.—— — Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oltmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Pesepreis. Bei Ruckgabe eines geliehenen Buches wird von 3. Gaution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſ elben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. für wöcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————————— auf 1 Monat: 1 Mk.— f. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. *„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Köſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. 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Kober. 1858. ———— Erſtes Capitel. „Cognae, Brandy, Whiskey, Gin— „Schenk' ich aus mit ſchmal' Gewinn; „Oyſters, Lobſter, Fleiſch und Fiſch— „Findet Ihr auf Eurem Tiſch,— „Kurz, füͤr Alles iſt geſorgt, „Aber merkt,'s wird nicht— geborgt. Anonymus. Der Barkeeper. Wenn wir die Geſchichte der Stadt Neu⸗York ver⸗ folgen, ſo müſſen wir nothwendig die Bemerkung machen, daß ſie von Zeit zu Zeit ſogenannte Schickſalsſtöße erfuhr, die den gleichzeitig Lebenden geradezu als Unglücksſtreiche erſchienen, die wir weit nach der Zeit Lebenden aber eben als ſolche Impulſe betrachten, die für das raſchere Auf⸗ blühen und unerklärlich ſchnelle Großwerden dieſer Stadt nothwendig waren. Wir ſind überzeugt, daß viele der ruhigen und gehäbigen van So und van So damals es für einen Unglücksſtreich höchſten Grades anſahen, daß Sir Richard Nichols mit ſeiner Flotte in die Bay 6 einfuhr und mir nichts dir nichts das ganze ſchöne Neu⸗ Netherland für eine engliſche Provinz erklärte, auf dem zuckerhutgeformten Thurme des Forts die engliſche Flagge aufpflanzte, ſich zum Statthalter ernannte und die nette kleine Hauptſtadt der Provinz, Neu⸗Amſterdam umtaufte und ihr den Namen Neu⸗York gab. Aber dies war eben ſolch ein Schickſalsſtoß,— wenn wir uns dieſer Bezeich⸗ nung bedienen dürfen, da uns eben keine andere, vielleicht paſſendere, zu Gebote ſteht,— es war eine Wendung im Schickſal dieſer Stadt, welche mehr als irgend etwas für ihr raſches Emporkommen wirkte. Wäre ſie gut Neu⸗ Amſterdam geblieben, ſo wäre ſie als dieſes alt geworden, — das ruhige, gehäbige Neu⸗Amſterdam, ſich kaum über ſeine einmal geſteckten Grenzen hinauswagend, zufrieden mit dem, was ſie beſaß, und zufrieden, wenn ihr nichts davon durch Gewalt oder Liſt abgezwackt wurde,— wir wiſſen ja, wie ſich Neu⸗Netherland von den Schweden im Süden und von den Yankees im Norden, ſchöne Strecken Landes hatte wegnehmen laſſen— was konnte aber bei einer ſteten Verminderung des Territoriums für das Wachsthum der Hauptſtadt erwartet werden? Wir zollen den damaligen Generalſtaaten allen möglichen Reſpect, Holland ſteht in der Geſchichte groß da. Von Verzweif⸗ lung getrieben, durchſtach das Volk die Dämme, das Land ward zum weiten Meer, ſeine Fluten hemmten den „ . erſtaunten Feind,— ſo blieben ſie frei,— das war durch Verzweiflung erweckte Energie;— aber wenn Alles ruhig ſeinen Gang ging, dann ging es auch in der That ruhig ſeinen Gang,— nein, zum Koloniſiren fremder Welt⸗ theile waren die Holländer nicht das Volk,— dazu taugten die Engländer beſſer.— Einen ſchlagenden Beweis giebt uns die Kolonie am Cap der guten Hoffnung. Dieſe durch Lage und Luft und Boden ausgezeichnete Anſiedlung ward ſo dürftig bedacht, daß ſie ſich kaum zu mehr als zu einem ſimplen Erfriſchungsplatz der Oſtindienfahrer hin⸗ aufſchwang. Koloniſten aus verſchiedenen europäiſchen Ländern bevölkerten bald das herrliche Cap: aber eng⸗ herziger Handelsdruck, die ſechzig im Mutterlande zu Rathe ſitzenden Mynheern und die aus ihnen gewählten ſiebzehn Directoren oder Bewindhebbern ließen die Ko⸗ lonie nicht aufkommen. Einen andern Beweis giebt uns Nordamerika. Welche Fortſchritte machte Neu⸗Netherland in funfzig Jahren, im Vergleiche mit Neu⸗England? Aber England wußte, daß den Koloniſten ein gewiſſer Grad von Freiheit gewährt werden muß, welche das Erſtarken der Kolonien zu ſelbſtſtändigen Staaten vorbereitet, und ſo wurde ſchon im Jahre 1634 in Neu⸗England ein der Verfaſſung des Mutterlandes nachgebildetes Repräſentativ⸗ Syſtem eingeführt. Es iſt wohl wahr, daß in der neu errungenen Provinz dieſes ein weit beſchränkteres war, 8 als in den urſprünglich engliſchen Kolonien, und daß die Erwartungen Mancher getäuſcht worden waren, welche damals jubelten, als der alte Peter Stuyhveſant ab⸗ und Sir Richard Nichols einzog, aber doch war es für das Blühen und Wachſen der Stabt Neu⸗Amſterdam ein günſtiges Ereigniß, daß ſie Neu⸗York wurde. Zehn Jahre waren ſeitdem verfloſſen, und welch' andere Geſtaltung hatte es angenommen! Was für ein reges Leben herrſchte jetzt da, was für ein Drängen, Treiben, Mühen, Sorgen,— es iſt wahr, die alte hol⸗ ländiſche Sauberkeit, Ruhe, Gehäbigkeit war entwichen, — es war ein engliſcher Handelsplatz geworden, der im Embryo ſchon zeigte, zu welchem Rieſen er heranwachſen werde; aber Ruhe, Gehäbigkeit und Reinlichkeit ſchaffen ja auch keine Weltſtadt. Mit dieſem Größerwerden ſeines Betriebes, mit dieſem Herandrängen von Fremden aus beinahe allen Nationen Europas, hatte Neu⸗York aber auch ſeinen alt⸗ holländiſchen Thpus abgelegt. Damals war der vom Gouverneur Kinft erbaute„Harberg“ die einzige Stadt⸗ Taverne, und nach der Hand vielleicht noch zwei oder drei gemeinere Matroſen⸗Tavernen nahe den Docks entſtanden. Die Zahl der Erfriſchungsorte, Tavernen, Trinkſtuben und welche Namen ſie ſonſt führen mochten, war ſeit letzteren Jahren bedeutend vermehrt worden. In eine 9 dieſer Tavernen einzutreten, müſſen wir unſern Leſer jetzt einladen. Dieſe lag ziemlich entfernt„außerhalb des Land⸗ thores der Stadt,“ auf der Kompagnie⸗Bowery, wo in früheren Zeiten die„Wint⸗molen“ geſtanden hatten. Es war ein ziemlich umfangreiches Gebäude, theils aus Ziegeln, theils aus Holz aufgeführt und mit dem ſchwar⸗ zen, auf der Inſel gefundenen Schieferſtein gedeckt. Das Hauptgebäude ſchien holländiſchen Urſprungs zu ſein, wenigſtens hatte es Giebeldach und Wetterhahn; es waren aber nach der Hand Zubauten gemacht worden, welche einen andern oder eigentlich gar keinen Bauſthl zeigten. Uebrigens war das Ganze durchaus nicht in gutem Zu⸗ ſtande, im Gegentheil zeigte die Deckung Spuren vom Zahn der Zeit, oder von den Einwirkungen des Wetters, hier und da hing auch wohl ein Fenſterbalken nur an einem Haken und war daher halb in freier Luft ſchwebend, gleich als warte er nur auf einen Windſtoß, um herab⸗ zuſtürzen; in den Fenſtern ſelbſt war mehr als eine Scheibe zertrümmert und zum Erſatze dafür ein altes Kleidungs⸗ ſtück oder ſonſt etwas hineingeſchoben; an den Wänden hatte der Weißwaſchpinſel wohl ſchon ſeit lange kein Geſchäft gethan, daher Holz und Ziegelwerk auch in allen Nuancen der Schmutzfarben prunkten; und war das Ge⸗ bäude ein verwahrloſtes, ſo nicht minder der anſtoßende Garten, vielleicht vor wenigen Jahren noch ein nett und 10 ſauber gehaltener holländiſcher Kohlgarten, mit den un⸗ ausbleiblichen Sonnenblumen, jetzt eine wahre Wildniß, wo Diſteln und Unkraut ihrer Laune, ſich auszubreiten, frei und ungehindert nachgehen konnten. Daß dieſes Haus jedoch in der That ein öffentliches war, zeigte die lange ſchwarze Tafel, die über dem Haupteingange angebracht, über die ganze Fronte des Hauſes hinreichte und auf welcher mit großen Buchſtaben gekalkt war:„John Nigh⸗ tingale's Tavern.“ Es iſt noch früher Morgen,— aber es iſt Monat Juli, daher auch ſchon drückend heiß,— ein amerikaniſcher Juli macht mit Tag⸗ oder Nachtzeit keinen Unterſchied, ſondern beliebt gleichmäßig unſre Schweißporen in An⸗ ſpruch zu nehmen. Dies empfand auch Mr. John Nigh⸗ tingale, der unter der Thüre ſeines Hauſes ſtand; denn, obwohl er in Hemdärmeln, ohne Halsbinde und außer⸗ dem ſo leicht bekleidet war, wie allenfalls ein weſtindiſcher Pflanzer, und er heute ſicher noch nicht funfzig Schritte gegangen war, ſo keuchte und puſtete er doch, als wenn er eben hartes Tagewerk vollbracht hätte. Nun, ſeine Cor⸗ pulenz war wohl auch dabei etwas in Rechnung zu bringen, und es war ihm nicht zu verargen, daß er dem nicht fern vorbeiſtrömenden Hudſon und dem gegenüberliegenden Waldlande ſehnſüchtige Blicke zuwarf, erwartend, daß ihm von dorther Kühlung zugefächelt werde; aber vergebens, —— 11 tein Lüftchen regte ſich,— es herrſchte tiefe, glühende Stille in der ganzen Natur. Eine offene Barke trieb den Strom herab. Mr. Nightingale legte ſeine Hand an die Stirn, daß ſie wie ein Schutzdach beide Augen überſchattete, und ſcharfen Blickes betrachtete er ſich das Fahrzeug. „Volk von Schenectadea herab,“ brummte er vor ſich hin,—„Fellhändler, Indianer und ſonſtiges Lumpen⸗ geſindel.“ Demungeachtet blieb er ſtehen und verfolgte mit neu⸗ gierigem Blicke die herabgleitende Barke. Dieſe nahm bald eine andere Richtung; ſie trieb von der Mitte des Stromes dem öſtlichen Ufer zu, und legte in der That nicht funfzig Schritte unterhalb Mr. Nightingale's Taverne an. Es ſprang allerlei Volk an's Ufer; Alle wanderten der Stadt zu,— bis auf Einen, welcher, wahr⸗ ſcheinlich durch das impoſante Schild angezogen, auf das Schankhaus zukam. Es bedarf wohl kaum einer Erwähnung, daß bei dieſem Zuſammenſtrömen von Fremden aus allen Welt⸗ gegenden, auch hier, ſchon damals, ein buntes Gemiſch von allen möglichen Koſtümen zu treffen war; aber der Reiſende, welcher ſich der Taverne eben jetzt näherte, hatte in ſeiner äußern Erſcheinung doch ſo viel Außergewöhn⸗ liches, daß dadurch ſelbſt die Aufmerkſamkeit des würdigen 12 Gaſtwirthes im vollſten Maße in Anſpruch genommen wurde. Als Kopfbedeckung trug er ein Geflecht von Binſen, dem der Verfertiger zwar verſucht hatte, die Form eines Hutes oder einer Kappe zu geben, welcher Verſuch aber dergeſtalt verunglückt war, daß es weder das eine noch das andere vorſtellte, ſondern eben nur wie ein umgeſtürzter Blumentopf ausſah. Dieſe für gegenwärtige Jahreszeit gleichwohl ganz zweckmäßige Kopfbedeckung war mit drei oder vier blendend weißen Reiherfedern beſteckt, und wenn ſie auch ſonderbar fremdartig ausſah, ſo war ſie doch keinesfalls entſtellend, am wenigſten ſo, wie ſie der junge Reiſende halbſchief auf den dunklen Lockenkopf aufgeſetzt hatte, wodurch ſie in ganz paſſender Uebereinſtimmung mit dem kühn herausfordernden Blick und der ganzen unter⸗ nehmenden Haltung des ſchlankgewachſenen Jünglings ſtand. Die übrige Kleidung zeigte, ſo gut wie die Kopf⸗ bedeckung, daß ſie ein Erzeugniß der Noth, d. h. in Er⸗ mangelung eines kunſtgelernten Schneiders, von einer minder kunſtfertigen Hand verfertigt worden war, aber, daß da eben auch wieder eine geniale Erfindungsgabe mit⸗ geholfen hatte. Er trug eine Art Hemd von feinem Reh⸗ leder, von welchem die Haare entfernt worden, welches aber noch keinem Gerbeprozeß unterworfen, ziemlich ſteif vom Körper abſtand, daher auch, um den Armen freien Spielraum zu geben, die Aermel vom Ellbogen an, offen 13 ſtanden und ſo den weißen, runden, wohlgeformten und doch dabei muskulöſen Vorderarm zur Schau ſtellten. Um Hals und Handgelenke trug er Schnüre von ange⸗ reihten kleinen violetten Muſcheln, wie die Indianer zur Verfertigung ihrer Wampums benutzten. Ueberhaupt zeigte die übrige Bekleidung: die mit bunten Federn be⸗ ſtickten Beinkleider, die bis zu den Knöcheln reichten, und die wahrhaften Moccaſins von Wildleder und reich ver⸗ ziert, daß das Koſtüm ein urſprünglich indianiſches und nur durch europäiſchen Geſchmack etwas verändertes war, — durchaus europäiſch war jedoch das Breitſchwert, genau nach der Form, wie es die Kavaliere zu Zeiten der beiden Karls trugen, gearbeitet, und welches er in dem Leder⸗ gürtel ſtecken hatte, den er um die Hüften geſchlungen, aber eben an dieſem hing auch wieder ein ſo mächtiger Tomahawk, wie man nur je in der braunen Fauſt eines großen Sachems erblickt haben mochte. War er nun auch feiner Bewaffnung nach halb europäiſcher, halb indianiſcher Krieger, ſo zeigte der große Pack, den er auf dem Rücken trug und der Knotenſtock, den er in der Hand führte, daß er ſich wahrſcheinlich der mehr friedlichen Beſchäftigung eines wandernden Handelsmannes befliß. Dieſer junge Mann, welcher dem ehrenwerthen Ta⸗ vernehalter ein völlig fremder war, den wir aber ſogleich als unſern alten Bekannten und Freund, Frank Lincoln, 14 erkennen müſſen, trat jetzt auf Mr. John Nightin⸗ gale zu. Es iſt nicht in Abrede zu ſtellen, in den acht oder neun Monaten, die, ſeit wir ihn das letzte Mal ge⸗ ſehen, verfloſſen ſind, hat er ſich etwas verändert, nicht ſowohl was ſeine Kleidung anbetrifft, und daß ſein Bart dichter und ſtärker geworden war, ſondern insbeſondere hatte ſeine ganze Haltung, und die Art, wie er ſich benahm, das abgeſtreift, wodurch wir auf den erſten Blick den wirklichen Seemann erkennen;— aber trotz dieſer Ver⸗ änderung iſt er doch noch derſelbe blühende, heitere, wag⸗ halſige Jüngling, als den wir ihn haben kennen gelernt. „Guten Morgen, Herr!“ war ſeine Anrede zu dem Tavernhalter. „Guten Morgen,— ein feiner Tag,— ziemlich warm, — wie es die Jahreszeit mit ſich bringt,“ war die Ant⸗ wort, eben dieſelbe, wie man heut zu Tage in Amerika jede Converſation zu beginnen pflegt,— und bei welcher es auch häufig bleibt,— aber der Neuangekommene ließ es nicht dabei bewenden, ſondern ſagte: „Ohne Zweifel kann ich in dieſem Hauſe ein gut engliſches Frühſtück erhalten.“ „Sicherlich,“ erwiederte der Gaſtwirth—„aus John Nightingale's Tavern ſoll wohl noch Keiner hungrig fortgegangen ſein, der ſich an die Regeln des Hauſes zu halten bequemte.“ 15 „Und dieſe ſind?“ fragte Frank Lincoln. „Könnt ſie im Schankzimmer über der Bar nieder⸗ geſchrieben ſehen,“ antwortete der Wirth trocken,—„ſind nur wenig Worte zu leſen,— wenn Ihr anders zu leſen verſteht,— wo nicht, ſo kann ich Euch den Gefallen thun.“ „Wohl— ſo thut mir hier vor dem Hauſe den Ge⸗ fallen,“ ſagte Frank mit Laune,—„und erſpart mir den Eintritt in das Schankzimmer.“ „Bezahlt beim Empfang— das iſt die ganze Hausregel,— und in drei Worten verſtändlich ausgedrückt — meint Ihr nicht auch, Freund?“ ſagte der Gaſtwirth, wobei er einen eigentlich fragenden Blick über den jungen Mann hingleiten ließ. Die Gaſtwirthe haben in der Regel die Fähigkeit, ſei es nun als eine gute Gabe der Natur allein, oder noch ſo mehr durch die Praxis ver⸗ vollkommnet, ihren Beſuchern es mit einem Blicke abzu⸗ ſehen, wie deren Kaſſaverhältniſſe ſtehen. Da nun Mr. John Nightingale nicht nur ein von der Natur ſehr befähigter, ſondern auch durch vieljährige Praxis aus⸗ gebildeter Gaſtwirth war, ſo hatte er es auf den erſten Blick weg, daß nach eben geſtellter Anfrage nach einem gut engliſchen Frühſtück die Anführung ſeiner Hausregel eine nicht unpaſſende Antwort war. Frank Lincoln wurde aber dadurch nicht in die mindeſte Verlegenheit verſetzt, ſondern mit lachendem Munde ſagte er:„Kurz iſt die 16 Regel und verſtändlich gegeben, darüber kann kein Zweifel herrſchen; aber ſchwer ihr nachzukommen, wenn man nicht Einen Penny in der Taſche führt.“ „Dann ſoll einem aber auch das Gelüſte nach einem gut engliſchen Frühſtück vergehen,“ erwiederte der Gaſt⸗ wirth trocken, und mit einem„guten Morgen“ wandte er ſich um und ging in das Schankzimmer zurück. „Ein freundlicher„guten Morgen“ wenn der Magen leer iſt,“ lachte Frank und ſchritt die wenigen Stufen hinan, welche der Eingangsthüre zuführten, und beinahe auf dem Fuße nach, folgte er dem an ſeine Hausregel ſo ſtrict haltenden Mr. John. Dieſer wandte ſich ſo raſch um, als es ſeine Corpu⸗ lenz und die Tageshitze geſtatteten, und den verwundernden Blick auf den ihm Nachtretenden gerichtet, ſagte er:„Ihr wollt Euch wahrſcheinlich mit eignen Augen überzeugen, welches die über der Bar angeſchriebenen Worte ſind?— Wohl— hier leſ't,— es iſt gut engliſch.“ „So gut engliſch und ſo deutlich geſchrieben, daß ſie ein Halbblinder leſen kann,“ erwiederte Frank, nicht einen Augenblick aus ſeinem guten Humor gebracht— „bringt mir aber nicht einen Penny mehr in die Taſche, als vordem darinnen war; aber ich will dennoch John Nightingale's Tavern nicht hungrig verlaſſen, weil ich ſchon einmal das Schankzimmer betreten habe. Laßt Euch 17 einen Vorſchlag machen. Wir wollen uns dieſen Morgen in jene alten Zeiten zurückverſetzen, wo man noch nicht die komiſche Erfindung gemacht hatte, kleine Stückchen Metall für ein gutes Frühſtück oder noch beſſeres Mittagseſſen zu fordern. Wir wollen uns in die Zeiten des Tauſchhan⸗ dels zurückdenken. Ihr gebt mir ein gut engliſches Früh⸗ ſtück, und ich Euch einen Rock, den der prächtigſte Biber im Lande der Mohawks getragen hat.“ Mr. John mußte über dieſen Antrag, noch mehr über die Art und Weiſe, wie er gemacht wurde, lächeln.„Ihr ſeid ein komiſcher Kauz,“ ſagte er in einem weit freundli⸗ cheren Tone, als er außerhalb der Hausthüre angenommen hatte. „Ihr ſeid nicht der Erſte, der mir dieſes ſagt,“ er⸗ wiederte Frank—„aber mein Vorſchlag auch nicht zu verwerfen, da ein ſchöner Biber gewiß ein Frühſtück auf⸗ wiegt.“ „Laßt mal ſehen,“ ſagte der Wirth, den Blick dem Pack zugewendet, welchen Frank bereits von den Schultern herab auf einen im Schankzimmer ſtehenden Tiſch hatte ſinken laſſen. „Da ſtehen wir eigentlich auf ungleichem Felde,“ lachte Frank—„denn dann ſollte ich mir auch das Früh⸗ ſtück zeigen laſſen,— doch Engherzigkeit war nie mein Feh⸗ ler,— Ihr ſollt den Biber ſehen.“ 1858. VI. Van Hoboken. III. 2 18 Und mit dieſen Worten öffnete er den Pack und zog aus vielen anderen hier ſorgfältig eingebündelten Fellen ein wahres Prachtexemplar hervor. Mr. John's Augen blitzten vor Vergnügen. Er verſicherte ohne Hinterhalt, ſeit lange nicht ſo einen ſchönen Caſtor in der Hand ge⸗ habt zu haben. „War an und für ſich ein prächtiger Burſche,“ ſagte Frank—„aber die Hauptſache iſt doch, wie man die Sache verſteht,— werden viele ſchöne Biber verdorben durch Nachläſſigkeit und Unverſtand.“ „Habt Ihr noch mehrere ſolche ſchöne Stücke?“ ſagte Mr. John, da ließe ſich vielleicht ein Handel machen.“ „Vor der Hand nehmt Ihr dieſen,“ erwiederte Frank trocken, während er ſeinen Pack wieder ruhig zuſammen⸗ ſchnürte,—„und laßt mir mein Frühſtück zukommen. Die andern will ich einſtweilen noch behalten. Ich könnte vielleicht wieder einmal irgendwo anfragen, und auf die⸗ ſelbe Hausregel, die Ihr führet, ſtoßen.“ „Nun, wie Ihr wollt,“ lachte nun auch der Gaſtwirth, —„wenn die Kaufherren in der Stadt Euch jedoch die Waare abdrücken wollen, dann kommt wieder zu mir her⸗ aus,— mein Grundſatz iſt: leben und leben laſſen.“ „Bringt dieſen jetzt in Ausführung,“ rief Frank, „und laßt nicht mich verhungern.“ Lachend eilte Mr. John aus dem Schankzimmer, 49 und er war vielleicht ſeit lange nicht ſo dienſtfertig ge⸗ weſen,— nicht ſo viel des ſchönen Bibers wegen, als weil die Laune des jungen Krämers auch auf ihn übergegangen war, wie man dieſes ſo oft im Leben trifft, und was man mit guter Laune thut, iſt gewöhnlich gut gethan; ſo auch das Frühſtück, welches bald auf dem kleinen Tiſche, hinter dem Frank ſaß, aufgepflanzt war. Da gab es dampfen⸗ des Beefſteak, ſchöne ſüße Kartoffeln, ein Prachtſtück hol⸗ ländiſchen Käſes, ein ditto kalten Schinkens, Butter und Eier und, als Zugabe zum gut engliſchen Frühſtück, auch einen Teller friſcher Auſtern mit allem Zubehör,— na⸗ türlich fehlte nicht ein Krug mit ſchäumendem Ale und echter holländiſcher Gin,— wir halten es jedoch für über⸗ flüſſig, zu verſichern, daß unſer junger Freund es ſich aus⸗ gezeichnet ſchmecken ließ, wenn wir erwähnen, daß er bei Jugend und guter Geſundheit ſeit beinahe vier und zwanzig Stunden nicht in die Gelegenheit gekommen war, einen ſolchen Tauſchhandel zu ſchließen. Es verging jedoch nicht viel Zeit, ſo war er nicht mehr der alleinige Gaſt in Mr. John's Taverne. Ein kurzer, ziemlich wohlbeleibter Mann trat ein, welchen Phyſiogno⸗ mie und Kleidung ohne Schwierigkeit für einen Holländer erkennen ließen, und welcher auch von dem Gaſtwirth mit dem Mynheer van Yorx angeſprochen wurde. Die Bei⸗ den ſchienen ſich wohl zu kennen, wie aus der Art ihrer ——————— 20 Geſprächführung zu bemerken war, welche in halben Sätzen, ein bisweilen gelispeltes Wort dazwiſchen gegeben und von Winken mit den Augen und derlei Zeichen begleitet, be⸗ ſtand. So viel jedoch, der Hauptſache nach, verſtändlich wurde, war, daß Mynheer van Yorx einen Morgenſpa⸗ ziergang über das„Töpferfeld“ hinaus vor hatte, wo ſeine, an das äußerſte Ende der Stuyveſant⸗Bauerei angren⸗ zende Farm lag. Damals betrachtete man einen ſolchen Weg zurückzulegen beinahe wie eine kleine Reiſe. Man mußte, nachdem man die Stadt durch das Landthor verlaſ⸗ ſen hatte, ein großes Stück Land, das als öffentlicher Gras⸗ platz für die Stadt⸗Kühe, Schafe und Schweine benutzt wurde, paſſiren,— dann ein anderes Stück Land, die ehe⸗ malige Kompagnie⸗Bauerei, wo die Windmühlen für den Gebrauch der Stadt errichtet waren,— dann kam man über eine große, weit in die Inſel ſich hinein er⸗ ſtreckende Sandbank, welche zur Zeit der Flut unter Waſſer ſtand— und hatte man dieſe Schwierigkeiten überwunden, ſo war der Lispenardſumpf zu paſſiren, wel⸗ cher auf der einen Seite mit dem Hudſon in Verbindung ſtand und an der andern Seite von dem Rolck, einem ſchmutzigen Landwaſſer, Zulauf erhielt, über welchen jedoch künſtlich aufgeführte Wege, durch holländiſche Induſtrie er⸗ richtet, zu dem jenſeits gelegenen Töpferfeld führten. Die heutigen Bewohner von Neu⸗York, wenn ſie mit dem Eiſen⸗ ie 21 bahnzuge denſelben Weg in vielleicht keiner Zeit zurückle⸗ gen, und durch die breiten Straßen, zwiſchen den in's Weite ſich hinziehenden Häuſerreihen hinfliegen,— oder jene, welche in der heutigen Lispenardſtraße wandern, den rei⸗ zenden St. Johns⸗Park, der aus der Sandbank erſtanden iſt, betreten, oder auf dem Waſhington⸗Platz, dem damali⸗ gen Töpferfelde, die ſplendiden Häuſer, das majeſtätiſche Univerſitätsgebäude und die prachtvolle Kirche betrachten, — mögen es vielleicht unerklärlich finden, daß, um von dem untern Theil Neu⸗Yorks in dieſem Theil zu gelangen, man ſich früher Stärkung in einen Teller friſcher Auſtern ſammt Zubehör und einer Flaſche franzöſiſchen Rothweins holen müſſe; aber wir, die wir aus Mappen, Karten und Be⸗ ſchreibungen wiſſen, daß es etwas ganz anderes war, da⸗ mals die Inſel hinauf zu wandern, als heut zu Tage den Brvadway hinauf zu fahren, finden es ganz vernünftig, daß Mynheer van Yorx, bevor er dieſe Wanderung an⸗ trat, in John Nightingale's Taverne einſprach. Auch dieſer praktiſche Gaſtwirth mochte es für vernünftig halten und ſtellte ſeinem neuen Gaſte auch eine ſo anſehnliche Portion des Verlangten hin, daß man wohl vermuthen mußte, er ſelbſt wiſſe es am Beſten, was es heiße, einen Fußmarſch bis über das Töpferfeld hinaus zu unternehmen. Das Geſpräch zwiſchen Wirth und Gaſt war ein ſehr einſylbiges geworden, denn der würdige Mynheer S zu 22 ſehr beſchäftigt, um Zeit für Frage und Antwort übrig zu behalten und Mr. John war ein zu vernünftiger Mann, um nicht zu wiſſen, daß es nichts Läſtigeres für einen, ſein Frühſtück mit gutem Appetit Verzehrenden giebt, als durch Fragen beläſtigt und zu Antworten genöthigt zu werden, — und ſo, wie geſagt, war die Converſation mit der An⸗ kunft der mit Auſtern gefüllten Schüſſel in's Stocken ge⸗ rathen. Endlich wurde Mr. John zu irgend einem häus⸗ lichen Geſchäfte abgerufen, und ſtatt ſeiner erſchien ein klei⸗ ner Junge im Schankzimmer, welcher hier die Rolle eines Aufwärters ſpielte, aufräumte, Gläſer rein wuſch, Stühle zur Seite ſchob, und ſich ſonſtiges hinter der Bar zu thun machte. Dieſes, welches der Junge in ſeinem Geſchäftseifer verurſachte, war aber auch das einzige Geräuſch, welches die ſonſtige Stille eines Schankzimmers in früher Morgen⸗ zeit ſtörte,— die beiden Gäſte waren jeder für ſich zu eifrig beſchäftigt, um einer von dem andern Notiz zu nehmen und man vernahm ihrerſeits höchſtens etwa ein zufälliges Klirren, wenn die Gabel mit dem Teller in Berührung kam. Dieſe freundliche, gemüthliche Stille ſollte bald unter⸗ brochen werden. Man vernahm von Außen Stimmen,— lärmende, ſchreiende, lachende, fluchende Stimmen— ſie kamen immer näher und bald polterten etwa ein halb Dutzend junger Leute in das Schankzimmer, denen man — ——— 11 WM 11*——*— ————** —— 1 23 auf den erſten Blick anſah, weſſen Geiſtes Kinder ſie ſeien. Es war da ſo viel Nachläſſigkeit und Unſauberkeit in der Kleidung,— ſo viel Ungeſchliffenheit und Rohheit in Ma⸗ nieren und Sprache,— es herrſchte in dem Tone der Hei⸗ terkeit, welchen ſie zur Schau zu ſtellen bemüht waren, ſo viel Uebermuth,— es zeigte Alles, was ſie thaten und ſprachen, dieſes gewiſſe Gefühl von Unabhängigkeit und das ſichere Pochen auf ihre Anzahl, daß die Erſcheinung dieſer jungen Burſche wirklich eine unangenehm ſtörende ſein mußte. Sie waren mit langen Vogelflinten bewaffnet und hatten große Lederbeutel, wahrſcheinlich den Schießbe⸗ darf enthaltend, anhängen; aus ihren rohen Scherzen und den Einen oder den Andern treffenden Spottreden war zu entnehmen, daß es ihre Abſicht war, die Inſel hinauf zu ziehen, um ſich das Vergnügen der Jagd zu verſchaffen,— was aber die eigentliche Beſchäftigung dieſer hoffnungs⸗ vollen Jünglinge ſein mochte, war durchaus nicht zu erra⸗ then,— vielleicht hatten ſie gar keine beſtimmte, ſondern lebten das bequeme Leben der Glücksritter. Warum ſollte das damalige Neu⸗York nicht auch ſchon derlei nützliche Staats⸗ bürger aufzuweiſen gehabt haben? War in dem kleinen Anfange nicht allenthalben ſchon der Keim zu dem rieſig Großen, zu dem es einſt erwachſen ſollte, bemerkbar?— und mußte denn nicht alſo auch ſchon damals der Samen zu dieſem Unkraute, welches uns heut zu Tage in ſo reicher 24 Ausbreitung und Vervielfältigung begegnet, geſtreuet wor⸗ den ſein? Wenn dieſe liebenswürdigen Jünglinge auch damals keine Lederkappen, keine blauen Halbfracks mit blanken Knöpfen, zugeſchloſſen, um den etwaigen Mangel des Hemdes zu verbergen, und keine aufgeſchlagenen Pan⸗ talons trugen, ſo waren ſie doch auch gewiß ſchon damals er⸗ kenntlich, durch ihre Naivetät, mit der ſie ſich etwa gegenſeitig Fußtritte geben, ein Bein unterſetzen oder andere derlei feine Scherze treiben. Kurz, wir vermuthen, daß dieſes wür⸗ dige Halbdutzend, welches jetzt die friedliche Stille in John Nightingale's Taverne ſtörte, gerade eben ſolche hoff⸗ nungsvolle Jünglinge waren, als wir heute eine ſo ſchöne Zahl aufzuweiſen haben. Der würdige Mynheer mochte ſeine Leute kennen. Er zog vorſichtig ſeine beiden Beine, die er der Bequemlichkeit wegen ausgeſtreckt hatte, unter den Tiſch zurück und es war ihm anzuſehen, daß er mit etwas mehr Beſchleunigung als früher über ſeine Auſtern her war. Frank Lincoln nahm weit weniger Notiz von der Anweſenheit dieſer über⸗ müthigen Burſche; kaum das er ſie eines Blickes würdigte, aber mit dieſem einen Blicke hatte er auch die Bemerkung gemacht, daß dieſes Halbdutzend wohl jener Klaſſe zuge⸗ höre, die mit dem Munde die Welt einzureißen droht, wenn es aber zur Ausführung kommen ſoll, nicht ſo viel Courage hat, um auch nur ein Sandkorn aus dem Wege zu rücken, 1 25 — mit dieſer Klaſſe, und wenn auch durch ein Halbdutzend repräſentirt, wußte er im Falle der Noth fertig werden zu tönnen. Er beſchäftigte ſich ruhig mit den guten Dingen, die ihm aufgetragen worden waren. Die Burſchen ſchienen es auch wenig auf ihn abzuſehen; mag ſein, daß ſie ihn ſeines abenteuerlichen Anzuges wegen für einen hielten, der zu ihrer Kaſte gehöre, ſie warfen auch zeitweiſe bei einem nach ihrer Meinung ganz beſonders gelungenen Scherz ihre Blicke ihm zu, gleichſam um von dort her ſich das Lächeln des Beifalles zu holen,— unſer Freund blieb aber dadurch ſo unbewegt, als ob außer ihm nicht eine Perſon mehr im Zimmer ſei. Man hatte einige Gläſer Brandy geleert und ſchien es jetzt müde zu ſein, ſich unter ſich gegenſeitig zu necken. Man ſuchte nach einem andern Gegenſtand, den man zur Zielſcheibe ſeines ungeſchliffenen Witzes nehmen wollte. Dafür paßte wohl ganz beſonders der gute alte Holländer, welcher jetzt eben Miene machte ſich zu erheben. Er hatte ſeinen feinen Caſtorhut aufgeſetzt und ſeinen Wanderſtab ergriffen. „Ei, alter Burſche, was ſo in Eile,“ rief einer der Uebermüthigen,—„ich glaube, wir Alle bringen heute noch unſere Geſchäfte zu Ende,— komm' hier, nimm ein Glas Brandy mit mir,— iſt echter Holländer,— wir wiſſen es gut genug, wie alt John dazu gekommen,— ——— 26 kümmert aber Dich ſo wenig, wie mich,— heda, Fred!“ rief er dem Aufwärter zu,—„ein Glas für den Gen⸗ tleman hier und eins für mich,— wer von uns Beiden zahlt, wollen wir auswürfeln,— gieb die Knöchelchen heraus.“ „Ich danke für gütige Einladung,“ erwiederte Myn⸗ heer van Yorx mit Höflichkeit,—„aber für's Erſte nehme ich überhaupt keinen Brandy ſo früh des Morgens, und für's Zweite habe ich dringendere Geſchäfte, als daß ich mich länger verweilen könnte.“ Mit dieſen Worten erhob er ſich von ſeinem Sitz und machte Miene, das Schankzimmer zu verlaſſen. Aber drei oder vier der Burſchen ſtellten ſich ihm in den Weg und brüllten im Chorus: „Nix kommt heraus „Aus des Dutchmanns Haus!“ Ein ſchon damals als Spottrede von den Yankees ge⸗ brauchter Vers, dem heut zu Tage auch jeder Teutſche oft genug kann zu hören bekommen. Der würdige Mynheer war aber kein Feigling, der ſich einſchüchtern ließ. Mit feſtem Tone verlangte er, man ſolle ihm freie Bahn machen, da er das Zimmer ver⸗ laſſen wolle. Ein rohes Gelächter war die Antwort.„Alterle, Du kommſt nicht eher fort, bevor Du nicht einen Trunk 27 herum bezahlt haſt!“ rief einer, und ergriff mit roher Fauſt des alten Mannes Arm. Wir glauben nicht, daß es Knauſerei war, die ſich gegen dieſe Anforderung auflehnte, aber die Art, wie und von wem ſie geſtellt wurde, mochte dem würdigen Bürger nicht gefallen. Mit Zornesröthe auf den Wangen und dem Ausdrucke des höchſten Unwillens riß er ſeinen Arm los, und gab dabei dem, der ihn gehalten, einen ſo kräftigen Ruck, daß das Bürſchlein ein paar Schritte weit auf die Seite taumelte. „Charley! der alte Dutchman kickt Dich bei Jingo zu Boden!“ rief lachend der Chorus der übrigen fünf Helden. Charley war aber dadurch ſehr gereizt und mit einem Sprunge an der Seite des Holländers. Mit der flachen Hand traf er den Deckel des Caſtorhutes, daß dieſer tief über Stirn, Augen und Naſe hinabrückte, und Myn⸗ heern nicht nur des nöthigen Sehlichtes, ſondern auch guten Theil der Athemluft beraubte,— aber da lag Charley auch bereits der Länge nach im grünen Graſe, drei oder vier Schritte entfernt von der Eingangsthüre zu John Nightingale's Taverne. Wie durch eine magiſche Kraft war er dahin gelangt, halb fliegend, halb burzelnd die ganze Länge des Schankzimmers durch, die einigen Stufen hinab und dann noch in der Nachwirkung des Schuſſes ——— 28 einige Schritte weiter kollernd. Dieſe magiſche Kraft war jedoch keine andere als Frank Lincoln's mächtige Schwungkraft und die wunderbare Schnelligkeit ihrer Anwendung. Charley ſelbſt wußte nicht, wie das gekommen war, aber ſeine Freunde wußten es, und auf ihre überlegene Anzahl pochend, wollten ſie jetzt über den herfallen, der es gewagt hatte, ihren lieben Charley zur Thüre hinaus zu werfen. Aber ſchnell lagen zwei neben dem lieben C harley im Graſe,— zwei Andere ſtolperten dieſen gerade ſo viel nach, daß ſie wenigſtens ſagen konnten, ſie hätten auf ihren eigenen Beinen das Schankzimmer verlaſſen,— der fünfte und letzte burzelte aber wieder eben ſo Kopfüber zur Thüre heraus und die Stiege hinab, wie Charley und die beiden andern Freunde. „Zieht Euer Schwert, Freund!“ rief Mynheer van Yorr, welcher unterdeſſen ſich von ſeiner licht- und athem⸗ nehmenden Decke frei gemacht hatte, und ſeinen Stock ſchwingend, rief er:„Wir zwei werden mit den Schuften wohl fertig werden, wenn ſie es wagen ſollten, wieder hereinzukommen!“ „Möchte mein gutes Schwert nicht durch den Ge— brauch gegen ſolches Pack entehren,“ ſagte Frank Lin⸗ coln lächelnd,—„da iſt dieſer Prügel gut genug!“ Er nahm den Wanderſtab, der an ſeinem Krämer⸗ 29 bündel lehnte, und einige Kreuzhiebe durch die Luft machend, ſagte er lachend in holländiſcher Sprache:„Glaubt Ihr nicht auch, daß zwei gut geführte Stöcke, ſo wie wir Beide zu handhaben verſtehen, ein Halbdutzend ſolcher Ge⸗ ſellen zu Paaren treiben können?“ Der Wiederſchein des höchſten Vergnügens ſtrahlte von dem ehrlichen breiten Geſichte des Holländers, als er ſich in ſeiner Mutterſprache angeſprochen hörte, und er ſtieß ein frendiges und herzliches:„Hallo! Landsmann!“ hervor; aber er war auch in ſeinem Stolze geſchmeichelt, als tüchtiger Mitkämpfer da gezählt zu werden, wo es hieß: „Zwei gegen Sechs!“ und als er herausfordernd den Blick der Thüre zuwendete und in dieſer eine Mannsgeſtalt er⸗ ſchien, ſprang er mit hoch geſchwungenem Stocke dieſer entgegen,— aber ſogleich ließ er die Waffe ſinken und mit Lachen ſagte er:„Ei, guten Morgen, Mr. Tomkins — Ihr ſeid es?“ 30 BZweites Capitel. „Nun, welch ein Tollkopf iſt uns hier beſcheert? „Er hat etwas von Löwenherzens Zügen „Und ſeiner Sprache Ton iſt ihm verwandt.“ W. Shakſprare. Gönig Johann.) „Ihr macht Euch, ſcheint es, gute Leibesbewegung am frühen Morgen,“ ſagte der Eintretende, welcher in der That kein anderer als der würdige Aldermann Mr. Elea⸗ ſar Tomkins war, mit einem feinen Lächeln,—„Ich habe es nicht gewußt, daß Mynheer van Yorr ſolch' ein tüchtiger Fauſtkämpfer iſt.“ „Es iſt wohl nothwendig, dieſen rohen Jungens, welche man mit Recht eine Geißel der guten Stadt Neu⸗ York nennen kann, einmal Mores zu lehren,“ erwiederte der Holländer, ſich nicht wenig in die Bruſt werfend,— „und iſt man auch nicht mehr in voller Jugendkraft und durch eine unglückliche Zunahme an Körperumfang etwas weniger gelenkig als man vor Zeiten war, ſo ſteht man dennoch ſeinen Mann.“ „Dafür will ich erforderlichen Falls vollkommenes Zeugniß geben,“ ſagte der Aldermann lächelnd.—„Habe ich doch ſelbſt mit angeſehen, wie ein Halbdutzend, einer nach dem andern zur Thüre herausgeflogen kam,— und 31 ich nur dem guten Glück, noch zur rechten Zeit von Euch erkannt worden zu ſein, es zu danken habe, daß ich nicht den Sechſen nachgeſchickt wurde.“ „Es hätte beinahe in der Aufregung des Kampfes geſchehen können,“ erwiederte Mynheer lächelnd,—„ich und mein Mitkämpfer hier glaubten nicht anders, als daß die Burſchen wieder zurückkommen würden, um ſich dem nochmaligen Hinauswerfen auszuſetzen.“ „Dieſe Sechs kommen nicht mehr hier herein,“ ſagte Mr. Tomkins lachend,—„die haben an dieſer einen Lection genug,— haben auch Reißaus genommen, als wenn wilde Hunde ihnen auf der Ferſe nachſetzten,— und das bin ich ſicher, wo ſich Mynheer van Yorx von heute an wird blicken laſſen, wird keiner von dieſen Sechſen zu ſehen ſein.“ „Möchte ihnen auch wirklich zu rathen ſein,“ ſagte Mynheer im vollen Gefühle der Heldenthaten, welche er ausgeübt haben würde, wenn ſein Mitkämpfer nicht ſo eine bewunderungswürdige Schnelligkeit entwickelt hätte,— „aber was iſt jetzt zu machen?“ fragte er ſich ſelbſt, den Blick der Sonne zugewendet, die jetzt gerade der offenen Thüre gegenüber ſtand,„man hat hier die Zeit verſäumt, und es iſt beinahe zu ſpät, heute noch den Weg über das Töpferfeld hinaus zu machen,— wohl!— meine Farm läuft nicht davon, treffe ſie morgen noch an demſelben Platz, wo ſie heute liegt. Ueberdies die Ankunft meines Freundes Mr. Tomkins beſtimmt mich etwas Außerge⸗ wöhnliches zu thun, und vor dem Mittageſſen eine andere Flaſche Rothwein zu nehmen,— ich hoffe, Landsmann, Ihr werdet es mir nicht verſagen, dabei zu helfen,— mit⸗ gefochten, mitgetrunken!— doch darf ich um Eueren Namen fragen?“ „Frank Lincoln,“ erwiederte der Gefragte ohne Rückhalt. „Frank Lincoln?!“ ſagte Mynheer van Yorx verwundert,—„wie kommt ein Holländer zu dieſem Namen?“ „Und doch erinnere ich mich nicht, je anders genannt worden zu ſein,“ erwiederte Frank Lincoln,—„und daß ich ein Holländer bin, dürftet Ihr aus meiner Aus⸗ ſprache entnehmen, die ein Fremder ſich nie ſo aneignen kann.“ „Dies iſt gewiß,“ ſagte der gutmüthige Dutchman, —„den echten Holländer erkenne ich in den erſten fünf Worten, die er zu mir ſpricht,— und Ihr ſpracht das, was Ihr mir während des Kampfes zurieft, gerade, wie es nur ein Holländer ſprechen kann. Alſo wollen wir den Namen Namen ſein laſſen,— Ihr ſeid mein Lands⸗ mann und wackerer Kampfgenoſſe.“ „Heda, John!“ rief er dem eben eintretenden Gaſt⸗ i 6 ——— 33 wirthe zu,—„eine gute Flaſche Rothwein,— eine vom letzten Transporte,— Ihr wißt was ich meine.“ Er ſprach dieſes von einem jener Augenwinke begleitet, welche er häufig in dem Geſpräche mit dem Wirthe zu gebrauchen pflegte; und ſich wieder unſerm jungen Freunde zuwendend ſagte er:„Wenn Euere Geſchafte Euch einige Zeit in Neu⸗York verweilen machen, hoffe ich Euch in meinem Hauſe zu ſehen: Dietrich van Yorx, Riemer und Handſchuh⸗ macher an der Biberſtraße,— jedes Kind kann Euch zu⸗ recht weiſen, und wenn Ihr nichts beſſeres zu thun wißt und Ihr meine Farm nahe dem Töpferfeld beſehen wollt, würde ich mit Vergnügen Euch einladen, mich morgen dahin zu begleiten.“ Wir glauben, daß das Letztere aus vollem Herzen kam, denn war der hohe Stand der Sonne heute ſicher nicht die wahrhafte Urſache, die ihn abhielt, ſeine Wande⸗ rung zur Farm anzutreten: ſo war ihm morgen eben ſo gewiß die Begleitung ſeines Kampfgenoſſen dahin wün⸗ ſchenswerth, denn hatten auch zwei ſo tüchtige Fechter das Begegnen des Halbdutzend, welches den Jagdgrund der Inſel durchſtrich, nicht zu ſcheuen, ſo mochte es doch dem Einzelnen etwas unangenehm gekommen ſein. Ohne beſtimmt anzunehmen oder abzulehnen, erwie⸗ derte Frank nur, daß er es ſelbſt noch nicht ſagen könne, wie ſeine Zeit in Anſpruch genommen werde. 1858. VI. Van Hoboken. III. 3 34 John brachte den Rothwein und die Drei nahmen ihre Plätze um den Tiſch ein, an welchem Mynheer van Yorr früher geſeſſen. Unſere Leſer werden nicht unbemerkt gelaſſen haben, daß das mitgetheilte Geſpräch nur zwiſchen dem ehrlichen Neu⸗Yorker Riemer und Handſchuhmacher und unſerm jungen Abenteurer geführt worden war. Mr. Tom⸗ kins, der Aldermann, ſchien wohl mit einem aufmerk⸗ ſamen Ohre daran Theil zu nehmen; aber in Wahrheit war ſeine Seele mit etwas ganz Anderem beſchäftigt, als was der redſelige Mynheer verhandelte. Er betrachtete ſich den Jüngling, welcher ſo thätigen und kräftigen Schutz ſeinem„Kampfgefährten“ verliehen hatte, mit forſchender Aufmerkſamkeit,— es war ihm ſelbſt unerklärlich, wodurch dieſer ſein Intereſſe in ſo hohem Grade erregt hatte. Es war nicht das Abenteuerliche ſeines Aeußern,— in jenen Zeiten war es nichts Außergewöhnliches, in den Straßen Neu⸗Yorks Leuten zu begegnen, welche ſich Jahre lang unter den Indianern herumgetrieben und von ihnen zum Theil Kleidung, Sprache, Sitten und Gebräuche angenommen hatten;— es war nicht die Weiſe, mit welcher er ſich benahm, — jene Abenteuerer war man ja gewohnt, offen und frei in Sprache, unternehmend, furchtlos, kühn und gewandt zu ſehen;— es war etwas ganz Anderes, was ſeine Auf⸗ merkſamkeit in vollen Anſpruch nahm,— es war in dieſem —— 8————— — ——— 35 Blicke, in dieſen ſonne⸗ und luftgebräunten Zügen ein Etwas, was ihn im erſten Augenblicke frappirt hatte und ihn immer wieder auf's Neue mahnte, dieſem Blick zu be⸗ gegnen, dieſe Geſichtszüge zu betrachten,— es war Etwas in dem Organ, das ihn merkwürdig berührte, als dieſer die erſten Worte ſprach,— Frank Lincoln nannte er ſich, ein echt engliſcher Name,— ein Holländer von Ge⸗ burt zu ſein, hatte er erklärt,— doch dieſes war auch nichts Außerordentliches: es mochte wohl manches Kind von engliſchen Eltern in Holland ſelbſt oder in einer hollän⸗ diſchen Kolonie geboren worden ſein,— nein der Blick, die Geſichtszüge, die Art zu lächeln,— vor Allem das Organ, waren es, die den Aldermann anzogen und auch wieder abſtießen,— denn er machte in ſeinem Innern die Bemerkung, daß der Jüngling auf ihn keinen angenehmen, — ja ſelbſt einen widerlichen Eindruck mache,— und ge⸗ rade dieſes konnte er ſich ſelbſt am wenigſten erklären, denn er mußte es zugeben, daß der Fremde in ſeiner Männlichkeit, Kraft und Gewandtheit eine ſchöne Erſcheinung ſei,— er mußte es zugeben, daß dieſe offene, freie, anſpruchsloſe Redeweiſe und Art des Benehmens ihn liebenswürdig mache, — und doch war ihm der Jüngling im Ganzen genommen, vom erſten Augenblicke an unangenehm,— widerlich. Er hütete ſich jedoch wohl, dieſes zu zeigen,— er hoffte vielleicht mit ſich ſelbſt noch darüber in's Klare zu 3* 36 kommen, er trachtete vor Allem, über dieſen ihm, wahr⸗ ſcheinlich nur ihm allein unerklärlichen Fremdling, Näheres zu erfahren, und als die Drei nun beim Glaſe Wein ſaßen, übernahm er das Geſpräch zu führen. „Ihr habt wohl längere Zeit unter den Indianern gelebt?“ begann der Aldermann. „Ziemlich lange,“ antwortete Frank Lincoln,— „aber die genaue Zeit anzugeben wäre mir nicht möglich, da ich nie einen Kalender zur Hand hatte,“ ſetzte er lä⸗ chelnd hinzu. Der Aldermann nahm den Scherz leicht hin, dachte aber bei ſich ſelbſt:„Der gute Freund ſcheint eben nicht bereit, jede Frage haarklein beantworten zu wollen.“ „Mit welchen Stämmen machtet Ihr Bekanntſchaft? — Ihr verzeiht meine Neugierde,“ ſetzte er entſchuldigend hinzu,—„aber ich nehme daran ſehr viel Intereſſe, da ich ſelbſt mit einigen bekannt bin.“ „Ich lebte einige Zeit unter den Pequots,— dann unter den Mohawks,— machte aber auch zuweilen den Onondagas, Oneidas, Cayugas und Senecas einen Beſuch,“ war die Antwort. „Die Pequots habt Ihr dann von der Bay⸗Bolonie aus beſucht?“ fragte der Aldermann weiter. „Von Neu⸗Port aus,“ erwiederte Frank. „Es iſt ſelten, daß die Holländer die urſprünglich ————— 1 8 Sw ir * X— te t d n n 8 ch 37 neu⸗engliſchen Kolonien berühren,“ ſagte der Aldermann, einen forſchenden Seitenblick dem jungen Mann zuwendend, —„es iſt gewöhnlich, daß dieſe, bei einem Beſuche der neuen Welt, zuerſt nach Neu⸗York kommen, da ſie doch hier Verwandte oder wenigſtens von drüben her bekannte Familien finden.“ „Ich hatte hier weder Verwandte noch von drüben her bekannte Familien zu ſuchen,“ erwiederte Frank mit lachendem Munde,—„ich überließ es eben dem Zufall, wo er mich in der neuen Welt an's Land werfen wollte, — denn ich mußte es ja eben auch vom Zufall erwarten, daß er mir den Weg zeige, welchen ich hier einzuſchlagen habe, um— ein reicher Mann zu werden.— Nun, es beliebte ihm, mich in Neu⸗Port an's Land zu ſetzen,— er führte mich unter die Pequots und Mohawks,— jetzt den Hudſon herab nach Neu⸗York,— und hier will ich nun anfangen Geld zu machen, für heute war der An⸗ fang ein Tauſchhandel: ein engliſches Frühſtück für einen prächtigen Caſtor,— Ihr könnt bemerken, daß ich mein Geſchäft gut beginne.“ Er ſprach dieſes mit ſo viel gutem Humor, daß der ehrliche Riemer und Handſchuhmacher herzlich lachen mußte; aber der ſchlaue Aldermann betrachtete ſich den Sprecher mit einem Blicke, als wolle er damit in die tiefſte Tiefe ſeiner Seele dringen, wo vielleicht ganz Anderes niederge⸗ 38 ſchrieben ſtand, als der leichtſinnige Mund plauderte. Doch unſer junger Abenteuerer war bei oll' ſeiner Ungebunden⸗ heit und Offenheit Keiner von denen, die ſo gerade zu für Jeden, dem es beliebig ſei darin zu leſen, das Buch ihrer geheimen Gedanken ſtets aufgeſchlagen haben. Er mochte aber auch den forſchenden Blick des Aldermanns errathen, denn mit einem feinen Lächeln fuhr er fort: „Aber ich will mich nicht ſelbſt in Mißcredit ſetzen und Euch zu der Anſicht, ich ſei ein unverſtändiger Kauf⸗ mann, berechtigen. Der Tauſchhandel war zum Theil durch die Nothwendigkeit, das heißt, durch meinen hung⸗ rigen Magen erzwungen, zum Theil auch der Ausbruch meiner Laune, um dieſem filzigen Gaſtwirth zu zeigen, daß ich nicht vermuthet hatte, unter den frommen Gläubigen weniger Gaſtfreundſchaft als unter den heidniſchen Iro⸗ keſen anzutreffen.“ Er ſagte dieſes jedoch mehr ſcherzweiſe, und der wür⸗ dige Gaſtwirth, welcher es auch ſo nahm, erwiederte mit Lachen:„Was war dieſes aber auch für ein Frühſtück? Ich glaube nicht, daß die gaſtfreundlichen Jrokeſen je Euch ein folches vorgeſetzt haben, und zum Ueberfluß warft Ihr noch ein halbdutzend Gäſte zur Thür hinaus, bevor ſie meiner Hausregel nachgekommen waren.“ „Dieſes betrifft mich mit,“ ſagte der kleine, runde Handſchuhmacher, ſich in die Bruſt werfend,—„und kann — 8— W— — ——— ſ — S— 5 39 meinem braven Kampfgenoſſen nicht allein zur Schuld geſchrieben werden. Ihr möget übrigens die ganze kleine Summe mir in Rechnung bringen.“ „Wie ich höre, habt Ihr einiges Pelzwerk in dieſem Bündel,“ ſagte der Aldermann—„wenn Ihr es zu ver⸗ kaufen beabſichtigt, könnten wir vielleicht einen Handel machen. Jedenfalls würdet Ihr dabei beſſer zu ſtehen kommen, als mit Euerm heute Morgen abgeſchloſſenen,“ ſetzte er lächelnd hinzu. „Woran ich nicht zweifle,“ erwiederte Frank Lin⸗ coln lächelnd,—„übrigens bin ich dieſem Tauſchhandel als Einleitung zu meiner kaufmänniſchen Laufbahn in Neu⸗York Dank ſchuldig.“ „Wenn Ihr mich an meinem Geſchäftsplatze beſuchen wollt,“ ſagte der Aldermann,—„ſo werden wir über den Preis bald einig werden.— Die Firma iſt:„van Ho⸗ boken und Kompagnie“ in der Biberſtraße— Mr. Eleaſar Tomkins iſt mein Name.“ „Van Hoboken,“— wiederholte Frank etwas nachdenklich. „Ja!— Van Hoboken und Kompagnie,“ ſagte der Aldermann raſch, mit einem ſtechenden Blicke,—„iſt Euch der Name bekannt?“ „Bekannt?“ fragte Frank Lincoln in ſeinem ge⸗ 40 wöhnlichen leichten Tone,—„bekannt?— ich glaube nicht, ihn je in meinem Leben gehört zu haben.“ „Iſt doch eines der bedeutendſten Häuſer in Rotter⸗ dam— Van Hoboken und Suydam in Rotterdam?“ ſagte der Aldermann forſchend. „Das mag wohl ſein,“ erwiederte Frank Lincoln nachläſſig,—„habe mich nie viel um die Firmen in Rotterdam bekümmert.“ „Ihr waret daher im alten Vaterlande nicht in Han⸗ delsgeſchäften?“ fragte Mr. Tomkins. „O, ich war in Geſchäften,— in ſehr bedeutenden Handelsgeſchäften,“ ſagte Frank Lincoln lächelnd,— er mochte ſich wahrſcheinlich der Geſchäfte des alten Dick an den engliſchen, ſpaniſchen und franzöſiſchen Küſten erinnern,—„aber ſonderbarer Weiſe kam ich nie mit dem Hauſe Van Hoboken und Suhdam in Rotterdam in Berührung.“ „Nun, ſo wird Euer erſtes Geſchäft in Amerika mit Van Hoboken und Kompagnie in Neu⸗York ſein,“ ſagte der kleine van Yorr gutmüthig,—„und ich wünſche, daß Ihr damit den Grundſtein zu einem künftigen Reich⸗ thum leget.“ „Wer kann das wiſſen,“ fuhr er geſprächig fort,— „Es hat ſchon Mancher in der Welt ſein Glück einem puren Zufall zu verdanken. Nicht ſo, Mr. Tomkins? 41 Ihr hättet es damals, vor ein oder zwei und zwanzig Jahren auch nicht gedacht, noch einmal der reichſte Mann in Neu⸗York zu werden?“ „Hm!— der reichſte Mann!“ ſagte Mr. Tomkins, —„da fehlt noch Einiges.“ Er ergriff ſein Glas und that einen langen, langen Zug,— war es, daß es ſeine Beſcheidenheit nicht erlaubte, ſich eine ſolche Schmeichelei in's Geſicht ſagen zu laſſen, oder dachte er das Geplauder des kleinen Mannes dadurch abzubrechen,— aber wenn das Letztere der Beweggrund ſeines langſamen Trinkens war, ſo hatte er fehlgerechnet, denn der Holländer fuhr fort: „Nun das„Einiges“ wird ſich auch finden,— wer das Glück hat, führt die Braut nach Haus,“ ſagte er, es mit einem ſeiner ſchelmiſchen Augenwinke begleitend,— „und Ihr habt das Glück.— O, ich erinnere mich noch ſehr wohl, wie Ihr damals von Plymouth ankamt— nun, Armuth iſt keine Schande,— Ihr wißt es wohl nicht mehr, daß Ihr am Tage nach Euerer Ankunft von mir ein Bündel lederner Schuhriemen kauftet?— nun, die Zeiten haben ſich geändert: jetzt tragt Ihr ſilberne Schuh⸗ ſchnallen— ja!— aber ſo oft ich Euch ſehe, erinnere ich mich an die ledernen Schuhriemen, und habe meine Freude daran, daß Ihr jetzt der erſte Kaufmann in Neu⸗York ſeid.“ 42 „Was Ihr doch plaudert,“ lächelte Mr. Tomkins. „Nun, das weiß ja doch die ganze Welt, daß van Hoboken und Kompagnie nur die Firma iſt, Ihr aber der Mann des Geſchäfts ſeid. War der alte Klans ſchon vordem nicht viel zu zählen, ſo war er nach der böſen Geſchichte, wo ſein kleiner Junge unerklärlicher Weiſe verſchwand, ſo viel als Null— war aber auch ein herziger Junge, der kleine Francis,— ich ſehe ihn noch vor meinen Augen im Garten herumſpringen und den alten Klaus hinter ihm drein watſcheln,— ja, war ein herziges Kind.“ Der Aldermann fuhr zuſammen, wie von einem gif⸗ tigen Thiere geſtochen,— ſein Geſicht wurde leichenblaß und ſeine Lippen bebten,— er ergriff raſch wieder das Glas, und hielt es lange, lange an den Mund,— aber als er es auf den Tiſch niederſetzte, hatte er auch ſeine volle Faſſung wieder gewonnen. Er unterbrach das Geplauder des Holländers, indem er nach der Sonne ſah und meinte es ſei hohe Zeit nach der Stadt zurückzukehren, wozu er auch den kleinen Handſchuhmacher einlud. Dieſer meinte, dagegen, es ſei nicht ſo eilig,— er habe nun einmal den Beſuch ſeiner Farm verſäumt, ſo könne er auch ein Stünd— chen länger hier ſitzen und mit ſeinem Kampfgenoſſen ein es plaudern über die Pequots und Mohawks, von denen er ſich gar ſo gern erzählen laſſe; aber der würdige Alder⸗ 43 mann ließ nicht nach, der Kleine mußte mit ihm zur Stadt zurück. Dieſer wußte ſich dieſe beſondere Zuneigung eigentlich nicht recht zu erklären, da er doch ſonſt mit dem ſtolzen Handelsherrn und noch ſtolzeren Aldermann nicht auf ſo außerordentlich vertrautem Fuße ſtand,— aber da dieſer nicht nachließ, ſo bequemte er ſich dazu, ihn zu be⸗ gleiten. Bevor die Beiden jedoch die Taverne verließen, hatte der Aldermann noch ein dringendes und eifriges Geſpräch mit dem Gaſtwirthe im Geheimen. Sie hatten ſich in die Fenſtervertiefung zurückgezogen, welche am andern Ende des Schankzimmers ſich befand, und Frank Lincoln konnte bemerken, wie der Aldermann mit der Miene der Vertraulichkeit zu dem Gaſtwirthe ſprach, dieſer aber nur wenig erwiederte, ſondern nur von Zeit zu Zeit, wie zum Zeichen des Verſtändniſſes, mit dem Kopfe nickte. Was aber der Gegenſtand ihres Geſprächs war, konnte er nicht ver⸗ nehmen, theils wegen der Entfernung, in welcher ſich die Beiden von ihm befanden, theils auch, weil der würdige Mynheer an ſeiner Seite ohne Aufhören plauderte, gleich⸗ ſam ſich bemühend, das in Schnelligkeit zu ergänzen, was durch die Zwiſchenſprache des Aldermannes unterbrochen worden war. „Ja, ſeht Euch den Mann an,“ ſagte er zu Frank Lincoln,—„war ein armer Schlucker,— ein entfernter 44 Verwandter vom alten Klaus van Hoboken,— kommt da in's Geſchäft,— erſt als Diener,— wird dann Kom⸗ pagnon,— undiſt jetzt alleiniger Herr, denn der alte Klaus iſt todt,— die Firma ändert er wohl nicht ſo bald, weil ſie eine alte gute Firma iſt,— vielleicht behält er ſie auch bei, wenn er das Mädel heirathet,— nun, bekommt da ein hübſches Stück Land mit,— gehört Alles ihr, ſeitdem der kleine Francis verſchwunden iſt,— mag ſein, daß da in„Bergen“ ein wenig Durcheinander iſt,— der alte Klaus hat ſich ja um wenig bekümmert, aber der Mr. Tomkins wird die Sache ſchon in Ordnung bringen, hat er nur einmal die Jeſſie zur Frau,— dann wird die gute Vrow Gertrude mit ihrem Seth auch nach Rot⸗ terdam heimkehren können,— nun, iſt auch nicht Schade, — Jeſſie wird ſich auch nicht die Augen aus dem Kopf weinen,— iſt zwar kein junger Springinsfeld, der Mr. Tomkins, aber erſter Kaufmann in Neu⸗York,— Alder⸗ mann,— vielleicht bald Bürgermeiſter,— ſowas zählt auch— Vrow Bürgermeiſterin———“ „Mynheer van Yorx, ſeid Ihr zum Aufbruche bereit?“ unterbrach der Aldermann das Geplauder des guten Kleinen, und nachdem Beide ihre Einladung an unſern jungen Freund, ſie in der Stadt zu beſuchen, wie⸗ derholt hatten, verließen ſie die Taverne und wanderten auf Neu⸗York zu. „ 45 Der kleine Riemer und Hondſchuhmacher plauderte den ganzen Weg hin. Er erzählte von dem Angriffe der rohen Burſchen, wie aber er und der junge Fremde ſie zu Paaren getrieben,— er begann immer wieder auf's Neue, und mit jeder Wiederholung trat ſein Heldenmuth mehr glänzend hervor, ſo daß endlich er allein als der Held des Tages übrig blieb;— aber ſein Begleiter vernahm auch nicht eine Sylbe von dem Geplauder,— mit ſtarr vor ſich hin gerichtetem Blicke ſchritt er den Weg hin, der über die Windmühlen⸗Farm dem Landthore zuführte,— ſeine Seele war weit abweſend,— ſie war zu Scenen zurückge⸗ kehrt, zwiſchen denen und der Gegenwart viele, viele Jahre lagen. Es erwachte da Manches zu einer friſchen Erin⸗ nerung, welches Jahre in Vergeſſenheit geruht hatte. Und in dem Fortlaufe dieſer Erinnerungen knüpfte ſich wie von ſelbſt und im natürlichen Zuſammenhange der heutige Tag daran. War es eine Möglichkeit? Konnte er es ſein? Was war die Verabredung mit dem Kapitän ge⸗ weſen? Sollte dieſer auf ſeine eigene Gefahr hin das zu thun unterlaſſen haben, was als die dringendſte Nothwen⸗ digkeit eingeſehen worden? Aber giebt es denn nicht überraſchende Aehnlichkeiten? Was gilt die Zufälligkeit einer Uebereinſtimmung in Blick und Organ? Findet ſich nicht derlei oft, beſonders in derſelben Nationalität?— ſicher ſelten bei einem Fran⸗ 46 zoſen und einem Engländer, bei einem Teutſchen und einem Italiener; aber gewiß häufig zwiſchen zwei Teutſchen, zwei Franzoſen,— und nun gar zwiſchen zwei Holländern, mit dieſem ganz beſonders ausgeprägten Typus der Natio⸗ nalität,—— ja, dieſe Aehnlichkeit ſagt nichts—— aber, zeigt der Burſche bei all ſeiner zur Schau geſtellten Offenheit und ſeiner affectirten Naivetät nicht einen Hin⸗ terhalt, ein ſchlaues Ausweichen bei manchen Fragen, hat er nicht etwas Forſchendes in ſeinem Blicke,— und wie benahm er ſich denn bei dem Geplauder des einfältigen Handſchuhmachers?— Nein, da zeigte er auch nicht die geringſte Theilnahme, da blieb er ſo gleichgültig, als ob ihm eine Geſchichte aus Aſien oder Afrika erzählt würde, —— ſo jung und ein ſolcher Meiſter im Verbergen ſeiner Gefühle! nein, dies war nicht möglich! Und doch, ſo lange dieſer Burſche in den Kolonien lebt, iſt an keine ruhige Stunde zu denken;— ſchon die Ungewißheit iſt zu peinigend! Fort muß er,— bald— und weit fort!— wie?— wohin?— wer kann dies jetzt ſogleich beantworten.——— Sie waren in der Biberſtraße eingetroffen. Mynheer van Yorx ſchüttelte zum Abſchied herzlich die Hand des Aldermanns, dankbar für das geneigte Gehör, welches dieſer den ganzen Weg über ſeiner Erzählung geſchenkt, und für die Auszeichnung, an der Seite des erſten Handels⸗ 47 herrn und geachtetſten Aldermannes durch die Straßen von Neu⸗York gehen zu können, und verſchwand dann im Innern ſeines hochbegiebelten Hauſes, mit eiſernem Wetter⸗ hahn geziert. Nicht weit von dieſem entfernt, ſtand ein anderes hohes Haus, über deſſen Eingangsthüre zu leſen war:„Van Hoboken und Kompagnie“— und hier trat Mr. Eleaſar Tomkins ein. Drittes Capitel. „Ich grüße Dich mein Vaterhaus, „Den Platz, wo meine Wiege ſtand, „Wo ich des Knaben Spiele trieb———.“ „Der Heimkehrendt.“ Frank Lincoln hatte ſich in Neu⸗York, ſo zu ſagen, häuslich niedergelaſſen. Er hatte mit dem Hauſe van Hoboken und Kompagnie ein gutes Geſchäft gemacht und für ſeinen Pack Biberfelle eine für die damalige Zeit ſchöne Summe Geldes empfangen. Es iſt wahr, daß der Chef der Firma durchaus nicht knauſerig war, ſondern im Gegentheil eine Generoſität in Beſtimmung des Preiſes zeigte, worüber Mr. Nightingale ſeine große Ver⸗ wunderung ausdrückte und meinte:„Beſſer hätte ſein Gaſt ſeine Waare an keinem andern Platze verwerthen können.“ Bei dieſer Gelegenheit, als Frank Lincoln in Mr. Tomkins' Hauſe einſprach, zeigte ſich dieſersüber⸗ haupt in einem ſehr vortheilhaften Lichte. Er behandelte den jungen Biberfell-Verkäufer gleich einem alten Be⸗ kannten, wenn man nicht beinahe ſagen ſollte: als einen alten Freund,— war nicht nur ſogleich bereit, ihm die Waare für den möglichſt beſten Preis gegen baare Bezah⸗ lung abzunehmen, ſondern erklärte ſich willig, ihn bei einem etwaigen Unternehmen nach Kräften zu unterſtützen, ihm auch ſelbſt gegen billige Zinſen eine Summe Geldes vorzuſtrecken, kurz, er benahm ſich ſo, wie man es gern von einem älteren, gut etablirten Handelsmann ſieht, wenn er einem jungen Anfänger Rath und That verleiht. Frank Lincoln bedankte ſich jedoch vor der Hand und meinte:„Er habe eigentlich noch keinen beſtimmten Ent⸗ ſchluß gefaßt, ob er ſich wirklich an irgend einem Orte feſt niederlaſſen werde, oder nicht vielleicht noch einige Jahre das rührige und bewegte Leben eines„Free⸗Trappers,“ d. i. eines Pelzthier⸗Einfängers, der für eigne Rechnung fängt, jagt und Handel treibt, vorziehen werde. Mr. Tomkins meinte, daß dieſes Leben allerdings vielen Reiz für einen jungen Mann von kräftigem Körper und guter Geſundheit haben möge, wiederholte aber ſeinen Antrag, 49 daß, wenn immer Frank Lincoln eines Freundes be⸗ nöthige, er ſich an keinen Andern, als an das Haus van Hoboken und Kompagnie wenden möge. Mit dieſem ſchieden die beiden neuen Freunde. Als der junge Mann das Geſchäftszimmer, nach heutigem Ausdrucke: das Komptoir Mr. Tomkins' verlaſſen hatte, blickte ihm dieſer mit einem Lächeln nach und murmelte dazu:„Du ſollſt mir nicht lange in den amerikaniſchen Kolonien Trapper ſein,“— in derſelben Minute dachte aber Frank Lincoln bei ſich ſelbſt, als er die Stiege hinabging:„Es mag wohl kommen, daß ich mich an das Haus van Ho⸗ boken und Kompagnie wende.“ Sein nächſter Beſuch galt dem chrlichen Riemer und Handſchuhmacher. Der kleine Mynheer van Yorx hatte eine unausſprechliche Freude, ſeinen tüchtigen Kampf⸗ genoſſen bei ſich zu ſehen, und that Alles, um dieſe Freude an den Tag zu legen. Ja, er ging ſelbſt ſo weit, es zu wagen, ſeinen Freund und Kriegskameraden, wie er ihn ſcherzweiſe nannte, aus der Handwerksſtube weg in das Innere ſeines Haushaltes zu führen. Nicht, daß er ſo kühn geweſen wäre, ihn die Stiege hinauf, in das eigent⸗ liche Geſellſchaftszimmer zu nöthigen, nein, das hätte er nicht vor ſeiner theuren Ehehälfte zu verantworten ge⸗ wagt— da dieſes ſelbſt nur ihm und beſonders geladenen Gäſten am St. Nicholstage, Weihnachten, Neujahr und 1 1858. vI. Van Hoboken. 1II. 50 noch einigen Feſttagen im Jahr geöffnet war,— aber in die Küche, dieſe weite Halle, mit dem Heerde im Hinter⸗ grunde, mit den zur Schau ausgeſtellten blank geſcheuerten Pfannen, Keſſeln, Töpfen und mit dem maſſiven Tiſche in der Mitte und den ebenſo maſſiven Stühlen rundum, — dahin führte er ihn, und hier machte Frank Lincoln die Bekanntſchaft der guten Vrow Nochie van Yorx. Sie war ein friſchmunteres, kleines, rundes, rühriges Weibchen, welches in ſeiner Zeit hübſch geweſen war, ſeit mehrern Jahren aber durch ein rothes Näschen und etwas zu kirſchrothen Wangen an ſeiner Schönheit einige Beein⸗ trächtigung erlitten hatte; auch war in dieſer Zeit ihre Stimme etwas zu ſchrill geworden und hatte eine gewiſſe Entſchiedenheit angenommen, welche zu ſagen ſchien: Auf der Farm und in der Handwerksſtube hat Mynheer van Yorx ſeinen Willen, aber im Hauſe hat er der Haus⸗ ordnung zu folgen. Sie betrachtete ſich den jungen Mann, der ihr durch ihren Eheherrn vorgeſtellt wurde, mit etwas zweifelhaften Blicken. Sein Anzug kam ihr etwas zu ſehr von der alt⸗ holländiſchen Pünktlichkeit und Sauberkeit abweichend vor; als aber Mynheer van Yorx ihn als eben den wackern jungen Mann bezeichnete, der, wie er ihr bereits erzählt, ihm in dem Kampfe mit einem halben Dutzend mord⸗ luſtiger Geſellen ſo wacker beigeſtanden hatte, da ſiegte 65. die Liebe der Gattin über holländiſche Delikateſſe, und ſie begrüßte Frank Lincoln mit herzlicher Freundlichkeit, — ſie lud ihn ein, zu Tiſche zu bleiben:„auf ein Gericht Gerngeſehen,“ wie ſie ſagte,— und trug ihm ſelbſt an, für einige Tage, bis er andere Anſtalten getroffen, eines der kleinen Gaſtzimmer im oberen Stocke zu beziehen. Für dieſen Antrag dankte Frank Lincoln, aber am Mittagstiſche Theil zu nehmen, konnte er nicht entgehen, ohne das würdige Ehepaar zu kränken. Wir wiſſen zwar nicht mit Genauigkeit anzugeben, mit was für guten Dingen er da bewirthet wurdez es läßt ſich jedoch vorausſetzen, daß eine Hausfrau damaliger Zeit es ganz wohl verſtand, in kurzer Zeit einige Gerichte als Zugabe zu dem Gewöhnlichen fertig zu bringen, und wir glauben daher nicht, daß Frank Lincoln hungrig vom Tiſche aufgeſtanden ſei. Vor zehn Jahren, als die Stadt noch Neu⸗Anmſter⸗ dam hieß, wäre es für einen Fremden hier ſchwierig ge⸗ weſen, ſich neu zu kleiden,— die einfachen Holländer hatten ihre Hausgeſpinnſte,— die guten Vrowen fertigten Wämmſer, Kamiſols und Pluderhoſen für ihre Eheherren und Söhne; aber mit dem Wechſel des Namens und ſeit⸗ dem die engliſche Flagge auf dem Fort wehte, hatte auch der Luxus hier zugenommen, und wenn man damals auch noch nicht ſolche Etabliſſements wie heut zu Tage traf, 4* 52 wo Einer im Adamskleide hineingehen und als Dandy vom Kopf bis zu den Füßen fix und fertig herauskommen kann: ſo wurde es unſerm jungen Halb⸗Jrokeſen doch möglich, ſich wieder vollſtändig zu europäiſiren, und es läßt ſich nicht läugnen, daß er mit dem feinen Biberhute, geziert mit den weißen Reiherfedern, im dunklen, reich be⸗ treßten Kavalierrocke und in den mit flatternden Bändern beſetzten, an den Knieen an die Klappſtiefeln ſich anſchlie⸗ ßenden Pumphoſen, und mit dem feinen Ledergürtel, aus van Yorx' Werkſtätte, um die ſchlanken Hüften, das ritterliche Schwert an der Seite, eine ganz andere Er— ſcheinung war, als in der Binſenkappe, dem Lederhemde und den Moccaſins. Wenigſtens äußerte ſich ſo Frau Nochie gegen ihren Eheherrn, und wir wollen ihr auf's Wort glauben, wie wir überhaupt in ſolchen Fragen dem ſchönen Geſchlecht das richtigere Urtheil gern eingeſtehen. Wenn wir nun noch erwähnen, daß Frank Lincoln ein kleines Zimmer im obern Stockwerke der Taverne des Mr. Nightingale bewohnt, wo er ſich auf unbeſtimmte Zeit eingemiethet hat, ſo können wir wohl mit Recht ſagen, daß er ſich in Neu⸗York häuslich niedergelaſſen habe. Es war an einem Nachmittage. Es hatte ſich ein leiſes Lüftchen erhoben und dadurch die drückende Hitze des Julitages eine anmuthige Kühlung erhalten. Frank 53 Lincoln ging am Hudſon hinab. Es lagen da mehrere offene Boote. In dem einen ſaßen ein Paar Jungen von ſechzehn bis ſiebzehn Jahren und unterhielten ſich mit der Angel.„Gehört ihr zu dem Boote?“ fragte Frank Lincoln.„Gewiß,“ war die Antwort—„es gehört unſerm Vater.“ „Wollt ihr mich nach Bergenhill überſetzen?“ fragte er. Seitdem das Land unter engliſcher Regierung ſtand, war der holländiſche Name„Bergen“ zu„Bergenhill“ verändert worden. Die Jungen ließen ſich nicht zwei Mal fragen,— und bald ſetzte das Boot mit Frank Lincoln quer über den Strom. Er war mit der Oertlichkeit gut bekannt,— er war nicht ohne Nutzen bereits mehrere Tage in dieſer Gegend, — über alle möglichen Einzelheiten wußte er Beſcheid. Die Jungen legten genau an den Platz an, wo er zu landen wünſchte, und hier hieß er ſie ſeiner war⸗ ten,— nach Verlauf von zwei Stunden wollte er wieder zurück ſein. Wir betreten jetzt in ſeiner Geſellſchaft denſelben Weg, auf dem wir vor mehr als zwanzig Jahren den jungen Kavalier und den Puritaner aus Plymouth be⸗ gleitet haben. Es iſt der ſchmale Fußpfad, der durch den 54 dichten Wald führt, wo dann das mit Moor, Riedgräſern und Waſſerpflanzen bedeckte Sumpfland vor uns liegt, über welches jedoch ein Plankenſteg uns trocknen Fußes den mit Waldland überwachſenen Granitfelſen zuführt. Frank Lincoln hatte dieſen erſtiegen, war durch das kleine Gehölz gewandert, und vor ihm lag die grüne Wieſe von Obſtbaumalleen durchkreuzt,— im Hintergrunde das Herrnhaus der Van Hoboken, inmitten ſeines Kohl⸗, ſeines Blumen⸗ und Obſtgartens. Er ſteht jetzt auf ſeinem Eigenthum, auf dem vom Vater auf ihn übergegangenen Eigenthum, und mit Recht ſollten wir ihn von jetzt an bei ſeinem eigentlichen Namen: Francis Oloff van Hoboken nennen; da er aber noch nicht von den Behörden dafür anerkannt iſt, ſo wollen wir den Namen, unter dem er bisher uns bekannt war, bei⸗ behalten. Frank Lincoln alſo, ſtand und blickte mit vielem Intereſſe über das Land hin, welches vor ihm aus⸗ gebreitet lag. Je länger er die Scenerie betrachtete, deſto klarer und deutlicher erwachten Bilder der Vergangenheit in ſeiner Erinnerung. Wer das Seelenleben des Menſchen kennt, wird ſich dieſes erklären können. Er war hier ge⸗ boren und hatte die Tage ſeiner früheſten Kindheit hier verlebt. Von dem Augenblick an, wo ſeine äußeren Sinne fähig waren außenliegende Gegenſtände aufzunehmen und 55 ſie zum Bewußtſein zu bringen, hatte er fortwährend und täglich dieſes Haus mit dem hohen Giebeldache inmitten des Gartens vor ſich liegen geſehen, hatte er dieſe Wege unter den Obſtbäumen und Akazien verfolgt und war dem nahen Wäldchen zugerannt, hatte er ſich auf die äußerſte Spitze des Vorgebirges geſtellt und in den Halbkreis der die Hudſonbucht umgebenden Felſenhöhen hineingelacht, gerufen, gejauchzt, ſich kindiſch an dem Echo erfreuend, welches ihm von dorther entgegenlachte, entgegenjauchzte, — er hatte ein einfaches, nicht durch viele Abwechſelung verworrenes Kinderleben hier geführt,— klein und be⸗ ſchränkt war der Raum, auf dem er ſich bewegte, nur wenige Perſonen waren es, die ihn umgaben, die Ereig⸗ niſſe, die er durchlebte, waren einfach und faſt täglich die⸗ ſelben, um ſo klarer mußten ſich Oertlichkeit, Perſonen und Ereigniſſe der kindlichen Seele einprägen. Da trat der plötzliche Wechſel ſeines Lebens ein. Er ward entführt von dem Schauplatze ſeiner Kindheit, durch eine Gewalt⸗ that ſeinen Eltern entriſſen, von ſeinen friedlichen ruhigen Spielplätzen weg in den Raum eines Schifſes, das ſich auf hoher See herumtrieb, aus dem kleinen Kreiſe ſeiner ruhigen Umgebung unter einen Haufen rohen, lärmenden, fluchenden Volkes verſetzt,— muß die kleine, zarte Seele durch dieſen Gewaltſtreich nicht eine furchtbare Erſchütte⸗ rung erlitten haben? Wiſſen wir nicht, daß Perſonen, 56 welche heftige Gehirnkrankheiten durchgemacht, die Er⸗ innerung an das, was ſie vor dieſer erlebt hatten, ver⸗ loren? Mag dieſe Erſchütterung des kleinen, zarten Ge⸗ hirnes nicht wie eine eigentliche Krankheit die Erinnerung an die Scenen, Perſonen und Ereigniſſe vordem, wenn nicht gänzlich verwiſcht, doch ſehr unklar gemacht haben; und da eine Wiederauffriſchung derſelben nicht durch ein Zurückverſetzen in die alten Verhältniſſe, ja ſelbſt nicht einmal durch Erzählungen, Beſprechungen und derlei Hülfsmittel möglich wurde, ja im Gegentheil immer neue Ereigniſſe, erſchütternde Scenen, furcht⸗ und ſchrecker⸗ regende Begebenheiten auf das kleine Gehirn(auf die kleine Seele) einwirkten, ſo iſt es kein Wunder, daß dieſe jene erſten Erinnerungen nicht auftauchen ließen. Damit ſei aber nicht geſagt, ſie waren völlig erſtor⸗ ben, nein,— ſie ſchlummerten nur. Und als das Kind zum Knaben, zum Jüngling heranwuchs, da entwickelten ſich durch den natürlichen Gang der Natur die Begriffe und es mußte dahin kommen, daß er manche Frage an ſich ſtellte, und als er dieſe nicht ſelbſt beantworten konnte, wandte er ſich damit an ſeine Umgebung.„Wie heiße ich?“ war die erſte Frage—„Frank Lincoln, Du ſiehſt ja das F und L auf Deinen Oberarm tätowirt,“ war die Antwort.„Wo bin ich geboren?“ fragte er weiter— er hörte ja, daß der eine ſeiner Kameraden auf —— 57 der„Möwe“ in England, der andere in Frankreich, ein dritter in Dänemark, und wer weiß, wo ſonſt überall dieſer und jener geboren war.—„Ich weiß nicht,“ war zwar die Antwort, aber es ereignete ſich dennoch, daß der alte Dick einmal rief:„Schickt den kleinen Amerikaner in den Maſtkorb hinauf!“— Es waren inhaltsſchwere Worte für den kleinen Heimathloſen,— er vergaß ſie nie wieder. Endlich kam er in den Beſitz ſeiner kleinen Bibliothek. Das Holländiſche verſtand er zu leſen,— und er las und las, und immer mehr entwickelte ſich ſein Urtheil, immer klarer wurden ſeine Vermuthungen, und als er endlich mit dem mildfreundlichen White, dem Kaplan des könig⸗ lichen„Löwen“ ſprach, und ihm erzählte, und wieder er⸗ zählte, und in dieſem Erzählen ſeine Erinnerungen aus der Kindheit mehr und mehr hervortraten,— da kamen bald er und der gutmüthige Geiſtliche zur feſten Ueber⸗ zeugung, daß die Kolonie der Generalſtaaten in Nord⸗ amerika ſein Geburtsland ſei. Verband man nun noch damit die nie ganz verlöſchte Erinnerung an einen ſtets lachenden Neger, ſo glaubten die beiden Grübler nicht zu irren, wenn ſie die Vermuthung aufſtellten, daß Frank Lincoln aus einer wohlhabenden Familie Neu⸗Nether⸗ lands abſtamme,— welchen Namen er jedoch eigentlich zu führen habe,— aus welchen Gründen und auf welche Weiſe er aus ſeinem Elternhauſe auf das Schmugglerſchiff 58 gekommen war,— dieſes und noch manches Andere wußte man nicht herauszugrübeln. Das Schickſal hatte den Jüngling zum Abenteurer gemacht,— es war nicht ſo leicht für ihn, den Pfad zu verlaſſen, auf den ihn das Verhängniß geführt,— und wenn er auch in mancher ruhigen Nacht auf dem Verdecke des Schiffes auf ſeiner Matte lag, und, den Blick dem ſternenhellen Himmel zugewandt, ſich in ſchönen Träume⸗ reien verlor und Pläne entwarf und wieder verwarf,— ſo gab es auch wieder Tage, Wochen, Monate, wo er an nichts als an die Gegenwart dachte, und da er eifriger, tüchtiger Seemann war, pünktlich in Erfüllung ſeiner Pflichten und vergeſſend Amerika, die holländiſchen Ko⸗ lonien und den ſtets lachenden Neger. Wir kennen das Ereigniß an der Südküſte Frank⸗ reichs,— wir wiſſen von ſeinem Aufenthalte auf Chateau Hautbrien.... Iſt es möglich, die Fibrirungen einer jugendlichen Seele, in den verſchiedenſten Wechſellagen des Lebens, ſtets genau zu verfolgen? Verſtehen wir über⸗ haupt immer und zu jeder Zeit, welche Veränderungen mit dem Geiſtigen vorgehen? Können wir ſtets volle Rechenſchaft über unſere Handlungen, die wir oft plötzlich, wie durch eine unerklärliche Macht angetrieben, ausüben, abgeben?— Hatte er damals einen beſtimmten Plan entworfen? hatte er ſich ein Ziel geſteckt, dem er zuſtreben 59 wollte?— Wir wiſſen es nicht? aber wir ſehen ihn auf dem zufällig verſchlagenen ſchönen Schiffe„Paithful“ in Neu⸗Port ankommen. Er iſt in ſeinem Geburtslande, obwohl noch weit genug von dem Platze, wo er in der That das Licht der Welt erblickte, entfernt. Ohne be⸗ ſtimmten Plan, ſich dem Zufalle hingebend, mit dem jugendlichen Muthe, aber auch der jugendlichen Sorg⸗ loſigkeit, die nur einem jungen Manne, unter ſteten Aben⸗ teuern aufgewachſen, eigen ſein kann, ſehen wir ihn an der Seite eines wandernden Krämers die Urwälder durch⸗ ziehen, unter den Stämmen der Indianer leben, mit ihnen in den Kampf ziehen. Und Zetzt ſteht er auf dem Boden, der ſein Eigen⸗ thum iſt,— er iſt der rechtmäßige Beſitzer von„Bergen“ — aber jetzt iſt er auch nicht mehr ohne Plan, und über⸗ läßt ſich auch nicht ferner blos abenteuerlich dem Zufalle, — er weiß, was er will, und weiß, daß er vorſichtig zu Werke gehen muß, um zu ſeinem rechtmäßigen Beſitz zu gelangen, und wir haben geſehen, wie ohne Uebereilung, gleich einem klugen Feldherrn, er früher das Terrain recognoscirt, bevor er zum Angriff geht. 60 Biertes Capitel. „Sie will den Grafen nicht; ſie will keine größere Partie thun, als ſie ſelbſt iſt, weder an Rang, Jahren noch Verſtand———.“ W. Shakſprart.(Was ihr wollt.) In Gedanken vertieft, die Lage, in welcher er ſich befand, überlegend und nach den Mitteln ſinnend, die er anwenden mußte, um die Schwierigkeiten zu beſeitigen, die ihm in den Weg traten, wenn er ſein Recht auf den Namen und die Hinterlaſſenſchaft ſeines Vaters geltend machen wollte, war er fortgeſchritten, ohne eben Acht zu haben, wohin er gerieth. Er hatte den nett gezogenen Blumengarten betreten, und befand ſich jetzt zwiſchen zwei hoch über ſeinen Kopf hinausreichenden Hecken von Roſen⸗ geſtrüpp, deſſen amerikaniſch üppiges Wachsthum durch holländiſche Ordnungsliebe dahin geregelt worden war, daß die Roſenbäume ihre dornigen Aeſte und Zweige zwar nach Belieben in die Höhe treiben durften, aber in ihrer ungeregelten Sucht, nach allen Seiten ſich auszu⸗ breiten, beſchränkt worden waren. Dadurch hatten ſich nun dieſe beiden Hecken gebildet, welche parallel neben einander fortliefen und gleichſam ein Spalier für einen vier bis fünf Fuß breiten, fein beſandeten Weg bildeten, der zwi⸗ 61 ſchen ihnen hinlief und nach vielen Krümmungen und Wendungen am äußerſten Ende des Gartens endete, wo er in's Freie hinausführte. Bei aller Dichtheit dieſer Hecken, noch durch aufwuchernde amerikaniſche Schling⸗ gewächſe, die zwiſchen dem Roſengeſtrüpp ſich hinauf⸗ wanden, vermehrt, gab es doch einzelne Stellen, welche einen Durchblick geſtatteten, und beinahe jede dieſer Oeff⸗ nungen gewährte eine andere Fernſicht, da bei jeder Wendung, die der Heckengang machte, der in dieſer weit fort ſich erſtreckenden Roſenlaube Wandelnde nach einer andern Weltgegend hinaus die Ausſicht hatte. So ſehr auch Frank Lincoln mit ſeinen Gedanken beſchäftigt war, ſo war er doch auch zu jung und zu friſch an Geiſt, um ſich von dieſen vollſtändig in Banden legen zu laſſen, und ſo oft er an einen ſolchen Einſchnitt in der Hecke kam, blieb er ſtehen, und blickte durch dieſen in's Freie hinaus. Es war wie ein wandelndes Panorama mit ſtets wechſelnden Landſchaften. Einmal ſtreifte ſein Blick über die Blumenbeete und die anſtoßenden Mais⸗ felder hin, um an den anmuthigen Hügeln von Staaten⸗ Island, welche den fernen Hintergrund bildeten, die Be⸗ grenzung des kleinen Bildes zu finden. Ein andermal war die Landſchaft von noch geringerer Ausdehnung, da ein dichter Tannenwald in nächſter Nähe die Ausſicht ab⸗ ſchloß;— dafür bot ein anderer Heckeneinſchnitt eine weite —— 1 1 Fernſicht: das Auge überblickte den Garten, das kahle Vorgebirge und ſchweifte über dieſes hinaus und den breiten glänzenden Hudſon hinauf, bis zu den im blauen Hintergrunde liegenden Hochgebirgen—— wieder war Frank an einem ſolchen Heckendurchblick ſtehen geblieben; aber diesmal war die Landſchaft eine belebte, und der junge Mann blieb aus leicht erklärlicher Neugier hier länger ſtehen, als er es bei jedem andern Guckkaſtenbildchen ge⸗ than hatte. Das Landſchaftsbild, welches diesmal vor ſeinem Blicke lag, war ſicher das am wenigſten feſſelnde: der Kohlgarten mit den hohen Sonnenblumen, im Hinter⸗ grunde das Herrnhaus mit dem holländiſchen Giebeldache und den zwei eiſernen Wetterhähnen auf dem Süd- und Nordende des Daches,— aber die beiden Geſtalten, die unter dieſen Sonnenblumen, zwiſchen dieſen blaugrünen Kohlköpfen einherwandelten, und beinahe, als ob ſie es darauf abgeſehen hätten, gerade auf den Heckeneinſchnitt zu kamen, durch welchen Frank, ſelbſt ungeſehen, ſie beob⸗ achtete,— dieſe waren es, welche ihn an ſeinem Lauſch⸗ plätzchen feſthielten, länger, als ſelbſt die prachtvolle Fern⸗ ſicht den Hudſon hinauf, den Höhen zu. Frank hatte ein Seemannsauge und ſchon, als die Beiden eben aus der Thüre des Hauſes getreten waren, hatte er bemerkt, daß die eine Geſtalt ein junges, wunder⸗ nettes Mädchen ſei, und obwohl in ihrer Kleidung, mit ſ P „ 8— R— S S„ U 63 dem kleinen blendend weißen Häubchen auf dem ſorgfältig zurückgekämmten dunkelblonden Haar, mit den kurzen ziemlich umfangvermehrenden Röcken, dem weißen Schürz⸗ chen und der großen Taſche an ſilberner Kette von ihrem Leibgürtel hinabhängend, die gut holländiſche Abſtammung verrathend, ſo hatte der urſprüngliche Typus, an die Dünen und Deiche mahnend, ſich ſo weit amerikaniſirt, daß ſie vor ſeinen Blicken als ein ſchlankes, bewegliches, friſches Mädchen erſchien, und als ſie näher kam, ſah er ein feines Oval mit einem wohlgeformten Munde und zwei verführeriſchen Grübchen in den friſchen Wangen.... ſein Herz begann heftig zu klopfen, als er dieſes Mädchen ſah.... wie gern wäre er durch die Dornenhecken ge⸗ drungen, und hätte das Mädchen an ſeine Bruſt und ſeine Lippen auf dieſen friſchen, blühenden Mund gedrückt.... aber da war die andere Geſtalt, der Mann an ihrer Seite, — er hatte ihn mit einem Blicke erkannt,— es war ſein neuer Freund und Gönner: Mr. Eleaſar Tomkins, Haupt der Firma van Hoboken und Kompagnie in Neu⸗York. Der gute Mann hatte ſich nach Kräften heraus⸗ ſtaffirt. Seine Kleidung war fein und gewählt und wenn auch im Ganzen die, wie ſie der ſogenannte Mittel⸗ ſtand in damaliger Zeit trug, doch aber mit einigen bunten Zugaben und Ausſchmückungen, wodurch ſich die 64 mehr glänzende und prunkende Kleidung der Kavaliere auszeichnete. Der feine Beobachter mochte wohl zu dem Reſultate gekommen ſein, daß ein junges Mädchen das Friſche, Lebhafte vorzieht, und ſo war er auch in jeder Bewegung, in Ton und Sprache mit ſeiner Kleidung übereinſtimmend. Er hatte ſein Haar geölt und zurück⸗ geſtrichen, und ſeinen Bart nett und fein zugeſtutzt; er hatte Alles gethan, um ſeine vier- oder fünf und vierzig Jahre Lügen zu ſtrafen,— aber dieſen ſchlauen, unheim⸗ lichen Blick konnte er nicht ablegen, nicht dieſes ſüßlich, hoch⸗ tönende Organ zu einem ſonoren, männlichen umgeſtalten. Aber wenn er es auch gekonnt hätte, ſo glauben wir doch nicht, daß er Jeſſie's Geſinnungen hätte um⸗ ändern können. Als die Beiden dem Guckloche des Lauſchers näher kamen, wurde das, was ſie ſprachen, für dieſen vernehmbar. „Wenn das Alles iſt, was Ihr mir zu ſagen habt,“ ſagte das Mädchen lächelnd—„ſo hättet Ihr nicht nöthig gehabt, mich aufzufordern, mit Euch in den Garten zu gehen. Ihr wißt es ſchon lange, daß Ihr der Mann nicht ſeid, den ich heirathen werde,— ich habe einen Andern gewählt.“ Das war ſo klar und deutlich geſprochen, daß es wirklich keines Dolmetſchers oder Erklärers benöthigte, um verſtanden zu werden. Mr. Tomkins verſtand es 65 auch in der That um ſo ſicherer, als es nicht das erſte Mal war, daß Jeſſie dieſe entſchiedene Erklärung abgab. So bitter die Pille ſein mochte, ſo verſchluckte ſie Mr. Tomkins doch ruhig und ohne auch nur im Ge⸗ ringſten das Geſicht zu verziehen, und mit vollkommner Faſſung ſagte er:„Ich weiß, Jeſſie, daß Ihr Euch in den Kopf geſetzt habt, den braven Jungen,— ich glaube, George L'Escuyer iſt ſein Name,— zu heirathen,— ich höre ihn allgemein rühmen,— aber er iſt blutarm,— Ihr ſeid es nicht gewöhnt, ſolche Armuth zu tragen, wie Ihr ſie in der Hütte der armen Wittwe Escuyer finden werdet,— die erſte Zeit der Liebe wird verfliegen, und Ihr bereuen, Euch ſelbſt ein ſo bitteres Schickſal bereitet zu haben.“ „Das ſoll meine Sorge ſein,“erwiederte Jeſſie kurz. „Ich habe als offener, ehrlicher Mann Euch ange⸗ tragen, mein Weib zu ſein,“ fuhr er ruhig fort—„Ihr wißt, was ich Euch bieten kann— Fleiß, Thätigkeit, Glück haben mich zum wohlhabenden Manne gemacht Ihr ſollt die Theilnehmerin meines Beſitzes ſein,— meine itbürger ſetzen Vertrauen auf mich, ich bekleide einen Ehrenpoſten in der Gemeinde,— Ihr ſollt die geachtete Frau des Bürgermeiſters von Neu⸗York ſein——“ „Gebt Euch keine Mühe, Mr. Tomkins,“ ſagte Jeſſie—„ich mag weder die Frau des Aldermannes, 1858. VI. Van Hoboken. III. 5 1 66 noch des Bürgermeiſters ſein,— ſelbſt nicht des Gou⸗ verneurs Frau, wenn man Euch dazu ernennen ſollte.“ Der künftige Bürgermeiſter biß ſich in die Lippen, aber ruhig fuhr er fort:„Ich habe es über mich gebracht, Euch zu Liebe und in Erinnerung Eures guten Vaters, meines Wohlthäters, des Gründers meines Glückes, noch ein Mal mit Euch zu ſprechen,— die Erbſchaftsange⸗ legenheiten müſſen in Verlauf von wenigen Tagen geordnet werden,— meine Bücher ſind abgeſchloſſen und der Herr Gouverneur kann es nicht länger verweigern, die Sache zu Ende zu bringen. Es war eine ſchmerzliche Arbeit für mich, mit jedem Blatte, das ich in meinem Hauptbuche umwendete, das, was Ihr Euer Eigenthum dachtet, um ein Bedeutendes zuſammenſchmelzen zu ſehen,— bis end⸗ lich mit der letzten Seite Alles auf Nichts zuſammen⸗ geſchmolzen war.“ „Das iſt eine Sache, von der ich nichts verſtehe,“ ſagte Jeſſie,—„erklärt dieſes dem Herrn Gouverneur.“ „Dazu wird es kommen,“ ſagte Mr. Tomkins— „aber ich halte es für meine Pflicht, Euch früher darüber in Kenntniß zu ſetzen, damit Ihr danach Eure Maßregeln ergreifen könnt. Es blutet mein Herz, wenn ich es erleben muß, daß Ihr das Haus, wo Ihr geboren ſeid, verlaſſen ſollt, den Platz, mit dem Eure Jugenderinnerungen ver⸗ bunden ſind,— wo Euer Vater, Eure Mutter die ſchönen 67 Tage ihres Lebens zugebracht haben,— wenn das Herrn⸗ haus der van Hoboken Fremde als Beſitzer aufnehmen ſoll— es iſt ein ſchmerzlich betrübender Gedanke, den ich nicht faſſen kann.“ „Ihr ſprecht wahr, Mr. Tomkins,“ ſagte Jeſſie, — ſie war weich geworden, es bebte ihre Stimme und im dunkelblauen Auge zitterte eine Thräne—„es iſt ein trauriges Gefühl, was mich befällt, wenn ich denke, daß ich Abſchied nehmen muß von dieſem Hauſe, dieſem Gar⸗ ten, wo jedes Plätzchen mich an meinen guten Vater er⸗ innert— o, er war ſo herzlich gut!“ „Ihr könnt es vermeiden— ſprecht nur ein Wort — nur ein kleines Wort,“ ſagte er mit weichem, ſüßelndem Tone,— und ihre Hand ergreifend, fuhr er in ſchnell er⸗ neuerter Hoffnung fort:„Macht mich mit dieſem einen Wort zum glücklichen Menſchen und Euch zur Beſitzerin alles deſſen, was das Eigenthum Eures Vaters war, alles deſſen, was mein eigen iſt.— Sagt, Ihr wollt mein Weib ſein, und ich ſpreche heute noch mit den Gläubigern, welche für namhafte Eurem Vater vorgeſtreckte Summen, von dem Lande hier Beſitz zu nehmen das Recht haben, — ich ſpreche mit ihnen, und morgen ſollen ihre Anſprüche in meinen Händen ſein, die ich am Hochzeitstage in Eure Hände legen werde.“ Jeſſie ſtand mit geſenktem Kopfe,— ſie war in 5* 68 Gedanken verſunken,— ſie dachte an den armen, guten Vater, ſie dachte an die Zeit, die ſie an ſeiner Seite ver⸗ lebt, wie ſie ihn gewartet, gepflegt, gehätſchelt hatte,— ſie that es ja ſo gern,— ſie war die einzige Freude, die der arme Mann nach dem Verluſte ſeines kleinen Francis, ſeiner guten Vrow noch hatte,— ſie dachte an den Vater, an nichts anderes; aber wie ſie ſo die eine Hand an die Stirn gelegt, daß ſie die thränenden Augen beſchattete, und die andere dem überließ, der ſie ergriffen hatte, da meinte Mr. Tomkins, nun ſei der rechte Zeitpunkt ge⸗ kommen, und eindringlich, mit ſüßer Stimme fuhr er fort:„Und wenn ich dann dem Gouverneur ſage, daß ich unter der Bedingung, daß der auf weiteres hinaus⸗ geſchobene Termin abgekürzt werde, und Ihr ſogleich als rechtmäßige Erbin der Verlaſſenſchaft ſollt anerkannt werden— daß ich dann alle Forderungen an mich ziehen würde: ſo bin ich überzeugt, daß er keinen Anſtand weiter nehmen wird,— ich weiß, er iſt Euch freundlich ge⸗ wogen,— er macht Euch zur Erbin,— ich Euch zur reichen Frau————— Seine letzten Worte waren ſo ſchmelzend ſüß ge⸗ worden,— ſein Blick ſo zärtlich,— und zart legte er den Arm um die ſchlanken Hüften——— da fuhr ſie, wie aus einem Traume erweckt, auf,— dort um die Ecke des Herrnhauſes bog ſo eben eine große, ſchlanke Mannsgeſtalt 69 in einem braunen Wamms und blauen, weiten Bein⸗ kleidern, die bis an die Kniee reichten, gekleidet— „George!“ rief Jeſſie und mit einem heftigen Ruck hatte ſie ſich der Umarmung des Herrn Bürgermeiſters in spe entwunden, daß dieſer durch Ueberraſchung und durch Schnelligkeit der Bewegung aus dem Gleichgewicht gebracht, ein paar Schritte zur Seite wankte und beinahe mit der Dornenhecke in Berührung kam,— und dorthin, zwiſchen Kohlſtauden und Sonnenblumen, flog das leicht⸗ füßige Kind, gerade auf den ſchlanken, jungen Mann zu, der ſie mit offenen Armen empfing, um deſſen Nacken ſie beide Arme ſchlug,— als wolle ſie an ſeinem Herzen Schutz ſuchen vor den Bewerbungen des Ueberläſtigen. Die beiden Liebenden wechſelten einige Worte, wie aus ihren lebhaften Bewegungen zu entnehmen war, aber der Laut derſelben war, der Entfernung wegen, nicht zu ver⸗ nehmen,— dann kehrten ſie raſch um, und verſchwanden um die Ecke des Herrnhauſes. „Verdammte Brut!“ zürnte der Aldermann, wohl nur mit halblauter Stimme, aber ſein wüthig flammender Blick, die dunkelrothen Flecken, die auf ſeinen Wangen erſchienen und die ſcharf eingekniffene Unterlippe, zeigten deutlicher als Worte die Bewegung ſeines Innern— „Will ich doch zur Hölle fahren, wenn ich Euch nicht zu Grunde richte,— ſo ganz zu Grunde, daß ihr verzweifeln 70 ſollt,— arm, elend.... Hunger und Noth..... Ge⸗ fängniß..„er ſtotterte nur in halben Sätzen in ſeinem Selbſtgeſpräche,— der Zorn ſchien ihm die Gewalt der Sprache zu nehmen, und den Gang ſeiner Ideen zu ver⸗ wirren,— mit geballter Fauſt drohte er ihnen noch, als ſie um das Haus herum verſchwunden waren, einen fürch⸗ terlichen Fluch bebten ſeine blaſſen Lippen hervor, und mit raſchen Schritten ging er an der Hecke hinauf, dem Eingange des Gartens zu, wo er aus Frank Lincoln's Blicken verſchwand. Unſer junger Freund verfolgte ſeinen Weg weiter. Sein vordem ſchon genugſam aufgeregter Ideengang hatte neue Nahrung erhalten. Das Mädchen war ſeine Schwe⸗ ſter, ein ſchönes, liebliches Kind, ſo rein und unverdorben wie die Natur, die ſie umgab,— und dieſer Sünder, dieſer ſchurkiſche Aldermann wagte es, den Arm um ihre Hüften zu legen,— er wollte ſeine Schweſter zum Weibe nehmen oder ſie aus ſeinem Hauſe ſtoßen!„Sorge Dich nicht, Jeſſie, Du ſollſt hier wohnen bleiben,— hier, wo Du geboren biſt— und jener junge Mann im braunen Wammſe, wenn er ein braver Burſche iſt, ſoll mit Dir hier wohnen!“ So dachte er vor ſich hin,— aber er mußte lächeln, als er ſo dachte, als ob er bereits im vollen Rechte eines Patrons von„Bergenhill“ ſtünde, und auch bereits die Vollmacht übernommen hätte, für die Zukunft 6 71 ſeines lieben Schweſterchens zu ſorgen. Wir gönnen ihm jedoch dieſe frohen Gedanken, wir freuen uns, daß er ſich ihnen hingiebt. Er ſteht jetzt auf der Schwelle, eine Hei⸗ math zu betreten,— noch iſt zwar die Thüre geſchloſſen und wer weiß es zu ſagen, welche Hinderniſſe er zu über⸗ winden hat, bevor es ihm gegönnt iſt, ſie zu öffnen und ſich am heimathlichen Heerde des Lebens zu erfreuen; aber er ſchwelgt im Vorgenuſſe des Gefühles, nicht mehr allein im Leben zu ſtehen, er malt ſich bereits die Wonne aus, als Schützer und Beglücker einer lieben Schweſter auf⸗ treten zu können. Wir ſagen: wir gönnen dieſe frohen Gedanken dem Jüngling, der ohne Vater, Mutter, Bruder, Schweſter bis jetzt ſich unter Schmugglern, Freibeutern und Abenteurern herumtreibend, nie die innige Bedeutung: Heimath hat kennen gelernt,— und wir freuen uns, daß er ſich dieſen Gedanken hingiebt, weil es uns zeigt, daß der Sinn dafür in ſeinem Herzen kein abgeſtorbener iſt. Mit ſolchen halb ernſten, halb heiteren Gedanken beſchäftigt, hatte er das Ende des Heckenweges erreicht; hier war auch das Ende des Gartens, indem dieſer hier ohne beſondere Abzäunung in ein hügliges Wieſenland überging. Ueber dieſes hin lief ein ziemlich betretener, jedoch ſchmaler Pfad, welcher ſich aber bald wendete und einer breiteren Straße zuführte, welche in dem weicheren Erdreich einige Spuren von Rädern jener unförmlichen 72 Wagen zeigte, mit denen man die Einfuhren von Ge⸗ treide, Mais, Holz und dergleichen machte. Dieſer Weg führte auch dem verlaſſenen Dörfchen der Hag⸗in⸗ſags zu, und wenn man dieſen und das jenſeits gelegene Hölzchen durchſchritt, gelangte man zu jener äußerſten Spitze des Vorgebirges, welche, wie wir wiſſen, als ein rauher, zackiger Felſen über die Bucht, die der Hudſon in das Feſtland macht, hinausragt. Wir wiſſen auch, daß dieſes große Baſſin von jäh aufſteigenden Felſenmaſſen einge⸗ ſchloſſen iſt, zwiſchen deren Sprüngen und Ritzen ſich fruchtbares Erdreich angelegt hat, um den Wurzeln mäch⸗ tiger Bäume Halt zu geben, und wiſſen, wie dieſe ſenk⸗ rechten Felſenwände, und dieſe Bäume mit dem zwiſchen ihren Wurzeln aufwuchernden Dornengeſtrüpp und Unter⸗ holz eine wahre Urwildniß bilden, ſo daß es unmöglich ſcheint, von dieſer Seite hinab zum Ufer der Hudſonbucht zu gelangen; aber Frank Lincoln wußte, daß es möglich war. Die Tage ſeiner Kindheit traten jetzt in voller Friſche in ſeiner Erinnerung auf,— er wußte, daß er hundertmal hier hinabgeklettert war, hinab bis zur Bay, wo er zwiſchen den Felſen vom Waſſer ausgeworfene bunte Steine und Muſcheln fand, oder ſich auch auf einen hin⸗ ausragenden Felſen kauerte und die Angel auswarf. Was er als Knabe gewagt, wollte er auch heute als Mann verſuchen,— es lag für ihn ein eigner Reiz darin, ſich in 73 die Tage einer ungebundenen fröhlichen Kindheit zurück zu verſetzen. Er kletterte um die Spitze des Felſens herum, einiges weiche Erdreich gab nach und er rutſchte mit dieſem einem Baumſtamme zu, welcher beinahe in horizontaler Richtung hinaushing, und auf welchem er mit auseinander geſpreizten Beinen zu ſitzen kam. Auf dieſem kroch er vorwärts, bis nahe der Spitze zu, die ſich auf einen jäh aufſtrebenden Felſen ſtützte, aber an dieſem ging es ganz leicht hinab, da er nur dem Waſſer zu eine ſenkrechte kahle Aufſteigung zeigte, an ſeiner Seitenwand jedoch gab es viele Abbröckelungen, daß man, wie auf einer Steintreppe, hinabſteigen konnte. Wieder kam er zu einem Baumſtamme, der gleichſam wie eine Brücke einer andern Felſenſpitze zuführte. Dieſe war jedoch nur dem Anſcheine nach freiſtehend, da ſich zwiſchen ihr und der Felſenwand, die ſich hinter ihr erhob, eine Menge weiches Erdreich eingeſenkt hatte, daß zwar von der Waſſerſeite aus nicht zu ſehen war, aber in Wahrheit einen bequemen Uebergang zu einem Vorſprung abgab, der, gleich einem Zwillingsbruder des andern, aufrecht daſtand und die Gipfel der Tannen überragte, welche aus der Tiefe zu ihnen aufſtiegen. Hier, zwiſchen dieſen beiden hoch aufſteigenden Felſen⸗ ſpitzen, hielt Frank Lincoln an,— er ſah auf das Baſſin hinab,— welche Erinnerungen tauchten da in ſeiner Seele 74 auf?— er blickte um ſich— in der That, da lag ein unförmliches Felſenſtück, welches vielleicht vor tauſend und tauſend Jahren von der Höhe herabgeſtürzt war, mit ſich reißend Stämme, Felſen, Steine,— jetzt lag es hier, eingekeilt zwiſchen zwei harten Felſenmaſſen, die ſeiner Gewalt nicht gewichen waren, ſondern ſie gelähmt hatte — wie lange lag es wohl hier?— man konnte es um⸗ klettern— man konnte ſich durchzwängen— man mußte ſich bücken, denn kaum mannshoch war der Eingang— fünf, ſechs Schritte mußte man gebückt den Felſengang verfolgen,— dann ſtand man in einer geräumigen Felſenhöhle. Frank Lincoln ſtand wieder aufrecht in dieſer Felſenhöhle. Fünftes Capitel. „Bewach ihn!— wie Du bewachen würdſſt den wilden Eber, „Wenn er im Bruch ſich ſetzt gegen Dich— „Gleich dieſem, Dein Speer ihr treffen muß.“ Byron. Werner. Es bedurfte einige Zeit, bevor Einer, der aus der ſonnigen Helle des Tages außerhalb der Höhle, in das 75 Dunkel, das hier herrſchte, eintrat, ſich ſo weit an dieſen Lichtwechſel gewöhnte, um Gegenſtände unterſcheiden zu können; daher vernahm auch Frank Lincoln ihm zuge⸗ rufene Worte, bevor er noch eine menſchliche Geſtalt im hinterſten und daher auch am dunkelſten gelegenen Winkel der Felſengrotte ſich regen ſah. „Wo zum Henker, Willi, ſteckſt Du auch ſo lange? Glaubſt Du, Seehund, es ſei ein Vergnügen, hier Tag und Nacht vor Anker zu liegen, ohne einen Mundvoll Zwieback hinabzuwürgen?“— Dieſe Worte waren es, welche von einer heiſeren Stimme mehr gebellt als ge⸗ ſprochen, unſern jungen Abenteurer bei ſeinem Eintritte in die düſtere Dunkelheit empfingen. Er griff, wie in einem ſchnell erwachenden Gedanken der Nothwendigkeit, ſich für eine Gegenwehr bereit zu halten, nach den Piſtolen, die er im Gürtel trug; und ſeine volle Sehkraft anſtrengend, heftete er den Blick jener Stelle zu, woher die Laute gekommen, die ihm ſowohl des Tones als des Ausdruckes nach, nicht nur nicht fremd, ſondern im Gegentheil ſo erinnerlich waren, daß er in der That ſogleich den Hahn der einen Piſtole aufzog. Er wußte es ſicher, daß ihm ſein Gevächtniß nicht täuſche,— er hatte dieſe Stimme und den Gebrauch dieſer oder ähn⸗ licher Worte zu oft in ſeinem Leben vernommen, um ſich nicht ſogleich lebhaft an die Perſönlichkeit zu erinnern, 76 welche ſo zu ſprechen pflegte,— und wenn er auch eben nicht angenehm überraſcht war, hier, in einſam gelegener, fahl beleuchteter und enger Felſenhöhle ſeinem ehemaligen Kapitän, dem famoſen Dick, gegenüber zu ſtehen, ſo war er doch gewiß, daß dieſer und kein anderer es war, der ihm zugerufen hatte. Aber wenn ihm auch dieſes Zuſam⸗ mentreffen alles andere eher als ein wünſchenswerthes oder erfreuliches war, ſo konnte er dieſem doch nicht mehr ausweichen,— dieſes ſah er wohl ein, und ſo nahm er denn das Ereigniß wie es eben zu nehmen war, und mit lachender, lauter Stimme rief er dem dunklen Winkel, wo ſich Etwas zu regen ſchien, zu:„Ei, alter Dick, ſo komm' doch einmal ein wenig in die Tageshelle, daß man Dein liebenswürdiges Antlitz ſich beſehen kann.“ „Willi!— biſt Du's— oder biſt Du's nicht?“ knurrte es aus dem Winkel hervor, und jetzt bemerkte Frank Lincoln, wie ſich die Geſtalt raſchelnd von dem dürren Blätter⸗Lager erhob. Der Kolben der Piſtole lag in der vollen Hand, der Daumen am Hahn, der Zeigefinger am Drücker— ſo erwartete Frank Lincoln das Näherkommen des alten Räubers. Wie vom Blitze getroffen prallte dieſer zurück— der Stahllauf der Piſtole glitzerte in ſeiner Fauſt—„Gott 77 verdamm' mich— der kleine Student!“ rief er in höchſter Ueberraſchung. Aber der kleine Student hielt ihm bereits die Mün⸗ dung ſeiner Piſtole entgegen und mit donnernder Stimme rief er ihm zu:„Keine Bewegung,— Dick— Du ſteckſt Dein Piſtol in den Gürtel— oder, bei Gott, ich ſchieße Dich nieder wie einen tollen Hund!“ Wie eine Bildſäule ſtand der Räuber,— er wagte es nicht, den Arm, mit dem Gewehr bewaffnet, zu er⸗ heben,— er wagte nicht, den Kopf zu drehen,— mit dem Blicke eines plötzlich Verſteinerten ſtarrte er den Jüngling an, der vor ihm ſtand, mit ausgeſtrecktem Arme, die Mündung der Piſtole gerade auf ihn gerichtet,— er fühlte es, daß der kleine Student ſein Wort auszuführen der Mann ſei. Mit etwas milderer Stimme ſagte dieſer:„Laß den Hahn ab, Dick, und ſteck' das Piſtol in den Gürtel— dann will ich daſſelbe thun,— und wir wollen als gute Freunde Eins mitſammen plaudern,— willſt Du?“ „Gute Freunde?“— knurrte der Seeräuber— „Laß den Hahn ab!“ donnerte Frank,„oder ich drücke los!“ Da knackte der Hahn und ruhig ſteckte Dick das Piſtol in den Gürtel;— Frank ließ ebenfalls den Hahn auf die Pfanne ſinken und ſteckte das Gewehr bei. 78 Zetzt ſtanden ſich die beiden Männer gegenüber, zwar nicht mehr mit drohender Waffe in der Hand, aber jeder Moment konnte ihre Stellung verändern,— eine raſche, unbeachtete Bewegung konnte eine todbringende werden,— mit dem lähmenden Blicke, mit welchem die Schlange ihr Opfer beſchaut, fixirte Frank Lincoln ſeinen Gegner— dieſer wagte es nicht, auch nur einen Arm zu rühren,— er fühlte es, daß er es mit Einem zu thun hatte, der jünger, kräftiger, gewandter war; doch ſeiner Zunge erlaubte er freie Bewegung, und in gewöhn⸗ licher heiſerer Manier knurrte er:„Nun ſag' mir, kleiner Student, wie kommſt Du hierher?— was ſuchſt Du hier?“ „Deſſen kannſt Du gewiß ſein,“ erwiederte Frank lachend—„daß ich nicht hierher kam, um Dich hier zu treffen; und wie ich hierher kam, wird Dir nicht auffal⸗ lend ſein, da Du weißt, daß ich den Weg zu dieſer Höhle ſchon als kleiner Junge zu finden wußte.“ Er beobachtete den Räuber mit einem tief forſchenden Blick, aber dieſer knurrte nur Einiges vor ſich hin, dann ſagte er etwas verſtändlicher:„Was weiß ich davon?— nur ſo viel weiß ich, daß Du auf die„Möwe“ gehörteſt — und wenn ich Dich jetzt dort hätte, würde ich Dich als einen Ausreißer am Maſt aufknüpfen laſſen.“ „Das iſt recht ſchön geſagt,“ lachte Frankentgegen— 79 „doch da Du mich nicht auf der„Möwe“ haſt, wirſt Du auch jenen Gedanken fallen laſſen, mich mit dem Maſte in unangenehme Berührung zu bringen.“ Der alte Räuber mußte jetzt ſelbſt lachen,— es iſt bekannt, daß der alte Dick eigentlich ein humoriſtiſcher alter Burſche war,—„Du meinſt: erſt fangen, dann hängen!“ ſagte er mit Humor—„nun, Du haſt nicht Unrecht,— aber, kleiner Student, das war doch ein ver⸗ teufelt ſchlechter Streich, daß Du damals die ſchöne „Möwe“ verließeſt— ich will nichts von den zwei Bur⸗ ſchen ſagen, die Du mit Dir nahmſt— für einen Hai⸗ fiſchfraß gut genug— aber die ſchöne Pinnaſſe,— das Herz blutete mir, als ich am andern Tage die Trümmer davon herumtreiben ſah,— und wie kamſt denn Du da⸗ von?“ fragte er mit vielem Intereſſe. „Durch mein gutes Glück,“ erwiederte Frank Lin⸗ coln—„welches mich vor dem Ertrinken damals ſchützte und mich, wie Du ſiehſt, bis zu dem gegenwärtigen Augen⸗ blick erhalten hat.“ „Und was für ein Wind brachte Dich nach Amerika?“ fragte Dick. „Hm! ich denke, Du und wohl Niemand wird es ſonderbar finden, daß ich das Verlangen hatte, einmal wieder mein Vaterland zu beſuchen,“ ſagte Frank Lin⸗ coln, mit vieler Spannung den Eindruck beobachtend, 80 den dieſe Worte auf den Kapitän machen würden. Dieſer blickte den Jüngling einige Momente forſchend an, dann ſagte er:„Vaterland?— was weißt Du von Deinem Vaterland?“ „Nun, ich verſtehe darunter das Land, wo ich geboren, wo mein vom Vater ererbtes Eigenthum ſich befindet,“ erwiederte Frank Lincoln. „Seit welcher Zeit plauderſt Du ſolchen Unſinn?“ fragte Dick,—„hab' ich doch ſo lange Du auf der „Möwe“ warſt, nicht ſo verrücktes Zeug gehört,— ich glaube, Student, Dein Bücherleſen hat Deinen Verſtand in ſchlechtes Fahrwaſſer laufen laſſen, wo Du ohne Kompaß herumtreibſt.“ „Auf der„Möwe“ warſt Du Kapitän, und wir An⸗ deren mußten ſteuern wie Du befahlſt,— das hatte ſich geän⸗ dert und ich nahm nun meinen Cours, wie es mir gefiel,“ ſagte Frank Lincoln. „Und der führte Dich geradewegs nach Amerika?“ fragte Dick forſchend. „Ich will nicht ſagen: geradewegs,“ erwiederte Frank Lincoln,—„hatte zeitweiſe conträren Wind,— wurde auch wieder einmal verſchlagen,— kam aber doch endlich an.“ „Liegſt hier ſchon lange vor Anker?“ fragte Dick ausforſchend. 81 „Kann eben nicht ſagen ſehr lange,“ erwiederte Frankleichthin,—„aber doch kam ich vor Dir hier an, — beſſer ich wartete auf Dich, als Du hätteſt auf mich warten müſſen.“ Dieſe Rede war für den alten Räuber eine gänzlich unverſtändliche. Er blickte Frank groß an, und ſagte verwundert: „Du haſt auf mich gewartet?— wußteſt Du denn, daß ich kommen würde?“ „Gewiß.— Ich wußte, daß, wenn Du nicht früher gehängt ſein ſollteſt, Du gewiß hierher kommen würdeſt,“ antwortete Frank lächelnd. „Willſt Du auf der„Möwe“ wieder Dienſte nehmen?“ fragte Dick,— ſein Blick war aber dabei ein ſo boshaft hinterliſtiger, daß Frank beinahe ſich bewogen gefühlt hätte, nach der Piſtole zu greifen,— doch er faßte ſich und ſagte:„Daß Du mich an den Vormaſt brächteſt?“ Dick mochte ſich auf einen geheimen Gedanken er⸗ tappt ſehen,— er brummte wieder unverſtändliche Worte in den Bart,— er zuckte mit der rechten Hand,— aber wie lähmend war der Blick des Jünglings auf ihn ge⸗ richtet....„Dummes Geſchwätz,“ ſagte er endlich,— „was vorüber iſt, ſoll vergeſſen ſein,— wir machen einen neuen Pact: Du verſtehſt den Dienſt,— mein Lieutenant 1858. VI. Pan Hoboken. III. 6 iſt— iſt— nun, iſt ertrunken,— Du kannſt an ſeine Stelle einrücken.“——— „Vor der Hand bin ich Dir dankbar für den Antrag,“ ſagte Frank Lincoln lächelnd,— aber in ernſterem Tone fuhr er fort:„Bevor ich jedoch davon Gebrauch machen kann, mußt Du mir eine Frage beantworten.“ Dick ſah ihn forſchend an,— er war in geſpannter Erwartung, keine Muskel bewegte ſich in ſeinem Geſichte, ſelbſt ſeine beliebte Gewohnheit, den Ballen Kautabak im Munde herumzuwerfen, vergaß er für einige Augenblicke. „Sage mir, Dick,“ fuhr Frank Lincoln fort,— „wie geſchah es damals, daß ich als kleiner Junge auf die „Möwe“ kam?“ Dick lächelte,— er hatte eine andere Frage erwartet, und während er wieder den Tabaksballen mit der Zunge von der einen Backe zur andern hinüberwarf, ſagte er ruhig:„Weißt doch ſonſt Alles ſo genau,— was brauchſt Du mich da zum Piloten?“ „Und wenn ich gerade dieſes von Dir wiſſen wollte?“ fragte Frank Lincoln,—„Du ſagſt: was vorüber iſt, ſoll vergeſſen ſein,— gut, ich will es Dir nicht nachtragen, daß Du mich damals geſtohlen haſt,— ich weiß es und Du weißt es, was für eine Strafe darauf geſetzt iſt,— aber ich will es vergeſſen, wenn Du mir jetzt ſagſt, wer Dich beauftragt hatte, mich zu ſtehlen?“ 83 „Beauftragt?— dummes Geſchwätz!— ich habe Dich auch nicht geſtohlen,—— wer kann dieſes beweiſen?“ rief Dick in heftiger Aufregung,—„Du biſt mir zu⸗ gelaufen.“ „Das iſt nicht wahr,“ ſagte Frank Lincoln feſt und ruhig,—„Du haſt mich geſtohlen! Aber auf welche Veranlaſſung?— Ruhig, Dick!“ rief er mit donnernder Stimme,—„keine Hand gerührt, oder Du weißt was ich thue!“ Der alte Räuber knirſchte mit den Zähnen, daß es unheimlich anzuhören war, und während er den boshaften Blick zu Boden ſenkte, knurrte er wie ein wildes Thier. Frank Lincoln wendete ſein Auge nicht einen Moment von ihm ab,— es herrſchte ein längeres Schweigen, welches Frank endlich unterbrach:„Du willſt mir alſo den Mann nicht nennen, welcher Dir damals den Auftrag gab, mich zu entführen, vielleicht auch, mich unterwegs bei guter Gelegenheit den Haifiſchen zum Fraße vorzuwerfen?“ „Wäre vielleicht das Vernünftigſte geweſen,“ murrte der Alte kaum verſtändlich. „Wenigſtens hätte ich Dich ſpäter nicht um die ſchöne Pinaſſe gebracht,“ ſagte Frank Lincoln lächelnd,— „Laß es Dir um das alte Boot nicht Leid thun,— ich verſpreche Dir ein neues und beſſeres zum Erſatze.“ 6. 84 „Du?“ ſagte Dick mit einem zweifelhaften Lächeln, —„ich glaube nicht, daß Du mich ausrüſten wirſt.“ „Und warum nicht?“ fragte Frank Lincoln ent⸗ gegen.—„Es kömmt nur darauf an, daß Du mir den Mann nennſt, in deſſen Auftrage Du damals gehandelt haſ „Ich weiß von keinem Manne und von keinem Auf⸗ trage,— laß mich zufrieden,“ ſagte Dick ärgerlich,— er machte abermals eine leichte, kaum merkliche Bewegung, aber wieder rief Frank:„Ruhig, Dick!“— und wie ein knurriger Hund ſtand er unbeweglich. „Es iſt nicht wahr, daß Du ein Kind, welches Dir von keinem Nutzen, ſondern im Gegentheil eine Laſt ſein mußte, auf Deine eigene Eingebung von hier weggenommen haſt,“ ſagte Frank Lincoln. Der alte Räuber warf einen Schlangenblick dem Jüngling zu, und mit vom Zorn gebrochener heiſerer Stimme ſagte er:„Kamſt Du damals nicht denſelben Weg, wie heute, über die Felſen herab und trateſt hier ein?“ „So viel ich mich erinnere, ſo war es, wie Du ſageſt,“ antwortete Frank ruhig. „Aber dieſen Platz darf außer mir nur noch ein le⸗ bender Menſch wiſſen,“ brüllte der Räuber.——— Es blitzte auf— der Knall des abgeſchoſſenen Piſtols 85 folgte,— aber ſo raſch auch der gewandte Räuber geweſen, ſo raſch war Frank Lincoln der Bewegung ſeines Armes gefolgt,— die Kugel pfiff dicht an ſeinem Kopfe vorbei, ſo daß ſie die herabhängende Reiherfeder ſtreifte,— die zweite Kugel hätte ſicherer getroffen;— das Pulver auf Frank's Piſtol blitzte auf,— durch die dichte Rauchwolke durch ſah er die plumpe Geſtalt nach rückwärts taumeln, — und in dem dunklen Winkel der Höhle, jetzt durch den Rauch gänzlich verfinſtert, vernahm er den ſchweren Fall eines Körpers auf das raſchelnde dürre Blätterwerk, das hier zur Lagerſtatt aufgehäuft war, um jetzt das Sterbe⸗ bett zu werden. Mit an ſich gehaltenem Athem horchte Frank Lincoln dem Winkel zu,— es war da Todten⸗ ſtille,— kein Blatt rührte ſich,— kein Athemzug war zu vernehmen,— er war für einen Augenblick mit ſich un⸗ einig, ſollte er dem finſteren Winkel zugehen und nach⸗ ſehen, ob ſein Gegner wirklich zu Tode getroffen oder ſollte er die Höhle verlaſſen. Es fiel ihm ein, daß Dick ihn bei ſeinem Eintritte für einen Andern, den er erwartete, genommen hatte,— es war möglich, daß nicht nur einer, daß mehrere von den Geſellen des alten Freibeuters ihn hier überraſchten,— wenn er auch genug jugendlichen Muthes beſaß, ſo war er doch überlegend genug, um ſich nicht tollkühn einem ungleichen Kampfe auszuſetzen. Er verließ daher ohne längeres Säumen die Höhle; er wand ſich um das mächtige Felſenſtück, welches von der Höhe herabgeſtürzt war, herum und kletterte das weiche Erdreich hinauf, das ſich zwiſchen den beiden Felſenſtücken eingeſenkt hatte. Von hier aus blickte er in die Tiefe hinab, in dieſes Dickicht von Bäumen, Wurzelwerk, Felſenklüften, Geſtrüpp..... Da wand ſich in der That etwas Menſch⸗ liches herauf— einen Moment ſichtbar, dann wieder ver⸗ ſchwindend unter dem Geſtrüppe, welches ſelbſt nicht den Strahl der Sonne durchfallen ließ.——— Frank Lin⸗ coln drückte ſich hinter die ſteile Wand———— er wartete einige Zeit, unverwandt den Blick der Tiefe zuge⸗ wendet.. Da erſchien der Mann, nicht funfzig Fuß Höhe unter ihm, zwiſchen den beiden Felſenſpitzen..... Der Mann hielt einige Augenblicke an, wahrſcheinlich um von dem beſchwerlichen Aufſtiege auszupuſten,— er ſtand in voller Beleuchtung,— Frank Lincoln, ſelbſt unge⸗ ſehen, konnte jeden Zug des Mannes unterſcheiden; er er⸗ kannte ihn: es war eben jener Matroſe, mit dem er auf der„Faithful“ von Briſtol abgefahren war, der ſich da⸗ mals durch ein das halbe Geſicht bedeckendes Pflaſter un⸗ kenntlich gemacht hatte, und den er dann in Onkel Tom's Taverne wieder getroffen, aber im Schatten der Tannen⸗ Säule nicht hatte erkennen können. Jetzt erkannte er ihn: es war der alte Willi, der Vertraute des alten Dick;— aber wie kam der Seeräuber auf den friedlichen Kauffahrer, 87 der von Briſtol auslief um nach Neu York zu ſegeln? Dieſe Frage konnte er nicht beantworten, ſo ſehr er ſich auch mit Aufſtellung von Möglichkeiten und Wahrſcheinlich⸗ keiten abmühte. Jetzt drückte ſich der Seeräuber um das Felſenſtück, jetzt verſchwand er im Innern der Höhle,— jetzt ſtand er wohl am Blätterlager, auf dem die Leiche ſeines Meiſters ausgeſtreckt lag,— ein längeres Verweilen hielt Frank Lincoln für überflüſſig,— raſch ſchwang er ſich an den Baumäſten zu dem Stamme empor, der gleich einer Brücke von Felſen zu Felſen führte, und ohne Aufenthalt machte er denſelben Weg zurück, den er vor Kurzem herabgemacht hatte. Er ſtand wieder auf der äußerſten Spitze des Vor⸗ gebirges, aber ohne ſich aufzuhalten, eilte er an ſeinem Beſitze vorüber und den Pfad hinab, der ihn zu dem Plankenſteg führte, der über das Sumpfland lief. Bald hatte er dieſes und den Wald im Rücken und ſtand an dem Platze, wo die beiden Jungen mit dem Boote auf ihn warteten. Es waren mehr als zwei Stunden verfloſſen; ja, es rückte bereits der Abend merklich heran. Die Burſchen waren übellaunig geworden, ſie glaubten ſich zum Beſten gehalten, und daß der Fremde ſie eben nur zur Herüber⸗ fahrt benutzt habe und ſeine Angabe, in zwei Stunden wieder zurück zu ſein, eine falſche Vorſpieglung geweſen 88 wäre; ihre Mienen leuchteten daher fröhlich auf, als er jetzt aus dem dichten Buſchwerke hervortrat und raſch in das Schiffchen ſprang. „Nun, das iſt brav,“ ſagte der Eine,„daß Ihr doch kommt,— habt Ihr einen Vogel geſchoſſen?“ „Wie kommſt Du auf dieſen Einfall?“ fragte Frank Lincoln etwas überraſcht. „Wir hörten zwei Mal tüchtig knallen,— es war raſch hinter einander,— Ihr hattet ihn wohl beide Male gefehlt— oder iſt er zwiſchen die Felſen hinabgeſtürzt, daß Ihr ihn nicht bekommen konntet?“ fragte der Burſche neugierig. „Es mag wohl ſein,“ erwiederte Frank zerſtreut. „O mit ſo kleinen Dingern iſt es auch nichts,“ ſagte der andere Junge,—„da muß man eine lange Flinte haben.“ „Du gehſt wohl auch zuweilen auf die Jagd?“ fragte Frank Lincoln. „O, ja!“ ſagte der Burſche,—„aber dorthin, wo Ihr wart, da gehen wir nicht hin,— nicht wahr, Andrew, dort haben wir nichts zu ſuchen?“ „Nein, von dem Teufelsloche bleiben wir davon,“ antwortete der Gefragte. „Und warum gerade von dort?“ fragte Lincoln. „Hm! man ſpricht nicht gern davon,“ ſagte Andrew ausweichend. „Was ein rechter Jäger iſt, fürchtet ſich nicht,“ ſagte Frank Lincoln ausforſchend. „Fürchten?— hm!— fürchten und fürchten iſt zweierlei,“ erwiederte der kräftige und unternehmend genug ausſehende Burſche,—„ich und Bruder Lewis fürchten auch nicht ſobald Etwas, das Fleiſch und Bein hat. Haben wir Beide, wie Ihr uns da vor Euch ſeht, doch ſchon ein⸗ mal mit einer Bärin angebunden, die wie wüthend war, daß man ihr Tags zuvor ihre zwei Jungen geſtohlen hatte, — es war droben, beim Sägemühlenbache,— Herr! da durfte man nicht verzagt ſein,— es war im verfloſſenen Winter,— mich hatte ſie ſchon beinahe unter ſich gebracht; aber da gab Lewis ihr einen Streich mit dem Tomahawk in's Genick,— und da war ſie unſer,— wir hatten den halben Winter Fleiſch und Fett genug, und für den Pelz⸗ rock bekam der Vater ein ſchönes Stück Geld,— nein, was Fleiſch und Bein hat, fürchten wir nicht, aber———“ „Aber was ſonſt?“ fragte Lincoln. „Nun, ich glaube es iſt recht gethan, wenn man es Euch ſagt,“ übernahm jetzt der andere Burſche das Wort, —„Ihr ſeid ein Fremder und könntet vielleicht einmal mit der Flinte da hinüber gehen wollen und ein Unglück 90 haben,— es iſt beſſer, Ihr bleibt davon,— im Teufels⸗ loche ſpukt es.“ „Auch an hellem Tage?“ fragte Lincoln lächelnd. „Das iſt es ja eben, warum kein vernünftiger Menſch weiter als bis zur Spitze des Vorgebirges geht,“ ſagte Andrew mit Ueberzengung,—„nicht einen Fuß möchte ich tiefer hinabſetzen,— hinabzukommen wäre es wohl, aber dem Fred Nesbit iſt der Verſuch ſchlecht bekommen. War ein teufliſch verwegener Burſche. Er wußte vom Teufelsloche was wir davon wiſſen und jedes Kind in Neu⸗ York weiß. Er hat ſo gut wie wir bei Nachtzeit die Lichter,— aber das ſind ganz ſonderbare Lichter,— auf und ab flimmern geſehen,— er hat ſo gut wie wir bei Tagszeit dicke Rauchwolken dorten aufſteigen ſehen, wo doch kein Flämmchen Feuer zu ſehen war,— und was war das für ein Rauch,— ein dicker ſchwefelgelber mit Roth und Grau gemiſchter Rauch,— dann dieſes fürch⸗ terliche Gelärme und Gepolter, als wenn Hunderte unter der Erde hämmerten und pochten, als wenn im Teufels⸗ loche das Unterſte zu Oberſt gekehrt würde.— Das Alles hatte Fred geſehen und gehört, und doch ließ ihn ſein Vorwitz keine Ruhe. Er mußte dennoch dort hinab.“ „Und was erzählte Fred von der Urwildniß, in die er vom Vorgebirge aus hinabgeſtiegen war?“ fragte Frank Lincoln. 91 „Ja, ſeid denn Ihr hinabgeſtiegen?“ fragte Lewis höchſt erſtaunt. „Nicht ich,“ erwiederte Frank—„aber ich glaube, Ihr ſagtet, Fred habe das Wagniß unternommen.“ „Ja, er erzählte aber nichts davon,“ ſagte Lewis, —„denn als man ihn fand, war er todt———“ „Todt?“ rief Frank Lincoln erſtaunt. „Er war mehre Tage von Hauſe abweſend geweſen, Niemand von ſeinen Leuten wußte wo er hingerathen war,“ erzählte Lewis,—„da ruderten eines Morgens ein Paar von unſern Fiſchern ihr Boot in die Hudſonbucht hin. Es giebt da immer einen reichen Fang, weil das Waſſer ru⸗ higer iſt, als im äußeren Strom, und man hat, ſo lange man auf dem Waſſer bleibt, von denen in der Schlucht nichts zu fürchten,— es ſind nur Erdgeiſter,— und Ihr wißt, die Erd⸗ und die Waſſergeiſter wohnen nie nahe beiſammen, da ſie ſelbſt nicht die beſten Freunde ſind,— nun, um Euch zu ſagen: die beiden Fiſcher ſehen in einiger Entfernung etwas ſchwimmen, halten es anfangs für ein Stück Holz, aber als ſie näher ankamen bemerkten ſie wohl, daß es etwas Menſchliches ſei,— und wie erſchraken ſie, als ſie den Leichnam aufgefiſcht hatten und ihren Kamera⸗ den Fred Nesbit erkennen.“ „Er war vielleicht durch einen Sturz verunglückt,“ meinte Frank Lincoln. 6 1 92 „Bei einem unglücklichen Sturz,“ erwiederte Lewis, „trägt man nicht die Spuren von fünf eingedrückten Krallen auf jeder Seite des Halſes;— Fred war erwürgt und dann von der Schlucht herab in die Bucht geſchleudert worden.“ Frank Lincoln verſank in Nachdenken. Er brachte mit dem erwürgten Fred die beiden herkuliſchen Geſtalten Dick's und Willi's und die Worte des Erſteren:„Dieſen Platz darf außer mir nur noch ein lebender Menſch wiſſen,“ in Zuſammenhang, und nach einer Weile fragte er weiter: „Sind dieſe flimmernden Lichter, dieſe Rauchwolken häufig zu ſehen,— hört man gewöhnlich das unterirdiſche Ge⸗ polter, von dem Du erzähleſt?“ „Nicht immer,“ erwiederte der Gefragte,—„es vergehen oft viele Monate,— ja, mein Vater weiß ſich ſogar zu erinnern, daß einmal zwei Jahre verfloſſen, und man nur wenig in der Teufelsſchlucht vernahm,— das heißt, was das über der Erde betrifft: Flimmern und Rauch,— das Rumoren unter der Erde ſetzt jedoch ſelten lange Zeit aus,.... doch ſei es, wie es wolle,— ich und mein Bruder ſind gewiß zwei Burſchen, die nicht leicht ſich fürchten, aber über's Vorgebirge ſteigen wir nicht hinab, und ſeit Fred iſt auch kein Anderer hinabgeſtiegen, — das ſind wir ſicher.“ „Nun, ich werde auch nicht der Erſte ſein,“ verſicherte Frank Lincoln. Unter dieſen Geſprächen hatte das Boot über den Hudſon geſetzt, war aber durch die vermehrte Gewalt der Strömung des Fluſſes, da in dem Meeresarme die Ebbe eingetreten war, ziemlich weit hinabgetrieben worden, ſo daß Frank Lincoln eine anſehnliche Strecke Weges zu Fuß zurücklegen mußte, um Mr. John Nightingale's Taverne zu erreichen. Er hatte die beiden Jungen zu ihrer vollen Zufrie⸗ denheit beſchenkt und wanderte jetzt ziemlich rüſtigen Schrittes über das Land„die Windmühlenfarm“ genannt, in einiger Entfernung vom Hudſonſtrome, hinauf. Die Nacht war ziemlich nahe, wie wir wiſſen, das der Ueber⸗ gang von Tag zu Nacht und umgekehrt ein plötzlicher iſt und man von Morgen- und Abenddämmerung kaum etwas erfährt. Frank Lincoln erinnerte ſich jetzt, ein abge⸗ ſchoſſenes Piſtol im Gürtel zu haben,— dieſes war gegen ſeine Gewohnheit und da er ſtets auch den Schießbedarf bei ſich führte, ſo begann er, ſeine Schritte etwas mäßigend, zu laden. Als er die Kugel aufzuſetzen hatte, blieb er ſtehen, wohl wiſſend, daß es beſſer ſei, gar kein, als ein ſchlecht geladenes Piſtol zu führen. Als er alſo, ſtille ſte⸗ hend, zwei, dreimal den Ladeſtock aufſetzte, fühlte er einen leiſen Schlag auf ſeiner linken Achſel. 94 Sechstes Capitel. „Nein, nein! der Teufel iſt ein Egviſt „Und thut nicht leicht um Gotteswillen, „Was einem Andern nützlich i „Sprich die Bedingung deutlich aus—“ Goethe.(Fauſt.) Es verſteht ſich von ſelbſt, daß unſer junger Aben⸗ teurer, nach kaum empfundener Berührung ſeines Körpers, ſich mit Gedankenſchnelle umwandte, und in demſelben Angenblicke auch das eben geladene Piſtol erhob. „Ihr macht raſch„Fertig“—,“ ſagte ein Mann mit einer tiefen Baßſtimme und in holländiſcher Sprache, welche jedoch einigen fremdländiſchen Dialect hatte,— „Ihr ſcheint aus einer guten Schule zu ſein,“ ſetzte er lä⸗ chelnd hinzu. Obwohl das Abenddunkel bereits die Oberhand über den Tag gewonnen hatte, ſo konnte Frank Lincoln doch mit einem flüchtigen Blick die Geſtalt desjenigen, der vor ihm ſtand, überfliegen und bemerken, daß es ein kräf⸗ tiger, breitſchulteriger Mann von mittlerer Größe war. Seine Züge waren hart und der untere Theil des Geſichtes von einem dichten Schnurr- und Knebelbart à la Wallen⸗ ſtein bedeckt. Seine Kleidung war eine militäriſche, ſowohl was den Schnitt derſelben als auch die dazu gehörige Be⸗ 95 waffnung betrifft. Er ſtand im kräftigſten Mannesalter, — ſeine Haltung war die eines Kriegsmannes. „Aus der Schule, welche lehrt, ſich nicht überrumpeln zu laſſen,“ antwortete Frank Lincoln. „Gut geſagt,“ ſagte der Fremde,—„hätte die gute Stadt Lille dieſen Grundſatz gegenüber dem großen Feld⸗ herrn Turenne beobachtet, ſo wäre ſie nicht gefallen, und nicht mit ihr die Niederlande.“ Frank Lincoln betrachtete ſich den Mann auf⸗ merkſamer, ohne etwas zu erwiedern. Dieſer fuhr ruhig fort:„In der Geſchichte der Kriege finden wir jedoch die meiſten Siege durch Ueberrumplung erfochten. Die Ge⸗ neralſtaaten hatten ſich nicht vorgeſehen, die Feſtungen in ſchlechtem Stand erhalten und kaum zwanzigtauſend Sol⸗ daten auf den Beinen, als Ludwig von Frankreich mit zweimalhunderttauſend Mann und der Biſchof von Münſter mit einer andern Armee angerückt kamen. Nun das war doch gewiß eine Ueberrumplung im großen Style zu nennen, daher auch kein Wunder, wenn die unvorſichtigen Myn⸗ heern bald keine Provinz mehr die ihrige nennen konnten.“ „Ihr nahmet an dieſem unglücklichen Kriege Theil?“ fragte Frank Lincoln mit geſteigertem Intereſſe. „Ihr müßt ſagen an dieſem glücklichen Kriegszuge: wo wir ſchnell Weſel und Rheinsberg nahmen und Ober⸗ yſſel, Geldern und Utrecht beſetzten,“ erwiederte der 96 Fremde,—„ich ſtund mit meiner Kompagnie damals unter dem großen Condé,— war auch dabei, als er in einem ſcharfen Gefechte mit den Holländern an der Yſſel verwundet wurde.“ „Ihr fochtet auf der Seite der Franzoſen,— gegen Euere eigenen Landsleute?“ fragte Frank überraſcht. „Ich bin kein Holländer,“ erwiederte der Fremde trocken,—„focht für Ludwig den Vierzehnten, weil er mich für die Errichtung der Kompagnie gut bezahlte.“ „Ihr ſeid kein Holländer?“ fragte Frank Lincoln, —„und ſprecht deren Sprache ſo vollkommen?“ „Das erlernt ſich,“ erwiederte er,—„ich bin ein Weſtphale,— mein Name iſt Kapitän von Deubern,— jetzt diene ich den hochvermögenden Generalſtaaten ſo gut als Ihr es thut.“ „So gut als ich,“ fragte Frank Lincoln erſtaunt, —„Was wißt Ihr, wem ich diene?“ Ganz recht, daß Ihr vorſichtig ſeid,“ ſagte der Ka⸗ pitän,—„aber hier unter Gottes freiem Himmel, auf der alten Windmühlenfarm der alten Mynheern von Neu⸗ Amſterdam belauſcht uns keine ſterbliche Seele,— da bin ich nicht der engliſche Kapitän auf halbem Sold: Sir Henry Hurſt— und Ihr nicht der Krämer in Biber⸗ und Otterfellen, Mr. Frank Lincoln,— da bin ich Herr von Deubern, Kapitän im Dienſte der Generalſtaaten 97 und Ihr——— doch Eueren Namen habe ich noch nicht gehört.“——— Unſer junger Abenteuerer zögerte einen Augenblick; dann aber einen ſchnellen Entſchluß faſſend erwiederte er: „Mein Name iſt van Hoboken.“ „Van Hoboken?— von Rotterdam?— ein guter Name in der Handelswelt,— und, wie ich ſicher bin, auch in armis— Glück auf!—„Kapitän?“ ſetzte er fragend hinzu. „Früher Lieutenant im Seedienſt— jetzt ohne Be⸗ ſtallung,“ erwiederte Frank,— er konnte ſich ſelbſt keine Erklärung geben, welcher Geiſt ihn plötzlich befallen hatte. „Alſo Volontair,“ ſagte Kapitän von Deubern,— „Alles gleich,— dennoch Kamerad!“ Es lag ſo viel ſoldatiſcher Freimuth in dieſem Tone und ſo viel Offenheit in der Manier, mit welcher der Ka⸗ pitän dem jungen Volontair die Hand darbot, daß ſ ohne Zögern einſchlug. „Die hochvermögenden Generalſtaaten ſcheinen denn doch endlich vernünftig genhe zu ſein und ſich den Wahl⸗ ſpruch des enſe Montecuculi:„Zum Kriege braucht man drei Dinge, Geld, Geld, Geld!“ zu Herzen zu nehmen, und ihren knickerigen Geiz abzulegen. Sie laſſen es ſich etwas koſten, um den Engländern die ſchöne Kolonie wie⸗ der abzunehmen.“ 1858. VI. Van Hoboken. III. 5 Van Hoboken— wir müſſen ihn doch nun ſchon bei ſeinem eigentlichen Namen nennen, da er ſelbſt ihn zu führen erklärt hat,— war wie aus den Wolken gefallen: was für Neuigkeiten erfuhr er da zur Nachtzeit unter freiem Himmel, an der Seite eines Mannes, den er heute zum erſten Male ſah, an dem Ufer des Hudſon auf und nieder wandelnd; aber Herr von Deubern fuhr in ſeiner offenen weſtphäliſchen Manier fort:„Hätten ſie auch nie verloren, wenn ſie Eueren Wahlſpruch: Laß dich nicht überrumpeln und den Spruch des großen Montecuculi beachtet hätten, aber mit ihrem Geize und mit ihrer Sorg⸗ loſigkeit konnte es nicht anders kommen als es kam. Nun, da ſie unſere Bedingungen, die„Geld, Geld, Geld!“ lauten, erfüllen, wollen wir die Sache wohl wieder in's Reine bringen. Der ſchlaue Ludwig hat dem geldgierigen und leichtſinnigen Karl II. mit Holland in Krieg gejagt, aber wenn der Republik auch kaum eine Provinz geblieben war. beherrſchte ihre Flagge doch weithin das Meer; und das Haus Oeſterreich beſinnt ſich nun doch auch eines Beſſern und ſendet ihre ſpaniſchen Truppen dem Prinzen von Ora⸗ nien zu Hülfe,— ich will nicht ſagen, aus Anhänglichkeit und brüderlicher Liebe, aber es weiß, daß unſere Seehelden de Ruyter, Tromp, die Evertſens es ſind, welche ihm ſein Spanien erhalten können.— Ich hoffe, daß Corne⸗ lius bald hier ankommen wird.“ 99 Der junge van Hoboken befand ſich in keiner kleinen Verlegenheit. Er wußte auf alle die Neuigkeiten, die er hier erfuhr, auch nicht mit einer Sylbe zu antworten und doch nahm ihn Herr von Deubern als einen völlig Ein⸗ geweihten. Zum Glück bemerkte dieſer davon nichts, ſon⸗ dern plauderte fort:„Doch ich begreife es wohl, daß Ihr von den neueſten Ereigniſſen keine Kenntniß habt,— unſer Freund, Mynheer van Yorx, erzählte mir von Euern Abenteuern unter den Wilden, wo Ihr ein halbes Jahr Euch aufgehalten habt, dahin gelangt wohl nichts von den europäiſchen Händeln,... hört mal, wenn wir hier mit den Engländern fertig ſind, und meine Beſtallung auf⸗ hört, möcht' ich wohl einmal es bei Jrokeſen verſuchen. Dieſe ſollen ja in ſtetem Kriege mit den Franzoſen ſtehen, — man ſollte meinen, ein ſo erfahrener Feldhauptmann wie ich, käme ihnen ganz gelegen?“ „Ohne Zweifel,“ erwiederte van Hoboken lächelnd, — aber mit dem Solde dürfte es etwas mißlich ausſehen.“ „O, das würde ich nicht ſo genau nehmen,“ ſagte der Kapitän lächelnd.—„Ich ſtand bei der ungariſchen Armee, die der Adel gegen den Kaiſer auf die Beine gebracht hatte; aber die Geſchichte wurde entdeckt, Frangipani, Na⸗ dasdi, Zriny und Tattenbach wurden zu Neuſtadt um einen Kopf kürzer gemacht, die Armee lief auseinander, und ich bekam auch nicht einen ungariſchen Dukaten zu 7* 100 ſehen,— nun, ich machte mir nicht ſo viel daraus,— ich hatte da eine neue Art Disciplin kennen gelernt,— und dieſes denke ich mir auch bei den Jrokeſen;—— aber ſagt mir,“ unterbrach er ſich ſelbſt,—„wie kamt Ihr denn da zu dieſen langohrigen Puritanern hinauf,— van Yorrx ſagt, Ihr landetet in Neu⸗Port?“ „Conträrer Wind und ſtürmiſches Unwetter verſchlu⸗ gen uns, ſo daß wir Neu⸗York nicht erreichen konnten und froh waren, dem ſchönen Hafen Neu⸗Port ſo nahe zu ſein,“ ſagte van Hoboken. „Kamt Ihr direct von Amſterdam?“ fragte der Kapitän. „Von Briſtol,“ war die Antwort. Herr von Deubern ergriff jetzt plötzlich den Arm ſeines jungen Kameraden und wiſperte ihm ein leiſes „Pſt!“ zu. Beide horchten mit an ſich gehaltenem Athem in die Nacht hinaus. Anfangs vernahm unſer Freund nichts als das Brauſen des Hudſon, wie er im ſchnellen Zuge an die Küſte anſchlug; aber es bewährte ſich, daß der Kapitän im Bivouakiren und im Vorpoſtendienſte der verſchiedenen disciplinirten und nicht disciplinirten Heere ſich ein ſcharfes Gehör angeeignet hatte, bald vernahm auch er den feſten, ge⸗ meſſenen Schritt zweier Männer, welche am Strome herauf⸗ kamen und ſich ihnen näherten. Der Kapitän fuhr mit der rechten Hand in ſeine linke Bruſttaſche und es war zu be⸗ 101 merken, daß er ein kleines Piſtol hervorzog; aber er ſteckte es auch bald wieder bei, mit den Worten:„Hallo! gute Freunde,— woher noch Ihr ſo ſpät?“ Er hatte die An⸗ kommenden in franzöſiſcher Sprache angeredet, und der Eine der Beiden erwiederte in derſelben Sprache:„Hallo! Kapitän! Ihr hier?— das kommt gerade recht,— wir haben Nachrichten. Kamen auf gut Glück von Longisland herüber, Euch vielleicht zu treffen.“ „Nachrichten?“ rief neugierig Herr von Deubern —„ſchnell heraus damit,— was ſind es für Nachrichten, — ſeid doch nicht gar ſo langſam mit Euerem walloniſchen Phlegma!“ „Hm!“ zögerte der Wallone,—„dürften nicht für alle Ohren ſein.“ Er ſah dabei forſchend den ihm völlig Unbekannten an. „Die Ohren, die hier anweſend ſind, können es immerhin hören,“ erwiederte der Kapitän, und mit etwas leiſerem Tone fügte er hinzu:„Hier mein Freund,— Schiffslieutenant van Hoboken— iſt einer von den Unſrigen.“ „Van Hoboken!“— rief der andere Wallone, der bisher einen ſtummen Theilnehmer des Geſpräches abge⸗ geben hatte, jetzt in höchſter Ueberraſchung aus. „Nun, George, ich würde ſo laut ſchreien, daß die im Fort es hören können,“ ſagte der Weſtphale zornig,— . „man ſieht doch gleich, was dummes Bauernvolk iſt,“ ſetzte er in holländiſcher Sprache und zu van Hoboken gewen⸗ det, hinzu,—„wenn der Burſche nur ein halbes Jahr unter dem großen Condé geſtanden hätte, ſo wüßte er, daß man Loſungsworte ſich gegenſeitig nur in's Ohr liſpeln darf.“ „Van Hoboken iſt Euer Name?“ fragte der junge Mann jetzt leiſe, und unſerm jungen Freunde näher tretend. Dieſer erkannte in ihm den jungen Burſchen, welcher heute Nachmittags das Téte⸗a⸗téte zwiſchen ſeiner Schweſter und dem Aldermann Mr. Tomkins, wahr⸗ ſcheinlich zur Unzufriedenheit des Letzteren, geſtört hatte; aber bevor er noch die an ihn geſtellte Frage beantworten konnte, rief Herr von Deubern dazwiſchen:„Sprich mir den Namen nicht mehr aus, wenn Du nicht willſt, daß ich Dir die Zunge ausreiße,— Frank Lin coln iſt des Mannes Name, ſo gut als meiner Sir Henry Hurſt iſt ——— Verſtanden?— doch kommt! Ich halte es für beſſer, wir gehen zur Taverne des alten Nightingale, als daß wir hier auf freiem Felde, in einer ſo ſtockfinſtern Nacht, unſere Mittheilungen machen, wo man nicht auf fünf Schritte Entfernung ausnehmen kann, ob da eine alte Sykamore oder ein ungeladener Zuhörer ſteht, und wo man nicht ſicher iſt, daß eine überlaute walloniſche Kehle den vollen Trompetenton ausſtößt,— kommt Freunde!“ 103 Und voraus ſchritt er in ziemlicher Haſt, wahrſchein⸗ lich gedrängt durch die neugierige Erwartung, von ange⸗ kommenen Nachrichten zu hören. Ihm auf dem Fuße folgte van Hoboken, an deſſen Seite ſchritt der junge Mann, den wir unter dem Namen George l'Escuyer bereits gut genug kennen, den Schluß des Zuges bildete der andere Wallone, welcher Jacques Rapelje hieß. Als ſie dem Gebäude, welches wir als John Nigh⸗ tingale's Taverne kennen, näher kamen, ſtrahlte ihnen ſchon aus ziemlicher Entfernung helles Licht entgegen,— ſie bemerkten bald, daß alle Fenſter, mit Ausnahme derer, wo die mangelnden Glasſcheiben durch eingeſchoppte Klei⸗ dungsſtücke erſetzt waren, eine volle Beleuchtung durch⸗ ſcheinen ließen, ein Beweis, daß da heute zahlreicher Beſuch ſich eingefunden hatte, doch dieſes war nichts Außergewöhnliches und hinderte unſere vier nächtlichen Wandrer nicht, über die wenigen Stufen hinauf zu ſchreiten und in das uns bekannte Schankzimmer einzutreten. Sie fanden dieſes in der That gedrängt voll von Gäſten. Es war da rüdes, lärmendes, fluchendes, ſchwörendes, lachen⸗ des und viel trinkendes Volk verſammelt— Seeleute, Matroſen, Fiſcher, Schiffsbaulente, Auslader, Karrenleute, Schmuggler und vielleicht Manche von och mehr zwei⸗ deutigem Handwerke,— dazwiſchen ar wohl auch der Eine oder Andere zu bemerken, dem man die Beſchäftigung 2—— 104 eines Handwerkers oder Farmers anſah,— man vernahm da alle möglichen Sprachen: engliſch, ſpaniſch, portugieſiſch, holländiſch, teutſch, franzöſiſch, und jede Sprache in zwan⸗ zigerlei Dialecten,— es herrſchte aber dabei doch ein gutes Einverſtändniß, wenigſtens jetzt noch,— es war nicht allzuſpät an der Zeit und der in Quantitäten ge⸗ trunkene Whiskey, Gin, Rum, Brandy und was ſonſt für Flüſſigkeit dem Geſchmacke jedes Einzelnen zuſagte, waren noch nicht überwältigend geworden. Beinahe unbemerkt traten die vier Männer ein. Das Gedränge war ſo groß, daß das Gehen oder Kommen eines Einzelnen oder Mhrie eben nicht beobachtet wurde; aber kaum waren ſie eine Weile im Zimmer, ſo fiel der Blick eines Anweſenden auf Herrn von Deubern, und ſogleich hieß es mit Hinreichung des Glaſes:„I— your's health, captain!“— und ein Anderer rief: „Monsieur le capitain, à votre santé,“ und ein Dritter: „IkK drinke Uwe Gesoendhyd!“ und ein Vierter:„Ich bring's Euch, Hauptmann!“— Es war wunderbar, welch' ausgebreitete Bekanntſchaft der wackere Zögling des großen Condé hatte,— wunderbar, wie er in den verſchiedenen Sprachen einen Toaſt zu nehmen und zu geben wußte,— und wunderbar war es, wie er die verſchiedenen Natio⸗ nalitäten von Liqueuren friedlich unter ein Zelt einzuquar⸗ 105 tieren verſtand, ohne daß ſie hier in Aufruhr geriethen und das Kapitol in Alarm ſetzten. Nachdem er zur Genüge nach rechts und links Be⸗ ſcheid gethan, ermahnte er ſeine drei Begleiter, ihm zu folgen, wiſperte auch einem oder dem andern der An⸗ weſenden ein paar Worte in's Ohr und entfernte ſich unbemerkt durch die Seitenthüre, welche in das Innere des Hauſes führte. Francis folgte ihm ſogleich nach. Die Uebrigen, welche hier ohnedem Beſcheid zu wiſſen ſchienen, folgten Einer nach dem Andern in kleinen Zwi⸗ ſchenpauſen. Man ging durch einen Gang, welcher an ſeinem Ende eine Stiege zeigte, die nach aufwärts zu den Gemächern der oberen Stockwerke, von denen eben auch unſer junger Freund eines bewohnte, führte. Zwei Schritte weiter von dieſer Stiege war eine zweite, in halber Wen⸗ dung angebrachte Treppe, welche, wie Francis bisher geglaubt hatte, dem halb über halb in die Erde hinein⸗ gebauten Küchendepartement zuführe. Dieſes war auch wirklich der Fall, bevor man jedoch durch die Thüre der Küche in dieſe eintrat, war ein kleines Mauereck zu be⸗ merken, und vor dieſem eine Holzthüre, wie etwa zu einem Schranke, den man gelegentlich nahe der Küche zur Auf⸗ bewahrung von Früchten, Preſerven und anderen Dingen, welche kühl zu halten ſind, anzubringen pflegt. In Wahr⸗ heit erſchien aber bei Oeffnung dieſer ſchmalen Thüre in 106 dem Mauerwinkel eine ſchmale Treppe, etwa fünf oder ſechs Stufen, und wenn man dieſe hinabſtieg, befand man ſich in einem geräumigen Saale, mit Bogenwölbung der Decke, aus dem harten Sandſtein des Erdbodens, welcher ſtellenweiſe mit noch härteren Steinarten untermiſcht war, ausgehauen und von zwei Säulen geſtützt. Hier, an den Wänden hin, lagen die mächtigen Fäſſer, gefüllt mit fran⸗ zöſiſchem Cognac, holländiſchem Gin, ſchottiſchem Whiskey und andern Getränken aus allen möglichen Herrn Ländern, welche aber größtentheils das Zollhaus nicht paſſirt haben mochten. Das freie Himmelslicht fand zu dieſem unter⸗ irdiſchen Gewölbe nur durch eine einzige aber ziemlich große, viereckige Oeffnung, welche ſich an der Decke befand, und in der Mitte des verwilderten Gartens den Ausgang hatte, ſeinen Einlaß; dieſes geſchah jedoch ſelten, nur zu jenen nächtlichen Zeiten, wenn neue Waarenvorräthe in den Keller zu bringen waren; dann wurde die Holzthüre, welche die Oeffnung von Innen verſchloß, zur Seite ge⸗ ſchoben, und die im Garten in anſcheinbarer Unordnung aufeinandergehäuften Holzſtämme, Steine und ausgerodetes Dornengeſtrüpp auf die Seite geſchafft. Da dieſes jedoch ſtets nur zur Nachtzeit geſchah, ſo kann man nicht ſagen, daß jemals wirkliches Sonnenlicht in dieſes Gewölbe ge⸗ drungen war, ſondern höchſtens Sternen⸗ oder ſpärliches Mondlicht. Zu anderer Zeit wurde aber dieſes durch die 107 Beleuchtung mittelſt ſchlecht genug brennender Talgkerzen, auf eiſerne Leuchter geſteckt, erſetzt. Und ſo war es auch heute. Fünf oder ſechs ſolcher Kerzen, hier und da auf ein Faß geſtellt, erleuchteten kärg⸗ lich genug das weite Gewölbe. Die eingeſperrte Kellerluft geſtattete den von dem dicken verkohlten Dochte ohnedem ſparſam genug ausſtrömenden Strahlen keine freie Aus⸗ breitung. Jedes einzelne Licht ſah wie ein zitternder Stern, von einem matten Hofe umgeben, aus, ſchon die nächſte Nähe war fahl und zwiſchen dem einen Kerzenlichte und dem andern gab es immer wieder einen ſchwarzen undurch⸗ ſichtigen Raum; daher geſchah es, daß bei dem Hin⸗ und Herbewegen der hier verſammelten Männer, manchmal der eine erſchien und wieder plötzlich verſchwand,— daß manchmal nur ein Geſicht, bisweilen nur ein Arm oder ſonſt ein Theil des Körpers ſichtbar wurde, während der andere in tiefer Finſterniß unſichtbar blieb,— zur vollen Kenntniß über die Zahl der Anweſenden war es unmöglich zu gelangen, und es war überraſchend, bisweilen plötzlich aus ſchwarzer Undurchdringlichkeit die Stimme eines Le⸗ benden zu vernehmen. Francis hatte ſich mit dem Rücken an ein großes Faß gelehnt, auf dem keine Talgkerze ſtand, da er durch⸗ aus nicht die Abſicht hatte, irgend einen Theil ſeines Kör⸗ pers zur Anſchauung zu bringen, und blickte einem ſolchen 108 Zitterſterne mit fahlem Hofe zu, welcher ſein mattes Licht auf das in dieſer Beleuchtung geiſterähnlich ausſehende Geſicht des Herrn von Deubern fallen ließ, unweit von dieſem war das nicht weniger blaſſe Geſicht des geliebten Freundes ſeiner Schweſter zu ſehen. Unſer junger Aben⸗ teurer hatte da Gelegenheit, die Bemerkung zu machen, daß die kleine Jeſſie wirklich keinen üblen Geſchmack habe, und er fand es erklärlich, daß ſie dieſem ſchwarz⸗ lockigen, ſchwarzäugigen Jüngling mit den ſchönen Zügen, in denen ſo viel Verſtand, Offenheit und Gutmüthigkeit ausgedrückt war, den Vorzug vor den würdigen Aldermann und Bürgermeiſter in spe gab. Er wurde in ſeinen Be⸗ trachtungen durch die Anſprache des Kapitäns an die Ver⸗ ſammlung unterbrochen. Dieſer hatte den eiſernen Leuchter ergriffen, und während er ihn mit voller Armeslänge in die Höhe hob, verbreitete er auch in der That für einige Zeit etwas mehr Beleuchtung in einem größeren Umkreiſe, ſo daß man die Zahl der Anweſenden, deren etwa dreizehn oder vierzehn waren, überblicken konnte.„Die Zahl der heute Anweſenden iſt zwar eine geringe; aber es iſt unſere Verſammlung auch nur eine zufällige— ich hielt es jedoch für zweckmäßig, uns hierher zu begeben, da Freund George l'Escuyer und Freund Jacques Rapelje uns wichtige Nachrichten mitzutheilen haben. Freund Jacques, ſprich!“ 109 Mit leiſer Stimme, obwohl in dieſem tief liegenden Gewölbe, ſo dennoch alle Vorſicht gebrauchend, erzählte dieſer:„Jakob Stoffelſen, der wie bekannt, mein Nachbar iſt, und als erfahrener Steuermann gewöhnlich gebraucht wird, um größere Kauffahrer durch die gefähr⸗ lichen Stellen bei den Narrows und bei Sandyhvok, und über die weiter draußen liegenden Sandbänke zu bringen, iſt heute Abend mit ſeinem Pilot⸗Boot heimgekehrt, und ſein erſter Gang war zu mir. Er wäre ſelbſt mit mir herübergekommen, aber er wurde zum Gouverneur berufen, und ſo gab er mir den Auftrag, unſern Freunden bekannt zu machen, daß er draußen, etwa zweihundert Meilen vom Lande entfernt, mehrere Schiffe nahe beiſammen ge⸗ ſehen habe. Trotz des günſtigen Windes hatten ſie jedoch alle Segel eingezogen und ſchienen beinahe unbeweglich zu liegen——“ „Das iſt Cornelius Evertſen, nach de Ruyter und Tromp der größte Seeheld unſerer Zeit!“ rief der Kapitän mit Feuer—„er lavirt draußen, wahrſchein⸗ lich um mit noch einigen Schiffen zuſammen zu treffen, die vom Curſe abgekommen ſind.“ „Daſſelbe meinte auch Jakob Stoffelſen,“ ſagte der Wallone,—„und er glaubt, daß die kleine Escadre in wenigen Tagen in die Bay von Neu⸗York einlaufen könne.“ 110 „Man muß ihr Lootſen entgegenſchicken,“ ſagte der Kapitän eifrig—„denn, ein ſo großer Admiral auch Cornelius iſt, ſo kennt er doch die Einfahrt in die Bay nicht.“ „Daſſelbe meinte auch Jakob Stoffelſen,“ ſagte der Wallone Jacques Rapelje wieder. „Nun, warum iſt er dann heimgekehrt?“ ſagte der Kapitän ärgerlich—„warum hat er ſich nicht der Escadre genähert, und ſeine Dienſte als Pilot dem großen Admiral angetragen? Wäre ich ein ſo guter Steuermann, als ich ein guter Kapitän einer Kompagnie Büchſenträger bin, ſo wäre es mein Stolz, der Lootſe zu ſein, der den großen Cornelius Evertſen, den Eroberer Neu⸗Yorks, in die Bay brächte.“ Daſſelbe meinte auch Jakob Stoffelſen,“ ſagte der ehrliche Wallone wieder—„er iſt auch nur heim⸗ gekehrt, um uns die Nachricht zu bringen, damit wir vor⸗ bereitet ſind. Er geht noch dieſe Nacht mit ſeinem Boote ab und nimmt noch vier oder fünf andere gute Steuer⸗ leute mit.“ „Wenn ihn der Gouverneur hinausläßt,“ ſagte der Kapitin nachdenklich. „Hinausläßt?— Er iſt ja Lootſe und berechtigt, jede Stunde hinauszugehen,“ ſagte Jacques Rapelje. „Berechtigt, ſo lange es Eurem geſtrengen Herrn 111 Statthalter beliebig iſt,“ erwiederte der Kapitän mit Schärfe—„auf jeden Fall— ſollte es ſein, daß Sir Lovelace von irgend einer Seite her Verdacht ſchöpft ja, auf jeden Fall beſorgt, daß heute Nacht noch verläß⸗ liche Leute abgehen————— 4 „Wird uns denn aber Mynheer Cornelius Evert⸗ ſen die Beſtätigung unſerer Privilegien und Rechte mit⸗ bringen?“ fragte eine Stimme aus einem nachtſchwarzen Winkel, zwiſchen zwei hohen Fäſſern hervor. Kapitän Herr von Deubern ergriff den eiſernen Leuchter und erhob ihn wieder mit Armeslänge gegen die Decke des Gewölbes, ſo daß jener Winkel, woher jene Stimme erſchallte, etwas erhellt wurde:„Wie kommt Mynheer Gerrit van Lubertſen jetzt zu dieſer Frage?“ ſagte er etwas ſpitz. „Es war in jeder unſerer geheimen Berathungen davon die Rede,“ erwiederte jene Stimme aus ſehr wenig erhelltem Winkel—„daß wir von den hochvermögenden Generalſtaaten die ſchriftliche Beſtätigung erhalten müſſen, nicht nur in Betreff unſerer Municipial⸗Autorität, aus⸗ geübt durch ſelbſt gewählten Bürgermeiſter, fünf Alder⸗ männer und einen Sheriff, ſondern auch hinſichtlich unſres Rechtes, Taxen aufzuerlegen, zu erhöhen, zu mildern, oder ganz aufzuheben, je nach unſerm beſten Dafürhalten,— daß wir das Recht genießen ſollen, der ganzen Provinz, 112 von welcher Neu⸗Amſterdam die Hauptſtadt ſein ſoll, Ge⸗ ſetze zu geben, ſie in Ausübung zu bringen, oder zu ver⸗ ändern, je nachdem wir es für gut befinden,— daß die executive Gewalt nicht in die Hände des neuen Statt⸗ halters, ſondern in die der von uns ſelbſt gewählten Be⸗ hörden gelegt werde— wir ſagten, daß wir dieſe unſere Rechte und Privilegien beſtätigt erhalten müſſen, bevor wir einen Schritt machen, um uns der Oberherrſchaft der engliſchen Krone zu entziehen und uns wieder unter die Regierung der hochvermögenden Generalſtaaten zu begeben.“ „Waret Ihr damals, vor zehn Jahren, als Sir Richard Nichols ſein Lager auf Longisland aufſchlug und die engliſche Fahne wehen ließ, eben ſo vorſichtig, als heute?“ fragte der Kapitän mit vieler Schärfe—„und fragtet Ihr auch bei der engliſchen Krone um Beſtätigung Eurer Rechte und Privilegien an?“ „Wir erwarteten als engliſche Kolonie mit den neu⸗ engliſchen Kolonien auf gleichen Fuß geſtellt zu werden,“ erwiederte Mynheer Gerrit van Lubertſen. „Und ließt Euern braven alten Peter Stuy⸗ veſant im Stich,“ zürnte der Kapitän—„Ihr übergabt Stadt und Provinz auf Treu und Glauben einer fremden Nation, wo es Euch unter einem Hauptmann, wie der alte Peter war, ein leichtes geweſen wäre, die ſechshundert 113. Puddingeſſer zurückzuſchlagen,— und jetzt, wo es darauf ankommt, wieder holländiſch zu werden, da fragt ihr Holländer nach ſchriftlichen Beſtätigungen.“ „Und zahlt Eure zehn Procent für jede Waare im⸗ port und erport, um den König von England in den Stand zu ſetzen, ſeine Schiffe gegen Holland auszurüſten, lieber, als daß ihr dem von Eurem Mutterlande Euch ge⸗ gebenen Statthalter das Recht zugeſteht, einen Spitzbuben hängen zu laſſen, oder zu begnadigen— was ſeid Ihr doch für Schwachköpfe— Ihr Dutchmen!“ rief ein Mann, welcher nahe genug der einen Leuchte ſtand, um ſich als eine hohe, kräftige Geſtalt zu zeigen. Seine Klei⸗ dung war die, welche die walloniſchen Anſiedler auf Longis⸗ land gewöhnlich trugen, und dieſer Mann war auch wirk⸗ lich einer der vermöglichſten und einflußreichſten Farmer auf der langen Inſel. „Da habt Ihr vollkommen Recht, würdiger Vital Rambout,“ ſagte der Kapitän mit vielem Eifer—„die guten Neu⸗Yorker würden es ruhig mit anſehen, wenn ihr auf Recht und Billigkeit gegründeter und in allen Formen niedergeſchriebener Proteſt gegen alle Taxen, erhoben unter alleiniger Autorität des Gouverneurs und ſeines Rathes, durch den Scharfrichter öffentlich verbrannt würde.“ „La foudre du diable!— wir auf Longisland haben es wenigſtens nicht vergeſſen!“ rief der kräftige 8 1858. VI. Van Hobo ken. III. 114 Wallone in voller Aufregung—„die Towns auf der Inſel ſtehen alle wie Ein Mann— und die auf Jerſey mit uns,— wir möchten Sr. Gnaden, Sir Francis Lovelace, zu gern unſere Anerkennung geben für freund⸗ liche Geſinnung. Er ſoll ſich hüten vor den Männern von Flattbuſch— wir haben es ihm geſchworen— und ein Wallone hält ſeinen Schwur!“ „Es ſoll doch nicht zu Blutvergießen kommen?“ ſagte die Stimme in der Finſterniß,— es war ihr etwas Zagendes anzumerken. „Ich glaube nicht, daß es dazu kommen wird,“ ſagte der Kapitän lächelnd,— es war ein bös ſatyriſches Lä⸗ cheln in der fahlen Beleuchtung—„Die ganze Geſchichte wird kurz abgemacht ſein. Der wackere Cornelius Evertſen wird mit ſeiner Escadre in der Bay erſcheinen und ſich dem Hafen ſo weit nähern, um Oraniens Flagge ſichtbar zu machen; damit aber die im Fort nicht etwa das Gelüſte bekommen, ſich zur Wehre zu ſetzen, wobei doch die ſchönen Häuſer mit den hohen Giebeln und der Fronte gegen die Bay zu, am übelſten wegkommen würden, iſt eine Demonſtration zu machen— die Bürger verſammeln ſich, rennen hin und wieder, ſchreien, lärmen, trommeln, fordern Uebergabe u. ſ. w., zu gleicher Zeit erſcheinen die Towns von Longisland und Neu⸗Jerſey und machen den⸗ ſelben Spectakel,— und ich bin ſicher, die kleine Beſatzung 115 im Fort, den Feind außerhalb in der Bay, innerhalb in der Stadt, wird ſich ohne Schwertſtreich ergeben,— in einer Stunde war Stadt und Provinz: Neu⸗York, und iſt: Neu⸗Amſterdam.“ Der Kapitän ſprach mit ſo vielem Eifer und ſo vieler Ueberzeugung, daß es wirklich ſchien, als ſei die ganze Geſchichte wirklich ſchon vorüber; aber da gab es in der Verſammlung doch noch Einen und den Andern, der die Geſchichte nicht ſo ganz leicht durchgeführt betrachtete,— es wurden noch Fragen geſtellt, Zweifel ausgeſprochen, Vermuthungen gehegt,— wer kennt nicht die Vorgänge bei derlei Zuſammenkünften? Der Kapitän Herr von Deubern hatte vieles zu beantworten, zu widerlegen, zu unterſtützen; doch endlich währte es ihm zu lange, und er meinte, es ſei nun an der Zeit ſich zu entfernen. Noch⸗ mals trug er dem jungen Manne Jacques Rapelje auf, gewiß Sorge zu tragen, daß Jakob Stoffelſen mit tüchtigen Leuten in See ginge,— noch ſprach er zu Einigen in der Verſammlung liſpelnd in's Ohr,— dann ſagte er zu unſerm jungen Freunde leiſe:„Es iſt beſſer, daß wir Beide uns hier trennen; aber morgen gegen die Mittagszeit treffe ich Euch in der Taverne. Ich muß Euch mit noch einigen Herren— engliſche Kapitäne auf halbem Sold, ſo wie ich— bekannt machen. Es giebt wohl noch Einiges mehr zu thun, was die kugeligen Mynheern in 116 ihren ſteifen Wämmſern und Pumphoſen nicht zu wiſſen brauchen— dazu gehören andere Leute,— über einige Dutzende kann ich verfügen— alſo Morgen!“ mit dieſem brach er raſch ab, ergriff einen der eiſernen Leuchter und ging die Stiege hinauf. Zwei oder drei folgten ihm,— die übrigen verweilten, um nach längerer Zeit wieder zwei oder drei abgehen zu ſehen. Das ganze Verhalten dieſer Leute zeigte, daß ſie es wohl verſtanden, in geheimen Ver⸗ ſammlungen zuſammen zu kommen, wobei die Haupt⸗ bedingungen ſind: Geräuſchloſigkeit und Vermeidung jedes Auffallenden. Francis war ziemlich einer der Letzten im Gewölbe, und als er ſich jetzt der Treppe näherte, wurde er von dem neben ihm Herſchreitenden angeſprochen:„Ihr erlaubt mir wohl eine Frage, Herr?“ Francis erkannte, trotz der Dunkelheit, in dem Sprecher den jungen George l'Escuyer.„Hunderte, wenn Ihr wollt,“ erwiederte er lächelnd. „Ich hörte heute Abend Euch mit einem Namen benennen———“ „Der Euch kein unbekannter iſt?“ fiel ihm Francis in's Wort. „Gewiß, er iſt mir nicht unbekannt,“ ſagte der junge Wallone etwas verlegen—„aber Ihr wollt Frank Lin⸗ coln heißen,— und ſo getraue ich nicht———“ 117 „Den andern Namen auszuſprechen,“ half ihm unſer Freund in die Rede—„da habt Ihr ganz Recht. Ich hoffe, daß die Zeit nicht fern iſt, wo wir dieſen Namen ohne Scheu ausſprechen können. Für jetzt gute Nacht, wackerer George!— Du gehſt dieſen Weg, der, wie Du wohl wiſſen wirſt, Dich aus dem Hauſe hinausführt, und ich dieſe Stiege hinauf, wo mein Schlafzimmer iſt. Gute Nacht, grüße mir die kleine Jeſſie!“ und mit dieſen Worten war unſer junger Freund die Stiege hinauf. Der ehrliche Wallone ſtand aber wie vom Donner gerührt und blickte ihm mit offenem Munde und weit aufgeriſſenen Augen nach,— dann ſchüttelte er nachdenklich ſeinen dunklen Lockenkopf und brummte leiſe vor ſich hin:„Son⸗ derbar!— van Hoboken!— Frank Lincoln!— Jeſſie!“ Er konnte ſich dieſes nicht zuſammenreimen, und kopfſchüttelnd traf er ſeinen Freund und Nachbar Jacques Rapelje, welcher auf ihn außerhalb der Thüre der Taverne wartete. Sie gingen am Hudſon hinab, und dann durch das Landthor in die Stadt, welche bereits größtentheils ſchlafen gegangen war. Sie wanderten durch die ruhige Biberſtraße und Here⸗Graft— am Cvoenties⸗ Slip lag ihr Boot, mit dem ſie über den ſchmalen Meeres⸗ arm nach der„langen Inſel“ überſetzten. Sie hatten aber dieſe Nacht wenig Ruhe, da ſie noch Jakob Stof⸗ felſen aufſuchten. Dieſer war jedoch vom Gouverneur 118 nicht heim gekommen,— man konnte ſich die Urſache ſeines Ausbleibens nicht erklären, wollte aber auch nicht länger warten, und zwei Stunden nach Mitternacht ruderte ein Lootſenbvot, ohne die Segel zu gebrauchen, um die Landſpitze der Inſel, welche heut zu Tage Red hook heißt — dann aber hißte es die Segel auf und flog die Bay hinauf, den Narrows zu. Siebentes Capitel. „So ſcheint es, daß die ſchwer verpönte That Einſtimmig war begangen.“ „Einſtimmig.“ „So habt ihr größ're Sünd' auf euch als er. Shakſpeare.(Maß für Maß.) An demſelben Abende, an welchem einige der unzu⸗ friedenen Bürger*) in dem unterirdiſchen Gewölbe von John Nightingale's Taverne eine Zuſammenkunft hatten, ging der Aldermann Mr. Eleaſar Tomkins in heftiger Gemüthsbewegung in ſeinem gewöhnlichen Arbeits⸗ Sir Franeis Lovelate nannte ſie in ſeinen Berichten:„fac- tious republicans.“ 119 zimmer auf und nieder. Auf dem großen Schreibtiſche, welcher an der einen Wand ſtand, lagen drei oder vier große Bücher aufgeſchlagen; es waren die Journale, ſeit 6 Jahren in zweifacher Weiſe geführt; ein Mal für ſeine eigne Einſicht und nur für dieſe allein,— und das andere Mal für die Firma: van Hoboken und Kompagnie, bereitet, vor Jedem aufgeſchlagen zu werden, der eine Ein⸗ ſicht in die Rechnungen des„Haben“ und„Soll“ ver⸗ langen ſollte. Er hatte ſich zum Behufe der Arbeit, welche er vorhatte, mehrere Kerzen angezündet, aber bis jetzt war er noch nicht dazu gekommen; vergebens war er auf⸗ und niedergeſchritten, um ſein aufgeregtes Gemüth zu be⸗ ruhigen, es ſchien im Gegentheil, als ob dieſer Zuſtand ſich eher vermehre als abnehme; er konnte die Geſtalt des jungen Fremden, welcher ſich Frank Lincoln genannt, nicht von ſeinem innern Auge wegbannen,— immer ſtand er vor ihm; er konnte die Scene, welche er heute Nach⸗ mittag erlebt, nicht bei Seite ſchieben,— ſie ſchwebte ihm lebhaft vor,— und er wußte es, daß, bevor er irgend einen Plan in Ausführung bringen könne, nothwendiger⸗ weiſe die Bücher in Ordnung gebracht ſein müßten. Tom⸗ kins war ein Mann, der ſonſt ſehr viele Gewalt über ſich hatte, der, wenn ſein Verſtand etwas einſah, dem Gemüthe nicht mitzuſprechen erlaubte; und doch heute konnte er die Aufregung ſeiner Affecte nicht bemeiſtern, um das zu 120 vollbringen, was der Verſtand als unverſchiebbar erklärte. Er ärgerte ſich über ſich ſelbſt; aber er konnte nicht helfen; er hieß ſich ſelbſt läppiſch— aber es waren nicht die ge⸗ wöhnlichen Leidenſchaften, die ihn bewegten; dieſe hätte er bezwungen;— es war etwas eigenthümlich Beängſtigen⸗ des, was ihn nicht am Arbeitstiſche ſitzen ließ, ſondern im Zimmer unruhig auf und nieder trieb und als jetzt plötzlich in der ruhigen Biberſtraße unten Stimmen und die feſten Tritte mehrerer Männer laut wurden, ſchrak er heftig zuſammen. Er verſuchte über dieſes Erſchrecken zu lächeln; aber es gelang nicht, und als die Männer an ſeiner Hausthüre anhielten, fuhr er haſtig zum Fenſter, — aber er getraute ſich nicht, es zu öffnen, ſondern das Ohr an die Glasſcheibe gelehnt, den Athem an ſich haltend, horchte er mit ängſtlich geſpannter Aufmerkſamkeit hinab. Er hörte, wie der eiſerne Pocher an die Platte häm⸗ merte,— er hörte das Thor öffnen,— er hörte Menſchen ſprechen, ohne jedoch die Worte zu vernehmen. Die Männer waren eingetreten, das Thor wurde wieder ge⸗ ſchloſſen. Er ſetzte ſich haſtig an den Schreibtiſch und that, als ob er emſig beſchäftigt ſei. Seine ſchwarze Haushälterin trat ein und meldete, daß Mac Intyre, der Stadt⸗Büttel, mit einem Paar ſeiner Leute, einen Mann in Handſchellen unten in der Küche — — — 1————— 121 hätten, und der erſtere noch dieſe Nacht den Aldermann Mr. Tomkins zu ſprechen wünſche, da er doch im Vor⸗ aus wiſſe, bei dem Herrn Bürgermeiſter keinen Beſcheid erhalten zu können. „Sende den Büttel herauf,“ befahl er, und während der Zeit, daß die ſchwarze Juno zur Küche ging, um dem ſtrengen Ausüber der polizeilichen Maßregeln den Befehl ſeines Vorgeſetzten kund zu machen, trachtete dieſer ſo viel als möglich ſich zu ſammeln. Mac Intyre, ein kurzer, kräftiger, krummbeiniger Bunſche, mit einem Nacken wie ein Stier und einem Geſicht, wie eine eben aufgeſchlagene Kupfermine, mit einer etwas zu ſtarken Einwärtsſtellung des linken Auges und einigen Arzeichen, daß er eben nicht ganz nüchtern ſei, machte viele Bücklinge, da er wohl wußte, daß er vor dem mäch⸗ tigen Aldermanne, der das Steuerruder des Staatsſchiffes führte, ſtand, und nach der an ihn geſtellten Frage, was ihn noch ſo ſpät hierher brächte, begann er mit Weitſchwei⸗ figkeit und vieler Wichtigthuerei, wie es den Handlangern der Gerechtigkeit eigen iſt, zu berichten:„Ich nahm drei meiner Leute— James Hardhead, Tim Goff——“ „Das iſt nicht von Wichtigkeit, wen Du mit Dir nahmſt— zur Sache!“ unterbrach der Aldermann den Berichterſtatter etwas unwillig. „Wohl!“— ſagte der Büttel, etwas aus dem Con⸗ 122 cepte gebracht—„und wir gingen über die Kuhweide und die Windmühlen-Farm hinauf——“ „Und da?!“ fragte der Aldermann heftig. Er war in der geſpannteſten Erwartung— er wußte nicht, was 6 er erwartete, und doch hatte er ein dunkles Gefühl, daß das Patrouilliren dieſer vier Stadtwächter für ihn von wichtigen Folgen ſei— aber die Heftigkeit ſeiner Neugier beſchleunigte um Nichts die Weitſchweifigkeit des Wichtig⸗ thuers. „Nun da“— fuhr dieſer fort—„Ihr wißt, daß Ihr uns den Auftrag gegeben habt, auf die Fremden auf⸗ merkſam zu ſein, und Jeden, der uns verdächtig ſcheine, feſtzunehmen———“ „Ich weiß es!“ ſagte der Aldermann äußerſt un⸗ geduldig—„und ſo traft Ihr nahe der Windmühlen⸗ farm———7“ Er hielt inne. Der Büttel ſah ihn mit großen Augen an, und den Kopf ſchüttelnd, ſagte er: Nein, Euer Ehren, Herr Aldermann,— da nicht.“ „Nun denn, irgendwo ſonſt,— erzähle weiter,“ ſagte Mr. Tomkins, ſich Gewalt anthuend. Er wußte, daß es beſſer ſei, den Mann im Laufe ſeiner Erzählung zu laſſen, wenn man hoffen wollte, doch endlich zu einem Ende zu gelangen. „Wohl!“ ſagte Mac Intyre—„Ihr ſagtet, daß m — 123 Se. Gnaden der Herr Gonverneur ſtreng befohlen habe, jeden Fremden feſtzuſetzen,— nun, das wäre beinahe unmöglich, da, Dank unſerm ausgebreiteten Handelsverkehr, in unſrer guten Stadt Neu⸗York ſo viel Fremde aus⸗ und eingehen, daß wir, um ſie alle aufzunehmen, ein Stadt⸗ haus bauen müßten, größer als— ja, größer als ganz Dublin——“ Der Aldermann ging unruhig ein paar Mal im Zimmer auf und ab,— der Büttel fuhr aber fort: „Wohl!— da es nun einmal nicht möglich iſt, alle Fremden feſtzunehmen, ſo meinten Euer Ehren, Herr Aldermann, der da eine beſſere Einſicht hat, als Se. Gna⸗ den der Herr Gouverneur, wir ſollten auf Jene, die uns verdächtig ſcheinen, unſer Augenmerk haben———“ „Und da trafet Ihr auf einen verdächtig Aus⸗ ſehenden?“ „Gewiß!— und ſehr verdächtig!“ ſagte der Büttel mit Wichtigkeit—„o, James Mac Intyre iſt ein alter Fuchs,— wenn der ſein Augenmerk auf Etwas hat, das entgeht ihm nicht————“ „Und da ergriffet Ihr den Fremden?“ fragte der Aldermann überwältigt. „Nein, nicht ſogleich,“ erwiederte der Büttel— „Anfangs nahmen wir Zeder einen kleinen Trunk in 124 „Das dachte ich wohl— und da trafet Ihr?“ fragte der Aldermann haſtig. „Nein,— hier nicht,“ ſagte der Büttel—„ſondern, als wir nach genommenen Trunk an den Hudſon hinab gingen, da ſahen wir, obwohl es teufliſch finſter iſt,— aber ich habe ein ſcharfes Auge, und——“ „Zur Sache!“ zürnte der Aldermann. „Nun— da kam das Boot,— legte an,— wir alle Vier, mäuschenſtill, hinter einem dicken Baume—— dieſes Boot, zur Nachtzeit auf dem Hudſon, kam uns ſonderbar vor,— überdies waren wir auch die ganze Zeit, ſeitdem der Befehl ergangen, noch auf keinen verdächtig Ausſehenden geſtoßen——— „Und da muß man doch einmal ſeinen Dienſteifer zeigen,“ unterbrach ihn der Aldermann unwillig. „So dachte ich auch,“ erwiederte der Büttel wichtig, —„und als der eine der Taverne zugegangen war, fielen wir über den andern her, und da haben wir ihn jetzt unten in der Küche— was befehlen Euer Ehren, Herr Alder— mann, das mit ihm geſchehen ſoll?“ Der Aldermann dachte einen Augenblick nach,— es war eine Möglichkeit,——— er fragte forſchend:„Iſt der Eingebrachte ein junger Mann?“ „Hm! nicht eben jung und nicht eben alt,“ gab der Büttel unbefriedigend zur Antwort. 125 „War er bewaffnet?“ „Solch' Volk iſt nie ohne Piſtolen, Meſſer und der⸗ gleichen Dingerchen,“ erwiederte der Büttel,—„aber wir haben Alles ſchön abgenommen und ein paar ſo nette Handkrauſen angelegt, daß ſich einer von beſſerer Her⸗ kunft, als der Burſche zu ſein ſcheint, nicht ihrer zu ſchämen hätte.“ „Bring' ihn herauf,“ ſagte der Aldermann mit einer ſchnellen Entſchließung. Der Büttel gehorchte. Bald darauf war das Klirren von Ketten, die Stiege heraufkommend, zu hören, und in zwei oder drei Minuten ward ein Mann hereingeführt mit Handſchellen. Es war eine herkuliſche Geſtalt, nicht eben über Mittelgröße, aber breitſchultrig, muskulös, knochigt, und wenn auch ſein ziemlich mit Grau gemiſchtes Kopf- und Barthaar ein Alter in Jahren ziemlich vorgerückt andeutete, ſo war doch die ganze Erſcheinung dieſes Mannes von der Art, daß man ſich wohl nicht gern mit ihm in einen Kampf, Fauſt gegen Fauſt, hätte einlaſſen mögen. Seine rauhen Züge waren wind⸗ und wettergebräunt, ſeine Augen im Um⸗ kreiſe aufgeſchwollen und mit rothen Rändern umgeben, an der linken Wange und aufwärts über die Schläfe ſich erſtreckend, lief eine Wunde, aber nicht friſch roth, ſondern mit einer Borke von geſtocktem Blute bedeckt, unter welcher zeitweiſe ein Tropfen dünnen Blutes hervorſickerte, der an 126 der Wange herabträufelte, aber von der mit dem Eiſenreif umgebenen Hand wieder weggewiſcht wurde. Der würdige Aldermann und der nicht minder würdige Gefangene, ſtarrten ſich gegenſeitig mehrere Mi⸗ nuten an, ohne eine Sylbe zu ſprechen. Daß Mr. Tom⸗ kins den Mann, der in Handſchellen vor ihm ſtand, auf den erſten Blick erkannt hatte, unterliegt keinem Zweifel; aber er war zu ſehr überraſcht, um ſogleich die Art und Weiſe zu finden, wie er ihn anzuſprechen habe. Endlich brach er das Stillſchweigen:„Ei, Kapitän— Ihr ſeid's? In der That ein Fremder in unſerer ſchönen Bay— ſeit mehreren Jahren.“ „Was das Geſchwätz— ſeit mehreren Jahren,“ knurrte mit heiſerer Stimme der Gefangene—„hab' die Bay mein Leben lang nicht geſehen— bin alſo fremd genug.“ „Kann es kaum glauben, Kapitän,“ ſagte der Alder⸗ mann. „Mußt es glauben, verdammte Landratte,“ knurrte die Antwort wieder. „Und wie iſt Euer Name gegenwärtig?— und in welchen Geſchäften ſegelt Ihr?“ fragte der Aldermann mit einem den Gefangenen fixirenden Blicke. „Mein Name?— gegenwärtig?— Seekalb— ich habe nur einen Namen, und das iſt ein ehrlicher... 127 Bin Sir Thomas Hutington, Kapitän des Kauf⸗ fahrers„maid-marian“ von Briſtol. Der Aldermann ſtand von ſeinem Stuhle auf und holte aus einer in der Ecke des Zimmers ſtehenden Kom⸗ mode ein paar Piſtolen. Dieſe lud er mit Bedächtigkeit und Accurateſſe und legte ſie auf einen kleinen Tiſch, den er ſelbſt in die Mitte des Zimmers ſtellte,— auf beide Seiten des Tiſches ſetzte er einen Stuhl, auf den einen hieß er den Gefangenen Platz nehmen, den gegenüber⸗ ſtehenden nahm er ſelbſt ein, ſo daß der Tiſch ſich zwiſchen ihm und dem Gefangenen befand; dann ſagte er zu Mac Intyre:„Geh' mit Deinen Leuten in die Küche hinab — Juno ſoll jedem ein gutes Glas Grog bereiten. Ich werde Euch rufen, wenn Ihr nöthig ſeid. Jetzt will ich mit dieſem Gentleman unter vier Augen ſprechen,— vielleicht iſt er Angeſichts ſo vieler Zuhörer befangen.“ Mr. Mac Intyre und ſeine Gefährten ließen ſich dieſes nicht zwei Mal ſagen, und man hörte bald ihre trappenden Schritte die Stiege hinab der Küche zu, wo die ſchwarze Juno ihnen eine ſchwarze Hebe ſein ſollte. Der Aldermann wartete ſo lange, bis die Tritte der Hinabgehenden verklungen waren, dann ſagte er ruhig und feſt:„Ihr ſeid Dick Seabroom, ehemals von der „Glasgow“— dann, als dieſe ſich ſelbſt in die Meeres⸗ tiefe begraben hatte, von einem ſchmucken„Franzoſen,“ 128 deſſen Namen ich jedoch nicht gehört habe nicht derſelbe?“ „Zum Teufel auch!“ rief unſer alter Bekannter Dick—„wenn Ihr das Alles wißt, warum fragt Ihr denn, und haltet mich hier ſo lange auf,— ich muß auf mein Schiff— iſt die„Möwe,“— ein ſchmuckes Boot, habe es gegen den Franzoſen vertauſcht, der zu meinem Geſchäfte zu groß und ſchwerfällig war.— Alſo, was fragt Ihr noch lange?“ „Weil ich meinen Augen nicht trauen wollte, Euch hier zu ſehen,“ erwiederte der Aldermann—„es thut mir leid um Euch, Ihr habt da Euern Kopf in eine böſe Schlinge geſteckt.“ „Aus der ich ihn wohl wieder herauskriegen werde,“ erwiederte der Kapitän mit einem pfiffigen Lächeln. „Ich befürchte ſehr, Ihr irrt Euch in dieſer Er⸗ wartung,“ ſagte der Aldermann ſehr ernſt, mit dem An⸗ ſtriche inniger Theilnahme. Dick Seabroom ſah ihn von der Seite an, der Andere fuhr fort:„Se. Gnaden, der Gouverneur, hat, wie Ihr wiſſen werdet, ſtrenge Maßregeln gegen jede Umgehung des Zollhauſes ergriffen,— die zehn Prozent für eingeführte und für ausgeführte Waaren ſollen eine einträgliche Rente der engliſchen Krone werden.“ ſeid Ihr 129 „Das wußten wir Beide ſchon früher, und machten doch manches gute Geſchäft mit einander.“ „Die Zeiten haben ſich geändert. Damals galt es den hochvermögenden Generalſtaaten,— jetzt England— ich bin ein treu ergebener Unterthan meines Königs.“ Der Kapitän ſah den Aldermann mit einem ver⸗ ſchmitzten Lächeln an und ſagte:„Ich habe mich nie viel darum gekümmert, ob ich es mit den Generalſtaaten oder mit England, Frankreich oder Spanien zu thun hatte,— dachte nicht, daß Ihr ſo verdammt ſpitzfindig in Geſchäfts⸗ angelegenheiten ſeid.“ „Ehrlich währt am längſten,“ ſagte dieſer mit einer ſcheinheiligen Miene.—„Mir iſt bange um Euch. Meine Pflicht,— denn Ihr möget wiſſen, daß ich Aldermann und Stellvertreter des Bürgermeiſters von Neu⸗York bin, — und als dieſer iſt es meine Pflicht, Euch an das Gou⸗ vernement abzuliefern.“ „O, das werdet Ihr doch nicht thun!“ rief der Ka⸗ pitän mit dem Zeichen des Erſchreckens; aber es war nicht ganz ſicher zu ſagen, war es wirkliche Furcht, oder eine ſpöttiſch angenommene, die er zeigte. „Erſt vor wenigen Tagen gab Sir Lovelace den erneuerten Befehl, verdächtig ſcheinende unbekannte Per⸗ ſonen aufzugreifen und an das Kommando des Forts ab⸗ zuliefern.“ 1858. VI. Van Hoboken. III. 130 „Und das wollt Ihr thun und nicht einem alten Freunde durchhelfen?“ „Pflicht geht vor Freundſchaft.“ „Hm!— ſo giebt mich Se. Gnaden frei,“ ſagte der Kapitän kühl.—„Meine Papiere ſind in Ordnung, bin engliſcher Unterthan,— Kapitän der„Maid Marian“ von Briſtol, ausgerüſtet von dem Hauſe Lewis Levington und Kompagnie.“ „Und treibe Schmuggelgeſchäfte.“— „Mein Schiff liegt noch nicht im Hafen.“— „Und ein Beamter des Zollhauſes wird mit nöthiger Begleitung dem Schiffe außerhalb des Hafens einen Be⸗ ſuch abſtatten.“— „Und nichts finden,“ ſagte der Kapitän mit einem heiſern Lachen, mit ſichtlichem Vergnügen den Ballen Tabak etwas raſcher im Munde herumwerfend. „Sind verdammt ſchlaue Spürhunde, die vom Zoll,“ ſagte der Aldermann. „Aber nicht ſchlauer als der alte Dick,— das Schiff liegt draußen, aber die Waaren ſind bereits herein— hahaha!“ lachte er widerlich. „Ihr ſeid in verteufelt guter Laune, trotz der miß⸗ lichen Lage, in der Ihr Euch befindet,“ ſagte der Alder⸗ mann, und den Blick feſt anf den Gefangenen heftend, fuhr er mit ernſtem nachdrucksvollem Tone fort:„Es iſt da 131 noch eine andere Geſchichte, die Euch vielleicht in eine üblere Lage bringen könnte, als ein wenig ſchmuggeln.“ „Dieſe wäre?“ „Es iſt vor ungefähr 16 oder 17 Jahren ein fünf⸗ oder ſechsjähriger Knabe aus einer anſehnlichen hollän⸗ diſchen Familie verſchwunden,— Niemand wußte, wohin er gekommen.“— „Nun?“ „Wenn dieſer Knabe, natürlich in dieſer Zeit zum jungen Manne gereift, nun plötzlich erſchienen wäre?“ „Entweder zur Freude ſeiner Familie oder zum Aerger derer, welche ſich in ſein Vermögen getheilt haben.“— Das Geſicht des Aldermanns wurde mit einem grellen Blaß überzogen und für ein paar Angenblicke ſtockte er,— dann aber, als ob er die Worte des Kapitäns nicht beachte, fuhr er fort:„Und wenn er nun als Kläger gegen Dick Seabroom, Kapitän der Möwe, auftreten würde, und dieſer des Kinderdiebſtahls beſchuldigt in ſchwere Unter⸗ ſuchung käme?“ „Der Bube iſt mir zugelaufen,— ich wußte nicht, wem er zugehöre,— er wurde freiwillig Schiffsjunge auf der Möwe.“ „Der Bube iſt aber vielleicht ein kecker, wagehalſiger Burſche geworden, der die Geſchichte anders erzählen wird. Er wird wiſſen, wie man ihn, als er aus dem Boote, 9* welches ihn zum„Franzmann“ brachte, bevor es vom Lande abſtieß, ausſpringen wollte, mit Gewalt niederhielt, und als er zu ſchreien begann, knebelte und den Mund ver⸗ ſtopfte.“ „Sollte er ſich deſſen erinnern?“ fragte der Kapitän ungläubig. „Ohne Zweifel,“ erwiederte der Aldermann mit über⸗ zeugender Beſtimmtheit,—„und dann kommt noch der Umſtand hinzu, daß Se. Gnaden der Gouverneur dieſe Familie außerordentlich begünſtigt,— von alten Zeiten her,— ich glaube ſogar, er iſt bei der Taufe des geſtohlenen Buben Pathe geſtanden,— er wird mehr glauben, als der Burſche zu ſagen weiß,— nimmt dann noch einige andere kleine Ereigniſſe aus dem Leben des Kapitän Dick, die ihm bekannt ſind, dazu, und läßt als voller Gewaltherr in der Provinz den Kinderdieb hängen.“ „Aber nicht ohne Geſellſchaft,“ ſagte der Kapitän trocken,—„hängt Dick, ſo mit ihm Eleaſar Tomkins.“ Der würdige Aldermann ſchrak zuſammen, aber ſich ſchnell wieder faſſend, fagte er lächelnd:„So weit ging deſſen Freundſchaft für den alten Schleichhändler nicht, um ihm in ſolch' kitzlichem Falle zur Seite ſtehen zu wollen.“ „Wenn aber des alten Schleichhändlers Anhänglich⸗ keit zu ſeinem alten Kunden von der Art wäre, daß er ein ſolches zur Seite ſtehen wünſcht. Habe ich den Buben 133 geſtohlen?— wohl, ich werde nicht nein ſagen,— war in der Eile,— kam mir in den Weg, konnte ihn nicht gleich los werden,— hatte aber die Abſicht, ihn wieder an's Land zu ſetzen,— war mir ohnedies überläſtig,— aber da kam Einer an Bord des„Franzmannes“— war mir in einem ſchnell ſegelnden Lootſen-Boote gefolgt,— war es nicht ſo?“ „Ich hatte das Geſchäft über abgelieferte Waaren mit Euch zu beenden,“ ſagte der Aldermann mit einem forſchenden Blicke auf den Gefangenen. „Ja, das war ehrlich genug gehandelt,“ erwiederte der Kapitän,—„aber dann fragte eben dieſer Mann, was ich mit dem kleinen Jungen zu thun vorhabe?— Ihn dem erſten begegnenden Schiffe, das nach Neu⸗York ſegelt, ab⸗ liefern, war meine Antwort,— der Mann ſchüttelte aber den Kopf und meinte: die Geſchichte brächte mich in Ver⸗ legenheiten,— und was ſoll ich denn thun? war meine Frage,— da ſagte der Mann mir leiſe in's Ohr: wirf den Ballaſt, den Du zu viel an Bord haſt, in's Waſſer— 7 „Lügner!“ rief der Aldermann mit tödtlichem Er⸗ blaſſen,—„was weißt Du davon?— Du warſt damals voll beſoffen!“ „Wahr!“ ſagte Dick,—„hatte ein wenig zu viel, — es war wegen des Spaßes, daß ich dem alten Peter 134 und ſeiner ganzen Flotille ſo eine ſchöne Naſe gedreht hatte,— aber das, was Du mir in's Ohr gewiſpert, machte mich ſogleich verteufelt nüchtern.“ „Und warum befolgteſt Du nicht meinen Rath,“ ſagte Tomkins,—„nun ſiehſt Du die Folgen davon.“ „Du haſt Recht, Du Seetiger,“ ſagte der Kapitän, —„hätte es doch thun ſollen,— habe es mir heute gedacht.“ „Heute?— warum eben heute?“ fragte der Alder⸗ mann forſchend. „Was ſiehſt Du hier?“ fragte Dick, mit den beiden durch die Handſchellen vereinigten Hände gegen die linke Wange ſeines Geſichtes hinzeigend. „Eine Hautabſchärfung,— waren Mac Intyre und ſeine Geſellen etwas unhöflich, warfen Dich zu Boden?“ „Hol' der Teufel Mac Intyre,— aber, Seekalb Du! kennſt Du nicht, was eine Piſtolenkugel für Zeichen in die Haut tättowirt— ein achtel Zoll weiter Rechts, und Du ſäheſt Deinen Freund jetzt nicht vor Dir ſitzen——“ „Was gehen mir Deine Balgereien an,“ ſagte der Aldermann unwillig. „Aber mir wäre dieſe Eine bald recht nahe ange⸗ gangen,— war noch betäubt, als mein alter Willie mich fand, und der Burſche mit vollen Segeln davon war,— aber mein erſter Gedanke, als ich wieder zum Bewußtſein 135 kam, war an Dich und an den Rath, den Du mir damals gabſt und ich dümmer als ein Schweinfiſch, nicht befolgte.“ „Alſo wirklich,— Er war es,— mein Argwohn hat mich nicht getäuſcht?“ rief Tomkins,— er befand ſich in einem höchſt aufgeregten Zuſtand,— bisher war es nur Vermuthung, Beſorgniß geweſen,— noch hatte ihn die Hoffnung in etwas aufrecht erhalten, daß der alte Räuber dennoch ſeinen Rath, oder eigentlich mehr ſeinen Willen beachtet habe, und daß nur eine zufällige Aehnlich⸗ keit die Furcht in ſeiner Seele erweckt habe,— jetzt hatte er die volle Gewißheit, daß dieſes Kind lebe, welches er für ewig verſchwunden geglaubt,— ſein Hiererſcheinen war kein zufälliges,— je mehr er darüber nachdachte, je klarer wurde es ihm, daß dieſer ſchlaue, gewandte, unter⸗ nehmende Burſche, wie er ihn in ſeiner Wuth nannte, nach einem beſtimmten Plane handle,— er dachte an ſein Ver⸗ hältniß zum Gouverneur,— er hatte ſo eben vernommen, daß der rohe aber doch auch hinterliſtige Schleichhändler ſich ſeines Ausſpruches ſehr wohl erinnere, und daß er von dieſer Erinnerung, wenn ſie ihm ſelbſt nützen könnte, vollen Gebrauch machen würde, deſſen war er vollkommen überzeugt. Er war vom Stuhle aufgeſprungen,— er dachte nicht mehr an eine nöthige Vorſicht dem Räuber gegen⸗ über,— ſie Beide ſtanden ja auf gleichem Fuße, auf der⸗ 136 ſelben Stufe der Leiter, die den Galgen hinauf führt,— was bedarf es da des zwiſchengerückten Tiſches, was der geladenen Piſtolen,— er war aufgeſprungen und ſchritt mit dem Wanken der höchſten Angſt im Zimmer auf und nieder,... was war zu thun?— umſonſt zermarterte er ſein Gehirn, um ein Rettungsmittel auszuhecken,— ſein Geiſt lag in den Banden gefangen, welche keinen zuſam⸗ menhängenden Gedanken aufkommen laſſen,— aber dieſes dauerte doch nur einige Minuten, die Minuten der erſten Ueberraſchung; das Laſter iſt gewöhnlich kräftiger als die Unſchuld,— wenn auch heftig erſchüttert, erſtarkt es doch auch bald wieder, wird entſchloſſen, erfinderiſch,—— ſo Tomkins,— der alte Räuber half da ſelbſt mit ein durch ſein Geplauder, auf welches der Aldermann anfangs kaum hörte, aber bald darauf aufmerkſam wurde,— Dick half ihm in dem Entwurfe eines Planes, mußte ihn aber auch ausführen. Mit weit mehr Reſolution als ſein würdiger Freund und Genoſſe bei mancher Gelegenheit, ſaß Dick Sea⸗ broom auf ſeinem Stuhle, und, nachdem er den Knollen zerkauten Tabaks ausgeſpuckt und einen ganzen Guß brauner Jauche nachgeſchickt hatte, bemühte er ſich mit den Fingern der einen Hand in die Seitentaſche ſeines Ma⸗ troſenwammſes zu langen. Er brachte nach einigen An⸗ ſtrengungen ein großes Stück feſt zuſammengepreßten — — 137 Krautes hervor, wovon er die nöthige Menge abknipp, und dieſe, nachdem er den Hauptſtock ſeines Vorrathes in die Taſche verſorgt hatte, in den Mund ſchob. Anfangs warf er den Knäuel von einer Seite zur andern, bis dieſer endlich ſeinen paſſenden Platz in der rechten Backenhöhlung gefunden hatte, dann begann er murrend:„Schmerzt doch, — beſonders wenn ich kaue. Nun, ſoll dem Burſchen gut vergolten werden, komme ich nur aus dieſer Schmiere hinaus,— und das erwarte ich,— muß ja doch Einer dem Andern beiſtehen,— doch höre, Eleaſar Tomkins, haſt Du denn gar nichts Flüſſiges bei der Hand,— habe mich verteufelt dürre geſchwatzt, ſitze wie ein Aal auf trock⸗ nem Sande,— ſei nicht geizig,— hatteſt ja doch ſonſt immer einen guten Tropfen.“ Mr. Tomkins ward aus ſeinem gedankenwirren Zu⸗ ſtande durch dieſe Anrede erweckt. Er blickte ſich den alten Sünder mit Verwunderung an, der in ſeinem Ver⸗ hängniſſe ſo ruhig ſeinen Tabak kauen und nach etwas Flüſſigem fragen konnte. Eben dieſe Ruhe ſchien aber auch auf ihn einen beruhigenden Einfluß zu haben. Mit einem Lächeln, welches, wenn auch kein ganz heiteres, doch ſchon den Beweis gab, daß der fürchterliche Zuſtand, in welchem er ſich vor wenigen Augenblicken befand, in Ab⸗ nahme war, ſagte er:„Du alter Aal ſollſt einen Tropfen Flüſſiges haben und noch dazu einen ganz guten,— ſchlüpfrig 138 wie Du biſt, kommſt Du doch auch aus dieſer böſen Ge⸗ ſchichte wieder heraus.“ „Das dachte ich mir längſt,“ erwiederte der alte Räuber mit einem heiſern Lachen,—„nun verthue aber nicht die Zeit mit leerem Geſchwätz,— ich ſpreche kein Wort, bevor ich meine Zunge genetzt habe.“ Bald darauf ſaßen die Beiden an demſelben Tiſche dicht beiſammen, die Flaſche Cognae vor ſich,— die Pi⸗ ſtolen waren zur Seite gelegt, und Niemand, der ſie ſo be⸗ obachtet, hätte gedacht, daß dieſe vor Kurzem noch ſich als ſtrenger Richter und Gefangener einander gegenüber ge⸗ ſeſſen hätten. „Aber, Dick, ſage mir,“ begann der Aldermann nach einiger Zeit in einem vertraulichen Tone,—„biſt Du auch gewiß, daß es der Junge war?— hat Dich nicht vielleicht eine Aehnlichkeit getänſcht?“ „Aehnlichkeit?“ brummte der Kapitän unwillig,— „ich werde doch unſern„kleinen Studenten“ von der „Möwe“— den Frank Lincoln kennen!“ „Frank Lincoln?— Du haſt Recht,“ ſagte der Aldermann etwas beklommen,— jede Ausſicht auf eine Täuſchung verſchwand mehr und mehr,—„aber wie kam der Burſche zu dem Namen?“ „Hm! Wie kommt man zu einem Namen?— fan⸗ den da auf ſeinem Arm ein F. und L. tättowirt,— dachten 139 wohl, es heiße Frank Lincoln,— kommt auf den Namen nicht an; haben auf der„Möwe“ Manchen, der nicht zu ſagen weiß, wie ſein Vater hieß.“ „Wie kommt er hierher?— hatteſt Du oder irgend Einer ihm je geſagt: von welchem Theile der Welt er ſtamme?“ „Wäre ich nicht ein gewaltiges Seekalb?“ erwiederte Dick,—„werde mich wohl hüten,— und wäre der Teufelsjunge nicht von der„Möwe“ entwiſcht, hätte er gewiß die Bay von Neu⸗York nie zu ſehen bekommen.“ „Wo trafſt Du ihn heute?“ fragte Mr. Tomkins. „Gerade da, wo ich ihn als kleinen Jungen traf,— . ſcheint den Winkel nicht vergeſſen zu haben,— aber gerade dieſen Winkel darf er nicht wiſſen,— nicht Er und auch kein Anderer— Niemand außer mir und Willie.“ „Was ſoll das wohl für ein verborgenes Plätzchen ſein?“ Der alte Räuber ſah den Aldermann mit einem ver⸗ ſchmitzten Lächeln an, als wolle er ſagen:„Willſt Du klüger ſein als ich?“ Mr. Tomkins ſchien dieſes Lächeln zu verſtehen. „Nun, ich kann mir's wohl denken,“ ſagte er ebenfalls lä⸗ chelnd,—„ſo ein verborgenes Winkelchen, wo ein ver⸗ nünftiger Mann ſeinen Ueberfluß aufbewahrt, um im Alter nicht darben zu müſſen.“ 140 Dick knurrte etwas in den Bart, was jedoch ganz unverſtändlich war. Mr. Tomkins fuhr aber fort: „Und der Burſche hat es gewagt, ſich in Dein Ge⸗ heimniß einzudrängen?“ „War ein kecker Bube,— wollte ihn damals haſchen, — aber weg war er, wie eine leichte Nebelwolke, wenn ein Windſtoß kommt,— ich und Willie ihm nach, da hüpft der Bube in die Jolle— und ſo kam er auf den„Franz⸗ mann.“ „Und heute?“ „War er wieder da, wo er nicht ſein ſollte,— und da bekam ich dieſes,“ er wies mit der Hand auf die Streif⸗ wunde an der Schläfe. „Und Du ſchoſſeſt ihn nicht nieder?“ „Hatte ihn gefehlt,— ſchülerhaft gefehlt!“ „Hm! biſt doch ſonſt eine ſichere Hand?“ „War zu viel in Eile,— hatte wie eine Seekatze ſeine Augen feſt auf mich geheftet— durfte mich nicht rühren, ſo war er in Anſchlag,— wagte es aber endlich doch und ſieh, da iſt es keine große Sache, einen Finger breit zu weit rechts oder links zu kommen.“ „Und jetzt weiß er das Winkelchen,— Deine Schatz⸗ kammer?“ „Das Wiſſen ſoll ihm nicht lange Kopfweh machen.“ „Du haſt Recht,“ ſagte der Aldermann,— und obwohl — 141 er wußte, daß kein Lauſcher in der Nähe ſein konnte, ſo ſagte er doch kaum hörbar, und mit dem Munde ſich des Räubers Ohr nähernd,—„er würde Dich berauben, würde Dir nehmen, was Du ſorgſam verwahrt haſt,— er muß von hier fort!“ „Von hier fort?— Du meinſt von Neu York fort?“ fragte Dick mit einem boshaft ſchlauen Ausdruck in ſeiner Schelmenphyſiognomie. „Fort,— daß er nicht wieder zurückkommen kann,“ ſagte der Aldermann kaum hörbar. „Daß meine Schatzkammer— und Du im Beſitze ſeines Eigenthums ſicher ſind?“ fragte Dick eben ſo leiſe. Der Aldermann nickte bejahend mit dem Kopfe. „Willſt Du ihn fortſchaffen?“ fragte Dick mit einem ſchlauen Lächeln. „Das ſoll Deine Sache ſein,“ erwiederte Tomkins. „Wie kann ich?“ fragte Dick mit einem Blicke auf die Handſchellen. „Das verſteht ſich von ſelbſt,— Du mußt auf freien Fuß geſetzt werden.“ „Das dacht' ich mir auch,“ ſagte Dick lächelnd,— „wußte es ja, daß Mr. Eleaſar Tomkins ſeinen alten Freund Dick nicht werde in der Patſche ſtecken laſſen. Nun rufe aber auch dieſen iriſchen Seebären, dieſen Mac herauf, daß er mir dieſe Handkrauſen abnimmt.“ — 142 „Das geht nicht an,“ ſagte der Aldermann,— „dieſer Mac und ſeine Burſchen haben Dich hierher ge⸗ bracht, nicht wenig ſtolz, einen verdächtigen Schmuggler, Dieb oder was ſonſt eingebracht zu haben,— der Gou⸗ verneur hat ſtrenge Befehle gegeben,— ich weiß nicht für was er ſeit einiger Zeit ſo vorſichtig iſt,— er muß viel⸗ leicht Nachrichten erhalten haben, die ich nicht kenne,— höre Dick, ich kann Dich nicht in Freiheit ſetzen, aber ich kann Dir die Mittel an die Hand geben, daß Du ſelbſt Dich in Freiheit ſetzen kannſt. Ich laß Dich in das Stadt⸗ haus, in das oberſte Zimmer bringen. Du kannſt den Roſt ganz leicht ausheben und den Kamin hinaufklettern,— iſt weit genug für einen Kaminfeger, wäre er auch noch breit⸗ ſchulteriger als Du wirklich biſt,— dann ſpringſt Du auf das Dach,— ſchlingſt um die Schornſteinmauer einen Strick und läßt Dich an dieſem in den hintern Hof hinab, — hier hebſt Du ganz leicht eine Planke aus und biſt im Freien,— Mac Intyre und ſeine Burſchen haben heute genug, um bald in ſchweren Schlaf zu verſinken.“ „Und der Strick?“ fragte Dick. „Den haſt Du hier,— und hier den Schlüſſel, der alle Handſchellen des Stadthauſes öffnet,“ erwiederte der Aldermann, ihm beide genannten Dinge aus einem Fache der Kommode hervorlangend. „Den Strick knöpfe mir unter das Wamms und den 143 Schlüſſel ſtecke hier zu meinem Tabak, damit ich ihn er⸗ reichen kann,“ ſagte Dick. Der Aldermann bemühte ſich, die Mittel zur Flucht an dem Körper des Gefangenen zu verbergen und verwendete dabei die größte Sorgfalt. „Wenn dieſer iriſche Seebär mich aber in ſeinem Dienſteifer unterſuchen wollte,“ zweifelte Dick. „Das wird er nicht,— dafür laß mich ſorgen,“ er⸗ wiederte der Aldermann,—„Höre aber weiter. Biſt Du vom Stadthauſe fort, ſo gehe durch das ſchmale Gäßchen zwiſchen den Gärten hin,— da kommſt Du zu einer nie⸗ drigen Mauer, die Du leicht überſteigſt,— dann wendeſt Du Dich weſtlich und läufſt auf dem ſchmalen Fußwege fort, der über Weideland und durch kleine Wäldchen führt, — Du kannſt nicht fehlen,— er führt Dich gerade auf die Windmühlen⸗Farm.“—— „Zu John's Tavern?“ „Die Du jedoch nicht betrittſt,“ ſagte der Aldermann ſtrenge.—„Du gehſt an den Hudſon hinab, wo Du gewiß einige Boote finden wirſt.“ „Vielleicht Willie mit der Jolle.“ „Um ſo beſſer. Dann—— nenne mir irgend einen Platz, wo Du Dich verbergen willſt und wo ich Dich morgen treffen kann,— Du biſt mit den Schlupfwinkeln am Hudſon beſſer bekannt wie ich?“ ſagte der Aldermann leichthin, ganz abſichtslos.* 144 Der alte Schleichhändler ſah ihn ſtarr an— es ver⸗ gingen einige Sekunden—„Du willſt mich morgen trefſen?“ fragte Dick mit Nachdruck. „Mußt Du nicht den Burſchen in die Hände be⸗ kommin, um ihn fortbringen zu können?“ „Und willſt Du mir ihn ſchaffen?“ „Muß ich nicht?— Darfſt Du Dich nach der Ent⸗ weichung aus dem Stadthauſe irgendwo ſehen laſſen?“ „Du haſt Recht,“ ſagte Dick nach einigem Nach⸗ denken—„Dir muß ſo viel als mir ſelbſt daran liegen, ihn fortzubringen— ich weiß nur Einen ganz ſichern Ort, wo Du mich finden kannſt— nimm ein Boot und geh' in die Bucht unter dem Vorgebirge———“ „Zum Teufelsloche?“ fragte der Aldermann. „Ich glaube, man nennt es ſo— doch der Name thut nichts zur Sache,— Du legſt an, und warteſt, bis ich oder Wil lie komme.“ „Du wirſt wiſſen, wenn ich da bin?“ „Ich werde es wiſſen.“ Der Aldermann ſah einige Momente zweifelhaft den alten Räuber an, dann ging er zur Thüre und rief die Stiege hinab. Mac Intyre und ſeine Begleiter er⸗ ſchienen. Es war ihnen anzuſehen, daß ſie nicht bei einem Glaſe Grog geblieben waren. Dies kam den beiden Ver⸗ brüderten ganz gelegen. 145 „Ich kann aus Kapitän Hutington nichts heraus⸗ bringen,“ ſagte der Aldermann zum Büttel—„jetzt iſt es aber zu ſpät, ihn in das Fort zu bringen. Sperrt ihn bis morgen in das Stadthaus, aber in das oberſte Zim⸗ mer— verſteht mich wohl, Mac Intyre, in das oberſte Zimmer,— dieſes, als das höchſte im Hauſe, wird ihm ein Entkommen unmöglich machen. Schließt die Gang⸗ thüre gut ab und laßt ihm die Handſchellen.“ Und heimlich ſagte er zum Büttel:„Laßt ihm ſeine Kleider, berührt nicht ſeinen Körper— Ihr ſeht die Wunde im Geſicht, er klagt über eine andere an der Bruſt, — würdet Ihr dieſe ſehen, ſo müßtet Ihr eine Anzeige machen,— ſo wißt Ihr nichts davon, und er verblutet ſich vielleicht über Nacht, dann ſind wir den Burſchen los — verſtanden?“ Mac Intyre nickte beifällig und wichtig geheimniß⸗ voll den ſchwerbeladenen Kopf, und mit aller möglichen Schonung führte man den Gefangenen ab. Und fand denn Tomkins dieſe Nacht Ruhe auf weichen Kiſſen? Seine Lage war eine äußerſt gefährliche — und wie er nach Abgang des Gefangenen mit den Wächtern, im Zimmer auf⸗ und niederwandelte, durchlebte er in Gedanken ein Leben voll Schurkereien. Endlich legte er ſich nieder, er verſuchte zu ſchlafen, er brachte alle Mittel in Anwendung, um in Schlaf zu kommen,— 1858. VI. Van Hoboken. III. 10 146 lange umſonſt, und als er endlich in eine Art Schlummer der Ermüdung verfiel, war es nur, um im Traume das fortzuſetzen, was er im Wachen gedacht hatte. Er ſah ſich an der Seite ſeines Wohlthäters, des alten Patrons van Hoboken ſtehen, am langen Tiſche in der großen Halle des Herrnhauſes, und deſſen Hand zur Unterſchrift eines Contractes führen, den er ihm verfälſcht vorgeleſen hatte, — dann ſah er ſich wieder an ſeinen Büchern ſitzen, im großen Hauſe in der Biberſtraße, und in zwei Bücher von gleichem Formate verſchiedene Summen eintragen,— dann wandelte er am ſandigen Ufer der Bay, unter den hängenden Zweigen der Weiden, und es lag finſtre Nacht auf Waſſer und Felſenriffen, die ihn umgaben, und es kam geräuſchlos ein flaches Boot angeſchwommen und rohe Männer ſprangen aus, und haſtig arbeitete Jeder der Arme hatte, um das Boot auszuladen—— plötzlich änderte ſich die Scene, es war ein hoher Gerichtsſaal, der Gouverneur, Offiziere, ernſt blickende Richter ſaßen um den grünen Tiſch herum, und am unterſten Ende ſtand Dick Seabrvom, mit ſchweren Eiſen an Händen und Füßen, und dieſer ſagte:„Wir hatten eben nicht die Ab⸗ ſicht gehabt, das Kind zu ſtehlen, es war uns in die Hände gelaufen, und wir, damals als Schleichhändler verfolgt, hatten es in der Eile unfrer Abfahrt mit uns genommen, waren aber willens, es dem nächſten Schiffe zu übergeben, 147 da kam ein Mann an Bord, und dieſer ſagte: wir ſollten das Kind bei irgend einer Gelegenheit über Bord werfen. Dieſer Mann war——“ „Lügner, ſchurkiſcher Lügner— Du ſelbſt fürchteteſt für Deine vergrabenen Schätze, die der Knabe ausſpionirt hatte!“ rief Tomkins— und erwachte, durch ſeinen eignen Aufſchrei erweckt. Er lag wieder wach im Bette, er überdachte alle Möglichkeiten, wie er aus dieſer Klemme entkommen könne. Es gab nur eine wahre, ſichere: Die Entfernung des jungen Mannes— jenes geſtohlenen Kindes, aber auch des alten Schleichhändlers— das Wie? dieſes zu bewerk⸗ ſtelligen, wußte er ſelbſt noch nicht; aber für's Erſte durfte Dick nicht im Gefängniß bleiben, nicht vor Sir Lovelace gebracht werden. An die Flucht des Schleichhändlers war jetzt ſein voller Gedanke gerichtet, auf dieſe bauten ſich alle ſeine Hoffnungen. Er konnte nicht ſchlafen. Er konnte kaum athmen— und wirr lief es in ſeinem Kopfe herum. Er ſtand auf,— er kleidete ſich ſo haſtig an, als wenn Alles daran gelegen wäre, eiligſt auf dem Platze zu ſein. Er nahm einen leichten Mantel um, um unkenntlich zu ſein, ſteckte ſeine Piſtolen in den Gürtel, und nachdem er noch einen herzhaften Schluck aus der Brandyflaſche gethan hatte, verließ er ſein Zimmer. Mit leiſen Schritten ſchlich er die Stiege hinab, um nicht die ſchwarze Juno zu wecken, 10* 148 geräuſchlos öffnete und ſchloß er das Thor, und ſich im Schatten der Häuſer haltend, wanderte er die Biberſtraße hinab, durchkreuzte er Here⸗Graft und bog in die Seiten⸗ gaſſe ein, welche dem freien Platze zuführte, wo das Stadthaus ſtand. Hier, an den Stamm einer Sykamore gelehnt, von ihrem Schatten umgeben, ſtand er, den Blick unverwandt auf den Schornſtein geheftet, mit dem, wie er wußte, der Kamin des oberſten Zimmers in Verbindung war. Der nach Mitternacht aufgegangene Mond ſchien voll und hell, das Haus ſtand vor ihm wie in Tages⸗ beleuchtung; aber es war da auch ſo ſtill und ruhig, als wenn es ausgeſtorben wäre,— und ſtille nächtliche Ruhe lag über der ganzen Stadt ausgebreitet; er vernahm nichts als das leiſe Rauſchen des fernen Meeres und das Pochen ſeines angſtgepeitſchten Herzens. Er ſtand lange in peinlicher Erwartung.„Iſt er ſchon fort?— oder giebt es etwas, was ſeine Flucht un⸗ möglich macht?— Iſt er morgen da, ſo kommt er vor den Gouverneur, und er ſagt Alles— Alles— um ſich rein zu machen!“ Da erſchien Etwas auf dem Schornſtein— etwas Rundes auf der Fläche— ſein Herz pochte hörbarer,— es verſchwand wieder——„ſollte er es ſein?— ſollte er nicht die Kraft haben, ſich heraufzuheben?“ fragte er ängſtlich— doch da erhob ſich wieder Etwas über den 149 Schornſtein; aber diesmal verſchwand es nicht wieder, es hob ſich mehr und mehr, bis eine vollkommne Manns⸗ geſtalt ſich heraus und auf das Dach des Hauſes nieder⸗ ſchwang—— weiter ſah er nichts mehr von dem Manne auf dem Dache, da ſich dieſer vorſichtigerweiſe im Schatten des Schornſteines hielt, um an dieſen das Seil zu legen. ——— Da ſchlich eine Geſtalt die Höhe, welche hinter dem Stadthauſe lag, hinauf,— er war es,— er war glücklich entkommen. Und beruhigt ſchlich Tomkins ſeinem Hauſe zu, vorſichtig öffnete und ſchloß er das Thor, leiſe ging er die Stiege hinauf,— aus tiefer Bruſt holte er freieren Athem, und bald, den Kopf in die Kiſſen drückend, fand er einen durch frohe Hoffnung etwas beruhigten Schlaf. Ichtes Capitel. „Nun entſcheidet ſelbſt, „Ob ich nach Fug und Recht verpflichtet bin „Den General zu lieben.“ Shakſpeart.(Othello. 1. Akt.) Es war am frühen Morgen des folgenden Tages, als der Gouverneur der Provinz Neu⸗York, Sir Francis 150 Lovelace, bereits vollkommen gekleidet in ſeinem Arbeits⸗ zimmer auf⸗ und niederſchritt. Am Schreibtiſche ſaß ſein Sekretär, dem er Aufträge und Befehle an die verſchiede⸗ nen Militär⸗Kommandanten in den kleineren Forts oder befeſtigten Plätzen der Provinz in die Feder dictirt hatte, die ihm dieſer jetzt zur Unterſchrift vorlegte. Nachdem dieſes geſchehen war, ſagte der Gouverneur:„Beſorgt ſogleich die Abſendung durch ſichere Leute, und welche Euch bekannt ſind, daß ſie auch ſchnell ſein können,— es liegt, wie Ihr ſelbſt einſehen werdet, Alles an einer pünktlichen Beſorgung.“ Der Sekretär wollte mit einer Verbeugung das Zimmer verlaſſen.„Noch Eins— Mr. Brown, begebt Euch zu Sir William Manning, ich ließe ihn erſuchen, zu mir zu kommen.“ Kaum war der Sekretär fort, ſo öffnete ſich eine andere Thüre und Miß Arabella trat ein, oder beſſer geſagt: ſie rauſchte herein, in all' dem Pompe und reichem Schmucke einer engliſchen Dame, die eben bereit iſt, einen Spazierritt zu machen. Es war eine herrliche Erſcheinung und ſelbſt des Vaters Blick, der eben noch ein durch ver⸗ drießliche Geſchäfte verdüſterter war, heiterte ſich auf und haftete mit Wohlgefallen an der lieblichen Erſcheinung. Der eben nicht großen aber äußerſt zierlichen, proportiv⸗ nirten Geſtalt ſaß das dunkle Reitkleid mit reichen Spitzen 151 und Spangen beſetzt, wie angegoſſen, die herrlichen Formen nicht verbergend, ſondern ſo mehr hervorhebend,— die Reithandſchuhe von feinem Leder, bis zum halben Vorder⸗ arm hinaufgeſtulpt und hier mit Seidenfranſen beſetzt, bekleideten eine ſo kleine nette Hand, als je einen Zügel gefaßt hatte,— die zierlichen Halbſtiefeln, bis zum Knöchel reichend, umſchloſſen einen Fuß, wie nie ein zierlicherer im Steigbügel geſtanden,— aber die Krone von Allem war der Kopf, von den prachtvollen dunklen Locken um⸗ flattert, mit dieſen lichtſtrahlenden Glanzaugen, mit dieſem Munde, der wie eine eben aufgeſprungene ſüße, duftige Frucht, die fehlerfrei weißen Kerne in zwei Reihen ge⸗ ordnet zeigte— Arabella war in der That eine prächtige Erſcheinung. Sie rauſchte herein und gerade auf ihren Vater zu. Sie ergriff mit beiden Händen ſein Geſicht, und ſich auf die Zehen ſtellend und ſo hoch erhebend, als ſie eben ver⸗ mochte, bot ſie ihm die ſüße, duftige Frucht zum Kuſſe dar. Er beugte jedoch ſeinen ſtolzen Nacken und kam ihr auf halbem Wege entgegen. „Und wohin ſo früh?“ fragte er mit einem Tone, der nicht dem ſtolzen Gouverneur, ſondern dem zärtlichen Vater angehörte. „Wir wollen heute einmal einen weiten Ritt machen, — hoch in die Inſel hinauf, ſo weit wir nur mit den 152 Pferden können,“ antwortete ſie—„wir werden wohl nicht ſo bald heimkommen. Lord Arthur will etwas kalte Küche mitnehmen. Wenn ich alſo nicht zu Tiſche komme, ſo wißt Ihr, daß ich nicht verhungere.“ „Lord Arthur?“ ſagte der Vater lächelnd—„Du ſcheinſt nicht ungern in des Lords Geſellſchaft zu ſein.“ „Gewiß— in der Ermanglung einer beſſern,“ er⸗ wiederte Arabella mit all' der Offenheit, die ihr eigen war, und die man häufig bei den ſogenannten enfants gatés anzutreffen pflegt. „Nun, ich weiß nicht, ob Du da ganz die Wahrheit ſprichſt,“ ſagte Sir Lovelace—„ich wüßte auch nicht, was Du an ihm auszuſetzen hätteſt. Er iſt jung, wohl⸗ gebildet, reich,— weiß gut zu erzählen und noch beſſer ſich zu kleiden— iſt artig, wohlerzogen und Sohn einer alten Familie, die ſtets der königlichen Sache treu und anhänglich war,— er hat nur einen Fehler, und dieſer iſt, daß er Dir zu deutlich zeigt, daß er in Deine kleine Perſon verliebt iſt. Ich werde ihm den Rath geben, dieſen Fehler abzulegen.“ „Ich nehme ihm nicht eine dieſer guten Eigen⸗ ſchaften, die Ihr zu ſeinem Lobe aufgezählt habt,“ er⸗ wiederte Arabella,„beſonders nicht, daß er ſich gut zu kleiden verſteht und der Sohn einer alten ſtets gut könig⸗ lich geſinnten Familie iſt,“ ſetzte ſie mit etwas ſpöttiſcher 153 Laune hinzu,—„aber ich gebe Euch die Verſicherung, daß auch der gut gemeinte Rath, den Ihr ihm geben wollt, ihm nichts nützen wird.— Er iſt nicht der Mann, den ich lieben kann.“ „Und was hätteſt Du an ihm auszuſetzen?“ fragte der Vater etwas piquirt, da er durch die etwas ſpöttiſche Bemerkung der königlichen Sache an ſeiner empfindlichſten Stelle berührt worden war. „Vielleicht eben, daß er ſich ſo gut zu kleiden verſteht — vielleicht eben, daß er das, was er iſt, ſeiner alten Familie zu verdanken hat,“ erwiederte ſie launig; aber mit mehr Ernſt ſetzte ſie nach einer kleinen Pauſe hinzu: „Habt Ihr ihn letzthin beobachtet, als wir mit dem Jagd⸗ ſchiffe in die hohe See hinausfuhren, und bei der Heim⸗ kehr vom Sturme überfallen, zwiſchen den„Narrows“ arg gepeitſcht und an die Küſte von Staaten⸗Island ge⸗ worfen wurden?“ „Wir waren dem Schiffbruche nahe genug.“ „Habt Ihr gezittert?— Seid Ihr feig in die Ka⸗ jüte gekrochen, und habt Ihr Euern Kopf in die Kiſſen des Ruhebettes vergraben, um, wenn es ſchon ſein muß, wenigſtens unbewußt zu ertrinken?“ „Nun, alle Menſchen können nicht Seehelden ſein,“ ſagte Sir Lovelace lachend. „Aber wer da ein Feigling iſt, und nicht ſo viel 154 Gewalt in Gegenwart ſeiner Angebeteten über ſich hat, um wenigſtens ſeine Furcht zu verbergen, iſt auch in an⸗ dern Fällen nicht der Mann, wie ich ihn mir denke,“ er⸗ wiederte Arabella—„und Ihr ſprecht von ſeiner Gabe zu erzählen. Es iſt wahr, er ſpricht rein engliſch, wie man gewiß nur in den beſten Kreiſen ſeines Vaterlandes ſpricht, er ſpricht poetiſch, blumenreich, ſogar manchmal mit Phantaſie; aber über was für Gegenſtände? über eine Fuchsjagd in Alt⸗England,— über eine Bärenhetze— über eine Seiltänzergeſellſchaft,— über einen neuen An⸗ zug, den er aus London erwartet, wobei er ſich mit Wohl⸗ gefallen in dem Spiegel ſieht, bereits in dem Vorgenuſſe, ſich in dieſem Kleide zu ſehen, ſchwelgend— nein, Vater, Ihr macht Eurer Tochter ein ſchlechtes Kompliment, wenn Ihr glaubt, dieſes ſei der Mann ihrer Wahl,— aber er iſt nicht der ſchlechteſte und eben gut genug für das, was ich ihn nehme.“ „Und welches ſind dann die Eigenſchaften, welche Miß Arabella ihrem Ideale anträumt?“ fragte Sir Lovelace. „Die Eigenſchaften des Mannes,“ erwiederte Ara⸗ bella mit Nachdruck—„ich glaube das Ideal in meinem Vater verwirklicht zu ſehen.“ Sir Lovelace mußte lächeln,— nicht, daß zu ſagen wäre, er hätte ſich nicht geſchmeichelt gefühlt; aber dieſes 155 durfte er doch nicht der Tochter zeigen, und ſo ſagte er lächelnd:„Mich kannſt Du denn doch nicht zum Manne haben.“ „Aber es giebt wohl noch Andere, die meinem Ideale nahe kommen.“ „Und iſt Dir ſchon ein ſolch' Anderer im Leben begegnet?“ „Ich glaube: Ja!“ „Auf Chateau⸗Hautbrien?“ fragte der Vater ſcharf und mit Nachdruck. Eine Glutröthe überflog des Mädchens Geſicht, aber ſie war nicht von der Art Jener, die, auf ihrem ſüßeſten Geheimniß ertappt, die Augen niederſchlagen, am ganzen Körper beben, und ein Thränchen über die Wange herabrollen laſſen. Arabella erglühte bis zu den Schlä⸗ fen hinauf, aber den Blick feſt dem Vater zugewendet, ſagte ſie mit eben ſo feſter Stimme:„Ja,— auf Cha⸗ teau⸗Hautbrien.“ „Ich dachte, Du hätteſt dieſe läppiſche Geſchichte, von der mir die Großmutter ſo ängſtlichen Bericht erſtattete, längſt vergeſſen?“ ſagte er nicht ohne Schärfe. „Nein,— ich habe ſie nicht vergeſſen,— und werde ſie nicht vergeſſen,— ich bin Arabella Lovelace— ich bin Deine Tochter!“ „Und eben, weil Du meine Tochter biſt, bitte ich 156 Dich, jenen Roman als ausgeſpielt zu betrachten,“ ſagte er, zwar beſtimmt, aber es war dem Tone ſeiner Stimme anzumerken, daß ſie ihn nicht umſonſt ermahnt hatte, daß ſie ſeine Tochter ſei. „Ein Roman?— o, es iſt etwas Anderes,— etwas ganz Anderes— es ſitzt hier tief,— tief,“— ſie preßte mit den beiden kleinen Händen das pochende Herz; es war ihre Stimme ſo weich und melodiſch geworden, ihr Auge ſchimmerte durch einen feuchten Schleier durch,— ſie war nun doch wieder Mädchen,— liebendes Mädchen,— liebend ohne Hoffnung. Der Vater warf den Blick nicht ohne Sorge auf ſie. Er wußte, daß ſie in der That in Einer Richtung ſeine Tochter war,— wenn ſie auch von der Mutter noch dazu die ſüdliche Glut ererbt hatte,— um ſo gefährlicher, wenn ſich dieſe mit unerſchütterlicher Charakterſtärke vermählt, gefährlich, wenn ſie auf einen Irrweg gerathen iſt. Es war eine etwas peinliche Pauſe eingetreten. Zum Glück für Vater und Tochter öffnete ſich jetzt raſch die Thüre und herein trat Mylord Arthur Berkley. In der That, der junge Mann verſtand ſich zu kleiden. Sein Reitanzug war auf das Geſchmackvollſte nach der letzten Londoner Mode; aber er ſäumte auch nicht, nachdem er der jungen Miß einige Artigkeiten über ihr eignes Reit⸗ kleid geſagt hatte, ſie auf die Vorzüglichkeiten des ſeinigen 157 aufmerkſam zu machen. Arabella hatte mit der ihr eignen Seelenſtärke, die durch die erweckte Erinnerung ſie überraſchende Weiche ſchnell wieder überwunden und warf jetzt den lächelnden Blick ihrem Vater zu, gleichſam, als wolle ſie fragen:„Hat Sir Francis Lovelace wohl je in ſeinem Leben ſo viel Worte über einen Spitzenkragen, über eine Bandſchleife, über einen ſeidengeſtickten Stulp⸗ handſchuh verſchwendet?“ Sir Lovelace verſtand dieſen Blick ſehr wohl,— er konnte ſein Lächeln nicht verbergen, und gleichſam in ihren Scherz eingehend, ſagte er:„Nun ſagt, Mylord, — aber aufrichtig und ohne höfiſche Schmeichelei— iſt der Reitanzug meiner Arabella ein wirklich tadelloſer?“ „So tadellos als Aurora, wenn ſie hinter den duftigen Wolken⸗Gardinen heraufſteigt,“ antwortete der junge Lord, ganz in der damaligen Manier der Hofſprache, welche auch Unbedeutendes in pvetiſchen Bombaſt zu kleiden ſuchte. „Findet Ihr dieſe Federn paſſend?“ fragte Sir Lovelace weiter. „Es ſind Reiherfedern— ſchöne tadelloſe Reiher⸗ federn,“ ſagte der Lord, den Kennerblick den ſilberweißen Federn, welche das ſchwarze Barett ſchmückten, zugewendet, —„es iſt zwar wahr, daß die Damen in London gegen⸗ wärtig gefärbte Straußfedern vorziehen, und in ſofern 158 müßte ich ſagen, daß Miß Arabella's Reitanzug nicht ganz nach der letzten Mode iſt;— aber dieſer kleinen Ab⸗ weichung kann ja ſehr leicht abgeholfen werden——“ „Was ich jedoch nicht zu thun gedenke,“ ſagte Ara⸗ bella mit mehr Ernſt, als eigentlich auf einen ſo unbe⸗ deutenden Gegenſtand an und für ſich zu verwenden wäre, —„ich werde keine gefärbten Straußfedern, ſondern ſtets die ſilberweiße, reine Reiherfeder an meinem Barette tragen.“ Sir Francis Lovelace konnte ſich dieſen Ernſt ſeiner Tochter, über die Wahl einer Putzſache, wirklich nicht erklären, und ſah ſie mit einem fragenden Blicke an, — Arabella ſchien aber einer weitern Forſchung aus⸗ weichen zu wollen, und gab raſch dem Vater den Abſchieds⸗ tuß, wobei ſie ſagte:„Sollte die kleine Jeſſie mich zu beſuchen kommen, was wohl möglich wäre, ſo ſagt ihr, daß ich morgen nach Bergen⸗hill kommen würde, um wenig⸗ ſtens acht Tage mit ihr zu leben.— Es iſt fürchterlich heiß zwiſchen dieſen Mauern——“ Und fort war ſie— Mylord folgte ihr auf dem Fuße, und bald darauf hörte man das Getrapp mehrerer Pferde in der Straße. Sir Francis Lovelace trat an's Fenſter. Der Ausdruck ſeiner Geſichtszüge ſprach das innige Wohl— gefallen aus, welches er der reizenden Reiterin zuwendete; 159 aber es kam wohl auch einiges Nachdenken dazu, denn ſeine hohe Stirn krauſte ſich ein wenig:„Ja, ich fürchte, ſie iſt mir zu viel ähnlich— und was dem Manne ziemt iſt oft für das Weib gefährlich—— ich hoffe jedoch, jene kindiſche Geſchichte im ſüdlichen Frankreich wird keine böſen Folgen haben,—— der Abenteurer iſt ja eben ſo geheimnißvoll verſchwunden, wie er erſchienen war,— und überdies liegt ja das Weltmeer dazwiſchen.“ So dachte er vor ſich hin,— im weiteren Verlaufe ſeines Gedankenſpieles wurde er jedoch jetzt durch den Eintritt eines Mannes unterbrochen. Er wandte ſich um, und wie durch einen Zauber⸗ hauch war jede Spur des zärtlichen Vaters verſchwunden, — Sir Francis Lovelace war der kalte, ſtolze, Ehr⸗ furcht gebietende Kavalier und Gouverneur der engliſchen Provinz NeuYork. Der Eintretende war Sir William Manning, der Militärkommandant des Forts. Ein oberflächlicher Beobachter, der ſich durch die äußere Erſcheinung beſtimmen läßt, ein Urtheil zu fällen, würde Sir William Manning für einen Soldaten im vollſten Sinne des Wortes erklärt haben. Seine Haltung, ſein Schritt, jede Bewegung ſeines Körpers hätte zum Beweis dienen können, daß dieſer Mann unter den Waffen aufgewachſen war, entfernt von jeder höfiſchen 160 Ziererei und Etiquette, ſein ganzes Leben auf dem Schlacht⸗ felde oder in ſtrengem Garniſondienſte zugebracht hatte. Und doch war dieſes nur etwas Angenommenes, immerhin ein Beweis von der Fähigkeit, ſich in irgend eine Lage, Stellung oder Nothwendigkeit zu finden. Man wußte von keiner Schlacht, in welcher er auf der einen oder der andern Seite gefochten hätte; aber es ging die Rede von manchem tollen Streiche, den er mit Standes⸗ und Ge⸗ ſinnungsgenoſſen im alten Vaterlande und zwar in London ſelbſt, ausgeübt hatte, wodurch er mit der Stadt⸗Wache oftmals in unangenehme Berührung gekommen, und manche Nacht im„Runden Hauſe“ i. e. auf der Wacht⸗ ſtube zugebracht hatte, auch wollte man wiſſen, daß er zum wenigſten ein Mal der Bewohner einer Zelle in Newgate geweſen war. Doch derlei war unter den jungen Kava⸗ lieren, in der wilden Zeit, die auf die Reſtauration folgte, nichts Außergewöhnliches, hatte dieſes Schickſal doch ſelbſt ein Earl von Dorſet erfahren, und überdies gab unſer Ritter Manning dieſer Epoche ſeines Lebens den An⸗ ſtrich einer politiſchen Bedeutung, wo er das Schickſal mancher Anhänger der ſchwächern Partei hatte zu erfah⸗ ren gehabt; aber welche Partei dieſes eigentlich geweſen, darüber kam es nie zu einer Erklärung. Sir William war zur Zahl jener gehörig, von denen man eigentlich nicht viel zu erzählen weiß, und wenn daher auf ſie die 161 Rede kommt, man von ihrer Familie erzählt. Und da wußte man, daß er der jüngere Sohn einer nicht unan⸗ ſehnlichen Familie aus dem nördlichen Theile Alt⸗Eng⸗ lands war. Wenn auch kein Glied derſelben ſich beſonders hervorgethan hatte, ſo war doch das gegenwärtige Haupt der Familie einer der erſten Würdenträger der gegen⸗ wärtig in England herrſchenden Kirche und ohne uns hier in nähere hiſtoriſche Details einlaſſen zu wollen, wie, warum und auf welche Weiſe ſich der König von Eng⸗ land, Karl II., bewogen fühlte, dieſem Würdenträger ſein Anſuchen zu gewähren, erwähnen wir nur, daß eben durch des letztern Fürſprache Sir William Manning zum Militärkommandanten des Forts der Stadt Neu⸗York ernannt worden war, wo er auch damals gleichzeitig mit dem Gouverneur Sir Francis Lovelace ankam. Wie geſagt: wir wiſſen nicht, was er an dem Tage ſeiner Er⸗ nennung zu dieſem Poſten eben war, ob Fuchshetzer oder Schauſpieler oder ſonſt etwas; aber ſo viel iſt gewiß, daß er ſich ſchnell in ſeine neue Rolle zu finden wußte, und als ſo männlicher, disciplingeſchulter, heldenmüthig⸗ ausſehender Feſtungskommandant auftrat, als wenn er von Kindesbeinen an dazu wäre erzogen worden. Hierbei unterſtützte ihn auch ſein Körperliches. Er war groß und kräftig gebaut, hatte eine aufrechte Haltung, die beinahe etwas zu ſteif war und ſeinen Bewegungen etwas Eckiges 1858. VI. Van Hoboken. III. 11 162 verlieh; aber dieſes in einem Soldaten zu treffen, iſt nichts ungewöhnliches; dazu war er in einem Alter, das eben zur neuen Würde paßte, nicht zu jung, um Flatterſinn be⸗ fürchten und nicht ſo alt, um Pedanterie vermuthen zu laſſen, und in dem dunkelgrauen Auge und dem mächtigen fuchsrothen Schnurr- und Knebelbart lag ſo viel Kraft, Muth und Entſchloſſenheit, wie nur immer an dem Militärkommandanten eines ſo wichtigen Poſtens zu wünſchen iſt. Se. Gnaden, der Gouverneur, war dem Feſtungs⸗ kommandanten von Neu⸗York jedoch nicht beſonders ge⸗ wogen. Wir wiſſen zwar nicht, ob der ſtolze Mann, durch und durch Kavalier in jedem Sinne des Wortes, einige Züge aus der früheren Lebensgeſchichte des Ritters kannte, — oder ließ er ſich nicht durch grimmigen Heldenblick und martialiſchen Schnurrbart blenden, um ihm als tüchtigem Manne auf ſeinem Poſten ſeine Achtung, trotz dem Vor⸗ hergegangenen, nicht vorenthalten zu können,— oder wußte er zu viel von den kleinen Epiſoden, die in das gegen⸗ wärtige Leben des ritterlichen Kommandanten verwebt waren, und worunter Zechgelage mit Leuten ohne Aus⸗ wahl des Standes und Charakters,— ſchmutzige Affairen mit unzufriedenen Gläubigern,— und unliebſame Auf⸗ tritte mit auf die Hausehre haltenden Gatten und Vätern nicht ſelten vorkamen— kurz: Sir William Manning 163 ſtand nicht beſonders in der Gunſt des Statthalters, und dieſer bemühte ſich auch gar nicht, dieſes zu verbergen; daher er auch heute wieder mit einer Kälte und Höhe den Eintretenden empfing, die er ſonſt gewiß nicht einem ihm ſo nahe Stehenden würde gezeigt haben. „Ich habe Euch wichtige Mittheilungen zu machen, Sir,“ ſagte der Gouverneur, nach einer kühlen Gegen⸗ begrüßung—„Ihr, der Militärkommandant des Forts Neu⸗York, müßt davon wiſſen, da Eure ſo gut als meine Ehre, als Offiziere der Krone Englands, dabei im Spiele iſt.“ Der Feſtungskommandant machte große Augen, da er ſich bisher von Nichts hatte träumen laſſen, wodurch ſeine Ehre in Gefahr kommen könnte. Der Gouverneur fuhr aber fort:„Ich habe geſtern Nachts ſpät Kunde von einer Flotte erhalten, die ſich in den amerikaniſchen Gewäſſern befindet.“ „Das werden die Begleitungsſchiffe der Weſtindier ſein,“ meinte Sir Manning. „Das bezweifle ich ſehr,“ erwiederte Sir Lovelace —„ſondern ich halte ſie für eine Escadre, von den Hol⸗ ländern abgeſchickt, um uns, als ungeladene Gäſte, einen Beſuch abzuſtatten.“ „Wenn es ein Paar verunglückte Kauffahrer wären, würden wir ſie als gute Priſen ganz gern empfangen,“ 11* 164 ſagte Sir Manning in leichtem Tone; aber mit tiefem, jeden leichten Scherz verſcheuchendem Tone ſagte der Statthalter:„Kauffahrer, die Bomben als Ballaſt mit ſich führen.“ „Mein Berichterſtatter iſt ſolch' ein ſchurkiſcher Wallone, einer der aufrühreriſchen Republikaner aus den Long⸗Islands Towns, die ſchon immer unzufriedene Unterthanen der Krone Englands waren,“ fuhr er fort— „bei aller bäueriſchen Tölpelhaftigkeit ſind dieſe Burſchen doch verſchmitzt genug, um unter dem Anſcheine des Un⸗ verſtandes ihre Böswilligkeit zu verbergen. Es war nichts Beſtimmtes aus ihm herauszubringen, trotz allen Kreuz⸗ und Querfragen; nur ſo viel iſt klar, daß er, als er als Lootſe den letzten engliſchen Kauffahrer hinausbrachte, in hoher See,— wie er meint: ein paar hundert Meilen vom Feſtlande entfernt,— mehrere Schiffe in ziemlicher Nähe beiſammen fand,— er wußte jevoch nicht, waren es drei, vier oder noch mehr— er meint, die Schiffe hätten keine Segel aufgehißt gehabt,— dieſes beſtätigt mich um ſo mehr in meiner Meinung.“ „Sollten es wirklich holländiſche Kriegsſchiffe ſein, die es auf Neu⸗York abgeſehen hätten?“ „Ich befürchte es. Die hochvermögenden General⸗ ſtaaten erheben jetzt wieder ihr vor Kurzem noch gebeugtes Haupt, ſeitdem ſich Oeſterreich und Spanien für ſie erklärt,— 165 und bis jetzt noch unbeſiegt zur See, möchte es wohl dahin kommen, daß ſie eben jenen Gewaltſtreich wagen, den vor zehn Jahren Sir Nichols ausgeführt hat; aber ſie ſollen ſich gewaltig getäuſcht ſehen. Es ſind nicht plumpe Hol⸗ länder, mit der Delfterpfeife im Munde, welche ſie em⸗ pfangen werden, ſondern engliſche Soldaten, und nicht Peter Stuyveſant iſt jetzt Gouverneur, ſondern Sir Francis Lovelace.“ Er ſagte dies mit Hoheit und Stolz, mit all' dem Selbſtvertrauen, das dem heldenmüthigen Kämpfer für Ehre und Vaterland zukommt. Wer jetzt den ihm gegen⸗ überſtehenden Feſtungskommandanten genau beobachtet hätte, würde ein ſpöttiſches Lächeln bemerkt haben, welches jedoch wie ein leichter Schatten entſtand und verſchwand; aber ſoviel Herr war er doch nicht über ſich, um nicht mit halb unterdrückter Stimme zu ſagen:„Vielleicht auch Sir William Manning, der Kommandant des Forts, etwas mit in Rechnung zu bringen.“ Sir Lovelace heftete einen feſten, forſchenden Blick auf ihn,— war es beleidigte Eitelkeit? was ihn jetzt bewegte,— welcher Menſch iſt nicht eitel?— ſollte ein unumſchränkter Herrſcher einer engliſchen Provinz eine Ausnahme ſein?— mit ſtarrer Eiſeskälte ſagte er nach einigen Momenten des Stillſchweigens:„Der Komman⸗ dant des Forts wird ſeine Schuldigkeit thun.“ 166 Es flog roth über das Geſicht des Ritters,— Worte ſchwebten auf ſeinen Lippen, aber er drängte ſie zurück, und zu einer tiefen Verbeugung neigte ſich ſein Haupt und Oberleib. „Kein Schiff darf den Hafen verlaſſen,— die Fre⸗ gatte und die kleineren Schiffe, welche mit Kanonen aus⸗ gerüſtet, ſind an leichte Anker zu legen, ſo daß ſie jeden Augenblick abſtoßen können,— die Mannſchaft hat an Bord zu bleiben, bis ſie Gegenbefehl erhält.“ „Daſſelbe gilt auch für die Beſatzung des Forts,“ fuhr er fort,—„kein Soldat, aber auch kein Offi⸗ zier,“ ſetzte er mit Nachdruck hinzu,—„ſoll ſich außer⸗ halb den Wällen der Feſtung zeigen;— dies iſt mein Be⸗ fehl, das Uebrige iſt Euere Sache.“— Wieder machte Sir William Manning eine ſtumme Verbeugung. „So viel, was unſere Maßregel gegenüber dem äußern Feinde betrifft,“ fuhr der Gouverneur fort,— „wir haben es aber auch mit einem innern Feinde zu thun, — ich meine die unruhigen Republikaner in der Stadt; denn daß nicht allein die Wallonen in den Long-Islands Towns dies ſind, daß wir auch im Innern von Neu⸗York derlei Geſindel haben, weiß ich,— dieſe müſſen in Re⸗ ſpect erhalten werden. Sir Manning,— Ihr laßt auf einige Punkte der innern Wälle Kanonen aufführen, ſo 167 daß man die Stadt beſtreichen kann,— dies geſchehe mit ſo viel Lärm und Aufhebens als möglich, um den guten Bürgern von Neu⸗York zu zeigen, daß bei der geringſten Bewegung, die ſie wagen, ihre Giebelhäuſer ſammt den eiſernen Wetterhähnen zuſammengeſchoſſen werden,— ſie werden dann wohl ruhig bleiben— und——“ Ein Gedanke blitzte in ſeiner ſtolzen Seele auf, aber Sir Manning war nicht der Mann, den er zu dem Ver⸗ trauten ſeiner geheimſten Gedanken machte,— ihm ſagte er es nicht, daß er, zur Uebergabe gezwungen, Neu⸗York nur als Schutthaufen den Händen der Sieger überlaſſen werde,— dies war ſein feſter Vorſatz,— dem ſtolzen Manne galt ſeine Ehre mehr als das Hab und Gut von tauſend und tauſend friedlicher Bürger. Sir Manning ſchien aber die Kunſt zu beſitzen, in der Seele des ſtolzen, ehrgeizigen Mannes leſen zu können, er ſchien es zu ver⸗ ſtehen, was dieſe zu ſich ſelbſt ſprach, und wieder flog ein feines Lächeln über ſeine Züge hin. „Aber es ſind noch ärgere Feinde als dieſe plumpen Dutchmen im Innern der Stadt,“ ſagte der Gouverneur, und jetzt nahm der Ton ſeiner Worte einen Ernſt an, der beinahe an Härte grenzte,—„ich meine gewiſſe Emiſſäre der hochvermögenden Generalſtaaten, die ſich hier ſeit einiger Zeit unter verſchiedenem Vorwande herumtreiben. Zum guten Glücke bin ich noch früh genug darüber in 168 Kenntniß gebracht worden. Wenn ſie auch nichts anderes erreichen können, als Verwirrung bereiten, ſo iſt doch auch dieſes zu vermeiden. Ich habe die Namen derer, die ich in Erfahrung gebracht, hier niedergeſchrieben,“ ſagte er, einen Streifen Papier von ſeinem Schreibtiſche nehmend, —„Ihr laßt ſie dieſen Morgen noch, in aller Schnellig⸗ keit, ſo, daß Keiner von dem Andern erfährt, aufgreifen und feſtſetzen,— ſie werden in Kürze verhört, und wenn ſich ihr Gewerbe herausſtellt, als Spione,— denn ſolche ſind ſie nach dem Sinne des Wortes, todtgeſchoſſen.“ Sir Manning warf einen Seitenblick nach dem Papierſtreifn. „Ich bedaure,“ ſagte der Gouverneur mit Schärfe, —„ich bedauere, daß Ihr darunter ein Paar Euerer Freunde, oder beſſer geſagt:„Zechbrüder“ finden werdet,— doch dieſes kann Euch nicht berühren, Ihr nahmt ſie, als das ſie ſich gaben, und beim Weinpokal und mit dem Würfelbecher in der Hand fragt man nicht nach Namen, Stand und politiſcher Meinung,— das kann ich mir wohl denken.“ Es lag ſo viel beißender Spott und demüthigende Härte in Ton und Wort, daß, wäre der Kommandant der Feſtung Neu⸗Yorknicht Sir William Manninggeweſen, es gewiß zu etwas Anderem gekommen wäre, als zu der dunklen Zornesröthe, welche in des Ritters Geſicht aufſtieg, 169 — aber Worte,— Worte brachte er nicht über ſeine Lippen. „Ihr wißt meine Befehle,— bringt ſie in Ausfüh⸗ rung,“ ſagte Sir Lovelace,—„guten Morgen.“ Und ſomit war der Kommandant des Forts in Gna⸗ den entlaſſen. Als dieſer jedoch die Stiege hinabging knirſchte er mit den Zähnen, und den Federhut mit der geballten Fauſt tief in die Stirn herabtreibend, murmelte er einen fürchterlichen Fluch.— Später gleitete einmal, als er durch die Straße hinſchritt, das Wort„Zechbrüder“ über ſeine Lippen,— ſpäter wieder:—„hat ſeine Schul⸗ digkeit zu thun,“— und wieder fuhr ein„God d—m“ heraus. Als er das Innere des Forts betrat, blickte er rundherum, als wie die Befeſtigungswerke mit dem Blicke des Kommandanten überſchauend;— da kam ſein kleiner Afrikanus, ein pfiffiger ſchwarzer Burſche von etwa 15 Jahren geſprungen,— er war ſeinem Gebieter ſehr anhänglich, aber dieſer war auch dem Jungen ein gütiger und nachſichtiger Herr. Sir William Manning flüſterte dem Buben ein paar Worte in's Ohr, und dieſer fuhr gleich dem Wüſtenwinde ſeines Vaterlandes über den Hof hin und beim Feſtungsthor hinaus. Der Komman⸗ dant ſandte noch in dieſer Viertelſtunde kleine militäriſche Abtheilungen, jede unter dem Befehle eines Sergeanten ab, und jeden dieſer mit geheimem Auftrage, der eine den 170 Kapitän Sir Henry Hurſt,— der andere den Schiffs⸗ lieutenant außer Dienſt Sir George Waters,— ein dritter den Handlungsdiener Hedrick van Horn,— ein vierter den Hauſirer in Pelz Frank Lincoln,— und ſo noch der Eine und der Andere dieſen und jenen zu arre⸗ tiren. Nachdem dieſes geordnet war, ging er an die Aus⸗ führung der übrigen Befehle Sr. Gnaden des Gouverneurs; dabei war ein ſpöttiſches Lächeln in ſeinem Geſichte zu bemerken, als er aber die Kanonen gegen die innere Stadt aufführen ließ, da pfiff er ein altengliſches Lied, welches überſetzt, beiläufig folgenden Sinnes iſt: „Brumm, brumm, brumm! „Gar zu dumm; „Wind, Wind, Wind! „Nichts als Wind!“ 171 Keuntes Capitel. „Laßt ein'ge Wachen ſich bereiten.“ „Für mich? Geh' ich als ein Verräther?“ W. Shakſpeare.(König Heinrich VIII.) Die erhaltenen Befehle wurden mit der in einer wohldisciplinirten Militairtruppe gewohnten Pünklichkeit vollzogen, d. h. die kleinen Abtheilungen, aus 4— 6 Mann beſtehend, zogen unter dem Kommando eines Sergeanten oder Unteroffiziers nach den verſchiedenen Stadttheilen, um die hier wohnenden als verdächtig Bezeichneten aufzu⸗ greifen: aber wie dieſes öfters zu geſchehen pflegt: die Vögleins waren ausgeflogen— wohin? wußte Niemand, — und die Soldaten kehrten unverrichteter Sache wieder heim. Nur der eine Offizier, welcher nach John Nig⸗ tingale's Taverne beordert worden, war in Vollführung ſeines Auftrags erfolgreich. Der würdige Gaſtwirth machte große Augen, als er über die Windmühlen⸗Farm, gerade auf ſein Haus zu, eine Truppe engliſcher Soldaten marſchiren ſah,— und noch weiter riß er beide Augen auf, als mit militäriſchem Tacte ſchnell ſein Haus umzingelt ward: da ſtand ein Mann mit ſeiner Büchſe außerhalb des Garten, ein anderer innerhalb 172 deſſelben, ein dritter und vierter ſtanden an den Seiten⸗ flügeln des Gebäudes, ein fünfter an der Eingangsthüre, der Offizier ſelbſt trat aber mit drei Mann in das Schank⸗ zimmer, wohin ſich Mr. John vorläufig zurückgezogen hatte, um in der friedlichen Beſchäftigung eines Gaſt⸗ wirthes abzuwarten, was dieſe Gäſte, weiche ſicher nicht des Trinkens wegen gekommen waren, eigentlich brächten. Der Offizier fragte mit militäriſcher Kürze, ob er einen Mann mit dem Namen Frank Lincoln beherberge, der ſeiner angeblichen Beſchäftigung nach ein Freetrapper, d. h. ein Pelzthier⸗Einfänger, welcher für eigene Rechnung fängt, jagt und Handel treibt, ſein ſoll. „Hm!— mag ſein, daß ſich Einer in meinem Hauſe Frank Lincoln nennt,“ erwiederte der gute John unbe⸗ ſtimmt und zögernd. Er hatte ſeinen Gaſt liebgewonnen, und dieſe Art Nachfrage ſagte ihm nicht zu, mochte eben nichts Gutes für den jungen Mann zu bedeuten haben,— „vielleicht iſt aber auch keiner hier, der ſich ſo nennt,— wer kann das genau wiſſen,— meine Hausregel iſt:„Be⸗ zahlt beim Empfang“— außerdem bekümmere ich mich nicht beſonders um den Namen meiner Gäſte.“ „Aber Ihr wißt vielleicht genauer zu ſagen, ob einer Euerer Gäſte ein Free trapper iſt?“ war die weitere Frage. „Na!— das iſt noch ſchwerer zu ſagen,“ erwiederte 173 John,—„da hier nichts zu jagen und nichts zu fangen „Und vielleicht giebt es doch etwas zu fangen,“ ſagte der Offizier etwas unwillig, da dieſe ausweichenden Ant⸗ worten ihm gerade zum Beweiſe dienten, auf der richtigen Fährte zu ſein.—„Macht keine Querſprünge, Mr. John, und weiſet mich zu den Mann, den ich Euch genannt habe.“ „Hm!— möchte paſſender ſein, daß ich mich früher erkundige, ob er auch wirklich derjenige iſt, den Ihr ſucht, Mißverſtändniſſe der Art ſind unangenehm,“ ſagte der Gaſtwirth ausweichend,—„ich will vorläufig den jungen Mann in ſeinem Zimmer aufſuchen und ihn um Namen und Beſchäftigung fragen, und Ihr mögt unterdeſſen hier verweilen,— mit was kann ich Euch dienen?— etwa ein Glas franzöſiſchen Cognac oder holländiſchen Gin,— echte Waare, wohl etwas höher im Preiſe, als man ſie früher hatte,— nun die zehn Procent müſſen dazu ge⸗ ſchlagen werden,— der Gaſtwirth kann nicht Schaden leiden,— aber unverfälſcht,— das iſt mein Grundſatz, — wie, Sir, ein Gläschen Cognac?“ Es war ihm daran gelegen, die Zeit hinauszudehnen, vielleicht merkt der junge Mann oben in ſeinem Stübchen Unrath,— nun, dann weiß er ja den Weg die Stiege herab zu finden, und kennt die kleine Thüre zum Keller,— 174 ſo ſpekulirte er bei ſich ſelbſt— und nochmals ſtellte er den Antrag, daß der Offizier im Schankzimmer verweilen ſolle, bis er ſich nach beſagtem Frank Lincoln erkundigt habe; doch der Mann von Disciplin ſchnitt alle Verſuche und Vorſchläge mit dem kurzen:„Ich trinke nichts“ ab, — und in befehlshaberiſchem Tone ſetzte er hinzu:„Und jetzt weiſet mir ohne fernere Ausflüchte den Weg zu dem, welchen ich ſuchte.“ Da nichts Weiteres half, ſo bequemte Mr. John ſich zu dem Unausweichlichen und langſamen Schrittes ſtieg er als Führer die Treppe hinan, gefolgt von dem Offizier und zweien ſeiner Leute. „Hier wohnt Einer, der vielleicht Frank Lincoln heißt,“ ſagte er laut genug, daß ſeine Worte auch gewiß innerhalb der Thüre konnten gehört werden,—„vielleicht führt er einen andern Namen.“ Der Offizier, ohne den geſprächigen Wirth einer Antwort zu würdigen, wollte ohne Anſtand an die Thüre und dieſe öffnen; Mr. John, der jedoch heute einen ganz beſonderen Anflug von Delikateſſe zu verſpüren ſchien, ver⸗ hinderte ihn daran und ſagte:„Ich halte es für anſtändig, insbeſondere einen nicht erwarteten Beſuch anzumelden,“ und mit gebogenem Zeigefinger klopfte er an die Thüre an. Ein vernehmliches„Herein!“ war die Antwort. Man öffnete und trat ein. Unſer junger Freund ſaß am 175 offenen Fenſter und ſchien ſich an der ſchönen Ausſicht er⸗ götzt und mit dem kühlen Lüftchen, das vom Hudſon her⸗ wehte, erfriſcht zu haben. Jetzt blickte er ſich um, und wenn es nicht zu läugnen iſt, daß er über ſeinen Beſuch erſtaunt war, ſo war dieſes doch kein erſchrecktes, Furcht zeigendes Erſtaunen. Er ſtand vom Stuhle auf und dem Offizier entgegentretend fragte er mit artigen Worten um die Urſache dieſes Beſuches. „Iſt Euer Name Frank Lincoln?“ war die Antwort. „Vor der Hand— ja!“ ſagte er mit einem Lächeln. „Vor der Hand?— was will das ſagen?“ „Weil ich einſtweilen für gut finde, Frank Lincoln zu heißen.“ „Dummes Zeug,“— fuhr der ehrliche John da⸗ zwiſchen,—„ſprecht doch die Wahrheit und ſagt, daß Ihr nicht Frank Lincoln heißt.“ „Was weißt Du davon, guter John,“ lächelte unſer junger Freund. „Genug daß ich es weiß, daß Ihr nicht ſo heißt,“ eiferte der Gaſtwirth,—„und der Offizier ſucht einen Mann, der gerade dieſen Namen führt,— ich hoffe, dieſer geſuchte Frank Lincoln hat ſich kluger Weiſe auf ſeine Beine gemacht.“— „Und ich erſuche Euch, Mr. John, Euere Zunge in 176 den Zaum zu nehmen, daß ſie Euch nicht davon läuft,“ ſagte der Offizier gereizt. „Ich glaube nicht, daß es der Wunſch unſers gnädi⸗ gen Königs, Gott erhalte ihn, ſei, ſeine Provinzen von Stummgebornen bevölkert zu ſehen.“ „Aber von Solchen, die nur reden, wenn ſie gefragt werden.“— „Hab' darüber noch keine Acte zu Geſicht be⸗ kommen.“— Van Hoboken— oder wenn wir jetzt wieder genö⸗ thigt ſind, ihn bei ſeinem angenommenen Namen zu nennen, Frank Lincoln mußte über den wohlgemeinten Eifer des gutmüthigen Gaſtwirthes lächeln:„Guter John, ſorget nicht; ob mein Name dieſer oder jener iſt, kommt auf Eins hinaus, ich habe unter keinem Namen etwas zu fürchten,“ ſagte er, und ſich dem Offizier zuwendend, ſetzte er hinzu:„Was verlangt Ihr von mir?“ „Wenn Ihr Frank Lincoln, ein Free trapper ſeid,— ſo habe ich den Befehl, Euch zu arretiren.“ „Doch den ſchriftlich gegebenen Befehl?“ ſagte Frank mit Nachdruck. „Schriftlichen Befehl habe ich nicht,“ ſagte der Offi⸗ zier etwas verlegen.—— „Dann habt Ihr auch nicht zu gehorchen,“ platzte John dazwiſchen. 77 Der Offizier wollte zornig werden; aber Frank legte ſich in's Mittel:„Laß es gut ſein, Freund John, — mache die Sache nicht ſchlimmer als ſie iſt, ich glaube dieſem Manne auf ſein Offizierwort, daß er die Ordre hat, mich feſtzunehmen, und folge ihm ohne Wider⸗ rede,— Ihr verzieht wohl ein paar Minuten, bis ich mich angekleidet habe.“ Er zog den abgelegten Wamms an und ſetzte ſeinen Federhut auf.—„Es wird wohl gegen Euere Ordre ſein,“ fragte er lächelnd,—„mir zu geſtatten, daß ich mein Schwert an der Seite trage?“ Der Offizier war in der That durch dieſes artige Benehmen ſeines Arreſtanten in einige Verlegenheit geſetzt, — nach einigen Augenblicken ſagte er:„Ich wünſche und hoffe, daß es Euch in kurzer Zeit wieder überreicht wird.“ „Und bis dahin will ich es meinem guten Gaſtwirthe aufzuheben geben,“ ſagte Frank. John nahm unter Kopfſchütteln das ihm anvertraute Gut, dabei unwillig in den Bart murmelnd:„Leichtſinn, — Namen wechſeln,— wollt' mich da mir nichts dir nichts fangen laſſen“— u. dgl.— Frank Lincoln folgte aber ruhig dem Offizier die Stiege hinab. Dieſer rief vor der Eingangsthüre zur Taverne ſeine Leute zuſammen, und bald darauf bewegte ſich der ganze Trupp über die Wind⸗ 1858. VI. Van Hoboken. III. 12 178 mühlen⸗Farm und dem ſtädtiſchen Weideplatz, dem Land⸗ thore der Stadt zu. Bevor ſie aber dieſes erreicht hatten, bog der Fuß⸗ pfad, welchen ſie verfolgten, um den Auslauf des Gehölzes, das ſich die jäh aufſteigende Anhöhe hinauf erſtreckte, wo nach der Hand die mittlere holländiſche Kirche erbaut wurde und wo heut zu Tage das Poſtamt ſteht,— damals war hier Wald, und als die Truppe um die Ecke dieſes Waldes bog, ſtand mitten auf dem ſchmalen Fußpfade ein Weib, auf einen ſtarken Hickory-Stock geſtützt, das Geſicht den Kommenden zugewendet, gleichſam als hätte ſie dieſe hier erwartet. Es war dem Aeußern nach ein indianiſch es Weib, aber, obwohl die Erſcheinung der Indianer in Neu⸗ York damals nichts Außergewöhnliches war, ſo hatte dieſes Weib doch ſo viel Fremdartiges an ſich, daß ſie die Auf⸗ merkſamkeit des Offiziers ſowohl als ſeiner Leute auf ſich zog. Ihr Haar war in zwei Theile abgetheilt und jeder zu einem dicken Zopf geflochten, der weit über den Rücken hinabreichend, an ſeinen Enden in die ſchimmernde Haut der Klapperſchlange gewickelt war. Das unverhüllte Haar war reichlich mit Vermillon beſtaubt, und von derſelben Farbe lief ein Streif über jede Wange, noch ſo mehr er⸗ hebend das Blaßgelb ihrer Geſichtsfarbe und den dunklen, ernſten, befehlenden Blick ihres ausdrucksvollen Auges. Sie mochte eine Frau von vierzig bis fünf und vierzig 179 Jahren ſein, groß, ſchlank, regelmäßig gebaut und ihrem reichen Anzuge nach gewiß eine Frau von Anſehen in ihrem Stamme, vielleicht ſelbſt in ihrer Nation; aber eben dieſer Anzug hatte etwas Fremdartiges, was eben die Neugier der Soldaten in Anſpruch nahm— es war nicht das Un⸗ terkleid von feinem Rehleder, nicht die Reife von Meſſing, die ſie um Hand und Fußgelenke trug,— dieſe war man zu ſehen gewohnt; aber um den Oberleib hatte ſie einen feinen, weichen Mantel geſchlungen, der aus den ſilber⸗ weißſchimmernden Bruſtfedern des großen amerikaniſchen Fiſchreihers geflochten oder gewoben war, und den ſie mit maleriſchem Faltenwurf um ſich geworfen hatte, ſo daß er ihrem Erſcheinen in der That etwas ganz beſonders Auf⸗ fallendes gab. Die Truppe hielt unwillkürlich, wie auf Kommando⸗ wort an,— Frank trat ſchnell auf ſie zu, in Ueberra⸗ ſchung das einzige Wort:„Namakewa!“ ausrufend. „Was hat mein Sohn verſchuldet, daß die Krieger ſeiner Nation ihn mit ſich führen,— und mein Auge ver⸗ gebens die Streitaxt an ſeiner Hüfte ſucht?“ fragte ſie in der Sprache der Mohawks,— aber der Ausdruck war ein ängſtlicher— ein mütterlich beſorgter. „Dein Sohn iſt ſich keiner Schuld bewußt,“ antwor⸗ tete Frank in derſelben Sprache,—„und er weiß nicht die Urſache, die ihn zum Gefangenen macht.“ 180 „Biſt Du rein vor dem großen Manito und kannſt Du ungeblendet Deinen Blick zu dem Gewölke erheben, hinter dem ſeine Wohnung und die ſeiner Lieblinge iſt?“ fragte ſie mit nachdrücklichem Ernſt. „Meine Seele iſt ſo rein vor dem großen Manito wie das Gefieder der weißen Taube, wenn ſie das erſte Mal das mütterliche Neſt verläßt,“ erwiederte er ebenſo ernſt. „Dann wird der große Sachem Deiner Nation Dich an ſeiner Seite ſitzen heißen; und diejenigen zur Rechen⸗ ſchaft ziehen, die es gewagt haben, Dir den Schmuck des Kriegers abzunehmen.“ „In Deiner Nation wäre ich deſſen gewiß,“ ſagte der Jüngling lächelnd,—„aber in meiner Nation gilt manchmal Gewalt für Recht.“ „Und wenn dies ſo iſt,“ ſagte Namakewa mit einem ſchwermüthigen Kopfſchütteln,—„warum biſt Du zu dieſer Nation zurückgekehrt?— Hat Dich nicht die Nation der Mohawks, die Erſte der fünf großen Nationen zu ihrem Sohn aufgenommen? Trägſt Du nicht das Wappen der Schildkröte auf Deinem Arm? Biſt Du nicht dadurch einer der Erſten in der Nation? Hat man Dir nicht einen der oberſten Plätze am Berathungsfeuer eingeräumt? Hat Dich nicht ein großer Stamm zu ihrem Häuptling erwählt? Hatteſt Du nicht die Wahl unter den Mädchen der ganzen 181 Nation?— O, mein Sohn, warum haſt dem Jagdgrund der Mohawks den Rücken gewieſen?— Deine Mutter Namakewa weint die bittern Thränen des Schmerzes, ihren Liebling, den Liebling der ganzen Nation ohne Streitart ſehen zu müſſen.“ Sie zog den ſilberweißen Mantel über das Geſicht hinauf,— eine Pauſe trat ein,— ſelbſt die Soldaten, ob⸗ wohl ſie von der Rede nichts verſtanden, ſchienen doch den Sinn derſelben zu errathen und wagten es nicht, dieſes Stillſchweigen zu ſtören. Sie ließ den Mantel wieder vom Geſichte fallen, und das Auge voll mütterlicher Zärtlichkeit auf den Jüngling gerichtet, ſagte ſie mit all' der weichen Melodie, die in der Sprache ihrer Nation liegt:„Doch laß nicht die Schlange der Sorge um Dein Herz ſich winden,— wenn der große Sachem Deiner Nation auch den Blick umwölkt hat mit den Wolken des Verdachtes,— er kann Dir nicht Uebles wollen,— ich Namakewa, weiß es und Du wirſt es er⸗ fahren,— gehe ruhig mit den Kriegern Deines Volkes, — ich ſpreche heute noch mit dem großen Sachem.“ Frank blickte ſie erſtaunt an, denn obwohl er im Verlaufe der Zeit, die er mit ihr verlebt hatte, viele ihrer Eigenthümlichkeiten hatte kennen gelernt, er Manches in ihrem Benehmen unerklärlich gefunden hatte: ſo waren dieſe Worte doch wieder neuerdings ſolche, zu deren Sinn 182 er keinen Schlüſſel finden konnte; aber ſie ließ ihn nicht lange Zeit, darüber nachzudenken. Mit dem raſch ausge⸗ ſprochenen Gruß der Indianer verſchwand ſie im dichten Holze. „Wer iſt dieſes Weib? und woher kennt Ihr ſie?“ fragte der Offizier, welcher aufmerkſam dem von ihm nicht verſtandenen Geſpräche der Beiden zugehört hatte, ſeinen Gefangenen. „Ich weiß nur, daß ihr Name Namakewa iſt,“ er⸗ wiederte dieſer,—„und daß ſie in hoher Achtung unter all' den großen und kriegeriſchen Nationen ſteht, die im Norden, Weſten und Süden der Anpflanzungen der Weißen ihren Jagdgrund haben. Ich war ein Kriegsgefangener der einen dieſer Nationen, und zum Scheiterhaufen verur⸗ theilt, ſchon ſtand ich an den Pfahl gebunden, ſchon kni⸗ ſterte das Feuer um mich herum,— da erſchien ſie,— verlangte mich von dem großen Sachem der Nation, da ſie mich als Sohn in ihrer Hütte aufnehmen wollte,— und das Feuer wurde gelöſcht, meine Bande gelöſt, und ich trat an Namakewa's Hand in ihre Hütte ein,— ich ward ihr Sohn,— und wohl jedem Kinde, das eine ſo zärtliche Mutter beſitzt.“ Er ſprach dieſe Worte mit ſo viel innigem Gefühle, daß der Offizier, obwohl er dieſes unerklärlich fand, doch mit theilnehmendem Blicke den Jüngling betrachtete. 183 „Alſo habt Ihr wohl lange unter den Indianern gelebt?“ fragte er wieder neugierig. „So lange, daß ich habe einſehen gelernt, wie wenig man dieſes Volk kennt und verſteht, wie unrecht man ihm deshalb thut, und wie Manches an ihm iſt, wodurch es uns, das ſogenannte civiliſirte Volk beſchämt, da es— über uns ſteht!“ Das klang wieder ganz ſonderbar für die Ohren eines gut altengliſchen Offiziers,— und kopfſchüttelnd meinte er für ſich hin:„Der Burſche mit ſeiner indianiſchen Adop⸗ tivmutter ſcheint wohl ein wenig verrückt zu ſein?“— laut aber ſagte er:„Nach dem, was ich da von Euch vernehme, kann ich mir gar nicht erklären: aus welcher Urſache ich den Befehl erhielt Euch zu arretiren?“ „Dann ſeid Ihr in demſelben Falle, in dem ich mich befinde,“ erwiederte Frank,—„aber ich denke, wir Beide, Ihr und ich werden es noch ſeiner Zeit erfahren,— und deshalb wollen wir uns jetzt beeilen, ſo bald als möglich unſere Neugierde befriedigt zu ſehen.“ Die Truppe ſetzte ſich in Bewegung,— man näherte ſich dem Landthore der Stadt, um in dieſe einzutreten; aber der heutige Tag ſchien ſchon einmal dazu beſtimmt, unſerm jungen Freund Ueberraſchung auf Ueberraſchung zu bringen,— doch die jetzt folgende war mehr als Ueber⸗ raſchung,— es war Etwas, was nicht die ausſchweifendſte 184 Phantaſie ſich hätte träumen laſſen, was nicht der erfin⸗ dungsreichſte Traum hätte erzeugen können, was zu denken ein tolles Hirngeſpinnſt zu nennen geweſen wäre,— ——— und doch war es Wahrheit, unläugbare, treue, ſichere Wahrheit,... ein Reiter und eine Reiterin, zwei Grooms im Gefolge, ſprengten den merklich ſich erhe⸗ benden Wieſengrund, der dicht an das Landthor ſtieß, herab,— es ſchien ein Wettritt zu ſein: die Reiterin war wild und tollkühn und lachte über den Begleiter, der für einen Sturz des Pferdes ängſtlich, dieſes ſtramm in den Zügeln hielt,— es war ein ſauſender Galopp,— die beiden nicht minder verwegenen Buben in der Livrée des Lords knapp hinter drein,— der Offizier mit ſeiner Truppe hielt reſpectvoll an,— da warf Frank, ſtets ein Verehrer kühnen Muthes, und wenn dieſer auch ſelbſt ein wenig an Waghalſigkeit ſtreifte, ſeinen Blick der Reiterin zu,—— — er packte wie im Krampfe den Arm des Offiziers, kaum brachte er die Worte hervor:„Wer iſt dieſe Dame?“ — und da, im eiligen Vorüberſprengen, warf auch dieſe ihren Blick der reſpectvoll am Thore haltenden Truppe zu, — da traf dieſer Blick den Jüngling, der an der Seite des Offiziers ſtand,— was durchzuckte ſo plötzlich ihr ganzes Syſtem? was machte ihr Herz faſt ſtille ſtehen? was umwölkte ihre Sinne? was lähmte ihren Arm, das er den Zügel ſinken ließ?— dorthin ſauſte der Renner im 185 wilden Fluge, durch das Thor und die Straße hinab,— wohl ſammelte ſich die gewandte Reiterin wieder, ſie er⸗ griff den Zügel, um das Pferd zum Stehen zu bringen; aber es war zu ſpät, die Gewalt ein Mal aus den Händen gegeben, iſt nicht ſo leicht wieder zu erringen,— unauf⸗ haltſam rannte das Pferd ſeinen Weg, bis es dort ſtill hielt, wo es ihm gefiel— am Hauſe des Statthalters. „Wer dieſe Dame iſt?“ fragte der gutmüthige Of⸗ fizier,—„das iſt Miß Arabella, die Tochter Sr. Gnaden des Statthalters der Provinz Neu⸗York.“ „Arabella!— ja, es iſt Arabella!“ rief der Züngling—„und wer iſt dieſer junge Mann im eleganten Reitkleide auf dem Vollblutrenner?— doch, was küm⸗ mert mich das?— kommt, laßt uns eilen, daß ich in meine Zelle komme, die gewiß ſchon auf mich wartet.“ Der Offizier ſchüttelte jetzt wieder ſein Haupt, und dachte:„Der Burſche iſt richtig verrückt“— aber ohne weiter eine Einwendung zu machen, ſetzte er ſich mit ſeiner Truppe in Bewegung, und auf einem andern Wege, als welchen die Reiter verfolgt hatten, gelangten ſie zu dem Fort. Der Offizier ſandte einen Mann zu dem Komman⸗ danten, mit dem Berichte, daß er den bezeichneten Frank Lincoln, angeblichen Free⸗Trapper, dem Befehle gemäß arretirt habe,— der Kommandant ſandte einen Unter⸗ 186 offizier hinüber zu Se. Gnaden, dem Gouverneur, mit eben dieſem Berichte und der Anfrage, was mit dem Ge⸗ fangenen geſchehen ſolle. Die Antwort kam zurück, daß dieſer vorläufig in Gewahrſam zu halten ſei, bis weitere Befehle kämen, und ſo kam unſer junger Freund denn in ein kleines Gemach im weſtlichen Flügel eines Gebäudes, das halb aus Holz, halb aus Stein aufgeführt war, und welches eigentlich als Kaſerne eines Theiles der im Fort garniſonirenden Soldatentruppe diente. Es war dieſes als eine beſondere Begünſtigung von Seiten des Kommandanten Sir Manning anzuſehen, daß der Gefangene nicht in eins der unterirdiſchen Gewölbe geworfen wurde, die unter dem Namen„Gefängniſſe“ be⸗ kannt waren, ſondern ihm dieſes, wenn auch ärmlich aus⸗ ſehende, doch wenigſtens mit friſcher Luft und hellem Lichte verſehene Zimmer, mit der Ausſicht auf die Bah, an⸗ gewieſen wurde. Und er war auch kaum hier eingetreten, ſo erſchien Sir Manning in eigner Perſon. Ehe dieſer die Thüre des Zimmers hinter ſich zu⸗ ſchloß, hieß er den außerhalb ſchildernden Soldaten, dem äußerſten Ende des Ganges zu gehen und hier Poſto faſſen,— dann zog er die Thüre zu und ſchob den Riegel vor. Frank war über den Beſuch des in der That ſtatt⸗ lich ausſehenden Offiziers überraſcht, noch mehr aber, als 187 dieſer mit den Worten begann:„Wer, zum Teufel, hat Euch denn geheißen, im Fuchsloche liegen zu bleiben, wenn Ihr hörtet, daß die Jagd auf ſei?“ „Ich habe weder den Ruf der Jäger, noch das Klaffen der Hunde gehört,“ ſagte der Gefangene, der, ſo wenig er im Ganzen den Sinn der Anrede verſtand, es für's klügſte hielt, in derſelben Redefigur zu antworten, als er gefragt worden war. „Nicht?“ fragte der Kommandant etwas verwundert. Er warf einen forſchenden Blick auf den Gefangenen, und nach einer kleinen Pauſe fragte er:„Seid Ihr auch wirk⸗ lich der Mann, der ſich Frank Lincoln nennt?“ „Nach Allem, was ich bemerke, ſcheint es, daß ich vor der Hand dieſen Namen beibehalten muß.“ „Das iſt auch das Vernünftigſte, was Ihr thun könnt,“ erwiederte der Kommandant—„wenigſtens wüßte ich nicht, was Euch beſtimmen ſollte, dieſen Namen früher abzulegen, bevor die Geſchichte vorüber iſt.“ „Welche Geſchichte?“ fragte der Gefangene. „Verdammt ſchlau,“— ſagte der Kommandant lächelnd,—„doch Ihr habt Recht, man kann nie zu vorſichtig ſein.— Habt Ihr heute Kapitän Hurſt geſprochen?“ „Nicht heute.“ „Aha!“ ſagte der Kommandant lachend—„der 188 verſteht es beſſer, woher der Wind pfeift. Nun, laßt Euch deshalb jedoch kein graues Haar im Barte wachſen,“ ſetzte er beruhigend hinzu,—„daß Ihr jetzt hier ſeid— Ihr ſeid der Einzige,— und das hat nichts zu ſagen. Ich ſetzte Euch in dieſes Zimmer, da Se. Gnaden es nicht der Mühe werth fand,“ es lag viel Spöttiſches in dieſen Worten—„mir nähere Beſtimmungen über Eure Arre⸗ ſtirung zu geben. Nun ich glaube, es wird Euch hier lieber ſein, als unter der Erde, in einem ſo verdammten Kellerloche,— aber macht mir keine dummen Streiche,— ſeht: es ſind nicht mal Eiſengitter vor dem Fenſter; aber es wäre dennoch ein dummer Streich, wenn Ihr ein Ent⸗ kommen verſuchen würdet. Ihr kämet doch nicht ſo leicht hinaus, und es wäre für uns Alle eine bedenkliche Sache, wenn Ihr in die Hände der Wachen fallen würdet, welche jetzt nach allerhöchſtem Befehl doppelt und dreifach aufge⸗ ſtellt ſind. Ihr ſeid jetzt einmal hier, und es iſt beſſer, Ihr bleibt hier— es wird Euch nicht an den Hals gehen, da verlaßt Euch auf mein Wort. Käme es zum Aeußerſten, ſo haben wir noch immer einen Ausweg.“ „Alſo, macht es Euch bequem, ſo gut es gehen will,“ ſetzte er leutſelig hinzu—„ich werde Euch zu eſſen und zu trinken ſchicken. Vielleicht beſuche ich Euch ſelbſt noch ein Mal dieſen Abend und kann Euch dann vielleicht ſchon etwas Neues erzählen; doch jetzt darf ich nicht länger 189 hier verweilen, ohne Aufſehen zu erregen. Lebt wohl, Lieutenant Lincoln!“ ſagte er, und wie überzeugt, daß eine längere Converſation mit dem Gefangenen, üble Folgen haben könnte, verließ er jetzt raſch das Zimmer. Frank hörte von Außen den Riegel vorſchieben und den lauten befehlenden Ton, mit welchem der Kommandant den Soldaten anwies, wieder ſeinen Poſten unmittelbar vor der Thüre einzunehmen;— dann vernahm er den feſten, klirrenden Schritt des Ritters über den Gang und die Stiege hinab— und endlich hörte er nur noch den gleichmäßigen, gemeſſenen Tritt der Schildwache außen im Gange vor der Thüre ſeines Zimmers, und dieſes war auch das Einzige, das ihn daran mahnte, daß er gegenwärtig ein Gefangener unter militäriſcher Bewachung im Fort Neu⸗York ſei. Die Ereigniſſe, welche dieſen Morgen in raſcher Folge auf ihn eingeſtürmt hatten, waren ſo mannichfaltige und ihrer Weſenheit nach ſo verſchiedene, daß er in der That froh war, endlich ſich allein zu befinden, und ſomit volle Muße zu haben, ſeinen Geiſt zu einiger Ruhe ge⸗ langen und zur Fähigkeit kommen zu laſſen, ſich die Er⸗ eigniſſe zu ordnen, zu überlegen und ſich einen Weg vor⸗ zuzeichnen, den er zu verfolgen habe,— und wie er ſich jetzt an das Fenſter ſetzte, den Kopf in die Hand ſtützte 190 und den Blick über die ſchöne Bay hingleiten ließ, wollen wir ihn vor der Hand mit ſeinen Gedanken allein laſſen. Behntes Capitel. „Mich verlangt Zu hören die Geſchichte Eures Lebens, Die wunderbar das Ohr beſtricken muß.“ W. Shakſprart.(Der Sturm.) Es iſt nicht mehr als billig, daß wir uns jetzt unver⸗ züglich zu Miß Arabella begeben. Wir haben geſehen, welche Ueberraſchung ſie erfahren, und da erfordert es ſchon die Artigkeit, welche wir dem ſchönen Geſchlechte ſchuldig ſind, ſich zu erkundigen, welche Folgen dieſe gehabt. Wir halten es für's Beſte, ſie da wieder ſelbſt ſprechen zu laſſen und wollen daher jene Blätter ihres noch immer fortgeführten Tagebuches abſchreiben, die über dieſen für ſie ſo ereignißreichen Tag ſprechen. Neu⸗York, am— Juli. Spät Abends. Zetzt, da ich etwas ruhiger bin, will ich für Dich, liebe Helene, niederſchreiben, was ich heute erlebt habe. Ich ſage„ruhiger“— aber ich bin noch gar nicht ruhig, 191 ich fühle mich ſo aufgeregt— ich weiß nicht, iſt es der Schreck von heute Morgen, oder iſt es ängſtliche Sorge, obwohl man mich verſichert hat, ich habe nichts zu beſorgen, — oder iſt es ein Vorgefühl, daß etwas geſchehen, was mich beunruhigen wird,— ich weiß es nicht, aber ich bin außerordentlich bewegt— vielleicht iſt es gut, wenn ich im Schreiben nochmals das Ereigniß durchlebe,— wenn ich es Dir erzähle, daß ich ihn, daß ich Frank Lincoln geſehen habe!— Ja, Helene, er iſt hier, in Amerika, in Neu⸗York!— Wie kann ich die Worte finden, die das ſchildern, was ich empfand, als mein Blick ihn traf!— nein, dafür iſt unſre, iſt jede Sprache der Welt zu arm; doch, ich will Dir ja die Ergebniſſe des ganzen heutigen Tages ſchildern, und da muß ich mit dem Morgen be⸗ ginnen. Beinahe wäre es dazu gekommen, daß ich meinen Vater zum Vertrauten meines Herzensgeheimniſſes gemacht hätte,— er war ſo lieb und mildfreundlich, wie den ſtolzen Statthalter von Neu⸗York wohl Niemand anders als ſeine Tochter und vielleicht die kleine Jeſſie zu ſehen bekommt, — er war es heute Morgen mehr als je, ich bemerkte überhaupt etwas unruhig Aufgeregtes an ihm, was ſonſt nie der Fall iſt— vor meinem Eintritte in ſein Zimmer mochte er es noch mehr geweſen ſein, und da ich gleichſam als beruhigend erſchien, war er deſto milder mit mir. Ich war zu einem Ausritt mit Lord Berkley gerüſtet,— 192 mein Vater neckte mich, und heute zum erſten Male ließ er es mich verſtehen, daß er, aus Briefen meiner Groß⸗ eltern, um mein Abenteuer am Meere und dann auf Cha⸗ teau Hautbrien wiſſe,— aber er nahm die Sache in einem ſcherzhaften Tone, und war dabei ſo lieb und gut, daß ich beinahe ſchon die Worte auf den Lippen hatte, ihm zu ſagen, daß es kein Scherz ſei, daß ich eine feſte, innige, unauslöſchliche Zuneigung zu Frank Lincoln in meinem Herzen trage,— daß ich ihn liebe! Ich glaube wirklich zu gutem Glücke, kam es nicht zu dieſer Erklärung, da wir durch den Eintritt des Lords unterbrochen wurden. Nochmals machte er einen Scherz über die weißen Reiherfedern, die ich ſeit jener Zeit ſtets auf meinem Hut oder Barett trage,— er konnte es jedoch nicht wiſſen, welche Erinnerungen ſich an dieſe Federn knüpfen, und ich ſelbſt hatte dieſen Morgen noch keine Ahnung, daß ich den, der mit dieſen Erinnerungen eins iſt, in einigen Stunden ſpäter ſehen würde. Wir hatten das Vorhaben, den ganzen Tag über auszubleiben, und die Manhattan⸗Inſeln nach allen Rich⸗ tungen zu Pferde zu durchſtreifen; aber da bewährte ſich abermals meine Ueberzeugung, daß unſre Seele häufig durch Ahnungen bewegt werde, und wenn wir beſſer darauf Acht haben würden, könnten wir gewöhnlich unſre Hand⸗ lungen darnach regeln. Plötzlich befiel mich eine unüber⸗ 193 windliche Sehnſucht heimzukehren,— Lord Arthur ſuchte mich davon abzubringen; aber es half nichts, ich konnte mich nicht überwinden, ich mußte nach Hauſe, und als einmal der Kopf des Pferdes gewendet war, da fuhr es mir wie Queckſilber in alle Glieder,— ich jagte wie wild über Stock und Stein, der etwas furchtſame Lord konnte kaum folgen,— aber es war auch auf die Minute die Zeit,— Eine Minute früher, Eine Minute ſpäter, und ich wußte es nicht, daß Frank in Amerika, in Neu⸗York ſei. Da, als ich die Wieſe herabſprengte, dem Landthor zu, da ſtand er, den Blick mir zugewendet, am Thore, von Soldaten umgeben— Er,— als Verbrecher von den Soldaten meines Vaters umgeben! Welches war der erſte Eindruck, den ſeine Erſchei⸗ nung auf mich machte!— Frage mich! Ich weiß es Dir nicht zu ſchildern— war es Ueberraſchung?— Freude? — Bekümmerniß? ihn ſo zu ſehen?—— nein! von all' dem nichts,— es war ein Eindruck, der ſich nicht beſchreiben, nicht mit einem Worte bezeichnen läßt,— ſolche, die nie ſolch'einen Eindruck erfahren haben, würden Vergleichungen wagen, würden ſagen: es traf wie ein Blitz— wie ein elektriſcher Schlag,— ach, wie leer, wie kühl, wie nichtsſagend klingt das,— ich finde kein Wort dafür, nur ſage ich, daß ich in dieſem Augenblick einen wilden Stich im Kopfe empfand, daß es mir war, als ſei 1858. VI. Van Hoboken. III. 13 194 dies der Moment, um Verſtand, Geiſt, Sinn, Leben zu verlieren,— ich hätte lachen oder auch weinen können,— meine Hand ſank ſchlaff nieder,— und ſo rannte das Pferd mit mir davon; aber als ich ihn nicht mehr ſah, da hörte dieſe fürchterliche Gewalt, die ſein Blick auf mich ausübte, auf, da kam ich wieder zum Bewußtſein, da wollte ich mein Pferd zum Stehen bringen, ich wollte umkehren, aber das Thier war ſcheu geworden und hielt nicht eher an, als bis vor unſerm Hauſe. In raſcher Ueberlegung hielt ich es für's Beſte, um Aufſehen zu vermeiden, nicht zu dem Platze zurück zu kehren, wo er ſtand; wußte er ja doch, daß ich in Neu⸗York, und wußte ja doch ich, daß er — Arreſtant meines Vaters ſei. Ich wankte die Stiege hinauf,— Arthur unterſtützte mich theilnehmend beſorgt, — ich trat in das Zimmer meines Vaters—„Um Gottes⸗ willen! was iſt Dir geſchehen!“ rief dieſer—„wie ſiehſt Du aus!— was iſt es?“— „Vater! was hat der junge——“ dieſes rief ich noch mit der letzten Kraft, die ich zuſammengerafft hatte, dann ſank ich ohnmächtig in des Lords Arme,— von da an weiß ich nicht eher zu erzählen, als bis ich eine gute Zeit ſpäter in meinem eignen Zimmer, auf meinem Ruhe⸗ bett liegend, erwachte,— an dieſem ſtand mein Vater, mein Mädchen und ein alter gutmüthig ausſehender Mann, ein teutſcher Arzt aus der Stadt. 195 „O, thue ihm kein Leid an— er iſt unſchuldig!“ waren die Worte, welche ich beim Erwachen ausſtieß, und die mir in meine eignen Ohren ſchallten, als wären ſie von einer andern Perſon geſprochen,— ich ſah mich auch raſch um, dieſe Perſon, die ſich meines Lieblings annahm, zu erblicken; aber da kehrte auch das Bewußtſein wieder: ich wußte, daß ich dieſe Worte ſelbſt gerufen,— und mit dem Bewußtſein kehrte auch die Ueberlegung zurück und das natürliche Gefühl, daß es vielleicht gerathen ſei, mich vor⸗ ſichtig zu benehmen, und lachend ſagte ich:„Was doch für tolle Hirngeſpinnſte ſich in einer Ohnmacht bilden— hätte es nie geglaubt, daß ich ein ſo ſchwachnerviges Mäd⸗ chen ſei, um durch ein wenig Reit⸗Abenteuer zur Ohnmacht gebracht zu werden!— nun, ich bin froh, daß es vorüber iſt, — jetzt will ich aber auch nicht länger die Kranke ſpielen.“ Ich ſagte dieſes mit ſo vielem Humor, als ich in meinem armen, gepeinigten Herzen auftreiben konnte, ein Mal um den guten alten Doctor, der von Kühltrank, Ver⸗ dunklung des Zimmers und Ruhe im Bette faſelte, zu beſchwichtigen, und für's Zweite meinen Vater, der mich mit einem forſchenden Blicke betrachtete, zu täuſchen. Der Doctor ließ ſich beſchwichtigen und nahm nach meiner Verſicherung, daß ich mich vollkommen wohl be⸗ finde, ſeinen Abſchied; aber ob ſich mein Vater ebenſo täuſchen ließ, bezweifle ich ſehr, wenigſtens ſagte mir ſein 13* 196 auf mich gehefteter Blick das Gegentheil; daher wagte ich es auch nicht, irgend eine Frage, meinen armen Gefangenen betreffend, an ihn zu ſtellen;— aber erfahren mußte ich doch, was es mit ihm ſei, ob ihm Gefahr drohe— wenn dieſes, dann würde ich auch nicht den Statthalter von Neu⸗York ſcheuen,— aber für's Erſte mußte ich erfahren, wie er Arreſtant geworden,— und dazu kam mir Se. Herrlichkeit Lord Arthur gerade Recht. Er fragte eine Stunde ſpäter an, um ſich nach meinem Befinden zu er⸗ kundigen. Ich ließ ihn vor, was ich vielleicht ſonſt nicht gethan hätte. Er war aber auch darüber ſo erfreut, daß er, ich glaube, dieſen Nachmittag für mich in's Fegefeuer gegangen wäre. Ich ließ ihn neben mich auf den Divan ſetzen,— er iſt bei allen ſeinen Narrheiten doch ein guter Junge,——— doch ich ſehe Dich, liebe Helene, jetzt lebhaft vor mir: Du ziehſt Deine ſchönen feinen Augen⸗ brauen zuſammen und kneipſt die Oberlippe ein wenig ein, Du nimmſt es mir übel, daß ich die Schwäche des jungen Lords, mich zu lieben, mißbrauche, um ihn zu meinem Zwecke zu benutzen,— o, Helene, denke Dich in meine Lage, ſo ganz in meine Lage,— dann, dann wirſt Du mir dieſe kleine Sünde verzeihen,— o, ich ſehe ſchon, wie ſich Deine Stirn wieder glättet, wie Deinen ſchönen Mund ein herziges Lächeln umſpielt,— ja, Du biſt meine engelsgute, liebe Helene,— und ſo erzähle ich Dir denn weiter: 197 Lord Arthur iſt mit unſerm Feſtungskommandanten, Sir William Manning, gut bekannt,— der edle Sir trinkt nämlich mit beſonderer Vorliebe den Wein Sr. Herr⸗ lichkeit— und zu dieſem ging nun der gute Lord, um ſich nach dem heute eingebrachten Gefangenen zu erkundigen. Natürlich war es bloße Neugierde meinerſeits, zu erfahren, wer denn der junge Mann ſei, der, ohne es zu wollen, mein Pferd ſcheu und mich dem Tode nahe gebracht,— und was denn eigentlich ſein Verbrechen geweſen, um unter ſo ſcharfer Bedeckung in das Gefängniß der Feſtung geführt zu werden. Lord Arthur blieb nicht lange aus, — ich hätte ihn umarmen mögen, für die Nachricht, die er mir brachte: Frank Lincoln hat gar nichts zu be⸗ ſorgen, ſo ließ mir,— ausdrücklich mir, der alte Ritter Manning melden. Er ſei ein Free⸗Trapper, d. i. Einer, der Biber fängt und deren Pelz verhandelt,— er ſei nur auf den Verdacht hin, ein holländiſcher Emiſſär zu ſein, feſtgeſetzt worden, werde aber wahrſcheinlich morgen wieder freigelaſſen werden. Ich bin jetzt ganz beruhigt. Frank ein holländiſcher Emiſſär! das iſt wirklich zu komiſch!— da ſoll man nur mich fragen: ich weiß es ja, wie er mit ſeinem Schiffe gegen drei Holländer an der franzöſiſchen Küſte im Treffen ſtand, und wo ſein ſchönes Schiff in die Luft flog,— und ach! wo er von den Wellen, denen er ſeiner Jugend 196 und Schönheit wegen dauerte, daß ſie ihn begraben ſollten, mitleidsvoll an das Land geſpült wurde,— und wo dann von dem altgräflichen Schloſſe ein junges Mädchen kam, und ihn ſah,— und ihn liebte,— und ihn ewig—— Aber wie kommt er denn dazu ein Free⸗Trapper zu ſein?— Ich muß geſtehen, meinen Freund umgiebt ein ſtetes Geheimniß, und es bedarf in der That eines ſo voll⸗ kommenen Vertrauens, als ich zu ihm habe, um nicht irre zu werden. Du fragſt mich, liebe Helene, auf was ſich dieſes feſte Vertrauen ſtützt? und ich kann Dir nur ant⸗ worten: Ich weiß es mir kaum ſelbſt zu erklären, wenn ich nicht dieſen offenen, treuen Blick, wo man durch die Kriſtallhelle des Auges bis in die tiefſte Tiefe der Seele hinabſehen zu können vermeint, will geltend machen— und obwohl ich ein Mal den guten Vater Honoré habe ſagen hören: das Sprichwort, das Auge iſt der Spiegel der Seele, ſei ein unrichtiges, da der Menſch nicht den ſeine Gedanken verrathenden Zug um den Mund, wohl aber den Ausdruck des Auges in ſeiner Gewalt hat und bemeiſtern kann,— ich weiß nicht, aus welchem alten Griechen oder Römer er dieſen Satz herausgefunden hat, — ſo iſt es doch dieſes klarhelle, offene Auge, auf das ich mein Vertrauen ſetze. Es iſt ganz ſicher Wahres an der Geſchichte, daß er unter den Indianern gelebt und mit ihnen im freundſchaft⸗ 199 lichen Verkehr geſtanden hat. Dieſen Nachmittag kam ein indianiſches Weib in unſer Haus, von großer und ſtatt⸗ licher Geſtalt, weit verſchieden von den gewöhnlichen Wei⸗ bern der Raritans, Hag⸗in⸗ſags und der andern Stämme, welche in unſrer Nachbarſchaft wohnen, und welche ich oft genug zu ſehen bekomme. Sie hatte etwas Gebieteriſches in ihrem Aeußern und in der Art ihres Auftretens, ſie war auch etwas abſonderlich gekleidet, dahin rechne ich beſon⸗ ders den großen, weiten Mantel, den ſie maleriſch, als ob ſie darauf ein eignes Studium verwendet hätte, um ihren Oberleib geſchlungen hatte,— und— aus was für einen Stoff, denkſt Du wohl, war dieſer Mantel gewoben?— Aus den feinen, weichen, ſilberweißen Federn, welche die Bruſt des großen amerikaniſchen Fiſchreihers bedecken!— Ich machte dieſe Beobachtung zu meinem großen Erſtau⸗ nen——— Du wirſt lächeln, liebe Helene,— Du wirſt denken: abermals ein Reiher!— aber lache laut auf, wenn ich Dir ſage, daß ich trotz des Schreckens, der mich befiel, als mein Auge plötzlich die Geſtalt Frank Lin⸗ coln's von den Soldaten umgeben erblickte, ich in dem— ſelben kurzen, kaum nennbaren Augenblick den ſilberweißen Reiherbuſch auf dem Hut, den er trug, bemerkte.— Nenne es Zufall, nenne es, wie Du willſt,— ſo viel iſt gewiß, daß auch dieſes indianiſche Weib, das ſich in ſchlech⸗ tem, kaum verſtändlichem Holländiſch, angelegentlich nach 200 dem Züngling erkundigte, der heute von den Kriegern ſeiner Nation feſtgenommen wurde, von Reiherfedern ihren Putz verfertigt hatte. Sie ſprach mit Mr. Brown, dem Sekretär meines Vaters; aber der junge Mann hat bisher ſich wenig befliſſen, dieſe Sprache zu erlernen und konnte ſich mit dem ſonderbaren Weibe nicht in Verſtändniß ſetzen. Um nichts beſſer ging es mir. Ich hatte das Kauderwälſch vernommen und war, neugierig geworden, in das Arbeitszimmer meines Vaters getreten. Der Mantel aus weißen Reiherfedern zog für's Erſte meinen Blick auf ſich, dann aber ſuchte ich Einiges über den jungen Ge⸗ fangenen, an dem ſie ſo großes Intereſſe zu nehmen ſchien, zu erfahren; aber wie geſagt, wir konnten uns gegenſeitig nicht verſtehen. Sie wurde endlich unwillig und fragte mit zornigem Blicke nach dem großen Sachem der Yongees. Mein Vater war aus,— wir ſagten es ihr,— ſie erſchien darüber ängſtlich zu werden, dann aber ſagte ſie in einem ernſten, befehlenden Tone:„Der große Sachem der Yongees ſoll nicht den Zorn der fünf großen Nationen erregen. Sie haben die Streitart begraben, und die Friedenspfeife mit den Abgeſandten der Blaßgeſichter ge⸗ raucht; wenn aber dem Einen, welcher die Schildkröte im Wappen führt, und jetzt in den Händen der Yongees ſich befindet, ein Leid widerfährt, ſo werden mehr denn hun⸗ dert Bündel Pfeile, von der Klapperſchlange umwunden, ———————————————— 201 geſendet werden, und tauſend und tauſend Krieger der— ——— da nannte ſie Namen, die ich nicht behalten konnte, aber wahrſcheinlich waren es die Namen der Na⸗ tionen und Stämme, deren kriegeriſchen Einfall ſie an⸗ drohte.—„Ich komme wieder,“ fagte ſie dann, und ohne Aufenthalt eilte ſie fort. Eine Stunde ſpäter. Ich bin ſo unruhig, daß ich von einem Zimmer in das andere gehe, bald bei dieſem, bald bei jenem Fenſter hinausſehe,— es iſt finſtere Nacht, aber keine ruhige Nacht — wohl in der Stadt, da ſcheint Alles in tiefen Schlaf verſunken zu ſein; aber im Fort herrſcht eine Bewegung, wie ſie um dieſe Stunde ganz ungewöhnlich iſt. Es zeigen ſich wandernde Lichter im Hofraum und in den Gängen des Gebäudes,— man hört Truppenabtheilungen kommen und abgehen— es iſt Waffengeraſſel zu vernehmen—— was hat dies zu bedeuten? Mein Vater iſt eben heimgekommen,— er war, ſeit⸗ dem ich von meinem Unwohlſein mich erholt hatte, fort geweſen,— er iſt in großer Aufregung,— ich getraue mich nicht, ihn um die Urſache alles deſſen, was vorgeht, zu fragen,— ich könnte es auch kaum, da er nie allein ſſt, — Offiziere aus dem Fort und vom Hafen gehen und kommen,— bringen Nachrichten und erhalten Befehle,— — was iſt dieſes Alles?—— Höre ich nicht Lärmen, Getöſe in der Ferne?—— im hellrothen Lichte erſcheint der Himmel, dicke Wolken ziehen ſich am Firmamente hin—— eine Feuersbrunſt Elftes Capitel. E.„Ja, etwas kannſt Du zu Deiner Sicherheit läugnen: „Daß Du ein großer Räuber zur See warſt.“ M.„Und Du zu Land.“ E.„Hierin läugne ich meinen Landdienſt Doch gieb mir „die Hand, Menas. Hätten unſere Augen die Voll⸗ „macht dazu, ſo könnten ſie jetzt zwei Räuber beiſam⸗ „men ertappen“ W. Shakſpeare.(Antonius und Kleopatra.) Wir ſind durch die Mittheilung des Auszuges aus dem Tagebuche der liebenswürdigen Miß Arabella an ihre eben ſo liebenswürdige Freundin, Mademvoiſelle He⸗ lene, durch dieſes Opfer der Galanterie gegen das ſchöne Geſchlecht, auf Koſten der dem Erzähler zur Pflicht ge⸗ machten Beobachtung der natürlichen Aufeinanderfolge in ſeiner Erzählung, um einen ganzen Tag vorausge⸗ kommen, und müſſen daher nachholen, was wir über⸗ ſprungen haben, und unſere Leſer bitten, ſich in Gedanken bis zum frühen Morgen deſſelben Tages zurückzuverſetzen. Wir haben es nun aber auch mit weit weniger liebens⸗ würdigen Leuten zu thun, als im vorigen Abſchnitte. Da 203 haben wir zuerſt dieſen iriſchen Stadtbüttel Mac Intyre, der zu einer etwas ſpäteren als der gewöhnlichen Stunde ſich von ſeinem Lager erhebt, ſich ſtreckt und gähnt, zum Brunnen geht und wenigſtens durch eine Viertelſtunde das Waſſer in dickem Strome über ſeinen dicken volkseigen⸗ thümlichen Schädel pumpt, da dieſer ihm ſelbſt heute um Eins ſo dick als gewöhnlich vorkommt, und da er aus viel⸗ fältiger Erfahrung weiß, daß ſolches Dickſein als beſtes Remedium das friſche Pumpwaſſer anerkennt, ſo applicirt er denn auch dieſes Mittel in reichlichem Maße, um ſo eifriger, als er gegen das Waſſer in äußerlicher Anwen⸗ dung eben keine Abneigung hat,— etwas ganz Anderes wäre es, wenn man ihm den Rath geben würde, es innerlich anzuwenden; dagegen ſträubt ſich ſeine Natur, ſein National⸗ Charakter, und da er ein Mann von Charakter iſt, ſo geht er nach genommenem Sturzbade in ſein Zimmer, öffnet einen Wandſchrank und langt ſich eine, beiläufig eine halbe Gallone haltende und in Binſen eingeflochtene Flaſche hervor, deren wohl paſſenden Kork er öffnet, und deren Oeffnung er an ſeine Lippen ſetzt. Er hält die Flaſche in einer horizontalen Richtung eine ziemliche Zeit, und hat dabei die Augen der Decke zugewendet, gleichſam wie in einem ſtillen Dankgebete für die„gute Gabe Gottes.“ Endlich ſetzt er ab,— ſchnalzt mit der Zunge— und wiſcht ſich mit dem Aermel des Rockes den rundum feuchten Mund ab. 204 „So— jetzt wollen wir nach unſerm Freund im obern Stockwerke ſehen,“ ſagte er, mit ſich ſelbſt ſprechend, wie es gern ſeine Gewohnheit war, wenn er ſich in guter Laune befand, und dies war er gewöhnlich, wenn er ſeinen Morgentrunk gethan,—„wollen ihm auch'mal eins trinken laſſen,— thut ſolch' einem Burſchen auch gut, nach langer Nacht.“ Und mit langſamem, täppiſchem Schritt wandelte er zur Stube hinaus, die Stiege hinauf,— hier an der Thüre hielt er an und horchte,—„ich glaube gar, der Burſche ſchläft noch,“ lallte er vor ſich hin,—„nun, wir wollen ihn ſchon wach machen,“ und er ſchob den großen, gewichtigen Schlüſſel in die Oeffnung des Schloſſes und drehte ihn mit vielem Geräuſche um,— dann legte er die Hand auf den Drücker und öffnete die Thüre. „Nun, alter Kamerad— wie geſchlafen im weichen Federbette?“ er lachte herzlich über die witzig ſein ſollende Anſpielung auf die hölzerne Bank, nur mit einem dünnen Strohſacke bedeckt, welche die Lagerſtätte des Gefangenen hätte ſein ſollen; aber— faſt wäre die Korbflaſche der Hand entſunken,— eben noch erhaſchte er ſie im Entgleiten ——„ja, wo biſt Du denn?“ ſtotterte er heraus,—— da fiel ſein Blick auf den ausgehobenen Kaminroſt,— „mache keine ſchlechten Witze, mit Deinem Verſteckenſpielen, — komm' herunter,— kannſt doch nicht fort auf dieſem Wege, Du dickes Beſt,“—— aber das dicke Beſt war richtig fort,— fort über Hügel und Thal und Waſſer,— —„Gott v—dm mich!“ brüllte er,—„er iſt fort! was iſt jetzt zu thun?“ Er verfiel in ein tiefes Sinnen, und um dieſem mehr Kraft zu geben, ſetzte er zu wiederholten Malen die Flaſche an den Mund; dieſes Erxperiment ſchien für den würdigen Büttel aber in der That probat, denn nach wiederholten An⸗ und Abſetzen kam er zu dem Reſultate ſeiner Re⸗ flexionen, daß für ihn nichts anderes zu thun ſei, als ſchnell nach dem Hauſe des Herrn Aldermann und ſtellvertretenden Bürgermeiſters zu gehen, und dieſem die geziemende An⸗ zeige zu machen. Mit einem durch Angſt und durch den trotz des an⸗ gewendeten kalten Sturzbades nicht ganz außer Wirkung gebrachten reichlichen Genuß des Brandy von geſtern, ver⸗ ſtörten Geſichte erſchien er vor der würdigen Juſtizperſon und brachte unter Beben und mit Stottern die Anzeige über die Flucht des Arreſtanten. Die Zorneswuth, mit welcher dieſe Nachricht aufgenommen wurde, läßt ſich kaum beſchreiben, und es hätte nicht viel gefehlt, ſo hätte unter Vergeſſen ſeiner Stellung und Amtswürde der ehrenwerthe Aldermann einen Stock ergriffen und in höchſt eigener Perſon den„nachläſſigen, verſoffenen Büttel“ wie er ihn nannte, durchgeprügelt; zum Glück war er jevoch ſo viel 206 Herr über ſeine Leidenſchaften, daß es ihm, bevor es noch zum Prügeln kam, einfiel, daß der entflohene Arreſtant dadurch doch nicht eingebracht würde, und daß es zweck⸗ mäßiger ſei, die nöthigen Anſtalten dafür zu treffen. Es wurden daher der Büttel, ſeine Gehülfen und ſonſtige Po⸗ lizeiperſonen nach allen Richtungen, mit Ausnahme der richtigen, ausgeſchickt, um nach Möglichkeit den Entſprun⸗ genen wieder einzubringen. Aber nachdem Mr. Tomkins ſeine Haltfeſts nach den verſchiedenen Gegenden der Inſel ausgeſchickt hatte, begab er ſich ſelbſt auf den Weg, um den Flüchtling am bezeichneten Ort aufzuſuchen, theils um noch verläßlichere Erkundigungen über die Rückkehr des Erben von Bergenhill einzuziehen, theils um ſich mit ſeinem Geſinnungsgenoſſen über die Art und Weiſe zu berathen, wie dieſer läſtige Aufdringling zu entfernen ſei. Sein Weg führte ihn durch die Biberſtraße, nahe beim Fort vorüber,— und wie der Zufall(wenn anders einen ſolchen anzunehmen uns erlaubt wird) oft etwas fügt, ſo geſchah es, daß ſo eben ein Trupp Soldaten mit einem Arreſtanten in ihrer Mitte die Gaſſe herabkam, und ſich dem inneren Thore der Feſtungswerke näherte. Es fuhr ihm eiskalt über den Rücken hinab, und ſchoß ihm wie Bleigewichte in beide Füße.„Hat ſich der Dumm⸗ kopf von den Soldaten fangen laſſen?“ war ſein erſter Gedanke, und ein mächtiger Schreck überkam ihn, denn auf 207 die Verſchwiegenheit und politiſche Klugheit ſeines Freun⸗ des Dick Seabroom ſetzte er nur ſehr wenig Vertrauen; aber als der Trupp näher kam, ſah er wohl, daß der Arre⸗ ſtant nicht ſein Geſinnungsgenoſſe ſei,— aber ſein Schreck wurde nicht vermindert,— er ſtieg vielleicht ſelbſt noch um einige Grade, als er den gefürchteten Erben von Bergen⸗ hill in dieſer militäriſchen Begleitung erkanute. „Treibt denn der Teufel heute wirklich ſein Spiel mit mir?“ fluchte er vor ſich hin. Er hatte ſo eben einen kleinen Plan in ſeiner ſchönen Seele entworfen und entwickelt, auf welche Art man am ſicherſten ſich der Perſon des jungen Mannes bemächtigen, — wie man ihn auf die„Möwe“ bringen könne;— was dann weiter mit ihm geſchehen ſolle, wollte er eben aus⸗ führlich mit dem Kapitän beſprechen; und eben jetzt, als er mit dem Plane ſoweit im Reinen war, kam der Gegen⸗ ſtand dieſes Planes die Straße herunter marſchirt. Es war ihm ganz gleichgültig, warum dieſer in militäriſchen Gewahrſam genommen worden; aber das dadurch unaus⸗ weichliche Zuſammentreffen mit Sir Francis Lovelace war es, was ihm ſogleich einfiel, und was ihm die dicken Schweißperlen der Angſt auf die Stirn trieb. Er hatte eben noch ſo viel Geiſtesgegenwart, um ſich ſchnell umzukehren und in das Thor eines Hauſes zu treten, damit er von dem Gefangenen nicht geſehen und 208 erkannt werde; als aber die Truppe an ihm vorüber war, folgte er ihr von weitem nach, mit tief in die Stirn ge⸗ drücktem Caſtor und das Taſchentuch vor die Naſe haltend, ſich unter das Volk miſchend, welches in ſeiner Neugierde der Soldatentruppe bis in den Hofraum des Forts nachzog. Hier hielt das Kommando an, und als nach einiger Zeit des Gouverneurs Befehl kam, den Gefangenen einſtweilen in Gewahrſam zu nehmen, eilte er mit etwas erleichtertem Herzen fort. „Da der Gouverneur nicht ſogleich den eingebrachten Arreſtanten in Augenſchein nahm,“ dachte er bei ſich ſelbſt, —„ſo wird er ihn wahrſcheinlich ein paar Tage oder wenigſtens bis morgen in der Zelle ſitzen laſſen, wie es gewöhnlich der Fall iſt, um einen Gefangenen ein wenig mürbe zu machen,— und bis dahin,— hallo! ſind es doch vier und zwanzig Stunden, und was ändern nicht vier und zwanzig Stunden!“ Mit dieſen und ähnlichen Gedanken eilte er jetzt die Straße hinauf, welche dem Landthore zuführte. Es war die heutige Wallſtraße, deren Name auch von den Wällen, welche die der innern Stadt zugekehrten Befeſtigungen des Forts ausmachten, als dieſes in ſpäterer Zeit ein mehr dem Zwecke und dem Namen entſprechendes Bauwerk wurde, hergeleitet worden iſt. In der Zeit, wo unſere Erzählung ſpielt, lief dieſe Straße jedoch nur an einer Reihe roh gezimmerter Palliſaden hin, welche als ganze Baumſtämme in die Erde getrieben, und an ihrem obern Ende mit der Axt zugeſpitzt, dicht neben einander ſtanden. Dieſer Palliſadenwand gegenüber waren Buden, kleine Kaufhäuſer, aufgeſchichtetes Holzwerk,— mit einem Worte, die Löwen der heutigen Wallſtreet, wo Millionen in baarem Gelde in den Geſchäftsſtuben der Wechsler liegen, wo in Millionen und Millionen Geſchäfte gemacht werden, wo links und rechts die Prachtgebäude mit Treppen und Fronten aus Granit, Marmor und unter oftmals überla⸗ denden architektoniſchen Verzierungen, mit vier, fünf, ſechs Stockwerken ſich erheben,— wir ſagen, dieſe mögen es wohl nicht ahnen, was für ein ärmliches Bild dieſelbe Straße damals abgab. Innerhalb der Palliſadenreihe, nämlich im Innern des Forts, ſtanden wieder mehre kleine Häuſer, größtentheils aus Holz, dem damals billigſten Baumaterial aufgebaut, da die Bauziegel größtentheils noch über See gebracht wurden; und in einem dieſer kleinen Häuſer, vermuthete Mr. Tomkins, möge wohl die Zelle ſein, welche dem Gegner ſeiner Ruhe als Aufenthalts⸗ ort angewieſen worden war. Plötzlich durchzuckte ihn ein Gedanke,— es war ein teufliſcher Gedanke,— aber er nahm ihn mit innigem Wohlgefallen auf,— er blieb ſtehen,— er betrachtete ſich das Palliſadenwerk: es waren alte ausgetrocknete Baum⸗ 1858. VI. Van Hoboken. III. 14 210 ſtämme, durch die trockene, nun ſchon viele Wochen dauernde Hitze viele Riſſe und Sprünge im Holze zeigend,— er blickte rundherum, was gab es da für eine Menge Holz⸗ haufen, Spaliere, Bretter, Buden,— Holz,— dürres, trockenes Holz, wohin man nur ſah;— wie geſagt: ein teufliſcher Gedanke durchzuckte ſeine ſchwarze Seele,— und mehr rennend als gehend eilte er jetzt dem Landthore zu. Er hatte dann nur ein kleines Stück über die ſtädtiſche Kuhweide zu gehen und war am Hudſon, wo ein ihm zu⸗ gehöriges zweiruderiges Boot an einer eiſernen Kette lag. Er hatte ſeinen kleinen Negerjungen ſchon voraus⸗ geſchickt, und dieſer wartete bereits ſeiner im Kahne. Sie ſetzten mit raſchen Ruderſchlägen über den Strom, legten aber nicht an dem gewöhnlichen Landungsplatze an, welchen der Aldermann ſtets benutzte, wenn er einen Beſuch auf Bergenhill vor hatte, ſondern ſie ruderten eine gute Strecke ſtromaufwärts, bis ſie zu der ſchon oft erwähnten Bucht des Hudſons in's Land hinein, kamen. Mr. Tomkins ſteuerte in dieſe ein, und ſie geradewegs durchſchneidend kam er an ihrem obern Ufer an. Er blickte um ſich; aber da war auch nicht eine Stelle, wo man feſten Fuß hätte faſſen können; ſenkrecht ſtand das Felsgeſtein hier, ſich aus der Tiefe des Waſſers erhe⸗ bend und in abwechſelnder doch überall ziemlicher Höhe aufſteigend. Wohl hing Wurzelwerk, Geſtrüpp, Schling⸗ 211 pflanzen und üppiges Gras über das Geſtein herab, manch⸗ mal ſelbſt bis zur Waſſerfläche ſich herabneigend und mit den leichten Wellen ſpielend,— aber eben dieſes Chaos ließ die ganze Wand, welche den obern Theil des Baſſins um⸗ ſchloß, um ſo mehr als eine unbetretbare Wildniß erſcheinen. Der Aldermann ruderte an dieſer Wand auf und nieder, aufmerkſam auf jeden Vorſprung, immer erwartend an irgend einer Stelle einen Platz, und ſei er auch noch ſo klein, zu erſpähen, auf den ein Mann ſeinen Fuß ſtellen könne, denn von dieſem Platze aus hoffte er, dann auch einen die Höhe aufwärts ſich ſchlängelnden Pfad entdecken zu können; aber all' ſein Spähen ſchien vergebens; ſchon glaubte er ſich von dem hinterliſtigen Seeränber genarrt, und mancher Fluch gleitete über ſeine Lippen, der, wenn er an das Ohr ſeines ſeligen puritaniſchen Vaters ge⸗ drungen wäre, dieſen gewiß beſtimmt hätte, ſich noch im Grabe umzukehren,— da, als er eben den Entſchluß faßte, alles weitere Suchen und Spähen aufzugeben, da guckte zwiſchen den Stämmen einer Zwillingsweide, welche aus einer Wurzel entſproſſen, beinahe ſenkrecht in naher Entfernung neben einander aufſtiegen, eine wahre Teufels⸗ fratze auf ihn herab, und mit einem grinſenden Lachen ſagte dieſe:„Nun, werther Herr, läuft hier Euer Alder⸗ mannswitz zu Ende? Könnt Ihr den Cours zu unſerm Hinterdecke nicht finden?“ 14* 212 „Willie!— Du hier?“ rief der Aldermann erfreut, da er den alten Schmuggler von früherer Bekanntſchaft her ſogleich wieder erkannte,—„nun, ſag' mir denn, Du alter Galgenſtrick, wo der Eingang zu Euerer Fuchshöhle iſt;— laßt mich da ſchon eine halbe Stunde wie einen Narren auf und nieder fahren.“ „Wäre vielleicht beſſer für Euch, den Eingang auch noch in der nächſten halben Stunde nicht kennen zu lernen,“ knurrte der alte Matroſe kaum verſtändlich. „Und warum dieſes?“ fragte der Aldermann. „Weil, wie Ihr ſelbſt ſagt, er zu einer Fuchshöhle führt.“ „Der Kapitän, Dein Meiſter, hat mich doch ſelbſt eingeladen, ihn hier zu beſuchen.“ „Kann ſein;— mag ihn aber auch wieder gerent haben.— Wir ſahen Euch längſt über das Waſſer her kommen, und hier auf und ab treiben.“ „Und ſandte Dick nicht ſchon früher Dich, um mir Beſcheid zu ſagen?“ fragte der Aldermann etwas arg⸗ wöhniſch. „Wäre dann auch früher da geweſen,“ knurrte der Schmuggler unwillig.—„Der Alte ſcheint eben nicht viel Freude zu haben, Euch hier zu ſehen.“ „Dummes Geſchwätz,“ verſuchte der Aldermann zu lachen,—„er muß mich ſehen,— iſt ſein eigener Vortheil.“ 213 „Mag ſein;— ob es jedoch Euerer iſt, kann Nie⸗ mand wiſſen.“ „Komm,— komm! halt' mich nicht länger auf!“ rief Mr. Tomkins ungeduldig. „Nun, Ihr ſeid ſehr in Eile heraufzukommen,— wäret vielleicht bald froh, wieder unten zu ſein.“ So knurrte der alte Schleichhändler in ſeiner un⸗ freundlichen Redeweiſe und die Teufelsfratze verſchwand zwiſchen den Zwillingsſtämmen der Weide. Kurze Zeit darauf ſchob ſich ein dichtes Geflecht von Moos, Epheu und anderen Schlingpflanzen, welches jedem noch ſo aufmerkſamen Blicke als wie aus der hinter ihm liegenden Steinwand hervorwuchernd erſchien, zur Seite, und es zeigte ſich, daß dieſes nur eine dichte, von der üppigen Natur gewobene Gardine war, die eine ſchmale Kluft der Felſenwand verdeckte; und in dieſer ſenkrecht etwa mannshoch aufſteigenden Felſenritze ſtand jetzt Wil⸗ lie, den grünen Blättervorhang auf die Seite haltend. „Nun, Sir, wenn es Euch beliebt,— hier iſt der Eingang zur Fuchshöhle, wie Ihr unſere Kajüte nennt,— aber gebt Acht, daß Ihr nicht etwas Anderes als nur einen Fuchs darin trefft.“ Er ſprach dieſe Worte mit ſo viel Bosheit, daß Mr. Tomkins unwillkürlich nach ſeinen Piſtolen griff, gleich⸗ ſam um ſich zu überzeugen, ob er auch wirklich nicht ver⸗ 214 geſſen habe, dieſe beizuſtecken. Der Schmuggler, welcher dieſe Bewegung bemerkt hatte, ſtieß ein heiſeres, rohes Lachen aus:„Das nenne ich mir einen Beſuch, wie ein Freund dem andern macht. Der eine ſieht nach, ob er die Piſtolen richtig im Gürtel hat,— und der andere ſchüttet friſches Pulver auf die Pfanne, wenn das Boot in das Baſſin einbiegt.“ Der Aldermann fühlte es kalt über den Rücken hinab⸗ laufen und er zauderte, das Boot zu verlaſſen und ſich auf die ſchmale Platte neben den Räuber hinzuſtellen. „Nun, wenn Ihr es vorzieht, Eueren Beſuch auf ein andermal zu verſchieben,“ ſagte dieſer ſpöttiſch,—„ſo ge⸗ habt Euch wohl,“ und mit dieſem nahm er den Anſchein, als wolle er die Gardine von Schlingwerk vor den Ein⸗ gang in die Kluft ziehen;— aber da trat die Nothwendig⸗ keit des Beiſtandes Dick's lebhaft vor die Augen des Aldermanns, und mit Entſchloſſenheit ſagte er:„Du biſt ein alter Plauderer, wie Du immer warſt,— was ſchwätzt Du von einem Aufſchieben des Beſuches?— Tritt ein wenig rückwärts, daß ich auf dem teufliſch ſchmalen Antritt Poſto faſſen kann.“ „Nun, wenn Ihr es wollt, ſo kann dies auch ge⸗ ſchehen,“ ſagte Willie— und machte einen Tritt zurück, — mit einem entſchloſſenen Sprunge war der Aldermann auf der Platte, und die grüne Gardine ſank nieder, und * hing ſo ruhig an der Felswand hinab, als wenn ſie nie bewegt geweſen, und der kleine Negerjunge blickte erſtaunt nach aufwärts und wußte nicht, wohin ſein Herr und Meiſter gekommen ſei,— und abgeſchieden von der Außen⸗ welt ſtand dieſer im grünen Dunkel einer Felſenkluft an der Seite eines Geſellen, dem man es anſah, daß er Dieb, Räuber und Mörder ſein könne, je nachdem es die Um⸗ ſtände erheiſchen oder der Befehl ſeines Meiſters lautet. „Jetzt folgt mir,— wir ſind gleich wieder im Hellen,“ ſagte er; und ſo war es auch: nachdem ſie fünf oder ſechs Schritte gemacht, hatten ſie eine Art Tunnel paſſirt, und dann ging ein Pfad aufwärts,— ſie waren im dichten Urwalde und ſchwangen ſich von Baumſtamm zu Baumſtamm die ſenkrecht aufſteigende Höhe hinan, bis ſie zu dem unförmlichen Felſenſtück, welches vielleicht vor tauſend und tauſend Jahren von der Höhe herabgeſtürzt war, gelangten. Sie umkletterten es, ſie zwängten ſich durch, ſie bückten ſich, und verfolgten den Felſengang fünf, ſechs Schritte lang,— und aufrecht ſtanden ſie in der ge⸗ räumigen Felſenhöhle. Wir haben es ſchon einmal erwähnt, daß es einige Zeit benöthigte, bevor Einer der aus der Tageshelle in das Dunkel dieſer Höhle trat, ſich ſoweit an dieſen Lichtwechſel gewöhnte, um hier Gegenſtände unterſcheiden zu können; und ſo vernahm auch Mr. Tomkins früher die ihm zu⸗ 216 gerufenen Worte, bevor er die Geſtalt ſeines Freundes und Vertrauten wahrnehmen konnte. Tomkins war kein Feigling, im Gegentheil, die Natur hatte ihn mit mehr perſönlichen Muth ausgerüſtet, als man gewöhnlich bei Leuten ſeines mehr dem Frieden ſich zuneigenden Standes zu finden gewohnt iſt, als er aber jetzt in der dunklen Felſenhöhle ſtand, und ſich in der Ge⸗ ſellſchaft zweier Schurken erſten Ranges wußte, da war es doch, als vernehme er ſeinen eigenen Herzſchlag und be⸗ merke einiges Beben ſeiner Kniee.„Aber er hat keine Urſache mir ein Leid anzuthun,“ ſuchte er ſich ſelbſt Troſt zuzuſprechen.—„Der alte Räuber Willie ſchwätzte jedoch von einem Bereuen, daß er mich hierher eingeladen habe; er ſelbſt äußerte: außer mir und noch einem, gewiß ſein Vertrauter, darf kein lebender Menſch von dieſer Höhle wiſſen,“ ſo flüſterte ein ängſtliches Gefühl in ſeiner Seele, und er griff raſch nach der einen Piſtole, als er jetzt im dunkelſten Winkel das Geraſchel des Blätterlagers vernahm, und von dorther ihm die Worte zukamen:„Gott v—d— mmich! biſt Du wirklich gekommen, Du Seekalb!“ „Habe ich nicht zugeſagt, zu kommen?“ „Man ſagt öfters etwas, das Einem hintennach reut.“ „Nie das, was man einem Freunde verſpricht.“ „Hm! Freund!— Dummes Wort!“ knurrte der Räuber. „Doch, wollen wir hier im Finſtern bleiben?“ fragte der Aldermann—„kannſt Du nicht einiges Licht machen?“ „Iſt nicht nothwendig,“ murrte Dick entgegen— „biſt Du mal fünf Minuten hier, wirſt Du Helle genug haben, um meine Phyſiognomie auszunehmen.“ Und mit dieſen Worten kam er aus ſeinem Winkel hervor und näherte ſich ſeinem Geſinnungsgenoſſen, ihm nach Seemannsbrauch die Hand bietend. „Dein Schlüſſel war v—d—t gut, die Armbänder fielen weg, wie abgeblaſen; aber der Strick war ein gut Stück zu kurz; mußte einen verteufelten Sprung machen, um mit den Füßen auf feſten Boden zu kommen.“ „Du haſt doch keinen Schaden genommen?“ fragte der Aldermann mit dem Anſcheine der innigſten Theil⸗ nahme. „Das ſiehſt Du wohl, Du Schweinfiſch,“ rief der Räuber mit rohem Lachen,—„ſonſt wäre ich nicht hier.“ „Darüber bin ich ſehr froh. War ein Glück, daß ich dieſes Stück Seil gerade in meinem Schrank hatte. Man iſt nicht immer vorbereitet, um einen Freund aus einer Verlegenheit zu helfen.“ Der Aldermann that, was er vermochte, um den alten Seeräuber in guter Laune zu erhalten, und mit dem cordialſten Tone von der Welt ſagte er:„Ich habe Dich 218 geſtern tractirt und hoffe, daß Du heute mich nicht auf trocknem Sande wirſt ſitzen laſſen.“ „Gewiß nicht,“ ſagte Dick—„und Du ſollſt heute hier gerade eben einen ſo guten Tropfen bekommen, als Du mir geſtern vorgeſetzt haſt.“ Er ſprach auch keine Unwahrheit. Der franzöſiſche Cognac war gut, und die beiden Freunde ſaßen ſich ein⸗ ander gegenüber, jeder auf einer rauhen Felſenkante, welche wie zu dieſem Zwecke von der Natur gebildet, nahe dem Eingange ſich befand,— und die beiden Männer hatten jeder eine kleine Flaſche in der Hand, aus welcher ſie zeitweiſe, im Verlaufe ihrer Converſation, einen Schluck machten. „Und nun wir uns geſtärkt haben,“ ſagte der Alder⸗ mann nach einiger Zeit—„ſo laßt uns von unſerm Ge⸗ ſchäfte ſprechen.“ „Eigentlich Euer Geſchäft,“ ſagte Dick trocken— „Wie ich ſchon geſtern Nacht erwähnte, hatte ich damals gar keine Abſicht, den Buben mitzunehmen,— denn, daß er hier hereinkam— wohl!— es war mir eben nicht ganz recht; aber ich und Willie hatten bereits Alles fertig gemacht und was konnte ſo ein Nickel von fünf Jahren erzählen, vielleicht, daß er zwei Männer hier im Teufelsloch geſehen,— weiter nichts,— aber Euch war daran gelegen, den Erben eines reichen Vaters zu ent⸗ fernen,— ſo denke ich mir die Geſchichte,— und ſo iſt und bleibt es immerhin Euer Geſchäft.“ „Und wenn der kleine Nickel auch nicht viel erzählen konnte, ſo doch gewiß jetzt der groß aufgewachſene Burſche,“ ſagte Tomkins,—„er kennt Dich und Dein Gewerbe, — er weiß, daß Mancher von Deinem Gewerbe an ab⸗ gelegenen Plätzen, gut mit eiſernen Reifen und Nägeln beſchlagene Kiſten in die Erde verſenkt, und wenn man dann nachgräbt und dieſe Kiſten aufſprengt, man eine hübſche Sammlung von Münzſorten aus aller möglichen Herrn Länder auffinden wird,— es wäre jedenfalls eine lohnende Schatzgräberei, wenn man ſich die Mühe nehmen würde, in dieſer Höhle hier ein wenig in der Erde umzu⸗ wühlen.“ „Was weißt Du davon?“ fragte Dick mit einem ſtechenden Blick. „Ich— ich weiß nichts davon,“ erwiederte Tom⸗ kins,—„es iſt nur meine Vermuthung, und Du wirſt ſelbſt am beſten wiſſen, ob es Dir gleichgültig iſt, oder nicht, daß der Burſche dieſen verborgenen Winkel zu finden weiß.“ Nach einigem Beſinnen ſagte Dick:„Ich habe Dir ja geſtern ſchon geſagt, daß der Burſche von hier fort muß,— ſo daß er nicht mehr zurückkommen kann,— und Du wollteſt mir ihn ja ſchaffen?“ 220 „Die Dinge haben ſich böſe geſtaltet,“ ſagte Tom⸗ kins—„er ſitzt feſt im Fort,— der Gouverneur hat ihn feſtnehmen laſſen, ich weiß nicht warum?“ „Um ſo beſſer,— iſt uns eine Mühe erſpart, wenn ihn der Gouverneur hängen läßt.“ „Das wird der Gouverneur aber nicht. Der Burſche wird da plaudern. Sind alte Bekannte. Man wird die „Möwe“ nehmen, und den Kapitän— hängen.“ „Und Mr. Tomkins daneben.“ „Wäre aber dumm genug, wenn dieſe Beiden dieſes abwarten würden.“ „Meinſt alſo, wir ſollten uns davon machen,— dieſe Nacht noch?“ fragte Dick eifrig—„Willie ſoll, wenn es dunkel wird, das Boot holen, und wir treiben ſo ſtill als möglich die Bay hinaus,— da bei Sandy Hook liegt die„Möwe“— und fort ſind wir.“ „Daß wir Narren wären,“ erwiederte Tomkins— „ſoll ich die ganzen Jahre her umſonſt den Einen Plan verfolgt haben, um jetzt durch feige Flucht alles mit Einem Wurfe wegzuwerfen?— Willſt Du erleben, daß die Schatzgräber hier die Erde umwühlen und nach Deinen ſauer und gefahrvoll erworbenen Schätzen ſuchen? Nein! das wollen wir nicht. Zwei Männer, wie wir, werden wohl auch noch einen vernünftigeren Ausweg wiſſen, als ſich feig davon zu ſchleichen. Der Burſche muß fort, dann biſt Du ſicher, dann bin ich ſicher. Noch kam es nicht dazu, daß der Gonverneur ihn ſah,— vielleicht morgen,— alſo heute Nacht noch müſſen wir den Bur⸗ ſchen in unſre Hände bekommen.“ „Und wie iſt das möglich, wenn er im Fort ſitzt? Giebt es da vielleicht auch einen Kamin?— aber dann ſag' ich Dir, Mann, gieb ihm gewiß einen Strick, der zu kurz iſt, und daß er ſich im Sprunge das Genick bricht.“ „Unſinn!“ ſagte Tomkins—„höre Dick! wie viele von Deinen Burſchen kannſt Du bis gegen Mitter⸗ nacht zur Stelle ſchaffen?“ „Willie ſagt, daß zehn oder zwölf verwegene Kerls von der Möwe heute mit der Pinaſſe hereingekommen ſind, um ſich nach mir umzuſehen, da ich ihnen über die Zeit ausgeblieben bin,— ſie lungern in den Schank⸗ häuſern herum.“ „Könnteſt Du unter dem Volke im Hafen nicht noch einige Dutzende, eben nur um Lärm zu machen, auftreiben?“ „So viel ich ihrer brauche,“ erwiederte Dick mit Selbſtgefühl,—„kennt Alles den alten Dick— darf nur heißen, es gilt einen Schmuggler frei machen, iſt alles Volk bei der Hand— Du meinſt, wir ſollen das Fort angreifen?“ „Das wäre Unſinn— was wollteſt Du gegen das 222 reguläre Militär ausrichten, und wenn auch Deine Bur⸗ ſche ſo verwegen ſind, daß ſie die Hölle zu ſtürmen ſich nicht beſinnen würden,— das wäre purer Unſinn.“ „Und was ſoll ich denn thun?“ „Ihr legt mit euren kleinen Fahrzeugen am obern Gelände an, und ſchleicht euch auf verſchiedenen Wegen in die Stadt herein. Es iſt hier ohnedem zeitig Nacht und Alles ſchläft in feſter Ruhe. Du kennſt die Gaſſe, die an den Palliſaden herabläuft?“ „Gut genug.“ „Iſt alles Holzwerk und ſo dürr und trocken, und die Baumſtämme von der Sonnenhitze ſo aufgezogen und geſplittert, daß es eben nur eines brennenden Stroh⸗ wiſches bedarf, um die ganze Reihe in helle Flammen zu ſetzen.“ „Du meinſt doch nicht, daß wir die Stadt anzünden ſollen?“ „Wer ſagt das, Dummkopf— ich meine nur die Palliſaden und das Lattenwerk dazwiſchen—“ „Wenn es aber weiter greift und die Stadt mit hineinzieht?“ „Kann nicht ſein. Der Wind geht von der Landſeite herab, treibt die Flammen nur ſo beſſer in das Fort, und das iſt eben, was wir wollen. Giebt da allerlei Hütten⸗ werk für das Soldatenvolk. Wirſt ſehen wie das heraus⸗ ſpringen wird. Vergißt es den Burſchen, der da feſt⸗ ſitzt,— wohl, ſo haben wir eine Arbeit erſpart,— und bringen ſie ihn mit heraus, ſo wird da ſolch' ein Durch⸗ einander ſein, daß ein halb Dutzend Deiner Burſche ſeiner ſchnell habhaft werden können,— und dann fort mit ihm, hinab zum Waſſer, und in die Boote, und eilig fort, hin⸗ aus durch die Bay, nach Sandy Hook, wo die ſchmucke „Möwe“ liegt.“ „Und wohin dann mit dem Burſchen?“ fragte der Kapitän mit einem boshaften Seitenblick. „Ja, ſagte ich denn nicht— auf die„Möwe.“ „Da kann er jedoch nicht ewig bleiben.“ „Gewiß nicht.— Nun, Du wirſt ſchon wiſſen, wo⸗ hin mit ihm.“ „Hm! vielleicht nach China?“ „Wenn Du bürgen kannſt, daß er von dort nicht zurückkommt.“ „Wäre ſchwer zu bürgen. Oder meinſt Du, daß ich ihn als Ausreißer von der„Möwe“ behandeln ſoll?“ „Das wäre etwas.“ „Dann hängt er am Vormaſt.“ „Ei, würde mich doch dauern, das junge Blut,“ ſagte Tomkins mit dem Ausdrucke des Bedauerns, wel⸗ ches jedoch ſpöttiſch war. „Oder glaubſt Du— über Bord?“ 224 „Stelle nicht ſo dumme Fragen. Haſt Du ihn ein⸗ mal auf der Möwe, ſo iſt es Dein Geſchäft, die Vor⸗ kehrungen zu treffen, daß er nicht mehr zurückkommt.“ „Und Du im Beſitze ſeines Erbes bleibſt.“ „Und die Schatzgräber hier nicht die Erde umwühlen. — Doch laß das Geſchwätz,“ ſagte Tomkins etwas un⸗ willig—„ich mache Dir nicht weiß, daß es Dein Nutzen allein iſt, wenn Du den Burſchen verſorgſt, und Du kannſt es mir nicht hinausreden, daß Du blos mir dadurch einen Dienſt erweiſeſt. Wir kennen uns gegenſeitig zu gut und wiſſen, daß wir auf gleichem Boden ſtehen. Triff Du Deine Anſtalten gut,— ich ſelbſt werde auf dem Platze erſcheinen,— merke Dir, um Mitternacht— ſeid flink, macht viel Getöſe——“ „Und wenn die Stadt angehen ſollte—?“ „Nun, dann können die guten Bürger von Neu⸗York löſchen,— was kümmere ich mich um das Budenwerk— ich und Du müſſen gerettet ſein.“ Die beiden würdigen Verbündeten ſaßen noch eine Weile beiſammen, eifrig ſich beſprechend, den ganzen Plan nochmals überdenkend, ſich für alle Möglichkeiten vor⸗ bereitend, und die genaueſten Beſtimmungen treffend. Dann nahm der Aldermann mit einem herzlichen Hände⸗ druck und dem aufrichtig geſprochenen„Glück aufle von dem Freunde Abſchied. wendet. Zu einer andern Zeit wäre die ſich ihm hier bietende Ausſicht allerdings von der Art geweſen, um ihm eine angenehme Zerſtreuung zu bieten. War die Bay auch damals noch nicht ſo belebt, als ſie es heut zu Tage iſt, ſo iſt ſchon an und für ſich eine große Waſſerfläche, von prachtvollem Hügelland umgeben, ein Gegenſtand, auf den man Stunden lang hinblicken kann, ohne ermüdet zu werden, um ſo ſicherer, wenn jetzt und dann einmal ein Schiff mit vollen Segeln über dieſe Fläche hinfliegt, kleiner und kleiner werdend, je weiter es ſich von uns entfernt, bis es endlich verſchwindet;— oder es taucht am Horizonte Etwas auf, gleich einer Möwe, die mit ſchwerem Flügel⸗ ſchlage auf dem Kamme einer Welle flattert; das flatternde Weſen wird größer und größer, erhebt ſich wie eine weiße Wolke aus dem dunklen Elemente, mit dem dunklen Ele⸗ mente im Hintergrunde, bis es endlich als weiße Lein⸗ wandphramide uns näher und näher rückt und als präch⸗ tiger Segler dem Hafen zu fliegt;— ein anderes Mal zeigen ſich vier, fünf ſchwarze Punkte, die ſich vom Küſten⸗ rande der fernen Inſel loszulöſen ſcheinen; ſie erſcheinen und verſchwinden, je nachdem ſich die Wellen heben und ſenken; aber ſie kommen näher und näher,— es ſind Boote oder Kähne, die im raſchen Wettlaufe, durch ge⸗ wichtigen und gewandten Ruderſchlag getrieben, die Bay herab jagen,—— wie geſagt, ein anderes Mal hätte 15* 228 dieſe Ausſicht unſerm jungen Seemann gewiß behagt; aber heute machte ſie eher einen unangenehmen als ange⸗ nehmen Eindruck auf ihn, und er ſprang endlich vom Stuhle auf und verließ das Fenſter. Er wandelte mit großen Schritten im Zimmer auf und nieder,— er blieb ſtehen und betrachtete ſeinen Aufenthaltsort, als wolle er ſich darin Zerſtreuung ſuchen, wie es überhaupt nichts ungewöhnliches iſt, daß eine bewegte, mit großen und wich⸗ tigen Gedanken beſchäftigte Seele oft ſich plötzlich, wie im ſchnellen Abriſſe, den unbedeutendſten Kleinigkeiten hin⸗ giebt und ſie dem Anſcheine nach mit Aufmerkſamkeit be⸗ trachtet. Das Zimmer, welches er für jetzt bewohnte, bot freilich nur wenig dar, was ſeine Aufmerkſamkeit feſſeln konnte: einen hölzernen Tiſch, der auf drei Füßen balan⸗ cirte, und dem man, um ſein Gleichgewicht herzuſtellen, an der Seite des mangelnden Fußes einen Stuhl unter⸗ geſtellt hatte, wodurch aber ſeine Platte, ſtatt eine hori⸗ zontale Fläche zu ſein, das Bild einer ſchiefen Ebene dar⸗ ſtellte. Die zwei oder drei Stühle, die außer dem Stütz⸗ punkte ſich im Zimmer befanden, ſchienen Jedem, der etwa Miene machte, ſich ſetzen zu wollen, zuzurufen:„Schau, Trau, Wem!“ Das Bett war ein gewöhnliches Bretter⸗ werk, grob zuſammengezimmert, wie man es in den Ba⸗ raken der Soldaten zu finden pflegt, und darauf ein Strohſack, ein dünnes Kopfpolſter und eine wollene Decke ——— — 229 ausgebreitet,— das Ganze hatte aber ein ſo wenig ein⸗ ladendes Anſehen, daß ſelbſt Einer, der eben nicht an Lurus gewöhnt ſein mochte, es vorziehen mußte, die Nacht auf dem Stuhle, ſtatt auf dieſem Lotterbettlein zuzubringen. Ueberhaupt herrſchte überall, wohin man nur blickte, ſo viel Schmutz und widerliche Unreinlichkeit, als man nur bei einer vorſätzlichen Vernachläſſigung zu finden denken konnte. Daſſelbe war mit dem Mahle der Fall, welches ihm bei einbrechender Dunkelheit aufgetragen wurde. Es iſt wahr, was die Quantität anbetraf, wäre nicht zu klagen geweſen, denn an dieſem Roaſtbeef hätten ſich fünf Gefan⸗ gene ſatt eſſen können; aber die Bereitungsart hätte ſelbſt Einen, der weit davon entfernt war, daß man ihn einen Epikuräer geſcholten, abgeſchreckt, ſeine Zähne in Gefahr zu bringen, und damit ſich an dieſes Kunſtſtück der Koch⸗ kunſt zu wagen. Zum Glück für den hungrigen Magen unſeres jungen Freundes, der ſeit dem Morgen nichts ge⸗ noſſen hatte, war der Schiffszwieback ziemlich erträglich, auch ward ein gewichtiges Stück guten Holländerkäſes aufgetiſcht und die Flaſche guten Cognacs, die als Beglei⸗ tung mitkam, war keinesfalls zu verachten. Auf dieſe Weiſe war das Mahl, welches mit richtiger Benennung Diner und Souper in einer Perſon war, erträglich, und Francis, der gewiß kein verwöhnter Gutſchmecker genannt werden konnte, war zufrieden. 230 Nachdem er ſeine Tafel aufgehoben hatte, ſchritt er bei zunehmender Dunkelheit im Zimmer auf und nieder. Es iſt ein bekannter Spruch:„Die Nacht iſt keines Men⸗ ſchen Freund!“— aber wir glauben nicht, daß damit ge⸗ meint ſein ſoll, die Zeit der Nacht ſei mehr unheilbringend, hinterliſtiger, verrätheriſcher dem Menſchen geſinnt;— es mag ſein, daß man ſich eher anſtößt, ſtolpert, fällt, aber wer gute Augen hat und ſich vorſieht, hat dieſes bei Nacht ſo wenig als bei Tagezeit zu befürchten;— es mag ſein, daß Diebſtähle und Einbrüche in wohl verſchloſſene Häuſer häufiger bei Nacht geſchehen; aber die größeren Diebſtähle, wir meinen die betrügeriſchen Bankrotte, die Eiſenbahn⸗ aktien⸗Schwindel und andere derlei Schurkereien en gros, wie die alte und neue Welt jetzt im edlen Wetteifer auf⸗ weiſt, ſind keine Werke der Nachtzeit,— um kurz zu ſein: wir ſehen nicht ein, was dem Menſchen zur Nacht mehr Uebles widerfahren ſollte, als am hellen Tage; aber das eine iſt wahr: daß man zur Nachtzeit Alles ſchwarz ſieht, — ſowohl mit dem körperlichen als mit dem geiſtigen Auge, und eben was dieſes letztere Schwarzſehen betrifft, da dürfte das Sprichwort:„Die Nacht iſt keines Menſchen Freund,“ ſeine Erklärung finden; denn derjenige iſt nicht mein Freund, der mir kleine Sorgen vergrößert, der ſtatt mich zu tröſten und aufzumuntern, immer tiefer in meiner gei⸗ ſtigen Entmuthigung ſinken läßt. Unſer junger Freund 231 erfuhr das, was vielleicht wir Alle ſchon erfahren haben: als die düſtere Dunkelheit in ſein Zimmer eingezogen war, begann er zu reflectiren und die ganze Sache erſchien ihm, wegen Mangel an Licht, grau— ſehr grau. Er fühlte ſich heute das erſte Mal in ſeinem Leben,— eben nicht kleinmüthig verzagt,— doch in übler Laune, unruhig, un⸗ muthig.„Ich bin in meinem Leben gewiß in Lagen ge⸗ weſen, die weit übler waren als dieſe,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,—„weit gefährlicher,— denn genau betrachtet, giebt es hier gar keine Gefahr für mich,— weit eher einen guten Ausgang hoffen laſſend,— denn wie die An⸗ gelegenheiten diesmal ſtehen, kann mein Aufenthalt in dieſem Schmutzwinkel gewiß nur kurze Zeit dauern, ich werde vor autoriſirte Richter geſtellt,— es wird ſich zeigen, daß mein Betragen während meines Aufenthalts in dieſer Gegend durchaus kein verfängliches war,— man wird mich gehen laſſen, wohin ich zu gehen Luſt habe,— und doch!— was iſt es denn, das mich ſo unruhig macht? — Die abenteuerliche Zuſammenkunft einiger unruhiger Köpfe in dem Keller? Ei, was geht das mich an? Ich kam dazu, wie ein gut dreſſirter Haushund zufällig unter eine Schaar wilder Hunde gerathen kann, dieſe halten ihn für ihres Gleichen, weil er eine Pudelſchnauze hat, und wollen ihn mit auf einen ihrer Raubzüge nehmen, obwohl er davon nichts verſteht,— da erblickt ihn ſein Herr, ruft 232 ihn an ſich und ſtraft ihn dafür, daß er ſich mit jenen wilden Ausreißern eingelaſſen hat, obwohl er noch nicht einmal wußte, was jene vor hatten..... Oder iſt es jenes Abenteuer mit dem alten Seeräuber? Darüber, daß ich ihn über den Haufen geſchoſſen habe, ſich Vorwürfe zu machen oder unruhige Gedanken zu hegen, wäre Thorheit; denn einmal war es Selbſtvertheidigung, und dann iſt der menſchlichen Geſellſchaft gewiß durch die Entfernung dieſes Scheuſals eine Wohlthat erwieſen worden. Beſſer wäre es für mich freilich, wenn er noch am Leben wäre,— er wäre der vollgültigſte Zeuge geweſen,— vor dem Gou⸗ verneur gebracht, hätte man ihn durch Drohungen wohl zum Geſtändniß bringen können,— nun ſei es, wie es iſt, — wird auch ohne ihn zu Stande gebracht werden können, — aber eins ſoll gewiß ſein, daß nämlich ein Arreſt von wenigen Stunden in dieſem Schmutzwinkel mir nicht meinen Muth und Humor nehmen ſoll; habe ich beide doch ſtets erhalten unter jedem Himmelsſtriche, in Mangel und Noth, in Gefangenſchaft, wo dem verdächtigen See⸗ räuber der Strang und dem Verbündeten der Pequots der Scheiterhaufen drohte. Ich habe mit Frau Fortuna manchen Kampf gefochten, und ſie ſoll jetzt nicht mich be⸗ ſehen daß gelobe ich mir und ihr!“ Wir ſehen, er war ein geiſteskräftiger junger Mann, der es ſelbſt mit dem Feinde des Menſchen, der Dunkelheit, — ————————— — —. 233 aufnahm, um ſeine Angelegenheiten von der günſtigſten Seite zu betrachten, und es gelang ihm auch,— in dieſer einen Richtung ſeines Verhängniſſes; aber im Laufe ſeines Gedankenfluſſes mußte er und war er auch natürlicher Weiſe auf einen andern Gegenſtand gekommen, der gewiß einer tieferen Ueberlegung würdig war. Arabella!— was war ſie ihm? was war er ihr? Er hatte ſie damals, im ſüdlichen Frankreich, als die Enkelin einer achtungs⸗ werthen, ahnenſtolzen, aber in Vermögensumſtänden herab⸗ gekommenen Familie kennen gelernt,— die Schönheit, der Geiſt, die romantiſche Zügelloſigkeit der Phantaſie dieſes Mädchens hatte auf den Jüngling, der noch nie in die Gelegenheit gekommen war, je ſich einem Mädchen aus der beſſern Klaſſe der Geſellſchaft zu nähern, einen außer⸗ ordentlichen Eindruck gemacht,— die Scenerie des Landes, wo alles Romantik hauchte, und über die das wundervolle Mädchen faſt wie eine Königin zu herrſchen ſchien, trug nicht wenig dazu bei, das Intereſſe des Jünglings, der durch das Abenteuerliche ſeines ganzen Lebens, durch Lec⸗ ture und dadurch erweckte Widerſprüche in ſeinem Denken und ſeinem Handeln, ſelbſt zu dem ſich hinneigte, was die ganze Seele des Mädchens erfüllte, zu erwecken und grad⸗ weiſe zu ſteigern;— und als er im Verlaufe der Zeit ſeines Aufenthaltes auf Chateau Hautbrien näher und näher bekannt wurde mit der Willenskraft, Charakterſtärke, 234 Entſchloſſenheit dieſes Mädchens, das ihn anfangs durch Schönheit, Geiſt und Romantik geblendet hatte,— als er mit ihren reelleren Eigenſchaften bekannt wurde, da gab er ſich ſelbſt die Entſcheidung, es könne auf der ganzen Welt kein vollkommeneres weibliches Weſen, als Ara⸗ bella ſei, gefunden werden. Wir wiſſen recht gut, was es heißt, wenn ein junger Mann eine ſolche Erklärung über ein junges Mädchen abgiebt, wir kennen auch die ge⸗ wöhnliche Folge davon; in dieſem Falle war dieſe aber auch noch eine insbeſondere, es war die gänzliche Umände⸗ rung der Stellung, welche der Jüngling bisher im bürger⸗ lichen Leben eingenommen hatte. Das, worüber er oft gedacht, gezweifelt, geforſcht hatte, war ihm plötzlich klar geworden,— jetzt wußte er es, daß der Lieutenant, ſelbſt nicht der Kapitän eines mit einem letter of mark aus⸗ geſtatteten Schiffes, dieſem Mädchen ſagen dürfe:„Ich liebe Dich!“— Das, worüber er nicht durch ſeine Lecture auf der„Möwe,“ nicht durch ſeinen Umgang mit dem wür⸗ digen White auf dem„königlichen Löwen“ in volles Ver⸗ ſtändniß kam, darüber wurde er durch dieſes Mädchen be⸗ lehrt. Es waren nicht die Ahnen des Großvaters, welche ihn zurückwieſen,— es war das Verhängniß, das ihn zum Freibeuter gemacht, welches eine Scheidewand zwiſchen ihm und ihr aufgemauert hatte,— er wußte es, daß die Bild⸗ niſſe des Miniſters, Feldmarſchalls und Kardinals in der 4. großen Speiſehalle, vor denen der Großvater, bevor er ſich zu Tiſche niederließ, jederzeit eine ehrfurchtsvolle Ver⸗ beugung machte, für ſie eben nur als an der Mauer hän⸗ gende Porträts Geltung hatten,— ſie ſprach auch nie von denen, die zu den Porträts geſeſſen hatten,— ſie ſprach ſelbſt nie von ihrem Vater, der abweſend war,— Frank erfuhr nicht einmal deſſen Namen, für ihn war Arabella die ſelbſtſtändige, eigenkräftige, unabhängige Königin des Landes der Romantik, in dem ſie geboren, und ſich ſelbſt zur Herrſcherin gemacht hatte,— aber ihr gegenüber fühlte er auch, daß die Stellung, die er bisher in der Geſellſchaft eingenommen hatte, nicht diejenige ſei, die ihm zukomme,— ein in ihm ſchlummerndes Gefühl für wahre Ritterlichkeit, ward durch ſie zur vollen Erkenntniß erweckt, und als er das ſchöne Land der Romantik mit ſeiner wundervollen Herrſcherin verließ, da war er gewiß, nie mehr ein Schiff, durch einen letter of mark zum Seeräuber legaliſirt, zu betreten. Er war kein liebeſiecher Schwärmer; er verfaſelte nicht die Zeit mit Pläneausbrüten, die nie zur Ausfüh⸗ rung kommen, weil die Liebe die Schwingen lähmt, die nothwendig zum gewagten Fluge ſich erheben müſſen;— als er einmal mit ſich ſelbſt im Klaren war, da verließ er das Land, wo die Königin ſeines Herzens lebte,— da eilte er nach Amerika,— dahin zog es ihn mit wunderbar 236 ahnungsvollem Drange,— und hier war er nun,— ein Gefangener, in gemeiner Haft, im Verdachte eines ge⸗ meinen Spions,— und der ihn feſtgeſetzt, war— Ara⸗ bella's Vater.— Doch nicht dieſes war es, was ihn bewegte. Es war der Gedanke, ob es nicht beſſer geweſen, wenn er Ara⸗ bella nie wieder geſehen hätte. Während ſeines Auf⸗ enthaltes auf Chateau Hautbrien hatte er es zwar nicht vor dem Mädchen zu verbergen geſucht, daß ſie der Abgott ſeines Herzens ſei, daß er ſie anbete, liebe,— aber er hatte es nie mit Worten ausgeſprochen, denn er kannte die Scheidewand, die zwiſchen ihr und ihm beſtand; doch es bedurfte da nicht der Worte, wo jeder Blick, jeder Athem⸗ zug ihr das ſagte, was dieſe verſchwiegen, und ſie hatte ſich nicht von ihm abgewendet und ihn zurückgewieſen, im Gegentheil, ſie ſchien vollkommen zufrieden mit den Hul⸗ digungen, die er ihr brachte,— ſo, ohne eine beſtimmte Erklärung, waren ſie geſchieden; er mit dem ritterlichen Vorhaben, die Scheidewand, welche ihn von ihr trennen mußte, niederzureißen und dann dorthin, wo ſeine Liebe wohnte, zurückzukehren und zu ſagen: habe ich auch keine Ahnen im Speiſeſaale hängen, die prunkend den alten aber verſchwundenen Glanz meiner Familie verkünden, ſo habe ich doch ſelbſt einen ehrenhaften Namen, und mit dieſem biete ich Dir meine Liebe an— und wenn Du mit Stolz auf die Namen Deiner Vorfahren zurückblicken kannſt, ſo will ich es dahin bringen, daß meine Nach⸗ kommen mit Stolz auf mich, ihren Ahnherrn, zurückblicken ſollen,— dieſes war ſein ritterlicher Gedanke,— und jetzt traf er ſie an der Seite eines gut ausſehenden, reich⸗ gekleideten jungen Mannes, der, wie er hörte, einer der erſten und angeſehenſten Familien Alt⸗Englands ange⸗ hörte,— er fand ſie mit dieſem téte-a-téte auf einem Spazierritt, ſchäkernd, lachend, voll von Fröhlichkeit,— war es nicht wahrſcheinlich, daß ſie des armen Schiffbrü⸗ chigen, der zufällig dort an's Land geworfen ward, wo ſie lebte, vergeſſen hatte? war es nicht wahrſcheinlich, daß ſie im Gewirre der Zerſtreuungen, welche ihr das Leben in der Geſellſchaft ihres Standes bot, kaum mehr an die unſchuldigen Schwärmereien, denen ſie in der Einſamkeit der romantiſchen Thäler zwiſchen den Pyrenäen freien Lauf gelaſſen hatte, dachte? war es nicht faſt gewiß, daß die Huldigungen und Schmeicheleien des reichen Lords die einfachen Worte des Jünglings ohne Namen und Stand aus ihrem Gedächtniſſe verwiſcht hatten?— Wäre es alſo nicht beſſer geweſen, wenn er ihr nie wieder begegnet wäre?“— Dieſes waren die Gedanken, welche ihn beſchäftigten, als er jetzt in tiefer Dunkelheit in ſeinem Zimmer auf⸗ und niederſchritt, oder an das Fenſter trat, um ohne be⸗ ſtimmtes Ziel auf die wie mit einem ſchwarzen Tuche bedeckte Bay hinaus zu blicken. Bei einer ſolchen Ge⸗ 238 legenheit wurden ſeine Blicke von der dunklen Außenwelt in den Hofraum gelenkt, durch ein Licht, welches ſich hier bewegte und gerade auf das einzeln ſtehende Gebäude, in dem er ſich befand, zukam. Er konnte zwei Männer be⸗ merken: einen, der die Leuchte trug, und einen andern, der dieſem auf dem Fuße folgte. Sie hielten an der Ein⸗ gangsthüre an, und der Vorausſchreitende öffnete das ge⸗ ſchloſſene Thor,— bald darauf vernahm er Schritte auf dem Steingange, und jetzt hörte er Worte zwiſchem dem vor ſeiner Thüre ſchildernden Soldaten und dem einen der Angekommenen austauſchen,— bald darauf wurde mittelſt eines Schlüſſels auch die Thüre ſeines Zimmers geöffnet, und es erſchien ein Unteroffizier der Beſatzung, mit der Leuchte, einer großen Laterne, deren eine Seite eine Glasſcheibe war und in welcher ein irdenes Becken mit Fett gefüllt und einem darin ſchwimmenden brennenden Dochte ſtand, in der Hand. Sein ihm nachſchreitender Begleiter war nicht zu ſehen, da dieſer noch außerhalb der Zimmerthüre in der Dunkelheit des Ganges ſtand. „Sir Manning, der Kommandant des Forts, ſendet Euch hier einen Mann, den Ihr wohl nöthig haben werdet,“ ſagte der Sergeant. „Wenn Ihr mir dieſe Fettlampe hier laſſen wollt,“ erwiederte der Gefangene—„dann, in der That, gewährt Ihr mir etwas, was ich in der That nöthig habe,— aber Geſellſchafter benöthige ich keinen.“ 239 „So hat ſchon Mancher geſagt,“ ſprach der Soldat mit vielem Pathos,—„aber wenn es dann hieß, den letzten Gang machen, da war Jeder froh, Einen mit dem langen ſchwarzen Kleide und dem weißen Kragen um den Hals, an ſeiner Seite zu haben.“ „Ich erwarte noch nicht ſo bald meinen letzten Gang zu machen,“ erwiederte unſer Freund lächelnd. „Scheint aber doch ſo, weil man Euch jetzt ſchon dieſen Mann ſchickt,“ ſagte der Soldat—„nun, wenn Ihr ihn nicht wollt, kann er immerhin wieder mit mir gehen,— dann aber nehme ich auch die Fettlampe mit mir,— Ihr, in Eurer Einſamkeit benöthigt kein Licht,— was anderes iſt es, wenn der würdige Mann der Kirche bei Euch bleibt.“ „Unter dieſen Umſtänden laſſe ich mir das Eine dem Andern zu Liebe gefallen,“ ſagte Francis—„alſo ſtellt die Lampe nur immerhin auf den Tiſch und Ihr, würdiger Mann der Kirche, tretet ein und gewährt mir das Vergnügen, Eure Bekanntſchaft zu machen.“ Der Sergeant trat in das Zimmer und näherte ſich dem Tiſche, auf den er die Laterne mit der Talglampe ſetzte,— und gleich nach ihm trat ein Mann von mittlerer Größe, aber kräftigem, gedrungenem Körperbau ein, ge⸗ kleidet in ein dunkles, weitfaltiges Kleid, mit weiten hängenden Aermeln und mit den zwei weißen Leinwand⸗ ſtreifen, die vom Halſe bis auf die halbe Bruſt herabfielen, 240 und den würdigen Mann der Kirche in der damals üblichen Amtstracht verkündeten. Sein Haupt bedeckte ein nie⸗ driger Hut mit breiten Krämpen, unter deſſen Schatten ſeine Geſichtszüge verborgen waren. „Friede ſei mit Euch,“ ſagte er mit tiefer, ſonorer Stimme,— aber dieſe Stimme traf des Gefangenen Ohr mit einem ganz ſonderbar bekannten Klange,— ver⸗ wundert, höchſt überraſcht, blickte er den Mann an, aber dieſer hatte den Hut tief in die Stirn gerückt,— es war nicht möglich ſein Geſicht zu ſehen. „Nun, würdiger Herr, nehmt Euch des armen Teu⸗ fels gut an,“ ſagte der Soldat—„er wird wohl ein wenig ein verſtockter Sünder ſein, aber das giebt ſich, je näher die Stunde rückt, wo es gilt.“ Und mit einer gutmüthigen, aber unbeholfenen Be⸗ grüßung entfernte er ſich. Kaum war jedoch die Thüre geſchloſſen und der Tritt des Sergeanten verklungen, ſo riß der würdige Mann der Kirche den Hut von ſeinem Kopf und rief mit mühſam zurückgehaltener Stimme:„Frank!“ „Jackthe Idler!“ rief Francis im Uebermaß von Freude,— und die beiden Freunde ſanken ſich in die Arme. Endr des dritten Cheils. Leipzig, Druck von Gieſecke& Devrient. 3 — — —