k. 7*.. &* * 3 * 62 —. 3 * 4 2 *** E* L E 2 K * . 8 5— =Sc—— 8 B—8 82—— 0 Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cduard Oktmaun in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. —— cLeih- und Geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenymmen. 3. Qution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zuruckgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. *„ n. S 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene und defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfenden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben —f.——ꝛ Bh Bibliothek deutſcher Originalromane der beliebteſten Schriftſteller. Dreizehnter Jahrgang. Fünfter Band. Van Hoboken. II. =— Prag und Feipzig, Vsrlag von J. L. Kober. 1858. ————— Ban Hoboken. ——— Erzählung ans drr ersten Srit der Bolnnirn in Naordaurika von Friedrich Wilhelm Arming. Zweiter Rand. Prag und Leipzig, Verlag von J. L. Kober. 1858. Erſtes Capitel. „Auf mein Wort,“ ſagte Jones,„du biſt ein netter Burſche, und mir gefällt dein Humor außer⸗ ordentlich.“ Fielding. In einer vielleicht etwas mehr als einen Breite⸗ grad betragenden Entfernung von der ſchönen New⸗Yorker⸗ Bay, gegen Norden zu, bildet der atlandiſche Ocean einen anderen ſchönen Einbug in das Feſtland, welcher unſern europäiſchen Vorfahren die vier Hauptbedingungen eines ſichern und bequemen Hafens: ein ruhiges Baſin, einen Außenhafen und eine bequeme Rhede mit klarer Abfahrt zu haben ſchien, daher ſie auch nicht lange ſäumten, das ſchöne Eiland„Aquidneck“— die Friedensinſel— an ſich zu bringen.„Es war ein Kauf durch Liebe und in Freund⸗ ſchaft geſchloſſen,“ ſagt Sir RogerWilliams,—„durch die Zuneigung, welche der ſehr ehrenwerthe Sir Henry Vane und ich ſelbſt für den Häuptling der Natyganſicks oder Narraganſetts, den edlen Miantonomu fühlten, und die er für uns empfand.“ Man gab für das ganze Land drei und zwanzig Tuchbreiten, dreizehn Hauen oder Hacken und zwei alte Thorſchlüſſel!— Was doch unſere Vorfahren für liebevolle Freunde waren, unerſchöpflich in ihrer Zu⸗ neigung! Aber man ſäumte dann auch nicht, dem adoptirten Kinde einen andern Namen zu geben,— das„Aquidneck die Friedensinſel“ wurde in Rhode Island umgetauft,— ſehr warme Patrioten ſagen: es habe dieſen Namen verdient, da das Klima von Rhode Island in der That ein mittel⸗ ländiſches ſei; es vereinige die Glut und Weiche Italiens mit der reichen Feuchtigkeit Englands,— und Andere ſetzen ſogar hinzu: Es iſt das Paradies von Neu⸗England, deſſen Klima gleich dem in Italien, und ſelbſt im Winter um nichts kälter als irgendwo nördlich von Rom! Nun, wir wollen in dieſer Beziehung dem ſchönen Eiland nicht zu nahe treten, aber nur ſo viel bemerken, daß es auch hier zu keinem Frühling kommt, ſondern auch hier ein raſchen Sprung von dem jedenfalls etwas kälteren Winter, als er in Rom auftritt, in den mehr als italiſch heißen Sommer gemacht wird. Doch, wir ſind es gewohnt, daß der Ameri⸗ kaner ſtets Vergleichungen macht, und natürlich ſtets das, was er ſein nennt, für das Beſte hält,— dieſes iſt der Ausdruck ſeines Patriotismus. Wir müſſen ihn nehmen, wie er iſt; aber ungerecht wäre es auch von uns zu ver⸗ 7 neinen, daß Rhode Island ein ſchönes Land iſt. Es hat eine anmuthige Abwechſelung von Hügel und Thal, herrliche Quellen und luſtige Bächleins, maleriſche Vorgebirge und prächtige Buchten— der Franzoſe Crevecoeur ruft in Exſtaſe aus:„Warum will man nicht dieſes reizende Eiland das Montpellier von Amerika nennen?“— Das iſt wieder gut franzöſiſch— Monſieur Crevecveur iſt mit dem Namen Rhode Island nicht zufrieden,— Montpellier ſollte es genannt werden!— Doch abgeſehen von Allem, das Eiland„Aquidneck“ hatte ſo viel Anziehungskraft, daß es im raſchen Aufblühen bald die übrigen neu⸗engliſchen Provinzen überragte, und die an dem bequemen und ſichern Hafen angelegte Stadt „New⸗Port“ machte bald jeder Handelsſtadt der neuen Welt den Rang ſtreitig. Noch vor achtzig Jahren war der aus⸗ und inländiſche Handel New⸗Ports bedeutender als der von New⸗York.— Es werden drei Urſachen für dieſes raſche Emporkommen angegeben: das geſunde Klima, wel⸗ ches Fremde von allen Theilen Neu⸗Englands und den weſtindiſchen Kolonien anzog,— der ganz beſonders be⸗ queme Hafen in einer kleinen Entfernung von der offenen See,— und drittens die vollkommene Religionsfreiheit. Quäker und Juden waren die erſten Anſiedler, und jede Secte konnte ſich eine Kirche bauen,— während zur ſelben Zeit in dem benachbarten Maſſachuſetts Mary Dyre, das Weib eines der erſten Koloniſten, auf einem Beſuche von Rhode Island nach Maſſachuſetts, als Quäkerin in das Gefängniß geworfen und— hingerichtet wurde. Aber die Zeiten haben ſich geändert; das New⸗Port, welches von ſeinen Docks Schiffe nach Indien und in die Südſee ſchickte, aus deſſen Hafen Weltumſegler ausliefen, — dieſes New⸗Port iſt zu einem ganz unbeachteten Platz herabgeſunken, und hängt in ſchweigſamer Schläfrigkeit über der ſchönen Bay und träumt von den Tagen ſeiner Größe, die dahingeſchieden ſind. Doch wir haben da einen Vorſprung gemacht, wofür wir unſern Leſer um Nachſicht bitten müſſen. In der Zeit, aus welcher wir ſchreiben, war New⸗-Port eben im raſcheſten Aufblühen, und es würde uns leid thun, wenn einer oder der andere unſerer Leſer ſich durch den begangenen Fehlgriff, der Zeit voranzueilen, würde irre führen laſſen und ſich Stadt und Hafen an dem Tage, mit welchem wir unſere Erzählung wieder aufnehmen wollen, in träumeriſcher Schläfrigkeit denken ſollte. Nein, im Gegentheil, es gab da ſo viel Lärm, Geſchrei, Getöſe, als man nur auf den Docks, in den Waarenhäuſern, auf den Schiffen, und in den Straßen irgend einer ſtrebſamen Handelsſtadt zu ver⸗ nehmen gewohnt iſt. Es war ein ſchöner feiner Herbſttag deſſelben Jahres, in welchem ſich das ereignete, was wir in dem letzten Ab⸗ ſchnitte unſerer Erzählung mittheilten. Und an dieſem ſchönen Herbſttage war ein ſtattliches Schiff in den halb⸗ eirkelförmigen Hafen eingelaufen und hatte Anker geworfen. Man wußte es bereits, daß es eigentlich ſeine Beſtimmung nach New⸗York gehabt hatte, aber durch Unwetter ver⸗ ſchlagen worden, und dadurch ſo mitgenommen war, daß es hatte froh ſein müſſen, hier noch zu guter Zeit, in einen ſichern Hafen zu gelangen, wo es die nöthigen Ausbeſ⸗ ſerungen vorzunehmen gedachte, bevor es ſeine Reiſe fort⸗ ſetzen konnte. Es war ein ſtattliches Schiff, aber man ſah es ihm an, daß es gelitten hatte, und die guten New⸗ Porter, welche ſich in großer Anzahl auf dem Hafenplatz verſammelt hatten, betrachteten ſich aus der Ferne mit großer Theilnahme den wackern Kämpfer, der ſo tüchtig gegen ſeinen Gegner ſich gehalten hatte, und wenn auch jetzt ziemlich kampfunfähig geworden, doch nicht gänzlich unterlegen war. Es iſt eine gewöhnliche Eigenſchaft der Hafenbewohner und derer die in einiger Beziehung zur Schifffahrt ſtehen, daß ſie die Fahrzeuge faſt wie lebende Weſen betrachten, ſie nennen das eine einen braven Kämpfer, das andere einen Schwächling, beloben das eine, während ſie das andere gering achten oder bemitleiden,— und dabei beachten ſie gewöhnlich die gar nicht, welche doch als Mit⸗ menſchen, all' den Ereigniſſen, die das Fahrzeug trifft, mit ausgeſetzt, am eheſten Antheil zu fordern hätten. So 10 war es auch heute wieder: während Männer, Weiber und Kinder nur von dem armen Schiffe ſprachen, beachteten ſie die beiden Boote gar nicht, welche die Perſonen, welche dem Schiffbruche nahe, gewiß keine beneidenswerthe Zeit verlebt hatten, an's Land ſetzten. Die meiſten der Paſſagiere waren hier fremd, aber doch Amerikaner, ſo daß ſie mit den Einrichtungen der Hafenſtädte in den Kolonien bekannt waren, und die Uebrigen halfen ſich eben zu Recht, wie es ihnen gerade gelang. Darunter gehörte auch ein junger Mann, welcher mit ſo viel Behendigkeit aus dem langen Boote an das Ufer ſprang, daß man daraus ſchließen konnte,, er ſei kein Unerfahrener in ſolchem Thun. Er ſah ſich nach allen Seiten um, als er aber längs des Kais nur Tavernen des unterſten Ranges, allenfalls für die Aufnahme von Matroſen, Schiffsarbeitern und dergleichen geeignet fand, wandte er ſich an einen Mann, der mit auseinander ge⸗ ſpreizten Beinen, in die Taſchen geſchobenen Händen und weit geöffneten Augen und Munde daſtand und unverwandt dem wettergeſchlagenen Schiffe zuſtarrte. Mit feiner Sitte und in gutem Engliſch erkundigte er ſich nach einem Gaſt⸗ hauſe, wo man allenfalls für ein paar Tage Unterkommen finden könne. Der Mann mit den aus einander geſpreizten Beinen, ſchien aber entweder wirklich taub zu ſein, oder es für bequem zu finden, ſolches zu ſcheinen. Der junge Mann wiederholte mit mehr erhobener 11 Stimme ſeine erſte Frage,— keine Antwort,— da wandte ſich der Fremde mit einem Lächeln von ihm ab,— aber nachdem er ein paar Schritte ſeitwärts gemacht, kehrte er ſich und kam durch eine raſche Bewegung dem Unbe⸗ weglichen in Rücken.„Guten Morgen, Sir!“ rief er in dem tiefſten Baßtone. „Guten Morgen!“ antwortete der Angeredete ſich raſch umwendend; aber als er nun den Fremden mit einem heitern Lachen in dem ſonnengebräunten Geſichte vor ſich ſtehen ſah, ſagte er ärgerlich:„Ich dachte, Mr. Moſes Lopey grüße mich.“ „Und ich dachte“ erwiederte der Fremde mehr humo⸗ riſtiſch als zürnend,—„eine zweimalige höfliche Frage hätte wenigſtens Eine höfliche Antwort verdient,— und wenn auch nicht Mr. Moſes Lopey der Frageſteller wäre.“ „Ihr habt eine ſonderbare Art, einem eine Antwort abzutrotzen,“ ſagte der Andere, ebenfalls jetzt lächelnd. „Ein guter Seemann ſtellt die Segel, je nachdem der Wind kommt,“ erwiederte der Fremde. „Ihr ſeid ein Seemann?“ „Ich glaube mich einen ſolchen nennen zu können,“ er⸗ wiederte der Fremde nicht ohne einiges Selbſtgefühl. „Von jenem Schiffe?“ „Von der„Faithful“— wenn es Euch intereſſirt den Namen zu wiſſen—“ ſagte der Fremde lächelnd. 12 „Die„Faithful“— von Briſtol?“ fragte der An⸗ dere kleinſtädtiſch neugierig. „Von Briſtol,“ war die lakoniſche Antwort. „Erſter Mate?“ fragte der Andere wieder, der einen nicht minder neugierig fragenden Blick über die Geſtalt des Fremden hingleiten ließ. „Weder erſter, noch zweiter Mate,“ ſagte dieſer,— „ſimpler Paſſagier auf der Faithful von Briſtol.“ „Hm!— ſonderbar!— ein Seemann und ſimpler Paſſagier!“ zweifelte der Andere. „Vielleicht Liebhaberei meinerſeits,“ ſagte der Fremde lächelnd—„aber nun denke ich,“ fuhr er mit Humor fort, —„habe ich Euch genug Fragen beantwortet; jetzt wäre es wohl an der Zeit, die Rollen zu wechſeln:— wißt Ihr eine anſtändige Taverne in New⸗Port?“ „Es giebt nicht viele Tavernen in New⸗Port,“ er⸗ wiederte der Andere,—„die Fremden, die nach der Stadt kommen, finden Unterkommen bei Freunden oder in Häuſern, an die ſie ein Empfehlungsſchreiben haben.“ „Ich habe aber in New⸗Port weder Freunde, noch in meiner Taſche einen Empfehlungsbrief,“ erwiederte der Fremde. „Dann ſeid Ihr genöthigt, in einer Taverne ein Unterkommen zu ſuchen,“ ſagte der New⸗Porter mit Ent⸗ ſchiedenheit. 13 „Das iſt ſo klar als eben jetzt die Sonne, die uns Beide beſcheint,“ lächelte der Fremde. „In dieſen Hafen⸗Tavernen dürfte es Euch nicht be⸗ ſonders gefallen?“ meinte der Andere. „Ich glaube nicht,“ ſagte der Fremde etwas unwillig, denn faſt deuchte es ihm, als erlaube der New⸗Porter Spieß⸗ bürger ſich, einigen Scherz mit ihm zu treiben. Dieſer brachte aber nun ganz ruhig aus ſeiner rechten Taſche eine große Doſe aus Horn gedrechſelt hervor, und öffnete ſie. „Beliebt Euch eine Priſe?“ fragte er freundlich. Der Fremde zögerte,— er war ärgerlich über die phlegmckiſche Ruhe des Mannes; dieſer aber ſagte:„Ihr ſolltet wohl eine Priſe nehmen. Ihr findet in allen fünf Kolonien keinen beſſern Schnupftabak, als ihn unſer Ta⸗ bakmüller Mr. Gilbert Stuart verfertigt.“ Der Fremde hielt es für's Beſte, dem ſonderbaren Manne nachzugeben. Er nahm eine Priſe. Der New⸗ Porter aber fuhr fort: „Nun, was ſagt Ihr dazu?— Nicht wahr, fein!— iſt ganz ſchottiſch,— ſo wie ſein Fabrikant, Mr. Gilbert Stuart,— nennt ihn auch Karl Stuart's Priſe—— der Mann iſt loyal— ſeinen Sohn ließ er taufen: Gil⸗ bert Karl Stuart,— hm! was ſagt Ihr dazu?“ Er blickte den jungen Mann mit fragendem Blicke an, wobei er das eine Auge halb zudrückte.„Ich glaube, daß jeder Mann das Recht hat, nach Belieben ſeinem Sohne den Namen zu geben,“ ſagte der Fremde. „Ich,heiße: Mr. Tom Townsend— gewöhnlich nennt man mich Onkel Tom Townsend— wollt Ihr mir Eueren Namen ſagen?“ fragte der New⸗Porter Bürger kurz weg. „Ohne Zweifel,“ war die Antwort—„ich heiße Frank Lincoln.“ „Frank Lincoln,— gut engliſch—“ ſagte Onkel Tom—„oder ſchottiſch———“ „Was Ihr vorzieht,“ lachte Frank Lincoln— „ich bin nicht ehrgeizig genug, dem einen oder dem andern Lande anzugehören,— ſtehen doch beide unter Karl des Zweiten milder Herrſchaft.“ „Milder Herrſchaft!“ rief Onkel Tom und machte einen Sprung zur Seite, und zog bei dieſer Bewegung beide Hände aus den Taſchen, um ſie in hohem Erſtaunen halb zum Himmel zu erheben—„milder Herrſchaft?!— dann Mr. Frank Lincoln will ich Euch zu Mr. Gilbert Stuart, den Tabakmüller, weiſen,— dann iſt er der Mann, welcher Euch Unterſtand geben ſoll!“ „Und wenn ich ſage, daß das Volk mit der Zurückbe⸗ rufung des zweiten Karl Stuart ſich auf's Neue eine Ruthe gebunden hat?“ fragte Frank Lincoln lächelnd. Onkel Tom ſah ihn fragend an. 15 „Und wenn ich noch hinzuſetze,“ fuhr der junge Mann fort—„daß wenn Alt⸗England viel ſeiner Privilegien ein⸗ büßt, die Kolonien das dreifache einbüßen!“ „Stille, Mann!“ ſagte Onkel Tom leiſe, und ſcheu ſich umſehend—„es denken nicht Alle in New⸗ Port, wie wir— kommt, ich will Euch eine Taverne weiſen, und Ihr ſollt ſie anſtändig genug finden.“ Onkel Tom nahm den jungen Mann unter den Arm, und ſchritt ziemlich haſtig mit ihm fort. Aber während dieſe Beiven ſich durch dieſes Labyrinth von Holzhütten, wo Waaren aufbewahrt ſind, Schankhäuſern, wo ſchlechter Brandy verkauft wird, Barraken, wo Ohſters ſervirt werden, durchwinden, dann die lange, geradelinige Straße verfolgen, um ſich endlich zwiſchen dem unanſehnlichen, un⸗ ſchönen Häuſercomplex durch den Weg zum äußerſten Ende der Stadt zu ſuchen,— während dieſem wollen wir ein flüch⸗ tig gezeichnetes Porträt des Außenmenſchen geben, welcher ſich ſelbſt unter dem Namen Frank Lincoln introducirt hat,— was den inneren Menſchen anbetrifft, haben wir wohl im Verlaufe dieſer Erzählung noch Gelegenheit genug, ihn kennen zu lernen. Wir ſehen an der Seite des behäbigen, wenn gleich ziemlich hager doch würdig ausſehenden New⸗Porter Bür⸗ gers einen Züngling von etwa zwei oder drei und zwanzig Jahren hinſchreiten, ſchlank wie eine Tanne, eher über als unter der Mittelgröße, elaſtiſch in jeder Bewegung; aber es war nicht eine Geſtalt, wie wir häufig raſch aufgeſ choſſene Jungens herumwandeln ſehen, wo die ganze Entwicklung in einem ſchnellen Wachſen in die Länge beſtanden hat, und wo man bei jeder Bewegung ein Abbrechen in der Mitte befürchtet,— daran dachte man gar nicht, wenn man dieſe breite, hohe Bruſt, dieſe Muskularität in Armen und Beinen, dieſen feſten Tritt und Schritt bemerkte,— dabei war ſo viel Sicherheit und Beſtimmtheit in jeder Bewegung,⸗ daß man überzeugt ſein konnte, dieſer junge Mann hatte bereits manchem Sturme ſich entgegengeſtellt, und daß er ſtark wie eine Eiche ſtehen werde, in jedem noch zu kommen⸗ den Sturme zu Land und zur See. Er war ſich auch deſſen bewußt und das Gefühl dieſes Bewußtſeins war herauszu⸗ leſen aus dieſem lebhaften, feuchtglänzenden, dunklen Auge, welches groß, offen und beweglich zu fragen ſchien: wo giebt es eine Gefahr, der ich nicht gewachſen wäre,— wo giebt es ein Unternehmen, das ich nicht wagen ſollte,— was iſt das, das ich zu gewinnen nicht den Muth hätte? Es lag ſo viel Kühnheit und herausfordernder Muth in den regelmäßigen, kräftigen Zügen, ſo viel Friſche und Ge⸗ ſundheit in der blühenden Geſichtsfarbe, die durch Sonnen⸗ bräune nur noch gewonnen hatte, es ſprach ſich ſo viel männliche Kraft und Energie durch dieſe ſonore, tiefe volle Bruſtſtimme aus,— aber wenn man wieder dieſen friſch⸗ 17 rothen von einem leichten Bartanfluge umgebenen Mund betrachtete, ſo wußte man es, daß dieſer gern lache und ſtets bereit ſei, Humor und gute Laune auszuſprechen, und dieſes ſonore, kräftige Organ war auch zugleich ſo muſika⸗ liſch, daß man es wußte, daß es im Sturme zu donnern, aber auch zur Zeit der Ruhe ſüße ſpaniſche Canzonetten unter dem begleitenden Saitenklange der Guitarre zu ſäuſeln ver⸗ ſtehe. Er trug das dunkelbraune glänzende Haar von der hohen Stirn zurückgeſtrichen, daß es in üppigen, natür⸗ lichen Locken auf den Schultern wallte,— er hatte den ſchwarzen niedern Biberhut in den Nacken zurückgeſchoben, daß die ſchwarze Feder rückwärts hinabhing, ſich mit den Locken vereinend, und die Stirn frei und offen blieb. Seine Kleidung war die eines Kavaliers der damaligen Zeit, mit Spitzen, Treſſen, Schleifen und Litzen beſetzt, — ſeine Waffen waren ein Schwert von mittler Länge, und zwei Piſtolen im Gürtel, neben denen überdies noch ein langer Dolch zu bemerken war. Die beiden Wanderer durch die unebenen, größten⸗ theils bergaufwärts ſich erhebenden Gaſſen des Städtchens, — ich kann ihm bei all' ſeiner damaligen Wichtigkeit doch keine andere Bezeichnung geben, da es kaum fünftauſend Ein⸗ wohner zählte,— hatten ihren Weg größtentheils ſchweigend zurückgelegt,— Mr. Tom Townsend, weil er mit ſchmaler Bruſt begabt, ſich eben nicht mit einem Ueberfluß 1858. v. Van Hoboken. II. 2 18 an Athem brüſten konnte,— Mr. Frank Lincoln, weil er es vorzog, ſeine Blicke nach Rechts und Links zu wenden, wo ihm, dem Fremden, der das erſte Mal in einer Kolonieſtadt ſich umſah, manches neu und fremd war. Plötzlich blieb der New⸗Porter Bürger vor einem zwei⸗ ſtöckigen Hauſe ſtehen, welches theilweiſe aus Holz, theil⸗ weiſe aus Sandſtein aufgeführt war, und auf dieſes zeigend, ſagte er:„Das iſt Onkel Tom's Taverne, und wenn es auch in den untern Räumen manchmal ein wenig lärmend zugeht, da die Matroſen und Fiſcher bisweilen nicht genau wiſſen, wann die Herrſchaft des Brandh anfängt, ſo könnt Ihr doch immerhin hier ein Unterkommen finden, welches Ihr ein„anſtändiges“ nennen möget.“ „Ihr ſcheint mir ein ſonderbarer Kauz zu ſein,/ ſagte Frank Lincoln lachend. „Ihr mir nicht weniger,“ erwiederte Onkel Tom eben⸗ falls,—„aber eben deshalb glaube ich, wir Beide taugen ganz gut für einander, und werden die Tage, die Ihr bei mir wohnen wollt, in guter Eintracht verleben.“ Er hieß nun ſeinen Gaſt ihm folgen. Es war in der That, wie Onkel Tom geſagt hatte. Der untere Theil des Hauſes beſtand aus einer großen Halle, in deren Mitte eine Säule, grob aus Holz gezimmert, ſtand, oder es war eigentlich der Stamm eines Tannenbaumes, dem man die 19 Seitenäſte abgehauen, ihm aber ſein natürliches Oberkleid, die Rinde, gelaſſen hatte, welcher zur Stütze des Plafonds diente. Um dieſem herum war ein Tiſch, wie eine große Kreisfläche, mit einem großen Loche in der Mitte, von dem Tannenbaume durchbohrt,— und um dieſen Tiſch herum, auf niederen Bänken ſaßen wohl ein Dutzend Männer, trinkend, ſchreiend, fluchend, bramarbaſirend, rauchend, kauend, ſpuckend,— und noch ſo viele Männer ſaßen an den Tiſchen, welche an den Seitenwänden an⸗ gebracht waren, während andere im Zimmer auf und nieder wankten, ſich bald dieſer bald jener Gruppe nähernd, bald hier trinkend, bald dort fluchend, bald hier horchend, bald dort das Wort übernehmend. Es war ein fürchterliches Getöſe,— dieſes babelhafte Gemiſch von engliſch, ſpaniſch, holländiſch und was ſonſt noch für Sprachen,— dazu der Odeur von Brandy, Whiskey, Gin,— von geräuchertem Fleiſch, Fiſch, Käſe,— dazu das eigenthümliche Dunkel, welches trotz des ſonnigen Vormittags außen, hier Innen herrſchte, hervorgebracht durch die dicken Wolken, die die obere Hälfte des Saales wie ein dichter Seenebel ein⸗ hüllten, und wo das wenige Licht, das durch die niederen verrauchten Fenſter einfiel, nicht durchdringen konnte. Frank Lincoln trachtete nach Möglichkeit bald aus dieſem Gewirre zu kommen, und Onkel Tom winkte ihm zu folgen; aber als Beide an dem Mitteltiſche vorübergehen 2* „ 20 wollten, da erſcholl aus der Dampfwolke heraus eine rauhe, eiſere Stimme: „Drei cheers für Mr. Frank,— wer nicht mit an⸗ ſtößt, ſoll keine gute Fahrt mehr machen!“ und ein lautes Hurrah! durchdonnerte den Sagl. Es waren hier bereits fünf oder ſechs der Matroſen von der„Faithful“ anweſend, welche von dem Schiffe Urlaub erhalten hatten, und mit der Oertlichkeit von New⸗ Port wohl bekannt, ſich beeilt hatten, ihren Lieblingsplatz: „Onkel Tom's Taverne zu beſuchen. Sie hatten hier Kameraden getroffen, Franzoſen, Spanier, Weſtindienfah⸗ rer,— das Volk des Seelebens iſt eine große Freimaurer⸗ brüderſchaft,— man kennt ſich, ohne ſich je geſehen zu haben,— man trennt ſich ohne rührenden Abſchied zu nehmen, denn es iſt ja möglich, ja wahrſcheinlich, daß man ſich wieder trifft: in Briſtol,— am Kap der guten Hoffnung, — bei einer Nordpolexpedition,— oder irgendwo,— und trifft man ſich wieder, nach Jahren, ſo iſt es als habe man ſich ehegeſtern zum letzten Male geſprochen,— dann geht es aber auch an ein lebhaftes Erzählen des Erlebten,— wer die kräftigſte Stimme hat, überſchreit die andern,— wer am beſten„aufſchneidet“ der hat die meiſten Zuhörer. Klaas Vanbruggen von der„Faithful“ hatte aber in der That eine Stimme wie ein nur etwas heiſer gewordener Löwe, und zu erzählen verſtand er wie— nun vielleicht, 21 wie Scheherazade,— es fällt uns eben kein mehr berühmter Erzähler ein. „Hört, boys, dat was a damn'd hohe See,“— ſo erzählte er in einem Gemiſch von holländiſch, engliſch und teutſch,— mitunter wohl auch einmal ein ſpaniſches Wort gebrauchend— doch„ſo genau kann man das nicht nehmen“ ſeine Zuhörer verſtanden ihn doch, und waren ganz Ohr, wie er ein deutliches oder vielleicht auch undeutliches Bild von der Gefahr aufrollte, in welcher das ſchöne Schiff, die „Faithful“ von Briſtol, geſchwebt hatte, ja ſicher verloren geweſen wäre, wenn nicht der junge Mann am Bord ge⸗ weſen—— ſo weit war er in ſeiner Erzählung gekommen, als er durch die Rauchwolken die Geſtalt deſſelben jungen Mannes erſcheinen ſah, welche Erſcheinung ihm dann auch zu dem Ausruf:„Drei cheers für Mr. Frank“ begeiſterte, und welchem das dreimalige„Hurrah!“ der ganzen Ge⸗ ſellſchaft folgte. FrankLincoln war zu viel Seemann, um nicht zu wiſſen, was hier für ihn zu thun war. Er dankte für's Erſte verbindlich für das dreimalige Hurrah der ganzen Geſellſchaft und fragte, ob dieſe es wohl übel nehmen werde, wenn er ſie einlade„mit ihm Eines zu trinken“— und da man dagegen nichts einzuwenden hatte, erſuchte er Onkel Tom, der Geſellſchaft für ſeine Rechnung eine Gallone guten franzöſiſchen Brandys aufzuſtellen. Die Gallone war 22 aufgeſtellt, die Gläſer gefüllt,— auch Frank Lincoln hatte ein Glas ergriffen,— da ergriff Klaas Van⸗ bruggen das ſeinige, und es hoch erhebend, ſagte er in gutem holländiſch,— welches wir jedoch zu Gunſten unſerer Leſer teutſch geben wollen: „Dem beſten Seemanne, der in dieſem Jahre zwiſchen dem vierzigſten und fünf und vierzigſten Grad der Breite die See befahren hat!“ Da er dabei eine leichte Neigung mit dem Haupte unſerm Helden zu machte, und ein abermaliges Hurrah! gebrüllt wurde, konnte Frank Lincoln nicht umhin, dieſes zu erwiedern. Er ſagte in gut flüſſigem holländiſch: „Du thuſt mir zu viel Ehre an, Klaas,— ich habe nur wenig gethan, um das Lob zu verdienen, welches Du ausſprichſt,— der Kapitän der„Faithful“ iſt ein alt er⸗ fahrener Seemann, ſo daß er auch ohne mich das Schiff in den Hafen von New⸗Port gebracht hätte.“ „Hallo!“ rief Klaas—„glaubt Ihr mich ſo grün? — und wenn ich auch nicht ſelbſt auf das Hinterdeck paſſe, ſo ſehen meine Augen doch, was dorten vorgeht,— ich bin eine alte Theerjacke und weiß genau, aus welchem Loche der Wind pfeift. Da hieß es:„Seid hurtig, Jungens— aufgerollt die Segel,— hinein mit Allen— laßt nicht einen Fetzten dem Bö!“— und wie ich am Mainmaſt hin⸗ aufmachte, da konnte ich nicht umhin, einen Blick dem 23 Hinterdecke zuzuſchicken, da war Euer Mund dem Ohre des Kapitäns ganz nahe,—„Beſchlagt!— ſchneidet durch, wenn es zu ſpät iſt; arbeitet mit Meſſer und Zähnen!“ hieß es, und dann wieder:„Luvwärts das Steuer— Stemm es luvwärts! und als Ihr ſaht, daß der Alte am Steuer nicht genug abfiel, wardet Ihr mit einem Sprunge am Steuerruder,— da lag das Schiff backbord ſchief— Ihr laget hart daran— wie ein Mann— und da wiegte ſich die ſchöne Faithful auf dem Waſſerberge;— und warum bliebet Ihr dann Tag und Nacht auf dem Hinterdecke, immer an der Seite unſerer alten Schlafmütze?— Iſt eine gute Haut, aber zu alt,— Ihr ſeid der Mann— boys, noch⸗ mals drei cheers!“ Frank Lincoln konnte nun nicht anders, als das ihm geſpendete Lob, welches mit Beſcheidenheit abzulehnen doch nicht half, mit einer ſtummen Verbeugung anzunehmen; da fiel plötzlich ſein Blick auf einen Mann, der im Schatten des Tannenbaumes ſaß, und wohin er ſich jetzt noch mehr zurückzog, als ſein Blick dem Blicke des jungen Mannes begegnete. Frank Lincoln hatte ihn ſchon am erſten Tage nach der Abfahrt von Briſtol bemerkt, und auch da⸗ mals war ihm dieſer Matroſe auffallend ausgewichen, ſo daß Frank Lincoln niemals in vollem Lichte ſeine Ge⸗ ſichtszüge zu ſehen bekam, am zweiten Tage aber erſchien er mit einem großen ſchwarzen Pflaſter über die linke Wange 24 und Schläfe,— wegen eines Hautriſſes, den er ſich an einem vorſtehenden Nagel geholt hatte, und außerdem trug er noch ſeine Kappe tief über die Stirn herabgezogen,— erſt heute ſchien die Hautwunde geheilt zu ſein, denn erſt heute war das ſchwarze Pflaſter verſchwunden, und ſo viel man im Schatten des Tannenbaumes bemerken konnte, war der Riß ſehr ſchön geheilt, ſo daß wirklich gar keine zurückge⸗ bliebene Narbe zu bemerken war. Aber wie er ſich ſo zu⸗ rückzog, war es nur einem ſo ſcharfen Auge, wie Frank Lincoln beſaß, möglich, das Dunkel zu durchdringen,— und wie es oft eine Sache des Momentes iſt,— jetzt zuckte es plötzlich wie ein Lichtfunke durch ſeine Seele,— jetzt wußte er es, jetzt war er vollkommen überzeugt, dieſen Mann ſchon einmal geſehen zu haben,— aber wo5— das wußte er nicht, und damit marterte ſich ſeine Seele jetzt ab, während er ſtarren Blickes nach der dunklen Stelle hinſchaute, wo ihm noch eben eine bekannte Phyſiognomie entgegengeſtarrt hatte, die aber eben ſo plötzlich als unbe⸗ merkt verſchwunden war. Frank Lincoln blickte im ganzen Saale herum, aber nirgend ſah er den geheimniß⸗ vollen Matroſen. Da drang die Stimme des Onkel Tom an ſein Ohr, und erweckte ihn aus dem peinigenden Nachwühlen unter allen ſeinen Erinnerungen, das um ſo peinigender wird, je länger es erfolglos bleibt. 25 „Ich freue mich, einen ſo wackern Seemann unter meinem Dache zu beherbergen,“ ſagte der würdige New⸗ Porter Bürger—„und daß nochmals ſeine Geſundheit kann ausgebracht werden, ſoll Euch eine andere Gallone auf meine Rechnung aufgeſetzt werden.“ Ein Hurrah! folgte dieſer Erklärung, die Gallone wurde aufgeſetzt, mit vielem Beifalle empfangen und während des allgemeinen Tumultes, der nun eintrat, ver⸗ ließ Frank Lincoln in Begleitung ſeines Gaſtwirthes die Halle durch eine Hinterthüre, welche in das Innere des Hauſes führte. Man begab ſich hier zwei Stockwerke hoch und unſer junger Reiſender erhielt ein Zimmer angewieſen, mit dem er nach ſeinen beſcheidenen Anforderungen voll⸗ kommen zufrieden war, eben ſo, oder vielleicht noch mehr, entſprach ſeinen Wünſchen das aufgetragene Mittagseſſen, denn er war hungrig, und ſo war er vollkommen zufrieden, als er ein dampfendes Beafſteak,— einen prachtvollen Tautog,*) gebacken mit Wein⸗Sauce,— ein Stück des weltbekannten NewPorter Käs,— und noch andere gute Sachen vor ſich ſtehen ſah, wobei auch eine Flaſche feinen Franzweines nicht fehlte. *) Es iſt zu bedauern, daß berühmte Reiſende ſo häufig ſich nicht um die Nomenclatur bekümmern. So nennt der Abbé Robin in ſeiner Unwiſſenheit dieſen berühmten Fiſch der Rhode Island Gewäſſer: Tew-tag—„es iſt unverzeihlich,“ ſagt ein Newporter Hiſtoriograph. 26 Wir wollen die Gelegenheit ergreifen, und um ihn in ſeinem Appetite nicht zu ſtören, hiermit dieſen Abſchnitt ſchließen. Bweites Capitel. „Ihr habt ſolche Krämer, die ihrer mehr führen als ihr glaubt, Schweſter.“ Shak ſprare.(Ein Wintermärchen, 4. Akt.) Unſer Freund, Frank Lincoln, war kein Lang⸗ ſchläfer. Er war am andern Tage mit dem früheſten Morgen auf und aus dem Hauſe. Er ſchlenderte durch die noch im ſüßen Frühſchlummer ruhenden Straßen und als er die Stadt im Rücken hatte, wanderte er vorwärts, ohne eben ein anderes Ziel zu haben, als ſich eine Land⸗ ſchaft in der neuen Welt anzuſehen. So kam er auf eine erhabene Stelle der„Hanging rocks“— der hängenden Felſen— welche längs der Sachunſt Bank hin ſich erſtrecken. Heut zu Tage iſt dieſe der Corſo, der Hyde Park, der Cascine, der Bois de Boulogne der New⸗Porter „Seaſon,“— damals war es ein ödes Geſtade, wo ſich 27 allenfalls einige Fiſcherhütten unter dem Schutze der über⸗ hängenden Felſen angeſiedelt hatten; aber von dem Platze wo er ſtand, hatte er die weite Fernſicht über den Ocean und das ſich weit nach Norden und Weſten ausdehnende Eiland. Dort ſenkten ſich die ſteilen Felſen in das Meer,— da war eine Bucht, die ſich zwiſchen die Felſen eingedrängt hatte und wie zu ihrer Luſt weit in's Land hinein vorge⸗ drungen war, denn gar anmuthig waren ihre Ufer, pittoresk durch Felſenabriſſe, Haine, grüne Wieſen, einzelne inmitten ihrer Obſtgärten gelegene Farmhäuſer,— am Ende einer Bay lag ein kleines Dörfchen, auf der Abdachung eines Hügels, das maleriſch genug ausſah;— einige Fiſcher⸗ boote glitten über die ruhige, ſpiegelglatte Oberfläche der Bay hin, Bewegung und Leben der Landſchaft gebend,— dort lag das ſchöne Schiff, welches ihn der neuen Welt zugeführt hatte,— es lag jetzt ruhig vor Anker und hatte alle Segel eingezogen,— aber es erweckte in ſeiner Seele alle Erinnerungen ſeines Lebens— es war ein bewegtes, ſtürmiſches, vielfach wechſelndes geweſen, ſo weit er mit Klarheit zurückdenken konnte,— und wenn wir wiſſen, daß der Gebirgsbewohner, wenn er von ſeinen heimath⸗ lichen Bergen Abſchied nimmt, in Schwermuth verfällt, ſo iſt es ebenſo mit dem Seemann, wenn er von ſeinem Schiffe ſcheidet, und dem Elemente Adien ſagt, welches ſeine Heimath iſt. Frank ſtand eben jetzt auf dem Punkte, 28 von ſeiner Heimath ſich zu trennen,— wenigſtens für längere Zeit,— wenn nicht für immer,— und mit Schwermuth haftete ſein Auge an dem ſchönen Schiffe,— und mit Wehmuth glitt ſein Blick über den weiten, weiten Ocean hin. Aber er war ein Mann, ſo jung er auch war,— ein ſtarker, willenskräftiger Mann,— er hatte den feſten Vorſatz gefaßt, und ſo konnte nicht das bezaubernde Bild des ſchmucken Schiffes, nicht das Syrenen-Geflüſter des Meeres, welches hier auf der Höhe ſo ſchmeichelnd an ſein Ohr drang, ihn vom gefaßten Vorhaben abbringen. Er wandte ſich dem Inlande zu. Da breiteten ſich im Rücken des Städtchens viele fruchtbare Felder aus, geſchie⸗ den und beſäumt von Acacien und Ahornbäumen,— da lag manches ſtille Haus, im Dunkel der Bäume halb verſteckt, in friedlicher Ruhe, und aus den Schornſteinen kräuſelten ſich die grauen Wolken dem blauen Himmel zu,— dort trieb eben eine Heerde Kühe der ſaftigen Wieſe zu und der eintönige und doch tiefmelodiſche Schall der Schneckenmuſchel(Conch), gebraucht ſtatt des Hirtenhornes, kam mit den Schwingungen der Luft an ſein Ohr,— und dort im fernen Hintergrunde dehnten ſich unbegrenzt die dichten Wälder aus, noch nicht den Gelüſten der urbar machenden und Civiliſativn verbreitenden Eindringlinge gefallen, bis jetzt noch der Jagdgrund des rechtmäßigen Erben dieſes Landes. Er blickte lange,— ernſt,— 29 ſinnend über das Eiland hin,— wir wiſſen nicht, welche Erinnerungen eben jetzt in ſeiner Seele auftauchten, welche Pläne keimten, welche Vorſätze er faßte,— vielleicht iſt dieſe Stunde, in der er auf der Höhe der hanging rocks ſteht, die entſcheidende für ſein künftiges Leben,— vielleicht auch nicht,— denn ſind wir ganz ſicher, daß es zu Etwas führt: Pläne zu entwerfen, Vorſätze zu faſſen, ſeinen Willen aufzuthun?— Wir ſehen die emſige Ameiſe mit Mühe und Anſtrengung den Leichnam eines Inſects den langen Weg hinſchleppen, ſie hat den Vorſatz gefaßt, damit in ihren verborgenen Winkel zu gelangen,— da hat ſich mittlerweile ein Stein von der Gartenwand gelöſt,— ſich ihr gerade in den Weg gelegt,— ſie kann ihn nicht überſteigen,— und bei nothgezwungnem Umweg kömmt ſie unter die Klauen eines Leichenkäfers, der ihr ohne Um⸗ ſtände die Beute abnimmt, und ſie noch froh ſein muß, ſelbſt mit heiler Haut davon zu kommen,— wo ſind jetzt ihre Vorſätze, Pläne? wofür ihre Anſtrengungen und Be⸗ mühungen?—— und iſt es mit dem Menſchen anders? —— doch wir greifen da eine ganze Schule an,— und nur um Alles in der Welt nicht irgend einen Streit auf dieſem Felde,— daher ſchnell zu unſerer Erzählung zurück. Er ging zur Stadt zurück und gelangte auf einem kleinen Umweg, den er machte, zu dem Hauſe ſeines gaſt⸗ freundlichen Wirthes. Onkel Tom war ſelbſt Freund 30 eines guten Frühſtückes, und ſo ſorgte er auch für ſeine Gäſte, daß ſie in dieſer Beziehung befriedigt ſein mußten. Frank Lincoln ſaß in müßiger Ruhe, ſeine Pfeife Virginien ſchmauchend, am Fenſter,— nach eingenommener Mahlzeit behagt eine Cigarre oder Pfeife Tabak am meiſten,— als ſich die Thüre öffnete, und die ſchlanke, hagere Geſtalt unſers New⸗Porter Bürgers hereintrat. Ihm auf dem Fuße folgte ein Junge mit einer Flaſche und ein paar Gläſern, die er auf den Tiſch ſtellte. „Harrh, Du kannſt hinabgehen,“ ſagte der Gaſtwirth —„wenn wir etwas benöthigen, will ich Dich rufen“— und ohne Umſtände nahm er ſich einen Stuhl ſeinem Gaſte gegenüber, und nachdem er die Gläſer mit dem mitge⸗ brachten guten Franzbranntwein gefüllt, und auch in jedem Glaſe etwas Waſſer zugegeben hatte, zog er ſeine Pfeife aus der Taſche— und bald ſaßen ſich Wirth und Gaſt einander freundſchaftlich gegenüber, ihr Pfeifchen ſchmau⸗ chend, und gemüthlich plaudernd. Der Eingang des Geſpräches beſtand in den gewöhn⸗ lichen Fragen und Antworten über Wetter, wechſelnde Temperatur, Umgebung von New⸗Port u. dgl., doch dieſes wendete ſich bald anderen Gegenſtänden zu. Onkel Tom war ein echter Yankee. Wer dieſe kennt, weiß was wir damit ſagen wollen. Sie ſind uns der Beweis, wie das Thun und Laſſen jedes Einzelnen 31 abhängig iſt von dem Charakter, den Sitten und der Denkungsweiſe des Volkes oder der Nation, der er ange⸗ hört. Dieſe ſelbſt aber iſt bis zu einem gewiſſen Grade nothwendiges Produkt der äußern Naturzuſtände, unter denen ſie lebt und aufgewachſen iſt. Die erſten Koloniſten in Neuengland waren in jeder Hinſicht wahre Engländer, und welch' ein ganz anderes Weſen iſt der Nachkomme, der Yankee. Unterſcheidet er ſich von ſeinen Vorfahren durch ſeinen Mangel an Beleibtheit, durch ſeinen langen Hals, durch ſeine feine faſt unmännliche Stimme, ſo noch mehr durch das Unruhige, ſtets fieberhaft Aufgeregte ſeines Charakters, beſonders zur Zeit des Nordoſtwindes, und durch ſeine rückſichtsloſe Neugierde, der er durch inquiſi⸗ toriſche, jeder Höflichkeit widerſprechende Frage Luft zu machen ſucht,— wehe dem Fremden, dem Reiſenden, der in die Hände eines ſolchen Großinquiſitors geräth,— da hilft kein Ausweichen, kein halbes Antwort geben,— da wird gefragt und wieder gefragt, bis die arme Taube mit all ihren Geheimniſſen eine Beute des neugierigen Geiers geworden iſt. Nun, Mr. Tom Townsend war ein Vollblut⸗Yankee. „Ihr gedenkt nicht, Euch in der Bay⸗Kolonie nieder⸗ zulaſſen?“ fragte er, die kleinen ſcharfen Aeugleins auf die arme Taube geheftet, die nun ſicher an kein Entkommen mehr zu denken hatte. 32 „Nein— wenigſtens nicht für Zetzt,“ antwortete Frank Lincoln. „Ihr zieht es vielleicht vor, vor der Hand in den Plymouth⸗-Plantationen, in Maſſachuſetts oder in Connee⸗ ticut Euch umzuſehen?“ fuhr er fort. „Weder in der einen noch der andern Kolonie,“ war die Anwort. „Nach New⸗Hampſhire würde ich Euch nicht rathen hinauf zu gehen,— liegt zu weit nördlich,— das Klima würde Euch ſehr übel bekommen— geht auch mit der Koloniſation ſehr langſam, hat kaum viertauſend Ein⸗ wohner, während Connecticut bereits vierzehn und Maſſa⸗ chuſetts ſogar ſchon zwei und zwarzigtauſend zählt,“ ſetzte er mit Eifer auseinander. „Das Klima würde mich nicht abſchrecken,“ erwiederte Frank Lincoln—„aber ich habe da oben nichts zu ſuchen; meine Richtung iſt dem Süden zu,— ich gedenke nach New⸗York zu gehen.“ „Nach New⸗York?— hm!— eine aufblühende Kolonie,“ kalkulirte der Yankee—„aber kein echt engliſcher Platz— viel Gemiſch! die alten Holländer und nun alle möglichen Nationen dazu.“ „Vielleicht eben dieſes zieht mich hin,“ ſagte Frank. 33 „Hm!“ murmelte der Puritaner,—„ein Käfig voll unreiner Vögel*)“— und weiter fragte er:„Ihr habt wohl Freunde in New⸗York?“ „Nicht daß ich wüßte,“ antwortete der junge Mann mit Lächeln,—„doch, wer kann es wiſſen; vielleicht finden ſich welche.“ „Hm!— Abenteuerlich genug—“ murmelte der Gaſtwirth,—„und auf welchem Wege gedenkt Ihr nach New⸗York zu kommen?“ fragte er wieder. „Das iſt es eben, wobei ich Eueres Rathes bedarf,“ ſagte Frank Lincoln,—„ich ſagte Euch ſchon, daß ich in den Kolonien völlig fremd bin,— und Ihr wißt, daß das Schiff, mit dem ich kam, ſeine Beſtimmung nach New⸗ York hatte, aber durch ungünſtiges Wetter beſchädigt, ge⸗ zwungen wurde, in New⸗Port einzulaufen,— ich weiß, daß es nicht ſo bald wieder ſegelfertig ſein wird,— ich möchte aber nicht ſo lange hier warten.“ ch weiß von keinem Schiffe, daß von hier nach *) NewAmsterdam, a cage of unclean birds, und Andrew Marwell ſagt: „Hence Amsterdam, Turk, Christian, Pagan, Jew, Staple of sects and mint of schism grew; Phat bank of conscience, where not one 80 strange Opinion, but finds eredit and exchange.“ 1858. V. Van Hoboken. II. 3 34 New⸗York ſegelt,“ ſagte mit einigem Nachdenken der Gaſt⸗ wirth,—„ſicher nicht in dieſem Monate.“ „Wäre es ganz unmöglich, dieſe Reiſe zu Land zu machen?“ fragte der junge Mann raſch,—„es wäre nicht unintereſſant———“ „Hm!— es geht da keine Landkutſche wie etwa zwiſchen London und—— nun, irgend einem Platze, der vielleicht vierzig, funfzig Meilen entfernt iſt,“ ſagte der Gaſtwirth lachend. „Habe auch nicht daran gedacht,“ erwiederte Frank ebenſo,—„ſo ganz tolle Begriffe machen wir im alten Vaterlande uns doch nicht von der neuen Welt. Aber ich denke mir auch die Möglichkeit, eine ſolche Reiſe zu machen, ſei es nun zu Pferde, oder zu Fuß,— wie immer,— habe ich doch ſo manches Abenteuer auf hoher See und in ſo manchem Gewäſſer beſtanden, warum nicht auch einmal zu Lande?“ Onkel Tom betrachtete ſich einige Augenblicke den Jüngling, dann ſagte er:„Aufrichtig geſagt, Ihr ſcheint mir ganz der Mann zu ſein, der einem ſolchen Unternehmen gewachſen iſt, und da habe ich gerade ſo einen Geſellen in meinem Hauſe, der Euch taugen mag, und dem Ihr viel⸗ leicht auch eben wie gerufen kommt. Iſt ein abenteuerlicher Burſche,— ich kenne ihn ſchon viele Jahre,— war vor⸗ mals in Plymouth anſäſſig, kam dann nach Rhode Island, ₰ ₰ 35 wanderte ſpäter nach Connecticut über,— hatte Alles ver⸗ ſucht: war Handwerker, Schmied, Wagner— was ſonſt noch,— dann Farmer, aber ſein Land that ſich nicht ſelbſt ausholzen, Korn und Mais ſich nicht ſelbſt ſäen und ernten, Mr. Jack the Idler— unter dieſem Namen iſt er be⸗ kannt,— hatte aber nicht Zeit dazu, denn da war einmal die Spur eines Bären zu verfolgen,— da war ein ander⸗ mal in einer Entfernung von mancher Meile eine Wolfs⸗ jagd angeſagt, wo doch Jackthe Idler ſicher dabei ſein mußte,— mit einem Worte: zum Arbeiten kam es nicht, — und eines Tages hatte er das ganze Land, in demſelben Zuſtande, als er es übernommen, ſeiner Schweſter Mann übergeben, und war auf und davon. Mehre Jahre hörte man nichts von ihm,— plötzlich,— ich meine es ſind jetzt vier oder fünf Jahre vorüber,— erſchien er in New⸗ Port mit einem großen Pack auf dem Rücken, brachte feine Felle,— handelte hier und dort,— kaufte ein, dies und das, was die fernen Hinterwäldler benöthigen und die In⸗ dianer gern haben,— und fort war er, aber er kam im nächſten Jahre wieder,— und ſo zieht er jetzt in den Ko⸗ lonien herum, bald als Händler, bald als Jäger, bald als Biberfänger,— kennt jedes Kind in den Anſiedlungen, und ich glaube auch, jeden kleinſten Stamm der Wampanvags, der Narraganſetts und der Pequots,— ich denke, das iſt der Mann für Euch,— er iſt eben heute angekommen, 3* 36 und wird wahrſcheinlich in ein paar Tagen, wenn er ſeine Einkäufe gemacht hat, wieder abmarſchiren.“ Frank Lincoln hatte mit geſpannter Aufmerkſam⸗ keit der Erzählung ſeines Gaſtwirthes zugehört und äußerte jetzt den Wunſch, mit dieſem Manne, Jackthe Idler, bekannt zu werden. „Dies kann ganz leicht geſchehen,“ ſagte Onkel Tom —„Ihr dürft ihn nur auf ein Glas Brandy mit Waſſer einladen, ſo iſt er da,— und um Euch in ſeine Gewogen⸗ heit feſtzuſetzen, bedarf es nur des Erſuchens, er ſoll Euch eines ſeiner Jagdabenteuer erzählen, ſo iſt er Euer Freund und Gönner, denn iſt er überhaupt nicht ſchweigſam, ſo um ſo geſprächiger, wenn auf dieſes Thema gebracht.“ „Nun, vor der Hand wollen wir die Einladung auf Brandy mit Waſſer ergehen laſſen,“ lächelte Frank, und mit einem„Ganz recht— ganz recht!“ eilte Onkel Tom aus dem Zimmer hinaus und die Stiege hinab. In einer kleinen Weile kam er zurück, mit ihm Jack the Idler. Man ſah es dem Manne auf den erſten Blick an, wie man ihn zu nehmen hatte. Da war ſo viel Klugheit, gute Laune, Sinn für Unabhängigkeit,— das gewiſſe „I don't care“— frei überſetzt:„Ich mache mir den T—l daraus,“ in den wettergefurchten und ſonnenge⸗ bräunten Zügen ausgedrückt, daß man es wohl denken 37 konnte, daß dieſer Mann nicht für einen gewöhnlichen Schmied oder Wagner, aber auch nicht für einen emſigen, unverdroſſenen Landbebauer geſchaffen war. Uebrigens war er ein Mann in mittleren Jahren, vielleicht etwas älter ausſehend als er wirklich war, aber von gedrungenem, kräftigem Körperbau, mit etwas vorhängendem Oberleib, wahrſcheinlich in Folge ſeines Geſchäftes, des ſchweren Gepäcktragens auf dem Rücken. Seine Kleidung war ſeiner Lebensweiſe, des Wanderns durch die Urwälder, des Wa⸗ tens durch Bach, Sumpf und Moraſt, des Aufenthaltes im Freien oft durch Wochen, vollkommen entſprechend. Er trug kurze, bis zu den Knieen reichende, hier offene Bein⸗ kleider, und eine Art von Kamaſchen, welche die Unter⸗ ſchenkel bedeckten— beide waren von Leder, welches ur⸗ ſprünglich eine blos gelbe Farbe gehabt haben mochte, die nun aber durch Zeit, Witterung und andere Umſtände bis zum Dunkelbraun hinaufgekommen war,— und bei jeder Bewegung entſtand eine Spalte, welche ein braunrothes Knie durchblicken ließ. Die Füße ſtaken in Moccaſins, um den Leib war ein Gürtel geſchnallt, welcher zugleich als Geldbörſe und als Piſtolenhalter diente, der Oberrock war von einem dicken Wollſtoffe gearbeitet, in der einen Hand trug er die abgezogene Lederkappe, in der an dern einen tüchtigen Dornſtock. Bei ſeinem Eintritte ſah er ſich den jungen, gut gekleideten Mann mit einem fragenden Blicke an, wobei er das linke Auge halb zu zwickerte,— aber da war keine Spur von Unterthänigkeit oder Ergebenheit,— er war auf Brandy mit Waſſer invitirt,— well!— er war nicht ab⸗ geneigt, Einen zu nehmen,— jetzt ſah er ſich den Mann an, der ihn invitirt hatte,— well!— der Mann gefiel ihm nicht übel,— ergo, nahm er mit ihm einen kleinen Brandy mit Waſſer. Doch das Geſpräch kam bald in den rechten Train durch Onkel Tom's Anregung. „So viel ich jetzt verſtehe,“ ſagte Jack the Idler— „ſo wollt Ihr zu Lande von hier nach New⸗York?“ „Wenn Ihr mich anders zum Gefährten auf Euerer Wanverung mitnehmen wollt,“ erwiederte Frank Lincoln. „Habe eigentlich in New⸗York nichts zu thun,“ er⸗ wiederte der Hauſirer,—„aber wenn wir näher bekannt werden, und Ihr mir zuſagt, mache ich einem guten Kame⸗ raden zu Gefallen ſchon einen kleinen Umweg von achtzig oder hundert Meilen.“ „Ihr ſollt es nicht umſonſt thun,“ ſagte Frank Lincoln! „Dummes Zeug,“ fiel ihm Jack in's Wort,— „dann thäte ich es ja nicht einem guten Kameraden zu Ge⸗ fallen. Doch Ihr müßt Euch die Sache nicht ſo fürchter⸗ lich vorſtellen, als dieſe Spießbürger da thun, die, wenn — 39 ſie einmal drei oder vier Meilen über ihre Mauern hinaus⸗ kommen, ſchon glauben, eine Heldenthat vollbracht zu haben, und was drüber hinaus für eine Unmöglichkeit halten,— wir machen die Reiſe in bequemen Tagesmärſchen, halten an, wo es uns gefällt.“ „Mag ein ſchöner Spaziergang ſein,“ lachte Onkel Tom. „Der ihn einmal gemacht, kann nicht mehr davon laſſen,“ ſagte Jackmit vielem Ernſte,—„glaube es mir, alter Junge, wer einmal den Jagdgrund der Rothhaut betritt, fühlt ſich nicht mehr heimiſch zwiſchen Euerem Mauerwerk; es ſenkt ſich wie Zentnerlaſt auf Einem nieder, man kommt ſchwer zu Athem.“ „Darum eilſt Du auch immer wieder ſchnell hinaus⸗ zukommen,“ ſagte der Gaſtwirth. „Es giebt Vögel, die im Käfig ganz ſchön ſingen,— andere verweigern das Futter zu nehmen, machen die Augen zu und ſind todt,“ ſagte Ja ck ernſthaft,—„Onkel Tom iſt eine andere Sorte Vogel als Jack.“ Und ſich nun ſeinem künftigen Reiſegefährten zu⸗ wendend ſagte er:„Ich glaube, Ihr ſeid ein Vogel meiner Art,— Euch wird es gefallen,— ſeht, dies iſt unſere Marſchroute,“— und er tauchte Zeige⸗ und Mittelfinger ſeiner rechten Hand in das Glas Waſſer, welches bisher noch unbenutzt ſtand, da er einſtweilen nur Brandy ohne Waſſer getrunken hatte, und mit raſchen Zügen zeichnete er dicke Waſſerlinien auf die Platte des Eichentiſches.„Scht, dieſer Punkt iſt die feine Stadt New⸗Port an der ſchönen Bay,— von hier gehen wir nordweſt durch die Straße mit den weißübertünchten Häuſern, die wie eine Allee von Leichenſteinen ausſehen,— dann gehen wir den Hügel hinauf durch Gärten, Obſtbaumalleen und ſchöne Einzäunungen, wo Einem das Herz weh thut, zu ſehen wie der Natur ſo viel Zwang angethan werden kann,— aber dann ſind wir auch bald drüber hinaus, und fort geht es nach Providence, ein anderer feiner Platz,— die dreißig Meilen hatmanzurück⸗ gelegt, ehe man es gewahr wird. Aber in dieſem feinen Platze halten wir uns nicht lange auf,— wir wenden uns ſüdlich gegen Hartfort, da ſind wir ſchon in der Provinz Connecticut,— und dann geht es fort, dem Weſten zu, da betreten wir den Jagdgrund der Pequots— Freundl da wird es Dir gefallen!“ Er hatte mit ſo vielem Eifer geſprochen, daß über ſeine wetterharten Züge es wie frühes Sonnenlicht hinzog, und in ſeinem dunkelgrauen Auge glimmte es wie ein Freuden⸗ feuer. Frank Lincoln, ein Jüngling, deſſen ganzes Leben, ein lang dauerndes Abenteuer zu nennen war, hatte mit lebhaftem Intereſſe dem befeuchteten Finger über die Eichen⸗ platte hingefolgt, und in der Aufregung, die ſeinem Alter 41 und Temperamente zukam, ſprang er jetzt vom Stuhle auf und rief:„Jack, wann geht es vorwärts,— ich bin jede Stunde bereit!“ „Nun,— nicht heute und auch nicht morgen,“ er⸗ wiederte der Hauſirer,—„muß erſt meine Einkäufe machen; aber verlaßt Euch darauf, ich bleibe keine Minute länger hier, als ich eben muß. Unterdeſſen könnt Ihr Euch ein wenig marſchfertig machen, denn mit dieſen Treſſen und Spitzen würdet Ihr an dem Dornengeſtrüppe hängen bleiben, und dieſe feinen Klappſtiefeln blieben im erſten Moraſte ſtecken.“ „Sorge nicht, Jack,“ ſagte Frank Lincoln—„Du ſollſt Dich meiner nicht zu ſchämen haben, wenn Du mich in die Geſellſchaft Deiner rothhäutigen Freunde einführſt.“ Es wurden nun noch die nothwendigen Verabredungen gepflogen, und während der wanderluſtige Jackthe Idler ſeine Einkäufe machte, traf Frank Lincoln ſeine nöthigen Vorbereitungen. Dazu gehörte denn auch die Verfügung mit ſeinem Gepäcke, welches ſich noch auf der„Faithful“ befand. Er hatte da einige ſchwere Kiſten, mit Eiſenreifen umgeben, an denen mächtige Vorhängeſchlöſſer lagen, und jede Kiſte war mit F. L. bezeichnet. Er ließ dieſe in das Haus ſeines neu gewonnenen Freundes Tom Townsend bringen, in deſſen Augen er nicht wenig an Werth gewann, da es ſich zeigte, daß er nicht ein Abenteuerer war, im Beſitz deſſen allein, was er am Leibe trug, und gab dieſem den Auftrag, ſein Eigenthum aufzubewahren, bis er ihm Nachricht gebe, wie er damit zu verfügen habe Die an⸗ dere nicht minder wichtige Verfügung war, ſich ſo zu ad⸗ juſtiren, wie es einem Fußwanderer durch die Urwälder von Nordamerika am bequemſten und zuſagendſten war. Prittes Capitel. „Kommſt Du in fremde Welt, ſo ſiehſt Du fremden Baum, „Fremd Antlitz, fremd Gethier, Dich ſchreckt der Raum. „Doch ſieh den Boden an, er iſt vom ſelben Steine, „Und ſieh' das Waſſer auch, es iſt vom ſelben Scheine. „Dann ſieh zum Himmel auf, es ſind dieſelben Sterne; „Und ſo im fremden Raum Pich heimiſch finden lerne.“ Rückert. Es war an einem ſchönen Herbſtmorgen, ſo ſchön wie man nur unter nordamerikaniſchem Himmel treffen kann, als unſere beiden Reiſenden den Wanderſtab ergriffen. Der Hauſirer war in ſeinem ſchon beſchriebenen Koſtume, denn er war kein Freund von vielem Wechſeln, nur mit der Hin⸗ zugabe, daß er einen ſchweren Pack in Segelleinwand ein⸗ gehüllt, auf ſeinem Rücken trug, auf welchem quer über eine lange Vogelflinte lag, und über die Achſel und Bruſt zur entgegengeſetzten Hüfte hing ein Beutel aus Büffelleder, 43 in welchem er ſeinen Schießbedarf führte. Frank Lincoln hatte eine gute Wahl ſeiner Kleidung getroffen, und wenn ſie ziemlich ähnlich der ſeines Führers war, ſo war ſie doch etwas zierlicher, wie es wohl von einem jungen Manne zu erwarten ſtand, übrigens war ſie dauerhaft, paſſend für eine Wanderung wie bevorſtand, und bequem. Er war wohlbewaffnet, denn außer ſeinem Schwerte, Dolche und Piſtolen, hatte er auch noch eine gute Büchſe auf der Achſel hängen, und der tüchtige Stock, welcher als Wanderſtab diente, wäre vielleicht als Vertheidigungswaffe auch nicht zu verſchmähen geweſen. Onkel Tom begleitete die Beiden durch die Straße mit den weiß übertünchten Häuſern, und noch über den Hügel mit den Gärten, Obſtbaumalleen und eingezäunten Plätzen hinaus. Hier oben hatten ſie zum letzten Male den Anblick des Meeres. Wir können es nicht verſchweigen, daß der Jüngling hier einige Augenblicke ſtehen blieb, und wie mit ſehnſüchtigem Blicke dem geliebten Elemente zu⸗ blickte,— es ſchlüpfte auch Etwas, das einem Seufzer glich, über ſeine Lippen, aber dann wandte er ſich ſchnell, und eilte raſchen Schrittes voraus, dem nicht fernen Walde zu. Hier nahm der würdige New⸗Porter Bürger Abſchied. Es war ein kurzer, aber nicht ohne einige Bewegung. Er wanderte langſamen Schrittes zur feinen Stadt an der ſchönen Bay zurück,— die beiden Abenteurer betraten das geheimnißvolle Dunkel des Waldes, der, wie Jack ſagte, ſich viele, viele Meilen landeinwärts des Eilandes fortſetzte. Es kann nicht unſere Abſicht ſein, und unſere Leſer würden uns auch wenig Dank dafür geben, wenn wir Schritt für Schritt unſere beiden Wanderer begleiten ſollten. Wir wollen nur auf gewiſſen Stellen mit ihnen Halt machen; aber dies müſſen wir, da es,— wenigſtens nach unſerer Meinung— auch wieder ganz unſerm Zwecke, den wir bei dem Entwurfe dieſer Erzählung gefaßt haben, ent⸗ gegen wäre, kurz zu ſagen:„und Mr. Frank Lincoln kam nach einer Monate dauernden Reiſe durch New⸗Eng⸗ lands— Kolonien, über die Jagdgründe der Pequots und Mohegans, und nach manchem überſtandenen Abenteuer glücklich und geſund in New⸗York an.“ Dies wäre wohl bequem, aber, wie geſagt, nicht dem Zwecke entſprechend, den wir uns vorgeſetzt haben, und ſo müſſen wir unſerem Plane folgen, und hier und dort anhalten, wobei wir dem⸗ jenigen unſerer Leſer, welcher derlei Zwiſchenſtationen nicht liebt, den Rath geben, dieſen ganzen Band zu überſchlagen und ſogleich das erſte Capitel des dritten Bandes zu be⸗ ginnen. Die Art zu Erzählen iſt wie die Art zu Reiſen. Heut zu Tage geht es auf der Eiſenbahn flüchtig fort— Hier nimmt man ſein Frühſtück und dort nimmt man ſein Souper— von dem, was dazwiſchen liegt, weiß man nicht 45 eine Sylbe. Es war anders in jener Zeit, wo es noch keine Eiſenbahnen gab, wo man mit der Diligence, dem beſcheidenen Landkutſcher,— oder wenn man gut bei Kaſſe war, mit der Extrapoſt reiſte. Es giebt Leute, und wir erklären uns geradezu Einer davon zu ſein, welche ſagen: Das Reiſen heut zu Tage habe alle und jede Poeſie ver⸗ loren,— und ſo wäre es auch mit unſerer Erzählung, wenn wir unſere Helden ſogleich wie mit Dampfkraft in New⸗York würden ankommen laſſen,— doch Chacun a son goüt,— wer das Reiſen mit der Eiſenbahn vorzieht, ſchlage den dritten Band auf,— der andere folge uns nach der Art und Weiſe der alten Landkutſcher, die ihrFrühſtück, Mittag— und Abendeſſen und dazwiſchen einige Zwiſchen⸗ futter einnahmen, durch Neu⸗Englands Kolonien, die Jagd⸗ gründe der Rothhäute u. ſ. f.,— bis wir dann doch auch das Ziel unſerer Reiſe erreichen werden. Bevor wir aber dieſe unſere Reiſe fortſetzen, müſſen wir zur Verſtändniß einige Worte vorausſchicken. Anfangs waren die Anſtrengungen der Provinzialen darauf beſchränkt, ſich eine koloniſtiſche Exiſtenz zu gründen. Die erſten An⸗ kömmlinge hielten zuſammen und verblieben nahe der See⸗ küſte, das Meer gleichſam als das Band betrachtend, das ſie noch an das alte Vaterland knüpfte; aber dieſe erſte Zeit war vorüber,— die Bevölkerung hatte durch neue An⸗ kömmlinge raſch zugenommen,— der Unternehmungsgeiſt, ein unerklärbares Product des amerikaniſchen Klima, und der Wunſch, in noch unbekannte Regionen, einzudringen, war erwacht, und hatte viele kühne Abenteurer angetrieben, tiefer in die gegen Norden und Weſten gelegenen Urwälder einzudringen. So ſehen wir ſchon funfzehn Jahre nach der Ankunft der Pilgrime das Fort Say⸗Brvoke(nach den peiden Edelleuten, welche vom König von England ein Pa⸗ tent für Anſiedlung in Amerika erhalten, ſo genannt),— ſo ſehen wir die Towns von Windſor, Hartford und New⸗Haven entſtehen, und immer weiter drangen die kühnen Backwoodsmen. n einem Lande, wo das Geſetz alle Unternehmungen begünſtigt, wo Beſchränkungen unbekannt ſind, da ſteht es dem Abenteurer frei, das Feld für ſeine Unternehmungen, wo es ihm gelüſtet, aufzuſuchen. Sagt dem Landbebauer der eine Platz nicht zu, ſo ſucht er ſich einen andern,— der Handelsmann geht dorthin, wo er glaubt, daß er Abſatz und den meiſten Nutzen findet,— der Handwerker verläßt das Dorf wo er geboren und zieht dorthin, wo er glaubt benöthigt zu ſein. Eine nothwendige Folge dieſer Freiheit iſt, daß wir nirgend noch Vollendung treffen. Eine große, vevölkerte Stadt kann heut zu Tage noch von Wildniß um⸗ geben gefunden werden, und dieſe Wildniß bleibt beſtehen, während die Stadt ganze Schwärme von unternehmenden Abenteurern fortſchickt, um weit entlegene Wildniſſe urbar 47 zu machen. Aber finden wir dieſes heut zu Tage noch, um ſo mehr in jener weit hinter uns liegenden Zeit, und es darf uns daher nicht überraſchen, wenn unſere beiden Reiſenden heute mit frühem Morgen eine anſehnliche Anpflanzung mit wohnlichen Häuſern, Kirchen, Tavernen verlaſſen, und nach⸗ dem ſie den ganzen Tag ſich durch einen Urwald, zwiſchen Sümpfen und Moräſten durchgewunden haben, mit ſinken⸗ der Nacht froh ſind, in dem Blockhauſe eines von der civi⸗ liſirten Welt abgeſchiedenen Hinterwäldlers gaſtliche Auf⸗ nahme zu finden, um morgen vielleicht wieder in einem freundlichen Dörfchen einzutreffen. Es war an einem ſchönen Abende, als die beiden Wanderer durch einen dichten Wald wanderten. Ein amerikaniſcher Wald in ſeiner Urwüchſigkeit giebt ein ganz anderes Bild, als jene Wälder, wo im Frühjahr gewiſſe Stämme mit einem eingeſchnittenen Kreuz bezeichnet und dieſe im Herbſte gefällt werden, wo an den ausge⸗ rodeten Plätzen neuer Anflug geſäet wird, und wo man die Schläge der Art, das Knarren der Wagenräder und das Geſchrei und Gejodle der Holzknechte vernimmt. In einem amerikaniſchen Walde herrſcht die Majeſtät der Ruhe im höchſten Grade, und die Natur verfolgt da ungeſtört ihre eigenen Geſetze. Der Erdboden bringt da jene Gewächſe hervor, welche er zu ernähren vermag, und das Auge iſt ſelten beleidigt durch eine krankhafte verkrüppelte Vegetation. Sie weiß es beſſer als der beſtgeſchulte Forſtbeamte, wo die Eiche, die Ulme, die üppig wachſende Sykamore, die ſchlanke Tanne ihren Platz hat, und im edlen Wetteifer ſtrebt das eine wie das andere dem Himmelslichte zu. Die gewölbten Bögen ſind geſtützt von tauſend und tauſend hohen, geradeaufſtehenden Säulen, und zwiſchen dieſen iſt ausgeſpannt ein endloſer, zitternder Baldachin friſch grüner Blätter, unter welchem ein mildes Dunkel undimponirendes Schweigen regiert, während ſich in der obern Blätterwelt das von oben einfallende Licht bricht, und golden, grün und braun und roth zurückgeworfen wird, und hier ein leiſes Sumten und Wiſpern zu vernehmen iſt. Im Gegenſatze zur üppigen Vegetation, die nach auf⸗ wärts ſtrebt, zeigt ſich der Erdboden in ſeiner düſteren nur wenig Abwechslung zeigenden Farbe. Es haben ſich todte und moosbedeckte Blöcke in das weiche Erdreich eingeſenkt, verwitternde Vegetabilien bedecken die Gräber vergange⸗ ner Generationen von Bäumen, ſchwarzbraune feuchte Schwämme wuchern auf den Wurzeln eines ſeinem Tode nahen Baumes, wenige ſchlanke Pflanzen verſuchen ſich an vem einen oder andern Stamme hinaufzuwinden, unver⸗ mögend ſich ſelbſt nach aufwärts zu erheben, verbringen ſie ihr armſeliges Schmarozerleben nahe dem Erdboden, um bald zu verwittern. Die feierliche Stille eines amerikaniſchen Waldes iſt 49 ſelten durch den Fußtritt des Menſchen unterbrochen, ſelten einmal durch den hüpfenden Sprung eines Rehes oder dem ſchwerfälligeren Trott des Muſethieres, des amerikaniſchen Hirſches,— geräuſchlos ſpringt das Pantherthier über den Weg, und Momente, wo eine Truppe hungriger Wölfe heulend die Spur eines gejagten Rehes verfolgt ſind nur Ausnahmen, um ein oder das andere Mal die Feierlich⸗ keit eines amerikaniſchen Waldes zu unterbrechen, ſelbſt die Vögel ſind ſtumm, als wagten ſie es nicht dieſe zu ſtören. Durch einen ſolchen Wald wanderten unſere beiden Reiſenden; Jack the Idler als der Wegweiſer voran, mit friſchem Schritte, da ſein Pack in den letzten Tagen um ein Beträchtliches leichter geworden war, Frank Lincoln ihm auf dem Fuße folgend, um nichts weniger friſch. Ju⸗ gend und Geſundheit halfen da nach, wo Gewohnheit dem Andern einen Vorſprung gegeben hätte. Plötzlich blieb der Hauſirer ſtehen und blickte um ſich. „Ihr ſcheint mit dem Weg, den wir einſchlagen ſollen, etwas unſicher zu ſein,“ ſagte der Jüngling. „So wenig als Ihr,“ erwiederte der Andere lächelnd, —„ſo lange Ihr ſo viel Licht hattet, um den Stand der Magnetnadel zu ſehen.“ „Und doch bemerke ich, daß Ihr einige Male nach und links blicktet, was ſonſt nicht Euere Gewohnheit iſt.“ 1858. V. Van Ho boken lI. „Ich denke es iſt an der Zeit, unſer Souper einzu⸗ nehmen,“ erwiederte Jack mit komiſcher Emphaſe,—„und da ſah ich mich nach ein paſſende Hotel um, oder unſern Um⸗ ſtänden angemeſſener zu ſprechen; es muß hier in der Nähe 3 wo eine Quelle ſein, an der wir uns niederlaſſen wollen, denn Brot und Käſe ißt ſich allein verdammt trocken.“ „Ihr ſprachet doch heute Morgen von einem Hinter⸗ wäldler, wo wir für die Nacht gaſtliche Aufnahme finden würden?“ ſagte Frank Lincoln in halb fragendem Tone. „O, ich zweifle auch nicht, daß wir heute noch in der 3 Reſidenz meines alten Freundes Providence ankommen werden,“ ſagte der Hauſirer,—„aber für's Erſte haben wir noch immer ein paar Stunden zu marſchiren, und es geht ſich nicht gut mit leerem Magen, und für's Zweite iſt die Frage, ob Speiſekammer und Keller eben ſo beſtellt ſind, daß wir, zu unſerm Nachtheil, uns durch einen früher eingenommenen Imbiß den Appetit verderben ſollten,— ¹ es könnte ſich eben auch treffen, daß Freund Providence ¹ angenehm überraſcht iſt, wenn wir ihn als unſern Gaſt einladen,— übrigens eine herzliche Unterkunft finden wir jedenfalls.“ .„Wenn Ihr es alſo für zweckmäßig findet, möget Ihr . immerhin Euch nach dem Hotel umſehen,“ ſagte Frank Lincoln, in den Scherz ſeines Geführten einſtimmend. „Und wenn mich mein Ohr nicht täuſcht, höre ich be⸗ 51 reits das einladende Murmeln der Quelle,“ ſagte Jack und ſchritt raſch weiter. Sie hatten auch kaum etwa zweihundert Schritte zu⸗ rückgelegt, ſo kamen ſie zu einer kleinen Lichtung des Wal⸗ des. Es zeigte ſich da eine mäßige Erhebung; grüner Moosboden deutete auf eine friſche Bewäſſerung hin, und wirklich guoll hier aus über einander geſchobenen Felſen⸗ ſtücken ein munteres Wäſſerchen hervor, welches ſich ſpäter in einem kleinen Becken ſammelte, und als ſchmales Bäch⸗ lein in einem ausgewaſchenen Bette forthüpfte, ſich bald aber in einem nicht fern gelegenen Sumpfe verlief. Man machte es ſich hier ſo bequem als möglich, und Jack breitete das ſpärliche Souper, wirklich in nicht mehr als Käſe und Brot beſtehend, auf einer Platte des Felſens aus,— aber was der Mahlzeit an Reichhaltigkeit abging, erſetzte der gute Appetit und in der beſten Laune verzehrten Beide, was ihnen ihr frugaler Tiſch bot. „Nach Tiſche ſchmeckt eine Pfeife Tabak,“ ſagte Jack, ſeine Delfterpfeife hervorziehend,— dieſe von Holländern eingeführte Waare war unter den Anſiedlern noch immer am meiſten im Gebrauche,— und nachdem er ſie gefüllt und angebrannt hatte, legte er ſich in behaglicher Ruhe mit dem Oberleibe zurück an den Stamm einer Sykamore. „Leute, wie wir, haben keine drängende Eile,“ ſagte er,—„ob wir ein Stündchen früher oder ſpäter an dem 4* Orte unſerer Beſtimmung eintreffen, hat nichts zu ſagen, — und ſo wollen wir unſere Pfeife in Ruhe ſchmauchen, und wenn es Euch recht iſt, will ich Euch vorläufig mit dem Manne bekannt machen, den ihr heute noch perſönlich ſollt kennen lernen.“ Frank Lincoln, der dem Beiſpiele ſeines Führers gefolgt war, ſich eine Sieſte ſo bequem zu bereiten, als es die Umſtände erlaubten, und mit Behaglichkeit die grauen Wolken dem blauen Himmel zu blies, nahm mit Vergnügen den Antrag, ihn in vorläufige Bekanntſchaft mit dem Freunde des Hauſirers zu bringen, an. Dieſer begann wie folgt: „Gott wird ſorgen“ dieſes iſt das Sprichwort meines Freundes,— und dieſes waren die letzte Worte, die er mir nachrief, als ich ihn das letzte Mal verließ. Es war im Anfange des ver⸗ gangenen Winters. „Was ich Euch jetzt erzähle, habe ich theils ſelbſt mit angeſehen, theils habe ich es aus dem Munde des Mannes, und es wird Euch nicht nur ein Bild meines Freundes, ſondern auch des Lebens unſerer Pioneere oder Borderer, wie man ſie auch nennt, überhaupt geben. Ich weiß nicht, ob„Providence“ der Familien⸗ oder der Taufname dieſes Mannes iſt, oder ob man ihm 53 demſelben von dem Spruche gab, den er ſtets gebrauchte: „Gott wird ſorgen“ und den er in ſeinem Leben vpft genug auszuſprechen hatte. Ich weiß nicht, wie es jetzt mit ihm ſteht, da ich ihn beinahe ein Jahr nicht geſehen habe, aber damals beim Abſchiede hat er ihn mir mit vollem Vertrauen zugerufen. Ich kannte ihn ſchon, als er noch im alten Bay⸗ Staat lebte; aber je mehr hier die Bevölkerung zunahim, deſto unzufriedener wurde er, und endlich faßte er den Entſchluß weiter zu ziehen. Seine weltlichen Güter, die er mitzunehmen hatte, waren eben kein Ueberfluß. Das ihm Theuerſte war eine alte Mähre, die bereits zwanzig ſchöne Neu⸗England⸗Sommer verlebt, der aber der letzte Winter ſo böſe zugeſetzt hatte, daß es zweifelhaft ſchien, ob ſie ſich wohl werde entſchließen können, noch den ein und zwanzigſten abzuwarten, oder ob ſie es vorziehen werde, einem Leben voll Mühen, Plagen und— Entbehrungen Adieu zu ſagen. Das zweite im Werthe für ihn war eine alte Kuh, welche Ur⸗ oder vielleicht Ur- Ur⸗Großmutter einer zahlreichen Nachkommenſchaft hätte ſein können, wenn es ihr wäre vergönnt geworden, im Kreiſe ihrer Familie ſich des Lebens zu freuen, aber da die jungen Kälber ſtets dem Ausſpruche„Gott wird ſorgen“ zum Opfer fielen, ſo hatte ſie es nie weiter als zur Mutter und zwar zur wiederholt betrübten Mutter über den Tod ihres Kindes gebracht. Daſſelbe Schickſal hatte auch ein altes Mutter⸗ ſchaf ſchon einige Male erlebt. Dieſes ſtand aber in der beſonderen Gunſt der Frau Providence, da ſie daſſelbe jung von der Mutter weg bekommen, und bei ſüßer Milch aufgezogen hatte. Ihr könnt bemerken, daß Freund Providence eine merkwürdige Verehrung für das Antike in allen Dingen hatte, und bei Aufzählung ſeiner Familie begann er jederzeit: Da bin erſt ich, dann die Kinder, dann mein alt Bonnh, die alte Mully, die alte Nanny und meine Alte,— mit der Letzten meinte er ſeine Frau. Ich erinnere mich noch ſehr wohl des Auszugs der Familie Providence. Die getreue alte Mähre war an einen kleinen Schlitten geſpannt, auf den Weib und Kinder und andere Dinge gepackt waren, die für den Haushalt in einer neuen Anſiedlung nothwendig ſind, nicht zu vergeſſen die nöthigen Lebensmittel für die Reiſe und für den Anfang. Obwohl dieſes alles zuſammen eben keine zu große Laſt war, ſo kam es dem alten Bonny doch ſauer genug an, damit durch den ziemlich hoch gefallenen Schnee durchzukommen, und Providence und ſeine zwei älteren Jungens mußten bei irgend einem Hügel Vorſpann leiſten. Er ſelbſt ging natürlich immer zu Fuß, die Kuh und das Schaf vor ſich hertreibend, in ſeinen Gedanken die Beiden als die Stammmütter einer großen Nachkommenſchaft in dem neuen Lande betrachtend, wo er ſich bereits als den 55 Beſitzer ganzer Heerden ſah, wie ſie auf den üppigen Wieſen weideten und an den gras⸗ und pflanzenreichen Hügeln herum graſten. Es war im Monate März oder April, daß Provi⸗ dence mit Familie und mit Hab und Gut auf ſeinem neu⸗ gewählten Beſitzthum ankam. In der ganzen Umgegend war keine andere Anſiedlung,— ich glaube, zur nächſten waren funfzig oder ſechzig Meilen Entfernung. Er, mit Weib und Kindern war ganz allein im weiten Walde und ohne Obdach. Dieſes hatte er aber eben gewollt und ging nun raſch an die Arbeit. Für's Erſte führte er eine proviſoriſche Wohnung auf, aus Pfählen und Zweigen, die gegen die Windſeite durch eine alte umfangreiche Eiche geſchützt war, und trug einige Steine zuſammen, die den Feuerheerd bildeten. Der Schlittenkaſten war das Bett des Ehepaares, die Kinder ſchliefen in den nach der Größe ausgewählten Stürken Birkenrinde, die durch die Sonne aufgerollt waren. Er verſicherte mir, nie noch ſo vergnügt geweſen zu ſein, als damals, wenn er dieſe erſten Vorkehrungen getroffen hatte, und ſeine Schaar Kinder, barfüßig und halbbe⸗ kleidet, lachend und Unſinn treibend um das mächtige Holz⸗ feuer herumtanzen ſah, mit roſigen Wangen und freude⸗ glänzenden Augen, eines das andere von dem Platze wegdrängend, wohin der Rauch ſich nicht zog, und kreiſchend wieder der andern Seite zuhüpfend, wenn ein Windſtoß durch die vielen und mancherlei Offenheiten des kleinen Palaſtes dem Rauche eine andere Richtung gab. Aber Providence war mit dieſem Proviſorium nicht zufrieden, und bevor lange Zeit verging, ſtand ein regel⸗ mäßiges Blockhaus da und nun begann er, auf Mittel und Wege zu denken, ſich und ſeiner Familie den nöthigen Lebensunterhalt zu verſchaffen. Baum auf Baum fiel unter den kräftigen Streichen ſeiner Art und bald zeigte ſich das klare Himmelsblau über ſeiner Hütte, und das ſchöne Sonnenlicht drang unbeſchattet durch deſſen Oeff⸗ nungen. Es ging Alles den ſchönſten Weg, die herrlichſten Ausſichten einer freundlichen Zukunft öffneten ſich ihm, mit Ehrgeiz und Selbſtgefühl ſah er dieſer entgegen—— da, in einer unglücklichen Stunde, erhielt der Strom ſeiner Pläne und Hoffnungen den erſten Stoß,— das erſte wichtige Ereigniß ſeit ſeiner Ankunft traf ihn, gleich ein Donnerſchlag aus wolkenloſem, herrlich blauem Himmel, — es war der Tod der alten Mully;— und um ſo heftiger war ſein Schmerz, als er ſelbſt— wenn auch unfreiwillig— die Urſache ihres Todes war. Die gute Alte entfernte ſich nie weit von dem Wohnhauſe der Familie, als deren Mitglied ſie ſich zu betrachten ſchien, da ſie ſtets Beſchäftigung genug in dem Abnagen der zarten Sprößlinge an den Bäumen, die ihr Meiſter gefällt hatte, fand— und während Beide eines Tages, jedes in ſeiner 57 Weiſe, beſchäftigt waren, ſtürzte ein mächtiger Ahornbaum und zerquetſchte ſie zu Stücken. Sie war nicht das Muſter einer ſchönen Kuh zu nennen,— die Fatiguen der Reiſe und die nachfolgende magere Koſt hatten ihr hart zugeſetzt, — ſie war keine von den fetteſten, mahnte vielleicht eher an Eine der ſieben Mageren im Traume Pharaoh's,— und doch, wer kann den Schmerz der Familie nachempfin⸗ den? am ſchwerſten fiel es aber dem armen Providence auf's Herz—„Warum war ich auch ſo unüberlegt und band dem guten alten Vieh nicht eine Glocke um den Hals, daß ich gewußt hätte, wenn ſie in der Nähe war,“ ſo klagte er ſich ſelbſt an— aber„wer kann helfen, ſie iſt dahin die gute alte Mully,“ philoſophirte er dann, und als der jetzt eingetretene Mangel an Milch zur Sprache kam, tröſtete er ſich und die Seinigen mit einem vertrauungs⸗ vollen:„Gott wird ſorgen!“ Ihr müßt eingeſtehen, daß Freund Providence ein vernünftiger Mann iſt, der es einſieht, wie viel beſſer es iſt, ſich über nicht zu ändernde Unglücksfälle zu tröſten, als ohne Aufhören zu jammern,— aber das Unglück kommt ſelten einzeln, meiſtens mit Gefolge. Wenige Tage nach dem Tode der alten Kuh, hatte die Familie den Verluſt der guten alten Nanny zu beweinen. Ein häßlicher Wolf hatte ſich in nächtlicher Stunde das arme Schaf geholt, es in Stücken geriſſen und nichts davon übriggelaſſen als einige Flocken blutiger Wolle. Was blieb von der geträumten Heerde übrig?— vielleicht ein paar Strümpfe für Jedes der Familie,— das war Alles. In der That dieſes war ein trauriges Ereigniß, und wieder hatte er ſich den Vor⸗ wurf zu machen:„Warum war ich ſo nachläſſig, und habe das Thier nicht eingeſtallt, wo der Wolf ihm hätte nichts anhaben können?“ „Mit den Heerden, wie ſie auf den üppigen Wieſen weideten und an den gras⸗ und pflanzenreichen Hügeln herumzogen,“ war es alſo jetzt nichts mehr,— nichts war geblieben, als die alte Mähre, aber Alt' Bonny ſchien es immer mehr in Zweifel ſtellen zu wollen, ob ſie ſich wirklich entſchließen könne, den ein und zwanzigſten Neu⸗England⸗ Sommer zu öberleben. Dieſes war eine Zeit, verſicherte er mir, als ich ihn nach der Hand traf, wo ihm in der That jede Hoffnung verlaſſen hatte, und wo ihm jede Kraft für das Weitere zu ſorgen mangelte, und wenn ihn ſein Weib aufzurichten verſuchte und ermahnte, wie es doch noth⸗ wendig ſei, für die Erhaltung der Familie zu arbeiten, zuckte er nur die Achſeln und ſagte:„Gott wird ſorgen.“ Der Sommer ging vorüber, aber mit ihm auch die Proviſion zu Ende, und je weiter die Jahreszeit vorwärts rückte, deſto übler geſtalteten ſich die Angelegenheiten in Freund Providence's Blockhaus: da war kein Mehl in der Mehlkiſte, kein Schweinefleiſch in der Tonne, kein 59 Kußfleiſch im Zuber,— aber da war auch kein Korn, kein Schwein, keine Kuh, um den Store für den Winter aufzu⸗ füllen,— der Sommer war vorüber, die Ernte geendet, aber Providence's Kornkammer war leer. Der kalte, freude⸗ loſe Winter war näher und näher rückend,— die Mutter, die gute arme Mutter ſah ihre Kinder hungern,— war es ihr zu verdenken, wenn ſie jammerte?— aber:„Gott wird ſorgen,“ ſagte Providence—„er hat noch nie einen Mund gemacht, und ihn nicht auch gefüllt.“ Das war freilich ein ſehr kühler Troſt für die arme Mutter und eine zahlreiche Familie halbgekleideter, hungernder Kinder um ſie herum, die um Brod ſchrieen. Aber Freund Providence ſchien in der That Recht zu haben. Eines Tages, als die Noth eben am höchſten geſtiegen war, kam eine beträchtliche Sendung von Mehl, Grüetz, Syrup und ſonſt noch anderen Dingen von den Anſiedlern, welche die nächſten waren— immerhin eine ſchöne Entfernung,— aber die guten Leute hatten von der Noth in der Anſiedlung „Providence“ gehört, und da ſchreckt den gutmüthigen Hinterwäldler nicht Entfernung noch ſonſt ein Hinderniß zurück, um ſeinen nothleidenden Nachbar Hülfe zu bringen. Was war das für ein Jubel in dem Blockhauſe als der Grützebrei mit Syrup übergoſſen aufgetragen wurde— „Habe ich nicht geſagt: Gott wird ſorgen,“ ſagte Provi⸗ dence— aber als er die blitzenden Augen ſeiner Kleinen, ihre fröhlichen Geſichter ſah, da befiel es ihm ganz eigen⸗ thümlich, er konnte nur ein paar Mundvoll von der Speiſe nehmen,— und er ſtürzte aus dem Blockhauſe hinaus, und eilte der dicken Wildniß zu. Er rannte eine Weile fort und kam endlich zu einen Bach,— er erinnerte ſich nicht, ſchon früher hier geweſen zu ſein. Als er dieſen überſchreiten wollte, bemerkte er zu ſeiner Verwunderung und Freude einen Schwarm Salme abgeſchloſſen in einer tiefen Grube, aus welcher zu entkommen es für ſie nicht möglich war, da das ſeichte Waſſer eben ſo ſchnell über dieſen natürlichen Baſſin hin⸗ ausrann, als es hineinfloß, eben nicht ſo viel Tiefe laſſend, daß die Fiſche wegſchwimmen konnten. Dies war in der That für Providence ein ergötzlicher Anblick. Wie ein Verrückter rannte er heim, holte ſeinen Fiſch⸗Speer, und wieder ging es zum Bache. Es verfloſſen kaum Augen⸗ blicke und ſechs oder ſieben ſo ſchöne Salme, als je ge⸗ ſchwommen, lagen auf dem grünen Graſe,— bei ihrem Anblicke fühlte er ſich in der That reich,— es war ihm, als wären alle ſeine früheren Verluſte nun ausgeglichen,— jede ſchimmernde Floſſe däuchte ihm ein Stück Silber zu ſein,— und von dieſem Tage an, verſicherte er mir, ſei ſein Muth wieder neu erwacht. Nachdem er ſeinen Fang aufge⸗ reihet hatte, um ihn bequemer nach Hauſe tragen zu können, fand er ihn für eine Laſt zu ſchwer. Mit der einen Abtheilung 61 eilte er nach Hauſe, und holte dann ſogleich den Reſt, und als die ganze Beute vor der Eingangsthüre des Blockhauſes wie zur Schau ausgelegt war, und die Kinder Hände⸗ klatſchend herumſprangen, da ſagte Providence mit Sal⸗ bung:„Hab' ich nicht ſtets geſagt: Gott wird ſorgen?“ Aber in der That, wie das Unglück nie einzeln kommt, ſo auch das Glück,— oder vielleicht, weil der Menſch wieder durch das erſte Zeichen der Gunſt des Schickſals kräftiger, eifriger, betriebſamer wird, ſo reiht ſich Folge an Folge an,— genug, von dieſem Tage anſcheinen ſich die Verhältniſſe meines Freundes und ſeiner Familie zum Beſſern gewendet zu haben. Auf einer ſeiner Wanderungen durch das Holz traf er auf einen Bienenbaum, und wieder hatten die Herzen der kleinen Familie eine Urſache zu jubeln, als ſolche Süßigkeiten des Lebens in ihre Hütte kamen, und nachdem der ganze Vorrath des Bienenſtockes ausgenommen war, zeigte es ſich, daß mehr als einhundert und funfzig Pfund reinen Honigs das Ergebniß ihres Glückes war, und Providence hatte abermals Gelegenheit, ſein„Gott wird ſorgen“ auszuſprechen. Nicht lange nachher, an einem kalten, klaren No⸗ vembermorgen, nachdem in der Nacht ein leichter Schnee gefallen war, kam Providence auf die Spur eines Bären, und folgte dieſem bis zu ſeinem Lager, Furcht kennt Freund Providence nicht, und mit großer Seelenruhe erhob er 62 ſeine gute Flinte und ſtreckte Meiſter Pez todt nieder. Bei näherer Unterſuchung zeigte es ſich nun, daß dieſer von ungewöhnlicher Größe war und fett genug, um dem Ge⸗ ſchmacke des feinſten Epikuräers zu genügen. Providence entkleidete Mylord Pez ſeines Pelzrockes, zerſtückelte den Leichnam und ſchleppte Alles in ſeine niedere Hütte. Da gab es nun Arbeit über Arbeit,— das Fell mußte gegerbt, das Fett geſchmolzen, das Fleiſch geſalzen, getrocknet und eingelegt werden,— da gab es aber nun auch einen vor⸗ trefflichen Erſatz für Speck und Butter,— da gab es genug von dem werthvollen Stellvertreter für Schweinefleiſch und Kuhfleiſch,— da war aber auch noch ein werthvolles Pelz⸗ werk, wenn es anders konnte zu Markt gebracht werden. Dieſes war nun ein Gegenſtand großer Ueberlegung. End⸗ lich wurde der Entſchluß gefaßt, daß Betſey die älteſte Tochter, ein Mädchen von etwa ſechzehn oder ſiebenzehn Jahren, in die nächſte Anſiedlung reiten ſollte, um dort das koſtbare Pelzwerk gegen Mehl unzuſetzen. Wird„Alt Bonny,“ welche wirklich den ein und zwanzigſten Neu⸗Eng⸗ land⸗Sommer auch noch überlebt hat, ſich wohl herbeilaſſen, eine ſolche Reiſe zu unternehmen? Betſey meinte, ſie werde die alte Mähre ſo ſchonend als möglich behandeln, wohl auch ſtreckenweiſe neben ihr her zu Fuße gehen,— übrigens hatte ſich„Alt Bonny“ im ſüßen Nichtsthun auf ganz ſchöner Weide um das Blockhaus herum, für ihr 63 Alter ganz gut conſervirt, und ſo wurde denn eine eigene Art Reitſattel für Miß Betſey zuſammengemacht, ſie darauf geſetzt, der Bär in einem Bündel zuſammengerollt und hinten auf den Sattel geſchnallt,— und dorthin ritt das Mädchen, leichten Herzens, in die dichte Wildniß hinein. Ein guter Erfolg belohnte ihr Handelsunter⸗ nehmen. Nach ſechs Tagen kehrte ſie heim, die alte Mähre beladen mit hundert und funfzig Pfund guten Weizenmehles, Thee, Zucker, Gewürz, und wer weiß was ſonſt noch Alles, — da war nun Jubel im Blockhauſe, und Freund Pro⸗ vidence hatte einen würdigen Anlaß, ſein„Gott wird ſorgen“ auszuſprechen,— und dieſes war die Zeit, wo ich die Familie zum letzten Male ſah, und wo mir Freund Providence ſeine Geſchichte erzählte, aber als ich am Morgen Abſchied nahm und den Rath gab, er ſolle doch ſogleich mit Einbruch des Frühjahres anfangen, einen Theil des Stück Landes, welches er von Baum und Strauchwerk ausgerodet hatte, zu bebauen, da ſagte er mit ernſter Miene:„Für künftiges Frühjahr will ich noch gar keine Pläne machen,— ich mache überhaupt nicht gern Pläne, ſie kommen nicht in Ausführung, denn Du ſiehſt, wie alle meine Pläne zu Nichts geworden ſind,— ich halte ver⸗ trauungsvoll an meinem„Gott wird ſorgen,“ und dieſes Vertrauen hat mich noch nie getäuſcht.“ „So ſchieden wir,— und wenn Ihr keine Einwen⸗ 64 dung habt, ſo wollen wir jetzt aufbrechen, um noch vor einbrechender Nacht die Anſiedlung„Providence“ zu er⸗ reichen.“ So ſagte Jack the Idler, und als Mr. Frank Lincoln in der That keine Einwendung gegen den Vor⸗ ſchlag hatte, ſo wurde auch wirklich aufgebrochen, und munteren Schrittes die Wanderung fortgeſetzt. biertes Capitel. „Ich zieh' dem fernen Weſten zu, „Dort unter ſtillen Bäumen „Von ſtillem Glückzu träumen; „In heimathlicher Ruh „Fntfernt von wirrem Treiben „Ein freier Mann zu bleiben. Der Pioneer. Die Unbeſtändigkeit des phantaſtiſchen Tanzes des Gluckes macht, daß es ſich uns in einer Menge ver⸗ ſchiedener Anſichten zeigen muß. Montaigne. Der Abend hatte ſich bereits tief genug in das herbſt⸗ lich bunte Blätterwerk des Waldes herabgeſenkt, und unter dem grünen Baldachin war es bereits tiefe Nacht geworden, bevor unſere beiden Wanderer jene Lichtung erreichten, wo die kräftige Art des Freundes Providenee aufgeräumt 65 hatte. Da ſtanden ſie aber auch ſchon vor dem Blockhauſe, welches, ſoviel zu bemerken war, der Größe nach eben nicht zu den umfangreichſten, und der äußern Form nach nicht zu den zierlichſten gehörte; aber im Innern ſchien es hoch herzugehen, ſoviel durch die vielen Ritzen und Spal⸗ ten, welche ſtatt der Fenſter dienten, zu ſehen und zu hören war, denn erſtens drang hier viel helles Licht heraus, wel⸗ ches die herumſtehenden Baumgruppen in eine wunderſchöne, wirklich magiſche Beleuchtung ſtellte und zweitens ſchallten da heraus heitere jubelnde Geſänge in einem vollen Chore von jugendlichen Stimmen, zwiſchen welche eine tiefe Mannesſtimme durchbrummte, geſungen. Es war ein überraſchender Eindruck,— an ein Feenmährchen mah⸗ nend,— hier mitten in einem amerikaniſchen Urwald,— und in der That, unſere Wanderer hielten ſtaunend an;— Frank Lincoln durch das Fremdartige der Scene an und für ſich überraſcht,— ſein Begleiter aber durch das Fremd⸗ artige einer ſolchen Scene im Hauſe ſeines Freundes Pro⸗ vidence. „Da muß Gott einmal wieder bedeutend geſorgt ha⸗ ben,“ ſagte er lachend—„nun, ſo beſſer; ich ſehe meine Freunde immer lieber fröhlich, als niedergedrückt.“ Er ſchritt der Eingangsthüre des Blockhauſes zu, und dieſe öffnend,— denn ein Verriegeln der Thüre hatte Providence noch nie für nöthig befunden,— ließ er 1858. V. Van Hoboken. II. 5 dem auf dem Fuße folgenden Begleiter den Einblick in eine wirklich reizende Scene. Das Zimmer, groß genug, aber auch das Eine nur im Hauſe, war mit Tannenreiſern, Ahornbüſchen und ſonſtigem Grünzeug an den Wänden hin beſteckt, dazwiſchen waren ſelbſtgefertigte Talgkerzen (wahrſcheinlich aus den Abfällen des Freundes Petz, guten Andenkens,) aufgeſteckt. Einrichtungsſtücke beengten oder verkleinerten den Raum nicht,— nur im Hintergrunde des Zimmers war das Ehebett, der alte Schlittenkaſten, und ſechs oder ſieben Birkenrinden⸗Canves aufgeſtellt, — in der Mitte des Zimmers und nach ſeiner ganzen Länge ſtand aber ein langer Tiſch, nach Providenee's eige⸗ ner Erfindung und auch von ihm ſelbſt gefertigt, und um ihn herum, auf eben ſo kunſtvoll ausgeführten Bänken, ſaß das Chor der jungen Leute, die blühende, kräftige, für ihr Alter beinahe ein wenig zu ſehr entwickelte Betſey, da⸗ neben zwei Jungens von etwa zwölf bis vierzehn Jahren, und dann noch einige andere in herabſteigender Ordnung, wie etwa die Pfeifen der Orgel aufgereihet ſind. Oben an ſaß Freund Providence, neben ihm„ſeine Alte“— wahrſcheinlich die Einzige, die ihm von ſeinen Alten geblie⸗ ben war. Auf dem Feuerheerde brannte es hell und luſtig, ein „ großer Keſſel hing hier mit kochendem Waſſer; auf dem Tiſche ſtand aber ein großes irdenes Becken, welches wohl 67 zu verſchiedenen Zeiten eine verſchiedene Beſtimmung ſeines Gebrauches haben mochte, doch jetzt mit einer Flüſſigkeit gefüllt war, die über ihren Charakter nicht lange in Zwei⸗ fel ließ, da in der That den beiden an der Thüre Stehen⸗ den das liebliche Gemiſch des Duftes von Tannenreiſig und des ſüßen Duftes der Miſchung von Brandy, Zucker und heißem Waſſer entgegen kam. Aber war Jack the Idler höchlich überraſcht,— ſo noch mehr die luſtige Geſellſchaft,— acht, neun oder zehn Paare glänzender Augen waren der Thüre zugewendet,— tiefes Stillſchweigen war eingetreten, wo eben noch lauter Jubel geherrſcht;— und: „Hallo!— Alt' Zock!“ rief Providence, den Blechtopf erhebend,—„gerade Du biſt der, den ich mir heute her gewünſcht habe!— Da ſieh',— habe ich da⸗ mals nicht geſagt: Gott wird ſorgen!“ „Und er hat geſorgt,“ ſagte Jack—„und ſo habe ich mir heute auch gedacht, als ich und mein Freund an der Quelle mit nichtsſagendem— fürchterlich nichtsſagen⸗ dem Waſſer unſern Durſt löſchten.“ „Hallo! Alt' Jack!— Hier iſt Punſch!— wirklicher Punſch!“ rief Providence—„hier ſetz' Dich, Alt Jack, zwiſchen mir und meiner Alten,— und Dein Freund,— wie heißt er doch——2 „Du magſt ihn Frank nennen,“ ſagte Jack. 5* 68 „Frank?— Das iſt recht!— Alt' Frank, Du kannſt Dich neben Betſey ſetzen.“ Betſey war auch ſogleich bereit, etwas zur Seite zu rücken, um zwiſchen ſich und dem Bruder einen Platz für Alt' Frank zu öffnen, beſonders als ſie bemerkt hatte, daß Alt' Frank in der That und durchaus nicht ein al⸗ ter Frank war. Gott hatte aber auch in der That für unſere beiden Wanderer geſorgt, daß ſie nach einem langen Tagesmarſch, nur unterbrochen durch das Frühſtück, beſtehend aus Käſe, Brod und Waſſer,— das Mittagsmahl, beſtehend aus Brod, Käſe und Waſſer— und das Veſperbrod, beſtehend aus Waſſer, Käſe und Brod, jetzt zu einem ganz anſtändi⸗ gen Souper gekommen waren, denn da gab es nicht allein den belebenden Punſch, ſondern auch gut Pökelfleiſch, Schinken, Kuchen und ſonſt allerlei gute Dinge,— und man ließ ſich dieſe auch ganz gut ſchmecken, Jack dem gu⸗ ten altengliſchen„helft euch ſelbſt“ folgend, Frank aber noch beſonders durch ſeine Nachbarin verſorgt. Als aber der erſte Anlauf vorüber war, man ſich die Pfeifen geſtopft hatte und die grauen Wolken ſich mit dem Duft der Tannenreiſer und des Punſchkeſſels vermengten, da kam denn ganz natürlich auch einiges Geſpräch in Gang, und was ſonſt konnte dieſes berühren, als die Verhältniſſe unſeres Freundes Providence und ſeiner Familie. 69 Die Geſchichte war eine ſehr einfache und ſehr natür⸗ liche. So lange die aus dem Umtauſch des Bärenfelles gewonnenen Proviſionen und der Honig und die eingeſalzenen und gepökelten Bärenſchinken und Bärenlenden dauerten, lebte man auf der Anſiedlung„Providence“ gemüthlich und zufrieden fort. Es iſt nicht in Abrede zu ſtellen, daß die Familie eine anſpruchsloſe, genügſame war, und es iſt nicht zu wundern, wenn die Kinder ziemlich denſelben Charakter und daſſelbe Temperament wie der Vater hatten, — dieſer war aber in der That in der Zeit des Ueberfluſ⸗ ſes etwas zu viel auf ſein„Gott wird ſorgen“ ver⸗ trauend geworden und hatte es für unnöthig gehalten, Bie⸗ nen anzuſchlagen, Bären zu jagen oder die Mutter Erde aufzuſcharren und ſie zu zwingen, ihm Brod zu bringen,— aber ſo mußte es denn auch kommen, daß er es nöthig— ſehr nöthig fand, abermals ſein„Gott wird ſorgen“ auszuſprechen. Bei alle dem war unſerm Providence in dieſer Zeit eine Sorge weniger geworden,— er hatte ein leben⸗ des Weſen weniger zu ernähren,— die alte Bonny hatte nämlich wirklich dem Irdiſchen Lebewohl geſagt, und ſo blieben ihm denn nur die Kinder und ſeine Alte,— aber eben dieſe zu erhalten war er kaum im Stande. Der letz⸗ tere Theil des Winters fand die Nothwendigkeiten des Le⸗ bens in ſehr armſeligem Stande. Er hatte Erdeicheln 70 gegraben, um Suppe zu machen, und Lauch und Kriekelwur⸗ zel geſammelt, um dieſe zu würzen, welche, mit Buchen⸗ und Butternüſſen, die Subſtitute für eine andere Nahrung ab⸗ geben mußten, während Spicebuſch⸗ und Evanwurzel⸗Thee mit Ahornzucker verſüßt, das Familiengetränk war. Aber ſelbſt dieſe Dinge waren zeitweiſe ſchwer zu gewinnen— und andere Proviſion nicht ohne Geld oder Arbeit zu be⸗ kommen; aber das erſte beſaß Providence nicht, und zur letzteren fand er ſich gar nicht disponirt. Bienen konnten nicht angeſchlagen werden, denn dieſe ſchliefen in den Bäu⸗ men,— die Salme waren in dieſer Jahreszeit nicht in den Bächen, ſondern draußen in der See, und Bären wa⸗ ren nicht leicht in ihrem Bau zu finden, und die Rehe viel zu ſcheu und flink für Freund Providence. Endlich war der letzte Schnee des Winters verſchwun⸗ den und mit dem Einzug des Frühſommers in die ameri⸗ kaniſchen Wälder war auch die größte Noth der Familie Providence vorüber, da ſich jetzt wieder manche Gele⸗ genheiten boten, um für die nothwendigſten Lebensbedürf⸗ niſſe zu ſorgen; auch faßte unſer Freund den feſten Entſchluß, das kleine Stück Land, von dem er zur Noth die Bäume ausgerodet hatte, zu bebauen. Er nahm auch wirklich einen erſten Anlauf und ſcharrte oberflächlich die Erde um, theils für den Anbau für Korn, theils für Gartenpflanzen, da es aber dazu kommen ſollte, hatte er weder Samen 71 noch Pflänzchen,— er mußte darnach ausgehen,— auch war es nothwendig, für den täglichen Bedarf ſich um⸗ zuſehen, und da nahm er die Büchſe auf den Rücken, den Fiſch⸗Speer in die Hand und wanderte fort— und ſo wanderte er auch den ganzen Sommer hindurch— aber auf ſeinen Wandernngen holte er ſich nur Verdruß, denn immer näher rückten ihm die Nachbarn, immer neue An⸗ ſiedelungen ſah er entſtehen,— und alle ſeine Nachbarn hatten mehr Glück wie er: da wuchſen um den Blockhäuſern herum— wirklich mit Recht zu ſagen: aus der Erde her⸗ aus ſchöne Kornfelder, üppige Gartenanlagen,— Heerden, wenn auch keine ſo zahlreichen, als von denen er geträumt, weideten auf den offen gelegten Grasplätzen, und in jeder niedern Hütte fand er ſolche Bequemlichkeiten des Lebens, von denen das Blockhaus„Providence“ ſich nie noch hatte träumen laſſen. Er war nicht gierig nach Reichthümern, aber dieſes Heranrücken der Nachbarn ärgerte ihn,— we⸗ nigſtens ſagte er ſo,— und in ſeinem tiefen Verdruſſe ſprach er jetzt nicht einmal ſein„Gott wird ſorgen“— es ſchien ſelbſt, als lebe er mit dem, der ſo oft für ihn geſorgt, in Hader. Da trat ein Ereigniß ein, welches ihn, der ſonſt eben nicht raſch entſchließend war, dennoch zu einem ſchnellen Entſchluſſe brachte. Auf einer ſeiner Wanderungen kam er zu einer An⸗ ſiedlung, wo etwa vier oder fünf Häuſer in einem gelichte⸗ 72 ten Thale aufgebaut waren,— ein Dutzend oder mehr la⸗ gen in einem Umkreiſe von etwa zehn Meilen zerſtreut, — dieſe ganze Anſiedlung, die ſich bereits Town nannte, war ihm an und für ſich ſchon ein Gräuel,— aber nun begegnete er noch überdies auf dem ſchmalen Wege, der in den Wald führte, einen ſchmächtigen jungen Mann in lan⸗ gem ſchwarzen Kleide und mit herausgeſchlagenem weißen Kragen. Er kehrte ſogleich um und wanderte ohne Aufent⸗ halt ſeinem Blockhauſe zu.„Zetzt iſt Alles zu Ende,“ ſagte er mit kleinmüthiger Stimme,—„da zeigt ſich ſchon ein Schwarzrock,— den haben wir zu füttern,— dann wird es heißen: wir brauchen ein Verſammlungshaus,— dann eine Schule,— dann ein Schulhaus,—— das iſt unſer Ruin.“ Drei Tage ging er nicht aus ſeiner Hütte, kaum daß er den Schlittenkaſten verließ; am vierten aber ſtand er auf und nahm ſeine Büchſe, und ſich vor ſeinem Weibe hinſtellend, die eben beſchäftigt war, ein Halbdutzend Eich⸗ hörnchen zu röſten, ſagte er:„Ich habe die Sache reiflich überlegt. Ich glaube, es iſt die höchſte Zeit für uns, eine Gegend zu verlaſſen, wo der Wachsthum ein ſo raſcher iſt. Das iſt ein Gegner des natürlichen Geſchmacks, der Gewohn⸗ heiten und Neigungen des Menſchen. Leb' wohl, Alte, halte gut Haus, bis ich wieder komme.“ Dieſem Auftrage nachzukommen, war gar keine Schwierigkeit, und als nach einigen Tagen Freund Pro⸗ vidence wieder heim kam, fand er ſeinen Haushalt in derſelben Ordnung, wie er ihn verlaſſen hatte; aber als ein ganz anderer Mann kam er heim: den Kopf trug er freudig erhoben, das Auge glänzte, ſein Schritt war raſch und un⸗ ternehmend,— auf ſeinem Rücken trug er einen leinenen Sack, gefüllt mit allerlei guten Dingen. „Morgen ziehen wir fort!“ rief er triumphirend— „Providence⸗Haus iſt verkauft, mit ſchönem Nutzen ver⸗ kauft, in Betracht der Verbeſſerungen, die ich gemacht. Heute Abend wollen wir aber einen Abſchiedsſchmaus ha⸗ ben, wie noch in keinem Blockhanſe gegeben worden iſt,— aber morgen, mit dem Frühſten auf und davon,— wir nehmen nur das Nothwendigſte mit, denn Gott wird auch in der neuen Heimath ſorgen!“ Und die Jungens liefen in den Wald hinaus und hol⸗ ten Reiſig und Büſche, um das Innere des Blockhauſes feſtlich auszuſchmücken,— die„Alte“ und Miß Betſey kochten und brieten,— Freund Providence machte ſich aber daran, das köſtliche Getränk zu miſchen, das ihm ſchon lange ein fremdes geworden war. Unſere beiden Wanderer waren eben zur guten Stunde eingetroffen, um Theilnehmer dieſes Abſchiedsſchmauſes zu werden. 74 „Und wohin haſt Du die Abſicht Dich zu wenden?“ fragte Jackthe Idler ſeinen Freund. „Dem fernen Weſten zu,“ antwortete dieſer mit bei⸗ nahe herviſchem Stolze. „Weißt Du bereits von einer Anſiedlung, der Du Dich anſchließen willſt?“ fragte der Andere. „Anſiedlung?— anſchließen?“ erwiederte der An⸗ dere im Tone der Geringſchätzung,—„dazu bin ich nicht der Mann. Ich will auf meinen eigenen Füßen ſtehen, nicht mich von Andern berathen und behofmeiſtern laſſen, aber auch nicht Andere füttern und Häuſer bauen, in denen ich nicht wohne. Ich will von den Towns mit ihren Ver⸗ ſammlungshäuſern und Schulen nichts wiſſen,— der freie Wald iſt mein Haus;— doch Alt Jack, und Du, Alt Frank — Ihr könnt mit uns Geſellſchaft machen, wir können ein paar Stück Meilen zuſammen gehen.“ Betſey warf einen fragenden Blick ihrem Nachbar am Tiſche zu; doch Jack ſchnitt da jede zarte Hoffnung mit einem kurzen:„Das wird ſich nicht gut machen,“ ab. Denn für's Erſte haben wir Beide mit früher Tageszeit aufzubrechen,— Ihr aber wohl einige Vorkehrungen hin⸗ ſichtlich Eures Gepäckes zu treffen,“ ſetzte er nicht ohne ein ſatyriſches Lächeln hinzu. „O, dies hält uns nicht lange auf,“ erwiederte Pro⸗ vidence,—„den alten Schlitten habe ich als Einrich⸗ 75 tungsſtück mit verkauft, und ſo nimmt Jeder einfach das Seinige auf den Rücken und fort geht es!“ „Und für's Zweite nöthigt mich mein Geſchäft, Har⸗ ristown zu beſuchen,“ ſagte Jack—„und Du als abge⸗ ſagter Feind jeder Townſhip*) wirſt wohl kein Verlangen dorthin haben?“ „Habe nichts dort verloren,“ knurrte der Hinterwäld⸗ ler etwas unwillig; aber freundlich ſetzte er ſogleich mit ſeiner gewöhnlichen Gutmüthigkeit hinzu:„Nun, Jeder geht ſeinen Weg, der ihm der rechte ſcheint. Wir wollen denn noch Eines zum Abſchied trinken, und dann zu Bette, da⸗ mit wir morgen aus den Federn können.— Hier, ſtoßt an, alte Jungens!— Vergeßt meinen Spruch nicht:„Gott wird ſorgen!“ Man ſtieß an— man trank aus, und ging zu Bette. Wie jedoch das Arrangement getroffen wurde, um die bei⸗ den Gäſte unterzubringen, darüber finden wir in den Quellen, aus denen wir unſere Erzählung ſchöpfen, nichts aufgezeichnet, ſo viel aber iſt gewiß, daß es ſämmtlichen Bewohnern des Blockhauſes„Providence“ nicht ſchwer wurde, am andern Morgen aus den Federn zu kommen, da ſich ſchwerlich eine Flaumfeder in der ganzen Hütte vorfand. *) In Neu⸗England ein Stadtgebiet von 5 bis 10 Quadratmeilen. 76 Als der Hauſirer und ſein Begleiter mit dem Frühe⸗ ſten aufbrachen, da nahmen ſie nochmals den herzlichſten Abſchied von der ganzen Familie, ihnen die beſten Wünſche auf den Weg gebend, und daſſelbe thaten Alt Providence, ſeine„Alte“ und die Kinder alle, nur Betſey war etwas kühl und zurückhaltend. Es ärgerte ſie, daß der ſchmucke junge„Alt Frank“ nicht mit ihnen dem„fernen Weſten“ zuzog,— ſie hatte ſich das während der Zeit, als er ihr Tiſchnachbar war, recht hübſch ausgemalt, und jetzt zog er dorthin mit dem häßlichen Alt Jack, gegen Harristown zu. Der arme Jack war ihr noch nie ſo häßlich vorgekommen, als eben heute. Aber ſie hatte nicht lange Zeit, ſich zu ärgern,— es wurde zum Aufbruch geblaſen und da hatte ſie alle Hände voll zu thun. Uebrigens war der Einmarſch in das Gebiet Provi⸗ dence ein viel umſtändlicherer geweſen, als der gegen⸗ wärtige Ausmarſch. Damals hatte man einige Umſtänd⸗ lichkeiten mit„Alt Bonny“—„Alt Mully“— und„Alt Nanny“— dieſe fielen jetzt alle weg, und in weniger als einer halben Stunde nach dem Abmarſche der beiden Gäſte, war die ganze Providence⸗Familie auf dem Marſche nach dem ſich immer weiter zurückziehenden, unbeſtimmbaren, un⸗ bekannten, unbegrenzten„Fernen Weſten.“ Providence, welcher durch ſeine Wanderungen nach 77 allen Richtungen mit der Gegend vollkommen vertraut war, vermied die Townſhips, und auch jede Anſiedlung,— er wollte von der fortſchreitenden Entwicklung, die er im Rücken ließ, nichts mehr wiſſen, aber er war doch geſehen worden, wie er an der Spitze des Zuges hinſchritt, die qualmende Pfeife im Munde, die Flinte auf der Achſel, und einen friſchen, kerngeſunden Jungen, etwa ſechzehn oder achtzehn Monate alt, auf dem Rücken; dicht hinter ihm folgte Betſey und die zwei älteren Buben, jedes mit einem Bündel belaſtet, wahrſcheinlich Proviſion, Kochge⸗ ſchirr und ſonſtige Utenſilien enthaltend,— manchmal vor⸗ aus, manchmal zurückbleibend, ſprangen und hüpften ein paar Kleinere,— dann aber kam die Arrieregarde,— ſeine„Alte“ mit einem Knotenſtocke in der Hand und das wenige Monate alte Baby, in ein Stück Sackleinwand ge⸗ hüllt, auf den Rücken gebunden. Zwanzig oder dreißig Schritte hinterdrein ſchritt ein großer, magerer Jagdhund mit zur Erde geſenktem Kopfe und hängendem Schweife. Ruhig und langſam ſchritt die Karavane hin, mit je⸗ dem Schritte den Zwiſchenraum vergrößernd, der ſie von ihrer alten Heimath ſchied. Fünftes Capitel. „Kaum hatt'er das vierte Jahr erreicht, da ſchweift er weit chon umher, „Zu Häupten den blauen Himmelsdom, und Wiege war ihm das Meer, „Keckſtand er im ſchaukelnden Fiſcherkahn, wenn der Sturm in die Wogen gri „Und tanzte 6 wilder Lieder Klang um das zackige Fel⸗ enriff.“ H. Zeiſe.(Der Pirat.) Wir folgen dem Fußweg, welchen unſere beiden Wan⸗ derer eingeſchlagen haben, und haben ſie auch bald eingeholt. Jack the Idler iſt hier wie zu Hauſe. Der Mann ſcheint durch ſein Herumziehen in dieſen entlegenen Gegenden jene Aufmerkſamkeit für Andere unbedeutend ſcheinende Kleinig⸗ keiten gewonnen zu haben, um nie in Verlegenheit zu kommen, welchen Weg er einzuſchlagen habe. Es hat ſich zwiſchen den Beiden ein ſehr freundſchaftliches Verhältniß eingeſtellt, — auch ganz natürlich: bemerken wir nicht ſchon auf Dampf⸗ ſchiffen und Eiſenbahnen eine weit frühere Annäherung zwiſchen Miteinander⸗Reiſenden? ſo muß dieſes wohl noch ſo mehr der Fall ſein zwiſchen Zweien, die mit einander 79 die Urwälder Amerikas durchziehen. Sie ſprachen eben über die Eigenthümlichkeit des Mannes mit dem„Gott wird ſorgen“— ſie ſprachen über das, was er zu erwar⸗ ten,— was ſeine Familie zu erwarten habe. „O, Freund Providence wird mit ſeinem Spruche im Munde und im Herzen ziemlich ſorgenlos durch's Leben gehen,“ ſagte der Hauſirer—„und man kann ihm des⸗ halb keinen Unglücklichen nennen, auch ſeine Familie ſcheint ſich ziemlich demſelben Grundſatze hinzugeben, und ſollte dieſe, zum wenigſten was die Kinder betrifft, einmal eine andere Richtung einſchlagen wollen, ſo iſt ihnen die Ge⸗ legenheit genug geboten. Aber wenn die Pioneere alle von Freund Providence's Schlag wären, dann würde es um die Ausbreitung der weißen Bevölkerung in dieſem Welttheile übel genug ausſehen. Doch Ihr werdet morgen, — denn heute werden wir unſer Nachtquartier im Freien aufzuſchlagen haben,— doch morgen werdet Ihr mit dem rechten Stocke jener Leute bekannt werden, von denen die Zukunft Amerikas abhängt. Wir erreichen morgen die Anſiedlung,— oder wie es jetzt ſchon genannt wird,„Har⸗ ristown“— und Ihr werdet da ſo eine entſchloſſene, kühne, ſelbſt verwegene und entſchiedene Sorte Menſchen kennen lernen, als je eine den Weg zum neuen Lande öffnete oder die ſtattlichen Bäume eines Urwaldes niederhieb. In⸗ mitten der Wechſelfälle, von welchen ſie umgeben ſind, iſt 80* es aber auch kein Wunder, daß ſie eben in einem beträcht⸗ lichen Grade von einem kühnen und abenteuerluſtigen Geiſte beſeelt ind⸗ und nicht ſelten die Helden von Wagniſſen und außergewöl hlichen Thaten werden. Wie oft wurde es, beſonders in der erſten Zeit, nothwendig, daß dieſe kräftigen Männer ihre Zuflucht zur Jagd und zum Fhr fang nehmen mußten, um die zeitweiſe knappen, oft ſelbſt zweifelhaften Erhaltungsmittel ihrer Familien zu unterſtütz zen. Dieſe Zeiten waren aber dann auch zugleich die Zeiten der Er⸗ holung von dem mehr einförmigen und ermüdenden, obgleich weniger aufregenden Arbeiten auf ihren Feldern. Dieſe Jagd⸗ und Fiſcher-Ausflüge gewöhnten ſie zu allen Be⸗ ſchwerlichkeiten des Grenzerlebens, machten ſe furchtlos für Gefahr und innigſt vertraut mit den ſchaudererregend⸗ ſten Ereigniſſen. Muth, Tapferkeit, Unerſchrockenheit und Edelmuth waren die tewihrten Tugenden, welche von ſelbſt aus ihrer arbeitſamen und abenteuerlichen Lebensart ent⸗ ſprangen. Dieſe nährte und hielt rege Graßargtei des Geiſtes, Freiheit des Gedankens, Pünktlichkeit des Han⸗ delns, und lobenswerthe Verachtung der verweichlichenden und entmannenden Delicateſſen des höheren wäh⸗ rend es eine ungekünſtelte, offenhändige, warnherz ige, freiwillige Gaſtfreundſchaft für den Nachbar und jeden Fremden hervorrief.“ FrankLincoln hatte mit Aufmerkſamkeit der kurzen, 81 aber mit kräftigen Zügen entworfenen Schilderung des Cha⸗ rakters jener Leute zugehört, welche mit Recht die Pioneere der immer weiter von den Küſten aus in das Innere Land dringenden Civiliſation genannt werden. Nach einigem Nachdenken ſagte er:„Je länger ich mit Euch reiſe und je mehr Ihr mir einen Einblick in Euer wirkliches Ich geſtattet, ſo mehr komme ich zur Ueberzeugung, daß Ihr nicht von Geburt aus beſtimmt waret, den Hauſirerpack auf Euerem Rücken zu tragen,— aber auch daß der Name Jackthe Idler als ein ſchlecht treffender Spottname Euch gegeben wurde.“ „Wer kann es wiſſen, für was er von ſeiner Geburt an beſtimmt war,“ erwiederte der Hauſirer lächelnd,— „aber dann habt Ihr recht, wenn Ihr ſagt: Bei Deiner Geburt hatte es wohl Niemand gedacht, daß Du, als Mann, mit dem Krämerpack auf dem Rücken in den nordameri⸗ kaniſchen Waldungen herumſtreichen wirſt.“ „Ich könnte Euch da eine ſchöne Geſchichte erzählen,“ fuhr er fort:„Von Unglück, Schickſalsſchlägen, betrogenen Hoffnungen— wie viele der Einwanderer, beſonders ſolche, welche aus eigener Schuld hier das Glück nicht fanden, das ſie erwarteten, ſtets bereit haben; aber es wäre ein Lügen⸗ Roman,— nichts von alle dem brachte mich zu meiner gegenwärtigen Lebensweiſe, ſondern mein eigener Entſchluß, das Ergebniß der Betrachtung der Dinge in ihrem wahren 1858, V. Van Hoboken. II. 6 82 Lichte, und vielleicht auch eine gewiſſe Neigung zur Un⸗ abhängigkeit und dem Leben eines Wanderers. „Ich ſtamme von einer Familie ab, die ſich mit Recht den Strengſten unter den Strenggläubigen zuzählen konnte. Ihr kennt dieſe Secte, die das Kind ſelbſt verdammt, das am Bette ſeines kranken Vaters aus dem Buche der Kirchen⸗ gebete vorlieſt, welche Kirchen und Grabmäler, feine Werke der Kunſt und ehrenwerthe Erinnerungen der Vergangen⸗ heit brutal zerſtört, welche Abbildungen des Gottes Sohnes und der Jungfrau Mutter verbrennen läßt, und Nymphen, und Grazien, Werke des joniſchen Meiſels, einem puri⸗ taniſchen Steinmetz übergiebt, um ſie anſtändig zu machen, — in dieſer Secte war ich geboren und auferzogen worden, und als damals ganze Schaaren von Religiöſen, unwillig über die Verfolgungen, die ſie erdulden mußten, es vorzogen, ſich in ein freiwilliges Eril zu begeben, und in die Kolonien gingen, ſchloß ich mich, auf Anrathen meines Vaters, der damals ſchon ſich zu kränklich fühlte, um ſelbſt mitzugehen, an eine ſolche Auswanderungsgeſellſchaft an. Ich hatte eine gute Erziehung genoſſen und ſtand eben auf dem Punkte, mich zu einem Stande zu beſtimmen, als ich mich entſchloß, nach Amerika zu gehen. Unter unſerer Geſell⸗ ſchaft waren manche Männer von Charakter und Erziehung, aber ich war der Einzige, welcher lateiniſch und hebräiſch zu leſen verſtand, auch hielt man meine Gebete, nebſtdem 83 daß ſie die längſten waren, auch für die ſalbungvollſten, und ſo erwählte man mich, obwohl ich der Jüngſte war, zum„independenten“ Prediger der Gemeinde, welche wir gründen wollten. „Ich darf nicht vergeſſen zu bemerken, daß mein ſtrenger Glaube, in dem ich geboren und erzogen worden, be⸗ reits in ſeinen Grundfeſten erſchüttert worden war. Einiges war mir doch etwas zu ſtark gekommen, z. B. dieſer würdige Muggleton, welcher als ein Gottbegeiſterter verehrt wur⸗ de, und dem man auf's Wort glaubte, daß das höchſte Weſen nicht mehr als ſechs Fuß meſſe, und daß die Sonne eben nur vier Meilen von der Erde entfernt ſei;— dann dieſer George Forx, welcher es als eine Sünde in Gott erklärte, die Worte January und Wednesday(Mittwoch) auszu⸗ ſprechen, da man dadurch dem Janus und Wodan eine Art ehrfurchtsvoller Erinnerung weihe,— derlei Dinge waren mir zu auffallend geworden, und wanken einmal die Grundfeſten, dann iſt der Einſturz des Gebäudes auch nicht mehr fern. Bald begann ich auf die Eigenthümlich⸗ keit in Kleidung, Sprache, Blick des Puritaners ein auf⸗ merkſames Auge zu werfen, und wie der Menſch als ein ſinnliches Weſen überhaupt am erſten auf das Aeußerliche ſieht, ſo fiel mir, dem Jüngling, auch dieſes zuerſt auf, daß ſolche Uebertreibungen doch gewiß nicht nothwendig wären, um ſich Gott wohlgefällig zu machen. Von dieſem ging 6* 84 ich auf das Eigentliche über, und den erſten Anſtoß fand ich darin, daß man die Sprache, in welcher die Geſpräche des Stifters der chriſtlichen Religion und die Epiſteln ſeines ausgezeichnetſten Apoſtels uns bekannt gegeben worden, zu⸗ rückwies, und dagegen der Sprache der Hebräer alleinige Achtung erwies, daß man die Grundſätze für Rechtspflege im Moſaiſchen Geſetze und in den Büchern der Richter und Könige ſuchte, daß man den Kindern Namen aus dem alten Teſtamente gab, daß man aus den Grauſamkeiten und Schandthaten, wie ſie uns in dieſem Buche der Schandthaten auf jeder Seite, in jeder Zeile erzählt werden, die gött⸗ liche Macht, Weisheit und Güte herauszuleſen ſich nicht ſcheuete, mit einem Worte, daß man von der Religion der Milde und Liebe, wie ihr Stifter ſie gelehrt, nichts wiſſen wollte, ſondern Religion, Moral und Sitten nach dem Coder der Synagoge, wenn ſie in ihrem erbärmlichſten Zuſtande war, formte,— ſo reihte ſich Folge an Folge, und als die Gemeinde mich zu ihrem geiſtlichen Führer wählte, war ich ſicher, nach ihren Begriffen, das untaug⸗ lichſte Individuum, was ſie hätten wählen können; aber noch war ich mir ſelbſt nicht ganz klar geworden,— es iſt nicht ſo leicht, eine alte Meinung wegzuwerfen, bevor man nicht eine neue ſich vollkommen gegründet hat,— als ich aber hier in der neuen Welt den Fanatismus meiner Secte auf's Höchſte getrieben ſah,— als ich ſah, wie man gut⸗ 85 müthige Quäker, Männer, Weiber, ſelbſt unſchuldige Kinder fing, marterte, mit glühenden Zangen zerriß, in ſiedendes Oel warf, von Hunden zerfleiſchen ließ,— da war es zu Ende gekommen. Ich legte meine Stelle nieder, oder eigentlich, ich ging bei Nacht und Nebel auf und da⸗ von. Mein Vater hatte die Betrübniß nicht erlebt, daß ſein Sohn ein Abtrünniger geworden war,— meine übrigen Verwandten bekümmerten ſich nicht um mich, und ich mich nicht um ſie,— ich war ein Bürger der neuen Welt ge⸗ worden. Ich trieb mich in den Anſiedlungen herum, ver⸗ ſuchte dieſes und verſuchte jenes, fand aber an dieſem und jenem Etwas, was mir nicht zuſagte, und wurde endlich Jackthe Idler, als welchen Ihr mich vor Euch ſehet, und über deſſen Leben und Treiben Ihr Gelegenheit haben werdet, ein Weiteres zu erfahren.“ Der Hauſirer ſchloß mit dieſen Worten ſeine Bio⸗ graphie, die, ſo kurz ſie war, ſeinem Begleiter doch ge⸗ nügende Erklärung über Manches gab, was dieſer während der kurzen Zeit ihrer geſelligen Wanderung, beobachtet hatte. Es war unterdeſſen die Zeit herangerückt, wenn unſere Wanderer gewöhnlich ihr Mittagsmahl einzunehmen pfleg⸗ ten; und es traf ſich eben da ein ganz einladendes Plätzchen an friſch murmelnder Quelle,— das Diner war aber auch heute ein ſplendides, wenigſten s im Vergleiche zu dem geſtri⸗ 86 gen: ſie hatten außer Brod und Käſe auch noch kalten Schinken und Kuchen, ſelbſt eine Flaſche Brandy, durch die Gaſtfreundlichkeit des gutmüthigen Providence mit⸗ getheilt, in ihrem Schnappſacke, und ſo ließen ſie es ſich denn auch herrlich ſchmecken, und zum Nachtiſche ſtopften ſie wieder ihre Pfeifchen und ſchmauchten in Eintracht. Wie wir ſchon geſagt: es hatte ſich zwiſchen dieſen Beiden ein eigenthümlich freundſchaftliches Verhältniß ge⸗ bildet, welches durch die Mittheilung, die der wandernde Handelsmann heute morgen ſeinem Reiſegefährten gemacht, ſicher nicht abgenommen hatte. Eine Aufrichtigkeit fordert die andere; aber Jack— wir wollen bei dieſem Namen bleiben,— war zu fein fühlend, um darauf Anſpruch zu machen; es mochte ihm vielleicht auch ſelbſt wenig daran gelegen ſein, nähere Auskunft zu erhalten über Namen, Stellung in der bürgerlichen Welt, und was es ſonſt noch für Wichtigkeiten in den civiliſirten Kreiſen giebt,— da draußen in der großen freien Natur, da ſind derlei Dinge Nichtigkeiten— ſein Gefährte war ein tüchtiger Fußgänger, verſtand mit der Flinte ganz gut umzugehen, war nicht wähleriſch und delicat, ſondern nahm Alles wie es eben kam, hatte einen heiteren Humor der nicht wechſelte, wenn eben gerade auch Einiges in die Quere kam, war kein Mucker, hatte geſundes Urtheil über ſo Manches geäußert, was gerade zur Sprache gekommen war, zeigte keine Ge⸗ 87 lehrſamkeit aber doch geſunden Verſtand— mehr bedurfte es nicht, um ihn zu einem angenehmen Reiſegefährten für Freund Jackthe Idler zu machen; was aber dieſem auf⸗ fallend war, und einem Manne gleich ihm, der unter ſo mancherlei Verhältniſſen den Menſchen hatte kennen gelernt, ſonderbar erſcheinen mußte, war eine naive Unwiſſenheit über alle geſellſchaftlichen Verhältniſſe, die ſein junger Freund oft genug verrieth, und die er ſich nicht erklären konnte bei einem Jünglinge von dieſem Alter, mit gutem Verſtande und einem Aeußern, welches ihn ſicher nicht in die untern Klaſſen einreihte; dazu kam noch der häufige Gebrauch von Ausdrücken, wie ſie der wirkliche Seemann, nicht der einen ſolchen affectirende, gebrauchte, und auch wohl eine Art des Benehmens, wie man ſie unter Land⸗ bewohnern nicht zu treffen pflegt. Eben hatte Frank Lincoln wieder eine ſo naive Frage geſtellt, daß Jackwirklich lächeln mußte und lächelnd ſagte er: „Ihr ſcheint wohl den größten Theil Eueres Lebens auf der See zugebracht zu haben?“ „Ich würde ſagen, ich bin auf dem Meere geboren,“ erwiederte Frank,—„wenn ich nicht ganz dunkle, weit in meine Kindheit zurückgehende Erinnerungen hätte, die eben nicht mit dem Seeleben im Zuſammenhange ſtehen.“ „Ihr kanntet daher Euere Eltern nicht?“ fragte Jack, 88 nicht mit dem inquiſitoriſchen Tone eines Yankee, ſondern mit dem Tone der Theilnahme. „Ich glaube nicht,“— ſagte Frank,—„es müßten denn der dicke Mann und die wohlbeleibte Frau, von denen ich das Bild beinahe wie ein Traumbild in meiner Seele trage, Vater und Mutter geweſen ſein,— aber mehr als der Körperform erinnere ich mich nicht, und damit hängt die Erinnerung an einen Schwarzen zuſammen, ſo daß wenn ich manchmal als Junge auf dem Verdecke lag, und die Augen zu einem Schlummer ſchloß, und mir in dieſem halb wachen und halbträumeriſchen Zuſtande der dicke Mann und die eben ſo umfangreiche Frau erſchienen, lachte zwiſchen beiden das breite Geſicht des Negers mit den blendend wei⸗ ßen Zähnen mir zu.“ „Hm!“ ſagte Jack halblaut und ſchien in Nachdenken zu verſinken. „Doch das ſind ſo unklare Vorſtellungen, als eben die, welche ich von der Landſchaft rundum habe, und die mit dieſen Geſtalten in Verbindung zu ſtehen ſcheint,“ fuhr der Jüngling zu erzählen fort,—„die erſte klare und deutliche Erinnerung, die ich habe, iſt eine weit weniger freundliche, und ich glaube, eben weil dieſe eine für mich damals gar zu ſchaudervolle Begebenheit betrifft, ſo verwiſchte dieſe alle die früheren milderen und ſanfteren Erinnerungen. Noch in ſpäteren Jahren träumte ich davon, und obwohl mir 89 dieſe Begebenheit dann ſchon lächerlich vorkam, und ich, wenn erwacht, wirklich über meinen fürchterlichen Traum lachen mußte, ſo geſchah es doch häufig wieder, daß ich im Schlafe mit derſelben Angſt gepeinigt wurde, die ich damals empfand, als mich ein wildblickender Mann ſich nach, die Strickleiter hinanzog. Man hatte mir ein Seil um den Leib feſtgebunden, und deſſen Ende dem Mann um ſeine eine Hand geſchlungen,— ich ſchrie mörderlich, als ich mich ſo hinaufgezogen fühlte; ich krallte mich mit Händen und Füßen an Alles an, was mir in den Weg kam,— da lachten die Teufelsjungen, die unten auf dem Verdecke ſtanden, und brüllten aus vollem Halſe: Recht, Du kleine Seekrabbe, gebrauche Deine Krallen— und der Mann machte einen Ruck am Seil, und ich ließ fahren, was ich eben gepackt hatte, um mich wieder anzuklammern an Tau⸗ und Takel⸗ werk und was mir vorkam,— aber all mein Sträuben, mein Jammern und Schreien nützte nichts,— es erregte um ſo mehr die Heiterkeit der Zuſchauer,— und hinauf kam ich bis zum Maſtkorb, mit einem Schwunge hatte mich der Mann drinnen ſitzen,— ich klammerte mich feſt an das Geflechte um mich herum, ich weinte, ich bat, der Mann möge mich doch wieder mit hinunter nehmen, aber er ſagte: „Fürchte Dich nicht, Frank,— es kann Dir hier nichts geſchehen, und willſt Du ein tüchtiger jack-tar werden, mußt Du mit dieſem anfangen. Sieh Dich gut herum, 90 und wenn Du ein Segel erblickſt, ſchreie aus vollen Kräf⸗ ten: Segel ho! Dann komme ich zu Dir herauf,“— und damit war er fort, wie eine Spinne am Maſt hinunter. Was half mir nun Weinen und Schreien,— da ſaß ich in luftiger Höhe, zwiſchen Himmel und Waſſer, mich ſo feſt anklammernd, daß mir die Finger blauroth anſchwollen, bei jeder Schwankung fürchtete ich aus den Korb hinaus⸗ geſchnellt zu werden; aber es war nicht ſo ſchlimm, dies ſah ich bald ſelbſt ein,— es war ganz ruhige See, eben von meinen Lehrern zu dieſer erſten Lection gewählt,— ich hörte auf, mich zu fürchten, ich wagte es, über den Rand des Korbes hinauszublicken, da lag das weite, weite Meer rund um mich ausgebreitet,— ich wagte es auch, auf das Verdeck hinabzuſehen, aber dies bekam mir übel, da mich ein fürchterlicher Schwindel befiel,— alſo blickte ich wieder auf das Meer hinaus,— ich begann mit meiner luftigen Stellung vertraut zu werden, und als ich ſo mit dem Wei⸗ nen einhielt, wurde mir vom Verdecke aus zugerufen: daß ich ein braver Junge ſei, und wenn ich Hunger ſpüre, ſollte ich immerhin aus dem Korb herauskriechen und die Strick⸗ leiter hinabſteigen,— dies war nun freilich leichter geſagt, als gethan;— Hunger verſpürte ich freilich bald genug, aber aus dem Korb wagte ich mich nicht hinaus,— zwanzig Mal nahm ich mir das Herz, den einen Fuß hinauszu⸗ ſetzen, aber ſchnell zog ich ihn wieder zurück,— im Korb 9⁴ fühlte ich mich ſicher, aber da draußen auf ſchwindelnder Höhe,— nein, es war unmöglich,— ich glaube, ich wäre lieber droben Hungers geſtorben, aber die Burſche hatten doch Mitleid mit mir. Derſelbe, der mich hinauf gehißt hatte, holte mich auch wieder hinab. Der Empfang, der mir da wurde, als mein Fuß auf feſten Boden wieder ſtand, war ein ermuthigender. Man lobte mich, man hieß mich einen kleinen wackern jack tar, man tractirte mich mit Brandy, bis ich betrunken unter den Tiſch kollerte,— ich war von dieſem Tage an ein Seemann,— aber ſo wage⸗ halſig ich bald die Strickleiter hinauf lief, oder ſo ſicher ich zum äußerſten Ende der Raa mich hinausſchwang, ſo war dieſes erſte Probeſtück meiner Seemannsſchaft doch ein zu erſchütterndes, als daß ich es je hätte vergeſſen können, — und eben von dieſer Zeit an iſt meine Erinnerung eine klare.“ „Ihr erinnert Euch nicht, was das für ein Schiff ge⸗ weſen iſt, auf welchem Ihr das Noviziat Eurer Seemanns⸗ ſchaft ablegtet?“ fragte der Hauſirer. „Ich wußte es, wie natürlich, damals nicht, habe es aber nach der Hand wohl erfahren,“ erwiederte Frank Lin⸗ coln,—„es war eine ganz eigenthümliche Art, wie ich davon wegkam. Aber, wie ſchon geſagt, von jener erſten Zeit meines Dienſtes im Maſtkorbe an erinnere ich mich an Alles deutlich genug. Welcher Flagge die„Möwe“ ange⸗ 92 hörte, weiß ich nicht, denn wir führten alle möglichen Far⸗ ben am Bord, und hißten nach Umſtänden bald die eine bald die andere auf,— aus der von der Bemannung ge⸗ ſprochenen Sprache kann ich ebenfalls keine Vermuthung ſchöpfen, denn es war ein wahres Durcheinander und ich lernte engliſch und holländiſch, franzöſiſch, ſpaniſch und teutſch in einem ſolchen Gemiſch, daß ich wirklich jetzt nicht ſagen kann, welche meine Mutterſprache iſt.“ „Aber Ihr erinnert Euch doch des Kapitäns?— war er ein Mann von etwas mehr Bildung als ſein Volk, — welche Sprache ſprach er?“ fragte Jack weiter. „Dieſen Mann ſehe ich lebhaft vor mir,— ein kräf⸗ tiger breitſchulteriger Mann mit rother Naſe und ſtets in Thränen ſchwimmenden Augen,— waren aber ſicher keine Thränen der Rührung, die er weinte,— nannte ſich Dick, — und ſo nannte ich ihn und das ganze Schiffsvolk— ſprach engliſch, holländiſch und ſpaniſch,— das iſt Alles, was ich von ihm weiß— kam ſelten zum Vorſchein, lag die ganze Zeit in ſeiner Kajüte und trank,— nur wenn es Geſchäfte gab, erſchien er,— dann war er aber auch nüchtern, wie durch ein Zauberwerk.“ „Geſchäfte?— Welche Art Geſchäfte waren es?“ fragte Jack. „Waren verſchiedene,“ erwiederte Frank.„Biswei⸗ len landeten wir an einer Küſte,— da wurde franzöſiſch 93 geſprochen,— an einer andern engliſch,— ſpaniſch,— an einer wurde ein⸗ an der andern ausgeladen.“— „Alſo Schmuggler?“ ſagte Jack lächelnd. „Es ſcheint ſo,“ erwiederte Frank ebenfalls lächelnd, —„doch bisweilen ging es auch ernſthafter zu,— da be⸗ gegnete man auf offener See einem rnhig und ſchwer da⸗ hinſegelnden Zwei⸗ oder Dreimaſter— je ruhiger und ſchwerfälliger er ſegelte, deſto mehr feindſelig erſchien er unſerm würdigen Dick,— und dann, ſage ich Euch, ging es ernſthaft genug her,— gewöhnlich waren wir die Sieger, — einzelne Fälle, wo wir uns davon machen mußten.“ „Alſo auch Pirat?“ fragte Jack mit mehr ernſtem Tone. „Ich kann nicht„nein“ ſagen,“ erwiederte der Jüng⸗ ling,—„mein Platz war im Maſtkorbe, da ich noch zu jung war, um thätigen Antheil nehmen zu können, und ich bedauerte oft, wenn ich auf den Kampf herabblickte, nicht Antheil daran nehmen zu können.“ Jack blickte mit Mitleiden den Jüngling an,— die⸗ ſer fuhr fort: „Es trat ein Ereigniß ein, welches eine Aenderung meines Lebenslaufes mit ſich brachte.“ „Ihr kamet von dem Seeräuber bald genug weg?“ fragte der Hauſirer mit Intereſſe. „Wenigſtens nicht zu ſpät,“ erwiederte Frank 94 Lincoln ausweichend,— eine leichte Röthe flog über ſeine Wangen, und er beſchäftigte ſich eifrig mit ſeiner Pfeife. „Und wie geſchah dieſes?“ fragte Jack. „Ich muß da ein wenig weiter ausholen,“ ſagte der junge Seemann.—„Wir hatten einmal eine gute Priſe gemacht. Es wurden viele Kiſten und Fäſſer von dem genommenen Schiffe auf unſer Verdeck geſtaucht, dann aber Kapitän und Schiffsvolk freigegeben, die dann auch mit dem erleichterten Fahrzeuge ſchnell genug davon machten. Es war ein ganz leichter Fang geweſen, da man auf unſere Aufforderung ſogleich die Flagge ſtrich, ohne auch nur einen Verſuch des Widerſtandes zu machen. Es war eben ganz ruhige See und wir in einem Gewäſſer, wo nicht leicht et⸗ was zu beſorgen ſtand. Dick ließ nun die Kiſten öffnen, um ſich von ihrem Inhalte zu überzeugen, und das minder werthvolle über Bord werfen zu laſſen, da unſer Raum ohnedies ein etwas beengter war. Dieſes Schickſal ſollte auch eine Kiſte erfahren, die mit Büchern gefüllt war. Ich hatte in meiner jugendlichen Neugier einige derſelben ge⸗ öffnet und war da auf ſchöne Kupferſtiche und auch auf glänzende Farbenmalereien getroffen. Dieſe hatten für mich ſehr viel Reiz, und ich bat den alten Dick, mir dieſe Bücherkiſte zu laſſen. Er war eben in guter Laune, wahr⸗ ſcheinlich des guten Fanges wegen, den er ſo wohlfeilen Kaufes gemacht hatte, und gewährte mein Anſuchen. Ich 95 fand eine paſſende Stelle im Zwiſchendecke aus, wo ich meine Bibliothek aufſtellte, und es war nun meine Lieb⸗ lingsbeſchäftigung, wenn ich eben im Dienſte frei war, in dieſen Bilderbüchern umzublättern. Anfangs kümmerte mich der Druck gar nichts, als ich aber mit der Zeit mich an all den vielen und ſchönen Bildern ſatt geſehen hatte, dachte ich wohl auch daran, mir die Erklärung derſelben auf der Nebenſeite zu holen,— aber das waren für mich gänz⸗ lich unbekannte Zeichen. Ich warf das eine Buch zur Seite und verſuchte ein zweites, ein drittes— im kindiſchen Glauben: wenn auch das eine für mich unverſtändlich ſei, ſo doch vielleicht nicht ein anderes,— und ſieh', da fiel mir wirklich ein Buch in die Hände, mit ganz verſchiedenen Zei⸗ chen als ich in den andern gefunden, und ſieh', dieſe Zei⸗ chen waren mir nicht fremd,— ich hatte ſie ſchon einmal kennen gelernt,— und ich konnte die Buchſtaben zuſam⸗ menreihen, ich konnte Worte herausbringen,— ich konnte leſen, und was ich las, verſtand ich,— das Buch war in holländiſcher Sprache geſchrieben.“ „Ihr konntet ein holländiſches Buch leſen?“ fragte Jack ſchnell. „Anfangs ging es freilich langſam,— aber ich fand ſo viel Vergnügen daran, daß ich mir alle Mühe gab,— und es ging immer beſſer, und endlich las ich das ganze Buch geläufig durch. Es hieß:„Viglius Zuichem's grondig Bericht van't Nederlands Oproer.“ Ich verſtand freilich nicht Alles, was ich da las, aber das, was ich verſtand, war genug, um mein jugendliches Gemüth zu entzünden. Wie haßte ich den Tyrannen Philipp und ſeinen furchtbaren Gewaltträger Alba, und welche Verehrung empfand ich für Egmont und für den Helden Moritz. Daß dabei die Meer⸗ Gueuſen, die kühnen Freibeuter gegen die Spanier, nicht leer ausgingen, könnt Ihr Euch wohl denken.“ „Ihr dachtet Euch wohl ſelbſt ein Meer⸗Gueuſe zu ſein?“ unterbrach der Hauſirer lächelnd den Erzähler. „Gewiß,“ erwiederte dieſer,—„und als ich las, wie dieſe die Seeſtädte Briel, Vlieſſingen und Tervere über⸗ fallen und beſetzt hatten, konnte ich nicht begreifen, warum unſer Dick nicht auch ſchon längſt eine ſolche Heldenthat unternommen hatte. Ich glaubte unſer Volk doch muthig genug— natürlich mich eingerechnet,— um ein ſolches Wagniß zu unternehmen.“ „Und wie kamt Ihr endlich zu der Einſicht, daß Euer Dick mit ſeiner Horde nur ein gewöhnlicher Räuber,— ein Plünderer wehrloſer Kauffahrteiſchiffe,— aber nicht ein Held, ein Kämpfer für Vaterland und Freiheit ſei?“ fragte Jack. „Wann und wie dieſes kam, weiß ich nicht zu ſagen,“ erwiederte der ſich ſelbſt emancipirte Pirat,—„es kam gewiß nicht wie durch einen Schlag,— es kam nicht durch 97 eine eigentliche Belehrung,— ich will ſagen, es kam nach und nach,— ein Zufall brachte mich aus jener gefährlichen Geſellſchaft,— meine Lectüre mag wohl auch einigen Ein⸗ fluß gehabt haben,— denn was las ich nicht Alles!— nachdem ich meinen Viglius Zuichem durchgeleſen und wieder durchgeleſen hatte, bis ich ihn beinahe auswendig konnte, ſuchte ich nach einem andern Buche, was ich leſen konnte. Es fiel die alte Geſchichte Roms, in holländiſcher Sprache geſchrieben, in meine Hände. Hatten mich die Helden der Niederlande ſchon begeiſtert, ſo die alten Römer noch mehr. Ich träumte mich in ihre Reihen, ich focht die Schlachten mit ihnen, ich zog mit ihnen als Sieger ein in die Weltſtadt Rom,— da kam mir mein Dienſt auf dem kleine Schiffe recht erbärmlich vor, und auch unſere Kämpfe mit einem armſeligen Kauffahrer, der nach dem erſten Kanonenſchuße und wenn wir die rothe Fahne aufhißten, die Segel ſtrich, kamen mir kleinlich in Vergleich mit jenen Römerthaten vor. — Aber ich hatte die Bücher, die holländiſch geſchrieben waren, durchgeleſen,— ich griff nach anderen,— ich be⸗ mühte mich, mich hineinzufinden; aber es war nicht mög⸗ lich. Ich ging mit einem ſolchen Buche zu unſern Lieute⸗ nant,— der lachte mich aus, und nannte mich den„kleinen Studenten,“— denn ich muß bemerken, daß ich der Lieb⸗ ling der ganzen Schiffsmannſchaft war, und wenn ich manchmal auch eine rohe Behandlung erfahren mußte, wie 1858. V. Van Hoboken. II. 7 98 es von einem ſolchen Volke nicht anders ſein kann, ſo hät⸗ ſchelte man mich auch wieder,— verſteht ſich auf eine ganz eigenthümliche Weiſe, jetzt nannte man mich allgemein den„kleinen Studenten“ und ſelbſt der alte Dick rief mich nie mit einem andern Namen, obwohl ich nicht glaube, daß er den Urſprung dieſes Namens, mir von der Mannſchaft gegeben, wußte. Aber der„kleine Student“ war mit der Abfertigung, die er vom Lieutenant erfahren, nicht abge⸗ wieſen. Er ging damit zum Steuermann,— er ging die ganze Schiffsmannſchaft durch, da war aber auch nicht Einer, der leſen konnte,— ich war darüber ärgerlich, recht ärgerlich und es erwachte in mir der Wunſch, irgend einen Menſchen zu treffen, der mich in dieſer fremden Sprache unterrichten könnte, in welcher alle dieſe ſchönen Bücher geſchrieben waren.— Man lachte mich endlich über meine Lernwuth aus, und ich bemerkte, daß die Offiziere gegen mich ſtrenger wurden, als ſie bisher geweſen,— kleine Nachläſſigkeiten, die ich mir zu Schulden kommen ließ, wurden viel ſchärfer beſtraft,— ich weiß nicht, war es menſchliche Eitelkeit, die auch in einer rohen Natur wohnt, welche dieſe Menſchen gegen mich deswegen härter machte, weil ich in Etwas ihnen überlegen war, oder war es eine andere Urſache,— ich weiß es nicht, aber ſo viel iſt gewiß, daß mir jetzt ſehr wenige Zeit übrig blieb, meiner Lieblings⸗ beſchäftigung nachzugehen, und bei dem geringſten unwiſſent⸗ 99 lichen Ueberſehen wurde ich härter beſtraft, als der älteſte jack-tar. Uebrigens war die Zeit, welche ich auf dieſem Schiffe zubrachte, in einer Beziehung nicht erfolglos. Ich war ein ganz tüchtiger Seemann geworden, kannte den Dienſt im Kleinen wie im Großen, denn wenn auch Dick ſich wenig zu bekümmern ſchien, ſo war er doch ein ſo er⸗ fahrener und praktiſcher Seemann, als man nur ſuchen konnte, und die Offiziere waren ausgeſuchte Burſchen, roh, wild aber tüchtig,— und dieſe nahmen mich jetzt mehr als vordem in die Schule, entwickelten aber dabei eine Härte und Strenge, die mich empörte, ohne daß ich jedoch eine Abhülfe wußte. Wir trieben dabei unſere Geſchäfte fort,— kreuzten zwiſchen Frankreich, England, Holland und Spanien hin und her,— machten bisweilen einen größeren Abſtecher gegen Weſtindien und dem ſpaniſchen Amerika zu,— es war aber nur ein gewöhnliches Plün⸗ derſyſtem, da es ſelten auch nur zu dem Anſcheine von Gegenwehr kam.— Mr. Dick ſchien es ſich bequemer machen zu wollen, und nur dort anzugreifen, wo er keinen Widerſtand zu erwarten hatte, dabei war er aber ſo ſchlau wie Einer und kam auch nie in eine Klemme,— aber wie geſagt, es gefiel mir auf der„Möwe“ ſchon lange nicht mehr,— ich wußte jedoch nicht, wie davon zu kommen,— bis ſich dieſes endlich recht glücklich ergab.“ „Doch ich finde, daß wir hier mit Plaudern die Zeit 7* 100 verthun, und während die Sonne immer weiter dem Weſten zurückt, wir von unſerm Nachtquartier noch weit genug entfernt ſein dürften,“ ſagte Frank Lincoln mit einem fragenden Blicke auf ſeinen Reiſegefährten. „Ihr habt nicht Unrecht,“ ſagte Jack,—„und wenn wir auch heute nicht einmal in einem ſo beſcheidenen Block⸗ hauſe, als das unſers Freundes Providence war, uns einquartieren werden, ſo wollen wir doch auch nicht geradezu unter freiem Himmel zubringen. Ich verſpreche Euch dennoch ein ſo bequemes Nachtlager, als Ihr nur wünſchen könnt, doch dahin haben wir immerhin noch ein paar Stun⸗ den Weges zurückzulegen, und daher iſt es wohl gut, daß wir uns auf den Weg machen,— nach dem Souper wollt Ihr dann bei einer andern Pfeife Tabak mit Euerer Er⸗ zählung fortfahren.“ F So war der Vorſchlag des Hauſirers und ſie machten ſich auf den Marſch; und wie er vorhergeſagt, kamen ſie noch vor Einbruch des Abends in ein kleines Thal, an⸗ muthig von einem Bache durchſtrömt, und hier war eine Felſenhöhle, in welcher, wie zu ihrer Aufnahme vorbereitet, weiches Moos und dürres Blätterwerk aufgehäuft war. Davon nahmen ſie Beſitz und machten es ſich ſo bequem als möglich. Nach eingenommener Abendmahlzeit ſetzten ſie ſich außerhalb der Felſenhöhle auf die da herumliegenden Steine, und während ſich ein heiterer, ruhiger, amerika⸗ 101 niſcher Herbſtabend in das Thal niedergelaſſen hatte, und ſie in friedlicher Eintracht ihr Pfeifchen ſchmauchten, ſetzte Frank Lincoln die Geſchichte ſeines Lebens fort, wie im nächſten Abſchnitte folgt. Sechstes Capitel. Omnia mea mecum porto.“ 77 (Worte eines alten Philoſophen und eines jungen Freibeuters.) „Wir lagen in einer kleinen Bucht an der nördlichen Küſte von England vor Anker,“ ſo erzählte Frank Lin⸗ coln weiter,—„wir hatten die Nacht vorher ausgeladen: Holländiſchen Brandy, Thee, Zucker und andere Waaren —es war hier eine unſerer vorzüglichſten Abladungsſtationen — wir waren klar, aber den ganzen Tag hindurch hatte der Wind böſe weſt⸗-weſt⸗nord geblaſen und uns aus der Bucht nicht hinausgelaſſen. Es war auch nach der erſten Nachtwache nicht anders geworden und ſo lagen wir noch immer da,— übrigens hatten wir hier nichts zu beſorgen — die ganze Küſte war frei und von Außen kam gewiß kein königlicher Kreuzer der Bucht zu nahe, da bei dieſer 102 Brandung er an den Felſenriffen ſicher ſeinen Untergang gefunden hätte; und ſo lagen wir in ſorgenloſer Ruhe vor Anker, und Alles hatte ſich bei guter Zeit in ſeine Hänge⸗ matte begeben,— auch ich. Ich ſchlief wie gewöhnlich einen geſunden feſten Schlaf— da wurde ich am Arme gerüttelt,— ich fuhr auf,—„was giebt es?“—„Schweig doch ſtille,“ war die Antwort,„ich bin es.“— Rother Sam, Du biſt es?“ fragte ich noch halb im Schlafe.— „Sei doch nicht ſo laut,“ wiſperte es mir in's Ohr— „ſonſt hört man uns, trotzdem ſie voll ſind wie die Waſſer⸗ ſchläuche.“—„Iſt die zweite Wacht angebrochen?“ fragte ich wieder.—„Schon längſt,“ ſagte der rothe Sam. „Warum hat mich Keiner geweckt, die trifft mich,“ ſagte ich ärgerlich, mich aufſetzend.—„Macht nichts, habe mich ſtatt Deiner gemeldet,“ ſagte Sam.—„Biſt ein guter Junge, die nächſte Wacht halte ich für Dich,“ ſagte ich.—„Wenn Du willſt, hat es mit dem Wacht halten auf der Möwe ſein Ende,“ wiſperte der Rothe faſt unhörbar mir in's Ohr.—„Wie meinſt Du das,— ſprich deutlich,“ liſpelte ich eben ſo leiſe,— ein Gedanke fuhr mir durch den Sinn —„Willſt Du mit an's Land,— die Pinaſſe iſt flott— ich und der iriſche Pat haben die Wacht— gehſt Du mit, ſo ſind wir zu Dreien,— möchte Dich nicht gern hier laſſen.“— Mit einem Satze war ich aus der Hängmatte. Es war ſtockfinſtere Nacht um mich herum,— Habſelig⸗ 103 keiten hatte ich keine,— meine Kleider trug ich am Leibe, — aber einen Griff machte ich nach meiner Bibliothek, die über meiner Hängematte in langer Reihe auf ein Bret, von mir hingezimmert, aufgeſtellt war,— ohne eine Wahl treffen zu können, nahm ich zwei Bände und verſenkte ſie in die tiefe Taſche meines Flanellrockes, den ich der kühlen Seenächte wegen, über meine ſonſtige Matroſenkleidung angezogen hatte. Geräuſchlos ſchlichen wir auf das Verdeck, — geräuſchlos glitten wir an der Schiffsleiter hinab,— hier unten in der Pinaſſe ſaß bereits, unſer wartend, der iriſche Pat.—„Der kleine Student führt das Steuer,“ ſagte der rothe Sam—„er verſteht es beſſer wie wir,— und an die Ruder ſind wir beſſer,“— ohne Geräuſch ent⸗ fernte ſich die Pinnaſſe vom Schiffe—„halte Dich nord⸗ nord⸗oſt,“ ſagte Samm,—„es geht zwar dem Winde entgegen, da unten kämen wir aber an das Riff,“— ich that wie er ſagte und mit aller Kraft legten ſich die beiden ſtämmigen Burſche in die Ruder,— die Pinaſſe hatte tüchtig mit dem Winde zu kämpfen,— es war gerade, als wenn ſie gar nicht aus dem Bereich der Möwe fort wollte — ein arger Windſtoß trieb uns faſt wieder unter ſeinen Spiegel,— auf dem Schiffe war es aber lebendig ge⸗ worden,— Lichter bewegten ſich herum,— man vernahm Kettengeraſſel.——„Bei allen Teufeln, ſie laſſen die Jolle herab— nun, kleiner Student, laß die Pinaſſe mit 104 dem Wind laufen, und wenn ſie auch auf das Riff läuft, beſſer als den alten Dick in ſein wäſſeriges Auge ſehen, und dann an dem Raa⸗Nock baumeln— drück zu, Frank!“ — ſo rief Sam— und wie ein Sturmvogel flog die Pinaſſe über die ſchwarze Fläche hin— der Wind heulte uns nach— es bedurfte nicht der Ruder,—„halt' an— um Gotteswillen— halt' an!“ rief Sam—„ich höre die Brandung— bieg' ab— ſie können uns nicht folgen,— wende— wende——!“ Es war zu ſpät.— Das erſte Gefühl, deſſen ich wieder bewußt wurde, war das der Kälte und Näſſe. Ich griff um mich und fühlte naſſes rauhes Geſtein, bisweilen ſpülte auch eine Welle über mich hin;— es war ſtockfinſtere Nacht, ein fürchterlicher Orkan brauſte, und die Brandung lärmte unter mir und neben mir,— ich wußte es, daß ich mich nicht regen durfte, und ſo lag ich denn unbeweglich, eben daß ich nur die Füße an meinen Unterleib anzog, da ſie über den Felſen hinabhingen, und den einen Arm hielt ich feſt um die Spitze herumgeſchlungen, ſo daß, wenn auch zeitweiſe eine größere Waſſermenge über mich weg ging, ſie mich doch nicht von meinem feſten Standpunkt weg⸗ ſpülen konnte,— ich weiß nicht, wie ich an dieſe Stelle gekommen war, hatte ich im halben Bewußtſein oder eben nur im Inſtinkte für Selbſterhaltung meinen Arm um die 105 vorragende Felſenſpitze geſchlungen,— genug, als ich wie⸗ der zu vollem Bewußtſein kam, fand ich mich in dieſer Stellung. Daß es keine anmuthige war, könnt Ihr Euch denken,— aber genug, das Leben war für den Augenblick gerettet, und damit war ich vor der Hand zufrieden und in dieſem Bewußtſein kümmerte ich mich weniger um das Kalt und Naß, was meinen ganzen Körper durchſchauerte, als ich mit Sehnſucht dem anbrechenden Tage entgegenſah. Allmälig bemerkte ich ein Abnehmen des Waſſers um mich herum, es mußte bereits ein bedeutender Wind⸗ ſtoß kommen, bis eine Welle zu mir heraufſpülte,— dies gab mir Troſt, ich wußte, daß die Flut in der Abnahme ſei, da war auch der Tag nicht mehr fern, und wirklich begann es bald zu grauen,— es wurde lichter und lichter, und wie dieſes auf dem Meere der Fall iſt, wenn der Tag ein Mal im Anbruch, ſo iſt es auch ſchnell helle genug. Aber was hatte ich da für eine Umſicht. Ich lag auf einem Felſen, der zur Zeit der Flut und wo ich ihm zugeworfen worden war, gewiß kaum über dem Waſſer geſtanden und wohl auch öfters überwaſchen ſein mochte, und von ihm bis zum feſten Lande hin, gewiß eine Strecke, die mehr als eine Seemeile Entfernung betrug, ragte Felſenſpitze an Felſenſpitze aus dem wildbewegten Waſſer hervor, welches hier brauſte und kochte und ſchäumte, wie in wilder Wuth über die Hemmniſſe, die ſich ihm hier entgegenſtellten. Dieſes 106 Land, dem ich ſehnſüchtig zublickte, war eine wilde Land⸗ ſchaft, ſich allmälig von der Bucht aus erhebend, mit ſchwarzer Waldung bedeckt, unfreundlich, kalt anzuſehen in dieſer grauen Morgenbeleuchtung, wo dicke ſchwarze Wolken in niedriger Entfernung über die Berge und Wälder hin⸗ zogen, und der kalte Nordweſtwind dieſe landeinwärts jagte. Es war kein Dach, kein Haus zu ſehen,— die Gegend war wie ausgeſtorben,— und doch blickte ich ſehn⸗ ſüchtig über die wilde Brandung, über die Riffe und Fel⸗ ſenſpitzen hin, dem kalten, unfreundlichen Lande zu,— aber wie dorthin gelangen? So lange der Sturm wüthete, ſo lange die See ſo hoch ging, wäre es unbedingt in den Tod gegangen geweſen, meinen ſicheren Felſenſitz zu verlaſſen, und mich in die Brandung zu ſtürzen,— mit dem Blicke eines erfahrenen Seemanns ſuchte ich nach Merkmalen, die mir die Abnahme des Orkanes hoffen ließen,— vergebens — es war zwar volle Ebbe eingetreten, und die Felſen waren ſo weit aus dem Waſſer herausgeſtiegen, daß ſie näher zuſammenrückten, aber noch brauſte und ſchäumte es, daß es ſelbſt für den kühnſten Schwimmer unmöglich ge⸗ weſen wäre, hier durchzukommen,— Stunde an Stunde verfloß,— ich wußte, daß die wieder eintretende Flut nicht mehr ſehr fern ſei,— was hatte ich von dieſer zu erwarten? konnte ſie nicht über meinen Sitz hinbrauſen und mich mit unwiderſtehlicher Gewalt in die ſchwarzen Tiefen hinab⸗ 107 reißen? Sollte ich mein Ende hier erwarten, ohne auch nur einen Verſuch zu wagen?— Da fuhr ein Windſtoß durch die Luft,— ein zweiter,— ein dritter, daß der Felſen unter mir zu wanken ſchien,— inſtinktmäßig klam⸗ merte ich mich mit Armen und Beinen an das Geſtein an, — aber dann, als ob die Natur ausruhen wolle nach ſo fürchterlicher Anſtrengung, dann war es ſo ſtille und ruhig, daß ſich kaum eine Feder bewegt hätte,— nochmals ſchoß die bewegte Luft über mich hin,— es war die letzte An⸗ ſtrengung,— und dann zog in raſcher Eile das ſchwarze Gewölk über das ſchaurig kalte Land hin und die pracht⸗ volle Sonne blickte herab in das ſchäumende, wilde Gewoge der aufgereizten See, die, wie es ſchien, ſich noch immer nicht zufrieden geben wollte, wenn einmal aufgeſtört aus ihrer Ruhe. Ich wußte jedoch, daß auch ſie ſich nach und nach beruhigen werde, und faßte den Entſchluß, bis zum Augenblick des Wiedereintretens der Flut zu warten, dann aber das Wagniß zu unternehmen und das feſte Land zu erreichen verſuchen. Die Sonne brannte jetzt glühend heiß auf meinen Felſenſitz herab. Ich zog meine Kleider aus und breitete ſie neben mir aus. Es verging kaum eine Zeit und ſie waren durchaus trocken. Während dieſem hatte ſich aber in der That die Wuth des Meeres gelegt, und jetzt erblickte ich auch in ziemlicher Entfernung die „Möwe,“— bisher hatten ſich zwiſchen ihr und mir die 108 hohen Waſſerberge aufgethürmt, ſo daß ſie meinem Auge gänzlich entzogen geblieben war, aber jetzt konnte ich durch ein kleines Fernglas, das ich bei mir führte, deutlich te merken, daß ſie noch auf itſtn Stelle, wo wir ſie ver⸗ laſſen, vor Anker liege, und ſo viel mir erſchien, eben auch jetzt noch keine Miene mache, die Bucht zu verlaſſen. Es kam mir der Gedanke an die Möglichkeit in den Sinn, daß Dick vielleicht ein Boot ausſchicken könne, um ſich nach der Pinaſſe und den damit entflohenen Ausreißern umzuſehen. Von dieſer, wie auch von meinen beiden Ge⸗ fährten war nun freilich nirgends, ſo weit ich um mich herumblicken konnte, keine Spur,— wahrſcheinlich war das Boot an den Riffen zerſchellt und der rothe Sam und der iriſche Pat eine Beute der Fiſche geworden,— aber der Gedanke, hier auf meinem Felſen ſitzend entdeckt und vor Dick geſtellt zu werden, war ein zu fürchterlicher, — ich wußte, was ein wieder ergriffener Ausreißer zu erwarten hatte,— und mit der Reſignation der Ver⸗ zweiflung ſprang ich von meinem bisher ſichern Sitze einer etwa acht Schuh weit entfernten Felſenplatte zu Von dieſer ſetzte ich auf eine andere über,— und ſo ging. es fort,— bisweilen hatte ich an ſteilen zackigen Felſen auf und ab zu klettern, bisweilen mich geradezu in die Wellen zu ſtürzen, um mich einer Felſenreihe gegenüber zuwerfen zu laſſen, welche ich dann wieder zu überklettern 109 hatte, bisweilen hatte ich aber auch wieder einen freieren Spielraum für meine Schwimmfähigkeit,— mit der letzten Anſtrengung meiner Kräfte durchſchwamm ich den kleinen Golf, das den Felſenriff vom Feſtlande trennte, und er⸗ ſchöpft ſank ich in den Sand nieder,— aber die nachfol⸗ gende Flut mahnte mich bald an weiteres zu denken,— keuchend durchwatete ich die Sandfläche, bis ich auf feſtem Boden am Fuße einer alten Weide Ruhe und Sicherheit fand. Ich verſank ſogleich in einen tiefen Schlaf. Ich hatte ziemlich lange geſchlafen, denn als ich er⸗ wachte, war die Sonne eben daran, in's Meer zu ſinken. Erſchöpfung hatte mich darauf vergeſſen laſſen, daß ich hier an offener Küſte etwaigen Verfolgern geradezu hätte in die Hände fallen müſſen,— Hunger hatte mich aus dem Schlafe erweckt, aber dieſer hatte mich wenigſtens ſo weit wieder erkräftigt, daß ich den Platz der Gefahr ver⸗ laſſen konnte, wobei ich vorſichtig genug war, jene Gegend zu vermeiden, wo wir die Nacht vorher unſere Waaren ausgeladen hatten. Es war ein kleines Dörfchen, bewohnt von Leuten, die angeblich vom Fiſchfange lebten, deren Hauptbeſchäftigung jedoch war, die ihnen zugebrachten Waaren ausladen zu helfen und dann auf Packpferden weiter in's Land hinein zu führen,— was dann damit weiter geſchah, weiß ich nicht, da ich mich nie darum be— kümmerte,— aber ſo weit ich dieſe Lente an der Küſte 110 hatte kennen gelernt, ſo war ich überzeugt, daß ſie mich, wenn ich mich Unterſtand ſuchend ihren Hütten genähert hätte, ohne Weiteres ergriffen und an ihren Freund Dick ausgeliefert haben würden. Ich zog es daher vor, in ent⸗ gegengeſetzter Richtung meinen Weg zu verfolgen, und auf gut Glück dem Innern des Landes zuzuwandern. Was ich da wollte, wußte ich nicht,— ich hatte keinen Plan, hätte auch keinen haben können, da ich ein vollkommener Fremdling auf dem Feſtlande war,— ich hatte nie die „Möwe“ verlaſſen, außer in unſern bekannten Geſchäften, wo wir nie weiter als die äußere Küſte betraten, oder wenn wir wegen Verproviantirung oder Ausbeſſerung des Schiffes in irgend einem entlegenen Hafen einliefen, wo wir eben auch nur ſehr beſchränkt an das Land gehen durften;— aber ich hatte nun einmal das Wagniß begonnen, ich hatte der Geſellſchaft, unter der ich ſo zu ſagen aufgewachſen war, Lebewohl geſagt, hatte einen Abſchen vor dieſer Ge⸗ ſellſchaft gewonnen, der von dem Augenblicke an, als ich in die Pinaſſe ſprang, ein entſchiedener geworden war, — zurück konnte, wollte ich nicht mehr,— alſo vorwärts, auf gut Glück,— ich war ja geſund, kräftig,— und ſech⸗ zehn, höchſtens ſiebzehn Jahre alt,— was träumte ich da nicht alles für Möglichkeiten der Zukunft— doch in der Gegenwart hatte ich Hunger— fürchterlichen Hunger— ich hatte ſeit vier und zwanzig Stunden nichts gegeſſen, als —— eine Krume Schiffszwieback, die zufällig in der Taſche meines Oberrockes ſteckte, von dem Salzwaſſer durchweicht und dann an der Sonne wieder getrocknet,— das war Alles, ſeit vier und zwanzig Stunden,— denkt Euch dazu die Anſtrengungen meines Kletterns, Schwimmens, meines nicht gewohnten Marſches und dann noch einen ſiebzehn⸗ jährigen Magen, und Ihr könnt beiläufig wiſſen, was das für ein Hunger war,— aber da half Alles nichts,— je weiter ich wanderte, deſto unwirthlicher wurde die Land⸗ ſchaft, endlich brach ſogar die Nacht ein,— aus einem Nachtlager unter freiem Himmel hätte ich mir nichts ge⸗ macht, hatte ja bei meiner Nachtwacht auf dem Verdecke manche Nacht unter freiem Himmel zugebracht,— aber der Hunger— ich konnte nicht mehr weiter,— ich ſchälte die Rinde eines jungen Baumes ab, zerkaute ſie, wie ſie auch bitter war, und verſchlang ſie,— wenigſtens war doch jetzt der Magen gefüllt,— ich fand da Geſträuche, an denen ſchwarze Beeren hingen,— ich hatte wohl von gif⸗ tigen Beeren gehört, aber in dieſem Augenblicke dachte ich an keine Gefahr, ich pflückte ab, was mir in den Weg kam, und aß mit voller Luſt,— ſchienen jedoch nicht giftig ge⸗ weſen zu ſein, denn ſie bekamen mir ſehr wohl, und ich konnte weiter wandern. So zog ich fort durch Wald und Moorland, über Berg und Thal, bis nach meiner Berech⸗ nung die zweite Wacht angehen konnte, dann legte ich mich 1 11 112 unter einen Baum, deckte mich mit meinem Oberrocke zu und ſchlief mit der ſüßen Hoffnung ein, morgen doch ſicherlich unter Menſchen kommen zu müſſen. Ich kam unter Menſchen, und zwar früh genug. Es war ein freundlich ausſehendes Dorf, in welches ich am Vormittag einmarſchirte. Es begegneten mir hier ſehr gut gekleidete Perſonen, Männer und Frauen, die jedoch durch meine Erſcheinung ſehr überraſcht ſchienen, denn ſie blieben ſtehen und blickten mir nach, wenn ich an ihnen vorüber war. Ich hatte noch immer nicht den Muth, den Einen oder den Andern um ein Stück Brod anzu⸗ ſprechen, ſo hungrig ich war,— doch da ſchritt ich an einem Fenſter vorüber, in welchem Brode und Kuchen in Menge aufgehäuft lagen,— ich ſah auch Leute hinein⸗ und mit einem Brode in der Hand herausgehen. Ich faßte mir ein Herz und trat ein. Ich bat um ein Stück Brod, da ich ſehr hungrig ſei, aber kein Geld beſitze, mir eines zu kaufen. „Ein davongelaufener Matroſe?“ ſagte der dicke, behäbige Mann, der im Bäckerladen ſtand. „Ja wohl,“ erwiederte ich,—„aber ich habe nicht die Abſicht, wieder zurückzukehren,— ich will im Lande bleiben,— vielleicht könnt Ihr mich als Arbeiter brauchen, — ich bin geſund und ſtark, wie Ihr ſeht,— nur jetzt ſehr hungrig, daher gebt mir ein Stück Brod.“ 113 „Ich einen Ausreißer in Arbeit nehmen?“ lachte der Dicke,—„ich, als Magiſtratsperſon?— nun, das wäre eine hübſche Geſchichte.“ „Nun, wie Ihr wollt,“ ſagte ich ruhig und ohne Argwohn,—„doch jetzt gebt mir zu eſſen.“ „Iſt dieſes doch ein unverſchämter Burſche,“ rief der Bäcker wie außer ſich,—„erklärt ſich ſelbſt als einen davongelaufenen Matroſen und fordert Brod!“ „Ich bin ſehr hungrig!“ ſagte ich. „Du biſt hungrig, armer Mann?“ ſagte eine feine Kinderſtimme an meiner Seite, und als ich hinblickte, ſtand ein allerliebſtes kleines Mädchen da, die freundlichen blauen Augen auf mich gerichtet, und ein großes Stück Kuchen mir zureichend, ſagte ſie:„Da, iß, wenn Du hungrig biſt.“ Ich glaube auf drei Biſſen war das ganze Stück ver⸗ ſchwunden; mit freudig lächelndem Blicke ſah mir die Kleine zu.„Du biſt wirklich hungrig, das ſehe ich wohl,“ rief ſie,—„ich will Dir mehr geben!“ und damit lief ſie zu dem Fenſter hin und nahm einen großen Kuchen und brachte mir ihn. Ich nahm keinen Anſtand, dieſen denſelben Weg zu ſchicken, den ſein Vorgänger paſſirt hatte; und war es nun daß der Bäcker wirklich ſelbſt mit meinem Hunger Mitleid hatte, oder daß ihn die Liebenswürdigkeit ſeines Töchter⸗ 1858. V. Van Hoboken. II. 8 chens begeiſterte,— er ſchien den davongelaufenen Matroſen vergeſſen und nur Auge für ſeine Kleine zu haben, die er mit freundlich lächelndem Blicke betrachtete. Aber als mein Hunger geſtillt war, hatte auch der zärtliche Vater der ſtrengen Magiſtratsperſon wieder den Platz geräumt. „Von welchem Schiffe ſeid Ihr entflohen?“ fragte er. „Wollt Ihr mich ausliefern?“ fragte ich entgegen, jetzt Verdacht ſchöpfend. „Je nachdem es ein Schiff iſt,“ antwortete er,— —„ſagt mir den Namen.“ „Den weiß ich nicht,“ ſagte ich, und zog mich zur Thüre zurück, mit dem Vorſatze, mein Heil in meinen ſchnellen Füßen zu ſuchen; aber ich weiß nicht, war es Zufall, oder hatte die würdige Magiſtratsperſon die Zeit benutzt, wo ich meinen Hunger ſtillte,— genug, als ich zur Thüre kam, öffnete ſich dieſe, und ein halbdutzend Männer traten ein. „Im Namen des Geſetzes, ergreift ihn,“ ſagte die Magiſtratsperſon,— aber das war nicht ſo leicht gethan, als ausgeſprochen,— was kümmerte mich das Geſetz,— es galt meine Freiheit oder den Raa⸗Nock auf der Möwe, — ich ſchlug wie ein Wüthender um mich herum,— das kleine Mädchen weinte und ſchrie:„Laßt den armen hung⸗ rigen Mann in Ruhe,“— aber was kümmerte das die 115 Männer des Geſetzes,— die Uebermacht ſiegte, ich ward überwunden und mit den Händen auf den Rücken gebunden in ein Zimmer mit eiſernem Gitter vor dem Fenſter feſt⸗ geſetzt. Es iſt wahr, man gab mir zu eſſen,— aber mir war aller Hunger vergangen,— es war zu gräßlich, was, nach meiner Meinung, mir bevorſtand. Doch es ſollte nicht zu dem Aergſten kommen. Ich wurde unter guter Bedeckung am folgenden Tage, auf einem Wagen feſtgebunden, nach einer benachbarten Stadt geführt. Hier wurde ich vor ein Gericht ſtrengblickender Offiziere geſtellt.— Anfangs ging die Sache ſchlecht genug,— man hielt mich für einen Ausreißer von einem königlichen Schiffe, da ich den Namen des Schiffes, auf dem ich gedient, zu nennen verweigerte, es war nahe daran, daß ich gepeitſcht werden ſollte,— dahin ließ ich es aber nicht kommen, ſondern ſagte, daß ich auf einem Schiffe gedient hätte, deſſen Namen „die Möwe“ ſei.— Da blickten ſich die Offiziere gegen⸗ ſeitig an und lachten. Endlich ſagte einer zu mir:„Du haſt Dich nicht zu fürchten, daß wir Dich auf die„Möwe“ zurückſchicken,— Du wirſt Dienſte auf einem viel größeren und ſchöneren Schiffe bekommen, und Dich nie zu ſchämen haben, deſſen Namen zu nennen.“ Ich verſtand damals noch nicht den Sinn dieſer Worte; aber ich war ſchon zufrieden, daß ich nicht zum 116 alten Dick zurückgeſchickt wurde. Ich machte eine dank⸗ bare Verbeugung und war— Schiffsjunge auf dem könig⸗ lich engliſchen Kreuzer„der Löwe.“ Was mich bei der ganzen Verhandlung betrübte, war die Wegnahme beider Bücher, die ich damals bei meiner ſchleunigen Flucht von der„Möwe“ beigeſteckt hatte, und die in der Taſche meines Oberrockes, in der Nachbarſchaft der Krume Zwieback, naß geworden und dann an der Sonne wieder getrocknet waren. Ich bat, man möge ſie mir laſſen, aber der geſtrenge Herr Hochbvotsmann, unter deſſen Kommandopfeife ich geſtellt war, meinte: ein Schiffs⸗ junge auf einem königlichen Kreuzer habe etwas Anderes zu thun, als gedrucktes Zeug zu leſen; es ſei auch gar nicht paſſend, da doch er ſelbſt, als Hochbvotsmann, nicht leſe; — und ſo blieb es, aber, wie gefagt, dieſer Verluſt betrübte mich ſehr, doch eben dieſe Bücher waren, ſo zu ſagen, mein lück. Der königliche„Löwe“ verließ bald den Hafen und ſegelte, wie ich von den ältern Matroſen hörte, ſeiner Beſtimmung nach, gegen Weſtindien, um in dem dortigen Archipelagus zu kreuzen. Ich kann nicht ſagen, daß ich mich übel in meinem Dienſte befand, aber die Disciplin war ſtrenge, ſelbſt bisweilen barbariſch,— ich fand dieſes ſehr verſchieden von dem, wie es auf der„Möwe“ gehalten worden, und doch mochte ich an dieſe nicht zurückdenken, 117 ſelbſt nicht, als ich bemerkte, daß alle Offiziere des könig⸗ lichen„Löwen“ mit mir ſtrenger, ja hartherziger verfuhren, als mit irgend einem meiner Mitmatroſen. Doch dieſes wurde bald anders,— Dank meinen beiden Büchern. Eines Morgens ſagte der Unterbvotsmann zu mir: „Frank, Du ſollſt rückwärts kommen,— auf dem Poop, (d. i. auf dem Hinterdeck) will man Dich ſprechen,— aber ſei anſtändig,— rede nur was Du gefragt wirſt.“ Es ſchoß mir ſiedend warm durch den ganzen Körper. Ich ſollte das Hinterdeck betreten; dieſer Platz war für uns Foremaſtmänner wie das Allerheiligſte; aber ich folgte dem Befehl des Unterbootsmanns,— und wie ich das Hinterdeck betrat, blieb ich, meine Theerkappe in der Hand, ſcheu ſtehen, denn dort ſaßen auf niedrigen Stühlen der Kapitän und der Schiffskaplan. „Tritt näher,“ ſagte der Kapitän,—„wie heißt Du?“ „Frank Lincoln,“ war meine Antwort, ich fühlte daß ich blutroth im Geſichte wurde. „Wo geboren?“ fragte er. Ich kann nicht ſagen, daß ſeine Anrede eine unfreundliche war,— aber ſie war kurz, ſcharf,— und ſchon der Gedanke, daß ich mit dem Kapitän ſprach, brachte mich außer aller Faſſung. Ich drehte verlegen meine Mütze in der Hand herum, 118 es hatte ſich wie ein Krampf um meinen Hals gelegt, ich konnte nicht ein Wort ſprechen. „Nun,— willſt Du Antwort geben?“ herrſchte mich der Kapitän an,— da legte der Mann in dem langen Kleide ſeine Hand auf des Kapitäns Arm, und mit ſanfter Stimme, die gar wohlthuend an mein Ohr ſchlug, ſagte er:„Kapitän,— der Knabe iſt erſchrocken,— überlaßt ihn mir——“ „Das will ich recht gern thun,“ erwiederte der Ka⸗ pitän lachend,—„die Burſchen verſtehen des Hochbvots⸗ manns Pfeife und allenfalls die Trommel, und es wäre mir zu beſchwerlich, mich Einem von ihnen auf eine andere Weiſe verſtändlich zu machen, wenn Ihr aber daran ein Vergnügen findet, will ich Euch nicht ſtören,“ und mit einer leichten Verbeugung wandte er ſich der Kabine zu. Ich war jetzt mit dem Kirchenmanne allein auf dem Hinterdecke. „Hatten dieſe Bücher Dir zugehört?“ fragte dieſer freundlich, und jetzt erſt bemerkte ich, daß er meine beiden Bücher in der Hand hatte. Ich antwortete bejahend. „Kannſt Du ſie leſen?“ fragte er weiter. „Ich weiß nicht,“ antwortete ich ſchen. Ich bemerkte, wie er über dieſe Antwort lächelte, aber meine Antwort war dennoch eine ganz richtige. Meine Bibliothek beſtand 119 ja aus zwei Sorten von Büchern, die eine war für mich lesbar, die andere nicht,— ich wußte es ja nicht, welche Sorte ich in Nachtfinſterniß ergriffen hatte, und die nach⸗ folgenden Ereigniſſe waren nicht von der Art, um mir Muße zu laſſen, mich darnach umzuſehen,— alſo dieſes „ich weiß nicht“ war die ganz richtige Antwort; aber lä⸗ chelnd ſagte der Kirchenmann:„Du weißt es nicht?— nun, ſo wollen wir den Verſuch machen.“ Er ſchlug das eine Buch auf und hielt es mir vor,— nun, dieſes kannte ich nun freilich gut genug, beinahe auswendig,— es war die römiſche Geſchichte in holländiſcher Sprache geſchrieben, — und raſch las ich mit lauter Stimme einen Abſchnitt herab.„Das ſcheint holländiſch zu ſein,“ ſagte der Kaplan, —„dieſe Sprache verſtehe ich nicht,— was haſt Du da geleſen?“ Ich hatte die Erzählung der Heldenthat des Horatius Cocles, wodurch er Rom gerettet, geleſen und gab dieſe Erzählung nun in der Ueberſetzung. Der Kirchenmann ſah mich mit großen Augen an,— er ſtellte einige Fragen an mich, die römiſche Geſchichte be⸗ treffend,— ich konnte genügende Antwort geben, wußte ich ja doch das Buch auswendig. Er ſchüttelte verwundert den Kopf und öffnete das andere Buch. Dieſes war jedoch von der andern Sorte, nämlich von der, welche ich nicht leſen konnte,— dieſes verwunderte ihn noch mehr.„Du biſt ein Holländer?“ fragte er.—„Ich weiß es nicht,“ war meine Antwort.—„Wer hat Dich holländiſch leſen gelehrt?“—„Niemand. Ich konnte es ſchon, als ich die Bücher bekam.“—„Dieſe Bücher?“ fragte er.—„Ja, und noch viele andere, die ich auf der Möwe zurückließ.“— Doch um die Sache kurz zu machen: Der gute Kirchen⸗ mann wußte ſo lange zu fragen, bis er meine ganze Ge⸗ ſchichte kannte, von meiner erſten Auffahrt zum Maſtkorb der unköniglichen Möwe,— von der Zeit vor dieſem Er⸗ eigniß wußte ich ja ſelbſt nichts— bis zum Momente, wo ich Schiffsjunge auf dem königlichen„Löwen“ wurde; aber mein Verhältniß auf dem„Löwen“ war von dieſem Tage an ein ganz anderes geworden,— ich war nicht länger der unbeachtete Schiffsjunge am Foremaſt, mit dem man zu⸗ frieden war, wenn er ſeinen Knoten ſchön ſchlug und flink beim Einrollen der Topſegel war,— man ſchob mich von einem Platze zum andern, man übertrug mir manches, was ſonſt nur den älteren Matroſen anvertraut wurde,— aber ohne Prahlerei zu ſagen, die hier inmitten eines amerika⸗ niſchen Urwaldes auch ganz unrecht angebracht wäre, ich war meinen Aufgaben gewachſen, die„Möwe“ war eine gute Schule geweſen,— und zur Ehre des königlichen „Löwen“ ſei es wieder geſagt, man war nicht unaufmerk⸗ ſam auf meine erworbenen Fähigkeiten,— ich rückte bis zum Unterbootsmann hinauf. 121 Es waren vier oder fünf Jahre verfloſſen,— der „Löwe“ war heimgekommen und wieder ausgeſegelt— ich hatte manches Gewäſſer befahren, hatte meine Seemanns⸗ kenntniſſe vervollkommnet, ich war mit meiner Stellung zufrieden, beſonders, da mir das Glück günſtig war, und ich nicht, wie es häufig zu geſchehen pflegt, von einem Schiffe auf das andere überſetzt wurde,— und ich ſo auch fortwährend in der Nähe meines väterlichen Freundes, des Kirchenmannes— Mr. White war ſein Name, blieb. Ja, er war mir väterlicher Freund,— und ewig verehrt wird mir ſein Andenken bleiben,— vor zwei Jahren ſtarb er— wir umſegelten Cap Horn, um uns der Heimath zuzuwenden, da befiel ihn eine böſe Krankheit, ſie machte es kurz,— es war kein Auge auf dem ganzen Schiffe trocken,— und es giebt da doch manches verhärtete Ge⸗ müth,— aber er war das, was alle Seinesgleichen ſein ſollten, dann ſtünde Manches beſſer,— ich verlor an ihm Vater, Lehrer, Freund,— was für ein wilder Junge war ich, als ich auf den königlichen Kreuzer kam? Was wäre aus mir geworden, wenn er ſich nicht meiner angenommen hätte? Ihr dürft nicht verwundert ſein, Freund, wenn ich dieſes Mannes nur mit tiefer Rührung gedenke. Es giebt wohl wenige, wie er geweſen——“ Der Jüngling verfiel in ein ſinniges Nachdenken, welches ihm auch gewiß nicht vor den Augen unſrer Leſer 122 zum Nachtheil gereichen wird; auch Jack ehrte die Gefühle ſeines jungen Freundes, und unterbrach nicht das Still⸗ ſchweigen, welches eingetreten war. Siebentes Capitel. „Kecke Söhne jeder Zone ſind's „Von der Newa Borden und des Sinds, „Von den Höh'n, wo Maul und Lama geht, „Hat der Wind zuſammen ſie geweht.“ F. Freiligrath. „Als wir von unſerer Reiſe um das Cap Horn heimkehrten,“ erzählte der junge Abenteurer weiter— „hatte der königliche„Löwe“ einige bedeutendere Aus⸗ beſſerungen nothwendig. Wir lagen in dem kleinen Hafen Trenton vor Anker, und während dem langſamen Vor⸗ wärtsſchreiten des in Standſetzen unſeres Schiffes, trieben wir von der Mannſchaft uns in dem kleinen Platze herum. Wir erfuhren hier allerlei Neuigkeiten. König Ludwig von Frankreich war mit einem Heere von mehr als hunderttauſend wohlgerüſteten Streitern gegen die hollän⸗ diſche Grenze gezogen. Dieſes Heer und die Namen ihrer Führer: Condé und Turenne, ließen keinen Zweifel am Sieg übrig, aber der vorſichtige Franzoſenkönig hatte ſich 123 —— demungeachtet um Bundesgenoſſen bemüht, und es zogen ebenfalls die Schaaren des Kurfürſten von Köln, und des Biſchofs zu Münſter gegen Holland, und mit mehrern andern Reichsſtänden war ein Bund geſchloſſen; zur See hatte er ſich aber um einen gar mächtigen Alliirten um⸗ geſehen. England hatte zur ſelben Stunde, als ſich das franzöſiſche Kriegsheer in Marſch ſetzte, ſeine Kriegs⸗ erklärung an Holland abgegeben und hundert Schiffe waren bereits unter dem Herzog von York, des Königs Bruder, ausgelaufen, um ſich mit einer franzöſiſchen Flotte zu verbinden, und die bedrängten Holländer anzugreifen. Wir, von dem königlichen Kreuzer, ärgerten uns nicht wenig, nicht auch die Beſtimmung erhalten zu haben, uns mit der großen Kriegsflotte vereinigen zu ſollen, und es gab da viel Gerede unter dem Schiffsvolke ſowohl, als unter den Offizieren. Ich war vielleicht einer der ärger⸗ lichſten unter meinen Kameraden, und lag eben eines Vor⸗ mittags auf einem Polſter mit Seegras gefüllt, welches ich mir an den Mainmaſt gelehnt hatte, und wo ich in dem eitlen Nichtsthun eines Seemannes, während das Schiff zur Ausbeſſerung im ruhigen Hafen liegt, zu dem blauen Himmel hinaufblickte. Da trieben vier Ruder eine Jolle vom Lande her dem königlichen„Löwen“ zu. Das Boot legte an, und ein Mann, in reicher Kleidung mit Federhut und Sammetwamms angethan, ſchritt bald 124 darauf der Kajüte des Kapitäns zu. Es war dieſes kein auffallendes Ereigniß, da wir öfters Beſuche vom Lande aus bekamen; und ich beachtete den Mann kaum; aber es war keine halbe Stunde verfloſſen, ſo wurde ich vor den Kapitän gerufen. Ich fand hier denſelben Mann, welcher mit der Jolle gekommen war. Er ſaß auf dem türkiſchen Divan an des Kapitäns Seite, und ſie hatten Wein und Brandy vor ſich auf dem Tiſche ſtehen. Sie ſchienen gute Bekannte zu ſein. Bei meinem Eintritte war das Auge des Fremden auf mich gerichtet, mit einem durchdringenden, prüfenden Blick,— dann wandte er dieſen dem Kapitän zu und fragte:„Iſt dieſes der junge Mann?“ „Gewiß,“ antwortete Kapitän Howard—„dieſer iſt Frank Lincoln, der Unterbootsmann des königlichen Kreuzers„der Löwe.“ „Und Ihr haltet ihn für fähig?“ fragte der Fremde, wieder den forſchenden Blick auf mich geheftet. Dieſe ſtrenge Prüfung meines Aeußeren ſagte mir gerade nicht zu; aber ich war zu ſehr an Subordinativn gewöhnt, als daß ich es gewagt hätte, eine Frage zu ſtellen, was damit gemeint ſei, ſondern hielt mich ſtillſchweigend zur Eingangsthüre der Kajüte, in der Erwartung, von dem Kapitän angeredet zu werden. Dieſes geſchah denn auch endlich. „Frank,“ ſagte Kapitän Howard—„Du hätteſt 125 wohl keine Einwendung zu machen, wenn man Dich zum erſten Lieutenant auf einem gut gebauten und ſchnell ſegeln⸗ den Schiffe ernennen würde?“ Es fuhr mir warm durch's Herz und die Röthe der Ueberraſchung mochte wohl auf meinen Wangen zu leſen ſein, denn der Kapitän ſagte lächelnd:„Du mußt nicht erſchrecken. Es iſt da nicht ein Schiff gemeint, wie unſer „Löwe“ iſt,— aber doch ein ganz gutes Schiff, das ſeine zehn Dreipfünder führt— nun, Du ſiehſt es wohl ſelbſt ein, daß Du es auf einem königlichen Kreuzer nicht bis zum erſten Lieutenant bringen kannſt,— aber ich habe es meinem verſtorbenen Freunde, dem würdigen White, der auch Dein Freund war, verſprochen, für Dich väterlich zu ſorgen,— und da— nun da kannſt Du Lientenant auf dem„Kreuzfahrer“ werden— was ſagſt Du dazu?“ Kapitän Howard hatte eine Menge Fehler,— er war ſtolz darauf, aus einer Familie zu ſtammen, welche als ſtets anhänglich der königlichen Sache, jetzt auch ihre Glieder in hohen Ehrenſtellen ſah,— er betrachtete jeden, der ſich nicht eben ſolcher Familienverbindungen rühmen konnte, als ein unbedeutendes Geſchöpf in der Natur,— er glaubte ſich als Kapitän eines Dreideckers um wenig⸗ ſtens zehn Grade höher ſtehend als ein Kapitän, der ein Schiff kommandirte, das um zehn Kanonen weniger führte, ſeinen Offizieren zeigte er bei jeder Gelegenheit ſeine über⸗ 126 wiegende Stellung,— er war kleinlich in gewiſſen Dingen, welche Subordination betrafen, eitel in der Meinung, der erfahrenſte Seemann zu ſein, obwohl dieſes nicht ſo ganz der Fall war,— und doch war er ein ganz guter Mann, — wenigſtens hatte er ſich immer ſo gegen mich erwieſen, — und es leuchtete jetzt in der That helle Freude aus ſeinem Auge, als er ſah, welchen Eindruck die Nachricht meiner Beförderung auf mich gemacht hatte. Dieſe war auch in der That ſo, daß ich nicht Worte finden konnte, ſondern die Hand des alten Mannes ergriff und ſie ſtumm an meine Lippen drückte. „Nun, laß gut ſein, Junge,“ ſagte er abwehrend— „hier iſt Dein Kapitän,“ womit er auf den neben ihm ſtehenden Fremden zeigte. „Ein Eindecker iſt ſicher kein Dreidecker,“ ſagte dieſer mit einem Lächeln,—„aber endlich kommt es auch nicht darauf an, ob das Schiff ein Fuß mehr oder weniger ge⸗ theert iſt,— wenn es nur ſeinen Lauf verſteht und nicht vor jedem Bö zuſammenſchreckt wie eine Henne, wenn der Geier um den Kirchthurm ſegelt.“ Ich nahm jetzt Gelegenheit, meinen neuen Kapitän näher zu betrachten. Er war zwar koſtbar gekleidet,— vielleicht koſtbarer als der würdige Howard,— aber doch fehlte ihm dieſe Würde und dieſes ruhige Selbſt⸗ gefühl, was den Kapitän des königlichen Kreuzers aus⸗ 127 zeichnete,— es war ein Mann zwiſchen vierzig und funfzig, mit ſcharfem Auge und ſcharf ausgeprägten Zügen,— ſeine Geſichtsfarbe war beinahe olivengelb, er trug einen dichten Bart auf der Oberlippe und am Kinn,— ſein ſcharfes Auge war aber nicht ſtät, ſondern beliebte von einem Gegenſtand auf den andern überzugehen,— ſeine Sprache war rauh und heiſer. „Doch ich liebe ſtets zu wiſſen,“ unterbrach er jetzt meine Beobachtungen,—„in welchem Fahrwaſſer ich laufe, und ſo wird es auch mein junger Lieutenant lieben, und wenn auch Jeder, der eine weiße Windwolke von einem Regenbogen unterſcheiden kann, den„Kreuzfahrer“ nicht für einen königlichen Kreuzer nehmen wird, ſo iſt es doch beſſer, ſogleich die Flagge zu zeigen, unter der wir ſegeln werden.“ Und damit gab er mir dann die Erklärung, daß er in dem Kriege zwiſchen England und Holland mit einem „letter of mark“ ausgerüſtet, und ſomit autoriſirt war, den Zwiſt des Königs von England mit der Republik auf ſeine Art durchzufechten. Er hatte zugleich mit vielen Andern das Recht erhalten, für dieſen Zweck ein Schiff mit zehn Kanonen auszurüſten, und das Schiffsvolk, wo er konnte, zu werben, auch war ihm, wie den Andern, be⸗ willigt, den untergeordneten Offizieren auf größeren Schiffen ſeine Anträge zu ſtellen. Viele von dieſen traten 128 damals, mit der Ausſicht auf Beförderung, in die Dienſte dieſer Schiffe, welche, wenn auch in einer andern Rich⸗ tung, dennoch als Kriegsſchiffe angeſehen waren. Wenig⸗ ſtens wurde uns dieſes ſo erklärt. Am andern Tage betrat ich mit Kapitän Mac Collop das Quarterdeck des„Kreuzfahrers,“ von wo aus er mich dem verſammelten Schiffsvolke als ſeinen Lieutenant, als den Mann, ihm am nächſten im Rang, proklamirte,— und von dieſem Augenblicke an war ich Lieutenant. Mit dem Schiffe war ich ſehr zufrieden. Als mich mein Kapitän in demſelben herumführte, blieb er ſelbſt einige Male ſtehen und wohlgefällig herumblickend, ſagte er:„Ein reizendes Fahrzeug— gerade, wie es der See⸗ mann liebt, leicht in ſeinem Takelwerk und lebhaft auf dem Waſſer,— hat auch ſchon manches Waſſer befahren, daher ich ihm den Namen der„Kreuzfahrer“ gab— d. h. der Kreuz⸗ und Querfahrer.“ „Ihr kommandirt wohl ſchon lange auf dem Kreuz⸗ fahrer?“ fragte ich. „Nicht ſehr lange,— aber doch ſchon einige Jahre,“ antwortete der Kapitän,—„Ihr könnt bemerken, daß es eben kein altes Schiff iſt. Iſt ſeiner Geburt nach ein Franzoſe, aber nach ſeiner Erziehung ein Schottländer,“ ſagte er, humoriſtiſch dazu lachend—„ja, ſo ſind die 129 Wechſelfälle im Leben des Menſchen und auch des Schiffes. War für den Privatgebrauch Sr. königlichen Majeſtät von Frankreich gebaut und hieß„la Pucelle“— da wurde ich Beſitzer,— es wird Euch nicht intereſſiren zu erfahren: wie und wann— ich nahm einige Veränderungen damit vor, und gab ihm den Namen„der Kreuzfahrer“— und jetzt dient es der Krone von England.“ „Die Veränderungen, die Ihr damit vorgenommen, gingen wohl vorzüglich dahin, es zu einem Kriegsſchiff umzugeſtalten?“ fragte ich. „Gewiß,— denn zu einer Luftfahrt hat König Karl uns gewiß nicht eingeladen,“ ſagte der Kapitän lachend. „Ich zähle mehr als zehn Kanonen,— auch ſcheint das Kaliber mehr als dreipfündig zu ſein,“ fragte ich. „Ach, das iſt nur ſo eine Form, welche die hohe Admiralität ein für alle Mal angenommen hat,“ erwiederte der Kapitän,—„ſie kümmert ſich aber weiter nicht,— man iſt überhaupt nicht ſehr engherzig, und ſieht den Ka⸗ pitänen, die ſtatt der Commiſſion einen letter of mark erhalten haben, manches durch die Finger.“ Ich will Euch nicht langweilen mit den Details über Kapitän, Schiff und Schiffsmannſchaft, ſondern nur erwähnen, daß wir über Hals und Kopf daran waren, mit der Ausrüſtung vollſtändig zu werden. Die Nach⸗ 9 1858. V. Van Hoboken. II. 130 richten, welche von dem Kriegsſchauplatz kamen, waren gute und üble. Während unſer Bundesgenoſſe, Ludwig von Frankreich, ſiegreich vorwärts rückte, binnen Monats⸗ friſt das meiſte Land dieſſeits des Rheins, und nach deſſen Ueberſetzung auch Utrecht, Geldern und einen Theil von Holland mit mehr als vierzig Feſten eingenommen hatte, — während kaum mehr als eine Provinz der Republik geblieben war,— beherrſchte doch noch ihre Flagge weit⸗ hin das Meer. Ihr großer Admiral Ruyter hatte bei Solbay einen glorreichen Sieg über die vereinigte See⸗ macht Englands und Frankreichs erfochten, hatte die indiſche Handelsflotte gerettet und die Küſten gedeckt. Es wurden nun die kräftigſten Anſtrengungen gemacht, auch auf dem Meere die engliſche Flagge zur Geltung zu brin⸗ gen, und Kapitän Mac Collop wollte dabei nicht der Letzte ſein. Wir fuhren endlich aus. Ich hatte bald Gelegenheit zu erfahren, in welcher Art wir an dem Weltkriege Antheil nahmen. Es galt einem Holländer, welcher eben von Weſtindien heimkehrte,— wahrſcheinlich war er durch Unwetter oder Mißverſtändniß ſeines Kapitäns, von dem Convoi abgekommen, oder er verließ ſich auf ſeine eigene Stärke, denn in der That, er zeigte uns eine ſo volle Breitſeite, wie ich von einem calculirenden Holländer, einfach und wohlfeil in Allem, gar nicht erwartet hätte,— 131 aber Mac Collop verſtand ſein Geſchäft,— er war kein Neuling in dieſer Richtung,— der Holländer mußte capituliren, und wir machten reiche Beute. Ich will auch nicht ausführlich unſere Abenteuer als engliſche Seehelden, mit einem letter of mark aus⸗ gerüſtet, erzählen, ſondern ſogleich zu der Epoche über⸗ gehen, welche für mich von der größten Wichtigkeit zu ſein ſcheint, da ſie meinen bisherigen Lebenslauf geradezu ab⸗ ſchneidet, und mich zwingt, einen neuen zu beginnen, oder wenigſtens den Verſuch dazu zu wagen. Wir waren bereits einige Wochen der Kreuz und der Quere nach gefahren, ohne auch nur einem Segel zu be⸗ gegnen, dem man hätte beweiſen können, wie tief es der großen engliſchen Nation zu Herzen gehe, daß ihre mächtige Flotte ſchon zum zweiten Male von einem Ruyhter, dem vormaligen Schiffsjungen, geſchlagen wor⸗ den war, während doch unſer Admiral aus einer hoch⸗ adeligen Familie ſtammte,— aber eben dieſes Gefühl, ſich nicht Genugthuung verſchaffen zu können, war für unſern würdigen Mac Collop ein ſo bitteres, daß er wie ein angeſchoſſener Seebär herumwandelte, über Alles brummte und zankte und man ihm nichts zu Gefallen thun konnte. Es herrſchte auch auf dem ganzen Schiffe jene Trägheit und Erſchlaffung, in die leicht ein Volk verfüllt, das ſtete Aufregungen gewohnt iſt, und für das Sturm, 9* Unwetter, Kampf und Plünderung aus Gewohnheit Lebensbedingungen geworden ſind. Aus dieſem unangenehmen Zuſtande der Thatloſig⸗ keit wurden wir eines Abends durch den Ruf:„Segel, ho!“ erweckt. Der Ausgucker auf dem Vormars hatte aber kaum dieſen Ruf vernehmen laſſen, ſo echoete es ſchon„Segel ho!“ von der Höhe—„Segel ho!“ vom Verdeck; der ſchimmernde, obwohl ſehr entfernte Gegen⸗ ſtand, hatte in demſelben Augenblick ein Dutzend wach⸗ ſamer Augen getroffen,— und aus allen Räumen des Schiffes ſtürzte nun unſer Volk hervor, um ſich ſelbſt von der Wahrheit zu überzeugen,— daß Kapitän Mae Collop nicht fehlte, verſteht ſich von ſelbſt,— und mit ſchneller klopfenden Pulſen und glänzenden Augen ſtanden die Burſche, unverwandt der Gegend zuſtarrend, wo es zwiſchen dem Blau des Himmels und dem dunklen Grün des Waſſers ſilberweiß ſchimmerte. Es war dem fröhlichen Rufe, der vom Maſt zum Raa, vom Raa zum Deck, vom Deck zu jedem Winkel des Schiffes ſich fortpflanzte, abzuhören, und es war dem freudeſtrahlenden Blicke jedes Rufers abzuſehen, daß man das eben auftauchende Schiff für eine ſichere Priſe nahm, — auch dem Kapitän, der mit dem Glaſe am Auge, und mit auseinandergeſpreizten Beinen auf dem Quarterdeck ſtand, war es anzuſehen, mit was für freudigen Empfin⸗ 133 dungen er dem fernen Fahrzeuge zublickte. Ich konnte mir dieſes nicht erklären, da ich ſogar zweifelte, daß dieſes Schiff eine Priſe für uns ſei. Wir hatten uns im Laufe der Zeit unter öfter wechſelndem Kurſe endlich ſehr weit der franzöſiſchen Küſte genähert, ſo daß wir ſelbſt ſchon bisweilen die hohen Gebirge, welche die Scheidewand zwiſchen Frankreich und Spanien machen, bemerken konnten. Ich wußte keinen Grund, warum Mac Collop in dieſen Gewäſſern herumſtrich, hatte auch nicht das Recht, darnach zu fragen; aber ich erwartete auch nicht, daß ein Holländer ſich hierher verirren ſollte,— und deshalb war mir dieſe Sicherheit, womit unſer Kapitän dieſem Fremden als ſichere Priſe entgegenblickte, unerklärlich. Nebſt ihm und mir waren noch drei oder vier andere Offiziere auf dem Hinterdeck verſammelt und wir alle be⸗ ſchäftigt, mit Hülfe unfrer guten Gläſer, mehr genaue und ſichere Beobachtungen zu machen. Es verfloſſen viele Minuten in dieſer ſchweigſamen Beſchäftigung. Der Abend war heiter, der Wind jedoch heftig, und da die See ziemlich hoch ging, ſo war es nicht ſo leicht, zur vollkommnen Sicherheit über den Gegenſtand unſerer Beobachtung zu kommen. „Es iſt ein Schiff!“ rief der Kapitän, indem er die Hand mit dem Glaſe ſinken ließ. „Ich nahm es Anfangs für eine Möwe, die eben mit 134 den Flügeln flattert, bevor ſie ſich erhebt,“ ſagte der Hoch⸗ bootsmann,—„aber ich erkläre es jetzt auch für ein Schiff— und zwar für ein voll aufgetakeltes Schiff.“ Der Hochbootsmann war ein alter, erfahrner See⸗ mann, der ſelbſt vor den Augen des Kapitäns in einem gewiſſen Anſehen ſtand, und ſo galt ſein Ausſpruch mehr, als der eines Andern. „Ich finde auch, daß es viel Leinwand zeigt,“ ſagte der Kapitän, während er das Glas wieder an das Auge brachte. Der Hochbootsmann that wie er, und ſagte nach einer Weile:„Es iſt ein Schiff von guter Größe und hat ausgeſtellt, was nur immer ziehen will.“ „Was ſagt Ihr von dem Schiffe, Mr. Lincoln?“ fragte der Kapitän mich,— doch wahrſcheinlich nur aus Höflichkeit, da er bereits mit ſich ſelbſt im Reinen zu ſein ſchien. Ich erklärte, daß es ein großes Schiff ſei, welches ziemlich raſch laufe. „Es iſt kein Zweifel, ſie iſt quer durch den Wind ſegelnd, Nord- und„Oſt,“ ſagte der Kapitän—„ſie iſt ſo artig, uns die Mühe einer Jagd zu erſparen,— ſie kommt gerade auf uns zu. Wir wollen ſie erwarten.“ Wir blickten wieder durch unſere Gläſer; aber das Vergnügen ließ unſern Kapitän nicht lange ſchweigen: 135 „Mr. Lincoln, Ihr habt Recht, es iſt ein ſchweres Schiff — hat ſicher dann auch ſchwere Laſt,— um ſo beſſer— wir haben die leichten Schiffe nicht gern— übernehmen gern die Mühe, ſie leicht zu machen.“ „Giebt er nicht Signale?“ ſagte einer von den Offizieren. „Wirklich ſchon?“ erwiederte der Kapitän—„nun, da muß er einen guten Ausgucker haben, wenn er den Kreuzfahrer bemerkt, der doch nur das Stagſegel zeigt. Vorſichtig iſt er denn jedenfalls, und nur, der was führt, iſt vorſichtig.“ Alle Gläſer waren nun dem Fremden wieder zuge⸗ wendet,— Einige wollten wirklich Signale bemerken,— Andere ſagten: es ſei nur das Flattern eines loſe gewor⸗ denen obern Bramſegels. „Ich kann nicht ſehen, daß er eine Flagge zeigt,“ ſagte ich, aufmerkſam durch das Glas ſehend. „Ich auch nicht,“ erwiederte der Kapitän—„aber wir wollen uns bereit halten, ihm unſere Flagge zu zeigen. Kommt, Herr Lieutenant.“ Er ſchritt haſtig mir voran der Kajüte zu. Eröffnete hier einen Schrank.„Wir werden heute zwei Flaggen benöthigen,“ ſagte er—„erſtens die Lilie von Frankreich, — und dann die holländiſche.“ „Die franzöſiſche?“ fragte ich erſtaunt. 136 „Gewiß,“ erwiederte er.—„Ihr werdet doch nicht vermuthen, daß ſich in dieſem Gewäſſer ein Holländer herumtreibt?— Der Fremde, wenn er auch bis jetzt noch keine Farbe zeigt, iſt ein Franzmann, ſo wahr ich der Ka⸗ pitän des Kreuzfahrers bin.“ „Und Ihr wollt den Franzmann angreifen?“ fragte ich wieder. „Wenn er nicht etwa ein Kriegsſchiff iſt,“ ſagte Mac Collop—„denn da wäre nichts zu finden,— aber ich halte ihn für einen friedlichen Kauffahrer, der ſeine Waaren in Spanien umgeſetzt hat und mit ſchönem Golde heimkehrt— da brauchen wir für's Erſte die Lilie.“ „Frankreich iſt mit England verbündet,“ ſagte ich. „Deshalb laſſen wir ſpäter die holländiſche Flagge wehen, wenn es zum Ernſte kommt,“ ſagte der Kapitän lachend.—„Glaubt Ihr nicht auch, daß die Piaſter ſo gutes Geld ſind, als die Guilders,— aber wenn Monſieur artig iſt, wollen wir ihm nicht zu viel anthun, und wenn er heimkommt, kann er von dem Holländer erzählen, der ihm die Piaſter abgenommen hat.“ Ich war mit der Sache nicht recht einverſtanden, aber Mac Collop achtete nicht darauf, ſondern die eine Flagge mir übergebend, eilte er mit der andern unter dem Arme, die Stiege hinauf. —— 137 Während der kurzen Zeit unſerer Abweſenheit vom Hinterdecke, waren einige Veränderungen eingetreten. Der Wind, welcher ſchon den ganzen Tag über ein ſchwerer zu nennen geweſen, hatte an Heftigkeit zugenommen. Der Hochbvotsmann, welcher, wie ich ſchon bemerkte, auf dem Kreuzfahrer als eine Autorität galt, machte den Kapitän darauf aufmerkſam:„Ich hoffe, Kapitän, Ihr nehmt es nicht als eine Beleidigung von einem alten Seemann, wenn er ſeine Meinung über das Wetter ausſpricht; aber ich ſage, ich habe das Land nicht gern, wenn der Wind zu, ſtatt davon bläſt,“ ſo war ſein mit einiger Wichtigkeit gegebenes Urtheil,—„und wir haben dieſen Morgen Oſt und Oſt bei Süd, grau und darüber wieder grau geſehen. Ich meine, wenn wir ein wenig weiter hinausmachten, wäre nicht ſo übel,— wer kann es ſagen, welchen Puff wir dieſe Nacht bekommen können.“ Der Kapitän betrachtete ſich das Wetter,— das Firmament hatte jene bleigraue Färbung angenommen, die jeder Seemann zu würdigen weiß, und die weite Fläche des Meeres thürmte ſich zu Bergen auf, deren Gipfel wie ſilberweiß berändert anzuſehen waren. „Ihr habt Recht, Mr. Webſter,“ ſagte der Kapitän —„wir bekommen dieſe Nacht Sturm,— aber er wird nicht dem Lande zutreiben, und ſo wollen wir bleiben, wo wir ſind— wir müſſen ja doch die Ankunft unſeres 138 Freundes von da draußen erwarten.— Wie iſt es* Zeigte er wirklich Signale?“ Diejenigen, welche früher dieſer Meinung waren, gaben es jetzt zu, daß ſie ſich geirrt hatten, und daß das, was ſie dafür gehalten, wahrſcheinlich nur ein flatterndes Segel geweſen ſein mochte. „Um ſo beſſer,“ ſagte der Kapitän—„ſo hat er uns noch nicht geſehen, und wir können ruhig ſeine Ankunft abwarten.“ „Refft das Stagſegel ein!“ kommandirte er mit ſeiner Donnerſtimme,—„wir wollen ihm auch nicht einen Lappen Leinwand zeigen. Beſchlagt alle Segel— völlig!“ Mit einem„Hurrah!“ ward dieſes Kommando von funfzig oder mehr Stimmen begrüßt,— wir alle wußten, was dieſes Einziehen ſämmtlicher Segel zu bedeuten hatte, und wie die Eichkätzchen kletterten die Burſche an den Maſten hinauf, um jedes Stückchen Leinwand zu ver⸗ ſichern. Der Kapitän ſtand unterdeſſen wieder mit dem Glaſe am Auge, aufmerkſam den Fremden betrachtend. Die Annäherung deſſelben wurde aber jetzt ſchon bemerkbar, ſelbſt dem unbewaffneten Auge. Der kleine weiße Fleck, welcher ſich zuerſt auf dem Rande des Meeres hatte ſehen laſſen, ähnlich einer Seemöwe, die über einer 139 Welle flattert, war größer und größer in der letzten halben Stunde geworden, bis ſich eine volle Pyramide Leinwand aus dem Waſſer erhob. „Nach der Richtung der obern Raa und nach der Art, wie die Segel geſtellt ſind, iſt dieſes Schiff kein Kriegsſchiff,“— ſagte der Kapitän,—„ſondern ein derlei bequemer zu nehmender Kaufmann.“ Und das Glas vom Auge entfernend und dieſes im Kreiſe ſeiner Offiziere herumſendend, fuhr er fort:„Daß er mit ſeiner Farbe zurückhält, finde ich unartig,— wenn wir ihn dafür be⸗ ſtrafen würden— wäre es nicht billig?“ „Gewiß!“ rief einer der Offiziere,—„der Kreuz⸗ fahrer hat ſich nie noch eine ſolche Unart gefallen laſſen.“ „Und wenn er ſeine Flagge zu ſpät aufzieht?“ ſagte der Kapitän lächelnd,—„verdient er um ſo mehr Strafe.“ „Geht denn, meine Herren,“ fuhr er fort,„an Eure verſchiedenen Pflichten. Wir wollen die halbe Stunde, welche er vielleicht noch benöthigt, um uns ſeinen Rumpf zu zeigen, dazu verwenden, daß wir nach unſerm Geräthe ſehen und die Kanonen unterſuchen.“ Die Offiziere verließen nun alle das Hinterdeck, jeder ſich beeilend, ſeiner Pflicht nachzukommen; aber jedem war das Vergnügen anzuſehen, endlich aus der Einförmigkeit des Lebens, welches wir nun bereits ein paar Wochen ge⸗ führt hatten, in Thätigkeit zu kommen. 140 Der Kapitän und ich blieben, noch fortwährend das annähernde Schiff im Auge. „Mr. Lincoln,“ ſagte der Kapitän nach einiger Zeit, die er mit dem Glaſe am Auge zugebracht hatte, ſich an mich wendend,—„Mr. Lincoln— es wird vielleicht ein tüchtiger Kampf werden,— das Schiff iſt uns an Größe überlegen,— und wenn auch ein Kauf⸗ fahrer, ſo ſteht zu erwarten, daß er in dieſer Zeit gut be⸗ mannt iſt.“ „Ihr habt doch nie noch ſolchen Bedenklichkeiten Raum gegeben,“ erwiederte ich,—„und wenn der Hol⸗ länder auch, was Kanonen und Bemannung betraf, eher einem Kriegsmann, als einem friedlichen Kaufmann glich.“ „Da wußte ich, daß Uebereinſtimmung auf dem Kreuzfahrer regierte,“ antwortete er ernſt. „Und glaubt Ihr, daß dieſe heute fehlt?“ fragte ich. „Der erſte Lieutenant iſt mit dem Kapitän nicht gleicher Anſicht,“ ſagte er. „Wie meint Ihr das?“ fragte ich. „Ihr werdet nicht fechten wollen, bevor Ihr nicht die Flagge jenes Fremdlings geſehen habt?“ ſagte er in halbfragendem Tone. „England iſt nur mit Holland im Kriege,“ ſagte ich. Es war mir nicht unlieb, daß dieſes Thema jetzt zur Sprache kam, wo es noch an der Zeit war. 141 „Und mit Frankreich im Bunde, wollt t Ihr ſagen,“ fiel er mir in's Wort,—„und ſoweit habt Ihr Recht. Aber ich ſage, daß Sugicn ni e einen gefährlicheren Finn als Frankreich gehabt hat.— Ihr ſeht mich groß an, Ihr denkt Euch wahrſcheinlich: was doch dieſer ſen zuſammenſchwätzt!— Es iſt jetzt nicht an der Zeit, Euch zu erzählen, wie ich zum Freibeuter wurde,— ich bin ein Schotte von Geburt,— ich hätte wohl nicht Seeräuber werden ſollen,— und wäre es nicht geworden, wenn man nicht Karl den Zweiten wieder in's Land geholt hätte,— doch, wie geſagt t, es iſt jetz tzt nicht an der Zeit,— eben der, auf deſſen Kopf ein Preis geſetzt war, erhielt einen letter of mark gegen Holland,— vielleicht, wenn der Krieg vorüber iſt, wird der Kapitän des Kreuzfahrers wieder vogelfrei erklärt.“ So lange ich Offizier des„Kreuzfahrers“ war, hatte deſſen Kapitän noch nicht in ſolcher Sprache mit mir ge⸗ ſprochen. Ich muß geſtehen, ich war überraſcht über die Weiſe, in ethe dieſer Mann mich heute anſprach. Nach einer kurzen Pauſe fuhr er fort: „Die Nation des ſtolzen Englands wird ſich nach der Hand bei ſeinem Könige für die Demüthigungen, die es erfahren hat, zu bedanken haben; und Frankreich wird ſich dabei in's Fäuſtchen lachen,— und ſo wird es immer ſein, wenn England mit ſeinem natürlichen Feinde in ein Bündniß tritt. England und die Republik ſind die Verbündeten durch gleiche Intereſſen; aber da ſchickt der liſtige Ludwig ſchöne Geldſummen dem verſchwenderiſchen Stuart, eine feine Dirne dem wollüſtigen Karl und England ſchließt ein, ſeine Ehre und ſeinen Vortheil tief verletzendes Bündniß;— doch da kommt ja bereits der Rumpf des Fremden aus dem Waſſer hervor,— ſcheint ein ſchneller Segler zu ſein!“ Wieder hatten wir die Gläſer am Ange. Das Schiff kam näher. Es ſteuerte gerade auf uns zu. „Ihr ſeid kein Engländer?“ fragte Mac Collop. „Ich weiß es nicht,“ war meine Antwort. „Mein Freund, Kapitän Howard, ſagte mir ſo— er hatte es von dem guten White— Yhr wißt nicht, wo Ihr geboren ſeid,— ich will es Euch ſagen— Ihr ſeid ein Holländer!“ Traf es mich doch da wie ein Blitzſtrahl— ich ſtarrte den Kapitän an,— dieſer blickte aber durch das Glas dem Schiffe zu—— ich verſank in tiefes Sinnen, — es fiel mir dieſen Augenblick nicht einmal ein, eine weitere Frage zu ſtellen,—— nach einer Weile nahm der Kapitän wieder das Glas vom Auge und mich ſtarr anblickend, fragte er: „Iſt jetzt Uebereinſtimmung auf dem Kreuzfahrer? Wird der Engländer und der Holländer vereint gegen den 143 gemeinſchaftlichen Feind, der lügneriſcher Weiſe die un⸗ befleckte Lilie führt, fechten?“ „Sie werden fechten!“ rief ich— gebt mir eine Welt, ich ſoll Euch die wahre Urſache meiner Aufregung ſagen,— ich könnte ſie nicht verdienen. Mac Collop reichte mir ſeine Hand,— ich ergriff ſie;— wir tauſchten einen männlichen Händedruck aus, — ohne ein Wort zu ſprechen.—„Theilt die Waffen aus,“ ſagte der Kapitän, und ich ging dem Raume zu, wo Flinten, Säbel, Enterhaken und ſonſtige Geräth⸗ ſchaften aufbewahrt waren. Als ich wieder das Deck des Schiffes betrat, hatten Himmel und Meer ihr Ausſehen bedeutend geändert. Der helle Streifen, welcher vor Kurzem noch über dem öſtlichen Horizont gehangen hatte, war jetzt verſchwunden, dafür hatten ſich ſchwere Maſſen von ſchwarzen Wolken hier angehäuft, und da andrerſeits auf dem Waſſer dichte Nebel lagen, ſo war nicht mehr zu unterſcheiden, wo die Trennung der beiden Elemente ſtattfand. Dagegen lag der ganze Weſt gleichſam in einem Gürtel von düſterm fahlen Lichte und inmitten dieſes Gürtels ſchwebte, wie eine Silberpyramide, der Fremde. Ich kannte dieſe verdächtige Helle im Weſten zu wohl, um nicht noch ein Mal meinen Blick mit aller Vor⸗ ſicht über das ganze Takelwerk der Segel hingleiten zu 144 laſſen; aber da war auch jeder Lappen eingerefft, und auch nicht eine Ecke von Handgröße flatterte in die Luft hinaus. Der Fremde ſchien aber das Wetter eben ſo gut als wir zu verſtehen, und wollte auch nicht gern, bei der Ungewiß⸗ heit des Ausbruches, ſein Schiff dem Lande zu nahe zu⸗ laufen laſſen. Wir konnten bemerken, daß die leichten Wolken von ihren hohen Plätzen ſich niederließen und ver⸗ ſchwanden, und dem Schiffe nur die untere, mehr ſichere und ſchwerere Leinwand gelaſſen war. Aber noch immer näherte er ſich uns, bis er plötzlich unſern Blicken ent⸗ ſchwand. Eine Flut von Nebellicht rollte über das Meer hin und hüllte ihn vollkommen ein,— aber jetzt trat auch der Wechſel ein, den wir vorausgeſehen hatten, und wir vergaßen für den Augenblick ſelbſt den Fremden, da wir für die Sicherung unſres Schiffes ſelbſt zu ſorgen hatten. Die Briſe, welche bis zum Augenblick ſo friſch geweſen war und ſelbſt bisweilen ſolche Stöße gegeben hatte, daß man ſie beinahe einen kleinen Sturmwind hätte nennen können, wurde jetzt ruhiger und ungleicher— die Stöße, welche von Oſten kamen, wurden ſchwächer und ſchwächer, — und plötzlich war die Luft ſo ſtille, daß eine Flaum⸗ feder zu Boden geſunken wäre; aber Mac Collop ſtand mit weit auseinandergeſpreizten Beinen auf dem Hinter⸗ decke, und den Blick nach allen Weltgegenden herum⸗ ſchickend, ſchien er den Winkel auffinden zu wollen, von 145 woher der Fürchterliche anrücken werde. Er hatte nicht lange zu warten: Wie ein Feuerſtrahl zuckte es aus dem düſtern Nebel im Weſten hervor und überſtrahlte die ganze ſchwarze Meeresfläche, und wie wilder Donner brüllte es längs der Waſſerfläche hin. Mr. Mac Collop rief ſeine Befehle mit einer Stimme, die wohl verſtehen ließ, was wir zu erwarten hatten, und jeder Einzelne ſtand in Bereitſchaft, mit Kraft und Schnelligkeit ſeinem Kommando Folge zu leiſten,— es ſprach Keiner auch nur Ein Wort,— jedes Ohr ängſt⸗ lich beſorgt, jede Sylbe, die er ſprach, zu vernehmen— jetzt trieb der Nebel vom Weſten her und über das Waſſer hin, mit der Schnelligkeit eines Wettrenners,— jetzt kamen leichte Lüftchen, die unſre Wangen kühlten und unſre Hutbänder flattern machten,— jetzt war ein Rau⸗ ſchen— dann ein Brüllen über den Ocean hin zu ver⸗ nehmen— und in dem nächſten Moment empfing der „Kreuzfahrer“ die volle Wucht des Sturmes aus Weſten. Aber Mac Collop hatte ſich nicht umſonſt nach allen Winkeln des Firmamentes umgeſehen, er hatte das Schiff ſo zu ſtellen gewußt, daß es den erſten Stoß nicht in ſeiner vollen Gewalt empfing— und als dieſer vorüber war, und der Sturm nun in voller Wuth hinſauſte, hob und ſenkte ſich der Kreuzfahrer von Berg zu Thal, und wieder von Thal zu Berg,— aber er war ein wackerer 1858. V. Van Hoboken. II. 10 146 Kämpfer, hatte ſchon manchen Sturm durchgefochten, und ſo auch dieſen, der bis über Mitternacht hinaus dauerte. Achtes Capitel. „Ich fühle Muth, mich in die Welt zu wagen, „Der Erde Weh' der Erde Glück zu tragen, „Mit Stürmen mich herum zu ſchlagen, „Und in des Schiffbruchs Knirſchen nicht zu zagen. Goethe.(Fauſt.) „Ich kann nicht verſichern, daß wir ohne allen Scha⸗ den davon gekommen waren,“ ſetzte Frank Lincoln ſeine Erzählung fort,—„aber doch ohne einen von Bedeutung. Wir hatten die ganze Nacht hindurch wacker gearbeitet, ins⸗ beſondere um uns gegen den Sturm vom Lande entfernt zu halten, und waren daher froh, als mit dem erſten Ta⸗ gesgrauen die Gewalt des Unwetters etwas nachließ, und wir den Gang des Schiffes mehr unter die Gewalt des Steuerruders bringen konnten. Ich ſtand eben an der Seite des Kapitäns auf dem Hinterdecke. Er blickte mit halbvorgebogenem Oberkörper in die dunkle Nacht hinaus— plötzlich packte er meinen 147 Arm, und ihn heftig drückend, murmelte er halblaut:„Se⸗ el ho!“ „Nicht möglich!“ ſagte ich erſtaunt,—„ſo nahe, daß Ihr es ſehen könnt?“ „Ich habe die Augen einer Katze,“ erwiederte er la⸗ chend,—„wenn es gilt, eine Priſe aus der Nacht heraus zu finden.“ Ich ſtrengte nun ebenfalls mein Sehvermögen an und blickte nach der vom Kapitän bezeichneten Richtung hin. In der That, dort trieb ein Schiff,— es wurde immer deutlicher ſichtbar,— nicht ein Fleckchen Leinwand war zu ſehen,— ich nahm deutlich genug die Spieren aus, aber nicht das kleinſte Stückchen Segel war dem Winde geöffnet. Das fremde Schiff kam ſchnell uns nahe,— unter ihrem Buge rollte und ſchäumte es,— es war das Rauſchen eines Waſſerfalles zu hören,— und dann war es wieder ſtill, denn der Fremde war an uns vorüber,—— „Drauf und dran!“ rief der Kapitän—„der Sturm iſt vorüber und mit jeder Minute wird es heller,— wir wollen ihm einen guten Morgen wünſchen!“ Er kommandirte das Schiff zu wenden,— wir nah⸗ men den Lauf, den muthmaßlicher Weiſe das fremde Schiff genommen hatte,— wirklich ſahen wir bald im Tages⸗ grauen die luftigen Spieren wie ein dunkles Netz auf grauem Grunde gezeichnet. 15 148 „Dort iſt er,— und jetzt entkommt er uns auch nicht mehr!“ rief der Kapitän. In Schnelligkeit wurden trotz des noch immer hefti⸗ gen Windes ein paar kleine Segel aufgelaſſen, aber dieſe empfingen auch die Briſe mit voller Theilnahme und trie⸗ ben den Kreuzfahrer in ſo flüchtiger Eile über das bewegte Meer hin, daß wir bald den Fremden eingeholt hatten. „Jetzt, Monſieur Lafoudre, ſende ihm Deinen Mor⸗ gengruß zu!“ rief er dem Kanonenmeiſter zu— und be⸗ vor einige Minuten verſtrichen waren, brüllte es bereits aus dem Bauche des Kreuzfahrers hervor, als wäre es deſſen Aufgabe, das Brüllen des Windes zu betäuben. Schnell erſchien auf dem Maſte des Fremden eine weit in die Luft hinausflatternde Flagge. „Könnt Ihr ſehen, welche Farbe der Burſche zeigt,“ ſagte Mac Collop zu mir. Ich richtete mein Glas und obwohl der anbrechende Tag noch ſehr grau war, konnte ich doch die Lilien ſehen. „Dachte ich es doch!“ rief er fröhlich.—„Halloh! Monſieur Lafoudre— macht es Dich irre, auf einen Landsmann getroffen zu haben?“ Die Antwort war die Abfeuerung eines anderen Ge⸗ ſchützes,— aber dieſe blieb nicht ohne Wirkung,— jetzt blitzte es auch von drüben herüber, und der Donner rollte über die Gewäſſer hin. 149 „O, der Burſche nimmt den Kampf an!“ rief Mac Collop—„ei, da wollen wir artig ſein, und ihm auch unſere Flagge zeigen.“ Er ſelbſt ſprang zum Segelbaum— und bald flat⸗ terte die Flagge in die Morgenluft weit hinaus,— es war die blutrothe Flagge des Seeräubers. Aber kaum zeigte ſie ſich,— da ertönte auch ein brüllendes Hurrah! „Seht Ihr, unter welcher Flagge mein Volk am lieb⸗ ſten ficht?“ ſagte der Kapitän zu mir—„es wäre nutzlos, hier den Geheimnißvollen zu ſpielen.“ Der Tag brach jetzt über eine Scene an, völlig ver⸗ ſchieden von der, welche die ſtürmiſche Nacht gezeigt hatte. Die Furie des Sturmes ſchien ſich erſchöpft zu haben. Von dem mäßigen Winde, zu dem ſie ſich gegen das Ende der Mittelwacht ermäßigt hatte, ging ſie bald über zu einer unbeſtändigen Briſe, und als die Sonne auftrat, war es eine ſo ſtille Luft, daß man ſie kaum bewegt nennen konnte. Die See war raſch gefallen, nachdem die ſie peitſchende Macht aufgehört hatte zu wüthen, und die ſchöne Sonne ſandte ihre vergoldenden Strahlen auf ein in leichten Wellen ſich bewegendes Element herab,— aber da lagen ſich zwei Schiffe einander gegenüber,— bereit, den wilden Kampf zu beginnen.. „Monſieur Lafoubre, gieb ihm jetzt eine volle Lage!“ kommandirte Kapitän Mac Collop;— aber es war die⸗ ſem Befehle kaum Folge geleiſtet, ſo ſpie auch unſer Geg⸗ ner zur Antwort einen vollen Feuerguß aus, gefolget von der gleichzeitigen Exploſion von wenigſten ein Dutzend Stücke ſchweren Kalibers. Er hatte eine gute Richtung genommen, wie die Zerſplitterung von Bohlen, das Auf⸗ fliegen von Splittern, Tauen, von Schiffs⸗ und Kriegs⸗ geräthen die Wirkung der vollen Lage zeigte. Aber die Ueberraſchung auf dem„Kreuzfahrer“ dauerte kaum einige Momente,— ein brüllendes Hurrah! begleitet von Mon⸗ ſieur Lafondre's Donner war die Antwort. Die gewöhnliche und mehr regelmäßige Kanonade eines Seetreffens war jetzt im vollen Gange. Bemüht, ſo raſch als möglich zu einem Ende zu kommen, trieben die bei⸗ den Schiffe näher an einander, und es verſchmolzen die weißwolkigen Baldachine von Rauch, welche ſich über jedes Einzelne ausgebreitet hatten, bald in Eins zuſammen, un⸗ ter welchem wie aus ſchwarzen Kratern die Feuermaſſen ohne Aufhören fortgeſchleudert wurden. Kapitän Mac Collop, nicht die Gefahr ſcheuend, von einem Tod bringenden Geſchoſſe getroffen zu werden, ſtand auf dem Hinterdecke, mit lauter, den Donner der Ka⸗ nonen durchtönender Stimme ſeine Leute ermunternd, Be⸗ fehle gebend, und mit einer bewundernswerthen Umſicht ſeine Aufmerkſamkeit nach überall hinwendend. 151 Die Schiffe gingen beide mit dem Winde, und lagen ſich nahe genug,— bei einer Wendung jedoch, die unſer Gegner machte, und die den„Kreuzfahrer“ nöthigte, eben⸗ falls zu wenden, brachte uns für einige Zeit aus der dicken Rauchwolke heraus, und wir hatten den freien Ueberblick über den weiten Spiegel des Oceans,— aber dieſe kurze Zeit hatte den ſcharfſichtigen und erfahrenen Seemann ſchnell in das Verſtändniß gebracht, was er zu fürchten habe. Er ergriff meinen Arm, und mich nahe zu ſich hin ziehend, ſagte er mit heiſerer faſt tonloſer Stimme:„Seht Ihr dort die Vögel auffliegen,— dort einer Weſt bei Süd, — und dort der andere weſt⸗weſt⸗Nord?“ Ich bedurfte gar nicht des Glaſes; ſchon mit unbe⸗ waffnetem Auge konnte ich die beiden Schiffe ſehen, die mit vollen Segeln dem Kampfplatze zuflogen,— da war auch nicht ein Stück Leinwand unbenutzt geblieben, und mit wahrer Windesſchnelle kamen ſie heran. „Drei ſind zu viel,“ ſagte Mac Collop— ich las in ſeinem Auge Wuth und Verzweiflung,—„wir müſſen trachten, davon zu kommen,— ſie haben uns doch noch das eine Loch offen gelaſſen,“— undmit donnernder Stimme kom⸗ mandirte er jetzt, die ſchweren Segel aufzuſetzen,— das Schiffsvolk war erſtaunt über ſolchen Befehl aber gehorchte, wie natürlich— das Schiff wurde gewendet, daß es ſeinen Lauf nach Nord nehmen ſollte,— und jetzt folgte Befehl auf 152 Befehl— Segel auf Segel erſchien an den kaum noch nackten Spieren— und das Schiff, gezwungen durch dieſe neuen Antriebe, rannte wie ein wildgewordenes Pferd über die Wellen hin, einen Strom von Schaum hinter ſich her laſſend. Wir waren bald außer dem Bereiche der Kano⸗ nen unſeres Gegners. Aber dieſer war unſerm Beiſpiele gefolgt; auch er hatte das Feuern eingeſtellt; Segel an Segel flatterten an den ſchlanken Maſten hinauf, und bald war er eine voll— ſtändige Leinwand⸗Pyramide;— in vollem Fluge ſetzte er uns nach,— und näher und näher rückten uns die bei⸗ den andern.—„O, wenn es zum Davonlaufen kommt!“ rief Mac Collop noch launig—„da ſtellt der„Krerz⸗ fahrer“ auch ſeinen Mann,“— aber da kam der Schiffs⸗ meiſter zu mir und meldete, daß das Schiff nicht ſo gefällig, wie gewöhnlich, ſich dem Steuerruder unterſtelle,— ich meldete dieſes dem Kapitän—„Dann iſt Alles aus!“ rief dieſer,— und mit einem Sprunge war er am Steuer, dieſes ſelbſt in ſeine Hand nehmend,— er machte ein paar Verſuche— und aus gepreßter Bruſt ſagte er, während er beide Hände wie gelähmt ſinken ließ:„Es iſt ſo,— nun iſt Alles aus!“— Ich hatte mich an's Steuerruder ge⸗ ſtellt, und während ich mein Auge der Spitze des Maſtes zuwandte, um zu beobachten, in welcher Richtung das Schiff das Steuer annehme, ſah ich Mac Collop über 153 das Deck hingleiten und nach Unten verſchwinden— eine fürchterliche Exploſion erfolgte—— und als ich wieder zum Bewußtſein kam, lag ich auf einer ſandigen Erhöhung — neben mir die Wellen des in unüberſehbarer Weite ſich ausbreitenden Oceans in ſpielender Laune an die Bank, auf der ich lag, anplätſchernd,— über mir den heitern blauen Himmel, an welchem eben ein ſchimmernder Reiher hin⸗ ſtrich— und um mich herum ſtanden bärtige Männer und theilnehmend mich anſtarrende Weiber in ärmlicher Klei⸗ dung, Fiſcherleute aus dem Dörfchen, welches zwiſchen den Klippen und Riffen der felſigen Küſte angebaut war. Aber inmitten dieſer Leute ſtand auch ein Mädchen, das ſicher nicht in dieſem Dorfe wohnte,— ſie trug ein Reit⸗ kleid von dunkelviolettem Sammet mit goldenen Spangen und einen Hut, mit einer weißen in der Seebriſe wallen⸗ den Feder,— ſie hatte den Zügel des kleinen Pferdes, das ſie geritten, in ihrer Hand, die andere Hand hatte ſie mir auf's Herz gelegt, um nach deſſen Schlägen zu forſchen,— ich zeichne Euch dieſes Bild, um Euch ſelbſt urtheilen zu laſſen, ob nicht dieſer plötzliche Wechſel der Scenerie im Stande geweſen ſein mußte, mich vollkommen zu verwirren. Die letzte Erinnerung, die mir geblieben, war die eines mörderiſchen Seetreffens, ich ſah mich umgeben von wild⸗ blickenden Männern, aus deren Zügen Kampfbegier und Raubluſt zu leſen waren, ich vernahm das Geſchrei der 154 wüthenden Kämpfer, das Geheul der Verwundeten, den Donner der Kanonen, die heiſeren Kommandoworte der Offiziere,— und jetzt finde ich mich in ſonniger Helle auf eine Sandbank hingeſtreckt, über mir den freundlich blauen Himmel— dort hinaus das ruhige, kaum zu leichten Wel⸗ len bewegte Meer,— ich ſehe in das herrliche dunkle Auge eines reizenden Mädchens,— es ſchlägt der melodiſche Ton einer Stimme, die wie ſüße Muſik klingt, an mein Ohr,— es iſt meine Sprache, in der ſie zu mir ſpricht, zwar fremdländiſch klingend, aber dennoch iſt es gut eng⸗ liſch, und ich ſah es dem wundervollen Mädchen an, wie ſehr es ſie freue, in dieſer Sprache mit mir ſprechen zu können.“ „Doch, was ich Euch jetzt zu erzählen hätte,“ unter⸗ brach Frank Lincoln ſich ſelbſt—„mag Euch nur we⸗ nig intereſſiren.“ „Und was macht Euch dieſes glauben,“ erwiederte Jack the Idler lächelnd,—„habe ich Euch durch die Nachtſcenen Eures Lebens begleitet, ſollte ich nicht gern einmal Euch in den Hafen der friedlichen Ruhe einlaufen ſehen?“ „Hafen der Ruhe?“ fragte Frank trübe,—„lieber Freund, es giebt Schiffe, deren Beſtimmung es iſt, ſtets auf offener See ſich herumzutreiben, mit Stürmen und Un⸗ wettern zu kämpfen, arge Stöße zu empfangen, und wenn 155 ſie alt und unbrauchbar werden, allenfalls als Spitalſchiffe in einem ſtillen aber unfreundlichen Hafen ſtationirt zu werden, bis ſie vermodern, während andere als Luſtſchiffe nur fröhliche kurze Fahrten machen, ſtets Heiterkeit an ihrem Bord führen, und wenn ſchwarze Wolken am Horizonte er⸗ ſcheinen, in den ruhigen, ſichern Hafen vor Anker gelegt werden;— daß mein Schiff nicht zu den letzteren zählt, hat Euch die Geſchichte meines Lebens gezeigt.“ „Nun, bis zum Schickſal eines Spitalſchiffes habt Ihr es denn doch noch nicht gebracht,“ ſagte der Hauſirer lachend. Unſer junger Abenteurer mußte auch lachen, denn wenn er auch bisweilen Momente ernſterer Reflexionen hatte, ſo war er doch zu jung, zu geſund an Körper und Geiſt, um ſich ihnen für längere Zeit hinzugeben, auch war ſein ganzes Leben nicht von der Art geweſen, um ihn zu einem Kopfhänger aufwachſen zu laſſen. Mit ſeiner gewöhnlichen Heiterkeit fuhr er dann auch fort:„Ihr ſprecht vom Hafen der Ruhe,— aber ich kann Euch verſichern, daß ich davon nicht viel erfuhr. Für's Erſte kam ich unter die Hände eines Wundarztes, der mir mit vieler franzöſiſcher Artigkeit verſicherte, daß er das große Vergnügen haben werde, mir das gebrochene Schlüſ⸗ ſelbein einzurichten und zu heilen,— nun, er mochte dabei Vergnügen haben, aber Ihr könnt es glauben, mir war es kein Vergnügen. Dann denkt Euch den jungen 156 Freibeuter, der ſein Leben auf dem Schiffe begonnen, und unter ſehr zweidentigen Verhältniſſen ſeinen letzten Abſchied vom Schiffe genommen hatte, denkt Euch dieſen in ein alt⸗ franzöſiſches Schloß verſetzt, wo die Trompete geblaſen wird, wenn es zur Tafel geht, und die ganze Dienerſchaft am Fuße der Stiege das Herunterkommen der hohen Herr⸗ ſchaft erwartet, wo dann die Miniſter, Generale und Cardi⸗ näle,— verſteht ſich nur in Abbildungen,— in dem Speiſe⸗ ſaale verſammelt ſind, um an dem Gaſtmahl und an den Ge⸗ ſprächen, die da geführt wurden, Antheil zu nehmen, man auch hier ſtets beſorgt iſt, nichts verlauten zu laſſen, was die hohen, an den Wänden hängenden Ahnen beleidigen oder kränken könnte. Denkt Euch dazu, wie ich ſtets auf der Hut ſein mußte, um mich nicht zu verrathen, denn, wenn es auch nicht meine Schuld war, ſo ſpielte ich doch in der letzten Scene, Frankreich gegenüber, eine etwas ſonderbare Rolle, und auf Chateau Hautbrien hätte das Raiſonnement mei⸗ nes ſeligen Kapitäns, über Argliſt des königlichen Ludwig gegenüber ſeinem königlichen Bruder Karl, gewiß keine Gel⸗ tung erhalten. Ich war alſo hier Offizier eines engliſchen Kreuzers, der mit drei Holländern in Zuſammenſtoß ge⸗ kommen und dabei verunglückt war. Dem Nachkommen der im Speiſeſaal reſidirenden Miniſter und Cardinäle ſchien die Sache ganz klar,— aber nicht ſo der Madame la Comteſſe.“—— 157 „Und das Mädchen im violettſammtnen Reitkleide?“ unterbrach Jack ſeinen jungen Freund. Es zog wie eine trübe Wolke über die eben noch ſon⸗ nenheitere Stirn des Jünglings, und mit ernſter, faſt feier⸗ licher Stimme ſagte er:„Daß ich die Großeltern meiner Sicherheit wegen belügen mußte, hielt ich für verzeihlich, — aber ſie, Arabella, konnte ich nicht belügen,— doch ich durfte ihr auch nicht die Wahrheit ſagen,— konnte ich ihr erzählen, daß ich meinen bisherigen Lebenslauf auf dem Schmuggler„die Möwe“ begonnen, und auf dem Freibeu⸗ ter„der Kreuzfahrer“ beendet hatte?— nein, dieſes konnte ich nicht;— und ſie?— könnt Ihr es glauben, ſie fragte nicht: wer und woher ich ſei,— ſie wußte, daß ich der nicht ſei, der ich vor den Augen ihrer Großeltern zu ſchei⸗ nen bemüht ſein mußte,— ſie wußte es, und doch keine Frage, doch zeigte ſie mir deutlich, daß ſie mich liebe,— Jack,— Ihr ſprecht von einem Hafen der Ruhe,— o, Ihr könnt es nicht wiſſen, welche Tage und Nächte ich auf Chateau Hautbrien verlebte,— es war mir eine neue Welt aufgegangen,— wenn ich an der Seite dieſes engel⸗ reinen Weſens ſaß, wenn ich an ihrer Seite durch die an⸗ muthigen Haine, durch die blühenden Thäler des ſchönen Landes hinwandelte, da fühlte ich mich ſo elend, denn ich mußte mich ja ſcheuen, ihr zu ſagen, wer ich ſei;— blickte ich in die Vergangenheit zurück, welche Scenen ſtiegen in 158 meiner Erinnerung auf,— und wagte ich es, der Zukunft entgegen zu ſchauen, was konnte ich von dieſer erwarten? Ich hatte meinen trefflichen Lehrer und Freund, den guten White, gehört; ſeine Worte waren nicht ganz ohne Erfolg geblieben, ſie hatten mich über Manches belehrt, was ich früher nicht verſtanden, nie bedacht hatte, aber das bunte Leben, in das mich mein Schickſal immer wieder warf, hatte mich ſeine Worte halb vergeſſen gemacht,— jetzt ka⸗ men ſie wieder alle in meine Erinnerung, jetzt fühlte ich mich ſo unglücklich, ſo niedrig, ſo ſchlecht,— und verge⸗ bens ſuchte ich nach Entſchuldigungen,— denn fand ich auch dieſe, ſo machten ſie mich doch nicht würdig, dieſem Mäd⸗ chen in das reine Auge blicken zu dürfen,— ich durfte es nicht wagen, ihr meine Liebe zu geſtehen. „Ihr ſagt: Hafen der Ruhe,— o, dieſe Wochen, die ich in ihrer Nähe verlebte, waren mir eine Zeit des Schmerzes, der tiefſten Verzweiflung und doch auch wieder der ſeligſten Wonne,— hundertmal faßte ich den Vorſatz, zu fliehen,— ich hielt es für meine Pflicht,— aber ich konnte nicht fort,— da,— zu meinem eigenen Wohle, erklärte die Großmutter mir geradezu, ſie halte es für ge⸗ rathen, daß ich Chateau Hautbrien verlaſſe,— heimlich verlaſſe, ohne von Arabella Abſchied zu nehmen. „Ich verſtand die würdige Frau,— ſie iſt ein Engel von Milde und Güte,— und ſie hatte Recht: ich mußte 159 fort,— und ich war fort, ohne Abſchied von Arabella ge⸗ nommen zu haben.“ Der Jüngling ſchwieg und blickte ſinnend vor ſich hin. Sein Freund, der ſein Leben nicht ohne eigene bit⸗ tere Erfahrungen durchlebt hatte, ſtörte nicht dieſes Schwei⸗ gen, ſondern verſank ſelbſt in tiefes Nachdenken. Er durch⸗ flog noch einmal das, was Frank Lincoln erzählt hatte, und fühlte in ſeiner Seele das mit, was des Jünglings Gemüth eben jetzt bewegen mußte. Noch einer längern Pauſe ſagte er:„Und was brachte Euch nun in die neue Welt?“ „Ich kann nicht ſagen, daß es ein reiflich überlegter Plan war,— aber ich kann es auch nicht ein bloßes Spiel des Zufalls nennen,“ erwiederte Frank.„Das unglück⸗ liche Ende des ſchmucken„Kreuzfahrers“ mit ſeiner Be⸗ mannung, hatte mich außer Dienſt gebracht, ja, ſo zu ſagen, aus der Liſte der Lebenden ſelbſt geſtrichen,— wo hätte ich mit meiner Erzählung Glauben gefunden? und wenn, welche neue Laufbahn hätte ſich mir geöffnet? Sollte ich abermals Offizier auf einem Schiffe, ausgerüſtet mit einem letter of mark werden?— Kamen mir doch jetzt alle die Worte meines väterlichen Freundes in den Sinn,— dachte ich doch da ſtets an das reine ſeelenvolle Auge Ara⸗ bellens,— und wenn ich es weiß, daß ich ſie nie werde mein nennen können, ſo iſt es doch das Andenken an ſie, 160 was mich abhält, mein früheres abenteuerliches Leben auf's Neue zu beginnen. „Der Zufall war ein mir günſtiger geweſen. Von all den verſchiedenen werthvollen Dingen, welche der Kreuzfahrer an Bord führte, war es gerade eine Kiſte, die mit F. L. bezeichnet, mein Eigenthum war. Die gutmüthigen Fiſcher machten keine Anſprüche auf das Strandrecht, wahrſcheinlich auch aus Verehrung für ihre liebenswürdige Herrin, und lieferten dieſe Kiſte an mich aus. Ihr Inhalt ſtellte mich in unabhängige Ver⸗ hältniſſe. Als ich Chateau Hautbrien nächtlicher Weile verließ, hatte ich mir einen Wagen aus dem benachbarten Städtchen gemiethet, der mich und mein Eigenthum in einen ſüdlichen Hafen brachte. Von hier lief ein Schiff nach Briſtol, und eben kam ich hier an, um zu erfahren, daß ein Schiff ausgerüſtet werde, welches ſeine Beſtim⸗ mung nach Neu⸗York hatte. Dieſes traf mich wie ein Zauberſchlag. Wie oft hatte der würdige Kaplan des„kö⸗ niglichen Löwen“ die Vermuthung ausgeſprochen, daß ich aus den Kolonien der holländiſch⸗weſtindiſchen Kompagnie ſtamme,— meine Erzählung und dunkle Erinnerungen aus meiner Kindheit, die ich ihm mitgetheilt, hatten ihn zu dieſer Vermuthung gebracht,— ich ſelbſt hatte in meinem damals bewegten Leben wenig darauf geachtet, oder auch nur einigen Werth gelegt,— nun kamen mir auch die 161 Worte Mae Collop's in den Sinn: Ihr ſeid ein Hol⸗ länder von Geburt,— ich weiß nicht, auf was dieſer den Ausſpruch gründete, oder war es nur, um mich zum Kampfe gegen ein franzöſiſches Schiff zu ermuntern,— ge⸗ nug, auch dieſer Worte erinnerte ich mich,— dazu noch meine unbeſtimmte Stellung in der alten Welt,— die Er⸗ zählungen von ſo vielen, welche ſich rüſteteten, in der neuen ihr Glück zu verſuchen,— dazu die Abfahrt der„Faith- ful“ nach Neu-York— mit kurzen Worten geſagt: hier bin ich nun— wie hundert und tauſend Andere,— die alte Welt liegt hinter mir,— die neue mag bringen und geben, was ſie will, ich nehme es, wie es kommt.“— „Und habt hier ſogleich einen Freund gefunden, der Euch treu und wahr an der Seite ſtehen wird, was auch kommen mag,“ ſagte Jack warm;— die beiden Männer ſchüttelten ſich innig die Hand, ſicher mit einer richtigeren Bedeutung, als Einem hier zu Lande hundertmal die Hand geſchüttelt wird. 1858. V. Van Ho boken. II. 162 Neuntes Capitel. „Verzeihe mir, mein Vaterland, verzeihe mir des Mitleids Thräne, „Die ich über eines Volkes traurig Schickſal weine; „Von Adam's Stamm nicht Ein Zweig ſteht mir ferne, „Auch auf des rothen Mannes Grab ſenkt ſich mein Blick voll Schmerz. „Und Ihr, Ihr Häuptlinge, die Ihr in jenen ſternbeglänzten Räumen wohnt, „Nehmt meinen Sang als den Tribut, den ich Euch geben kann; „Ihr lebtet nicht in Griechenland, auch nicht im ſtolten Rom, „Ihr hattet keinen Marv, und auch nicht Homer's hohe Leier, „Eure Heldenthaten ſu beſingen,— und ſo werden ſie vergeſſen ſein, „Die ſonſt begeiſtert hätten alle Welt und triumphiret über jede Zeit.“ n Dwight's Untergang der Pequots. Wenn unſer Leſer, während er die vorigen Capitel durchlas, vergeſſen haben ſollte, auf welchem Schauplatze unſre Erzählung eigentlich ſpielt, ſo kann es nur zu unſrer Befriedigung dienen, denn es wäre uns ein Beweis: erſtens, daß unſer junger Held in der That jene Theil⸗ nahme erregt hat, die wir ihm wünſchen, und zweitens, daß er es wirklich verſtanden hatte, ſo lebhaft zu erzählen, daß ſeine Zuhörer im Geiſte mit ihm die erſte Auffahrt zum Maſtkorb gemacht, mit ihm die nächtliche Flucht vom Schmuggler unternommen, mit ihm den Todeskampf auf dem Freibeuter gekämpft und mit ihm das freundliche Stillleben auf Chateau Hautbrien durchgelebt haben,— aber wir müſſen unfre Leſer jetzt aus dieſem träumeriſchen noch ein Mal Durchleben des Vergangenen erwecken und 163 ſie auffordern, ſich in die Gegenwart zu verſetzen, und da müſſen ſie mit uns abermals die Urwälder von Nord⸗ amerika betreten, wo wir auch wirklich unſre beiden Wan⸗ derer bald wieder auffinden. Sie hatten die letzte und am weiteſten gegen den Weſten hinausgeſchobene neu⸗engliſche Anſiedlung verlaſſen, und wanderten bereits ſeit einigen Tagen durch dichte Forſten, überſetzten Ströme und Flüſſe, überwanden Hinderniſſe, wogegen nur ein Mann, wie Jack the Idler, oder ein Eingeborner anzukämpfen wußte, und befanden ſich bereits auf dem Gebiete der Pequots— ſo erklärte wenigſtens der Hauſirer ſeinem Reiſegefährten;— aber er verhieß auch, daß ſie jetzt bald den Flatz erreichen würden, den ſie vor der Hand als einen Ruheplatz für längere Zeit betrachten wollten. Es war an einem Vormittage,— ſie hatten heute ſchon vor Tagesanbruch ihr Nachtlager, eine gut gewählte Felſenhöhle, verlaſſen und Frank Lincoln glaubte eine beſondere Eilfertigkeit an ſeinem Begleiter zu bemerken, was doch ſonſt deſſen Gewohnheit nicht war,— es war am frühen Vormittage, als ſie plötzlich aus dem Waldes⸗ dunkel heraustraten und zu ihren Füßen eine überraſchende Landſchaft ausgebreitet liegen ſahen. Es war ein langes Thal, von einem raſchfließenden Fluſſe, einem Tributär des Connecticutſtromes, durchſchnitten und von anmuthi⸗ gen, waldbewachſenen Hügeln eingeſäumt,— üppige 164 Wieſen lagen zu beiden Seiten des ſchönen Fluſſes, hier und da von einem kleinen Haine unterbrochen, und am Fluſſe hin und am Saume der Haine, und auf halber Höhe der Hügel lagen kleine Hütten, natureinfach auf⸗ gebaut, von Bohnengärten und Tabaksfeldern umgeben, ſich durch den Rauch, der aus ihnen hervorqualmte, als Wohnungen von lebenden Weſen zeigend,— das Ganze belebt durch eine Menge Geſtalten, die zwiſchen den Hütten hin und her wandelten, am Fluſſe fiſchten und in Canves auf⸗ und niederfuhren,— es war ein indianiſches Dörfchen. „Dieſes iſt meine Heimath,“ ſagte Jack, und ein eigenthümlicher Strahl des Vergnügens zog über ſeine wettergebräunten Züge hin,—„und in meinem eignen Hauſe verſpreche ich Euch gaſtliche Aufnahme, findet Ihr da auch nicht alle Bequemlichkeiten, wie ſie Euch die Stadt Neu⸗Port bieten kann, ſo doch gewiß Manches, was Ihr dort nicht trefft: die ungekünſtelte Natur.“ „Aber ſoll mich noch Niemand bemerkt haben,“ ſagte er,—„wäre doch ſeltſam.“ Und er hielt jetzt beide Hände, zu einem offenen Trichter geſtaltet, an den Mund, und ließ einen laut gellenden, weit durch das Thal hin tönenden Ruf erſchallen. Er war ſicher gehört, denn da wendete ſich Alles, was unten, im Dörfchen, am Fluſſe, in den Gärten Leben hatte, dem waldigen Hügel zu,— und 165 ſogleich erhob ſich ein Geſchrei aus hundert Kehlen,— und hundert Menſchen, Weiber und Kinder, rannten einen ſtürmiſchen Wettlauf, über Wieſe und Feld und Hügel, dem Platze zu, wo die beiden Wandrer ſtanden. „Seht, das ſind die Pequots,“ ſagte Jack zu ſeinem Begleiter—„das iſt dieſe wilde, barbariſche Nation, denen man alle Laſter aufbürdet, nur das Menſchenfreſſen hat man ihnen noch nicht beweiſen können.“ Aber es blieb ihm nicht länger Zeit zu ſprechen, denn ſchon hingen fünf oder ſechs halbnackte Rothhäutchen an ſeinem Halſe, an ſeinen Armen, an ſeinen Beinen und drückten und küßten ihn, unter einem lärmenden Geſchrei, halb zu Tode, daß er, ſelbſt lachend, nicht wußte, wie von dieſen Liebkoſungen ſich frei zu machen. Doch dieſes war nur der Vortrab,— es waren nur jene, die am ſchnellſten den Berg heraufgerannt waren,— es wurde immer ärger,— und bald ſah er ſich von hundert oder mehr Weibern und Kindern umringt, geherzt und geküßt. Er ward wie ein geliebter Vater von einer zahlreichen Fa⸗ milie empfangen;— doch da drängte ſich ein ſchönes, junges Weib mit einem Kinde auf dem Arme durch die Menge durch, und einen gellenden Schrei ausſtoßend, reichte ſie ihm mit beiden Händen den kleinen Jungen hin und ſchlug beide Arme um ſeinen Nacken.— Jack drückte mit dem einen Arme das Kind an ſeine Bruſt, den andern 166 ſchlang er um den Leib des jungen Weibes, und preßte ſeine Lippen zu einem innigen Kuſſe auf den ihm entgegen⸗ kommenden Mund. „Mein Weib,— mein Kind!“ ſagte er zu ſeinem Gefährten,— aber ſie ließ ihn nicht weiter zu Worte kommen, denn wieder hatte ſie beide Arme um ſeinen Hals, und dazu jauchzte ſie Worte, die unſer junger Freund freilich nicht verſtehen konnte, deren Sinn er aber errathen zu können glaubte. Der erſte Sturm der Freude war vorüber. Jack hatte ein Paar Worte zu ſeinem Weibe geſprochen, und dieſe reichte nun dem jungen Freunde ihres Gatten die Hand, und ſtotterte unter Erröthen Einiges hervor, welches ihm als eine freundliche Einladung, ihre Hütte zu betreten, überſetzt wurde. Man ging jetzt den Hügel hinab— Jack, den Jungen auf dem Arme, und das Weib an ſeiner Seite, welche ihren Arm um ihn geſchlungen hatte,— der Troß von Weibern und Kindern folgte unter Hüpfen und Springen und lebhaftem Geplauder. Frank Lincoln, der ſich etwas entfernt hielt, konnte jetzt die Bemerkung machen, daß ſeines Freundes Weib in der That eine liebliche Er⸗ ſcheinung ſei. Die mehr als dunklen Haare und dabei glänzend, wie mit Juwelen beſtreut, waren zu zwei dicken Zöpfen geflochten, die, an ihren Enden mit bunten Federn 167 verziert, bis zu den Kniebeugen hinabhingen,— das Auge war ein tiefdunkles, in welchem ſo viel Ausdruck, Weiche und Seele lag, als ſelten bei ſolcher Färbung anzutreffen iſt,— die Züge waren regelmäßig ſchön, der Mund wunderlieb, die Zähne prachtvoll,— die Geſichtsfarbe, es iſt nicht zu läugnen, war die vlivengelbe,— aber es ſchien faſt, als ob zu dieſen Augen, zu dieſem Haar, eben keine andre paſſend wäre; und dazu kam dann noch die bunte und gutgewählte Kleidung, zwar der Hauptſache nach, in Form und Schnitt, wie ſie ihre Nation trug, aber doch nicht ohne einige Abänderungen und Hinzugaben nach dem europäiſchen Geſchmacke ihres Gatten. Es ſcheint ſonderbar, daß er während der langen Wanderung nie Erwähnung gemacht hatte, wie er ſich unter den Pequots vollſtändig angeſiedelt, ſich aus dieſem Stamme ein Mädchen zum Weibe genommen, und wie er während der Zeit, daß er unter ihnen lebe, auch nach Klei⸗ dung und Lebensweiſe als ein Sohn dieſer Nation zu be⸗ trachten ſei. Wahrſcheinlich dachte er eine Erzählung nicht ſo überzeugend als die perſönliche Anſchauung und wollte es ſeinem jungen Reiſegefährten ſelbſt überlaſſen, nach dieſer ſein Urtheil zu fällen. Uebrigens war Jackthe Idler nicht der einzige Europäer, und nicht der erſte und nicht der letzte, welcher nach eigner, freier Wahl ſich der einen oder andern der damals noch mächtigen Nationen 168 anſchloß. Wir wollen hier nur eines Mannes Erwähnung thun, deſſen Name durch beſondere Umſtände ein mehr be⸗ kannter geworden war, als der unſres Freundes Jack. Dieſer Mann war Ephraim Webſter, welcher ſich, etwa im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts, im Dnondaga⸗Thal, inmitten eines Stammes, welcher den fünf Nationen angehörte, feſt niederließ. Er war lange ſchon mit den indianiſchen Sitten bekannt und nahm dieſe und alle Gebräuche und Formen des Volkes an, unter dem er lebte. Er kleidete ſich gleich ihnen und ſprach nicht nur ihren Dialekt, ſondern auch die oft auffallend verſchiedenen Dialekte der benachbarten Nationen. Anfangs war ſeine Beſchäftigung die eines indianiſchen Handelsmannes, und er hatte ſich ein kleines Haus an der Onondaga⸗Bucht, nahe ihrem Ausfluß, hingebaut, ſpäter aber, als der Ver⸗ kehr zwiſchen den Weißen und den Indianern größer wurde, war er Agent der Onondagas, ſtets ihr warmer Freund und Vertreter. Es wäre zu wünſchen, daß es recht viele ſolche Männer gegeben hätte, daß die Abſicht der ganzen weißen Race, welche von drüben gekommen war, um ſich hier eine neue Heimath zu gründen, dahin gegangen wäre, ſich mit der Race, welche von lange her hier gewohnt, in Freund⸗ ſchaft und Liebe zu vereinen; aber wie verſchieden von unſerm Wunſche war das Auftreten jener ſich ſtets brü⸗ 169 ſtenden Race! Durch Betrug und durch Mißbrauch der naiven Unwiſſenheit und kindlichen Leichtgläubigkeit der Eingebornen, ſetzten ſich die weißen Eindringlinge feſt,— durch ſchmeichleriſche Verführungskünſte und verderbliche Anlockungen zerſtörten ſie den moraliſchen Werth und die phyſiſche Kraft der Nationen,— und durch Mord und Brand vertilgten ſie ganze Stämme, die Freunde zu nen⸗ nen ſie hätten ſtolz ſein können. Und von wem haben wir denn die Schilderungen dieſer barbariſchen Nationen? Von ungebildeten Schwärmern, von bigotten Pfaffen, von beuteluſtigen Abenteurern, von raubſüchtigen Krämern, welche ihre ſchändliche Handlungsweiſe durch lügneriſche Entſtellungen zu beſchönigen ſuchten. Wie ganz anders lauten die Berichte ſolcher Männer, die, gleich Ephraim Webſter, unter ihnen gelebt haben,— in welch' ganz anderem Lichte erſcheinen uns da die Republikaner von damals. Eine der zahlreichſten und mächtigſten Nationen, welche in dem heutigen Neu⸗England angetroffen wurden, waren die Pequots. Sie lebten in Stämmen abgetheilt und in Dörfern zerſtreut, in dem breiten weſtlichen Di⸗ ſtrikte des heutigen Connecticut. Die Nipmucks im Nor⸗ den, und noch viele andere Stämme, waren ihnen tribut⸗ pflichtig. Unter allen Nationen Neu⸗Englands konnten ſie die größte Kriegsmacht in's Feld ſchicken. Es möchte 170 wohl ein überraſchender und fürchterlicher Anblick für einen Europäer ſein, bei ſeiner erſten Ankunft auf dem amerikaniſchen Feſtlande, vier bis fünftauſend dieſer Wilden den Kriegstanz tanzen zu ſehen, brüllend die „war whoops,“ und gekleidet in ihrem barbariſchen Ko⸗ ſtüme, die Geſichter entſtellt durch alle möglichen Farben, die Köpfe geziert mit Kronen von Federn, die Speere und Tomahawks wild über ihren Häuptern ſchwingend,— in der That, ihre Erſcheinung bezeichnet nichts weniger als Barbarei auf die höchſte Spitze getrieben. Aber wie ganz anderes Licht fällt auf ſie in der Zeit des Friedens; da ſind ſie offen und ehrlich, intelligent, großmüthig, wort— getreu und edelmüthig. Wer will den Stein auf ihre Art Krieg zu führen werfen? Ihr, ſogenannte gebildete Na⸗ tionen Europas? Des Indianers Religion lehrte ihm, daß es höchſt verdienſtlich und dem großen Geiſte wohl⸗ gefällig ſei, den Feind zu tödten,— unſre Religion ver⸗ dammt Blutvergießen und Todſchlag, ſelbſt an unſerm Feinde, und doch, wir, mit unſerm Pulver und Blei, mit unſern täglich verbeſſerten Erfindungen, die noch mit Prämien belohnt werden, zerſtören mehr Leben in einem Tage, als beinahe alle Indianer Neu⸗Englands in einem Jahrhundert hätten zerſtören können. Doch wir ſind da auf einen Abweg gerathen, welchen weiter zu verfolgen, uns vielleicht nicht nur keinen Beifall, 171 ſondern ſogar Tadel bringen könnte, und ſo wollen wir denn ſogleich zu unſerer Erzählung zurückkehren. Die ganze Karavane zog jetzt am Fluſſe hinauf, durch den Theil des Dorfes, an deſſen oberem Ende das Haus unſres Jack ſtand. Hier bedankte er ſich für freundlichen Empfang und Begleitung und entließ auf dieſe Weiſe ſein Gefolge, welches nun nach allen Rich⸗ tungen auseinanderſtiebte. Man trat durch die niedrige Thüre des kleinen Häuschens ein, welches, wenn auch ge⸗ räumiger und bequemer als die gewöhnlichen indianiſchen Hütten aufgebaut, doch nicht auffallend ſich von dieſen in der äußern Form unterſchied. Schon während ſie das Dörfchen heraufgegangen waren, hatte der aufmerkſame Mann eine Bemerkung ge⸗ macht, die ſein Gemüth unruhig bewegte. ZJetzt, da ſie allein waren, und er ſeinen Pack abgelegt hatte, wobei Agonla, ſein Weib, mit liebenswürdiger Geſchäftigkeit behülflich war, fragte er mit halbunterdrückter Stimme, wobei man es ihm anſah, daß er die Antwort ſchon im Voraus befürchte:„Wo ſind die Krieger und jungen Männer unſres Volkes,— ſind ſie zu einer großen Jagd ausgezogen, daß nur die Weiber und Kinder daheim geblieben ſind?“ Eben noch war es ſonnenhell auf dem freudeglän⸗ zenden Geſichte des ſchönen Weibes,— die erfreuliche Gegenwart hatte ihr für Augenblicke die traurige Ver⸗ 172 gangenheit vergeſſen gemacht,— aber dieſe Worte riefen wieder zurück, was ihre Seele ſeit Wochen ſchmerzlich be⸗ wegte, und wie eine Wolke zog es über den ſonnigen Himmel hin, und mit gramunterdrückter Stimme ſagte ſie:„Unſre Krieger ſind nicht auf dem fröhlichen Jagd⸗ grund,— ſie ſind jetzt eben in ernſter Berathung um das Feuer verſammelt, um zu beſchließen, was zur Ehre der Nation zu geſchehen hat.“ „Iſt Sah⸗da⸗ga⸗has mit den Weiſen und Kriegern, die um das Berathungsfeuer verſammelt ſind?“ fragte Jackthe Idler. „Er iſt nicht mit ihnen,“ antwortete ſie,—„ſeine Seele iſt zu dem großen Geiſte gegangen,— ſein Körper iſt mit kühler Erde bedeckt.“ Thränen ſtürzten aus ihren Augen, und ſie verhüllte das weinende Geſicht an der Bruſt ihres Mannes,— dieſer aber erblaßte bis in die Lippen hinein, und es gab einen Ruck ſeinem Körper, daß jede Fiber zu beben ſchien. Frank Lincoln hatte, wie natürlich, die Worte, welche zwiſchen Beiden gewechſelt worden, nicht verſtanden, um ſo mehr erſchrak er über die Gemüthserſchütterung, die ſich bei ſeinem Freunde äußerte; doch dieſer ſchien ſich männlich zu faſſen, und ſiellte einige raſche Fragen an Agonla, welche dieſe mit Beſtimmtheit und Ausführlichkeit beantwortete. 173 Es war eine traurige und unheilvolle Geſchichte,— ſie drohte mit böſen Folgen; und gleichwie Jack dieſelbe ſogleich ſeinem jungen Freunde mittheilte, ſo wollen wir ſie auch unſern Leſern in der zuſammenhängenden Form erzählen: Die Pequots waren durch ihre Stärke und Einigkeit, zu welcher ſie ein kluger Sachem, Pekoath, zugleich ein Krieger von großem Rufe, gebracht hatte, eine gefürchtete Nation,— keine andere getraute ſich mit ihr in Streit zu kommen, nur die Narraganſetts hatten es einige Male zu ihrem Nachtheil verſucht,— aber eben dadurch hatten ſie die Eiferſucht einer anderen Conföde⸗ ration, die unter dem Namen„die fünf Nationen“ bekannt iſt, in einem hohen Grade erregt; doch bisher hatte ſich noch keine Urſache zu einem offen auftretenden Zwiſte ergeben, und ſo blieb es nur immer bei kleinen Streitigkeiten auf der Grenze, die jedoch keine ernſtlicheren Folgen hatten, bis ſich endlich die Urſache fand, die aber dann auch eine lange dauernde blutige Fehde hervorrief. Auf einem Jagdausfluge, wie ſie bei den Stämmen der urſprünglichen Bewohner Amerikas gebräuchlich wa⸗ ren, verfolgte ein junger Jäger der Pequots einen ſtatt⸗ lichen Hirſch. Aufgeregt durch die Jagd, beachtete er nicht, daß er die Grenzen des Jagdgrundes ſeiner eignen Nation überſchritten, und innerhalb des Diſtriktes der 174 Nachbarn ſeine Verfolgung fortgeſetzt hatte,— er wußte es vielleicht ſelbſt nicht, daß er bereits auf dem Territorium ſich befand, welches ſeit undenklichen Zeiten dem Volke unter dem„Großen Baume“ zugehörte; aber ein Thier auf dem Jagdgrunde einer andern Nation zu erlegen, ward als ein Verbrechen angeſehen, welches nur durch anpaſſende Entſchädigung, Zurückerſtattung, oder ſonſtige Abfindung, mit einer gleichzeitigen Abbitte, konnte geſühnt werden. Auf alles dieſes dachte wahrſcheinlich der junge Pequot in dem vollen Eifer des Waidmanns nicht und ließ ſeinen Pfeil fliegen, als er das Thier zum Schuſſe bekam, welches ihm eine ſo lange und mühſame Jagd gemacht hatte. Der Hirſch war durch das Herz getroffen, machte noch einen Sprung, ſtürzte nieder und verendete. Das Schwirren der Bogenſehne hatte aber das feine Gehör eines Mo⸗ hawk⸗Jägers, der nicht weit entfernt war, erreicht. Er horchte hoch auf und da ſtürzte das zu Tode getroffene Thier, nicht fünf Schritte von ihm entfernt, nieder,— eben wollte der Pequot ſeine Hand darnach ausſtrecken— da trat der Mohawk aus dem Buſche vor und ſagte mit vielem Ernſte: „Was treibt den Pequot an, den reichen Jagd⸗ grund der Mohawks zu betreten? Giebt es kein Wild⸗ pret mehr in den Wäldern der Pequots? Sterben die tapfern Pequots ſchon den Hungertod? Wohl, dann 175 nimm das Thier auf Deine Schultern, eile in das Land, welches Du ererbt, und bereite ein Feſt mit dem Geſchenke eines Kriegers der Mohawks. Iſt es aber nur die Luſt zu plündern, oder der Muthwille, meine Nation um jenen reichen Segen, den der große Geiſt unſern Forſten ge⸗ ſchenkt hat, zu beſtehlen,— dann weißt Du wohl, daß Du Unrecht an uns gethan haſt, und daß ſogleich Abbitte und Vergütung ſtreng verlangt wird. Kein Unverſchämter ſoll den Jagdgrund der Mohawks betreten,— dieſes ſind die Worte einer Schildkröte,— ich glaube, ein Pequot wird ſie verſtehen.“ Die Mohawks, der Hauptſtamm der berühmten „fünf Nationen,“ waren ſitzend unter dem Schatten des „großen Baumes,“ deſſen Wurzeln tief ſich in die Erde ſenken, und deſſen Zweige ſich über ein weites Land aus⸗ breiten. Häufig benannte man die fünf Nationen mit dem Namen ihres mächtigſten und ausgebreitetſten Stam⸗ mes,— jeder Einzelne war ſtolz darauf, ſich einen Mo⸗ hawk nennen zu können; und wenn wir nun noch wiſſen, daß von den drei Familien, in welche jede der fünf Na⸗ tionen abgetheilt war, die„der Schildkröte,“ dem Range nach, die ausgezeichnetſte war, ſo finden wir wohl die ſtolze Höhe erklärlich, mit welcher der Mohawk⸗Jäger auf den Nachbar Pequot herabſah. Aber dieſer war einer der Tapferſten der Pequots und viele Skalps 176 hingen in dem Rauchwinkel ſeiner Hütte. Er zog die ſchon ausgeſtreckte Hand zurück und ſich in voller Höhe aufrichtend, ſagte er: „Glaubſt Du, daß Einer meines Volkes hungere, oder Mangel an Wildpret habe? Glaubſt Du, daß der große Geiſt die Wälder der Pequots vergeſſen und blos die Forſte der Mohawks geſegnet habe? Ich ſage Dir, Du biſt da im Irrthum, und dieſes Thier iſt eines der vielen, die auf dem Jagdgrunde der Pequots fett und ſchwer geworden ſind,— es iſt in der Hitze der Verfolgung auf den Jagdgrund der Mohawks getrieben und hier getödtet worden,— aber deshalb nichts deſto⸗ weniger das Eigenthum der Pequots. Du magſt immer⸗ hin Anſprüche auf mein Wildpret machen, Du magſt deſſen Auslieferung verlangen, Du machſt Abbitte fordern für einen vorgeblichen Eingriff in die Rechte der Mo⸗ hawks— aber Du magſt Dich um Hülfe umſehen, Deine Forderungen durchzuſetzen, denn es ſoll nimmer geſagt ſein, daß ein Pequot ſich beſchimpfen laſſe von einem Mohawk, und wenn dieſer ſich auch mit dem Namen„Schildkröte“ brüſtet.“ Der volle Stolz des Mohawks war jetzt erweckt. Er ſollte ſich mit Geringſchätzung behandeln laſſen— von einem Pequot? Es begann ein Wetteifer des National⸗ ſtolzes— lange genährte Erbitterungen machten ſich jetzt 177 in Worten Luft und Jeder, mit einer keinen Vergleich erlaubenden ritterlichen Ehre ſich prahlend, erklärte, die Sache könne nur durch einen Zweikampf auf Tod und Leben geſchlichtet werden. Dieſer wurde auch ritterlich gefochten,— er dauerte lange, blieb lange zweifelhaft wegen ſeines Ausgangs, endete aber endlich mit dem Tode des Mohawks. Stolz und im Gefühle, für ſeine eigne und ſeines Volkes Ehre ritterlich gekämpft zu haben, kehrte der Pequot heim,— aber die Weiſen ſeines Volkes ſchüt⸗ telten bedenklich das Haupt,— ſie ſahen es nicht gern, daß der Friede mit den mächtigen Nachbarn geſtört war; — aber die Sache war nicht zu ändern, und man wartete die Folgen ab. Dieſe blieben auch nicht lange aus. Der Clan der Mohawks, zu welchem der Gefallene gehörte, war höch⸗ lichſt erzürnt über den Todſchlag eines ihrer tapferſten Krieger und zugleich gewandteſten Jäger. Man dachte auf Wiedervergeltung. Man kannte die Perſon des Thä⸗ ters, aber man wollte die Sache noch nicht zu einer An⸗ gelegenheit der Nation machen, denn dann hätte man ihn mit Gewalt aus ſeinem Dorfe geholt, ſondern ſie als eine Privatſache betrachten. Dieſem zu Folge wurde in einer Berathung des Clans entſchieden, daß zwei junge Männer von dieſem abgeſendet werden ſollten, um jede Bewegung 1858. V. Van Hoboken. II. 12 178 des feindlichen Pequots zu beobachten, und ihn bei paſ⸗ ſender Gelegenheit zu ermorden. Die erwählten zwei Krieger widmeten ſich nun ausſchließlich dieſem Berufe, unermüdlich durchſtreiften ſie das Gebiet, welches die Nach⸗ barſchaft des Dorfes bildete, in dem der Gegenſtand ihrer Verfolgung lebte, durch Monate hatten ſie ein aufmerk⸗ ſames Auge für jede Bewegung in dem Thale, wo dieſes Dorf lag, und weder Krieger noch Jäger konnte dieſes ver⸗ laſſen, ohne von den beiden Wächtern bemerkt zu werden. Uebrigens war es dem jungen Pequotkrieger keines⸗ wegs unbekannt, daß jede ſeiner Bewegungen beobachtet wurde; aber er war zu ſtolz, um ſich dadurch einſchüchtern zu laſſen,— er verließ das Dorf und kam heim wie zu allen Zeiten, frei und kühn,— es war nicht ſein Trachten, ſich vor den beiden Mohawks zu verbergen oder ihnen auszuweichen; aber bisher war er mit ihnen noch nicht zuſammengetroffen, da es in ihrem Plane lag, ſich des Verbrechers zu verſichern, ohne ſich dabei der Wahrſchein⸗ lichkeit auszuſetzen, als die Thäter bekannt zu werden. Eine große Jagdpartie zog aus dem Thale aus,— die Jäger verſchiedener Dörfer ſchloſſen ſich an,— und es ging nordwärts dem Connecticutſtrome zu. Nach der indianiſchen Sitte zertheilte ſich die ganze Partie zeitweiſe in kleine Abtheilungen,— dieſe ſammelten ſich dann wieder,— und wieder auch war jeder Einzelne auf ſeine 179 eigne Fauſt beſchäftigt. Immer waren die beiden Mo⸗ hawks dahinter her,— mit unermüdlicher Geduld, mit indianiſcher Ausdauer, mit ſchlauer Vorſicht den Moment abwartend, wann das erwählte Opfer ihrer Racheluſt ihnen nicht mehr entgehen könne. Dieſer Moment kam. Der junge Pequot hatte eines Morgens, gleich mehrern Andern den Haupttrupp der Jäger verlaſſen, um nach verſchiedenen Richtungen den Wald zu durchſtreifen. Er war heute beſonders eifrig— jede Spur oder Fährte, die er antraf, betrachtete er mit Aufmerkſamkeit, bis er die friſcheſte auffand, die er dann auch mit Luſt verfolgte,— dem kundigen Auge zeigte die Fährte einen ſchweren Hirſch; dieſen aufzugehen war für heute ſein Ziel— raſch ſchritt er vorwärts, an nichts anderes, als an die heutige Jagd denkend,— da vernimmt er den ſchrillen Ruf der Mo⸗ hawks,— er kennt den Todesruf der„Schildkröte,“ — er ſteht wie feſt an den Boden gebannt,— er beugt ſich über ſeinen mächtigen Bogen, um die Sehne zu ſpan⸗ nen,— doch da ſchwirrt es bereits durch das Holz und durch's Herz getroffen, ſinkt einer der tapferſten Krieger der Pequots todt zur Erde nieder,— ein Opfer india⸗ niſcher Wiedervergeltung,— und die beiden Rächer kehren heim, triumphirend, daß ſie den Tod eines Bruders des 4 180 Clans gerächt, und dabei die Pequots um einen ihrer tapferſten Krieger beraubt hatten. Aber nun war es an den Pequots, ſich zu rächen. Das erſte Opfer, welches gefallen war, war im offenen Zweikampf gefallen,— die Mohawks hatten Wieder⸗ vergeltung auf hinterliſtige Weiſe genommen,— der junge Pequot war mit dem Pfeile durch's Herz gefunden worden, keine Fußſtapfen nahe ihm, aber in dem fernen Gebüſche da fand man die Abdrücke der Moccaſins,— von dort her war er meuchleriſch gemordet worden,— die jungen Leute des Clans, dem er angehörte, verbanden ſich, dieſen Meuchel⸗ mord zu rächen, und es verging nicht lange Zeit, ſo fiel ein junger Mohawk deſſelben Clans, deſſen Söhne ſich die Beiden nannten, welche die meuchleriſche That begangen hatten. Da aber dieſes neue Opfer der Wiedervergeltung ein unſchuldiges war, ſo erbitterte es neuerdings die Clans⸗ verwandten, und ſo erhielt der Streit, welcher zwiſchen zwei einzelnen Clans der beiden mächtigen Nationen ausge⸗ brochen war, immer neuen Stoff der Erbitterung, und war bereits ſeit Jahren fortgeſetzt worden, mit dem Hin⸗ opfern manches jungen Kriegers und manches gewandten Jägers. Bisher war es noch immer Clansſache geblieben, da ſich die Nationen ſelbſt weislich hüteten, daran Antheil zu nehmen,— die weiſen Männer der Mohawks ſowohl als der Pequots dachten es klüger, daß ſich die Nationen ſelbſt nicht darein mengen ſollten, und die Angelegenheit ihrem Gange zu überlaſſen, und wäre auch der Friede zwiſchen Mohawks und Pequots mit dem Ausſterben der beiden ſich feindlich gegenüberſtehenden Clans zu er⸗ kaufen. Doch da nahm die Sache eine andere Wendung, — und es war zu fürchten, daß die Weisheit ſelbſt der weiſeſten Männer beider Nationen nicht weiter das zu be⸗ fürchtende Uebel verhüten könne. Der Häuptling des Clans war Sah⸗da⸗ga⸗has „die ſchlanke Fichte des Berges“— die Zierde der ganzen Nation,— ein prächtiger Jüngling,— er war Agon⸗ la's Bruder,— ein Held im Kriege, der ſchlaueſte und ausdauerndſte Jäger, ein Athlet in Ernſt und Scherz,— in Manchem beſſer unterrichtet als die Anderen; war er ja doch häufig in dem Hauſe des Mannes, der ſeine Schweſter zum Weibe genommen. Dieſer hatte vielen Einfluß auf den jungen Häuptling, aber nicht ſo viel, um ihn überzeugen zu können, daß in der Jahre dauernden Fehde zwiſchen den beiden Clans des Blutes genug ge⸗ floſſen ſei, und daß es ſeine Pflicht ſei, dieſer endlich Ein⸗ halt zu thun.„Was kann ich dem, der für das Blut ſeines gefallenen Bruders Wiedervergeltung fordert, zur Antwort geben?“ fragte er,—„würde er, ohne Rache zu nehmen, nicht als ein Feigling von der Nation betrachtet werden?— Das könnte kein Pequot ertragen, darum 182 wollen wir die Sache ihren natürlichen Lauf gehen laſſen,— und glaube mir, mein Bruder Jack, ſie wird ihr Ende finden.“ So war ſeine Sprache,— und er hatte recht ge⸗ ſprochen:„ſie fand ihr Ende!“ Die ſtolzen Mohawks, die ſich„von der Schild⸗ kröte“ nannten, waren auf's Höchſte erbittert durch den Vortheil, den in dieſer traurigen Beziehung die Pequots über ſie errungen hatten. Es ſtellte ſich heraus, daß eine größere Anzahl von ihnen als von ihren Gegnern als Opfer dieſer lange dauernden Fehde gefallen waren, und es verſchworen ſich ſechs der kühnſten Krieger des Clans zu einem Wagniß, welches, wenn zweifelhaft in ſeinem Erfolg, dann aber in ſeinem Gelingen den bitter gehaßten Gegnern den allerempfindlichſten Schlag beibringen ſollte. Die ſechs Verſchworenen gelobten den Tod ihrer Brüder zu rächen, und beſiegelten es mit einem Eide vor dem großen Geiſte, daß ſie kein anderes Geſchäft unternehmen wollten, bevor nicht der Häuptling des feindlichen Clans, „die ſchlanke Fichte des Berges“ gefallen ſei. Dieſe Sechs verließen ihr heimathliches Dorf mit dem beſtimmten Ziel, ihr Opfer aufzuſuchen, und mit dem Vorſatze, nicht eher zu ruhen und nicht eher mehr als die allernöthigſte Er⸗ quickung einzunehmen, bis nicht der ſchrille Todesruf„der Schildkröte“ den jungen Häuptling von ſeinem unabwend⸗ baren Lebensende benachrichtigt habe. Getren ihrem Eide, entſchloſſen, blutdürſtig, rachebrennend bewachten ſie nun jeden Ausgang, der von dem Thale in die umgebenden Wälder führte, und die Fährte eines jeden Jägers, vom Dorfe zum Forſte zuführend, wurde mit der ängſtlichſten Genauigkeit geprüft und mit all der Schärfe einer india⸗ niſchen Spürkraft beſchauet,— des jungen Häuptlings Fährte kannte man genau, jede Linie war gemeſſen,— den Eindruck, welchen ſein Moccaſin in den weichen Boden oder im Sande oder in der Blätterdecke des Waldgrundes machte, konnte man von jedem anderen unterſcheiden. Sah⸗da⸗gashas hatte einige Freunde unter den im Norden wohnenden Nipmucks. Er hatte es ſich längſt vorgenommen, dieſe bei Gelegenheit zu beſuchen, und ſich einige Tage unter ihnen mit der Jagd zu beluſtigen. Er lud ſeine Schweſter Agonla ein, ihn zu begleiten, und dieſe, weil ihr Mann eben auf einer ſeiner Krämerwande⸗ rungen abweſend war, nahm dieſen Antrag gern an, da ſie ihren Bruder innig liebte. So verließen ſie ihr hei⸗ mathliches Dorf, dem Norden zuwandernd; Agonla, ihr Kind in eine große Matte gebunden, auf dem Rücken tragend. Die ſtets aufmerkſamen Sechs wußten ſogleich, wann der junge Häuptling das Dorf verließ, ſie wußten auch bald, wohin er ging,— ſie verfolgten ſeinen Pfad, jedoch vorſichtig genug, um ſich nicht als Verfolger zu ver⸗ rathen; die Geſellſchaft der Schweſter mit dem Kinde hielt 184 ſie jedoch ab, ihr Vorhaben auszuführen,— ſie hofften wohl mit der Zeit eine paſſende Gelegenheit zu finden. Sah⸗da⸗ga⸗has verlebte in Geſellſchaft ſeiner Schweſter eine angenehme Zeit unter den befreundeten Nipmucks, glücklich und unſchuldig, Theil nehmend an all ihrem Zeitvertreib und ihren Vergnügungen, und im Genuſſe jener Gaſtfreundlichkeit, wie ſie der rothen Race ganz eigenthümlich eigen iſt. Er wäre noch länger ge⸗ blieben, aber Agonla trieb nach Hauſe. Sie wußte die Zeit nahe, welche Jack als die ſeiner Heimkunft genannt hatte, und da wollte ſie von ihrer Hütte nicht entfernt ſein; Sah⸗da⸗ga⸗has war aber ein zu guter Bruder, als daß er ſeines Vergnügens wegen, der Schweſter hätte Unruhe bereiten wollen. Wie ganz natürlich wurden ſie einen großen Theil des Weges heimwärts zu, von zahlreichen Freunden be⸗ gleitet, in all der Heiterkeit, welche Einfachheit und unver⸗ künſtelte Natur erzeugt. Da wurden die Jagdabenteuer, die Ballſpiele, die Wettläufe, das Wurfſcheibenſtecken,— Alles was ſie während des kurzen Aufenthaltes unter den Nipmucks vergnügt hatte, wurde wieder und wieder be⸗ ſprochen,— man konnte ſich gar nicht trennen und die Freunde gingen immer weiter mit, bis, kaum noch einige Meilen von dem heimathlichen Dorfe der Pequots ent⸗ fernt, ſie Abſchied nahmen und in ihre Heimath zurückkehrten. Der junge Häuptling ſchritt eine Strecke Weges vor ſeiner Schweſter her,— da traf er auf eine ſandige Stelle, und mit der ſtets geſammelten Aufmerkſamkeit eines india⸗ niſchen Jägers, bemerkte er im Sande den breiten Fußtritt eines Mohawks, gerade quer über ſeinen Pfad; dann einen andern,— und wieder einen,— und noch einen — gleichſam wie mit Vorbedacht hier abgedrückt. Er wußte es nun wohl, daß die Feinde auf ſeiner Fährte waren, ihn umſchwebend gleich einem Rudel hungriger Wölfe, aus der Ferne ihre ſichere Beute beſchnüffelnd. Er wußte, daß es deren wenigſtens Viere waren,— dieſes zeigten ihm die wohlgekannten Abdrücke quer über ſeinen Pfad. Er wußte es aber nun auch, daß er ſeinem Schickſale nicht mehr ent⸗ gehen könne. Er ſchrak darüber nicht feig zurück,— er wollte das Unausweichbare als ein Krieger,— noch mehr: als der ruhmvoll genannte Häuptling der Pequots er⸗ warten; aber die Schweſter ſollte nicht Zeuge ſeines Un⸗ terganges ſein. Ohne auch nur die geringſte Aufregung zu verrathen, wandte er ſich um, und ruhig und kühl gab er ihr die Weiſung, einen links abführenden Pfad einzu⸗ ſchlagen, der ebenfalls in ihr Dörfchen führte, während er nach rechts zu gehen gedenke, wo er im dichten Forſt nach Etwas ſehen wolle. Agonla hatte kein Arg und wandte ſich links ab, wie er geſagt,— lächelnd rief er ihr noch ein Lebewohl 186 nach,— die Schweſter wollte zwar trotz des freundlichen Lächelns, das um ſeine Lippen ſpielte, in dem Ton ſeiner Stimme einen ungewöhnlichen Ernſt und in den Worten, die er gebrauchte, mehr Innigkeit, als man bei einem Ab⸗ ſchiednehmen auf einige Stunden anwendet, bemerkt haben; aber für den Augenblick beachtete ſie dieſes nicht ſo genau, als ihr Gedanke ſchon mehr der Heimath und der wahr⸗ ſcheinlich baldigen Ankunft ihres Gatten zugewendet war, — und ſie eilte den Pfad hin, welcher ſie nach Hauſe führte. Er war nun allein,— in der weiten Einſamkeit eines düſtern Waldes. Niemand war ihm nahe, und nur das Auge des guten großen Geiſtes blickte auf ihn. Er ſtand nahe der Stelle, wo er die Abdrücke im Sande be⸗ merkt hatte. Er mochte jetzt wohl zu dem großen Geiſte, der ihm Athem gegeben, ſprechen und ihn bitten, ihn auf⸗ zunehmen in ſein ewiges Reich. Er war niedergeknieet. So trafen ihn die ſechs Ver⸗ ſchworenen. Sie erhoben den ſchrillen Todesruf der „Schildkröte“ und näherten ſich ihm. Seine Stellung bewies, daß er mit heldenmüthiger Standhaftigkeit ſich ſeinem Schickſal ergebe,— aber die indianiſche Sitte durfte nicht vernachläſſigt werden. Die Mohawks traten näher und grüßten ihn dem Anſcheine nach auf die freund⸗ lichſte Weiſe. Er erwiederte dieſen Gruß, jedoch mit „ Hoheit,— denn er war ein Häuptling, die Andern nur gewöhnliche Krieger. Der Eine von dieſen begann nun ſeine Anſprache: „Sah⸗da⸗gashas, unſer Bruder, weiß, daß wäh⸗ rend der langen und bittern Fehde, die zwiſchen einem Clan der Mohawks und einem Clan der Pequots be⸗ ſtanden hat, viele brave Krieger als Opfer gefallen ſind. Wiedervergeltung war auf beiden Seiten geſucht und ge⸗ nommen worden; aber die durſtige Erde, welche ſo oft getrunken hat den rothen Strom, öffnet noch immer den Mund, und ſie wird es ſo lange thun, bis nicht der eine oder der andere Clan von ihr verſchwunden iſt. Du biſt der Häuptling Deines Clans, wir wiſſen es, und wenn Du nicht mehr biſt, wird ſich Dein Clan auflöſen und mit befreundeten Clans vermiſchen,— er wird verſchwunden ſein, und dann wird die Erde, ſo oft geröthet mit dem Lebensblute der Mohawks und Pequots, befriedigt ſein, und nach keinem neuen Opfer verlangen. Du ſollſt das letzte ſein. Dein Schickſal iſt beſtimmt. Bevor die Sonne hinter die weſtlichen Hügel hinabgeſunken iſt, wird Deine Seele vor dem großen Geiſte ſtehen, der ſie belohnen wird, wie ſie es verdient. Unſere Worte ſind wenige. Wir haben geſprochen.“ Die„ſchlanke Fichte des Berges“ ſtand in der vollen männlichen Schönheit, die ihm Natur gegeben, und 188 betrachtete mit ſtolzen Blicken die ſechs Verſchworenen,— dann nach einer Pauſe, die kein Mohawk zu ſtören wagte, ſagte er:„Was Ihr geſagt, iſt wahr. Die Fehde zwiſchen den beiden Clans war eine blutige,— und die Urſache dazu war doch nur ein erbärmlicher Streit über ein Stück Thier. Es hat ſich auch deshalb nicht die Nation der Pequots, noch die der Mohawks hineingemengt,— und ſelbſt ich nicht, obgleich ich der Häuptling des Clans bin, der den Clan ſeiner Gegner ſo ſehr gelichtet hat, daß er wohl dem Verſchwinden ziemlich nahe iſt, und wo, wie Ihr richtig bemerktet, die Fehde ein Ende haben wird. Aber Ihr meint es anders. Ihr habt mich zum Opfer auserſehen. Es ſtachelt Euern Ehrgeiz, einen Häuptling getödtet zu haben, den Häuptling, der nicht nur Euerm Clan, ſondern Euerer Nation fürchterlich iſt,— es zeigt ſich ſo, weil ſie es für nöthig fand, nicht weniger als ſechs der tapfern Krieger der Mohawks auszuſenden, um den einzelnen Mann zu treffen. Ihr könnt Euerer Nation meinen Dank dafür bringen, daß ſie mich ſo hoch geachtet hat; aber Ihr ſollt nicht die Befriedigung haben, mich im Kampfe überwältigt zu haben,— ſo klein auch die Befrie⸗ digung für ſechs tapfere Krieger„von der Schildkröte“ wäre,— nein, widerſtandlos ſollt Ihr mich finden, und ich gehe zu dem großen Geiſt, daß mein Fall den Frieden meiner Nation beſiegeln ſoll, und hoffe, daß keiner meiner Freunde ſich erheben wird, um mich zu rächen. Laßt es dann Friede ſein,— vermeidet, die Nationen in dieſe An⸗ gelegenheit zu verflechten,— ſagt ihnen, daß ich mich für den Frieden geopfert habe. Ich bin bereit zu ſterben. Ich habe geſprochen.“ Als er geſprochen, erhob er ſeine athletiſche Geſtalt zur möglichſten Höhe,— er ſchlug den Mantel zurück und zeigte ſeine hohe, männliche Bruſt. Er ſtreckte ſeinen rechten Arm aus und rief:„Mörder! vollbringt Euere That!“— Drei Bogen waren geſpannt,— drei gefiederte Pfeile ſchwirrten durch die Luft,— von drei mörderiſchen Pfeilen durchbohrt ſank die„ſchlanke Fichte des Ber⸗ ges“ zu Boden. Kein Schmerzeslaut war zu hören,— ſein Auge war dem blauen Himmel zugewendet,— noch einige Pulsſchläge, und die Seele war aus ihrer irdiſchen Hülle entflohen und in die Räume, von dem großen Geiſte und ſeinen Auserkorenen bewohnt, übergegangen. Da erhoben die ſechs Mohawks den Todtenſang, um den Leichnam gereihet, und als dieſer geendet war, verſchwan⸗ den ſie leichten Schrittes in dem Dickicht. 190 Behntes Capitel. Die fünf Nationen. „Vor ihrem Grimm'entfloh der wilde Adirondac; „Vyr ihrem Kriegeszug zerſtäubt der Huron Volk,— „Die Ottywas, gleich dürren Blättern, windgejagt; „Und Einſamkeit und Schweigen traf des Ery's ſchöne Ufer. „Die Lenaps, die Herrn von Thal und Hügel einſt, „Beugen ſich der Sieger Willen, Weibern gleich; „Und dort am fernen Miſſiſſip, wenn ſich der Schildkröt' „Fährte zeigt, der Illinvis in feiger Furcht erbebt.— „Und hier der Pequot, und er wechſelt blaß „Wenn in Connecticuts Forſten des Wolfes Heulen tönt; „Des Bären ſtampfender Tritt auf blumenreicher Flur „Macht den Cherokeſen zittern in ſeinem grünbelaubten Bau.“ Frontenat. Agonla wartete dieſen Tag über vergebens auf die Heimkehr des Bruders; als aber dieſer auch am nächſten Tage nicht im Dorfe erſchien, da hatte ſie keine Ruhe weiter. Sie band ſich das Kind auf den Rücken und eilte in den Wald, jener Stelle zu, wo ſie ihn geſtern verlaſſen hatte. Hier fand ſie den Leichnam ihres Lieblings, von drei Pfeilen durchbohrt,— die Mörder waren entflohen, den Körper des ſtolzen Häuptlings dem Grimme wilder Beſtien und der Willkür der Elemente überlaſſend. Mit dem Schmerzensrufe:„die ſchlanke Fichte des Berges iſt gefällt!“ eilte ſie in's Dorf zurück, und als ſich da Männer, Weiber und Kinder um ſie verſam⸗ melten, da rief ſie:„Ja, die ſchlanke Fichte des Berges iſt niedergehauen; er, die Zierde der Nation, liegt nieder⸗ geſtreckt und wird ſich nie mehr erheben, uns zu grüßen. Nie mehr wird er freundlich lächeln, wenn ſeine Freunde ſich ihm nähern, nie mehr ſein Auge zürnen, wenn es einem Mohawk begegnet. Seine Stimme ſchweigt für Immer,— nie mehr wird ſie ſchrillend ertönen im dro⸗ henden Schlachtruf,— nie mehr melodiſch verſchönen unſere Geſänge,— nie mehr wird ſie Liebe liſpeln in un⸗ ſere Ohren oder in ſüßen Worten berücken die Mädchen unſeres Thales. Nie mehr wird ſein Ruf zittern machen den feindlichen Krieger in ſeiner Hütte oder das wilde Thier in ſeinem Lager. Er ſchläft den endloſen Schlaf des Todes!“ Der Clan traf nun die Anſtalten, den Leichnam ſeines Häuptlings nach dem nicht weit vom Dorfe entfernt gele⸗ genen Beerdigungsplatz zu überbringen. Der Körper wurde mit dem beſten Anzuge bekleidet, das Geſicht bemalt, die Waffen und alles, was ſein Eigenthum war, ihm zur Seite gelegt,— die Todesfeſte wurden gegeben, die Todten⸗ tänze getanzt,— es wurde gefaſtet, geweint und lobge⸗ ſungen,— dann wurde der Pfoſten auf das Grab geſetzt, daran ſein Porträt und jedes Ding befeſtigt, welches dem Vorübergehenden ſagen konnte, wer hier begraben liege, 192 welche Eigenſchaften er beſaß, welche große Handlungen er in ſeinem Leben verübt hatte. Als aber dieſer letzte Liebesdienſt dem geliebten Häupt⸗ ling erwieſen worden, kam es im Clan zur Frage, wie dieſe Mordthat,— denn für ſolche erklärte man den Angriff auf das Leben des Häuptlings,— ſollte wiedervergolten werden?— Aber es war nun nicht mehr blos eine Frage, welche den einzelnen Clan betraf.„Die ſchlanke Fichte des Berges“ war ein in der ganzen Nation geliebter Häuptling,— die ganze Nation der Pequots war in einem Zuſtande beiſpielloſer Aufregung. Eine Menge der Tapferſten ſchworen Wiedervergeltung,— hunderte von Aexten wurden aus dem Gürtel geriſſen und blitzten im Sonnenſchein, geſchwungen von kampfgeübten Armen,— hunderte von Meſſern glitzerten in Fäuſten, die einen Streich zu führen verſtanden;— es war nur Ein Ruf in der ganzen Nation, und dieſer klang:„Rache!“ Aber die„Weiſen“ der Nation,— die„Altväter“ der Race erſchracken über den Sturm, der loszubrechen drohte,— ſie ſahen die Folgen davon in ihrem vollen Lichte,— ſie beſchworen die Häuptlinge, ihre einzelnen Clans in Ruhe zu erhalten und abzuwarten, was in einer großen allgemeinen Berathung ſolle beſchloſſen werden. Die Häuptlinge erfüllten, was von ihnen gefordert worden, und eben an dem Tage der Ankunft unſers Freundes Jack, war das große Berathungsfeuer angezündet worden, hatten ſich um dieſes nicht nur die Häuptlinge und Weiſen der Nation, ſondern auch alle Krieger verſammelt. Man hatte dazu einen weiten Platz nahe eines Sees erwählt, welcher die große Menſchenmenge aufzunehmen tauglich war, und der Rauch des großen Berathungsfeuers erhob ſich hoch zu den Wolken, daß er konnte geſehen werden nicht nur von all' den Dörfern der Pequots, ſondern auch der Mohawks, und er verkündete es weit und breit, daß um ſein Feuer die Oberſten und Weiſeſten einer großen Nation verſammelt waren, um über eine Sache von der größten Wichtigkeit Rath zu pflegen und einen Entſchluß zu faſſen. „Wäre ich doch nur um einige Tage früher einge⸗ troffen,“ ſagte Jack,—„ich befürchte das Uebelſte; denn wenn auch Pekoath ſelbſt ein großer und weiſer Sachem iſt, und Viele der Nation klug und überlegend ſind, ſo giebt es doch auch wieder Viele unter den jungen Häuptlingen, welche Hitzköpfe ſind, und ſich von der Gewalt des Augen⸗ blickes hinreißen laſſen. Wäre ich doch nur früher heim⸗ gekommen, um an der großen Berathung Antheil nehmen zu können. Mein Wort gilt etwas unter ihnen, und ich habe ſchon manches Ungewitter vor ſeinem Ausbruche unterdrückt. Wenn aber dieſes jetzt ausbricht, dann iſt der Untergang der Nation ſicher, nicht blos, weil die Pequots von den weit mächtigern„fünf Nationen“ überwunden 1858. V. Van Hoboken. II. 13 194 werden,— dieſes glich ſich wohl im Verlaufe der Zeit wieder aus,— aber mit dem Falle der Pequots fällt eine mächtige Schutzmauer der ganzen indianiſchen Race gegen das Vordringen der Weißen. Dieſes ſehen die Kurzſichtigen nicht ein, ſonſt würde wohl nicht der Pequot mit dem Narrangaſett, nicht der Mohawk mit dem Pequot, nicht der rothe Mann mit dem rothen Manne im Streite ſein.“ Der kluge, erfahrene Mann that einen Blick in die trübe Zukunft, aber eben dieſes ſtimmte auch ihn, der ſich mit den Pequots verbrüdert, ſich ſelbſt als einen der ihrigen zu betrachten gewöhnt hatte, nachdenklich und trübe. Es mag nicht in Abrede geſtellt werden, daß der Mord des Bruders ſeines Weibes auf ſein Gemüth eben auch einen erſchütternden Eindruck ausübte. Er hatte den Jüngling ſeines ſcharfen Verſtandes, ſeines männlichen Muthes, ſeiner vielen edlen Eigenſchaften wegen wirklich geliebt. Er bedauerte den frühen Tod des ſchönen, ſtolzen, kräftigen jungen Mannes in der Blüthe ſeiner Jahre, der durch Belehrung und Ueberzeugung geleitet, eine Zierde ſeiner Nation und in maucher Beziehung ein Wohlthäter derſelben zu werden verſprach. Es iſt nicht zu verwundern denn, daß der Aufenthalt Frank Lincoln's in dem Hauſe ſeines Freundes nicht ſo ein angenehmer war, als er ge⸗ weſen wäre, wenn nicht ſo traurige Ereigniſſe in dem Thale 195 ſtattgefunden hätten; nicht als ob es an herzlichem Empfange oder gaſtfreundlicher Aufnahme gemangelt hätte; aber von all' den Vergnügungen und Zeitvertreib, welcher zur Zeit des Friedens ſtets in einem indianiſchen Dorfe zu treffen iſt, konnte keine Rede ſein, da Trauer über Geſchehenes und Beſorgniß für Kommendes hier wohnte. Nach einigen Tagen kehrten die Krieger und Jäger des Clans heim. Darunter waren auch die älteren Männer, welche um das große Feuer geſeſſen und an der Berathung thätigen Antheil genommen hatten. Jackthe Idler ging ihnen weit vor das Dorf hinaus entgegen. Nach den erſten herzlichen und höflichen Begrüßungen, die nach indianiſcher Sitte gegenſeitig ausgetauſcht wurden, war des beſorgten weißen Freundes der Pequots dringendſte Frage um das Reſultat der Berathung. Wie er erwartet hatte, war es dabei heftig zugegangen. Während die weiſen Männer und die Umſichtigeren der Sachems alles aufboten, um den drohenden Sturm abzuwenden, fanden ſie an den jüngern Häuptlingen und Kriegern von Rang heftige Gegenſprüche. Die Erſteren brachten vor, daß das erſte Opfer ein Mo⸗ hawk, das letzte ein Pequot geweſen ſei. Daß die Opfer, welche in der Zwiſchenzeit gefallen, ſich an Zahl, von jedem Clan aufgezählt, ziemlich gleich kämen,— daß bereits Blut genug vergoſſen und es daher gerathener ſei, die Sache nicht mehr weiter zu treiben, ſondern daß der Clan 13* 196 der Pequots dem Clane der Mohawks die Friedens⸗ pfeife überreichen ſollte. Dagegen führten die Gegner dieſes Vorſchlags an, daß das letzte gefallene Opfer ein Häuptling und ein Krieger erſten Ranges geweſen, und wenn man dieſes ungerächt ließe, man den Feinden nur das Zeichen der Furcht und Unterwürfigkeit geben würde. Nach langem Hin- und Wiederſprechen waren jedoch auch die Gemüther der zu meiſt Aufgeregten beruhigt, und man war dahin überein gekommen, eine Geſandtſchaft an die Nation der Mohawks abzuſchicken, welche dieſer mittheilen ſollte, daß die Nation der Pequots beſchloſſen habe, den ſeines Häuptlings beraubten Clan von jeder That der Wiedervergeltung abzuhalten, daß ſie aber dann auch er⸗ warte, daß die Nation der Mohawks dieſelben Maß⸗ regeln in Betreff ihres Clans einleiten werde. Man war allgemein damit einverſtanden, nur nicht der feurige Oh⸗ eh⸗ta⸗nas, der Häuptling eines anderen Clans, ein be⸗ währter Krieger und Jäger. Dieſer ſprang von ſeinem Sitze auf und erklärte: wenn die Nation der Pequots es ſo leicht hinnehmen könne, daß ihr ausgezeichnetſter Häuptling ungerächt mit ſeinem Herzblute die Mutter Erde getränkt habe, ſo nicht er;— er wolle ſich nicht länger einen Pequot nennen,— er wolle dieſe Nation verlaſſen und ſich an eine andere anſchließen, er hoffe wohl noch eine, und ſei es im weiten Weſten oder im hohen Norden, zu finden, die ſtrengere Begriffe für Nationalehre beſitze.— Mit dieſen Worten hatte der feurige Jüngling die Be⸗ rathung verlaſſen und war ohne Halt fortgeeilt. Seine Worte und die darauf folgende Handlung hatten die Verſammlung in das höchſte Erſtaunen geſetzt, denn es gehörte zu den unerhörten Ereigniſſen, daß ein Indianer freiwillig ſeine Nation verläßt, ſeine Familie, ſeine Ver⸗ wandten, ſeine Freunde, um ſich unter ihm völlig Fremde zu miſchen; aber es war nichts dagegen zu thun. Die Zeit verlief nun unter den Vorbereitungen und Feſten, welche mit der Wahl neuer Häuptlinge für die beiden Clans verbunden ſind, und dann traf man die nö⸗ thigen Anſtalten, um die beabſichtigte Geſandtſchaft an die Nation der Mohawks abgehen zu laſſen. Aber nach der Sitte der Indianer, welche Alles, was ſie unternehmen, mit Vorbedacht thun, geſchah dieſes keines⸗ wegs in Eile. Man hatte dazu vier der älteſten Fami⸗ lienhäupter auserwählt, deren Weisheit und Beredtſamkeit allgemein anerkannt und gerühmt wurde; aber bald nach ihrer Abreiſe verbreitete ſich ein dunkles Gerücht in den verſchiedenen Dörfern der Pequots, daß ein Häuptling der Mohawks, einer der geprieſenſten Krieger aus jener Familie, die„den Bären“ im Wappen führte, durch einen Pfeilſchuß getödtet gefunden worden ſei,— der Verdacht ruhte auf Oh⸗he⸗ta⸗nas, daß er ſich zum Rächer ſeines 198 gefallenen Freundes,„der ſchlanken Fichte des Berges,“auf⸗ geworfen habe;— man wußte nicht, wo er hingerathen war. Das Gerücht verbreitete ſich wie ein Lauffeuer durch alle Dörfer,— noch wollte man nicht daran glauben,— aber bald ſollte man darüber zur Gewißheit kommen. An einem ſchönen Herbſtabende ſaßen Jack und Frank auf der roh gezimmerten Bank vor der Hütte, und plauderten. Unfern davon kauerte im Graſe Agonla mit dem Kinde, welches eben zu plaudern begann, tändelnd und ſpielend. Des Krämers Auge haftete wohlgefällig auf der anmuthigen Gruppe und lächelnd vernahm er die erſten Verſuche, die ſein kleiner Junge in dem Dialecte der Pe⸗ quots machte. Bei jedem Worte, das dieſer halb ver⸗ ſtändlich lallte, blickte die Mutter mit dem Lächeln des Entzückens dem Vater zu, gleichſam als wolle ſie ſich von dieſer Seite Bewunderung und Lob für den kleinen Schwätzer holen. Es war eine zu liebliche Scene und Frank's Auge haftete ebenfalls mit Theilnahme an ihr. Ueber das ganze Thal hatte ſich abendliche Ruhe aus⸗ gebreitet, und ſah man auch noch hier und da einiges Leben, einige ruhig der heimathlichen Hütte zuſchreitende Jäger, einige im Freien ſpielende Kinder, ſo ſtörte dieſes doch nur wenig die friedliche Stille, die hier herrſchte. „Iſt es nicht betrübend,“ ſagte Jack endlich, zu ſeinem jungen Freunde gewendet,—„den Gedanken faſſen zu müſſen, daß dieſer Friede, der in dieſem Thale wohnt, vielleicht bald geſtört werde,— daß hier vielleicht bald der Tomahawk und das Meſſer wüthen ſollen?— und doch kann ich kaum etwas Anderes erwarten.“ „Wenn Ihr dieſes zu befürchten habt,“ erwiederte Frank,—„warum ziehet Ihr nicht fort?“ „Ich kann es nicht läugnen, daß ich eben dieſen Ge⸗ danken ſelbſt ſchon bisweilen gefaßt habe,“ erwiederte Jack —„denn ich ſehe es ſelbſt ein, daß die Zufälligkeiten, die mich unter die Nation der Pequots gebracht hatten, keine mir günſtigen waren. Es iſt nicht in Abrede zu ſtellen, daß von allen Nationen, gerade die der Pequots diejenige iſt, welche ihrem Untergange am raſcheſten entgegengeht. Auf der einen Seite grenzt ſie an die längſt auf ſie eifer⸗ ſüchtige Conföderation,„die fünf Nationen“ genannt, auf der andern Seite drängen ſich die Kolonien ihr näher und näher. Läge es in der Idee dieſer weißen Ankömmlinge, den rothhäutigen Mitmenſchen zu ſich heranzuziehen, ihm den beſſern Theil deſſen was er Bildung heißt, mitzu⸗ theilen, und dafür von ihm Gaſtfreundſchaft, Brüverlichkeit, Ausdauer und ſonſtige gute Eigenſchaften dieſer Natur⸗ kinder anzunehmen, ſo wäre die Sache gut; da man aber darauf bedacht iſt, die urſprünglichen Beſitzer des Landes zu demoraliſiren, zu verdrängen,— ja zu vertilgen, ſo iſt das Schickſal leicht vvrauszuſehen, welches den Pequots 200 droht. Ich weiß wohl, daß es noch Nationen giebt, die, daſſelbe Schickſal zu erfahren, noch nicht in ſo naher Zeit bedroht ſind; obwohl auch ſie demſelben nicht entgehen können. Die Europäer ſind unerſättliche Raubthiere. Je mehr ſie beſitzen, deſto mehr wollen ſie haben. Sie werden ſich in unbegreiflicher Schnelligkeit ausdehnen und die unglücklichen Ureinwohner Amerikas vor ſich herjagen, wie der Sturmwind dürres Blätterwerk, und wenn ſie bis zu den großen Strömen des Weſtens werden vorgedrungen ſein, werden ſie auch dieſe überſetzen, und in die unbekannten Wildniſſe eindringen, bis den Rothhäuten, die ſo weit vor ihnen hergeflohen ſind, die Wahl übrig bleibt, ob ſich von den herzloſen Fremden ſchlachten zu laſſen, oder den Tod in den Wellen des jenſeitigen Oceans zu ſuchen. Die erſte Nation, wie ich klar genug vorausſehe, iſt die Nation der Pequots, welche ihrem von der Natur ererbten Boden den weißen Eindringlingen zu überlaſſen gezwungen wer⸗ den wird,— ihr Name iſt der erſte, welcher mit blutiger Hand in dem Buche der amerikaniſchen Geſchichte verwiſcht ſein wird,— und doch fällt es mir ſchwer, von dieſem Platze hier mich zu trennen. Es ſind damit ſo manche Erinnerungen verknüpft,— dieſer Platz iſt mir lieb geworden,— und ich muß es geſtehen, ſelbſt dieſe Menſchen, die da um mich herumwohnen, ſind mir liebe Freunde und Nachbarn. Für mich ſind ſie nicht dieſe wilden, rachedurſtigen, mordſfüchtigen ——— Barbaren, als die ſie Andere zu betrachten belieben,— ich laſſe mich nicht irre leiten durch die gräulich bemalten Ge⸗ ſichter, wenn ſie auf den Kriegspfad ausziehen, ich bin ge⸗ wohnt, dieſe Geſichter auch ohne die ſchwarzen und rothen Striche und Punkte zu ſehen, und dann ſind ſie ſo heitere, freundliche und gutmüthig lächelnde, wie Ihr kaum unter jenen heuchleriſchen, frömmelnden, hinterliſtigen Larven finden möget, hinter denen der wahre Menſch verborgen iſt, — dieſe Larve iſt vorgeſteckt, um den Nebenmenſchen zu hintergehen, jene, um den gegenüberſtehenden Feind zu erſchrecken,— ich glaube, daß es Euch ſo wenig ſchwer fallen wird, die Wahl zwiſchen dieſen beiden Maskirungen zu treffen, welche die Euch mehr zuſagende iſt.“ „Und wenn ich es einſehe, daß den armen Pequots ein arges Schickſal droht, ſo halte ich es für feigen Egois⸗ mus, ſie deshalb zu verlaſſen. Sie haben mich herzlich und brüderlich aufgenommen,— ſie haben mir von dem ihrigen mitgetheilt, als ich arm, hülflos und bedürftig war, — ſoll ich ſie jetzt verlaſſen, wo ihnen vielleicht mein Bleiben, mein Beiſpiel, mein Rath von Rutzen ſein kann? — Nein, ich bleibe— ich erwarte das, was die Pequots trifft, als auch für mich beſtimmt.“ Solches und Aehnliches ſagte Jack the Idler. Unter dieſem Geſpräche war die Nacht angerückt und hatte ſich in das Thal niedergelaſſen. Hier lag bereits Alles in 202 tiefer Ruhe. Der Krämer nahm nun ſein Kind auf den Arm und von Weib und Freund gefolgt, ging er in das Innere ſeiner Hütte. Man legte ſich ebenfalls zur Ruhe. Frank Lincoln hatte ſein Lager von getrocknetem Mooſe, mit Thierfellen überdeckt, in einem kleinen Kämmerlein, welches an der eigentlichen Hütte angebaut war, und zu einem Waarenſtore des wandernden Krämers verwendet wurde. Der Jüngling lag bald in ſüßem Schlafe. Er ward aus dieſem erweckt durch einen gellenden Schrei,— halb träumeriſch ſetzte er ſich auf,— kaum des früheſten Tages Grauen drang durch das Fenſter in das kleine Gemach; aber jener gellende Schrei, der ihn er⸗ weckt, dauerte fort, wie eine lang gehaltene Note. Er ſprang zum Fenſter hin, um in das Thal hinab zu blicken, — dieſes lag wirklich noch in nächtlicher Dunkelheit,— aber da kam es ihm vor, als ob tauſend und tauſend Ruf⸗ töne aus den Bogengängen der Waldungen rundum herausdrangen, um ſich zu dem einen feindſeligen gellenden Schrei zu vereinen, der über das Thal hin erſchallte. Und dort oben, auf den Höhen,— auf einzelnen freien Stellen,— am Saume des Waldes, wo ſich bereits ein lichteres Grau ausbreitete, da bemerkte er dunkle Ge⸗ ſtalten, die aus dem Dunkel vor und in daſſelbe wieder zurückſprangen, die ſich hin und her bewegten,— und immer gellender wurde das Geſchrei, immer zahlreicher und lebhafter wurden die in der Ferne ſich zeigenden Ge⸗ ſtalten: und es wurde auch unten im Dorfe regſam, auch hier drang bereits das Grauen des jungen Tages hin, und auch hier liefen und ſprangen dunkle Geſtalten hin und wieder, und es ſummte wie aus einem Bienenſtocke zu ihm herauf. Er war keinen Augenblick im Zweifel, was dieſes zu bedeuten habe. Er kleidete ſich ſchnell an, und das breite Schwert an der Hüfte, die geladenen Piſtolen im Gürtel, und den Karabiner im Arme, eilte er zur Thüre hinaus. Hier traf er auf Jack, der eben zu ihm gewollt. Auch dieſer war vollkommen bewaffnet, mit Schwert, Piſtolen und Flinte. „Die Mohawks ſind über uns,“ ſagte er,„und ſo viel zu bemerken iſt, in beträchtlicher Anzahl. Es iſt ein ſchändlicher Ueberfall,— ſo lange noch unſere Abgeſandten bei ihnen ſind, um zu unterhandeln,— und ohne die rothe Streitaxt zu überſchicken— den Kriegspfad gegen uns zu betreten,— wäre von der Erſten der„fünf Nationen“ kaum zu erwarten geweſen; aber ich habe doch nicht ganz getraut— und es war gut, daß ich geſtern noch unten im Dorfe meine Befürchtungen ausſprach!“ „Alſo hattet Ihr Muthmaßungen?“ fragte Frank Lincoln. 204 „Nicht eben Muthmaßungen,“ erwiederte der Krämer, —„denn da läßt ſich ſchwer muthmaßen, wo man in einem vollkommenen Dunkel ſich befindet. So lange nicht von einer Nation der andern das rothe Beil oder das Bündel Pfeile, in die Haut einer Klapperſchlange eingewickelt, über⸗ ſchickt iſt, iſt auch noch kein offener Krieg zwiſchen dieſen beiden Nationen; aber dieſes ſagt noch nicht, daß nicht ein kriegeriſcher Stamm den andern überfallen kann,— wie Ihr das heutige Beiſpiel habt. Aber dieſes geſchieht dann mit ſolcher geheimnißvollen Vorſicht, daß man wirklich nicht den entfernteſten Gedanken davon hat, während in ver nächſten Minute der ganze Schwarm einem bereits auf dem Genicke ſitzt,— doch diesmal haben ſie uns doch nicht ſo ganz unvorbereitet getroffen,— auf meinen Rath hin hatten, ſeit das Gerücht von Oh⸗he⸗ta⸗nas' toller Hand⸗ lung zu uns kam, abwechſelungsweiſe jüngere Burſche, mit ganz feinem Ohr begabt, die Nächte in den Wäldern zuge⸗ bracht,— ſolch' ein indianiſches Ohr hört das Schwirren einer Mücke auf einer halben Meile Entfernung, um ſo mehr den Marſch einer Truppe Krieger und wenn dieſe auch mit dem Schritt des Indianers mehr über den Erd— boden hin zu ſchweben, als ihn zu betreten ſcheinen. Es hat den ſchurkiſchen Mohawks nichts genützt, daß ſie unter ſich vielleicht vier und zwanzig Stunden hindurch nicht ein Wort geſprochen, ſondern nur durch Zeichen ſich verſtändigt haben, daß ſie nur halbe Athemzüge geholt und den Schlaf vermieden haben, um nicht durch ein unbe⸗ wußtes Geräuſch ſich zu verrathen,— wir wußten doch ſchon ſeit zwei Stunden von ihrem Beſuche und die Renner ſind abgeſchickt, um die benachbarten Dörfer von dieſem Einfall in Kenntniß zu ſetzen.“ „Und wie wird jetzt ihr Angriff ſein?“ fragte Frank mit Intereſſe. Er hatte noch keine Idee von der india⸗ niſchen Kriegsführung und war zu viel jugendlicher Aben⸗ teurer, um ſich nicht in dieſem Augenblicke mit voller Seele der Sache der Pequots anzunehmen. „Es iſt die Frage, ob ſie überhaupt angreifen,“ er⸗ wiederte der Krämer,—„ſie ſehen ihren Plan, uns zu überraſchen, vereitelt und halten jetzt wahrſcheinlich dort oben im Dunkel des Waldes Berathung, was weiter zu thun ſei. Eine vereitelte Ueberraſchung ruft einen offenen Kampf hervor, wo ihrerſeits ſo viele Köpfe ſkalpirt werden können, als ſie von uns Skalps heimbringen, und ſolches bringt dem Häuptling, welcher dieſes Unternehmen führt, wenig Ehre ein, wenn er heimkommt,— ſolch' ein Kriegs⸗ oberſter will aber volle Ehre gewinnen oder keine,— es iſt daher nicht ſelten, daß es in ſolchen Fällen nur beim blinden Lärm bleibt.“ Die Beiden waren unter dieſem Geſpräche in das Dorf hinabgekommen, wo ſie bereits Männer, Jünglinge, 206 ſelbſt halberwachſene Knaben in vollem Kriegerſchmucke und in voller Aufregung fanden. Die beiden weißen Männer wurden mit einem Freudengeſchrei, wie es nur indianiſche Kehlen hervorzuſtoßen im Stande ſind, empfan⸗ gen. Man erwartete, und nicht mit Unrecht, von dieſen beiden Männern mit ihren Schießgewehren eine bedeutende und nachdrückliche Unterſtützung zu erfahren. Denn zu dieſer Zeit waren die Pequots noch nicht ſo weit in Be⸗ rührung mit den Koloniſten gekommen, um ihre National⸗ waffen mit denen der Europäer zu vertauſchen, wie es nach der Hand geſchah, aber ſchon kannte man die Wir⸗ kung der Letzteren und wußte, welches Uebergewicht ein Feuergewehr über den indianiſchen Bogen hatte. Dieſes Freudengeſchrei war aber bis zu den Höhen hinaufgedrungen, wo die feindlichen Mohawks ſich herum⸗ trieben. Es lockte eine größere Anzahl derſelben aus dem verbergenden Gehölze hervor, weiche neugierig ſein mochten, die Urſache dieſes ſchrillen Gejauchzes zu erfahren. Es mochte aber in dieſer Zeit auch bei der im Innern des Waldes gepflogenen Berathung zu einem Reſultate ge⸗ kommen ſein; denn eine Schaar dunkler Geſtalten hüpfte und ſprang jetzt den Hügel herab,— und ſogleich regte es ſich zwiſchen den Büſchen und im Unterholze der Gräben und Abhänge, welche von den waldigen Höhen in's Thal herabführten, und wo man hinblickte, traf man auf buntbe⸗ —.— federte, wildbemalte, bewaffnete Mohawks, die wie toll herabſtürzten,— die Gefahr rückte immer näher. Eine lange Linie wild blickender Krieger bewegte ſich jetzt in den Wieſen, gerade auf das Dorf zu;— da ſchwirrte es durch die Lüfte,— eine Wolke von Pfeilen flog umher,— ein⸗ zelne jähe Schreie waren zu hören,— der ſchrille Schlacht⸗ ruf erhob ſich, von der ganzen feindlichen Linie ausgeſtoßen, — aber es wurde, wie zur Antwort, eine Wolke von Pfeilen ihnen zugeſchickt, und es blitzte auf,— der Knoll des von Jack abgefeuerten Gewehrs dröhnte durch das Thal hin und widerhallte im zwanzigfachen Echv,— und es blitzte abermals auf, der Knall folgte und die Rauch⸗ wolken kräuſelten ſich dem blauen Himmel zu,— Frank hatte ſein Ziel ſo gut wie der Krämer genommen,— das in Stücken zerhackte Blei, welches ſie eingeladen, hatte mehr als eine Rothhaut durchbohrt,— auf jeden Schuß waren drei oder vier ſchwer Getroffene zu Boden geſtürzt. Nicht daß die Mohawks die Gewalt der Feuer⸗ waffen noch gar nicht kannten,— aber hier, bei ihrem An⸗ griffe auf die Pequots, hatten ſie nicht erwartet, ſolchen zu begegnen. Wie auf Kommandowort kehrte die ganze Linie der angreifenden Partei um, und ſchneller, als ſie die Abhänge herabgekommen, tollten ſie wieder hinauf,— und verſchwunden war jeder Feind im Dickicht des Waldes, mit Ausnahme jener, die getödtet oder ſchwer verwundet, 208 als dunkle Klumpen auf der grünen Wieſenfläche zurückge⸗ blieben waren. Ein Freudengeſchrei ſchallte ihnen nach; aberJack ließ ſich durch dieſen raſchen Rückzug nicht irre führen,— er rief mit donnernder Stimme jene zurück, welche hinge⸗ rannt waren, um ſich der Gefallenen zu verſichern,— er befahl mit dringenden Worten, ſich zuſammenzuhalten und einen erneuerten Angriff abzuwarten. Er war aber auch nicht ſäumig, raſch ſein Gewehr wieder zu laden,— welchem Beiſpiel natürlich auch Frank Lincoln folgte. „Sollte mir faſt leid thun,“ ſagte dieſer zu ſeinem Freunde,—„wenn damit ſchon die ganze Geſchichte beendet wäre. Ich möchte den hinterliſtigen Mohawks gern eine etwas derbere Lection geben, da ſie, wie Ihr ſagt, gegen den Völkergebrauch, ohne vorhergehende Kriegser⸗ klärung, die Pequots zu überfallen gedachten; nebſtbei hätte ich wohl auch gern einmal mein gutes Schwert mit der Streitaxt eines ſo grimmig blickenden Häuptlings ge⸗ meſſen,— möchte doch ſehen, wie er eine Quart zu pariren verſteht.“ „Dafür kann ſich die Gelegenheit wohl noch geben,“ erwiederte Jack,—„denn ich kann es nicht glauben, daß die Mohawks mit dem, was ſie erfahren, abziehen ſollten. Sie laſſen etwa ſechs oder ſieben Skalps in unſern Händen, ohne auch nur einen an ihren Gürteln hängen zu haben. So zieht der Mohawk nicht in ſeine Dörfer zurück,— dafür kenne ich ihn; aber jedenfalls haben wir einen Vor⸗ theil gewonnen,— die braven Pequots ſind voll ſichern Muthes, während jene oben im Walde etwas zweifelhaft zu ſein ſcheinen.— Seht'mal, was ſich dort ſehen läßt.“ Er wies nach einem der höchſten Punkte der Hügel⸗ reihe, welche das Thal umgaben, hin, und da war eine kleine Truppe Indianer, dicht beiſammenſtehend, zu bemer⸗ ten. Von dieſer etwas entfernt ſtanden zwei Männer, welche eifrig mitſammen zu ſprechen ſchienen, dabei heftig geſtikulirten und häufig mit dem ausgeſtreckten Arme in das Thal hinabwieſen. Obwohl die Entfernung eine ziemlich beträchtliche war, ſo ſtanden die Beiden doch in einer ſo günſtigen Beleuch⸗ tung des jungen Tages, daß manche Einzelheiten an ihrem Aeußerlichen zu bemerken waren. Der Krämer, welcher von Natur aus mit einem ungemein ſcharfen Sehorgan be⸗ ſchenkt war, hatte dieſes auch noch beſonders geübt, und er konnte mit Beſtimmtheit zu dem neben ihm ſtehenden Freunde ſagen: „Beide ſind Häuptlinge und zwar mehr als gewöhn⸗ lichen Ranges. Der Eine ſcheint mir ein ältlicher Mann zu ſein und wahrſcheinlich der Führer dieſer Expedition, welche ſicher nicht von einem einzelnen Clan, ſondern von 1858. V. Van Hoboken. II. 14 210 der ganzen Nation ausgeht. Der Andere iſt jünger, be⸗ weglicher und unzweifelhaft dem Führer der Nächſte im Range. Beide ſind voll bewaffnet, aber nur mit einem Leibgürtel und den ledernen Beinkleidern bekleidet, wie die Krieger zu thun pflegen, wenn ſie in die Schlacht gehen, und gern überflüſſige und ſie in freier Bewegung hindernde Kleidungsſtücke ablegen. Daß Beide jedoch von hohem Range ſind, beweiſet der Leibgürtel von Scharlach⸗Tuch und die ledernen Beinkleider mit Franſen und indianiſchen Zierrathen behangen. Der Züngere hat einen geſchorenen Kopf und nur die ritterliche Skalplocke gelaſſen; aber der Aeltere hat einen Gürtel von Wampum um ſeinen Kopf gewunden. Bin doch neugierig, was ihre Berathung für einen Endzweck haben wird.“ Aber die Erwartung der Pequots wurde auf keine lange Folter geſpannt. Der ältere der beiden Häupt⸗ linge ſchien dem jüngern einige Befehle zu geben. Die⸗ ſer verſchwand im Gehölze mit Schnelligkeit und der ältere folgte ihm etwas langſameren und bedächtigeren Schrittes. Es dauerte nicht lange und es ertönte in einer ganz anderen Richtung, als von woher der erſte Angriff geſchehen war, der laute Schlachtruf der Mohawks, und von dort⸗ her ſtürzte ein Schwarm Krieger, den jüngern Häuptling an der Spitze, die Hügel herab auf das Dorf zu. Mit Windeseile trieb der Haufe der Pequots dieſem Anfalle entgegen. Pfeile flogen hin und herüber,— der ſchrille Schlachtruf der Mohawks und der Pequots ertönte,— aber zu einem eigentlichen Angriff wollte es noch immer nicht kommen, da die Mohawks beinahe Miene machten, ſich nochmals zurück zu ziehen, und die Pequots nöthig⸗ ten, ihnen zu folgen. Jack und Frank waren dem Haufen ihrer indiani⸗ ſchen Alliirten gefolgt, hatten es aber bis jetzt noch nicht für nöthig befunden, abermals ihre todbringenden Gewehre abzufeuern,— und ſie hatten auch ganz wohl gethan,— denn jetzt, während des Zurückweichens der Mohawks und des Nachdrängens der Pequots, während ſich Alles dem oberen Theile des Thales zudrängte, da rollte ſich mehr, als er rannte, ein Schwarm wilder Krieger im Rücken der Pequots von den Hügeln herab,— Jack durchſchaute nun wohl die Abſicht des alten Häuptlings, der ſelbſt in eigener Perſon an der Spitze dieſes Haufens erſchien, doch jetzt weit weniger gemeſſen und bedächtig in ſeinen Bewe⸗ gungen, als vor Kurzem oben am Saume des Waldes, wo er ſeine Befehle gegeben. Die Pequots ſahen ſich nun eingeſchloſſen und von zwei Seiten zugleich angegriffen. Jetzt gilt es, Frank!“ rief der Krämer, und ſchnell ſich wendend, feuerte er ſein Gewehr, dem dickſten Haufen zu, ab,— Frank ließ nicht einen Augenblick warten,— wohl ſtürz⸗ 14* ————— 212 ten da fünf, ſechs oder ſieben der wilden Krieger, aber der erſte Schreck war überkommen und mit einem fürchterlichen Geſchrei drängte der Menſchenknäuel vorwärts.— Raſch riß Frank ſein Piſtol aus dem Gürtel, aber da war er auch ſchon im wildeſten Gedränge, getrennt von Jack,— er feuerte ab, ohne beſtimmtes Ziel, und das abgeſchoſſene Gewehr nach einem buntbefederten Schädel ſchleudernd, riß er ſein gutes Breitſchwert aus der Scheide und mit einigen ritterlich geführten Kreuzhieben machte er ſich nach rechts und links Luft,— dort, nicht fünf Schritte Ent⸗ fernung, traf ſein Blick das Antlitz ſeines Freundes, aber zehn, funfzehn, zwanzig roth und ſchwarz beſ chmierte Fratzen drängten ſich eben ſo ſchnell wieder dazwiſchen,— ziſchend fuhr ſeine gute Klinge durch die Luft,— dahin flog ein befedertes Haupt, dorthin das andere; aber die alte Hydra⸗ fabel ſchien ſich zu verwirklichen, die buntbemalten Geſichter wuchſen in immer neuer Anzahl ihm entgegen. Der Kampf im geſtern noch ſo friedlichen, ruhigen Thale war ein fürchterlicher, mörderiſcher,— Mann gegen Mann, Fauſt gegen Fauſt, mit Meſſer und Streitaxt,— eine Partei wüthend fechtend für Ehre und Sieg, die an⸗ dere verzweiflungsvoll kämpfend für Heimath, für Leben, für Weib und Kind,— der Stoß des Meſſers, der Fall des blitzenden Tomahawks, begleitet vom Höllengeſchrei des Jubels, beantwortet von den Schmerzenslauten der — 213 Verzweiflung, oder durch den erwürgenden Griff einer Hand, geſchloſſen im unauflöslichen Krampf des Todes; — die Menſchen fielen in Haufen, und wenn der Sieger ſich erhob und verſuchte, die Körper jener von ſich abzu⸗ ſchütteln, welche zu ſeinen Füßen den letzten Athemzug ver⸗ hauchten, da fiel ſein Blick auf die ſterbenden Züge von Freunden und Feinden,— dazwiſchen das wilde Geheul, das Siegesgeſchrei, der letzte Todesſang,— da ſah man Einen, der vergeblich bemüht war, die feſtgeſchloſſene Hand eines Leichnams, die ihn feſt gepackt hatte, zu löſen,— dort ſah man Einen die Zähne feſt in das Geſicht des unter ihm liegenden Feindes gedrückt,— da ſchwingt Einer das dampfende Zeugniß des indianiſchen Triumphes vor den ſtarren, aber noch ſinnbewußten Augen des verſtümmelten Opfers, von deſſen Haupte es geriſſen war,— doch wir wollen nicht weiter ausmalen dieſe fürchterliche Scene der beſtialiſchen Wildheit und des mörderiſchen Schlachtens, da ertönt ein Jubelſchrei,— von zehn, von zwanzig Stim⸗ men,— hunderte ſtimmen ein,— dicke Rauchwolken ſtei⸗ gen himmelan,— das Dörfchen ſteht in Flammen,— Weibergeheul und Kindergeſchrei vermiſcht ſich mit dem Ge⸗ brüll der Sieger,— mit dem Geheule der Verwundeten. Wie ein Wüthender hieb Frank Lincoln um ſich, und obwohl er bereits aus einer Fleiſchwunde an der lin⸗ ken Schulter blutete, wo ihn die Streitart eines Mohawks 214 geſtreift hatte, ſo war er doch ein ſo kräftiger Jüngling, aufgewachſen unter Gefahren und erprobt in manchen Abenteuern, und ein ſo gewandter Fechter, daß er ſtets im Umkreiſe ſich freie Bahn machte, wo die Gegner vor ſeinem, in ſteten Kreuz⸗ und Querhieben raſch ſich bewegenden Schwerte zurückwichen oder zu Boden geſtreckt wurden. Er war bemüht, ſich ſeinem Freunde zu nähern, der in gerin⸗ ger Entfernung von ihm, von mehrern Pequots umgeben, mannhaft Stand hielt, und ſicher wäre es ihm gelungen; doch da änderte ſich der Angriff,— er hatte es nicht län⸗ ger mehr mit einem Halbdutzend gemeiner Krieger zu thun, die er bisher mit ſeiner gewandten Klinge in ſchuldigem Reſpecte erhalten hatte,— da drang durch das Gedränge der Kämpfer der ſtattliche Häuptling, mit dem Gürtel von Wampum um den Kopf gewunden, ihm entgegen. Dieſer hatte ſeine Aut hoch geſchwungen und blickte ſtolz um ſich herum,— gleichſam als ſähe er ſich nach einem würdigen Gegner um. Unſer ritterlicher Kämpfer ſchien ihm ein ſolcher zu ſein,— denn gerade auf dieſen zu kam er nun, mit einer Schaar untergeordneter Krieger, die ihm auf dem Fuße folgten. Die Mohawks, mit denen Frank Lincoln bisher in heißem Kampfe ſich gemeſſen hatte, erhoben bei der An⸗ kunft des großen Sachems ein Freudengeſchrei, und wichen zur Seite, als wollten ſie ihm die Ehre überlaſſen, den Skalp dieſes wüthenden Kämpfers an ſeinen Gürtel zu hängen. Dieſer ſelbſt aber fühlte ſich zu erhaben, um ſeine Gefühle laut werden zu laſſen, und kam ſchweigend dem Kampfplatze näher. Als ſich die Bande der Mohawks auf dieſe Weiſe theilte, bildete ſie gleichſam einen Kreis und Frank Lincoln ſah ſich dem großen Sachem gegen⸗ über. Dieſer, obwohl nicht in der vollen Blüthe der Ju⸗ gend, war doch noch in dem kräftigſten Mannesalter, dabei von mehr als gewöhnlicher Größe und mit einer ausgebil⸗ detern Muskulatur begabt, als man bei der indianiſchen Race gewöhnlich zu finden pflegt. Er hatte den rechten Arm gehoben und hielt die Art über den Kopf geſchwungen, — er blieb ſtehen, und warf den dräuenden aber zugleich den Blick der Ueberraſchung auf ſeinen Gegner,— er fand ſich einem blaſſen Geſichte gegenüber,— dieſes hemmte für den Augenblick ſeinen Schritt und verzögerte ſeinen Angriff. Auch Frank hielt inne,— er hatte zwar ſein Schwert in voller Parade, ſeinen Körper wohl deckend, und ſein Auge feſt auf das Auge ſeines Feindes gerichtet, war er geſichert vor jeder Ueberraſchung; aber es kam ihm ganz wohl zu Statten, daß er einige Momente ausſetzen konnte, da ihn der bis jetzt geführte Kampf warm in Athem ge⸗ halten hatte. Es war ein impoſanter Anblick, dieſe beiden Helden⸗ geſtalten ſich einander gegenüber ſtehen zu ſehen. Frank hatte in der Hitze des Kampfes ſeinen Federhut vom Haupte verloren. Sein dunkelbraunes glänzendes Haar flatterte vom Winde bewegt, in wilder Unordnung um den ſchönen Kopf mit den jugendlichen und doch männlichen Zügen,— die Geſichtsfarbe war eine durch den heißen Kampf hochgerö⸗ thete,— das große, dunkle Auge, welches in lebhafter Be⸗ wegung ſtets zu fragen ſchien: wo giebt es eine Gefahr, der ich nicht gewachſen wäre? war jetzt muthig, drohend, kühn herausfordernd und ſchien zu ſagen:„wer wagt es, ſich mir gegenüber zu ſtellen?“ Das Lederwamms war vorn offen und zeigte den kräftigen Hals, die hochgewölbte Bruſt, blen⸗ dend weiß mit blauen Adern durchzogen, in welchem das bewegte Blut raſch circulirte und pochte und hämmerte, als ob es die Gefäße, in denen es ſtrömte, zerſprengen zu wollen ſchien. Seine ſchlanke und doch kräftige Geſtalt ruhte auf dem einen Bein, welches wie an den Erdboden angewachſen war, während das andere nach vorwärts ge⸗ ſtellt, jeden Augenblick bereit war, vorzurücken oder ſich zu⸗ rückzuziehen, je nachdem es die Art des Kampfes erheiſche. Der linke Arm war zurückgezogen, der rechte bis zur Höhe der Augen aufgehoben und das ritterliche Schwert mit der Spitze nach vor⸗ und aufwärtshaltend, wodurch er den et⸗ waigen Angriff gegen ſein Haupt parirte. Sein Gegner, der große Sachem, war nach der Sitte ſeines Volkes kaum halb bekleidet in's Feld gezogen. Seine Stellung war wie zu einem augenblicklichen Sprunge vor⸗ bereitet: beide Beine in den Knieen etwas gebogen, eines kaum etwas weniges dem andern vorgeſetzt, den Kopf nie⸗ dergezogen und etwas vorgeſtreckt, der Rücken etwas ge⸗ beugt,— es bedurfte nur des elaſtiſchen Aufſchnellens der ſehnigten Muskeln, um den ganzen Körper zum vollen Sprunge zu bringen; die eine Hand hielt den Griff der Art gefaßt, welche jetzt nicht mehr über dem Haupte ge⸗ ſchwungen war, ſondern mit der rechten Hüfte in einer Linie lag, während die andere Hand mit feſtem Griffe an der aus Hirſchgeweih geſchnitzten Handhabe des Meſſers lag, das noch in ſeinem Gürtel ſteckte. Der Ausdruck ſei⸗ nes Geſichts war drohend, ernſt, durch die angewendeten Farben wildblickend, aber doch dabei ruhig und würdevoll, wie es dem Sachem einer großen Nation zukam,— das Auge war nicht minder ſtarr und feſt auf das ſeines Geg⸗ ners gerichtet,— und ſo ſtanden ſich die Beiden einander gegenüber,— etwa wie zwei Beſtien der Wüſte,— eines des andern Kraft und Kampfesfähigkeit erkennend— mit Verlangen den Augenblick des Angriffes erwartend,— aber vorſichtig zaudernd, um dieſen nicht ſelbſt erfolglos und dann zum eigenen Nachtheil zu machen. War es nun, daß der Indianer ſeiner Schnelligkeit mehr vertraute, als der Europäer, oder machte dieſer viel⸗ leicht eine leichte Bewegung, welche der Erſtere für einen 1858. V. Van Hoboken. II. 14 218 Angriff nahm, dem er zuvorkommen wollte, genug, er war es, der ſich jetzt plötzlich aus ſeiner halbgebückten Stellung aufſchnellte, und in demſelben Augenblicke ziſchte auch der Tomahawk durch die Luft, um im raſchen Niederfallen das Haupt ſeines Gegners zu ſpalten,— aber war dieſer An⸗ griff eben nur ein Blitz, der kaum mit dem Auge verfolgt werden konnte, ſo war es auch die Wendung des Breit⸗ ſchwertes, in der Fauſt des ritterlichen Kämpfers, zer⸗ ſplittert war die Handhabe der Tod drohenden Streitaxt, und durch eine Fechterwendung aus der Fauſt deſſen, der ſie geführt, gewunden; aber dadurch war auch das Schwert aus ſeiner ſchützenden Haltung gekommen, und wenn auch nur für einen Augenblick, ſo doch lange genug für das Auge eines Indianers,— mit dem Sprunge eines Panthers war dieſer auf ſeinem Gegner,— und durch die Wucht des Sprunges, wie auch durch Ueberraſchung dieſer zu Bo⸗ den gedrückt. Es begann jetzt ein arger Kampf, Fauſt gegen Fauſt— jedenfalls war Frank Lincoln dabei im Nachtheil, aber kräftig und gewandt wie er war, gelang es ihm, die auf ihm liegende Laſt von ſich zu wälzen und den Indianer unter ſich zu bringen, und wie er mit feſtem Griffe die Hand an die Gurgel ſeines Gegners gelegt hatte, da blickte er in das glotzende ſtarre Auge des rothen Man⸗ nes, der vergebens nach Athem ſchnappte,— da fühlte er, wie deſſen Griff nachließ und die Hand erſchlafft zur Seite 219 fiel—— doch da traf ein ſchwerer Schlag ſein Hinter⸗ haupt,— da dröhnte es ihm im Kopfe,— da ſchwamm es ihm vor den Augen,— noch hörte er den ſchrillen Sie⸗ gesſchrei aus zwanzig, dreißig Kehlen.—— Endr des zwriten Chriles. — — — — — — S Druck von Gieſecke& Devrient.