— b 2 3 5 5 Leihbibliother deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cduard Oltmann in Cießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und Zeſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Ruckgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zuruͤckgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 5 2 für wöcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— auf 1 Monat: LM 1M 50 M 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. 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Fr. v. Schiller. „Nun ſag' mir aber, Freund, was ſoll dieſes bedeu⸗ ten?“ fragte Jack, ſeinen Blick mit Verwunderung im Zimmer herumſendend. „Wieder einmal ein Si der Laune meines Schick⸗ ſals,“ erwiederte Francis,—„ich bin Arreſtant,— hierher geſetzt von der Militirbehörde— und ſo viel vermuthe, im Verdachte, ein holländiſcher Emiſſär zu ſein.“ „Wie konnteſt Du in dieſen Verdacht kommen?“ „Darüber kann ich Dir kaum eine Antwort geben,“ erwiederte Francis—„ich kann nur eine Vermuthung haben.“ 6 Und nun erzählte er von dem Zuſammentreffen mit Herrn von Deubern, welcher allerdings in Angelegen⸗ heiten der hochvermögenden Generalſtaaten hier zu handeln ſchien; wie weit dieſe jedoch ſich erſtreckten, konnte weder Francis noch Jack beurtheilen, da weder der Eine unter ſeinen Mohawks, noch der Andere unter ſeinen Pequots von dem Stande der Welthändel Kenntniß erhalten hatte. Sehr ſtarkwar aber die Vermuthung des Erſteren, daß der Komman⸗ dant des Forts, Sir William Manning, ſeine Hand mit im Spiele habe, wie die wenigen Worte, die er heute mit dem Gefangenen gewechſelt, verrathen hatten, und Jack glaubte dieſes beſtätigen zu können, da er in ſeiner Verklei⸗ dung als Kirchenmann von Jenem ohne Anſtand die Er⸗ laubniß bekommen, den Gefangenen zu beſuchen. „Ich habe meine Rolle auch ausgezeichnet durchge⸗ führt,“ ſagte Jack lächelnd,—„wozu mir meine früheren Studien, die mich geſchickt machten, zur paſſenden Zeit einen, wenn auch manchmal unpaſſenden Schrifttert anzubringen, immer aber mit hohler Stimme und gottgefälligem Augen⸗ verdrehen zu ſprechen, ſehr behülflich waren. Uebrigens ſchien es mir nicht, als ob der edle Ritter viel auf Schrift⸗ tert und Augenverdrehen gäbe, ſondern ich glaube eher, daß es andere Beweggründe ſind, welche es ihm ſogar er⸗ wünſcht machten, daß ich, der verkleidete Mann der Kirche, zu dem Gefangenen verlangte, denn daß er ſich durch dieſe 7 Maske nicht täuſchen ließ, bin ich beinahe gewiß; mit zu viel Laune ſagte er:„Recht, der arme Sünder bedarf des Troſtes der Kirche und deren würdigen Prieſter an ſeine Seite.“— Die beiden Freunde ſprachen noch Einiges hin und her, und ihre beiderſeitige Meinung war, daß Fran cis wohl nichts zu befürchten habe, und die ganze Sache ſich nur auf die Unannehmlichkeit eines Arreſtes in einem ſol⸗ chen Schmutzwinkel ausdehnen werde. „Und dieſe Unannehmlichkeit werde ich mit Dir thei⸗ len,“ ſagte Jack,„ſo lange Du hier verweilen mußt, werde ich bei Dir bleiben, einmal, weil ich glaube, meine Geſell⸗ ſchaft wird es Dir erträglicher machen, und dann, weil Niemand wiſſen kann, was ſich ereignet, und wo es ſehr gut ſein dürfte, einen Mann an der Seite zu haben, der ein gutes Schwert zu führen verſteht.“ „Ein gutes Schwert?“ fragte Francis etwas ver⸗ wundert. „Gewiß,“ erwiederte Jack lachend,—„glaubſt Du denn, daß ich, wenn ich zu Dir komme, die Meinung habe, mit dem frommen Kleide und dem weißen Bruſtlatz ge⸗ nügend zu ſein? Sieh, lieber Freund, ſolch' ein Kirchen⸗ rock iſt fähig, allerlei zu verdecken, und was wird nicht oft damit bedeckt und verdeckt,— im gegenwärtigen Falle je⸗ doch eben nur ein paar gute Schwerter,“ und mit dieſen Worten hob er das in weiten Falten ihm bis zu den Knöcheln reichende Kleid auf, und zeigte unter dieſem ſeinen gewöhn⸗ lichen Anzug als wandernder Krämer, an der linken Hüfte ſein gutes Schwert,— aber er hatte an der rechten Hüfte ein anderes gutes Schwert am Gürtel,—„es war zwar etwas unbequem, an jeder Seite ſolch' ein Gewicht hängen zu haben, es hinderte mich etwas im freien Ausſchreiten,“ ſagte er lächelnd,—„aber es war eben gut; ich war da⸗ durch genöthigt, in aufrechter Stellung und mit ruhigem und gemäßigtem Schritte zu wandeln, wie es der Würde eines Kirchenmannes zukommt; ohne dieſe beiden wäre ich vielleicht in meinen gewöhnlichen Hauſirertrott ge⸗ rathen.“ Francis nahm mit Vergnügen ſein Schwert,— es war daſſelbe, welches er dem braven John Nightingale aufzubewahren geheißen hatte; aber der feine Gaſtwirth hatte es ſogleich weg, daß, wenn er es an Jack überließe, es in keine unrechten Hände käme;— und wie der Jüng⸗ ling es jetzt halb aus der Scheide herauszog und wieder hinein drückte, war er ein Umgewandelter,„nicht, daß ich glaube, wir werden es nöthig haben, uns mit dem Degen in der Fauſt durchzuſchlagen,“ ſagte er mit einer um Eins ſo erhobenen Stimme,—„aber ich fühle mich nur als halben Mann, wenn ich meine Hand an die linke Hüfte lege und hier einen leeren Platz finde.“ 9 „Ich glaube ſelbſt nicht, daß irgend etwas Dich Be⸗ drohendes eintreten werde,“ ſagte Jack,—„und Nama⸗ kewa ſagte mit Beſtimmtheit, daß der große Sachem der Yonkeeſe Dir nie Böſes thun werde, ſo wenig ein Vater ſeinem Sohne Uebles werde erfahren laſſen.“ „Namakewa?— Du kennſt dieſes ſonderbare, ge⸗ heimnißvolle Weib?“ fragte Francis erſtaunt. „Gewiß kenne ich ſie, und ſo genau, daß ſie mir viel⸗ leicht weniger ſonderbar und geheimnißvoll als Dir er⸗ ſcheint,“ ſagte Jack lächelnd,—„ich machte in ihrer Be⸗ gleitung die Reiſe von den großen Seen herab nach Neu⸗ Pork, und hatte dabei die beſte Gelegenheit, ihre Eigen⸗ thümlichkeiten kennen zu lernen, und über manches Aufſchlüſſe zu bekommen, was im Allgemeinen an ihr ſon⸗ derbar und geheimnißvoll erſcheint.“ „Doch ich bemerke,“ fuhr Jack fort,—„daß wir in der Freude des Wiederſehens und in der Beſprechung über Gefahr oder Nichtgefahr des gezwungenen Bleibens in die⸗ ſem Gemache, vergeſſen haben, daß wir uns eine Menge Erlebniſſe, ſeit wir uns das letzte Mal ſahen, mitzutheilen haben. Nun, das ſoll gerade eine gute Verkürzung der Zeit ſein, denn, aufrichtig geſagt, ſehr einladend iſt dieſes Bett nicht, und nur ein unüberwindlicher Schlaf könnte Einem deſſen abſchreckende Eigenſchaften vergeſſen machen; 10 bis aber dieſer eintritt, wollen wir die Zeit angenehm ver⸗ plaudern. Doch, wie ſieht es mit einem Imbiß aus?“ fragte er lächelnd, im Zimmer herumblickend, und als ſein Blick auf das fiel, was dem Gefangenen aufgetragen wor⸗ den, ſagte er:„Groß genug ſcheint das Stück Braten, aber eben auch von Dir unberührt, und daher wohl auch nicht für mich räthlich, meine Zähne daran abzunutzen. Nun, wir Beide erinnern uns noch ganz gut jener Zeit, wo Käſe und Brot unſer Frühſtück, Mittags⸗ und Abendeſſen aus⸗ machte, und wir waren doch guter Laune dabei;— damals hatten wir auch nichts als gutes Quellwaſſer zum Trunk; heute giebt es doch wenigſtens eine Flaſche Brandy, mit der wir Beide wohl über die Nacht ausreichen ete und ſo wollen wir uns denn an jene ſchöne Zeit erinnern und uns einbilden, im Urwalde unter einer alten Eiche zu ſitzen, unſer Abendbrot nehmend, und dann von unſerm Freund „Gott wird ſorgen“ plaudernd,— ja,„Gott wird ſorgen!“ — und nun für's Erſte an das Abendbrot.“ Und Beide gingen nun auch in der That wacker über Brot und Käſe her.— Francis hatte durch die Geſell⸗ ſchaftsleiſtung ſeines Freundes auf's Neue Appetit bekom⸗ men,— und in neu erwachter guter Laune verſuchte man es ſelbſt mit dem zähen Roaſtbeef,— ein Schluck aus der Flaſche machte es wieder gut,— und endlich faßen ſich die beiden Freunde wieder einander gegenüber, wie damals im 11 Urwalde, ſchmauchten ihre Pfeife und Jack begann zu er⸗ zählen: „Das Letzte, deſſen ich mich erinnern konnte, war, Dich im Zweikampfe mit dem Sachem der Mohawks ge⸗ ſehen zu haben; vergebens verſuchte ich mich durchzuhauen; gelang es mir auch, mich Dir zu nähern, ſo drängten im⸗ mer wieder andere Kämpfer ſich zwiſchen Dich und mich, — plötzlich verſchwandeſt Du meinem Blicke,— und als ich mein Auge wieder aufſchlug, fiel mein Blick auf die wohlbekannten Wände meiner Kabine, an meiner Seite ſaß Agonla, in ihrem Schooße mein Junge. Ich fühlte einen brennenden Durſt in meiner Kehle.„Agonla, gieb mir zu trinken,“ ſagte ich,— ein Frendenſchrei war die Antwort, in das auch der Bube, ohne es zu wiſſen warum, mit ein⸗ ſtimmte, und, mit ihm auf dem Arme, hüpfte und ſprang ſie wie eine Verrückte herum,— Du kennſt die excentriſche Heftigkeit aller Leidenſchaften und Gemüthsbewegungen dieſer unverdorbenen Kinder der Natur, da giebt es keine Affectativn, keine Zurſchauſtellung, aber auch keinen Rück⸗ halt, kein Verbergen irgend einer Aufregung,— ich ließ ſie denn auch eine Weile jubeln, ſingen und tanzen, dann aber ſagte ich:„Agonla, willſt Du mich verdurſten laſſen?“ da warf ſie den Buben mir auf's Bett,— da ſchlang ſie ihre Arme um meinen Hals, und drückte in der Schnellig⸗ keit ein Dutzend Küſſe auf meine trockenen Lippen— dann 12 war ſie wie eine flüchtige Gazelle zur Thüre hinaus und in keiner Zeit wieder zurück mit einem Krug voll friſchen Waſſers der Quelle an unſerer Hütte.“ „Ich war mehrere Tage in einem bewußt⸗ und ſprach⸗ loſen Zuſtande gelegen, und als ich jetzt zu meiner Sprache und zu meinem Bewußtſein gekommen war, fühlte ich doch noch ſchmerzhaft die Beule an meinem Hinterhaupte, wo mich die ſtumpfe Seite einer Streitaxt getroffen hatte.“ „Agonla war außer ſich vor Freude und kaum konnte ich von ihr das Nähere über den Ausgang dieſes blutigen Kampfes erfahren. Endlich erzählte ſie mir, bald durch das Lachen der Freude, wenn ſie mich anſah, bald durch das Weinen des Schmerzes über das, was ich gelit⸗ ten, unterbrochen, daß ſie während des Gefechtes im Thale unten, in ihrer Hütte doch keine Ruhe habe finden können, und endlich von einer ſchrecklichen Angſt gejagt, hatte ſie den Buben auf den Arm genommen, und war auf gut Glück hinab, mitten in das Gedränge gerannt, und in dem⸗ ſelben Augenblicke, als ich taumelte und taumelte, war ſie mir auf wenige Schritte nahe gekommen,— da ſtürzte ich zu Boden, mein Gegner erhob die Axt zu einem zweiten Streiche,— ſie, in der höchſten Angſt ihres Herzens, ſchleu⸗ derte den Buben auf mich hin, und mit beiden Armen hing ſie an dem mit der Tod bringenden Art bewaffneten Arme, — verwundert blickte der Mohawk ſie, dann den kreiſchen⸗ 13 den Jungen an, der mich mit ſeinen kleinen Aermchen um⸗ ſchlang,— der wilde Krieger war für einen Augenblick außer Faſſung gebracht, er ſtand wie eine Bildſäule,—— in demſelben Augenblicke ertönte der gellende Muſchel⸗ ruf, daß die Schlacht geendet ſei,—„Nimm das Blaßge⸗ ſicht und pflege es gut,— ich weiß, daß er Dein Gatte iſt,— und ich weiß, daß Du es in ſeiner Hütte gut haſt, — er wird wieder geſund werden,— Schade, daß er un⸗ ter den hundiſchen Pequots lebt,“— damit wandte der Mohawt ſich ſtolz ab, vielleicht darauf ſtolz, daß er Sieger über ein Blaßgeſicht geweſen war.“ „Ich erfuhr aber auch, daß man Dich als Gefange⸗ nen mit weggeſchleppt hatte,— vielleicht war dieſe ſieg⸗ reiche That des großen Sachems der Mohawks die Urſache, daß er das Ende des Kriegszuges verkünden ließ. Ich brauche es Dir, lieber Freund, nicht zu betheuern, wie ſchmerzlich mich die Nachricht Deiner Gefangennehmung traf, und welche Martern mich auf meinem lange dauern⸗ den Krankenlager peinigten. Ich hatte die Hoffnung nicht aufgegeben, Dich noch unter den Lebenden zu finden, da ich die Sitte unſerer Indianer kenne. Es war nicht zu denken, daß Dich der große Sachem, da er Dich ſchon ein⸗ mal als ſeinen Gefangenen mitgenommen hatte, den Tod des Scheiterhaufens werde ſterben laſſen.“ „Und doch war dieſer mir nahe genug,“ ſagte Fran⸗ 14 cis.„So lange wir auf dem Heimzuge waren, behan⸗ delten ſie mich mit Menſchlichkeit und Güte. Sie gaben mir zu eſſen und zu trinken, ſo oft Halt gemacht wurde, und da ich durch meine Verletzung an Körperkraft geſchwächt war, konnte ich nicht immer gleichen Schritt mit dem ſchnel⸗ len Marſche halten, den die Mohawks heimwärts zu mach⸗ ten. Bei ſolchen Gelegenheiten, wo ich ermattet zuſam⸗ menſank, ſetzten ſie mich auf einen kleinen Schlitten, und ich wurde abwechslungsweiſe von ihnen fortgezogen. Als wir in das Dorf kamen, wo der Häuptling, der mich ge⸗ fangen genommen, wohnte, wurde ich in eine Hütte gebracht, wo ich mehrere Tage unter ſtrenger Bewachung zu verblei⸗ ben hatte. Man brachte mir zu eſſen, ſo viel ich verlangte, ja man nöthigte mich, noch immer mehr zu eſſen.“ „O, wir kennen den Gebrauch,“ ſagte Jack lachend, —„die braven Mohawks wollen keine halbverhungerten Brandopfer dem Gotte des Krieges bringen,— je wohl⸗ genährter und fetter, deſto lieber.“ „Ich wußte dies nicht,“ fuhr Francis fort,—„und ſetzte gute Hoffnung auf dieſe Ausdrücke von freundlicher Geſinnung, wofür ich es nahm, bis ich eines Morgens er⸗ fuhr, daß bei einer Vertheilung der Gefangenen, ich nicht dem Häuptling des Stammes, ſondern dem Häuptling des Kriegszuges gegen die Pequots zuerkannt worden war, und daher den Tod des Helden auf dem Scheiterhaufen ſterben 15 ſolle. Ein fürchterlich bemalter Krieger kam vor die Hütte, wo ich auf meinen Thierfellen lag, und begann ein großes Geſchrei, wodurch er mich aufforderte, aus der Hütte her⸗ auszukommen. Er empfing mich auf eine auffallend höf⸗ liche Weiſe und ſagte:„Bruder, faſſe Muth, Du gehſt jetzt den Weg verbrannt zu werden.“ Ich muß geſtehen, dieſes war eine Anrede, die mein Blut gerinnen machte; aber ich hatte bereits ſo viel von dem ſtviſchen Gleichmuthe der Indianer gehört, daß ich mich geſchämt hätte, irgend einen Schreck zu verrathen,— ſie ſollten nicht ſagen, daß ein Blaßgeſicht weniger Heldenmuth beſitze als eine Roth⸗ haut, und ſo antwortete ich mit ſo vieler Kühle, als ich aufbringen konnte:„Ganz wohl, Bruder,— ich bin bereit.“ „Ausgezeichnet!“ lachte Jack,—„nur hätteſt Du noch hinzu ſetzen ſollen: Ich ſage Dir meinen Dank!— dann hätte der größte Sachem der fünf Nationen die Rolle eines zum Scheiterhaufen geführten Kriegers nicht beſſer ſpielen können,— doch fahre fort.“ „Kaum hatte ich dieſe Worte ausgeſprochen, ſo fing der freundliche Verkünder meines nahen Todes ein furcht⸗ bares Geſchrei an, und im ganzen Dorfe wurde geſchrieen, gelärmt und gejubelt, als wenn es einen großen Sieg zu feiern gegolten hätte. Nun wurde ich auf einen freien Platz geführt,— ſchon von Weitem erblickte ich den ver⸗ hängnißvollen Pfahl, umgeben von Reiſigbündeln, dürrem 16 Geſtrüppe und großen Holzſtücken. Soll ich es läugnen, daß jetzt mein Muth ſank,— aber die ſcharfen Augen der Menge, die mich umgab, waren auf mich gerichtet,— ſie ſuchten ein Beben, ein Zittern, den Ausdruck der Furcht zu entvecken,— es iſt wahr, ich habe dem Tod oft genug in's Auge geblickt, kühn und unerſchrocken, aber es war mit dem Schwerte in der Hand, Mann gegen Mann,— ich bin ſicher kein Feigling,— aber dieſen Pfahl mit ſeiner Um⸗ gebung,— Freund, dieſen vergeſſe ich nicht, ſo lange ich lebe.“— „Das will ich Dir wohl glauben.“ „Aber ich denke, ich benahm mich ſtandhaft genug. Und ſo wurde ich zu dem Pfahl geführt und an ihn gebun⸗ den, doch ſo, daß ich frei um ihn herumgehen konnte; aber was hätte das Herumlaufen genützt, lag doch im ganzen Umkreiſe nichts als Holz und Reiſig und Brennmaterial jeder Art, welches, einmal in Flammen geſetzt, gewiß raſch genug aufflackern mußte. Da ſtanden auch bereits vier oder fünf ſolch teufliſch bemalter Geſellen, mit brennenden Kienfackeln, eben nur auf das Zeichen wartend, ihr Ge⸗ ſchäft zu vollbringen.— Endlich näherte ſich derſelbe Aus⸗ rufer, welcher mich aus der Kabine geholt hatte, dem Pfahle, an dem ich angebunden ſtand, und ſagte:„Nun, Bruder, Du haſt Dich muthig genug gezeigt, Du biſt gewiß ein großer Sachem unter den Blaßgeſichtern,— behalte Dei⸗ 17 nen Muth bei, und ſinge nun Deinen Sterbeſang.“ Es war, als hätten dieſe Worte neu meinen Stolz angefacht und mit kräftiger lauter Stimme aus voller Bruſt ſang ich ein Loblied Gottes, wie ich es einſt ſeiner Schönheit wegen mir gemerkt hatte,— ich ſang es in der Sprache, in der ich es geleſen hatte,— es war holländiſch da hörte ich einen gellenden Aufſchrei, und ein großes ſtatt⸗ liches Weib mit einem ſchimmernd weißen Mantel um ihre Schultern geſchlagen, drängte ſich durch den Haufen der neugierigen Zuſchauer durch auf mich zu,— ſie ſprang über Holzſtücke und Reiſigbündel— ſie ſtellte ſich vor mich hin und blickte mit ſtarrem Auge mich an,— es dauerte eine Minute,— zwei Minuten,— was waren das für Mi⸗ nuten für mich,— und doch, welche Erinnerungen erweckte dieſes Weib in meiner Seele,— war dieſes Weib mir ein fremdes?— nein, hatte ich es je geſehen?— oder war es das Gebilde eines Traumes,— ſie riß mir das Hleid vom Leibe, ſie war wie in Verzückung— wie eine Raſende,— und mit einer Stimme, die wie ein Trompetenſchall weithin dröhnte, rief ſie:„Ihr wollt ihn tödten, und hier trägt er das Wap⸗ pen der Schildkröte auf dem Arme!— Er, ein Sohn der Mohawks,— mein Sohn,— Namakewa's Sohn!“— Sie ſank erſchöpft auf einem der Reiſigbündel nieder,— aber das kräftige Weib erholte ſich bald wieder und mit ihren Händen zerriß ſie meine Bande,— keiner der Mo⸗ 1858. VII. Van Hoboken. IV. 2 — 18 hawks wagte es ihr zu wehren,— und ſie führte mich in ihre Hütte und ich war— ihr Sohn!“ „Und dadurch auch ein Adoptiv⸗Sohn der Mohawks,“ ſagte Jack.—„Es iſt dieſes eine kluge Politik der fünf großen Nationen. Während z. B. die Adirondacs, die Huronen und andere Nationen den größten Theil ihrer Ge⸗ fangenen zum Tode verurtheilen oder zur härteſten Skla⸗ verei, in der ihr Leben nie geſichert iſt, hat jede der fünf Nationen das Adoptiren im Gebrauche, und ein adoptirter Sohn unterſcheidet ſich durch nichts von den eigentlichen Kindern der Nation. Er tritt in deren volle Rechte ein, —zeichnet er ſich im Kriege aus, kann er ſelbſt zum Häupt⸗ ling gewählt werden,— beweiſet er Ruhe und Ueberlegung, ſo erhält er ſeinen Sitz am Berathungsfeuer,— und es iſt nichts Seltenes, daß ſolch' ein Adoptiv⸗Sohn von dem Geiſte der Nation, in welcher er jetzt lebt, ſo ſehr inſpirirt wird, daß er gegen ſeine urſprüngliche Nation zu Felde zieht. Ich glaube nicht, daß es eben ein höherer Grad von Civiliſation iſt, welcher die Jrokeſen zu dieſer Maßregel leitet, ſondern kluge Politik. Sie ſind ſeit undenkbaren Zeiten mit nahen und fernen Nationen in ſtetem Kriege, ſie haben die wilden Adirondacs, die Huronen, die Ottawas von ihren Jagdgründen vertrieben, ſie haben die Lenaps, die Cherokeſen, ſelbſt am fernen Miſſiſſippi die Illinvis unterjocht, eben jetzt haben ſie wieder die Pequots tribut⸗ 19 pflichtig gemacht,— jeder Kriegszug koſtet aber Menſchen, und die fünf Nationen wären ſchon längſt nicht mehr im Stande, ſolche Kriegerhaufen in's Feld zu ſchicken, wenn ſie nicht bedacht wären, den größten Theil ihrer Kriegsgefan⸗ genen zu naturaliſiren. Daß man Dich hat wollen dem Scheiterhaufen übergeben, war ſicher nur Deiner weißen Haut zu Ehren geſchehen, indem man dem Gotte des Krie⸗ ges einmal etwas Apartes hat bringen wollen, und Dich rettete ſicher nur die Schildkröte an Deinem Arme.“ „Sie erzählte mir,“ fuhr Francis fort,—„daß ſie bei meiner Geburt geweſen,— ſie ſprach viel Gutes über meine Mutter und auch von meinem Vater, nur nannte ſie dieſen einen ſchwachen Mann, der Unrecht gethan habe, ſeine guten Freunde, die Hag⸗in ſags, aus ihrem Dörfchen vertreiben zu laſſen. Aus ihren Geſprächen ſchöpfte ich die Vermuthung, daß die Familie, aus der ich ſtamme, in der Nähe von Neu⸗York anſäſſig ſei, und ſo machte ich mich hierher auf den Weg, nachdem ich den Winter und das Frühjahr unter den Mohawks zugebracht, mit ihnen den Jagdgrund betreten, die Biber beſchlichen, und ſelbſt ein paar Züge gegen unruhige Nachbarn gemacht hatte. Ich ging auf gut Glück hierher, denn die Nachrichten, die ſie mir gab, waren allerdings verworren genug,— Namen konnte ſie mir nicht nennen; und ſo iſt die Erzählung von einem fremden Manne, der bei meiner Geburt war, und 2* 20 deſſen Name, dieſes F. L., das ich unter der Schildkröte trage, mir undeutlich geblieben.“ „Du warteteſt den Winter und das zum Wandern in Amerika nicht einladende Frühjahr ab,“ ſagte Jack, „um dann Deine Entdeckungsreiſe nach Geburtsplatz, El⸗ ternhaus und Familie anzutreten, und faſt zur ſelben Zeit mochte ich aufgebrochen ſein, um Dich aufzuſuchen. Ich hatte die ſichere Hoffnung, Dich unter den Mohawks zu finden, obwohl ich nicht erwartete in ſolchen günſtigen Verhältniſſen, als Dir die Mutterſchaft der unter den Na⸗ tionen hochverehrten„Weiſen Frau“ verſchafften,— und ich ſchnallte mein Bündel zuſammen und ſagte zu Agonla: ich gehe meinen Freund aufzuſuchen,— da erwiederte ſie: recht, Jack,— gehe, und ich werde daheim zu dem großen Manitto beten, daß er Dich den rechten Pfad führe. Ihr Gebet ſcheint ein erhörtes geweſen zu ſein, denn ohne lan⸗ ges Herumwandern und Suchen fand ich den Stamm der Mohawks auf, deſſen Kriegshäuptling Dich gefangen ge⸗ nommen; aber was noch erwünſchter kam, war, daß ich auf Namakewa ſtieß, von welcher ich zum Theil das erfuhr, was Du mir erzählteſt, und ſo ſagte ſie auch, daß Du am Hudſon herabſeieſt, zum großen Dorfe der Blaßgeſichter, und Deinen Vater hier beſuchen wollteſt. Als ich aber mich anſchickte, Dir nachzureiſen, und von dem Dorfe der Mohawks Abſchied nahm, da ſchlug ſie ihren weißen Feder⸗ 21 mantel über die Schultern, ergriff ihren Wanderſtab und erklärte, mich begleiten zu wollen. Dagegen hatte ich nichts und ſo kamen wir heute früh Morgens hier an.“ Es kam zwiſchen den beiden Freunden nun zu noch manchen Erklärungen, welche unſere Leſer jedoch nicht be⸗ nöthigen, da ſie nur ſolche Dinge betrafen, die uns ohne⸗ dies bekannt ſind. Unter dieſen Geſprächen war die erſte Hälfte der Nacht vorüber gegangen und Mitternacht herangerückt. „Je länger ich mich in dieſer Kabine befinde,“— ſagte Jack,—„je mehr werde ich mit deſſen Eigenthüm⸗ lichkeiten vertraut, und das für's Erſte Abſtoßende verliert dieſe Eigenſchaft, und da ich überdies von einem ſtarken Marſche an dieſem frühen Morgen und dem Herumtreiben den ganzen Tag über ziemlich ermüdet bin, ſo will ich die⸗ ſes Bett nicht länger mit offenen Augen anſehen, ſondern mit geſchloſſenen mich darauf legen und ſchlafen.“ Wie geſagt, ſo gethan. Er warf ſich auf's Bett und war in der That in wenigen Minuten in ſüßen feſten Schlaf verſunken. Francis hätte noch immer Platz neben ihm gefunden, aber er zog es vor, ſich durch Zuſammen⸗ rücken der Stühle eine erträgliche Lagerſtatt zu bereiten, wozu der abgelegte Prieſterrock ſeines Freundes das Kopf⸗ polſter abgeben mußte. Aber er war nicht ſo glücklich als Jack,— er konnte nicht ſo ſchnell den Schlaf finden, als 22 dieſer,— die Ereigniſſe des heutigen Tages beſchäftigten zu ſehr ſeine Seele, unter denen natürlicher Weiſe das Be⸗ gegnen Arabellens nicht die untergeordnetſte Rolle ſpielte; doch endlich überwand Müdigkeit die Aufregung und er verfiel in jenen Zuſtand von Schlaf, wo die Träume am lebhafteſten ſind. Aber auch dieſer Zuſtand dauerte nicht lange; ein ſehr lebhafter und beunruhigender Traum erweckte ihn, und er fühlte jetzt eine glühende Hitze in ſei⸗ nem Körper, einen ängſtlichen Zuſtand mit Flimmern vor den Augen,— es war wohl die Zuliushitze die Hauptur⸗ ſache, und er ſtand auf und ging zum Fenſter, welches er öffnete. Im Fort war es jetzt ruhig geworden, ſelbſt nicht einmal der Schritt einer Schildwache zu vernehmen, wäh⸗ rend doch vor Kurzem noch hier ſehr viel Bewegung herrſchte;— es mochten wohl alle nöthigen Anſtalten ge⸗ troffen ſein, und ſelbſt die Wachtpoſten in einen Winkel gedrückt jetzt ruhig ſchlummern. Nur die Bay war un⸗ ruhig bewegt; es war die höchſte Flut eingetreten und da giebt es ſtets einen Kampf mit dem in das Meer ſich drän⸗ genden, mächtig einherrollenden Hudſon und das Rauſchen, Toben, Toſen iſt ein gewaltiges, beſonders in der ſtillen Ruhe der Nacht. Er blickte über die weite wogende Waſ⸗ ſerfläche hin, welche jetzt nicht mehr wie unter Grabestuch⸗ ſchwärze lag, ſondern von einem zweifelhaft grauen Lichte überhellet war. Er öffnete leiſe das Fenſter, um durch ein 23 Geräuſch nicht etwa den Verdacht einer Schildwacht zu er⸗ regen und lehnte ſich hinaus, um ſeine heiße Stirn abzu⸗ kühlen; aber als er eben eine kurze Weile ſich am Fenſter befand, kam es ihm vor, als rieche er Rauch— und in demſelben Augenblicke zog es auch am dunkeln Firmamente gleich einer noch dunkleren Wolke hin, von der Stadtſeite her, über das Fort der Bay zu. Dieſes kam ihm ſonder⸗ bar vor, und er trat zum Bette, um Jack zu wecken. Die⸗ ſes war eben keine leichte Arbeit, denn der gute Mann hatte heute einen beſonders geſunden Schlaf und es bedurfte eini⸗ ges Rütteln und in die Ohren Rufen, bis er vollkommen wach war.„Nun, was ſicht Dich an?“ fragte er,— „ich träumte eben von meinem Jungen.“—— „Erhebe Dich, Jack,“ ſagte Francis,—„ich glaube, es iſt beſſer, wir ſind auf unſerer Hut.“ „O, mitten in der Nacht werden ſie Dich nicht ab⸗ holen,“ erwiederte der Krämer. „Nicht das,— aber riechſt Du nicht Rauch?“ „Rauch?“ fragte Jack und ſchnüffelte mit der Naſe; aber da zog es hellroth am Firmamente hin, und da hörte man die Wachtpoſten rufen. „Zum Donner! was iſt denn das?“ rief Jack und ſprang mit beiden Füßen zugleich aus dem Bette,—„ſie werden doch nicht das Fort in Brand ſtecken?“ Er eilte an's Fenſter. 24 Das Feuer, vbwohl ſie es nicht ſehen konnten, da es im Rücken des Hauſes war, ſchien gewaltig um ſich zu grei⸗ fen,— ſie hörten kniſtern und praſſeln,— dicke, ſchwarze Wolken Rauches, mit den Millionen kleiner mit ihnen flie⸗ genden Sternchen, zogen gewaltig und ſchwer über die Bahhin, welche, ſo wie das Fort und die ganze Gegend in einer hellen, doch dunkelrothen Beleuchtung lagen, und die dunklen Geſtal⸗ ten, welche jetzt auf den Wällen, im Hofraum und allenthalben erſchienen, glichen dämoniſchen Geſtalten, die ſich im Glanze des hölliſchen Feuers herumtummelten. Es waren die Soldaten der Beſatzung, die vom Schlafe aufgeſchreckt in wilder Verwirrung herumrannten und nicht wußten, wohin ſich wenden, was zu thun,— da hörte man Trommel⸗ wirbel, da hörte man den Kommandoruf der Offiziere,— und die Disciplin ſchien in volle Wirkſamkeit zu treten, denn es ſammelten ſich die Kompagnien und löſten ſich wie⸗ der auf und bildeten geöffnete Reihen, und man ſah das Waſſer in ledernen Schläuchen von Hand zu Hand gehen, und man vernahm lärmendes Gepolter, Artſchläge, Nie⸗ derreißen von Seitengebäuden, um dem Feuer vorzuarbei⸗ ten, man hörte Fenſter klirren, Thüren einſchlagen,— man hörte Kommandoworte und Trommelwirbel im Fort; aber auch die innere Stadt war erwacht, man hörte das Geraſſel der ſchwerfälligen Maſchine, welche durch Schläuche das Waſſer trieb, die Glocken der holländiſchen und der engli⸗ 25 ſchen Kirche wurden geläutet, man hörte auch von dorther Geſchrei, Gelärm, Gerufe,— und die ſchwarzen Wolken mit den goldenen Sternchen zogen dicker und dicker über Fort und Bay hin, und die Inſeln und die wellenbewegte See lagen wie in magiſcher Beleuchtung. „Das Feuer ſcheint uns näher zu rücken,“ ſagte Jack, „fühle einmal, wie heiß dieſe Wand wird.“ „Ich glaube, in wenigen Minuten ſteht die Holzwand in Flammen,“ ſagte Francis. „Das wäre noch ſchlimmer als auf dem Scheiter⸗ haufen der Mohawks,“ ſagte Jack und war mit beiden Fäuſten an der Thüre, aus vollen Leibeskräften darauf trommelnd und dabei aus voller Lunge ſchreiend:„Heda, Wache! aufgemacht,— Du wirſt doch nicht wollen, daß wir bei lebendigem Leibe geröſtet werden!“— Aber Trom⸗ meln und Rufen war umſonſt, der Mann hatte im Schrecken ſeine Pflicht als Wachtpoſten, aber auch die, welche er zu bewachen hatte, vergeſſen und war davon⸗ gelaufen. Jack und Francis verſuchten mit vereinten Kräften die Thüre aufzuſprengen, aber es war nicht Galanterie⸗ tiſchler⸗, ſondern gute derbe Zimmermannsarbeit, und das Schloß, von Außen angebracht, war wie für eine Ewigkeit feſtgemacht,— umſonſt war jeder erneuerte Anlauf: es rührte und regte ſich nichts,— und immer heller wurde 26 die Beleuchtung, die in das Zimmer hereindrang, immer dicker die Wolken, die am Firmamente hinzogen, und im⸗ mer heißer die Bretterwände des Zimmers. „Ich will lieber das Genick brechen, als lebendig braten,“ ſagte Jack,—„ich ſpringe zum Fenſter hinaus!“ „Ich bleibe gewiß nicht zurück,“ erwiederte Francis, und ohne Säumen ging man an's Werk. Der Strohſack und die wollene Decke des Bettes, vor Kurzem noch, ihrer Unſauberkeit wegen, Gegenſtände des Abſcheues und Ekels, wurden jetzt dankbar angeſehen und ſo gut es ging benutzt, — freilich reichten Beide zuſammengeknüpft kaum eine Klafter tief vom Fenſterbalken hinab, aber eine Klafter iſt ſchon Gewinn,— Jack ließ es ſich nicht nehmen, der Letzte zu ſein,—„reißt das Zeug, ſo gewiß eher mit mir, als mit Dir, der Du ſicher einen halben Zentner geringer im Gewichte biſt, als ich,“ ſagte er,—„alſo vorwärts!“ Widerſpruch wäre gefährliche Zeitverſäumniß gewe⸗ ſen, und ſo ſchwang ſich denn Francis über die Fenſter⸗ brüſtung hinaus und ließ ſich am Bettzeuge hinab, ſo lange es reichte, dann Knie und Hände an die Wand ſtemmend, rutſchte er an ihr hinab,— freilich ging es nicht ohne einige Hautabſchärfung ab,— auch kam er nicht aufrecht auf die Füße zu ſtehen, ſondern purzelte über und über, doch 27 war er raſch wieder auf den Füßen,— und da kam bereits Jack denſelben Weg, den er zurückgelegt hatte. Beide waren unverſehrt und frei. Zweites Capitel. 2„Geſchäfte, die— „Wie man von Geiſtern ſagt— um Mittnächt wandeln, „Sind ernſterer Natur, als eine Sache, „Die man abthut bei Tag.“ Shakesprart.(Heinrich VIII.— 5. Act.) Sie waren in der That frei; denn Niemand beküm⸗ merte ſich um ſie. Francis hatte erwartet, von einem Wachtpoſten feſtgenommen zu werden; aber, obwohl es nicht wahrſcheinlich war, daß ihre Fahrt vom Fenſter herab gänzlich unbemerkt geblieben ſein ſollte, ſo mochte doch wohl Zeder, der dieſelbe beobachtet hatte, ſie für voll⸗ kommen erklärlich finden, denn die hintere, dem Palli⸗ ſaden⸗Wall zugekehrte Wand des Gebäudes, deſſen Stockwerk ſie bewohnten, ſtand in der That bereits in vollen Flammen, und ſie hatten kaum den Erdboden er⸗ reicht, ſo ſchlug auch ſchon die helle Lohe aus demſelben 28 Fenſter heraus, durch welches ſie entkommen waren. Als ſie jetzt um die Ecke dieſes Gebäudes ſich wandten, hatten ſie die volle Ueberſicht über die Ausdehnung der Feuers⸗ brunſt: die ganze Reihe der Palliſaden, welche auf der Land⸗ ſeite das Fort einſchloſſen, ſtand in Flammen,— es war ein impoſanter Anblick, dieſe lange Feuerlinie, mehre Klaftern hoch vom Erdboden ſich erhebend zu ſehen; die Palliſaden waren alte, ausgetrocknete Baumſtämme, die wie Schwefel brannten, und es war zu denken, daß das Feuer an vielen Stellen zu gleicher Zeit angegangen war, da in dieſer kur⸗ zen Zeit, vom erſten Ausbruche bis jetzt, bereits das ganze Bollwerk, vom äußeren Thore des Forts bis zum Hudſon ſich hinziehend, bereits in vollen Flammen ſtand. Dieſes Feuer zu löſchen war eine Unmöglichkeit, auch die einigen Baraken und Holzhütten, welche im Hofe des Forts den Palliſaden nahe ſtanden, waren nicht zu retten, da die aus⸗ ſtrömende Hitze eine unerträgliche war; die einzige Aufgabe der Beſatzung des Forts konnte ſein, die entfernter ſtehen⸗ den, der Hafenſeite zugewendeten Gebäude zu bewahren, und dieſes geſchah durch Niederreißen aller hölzernen Zwi⸗ ſchengebäude und durch unaufhörliches Aufſchütten von Waſſer auf Dächer und Wände der Hauptgebäude des Forts. Dabei fand aber auch jede Hand Beſchäftigung und man ſah Offiziere und Unteroffiziere unter ihren Leuten ſtehen, und die waſſergefüllten Schläuche von Hand zu Hand 29 gehen, und denen gereicht, welche auf den Leitern ſtanden, und die ohne Aufhören Mauer- und Holzwerk begoſſen. Francis und Jack konnten es ebenfalls nicht länger an der Stelle, wo ſie ſich befanden, aushalten, da die Hitze eine ſengende war. Sie begaben ſich quer über den Hof⸗ raum und hatten die Abſicht, ſich denen anzuſchließen, welche das Hauptgebäude zu ſichern bemüht waren. Auf dieſem Wege näherten ſie ſich dem Haupteingang des Forts, und hier drängte jetzt ſo eben ein wilder Haufe Männer herein. Es waren Matroſen aus dem untern Hafen, welche durch den Feuerlärm aufgeſchreckt, ihre Schiffe verlaſſen hatten, um thätige Hülfe zu leiſten. Sie kamen mit Haken, Leitern, Waſſerſchläuchen beladen herein,— unter wildem Geſchrei und Gerufe in allen möglichen Sprachen,— ſie machten einen wüthenden Lärm, es war wie Freudengejubele, wie wir den rohen Pöbel gewöhnlich jauchzen und jubeln hören, wenn Eigenthum und Leben ſeiner Mitmenſchen durch die Wuth des Elementes in Gefahr geſtellt iſt. Francis und Jack waren zur Seite getreten, um den wilden Haufen an ſich vorüber tollen zu laſſen; aber bevor ſie es ſich ver⸗ ſahen, waren ſie inmitten deſſelben und unter wildem Ge⸗ ſchrei mit fortgedrängt,— es war jedoch etwas Geſuchtes in dieſer Bewegung, durch welche die Matroſen die Beiden mit hineinzogen, welches beſonders Jack bemerkte, und ſo ſchien es ihm auch, als ob man bemüht ſei, ihn von Fran⸗ 30 cis zu trennen; um ſo mehr trachtete er nun, ſtets an der Seite des Freundes ſich zu halten. Der Haufe hatte ſich dem Hauptgebäude genähert, wo die Soldaten der Beſatzung wohl das Mögliche thaten, um es vor dem Er⸗ griffenwerden durch die ſteigende Hitze und durch die flie⸗ genden Brände zu ſchützen; aber die ankommende Unter⸗ ſtützung von wenigſtens hundert kräftigen, wagehalſigen Matroſen war eine erwünſchte, und dieſe wurden mit einem lauten Jubelrufe begrüßt. Dieſe machten ſich auch ſogleich an's Werk— ſchleppten Leitern an's Gebäude, riſſen Holz⸗ werk ab, reichten Waſſer zu,— auch Jack und Francis waren genöthigt worden, ſich in die Reihe zu ſtellen und die Schläuche von Hand zu Hand laufen zu laſſen; aber Jack, nun einmal aufmerkſam geworden, bemerkte, daß ſtets Einige bemüht waren, ſich zwiſchen ihn und Francis zu drängen. Er, ein breitſchulteriger, kräftiger Mann, erzwang ſich aber immer wieder ſeinen Standpunkt an der Seite ſeines Freundes. „Halte feſt an mich,“ ſagte er halblaut zu dieſem,— „laß es nicht geſchehen, daß ſich Jemand zwiſchen uns Bei⸗ den eindrängt.“ Francis wollte eben fragen, was er damit meine; da erhob ſich unter den Matroſen ein brüllendes Geſchrei: „Die Stadt brennt!“— Dieſes war in der That die Wahrheit. Bisher hatten die Bemühungen der Bürger 1 31 und ſonſtigen Bewohner der Stadt, die Wuth des Ele⸗ mentes von ihren Häuſern abgehalten. Bei der rothen Helle, welche über die ganze Stadt ausgebreitet war, konnte man auf allen Dächern Geſtalten ſich bewegen ſehen, man konnte deutlich wahrnehmen, wie ihnen aus dem Innern der Häuſer Waſſerſchläuche und andere Behälter zugereicht wurden, deren Inhalt ſie über Dach und Seitenwände aus⸗ leerten, um durch dieſe ſtets erneuerte Befeuchtung des Ziegel- und Holzwerkes die Hitze abzuhalten und das Ent⸗ zünden zu verwehren; aber mit dem Zunehmen des in Flammen ſtehenden Materials nahm auch die Hitze zu, und dieſe war endlich ſo unerträglich geworden, daß ſie die Leute von den Dächern der einzelnen Häuſer, welche in der Pal⸗ liſadenſtraße ſtanden, vertrieben hatte, und wirklich ſtand jetzt eines dieſer Häuſer in Flammen, daher der Ruf:„Die Stadt brennt!“ und eben ſo erklärlich war es auch, daß der Matroſenhaufe das Fort verließ, einmal gab es hier Leute genug, welche die nöthigen Anſtalten treffen konnten, zu ſchützen, was zu ſchützen möglich war, und andererſeits ſah Jeder ein, daß an der Rettung der Stadt mehr gele⸗ gen ſei, als am Fort;— Jackfand darin nichts Auffallen⸗ des, daß derſelbe Haufe, welcher ſich vor etwa einer Vier⸗ telſtunde in den Hof des Forts gewälzt hatte, jetzt ſich an⸗ ſchickte, dieſen eben ſo eilig zu verlaſſen, aber auffallend war es ihm, daß ſich etwa ein Dutzend dieſer Matroſen 32 eng an Francis drängte und ihn mit ſich fortſchob,— er, für ſeine Perſon, hatte die freie Wahl, mit zu rennen, — denn es ging im Sturmwindſchritt,— oder zu bleiben; natürlich wählte er das erſte und rannte ſo raſch wie die andern, ſich immer knapp an den Knäuel haltend, welcher Francis umgab und dieſen wollend oder nicht wollend mit ſich fortriß. Sie hatten den Hof des Forts verlaſſen und waren in die anſtoßende Palliſadenſtraße gekommen. Die größere Anzahl der Matroſen begab ſich ohne Säumen dorthin, wo ihre Hülfe nöthig war, und ſchritten ſogleich an ein Nieder⸗ reißen desjenigen, was bereits in Flammen ſtand, um ein Weiterumſichgreifen zu verhüten, und ſie begannen mit wahrer Tollkühnheit auf's Neue die Begießungen, ſo daß die Neu⸗Yorker, welche bereits den Muth verloren hatten, neue Aufmunterung durch die plötzliche und unerwartete Unterſtützung erhielten und jetzt wieder die Hoffnung heg⸗ ten, die Stadt vor einer allgemeinen Feuersbrunſt bewah⸗ ren zu können. Dieſer Haufe muthiger Matroſen und ſonſtigen dazu gekommenen Volkes aus dem Hafen, waren in der That die Retter der Stadt, und jeder Einzelne konnte ſich dieſes im ſchönen Selbſtgefühle ſagen; aber darum ſchien ſich der kleine eng zuſammengedrängte Knäuel nicht zu kümmern, welcher von der Palliſadenſtraße ab und in die Biberſtraße 1 — — M W— —— — einbog,— in flüchtiger Eile ging es dieſe Straße hinab, — und ohne ſtehenden Fuß faſſen zu können, mußte Fran⸗ cis mit— umſonſt verſuchte er, die beiden ſich zunächſt an ihm Andrängenden von ſich zu ſtoßen, gleich wieder fühlte er einen Druck im Rücken und fort mußte er, mehr rennend als gehend. Die wilden Burſche wußten wohl, daß ihnen Eile nöthig war,— aber hatten ſie einmal Here⸗Graft erreicht, dann ging es auch raſch dem Slip zu, und dort lag die Pinnaſſe der„Möwe.“ Doch der ihnen auf dem Fuße folgende Jack the Idler wußte es auch, daß nun keine Zeit mehr zu verſäumen ſei, und einen Hieb führte er, und einen zweiten und dritten, und jeder Hieb traf gut.—„Francis,— rühre Dich,— Jackiſt da!“ rief er mit donnernder Stimme,— man mochte ihn bisher in der Eile des Rennens nicht beachtet haben, aber drei wußten es bereits, daß irgend einer im Rückhalt war,— da machte Franecis ſchnell einen Ruck mit ſeiner Rechten, und ſie war des eiſernen Griffes frei, der bisher wie eine Klammer an ſeinem Handgelenke gelegen hatte, und mit der freigewordenen Fauſt traf er die Stirn des Nachbars zur Rechten, daß dieſer zu taumeln begann, aber wie ein Blitzſtrahl traf es nun auch Augen und Naſenbein des Nach⸗ bars zur Linken, und mit einem Sprunge war Francis aus der Mitte ſeiner Begleiter, und mit dem Rücken an die Wand eines Hauſes gelehnt, und in ziſch Kreuz⸗ 1858. VII. Van Hoboken. IV. 34 hieben durchfuhr die blanke Klinge die heiße Luft. Den Kriegsſchrei der Mohawks ausſtoßend rief er den Freund an ſeine Seite; und wirklich ſtand ein Kämpfer an ſeiner Seite, aber es war nicht Jack, der hatte genug zu thun, um ſich das Halbdutzend wüthender Burſche, die auf ihn einſtürmten, vom Leibe zu halten,— es war eine hohe Weibsperſon, den weißen Reihermantel um den linken Arm geſchlagen und mit der Rechten den gewichtigen Hickory ſchwingend,— Namakewa ſtand an ſeiner Seite. „Mutter Namakewa!“ rief Francis,—„Du fichſt für Deinen Sohn?— nun, wir wollen mit dem Ge⸗ ſindel wohl fertig werden.“ Aber die Sache war nicht ſo leicht abgemacht, denn wenn auch unſer ritterlicher Kämpfer ganz ausgezeichnet ſein Schwert zu handthieren verſtand, ſo waren ſeine Geg⸗ ner doch in zu großer Ueberzahl, und wenn auch nur mit den Meſſern der Matroſen bewaffnet, ſo doch kühne und waghalſige Burſche, die vom Leibe zu helten alle ſeine Fechterkünſte in Anſpruch nahmen;— ſchon begann er in dieſen ſteten Kreuzhieben etwas zu ermüden, als ſich einige Leute näherten, welche durch das Ungewöhnliche eines nächt⸗ lichen Straßenkampfes von ihren Häuſern, wo ſie in ängſt⸗ licher Beſorgniß für die Ausbreitung des Feuers Wache gehalten, weggelockt worden; aber kaum ſahen die Burſche die Annäherung Mehrerer, ſo ſtoben ſie auseinander und waren wie verſchwunden,— nur Einer hatte ſich länger aufgehalten, und als er bemerkte, wie Francis ermüdet das Schwert ſinken ließ, da er die raſche Entfernung ſeiner Gegner ſah, da machte dieſer Eine einen raſchen Sprung zurück, und mit den Worten:„Wenn nicht lebendig, ſo doch todt will ich Dich haben,“ ſtieß er mit ſeinem langen Meſſer nach der Bruſt des Jünglings, der faſt außer Athem mit dem Rücken an der Mauer lehnte,—— aber das Auge der Indianerin war ein raſches, raſcher als der Sprung des Mörders,— ſie beugte ſich über die Bruſt ihres Sohnes,— ein Strom rothen Blutes färbte den ſilberreinen Mantel, gewoben aus den Bruſtfedern des Reihers, und die hohe ſtattliche Geſtalt ſank in ſich zuſam⸗ men,— nieder zu den Füßen ihres Lieblings,— doch da traf auch ein kräftiger Fauſtſchlag das Genick des Mör⸗ ders und ſtöhnend wand ſich dieſer unter dem eiſernen Griffe der Hand des Hauſirers, welcher ſo eben ſein Schwert erhob, um es in die Bruſt des Schurken zu ſtoßen. „Tödte ihn nicht!“ rief Francis,—„es iſt der Kin⸗ desräuber!“ Dick hatte beim Empfange des ſicher treffenden Fauſt⸗ ſchlages den bisher tief in's Geſicht gedrückten Hut verlo⸗ ren, und ſeine teufliſchen Geſichtszüge in der hellen Be⸗ leuchtung der Feuersbrunſt gezeigt.„Tödte ihn nicht!“ rief Francis, und Jack ſenkte ſein Schwert, aber mit 3* 36 hartem Griffe hatte er den Nacken des Räubers umfaßt, und aus dieſem zu entkommen war nicht zu gedenken. 6 Die guten Neu⸗Yorker ſtanden wie verblüfft,— was ſie da ſahen und hörten, konnten ſie nicht ſo ſchnell in ein Verſtändniß bringen,— Straßenkampf,— Zwei gegen ein Dutzend,— ein indianiſches Weib getödtet,— ein Kinderräuber ergriffen, das war zu viel auf ein Mal. Francis gab Erklärung, ſo gut es mit wenigen Worten geſchehen konnte, aber immerhin genug, um die braven Bür⸗ ger zum Beiſtande aufzufordern. Francis bückte ſich † über Namakewa's Körper,—„ſie iſt nicht todt!“ rief er 1 freudig,—„vielleicht iſt Hülfe möglich!— wo iſt ein Arzt?“ „Nicht zwanzig Schritte von hier entfernt,“ antwor⸗ tete einer der theilnehmenden Bürger. „Schnell zu ihm!“ rief Francis, und der kräftige Jüngling nahm die Mutter in ſeine Arme,—„Jack!“ rief er dem Freunde zu,—„den räuberiſchen Schurken überlaſſe ich Deiner Sorge!“ und eiligen Schrittes folgte er dem vor ihm herſchreitenden Bürger. Dieſer hatte recht geſprochen,— kaum zwanzig Schritte brauchten ſie zu gehen, dann hielten ſie vor einem niedern Häuschen an,— der Bürger klopfte an das Thor, welches auch ſogleich aufgethan wurde, denn die Bewohner dieſes Hauſes, wie eines jeden andern in der Stadt, waren 37 durch den drohenden Feuerlärm aus ihrer nächtlichen Ruhe aufgeſchreckt worden, und harrten in ängſtlicher Sorge, was das Schickſal der ſchönen Stadt Neu⸗York ſein werde; — eine ältliche Frau im Nachtkleide und die ſchneeweiße holländiſche Nachtmütze auf ihre zurückgeſtrichenen ſilber⸗ weißen Haare geſetzt, erſchien, mit einem Lichte in der Hand, zwiſchen der Thüre. „Iſt der Doctor zu ſprechen?“ fragte der Bürger. „Doch nicht jetzt, in ſolcher Schreckensnacht?“ erwie⸗ derte mit furchtbebender Stimme die alte Dame. „Eben weil es eine Schreckensnacht iſt,“ ſagte der Bürger,—„hier iſt eine Schwerverwundete, vielleicht zu Tod Getroffene,— wohl nur ein indianiſches Weib,— aber ein braves Weib,— hat ſich————“ Aber Francis konnte eine längere Erklärung nicht abwarten, er drängte, mit ſeiner Bürde auf den Armen, ſich an Bürger und Dame vorbei und trat geradezu in das Zimmer, welches halb offen ſtand, und von woher ihm der matte Strahl einer Lampe entgegenkam. Hier, hinter einem mit Büchern bedeckten Tiſche, auf dem auch die Oellampe ſtand, ſaß ein ſilberhagriger Mann, etwas vorwärts gebückt, die Hände über der Bruſt gefaltet, — ſein Geſicht, der Ausdruck der Güte und Milde, war nicht ganz frei von Sorge, aber es war Sorge mit Reſigna⸗ tion gemiſcht, und letztere hatte die Oberhand gewonnen. 38 „Hier, Doctor, ſeht, ob ein Leben zu retten iſt!“ ſagte Francis, ſeine Bürde fanft auf das Ruhebett ſinken laſſend. „Ein Leben zu retten?“ ſagte der Doctor,—„Wenn es Gottes Wille iſt, wird es meiner Kunſt gelingen.“ Er erhob ſich raſcher, als man ſeiner äußern Erſchei⸗ nung nach hätte erwarten ſollen, vom Stuhle, und das Kerzenlicht aus der Hand der eben eintretenden Dame neh⸗ mend, trat er an das Ruhebett.„Namakewa!“ rief er erſtaunt. „Ja, ſie iſt es!“ ſagte Francis,—„rettet ihr Le⸗ ben, Doctor, Ihr rettet mir die Mutter!“ „Eure Mutter?“ ſagte der Doctor,—„wer ſeid Ihr?— welche Stimme?!“ und er hob die Kerze höher, um die Geſichtszüge des Jünglings zu beleuchten,—„Um Gottes willen!— Van Hoboken!“ rief er, und Leuchter und Kerze entſank ſeiner Hand,— er mußte ſich an dem Kopfende des Bettes halten, um nicht unzuſinken. „Van Hoboken!— Ihr habt recht geſprochen!“ ſagte Francis, und in drängender Sorge ſetzte er hinzu, —„doch alles dieſes zu einer andern Zeit, jetzt ſeht nach meiner Mutter!“ „Ihr habt recht,“ ſagte Doctor Schneppermann, denn eben in das Studirzimmer dieſes gelehrten Arztes war Francis, mit Namakewa auf dem Arme, getreten,— „zuerſt die Pflicht des Arztes, dann die Neugierde des Men⸗ 6 39 ſchen,“ und ſogleich machte er ſich an die Unterſuchung der Wunde,— er ſchlug den Mantel zurück, öffnete das Un⸗ terkleid von Rehleder,— und da lag die klaffende Wunde, am linken Rande des Bruſtbeines, zwiſchen der dritten und vierten Rippe,— er nahm die Stahl⸗Sonde,— er führte dieſe ein,— er bewegte ſie nach auf⸗ und abwärts, — nach allen Richtungen hin,— da zuckte die Verwundete zuſammen, und ſie ſchlug das Auge auf, und den Blick voll Liebe ihrem Sohne zugewendet, ſagte ſie:„Namum- ni-ktee! Du lebſt!— Dank Dir, großer Manitto!“ „Und auch Du wirſt leben, Namakewa!“ ſagte der Doctor in derſelben Sprache ihrer Nation,—„Dank dem Reiher, der ſein Gefieder Dir zum Schutz gegeben,— an ihm brach die Gewalt des Stoßes, und der mörderiſche Dolch kam an das Bruſtbein, wo er abglitſchte, und die Wunde nur eine andringende aber nicht eine eindringende zu nennen iſt. Es iſt kein edles Organ verletzt.“ Mit einem lauten Aufjauchzen umarmte der Jüng⸗ ling den würdigen Chiron, und drückte ihn ſchier außer Athem, an ſeine mächtig in Freude und Luſt aufpochenden Bruſt. Namakewa ſah mit prüfendem Blicke den Doctor an,— es war, als erwache eben eine Erinnerung,— ſie wollte ſprechen; aber der gute Doetor legte ſeine Hand auf ihren Mund, und ſagte:„Nicht ein Wort heute, gute Na⸗ makewa,— nicht ein Wort darfſt Du heute ſprechen!“ 40 Sie nickte beiſtimmend mit dem Kopfe, dann warf ſie noch einen Blick der Liebe ihrem Sohne zu und ſchloß ihre Au⸗ gen wie zum Schlafe,— aber das ſüße Lächeln, welches um ihre Lippen ſpielte, verrieth es, daß ſie nicht ſchlafe, ſondern daß ſie ſich freundlichen Gedanken hingebe, die ge⸗ wiß Niemand anders, als ihren Namum-nirktee, d. i. Sohn meines Herzens, betrafen. Wir wollen nicht ausführlich hier erwähnen, in was das techniſche Kunſtverfahren beſtand, welches der gelehrte Arzt und Wundarzt ſogleich in Anwendung brachte, auch nicht erwähnen, was für ein Tränkchen er für ſie bereitete, — ſondern nur ſagen, daß ihre Wunde kunſtgemäß ver⸗ bunden wurde, und ſie dann in einen ruhigen Schlaf ver⸗ ſank. Francis ſetzte ſich in den großen Lehnſtuhl, den er an die Seite ihres Lagers gerückt hatte,— und der Doctor und ſeine Ehehälfte, die gute alte Dame mit dem holländiſchen Nachthäubchen, zogen ſich gegen Morgen in ihr Schlafkämmerlein zurück, als die Nachricht kam, daß an ein Weiterumſichgreifen der Feuersbrunſt nicht zu den⸗ ken und die gute Stadt Neu⸗York in keiner Gefahr wei⸗ ter ſei. Unſer verehrter Kapitän der„Möwe“ war ganz ſichern Händen überlaſſen geblieben. Er hätte ſich eher aus der Umarmung eines Bären, als dem feſten Handgriffe des rieſig ſtarken Krämers entwinden können, und als er ₰ —— —— 41 Miene machte, ſeine eigene perſönliche Kraft anzuwenden, fand Jack ſogleich Beiſtand an den Bürgern, welche, wenn ſie auch im der Geſchichte nicht ganz klar werden konnten, ſich doch durch das natürliche Gefühl leiten ließen und Hand anlegten, um den wie wüthend um ſich ſchlagenden Räuber zu bändigen. Es wurden ihm die Hände mit einem ſtar⸗ ken Stricke auf den Rücken gebunden und er nach dem Stadthauſe gebracht. Mae Intyre, der würdige Büttel, der in ſeiner Beſorgniß um die Sicherheit der Stadt, flei⸗ ßiger als gewöhnlich nach ſeiner großen Korbflaſche gelangt hatte, machte große Augen, als der eine der Bürger, wel⸗ cher ihm gut genug bekannt war, ihn aufforderte, den Ge⸗ bundenen in ſtrenge Haft zu nehmen, mit der Androhung, daß er zur Verantwortung werde gezogen werden, wenn dieſer gefährliche Mörder durch Nachläſſigkeit entweichen ſollte. „He!— gefährlicher Mörder!“ ſagte der Büttel mit lallender Zunge,„laßt'mal ſehen!“ und er ſtellte ſich nun ſo, daß das volle Licht der Brunſt die Geſichtszüge des Ge⸗ bundenen beleuchtete. Mit einem:„Hilf, heiliger Patrick!“ machte er einen Sprung zurück und ſchlug ſeine Hände im höchſten Erſtaunen zuſammen,—„da treffen ſich ja zwei alte Bekannte!“ rief er dann lachend,—„ſeht doch, Herr Kapitän,— hätte es nicht gedacht, daß wir uns ſobald wieder ſehen ſollten!“ 42 Dick knirſchte mit den Zähnen, als ob er harten Sandſtein zu zermahlen hätte,—„nun, deswegen keinen Aerger gefaßt, werther Herr Kapitän,“ fuhr der Büttel fort,—„aber nicht wieder ſo ein Wagniß, hättet Euch Hals und Beine brechen können, mit dem tollen Sprunge vom Dache herab,— der Strick war ja doch viel zu kurz, den wir am Schornſtein fanden,— nun, diesmal wollen wir Euch an einen andern Platz einlogiren, wo es keinen Kaminroſt auszuheben giebt,— auch wird die gefährliche Bruſtwunde wohl ſchon geheilt ſein, da Ihr ſo nächtliche Spaziergänge unternehmen könnt, und es wird keine Ge⸗ fahr dabei ſein, Euch ein wenig zu unterſuchen und zu ſehen, ob Ihr nicht etwa ein Schlüſſelchen, Feilchen oder derlei Dingelchen bei Euch führt, die einen unliebſamen Hand⸗ ſchmuck abſtreifen machen.“ Und er packte nun mit roher Fauſt den Gefangenen am Rockkragen und zog ihn ſich nach. Jack und die An⸗ dern folgten. Man brachte den Gebundenen in eine Stube im Erd⸗ geſchoſſe. Hier nahm der Büttel ihm Meſſer, Piſtolen und verſchiedene Dinge, die er in den tiefen Taſchen ſeines Seemannsrockes verborgen hatte, ab, dann befeſtigte er an jedes Hand⸗ und Fußgelenk einen eiſernen Reif, durch deſſen Ring eine Kette lief, welche mit einem ſtarken Ringe, der an einer quer durch die Stube angebrachten und an den 43 beiden Enden eingemauerten Eiſenſtange auf⸗ und nieder⸗ lief, verbunden war, ſo daß der Gefangene an dieſer Eiſen⸗ ſtange, wenn er dazu Verlangen hatte, auf⸗ und abwandeln, oder auch das Strohlager einnehmen konnte, welches ſich am obern Ende der Stube dicht an der Eiſenſtange befand. „Nun,— meine werthen Herren,“ ſagte Mac In⸗ tyre,—„ich glaube, Ihr werdet nicht in Abrede ſtellen, daß ich den guten Kapitän wie einen koſtbaren Schatz ver⸗ wahrt habe,— ja, man lernt den Werth einer Sache erſt ſchätzen, wenn man ſie ſchon einmal beſeſſen hat und leicht⸗ ſinniger Weiſe darum gekommen iſt,— nun will ich aber auch gut Acht darauf haben.“ Es war nicht zu beſtreiten, daß der Räuber gut ver⸗ wahrt war; überdies hatten auch die beiden auf den Hof hinausgehenden Fenſter ſtarke und feſt eingemauerte Eiſen⸗ ſtäbe vor, wie ſich Jack durch eigene Beaugenſcheinigung überzeugte; und doch glaubte dieſer vorſichtige Mann ſich nicht ganz ſicher. Der Umſtand, daß der Räuber, wie aus des Büttels Plauderei zu entnehmen war, ſchon früher hier geſeſſen und entkommen war, ſchien ihm verdächtig, und eben das reſignirte Stillſchweigen des Gefangenen, entgegen dem zu ſtarken Farbenauftragen in dem Ge⸗ ſchwätze des betrunkenen Irländers, vermehrte ſeinen Ver⸗ dacht. Aus den wenigen Worten, die Francis geſprochen, hatte er ſchnell die Ueberzeugung gewonnen, daß dieſen 44 Mann in Haft zu behalten, für Francis und für die Auf⸗ klärung von deſſen Entführungsgeſchichte von größter Wich⸗ tigkeit ſein müſſe. Er nahm daher den Bürger, welcher den Gefangenen an Mac Inthre übergeben hatte, zur Seite, und dieſem in wenigen Worten ſo viel Aufklärung über den Sachverhalt gebend, als gerade nöthig war, erſuchte er ihn, die geeigneten Schritte zu machen, um den Gefangenen in eine mehr ſichere Haft, als die alleinige Aufſicht des be⸗ trunkenen Büttels gewähre, zu bringen;— für dieſe Nacht entſchloß er ſich, ſelbſt im Stadthauſe zu bleiben. Der Bürger verſprach nichts zu verſäumen und ent⸗ fernte ſich mit den Uebrigen. Mac Intyre war aber ſo⸗ gleich mit einverſtanden, daß Jack im Stadthauſe über⸗ nachten wolle, als dieſer ihm eine halbe Krone gab, mit dem Auftrage, in einer benachbarten Taverne die Korb⸗ flaſche füllen zu laſſen, da dieſe wahrſcheinlich durch die Hitze der Feuersbrunſt bis auf den Boden ausgetrocknet war. Und wir ſehen bald darauf die beiden Männer ge⸗ müthlich einander gegenüber ſitzen, jeder ſeine Pfeife ſchmauchend, und das Glas Grog vor ſich, Einer den An⸗ dern in Erzählung wunderbarer Geſchichten überbietend, und welche gemüthliche Ruhe nur bisweilen durch das Ge⸗ raſſel der Kette an der eiſernen Querſtange im Nebenge⸗ mache geſtört wurde. Nachdem man einige Gläſer Grog geleert, und ſich 45 in Erzählungen erſchöpft hatte, legte man ſich zur Ruhe. Jack warf ſich in ſeinen Kleidern, das Schwert an der Seite, auf das Bett des Büttels und ſchien bald in feſten Schlaf verſunken; aber in Wahrheit ſchnarchte der Irländer, welcher ſich in der andern Ecke der Stube auf ein Bündel Stroh gelegt hatte, in kurzer Zeit ſo herzhaft, daß man das große Räderwerk einer Maſchine zu hören vermeinte. Wir haben nun die Ereigniſſe dieſer Nacht, inſofern ſie zum Theil die gute Stadt Neu⸗Yyrk, zum Theil dieje⸗ nigen unſerer Freunde betrafen, für deren Schickſal wir, wenn auch nicht alleiniges, doch ein vorwiegendes Intereſſe gefaßt haben, erzählt; wir haben die bedrohende Gefahr von der Einen wie von den Andern abgewendet geſehen, und gleichwie ſich unſere handelnden Perſonen zur wirkli⸗ chen oder ſcheinbaren Ruhe begeben haben, ſo auch alle die guten Bürger von Neu⸗York, nachdem die Wuth des Ele⸗ mentes gebändigt oder wenigſtens in jenen Schranken ge⸗ halten worden, wo für die Stadt ſelbſt nichts mehr zu fürchten war; bevor wir jedoch auf den folgenden Tag übergehen und deſſen Ereigniſſe, die nach dem Vorherge⸗ gangenen nicht unwichtig ſein können, erzählen, müſſen wir noch eine Begebenheit erwähnen, welche von außerordent⸗ lichen Folgen war. Wir wiſſen, daß Se. Gnaden der Herr Statthalter der Provinz Neu⸗Nork den ganzen Abend über in großer 46 Aufregung und mit Geſchäften überhäuft war, Offiziere und Ordonanzen kamen und gingen, er dictirte Befehle, erließ Anordnungen, erhielt Berichte,— mit einem Worte: er erfüllte alle Pflichten eines gewiſſenhaften und zugleich ehr⸗ geizigen Stadthalters, der eine Gefahr kannte, die ſeiner Ehre als Stellvertreter der Krone Englands drohte. Er hatte ſo eben Mr. Brown, ſeinen Sekretär, entlaſſen und wollte ſich für einige Stunden zur Ruhe begeben, da er es voraus ſah, daß der morgende Tag alle ſeine Energie und That⸗ kraft in Anſpruch nehmen werde;— da erſcholl Feuerlärm, — da wälzte ſich die dicke ſchwarze Rauchwolke über das Fort und die Bay hin,— brüllendes Geſchrei war zu hören, die Trommel wirbelte,— ein Blick belehrte ihn, daß im Fort ſelbſt, oder wenigſtens nahe daran, das Feuer ausgebrochen ſei. Er zögerte nicht einen Augenblick, warf den Hut auf den Kopf und war in raſcher Eile die Stiege hinab. In der Hausflur brannte nur eine mattflackernde Lampe,— das Dienſtperſonal, weniger ehrgeizig als ſein Gebieter, war ſorglos nachläſſig geweſen,— es herrſchte alſo hier große Dunkelheit,— doch er ſah das Hausthor offen ſtehend, und durch dieſes wollte er ſich auf die Straße begeben; aber bevor er noch dahin gelangt war, fühlte er ein großes ſchweres Tuch über ſich geworfen,— tiefe, un⸗ durchdringliche Finſterniß umgab ihn jetzt,— er griff nach dem Dolch, den er im Gürtel trug, aber es ward ihm nicht 47 die Zeit gelaſſen, dieſen zu entblößen,— im Momente war das ſchwere Tuch um ſeinen ganzen Körper gewickelt, daß er nicht Arm noch Fuß bewegen konnte,— er ver⸗ ſuchte zu rufen,— aber kaum, daß er es ſelbſt vernahm, ſo dumpf tönte ſein Ruf unter der dichten Verhüllung, die ihm wohl ſo viel Luft gewährte, als er zum Athmen be⸗ durfte, aber nicht ſolche Schwingungen geſtattete, daß der Ton ſich fortpflanzte,— und jetzt fühlte er ſich in die Höhe gehoben,— er fühlte, wie ihn mehrere Männer gleich einer Laſt auf ihren Schultern trugen, und mit ſchnellem aber gleichen Tact haltendem Schritt mit ihm davon eilten; — ſich dagegen zu ſträuben, war durchaus unmöglich, denn feſt an den Leib gehalten waren die Arme,— es ging raſch vorwärts,— jetzt ſchien es thalabwärts ſich zu ſenken,— jetzt vernahm er trotz der Verhüllung das Rauſchen des Waſſers, er fühlte ſich auf den Boden eines Schiffes nie⸗ dergelegt, und jetzt hörte er das plätſchernde Einfallen mehrerer Ruder in das Waſſer. Aus den ruckweiſen Stö⸗ ßen des Fahrzeuges konnte er auf die Schnelligkeit der Be⸗ wegung ſchließen. Nach einer Zeit vernahm er, wie aus der Ferne, Geſchrei und Trommelwirbel,— das Schiff ging alſo am Fort vorüber, ob aber in größerer oder ge⸗ ringerer Entfernung, konnte er wegen der Undeutlichkeit des Schalles, der durch die dichte Verhüllung an ſein Ohr drang, nicht beurtheilen; ſpäter bemerkte er, aus dem 48 Nachlaſſen der Schnelligkeit der Bewegung und dem ſtarken Widerſtand, den das Schiff zu überwinden hatte, daß es den Hudſon hinaufging,— und bei dieſer Richtung der Fahrt verblieb es denn auch. Drittes Capitel. „Kriegt Eure Geräthſchaften herbei! Gute Schnüre an Eure Bärte! Neue Bänder an Eure Schuhe. Kommt gleich beim Palaſte zuſammen; laßt Jeden ſeine Rolle überleſen; denn das Kurze und Lange von der Sache iſt: unſer Spiel geht vor ſich.“ W. Shakſprare.(Ein Sommernachtstraum.) Die Sonne ging am 30. Juli des Jahres 1673 in ihrer gewohnten Pracht und Herrlichkeit auf,— ihr freund⸗ liches Licht milderte die Schreckniſſe der Nacht,— mit ihrem Erſcheinen verſchwand alle Angſt und Sorge aus den Herzen der Bewohner von Neu⸗York;— es rauchten zwar noch die mächtigen Baumſtämme, welche in Palliſa⸗ den⸗Reihe vom äußerſten Thore des Forts bis zum Hudſon aufgepflanzt ſtanden, aus ihrer Verkohlung hervor, und mit⸗ unter ſchlug auch wohl noch hier und da ein Flämmchen ————————,————— ————,———————— 49 auf, mattblau anzuſehen, da der Sonne goldenes Licht die Holzflamme überbot,— es rauchten und glühten auch noch die Trümmer von zwei oder drei niedergebrannten Hütten in der Palliſadenſtraße; aber dieſe waren eben nur die Ermahner an eine Gefahr, die der ganzen Stadt bevor⸗ geſtanden, dieſe ſelbſt war vorüber, und Sorge und Furcht hatten die Bürger verlaſſen. Es iſt nicht auffallend, wenn man nach einem ſolchen Ereigniß, nach einer ſolchen Nacht der Unruhe und Auf⸗ regung, am andern Morgen und vielleicht auch den ganzen Tag über zu beobachten Gelegenheit hat, daß in einer klei⸗ nen Stadt, und dieſes war Neu⸗York doch damals, die Geſchäfte nicht ihren gewöhnlichen Gang gehen, daß ſonſt eifrige und thätige Leute ſich die Brandſtätte anſehen, in Gruppen beiſammen ſtehen und von dem Ueberſtandenen, von Möglichkeiten, von eben noch Vorgebautem, von die⸗ ſem, von jenem plaudern,— ja, dieſes iſt nichts Auffallen⸗ des, ſogar etwas ganz Gewöhnliches, und ſo war es auch an jenem ſchönen Sommermorgen, nach überſtandener ge⸗ fahrdrohender Nacht; aber dieſe Geſchäftsſtockung, dieſes Bei⸗ ſammenſtehen in Gruppen, dieſes Plaudern hatte einen von dem ſonſt gewöhnlichen ganz verſchiedenen Charakter; es war nicht das müßig ſich Ergehenlaſſen, wegen etwas Vorausgegangenen, ſondern es war das unruhige Bewegt⸗ ſein in der Erwartung etwas zu Kommenden: man blickte 1858. VII. Van Hoboken. IV. 4 50 kaum nach den Brandſtätten hin, ſondern immer nur der Bay und den dieſe begrenzenden Berghöhen,„die Nar⸗ rows“ genannt, zu, und wie die Gruppen von Nachbarn und Befreundeten ſich gebildet hatten, plauderte man nicht mit lauter Stimme von Feuerlärm, Schaden, Koſten für einen Wiederaufbau des Niedergebrannten, ſondern man wisperte ſich leiſe Worte zu; es war aber auch nicht der Ausdruck von Schreck oder Betrübniß in den Mienen der Beiſammenſtehenden, ſondern im Gegentheil Neugierde und kaum verhaltene freudige Erwartung zu leſen. Inmitten einer ſolchen Gruppe ſtand unſer Bekann⸗ ter, der kleine Mynheer van Yorx. Mit ſeiner gewöhn⸗ lichen Lebhaftigkeit bewegte er ſich hier und dorthin, bald ſich dem Einen bald dem Andern der Umſtehenden nähernd. „Ich ſelbſt habe mit Stoffelſen geſprochen,“ ſagte er eifrig,—„und kann Euch, meine werthen Freunde und Mitbürger, deshalb die beſte Auskunft geben,— es ſind vier große Schiffe,— davon eines mit zwei Reihen Ka⸗ nonen,— und Stoffelſen meint, es würden wohl noch mehrere dazu treffen.“ „Die machen das fertig, was der Brand heute Nacht verſchont hat,“ ſagte Mynheer van Hulſt, der Bürſten⸗ macher,—„und die Neu⸗Yorker ſind ruinirte Leute.“ „Dahin werden wir es nicht kommen laſſen,“ erwie⸗ derte van Yorx mit vielem Selbſtvertrauen. „—— 51 „Ach, laßt das Großſprechen,“ ſagte van Hulſt kleinlaut,—„was wollen wir denn gegen vier Schiffe, dazu eins mit zwei Reihen Kanonen, anfangen?“ „Wir werden nichts dagegen anfangen,“ ſagte van Yorx,—„wird es ſich denn ein van Hulſt, ein van Haalen, ein van Schermerhorn, ein van— van— van ſo und ſo in den Sinn kommen laſſen, gegen unſere Väter, die hochvermögenden Generalſtaaten, eine Kanone abzufeuern?“ „Wir werden es freilich nicht thun,“ erwiederte van Hulſt,„aber die im Fort werden es thun, und die hoch⸗ vermögenden Generalſtaaten werden ſich dann nicht die Häuſer ihrer Söhne ausſuchen, um ihren Kanonen eine andere Richtung zu geben, ſondern da wird es heißen: puff!— puff!— und die feurigen Kugeln werden ſo gut in die Häuſer der Vans als der Nicht⸗Vans fliegen,— nein, ſagt was Ihr wollt, mir gefällt die ganze Geſchichte nicht,— wäre mir lieber, die guten Väter hätten ihre Schiffe zu Hauſe behalten und uns ruhig Kinder der eng⸗ liſchen Krone ſein laſſen.“ „Ich muß mit Bedauern bemerken,“ ſagte van Yorx mit Indignation,—„daß Ihr, Mynheer van Hulſt, Eure Abſtammung ſo unwürdig verläugnet. Statt daß Ihr ſtolz darauf ſein ſolltet, wieder ein Republikaner werden zu können, ziehet Ihr es vor, der Sclave eines 4 — 52 Königs zu bleiben, der überdies noch nicht einmal bei uns lebt, ſondern durch hochnaſige Gouverneure uns plagen und ſchinden läßt.“ „Nun, die Gouverneure der hochvermögenden Gene⸗ ralſtaaten ſind auch nicht aus Zucker fabrizirt,“ erwiederte van Hulſt,—„und ein gutes Haus als engliſcher Un⸗ terthan zu bewohnen, iſt mir lieber, als der republikaniſche Beſitzer eines Schutthaufens zu ſein.“ „Es ſtünde traurig um die Welt, wenn ſie nur von ſolchen Schmutzſeelen bewohnt wäre——“ „Mynheer van Yorx,— wie meint Ihr——“ Da ward zum Glücke dieſer, nichts Gutes verſpre⸗ chende Wortwechſel der beiden Mynheeren, durch den Aus⸗ ruf eines dritten Mynheern unterbrochen:„Seht da!— zwiſchen den Narrows!“ Die Augen Aller waren der engen Einfahrt in die Bay zugewendet. In der vollen Beleuchtung der Vormittagsſonne ſchimmerte die ſilberweiße Segelphramide, welche um das Vorgebirge bog und jetzt auf der Höhe der Bay erſchien. Wie ein Schwan mit ausgebreiteten Flügeln kam der ſtolze Zweidecker das grüne Waſſer herabgeſchwommen und wie die Augen der vielen neugierigen Gaffer im Fort, im Hafen, in der Stadt ihm zugewendet waren, ſo herrſchte doch al⸗ lenthalben eine lautloſe Stille,— Tauſende blickten dort 53 hinaus, aber nicht ein Ruf, nicht ein Wort war zu verneh⸗ men,— Ueberraſchung, Neugier, Furcht, die verſchieden⸗ artigſten Seelenbewegungen hielten alle Zungen gefeſſelt, ——— und da bog eine andere Segelpyramide um das Vorgebirge,— eine dritte,— vierte,— fünfte,—— Trommelwirbel ſchallte im Fort,— er rief die Be⸗ ſatzung unter die Waffen,— Trompetenſtöße klangen hell und rein in die klare Morgenluft hinaus,— die Artille⸗ riſten eilten zu ihren Kanonen,— kriegeriſcher Lärm war innerhalb des Forts zu vernehmen;— aber die Gruppen der Neu⸗Yorker Bürger ſtanden im Hafen, auf dem Damme, in den oberen Straßen, die die Ausſicht nach der Bay ge⸗ währten, in lautloſer Stille beiſammen,— Keiner wagte ein Wort zu ſprechen, kaum wagte der Eine oder der An⸗ dere dem gleichgeſinnten Freunde einen Wink des Einver⸗ ſtändniſſes zuzuwerfen;— in den Fenſtern der oberen Stockwerke erſchienen die Köpfe der ehrſamen Hausfrauen und der blumigen Töchter, in den Dachöffnungen die roth⸗ backigen Geſichter der Mägde, gleich daneben die ſchwarzen Pudelköpfe der Catonen und Cäſaren,— aber der Gott des Schweigens ſchien ſeinen Mantel über ganz Neu⸗York ausgebreitet zu haben,— wie ruhig war es in der doch ſonſt ſo geräuſchvollen kleinen Stadt!— Man ſah einen Offizier der Beſatzung durch das in⸗ nere Stadtthor des Forts kommen;— er eilte die Biber⸗ 54 ſtraße hinab,— er trat in das Haus, wo Se. Gnaden der Gouverneur wohnte; aber in wenigen Minuten kam er wieder heraus und eilte, wenn möglich in noch größerer Haſt, in das Fort zurück,— in ſeiner Miene war Beſtür⸗ zung zu leſen. Jene, welche dieſes bemerkt hatten, ſahen ſich mit fragenden Blicken an, aber Niemand wagte es, ir⸗ gend eine Meinung auszuſprechen,— es war ja eine na⸗ türliche Sache, daß unter der verſchiedenartigen Bevölkerung von Neu⸗York auch verſchiedenartige politiſche Meinungen herrſchen mußten,— man wußte noch nicht, wie die Dinge ſich geſtalten würden, und da war Schweigen das Vernünf⸗ tigſte, was der Vorſichtige thun konnte. Wir wollen die holländiſche Kriegsflotte ruhig die Bay herabſegeln und die guten vorſichtigen Bürger von Neu⸗York in ihrer ſtummen Ueberraſchung laſſen, und uns in das innere Fort begeben. Wir betreten das Hauptge⸗ bäude, gehen die Treppe hinauf und treten, ohne uns an⸗ melden zu laſſen,— denn ſonſt möchte uns der Eintritt kaum geſtattet werden,— in das Gemach des Herrn Feſtungskommandanten. Sir William Manning iſt in voller Rüſtung. Der hohe Hut mit den wallenden Federn, der blanke Bruſt⸗ und Rückenharniſch mit den Achſelſchienen, und das mäch⸗ tige Kavalierſchwert an der Hüfte, geben dieſer hohen ſtatt⸗ lichen Geſtalt das Anſehen eines vollkommenen Kriegs⸗ 55 mannes;— es iſt auch nicht zu läugnen, daß ſeine Haltung, ſein Blick, ſein Körperliches überhaupt, im richtigen Einklange mit der ritterlichen Kleidung ſtehen;— aber er geht mit un⸗ ruhigen Schritten im Zimmer auf und nieder,— er zieht die hohen Stulphandſchuhe aus und wieder an,— er nimmt zeitweiſe den Hut vom Kopfe und fährt ſich mit dem Rücken der Hand über die Stirn, wo dicke Schweißperlen ſtehen,— es iſt ein warmer amerikaniſcher Juliustag,— für ihn iſt er ein doppelt warmer. An dem einen Fenſter, welches die Ausſicht auf die Bay hat, ſteht ein Mann in der anſpruchsloſen Uniform eines engliſchen Offiziers außer Dienſt. Er ſteht halb dem Fenſter, halb dem Innern des Zimmers zugewendet, und ſendet ſeinen Blick bald in die Bay hinaus, auf die näher und näher kommenden Holländer hin, bald betrachtet er den Auf⸗ und Niederſchreitenden. In ſeinen Mienen iſt Vergnügen,— ein ander Mal eine ſatyriſche Laune zu leſen. Wir kennen ihn: es iſt Herr von Deubern, der holländiſche Emiſſär. „Hm! Freund Cornelius macht es ſich bereits ganz bequem,“ ſagte er lächelnd, mit dem Blicke zum Fenſter hinaus,—„thut, als ob er eben ſchon hier zu Hauſe wäre, — legt ſich vor Staaten, Island ruhig vor Anker,— iſt doch eine gute Sache, wenn man weiß, wie man daran iſt.“ „Und wer ſagt, daß er es weiß?“ fragte Sir Man⸗ 56 ning ſcharf, während er plötzlich ſtehen blieb, und mit kühnem Blicke den, der eben geſprochen, anſah. „Ich,— wer ſonſt,“ antwortete Herr von Deubern mit ſeinem gewöhnlichen Lächeln,—„Niemand kann es aber auch ſo gut ſagen, als ich, der ich ihm heute Nacht durch einen unternehmenden Wallonen die Nachricht, wie die Sachen hier ſtehen, zugeſchickt habe.“ „Ihr?“ ſagte Sir Manning,—„wie wäre es, Herr von Deubern, wenn ich Euch jetzt als Spion feſt⸗ nehmen und ohne Umſtände aufknüpfen ließe.“ „Das wäre gegen unſere Verabredung,“ erwiederte Herr von Deubern, immer noch lächelnd. „Verabredung?— wer kann mir eine Verabredung beweiſen, wenn Ihr am Querholz hängt?“ fragte Sir Manning ſtreng. „Ach, laßt doch dieſe Scherze zu ganz unpaſſender Zeit,“ erwiederte Herr von Deubern; aber diesmal ohne Löcheln, im Gegentheile war eine etwas unruhige Bewe⸗ gung an ihm zu bemerken,—„wir haben wohl jetzt etwas Wichtigeres zu thun, als Späße zu treiben.“ „Es iſt von Scherz nicht die Rede,“ ſagte Sir Man⸗ ning ernſt,—„es iſt reife Ueberlegung, die mich ſprechen macht,— ich will nicht der Verräther an Englands Ehre ſein.“——— „Ihr bebt feig vor der Ausführung des Planes zu⸗ — 57 rück, den Ihr ſelbſt entworfen und Monate lang genährt habt?“ fragte Herr von Deubern mit vieler Schärfe. „Das Wort„feig“ unter andern Umſtänden ge⸗ braucht, würde Euch theuer zu ſtehen kommen,“ ſagte Sir Manning ſtolz,—„für heute iſt es für mich eine Ehren⸗ erklärung.“ „Ich verſtehe Euch kaum,“ ſagte Herr von Deubern mit etwas unſicherer Stimme. „Nun, ſo will ich Euch denn geradezu erklären, daß ich Neu⸗York nicht übergeben werde,— daß ich das Fort bis auf den letzten Mann halten will,— und ſollte dieſer letzte Mann ich ſelbſt ſein.“ „Sehr cavalibrement.— ſehr heldenmüthig,— ſehr altrömiſch,— und ſehr unſinnig!“ lächelte der holländi⸗ ſche Emiſſär. „Herr von Deubern!“ rief Sir Manning und legte die rechte Hand an den Schwertgriff. „Wir wollen uns nicht erhitzen,“ ſagte von Deubern mit kühler Ruhe, denn ſeine erſte Ueberraſchung war vor⸗ über,— er kannte den Mann, mit dem er zu thun hatte, —„wir ſind gute Freunde und wollen es auch ferner blei⸗ ben,— wir ſind auch verſtändige Männer und werden bald in's Reine kommen.— Was habt Ihr für einen Ge⸗ winn davon, Euch zur Wehre zu ſetzen und Stadt und Fort durch holländiſche Kugeln zuſammenſchießen zu laſſen? Halten könnt Ihr Euch doch nicht. Seht dieſe Escadre mit geſunden Augen an. Glaubt Ihr, ſie wäre blos des Scherzes wegen in die ſchöne Bay von Neu⸗York einge⸗ laufen? Zählt ihre Kanonen,— macht Eure beiläufige Calculation der militäriſchen Macht, die ſie an Bord führt, — rechnet dazu die Unzufriedenen, die„aufrühreriſchen Republikaner,“ wie ſie Se. Gnaden der Herr Gouverneur zu nennen beliebt, die ſich in der Stadt, auf Longisland, in ZJerſeh ſchaaren werden,— glaubt Ihr mit Eurer Hand voll Leute lange Widerſtand leiſten zu können?“ „Ich thue meine Pflicht und wenn ich falle, iſt meine Ehre fleckenlos.“ „So glaubt Ihr— oder ſo wollt Ihr es jetzt Euch ſelbſt glauben machen,“ erwiederte Herr von Deubern, —„aber Ihr wißt es ſelbſt zu gut, daß Ihr zu weit ge⸗ gangen ſeid, um jetzt umkehren zu können. Ihr könnt Eure Androhung wahr machen und mich hängen laſſen,“ ſetzte er mit einem ſpöttiſchen Lächeln hinzu,—„aber giebt es da nicht noch manche Andere, welche von Euren Unterhandlungen wiſſen?— Wir nehmen an, Ihr fallt als Opfer eines plötzlich erwachten falſchen Pflichtgefühles — oder Ihr fallt nicht— immer werdet Ihr als Ver⸗ räther bezeichnet werden und jetzt von beiden Seiten, da Ihr jetzt auch Eurem, in den Unterhandlungen gegebenen Worte untren geworden ſeid,— während Ihr, wenn Ihr 59 dieſem treu bleibt, wenigſtens von einer Seite als wortge⸗ treu angeſehen ſeid, und— eine hübſche Summe Gel⸗ des empfangt.“ Herr von Deubern legte auf die letzten Worte einen merklichen Nachdruck. Sir Manning ſchien dieſes zu bemerken, denn eine flüchtige Röthe zog über ſein Geſicht hin, aber er unterbrach die jetzt eingetretene Pauſe nicht, ſondern ſchritt neuerdings im Zimmer auf und nieder. Herr von Deubern fuhr fort:„Laßt den hochvermögen⸗ den Generalſtaaten das Vergnügen, Stadt und Feſtung unverſehrt in Beſitz zu nehmen und ſteckt die ſchöne Summe, mit der ſie ſich dieſes Vergnügen erkaufen, ruhig in die Taſche,— beſſer, als ſie übernehmen einen Schutthaufen und überlaſſen Euch Euren Gläubigern, aus deren Krallen Euch die engliſche Krone nach dem Verluſte der Provinz gewiß nicht auslöſen wird. Laßt den Holländern das Ver⸗ gnügen für die kurze Zeit ihres Beſitzes, ſie erkaufen es thener genug; und glaubt mir, England würde Euch dann wenig Dank ſagen, wenn es bei der Wiederzurücknahme der Provinz, Stadt und Fort Neu⸗York als Schutthaufen fände.“ „Was wollt Ihr damit ſagen?“ fragte Sir Man⸗ ning verwundert. „Ich will damit ſagen, daß ich nicht glaube, daß die Holländer bis zur Zeit, in welcher die Provinz wieder eine 60 engliſche wird, den Schutt weggeräumt und neu aufgebaut haben können.“ „Ihr meint, daß der Beſtand des holländiſchen Re⸗ giments hier nicht von Dauer ſein wird?“ fragte der Rit⸗ ter verwundert. „Wie könnte dieſes ſein?“ erwiederte Herr von Deubern—„Glaubt Ihr überhaupt an irgend einen Beſtand?— Kennt Ihr nicht das goldene Sprichwort: Zeit und Wechſel nehmen mitſammen ihren Flug?— Und wenn wir überhaupt an keinen Fortbeſtand glauben können, wie dann noch ſo weniger in dieſem Lande; hier wird der Wechſel die Zeit noch überholen,— die Anlage dazu iſt da, und in faſt keiner Zeit wird ſich ſtets Neues gebären. Wie könnt Ihr denken, daß dieſes Klima einen ruhigen hollän⸗ diſchen Fortbeſtand ertragen könne? Die nächſte natür⸗ liche Folge wird ſein, daß man hier wieder die engliſche Flagge aufpflanzt,— wie lange dieſe unter amerikaniſchem Himmel wehen wird, wer weiß es zu ſagen?— ich weiß auch nicht, was dann— und dann— und dann folgen wird; aber dieſes weiß ich, daß Amerika alle die Wechſel durchgehen wird, die wir in der Geſchichte anderer Welt⸗ theile treffen: Provinz,— Revolution,— Republik,— Revolution,— Zerſplitterung in Staaten,— Revolutionen, — Armeen,— Große Generale,— Autokraten,— Alles ſchon da geweſen, aber in Amerika geſchieht es in ſchnellerer 61 Folge,— und Unſinn nenne ich es nochmals, wenn ein Einzelner ſich dem raſch ſich umtreibenden Schickſalsrade dieſes Welttheiles entgegenſtemmen wollte, um es in ſei⸗ nem Kreiſen aufzuhalten,—— höre, Freund Manning, nimm das Geld und überlaß den Holländern für die kurze Zeit das Vergnügen, Beſitzer dieſes kleinen Flecken Lan⸗ des zu ſein.“ Sir William Manning hatte ſchon lange aufge⸗ hört, im Gemache auf und nieder zu wandeln,— er hatte ſeine ſtattliche Geſtalt dem Redner gegenüber aufgepflanzt und mit offenem gefälligen Ohre der verführeriſchen Rede gelauſcht;— Herr von Deubern hielt ſeine rechte Hand ihm entgegen,— Sir William Manning ſchlug ein; — es bedurfte keines Wortes weiter. Da ſtürzte mit blaſſem, verſtörtem Geſichte der junge Offizier der Beſatzung, welcher von dem Feſtungskomman⸗ danten nach dem Hauſe des Statthalters geſchickt worden war, in's Zimmer:„Se. Gnaden iſt nicht zu finden,“ rief er,—„geſtern Nacht, bei dem Ausbruche der Feuersbrunſt verließ er das Haus und ſeitdem iſt er nicht heimgekehrt.“ „Weiß Miß Arabella,— weiß Mr. Brown nichts Näheres über ſeine Abweſenheit zu ſagen?“ fragte Sir Manning mit einem erkünſtelten Erſtaunen. „Miß Arabella erhielt dieſen Morgen einen Strei⸗ fen Papier mit einigen darauf geſchriebenen Worten, wo⸗ 62 rauf ſie ſogleich nach Lord Arthur Berkeley ſchickte, und mit dieſem nach„Bergenhill“ überſchiffte,— ſo ſagte mir Sr. Gnaden Sekretär, Mr. Brown, welcher es für ſeine Pflicht hält, im Hauſe des Statthalters bis zu deſſen Eintreffen zu verweilen,“ berichtete der Offizier. „Da thut er ganz recht,“ ſagte Sr. Manning, und mit Hoheit ſetzte er hinzu:„und ſo wollen wir unſere Pflicht thun, auch wenn Se. Gnaden der Gouver⸗ neur der Provinz Neu⸗York unerklärlicherweiſe gerade zu einer Zeit abweſend iſt, wo ſeine An⸗ weſenheit eben am nöthigſten wäre,“— er hatte auf dieſe Worte einen beſondern Nachdruck gelegt; und mit dem Tone des Befehlshabers ſagte er:„Begebt Euch auf Euren Poſten, Lieutenant, in wenigen Minuten werde ich Euch folgen.“ Der junge Offizier nahm mit militäriſchem Gruße Abſchied und verließ das Zimmer. Es herrſchte hier ſo lange Stillſchweigen, ſo lange noch der Schritt des Abgehenden auf dem ſteingepflaſterten Gange zu vernehmen war, dann ſagte Herr von Deu⸗ bern:„Ich ſchrieb mit wenigen Worten, daß ich, ein Freund ihres Vaters, ihr in ſeinem Auftrage zu melden habe, daß ſie ſeinetwegen nicht in Beſorgniß ſein und ihn auf Bergenhill erwarten ſolle.“ „Und wird er dort eintreffen?“ „ 63 „Ich glaube gewiß,“ erwiederte Herr von Deubern, — meine Agenten haben den Auftrag, nach einigem Auf⸗ und Niederfahren des Hudſons, ihn oberhalb der neuen Anſiedlung„Eliſabethtown“ an's Land zu ſetzen. Von dort hat er keinen andern Weg, als den der über„Bergen⸗ hill“ führt,— ohne Zweifel wird er hier bei ſeinen Freun⸗ den einſprechen und von ſeiner Tochter begrüßt werden.“ „Und große Augen machen, wenn er vom Fort die Flagge Oraniens flattern ſieht,“ ſagte Sir Manning. „Iſt nicht zu ändern,“ erwiederte Herr von Deubern mit einem Achſelzucken,—„doch jetzt zu unſerm Geſchäfte.“ Die beiden Herren ſetzten ſich, nachdem Sir Man⸗ ning ſich nochmals überzeugt hatte, daß kein Lauſcher an der Thüre ſei. Das Geſchäft war kein zeitraubendes, es war in wenigen Minuten abgethan. Der Feſtungskom⸗ mandant des Forts Neu⸗York empfing aus den Händen des holländiſchen Emiſſärs einige Briefe mit der Adreſſe an bekannte Häuſerin Amſterdam und Rotterdam, welche er ſorgfältig in das verborgene Fach einer ledernen Briefta⸗ ſche ſchob, welche letztere er dann in die Bruſttaſche ſeines Wammſes ſteckte. Er hatte zu dieſem Zwecke den Bruſthar⸗ niſch abſchnallen müſſen, er legte dieſen aber nun wieder an, wobei er lächelnd ſagte:„Ich glaube zwar nicht, daß Schutz⸗ und Trutzwaffen nöthig ſein werden, aber die Gar⸗ niſon ſoll ihren Kommandanten in voller Rüſtung ſehen,“ 64 — und die Feldbinde drüber und den hohen Federhut tief in die Stirn rückend, war er wiederganz derſtattliche Vertheidiger der engliſchen Anſprüche auf amerikaniſchem Boden,— Nie⸗ mand hätte es geahnet, was hier unter königlich engliſcher Feldbinde, unter ritterlichem Bruſtharniſch, nahe dem Her⸗ zen des Kavaliers verborgen ruhte,— das Verrath erkau⸗ fende Gold! Noch ſprachen ſie über Einiges, was ſie ſchon längſt beſprochen hatten, dann ſchieden ſie nach herzlichem Hände⸗ drucke. Herr von Deubern verließ das Fort und begab ſich in die innere Stadt, wo er, eilig, wie er war, in meh⸗ rern Häuſern überall nur auf wenige Worte einſprach;— Sir William Manning ſchritt aber mit ſtolzer Haltung und kühnem, nach Allem aufmerkſamen Blicke über den Hof⸗ raum des Forts dem äußerſten, dem Hafen zugewendeten Walle zu, wo die Kanonen aufgepflanzt ſtanden, die tod⸗ dräuende Mündung in die Bay hinaus gerichtet, an ihrer Seite der Artilleriſt, mit der glimmenden Lunte in der Hand, nur des Trompetenſtoßes harrend, um Blitz und Donner in die Welt hinauszuſenden, und Tod und Ver⸗ derben dem annähernden Feinde zu geben. Jeder war auf ſeinem Platze,— Jeder muthig, kühn und pflichterfüllt,— der ritterliche Feſtungskommandant fand Alles, wie er es wünſchte und ſprach ſeine Anerken⸗ nung darüber aus. 65 biertes Capitel. „Gut gebrüllt, Löwe!“ „Gut gelaufen, Thisbe!“ „Gut geſchienen, Mond!— In der That, der Mond ſcheint mit vielem Anſtande.“ „Gut gezauſt, Löwe!“ „Und da kam Pyramus.“ „Und da verſchwand der Löwe.“ W. Shakſprare.(Ein Sommernachtstraum.) In einer verhältnißmäßig kurzen Zeit waren alle Voranſtalten zu dem großen hiſtoriſchen Schauſpiele, wel⸗ ches an der Bay von Neu⸗York aufgeführt werden ſollte, getroffen, und es wurde nur das Kommandowort des Diri⸗ genten erwartet, um zu beginnen. Die Scenerie iſt in der That eine prachtvolle: der goldene Sommertag, der prachtvolle, blaue, wolkenfreie Himmel, die dunkelgrüne Waſſerfläche, die, auch nicht vom leiſeſten Wellenſchlage gekräuſelt, in wahrer Spiegelglätte zwiſchen den waldigen Höhen von Longisland und Staatenisland ausgebreitet liegt, und an dieſer, gleichſam aus dem Waſſer ſich erhe⸗ bend, die ſchmucke kleine Stadt mit den hohen holländiſchen 1858. VII. Van Hoboken. IV. 5 66 Giebeldächern, dem Fort und den Feſtungswerken, auf de⸗ ren höchſtem Punkte die Flagge des ſtolzen Englands auf⸗ gepflanzt iſt, und Stadt und Fort im Halbkreife umgeben und überragt von dem dunklen Waldesgrün der hügelig aufſteigenden Manhattaninſel;— und dort nahe der Küſte von Staatenisland ſind zu ſehen die ſtattlichen Fahrzeuge in majeſtätiſcher Ruhe vor Anker liegend, nicht den klein⸗ ſten Streifen Leinwand zeigend; nur auf dem Vorderſten und Größten in der Escadre prunkt die Oranienflagge. Die in dem zu erwartenden Drama vorzüglichſt handelnden Perſonen haben ihre Rollen gut einſtudirt; die Statiſten aber ſind gut geſchult und gewohnt, nach Kommandowort, Trompete, Trommel und Bootsmannspfeife ſich zu bewe⸗ gen, zu gehen, zu ſtehen, zu handeln, ohne ſich um das Sujet des Schauſpiels, bei dem ſie mitwirken ſollen, zu bekümmern, und ſo kann es nicht fehlen, daß die Auffüh⸗ rung ohne Störung vor ſich gehen werde, und daß das Publikum, dieſe Zuſchauer unter den Giebeldächern, an den Fenſtern der obern Etage und an den verſchiedenen Stellen auf den Höhen im Rücken der Stadt vollkommen befriedigt ſein werde. Einige militäriſche Bewegungen ſind bereits gemacht, gleichſam als Voracte zu dem eigentlichen Drama. Der Feſtungskommandant hat alle im Hafen an den Piers lie⸗ genden Schiffe, Boote und Kähne hinauskommandirt. Sie 67 haben ſich den Hudſon hinaufbegeben und dort oben ange⸗ legt. Er hat Truppenabtheilungen außerhalb des Forts, längs des Hafens aufgeſtellt, um eine etwa beabſichtigte Landung des Feindes zu verhindern. Unter imponirendem Trommelgewirbel ſind die Kompagnien abgezogen und den jungen Offizieren an der Spitze iſt im muthig blickenden Auge zu leſen, daß ſie den Augenblick kaum erwarten kön⸗ nen, wo ſie mit dem Feinde zuſamentreffen ſollen. Auch an feierlichen begeiſternden Reden hat es nicht gefehlt. Der ritterliche Kommandant mußte es ja doch veröffentlichen, daß bei der unerklärlichen und unverantwortlichen Abwe⸗ ſenheit Sr. Gnaden des Herrn Statthalters der Provinz die ganze Verantwortlichkeit auf ſeinen Schultern ruhe, daß er aber dieſe Laſt als Mann, Offizier und Engländer tragen und ſich dadurch werde nicht zu Boden drücken laſ⸗ ſen, ſonden ſtehen,— ſtehen,— oder als Held fallen! Auch auf der Seite des Gegners ſind Bewegungen ge⸗ macht worden, die zeigen, mit welchem Ernſte er die Sache an⸗ zugreifen gedenkt, und daß an ein Abziehen ſeiner Seits gar nicht zu denken iſt,— er will, er muß als Sieger einziehen, und ſei es in eine Brandſtätte, in die rauchenden Ruinen einer vor nicht lange noch ſchmucken, blühenden Stadt. Mehrere große Boote ſind von den Kriegsſchiffen abgeſto⸗ ßen und haben nach Longisland übergeſetzt, wo Schaaren von Kriegern an's Land getreten und unter klingendem 5* —————— ——— 68 Spiele an der Küſte herabgezogen ſind, um ſich der Stadt gegenüber und von dieſer nur durch den ſchmalen Kanal getrennt, in drohender Linie aufzuſtellen. Die Schiffe ſelbſt haben ihre erſte eingenommene Stellung etwas ver⸗ ändert, ſie ſind näher gerückt, ihre Kanonen können jetzt Fort und Stadt beſtreichen,— ſie ſelbſt haben von den Wurfgeſchützen des Forts wenig oder nichts zu befürchten, darnach haben ſie ihre Stellung genommen und ſind be⸗ fähigt, dieſe jeden Augenblick zu verändern, während Fort und Stadt unverändert auf ſeinem Platze bleiben muß,— dieſes ſieht jeder Laie ein und die guten Bürger von Neu⸗ York faſſen dieſe Erklärung, wie ſie Herr von Deubern und noch andere Herren in der Uniform engliſcher Offiziere außer Dienſt allenthalben zu geben bemüht ſind, ſehr leicht auf und finden es ganz natürlich, daß bevor einmal eine aus dem Fort hinausgeſchleuderte Kugel eine Planke eines Holländers verwundet, ihre ganze ſchöne Stadt bereits in Trümmern zuſammengeſchoſſen ſein kann. Aber es be⸗ darf nicht einmal dieſer Auseinanderſetzungen der engli⸗ ſchen Offiziere außer Dienſt, da finden ſich hier und dort und überall ſolche Unzufriedene, welche Se. Gnaden der Statthalter mit dem Namen„aufrühreriſche Republikaner“ bezeichnet hat; dieſe ſprechen ſich jetzt ohne Hinterhalt aus, und meinen, es ſei doch ſehr ſonderbar, daß man ſich von eigenen Landsleuten ſolle zu Gunſten der Engländer ſeine 69 Häuſer zuſammenſchießen laſſen,— es wurde hier, es wurde dort geſprochen,— die früher nur ſchweigſame Zu⸗ ſchauer abgebenden Gruppen wurden jetzt beredt, das Pu⸗ blikum wurde unruhig,— nicht weil das Drama noch immer nicht ſeinen Anfang nehmen wollte, ſondern über die Wahl des Stückes, wo ſie bedeutend und zwar auf ihre eigenen Koſten mitſpielen ſollten,———— doch end⸗ lich begann das Schauſpiel: Aus dem ſchwarzen Bauche des vorderſten Holländers fuhr eine Feuerflamme hervor, — eine Rauchwolke folgte, die ſich allmälig weiter aus⸗ breitend und verdünnend über die Spiegelfläche der Bay hinzog,— aber aus dieſer platſchte es auf, nicht fünf Ellen vom äußerſten Hafendamme entfernt, und ein donnernder Knall— ſich vielfach zwiſchen den Höhen der Inſeln wie⸗ derholend war zu hören. Reichte das Geſchütz der Holländer nicht weiter?— oder verſtand ihre Artillerie nicht beſſer Ziel, Richtung und Entfernung zu nehmen?— oder war dieſer nur ein Droh⸗ ſchuß,— eine Aufforderung zur Uebergabe?— die guten Neu⸗Yorker Bürger konnten darüber ihre Meinung nicht in Uebereinſtimmung bringen,— der Eine erklärte es ſo, der Andere ſo,— doch da dröhnte es wie Kanonendonner vom Fort herab,— der ritterliche Kommandant hatte den einzelnen Kanonenſchuß mit einer Salve von einem halben Dutzend abgefeuerter Geſchütze beantwortet—„Nun, der 70 nächſte Schuß wird ſchon weiter reichen,“ ſagte der kleine van Yorx,—„und ich danke Gott, wenn mein Haus nicht das erſte iſt, das heimgeſucht wird.“ Mynheer van Hulſt, der Bürſtenmacher, war bis in den Mund hinein blaß geworden, und ſagte:„Warum giebt Sir Manning aber auch ſogleich ſolch eine unhöf⸗ liche Antwort— ſechs Donner auf einen,— das iſt her⸗ ausfordernd!“ „Muß Sir Manning nicht unſere Courage zeigen?“ fragte van Yorx lächelnd. „Unſere Courage?— ſeine Tollkühnheit, wollt Ihr ſagen, auf unſere Unkoſten,“ erwiederte der Bürſtenmacher unwillig. Das Geſpräch wurde aber ſchnell abgebrochen, denn wieder blitzte es aus dem ſchwarzen Bauche des Holländers hervor, aber nun in ganzer Länge, und jetzt platſchte es nicht im Spiegel der Bay auf, ſondern es flog über Bay und Fort weg, geradezu in das Innere der Stadt, Holz⸗ werk krachte,— einiges Mauerwerk ſtürzte ein,— ver⸗ ſchwunden waren alle Köpfe aus den Fenſtern in der obern Etage und aus den runden Löchern unter dem Giebel des Daches,— und aus dem Innern des Forts kamen Abge⸗ ordnete des Kommandanten, welche die Bürger beauftrag⸗ ten, ſich nach Hauſe zu begeben und alle Maßregeln zu treffen, die bei einem etwaigen Zünden der erhitzten Kugeln 71 zur Vorbauung einer allgemeinen Feuersbrunſt nothwen⸗ dig wären. „Nun, ſagte ich es nicht,“ rief van Hulſt unwillig aus,—„was die Brunſt heute Nacht verſchont hat, machen die hochvexmögenden Generalſtaaten fertig.“ „Dem wäre vorzubeugen,“ ſagte Herr von Deu⸗ bern, welcher ſich ſo eben dieſer Gruppe beiſammenſtehen⸗ der Bürger genähert hatte. „Vorzubeugen?— wie iſt dem vorzubeugen?“ fragte der Bürſtenmacher eifrig. „Sir Manning müßte unterhandeln.“ „Ja, er ſoll unterhandeln,— er muß unterhandeln,“ rief van Hulſt in aller Heftigkeit,—„wir friedlichen Bür⸗ ger, die wir uns um das Bischen, was wir unſer nennen, unſer ganzes Leben hindurch geplagt haben, werden uns jetzt nicht, weil der König von England und die hochver⸗ mögenden Generalſtaaten ſich einander in den Haaren lie⸗ gen, zu Bettlern machen laſſen,— ja, Sir Manning ſoll— er muß unterhandeln.“ „Es iſt an Euch, es ihm zu ſagen,“ erwiederte Herr von Deubern kühl. „Ich ſoll es ihm ſagen?“ fragte der Bürſtenmacher ſtockend,—„wird er auf mich hören?“ „Nun, Ihr ſeid wohl nicht der Einzige, der zu ver⸗ 72 lieren hat,“ erwiederte der holländiſche Emiſſär,— was muß in corpore geſchehen.“ „In corpore?“ fragte van Hulſt. „Das will ſagen: die geſammte Bürgerſchaft von Neu⸗York,— davon iſt Einer der Sprecher,— und dieſer könnt Ihr ſein, Mynheer van Hulſt.“ Da donnerte es wieder von Staatenisland herüber, — wieder flog zerſplittertes Holzwerk in die Straßen herab und mancher Schornſtein ſtürzte ein. „Es wird immer ärger,“ rief van Hulſt,—„wenn wir nur ſchnell das corpore beiſammen hätten.“ „Das wird ſich ſchnell finden,“ erwiederte Herr von Deubern lächelnd,—„hier finden ſich acht, neun, zehn zuſammen,— Ihr ſtellt Euch paarweiſe,— ſo gehen wir raſchen Schrittes durch die Biberſtraße, Here⸗Graft, Waſ⸗ ſerſtraße,— machen rechts und links bekannt, was wir wollen,— Hunderte werden ſich anſchließen,— und ſo treten wir vor Sir Mannin g und verlangen, daß er un⸗ terhandle,— wollt Ihr, Mynheer van Hulſt, nicht der Sprecher ſein, ſo will ich es übernehmen,— wenn ich auch nicht ſelbſt ein Haus hier beſitze, was man mir in Ruinen legen kann, ſo bin ich doch hier herzlich aufgenommen,— hier iſt meine Heimath— ich fühle mich verpflichtet—“ Da donnerte es vom Fort wieder in die Bah hinaus. „Er läßt das verdammte Schießen nicht,“ rief der „ſo et⸗ 73 Bürſtenmacher ängſtlich,—„kommt, Kapitän,— wir wollen in corpore vor Sir Manning treten.“ Und es geſchah, wie Herr von Deubern vorgeſchla⸗ gen hatte,— und eine lange Doppelreihe von Bürgern näherte ſich dem Fort, und verlangte den Kommandanten zu ſprechen. Der ritterliche Held hatte wohl alle Hände voll zu thun, aber er war ein warmer Freund der Neu⸗ Yorker Bürger, ſtand auch bei Manchem im Schuldbuche notirt,— er trat zu ihnen und fragte nach ihrem Begehren, es iſt ein Factum, daß Mynheer van Hulſt nicht der Sprecher war, ſondern es dem gutmüthigen, für das Wohl der Stadt Neu⸗York beſorgten Kapitän überließ,— und wie warm wußte Herr von Deubern für das Wohl der Stadt Neu⸗York zu ſprechen,—— wir könnten dieſe Rede wiederholen,— aber zu welchem Zwecke?— was ſind nicht ſchon für Reden gehalten worden!— wir wollen da nur an die vielen ſchönen Reden erinnern, die vor nicht ganz zehn Jahren zu Frankfurt, zu Wien, zu Berlin gehal⸗ ten worden— und was hatten ſie erreicht?— und daſ⸗ ſelbe Schickſal drohte beinahe auch der ſchönen Rede des Herrn von Deubern, denn mit auffahrendem Stolze rief der Feſtungskommandant von Neu⸗York:„Was nützt all dieſes Geſchwätz,— ich bin der Herr,— mein Wille geſchieht, und ich thue, was mir meine Ehre zu thun ge⸗ bietet!“ 74 Die guten Bürger ſahen ſich verdutzt an,— denn gute Bürger laſſen ſich durch einen ſo gewaltigen Herrn, als ein Feſtungskommandant iſt, leicht verdutzen,— expe- rientia docet,— aber Herr von Deubern ließ ſich nicht ſo leicht verdutzen, ſondern er trat feſt und männlich auf und ſagte:„Sir Manning,— was wollt Ihr thun? Ihr habt einen äußern Feind, dem Ihr, wie Ihr ſelbſt wißt, nicht die Stirn bieten könnt; aber noch mehr, Ihr habt auch einen innern Feind,— dieſes hier ſind die ruhi⸗ gen, gemäßigten Bürger, die Euch bitten zu unterhan⸗ deln; vielleicht in einer Viertelſtunde ſtehen Tauſende vor Euch, die Euch zwingen,— ſeht da!“— er führte ihn an eine Vorſprungsmauer, von wo aus man die Ausſicht nach Longisland hatte,—„ſeht, dort kommen die Wallonen, — ſie wollen holländiſch ſein,— nun habt Ihr die Wahl!“ Wie geſagt, die Hauptperſonen dieſes hiſtoriſchen— militäriſchen Schauſpieles hatten ihre Rollen gut einſtudirt und jetzt war die Reihe an dem Kavalier Sir Manning, ein wenig verdutzt zu ſein,— aber er war es nur für einige Augenblicke, dann warf er ſich in die Bruſt und ſein Haupt ſtolz in den Nacken und ſagte:„Ich weiß, was ich meiner Ehre ſchuldig bin!“ Doch Herr von Deubern nahm ihn nochmals zur Seite und ſprach angelegentlich zu ihm,— wir wiſſen nicht, was er zu ihm geſprochen, aber es müſſen ſehr eindringliche Worte geweſen ſein, 75 denn der Kommandant wendete ſich plötzlich zu den Bür⸗ gern von Neu⸗York und ſagte mit weicher Stimme, wie man ſie in dieſer Heldengeſtalt gar nicht geſucht hätte: „Meine guten Bürger von Neu⸗York, ich opfere meine Ehre als Ritter und Offizier Eurem Wohl!“— und in wenigen Minuten flatterte die weiße Fahne von dem höch⸗ ſten Punkte des Forts. Die Bürger gingen nach Hauſe und ſtrichen den Na⸗ men Sir William Manning im großen Buche dick durch. Die weiße Flagge auf dem Fort war kaum von dem Schiffe des Kommandanten der Escadre aus bemerkt wor⸗ den, ſo ſtieß auch ſchon ein Boot ab, und dieſes kam, von zwölf Rudern getrieben, raſch die Bay herab und legte an dem nächſten Pier an. Ein Offizier, deſſen reiche Kleidung auf ſeine höhere Stellung in der holländiſchen Marine ſchließen ließ, ſtieg, von einem Trompeter und von einem untergeordneten Offizier, der die Flagge der Generalſtaa⸗ ten trug, begleitet, aus. Dieſe drei blieben am Ufer ſtehen und der Trompeter ließ einen langen gezogenen Ton aus ſeinem Inſtrumente vernehmen. Hierauf verließ ein Of⸗ fizier der Beſatzung, ebenfalls von einem Fahnenträger und einem Trompeter begleitet, das Fort und marſchirte auf die ihn Erwartenden zu. Trompetenſtöße wurden ge⸗ wechſelt, Fahnen geſchwenkt, die Offiziere begrüßten ſich durch eine artige Senkung des Degens, dann ſteckten ſie dieſen in die Scheide und ſchritten, Jeder den halben Weg machend, auf einander zu, ſie ſchüttelten ſich gegenſeitig, gleich ein paar alten Freunden, die erfreut ſind, nach langer Trennung wieder einmal zuſammen zu treffen, die Hände, und der engliſche Offizier lud den Holländer ein, ihn in das Fort zu begleiten, welche Einladung von dieſem auch angenommen wurde, und unter dem Vortritte der beiden Trompeter und der beiden Fahnenträger ſchritten die Offiziere in würdevoller Haltung in den Hofraum des Forts. Hier hielten Trompeter und Fahnenträger an, die Offiziere begaben ſich aber die Stiege im Hauptgebäude hinauf und traten in das Zimmer des Feſtungskomman⸗ danten, wo nicht nur Sir Manning, ſondern auch ſämmt⸗ liche Oberoffiziere der Beſatzung anweſend waren. Die Unterhandlungen begannen,— dieſe bedurften kein langes Hin⸗ und Herreden, ſondern waren in kurzer Zeit abgethan. Die Holländer nahmen Fort, Stadt und Provinz Neu⸗York, als ein früher der Republik gehöriges Eigenthum, wieder in vollen Beſitz, änderten auch wieder den Namen in Neu⸗Amſterdam um, und ſetzten ihren mili⸗ täriſchen Einzug auf heute Abend, eine Stunde vor Son⸗ nenuntergang feſt. Zur ſelben Zeit, während die Hollän⸗ der bei dem Hauptthore in das Fort einmarſchirten, ſollten die Engländer bei dem Thore, welches der innern Stadt 77 zuführte, zwar vollſtändig bewaffnet, aber ohne die engli⸗ ſche Fahne zu entfalten und ohne eine Trommel zu rühren, ausmarſchiren und ſich durch den Hohlweg nach Coenties⸗ Slip begeben, wo die beiden engliſchen Schiffe bereit liegen ſollten, um die geſammte engliſche Armada aufzunehmen und dann ſogleich abzuſegeln. Nachdem dieſes mit allen militäriſchen Klauſeln und Vorbehaltungen und näheren Beſtimmungen in Ordnung gebracht worden, beurlaubte ſich der holländiſche Offizier von ſeinen engliſchen Kameraden mit allen Formalitäten der Höflichkeit und militäriſchen Courtviſie und begab ſich, von dem engliſchen Offizier begleitet, zu dem Pier, wo das Boot ſeiner harrte, zurück, und nachdem hier nochmals zum herzlichen Abſchied auf innige Weiſe gegenſeitiges Hand⸗ ſchütteln vorgenommen worden, ſtieß das holländiſche Boot mit Offizier, Trompeter und Fahnenjunker ab und trieb in Eile dem Schiffe zu, wo der Erſte Bericht zu erſtat⸗ ten hatte. Und wie die Verabredung getroffen worden, ſo geſchah es auch. In ſpäter Nachmittagsſtunde entfalteten ſich, wie durch einen Zauberſchlag, auf allen Schiffen der hol⸗ ländiſchen Escadre zu gleicher Zeit alle Segel, von einem leichten Winde gebläht, und in einer Linie aufgeſtellt, fuhr die Flotille die breite Bay herab, dem Landungsplatze zu. Der leiſe Luftzug führte ſchon aus weiter Ferne die Töne 78 fröhlicher Kriegsmuſik zu den Ohren der neugierigen Be⸗ wohner von Neu⸗York, die in Schaaren dem Hafendamm zugeſtrömt kamen, und je näher die Schiffe heranrückten, deſto deutlicher waren die Klänge des klingenden Spiels, das Trompetenſchmettern und der Trommelwirbel zu ver⸗ nehmen, und auf dem Verdecke eines jeden Schiffes war die Kompagnie in Reih' und Glied aufgeſtellt, in ſchim⸗ merndem Waffenſchmucke, unter Oraniens Farbe,— und als die Schiffe ganz nahe gekommen waren, da fielen die Segel und die gewandten Matroſen waren wie die Katzen nach Oben und in faſt keiner Zeit war kein Lappen Lein⸗ wand mehr loſe,— aber jetzt fielen auch die ſchweren Anker und wie feſt gebannt lagen die Schiffe an den Piers, und über die angelegte Brücke ſchritt von dem Verdecke des Ad⸗ miralſchiffes zum Hafendamm herab der holländiſche See⸗ held Cornekius Evertſen, der würdige Sohn ſeines großen Vaters, Corn elius, der im Verein mit de Ruy⸗ ter und Tromp die„viertägige große Seeſchlacht“ an der Küſte Englands geliefert hatte, in welcher die Eng⸗ länder 23 Schiffe, 6000 Todte und 3000 Gefangene ver⸗ loren. Aber als der kleine kugelige Mann mit dem brei⸗ ten gutmüthigen Geſichte, in ſchlichter, mehr als einfacher Kleidung jetzt ſeinen Fuß auf den Damm ſetzte und mit heiterem Auge und fröhlicher Miene herumblickte, hätte ihn ſicher Niemand für den großen Admiral Cornelius Ev ert⸗ 79 ſen genommen, der alle Tugenden ſeiner Familie, die glän⸗ zendſten Fähigkeiten der Evertſen ererbt hatte, deſſen Name in der Geſchichte, im Vereine mit de Ruyter, den Tromps und de Witt genannt wird. Ihm auf dem Fuße nach, die Brücke herab, folgte ein anderer wohlge⸗ nährter Mann in vollſtändig holländiſcher Kleidung, der mit demſelben gutmüthig lächelnden Blicke herumſah, und zu dieſem ſagte der Admiral in gutem platten Holländiſch: „Nun, da ſeht mal, Colve, haben wir da nicht ganz, wenn auch im Kleinen, unſer ſchönes Rotterdam? wäre doch zum Erbarmen geweſen, wenn ich hätte dieſe Prachtdächer her⸗ unterſchießen müſſen;— nun, es iſt gut ſo, wie Ihr es gemacht habt,— verſchafft mir zwar keinen Ruhm,— will mir aber dieſen ſchon anderswo ſuchen, als gegen eine arme Stadt, die ſich nicht wenden oder drehen kann, wenn wir unſere Breitſeite zeigen,— hätte mir auch leid gethan, alle dieſe knarrenden Wetterhähne in Unordnung ſetzen zu müſ⸗ ſen, die wieder in Regelmäßigkeit zu bringen, dem neuen Statthalter, Mynheer Anthony Colve, viel Mühe ge⸗ koſtet haben würden.“ Er ſchloß ſeine Rede mit einem herzlichen Lachen, in welches der würdige neue Gonverneur mit eben ſo viel Heiterkeit einſtimmte; dann aber ſagte der Admiral:„Zetzt wollen wir jedoch für's Erſte unſer Geſchäft in Ordnung bringen.“ Und er ſtach die Spitze ſeines Schwertes in 80 das Erdreich, und ſeine Rechte auf den Degenknopf legend, ſagte er mit feierlicher Stimme:„Somit nehme ich im Na⸗ men der hochvermögenden Generalſtaaten neuerdings Beſitz von der Tochter-Republik Neu⸗Amſterdam!“ Auf den Schiffen erſchallte ein lautes„Hurrah!“ von Hüteſchwen⸗ ken, Fahnenflattern, Trommelwirbel und Trompetenge⸗ ſchmetter begleitet, und 21 Kanonenſchüſſe folgten in mä⸗ ßigen Zwiſchenräumen aufeinander. Dann marſchirten die Kompagnien mit klingendem Spiele in das Fort,— Kanonen von ſchwerem Kaliber wurden aus den Schiffen an das Land gebracht und auf die Wälle des Forts ge⸗ pflanzt,— die Flagge Oraniens flatterte vom höchſten Punkte,— Neu⸗York war wieder Neu⸗Amſterdam gewor⸗ den, und ſo war das impoſante hiſtoriſche Schauſpiel zu Ende geſpielt, zur Zufriedenheit des Publikums und auch der dabei hauptſächlichſt agirenden Perſonen,— ganz ſtill war jedoch die engliſche Beſatzung mit ihren Kanonen und ihrer herabgenommenen Fahne Englands beim hintern Thore hinausgezogen, war durch die Biberſtraße und den Here⸗Graft hinabmarſchirt, und hatte an dem Ausgange des Coenties-Slip die zwei engliſchen Schiffe angetroffen. Die ganze Nacht wurde mit der Einſchiffung zugebracht, aber mit grauendem Morgen ſah man zwei große Fahr⸗ zeuge den Kanal zwiſchen Manhattan⸗und Long⸗Island her⸗ aufkommen, ſich dann links wenden und mit voller Seg 81¹ kraft die Bay hinaufjagen;— die aufgehende Sonne ließ eben noch für wenige Augenblicke ihre ſchimmernden Segel erblicken, dann wandten ſie ſich durch die Narrows und waren den Blicken derer, die ihnen etwa von Neu⸗Amſter⸗ dam aus nachſchauten, verſchwunden. Sie eilten, was ſie konnten, um über das Weltmeer heim, nach Alt⸗England zu kommen. Einer der Mitreiſenden hätte es vielleicht vor⸗ gezogen, einen andern Weg einzuſchlagen, und je näher er der kreidigen Küſte kam, deſto unruhiger mochte wohl das Herz in der Nähe jener Papiere ſchlagen, die hier unter königlich engliſcher Feldbinde und unter ritterlichem Har⸗ niſch verborgen waren,— übrigens hatte er ſeine Rolle gut geſpielt. Lünftes Capitel. „Sie konnte mir kein Wörtchen ſagen, „Zu viele Lauſcher waren wachz 2 „Den Blick nur durft' ich ſchüchtern fragen, „Und wohl verſtand ich, was er ſprach.“ F. v. Schiller. Gedichte.(Das Geheimnib.) Wir haben durchaus nicht die Meinung, eine neue Bemerkung zu bringen, wenn wir ſagen, der Menſch iſt 1858. VII. Van Hoboken. IV. 6 82 ſtark genug, die fürchterlichſte Gewißheit zu ertragen, aber ſelbſt der Geiſteskräftigſte iſt gewöhnlich zu ſchwach, um längere Zeit in einer drohenden Ungewißheit ſich aufrecht zu halten. Wir können täglich dieſe Bemerkung machen. Sehen wir nicht einen thätigen Geſchäftsmann, der durch eine wochendauernde Ungewißheit über den zweifelhaften Erfolg einer gewagten Spekulation geiſtig und körperlich hinwelkend geworden, gleich nach erfolgtem Unglücksſchlage ſich wieder kräftig erheben und mit neuerwachter Energie ſeine Anſtalten treffen?— Sehen wir nicht eine Mutter am Krankenbette ihres geliebten Kindes, das zwiſchen Leben und Tod ſchwebt, ſich grämen und abhärmen und die theil⸗ nehmende Sorge der Umſtehenden erwecken; aber der Tod des Lieblings, wenn auch nun die traurigſte Gewißheit, iſt, wenngleich ein erſchütternder, doch ein vorübergehender Schlag, und die nächſte Nacht die erſte, welche die betrübte Mutter ſchlafen läßt?— Wir finden in hundert Beiſpielen den Beleg für dieſe Wahrheit, und Arabella's Gemüths⸗ zuſtand an dem Tage der Uebergabe Neu⸗Yorks an die Holländer iſt eben wieder ein ſolcher. Was für ein fürch⸗ terlicher Tag war dieſer für ſie! Am frühen Morgen hatte ſie den Streifen Papier, mit den wenigen Worten, von unbekannter Hand geſchrieben, erhalten,— ſie habe für den Vater nichts zu befürchten und ſolle ſich zu ihren Freun⸗ den nach Bergenhill begeben: ſo lauteten die Worte,— 83 und ſie war nach Bergenhill gegangen; aber was war es mit dem Vater?— er war verſchwunden, Niemand wußte, wo er hin gekommen,— das Bombardement begann, die Uebergabe, der Einzug der Holländer und der Abmarſch der Engländer erfolgte, und wo war der Statthalter der verloren gegangenen Provinz, wo war Sir Francis Lo⸗ velace, ihr Vater? War er feig entflohen bei heran⸗ rückender Gefahr? Das konnte ſie nicht glauben; ſie kannte den Ehrgeiz, den Stolz, den ritterlichen Geiſt ihres Vaters;— war er durch Liſt oder Gewalt entfernt wor⸗ den? und in weſſen Gewalt befand er ſich dann?— hat er wirklich nichts für ſein Leben zu befürchten, ſo doch, wie wird er das zu ertragen im Stande ſein, was zu geſchehen ſeine Anweſenheit gewiß nicht geſtattet haben würde?— dieſes waren die peinigenden Gedanken in einer Richtung, — dieſes waren die Gedanken der Tochter,— nun aber auch die des Mädchens, des liebenden Mädchens: wo war Frank? was war ſein Loos geworden?— Sie wußte ihn im Gefängniß,— ſie wußte ihn als Spion verdächtigt, — ſie kannte den fürchterlichen Kriegsgebrauch, der den ergriffenen Spion ohne vieles Fragen hängen läßt,— oder war er bei dem Brande verunglückt? es waren mehrere Nebengebäude innerhalb des Forts niedergebrannt; hatte man den Gefangenen vergeſſen, oder ihn in der Verwir⸗ rung, um ſeiner auf ſchnellſtem Wege los zu werden, nie⸗ 6* 84 dergemacht?— Was für fürchterliche Zweifel der Unge⸗ wißheit marterten ihre Seele! welche Vorwürfe machte ſie ſich nicht! War es von ihr recht gehandelt geweſen, auf den Ausſpruch des Feſtungskommandanten, daß dem Ge⸗ fangenen kein Leid geſchehen ſolle, zu vertrauen? Hätte ſie nicht vor den Vater treten ſollen, um für den Jüngling, der gewiß kein holländiſcher Spion war, die muthige Für⸗ ſprecherin zu ſein? Wir erwarten, daß jede unſerer theilnehmenden Le⸗ ſerinnen ſich in ihre Lage denken kann, und es glauben wird, daß Arabella den ganzen Tag über, ſich in einem krankhaft fieberhaften Zuſtande von Aufregung befunden habe. Die Umgebung, wenn es überhaupt ſchon ſchwierig und meiſtens ſogar unmöglich iſt, durch Troſtworte Beruhi⸗ gung zu geben, war eben in gegenwärtigem Falle eine durchaus unfähige dazu. Der hoffnungsvolle Jüngling Seth war mit ſeiner ſtets glimmenden Pfeife größtentheils auf der Anhöhe des Vorgebirges, um in dieſer ſichern Ent⸗ fernung einen neugierigen Zuſchauer des militäriſchen Spectakels abzugeben, nicht daß ſeine, nur bis an eine ge⸗ wiſſe Grenze reichende Ueberlegung, ihn zu einen theilneh⸗ menden Zuſchauer gemacht hätte,— ob engliſch oder hol⸗ ländiſch, dieſes war ihm ganz gleichgültig,— ſondern das Abfeuern der Geſchütze, die Bewegungen der Kriegsſchiffe, die aus der Ferne herübertönende Feldmuſik, die Trompe⸗ 85 tenſtöße, der Trommelwirbel, dieſes waren die Gegenſtände, welche ſeinen Geiſt beſchäftigten, und nicht viel weiter ging auch die Begriffsfähigkeit ſeiner würdigen Mutter, die während der ganzen Belagerung, Bombardement und Uebergabe, ohne Aufhören an einer Schlafmütze für ihr Söhnlein ſtrickte, da ſie es ſich zur Aufgabe geſtellt hatte, an heutigem Tage mit dieſer das zweite Dutzend vollzählig zu machen, und ſich kaum ſo viel Zeit nahm, davon aufzu⸗ blicken. Jeſſie, die gutmüthige, kleine Jeſſie, hätte wohl gern getröſtet, beruhiget, als ſie die Aufregung ihrer Freundin bemerkte, und die ihr, wenn ſie auch nur die eine Urſache, die Sorge um den abweſenden Vater, kannte, er⸗ klärlich genug war, da ihr Herzchen in einer gleichen Un⸗ ruhe, in der Sorge um ihren George, ſich befand. Sie wußte, daß die Wallonen auf Longisland zu den meiſt „aufrühreriſchen Republikanern“ gehörten, und wenn George auch klugerweiſe ihr nicht ein Langes und Breites mitgetheilt hatte, ſo wußte das kluge Mädchen doch genug, um ängſtlich zu ſein, als ihr Geliebter den ganzen Tag über nicht nach Bergenhill kam. Daß von ihrer Seite daher keine Beruhigung zu erwarten war, iſt erklärlich ge⸗ nug. Se. Herrlichkeit Lord Arthur that, was in ſeinen Kräften ſtand, und Arabella machte ſich ſelbſt Vorwürfe, daß ſie die treue Anhänglichkeit des jungen Mannes nicht in dem Grade, als ſie es wirklich verdiente, anzuerkennen 86 im Stande war. In ſonſtigen Zeiten der Ruhe und der Fröhlichkeit gaben ihr die vielen kleinen Lächerlichkeiten des etwas bornirten, doch gutmüthigen Kavaliers Stoff zum Scherze; aber heute war er ihr unerträglich, und wenn ſie es ſich ſelbſt eingeſtehen mußte, daß die Anführung ſeiner Gründe, weshalb ihre Sorge für des Vaters Sicherheit eine unnöthige ſei, eine äußerſt gutgemeinte ſei, ſo war ſie doch auch wieder ärgerlich darüber, daß Sr. Herrlichkeit ganze Tröſtung ſich immer nur um das eine drehte, ohne die vielen anderen Befürchtungen, die ihre Seele marterten, zu faſſen,— aber dann war ſie auch wieder unzufrieden mit ſich ſelbſt, daß ſie von dem Freunde mehr forderte, als billigermaßen zu fordern war, und ſo war ſie endlich froh, als er Nachmittags, nachdem bereits die Oranienflagge auf der Höhe des Forts aufgeflanzt war, erklärte, er wolle nach Neu⸗York überſetzen, um Erkundigungen einzuziehen, wobei er ſicher hoffte, gute Nachrichten über Arabella's Vater zu erhalten, mit denen er noch heute Abend in Ber⸗ genhill einzutreffen verſprach. Er war fort,— Arabella und Jeſſie ſaßen am Fenſter, welches die Ausſicht in den Garten hatte, beiſam⸗ men,— ihre Hände ruhten in einander; in die andere Hand hatten ſie den Kopf geſtützt,— und ſo blickten Beide in ſtummen Sinnen in den Garten hinaus,— es fühlte Jede für ſich, daß, wo man nicht ſichern Troſt geben kann, es 87 beſſer ſei, zu ſchweigen,— und ſo ſchwiegen Beide, ſich ihren Gedanken überlaſſend. Auch die beiden andern Per⸗ ſonen, welche in der großen Halle des Herrenhauſes auf Bergenhill ſich befanden, waren ſchweigſam; die gute Vrow emſig mit den Nadeln beſchäftigt, da trotz der vorgerückten Tageszeit, die Nachtmütze noch immer nicht ihrem Fertig⸗ ſein ſich nähern wollte; und ihr gegenüber auf niedrigem Stuhle, das Söhnlein Seth, die qualmende Pfeife zwi⸗ ſchen den Zähnen, den Kopf in die beiden Hände, mit auf die Kniee aufgeſetzten Ellbogen, geſtützt, und die Augen mit Aufmerkſamkeit der raſchen Bewegung der Stricknadeln zwiſchen der Mutter Finger folgend;— und ſo wollen wir jetzt dieſe ſchweigſame Gruppe in der Halle verlaſſen, und uns außerhalb des Herrenhauſes begeben. Es iſt bereits Dunkelheit eingetreten; die Sonne iſt eben untergegangen, und wir wiſſen, daß von einem abend⸗ lichen Dämmerlichte in Amerika nicht die Rede iſt. Den Fußpfad herauf, welcher, wie bekannt, aus dem ſumpfigen Moorgrund zur Höhe von Bergenhill ſich erhebt, kommt ein Mann raſch geſtiegen. Er iſt in ritterlicher Kleidung, den Biberhut mit den blendendweißen Reiher⸗ federn aus der Stirn zurück mehr in den Nacken gerückt, das Schwert im linken Arme tragend,— es iſt Francis. Er hatte an dem Spectakelſtücke des heutigen Tages gar keinen Antheil genommen, ſondern war ruhig in dem i 88 Hauſe des Doctors geblieben; er hatte pünktlich deſſen An⸗ orbnung in Betreff der zu verabreichenden Heilmittel be⸗ folgt, und Mutter Namakewa, ſo viel ſie auch an der ärztlichen Behandlungsweiſe des gelehrten teutſchen Arznei⸗ mannes zu bekritteln hatte, und obwohl ſie meinte, ſie wiſſe in ihren Wäldern weit beſſere Kräuter aufzufinden, als er in ſeinem Schubladen aufbewahrt habe, ließ doch mit ſich geſchehen, was er verordnete und ihr Liebling, Namum⸗ ni⸗ktee, anwendete. Sie befand ſich auch gegen Abend erträglich wohl und Herr Schneppermann erklärte ſie außer Gefahr. Der gute Doctor, der den größten Theil des Tages über außer Hauſe geweſen, theils in ſeinem Berufe be⸗ ſchäftigt, theils dieſe und jene Gruppe neugieriger Bürger in den Straßen der Stadt um Einen vermehrend, brachte die Neuigkeiten des Tages in geregelter Ordnung heim. Natürlich geſchah dabei auch Erwähnung von der unerklär⸗ lichen Abweſenheit des Gouverneurs, von den Vermuthungen, die man hegte, und was ſonſt geſchwatzt wurde; aber er erzählte auch, daß die Tochter des Statthalters ſchon am frühen Morgen, bevor noch das Bombardement begonnen, ein Schreiben von unbekannter Hand, mit dem Auftrage des Vaters, ſich nach Bergenhill zu begeben, erhalten habe, welchen ſie denn auch befolgt hatte. Der Doctor ſprach ſich in ſeinen Vermuthungen aus; aber dabei hörte ihm 89 Francis nur mit halbem Ohre zu. Er folgte ſeinem eigenen Ideengange. Das Verſchwinden des Statthalters ſchien ihm nicht ganz unerklärlich, er glaubte den Schlüſſel zu dieſem Geheimniß zu beſitzen,— er kannte vielleicht die Perſonen, die über dieſes unfreiwillige Verſchwinden zur Rede zu ſtellen wären,— vielleicht war keine Zeit zu ver⸗ ſäumen;— aber vor Allem mußte er Gewißheit haben, daß Sir Lovelace wirklich nicht zurückgekehrt ſei,— dieſes mußte er heute noch erfahren,— von wem?— von wem anders, als von der Tochter, die ſich im Auftrage des Vaters nach Bergenhill begeben hatte,— in Bergenhill, im Her⸗ renhauſe des Mynheer van Hoboken war Arabella zu treffen;— wird es einer meiner Leſer ſo außerordentlich ſonderbar finden, daß Mynheer Francis van Hoboken heute Abend noch nach Bergenhill eilte? Und, wie oben geſagt, eben jetzt bei eingebrochener Dunkelheit kam er den Felſenpfad heraufgeſtiegen. Er blickte vorſichtig herum,— keine lebende Seele war zu ſehen,— abendliche Stille hatte ſich hier niedergelaſſen, — nicht ein Laut war zu vernehmen. Er ging ſo geräuſch⸗ los, als nur der Moccaſſin des Indianers auftreten kann, im dichten Schatten der Obſtbaumallee auf das Haus zu; aber er wollte nicht ſogleich eintreten, er hatte das eigen⸗ thümliche Gelüſte, wenn möglich, zu belauſchen, was im Innern des Hauſes vorging. Er ſchritt um dieſes herum, —— — 90 — im Rücken des Hauſes lag der Kohlgarten, hier hinaus gingen zwei Fenſter der großen Halle,— dieſe waren hell,— es brannte Licht in der Halle,— er fand, wie für ihn vorgerichtet, eine Baumleiter, wie man ſie zum Abneh⸗ men des Obſtes benutzt;— dieſe Leiter lehnte er an die Mauer des Hauſes, dicht unter dem einen Fenſter an,— vor⸗ ſichtig, kein Geräuſch zu machen, ſtieg er hinan,— und ſein Blick ſchweifte durch die matt erhellte Halle. Vier Geſtalten boten ſich ſeinem Auge dar: aber nicht die runde, würdige Geſtalt der emſig ſtrickenden Vrow Tante, nicht das intereſſante vis-àvis, der halb ſchmau⸗ chende, halb ſchlummernde Cvuſin Seth, ſelbſt nicht die liebliche Geſtalt der Schweſter Jeſſie konnten ſeinen Blick für lange feſſeln,— dieſer flog über dieſe ſchnell hin und haftete an der reizenden Geſtalt, die neben Schweſter Jeſ⸗ ſie an dem großen Steintiſche ſaß. Sie hatte ſich in den hohen Stuhl zurückgelehnt,— die natürlichen Locken roll⸗ ten in üppiger Schöne und Fülle über Stirn, Wangen und Nacken herab und erhoben durch ihren dunklen Glanz noch ſo mehr die außergewöhnliche Bläſſe des Geſichts; das dunkle Auge war ſinnend der Flamme des Kerzenlichtes zugewendet; es war Sorge und Nachdenken in den ſchönen Zügen zu leſen, und ſie hatte die feinen weißen Hände, wie eine Betende gefaltet, im Schooße liegen,— ſie mochte vielleicht auch eben beten,— man erhebt zur Zeit der 5½ Sorge gern ſeine Gedanken zu jenem Weſen, von dem man Troſt zu erwarten gelehrt worden iſt. Er konnte ſeinen Blick nicht abwenden von dieſem reizenden Weſen,— er wußte auch, welch' ein Geiſt dieſen ſchönen Körper belebte,— die Geliebte zu belauſchen iſt ſüßes, berauſchendes Gift,— je mehr man davon ſchlürft, deſto mehr Verlangen darnach erwacht,— er konnte noch immer nicht ſich losreißen von dieſem bezaubernden Anblick. Da wandte ſie den Blick der Thüre zu.„Hörteſt Du nicht Geräuſch, Jeſſie?“ fragte ſie mitmelodiſcher Stimme. „Ich hörte nichts,“ erwiederte die Schweſter—„ich glaube nicht, daß er heute noch nach Bergenhill kommt.“ „O, dann hat er nichts Gutes vom Vater erfahren,“ ſagte Arabella. „Wen erwartet ſie?“ fragte die Eiferſucht,— doch die Vernunft ſagte:„Wenn ich Hülfe bringen ſoll, ſo muß ich heute noch das Nähere wiſſen!“ und geräuſchlos ſtieg er die Leiter hinab, und mit leiſen Schritten ſchlich er um den Flügel des Hauſes herum, dem Hauptthore zu, um hier auf eigentlichem Wege Einlaß zu verlangen. Zum Hauptthore führten einige Stufen hinauf, dieſe waren von einem Vordache überdeckt, unter dieſem herrſchte die Finſterniß der Nacht. Francis hatte den Fuß auf die dritte Stufe geſtellt, aber mit einem Satze war er wieder herunter,— in der —— ———— ———— 92 tiefen Finſterniß, auf ſchmalem Antritt mochte er mit kei⸗ nem Unbekannten zuſammentreffen,— daſſelbe mochte aber auch der Andere denken,— auch dieſer war mit einem Sprunge über die wenigen Stufen herab auf den mit Kies⸗ ſand beſtreuten Boden,— zwei Männer ſtanden ſich ein⸗ ander gegenüber,— Jeder das Schwert blank gezogen,— aber Keiner willens den Angreifer zu machen——— In dieſem Augenblicke trat der volle Mond über die ſchwarze Waldnacht der Manhattaninſel herauf,— und warf ſein Silberlicht gerade in das Geſicht des gegenüber⸗ ſtehenden Francis,—„Van Hoboken!“ rief ſein Geg⸗ ner überraſcht und trat einen Schritt zurück,—„giebt es ein Wiederkehren nach dem Tode? „Vielleicht,— vielleicht auch nicht,“ erwiederte Francis,—„auf jeden Fall habt Ihr mich bei meinem rechten Namen gerufen.“ „Auch ſeine Stimme,“ ſagte der Andere. „Ihr meint: van Hoboken's Stimme,— und da ſeid Ihr wieder Recht,“ erwiederte Francis. „Nein, da kann keine Täuſchung ſein,— Ihr ſeid Francis— oder kein Anderer kann es ſein——“ „Ganz recht,— ich bin Francis Oloffe van Ho⸗ boken,“ ſagte Francis,—„doch macht mir nun auch zu wiſſen, mit welchem Namen ich Euch einzuladen habe, unter das Dach meines gaſtlichen Hauſes zu treten.“ 93 „Ich habe keine Urſache, Euch meinen Namen zu verſchweigen,“ erwiederte der Andere,—„aber doch ziehe ich es vor, früher das Haus zu betreten,“ und er wandte ſich um und ſchritt die wenigen Stufen hinan, welche zur verſchloſſenen Hausthüre führten. Er ließ einige Male den Pocher mit lautem Schalle ertönen; und es währte kaum eine Zeit, ſo ſprang die Thüre auf und das breite, glänzende Geſicht des ſchwarzen Scipio erſchien unter der hellen Beleuchtung des Kerzenlichtes, das der alte Ne⸗ ger in ſeiner Hand trug. Der gute alte Burſche ſtieß einen gellenden Frendenſchrei aus, denn er wußte ja um die tiefe Bekümmerniß der ſtets gegen ihn ſo freundlichen Miß— aber der Freuderuf war kaum ausgeſtoßen, ſo flog auch ſchon die Thüre auf, welche von dem Mittelgange des Hauſes rechts zur großen Halle führte, und Arabella ſprang heraus, und mit dem Jubelruf:„Mein Vater!“ umſchlang ſie mit beiden Armen den Nacken des Mannes, welchen wir von heute nur unter der einfachen Benennung Sir Francis Lovelace zu kennen haben. Er war einen oder zwei Schritte weit in den Gang eingetreten, und drückte ſeine Tochter mit vieler Wärme an die Bruſt. Scipio war im Begriffe, das Thor wieder zu ſchließen, da ſagte Sir Lovelace:„Nicht ſo eilig, Sci— pio— da Außen iſt noch Einer, welcher Einlaß in dieſes Haus begehret und zwar mit mehr Recht als ich.“ 94 Unſer Freund Francis war bis jetzt noch am Fuße der Treppe ſtehen geblieben, aber als nun Scipio mit etwas vor ſich hingehaltener Kerze, neugierig zur Thüre hinausguckte, trat Francis ihm plötzlich entgegen,— der Neger that einen kreiſchenden Schrei,— ließ die Kerze fallen, und mit beiden Händen ſeinen Kopf packend, lief er durch die Thüre in die Halle zurück, und hier hörte man ihn rufen:„Einen Ge— ſpeenſt— alte Mynheeren— einen Geſpenſt!“ Aber mit dem kreiſchenden Aufſchrei des Schreckens aus dem breiten Munde des alten Negers, war zur gleichen Zeit ein anderer Aufſchrei zu vernehmen geweſen, bei wei⸗ tem nicht ſo unangenehm kreiſchend und auch aus einem weit lieblicheren Munde kommend,— wir kennen ja den kleinen, feinen, muſikaliſchen Ton, der über ſchöne Lippen im Momente einer freudigen Ueberraſchung kommt, und freudig überraſcht war Miß Arabella doch ganz gewiß, als ſie jetzt Francis in Geſellſchaft ihres Vaters in das Haus treten ſah. Dieſer Aufſchrei mochte aber entweder an und für ſich ſo ein feiner und leiſer geweſen ſein, daß er im Duetto mit dem Gekreiſch des guten Scipio verklang, oder hatte ſie ſchnell wieder ſo viele Faſſung gewonnen, um ihn zur Hälfte zu unterdrücken,— wir wiſſen ja, wie das ſchöne Geſchlecht ſich gewöhnlich raſch zu ſammeln weiß,— genug, 95 er entging der Aufmerkſamkeit des Vaters, der dieſen Ton der freudigen Ueberraſchung aus dem Munde ſeiner Toch⸗ ter weit weniger erklärlich gefunden haben möchte, als das Geſchrei des Geſpenſterſchreckens des alten Negers. Ueber dieſes lächelte Sir Lovelace denn auch, und mit ritter⸗ licher Artigkeit ſich zu dem Jüngling wendend, ſagte er: „Für dieſen Augenblick, Mynheer van Hoboken, über⸗ nehme ich es, Euch einzuladen, in die Halle des Herren⸗ hauſes der Familie van Hoboken einzutreten,— im nächſten Augenblicke iſt es an Euch, mir und meiner Toch⸗ ter eine gaſtfreundliche Aufnahme unter dem Dache Eures Hauſes zu bieten, bis wir Anſtalten treffen können, nach Neu-York zu kommen.“ Wir brauchen wohl nicht zu erwähnen, daß dieſe Worte nicht geeignet waren, die Ueberraſchung Ara⸗ bellens zu vermindern. Van Hoboken nannte ihr Va⸗ ter den jungen Mann, der ihr unter dem Namen Frank Lincoln bekannt war,— von einer gaſtlichen Aufnahme unter dem Dache ſeines Hauſes, ſprach der Vater— wie hatte ſich dieſes Alles ſo plötzlich geſtaltet?— geſtern noch war Frank als holländiſcher Emiſſär ein Arreſtant im eng⸗ liſchen Fort,— ſtand Frank's Auftreten als Mynheer van Hoboken mit dem Verſchwinden des Vaters von Neu⸗York im Zuſammenhange?— woher kamen Beide eben jetzt in ſpäter Stunde?— wußte der Vater, daß 96 ſie den jungen Mynheer ſchon vor dieſem Zuſammentreffen gekannt hatte?— und zwanzig derartige Fragen mühten das kleine Köpfchen der liebenswürdigen Miß ab; aber ſie war ſchlau und vorſichtig wie Keine. Der kleine Aufſchrei der freudigen Ueberraſchung war ihren unüberwachten Lippen entſchlüpft, aber von jetzt an hielt ſie dieſe wie nicht weniger das Auge in ſtrenger Gewalt,— nur Einen Blick ließ ſie zu dem Jüngling ſprechen,— es war, nach⸗ dem ſie in die Halle getreten waren, und ihr Vater auf Jeſſie zu ging— aber was ſprach dieſer Eine Blick nicht Alles!— mehr als die ſchönſten und ſprechgeläufigſten Lippen in einer Viertelſtunde hätten plaudern können, und Francis verſtand dieſe Sprache— und er gab volle, gül⸗ tige Antwort, indem er ſeine rechte Hand an die Stelle legte, wo ſein Herz hoch aufpochte in ſtürmiſcher Freude, ihr, die er mit voller Seele liebte, nahe zu ſein, und zu wiſſen, daß ſie ihn nicht vergeſſen hatte in dem Glanze, der ſie umgab, daß ſie nicht den jungen, reichen Lord dem jungen Abenteurer, ohne Namen und Stand, der damals an die Küſte Frankreichs geworfen worden, vorgezogen habe,— Alles dieſes wußte er, hatte ja doch ihr Blick ihm alles dieſes eben erzählt; aber er erlaubte es nun auch ſei⸗ nem Herzen in Freude und Liebe hoch aufzupochen und ſäumte nicht, alles das, was ihm die Geliebte ſeiner Seele erzählt hatte, durch die Betheuerung ſeiner Liebe zu beant⸗ 97 worten,— jetzt war er nicht der Abenteurer, der Schmugg⸗ ler, der Freibeuter——— doch er hatte nicht Zeit, ſeine Gedanken weiter zu verfolgen— Sir Francis Lovelace mit der kleinen Jeſſie an der Hand trat auf ihn zu. „Miß Jeſſie, wer mag dieſer junge Mann wohl ſein?“ fragte Sir Lovelace. Jeſſie, welche jetzt Francis nahe getreten war, und ihren Blick auf deſſen hell beleuchteten Geſichtszüge warf, prallte wie erſchrocken zurück—„wenn Scipio nicht Recht hat,“ ſagte ſie nach einigem Zögern,—„dann iſt es Francis, mein verloren gegangener Bruder; denn nur der Sohn kann eine ſolche Aehnlichkeit mit dem Vater haben.“ „Und Du biſt meine Schweſter,— meine liebe, kleine Jeſſie!“ rief Francis, und ſchlang den Arm um ihren Leib und drückte eine Unzahl von Küſſen auf Stirn, Auge, Mund— er ließ den lange in ſeinem Buſen ſchlummern⸗ den Gefühlen der Freude, ein theures, durch Familienbande ihm nahes Weſen zu beſitzen, freien Lauf.„O, ich kenne Dich ſchon einige Zeit,“ ſagte er dann—„ich ſtand in dem Heckengange, der den Garten durchſchneidet, und fand ein prächtiges Guckloch, um Dich zu beobachten, wie Du Mr. Tomkins von der Firma van Hoboken u. Komp. den Abſchied gabſt. 3 Jeſſie erröthete ein wenig, aber ſich ſchnel faſſend, 1858. VII. Van Hoboken. IV. 98 ſagte ſie:„Wie, Du kannteſt mich als Deine Schweſter, und trateſt nicht aus der Hecke——“ „O, dies hätte ich gewiß gethan,“ unterbrach ſie der Bruder—„wenn der feine Brautwerber zu aufdringlich geworden wäre; aber es wurde nicht nöthig, Du fandeſt jemand Anderen, der Dich von dem Aufdringlichen be⸗ freite.“ Zeſſie erröthete aber jetzt mehr als ein wenig und verſuchte vergebens ſich zu faſſen—„Du brauchſt nicht ſo tief zu erröthen, Schweſterchen“ rief Francis lächelnd— „George l'Eseuyer iſt ein prächtiger Junge und wir ſind ganz gute Freunde.“ „Ei, wie kommt doch dieſes Alles?“ fragte Jeſſie in ſtaunender Verwirrung. „Wird ſich Alles erklären,“ erwiederte Francis,— „doch für jetzt wollen wir unſertwegen nicht unſere Gäſte vernachläſſigen.“ Er trat jetzt auf Sir Lovelace zu, der in heftiger Aufregung in der Halle auf und niederſchritt. Arabekla ſtand an dem großen Steintiſche, mit der einen Hand ſich aufſtützend; ihr bekümmerter Blick folgte jeder Bewegung des Vaters— die Sorge für ihn war jetzt das überwie⸗ gende Gefühl ihrer Seele geworden,— er hatte einige Fragen über das Schickſal der Provinz an ſie geſtellt, ſie dieſe beantwortet, ſo weit ſie davon wußte; aber es war 99 5 genug, um den heftigſten Sturm in der ſtolzen, ehrgeizigen Seele des früheren Statthalters von Neu⸗York zu erregen, — es erwachte ein böſer Argwohn in ihm, und mit einer von der früheren ganz verſchiedenen Haltung, wandte er ſich dem auf ihn zutretenden Francis zu.„Wie lange ſeid Ihr in Neu⸗York?“ fragte er ziemlich kurz. Ara⸗ bella erblaßte, ſie wußte, was es zu bedeuten habe, wenn ihr Vater in dieſem Tone ſprach. „Seit einigen Tagen,“ erwiederte Francis ohne Rückhalt. „Und warum ſeid Ihr nicht früher aufgetreten, um auf Eure Rechte als Sohn des verſtorbenen van Hobo⸗ ken Anſprüche zu machen?“ fragte Sir Lovelace weiter. „Weil ich immer nur Vermuthung aber keine Ge⸗ wißheit hatte.“ „Seit wann habt Ihr Gewißheit?“ „Die volle Gewißheit, muß ich ſagen, erſt ſeit geſtern Nachts, als ich Namakewa in das Haus des teutſchen Arztes brachte, der mit ihr bei meiner Geburt zugegen ge⸗ weſen war.“ „Namakewa?“ fragte Sir Lovelace erſtaunt. „Die Indianerin Namakewa,“ erwiederte Francis — und mit kurzen Worten erzählte er von ſeinem Auf⸗ enthalte unter den Pequots, von ſeiner Gefangennahme und ſeinem Zuſammentreffen mit Namakewa, wie ihn 7* 100 dieſe durch die tättowirte Schildkröte und den Namenszug F. L. am Oberarm erkannt hatte. „Das iſt mein Name,“ unterbrach ihn Sir Francis Lovelace—„ſie und ich ſind ſo zu ſagen Eure Tauf⸗ pathen geweſen, wo Ihr auch den Namen Francis Hloffe erhalten habt.“ „Und welcher Namenszug jene, welche mich als Kind von ſechs Jahren geraubt hatten, beſtimmte, mir den Na⸗ men Frank Lincoln zu geben.“ „Wie?— Frank Lincoln war der Name, unter dem Ihr bekannt waret?“ fragte der Ritter jetzt auffah⸗ rend. „Den ich beizubehalten für gut fand, bis ich mir die vollgültigen Beweiſe verſchaffen konnte, daß ich das Recht auf Namen und Beſitz des verſtorbenen van Hoboken habe,“ erwiederte Francis. „Ihr ſtandet in holländiſchen Dienſten?“ „Nie.“ „Junger Mann, belüget mich nicht,“ ſagte Sir Lo⸗ velace ſtrenge. Eine Glutröthe überzog des jungen Mannes Ge⸗ ſicht,— Arabella machte eine Bewegung,— durch das Geräuſch angezogen blickte Francis nach ihr hin,— er ſah ſie blaß, zittern, ſie mußte ſich an den Tiſch halten,— die Glutröthe verſchwand von ſeinem Geſichte, und mit 101 Ruhe ſagte er:„Sir, ich lüge nie,— es mag kommen, daß ich eine oder die andere Frage, die Ihr an mich ſtellen möget, vor der Hand unbeantwortet laſſen muß, obwohl ich hoffe, daß die Zeit kommen wird, wo ich Euch jede Frage beantworten darf,“— er warf abermals einen flüchtigen Blick Arabellen zu; der Dank für ſeine Mäßigung dem Vater gegenüber, den er in ihrem Ange las, erweckte in ihm den feſten Vorſatz, ſich durch kein Wort des ſtolzen Mannes außer ruhiger Mäßigung bringen zu laſſen, und mit feſtem aber ruhigem Tone ſetzte er hinzu:„Doch die Worte, die ich ſpreche, ſind in Wahrheit geſprochen.“ Sir Lovelace ſchien durch dieſe mit männlicher Offenheit gegebene Erklärung ſelbſt beſänftigt zu ſein, und mit mildem Tone ſagte er:„Waret Ihr derſelbe Frank Lincoln, der als holländiſcher Emiſſär arretirt worden?“ „Derſelbe,“ antwortete Francis offen. „Wie konntet Ihr in dieſen Verdacht kommen?“ „Dieſes war mir unerklärlich, und ich kann nur ver⸗ muthen, daß ein zufälliges Zuſammentreffen mit einigen Leuten, die wahrſcheinlich mit mehr Recht als ich, Spione Hollands zu nennen waren, auf mich dieſen Verdacht warf.“ Was waren dieſes für Leute?“ fragte Sir Lovelace. Francis überlegte einige Augenblicke, dann aber mochte er keine Gründe gefunden haben, darüber zu ſchwei⸗ 102 gen, und ſo erzählte er ausführlich das Zuſammentreffen von Urzufriedenen in einem unter der Erde gelegenen Weinkeller,— die Namen zu verſchweigen hielt er für räthlich. „Waren da verſchiedene Pläne beſprochen?“ „Nicht daß ich mich erinnere,“ antwortete Francis —„ich glaube, man hielt damit zurück, da ich ein Fremder für die meiſten Anweſenden war.“ „Wurde auch nicht erwähnt, daß man mich beſeitigen l fragte Sir Lovelace mit einem tief forſchenden licke. „Nein,— davon erfuhr ich erſt heute, durch den Doetor.“ „Es iſt ein tief angelegter, ſchurkiſcher Plan,“ ſagte Sir Francis Lovelace mit hoher Entrüſtung—„ich hatte ſchon längere Zeit Verdacht geſchöpft,— dieſes Er⸗ ſcheinen von Leuten in Neu⸗York, die wie aus allen Welt⸗ gegenden zuſammengetrieben, doch in kurzer Zeit unter ſich und mit den Bürgern in guter Bekanntſchaft ſtanden, war mir nicht entgangen, ich hatte ſelbſt von geheimen Zuſam⸗ menkünften Nachricht bekommen; aber ich konnte dem Ge⸗ webe nicht auf die Spur kommen, da ich nicht nur keine Unterſtützung fand, ſondern mir ſelbſt, wie ich jetzt ganz ſicher überzeugt bin, von einer Seite entgegengearbeitet wurde, wo ich die thätigſte Unterſtützung hätte finden ſollen. 103 Ich glaube Euch, Francis, daß Ihr kein Eingeweihter waret,— ich halte Euch für einen Ehrenmann, der wohl jetzt ſchweigen, aber mich nicht belügen würde. Doch ſagt mir Eines— darüber volle Gewißheit zu erhalten, iſt für mich von großer Wichtigkeit,— war des Kommandanten des Forts, Sir William Manning, in jener Ver⸗ ſammlung, bei welcher Ihr ein zufälliger Theilnehmer ge⸗ weſen, erwähnt worden?“ „Nicht daß ich mich erinnere,“ erwiederte Francis, —„aber wenn meine Meinung für Euch einiges Gewicht haben ſollte, ſo ſpreche ich mich dahin aus, daß ich in der That glaube, er war im Einverſtändniß mit jenen Leuten, die Ihr im Verdachte habt, ſich hier als holländiſche Emiſſäre herumzutreiben.“ „Welche Gründe habt Ihr für Eure Meinung?“ „Nachdem ich als Arreſtant mein Gemach im Fort an⸗ gewieſen bekommen, erhielt ich bald darauf einen Beſuch des Kommandanten, welcher mich mit den Worten anſprach: Wer hat Euch denn geheißen im Fuchsloche liegen zu bleiben, wenn Ihr hörtet, daß die Jagd auf ſei?“ „Garz recht,“ fiel Sir Lovelace in's Wort—„die Andern, dieſer Kapitän Hurſt und Konſorten waren nicht gefunden worden,— wahrſcheinlich kümmerte man ſich um Eure Sicherheit weniger.“ „Ich verſtand damals den Sinn der Rede des Kom⸗ 104 mandanten kaum,“ fuhr Francis fort,—„aber er wurde mir deutlicher, als Sir Manning ſagte: Ihr habt Recht, den Namen Frank Lincoln nicht eher abzulegen, als bis die Geſchichte vorüber iſt. Auf meine Frage: was er für eine Geſchichte meine? antwortete er: Verdammt ſchlau— doch Ihr habt Recht, man kann nicht vorſichtig genug ſein, — und als ich dann ſeine Frage, ob ich Kapitän Hurſt geſprochen? mit Nein beantwortete, ſagte er lachend: Ah, dieſer verſteht es beſſer, woher der Wind kommt,— dann meinte er: ich ſolle mich über meine Gefangennehmung nicht ſorgen, ich werde nicht lange Arreſtant ſein,— und dann verließ er mich mit der Bemerkung, ein zu lange dauernder Beſuch könne Verdacht erregen.“ Sir Lovelace verfiel in ein tiefes Nachdenken, wo⸗ bei er, mehr vor ſich hin, ſagte:„Es iſt kein Zweifel,— ein ehrvergeſſener Schurke,— Schande über ihn,“— und ſich wieder an Francis wendend, fragte er:„Welche Mei⸗ nung habt Ihr über den Brand, welcher unerklärlicher Weiſe in den Befeſtigungs⸗Außenwerken des Forts vorge⸗ gangen iſt?— Glaubt Ihr, daß dieſer mit meiner ge⸗ waltthätigen Entführung von Neu⸗York im Zuſammen⸗ hang ſtehe?— denn eben als ich zu dieſem eilen wollte, wurde ich hinterliſtig überfallen, unfähig gemacht, mich zur Wehre zu ſetzen, und den ganzen Tag über, bis die ſchänd⸗ liche Uebergabe geſchehen war, den Hudſon auf⸗ und nie⸗ 105 dergefahren, und endlich nahe der Anſiedelung Eliſabeth⸗ town an's Land geſetzt. Sechs Burſche in Matroſenklei⸗ dung, durch Schwärzung ihrer Geſichter unkenntlich ge⸗ macht, eilten mit raſchen Ruderſchlägen davon, und über⸗ ließen es mir, meinen Weg hierher einzuſchlagen,— ich glaube nicht, daß es gewöhnliche Matroſen waren, kann mir aber auch nicht erklären, wie man um meiner habhaft zu werden, die ganze Stadt in Gefahr zu ſetzen nöthig hatte.“ „Ich glaube auch nicht, daß dieſer Brand mit Eurer Entführung in unmittelbarem Zuſammenhange ſteht,“ ſagte Francis nach einigem Nachdenken—„ſondern wenn ich dieſes Ereigniß mit ſeinen Einzelheiten in genaue Betrach⸗ tung ziehe, ſo war dieſe ſchändliche Handlung, welche wohl nicht der Stadt, ſondern nur beſonders dem Theile der Feſtungswerke, wo ich in Gewahrſam war, galt, von einer ganz anderen Seite verübt, als von der Partei, welche Euch entfernt haben wollte, wenn die holländiſche Flotille in der Bay erſchien.“ Sir Lovelace, dem daran lag, nach Möglichkeit ſich Licht über alle die Umſtände, welche mehr oder weni⸗ ger mit der verrätheriſchen Uebergabe im Zuſammenhange ſtanden, zu verſchaffen, ſtellte ſeine weiteren Fragen; und Francis, der ganz wohl einſah, wie der vormalige Statthalter dieſer durch Verrath der engliſchen Krone ver⸗ 106 loren gegangenen Provinz alles aufbieten mußte, um ſo viele Beweiſe als er nur aufbringen konnte, zu ſammeln, um bei ſeiner Rückkehr nach England jeden Verdacht an ſeiner eigenen Ehre niederzudrücken, war gern bereit, die⸗ ſem Manne, für den er in der kurzen Zeit der Bekannt⸗ ſchaft eine hohe Achtung zu empfinden ſich geneigt fühlte, bei Aufbringung dieſer Beweiſe behülflich zu ſein. Er erzählte mit Umſtändlichkeit die Art und Weiſe, wie er während des Brandes aus dem Fenſter entkam, und wie er unter den Matroſenhaufen gerieth, wo er bemerken konnte, daß man trachtete, ihn von ſeinem Freunde Jack zu trennen,— er erzählte ſeinen Kampf mit dem Kapitän des Schmugglers„die Möve,“—— doch wir brauchen dieſes, wie ſo manches andere, was unſer Leſer ohnedies weiß, hier nicht wieder zu erzählen; Sir Lovelace hörte jedoch mit vieler Aufmerkſamkeit zu, als jetzt Francis, nothwendigerweiſe um deutlich zu ſein, einen großen Theil der Ereigniſſe ſeines Lebens mittheilte. Wir halten es für überflüſſig zu bemerken, daß er es für räthlich hielt, vor der Hand noch jenes wichtige Ereigniß, das ihn an der Küſte vom ſüdlichen Frankreich betroffen, nicht zu er⸗ wähnen. Als er am Schluſſe ſeiner Erzählung die Vermuthung aufſtellte, daß der Seeräuber Dick Seabroom nicht die alleinige Perſon ſei, welche es über ſich genommen, thätig 107 in ſeinen Lebenslauf einzugreifen, ſondern daß der wür⸗ dige Aldermann und gegenwärtige Führer der Firma van Hoboken u. Komp. wahrſcheinlich mithandelnde, wo nicht gar leitende Perſon geweſen ſei, und er es daher für die Aufklärung ſeiner Angelegenheit als ſehr erwünſcht anſehe, jenen Räuber in Gewahrſam zu haben, da ſagte Sir Lovelace:„Es iſt nicht allein für Aufklärung Eurer An⸗ gelegenheiten von Wichtigkeit, den Mann, der Euch als Kind aus dem Hauſe Eurer Eltern raubte, feſtgenommen zu haben: ſondern ich glaube, je genauer ich mir die letzten Ereigniſſe überlege, daß eben dieſer Mann noch über ſo Manches wird Licht geben können, welches ohne ihn dunkel bleiben würde, und welches klar zu ſehen, für mich von großem Intereſſe ſein muß. Wir haben jedoch dabei mit großer Vorſicht zu Werke zu gehen. Es mag der gegen⸗ wärtig herrſchenden Partei vielleicht nicht ganz gelegen ſein, wenn in das Gewebe, welches ſie gegarnt hat, der lö⸗ ſende Finger eingreift, und doch liegt mir Alles daran, deſſen feinſte Fäden bis zu ſeinem Urſprunge zu verfol⸗ gen. Wir wollen alſo nur Eure Angelegenheit in Betracht ziehen,— ich, der ich bei Eurer Geburt geweſen, Euer Pathe bin und über Manches Aufſchluß geben kann, muß nothwendigerweiſe zur Unterſuchung beigezogen werden, ſo gut als Doctor Schneppermann, Namakewa, und wer ſonſt noch Zeugenſchaft geben kann,— und im Ver⸗ 108 laufe dieſes Verfahrens wird vielleicht Allerlei aufgeklärt werden, was noch jetzt für uns unbegreiflich iſt,— doch, wie geſagt, es erfordert Vorſicht.“ Sir Lovelace und Francis beſprachen den Ge⸗ genſtand nun noch weitläufiger; aber wir befürchten, ohne⸗ dies in dieſem Abſchnitt für einige unſerer Leſer bereits zu weitläufig geworden zu ſein, daher wir nur noch erwähnen wollen, daß in ſpäter Nacht Beide in der beſten Meinung von einander ſchieden, Francis erfüllt von Achtung für den Charakter und die Ritterlichkeit des Mannes, deſſen Tochter er liebte.— Lovelace den Jüngling als das ſchätzend, was er wirklich war; offen, freimüthig, ehrlich, männlich, geiſt⸗ und gemüthreich,— und es ließ ſich er⸗ kennen, daß der ſtolze Kavalier ſich auffallend zu dem jungen Manne hingezogen fühlte, der unter den ungün⸗ ſtigen Verhältniſſen, unter denen er aufgewachſen, das ge⸗ worden war, was er war: ein edler Charakter. Er wußte jetzt ſeine ganze Lebensgeſchichte, nur nicht von jener kleinen, aber wichtigen Epiſode, wo er ſeine Toch⸗ ter hatte kennen gelernt.— Francis hatte es ja frank und offen ausgeſprochen, daß er nie lüge,— aber er hatte ſich das Schweigen über Manches vorbehalten,— und er ſchwieg darüber, daß er Arabella kenne, daß er ſie liebe, daß er ſie zum Weibe begehre—— war es aber auch jetzt an der Zeit, davon zu ſprechen? jetzt, wo der Va⸗ 109 ter in heftiger Gemüthsbewegung war, wo deſſen Stolz und Ehrgeiz eben den fürchterlichſten Schlag erlitten hatten? Aber am nächſten Morgen, kaum nach Sonnenauf⸗ gang, erſchienen im Garten, der hinter dem Hauſe lag, zwei wunderliebliche Mädchen— ſie waren trotz des frühen Morgens, doch ſchon zierlich geputzt,— ſie mochten wohl erwarten, nicht lange allein zu ſein, und die jungen Mäd⸗ chen ſind nun ſchon einmal ſo, ſie wollen ſich ſelbſt nicht vor dem Bruder in einem unvortheilhaften Lichte zeigen; nun die kleine Jeſſie um ſo weniger, da ſie ihren Bruder doch erſt ſeit geſtern kannte,— daß Arabella einige Sorge auf ihre Morgentoilette verwendet hatte, finden wir um ſo erklärlicher. Dieſe beiden hübſchen, netten Mädchen wandelten alſo, wie geſagt, im Garten auf und nieder,— ſie hatten ſich allerlei zu erzählen, und ihre ſilberklaren Stimmen klangen melodiſch und laut in der reinen Mor⸗ genluft; dabei blickte Jeſſie öfters nach dem Eckfenſter in der zweiten Etage,— ſie, die Schweſter durfte es ja thun, — und ſie erhob ihre Stimme auch ſtets um einige Töne, wenn ſie im Auf⸗ und Niederwandeln unter dieſes Fenſter kamen,— aber ihre Anſtrengungen blieben auch nicht er⸗ folglos,— ein Kopf mit dunkeln Locken erſchien am Fen⸗ ſter, und verſchwand eben ſo ſchnell; aber in weniger als fünf Minuten erſchien der Träger dieſes Kopfes in der 110 Thüre des Herrenhauſes, die rückwärts in den Garten führte, und mit fliegendem Schritte kam Francis den Gartenweg herab auf die beiden Mädchen zugeeilt, welche nach dem Erſcheinen des Kopfes am Fenſter, ſich vom Hauſe ab und dem entfernteſten Ende des Gartens zuge⸗ wendet hatten.— Wer lehrt Mädchen das zu thun, was das Klügſte iſt? und die Epiſode aus Francis Leben, welche Arabellens Vater noch nicht kannte, wußte bereits die Schweſter. Die beiden Mädchen hatten es vorgezogen, dieſe Nacht nicht in von einander getrennten Zimmern zu ſchlafen,— ſie hatten ihre Schlafſtellen in ein und dem⸗ ſelben Kämmerchen aufgeſchlagen, und man weiß es wohl, was Alles zwei Mädchen, die in Einem Zimmer ſchlafen, ſich zu erzählen haben———„Warum haſt Du mir dieſe liebe Geſchichte von der franzöſiſchen Küſte nicht ſchon längſt erzählt?“ hatte Jeſſie geſchmollt—„Wußte ich denn, daß es Dein Bruder ſei?“ hatte Arabella geant⸗ wortet,— und dieſer Bruder kam nun auf die beiden Mädchen zu— Jeſſie war beinahe ſcheu, ſie konnte ſich nicht darein finden, einen Bruder zu haben; dieſer aber nahm ſie geradezu in den Arm und drückte den innigen Bruderkuß auf ihre roſigen Lippen,— dann aber wandte er ſich zu Arabella, ergriff ihre Hand, und küßte dieſe innig und warm. Das Geſpräch war anfangs ſtockend, — man wußte von keiner Seite, wie es in Gang zu brin⸗ 112 gen,— man war dabei immer weiter vom Hauſe abge⸗ kommen,— und, was doch die Mädchen ſchlau ſind! und wenn ſie auch als wahre Kinder der Natur aufgewachſen ſind,— da fand ſich plötzlich an einem Apfelbaume ein gewaltiges Wurmneſt,— dieſes mußte die kleine Oekono⸗ min vertilgen,— Francis und Arabella, die davon keine Notiz nahmen, wandelten weiter fort— jetzt waren ſie allein— iſt doch ſelbſt die Schweſter, die vertrauteſte Freundin eine iberſihüge Dritte,— jetzt kam das Ge⸗ ſpräch ſchnell in Gang— ſie hatten ſich doch ſo Vieles zu ſagen,— ſie hatten ſo Vieles zu beſprechen,— wir hatten nicht die Gelegenheit, ſie zu belauſchen, aber die Folge wird es uns wahrſcheinlich vermuthen luſſen, was der Inhalt ihres Geſpräches an dieſem Morgen war,— und als Jeſſie um die Hecke bog, die die beiden Spaziergänger ihren Blicken entzog, da ſah ſie, wie eben Francis ſeine Begleiterin an ſein Herz drückte, und zwei paar Lippen ſich berührten,— ſchnell bog ſich Zeſſie zur Erde nieder, um etwas zu ſuchen, was ihr nicht entfallen war, aber als ſie ſich wieder aufrichtete, kamen Bruder und Freundin auf ſie zu, und Beide umarmten und küßten ſie,— und Jeſſie freute ſich innig, in den Blicken der Beiden zu bemerken, daß ſie ihr dankbar waren für die Abwurmung des Apfel⸗ baumes. 112 Sechstes Capitel. „Euch des Regierens Pflichten vorzuzeichnen, „Gepränge wär's an mir mit Lehr' und Rede, „Da ich wohl weiß, daß Eure Wiſſenſchaft „Weit über alles Rathes Grenzen reicht, „Den ich ertheilen mag.“ W. Shakſprart.(Maß für Maß.) Ein paar Stunden ſpäter traf Lord Berkley in Bergenhill ein. Der gutmüthige junge Mann hatte in Neu⸗York nach allen Seiten nach einer Spur geſucht, um den unſichtbar gewordenen Gvouverneur aufzufinden, aber wie erklärlich, fruchtlos, und mit bangem Herzen ſich die⸗ ſen Morgen auf den Weg gemacht, der in Angſt ſchweben⸗ den Tochter die betrübende Nachricht ſeiner fruchtloſen Bemühung zu überbringen. Mit wahrer Herzensfreude empfing er daher die Kunde von der geſtrigen Ankunft des Ritters, und mit ausgebreiteten Armen flog er in die Halle, wo ſich die Geſellſchaft ſveben beim Frühſtück be⸗ fand, und auf Sir Lovelace zu, den er mit Innigkeit, unter lebhaften Betheuerungen ſeiner Theilnahme um⸗ 1¹8 armte. Arthur war ein guter Junge und Sir Lovelace nahm ihn als dieſen, daher ſein Empfang auch ein weit herz⸗ licher war, als dieſer ſtolze Mann ſonſt zu zeigen geneigt geweſen wäre. Er dankte ihm warm für den Beiſtand, den er ſeiner Tochter geleiſtet hatte und bat ihn zugleich, ſeine Freundſchaft dahin auszudehnen, daß er nun als Agent für ihn ſelbſt, als vertriebenen Gouverneur der der engliſchen Krone verloren gegangenen Provinz, einige Geſchäfte über⸗ nehmen wolle. Se. Herrlichkeit erklärte ſich dazu voll⸗ kommen bereitwillig, und Sir Lovelace übernahm es nun, die beiden jungen Männer, die ſich natürlich fremd waren, gegenſeitig vorzuſtellen.„Lord Arthur Berkley — Sir Frank Lincoln, wie wir ihn vor der Hand noch nennen müſſen,“ ſagte er leichthin—„wahrſcheinlich in kurzer Zeit einen anderen Namen führend, doch einſtweilen werden ihn Se. Herrlichkeit als meinen Freund be⸗ trachten.“ Lord Arthur konnte dieſes nun wohl nicht vollkom⸗ men verſtehen, doch hielt ihn dieſes faſt geheimnißvoll Klingende nicht ab, dem jungen Fremden mit Offenheit die Hand zum Bewillkommnungsgruße zu reichen. Es ge⸗ nügte ihm vollkommen, daß Sir Lovelace den jungen Mann ſeinen Freund genannt hatte; aber ſonderbar kam ihm im Verlaufe des Frühſtücks die Vertraulichkeit vor, welche die kleine Jeſſie nicht verbergen konnte, und ſelbſt 1858. VII. Van Hoboken. IV. 8 114 das Benehmen von Miß Arabella ſchien nicht das, wel⸗ ches ein junges engliſches Fräulein gegen eine junge Be⸗ kanntſchaft von Geſtern zu zeigen pflegt. Er betrachtete ſich den jungen Mann daher mit argwöhniſchen Blicken und konnte es nicht über ſich bringen, im Verlaufe der Zeit eine gewiſſe Hoheit und Kühle gegen den einſtweilen ſo genannten Sir Frank Lincoln anzunehmen, welche dieſer jedoch mit Lächeln und dem Anſcheine, als ob er die⸗ ſen Wechſel im Betragen des jungen Lords nicht bemerke, entgegnete. Nach aufgehobenem Frühſtücke begaben ſich die drei Männer in das Zimmer, welches Sir Lovelace zur Wohnung eingeräumt worden war, und wo es zu Aufklä⸗ rungen, Erörterungen und dem Entwerfen von Maßregeln kam, wie ſie am zweckmäßigſten erkannt wurden. Nach etwa zwei Stunden, dieſer Berathung gewidmet, begaben ſich die beiden jüngeren Männer nach Neu⸗York, Sir Lo⸗ velace verblieb aber in ſeinem Zimmer, eifrig mit Schrei⸗ ben beſchäftigt. Die beiden Mädchen hatten ſich in den Garten begeben,— ſie hatten ſich noch vieles zu erzählen, — die Nacht, die ſie Beide in einem Zimmer zugebracht, war nicht ausreichend geweſen,— wir wiſſen ja, wie viel zwei Mädchen, die vor Kurzem Vertraute geworden ſind, ſich zu erzählen haben. Und als wir nun die Hauptper⸗ ſonen, jeden ſeinen eigenen Weg haben gehen laſſen, wollen 115 wir uns um zwei minder wichtige, aber doch jedenfalls auch zu unſerer Erzählung gehörende Perſonen umſehen. In der großen Halle, nahe am Fenſter, ſaß Vrow Gertrude. Sie hatte geſtern in der That das zweite Dutzend der Schlafmützen für ihr Söhnlein beendet, und nahm jetzt ſpeben den erſten Gang für das Nummer Eins des dritten Dutzend auf. Ihr gegenüber auf niederem Stuhle ſaß Seth in ſeiner Lieblingsſtellung, die Ellbogen auf die Kniee geſtützt, den ſchweren Kopf unter dem Kinne mit beiden Händen unterſtützt, und im Munde die unver⸗ meidliche Delfterpfeife,— ſich der doppelten Beſchäfti⸗ gung: Qualmen und den Bewegungen der Nadeln zwiſchen den Fingern ſeiner Mutter zuſehen, hingebend. Jeder, der in der in dieſem verderbten Zeitalter mehr und mehr in Vergeſſenheit gerathenden Kunſt des Strickens eingeweiht iſt, wird wiſſen, daß das Aufnehmen des Erſten Ganges eine gewiſſe Aufmerkſamkeit erfordert, ſei es nun der erſte Gang eines Strumpfes oder einer Schlafmütze, da von dem regelrechten Anfange die nachherige Form und Weite des Gegenſtandes, der gefertigt werden ſoll, abhängt. Vrow Gertrude war zu ſtolz, um ſich da eines Fehlers ſchuldig finden zu laſſen, und es darf uns daher nicht auf⸗ fallen, wenn das Geſpräch, welches ſie mit ihrem Söhnlein führt, manchmal unterbrochen und deshalb etwas unzu⸗ ſammenhängend wird. 8* 116 „Wir werden wohl wieder nach Rotterdam zurück⸗ kehren,“ ſagte ſie. „Geh' nicht wieder zu Schiffe,— werde ſeekrank,“ erwiederte Seth. „Zwei und zwanzig— drei und zwanzig— vier und zwanzig,“ zählte ſie die Maſchen nach—„ſeekrank?— ſtirbt Keiner daran.“ „Mag aber nicht ſeekrank ſein,— iſt ekel.“ „In Rotterdam iſt es ſchöner als hier— fünf und zwanzig, ſechs und zwanzig— abgenommen—“ „Iſt ſchön genug— in Bergenhill—“ „Wir werden aber nicht hier bleiben können, Seth.“ „Warum nicht?“ fragte Seth, die Pfeife für einige Augenblicke aus dem Munde nehmend. „Mynheer van Hoboken wird uns nicht im Herren⸗ hauſe behalten wollen— eins, zwei, drei,“— zählte ſie, und ſo fort die ganze Maſchenreihe an der zweiten Nadel, — dadurch trat aber eine ziemliche Pauſe des Geſpräches ein, die Seth dazu benutzte, ſeine im Erſtaunen vernach— läſſigte Pfeife wieder in volle Gluth zu ſetzen. „Iſt zwar meines Bruders Sohn,— Dein nächſter Vetter,“ knüpfte ſie das Geſpräch wieder an,—„aber das Vagabondiren, das Herumtreiben unter Seeräubern— Gott ſteh' uns bei und bewahre uns davor,— hat ſein Herz verwildert— zwei und dreißig, drei und dreißig— 117 abgenommen,— ich will täglich zu meinem Gotte beten, daß er Dich in ſeinem Schutze behalte und Dich nicht auch unter die Seeräuber bringe.“ „Werde mich wohl hüten“ ſagte Seth mit dem un⸗ nachahmlichen Lächeln des Selbſtbewußtſeins—„Seeräu⸗ ber treiben ihr Handwerk zur See,— ſeekrank ſein iſt ekel.“ Vrow Gertrude hatte emſig auf die Nadeln zu ſehen,— es waren zwei Maſchen entſchlüpft,— nachdem ſie aber dieſe wieder aufgenommen, und die ganze Zahl nachgerechnet hatte, ſagte ſie:„War ein dummer Zufall, der ihn hierher brachte— hätte ſeinem ſchönen Handwerk nachgehen und Dich Patron von Bergenhill werden laſſen können.“ „Mr. Tomkins hat mir geſagt, ich müſſe die Jeſſie heirathen,“— er qualmte eifrig an ſeiner Pfeife. „Nun,— das verſteht ſich von ſelbſt— eins, zwei, drei, vier,“ zählte ſie an der dritten Nadel. „Die Jeſſie will mich nicht.“ „Wir hätten ſie nicht gefragt— fünf, ſechs, ſieben—“ „Sie hat mir's aber geſagt, ohne daß ich ſie fragte — ſie heirathet den George—“ „Dummkopf!“ rief Vrow Gertrude, und eine ganze Reihe Maſchen entſchlüpften der Nadel. Sie hatte eine geraume Zeit zu thun, bevor dieſe wieder aufge⸗ nommen waren, und im Verfolge dieſer Beſchäftigung be⸗ 118 ſänftigte ſich ihre Aufregung.„Jetzt, weil dieſer Vaga⸗ bond wieder zurückgekommen iſt, haſt Du auch an der Jeſſie nichts verloren,“ ſagte ſie, nachdem ſie die Nadeln wieder in vollen Gang geſetzt hatte. „Der George nimmt ſie doch,“ ſagte Seth gähnend, und ſeiner Stellung dahin eine Aenderung gebend, daß er den Kopf rückwärts an die Wand lehnte, und die Hände auf die entſprechenden Kniee ruhen ließ,— der Jüngling ſchien von dieſem lange geführten Zweigeſpräch etwas er⸗ müdet zu ſein. „Wird hier eine ſchöne Wirthſchaft werden,— ein und zwanzig, zwei und zwanzig, drei und zwanzig,— zwei Vagabonden,— eine Sie, die keinen Haushalt verſteht,— eine andere Sie kommt noch, die wieder keinen Kuchen zu backen verſteht,— vier und zwanzig, fünf und zwanzig,— ab⸗ genommen,— nun, man wird an die alte Tante denken, — ſechs und zwanzig, ſieben und zwanzig,— abgenommen, — ich würde es für Sünde halten, mit einem Seeräuber unter einem Dache zu wohnen,— ich gehe zurück nach Rot⸗ terdam,— bin ehrlicher Leute Kind, will auch unter ehr⸗ lichen Leuten ſterben,— und Du, mein lieber Seth, Du ſollſt nicht durch böſes Beiſpiel———“ Doch der Jüngling Seth war bereits ſüß entſchlum⸗ mert, und als Vrow Gertrude dieſes bemerkte, hielt ſie mit dem Sprechen inne, und ſelbſt„eins, zwei, drei“ an der vierten Nadel zählte ſie mit leiſer Stimme, um den Liebling nicht im ſüßen Schlummer zu ſtören. Wir wollen ſie ſtricken und ihn ſchlafen laſſen, und den beiden jungen Männern nach Neu⸗York folgen. Das Geſchäft des Lord Berkley war, ſich zu dem neuen Statthalter, Mynheer Anthony Colve, zu begeben. Der gute, gehäbige Herr hatte ſein Abſteigequartier in dem Hauſe eines Bruders aus Rotterdam gefunden, und war durchaus nicht eilig, die Gouverneurs⸗Wohnung zu beziehen; aber Sir Francis Lovelace's Verlangen konnte es auch nicht ſein, länger in einer Prvoinz zu verbleiben, aus wel⸗ cher er ſo zu ſagen hinausgejagt worden war. Die beiden engliſchen Fahrzeuge, welche im Hafen von Neu⸗York gele⸗ gen hatten, waren mit Sir Manning und der Beſatzung ab⸗ geſegelt, und ſo blieb für Sir Lovelacekein anderer Ausweg übrig, als von dem Antrage des neuen Gouverneurs Ge⸗ brauch zu machen, und mit der Escadre, unter dem Kom⸗ mando des Admirals Cornelius Evertſen nach Europa zurückzukehren. Es ſtand in Ausſicht, daß dieſe binnen wenigen Tagen ſegelfertig ſein werde, und bis zu dieſer Zeit wollte Sir Lovelace auf Bergenhill bleiben, Lord Berkley beſprach ſich aber mit Mr. Brown, dem Sekre⸗ tär, welcher die Anſtalten zu der Reiſe zu treffen hatte. Francis ging in die Wohnung des Doctor Schnep⸗ permann. Zu ſeiner Freude fand er Mutter Nama⸗ 120„ kewa ſo wohl, als es unter dieſen Umſtänden zu erwarten war, und der theilnehmende Arzt erklärte, daß ſie außer aller Gefahr ſei. Die Wunde hatte nicht einen edlen Theil des Körpers verletzt, und der Blutverluſt war das Uebeſſte an der Sache geweſen; aber die kräftige Conſtitution der Frau, und einige Sorgfalt und Pflege, die ihr im Hauſe des guten Doctors gewiß nicht fehlte, verſprachen, ſie in⸗ nerhalb weniger Tage ſo weit herzuſtellen, daß ſie unbe⸗ dingt das Bett verlaſſen konnte. Francis war ſehr froh, im Hauſe des Doctors ſeinen Freund Jack anzutreffen. Dieſer, nachdem er in Geſellſchaft des würdigen Mac In⸗ tyre ein treuer Wächter im Stadthauſe die Nacht über ge⸗ weſen war, und nachdem am andern Morgen auf Veran⸗ laſſung der Bürger, welche Zeugen des Auftrittes zwiſchen Francis und dem Seeräuber, und thätige Theilnehmer bei des Letzteren Gefangennahme geweſen, eine beſondere Wache für die Verſicherung des gefährlichen Gefangenen aufgeſtellt worden war, begab ſich für's Erſte in die Woh⸗ nung des Doctors, wohin, wie er wußte, ſein Freund die verwundete Namakewa gebracht hatte. Francis hatte das Haus bereits verlaſſen und war nach Bergenhill ge⸗ gangen und ſo übernahm es Jack für ſeine Perſon, in die⸗ ſer Angelegenheit die nöthigen Schritte zu machen. Er begab ſich mit Doctor Schneppermann, der in Neu⸗ York, oder wie es bereits wieder hieß: in Neu⸗Amſterdam 121 eine bekannte Perſönlichkeit war, zu dem Bürgermeiſter. Dieſer, wie natürlich, war bereits in Kenntniß der Gefan⸗ genſetzung des fremden Seemannes, welcher nächtlicherweiſe einen Angriff auf das Leben des Free⸗Trappers Frank Lincoln gemacht, und bei dieſem Kampfe zufälligerweiſe ein indianiſches Weib lebensgefährlich verwundet hatte. Es war ihm ſeltſam vorgekommen, daß zur Bewachung dieſes Mannes der Büttel Mac Intyre nicht hinreichend ſein ſollte. Es hatte ſeit ſeiner Regierung als Bürgermeiſter doch ſchon mancher Räuber, Dieb und ſonſtiger Galgen⸗ vogel im Stadthauſe geſeſſen und jederzeit der Büttel als genügende Wache betrachtet geweſen; es iſt zwar nicht in Abrede zu ſtellen, daß der Eine oder der Andere wohl zu entſchlüpfen Gelegenheit fand, bevor er noch zur Unterſu⸗ chung und zur Beſtrafung gezogen worden, aber darüber kümmerte man ſich eben nicht ſehr,— es erſparte der Stadt die Koſten des Unterhalts— es erſpart den wür⸗ digen Vätern der Stadt die Mühen des Gerichtsverfahrens und die Sorge, auf welche Weiſe die Beſtrafung vorzuneh⸗ men ſei,— und man konnte ſicher ſein, daß der, welcher aus dem Gewahrſam des Stadthanſes entkommen war, ſich, wenigſtens für längere Zeit gewitzigt, nicht ſo bald werde wieder ertappen laſſen,— mit einem Worte: der Herr Bürgermeiſter konnte gar nicht begreifen, was dem Stadt⸗ hauſe mit ſeinem Wächter als mangelhaft vorzuwerfen ſei; 122 aber die beiden Bürger, welche nach dem Auftrage Jack's eine ſtrenge Bewachung des Gefangenen forderten, gaben der Sache einen geheimnißvollen Anſtrich, wie ſie ihnen ſelbſt in der That geheimnißvoll genug vorkam, und ließen nicht un⸗ deutlich bemerken, daß, wenn dieſer verdächtige Menſch durch Nachläſſigkeit oder Sorgloſigkeit entkommen ſollte, der Bürgermeiſter und hochweiſe Rath der Aldermänner ſicher von dem neuen Statthalter, Mynheer Anthony Colve, zur Verantwortung gezogen werden würden. Auf dieſes hin beorderte denn auch der würdige Bürgermeiſter, daß eine beſondere Wache im Stadthauſe aufgeſtellt werde. Aber kam ihm dieſe abgezwungene Sorgfalt ſchon ſonderbar vor, ſo erſchien ihm die Sache noch ſonderbarer, als im Verlaufe des Tages Jack in ſeinem Koſtüme, halb als wandernder Hauſirer, halb als Pequot⸗-Indianer, in Be⸗ gleitung des Doctors zu ihm kam, und der Erſtere mit Be⸗ rufung auf die Zeugenſchaft des Letzteren, ihm nochmals die Geſchichte der nächtlichen Affaire vortrug, und dieſe damit endete, daß er den Herrn Bürgermeiſter darauf auf⸗ merkſam machte, die Unterſuchung und Abſtrafung des Thäters nicht etwa auf möglichſt kurzem Wege abzumachen. Sr. Würden fühlten ſich beinahe hierdurch beleidigt und meinten, ein ehrſamer Rath der Stadt Neu⸗Amſterdam unter ſeinem Vorſitze, werde wohl ſelbſt am Beſten wiſſen, wie zu verfahren, um ſo mehr, als der Angegriffene,— 123 eben nicht einmal ein eigentlicher Bürger der Stadt,— bei der Affaire keine Verletzung, ſondern dieſe nur ein:— Indianiſches Weib erhalten habe. Jack nahm jedoch eine ſehr ernſthafte Miene an, und ſagte: Mynheer Bür⸗ germeiſter,— Ihr werdet mich vor der Hand entſchuldigen, daß ich Euch nicht volle Aufklärung geben kann; aber die Zeit wird es Euch beweiſen, von welcher Wichtigkeit es iſt, dieſen Menſchen in ſtrengem Gewahrſam zu halten,— nicht dieſes mörderiſchen Angriffes auf Einen, der nicht ein⸗ mal eigentlicher Bürger der Stadt Neu⸗Amſterdam iſt, wegen, — nicht weil er nur ein— indianiſches Weib tödtlich ver⸗ wundete— dieſes ſind in der That zu unbedeutende Ge⸗ genſtände, um einen ganzen Rath mit dem Bürgermeiſter als Vorſitzenden in Arbeit zu ſetzen,“ er ſagte dieſes mit ſcharfem Spotte, welchen jedoch der ſchlichte Mynheer wahr⸗ ſcheinlich nicht herausfand, aber dieſer riß ſeine Augen groß auf, als Jack mit halbunterdrückter Stimme und einen geheimnißverkündenden Blick um ſich herumſendend, hinzu⸗ ſetzte:„Aber da liegt eine weit wichtigere Geſchichte im Hin⸗ tergrunde,— und ich gehe jetzt von Euch geradewegs zum Statthalter,— Ihr dürft mir glauben— Anthony Colve würde es nicht ſo leicht hinnehmen, wenn dieſer Burſche entkäme.“ Wie geſagt, Mynheer der Bürgermeiſter riß die Augen groß auf, und mit nicht minder geheimnißvoller 124 Miene, als ob er in der That das ganze Gewebe durch⸗ ſchaue, verſicherte er dem Hauſirer, daß der Burſche nicht entkommen ſolle. Jackentfernte ſich,— nicht, um ſich zu dem Statthalter Mynheer, Anthony Colve, zu bege⸗ ben, ſondern um Mynheer van Döſendonk, den Anwalt aufzuſuchen, welcher gleichzeitig von den hochvermögenden Generalſtaaten in die neueroberte Provinz geſchickt worden war, um die Angelegenheiten über Patronate, Länderei⸗ verleihungen, Verkäufe und dergleichen in Ordnung zu brin⸗ gen. Er war ein junger Mann, nicht lange von der Ley⸗ dener Univerſität abgegangen, voll Scharfſinn, Spitzfin⸗ digkeit und dem regen Streben, ſich bemerkbar zu machen. Er war gerade der Mann, wie ihn Jack wünſchte, und die Beiden, mit Doctor Schneppermann als Dritten, blie⸗ ben lange Zeit hinter verſchloſſener Thüre beiſammen. Mynheer Anwalt ſchrieb mehrere Seiten voll an, und hatte immer noch zu fragen und wieder niederzuſchreiben,— dann verſprach er, noch dieſen Nachmittag in des Doctors Haus zu kommen, um mit Hülfe Jack's als Dolmetſcher die Indianerin Namakewa in's Examen zu nehmen. Eine nicht minder wichtige Perſon war ihm Sir Francis Lo— velace,— doch von dieſem wußte man bis zur Stunde noch nicht, wo er hingekommen ſei,— daß Francis die Hauptperſon war, verſteht ſich von ſelbſt, und dieſen traf er auch wirklich dieſen Nachmittag im Hauſe des Doctors. 125 Doch wir halten es nicht für nothwendig, den ganzen Gang der Vor⸗Unterſuchung, wie ſie der gewandte Rechtsmann einleitete, hier mitzutheilen, wir können nur ſagen, daß er eben der rechte Mann war, denn, wenn auch fünf Perſonen aufſtanden, welche Francis als das wahre Ebenbild ſei⸗ nes Vaters, des alten van Hoboken, erkannten, wenn auch er ſelbſt ſich der Umſtände erinnerte, unter welchen er damals als Kind ſein Geburtsland verließ ſo gab dies doch nur eine moraliſchelleberzeugung, abernichtdie geſetzliche Beſtätigung. „Wir müſſen ſehr vorſichtig zu Werke gehen,“ ſagte der umſichtige Anwalt—„wir müſſen auf alle Einwürfe, die gewiß nicht fehlen werden, gefaßt ſein, denn Francis van Hoboken's Erinnerungen ſind nur ſeine eigenen Er⸗ innerungen, und keine gültigen Belege,— und wenn Sir Francis Lovelace, Pr. Schneppermann, Schweſter Jeſſie und noch ein Halbdutzend bezeugen, daß er das le⸗ bendige Ebenbild des alten van Hoboken ſei, ſo macht dieſe Aehnlichkeit ihn noch nicht zu deſſen Sohn,— und wenn wir auch dieſes herausbrächten, ſo haben wir doch noch keine Beweiſe, daß er als Kind geſtohlen worden,— und dieſes iſt die Hauptſache, um ihm das Patronat zu ſichern,— denn nicht dieſer Dick Seabroom iſt derjenige, auf den ich mein Hauptaugenmerk richte, ſondern auf die⸗ ſen Andern, als Theilnehmer, und welcher durch ſchurkiſche Buchführung— wenigſtens erwarte ich dieſes,— das 126 ganze Beſitzthum der van Hoboken ſich in die Hände ge⸗ ſpielt hat,— dieſer iſt es, auf den ich es abſehe,— denn den Namen van Hoboken führen zu können, iſt doch nur Nebenſache,— aber das Patronat,— dieſes iſt es——“ Doch wie geſagt, wir wollen dieſen Weg, welchen Mynheer van Döſendonkzu verfolgen gedenkt, nicht wei⸗ ter verfolgen,— ſondern ihn denſelben allein machen laſſen. Seit ſeiner mehrjährigen Regierung der ſtädtiſchen Angelegenheiten hatte der würdige Bürgermeiſter noch kei⸗ nen ſo verwickelten Fall unter Händen gehabt,— ſo dachte er bei ſich ſelbſt, obwohl er eigentlich nicht wußte, in was dieſe Verwickelungen beſtanden,— und je länger er darüber nachdachte, was denn eigentlich daran ſein könne, deſto ver⸗ wirrter wurde es in ſeinem holländiſchen Gehirne, er wußte ſich endlich nicht mehr anders zu helfen, als zu ſei⸗ nem Factotum, dem Aldermann Mr. Tomkins zu ſchicken: er möge ihn auf ein kleines Stündchen wichtiger Berathung beſuchen. Mr. Tomkins, der Aldermann, erſchien. Dieſer wußte bereits von der Verunglückung des Planes, ſich des ihm gefährlichen jungen Mannes zu bemächtigen, von dem Kampfe, in dem Dick feſtgenommen,— er wußte, daß ſein Verbündeter in das Stadthaus gebracht worden. Dick mußte vor Allem auf freien Fuß geſetzt werden und auf Nichtwiederkommen die Provinz verlaſſen,— dies war 127 dringende Nothwendigkeit,— aber das Wie? war ihm bis⸗ her noch ein Räthſel geblieben, denn die Unmöglichkeit, daß es auf demſelben Wege, auf dem Dick ſchon einmal aus dem Stadthauſe entkommen war, geſchehen könne, ſah er wohl ein, da alle Gegenanſtalten getroffen waren, dieſes zu verhindern. Zetzt ſchien ſich die Möglichkeit, Dick zu entfernen, zu zeigen. „Ein Angriff auf offener Straße,— Verwundung eines indianiſchen Weibes— ſind Polizeivergehen,“ ſagte er mit Entſchiedenheit,—„darüber hat der Rath der Al⸗ dermänner unter Vorſitz des Bürgermeiſters abzuurtheilen, — was geht eine ſolche unbedeutende Geſchichte dem Statt⸗ halter der Provinz an. Beſteht auf Euerm Recht als Bürgermeiſter,— laßt nicht gleich in der erſten Zeit den Statthalter ſich in Angelegenheiten mengen, die ihm nichts angehen,— zeigt Ihr nicht gleich Anfangs, daß Ihr auf die Rechte halten wollt, die das Städtiſche beſitzt, ſo ent⸗ windet man uns eine Vollmacht nach der andern——“ „Ja, werther Mr. Tomkins,“ ſagte der Bürger⸗ meiſter kleinlaut,—„was denkt Ihr denn für das Beſte, was zu thun ſei?⸗ „Ihr ruft ohne Säumniß den Rath der Aldermän⸗ ner ſammt den Sheriff zuſammen,— eraminirt den Bur⸗ ſchen im Stadthauſe,— und verurtheilt ihn——— zur Landesverweiſung auf ewige Zeiten.“ 128 „Und der Statthalter?“ fragte der Bürgermeiſter mit bebender Stimme. „Kann ihm nachſchicken, wenn es beliebig iſt,“ ſagte Mr. Tomkins,—„aber glaubt mir, der Burſche wird nicht einzuholen ſein,— er wird lange Füße oder volle Segel gebrauchen.“ „Wohl, Mr. Tomkins— Ihr habt Recht,— aber ich fühle mich ſehr unwohl,— der Schreck der letzten Nacht iſt mir in alle Glieder gefahren,— ich kann unmöglich vor⸗ ſitzen,— wollt Ihr, als älteſter Aeldermann, wohl meine Stelle einnehmen.“ „Von Herzen gern,“ erwiederte Mr. Tomkins,— „Ihr ſeid ein bejahrter Mann,— Ihr müßt Euch für Eure Familie erhalten.“ In einer Stunde darauf ſaß der Rath der Aldermänner unter Präſidium des Aelteſten beiſammen,— es wurde in das Stadthaus nach den gefangenen Störer der bürgerlichen Ruhe geſchickt, um ihn zu verhören und zu beſtrafen;— aber da ſchilderte ein Marineſoldat von der holländiſchen Escadre, und im Zimmer des Büttels befanden ſich fünf oder ſechs andere deſſelben Corps unter Kommando eines Unteroffiziers, welcher erklärte, daß er den Arreſtanten nur auf ausdrücklichen Befehl des Statthalters, Mynheer An⸗ thony Colve, ausliefern werde. 129 Der Rath der Aldermänner ging auseinander,— der Aelteſte mit brennendem Kopfe und krampfhaft zuſam⸗ mengezogenen Herzen nach ſeiner Wohnung in der Biber⸗ ſtraße. Siebentes Capitel. „Dem Affen gleich, der, wenn entdeckt, „Inmitten ſeines Schatzes ſitzt den er geraubt, „Und boshaft ſeine Zähne bleckt,— „Der Schurke iſt, der ſicher ſich geglaubt „Und niemals hat daran gedacht, „Daß ſein Betrug werd' an den Tag gebracht. Zaſil. Wie geſagt, der junge Rechtsanwalt Mynheer van Döſendonk war ein energiſcher Mann, voll Eifer für ſein Fach und voll Ehrgeiz, ſich einen Namen zu erwerben; aber es war noch eine andere Urſache, welche ihn antrieb, den Rechtsfall, den er zu führen übernommen hatte, zu einem ſchleunigen Ende zu bringen. Es ſtand in Ausſicht, daß der Admiral Cornelius Evertſen, ſobald er ſeine Escadre verproviantirt habe, den Hafen von Neu⸗Amſter⸗ dam verlaſſen werde. Francis hatte ſich an den be⸗ rühmten Seehelden gewendet und Aufnahme in die hollän⸗ diſche Marine gewünſcht. Der erſte Eindruck, den der Jüngling auf den Admiral machte, war ein günſtiger, und die einfache, wahrheitsgetreue Erzählung ſeiner Lebens⸗ 1858. VII. Pan Hoboken. IV. 9 130 geſchichte hatte dieſe erſte günſtige Meinung nur beſtärkt. Das Abenteuerliche war es eben, was nach dem Geſchmacke des würdigen Mynheeren van Evertſen war, und er verſprach ſich an dem jungen Mann, der ſeine Schule auf einem Schmugglerſchiffe, auf einem königlich engliſchen Kreuzer und endlich als Lientenant auf einem mit dem letter of marzk ausgerüſtetem Kaper durchgemacht hatte, einen erfahrenen, muthigen und unternehmenden Offizier für die holländiſche Kriegsflotte gewonnen zu haben, und ihn auch als ſolchen auf dem einen Fahrzeuge der Escadre angeſtellt. Franecis wünſchte jedoch, noch vor ſeiner Ab⸗ reiſe von Neu⸗Amſterdam in ſeine Rechte als Erbe des Namens und der Beſitzung des alten Klaus Winant van Hoboken eingeſetzt zu werden; und ſo verfloſſen wirklich nur wenige Tage, eben nur ſo viele, als der Rechts⸗ anwalt zu ſeinen Aufſpürungen nothwendig hatte, bis der Tag erſchien, an welchem der Rechtsfall zur Verhand⸗ lung kam. Die Sitzung war in einem großen Saale im Hauſe des Bürgermeiſters, wo, da Neu⸗Amſterdam noch kein eigentliches Rathhaus(City-Hall) beſaß, alle Verhand⸗ lungen für das Wohl der Stadt bis jetzt geführt worden waren;— Anweſende waren: der Bürgermeiſter und vier Aldermänner, als die eigentlichen Väter der Stadt,— der Anwalt, welcher eigentlich nur als Kläger im Namen 131 Francis auftrat, ſich aber mit leichter Mühe zum Führer der ganzen Verhandlung aufwarf, da deſſen Verwicklung über den Horizont der würdigen Stadtväter, denen ein ſolcher Fall noch nicht vorgekommen war, hinausging,— am ſelben grün überhangenen Tiſche, und zwar dicht neben dem Anwalt, ſaß aber auch der neue Statthalter, Mynheer Anthony Colve, nicht als ob es ihm zugekommen wäre, irgend ein Wort bei einem Rechtsfalle mitzuſprechen, aber das Intereſſante des vorliegenden,— wenigſtens hatte ihn van Döſendonk darauf vorläufig aufmerkſam gemacht, — hatte ihn bewogen, daran Theil zu nehmen. Am untern Theile des Tiſches ſaßen als Zeugen Sir Francis Lo⸗ velace, Esquire, und Doctor Schneppermann,— von dieſen entfernt, und nicht in der Nähe des grünen Tiſches, befand ſich Francis. Einige meiner Leſer, ich meine ſolche, die mit dem heutigen Gerichtsverfahren bekannt ſind, mögen vielleicht unwillig den Kopf ſchütteln, wenn ſie dem in folgenden Blättern mitgetheilten Verfahren folgen; dieſe muß ich aber erinnern, daß die Jurisprudenz ſeit dem um zweihun⸗ dert Jahre älter geworden iſt, und auch in ihren Formen manche Aenderungen vorgenommen hat. So viel zur Be⸗ ruhigung ſcharfer Kritiker,— und nun weiter in meiner Erzählung. Der Anwalt, nachdem er ſeine mitgebrachten Papiere 9* 132 flüchtig durchgeſehen und geordnet hatte, legt dem hoch⸗ weiſen Magiſtrate der Stadt Neu⸗Amſterdam eine Klage gegen den Mann vor, der wegen mörderiſchen Anfall auf einen andern Mann und wegen wirklicher Verwundung einer Weibsperſon gegenwärtig in geſetzlicher Haft ſich be⸗ findet, und dieſe Klage beſchränkt ſich nicht auf die beiden benannten Verbrechen allein, ſondern betrifft ein, von dem⸗ ſelben Manne früher begangenes Verbrechen, welches mit dem jüngſt begangenen im Zuſammenhange zu ſtehen ſcheint, und welches darin beſteht, das Kind eines Bürgers der Stadt Neu⸗Amſterdam vor Jahren geſtohlen und mit Ge⸗ walt entführt zu haben. Er, der Anwalt, fordert den hochweiſen Magiſtrat auf, die Klage anzunehmen, zu unter⸗ ſuchen und den Verbrecher zu beſtrafen. Der hochweiſe Magiſtrat ſteckte aber nun die Köpfe zuſammen und beſprach ſich mit leiſer Stimme. Der Bür⸗ germeiſter meinte, es käme dem einen oder dem andern der Aldermänner zu, die Führung der Amtshandlung zu über⸗ nehmen; jeder von dieſen meinte dagegen, dieſes wäre das Geſchäft des Herrn Bürgermeiſters in hocheigener Perſon. „Daß gerade heute Mr. Tomkins durch ein wichtiges Geſchäft abgehalten worden iſt, der Amtsſitzung beizu⸗ wohnen,“ brummte Mynheer der Bürgermeiſter unwillig, — und unwillig murrten die vier Aldermänner daſſelbe nach,— es war aber mit dieſem Köpfezuſammenſtecken 133 und dieſem Brummen und Murren nichts gethan,— und mit lächelnder Miene meinte Mynheer, der Anwalt, endlich, dem Vorſchlag machen zu dürfen, den Angeklagten in's Verhör zu ziehen. Der Bürgermeiſter und die vier Alder⸗ männer waren ganz derſelben Meinung, und ſo wurde nach den Arreſtanten geſchickt. Der Anwalt hatte jedoch dieſe Meinung des hochweiſen Magiſtrats vorausgeſehen und bereits im Auftrage des Statthalters nach dem Stadthanſe um Ueberbringung des Angeklagten geſchickt. Es ver⸗ gingen daher nur wenige Minuten und dieſer trat ein, mit Handſchellen und einer ſchweren Eiſenkette, die von dieſen abwärts zu dem Ringe lief, der den Knöchel des rechten Fußes umgab, verſichert. Der Bürgermeiſter räuſperte ſich, und fragte den Arreſtanten um den Namen,— keine Antwort,— um ſeine Beſchäftigung,— keine Antwort,— wo er geboren, — woher er komme,— immer wieder keine Antwort,— der Bürgermeiſter blickte mit großer Verlegenheit den Anwalt an,— dieſer hatte ſich in die Lehne des Stuhles zurückgelegt und mit lächelnder Miene der Examination zugehört,—„Ihr ſeht ſelbſt,“ ſagte der Bürgermeiſter mit kläglicher Stimme,—„daß aus dem Burſchen nichts herauszubringen iſt.“ „Der würdige Herr Bürgermeiſter urtheilt ganz richtig,“ ſagte der Anwalt mit wichtiger Miene,—„wenn 134 er dieſen Burſchen für einen ſehr verſchmitzten, halsſtar⸗ rigen Gauner erklärt,— und ich glaube, daß andere Mittel müſſen angewendet werden, um ihn zum Sprechen zu bringen.“ „Ich überlaſſe es Euch mit Vergnügen, ſelbſt Euer Glück zu verſuchen,“ ſagte der Bürgermeiſter. „Ich ſchlage vor: ſtrenges Faſten und zeitweilige Anwendung der Knotenpeitſche,“ ſagte der Anwalt mit einem ſtrengen, dem Arreſtanten zugeworfenen Blicke. Dick faßte ingrimmig ſeine Ketten, und mit den Zähnen knirſchend, knurrte er kaum verſtändlich:„Ich bin ein engliſcher Unterthan und verlange vor einen eng⸗ liſchen Gerichtshof geſtellt zu werden.“ „Ei, ſeht Freund, wir alle hier verſtehen und ſprechen ziemlich gut engliſch,“ ſagte der Anwalt,—„wir werden uns wohl verſtändigen,— aber was Euer Verlangen an⸗ betrifft, ſo muß ich Euch einen alten Spruch in die Er⸗ innerung bringen, welcher heißt: wo gefangen, dort ge⸗ hangen!“ Der athletiſche Körper des alten Seeräubers erhielt einen Ruck, wie von einer galvaniſchen Säule berührt,— der Anwalt, welcher dieſes bemerkt hatte, fuhr mit freund⸗ lichem, gutmeinendem Tone fort:„Doch ſo arg iſt es nicht gemeint,— iſt eben nur ein Sprichwort, das bei Euch wohl keine Anwendung finden wird, wenn Ihr Euch an⸗ 135 ſtändig benehmt und auf die an Euch geſtellten Fragen getreue Antworten gebt. Nun ſagt uns denn für's Erſte Eueren Namen.“—— Keine Antwort. „Ja, wenn Ihr ſchon mit Euerem Namen ſo zurück⸗ haltend ſeid, ſo gewiß auch mit Euerem Stande und Euerem Geburtsorte,“ ſagte der Anwalt,— immer noch im freundlichen Tone,—„und da müſſen wir uns wohl von einer andern Seite her Kenntniß verſchaffen.“ „Büttel, laßt den Zeugen eintreten,“ ſagte er zu dem Manne, welchen wir als Mac Intyre kennen, und der an der Thüre ſtand. Der Zeuge trat ein. Es war unſer guter Bekannte, der würdige Gaſtwirth John Nightingale. Er hatte ſich ſtattlich zuſammengeputzt und ſah wirklich fein aus. Mit Anſtand verbeugte er ſich vor dem hohen Gerichts⸗ hofe und erwartete mit beſcheidener Miene die an ihn ge⸗ ſtellten Fragen. Er mußte ſeinen Namen, Beſchäftigung und Wohnort angeben. Ein ſeitwärts ſitzender Schreiber brachte dieſes zu Protokoll. Nach dieſem Vorausgange, ſchritt der Anwalt in der Examination weiter. „Kennt Ihr dieſen Mann?“ „So gut, wie mich ſelbſt,“ erwiederte der Gaſtwirth, —„Iſt der alte Dick, wie man ihn gewöhnlich nennt,— führt aber außerdem noch einen Namen: Seabruſch,— Seaworm,— Seabroom,— weiß nicht genau zu ſagen, 136 welcher der rechte iſt,— paſſirte ſtets unter dem Namen: Dick.“ „Ohne Zweifel wißt Ihr dann auch ſeine Beſchäf⸗ tigung?“ „Hm!— ja!— oder vielleicht nicht ganz genau— iſt, wie ich hörte, Kapitän,— weiß aber nicht, unter welcher Flagge.——“ „Hat eben nicht viel zu bedeuten,“ fiel ihm der An⸗ walt lächelnd in's Wort,—„doch über Eins möchte ich gern genaue und beſtimmte Auskunft erhalten:— bei welcher Gelegenheit lerntet Ihr Kapitän Dick Seabruſch oder Seabroom kennen?“ „Hm!“ ſagte John und fuhr ſich mit der breiten Hand über die Haare nach rückwärts hinab,—„das iſt auch wieder eine etwas verfängliche Frage,— hängt ein wenig mit jener über des Kapitäns Beſchäftigung zu⸗ ſammen.“ „O, weder die eine noch die andere berührt Euch ſelbſt,“ ſagte der Anwalt ermuthigend,—„es iſt nur der Form wegen.“ Nach einigem Nachdenken ſagte der Gaſtwirth mit Entſchloſſenheit:„Nun Form oder nicht Form,— ich ſehe wohl auf was es hinausgeht, und Wahrheit währt am längſten. Ich will erzählen, was ich Euch, Herr Anwalt, geſtern erzählt habe, und wo jedes Wort wahr iſt.“ —— 137 Er erzählte, daß vor Jahren Kapitän Dick mit einem mittelgroßen Schvoner, der aber ſtets ſchwer beladen geweſen, öfters in der Bay von Neu⸗Amſterdam erſchienen ſei, aber dieſe wieder mit ganz leichtem Fahrzeuge verlaſſen habe. John, damals ein junger Burſche, welcher ſeine Beſchäfti⸗ gung theils als Matroſe auf Hudſon⸗Schiffen, theils auf Pi⸗ loten, theils beim Ein⸗ und Ausladen im Hafen fand, wurde zeitweiſe auch im Geſchäfte des Ausladens der Waaren aus dem Schooner des Kapitän Dick verwendet,— und war ſo in Bekanntſchaft mit dem würdigen Manne ge⸗ kommen. Doch wie oft und zu welcher Zeit er in dieſem Geſchäfte mit Dick in Berührung gekommen war, darüber wußte er keine beſtimmte Auskunft zu geben, nur eines ſpeziellen Falles erinnerte er ſich mit Gewißheit, da dieſer manches Beſondere an ſich hatte und ihm daher im Gedächt⸗ niß geblieben war. Dieſes Beſondere beſtand aber darin, daß er in einer dunklen Nacht,— gerade vor ſiebzehn Jahren,— zum Ausladen eines Schiffes gedungen wurde, und es ſich während dieſes Geſchäftes herausſtellte, daß Schiff und Waaren niemand Anderm zugehörig wären, als dem alten Freunde Dick, welcher aber diesmal nicht ſeinen gewöhnlichen Schvoner„Glasgow,“ ſondern ein großes Schiff führte, das ſchon ſeit einigen Tagen unter franzöſiſcher Flagge im Hafen lag. Darum hatte ſich John nun eigentlich auch nicht viel bekümmert, aber die 138 folgenden Ereigniſſe hatten ihm die Geſchichte mit dem franzöſiſchen Schiffe bemerklich gemacht. In der auf die Ausladung folgenden Nacht kam John mit einem einru⸗ derigen Nachen den Hudſon herab,— er hatte einige Meilen oberhalb ſich den Tag über mit Fiſchen unterhalten, ſich vom Fange ein Nachteſſen bereitet, und ſich wohlge⸗ ſättigt unter einem Baume niedergelaſſen, wo er auch wirklich einſchlief und nicht eher erwachte, bis es tiefe Nacht war. Er eilte jetzt, mit ſeinem kleinen Schiffe nach Hauſe zu kommen, als er aber in die Nähe der Bucht kam, welche der Hudſon unter dem Vorgebirge von Bergenhill in's Land hinein macht, wurde ſeine Neugierde durch ein anderes Schiff, welches ihm entgegenkam, rege gemacht, — er ließ ſogleich ſein Ruder ruhen, um kein Geräuſch zu machen, und da ſah er, wie das Boot von vier Män⸗ nern getrieben, die ihn nicht bemerkt hatten, in die Bucht einfuhr. Dieſe Spazierfahrt bei ſpäter Nacht kam ihm ſonderbar vor, und er folgte mit ſeinem leichten Nachen, mit dem Ruder nicht einſchlagend, ſondern nur ſtauchend, und ſo folgte er dem Boote, bis dieſes am gegenüberlie⸗ genden ſteilen Felſenufer anlegte. Hier blieben zwei Männer im Boote ſitzen, aber zwei Männer waren an's Land geſtiegen, und einer davon war Kapitän Dick—“ „Seekalb! wie kannſt Du mich erkannt haben?— war ſtockfinſtere Nacht!“ fuhr der Arreſtant heraus. Er 139 hatte mit geſpannter Aufmerkſamkeit zugehört,— jetzt hatte ihn ſeine Schlauheit in einem unbewachten Momente verlaſſen. „Ihr vergeßt, mein lieber Kapitän,“ erwiederte der Anwalt raſch,—„daß Ihr Feuerzeug bei Euch führtet und damit ein kleines Flämmchen in einer Laterne anzün⸗ detet, durch deſſen Hülfe Ihr mit Euerer Laſt den Weg in die Urwildniß hinauf fandet, bei welchem aber auch Mr. John Nightingale die Geſichtszüge ſeines Freundes Dick wahrnahm. Nun ſagt mir aber auch, Kapitän, wie lange hieltet Ihr Euch in dieſer Wildniß auf, und was war da Euere Beſchäftigung?“ Dick ſah mit Verdruß, daß er ſich zu einem unüber⸗ legten Worte hatte hinreißen laſſen, und die Lippen feſt zuſammenkneifend und den finſter dräuenden Blick auf den Boden gerichtet, ſah man ihm den Entſchluß an, kein Wort weiter zu verlieren. „Nun, ſchreibt das, was Kapitän Dick vorläufig geſagt hat, nieder,“ ſagte der Anwalt zum Actuar. In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thüre, und Niemand Anderes als Mr. Tomkins, der Aldermann, trat ein. Der würdige Mann hatte ſich mit wichtigen Geſchäften von der heutigen Sitzung entſchuldigt, aber er hatte keine Ruhe gehabt,— er mußte bei der Verhandlung ſein,— er mußte ſeinem Verbündeten auf einer Seite 140 Muth einflößen, auf der andern durch ſeine Gegenwart die Zunge binden,— er mußte den Gang der Verhand⸗ lung verfolgen,— er mußte—— ja, er wußte eigentlich ſelbſt nicht, was er mußte,— aber davon bleiben konnte er nicht. Er trat ein, mit einer tiefen Verbeugung gegen die Verſammlung im Allgemeinen,— eine zweite beſondere machte er gegen den Statthalter. Die Blicke Aller waren ihm entgegen geflogen, aber keine trugen den Ausdruck des Vergnügens als die des Bürgermeiſters. Dieſem war mit der Ankunft ſeines Factotum ein Stein vom Herzen gefallen,— dieſer war der Mann, der die Ehre des hoch⸗ weiſen Magiſtrats retten konnte, und raſch machte er Platz zwiſchen ſich und dem Anwalt, auf deſſen andern Seite der Statthalter ſaß,— aber der Anwalt ſagte mit vieler Kühle:„Herr Bürgermeiſter, dieſes iſt Euer Platz,— der Herr Aldermann Tomkins kann ſeinen Stuhl Euch zur Linken einnehmen.“ „Ich überlaſſe den Vorſitz an Aldermann Mr. Tom⸗ kins,“ ſagte der Bürgermeiſter,—„da ich mich heute wirklich nicht ſo wohl fühle, um die Verhandlung zu leiten.“ „Ich bedauere Euer Unwohlſein, Herr Bürger⸗ meiſter,“ ſagte der Anwalt mit anſcheinender Theilnahme, —„da aber die Verhandlung bereits begonnen hat, ſo 141 tann von einem Uebertragen des Vorſitzes nicht füglich mehr die Rede ſein; aber wir wollen Euch, in Anbetracht Eueres Uebelbefindens, die Sache möglichſt erleichtern.“ „Störe ich vielleicht durch mein Zuſpätkommen den Verlauf der Verhandlung?“ fragte Mr. Tomkins mit einem forſchenden Blicke auf den Statthalter Mynheer Anthony Colve, aus deſſen Antwort er hoffte zu er⸗ fahren, wie die Angelegenheiten eigentlich ſtünden; aber der Anwalt übernahm es, ſeine Frage zu beantworten. „Stören? durchaus nicht,“ ſagte van Döſendonk —„im Gegentheil, wir ſind ſehr froh, daß Ihr, wenn auch ſpät, doch noch gekommen ſeid.“— Mr. Tomkins machte mit einem ſüßen Lächeln eine Verbeugung; dieſe Rede war ja ſehr ermuthigend,—„denn außerdem wären wir bald genöthigt geweſen, nach Euch zu ſchicken,“— Mr. Tomkins fuhr ſchnell aus ſeiner Verbeugung empor, das ſüße Lächeln war verſchwunden und hatte einem Beben der Lippen den Platz geräumt.— „Hätte bedauert, wenn mich Geſchäfte abgehalten—“ ſtotterte er hervor. „O, da ſchützen keine Geſchäfte, wenn der Gerichts⸗ hof ruft,“ ſagte der Anwalt trocken,— eine Kreidebläſſe überzog des Aldermanns Geſicht,— eben dieſe und dieſes Beben des Mannes war dem Anwalt lieb zu bemerken,— dieſe Zeichen galten ihm mehr als ein halbes Bekenntniß 142 mit Worten.— Mr. Tomkins faßte ſich jedoch ſchnell, und um ſeine Verlegenheit zu verbergen, griff er nach den Papieren, welche auf dem Tiſche halb zwiſchen dem Anwalt, halb zwiſchen dem Bürgermeiſter lagen, und darin um⸗ ſuchend, ſagte er:„Nun, wie weit iſt die Verhandlung vorgeſchritten,— ſind dieſes die Zeugenverhöre?“— Ruhig nahm der Anwalt ihm die Papiere aus der Hand, und ſagte:„Dieſes ſind meine Papiere,— die Beweiſe für den Kläger, und daher nicht für Euch ge⸗ ſchrieben.“ Wie ein Dolchſtich fuhr es ihm durch's Herz,— bei⸗ nahe iſt zu vermuthen, daß er ſich jetzt fort, weit fort wünſchte,— er warf einen forſchenden Blick auf Dick,— ſollte der Burſche ſchon Ausſagen gemacht haben,— Aus⸗ ſagen, die ihn betrafen? aber er forſchte umſonſt in den viehiſchen Zügen des Räubers,— er las keine Antwort heraus. Er mußte dieſem ein freundliches Zeichen geben, er mußte deſſen Muth aufrichten:„Aber wozu dieſem armen Burſchen ſo ſchwere Eiſen anlegen,“ ſagte er mit leichtem Tone,—„er ſteht ja hier nur in Unterſuchung, noch nicht als Abgeurtheilter.“ „So viel wir wiſſen,“ erwiederte der Anwalt trocken, „iſt Kapitän Dick ein gewandter Ausreißer,— nament⸗ lich aus dem Stadthauſe,— daher wir auch von 143 Sr. Gnaden dem Herrn Admiral uns einige Marineſol⸗ daten erbeten haben.“ Jetzt war es wie ein ſchwerer Krampf, der ſich der Sprachorgane des Aldermannes bemächtigte,— er ſank in die Stuhllehne zurück und ſchwieg. „Wir wollen jetzt, da ſich herausgeſtellt hat, daß dieſer Mann Kapitän Dick heißt, daß er öfters in Schmugglerangelegenheiten die Bay von Neu⸗York beſucht hatte, bis er vor ſiebzehn Jahren mit einem franzöſiſchen Schiffe hier erſchien, und in dunkler Nacht in die Hudſon⸗ bucht einfuhr,— ich ſage, wir wollen, da wir jetzt ſo weit gekommen ſind, das Verhör des Zeugen John Nightin⸗ gale unterbrechen, und die Ausſagen des Klägers ver⸗ nehmen.— Beliebt es Euch, Herr Lieutenant van Ho⸗ boken, uns zu erzählen, was Ihr von der Geſchichte Euerer Kindheit zu erzählen wißt.“ So ſagte der Anwalt und Francis, der in der Fenſtervertiefung geſtanden hatte, trat jetzt vor. Mr. Tomkins hatte ihn bisher nicht be⸗ merkt,— die Aufforderung: Lieutenant van Hoboken machte ihn ſich raſch umwenden,— er konnte die Erſchüt⸗ terung, welche bei dem Auftreten dieſes gefürchteten Geg⸗ ners über ihn kam, nicht verbergen,— er mußte ſeinen Arm feſt auf den Tiſch aufſtemmen, um das Zittern ſeines ganzen Körpers zu überwinden. Francis erzählte ſeine Erinnerungen von ſeiner 144 Kindheit mit jener Offenheit und Vorſicht des Ausdruckes, welche das beſte Zeugniß für deren Wahrheit abgaben, und ſchloß mit dem Verlangen, von Seite der Statthalterſchaft in ſeine Rechte als Sohn und Erbe des verſtorbenen Myn⸗ heer Klaus Winant van Hoboken, Patron der Be⸗ ſitzung auf„Bergenhill“ und Haupt der Firma:„van Hoboken und Kompagnie in Neu⸗Amſterdam“ eingeſetzt zu werden, wobei er es einem hohen Gerichtshofe anheim⸗ ſtellte, den Kapitän Dick Seabroom als Kinderräuber, und alle ſonſtigen, bei dieſem an ihm verübten Verbrechen betheiligten Perſonen zu beſtrafen. Francis hatte eben ſeinen Vortrag beendet, und es war eine kleine Pauſe eingetreten, als plötzlich ein Geräuſch, wie das eines Wortwechſels, außerhalb der Thüre zu vernehmen war, und es trat der Unteroffizier der Wache, der den Arreſtanten hierher gebracht hatte, in den Saal. Er eröffnete, daß eine indianiſche Weibsperſon Eintritt verlange und ſich durchaus nicht wolle abweiſen laſſen. „Jagt das Weib zum T—l,“ ſagte Mr. Tomkins auffahrend,—„das Volk iſt unverſchämt——“ „Es wird Namakewa ſein,“ ſagte der Doctor,— „die gute Alte weiß, von was heute hier die Rede iſt, und daß es ihren Liebling betrifft,— und da hat ſie keine Ruhe, zu Hauſe zu bleiben.“ 145 „Ich glaube nicht, daß dieſes heutige Verfahren ein öffentliches ſein ſoll,— und am wenigſten für Rothhäute als neugierige Zuſchauer,“ ſagte Mr. Tomkins ſpitz,— „wenn die Alte alſo nicht zu Hauſe Ruhe findet, ſo ſperrt ſie in ein Kämmerlein des Stadthauſes.“ „Das wäre ſehr hart,“ ſagte der Doctor gutmüthig, —„überdies iſt ihre Wunde noch nicht geheilt.“ Der Anwalt hatte einige Worte leiſe zu Mynheer Anthony Colve geſprochen, und dieſer ſagte jetzt laut: „Laßt die gute Alte, die ſo ſehr um ihren Liebling beſorgt iſt, immerhin eintreten. Ich glaube nicht, daß ſie unſere Verhandlung ſtören werde.“ Es flog ein boshaftes Lächeln über das Geſicht des Aldermanns, aber er wagte es nicht, Widerſpruch zu thun. Namakewa trat, ein auf den Arm Jack's geſtützt, — ſie war noch ſchwach und ſchwankte beim Gehen, aber ſie hatte ihren weißen Federmantel mit vielem Anſtande umgeſchlagen und hielt ſich in majeſtätiſcher Höhe aufrecht. Sie ließ ihren ſcharfen Blick ſuchend über die Verſamm⸗ lung hingleiten, und als dieſer denjenigen fand, den ſie ſuchte, da flog eine freudige Röthe über ihre blaßgelben Wangen und ihre Lippen bebten den Namen:„Namum⸗ ni⸗ktee“ hervor. Francis ſprang ihr mit kindlicher Sorgfalt zu und brachte ihr einen Stuhl. Sie befahl ihm aber in der 1858. VII. Van Hoboken. IV. 10 146 Sprache der Mohawks, ſeinen früheren Platz einzunehmen, und ſich nicht um ſie zu kümmern, und geräuſchlos zog ſie ſich in die eine Ecke des Saales zurück, wo ſie ſich in hockender Stellung auf den Boden ſetzte. Jack blieb an ihrer Seite ſtehen. Es trat abermals eine Pauſe des Stillſchweigens ein, gleichſam als erwarte jeder Einzelne der Verſammelten, daß ein Anderer das Wort übernehmen werde. Mr. Tom⸗ kins fühlte während dieſer Pauſe warm und kalt, in raſcher Abwechslung; aber er ſah es zu wohl ein, daß der Zeit⸗ punkt da ſei, wo Muth und Entſchloſſenheit nothwendig war,— er durfte auf ſeinem Verbündeten die Anklage des Kindesraubes nicht ſitzen laſſen,— wenn dieſes, ſo war er mit verloren,— dies wußte er,— und nachdem er aus voller Bruſt Athem geſchöpft hatte, begann er: „Die Erzählung des jungen Mannes, den ich, neben⸗ bei geſagt, heute zum erſten Male, mit dem Namen: Lieu⸗ tenant bezeichnet höre, hat ſehr viel Glaubwürdiges an ſich — ſie iſt ſicher nicht eine ohne reifliche Ueberlegung und Vorbereitung erdachte; aber es iſt die Pflicht eines hohen Gerichtshofes, ſich nicht durch Aufzählung von Glaubwür⸗ digkeiten täuſchen und zu einem unüberlegten Aburtheilen hinreißen zu laſſen, deſſen Folge wäre, daß ein Menſch, Neimand weiß woher, zum Beſitz eines guten Namens und eines ebenſo beachtungswerthen Eigenthums gelange. Iſt 147 es ſchon als Beiſitzer des Gerichtshofes meine Pflicht, dieſen darauf aufmerkſam zu machen, ſo halte ich es noch für meine beſondere Pflicht als Theilnehmer des Hauſes „van Hoboken und Kompagnie“ die Ehrenhaftigkeit dieſer Firma aufrecht zu erhalten, ſo wie ich anderſeits als Vor⸗ mund der einzigen hinterlaſſenen Tochter meines verſtor⸗ benen Freundes und Geſchäftstheilnehmers, es für Pflicht halte, deren Eigenthum zu bewahren, daß es nicht in die Hände eines kühnen Abenteurers falle, der, nachdem er ſich als Free⸗Trapper unter den Indianern herumgetrieben, als holländiſcher Emiſſär unter der vorigen Regierung verdächtig gemacht und ſich durch Brandlegung in Freiheit geſetzt hat, nun, als Lieutenant, ich weiß nicht in weſſen Armee, auftritt, und auf die Rechte eines Sohnes des verſtorbenen van Hoboken Anſpruch macht.“ Bei Erwähnung der Brandlegung fuhr Francis in die Höhe,— aber der Anwalt warf ihm einen bedeut⸗ ſamen Wink zu, und Francis war genugſam Herr über ſich ſelbſt, um den Angriff auf ſeine Ehre vorläufig in Ruhe vorübergehen zu laſſen; auch nahm der Anwalt jetzt das Wort und ſagte: „Der würdige Aldermann, Mr. Tomkins, hat vollkommen recht, wenn er ſagt, ein hoher Gerichtshof ſolle ſich nicht durch eine dem Anſcheine nach glaubwürdige Er⸗ zählung beſtimmen laſſen, einen Abenteuerer, der, neben⸗ 10* 148 bei geſagt, Marine-Lieutenant in Dienſten der hochver⸗ mögenden Generalſtaaten iſt, in einen achtungswerthen Namen und ebenſo achtungswerthes Eigenthum einzuſetzen. Beſagte Erzählung muß durch Beweiſe erkräftigt werden, — Beweiſe, daß derjenige, welcher auf gedachten Namen Anſprüche macht, auch wirklich das Recht dazu habe, mit einem Worte, daß Kläger in der That der in ſeiner Kind⸗ heit geraubte Sohn des verſtorbenen van Hoboken ſei, — als Zeugen treten auf Sir Francis Lovelace, Es⸗ quire, und der Arzeneikunde Doctor Schneppermann, welche beide die auffallende und unbeſtreitbare Aehnlichkeit zwiſchen Sohn und Vater anerkennen.“ „Jeder von uns wird wohl ſchon überraſchenden Aehnlichkeiten begegnet ſein,“ lächelte Mr. Tomkins. „Kläger beliebe einen andern Beweis vorzubringen,“ ſagte der Anwalt zu Francis gewendet. Dieſer zeigte einen werthvollen Brillantring und eine Schnur, auf welcher kleine Röhrchen aus dem violett⸗ blauen Theile der Venusmuſchel gefertigt, aufgereiht waren, vor. Nun zog aber Sir Lovelace eine gleiche Schnur aus ſeiner Rocktaſche hervor.„Es war am Tage der Taufe des kleinen van Hoboken,“ ſagte der Ritter„daß Namakewa mir und dem Täufling dieſe Schnur gab. Dieſen Ring erkläre ich zugleich für denjenigen, den ich 149 dem Kleinen nach vollzogener Taufe auf die kleinen Finger ſchob.“ Aber der Ritter hatte kaum ausgeſprochen, da ſtand Namakewa an ihres Lieblings Seite. Sie hatte der Verhandlung bisher mit großer Aufmerkſamkeit zugehört, obwohl ſie den größern Theil des Geſprochenen nicht ver⸗ ſtand oder auffaßte; aber bei dem Vorzeigen der ihr be⸗ kannten Venusſchnüre, da ſchien es ihr klar zu werden, um was es ſich handle, und ſie hatte ſich aus ihrer hockenden Stellung erhoben und war raſch und geräuſchlos auf Francis zugeeilt. Er hatte ihre Annäherung nicht be⸗ merkt und war beinahe überraſcht, als jetzt plötzlich eine Hand ſeine Halskrauſe faßte und ohne weitere Frage auf⸗ riß,— ebenſo hurtig war ſie mit dem Oeffnen ſeines Wammſes,— aber jetzt verſtand er ihre Meinung, und ließ lächelnd über ihren Eifer ſie willfahren. Sie zog ihm den Aermel vom Arme, ſtreifte das Hemd in die Höhe, und auf das tättowirte Wappen zeigend, rief ſie zur Hälfte holländiſch— zur Hälfte in der Sprache der Mohawks: „Seht da die Schildkröte— und da den Namen dieſes Mannes, der die andere Muſchelſchnur aus Namakewa's Hand erhielt,— wollt Ihr noch zweifeln, daß Namum⸗ ni⸗ktee derſelbe iſt, der er ſagt.“ Doctor Schneppermann, der etwas kurzſichtig war, erhob ſich von ſeinem Stuhle, und näherte ſich 150 Francis. Er betrachtete das tättowirte Wappen und er⸗ klärte es für daſſelbe, welches Namakewa damals dem kleinen Weltbürger eingeätzt hatte. „Wo ſolche Beweiſe aufgebracht werden,“ ſagte Mr. Tomkins mit einem ſpöttiſchen Lächeln,—„da läßt ſich freilich nicht länger an der Wahrheit zweifeln.“ „Und ſo mit,“ ſagte der Anwalt mit einer Verbeu⸗ gung rundum zu Allen, welche am grünen Tiſche ſaßen,— „wäre denn keine Einwendung vorhanden, gegen die Ein⸗ ſetzung des rechtsmäßigen Erben in Namen und Eigenthum des verſtorbenen Klaus Winant van Hoboken?“ Bürgermeiſter und Aldermänner verbeugten ſich,— Aldermann Tomkins ohne Zweifel mit einem bittern Gefühle, aber wie ein Skorpionſtich traf es ihn, als der Anwalt auf's Neue begann:„Und ſomit können wir denn in unſerer Verhandlung über die gewaltſame Entfernung aus dem Elternhauſe, wie ſie an dem rechtmäßigen Erben verübt wurde,— genannt„Kindesraub“ weiter gehen.— John Nightingale, Ihr ſeid in Euerer Erzählung bei der intereſſanten Begebenheit ſtehen geblieben, daß am Felſenufer der Hudſonbucht zwei Männer, von denen Ihr den Einen als Kapitän Dick erkanntet, an's Land ſtiegen,— fahrt in Euerer Erzählung fort.“ Mr. Tomkins war nicht wenig überraſcht,— er hatte den Eingang der Erzählung nicht gehört, aber die — 151 Begebenheit, wo ſie abgeriſſen war und jetzt wieder ange⸗ knüpft werden ſollte, war von der Art, daß ſie ihm unheil⸗ drohend genug erſchien. Mit an ſich gehaltenem Athem horchte er zu. Mr. Nightingale, der im Verlaufe der Verhand⸗ lung die Bemerkung gemacht hatte, welche wichtige Rolle er als Zeuge in dieſer ſpiele, warf ſich nun auch etwas mehr in die Bruſt und erzählte mit Würde und Be⸗ ſtimmtheit: Das Erſcheinen des ihm bekannten Schmugglers, in tiefer Nacht, in dieſer Urwildniß, kam ihm ſonderbar vor, und wie er damals noch ein junger, neugieriger Burſche war, ſo wollte er doch gern den Ausgang dieſer nächtlichen Excurſion des alten Dick erfahren. Er trieb mit ſeinem Nachen in eine ſchmale Schlucht zwiſchen den ſteilen Felſen⸗ wänden, von wo aus er, ſelbſt ungeſehen, doch ganz be⸗ quem, die Bewegungen des großen Bootes, und was in dieſem vorgehe, beobachten konnte. Er lag hier viele Stunden auf der Lauer, bis die tiefe Finſterniß der Nacht wich und dem grauenden Morgen ſein Recht überließ. Da kamen, wie aus der Felſenwand herausſpringend, menſchliche Geſtalten hervor,— aber es waren deren drei, während er doch nur zwei hatte das Boot verlaſſen ſehen, — und die eine Geſtalt ſchien ihm, obwohl es kaum grauete, viel kleiner,— eben nur die Geſtalt eines Kindes 5 152 zu ſein,— aber alle Drei ſprangen in's Boot, und dieſes eilte mit ſolcher Eile aus der Bucht hinaus, daß er ihm nicht folgen konnte,— und als er mit ſeinem Kahne aus der Bucht kam, war das Boot ſeinen Blicken verſchwunden, aber in der Ferne ſah er Schiffe den Hafen verlaſſen,— er vernahm und ſah das Abfeuern der Geſchütze,— es war die Verfolgung des franzöſiſchen Schiffes,— er wäre gern weiter in die Bah hinausgefahren,— aber das Waſſer war unruhig und ſein Kahn zu klein, daher er heim nach Neu⸗Amſterdam ruderte. Wie erwähnt, diente John Nightingale zu Zeiten als Matroſe auf den Stromſchiffen und auch auf den Booten der Lootſen. Am ſelben Abend kam van Möggen, der Pilot, zu ihm und forderte ihn auf, mit ihm in See zu gehen. John war ſogleich bereit, und in einer kleinen Stunde verließen ſie den Hafen,— es ging im Fluge die Bah hinauf, und mit Aufſetzung aller Segel in die hohe See hinaus. John bemerkte zu ſeiner Verwunderung, daß mehr Leinwand aufgeſpannt wurde, als der Pilot ge⸗ wöhnlich zu führen pflegt, auch fand er reichlichen Mund⸗ vorrath auf dem Schiffe,— und als er darüber gegen van Möggen ſich äußerte, ſagte dieſer:„Es kann wohl kommen, daß wir vierzehn Tage oder länger von Hauſe abweſend ſind,— nun, auch recht,— der da unten zahlt gut,“— damit wies er auf die kleine Bretterkajüte unter „ 153 dem Verdecke, wie es auf den Lootſenbooten gewöhnlich iſt. John war neugierig zu erfahren, wer wohl„der da unten“ ſein möge, getraute ſich jedoch nicht zu fragen; aber ſeine Nengierde ſollte bald befriedigt werden. Nachdem ſie die Nacht hindurch und den ganzen Vormittag über mit vollen Segeln ihren Cours verfolgt hatten, erſchien„der da unten“ auf dem Verdecke,—„ich erkannte ihn ſogleich,“— ſagte John Nightingale mit einem Seitenblick auf den Alder⸗ mann,—„es war Mr. Tomkins,— mir ganz wohl bekannt, da ich oftmals für ihn aus⸗ und einzuladen hatte.“ Der würdige Aldermann ſchrak ſichtlich zuſammen, aber mit einem erkünſtelten Lächeln ſagte er:„Es giebt wohl Manche, die für mich aus- und einzuladen haben.“ Der Gaſtwirth nahm jedoch davon keine Notiz, ſon⸗ dern fuhr in ſeiner Erzählung fort:„Mr. Tomkins blickte durch ein Glas nach allen Weltgegenden herum, und meinte, ob es nicht möglich ſei, daß wir den Fran⸗ zoſen verfehlten,— van Möggen ſtellte dieſe Möglich⸗ keit nicht in Abrede, meinte aber entgegen, er befände ſich in demſelben Courſe, den ihm Mr. Tomkins angegeben, und ſo hoffe er wohl auf den Franzoſen zu ſtoßen. Und ſo war es auch, obwohl erſt am andern Tage. Mr. Tom⸗ kins hatte eine große Freude, als ſich das geſuchte Schiff und wirklich als daſſelbe zu erkennen gab. Wir hatten noch den ganzen Tag über zu thun, bis wir es erreichten, 154 obwohl es, als es uns in Sicht bekam, ſeine Segel einzog, und auf uns zu warten ſchien. Es war ziemlich wind⸗ ſtill, und wir konnten das Pilotenbvot an das franzöſiſche Schiff anlegen, wo wir auch die ganze Nacht liegen blieben. Gleich nachdem wir angekommen waren, hatten ſie eine Strickleiter herabfallen laſſen, an welcher Mr. Tomkins hinankletterte. Ich habe ihn dann die ganze Nacht über nicht mehr geſehen. Die Mannſchaft des Lootſen war ermüdet, beſonders ich, der ich zwei Nächte durch nicht ge⸗ ſchlafen und die Tage über hart gearbeitet hatte, und wir legten uns ſogleich zur Ruhe, wurden aber am frühen Morgen erweckt und hatten uns fertig zu machen, das Schiff zu verlaſſen. Als alles geſchehen, was dazu nöthig war, erſchienen auf dem Verdeck des Franzoſen Kapitän Dick und Mr. Tomkins,— ſie ſchienen die Nacht über auch weniger geſchlafen als getrunken zu haben,— we⸗ nigſtens ſah mir Dick ganz darnach aus, und was ſie noch auf dem Verdecke ſtehend mitſammen plauderten, mag eben nicht ſehr Vernünftiges geweſen ſein,— ich konnte es jedoch nicht vernehmen,— aber ſie ſchienen in ganz gutem Einver⸗ nehmen zu ſtehen,— ſie lachten laut, ſo daß wir es unten im Boote hören konnten,— da kreiſchte es plötzlich wie eine gellende feine Kinderſtimme auf dem Franzoſen,— es war Schreien und Weinen,— die beiden Herrn auf dem Verdecke nahmen aber jetzt mit Händeſchütteln ſchnellen 155 Abſchied und Mr. Tomkins eilte die Strickleiter herab. Kaum war er in unſerm Boote, ſo rief er dem van Mög⸗ gen, der am Steuerruder ſtand, zu:„Wendet um!“ und ſchlüpfte dann hurtig in die Kajüte. Wir wendeten nun auch und es ging mit Süd-Süd⸗Oſt der Heimath zu,— aber als wir eben noch kaum vom Franzoſen abgeſtaucht hatten, erſchien auf deſſem Verdecke, eben wo die Schiffs⸗ leiter herabgelaſſen worden, ein kleiner Junge, der ſeine Hände wie bittend erhob,— er mochte wohl auch dabei geweint und geſchrieen haben, doch dies konnte ich wegen des Geräuſches, das wir beim Wenden machten, nicht hören, und ich ſah wie einer von der Mannſchaft des Fran⸗ zoſen den Kleinen am Arme nahm und von der Luke wegzog.“ „Wir kamen in verhältnißmäßig kurzer Zeit nach Neu⸗Amſterdam zurück,“ fuhr der würdige John Nigh⸗ tingale in ſeiner Erzählung fort,—„und ich ging wieder meiner Beſchäftigung nach, wo ich eben eine fand. Der kleine Junge, den ich an jenem grauenden Morgen, mit Dick und dem Andern in das Boot ſpringen ſah, und der flehende und ſchreiende Kleine auf dem Verdecke des Fran⸗ zoſen, waren nach meinem Gedanken ſicher ein und derſelbe, — ich dachte in der erſten Zeit öfters an dieſe Geſchichte; aber ich kam bald von Neu-Amſterdam weg, da ich nach Newport ging, um dort Beſchäftigung zu ſuchen, und da geſchah es, daß ich ſie vergaß.“ 156 Er ſchwieg jetzt und blickte mit dem ſichern Selbſt⸗ gefühl, einen Act von Wichtigkeit vollführt zu haben, herum. Der Anwalt nahm aber nun das Wort und ſagte:„Aus der wohlgeordneten Erzählung des Zeugen John Nigh⸗ tingale und der Erzählung, welche früher der Herr Lieu⸗ tenant Francis Oloffe van Hoboken aus den Erinne⸗ rungen aus ſeiner Kindheit gebracht hat, und unter Beach⸗ tung ſo vieler Nebenumſtände, geht es hervor, daß eben genannter Francis Oloffe durch Dick Seabroom, bezeichnet als Kapitän Dick, gewaltſamer Weiſe von ſeiner Heimath entfernt und gezwungen worden ſei, auf dem Schmuggler- und Piratenſchiffe, genannt„die Möwe,“ Dienſte zu thun. Durch dieſe Handlung hat ſich Dick Seabroom des Verbrechens:„Kindesraub“ ſchuldig gemacht, und ich ſetze ihn darauf hin in Anklage,— die Sache iſt ſo weit nun eingeleitet, und wird ſeinen Gang gehen,— unterdeſſen iſt er als ein ſchon einmal des Aus⸗ brechens überwieſener Verbrecher, unter ſtrenge Bewachung zu ſtellen und ſind ihm die„Eiſen“ zu laſſen.— Der Herr Bürgermeiſter,“ fuhr er fort; ſich jetzt wieder zum erſten Male mit einer leichten Verbengung dieſer würdigen Ma⸗ giſtratsperſon zuwendend,—„der Herr Bürgermeiſter wollen die geeigneten Aufträge geben, daß der Gefangene abgeführt werde.“ Der Herr Bürgermeiſter that wie ihm geſagt worden, 157 und Dick wurde in Begleitung der Mannſchaft, die ihn her gebracht, auch wieder in ſein Gefängniß zurück⸗ geführt. Bevor er abging warf er einen Blick voll Haß, aber nicht ohne zugleich fragend zu ſein, dem Aldermann zu. Dieſer ward erwiedert mit einem ruhigen Lächeln, womit Mr. Tomkins ſeinem Verbündeten anzeigen wollte, daß die Sache durchaus nicht ſo böſe ſtünde, und man nicht Urſache hätte, den Muth zu verlieren. Wir wiſſen nicht zu ſagen, ob dieſes ermuthigende Lächeln von Dick ver⸗ ſtanden wurde, aber ſo viel iſt gewiß, daß er ſich ruhig in ſeine Lage zu ergeben ſchien und ohne Widerſtand zu leiſten der Wache in das Stadthaus folgte. Nachdem er abgegangen war, nahm der Anwalt wie⸗ der das Wort und ſagte:„Ich muß mit Bedauern be⸗ merken, daß ſich durch die vernommene und zu Protokoll gebrachte Erzählung,“— ſein Schreiber war nämlich mit flinker Feder der ganzen Verhandlung gefolgt,—„des Zeugen John Nightingale herausſtellt, daß Dick bei ſeinem begangenen Verbrechen einen Theilnehmer oder wenigſtens Mitwiſſer gehabt,— ich muß, wie geſagt, mit Bedauern dieſe Bemerkung machen, da dieſe Beſchuldigung einen Beiſitzer des hohen Gerichtshofes trifft; aber— „vor dem Geſetze ſind Alle gleich“— und es kommt daher dem hohen Gerichtshofe zu, dem Angeſchuldigten ſeiner 158 Stelle zu entheben, und ihn als Angeſchuldigten zu be⸗ handeln.“ „Man wird doch nicht auf das Geſchwätz eines ein⸗ fältigen Burſchen hin, einen Aldermann und reſpectablen Bürger der Stadt Neu⸗Amſterdam in„Eiſen“ legen,“ ſagte Mr. Tomkins mit einem boshaften Lachen,—„das wäre doch etwas zu weit gegangen, und ich müßte mich da⸗ gegen feierlichſt bewahren.“ „Von„Eiſen legen“ iſt nicht die Rede,“ erwiederte der Anwalt,—„aber wohl von einer Unterſuchungshaft, — und auf dieſer muß ich als Anwalt beſtehen.“ „Meine Stellung als Aldermann,— überdies mein Beſitz in und außer der Stadt wird wohl Bürge ſein, daß ich mich der Unterſuchung dieſer lächerlichen Beſchuldigung nicht entziehen werde?“ fragte Mr. Tomkins, bei weitem nicht mehr ſo aufbrauſend, als er ſich einige Male im Ver⸗ laufe der Verhandlung gezeigt hatte,—„ich verlange auf Bürgſchaft hin auf freiem Fuße gelaſſen zu werden.“ „Wenn einer Euerer Mitbürger Bürgſchaft ſtellt,“ erwiederte der Anwalt,—„ſo erlaubt es unſer Geſetz, daß Euere Unterſuchung auf freiem Fuße vorgenommen werde.“ „Herr Bürgermeiſter,“ ſagte Mr. Tomkins zu dieſem gewendet,—„ich bin überzeugt, daß Ihr es nicht zugeben werdet, daß man mich wie einen gemeinen Dieb in's Stadthaus ſperrt.“ 159 Der Bürgermeiſter erſchrak nicht wenig über dieſe Anrede,— er räuſperte einige Hm! Hm! aus dickem kurzem Halſe hervor; doch endlich erklärte er ſich bereit, Bürgſchaft zu ſtellen, und ſo verließ Mr. Tomkins den Saal mit der Erklärung, jeder Vorladung Folge zu leiſten. Als er auf der Straße war, ſtand er einen Augenblick ſtill,— er holte tiefen Athem,— er mußte ſich ſammeln von der Wucht der Eindrücke auf ſeine Seele, wie er ſie in dieſen fürchterlichen Stunden dieſer Gerichtsſitzung erfahren hatte,— es gingen mehrere Leute an ihm vorüber, die ihn kannten und grüßten,— dieſe Leute wußten es noch nicht, mit was er belaſtet war,— er mußte ſich Gewalt anthun, er mußte freundlich entgegengrüßen,— er durfte es nicht ahnen laſſen, daß der Aldermann und Führer des Hauſes van Hoboken und Kompagnie eines gemeinen Verbrechens beſchuldigt ſei und nur auf gute Bürgſchaft hin, ſich jetzt noch auf freiem Fuße befinde,—„aber ich bin ja noch auf freiem Fuße,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, und mit dieſem Gedanken erhob ſich ſein Geiſt, erwachte neu die Elaſti⸗ cität ſeiner Seele. „Der Junge iſt anerkannter Erbe des alten van Hoboken, da hilft nun nichts mehr,“ ſprach er zu ſich, während er langſam ſeiner Wohnung zu ſchritt,—„und die Vormundſchaft, die ich über das Mädchen hatte, mir aus den Händen gewunden,— wohl, ich habe zum guten 160 Glücke vorgearbeitet,— meine Bücher ſind in Ordnung, — wird ſich verdammt wenig herausſtellen,— der Herr Lieutenant wird keinen ſchweren Geldſack mit ſich zu ſchleppen haben, wenn er wieder auf Abenteuer auszieht, — und ſie, die kleine ſchlaue Katze, kann mit ihrem breit⸗ ſchulterigen Wallonen Kartoffeln bauen— ich werde den⸗ noch Patron von Bergenhill,— was kann man für Be⸗ weiſe bringen?— dieſer naſeweiſe Leydner Student ſtellt mich in Anklage auf das Geſchwätz dieſes verſoffenen Kneipenwirths hin,— Theilnehmer! Mitwiſſer!— hat denn irgend Einer gehört, was ich mit dem Dickgeſprochen? — Er allein,— und iſt er ein gültiger Zeuge?— Viel⸗ leicht doch,— der Burſche von Leyden bringt es wohl ſo heraus, und die Strohköpfe am grünen Tiſche ſtimmen ihm bei,— und wird es Dick thun?— Gewiß, wenn er ſieht, daß ihm ſelbſt nicht mehr zu helfen iſt,— und iſt ihm wirklich nicht zu helfen?— durchaus kein Weg zu finden——?“ Er dachte nach, er zermarterte ſeine Seele—— nein, da gab es wirklich keinen Weg,— aber Zeuge gegen ihn durfte er auch nicht werden,— dies ſtand feſt,— dann war aber nichts weiter zu fürchten—— ſein Entſchluß war gefaßt,— und ſo betrat er ſein Haus in der Biberſtraße. 161 Achtes Capitel. „Giebt es zwei Freunde wohl, die ſo ſich lieben, „So einig ſtets in Seel' und Herz? „Des Einen Leid den Andern mächt betrüben, „Theilnehmend fühlen Beide Freud' und Schmerz; „Der Eine läßt ſein Leben, „Dem Andern Tod zu geben.“ Der Satyriker. Am Nachmittag deſſelben Tages kam Mr. Tomkins den Waldweg, der aus dem noch unbebauten Theil der Manhattaninſel der Stadt zuführte, herabſpaziert, ganz mit Schritt und Miene eines ehrſamen Bürgers, der ſich Er⸗ holung von anſtrengenden Geſchäften außerhalb der Mauern, in der ſchönen freien Natur geſucht und gefunden hat, und ſich jetzt auf dem Heimweg befindet. Er kam auf dieſem Pfade am Stadthauſe vorüber. Es ſah hier ſo friedlich und ruhig aus,— das Haus ſtand allein auf einem weiten grünen Anger, Niemandwohnte in der Nachbarſchaft, und nur die vor dem Haupteingange auf und nieder wandelnde Schild⸗ wache, ein holländiſcher Marineſoldat,— und der andere Poſten an der Rückwand des Hauſes zeigten an, daß dieſes 1858. VII. Van Hoboken. 1V. 11 162 Gebäude kein gewöhnliches Wohnhaus ſei. Der Spazier⸗ gänger ſchlenderte, mit beiden Händen auf dem Rücken, dicht am Hauſe vorüber, eben auf jener Seite, wohinaus die Fenſter der Wohnung des Büttels gingen. Dieſe waren des warmen Wetters wegen offen und an dem einen ſaß Mac Intyre, wie er gern in den Nachmittags⸗ und Abendſtunden zu thun pflegte, die kleine dampfende Pfeife im Munde, die Ellbogen auf die Fenſterbrüſtung geſtützt und zu ſeinen Füßen die binſenüberflochtene Flaſche, wel⸗ cher er von Zeit zu Zeit zuſprach. „Mac Intyre komm' zu mir heraus,— ich habe Dir etwas zu ſagen,“ lispelte Mr. Tomkins im Vorüber⸗ gehen, ohne anzuhalten, in's Fenſter hinein. Der Büttel ſchüttelte verweigernd den Kopf und ſchmauchte ruhig weiter. „Du haſt ja nichts zu befürchten,— kannſt frei aus⸗ und eingehen,“ ſagte Mr. Tomkins leiſe.—„Mag nicht,“ brummte der Büttel entgegen,— Mr. Tomkins durfte, um der Schildwache nicht verdächtig zu werden, nicht ſtehen bleiben; er ſchritt alſo ſeinen Weg ruhig fort, bis er den vorſpringenden Theil des grünen Angers erreicht hatte. Hier blieb er ſtehen, als ergötze er ſich an der ſchönen Aus⸗ ſicht über die Stadt, den Hafen, die Bay hin;— er ſtand eine gute Zeit, als könne er ſich von dem herrlichen Anblick nicht ſo ſchnell losreißen, dann aber kehrte er um und ging 163 denſelben Weg zurück, den er her gemacht, wieder dem Waldweg zu und wieder an dem Fenſter vorüber, an dem der ſchmauchende Mae Intyre ſaß. „Folge mir in's Wäldchen hinauf,“ lispelte er dem emſigen Tabakraucher zu, und zeigte ihm zwei Goldſtücke, die er zwiſchen ſeinen Fingern hielt,— und ruhig ging er den Waldpfad hinauf;— aber es waren nicht zehn Minu⸗ ten vorüber, ſo ſchritt langſam der Büttel durch das Thor des Stadthauſes auf den Anger heraus,— er blieb im Eingange eine Weile ſtehen, dehnte und ſtreckte ſich, und guckte ſo indifferent auf die Bay hinaus, als ſei er eben nur aus der ſchwülluftigen Stube getreten, um ſich ein wenig Kühlung von der Seeſeite zu holen,— dann wan⸗ delte er über den Anger hin,— wandte ſich rechts— und war im Schatten des Wäldchens verſchwunden,——— die zwei Goldſtücke waren doch zu arge Lockvögel geweſen. „Wir wollen ein Stück Weges den Wald hinauf gehen,“ ſagte Mr. Tomkins. „Ich denke aber, Ihr ſollt mir früher die zwei gelben Dinger geben, die Ihr mir gezeigt,“ ſagte Mac Intyre. „Die ſollſt Du haben,“ erwiederte Mr. Tomkins, und überreichte ihm die beiden Goldſtücke,—„Du ſollſt Dir noch ein ganzes Halbdutzend verdienen.“ „Für's Erſte nehme ich dieſe für die Gefälligkeit, daß ich mich zu Euch heraufbemüht habe,“ ſagte der Büttel 1* 164 mit der Unverſchämtheit ſeiner Nation, die ſchmeichelt und kriechend iſt, ſo lange ſie ſich untergeordnet fühlt,— aber arrogant, ſobald ſie ſich gleichberechtigt denkt,— und die Goldſtücke in die Taſche ſteckend, ſagte er kurz:„Was ſoll ich für das Halbdutzend weiter thun.“ „Es iſt ein leichter Dienſt, den Du mir zu erweiſen haſt,“ ſagte Mr. Tomkins,—„und es ſoll mit dieſem Halbbutzend Goldſtücken nicht abgethan ſein.“—— „Nun, ſo gebt mir gleich das volle Dutzend,“ erwie⸗ derte der Büttel mit einem unverſchämten Lachen. „O, ich kann und werde mehr für Dich thun.“— „Das wäre?“— fragte Mac Intyre mit ſchlauer Miene,— er merkte bereits, wo es hinaus wolle,— und ſchlau, ſehr ſchlau iſt der Jriſche, wenn er nicht— betrun⸗ ken iſt, und Mac Intyre hatte der Korbflaſche heute noch nicht zu häufig zugeſprochen. „Du weißt, daß bei der nächſten Wahl ich nur zu er⸗ klären habe, ob ich Bürgermeiſter ſein will— oder nicht.“ „Ganz recht,— und ich glaube, Ihr werdet wol⸗ len.“— „Gewiß,— es ſteht dann mehr in meiner Macht, als jetzt, wo der alte Bürgermeiſter oft ſchwer herum zu bekom⸗ men iſt, für die Stadt zu ſorgen,— und denen, die bisher eifrig in ihrem Dienſte waren, zu einer beſſeren Stelle zu verhelfen.—— 165 „Hm!— ſolch' eine Hafenmeiſterſtelle wäre nicht zu verwerfen,— war mir lange genug Büttel,“ ſagte Mac Intyre. „Hafenmeiſter?— gut,— wrill es bemerken,— doch für heute gebe ich Dir ſechs Goldſtücke, wenn— wenn—“ „Den alten Seeräuber kann ich nicht herausbekom⸗ men,“— ſagte der Büttel vorlaut,„ſitzt feſt an der Kette, die an der Eiſenſtange läuft,— und der Unteroffizier hat den Schlüſſel.“—— „Will ihn auch gar nicht herausbekommen,“ fiel ihm Mr. Tomkins raſch in's Wort,—„bin froh, daß wir des Kerls endlich habhaft geworden ſind.“—— „Hm! hätten ihn ſchon'mal gut genug gehabt,“ ſagte der Büttel, mit vieler Frechheit dem Aldermann in das Geſicht ſehend,—„gerade ſo feſt, als jetzt,— aber Ihr befahlt mir, ihn in die obere Stube zu ſperren.“—— „Damals wußte ich noch ſelbſt nicht, was für ein ge⸗ fährlicher Schurke er ſei,— doch jetzt weiß ich es, und bin froh, daß wir ihn haben,— aber der Burſche iſt ſchlau und verſchmitzt wie Einer,— war heute Nichts aus ihm herauszubringen,— der junge Mann, der Anwalt, der ſich viel darauf einbildet, von der Leydener Univerſität zu kommen, verſteht es nicht, mit ſolchen Kerls umzuſpringen, — das will anders angepackt ſein.“ 166 „Und Ihr wollt etwas aus ihm herausbringen?“ fragte Mac Intyre mit einem verſchmitzten Lächeln. „Und werde es,“ erwiederte Mr. Tomkins,— „aber da darf ich nicht in Amtswegen zu ihm kommen, da wäre er ſo zurückhaltend, als heute im Verhöre,— muß im Geheimen zu ihm kommen, ſo was wir Studirten ſa⸗ gen: incognito.“ „Verſtehe, verſtehe,— und dazu ſoll ich behülflich ſein.“—— „Was Dir nicht ſchwer fallen wird.“— „Und dafür gebt Ihr mir ſechs Guilders und ver⸗ ſprecht mir die Hafenmeiſterſtelle?“— „Soll ein Wort ſein!“ „Nun,— zu machen wäre es ſchon,— aber Herr Aldermann, der Dick bleibt, wo er iſt?“ „Sicher,— wäre eine böſe Geſchichte, wenn er los käme.“ „Gut. Ihr erwartet mich hier nach Dunkelwerden.“ „Eher ſpäter, als früher,“ ſagte der Aldermann, und ohne ſich länger aufzuhalten, ſchlug er einen Seitenweg ein, der über die Hügel dem Stadtthore zuführte. „Für die Hafenmeiſterſtelle ſetze ich nichts ein,“ mur⸗ melte der Büttel vor ſich hin, während er langſam den Pfad hinabſchritt und ſich dem Stadthauſe näherte,— „die großen Herren verſprechen leicht und vergeſſen leicht; 167 aber die ſechs Guilders ſind ſicher,— nun, die laſſen ſich ſchön zählen und bequem verdienen,— meinethalben kann er die halbe Nacht mit dem Burſchen ſich unterhalten,— wird nicht aufkommen,— und wenn!— hat mir Niemand verboten, eine Gerichtsperſon zu ihm zu laſſen,— und eine Gerichtsperſon iſt ja doch der Aldermann.“— Etwa eine Stunde nach Sonnenuntergang,— es war bereits Nacht im Wäldchen,— erſchien Mr. Tomkins auf demſelben Platze, wo er Nachmittags mit dem Büttel geſprochen hatte. Er ſetzte ſich auf einen Baumſtamm nieder und verhielt ſich ſo ruhig, als ſich nur ein Mann verhalten kann, der auf Etwas wartet, und dabei jede Ent⸗ deckung verhüten will. Er wartete eine gute Weile und wurde bereits etwas unwillig.„Soll das iriſche Vieh mich narren,— oder iſt er bereits ſo beſoffen, daß er wie ein Schwein bewußtlos unter dem Tiſche liegt?“ Er lauſchte,— es war nichts zu hören, als etwa das Aufflattern eines Vogels, der auf ſeinen nächtlichen Raub ausging.——„Soll ich es verſuchen, und bei dem Unter⸗ offizier Einlaß verlangen?— ich bin ja eine Gerichtsper⸗ ſon,— da kann kein Verdacht ſein,—— aber dann mor⸗ gen,— ja, morgen würde dieſer plaudern,— ſoll ich ihm die Goldſtücke geben,— vielleicht ein volles Dutzend,— hm! ſo ein ſteifer Unteroffizier könnte die Sache übel auf⸗ nehmen,—— wenn der beſoffene Lümmel doch käme.“— 168 Und eben vernahm er wirklich raſchelnde Schritte den Waldpfad heraufkommen,— aber als dieſe ſich näherten, waren es ſtatt einer zwei Perſonen, und jetzt vernahm er auch die heiſere Stimme ſeines Verbündeten, der mit ziem⸗ lich ſchwerer Zunge zu ſeinem Gefährten ſagte:„Patty, Du gehſt jetzt dieſen Weg,— kommſt geraden Striches zur Windmühlen⸗Farm,— John's Taverne weißt Du zu finden,— ſag', ich will mir ein klein Fäſſel guten ſchot⸗ tiſchen Whisky einlegen,— komm' wohlfeiler dazu, als wenn ich immer flaſchenweiſe hole, was ich täglich brauche, — John ſoll mir das Fäſſel ſchicken,— werde es morgen ſelbſt bezahlen,— Du kannſt eins auf meine Rechnung trinken,—— höre, Patty,— mag ſein, daß es ſpät wird, — bleib dann beſſer drüben, und bring' den Whisky mor⸗ gen früh,— möchten Anſtand nehmen, Dich herein zu laſſen,— iſt ochſenköpfiges Soldatenvolk,— nun geh'!“ Und man hörte, wie Patty, des Büttels Knecht, jetzt den Seitenpfad, der durch den Wald zur Windmühlen⸗ Farm hinüber führte, einſchlug. Als deſſen plumpe Schritte nicht mehr zu hören wa⸗ ren, verließ der Aldermann ſeinen Sitz und näherte ſich dem Büttel. „Ah, ſchon auf dem Platze,“ ſagte dieſer, als er Mr. Tomkins anſichtig wurde,—„das muß wahr ſein! Ihr laßt Euch die Sache angelegen ſein, wie Keiner.“ 169 „Iſt nur zum Beſten der Stadt, einen Schurken wie den Dick zu überweiſen,“ erwiederte der Alder⸗ mann.—„Würde uns noch manches Uebel auf den Hals bringen.“ „Die gute Stadt wird es Euch Dank wiſſen. Aber hört, Herr Aldermann, das Soldatenvolk verſteht den T—l davon,— möchte Euch ohne Ordre nicht hineinlaſſen,— was weiß ſolch' ein Unteroffizier von Bürgermeiſter und Aldermann zu ſagen,— hab' mir da etwas ausgedacht. Den Patty, meinen Knecht, habe ich mit herausgenommen, das hat die Schildwache geſehen, und Euch nehme ich mit hinein.“ „Das iſt eine gute Erfindung.“ „Hm! Ein Yankee und ein Jriſcher werden doch in Kompagnie ſo einen dummen Dutchman über'n Daum drehen können,“ ſagte Mac Intyre lachend,—„da zieht dieſen linnenen Kittel über Euren feinen Rock an und drückt die Krämpen des Hutes tief herab,— ſo,— und jetzt müßt Ihr Euch ſchon bequemen, und ein Bündel Holz auf Euren Rücken nehmen.“ Dürres Reiſig und Knüppelholz war bald zuſammen gefunden und mit einem Strick gebündelt; das eine Ende des Strickes nahm der Aldermann über ſeine Achſel, und mit vorgebeugtem Kopfe und Oberleib folgte er dem vor ihm herſchreitenden Büttel,— und ſo ſchritten ſie auch an 170 der Schildwache vorüber, durch das Hauptthor des Stadt⸗ hauſes. Als ſie das Gemach des Büttels betreten hatten, verriegelte Mac Intyre die Thüre, und jetzt legte der Aldermann Holzbündel und Linnenrock ab, ſtülpte die Krämpen ſeines Hutes wieder auf, und war in äußerer Erſcheinung und Haltung wieder Mr. Tomkins, der Aldermann. Der Büttel hatte die Fenſter dicht verhängt, ſo daß kein Lauſcher ſehen konnte, was im Zimmer vorgehe; dann machte er Licht und eine kleine Hornlaterne dem Aldermann überreichend, ſagte er mit leiſer Stimme:„Da drinnen ſitzt der Vogel auf eiſerner Stange,— Ihr braucht nur den Schlüſſel umzudrehen, der im Schloſſe ſteckt,— ich will mich unterdeſſen auf's Bett legen und ein wenig ſchlum⸗ mern,— weckt mich, wenn Ihr herauskommt,— ich bringe Euch auch wieder zum Hauſe hinaus, dafür ſeid nicht bange, — bleibt aber nicht gar zu lange.“ Der Aldermann, die Laterne in der Hand, wandte ſich der Thüre zu;— plötzlich ſchien ein Gedanke im etwas brandweinſchweren Gehirne des würdigen Friſchman zu erwachen,— er packte des Aldermanns Rockſchoß und ſagte: „Doch glaubt Ihr nicht, daß es beſſer ſei, mir die ſechs Dingerchen jetzt zu geben,— wir könnten ſie beim Fort⸗ gehen vergeſſen——“ „Ich fürchte nicht, daß Du ſie vergißt,“ erwie⸗ 171 derte Mr. Tomkins,—„Du erhälſt Deinen Lohn, be⸗ vor ich dieſes Zimmer verlaſſe.“ „Nun, wie Ihr glaubt,— man muß auf das Wort eines ehrlichen Mannes auch etwas bauen,“ ſagte Mac Intyre und ließ den Rockſchoß fahren. Der Aldermann, die Hornlaterne in der Hand, ſchritt der Thüre zu, welche zu dem anſtoßenden Gemache führte, — er drehte mit Vorſicht, ohne viel Geräuſch zu machen, den Schlüſſel um,— er hatte die Hand auf dem Drücker, — er hielt an,— er fühlte ein Beben ſeines Körpers,— es lag wie Zentnerſchwere auf ſeiner Bruſt,— er mußte tief aufziehen, um Athem zu bekommen,—— was war es, was ihn da eben jetzt befiel?— war es Furcht, den gefährlichen Mann zu treffen? mit ihm allein zu ſein im dunklen, durch ſpärliches Licht kaum halb erhellten Kerker? — hatte er ſich ja doch ſonſt nie geſcheut, mit demſelben Manne geheimes Zweigeſpräch zu führen,— hatte er ihn ja doch ſelbſt im„Teufelsloche“ aufgeſucht,— waren ſie nicht Verbündete, Freunde, Vertraute,— ſeit Jahren— in manchem Geſchäfte, das das Tageslicht zu ſchenen hatte? — warum alſo heute Furcht?— oder war es etwas An⸗ deres?— Ueberfiel es ihn eiſigkalt,— machte es jedes Glied ſeines Körpers beben, weil er wußte, warum er heute dieſen Mann aufſuchte?— Doch, wir wiſſen, daß Mr. Tomkins eine kräftige Natur war,— er überwand 172 dieſes Beben, er ſchüttelte den eiſigen Froſt von ſich,— raſch öffnete er die Thüre,— er trat ein,— und ſogleich ſchloß er die Thüre wieder. Mae Intyre befand ſich jetzt in tiefer nächtlicher Dunkelheit, aber er wußte Beſcheid in ſeinem Gemache, — er tappte dem einen Fenſter zu,— dort am Boden ſtand die in Binſen geflochtene Flaſche,— er brachte ſie an ſeine Lippen,— dazu bedurfte er keines Lichtes,— und in ausgiebigen Zügen ſchlürfte er den Göttertrank ein,— dann wankte er der andern Ecke zu,— dort ſtand ſein Bett, und auf dieſes ſank er nieder,— der letzte Zug aus der Korbflaſche hatte das Schwanken zwiſchen„Sein und Nichtſein“ zur Entſcheidung gebracht,— die tiefen ſchnar⸗ chenden, raſſelnden Athemzüge verkündeten den ſeligen Zu⸗ ſtand des Vergeſſens alles Irdiſchen.— Und der Aldermann ſtand in dem großen, weiten, kah⸗ len Raume, er ſtand in düſterer Dunkelheit; die matten Hornplatten ließen nur ärmliches Licht durchſchimmern; er öffnete die Laterne und bei dem nun helleren Lichtſtrahle ſah er die Eiſenſtange, fußhoch vom Erdboden entfernt, die ganze Länge des Zimmers durchſchneiden, und am obern Ende war das Holzgerüſte mit ärmlichem Strohlager, und auf dieſem regte ſich jetzt eine menſchliche Geſtalt. Der Aldermann näherte ſich dieſer. Der Räuber fuhr jäh empor, daß die Handſchellen klirrten und der 173 Eiſenring an der Stange klingend ertönte. Der Aldermann trat erſchreckt einen Schritt zurück, als fürchte er den Sprung des Tigers, wenn in ſeinem Lager aufgegangen; aber der Räuber hatte nur eine ſitzende Stellung eingenommen,— in dieſer erwartete er das Nähertreten ſeines Beſuches. Der Aldermann trat näher, er erhob die Hornlaterne über ſeinen Kopf, das volle Licht fiel auf die viehiſchen, teufliſch grinſenden Züge des Räubers. „Nun, Seekalb,— was bringt Dich hierher,“ grinſte die hohle heiſere Stimme. „Glaubſt Du, daß ich einen Freund in der Patſche werde ſtecken laſſen?“ erwiederte Mr. Tomkins mit den ſüßeſten Tönen, die er aus der Kehle zu bringen vermochte. „Steckſt wohl ſelbſt tief genug drinnen,“ murrte Dick. „Dummes Zeug, was Du da ſchwatzeſt,— ich muß wirklich über Dein Verzagtſein lachen,“ ſagte Mr. Tom⸗ kins, und wirklich verſuchte er zu lachen. „Machſt mir keinen Dunſt vor,“ ſagte Dick. „Ha ha ha!“ lachte der Aldermann. „Lache nicht, Schweinfiſch!“ rief der Räuber,—„oder ich zerklopfe Dir Deinen Schädel zu tauſend Stücken.“ „Will Dir die Sache erklären, und dann lachſt Du wohl ſelbſt mit,“ ſagte Mr. Tomkins,—„das Bürſchchen von der Leydener Univerſität hat die Sache ganz falſch an⸗ gepackt, der kann uns nicht an.“ 174 „Doch ich weiß, was Dir fehlt, um zu verſtehen, was ich meine,“ fuhr er fort,—„haben meinem alten Dick gewiß keinen guten Tropfen den ganzen Tag über zukom⸗ men laſſen.“ „V—t! Waſſer,— nichts, als Waſſer,“ knurrte der Räuber,—„der T— ſoll das knickerige Geſindel holen.“ „Dacht ich es doch,“ ſagte Mr. Tomkins,—„nun, dafür habe ich geſorgt.“ Er zog eine gewaltige Flaſche aus der tiefen Taſche ſeines Rockes hervor. Des alten Räubers Augen glimmten in widerlich freudiger Aufregung,— er ſtreckte die Hand nach der Flaſche aus,— aber ſchnell zog er ſie wieder zurück,— „Was haſt Du in der Flaſche?“ fragte er.— „Guten alten Cognac,“ ſagte Mr. Tomkins freund⸗ lich,—„ich weiß ja, daß Dick guten Cognac jedem an⸗ dern Getränk vorzieht.“ Der Aldermann mochte den Sinn jener Frage ge⸗ faßt haben.„Habe ſelbſt Verlangen nach einem guten Trunk,“ ſagte er ohne Zögern,—„Du erlaubſt mir wohl den erſten,—„und er ſetzte die Mündung der Flaſche an ſeinen Mund und machte ein paar tüchtige Züge,— wenigſtens ſchien es in der That die Gurgel hinabzukollern, — und als er abſetzte, ſchnalzte er mit der Zunge, und mit dem Rücken der Hand über den Mund fahrend, ſagte 175 er:„Iſt doch ein Pracht⸗Getränk,— ſo guter alter Cognac, — wärmt den Magen, erhebt das Herz und erfriſcht das Gehirn,— hier, Alter, trink'einmal; aber ſei nicht zu wild,⸗ — einen oder zwei Trunke möchte ich wohl auch noch nehmen.“ Mit beiden Händen ergriff der Räuber die Flaſche, — er ſetzte die Mündung an ſeine wulſtigen Lippen,— wie kollerte es da die Gurgel hinab!— war es doch, als ſei der Hals der Flaſche an ſeinen Mund gewachſen,— als ſei an keine Wiedertrennung zu denken,—— und was war dies für ein Blick,— des Aldermannes Blick, der ſteif auf die Flaſche geheftet war,— was war das für ein Zittern, das die Hand befiel, die die Hornlaterne hielt, — warum bebten die Kniee ſo arg, daß er ſich nicht mehr aufrecht erhalten konnte,— er ſank auf das Strohbett nieder, auf dem der Räuber hockte,— und mit bebender Hand fuhr er nach der Flaſche, und riß ſie dem Unerſätt⸗ lichen von den Lippen,—„Nicht ſo viel auf ein Mal,“ ſagte er mit heiſerer, hohler Stimme,—„will auch mal trinken.“— „Nun, ſo ſauf' auch mal, Meerſchwein!“ ſagte der Räuber roh auflachend; aber der Aldermann trank nicht, ſondern ſagte:„Ich will Dir die Flaſche hier laſſen,— Du haſt dann die Nacht hindurch etwas, um Dein Herz zu ſtärken,— morgen komme ich dann wieder,— aber wenn „ 176 Du über Hals und Kopf die Flaſche leerſt, dann ſitzeſt Du gleich wieder auf trockenem Sande.“ „Haſt recht, biſt nicht ſo dumm, als man glauben ſollte,“ ſagte Dick ſchon etwas heiterer,— der Cognac war von guter Wirkung,—„doch nun heraus damit,— was ſagteſt Du, ich hätte nichts zu fürchten?“—— „Verlaß Dich auf mich,“ erwiederte Mr. Tomkins, —„der von Leyden hat gar kein Wort zu ſprechen,— der Bürgermeiſter iſt der Mann,— und Du weißt, wie ich mit dieſem ſtehe.“—— „Aber der Burſche, den wir damals mitgenommen, — hätte ich Dir doch gefolgt, und ihn bei guter Gelegen⸗ heit den Fiſchen vorgeworfen.“—— „Wäre freilich beſſer geweſen,— doch nun, was nicht zu ändern, iſt nicht zu ändern,— aber Du kommſt doch durch,— halte nur Deine Zunge im Zaume.“ „Das ſage ich Dir, Aldermann,— bringſt Du mich nicht durch,— bringe ich Dich mit hinein.“ „Wie meinſt Du das?“ fragte der Aldermann. „Werde ich gehangen,— ſo Du mit,“ ſagte Dick mit Beſtimmtheit,—„mag nicht allein an den Galgen, biſt um kein Haar beſſer, als der alte Dick,— kommt noch die ſchöne Geſchichte von dem Brande dazu,— warſt auch wieder der Anſtifter.“—— „Schwatz' Du und ein altes Weib,“ verſuchte der — 177 Aldermann zu lachen,—„geh' Dick, trink' mal,— er⸗ ſäufe die Grillen.“— Er reichte die Flaſche dem Freunde,— dieſer ließ ſich nicht zweimal bitten,— mit Lächeln ſah der Alder⸗ mann zu, wie die Flaſche ſich wieder feſt an die Lippen preßte, und wie es die Gurgel hinabkollerte,— und jetzt konnte er lächelnd der Unerſättlichkeit zuſehen, jetzt bebte nicht die Hand mit der Laterne, jetzt wankten nicht die Kniee,—„Werde ich gehangen,— ſo Du mit,“ hatte der Räuber geſagt, und mit Befriedigung ſah es der Alder⸗ mann, wie ſich der Freund den Cognac ſchmecken ließ,— dieſer ſetzte jedoch ſchnell ab, und fuhr mit den beiden, durch die Handſchellen verbundenen Händen, doch noch im⸗ mer die Flaſche haltend, nach der Magengegend,—„Uh! uh!“ jammerte er,— der Aldermann wollte ſchnell ſeinen Sitz auf dem Strohbette, an der Seite ſeines Freundes, verlaſſen,— aber da packten zwei eiſerne Fäuſte ſeinen Hals,— die kurze Kette, welche die beiden Handſchellen vereinigte, lag ihm quer über die Kehle,—„War es Cognac?“ brüllte der Räuber,— ein hartgeführter Fauſt⸗ ſchlag traf ſein Geſicht,—„Uh! uh!“ ſtöhnte er wieder,— ein zweiter Fauſtſchlag traf ſeine Stirn,— aber er achtete nicht der bohrenden, nagenden Schmerzen in ſeinen Ge⸗ därmen, nicht der dröhnenden Schläge, die ſeinen Schädel trafen,—„Giftmiſcher!“ brüllte er und ſtrammer wurde 1858. VII. Van Hoboken. IV. 2 178 die Kette, die quer über die Gurgel lag,—„Uh!“ ſtöhnte der wüthende Schmerz zum letzten Male, und es war ſtill, — fürchterlich ſtill in dem großen, weiten, kahlen Raume, — die umgeſtürzte Hornlaterne war verloſchen.——— Und im anſtoßenden Gemache waren die tiefen ſchnar⸗ chenden Athemzüge zu vernehmen, welche den ſüßen Zu⸗ ſtand des Vergeſſens von allem Irdiſchen verkünden. Als am andern Morgen der Schläfer erwachte, da ſetzte er ſich auf und rieb ſich mit den Knöcheln der beiden Mittelfinger die Augen klar und blickte um ſich herum. Er bemerkte, daß er mit ſeinen Kleidern ſchlafen gegangen war, — hierüber lächelte er, denn es war nicht das erſte Mal, daß ihm ſolches geſchehen,— er fühlte etwas Schwere im Kopfe,— wohl auch nicht das erſte Mal in ſeinem Leben, daher er ſich auch zu helfen wußte. Er ergriff das große mit Waſſer gefüllte Becken und ſteckte den ſchweren Kopf hinein,— dieſes der einzige Gebrauch, den er mit Waſſer zu machen gewohnt war; und er zog den Kopf wieder zu⸗ rück und ſchnaubte und puſtete und ließ das Waſſer ab⸗ triefen— dann ging er dem Fenſter zu und nahm die in Bin⸗ ſen geflochtene Flaſche und that einen guten Trunk,— und nun erwachte auch die Erinnerung an Geſtern in ſeiner Seele,—„Hm!— wie war das?“ fragte er ſich ſelbſt, —„Sechs Guilders?“ er griff in alle Taſchen,—„da ſind zwei,“ kalkulirte er,—„ſollen acht ſein,— wo ſind —— 179 die ſechs?— ja,— ging er denn auch wirklich fort?— hm! wollen ſehen.“—— Die Thüre zum anſtoßenden Gemache war offen,— er trat ein,— heller, ſonniger Morgen blickte durch die eiſenvergitterten Fenſter in den großen, weiten, kahlen Raum herein,— der Büttel bebte zurück,— er ſtand, er zauderte,— doch endlich trat er einen Schritt näher,— brrr! es fuhr ihm ſchauerlich durch den Körper, da lag der Räuber mit ſchrecklich verzerrtem Geſichte und mit bis zum Kinne aufgezogenen Knieen auf dem Strohbette,— aber ſeine Arme waren vom Körper abgeſtreckt, über das Bett herabhängend, und die kurze Kette der Handſchellen lag ſtramm an der Kehle des Aldermannes, deſſen Kopf über die Kette niedergedrückt, die Füße quer über den Leib des Räubers.—— Zu fürchterlich war der Anblick,— er kehrte um, er eilte in ſein Zimmer zurück,— ſchon war er der Thüre nahe, welche in den Hof hinausführte,— da fuhr ein Ge⸗ danke durch ſeinen Kopf,—„Meine ſechs Guilders,“ ſagte er halblaut,— und er trat zur Fenſterecke hin, ergriff die getreue Freundin, in Binſen geflochten, er ſetzte ſie an und leerte ſie bis auf den letzten Tropfen; aber nun war er auch ein ganz Anderer,— mit ruhigem feſtem Schritt betrat er das anſtoßende Zimmer,— ohne das leiſeſte Beben durchſuchte er die Taſchen des Mannes, der ihm die ſechs Guilders 12* 180 ſchuldete,— und er fand die ſechs Goldſtücke,— er fand mehr als dieſe, eine ganze Rolle dieſer Guilders, die er geſucht; aber er war darüber nicht engbrüſtig,— er nahm was er fand,— und als er alle Taſchen durchgeſucht hatte, und nichts mehr zu finden war, da verließ er das Zimmer, — das Haus,— und man hat in Neu⸗Anmſterdam nie wieder von ihm gehört. Ueuntes Capitel. „Gut ſcheint jetzt alles; mag es alſo ſchließen: „Auf Bittres freu'n wir uns ſo mehr des Süßen.“ W. Shakſpeare.(Ende gut, alles gut.) Der ehrgeizige Anwalt hatte ſich größten Theiles vergeblich bemüht. Er ſah ſich in ſeinen profeſſionellen Plä⸗ nen, ſich ſogleich in den Provinzen einen großen Namen zu machen, beklagenswürdig getäuſcht. Er ärgerte ſich braun und blau, als man die Veichname der beiden Culpaten fand, und es ſich herausſtellte, daß der Büttel auf und davon 181 war. Was hätte das für ein herrlicher Criminalfall werden können. Es iſt wahr, ſo weit war die Sache in's Reine gebracht worden, daß der junge Abenteurer,— denn dieſes war er ja doch bis zum gegenwärtigen Tage die Zeit ſeines ganzen Lebens hindurch geweſen,— als Francis Hloffe, Sohn des alten Klaus Winant van Hoboken anerkannt und in ſeine Rechte eingeſetzt wurde,— und ſo weit war die Unterſuchung geführt, daß kein Zweifel über die Schuld des Schmuggler⸗ und Seeräuberkapitäns Dick Seabroom als Kindesräuber und über die Mitſchuld des Aldermanns Eleaſar Tomkins obwaltete; aber wie intereſſant hätte die weitere Unterſuchung werden können: Verhöre,— Zeugenverhöre,— Kreuz⸗ und Quer⸗Examen, — Widerſprüche und Verwicklungen,— Ueberweiſung und endliche Aburtheilung,— in der That, der arme Mynheer van Döſendonk war um den ſchönſten Theil ſeines Gerichtsverfahrens gebracht;— denn wofür hatte er ſich weiter bemüht, um die Zeugen aufzubringen, welche in jener Nacht des Brandes eine Pinnaſſe, mit einem Dutzend wild genug ausſehender Kerls bemannt, hatten in der Nähe der Windmühlen⸗Farm anlegen ſehen, und welche es be⸗ ſchwören konnten, unter denen, die an's Land ſtiegen, deut⸗ lich den alten Dick erkannt zu haben und die es eben auch beſchwören konnten, einen Mann aus der Stadt dem Ma⸗ troſenhaufen entgegenkommend geſehen zu haben,— dieſer 182 Mann war ſicher kein anderer als eben wieder der Alder⸗ mann Eleaſar Tomkins,— was hätte dieſes für einen neuen Prozeß gegeben, abermals Verhöre,— Zeugenver⸗ höre,— Kreuz⸗ und Quer⸗Examen, um die beiden Kindes⸗ räuber auch des Verbrechens der Brandlegung überweiſen zu können,— und dann abermalige Aburtheilung,— um Alles dieſes war der eifrige Rechtsanwalt gebracht, und wodurch?— durch einen Mord,— dies ward eben von ihm bedauert; durch einen Mord,— es war ihm klar, daß man es im vorliegenden Falle mit einem doppelten Mord zu thun hatte,— einige Rechtsgelehrte nennen es vielleicht Todtſchlag; aber daß Keiner von Beiden mehr am Leben ſei, war eine unbeſtreitbare Wahrheit, ob nun durch Mord oder durch Todtſchlag,— und dieſes war es eben, was er am meiſten bedauerte,— wäre doch nur wenigſtens Einer am Leben geblieben, dann hätte es eine neue Unterſuchung ꝛc. ꝛc. gegeben, ob nun wegen Vergiftung, oder wegen Strangulation, dieſes wäre ihm gleich geweſen; aber auch um dieſes war er gekommen, durch die ausgezeichnete Schlauheit des Einen, der die Vergiftung und durch die viehiſche Roheit des Andern, der die Strangulation aus⸗ geübt hatte,— ja, in der That, der eifrige Anwalt war wüthend ärgerlich, auf ſolche Weiſe um alle ſeine Unter⸗ ſuchungen gekommen zu ſein. Von allen übrigen in dieſer Angelegenheit betheiligten 183 Perſonen gab es vielleicht nur Einen, welcher eben auch unzufrieden mit dem raſchen Abriß dieſer Unterſuchung war, und dieſes war Sir Francis Lovelace. Er war der feſten Ueberzeugung, daß die beiden Verbrecher bei ſeiner gewaltſamen Entführung von Neu⸗York zum Theil die Hand mit im Spiel hatten. Er wußte nicht zu ſagen, in wie weit und in welcher Beziehung; aber doch konnte er von dieſem Gedanken nicht laſſen. Er wußte, daß Ver⸗ rath Fort, Stadt und ſomit auch die Provinz Neu⸗York in die Hände der Holländer geſpielt hatte,— von einem holländiſchen Unterſuchungsgerichte konnte er daher nicht erwarten, daß ſeine mit dieſem Verrathe in Verbindung ſtehende Entfernung, zur Sprache käme; aber er wußte aus Erfahrung wie bei derlei ſtrengrichterlichen Verhören oft Dinge an das Tageslicht gebracht werden, auf die An⸗ fangs Niemand, ſelbſt nicht der Unterſuchungsrichter einen entfernteſten Gedanken hat, und ſo hatte er gehofft, daß im Verlaufe der Unterſuchung Manches zur Sprache kommen könne, was ihm Licht in dieſer dunklen Affaire geben möge,— dieſe Hoffnung mußte er nun aufgeben, und er hielt es nun für das Gerathendſte, ſich ſelbſt ſo⸗ bald als nur möglich nach England zu begeben, um daſelbſt in eigener Perſon aufzutreten, und eine Erklärung über die Uebergabe der engliſchen Provinz an die Holländer abzu⸗ geben. Es iſt zwar nicht zu bezweifeln, daß dieſes Auf⸗ 184 treten in England dem ſtolzen, ehrgeizigen Mann ein bit⸗ teres war,— er mußte erklären, eine ganze Provinz, deren Statthalter er geweſen, der Krone verloren zu haben, — er hatte keine andere Entſchuldigung dafür, als ſeine Abweſenheit anzugeben,— und was war dieſes für eine Abweſenheit,— die Erzählung mußte fabelhaft wie eine ſchlechte Erfindung klingen,— Beweiſe für deren Wahrheit hatte er keine, nur ſein einfaches Wort als Kavalier—— wird dieſes Gewicht genug haben?— Sicher iſt es, daß ſeine Rückreiſe nach England keine beneidenswerthe ſein konnte,— und doch mußte er zurück,— dieſes fühlte er als Mann von Ehre,— und ſo wendete er ſich an den Admiral Cornelius Evertſen mit dem Anſuchen, ihm, ſeiner Tochter und ſeinem Dienſtperſonale Plätze auf einem Schiffe der holländiſchen Escadre anzuweiſen. Der Admi⸗ ral, ein ſchlichter, gutmüthiger Degen, war mit Vergnügen bereit, dem Exgouverneur dieſe Gefälligkeit zu erweiſen. „Ich bringe Euch und Euere Familie nach dem nächſten franzöſiſchen Hafen, den wir erreichen können,“ ſagte er, —„und ich will es nicht wünſchen, daß wir, ſo lange Ihr am Bord eines holländiſchen Schiffes ſeid, mit den Eng⸗ ländern zuſammentreffen,— es wäre denn doch eine un⸗ angenehme Sache für Euch,“ ſetzte er gutmüthig hinzu.— „Uebrigens beeilt Euch mit Eueren Rüſtungen zur Reiſe, Sir, denn ich habe hier ohnedies bereits ein wenig zu lange 185 vor Anker gelegen. Freund de Ruyter erwartet mich ſchon mit Verlangen, ich weiß es.“ Sir Lovelace zauderte auch wirklich nicht,— es lag ihm ſelbſt daran, bald von hier fortzukommen. Er war mit ſeinen Zurüſtungen bald fertig und erwartete vielleicht um nichts weniger mit Verlangen als der Admi⸗ ral eine günſtige Wendung des Windes, um den Hafen und die Bay von Neu⸗Amſterdam zu verlaſſen und in die hohe See hinauszugehen. Es gab aber noch Einen, welcher ſich fertig machen mußte, um mit der holländiſchen Escadre in See zu ſtechen. Dieſes war der junge Marine⸗Lieutenant Francis van Hoboken, und dieſer hatte noch vorher manches zu ſchlichten und zu ordnen; denn er war nicht allein der junge Lieute⸗ nant, ſondern auch der Patron von Bergenhill,— er war das Haupt der Familie, und hatte als dieſes manche Pflichten zu erfüllen. Die Geldangelegenheiten waren geordnet. Man hatte in dem großen Hauſe in der Biberſtraße, mit der Firma „van Hoboken und Kompagnie,“ in dem Geſchäftslokale von Amtswegen Nachſuche gepflogen und mit Verwunderung die doppelte Buchführung,— nicht zu verwechſeln mit doppelter Buchhaltung,— gefunden, woraus es ſich ergab, daß der Theilnehmer des Geſchäfts: Van Hoboken um nichts ſchlechter ſtehe als der Theilnehmer Eleaſar Tom⸗ 186 kins, und es hatte ſich herausgeſtellt, daß das Patronat Bergenhill nicht nur der Firma nichts ſchulde, ſondern ſogar noch herauszubekommen habe,— dieſes war natür⸗ lich das Reſultat der Nachrechnung in jenen Büchern, auf welche Mr. Tomkins eigenhändig ein„pro me“ gemalt hatte; aber man hielt ſich eben an dieſe Aufſchreibung und Francis,— obwohl ihm von manchen Seiten der Rath gegeben wurde, keinen Unſinn zu begehen,— war doch zu wenig Kaufmann und beging den Unſinn und ſchickte die Summe Geldes, die immerhin beträchtlich war, und welche auf den Theilnehmer Mr. Tomkins fiel, deſſen Ver⸗ wandten in Plymouth zu,— mit dem übrigen Gelde kaufte er den ganzen Strich Waldland am Hudſon, welcher unter⸗ halb Bergenhill lag, und den wir im Verlaufe unſerer Er⸗ zählung oft genug durchwandert haben, und ließ dieſe Be⸗ ſitzung unter dem Namen„Hoboken“ einregiſtriren,— das Haus in der Biberſtraße behielt er, aber das Geſchäft, welches ſo lange unter dem Namen„van Hoboken und Kompagnie“ florirt hatte, übergab er ſeinem kleinen Freunde und Kampfgenoſſen van Yorx, um es— abzuwickeln, — ich glaube, dies iſt der richtige Ausdruck;— und ſo kam es, daß wir heut zu Tage in Neu⸗York keine Firma „van Hoboken“ aber wohl das anmuthige„Hoboken“ jenſeits des Hudſon kennen,— nun iſt es aber nicht mehr wildes Waldland, ſondern ein reich bebautes,— ſeit 187 lange der gewöhnliche Sonntag-Vergnügungsort der Neu⸗Yorker, welche dem ſtrengen Sonntagsgeſetze zu Hauſe entgehen wollen, um in mehr liberalen Staate Jerſey ein unſchuldiges Vergnügen nach den Mühen und Arbeiten einer langen Woche zu genießen; dadurch wurden aber der Anſiedlungen, der Wohnhäuſer, der öffentlichen Beluſti⸗ gungsorte immer mehr, und wie das raſche Aufblühen in Amerika eine gewöhnliche Sache iſt, ſo zählt Hoboken, durch Häuſer und Inwohnerzahl berechtigt, ſeit etwa einem Jahr zu den Städten,— und es iſt nicht zu läugnen, die Stadt Hoboken mit ſeinen reizenden Umgebungen, ſeinen Anlagen, wo wir nur die eliſäiſchen Felder nennen wollen, mit ſeinen eleganten Gebäuden und feinen Bewohnern, iſt ein ſehr lieblicher Platz, wo man gern wohnen mag. Bei der„Abwicklung“ dieſer Geſchäfte hatte Francis an ſeinem Freunde Jackeinen ſehr nützlichen Beiſtand,— aber ein Geſchäft„wickelte“ er allein ab, dazu benöthigte er keines Beiſtandes. Er war mit allen eben bemerkten Angelegenheiten im Reinen,— und fuhr eines Morgens mit einem vierrude⸗ rigen Boote den Hudſon hinab, durchſtach den Zuſammen⸗ ſtoß des Stromes mit der Bay und fuhr in den Kanal ein, welcher zwiſchen der Manhattaninſel und dem Brook⸗ land hinſtrömt. Das Boot ließ ſich von den ſchnell ſtrö⸗ menden Gewäſſern ein gutes Stück Weges hinabtreiben, 188 dann bog es rechts dem Brookland zu, dort wo der Kanal einen großen Einbug mag, und welche Gegend uns als das„Wallabout“ bekannt iſt. Dort legte das Boot an, und Francis ſprang an's Land. Er ging einen ſchmalen Pfad, der hügelan führte, hinauf— auf der Höhe an⸗ gekommen, trat er aus dem ſchönen Eichenwalde hinaus in's Freie,— und nicht hundert Schritte entfernt, lag ein kleines, gar kleines, ärmlich ausſehendes Häuschen,— und vor dem Häuschen war ein Kohlgarten und hinter dem⸗ ſelben ein Kartoffelfeld, an dieſes anſtoßend zeigten ſich die Spuren des Verſuches eines Anbaues von Korn,— und in dem Kohlgarten trieben ſich wohl ſechs oder ſieben kleine ſpielende Kinder herum, am Eingange zum kleinen, gar kleinen Häuschen ſaß eine munter und gut ausſehende Frau mit den deutlichen Spuren von einſtiger Schönheit in dem freundlichen Geſichte, emſig mit den Stricknadeln beſchäftigt,— im entfernter gelegenen Verſuch eines Korn⸗ anbaues war eine hohe, kräftige, wohlgebildete männliche Geſtalt zu bemerken, eifrig grabend und die Erde ſtellen⸗ weiſe umrüttelnd,— wir wiſſen, daß der Boden von Brookland eben nicht der beſte iſt und Nachhülfe braucht,— dieſes mochte der junge Mann mit ſeinem Verſuche eines Kornanbaues wohl auch erfahren haben, und daher durch Fleiß und Mühen dort nachhelfen, wo die Natur verweigernd war,— der Yankee würde weiter ziehen und ein Land 189 aufſuchen, wo die Natur keiner Nachhülfe bedarf; aber der Teutſche, der Holländer, der Wallone geht nicht ſo leicht fort, er bleibt gern, wo er einmal„geſattelt“ hat, und arbeitet lieber ein wenig mehr,— der junge Mann dort drüben im Felde war ein Wallone,— Francis kannte ihn—„George! guten Morgen!“ rief er mit lauter Stimme und in franzöſiſcher Sprache hinüber. George blickte ſchnell um, und kam mit raſchen Sprüngen auf den Bruder ſeiner kleinen Jeſſie zu. Sie ſchüttelten ſich herzlich und wacker die Hände,— da kamen aber auch bereits die ſechs oder ſieben Kleinen aus dem Kohlgarten herbeigejagt,— ſie kannten Francis ganz wohl, er war ſchon einige Male hier geweſen, und auch die Frau, die an der Thüre des Häuschens geſeſſen, war aufgeſtanden und dem Beſuche entgegen gegangen. Fran⸗ cis drückte mit warmer Herzlichkeit der braven Wittwe die Hand. Er erkundigte ſich nach dieſem und jenem, und erzählte endlich George, daß er den ganzen großen Wald ſammt dem Sumpflande unterhalb Bergenhill gekauft habe und ſprach gegen den jungen Farmer ſeine Ideen aus, wie er nach und nach ſeine große Beſitzung mehr nutzbar machen wolle durch Ausrodung, Urbarmachen und Pflan⸗ zungen. In Manchem ſtimmte George l'Escuyer mit ſeinen Anſichten überein, in Manchem war dieſer einer an⸗ dern Meinung. Nach einigem Hin⸗ und Wiederreden lud 190 Francis den jungen praktiſchen Landmann ein, mit ihm nach Bergenhill zu kommen, wo ſie ſich die Sache näher betrachten und beſprechen wollten, um einen beſtimmten Plan zu faſſen. George, ſo gern er ſelbſt nach Bergen⸗ hill ging, meinte jedoch, eben heute nicht gut von ſeiner Arbeit ſich entfernen zu können.—„Ei, was da,“ unter⸗ brach ihn Francis—„was Du hente verſäumſt, kannſt Du morgen wieder nachholen; mit mir iſt es anders. Ich weiß es nicht zu ſagen, ob nicht vielleicht in wenigen Stun⸗ den abgeſegelt wird,— und da möchte ich vorher Alles geordnet haben.“ George ſah ſeine Mutter an; aber dieſe ſagte: „Mynheer van Hoboken hat Recht,— geh' immerhin mit ihm hinauf nach Bergenhill.“ Und ſo gingen die beiden jungen Männer zum Boote hinab und fuhren den Kanal und den Hudſon hinauf und kamen in Bergenhill an. Es war eben Mittagszeit ge⸗ worden und in jener guten alten Zeit hielt man ſich mit dem Mittagseſſen auch an die eigentliche Stunde. Tante Gertrude und Jeſſie, mit drei oder vier rothbackigen, kugeligen, holländiſchen Dirnen, hatten den ganzen Vor⸗ mittag über gekocht, gebacken und gebraten.— Francis, der junge Patron von Bergenhill und Hoboken hatte ihnen dafür einen Wink gegeben,— und in der großen ſteinge⸗ pflaſterten Halle war die lange Tafel gedeckt, denn es gab 191 heute mehrere Gäſte im Herrnhauſe, und der Patron ſaß oben an, neben ihm an einer Seite die Tante, an der an⸗ dern Namakewa, die ſich zwar nicht vollkommen zu Hauſe fühlte; aber Namum⸗niektee,„der Sohn ihres Her⸗ zens“ hatte ſie gebeten, ſich heute an ſeine Seite zu ſetzen, und dieſem etwas zu verweigern, wäre ihr unmöglich ge⸗ weſen,— und weiter reihten ſich an Jeſſie,— George, — Jack,— der gute alte Doctor Schneppermann,— aber auch der wackere Kampfgenoſſe van Yorx war da, — daß Seth nicht fehlte, verſteht ſich von ſelbſt.— Wir wiſſen nicht mit Beſtimmtheit anzugeben, was alles für gute Sachen da aufgetragen wurden, und wollen es der Phantaſie unſerer Leſer überlaſſen, ſich ein gutes, reichliches, holländiſches Mahl nach gutem alten Style zu denken,— wobei auch natürlich Bier, Wein und echter Holländer⸗Gin nicht fehlten,— und als das Mahl zu Ende war,— bat der Patron ſeine Gäſte, ihre Gläſer zu füllen, und er ſelbſt erhob ſich von ſeinem Sitze, und ſein Glas erhebend ſagte er:„Wir wollen dieſes auf die Ge⸗ ſundheit und das Wohlergehen des jungen Brautpaars leeren!— Stoß an, Schweſter Jeſſie!— Stoß an, Bru⸗ der George!“ Der kleine van Yorx erhob ein lautes„Hurrah!“ in welches die Andern mit einſtimmten, und es drängten ſich jetzt die rothwangigen kugeligen Mädchen, mit dem 192 ſchwarzen Scipio an der Spitze, zur Thüre herein, und riefen auch ihr„Hurrah!“ und Jedes erhielt ein gefülltes Glas,— und es wurde angeſtoßen, und getrunken und gutes Glück gewünſcht,— Zeſſie's Wangen brannten wie Feuer und Georges Augen glimmten wie ein paar glühende Kohlen, die Tante drückte ihren Verdruß hinab und gab ſich alle Mühe fröhlich zu ſein und Seth erhaſchte den glücklichen Moment, wo Alle in heiterer Aufregung waren und zündete ſich ſeine Pfeife an, die er ſchon längſt geſtopft in ſeiner Hand hielt. Es gab da einen Moment, während des fröhlichen Tumultes, in welchem Francis nachdenklich ſinnend er⸗ ſchien,— es flog wie eine trübe Wolke über ſeine ſonſt ſo offene, freie Stirn hin,— und ſein Auge blickte ernſt,— aber dieſer Moment war ſchnell vorüber und er ſagte in heiterem Tone:„Mir thut es leid, daß ich nicht bei Euerer Hochzeit ſein kann, aber wir wollen ſeiner Zeit dieſe feſtlich nachfeiern,— doch muß ich Euch bitten, ſie nicht zu lange hinauszuſchieben; George weiß, was noch Alles in dieſem Jahre zur Verbeſſerung unſers Beſitzthums gethan werden muß, und da iſt es gut, wenn er bald in das Herrenhaus einziehen kann, um überall wo es Noth thut, raſch bei der Hand zu ſein. Seine Mutter mit dem fröhlichen Anhange findet wohl in dem weitläufigen Herrenhauſe Raum genug, und das Häuschen mit dem guten Kohlgarten und — — 193 dem ſchlechten Kornfelde findet wohl einen andern Be⸗ wohner.“ „Du ſprichſt von Verbeſſerung der Beſitzung,“ ſagte George,—„und wir haben doch noch keine Verabredung getrbffen.—— „Wird ſich auch kaum mehr die Zeit dazu finden,“ fiel ihm Francis lächelnd in's Wort,—„aber ich glaube, es dürfte gerathener ſein, wenn Du da ganz Deinen eige⸗ nen Weg gehſt, als wenn Du Dich durch die jedenfalls ſchlechten Rathſchläge Deines Bruder Lieutenants irre ma⸗ chen ließeſt. Ich habe wohl den Ocean durchpflügen gelernt, aber vom Geſchäft eines Farmers verſtehe ich weniger als Nichts.“ „Und nun zum Abſchiede noch ein Glas,“ ſagte er —„in einer Stunde gehe ich zu Schiffe,— dieſe Nacht noch ſegeln wir ab.“ Obwohl Jeder es voraus gewußt hatte, daß die Stunde des Abſchiedes kommen werde, ſo überraſchte dieſe Nach⸗ richt doch Alle,— die eben noch herrſchende Fröhlichkeit wich einem trüben Stillſchweigen,— dieſes unterbrach zu⸗ erſt Jackthe Idler:„Laßt uns dieſen Abſchied nicht zu ſchwer nehmen,“ ſagte er,—„wir ſehen uns ja hoffentlich munter und froh wieder. Francis geht den Weg, den er gern geht,— George und Zeſſie bleiben, wo ſie gern bleiben und mit ihnen die Freunde hier,— ich aber 1858. VII. Van Hoboken. IV. 13 n 194 gehe zu meinem Weibe und meinem Jungen heim, wohin mich die gute Namakewa begleiten wird, um mit mir unter meinem Volke zu wohnen. Wir Beiden können von unſern rothen Freunden doch nicht ſo leicht laſſen,— und ſollte einmal die Zeit kommen, daß Francis der Wellen und des Windes ſatt wird, und er ſich zu dem Leben einer Landratte entſchließt,— nun, dann ſind wir auch nicht aus der Welt,— und wer weiß es zu ſagen, wie es ſich dann fügt.“ Namakewa hatte in düſterem Hinbrüten geſeſſen, — aber gleichſam, als ſei ſie endlich zu dem Reſultate ihres Nachdenkens gekommen, erhob ſie plötzlich ihre Stimme und mit ernſtem, vorwurfsvollem Tone ſagte ſie:„Na⸗ mum⸗niektee, mein Sohn, Du handelſt nicht Recht an Deinen Freunden, die Dich aufgenommen haben als ihren Sohn, die Dir das Wampum des Häuptlings gereicht und den oberſten Sitz am Berathungsfener eingeräumt haben. Wer wird ſie, die auf Dich vertrauen, auf den Kriegspfad führen,— wer wird an ihrer Spitze den Jagdgrund be⸗ treten?— ſie werden trauern um Dich, und Du wirſt ih⸗ rer vergeſſen, da Du der Häuptling einer andern Nation geworden biſt!“ „Namakewa, meine Mutter!“ erwiederte Na⸗ mum⸗ni⸗ktee, eben ſo ernſt und gemeſſen,—„ich er⸗ ſuche Dich, zu meinen Freunden, den Mohawks, zu gehen 195 und ihnen zu ſagen, daß ich ſie nicht vergeſſen, daß ich ſtolz darauf bin, noch immer ein Häuptling der erſten der fünf großen Nationen zu ſein, daß ich ſtets, wenn ich den Kriegs⸗ pfad betrete, mich mit der Feder des weißen Reihers ſchmücken werde, und daß ſie nie Urſache haben ſollen, ſich der Thaten eines ihrer Hänptlinge zu ſchämen, und wenn er auch mit einer andern Nation verbunden den Kriegs⸗ pfad betreten wird.— Und Du, meine Mutter,“ ſetzte er mit weicher Stimme hinzu,„erhalte mir Deine Liebe, bis ich wieder heimkehre, und mich Deinem Wigwam nähere und rufe: Namakewa, Dein Sohn Namum⸗ni⸗ktee iſt wieder da!“ Er ſchloß ſie mit Innigkeit in ſeine Arme, und ſchämte ſich nicht der Thräne, die in ſeinem Auge glänzte,— er kannte das treue Herz, das unter dem Mantel, aus weißen Reiherfedern gewoben, ſchlug. Der Augenblick kam, wo Francis aus der Mitte ſeiner Freunde ſchied. Er bemühte ſich, dieſen Augenblick ſo kurz als möglich zu machen. Niemand ſollte ihn be⸗ gleiten,— und er verließ das Herrenhaus, ſchritt den Fels⸗ pfad hinab und ging über das Moorland und durch den Wald. Hier am Ufer lag ſein vierruderiges Boot und raſch flog dieſes den Strom hinab, und in kurzer Zeit hatte er das ſtattliche Schiff erreicht, auf dem er ſeine Beſtim⸗ mung hatte. 13* 196 Der Reſt des Tages und die folgende Nacht ver⸗ floſſen ſchnell genug unter den Geſchäften, die jeder Ein⸗ zelne vor dem Auslaufen einer Flotille in Menge hat,— aber als der Morgen anbrach wurde eine Kanone auf dem Admiralſchiffe gelsſt,— ein lautes Hurrah! der ganzen Escadre beantwortete dieſes Signal,— auf dem Fort Neu⸗Amſterdam flatterte die Flagge Oraniens,— Tau⸗ ſende von Menſchen waren im Hafen, auf den Piers, an den Fenſtern der obern Stockwerke,— Fahnen, Tücher, Hüte wurden geſchwungen,— und wie ein ſtolzer Schwan durchſchnitt das Admiralſchiff die grünen Gewäſſer der ſchönen Bay von Neu⸗Amſterdam, und dieſem folgte das im Range zweite,— und ein Schiff folgte dem andern,— und als die junge Sonne heraufkam, fand ſie bereits die Bay ſo leer und ruhig, als ob nie geſtört in ihrer Ruhe, und die Stadt ſo friedlich und gemüthlich, daß das Fort mit ſeinem Thurme, Befeſtigungswerken, drohenden Mün⸗ dungen des Geſchützes kaum dazu zu paſſen ſchien,— aber auf dem Thurme des Forts wehte die Flagge Oraniens, und dieſes zeigte an, daß Neu⸗York wieder Neu⸗Amſter⸗ dam geworden war. 197 Behntes Capitel. „Möchte wieder in die Gegend, „Wo ich einſt ſo ſelig war, „Wo ich lebte, wo ich träumte „Meiner Jugend ſchönſtes Jahr. Uikolaus Fenau. Auszüge aus Miß Arabella Lovelace's Tagebuch an ihre Freundin Mademvoiſelle Helene de Vergne. Erſter Auszug. London. Ich habe Deinen letzten Brief zwei⸗ dreimal aufmerk⸗ ſam durchgeleſen und mit voller Seele darüber nachgedacht; — aber ich konnte zu keiner andern Ueberzeugung kommen als daß Du im Irrthume biſt. Ich danke Dir für Deine freundſchaftliche Theilnahme,— ich erkenne deren vollen Werth,— aber es thut mir ſchmerzlich weh, zu ſehen, daß Du Francis falſch beurtheileſt. Du warneſt mich, keinen unüberlegten Schritt zu thun, und meine Liebe, mein gan⸗ zes Sein einem Manne zu opfern, der einer ſolchen 198 völligen Hingebung nicht würdig ſcheint.— Du willſt aus ſeinen bisherigen Handlungen bemerkt haben, daß er meine innige Liebe ſeiner Neigung zu Abenteuern, zu ritterlichen Irrfahrten,— dieſes iſt ja der Ausdruck, den Du gebrauchſt,— nachſetzt, und daß er das wirre Welttreiben ſtets dem Familienglücke vorziehen werde. Sieh, Helene, was Du ihm zum Vorwurfe machſt, iſt ge⸗ rade das, was ihn von der großen Menge auszeichnet;— ſein ſonderbares Schickſal hat ihn zum Abenteurer gemacht, aber ſein edler Geiſt hat ihn über dieſen erhoben,— er hatte auf die leiſe Stimme gehorcht, die es ihm ſagte, daß es einen edleren Beruf gebe, als den, ſich mit Schmugglern und Freibeutern herumzutreiben, und er war dieſer Stimme gefolgt. Wenn ein Jüngling, der von Kindheit an durch Eltern, Lehrer, Beiſpiel und gute Leitung geführt, ſeinen Weg anſtändig durch's Leben geht, ſo kann es uns nicht überraſchen;— wenn aber Einer unter Verhältniſſen wie Francis aufgewachſen, alle Schwierigkeiten überwindet, alle Hinderniſſe bekämpft, um ſich die Bahn zu einer würdi⸗ gen Stellungunter ſeinen Mitbürgernzu ebenen, dann können wir an dem Adel der Seele, welche dieſen Jüngling belebt, nicht zweifeln,— und dieſer wahrhaftige Adel iſt es, den ich ſchätze, hochachte,— den ich liebe, mit aller Hingebung liebe. Du nennſt Francis einen Abenteurer,— wäre er dieſes, ſo hätte er damals, als das Meer ihn an die * 195 Küſte Frankreichs auswarf und als das junge, unüberlegte, romanhafte Kind für den ſchönen, liebenswürdigen, geheim⸗ nißbergenden und daher für ſie um ſo intereſſanteren Jüng⸗ ling in Liebe entbrannte, die ſchönſte Gelegenheit gehabt, den Abenteurer zu ſpielen,— er hätte ſagen können:„Schö⸗ nes Kind, ich liebe Dich,— liebſt Du mich wieder, ſo ent⸗ flieh' mit mir und werde mein Weib,“— und, Du darſſt mir auf's Wort glauben, liebe Helene, das junge, unüber⸗ legte, romanträumende Kind hätte ſich damals entführen laſſen und der glückliche Abenteurer, ohne Geburtsland, Familie, Namen, hätte die Enkelin der ſtolzen Grafen⸗Fa⸗ milie Hautbrien ſein Weib genannt und wäre Schwieger⸗ ſohn des ſtolzen engliſchen Kavaliers und Statthalters der Provinz Neu⸗York geweſen,— das hätte der Abenteurer gethan, aber nicht der ſtolze Jüngling ohne Familie und Namen,— dieſer trat, um dieſe ſich zu verſchaffen, ſeine abenteuerliche Reiſe nach Amerika, wohin ihn dunkle Erin⸗ nerungen aus der Kindheit riefen, an; und war dieſes nicht der Beweis der wahren, eigentlichen Liebe, die er für jenes Kind fühlte, welches er nicht den Großeltern, dem Vater rauben wollte?— Francis Oloffe van Hoboken iſt einer der reich⸗ ſten Beſitzer in der Provinz Neu⸗Amſterdam, und ſtammt von einer Familie, welche zu den älteſten und geachtetſten Familien der hochvermögenden Generalſtaaten zählt,— er 200 hätte ſich nicht zu ſcheuen gehabt, vor Sir Lovelace, dem Gouverneur von Neu⸗York, zu treten und zu ſagen:„Gieb mir Deine Tochter zum Weibe!“— aber die Provinz Neu⸗York iſt an die Holländer verloren gegangen,— man ſagt: durch Verrath,— der Gouverneur muß nach Eng⸗ land gehen, um ſich zu rechtfertigen.———„Kann ich, der ich Deinen Vater kenne und verehre, kann ich ihn für einen Verräther der Krone Englands halten?“ ſagte Fran⸗ cis an jenem Morgen im Garten auf Bergenhill,—„und kann es einen Mann im weiten England geben, der dieſes wagen würde; aber wie nimmt er ſelbſt dieſe Sache! welche Gefühle mögen die Seele dieſes ſtolzen, ehrgeizigen Man⸗ nes zerfleiſchen,— und kann ich in derſelben Zeit meine Wünſche gegen ihn ausſprechen? Nein, Arabella, wir wollen dieſe trübe Zeit vorübergehen laſſen,— wir wollen in unſerem gegenſeitigen Verſtändniß glücklich und damit einſtweilen zufrieden ſein.“ So ſprach Francis,— aber ich verſtand ihn noch beſ⸗ ſer, als er ſich in Worten ausſprach,— Francis ſelbſt iſt ſtolz und verſteht den ſtolzen Sir Lovelace zu beurtheilen. Wir ſahen uns die letztere Zeit unſeres Aufenthaltes in der Provinz ſelten,— mein Vater hatte ſeine frühere Wohnung in der Stadt bezogen,— aber was für glückliche Stunden waren die, welche ich in ſeiner Geſellſchaft ver⸗ lebte. Damals verliebte ſich das Kind in den ſchönen, hei⸗ 201 teren, abenteuerlich erſchienenen Jüngling,— jetzt aber liebt die Jungfrau den edlen, charaktervollen, geiſtreichen jungen Mann,— damals wäre das Kind Arabella mit dem Jüngling ohne Namen in die weite Welt gegangen, — jetzt iſt die Jungfrau Arabella mit dem gegenſeitigen Verſtändniß der wahren, innigen, ewigen Liebe befriedigt und wartet auf beſſere Zeiten. Daß Francis, bis dieſe eintreten, ſeiner Neigung gefolgt iſt und Dienſte in der holländiſchen Marine genom⸗ men hat, finde ich natürlich. Kaufmann zu werden hat er weder Neigung noch Talent,— und um Patron von Ber⸗ genhill und Hoboken zu werden,„dazu bedarf ich einer „guten Vrow,“— ſagte er damals zu mir,—„bis dahin will ich meinem alten Handwerke folgen,— habe überdies einen alten Fleck, den ich unfreiwillig als Lieute⸗ nant, unter dem Schutze des letter of mark auf den Namen van Hoboken gebracht, wegzuwaſchen,— und ſo wurde er holländiſcher Schiffslieutenant,— freilich wurde er dadurch mein eigentlicher Feind,— Du weißt ja, daß ich Engländerin bin,— aber er iſt mein lieber, lieber Feind———.“ Zweiter Auszug. London. Du kannſt Dir keine Vorſtellung machen, liebe He⸗ lene, welch' ein läſtiger Aufenthalt mir dieſe große, lär⸗ 202 mende, nebelige, raucherfüllte Stadt iſt. Um wie viel lieber möchte ich noch Monate lang auf dem Oeean herumſchwim⸗ men,— da giebt es doch ſchöne, friſche Luft, herrliche Son⸗ nenauf⸗ und Untergänge, das luſtige Wellenſpiel, wenn dieſes auch bisweilen ein wenig zu lebhabft wird,— da gab es aber auch ein Schiff, welches in derſelben Escadre, und mit dem Schiffe, auf dem ich mich befand, in ein⸗ und demſelben Cvurſe ſegelte, und auf dieſem Schiffe wußte ich ein Herz, das eben ſo freudig, wie meines, aufpochte, wenn unſere zwei Schiffe ſich gegenſeitig in Sicht kamen, und das traurig fühlte, wenn der Blick vergebens nach jeder Gegend ſuchte und eben dieſes eine geſuchte Schiff nicht zu ſehen war. Es geſchah öfters, und zuweilen für einige Tage, daß die beiden Fahrzeuge zu weit auseinander kamen, um ſich gegenſeitig ſehen zu können,— wie konnte ich doch da nie den Anbruch des Morgens erwarten, und mit dem erſten Grauen war ich auf dem Verdecke, und wenn ich dann in weiter Ferne eine Segelpyramide erblickte, wie ſchnell war ich mit dem Glaſe am Auge und wie hüpfte mein Herz, wenn ich am Vormaſt ein buntes Tuch flattern ſah,— dieſes war unſer verabredetes Zeichen, um mir das Schiff, auf dem Francis ſegelte, erkennen zu machen, — er bedurfte kein Zeichen, denn ſein Seémannsblick er— kannte unſer Schiff, ich glaube, wenn er nur die Topſegel in Sicht bekam,— und wie ängſtlich wurde es mir, wenn 203 das ferne Fahrzeug tiefer und tiefer hinter dem Rande der Fläche des weiten Oceans hinabſank,— wie verſuchte ich, es mit meinem Auge feſt zu bannen,— es half nichts, ein Ruck und verſchwunden war es,— wieder ſuchte ich und ſuchte ich, und o, welche Freude, wenn ſich etwas wie eine flatternde Möwe zeigte, die von Welle zu Welle hüpft,— und es dann wirklich ein Segel war,— und dann wirklich das bunte Tuch am Vormaſt flatterte,—— Helene, es wird viel von der Einförmigkeit einer Seereiſe geſprochen, — glaube es nicht,— ich fand daran nichts Einförmiges; — aber jetzt hier, dieſes London,— nein, es iſt unerträg⸗ lich; aber ich habe gute Hoffnung, daß es nicht lange dauern wird,— mein Vater hat ſich gegen mich geäußert, daß er vorhabe, nach Chateau Hautbrien zu gehen,— ach, wie freue ich mich auf meine Berge und Thäler,— auf mein kleines„la Saussaie,“— ich werde wieder in dem Thurm⸗ Zimmerchen wohnen und auf den Ocean hinausſehen, welchen Francis mit ſeinem Schiffe durchpflügt. Ich kann ſagen, mit ſeinem Schiffe,— er iſt Kapitän,— ſein Name wird neben dem eines de Ruyter und Tromp und Evertſen genannt,— ſie haben die vereinigten Flot⸗ ten Englands und Frankreichs, obwohl dieſe überlegen waren, neuerlichſt wieder geſchlagen, der Viceadmiral ward durch eine Kanonenkugel getödtet, und da hieß Evertſen dem Kapitän van Hoboken deſſen Stelle einnehmen und 204 die Admiralsflagge aufhiſſen,— dieſes brachten uns die Zeitungen vom Kriegsſchauplatze,— ich mußte über mei— nen Vater lächeln: ſein Nationalſtolz war gekränkt, die Engländer zum dritten Male von den Holländern zur See geſchlagen,— und doch mußte er ſich auch zugleich freuen, daß ſeines Pathen Francis Name mit ſolcher Auszeich⸗ nung genannt werde,— mein Vater wußte nicht, welche Miene er dabei annehmen ſollte, mir ging es aber dabei noch übler, ich wäre ihm gern um den Hals gefallen und hätte gerufen: dieſer Seeheld iſt mein Francis!— aber dieſes zu thun, wagte ich doch nicht, am wenigſten jetzt, wo mein Vater in ſo übler Laune iſt. Man hat ihn ſehr kühl aufgenommen,— es iſt wahr, man wagt es nicht, ihn der Verrätherei zu beſchuldigen, aber man zuckt doch über ſein Verſchwinden, kurz vor der Uebergabe von Neu⸗York, die Achſeln, und findet die Sache wenigſtens—„unerklärlich“ — aber dieſes iſt ſchon genug, um den ſtolzen Sir Love⸗ lace zu kränken; er fordert eine deutliche Ehrenerklärung, aber damit weicht man immer aus,— man will auf die Beendigung des Prozeſſes, welcher Sir William Man⸗ ning gemacht worden iſt, warten,— mein Vater will aber haben, daß man ihm, dem Kavalier, dem ſtets treuen An⸗ hänger der königlichen Sache, der ſein Vermögen, die beſte Zeit ſeines Lebens den beiden Karls geopfert hat, auf ſein Wort hin glaubt. Ich glaube beinahe, er iſt in ſeiner ehe⸗ 205 maligen, beinahe abgöttiſchen Verehrung des Hauſes Stuart bedeutend abgekühlt, wenigſtens ſcheint es, als ob er die Zeit gar nicht erwarten könne, wo er England verlaſſen kann, um nach Frankreich, zu den Eltern meiner Mutter, zu gehen.———— Dritter Auszug. Chateau Hautbrien. Du wirſt ſtaunen, einen Brief von hier aus zu er⸗ halten, da ich Dir doch ſchrieb, mein Vater beabſichtige, erſt mit kommendem Frühjahr England zu verlaſſen, um ſeine Schwiegereltern zu beſuchen; aber ſein Entſchluß war plötz⸗ lich gefaßt und auch eben ſo raſch ausgeführt, ſo raſch, daß ich kaum mit dem Packen fertig werden konnte, noch weni⸗ ger aber im Stande war, Dir von London aus unſere Ab⸗ reiſe anzuzeigen. Die Urſache dieſer plötzlichen Willens⸗ änderung meines Vaters war die Aergerniß, die man ihm in England bereitete. Der Prozeß des ehemaligen Kom⸗ mandanten des Forts Neu⸗York ging damit zu Ende, daß man den edlen Ritter William Manning der Feigheit und des Verrathes für ſchuldig erklärte und ihn zum Tode verurtheilte; nun weiß ich aber nicht, durch welche Mittel und Wege,— man ſpricht darüber verſchiedenes, wobei auch die Königin genannt wird,— kurz: er wurde begna⸗ 206 digt und das Todesurtheil dahin gemildert, daß öffentlich ſein ritterliches Schwert über ſeinem Haupte entzwei ge⸗ brochen und er ſeiner Rechte als engliſcher Unterthan für Zeit ſeines Lebens verluſtig erklärt wurde. Ich weiß nicht, ob Ritter Manning ſich dieſes ſehr zu Herzen genommen, wenigſtens erzählt man, daß er in einem öffentlichen Hauſe in London ein großes Abſchiedsfeſt gegeben habe, wobei Leute ſeines Schlages, Trinker, Spieler und die ſogenann⸗ ten jungen Kavaliere, deren Heldenthaten in Störungen der nächtlichen Ruhe, Durchprügeln der Wachtleute und ſonſtigen derlei Bübereien beſtehen, verſammelt waren. Es ſoll dabei ſtandalös zugegangen ſein, und Sir Manning reiſte wenige Tage darauf ab,— wohin, weiß Niemand, mein Vater verlangte nun wiederholt ſeine Ehrenerklä⸗ rung, die man ihm dann auch nicht länger verweigerte; aber die Art und Weiſe, wie dieſe abgefaßt war und wo⸗ bei ihm zum Vorwurfe gemacht wurde, nicht früher ſchon ein beſſeres Augenmerk auf den Fortkommandanten Wil⸗ liam Manning verwendet zu haben, verdroß meinen Vater ſo ſehr, daß er über Hals und Kopf packen ließ, und wir ſchon nach wenigen Tagen England verließen. Es war eine äußerſt unangenehme Reiſe, denke Dir, liebe Helene, die kalte Jahreszeit, ſtürmiſches Wetter, einen Reiſebegleiter, der in ſeinem Stolze beleidigt, in ſei⸗ ner Ehre gekränkt ſtets in übler Laune war, und dazu die 207 Gewißheit, daß, ob man nach Nord oder Süd, nach Oſt oder Weſt ausgucke, nirgend ein Fahrzeug zu erblicken ſei, an deſſen Vormaſt ein buntes Tuch flattere,— ach, was für eine ganz andere Reiſe war doch jene im vorigen Herbſte von Amerika nach England———! Wir kamen hier mitten im Winter an,— der Win⸗ ter in den Phrenäen kann ein ſehr rauher, unfreundlicher ſein,— aber den Einen Troſt hat man dabei, er iſt kein zu lange dauernder. Wie kam mir aber doch auch hier Alles ſo ſonderbar und fremd vor,— war es, weil es ſchöner, blühender Sommer war, als ich von hier abreiſte, — oder hatten die zwei Jahre meiner Abweſenheit hier ſo Vieles verändert,— oder bin ich eine Andere geworden—2 Ja, liebe Helene, ich bin in der That eine ganz Andere geworden,— meine guten Großeltern und auch der liebe Pater ſagten mir ſehr viele Schmeicheleien und meinten, ich hätte mich ſehr zu meinem Vortheile geändert, ſei grö⸗ ßer, ſchöner und viel— geſetzter geworden,— ei, das ver⸗ ſteht ſich ja doch von ſelbſt, daß die Braut eines Viceadmi⸗ rals in der holländiſchen Flotte kein ſo Ueber und Ueber ſein kann——— ach, wenn der Viceadmiral doch nun auch hier wäre, wie ſchön wäre es dann, trotz des rauhen Winters in unſeren Bergen und Thälern———— 208 Vierter Auszug. Chateau Hautbrien. Er iſt hier!— Helene— mein Francis iſt hier, — Deine Arabella ſeine Braut, in wenigen Tagen ſein glückliches Weib! Laß Dir erzählen, und werde nicht ärgerlich, wenn ich dabei zu weitläufig bin,— ach, Du kannſt es nicht wiſſen, mit welcher ſeligen Wonne ich im Niederſchreiben alle die kleinen, ach! und doch ſo lieben Ereigniſſe nochmals durch⸗ lebe— Helene, Du kannſt es nicht faſſen, wie ich Fran⸗ cis liebe. Das Frühjahr war raſch und lieblich in unſere Thä⸗ ler eingezogen, ich konnte ungehindert meine Ausflüge nach allen jenen Plätzen machen, die mir in der Erinnerung lieb geworden waren,— nach jenen Plätzen, die ich damals in ſeiner Begleitung ſo oft beſucht hatte,— daß natürlich das Dörfchen„Sauſſaie“ das hauptſächlichſte Ziel meiner Spazierritte war, kannſt Du Dir wohl denken,— und ich war kindiſch genug, faſt jedesmal vom Pferde zu ſteigen, und dieſes am Zügel mir nach führend, den Weg zur ſel⸗ ben Stelle hin zu machen, wo er damals beſinnungslos gelegen—— doch, Du haſt ja auch geliebt und liebſt ge⸗ wiß noch, und weißt daher, an welchen oft kleinen Erinne⸗ rungen das liebende Herz ſich ſo gern erfreut. F 209 Mit dem Eintritte der beſſeren Jahreszeit hatte ich auch wieder das kleine Gemach im oberſten Stockwerke des alten Thurmes bezogen. Mein Vater nannte es eine verrückte Idee,— Großmutter meinte, ich ſollte doch in den zwei Jahren vernünftiger geworden ſein, um nicht wieder ſo wie damals ſolche kindiſche Capricen auszufüh⸗ ren,— aber ich bezog denn doch mein liebes Zimmerchen, — hätte ich dieſes damals nicht bewohnt, wer weiß, ob ich je Francis hätte kennen gelernt,— dabei vergaß ich aber auch des weißen Fiſchreihers nicht,— Du weißt dieſen ſonderbaren Zuſammenhang aus meiner Erzählung über Namakewa, ihren Vater Hi⸗a⸗wat⸗ha, dem Weiſeſten der Weiſen, und wie Francis bald nach ſeiner Geburt durch das Wappen der Schildkröte als Sohn in den Stamm der Mohawks, welche, wenn ſie den Kriegspfad betreten, ſich mit den Federn des Fiſchreihers ſchmücken, einverleibt wurde,— und wenn ich am Fenſter des kleinen Thurmgemaches ſaß, und einen ſolchen Vogel in der Ferne die Wolken durchſchneiden ſah, da rief ich ihm zu, und gab ihm viele, viele Grüße an Namum⸗niektee, den Häupt⸗ ling der Mohawks, auf. Mein Vater hatte mir in London ein prachtvolles Glas geſchenkt,— er meinte lächelnd, daß mir dieſes beſſere Dienſte leiſten werde, als mein früheres, wenn wir wieder ein Mal mit einer holländiſchen Escadre den Ocean durchkreuzen ſollten,— er mochte es wohl bemerkt haben, 1858. VII. Van Hoboken. IV. 14 210 daß ich beinahe den ganzen Tag über mit dem Glaſe in der Hand und am Auge auf dem Verdecke geſtanden und nach unſern Begleitungsſchiffen ausgeſchaut hatte,— aber daß ich nach Einem derſelben beſonders, und dann nach dem bunten Tuche am Vormaſt mein Glas gerichtet hatte, dies hatte er ſicher nicht bemerkt,— nun, ſei es was immer, — genug, er hätte mir kein werthvolleres Geſchenk machen können, und ich ſaß oft wirklich ſtunden⸗, nein, halbe Tage lang am Fenſter, mit dem Glaſe am Auge, und wie pochte mir das Herz, wenn ein Mal ein Segel auftauchte, wie verfolgte ich mit ſehnſüchtigem Blicke daſſelbe,— aber kein Schiff näherte ſich dieſer Küſte, wo kein Hafen, ſelbſt kein größerer bewohnter Ort ſich befindet,— und das Segel tauchte wieder unter und war verſchwunden—— ich verſuchte dann wohl über mich ſelbſt zu lächeln,— war es denn zu erwarten, daß ſein Schiff dieſen Cours nehmen ſollte,—— doch denke Dir, Helene,— denke Dir——! Eines Vormittags ſaß ich eben wieder am Fenſter, natürlich mit dem Fernrohre bewaffnet,— ich hatte vor⸗ gehabt, einen Spazierritt zu machen; aber es war etwas ganz Eigenthümliches, was mich heute an das Fenſter bannte,— wenn Du nicht lachen willſt, liebe Helene, ſo würde ich ſagen, die ungewöhnliche Menge der Fiſchreiher, welche heute über der Bah kreiſten und im wilden Fluge kreuz und quer die Wolken durchſchnitten, hätte mich an das Fenſter gefeſſelt,— doch ſei es, was immer— genug, 3 —— 1———— 211 ich ſaß und lugte durch mein Glas in das weite Meer hinaus. Dieſes lag in prachtvoller, ſonnenheller Spiegel⸗ glätte ausgebreitet, vom äußerſten Rande erhob es ſich wie dünnes, ſilberflimmerndes Gewebe, allmälig in das helle Blau des Firmaments übergehend— dorthin war mein Glas gerichtet, und wirklich flimmerte es wie ein Silber⸗ netz vor meinem Auge, in welchem plötzlich ein dunkler Punkt erſchien,— ich glaubte den Sehnerv überreizt und nahm das Glas vom Auge, aber unwillkürlich richtete ſich dieſes unbewaffnet derſelben Stelle zu,— richtig zeigte ſich dort ein kleiner dunkler Punkt in dieſem Nebelſchleier der über dem Rande des Meeres hing,— Du mußt wiſſen, daß Uebung mich zur Meiſterin machte,— ſchnell nahm ich das Glas vor,— und in dieſen wenigen Augenblicken war der anfangs kleine Punkt ſchon beträchtlich genug geworden,— und jetzt flatterte es auf wie eine Möwe, die ſich zum Fluge erhebt,— jetzt—— nun, ich will Dich nicht ſo lange zwei⸗ feln laſſen, als ich erwartungsvoll zweifelte,— ein ſtattliches Schiff kam mit vollen Segeln auf unſere Küſte,— gerade auf die Stelle, wo das kleine„Sauſſaie“ lag, zu,— und denke Dir, Helene— am Vormaſt flatterte ein großes buntes Tuch! Ich ſchrie laut auf,— ich weinte,— ich lachte,— ich warf mit beiden Händen Küſſe hinaus,— ich rief laut: Francis! mein Francis!— war ich doch ein Kind!— end⸗ lich kam mir ein vernünftiger Gedanke,— ich riß einen großen rothen Shawl aus dem Kaſten und ließ ihn zum 14* 212 Fenſter hinauswehen— man hatte ihn bemerkt,— das bunte Tuch wurde ſchnell eingezogen, dafür flatterte es hell⸗ roth an derſelben Stelle, aber nur für wenige Minuten, wieder wurde das rothe Tuch eingezogen, und jenes bunte erſchien,— in demſelben Augenblicke blitzte es im ſchwarzen Rumpfe des Schiffes auf, graues Gewölke kräuſelte hervor und der Donner des Geſchützes erſchütterte die Luft und pflanzte ſich in zwanzigmal wiederholtem Echo durch die Gebirge fort.—„Der Viceadmiral begrüßt ſeine Braut!“ rief ich lachend und hüpfte wie ein Kind im Zimmer um⸗ her, und wieder warf ich tauſend Küſſe dem Schiffe zu,— aber jetzt wurde ich auch wieder vernünftig— und über⸗ legte, wie ich mich als geſetzte Dame zu benehmen habe, und ich verſuchte die übermäßige Freude in Schranken zu legen—— ach, glaubſt Du, daß mir dieſes möglich wurde. Unterdeſſen war das Schiff ſo nahe gekommen, daß ich keines Fernrohres mehr benöthigte, um zu bemerken, wie es ſich vor Anker legte, wie es ein großes Boot in die See ließ, wie ſich in dieſes mehrere Männer begaben,— aber da nahm ich doch wieder das Glas vor's Auge,— ich hoffte durch deſſen Hülfe ſeine Geſichtszüge zu erkennen; aber darin ſah ich mich getäuſcht,— ich ſah wohl, daß acht Männer an den Rudern ſaßen, und daß zwei Männer in der Mitte des Bootes ſtanden,— ob aber Einer dieſer Beiden in der That, Francis ſei, und welcher von den Bei⸗ den konnte ich nicht herausfinden; die breiten Krämpen ihrer — — 213 Hüte, und die über dieſe hinabhängenden Federn beſchat⸗ teten das Geſicht, ſo daß ich deren Züge nicht ausnehmen konnte,— ich verſuchte, aus der Größe, aus der Haltung, aus der Bewegung Francis zu erkennen, aber die ſchwan⸗ kende Bewegung des flüchtig heranrudernden Bootes ließ mich ebenfalls keinen Unterſchied herausfinden,— und ſo mußte ich mich denn in Geduld faſſen, und— warten. Warten!— Eine lange Stunde warten! früher konnten die beiden Fußgänger das Schloß nicht erreicht haben,— dieſes wußte ich,— ich mußte mich faſſen,— aber, liebe Helene, kannſt Du es nachempfinden, was dieſes für eine Stunde war! Das Boot war in ſeinem Näherkommen an die Küſte vor meinen Blicken verſchwunden,— ich konnte nicht das Landen beobachten,— und die beiden Fußwanderer waren nicht eher zu ſehen, als bis ſie beinahe am äußern Hof⸗ thore ankamen,— dieſes wußte ich, und ſo verließ ich mein Gemach und ſchritt die Stiege hinab,— ich mußte mich zu wiederholten Malen an das Geländer halten,— ich zitterte am ganzen Körper,— und beinahe getraute ich mich nicht, in das gewöhnliche Geſellſchaftszimmer zu treten, wo ich wußte die Großeltern und gewöhnlich auch den Vater zu treffen. Endlich öffnete ich mit ſcheuer Hand die Thüre,— und wirklich fand ich alle Drei beiſammen. Sie debattirten eben, was wohl der gehörte Kanonenſchuß zu bedeuten habe; das Schiff ſelbſt hatten ſie nicht geſehen, 214 da von den Stockwerken des Schloſſes die Ausſicht nicht auf das fern gelegene Meer geht.„Ein Nothſchuß,“ meinten ſie,„könne es nicht geweſen ſein,— denn wie ſollte ein Schiff an dieſer Küſte in Noth gerathen ſein,— Tage hindurch war es das ruhigſte, freundlichſte Wetter geweſen,“——„und die übliche Begrüßung?“ meinten ſie wieder,—„ſollte ein Schiff das kleine Fiſcherdorf an unwirthlicher Küſte begrüßen?— auch nicht zu erwarten,“ — man fragte mich, ob ich den Kanonenſchuß gehört,— ob ich von meinem Thurmzimmerchen aus ein Schiff in der Bay von Sauſſaie geſehen habe;— ich fühlte es, daß ich bei dieſer Frage blutroth geworden war,— ich bejahte ſie jedoch; aber als mich mein Vater weiter fragte, ob das Schiff eine Flagge führe und ob ich dieſe erkannt habe, da wurde ich ſo verlegen, daß ich„nein, ja,— ich glaube wohl, und dergleichen Unſinn“ ſtotterte,— mein Vater lachte und ſagte:„Arabella bildet ſich viel auf ihre Schifffahrtskunde ein und ſchämt ſich, die Flagge des fremden Schiffes nicht erkannt zu haben,“— da ſagte ich raſch:„und doch habe ich ſie erkannt,“— damit ging ich aber raſch in das Nebenzimmer und ſetzte mich an die Harfe, — was ich da geſpielt, weiß ich nicht; aber es muß wild verwirrtes Zeug untereinander geweſen ſein, denn als ich einmal aufblickte, da ſtand mein Vater unter der Thüre, ſeinen Blick feſt auf mich gerichtet,— ich ſchloß mit einem raſchen Accord, und ſprang auf,— mein Vater ſchüttelte — — ii 215 den Kopf und ſagte:„Mädchen, was iſt es heute mit Dir, — dieſe Unruhe, dieſe Unſtätigkeit,— Arabella, biſt Du unwohl? fühlſt Du Dich krank!“— ich konnte mich nicht länger halten, ich ſtürzte auf ihn zu, ſchloß ihn in meine Arme, und, das Geſicht an ſeinem Buſen bergend, brach ich in ein lautes Schluchzen aus.— Der Vater drang in mich, zu ſagen, was mir ſei; aber ich konnte nicht ſprechen, — und wenn— hätte ich ihm ſagen können, daß der Ka⸗ pitän jenes Schiffes in der Bay mein Francis ſei,— daß ich es geweſen, die begrüßt worden war?— Ein Bedienter trat ein und meldete, daß der Kapitän des in der Bay vor Anker liegenden Schiffes der Familie Hautbrien ſein Kompliment zu machen wünſche. Hätte mein Vater jetzt ſich die Zeit genommen, um auf mich zu achten, ſo hätte er ein arges Beben, und ein ſtetes Wechſeln von Blaß und Roth bemerken können; ſo aber verließ er mich und eilte aus dem Zimmer und die Stiege hinab, um mit ritterlicher Galanterie den fremden Gaſt zu empfangen. Ich war wieder in das Zimmer getreten, wo ſich meine Großeltern befanden,— mein Auge war unver⸗ wandt der Thüre zugewendet,— dieſe öffnete ſich und an der Hand meines Vaters trat Francis ein,— wie hüpfte da mein Herz! wie gern wäre ich ihm entgegen geflogen! — er war noch weit ſchöner geworden,— die reiche Klei⸗ dung ſtand ihm wundervoll,— und welch' ein Anſtand, welch' ein Adel in ſeiner Erſcheinung—„Monsieur Fran- 216 gois Lincoln! est il possible!“— rief meine Groß⸗ mutter und ließ den Fächer aus ihrer Hand ſinken.— „Vraiment, Monsieur Lincoln!“ rief der Großvater und hob beide Arme wie zu einer Umarmung in die Höhe, — Francis verbeugte ſich und ſagte lächelnd:„Sans doute, c'est moi— Frangois Lincolu!“ Mein Vater ſtand verwundert,— er blickte die Eltern, er blickte Francis an,—„Bekannte? wie trifft ſich dieſes?“ fragte er,— da ſagte Francis:„Sir, ich und Arabella haben Euere Verzeihung zu erflehen,“— ——— doch wozu noch eine lange Erzählung!— ich bin Braut!— glückliche, ſelige Braut!— in wenigen Tagen ſein Weib!—„es geht etwas in Eile!“ meint meine gute Großmutter,— ſie wußte noch hundert Dinge, die vorzurichten nothwendig wären,— aber Francis kann ſich nicht länger als einige Tage hier aufhalten. Er iſt auf der Heimreiſe begriffen. England und Holland haben am 19. Februar Frieden geſchloſſen. Die Provinz Neu⸗York iſt wieder an England abgetreten worden. Francis hat in Rotterdam einzutreffen, und will dort mit ſeiner jungen Frau erſcheinen. Mein Vater wird uns begleiten. Ich hoffe einen Brief von Dir zu finden, unter der Adreſſe:„An die Vrow Arabella van Hoboken.“ Ende des vierten und letzten Chriles. Leipzig, Druck von Gieſecke& Devrient.