ Der Hofmeiſter hatte ſeine volle Faſſung wieder gefunden, über ſein hageres, pergamentfarbiges Geſicht glitt ein ſarkaſtiſches Lächeln. „In der That, eine hohe, aber wenig dankbare Aufgabe,“ er⸗ widerte er.„Wer hat Ihnen denn geſagt, daß Arabella nicht das Kind der Signora ſei?“ „Ich habe Beweiſe, daß ſie es nicht ſein kann.“ „Und worin beſtehen dieſe Beweiſe?“ „Auch auf dieſe Frage kann und darf ich Ihnen einſtweilen noch keine Antwort geben.“ „Alſo ſind es nur Vermuthungen.“ „Nicht doch, meine Zeit iſt zu werthvoll, als daß ich ſie opfern dürfte, um mir über leere Vermuthungen Gewißheit zu verſchaffen. Ich wiederhole Ihnen, Sie kennen das Geheimniß und haben ſich für Ihre Verſchwiegenheit bezahlen laſſen.“ „Herr Rodenberg!“ „Sie haben noch vor Kurzem von Signora Grimaldi eine Geldſendung empfangen, oder können Sie den Beweis liefern, daß eine andere Perſon Ihnen das Geld von Genf aus geſchickt hat?“ Das Geſicht des Hofmeiſters war noch fahler geworden, vor dem forſchenden Blick Willy's mußte er unwillkürlich die Augen niederſchlagen. „Und wenn Sie mir wirklich beweiſen können, daß Signora Grimaldi dieſes Geld mir geſchickt hat, welchen weiteren Beweis wollen Sie daraus ziehen?“ fragte er mit ſcharfer Betonung. „Die Dame iſt mit mir befreundet, und Sie ſehen, daß ich ein alter Mann bin, für mich iſt es keine Schande, von einer Dame Unterſtützungen anzunehmen, der ich in früheren Jahren manchen Gefallen erzeigt habe.“ Der Baſtard. 23 3 „Und eben daraus darf man wohl den Schluß ziehen, daß Sie in die Geheimniſſe dieſer Dame eingeweiht ſind!“ „Ich habe mich nie in die Geheimniſſe anderer Leute ein⸗ gedrängt!“ „Wir wollen das dahingeſtellt ſein laſſen!“ ſagte Willy achſel⸗ zuckend.„Es ſteht feſt, daß Sie für Ihr Schweigen bezahlt werden, und daß dieſes Schweigen ſich auf jenes Geheimniß be⸗ zieht, welches die Herkunft Arabella's umſchleiert. Sie ſcheinen nun nicht zu bedenken, daß Sie dadurch ſich der Theilnahme an einem Verbrechen ſchuldig machen, welches das Geſetz mit Zucht⸗ haus beſtraft, und daß—“ „Herr Rodenberg, Sie ſchlagen einen Ton an, der mich be⸗ leidigt!“ „Das iſt nicht meine Abſicht. Ich will Sie nur auf die Ge⸗ fahr aufmerkſam machen, der Sie ſich ausſetzen. Mögen Sie ſich winden, wie Sie wollen, ich beharre bei meiner Behauptung, daß Arabella nicht die Tochter jener Signora Grimaldi iſt, und daß Sie über ihre Herkunft Aufſchluß geben können. Gelingt es mir nicht, dieſen Aufſchluß auf dem Wege der Güte von Ihnen zu erhalten, ſo werde ich mich mit der Behörde in Verbindung ſetzen.“ Wieder glitt jenes ſarkaſtiſche, höhniſche Lächeln über das fahle, magere Geſicht. „Sie ſcheinen ja ſehr großes Intereſſe an jener Dame zu nehmen“, ſagte er. „Sie iſt mit mir befreundet.“ „Und theilt Signora Arabella Ihre Vermuthungen?“ fragte Hurter lauernd. „Weshalb wünſchen Sie es zu wiſſen?“ „Ich würde in dieſem Falle ihre Mutter veranlaſſen, ihr dieſe Albernheiten auszureden!“ „Wären es wirklich Albernheiten, ſo hätten Sie ja durchaus nichts zu befürchten,“ ſpottete Willy.„Sind Sie geneigt auf dem Wege der Güte ein Abkommen mit mir zu treffen?“ „Was würden Sie für die Enthullung des Geheimniſſes fordern?“ Der Hofmeiſter machte eine Bewegung der Ungeduld. „Wie kann ich ein Geheimniß enthüllen, welches ich nicht kenne?“ erwiderte er raſch.„Als ich mit Signora Grimaldi bekannt wurde, huite ihr tiſer 2 „Und Signora wieder daß ic bemerlie hobe Ich m onnehn oder o „0 Ihnen Vort. lungen, ihn, d hefteun „A „B Sie be derer welche D D blitzen ein⸗ chſel⸗ zahlt ß be⸗ Ninen an ʒuht⸗ ich he ie Ge⸗ ie ſich daß d daß 8 nir en zu etzen.“ r das me zu fragte r dieſe rchaus t auf niſſes nne wurde, ₰ hatte ihre Tochter ſchon die künſtleriſche Laufbahn betreten, daraus muß Ihnen klar werden, deß ich über eine ſpätere Vergangenheit dieſer Damen nicht unterrichtet ſein kann.“ „Und worauf bezog ſich die geheime Unterredung, die Sie mit Signora Grimaldi kurz vor deren Abreiſe hatten?“ fragte Willy, wieder einen ſchärferen Ton anſchlagend.„Denken Sie nicht, daß ich mich nur auf Vermuthungen ſtütze, wie ich Ihnen ſchon bemerlte, werde ich nicht ruhen, bis ich jenes Geheimniß enthüllt habe und ich werde dabei keine Schonung, keine Rückſicht kennen. Ich muß es nun Ihnen anheim ſtellen, ob Sie meinen Vorſchlag annehmen und mir die gewünſchten Mittheiluugen machen wollen, oder ob Sie vorziehen—“ „Herr Rodenberg, ich glaube weine Anſicht über dieſen Punkt Ihnen deutlich erklärt zu haben“, fiel der Hofmeiſter ihm in's Wort.„Vielleicht ſtützen Sie Ihre Vermuthungen auf Mitthei⸗ lungen, die Ihr Kollege Auerbach Ihnen gemacht hat; ich ſagte ihm, daß ich mit Signora Grimaldi aus früheren Jahren her befreundet ſei—“ „Auerbach hat mir keine Mittheilungen gemacht.“ „Dann ſind Ihre Vermuthungen völlig aus der Luft gegriffen. Sie beſchäftigen ſich ſo angelegentlich mit den Geheimniſſen an⸗ derer Leute, wäre es nicht rathſamer, wenn Sie das Geheimniß, welches Ihre eigene Herkunft umhüllt, erforſchen wollten?“ Dem jungen Mann ſchoß das Blut in die Wangen, aus den blitzenden Augen traf ein zornglühender Blick den Hofmeiſter. „Was wiſſen Sie davon?“ fragte er barſch. „Vielleicht mehr, wie Sie glauben!“ „Wollen Sie damit ſagen, daß Ihnen dieſes Geheimniß bekanntſei?“ „Ich darf das dreiſt behaupten.“ „Undwas verlangen Sie für die Enthüllung desſelben?“ Ein heiſeres Lachen war die Antwort Hurters. „Ich bin nicht gewohnt, zu ſchachern,“ ſagte er,„und jenes Geheimniß Ihnen zu enthüllen, liegt nicht in meinem Intereſſe. Sie haben mir mit der Behörde gedroht und ſogar das Zucht⸗ haus mir in Ausſicht geſtellt, ich lache über ſolche Drohungen, durch ſie kann man bei mir nichts erreichen.“ „Ich habe Ihnen Anerbietungen gemacht— 23* — — 356— „Die ich zurückweiſe! Wiederholen Sie den Verſuch nicht, er würde fehlſchlagen, was ich weiß, werde ich nicht ſagen, und was ich nicht weiß, kann ich nicht enthüllen. Wenden Sie ſich an Signora Grimaldi perſönlich, ich habe mit dieſer Angelegen⸗ heit nichts zu ſchaffen. Und ſelbſt wenn Ihre Vermuthung richtig und das Geheimniß mir bekannt wäre, würde ich es Ihnen nicht verrathen, weder Drohungen noch Anerbietungen könnten dazu mich bewegen, deshalb geben Sie ſich keine Mühe weiter.“ Der Hofmeiſter hatte das in einem ſo entſchiedenen Tone ge⸗ ſagt, daß Willy an der Auſrichtigkeit dieſer Worte nicht zweifeln konnte. Er hatte wohl den falſchen Weg eingeſchlagen, als er ſo geradeaus auf das Ziel losſteuerte, aber das ließ ſich nun nicht mehr ändern, es war geſchehen und der Hofmeiſter leider ge⸗ warnt. Verſtimmt und im höchſten Grade unzuſrieden mit dem Re⸗ ſultat dieſer Unterredung, von der er einen beſſeren Erfolg ſich verſprochen hatte, verließ Willy das Haus, aber er nahm da⸗ neben auch die Ueberzeugung mit, daß ſeine Vermuthung in der That begründet und Arabella nicht die Tochter der Signora Grimaldi war. Was ſollte, was konnte er nun thun, um dieſes Geheimniß zu erforſchen und der Freundin Gewißheit zu verſchaffen? Daß Hurter der alten Frau ſofort Bericht erſtatten würde, war vorauszuſehen, und es ließ ſich auch erwarten, daß dieſe Beiden alsdann Maßregeln trafen, um ſeine Bemühungen zu durchkreuzen.. Arabella konnte wenig oder gar nichts in dieſer Angelegenheit thun, ſie wurde von ihrer Mutter zu ſcharf beobachtet. Anfangs dachte Willy daran, in allen Zeitungen einen öffent⸗ lichen Aufruf zu erlaſſen, die Eltern, denen in früheren Jahren ein Kind verloren gegangen ſei, aufzufordern, ihm nähere Mit⸗ theilungen zu machen, aber nach näherem Ueber egen ließ er dieſen Vorſatz wieder fallen. Ein ſolcher Aufruf mußte Aufſehen erregen, man beſchäftigte ſich jedenfalls in allen Kreiſen mit dem Inhalt und dem Ver⸗ faſſer desſelben, und erreicht wurde ſchließlich doch nichts. Signora Grimaldi wurde durch denſelben gewarnt, vielleicht vrranle Welt 3 liebt w ſez Ve wurden Vor Frkund nit A geben⸗ Anha ermöl V Grin figig N zric zohe 66 w Willy „ Ihre nom nit won Sie heit, mich Hau er h zier weſen ſant nun, Mar ch nit, gen und Sie ſich ngelegen⸗ g richtig ien nicht en dazu Lune ge⸗ zweiſen ls er ſo iun nicht eider ge⸗ dem Re⸗ folg ſich hm da⸗ 9 in der Signora eheimniß würde, daß dieſe ungen zu elegenheit n Jahren ſere Mit⸗ er dieſen ſchüfügte dem Ver⸗ ſ. vislleicht — 357— veranlaßt, mit ihrer Tochter eine Kunſtreiſe nach der neuen Welt zu machen, wie ſie in neuerer Zeit bei den Virtuoſen be⸗ liebt worden war, überdies gebot der intriguante Charakter die⸗ ſes Weibes, daß alle Nachforſchungen ſtreng geheim gehalten wurden. Vorab wollte Willy über die Vergangenheit Hurter's genaue Erkundigungen einziehen. Hurter hatte ſelbſt erwähnt, er ſei mit Auerbach bekannt, vielleicht konnte dieſer ihm einige Aufſchlüſſe geben, und es war immerhin möglich, daß in dieſen Aufſchlüſſen Anhaltspunkte ſich boten, die das Auffinden weiterer Spuren ermöglichten. Möglich auch, daß Auerbach die Vergangenheit der Signora Grimaldi kannte, man mußte eben Alles benutzen, und die gering⸗ fügigſte Entdeckung konnte von weſentlichem Werth ſein. Noch immer darüber nachdenkend kehrte Willy in ſein Atelier zurück, und als er die Thüre desſelben öffnete, trat ihm eine hohe, ſchlanke Geſtalt in der Uniform eines Offiziers entgegen. Es war Ferdinand von Falkenberg, der offenbar die Rücktehr Willys erwartet hatte. „Ich muß recht ſehr um Entſchuldigung bitten, daß ich ohne Ihre Erlaubniß und während Ihrer Abweſenheit hier Platz ge⸗ nommen habe,“ ſagte er in jenem freundlich vertraulichen Tone, mit dem er ſchon bei der erſten Begegnung das Herz Willys ge⸗ wonnen hatte. Ich war einmal hier und vermuthete auch, daß Sie nicht lange ausbleiben würden, überdies lag die Angelegen⸗ heit, die mich zu Ihnen führt, mit zu ſehr am Herzen, daß ich mich nicht wohl entſchließen konnte, unverrichteter Sache vieſes Haus wieder zu verlaſſen.“ Willy bot ihm einen Seſſel und nahm ihm gegenüber Platz, er hatte bereits errathen, in welcher Angelegenheit der Offi⸗ zier kam. „Wenn Ihnen der Aufenthalt hier nur nicht langweilig ge⸗ weſen iſt!“ erwiderte er ſcherzend. „Keineswegs! Im Gegentheil, ich habe hier ſo viel Intereſ⸗ ſantes geſehen, daß die Zeit mir im Fluge verſtrichen iſt. Und nun, Herr Rodenberg, möchte ich um die Erlaubniß bitten, als Mann zum Manne reden zu dürfen.“ Willy nickte zuſtimmend, ſein freundlicher Blick ermuthigte den Offizier, fortzufahren. „Ich brauche Ihnen wohl nicht die Verſicherung zu geben, daß ich in Ihrem Streite mit Bruno von Oſthofen entſchieden auf Ihrer Seite ſtehe war der Baron auch mein Freund, ſo bin ich doch weit entfernt, ſeine Handlungsweiſe, die ſich mit der Ehre eines Edelmannes nicht vereinigen läßt, zu billigen Ich wollte das nur erwähnen, um jeder zwar nicht wahrſcheinlichen, aber doch inmerhin möglichen Vorausſetzung Ihrerſeits entgegen zu treten. Und nun zur Sache! Signora Grimaldi iſt Ihre Freundin, und ich darf wohl vermuthen, daß ſie vor Ihnen keine Geheimniſſe hat.“ „Dieſe Vermuthung iſt richtig, Herr von Falkenberg,“ er⸗ widerte Willy ruhig. „Nun, dann möchte ich Sie fragen, ob de Ihnen die Gründe genannt hat, die ſie ſo plötzlich und ganz unerwartet bewogen haben, uns zu verlaſſen.“ „Dieſe Gründe ſind mir bekannt.“ „Nehmen ſie Bezug auf mich?“ „Jawohl.“ „Ich dachte es mir,“ ſagte der Offizier, indeß er leicht mit der Hand über die Augen ſtrich,„aber ſo ſehr ich das auch be⸗ daure, würde ich doch heute wieder ſo handeln, wie ich gehandelt habe. Ihnen, dem Freunde, kann das Wohl und Wehe dieſer Dame nicht gleichgültig ſein, und daß ich nun zu Ihnen komme, um Ihren Rath mir zu holen, das muß Ihnen beweiſen, wie ernſt und aufrichtig meine Abſichten ſind. Signora Arabella hat Ihnen vielleicht nähere Mittheilungen gemacht, es iſt möglich, daß ſie über meine Vergangenheit entrüſtet war und eine Ab⸗ neigung gegen mich äußerte—“ „Nichts von alledem!“ unterbrach Willy ihn.„Sie leugnete nicht, daß ſie durch Ihre Werbung ſich ſehr geehrt fühlte, aber ſie führte daneben auch für die Ablehnung dieſer Werbung Gründe an, die ich gelten laſſen mußte.“ Ferdinand von Falkenberg ſchüttelte den Kopf, und ein weh⸗ müthiges Lächeln umſpielte dabei ſeine Lippen. „Darin urtheilte ſie zu ſcharf,“ erwiderte er,„ſie fürchtete, ich müſſe Opfer bringen, die ich ſpäter bereuen würde, und die gerſi nicht wenn hin 7 alſok würfn Einfl Ojfiz Wſc Gat widr iſt „Al wünf icht denke kurze uhigte gebe, ſchiden nd, ſo nit der icen, gegen Ihre Ihnen 8, er⸗ Gründe ewogen cht mit uch be⸗ handelt e dieſer komme, n, wie ella hat nöglich, ine Ab⸗ leugnete , aber Fründe n weh⸗ ürchtete, — 359— Verſicherungen, die ich ihr gab, konnten leider dieſe Bedenken nicht beſeitigen. Und doch, wie leicht werden dieſe Opfer mir, wenn ich durch ſie die Liebe Arabellas mir erringen kann! Ich bin von meiner Familie völlig unabhängig und ein reicher Mann, alſo kann ich thun und laſſen, was ich will, und felbſt ein Zer⸗ würfniß mit meiner Familie würde auf meine Entſchlüſſe keinen Einfluß üben. Arabella hat ebenfalls an meiner Stellung im Offiziercorps Anſtoß ger ommen, ich würde ohne Bedauern meinen Abſchied nehmen, und mich überhaupt jedem Wunſche meiner Gattin fügen.“ „Arabella hat mir erklärt, ſie wolle ihr Leben allein der Kunſt widmen!“ „Und ſind Sie dieſer Erklärung nicht entgegen getreten? Es iſt doch die heiligſte Beſtimmung des Weibes—“ „Das Alles habe ich ihr geſagt,“ erwiderte Willy raſch. „Auch ich kann mir nicht denken, und ich möchte es ihr nicht wünſchen, daß ſie allein durch das Leben wandern ſoll. Und auf⸗ richtig geſprochen; Herr von Falkenberg, wenn jene andere Be⸗ denken nicht ſo ſchwerwiegend wären, ſo würde Arabella nach kurzem Bedenken Ihnen das Jawort gegeben haben. Hat ſie doch, wenn auch nur mit halben Worten, das Zugeſtänniß mir gemacht, daß ſie gewaltſam ſich bezwingen müſſe, um dem Herzen nicht den Sieg über den nüchternen Verſtand zu ermöglichen. Ich hätte Ihnen das wohl nicht ſagen dürfen, und Arabella würde mir zürnen, wenn ſie es erführe, aber ich weiß, daß ich mit einem Ehrenmanne rede, der mein Vertrauen nicht täuſchen kann.“ Freudig bewegt reichte Ferdinand von Falkenberg dem Maler die Hand, mit leuchtenden Augen blickte er ihn an. „Wie dankbar bin ich Ihnen für dieſe Worte!“ ſagte er mit leiſe zitternder Stimme.„Seien Sie verſichert, daß Ihr Ver⸗ wauen mir heilig ſein wird, und daß ich niemals vergeſſen werde, welche freudige Stunde ich Ihnen verdanke! Und weshalb wollte Arabella nicht der Stimme ihres Herzens Gehör ſchenken? Was zonnte ſie fürchten an meiner Seite, da ich ſie doch in die tiefſten Tiefen meines Herzens hatte blicken laſſen?“ „Stellen wir uns auf ihren Standpunkt, ſo können wir wohl begreifen, daß ſie ſo und nicht anders handelte,“ erwiderte Willy ernſt, während er finnend vor ſich hinblickte.„Sie, das angeb⸗ liche Kind einer Zigeunerin und Sie der Sproſſe einer altadeligen Familie, deren Traditionen niemals die Zigeunerin als eben⸗ bürtig anerkennen werden! Und daneben das Bedenken, daß dieſe Liebe nur ein Rauſch der Sinne ſei, der einſt verfliegen und das bittere Gefühl der Reue zurücklaſſen werde! Wer konnte es ihr übel nehmen, daß ſie unter dieſen Verhältniſſen nur auf die Stimme des Verſtandes hörte, und dem Herzen Schweigen gebot?“ „War nicht ihre Abreiſe auch ein Beweis dafür, daß ſie fürchtete, der Verſtand werde dennoch mit dem Herzen durchgehen?“ Der Offizier nickte gedankenvoll, die trüben Schatten waren von ſeiner Stirne geſchwunden, ein Lächeln des Glücks umſpielte ſeine Lippen „Was Sie mir da ſagen, daran habe ich auch gedacht,“ ent⸗ gegnete er,„aber ich wagte nicht, dieſe Hoffnung zu hegen. Nun will ich an ihr feſthalten und mir keine Ruhe gönnen, bis ich jenen herrlichen Preis mir errungen habe.“ „Und daß Sie ihn erringen mögen, das wünſche ich Ihnen und auch der Freundin von ganzem Herzen,“ ſagte Willy, der ſich mehr und mehr zu dem charakterfeſten, ehrenhaften Manne hinge⸗ zogen fühlte.„Aber ich glaube, Sie werden vorher ihr beweiſen müſſen, daß Sie mit leichtem Herzen die Opfer bringen können, welche die Liebe von Ihnen verlangt. Mit Worten allein werden Sie Arabella nicht überzeugen, die Zweifel, die ſie quälen, ver⸗ langen durch Thaten widerlegt zu werden.“ „Sie haben Recht, und Ihnen will ich gerne mittheilen, daß der erſte Schritt geſchehen iſt. Ich bin um meinen Abſchied ein⸗ gekommen.“ „Schon ſo bald?“ fragte Willy überraſcht.„Und war das wirklich nöthig?“ „Ja, es war nöthig. Die Frauen und Töchter meiner Ka⸗ meraden würden ſich niemals dazu verſtehen, einer ihnen nach ihren Begriffen nicht ebenbürtigen Dame ihre Salons zu öffnen, und meine Gattin ſoll nicht das als eine Gunſt erbetteln, was ſie zu fordern berechtigt iſt. Ich habe die Anſichten in den Kreiſen meiner Kameraden ſondirt und dieſe Befürchtung beſtätigt ge— funden, und da iſt es beſſer, ich ſcheide ſchon jetzt aus dieſen Kreiſen, in denen meine Gattin nur geduldet würde.“ entges wie d mir z ſuchen angeß⸗ delige eben n, daß en und ute es uf bie bot?“ irchtet, waren nſpielte 3 ent⸗ . Nun bis ich Ihnen , der hinge⸗ weiſen können, werden n, daß ied ein⸗ ar des ner Ka⸗ en nach öffnen, n, wos Kteiſen tigt ge⸗ s dieſen — 361— „Glauben Sie, daß Sie den Abſchied erhalten werden?“ „Ich habe keinen Grund, daran zu zweifeln. Und ſobald ich ihn habe, werde ich nich auch mit meiner Familie auseinander⸗ ſetzen“ „Ich würde Ihnen rathen, damit zu warten, bis Sie der Ein⸗ willigung Arabella's ſicher ſind.“ „Nein, ich will auch dieſes Opfer vorher bringen, damit Ara⸗ bella keine Bedenken mehr geltend machen kann. Dann muß ſie mir das Jawort geben—“ „Herr von Falkenberg, vertrauen Sie nicht zu feſt darauf,“ unterbrach Willy ihn warnend.„Betrachten Sie die Mittheilung, die ich Ihnen gemacht habe, als eine perſönliche Anſchauung, die ebenſowohl irrig als begründet ſein kann.“ Ein feines, bedeutſames Lächeln umzuckte die Lippen des Offiziers. „Verſuchen Sie nicht, mir dieſe Hoffnung wieder zu rauben,“ entgegnete er,„ich halte an ihr feſt und klammere mich an ſie an, wie der Ertrinkende an den Strohhalm. Und nun bitte ich Sie. mir zu ſagen, wo ich die Geliebte finden werde, wenn ich ſie auf⸗ ſuchen will.“ Der Maler ſchüttelte ablehnend das Haupt. „Ich könnte Ihnen erwidern, daß ich das nicht wiſſe,“ ſagte er,„aber Sie würden mir ſofort vorwerfen, daß ich Ihnen aus⸗ weichen wolle, überdies möchte ich mich nicht einer Lüge ſchuldig machen. Ich kann's Ihnen ja ehrlich heraus ſagen, daß ich dieſe Frage nicht beantworten darf, ſo lange Arabella mich von dem Verſprechen, welches ich ihr geben mußte, nicht entbunden hat. Und daß ſie dies letztere thun wird, dürfen wir kaum hoffen.“ „Ich kann Ihnen deshalb freilich nicht zürnen, da ich nicht weiß, welches Verſprechen Sie Ihrer Freundin gegeben haben. Aber nun Sie von der Redlichkeit meiner Geſinnungen überzeugt ſind, fordert doch auch das Intereſſe für die Freundin, daß Sie mir die Hand bieten und mich unterſtützen.“ „Ich würde das ja gerne thun, wenn— „Ich vertraue darauf, daß Sie es thun werden.“ „Dennoch darf ich Ihnen weiter nichts verrathen, als daß Sie ſie in der Schweiz ſuchen müſſen.“ — „In der Schweiz?“ rief Ferdinand von Falkenberg beſtürzt. „Dorthin iſt auch Bruno von Oſthofen gereiſt.“ Beſorgt blickte Willy auf, auch er konnte ſich nicht verhehlen, daß dieſe Nachricht ihn beunruhigte. „Und wenn er dort mit ihr zuſammenträfe,“ ſagte er,„was fürchten Sie?“ „Für mich ſelbſt nichts, denn Bruno von Oſthofen wird auf Arabella niemals einen günſtigen Eindruck machen. Aber wir dürfen nicht vergeſſen, daß eben deshalb Bruno Sigaora Grimaldi haßt, und daß dieſer Haß ſchon einmal zum Ausbruch ge⸗ kommen iſt.“ „Ha, wenn er es wagte, ſie noch einmal zu beleidigen!“ „Dann Herr Rodenberg, wäre es an mir, Genugthuung zu verlangen und Arabella gegen fernere Rohheiten zu ſchützen. Hoffen wir, daß die Begegnung nicht ſtattfinden wird, Bruno wird ſich ja auch beſinnen, er könnte die Achtung ſeiner Couſine ver⸗ ſcherzen und in dieſem Falle würde er ihr Jawort gewiß nicht erhatten.“ Willy fühlte, daß das Blut in ſeinen Adern ſtockte, es war ihm, als habe ein Dolchſtoß ſein Herz getroffen. Und doch durfte er nicht zeigen, wie furchtbar dieſe Mittheilung ihn erreate, er verrieth damit ſeine Hoffnungen, die ihm heilig waren und An⸗ deren vielleicht thöricht ſchienen. „Darf ich fragen, von welcher Couſine Sie reden?“ ſagte er mit erzwungener Ruhe. „Baroneſſe Klara von Oſthofen!“ „Sie iſt mit ihm verlobt?“ „Noch nicht, aber dieſe Verbindung wird von den Eltern gewünſcht.“ „Und Baron Bruno iſt der Einwilligung ſeiner Couſine ſcher?“ „Wenn er es auch behauptet, ſo glaube ich dennoch daran zweifeln zu müſſen,“ erwiderte Ferdinand von Falkenberg.„Kurz vor ſeiner Abreiſe war er ſeltſam erregt, und als ich die Rede auf ſeine Coufine brachte, erſuchte er mich in barſchem Tone, dieſes Thema nicht zu berühren. Ich muß daraus entnehmen, daß ſeine Hoffnungen geſcheitert ſind, umſomehr muß er ſich be⸗ ſtreben, die Gunſt der Baroneſſe zu gewinnen.“ — Er und 0h die Ha den N Stinmn nehr. vorige vor d und! L danke heit l Ihner zuſchr Arabe ſchöne ſchwer heit b l t,„was Ard auf ber wir Frinadi ruch g⸗ n ung z ützen. uho wird ine ver⸗ iß nicht es war durfte eate, er nd An⸗ ſagte er Eltern Couſine h daran „Kurz ie Rede Tone, nehmen, ſich be⸗ —— Er war bei den letzten Worten von ſeinem Sitz aufgeſtanden, und ohne die Aufregung des Malers zu bemerken, reichte er ihm die Hand. „Ich danke Ihnen noch einmal,“ ſagte er,„Sie haben mir den Muth wiedergegeben, und in der freudigen, hoffnungsreichen Stimmung, in der ich mich beſinde, fürchte ich nun gar nichts mehr. Alle Schwierigkeiten und Hinderniſſe, die noch in der vorigen Stunde ſich vor mir aufthürmten, zerfließen, wie Nebel vor dem durchbrechenden Sonnenlicht in Nichts, der Liebe wird und muß der Sieg bleiben.“ Willy nickte ſchweigend, er hörte die Worte kaum, ſeine Ge⸗ danken bildeten ein wüſtes Chaos, in das er ſo raſch keine Klar⸗ heit bringen konnte. „Ich werde mir erlauben, vor meiner Abreiſe noch einmal zu Ihnen zu kommen,“ fuhr der Offizier fort, während er der Thüre zuſchritt,„und ich hoffe, Sie werden mir dann ſagen, wo ich Arabella finde. Leben Sie wohl, Herr Rodenberg, ich werde dieſe ſchöne Stunde niemals vergeſſen.“ Willy war wieder allein, ſein Blick ip⸗ ſtarr auf der Thüre, die ſich eben hinter dem Edelmann ſchloß. Es ward ihm ſchwer, zu glauben, daß die Mittheilungen Falkenbergs auf Wahr⸗ heit beruhen ſollten, und dennoch konnte er nicht daran zweifeln. Der Offizier hatte ſeine Behauptungen mit ſolcher Sicherheit geäußert, daß er jedenfalls Beweiſe für ihre Wahrheit haben mußte. Und wenn die Verbindung Klara's mit ihrem Vetter der Wille der Eltern war, dann ließ ſich auch erwarten, daß dieſelbe geſchloſſen wurde. So war auch dieſer ſchöne Traum dahin, dieſe Hoffnung ver⸗ nichtet, und er mußte ſich ſelbſt den Vorwurf machen, daß er ein Thor geweſen ſei, ſolche Hoffnung zu hegen. Was hatte er denn eigentlich gewollt, ehe er dem Offizier begegnete? Ja ſo, er wollte Auerbach aufſuchen und mit ihm über Sig⸗ nora Grimaldi und Hurter reden, vielleicht erhielten ſeine Gedanken eine andere Richtung, wenn er dieſes Vorhaben aus⸗ führte. Tief auſſeufzend griff er nach ſeinem in die Laſt, die ihm auf der Seele lag, beengte ihm den Athem. In dieſem Augenblick wurde die Thüre ungeſtüm geöffnet, und derſelbe Mann, den er aufſuchen wollte, trat ein. Auerbach befund ſich in fieberhafter Erregung, Willy er⸗ kannte ſoſort, daß der alte Mann etwas zu tief in's Glas ge⸗ blickt hatte. „Hol' der Henker die ganze Schwefelbande!“ rief das ver⸗ kommene Genie, den alten Kalabreſerhut in eine Ecke werfend und die graue Mähne ſchüttelnd. So ſüß ſchwätzt mir noch Keiner, daß ich ihm auf's Wort glaube.“ „Was iſt denn nun wieder?“ fragte Willy betroffen. „Bah, der Majoratsherr von Oſthofen hat mir die Ehre er⸗ zeigt, mich in meiner Rumpelkammer aufzuſuchen. Glaubte wahr⸗ ſcheinlich Kuuſtſchätze zu entdecken, die für ein Butterbrod zu haben wären. Unſinn, bei mir iſt nichts zu holen, Alles zum Trödler gewandert!“ „Nun? Und was weiter?“ „Was weiter? Lieber Gott, er ſah in alle Ecken hinein, wollte wiſſen wovon ich lebe, und weshalb ich nicht mehr arbeite. War ſehr herablaſſend, außerordentlich fteundlich und gütig, aber der Herr Baron blickte an allen Enden hervor.“ „Darin thun Sie ihm Unrecht,“ erwiderte Willy,„Baron Edmund von Oſthofen—“ „Iſt ein Herr Baron ſo gut wie jeder andere Baron!“ fuhr Auerbach, ihm in die Rede fallend, fort.„Glaub' doch nicht, daß er Dich als Seinesgleichen betrachte! Wenn er Dich nicht benutzen wollte, würde er Dir kein freundliches Wort gönnen.“ „Mich benutzen? Inwiefern?“ „Om, ſollſt Du ihm nicht ein Bild malen?“ „Nun ja, aber können Sie ihm deshalb den Vorwurf machen, er wolle mich benutzen?“ „Ja, das thue ich,“ erwiderte Auerbach.„Er gibt ſich da⸗ mit den Anſchein eines Mäcens und nachher prahlt er damit, daß der berühmte preisgekrönte Maler ihm ein Bild gemalt habe, zu dem die Motive von ihm ſelbſt gelieſert worden ſeien. Ich kenne die großen Herren, ſie thun nichts ohne beſonderes Intereſſe.“ Willy zuckte die Achſeln, der alte Mann ſtrich die grauen Haare von der Stirne zurück und trat an den Schrank, in wel⸗ chem die Weinflaſch en ſtanden. ———— —— — T fangen Baron nne pol N — nicht Du, mit able ßür es ma ſche ſuet, um Lilh er⸗ Glas ge⸗ das ber⸗ werfend ut noch Ehre er⸗ bte mahr⸗ zu haben Trödler hinein, arbeite. tig aber „Baron nl führ och nicht, Dich nicht onnen.“ f machen, t ſich da⸗ mit, daß habe, zu ſch kenne reſſe“ e grauen in wel⸗ „ — — 8 — 365— „Das iſt das Richtige,“ fuhr er fort,„mit Schmeicheleien an⸗ fangen und mit einer Grobheit anfhören! So machte der Herr Baron es auch Ich hätte Profeſſor werden müſſen, meinte er, meine Bilder hätten ja damals Aufſehen gemacht. Und ich glaub, hol' mich der Teufel, er hat nie ein Bild von mir geſehen.“ „Wie können Sie das behaupten?“ „Na, ich hab' ihm ja auf den Zahn gefühlt, er konnte mir nicht ein einziges von meinen Bildern beſchreiben. Und weißt Du, was des Pudels Kern war? Sein Schloß will er reno⸗ viren, und da ſoll ich die Decken und Wände bemalen.“ Ein bitteres Lächeln folgte dieſen Worten, aber der junge Mann ſchüttelte mit ernſter, mißbilligender Miene das Haupt. „Ich weiß denn doch nicht, ob ich an Ihrer Stelle das ſo kurz weg von der Hand gewieſen hätte“ ſagte er,„Sie hätten dadurch eine lohnende Beſchäftigung erhalten—“ „Decorationsmaler!“ brauſte Auerbach auf.„Na, ja, wenn ein Luxuspferd alt und ſteif geworden iſt, dann wandert es in den Stall des Droſchkenkutſcher, aber mit den Menſchen ver⸗ hält es ſich doch anders.“ „Ein gewöhnlicher Decorationsmaler wird niemals ein gutes Wandgemälde liefern können, und der Majoratsherr von Oſt⸗ hofen will ſein Schloß künſtleriſch ausſchmücken. Der Auftrag gereicht Ihnen wirklich zur Ehre—“ „Danke für Deine gute Meinung, aber Du wirſt mir er⸗ lauben, das auch ich wir ein Urtheil über dieſen Auftrag bilde.“ „Und was haben Sie dem Herrn Baron geantwortet?“ Der alte Mann ließ die ſanft geröthete Naſe eine geraume Weile in dem Humpen verſchwinden, dann bot er den letzteren mit einem tiefen Seufzer ſeinem Freunde an, der kopfſchüttelnd ablehnte. „Die Wahrheit!“ erwiderte er lakoniſch. Ich kann nicht Furſtendiener ſein!“ „Wollen Sie meine Frage nicht etwas deutlicher beantworten?“ „Ich hab' ihm geſagt, ſo tief ſei ich noch nicht geſunken, und es gebe Tüncher genug, die das recht ſauber nach der Schablone machen würden, mich möge er mit ſolchen Narrenspoſſen ver⸗ ſchonen.“ „Das war grob!“ * S — 366— „Stolz will ich den Spanier, wenn auch der Becher über⸗ ſchäumt!“ ſpottete Auerbach.„Wer mich in meiner Künſtlerehre beleidigt, der muß ſich auf eine Grobheit gefaßt machen. Ich bin freilich nur noch das Wrack eines Künſtlers, aber ich würde mich wieder aufraffen, wenn nicht die Nahrungsſorgen mich ſo tief niederdruckten.“ „Durch die Annahme dieſes Auftrags konnten Sie den Nah⸗ rungsſorgen entgehen.“ „Jawohl, ich könnte meine Schulden tilgen, aber damit wäre nur meinen Gläubigern, nicht mir geholfen. Und um dieſen Preis mag ich nicht Handwerker werden. Laſſen wir das, Du biſt nun einmal für den Baron eingenommen, wirſt auch Deinen Tritt erhalten.“ „Wiſſen Sie das ſo ſicher?“ „Es kann gar nicht ausbleiben!“ „Sie können ſich doch täuſchen—“ „Pah, denkſt am Ende gar, er werde Dir ſeine ſchöne Tochter geben? Hüte Dich, Willy, ich kenne meine Pappenheimer! Die Baroneſſe heirathet keinen Bürgerlichen—“ „Weshalb ſagen Sie nicht gleich: keinen Baſtard?“ „Sei nicht ſo unwirſch, was ich Dir ſage, iſt die Wahrheit, und den Rath eines erfahrenen Mannes darfſt Du immerhin annehmon.“ Willy wollte auf dieſe Erwiderung eine beißende Antwort geben, aber drängte die Worte, die ihm ſchon auf den Lippen ſchwebten, wieder zurück. „Sie ſind mit allen Menſchen verfeindet,“ ſagte er,„und des⸗ halb läßt ſich mit Ihnen nicht ſtreiten. Kennen Sie einen Herrn Friedrich Hurter?“ Auerbach blickte den jungen Mann erwartungsvoll an. „Haſt Du einen beſonderen Grund zu dieſer Frage?“ er⸗ widexte er. „Ich wünſche über die Vergangenheit dieſes Herrn eine mög⸗ lichſt genaue Auskunft zu erhalten.“ „So, ſo— hat der Baron Dir dieſen Auftrag gegeben?“ Der Ton, in welchem Auerbach dieſe Frage ſtellte, heſremdete Willy, es lag ein leiſer Hohn in ihm.“ y 9 hoben hofniſer F wäre „Eö 1 „Uid raſchung von Oſth begegnete 5 All rechnet. mehr od Hie ihn daß herrn un „We mhr ar ſagte el Gründe „Ji der Si in eine ich gla liebt iſt „G „Be er mit lächerli nora Beiden über⸗ hin e nih o tief twire dieſen Deinen ochter Die hrheit, merhin ntwort Lippen d des⸗ Hetrn —————— * — — — „Der Baron?“ ſagte er. haben?“ „Du weißt alſo nicht, daß Hurter in früheren Jahren der Hofmeiſter des Barons von Oſthofen war?“ antwortete Auerbach. „Es wäre merkwürdig, wenn Dir das unbekannt ſein ſollte.“ „Und weshalb merkwürdig?“ fragte Willy, der ſeine Ueber⸗ raſchung nicht verhehlen konnte. Ich habe mich um die Fawilie von Oſthofen niemals gekümmert, und dem früheren Hofmeiſter begegnete ich heute zum erſtenmale. Kannten Sie ihn derzeit ſchon?“ „Allerdings, aber befreundet war ich nie mit ihm.“ „Der Mann ſcheint ſehr zurückgekommen zu ſein!“ „Wie Jeder herunterkommt, der auf den Dank der Menſchen rechnet. Was liegt denn dem Herrn Baron daran, ob ein Menſch mehr oder weniger verhungert! Daß dieſer Menſch früher ſein Hofmeiſter geweſen iſt, hat ja weiter nichts dabei zu ſagen.“ Die Stirne des jungen Mannes zog ſich in Falten, es ärgerte ihn, daß Auerbach ſo hart und ungerecht über den Majorats⸗ herrn urtheilte. „Wenn der Baron von Oſthofen ſich ſeines Hofmeiſters nicht mehr erinnert, ſo mag dies ſeinen beſonderen Grund haben,“ ſagte er,„wir könnten darüber nur dann urtheilen, wenn dieſe Gründe uns bekannt ſind.“ „Der Majoratsherr wird ſie Dir ja nennen können!“ „Ich verlange ſie nicht zu erfahren. Iſt es Ihnen bekannt, daß Hurter mit der Signora Grimaldi befreundet war?“ „Ich erfuhr das vor einiger Zeit. Der alte Mann begegnete der Signora auf der Straße und bei ihrem Anblick gerieth er in eine mertwürdige Aufregung. Es war wirklich komiſch, und ich glaube noch heute, daß er in die alte Zigennermutter ver⸗ liebt iſt.“ „Gab er Ihnen keinen Aufſchluß darüber?“ „Bewahre! Er mußte als vernünftiger Menſch einſehen, daß er mit einem Liebesgeſtändniß ſich in meinen Angen furchtbar lächerlich machen würde.“ „So wißen Sie alſo auch nicht, wo er früher mit der Sig⸗ nora zuſammengetroffen iſt, und welche Beziehungen zwiſcheu den Beiden „Was könnte er damit zu ſchaffen — 368 „Keine Idee!“ ſagte Auerbach, die graue Mähne ſchüttelnd. „Er wird wohl in früheren Jahren ſich der Zigeunerbande an⸗ geſchloſſen haben, bezaubert von dem Liebreiz dieſes Urbilds der Häßlichkeit! Möglich ſogar, daß er der Vater Arabellas iſt.“ Ueberraſcht, beſtürzt war Willy vor dem alten Manne ſtehen geblieben, dieſe Löſung des dunkelen Räthſels entſetzte ihn ſchon bei dem Gedanken an ihre Möglichkeit. „Das iſt nicht wahrſcheinlich,“ erwiderte er. „Bah, es giebt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit ſich träumen läßt. Wesholb ſollte es denn un⸗ möglich ſein? Die Beiden ſind auch einmal jung geweſen, und Jugend hat keine Tugend.“ Willy ſchüttelte den Kopf. Dieſer Mann der Vater Ara⸗ vellas? Das konnte er nicht glauben Und doch— möglich war es immerhin! Aber weshalb war er dann nicht offen aufgetreten? Er hätte ja in dieſem Falle ſeine Anſprüche auf Arabella geltend machen können. „Es iſt nichts weiter als eine Vermuthung,“ ſagte er nach einer Pauſe,„das wunderbar ſchöne Mädchen kann nicht die Tochter dieſes Paares ſein. Ich glaube ſogar, daß Signora Grimaldi nicht die Mutter Arabella's iſt.“ „Wirklich?“ ſpottete Auerbach.“ Und was, wenn ich fragen darf, veranlaßt Dich, hier ein dunkeles Geheimniß zu wittern? Sei kein Narr, Willy, es iſt ja Thatſache, daß das ſchönſte Zi⸗ gennermädchen im Alter häßlich wie die Nacht wird. Und wes⸗ halb zerbrichſt Du Dir den Kopf über Dinge, die Dich eigentlich gar nicht intereſſiren? Es wäre klüger geweſen, wenn Du Ara⸗ bella geheirathet hätteſt, mit ihr konnteſt Du den eigenen Heerd gründen, es würden Dir gar keine Schwierigkeiten entgegen⸗ getreten ſein.“ Der Blick Willy's ruhte voll Befremden auf dem alten Mann, deſſen Stimme immer unſicherer wurde. Wie kommen Sie nur auf dieſen Gedanken?“ fragte er vor⸗ wurfsvoll. „Na, es thut mir leid für Dich, wenn ich Dich vor der Baroneſſe im Staub liegen ſehe!“ ſpottete Auerbach.„Ein Mann wie Du, ſollte zu ſtolz ſein, Süßholz zu raspeln, er macht ſich dadurch vunit thirigi gewiſer ſu bie „U deſſen denh, Name ich be meine Klarc ein 1 Ihrer würde lichen duß hat neten. aber auf hütelnh torde an⸗ rbilds der me ſichen hn ſchn b Eure dn Un⸗ eſen, und ater Ara⸗ öglich war Er htte d machen eer nach nicht die Signora ich ſtugen wittern? hönſte Zi⸗ Und wes⸗ eigentlich Du Ara⸗ nen Heerd entgegen⸗ en Mann, e er vor⸗ h vor der Ein Mann nuht ſic 6 dadurch lächerlich. Natürlich, der vornehme Backfiſch brüſtet ſich damit, wenn ein berühmter Mann ihr huldigt und ihr allunter⸗ thänigſt ſeine Sklavendienſte anbietet, aber weiter, bis zu einer gewiſſen Grenze läßt er es nicht kommen, und im Nothfalle können ja die Lakaien ben Unverſchämten vor die Thüre werfen.“ „Und das wagen Sie mir zu ſagen?“ brauſte Willy auf, deſſen Antlitz dunkle Zornesgluth übergoß.„Was berechtigt Sie denn, mich in dieſer Weiſe zu beleidigen? Was ich meinem Namen und der Achtung vor mir ſelbſt ſchuldig bin, daß weiß ich beſſer, wie Sie, ich bin noch nicht ſo tief geſunken, daß ich meine Selbſtachtung in den Staub getreten habe. Und Baroneſſe Klara von Oſthofen ſteht zu hoch, als daß Sie wagen dürften, ein Urtheil über ſie zu fällen! Sie thäten beſſer, wenn Sie aus Ihrer Verkommenheit ſich aufrafften und arbeiten wollten, dann würden Sie wieder ein nützliches Glied in der Kette der menſch⸗ lichen Geſellſchaft werden und wohl auch zu der Einſicht kommen, daß Ihr alberner Haß gegen die Menſchheit keine Berechtigung hat ſo lange Sie ſelbſt die Gottheit im Menſchen in den Koth treten.“ Bei den erſten Worten hatte der alte Mann ſpöttiſch gelacht, aber ſein Spott wich bald dem jäh auflodernden Haß, und dieſer Haß leuchtete und blitzte aus den glühenden Augen, die jetzt ſtarr auf Willy geheftet waren. „Das iſt der Dank für die Wohlthaten, die ich Dir erzeigt habe!“ ſagte er mit heiſerer Stimme.„Das iſt der Dank dafür, daß Du durch mich ein berühmter Mann geworden biſt! Ich war ein Narr, daß ich auf Dank gerechnet habe, ich hätte voraus⸗ ſehen können, daß Du mir die Thüre zeigen würdeſt, ſobald Du Dich auf dem grünen Zweige wohl fühlteſt, auf den ich Dich brachte. Na, ich hab' Dich beſſer beurtheilt, jetzt muß ich er⸗ fahren, daß ich mich täuſchte, deutlicher, wie Du es gethan haſt, tann mir Niemand den Stuhl vor die Thüre ftellen.— Arbei⸗ ten“ fuhr er fort, und ein flammender Blitz zuckte aus ſeinen Augen.„Bangt Dir für die paar Groſchen, die Du mir ge⸗ liehen haſt? Krämerſeele, ich werde Dir das Geld vor die Füße werfen! Arbeiten“ Wenn Du einmal müde geyetzt biſt und nicht mehr arbeiten kannſt, dann will ich dasſelbe Wort mit demſelben Der Beaſtard. 24 — Hohn Dir in's Geſicht ſchleudern! Es ärgert Dich, daß ich Deinem Brodherrn, dem hochwohlgeborenen Baron nicht den Ge⸗ fallen erzeigen will, bei mir geht die Kunſt noch nicht nach Brod, wie bei Dir! Mit den Vornehmen liebäugeln—“ „Genug!“ fiel Willy ihm empört in's Wort.„Was ich Ihnen geſagt habe, das war die Wahrheit, die Sie freilich nicht aner⸗ kennen wollen, weil ſie beſchämend für Sie iſt. Ja, ich ſag's noch einmal: Arbeiten Sie, das iſt ehrenvoller, als über Andere zu ſchimpfen und gehäſſige Verleumdungen zu erſinnen.“ Auerbach hatte ſeinen Hut, der jeder Form ſpottete, auf die grauen Locken gedrückt, hoch aufgerichtet, durch den Groll, der in ihm tobte, ernüchtert, ſtand er vor dem jungen Manne, der ſelbſt vor Erregung zitterte. „Ich werde Dich ſpäter an dieſe Stunde erinnern,“ ſagte er mlt bitterem Hohn,„ſpäter, wenn Du geſcheitert biſt an den Klippen, die Dein blödes Auge jetzt noch nicht ſehen will. Ich werde Dich erinnern an den Hochmuth, mit dem Du meinen Rath zurückgewieſen haſt und über Deine Reue ſpotten, die dann nichts mehr ändern kann. Addio, großer Künſtler, ich überlaſſe Dich Deinem Schickſal, bis Du Dir die Hörner abgelaufen haſt.“ Die Lippen feſt aufeinander gepreßt, ſtand Willy in der Mitte des Ateliers, er hörte das Hohngelächter Auerbachs noch, als dieſer ſchon die Treppe hinunterſtieg, und eine unſägliche Ver⸗ achtung gegen dieſen Mann erwachte in ſeiner Seele, das Gefühl des Dankes erſtickend, welches er bisher gehegt hatte. Eine Hand legte ſich leicht auf ſeine Schulter, er blickte ſich um, ſeine Mutter ſtand vor ihm. „Du haſt gebrochen mit ihm?“ fragte ſie leiſe. „Ich mußte es,“ erwiderte er tiefaufathmend,„Er ſagte mir Worte, die nicht mich allein, ſondern auch andere, mir nahe ſtehende Perſonen beleidigte. Zu lange ſchon habe ich zu ſeinen gehäſſigen Bemerkungen geſchwiegen, der Groll, der ſo lange ſich in mir angeſammelt hatte, mußte endlich zum Austrage kommen.“ Frau Magdalena nickte zuſtimmend, in ihren ſchönen Augen ſpiegelte ſich ernſte Beſorgnid. „Es wäre vielleicht beſſer geweſen, wenn Du nicht in dieſer Weiſe mit ihm gebrochen hätteſt,“ ſagte ſie,„aber nun läßt es ſich nicht mehr ändern, und wir wollen denken, es habe ſo kommen Stirne Oſthof wäre hütteſt unruhi wecen Be ſie, ih „ welche ſchreit Fl ſinken ſchlin aufm mit keine daß ith den Ge, ich Brod, Ihnen ht aner, ih ſigs Undere auf die l, der in der ſelſt ſagte an den il. I6 ien Rath un nicht⸗ ſe Dich ſ.“ er Mitte noch, als iche Ver⸗ Gefühl lickte ſich ſagte mir mir nahe zu ſeinen ange ſich ommen.“ n Augen in dieſer läßt es kommen ——————— —— — 371— ſollen. Er wird Dich anfeinden, aber das mag Dich nicht beun⸗ ruhigen, ſeine Stimme und ſein Urth U gelten nichts mehr, ſeit⸗ dem er die Achtung Aller verloren hat. Vielleicht auch bereut er, Dir jene Worte geſagt zu haben, Verzeihung magſt Du ihm gewähren, aber hüte Dich, wenn er als Verſucher Dir wieder nahe tritt.“ „Seine Worte haben über mich keine Macht mehr!“ „Und dann noch Eins,“ fuhr Frau Magdalena fort, deren Stirne ſich leicht umwölkte.„Der Auftrag, den der Baron von Oſthofen Dir gegeben hat, ehrt Dich, ich gebe es zu, gleichwohl wäre es mir lieber geweſen, wenn Du ihn nicht übernommen hätteſt. Das Wohlwollen, welches dieſe Familie Dir erzeigt, be⸗ unruhigt mich, ich fürchte, daß es in Deiner Seele Hoffnungen wecken könnte, an denen Deine Thatkraft erlahmt.“ Betroffen blickte Willy die Mutter an, was veranlaßte denn ſie, ihn zu warnen? „Fürchte das nicht,“ erwiderte er,„ich werde die Grenze, welche zwiſchen mir und dieſer Familie gezogen iſt, nicht über⸗ ſchreiten.“„ Frau Magdalena ſtand am Fenſter, der letzte Strahl der ſinkenden Sonne ließ ihr ſchönes Antlitz roſig erglühen. „Halte an dieſem Vorſatz feſt,“ ſagte ſie warnend,„es wäre ſchlimm für Dich, wenn Du von anderer Seite auf jene Grenze aufmerkſam gemacht würdeſt. Aber verſprich mir, Willy, daß Du mit mir abreiſen willſt, ſobald das Gemälde fertig iſt, nimm keine weiteren Aufträge an.“ „Und wohin ſoll die Reiſe gehen?“ „Nach Italien!“ „Dann muß ich zuvor für die Mittel ſorgen.“ „Dieſe Sorge kannſt Du mir überlaſſen. Seitdem Du ſelbſt verdienſt, habe ich von den Renten meines Vermögens eine hübſche Summe erſpart, mit der wir vollſtändig ausreichen werden. Du warſt mehrmals in Oſthoſen, biſt Du dort nur dem Majorats⸗ herrn und ſeiner Tochter begegnet?“ „Nur dieſen Beiden.“ „Nicht dem Baron Udo?“ „Ich habe ihn noch nicht geſehen. Frau Rodenberg blickte ſchweigend in die Abendämmerung hinaus, die dunklen Schatten umwölkten noch immer ihre Stirne. Mir ſcheint daraus hervorzugehen, daß er ſeinen Sohn nicht entſchuldigen will,“ ſagte Willy und doch hatte der Majoratsherr mir verſprochen, daß es geſchehen werde.“ „Auf ſolche Verſprechungen darfſt Du niemals Werth legen, ſie ſind nichts weiter als leere Worte und in der nächſten Minute ſchon vergeſſen. Ich bitte Dich noch einmal, beherzige meine Warnung, je eher wir unſere Reiſe antreten, deſto lieber wird es tir ſein.“ Sie nickte ihm noch einmal zu, als ob ſie ihn auffordern wolle, ihre Worte ſeinem Gedächtniß einzuprägen, dann legte ſie chre Hand auf ſeinen Arm, und Arm in Arm gingen die Beiden n das Wohnzimmer. Junken unter der Aſche. Der alte Förſter Leberecht trat mit zornrothem Geſicht in das Kabinet des Majoratsherrn, der vor dem eleganten Arbeitstiſch ſaß und ſich nicht einmal nach dem Eintretenden umblickte. Der Förſter war eine ſtaltliche Erſcheinung, trotz ſeiner ſilber⸗ weißen Haare zeigten ſeine Haltung und ſein Auftreten noch eine jugendliche Rüſtigkeit, und unter den buſchigen Brauen blitzten die Augen noch ſo lebhaft, wie die Augen eines Jünglings. „Der Verwalter hat mich mit dem Beſehl des gnädigen Herrn bekannt gemacht,“ ſagte er, und ſeine Stimme verrieth den müh⸗ ſam unterdrückten Zorn,„aber ich kann nicht glauben, daß—“ „Was können Sie nicht glauben?“ unterbrach der Majorats⸗ herr ihn ſcharf, und jetzt blickte er zum erſten Male zu dem ſtatt⸗ lichen Manne auf, in deſſen wettergebräunten Zügen ſich Erſtaunen und Ueberraſchung ausdrückten.„Ueberhaupt, wie kommt es, daß — E.—————— z6 Sie Tohen zuſtele Ve ſolchen 2 aber 2 lange — gann ganz Tone. es a gewo dieſe ich i und einer geſeh auch menng ohn nicht oratsher h legen, Minute e wine ufordem legt ſe e Beiden ſt in das rbeitstiſch te. er ſilber⸗ noch eine n blitzen n Herrn en müh⸗ daß—“ Kajorats⸗ em ſtatt⸗ Frſtaunen tees, ——— — —. ich Sie heute erſt ſehe? Ich hatte erwartet, daß Sie in den erſten Tagen nach meiner Heimkehr kommen würden, um ſich mir vor⸗ zuſtellen.“ Der Förſter war verwirrt durch dieſe barſche Anrede, er ſchien ſolchen unfreundlichen Empfang nicht erwartet zu haben. „Der Herr Baron werden verzeihen,“ ſagte er,„ich war hier, aber ich wurde nicht vorgelaſſen.“ „Dann hätten Sie wiederkommen müſſen.“ „Dazu fehlte mir die Zeit, es gibt draußen im Walde immer zu thun, ich verſchob es von Tag zu Tag und ſo kam's auf die lange Bahn.“ Der Majoratsherr nahm ein Federmeſſer vom Tiſche und be⸗ gann an ſeinen Fingernägeln zu ſchneiden. „Ich kann zu meinem eigenen Bedauren nicht ſagen, daß ich ganz mit Ihnen zufrieden ſei,“ erwiderte er in vorwurfsvollem Tone. Früher, zu Lebzeiten meines ſeligen Vaters, hat man hier von Wilddiebſtahl nie etwas gewußt, während meiner Ab⸗ weſenheit haben die Wilddiebe großen Schaden angerichtet, es war Ihre Pflicht, dieſem Unweſen zu ſteuern.“ Die buſchigen Brauen des Förſters zogen ſich zuſammen, und ein trotziger Zug umzuckte ſeine Lippen. „So ſchlimm iſt es nicht geweſen,“ ſagte er,„der Wildſtand in unſeren Waldungen iſt heute noch ein vorzüglicher, und wer es anders behauptet, der verleumdet mich.“ „Iſt nicht ein früherer Arbeiter der Anführer der Wilddiebe geworden?“ „Der Herr Baron meinen den rothen Franz. Ja allerdings, dieſer Burſche hat manchen Hirſch geſchoſſen, und einmal ergriff ich ihn auf den Anſtand. Ich habe meine Schuldigkeit gethan und die Kanaille arretirt, aber der gnädige Herr entließ ihn mit einer Strafpredigt.“ „Mein Bruder?“ fragte der Baron unwillig. „Und ſeitdem haben Sie dem Burſchen nicht auf die Finger geſehen? „O, doch, aber er ließ ſich nicht mehr erwiſchen und ich kann auch nicht überall ſein.“ Der Majoratsherr blickte zornig auf. 374— „Das war eine nnpaſſende Antwort,“ ſagte er.„Wenn Sie allein die Arbeit nicht bewältigen können, ſo werde ich Ihnen einen Gehülfen zur Seite ſtellen, ich habe einen dazu tauglichen Mann bereits gefunden. Florian Bender iſt vor einigen Tagen zurückgekehrt, er ſoll die Stelle haben.“ „Der?“ fragte der Förſter, die Brauen hoch hinaufzi ehend „Das hieße den Bock zum Gärtner machen, Herr Baron.“ „Weshalb?“ „Weil dieſer Mann von der Forſtwiſſenſchaft gar nichts verſteht.“ „Das iſt auch durchaus unnöthig. Florian Bender ſoll nur den Wilddieben aufpaſſen, und dafür iſt er ganz der Mann, er hat dieſen Buſchkrieg drüben gelernt und nebenbei haßt er den rothen Franz aus früherer Zeit her.“ „Mag ſein, aber wenn ich entſcheiden ſollte, wer von dieſen Beiden der größere Vagabund ſei, dann wüßte ich wahrhaftig nicht—“ „So wird ein Lumpenhund vom andern abgethan,“ ſpottete der Baron.„Ich wills, und dabei muß es bleiben.“ „Dann mag der Vagabund zuſehen, wie er ſertig wird,“ brummte Leberecht,„ich will keine Gemeinſchaft mit ihm haben.“ Wieder traf ihn ein zorniger Blick aus den blitzenden Augen des Majoratsherrn. „Sie werden ſich ſtreng an meine Befehle halten,“ ſagte er, „ich verlange von meinem Perſonal unbedingten Gehorſam. Der Verwalter hat Ihnen alſo meine Anordnungen bezüglich der Ab⸗ holzung mitgetheilt?“ „Jawohl Aber wenn dieſe Anordnungen ausgeführt werhen ſollen, dann wird kaum noch ein Baum im Walde ſtehen bleiben“ „Sie übertreiben, Herr Förſter!“ „Was dann noch ſtehen bleibt, kann ich nicht Baum mehr nennen.“ Der Baron zuckte geringſchätzend die Achſeln. „Die Bäume werden wieder wachſen,“ ſagte er. „Aber wir werden es nicht erleben, daß—“ „Was kümmert das mich.“ „Und wenn der Herr Baron Werth auf den Wildſtand legen, ſo erlaube ich mir, die Bemerkung zu machen, daß das geſammte 6 thnib Waldunge „Nun, ſollten, gue nit niht in ih überl den Verr Pn ich wiede Kein Gu es Veran „Her nungen 2 gefuten/ werbe da⸗ thung der zeitweiſe, Der zuctt ein ſagte er ich um: völligen kann, ſt zu verwe ſchon vie nie iſt e Der zogen, d den Stu Ihres ri „Und ſion?“ Min De Sie hen hen chis Rur er den ieſen tig tete d ℳ e igen et, Der rden e mehr egen, mmte — 375— Rothwild binnen kürzeſter Zeit verſchwinden und die in benachbarten Waldungen ſich zurückziehen wird.“ „Nun, wenn die Rehe und Hirſche uns auch wirklich fehlen ſolten, ſo bleiben uns noch Haſen, Füchſe und Schwarzwild, die ganze mittlere und niedere Jagd. Zudem liegt es auch durchaus nicht in meiner Abſicht, die Waldungen gänzlich niederzulegen, ich überlaſſe es Ihnen, alle ſchlagbaren Bäume zu h eichnen und dem Verwalter eine genaue Aufſtellung darüber zu geben.“ „Wenn alle dieſe Bäume gefällt werden, Herr Baron, dann, ich wiederhole es noch einmal, ſind die Waldungen werthlos. Kein Gutsbeſitzer greift gerne zu dieſem Mittel, um ſeine Kaſſe zu füllen, das Eigenthum wird dadurch entwerthet, außerdem gibt es Veranlaſſung zu Vermuthungen und Gerüchten, die—“ „Herr Förſter, ich bin gewohnt, dem Urtheil und den Mei⸗ nungen Anderer keinen Einfluß auf meine Entſchließungen zu geſtatten,“ fiel der Majoratsherr ihm barſch in's Wort,„ich werde das auch in dieſem Falle nicht thun. Und die Entwer⸗ thung der Waldungen iſt auch keine immerwährende, ſondern eine zeitweiſe, wie Sie mir zugeben werden.“ Der Förſter ſchüttelte das graue Haupt und noch immer um⸗ zuckte ein unwilliger Zug ſeine Lippen „Ich kann dieſe Entwerthung nicht billigen, Herr Baron,“ ſagte er,„und wenn Sie dorauf beſtehen wollten, dann müßte ich um meine Entlaſſung bitten. Wenn ich auch nicht dieſe zum völligen Ruin der Waldungen führende Maßregel verhindern kann, ſo gebietet mir doch meine Ehre, jede Hülfeleiſtung dabei zu verweigern. Sie können mir drum nicht zürnen, ich bin nun ſchon vierzig Jahre in den Dienſten der gräflichen Familie, und nie iſt eine ſolche Zumuthung an mich geſtellt worden.“ Der Baron hatte die Brauen immer finſterer zuſammen ge⸗ zogen, das Wetterleuchten in ſeinen Augen verkündete den nahen⸗ den Sturm. „Ihr Wunſch ſoll erfüllt werden,“ erwiderte er,„wegen Ihres rückſtändigen Gehalts wenden Sie ſich an den Verwalter.“ „Und die mir vom ſeligen Herrn Baron zugeſicherte Pen⸗ ſion?“ fragte Leberecht mit gewaltſam erzwungener Ruhe. „Mir iſt von einer ſolchen Zuſicherung nichts bekannt.“ „Der Herr Baron ween—“ — 376— „Sparen Sie die Worte,“ ſagte der Majoratsherr barſch, „ich kann mich nicht verpflichtet halten, einem Diener, den ich wegen Widerſetzlichkeit entlaſſen mußte, eine Penſion zu zahlen. Das müßte Ihnen doch auch einleuchten. Damit iſt dieſe Ange⸗ legenheit beendet.“ Ein Wink mit der Hand befahl dem Förſter, ſich zu ent⸗ fernen, und ols die Thüre ſich hinter dem Manne geſchloſſen hatte, erhob de. Baron ſich raſch von ſeinem Sitz. „Dieſem Ungehorſam muß man mit aller Energie entgegen⸗ treten!“ ſagte er wüthend.„Die Leute ſind verwöhnt, die Zügel müſſen ſtraffer angezogen werden.“ Er legte die Hände auf den Rücken und wanderte lange auf und nieder, endlich blieb er ſinnend vor dem Schreibtiſch ſtehen. „Ueberall begegne ich der Oppoſition und dem Mißtrauen,“ murmelte er,„mich wundert nur, daß mein Herr Bruder mir noch nicht den Krieg erklärt hat. Bruno ſcheint auch ſchon das Heimweh zu haben, und es wäre nicht unmöglich, daß er uner⸗ wartet zurücktehrte, dann aber würde auch in derſelben Stunde der Bruch erfolgen.“ Er heftete den Blick auf die Thür, und faſt unmerklich zuckie er zuſammen, als er in das ernſte Geſicht ſeines Bruders ſchaute. „Iſt es denn wirklich Dein Ernſt, daß Du unſere ſchonen Waldungen niederlegen willſt?“ fragte Baron Udo mit bebender Stimme, die ſeine innere Erregung bekundete.„Sie waren der Stolz und die Zierde unſerer Beſitzung, und unſer guter Vater hat ſtets ſein Augenmerk Harauf gerichtet, doß „War der Förſter bei Dir, um mich anzuklagen?“ fiel der Majoratsherr ihm ungeduldig in die Rede, während er ſich in ſeinen Seſſel niederließ. „Der alte Mann iſt außer ſich, Edmund, ich kann es ihm nicht verdenken. Sein Herz hängt an dem Walde, und ich muß ſeinem Urtheil zuſtimmen, der Wald würde entwerthet. Wenn der Verwalter Dir dieſes Mittel, die Kaſſe zu füllen, empfohlen haben ſollte, ſo bitte ich Dich, nicht auf den Rath zu hören.“ Der Majoratsherr zog die Stirne in Falten, und eine trotzge Entſchloſſenheit leuchtete aus ſeinen Augen. „Muß denn das Alte auch immer das Beſte ſein?“ erwiderte 1„ den Gel ſichig* venn ich gentheil ſih bew „Uud Vernicht „We Merwir ringe 3 liegende mzuſchl ergeben, zurden erſt ſpäte wird. „Du unſeter Portheil reprüſen verwand glaube ſtung „Un ſicht nic wirſt.“ Bar ſch ihn bezwing „Du Er herr ach „El „Be als ich inde ckie ders onen nder der zater der h ein ihm nuß enn hlen otige iderte er.„Die Forſchungen und Entdeckungen der neueren Zeit auf dem Gebiete der Landwirthſchaft ſind hier in keiner Weiſe berück⸗ ſichtigt worden, es iſt Alles im alten Schlendrian geblieben, und wenn ich nun Aenderungen einführen will, ſo ſollte man mit der Beurtheilung derſelben warten, bis die Reſultate ergeben, ob ſie ſich bewähren oder nicht.“ „Uud zu dieſen Neuerungen zählſt Du auch die vollſtändige Vernichtung des Waldes?“ „Weshalb nicht? Der Boden kann urbar gemacht und der Ackerwirthſchaft überwieſen werden, Waldungen bringen nur ge— ringe Zinſen—“ „Man muß den Nutzen in Betracht ziehen, den ſie den um⸗ liegenden Feldern und Wieſen bringen, er iſt keineswegs gering anzuſchlagen. Gerade die Forſchungen der neueren Zeit haben ergeben, daß es einer der größten Fehler war, die Wälder aus⸗ zuroden, man begann überall mit neuen Pflanzungen, wenn auch erſt ſpäteren Generationen der Segen derſelben zu Theil werden wird.“ „Das mag ſein,“ erwiderte der Majoratsherr ruhig,„in unſerer Gegend aber gibt es Wälder genug, und ich ſehe nur Vortheile darin, wenn unſere Waldungen allmälig fallen. Sie repräſentiren ein namhaftes Kapital, welches zu anderen Zwecken verwandt werden kann. Ich habe dieſe Anordnung getro ffen und glaube die Ueberzeugung ausſprechen zu dürfen, daß ſie der Be⸗ ſitzung nur zum Vortheile gereichen wird.“ „Und ich erwidere Dir darauf ganz offen, daß ich dieſer An⸗ ſicht nicht beipflichten kann.“ „Ich bedaure das und hoffe, daß Du ſpäter mir Recht geben wirſt. Baron Udo drehte an den Spitzen ſeines Schnurrbarts, man ſah ihm an, daß es ihm unſaglich ſchwer fiel, ſeine Erregung zu bezwingen und die äußere Ruhe zu bewahren. „Du willſt deshalb den Förſter entlaſſen?“ fragte er. „Er hat ſeine Entlaſſung gefordert,“ entgegnete der Majorats⸗ herr achſelzuckend. „Er mag die Worte in der Uebereilung geſprochen haben.“ „Bewahre, er erlaubte ſich, meine Befehle zu kritiſiren, und als ich mir das ernſtlich verbat, kündigte er mir den Gehorſam — 378 auf. Er forderte ſeine Entlaſſung, und ich gab ſie ihm, alſo hat er keine Urſache, ſich zu beſchweren.“ „Er iſt ſeit vierzig Jahren in unſeren Dienſten.“ „Darauf kann ich unter den obwaltenden Verhältniſſen keine Rückſicht nehmen.“ „Willſt Du ihm keine Penſion ausſetzen 2 „Nein.“ „Unſer ſeliger Vater hat ſie ihm verſprochen?“ „Vielleicht war er zufrieden mit ihm, ich bin es nicht.“ Baron Udo ſah ſeinen Bruder feſt an. „Dieſes Verſprechen iſt für uns bindend,“ ſagte er,„des⸗ halb bitte ich Dich, den Mann nicht hülflos hinauszuſtoßen. Er iſt alt und grau geworden in unſeren Dienſten, und den Dank, den man einem treuen Diener ſchuldet, ſoll man niemals ver⸗ geſſen!“ „Er hat ſeine Entlaſſung gefordert,“ erwiderte der Majorats⸗ herr,„und zwar unter Umſtänden, die mich weder verpflichten, noch veranlaſſen können, ihm eine Penſion zu zahlen. Wenn ich das Letztere thäte, ſo würde ich dem Ungehorſam meiner ſämmt⸗ lichen Beamten und Diener Thor und Thür öffnen, und das kann doch wahrlich nicht in meinem Vortheil liegen. Hier muß ein Exempel ſtatuirt werden, man muß den Leuten zeigen, daß man feſt entſchloſſen iſt, die größte Strenge walten zu laſſen.“ „Ich glaube, Du wirſt damit nicht weit kommen,“ ſagte Baron Udo vorwurfsvoll,„es kann auch nicht in Deinem Intereſſe lie⸗ gen, die Arbeiter zu erbittern. Und erbittern muß es ſie, wenn ein Vagabund hier ein warmes Neſt findet.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Haſt Du nicht dem Förſter erklärt, Florian Bender ſolle ihm als Gehülfe zur Seite gegeben werden?“ „Dieſer Burſche iſt als Vagabund von drüben zurückgekehrt und hier in einer Weiſe aufgenommen worden, die mich befremden muß. Nimm mir dieſe Bemerkung nicht übel, Edmund, Du kannſt ihre Wahrheit nicht leugnen. Der kleine Pavillon im Park iſt ihm zur Wohnung eingeräumt worden—“ „Einſtweilen nur als Schlafſtätte angewieſen. Ich habe das abſichtlich gethan, denn wie mir gemeldet wurde, ſind einzelne Wilddiebe ſo verwegen, zur Nachtzeit in den Part einzudringen. Forin inen Vo und nan ſer Mnifo bundenthu „Hat „Hn, Der durchdrin „Wa⸗ „Ver er denke er wiſſe, auf die len nirt „Albe weiß ja e Geheimni großen T Lben ve die Mm daß er! „De er die T „Er „Du Der Papieren „Er er damit bin nicht dann nic pſüchtet. „r erwidert als ob einen kle — 379— Florian Bender mag allerdings in ſeiner äußeren Erſcheinung einem Vagabund ähnlich ſehen, aber er iſt ein beherzter Mann, und man kann ſich auf ihn verlaſſen. Und wenn er einmal in der Uniform eines Förſters ſteckt, dann hat's mit ſeinem Vaga⸗ bundenthum ein Ende.“ „Hat er Dir drüben vielleicht einen großen Dienſt geleiſtet?“ „Weshalb fragſt Du mich das?“ „Hm, er ſoll in der Schenke ſeltſame Reden führen.“ Der Majoratsherr blickte raſch auf, es war ein forſchender, durchdringender Blick. „Was ſoll er geſagt haben?“ fragte er. „Wenn ſeine Taſche leer ſei, müßteſt Du ſie wieder füllen, er denke nicht mehr an Arbeit, und wenn er ausſageu wolle, was er wiſſe, ſo würde Mancher ſtaunen. Ich habe nicht ſonderlich auf die Reden geachtet, die mir hinterbracht wurden, aber ſie fie⸗ len mir deunoch auf.“ „Albernes Geſchwätz!“ erwiderte Baron Edmund.„Man weiß ja aus der Erfahrung, daß ſolche Burſchen ſich gerne mit Geheimniſſen brüſten. Es iſt wahr, der Mann hat mir einen großen Dienſt geleiſtet, ich darf wohl ſagen, daß ich ihm mein Leben verdanke, aber das allein beſtimmt mich nicht, ihm unter die Arme zu greifen, und er iſt ſehr im Irrthum, wenn er glaubt, daß er nun nicht mehr zu arbeiten brauche.“ „Dennoch behauptet er es, Edmund, und es iſt Thatſache daß er die Taſchen voll Geld hat!“ „Er wird es von drüben mitgebracht haben.“ „Du haſt es ihm nicht gegeben?“ Der Majoratsherr wandte das Geſicht ab, er blätterte in den Papieren, die vor ihm auf dem Arbeitstiſch lagen. „Er hat von mir eine Unterſtützung erhalten,“ ſagte er,„geht er damit verſchwenderiſch um, ſo iſt das nicht meine Schuld, ich bin nicht geſonnen, ihm die leere Taſche wieder zu füllen, zumal dann nicht, wenn er öffentlich ſich damit brüſtet, ich ſei dazu ver⸗ pflichtet. Was ſchreibt Bruno?“ „Er findet draußen nicht, was er zu finden erwartet hat,“ erwiderte Baron Udo, mit der Hand über die Stirne ſtreichend, als ob er ſeine Gedanken ſammeln wolle,„mir ſcheint, er hat einen kleinen Anfall von Heimweh.“ „Pah, er mag ſich wohl nach der luſtigen Zechgeſellſchaft zu⸗ rückſehnen, aber es iſt gut für ihn, daß er ſie einige Zeit eut⸗ behren muß. Er befand ſich auf einem ſehr ſchlechten Wege, Du haſt das nicht gewußt, Udo, mir ſind aus zuverläſſiger Quelle Mittheilungen darüber gemacht worden.“ „Aus zuverläſſiger Quelle?“ fragte Baron Udo, und der Ton, den er anſchlug, ließ ſtarke Zweifel durchblicken.„Ich glaube, Du haſt von der erſten Begegnung an Abneigung gegen Bruno gehegt.“ „Keineswegs, wenn ich auch zugeben will, daß der Empfang von ſeiner Seite nichts weniger als freundſchaftlich und zuvor⸗ kommend war.“ „Du wünſchteſt ſeine Entfernung.“ „Aus Gründen, die ich Dir angegeben habe.“ „Du wünſchteſt nicht ſeine Verbindung mit Klara.“ „Wer hat Dir das geſagt?“ „Er ſelbſt, und wenn ich nicht trre, ſagte Klara es ihm.“ „Wenn ſie ihm das wirklich geſagt haben ſollte, dann hat ſie mich mißverſtanden,“ erwiderte der Majoratsherr, leicht dos Haupt wiegend.„Ich habe ihr die freie Entſcheidung anheimgeſtellt, und hätte ſie ihm das Jawort gegeben, ſo würde ich meine Einwilligung nicht verweigert haben. Daß ſie das Jawort nicht gab, läßt ſich ja leicht erklären, das brutale Benehmen Bruno's gegenüber dem Maler hat das Gemüth Klara's tief verletzt; ſie forderte ihn auf, dem Beleidigten Genugthuung zu geben, er verweigerte es und zwar in einer Weiſe, die—“ „Und welche Genugthuung hätte er ihm geben können?“ fragte Baron Udo ſcharf. „Ohne ſeiner Ehre etwas zu vergeben, konnte er ihm ſagen, er habe ſich eine Uebereilung zu Schulden kommen laſſen, die er bereue, und wegen der er um Entſchuldigung bitte.“ „Du protegirſt den Maler!“ „Ich protegire den Künſtler, und darin finde ich michte, was zu einem Vorwurf gegen mich berechtigte, ſagte der Majorats⸗ herr in kühlem Tone.„Seltſam muß ich es aber finden, daß Du ſo conſequent Dich weigerſt, den Maler zu empfangen, von Dir ging doch zuerſt die Idee aus, inh zu beſchäftigen.“ Baron die uuf de „65 die Giſt ſein ſol, ichen St andern liegt ſch ſolchen ihre ſpie anzuhöre die mit! ich Ihnen „Und fragte der mit zieml Baton U „Du Klara iſt ollte ma „Erle ſo weit ſ er wollte „Es ſchränken Anſpruch es ja nun Hauſes z „Aber joratsher „ch „Und „Auf nt⸗ Baron udo blickte gedankenvoll auf die koſtbare Penduluhr Au die auf dem Sims des Marmorkamins ſtand. ule„Es kommt nicht mir, ſondern dem Herrn des Hauſes zu, die Gäſte zu empfangen,“ erwiderte er,„und wenn ich aufrichtig ſein ſoll, ſo muß ich zugeben, daß Perſonen aus dem bürger⸗ 6 lichen Stande mir niemals angenehme Gäſte waren.““ e„Das alte Vorurtheil des Adels!“ uno 1„Nicht das allein, Edmund. Dieſe Leute ſtehen auf einem andern Standpunkte, ſie theilen unſere Anſchauungen nicht, das ang 1 liegt ſchon in ihrer Erziehung. Und ich habe keine Luſt, mit ſolchen Leuten über Alles und Jedes in Wortwechſel zu gerathen, ihre ſpießbürgerlichen Urtheile über Politik und andere Fragen anzuhören und mich langweilen zu laſſen durch ihre Meinungen, die mit den meinigen doch nicht übereinſtimmen. Deshalb gehe ich Ihnen aus dem Wege.“ „Und es iſt Dir unangenehm, daß ich ſie hier empfange?“ fragte der Majoratsherr, die Brauen leicht zuſammenziehend. ie„So lange ich nicht mit ihnen in Berührung komme, kann es mpt mir ziemlich gleichgültig ſein, aber ich bedauere Klara,“ erwiderte und Baron Udv. ung„Ich glaube, dieſes Bedauern hat keine Berechtigung.“ ſich 1„Du wirſt bitter, Edmund, ich habe das nicht verdient. dem Klara iſt noch jung und für Eindruck empfänglich, umſomehr au, ſollte man—“ und„Erlaube, Klara iſt meine Tochter, und ihre fernere Erziehung, ſo weit ſie noch nicht vollendet iſt, ruht nun in meinen Händen.“ Baron Udo erhob ſich, das Geſpräch wurde immer peinlicher, er wollte es abbrechen. „Es liegt nicht in meiner Abſicht, Deinen Willen zu be⸗ e, ſchränken,“ ſagte er,„aber dieſelbe Freiheit muß ich für mich in Anſpruch nehmen. Sollte Dir das unbequem werden, ſo bedarf, es ja nur eines Wortes von Dir, um mich zum Verlaſſen dieſes Hauſes zu bewegen.“ wos„Aber davon war ja gar keine Rede!“ erwiderte der Ma⸗ joratsherr. duß 1„Ich glaube, auch darauf wird bald die Rede kommen!“ on„Und darf ich fragen, worauf dieſer Glaube ſich ſtützt?“ „Auf Deine Pläne, von denen ich Kenntniß erhielt.“ „Auf meine Pläne?“ „Jawohl. Glaubſt Du denn, es ſchmerze mich nicht, wenn ich in unſeren herrlichen Wäldern drüben die Bäume fallen ſehe? Und iſt es nicht auch Dein Plan, dieſes Schloß gänzlich um⸗ zugeſtalten, aus den behaglichen Räumen Prunkgemächer zu ſchaffen?“ „Das iſt allerdings mein Vorſatz.“ „Und woher willſt Du die Mittel nehmen?“ „Dafür laſſe mich ſorgen, Udo.“ „Der Wald ſoll Dir die Mittel liefern, dem äußeren Glanz muß das Gediegene weichen. Dazu würde ich nimmer meine Zu⸗ ſtimmung gegeben haben.“ „Die Anſichten ſind allerdings verſchieden“, ſpottete der Ma⸗ joratsherr,„aber drum ſoll kein Zwieſpalt zwiſchen uns entſtehen. Du hätteſt der militäriſchen Laufbahn treu bleiben müſſen, das wäre vortheilhafter für Dich geweſen.“. „Und was zwang mich, ſie zu verlaſſen?“ „Eigentlich nichts, die Verwaltung des Majoratsgutes konnte einem tüchtigen Fachmanne übertragen werden.“ „Willſt Du damit mir den Vorwurf machen, daß meine Ver⸗ waltung—“ 3 „Ich werde Dir niemals, in keiner Weiſe einen Vorwurf machen,“ ſagte Baron Edmund raſch.„Im Gegentheil, ich ſchulde Dir großen Dank und werde mich deſſen ſtets erinnern. Wenn die geänderten Verhältniſſe Dir unangenehm ſind, wenn Du eine Trennung wünſcheſt, ſo werde ich jedem Wunſche entgegenkommen, Udo, und ich vertraue darauf, daß wir alsdann in Frieden ſchei⸗ den werden. Du haſt alsdann nur zu beſtimmen, ob Du ein beſtimmtes Kapital einer jährlichen Rente vorziehſt und ich über⸗ laſſe es Dir, die Höhe des Kapitals ſowohl, wie der Ren'e feſt⸗ zuſtellen.“ Baron Udo gab auf dieſen Vorſchlag keine Antwort, er nickte nur mit dem Kopfe, als ob er ſagen wollte, es ſei auch ſeine Anſicht, daß auf dieſem Wege die Angelegenheit am beßten ge⸗ ordnet werden könne, dann verließ er das Arbeitskabinet. Draußen im Korridor ſtand der Förſter, den Baron er⸗ wartend, der alte Mann konnte nur mühſam ſeine Aufregung bezwingen. ——— „Ble Stimme „Jw „bet Und wen werden“ Baro ein vorw „Ein ich nehn daß ein gerlichen nicht. 1 werden, ſeins ₰ ſeinen R hedauere, tren gedi Der über die „3h daß ich der Dan Er daß er nicht we Err Haus de „Ich Vortna „Unk „Ihr hä „Das verlieren. Va Der Pfeife n „Ent er⸗ wurf ulde benn eine men, ſchei⸗ lein über⸗ feſt⸗ nickte ſeine n Re⸗ nel⸗ egun — 383— „Bleibt es bei der Anordnung?“ fragte er mit gedämpfter Stimme. „Jawohl, Leberecht,“ erwiderte Baron Udo ſeufzend. „Aber können Sie denn gar nichts dagegen thun, Herr Baron? Und wenn ein Prozeß daraus entſtände, der Wald muß gerettet werden.“ Baron Udo blickte den Förſter befremdet an, es war zugleich ein vorwurfsvoller Blick. „Ein Prozeß?“ ſagte er,„Sie ſprechen, wie Sie denken, und ich nehme Ihnen das nicht übel. Aber Sie müßten ſelbſt wiſſen, daß ein Baron von Oſthofen nicht vor die Schranken eines bür⸗ gerlichen Gerichts gezogen werden darf, unſere Ehre duldet das nicht. Und was der Majoratsherr befiehlt, das muß ausgeführt werden, Leberecht, es kommt dem Diener nicht zu, die Befehle ſeines Herun zu kritifiren. Mein Bruder war vollſtändig in ſeinem Recht, als er Ihnen die geforderte Entlaſſung gab, ich bedauere, das einem Manne ſagen zu müſſen, der uns ſo lange treu gedient hat.“ Der Förſter warf mit einer unwilligen Geberde die Büchſe über die Schulter. „Ich werde wohl kein Recht bekommen,“ erwiderte er,„aber daß ich dennoch Recht hatte, wird man ſpäter einſehen. Das iſt der Dank für treue Dienſte!“ Er wandte ſich um und ſchritt von dannen, er fühlte ſelbſt, daß er nicht länger an ſich halten konnte, und grob wollte er nicht werden. Er verließ das Schloß und trat einige Minuten ſpäter in das Haus des Verwalters. „Ich ſehe es Euch an, ausgerichtet habt Ihr nichts!“ rief Wortmann ihm entgegen. „Und das iſt Eure Schuld,“ erwiderte Leberecht wüthend. „Ihr hättet dem Baron ernſte Vorſtellungen machen müſſen!“ „Das wäre dann der kürzeſte Weg geweſen, meine Stelle zu verlieren.“ „Was lag daran! Ich habe ſie verloren.“ Der Verwalter ſtieß mit dem Daumen die Aſche in ſeiner Pfeife nieder und ſah den alten Mann an. Entlaſſen?“ fragte er. 384— Jawohl, das heißt, ich habe meine Entlaſſung gefordert.“ Wird ſich finden!“ brummte der Förſter, aus deſſen Augen glühender Haß leuchtete.„Ich konnte nicht anders, der Zorn übermannte mich. Und es wär' möglich, daß es noch ein Unglück gäbe, ehe ich den Wald verlaſſe.“ „Um Gotteswillen, Leberecht, wollt Ihr Euch ſelbſt unglück⸗ lich machen?“ rief der Verwalter entſetzt.„Aendern werdet Ihr doch nichts, denn was der Baron einmal will, das ſetzt er durch.“ „Und wißt Ihr, was er will? Ruiniren will er das Gut!“ „Welchen Grund könnte er dazu haben „Wer weiß?“ Wieder heftete Wortmann den lauernden Blick voll fieberhafter Erwartung auf den alten Mann, deſſen ehrliches Geſicht die Gluth des Zornes röthete. „Hegt Ihr einen Verdacht?“ fragte er leiſe. Der Förſter ſchrack aus ſeinem Brüten auf. „Rathet einmal, wer mein Nachfolger wird!“ erwiderte er“ „Wie kann ich das wiſſen?“ Florian Bender!“ „Der? Unmöglich!“ Ja, eben der! brauſte Leberecht auf.„Der hergelaufene Vagabund und Trunkenbold, der noch nicht einmal einen Fuchs von einem Haſen unterſcheiden kann und den Teufel von dem Forſtweſen verſteht. Begreift Ihr das?“ „Offen geſagt, nein!“ ſagte der Verwalter kopfſchüttelnd. „Und weshalb geſchiehts? Der Baron ſagt, dieſer Himmel⸗ hund ſolle die Wilddiebe und vor Allen den rothen Franz, nie⸗ derſchießen, Bender haſſe ja den Franz von früher her, aber ich glaub's beſſer zu wiſſen. Der Lump iſt von drüben mit herüber gekommen, um—— na, ich will es nicht ausſprechen, wenig⸗ ſtens ſo lange nicht, als ich keine beſſeren Beweiſe habe.“ Der Blick des Verwalters wurde immer ſtarrer, die Pfeife war erloſchen, er bemerkte es nicht. „Nur immer heraus damit,“ ſagte er,„ich verrathe nichts.“ „Ich weiß nicht, mit wem Ihr haltet.“ „Mit Denmjenigen, auf deſſen Seite das Recht iſt.“ „Und wißt Ihr, wo hier das Recht iſt?“ 8 konnte. Florian ins Sch wir auf No „Gl Leb dozu, renomm Schenke der mit werhau „ „Be „N benutzt. „Er „ „U Der 3 des Majoratsherrn ſeine Be⸗ „Einſtweilen auf der Seite ſehle müſſen vollzogen werden, ſo lange er hier der Gebieter iſt.“ „Und glaubt Ihr, daß er es bleiben wird?“ „Ihr ſeid nicht aufrichtig, Wortmann,“ ſagte der Förſter mit gedämpfter Stimme, während er einen ſcheuen Blick auf die Thüre warf,„mir wollt Ihr die Würmer aus der Naſe ziehen, aber Euch ſelbſt möchtet Ihr gerne ſalviren, damit Ihr für jeden Fall geſichert bleibt. Verlangt Ihr von mir Offenheit, ſo ver⸗ lange ich ſie von Euch auch.“ „Ich muß zuvor wiſſen, welchen Verdacht ihr hegt.“ „Welchen Verdacht? Na, iſt es denn nicht auffallend, wenn ein Baron von Oſthofen einen ſolchen Vagabund protegirt? Ihr werbet den Burſchen beſſer kennen, wie ich, hat er Euch geſagt, woher die Freundſchaſt rührt?“ „Nein. Was er in der erſten Stunde mir ſagte, das klang ſo ſeltſam und auffallend, daß ich nur ſchwer daran glauben konnte. Baron Ebmund ſollte drüben erſchoſſen worden ſein, Florian wollte ſelbſt die Leiche geſehen haben. Dann ging er in's Schloß, und als ich ſpäter wieder mit ihm ſprach, gab er mir auf meine Fragen gar keine Antwort mehr.“ „Natürlich, das Bündniß war ja geſchloſſen!“ „Glaubt Ihr das wirklich?“ Leberecht ſtand in Sinnen verſunken. „Muß ich es nicht glauben?“ erwiderte er.„Wie kommt er dazu, dem Vagabund dieſe Anſtellung zu geben? Und weshalb renommirt Bender mit ſeinem Geld? Geſtern traf ich ihn in der Schenke, der Burſche führte das große Wort und traktirte Jeden, der mit ihm trinken wollte. Iſt es wahr, daß er in dem Som⸗ merhaus im Park ſchläft?“ „Jawohl.“ „Begreift Ihr's, daß der Baron ihn da einquartiert hat?“ „Na, weshalb nicht? Das Sommerhaus wird jetzt ſelten noch benutzt.“ „Er ſagt, es ſei der Wilddiebe wegen ihm zugeſtanden worden.“ „Ich habe noch keinen Wilddieb im Park erwiſcht.“ „Und wenn wirklich einer käme, würde dieſer Trunkenbold Der Baoſtard. 25 zuerſt Ferſengeld geben, er ſieht mir nicht aus, als ob er Muth hätte. Er hat ja nicht einmal eine Waffe.“ „Der Baron hat ihm eine Büchſe gegeben, aber es fragt ſich, ob er wach würde, im Rauſch hat man einen feſten Schlaf,“ ſagte der Verwalter. „Ich hätte große Luſt, die Wachſamkeit des Burſchen auf die Probe zu ſtellen,“ ſpottete der Förſter. „In welcher Weiſe?“ „Ich möchte ſehen, ob er herauskommt, wenn draußen ein Schuß abgefeuert wird.“ „Ah bah, dabei kommt nichts heraus! Sagt mir aufrichtig, Leberecht, hegt Ihr einen Verdacht?“ Der alte Mann drehte gedankenvoll an ſeinem grauen Schnurr⸗ bart er ſchien zu überlegen, ob er dem Fragenden vertrauen dürfe, oder nicht. „Ich will Euch etwas ſagen, Wortmann,“ erwiderte er nach einer Pauſe,„Ihr habt ſo ſcharfe Augen, wie ich, und da meine ich, Ihr müßtet S ſelbſt ein Urtheil gebildet haben. Ihr habt ja den Baron in früheren Jahren beſſer gekannt, wie ich.“ „Beſſer wohl nicht!“ „Mindeſtens ebenſo genau. Wenn ich Euch nun fragen wollte, welchen Eindruck der heimgekehrte Majoratsherr bei der erſten Begegnung auf Euch gemacht hat, welche Antwort würdet Ihr mir geben?“ Der Verwalter war noch näher getreten, ſein Blick, der Aus⸗ druck ſeines Geſichts, ſeine Haltung— Alles an ihm verrieth eine fieberhafte Erregung. „Ihr habt mich vorhin gefragt, mit wem ich halte,“ ſagte er, „und ich antwortete darauf, mit Demjenigen, auf deſſen Seite das Recht ſei. Das Recht kann aber nur ſcheinbar ſein, und da iſt es rathſam, die Parthei Desjenigen zu ergreifen, der augenblicklich die Gewalt hat. Ich hoffe, Ihr werdet mich verſtehen. Wäre es klug gehandelt, wenn ich Front gesen den Majoratsherrn machte, ſo lange ich in dieſem Kampfe allein ſtehe? Man würde mich ſofort entlaſſen und damit wäre weder mir noch Euch, noch der Familie dieſes Majoratsherrn gedient. Es iſt für uns Alle beſſer, wenn ich auf meinem Poſten bleibe und beobachte. Und dabei will ich Euch die beruhidende Verſicherung geben, daß ich — enſhloſen ich dies Det 6 wyrt ſihten Wenn halb rdet Peil Udo wil ürd gaßzen S er mt ſei uns die Leberecht, hören und it, rede i für Gure Herrn zu „Und! „Aufi Der Fi das weiße Von verſtanden ihn richte meint, un laſſen. N und ich ſei, der „Und irten“ Die Blatt kann in Wortmann nie vergeſ beſten = — 6 — Ind * entſchloſſen bin, das Intereſſe des Barons Udo zu wahren, ſobald ich dies vermag.“ Der Förſter blickte noch immer ſinnend vor ſich hin, die Ant⸗ wort ſchien ihn doch nicht ſo ganz zu befriedigen. „Wenn das Eure aufrichtige Anſicht iſt,“ erwiderte er,„wes⸗ halb redet Ihr nicht mit dem Baron Udo darüber?“ „Weil ich voraus weiß, doß es nutzloſe Mühe wäre! Baron Udo würde mir derartige Vermuthungen verbieten und mit ſeinem ganzeu Stolz mir entgegentreten, ich müßte ſogar erwarten, daß er mit ſeinem Bruder offen dorüber ſpräche, und das würde für uns die Sache eher verſchlimmern, als verbeſſern. Wie geſagt, Leberecht, ich werde Allen Beſehlen mich fügen, ich werde Alles hören und ſchweigen, erſt dann, wenn der Augenblick gekommen iſt, rede ich. Wir können ja Beide irren, und wenn Ihr auch für Eure Perſon jetzt nichts mehr zu verlieren habt, ſo gebietet Euch doch die Pietät eines alten, treuen Beamten, den früheren Herrn zu ſchonen“ „Und was hat Baron Udo damit zu ſchaffen?“ „Auf ihn würde der erſte Haß des Majoratsherrn fallen.“ Der Förſter ſtrich mit der Hand über die Augen und ſchüttelte das weiße Haupt. 8 „Von dem, was Ihr mir geſagt habt, habe ich nicht Alles verſtanden,“ erwiderte er, den ehrlichen Blick feſt und voll auf ihn richtend, aber ich will glauben, daß Ihr es wirklich ehrlich meint, und in dieſer Vorausſetzung darf ich Eure Bedenken gelten laſſen. Nun denn, mir war dieſer Baron ein fremder Mann, und ich hätte ihm in's Geſicht ſagen mögen, daß er nicht Der ſei, der er ſcheinen wolle. Aber ich war zu verwirrt, und ſein barſches, grobes Auftreten verwirrte mich noch mehr.“ „Und wie ich vorhin ſagte, wir können uns trotz alledem irren!“ „Ja, das können wir, und das habe ich mir auch geſagt. Die Blattern eutſtellen ein Geſicht furchtbar, und die Stimme kann in einem anderen Klima ſich ändern. Ihr habt Recht, Wortmann, wir müſſen vorſichtig ſein, Baron Udo würde es uns nie vergeſſen, wenn wir ſeinen Bruder angriffen, ohne gute Waffen zu beſitzen.“ —. — 388 „Und was wollt Ihr nun thun, Leberecht?“ „Ich weiß es wirklich nicht. Augenblicklich bin ich nicht in der Stimmung einen Entſchluß zu faſſen. Ich werde natürlich meinen ſchönen Wald verlaſſen müſſen— „Müſſen?“ fiel der Verwalter ihm raſch in's Wort.„Nicht doch, wer will Euch dazu zwingen?“ „Ich habe meine Entlaſſuug gefordert und erhalten“ „Das ändert einſtweilen nichts.“ „Dem Teufel auch!“ fuhr der alte Mann auf.„Soll ich zu Kreuz kriechen und dieſen Baron um Verzeihung bitten? Lie⸗ ber jage ich mir ſelbſt eine Kugel durch den Schädel.“ „Unſinn,“ erwiderte Wortmann,„dadurch wäre erſt recht nichts gewonnen! Ihr bleibt ruhig in Eurem Hauſe, Niemand wird Euch daraus vertreiben. Der Majoratsherr kommt nicht in den Wold und Baron Udo—“ „Er weiß, daß ich entlaſſen bin, ich ſelbſt habe es ihm ge⸗ ſagt!“ „Er wird nicht daran denken, auf Eure Entfernung zu dringen!“ „Bender wird mich verrathen.“ „Der? Und wenn er es thäte, was liegt daran! Ihr bleibt und laßt es ruhig darauf ankommen, ob man Euch mit Gewalt vertreiben will.“ „Und denkt Ihr, ich werde ruhig zuſehen, wenn die Bäume niedergeſchlagen werden?“ „So bald wird das nicht geſchehen! Wenn auch das Holz ſchon jetzt verkauft wird, ſo wird es doch erſt im Winter geſchla⸗ gen und bis dahin verſtreicht noch mancher Tag. Man muß oft himmliſche Geduld haben, Leberecht! Deshalb rathe ich Euch noch einmal, bleibt auf Eurem Poſten und wartet geduldig ab, was kommen wird.“ Auf den Förſter ſchienen dieſe Worte einen tiefen Eindruck gemacht zu haben, er reichte dem Verwalter mit prüfendem Blick die Hand. „Und darf ich dabei auf Eure Unterſtützung rechnen?“ fragte er. „Soweit, wie ich ſie gewähren darf!“ „Alſo nur eine paſſive Unterſtützung?“ „Einſ Porgehen urricht, ag ſuſt „Bard Aufichti er hier 2 der Alles gehen“ den ſind ſpäter ge Det angezünd „Gllt nahm er hing.„ thus nic das ſage ktönnt ei meine G Un nehmen die ſtatt „Er weiter ihm nic er die ſeht, de ich turz heucheh wenn nach W G Vie⸗ lecht mand cht in ge⸗ 389— „Einſtweilen ja, aber ich hoffe, daß die Stunde zum activen Vorgehen bald kommen wird! Ich werde Euch von Allem un⸗ terrichten, was hier vorfällt, wie ich es auch dem Baron Bruno zugeſagt habe, der im geeigneten Augenblick hier erſcheinen wird.“ „Baron Bruno?“ erwiderte der Förſter, die Stirne runzelnd. „Aufrichtig geſtanden, Wortmann, ich ſehe kein Heil darin, wenn er hier Majoratsherr wird. Baron Bruno iſt nicht der Mann, der Alles zuſammen halten wird, er hat mir nie gefallen.“ Der Verwalter zuckte geringſchätzend die Achſeln. „Bis er Majoratsherr iſt, wird wohl noch manches Jahr ver⸗ gehen,“ ſagte er,„wer weiß, ob wir dann noch unter den leben⸗ den ſind. Zudem iſt es jo eine alte Erfahrung, daß Verſchwender ſpäter geizig werden.“ Der Förſter hatte eine Pfeiſe aus der Taſche angezündet. 1 „Gut denn, einſtweilen werde ich meinen Poſten behaupten,“, nahm er das Wort, während er ſeine Büchſe über die Schulter hing.„Was daraus entſtehen wird, haben wir zu ſehen, ich thu's nicht meinetwegen, ſondern dem Baron Udo zu Liebe. Und das ſage ich Euch Wortmann, haltet mir die Holzhauer fern, es könnt ein Unglück geben, wenn ſie einen einzigen Baum ohne meine Erlaubniß niederlegen.“ „Und welche Stellung werdet Ihr dem Bender gegenüber ein⸗ nehmen?“ forſchte der Verwalter mit einem lauernden Blick auf die ſtattliche Geſtalt. „Er ſoll mir nur drei Schritt vom Leibe bleiben! Wenn er weiter nichts will, als den Wilddieben auflauern, ſo werd' ich ihm nichts in den Weg legen, aber in meine Amtsgeſchäfte ſoll r die Naſe nicht hineinſtecken. Sagt ihm das, wenn Ihr ihn ſeht, damit er weiß, wie er ſich zu verhalten hat.“ „Wär's vielleicht nicht beſſer, Ihr nähmt ihn freundlich auf? Gewinnt Ihr ſein Vertrauen, ſo erfahrt Ihr vielleicht Manches.“ „Ich kann das nicht, Wortmann, mit ſolchen Burſchen mache ich turzen Prozeß, es iſt mir nicht möglich, ihnen Freundſchaft zu heucheln. Adieu, wir wollen beide die Augen offen halten, und wenn wir uns wirklich irren, na, dann haben wir wenigſtens nach Pflicht und Gewiſſen unſere Schuldigkeit gethan.“ Der alte Leberecht nickte dem Verwalter noch einmal zu, dann verließ er langſam das Haus, den Weg zum Walde einſchlagend. Es war bereits Abend, die ſcheidende Sonne warf ihre letzten Strahlen über die anmuthige Landſchaft, die Arbeiter kamen aus dem Felde, um nach des Tages Mühen auszuruhen, die Heerden kehrten heim von der Weide und die beſiederten Sänger ver⸗ ſtummten allgemach und flogen tiefer in den Wald hinein. Es war ein Bild der Ruhe und des Friedens, aber heute hatte der Förſter keinen Blick für die Schönheit eines Sommerabends. Seine Gedanken waren mit anderen Dingen zu ſehr beſchäf⸗ tigt, der Friede in ſeinem Inneren war geſtört, mit banger Be⸗ ſorgniß mußte er in die Zulunft blicken. Sein Herz hing an dem Walde, es war ihm unſagbar ſchmerz⸗ lich, ihn verlaſſen zu ſollen, aber noch tiefer ſchmerzte ihn der Gedanke, daß dieſer herrliche Wald, den er gewiſſermaßen ſeine Schöpfung nennen durfte, unter der Axt fallen ſollte. Er knirſchte mit den Zähnen vor Wuth, es war ihm nicht möglich, über dieſen Gedanken leicht hinwegzugehen, ſich auch nur annähernd mit ihm zu befreunden. Es lag js keine Nothwendigkeit vor, den Wald niederzulegen, er ſollte der Habgier zum Opfer fallen, der Majoratsherr wollte Geld machen, und wie er ſelbſt eingeſtand, lag ihm gar nichts daran, daß das Gut dadurch entwerthet wurde. Eben das war ſo ſehr empörend, und ſchon aus dieſem Grunde hielt Leberecht an dem Verdacht feſt, der beim erſten Blick auf das pockennarbige Geſicht des Majoratsherrn in ſeiner Seele auf⸗ geſtiegen war. Er mußte über dieſen Verdacht nachdenken, jedes„Für“ und „Wider“ eeiflich erwägen, aber zu einem beſtimmten und befrie⸗ digenden Reſultat kam er nicht. War der Majoratsherr wirklich der verſchollene Baron Edmund oder war er ein Betrüger? Der Fbörſter hatte in ihm den Ver⸗ ſchollenen nicht wieder erkannt, die Stimme und der Ausdruck des Geſichts waren ihm fremd geweſen, aber eine gewiſſe Aehnlichkeit hatte er dennoch gefunden, und der lange Aufenthalt in einer heißeren Zone konnte ja dieſe Aenderungen bewirkt haben. Einem Menſchen, der ſo lange verſchollen geweſen war, kam man bei ſeiner plötzlichen Heimkehr immer mit Mißtrauen ent⸗ gegen, Heinkehr et Ven zutte dal Inde früheren desſelbe Der vergeber Sei ſewohl ſen Vo In geſchritt (mpor. Er deſſen erkennen P — verbiet „6 ſei es Förſter ſchücht wißt e habe, wenn i höhniſ möcht huch der ſeine licht nut gen, ollte lichts unde auf auf⸗ und efrie⸗ mund Ler⸗ des chkeit einer am ent⸗ — 391— gegen, das erſchien natürlich und begreiflich, zumal wenn die Heimkehr ſo tief einſchneidende Aenderungen zur Folge hatte. Aber hätte nicht Baron Udo denſelben Verdacht hegen müſſen? Wenn er dieſen Mann als ſeinen Bruder anerkannte, wer hatte dann noch die Berechtigung zu zweifeln? Indeß, auch das ließ ſich erklären. Baron Udo hatte in früheren Jahren ſeinen Bruder kaum gekannt, nach den Jahren der Kindheit war er ſelten mit ihm zuſammengetroffen, das Bild desſelben könnte deinem Gedächtniß nicht ſo tief eingeprägt ſein. Der Förſter mußte unwillkürlich den Kopf ſchütteln, er ſuchte vergebens nach einer Antwort, die ihn befriedigen konnte. Sein Verdacht konnte begründet ſein, aber er konnte eben⸗ ſowohl ſich irren, der Verwalter hatte Recht, wenn er zur äußer⸗ ſten Vorſicht mahnte. In Gedanken verſunken war Leberecht in den Wald hinein⸗ geſchritten, eine heiſere Stimme ſchreckte ihn aus ſeinem Brüten empor. Er blieb ſtehen, vor ihm unter einer Eiche lag ein Menſch, deſſen ganze äußere Erſcheinung den Vagabund nur zu deutlich erkennen ließ. „Was thut Ihr hier im Walde, Franz?“ fragte der Förſiter ſcharf. „Oho!“ fuhr der Vagabund auf.„Ihr werdet mir nicht verbieten können, hier ſpazieren zu gehen.“ „Einem anſtändigen Menſchen verbiete ich es nicht, aber—“ „Einem anſtändigen Menſchen? Wollt Ihr damit ſagen, ich ſei es nicht?“ „Ihr ſeid ein heruntergekommenes Subjekt,“ erwiderte der Förſter, ohne ſich durch den tückiſchen Blick ſeines Gegners ein⸗ ſchüchtern zu laſſen,„das wißt Ihr ſo gut wie ich. Und Ihr wißt auch, daß ich Euch ſchon einmal auf den Anſtand ertappt habe, alſo—“ „Alſo könnt Ihr mir doch nur dann Schlimmes zumuthen, wenn ich eine Büchſe bei mir hätt!“ fiel der rothe Franz ihm höhniſch in die Rede.„Ihr ſagt, ich ſei heruntergekommen, möchte wiſſen, ob Ihr das noch wäret, was Ihr ſeid, wenn man Such in Euren jungen Jahren um Alles betrogen hätte!“ „Was wollt Ihr damit ſagen?“ . — „Habt Ihr die Vroni Halfmann gekannt?“ „Die mit dem Florian Bender nach Amerika ging? Ratürlich!“ Ich wär' ein braver Menſch wenn ſie mich zum enommen hätte!“ Der Förſter zuckte die Achſeln, ein ſpöttiſcher Zug glitt über ſein gebräuntes Geſicht. „Sie wollte euch nicht,“ ſagte er,„das kommt oft im Leben vor, und wen es trifft, der muß erſt den Kopf oben halten! Damit könnt Ihr Euch nicht entſchuldigen, Franz, Ihr habt im⸗ mer und überall Händel geſucht, bis die Herrſchaft Euch den Tritt geben mußte! Dann ſeid ihr in die Kneipen gegangen, und als das kleine Geld alle war, habt Ihr geſtohlen.“ „Förſter!“ ſuhr der Vagabund wild auf„Sagt mir, was Ihr wollt, ich bin heute ſo zahm wie ein Schooßhund, aber ſagt mir nicht ich habe geſtohlen, das iſt eine Lüge.“ „Könnt Ihr leugnen, daß Ihr ein Wilddieb ſeid?“ „Und wenn ich's wär, wollt Ihr's Diebſtahl nennen?“ „Iſt es etwas Anders? Iſt das Wild Euer Eigenthum, oder iſt es Eigenthum des Barons?“ „Und wer hat's dem Baron geſchenkt?“ ſpottete der rothe Franz.„Weil dieſer Wald ſein Eigenthum iſt, muß auch Alles, was in ihm lebt, ihm gehören? Wer hat dieſes Geſetz gemacht? Die großen Herren haben's hnn und wir Andern ſind dadurch beſtohlen worden. Wie wär's denn, wenn ſtatt der Hirſche und Rehe gefährliche Raubthiere ſich hier aufhielten? Dann würd' der Baron froh ſein—“ „Franz, das ſind Dummheiten, mit denen jeder Wilddieb ſich zu vertheidigen ſucht, und es iſt mir zu kindiſch, mit Euch dar⸗ über zu ſtreiten. Baron Udo hat Mitleid mit Euch gehabt und damals auf Eure Beſtrafung verzichtet, jetzt aber iſt die Sache anders geworden. Der neue Mojoratsherr will mit aller Strenge gegen Wilddiebe vorgehen, und auf Euch hat er's ganz be⸗ ſonders abgeſehen.“ Der Vagabund hatte ſich haſtig aufgerichtet, forſchend blickte er den alten Mann an. „Auf mich?“ fragte er. We i gerade auf mich? Ich glaube nicht einmal, daß er mich kennt.“ „Na, Ihr werdet ja wiſſem, daß der Florian Bender mit . ihm 6 den In de Aſ den 0 erwarten Ein 2 St lte ſch iſt beſſer ſchen nie ſein. Be gegungen Fb rian it⸗ den rob Pe „Ve mal mit er von Kau lag an Gutes 1 keiten Franz dar⸗ und Sache renge — 393 ihm herübergekommen iſt, da braucht Ihr nicht lange nach Grün⸗ den zu fragen?“ In den tückiſchen Augen des Vogabunds loderte die Gluth des erwachenben Haſſes jäh auf.. „Alſo der ſteckt dahinter?“ ſagte er. „Wohrſcheinlich! Der Baron hat ihm. das Amt übertragen, zu ſehen, und von dem Haß Benders dürft Ihr das Schlimmſte erwarten.“ Ein Wuthſchrei entfuhr den bebenden Lippen des Trunkenbolds. „Es könnt' umgekehrt kommen!“ erwiderte er mit heiſerer Stimme.„Der Florian ſoll ſich in Acht nehmen, hab' noch eine alte Rechnung mit ihm zu ordnen.“ t ihm lieber aus dem Wege,“ warnte der Förſter,„es iſt beſſer für Euch. Was habt Ihr davon, wenn Ihr den Bur chen niederſchießt? Im Zuchthaus ſoll's auch nicht angenehm ſein. Beſſert Euch Fraaz, und ſucht Arbeit, das iſt ehrenvoller. Ihr wißt nun woran Ihr ſeid, bisher iſt Euch Manches durch⸗ gegangen, der neue Majoratsherr ſpaßt nicht, und ich fürchte, der Florian iſt ein guter Spürhund, er hat's drüben in den ameri kaniſchen Wälbern gelernt.“ Bebend vor Wuth ſah der rothe Franz mit ſtarrem Blick dem davonſchreitenden Förſter nach. Seine Augen quollen aus den Höhlen hervor, die Adern auf der Stirne ſchwollen drohend an, und gleich einem Fieberſchauer überlief ein convulſiviſches Zittern den robuſten Körper. „Der Florian!“ murmelte er.„Muß der Burſch noch ein⸗ mal mir in den Weg treten?“ Er lachte laut auf, es war ein rohes, heiſeres Lachen. „Wir wollen ſehen, wer gewinnt!“ rief er, dann eilte auch er von dannen. Kaum einen Büchſenſchuß von dem Schloſſe Oſthofen entfernt, lag an der Landſtraße eine kleine Schenke, in der die Knechte des Gutes und die in der Umgegend wohnenden Bauern hinter den Bier⸗ und Branntweingläſern zu politiſiren und die Tagesneuig⸗ keiten zu beſprechen pflegten. In dieſe Schenke trat der rothe Franz und beim Eintritt in die Gaſtſtube fiel ſein erſter Blick auf Bender, der mit einigen Bauern beim Kartenſpiel ſaß. — 394— Es war die erſte Begegnung zwiſchen den beiden Vagabunden. Der rothe Franz hotte freilich ſofort erfahren, daß Bender von drüben zurückgekehrt war, aber bisher war er ihm gefliſſentlich ausgewichen, um den Streit zu vermeiden. Die Blicke, welche die Beiden einander zuwarfen, zeugten von dem glühenden Haß, der ſie beſeelte, und die anweſenden Gäſte harrten mit erwartungsvoller Spannung der Dinge, die nach ihrer Anſicht unausbleiblich kommen mußten. Der rothe Franz nahm in der Nähe ſeines Gegners Platz und forderte Branntwein, Florian ſetzte das Spiel fort. „Wenn ein Lump fortgeht, kömmt auch allemal ein Lump wieder,“ höhnte Franz, während er anſcheinend aufmerkſam dem Spiel zuſah;„mit dem vielen Geld da drüben ſcheint's auch Schwindel zu ſein.“ Florian ſchwieg, aber die Karten zitterten in ſeiner Hand. „Aber wenn Alles nichts hilft, dann kann man einem großen Herrn noch immer als Jagdhund dienen,“ fuhr Franz fort.„Nur ſoll der Jagdhund ſich vor dem Wild in Acht nehmen, er denkt vielleicht einen Haſen zu jagen und findet einen Eber, der gegen ihn angeht.“ „Ihr führt da verworrene Reden,“ ſagte einer der Bauern „drückt Euch etwas deutlicher aus.“ „Deutlicher? Na, Steffen, ich denke, wer mich verſtehen will, der kann mich verſtehen?“ „Soll das mir gelten?“ fuhr Florian auf. „Wen's juckt, der mag ſich kratzen!“ Bender warf die Karten hin, ſein Geſicht war braunroth geworden. „Ihr ſeid immer ein Störenfried geweſen,“ ſagte er,„aber veibt Euch an Andern, nicht an mir!“ „Wer war der Störenfried, Ihr oder Ich? Denkt an die Vroni, die Ihr unglücklich gemacht habt.“ „Hol' Euch der Teufel!“ „Wenn's einen Teufel gäb', hätt' er Euch längſt geholt,“ höhnte der rothe Franz.„Ich ſag's Euch noch einmal, Ihr habt die Vroni unglücklich gemacht. Sie wär' nicht nach Amerika ge⸗ gangen, ſie lebte heute noch, wenn Ihr mit Euren großen Ro⸗ ſinen im Kopf ihr nicht goldene Berge verſprochen hättet. Wo — Baron e 6r bezat ſcheßt m gegen ein Baron m Freundſc „Da⸗ Hohn. „Nei tickiſche hinter „E hat der „W „De den vil Be zwiſche roßen „Nur denkt egen auern will, 1. ſind die goldenen Berge? Ihr ſeid geblieben, was Ihr wart, ein Hungerleider.“ „Und was ſeid Ihr?“ ſpottete Florian, während er mit einem boshaften Blick ſeinen Gegner muſterte.„Ein Vagabund!“ „Aber immer noch ein ehrlicher Mann!“ „Jowohl, der anderen Leuten das Wild ſtiehlt!“ „Beſſer Wilddieb, als Bluthund! Ich möchte wahrhaftig nicht mich von Anderen dafür bezahlen laſſen, Jagd auf Menſchen zu machen. Aber, wer weiß, was Ihr drüben getrieben habt und wieviel Blut an Euren Händen klebt!“ „Und das wagt ein ſolcher Schuft mir zu ſagen?“ „Oho, nur nicht gleich obenhinaus! Habt Ihr nicht mit dem Baron einen Pakt gemacht, um mich aus dem Wege zu ſchaffen? Er bezahlt Euch und Ihr zieht eine grüne Uniform an und ſchießt mich über den Haufen, nachher heißt es, Ihr hättet Euch gegen einen Wilddieb vertheidigen müſſen! Iſt es nicht ſo? Der Baron mag auch eine ſchöne Pflanze ſein, er hat ja drüben ſchon Freundſchaft mit Euch geſchloſſen.“ „Das ärgert Euch wohl?“ erwiderte Florian mit beißendem Hohn. „Nein, dieſe Freundſchaft gönne ich Euch!“ „Wirklich? Es würd' Euch noch mehr ärgern, wenn ihr wüßtet, daß der Baron tanzen muß, wie ich pfeife.“ „Holla!“ warf der Bauer Steffen ein, der mit offenem Munde zugehört hatte,„Ihr macht es zu toll, Bender!“ Florian griff in ſeine Taſche und zeigte den verdutzten Bauern eine Handvoll Goldſtücke. „Da habt Ihr den Beweis,“ ſagte er triumphirend mit einem tückiſchen Seitenblick auf ſeinen Gegner, der ſeine Ueberraſchung hinter einem geringſchätzenden Achſelzucken zu verbergen ſuchte. „Es iſt Blutgeld!“ ſagte der rothe Franz.„Für dieſes Geld hat der Lump mein Leben verkauft.“ „Wer das ſagt, iſt ein Eſel!“ rief Florian wüthend. „Das ſagt der Eſel einem Schurken, der ſein Mörder wer⸗ den will.“ Bender ſprang von ſeinem Sitz auf, der Wirth trat raſch zwiſchen die beiden Gegner. „Laßt ihm nur den Willen,“ ſpottete Franz,„er iſt immer ein feiger Burſche geweſen. Aus dem Hinterhalt einen Menſchen niederzuſchießen, dazu hat er Muth genug, aber Stirn gegen Stirn wagt er den Angriff nicht. Die Vroni hat mir leid ge⸗ than, als ſie den Burſchen mir vorzog, ſie hat's auch bereut!“ Mit einem Wuthſchrei hatte Florian den Wirth beiſeite ge⸗ ſchoben, aber jetzt ſprangen die Bauern zwiſchen die Beiden. „Haltet Frieden!“ ſagte Steffen.„Ihr ſeid Beide alt ge⸗ worden, der alte Hoß ſollte endlich vergeſſen werden!“ „Liegt denn die an mir?“ erwiderte Florian, zitternd vor Erregung.„Hat dieſer Lump mich nicht aufgeſucht, um mir Grobheiten zu ſagen? Weshalb ſpielter immer auf meine Frau an? Er war damals ſchon ein Raufbold, und die Vroni hat ihn immer verachtet, das weiß er ſo gut, wie ich, weshalb trägt er's mir nach, daß meine Frau ihm einen Korb gegeben hat? Er hat ihr ſpäter noch nachgeſtellt, thut das ein ehrlicher Menſch Und wenn er ſagt, die Vroni wär' nicht gern mit mir ausge⸗ vandert, dann iſt das auch eine grobe Lüge, ſeinetwegen hat ſie drauf gedrungen, daß wir fortziehen ſollten. Uad dieſer elende Vagabund will mir Vrwürfe machen? Er iſt immer ein Schuſt geweſen und er iſt's heut' noch, und wenn ich ihn einmal als Wilddieb ertappe, dann mach' ich mir gar nichts d'raus, ihn nie⸗ derzuſchießen, wie einen tollen Hund.“ Der rothe Franz lachte höhniſch, aber auch ſeine Züge waren durch den in ihm tobenden Haß verzerrt. wollen wir abwarten,“ ſagte er,„es könnte anders kommen.“ „Unſinn,“ wa 5 der Wirth ein,„Ihr habt ja beide Kicht ei mal eine Büchſe. „Wenn der Schuft da keine Büchſe hätte, könnt' er keinen dirſch ſchießen,“ erwiderte Florian,„und meine Büchſe ſteht neben meinem Bett.“ „Da hört ihr's ja!“ rief Franz.„Der Baron hat ihn ge⸗ dungen, aber bei mir kommt er doch an den Unrechten, ſo ſchlau, wie er iſt, bin ich auch.“ Ein Hohngelächter aufſchlagend, wandte er ſeinem Gegner den Rücken, und in der nächſten Minute verließ er das Haus. Florian murde jetzt aufgefordert, das unterbrochene Spiel „ „ ———— dieb ſehe „Sch wiſchen H Witth. „Ur „Il „D Der an, dor „G Wiſſen kümme ſelbſt f Do den Juſta nders fortzuſetzen, aber ihm fehlte dazu die Ruhe, er konnte die Auf⸗ regung nicht ſo raſch bemeiſtern. „Er hat den Streit geſucht,“ ſagte er, während er in Fieber⸗ haſt/ein Glas nach dem andern trank,„er war immer der Händel⸗ ſucher und ſolche Burſchen ſollt man vor die Thür werfen.“ „Und iſt es denn wahr, daß der Baron Euch gegen ihn dungen hat?“ frogte Steffen. „Keine Silbe! Ich würd' mich auch nicht dazu hergeben.“ „Aber er kann's doch nicht aus der Luft gegriffen haben,“ warf der Wirth ein. „Der Baron hat mir nur geſagt, ich ſoht' Unterförſter wer⸗ den und den Wilddieben auf die Finger ſehen, aber von dem rothen Franz hat er gar nichts erwähnt. Und weshalb ſoll ich den Poſten nicht annehmen?“ „Ihr Unterförſter?“ erwiderte Steffen kopfſchüttelnd.„Das iſt merkwürdig, Ihr verſteht ja gar nichts davon!“ „Bah, was iſt da weiter zu verſtehen! Wenn ich einen Wild⸗ dieb ſehe—“ „Schießt Ihr ihn wirklich über den Haufen?“ „Natürlich, ich werd' doch nicht warten, bis er mir eine Kugel zwiſchen die Nippen jagt!“ „Hm, dem alten Leberecht wird's nicht gefallen!“ ſagte der Wirth.„Und eine eigene Bewandtniß muß es dabei auch haben, daß man Euch den Poſten gibt.“ „Der Boron muß, wie ich will!“ „Und weshalb?“ fragte Steffen. „Ja, wenn Ihr das wüßtet!“ „Dürft Ihr's nicht ſagen?“ Der Vagabund ſah ihn mit einem trotzig verächtlichen Blick an, dann zuckte er die Achſeln. „Es iſt nicht gut, wenn man Alles weiß,“ ſpottete er,„viel Wiſſen macht Kopfweh. Und was ich mit dem Baron hab, das tümmert Niemand, wollt Ihr's abſolut wiſſen, müßt Ihr ihn ſelbſt fragen!“ Damit ging auch er mit ſchwankenden Schritten hinaus. Es war ſchon ſpät, die Nacht bereits angebrochen, als er auf den Park zuſchritt, um ſeinen Rauſch auszuſchlafen. Und in dem Zuſtande, in dem er ſich befand, war es ihm keine angenehme Ueberraſchung, als er in der Nähe t des Stilerhauſes plötzlich dem Verwalter begegnete, der ihn erwartet zu haben ſchien. Friebrich Worlmann vertrat ihm den Weg, der Vagabund konnte ihn kaum erkennen, ſo dicht war die Dunkelheit. „Ihr kommt nicht mehr zu mir; ſo muß ich wohl zu Euch kommen,“ ſagte der Verwalter.„Ihr ſeid mir noch eine Antwort auf meinc Frage ſchuldig.“* „Auf welche Frage?“ erwiderte Florian barſch. „Wer der Mann war, der drüben in Kalifornien ſr ſchoſſen wurde!“ „Glaubt Ihr nich auf's Glatteis führen zu können?“ „Wenn ihr mir keine Antwort gebt, ſo weiß ich, was ich davon zu halten habe.“ „Und wenn nun gar Keiner erſchoſſen worden iſt?“ fragte Florian ſpöttiſch. „Verſucht Ihr damit, mir auszuweichen, ſo—“ „Ach was, laßt mich in Ruhe, wer mir die Würmer aus der Naſe ziehen will, muß früh aufſtehn,“ ſagte der Vagabund F riſch.„Ich könnte Vieles aus plaudern, aber ich thu's nicht, ſtehe mich beſſer dabei. Und was drüben paſſirt iſt, hier Niemand. Alſo laßt mich in Frieden und geht heim, Ihr habt zu viel getrunken!“ „Das letztere gilt nur von Euch!“ erwiderte Wortmann ärger⸗ lich.„Wollt Ihr morgen u mir kommen?“ „Weshalb?“ „Herr, ich habe Euch mancherlei zu ſagen!“ „Ich werde kommen, jetzt laßt mich ungeſchoren.“„ Der Verwalter ſah ein, daß mit dem Manne, ſo lange er ſich in dieſem Zuſtande befand, nichts auszurichten war, er ver⸗ zichtete deshalb auf eine Fortſetzung des und trat den Heimweg an. In ſeinem Schlafzimmer war das Fenſter noch offen, als er s ſchließen wollte, hörte er plötzlich einen dumpfen Schuß fallen. Beſtürzt blieb er ſtehen, er hielt den Athem an, um zu lauſchen, aber er vernahm nichts mehr, es blieb ſtill ringsum. Der Schuß mußte im Park gefallen ſein Wortmann erinnerte ſich der Aerßerung Leberechts, er wünſchte zu wiſſen, ob Florian gender de zu trten⸗ Diſe den Siuß zeigen E laſſen könn vor be yoge des ſeine ſchön Roſa's gef war er wi der ſich ü „ch ſagte der eines Stſ die w nſt ſtöre, eini „Sie mit einem lich einige Leute, au eine Cign dete daun Alo war noch der nächſt Bender den Muth haben werde, aus dem Sommerhauſe heraus zu treten, wenn er draußen einen Schuß höre. Dieſe Erinnerung beruhigte ihn, jedenfalls hatte der Förſter den Schuß abgefeuert, vielleicht um den Majoratsherrn zu über⸗ zeugen, daß er ſich auf die Wachſamkeit des Vagabunds nicht ver⸗ laſſen könne. 18. Kapitel. Mord. Vor dem Hauſe des Bankiers Auguſt Becker hielt die Equi⸗ page des Majoratsherrn von Oſthofen. Baron Edmund hatte ſeine ſchöne Tochter die elegante Treppe hinauf in das Bondoir Roſa's geführt und nach einem kurzen Geſpräch mit der letzteren war er wieder hinuntergeſtiegen in das Kabinet des Hausherrn, der ſich über dieſen Beſuch außerordentlich überraſcht zeigte. „Ich habe Klara zu Ihrer Fräulein Tochter hinaufgebracht,“ ſagte der Majoratsherr, während er auf dem ſchwellenden Polſter eines Seſſels Platz nahm,„während die beiden Damen ſich über die Kunſt unterhalten, wollen wir, voraus geſetzt, das ich nicht ſtöre, einige geſchäftliche Angelegenheiten ordnen.“ „Sie ſtören niemals Herr Baron!“ erwiderte der Bankier mit einem Lächeln geſchmeichelter EFigenliebe.„Sollten auch wirk⸗ lich einige Geſchäfte zu erledigen ſein, ſo habe ich dafür ja meine Leute, auf die ich mich verkaſſen darf. Bitte, bedienen Sie ſich. Der Baron griff in das ihm angebotene Käſtchen und holte eine Sige heraus, die er mit vornehmer Nachläſſigkeit anzün⸗ dete, dann lehnte er ſich in den Seſſel zurück⸗ „Alſo zur Sache!“ ſagte er.„Mein Verwalter hat Ihnen zwar noch kein Geld eingehändigt, indeß die Zahlungen werden in der nächſten Zeit erfolgen.“ „Das hat ja durchaus keine Eile.“ — 400— „Verzeihen Sie, Herr Commerzienrath, es iſt mein perſönlicher Wunſch, daß Sie, wenn auch nur theilweiſe Deckung erholten be⸗ vor ich Ihre Kaſſe in Anſpruch nehme.“ „Sie haben mir ja für alle Fälle hypothekariſche Sicherheit gegeben!“ ſogte der corpulente Herr lächelnd,„welche Bedenken konnten Sie jetzt noch hegen? Der Akt iſt unterzeichnet und ſo⸗ mit bin ich in der Höhe von vierigtauſend Thalern Ihr Schulbdner.“ „Ich werde mehr bedürfen;“ erwiderte der Baron, zwiſchen deſſen Brauen ſich plötzlich eine Falte zeigte.„Mit meinem Bruder habe ich Rückſprache genommmen, die Verhältniſſe, wie ſie jetzt ſind, können ſo nicht bleiben, ſie ſind für mich zu unan⸗ genehm! Ich begreife ja ſehr gut, daß mein Bruder nicht zufrie⸗ den ſein kann, und doß Manches was ich anordne, ſeine Zu⸗ ſtimmung nicht findet. Er war früher Gebieter in Oſthofen, jetzt ſoll er meinen Anſichten und Anordnungen ſich unterwerfen, das muß ihn heimlich ärgern.“ „Ich habe mir das gleich gedacht, nickte der Bankier,„die Beziehungen zwiſchen dem gegewärtigen und dem frühereu Majo⸗ ratsherrn konnten ſich nicht angenehm geſtalten.“ „Ich habe ihm die Wahl geſtellt zwiſchen einer jährlichen Rente und einem dieſer entſprechenden Kapital.“ „Er wird alsdann Oflhofen verlaſſen?“ „Jawohl.“ „Es wäre für Sie und auch für ihn das Beſte,“ ſagte der corpulente Herr, während er die Aſche von ſeiner Cigarre ſtrich, obſchon ſich nicht verkennen läßt, daß es für Ihren Herrn Bru⸗ der ein ſchwerer Schritt ſein wird.“ „Ja, allerdiugs,“ erwiderte der Majoratsherr, der von Zeit zu Zeit mit einer ſeltſamen Unruhe auf die Thür blickte, als ob er fürch te, daß die Unterredung belauſcht werden könne,„aber er wird auch einſehen, daß dieſer Schritt des Friedens wegen gethan werden muß. Wahrſcheinlich wird er das Kapital vor⸗ ziehen, ſeines Sohnes wegen, deſſen Zukunft dadurch auch ſicher geſtellt wird. Und in dieſem Falle dürfte er mehr fordern als vierzigtauſend Thaler.“ „Seien Sie nur nicht zu großmüthig, Herr Baron „Bewahre! Ich weiß, wie weit ich gehen darf. Aber Sie werden mir auch zugeben, daß ich die Verdienſte anerkennen muß ih ihm u wollte. dürfen“ „Gut daß ich „Ich „Die „Wo fache Qr „Ver zur Rent ſchetzend wohl de D Knnſtſch Recht, dabei ſein B 2 er, i malen E wort g Perletz er ein De d ſo⸗ Mer.“ ei he m zufrie⸗ * Zu⸗ ooſen, werfen, „die Majo⸗ ſichen licher ſte der ſtrich, 1Brr⸗ n Zeit als ob „Aber wegen al vor⸗ ſicher rn als bet Sie nmß die mein Bruder ſich während meiner Abweſenheit um die Ver⸗ waltung des Gutes erworben hat. Ich kann da nicht mäkeln und feilſchen, das liegt überdies nicht in meinem Charakter— „Wenn Sie wünſchen, daß ich die Verhandlungen führen ſoll—“ „Nein, Herr Commerzienrath, das muß unter uns Beiden perſönlich geordnet werden, Udo würde mir's übel nehmen, wenn ich ihm in dieſer delikaten Angelegenheit einen Vermittler ſchicken wollte. Ich werde einer Summe von fünfzigtauſend Thaler be⸗ dürfen.“ „Wann wünſchen Sie das Geld zu erhalten?“ „Vielleicht morgen ſchon.“ „Gut, es ſoll morgen bereit liegen. Wenn Sie wünſchen, daß ich es Ihnen hinausſchicke—“ „Ich ziehe vor es hier perſönlich in Empfang zu nehmen.“ „Wie Sie wollen!“ „Die Hypothek könnte dann erhöht werden.“ „Wozu?“ ſagte der Bankier raſch.„Mir genügt eine ein⸗ fache Quittung von Ihrer Hand!“ „Vergeſſen Sie nicht, daß ich einer weiteren namhaften Summ zur Renovation des Schloſſes bedarf!“ erwiderte der Baron in ſcherzendem Tone.„Die Einnahmen der nächſten Jahre werden, wohl dazu verwandt werden müſſen.“ „Das Geld, welches Sie dafür anlegen, iſt nicht verloren; Knnſtſchätze behalten immer ihren Werth. Und ich gebe Ihnen Recht, das Schloß bedarf einer Renovation. Aber, daß Sie ſich dabei ganz von dem Geſchmack des Malers Rodenberg leiten laſſen wollen, gefällt mir doch nicht.“ Der Majoratsherr ſchüttelte den Kopf, und wieder ſtreifte ſein Blick die Thüre. „Der Maler ſcheint Ihnen nicht gefallen zu haben,“ ſagte er,„zürnen Sie ihn, weil er es ablehnte, ein Bild für Sie zu malen?“ „Es war keineswegs höflich, daß er mir die ablehnende Ant⸗ wort gab, und auch die Weiſe in der er es that, hatte etwas Verletzendes.“ „Wenn Sie ihn näher kennen lernen, werden Sie finden, daß er ein ſehr liebenswüniger Mann iſt.“ Der Baſtard. 26 — 402— „Mag ſein, aber in unſeren Kreiſen wird er keine Thüre offen finden,“ erwiderte der Bankier achſelzuckend.„Wir ſprachen ja vor einiger Zeit darüber, ich erlaubte mir, Sie darauf aufmerk⸗ ſam zu machen. Der Maler hätte nicht die Thorheit begehen ſollen, den öffentlichen Skandal hervorzurufen, dadurch wurde ſeine Herkunft bekannt, und man wird das nie vergeſſen.“ Der Baron blickte ſinnend den Rauchwölkchen ſeiner Ci garre nach. „Sie urtheilen da doch etwas ſcharf,“ ſagte er,„man ver⸗ gißt Manches, und berühmten Menſchen wird Vieles vergeben, überdies trifft ja auch den jungen Mann ſelbſt keine Schuld. Was war das?“ Er hatte ſich halb emporgerichtet und blickte mit ſichtbarer Beſtürzung auf die Thür. „Es war nichts,“ erwiderte der corpulente Herr ruhig. „Nebenan iſt das Kaſſazimmer, ein Geldſack ſcheint auf den Bo⸗ den gefallen zu ſein.“ „Entſchuldigen Sie, Herr Commerzienrath, die Unterredung mit meinem Bruder hat mich mehr angegriffen, wie ich glaubte meine Nerven ſind überreizt. Ich würde es natürlich vorziehen, wenn Ihre Fräulein Tochter mit ihrem bewährten feinen und gediegenen Geſchmack mir rathend zur Seite ſtehen wollte, aber dieſes Verlangen wäre doch zu unbeſcheiden.“ Der Bankier erhob das Haupt, ſelbſtbewußter Stolz leuchtete⸗ aus ſeinen Augen. „Roſa würde es ſich zur höchſten Ehre rechnen,“ erwiderte er. Der Baron lächelte geheimnißvoll. „Und Sie würden dabei gar keine Befürchtungen hegen?“ fragte er. „Befürchtungen? Welcher Art?“ „Hm, die junge Dame iſt nicht nur liebenswürdig, ſondern auch blendend ſchön, und ich verhehle Ihnen nicht, daß ſie auf mich einen bezaubernden Eindruck gemacht hat. Wie ſie über mich dentt, weiß ich freilich nicht, ich bin zwar noch kein alter Mann, aber ich bin doch über die Jahre hinaus—“ „Sagen Sie das nicht, Herr Baron!“ fiel der Bankier ihm haſtig in die Rede.„Sie ſind ein rüſtiger Herr, und Niemand würde es auffallend finden, wenn Sie wieder heirathen wollten.“ hioſelbe darum! „Me Fele . fahren eingew des Mo e offen chen ja ufnek⸗ begehen wurde . n ver⸗ rgeben, Schuld. htöaner ruhig. redung glaubte tziehen, en und te, aber euchtete, derte er. egen ſondern ſie auf über in alter ier ihn ſiemand ollten.“ „Auch Sie nicht?“ „Ich gewiß nicht!“ Der Majoratsherr heftete den forſchenden Blick feſt auf das leicht geröthete Antlitz. „Sie würden anders reden, wenn ich die Thorheit beginge, um die Hand Ihrer Tochter zu werben,“ ſagte er.„Sprechen Sie die Wahrheit, würden Sie es nicht thun?“ Ich würde mich außerordentlich geehrt fühlen! „Und Fräulein Roſa?“ „Können Sie zweifeln?“ ſcherzte der corpulente Herr. dürfen auch mit Caeſar ſagen: Ich kam, ſah und ſiegte!“ „Glauben Sie das wirklich?“ In allem Eenſte!“ „Ich danke Ihnen,“ ſagte der Baron, indem er dem Bankier die Hand reichte,„es wäre ſehr wohl möglich, daß ich ſchon bald auf dieſe Unterredung zurück käme. Einſtweilen betrachten Sie dieſelbe als eine durchaus vertrauliche Unterredung, wenn ich darum bitten darf.“ „Selbſtverſtändlich, Herr Baron!“ „Meine Familie darf von dieſer Abſicht durchaus nichts er— fahren, ſie würde mir alles Mögliche in den Weg werfen. Mein Bruder hält mit einer Conſequenz, die einer beſſeren Sache wür⸗ dig wäre, an den ſchroffen Vorurtheilen ſeines Adels feſt, ohne zu bedenken daß er an dieſen Vorurtheilen zu Grunde gehen kann. Ich für meine Perſon bin darüber hinaus, ich habe er⸗ fahren, daß in anderen Ländern, in denen dieſe Vorurtheile nicht eingewurzelt ſind, der Adel nichts gilt. Dort gilt nur der Werth des Mannes ſelbſt, dort würde man auch nicht daran denken, dem Maler Rodenberg aus ſeiner Herkunft einen Vorwurf zu machen.“ „Dann könnte Rodenberg nichts beſſeres thun, als drüben eine neue Heimath zu ſuchen,“ entgegnete der Bankier mit leitem Spott.„Aber Scherz beiſeite, ich wiederhole nochmals, Herr Baron, ein allzu intimer Verkehr mit dieſem Manne wird Ihnen Unannehmlichkeiten bereiten.“ „Allzu intim? Ich weiß nicht, was Sie darunter verſtehen, aber wir werden ja ſehen.!“ Der Majoratsherr hatte ſich von ſeinem Sitz erhoben, die 265 6 — innere Unruhe ſchien eher zu⸗ als abzunehmen, und die Schatten, die ſeine Stirne umwölkten, ließen darauf ſchkießen, daß eine ernſte Angelegenheit ihn beſchäftigte. Der corpulente Herr ſchien das nicht zu bemerken, die eigene Heiterkeit ließ ihn nicht dazu kommen, Beobachtungen anzuſtellen; er führte ſeinen Gaſt hinauf, und bald darauf traten die beiden Herren in das Boudoir Roſas. Roſa hatte in der Zwiſchenzeit ſchon für ein Frühſtück Sorge getragen, und ſo gerne auch der Baron ohne Verzug aufgebro⸗ chen wäre, konnte er doch nicht die Einladung ablehnen. „Und wie gefällt Dir die innere Einrichtung dieſes Hauſes?“ wandte er ſich zu ſeiner Tochter. „Sie iſt zu brillant, Papa,“ erwiderte Klara,„Alles, was man ſieht, fordert die Bewunderung heraus.“ „Alſo habe ich Dir nicht zu viel geſagt!“ „In der That nicht, meine Erwartungen ſind weit über⸗ troffen!“ Den Herrn blickte die ſchöne Tochter des Bankiers lächelnd an, ſie ſchlug erglühend die Augen nieder, während der eorpu⸗ lente Herr das Glas ſeines Gaſtes wieder füllte. „Ich möchte Ihnen zürnen, Herr Baron,“ ſagte ſie leiſe, „Baroneſſe Klara's theilte mir mit, Sie beabſichtigten den herr⸗ lichen Wald niederlegen zu laſſen.“ „Dieſe Abſicht hege ich allerdings,“ erwiderte der Majorats⸗ herr,„Klara hat Sie wohl gebeten, ein zweites Wort für die Bäume einzulegen. Ich weiß nicht, weßhalb Alle ſo ſehr da⸗ gegen proteſtiren, wenn die Frucht reif iſt, muß mau ſie pflücken, und wenn ein Baum ein gewiſſes Alter erreicht hat, muß auch er ſeiner nützlichen Beſtimmung übergeben werden.“ „Aber der Förſter iſt auch dagegen, Papa wandte Klara bittend ein. „Der Förſter iſt, wie das ſeine Kollegen alle ſind, in jeden Baum vernarrt, den er ſelbſt gepflanzt hat,“ ſagte der Baron ruhig,„ſeine Anſichten können, ſobald ſie zu⸗ objectiv werden, für mich nicht maßgebend ſein. Die Bäume repräſentiren ein namhaftes Kapi⸗ tal, und dieſes Kapital hat bisher keine Zinſen eingebracht. Iſt es da nicht rationell gehandelt, daß ich dieſes Kapital beſſer zu verwerthen ſuche?“ vodurh ent „Dieſet „Und müſſen!“ Nicht hen, werde ahre Gedi Roſa ſ warf dem fordern wo Und de Blickes. „Ih w legen“ ſag n Pold i „Aun Baron, ei gich das abſchieden le W G „Jo, i nicht alle uhigen auf einen Roſa Freundin Einige von danne „Und als der geräuſchvo geſtattete. eorpu⸗ leiſe, herr⸗ jorats⸗ für die ehr da⸗ flücken, 6 auch Klara Baum „ſeine ch nicht 3 Kapi⸗ cht. It eſſer zu — 405— Die letzten Worte waren direct an den Bankier gerichtet, der gedankenvoll nickte. „Von dieſem Standpunkt aus betrachtet, haben Sie freilich Recht, ſagte der corpulente Herr,„aber auf der anderen Seite dürfen Sie auch nicht unberückſichtigt laſſen, daß die Beſitzung dadurch entwerthet wird.“ „Dieſer Einwurf iſt mir von Anderen auch gemacht worden.“ „Und die Berechtigung deſſelben werden Sie anerkennen müſſen!“ „Nicht ſo ganz, die jungen Bäume, die natürlich ſtehen blei⸗ ben, werden im Laufe der Zeit wachſen, man muß nur einige ahre Geduld haben.“ Roſa ſchüttelte mißbilligend das ſchöne Haupt, und Klara warf dem Bankier einen bittenden Blick zu, als ob ſie ihn auf⸗ fordern wolle, ſeine Bemühungen fortzuſetzen. Und der corpulente Herr verſtand die Bedeutung dieſes Blickes. „Ich würde Ihnen doch rathen, die Sache reiflich zu über— legen,“ ſagte er,„ſo raſch wachſen die Bäume nicht wieder und ein Wald iſt ſtets ein Schatz, den Jeder gerne hegt. „Nun überlegen läßt es ſich ja noch einmal,“ entgegnete der Baron, einen heiteren Ton anſchlagend,„man darf nur nicht glich das Kind mit dem Bade ausſchütten. Wir werden uns ver⸗ abſchieden müſſen, Klara.“ „Sie wollen wirklich ſchon fort?“ fragte der Bankier erſtaunt.“ „Ja, ich möchte bald wieder in Oſthofen eintreffen, ſo lange nicht alle Verhältniſſe dort geordnet ſind, komme ich nicht zum ruhigen Genießen. Aber ich hoffe, Sie werden uns nun bald auf einen ganzen Tag die Ehre ſchenken, gnädiges Fräulein.“ Roſa verneigte ſich zuſtimmend und nahm von ihrer neuen Freundin in vertraulichſter Weiſe Abſchied. Einige Minuten ſpäter rollte der Wagen des Majoratsherrn von dannen. „Und wie hat Dir Roſa jetzt gefallen?“ fragte der Baron, als der Wagen das Fflaſter verlaſſen hatte und das weniger geräuſchvolle Fahren auf dem chauſſirten Wege eine Unterhaltung geſtattete. Ich fand ſie, wie immer, ſehr liebenswürdig“ — 406— Klara hatte bisher ſinnend in die Ferne geblickt, jetzt heftete ſie die ſchönen Augen voll und ernſt auf den Vater. „Und Du glaubſt wirklich an ihren Kunſtſinn?“ erwiderte ſie. „Gewiß! Zweifelſt Du daran?“ „Ja, ich habe die Gewißheit erhalten, daß ſie in ihrem Ur⸗ theil keineswegs ſelbſtſtändig iſt. Wie ich Dir ſchon nach nei⸗ ner erſten Begegnung mit ihr ſagte, baſirt dieſes Urtheil auf einſtudirten Phraſen und dafür habe ich heute Beweiſe erhalten.“ „Beweiſt nicht die Einrichtung des Hauſes das Gegentheil?“ „Iſt dieſe Einrichtung Ihre eigene Schöpfung?“ „So ſagte mir ihr Vater!“ „Ich glaube es nicht, aber wenn es wahr iſt, dann zeugt dieſe Einrichtung nicht von einem feinen Kunſtgeſchmack.“ „Du willſt nun einmal nicht loben und anerkennen.“ „Ich tadle die Ueberladung, die Oſtentation, mit der man ſeinen Reichthum zeigt. Ich kann kein anderes Urtheil fällen, und Du ſelbſt wirſt zugeben müſſen, daß die Einrichtung dieſes Hauſes bedeutend ſchöner und wohlthuender ſein würde, wenn ſie nicht ſo überladen wäre.“ Der Baron ſchwieg, das Urtheil ſeiner Tochter ſchien ihn unangenehm berührt zu haben. „Ich hoffe, daß mein Wunſch dennoch in Erfüllung gehen wird,“ nahm er nach einer Weile wieder das Wort, es iſt mein Wunſch, daß Du mit Fräulein Becker Dich befreunden mögeſt, die Beweggründe habe ich Dir ja genannt.“ „Ich muß ſie zuvor noch näher kennen lernen!“ „Dazu wirſt Du Gelegenheit finden, wenn ſie uns beſucht. Kommt dort nicht Joſeph?“ Der alte Kammerdiener hatte bereits den Wagen bemerkt, er gab dem Kutſcher ein Zeichen, daß er halten möge, der Baron beugte ſich hinaus. „Haben Sie mir etwas zu melden?“ fragte der Majoratsherr. „Es iſt leider keine angenehme Nachricht,“ erwiderte Joſeph zögernd. „Nun heraus damit! Meinem Bruder iſt doch kein Unglück begegnet?“ „Das nicht, aber—“ „So reden Sie doch!“ ſagte der Baron ungeduldig. nenziehen „Sb, angeordne Porfall Paron. „ch de Feint ja hetau Gerichts Er wieder e Jet full zu mußte ruhe u Er Alskun was er Im hatte, Adeloit gehen tmein nögeſt, eſucht. rkt, er Baron herr. oſeph — 467— Florian Bender iſt im Park ermordet gefunden worden.“ „Benber?“ rief der Majoratsherr überraſcht, während ſein Blick verſtohlen das erbleichende Antlitz Klara's ſtreifte. Wo hat man ihn gefunden?“ „Im Sommerhauſe.“ „Wann?“ „Vor einer halben Stunde.“ „Er iſt todt?“ „Die Kugel iſt durch den Kopf gegangen.“ „Kann er nicht ſelbſt ſich das Leben genommen haben?“ „Der Verwalter glaubt das nicht.“ „Der Verwalter?“ erwiderte der Baron, die Brauen zuſam⸗ menziehend. Was hat er denn damit zu ſchaffen.“ „Er hat die Leiche gefunden.“ „So, ſo, und was iſt bereits geſchehen?“ „Der Herr Baron hat ſtrenge Bewachung des Sommerhauſes angeordnet und mich zur Stadt geſchickt, um der Behörde den Vorfall anzuzeigen.“ „Das war das Beſte, was geſchehen konnte,“ erwiderte der Baron.„Hat man ſchon Verdacht auf Jemand geworfen?“ „Ich weiß es nicht, aber man ſprach von dem rothen Franz!“ „Der rothe Franz!“ wiederholte der Majoratsherr.„War die Feindſchaft ſo groß zwiſchen den Beiden? Nun, es wird ſich ja herausſtellen, eilen Sie, Joſeph, ſorgen Sie dafür, daß die Gerichtsherren bald kommen— Vorwärts!“ Er lehnte ſich in den Wagen zurück, die Pferde zogen wieder an. Jetzt erſt ſand Klara Worte, ihre Beſtürzung über den Vor⸗ fall zu äußern, der Baron ſuchte ſie zu beruhigen, aber auch ihn mußte die Nachricht tief ergriffen und aufgeregt haben, ſeine Un⸗ ruhe und ſeine finſtere ſorgenvolle Miene verriethen es. Er wollte von ſeiner Tochter über den rothen Franz nähere Auskunft haben, aber ſie konnte ihm nicht mehr ſagen, als das, was er bereits durch den Verwalter erfahren hatte. Im Schloſſe ſelbſt fand der Baron, wie er das auch erwartet hatte, die größte Aufregung, Klara eilte ſofort zur Baroneſſe Adelaide, der Majoratsherr ging in ſein Kabinet und fand hier — 408— ſeinen Bruder, der mit wachſendet Ungeduld ſeiner Heimkehr ge⸗ harrt hatte. Baron Udo, der ſonſt ſo ruhig und gemeſſen war, den ſo leicht nichts aus der Faſſung bringen konnte, bemühte ſich ver⸗ geblich, ſeine Erregung zu verbergen, ſie gab ſich kund in ſeinem ganzen Weſen, in den erſten Worten die er an den Bruder richtete. „Ich bin bereits unterrichtet,“ ſagte der Majoratsherr, wäh⸗ rend er den Hut ablegte und die Glaceehandſchuhe auszog, „Joſeph begegnete uns vorhin, für mich war dieſe Nachricht ein Blitz aus wolkenloſer Höhe. Man ſpricht ja bereits von dem rothen Franz?“ Baron Udo nickte zuſtimmend. „Der Verdacht mußte auf ihn fallen,“ erwiderte er e Burſche ſuchte geſtern Abend in der Schenke Händel mit dem Erſchoſſenen, es ſoll zu einem ſehr heftigen Wortwechſel gekom⸗ men ſein, der in Thätlichkeiten ausgeartet wäre, wenn die übrigen Gäſte nicht die Beiden getrennt hätten.“ „Oh, dann iſt die Sache ja ziemlich klar!“ ſagte Baron Edmund lebhaft.„Ich kenne zwar den rothen Franz nicht, kann mich auch ſeiner nur noch dunkel erinneren, aber der Verwalter ſprach einmal über ihn, er nannte ihn einen rohen jähzornigen Menſchen.“ „Das war er allerdings, indeß dieſer Mord iſt unter Um⸗ ſtänden verübt, die auf einen ſolchen Burſchen kaum ſchließen laſſen. Der Vagabund wurde in ſeinem Bette erſchoſſen.“ Ein ironiſcher Zug umzuckte die Lippen des Majoratsherrn. „Und weshalb ſollte der rothe Franz zu dieſer That nicht fähig geweſen ſein?“ erwiderte er,„Jemanden in ſeinem Bett, alſo im Schlaf niederzuſchießen, iſt doch wahrlich kein Kunſtſtück, dazu gehört weder Muth noch raffinirte Schlauheit.“ „Aber es fragt ſich, wie der Mörder in das Sommerhaus hineingekommen iſt!“ „Nun, darüber werden wir wohl durch die gerichtliche Unter⸗ ſuchung Auſſchluß erhalten. Haſt Du die Leiche geſehen?“ „Nein.“ „Der Verwalter ſoll die erſte Entdeckung gemacht haben?“ fragte Baron Edmund mit einem forſchenden Blick auf ſeinen Brudet, der „Und v zſchen“ Baron! vnworrener e 2 „Der fallen, do leicht war das Somm das Hals auten eint „Könn „Und! geußert. Der hinaus, 3 tiefe Folte „An d Baron Ud ſehr unon aber es hätteſt de wegen irg „Wos Baron Gi verkennba „Nich nern war die Stelle „Nicht Bender fi zu macher et liegt „Lebe en?“ inen — 409— Bruder, der an der Unterlippe nagend, finſter vor ſich hinblickte. „So iſt es!“ „Und was brach'e ihn auf die Idee, im Sommerhauſe nach⸗ zuſehen?“ Baron Udo blickte auf, wie Einer, der aus einem ſchweren, verworrenen Traume erwacht. „Der Verwalter hörte geſtern Abend im Park einen Schuß fallen, das veranlaßte ihn heute Morgen, nachzuſehen, und viel⸗ leicht war es nur ein Zufall, daß er bei dieſer Gelegenheit in das Sommerhaus hineinging. Ich habe ſofort Befehl gegeben das Haus zu bewachen und Niemand hineinzulaſſen, bis die amten eintreffen.“ „Könnte nicht ein Selbſtmord vorliegen?“ „Wie der Verwalter behauptet, nein.“ „Und weshalb hat der Verwalter nicht geſtern Abend ſofort nachgeforſcht?“ „Ich weiß es nicht, er hat ſich über dieſen Punkt noch nicht geäußert.“ Der Majoratsherr trat an's Fenſter und blickte lange ſinnend hinaus, zwiſchen den zuſammengezogenen Brauen zeigte ſich eine tiefe Falte. „An dem Florian Bender iſt freilich nichts verloren,“ nahm Baron Udo wieder das Wort,„aber für uns iſt dieſer Vorfall ſehr unangenehm. Ich will Dir keinen Vorwurf machen, Edmund, aber es wäre nach meinem Dafürhalten beſſer geweſen, Du hätteſt den Vagabund nicht aufgenommen, ſelbſt wenn Du ihm wegen irgend eines Dienſtes Dant ſchuldeteſt.“ „Was habe ich denn mit dieſer Sache zu ſchaffen?“ erwiderte Baron Edmund, und in dem Tone ſeiner Stimme lag eine un⸗ verkennbare Gereiztheit. „Nichts, ich gebe das zu, aber der Haß zwiſchen dieſen Män⸗ nern war Dir bekannt, er bewog Dich ſogar, dem Erſchoſſenen die Stelle eines Unterförſters zu geben.“ „Nicht doch! Ich hegte dieſe Abſicht nur deshalb, weil ich Bender für den geeigneten Mann hielt, der Wilddieberei ein Ende zu machen. Der alte Förſter hat nicht die nöthige Energie, oder er liegt mit den Burſchen unter einer Decke.“ „Leberecht war ſtets ein ehrlicher, zuverläſſiger Diener!“ — 410— „Und Du warſt auch zu nachſichtig gegen dieſe Burſchen. Damals, als der Wilddieb ertappt wurde, hätte man ihn in's Gefängniß bringen müſſen, mit ſolchen Leuten darf man kein Mitleid haben.“ Baron Udo preßte die Lippen aufeinander, der Vorwurf ſchien ihn zu erbittern. „Man kann darüber verſchiedener Anſicht ſein,“ erwiderte er, „und aus dem Mitgefühl darf man Niemand einen Vorwurf machen Im Gefängniß wäre der Mann auch nicht gebeſſert worden, im Gegentheil—“ „Wenn man nach ſolchen Grundſätzen handeln will, lieber Udo, dann muß man den Menſchen Alles durchgehen laſſen, dann werden die Gerichte und Gefängniſſe überflüſſig. Und wegen der Aufnahme Benders glaube ich mich nicht rechtfertigen zu müſſen⸗ Wenn ein Mann Dich aus einer Lebensgefahr gerettet hätte, ſo würdeſt Du ihn auch nicht fallen laſſen, möchte er auch noch ſo tief ſinken.“ „Das allerdings nicht, aber ich würde mich damit begnügen, dem Manne eine Geldſumme zu zahlen und es alsdann ihm über⸗ laſſen, mit dieſem Gelde ſeine Exiſtenz zu ſichern.“ „Damit wäre einem ſolchen Manne in keiner Weiſe geholfen.“ „Aber die Pflicht der Dankbarkeit wäre vollſtändig erfüllt.“ Der Majoratsherr warf unter den buſchigen Brauen hervor einen finſteren Blick auf ſeinen Bruder, dann zuckte er die Achſeln. „Man kann auch über dieſen Punkt verſchiedener Anſicht ſein,“ ſagte er,„und ich glaube, es iſt beſſer, wir brechen dieſes Thema ab. Haſt Du über meinen Vorſchlag nachgedacht?“ Baron Udo blickte befremdet auf. „Welchen Vorſchlag meinſt Du?“ erwiderte er. „Wegen der Rente. Ich habe Dir damals geſagt, daß es nicht in meiner Abſicht liege, Dich von hier zu vertreiben, daß es mir ſogar ſehr angenehm ſei, wenn Du mit Deiner Familie unter meinem Dache bleiben wolleſt. Du ſelbſt wünſchteſt eine Auseinanderſetzung—“ „Ich erinnere mich nicht, dieſen Wunſch ausgeſprochen zu haben,“ fiel Baron Udo ihm in die Rede. „Nun, wenn es ſo bleiben ſoll, wie es iſt, dann wird mir ——— eworden. Velch — Der Schatten, „Du „ich müßt gut nit Du würd ſterbe, ſo Euch Be nit Schu Grunde Baro er ſich u in dieſen die ſich Der wechſeln ſeines ſorgen,“ kots, un ſein Erl Die M und au zu Geb ſpreche die ſein,“ hema —————— — das noch lieber ſein. Dann aber bitte ich Dich, die Anordnun⸗ gen, Aenderungen und Umgeſtaltungen, die ich für nöthig erachte, nicht zu kritiſiren.“ Der Majoratsherr hatte die letzten Worte in einem ſcharfen Tone geſprochen, ſie klangen faſt wie ein Befehl. Baron Udo zuckte leicht zuſammen, ſein Antlitz war todesbleich geworden. „Welche Vorſchläge haſt Du mir zu machen?“ fragte er in kühlem Tone. „Ich würde Dir eine jährliche Rente von dreitauſend Thaler zahlen.“ „Und wenn ich ein Kapital, welches dieſer Rente entſpricht, vorzöge?“ Der Majoratsherr wiegte nachdenklich das Haupt, und die Schatten, die ſein Geſicht umwölkten, wurden noch dichter. „Du weißt ſelbſt, daß ich kein baares Geld beſitze,“ ſagte er, „ich müßte alſo, uin Deinen Wunſch zu erfüllen, das Majorats⸗ gut mit Hypothekſchulden belaſten. Das thue ich nicht gerne, und Du würdeſt Dich anch nicht dazu entſchließen können. Wenn ich ſterbe, ſo fällt das Majorat an Dich oder an Deinen Sohn und Euch Beiden würde es auch nicht angenehm ſein, alsdann ein mit Schulden belaſtetes Gut übernehmen zu müſſen. Aus dieſem Grunde wäre nach meiner Meinung die Rente vorzuziehen.“ Baron Udo ſtand in Nachdenken verſunken. So raſch konnte er ſich nicht entſchließen, und das Drängen des Bruders gerade in dieſem Augenblick hatte eine Verſtimmung in ihm wachgerufen, die ſich auch ſo leicht nicht überwinden ließ. Der Majoratsherr beobachtete ihn verſtohlen, er las in dem wechſelnden Ausdruck des Geſichts die Gedanken, welche die Seele ſeines Bruders bewegten. „Was Bruno betrifft, ſo werde ich natürlich auch für ihn ſorgen,“ fuhr er fort,„er iſt ja der künftige Erbe des Majo⸗ rats, und dem Majoratsherrn liegt es ob, dafür zu ſorgen, daß ſein Erbe in einer ſeinem Stande en Weiſe auftritt. Die Mittel zu ſeiner Reiſe werde ich ihm zur Verfügung ſtellen, und auch ſpäter nach ſeiner Rückkehr ſollen ihm genügende Mittel zu Gebote ſtehen, natürlich den Einnahmen des Majorats ent⸗ ſprechend. Ich bitte Dich, überlege Dir das, und wenn mein 412 Vorſchlag Dir annehmbar ſcheint, ſo ſtelle ich es ganz Deinem Ermeſſen anheim welche Verfügungen Du treffen willſt. Ich würde Dir die Rente für das erſte Jahr ſofort voll auszahlen, auch die Koſten eines etwaigen Umzugs vergüten. Von dem Mobilar des Schloſſes kannſt Du mitnehmen, was Dir beliebt, und wenn Du auch nicht mehr unter meinem Dache wohnſt, ſo hoffe ich doch, Dich recht oft als Gaſt hier zu ſehen.“ Baron Udo athmete tief auf. Der Bruch, den er längſt vor⸗ ausgeſehen hatte, war jetzt erfolgt, und zwar in einer Weiſe, die ihn erbitterte. Die Sache war, er konute es nicht anders ſagen, gewiſſer⸗ maßen vom Zaun gebrochen, und er mußte ſich unwillkürlich der Vorſchläge inern, die Udo ihm früher gemacht hatte. „Bei Deiner Heimkehr äußerteſt Du die Abſicht, mir das Majorat zu übertragen,“ ſagte er in einem etwas gereisten Tone, „Du wollteſt größere Reiſen machen—“ „Ich läugne nicht, daß dies Anfangs meine Abſicht war,“ entgegnete Baron Edmund ruhig,„aber gegen ihre Ausführung ſprachen zu viele Gründe. Als ich mich nach Europa einſchiffte, hatte ich keine Ahnung davon, daß hier eine Tochter mich er⸗ wartete, ich erfuhr das erſt in London, und Du wirſt zugeben, daß die Sorge für die Zukunft meines Kindes mir Pflichten auf⸗ erlegt, die ich keineswegs geringſchätzen darf. Sage nicht, daß dieſe Sorge durch die Verlobung Klara's mit Bruno gehoben werde, ich kann und darf mein Kind nicht zwingen, eine Ver⸗ bindung—“ „Laſſen wir das Edmund!“ „Es war Dein Wunſch, und ich bedauere aufrichtig, daß er ſich bisher noch nicht verwirklicht hat. Aber was nicht iſt, kann noch werden, wir müſſen das der Zeit überlaſſen. Sodann aber auch iſt eine Verzichtleiſtung auf das Majorat geſetzlich unzuläſſig, ſie würde keine Geltung haben, und damit könnte uns Beiden auch nicht gedient ſein.“ Baron Udo nickte zuſtimmend, er hatte dasſelbe ſich auch ſchon geſagt, alſo konnte dieſer Vorwand ihn weder überraſchen, noch befremden, er mußte ihn gelten laſſen. „Was mich perſönlich betrifft,“ fuhr der Mojorat herr fort, „ſo wäre es mein innigſter Wunſch, die Verwaltung des Gutes in Deine uns auf kann 0 meinel 6 Ich denke, ich Hich ſehen, do die Unte Der ein Poli den Sch „Sei mund ji gemilbet und die Der letzterer etgraut. Nac der M nes 6 den Ge Er würdig von die verhehl „N er,„ab hegte, 77) anwa — keine A mir eh ſuchun 8 in Deine Hände niederlegen zu können, aber da dies, wenn wir uns auf den Boden des Geſetzes ſtellen wollen, nicht geſchehen kaun, ſo erachte ich es für meine Pflicht, alles aufzubieten, um meinen Erben das Majorat im beſten Zuſtande zu hinterlaſſen. Ich denke, damit wirſt Du einverſtanden ſein, und deshalb bitte ich Dich noch einmal, von der Auszahlung eines Kapitals abzu⸗ ſehen, damit das Gut nicht zu ſehr belaſtet wird.“ Die Ankunft der Gerichtsbecnten brach in dieſem Augenblick die Unterredung ab. 5 Der Unterſuchungsrichter mit ſeitem Actuar, der Staatsanwalt, ein Polizeicommiſſar mit mehreren Gensdarmen waren eben vor dem Schloſſe eingetroffen, der Majoratsherr mußte ſie empfangen. „Sei ſo gut und bleibe mir zur Seite,“ wandte Baron Ev⸗ mund ſich zu ſeinem Braßer, nachdem ein Diener die Herren an⸗ gemeldet hatte,„ich bin mit den Landesgeſetzen ganz unbekannt, und dieſe Beamten ſind mir Fremde Perſonen.“ Der Unterſuchungsrichter zund der Staatsanwalt traten ein, letzterer war ein noch junger Beamter, der erſtere im Amte bereits ergraut. Nachdem die Herren ſich einander vorgeſtellt hatten, äußerte der Majoratsherr ſein Bedauern darüber, daß ein ſo unangeneh⸗ mes Ereigniß die erſte Veranlaſſung zu ſeiner Bekanntſchaft mit den Gerichtsherren ſei Er war dieſen Herren gegenüber ſo außerordentlich liebens⸗ würdig und zuvorkommend, daß Baron Udo, der ſeinen Bruder von dieſer Seite noch nicht kannte, ſein Erſtaunen darüber nicht verhehlen konnte. „Mir ſelbſt iſt der Vorfall außerordentlich unangenehm,“ ſogte er,„aber bei dem Haß, den der Mörder gegen den Erſchoſſenen hegte, hätte man dieſes Ende vorausſehen können.“ „Sie wiſſen bereits, wer der Mörder iſt?“ fragte der Staats⸗ anwalt haſtig. „Ich bitte um Verzeihun ich hatte im erſten Augenblick teine Ahnung davon, die Vermethungen meines Verwalters zeigten mir eine Spur, deren Richtigkeit ich nicht bezweifeln kann.“ „Und auf wen deutet dieſe Spur hin?“ erwiderte der Unter⸗ ſuchungsrichter „Ich möchte nicht gerne den Verdacht auf einen tann len⸗ 414 ken, der möglicherweiſe dennoch ſchuldlos ſein könnte,“ ſagte Baron Edmund zögernd. „Herr Baron, dieſe Bedenken habe keine Geltung, die Unter⸗ ſuchung wird ja ergeben, ob der Verdacht begründet iſt, oder nicht.“ Der Majoratsherr ſtrich mit der Hand über die Stirne und warf ſeinem Bruder einen fragenden Blick zu, Baron Udo nickte, wie wenn er ihn auffordern mlle, Alles zu ſagen, was er wiſſe und vermuthe. „Es iſt jedenfalls für die Unterſuchung von einigem Werth,“ fagte er, tief aufathmend,„und wie Sie vorhin ſelbſt erklärten, wird die Wahrheit ja jedenfalls ermittelt werden. Florian Ben⸗ der, der Erſchoſſene, war vor etwa zwanzig Jahren Feldarbeiter in Dienſten meines Vaters, mit ihm zuſammen diente ein anderer Arbeiter, der von Allen der rothe Franz genannt wurde. Der letztere war ſchon damals als Stsrenfried und Händelſucher be⸗ kannt und deshalb von Allen Sgemieden. Nun warben dieſe Beiden um ein und dasſelbe Mädchen, und Florian war der Be⸗ vorzugte, er fuͤhrte Vroni als ſeine Frau heim. Die Reibereien zwiſchen den beiden Nebenbuhlern hörten aber auch jetzt noch nicht auf, im Gegentheil, der rothe Franz verfolgte die Frau Benders und benutzte jede Gelegenheit, mit dem Letzteren Händel anzu⸗ fangen. War es dies allein, oder traten noch andere Umſtände hinzu, kurz, Florian Bender entſchloß ſich, mit ſeinem Weibe auszuwandern und drüben eine neue Heimath zu ſuchen.“ „Er hatte damals eine kleine Erbſchaft gemacht,“ warf Baron Udo ein. „Möglich, daß auch dies ſeinen Eutſchluß unterſtützte, er wanderte aus, und es erging ihm drüben herzlich ſchlecht. Er verlor ſein Geld, ſein Weib und ſeine Kinder und kam enklich nach Kalifornien, wo er mit mir zuſsgmentraf. Er hatte mir drüben einen ſehr großen Dienſt erzeigt, dem ich die Rettung aus einer großen Gefahr verdqutte. Ich könnte das den Herren ausführlich erzählen, will mich tber jetzt auf einfache Anführung der Thatſachen beſchränken.“ „So kurz, wie möglich, Herr Baron!“ bat der Unterſuchungs⸗ richter. „Bender lehrte bald nach mir in die Heimath zurück,“ fuhr ———— der M den, un dachte, 36 augbli ihn oa5 gab ich I hut ihn für denen( zelgel De jahend ſamme Schenk „es ſol ſſt mir die zu Perwa aber e ſehen „ Vilddi ſpreche „ uns m „und trage ſugte ſt, er ne und d ickte, t wiſſe Verth rtlärten, an Ben⸗ darbeiter anderer de. Der cher he⸗ en dieſe der Be⸗ eibereien och vicht Benders el anzu⸗ Umſtände m Peibe rf Baron ützte, er echt. Er n enklich hatte mir Rettung Herren führung ſuchungs⸗ ,“ ſuhr der Majoratsherr fort,„er war drüben ein Vagahund gewor den, und es konnte nicht ausbleiben, daß er hier zuerſt an mich⸗ dachte, des Di enſtes ſich erinnernd, den er mir geleiſtet hatte. Ich erklärte miſch bereit, für ſeine Exiſtenz zu ſorgen, und da ich augenblicklich keinen paſſ enden Poſten für ihn hatte, ſo wies ich ihm das Sommerhaus im Park als Nachtquartier an, außerdem gab ich ihm Geld, damit er ſeinen Unterhalt beſtreiten konnte. Ich hatte ihm die Stelle eines Unter förſters zugedacht, ich hielt ihn für den geeigneten Mann, den Wilddieben nachzuforſchen, zu denen auch der rothe Franz gehörte, wie dies mein Bruder be⸗ zeugen wird.“ Der Staatsanwalt ſah den Baron Udo fragend an, der be⸗ jahend nickte. „Nun hat geſtern Abend, wie ich ſoeben vernehme, eine Zu⸗ ſammenkunft zwiſchen Bender und dem rothen Franz in der Schenke ſtattgefunden,“ nahm der Majoratsherr wieder das Wort, „es ſoll dabei zu ernſten Drohungen gekommen ſein, das Nähere iſt mir allerdings unbekanut, aber der Wirth wird die Zeugen, die zugegen waren, namhaft machen können. Ebenſo will der Verwalter geſtern Abend im Park einen Schuß gehört haben, aber er hat merkwürdigerweiſe erſt heute Morgen näher nachge⸗ ſehen und bei dieſer Gelegenheit die Leiche gefunden.“ „Sie glauben alſo,“ fragte der Staatsanwalt,„daß jener Wilddieb, der rothe Franz, der Thäter iſt?“ „Ich wiederhole, daß ich nicht gerne ein Vermuthung aus⸗ ſprechen möchte!“ „Dieſe Vermuthung liegt nach dem, was der Herr Baron uns mitgetheilt hat, ſehr nahe,“ bemerkte der Unterſuchungsrichter, „und wenn der Gerichtsarzt inzwiſchen eingetroffen iſt, ſo bean⸗ trage ich, daß wir uns auf den Schauplatz der That begeben.“ Das letzte Wort war noch nicht über ſeine Lippen, als Jo⸗ ſeph den Gerichtsarzt anmeldete, und die Herren brachen jetzt auf, um die Unterſuchung zu beginnen. Unten vor dem Schloſſe warteten der Arzt, der Commiſſar und die Beamten, ſie ſchloſſen ſich an, der Majoratsherr nahm von ihnen keine Notiz, er unterhielt ein lebhaftes Geſpräch mit dem Unterſuchungsrichter, der noch verſchiedene Fragen über den wuthmaßlichen Thäter an ihn zu richten hatte. — So erreichten ſie das Sommerhaus, vor dem der Verwalter mit zwei Knechten die Wache hielt. Der lauernde Blick des Verwalters heftete ſich forſchend, durchdringend auf den Majoratsherrn, der ihm durch einen Wink befahl, näher zu kommen. „Es iſt Alles ganz ſo geblieben, wie Sie es heute Morgen gefunden haben?“ fragte Baron Edmund in kühlem Tone. Ganz genau ſo!“ nickte Wortmann. „Wann machten Sie die erſte Entbeckung?“ fragte der Unter⸗ ſuchungsrichter. Vor brei Stunden etwa.“ „Sie waren allein in dieſem Pa illon?“ „Jowohl.“ „Und haben Sie ſich überzeugt, daß der Mann todt war?“ So weit ich mich davon überzeugen konnte, ja.“ „Seitdem hat Niemand den Pavillon betreten 2“ „Niemand.“ „Sie haben in demſelben nichts angerührt?“ „Ich habe mich, als ich die Leiche entdeckte, ſofort zurück⸗ gezogen.“ Der Staateanwalt öffnete die Thür, die Herren gingen hinein. Auf dem Fußboden des halbdunkelen Raumes lag etwas Bett⸗ werk, ein Strohſack, einige Kiſſen, und eine Decke und auf der letzteren erblickte man die halb entkleidete Leiche Benders mit verzerrtem und blutüberſtrömtem Geſicht. Ein Kampf zwiſchen dem Mörder und ſeinem Opfer hatte augenſcheinlich nicht ſtattgefunden, wenigſtens deuteten keine Spuren darauf hin. Das Mobilar zeigte durchaus keine Unordnung, die Kerze auf dem Tiſch war ausgelöſcht, die Kleidungsſtücke, deren der Vagabund ſich entledigt hatte, lagen auf einem Stuhl, und in einer Ecke nahe der Thür ſtand eine doppelläufige Jagdbüchſe. Der Arzt unterſuchte den Todten, indeß der Polizeicommiſſar mit ſeinen Nachforſchungen im Inneren des Raumes begann und der Actuar ſeine Vorbereitungen traf, das Protokoll aufzunehmen. Der Schuß iſt aus der nächſten Nähe abgefeuert worden,“ über jore imm wu per anw Bi ewalter rſchend, Mo rgen r Unter⸗ zurüc⸗ igingen vas Bett⸗ auf der ders mit fer hatte en keine die Kerze deren der „und in büchſe. commiſſr gann und zunehnen. worden,“ ſagte der Arzt nach einer Weile„und der Tod muß augenblick⸗ lich erfolgt ſein.“ „Könnte dem Glauben, daß ein Selbſtmord vorliege, Raum gegeben werden?“ fragte der Staatsanwalt. „Nein,“ antwortete der Arzt mit einer Entſchiedenheit, die keinen Widerſpruch zuließ.„Abgeſehen davon, daß in dieſem Falle die Waffe ſich noch in der Hand der Leiche befinden mußte, läßt auch die Lage der letzteren eine ſolche Vermuthung nicht zu. Ich muß alſo dieſe Annahme durchaus beſtreiten.“ „So wäre alſo der Mord außer allem Zweifel,“ ſagte der Unterſuchungsrichter.„Es entſtände nun zuerſt die Frage, wann und in welcher Weiſe der Mord verübt worden iſt.“ „Auch das läßt ſich aus der Lage der Leiche ziemlich genau feſtſtellen. Die That iſt nach meinem Gutachten entweder kurz vor oder nach Mitternacht verübt worden.“ „Und vielleicht hat dieſe Büchſe dem Mörder als Waffe ge⸗ dient,“ ſagte der Commiſſar, der inzwiſchen die Jagdflinte unter⸗ ſucht hatte,„einer der beiden Läufe iſt abgeſchoſſen und zwar vor ſehr kurzer Zeit.“ Die Beamten unterſuchten jetzt ebenfalls die Büchſe. „Wäre es Ihnen möglich, die Kugel, mit der das Verbrechen verübt worden iſt, uns zu verſchaffen?“ wandte der Unterſuchungs⸗ richter ſich zu dem Arzt. „Ich will verſuchen, ob es möglich iſt,“ lautete die Antwort. „Dieſe Büchſe iſt mein Eigenthum,“ ſagte Baron Udo überraſcht. „Ich nahm ſie aus Deinem Jagdſchrank,“ erwiderte der Ma⸗ joratsherr.„Bender wünſchte eine Waffe zu beſitzen für den immerhin möglichen Fall, daß er von einem Wilddieb angegriffen wurde, er ſprach dabei, wie ich mir jetzt erinnere, von einem perſönlichen Feind, dem er zu begegnen fürchtete.“ „Nannte er den Namen dieſes Feindes?“ ſragte der Staats⸗ anwalt. „Nein ich fragte auch nicht danach, aber ich gab ihm die Büchſe.“ „Waren beide Läufe geladen, als Sie ihm die Büchſe über⸗ gaben?“ Der Baſtard. 27 — Si— „Jawohl.“ „Sie wiſſen das beſtimmt, Herr Bäron?“ „Ganz beſtimmt, Bender unterſuchte die Waffe in meiner Gegenwart.“ „Das ſtimmt mit meinem Urtheil überein,“ ſagte der Com⸗ miſſar, der Schuß kann erſt vor einigen Stunden abgefeuert wor⸗ den ſein, der naſſe Pulverſchleim beweiſt das.“ Der Arzt hatte die Kugel gefunden und herausgeholt, er legte ſie auf den Tiſch, Baron Udo nahm ſie auf und be⸗ trachtete ſie. „Die Vermuthungen des Herrn Commiſſars ſind richtig,“ ſagte er,„es iſt eine meiner Kugeln, ſie muß aus dieſer Büchſe abgefeuert worden ſein.“ „Nehmen wir das Alles als richtig an,“ verſetzte der Unter⸗ ſuchungsrichter,„nehmen wir ferner an, der Ermordete ſei im Schlafe erſchoſſen worden, auf welchem Wege iſt der Mörder, ohne ſein Opfer zu wecken, hier eingedrungen?“ „Es kann nur durch die Thüre geſchehen ſein, da die Fenſter geſchloſſen ſind,“ erwiderte der Commiſſar.„Möglich wäre es allerdings auch, daß der Mörder den Weg durch ein Fenſter ge⸗ nommen und dieſes vor dem Verlaſſen des Locals wieder ge⸗ ſchloſſen hätte. Indeß läßt ſich dies nicht wohl annehmen, zu⸗ mal, wie ich bereits bemerkt habe, die Thür von innen nicht verriegelt werden kann. Es iſt zwar ein Riegel vorhanden, aber rſcheint lange nicht benutzt worden zu ſein, da er völlig ein⸗ geroſtet iſt.“ „Wann haben Sie zuletzt den Ermordeten geſehen, Herr Ba⸗ ron?„ wandte der Unterſuchungsrichter ſich zu dem Majorats herrn. „Vorgeſtern, Herr Gerichtsrath.“ „Ich begegnete ihn geſtern Abend,“ nahm der Verwalter das Wort,„es war kurz vorher, ehe der Schuß fiel.“ „Sie haben den Schuß gehört?“ „Jawohl.“ „Wann war das?“ „Geſtern Abend zwiſchen elf und zwölf Uhr.“ „Und kurz vorher ſahen Sie den Ermordeten?“ „Wie ich bereits ſagte, und zwar hier im Park.“ nit wo meiner Com⸗ t wor⸗ halt, er nd be⸗ Bichſe Unter⸗ ſei in Mörder, Fenſtet wäre es ſtet ge⸗ det ge⸗ ten, zu⸗ en nicht en, abet lig ein⸗ ert Bu⸗ ajorat⸗ lter das „War dieſe Begegnung eine zufällige?“ fragte der Unter⸗ ſuchungsrichter. „Das gerade nicht, im Gegentheil, ich beabſichtigte ſie. Der Förſter war bei mir geweſen und hatte mir geſagt Florian Ben⸗ der ſei ihm als Gehülfe beigegeben, er war darübet empört, und ich konnte nicht wohl daran glauben, deshalb wollte ich Bender ſelbſt befragen.“ „Eilte dies ſo ſehr?“ „Keineswegs, aber der Abend war ſchön und ich wußte, daß Bender um dieſe Zeit kommen würde, am Tage traf man ihn ſclten.“ „Sie trafen ihn alſo im Park?“ „Jawohl, und ich erkannte ſofort, daß ich in dem Zuſtande in dem er ſich befand, keine vernünftige Antwort von ihm er⸗ halten würde, er war betrunken und ſehr aufgeregt. Deshalb verzichtete ich auf meinen Vorſatz, ich wechſelte nur einige Worte mit ihm und ging dann nach Hauſe.“ „Eine andere Perſon haben Sie in dem Park nicht geſehen?“ i „Auch nichts Verdächtiges bemerkt?“ „Durchaus nichts.“ „Wir kommen nun zu dem Schuſſe den Sie gehört haben wollen,“ ſagte der Gerichtsrath.„Wann und wo vernahmen Sie ihn.“ „Ich war bereits in meinem Hauſe angelangt und wollte eben zu Bett gehen.“ „Wie viele Zeit war in jenem Augenblick ſeit Ihrer Unter⸗ redung mit Bender verſtrichen?“ „Etwa eine halbe Stunde.“ „Und Sie wußten ſofort, daß der Schuß im Park gefal⸗ len war?“ „Ich zweifelte keinen Augenblick an die Richtigkeit dieſer Ver⸗ muthung.“ „Und weshalb überzeugten Sie ſich nicht ſofort davon?“ „Ich hielt die Sache für einen Scherz des Förſters.“ „Wie ſoll ich das verſtehen?“ „Der Förſter hatte mir geſagt, er habe große Luſt, ſich zu 27 — 420— überzeugen, ob Bender den Muth haben werde, dieſes Sommer⸗ haus zu verlaſſen, wenn draußen ein Schuß falle. Da glaubte ich nun, der Förſter habe durch dieſen Schuß ſich die Ueber⸗ zeugung verſchaffen wollen.“ „Sie hätten ſofort nachſehen ſollen! Erſt heute Morgen gin⸗ gen Sie in den Park, nicht wahr?“ Jawohl, eine innere Unruhe drängte mich doch nachzuſehen.“ „Und dieſe Unruhe trieb Sie auch, in dieſes Haus zu gehen?“ „Ja,“ nickte der Verwalter,„einen beſtimmten Verdacht hatte ich nicht, umſomehr erſchrack ich, als ich die Leiche ſah.“ Sagte der Ermordete geſtern Abend Ihnen, er habe mit dem rothen Franz Streit gehabt?“ „Nein, aber er hat früher einmal ſeinen Haß gegen ihn mir gegenüber Luft gemacht.“ „Sprach er eine Drohung aus?“ „Allerdings.“ „Wann haben Sie den rothen Franz zuletzt geſehen?“ „Das iſt ſchon ſehr lange her.“ „Bender war damals noch nicht zurückgekehrt?“ „Nein, es war auch zwiſchen uns keine Rede von ihm.“ „Der Mann iſt Ihnen als roh und rachſüchtig bekannt nicht wahr?“ „Er war immer ein roher, wüſter Geſelle, in Folge deſſen mußte ich ihn auch entlaſſen.“ Ein Polizeidiener meldete dem Commiſſar, daß der Schenk⸗ wirth und der Bauer Steffen zur Stelle ſeien, der Unterſuchuns⸗ richter ließ den Wirth eintreten um ihn zu verhören. Die Ausſagen des Wirths mußten den Verdacht, daß der rothe Franz der Mörder ſei, beſtätigen. Der letztere ſolle den Streit begonnen und Bender gereizt haben, er hatte offenbar beabſichtigt, ſeinen Gegner zu Thätlichkeiten herauszufordern. Auf zwei Punkte in dieſen Ausſagen legte der Richter beſon⸗ deres Gewicht. Wie der Wirth behauptete und Steffen ſpäter beſtätigte, hatte der Ermordete ſeinem Gegner eine Handvoll Goldſtücke ge⸗ zeigt, und man durfte wohl annehmen, daß dadurch die Habgier des rothen Franz geweckt worden war. wyr ver rich Go 9 Naubte Ueber⸗ gin⸗ chen.“ hen 24 thatte be nit hn nir deſſen Schenk⸗ chungs⸗ aß der gereizt ichkeiten beſon⸗ tötigte, ücke ge⸗ Habgier . der Kommiſſar unterſuchte die Taſchen des Erſchoſſenen, es wurde weder Geld noch Geldeswerth in ihnen vorgefunden. „Sie wiſſen ganz beſtimmt, daß Bender als er Ihr Haus verließ, das Gold noch beſeſſen hat?“ fragte der Unterſuchungs⸗ richter den Wirth. „Ich hab's mit eigenen Augen geſehen.“ „Wie viel war's etwa“ „Hm, ſo genau kann ich das nicht beſtimmen, gber zwanzig Goldſtücke waren es ſicher.“ „Un“ welcher Art waren die Goldſtücke?“ „Das weiß ich nicht.“ „Waren es engliſche, franzöſiſche oder deutſche? Sollte er denn nicht einmal mit einem ſolchen Goldſtück ſeine ganze Zeche bezahlt haben?“ „Das hat er allerdings vor einigen Tagen gethan, es war ein Pfund Sterling.“ „Alſo engliſches Geld!“ ſagte der Unterſuchungsrichter be⸗ friedigt.„Herr Baron erinnern Sie ſich, dem Ermordeten Gold gegeben zu haben?“ „Nein,“ erwiderte der Majoratsherr gemeſſen. „Sie ſprachen vorhin von einer Unterſtützung, die Sie ihm gegeben haben.“ „Ich gab ihm einige Banknoten.“ „In welchem Betrage?“ „Es können vielleicht dreißig Thaler geweſen ſein.“ „Und wie erklärte er Ihnen den Erwerb dieſes Geldes?“ wandte der Richter ſich zu dem Wirth. „Er behauptete, der Herr Baron habe es ihm gegeben, er könne ſo viel bekommen, wie er haben wolle.“ „Das ſind Prahlereien,“ ſagte Baron Edmund achſelzuckend. „Wenn Bender mir auch drüben das Leben gerettet hat, ſo be⸗ rechtigte ihn dies doch nicht zu derartigen Redensarten.“ „Sie haben ihm alſo das Geld nicht gegeben, und doch be⸗ ſaß er eine anſehnliche Summe, wie der Zeuge behauptet, es wäre im Intereſſe der Unterſuchung wünſchenswerth, daß die Richtigkeit der Zeugenausſage feſtgeſtellt werden könnte, da es faſt den Anſchein gewinnt, daß es ſich hier um einen Raubmord handle.“ —— —— ———————— —— —— — — — 422— „Ich kann darüber nichts ſagen,“ erwiderte der Majorats⸗ herr,„aber ich mache Sie darauf aufmerkſam, daß Bender ſehr lange in Kalifornien war und es ſehr wohl möglich iſt daß er ſich während dieſer Zeit eine Summe erworben hat.“ „Mir gegenüber leugnete er das„warf der Verwalter ein. Baron Edmund warf ihm einen zürnenden Blick zu, wie wenn er andeuten wolle, daß es ihm nicht geſtattet ſei, eine Meinung ſeines Herrn zu bekämpfen. „Das läßt ſich ja auch erklären,“ fuhr er fort.„Wenn Bender verrieth, daß er Geld mitgebracht hatte, ſo dürfte er hier auf eine Unterſtützung nicht rechnen, in ſeinem Intereſſe lag es, die Rolle eines mittelloſen Vagabunds zu ſpielen. Mir gegen⸗ über iſt ihm das gelungen. Und ebenſo iſt es pſychologiſch zu erklären, daß er im Wirthshauſe und vor den Augen eines ihm verhaßten Feindes mit ſeinem Golde prahlte, ich finde darin durchaus nichts, was mich befremden könnte.“ „Haben Sie aus dem Munde des rothen Franz eine Droh⸗ ung vernommen?“ fragte der Unterſuchungsrichter den Zeugen. „Allerdings. Er bezeichnete den Ermordeten als den Jagd⸗ hund und ſich ſelbſt als das zujagende Wild und äußerte dabei, es könne anders kommen, wie Bender glaube. Wenn ich nicht irre, ſagte er ſogar geradezu, er werde kein Bedenken tragen, ihn niederzuſchießen.“ „Das ſagte er geſtern Abend?“ „Jewohl.“ „Und wer verließ zuerſt das Haus?“ „Der rothe Franz.“ „Ging er viel früher fort?“ „Vielleicht eine halbe Stunde früher.“ „Und was that Bender nachher? Er ſoll bei der Heimkehr betrunken geweſen ſein.“ „Er trank ſehr haſtig, das mag den Rauſch befördert haben, denn er hat nicht mehr getrunken, wie ſonſt auch.“ „Beſaß der rothe Franz eine Waffe? Erinnern Sie ſich viel⸗ leicht, eine ſolche bei ihm geſehen zu haben? Vielleicht ein Piſtol—“ „Eine Büchſe muß er beſitzen, aber geſtern Abend hatte er ſie neb jieh fr rats⸗ ſehr iß er ein. wie eine Venn rhier g es, gegen⸗ c zu s ihm darin roh⸗ igen. dobei, h nicht tragen, eimkehr haben, h viel⸗ cht ein atte er — 423— ſie nicht bei ſich. Uebrigens wußte er, daß Bender eine Büchſe neben ſeinem Bette ſtehen hatte.“ „Das wußte er?“ fragte der Richter, die Brauen empor⸗ ziehend.„Wer hat es ihm geſagt?“ „Bender ſelbſt.“ „In Ihrer Gegenwart?“ „Jawohl.“ Der Unterſuchungsrichter ſprach leiſe einige Worte mit dem Staatsanwalt, gleich darauf ging der Polizeicommiſſar hinaus. Das Verhör des Bauern Steffen ergab keine weiteren Re⸗ ſultate, der Richter fand in demſelben nur eine Beſtätigung alles deſſen, was der Wirth ausgeſagt hatte. Eine Durchſuchung des Raumes und der nächſten Umgebung des Sommerhauſes lieferte ebenfalls keine Beweiſe. Es ſtand feſt, daß Florian Bender erſchoſſen und beraubt worden war, und daß der Mörder ſich dabei der Büchſe bedient hatte, die dem Ermordeten zur Sicherung ſeiner eigenen Perſon anvertraut ge⸗ weſen war. Aber Spuren, die auf die Perſon des Mörders hingedeutet hätten, fanden ſich nirgend, der Verdacht, der ſich gegen den rothen Franz richtete, ſtützte ſich bis jetzt nur noch auf Ver⸗ muthung. „Könnte der Mörder ſich nicht vor Ankunft ſeines Opfers verſteckt haben?“ nahm Baron Udo das Wort, als eine Pauſe in den Verhandlungen eingetreten war. „Und wo könnte er ein ſolches Verſteck gefunden haben?“ fragte der Staatsanwalt. „Dort iſt eine Fallthüre, ſie führt in einen kleinen gewölbten Raum—“ „Das läßt ſich nicht wohl annehmen,“ erwiderte der Majo⸗ ratsherr raſch.„Von dieſem Verſteck hatte der Wilddieb keine Kenntniß.“ „Ueberdies war es auch unnöthig, ein Verſteck zu ſuchen, wenn er die Thür offen wußte,“ ſagte der Unterſuchungsrichter. Der Staatsanwalt beſchloß nichtsdeſtoweniger, den Kellerraum zu unterſuchen, ſeinem Verlangen wurde Folge gegeben, aber man fand auch hier keine Beweiſe, die gegen den rothen Franz zeugen konnten. So war eine Stunde verſtrichen, als ein neuer Zeuge er⸗ ſchien, an den Niemand gedacht hatte, der Förſter Leberecht, der von dem Verbrechen Kenntniß erhalten hatte und ſich verpflichtet fühlte, das Seinige zur Entdeckung des Thäters beizutragen. Viel war es freilich nicht, aber immerhin fiel es in die Wag⸗ ſchale. Der alte Mann erſtattete Bericht über ſeine Begegnung mit dem Wilddieb und die Unterredung, die er bei dieſer Gelegenheit mit ihm gehabt hatte Er erinnerte ſich noch jedes Wortes, alſo auch der Drohun⸗ gen, die der rothe Franz ausgeſtoßen hatte „Sie haben auch keine Waffe bei ihm geſehen?“ fragte der Unterſuchungsrichter, nachdem der Bericht in das Protokoll auf⸗ genommen war. „Nein, ich würde ſie, da er ſich im Walde befand, confiscirt haben.“ „Haben Sie nicht früher einmal eine Büchſe confiscirt, die er bei ſich führte?“ „Jawohl.“ „Und hat er ſeitdem eine andere Büchſe ſich verſchafft?“ „Ich weiß das nicht, aber jedenfalls war er im Beſitz einer ſolchen, denn ich glaube nicht zu irren, wenn ich annehme, daß er der Wilddieb geweſen iſt, der mir ſo manchen Aerger be⸗ reitet hat.“ „Könnte er die Büchſe nicht irgend verſteckt und auf dem Wege von der Schenke zum Park aus dem Verſteck geholt haben?“ „Möglich wäre das allerdings. „Noch eine Frage. Glauben Sie, daß dieſe Kugel aus der Büchſe dort abgefeuert worden iſt?“ Der Förſter unterwarf beide Gegenſtände einer kurzen aber ſcharfen Prüfung. „Dieſe Frage bejahe ich ohne das geringſte Bedenken,“ er⸗ widerte er,„die Kugel iſt unzweifelhaft aus dieſem Lauf heraus⸗ gekommen.“ „Zum Teufel, was will man denn von mir?“ rief in dieſem Augenblick eine rohe, heiſere Stimme, und der rothe Franz trat, gefolgt von dem Commiſſar, ein. „Ihr ſteht vor dem Richter und Ihr werdet wiſſen, daß Ihr werd die f „h weg gew kein mac ſein ma ma ein „der ichtet W mit heit hun⸗ e der auf⸗ einer daß t be⸗ dem en der aber er raus⸗ ieſen trat, hr vor dem Geſetz Achtung haben ſollt!“ erwiderte der Gerichtsrath ernſt und ſcharf.„Bedenkt das und betragt Euch anſtändig!“ „Was hab' ich mit dem Gericht zu ſchaffen?“ brummte der Wilddieb mit einem trotzigen Blick auf den Förſter.„Mir kann Niemand etwas beweiſen.“ „Tretet hieher! Wie heißt Ihr?“ „Franz Stellmacher.“ „Wie alt?“ „Dreiundvierzig Jahre.“ „Ihr ward früher in dem Dienſt des Herrn Barons von Oſthofen?“ „Jawohl.“ „Weshalb wurdet Ihr entlaſſen.“ „Weiß ich nicht,“ erwiderte der rothe Franz trotzig. Der Ver⸗ walter muß es wiſſen, es geſchieht Manchem Unrecht, was fra⸗ gen die Herren danach, wenn die Knechte unter die Füße getreten werden. Der Richter blickte ihn ſcharf an, aber der Vagabund ſchlug die frechen Augen nicht nieder. „Der Grund der Entlaſſung iſt Euch wohl bekannt,“ ſagte er, „Ihr wart ſtets ein Händelſucher, und Eurer Unverträglichkeit wegen mußtet Ihr entlaſſen werden.“ „Da wiſſen Sie mehr als ich.“ „Ruhig! Dieſer Unverträglichkeit wegen wanderte auch ein gewiſſer Bender nach Amerika aus, ſeine Frau hatte vor Euch keine Ruhe—“ „Der Lump!“ brauſte der Wilddieb auf. Wer mich wüthend machen will, der muß mich nur an dieſen Schuft erinnern!“ „Womit habt Ihr nach Eurer Entlaſſung Euch ernährt?“ „Na, ich hab' gearbeitet, wo ich Arbeit fand.“ „Man behauptet, Ihr hättet—“ „Herr Richter, was die Leute behaupten, darauf kann man nichts geben,“ ſagte der Vagabund haſtig, und abermals ſtreifte ſein rückiſcher Blick den Förſter und den Verwalter.„Wenn man einem Menſchen bitteres Unrecht angethan hat, dann ſucht man Alles hervor, um ihn ſo ſchwarz zu machen, wie man nur einen Menſchen machen kann!“ „Ihr ſeid einmal ſchon als Wilddieb erwiſcht worden“ — 426— „Spaß Ich wollt' nur den Förſter ärgern.“ „Mit ſolchen Lügen kommt Ihr nicht durch. Geſteht uur, daß Ihr ein Wilddieb ſeid, und daß Euretwegen jener Bender als Unterförſter angeſtellt werden ſollte, damit dem Unweſen ein 1. Ende gemacht würde! „Das hätte der Förſter allein fertig bringen können!“ „Davon iſt hier nicht die Rede. Wann erfuhrt Ihr, daß Bender zurückgekehrt war?“ „Am Tage nach ſeiner Rückkehr.“ „Und wann habt Ihr ihn zuerſt wiedergeſehen?“ „Geſtern Abend.“ „Ihr habt ihn in der Schenke aufgeſucht?“ Ja. „Abſichtlich?“ „Ich leugne das nicht; was wahr iſt, will ich bekennen.“ „Kurz vorher hatte der Förſter Euch geſagt, Bender werde Euch auf die Finger ſehen und mit dem ſei nicht zu ſpaßen. Das weckte den alten Haß in Euch, iſt es nicht ſo 2 Der Vagabund nickte bejahend. „Und in der Schenke habt Ihr Euren Gegner gereizt und ihm gedroht, Ihr wolltet ihn herausfordern, und wenn die Gäſte Euch nicht zurückgehalten hätten—“ „Mich haben ſie nicht zurückgehalten.“ „Aber ſie traten zwiſchen Euch und Euren Gegner!“ „Weil Bender mich angreifen wollte!“ ſagte der rothe Franz trotzig. Ich hab' keine Furcht vor ihm gehabt, er hätte nur kommen ſollen, würd' ihm ſchon einen Denkzettel gegeben haben.“ „Ihr verließt vor Eurem Gegner die Schenke?“ „Jawohl.“ „Aus welchem Grunde?“ Der Wilddieb ſah den Richter befremdet an, die Frage ſchien ihn zu überraſchen. „Es war nicht Furcht was mich forttrieb, erwiderte 3 „Und wohin gingt Ihr von da aus. „In den Wald.“ „Um Wild zu ſchießen? „Nein, im Sommer übernachte ich immer im Walde.“ Der Unterſuchungsrichter wechſelte mit dem Staatsanwalt einen wi ori ſich ri ge E Aur, ender en ein daß werde Das t und Güſte Franz te nur haben.“ Frage alt einen einen bedeutungsvollen Blick, beharcte der Wilddieb bei dieſer Ausſage, ſo konnte er die Wahrheit derſelben unmöglich be⸗ weiſen. „Führte Euer Weg Euch nicht an dieſem Hauſe vorbei?“ fragte er. „Nein, ich hab' im Park nichts zu ſuchen.“ Jetzt traten Richter und Staatsanwalt zur Seite, und der Blick des rothen Franz mußte nun auf die Leiche fallen. Entſetzt prallte er zurück, die Ueberraſchung war zu plötzlich. Wollt Ihr bekennen, daß Ihr dieſen Mord verübt habt?“ unterbrach endlich der Richter die Stille. Der Vagabund zuckte zuſammen, dann warf er trotzig das Haupt zurück und jäh flammte es in ſeinen Augen auf. „Wer klagt mich an, daß ich ihn begangen habe?“ rief er mit heiſerer Stimme.„Ich hab' nichts davon gewußt, und nimmer würd' ich's gethan haben!“ „Ihr habt in der Schenke gehört, daß der Ermordete hier ſchlief,“ ſagte der Gerichtsrath mit ſcharfer Betonung,„Ihr wußtet, daß er Euren Wilddiebereien ein Ende machen ſollte, Ihr ſahet, daß er die Taſche voll Geld hatte, alles das ließ den Eatſchluß das Verbrechen zu begehen, in Euch reifen.“ „Und womit hätte ich's begehen ſollen?“ höhnte der rothe Franz.„Ich habe keine Waffe gehabt, das muß mir Jeder bezeugen—“ „Hier liegt die Büchſe, Ihr wußtet, daß Ihr ſie hier finden würdet. Deshalb gingt Ihr voraus, Ihr wolltet Euch vorher orientiren, um im geeigneten Augenblick die That raſch und ſicher vollbringen zu können!“ „Wer das ſagt, der—“ „Bedenkt, vor wem Ihr ſteht!“ warnte der Unterſuchungs⸗ richter mit gehobener Stimme.„Dieſer Mann hatte keinen Feind außer Euch, und die Gründe, die Euch zur That bewo⸗ gen, habe ich ſoeben genannt. Wo iſt das Gold, welches der Ermordete beſaß?“ „Soll ich vas auch geſtohlen haben?“ „Wenn Ihr in dieſem fremden Tone fortfahrt, dann werde ich Euch ſoſort abführen laſſen!“ S— — 428— Der rothe Franz erſchrack, an die Möglichkeit ſeiner Ver⸗ haftung ſchien er noch nicht gedacht zu haben. Ich weiß nichts von dem Gold,“ ſagte er,„ich hab' den Mann in dem Wirthshaus zuletzt geſehen, nachher nicht mehr. Aus dem Wirthshaus bin ich direct in den Wald gegangen ich war müde und wenn ich auch wüthend auf den Florian war geſtern Abend wollt' ich ihm nicht mehr hegegnen.“ „Das ſind Unwahrheiten,“ erwiderte der Richted“ Könnt Ihr Eure Ausſagen beweiſen?“ Ich kann die Stelle zeigen, wo ich übernachtet hab'!“ „Dahin könnt Ihr ſpäter gegangen ſein!“ „ein, ich ging direct dahin.“ „Aber der Weg führte durch dieſen Park, wolt Ihr das eingeſtehen?“ „Ich bin hier nicht geweſen.“ „Ihr wollt alſo kein Geſtändniß ablegen?“ fragte der Rich⸗ ter ſcharf. „Ich habe nichts zu geſtehen,“ erwiderte der rothe Franz, deſſen Trotz wieder erwachte.„Ein Anderer kann's ebenſo gut gethan haben, ich weiß nicht, welche Feinde der Florian hatte!“ Iſt Ihnen ein Feind des Ermordeten bekannt, Herr Ver⸗ walter?“ fragte der Richter. Wortmann ſtand in Nachdenken verſunken, er ſchien den Verhandlungen keine Aufmerkſamkeit zu ſchenken, bei dieſer direk⸗ ten Frage erwachte er aus ſeinem Brüten. „Nein,“ erwiderte er. „Ihr hört es,“ wandte der Gerichtsrath ſich zu dem rothen Franz,„er hatte keinen Feind außer Euch. Und nicht der Haß allein, auch das Gold, welches der Ermordete im Wirthshauſe Euch zeigte, reizte Euch zu dem Verbrechen. Wo iſt dieſes Gold?“ „Ich hab's nicht!“ „Ich frage Euch noch einmal, wollt Ihr geſtehen?“ „Ich habe nichts zu geſtehen!“ fuhr der Vagabund trotzig heraus. „Herr Commiſſar, ich vertraue Ihnen dieſen Mann an, laſ⸗ ſen Sie ihn ſofort in's Gefängniß führen!“ „Ich ſoll arretirt werden?“ rief der Wilddieb, der jetzt ſeiner Wuth keine Schranken mehr ſetzte.„Weshalb? Mit welchem hr das tRich⸗ Franz ſo gut hatte!“ r PVer⸗ en den rdirel⸗ rothen er Haß hshauſe Gold?“ trotzig an, laſ⸗ t ſeiner welchem — 429— Recht? Weil ich dem Schuft geſtern die Wahrheit geſagt habe? Ich proteſtire dagegen! Ich bin ſo gut Staatsbürger, wie der Baron von Oſthofen—“ „Ihr habt hier gar nichts mehr zu ſagen,“ ſchnitt der Staats⸗ anwalt ihm das Wort ab,„das Weitere wird ſich finden, Bur⸗ ſchen Eurer Sorte haben wir ſchon viele zahm gemacht, bei Euch wird es uns wohl auch gelingen.“ Die Beamten führten den Vagabund hinaus, ſie mußten ihm die Hände feſſeln, und auch dann noch leiſtetete er Wider⸗ ſtand. Das Protokoll wurde jetzt geſchloſſen, die Anweſenden unter— zeichneten es, und die Gerichtsherren rüſteten ſich zum Aufbruch. Der Majoratsherr bot ihnen ein Glas Wein an, ſie lehnten dankend ab. „Glauben Sie an die Schuld des Verhafteten?“ wandte Ba⸗ ron Edmund ſich zu dem Unterſuchungsrichter, als Alles be⸗ endet war. „Unter allen Umſtänden,“ lautete die Antwort. „Ich glaube, er wird bei ſeinem Leugnen beharren, auf mich hat er den Eindruck eines verſtockten Verbrechers gemacht.“ „Das wird ihm wenig oder gar nichts helfen, ich hoffe, wir finden unwiderlegbare Beweiſe für ſeine Schuld.“ „Und wenn ſie nicht gefunden werden, Herr Rath?“ „Dann kommt es allerdings auf die Anſicht der Geſchwore⸗ nen an,“ ſagte der Richter ruhig.„Aber es iſt ja möglich, daß wir dort, wo der Angeklagte übernachtet hat, oder in der Nähe jenes Ortes das Gold des Ermordeten finden, ich werde ſofort die nöthigen Nachforſchungen anſtellen laſſen.“ „Wäre dieſer Beweis überzeugend?“ fragte der Majoratsherr. „Ganz gewiß!“ „Ich werde den Förſter beauftragen, ebenfalls nachzuſuchen.“ „Thun Sie das, Herr Baron, er tennt am beſten den Wald, er wird wahrſcheinlich auch wiſſen, wo dieſer Wilddieb ſein Nacht⸗ lager aufzuſchlagen pflegte.“ „Seien Sie verſichert, Herr Rath, daß ich Alles aufbieten werde, Sie in Ihren Nachforſchungen zu unterſtützen und die Schuld des Verhafteten zu ermitteln. Auch ich halte dieſen Burſchen für den Thäter, ich erinnere mich dabei an die Mitthei⸗ — 130 lungen, die der Ermordete drüben in Amerika mir gemacht hot, an den glühenden Haß, den er dem rothen Franz nachtrug.“ „Haß und Habſucht waren die Faktoren,“ nickte der Unter⸗ ſuchungsrichter, dann nahm er Abſchied, und der Majoratsherr gab ihm bis zum Portal des Schloſſes, wo der Wagen hielt, das Geleite. Im Sommerhauſe bei der Leiche waren nur zwei Perſonen zurückgeblieben, Wortmonn und der alte Leberecht, und in den Mienen Beider konnte man leſen, daß ernſte Gedanken ſie be⸗ ſchäftigten. „Was haltet Ihr von der Sache?“ brach endlich der Ver⸗ walter das Schweigen, während er die Bettdecke über das Ge⸗ ſicht des Todten breitete. Der Förſter ſchüttelte da— ſilberweiße Haupt und ließ den Blick unſtät durch das Zimmer ſchweifen. „Ich weiß es nicht,“ antwortete er, tief aufathmend, mich hat die Geſchichte im höchſten Grad verwirrt.“ Und ich,“ ſagte Wortmann mit gedämpfter Stimme, wäh⸗ rend er dem Förſter näher trat,„ich kann an die Schuld des rothen Franz nicht glauben.“ „Weshalb nicht?“ fragte Leberecht haſtig.„Gründe!“ „Ja, Gründe!“ wiederholte Wortmann mit leiſer Jronie. „Kann und muß man denn für Alles, ſelbſt für jeden Gedanken, Gründe angeben? Habt Ihr den Menſchen beobachtet, als er vor der Leiche ſtand?“ „Jawohl.“ „Und iſt Euch da ſein Entſetzen nicht aufgefallen?“ „Hm, ich meine, dieſes Entſetzen ſei doch ſehr begreiflich!“ „Ja freilich, wenn man nicht darauf vorbereitet iſt, ſo plötz⸗ lich vor eine Leiche geſtellt zu werden! Aber nehmen wir einmal an, der rothe Franz habe den Florian erſchoſſen, mußte er dann nicht in dem Augenblick, wo er verhaftet wurde, ſich darauf ge⸗ faßt machen, daß man ihm die Leiche zeigen würde? Nun wurde er hierher geführt, und er wußte ja, daß hier die Leiche lag. Alſo würde er in dieſem Falle kaltblütig geblieben ſein und die Miene eines Schuldloſen aufgeſetzt haben.“ „Na, das kann auch nicht Jeder!“ „Zugegeben, aber ein Burſche wie dieſer, kann's! Ich hab' — 431— ht het, — ihn ſcharf beobachtet, und ich ſage Euch, natürlich ganz unter Unter⸗ uns daß ich in ſeinem Geſicht nicht den Beweis eines Schuld⸗ tsherr bewußtſeins gefunden habe.“ hielt, Der Förſter ſchüttelte noch immer den Kopſ. „Die Frechheit, mit der er auftrat, ſpricht auch nicht für ihn,“ rſonen ſagte er. a den„Man kann darin Verſtocktheit finden, ich gebe auch das zu, ſe be aber ebenſogut kann man behaupten, es ſei die Wuth über die Verhaftung, die am Ende Jeder empfinden wird, dem ein großes Ver⸗ Unrecht geſchieht.“ us Ge⸗„Gut ich will das gelten laſſen,“ ſagte Leberecht, aus ſeinem Brüten emporfahrend,„ich will Eurer Anſicht über den Verhaf⸗ eß den teten beitreten, obſchon er durch und durch ein Lump iſt, dann aber frage ich Euch, wer iſt der Schuldige?“ ich hut Er hielt den forſchenden Blick feſt und voll fieberhafter Spannung auf den Verwalter geheftet, als ob er von ihm mit nih⸗ Sicherheit die Löſung eines ſchwierigen Problems erwarte. ld des Aber welche Vermuthungen Wortmann auch hegen mochte, er war zu ſchlau ſie offen auszuſprechen, ſo lange er für die Rich⸗ tigteit dieſer Vermuthungen keine Beweiſe vorlegen konnte. Jwonie„Habt Ihr keinen Verdacht?“ fragte er. danken,„Nein, gar keinen!“ 3 als er„Dann freilich kann ich auch keinen Verdacht äußern.“ 4 „Weshalb nicht?“ „Weil Ihr mir nicht glauben würdet.“. „Nur immer heraus mit der Sprache,“ ſagte der Förſter 1 ich!“ ungeduldig,„vor mir braucht Ihr nichts geheim zu halten, und o plöt⸗ es iſt ja eines Jeden Pflicht, den Schuldigen zu ermitteln und einmal Licht in die Sache zu bringen. Ich hab' wahrhaftig nichts für er dann den Lump übrig, der jetzt in's Gefängniß gebracht wird, im Ge⸗ uf ge gentheil, mir wär's recht, wenn er bis an ſein Lebensende im wurde Zuchthauſe blieb, aber wenn er ſchuldlos iſt, dann halte ich es 6 he lag. für meine Pflicht, ihn zu befreien.“ 5 und die„Und ich wiederhole, ſchuldlos iſt er.“ „Beweiſt es!“ „Ja, wenn ich das könnte!“ „Hm, Ihr hegt Vermuthungen, ſo ſprecht ſie doch aus!“— ch hab 232 „Erinnert Ihr Euch noch der Unterredung, die wir geſtern hatten?“ „Gewiß.“ „Und entſinnt Ihr Euch auch der Aeußerungen, die Ihr über den Majoratsherrn fallen ließet?“ Leberecht blickte den Verwalter ſtarr an, eine Ahnung ſchien in ihm aufzudämmern. „Ihr glaubt doch nicht?“ ſagte er, ohne den Satz zu beenden. „Was ich glaube und was ich vermuthe, das ſprech ich letzt noch nicht aus, das aber ſage ich Euch, haltet die Augen offen!“ „Ich könnte Euch dasſelbe ſagen. Weshalb habt Ihr nicht geſtern Abend ſofort nachgeſehen, als Ihr den Schuß fallen hörtet? Vielleicht wäret Ihr dem Verbrecher begegnet, dann hät⸗ ten wir jetzt den Beweis und brauchten nicht weiter nachzu⸗ forſchen.“ Der Verwalter holte aus ſeiner Taſche ein ziemlich um⸗ fangreiches Feuerzeug, in welchem eine kleine Wachskerze lag, er zündete die letztere an und ſchritt auf die Fallthüre zu.“ „Was wollt Ihr thun 2 fragte der Förſter erſtaunt. „Nachſehen, ob ich eine Spur finde.“ „In dem Weinkeller da unten? Seid Ihr toll Wortmann Der Verwalter gab keine Antwort, er hob die Fallthüre auf und ſtieg hinunter, über ihm fiel die Thüre wieder zu. Der Föeſter dachte noch darüber nach, oh er ihm folgen ſolle, oder nicht, als die Thür geöffnet wurde, und der Majo⸗ ratsherr eintrat. „Was thun Sie hier noch 2“ fragte der Letztere barſch. Leberecht konnte im erſten Augenblick ſeiner Verwirrung nicht gebieten. „Ich habe nach Beweiſen geſucht,“ erwiderte er verlegen. „Kommen Sie heraus.“ Der För er folgte dem Befehl, Baron Edmund erwartete ihn draußen, und als der alte Mann ihm gegenüberſtand, ſah er ihn durchdringend an, wie wenn er ſeine geheimſten Gedanken er⸗ forſchen wolle. „Sie glauben nicht an die Schuld des Verhafteten?“ fragte der Majoratsherr ſcharf. Leberecht hatte ſeine Faſſung raſch wiedergefunden. „Ae de wie alſo in Barbn Ed Zwiiel „der Unter ſul zugt, und u „Gewiß, „Var 6 ibernchtete „Ich ver „Und wel einfaches Nac „Es ſind „Würden wo der Vild ſchlagen hat? „Das win ſchüttelnd. Gleichvi tigen, vielleie der Unterſuch „Und we „Das G „Glaubt „Ja, alle ſer Beweis hafteten nich „Ich bin „Der Wald kenne ſtellen, die! „Und w Der Baſt vir geſern n die Jr ung ſchien zu beenden. it ſest nch offen!“ bt Ihr nicht Schuß fullen t dann hät⸗ iter nachzu⸗ ziemlich un⸗ erze lag, et zu. unt. Lortmonn?“ allthüre auf ihm folgen nd der Majo⸗ barſch. wirrung nicht verlegen. etwartete ihn d ſuh et ihn Gedanken er⸗ teten?“ frugte den. — 433— „Alles deutet darauf hin, daß er ſchuldig iſt,“ erwiderte er, „wie alſo könnte ich zweifeln?“ Baron Edmund ſah ihn ſcharf an. „Zweifel hätten in der That keine Berechtigung,“ ſagte er, „der Unterſuchungsrichter iſt von der Schuld des Mannes über⸗ seugt, und auf ſein Urtheil darf man vertrauen.“ „Gewiß, Herr Baron.“ „War es Ihnen bekannt, daß der rothe Franz im Walde ubernachtete?“ „Ich vermuthete es.“ „Worauf ſtützte dieſe Vermuthung ſich?“ „Auf Entdeckungen, die ich gemacht habe.“ „Und welcher Art waren dieſe Entdeckungen?“ „Ich habe ſie und die Stellen im Walde gefunden, die auf einfaches Nachtlager ſchließen laſſen.“ „Ich wünſche, daß Sie mir dieſe Stellen zeigen.“ „Es ſind ihrer viele!“ „Würden Sie nicht mit einiger Sicherheit können, wo der Wilddieb in der vergangenen Nacht ſein Quartier aufge⸗ ſchlagen hat?“ „Das wird vielleicht ſchwer halten!“ ſihte der Förſter kopf⸗ ſchüttelnd. „Gleichviel, wir wollen alle Ihnen bekannten Stellen beſich⸗ tigen, vielleicht finden wir an einer derſelben die Beweiſe, die der Unterſuchungsrichter wünſcht.“ „Und welche Beweiſe ſind das, Herr Baron?“ „Das Gold, welches dem Ermordeten geraubt worden iſt.“ „Glaubt der Herr Richter, der Verhaftete habe es verſteckt?“ „Ja, allerdings!“ Der Förſter blickte ſinnend vor ſich hin. Freilich, wenn die⸗ ſer Beweis gefunden würde, dann konnte die Schuld des Ver⸗ hafteten nicht mehr bezweifelt werden. „Ich bin bereit!“ ſagte er nach einer Pauſe. „Der Richter rechnet auf Ihre Unterſtützung, weil Sie den Wald kennen, alſo zumeiſt befähigt ſind, Nachforſchungen anzu⸗ ſtellen, die natürlich auch von ſeiner Seite erfolgen werden.“ „Und wann befehlen der Herr Baron—“ Der Baſtard. 28 — „Heute Nachmittag! Sie können mich am Waldſaume erwar⸗ ten. Und was die Niederlegung des Waldes betrifft,“ fügte der Majoratsherr hinzu, ſo wollen wir uns das noch näh⸗ überlegen, einſtweilen brauchen Sie noch keine Sorgen zu hegen, einen ſo alten treuen Diener betrübe ich nicht gerne.“ In den Angen Leberechts leuchtete es freudig auf, und dieſe innere Freude ſpiegelte ſich auch in dem Blick, mit dem er dem Baron nachſchaute. So ſtand er eine geraume Weile, dann ſchien er plötzlich ſich des Verwalters zu erinnern. Er ging in das Sommerhaus zu⸗ rück, in demſelben Augenblick ſtieg Wortmann aus der dunkelen Oeffnung der Fallthüre empor. „Nun?“ fragte der Förſter.„Habt Ihr etwas entdeckt?“ Wortmann blickte ihn forſchend an, ſein Geſicht war bleich und in ſeinen Zügen ſpiegelte ſich eine fieberhafte Aufregung. „Was iſt Euch begegnet?“ erwiderte er. „Der Baron war hier.“ „Suchte er mich?“ „Bewahre, er hat mir nur geſagt, daß der Wald einſtweilen noch nicht niedergelegt werden ſoll, es ſcheint denn doch, daß meine warnenden Worte Eindruck auf ihn gemacht haben.“ „Glaubt Ihr das wirklich?“ ſpottete der Verwalter. „Und weshalb ſoll ich es nicht glauben? Der Majoratsherr hat ja ſelbſt mir die Verſicherung gegeben! Wir gehen heut Nachmittag in den Wald, um das Geld zu ſuchen.“ „So, ſo, na, dann wünſche ich, daß Iht es finden mögt!“ „Ihr ſagt das ſo ſpöttiſch— habt Ihr vielleicht eine Ent⸗ deckung gemacht?“ „Ich? Nein!“ erwiderte Wortmann mit ſeltſamer Haſt.„Ich glaube jetzt auch, daß der rothe Franz der Thäter iſt; wenn der Baron Euch fragen ſollte, wie ich darüber denke, ſo antwortet ihm nur dasſelbe, was ich jetzt Euch geſagt habe.“ Damit wandte er ihm den Rücken, und in der nächſten Mi⸗ nute hatte er das Sommerhaus verlaſſen. Der Förſter blickte ihm kopfſchüttelnd nach, und als der Ver⸗ walter ſeinem. Blicke entſchwunden war, ſchritt auch er in Ge⸗ danken verſunken von dannen. op . — ₰ Magenta Shart 2 2 — Sontroi — E 85 E 0