— 3 E deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 8 Eduard Ottmunn in Cieſßen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih und Ceſebedingungen. 1. offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe wird. 5. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt; für wöchentlich 2Bücher: 4 Bücher: 6 Büchen: auf 1 Monat: 1 N— f 1 F Pf. 3 5 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird eſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet. ————— 8 ———— Jugend, Jünglingsjahre, und Alter eines Weltmannesz oder: Lor in on inkereſſanter Lebenslauf. Nach dem Franzöſiſchen des Arnaud. ——— Zweyter Band. ———,——— Mit einem Titelkupfer. L ipz 8 in der Sommerſchen Buchhandlung⸗ 18 14. — ., ——————— — Lorimon, o der der Menſch, wie er iſt. 4 Vierte Abtheilung. Mein reifes Alter. „ 2 vp 5 ⸗—— 2 ——— — „———————————————— Di Traͤume meiner juͤngern Jahre waren verſchwunden, um andern Traͤumen, neuen Taͤuſchungen Platz zu machen. Der Ehrgeitz blendet meine Augen mit ſeinen truͤgeriſchen Porſtellungen, er weckt in mir neue Wuͤn⸗ ſche, ruft eine neue Seelenkrankheit in meinem Innern hervor. Bis dahin war ich nur das Spielwerk fluchtiger Eindruͤcke, leichtſinniger Launen geweſen, die fruͤh die geheiligte Flam⸗ me wahrer Liebe verloͤſchten, die nur ſo kurze Zeit in meinem Buſen brannte. — 6 Von dem Ehrgeitz und der Leidenſchaft zur Jutrigue getrieben, brannte ich fuͤr Ver⸗ langen, mich um jeden Preis uͤber alles, was mich umgab, zu erheben; mir die falſche Achtung zu erwerben, die ſo entfernt von der wahren iſt, mich auf dem Standpunkt zu ſe⸗ hen, deſſen Hoͤhe oft nur dazu dient, unſere Unvollkommenheiten, unſte Laſter, unſern Mangel an mpraliſchem Werth, in ein helle⸗ res Licht zu ſetzen. Gegen meine weſentlichſte Pflicht, die Erziehung meiner Kinder, war ich noch ſo gleichguͤltig wie ſonſt. Nie hatten unter uns die Herzensergieſſungen ſtatt, die dem gleichguͤltigſien Geſpraͤch Intereſſe und Reiz geben. Ich begnuͤgte mich, wenn der Zu⸗ fall es fuͤgte, mit einer kalten Umarmung. Ich bemuͤhte mich nicht, in ihre Herzen ein⸗ —————— — — 5 31 zudringen, da die Empfindungen fuͤrs Gute zu wecken, die uͤber den kuͤnftigen Menſchen entſcheiden. Ich glaubte meine Pflichten als Vater vollig erfullt zu haben, wenn ich meine ———. Kinder der Sorgfalt fremder, fuͤr ihr Wohl unbeſorgter Erzieher anvertraute. Meine — Frau dachte in dieſem Punkt vollkommen wie ich, zwar ſah ſie ihre Kinder ofterer als ich, 3 aber auch von ihrer Zaͤrtlichkeit erhielten ſie nichts als einige unzweckmaͤßige, unuͤber⸗ 1 dachte Liebkoſungen, die faſt keine andre Wir⸗ kung haben, als verzogne Schooßkinder zu bilden. Ich durcheilte unterdeſſen die verworrene, 1 oft zu Demuͤthigungen fuͤhrende Bahn der † Intrigue: ich kroch, wo ich nicht aufrecht gehen konnte, uͤberzeugt, daß man durch Ge⸗ ſchmeidigkeit, durch Niedertraͤchtigkeit oft das E erwuͤnſchte Ziel erreicht. Wirklich verfehlt man auch nur ſelten bey dieſer Methode ſei⸗ nen Zweck. Bey dergleichen Gelegenheiten läßt man ſich hinreiſſen, eine kleine Anwand⸗ lung von Schaam abgerechnet: ohne Vor⸗ wurf ſeinem eignen Intereſſe, das des andern, die Freundſchaft, die Redlichkeit, ſelbſt die Ehre, aufzuopfern. Der Ehrgeitz iſt immer nahe daran, ein Verbrechen zu begehn. Ein Mam, den ich meinen Freund nannte, kommt zu mir, und verlangt mich ohne Zeu⸗ gen zu ſprechen.„Was wuͤnſchen Sie von „mir, lieber Mincourt?“ ſage ich, als wir al⸗ lein ſind, mit dem offnen, Vertrauen einflöſ⸗ ſenden Ton der Freundſchaft zu ihm,„wor⸗ „in kann ich Ihnen dienen? ſprechen Sie „mit der Freymuͤthigkeit, die unter uns herr⸗ „ſchen ſollte, was fuͤhrt Sie zu mir?“— — — „Vielleicht die wichtigſie Sache meines Le⸗ „bens, antwortet er, von der mein und mei⸗ „ner Familie Gluck abhaͤngt. Eine Gouver⸗ „neursſtelle in der Provinz iſt erledigt, die „Beſetzung dieſer ſo eintraͤglichen als ehren⸗ „vollen Stelle haͤngt gaͤnzlich vom Miniſter „ab; ich weiß, daß Sie bey ihm vielvermd⸗ „gende Freunde haben, es kommt darauf an, „andern Empfehlungen zuvor zu kommen. „Ich bitte Sie alſo, ſich der Sache anzuneh⸗ „men, beſonders aber darum, daß ſie nicht „bekannt werde.“ Mit einer geheimen innern Bewegung unterbreche ich ihn.„Sind Sie „aber auch gewiß, daß die Stelle erledigt „wird?“—„Ja, vollkommen, der Graf „SV iſt im Begriff abzugehen; ich wieder⸗ „hole es Ihnen, die Erlangung dieſer Stelle „wuͤrde mir unendliche Vortheile gewaͤhren. ———— — 10— „Ich habe wenig Vermoͤgen, eine Frau, „mehrere Kinder, ich geſtehe es Ihnen, dieſe „Gunſt des Hofs wuͤrde mir ein neues Leben „verſchaffen. Wie viel Dank wuͤrde ich Jh⸗ „nen ſchuldig ſeyn.. Aber vor allem, Thaͤ⸗ „tigkeit, und ein unverbruͤchliches Still⸗ „ſchweigen. Laſſen Sie uns keinen Augen⸗ „blick verliehren. Ja Sie ſind es werth, „das fur ein fuͤhlendes Herz ſo ſuͤße Vergnuͤ⸗ „gen zu genieſſen, ſich ſagen zu koͤnnen, daß „Sie mein Wohlthaͤter ſind, daß meine „Dankbarkeit unbegraͤnzt ſeyn wuͤrde.“ Ich verſichere Mincourt, daß ich keine Muͤhe ſparen will; daß ich von dieſem Au⸗ genblic an mich ſeiner Sache mit Eifer, mit der Waͤrme der Freundſchaft annehmen werde. Noch einmal verſichert er mich ſeines lebhafteſten Dankes. Wir trennen uns. —,—— — — ———— ——— — TT— Kaum hat er mich verlaſſen, als eine Menge verworrener Ideen mich beſtuͤrmen. Die deutlichſte unter ihnen hat bald meine ganze Aufmerkſamkeit, auf das erſte Gefuͤhl im menſchlichen Herzen, dem eignen In⸗ tereſſe, gezogen.„Dieſes Gouvernement, „ſage ich zu mir ſelbſt, iſt wirklich eine ſehr „wichtige Stelle, die ohnſtreitig ſehr ſchmei⸗ „chelhaft fuͤr die Eitelkeit eines Mannes iſt, „der den Werth eines ſolchen Poſten zu wuͤr⸗ „digen verſieht. Welches Vergnugen, allem „befehlen zu köunen, was uns umgiebt, den „Monarchen ſelbſt vorzuſtellen. Wie gluck⸗ „lich waͤre dieſer Mincourt, wenn er erlang⸗ „te, was er ſo ſehnlich wuͤnſcht. Ein ſo gro⸗ „ßes Gluͤck wuͤrde den Neid aller erregen, „meinen eignen, vielleicht. doch die Freund⸗ „ſchaft muß den Sieg davon tragen welche — 12— „Vorwürfe muͤßte ich mir nicht machen. „wenn ich nicht fuͤr Mincourt ſpraäche, fuͤr „meinen Freund... Aber iſt man denn ber⸗ „bunben, andre mehr als ſich ſelbſt zu lieben? „Dieſe Stelle wuͤrde weit beſſer fur mich „paſſen, als fuͤr dieſen Mann, dem es ohne⸗ „hin an Benehmen fehlt.. und wie wuͤr⸗ „den ſich meine Umſtande verbeſſern, die Ach⸗ „tung, in der ich ſtehe, vermehrt werden“ Der Verluſt, den ich im Spiel erlitten hatte, war nach und nach faſt erſetzt. Meine Lage gewann wieder ein anziehenderes An⸗ ſehn. Meine ehemaligen Freunde naͤherten ſich mir wlieten auch Germon war unter den glüchtlingen, die mein zurückkehrendes Glüc mir zufuͤhrte. Er bemerkt die Bewegung, in welcher ich mich befinde, er fraͤgt mich nach der Urſache, ————— —,———.— „—— ich entdecke ihm Mincourts Anliegen, die Verlegenheit, in welche es mich verſetzt.„Es „iſt wahr, ich habe Einfluß bey dem Mini⸗ „ſter, fuͤge ich hinzu, und ich fuͤhle meine „Verbindlichkeit, ihn fuͤr Mincourt anzuwen⸗ „den„ Wenn er mich nicht fuͤr ſeinen „Freund hielt,„ich geſtehe es, ich konnte „der Verſuchung nachgeben, mich fuͤr meine „eigne Perſon um die Stelle zu bewerben... „Aber mein Gewiſſen, die Ehre. was „wuͤrdeſt Du an meiner Stelle thun?“— „Das Gluͤck benutzen, das ſich mir anbote, „antwortete Germon, wer iſt uns naͤher als „wiß ſelbſi. Glaube mir, keine Freundſchaft „ht die Waage mit der Selbſtliebe. Der „Ehoismus iſt die Stimme der Natur: die⸗ „ſer Stimme muß man gehorchen, ſie truͤgt „uns nie“„ ———— Pon meinem Verfuͤhrer entferut habe ich noch den Muth, mir einige Graͤnde entgegen zu ſetzen; bald aber verſchwinden ſie vor der Ausſicht, welche der Ehrgeitz mir in einer zauberiſchen Ferne zeigt. Ich gebe endlich meiner Seibſtliebe nach⸗ Ich opfere alles meinem eignen Intereſſe auf. Alle Kunſtgriffe wende ich an, die Schleif⸗ wege der Intrigue, die kleinlichſten Mittel muͤſſen mir zu meinem Zweck dienen. Ich erhalte, was ich ſo eifrig ſuchte. Ich bin zum Gouverneur von*** ernannt.“ aum hat ſich die Nachricht davon ber⸗ preiten konnen, als Mincourt zu mir „Was hdre ich, Marquis, Sie ſind Gtu⸗ erneuer von, waͤre es möglich?““ „ein Freund o nein, es iſt nicht. ein „falſches Geruͤcht wurde mir hinterbracht.“ —— —— —— — Wie ſchwer iſt es, die laute Stimme des empoͤrten Gewiſſens zu betaͤuben! Ich konnte meine Verlegenheit nicht beſiegen—„Es iſt „wahr, antworte ich ſtammelnd, die Stimme „des Hofs hat fuͤr mich entſchieden. Der „Miniſter hat mich, ungeachtet alles deſſen, „was ich fuͤr Sie that, ſo zu ſagen, gezwun⸗ „gen, die Stelle anzunehmen; ich durfte es „nicht wagen, ſie auszuſchlagen.“ Ohne mich einer Antwort zu wuͤrdigen, verlaͤßt Mincourt mich ſchnell, in einigen Stunden erhalte ich folgende Zeilen: „Sie werden errathen, wer Ihnen ſchreibt: „der Mann, den Sie auf die empoͤrendſie Art „beleidigt haben. Elender! Du haſt Dei⸗ „nen Freund verrathen! Sein Vertrauen ge⸗ „mißbraucht! ich verlange Genugthuung fuͤr „ein ſo ſchaͤndliches Betragen. Kommen Sie — „morgen um ie Nachmittags in das Gehoͤlz „von Boulogne, es iſt Ihnen nichts uͤbrig, „als mir auch noch das Leben zu nehmen.“ „Mincourt.“ Deutlich zeigte ſich nun das Ungeheure meiner That meinen beſchaͤmten Blicken. Es gab Augenblicke, in welchen ich mir vor⸗ nahm, meine neue Wuͤrde abzulegen, zu Mincourts Fuͤßen ſeine Vergebung zu erflehn. Bald aber empoͤrte ſich mein vermeintliches Ehrgefuͤhl dagegen. Nie duͤrfte ich eine ſol⸗ che Niedertraͤchtigkeit begehen, ruft es mir zu: um Vergebung bitten, ſtehe keinem Edel⸗ mann, keinem Krieger an, ich wuͤrde mich dem Spott aller Welt ausſetzen, wenn ich ei⸗ nen Augenblick anſiuͤnde. Wir treffen uns alſo an dem beſiimmten Ort, der Gewohnheit nach, von Zeugen be⸗ gleitet. . —————— — —————— — 17— gleitet.„Konnten Sie wirklich ſo treulos „handeln, Lorimon?“ ruft Mincourt aus, ſo⸗ bald er mich erblickt. Ich ſchwieg. Was haͤtte ich auch autworten ſollen, mein Herz ſprach nur zu laut gegen meine Thaten.. Wir ziehen. In dem Angenblick, da Min⸗ court mich durchſtoſſen kaun, wirft er den De⸗ gen weit von ſich weg:„Nein, ich kann es „nicht vergeſſen, daß er mein Freund war,“ ruft er weinend aus.„Lorimon,“ ſetzt er mit von Schmerz erſtickter Stimme hinzu,„voll⸗ „„ende Dein Werk, ſtoß zu, hier iſt mein Herz,“ indem er ſeine Bruſt entbloßte.„Gieb mir „den Tod, ich konnte nie mich entſchlieſſen, „Dir das Leben zu rauben! Ich will es ei⸗ „nem andern uͤberlaſſen, Dein Morder zu * — „werden.“ Fe. Lorimon U Unſere Zeugen fuͤhlen ſich ſogar von die⸗ ſem ruͤhrenden Auftritt erſchuͤttert: ſie naͤhern ſich und wollen uns einander in die Arme fuͤh⸗ ren.—„Ihn umarmen,“ ruft ſchnell Min⸗ court,„nein das kann ich nicht. Er ſey „gluͤcklich, wenn er kann, wieder ſehen wer⸗ „den wir uns nie!“ Er verließ uns. Ich blieb in einer un⸗ ausſprechlich druͤckenden Stimmung zuruͤck. Einige unſerer Zeugen, die am tiefſten in die Geſetze der Ehre eingedrungen zu ſeyn waͤhn⸗ ten, behaupten: unſere Sache ſey noch nicht ausgemacht, wir muͤßten eine neue Zuſam⸗ menkunft beſtimmen; doch der groͤſſere Theil entſchied, daß ich Genugthuung erhalten, und meine Ehre ſicher geſtellt ſey. Als ich mich in meiner Wohnung, und allein befand, marterten mich die heftigſten Vorwuͤrfe, noch einmal entſchließe ich mich, zum Miniſter zu eilen, ihn zu vermoͤgen, Mincourt meine Stelle zu geben. In die⸗ ſem Zuſtand der Verwirrung, der Troſt⸗ loſigkeit treffen mich einige meiner Be⸗ kannten, die von meiner Frau begleitet, in mein Zimmer treten. Ueber meine Unruhe befremdet, forſchen ſie nach der Urſache; ich erzaͤhle den eben geſchehenen Vorfall, mei⸗ nen Vorſatz, Mincourt zu verſchaffen, was mit ſo vielem Recht ſein iſt. Alle erheben auf einmal ihre Stimme dagegen. Man behan⸗ delt meinen Eutſchluß als eine Anwandlung von Narrheit; meine Frau iſt die erſte, wel⸗ che uber, was ſie kindiſche Gewiſſenhaftigkeit, meine laͤcherliche Sonderbarkeit nennt, ſpot⸗ tet; ernſthafter beweiſt ſie mir nachher, daß ich gegen das Wohl unſrer Kinder, das ihri⸗ B 2 ——** 2 ge, das meinige handeln wuͤrde, führt tau⸗ ſend Gruͤnde an, die jetzt unnothig zu wieder⸗ holen ſind. Ich bleibe alſo Gouverneur von*** und hoͤre, daß Mincourt, arm und ohne Unterſtu⸗ tzung, ſein Vaterland verlaſſen hat. Dieſer Beweis meiner Verdorbenheit haͤt⸗ te mir fuͤr die Zukunft zur Lehre dienen ſol⸗ len; aber von meiner Neigung, oder einer Art Geſchick hingeriſſen, kehrte ich auch jetzt noch nicht auf den rechten Weg zuruͤck. Der Ehrgeitz hatte nicht meinen Geſchmack an Ausſchweifungen zerſtoͤhrt, auch von die⸗ ſer Seite bezeichneten noch neue Verirrungen meine Laufbahn. Juſtine, eine Opertaͤnzerin, war der Ge⸗ genſtand einer Leidenſchaft, welche mir mein Alter und nur etwas Nachdenken ſo leicht uͤberwinden haͤtten helfen ſollen. Juſtine ver⸗ einigte alle Eigenſchaften, welche einer Buhle⸗ rin nothwendig ſind. Mit der anziehendſten Geſtalt verband ſie das pikante der Kokette⸗ rie, das verfuͤhreriſcheſte Benehmen. Man glaubte jedesmal, ſie zum erſtenmal zu ſehen und zu hoͤren. Man kann dieſe Art Zauber nicht beſchreiben, aber lebhaft fuͤhlen. Nur zu bald empfand ich ſeine berauſchende Wir⸗ kung. Juſtine bemerkte leicht, wie ſehr ich eingenommen von ihr war; ſie gebrauchte die maͤchtigſten Geheimniſſe ihrer Magie. Nie hatte ich bey meinen ehemaligen Liebesaben⸗ theuern ſo viele Schwierigkeiten zu uͤberwin⸗ den gehabt. Die Intrigue mußte mit der gan⸗ zen Wuͤrde eines empfindſamen Romans ge⸗ ſpielt werden. Das liſtige Geſchoͤpf gab vor, daß ein ſehr reicher Mann vom hoͤchſten Stan⸗ ————— de, ihr ein glaͤnzendes Gluck angeboten ha⸗ be, wenn ſie ihm vor ſeinen Nebenbuhlern den Vorzug geben wolle. Ihre verfuͤhreri⸗ ſchen Blicke auf mich gerichtet, fuͤgt ſie hinzu, ſie konne ſich nicht entſchlieſſen, ſeinen dringenden Bitten nachzugeben, weil ſie fuͤhlte, daß ſie ein Herz haͤtte, deſſen ſich eine ungluͤckliche Leidenſchaft bemaͤchtigt habe. 3 Einige Thraͤnen des innigſten Gefuͤhls be— gleiteten dies Geſtaͤndniß, welches die Wir⸗ 3 kung der vertrauensvollſten Offenherzigkeit zu ſeyn ſchien. Nach einem langen Geſpraͤch, und vielen Bitten von meiner Seite, mir den beneidens⸗ werthen Gegenſtand einer ſo entſchiednen Zaͤrt⸗ lichkeit zu nennen, ſagt Juſiine nach einem tiefen Seufzer, mit einem Blick, der das klteſie Herz entflammt haͤtte, mit der ſeelen⸗ vollſten Stimme:—„Errathen Sie wirklich „den Mann nicht, dem mein Herz gehoͤrt?“ leiſe fugte ſie hinzu:„leicht werden Sie mich „verſtehen, Lorimon, wenn Sie zu lieben „faͤhig ſind!“ Die maͤchtigſten Waffen, um Maͤnner zu beſiegen, einige halb zuruͤckge⸗ haltne Thraͤnen, machten die Magie dieſer Worte noch unwiderſiehlicher. Ich ſtuͤrze zu den Fußen der Zauberin; ich bedecke ihre Haͤnde mit gluͤhenden Kuͤſſen. Mit dem Entzuͤcken der heißeſten Liebe bethen⸗ re ich ihr, daß nie ein Weib mir eine ſo hef⸗ tige Leidenſchaft einfloͤßte. Bald antwortet ſie mir, daß auch ſie eine gleiche Zaͤrtlichkeit empfaͤnde, ich waͤre der erſte, der ihr den Reiz einer wahren Neigung kennen lehrte, in die⸗ ſem Augenblick fuhle ſie, daß ihr Herz bis jezt noch nicht geliebt haͤtte. Mit der ruͤhrend⸗ ſten uͤberzeugendſten Stimme fuͤgte ſie hinzu: „Ich verdanke Ihnen ein neuts Daſeyn! Ja, „ich empfinde jezt, daß ich ein fuͤhlendes „Herz beſitze! O warum behandelte mich das „Gluͤck nicht beſſer? warum bin ich gezwun⸗ „gen, mich dem Reichthum aufzuopfern? „Mit welchem Entzůcken wuͤrde ich bloß mei⸗ „ner Neigung folgen.“ Eilig unterbreche ich ſie:„O Juſtine, ge⸗ „ben Sie ſich ganz der Liebe hin, die mein „hoͤchſtes Gluͤck ausmachen wird! Ich will „„den Fehler des Gluͤcks verbeſſern, das man „ſo gerecht mit der Binde vor den Augen, „malt. Alles, was ich habe, gehoͤrt Ihnen, „iſt von dieſem Augenblick an ihr Eigenthum. „Wie konnte man ſolche Reize genug „„lohnen?“ Ich lohnte ſie wirklich ſehr hoch, dieſe Reize. Ich machte ungeheure Ausgaben. Meine Frau machte mir die heftigſten Vor⸗ wuͤrfe daruͤber, auch einige andere Perſonen, die Antheil an mir zu mehmen ſchienen, ſtell⸗ ten mir die Thorheiten meiner Handlungen vor. Umſonſt. Mein Ohr war taub gegen alle Vorſtellungen. Iuſtinen allein ſah, hör⸗ te ich an. Ich war ihrer Empfindungen fuͤr mich gewiß. Monſernin war noch immer der rebliche Mann, den das Beyſpiel nicht hatte verfuh⸗ ren, der treue Freund, den meine Fehler nicht von mir hatten entfernen koͤnnen. Er kommt zu mir.„Lorimon, ſagte er, lieber „Lorimon, iſt es moͤglich, daß in Deinem Al⸗ „ter, bey Deinen Erfahrungen, Du Dich durch „eine ſo grobe Taͤuſchung blenden laͤßt?“— „Welche Taͤuſchung? mein Freund, erklaͤre „Dich“—„Du verſtehſt mich alſo nicht? „Nach ſo manchen Fehltritten, die Du Dir „ſchon erlaubt haſt, laͤßt Du Dich in dem Netz „einer Theaterdirne fangen! Du vergiſſeſt, „daß Du Gatte, Vater biſt, daß Du Deiner „Familie ein beſſeres Beyſpiel zu geben ſchul— „dig biſt, ſogar der Geſellſchaft, die, obgleich „ſelbſt verdorben, Dich bald zum Gegenſtand „ihres Spotts, ihrer Verlaͤumdung machen „wird!“ Ich unterbreche Monſernin:—„Iſt man „deun Herr ſeines Herzens? Ja, ich geſiehe „es, ich liebe Juſtinen bis zur Ausſchwei⸗ „fung, und ich glaube ihr Beweiſe dieſer Liebe „ſchuldig zu ſeyn, deren ſie gewiß werth iſt: „ſie hat mir die Ausſicht eines glaͤnzenden „Gluͤcks aufgeopfert, alles verpflichtet mich, „ſie dafuͤr moglichſt zu entſchaͤdigen. Soll „ich, weil ich eine Gattin und Kinder habe, „mir durchaus alles verſagen, was zu mei⸗ „nem Gluͤck nothwendig iſt? Ja, nur bey „meiner Zauberin fuͤhle ich mich gluͤcklich. „Haſt Du nie die Suͤßigkeit, geliebt zu werden, „empfunden, Monſernin? In Juſtinens Ar⸗ „men genieße ich allen Reiz einer Leiden⸗ „ſchaft, die die Zeit nur vermehren kann. „Ich habe meine Frau nie geliebt, gegen mei⸗ „nen Willen habe ich ſie geheirathet, Juſtine „zaubert mir die ſchonen Tage meiner verlohr⸗ „nen Jugend zuruͤck. Auch bin ich ja reich ge⸗ „nug, mir dieſen Genuß zu verſchaffen.“— „Du haͤltſt Dich alſo wohl fuͤr den einzigen Lieb⸗ „ling Deiner Schoͤnen? erwiedert Monſer⸗ „nin, ich habe keinen Beweis, aber ich bezweifle „doch die Treue Deiner Armide. Dieſe Gat⸗ „tung Weiber ſind nicht ſehr gewiſſenhaft in „dieſem Punkt; ſie erlauben ſich leicht, was „ſie Launen nennen, vielleicht wirſt Du bald „ein Beyſpiel hiervon erleben. Mit der Of⸗ „fenherzigkeit der Freundſchaft geſtehe ich, „daß ich Dir dieſe Lehre bald wuͤnſche, und „daß ſie Dir nuͤtzlich ſeyn moͤge. Du biſt Va⸗ „ter, Lorimon, vergiß nie die Verpflich⸗ „tungen, die dieſer Name Dir auflegt. Auſſer⸗ „dem mußt Du auch ehrlicher Mann ſeyn, „und der ehrliche Mann, der Vater iſt, darf „ſich nicht verbergen, daß er nur der Ver⸗ „walter des Vermoͤgens iſt, das nach dem „Ausſpruch der Gerechtigkeit und der Natur, „ſeinen Kindern gehoͤrt.“ Bald hatte ich bey Juſtinen die Ermah⸗ nungen des Beichtvater Monſernin, wie ich ihn nannte, vergeſſen. Meine Tochter hatte die Jahre erreicht, wo man darauf denken mußte, ſie zu verhei⸗ rathen. Zwei Bewerber wuͤnſchten ihre Hand zu erhalten. Des einen Geſtalt hatte wenig Annehmlichkeiten, er war nahe an den funf⸗ zigen, aber er beſaß den Vorzug einer hohen Geburt; den noch wichtigern, Herr eines an⸗ ſehnlichen Vermoͤgens zu ſeyn. Sein Neben⸗ buhler war von altem Adel: ſein Aeußeres war ſehr verfuͤhreriſch. Kaum acht und zwan⸗ zig Jahr alt, war alles in ihm vereinigt, was bey einem Geſchlecht empfehlen kann, das nur zu oft nach der Außenſeite allein ur⸗ theilt, aber er hatte nur wenig Vermoͤgen. Leicht gewann er Ceciliens Herz, die wie alle junge Maͤdchen ihre Augen fuͤr ihr Herz waͤh⸗ len ließ. X Ich hatte ihr Wohlwollen gegen dieſen lez⸗ tern bemerkt, ich nahm mir vor, mit ihr zu ſprechen.—„Du weißt, meine Tochter, „ſprach ich, daß meine Abſicht iſt, dich zu „verheirathen: ich habe mehrere Antraͤge fur „dich erhalten, meine Wahl iſt getroffen, „der Graf Melimbert wird dein Gemahl.“ Bey dieſem lezten Wort ſioßt Cecilie einen Schrey aus. Heftig umfaßt ſie meine Knie: „PVater, Vater, ruft ſie aus, hoͤren Sie „mich, ich beſchwoͤre Sie darum. Laſſen „Sie mich Ihnen mein Herz oͤffnen, es iſt „nicht mehr mein, unwillkuͤhrlich hat es den „Baron Verland lieben gelernt. Aber glau⸗ „ben Sie mir, mein Vater, ich habe nicht ge⸗ „gen meine Pflicht gehandelt. Ich habe ein „Gefuͤhl feſt in mich verſchloſſen, das erſt „durch die Billigung meines Vaters gehei⸗ „ligt werden mußte. Ja, ſezte ſie weinend — 31— „hinzu, der Varon kennt nicht die Gewalt, die „„er uͤber das Herz Ihrer ungluͤcklichen Tochter „hat: die Gewalt, die ſeine Augen dem noch „mehr als ſeine reizende Geſtalt ihm erwarb.“ —„Cecilie, meine Tochter, trockne deine „Thraͤnen. Es thut mir leid, dirs ſagen zu. „muͤſſen, ſie koͤnnen meinen Willen nicht aͤn⸗ „dern. Mein Entſchluß iſt gefaßt: er iſt un⸗ „widerruflich. Melimbert wird mein Schwie⸗ „gerſohn; eriſt reich. Auch mir ſagte einſt „meine Mutter, der Reichthum iſt alles. Huͤte „dich, deinem kuͤnftigen Gatten, wenn ich dir „ihn vorſtellen werde, den mindeſten Wider⸗ „willen gegen eine Verbindung merken zu laſ⸗ „ſen, die, o meine Cecilie, indem ich ſie in mei⸗ „ne Arme ſchloß, dein Gluͤck ausmachen wird! „Was macht gluͤcklicher, als der Ueberfluß. „Du kennſt noch nichts, als deine thoͤrigten 3 8 2* „Wuͤnſche, deines Vaters Pflicht iſt, fur dich „zu waͤhlen.“ Cecilie will antworten, ein Strom von Thraͤnen hemmt ire Sprache. Ohne Mit⸗ leiden, ohne ein Wort des Troſtes, verweiſe ich ſie mit Strenge auf ihr Zimmer. Sie wird krank. Meine Frau, von ih⸗ ren Leiden geruͤhrt, will mich von dieſem Hei⸗ rathsprojekt, das ſie ſelbſt mißbilligte, ab⸗ lenken. Ich widerſtehe hartnaͤkig allen ihren Vorſtellungen. Die Stimme der Vaterliebe erſtickend, verhaͤrtete ich mein Herz gegen die der Natur, die maͤchtiger als jeder Verſuch ſie zu unter⸗ druͤcken, laut ihre heiligen Rechte fordert. Grauſam, fuhrte ich meinen Entſchluß aus. Ohue Mitleiden ſchleppte ich das faſt ſterben⸗ de Opfer zum Altar. Cecilie iſt Melimberts Gattin Gattin, und ich wuͤnſche wir zu der Harther⸗ zigkeit Gluͤck, die ich fur edle Feſtigkeit hielt. Die nemliche Unbiegſamkeit bewies ich gegen die Wuͤnſche meines Sohns. Er hatte gar keinen Geſchmack fuͤr die juriſtiſche Lauf⸗ bahn; und ungeachtet ſeiner Bitten, ſeines Flehens, beſtimmte ich ihn zu dieſem Stand welchem er, den eines Soldaten vorzog. Auch er mußte ſich mit einer von mir gewaͤhl⸗ ten Gattin verbinden, obgleich er ſchon lange fuͤr eine andere eine ſtandhafte Neigung heg⸗ te; die Perſon, welche er liebte, vereinigte mit den lobenswertheſten Eigenſchaften, viel Annehmlichkeiten. Dies alles konnte mich aber nicht vermoͤgen, meines Sohnes heiſſeſten Wuͤnſche zu erfuͤllen. So ſelaviſch behandelte ich meine Kinder, waͤhrend ich ſelbſt die ſchaͤnd⸗ lichen Feſſeln einer Opertaͤnzerin trug. Lorimon I C Juſtine beherrſchte mich mehr als jemals. Ich uͤberhaͤufte ſie mit den ausſchweifendſten Geſchenken. Mein unũnniger Aufwand konn⸗ te nur durch eine Menge Schulden beſtritten werden, in welche ich mich ſtuͤrzte, ohne die Folgen zu bedenken, die ein ſolches Verfah⸗ ren am Ende nothwendig haben mußte. Einſt komme ich zu meiner Gebieterin, ohne ſie vorher davon benachrichtigt zu haben. Sie war ausgefahren. Ich erblicke auf ihrer Toilette einen Brief, bemaͤchtige mich ſeiner ſchnell, und leſe folgendes: „Die Groͤße meiner Leidenſchaft fuͤr Sie, „ſchoͤne Juſtine, iſi Ihnen bekannt. Sie iſt „Ihnen Buͤrge, daß ich meiner Dankbarkeit „keine Grenzen ſetzen werde. Die Summe „wird, hoffe ich, Ihnen wuͤrdig ſcheinen, Ihnen „angeboten zu werden, ſo ſehr ich immer „fuͤhle, daß Ihre Reize unbezahlbar ſind. „Ich verdanke Ihnen Freuden, die zu erkau⸗ „fen mein ganzes Vermoͤgen nicht hinreichen „wuͤrde. Suchen Sie Ihren Argus einzu⸗ „ſchlaͤfern, und beſtimmen Sie mir den gluck⸗ „iche Augenblick, wo wir uns ungeſiohrt ſe⸗ „hen konnen. Glauben Sie, daß mein Dank „ſo ſtark wie Ihre Liebe ſeyn wird. Ich bin „ſo reich als Ihr Marquis Lrimon, und Sie „ſellen Beweiſe erhalten, die Sie berzeu⸗ „gen werden, daß ich einen Ihrer Blicke al⸗ „lem, was ich beſitze, vorziehe. Ich erwarte „Ihren Entſchluß.“ P*** In demſelben Augenblick erſcheint meine Treuloſe: ich hatte den Brief noch in der Hand; ſie kann ihr Erſtaunen nicht verber⸗ gen: doch koͤmmt ſie mir zuvor, und ſpricht gefaßt—„Es geht mir ſehr nahe, liebſter C 2 „Freund, daß Sie mein Geheimniß entdeckt „haben. Sie werden mein Betragen als ein „Verbrechen an unſrer Liebe betrachten. Ich „kann ſtrafbar ſcheinen, aber ich betheure Ih⸗ „nen, daß mein Herz keinen Theil an dieſer „anſcheinenden Untreue hatte, die Sie mir ge⸗ „wiß verzeihen werden,(ſie wollte ſich in „meine Arme werfen, die ich jedoch den „Muth feſt zu verſchlieſſen hatte) wenn Sie „erfahren, daß ich mich in einem hoͤchſt drin⸗ „genden Geldbeduͤrfniß befand. Dieſer Menſch „war in mich verliebt, ich ergab mich nur „ſeinem Gold, ſollte eine ſolche Kleinigkeit „uns entzweyen?“ Ich uͤberhaͤufte ſie mit den heftigſten Vorwuͤrfen:„Die drei Vier⸗ „„theile meines Vermoͤgens, die ich Ihnen „aufopferte, waren alſo noch nicht genug, „ſchloß ich meine nachdruͤckliche Rede, und — „noch jetzt, nach einer ſolchen Beleidigung, „wagen Sie es noch, mir Liebe zu heucheln.“ —„Ja, erwiederte ſie weinend, ich liebe „Sie, und dieſer Vorfall, der doch nur eine „Kleinigkeit iſt, die ich aber ſehr bereue, „ſollte mir Ihr Herz nicht rauben. Waͤre ich „reich, Sie wuͤrden nicht uͤber einen Schein „der Treuloſigkeit zu klagen haben. Ich be⸗ „durfte aber einer groſſen Summe, um Schul⸗ „den zu bezahlen, deren gegen Sie zu erwaͤh⸗ „nen, ich zu delikat war.“ Ihre Thraͤnen verdoppeln ſich; ſie ſinkt in meine Arme, und zaͤrtlicher als je, druͤ⸗ cke ich die Schlange an mein Herz. Ich war ſelbſt der erſte, Juſtinen zu ent⸗ ſchuldigen. Ich vermehrte meine Geſchenke, die Menge meiner Glaͤubiger vermehrte ſich taglich. Ihre Klagen wurden lauter, und dennoch ſehe ich mein Verderben nicht. Mon⸗ ſernin warnte mich verſchiednemal ernſtlich, ich fuͤhlte die Wahrheit ſeiner Worte, ehne ſie befolgen zu kounen. Es bedurfte einer noch auffallendern Belehrung, um mich aus mei⸗ nem Taumel zu wecken. Ein junger Wuͤſtling las in einer Geſell⸗ ſchaft, in welche ich zum erſtenmal einge⸗ fuͤhrt wurde, bey meinem Eintritt unter lau⸗ tem Lachen einigen andern jungen Leuten, ei⸗ nen Brief vor. Er kannte mich nicht, hatte mich nie geſehen, und ließ ſich durch meine Ankunft in ſeiner Vorleſung nicht ſioͤhren. Folgendes war der Inhalt dieſes fuͤr mich ſo unerwarteten Schreibens: „Mit Frenden, lieber Dorneuil, werde „ich Sie dieſen Abend erwarten. Mein Crd⸗ „ſus wird zwei Tage auf dem Lande zubrin⸗ „gen: wir muſſen dieſe Abweſenheit benutzen, „die gewiß zu kurz fur meine Wuͤnſche ſeyn „wird. Beklagen Sie mich, gezwungen zu „ſeyn, dem Reichthum zu opfern: Sie konnen „ſehr uͤberzeugt ſeyn, daß mein Herz Sie „an mir raͤcht, daß es Ihnen nie untreu „wird. Ihre Jugend, Ihre Annehmlichkei⸗ „ten ſind Ihnen Buͤrge, daß ich Sie ewig „einem Gegenſtand vorziehen werde, der, wie „Sie wiſſen, ſo wenig faͤhig iſt, Liebe ein⸗ „zufldßen. Aber, mein Freund, ſein Geld „iſt mir unentbehrlich, ſobald ich aber kann, „werde ich nur Ihnen leben, und dem lang⸗ „weiligen Lorimon ſeinen förmlichen Abſchied „geben.“ Ich habe nicht die Faſſung, laͤnger zuzu⸗ hoͤren; meine Wuth iſt ſtaͤrker wie ich: ich ſtuͤrze auf den jungen Mann los, reiße ihm ————— — 400— das Papier aus den Haͤnden und werfe es in tauſend Stuͤcken zu ſeinen Fuͤſſen. Dornenil kann vor Erſtaunen nicht zu ſich ſelbſt kom⸗ men.—„Sie werden ſich noch weit mehr „verwundern, ſage ich mit Heftigkeit zu ihm, „wenn Sie erfahren, daß ich der Lorimon bin, „der Ihnen ſo laͤcherlich vorkommt.“ Er antwortet, das Geſpraͤch erhizt ſich. Ich biete ihm einen Zweikampf an. Umſonſt ſu⸗ chen die Umſtehenden uns zu befaͤnftigen: wir ſchlagen uns. Ich erhalte eine tiefe Wunde, welche mich jedoch nicht abhaͤlt, mich zu dem elenden Weib fuͤhren zu laſſen, die mich ſo grauſam betrogen hatte. Meine Kleider waren mit Blut bedeckt. Sie ſchreit laut bey meinem Anblick auf.„Sie „ſind verwundet“ ſpricht ſie erſchrocken.— „Ja, ſchaͤndliches Geſchopf, ſieh hier Dein „Werk. 4. Ich erwaͤhne die Veranlaſſung dieſes Vor⸗ falls; ich mache ihr die heftigſten Vorwuͤrfe: —„das war alſo der Lohn meiner Wohltha⸗ „ten, Elende; ich ſpreche nicht von meiner „Liebe, ſie war die Narrheit eines Wahn⸗ „ſinnigen; aber von Deinem Undank, Dei⸗ „nem fuͤrchterlichen Undank; und dennoch „biſt Du ruhig; keine Reue ſpricht aus dieſen „Zuͤgen, deren Unverſchaͤmtheit ich wuͤthend „macht. Sprich, verworfnes Geſchoͤpf, ant⸗ „worte! War ich nicht Dein Liebhaber, Dein „Wohlthäter?“ Dies an dergleichen Auftritte wahrſchein⸗ lich gewohnte Weib, begnuͤgte ſich mit ei⸗ nem honiſchen Lächeln zu antworten:„Sie, —— —— ————— „Herr Marquis, ſind unter uns der undauk⸗ „barſte. Glauben Sie, daß ein großer Reich⸗ „thum hinlaͤnglich iſt, um geliebt zu wer⸗ „den? Dorneuil iſt jung, liebeuswuͤrdig, er „berdiente mein Herz zu feſſeln, er haͤtte al⸗ „lerdings ein Recht, ſich zu beklagen, weil „Sie meine Gunſibezeugungen mit ihm theil⸗ „ten. Im Ernſt, Marquis, konnten Sie ſich „wohl einbilden, allein meine Zuneigung zu „beſitzen? Sie beklagen ſich, daß ich Sie „getaͤuſcht habe, fanden Sie denn in dieſer „Taͤuſchung nicht Ihr Gluͤck?.... Kom⸗ „men Sie, laſſen Sie uns dieſer Armſelig⸗ „keit wegen nicht ſtreiten wir wollen uns „wieder verſohnen. Sagen Sie mir, lie⸗ „ber Lorimon, wo ſoll man ein treues Weib „finden? vermuthlich wird dieſer Phoͤnir nie entdeckt werden,“ * Die Unverſchämtheit und die Khnheit dieſes Weibes erbitterten mich ſo ſehr, als ſie mich in Erſtaunen ſetzten. Ich uͤberlaſſe mich neuen Ausbruͤchen des Zorns, denen ſie nichts als eine Ruhe entgegenſtellt, die meine Wuth im hoͤchſten Grad entflammte. Nachdem ich ſie noch mit einem Strom von Verwuͤnſchun⸗ gen äͤberhaͤuft habe, verlaſſe ich die Woh⸗ nung des Laſters, dieſesmal feſt entſchloſſen, nie wieder dahin zuruͤckʒukehren. Sie ſchrieb mehreremale an mich, doch alle ihre Kunſt⸗ griffe blieben fruchtlos. Ungeachtet meines ungluͤcklichen Hanges zu Ausſchweifungen, den die Jahre nicht vertilgt hatten, beſaß ich die Stärke, dieſes Weib, das mir ſo ſtrafbar ſchien, nie wiederzuſehn. Sie war weit we⸗ niger ſtrafbar, als ich es glaubte, wenn ich htte meine Vernunft gebrauchen, meine Er⸗ fahrung anwenden wollen, ſo wuͤrde ich die⸗ ſen ganzen, meine Eigenliebe ſo ſehr kraͤn⸗ kenden Vorfall hochſt natuͤrlich gefunden ha⸗ ben. Juſtine folgte nur dem Eindruck ihrer Sinne, die Jugend hat das Recht, Genuß zu gewaͤhren und zu verlangen; ich allein hatte Unrecht. Waͤgen alle Reichthuͤmer der Erde die Reize eines Alters auf, das allein fuͤr die Liebe geſchaffen ſcheint? Wandelbar, wie die Gunſt der Liebe, fing auch die des Hofes fuͤr mich an zu werden. Beſtaͤndig hielt ich um neue Stellen an„und eben ſo oft erfuhr ich die Kraͤnkung einer ab⸗ ſchlaͤglichen Antwort. Zu noch vermehrter Demuͤthigung war ich taͤglich Zeuge des hoͤh⸗ niſchen Triumphs meiner Nebenbuhler. Der Ehrgeitz iſt vielleicht die am wenigſten zu befrie⸗ digende Leidenſchaft. Naͤchſt dem Geldgeitz 2— — 45— iſt er gewiß das peinlichſte Gefuͤhl, das von der marterndſten Qual begleitet, uns den fluͤchtigen Genuß zu theuer bezahlen laͤßt. PVon Leidenſchaften umtrieben, von Ver⸗ irrungen geblendet, war mein Herz der wah⸗ ren Religion, der aͤchten Froͤmmigkeit im⸗ mer verſchloſſen geblieben. Kaum glaubte ich an das Daſeyn eines hoͤhern Weſens. Freundlich und weiſe wie mein Schutzgeiſt verſuchte oft Monſernin, mich auf den rechten Weg zu leiten: ich verlachte die Lehren des treuen Freundes. Ich war beſtimmt, auf eine erſchuͤtterndere Art aus meiner Gleichgultigkeit geweckt zu werden. Germon, deſſen Sittenloſigkeit, deſſen moraliſche und phyſiſche Verdorbenheit laͤngſi ſchon den hoͤchſten Grad erreicht hatten, wird krauk. Bald hat man Urſache, fuͤr ſein Leben zu fuͤrchten. Ich beſuche ihn. Unerwartet und ſchrecklich ſiellt ſich mir der Anblick mei⸗ nes ſterbenden Freundes dar, umgeben von allem, was die furchtbare Stunde des Todes noch furchtbarer machen kann. „Tritt naͤher, Lorimon, ſagt er zu mir, „ſieh den ungluͤcklichſten aller Menſchen vor „Dir. Drohend erhebt ſich mein ganzes Le⸗ „ben gegen mich. Wohin ich immer meinen „Blick wende, ſehe ich nichts als ein unend⸗ „liches Grab, das mich auf ewig zu ver⸗ „ſchlingen droht. Es iſt ein Gott, ich fuͤhle „es jezt! Zu lange habe ich dieſe Ueberzeu⸗ „gung von mir geſtoßen! Es iſt ſchrecklich, „aber er kann mir nicht vergeben! o Lorimon, „er kann es nicht““ —————— — 47— Bey dieſen Worten bekam er einen Anfall von verzweifelndem Wahnſinn. Die Umſie⸗ henden ſuchten die Schrecken ſeiner Lage zu mildern. Er ſollte hoffen, redeten ſie ihm zu. „Hoffen? ſchrie er, indem er ſich wuͤthend „empor hob. Fuͤr mich iſt keine Hoffnung, „als auf eine ewige Qual, wenn die Seele „unſterblich iſt„und das darf ich nicht mehr „bezweifeln. Du ſiehſt meinen Zuſtand, „ſagte er mit einem Ton zu mir, bey wel⸗ „chem bebend meine Knie an einander ſchlu⸗ „gen, ſchaudere: auch Dich ewartet dies „Loos. Er ſchien ſeinen lezten Athem auszuhau⸗ chen. Zitternd enteile ich einem Auftritt, Uſſen Schrecken mich jezt noch umſchweben. Noch jezt glanbe ich den furchtbaren Todeskampf des Ungluͤcklichen zu ſehn. Bald hore ich, it ˙ 1 daß Germon in den Zuckungen des Wuth ver⸗ ſchieden iſt. Der Name, Gott! war das lezte Wort, das ſeine bebenden Lippen aus⸗ ſprachen. benachrichtigt, eilt zu mir. Troͤſiend ſucht er mein geaͤngſtetes Herz zu beruhigen. „Gott iſt ein Gott der Vergebung, ſchließt er „ſeine Rede, und dies iſt ſeine gottlichſte Ei⸗ „genſchaft. Eine aufrichtige Reue entwaff⸗ „net ſeinen Zorn. Er iſt barmherzig. Ver⸗ „giß nie dieſen bezeichnenden Zug der Gott⸗ „heit, ſchon dieſer allein waͤre unſerer ganzen „Anbetung, unſerer ganzen Liebe werth.“ Noch toͤnen dieſe Worte des redlichen Mannes, des treuen Freundes in meinem Her⸗ zen wieder; aber ſie bewirkten nicht den Er⸗ folg, den ſie auf meine Beſſerung haͤtten haben ſol⸗ Monſernin, von dieſem ſchrecklichen Fall ——„. * ———————— v. — 49— ſollen. Zwar wurde ich weniger verwegen, weniger feſt in meinen verderblichen Grund⸗ ſätzen, es gab ſogar Augenblicke, in denen ich ſie im Herzen abſchwor, aber dennoch ver⸗ mogte ichs nicht uͤber mich, meine ganze Le⸗ bensweiſe nach beſſern Grundſaͤtzen zu formen. Mein Vater kam in ſein Vaterland zuruͤck. Ich bezeigte ihm meine Freude, ihn wiederzu⸗ ſehen. Auch freute ich mich wirklich. Bald aber erkaltete dieſe Zaͤrtlichkeit, kaum blieben mir von meinen Zerſtreuungen, meinen ehr⸗ geitzigen Projekten, ein paar Augenblicke des Tages uͤbrig, die ich meinem Vater ſchenken konnte.—„Mein Sohn, ſagte er einſtmals „zu mir: ich bin nur zu ſehr fur die ſchlechte „Erziehung, die ich dir gab, beſtraft! ich habe „freilich dieſe Strafe verdient. Haͤtte ich „deinem Herzen die Empfindungen der Kindes⸗ Lorimon 1I. D — 50— „liebe, des Wohlwollens eingefloßt, du wuͤr⸗ „deſt mich jezt nicht mit einer Kaͤlte behan⸗ „deln, die mich oft bitter kraͤnkt.“ Ich woll⸗ te mich vertheidigen.—„Du taͤuſcheſt mich „nicht. Das Gefuͤhl hintergeht man nie. „Selbſt deine Bedienten behandeln mich mit „einer demuͤthigenden, kraͤnkenden Nachlaͤſ⸗ „ſigkeit. Ach ich habe dieſe Behandlungsart „gegen deinen ungluͤcklichen Vater verſchul⸗ „det! Sie iſt die Folge meiner unverzeihli⸗ „chen Vernachlaͤßigung deiner erſien Jahre. „Aber dennoch mein Sohn, ſollte die Stim⸗ „me der Natur zu deinem Herzen ſprechen. „Die Natur bedarf keiner Lehren.“ Geruͤhrt werfe ich mich in die Arme mei⸗ nes Vaters. Ernſtlich verſichre ich ihm, daß er von nun an mir keinen Vorwurf mehr zu machen haben ſoll. Daß ich, mein ganzes — 51— Haus, alles was mir angehört, ſich beeifern wird, ihm die Beweiſe der Ehrfurcht zu ge⸗ ben, die wir ihm ſchuldig ſind. Er ſchien mit meinen Verſprechungen zufrieden. Nur wenig Tage erhielt ſich meine Ruͤck⸗ kehr zur kinvlichen Pflicht, bald verloſchte der ſchwache Funken des menſchlichſten Ge⸗ fuͤhls. Mein Vater erneuerte ſeine fruchtlo⸗ ſen Klagen, endlich entſchloß er ſich, mein Haus zu verlaſſen, und bezog eine Wohnung in einem entferntern Theil der Stadt. Unter der Menge von Opfern, die ich meinen Ausſchweifungen gebracht hatte, war mir ein junges Maͤdchen ganz aus dem Ge⸗ daͤchtniß entfallen, deſſen Alter und Unerfah⸗ renheit es zur leichten Beute meiner Verfuͤh⸗ rung gemacht hatten. Unzweideutige Beweiſe unſers Umgangs belehrten ſie endlich uͤber ih⸗ D2 — 532— re ungluͤckliche Lage. Unſere Bekanntſchaft war in der Provinz, welche ſie bewohnte, und wo ich mich einige Zeit aufzuhalten genothigt war, entſtanden. Nach meiner Ruͤckkehr nach Paris, benachrichtigte ſie mich durch Briefe von ihrem traurigen Zuſtand; ſie war gend⸗ thigt geweſen, dem Zorn ihrer aufgebrachten Verwandten zu entfliehen, ſie war nahe an dem Zeitpunkt, dem Zeugen unſrer Liebe das Leben zu geben. Ich ließ ihr etwas Geld zu⸗ kommen; vergaß aber bald die ungluckliche Antonie. Eines Tages melden mir meine Bedien⸗ ten einen jungen Menſchen, der mich um ei⸗ nen Angenblick Unterredung ohne Zeugen bit⸗ ten laͤßt. Er tritt ein.—„Herr Marquis,“ re⸗ dete er mich mit dem beſcheidnen, halb ſchuͤch⸗ — 53— ternen Ton an, der ſo intereſſant bey jungen Menſchen iſt:„ich habe den Auftrag, Ihnen „einen Brief zu uͤberreichen, aus welchem „Sie ſehen werden, wer ich bin, und was „fuͤr ein trauriges Schickſal mich traf.“ Thraͤ⸗ nen benezten ſeine Angen. Ich nehme eilig den Brief, den er mir bittend entgegen hielt. Ich breche ihn auf. Die Hand war mir nicht fiemd. Ich leſe foigendes: „An der lezten Grenze des Lebens nur, „darf ich es wagen⸗ Herr Marquis, Ihnen „mein Andenken zuruͤckzurufen: denn ich kann „mir die ſchreckliche Gewißheit, daß Sie mich „gaͤnzlich vergeſſen haben, nicht verbergen „Einſt verſicherten Sie mich der ewigen Fort⸗ „dauer Ihrer Liebe. Ich hatte die ungluͤck⸗ „liche Schwachheit, daran zu glauben. Die⸗ „ſer Glaube ſiuͤrzt mich jezt ins Grab. Mein ————————— ⸗ n, „Sohn, der auch Ihr Sohn iſt, Lorimon, „hat den Auftrag, Ihnen manches weitlaͤuf⸗ „tiger zu ſchildern, welches mich ſelbſt zu „thun, mein bedaurenswerther Zuſtand ab⸗ „haͤlt. Ich ſiterbe, Lorimon, entfernt von „meinen Verwandten, deren Zorn ich fuͤrch⸗ „ten mußte: ich habe alle Mittel, welche die „Rechtſchaffenheit erlaubt, angewendet, um „mein trauriges Daſeyn, und das des un⸗ „gluͤcklichen Opfers unſerer gemeinſchaftlichen „Verirrung zu erhalten. Ich habe ſehr de⸗ „muͤthigende Pruͤfungen beſtanden, aber ich „war Mutter. Und was vermag die Liebe „einer Mutter nicht?... In dem Schooß „des tiefſten Elends war ich doch ſo glucklich, „unſer thenres Kind zu erhalten, ihm ſogar „eine Art von Erziehung zu geben. Aber ich „ſterbe, und es bleibt allein, huͤlflos, ohne —— — „Sttze zuruͤck! Sollten Sie grauſam genug „ſeyn koͤnnen, ihn zu verſtoſſen; Sie, der Sie „ſein Vater ſind, wenn gleich die Geſetze die⸗ „ſen Namen nicht heiligten? Gern verzeihe „ich Ihnen Ihre Grauſamkeit gegen mich; „ſo ungerecht dieſer Lohn meiner treuen Zärt⸗ „ichteit auch war, der Himmel wollte meine „Verirrung beſtrafen. Vergeſſen Sie der „Mutter auf ewig, aber verſtoſſen Sie Ih⸗ „ren Sohn nicht. Er wird Ihnen verſchiedue „Schriften uͤbergeben, einige davon ſind von „Ihrer Hand, ſie beweiſen unleugbar, daß „er Ihnen das Leben verdankt. Der Tod „wird mir leichter durch die Hoffnung, daß „Sie mehr Gefuͤhl fuͤr den Unſchuldigen ha⸗ „ben werden, als fuͤr ſeine Mutter, de⸗ „ren letzter Seufzer noch Ihnen gehort. „Erbarmen Sie ſich Ihres Kindes: es ißt * — 56— „ja nicht ſtrafbar. Wir waren es, Lorimon, „wir allein. Ach jetzt erhellt die Wahrheit „meine letzten Augenblicke, da nur eine frucht⸗ „bare Reue mir noch moͤglich iſt!. Das „Licht verloͤſcht, die Dunkelheit des Todes „umgiebt mich.„ Leb ioptn Lorimon,„ „auf ewig!“ — Kaum habe ich ausgeleſen; meine Arme oͤffnen ſich dem Juͤngling, feſt druͤcke ich ihn —————————————— an mein Herz. Nach einem Blick auf die Papiere, welche er mir giebt, ſage ich geruͤhrt: „Ja Du biſt mein Sohn, ich verleugne Dich „nicht.. Deine ungluͤckliche Mutter iſt al⸗ „ſo todt?“—„Ach! gnaͤdiger Herr, ich „wage es nicht, Sie Vater zu nennen, ob⸗ 1„gleich mein Herz mir jetzt deutlich zuruft, ¹ „daß Sie es ſind: ja, meine Mutter, meine — 5—„ „gute Mutter iſt nicht mehr, ich liebte ſie ſo „ſehr ſie war mir alles.“ Seine Thraͤnen hemmten ſeine Sprache.„Ich habe mir viel „Vorwuͤrfe zu machen, nahm ich das Wort. „Die Zerſtreuungen einer groſſen Stadt ha⸗ „ben mir den cheuerſten Gegenſtaud vergeſſen „laſſen. Ich liebte Deine Mutter, ſie war „mir ſehr theuer. Rechne auf mein dauren⸗ „des Wohlwollen. Ich werde Dich an je⸗ „manden empfehlen, der meine Stelle bey „Dir vertreten wird, wie ich ſelbſi wird er „fuͤr Dich ſorgen. Komm nicht mehr hier⸗ „her, ich werde Dir ſchreiben: es iſt unnd⸗ „thig, die Welt zum Vertrauten unſers Ge⸗ „heimniſſes zu machen; ich werde darum „Dich nicht weniger lieben. Umarme mich, „mein Sohn, und ſey überzengt, daß ich mich „bemhen werde, Dir den PVerluſt einer Mut⸗ ———————— „ter zu erſetzen, deren Andenken mir allzeit „theuer ſeyn wird.“ Die Natur hatte in dieſem Augenblick aus mir geſprochen, ich hatte ihrer Leitung ge⸗ folgt, die mit ſanfter Gewalt uns oft zum Gu⸗ ten fuͤhrt. Heinrich(ſo hatte Antonie mei⸗ nen Sohn genannt) ſchloß mich noch einmal in ſeine Arme, und ging. Er zweifelte kei⸗ nesweges an der Wahrheit meiner vaͤterlichen Verſicherungen. Auch empfahl ich ihn wirk⸗ lich einem meiner Bekannten, von deſſen Verſchwiegenheit ich uͤberzeugt war. Ich ging ſelbſt einigemal hin, und fuhr ſuh Heinrich auf eine Art zu behandeln, die ihn in dem Gedanken beſtaͤrken mußte, in mir Bald er⸗ fuhr er, daß alles dies nur die Wirkung eines ſeinen Vater gefunden zu haben. voruͤbergehenden Gefuͤhls geweſen war. Ich K e — 50— wurde zuruckhaltender in Anſehung meiner Ausgaben fur ihn, und verwendete große Summen fuͤr neue Verirrungen, die ſo wenig zu entſchuldigen als die erſten waren. Ich wurde fuͤr meine Unnatuͤrlichkeit be⸗ ſiraft. Meine Tochter uͤbertraf ihre Mutter noch in ihrem Geſchmack an rauſchenden Zer⸗ ſtreuungen. Nicht damit zufrieden, allen An⸗ ſtand ihrer ubertriebnen Koketterie aufzu⸗ opfern, gab ſie allen Anſpruch auf Sittlich⸗ keit auf; ſi hatte begůnſtigte Liebhaber. Mein Schwiegerſohn trat eines Morgens in mein Zimmer. Sein muͤrriſches Ausſehn verkuͤn⸗ digte wir ſchon eine ͤble Bothſchaft:„Es iſt „mir nicht laͤnger moglich, die uͤble Auffuͤh⸗ „rung Ihrer Tochter zu ertragen, fing er „an; ſie trozt offentlich aller Sittlichkeit, hier „ein Beweis davon, den ich mir zu verſchaf⸗ — 60— „fen gewußt habe.“ Es war ein ſehr feurig geſchriebner Brief, an einen jungen Wuͤſt⸗ ling von Ton gerichtet, welcher gar nicht 3 mehr an ſeiner Gattin Untreue zu zweifeln erlaubte. Ich theilte das Misvergnuͤgen des Mannes; doch ſuchte ich ihn durch das Ver⸗ ſprechen, mit meiner Tochter ernſtlich zu re⸗ den, ihr auf den Wiederholungsfall ſogar zu drohen, zu beruhigen. Ich ermahne ihn zum Stillſchweigen, und verhieß ihm eine hinlaͤng⸗ liche Genugthuung. Auf mein Verlangen ſchickt er Cecilien zu mir. Gefaßt trat ſie herein.—„Mein „Mann hat mir geſagt, daß Sie mich zu ſpre⸗ „chen wuͤnſchten, mein Vater. Wovon iſt „die Rede?“—„Von etwas ſehr wichti⸗ „gen, Dein Mann klagt ſehr ernſtlich uͤber „Deine Auffuͤhrung, er behauptet, daß ſeine „Ehre angegriffen ſey, daß die Deinige durch „Deine Intriguen—„Ich unterbre⸗ „che Sie, mein Vater,“ fiel Cecilie mit einem mir wirklich unerwarteten Tone ein,„wenn „ich einer Verbindlichkeit, die mein Herz „nie unterſchrieb, nicht ganz tren war, ver⸗ „zeihen Sie mir, mein PVater, aber an wem „laͤg dann die meiſte Schuld, an Ihnen oder „mir? Haben Sie mich nicht gewaltſam „zum Altar geſchleppt? Haben Sie mir „nicht gegen meinen Willen die Hand eines „Mannes aufgezwungen, den ich nicht lie⸗ „ben konnte? Ich hatte Ihnen meinen Wi⸗ „derwillen gegen eine Verbindung entdeckt, „die nun das Ungluck meines Lebens macht. „Erlanben Sie mir einen Augenblick zu ver⸗ „geſſen, daß ich mit meinem Vater ſpreche. „Dies iſt das erſtemal, wo Sie von mei⸗ — —— — ——— „nen Pflichten mit mir ſprechen. Ich kannte „ſie nicht bis jetzt, aber ich habe ein Herz; „es fuͤhlte das Beduͤrfniß, jemanden anzu⸗ „gehoͤren, einem andern als dem Mann, „dem Sie mich opferten, fuͤr den ich nicht „einmal Freundſchaft fuͤhlen. kann. Veidient „mein Betragen auch Vorwuͤrfe, ſo verdiene „ich ſie nicht allein„Was willſt „Du damit ſagen?“ unterbreche ich ſie zor⸗ nig—„Was fur eine Erziehung erhielt ich, „faͤhrt Cecilie mit ſtolzer Faſſung fort, und „(mit einem treffenden Blick auf mich) wel⸗ „ches Beyſpiel bot ſich meinen Angen dar?“ Dieſe letzten Worte druͤckten mich zu Bo⸗ den. Maͤchtig erhebt ſich der unbeſtechbare Richter, mein eignes Gewiſſen gegen mich. Ich hatte nicht die Kraft zu antworten, mein Herz war gebrochen, es ſagte mir, daß auch — Cecilien zu weh geſchehen war, daß ſie ein Recht hatte die Vernunft, die Wahrheit ſpre⸗ chen zu laſſen. „Omein Vater,“ hob meine Tochter wie⸗ der an, indem ſie flehend meine Rnie um⸗ faßte,„wenn ich noch Ihre Zaͤrtlichkeit an⸗ „rufen darf, erlauben Sie mir auf eine Schei⸗ „dung anzutragen, es iſt mir nicht moglich, „in dieſer Ehe zu leben.“ Ich hebe Sie auf, verſoͤhnt ſchließe ich ſie in die vaͤterli⸗ chen Arme. Endlich trennen wir uns, ohne fuͤr die Znkunft ein Reſultat aus unſerer Un⸗ terredung gezogen zu haben. Wie Cecilie weg war, ſiellten ſich alle meine ſtrafbaren Verirrungen in Menge mei⸗ nem Gedachtniß vor. Meine Reue war aber fur die Zukunft unfruchtbar, wie fuͤr die Ver⸗ gangenheit. In ſehr kurzer Zeit hatte ich — b— mein ungluckliches Kind, welches Schutz in meinen Armen ſuchte, vergeſſen. Kaum konnte ich mich mehr entſchlieſſen, den armen Heinrich mit den nothwendigſien Beduͤrfniſſen zu verſehen; der Mann, bey welchem ich ihn in Penſion gethan hatte, machte mir dieſerwegen vernuͤnftige Vorſtel⸗ lungen, ich ſah ihre Richtigkeit ein, blieb aber unbeſorgt wie zuvor fuͤr das Beſte des jungen Menſchen, der einen ungewoͤhnlich ſcharfen Verſtand mit ſeltner Tugend ver⸗ band. Der Geitz hatte mich zu einem Vor⸗ ſatz verleitet, der der Billigkeit, der Wahr⸗ heit, der Menſchlichkeit entgegen war. Es iſt i uneheliches Kind, ſagte ich zu mir ſelbſt, fur das ich nicht viel thun darf. Ein Handwerk wird das beſte fuͤr ihn ſeyn. Poll — 65— Voll von dieſer Abſicht laſſe ich mich ei⸗ nes Tages mit Heinrich in ein weitlaͤuftiges Geſpraͤch uͤber ſeine Plaͤne fuͤr die Zukunft ein. Er vertraut mir, daß er große Luſt Kauf⸗ mann zu werden in ſich fuhle.„Kaufmaun? „lieber Heinrich, Du ſchwaͤrmſt, wie lannſt „Du auf etwas denken, was ſo ſehr uͤber „Deine Ausſichten erhaben iſt? Du mußt „eine Beſchaͤftigung waͤhlen, von welcher „Du leben kannſt. Ich werde uͤberdieß es „nicht an Beweiſen des Wohlwollens fehlen „laſſen. Zum Beyſpiel wenn Du Dich bey „einem Schuhmacher in die Lehre begaͤbſt, „oder Bedienter wuͤrdeſt.—„Bedien⸗ „ter? unterbricht mich der junge Menſch mit „heiſſen Thraͤnen, Ihr Sohn, o meine Mut⸗ „ter, meine Mutter! ich Bedienter.“— „Aber Heinrich, wenn Du noch mein eheli⸗ Lorimon Il. E — — —— —— cher Sohn waͤrſt, dann.—„O gnaͤ⸗ „diger Herr, faͤllt er mit immer heftiger „ſtroͤhmenden Thraͤnen mir in die Rede, hat „Sie nicht die Natur zu meinem Vater ge⸗ „macht. Ich fuͤhle fuͤr Sie eine Liebe, eine „Dankbarkeit, wie ſie vielleicht das Herz der „Kinder nicht kennt, die nichts als der „Ausſpruch der Geſetze uͤber den ungluͤckli⸗ „chen Heinrich erhebt.“ Er kann nicht weiter reden. Ich ſetze ihm weitlaͤuftig alle Vorzuͤge einer rechtmaͤßigen Geburt aus einander, um ihm daraus das demuͤthigende der ſeinigen erklaͤren zu koͤnnen. Seine Mutter waͤre nicht meine Gattin ge⸗ weſen, ſage ich ihm, ihr Stand konnte ihr keine Hoffnung auf meine Hand geben. Es gaͤbe in der Geſellſchaft durch das Herkom⸗ men geheiligte Geſetze, welchen man ſich un⸗ terwerfen muͤſſe, er duͤrfe von meiner Groß⸗ muth weiter nichts erwarten, als die Mittel, ſich in der Folge ſelbſt naͤhren zu konnen. Ich war ſo unvorſichtig, ſo hart, ihm noch zu ſagen, daß zu ſeinem Ungluck in der eben etwaͤhnten Geſellſchaft der Name uneheliches Kind, ein unausloſchlicher Scyandfleck, ei⸗ ne Art Brandmarkung ſey, welche zu faſt al⸗ len Stellen unfaͤhig mache. Ich wollte ihn umarmen: Er tritt zuruck. „Da ich nicht Ihr Sohn ſeyn ſoll, Herr „Marquis, ſo darf ich mich nicht in dieſe „Arme werfen, die nicht die eines Vaters ſnd Ach! ich liebte Sie ſo herzlich, nach „allem was mir meine Mutter von Ihnen —— „geſagt hatte. Niemand liebt ſie mehr ſo „auſſer mir!... Nein, nie, nie werde ich „mich bis zu einem Bedienten herabwuͤrdigen E2 — 6— „laſſen; ich entſage allen Ihren Wohlthaten, „ſie anzunehmen, waͤre eine Erniedrigung fuͤr „mich. im Leben oder im Tode, werde „ich Ihnen nie mehr zur Laſt fallen.“ Seine Thraͤnen ſtroͤmten heftiger bey die⸗ ſen Worten. Gegen ſeinen Willen ſchlieſſe ich ihn in meine Arme. Ich ſuche ihn zu troͤſten, ich verſichere ihn, daß ich nicht auf meinem Vorſatz beharren wuͤrde. Ach zu ſpaͤt, der Schlag hatte getroffen. Eine fin⸗ ſtere Schwermuth bemaͤchtigte ſich von die⸗ ſem Augenblick an des ungluͤcklichen Juͤng⸗ lings. Eines Tages bringt man mir die Nachricht, daß er verſchwunden iſt, und fe gende Zeilen an mich zuruͤckgelaſſen hat: „Nein, es iſt nur zu gewiß, Sie ſind „nicht mein Vater. Da Sie mich nicht fuͤr „Ihren Sohn erkennen wollen, muß ich fern X — 6— „von Ihnen ein gefuhlvolleres Herz ſuchen: „vielleicht ſchlaͤgt irgendwo eins, das fuͤr „die Haͤrte der Geſetze, fuͤr Ihre eigne Grau⸗ „ſamkeit, mir Troſt gewährt. Ahh ich liebte „Sie, als wenn Sie mich vor der Welt aner⸗ „kannt haͤtten. Ungeachtet ihrer Haͤrte wird „Ihr Bild nie in meinem Herzen verloͤſchen; „bis zum Tode werde ich die Zaͤrtlichkeit ei⸗ „nes Sohns fuͤr Sie empfinden.“ Als Nachſchrift waren die Worte hinzuge⸗ fugt:„Erinnern Sie ſich zuweilen meiner „Mutter.“ Ich geſteh es, dieſer Brief zerriß mein Herz. Ich ſtellte Nachforſchungen an, ſie waren fruchtlos; ich konnte nicht die mindeſte Nachricht von dem Ungluͤcklichen erfahren, der der vaͤterlichen Liebe ſo werth war! Meine andern Kinder raͤchten bald meinen Mangel ———— ——— —————— 5 an ärtlichteit fͤr ihn. Auch durch meinen Vater wurde ich fuͤr mein Betragen beſtraft. Ich gab ihm wenig Beweiſe kindlicher An⸗ haͤnglichkeit. Bey meinen ſparſamen Be⸗ ſuchen war ich kalt, gleichguͤltig, die Bande der Natur waren unter uns faſt zerriſſen. Mein Ehrgeitz verleitete mich immer auf neue Abwege; zu dieſer moraliſchen Krank⸗ heit geſellte ſich bald das ſchaͤndlichſte aller Laſter: der Geitz, dieſe Leidenſchaft, welche 8 mich taͤglich mehr beherrſchte, hatte vorzuͤg⸗ lich mein Herz fuͤr meinen Sohn verſchloſſen, der deswegen auf immer fuͤr mich verlohren war. Mein Vater wird krank: meine Zaͤrtlich⸗ keit fuͤr ihn erwacht. Ich will ihn in meinem Hauſe pflegen; meine Verſuche, ihn dazu zu bewegen, meine Bitten, ſind umſonſt. Er be⸗ ſteht darauf, ſeine Wohnung nicht zu ver⸗ laſſen. Die Strafe, die ich verdient hatte„ traf mich nun; meines Vaters Krankheit nimmt zu, ich beſuche ihn dfterer als ſonſt; ſehr ſelten ſprach er ein Wort mit mir. Man faͤngt an fur ſein Leben zu fuͤrchten; ich zeige ihm die aͤngſtlichſte Beſorgniß: gleichguͤltig ſchien er alles anzuhören, was ich ihm ſagte. Ich ſchrieb dieſe Kaͤlte ſeiner zunehmenden Krankheit zu. Doch kraͤnkte es mich, ſo von meinem Va⸗ ter behandelt zu werden. Unerwartet tritt ei⸗ nes Tages einer ſeiner Freunde zu mir herein. Sein trauriges Geſicht verkuͤndigte mir eine ble Nachricht.„Herr Marquis, redete er „mich an, Sie werden in meinen Zuͤgen le⸗ „ſen, welche Nachricht ich Ihnen zu bringen — 72— „habe: Ihr Vater iſt ſeinem lezten Angen⸗ „blick nahe.“„Mein Vater,„ich fliege zu ihm.„Sparen Sie ſich dieſen „Schritt, der Sie wahrſcheinlich nur dem „niederſchlagendſten Anblick entgegen fuͤhren „wuͤrde. Ich habe den ausdrucklichen Auf⸗ „trag Ihres Vaters, Sie dahin zu ee „ſich nicht ſeinen lezten Blicken darzuſtellen: „Er vergiebt Ihnen von Herzen, aber er „wuͤnſcht ſehr beſtimmt, Sie nicht mehr zu „ſehen.“—„Richt mehr zu ſehen, mein „Vater, mich?“—„Mit Betruͤbniß entle⸗ „dige ich mich meines Auftrags.. Er ſiarb „in dem Augenblick, da ich ihn verließ.“ Der Ueberbringer dieſer traurigen Bothſchaft War weggegangen. Lebhaft eiwachen in meinem Herzen alle Vorwuͤrfe, die ich mir wegen mei⸗ nes Vaters zu machen hatte, aber auch dieſe —————— Empfindungen ſpäter, fruchtloſer Reue, wa⸗ ren wie Lichtſtrahlen⸗ die einen Augenblick er⸗ hellen, um dann die Dunkelheit deſiv dichter zu machen. Gaͤnzlich gab ich nun alle meine Kraͤfte, mein ganzes Weſen, der Intrigue, dem un⸗ ſüttlichen Verlangen, in der Welt eine Rolle zu ſpielen, und dem meinen Reichthum zu vermehren, Preis. Immer eilte ich taͤuſchen⸗ den Trugbildern nach, nie der Wahrheit; und ſo entfernte ich mich immer mehr von der Natur, unſter einzig ſichren Fuͤhrerin. Meine Frau befand ſich beim Weggehn von einem Ball, der bey Gelegenheit eines dſſentlichen Feſtes gegeben ward, nicht wohl. Das Uebel nahm 1. ſie ſtarb, ohne mir den geringſten Beweis von Wohlwollen gegeben zu haben, und hinterließ mir vierhundert Tau⸗ ſend Liores Schulden zu bezahlen: das Re⸗ ſultat thoͤrigter Ausgaben, welche eine uͤber⸗ triebne Prachtliebe, und eine emporende Ko⸗ ketterie veranlaßt hatte. Meine Tochter war ihr vollkommnes Eben⸗ bild. Ihre Auffuͤhrung war ſo wenig anſtaͤn⸗ dig als ehemals. Das Intereſſe hatte die beiden Eheleute wieder vereinigt; mein Schwiegerſohn fuͤrchtete, daß eine Schei⸗ dung ſeinem Vermoͤgen nachtheilig ſeyn koͤnn⸗ te, und ließ alſo ſeiner Frau die vollkommen⸗ ſte Freiheit, alle ihre Neigungen kund Launen zu befolgen. Ich hatte meinen Sohn gezwungen, ſich gegen ſeinen Willen in die gerichtliche Lauf⸗ bahn zu begeben. Er hatte ſich nie mit den Pflichten eines Standes bekannt gemacht, der ihrer ſo viele und wichtige hat. Ueber das Vermoͤgen, das Leben ſeiner Nebenmen⸗ ſchen zu entſcheiden, iſt das ſchwere Amt des Richters, welches eine ſtrenge Redlichkeit, eine ſchnelle und ſichere Beurtheilungskraft, und eine Seele erfordert, die uͤber Beſte⸗ chungen aller Art erhaben iſt. Mein Sohn war, was man gewohnlich einen ehrlichen Mann nennt, aber wie weit iſt der Unter⸗ ſchied von dieſem, bis zu jener Schilderung nicht! Er liebte das Vergnuͤgen, die Geſell⸗ ſchaften, er trat in die Fußtapfen ſeines Va⸗ ters: auch hatte ihm ſeine Nachlaͤßigkeit ſchon verſchiednemal Unannehmlichkeiten zugezogen. Da ich die Stelle fur ihn kaufte, glaubte ich meiner Pflicht als Vater ein Genuͤge ge⸗ leiſtet zu haben, ohne mich zu beſtreben, ihn die ſchwer zu erfuͤllenden Pflichten eines ſo wichtigen Amtes kennen zu lehren.— ——————— n Mein Geſchmack an den geſellſchaftlichen Freuden fing nun an abzunehmen: entweder war es Folge des Alters, oder der Eckel, der nothwendig mit einem zu langen Genuß ver⸗ bunden iſt. Die Langeweile war mir beſtaͤn⸗ dig zur Seite, wie mein boͤſer Daͤmon. Selbſt der Ehrgeitz wich dem Geldgeitz, der täglich lebhafter in mir ward, und gaͤnzlich das wenige Gefuͤhl erſtarrte, welches mir mein Leichtſinn noch uͤbrig gelaſſen hatte. Es iſi ein ſichrer Satz, den die Wahrheit lehrt, die Erfahrung beſtaͤtigt: jeder, der ſich in der traurigen Nothwendigkeit befindet, fremdes Mitleiden anzuflehen, wende ſich eher an ei⸗ nen Juͤngling, als an einen Greis, der erſte wird erweicht werden, des zweiten Herz ver⸗ haͤrtet ſich bey der Schilderung des Elends. Monſernin behielt immer das Recht, mir rathen zu duͤrfen. Meine Vernunft begriff jederzeit die Richtigkeit ſeiner Gruͤnde, aber niein Herz ergab ſich ihnen nicht. Die ein⸗ mal irre geleitete Natur des Menſchen, kommt nur durch die angeſtrengteſten Bemuͤhungen auf den rechten Weg zuruͤck. Frendig begruͤßt ſie den lichten Strahl der Wahrheit, doch ihm zu folgen, das vermag ſie nicht. ————— Lorimon, oder der Menſch, wie er iſt. Zunfte Abtheiluns. Mein Greiſen⸗Alter. Unſonſt verſuche ich es, mich zu taͤuſchen; gegen meinen Willen haͤlt die Wahrheit mir ihren treuen Spiegel vor. Die Falten in meinem Geſicht kuͤndigen mir an, daß ich nun ein ſiebzigjaͤhriger Greis bin. Auf den ſchwan⸗ kenden Stab geſtüzt, umgeben mich nicht mehr laͤchelnde Taͤnſchungen; finſter und dro⸗ hend ſtellen nur furchtbare Schreckbilder ſich meinen ſchenen Blicken dar. Kein blumiger Raſen bedeckt mehr meinen Pfad, Bluͤthen und Fruͤchte laden nicht mehr zum Genuß Lorimon II. F — mich Ein rauher unebner Boden, ver⸗ welkte Straucher, bluͤthenloſe Dornen er⸗ ſchweren meine lezten Schritte. Der Vor⸗ hang rollt ſich langſam vor mir auf: ich er⸗ blicke das Ziel meines Lebens, unaufhaltſam naͤhere ich mich ihm. Umſonſt wende ich mei⸗ nen Blick auf die reizende Vergangenheit zu⸗ ruͤck, ſchmerzlich feſſelt mich mein Leiden an die truͤbe Gegenwärtigkeit. Die Taͤuſchungen des Ehrgeitzes haben ihren Zauber fuͤr mich verlohren: nur die Liebe zum Reichthum, der unerſättliche Durſt nach Gold hat ſich mit verdoppelter Gewalt meiner bemaͤchtigt, der Geitz iſt die einzige Triebfeder aller meiner Handlungen geworden. Ich uͤberzenge mich, daß man nie genug ſammeln konne, auch ge⸗ noß ich Freuden, lebhafter als alle vorigen, wenn ich allein in meinem Kabinet, von Geld⸗ ——— — F ——— u. .—— ſaͤcken umgeben, mich voll Entzuͤcken meinen Schatz zu zaͤhlen, beſchaͤftigte. Bald ver⸗ giftete die Furcht auch dieſen Genuß, die Vorſtellung beſtohlen werden zu konnen, ſiohr⸗ te mein Gluͤck, und ließ mich auch jezt em⸗ pfinden, daß keine ungetruͤbte Freude ohne ein reines Herz beſteht. Dieſer heiße Durſt nach Reichthum ver⸗ leitete mich zu einer Handlung, die ſo tadelns⸗ werth als unvorſichtig war. Ich verkaufte meine Gouverneursſielle zu einem ſehr hohen Preis, dieſe Summe gab ich nebſt den andern, die ich geſammelt hatte, in die Haͤnde eines Vanquiers, welchen ich fuͤr ſicher hielt. Leicht haͤtten die wucheriſchen Zinſen, welche er mir zugeſtand, über die Abſichten dieſes Manues mich belehren konnen, aber meine Habſucht ver⸗ blendete mich, und erwarb ihm mein Zutrauen. Monſernin überhaͤufte mich mit gerechten Porwuͤrfen über dieſe unuͤberlegte Handlung. Sie waͤre der Vernunft wie der Ehrlichkeit ent⸗ gegen, ſagte er mit edler Hitze, und muͤßte unfehlbar meinem eignen Intereſſe ſchaͤdlich ſeyn. Ich verſicherte ihn, daß meine Vor⸗ ſicht mich fuͤr allen Folgen hinlaͤnglich ge⸗ ſichert haͤtte; daß wenn auch die Zinſen, welche ich mir zu verſchaffen gewußt haͤtte, etwas hoher als gewoͤhnlich waͤren, das Beyſpiel ſo viel andrer allgemein geachteter Leute fuͤr mich ſpraͤche: von meinen Kindern vernachlaͤßigt, waͤre es der Pflicht der Selbſterhaltung ange⸗ meſſen, mir meinen Unterhalt zu ſichern. „O mein Freund,“ unterbricht Monſernin meine weitlaͤuftige Schutzrede,„taͤuſche Dich „nicht, der Geitz allein handelt durch Dich: „Er iſt die erniedrigendſie der Leidenſchaften, „ — ————— „eine beſtaͤndige Angſt ſein hoͤchſter Genuß. „Nur das Mitleiden ſpricht noch in mir, fuͤr „Dich, Lorimon; wir waren einſt Freunde; „jezt biſt Du der elendeſte aller Menſchen, dies „nur knuͤpft unſere Verbindung feſter.“ In Monſernins Mund ſchienen mir dieſe Wahrheiten hart. Oft trieb mich meine ge— kraͤnkte Eitelkeit an, mit ihm zu brechen; aber immer erhob ſich eine Stiutne in meinem Herzen, die ihn rechtfertigte, und mich, mich allein anklagte. Ich fand ein Mittel aus, meine Eigenliebe und meine Anhaͤnglich⸗ keit fur Monſernin zu vereinigen: ich behan⸗ delte ſeine Ermahnungen als Scherz, mein Stolz fuͤhlte ſich dann weniger beleidigt. Wenn ich allein war, druckte ich meine Geld⸗ rollen ans Herz, o rief ich entzuͤckt aus, Mon⸗ ſernin kennt dieſen hinreiſſenden Genuß nicht, * ——— ————— gern will ich ihm ſeine kalten Declamationen verzeihn. WMeine Liebe zum Gelde wurde indeß zur zerſtorendſten Leidenſchaft, zur unheilbar⸗ ſten Seelenkrankheit. Kalt wuͤrde ich das Opfer des Elends verſchmachten geſehen ha⸗ ben, ſeine ruͤhrenden Klagen haͤtten mein er⸗ ſtorbnes Herz nicht erweicht. Eines Tages kommt Monſernin zu mir, und verlangt nich ohne Zeugen zu ſprechen. „Oft haſt Du mir wiederholt, lieber Lorimon, „ſagt er, da wir allein ſind, daß Du mein „Freund biſt, es bietet ſich Dir eine Gelegen⸗ „heit dar, es zu beweiſen. Ich befinde mich „in der dringenden Nothwendigkeit, hundert „Louisd'or zu borgen: an wen koͤnnte ich „mich zuverſichtlicher wenden, als an mei⸗ „nen Freund! ſollteſt Du mir wohl einen ſo —————— ———————— — „ ———— „wichtigen Dienſt zu leiſten verſagen? In „drei Monaten erhaͤltſt Du dein Geld zuruͤck, „ich hoffe, Du wirſt meinem Worte trauen.. „Ich weiß nicht, ob ich mich irre, aber Du „ſcheinſt beunruhigt!.. Du wirſt blaß. Ich war wirklich uͤber dieſen Antrag aͤu⸗ ßerſt betroffen. Es war mir nicht moͤglich, Monſernin etwas abzuſchlagen: mein Herz ward von allen Seiten zerriſſen, endlich er⸗ hole ich mich ſo weit, um ſtockend antworten zu konnen:„In zwei oder drei Tagen ſollſt „Du das Geld erhalten, mein Freund; es „iſt ſo ſchwer, welches aufzutreiben; das baa⸗ „re Geld war noch nie ſo ſelten!“ Ich konnte nicht weiter reden, ich war einer Ohnmacht nahe. „Ich begreife leicht die Lage, in welcher „Sie ſich befinden, Herr Marquis,“ erwiedert — 88— jezt Monſernin,„ich ſelbſt fuͤhrte ſie mit „Vorbedacht herbey. Erholen Sie ſich, ich „wollte Sie blos pruͤfen, mich ſelbſt uͤberzeu⸗ % gen, in welchem Grade der Geitz Ihr Herz „verhaͤrtet hat. Es bleibt mir kein Zweifel „mehr uber dieſen Gegenſtand: Sie wuͤrden „Ihren Freund aufopfern, wenn Ihr In⸗ „tereſſe es forderte(ich wollte mich zu ent⸗ „ſchuldigen verſuchen). Eiſparen Sie ſich die „unnutze Muͤhe mich taͤuſchen zu wollen, aber „erſtaunen Sie nicht, mich Sie auf immer „verlaſſen zu ſehen. Erfahrungen dieſer Art „belehren fur die ganze Lebenszeit. Leben Sie „wohl!“ Schnell verließ er mich. Eine Rolle Gold in der Hand eile ich ihm nach.„Lieber Mon⸗ „ſernin, verzeihe, daß ich einen Augenblick „anſtand, aber in Wahrheit, das Geld iſt ſo —— —— — — — — —— — — 5 — — 89— „ſchwer zu bekommen. Hier iſt es, mit Freu⸗ „den erzeige ich Dir die kleine Gefaͤlligkeit:“ —„Ich verlange keine mehr von Ihnen, ſagt „er heftig; behalten Sie Ihr Gold, und ver⸗ „geſſen Sie, daß ich Sie liebte.“ Bewegt fuͤg⸗ te er hinzu:„o wie ſehr liebte ich Dich, Un⸗ „dankbarer, aber vergiß e5“ Er war vor meinem Blick verſchwunden. Ich war allein, meinen Vorwuͤrfen uͤberlaſ⸗ ſen. Laut ſtellte mir mein Gewiſſen das ſiraf⸗ bare meines Vetragens gegen einen ſolchen Freund vor, der Verluſt meines Geldes ſogar war nicht mit der beyſpielloſen Zaͤrtlichkeit Monſernins zu vergleichen. Meine Reue war aufrichtig. Oft mußte ich, um mich zu zer⸗ ſtreuen, zu meinem Schatz zuruͤckkehren. Die⸗ ſer Anblick erfullte dann meine ganze Seele und verſcheuchte jeden andern Gegenſtand. Hier dachte ich nicht mehr an Monſernin; ich ſahe, ich fuͤhlte, ich genoß nur die Sum⸗ men, deren gluͤcklicher Beſitzer ich war. unterdeſſen vergiftete doch das Andenken an Monſernin oft meinen Genuß. Meine Kinder waren weit entfernt, mir ſeinen Verluſt zu erſetzen. Ich empfand alle die traurigen Folgen der ſchlechten Erziehung, welche ich ihnen gegeben hatte. Meine Tochter uͤber⸗ ließ ſich immer mehr einer Sittenloſigkeit, die bis zum Scandal ging, nichts hatte ſie von ihrer ubeln Auffuͤhrung zuruͤckbringen koͤnnen. Ich bemerkte, daß alle die mich ſonſt geſucht hat⸗ ten, mich fremd behandelten. So vonmeiner Familie und von andern unfreundlich behau⸗ delt, kehrte ich immer in meine Einſamkeit zu Plaͤnen zuruͤck, meinen Reichthum noch zu vermehren. —— — * Mein Bangquier kommt eines Morgens zu mir. Eine Gelegenheit, von meinem Geld ei⸗ nen groſſen, ſelbſt meine hoͤchſten Erwartun⸗ gen ubertreffenden Nutzen zu ziehen, boͤte ſich an, ſagt er mir, und ſchlaͤgt mir vor, alles was ich beſäße, zu dieſem Zweck anzuwenden. Schon habe ich den groſſen unerwarteten Vor⸗ theil berechnet; ich eile, alle mein baares Geld, alle meine Wechſel, dem betriebſamen Wu⸗ cherer zuuͤbergeben. Noch einmal laſſe ich mir die Groͤße meines Gewinns vorzaͤhlen; noch einmal verſpricht er mir die baldigſten Nach⸗ richten von dem gluͤcklichen Erfolg der Ver⸗ handlung zu geben, und verlaͤßt mich voll der verfuͤhreriſcheſten Hoffuungen. Von der bezaubernden Ausſicht erfuͤllt, be⸗ zeichnete ich in meinem Kabinet ſchon die Stel⸗ len, wo ich den Schatz verwahren wollte, der meine Blicke, meine ganze Seele auf ſich ziehen wuͤrde. Mein Entzuͤcken ging bis zum Wahnſinn. Ein furchterlicher Schlag zer⸗ ſchmetterte meine Hoffnungen, loſte meinen Zauber in Entſetzen auf. Wie ſoll ich die furchtbare Verwandlung ſchildern? Meine Hand bebt vor dem ſchrecklichen Andenken zu⸗ ruͤck! Ich hoͤre, daß dieſer Banquier einen be⸗ trugeriſchen Bankerott gemacht hat, und ent— flohen iſt; mit einem Wort, daß ich gaͤnzlich, rettungslos, verlohren bin! Ich eile zu mei⸗ nen Kindern, ſie wenden mir veraͤchtlich den Ruͤcken zu. Alſo keine Verwandten mehr fuͤr mich, keine Freunde, keine Huͤlfe! Die ganze Welt verlaͤßt mich und lacht noch meiner Ver⸗ zweiflung. —— — 93— Das Maas meiner Leiden war voll. Ich wollte mich von einem Daſeyn befreien, deſſen Laſt zu ertragen, mir unmoͤglich war. Eben ſollte eine Kugel meinen Kopf zerſchmettern, als (wer erkennt an dem Wunder der Freundſchaft ihn nicht?) Monſernin mir in die Arme fiel. „Ungluͤcklicher, was willſt Du thun? dieſen „Augenblich erfahre ich Dein trauriges Schick⸗ „ſal. Ich hore, daß Deine Verwandten, daß „alles Dich verlaͤßt: ich eile zu Dir, um Dir „alle Huͤlfe, allen Troſt anzubieten, welchen „der Dir ſchuldig iſt, der ehemals Dein Freund i e Jezt bin ich es von neuem, lie⸗ „ber Lorimon,(indem er mich feſt an ſein „Hetz drückte) Du biſt unglücklich, ich habe „Dein Unrecht vergeſſen, der leidende Freund „iſt mir um ſo viel theurer!“ ——————— Noch jezt erfuͤllt mich die Erinnerung an dieſen Auftritt mit unausſprechlichem Entzu⸗ cken. Wie wahr iſt es, daß die Freuden des Herzens die reinſten aller Freuden ſind. . 6 Rur mit einem Strohm von heißen Thraͤ⸗ nen konnte ich dem Mann antworten, deſſen ſchdne Seele deutlich meinen ſtummen Dank vernahm. Endlich war ich faͤhig, einige ab⸗ gebrochne Worte zu ſtammeln:—„Dieſe „Thränen, Monſernin, bezengen, daß ich Dir „einen Genuß verdanke, der bis jezt meinem „Herzen fremd war. Du hieltſt meinen „Arm vom Selbſtmord zuruͤck. Du haſt „mir vergeben, Monſernin. O, mein Freund, „den ich mit verdoppelter Liebe an mein reui⸗ „ges Herz drucke, ſieh den Abgrund, in wel⸗ „chen ich geſtuͤrzt bin. Ich habe nichts mehr: „alles iſt mir geraubt; von meinen Kindern, — 65— „von meinen Verwandten„ kann ich keine „Huͤlfe erwarten.„ Vber ich habe Dich, „jest erkenne ich die Varmherzigkeit des gro⸗ „ßen Weſens, das Du ſo erhaben, ſo wohl⸗ „thaͤtig mir ſchilderteſt.“ Monſernin bezeugte mir von jezt an die ehemalige Freundſchaft; er troͤſtete mich in meinem ungluͤck, wir ſahen einander taͤglich. Einſt, wir waren allein, brach er von dem Geſpraͤch, womit wir uns unterhielten, ſchnell ab:„Mein Freund, ſagte er, jezt iſt i meinem Leben das erſtemal„daß ich „reich zu ſeyn wuͤnſchte: leider bin ich es „nicht, allein ſo eingeſchraͤnkt ſind meine Um⸗ „ſtaͤnde nicht, daß mir nicht funfzig Louis⸗ „d'or fuͤr meinen Freund uͤbrig geblieben waͤ⸗ „ren. Pier ſind ſie, ich bitte Dich, nimm ſie „an.“ Weinend unterbreche ich ihn:„Du, „Monſernin, willſt mich unterſtuͤzen, mir „Geld anbieten, kannſt vergeſſen Sch „vergeſſe nicht, daß Du jetzt Huͤlfe bedarfſt, „daß Dein Freund ſie Dir zu leiſten ſchul⸗ — 4 Ich nehme ſeine großmuͤthige Unterſiü⸗ tzung an. Ich verdankte ihm die Mittel, mein Daſeyn zu erhalten. Ich verſuchte nun auch, mich an andere meiner Bekannten zu wenden. Ich nahm die Freundſchaft, das Mirleiden, die Menſchlichkeit in Anſpruch. Aller Herzen waren meinen Vitten verſchloſ⸗ ſen, eine eherne Mauer ſchien ſie bey meiner Annaͤherung zu umgeben. Der einzige Mon⸗ ſernin blieb mir noch uͤbrig. Ihn allein ſah ich. Fuͤr die Geſellſchaft war ich ſeit meinem Veyluſt unbedeutend geworden, meinen Kin⸗ dern dern gleichguͤltig, ſeitdem ihre Hoffnung auf meine Erbſchaft vernichtet worden war. Wenn der Mißmuth mich ergriff, wenn der Undank meiner Kinder, die Vernachlaͤßi⸗ gung meiner Bekannten mich ſchmerzte, lenkte Monſernin meinen Blick zu dem hoͤhern We⸗ ſen, das die Quelle alles Guten iſt. Ueber⸗ zeugt, daß er mein Schickſal wollte, weil es ſo zu meinem Beſten waͤre, uͤberließ ich kindlich mich ſeiner Fuͤhrung, und der Friede kehrte in mein zerriſſenes Herz zuruͤck. Ich war nicht mehr der vorige Menſch, ein helles Licht ging vor meinen Blicken auf, der Verluſt meines Vermogens war das Ende meiner Verblen⸗ dung. Meine Armuth ſchien mir nicht mehr ſchrecklich, muthig ertrug ich alle, auch die ſchmerzlichſten Entbehrungen. Ich hatte mir ſelbſt genuͤgen gelernt. Lorimon II. G — ——— — ——— — Das einzige ſchmerzhafte Andenken, das ich nicht vertilgen konnte, war die Erinne⸗ rung an die unnatuͤrliche Behandlung, durch welche ich den ungluͤcklichen Heinrich, den ſchuldloſen Juͤngling, der eines beſſern Va⸗ ters werth war, von mir geſtoſſen„einem unbekannten Schickſal Preis gegeben hatte. Der Gedanke an ihn zerriß unaufhoͤrlich mein Herz. Er wuͤrde mich nicht wie meine andern Kinder verlaſſen haben, ſagte ich mir immer, ich wuͤrde doch noch ein Weſen auf der Erde mein nennen koͤnnen. Dieſe Vorſiellungen waren die gerechte, äber auch die haͤrteſte Strafe meiner Verir⸗ rungen. Meine Lage blieb uͤbrigens ſo troſt⸗ los als vorher. Der einzige Menſch, der ſich meiner annahm, war der Monſernin, dem ich einſt mit ſo viel Haͤrte eine unbedeutende Gefaͤlligkeit abſchlug: den jede Erleichterung meines Schickſal eine Entbehrung eigner Be⸗ quemlichkeit koſtete. Dieſem verdankte ich meinen Unterhalt, mehr als das, die Hoff⸗ nung einer beſſern Zukunft. Haͤrtere Schlaͤge als die, welche mich be⸗ troffen hatten, harrten meiner noch. Mon⸗ ſernin, mein einziger cti großmuͤ⸗ thiger Wohlthoͤter, das Weſen, das allein mir tren geblieben war, wird krank, ich eile in ſeine Wohnung, ich finde ihn auf ſeinem Lager.„Sey ohne Sorgen, mein Freund, „redet er heiter mich an; es iſt nichts als „eine unbedeutende Unpaͤßlichkeit, die bald „voruͤbergehen wird.“ Jeden Tag brachte ich bey meinem leiden⸗ G 2 — 100— den Freund zu. Die Unpaͤßlichkeit war zur bedenklichen Krankheit geworden, die nur zu bald Gefahr anzudeuten ſchien. Monſernin ſelbſt troͤſtete mich—„Wenn man von dem „Gedanken an das erhabenſte Weſen erfullt „iſt: Lorimon, ſagte er, ſo giebt es kein Uebel, „das unſte Kraft zu beugen vermoͤchte. Ich „bin ruhiger als Du: dieſen Muth, uͤber wel⸗ „chen ich ſelbſt erſiaune„verdanke ich dem „troͤſtenden Vertrauen auf eine weiſe Vor⸗ „ſicht. Vertraue ihr wie ich, und auch Du „wirſt ruhig ſeyn.“ Ich umarmte Monſernin, ich druͤckte ihn an mein Herz, und berbarg ihm meine Thraͤ⸗ nen. Mein Kummer war nicht mehr ſo hef⸗ tig, man durfte hoffen, ihn wieder geneſen zu ſehen.„ — 1IOI— Dieſe Hoffnung, der ich mich mit Entzuͤ⸗ cken uͤberließ, gehoͤrte zu den verfuͤhreriſchen Taͤuſchungen, aus denen das Erwachen deſto fuͤrchterlicher iſt. Eine unerwarte Wendung der Krankheit kuͤndigt ſie als unheilbar a. Der Arzt verſichert, daß keine Rettung moͤg⸗ lich iſt. Ich ſaß neben Monſernins Bett, und höͤrte den fuͤrchterlichen Ausſpruch. Ich konnte nicht reden, in ſtummer Verzweiflung hielt ich ſeine Haͤnde, die ich mit heißen Thraͤ⸗ nen benezte. Heiter und ergeben horte der Kranke die Nachricht ſeines Todes an. „Es iſt alſo keine Hoffnung mehr? ſagte „er ruhig mit feſter Stimme, wohl, ich will „meine Augen von der Erde zu der beſſern „Zukunft erheben. Faſſe Dich, mein Freund, „ich bin am Ziele. Um Deinetwillen, Lori⸗ — „mon, thut es mir weh, zu ſterben. Vom Al⸗ „ter gebeugt, von Elend umgeben, laſſe ich „Dich huͤftos zurůck. Aber der Schutz des „großen Weſens, des Wohlthaͤters ſeiner „Geſchoͤpfe waltet uͤber Dir, er ſey mit Dir, ver ſtehe Dir einſt in dem wichtigſten Augen⸗ „blich bey, der mir jetzt ſo nahe iſ. Laß „mich in Deinem Herzen leben, Lorimon, „erinnere Dich oft des Mannes, der ſo treu „Dich liebte; nie wird ein andrer Dir ſo er⸗ „geben ſeyn. Leb wohl, mein Freund, leb „wohl auf ewig! Ich fuͤhle mich frey von „den korperlichen Banden, feſſellos ſchwebt „mein Geiſt ſeinem Schoͤpfer zu.“ Dies waren die letzten Worte des Edlen. Ich erhebe meine von Thraͤnen erſtickte Stim⸗ me noch einmal zu ihm, er hoͤrt mich nicht mehr. Ich nmarme ſeinen lebloſen Korper, den ſchon die Blaͤſſe des Todes entſtellt⸗ Eine lange Ohnmacht war die Folge die⸗ ſes erſchuͤtternden Auftritts. Faſt leblos wur⸗ de ich in meine Wohnung gebracht. Lorimon, oder der Menſch, wie er iſt. Sechſte Abtheilung. Meine letzten Lebenstage. —————— 2 n S* n—.— 2———§ —— Ich ſchreibe dieſe Zeilen auf der letzten Stufe meiner Gruft: bald wird ſie mich auf ewig umſchließen. Schon entſinkt faſt die Feder N meiner bebenden Hand. Wer vermag es, ſich meine ſchreckliche Lage zu denken. Ich ſelbſt kann ihren Jam⸗ mer nicht faſſen. Ich bin dem furchtbaren Augenblick nahe, wo das Entſetzen unſere Sinne erſtart, wo der Tod auf ewig das — — —— —— — 108— Licht verloſcht, das meinem truͤben Blick nur noch wie aus einer ungewiſſen Ferne ſcheint. Ich habe meinen Freund auf ewig verloh⸗ ren! Ich glaube Monſernins Stimme mich einladen zu hoͤren, ſein Grab mit ihm zu theilen. Bald werde ich mit Dir vereinigt ſeyn, Du mein Schutzgeiſt, mein Erretter aus dem Leiden, das mich zu vernichten drohte. Huͤlflos war ich ohne Dich dem tiefſten Elend Preis gegeben, von meinen Verwandten, von der Welt verlaſſen wie der ungluͤckliche Schiffbruͤchige, den der Sturm auf eine un⸗ bekannte, ode Kuͤſte warf. Um die letzten Tage meines kummervol⸗ len Daſeyns zu erhalten, mußte ich das we⸗ nige, was ich dem Untergang noch entriſſen — 109— hatte, verkaufen. Einſam floſſen meine Thraͤ⸗ nen, keines Freundes Hand trocknete ſie mit⸗ leidig mir ab. Ein Weſen andrer Art ſollte mich fuͤr die kalte Hartherzigkeit meiner Ne⸗ benmenſchen entſchaͤdigen. Ich ging durch eine abgelegene Straße. Ich erblicke einen Menſchen, deſſen Ge⸗ ſtalt allein ihm ein Recht auf dieſen Namen zu geben ſchien. Aus ſeinen harten, ab⸗ ſchreckenden Zuͤgen, ſprach ein wildes grau⸗ ſames Gemuͤth. Wuͤthend warf er auf einen Duͤngerhaufen, einen Hund, der in ein klaͤg⸗ liches Geheul ausbrach. Hier ſtirb, ſagte der Barbar, indem er das ungluͤckliche Thier mit Schlaͤgen uͤberhaͤufte was brauche ich mich laͤnger eines Hundes wegen zu quͤlen. Das arme Geſchoͤpf ſchien das Mitleiden ſei⸗ — 110— nes Henkers erflehen zu wollen. Es leckte ſeine Haͤnde, indem es ſeine wehmuͤthigen Blicke zu ihm erhob. Ich naͤhere mich, ich befrage den Mann, warum er ein huͤlfloſes Thier ſo grauſam be⸗ handelt.„Er hat den Fuß gebrochen, ant⸗ —„wortet er mir mit einer rauhen Stimme, und „da kann ich ihn doch nicht im Hauſe behal⸗ „ten.“—„Aber das Mitleiden.— „Mitleiden? mit einem Hund? das waͤre „wohl ſehr laͤcherlich.“ Ich wuͤrdige ihn keiner Antwort, ich nehme den Hund auf, und trage ihn in meine Wohnung. Da pfle⸗ ge ich ihn, und ſuche ihn zu heilen. Der Fuß wird geſund. Sein Inſtinkt ſchien ihm Dankbarkeit gegen mich zu lehren. Ich kann ſeine Anhaͤnglichkeit fuͤr mich nicht beſchrei⸗ ben. Ich hatte ihn Bon⸗Ami genannt, auch — 111— hatte ich die Empfindungen eines Freundes fuͤr ihn: oft benetzte ich ihn mit meinen Thraͤ⸗ nen. Ich ſprach mit ihm, als wenn er mich verſtehen und mir antworten könnte: ich gab ſeinen Liebkoſungen eine meinem Herzen will⸗ kommne Deutung. Er war meine einzige Geſellſchaft. Ich hatte noch einen Gegenſtand des Tro⸗ ſtes, den ich immer zu Huͤlfe nahm. Ich be⸗ ſaß ein Gemaͤlde, von Monſernin, wel⸗ ches er mir einſt geſchenkt hatte. Meine Au⸗ gen ruhten oft auf dieſem Bilde, ich ſprach mit ihm, als wenn es Monſernin ſelbſt ge⸗ weſen waͤre, ich bedeckte es mit Kuͤſſen und Thraͤnen. Oft rief ich aus:„O mein Freund, „die heiſſeſte Liebe kann Dich alſo nicht ins „Leben zuruͤckrufen; umſonſt drucke ich Dein „Bild an mein klopfendes Herz! ſein aͤngſt⸗ — 2— „liches Schlagen belebt Dich nicht. Mon⸗ „ſernin, Du biſt mir auf ewig entriſſen, o „warum iſi es der Freundſchaft nicht verlie⸗ „hen, Wunder zu wirken: ich wuͤrde Dich „wiederſehen, ich wuͤrde noch einmal meinen „Retter umarmen.“ Mein Elend nahm mit jedem Tage zu. Alles was ich noch beſeſſen hatte, war ver⸗ knuſt. Es blieb mir nur ein armſeliges Strohlager, worauf ich den Tod erwarten wollte, deſſen zerſtorende Annaͤherung ich ſchon laͤngſt empfand. In einem Zuſtand der Er⸗ ſchoͤpfung, der an Sinnloſigkeit graͤnzte, hore ich eines Tages an meine Thuͤre klopfen. Das ungewohnte Geraͤuſch befremdete mich um ſo mehr, weil ſchon laͤngſi niemand mehr ſich dieſem Aufenthalt des Jammers genaͤhert * hatte. hatte. Ich kann mich nicht ſogleich ent⸗ ſchlieſſen, die Thuͤre zu dffnen: das Klopfen wird wiederholt. Ich dffne endlich die Thuͤre. 5 Ich bins, mein Vater,“ ſagt der Eintre⸗ tende, den ich an ſeiner Geſtalt, nicht an ſeinem kalten, gefuͤhlloſen Ton fuͤr meinen Sohn erkannte.„Dieſen Augenblick komme „ich von einer weiten Reiſe zurůck, ich höre, „daß Sie im Ungluͤck ſind; ich biete Ihnen „meinen Tiſch an, es Ihnen wenig⸗ „ſtens einige Erleichterung gewähren: ich „wonſcht mehr thun zu können, allein meine „umſände erlauben mir es richt.§ch bin „nicht reich auch ich 6. vielen Verluſt er⸗ „litt⸗ Ich ſtand bey mir ſelbſt an, ob id das An⸗ erbieten annehmen ſollte: das bisherige Be⸗ erimon II. H — 114— tragen meiner Verwandten hatte mich em⸗ port. Aber das Ungluck iſt der maͤchtigſte Deſpot, alles muß ſich vor ſeinem eiſernen Scepter beugen. Ich foͤttigte mich alſo von nun an dem Tiſch meines Sohns„ der keinen Verluſt an ſeinem Vermogen erlitten hatte, wie er faͤlſch⸗ lich mich berichtet hatte. Ich hatte meine armſelige Wohnung behalten dahin ktehrte ich alle Abend mit meinem treuen Hund, dem einzigen Weſen, das mich die Suͤßigkeit ge⸗ liebt zu werden empfinden ließ, zuruͤck. Ach. das Bewußtſeyn geliebt zu werden, iſ de der ſchoͤnſte unſter Genuͤße, man prufe eig⸗ nes H Herz, man wird empfinden, daß dieſes Seipl vunzigic den e Ung ein Be⸗ drfniß iſt. — — Nur zu bald ſahe ich mich den Unannehm⸗ lichkeiten, den Kraͤnkungen ausgeſezt, welche ich geahnet hatte. Ein Greis, zumal ein armer Greis, iſt ein ungluͤckliches Geſchoͤpf, deſſen Daſeyn man nur ertraͤgt, weil mans nicht aͤndern kann, man glaubt ſichdin Ver⸗ dienſt zu erwerben, wenn man ſein Leben noth⸗ duͤrftig friſtet. Mein Sohn hatte keine der zarten Aufmerkſamkeiten fuͤr mich, die das ſchdue Band zwiſchen Vater und Kind noch reizender machen. Die Bedienten behandel⸗ ten mich noch nachlaͤßiger als ihr Herr, nur auf wiederholtes Bitten erhielt ich einen Trunk Waſſer, oder einen aͤhnlichen kleinen Dienſt. Sie hoͤrten nicht auf, ſich uber mich laſtig zu machen. Sogar mein Hund erfuhr die grauſamſten Behandlungen von den rohen Menſchen. Sie benuzten jede Gelegenheit, H 2 — 116— ihm unbemerkt ſeine Nahrung zu entziehen, und ihn mit Schlaͤgen zu uberhaͤufen. Nach einem langen Kampf mit mir ſelbſt, entſchloß ich mich, ein Daſeyn nicht lͤnger zu ertragen, das ich mit ſo viel Demuͤthigungen erkaufen mußte. Mein Herz wurde von allen Seiten zerriſſen. Ich ſchrieb meinem Sohn, daß ich lieber zum Opfer meines harten Schick⸗ ſals werden wollte, eher ich mich laͤnger ſei⸗ nem liebloſen Betragen, und der veraͤchtlichen Behandlung derer, die ihn umgaͤben, aus⸗ ſezte. Nachdem ich den Brief abgeſchickt hatte, warf ich mich auf mein Lager, um den Hunger⸗ † tod zu erwarten. Die Furcht, lange noch auf dieſe Art mein Elend ertragen zu muͤſſen, giebt mir ein, es ſchneller zu endigen. Ge⸗ maltſam reiſſe ich mich empor, ergreife mei⸗ nen Degen: eben wollte ich meine Bruſt da⸗ mit durchſtoſſen, als ſchnell der Gedanke an Gott, den Herrn des Lebens und des Todes, meinen Arm zuruckhaͤlt. Der morderiſche Stahl ſinkt aus meiner Hand. Reuig falle ich auf meine Knie, um die beleidigte Gottheit mit meinen Thraͤnen zu verſohnen. Betend gelo⸗ be ich, mich in ſeinen weiſen Willen zu fuͤgen. Ein Wunder ſtaͤrkt mein Vertrauen auf des Allmaͤchtigen Beyſtand. Auch dieſes Wunder der Rettung verdankte ich Deiner Liebe, Monſernin. Ein Unbekannter tritt zu mir herein. Er fraͤgt, ob dies die Wohnung des Marquis Lo⸗ rimons ſey. Auf meine bejahende Antwort — 118— faͤhrt er fort:„Es thut mir leid„Herr Mar⸗ „quis, nicht eher als jezt mich eines Auftrags „an Sie entledigen gekonnt zu haben. Die „Weitlaͤuftigkeiten, die allezeit mit einer Erb⸗ „ſchaft verbunden ſind, hielten mich ab. „Hier(indem er ein Papier mir gab) iſt eine „Verſicherung auf achthundert Livres jähr⸗ „licher Leibrenten, welche Herr von Mon⸗ „ſernin Ihnen vermacht hat.“—„Dieſe „Wohlthat, rufe ich auſſer mir ſelbſt, auch „dieſe noch verdanke ich ihm er giebt mir „das Leben wieder, das das Elend mir faſt „raubte. O Monſernin, indem ich meine „ſtroͤhmenden Augen zu dem heitern Himmel „erhob: ja, dort wohnſt Du; in dieſen lichten „Hoͤhen ſchwebt Deine ſchone Seele, blicke „guͤtig auf meinen Dank herab.“ — 19— Der Name Monſernin war das einzige Wort, das ich ausſprechen konnte, als ich wieder allein war. Aber dieſes Wort war Gebet, der beredetſie Dank, den ich dem Ge⸗ ber des Guten darbringen konnte. Mein Sohn wiederholte ſein voriges Au⸗ erbieten. Aber dieſesmal war es fruchtlos, ich blieb unerbittlich. Zwar war ich immer noch arm, aber verachtet wollte ich nicht ſeyn. Betrachtungen uͤber meine Schickſale und das Betragen meiner Nebenmenſchen gegen mich als die nothwendige Folge der erſtern, und einige Buͤcher unterhielten mich in meiner Einſamkeit. Nie war ich bey allem meinem vorigen Ueberfluß je ſo gluͤcklich geweſen, als jezt mit meinen achthundert Livres Einkuͤnf⸗ ten. Ich beſaß den Frieden des Herzens⸗ ohne welchen nie ein Menſch ganz gluͤcklich ſeyn kann. Furchtlos trat ich der Ausſi cht naͤher, die meinen Blicken immer deutlicher war. Ich gewohnte mich an den Anblick des Grabes, denn neben ihm ſtand tröſtend die Hoffnung und zeigte mir in ſtrahlender Ferne eine beſſere Zukunft. Gleichſam ein Fremdling auf der Erde, denn die Vande zwiſchen mir und den Men⸗ ſchen waren getrennt, hatte ich kein Weſen, das ich liebte, das mir anhing, als meinen Vund. Alle Tage bezeugte mir das gefuͤhl⸗ volle Geſchoͤpf mehr Anhaͤnglichkeit; ich ver⸗ ſtand ſeine ſprachloſe Liebe, ſeine ruͤhrenden Liebkoſungen, während er in meinen Augen zu leſen, meine Wuͤnſche zu errathen ſuchte. Ich wiederhole es, es giebt Augenblicke, wo — 121— es ein Beduͤrfniß iſt, geliebt zu werden, ſollte es auch von einem Hunde ſeyn. Schwerlich wird irgend ein andrer mich verſtehen, als der einſt in meiner Lage war⸗ Der Ungluͤckliche, einſame, von der ganzen Welt verlaßne, ausgeſtoßne, den nichts umgab als Elend, nichts erwartete als der Tod; er hat es gefuͤhlt, wie nothwendig, wie trdſtend die Geſellſchaft eines treuen Geſchoͤpfs iſt, das die Suͤßigkeit zu lieben und geliebt zu werden ihm gewaͤhrt. Der Ungluͤckliche weiß den Werth dieſer Wohlthat beſonders zu ſchaͤtzen; denn das Elend hat das vor dem Gluͤck voraus, daß es das Herz ſanfter, milder macht: der Menſch iſt dann ſich ſelbſt weniger fremd, er fuͤhlt, daß er noch eines Weſens auſſer ihm bedarf. In einer der ſtummen Unterhaltungen, deren ich und Bon⸗Ami jezt ſo viele hatten, wurden wir durch eilige Tritte, die von der Sreppe her tönten, unterbrochen. Schnell dfuet ſich die Thuͤre: Mit dem lauten Ausruf: „„Vater, Vater, ich ſehe Sie wieder,“ ſturzt ein Unbekannter in meine Arme. Ich be⸗ trachte ihn genauer⸗„Biſt Du es„ mein „Heinrich?“—„Ja, ich bin es, Ihr „Sohn.“—„D Heinrich biſt Du es wirl⸗ „lich, der an ſein Herz mich druͤckt, den dieſe „Arme umſchließen? kannſt Du mir verzei⸗ „hen, was ich ſelbſt mir nie vergeben werde?“ „Mein Vater, nie gab mein Herz Ihnen ei⸗ „nen andern Namen, laſſen Sie uns nicht „mehr an das Vergangene denken,„Ich „habe alles vergeſſen, auſſer meine Liebe fuͤr „Sie. Ich bin jezt im Beſitz eines Vermoͤ⸗ — — — 12— „gens, das meinen Wuͤnſchen genuͤgt, der ei⸗ „frigſie den ich hege iſt, Sie es mit mir theilen „zu ſehen. Ich weiß alles: daß Sie arm „wurden, daß Ihre Kinder, die Kinder wel⸗ „che das Geſetz anerkannte, Sie verlieſſen. „Ach Ihr Heinrich haͤtte ſeinen Vater nie „verlaſſen;.. aber hoͤren Sie, wie das „Schickſal fuͤr mich ſorgte. „Vom Kummer gebeugt, aber nicht au⸗ „ßer Faſſung gebracht, benuzte ich die Be⸗ „kanntſchaft, die ich zufaͤllig mit einem rei⸗ „chen Kaufmann gemacht hatte. Er war „eben im Begriff, eine Reiſe nach Indien zu „unternehmen, er ſchlug mir vor, als Buch⸗ „halter ihn dahin zu begleiten. Ich nahm „ſein Anerbieten⸗ mit dem Eifer eines Un⸗ „uctchen an, der in ſeinem Vaterland — 12 ½— „nichts mehr zu verliehren hatte. Die Hoff⸗ „nung, die in meiner Heimath mich verlaſſen „hatte, fand ſich in dem fernen Indien wie⸗ „der freundlich bey mir ein. Sie taͤuſchte wich nicht. Ich komme mit einem Vermdͤ⸗ „gen zurück, das nun das Ihrige iſt, mein „Vater: das Ihnen den verlohrnen Reich⸗ „thut vergeſſen machen wird. Ihr Heinrich „wird ſich bemuͤhen, Sie fuͤr die grauſame „Vernachlaͤßigung Ihrer Kinder zu entſchaͤ⸗ „digen. Kommen Sie, mein Vater, ver⸗ „laſſen Sie dieſe Wohnung des Elends, in „der es mich Sie zu ſehen ſchmerzt. Von „nun an ſollen Sie kein ander Haus als das „meinige bewohnen. Nehmen Sie dieſen Herſten Beweis einer Zaͤrtlichkeit an, fuͤr die „ich keine Worte habe. Nie mein Vater, ich „betheure es Ihnen, Selauztei Sie mein „Herz. Die Geſetze, der Vorurtheile Ge⸗ „walt uͤber die ſchwachen Menſchen, klagte „ich an, in Ihnen ehrte ich allzeit den Urhe⸗ „ber meines Daſeyns. Ach ich war einſt das „Opfer falſcher Meinungen, aber ich blieb „immer Ihr Sohn! Noch einmal kommen „Sie an dies Herz, mein Vater, das ſo „lange nicht an dem Ihren ſchlug!“ Feſt ſchloß mich der gefühlvolle Juͤngling in ſeine Arme, bedeckte mich mit ſeinen Kuͤſſen, ſeinen Thraͤnen. Warum iſt es doch nicht moͤglich, einen ſolchen Augenblick wuͤrdig zu ſchildern, mit feurigen Zugen ihn aufzuzeich⸗ nen, wie er es in meinem Herzen iſt? Warum iſt der Ausdruck ſo weit unter der Empfin⸗ dung? warum hat das Herz keine Sprache? gen erregte. Sorgſam unterſtuͤzte er meine — 126— Ich konnte meine Blicke nicht von meinem Sohn abwenden; immer fragte ich mich ſelbſt, ob nicht ein ſchoͤner Traum mich umſchwebte: immer wiederholte ich:„Biſt Du es wirk⸗ „lich, Heinrich? iſt es keine Taͤuſchung? „Und Du kannſt mich noch lieben, kannſt „vergeſſen?“—„O rufen Sie dies Anden⸗ „ken nicht zuruͤck, mein Vater, kommen Sie, „verlaſſen Sie den Aufenthalt, deſſen Anblick „mein Herz zerreißt. Es wird mir noch ge⸗ „lingen, Ihre Leiden zu verſuͤſſen, meine Lie⸗ „be wird Ihnen neue Kraft zum Leben ver⸗ „leihn.“ Er fuͤhrt mich endlich aus der Wohnung des Schmerzens, der Demuͤthigungen, in welcher alles was ich ſah traurige Erinnerun⸗ S————— S wankenden Schritte, indem er mirt die zaͤrt⸗ lichſten Verſicherungen ſeiner Liebe gab. Man wird ſich leicht denken, daß ich mei⸗ nen treuen Geſellſchafter Bon⸗Ami nicht zu⸗ ruͤckließ.—„Sieh hier das einzige Weſen, „ſagte ich zu meinem Sohn, das mir treu in „meinem Elend blieb.“— Heinrich lockte ihn an ſich, liebkoſte freundlich das trene Thier:„Er wird mir ſo theuer wie Ihnen „ſelbſt ſeyn“ antwortete er mir. Der Hund ſchien ihn zu verſtehen, freudig lief er vor uns her, und tundigte ſein Vergnügen durch lautes Bellen an. Wir kamen bey einem Hauſe an, das nicht das ſitolze Anſehn eines Pallaſis hatte, aber die Wohnung der bequemen Mittelmaͤßigkeit ſchien, welche die weiſen Alten die goldne nannten. Wir treten ein. Alles was ſich meinen Blicken zeigte, ſchien mir zu verkunden, daß ich hier das wahre Gluͤck finden wůrde, das ich bis jezt umſonſt geſucht pun Heinrich fuͤhrt mich in ein Zimmer, deſſen einfache, aber geſchmackvolle Verzierungen, der Pracht ohne Geſchmack weit vorzuziehen waren.„Hier, „mein Vater, ſagt er zu mir, wird nichts Ih⸗ „nen das Andenken der ſtolzen Herrlichkeit Ih⸗ „res ehemaligen Pallaſtes zuruͤckrufen; aber „jeden Tag wird Ihr erſter Blick auf den „Sohn fallen, der mit zaͤrtlicher Beſorgniß „jeden Ihrer Wuͤnſche zu erſpaͤhen ſuchen „wird. Jeden —— —— ———— —— —— 7 Jeden Tag ſchien mein Sohn mich mehr zu lieben. Er verſchonerte durch den Zauber der Liebe meine lezten Augenblicke. In ſei⸗ ner Geſellſchaft fuͤhlte ich die Beſchwerden des Alters nicht, alle Gegenſtaͤnde ſchienen ſich vor meinen Blicken zu erheitern. Sogar das ſich dffnende Grab hatte ſeine Schrecken ver⸗ lohren. Wir ſprachen nun ruhiger als bey unſerm erſten Wiederſehn von ſeinen Schickſalen. Der Kaufmann, welchen er als Buchhalter begleitete, hatte ſiine Bemuͤhungen und ſei⸗ nen Eifer großmůthig belohnt. Er hatte ihn als Theilnehmer zur Haͤlfte bey ſeinem ſeht eintraͤglichen Handel aufgenommen, und war ſogar nicht einmal bey dieſem Beweis der Dankbarkeit ſtehen geblieben.„Ich wuͤrde Lorimon II. J es fuͤr einen Beweis Ihrer Guͤte anſehen, „lieber Vater, ſezte Heinrich hinzu, wenn „Sie mir erlauben wollten, Sie mit Herrn „Dermicourt bekannt zu machen. Nach Ih⸗ „nen liebe ich dieſen Mann am meiſten in der „Welt; er wuͤnſcht mit Ihrem Beſuch beehrt „zu werden: Sie werden in der Folge die „Urſache erfahren, warum er Puir nicht zu⸗ vrkonm.⸗ Willig erfuͤllte ich den Vorſchlag meines Sohns, es machte mir Freude, etwas thun zu koͤnnen, was ihm angenehm war. Ich beglei⸗ tete ihn zu Herrn Dermicourt, der mich ſehr gefaͤllig empfing. Ich fand bey ihm ein jun⸗ ges Maͤdchen von ſechszehn bis ſiebzehn Jah⸗ ren, deren beſcheidner Anſtand ihre Schoͤn⸗ heit noch reizender machte.„Erlauben Sie —— —— — 131— mir,“ ſagte Herr Dermicourt,„Ihnen meine „Tochter vorzuſtellen. Sie hat keine Mutter „mehr, und ich wende alle meine Bemuͤhun⸗ „gen an, ſie uͤber dieſen Verluſt zu troſten, „der allerdings unerſetzlich iſt.“ Die Angen der ſchoͤnen Julie ruhten oft auf Heinrichs Geſtalt, deſſen Blicke gleich⸗ falls mit einer Innigkeit an ihr hingen, de⸗ reu Urſache mir nicht lange raͤthſelhaft blieb. Herr Dermicourt bat mich dringend, ihn oft zu beſuchen. Wir verließen uns mit gegen⸗ ſeitiger Zufriedenheit, und ich kehrte mit Heinrich in unſre Wohnung zuruͤck. —„Nicht wahr, mein Vater, ſagte er zu „mir, nachdem wir angekommen waren, und „mit einer herzlichen Umarmung, Herrn Der⸗ C2 J 2 „micourts Bekanntſchaft iſt Ihnen nicht zu⸗ „wider? und„wie gefaͤllt Ihnen Ju⸗ „lie?“ Ich antworte, daß ich noch nie ein ſo ſchones Maͤdchen geſehen haͤtte, daß mehr noch als dieſe Schoͤnheit, die Milde, die an⸗ ſpruchloſe Tugend in ihrem ganzen Weſen, Eindruck auf mich gemacht haͤtten.—„Wenn „Sie wuͤßten, mein Vater, wie wohl dieſes „Lob meinem Herzen thut. Ich will nicht „laͤnger anſtehen, es Ihnen ganz zu oͤffnen. „Ich liebe Julien; ſie hat die nemlichen „Empfindungen fuͤr mich: ihr Vater billigt „unſte Geſinnungen. Nur Ihre Einwilli⸗ „gung fehlt noch zu meinem Gluͤck, Herr „Dermicourt hat uns die ſeinige nicht ver⸗ „ſagt. Er wuͤrde Ihrem Beſuch zuvorge⸗ 1 „kommen ſeyn, wenn er nicht gewuͤnſcht haͤt⸗ „te, daß Sie auch Juliens Bekanntſchaft — =——— . — ² 2 „machen moͤchten.“ Eine Bewegung des Erſtaunens, die ich unwillkuͤhrlich machte, entging dem Blick meines Sohnes nicht. „Ich weiß, fahr er lebhaft fort, was Ihre „Verwunderung, Ihre Zweifel erießt„ Siet „glauben, daß meine Geburt mir Schwierig⸗ „keiten erregen wird: allein Herr Dermicourt „iſt davon unterrichtet, er hat Staͤrke des „Geiſtes genug, ſich uͤber dieſes Vorurtheil „wegzuſetzen; und dieſe Geburt, die die Ge⸗ „ſetze ſchänden, die mich einſt ſo ungluͤcklich „machte, wird kein Hinderniß unſerer Hei⸗ „rath ſeyn.“ Mein Sohn hatte mich nicht getaͤuſcht. Das erſtemal, als ich Dermicourt wieder ſah, erdffnete er mir ſeinen Wunſch, unſere Kinder durch einander glucklich zu machen.„Dieſe 23 „Verbindung iſt mir in jeder Ruͤckſicht ſehr „willkommen, antworte ich ihm, alles was „zu dem Gluͤck meines Sohns, meines ſo ge⸗ „liebten Sohns beytraͤgt, beſtaͤtigt auch das „meinige. Aber wiſſen Sie auch— „Alles, unterbricht er mich, Ihr Sohn hat „das edle Vertrauen zu mir gehabt, mir zu „geſtehen, daß ſeine Geburt nicht durch die „Ehe geheiligt war. Aber ich habe meiner „Vernunft gehorcht„ der Pflicht, ſeine Red⸗ „lichteit, ſeine Tugenden, ſeine unbeſtechliche „Treue zu belohnen, die wichtigen Dienſte, „die er mir mit Einſicht und Edelmuth lei⸗ „ſtete. Er liebt meine Tochter, ſie hat eine „gleiche Zaͤrtlichkeit fuͤr ihn, wir können nie „zu bald das Band knuͤpfen, das beide gluͤck⸗ „lich machen wird.“ — ————— 7 — 235 Ich theilte Heinrichen dieſe fur ihn ſo wichtige Unterredung wit. Er bezeugte mir die lebhafteſte Dankbarkeit, dann eilte er zu ſeinem vaterlichen Freunde, um ihm die nem⸗ lichen Empfindungen auszudruͤcken. Die bei⸗ den Liebenden wuͤnſchten ſich Gluͤck zu einem Erfolg, der ihre Erwartungen uͤbertraf. Ih⸗ re Verbindung, das hoͤchſte Ziel ihrer Wuͤn⸗ ſche, ward bald gefeiert. Heinrich wurde der gluͤckliche Gatte der ſchoͤnen Julie, wir alle machten nur eine Familie aus, waren alle fuͤr immer in einer Wohnung vereint. Die gluͤckliche Veraͤnderung meiner Um⸗ ſtaͤnde wurde in meinen vorigen Geſellſchaf⸗ ten bekannt, verſchiedne meiner ehemaligen Bekannten ſuchten ſich mir wieder zu naͤhern, ich beſaß Feſiigkeit genng, ſie zuůckzuweiſen. Wenn ich nicht mit Heinrich, ſeiner Frau, oder Dermicourt, zuſammen war, ſo ſchloß ich mich in ein abgelegnes Zimmer ein, um uͤber mich ſelbſt nachzudenken, genau die Triebfedern meiner Wuͤnſche, meiner Hoffnun⸗ gen zu unterſuchen, meine Augen und mein Herz an Monſernins Bilde zu weiden, deſſen Andenken noch immer lebhaft in meiner Seele war. Ich ſprach mit dem Bilde, ſeine Lip⸗ pen, ſeine freundlichen Augen ſchienen mir zu antworten, Stundenlang gab ich mich der ſchoͤnen Taͤuſchung hin. Zuweilen„nur von meinem treuen Hund begleitet, deſſen Anhaͤnglichkeit fuͤr mich ſich mit jedem Tag vermehrte, vertiefte ich mich in ein einſames Gehoͤlz, um da un⸗ geſtohrt meinen Traͤumereien nachhaͤngen zu — „ ——— 5 — ——— —— können. Der Anblick dieſer Baͤume, des be⸗ bluͤmten Raſens, wo die Natur ſelbſt ſich ei⸗ nen Tempel erbaut zu haben ſchien, war ein unbeſchreiblicher Genuß fuͤr mich. Unſere Palläſte, unſere Schloſſer, die gepriesnen Denkmaͤhler des Stolzes und des Reichthums ſanken dann vor meinen Augen, in ihr Nichts zuruͤck. Oft rufte ich mit dem Dichter aus: Die ihr mich gebohren werden ſahet, Bald werdet ihr mich ſterben ſehn. Meine Kinder, die kaum ein Recht auf die⸗ ſen Namen hatten, machten noch verſchiedne Verſuche, ſich mit mir zu verſoͤhnen. Meine Gegenwart war ihnen nicht mehr zuwider, weil ich ihrer Huͤlfe nicht mehr bedurfte. Von — 138—- ihren Zudringlichkeiten ermuͤdet, ſchrieb ich ihnen folgenden Brief: lg „Ihr thatet einſt alles, um mich vergeſſen „zu laſſen, daß ich euer Vater war. Es iſt „euch gelungen, ich ſehe euch nicht mehr fuͤr „meine Kinder an. Heinrich allein iſt mein ohn, mein Wohlthaͤter. Wir werden uns „nie wiederſehen. Seyd gluͤcklich, wenn ihr „es bey emen Herzen konnt: ich flehe den .„Himmel um keine andere Rache an. Ich „bin am Ziel meines Lebens: ich will es fried⸗ „lich enden, ohne durch eure Gegenwart in „meiner Todesſtunde beunruhigt zu werden. „Das einzige Opfer, welches ihr noch von mit „eywarten koͤnnt, iſt, euch zu vergeben, ich „bringe es ench. Freiwillige, gaͤnzliche Ver⸗ „gebung gewaͤhrt euch mein Herz; aber noch „einmal, laßt uns einander nie wiederſehen,“ Heinrich ſelbſt, auch Dermicourt bitten mich, dringen in mich, mit der Familie, die ſo bitter mich beleidigt hatte, mich wieder zu verſohnen, ich blieb feſt auf meinem Ent⸗ ſchluß, ich ſahe ſie nie wieder. Ungeachtet meiner gluͤcklichern Lage, kann ich mir die traurige Wahrheit nicht verbergen. umſonſt verdoppeln Heinrich und ſeine Gat⸗ tin, ihre Liebkoſungen, ihre Sorgfalt, die Be⸗ ſchwerden meines Alters zu erleichtern. Das Alter allein iſt ein Uebel, das keine Pflege lindert, von dem keine Heilung zu erwarten iſt.„ Noch einmal ergreife ich die Feder mit zit⸗ ternder Hand. Ich fuͤhle, daß mein lezter Au⸗ genblick nahe iſt. Ich ſchwanke zu meinem — 140—— Lager, um nie wieder aufzuſtehen... Nie. Ich werde von dieſem Todeslager aufgehoben werden, um in einer Gruft eingeſchloſſen zu ſeyn, die mich und mein Andenken in ewige Vergeſſenheit huͤllt. Jede Spur meines Da⸗ ſeyns auf Erden wird vertilgt ſeyn..... Die Erde verſchwindet vor meinem Blick: nur mei⸗ nen Sohn ſehe ich noch: er empfange meinen lezten Seufzer. Nun ſehen wir uns wie⸗ der, Monſernin. Die Handſchrift endigt ſich mit dieſen Worten. Aus Heinrichs Munde ergaͤnze ich das wenige, was noch hinzuzuſetzen nothig iſt. Lorimon hatte eine ſichere Ahnung, ſeines Todes gehabt. In dem Augenblick, wo er zu ſchreiben aufhoͤrte, mußte er in ſein Bett ge⸗ * bracht werden. Seine Beſinnung verließ ihn nur mit ſeinem Leben. Seine Kinder von ſei⸗ nem Zuſtand benachrichtiget, drangen ſich zu ihm. Bey ihrem Anblick konnte er eine un⸗ willige Bewegung nicht zuruͤckhalten, er wen⸗ dete ihnen den Ruͤcken zu, ohne ſie eines Worts zu wuͤrdigen. Nach ihrem Weggehen ſirengte er noch einmal alle Kraͤfte ſeiner faſt erſtorbnen Bruſt an.„Heinrich, ſagte er, ihre Gegenwart konnte ich nicht ertragen, „wenn aber auch ſie das Ungluck einſt trift, „dann, mein Sohn, im Namen der Zaͤrt⸗ „lichkeit, von welcher Du mir ſo viel Beweiſe „gabſt, wenn Du es vermagſt, ſey ihr Vey⸗ „ſtand, leiſte ihnen die Huͤlfe, die Du mir „angeboten haben wuͤrdeſt.“ „ Auch ſeinen Hund empfahl er ſeinem Sohn. „Vergiß nicht, endigte er, daß nachdem mir „Monſernin entriſſen war, und ehe ich Dich „fand, ich keinen andern Freund als dieſes „treue Thier hatte.“ Bon⸗Ami verdiente dieſes letzte Andenken ſeines Beſchuͤtzers, durch keine Gewalt war er abzuhalten, bey dem Leich⸗ nam ſeines Herrn zu bleiben, er wich ſogar nicht von ſeinem Grabe, wo er endlich vor Ermattung ſiarb. Man wird in dieſer Schrift keine roman⸗ tiſchen Begebenheiten, unwahrſcheinliche Si⸗ tuationen, ſchluͤpfrige Schilderungen, ver⸗ leumderiſche Satyren finden. Man hat die einfache, ſchmuckloſe Wahrheit, die Geſchich⸗ te des Menſchen wie er iſt, dargeſtellt. Mo⸗ ge dieſe Schilderung, meinen Mitbuͤrgern, allen Menſchen nuͤtzlich ſeyn. Der wahre Freund des Vaterlandes iſt es zugleich der ganzen Menſchheit. Laßt uns Gutes zu thun ſuchen, und nach keinem andern Lohn ſtreben! Ende. ₰ * N . * . 3 3 N 5 . „ 3 „ 3 5 5