——— ſ— Leihbibliothekt deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 6ward Ottmunn in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. ANr. 256. cLeih und eſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabelder Bücher jeven Tag von Morgens . jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 S 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ſ eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurüc ſtattet) wird.* 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 2 für wöchentlich 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pfß M 50 Pf. 2 Mk Pf. 3 k 1 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. hesepeeis. Vei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 8 5„* 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deſecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder gefeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Jugend, Jünglingsjahre, und Alter eines Weltmannes; oder: o ri m o n 5 intereſſanter Lebenslauf. „Rach dem Franzöſiſchen des Arnaud⸗ Erſter Band. Mit einem Titelkupfer. Leipzig, 8 3 in der Sommerſchen Buchhandlung. 18 14. ———— Vorrede des Verfaſſers. Gjſchichte, deine eigne Geſchichte, die ich dir vorlege! In der That, einige Kleinig⸗ We du auch ſeyſt, Leſer, dies iſt deine keiten ausgenommen, gleichen wir uns alle; uns alle beherrſchen die nemlichen Leiden⸗ ſchaften, beſeelen die nemlichen Empfin⸗ dungen. Als Individuum der menſchlichen Geſellſchaſt, glanbe ich, indem ich mich ſelbſt ſchildre, auch ihr Bild zu entwerfen. Verirrungen, Thorbeiten, ſelbſt laſterhafte Ausſchweifungen, wechſelten in meinem A2 —————— — W— Leben mit dem kraftloſen Vorſatz, mich zu beſſern, ab, welcher immer nur ein ſchwa⸗ ches, vorubergehendes Gefuhl war. Aus dieſem Geſichtspunkt betrachtet, hoffe ich meinen Mitmenſchen zu Es iſt eine Art von Buͤßung, welche ich mir auflege. Sie ſollen ſich in einem treuen Spiegel erblicken„ welcher ihnen gewiß nicht ſchmeicheln wird⸗ Wenigſtens ver⸗ goͤnne man mir, mich des ſchwachen Ver⸗ dienſts zu erfreuen, zu glauben, daß wein Beyſpiel belehrend ſeyn kann: von dieſer beruhigenden Vorſtellung erfulle, werde ich mit dem Troſt ſterben, das Gute wirken— gewollt zu haben. Luſ. kommen iſt. Welche Maͤngel entdeckt Man kann mich nicht beſchuldigen, die Lobſpruche erbetteln zu wollen, die die Eitel⸗ keit des Schriftſtellers naͤhren: ich ſelbſt ge⸗ ſtehe zuerſt, daß die ſo ehrenvolle, ſo ſchwer wuͤrdig zu verdienende Benennung, mir keinesweges zukommt. Ueberdem erſcheint dieſer Aufſatz, wenn er je oͤffentlich bekannt gemacht werden ſollte, wahrſcheinlich erſt dann, wenn ich nicht mehr ſeyn werde. Ich wuͤnſche, daß meine Leſer darin Unter⸗ haltung, Belehrung uͤber die Schwach⸗ heiten unſerer ſo wenig ſelbſtſtaͤndigen Na⸗ tur, finden moͤgen: denn wir koͤnnen es uns doch nicht verbergen, daß ſie ſehr unvoll⸗ —— nicht der in ihr, deſſen Blick eine lange Er⸗ fahrung geſchaͤrft hat!— Indem ich der Feder meine Gedanken anvertraue„ lohnt mir wenigſtens das Be⸗ wußtſeyn, einen Verſuch gemacht zu haben, meine Schuld abzutragen. Die Schuld eines jeden Mitglieds der Geſellſchaft, die heiligſte, unerlaͤßlichſte Schuld i, nach meiner Ueberzeugung, ſeinen Rebenmen⸗ ſchen nuͤtzlich zu ſeyn. Lorimon, oder der Menſch, wie er i ſt. Erſie Abtheilung. Meine Kindheit. * . 3— 3 * ½ — 6—. 6. * . . — „ Den Augen derer, welche nicht ſehen ge⸗ lernt haben,— und dieſe Unvollkommenheit iſt ziemlich allgemein,— bietet die Kindheit nur wenig bemerkenswerthe Zuͤge dar: dem durch Erfahrung geuͤbten Blick, welcher fä⸗ hig iſt, das Geſchehene zu beurtheilen, ſtellt ſie ein Bild vor, welches auf die kuͤnftige Entwickelung des Menſchen, ſeines Karak⸗ ters, der Leidenſchaften, welche ihn beſtuͤrmen werden, hindentet. Die Kindheit iſt die leicht entworfne, aber treue Miniatur⸗Zeichnung des Gemaͤldes, welches man in der Folge ausgefͤhrt, und zu der ihm beſtimmten Groͤße erhoben ſieht. — 10— Ich werde nur wenig von meiner Familie ſagen: ſie war reich, und verband mit dem Reichthum das maͤchtige Vorurtheil, welches aller Verſuche ungeachtet, man ſchwerlich ver⸗ liehren wird, das Vorurtheil des Adelſtolzes. Ich war die erſte Frucht der Verbindung mei⸗ ner Eltern. Sie waren ſehr achtungswerthe Menſchen, die ſich aber zu ſehr dem Ton der Geſellſchaft, nemlich dem Rauſch erkͤnſtelter Genuͤſſe, erzwungner Freuden, uͤberließen, welche die verfeinerte Menſchen⸗Klaſſe, mit dem Namen Vergnuͤgen beehrt. Mein Va⸗ ter fuͤhrte bey vielen wahren Tugenden, bey ſchaͤtzenswuͤrdigen Eigenſchaften, ein ſehr zer⸗ ſtreuungsvolles Leben. Meine Mutter be⸗ gnuͤgte ſich damit, ſich von Seiten der Ehre nichts vorzuwerfen zu haben, und ließ ſi ch ubrigens gleichfalls von dem Strom der Men⸗ — — ge hinreißen. Wie ſo viel andere ihr aͤhnliche, ſchenkte ſie, von ſo viel verlohrner Zeit, dem Nachdenken nicht einen einzigen Augenblick. Dies iſt in wenig Worten die Schilde⸗ tung der Urheber meines Daſeyns. Sie hat⸗ ten eine unendliche Zaͤrtlichkeit fuͤr mich; aber dieſe Zaͤrtlichkeit war verblendet, zwecklos; fuͤr meine Erziehung unbeſorgt, uͤberließen meine Eltern dieſe, wie gewoͤhnlich, unter⸗ geordneten Miethlingen. Daher machten die Beweiſe ihrer Liebe keinen Eindruck auf mein Herz, verfehlten ihrer Wirkung, und hatten einen nachtheiligen Einfluß auf meine Zu⸗ kunft. Der erſte Ton, welcher mein Ohr traf, war der Name, Herr Marquis. Man unterhielt mich von nichts, als von dem anſehnlichen Vermoͤgen, welches mich einſt erwartete; man Fehlers zu ſchulden kommen ließ. Men gab wagte es nicht, mit dem Ernſt mit mir zu ſprechen, welcher von der Wahrheit unzer⸗ trennlich iſt, waͤhrend man vor meinen Augen den Sohn eines unſerer Bedienten ſtreng be⸗ ſtrafte, welcher ſich den Schein eines geringen allen meinen Launen nach, die Waͤrterin, die man nur im Verdacht gehabt haͤtte, mir eine Thraͤne gekoſtet zu haben, wuͤrde augenblick⸗ lich, ungehort, verabſchiedet worden ſeyn. Al⸗ les, was meine Augen erblickten, und ich zu haben wuͤnſchte, wurde mir ſogleich gewaͤhrt. Ein ungluͤcklicher Vogel flattert in meinem Zimmer umher, ich verlange ihn zu haben, augenblicklich wird er mir uͤbergeben, unge⸗ ruͤhrt von ſeinen flehenden Tonen, rupfe ich ihm die Federn aus, druͤcke ihm endlich den Kopf ein, und niemand, nicht eine von allen „ — — denen Perſonen, welchen meine Erziehung uͤbertragen war, hatte den Muth, mir die ge⸗ gelindeſte Gegen⸗Porſtellung zu machen, um in meinem Herzen das Gefuͤhl des Mitleids zu wecken, des erſten Gefuͤhls, welches man einzufloßen und zu erhalten ſich bemuͤhen ſollte, des Gefuͤhls, welches ohnſtreitig die Grunds lage des ausſchließlichen Karakters der Menſchlichkeit iſt. Dieſe Zuge werden vielleicht manchen klein⸗ lich, und daher des Erwaͤhnens nicht werth ſcheinen. Man erlaube mir, andrer Meynung zu ſeyn. Man kann nicht zu oft die Wahr⸗ heit wiederholen, einſchaͤrfen, die, ich ſage es nochmals, das Grundgeſetz der Menſchlichkeit iſt: wer ein lebendiges Weſen, von welcher Art es immer ſey, vernichtet, iſt ſehr nahe daran, ein Barbar zu werden. Der Menſch — 16— iſt von Natur zu zerſtoren geneigt; aus die⸗ ſer Urſache iſt der Krieg ein Uebel, wovon die Erde nie befreyt werden wird: man muß ihn betrachten wie die Peſt, welche auszurotten man auch noch kein Mittel gefunden hat. Man kann wohl nicht ableugnen, daß die Bosheit mit uns gebohren werde. Wenn ich zufaͤllig mich meinen Eltern naͤherte, ſo be⸗ nutzte ich die Gelegenheit, den Dienſiboten meinetwegen Verdruß oder Vorwuͤrfe zuzu⸗ ziehen. Meine Mutter beſtaͤrkte mich am meiſten in meinem Eigenwillen, einem Feh⸗ ier, der die Quelle tauſend andrer, vielleicht uller Vergehungen iſt, die unſer Leben in der golge bezeichnen. Aus den thoͤrigſten aller Irrthuͤmer glauben Eltern ihren Kindern Be⸗ weiſe der gůrtlichkeit zu geben, indem ſie blind⸗ lings allen ihren Einfaͤllen, jeder ihrer Lau⸗ nen nachgeben. Sie begreifen nicht, wie ſehr ſie der erſten Entwickelung Begriffe ſcha⸗ den; dieß iſt der Saame der Verdorbenheit, welcher faſt nie bey unſerm Eintritt in das buͤr⸗ gerliche Leben ausgerortet werden kann; nie heilen die Wunden, welche eine ſo üͤbel ange⸗ wandte, verblendete Liebe ſchlug. Wie viel Vaͤter und Muͤtter haben ſich nicht die Verir⸗ rungen, die Ausſchweifungen, ſelbſt die Ver⸗ brechen vorzuwerfen„ welche ihre Kinder be⸗ gehen. Man ſage nicht, daß ein Kind, nachdem es ein gewiſſes Alter erreicht hat, die Wir⸗ kung des ſuͤßen Gifts, das in ſeinen erſteren Fahren ihm gereicht ward, uberwinden könne. Das Uebel, weit entfernt ſich heilen zu laßen, erlangt mehr Kraft, und nimmt mit den Jah⸗ ren zu. Eine Menge Veyſpiele beweiſen, daß keine ſpaͤteren Lehren, keine Vernunftgruͤnde den Menſchen veredeln koͤnnen, deſſen Kind⸗ heit vernachlaͤßigt, und nach verkehrten Grund⸗ ſaͤtzen behandelt wurde. Man fuͤhre nicht die bekannte Aneldote vom Sokrates gegen mich ant zugegeben, daß ſie wahr ſey, ſo duͤrfen doch Ausnahmen uns nicht aus der Erfahrung gebahntem Weg locken; nur nach allgemein anerkannten Grundſaͤtzen koͤnnen wir uns rich⸗ ten. Eine ſchlecht geleitete Kindheit fuͤhrt nothwendig zu einem laſterhaften Leben, wel⸗ ches die Jahre und die Erziehung, die mehrere Auftlärung nicht zu beſſern vermogen. Der einzige Erfolg, welchen man erwarten kann, iſt vielleicht die Erlernung der noch verderblicheren Kunſt, die Wahrheit zu verſtellen, und dem boͤſen Gewiſſen eine heuchleriſche Maſte zu leihen. In der Geſellſchaft finden wir nur zu viel —— — 8 viel Beweiſe hiervon, und durch den guͤnſtigen Erfolg wird die Neigung zur Unwahrheit noch ſtaͤrker und gefaͤhrlicher. Man lehrte mich Gebete ſtammeln, deren Sinn ich weit entfernt zu verſtehen war. Von dem hoͤchſten Weſen gab man wir keinen, mei⸗ nem Alter angemeßnen, Begriff. Anſtatt mich mit Worten zu betaͤuben, die der Kindheit, ſo wie jedem Alter, unverſtaͤndlich ſind, haͤtte man mir ſagen ſollen:„Du haſt noch einen Vater, „welcher uͤber den, dem du dieſen Namen „giebſt, erhaben iſt. Dieſer Vater uͤberhaͤuft „dich mit Wohlthaten; ihm verdankſt du dei⸗ „ue taͤgliche Nahrung. Wenn du gut biſt, „wird er dich wahrhaft vaͤterlich lieben. Biſt „du boͤſe, deinen Eltern ungehorſam, gegen „ihre Ermahnungen widerſpenſtig; wenn du „luͤgſt, hartnaͤkig in deinen Fehlern biſt; dann Lorimon I. B — „wird dich der Gott, welcher dein erſier Vater „iſt, nicht mehr fuͤr ſein Kind anſehn. Dn „wirſt keinen Beweis ſeiner Guͤte mehr em⸗ „pfangen, er wird dich ſtrafen. Zeigſt du „aber dann eine aufrichtige Reue ihn beleidigt, „unrecht gehandelt zu haben, ſo wird er dir „vergeben, und dir ſeinen Schutz und ſeine „Liebe wieder ſchenken, wenn du ihm von „ganzem Herzen verſprichſt, nicht wieder in „dieſe Fehler zu verfallen. Erinnere dich „ſiets, daß dieſer Gott will, daß naͤchſt ihm, „du deine Eltern am meiſten lieben ſollſt. „Achte den Unglücklichen, beklage ihn; be⸗ „gegnet deinem Blick einer, welcher dein Mit⸗ „leiden anfleht, gieb ihm die Haͤlfte deines „Brods: wenn dann der Arme dir dankt, „wirſt du empfinden, wie viel Freude eine ſol⸗ „che Handlung gewaͤhrt. Du wirſt fuͤhlen, „wie weit die Wohlthaͤtigkeit uͤber alles, wa „dir ſonſt Vergnuͤgen machte, erhaben iſt. „Beurtheile die Menſchen nicht nach ihrem „Stand, ihrer Kleidung: oft bezeichnet aͤu⸗ „ßere Pracht und Glanz die ſchlechteſten unter „ihnen, waͤhrend die, welche Achtung und „eine freundliche Aufnahme verdienen, im „einfachſten Gewand einhergehn. Wieder⸗ „hole dir unaufhorlich', daß alle Menſchen „gleich ſind, daß ſie alle ohngefaͤhr die nem⸗ „lichen Pflichten zu erfuͤllen haben, und folg⸗ „lich gleiche Rechte auf die Wohlthaten der „Vorſicht, und die Huͤlfe ihrer Nebenmen⸗ „ſchen, beſitzen.“ Dies haͤtten mich meine Erzieher lernen ſollen, und das thaten ſie nie. Zuweilen ſag⸗ te man mir etliche unbeſtimmte, an meta⸗ phyſiſches Geſchwaͤtz graͤnzende Grundſaͤtze, B3 — 20— vor; man waͤhlte aber nicht die Sprache, welcher man ſich bey Kindern, bey dem groß⸗ ten Theil der Menſchen uberhaupt, bedienen ſollte, der Bilderſprache. Ja, einzig durch dieſes Mittel, durch Bil⸗ der praͤgen ſich die erſten Eindruͤcke dem Ge⸗ hirn des noch ſchwachen Weſens ein. Man erwarte ein reiferes Alter, um die Vernunft zu benutzen. Ich bin geneigt zu glauben, daß alle Kenntniſſe, welche man in dem Kopf eines Kindes ſammeln wollte, ihm nur durch Bilder verſinnlicht werden ſollten. Bilder! das ſind die erſten Lehrbüͤcher, welche man ihm vorlegen ſollte. Dann wurde ſeine Lehrbe⸗ gierde durch den ſo maͤchtigen Reiz der Neu⸗ gierde, des Intereſſes, angefeuert werden. Indem man ſich dieſes glůͤcklichen Hulfsmit⸗ tels bediente, wuͤrde man das ſo ſeltne Ge⸗ — 21— heimniß entdecken, durch angenehme Unter⸗ haltung zu belehren. Wie viel jezt fuͤr die Geſellſchaft unbrauchbare Menſchen, wuͤrden — haͤtte man dieſe Methode bey ihnen ange⸗ wendet,— verſtaͤndige, nuͤtzliche Staats⸗ buͤrger geworden ſeyn. Ich glaube einigermaaßen bewieſen zu ha⸗ ben, daß unſre moraliſche Exiſtenz faſt im⸗ mer von der Leitung unſtrer erſten Jahre ab⸗ haͤngt; der Karakter entwickelt ſich, waͤchſt mit unſern Organen, und ſehr ſelten wird aus dem boshaften Kinde nicht auch ein boͤſer Menſch. Meine Eltern uͤberhaͤuften mich ohne Ur⸗ ſache mit Liebkoſungen, eben ſo legten ſie mir Strafen auf, ohne Gruͤnde anzugeben, wel⸗ che mir begreiflich waren, und welche in der Folge zu der wichtigſten aller Kenntniſſe, der Kenntniß unſerer ſelbſt fuͤhren. Wir ſind gewoͤhnlich nur die Spielwerke unſerer Vaͤ⸗ ter und Muͤtter: nur aus dieſem demuͤthi⸗ genden, die menſchliche Natur ſo herabwuͤrdi⸗ genden Geſichtspunkt ſcheinen ſie uns zu be⸗ trachten; mit einem Wort, ſie rechnen uns un⸗ ter ihren Zeitvertreib, und behandeln uns, als wenn wir nie einſt auf derſelben Stufe mit ih⸗ nen ſiehen ſollten. Man hoͤrte nicht auf, meine Artigkeit, die aͤußern Annehmlichkeiten, welche ich be⸗ ſaß, zu loben, aber niemanden fiel es ein, meine wenigen gluͤcklichen Anlagen zu bilden; durch ewige, immer gleiche Schmeicheleyen machte man mir Langeweile, nie hoͤrte ich ein Wort, wodurch man mir Liebe zur Tugend einzufloßen geſucht haͤtte. Dies iſt vielleicht eine der Urſachen der Schwaͤche, des Man⸗ gels an Beharrlichkeit des liebenswuͤrdigſien Geſchlechts: daher iſt oft ihr ganzes Leben, nichts als eine lange Kindheit. Ich wuͤrde allen Perſonen, die ſich dem Erziehungsfach gewidmet haben, anrathen, ſich unablaͤſſig zu bemuͤhen, in das Herz, das Gedaͤchtniß jedes Kindes, den vortreflichen Grundſatz einzupraͤgen: Thue nicht an andern, was du nicht wollteſt daß ſie an dir thaͤten, man koͤnnte noch hinzuſetzen: Thue an an⸗ dern, was du wuͤnſchteſt, daß ſie an dir thaͤten. Leicht wird das Kind die ſo natuͤrliche Lehre begreifen; aus ihr gehen eine Menge anderer, dem Wohl des einzelnen und der Gemeinheit nuͤtzliche Saͤtze hervor. Alles, was die Menſch⸗ heit angeht, was Terenz ſo unuͤbertreffbar richtig ausgedruckt hat: homo ſum: humani nil a me alienum puto, ſuche man dem Herzen des 2. Kindes nahe zu legen, unwiderſprechlich liegt in dieſen Worten das Grundgeſetz, das hei⸗ lige Prinzip der Pflichten des Menſchen und ſeines Gluͤcks, der Grundſtein des Ge⸗ baͤndes ſeiner Erziehung. Der Egoismus, dieſe ſo reichhaltige Quelle unſrer Unvollkom⸗ menheiten, unſter Fehler, unſrer V zerbrechen, wird durch die weiſe Art ihn zu benutzen, der Keim, aus welchem unendliche Vortheile fuͤr uns und die Geſellſchaft hervorgehn. Nie wird man die Selbſtliebe vernichten koͤn⸗ nen: aber eben ſie, die erſte Regung menſchlichen Herzen, unſer ſtaͤrkſtes Gefuhl, ſollte dadurch veredelt werden, daß wir durch ſie, mit unſeru eignen Intereſſe das der an⸗ dern unzertrennlich verbaͤnden. Der geſchickte Erzieher weiß ſelbſt unſre Fehler zu benutzen; denn den Menſchen zu der Vollkommenheit, 3 4 — 25— zu der Verleugnung alles deſſen, was ihm ei⸗ gen oder theuer iſt, zu der gaͤnzlichen Auf⸗ opferung ſeiner ſelbſt, erheben zu wollen, iſt nur ein philoſophiſcher Traum, das Gebilde einer uͤberſpannten Einbildungskraft, wel⸗ ches vor dem Lichte der Vernunft und der Wahrheit verſchwindet. Laßt uns die Natur nicht zu zerſtohren verſuchen, aber zu leiten; laßt uns ja nicht waͤhnen, ihr eine andere Form, ein andres Weſen verleihen zu kon⸗ nen: einzig von einem hoͤhern Weſen iſi ein ſolches Wunder zu erwarten. Man beging die Ungereimtheit, mir Buͤ⸗ cher in die Haͤnde zu geben, von denen das mindeſte zu verſtehen mir unmoͤglich war; man fullte meinen Kopf mit Worten an, und ich hatte nicht einen einzigen Begriff, von der Tugend hatte ich nur eine hochſt verworrene — Ibee. Man betaͤnbte mich mit Seutenzen, die in meinen Ohren nur verlohrne, deutungs⸗ loſe Tone waren; manſchilderte mir nicht zum Beyſpiel die Undankbarkeit als das ungeheu⸗ erſte aller Laſter: man gab ſich uͤberhaupt weit weniger Muͤhe, mein Herz zu bilden„als meinen Verſtand zu entwickeln und zu ſchaͤr⸗ ſen. Und doch iſt nur das Gefuͤhl allein faͤ⸗ hig, unſerm Daſeyn Werth zu geben. Pon meiner Familie angebetet, durfte ich ungeſtoͤrt der Leidenſchaft zu meinen Vergnuͤ⸗ gungen mich uberlaſſen, denn ſchon in der Kindheit aͤußert ſich der Leidenſchaften Ge⸗ walt. Durch nichts ſuchte man die Luſt zum lernen in mir zu erwecken. Meine Mutter, welche nicht ohne Verſtand, aber von Vorur⸗ theilen eingenommen war, ſagte einmal zu meinem Lehrer, welcher ſich uͤber meine wenige Aufmerkſamkeit beym Unterricht beklagte: Mein Sohn iſt nicht gebohren, um lateiniſch zu lernen. Sehr natuͤrlich gingen dieſe Wor⸗ te nicht fur mich verlohren, dem ohnedem alles zuwider war, was mich von meinem Vergnuͤ⸗ gen abhielt. Von dieſem Augenblick an, ver⸗ nachlaͤßigte ich alles, was nur den Anſchein einer eruſten Beſchaͤftigung hatte. Meine Eltern behaupteten, die große Welt ſey die beſte Schule, einmal in den Zirkeln der guten Geſellſchaft eingefuͤhrt, wuͤrde ich da weit mehr lernen, als aus allen meinen Buͤchern⸗ So denken und handeln die meiſten Leute in der großen Welt: man darf ſich daher nicht uͤber die groben Irrthuͤmer wundern, in welche ſie verfallen, uͤber die mancherley Fehler, die ſie begehen, denn der Unterricht iſt durchaus keinem Stande entbehrlich: in welche Klaſſe * ſoll man das menſchliche Weſen ordnen, wel⸗ ches nicht die ſeinem Wirkungökreiſe, dem, was man ſein eigentliches Daſeyn nennen könnte, angemeßne Kenntniſſe beſitzt. Mit einer Menge falſcher Grundfaͤtze ge⸗ naͤhrt und erfuͤllt, oder vielmehr ohne alle Grundſatze, trat ich aus der Kindheit in das Alter, wo die Fußſtapfen des Juͤnglings ſich zuerſt dem Weg des Lebens eindruͤcken. Ich war zu dem Zeitpunkt gekommen, wo alle unſre Neigungen bemerkbar werden, wo man aus ihnen, vielleicht ohne ſehr zu irren, uͤber den Karakter des Menſchen, und uͤber das, was er wahrſcheinlich ſein ganzes Leben durch ſeyn wird, ein ſicheres Urtheil faͤllen kann. ———— —— 8——— Lorimon, o der der Menſch, wie er iſt. Zweite Abtheilung. Meine Jugend. ———— Iꝙh fange nun an meinen Platz unter den Individuen der Geſellſchaft zu behaupten; mein Karakter hat eine Phyſiognomie bekom⸗ men; alle meine verſchiednen Neigungen ent⸗ wickeln, beſtimmen ſich. Mit einiger Nei⸗ gung zu nuͤtzlichen Kenntniſſen gebohren, floh ich dennoch alles, was mir Anſirengung koſtete. Ich ſehnte mich nur nach dem Augenblick, wo ich in die große Welt eintreten ſollte. Daher bewirkten die Bemuͤhungen meiner Lehrmei⸗ ſter in den verſchiednen Zweigen der Wiſſen⸗ ſchaften nicht den Erfolg, den man von meinen gluͤcklichen Anlagen hoffen durfte. Freilich war auch der wenige Eifer, mit welchem dieſe Menſchen nur handwerksmaͤßig ihr ſonſt ſo nutzliches als ehrenvolles Geſchaͤft betrieben, fuͤr mich keine Anreizung, meinen Fleiß zu vermehren. Sorgfaͤltig forſchten meine Eltern nach meinen Fortſchritten in der Muſik, dem Tanz, der Reit⸗ und Fechtkunſt, in allem, was den Weltmann, den ſogenannten wohlerzognen — Mann, bezeichnet; den man ja nicht mit dem wahrhaft achtungswerthen Weſen, welches wuͤrdig den Namen Menſch traͤgt, verwechsle. Von dem ſo nothigen Studium der alten Spra⸗ chen, von der wichtigſten aller Wiſſenſchaften, der Moral, ſagte man mir nicht ein Wort. Nie ſprach man mit mir uͤber die Eigenſchaf⸗ ten, die Pflichten eines Mitglieds der Ge⸗ ſelſchaft. Mit der nemlichen Gleichgultig⸗ keit behandelte man das Grundgeſetz aut Voll⸗ — 33— Lolllommenheit, die erſte Sutze jeder Regie⸗ rungsform, die Religion: man begnuͤgte ſich, mich einigen kleinlichen, unweſentlichen Gebraͤuchen zu unterwerfen, ohne mir den wahren Sinn der Religion zu enthuͤllen, der Religion, welche der ſicherſte Troſt im Leiden, die reinſte Quelle jeder menſchlichen Tugend iſt, was immer auch fuͤr Sophiſtereyen dieſer ſo anerkannten Wahrheit entgegen geſezt wer⸗ den moͤgen. Nie unterrichtete man mich uͤber einen Gegenſtand, der doch, von welcher Seite man ihn betrachte, von der hoͤchſten Wichtigkeit iſt; wovon unwiderſprechlich die Geſundheit des Koͤrpers und der Seele abhaͤngt. Man wiederholte mir hieruͤber nur die laͤngſtbekann⸗ ten Ausſpruche finſterer Pedanten. Meine Erzieher lenkten meine Aufmerkſamkeit nicht dorimon I. C ——— — außer dem Bannſtrahl der Religion auf die Grundſaͤtze der Vernunft. Dieſe ſtarken Waf⸗ fen weiß man nicht zu gebranchen. Man be⸗ gnuͤgt ſich mit der ſtumpfſinnigen Drohung entfernter Strafen, und ſtellt uns die gehei⸗ men Ausſchweifungen als eine Todſuͤnde vor, welche die Gottheit beleidigt, ohne die nothi⸗ gen Erlaͤuterungen uͤber die verderblichen Fol⸗ gen eines Laſters zu geben, welches faſt im⸗ mer unſre Jugend befleckt. So wurde meine Erziehung behandelt, haͤtte man ſich ernſtlich beſtrebt, mich aus der Traͤgheit zu reißen, aus welcher nothwendig die verderblichſten Ideen entſpringen, ſo wuͤr⸗ den die ſchaͤdlichen Folgen meiner regen Sinn⸗ lichkeit vermieden, vder doch vermindert wor⸗ den ſeyn. WMeine erſte Verirrung dieſer Art entſtand aus Mangel an Kenntniß, den gewoͤhnlich Eltern und Erzieher von unſern Neigun⸗ gen haben. Man bemerkte es nicht, daß ich mich oft mit einer von meiner Mutter Kammerfrauen unterhielt, welche Jugend, und einige Annehmlichkeiten beſaß. Eliſa⸗ beth(dieß war der Name der Syrene, wel⸗ che man weit von mir haͤtte entfernen ſollen) ließ keine Gelegenheit mich zu ſehen, mir unbemerkt ein Wort zuzufluͤſtern, ungenuͤtzt vorbey gehen; ohne Muͤhe entdeckte ſie meine entſtehende Neigung, las in meinen Blicken die Freude, mit welchen ich den ihrigen begeg⸗ nete, mit ihr ſprach, ihr zuhoͤrte. Wenn ich gewiß war, daß niemand uns hoͤren konnte, ſagte ich mit der Verlegenheit„ die ſo ſchmei⸗ chelhaft fur den Gegenſtand, der ſie erregt, iſt, C2 zu ihr:„o liebe Eliſabeth, wenn ſie wuͤßten, wie gut ich Ihnen bin, wie herzlich ich Sie liebe.“ Keins dieſer Worte ging fuͤr das li⸗ ſtige Geſchopf verlohren, ſie waren ihr das Unterpfand fuͤr das Gelingen ihres Plans. Jeden Augenblick benutzte ſie, etweder mich bey meinen Eltern zu rechtfertigen, wenn ich eine Zurechtweiſung verdient hatte, oder mir Gefuͤhle zu zeigen, die einen nur zu tiefen Eindruck auf mich machten. Wenn ſie mich allein traf, ſprach ſie mit dem verfuͤhreriſchſien Lächeln:„Sie ſind mir alſo ein wenig gut, Herr Marquis?“—„Gut, nur gut? o „meine geliebte Eliſabeth, ich habe es Ih⸗ „nen ja ſchon oft geſagt, nie werde ich muͤde „werden, es Ihnen zu wiederholen„ich lie⸗ „be Sie von ganzem Herzen.“ Mit einer Stimme, die nur zu tief in dieſes Herz ein⸗ ₰ — 3— drang, antwortete ſie dann:„auch ich liebe „Sie, aber ich beſchwoͤre Sie darum, laſſen „Sie niemanden etwas von unſter Liebe ah⸗ nen, verſprechen Sie mir zu ſchweigen.“ —„Niemand, meine Eliſabeth, niemand „als wir allein, ſoll unſer Geheimniß wiſ⸗ „ſen, verlaſſen Sie ſich darauf—— ach, ich „liebe Sie unausſprechlich.“ Errothend er⸗ greife ich ihre Hand, und druͤcke ſie an meine Lippen, gluͤhende Kuͤſſe bedecken ſie. Das Gefuͤhl dieſes Moments iſt nicht zu beſchrei⸗ ben. Jetzt war ich verliebt, berauſcht, voll gluͤ⸗ hender Leidenſchaft. Leicht begreift man, daß ich nun noch weniger Aufmerkſamkeit bey meinem Unterricht hatte. Ich ſahe nur mei⸗ ne Zauberin, ich athmete nur fuͤr ſie. Leiſe ſprach ich immer ihren Namen aus, ſie war der Gegenſtand meiner nachtlichen Traͤu⸗ me, ich lebte nur durch und fuͤr ſie. Hätten meine Eltern nur einige Aufmerkſamkeit auf die Unruhe und Bewegung, in welcher ich mich ſtets befand„gewendet, ſie haͤtten ohne Muͤhe entdeckt, was in mir vorging. So oft ich Eliſabeth begegnete, und gewiß war nicht bemerkt zu werden, ſtuͤrzte ich in ihre arme, druckte ſie feſt an mein Herz, und rief mit ei⸗ ner Heftigkeit aus, äber welche ich ſelbſt er⸗ ſtaunte:„Eliſabeth, meine Eliſabeth, wel⸗ „ches Entzuͤcken fuͤhle ich in Ihrer Umar⸗ „mung! Seltſam, wenn ich meine Matter um⸗ „arme, ſo empfinde ich gar nichts von dieſer „ſuͤßen Bewegung, dieſer reizenden Unruhe.“ Entzuckt uͤber mein offnes Geſtaͤndniß, entſchieden meinen Wahnſi inn zu benutzen,— denn ein vollkommner Wahnſinn hatte ſich — 39— meiner bemaͤchtigt,— wuͤnſchte ſich das li⸗ ſtige Geſchopf zu ihrem Werke Gluͤck. Haͤt⸗ ten meine Lehrer nur den kleinſten Theil von Eliſabeths Gewalt uͤber mich gehabt, ich wuͤrde den hoͤchſten Grad des menſchlichen Wiſſens erreicht, und leicht und ſchnell mir jede Wiſſenſchaft eigen gemacht haben. Einſt machte meine Mutter dem Gegen⸗ ſtand meiner Leidenſchaft uͤber irgend eine Vernachlaͤſſigung einige Vorwuͤrfe. Augen⸗ blicklich ſturzen Thraͤnen aus meinen Augen; mit eifriger Waͤrme bemuͤhe ich mich, meine liebe Eliſabeth zu vertheidigen: aus jedem meiner Worte ſpricht ein Gefuhl, ein Antheil, welcher ſogar meiner Mutter, die ſo wenig auf das, was in meiner Seele vorging, ach⸗ tete, in Erſtaunen ſetzte. Sie befragt mich nach der Urſache dieſer ſchnellen Anwandlung von Empfindſamkeit, welche ſie unſchicklich findet: ich entſchuldigte mit meiner Ueber⸗ seugung, wie ſehr Eliſabeth ihr ſey. Eine Geſellſchaft erſchien in dieſem Au⸗ genblick„und verhinderte die Fortſetzung un⸗ 6 Geſprichs. In dem erſten Augenblick, da wir uns al⸗ lein ſahen, eilte Eliſabeth, mir ihre Danh⸗ barkeit zu bezeugen: doch ermahnte ſie mich zu mehrer Vorſicht, bey einem kuͤnftigen, uͤhnlichen Falle.„Denn, ſetzte ſie hinzu, man „oͤnnte ſonſt leicht vermuthen, daß Sie ei⸗ „nige Freundſchaft gegen mich hegten“— „Freundſchaft, und immer nur Freundſchaft, „Eliſabeth, unterbreche ich ſie lebhaft, o ſa⸗ „gen Sie doch, daß ich Sie uͤber alles, mehr „als meine Eltern⸗ mehr als mich ſelbſt, „liebe.“ Dieſe kurzen, verſtohlnen Geſpraͤche en⸗ digten ſich allezeit mit immer leidenſchaftli⸗ chern, immer gluͤhendern Umarmungen von meiner Seite. Die ſchoͤne Jahrszeit lockt meine Eltern auf das Land: ich werde mit⸗ genommen, mit dieſer Einrichtung um ſo zufriedner, weil auch Eliſabeth ihre Gebie⸗ terin dahin begleitete. Kaum angekommen, eile ich in den Park⸗ Er beſtand groͤßtentheils aus einem bezau⸗ pernden Waͤldchen. Nie war mir das Gruͤn der Blaͤtter, der Duft der Bluthen, ſo rei⸗ zend, ſo ſchmeichelnd vorgekommen. Ich ſetze mich in einen lieblichen Bosket auf einer Raſenbank nieder. Mein erſter Gedanke (dieſe Empfindung war ſo natuͤrlich) war — 42— auch hier wieder dieſe Eliſabeth, die mein gau⸗ zes Weſen erfullte!„O warum, rufe ich aus „„voller Seele aus, iſt dieſes bezaubernde Maͤd⸗ „chen nicht hier, hier an meiner Seite! Mit „welchem Entzuͤcken wuͤrde ich ihr wiederholen, „daß ich ſie liebe! Wenn ein glucklicher Zu⸗ „fall ſie hierher braͤchte.— Es waͤre ein „Wunder der Liebe! Meine Freude wuͤrde „grenzenslos ſeyn.“ Mein Verhaͤngniß, nicht mein Gtua, denn es war der Moment meines Verder⸗ bens, meines untettbaren Verderbens, fuͤhr⸗ te mir wirklich meine Circe zu. Sie war es. Kaum hat ſie mich erblickt, ſo verdop⸗ pelt ſie, ungeduldig mir nahe zu ſeyn, ihre Schritte:—„Sie ſind es alſo wirk⸗ „lich, redet ſie mich mit ſanfter, theilneh⸗ „mender Stimme an, und ſo in ſich ſelbſt — „verlohren? ſo in Nachdenken verſunken, „uͤber Ihre Lehrſtunden vermuthlich.„ —„Meine Lehrſtunden? o Eliſabeth, indem „ich heftig ihre Hand an meine Lippen „druͤckte, errathen Sie denn nicht, welcher „Gegenſtand mich einzig beſchaͤftigt? we⸗ „niger als alle andre ſollten Sie ſich in mir „irren. Sehen Sie denn nicht, Eliſabeth, „ſetzte ich mit ſprechenden Blicken hinzu, daß „ich nur an Sie, Sie allein denken kann?“ Bey dieſen Worten wage ich es, ſie in meine Arme zu ſchließen: ſie ſtellt ſich mich zuruͤckdraͤngen zu wollen, aber iſo ſchwach: ihre Kraͤfte verlaſſen ſſie, die meinigen ver⸗ doppelt die Leidenſchaft. Endlich habe ich den erſten Unterricht, ſo verſchieden von dem, den ich bisher empfing, jn einer Kenntuiß erhalten, die mir bis jetzt ———— — 44— vollig fremd war. Ich war unaufhaltſam auf dem Wege zu einem ſchnellen Verderben. Ich berauſchte mich in dem ſuͤßen Gift. Mit langen Zugen trank ich aus dem Zauber⸗ becher, den ich fuͤr der Liebe reinen Nektar hielt. Seit dieſem zerſtbhrenden Augenblick habe ich es erſt nach langer Zeit empfunden, wie weit die Liebe von der groben Sinnes⸗ taͤuſchung entfernt iſt, die ſo viel leichtſinnige Woluͤſtlinge mit der erſtern heiligem Gefuͤhl verwechſeln. Meine Verfuͤhrerin, aus ihrem Taumel erwacht, klagt ſich eines Verbrechens an, welches, ſchwoͤrt ſie, ſie ſich nie vergeben wird. Dem Uebermaaß ihrer Zaͤrtlichkeit fuͤr mich, mißt ſie alle Schuld bey. Ich will nicht Schilderungen von Auftrit⸗ ten entwerfen„welche zu verhuͤllen mir alles — 45— gebietet. Ich begnüge mich zu geſtehen, daß von dieſem Augenblick an, mein ganzes We⸗ ſen ſich veraͤnderte; ich war nicht mehr der nemliche. Ich verlohr nun vollig alle die Begriffe, die mich vielleicht noch zu dem moraliſchen Ziel, nach welchem der Menſch ſtreben ſoll, haͤtten leiten koͤnnen. Obgleich Eliſabeth mich gebeten hatte, ei⸗ ne Leidenſchaft zu mäßigen, welche mich zu ſehr von meinen Pflichten abziehen wuͤrde, vorzuͤglich aber mich in Gegenwart meiner Eltern nicht zu verrathen, ſchwor ich ihr den⸗ noch, ſie immer mehr anzubeten! Ich glaubte, es hänge blos von mir ab, die brennende Gluth zu verhehlen, welche mich verzehrte. Meine Verderberin benutzte meinen Wahn⸗ ſinn. Ich ſtuͤrzte mich in einen Abgrund von — Ausſchweifung, um ſo rettungsloſer, weil ich mich geliebt glanbte. Dieſer Rauſch dauerte indeſſen nur une Zeit. Weil ich leidenſchaftlich liebte, war mein Herz nothwendig von eiferſuͤchtigen Re⸗ gungen gefoltert. Bald entdeckte ich den n Gegenſun mei⸗ nes bisher unbeſtimmten Argwohns. Bewei⸗ ſe, denen ich nicht widerſtehen kann, zerreißen mein Herz. Es iſt mir nicht mehr zu zwei⸗ feln erlaubt; ich bin uͤberzeugt. Mein Herz und meine Augen ſagen mir, ich habe einen Nebenbuhler. Und wer war dieſer Neben⸗ buhler, der Gegenſtand meines Haſſes, mei⸗ ner Verzweiflung„ der meine Eigenliebe tränkte, imeine Freuden toͤdtete?„ Einer unſerer Bedienten„der jede Gunſt der ver⸗ aͤchtlichen Buhlerin mit mir theihte. — Ich war nun der marternden Gewißheit hingegeben, mir gegen meinen eignen Willen ſagen zu muͤßen, daß ich nur das Spielwerk des faͤlſcheſten, ſittenloſeſten Weibes war. Ich uͤberhaͤufe ſie mit den heftigſten Vorwuͤr⸗ fen; mit einer Frechheit, deren nur ſie faͤhig war, leugnet ſie alles. Bald durchſchaue ich aber dennoch die ganze Intrigue, und wurde nun noch unglucklicher, weil es mir an Kraft, meine Feſſeln zu zerbrechen, mangelte. Die Bluͤthe meiner Jugend welkte ſichtbar dahin; ich fiel in eine Art Abzehrung, welche endlich meine Eltern beunruhigte; kaut brau⸗ che ich hinzuzuſetzen, daß ich nie weniger Auf⸗ merkſamkeit auf den Unterricht verwandt hat⸗ te, den meine Lehrer mir ohne allen Rutzen ertheilten. Endlich iſt meine Mutter, trotz ihrer viel⸗ fachen Zerſtreuungen, die erſte, welche die Ur⸗ ſuche einer ſo außerordentlichen Veraͤnderung in meinem Aeußern, in meinem ganzen Betra⸗ gen ahnet. Weit entfernt, ſich des Mittels ſanfter Ermahnungen, des weit maͤchtigeren, der Gewalt muͤtterlicher Zaͤrtlichkeit zu bedie⸗ nen, droht ſie mir mit ihrem und meines Va⸗ ters Zorn. Sie waͤhlte nicht die Sprache der Vernunft, ſie zeigte mir nicht die Gefahren der Verirrung, welcher ich mich Preis gegeben hatte; und doch war es gerade bey dieſer Ge⸗ legenheit, wo ſie mich haͤtte liebreich belehren, der Freundin ſanfte Ueberredung, aber nicht der Mutter ſirengen Befehl anwenden ſollen. Werden denn nie die Eltern zu ihrem Vortheil handeln lernen? nie ihrer Machtſprche em⸗ pdrende Strenge unter der Vernunft und der Theil⸗ — Theilnahme uberzengenden Rath zu verber⸗ gen wiſſen. Man wird leicht einſehen, daß ich zu dem Geſtaͤndniß meiner Verirrung gezwungen ward, daß man ſogleich meinen boͤſen Genius von mir entfernte, mit Schande bedeckt dieſe Eliſabeth aus dem Hauſe verwies. Aber hierbey haͤtten meine Eltern ſich nicht beruhigen ſollen. Anſtatt jeden meiner Schrit⸗ te geſchickt und unbemerkt zu leiten, uͤberließ man mir ganz allein die Wahl meiner Ver⸗ gnuͤgungen und meines Umgangs. Ich war mit etlichen leichtſinnigen Juͤnglingen meines Alters in Verbindung gekommen, einige un⸗ ter ihnen waren ſchon mit dem Laſter vertraut. Begierig ſog ich von ihren Lippen die verfuͤh⸗ reriſchen Lehren ein. Jeder Menſch, der das Lorimon l. D 1 —————— —— Gepraͤge eines vernuͤnftigen Weſens trug, war mir nun zuwider, oft verhaßt. Alle Laͤcherlichkeiten, alle Thorheiten eines aus⸗ ſchweifenden Juͤnglings ergriffen mich jezt, wie eine anſteckende Krankheit, die ihr Opfer zum gewiſſen Untergang fuhrt. Zwar hatte ich endlich das elende Weib, die erſie Urſache meines Verderbens vergeſſen, aber die nachtheiligen Folgen, welche dieſe Ver⸗ bindung in Ruͤckſicht meiner Moralitaͤt be⸗ wirkt hatte, waren noch in ihrer ganzen Kraft, es war mir nicht möglich, ihnen zu widerſte⸗ hen. Die Krankheiten der Seele ſind weit ſchwerer zu heilen, wie die des Korpers. Nicht lange blieb ich in dem ſchwanken⸗ den, unbeſtimmten Zuſtande, den ein kurz⸗ ſichtiger Beobachter vielleicht fuͤr den Anfang . meiner Beſſerung gehalten haben wuͤrde. Mein Loos war geworfen. Selten folgen dem erſten Schritte in der Bahn des Laſters nicht eine Menge andrer nach, die uns unwider⸗ ſtehlich zu nie wieder gutzumachenden Verit⸗ rungen hinreißen, faſt immer uͤber unſer gan⸗ zes künftiges Leben entſcheiden, und uns end⸗ lich in einen Abgrund ſtuͤrzen, aus welchem uns zu erheben wir faſi nie die Kraͤfte haben. Meine Mutter zeichnete unter ihren Be⸗ kannten eine gewiſſe Marquiſe Blanzei durch ihren vertrauteren Umgang aus. Die Mar⸗ quiſe hatte das Alter erreicht, wo eine Fraun uͤber die Schicklichkeit und die Folgen ihrer Schritte urtheilen kann, und deswegen weni⸗ ger Entſchuldigung verdient, wenn ſie ſich Neigungen uͤberlaͤßt, welche mit ihrer Ver⸗ D2 „— 5* nunft, ſo wie mit ihrer Ehre im Widerſpruch ſtehen. Frau von Blanzei hatte ſchon immer wohl⸗ wollende Blicke auf mich geworfen; ſie hoͤrte nicht auf, wenn ſie bey meiner Mutter war, mit Antheil von mir zu ſprechen, beſonders meine aͤußerlichen Annehmlichkeiten zu ruͤh⸗ men: nie ſchien ſie die weſentlichern Vorzuͤge, die ich vielleicht noch beſitzen mochte, ihrer Aufmerkſamkeit zu wuͤrdigen. Dies iſt der Geſchmack aller Leute von Ton. Leicht geht man uͤber die Tugend, die Talente, das wah⸗ Perenſ hinweg, um ſich mit unbedeu⸗ tenden, ſchnell voruͤbergehenden Annehmlich⸗ teiten zu beſchaͤftigen. Nicht die Snſch ten meiner Seele, die Guͤte meines Herzens 3 zogen Frau von Blanzei an, meiner Jugend, meiner Geſtalt, galten ihre Blicke, ihre — 53— Schmeicheleyen, ihre Nachſtellungen. Nicht ihr Gefuͤhl, ihre Sinne ſprachen fuͤr mich. Nur zu oft beſtimmen dieſe allein unſre Hand⸗ lungen. Werden wir uns denn nie unſrer Schwaͤche ſchaͤmen lernen, und wird denn ewig die Vernunft unſern gröbern Organen unter⸗ worfen ſeyn? Meine Eltern begingen in Ruͤckſicht mei⸗ ner noch einen Fehler, deſſen ſchaͤdlichen Ein⸗ fluß auf junge Herzen, man in der großen Welt nicht einzuſehen ſcheint. Sie nahmen mich oft mit ſich ins Schauſpiel, und nur ſo wenige dieſer Darſtellungen floͤßen die Liebe zur Tugend ein, und bezwecken den wichtigſten Gegenſtand, die Verbeſſerung der Sitten. Im Gegentheil erwecken ſie neue Leidenſchaf⸗ ten, und fachen die noch ſchlummernden an. Man wird mir entgegen ſetzen, daß ſie uns 6 F 5 die ſchaͤdlichen Folgen dieſer Leidenſchaften ſchildern: aber gewiß wird uns das Heilmit⸗ tel nicht ſo reizend als das Vebel vorgeſtellt. Ueberdem iſt die Jugend das Alter, wo man alle die Eindruͤcke entfernen ſollte, welche in einer ſpaͤlern Lebensepoche weniger ſchaͤblich ſind. Freilich waͤre es zu wuͤnſchen, die Buͤhne in eine Schule umgewandelt zu ſehen, aber bis jetzt machten nur wenig Maͤnner von Genie, dieſen dem einzelnen und allgemei⸗ nen Beſten ſo nuͤtzlichen Zweck, zum Gegen⸗ ſtand ihres Nachdenkens. Wie ſehr wuͤrde das Theater unſre Achtung und unſte Dank⸗ barkeit verdienen, wenn man ſich befleißigte, Stuͤcke in dieſem Geiſt zu dichten! Laßt uns einen Blick auf die griechiſche Buͤhne werfen: ſie machte einen Theil der Geſetzsebung aus, ſie reizte und naͤhrte den Nationalhaß gegen — die Perſer, den furchtbarſten Feinden Grie⸗ chenlands. WMeine Mutter zog das ſogenannte fran⸗ zoͤſiſche Theater den andern Buͤhnen vor. Eines Tages begleitete ich ſie dahin, und dieſe Marquiſe Blanzei, welche ſich ſeit ei⸗ niger Zeit mehr noch als ſonſt um ihren Um⸗ gang bewarb. Man gab Brittanicus. Mit einem gefuͤhlvollen Blick wendet ſich die Mar⸗ quiſe gegen mich:„O wie ſehr recht hat In⸗ „nia, Brittanicus zu lieben, und nicht dieſen „haͤßlichen Kaiſer! verleihen denn Groͤße „und Macht Annehmlichkeiten, waͤgen alle „dieſe geruͤhmten Vorzuge die Reize eines „Alters, wie zum Beyſpiel des Ihrigen „auf?“ Immer ſprechender waren ihre ver⸗ fuhreriſchen Augen auf mich gerichtet; ich empfand ihre Gewalt, aber noch beſaß ich, 6 jener Geſchichte mit Eliſabeth ungeachtet, die Schüchternheit„welche der erſten Jugend ſo viel Fntereſe giebt. Ich fand Frau von Blanzei ſehr liebenswuͤrdig, doch glaubte ich kein Geſtaͤndniß wagen zu duͤrfen; ich haͤtte die Grenzen der Ehrfurcht zu uͤbertreten ge⸗ glaubt. Doch fühlte ich den Wunſch ihr zu gefallen, immer ſtaͤrker in mir werden. Die feurigſte Liebe iſt oft am furchtſamſten, ſchon einmal hatte ich das empfunden, unendlich ſtaͤrker fand ich jetzt das nemliche Gefuͤhl in meinem Herzen wieder. Wie glůͤcklich konnte mich die Liebe S Frau machen, ſagte ich zu mir ſelbſt, wie bald wuͤrde ich bey ihr jene Eliſabeth ganz vergeſſen lernen. Sie iſt der Gegenſtand, der mir eine wahre, beſtaͤndige Zaͤrtlichkeit einzufloßen verdient.— Ich ver⸗ muthe, daß dieſe ſiüle Bewunderung„ dieſe . verborgene Leidenſchaft, der Eigenliebe der Marquiſe nicht entgingen: ich konnte dies aus den ſtaͤrker werdenden Beweiſen ihres Wohlwollens ſchließen. Endlich befinde ich mich eines Tages mit ihr allein. Sie ſchien um uichts gefaßter als ich. Schweigend ſahen wir uns. Sie bricht zuerſt das Stillſchweigen.—„Ich „weiß nicht ob ich mich irre, fing ſie an, „aber Sie ſcheinen mir verlegen! Und was „noch ſeltſamer iſt, ich bin es, wie Sie. „Was beunruhigt Sie?“—„Es iſt wahr, „gnaͤdige Frau— Ich bitte um Ihre Ver⸗ „zeihung— Sie ſind ſo liebenswuͤrdig, gnaͤ⸗ „dige Frau,“ ſetzte ich zogernd und errd⸗ hend hinzu—„Ich habe alſo das Gluͤck, Ih⸗ „nen nicht zu mißfallen?“ antwortet ſie und immer verfuͤhreriſche Blicke begleiteten ihre ——————— . — Antwort.„Nicht zu mißfallen, gnaͤdige „Frau? Gewiß, kein Weſen Ihres Ge⸗ „ſchlechts beſitzt in ſo hohem Grade die ſchoͤ⸗ „ne Gabe zu gefallen, wie Sie.“ Sie un⸗ terbricht mich—„Wie! Sie haben ſich ſchon „das Talent Schmeicheleyen zu ſagen erwor⸗ „ben? Man weiß nur zu gut, daß dies nicht „die Sprache der Wahrheit iſt.“—„Es iſt „die Stimme des wahrſten, zaͤrtlichſten Ge⸗ „fuhls, welche aus mir ſpricht.“ In dieſem Augenblick verwirren ſich meine Sinne, ich fürchte zu viel geſagt zu haben.„Halten Sie ſich denn fuͤr ſtrafbar, nimmt Frau von „ Blanzei das Wort,„Zzu lieben, mich zu lie⸗ „ben?“—„Sie zu lieben, gnädige Frau, „indem ich zu ihren Fuͤßen ſank, vergeben „Sie mir den Ausbruch einer Leidenſchaft, „uͤber welche ich nicht mehr Herr bin: ich 59 „bete Sie an, gnaͤdige Frau, ich werde Sie „anbeten ſo lange ich athme, mein ganzes „Leben iſt nur von dieſer Liebe erfuͤllt.“ Die Marquiſe ſchien einige Zeit unſchluͤßig, was ſie mir antworten ſollte. Endlich ſpricht ſie mit dem bezaubernden Ton, der jedes Wort aus dem Munde eines ſchonen Weibes ſo hin⸗ reißend macht—„Sie lieben mich alſo? „Nun ich will es Ihnen nicht verhehlen, daß „auch Sie mir nicht gleichguͤltig ſind, aber „wir haben viel Vorſicht noͤthig, lieber Lo⸗ „rimon; ich haͤtte Sie nicht anhoͤren ſollen. „Ihr Maͤnner prahlt immer ſo gern mit euren „Eroberungen!... Wiſſen Sie wohl, daß „Sie fuͤr Ihr Alter ſchon ſehr gefaͤhrlich „ſind! Wenn Ihre Mutter je etwas er⸗ „fuͤhre.“—„Meine Mutter, gnaͤ⸗ „dige Frau, nein, niemand ſoll je mein 4 * *—„ . 7 „Gluͤck erfahren glauben Sie mir, hier„ „lege ich Ihnen einen Schwur daruͤber ab.“ Von neuem umfaße ihre Knie, ſie eilt mich aufzuheben. Ich habe endlich gewagt ihr meine Liebe zu geſtehen, und dies Ge⸗ ſtaͤndniß ſcheint nicht mißfallen zu haben. Meine Eitelkeit will mich ſogar bereden, mich wieder geliebt zu glauben. Ich verſuche es nicht, den Zauber meiner 3 Lage zu ſchilden. Ich war von Liebe be⸗ rauſcht; von dem Uebermaas meines Gluͤcks voll, fuͤhlte ich jezt deutlich, daß ich bey je ner Eliſabeth, welche ich ſo unendlich zu lie⸗ ben geglaubt hatte, nicht die Haͤlfte dieſer Seligkeit genoß. . Alles gebietet mir, das Andenken jener Stunden der Vergeſſenheit nicht zu entreißen. Genng, ich war der Liebhaber, der beglc — 60— Liebhaber der Frau von Blanzei. Mir blieb nichts zu wuͤnſchen uͤbrig. Sie ſchien erfah⸗ ren in der Kunſt zu ſieten Das Geheimniß warf gefaͤllig ſeine Schleyer uͤber unſte Ver— bindung. Die Marquiſe erfand mit gluckli⸗ chem Erfolg die natuͤrlich ſcheinendſten Ver⸗ aulaſſungen uns zu ſehen. Sie bewies mir ſehr deutlich, daß ihre Neigung zu mir keine platoniſch ⸗ empfindſame Romanenliebe war, ſondern was man Geſchmack finden, eine hoͤchſt materielle Laune nennen koͤnnte, die ſie zuweilen ſehr uͤbertrieb. Meine Mutter bemerkte nichts von mei⸗ ner neuen Verirrung. Meine Zuvorkom⸗ menheiten gegen die Marquiſe ſchienen ihr nur die erwuͤnſchten Folgen der Afichtens⸗ regeln zu ſeyn, welche ſie mir unabläßig empfahl, zumal gegen Perſonen ihres Ge⸗ ſchlechts, welches ihren Begriſſen nach, der Gegenſtand der innigſten Verehrung zu ſeyn verdiente. Dies nannte ſie den Ton der gu⸗ ten Geſellſchaft. Die Weiber waren in ihren Augen eine Art von Gottheiten, welche nur aus dem Himmel herab geſtiegen zu ſeyn ſchie⸗ nen, um ſich von den Männern anbeten zu laſſen. 3 Es war Zeit, daß ſie die Augen uͤber mei⸗ nen Zuſtand dffnete. Ungeachtet der Vorſicht, welche ich und der Gegenſtand meiner Liebe anwendeten, faͤllt meiner Mutter ein Brief von der Frau von Blanzei an mich in die Haͤn⸗ de, welcher nichts weniger als räthſelhaft war. Die nur zu beſiimmten Ausdruͤcke machten je⸗ de andre Erklärung unmdglich. Die Marquiſe wurde, wie ich nach der gZeit erſt erfuhr, bey ihrer erſten Zuſammen⸗ kunft mit ihrer Freundin, von dieſer mit ſehr lebhaften Vorwuͤrfen empfangen. Ohne im mindeſten Verlegenheit zu verrathen, aͤu⸗ ßerte ſie blos Verwunderung, und antwortete ſcherzend:„Aber in aller Welt meine Liebe, „wo haben Sie denn gelebt, um eine ſolche „Kleinigkeit von einer ſo tragiſchen Seite an⸗ „zuſehen? Im Ernſt, Sie ſollten mir noch „danken. Muß man denn einen jungen Men⸗ „ſchen, der im Begriff ſteht in die große Welt „zu treten, nicht bilden? Aus Freundſchaft „fuͤr Sie, denn ich glaubte Ihnen einen Be⸗ „weis meiner Achtung dadurch zu geben, „habe ich dieſe Muͤhe uͤbernommen. Ihr „Sohn iſt liebenswuͤrdig, er wuͤrde ſich aber „ſehr laͤcherlich machen, wenn er in ſeinem Al⸗ „ter mit Dingen unbekannt waͤre, welche er „durchaus wiſſen muß. Hatten Sie ſich viel⸗ * — 64— „leicht vorgenommen, liebe Freundin, einen „Kato aus ihm zu machen? Ich wiederhole „es Ihnen, ich wollte ihn von den unver⸗ „meidlichen Fallſtricken retten, in welche er „hoͤtte gelockt werden können; zumal in ſei⸗ „nem Alter, wo man das Beduͤrfniß zu lieben „ſo ſiark empfindet. Indem ich ſeine Nei⸗ „gung erwiederte, hoffte ich ihn von den Ver⸗ „irrungen zuruͤck zu halten, welchen die Ju⸗ „gend ſo ſelten entgeht. Das Gefuhl(und „Frau von Blanzei wagte es, das Wort aus⸗ „zuſprechen 1) iſt eine ſichere Schuzwehr ge⸗ „gen die Verfuͤhrung, und meine Gefaͤllig⸗ „keiten fuͤr Ihren Sohn, hielten ihn ab, ſie „bey andern Weibern zu ſuchen, wo er tau⸗ „ſenderley Gefahren ausgeſezt geweſen waͤre.“ Dieſe ſonderbare Vertheidigung, und noch mehrere aͤhnlicher Art, taͤuſchten meine Mut⸗ ter — ter nicht: ſie beſaß Feſtigkeit genug, mit ih⸗ rer fuͤr meine Bildung beſorgten Freundin zu brechen. Auch mich trafen die Folgen dieſer Treunung, man ſchickte mich auf einige Mo⸗ nate in die Provinz, zu einem meiner Ver⸗ wandten, der die Rolle miies Kerkermeiſters uͤbernahm. Er erfuͤllte ſie mit der unerbitt⸗ lichſten Strenge, nie verlohr er inich einen Moment aus den Augen; allen meinen Schritten wurde nachgeſpuͤhrt. Meine Leidenſchaft fur die Marquiſe war ſtart und ernſtlich. Ich wußte Mittel zu er⸗ finden, die Aufmerkſamkeit meiner Aufſeher zu hintergehen, und einige Briefe abzuſchi⸗ cken, die, wie ich hoffte, ſicher in die Haͤnde der Frau von Blanzei kommen ſollten. Obgleich ich die Adreſſen, durch welche ich Nachrichten von ihr bekommen koͤnnte, angezeigt hatte,⸗ Lorimon I. E erhielt ich doch keine Antwort. Dies macht mich mißmuthig, aber meine Leidenſchaft ward ſtaͤrker. v Endlich befreit mich meine Familie aus meiner Gefangenſchaft. Ich werde nach Paris zuruͤckgerufen. Meine erſie Sorge iſt, mich nach dem Gegenſtand zu erkundigen, der noch wie ehemals mein ganzes Daſeyn be⸗ herrſchte. Meine Mutter, die mich von mei⸗ nem Irrthum zu heilen wuͤnſchte, ſagte mir ſelbſt, nachdem ſie mich nochmals mit Vor⸗ wuͤrfen uberhaͤuft hatte, daß die Margquiſe Frankreich verlaſſen haͤtte. Von der Liebe zu einem jungen Fremden verleitet, war ſie ihm in ſein Vaterland gefolgt, und ſtand im Be⸗ griff, ihn zu heirathen. Mehr als die muͤtterlichen Ermahnun⸗ gen, uͤberzeugten mich meine eignen traurigen ——,— 6 — 67— Betrachtungen uͤber den Leichtſinn und die Un⸗ beſtaͤndigkeit der Weiber. Ich hatte nicht ge⸗ glaubt, je in ſo einem Grad hintergangen, be⸗ leidigt zu werden. Mein Herz litt unaus⸗ ſprechlich. Ich konnte mich nicht an den Ge⸗ danken gewoͤhnen, in einer Frau von Stande, deren Geburt ſie ſchon in meinen Augen ver⸗ edelte, ein eben ſo niedriges Weib zu erblicken, wie dieſe Eliſabeth, dieſe niedrig gebohrne Buhlerin. Alſo iſt der Stand doch nicht der Maaßſtab der Tugend, des Ehrgefuhls, ſagte ich traurig zu mir ſelbſt. Immer draͤngten ſich mir zu meiner Qual, ſchmeichelnde Erin⸗ nerungen aus der vergangenen Zeit auf. Nach und nach wurde ich gleichguͤltiger gegen dieſen Vorfall, der uͤberhaupt, wie ich nun einſah, mehr meine Eitelkeit, als mein E 2 8 Herz gekraͤnkt hatte. Endlich gelang mir es, ganz die Marquiſe zu vergeſſen, ſorglos kehr⸗ te ich zu meiner vorigen zerſtreuten Lebens⸗ art zuruͤck. Mit ſo wenig Aufmerkſamkeit als ehemals fuͤr meine moraliſche Vervollkommnung, oh⸗ ne was ich las zu uͤberdenken, zog ich alle leichtſinnige, ſchluͤpfrige Werke, den ohne⸗ dem ſeltnen Schriften vor, welche die Ver⸗ nunft, die Tugend, lieben lehren. Nie zog ich ein Reſultat aus meinen Erfahrungen, ich ſpielte die einformige, und oberflaͤchliche Rol⸗ le eines maſchinenmaͤßigen Menſchen. Man hatte Unrecht, mich ohne Unterſchied Buͤcher aller Art leſen zu laſſen, es war natuͤrlich, daß ich nur meinem eignen Geſchmack uͤber⸗ laſſen, nicht denen, welche das Herz und den Verſtand bildeten, den Vorzug gab. Meine Erzieher hatten mich nie zu der ſehr wichtigen Beſchaͤftigung angehalten, die ich um Ord⸗ nung in unſre Ideen zu bringen, unumgaͤng⸗ lich nothwendig achte, und welche Einfluß auf unſer ganzes Leben hat; aus dem was man geleſen hat, Auszuͤge zu machen. Nichts ordnet das Geleſene beſſer in unſerm Kopf, nichts weiſt ihm beſſer die Stelle an, welche es auf der Proportions-Leiter unſrer Kennt⸗ niſſe(wenn ich mich ſo ausdruͤcken darf,) ein⸗ nehmen ſoll. Hieraus entwickelt, vermehrt ſich unſre Kraft zu denken und nachzuforſchen. Aus dem Mangel an Vermoͤgen, die Dinge richtig zu beobachten, ſie unter ihren ſchiednen Geſichtspunkten anzuſehen, entſie⸗ hen alle die Irrthuͤmer, welche dem Wohl der Geſellſchaft und unſerm eignen ſehr nachthei⸗ lig ſind, und die oft das Verderben, den Um⸗ ſturz ganzer Staaten zur Folge haben. Wie viele Staatsmaͤnner wuͤrden ſich grobe, dem allgemeinen Beſien ſchaͤdliche Irrungen er⸗ ſpart haben, wenn ſie ſich die Muͤhe genom⸗ men haͤtten, ſich ſelbſt uͤber das was ſie thun wollten, Rechenſchaft abzulegen. Dieſen zum Ungluͤck des Ganzen oft ſo wenig unter⸗ richteten Maͤnnern, waͤre das Studium der Geſchichte beſonders nothwendig; aus ihr wuͤrden ſie die wichtige Kunſt lernen, Reſul⸗ tate zu ziehen, Vergleichungen zu machen, und Beyſpiele aufzufinden, die fuͤr jeden, der nachzudeuken gewohnt iſt, ſo lehrreichen Stoff dazu darbieten. Man überließ ſich nicht allein in Růckſicht meiner wiſſenſchaftlichen Erziehung einer ta⸗ — 71— delnswerthen Unbeſorgtheit: ſondern erlaubte mir, mich von einem Geſchmack hinreißen zu laſſen, der in der Folge zur furchtbarſten Lei⸗ denſchaft ward: der Spielſucht. Welche reich⸗ haltige Quelle des Elends, ſelbſt der Ver⸗ brechen jeder Art! Als ſolche ſollte man der Jugend dieſe unſeelige Neigung ſchildern. Meine Eltern, im Gegentheil, behaupteten, daß ein junger Menſch, der in der Welt eine gewiſſe Rolle ſpielen ſollte, in ſchlechter Ge⸗ ſellſchaft gelebt zu haben ſcheinen wurde, wenn er nicht einmal die Karten in der Hand zu hal⸗ ten verſtaͤnde. Dieſem Grundſatz der ſoge⸗ nannten gebildeten Zirkel zu Folge, verdiente ich vön meiner fruͤhen Jugend an die Ehre, unter die erſten Spieler von Profeſſion gerech⸗ net zu werden. Eben ſo wenig verſaͤumte man, mich mit dem, was man gewoͤhnlich in der groſſen Welt, unter dem erhabnen Ausdruck Ehre, verſteht, bekannt zu machen. Ich war ein vollfomm⸗ ner Fechter, und faſt gewiß, meinen Gegner zu tödten, wenn ich einſt eine Affaire haben ſollte. Man wiederholte mir oft, und eifrig, daß; wenn den Lippen meines geliebteſten Freundes ein; das iſt nicht wahr, entſchlupf⸗ te, ſey es auch, daß ſeine Sinne durch einen Rauſch, oder andre Urſachen verwirrt waͤren, ich eilen muͤſſe, ihn zum Zweikampf zu for⸗ dern, ja nicht ſelbſt die gultigſte Entſchuldi⸗ gung anzuhdren, weil die Ehre mir Pefoͤhle, durchaus, unverzuͤglich, ihm das Leben zu nehmen, oder mir das meinige von ihm rau⸗ ben zu laſſen. ueber die wichtigere, wahrere Bedeutung des Begriffs, Ehre, ſagte man mir nicht ein Wort. Man ſtellte ſie mir nicht als gekraͤnkt vor, durch den Verſuch, die Gattin eines an⸗ e dern, meines Freundes vielleicht, zu verfuh⸗ . 3 ren. Man belehrte mich nicht, daß die Ehre in der vollkommnen Ausuͤbung unſrer Pflich⸗ ten beſtuͤnde; man ſchilderte mir nie dieſe ſo heiligen, wichtigen Pflichten des Gatten, des Vaters, des Sohnes, des Verwandten„ des Freundes, des Menſchen gegen den Men⸗ ſchen. Ich naͤhrte meinen Geiſt nur mit ge⸗ haltloſen Geſpraͤchen, leer an Veurtheilungs⸗ kraft, wie an Gefuͤhl. Ich war das treue Echo aller Nenigkeiten des Tages, ſelbſt bey ihrer entſchiedendſten Unwahrheit, machte es mir Vergnuͤgen, ſie in Umlauf zu bringen. Gewandt wußte ich mit dem vergifteten Pfeil der Verlaͤumdung die auerkannteſte Tugend zu verwunden. Zufrieden, das was ich ein — 74— Talent glaubte, deſſen glucklicher Beſitzer ich zu ſehn waͤhnte, glaͤnzen zu laſſen, hielt nicht das Bewußtſeyn der Ungereimtheit, der ſcha⸗ denbringendſten Bosheit, meine ſeyn ſollenden Epigrammen zuruͤck. Auch war ich der Held des Tages. Man ermuͤdete nicht, mich mit den ausſchweifendſten, unverdienteſten Lobſpruͤchen zu uͤberhaͤufen, man nannte mich als einen witzigen Kopf. Ich glaube, ich haͤtte unge⸗ ſcheut ein Verbrechen begangen, nur um mir dieſen glaͤnzenden Ruf zu erhalten. Dahin fuͤhrt die Wuth nach dem Beyfall der ſoge⸗ nannten guten Geſellſchaft; der Geſellſchaft, wo die Tugend laͤcherlich gemacht, dem Laſter allgemein gehuldigt wird; wo der ſchimmern⸗ de Verſtand, ſo weit entfernt der richtige zu ſeyn, des gluͤcklichen Erfolgs gewiß iſt; wo, was man mit dem Namen feiner Ton beehrt, —. — oft ein begriffleeres Geſchwaͤtz iſt; wo die Bosheit, zu gefallen gewiß, immer uͤber die Guͤte ſiegt; wo man, zufrieden die Ober⸗ flaͤche der Dinge beruͤhrt zu haben, nichts gruͤndlich behandelt; wo endlich die moraliſche Peſt umherſchleicht, vor welcher allein die Kraft ſich ſelbſt leben, und aus dem Nach⸗ denken Vortheil ziehen zu koͤnnen, uns ſchuͤ⸗ tzen kann. Wehe dem Menſchen, der des Rau⸗ ſches der Zerſtreuungen bedarf, um ſeines Da⸗ ſeyns zu genießen! Meine Eltern gaben mir nur ſo viel Geld, um wenig koſiſpielige Freuden mir verſchaffen zu koͤnnen. Ich machte alſo Schulden, ohne recht zu wiſſen, wovon ich ſie wieder bezahlen koͤnnte. Aber unter der Menge meiner un⸗ nutzen Ausgaben, war nicht die kleinſte Sum⸗ — 76— me verzeichnet, die zu der Unterſiützung des Elends angewendet worden waͤre. Ueberall horte ich ſagen, daß ein Ungluͤcklicher nur un⸗ gern in der guten Geſellſchaft geduldet werde, ihn begleiteten die Langeweile, die Traurig⸗ keit; ſchon ſeine Gegenwart ſey hinlaͤnglich, um jedes Vergnugen zu verderben. Dieſe emporenden, der Menſchlichkeit widerſprechen⸗ den Grundſätze, toͤnten unaufhorlich in mei⸗ nen Ohren wieder, taͤglich ward meine un⸗ befangne Seele damit betaubt, vergiftet. Mein ganzes Streben, alle meine Bemuͤ⸗ hungen, gingen dahin, mich zum wuͤrdigen Mitglied jener feinen Zirkel zu machen, die im Grunde ſo wenig achtungswerth ſind. Wieviel ungluͤckliche Opfer der Verfuͤhrung ſehen wir nicht, ehe wir eins der privilegirten Weſen erblicken, welche die gläckliche Kunſi beſitzen, ihre moraliſche Phyſiognomie zu be⸗ halten, ſich vor der verderblichen Anſieckung zu verwahren. Ueberhaupt giebt es nur we⸗ nig beſtimmte Karaktere, welche nicht durch fremden Einfluß ihre erſte Form veraͤndern. Weil ich(um die Sprache des Vorur⸗ theils zu reden) in einem Rang gebohren war, welcher die Wahl eines gew ſſen Standes nothwendig machte, ſo beſtimmte man mich, der Sewohnheit zu Folge, zu dem Militair. Dieſer Beſtimmung nach, waͤre es die Schul⸗ digkeit meiner Familie geweſen, mich mit den weſentlichſten Verbindlichkeiten dieſes Standes bekannt zu machen, mich von ſeinen verſchiednen Pflichten zu untertichten; es giebt vielleicht keinen, welcher mannichfalti⸗ gere, und des Nachdenkens werthere, fordert. Unterdeſſen begnuͤgte man ſich mir zu ſagen, man wuͤrde mir ein Regiment kaufen, und allein auf dieſe reizende Ausſicht waren meine Blicke geheftet. Es ſchmeichelte meiner Ei⸗ telkeit, Herr Obriſter genannt zu werden, andern befehlen zu konnen, in den Geſell⸗ ſchaften mit dem Glanz, welchen der Reich⸗ thum, und eine Art von ſchimmernden, un⸗ „ ächten Verdienſt, verleiht, erſcheinen zun koͤnnen. Meine Eltern liebten mich noch immer mit gleicher Zaͤrtlichkeit, und fuhren fort, mir davon Beweiſe zu geben, wenn nemlich, al⸗ len meinen Launen nachgeben, lieben hieß. Was mich ihnen noch werther machte„ und mir ſogar ihre Lobſpruͤche erwarb, war die Leichtigkeit, mit welcher ich mir die verſchied⸗ N * nen Näancen eines Mannes von Welt zu ei⸗ gen zu machen wußte. Wirklich verſprach al⸗ les in mir, daß ich mit Auszeichnung meine Rolle ſpielen wuͤrde. Eliſabeth und die Marquiſe waten nicht die einzigen, durch welche ich mit der Aus— ſchweifung vertraut worden war. Mit einer Menge junger Leute meines Alters verbunden, wovou viele auf der unterſten Stufe des mo⸗ raliſchen Verderbens ſtanden, theilte ich mit ihnen, ihre ſittenloſe Lebensart, ihre enteh⸗ renden Vergnuͤgungen, und war um ſo ver⸗ dorbner, weil in mir das Laſter liebenswuͤr⸗ dig zu ſeyn ſchien. Dies iſt ohne Zweifel, was fuͤr einen jungen Menſchen, der von dem Ge⸗ ſchmack an Ausſchweifungen verleitet, von der Eigenliebe verblendet wird, am meiſten zu fuͤrchten iſt. Es iſt ſehr ſchwer, wenn die aufgeregte Eitelkeit ſich mit den verirrten Sin⸗ nen vereinigt, auf den rechten Weg zuruckzu⸗ kehren. Wie viel Juͤnglinge wuͤrden ſich viel⸗ leicht nicht von dem Laſter haben hinreißen laßen, wenn der Ruf ihrer Ausſchweifungen ihnen nicht vor der Welt eine Art von Cele⸗ britaͤt gaͤbe! Lori⸗ Lorimon, o der der Menſch, wie er iſt. Dritte Abtheilung. Mein maͤnnliches Ajter. Lerimon I. „ Bis jezt war meine Rolle unbedeutend. Von nun an in der Geſellſchaft aufgenommen, gebdre ich zu der Anzahl privilegirter Weſen, welche einem verblendeten Vorurtheil unter⸗ worfen, nach ſeinen Ausſpruͤchen geachtet, oder zuruͤckgeſezt werden. Der Name: Herr Obriſter, verleiht meinem Eintritt in die Welt noch mehreren Glanz. Der aͤußere Schimmer war die Auszeich⸗ nung, welche meiner Eitelkeit bey meinem neuen Stande ſchmeichelte. Anſtatt ſeine Pflichten ausuͤben zu lernen, mich nach der kleinen Anzahl der Maͤnner zu bilden, welche ihm Ehre gemacht haben, ſuchte ich nur in 52 — den modiſchen Zirkeln zu glaͤnzen. Die Rolle eines liebenswürdigen Mannes, eines Mau⸗ nes von Ton zu ſpielen, war mein Beſtreben. Jedes liebenswuͤrdige Weib war der Gegen⸗ ſtand meiner Aufmerkſamkeit. Meine Mut⸗ ter wuͤnſchte ſich Gluͤck zu einem Sohn, deſ⸗ ſen erſte Erſcheinung in der großen Welt mit Beyfall begleitet war. Bald hatte ich die wenigen vernuͤnftigen Giundſaͤtze vergeſſen, welche man mir einzu⸗ praͤgen geſucht hatte. Keine Lehrer durften mir mehr Langeweile machen: nur dem Stu⸗ dium der Muſik allein widmete ich alle Au⸗ genblicke, welche ich meinen Zerſtreuungen eutziehen konute. Auch wegen meines Ta⸗ keurs fuͤr den Tanz, worinn außer den er⸗ ſten Operntuͤnzern mir wenige gleich kamen,, wuide ich bewundert. Ich haͤtte gewuͤnſcht, * mich zu gleicher Zeit an allen offentlichen Or⸗ ten, in allen Geſellſchaften zeigen zu koͤnnen. Ich dachte nur an mein Vergnuͤgen: und auch dieſem Nachdenken widmete ich nur einen Au⸗ genblick. Jedes Buch, welches nur den An⸗ ſchein von Meral hatte, warf ich mit Wi⸗ derwillen von mir, um mich einen Moment mit einem neuen Roman zu unterhalten, der ohne Intereſſe, ohne Plan, ohne Vernunft, nichts als alltaͤgliche oder ſchluͤpfrige Schil⸗ derungen enthielt. Fuͤhrte mich der Zufall mit irgend jemand zuſammen, der ein vernuͤnftiges Geſpraͤch mit mir fuͤhren wollte, ſo bemaͤchtigte ſich meiner ſchnell die lange Weile, ich eilte von ihm weg, zu einem meiner wuͤrdigen Geſell⸗ ſchafter. — 86— Aller dieſer Thorheiten erwaͤhne ich jezt nur, um mich in meiner ganzen damaligen Lächerlichkeit und Unbeſonnenheit zu zeigen, welche abzulegen ich ſehr entfernt war. Unterdeſſen dachten meine Eltern ernſtlich daran, mich zu verheirathen. Seit einiger Zeit hatte ich die Bekanntſchaft eines wahr⸗ haft achtungswerthen Mannes gemacht, deſ⸗ ſen guter Ruf der Mangel einer ſogenanuten hohen Geburt mehr als erſezte. Sein Ver⸗ moͤgen war zwar geringer als das meinige, aber hinreichend für jemand, der die gluͤckliche Gabe beſaß, ſeine Wuͤnſche zu maͤßigen, und zufrieden mit einer Lage, die genau das Mit⸗ tel zwiſchen Abhängigkeit und Ueberfluß hielt, war. Noch gluͤcklicher machte ihn der Leſit anderer noch edlerer Guͤter, einer geſunden Beurtheilungskraft, der phyſiſchen und mo⸗ — 87— raliſchen Maͤßigkeit, der ſteten Ansuͤbung aller Tugenden. Mit treuen Zuͤgen habe ich einen der beſ⸗ ſern Menſchen geſchildert, die ſo ſelten un⸗ ſern Blicken begegnen. Eine langwierige Krankheit hatte ihm kuͤrzlich ſeine Frau ent⸗ riſſen; von mehreren jung geſiorbenen Kin⸗ dern war ihm eine einzige Tochter uͤbrig ge⸗ blieben. Sophiens Reize erhielten durch die Unſchuld ihrer Sitten, durch die Reinheit ih⸗ rer Seele einen neuen Zauber. Ich empfand ihn lebhaft; o wie mächtig iſt die Schonhei, 3 wenn die Tugend ihr zur Seite ſteht!— Diuwal(ſo hieß mein Freund) bemerkte bald die Neigung, die fur ſeine Tochter in mei⸗ nem Herzen ſprach. Bis zu dieſem Zeitpunkt war ein ſo zartes Gefuͤhl meiner Seele vollig fremd geblieben. Eliſabeth und die Marquiſe hatten nie dieſe Enipfindungen in mir erregt. Wie weit iſt die wahre Liebe von dem leiden⸗ ſchaftlichen Taumel entfernt, den unſte auf— geregte Sinnlichkeit mit ihr verwechſelt! Vald iſt Dinval gewiß, daß er ſich, in Anſehung meiner Empfindungen gegen ſeine Tochter nicht geirrt hat, auch war mir's taͤglich we⸗ niger moͤglich, ſie zu verbergen. Ich hatte einſt den groͤßten Theil des Tages bey ihm zu⸗ gebracht; endlich giebt er ſeiner Tochter einen Wink, uns allein zu laſſen. „Herr Marquis, ſprach er zu mir, ich ha⸗ „be mir Vorwuͤrfe zu machen, zu lange uͤber „einen Gegenſtand geſchwiegen zu haben, „der fur mich von der aͤußerſten Wichtigkeit „iſt. Ich habe einen ſehr bedeutenden Fehler „begangen, den ein Vater ſich nicht verzeihen *—— * —————— „darf: ich hatte ſehr unrecht, die Beſuche, „womit Sie mich beehrten, anzunehmen. „Wenn man eine Tochter und nur etwas Be⸗ „urtheilungskraft beſitzt, muß man mit „aͤußerſter Aufmerkſamkeit die Perſonen, mit „welchen man umgeht, auswaͤhlen. Sie „ſind jung, Herr Marquis, in dem Alter. „der Leidenſchaften, und Sophie iſt nicht oh⸗ „ne Annehmlichkeiten; das war genug, um „mir das Vergnuͤgen, Sie bey mir zu ſehen, „zu verſagen. Ich hatte einſt die Ehre, genau „mit ihrem Herrn Vater bekannt zu ſeyn, „aber dieſes Vorzugs ungeachtet darf ich mir „nicht ſchmeicheln, daß Ihre Verwandten ei⸗ „ne Verbindung billigen wuͤrden Ich kann „keine andere Abſicht in Ihnen vermuthen, „dies war die einzige, welche Sie berechtigen „konnte, Ihren Blick auf meine Tochter zu „werfen“—„Nein, unterbreche ich ihn, ich „verhehle es Ihnen nicht, ich liebe, ich bete „Sophien an, nur die Bitte um ihre Hand „giebt mir den Muth, Ihnen mein Herz zu „offnen: ich hoffe werthzu ſeyn, Ihr Schwie⸗ „gerſohn zu werden.„—„Erlauben Sie „mir einen wichtigen Einwurf, Herr Mar⸗ „quis: Bedenken Sie„ daß wir nicht von „gleichem Stand mit Ihnen ſind, daß unſer „Vermoͤgen gering iſt, und daß Ihre Ver⸗ „wandten aller Wahrſcheinlichkeit nach gegen „eine Neigung ſeyn werden„ Gebe der „Himmel, daß meine Sophie ſie nicht theile! „Ich wuͤrde zu ſehr fuͤr meine Unvorſichtig⸗ „keit beſtraft ſeyn. Jezt ſehe ich ſie ein. Ich war der ſorgloſeſie, vielleicht der ſtraf⸗ „barſte Vater, ich hätte Sie nicht aufnehmen „ſollen.“ ———— Ich bemuͤhe mich, Dinval zu beruhigen; ſeine Beſorgniſſe zu zerſtreuen: ich gebe ihm mein Wort, ſogleich mit meiner Familie zu ſprechen.—„Gewiß wird dieſe me Ge⸗ „fuhle fuͤr meine geliebte Sophie billigen: „mit ihrer Einwilligung werde ich das Gluͤck „genießen, mit dem liebenswuͤrdigſten Weſen „verbunden zu ſeyn.“ Euvlich verlaſſe ich den wuͤrdigen Vater, der durch meine lebhafte Zaͤrtlichkeit beruhigt, wie ich, der Hoffuung ſchmeichleriſchen Stim⸗ me Gehoͤr gab. Ich eile meine Wohnung zu erreichen. Voller Ungeduld meiner Mutter meine Liebe fur Sophien zu entdecken, bin ich im voraus uͤberzeugt, daß ſie meine Wahl billigen, daß ihre und meines Vaters Einwilligung meinem Geſtaͤndniß folgen wird. Ach die Liebe ging ju von jeher willig mit der Taͤuſchung Hand in Hand! Sti Ich ſtuͤrze in das Zimmer meiner Mutter; ich bitte ſie dringend, mir ſogleich eine geheime Unterredung zu gewaͤhren, ich haͤtte von den wichtigſten Anliegen meines Lebens mit ihr zu reden: ſie laͤßt mich nicht ausreden:— „Du kommſt ſehr erwuͤnſcht, mein Sohn, „ſagt ſie; ich habe mit dir uͤber einen Gegen⸗ „ſtand zu ſprechen, der unbezweifelt wichtiger „iſt, als alles, was du mir zu vertrauen ha⸗ „ben kannſt.“ Sie benachrichtigt mich, daß ſie und mein Vater eine Gattin für mich gewaͤhlt haben, daß ihr Wort verpfaͤndet„ſogar der Tag zur Trauung feſtgeſezt ſch.—„Die beyden Fa⸗ „milien ſind zufrieden, fahrt ſie fort, Made⸗ mbiſelle Dorſemen iſt zußerſt liebenswürdig⸗ „ſie wird dir ohne Zweifel gefallen. Sie ver⸗ „einigt alle wuͤnſchenswerthe Eigenſchaften, „zumal, mein Sohn, zwey große, nie ge⸗ „nug zu wuͤrdigende Vorzuͤge, eine hohe Ge⸗ „burt, und Reichthum, Lorimon.“ WMeine Lage war ſchrecklich! Ich verſuche es, von meiner Liebe zu ſprechen„Sophiens bezauberndes Bild zu ſchildern.—„Man ſieht „wohl, unterbricht mich lebhaft meine Mut⸗ „ter, daß du ein junger Menſch ohne Erfah⸗ „rung biſt, der nur die Stimme ſeiner Nei⸗ „gung hoͤrt! Die Ehe, mein Sohn, iſt ein „Stand, welcher Ueberlegung, die genauſte „Pruͤfung, verdient. Hoͤre mich an.— „Gern glaube ich, daß deine Sophie, alles „was gefallen kann, mit vorzuͤglichen Eigen⸗ „ſchaften verbindet: aber dieſe Familie iſi bur⸗ „gerlich, du kannſt uur ein Maͤdchen von 5 ,— „Stande zu deiner Gattin waͤhlen; wollteſt „du dir einſt den Vorwurf machen, eine „Mißheirath gethan zu haben? Ein gleich „wichtiger Umſtand iſt der, daß bey einer „ſolchen Wahl das Vermoͤgen einer der wich⸗ „tigſten Gegenſtaͤnde iſt. Deine kuͤnftige „Frau muß dir wenigſtens einen dem glei⸗ „chen Reichthum einbringen, welcher dich „einſt erwartet. Bedenke, daß du deinem „Stand Ehre machen muſt. Glaube mir, „mein Sohn, der Reichthum allein iſt anzie⸗ „hend, er allein beſtimmt unſern Werth. „Die Tugend, die Grazie, die Schoͤnheit, „die Talente, die ausgezeichnetſten Verdienſie, „ſelbſt eine hohe Geburt, ſind Chimaͤren bey „einem mittelmaͤßigen Vermoͤgen. Ein mit⸗ „telmaͤßiges Verhaͤltniß granzt immer nahe „an Demuͤthigung, oft an Verachtung, „ 1 ————— —————„ — „Der Mann, der wenig Reichthum beſitzt, „wird ſelten geſucht in der Welt man dul⸗ „det ihn nur. Ich wiederhole es dir, Geld, „nichts iſt weſentlich, als dieſes: das Geld „macht uns zu allen, ohne ſeinen Beſitz iſt „man nichts. „Ich hoffe mich deutlich genug erklaͤrt zu „haben, du wirſt mich und deinen Vater nicht „der Beſchaͤmung ausſetzen wollen, einen ver⸗ „geblichen Schritt gethan zu haben, der dann „ſogar beleidigend fuͤr Herrn Dorſemon waͤre. „Wir wuͤrden gegen allen Anſtand handeln. „Deine Heyrath iſt einmal beſchloſſen, und „wird in wenigen Tagen geſeiert werden. „Morgen wollen wir dich deinem konftigen „Schwiegervater vorſtellen.“ Ich wage einige Vorſiellungen, bitte we⸗ nigſtens um einigen Auſſchub, mich zu einer — 44 ſo unerwarteten, ſo niederſchlagenden Bege⸗ benheit vorzubereiten! Meiner Mutter Ton ward drohend: 4„Bis jezt ſprach ich als „Freundin mit dir, ſagte ſie: zwinge mich „nicht, dir die mutterliche Strenge zeigen zu „muͤſſen. Es iſt deine Pflicht, uns zu gehor⸗ „chen, und der Buͤrgerstochter auf ewig zu „entſagen. Dir iſt nichts uͤbrig, als dich „unſrer Wahl zu unterwerfen. Alles iſt ent⸗ „ſchieden, du heiratheſt Mademoiſelle Dorſe⸗ „mon, oder ſetzeſt dich unſerm ganzen Zorn „aus, den nichts beſaͤnftigen wuͤrde.“ Ich war wie vernichtet. Wie ſollte ich einer Leidenſchaft entſagen, ohne die mein Le⸗ ben ohne Werth war. Meine Mutter ging ſchnell weg, ſie wollte mich nicht anhbren. Ich war allein, dem Entſetzen meiner Lage Preis gegeben.— Noch ————— —— 3 Noch jezt erfullt mich das Andenken an meine Empfindungen jener Zeiten, mit ſuͤßer Wehmuth. Die reinſte Liebe hatte mich mein Herz wieder finden gelehrt, das ich im Tau⸗ mel ſcheinbaren Genußes verlohren hatte. Sophiens Beſitz wuͤrde mich zum gefühivol⸗ len„achtungswerthen Mann gemacht haben. Sie haͤtte mich den Werth der Tugend ſchaͤtzen lernen. Liebt wahrhaft, und eure Seele wird ſich veredeln, nur die unächte Liebe wird vom Luſter befleckt! Noch einmal habe ich meine Mutter auf⸗ geſucht. Noch einmal wiederhole ich meine Bitten, mein Flehen. Ich ſinke zu ihren Fuͤßen, meine Thraͤnen fließen, ſie bleibt unerbittlich. Mein Vater kommt dazu. Mit kalter Strenge erklaͤrt er mir, daß ich ge⸗ horchen muͤße. Lorimon l. G — 98— Mein Loos iſt alſo geworfen. Alle Hoff⸗ nung meine Eltern zu beſaͤnftigen, und mich mit der, die ich liebe, verbunden äu ſehen, verlohren! Ich muß Mademviſelle Dorſemon heirathen. Wie ſollte ich mich Dinval's Blicken wie⸗ der zeigen! Taͤuſchen durfte ich ihn nicht, er mußte die ſchreckliche Nachricht erfahren, er mußte wiſſ ſen, daß ich einer Verbindung zu entſagen gezwungen ward, die mein Gluͤck, vielleicht das ſeiner Tochter, und ſein eignes gemacht haben wuͤrde! Meine Verlegenheit war graͤnzenlos. Ich ſuchte mich ſelbſt zu taͤuſchen, gezwungen ſie zu verlaßen, wollte ich Sophiens Bild aus meinem Herzen ver⸗ baunen. Ach! es gelang mir nicht. Jezt noch liegt es tief in dieſem Herzen jenes Bild, das nicht die Kaͤlte des Alters, nicht der — —————— „———————— Blick auf das Grab, welches unter meinen Fußen ſich dffnet, zu vertilgen vermochten. Ich muß alſo gehorchen, mich dem Ge⸗ ſetz der Natur unterwerfen, das allerdings dem der Liebe entgegen, aber maͤchtiger noch iſt! Ich bin entſchloſſen, meiner Eltern Wil⸗ len zu gehorchen, aber faſi erliegt mein Herz im Kampf. Mähſam ſchleppe ich mich in Dinvals Wohnung. Die Augon voll Thraͤnen, den Tod im Herzen, kann ich kein Wort hervor⸗ bringen.„Was iſt Ihnen, fräͤgt er mich, es entfallen Ihnen Thraͤnen,!“—„Dieſe „Thraͤnen verkuͤnden Ihnen, was ich nie den „Muth haben werde auszuſprechen„ach, „was ich mir ſelbſt verbergen moͤchte. Mir „bleibt nichts uͤbrig als zu ſterben. Vielleicht „ſehen Sie mich jezt zum leztenmale.“ Ich G 2 ſiuͤrze mich in ſeine meine Thraͤnen ſtroͤhmen uͤber ſein Geſicht. Er dringt auf Erklaͤrung. Endlich ver⸗ mag ichs, ihm den Entſchluß meiner Familie bekannt zu machen.„Alles iſt verlohren, „mein ehrwuͤrdiger Freund, jede Hoffnung „iſt mir geraubt! Mein Ungluͤck ift beſchloſſen. „Ich werde nicht Ihr Schwiegerſohn, nicht „der Gatte Ihrer holden Tochter, der Gott⸗ heit, die mein Herz ewig anbeten wird! Ach „eine aàndre—“ Der Schn nerz raubt mir die Sprache bey dieſen Worten. Auch Dinval iſt bon dem unerwarteten Schlage gleichſam Perſchmettert; doch erlangt er zuerſt ſeine Beſinuung wieder.„Nun Herr Marquis, „ſprach er, hatte ich nicht recht, mich als weinen ſtrafbaren Vater anzuklagen? Nun „bin ich deswegen deſto beklagenswerther. „ ————— ———— . ————— „ — 101— „Ja, ich habe einen Fehler, ein Verbrechen „begangen, deſſen erſtes Opfer ich ſelbſt ge⸗ „worden bin! Gott wohin hat mich meine „ſtrafbare Unbeſonnenheit, Sie bey mir auf⸗ „zunehmen, gefuͤhrt. Arme, ungluͤckliche „Sophie, was wird ſie leiden, wenn ſie un⸗ „gluͤcklicher Weiſe, Gefuͤhle in ihrem Buſen „genaͤhrt hat, denen zu entſagen ihr jezt al⸗ „les gebietet.“ Dinval vermiſcht ſeine Thraͤnen mit den meinigen, muthig erhebt er ſich, dann ſeine ſchdne Seele, uͤber das Ungluͤck, das ſie traf. —„Meiner ſchrecklichen Lage ungeachtet, „bin ich der erſte, Marquis, der Ihnen au⸗ „raͤth, ſich dem Willen Ihrer Verwandten zu „unterwerfen. Mir allein gebuͤhrt Strafe, „Ich bin der einzig Strafwuͤrdige, immer „draͤngt ſich mir der Gedanke auf, wenn mei⸗ — 102— %ne Tochter gleiche Gefuͤhle mit den Ihrigen „Raum—“ Thraͤnen erſtickten hier ſeine Stimme, die meinigen verdoppelten ſi bey dieſen Worten. In dieſem ſchreckl ichen Moment tritt So⸗ phie herein.„Sie weinen, mein Vater, „ruft ſie aus, und wirft ſich in ſeine Arme. „.. Auch Sie, Herr Marquis. Sie ſchei⸗ „nen auſſer ſichhaben Sie uns vielleicht „eine traurige Nachricht zu verkuͤndigen?“ —„Unſer Todesurtheil, meine Tochter, ant⸗ „wortet der ungluͤckliche Vater, indem er „ſie an ſein Herz druckt, und mit ſeinen Thraͤ⸗ „nen benezt. Wir haben keine Hoffnung „mehr Des Marquis Eltern verſagen ih⸗ „re Einwilligung zu ſeiner Verbindung mit „dir Er ſieht im veriſ,„eine andeie zu „heirathen.“— X — 103— Er ſchwieg. Ich war faſt bewußtlos auf einen Stuhl geſunken. Sophie, die ge⸗ waltſam ſich zu faſſen geſucht hatte, wandte ſich zu mir—„Unſere Eltern, Herr Mar⸗ „quis, ſprach ſie mit verloͤſchender Stimme, „haben das Recht uns zu befehlen„un⸗ „ſere Pflicht iſt, zu gehorchen.“ Sie ver⸗ ſchwand. „— Wir muͤſſen uns trennen, ſagt der „beſturzte Vater zu mir, ich darf meine Toch⸗ „ter in dieſem Zuſtand nicht allein laſſen. „Vergeſſen Sie uns, Herr Marquis, ver⸗ „geſſen Sie uns, laffen Sie uns einander „nie wiederſehen. Ich will ſprechen, er hoͤrt mich, und eilt in das Zimmer der ungluͤcklichen Sophie. — 14— Ich verlaſſe dieſen Aufenthalt des Inm⸗ mers, ungewiß wo ich meine Schrifte hin⸗ lenken, welchen Entſchluß ich faſſen ſoll.. Endlich habe ich einen Vorſatz gefaßt. Ich gehe ſchnell zu meiner Mutter, erklaͤre ihr, daß es mir nicht möglich iſt, ihrem und meines Vaters Willen zu gehorchen, mit ei⸗ nem Wort, daß ich entſchieden bin, nicht in die Heirath zu willigen, die ſie fuͤr mich aus⸗ gewaͤhlt haben. Es waͤre unnoͤthig, unſer Geſpräch aufzu⸗ zeichnen. Den Erfolg kann man ſich leicht denken. Mein Zorn war nur mit meinem Schmerz zu vergleichen. Ich höre weder auf Drohungen noch Ermahnungen, und eile fort, mich bey einem Freund zu verbergen, und da meiner Verzweiflung mich zu uͤberlaſſen. —— „ — ——— — 105— Zwei Tage vergehen, ohne daß ich einige Nahrung zu mir nehme, noch mich entſchlieſſen kann, meinen Zufluchtsort zu verlaſſen, den ich wie mein Grab anſahe. Alle Bitten mei⸗ nes Freundes waren umſonſt. Endlich tritt er in mein Zimmer, ein Pa⸗ pier in der Hand. Man haͤtte ihm aufgetra⸗ gen, mir den Brief zu uͤbergeben, ſagte er, er wiſſe nicht von wem er ſey. Ich ergreife, und eroffne ihn ſchnell. Die Handſchrift war mir fremd. Ungeduldig fange ich zu leſen an. „Bald, Herr Marquis, werden Sie die „Hand errathen, die Ihnen dieſe Zeilen „ſchreibt. Ihre Frau Mutter iſt zu meinem „Vater gekommen, um ihn zu vermogen, ſei⸗ „ne Vorſtellungen, ſeine Bitten mit denen „Ihrer Familie zu vereinigen, mit einem — 106— „Wort um in Sie zu dringen, eine Verbin⸗ „dung zu ſchlieſſen, welche— nicht die un⸗ „ſrige iſt. „Es iſt unnöthig, und ich wurde mir „Vorwuͤrfe daruͤber machen muͤſſen, Ihnen „ein Herz zu offnen, das ſeinen liebſten Em⸗ „pfindungen entſagen muß.„ Meine Sin⸗ „ne verwirren ſich! es genuͤge Ihnen Herr „Marquis, zu wiſſen, daß ich Sie beſchwo⸗ „re, den Wunſch Ihrer Verwandten zu er⸗ „fuͤllen. Sie liebten mich einſt, und ich „ſelbſt bitte Sie, beſchwore Sie jezt, zum „Beweis dieſer unglucklichen Zaͤrtlichkeit, jene „Verbindung einzugehn.„ Noch einmal, „nehmen Sie die Gattin an, die man Ihnen „vorſchlaͤgt. Laſſen Sie uns von dieſem Au⸗ „genblick an beſchlieſſen, o Lorimon, werde „ich die Kraft haben, das Wort zu ſchreiben, —L————————— —————— — — uns auf ewig zu entſagen. uns nie wie⸗ „der zu ſehn.„ Fragen Sie nie, ob ich „noch lebe Vergeſſen Sie ſelbſt meinen „Vater.“ Eeeinige Zeilen mehr waren unleſerlich. So⸗ phiens Thraͤnen hatten die Worte verwiſcht. Dieſer Brief zerriß mein Herz! Ungeach⸗ tet des grauſamen Verbots meiner ungluͤckli⸗ chen Geliebten, will ich zu ihrem Vater eilen. In dem Augenblick erſcheint meine Mutter; ſie hatte meinen Zufluchtsort entdeckt. Keine Drohungen ſchreckten mich jezt mehr aus ihrem Munde, mit der ganzen Macht der muͤtter⸗ lichen Zaͤrtlichkeit, dringt ſie in mich mit Thraͤnen, mit den ruͤhrendſten Bitten„ Endlich gelingt ihrs, mich zu uͤberwinden, ſo ſiurk iſt die Gewalt der Natur. Ich habe nachgegeben, verſprochen, mich allem zu un⸗ 8 . terwerfen, was ſie und mein verlangen. Ich habe mich zur ſchrecklichſen Aufopferung verpflichtet. Ich begleite meine Mutter„und wir kehren beyde in die vaͤter⸗ liche Wohnung zuruͤck. Aller meiner Mutter gethanen Verſpre⸗ chungen ungeachtet, ungeachtet derer, die ich mir ſelbſt gethan hatte, ergreife ich eine guͤn⸗ ſtige Gelegenheit, eile zu Dinval; ein Be⸗ dienter uͤberreicht mir dieſes Billet. „Meine Toehter„ Herr Marquis, hat „mir den Schritt, welchen ſie gethan hat, und dicut von Geſetz, welches Sie in unſer bey⸗ „der Namen Ihnen vorſchreiben zu muͤſſen „geslaubt hat, nicht verhehlt. Ich wieber⸗ „hole es Ihnen, es bleibt Ihnen nichts „uͤbrig, als den Willen Ihrer Familie zu er⸗ „fullen. Ich habe alles, was Sie thun kon⸗ Vater von mir — uen, voraus geſehn, Herr Marquis. M ne Tochter und ich haben Paris verlaſſen. „Unſer Aufenthalt wird allen Ihren Bemuͤ⸗ „hungen, jeder Nachforſchung, nicht zu ent⸗ „decken moͤglich ſeyn. Wir werden erſt dann „zuruckkehren, wenn Mademviſelle Dorſemon 5„Ihre Gattin iſt. Ich erwarte von Ihrer „Rechtſchaffenheit, daß Sie Ihr Wohl, und „das unſrige wollen werden. Beydes macht „Ihnen jene Handlung zur Pflicht, ich wer⸗ „de wie ehemals, ihr Freund ſeyn, Dinval.“ Ich muß mich alſo entſchlieſſen, mich dem Willen meiner Eltern zum Opfer zu bringen, mich mit einer andern als Sophien verbinden, die mich die Reize der Tugend kennen lehrte, indem ſie mir die wahre Liebe einfloͤßte. Ich werde meiner kuͤnftigen Gattin vor⸗ geſtellt, und mit einer Gleichguͤltigkeit auf⸗ — 110— genommen, die nicht vermuthen ließ, daß die⸗ ſe Ehe ſich nicht in Liebe verwandeln wuͤrde. Wie unaͤhnlich war ſie Sophien. Alle Kuͤn⸗ ſte ein tiefes Studium der Koketterie; eini⸗ ge Annehmlichkeiten, die man ſah, aber nicht fuͤhlte, ein Anſtrich von Stolz, welcher bald das Wohlwollen bernichtete, welches man beym erſten Blick empfand, und welches die Jugend allezeit einflößt, viel angenommene, und kein einziger natuͤrlicher Zug. Dieß iſt ohngefaͤhr die Skizze des Gemaͤldes der Frau, welche man mir beſtimmte. Ihr Vater nahm mich mit viel Artigkeit auf. Ich gehe ſchnell uͤber dieſen Zeitraum weg. Unſere Heirath wird vollzogen. Ich bin der Gatte einer reichen Erbin, die ohne Aufhoͤren ſich ihres Reichthums und ihrer ho⸗ hen Geburt ruͤhmte, Aglaja,(ſo hieß mei⸗ —————— ne Frau) liebte mich nicht mehr als ich ſie. Sie hatte viel Geſchmack fuͤr die rauſchend⸗ ſten Zerſtreuungen, auch ich hatte mich wie⸗ der dem Taumel der geſellſchaftlichen Freu⸗ den uͤberlaſſen. Zuweilen erſchien mir wohl warnend Sophiens Bild, welches ich nicht aus meinem Herzen verbannen konnte, aber wenig Augenblicke nur dauerte ſein Einfluß, und ich ließ mich von dem Strohm fortreißen. In einem ewigen Taumel, von einem truͤge⸗ riſchen Genuß zu dem andern eilend, beſchaͤf⸗ tigte ich mich mit keiner Pflicht meines Stan⸗ des, zufrieden mit dem äußern Glanz, dem Schimmer, der nur fremde Augen blendet, und den eignen oft ſo laͤſtig iſt. Von wie viel Taͤuſchungen ſind wir um⸗ ringt, und wie ſchnell wuͤrden ſie vor un⸗ ſerm Blick verſchwinden, wenn wir die Kraft * — 712— nachzudenken haͤtten. Iſt der Menſch denn geſchaffen, um die Wahrheit ewig zu fliehn? Ich wußte nicht, an welchem Ort ſich Dinval und ſeine Tochter verborgen hatten. Ich konnte ſie nicht vergeſſen, ſo nothig es meiner Ruhe auch geweſen waͤre. Sophie hatte mich gelehrt, daß ich ein Herz hatte, uͤber meinen jetzigen Zuſtand ſuchte ich mich zu taͤnſchen: meine Gattin war nicht dazu gemacht, um mich dem Nachdenken zuruckʒů⸗ fuͤhren. Mit aͤuſſerſtem Erſtaunen glaube ich ei⸗ nes Tages in einiger Entfernung von miß⸗ Dinval zu erblicken. Ich verdopple meine Schritte. Ich hatte mich nicht geirrt. Er ſcheint mich vermeiden zu wollen, ich rufe ihm zu„Sie ſind es, mein Freund, und „ſcheinen mich zu fliehen!“—„Erlauben Sie, —,——————— —,——————————— „Sie Herr Marquis, antwortet er finſter „und traurig, daß unter uns keine Erklaͤrung „ſtatt finde;— laſſen Sie mich, ich muß „Sie verlaſſen.“—„Dinval, Sie zerreiſ⸗ „ſen mir das Herz, o ſprechen Sie mit mir „von ſich, von Sophien, geben Sie mir „Nachrichten von ihr.“ Der ehrwuͤrdige Mann brach in Thraͤnen aus.„Meine Toch⸗ „ter! Herr Marquis, meine Tochter iſt den „Armen ihres Vaters entriſſen: ein grauſa⸗ Schickſal hat uns fuͤr immer getrennt!“ —„Gott! ſie iſt alſo nicht mehr“—„Zwi⸗ „ſchen dem Stand, den ſie gewaͤhlt hat, und „dem Tod iſt wenig Unterſchied... Sophie hat „ein Geluͤbde ansgeſprochen, das nicht das „ihrer Vermaͤhlung war! Sie hat den „Schleyer genommen. Und dieß iſt Ihr „Werk, oder vielmehr das meinige! Ich habe Lorimon l. H „die Marter, die mein Herz zerreißt, verdient. „Noch einmal, Herr Marquis, ſchonen Sie „mich. Sie wiſſen nun alles, leben Sie „wohl.“ Er verſchwindet, und laͤßt mich allein in Verzweiflung zuruck, ich habe nicht einmal die Kraft ihm nachzugehn. Ach, welche grauſamen Vorwuͤrfe zerreiſſen nicht mein Herz, in meine Verbindung mit einer andern, als dieſem unglucklichen Opfer ihrer Zaͤrtlich⸗ keit, eingewilligt zu haben! Ich eile zu meiner Mutter„ ich weine meinen Schmerz an ihrem Buſen aus: ſie ver⸗ ſucht alles, mich zu troſten.„Mein Sohn, „ſagt ſie mit wahrhaft muͤtterlicher Zaͤrtlich⸗ „keit, wie kannſt du deine Wahl bereuen? „Bedenke doch, daß deine Frau dir ein anſehn⸗ „liches Vermoͤgen zubrachte.“—„O, mei⸗ „ne Mutter! das Vermoͤgen iſi ja nicht die Liebe“ Die Zeit, die einen ſo maͤchtigen Einfluß auf uns hat, und meine gswohnte Lebens⸗ weiſe, verwiſchte allmaͤhlich das Andenken dieſer Begebenheit. Ich gab mir inzwiſchen Muͤhe, Dinval wieder zu ſehen. Sie war fruchtlos, er blieb unſichtbar. Ich glanbte die Herzhaftigkeit allein ſey hinlaͤnglich, die Pflichten meines Standes aus⸗ zufuͤhren, und uͤberließ meinen Untergebnen alles andre. Dieß Betragen zog mir Vor⸗ wuͤrfe von Seiten des Kriegsminiſiers und meiner Verwandten zu. Alles, was man mir hieruͤber ſagte, machte nur einen voruͤberge⸗ henden Eindruck auf mich: ich begnuͤgte mich zu antworten, daß ich in der Schlacht un⸗ zweideutige Beweiſe meines Muths geben H3 — 6— wuͤrde, mittlerweile gab ich eine Probe davon in einem Zweikampf, der fuͤr mich ehrenvoll ausfiel„und in welchem ich einen Degenſtich bekam, zu deſſen Heilung ein Jahr picht hin⸗ reichte. Meine Frau und ich waren der Pracht und dem Lurus bis zur Ausſchweifung ergeben, ſie wurde die Goͤttin der Mode genannt. In unſern Ausgaben kannten wir keine Grenzen, die ſeltſamſten Launen fielen uns ein, und wir eilten ſie ſchnell zu befriedigen. Ein ſehr wuͤrdiger Mannn, den eine vieljh⸗ rige Freundſchaft mit einem meiner Verwand⸗ ten, in unſere Geſellſchaft eingefuͤhrt hatte, kommt eines Tages in mein Kabinet, eine kurze Unterredung mit mir zu verlangen, die ich ihm ſogleich zugeſtehe.„Marquis, ſagt er zu mir, „Sie ſind reich, und ich befinde mich j in 8 — „der Verlegenheit, eine ziemlich anſehnliche „Summe einem Banquier, dem ich Vermdo⸗ „gen und Sicherheit zutraute, in die Haͤnde „gegeben zu haben. Der Mann hat Bankerot „gemacht und iſt faſt ganz ruinirt. Ich habe „eine Frau und drey Kinder. Der aͤußerſte „Mangel, den dieſe Unſchuldigen leiden, mit „deſſen Schilderung ich Sie verſchonen will, „druͤckt mich mehr als eigne Entbehrung nie⸗ „der. Hundert Louisd'or koͤnnten mich retten. „Ein ſicheres Einkommen von ſechshundert „Franken, welches ich aus den Truͤmmern „meines Vermdoͤgens gerettet habe, iſt vollig „Schulden frey. Dieſes wurde meinen Glaͤu⸗ „biger ſichern. Die Freundſchaft, mit welcher „einer Ihrer Verwandten mich ſchon lange „beehrte, laͤßt mich dieſen Dienſt von Ihrem „Herzen hoffen.“—„Ich wuͤrde ſehr er⸗ „freut ſehn, unterbreche ich ihn, Ihnen nůtz⸗ „lich zu ſeyn, aber meine Lage erlaubt mir „nicht, dieſes Vergnugen zu genießen.. „Wie, ſollten Ihre Umſtaͤnde nicht ſo vor⸗ „theilhaft ſeyn, als alle Welt es glaubt?““— „Sie bedenken die Nothwendigkeit nicht, in „welcher ich mich befinde, ungeheure Ausga⸗ „ben machen zu muͤſſen.“—„Sie ſollten alſo „wirklich nicht hundert Louisd'or miſſen kon⸗ „nen, die Ihnen puͤnktlich wiedererſiattet „werden ſollten“2„Nicht einen einzigen, „erwiedre ich ſchnell, auſſerdem nehme ich „bielen Antheil an Ihrem Schickſal, und be⸗ „daure Sie ſehr aufrichtig.“ So erfullte ich meine Pflicht, die Pflicht, dem Freund meines Ve erwandten, dem mei⸗ nigen, einem Menſchen beyzuſtehn; einem —— Menſchen, der unter einem Elend erlag, wel⸗ ches er ſich nicht zugezogen hatte! Im nemlichen Augenblick tritt ein Juwe⸗ lenhaͤndler herein, welchem meine Frau dreihundert Louisd'or ſchuldig war, und ich begehe die ſtrafbare Unbeſonnenheit, an meinen Schreibtiſch zu gehn, und in Gegenwart des achtungswerthen Ungluͤcklichen, der mein Herz in Anſpruch genommen hatte, und nun mit Thraͤnen in den Augen vor mir ſtand, ſie aufzuzaͤhlen.—„Man muß ſeine Schulden „bezahlen, ſage ich mich entſchudigend zu „ihm, Sie ſeheð wie wenig mir ubrig bleibt.“ —„H, Herr Marquis, erwiederte er, und „ſeine Thraͤnen ſirdhmen ſtaͤrker, iſt die „Wohlthaͤtigkeit nicht auch eine Schuld? ich „hielt ſie immer fur die erſte von allen!. „Ich werde mich nie wieder ausſetzen, vor 15 —„Ihnen erroͤthen zu muͤſſen.“ Er verließ mich ſchnell, und nie ſah ich ihn in meinen Geſellſchaften wieder. Man wird ſich erinnern, daß das Spiel eine meiner Hauptieldenſchaften war, dieß Vergnuͤgen, oder vielmehr dieſe ſchaͤndliche Verirrung, unter welcher ſich gewoͤhnlich die niedrigſie Selbſtſucht, der empoͤrendſie Ei⸗ gennutz verbirgt, war das groͤſte meiner Laſter. Ich komme zu dieſem Gegenſtand zuruͤck, weil man nie oft genug ſeine ganze Abſcheulichkeit ſchildern kanu„und weil ich genau mein vor⸗ wurfswuͤrdiges Leben zu ſchildern beſchloſſen habe, glaube ich mich nicht beſſer darſtellen zu duͤrfen, als ich war. Mein Ungluͤck wollte eines Lages, daß ich eine anſehuliche Summe wagte, Sewana und den gaͤnzlichen Ruin eines un⸗ — 12— glucklichen Hausvaters veranlaßte, der beym Herausgehen aus dem Schlupfwinkel des La⸗ ſters, wo wir geweſen waren, unfaͤhig ſein Elend zu ertragen, ſich durch einen Schuß das Leben nahm. Ich erfahre den ungluͤcklichen Vorfall; laut klagt mich die Stimme meines Gewiſ ſens an. Das Entſetzen uͤber meine That er greift mich, ich kann mirs nicht verbergen ich war der Moͤrder des Ungluͤcklichen. W unendlich wird dann meine Quaal noch ven, groſſert, als ſeine verzweifelnde Frau zu mi⸗ gelaſſen zu werden, verlangt. Von fuͤn, Kindern umgeben, tritt ſie herein, mit ſtrol menden Angen ſtuͤrzt ſie zu meinen gägen Ich will ſie aufheben.„Nein, ruft z Herr, „Marquis, ich werde nicht aufſtehn, ich wil „nicht aufſtehn, hier zu Ihren Fuͤßen wil — 122— „ich, wollen dieſe fuͤnf unſchuldigen Opfer ſterben! Nur der Tod bleibt uns uͤbrig, wenn unſer Flehen, wenn unſre Thraͤnen Sie nicht „ruͤhren. Der ſchreckliche Tod des Vaters „dieſer Kinder, meines Gatten, hat uns oh⸗ „ne Rettung elend gemacht. Von dem de⸗ „muͤthigſten, furchtbarſten Mangel umgeben, „bleibt uns keine andere Zuflucht, als das „Grab. Er gab Ihnen alles Geld, was wir beſaßen, dieſer Summe fugte er noch Wech⸗ ſel hinzu, die den Werth des wenigen Ver⸗ ſ„moͤgens betr agen, das uns noch uͤbrig blieb; wenn wir ſie bezahlen muͤſſen, ſo bleibt mei⸗ ,nen Kindern und mir nichts uͤbrig, als „ ſchnell dem Beyſpiel ihres ungluͤcklichen Va⸗ † „ters zu folgen; uns von einem Daſeyn zu beftehen, das dann tauſendmal ſchrecklicher „„waͤre, wie der Tod.“ — 123— ch laſſe dieſes Opfer eines ſo bedaurens⸗ wuͤrdigen Schickſals nicht ausreden: mein Herz iſt zerriſſen, ich hebe Sie gegen ihren Willen auf, und trage ſie auf einen Stühl, wo ihre Kinder ſie mit ihren Thraͤnen baden, und mit den zaͤrtlichſten Liebkoſungen zu beru⸗ higen ſuchen. Während deſſen bin ich zu mei⸗ nem Schreibtiſch geeilt: habe die Wechſel ge⸗ holt, die ich ſchnell den Haͤnden des ungluͤck⸗ lichen Weibes uͤbergebe, deſſen Anblick mich das Abſcheuliche einer Leidenſchaft, der Quelle ſo vieler Verbrechen, einſehen ließ:— „Mein Herz iſt zerriſſen, Madame. Hier „ſind die Wechſel, die gegen mich zengen. „Sie laffen mich empfinden, wie viel ein „Spieler ſich vorzuwerfen hat. Ich fuͤge die⸗ ſen Wechſeln hundert Louisd'or bey, welche „ich Sie anzunehmen bitte. In einigen Ta⸗ „gen werden andre hundert nachfolgen. Ich „bin vielleicht ſo bedaurenswerth als Sie! „ch fühle, daß ich der ſtrafbarſte der Men⸗ „ſchen bin! Noch einmal will die Ungluͤckliche und ihre Kinder, welche ſie ihrem Beyſpiel zu fol⸗ gen, beſiehlt, zu meinen Fuͤßen niederſinken. „O, meine Freunde, rufe ich in der hochſten „Ruͤhrung, ſie von meinen Thraͤnen benezt, „in meine Arme ſchließend, aus, ich ſollte „zu euren Fuͤßen knien.„ Lebt wohl, „wir muͤſſen uns trennen. Leben Sie wohl, „Madame, Sie haben mich die ganze Große „meines Verbrechens einſehen gelehrt. Sou⸗ „te das Schickſal Ihnen neue Pruͤfungen auf⸗ „behalten haben, kommen Sie zu mir; ich „werde Ihnen den Antheil beweiſen, den ich „an allen Ihren Leiden nehme.“ Ich war einige Tage tief gebengt uͤber dieſe erſchuͤtternde Begebenheit. Ich gelobte mi, nie einer Karte wieder anzuruͤhren. Der Vorfall war allgemein bekannt geworden, je⸗ derman ſprach mit mir davon, jede Erwaͤh⸗ nung riß die blutende Wunde von neuem auf. Am heftigſten wurde mein Schmerz, als man mir einen Brief brachte, deſſen Außſchrift von Sophiens Hand war. Schnell breche ich ihn auf, mit Todesſchauer leſe ich folgendes: „Ich ſterbe, Marquis, und glaube, daß „es mir in dieſem Angenblick Ihnen zu ſchrei⸗ „ben erlanbt ſey: Daß ich den Himmel nicht „durch einen Schritt beleidigen werde, deſſen „einziger Zweck iſt, Sie zur Wahrheit, zur „Tugend zuruͤckzurufen, Ihnen die Augen „uͤber die Verirrungen zu dͤffnen, denen Sie, wie ich yore, ſich Preis geben. Noch ein⸗ — 126— „mal, ich hoffe nicht durch dieſe Zeilen, mich „an meinem Stand zu verſuͤndigen. Jezt „darf ichs Ihnen geſtehen, Sie flößten mir „einſt Empfindungen ein, die mich in unſerer „Verbindung mein Gluͤck erwarten ließen. „Ich habe dieſe Empfindungen unterdruͤckt, „Gott allein erfuͤllt mein Herz, ihm habe ich „mein ganzes Daſeyn geweiht, ſeit der Zeit „ O weg mit dieſer Erinnerung, alles „gebietet mir, ſie zu entfernen, mein lezter „Seufzer gehore dem hochſten Weſen. Moͤch⸗ „te ich ihm einen Beweis von meiner Liebe „zu meinen Pflichten geben koͤnnen, indem „ich eine gluckliche Reue in Ihrem Herzen „zu erwecken, dazu beyzutragen vermoͤchte, „Sie einem allzutraurigen Abwegzuentreiſſen, „auf welchem Sie ſich bis zu der ſchrecklichen nenbigkit verirrten„ ſich den Tod ei⸗ — 127— „nes Menſchen vorzuwerfen zu haben.„ „Ach! es war ein Freund meines Vaters, „des ſo zaͤrtlich geliebten Vaters, der unſere „Trennung nicht uͤberleben konnte. Er iſt „nicht mehr. Ich verlohr ihn auf immer, „jezt ſterbe ich in der Hoffnung, ihn wiederzu⸗ „ſehn. Aber Sie, Lorimon, leben Sie, um „die Verirrungen wieder gut zu machen, zu „welchen Sie die Welt verleitete. Laſſen „Sie mich mit der Ueberzeugung aus der „Welt gehen, daß meine Ermahnungen Sie „ruͤhren, Sie auf den Weg der Tugend zu⸗ „ruͤckfuͤhren werden, den man nie ungeſtraft „verlaͤßt. Leben Sie gluͤcklicher als ich. „Oſft ſiorte der Gedanke, meinen des Troſtes „ſo beduͤrftigen Vater verlaſſen zu haben, „mich in den heiligen Pflichten, welche ich „mir auferlegt hatte.„ Ach noch ein an⸗ — 128— „dres Andenken.„ Leben Sie wohl, auf „ewig wohl! „Mochte mein Brief die erwuͤnſchte Wir⸗ „kung auf Sie haben. Moͤchte er Sie vor „dem grundloſen Abgrund warnen, in wel⸗ „chen Sie ſich ſturzen werden! Glauben Sie „mir, eine wahre Freundin ſchrieb dieſe Zei⸗ „len. Nein, ich hoffe nicht, daß der Him⸗ „mel mir dieſen Namen zu geben verbietet. „Verſuchen Sie nicht, mich zu ſprechen, wenn „Sie didſen Brief erhalten, werde ich nicht „mehr ſeyn.“ Ich unterwerfe mich nicht dem Verbot des unglucklichen Maͤdchens. Ich eile in ihr Klo⸗ ſter. Von ihren weinenden Mitſchweſtern hore ich, daß ſie zu leben aufgehoͤrt hat. Dieſe Begebenheit, wie jene„wo ich mir den Tod des armen Hausvaters vorzuwerfen hatte, — 129— yutie, enttiſſen mich auf einige Zeit dem Lau⸗ mel, in dem ich gewoͤhnlich lebte. Ich ſuchte ſogar mich mit leſen zu beſchaͤftigen. ch war endlich dazu gelangt zu uͤberlegen, mir Rechnung uͤber alle die taͤnſchenden Freuden abzufordern, die mich zu ſo ſtrafbaren Aus⸗ ſchweifungen verleiteten. Mein Betragen war ſo veraͤndert, daß ſelbſt meine Fran mich zum Ziel ihres Scherzes machte, waͤhrend ſie ſelbſt ſich ſorglos ihren mannichfaltigen Lau⸗ nen uͤberließ. Einer meiner ſogenannten Freunde beglei⸗ tet mich eines Tages auf ein Gut, welches ich einige Meilen von Paris beſaß. Wir ſind allein, er bénnzt dieſen Umſtand.„Ich er⸗ „greife die Gelegenheit, ſagt er, mit aller „Freymuͤthigkeit der Freundſchaft mit Dir zu „ſprechen. Sage mir, was Dich in ſo einem Lorimon I. J „Grade hat veraͤndern koͤnnen. Weißt Du „wohl mein Lieber, daß ich gezwungen bin „Dir zu ſagen, daß Du ſehr ſchlecht die Rolle „eines guten Geſellſchafters ſpielſt.... Der „Vorwurf iſt hart, ich geſieh's, aber Du ziehſt „Dir ihn zu. Wenn Du ein Philoſoph waͤrſt, „Du koͤnnteſt nicht finſtrer, menſchenfeind⸗ „licher ausſehn. Ich habe Dich mit großer „Bewegung den Tod eines Mannes erwaͤhnen „hoͤren, der„als ob das Deine Schuld „waͤre: Du liefſt ja die nemliche Gefahr.. „Konnteſt Du nicht auch verliehren? Und „nenne mir doch einmal den Mann von gutem „Ton, der nicht ſpielt? Ueberdem, ſind wir „nicht alle ſterblich, mein Freund? wenn Du „drauf beharrſt, mit dem ganzen menſchlichen „Geſchlecht geſpannt zu ſeyn, ſo thuſt Du am „beſten, Du gehſt ins Kloſter. So kannſt Du — — 731— „unmoͤglich in der Welt gefallen, man er⸗ „kennt Dich ja kaum mehr.“ Ich erzaͤhle ihm von Sophien, ich zeige ihm ihren Vrief.—„Iſt das nicht ein Ton, „wie eine wahre Bekehrerin, erwiedert er la⸗ „chend. Du liebteſi ſie, ſie Dich; ihr woll⸗ „tet Euch heirathen, die Umſtaͤnde erlaubten „es nicht, ſie nahm den Schleyer; ſie ſtarb! „Alles das iſt nichts auſſerordentliches. Ich „habe es Dir ſchon geſagt, ſind wir nicht alle „ſterblich? Ich wiederhole meinen Wahl⸗ „ſpruch: genieße! Dein guͤnſtiges Geſchick „hat Dich in die große Welt und eine ange⸗ „nehme Lage geſezt: Du wirſt von der Geſell⸗ „ſchaft, gegen welche Du jezt undankbar biſt, „geachtet und geliebt; aber bald wirſt Du die⸗ „ſen gluͤcklichen Einfluß verlieren. Eine „Wolke erhebt ſich uͤber Dein ganzes Weſen, J 2 „verfinſtert und veraͤndert Dein ganzes Betra⸗ „gen, weil ein Mann, der mit dir geſpielt „und verlohren hat, ſich erſchießt; weil die „Tochter eines andern, der es fehlſchlug Deine „Frau zu werden, ins Kloſter geht.. Die „Thorin, warum troſtete ſie ſich nicht, in⸗ „„dem ſie Deine Maitreſſe ward. Laß es ge⸗ „nug ſeyn mit Deinen ſchwarzen Launen, mein „Lieber, nimm die Dinge wie ſie ſind, und „gieb Dich der Geſellſchaft wieder, deren Lieb⸗ „ling Du warſt.“ Ich habe einige Bruchſtuͤcke dieſer ſonder⸗ baren Unterhaltung angefuͤhrt, um ein Bey⸗ ſpiel von der Zuſammenſetzung unuͤberdachter Begriffe, dem gaͤnzlichen Mangel an Gefuͤhl, den ſchlechten, unter einer verfuͤhreriſchen Auſ⸗ ſenſeite verborgenen Sitten, den karakterloſen — 133— Beurtheilungen, den Worten yhne Sinn, die nichts als ein eintdniges Geſchwaͤtz ſind, zu geben, die alle zuſammen genommen, man guten Ton nennt. Was aber noch auſſeror⸗ dentlicher ſcheinen wird, iſt, daß ich nach ei⸗ nigen Monaten, einer gluͤcklichen Ruͤckkehr zu mir ſelbſt, in die unverzeihlichſte Verblen⸗ dung zuruck fiel, alle meine vorigen laſterhaf⸗ ten Gewohnheiten nahm ich wieder an; die Fackel der Vernunft verloͤſchte gaͤnzlich in mir, und ich kehrte zu der Verdorbenheit zu⸗ ruͤck, die meiner Natur eigen geworden zu ſeyn ſchien. Das Spiel wurde mir unent⸗ behrlich, Sophiens Andenken wurde ſchwaͤ⸗ cher, und verloͤſchte in meinem Gedaͤchtniß, wie ein Traum. Ich ſuchte ſelbſt jeden Ge⸗ danken zu entfernen, der meine Lebensweiſe zu mißbilligen ſchien. Meine Frau, als — 134— meine genaue Kopie, ſuchte in dieſem Stuͤck ihr Original noch zu uͤbertreffen. Ich hatte zwei Kinder, eine Tochter und einen Sohn. Die Natur behanptet ewig ihr Recht. Mit Entzuͤcken ruhten meine Augen auf den unſchuldigen Geſchöpfen; aber ich be⸗ ſchaͤftigte mich wenig mit der Sorge fuͤr ihre Erziehung, zumal in der Epoche, wo des Menſchen zweite beſſere Eriſtenz, ſein mora⸗ liſches Daſeyn beginnt. Mit einem Wort ich hatte keinen Begriff von den Vetbindlich⸗ keiten der wahren Vaterwuͤrde. Ohngefaͤhr eben ſo gleichguͤltig war ich in Ruͤckſicht der Aufführung meiner Frau; die Gewohnheit zuſammen zu leben, hatte nicht die Liebe herbeygefuͤhrt, kaum Freunde wa⸗ ren wir. Und dennoch finde ich mich ſelbſt von einem ſeltſamen, unerwarteten Gefuͤhl dbemaſcht: ich werde eiferſuͤchtig. Meine Aglaja bemerkt meinen Argwohn; ſie benutzt einen Augenblick, wo wir allein ſind, und ſpricht ohngefaͤhr folgendes zu mir: „Seit einigen Tagen wuͤnſchte ich ſehr, „eine uns beide nothige Unterredung mit Ih⸗ „nen zu haben. Ich fuͤrchte, lieber Lorimon, „fuhr ſie laͤchelnd fort, Sie ſind eiferſuͤchtig. „Wirklich dieſe Laune fehlte Ihnen noch. „Laſſen Sie uns aufrichtig reden; wir ſind „nicht thorigt in einander verliebt, auch waͤre „es laͤcherlich, Liebenden vetzeiht man wohl „ſo etwas, Ehelenten nie, zumal ſolchen „wie wir„ Es iſt mir wohl zu fragen „erlaubt, was fur ein Recht Sie haben, ei⸗ „ne Zaͤrtlichkeit zu verlangen, die Sie ge⸗ „wiß ſehr entfernt zu erwiedern ſeyn wuͤrden? „Sie wiſſen, daß mir Ihre Art zu leben — 136—* „nicht unbekannt ſeyn kann. Sie ſcheinen „nicht unter die getreuen Ehemaͤnner gerech⸗ „net werden zu wollen. Man erkennt Sie „fuͤr den Helden der Galanterie; man ſpricht „uur von Ihrem Gluͤck bey den Weibern, „oft unterhält man mich ſogar mit Ihren ge⸗ „heimen Iutriguen. Ich haͤtte vielleicht ein „gleiches Recht, wie Sie zu handeln; aber „ich bin mir ſelbſt der wichtigſte Gegenſtand. „Auch ſeyd ihr Maͤnner alle ſo wenig geſchaf⸗ „fen, Liebe einzufloͤßen. Lachend ſetzte Sie „hinzu; mich ſelbſt liebe ich, mich zheit, „aber von ganzem Herzen, deswegen liebe ich „die Geſellſchaft, da ſuche ich die Vergnuͤ⸗ „gen, die Freuden, die nach meinem Ge⸗ „ſchmack ſind, meine einzige Leidenſchaft iſt, „nichts zu meinem Anzug zu ſparen. Ich „bin eutzuckt, im Schauſpiele alle Blicke auf 5 W — W „ „mich gerichtet zu ſehen, in den Augen mei⸗ „ner Nebenbuhlerinnen zu leſen, daß ich noch „gewaͤhlter als ſie gekleidet bin, es iſt mir „ſogar nicht unangenehm, wenn die jungen „Maͤnner von Ton mir Artigkeiten ſagen; „aber weiter erſtreckt ſich meine Sucht zu ge⸗ „fallen nicht. Ihre Eitelkeit, die ſo entfernt „von Zaͤrtlichkeit iſt, verbanne alſo jeden Ge⸗ „danken an Eiferſucht. Sind Sie mit'mei⸗ „ner Erklaͤrung zufrieden, Lorimon? Laſſen „Sie mir meine Fehler, behalten Sie die „Ihrigen. Wenigſtens handle ich nicht ge⸗ „gen die Ehre. Meine Vergnuͤgungen ko⸗ „ſten nur Geld; Ihre Freuden Doch „wir wollen abbrechen; ich will nicht den be⸗ „kehrenden Ton annehmen: ich habe Ihnen „Vermögen zugebracht, es iſt alſo billig, „daß ich mir kein Vergnuͤgen verſage, wel⸗ ches der Sittlichkeit nicht entgegen iſt. Sie „verſtehen mich, und ich hoffe Ihnen genug „„zu Ihrer Beruhigung, was mich betrifft, ge⸗ „ſagt zu haben.“ Dieſe Unterredung haͤtte mir die Augen gher meine Verirrungen offnen ſollen. Ich glaubte nunmehr wohl, daß meine Gattin mir tren ſey, allein ich fuͤhlte mich nicht ge⸗ ſtimmt, ihr nachzuahmen. Ihre Vorwuͤrfe wegen meiner Auffuͤhrung waren gerecht; ſie war im höchſien Grade unmoraliſch; jeden Tag vergroͤfſerten ſich meine Ausſchweifun⸗ gen, ich ſchwamm in einem Meer von Sit⸗ tenloſigkeit. Selbſt meine Mutter, obgleich auch ſie von dem Wirbel der Geſellſchaft fortgeriſ⸗ ſen ward, erwachte zuweilen aus ihrer Sorg⸗ loſigleit. Sie machte mir Porſtellungen, die aber um ſo fruchtloſer blieben, da ſie und mein Vater mir nie ein belehrendes Beyſpiel gegeben hatten. Der Strohm riß mich fort. Ich komme jetzt zu einem nur zu ſchreck⸗ lichen Beweis meiner Vergeſſenheit aller Pflichten, der ſtrafbarſten Vergeſſenheit der Tugend, der Menſchlichkeit. Bis zu meinem letzten Athemzug wird bie Reue wegen dieſer ſtrafbaren Handlung mich verfolgen. Moge der Himmel ſie einſt mir verzeihen. Herr von Malleroi, ein ſehr achtungswuͤr⸗ diger Mann, hatte, ich weiß nicht durch was fuͤr ein fuͤr mich und ihn ungluͤckliches Ohnge⸗ faͤhr, meine Bekanntſchaft geſucht. Er war verheirathet, und Vater von drey Kindern. Seine Frau beſaß unendliche Reize, die um ſo maͤchtiger waren, da die Tugend ihnen ih⸗ ren ruͤhrenden Zauber lieh. Nur allein an ihrem Mann und ihren Kinbern haͤngend, ſchien ſie die Kuͤnſte der Verfuͤhrung weder zu kennen, noch zu fuͤrchten. Ihre Tugend war ohne alle Anſpruͤche, ſie war ohne Stolz, weil ſie wahrhaft war. Eine bezaubernde Sanftheit verſchönerte ſie noch, und machte ſie noch anbetenswerther. Einer ihrer Blicke war genug, die heftigſte Leidenſchaft zu ent⸗ zuͤnden. Sprach ſie, ſo drang jedes ihrer Worte tief in das Innerſte der Seele ein, und ließ ein unaustilgbares Gefuͤhl zuruͤck. Alles was ſie that, trug einen Karakter, der nur ihr angehorte, Eulalie(dies war der Name der Zauberin) war niemanden aͤhnlich; ſie war ſie ſelbſt. Sehr wenig Weiber haben eine ei⸗ genthuͤmliche Gabe zu gefallen, dieſe war ein Beyſpiel eigner ungeborgter Annehm⸗ lichkeiten.„ — Nie hatte ich ein aͤhnliches Weſen jemals erblickt: anch war mein erſtes Gefuͤhl fuͤr ſie, Bewunderung. Ich wuͤnſchte meinem Freund Gluck zu dem ſeltnen Vorzug, eine ſo vollkommne Gat⸗ tin zu beſitzen. Ich weiß nicht, welche Ver⸗ blendung, welche Unvorſichtigkeit, den Un⸗ gluͤcklichen bewogen hatten, mich dieſes Weib kennen zu lehren. So viel Urſache er immer hatte, ihrer Tugend gewiß zu ſeyn, er haͤtte doch nicht ohne Furcht, ohne Vor⸗ ſicht, ſeines Gluͤcks genießen ſollen. Er haͤtte keine Zengen ſeines guͤnſtigen Geſchicks her⸗ beyrufen ſollen; wohl hatte das guͤnſtigſte, beneidenswertheſte Geſchick uͤber ihn gewaltet, da es ihm ein ſolches Weib verlieh! Iſt es denn, um wahres Gluͤck zu genießen, nothig, es oͤffentlich zu verkünden; es giebt Genſſe — 142— die man mit niemand theilen ſollte: gewöhn⸗ lich iſt dieſe Großmuth nur eine Wirkung un⸗ ſerer Eigenliebe, die dadurch der der andern eine kleine Kraͤnkung bereiten will. Bald wurden meine Gefuͤhle mehr als Bewunderung. Die Liebe, die heftigſte, lei⸗ denſchaftlichſte Liebe erfullte mein Herz, doch war es noch nicht ſo verhärtet, mich vergeſ⸗ ſen zu laſſen, daß ich Malleroi meinen Freund nannte: ich fuͤhlte, daß ich jeden Ge⸗ danken, ihm die Liebe ſeiner Frau, ſeiner ſo tugendhaften, ihren Pflichten ſo treuen, ihren Mann ſo zaͤrtlich liebenden Frau, zu rauben, verwerfen müſſe. Ich hatte noch einige Ehrfurcht fuͤr den geheiligten Namen einer Mutter dreyer Kinder. Die Unſchuld unſerer Neigungen, iſt von einer Hingebung, einem Vertrauen begleitet, — 143— welches die Zuruͤckhaltung tadeln wuͤrde, wenn dem Vorwurföfreyen Gewiſſen nicht das Mißtrauen fremd waͤre. Eulalie ſchien Vergnuͤgen darin zu finden, mich zu ſehen, mich ſprechen zu hoͤren; uͤberdem wußite ſie, daß ich der vertraute Freund ihres Mannes war. Ich bekaͤmpfte mein Gefuͤhl weniger, als ich es zu unterhalten ſuchte, nur in ſelt⸗ nen Augenblicken wuͤnſchte ich mir die Kraft, ihm zu widerſtehn. Mein Karakter veraͤnderte ſich. Ich hatte ernſthafte Stunden, in denen ich vom Nachdenken zum Truͤbſinn uͤberging. Ich kannte mich ſelbſt nicht mehr. Hundertmal war ich im Begriff, der Zauberin Eulalie mei⸗ ne Gefuhle zu geſiehen, in dem Moment, wo ich ſprechen wollte, floͤßte der nemliche Blick, der mich mit Liebe berauſchte, die tief⸗ — 144— ſie Ehrfurcht ein, die Ehrfurcht, die unwil⸗ kuͤhrlich das Verbrechen, vor der Tugend zit⸗ tern macht. Mallervi fuhr fort, mir Beweiſe der unei⸗ gennuͤtzigſten und aufrichtigſten Liebe zu geben. In einem jener Augenblicke, deren ich jetzt ſo viel hatte, wo ich mich den wider⸗ ſprechendſten Traͤumereyen uͤberließ, kam Monſernin, einer meiner Freunde, der ſel⸗ tenen Menſchen einer, der mitten unter den Verirrungen der groſſen Welt, ſelbſt ein Weltmann, eine unwandelbare Rechtſchaf⸗ fenheit zu erhalten gewußt hatte, zu mir. „Woher der ewige Truͤbſinn, Lorimon, re⸗ „dete er mich an, der Dich nie zu verlaſſen „ſcheint? Ahmſt Du etwa unſern huͤbſchen „Weibern nach, und laßt wie ſie, Dich von „unerklaͤrbaren Launen beherrſchen? Freimuͤthig erzaͤhle ich ihm die Geſchichte meiner Leidenſchaft fuͤr Mallerois Gattin.— „Mallervis? unterbricht er mich lebhaft: „Iſt er nicht einer Deiner beſten Freunde? „Man haͤlt ihn allgemein dafuͤr, Du ſelbſt „haſt mir ihn als ſolchen geſchildert, ſeine „Frau, ein Engel an Tugend, Mutter von „drey Kindern, ſoll ihn zaͤrtlich lieben, von „ihm angebetet werden„ O Lorimon, „wollteſt Du einen Vund trennen, der um „ſo heiliger iſt, weil er auſſer dem der Ehe, „der ihrer Herzen iſt. O mein Freund, indem „er ſich in meine Arme warf, entferne weit von „Dir, dieſen ſchrecklichen Gedanken! Sogar „die bloße Thorheit hat ja ihre Grenzen, dies „aber waͤre ein Verbrechen, welches Du Dir „Dein ganzes Leben durch vorwerfen muͤß⸗ „teſt.„ Haſt Du nicht die Kraft, Dich Lorimvn I. K 6 . — ½5— „ſelbſi zu beherrſchen„ ſinne einen Vorwand „aus, Dich von Malleroi zu trennen: nur „fliehend ſiegt man in dieſem Kampf. Be⸗ „denke die Folgen dieſer unſeligen Leidene „ſchaft; Du begingſt ein Verbrechen gegen „die Freundſchaft; Du waͤrſt Schuld an dem „ewigen Ungluͤck eines Mannes, der Dich „liebt, und den Du liebſt. Du raubteſt dem „Gatten die Zaͤrtlichkeit ſeines Weibes, den „Kindern ihre Mutter, eine ungetreue Gottin „kann keine gute Mutter ſeyn, Du zerſthrteſt „fuͤr immer den ſchönen Zauber einer Ver⸗ „bindung, die ohne Dich gluͤcklich geweſen „waͤre. Prage dieſe Vorſtellung feſt Dir ein, „laß dieſes Bild en Angen, Deiner Seele „immer gegenwaͤrtig ſeyn. Du kennſt mich, „Lorimon, ich bin kein Pedant, ein ſchoͤnes „Weib iſt fur mich der reizendſte Anblick, und — 147— „ nicht immer bleibe ich bey der Bewunde⸗ „rung ſtehen. Aber hier, ich bitte Dich, Lo⸗ „rimon, ſiege uͤber Dich ſelbſt, entſage dieſer „Eroberung, ſie koͤnnte Dir gelingen„ und „Du wuͤrdeſt dennoch elend, Du fehlteſt ge⸗ „gen die Ehre, gegen jede Pflicht, Du wuͤr⸗ „deſt Dir nie verzeihen.“ Betroffen uͤber das was ich gehoͤrt habe, geſtehe ich die Wahrheit von Monſernins Gruͤnden ein. Geruͤhrt danke ich ihm fuͤr ſei⸗ nen Rath. Wir trennen uns. Mein erſtes Geſchaͤft war, uͤber die Art, wie ich mich von Mallervi losmachen wollte, nachzudenken. Freilich ſtimmte mein Herz nicht in dieſen Vorſatz ein, nur der ſchwache Beyfall meiner Vernunft ſprach fuͤr ihn. In dieſem Znſtand der unleidlichſien Verlegen⸗ — 148— heit, erhielt ich einen Beſuch von Germon, einem meiner wuͤrdigen Geſellſchafter.„Gu⸗ „ten Tag, liebenswuͤrdiger Traͤumer, ſagt er „lachend, ich glaube wahrhaft, Du uͤberlegſt, „und was, wenn man fragen darf?“ Ich theile ihm mein Geſpraͤch mit Monſernin mit. „Aber Lorimon, ich erkenne Dich kaum, „Du biſt nicht mehr der nemliche. Laß uns „genießen, mein Freund, das Leben iſt zum „Nachdenken zu kurz! Nur Augenblicke ſind „uns beſchieden, laß uns ſie ergreifen, zu „benutzen verſtehn... Nun wie gehts mit „der Liebe, an Deine eheliche Treue glaube „ich nicht“. Ich erzaͤhle ihm nun weitlauf⸗ tiger den Inhalt meiner Unterredung mit Monſernin. Ich verlange ſein Wort, uͤber das ihm Anbertraute zu ſchweigen. Laut la⸗ chend antwortet er:„Lieber Lorimon, Du haſt —. — 149— „den Verſtand verlohren, und hegſt Ehr⸗ „furcht fuͤr Deine Narrheit. Du biſt der „alten Ritterzeiten wuͤrdig. Gegen die „Rechtſchaffenheit, die Freundſchaft, glaubſt „Du zu feblen: Frau von Nalleroi iſt eine „tugendhafte Gattin, lebt nur fuͤr ihre Pflich⸗ „ten, ihre Kinder, iſt nur von ihrem Mann „eingenommen, der ſie nicht weniger liebt. „Das iſt ja der ſchoͤnſte Stoff zu einem herr⸗ „lichen Drama; ganz Paris wuͤrde hineilen, „lieber Lorimon. Im Ernſt Deine Vernunft „verwirrt ſich. Nun hoͤrſt Du noch dazu den „albernen Monſernin an, ein Weſen, das ein „Nittelding zwiſchen Moͤnch und Weltmann „iſt, der ewig Gemeinſaͤtze herpredigt und „den Vernunftlehrer ſpielt. Man muß eine „eigenthuͤmliche Phyſiognomie in der Geſell⸗ „ſchaft haben, mein Freund, ſein Geſicht — 150— „nicht nach einer fremden Form mobeln. „Bis jetzt haſt Du Deine Rolle gut geſpielt, „fahre ſo fort; noch wenige Weiber hahen Dir „widerſtanden, und in dem ſchonſten entſcheis „denden Augenblick, wollteſt Du furchtſam „zuräcktreten? Mallervi iſt Dein Freund, de⸗ „ſto beſſer ſchickt es ſich, daß Du der Liebha⸗ „„ber ſeiner Frau biſt. Von iht biſt Du ei⸗ „„ner guten Aufnahme gewiß; die Weiber ge⸗ „fallen ſo gern, und der Unterſchted zwiſchen „einem Mann und einem Liebhaber iſt ſo „groß. Traͤtſt Du zuruͤck, Du wuͤrdeſt die „Zielſcheibe der Epigramme, die Fabel der „guten Geſellſchaft werden.“ Ich habe dieſe beiden Geſpraͤche neben einander geſtellt, um von der einen Seite den rechtſchaffnen Mann zu ſchildern, der ungeachtet ſeiner Schwaͤchen genug Karakter ——* — — beſaß, der Stimme der Tugend Gehoͤr zu ge⸗ ben: von der andern die Verderbtheit zu zei⸗ gen, der ſo manche Menſchen, die auf Ach⸗ tung Anſpruch machen, ſich nicht ſchaͤmen, nicht einen Vorwurf bey einem Leben empfin⸗ den, das aus unverzeihlichen Verirrungen, und den ekelhafteſten Laſtern beſteht. Leicht trug der veraͤchtliche Germon den Sieg uͤber meine Vernunft dabon. Mein Herz dffnete ſich willig ſeinen verfuͤhreriſchen Vorſtellungen. Ich vergaß gaͤnzlich Mon⸗ ſernins ruͤhrende Ermahnungen/ die Art von Ruͤckblick auf mich ſelbſt, den ſie bewirkt hat⸗ ten. Ich uͤberließ mich von nun an nur den Eingebungen meiner Leidenſchaft. Je mehr ich Eulalien ſah, je deutlicher wurden mir die unuͤberwindlichen Hinderuiſſe, die ſich meinem Verfuͤhrungsplan entgegen ſetzten. Ich konnte mir ihre wahre Anhaͤng⸗ lichkeit amihren Mann, an ihre Pflichten nicht verbergen, ihre von allem Prunk entferute anſpruchsloſe Tugend„ihre reine Seele, die nur von der Liebe zu ihrem Gatten und zu ih⸗ ren Kindern erfuͤllt war. Weit entfernt, den geringſten Argwohn von meinen ſtrafbaren Abſichten zu haben, verbarg ſie mir nicht, daß ſie einige Freundſchaft fuͤr mich fuͤhlte, ſie horte nicht auf, ihrem Maun zuzureden, mir ganz die ſeinige zu ſchenken. Ich haͤtte faſt gewuͤnſcht, weniger Freymuͤthigkeit in ihr zu finden, ich haͤtte eher hoffen duͤrfen, mei⸗ nen Zweck zu erreichen. Die zu mistrauiſche Tugend eines Weibes iſt oft die Verkundige⸗ rin ihres nahen Falles. Eine zu ſtrenge Zu⸗ ruͤckhaltung iſt nicht immer ein Beweis der Herzensreinigkeit. ———— — 153— Malleroi und ich bereden uns zu einer Landparthie: Eulaliens Gegenwart erhob die⸗ ſes Vergnuͤgen fuͤr mich zu einer Sache von Wichtigkeit. Mehrere Perſonen ſollten von der Geſellſchaft ſeyn. Wir reiſen ab. Wir kommen an einen Ort, den die Natur ſelbſt mit allen ihren Reizen, allen ihren Reichthuͤmern geſchmuckt hatte. Gaͤrten, in denen die ſchoͤnſten Blu⸗ men, die wohlriechendſten Duͤfte, die ein⸗ ladendſten Fruͤchte jeden Sinn bezauberten. Ein reizendes Gehoͤlz, das die ſanfteſten, ruͤh⸗ rendſten Schwaͤrmereien erweckte; die man⸗ nigfaltigen Geſaͤnge unzaͤhlbarer Voͤgel aller Arten, die um den Preis ihrer ſuͤßen Harmo⸗ nie zu wetteifern ſchienen; dichte Lauben, durch deren ſchmeichelnden Schatten das rei⸗ ne Blau des heitern Himmels blickte; ach, — 154— und mehr, unuͤberſchwenglich mehr als alles dieſes, Eulaliens Gegenwart, dies waren die Genuͤſſe, in deren Seligkeit meine Seele ſich berauſchte. Nein, es giebt keinen Aus⸗ druck, um zu ſchildern, was ich da empfand. Wie maͤchtig beherrſchte mich Eulaliens An⸗ blick in dieſen entzuckenden Augenblicken! Sie ſchien die Gottheit dieſes bezuubernden Aufenthalts zu ſeyn. Dieß war die wahre Magie der Seele, deren Andenken noch die⸗ ſes kalte, faſt erſtorbne Herz erwaͤrmt. 4 Jederman uͤberließ ſich der reizenden Einladung dieſes verfuͤhreriſchen Orts. Ein nur zu unguͤnſtiges Schickſal will, daß Eu⸗ lalie und ich uns von der uͤbrigen Geſell⸗ ſchaft getrennt finden. Der Anblick einer rei— Vnden Gegend, der ſchoͤnen Natur, die ſich ſelbſt ihres kunſtloſen Zaubers zu frenen — 155— ſcheint, ſtimmt die Seele, ſich der ſanfteſten Ruͤhrung, dem Gefuͤhl der Liebe zu uͤberlaſ⸗ ſen. Ihr, die ihr nie zu lieben gelobt habt, flieht die Einſamkeit und das Land; da ſchoͤpft die Leidenſchaft den Zaubertrank, der ſie unuberwindlich macht. „Warum ſind meine Kinder nicht hier,“ ſind die erſten Worte, welche Madame Mallerdi ausſpricht,„ich glaube ſie wuͤr⸗ „den die Schönheit dieſer Gegend empfin⸗ „den, ſie wuͤrden mir hier noch lieber „werden. Wie haben wir uns aber von „meinem Mann entfernt? ſeine Gegenwart „wuͤrde den angenehmen Eindruck, den dieſe „Gegenſtaͤnde auf mich machen, noch ver⸗ „mehren. Finden Sie nicht wie ich, Mar⸗ „quis, daß dieſer Ort ſehr reizend iſt?. er „ladet zum Nachdenken ein.“„Ja, Ma⸗ — 156— „dam, man lebt ſich hier mehr ſelbſt, als in „den Pariſer Geſellchaften, man fuͤhlt leb⸗ „hafter, die Freundſchaft wird hier inniger „ ſie gleicht hier mehr der Liebe.“— „Es iſt wahr, ich glaube, wenn ich hier mit „meinem Mann wohnte, ich wuͤrde ihn noch „mehr lieben;“ bey dieſen Worten war der Ausdruck ihrer Angen bezaubernd; ihre Schoͤnheit, ruͤhrender noch als ſonſt, war faſi uͤberirrdiſch. Ich ſeufzte.„Was fehlt Ihnen, „Marquis? Sie ſcheinen traurig“—„Un⸗ „willkuͤhrlich beneide ich das Gluͤck meines „Freundes“—„Aber, lieber Lorimon, ha⸗ „ben Sie denn nicht auch eine Gattin?“— „D Madame, wie unendlich tief fuͤhle ich, „wie verſchieden von Ihnen ſie iſt. Waͤre „meine Frau Ihnen aͤhnlich, ich wuͤrde un⸗ „bezweifelt der glůͤcklichſie der Maͤnner ſeyn. — 157— „Doch wo iſt das Weib, das ſich mit Ihnen „vergleichen duͤrfte? Ja, da Sie ihn lieben, „iſt Malleroi auf dem hoͤchſten Gipfel des „Gluͤcks.“—„Seit wir uns kennen, nimmt „Eulalie das Wort, hat mein Hekz nicht auf⸗ „gehoͤrt ihm anzugehoren. Mein ganzes Da⸗ „ſeyn iſt einzig meinem Mann und meinen „Kindern gewidmet, die ſind es, um derentwil⸗ „len mir das Leben lieb iſt.“—„Dieſe Em⸗ „pfindungen Madame, ſollten die der Freund⸗ „ſchaft nicht verbieten“—„Ich verſage ſie „mir ja auch nicht, Mallerois Freund iſt „auch der meinige.“—„Darf auch ich hof⸗ „fen, daß Sie mir dieſen ſchmeichelhaften „Namen geben?“ O warum trafen in die⸗ ſem Moment ihre Blicke nicht die meinigen? unbefangen antwortet ſie—„ſeit wenn zwei⸗ „feln Sie, daß ich nicht die Freundſchaft, die — „er mit ſo viel Recht fuͤr Sie fuhlt, mit ihm „theile? Ich glaube, daß Sie es werth ſind, „unſer Freund zu ſeyu.“—„Ihr Freund, „Madame““... Ich kann nichts weiter ſpre⸗ chen: ich ſinke zu Eulaliens Fuͤſſen;—„O, „Madame koͤnnte ich doch verdienen Ihr Ge⸗ „liebter zu ſeyn?“—„Welches Geſtaͤndniß „haben Sie ſich erlaubt, Herr Marquis? ha⸗ „be ich recht gehort? Laſſen Sie mich „fliehen..“„Vergebung, Vergebung,“ rufe ich und bemuͤhe mich umſonſt, ſie zuruͤckzu⸗ halten.„Schon habe ich zu viel gehort, ich „verlaſſe Sie, Marquis;„ wriderſetzen „Sie ſich nicht dem, was mir meine Liebe „zu meinem Mann, meine Pflicht, alles, al⸗ „les gebietet. Laſſen Sie uns nie wieder ſe⸗ „hen, nie. Groſſer Gott! konnte ich eine „ſolche Beſchimpfung erwarten,“ — 159— Schnell eilte Eulalie von mir hinweg, ich laufe ihr nach, noch einmal umfaſſe ich ihre Knie:—„Einen Augenblick, Madame, „nur noch einen Augenblick horen Sie mich. „Vergeben Sie den Ausbruch einer Empfin⸗ „dung, die, ich ſchwoͤre es Ihnen, ich nach „allen meinen Kraͤften zu unterdruͤcken, mich „bemuͤhen will. Nie ſollen Sie mehr mir ei⸗ „nen Vorwurf uͤber dieſen Gegenſtand zu „machen haben; entziehen Sie mir den Na⸗ „men Ihres Freundes nicht, er wird mich „fuͤr meine andern Aufopferungen entſchaͤdi⸗ „gen. Vergeben Sie mir mein Verbrechen, „Madame, verbergen Sie fuͤr Mallervi, für „der Welt, fuͤr ſich ſelbſt, eine Verirrung, „die ich vor Ihren Augen mit meinem Leben „verſoͤhnen wollte, wenn ich mir Ihre Ver⸗ „zeihung nicht verſprechen duͤrfte,“ — 160— Eulalie macht mir noch die lebhafteſten VPVorwuͤrfe uͤber ein Betragen, das ſie ein Ver⸗ brechen an der Freundſchaft nennt. Ich er⸗ neure meine Betheurungen, meine ungluͤck⸗ liche Leidenſchaft zu bekaͤmpfen, ich gelobe— ihr, in Zukunft nur ihr und ihres Gatten Freund ſeyn zu wollen. Ich ſchien ihr ſo reuig, ſo entſchieden, nie wieder in eine ſo ſtrafbare Selbſtver⸗ geſſenheit zu verfallen, daß Eulalie endlich meinen Verſprechungen glaubt, mir aber immer noch empfiehlt, beſtaͤndig meiner Ver⸗ pflichtungen eingedenk zu ſeyn. Wir kehren zu der Geſellſchaft zuruͤck: man ſcherzt uͤber unſer langes allein ſeyn, Malleroi iſt der erſie, der ſeinen Witz auf unſre Koſten uͤbt, der Ernſt ſeiner Gattin und der — 161— der meinige, machten endlich der Sache ein Ende. Wir kommen nach Paris zuruͤck. Kaum allein, eile ichk, noch einmal die Geſchichte des vergangnen Tages zu uͤber⸗ denken. Ich habe verſprochen, gewiſſermaaſ⸗ ſen einen Eid darauf abgelegt, aus meinem Herzen ein Bild zu verbannen, das jeden Augenblick ſich feſter, unausloͤſchlicher dar⸗ in eindruͤckt. Einige Momente, ach aber in zu ſchnell voruͤbereilenden, faßte ich den Entſchluß, Malleroi nicht wieder zu ſehen, irgend einen Vorwand zu erfinden, der uns von einander trennte. Allerdings haͤtte auch Eulalie dieſes Mittel waͤhlen ſollen, das ein⸗ zige, was zu meiner Rettung moͤglich war. Dieſe Leidenſchaft hatte meinen Karakter nicht veraͤndert, noch immer riß mich der Taumel der Zerſtreuungen fort; aber Eulalie Lorimon I. L — 162— war mein Hauptgedanke, welcher mich im Rauſch des Genuſſes nie verließ. Endlich habe ich es gewagt, Madame Malleroi bey ihr wieder zu ſehen. Sie ſcheint mir mein unbeſonnenes Geſtaͤndniß verziehen zu haben. Kein Wort entſchluͤpfte meinen Lippen, das ein Geheimniß verrieth, wel⸗ ches ungeſehen mein Herz vergiftete. Aller⸗ dings war es mir nicht allezeit moͤglich, mei⸗ ne Blicke, meine Seufzer zu beherrſchen: aber doch hatte ich mir keinen Vorwurf zu maͤchen. Eines Tages, wir waren allein, unter⸗ bricht Eulalie zuerſt unſer Stilſchweigen.— „Sind Sie nicht zufrieden mit mir, Mar⸗ „quis? ich habe alles vergeſſen. Sehen Sie „immer in mir die Gattin Ihres Freundes; „erinnern Sie ſich beſtaͤndig, daß ich nur fuͤr — „ihn und unſre geliebten Kinder lebe.“— „Ich hoffe, daß Sie mir keinen Vorwurf zu „machen haben werden! Ich habe mein Wort „gehalten.“—„Ich wuͤnſche, Marquis, daß „Sie nie ein Geſetz uͤbertreten mogen, wozu „Sie von ſo vielen Seiten verpflichtet ſind, „daß Sie ſelbſt ſich jedes Gefuͤhl verſagen „—„Das Verbot iſt zu ſtreng, Ma⸗ „dame, Sie können nicht ſo viel verlangen, „ich kann ſchweigen“—„Ihr Schweigen „gnuͤgt mir nicht.“ Ich laſſe ſie nicht ausreden, heftig um⸗ faſſe ich ihre Knie.—„Ach Eulalie, kann „ich denn Ihr himmliſches Bild aus dieſem „Herzen vertilgen!“—„Stehen Sie auf, „Marquis, Himmel wenn mein Mann ſo „Sie ſaͤhe.“—„Ich liebe Sie, ich bete L 2 „Sie an, mehr als je. Aber dennoch ſoll „kein Wort mehr Ihnen dieſe Leidenſchaft „ſchildern, zum leztenmal hat mich das un⸗ „ſelige Geſtändniß uͤberraſcht. Nehmen Sie „noch einmal meinen Schwur hieruͤber an.“ —„Alſo Sie verbergen ſich, daß Sie ſchon „jezt ihn gebrochen haben? Sie naͤhren alſo „noch eine Leidenſchaft in Ihrem Herzen, die „ſo beleidigend fuͤr die Gattin des Mannes, „der Sie liebt, ſeyn muß?“—„Aber wenn „ich mich zu beherrſchen, zu zwingen, ver⸗ „ſpreche; alles was Sie beunruhigen koͤnnte, „was meine Empfindungen ausdruͤckt, zu ver⸗ „hehlen. Was koͤnnen Sie noch von mir „verlangen? Sie nicht mehr zu lieben? Nur „dem Tode kann Ihr Bild in meinem Herzen „weichen, und vielleicht... Ach aus Mit⸗ „leiden, ans Menſchlichkeit.. — „ Wir wurden unterbrochen. Mehrere Be⸗ ſuche kamen, ich konnte dieſes Geſpraͤch nicht wieder anknuͤpfen. Allein, in meinem Zimmer konnte ich der Nothwendigkeit nachzudeuken nicht entgehen. Wie peinlich ſind oft dieſe Augenblicke der Selbſtpruͤfung, ſie iſt die eigentliche Stimme des Gewiſſens, die faſt allemal die Reue, unerbittlich und Herz zerreiſſend begleitet. Auch ich erzittre bey der Unterſuchung meines Herzenz. Ich erkenne mich ſelbſt nicht. So. hingeriſſen von der Leidenſchaft hatte ich mich nicht geglaubt. Ich gehe bald wieder zu Malleroi. Seine Frau war zu einer Verwandtin gegangen. Beunruhigt ſagt mein Freund zu mir:„Enla⸗ „lie ſcheint einen Kummer zu naͤhren„ deſſen „Grund ich mir nicht denken kann. Sie hat „einer Geldſache wegen eine Art von Mißbver⸗ „ſtaͤndniß mit einem ihrer Bruͤder gehabt, „pollte das die urſache der Unruhe ſeyn, die „ſie ſich zu verbergen bemuͤht? Es ſollte mich „befremden, meine Frau hatte nie ein Geheim⸗ „niß fuͤr mich; auch war ſie immer ſo gleich⸗ „guͤltig gegen alles, was nur Geld betraf..... „Sollte ſie uͤber irgend etwas Schmerz fuh— „len! Sie iſt mir ſo theuer, ich wuͤrde ihn „theilen, moͤchte ich mich doch fuͤr ſie auf⸗ „opfern koͤnnen. Lorimon, mein Freund, „auſſer ihr giebt es keine ſolche Gattin mehr, „auch wird ihr Mann ewig ihr Liebhaber blei⸗ „ben. Mein Herz reicht nicht zu, alle Liebe „zu faſſen, die ich ihr ſchuldig bin.“ Wie quaͤlend„wie zerreiſſend waren dieſe Worte fuͤr mein Herz! Auch mir ſchien Eula⸗ lie einen tiefen Gram zu naͤhren, was ſollte ich nach dem, was Malleroi mir geſagt hatte, davon denken? Ungeduldig eile ich nach einigen Tagen wieder zu ihm; ich hore, daß ſeine Frau, im⸗ mer noch in derſelben Stimmung, ihn drin⸗ gend gebeten habe, einige Monate mit ihren Kindern auf dem Landgut ihrer Verwandtin zubringen zu duͤrfen: daß ſie abgereiſt iſt, daß ſich die beiden Eheleute mit den Ver⸗ ſicherungen der zaͤrtlichſten Liebe getreunt ha⸗ ben. Noch war Malleroi verwundert und be⸗ wegt uͤber die unerwartete Abreiſe.„Ja, „ſagte er mit Ruͤhrung, ein heimlicher Kum⸗ „mer, ein verborgner Schmerz, liegt im Ju⸗ „nerſten ihres Herzens. So heftig wirkt „ein Mißverſtaͤndniß mit einem Bruder „icht!.„ Meine Gedanken verirren ſich. „O, Lorimon, ich fuͤhle, daß Enlalie zu mei⸗ „nem Gluͤck nothwendig iſt. Ich muß ſie ſehr „lieben, um in ihre Abweſenheit zu willigen, „ich, der keinen Augenblick ohne ſie leben „moͤchte. Ich empſinde, wie man ein andres „Weſen mehr als ſich ſelbſt lieben kann, weil „ich ohne Ruͤckſicht auf mein eignes Leiden ſie „von mir entfernen ließ. Einige Monate nur „ſoll dieſe Trennung dauern, aber dieſe Mo⸗ „nate werden zu Jahren, endloſen Martern „fuͤr mich werden.“ Jedes dieſer Worte fiel gluͤhend auf mein Herz. Den himmliſchen Frieden dieſes gluͤck⸗ lichen Paares hatte ich zerſtoͤhrt. Verbre⸗ cheriſch wollte ich das Weib meines Freundes verfuͤhren; dies waren die Vorſtellungen, die unaufhoͤrlich mich quaͤlten. Erſchoͤpft von dem ſchrecklichſten Kampf, ſtuͤrze ich mich in den Wirbel der Zerſtreu⸗ ungen. Die Einſamkeit naͤhrd die Leiden⸗ ſchaft, das Vergnuͤgen ſollte ſie zerſtrenen. Ach umſonſt; die Freude floh mich. Sie hatte mich, wie dieſe Eulalie verlaſſen, deren Bild ſo unausloͤſchlich in meinem Herzen ſtand. Ich begegne Monſernin. Er bemeitkt mei⸗ ne Unruhe, fraͤgt nach der Urſache: ich ent⸗ decke ihm alle Verhaͤltniſſe meiner ſonderbaren Lage.„Du haſi den Rath der Freundſchaft „nicht befolgt, Lorimon, ſagte er, ich hatte Dirs „geſagt, Du haͤtteſt mit Mallervi brechen, Eu⸗ „lalien nie wiederſehen ſollen. Es iſt beſſer, „ein unbeſtaͤndiger Freund zu ſcheinen, als 5„ein laſterhafter Verfuͤhrer zu ſeyn. Noch iſt „es Zeit, Lorimon, ſieh dieſes gefaͤhrliche „Weib nicht wieder, oder euer beider Verder⸗ „ben iſt gewiß.“ — 170— Ich danke wahrhaft meinem greund. Ich verſpreche ihm und mir, Eulalien zu fliehen, Ehrfurcht fuͤr die Freundſchaft, die eheliche Liebe zu haben. Ach ich glaubte die Wahr⸗ heit zu ſagen, und ich taͤnſchte Monſernin, wie mich. Er verlaͤßt mich, der Freund, der meine ſichere Stutze war, der meinem ſinkenden Muth neue Kraͤfte lieh. Mit jebem Augenblicke naͤ⸗ herte ich mich nunmehr meinem Verderben mehr. Ich ſuchte ſogar den Verfuͤhrer Ger⸗ mon auf. Er ſprach mit mir ohngefaͤhr eben ſo, als wie ich ihm zuerſt meine Liebe zu Eu⸗ lalien entdeckte, und feuerte immer die Lei⸗ denſchaft an, die mich verzehrte. Ich ſah Mallervi oft. Jedesmal erkun⸗ digte ich mich nach ſeiner Frau.—„Ihre „Geſundheit leidet, mein Freund, antwor⸗ „tet er mir. In allen meinen Briefen be⸗ — 171— „ſchwoͤre ich ſie zuruͤck zu kommen, auf jeden „antwortet ſie mir, daß ſie mit ihrer Abreiſe „beſchaͤftigt ſey, und dennoch verzogert ſie ſie „abſichtlich; ich begreife dieſes Betragen „nicht. Ich wiederhole es, einige unangeneh⸗ „me Erklaͤrungen mit ihrem Bruder koͤnnen „nicht die Veranlaſſung ſeyn, die Eulaliens „Geſundheit zu zerſioͤhren, ſie von einem „Mann, der ſie mehr liebt als ſich ſelbſt, zu „trennen vermogen. Denken Sie nicht auch „wie ich, Lorimon?“ Haͤtte jezt Mallervi einen einzigen Blick auf mich geworfen, er wuͤrde ſchnell die Un⸗ ruhe bemerkt haben, die alle meine Sinne verwirrte. Ich antwortete ihm nur mit Wor⸗ ten ohne Sinn, die gar keine Beziehung auf den Gegenſtand unſers Geſpraͤchs hatten. — Ich begriff mich ſelbſt nicht. Mein Hetz konnte die verſchiednen Empfindungen, die es beſtuͤrmten, nicht faſſen. Ich hoͤrte nicht auf, mich ſelbſt nach der wahren unſache von Eu⸗ laliens ungluͤcklicher Lage zu fragen. Ich hatte mich vorher wirklich entſchloſſen, meine Leidenſchaft zu beſiegen; aber nun verſchwin⸗ den die Geſetze der Ehre, der Rechtſchaffen⸗ heit, der Freundestreue vor meinem trunk⸗ nen Blick. Nur die Liebe bleibt zurück, die Liebe, die jezt meine Fuͤhrerin zum Ungluͤck, zum Verbrechen ward, die mir Vorwuͤrfe be⸗ teitete, die die Reue bis zum Grabe nicht verſohut. 8 Ich beſchloß, Mallerois Gattin bis in ihren Zufluchtsort zu verfolgen. Bald habe ich die Anſtalten zu meinem ſtrafbaren Vorhaben ge⸗ macht. Ich gebe eine Reiſe von zwei Tagen — 173— vor: ſorgfaͤltig verhehle ich den Zweck warutn, ſo wie den Ort, wohin ich gehe. Ich komme auf dem Gut der Verwandtin“ Eulaliens an. Ein treuer Bedienter begleitet mich, er allein wal mit meinem Plan vertraut. Er benachrichtigte mich, daß meine Zauberin allein ſich in dem nahgelegnen Park befindet. Ich fliege dahin, meine Augen ſuchen ſie, mein ganzes Herz wur in meinen Blicken. Endlich ſehe ich ſie, ſie ging, ihre Kinder an der Hand, umher. Nur muͤhſam verberge ich mein Ent⸗ zuͤcken; ich naͤhere mich. Laut ſchreit ſie auf, da ſie mich ſieht:—„Sie ſind es, was fuͤhrt Sie hieher?.—„Die Ungeduld, mich ſelbſt von Ihrem Zuſtand zu uͤberzeugen; „Ihr Mann hat mir geſagt, daß Ihre Ge⸗ „ſundheir in einer bedenklichen Lage waͤre... —„Von welcher mich der Tod bald befreyen „wird. Ach nur fuͤr meinen Mann, fuͤr „dieſe drey unſchuldigen Opfer, ertrage ich „noch das Leben! Mein trauriges Ende „wird ſie ſchrecken!“—„Sie weinen, Eula⸗ „lie?“—„O Marquis, welche ſtrafbare Zu⸗ „dringlichkeit fuͤhrt Sie hierher. Was wollen „Sie von mir? Sind Sie noch nicht damit zu⸗ „frieden, die Freundſchaft, die Menſchlichkeit „beleidigt zu haben?“ Mit heftiger ſtrohmen⸗ den Thraͤnen ſetzte ſie hinzu:„Gehen Sie weg, „laſſen Sie uns einander nie wieder ſehen.“ —„Grauſame, habe ich nicht lange genug „geſchwiegen, ſeit jenem Geſtaͤndniß geſchwie⸗ „gen, das zuruͤckzuhalten, mir unmoͤglich war. „Aber jetzt ſchwoͤre ich eine ewige Liebe, eine Liebe, die nur mit meinem Leben verloͤſchen wird.“—„So halten Sie alſo Ihre Schwuͤ⸗ „re? o aus Barmherzigkeit verlaſſen Sie mich, * — „daß niemand Sie hier ſehe, niemand Ihre „Anweſenheit ahne.“ Sie reißt ſich von mir los und eilt ſchnell auf dem Wege nach dem Schloſſe fort. Ich ſehe in der Entfernung jemanden kommen. Beſorgt, daß meine Gegenwart Madame Malleroi nachtheilig ausgedeutet werden koͤn⸗ ne, verlaſſe ich dieſen Ort, und kehre, den Tod im Herzen, nach Paris zuruͤck. Einige Tage nachher, ſehe ich Malleroi wieder. Mit Erſtaunen hore ich, daß ſeine Frau mit ihren Kindern zuruͤckgekommen ſey. —„Ich konnte unſere Trennung nicht mehr „ertragen, ſetzte er hinzu, ich bin alſo zu ihr „geeilt, und habe ſie genothigt, mich zu be⸗ „gleiten. Ihr Zuſtand verurſacht mir den „heftigſten Kummer. Es iſt nicht mehr die „nemliche Geſtalt!., Ihre Geſundheit iſt „zerruͤttet, ihr Geiſt unterliegt einem heim⸗ „lichen Gram, deſſen Urſache mir unerklaͤrbar „iſt. O lieber Lorimon, jetzt bedarfich wirk⸗ „lich Ihrer Freundſchaft, niemals war ſie „mir noch ſo noͤthig.“ Malleroi's Worte machten den iefſen Eindruck auf mein Herz. Eine Menge un⸗ deutlicher Vorſtellungen durchkreuzten meine Phantaſie. Einen Augenblick lang glaubte ich mich von Eulalien geliebt, den naͤchſifolgen⸗ den verſchwand die begluͤckende Taͤuſchung, und ich blieb in einer dunkeln marternden Un⸗ gewißheit. Ich ſah Eulalien wieder, aber bald be⸗ merkte ich, daß ſie ſorgſam die Gelegenhl⸗ ten vermied, mit mir allein zu ſeyn. Zu⸗ weilen bemerkte ich ihre Blicke auf mich ge⸗ — und leiſe, verſiohlne Seufzer beglei⸗ teten „ —— teten ſie. Malleroi ſprach unaufhorlich mit mir davon, wie beſorgt er wegen des Zuſtan⸗ des ſeiner Frau ſey.„Du wuͤrdeſt mir „den wichtigſten Dienſt erweiſen, wenn „Du von Eulalien die Urſache der finſtern „Schwermuth erfahren koͤnnteſt, der ich voll „Schmerz, ſie zum Opfer fallen ſehe,“ ſprach er einmal nach bangen Klagen zu mir. Eine unbeſchreibliche Verlegenheit be⸗ maͤchtigt ſich meiner bey der ſeltſamen Zu⸗ muthung. Ich verſuche es, das was er ei⸗ nen wichtigen Dienſt nennt, abzulehnen. Was war ſein Recht, ihn von mir zu fordern? Schaudernd ſchreibe ich's; der Name Freund. Er ergreift die erſte Gelegenheit, mich mit ſei⸗ ner Frau allein zu laſſen. Stammelnd bitte ich Eulalien, mir die Urſache ihrer tiefen Traurigkeit zu entdecken. Lorimon I. M Mit einem Seufzer, den ſie ſich umſonſt zu verbergen bemuͤht, antwortet ſie:„Ach, Sie „ſollten mich das nie fragen. Mein „Mann iſt ſehr unvorſichtig! Sie vergeſſen, „ich ſelbſt ſollte mir verbergen. Sie haͤlt inne, und verlaͤßt mich ſchnell. Malleroi fragt mich, ob ich einige Aufklaͤrung erhalten habe, ich begnuͤge mich ihm zu ſagen, daß ſeine ungluͤckliche Gattin hartnaͤckig auf ihrem Stillſchweigen beharrt. Einige Tage vergehen. Eulalie ſpricht nichts als die wenigen Worte zu mir:— „Ich ſollte meinem Herzen Gewalt anthun „zu meiner Verwandtin zuruͤckkehren, „aber meine Abweſenheit wuͤrde meinen Mann „zu ſehr ſchmerzen.“ Ich wollte ihr antwor⸗ ten; aber bey dem letzten Wort war ſie ſchon weit von mir entfernt. — 179— Ich uͤbergehe eine Menge kleiner Ereigniſſe, die zu nichts als dem Beweis fuͤhren konnten, daß die achtungswertheſte, treu ihren Pflich⸗ ten ergebne Frau, bey der erſten Schwaͤche, die ſie blicken laͤßt, ſich faſt rettungslos ihrem Verderben naht. Das war gerade die Lage dieſes ungluͤcklichen Opfers ihrer Nachgiebig⸗ keit gegen Gefuͤhle, deren Unrechtmaͤßigkeit ſie ſich nicht verhehlen konnte. Wir hatten uns beide Vorwuͤrfe zu machen: beide haͤtten wir uns das ſo gefaͤhrliche Vergnuͤgen uns zu ſehen, zu ſprechen, verſagen ſollen. Bey der erſten Entdeckung der Natur meiner Ge⸗ fuͤhle fuͤr das Weib meines Freundes, haͤtte ich ihren Umgang auf ewig fliehen ſollen.. Ich bin nun zu dem ungluͤcklichen Zeit⸗ punkt gekommen, wo das Laſier fiegte, zu der Epoche, deren Andenken mein Leben bis M2 — 180— zum Grabe verbittetn wild. Es iſt mir ge⸗ lungen, die Tugend ſelbſt zu verfuͤhren. Stu⸗ fenweiſe iſt Eulalie in den Abgrund geſunken, den ich unter ihren Fuͤſſen grub. Sie tonnte den Kunſtgriffen einer verbrecheriſchen Liebe nicht widerſtehn; ihre Zaͤrtlichkeit fur ihren Gatten iſt erkaltet, ſie hat ihre Verbindlich⸗ keiten gegen ihn, ihre Pflichten als Mutter aus den Augen verlohren. Sie hat ſich mei⸗ nen Armen uͤberlaſſen. Kaum aus dem Rauſch der Leidenſchaft erwacht, uͤberſieht das bejammernswerthe Weib ſchnell die ganze Groͤße ihres Fehlers. —„Entfernen Sie ſich,“ ruft ſie mir mit ei⸗ ner vor Schmerz und Zorn kaum hoͤrbaren Stimme zu.„Großer Gott, ſo weit konnte „ich mich erniedrigen! Grauſamer, Sie „haben mir den Frieden, den Preis fuͤnf und — 181— „zwanzig tugendhaft durchlebter Jahre ge⸗ „raubt! o wie werde ichs wagen duͤrfen, die „Kinder meines Gatten, die Pfaͤnder einer ge⸗ „heiligten Liebe, zu umarmen? Ach, und „meinen Mann ſelbſt, Ihren Freund?.„ „Strafbarer Verfuͤhrer.. ich bin doch noch „ſtrafwuͤrdiger als Sie. Verlaſſen Sie mich, „fliehen Sie. mein Verbrechen wird mich „nur zu oft an Sie erinnern.“ Ich bemuͤhe mich ſie zu beruhigen, ihr die Unwiderſtehlichkeit der Leidenſchaft zu ſchil⸗ dern, die mich fortriß, umſonſt: meine Ge⸗ genwart vermehrte ihre Verzweiflung, ich muß ſie allein, den folternden Martern ihres Gewiſſens uͤberlaſſen. Nun begriff ich die ganze Schaͤndlichkeit meiner Handlung. Und welchen Augenblick hatte ich gewaͤhlt, um gleichſam meinem Ver⸗ brechen das Siegel aufzudruͤcken? Den, in welchem Mallervi mir die uͤberzeugendſten Be⸗ weiſe ſeiner ruͤhrenden Freundſchaft gab. Ich zitterte, mich ſeinen Blicken darzuſtellen, ihn um Nachrichten von der ungluͤcklichen Eula⸗ lie zu beftagen. So viel ichs vermochte, verhehlte ich die Unruhe, die mich peinigte. Sie war der Geyer, 1 der ungeſehen an meinem Herzen nagte. Ich war in Geſellſchaft einiger Officiere meines Regiments. Mallervi ſtuͤrzt auf mich „zu, einen Brief in der Hand.„Treuloſer „Freund, ruft er, nimm mir das Leben, „vollende Dein Verbrechen lies, Barbar, „indem er mir den Brief reicht, fuͤhle die „Groͤße Deiner Schandthat, das Entſetzen „meiner Lage,“ — 183— Meine Begleiter ſiehen betroffen. In ei⸗ nem Winkel des Zimmers entfalte ich das unſelige Papier, waͤhrend man Malleroi zu Huͤlfe eilt, welcher leblos auf einen Stuhl geſunken war. Hier iſt der Inhalt jenes traurigen Schrei⸗ beus, das an den beklagenswuͤrdigſien aller Gatten gerichtet war: „O Malleroi, ſicher erwarteſt Du den „toͤdtenden Streich nicht, den meine Hand „gegen Dich fuhrt! Ich verdiene nicht mehr „Gattin, Mutter zu ſeyn... Malleroi, ich bin „entehrt! Du biſt es durch mich! Ich habe „fuͤnf und zwanzig der Tugend gewidmete Jah⸗ „re, vergeſſen, befleckt, geſchaͤndet! Ich habe „die Treue verrathen, die ich Dir ſchwur, die „ich Dir bis zum Tode haͤtte bewahren ſollen! „Lorimon— Wiſſe, daß er es war, der die 1 „Freundſchaft verrieth, Dein Vertrauen be⸗ „trog, das meinige mißbrauchte.. daß ihm „ſein Verbrechen gelang, wir nur zu ſterben „uͤbrig iſi. Erſpare mir die Beſchaͤmung, den „Schmerz, Dich wiederzuſehn. Ach wenn die „Reue mein Verbrechen verſoͤhnte Malle⸗ „rvi, ſchon jetzt zerreißt ſie mein Herz. Verwirf „nicht meinen letzten Seufzer, bedaure mich. „Ich haͤtte den erſten Augenblick, wo ich meiner „Schwaͤche bewußt ward, das Ungehener flie⸗ „hen ſollen, Dir entdecken, was in meiner See⸗ „le vorging. Ich traute zu ſehr meiner bis da⸗ „hin fleckenloſen Tugend, meiner Zaͤrtlichkeit, „meiner unausſprechlichen Zaͤrtlichkeit fuͤr „Dich. Ich bin am meiſten ſtrafbar. Ich „kann das Daſeyn nicht mehr ertragen „ meine Kinder, ſie haben ihre Mutter auf vewig verlohren. Verbirg Ihnen, ich be⸗ „ſchwore Dich, die Urſache meines Todes „„ Lebe wohl.„auf immer, Du, den „ich nicht mehr Gatte nennen darf. Ge⸗ „waͤhre mir noch eine Bitte: ſuche nie mich „zu ſehen; ich wuͤrde zu ſehr erroͤthen muͤſ⸗ „ſen. Allein will ich ſterben, nur von den „Schrecken meines Verbrechens umringt. „Noch einmal, lebe wohl auf ewig! Auf „ewig? ja, wir duͤrfen uns nicht wiederſehn. „Ich bitte Dich nicht, mein Andenken zu lie⸗ „ben, nur Dein Mitleiden erflehe ich, koͤnn⸗ „teſt Du das mir verſagen?“ „Nun Elender, ruft Mallervi, indem er „aufſpringt und mir den Brief wegreißt, haſt „Du Dich an dem Gemaͤlde des Elends ge⸗ „weidet, fur deſſen Erſatz tauſend Leben, wie „das Deinige, nicht zureichten? Durchſioſſe „das Herz,(indem er ſeine Bruſt entbloſte) das — 186— „Dich liebte, das Du zerriſſen haſt. Es bleibt „Dir nichts uͤbrig, als auch mein Moͤrder zu „werden. Du biſt ein Feiger; dieſer Augenblick „entſcheide, oder ich werde uͤberall laut ſagen, „daß Du ein niedriger Schurke biſt!“ Die Umſtehenden verſuchten, der Sache ei⸗ ne andere Wendung zu geben. Mallervi be⸗ ſteht auf ſeinem Vorſatz, er will ſich ſchlagen. Man verſichert mich, daß meine Ehre leidet, wenn ich noch laͤnger die, ach nur zu gerech⸗ ten Vorwuͤrfe des ungluͤcklichen Opfers mei⸗ ner Treuloſigkeit, dulde. Als ob meine Ehre nicht weit unerſetzlicher gekraͤnkt waͤre, durch meinen Verrath an der Freundſchaft, durch das Verbrechen, welches ich an der Menſchheit begangen hatte. Unter den ruͤh⸗ renden Klagen Mallervis uͤber ſein ungluckli⸗ ches Schickſal, hatte ich gehort, daß Eulalie „——z—j———— im Begriff geweſen war, ſich das Leben zu nehmen; ihre Verwandtin eilte hinzu und verließ ſie keinen Augenblick, ſorgfaͤltig alles entfernend, was zur Ausfuͤhrung eines ſo ſchwarzen Vorhabens dienen konnte. Ihren Mann zu ſehen, konnte das bedauernswerthe Weib ſich nicht entſchlieſſen. Malleroi fuhr fort, ſich Ausdruͤcke zu be⸗ dienen, fuͤr welche er mit ſo viel Recht Ver⸗ zeihung verdiente. Er fordert mich ungeſtuͤm auf, mich mit ihm zu ſchlagen. Ich wuͤnſchte dieſen neuen Verbrechen zu entgehen, aber die Geſellſchaft, alle vom Militär, entſchei⸗ det, daß wenn ich den Zweikampf ausſchlage, meine Ehre verlohren ſey. Ich ſchlage mich alſo mit Malleroi, in Gegenwart mehrerer Zeugen. Weit entfernt, mich meiner Stärke zu bedienen, gingen alle —————— — 188— meine Bemuͤhungen dahin, Eulaliens un⸗ gluͤcklichen Gatten das Leben zu erhalten, ſelbſt auf Koſten des meinigen, deſſen Ver⸗ luſt mir jetzt ſehr gleichguͤltig war. Ungeach⸗ tet aller meiner Vorſicht, faͤllt Malleroi von ei⸗ nem Degenſtoß verwundet. Er hat das Be⸗ wußtſeyn verlohren, ich nehme ihn in meine Arme, meine Thraͤnen benetzen ihn, mit Huͤlfe einiger andern, trage ich ihn in mei⸗ nen Wagen, und bringe ihn in ſeine Wohnung. Ich wußte nicht, ob ſeine Wunde toͤdtlich war, er hatte gaͤnzlich die Sprache und die Veſin⸗ nung verlohren. Ich glaubte aus Menſch⸗ lichkeit nicht bey ihm bleiben zu durfen: mei⸗ ne Gegenwart haͤtte ſeinen Zuſtand verſchlim⸗ mern muͤſſen. Auf meine Frage nach Eula⸗ lien, ore ich, daß ſie gefaͤhrlich krank iſt, daß ih⸗ ee Verwandtin bei ihr waͤre und ſie nie verließ. ————— — 189— Die Zengen dieſes ſchrecklichen Vorfalls ſuchen mich dem Herkommen nach mit denen in dieſen Faͤllen gewoͤhnlichen Gemeinſpru⸗ chen zu troͤſten. Mein Gewiſſen widerſprach ihren Gruͤnden, und ſie verließen mich, ohne mich beruhigen zu koͤnnen. Der Zufall will, daß zwei ſehr verſchiedne Menſchen, Monſernin und Germon, zugleich mir einen Beſuch machen. Mit ſanfter Ueber⸗ redungskraft verſucht der erſte, meine Verzweif⸗ lung zu maͤßigen. Fuͤr die Zukunft bittet er mich, die furchtbare Lehre zu nutzen, mich end⸗ lich von meinen verderblichen Geſellſchaftern loszureiſſen. Mit ſarcaſtiſchem Witz, mit blen⸗ denden Scheingruͤnden, bemuͤht Germon ſich, Monſernins weiſe Ausſpruͤche lächerlich, und als unmoͤglich zu befolgen, vorzuſtellen. Ich — 190— kann mich nicht enthalten, Germon zu unterbre⸗ chen:„Euren Lehren habe ich meine Verirrun⸗ „gen zu danken. Haͤtte ich immer mit dieſem „edeln Mann, auf Monſernin zeigend, gelebt, „ich wuͤrde nicht mit ſo vielen Verbrechen be⸗ „fleckt ſeyn.“ Unaufhoͤrlich zog ich Erkundigungen von dem Zuſtand meines ungluͤcklichen Freundes ein: ich hoͤrte allemal, daß Mallerois Umſtaͤn⸗ de bedenklich waͤren, daß man alles fuͤr ihn fuͤrchten muͤſſe. Eines Tages ſchickt er einen ſeiner Bekannten mit der Bitte zu mir, eilig zu ihm zu kommen. Ich frage nach der Ur⸗ ſache einer fuͤr mich ſo peinlichen, mein Herz bedruͤckenden Einladung, ich bekomme keine befriedigende Antwort. Ich bemerkte bloß eine tiefe Trauer in den gugen deſſen, der die Both⸗ ſchaft uͤberbracht hatte. Ich begleitete ihn. ——— ————— ——-«—˙—— —— Wir kommen in Mallervis Wohnung an. Welcher Anblick harrt hier meiner. Der Un⸗ gluͤckliche auf einem Lager ausgeſtreckt, im Begriff, den lezten Athemzug zu thun. Seine Frau ohnmaͤchtig vor den Fuͤßen des Betts niedergeſunken, drei kleine Kinder hielten eine Hand, die er ihnen gereicht hatte, und uͤber⸗ ſiroͤmten ſie mit ihren Thraͤnen.* — —„Treten Sie naͤher, Marquis, ſagte „der Sterbende mit ſchon faſt erloſchner Stim⸗ „me, naͤher zu mir!“ Ich war wie vernichtet, meine Thraͤnen erſtickten mich faſt.„Dieſe „Beweiſe Ihres Mitleids ſind jezt unnoͤthig: „da haͤtten Sie es fuͤhlen ſollen, wie ich Sie mit „Freundſchaft uͤberhaͤufte, wie ich Sie wirk⸗ „lich fuͤr meinen beſien Freund hielt! „Ich habe Sie erſuchen laſſen, Zeuge meiner „lezten Stunde zu ſeyn—„Großer — 192— „Gott! was hore ich.—„Die Wahr⸗ „heit, Marquis: meine Wunde iſt tdtlich, „und ich naͤhere mich dem Augenblick, wo der „Menſch ſich über ſich ſelbſt erheben muß: ja, „ich vergebe Ihnen meinen Tod: Der erhab⸗ „ne Schopfer aller Weſen befiehlt es mir, „und ich eile, ihm wilis zu gehorchen. Nur „meine Frau, die mir ins Grab folgen wird, „und meine Kindèr, halten noch meinen lez⸗ „ten Seufzer zuruͤck.“ Wie von einem lethargiſchen Schlummer erwacht, erhebt ſich bey dieſen lezten Worten Culalle. Sie eiblickt mich. Heftig ruft ſie aus:„Weg Ungeheuer, aus meinen Augen! „„weg Barbar“„ruft ſie noch ſtaͤr⸗ ker, und ſinkt ſogleich in ihren Todtenaͤhnlichen Zuſtand zuruͤck.„O Lorimon, nimmt noch „„einmal der Sterbende das Wort: warum mußteſi — 193— mußteſt Du es ſeyn, der mir Ehre und Le⸗ „ben nahm 7. Lebe wohl, Leb wohl, auf „ewig!—“ Ich verſuche es nicht weiter, den herzzer⸗ malmenden Auftritt zu ſchildern. Ungewiß, ob ich wirklich uch lebe, wohin ich meine wankenden Schritte lenken ſoll, verlaſſe ich die Wohnung des Jammers. Ich war mehr von den Schrecken des Todes ergriffen, als mein ungluͤcklicher Freund. Endlich habe ich mich in meine Wohnung geſchleppt. Ich finde Monſernin. Troſilos werfe ich mich in ſeine Arme, ſchildere ihm den ſchrecklichen Auftritt, von welchem ich kom⸗ me, die noch ſchrecklichere Lage, in der mein geaͤngſtetes Gewiſſen iſt. Mein treuer Freund wendet alle ſeine Ueberredung, ſein Gefuͤhl, ſeine Rechtſchaffenheit an, meinen Schmerz zu Lorimon I. N lindern. Es gaͤbe keine Schuld, ſagt er min, die nicht eine aufrichtige Reue, ein herzlicher Vorſatz ſich zu beſſern, verſohne. Er ſprach mit mir von der Religion, ihrer Erhabenheit, ihrem milden Troſt. Ich erwachte wie aus einem Traum, nie hatten ſich dergleichen Be⸗ griſfe meiner Vernunft vorgeſtellt. Ein neues, helles Licht traf gleichſam mein Auge. Ich ſah Monſernin oft, ich nannte ihn meinen Seelenarzt. In ſeinen, von denen meiner andern Vekannten, ſo verſchiednen Ge⸗ ſpraͤchen empfand ich das ganze Uebergewicht des rechtſchaffnen Mannes, uͤber das von der Sittenloſigkeit vergiftete Geſchoͤpf. Die Wahrheit und das Gefuͤhl, ſind zwey Lehr⸗ meiſter, denen man nicht widerſtehen kann, die man unwillkuͤhrlich ſuchen und lieben muß, S Ach aber meine Krankheit war unheilbar. Was man nicht erwarten wuͤrde, ich vergeſſe Monſernins ruͤhrende Lehren, von neuem reiſſe ich der Zerſtreuung Zauberbecher an mich, und ſtuͤrze mich in den wildeſien Taumel. Plotzlich höre ich, daß Malleroi todt iſt, ſeine Frau von Kummer verzehrt, ihn nur kurze Zeit üͤberlebt hat. Sie hatte ihre Kin⸗ der ihrer Verwandtin empfohlen.„Moͤchten „ſie nie erfahren, durch was ihre Mutter ihnen „geraubt ward! Groſſer Gott, ich kann dem „Urheber ſo vielen I Jammers nicht verzeihn!“ 2 Dies waren ihre lezten Worte gentſen. Alſo, mich berubſchiei„ war Eulalie geſtorben. Dieſer neue Vorfall haͤtte Mon⸗ ſernins Vorſtellungen allerdings von neuem Wichtigkeit verleihen ſollen. Aber der Wim N2 — bel der Zerſtreuung riß mich unwiderſtehlich mit ſich fort. Meine Kinder erhielten ohngefaͤhr die nemliche Erziehung, die ich ſelbſt bekommen hatte. Im Voruͤbergehen gab ihnen ihre Mutter zuweilen einen Kuß. Damit glaubte ſie allen ihren Verpflichtungen Genuͤge gelei⸗ ſiet zu baben. Auch ich folgte dem Beyſpiel meiner Frau, mit Vergnuͤgen ſah ich die un⸗ ſchuldigen Geſchoͤpfe, oͤffnete ich ihnen meine Arme, aber verließ ſie eben ſo gern, um mich andern, weniger ſchuldloſen Freuden zu uͤber⸗ laſſen. Ein wichtiges Geſchaͤft, das meinem Vater vom Hof anvertraut ward, entfernte ihn auf einige Jahre. Meine Mutter, ihrer alten Neigung treu, immer in der groſſen Welt zu leben, blieb in Paris, und ſezte ihre ge⸗ — ,————— — 197— wohnte Lebensart fort, doch hatte weine Bege⸗ benheit mit Mallervi viel Eindruck auf ſie ge⸗ macht, und ſie ſprach oft davon mit mir. Mein Stand legte mir Pflichten auf, die ich treu zu erfuͤllen ſuchte. Wir hatten einen ziemlich lange daurenden Krieg zu fuͤhren. Mit Auszeichnung fullte ich den anver⸗ trauten Poſten ich zeigte bey verſchiednen Gelegenheiten eine Tapferkeit, die mir Lob er⸗ warb, aber ich ging nicht in andere nicht min⸗ der wichtige Dinge ein, ich uͤberließ dieſe mei⸗ nen Untergebnen, weil in allen ein Leichtſinn mich beherrſchte, der mir angebohren ſchien. Auch ermangelte ich nicht bey meiner Zu⸗ ruͤckkunft nach Paris, ganz die gewohute Le⸗ bensweiſe fortzuſetzen. Ich ſah nur ſelten Monſernin, und kaum ließ ich ihm die Zeit, ſich nach meinen Angelegenheiten zu erkundi⸗ gen, ich ſcheute ſeine Gegenwart. Germon und ſeine Anhaͤnger hatten mich mit ihrem Retz umſtrickt. Alle die Auftritte, die mich ſo er⸗ ſchuͤttert hatten, die mich auf ewig auf der Bahn der Tugend haͤtten feſt halten ſollen, waren vor meiner Erinnerung verſchwunden, wie fluͤchtige Traͤume, von denen kaum ein Andenken bleibt. Meine Mutter wird krank. Ich fuͤhle die kindliche Zaͤrtlichkeit in mir erwachen. Um⸗ ſonſt verſucht es zuweilen die Verdorbenheit, uns der Natur zu entreiſſen, ewig behauptet dieſe ihre Rechte, und laͤßt uns ihre Gewalt fuhlen, die man geheiligt nennen ſollte. Sndlich iſt der ungluͤckliche Ausſpruch ge⸗ ſchehn: Es iſt keine Hoffnung mehr! Meine Mutter hat keine Ausſicht, als das Grab. Ich trenne mich nicht mehr von ihr. Sie verlangt * — 199— allein mit mir zu ſeyn: alle Anweſende eutfer⸗ nen ſich. „Mein Sohn, ſpricht ſie mit ſchwacher „Stimme, es wäre umſonſt, es Dir zu verber⸗ .——— „gen, ich verhehle mir es ſelbſi nicht, mein „lezter Augenblick iſt nahe. In die ſem ſchreck⸗ „lichen Augenblick enthuͤllt ſich, ach zu ſpät, „vor meinen Blicken die Wahrheit! mochteſt —„Du Nutzen aus dieſem Beyſpiel ziehn.“ „Unter einem einzigen Geſichtspunkt ſtellt „ſich mir mein ganzes Leben vor. Mit „Schmerz, und fruchtloſer Reue ſehe ich, daß „ich in einer immerwaͤhrenden Betaͤubung ge⸗ „lebt habe, daß ich meine heiligſten Pflich⸗ 54„ten, die der Mutter, nicht erfuͤllt habe. „Deine Erziehung wurde gaͤnzlich von mir 4„vernachlaͤßigt, der Verluſt Deiner Sittlich⸗ „keit war die Folge dieſer Vernachlaͤßigung. „Dieſer Vorwurf nagte an meinem Herzen, er „brachte mich dem Grabe naͤher. Deine Bege⸗ „benheit mit Malleroi, die nie in Deinem Ge⸗ „daͤchtniß, in Deinem Herzen verloſchen ſollte, „macht mir mein Ende ſchwerer, ſie iſt Schuld „an meinem Tod. Bis zu dieſem Augenblick, „„wo die Wahrheit ihre Stimme erhebt, habe „ich Dir meinen Schmerz verborgen. Moͤge „mein Beyſpiel Dir die Lehren erſetzen, mein „Sohn, die Deine ungluͤckliche Mutter Deiner „Jugend nicht gab. Auch Du haſt Kinder, laß „ſie Dir eine beſſere, eine zweckmaͤßigere Er⸗ „ziehung verdanken, als Du erhieltſt. Kehre „von dem Taumel, den Verirrungen zuruͤck, „uͤber deren Nichtigkeit Dich laͤngſt ſ „rige Erfahrungen haͤtten belehren ſollen. Ich „hoffe, mein Sohn, Dir durch meinen Tod noch „zu nutzen, es iſt die lezte Wohlthat, die ich . 5 — 201— „von dem hoͤchſten Weſen erflehe, das ich nur „zu ſehr beleidigt habe. Wird der Ewige „meine Reue annehmen? dieſe ſpaͤte Reue, „die nur auf ſeine Barmherzigkeit Anſpruch „macht?“ Bey dieſen Worten reicht mir mei⸗ ne Mutter die Hand, ſie ſtrengt noch einmal alle ihre Kraͤfte an, ſich zu erheben, und mich zu umarmen. Kraftlos ſinkt ſie mit den Wor⸗ ten zuruck:„Leb wohl, mein geliebter Sohn, „wir mäſſen uns trennen, ich ſierbe!“ Die Blaͤſſe des Todes uͤberzieht ihr Ge⸗ ſicht. Ich rufe ihre Leute, ihr zu Huͤlfe zu ei⸗ len. Man wendet alles an, ihr Leben zuruͤck⸗ zurufen, noch einen Augenblick dem Tod ſei⸗ nen Raub ſtreitig zu machen. Sie war nicht mehr. Ein ſolches Andenken verloͤſcht nie. Die⸗ ſe Lehren einer Muttet, einer ſterbenden Mut⸗ —— ter* die ſelbſt ein Opfer der Verblendung, aus welcher ſie mich retten wollte, geweſen mar, haͤtten mich fuͤr immer der Vernunft wiedergeben ſollen. Ich fuͤhlte den aufrichtig⸗ ſten Schmerz bey dem Verluſt meiner Mutter, meine Thraͤnen floßen heiß auf ihr Grab, aber in meiner Lebensweiſe aͤnderte ich nichts. Ungeachtet des ſchrecklichen Beyſpiels, das ich erlebt hatte, und deſſen Andenken noch leb⸗ haft in mir war, hatte ſich meine Leidenſchaft fuͤr das Spiel nicht vermindert. Ich wurde durch unerwartetes Ungluͤck beſtraft, das mich faſt zu Grunde richtete. In zwei Sitzungen verlor ich zweimal hundert tauſend Thaler. Ich ſah mich genoͤthigt, meiner Frau zugehd⸗ rige Guͤter zu verpfaͤnden; ſie machte mir die heftigſten Vorwuͤrfe daruͤber, auf welche ich nichts zu antworten wußte. — 203— Seit dieſem ungluͤcklichen Vorfall, be⸗ merkte ich bald, daß man mir die Beweiſe von Auszeichnung entzog, die ſonſt meiner Eitel⸗ keit ſo ſchmeichelten. Die Geſellſchaft war kaͤlter gegen mich geworden: man bezeigte mir nicht mehr die vorige Theilnahme. X In dem erſten Augenblick dieſer Art von Verwandlung, taͤuſchte ich mich mit der Hoff⸗ nung, daß meine ſogenannten Freunde,(ich glaubte damals noch an Freundſchaft) mir zu Huͤlfe eilen wuͤrden: Ach! dieſe niederſchla⸗ gende Begebenheit ſollte mich fuͤr mein ganzes Leben belehren, und endlich die Menſchen ken⸗ nen lernen. Einige Zeit blieb ich in einer Art dumpfer Traurigkeit, die jenc ſich bald in die Unbeſorgtheit verwandelte* welche al⸗ len jungen Menſchen eigen ſcheint. Es war mir aber nicht zu verbergen moͤglich, daß die ganze Sache etwas Demuͤthigendes fur mich hatte. Ich ſah ungluͤcklich aus, alles was dieſe Phyſiognomie hat, wird zuruckgeſtoſſen; ich genoß nicht einmal den Troſt, bedauert zu werden. Meine ehemaligen Spielgenoſſen tadelten mich. Meine Frau, die mich immer nur wenig geliebt hatte, wurde noch gleich⸗ guͤltiger, und gab mir bey jeder Gelegenheit Beweiſe ihres Mißvergnüͤgens. Germon, den ich mir ſo ergeben glaubte, vermied mich. Der einzige Monſernin fuhr fort, mir Theil⸗ nahme zu beweiſen.—„Nun, lieber Lorimon, „ſagte er, haſt Du nun bald Belehrung genug „erhalten? Die Erfahrung ſcheint bey Dir dem „Alter voran gehen zu wollen; nach ſo deut⸗ „lichen Veweiſen wirſt Du ja wohl die Men⸗ „ſchen und Dich ſelbſt kennen lernen.“ ₰ Sein Rath ſchien mir freilich weiſe und wahr, aber es ſchien uͤber mich beſchloſſen zu ſeyn, daß mein Herz, der Wahrheit verſchloſ⸗ ſen, ſich nur den Verirrungen hingeben ſollte, die nur zu zeichneten. lange die Bahn meines Lebens be⸗ Ende des erſten Theils. ——+—— 2— — —