cc cc cce— ————— Leihbibliothekt deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 9 0* Gduard Oltmann in Cießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und weſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Bei Ruckgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————————— auf 1 Monat: 1 Mi.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„— 7„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlbrene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene und defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe i auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche di ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. g eee 1 * . S — —— Bibliothek deutſcher Originalromane der beliebteſten Schriftſteller. Dreizehnter Jahrgang. Pierter Band. Van Hoboken. E ——— Prag und Leipzig, Verlag von J. L. Kober. 1858. van Hoboken. Erzählung aus Drr rraten Zrit der Bylunirn in Murdamrrika von Friedrich Wilhelm Arming.. Erſter Band. Prag und Leipzig, Verlag von J. L. Kober. 1858. — Erſtes Capitrl. „Unterſchied „Muß immer ſein. Wir ſind zwar alle Menſchen „Doch, lieber Gott, die Stufen ſind verſchieden.“ Oehlenſchläger. Corregio. Die Provinz Neu⸗Niederland in Nordamerika, die Kolonie der holländiſch⸗-weſtindiſchen Kompagnie, hatte endlich angefangen, ſich einige Geltung zu verſchaffen, nachdem ſie lange genug weit hinter den benachbarten Anſiedelungen der Engländer, Franzoſen und ſelbſt der Schweden zurückgeblieben war. Neu⸗England zählte be⸗ reits über zwanzigtauſend Einwohner, während die Zahl der Anſiedler in Neu⸗Niederland kaum auf dreitauſend angewachſen war. Das erbärmliche Fort Beaverswyk oben am Hudſon, das heutige Albany, war nur von we⸗ nigen Hütten oder Blockhäuſern umgeben; die Inſel Man⸗ hattan zeigte noch größtentheils dichten Urwald; und ſelbſt die meiſten der in der erſten Zeit der Koloniſation begon⸗ —.——— nenen Anpflanzungen waren während des indianiſchen Krieges, der durch den Unverſtand des Statthalters Wil⸗ helm Kinft hervorgerufen worden, wieder verlaſſen; und Neu⸗Amſterdam, der Sitz der Statthalterſchaft, war in der That nicht mehr als ein armſeliges Dorf von roh aufgebauten Hütten, geſchützt durch Palliſaden und ein Fort, welches dieſes eben auch nur dem Namen nach war, im Falle der Nothwendigkeit ſich jedoch ſicher nicht als das bewährt hätte, was dieſe ſtolze Benennung verhieß. Da wurde Peter Stuyveſant zum General⸗ director oder Statthalter der Provinz Neu⸗Niederland eingeſetzt. Es iſt nicht zu läugnen, daß dieſer Mann, bei allen Fehlern, die ihm vorgeworfen werden, doch auch ſicher viele höchſt ſchätzenswerthe Eigenſchaften beſaß. Man nennt ihn ſtolz, aufbrauſend, eigenſinnig, herrſchſüchtig;— aber es iſt außer Frage, daß eben dieſe Autokratie, welche er ausübte, gerade wohlthätig für eine junge Kolonie ſich zeigte, die größtentheils aus holländiſchem Phlegma und einer unbeweglichen Vorliebe für friedliche Ruhe und— die Delfterpfeife zuſammengeſetzt war. So lange die Kolonie nur mit den gutmüthigen, um ſie herum wohnen⸗ den Indianerſtämmen zu thun hatte, dieſen ihre Biber⸗ und Otterfelle abhandelte, allenfalls Kohlgärten anlegte, mitunter ein wenig Tabaksbau trieb,— ſo lange ſtanden die Angelegenheiten gut genug; als aber im Süden, Nor⸗ 8 7 den und Weſten die Kolonien anderer Nationen erſtanden, und dieſe mit mehr Energie, als im holländiſchen Blute liegt, nach Ausbreitung des Territoriums und des Handels ſtrebten, da genügte nicht länger mehr der Rath von Ver⸗ trauensmännern, welche Friede, Ruhe und den holländi⸗ ſchen Knaſter über Alles liebten, da bedurfte es eines Mannes, der mit Kraft auftrat und den Muth hatte, jenen Gelüſten nach Ausbreitung Schranken zu ſetzen. Peter Stuyveſant war dieſer Mann, und die holländiſch⸗ weſtindiſche Kompagnie hätte keinen beſſern als ihn zum Statthalter der jungen Provinz ernennen können. Er war ein gerader, ehrenwerther, tapferer und wohlgeſchulter Soldat, der es einſah, was einer Kolonie Noth that, die durch die Schläfrigkeit und Unbeholfenheit eines Van Twiller und durch den Eigendünkel und die Rückſichts⸗ loſigkeit eines Wilhelm Kinft ſo weit herabgekommen war, daß ſie trotz den glänzenden Ausſichten bei ihrer erſten Gründung jetzt ihrem gänzlichen Verfalle ziemlich nahe ſtand. Der Anfang ſeiner Regierung machte ſich durch eine mehr tolerante Politik gegen die benachbarten Indianer⸗ ſtämme bemerkbar, wodurch er den durch ſeine Vorgänger hervorgerufenen und genährten Haß derſelben gegen die Holländer zu bekämpfen wußte. Dadurch ſicherte er der Kolonie den für dieſe noch am meiſten werthvollen Handel in Pelzwerken und bildete durch die Freundſchaft der Stämme ein Bollwerk gegen das Näherrücken der benach⸗ barten Kolonien. In dieſer Beziehung war dann auch die endliche Entſcheidung der ſchon lange in Zweifel und Streit ſchwebenden Territorial-Frage mit Neu⸗England eine wichtige Angelegenheit. Aber dieſe war nicht ſo leicht abzuwickeln. Die puritaniſchen Kolonien waren, ſowohl durch Anzahl als durch Einigkeit im Handeln, bereits mächtig geworden und daher wenig geneigt, den Prote⸗ ſtationen eines ſchwächern Nachbars, deſſen Anſprüche auf irgend ein Territorium in Nordamerika ſie überhaupt noch immer bezweifelten, Gehör zu ſchenken. Peter Stuy⸗ veſant ſah es wohl ein, daß er durch Gewalt hier nichts gewinnen, ſondern nur Alles verlieren könne; alſo ſuchte er dieſe Frage auf gütlichem Wege zu ſchlichten, und er brachte es auch wirklich dahin, daß durch einen proviſori⸗ ſchen Vertrag eine Grenzlinie zwiſchen den beiden Kolonien gezogen wurde, welche, wenigſtens vor der Hand, die Neu⸗ Engländer nicht zu überſchreiten verſprachen. Mit der Zeit hoffte er die Kolonie der Holländer ſo weit zu heben und zu erkräftigen, daß er die Aufrechthaltung dieſes Ver⸗ trages auch durch Gewalt erzwingen könne. Zu dieſem Ende wandte er nun auch ſeinen Blick den ſchwediſchen Niederlaſſungen am Delaware zu. Er vermied zwar Anfangs auch gegen dieſe offene Feindſeligkeiten, und 0 beſchränkte ſich darauf, durch die Aufführung des Forts Caſimir nahe der Mündung des Fluſſes Brandywine den Handel der Holländer in dieſer Gegend zu ſchützen; als aber nach manchen Anfeindungen und Zwiſtigkeiten mit der Beſatzung des nur fünf engliſche Meilen entfernten ſchwediſchen Forts Chriſtiana, der ſchwediſche Gouverneur Riſingh endlich ſo weit ging, die holländiſchen Truppen aus Caſimir zu vertreiben und davon Beſitz zu nehmen, da kam dieſes dem berechnenden alten Peter eben recht, und er trat nun in der vollen Würde eines militäriſchen Generaldirectors der Provinz Neu⸗Niederland auf. Mit allem Eifer traf er ſeine Anſtalten, und trotz der Hinder⸗ niſſe, welche die Kurzſichtigkeit, Lauigkeit und ſelbſt der Unwille ſeines Volkes ihm in den Weg legten, brachte er die Expedition doch endlich zu Stande. Mit ſechshundert Mann ſegelte er von Neu⸗Amſterdam ab, fuhr in den Delaware ein, nahm ein Fort der Schweden nach dem andern, bis er endlich vor Chriſtiana ſelbſt erſchien. Riſingh verſuchte wohl Widerſtand, fand jedoch bald aus, daß er es diesmal mit einem Manne, der nicht blos Pelzhandel und Tabakſchmauchen verſtehe, zu thun habe;— er kapitulirte auf ehrenhafte Bedingungen und die ganze ſchwediſche Kolonie aus etwa ſieben bis achthundert Köpfen beſtehend, erkannte die Jurisdiction der hochvermögenden Generalſtaaten an, und wurde in 10 dem Beſitz ihrer Ländereien und ihres perſönlichen Eigen⸗ thumes beſtätigt. Dieſer Gewinn an Territorium und Bevölkerung war ver erſte Schritt, den die Provinz Neu⸗Niederland unter der Statthalterſchaft des braven Peter Stuyve⸗ ſant vorwärts gemacht hatte. Aber er blieb dabei nicht ſtehen; er legte den hochvermögenden Generalſtaaten ſeine Anſichten, ſeine Pläne vor,— er erklärte und bewies die Maßregeln, welche nothwendig wären, um die Provinz Neu⸗Niederland nicht nur vorwärts zu bringen, ja ſelbſt vor einem gänzlichen Untergange zu bewahren, und die hochvermögenden Generalſtaaten waren vernünftig genug, ſeinen Vorſchlägen Gehör zu ſchenken und ſie in Ausfüh⸗ rung zu bringen,— und die Provinz Neu⸗Niederland ſchritt von dieſer Zeit an wirklich feſt und ſicher vorwärts, ſowohl in Anzahl als auch in Wohlſtand. Die Einwande⸗ rung zu den Ufern des Hudſon wurde durch weiſe und liberale Verfügungen aufgemuntert. Die religiöſe Tole⸗ ranz, deren ſich Alle, die hierher kamen, erfreuen durften, beſtimmte Leute von allen Gegenden von Europa, aber auch viele aus der benachbarten Provinz Neu⸗England, wo dieſe Religionsfreiheit durchaus nicht herrſchte, ihren Wohnſitz in dieſem geſegneten Lande aufzuſchlagen. Teutſch⸗ land, England, Frankreich, Schweiz und Italien ſteuerte bei, um die Bevölkerung von Neu⸗Niederland zu ver⸗ 11 mehren und das Dörfchen aus Blockhäuſern und ſtroh⸗ gedeckten Hütten an der Südſpitze der Manhattan⸗Inſel verwechſelte ſeine urſprünglichen, rohen Wohnhäuſer mit ſtattlichen Häuſern und Gebäuden von imponirendem Aeußern. In andern Ländern verfolgte Flüchtlinge fanden Willkommen und eine Heimath in Neu⸗Amſterdam. Hand⸗ werker, Landbebauer, Fremde und Verwieſene, Leute an Arbeit, Mühe und Entbehrung gewöhnt, wurden durch den Antrag einer freien Paſſage von der alten Welt hin⸗ über in die neue eingeladen, durch ihren Beiſtand die Kolonie groß zu machen; und die Directoren der hollän⸗ diſch⸗weſtindiſchen Compagnie hatten bald die Genug⸗ thuung, die Früchte ihrer liberalen Politik zu ſehen: die Provinz NeuNiederland, vor Kurzem noch durch Ein⸗ ſchränkungen und Monopole in ihrem Wachsthume auf⸗ gehalten, begann jetzt bereits eine Stellung anzunehmen, welche die ſanguiniſchen Vorherſagungen ihrer künftigen Größe zu rechtfertigen ſchien. Der Ackerbau begann zu blühen,— der Handel nahm an Ausdehnung zu; nicht nur Pelzwerk, ſondern auch Weizen, Ochſen⸗ und Schweine⸗ fleiſch, Tabak und Bauholz wurden ausgeführt,— Arbeits⸗ leute waren ſtets zu wenig,— und Friede und Ueberfluß belohnte jeden Fleißigen. Um dieſe Zeit herum,— oder mit einer mehr ge⸗ nauen Zeitbeſtimmung zu ſprechen: im Jahre 1648, an 12 einem ſchönen Septembertage ſegelte ein Schiff den maje⸗ ſtätiſchen Hudſon herab, Bau und Takelwerk ließen es als ein holländiſches erkennen, und ſeine Bewegungen wider⸗ ſprachen dieſem ebenfalls nicht; denn obwohl ein ganz ſchöner Wind die Segel blähte, ſo hatte holländiſche Vor⸗ ſicht deren doch nur eben ſo viele aufgezogen, als zu einer mäßigen und daher ruhigen Fahrt ſtromabwärts erforder⸗ lich waren, das Mehr jedoch eine zu große, den Grund⸗ ſätzen des Dutchman widerſprechende Eile bewirkt haben würde. Mit aller Seelenruhe und in dem vollen Gefühle, immer noch zur rechten Zeit das Ziel ſeiner Reiſe zu er⸗ reichen und dabei ſein Schiff nicht der geringſten Gefahr auszuſetzen, ſtand Mynheer van der Hook, der Kapitän, auf dem Hinterdecke, die rechte Hand in die tiefe Taſche des weiten Oberrockes aus Otterfellen geſchoben, mit der linken die weiße Delfterpfeife haltend, aus welcher er in regelmäßigen Zwiſchenräumen dicke Tabakswolken in die blaue Luft hinausjagte, während er den wohlgefälligen Blick über ſein ſchmuckes Schiff hingleiten ließ. Für ihn ſchien der Reiz, ſeinen Schooner ſo würdevoll und ge⸗ mächlich den Hudſon hinabſchwimmen zu ſehen, alle die hier gebotenen Reize der Natur in ihrer prachtvollſten Entfaltung weit zu überbieten. Ihn ſchien die eigenthüm⸗ liche Form der Felſen⸗Palliſaden zur Rechten, das prächtige Waldland zur Linken, der wunderherrliche Sonnenunter⸗ 13 gang hinter den Höhen des Weſtens,— Alles dieſes ſchien ihn gar nicht zu berühren,— er hatte ſein ſchmuckes Schiff und ſeine Pfeife,— was bedarf ein holländiſcher Kapitän mehr um vergnügt zu ſein. Ein anderes war es mit dem jungen Manne, der neben ihm ſtand. Dieſer zeigte deutlich genug das lebhafte Intereſſe, das er an der ſtets wechſelnden Secenekiè, die ſich während des Hingleitens des Schiffes auf dem Rücken des majeſtätiſchen Stromes den Blicken darbot, nahm, nicht nur durch die Lebhaftigkeit, mit welcher er ſein Auge nach hier und dorthin wendete, ſondern auch durch mehrere raſch und eifrig an den Kapitän geſtellte Fragen, welche Mynheer jedoch immer nur kurz und unzulänglich beant⸗ wortete, ſei es, weil er überhaupt kein großer Freund von Fragen und Antworten war, oder weil er es, trotz einer mehr als fünfzigmaligen Auf⸗ und Niederfahrt auf dem Strome, wirklich noch nicht dahin gebracht hatte, über die Oertlichkeiten an den beiden Ufern des Hudſon genügende Auskunft geben zu können. So viel iſt gewiß, daß der junge Reiſende endlich über das holländiſche Phlegma unwillig wurde, und ſich mit einem gut engliſchen„D—d Putch!“ von ihm abwendete, und der Gallerie des Hinter⸗ deckes zuſchritt. Hier, auf einem niedern Kajütenſtuhle, ſaß der andere Reiſende, der ſich durch gutes Geld das Recht, das ————— —— Hinterdeck betreten zu dürfen, erkauft hatte. Die anderen Paſſagiere, Händler aus dem Innern, Jäger, Anſiedler der Gegend um Beaverswykt herum oder längs des Hud⸗ ſon hinauf, Tropper, Indianer,— ein buntes Gemiſch von Männern, Frauen und Kindern, bunt in Sprache, Kleidung und Tracht,— waren auf dem Vorder- und Mitteldecke verſammelt; es ſumſte, hummte und brummte da, wie nur immer es in einem dicht bevölkerten Bienen⸗ ſtock ſumſen und brummen mag; mitunter ſetzte es wohl auch Fauſtſtöße,— drohende Ausrufungen,— Anzeichen des Ausbruches von rohen Unwillen;— aber zum eigent⸗ lichen Ausbruch kam es nicht, dafür ſorgte der erſte Steuermann des guten Schiffes„die Jungvrow.“ „Mynheer van der Hook hat auch wohl wenig erzählen können von den Anſiedelungen der Holländer, wie wir ſie am Hudſon herab an ſeinen beiden Ufern bemerkt haben?“ ſagte der Mann auf dem Kajütenſtuhle mit einem feinen Lächeln um ſeine ſchmalen Lippen, als der andere Reiſende in ſeine Nähe kam. „Ich nehme auch eben nur ſo weit Intereſſe daran, als ein Reiſender überhaupt gern etwas von der Ge⸗ gend erfährt, welche er paſſirt,“ erwiederte der Andere ziemlich hoch. „Jevenfalls iſt dieſes Intereſſe ein verſchiedenes von dem, welches ein Reiſender in irgend einem Lande des alten Europa haben wird,“ ſagte der Mann auf dem Stuhle—„dort iſt guten Theils die Vergangenheit mit im Spiele, hier eben nur die Gegenwart und die ſich an⸗ knüpfende Zukunft,— dort ſind es hiſtoriſche Erinnerungen, hier Pläne, Entwürfe, Spekulationen für Zetzt und Kom⸗ mend, welche den Reiſenden beſchäftigen.“ „Ich bin weder ein Händler in Biberfellen, noch ein Spekulant in Land,“ erwiederte der Andere mit vielem Stolze, und wandte ſich der Gallerie zu. Er ſtätzte den Arm auf einen Querbalken, und den Kopf in die Hand lehnend, blickte er nachdenklich in die Weite hinaus. Die beiden Kajütenpaſſagiere des guten Schiffes„die Jungvrow“ waren die ſtrengſten Gegenſätze, ſicher im Aeußern, und vielleicht auch in Grundſätzen. Jeder für ſich erſchien als der Repräſentant einer der beiden großen Parteien in Alt⸗England, die zwar ſchon immer beſtanden hatten, noch beſtehen, und immer beſtehen werden, die aber damals bei dem Wiederzuſammentritt des Parlaments im Oktober 1641 mit einer entſchiedenen Farbe aufgetreten und in dieſer Zeit mit den Namen„Kavaliere“ und „Rundköpfe“ bezeichnet waren;— in den folgenden Zeiten wurden die Namen verändert, aber die Parteien in Hinſicht ihrer Anſichten über die Leitung der Staats⸗ angelegenheiten blieben dieſelben. Der Unterſchied zwiſchen den beiden großen Sectionen der engliſchen Politiker war ———— ſtets jedoch weniger ein Unterſchied der Grundſätze, als mehr des Grades, und es gab auf der einen wie auf der andern Seite gewiſſe Grenzen, welche im Allgemeinen nicht überſchritten wurden; aber ſtets gab es in der einen wie in der andern Section Enthuſiaſten, welche dieſe Grenzen überſchreiten wollten und wenn es ihnen möglich wurde, auch wirklich überſchritten; ſo gab es auf der einen Seite ſolche, welche bereit waren, alle Geſetze, Privilegien und Freiheiten des Landes, unbedingt dem Könige zu Füßen zu legen, und auf der andern Seite ſolche, die durch ſtete Verſchwörungen, Complotte und offenen Aufruhr ihrem Lieblingsphantom„ Republik“ zuſtenerten. Die große Majorität jener, welche für die Krone fochten, wa⸗ ren jedoch dem Deſpotismus, und die große Majorität jener, die ſich für die Rechte des Volkes erhoben, waren der Anarchie abgeneigt. Unſere beiden Paſſagiere waren nun, was das Aeußere anbetrifft, leicht zu erkennen, welcher Partei im alten Vaterlande ſie angehörten. Der Eine, welcher jetzt an der Gollerie lehnte, war ein junger Mann, zwiſchen fünfundzwanzig und dreißig Jahren, groß, ſchlank und doch kräftig gebaut, jede Bewegung ſeines Körpers zeigte erworbene Gewandheit in allen ritterlichen Beſchäfti⸗ gungen. Seine dunkelblonden Locken fielen in reicher Fülle auf die Schultern hinab, ſein hellgraues Auge zeigte 17 Verſtand und ſchnelle Auffaſſung, der Ausdruck ſeiner an⸗ genehmen Geſichtszüge war der eines gewiſſen Selbſt⸗ vertrauens, das an und für ſich unangenehm arrogant, aber wenn mit guter Laune und Höflichkeit vermiſcht, an⸗ genehm liebenswürdig erſcheint. Nehmen wir noch dazu ſeine Kleidung, den niederen breitkrämpigen Hut mit zwei langen wallenden Federn, die reiche Spitzenkrauſe, den mit Treſſen beſetzten Rock, die aufgeſchlitzten Stiefeln mit klirrenden Sporen und das mäßig lange Schwert in rother Sammetſcheide, ſo haben wir das vollkommene Bild eines Kavaliers aus der Zeit Karl des Erſten; dagegen der An⸗ dere, welcher ſeinen Sitz auf dem Kazütenſtuhle einge⸗ nommen, ein langer, dürrer Mann, mit ſeinen kurz⸗ geſchorenen Haaren, ſeinen deshalb um ſo länger erſchei⸗ nenden Ohren, und mit ſeinem affectirten oder wirklichen ſtreng ernſten Geſichte mit zuſammengezogenen Brauen, ſich als unbeſtreitbarer Rundkopf präfentirt, wenn man auch ſeine Kleidung, den hohen kirchthurmſpitzen Hut, den langen ſchwarzen, knapp ſich um den Hals ſchließenden Rock und die plumpen unförmlichen Stiefeln, die bis zum Knie hinaufreichen, unbeachtet laſſen will. Uebrigens iſt zu bemerken, daß er mit ſeinem gegenwärtigen Reiſe⸗ gefährten in ziemlich gleichem Alter ſtand, und wenn ihm auch deſſen gefällige Leichtigkeit und Anmuth in jeder Be⸗ wegung fehlte, ſo war er jedenfalls ein kräftiger Mann, 1858. IV. Van Hoboken. I. 2 dem man es anſehen konnte, daß er den langen Stoßdegen, der in einem breiten Bandelier an ſeiner Seite hing, und die zwei langen Piſtolen, die er in dem Leibgürtel von Morocco ſtecken hatte, im Falle der Nothwendigkeit zu gebrauchen verſtehen möge. Jedenfalls hatte die amerikaniſche Luft, die Ent⸗ fernung vom alten Vaterlande, wo zwar der lange wüthende Kampf zwiſchen Königs⸗ und Parlaments⸗Partei geendet hatte, der wüthige Haß zwiſchen beiden aber noch fort⸗ dauerte, einen wohlthätigeren Einfluß auf Mr. Eleaſar Tomkins als auf Sir Francis Lovelace ausgeübt, denn während der Kavalier auf der mehrtägigen Reiſe von Neu⸗England bis zum Hudſon, und dann auf dem Strome abwärts, den bittern Haß, den ſeine Partei gegen die Gegner hegte, durchaus nicht zu verbergen ſuchte, ſo bemühte ſich im Gegenſatze der Puritaner, ſich bei jeder Gelegenheit ſeinem Reiſegefährten gefällig und dienſtfertig zu erweiſen, und wenn der Eine vom erſten bis zum gegen⸗ wärtigen Augenblick es deutlich zeigte, wie widerlich es ihm ſei, durch den Drang der Nothwendigkeit, mit einem ſolchen Reiſe⸗ Compagnon in Annäherung kommen zu müſſen, ſo ſchien der Andere dieſes nicht zu bemerken, oder er nahm wenigſtens den Anſtrich, als ob er es nicht be⸗ merke. Es hatte überhaupt den Anſchein, als ob Mr. Eleaſar Tomkins zwar nicht den Rock ſeiner Secte 19 doch guten Theils deren ſtrenge Grundſätze abgelegt hätte. Denn trotz des ernſten Geſichtes und der zuſammengezoge⸗ nen Brauen, was wohl eine Sache der Gewohnheit ſein kann, kam doch während der ganzen Reiſe kein einziger Bibeltert über ſeine Lippen und bei dem nicht ſeltenen „Donner und Tievel!“ des Mynheer van der Hook verzog er nicht einmal den Mundwinkel; er hatte auch nicht ein einziges Mal Miene gemacht, der Mahlzeit ein langes Tiſchgebet vorauszuſchicken, ſondern es ſich gleich von vornherein ohne dieſes an den Fleiſchtöpfen Egyp⸗ tens, aus der Schiffsküche heraufgeſchleppt, tüchtig ſchmecken laſſen; das Buch aller Bücher ſchien er als unnützen Reiſe⸗ ballaſt zu Hauſe gelaſſen zu haben und mehr bedacht ge⸗ weſen zu ſein, ſeine Piſtolen in guten Stand zu ſetzen. Mit einem Worte, der gute Mann ſchien wohl dem Aeu⸗ ßern, aber nicht dem Innern nach jener Secte anzugehören, die die ſtrengſten Presbyterianer noch Feinde des Him⸗ mels nannten; aber er war auch bemüht, dieſes klar an den Tag zu legen. Vielleicht war aber eben dieſes ſo mehr die Urſache, den Unwillen des Kavaliers zu erregen. Der offene, ge⸗ rade Charakter kann ſich nicht mit dem ſich bald in dieſer bald in jener Maske Zeigen vertragen; er weiß es, daß an einem Menſchen, der dieſes kann, eben auch Alles Maske iſt, und daß ſtetes Schauſpielern die Wahrheit —.———— gänzlich . verdrängt; aber es half dem freimüthigen, offenen, ſtolz zurückweiſenden Kavalier nichts; er konnte den ihm widerlichen Mann mit dem ſtets zuvorkommenden Gefällig⸗ ſein, mit dem feinen ſarkaſtiſchen Lächeln um die ſchmalen Lippen, und mit dem ſchlau forſchenden Blicke im halb⸗ zuſammengezogenen Auge nicht gänzlich zurückweiſen, ja, er ſollte noch ſelbſt in den Fall kommen, wo er deſſen zuvorkommende Artigkeit mit Dank annehmen mußte. Er hatte ſich mit ziemlich ſtolzer Haltung von dem Reiſegefährten abgewendet, und blickte, auf die Gallerie geſtützt, den Hudſon hinab;— dort mündete ſich der Strom in die prachtvolle Bay, in welche die Südſpitze der Man⸗ hattan⸗Inſel hineinragt, und wo das Fort Neu⸗Amſterdam mit dem gleichnamigen Städtchen lag, der Sitz der Regierung von Neu⸗Niederland, das Ziel ſeiner gegen⸗ wärtigen Reiſe,— in einer halben Stunde konnte mau es mit allem holländiſchen Phlegma erreicht haben, noch vor Nachteinbruch, denn eben erſt begann es zu dunkeln, und obwohl es wahr iſt, daß der Uebergang von Tag zu Nacht in Amerika ein raſcherer als in Europa iſt, und ſo umgekehrt, ſo daß man von einer Morgen⸗ und Abend⸗ dämmerung nur wenig erfährt, ſo mußte Mynheer doch dieſe Straße wohl genug kennen, um allenfalls bei nächt⸗ lichem Dunkel ſeinen Platz am Pier zu finden;— doch da nahm der kleine runde Mann die Pfeife aus dem Munde 21 und rief mit einer Stentorſtimme einige Worte, denen man es nicht abhören konnte, welcher Sprache ſie zuge⸗ hörten, aber ſie waren dennoch verſtanden; Worte in dem⸗ ſelben Kauderwälſch wurden vom erſten Steuermann am andern Theile des Schiffes ausgeſtoßen, und zehn⸗, zwan⸗ zigmal von den, gleich wilden Katzen an den Maſten hin⸗ aufkletternden Matroſen wiederholt;— in wenigen Augen⸗ blicken ſanken die bisher blähenden Segel— ſie waren eingerefft, und kahl und nackt ſtarrten die Maſten dem nächtlichen Himmel entgegen,— der Mann am Steuer⸗ ruder drückte und drehte nach Leibeskräften, und das Schiff trieb langſam und gemächlich wie eine dicke Ente in eine Bucht, deren der Hudſon viele in's Land hinein macht. „Was ſoll denn dieſes bedeuten?“ fragte der Ka⸗ valier raſch, ohne ſich mit ſeiner Frage an irgend eine Perſon beſtimmt zu wenden. „Mynheer findet es für räthlich, in dieſer Bucht Anker zu werfen, und hier ſein Nachtquartier zu nehmen,“ antwortete Mr. Tomkins mit einem Lächeln. „Hier? Kaim zwei Meilen von Neu⸗Amſterdam entfernt?“ ſagte Sir Francis Lovelace mit hohem Erſtaunen. „Ein Holländer ſagt: die Nacht iſt keines Menſchen Freund,— und zwei Kabellängen ſind eben ſo genug um Schiffbruch zu erfahren, als der Ocean in ſeiner ganzen ————— Breite. Ueberdies tritt jetzt aber die Fluth ein, und da ſtemmt ſich das Baywaſſer an der Mündung des Hudſon — der Holländer findet es nicht räthlich, ſolchen Hinder⸗ niſſen die Stirn zu bieten.“ „Ich will ihm erklären, daß jeder Schiffsjunge auf dem kleinſten Themſe⸗Schvoner ſich ſchämen würde, hier anzuhalten!“ rief der Kavalier. „Würde Myuheer blos zu einem„Donner und Dievel“ und zu drei raſch aufeinanderfolgenden Puffen aus ſeiner Pfeife bewegen,“ antwortete Mr. Tomkins lachend. „Und ich ſoll den ganzen Abend,— es kann kaum acht Uhr ſein,— dann die ganze Nacht hier zubringen?“ ſagte der Kavalier, ärgerlich einige Male auf dem Hinter⸗ decke auf⸗ und niederſchreitend.—„Giebt es von hier aus keinen Fußſteig, der nach Neu⸗Amſterdam führt?“ fragte er, vor dem Puritaner ſtehen bleibend. „Nicht von dieſer Bucht,“ erwiederte Mr. Tom⸗ kins.„Wie Ihr wohl bemerkt habt, liegt Neu⸗Anſter⸗ dam jenſeits; aber wenn Ihr mich beehren wollt, und einen Marſch von einer halben Stunde Wegs nicht ſcheuet, ſo kann ich Euch einen annehmbareren Unterſtand für dieſe Nacht anbieten, als dieſes Schiff uns geben wird.“ „Hier in dieſer Wildniß?“ fragte der Kavalier. „Seht Ihr dort über den Wald hin, auf jenem 23 Vorſprung ein Licht flimmern?“ fragte Mr. Tomkins. —„Es iſt das äußerſte Ende von„Bergen“— dort ſteht ein anſtändiges Haus inholländiſchem Styl erbaut, aber ſo viel Bequemlichkeit bietend, als Ihr nicht beſſer im erſten Hotel Londons finden könnt, und dabei mit ſo vieler Gaſtfreundſchaft Euch aufnehmend, als Ihr gewiß nicht in ganz Alt⸗England erwarten möget.“ „Ihr ſcheint hier ganz wohl bekannt?“ fragte der Kavalier. „Dieſes Haus, welches Ihr bei näherer Betrachtung ein ganz ſtattliches nennen werdet, iſt für die Zukunft meine Heimath,“ erwiederte Mr. Tomkins. „Ich dachte, Ihr wäret von Plymouth?“ fragte Sir Francis Lovelace. „Ganz recht,“ lächelte der Puritaner—„aber dieſes iſt kein Hinderniß, künftighin in„Bergen“ zu leben, be⸗ ſonders, wenn man dadurch ſeine Verhältniſſe zu ver⸗ beſſern weiß.“ „Mit anderen Worten: Ihr verlaſſet Neu⸗England um in Neu⸗Amſterdam mehr Geld zu machen?“ fragte der Kavalier ziemlich ſpitz. „Jeder Menſch hat in dieſer Beziehung ſeine eige⸗ nen Anſichten,“ erwiederte Mr. Tomkins—„und ich halte es mit dem alten Spruche:„Zeder iſt ſeines ——————— Schickjals Schmied“— überhaupt iſt die Luft der neuen Welt eine ſehr heilſame für Eraltation, Enthu⸗ ſiasmus, Idealismus,— man wird hier praktiſch.— Mein Vater war Einer von denen, welche glaubten, daß im alten Vaterlande nicht nur die politiſchen, ſon⸗ dern auch und insbeſondere die religiöſen Rechte argen Widerſtand und Beſchränkung zu erfahren hätten,— er zog mit vielen andern fort, um in Amſterdam oder Leyden die Freiheit zu finden, deren ſie unter Jakob von Eng⸗ land ſich niemals erfreuen zu können glaubten; aber die guten Leute waren auch hier noch nicht zufrieden geſtellt, ſie waren nicht begnügt, daß ſie ihre Kinder taufen konnten, wie es ihnen beliebte, und die nächſte Generation dem Namen nach ein Wiederaufleben der alten jüdiſchen Pa⸗ triarchen und Krieger verſprach, daß ſie trotz Luther und Calvin den Sonntag verwerfen und den Sabbath der Inden heiligen, daß ſie das Geſetz Moſes und die Bücher der Richter und Könige für ihre Rechtsvertheidiger aner⸗ kennen durften,— ſie waren nicht zufrieden damit, daß ſie ſich kleiden konnten, wie ſie wollten,— häßlich genug, wie Figura zeigt,“ ſetzte der Puritaner hinzu, während er ſeine eigene Geſtalt mit einem ſpöttiſchen Lächeln betrach⸗ tete,—„nicht zufrieden, daß ſie nach Gefallen ſo ſauer blicken durften, als wenn ſie ſtets Eſſig im Munde hätten, daß ſie das Weiße des Auges herausdrehen mochten, wie 25 Einer, der vom St. Anthony's Tanz befallen iſt, und daß ſie ihr gutes Engliſch und mangelhaftes Holländiſch mit einem Wulſt von ſchlecht geſprochenen und oft von Keinem verſtandenen Hebräiſch vermiſchen durften, wie es ihnen eben gefiel,— nein, ſie waren nicht damit zufrieden, daß ſie thun durften, was ihnen gefiel, ſie wollten die guten Holländer auch noch bekehren, ſie wollten es nicht dulden, daß bei der Hochzeit, bei der Kindtaufe oder bei einer an⸗ dern Feſtlichkeit ein gutes Glas Wein getrunken wurde, ſie ſprachen ihr Anathema aus, wenn die holländiſche Ju⸗ gend ſeine fröhlichen Bocksſprünge machte, und verfluchten mit aller Weihe und Kraft des Wortes, wie nur ein Jero⸗ beam oder Ezechiel zu thun fähig war, den Mann, dem es gefiel, in ſeiner Wohnſtube ein Bild von dem einen oder andern Meiſter aufzuhängen,— das eine war abgöttiſch, das andere nnanſtändig,— ſie wollten eben auch die guten Amſterdamer zu Heiligen reformiren; aber dem guten holländiſchen Phlegma kam die Sache endlich doch zu ſchief,—„Laſſen wir Euch Eueren Weg gehen, ſo laßt uns den unſern,“ ſagten die guten Leydner und Amſterdamer, und als dieſes nicht half, da gab man den ſtrenggläubigen Angenverdrehern deutlich zu verſtehen, daß ſie ſich ſcheeren ſollten. Unſere frommen Väter ließen ſich aber dieſes auch wieder nicht zweimal ſagen und entſchloſſen ſich, in ein neues Land zu ziehen, dorthin wo ſie ihren Gott verehren tonnten in der vollen, unangefochtenen Form, die ſie als die alleinig wahre anerkannten, und wo ihre Kinder Na⸗ thaniel, Elias, Jeremias, Rebecca, Judith nach dem ſchö⸗ nen Vorbilde ihres würdigen Namenspatrons aufwachſen ſollten. Und ſo ſegelte die„Mayblume“— was für ein poetiſcher Name— mit Einhundert und Einem ſauer⸗ blickenden, augenverdrehenden, näſelnden Paſſagiere von Delfthaven ab, und kam am„Stockfiſch⸗V orgebirge“ — was für ein ominenſer Name— glücklich an. Der Hafen von Plymouth, wie ſie ihn nannten, gefiel ihnen ganz beſonders wohl, und bald ſtanden die erſten Hütten von Neu⸗Plymouth und die Gläubigen hielten lange Pre⸗ digten, weil ſie eben nichts anderes zu thun hatten, und ſtrenge Faſten, weil ihnen der Mundvorrath ausgegangen war, und Einhundert und Eine Stimme erhob ſich und plärrte„Sieh' da das Land vor Dir, das der HerrDein Gott Dir gegeben hat, und nimm es ein, wie der Herr, Deiner Väter Gott, Dir geredet hat. Fürchte Dich nicht, und laß Dir nicht grauen“— doch nein, es waren nur hundert Stimmen,— ich glaube nicht, daß meine Mutter mitge⸗ plärrt hatte,— ſie war eine kleine, runde, vollwangige und lachend in's Leben hinausblickende Rotterdammerin,— ich begreife es noch heute nicht, wie ſie an dem eſſigſauren Geſichte und an den verſchnittenen Haaren des Mr. Je⸗ remias Tomkins hatte Gefallen finden können; aber 27 „die Liebe iſt ja blind“ geht die Sage, und dies muß wohl auch bei meiner Mutter der Fall geweſen ſein, denn eine männliche Schönheit war mein Vater gewiß nicht zu nennen, und ſeine Manieren waren auch keine bezaubernden— jedenfalls bin ich Beider Sohn, und habe ein Wenig vom Vater und ein Wenig von der Mutter.“ Der Mann mit dem puritaniſchen Aeußern,— denn einen wahrhaftigen Puritaner können wir ihn jetzt doch nicht mehr nennen,— hatte mit vieler Laune geſprochen und betrachtete ſich jetzt ſeinen Zuhörer, gleichſam um zu ſehen, welchen Eindruck dieſe gegebene Erklärung auf ſeinen bis⸗ her ſtolz zurückhaltenden Reiſegefährten habe; aber in deſſen Anſicht über den Werth oder Unwerth ſeines zu⸗ fälligen Geſellſchafters ſchien wenig oder keine Veränderung erfolgt zu ſein, denn mit demſelben kühlen Tone, den er bisher angenommen hatte, ſagte er: „Aus dieſer Euerer Rede kann ich aber noch immer keinen Zuſammenhang herausfinden, daß Ihr mir in jenem Hauſe ein Nachtquartier anbietet.“ „Mit wenigen Worten erklärt,“ ſagte Mr. Tomkins —„meine Mutter war Laney, Tochter des Mynheer Jan Janſen van Hoboken, in der Firma: Oloffe van Hoboken, Jan Janſen van Hoboken und Pieterſen Suydam in Rotterdam;— der Beſitzer jenes Hauſes und des ganzen ſchönen Landſtriches, 16 Meilen nach Nord, nach Süd und nach Oſt iſt aber Mynheer Klaus Wi⸗ nant van Hoboken, Patron von„Bergen,“ Sohn des Oloffe van Hoboken aus ſchon beſagter Firma in Rotterdam;— ich glaube immerhin in dem Hanſe des Sohnes meiner Mutter⸗Bruder eine freundliche Aufnahme zu finden, und ſie auch einem mitgebrachten Freunde ver⸗ ſichern zu können.“ „Freund?“ ſagte der Kavalier mit vielem Stolze. „Ihr habt Recht,— es war kein gut gewähltes Wort,“ erwiederte Mr. Tomkins mit einem feinen Lächeln,— „ein Kavalier, der für die Rechte Karl des Erſten focht, kann ſich nicht von einem Manne, der keine Halskrauſe trägt und deſſen Degen in eiſerner Scheide ſteckt, Freund nennen laſſen,— aber ſei es, wie es wolle, ich wiederhole meinen Antrag, Euch in dem Hauſe meines freundſchaft⸗ lichen Vetters Mynheer van Hoboken ein beſſeres Nacht⸗ quartier zu verſchaffen, als uns dieſer holländiſche Waſch⸗ trog bieten kann.“ „Und ich nehme dieſen Antrag gern an,“ erwiederte der Kavalier, in einem weit weniger harten Tone, als er bisher gebraucht hakte,— vielleicht fühlte er ſich für über⸗ triebenes Kavalierthum im freien Amerika durch ſeines Gefährten ſpöttiſche Rede ein wenig getroffen,—„und ſei es weniger um aus dieſem Waſchtrog, wie ihr die „Jungvrow“ ganz richtig bezeichnet, zu kommen, als mehr 29 um das Eigentliche einer holländiſchen Wirthſchaft in ſeinem Innern kennen zu lernen.“ Bald darauf trieb das lange Boot, von vier Rudern geſtaucht, der nahen Küſte zu.— Die zwei Kajüten⸗Paſſa⸗ giere ſprangen an's Ufer, und traten in dicke Waldes⸗ finſterniß,— das Boot kehrte zum ruhig und ſicher vor Anker liegenden Schiffe zurück. Bweites Capitel. „Das Phlegma gleicht Saul, dem Sohne Ris, der da ausging, ſeines Vaters Eſel zu ſuchen, und ein Königreich fand.“—— Unſere beiden nächtlichen Fußwanderer ſchritten an⸗ fangs unter dem dichten Dache, welches das Laubwerk der gedrängt ſtehenden urwaldlichen Eichen, Sykamores, Ka⸗ ſtanien⸗ und Nußbäume bildete, hin, ſich durch das Ge⸗ ſtrüpp windend, welches dazwiſchen bis zur halben Manns⸗ höhe, ſtellenweiſe auch höher, aufwuchs. Der Abend war bereits weit vorgeſchritten, doch der Himmel ſternenhell, daher ſie auch, ſo lange ſie ſich an dem Ufer der Bucht hielten, noch immer ſo viel Helle hatten, um ſich in den Weg zu finden; als ſie aber zu einem etwas betretenen Pfade kamen, der von der Küſte weg in das Innere des Waldes führte, und in welchem Mr. Tomkins als Weg⸗ weiſer auch wirklich einbog, da geriethen ſie in eine wahr⸗ haft egyptiſche Finſterniß, und obwohl der Puritaner ganz wohl mit dem Pfade bekannt ſchien, da es auch in der That nicht das erſte Mal war, daß er einen Beſuch auf„Bergen“ abſtattete, ſo ſtolperte er doch oft genug über das ſich quer hinziehende Wurzelwerk oder ſtieß ſich an einen im Weg ſtehenden Baumſtamm an. Daß der ihm knapp auf dem Fuße folgende Kavalier um ſo häufiger dieſe Unannehm⸗ lichkeiten einer nächtlichen Wanderung durch einen ameri⸗ kaniſchen Urwald erfuhr, iſt leicht erklärlich, und minches halblaute d— d entſchlüpfte ſeinen Lippen. Zene unſerer Leſer, die mit dieſer Gegend bekannt ſind, dürfen nicht ver⸗ geſſen, daß die heutigen ſogenannten„ eliſäiſchen Felder,“ dieſe durch Natur und Kunſt ſo anmuthigen Spaziergänge, in damaliger Zeit noch nicht beſtanden, und wo man heut zu Tage feinen Damen und ſchmucken Herren begegnet, da ſtreifte damals der Hirſch und das Reh durch dichten Ur⸗ wald hin, nicht ſelten vernahm man damals noch das Ge⸗ heul des grauen Wolfes, und die Klapperſchlange wand ſich unter dem Geſtrüppe hervor, um ſich im Uferſande des Hudſon zu ſonnen. 31 Es war dichte finſtere Nacht, und nur mit Hilfe der vorgeſtreckten Hände fand Mr. Tomkins ſeinen Weg; doch er wußte, daß ſie dieſe Schwierigkeit bald überwunden haben würden, womit er auch ſeinen Nachfolger tröſtete. Wirklich trat ihnen bald ein graues Hell entgegen,— einige Schritte noch, und ſie hatten den dichten Wald im Rücken, vor ihnen lag eine weite Fläche ausgebreitet; und ſogleich ſchwirrte und ſumſte es um ſie herum; ein Heer von Muskitos umgaukelte die Wanderer, und wäh⸗ rend dieſe ihnen ſüße Lieder in die Ohren girrten, küßten ſie ihnen Stirn, Wange und Hände auf eine ſo empfind⸗ liche Weiſe, daß Kavalier und Puritaner bald ein Jucken und Kribbeln am ganzen Körper empfanden, als ob ſie in einen Ameiſenhaufen gerathen wären,— zu gleicher Zeit war das harmonievolle Concert eines reichen Orcheſters aus Kröten und Ochſen⸗Fröſchen zuſammengeſetzt, zu ver⸗ nehmen,— die Fläche vor ihnen war nämlich jenes weite Sumpfland, das ſich zwiſchen dem Walde und dem heu⸗ tigen Weſt⸗Hoboken ausbreitet. Dort, jenſeits des Mo⸗ raſtes, erhob ſich eine waldige Höhe, und der eben hervor⸗ getretene Mond ließ an der vorragendſten Stelle, nahe dem Vorgebirge von„Bergen“ ein ſtattliches Gebäude er⸗ blicken. Aber wie dorthin gelangen? Mr. Tomkins wußte Beſcheid. Nach einigem Herumblicken entdeckte er einen Plankenſteg, der über das Sumpffeld führte, und bald 32 wandelten unſere beiden Wanderer trockenen Fußes quer über Moräſte und Sümpfe hin, immer von den zudring⸗ lichen Muskitos umgaukelt, bisweilen eine Kröte auf⸗ ſchreckend, die ſich auf die trockene Planke niedergelaſſen hatte um dem Monde ein Solo entgegen zu quaken, nun aber mit Schnelligkeit in ihr naſſes Element hinab⸗ plumpte. Der Plankenſteg war zurückgelegt; den Berg hinauf wand ſich ein ſteiler Pfad, wie ihn urſprünglich ein herab⸗ ſtrömenden Regenbach mochte ausgewaſchen haben, und der dann durch öftere Benutzung wohl etwas mehr gangbar gemacht, immer aber noch mühevoll genug war, beſonders zur Nachtzeit und für Wanderer in hohen Reiterſtiefeln. Auf der Höhe empfing ſie abermals Wald, welcher jedoch bereits die Spuren von menſchenhändlichen Eingriffen zeigte. Er war ſtellenweiſe gelichtet, und hier und da gefällte Stämme ließen vermuthen, daß man durch Weg⸗ holen von Bau⸗ und Brennholz das Urwäldliche zu ent⸗ fernen bemüht geweſen war. Bald wurde das Gehölz ſehr licht,— und dann lag eine Wieſe vor ihnen, durch die ſich eine Allee von Bäumen hinzog,— in der Ferne war noch das krächzende und quakende Concert zu vernehmen, und hier empfing ſie das Gequickſe und Geſchnurre eines eben ſo reich beſetzten Orcheſters von Lokuſten, den luſtigen 22 00 und ſpringfertigen Bewohnern der amerikaniſchen Akazie, welche auch deshalb Heuſchreckenbaum genannt ift. Am Ende der Allee ſtand das Herrenhaus, ein ſtatt⸗ liches Gebände, beſtehend aus einem Mittelbau und zwei Flügeln, mit hohen Giebeln, die treppenähnlich aufſtiegen und ſoviel man bei Mondbeleuchtung bemerken konnte, halb aus Holz halb aus Ziegeln aufgeführt waren, welche letztere die würdigen Koloniſten damals ſich noch aus Hol⸗ land bringen ließen, bis ſie durch Nachdenken und Verſuche zur Ueberzeugung kamen, daß Ziegel auch irgendwo ſonſt zu verfertigen ſind. Im Rücken des Hauſes war eine Ein⸗ zäunung zu bemerken, wahrſcheinlich ein Küchengarten, wenigſtens blickten einige Sonnenblumen, die gewöhnlichen Zierden eines holländiſchen Kohlfeldes, über den Zaun herüber; doch zu weiteren Betrachtungen ward dem Ka⸗ valier nicht Zeit gelaſſen, da ſein Gefährte bereits unter das Vordach über dem Haupteingang getreten war, und mit dem Klopfer, einem eiſernen Bärenkopfe auf einer Platte von gleichem Metalle ruhend, einen ſo dröhnenden Lärm erregt hatte, daß es weithin durch die Berge hallte, und die Thüre auch ſogleich aufgethan wurde. Zuerſt erſchien in der halbgeöffneten ein flackerndes Talglicht,— dann das breite glänzende Geſicht eines Negers, mit weit aufgeriſſenem Munde und Augen,— dann die ganze kräf⸗ tige Geſtalt des guten Scipio mit dem dicken Pudelkopfe. 3 1858. IV. Pan Hoboken. I. 34 Er hielt das Talglicht dicht unter Mr. Tomkins' Naſe,— dann aber verzog ſich ſein breites Geſicht zu dem anmuthigen Lächeln des Wiedererkennens, und mit einem brüllenden Lachen rief er:„Oh, Mynheer Tumbkin — Ihr ſeid's— glaubt'n es wär'n Hagein⸗ſags,— nun Mynheer van der Hubuk warten eben für ein kleen Kind.“ „Ei, das wäre,“ erwiederte Mr. Tomkins lächelnd —„und ſtatt deſſen kommen zwei ſtattliche Männer, der Eine für den König, der Andere für das Parlament,— doch das wird Mynheer van Hoboken ſo wenig kümmern, als uns das kleine Kind, das er erwartet.“ „O, machen nix, machen nix,“ verſicherte Scipio— „nur herein, Ihr da und der Andere.“ Und unſere beiden Wanderer folgten dem vorleuchten⸗ den Neger und ſchritten der großen Halle zu. Doch bevor wir ſie eintreten laſſen, wollen wir unſere Leſer einführen, und ihn mit den hier anweſenden Perſonen bekannt machen. Die Halle war ein halb⸗Acker großer Raum, wie er zunächſt der Eingangsthüre auch noch heut zu Tage in den Landhäuſern gefunden wird, und welcher im Sommer ſeiner Kühle wegen als gewöhnliches Sitzzimmer dient, und wo im Winter in dem immenſen Kamin klafterlange Baumſtämme brennen, wenigſtens in ihrer nächſten Nähe — recht anmuthige Wärme verbreitend, ſo daß auch in dieſer Zeit die Familie ſich hier gern verſammelt. Damals war dieſes ſo mehr der Fall, da die Halle als Küche, Speiſe⸗ zimmer, Sitz⸗ und Empfangszimmer benutzt wurde, während die andern Gemächer des oft weitläufigen Gebäudes, unter holländiſcher Sauberkeit gehalten, ſelten von einem Gliede der Familie, noch ſeltener von dem Fuße eines Fremden betreten wurden. Die Halle auf Hoboken⸗Haus war eben auch, wie die Hallen aller anderen Wohngebände der Holländer. Im Hintergrunde war der ungeheure Feuer⸗ platz mit holländiſchen Ziegeln eingefaßt und von einiger Sculpturarbeit umgeben, welche in ziemlich undeutlichen Formen Scenen aus der Schrift darzuſtellen ſchien. An den Wänden zunächſt des Feuerplatzes hingen Pfannen, Kaſtrole, Kuchenbecken und anderes Küchengeſchirr, alles in blendendem Glanze und wundervoller Ordnung gereihet. Außer einigen Stühlen und drei oder vier großen Schränken aus Eichenholz mit plumpem Meſſingbeſchlag, die längs der Wände aufgeſtellt waren, gab es nicht viel anderes Meublement in der mit rothem Ziegelſtein gepflaſterten Halle; doch in der Mitte ſtand ein großer, maſſiv gearbei⸗ teter Tafeltiſch, an dem wohl vier und zwanzig oder mehr Perſonen Platz gefunden hätten. Im gegenwärtigen Augen⸗ blick waren es jedoch nur Zwei, welche an deſſen unterem Ende, alſo zunächſt dem Feuerplatze ſaßen, denn obwohl 3* 36 es September war, ſo iſt das Klima hier zu Lande, wir meinen am Hudſonſtrome, in der Umgebung der Manhattan⸗ Bay, und ſo viel wir wiſſen in noch manch' anderem Theile der nördlichen Staaten ein ſo unbeſtändiges, daß heute, etwa am 6. September die Sonne ſo heiß niederbrennt, wie ſie in der Wüſte Sahara nicht glühender ſein kann, und morgen am 7. fächelt ein ſo friſcher Wind von Canada herunter, daß man einen zweiten Rock anzieht, und mit Wonne die Kohlen im Grate glühen ſieht. Nun der Tag, an welchem unſere Erzählung begonnen, iſt eben ſolch ein kühler Septembertag, und die beiden Männer fühlen ſich daher ganz behaglich in der Nähe des Feuerplatzes, wo ein lebendiges Feuer brennt. Jeder ſitzt in einem hohen Lehn⸗ ſtuhl von dunklem Holze mit ſchönem Schnitzwerke, elaſtiſch gepolſtert, und ſo ausgezeichnet bequem, wie derlei nur im alten Vaterlande für den Comfort eines Amſterdamer oder Rotterdamer Mynheern gefertiget werden können. Die beiden Herrn haben die Füße ausgeſtreckt, den Kopf in die weichen Polſter zurückgelehnt; der rechte Arm ruht auf der Seitenlehne, die linke Hand hält die zwei bis drei Schuhe lange Delfterpfeife, aus welcher in Zwiſchenräumen dicke Tabakswolken hervorqualmen;— bisweilen erhebt ſich der rechte Arm von der Lehne und die Hand ergreift den Stein⸗ krug, der auf dem Tiſche ſteht, um ihn an den Mund zu führen. Das Getränk iſt gut, ſelbſt gebraut, genau nach 37 der Vorſchrift des Königs Gambrinus, wie ein wohlge⸗ fälliges Schnalzen mit der Zunge nach jedem Trunke be⸗ weiſt. Zwiſchen den zwei Krügen ſteht ein eiſerner Leuchter mit einem Talglichte, auf deſſen Flamme der Blick der beiden Herrn in den Zwiſchenpauſen, die zwiſchen dem zeitweiſen Ergreifen des Kruges beſtehen, gerichtet iſt, entweder daß ſie ihre Betrachtungen über die Ausdehnung des Lichtes vom Centrum zur Peripherie machen, oder daß ſie Beobachtungen anſtellen, wie ſich die Tabakswolken um die Flamme kräuſeln, immer dünner werden und end⸗ lich zerſtäuben, um Iiner andern Wolke den Platz zu räumen. Aber ſo ähnlich in Betrachtungen und Beſchäftigungen die Beiden zu ſein ſcheinen, ſo unähnlich ſind ſie in ihrem Aeußern. Der Eine,— Mynheer Klaus Winant van Hoboken in hocheigener Perſon,— iſt ein Mann, der kaum einige Jahre über dreißig alt, doch bereits in ſeinem Körperlichen ſo viel Würde zeigt, als nur immer von einem Aldermann gefordert werden kann. Er hatte zwar bis Jetzt dieſes Amt noch nicht bekleidet, aber daran war gewiß nicht ein zu geringes Körpergewicht Schuld, ſondern wohl nur, weil er das häusliche Glück einer öffentlichen Berühmt⸗ heit bisher vorgezogen hatte. Er war ein ruhiger Denker, das heißt, er überſtürzte ſich nie, um zu einem unüberlegten Handeln ſich hinreißen zu laſſen und hielt ſtreng an dem Lebensgrundſatz ſeiner Mutter, welcher hieß:„Beſchlaf 38 es,“ aber da es öfters mancherlei gab, was er dachte „beſchlafen“ zu müſſen, bevor er es in Ausführung brachte, ſo war es auch geſchehen, daß er Manches„Verſchlafen“ hatte,— doch in ſolchen Fällen war er auch wieder Philoſoph genug, um ſich mit dem„es wollte nicht ſein“— oder: „wer weiß zu was es gut iſt“ zu tröſten. Dabei erfreute er ſich aber auch einer ausgezeichneten Geſundheit und konnte ſich rühmen, nie noch eine unruhige Nacht gehabt zu haben, und wie er an körperlichem Gewichte zunahm, ſo auch am Werthe,— wir meinen in amerikaniſchem Sinne, wo der Eine nichts, der Andere zwanzigtauſend, der Andere zweimalhunderttauſend„werth“ ſein kann,— und diente in dieſer Beziehungals ſchöner„werthvoller“ Beleg:„daß ſich nichts erzwingen läßt, ſondern was ſein will, jeden⸗ falls geſchieht.“ Als ein jüngerer Sohn des Mynheer Hloffe van Hoboken in der Firma: Hloffe van Hoboken, Jan Janſen van Hoboken und Pieterſen Suydam in Rotterdam, ward er vor etwa ſechzehn oder ſiebenzehn Jahren in die Kolonie Neu⸗Niederland geſchickt, um Biber⸗ und Otterfelle einzuhandeln, ſo viel er nur bekommen könne. Man hatte ihm ein eigenes Schiff ausgerüſtet, mit Glasperlen, rothen Tuchlappen, ſchlechten Flinten, verdorbenem Pulver, und was ſonſt noch Werth⸗ volles die Firma auftreiben konnte, beladen. Nach einer glücklichen Reiſe war er in Neu⸗Amſterdam angekommen, — 39 hatte ſein Waarenhaus in der Biberſtraße nahe dem Fort bezogen, und ſein Tauſchhandelgeſchäft mit den Karitanern, Wik⸗quäs⸗kiks und Manhattans mit aller Energie begonnen. Er war damals noch ein junger Mann, und ſo agil als es ſeine weiten Pluderhoſen zu ſein erlaubten, aber dabei auch ſtets dem Lebensgrundſatze ſeiner Mutter eingedenk, und ſo geſchah es einmal, daß er die Ladung eines Schiffes mit Pelzwerk, Mais, Tabak und anderen Waaren ſo lange „beſchlief,“ bis er die Abfahrt der drei oder vier andern von ſeinen Concurrenten ausgerüſteten Schiffe„verſchlief“— aber das war eben recht. Dieſe in aller Eile fortgeſchickten Schiffe kamen in ein gräuliches Unwetter und gingen mit Mann und Maus zu Grunde,— ſein Schiff, welches um acht Tage ſpäter abging, kam glücklich in Rotterdam an, und machte wegen großer Nachfrage doppelte und dreifache Preiſe. Dies war der Anfang zur Gründung ſeines „Werthes.“ Aber es ſollte nicht dabei ſtehen bleiben. Die Directoren der holländiſch⸗weſtindiſchen Compagnie entwarfen einen Koloniſationsplan für die Provinz Neu⸗ Niederland, welcher auch von den hochvermögenden General⸗ Staaten angenommen wurde. Mit dem Privilegium von gewiſſen Freiheiten und Rechten, erhielt Jeder, welcher innerhalb vier Jahren und auf ſeine eigenen Koſten eine Kolonie von fünfzig Perſonen etablirte, die Erlaubniß, von den Indianern ein Stück Land in Ausdehnung von 16 40 Meilen längs eines ſchiffbaren Flußes, oder von 8 Meilen an deſſen beiden Ufern, und ſo weit in das Innere des Landes gehend, als er für gut fand, zu kaufen. Dieſes Land war dann ſein abſolutes Eigenthum, und er durfte den ehrenvollen Namen„Patron“ führen. Dieſer Plan war kaum entworfen, ſo waren auch ſchon die Patrone da. Godyn und Bloemart hatten ſchon in der Vorausſicht ihre Agenten in Amerika beauftragt, von den Eingeborenen den Tract Landes zwiſchen dem Vorgebirge Henlopen und der Mündung des Delaware, eine Ausdehnung von 32 Meilen zu kaufen, und De Vries wurde unter Godyn's Patent Patron von Swanandael, das iſt das Thal der Schwäne. Kilian van Renſelaer gründete Renſelär⸗ wyk an beiden Seiten des Hudſon, unterhalb Fort Oranien, das heutige Albany— Pauw ſchuf das Patronat Pavonia,— und unſer würdiger Klaus Winant wurde Patron von„Bergen,“— er wußte ſelbſt nicht wie,— er hatte kaum Zeit, dieſen Gegenſtand zu„beſchlafen“— und wenn er darauf zu ſprechen kam, wurde er ziemlich undeutlich, was wohl hauptſächlich daher kam, daß er ſeine gut angerauchte Pfeife nicht gern verlöſchen ließ, und wenn er aus dem verwirrten Durcheinanderwerfen von „die Firma Oloff van Hoboken, Jan Janſen van Hoboken und Pieterſen Suhdam,— mein Vater Mynheer van Hoboken,— Generaldirector van willer,— die Indianer, 41 die Haginſacks,— Schiff mit zwei und zwanzig Familien,— Glasperlen und Entenflinten,— ſechzehn Guilders Werth,— ſich gar nicht mehr zu Recht finden konnte, dann puffte er ſchneller an ſeiner Pfeife und ſchloß ſeine Erklärung mit dem beliebten:„Was ſein will, geſchieht.“ Unbeſtreitbar war es jedoch jedenfalls, daß er Patron von„Bergen“ war, daß er auf dem Vorgebirge in einem anſehnlichen Herrenhauſe wohnte, daß im Lande zerſtreut ſich zwei und zwanzig Familien angeſiedelt hatten, da herum Häuſer bauten, Obſtbäume pflanzten, Kohlgärten anlegten, Mais, Bohnen und Tabak pflanzten—— aber jedes Ding hat zwei Seiten, ſo auch das Patronat für unſern würdigen Mynheer Klaus Winant van Hoboken ſeine Schattenſeite. Er war dadurch aus einer regelmäßigen Ordnung, deren er ſich ſo viele Jahre in der Biberſtraße in Neu⸗Amſterdam erfreut hatte, geriſſen. Noch hatte er hier ſein Haus, ſeine Geſchäftsſtube,— noch ſtand er mit der Firma„Van Hoboken und Suydam in Rotterdam“ in Geſchäftsverbindung,— ſein Vater war geſtorben, aber ſein älterer Bruder Hendrick deſſen Nachfolger geworden,— und„man kann nicht zwei Herrn dienen“ brummte er oftmalen,— er verſuchte den Gegen⸗ ſtand zu„beſchlafen“— aber dieſes nutzte auch nichts;— doch da trat ein Ereigniß ein, welches ihn zu einem raſchen Entſchluß brachte, raſcher als er je einem in ſeinem Leben gefaßt hatte. Seine kleine runde Vrow hatte ihm eines Morgens unter Erröthen und mit der Schürze vor dem Geſichte, eine Eröffnung gemacht, die, da er fünf Jahre vergebens darauf gewartet hatte, ſo unerwartet kam, daß er wie vom Blitze getroffen in die Lehne ſeines Stuhles zurückſank. Er ließ die Pfeife aus ſeiner Hand gleiten, daß ſie auf dem Ziegelpflaſter in zwanzig Stücke zerbrach, und ein„Wat der Dievel!“ war Alles, was über ſeine Lippen kam. Aber es gibt Momente, wo eine lange ſchlummernde Thatkraft plötzlich erwacht; Ein Moment gebiert oft den Redner, den Helden, den Begeiſterten,— fo geſchah es auch mit Mynheer van Hoboken, dem Patron,— nur wenige Angenblicke verblieb er in dieſem blitzgetroffenen Zuſtande, dann ergriff er eine neue Pfeife, ſtopfte ſich dieſelbe mit ſelbſtgezogenen Tabak, und nachdem er ſie brennend gemacht und einige Züge dicken Qnalmes herausgeſtoßen hatte, ſagte er:„Nun, liebe Katharina, will ich blos und allein Patron von„Bergen“ ſein, will blos meiner Familie leben,— Neu⸗Amſterdam ſoll mich ſelten mehr ſehn,— das„Wie?“ will ich mir „beſchlafen.“ 6 Durch das eben Mitgetheilte erſchüttert,— durch raſchen Gedankenfluß angegriffen,— durch lange Rede ermüdet, ſank er wieder in den Lehnſtuhl zurück, aber obgleich er die Augen ſchloß, ſo ſchlief er doch nicht, dieſes 43 bewies das Fortqualmen ſeiner Pfeife, aber tiefen, tiefen Gedanken ſchien er ſich hingegeben zu haben, und dieſe wollte ſeine liebe Vrow nicht ſtören, daher ſie geräuſchlos davontrippelte. Aber das„Wie?“ war nicht ſo leicht herauszufinden, — doch endlich nach drei Monaten ſchrieb er einen langen, langen Brief,— er beſchäftigte ihn vier oder fünf Tage, — und dieſen Brief ſchickte er durch eigenen Boten,— die Poſtverbindungen in Amerika waren in damaliger Zeit, wenn möglich, noch unverläßlicher als heut zu Tage, — nach Plymouth in Neu⸗England, auf welchen hin der Sohn ſeines Vaters Schweſter, Mr. Eleaſar Tom⸗ kins, ſich auch unverzüglich auf den Weg machte, und der ſo eben, wie wir wiſſen, den Drücker in der Hand hat, um in die große Halle von Hobokens⸗Haus einzutreten. Doch wir müſſen ihn noch einen Augenblick zurück⸗ halten, um unſere Leſer mit dem Geſellſchafter des Patrons von Bergen bekannt zu machen. Wir haben geſagt, daß er, wenn auch in Betrachtungen und Beſchäftigungen die⸗ ſem ähnlich, es doch außerdem nicht war. Dieſes wird ganz erklärlich ſein, wenn wir erfahren, daß dieſer weder die Anſprüche hatte, Aldermann von Neu⸗Amſterdam zu werden, noch ein Patron, ſondern nur ein armer teutſcher Doctor war. Wir haben in den Quellen, aus denen wir ſchöpfen, nicht aufgezeichnet gefunden, auf welcher Univer⸗ ———.————— 4¹ ſität er ſich den Doctorhut erworben hatte, doch dieſes nahm man damals hier zu Lande eben ſo wenig genau, als man es heut zu Tage thut,— genug, er ſelbſt nannte ſich Doctor Hanns Schneppermann, hatte über der Thüre, die zu ſeiner Wohnung führte, ein viereckiges Brett hängen, wo auf ſchwarzem Grunde, mit weißer Oelfarbe groß und dick niedergeſchrieben war, daß er Arzt, Wund⸗ arzt und Geburtshelfer ſei, und Leute, die in dieſes Hei⸗ ligthum der Wiſſenſchaften eingetreten waren, verſicherten, daß es hier außerordentlich gelehrt ausſehe. In einer Ecke des nicht zu großen Gemaches ſtand ein Glasſchrank, gefüllt mit einer Menge großer und kleiner Phiolen, aus welchen er ſeine Tincturen, Pillen und Pulverchen miſchte. In der andern Ecke ſtand ein hoher, vollkommen verſchloſ⸗ ſener Schrank, in den eine beſonders neugierige alte Vrow einmal zufällig hineingeguckt hatte, als der Doctor das Zimmer verlaſſen, und ſie den Schlüſſel ſtecken ſah. Sie wäre aber vor Schrecken beinahe ohnmächtig geworden, als ihr ein rieſiges Beingerippe entgegengrinſte, und ſie mochte auf das Geſimſe, welches oberhalb des Kamines angebracht war, gar nicht hinblicken, da es ihr vorkam, als ſchwämmen da kleine Kinder in großen Branntwein⸗ flaſchen herum. Sei es nun, wie es ſei, Doctor Schnep⸗ permann ſtand jedenfalls in dem Rufe eines großen Gelehrten und berühmten Arztes, und ſo hatte denn auch 45 heute Nachmittags, als Vrow Katharina ein ganz eigenthümliches Unwohlſein verſpürte, der Patron von „Bergen“ ſein Boot, mit zwei Negern bemannt, nach ihm geſchickt. Der Doctor war dieſem Rufe gern gefolgt, wie es ganz erklärlich iſt; war aber ſehr unangenehm berührt, als er bei ſeiner Ankunft und Frage nach der Patientin, er⸗ fuhr, daß ihn dieſe gar nicht ſehen wolle. „Man hat mich aber doch rufen laſſen?“ ſagte er mit etwas gekränktem Gefühle. „Das heißt— ich,“ erwiederte der Patron—„meine gute Vrow meint aber, daß Namakewa beſſer zu die⸗ ſem Geſchäfte ſich ſchicke, als ein Doctor.“ „Namakewa?— die Indianerin?“ fragte der Doctor erſtaunt. „Eben dieſe,“ ſagte der Patron—„ſie ſoll in ihrem Stamme als Wehmutter bekannt ſein.“ „Unter den Rothhäuten!“ ſagte der Doctor etwas empfindlich. „Nun, meine Katharina meint,“ erwiederte der Pa⸗ tron—„die Rothhäute kämen auf demſelben Wege zur Welt, wie die Weißen.“— „Aber ſchon Gervais de la Touche ſagt, daß die männliche———“ „Laßt Euch das nicht beirren,“ fiel der Patron ihm 46 in's Wort—„ſetzt Euch zu mir, wir wollen Eines mit⸗ ſammen trinken und ſchmauchen. Bringt es die Nama⸗ kewa fertig,— wohl und gut,— wenn nicht,— nun, ſo ſeid Ihr da.“ Dies war nun ein ſo vernünftiger Vorſchlag, daß ſelbſt das beleidigte Gemüth des Doctors nichts dagegen einzuwenden hatte, und bald ſaßen die beiden Herrn am langen Tiſche in der großen Halle, hinter ihren Bierkrügen, den vorzüglichen Knaſter dampfend,— auf mehr hatte der Patron auch nicht den Doctor eingeladen, und als dieſer endlich das Bedürfniß fühlte, oder auch es für ſeine Pflicht hielt, ein Geſpräch anzuknüpfen, ſchloß der Patron ſeine Augen, welches der Doctor dahin überſetzte, daß er ſchwei⸗ gen ſolle, und dies that er denn auch, ſich denſelben Be⸗ trachtungen und Beſchäftigungen überlaſſend, wie ſein ſchweigſamer Wirth. Der alte Scipio ſaß am Feuer⸗ heerde und überließ ſich einem ſüßen Schlummer, und ſo war es denn ſo lauſchig ſtille in der Halle und im ganzen Hauſe, daß man den leiſen Tritt einer Maus hätte hören können; nur zuweilen klang es wie ein leiſes Wimmern im obern Stockwerke, und dann puffte der Patron wohl drei bis vier Mal etwas heftiger und raſcher ſeine Pfeife, und der Doctor erhob ſich wohl auch mit halbem Leibe, als ob er ſeinen Sitz verlaſſen wolle; aber das Wimmern war vorüber, ruhig und regelmäßig qualmte die Pfeife, 47 und beruhigt ergriff der Doctor den Krug. Nur ein Mal drang es wie ein Gekreiſch durch die lautloſe Stille,— der Doctor ſprang wirklich vom Stuhle auf und machte Miene, der Thüre zuzueilen,— der Patron ſagte aber: „Bleibt nur ſitzen,— man wird es Euch gewiß zu wiſſen machen, wenn man Eurer bedarf.“ „Aber ſchon Gervais de la Touche empfiehlt den Gebrauch der männlichen Geburtshilfe und warnt vor der Unwiſſenheit der Hebammen,“ ſagte der Doctor. „Meine gute Vrow hat wahrſcheinlich nie mit die⸗ ſem de la Touche geſprochen,“ erwiderte der Patron ganz ruhig. „Ich auch nicht,“ ſagte der Doctor,—„denn der Mann iſt bereits ſechzig Jahre todt,— aber ſein Werk habe ich geleſen, im Originale: La très-haute et trés- souveraine science de l'art et industrie naturelle d'enfanter, contre la maudite et Perverse impéritie de femmes, que l'on nomme sages-femmes— und ich muß ſagen..... „Ich glaube, meine gute Vrow hat das Werk auch nicht geleſen,“ ſagte der Patron eben ſo ruhig und ſchloß ſeine Augen,— der Doctor verſchluckte den Nachſatz ſeines Argumentes,— griff nach dem Kruge,— zündete ſich eine friſche Pfeife an, und wieder war es ſo ruhig in der Halle, daß man den Muskito konnte ſchwirren hören, der 48 ſich auf irgend einem Wege hereingeſtohlen hatte, und jetzt in weiten Umkreiſen das flackernde Licht umgaukelte. Da tönte und lärmte es durch's Haus, mit donnern⸗ dem, dröhnendem Geklopfe am Thore, daß der Doctor vom Stuhle aufſprang und ſelbſt der Patron ſich mit halbem Leibe erhob, Scipio war aber mit einem Satze zur Thüre hinaus,— und da kreiſchte es fürchterlich im obern Stockwerke,— ein Mal— zwei Mal— dann war es ſtill,— aber wieder kreiſchte es, doch feiner, um zwei Octaven höher und damit vereinigte ſich das Geſchrei eines indianiſchen Freudengeſanges,— und bei der einen Thüre traten ein Scipio mit der Leuchte, gefolgt von Mr. Tomkins und dem Kavalier,— bei der andern Namakewa, die indianiſche Wehmutter, mit dem jungen Patron auf dem Arme. 49 Drittes Capitel. „Gott iſt eine leere Tafel, auf der Nichts weiter ſteht, als was Du ſelbſt darauf geſchrieben.“ Luther. „In ſeinen Göttern malt ſich der Menſch.“ Schiller. Wer in der kurzen Zeit der Bekanntſchaft mit unſerem würdigen Patron van Hoboken, und durch die wenigen Striche, mit welchen wir in der Schnelligkeit ſein Porträt zu zeichnen vermochten, ſeine Individualität halbwegs auf⸗* gefaßt hat, wird es ganz erklärlich finden, daß der plötz⸗ lichen Ereigniſſe zu viele auf ein Mal kamen, um ihn nicht gänzlich aus dem Concepte zu bringen. Da trat ſein Couſin ein, mit dieſem ein vollkommen fremder Mann, in reicher, gewählter, von der holländiſchen abweichenden Klei⸗ dung, ihm vorgeſtellt als Sir Francis Lovelace,— dieſem hätte er doch füglich entgegentreten und unter ſei⸗ nem Dache begrüßen ſollen,— dieſes ſagte ihm ſeine holländiſche Gaſtfreundſchaft;— doch von der andern Seite trat Namakewa ein, den längſt gewünſchten und ängſtlich erwarteten Nachkommen auf dem Arme,— dieſer wäre er doch gern entgegengekommen, und hätte ſich den kleinen van Hoboken angeſehen, ihn vielleicht ſelbſt auf den Arm genommen,— dieſes ſprach ſein Vatergefühl,— 4 1858. IV. Van Hoboken. I. 50 nein,„zwei Herren kann man nicht dienen,“— und ſo ſtand der runde Mann denn wie feſtgebannt, den rechten Arm mit der Pfeife halb erhoben, mit der linken Hand die Lehne des Stuhles gefaßt, den Mund halb geöffnet, als ob er etwas ſagen wolle,— er ſtand ſteif und feſt, nur die beiden kleinen Aeuglein von den runden, rothen Wangen halb verdeckt, waren beweglich, und wandten ſich bald dem fremden Gaſte, bald dem jungen Weltbürger zu, — ober nicht Alle fühlten ſich in derſelben Befangenheit, wie er,— da gab es einen Mr. Tomkins, welcher mit boshafter Laune, in einen Schwall von Worten Etwas wie eine Gratulation vorbrachte,— da war der Doctor, welcher nicht ohne einigen Neid auf die Indianerin zutrat, um zu ſehen, ob es denn doch auch ein wirkliches, geſundes, unverletztes Kind ſei, was ſie gehüllt in einen Mantel aus blendendweißen Reiherfedern gewoben auf dem Arme trug, — Scipio machte es aber gar arg, dieſer ſprang wie ein Beſeſſener in der Halle herum, klatſchte mit den Händen zuſammen, lachte aus vollem Halſe und rief dazwiſchen: „der kleene Mynheer iſt da! der kleene Mynheer iſt da!“ Namakewa ſtand, nachdem ſie eingetreten war, einen Angenblick ſtill und ſandte den dunkelglühenden Blick wie ſuchend im Saale herum,— dann trat ſie mit raſchen Schritten auf den Kavalier zu, und ſah ihm for⸗ ſchend in's Auge. 51 Dieſer war überraſcht durch dieſe Bewegung und das eigenthümliche Benehmen des Weibes, deren Aeußeres jedenfalls auffallend genug war. Ihr Haar trug ſie lang, in zwei Theile abgetheilt, jeden Theil in die Haut einer Klapperſchlange gewickelt. Was davon unbedeckt geblieben, war mit Fett beſchmiert und mit Vermillon, dem gepul⸗ verten Schalenthierchen beſtäubt. Es iſt bekannt, daß, während die Männer häufig ihr Haupthaar bis auf einen kleinen Schopf auf dem Scheitel abſcheeren, die Indiane⸗ rinnen im Gegenſatze alles aufbieten, um volles, ſchönes Haupthaar zu erhalten, und ſie ſich entehrt glauben, wenn nur ein kleiner Theil davon abgeſchnitten würde. Nama⸗ kewa hatte jedenfalls Urſache auf Länge und Fülle ihres Kopfhaares ſtolz zu ſein. Und es lag auch wirklich in dieſem dunklen Blicke ſo viel Stolz, und in dieſen regel⸗ mäßigen, obwohl etwas harten Zügen, ſo viel Würde und Ernſt, wie der tapferſte Krieger der fünf Nationen nicht in einem höheren Grade zu zeigen gewohnt ſein mochte. Sie war wohl nicht jung zu nennen, doch ſicher auch nicht viele Jahre über die dreißig zählend, und die beinahe blaß⸗ gelbe Geſichtsfarbe, ſehr weit abweichend von dem Kupfer⸗ braun der Indianer, erhaben durch einen über jede Wange laufenden Streif von Vermillon that den ernſten, würde⸗ vollen Zügen ſicher keinen Eintrag. Sie war groß, was ſonſt bei dem weiblichen Geſchlechte der Eingebornen nicht 4* 52 der Fall iſt, aber dabei zierlich gebaut, und die nackten Arme, die nur um das Handgelenk einen breiten Reif von blankem Meſſing trugen, waren voll und ſchön. Sie trug ein Unterkleid von Rehleder, von dem die Haare entfernt waren und eben ſolche Strümpfe, von den Knieen bis zu den Knöcheln reichend, welche eben wieder von einem Meſſing⸗ Reif umgeben waren; die Schuhe waren von rauhem Rehleder, und um den Oberleib ſchlug ſie einen weiten Mantel, künſtlich aus den ſilberweiß ſchimmernden Federn des Fiſch⸗Reihers gewoben oder geflochten, welcher ſich weich anſchloß und in einem ſo künſtleriſchen Faltenwurf gelegt war, wie kaum eine Heldenſpielerin auf der Bühne es maleriſcher hätte geben können. Sie betrachtete einige Zeit den Kavalier, dann ſprach ſie mit Pathos und mit melodiſcher Stimme in ziemlich gutem Holländiſch:„Mein Bruder— Du biſt gekommen eine lange und mühſame Reiſe, von einem Lande weit über dem großen See; und bei Deinem Eintritte in dieſes Haus hat der große Geiſt dieſem hier Athem gegeben, und ich war die Erſte, die die Worte des Segens in ſeine Ohren wisperte. Du wirſt wieder heimkehren zu Deinen Brüdern jenſeits des großen Sees und ich zu meinem Dorfe, aber dieſes Kind wird uns Beiden nie ein Fremder ſein, dieſes ſage ich, Namakewa, die Tochter Hi⸗a⸗ wat⸗ha's, was in Eurer Sprache„der Weiſeſte der 53 Weiſen“ heißt, und was ich weiß, weiß ich von ihm, und er hatte es von dem großen Geiſte Ha⸗w ah⸗ne⸗u, der ihn abgeſendet hatte, um die Unwiſſenheit derer am Oſch⸗ wah⸗kee, am Te⸗ungk⸗too und Oh⸗nen⸗ta⸗ha zu belehren. Ich würde Dich um Deinen Namen fragen, doch es würde nutzlos ſein, da ich Deine Sprache nicht verſtehe, aber ich weiß, daß Ihr gewiſſe Zeichen macht, welche Euren Namen bedeuten,— und dieſe Zeichen ſollſt Du mir auf ein Blatt Papier niedermalen. Du weißt nicht, wozu dieſes dienen ſoll; aber Namakewa weiß es.“ Der Kavalier ſah ſie verwundert an, denn zum Ueber⸗ fluſſe verſtand er ſie kaum zur Hälfte, da er in der hollän⸗ diſchen Sprache nicht ſehr bewandert war. Mr. Tomkins machte den Dolmetſcher, wobei er nicht unterließ, einige ſcherzhafte Beiſätze zu machen; doch der Kavalier nahm die Sache mehr ernſthaft. Wir müſſen nicht vergeſſen, daß er einer Religionspartei angehörte, die ſich ſehr dem Myſteriöſen zuneigte. Die ihm gegebene Ueberſetzung der Anrede aus dem Munde dieſes Weibes, — ihr Aeußeres,— das wirkliche Zuſammentreffen ſeines Eintrittes in dieſes ihm völlig fremde Haus mit der gleich⸗ zeitigen Geburt des Kindes, und die darüber gemachte Be⸗ merkung Namakewa's,— Alles zuſammengenommen machte einen ſolchen Eindruck auf ihn, daß er ohne Zau⸗ dern ein Blatt Papier aus ſeinem Taſchenbuche riß und 54 mit dem Silberſtifte ſeinen Namen darauf ſchrieb, wobei er nach damaliger Schreibeweiſe die Anfangsbuchſtaben F und L mit vieler Deutlichkeit hinmalte, während die übrigen Buchſtaben klein und verkritzelt waren. Namakewa betrachtete das ihr gereichte Blatt mit vieler Aufmerkſamkeit, gleichſam als verſtünde ſie zu leſen, und ſei jetzt bemüht, aus dieſen beiden Namen etwas Be⸗ ſonderes herauszuleſen. Nach einer Weile ſagte ſie:„Das iſt gut!“ und ohne Weiteres um den Vater, der doch eigentlich die Hauptperſon zu ſein glaubte, ſich zu beküm⸗ mern, verließ ſie mit dem Kleinen auf dem Arme die große Halle. Nachdem ſie bereits einige Minuten verſchwunden war, herrſchte unter den Zurückbleibenden noch immer tiefes Stillſchweigen, welches endlich durch Mr. Tom⸗ kins unterbrochen wurde:„Nun, Vetter, da Ihr glück⸗ licher Vater geworden ſeid,“ ſagte er nicht ohne Laune, „auch Vrow Namakewa ihre Komödie ausgeſpielt hat, ſo erlaubt mir, Euch nochmals meinen Reiſegefährten, Francis Lovelace, Esg., vorzuſtellen.“ Der gute Patron verſuchte eine Verbeugung zu ma⸗ chen,— er lächelte dabei mit ganzem Geſichte, ſtotterte etwas von dem Vergnügen, Se. Herrlichkeit in ſeinem Hauſe zu ſehen, etwas von einer Entſchuldigung, daß unter gegenwärtigen Verhältniſſen die Bewirthung nicht 55 ſo ſein könne, als wenn die gute Vrow auf den Beinen wäre, und brach dann ſchnell ab, um, wie er ſagte, doch zu ſehen, wie ſeine gute Vrow ſich befinde. Er wackelte in aller Eilfertigkeit durch die Halle, wobei er, um das Gleichgewicht zu erhalten, den rechten mit der Pfeife bewaffneten Arm etwas ausſtreckte, und verſchwand durch dieſelbe Thüre, durch welche die India⸗ nerin abgegangen war. Freund Scipio verſtand aber ſehr wohl, was der Hausbrauch in einem holländiſchen Hauſe ſei. Es verging nur wenig Zeit, und über den langen Tiſch war ein ſchnee⸗ weißes Tuch mit rothen Franſen an den Rändern,— ein feines Holländergewebe,— ausgebreitet, und es waren große Platten mit kaltem Wildpret, Pöckelzunge, Schweine⸗ braten, Butter, ſchönem Holländer Käſe und ſonſt noch anderen guten Dingen aufgeſetzt, friſches Bier ſchäumte in den Krügen, die Flaſche Gin fehlte auch nicht, um ſo weniger die große Büchſe mit feinem Knaſter, neben welcher zwei Dutzend neuer Delfterpfeifen lagen. Die kleine Geſellſchaft fühlte ſich bald heimiſch, und als nach einiger Zeit der würdige Patron mit der Verſicherung erſchien,„daß Mutter und Kind ſich ſo wohl befänden, als es die Umſtände erlaubten,“ trat durchaus keine Stö⸗ rung ein, dann war Klaus Winant van Hoboken jederzeit ein gaſtfreundlicher, wenn auch nicht geſprächiger Wirth, ſo auch dieſes heute, wo er Vater geworden,— was doch die Vaterfreude nicht Alles vermag,— er ſprach heute mehr, als ſonſt wohl in drei Monaten. Als man die erſten und dringendſten Anforderungen eines hungrigen Magens befriedigt hatte, und die Pfeifen dampften und der Becher kreiſte, ſtellte der Kavalier einige Fragen, welche Namakewa betrafen. Mr. Tomkins konnte als ein Fremdling in dieſer Gegend natürlich keine Auskunft geben; eben ſo wenig der Patron, welcher von ihr nichts wußte, als daß ſie Namakewa heiße, bei den Hackinſags wohne, häufig in Neu⸗Amſterdam und in den Anſiedelungen zu finden ſei, und einigen Ruf als erfahrene Wehmutter genieße. Darüber verzog nun freilich der Doctor ein wenig den Mund, erklärte aber zugleich, daß er mehr von ihr zu erzählen wiſſe, da es ihm ſeit ſeiner Ankunft im Lande intereſſirt habe, von den verdrängten Indianer⸗Stämmen ſo viel als möglich zu erfahren, „denn,“ ſetzte er hinzu—„wenn nicht wir jetzt uns die Mühe nehmen, aus den Erzählungen und Traditionen der einzelnen Stämme uns ein Verſtändniß über dieſe urſprünglichen Bewohner des Landes zu verſchaffen, ſo werden es unſere Nachfolger gar nicht mehr im Stande ſein, da die Rothhäute immer mehr von den Weißen werden verdrängt worden ſein. Wir finden hier keine ge⸗ ſchriebene Geſchichte, und auch die mündlichen Ueberliefe⸗ 57 rungen ſind ſo unvollſtändig, daß ſie uns keine eigentliche Geſchichte der Nation geben können. Wir haben nur die indianiſchen Legenden, wie ſie vom Vater auf den Sohn ſich fortgeerbt haben, und dieſe müſſen uns einiges Licht geben dort, wo wir im vollkommenen Dunkeln wandeln. Ich will eine dieſer Legenden erzählen, welche eben mit unſerer Freundin Namakewa in Verbindung ſteht,— wenigſtens glaubt ſie es, und alle die weiſen Männer und Krieger, welche ſie kennen, glauben es auch.“ Und er erzählte die indianiſche Legende: Von Hi⸗a⸗ wat⸗ha, d. i. dem Weiſeſten der Weiſen: Vor vielen, vielen Jahren, an einem ſchönen Sommertage, lagen zwei junge Männer von der Onondaga⸗Nation unter einem ſchattigen Nußbaume und blickten über das ruhige blaue Gewäſſer„des Sees mit den tauſend In⸗ ſeln“ hin. Sie hatten ſich müde gejagt und waren nahe daran einzuſchlummern, als ſie plötzlich in weiter Ferne einen glänzenden, ſilberweißen Fleck bemerkten, der auf der dunkelblauen Fläche zu hüpfen ſchien. Das Auge des Indianers iſt ſcharf und geübt, und wenn ihm etwas Ab⸗ ſonderliches erſcheint, läßt er es nicht mehr aus dem Auge. Die Schläfrigkeit war verſchwunden, und mit geſpannter Aufmerkſamkeit betrachteten die Beiden den ſilberſchim⸗ mernden hüpfenden Punkt auf der Fläche des blauen Sees. Er kam näher und näher,— er wurde größer 58 und größer,— bis ſie endlich ſahen, es ſei ein ehrwür⸗ diger Mann, ruhig ſitzend in einem Canve von reinem Weiß, ſeltſamlich gebaut, ganz anders, als die Onondagas ihre Canves zu bauen gewohnt ſind,— wie ein Schwan auf tiefblauer See, ſo ſchwamm das weiße Canve dem Ufer zu, von einem Ruder getrieben, welches der ſilber⸗ weiß behaarte Mann führte,— zwiſchen ſeinen Brauen thronte tiefes Denken, ſein Auge war durchdringend ſcharf, ſeine ganze Erſcheinung war geheimnißvoll. Er trieb ſein Schifflein in die Bucht, in die ſich der„Doppel⸗Strom“ mündet, und legte es an deſſen weſtlichem Ufer an. Er ſtieg majeſtätiſch die ſteile Bank hinan, und hielt nicht an, bis er die höchſte Spitze des weſtlichen Hügels erreicht hatte. Er blickte wie im Entzücken herum, und beide Hände ausſtreckend, rief er mit dem Ausdruck der höchſten Ueberraſchung:„Osh⸗wah⸗kee!! Osh⸗wah⸗kee!!“*) Kaum fünf Schritte davon, von einem Dornenſtrauche verdeckt, lagen die beiden Jäger. Sie erhoben ſich nun, und ſchritten dem alten Manne zu, der durch ihr Er⸗ ſcheinen gar nicht überraſcht, ſie freundlich begrüßte. Man war bald gegenſeitig in ganz gutem Einverſtändniß. *) Noch heutigen Tages nennen die Ueberreſte der fünf Nationen den Ontario⸗See„Osh⸗wah⸗kee,“ welches zu überſetzen iſt:„Ich ſehe überall hin, und ſehe nichts.“ Von dieſem ſtammt der engliſche Name des Stromes„Oswego“ ab. 59 Die Jäger bereiteten ein Mahl von gebratenem Wildpret, — man genoß dieſes in Eintracht und unter abwechſelnden Geſprächen,— man rauchte die Friedenspfeife mitſammen, und es entſtand ein Grad von Vertraulichkeit und Zu⸗ neigung, welcher die größte Freiheit der Mittheilung ohne alle Zurückhaltung hervorrief. Der alte Mann eröffnete den beiden Jägern nun, daß er Ta⸗oun⸗ya⸗wat⸗ha, die Gottheit der Ströme, Seen und Fiſchereien ſei, eben jetzt von dem großen und guten Geiſt Ha⸗wahene⸗u beordert, ſeinen Wohnſitz in den Wolken zu verlaſſen, und auf der Erde die Ströme zu beſuchen, die Kanäle von Hinderniſſen zu reinigen, die Fiſcherplätze zu ſichern und alles was in dieſes Bereich gehöre, zu ordnen. Er lud die beiden Jäger ein, ihn zu begleiten, da er hoffte, ſie würden ihm von gutem Nutzen ſein, und ſie, nach einer kurzen Berathung unter ſich, willigten ein. Man beſtieg nun zu Dreien das ſilberweiße Canve, welches ſonderbarer Weiſe unterdeſſen an Raum, ſo viel nöthig war, gewon⸗ nen hatte. Ta⸗oun⸗ha⸗wat⸗ha mit ſeinen beiden Be⸗ gleitern beſuchte nun alle die Seen, unterſuchte deren Kü⸗ ſten und ordnete dort, wo ſich Etwas in Unordnung be⸗ fand,— er machte die Fiſcherplätze frei, und entfernte alle Hinderniſſe, die in den beſchiffbaren Strömen ſich etwa vorfanden,— mit Einem Worte, er erfüllte ſeine Pflicht als Gottheit der Ströme, Seen und Fiſchereien; 60 aber er that noch mehr. Er kam mit den Stämmen, die längs der Gewäſſer wohnten, in Berührung, und ſprach mit ihnen,— ſolche Geſpräche waren aber ſehr nützliche, denn er belehrte ſie dabei in der Kunſt, Korn, Bohnen und Tabak zu ziehen, welches früher nur ein Werk der Natur war,— er eröffnete ihnen manches Geheimniß der Jagd, — er ermunterte ſie aber auch zu einer ſtrengeren Beob⸗ achtung der Gebote des großen und guten Geiſtes. Er hatte ſich aber auf dieſem Wege die Liebe Aller gewonnen, und man beſtürmte ihn, nicht wieder zu ſeinem Wohnſitz in den Wolken zurückzukehren, ſondern bei ihnen zu bleiben. Nach einer Ueberlegung, die drei Tage und drei Nächte währte, willigte er ein, ihren Bitten nachzu⸗ geben, und unter den Menſchenkindern zu leben. Er er⸗ wählte ſich einen wunderlieblichen Platz an der Küſte des Sees Te⸗ungktoo zu ſeinem Wohnorte, legte ſeinen gött⸗ lichen Namen Ta⸗ounsha⸗wat⸗ha ab, und ließ es ſich gefallen, daß man ihn allgemein Hi⸗a⸗wat⸗ha, das iſt: „der Weiſeſte der Weiſen“ nannte. In allen Fällen, wo man nun Rath oder Belehrung benöthigte, wendete man ſich an ihn, und die beiden Jäger, welche ſeine bis⸗ herigen Begleiter geweſen, erhielten trotz ihrer Jugend einen Sitz am Berathungsfeuer der Onondaga⸗Nation, bewieſen ſich aber auch als ganz vorzüglich durch Tapferkeit im Kriege und würdiges Benehmen. 61 Mehre Jahre waren verfloſſen, ſeitdem ſich Hi⸗a⸗ wat⸗ha an den Ufern des Te⸗ungk⸗too niedergelaſſen, da kam die Nachricht, daß eine Horde wilder Krieger vom Norden der großen See herabziehe, und Brand und Mord ihren Weg bezeichne,— wie ein Lauffener flog dieſe böſe Neuigkeit von Dorf zu Dorf, von Stamm zu Stamm, und von allen Seiten eilte man dem Wohnſitze Hi⸗a⸗ wat⸗ha's zu, um ſeinen Rath einzuholen, ob man ſich muthig widerſetzen, oder ſich der Gewalt der Stärkern unterwerfen ſolle. Nach langem und tiefem Nachdenken erklärte er, daß es nöthig ſei, einen großen Rath von allen Stämmen, die man aus dem Oſten und Weſten verſammeln könne, ein⸗ zuberufen,„denn,“ ſagte er,„unſere Sicherheit hängt ab von reiflicher Berathung und ſchnellem, kräftigem Handeln.“ Die Renner wurden nach allen Richtungen ausge⸗ ſchickt, einzuberufen die Häuptlinge und weiſen Männer der Stämme zu einer großen Berathung, welche am ſüd⸗ lichen Ufer des Sees Oh⸗nen⸗tarha follte gehalten werden; und zur beſtimmten Zeit trafen die Häuptlinge, Krieger und weiſen Männer von nah und fern ein, um ſich zu berathen, wie die allgemeine Sicherheit zu erhalten ſei,— alle die vorzüglichſten Männer waren eingetroffen, nur nicht Hi⸗a⸗wat⸗ha, der Weiſeſte der Weiſen. Drei Tage hatten die Berathungsfeuer gebrannt und 62 noch immer nicht war er gekommen. Da wurden Boten, dringende Boten an ihn geſchickt. Sie fanden ihn ſinnend, brütend,— und mit gedrücktem, ſchwermüthigem Tone ſagte er:„Das Uebel liegt mir im Wege,— ich träumte, — und der Traum warnte mich, nicht den Pfad zu be⸗ treten, der mich dem Oh⸗nen⸗ta⸗ha zuführen würde.“ Der Indianer hat die größte Achtung für Träume,— durch Träume ſpricht der große Geiſt,— aber der gegen⸗ wärtige Fall war ein zu dringender, und einer der Boten nahm ſich das Herz und ſagte:„Die Berathungsfeuer haben drei Tage gebrannt, aber die Sitze ſind leer ge⸗ blieben, denn der oberſte Sitz, der für Dich bereitete, war noch unbeſetzt.“ Da hieß der„Weiſeſte der Weiſen“ die Männer warten, und zog ſich in das Innerſte ſeiner Hütte zurück, in das kleine Gemach, welches nie noch von Jemand außer ihm betreten worden. Hier verblieb er drei Stunden, und als er wieder erſchien, da ſchimmerte ſein Antlitz voll von Vertrauen und Hoffnung, und er befahl den Boten, das weiße Canve aus dem Blockhauſe zu holen, welches zu deſſen Aufbewahrung eigens errichtet worden war. Mit Ehrfurcht betraten die Männer dieſen Ort, mit Ehrfurcht hoben ſie das leichte Schifflein und trugen es auf ihren Achſeln zum See hinab, wo es ſich bald auf den blauen Wellen wiegte. 63 Er befahl nun den Boten, ohne Säumniß heimzu⸗ kehren und ſeine Ankunft zu melden. Er ſelbſt dann beſtieg das Schifflein, und neben ihm ſaß ſein Töchterlein, ein Kind von etwa zwölf Jahren, und dieſes führte das Ruder,— und luſtig tanzte auf den blauen Wellen des Sees hin das ſilberſchimmernde Schiff⸗ lein, als freue es ſich, wieder ein Mal das lange entbehrte Vergnügen genießen zu können. Und auf der Höhe des Sees Ohenen⸗ta⸗ha war ein glänzender, ſilberweißer Fleck zu bemerken, der auf der dunkelblauen Fläche zu hüpfen ſchien, und als er näher kam, wurde er größer und größer,— und die Häuptlinge und Krieger und weiſen Männer erkannten bald das Ca⸗ noe vom reinſten Weiß, und in dieſem ſaß Hi⸗a⸗wat⸗ha und ſein Töchterlein Na⸗ma⸗ke⸗wa, und ein frohes Ge⸗ jauchze ſandten ſie ihm entgegen, und die jungen Krieger tanzten jubelnd um das Berathungsfeuer herum. Er landete und ſtieg mit ernſter Würde, die Tochter an ſeiner Seite, die ſteile Bank herauf, dem Berathungs⸗ platze zu,— doch kaum hatte er die Höhe erreicht, da ſauſte es wie heftiger Windſtoß durch die Lüfte, daß die Augen Aller ſich nach aufwärts wandten. Ein dunkler Fleck zeigte ſich unter einer weißen Wolke, ſich haſtig ſen⸗ kend, größer und größer werdend, nahm er ſeine Richtung gerade der Stelle zu, wo der weiſe Mann mit ſeiner 64 Tochter ſtand. Wie durch Rieſengewalt wurde Hi⸗a⸗ wat⸗ha zur Seite geſchleudert und ein blendend weißer Vogel von nie geſehener Größe und Geſtalt mit ſtark ge⸗ krümmtem Schnabel und weit ausgebreiteten Flügeln drückte Namakewa zur Erde nieder. Mit ſolcher Gewalt fiel das Ungeheuer nieder, und ſo gewaltig war dabei die Er⸗ ſchütterung der Luft, daß viele der Anweſenden zu Boden ſtürzten, die Andern mehre Schritte weit zurücktaumelten. An dem Stamm eines Baumes gedrückt ſtand Hi⸗a⸗ wat⸗ha und ſah vor ſeinen Blicken den Liebling geopfert. „Ha⸗wah⸗ne⸗u! Du ſtrafeſt ſtreng!“ ſagte er mit ſchmerz⸗ lich gedrückter Stimme,— aufwärts ſchwang ſich der Vogel in raſchem Fluge, daß er bald hinter dem Gewölke verſchwand,— da lag ſein Liebling, todt, mit einer reichen Decke aus ſilberweißen Federn bedeckt, und im Umkreiſe lagen eine Unzahl Federn vom reinſten Weiß. Hi⸗a⸗wat⸗ha knieete an der Seite ſeines Kindes nieder,— er ſprach leiſe, ſehr leiſe einige Worte,— dann erhob er ſich und nahm das Kind in die Decke gehüllt, und trug es mit einer Kraft und Sicherheit, die dem alten Manne nicht zuzutrauen war, die ſteile Bank hinab, in das Canve, wo er den Leichnam mit aller Zartheit und Sorg⸗ falt niederlegte; dann ſtieg er wieder herauf und ſich zu den in ſtummes Erſtaunen verſunkenen Häuptlingen und Kriegern wendend, ſagte er mit ruhigem Ernſte: 65 „Kommt, meine Brüder und Freunde, wir wollen uns um das Berathungsfeuer verfammeln.“ Nichts macht einen größern Eindruck auf den In⸗ dianer, als die Aeußerung einer kräftigen Seele, die ſich weder durch geiſtige Leiden noch körperliche Schmerzen über⸗ wältigen läßt, und die Worte des weiſeſten Mannes wur⸗ den mit einem erſchütternden Freudengeſchrei beantwortet. Er wurde mit allen Zeichen der Achtung, ja faſt mit Ehr⸗ furcht zu einem etwas erhabenen Sitze geführt und gebeten, dieſen einzunehmen, und Aller Augen waren dann auf ihn gerichtet, als den einzigen Mann, der ihr künftiges Schick⸗ ſal vorausſagen könnte. Der Gegenſtand des Einfalles der wilden Stämme aus dem Norden wurde von einigen der fähigſten Rathgeber und tapferſten Krieger beſprochen. Verſchiedene Vorſchläge für die Zurückdrängung des Feindes wurden gemacht. Hi⸗a⸗wat⸗ha horchte ſtillſchweigend zu, bis die Sprecher alle geendet hatten. Nach einer kleinen Pauſe begann er:„Freunde und Brüder:— Der Gegenſtand iſt jedenfalls ein ſolcher, welcher reife Ueberlegung und Berathung erfordert. Er iſt nicht ein ſolcher, der leichthin zu nehmen iſt, oder daß unſer Entſchluß in Eile und unbedachtſam gefaßt wird. Ich würde daher ſagen, wir ſollen unſere Berathungen für einen oder ſelbſt zwei Tage verſchieben, damit wir wohl überlegen können die Worte der weiſen Häuptlinge und 1858. IV. Van Hoboken. I. 5 66 tapfern Krieger, welche heute geſprochen haben; aber es iſt eine drängende Sache,— jeden Tag dringen die wilden Horden weiter von den nördlichen Seen herab, und ſie würden uns überfallen, bevor wir einen Entſchluß gefaßt haben, wie wir ihnen begegnen wollen. Laßt mich daher heute ſchon euch einen Plan vorlegen, den ich nach einer Beſprechung mit dem großen und guten Geiſt, entworfen habe, und welcher, wie ich vollkommen vertraue, unſere Sicherheit gründen und befeſtigen wird.“ Er ſchwieg, eine lautloſe Stille herrſchte im weiten Kreiſe der Verſammelten, kaum daß ſie zu athmen ſich ge⸗ trauten und er fuhr fort: „Freunde und Brüder!— Ihr ſeid die Kinder von vielen Stämmen und Nationen. Ihr ſeid hierher gekom⸗ men, viele von euch, in großer Entfernung von euern Dörfern. Wir ſind zuſammengekommen für einen gemein⸗ ſchaftlichen Zweck, zu befördern ein gemeinſchaftliches In⸗ tereſſe, und das iſt, zu erhalten unſere Sicherheit und zu berathen, wie dies am beſten geſchehen kann. Sich den Horden des Feindes aus dem Norden als einzelne Stämme entgegenſtellend, wäre nur gewiſſer Untergang; in dieſer Art können wir keinen Vortheil erringen; wir müſſen uns vereinigen zu einem Bruderbund. Alle unſere Krieger vereiniget werden dieſe wilden Eindringlinge zurückſchlagen 67 und ſie von unſerm Jagdgrund treiben und wir werden gerettet ſein. „Ihr— die Mohawks, die ihr unter dem Schatten des„Großen Baumes“ ſitzt, deſſen Wurzeln tief in die Erde ſinken, und deſſen Aeſte ein weites Land überſpannen, ſollt die erſte Nation ſein, denn ihr ſeid kriegeriſch und mächtig. „Und ihr— Oneidas, die ihr euch an den„un⸗ beweglichen, ewigen Felſen“ anlehnet, ſollt die zweite Nation ſein, denn euer Rath iſt weiſe. „Und ihr— Onondagas, die ihr euere Woh⸗ nungen auf dem„großen Berge“ habet, und von deſſen Felſenklippen überſchattet ſeid, ſollt die dritte Nation ſein,— denn ihr ſeid mächtig begabt mit der Rede, und ſtark im Kriege. „Und ihr— Cayugas, ein Volk, deſſen Wohn⸗ platz der„dunkle Wald“ iſt, und deſſen Heimath überall iſt, ſollt die vierte Nation ſein, weil ihr die ſchlaueſten Jäger ſeid. „Und ihr— Senecas, die ihr im„offenen Lande“ lebt, und viele Weisheit beſitzet, ſollt die fünfte Nation ſein, denn ihr verſteht am beſten, Korn und Bohnen zu ziehen und Wigwams zu bauen. „Ihr, fünf großen und mächtigen Nationen müßt euch vereinigen und nur ein Intereſſe haben, und kein 68 Feind wird fähig ſein, euch zu beläſtigen oder euch zu unterjochen. „Und ihr— Manhattoes, Nyacks, Hackinſags, Montauks und ihr die andern, welche gleich dem ſchwachen „Gebüſche“ ſeid; und ihr, Naranganſetts, Mohe⸗ gans, Baritans und euere Nachbarn, das„Fiſcher⸗ Volk,“ möget euch unter den Schutz der fünf großen Nationen ſtellen. Haltet zu ihnen, und ſie werden euch vertheidigen. Ihr vom Weſten und vom Süden möget daſſelbe thun, und auch ihr werdet geſchützt werden. „Brüder— wenn ihr euch zu dieſem Bunde verei⸗ niget, der große Geiſt wird euch freundlich zulächeln, und ihr werdet frei, reich und glücklich ſein. Aber wenn ihr bleibt, wie ihr ſeid, ſo wird er euer zürnen, ihr werdet be⸗ kämpft, unterjocht, vielleicht vertilget werden. Die Namen der Nationen werden nicht mehr genannt werden. Brüder — dieſe ſind die Worte von Hi⸗a⸗wat⸗ha, laßt ſie tief in euere Herzen ſinken.— Ich habe geſprochen.“ Ein langes Stillſchweigen folgte, die Worte des „Weiſeſten der Weiſen“ hatten einen tiefen Eindruck auf das Gemüth Aller gemacht. Es war ein langes Still⸗ ſchweigen, und die Blicke Aller der Verſammelten waren in das Berathungsfeuer gerichtet. Endlich erhob ſich Oh⸗he⸗knugh, einer der weiſen Männer aus der Nation 69 der Onondagas, und dieſer ſagte:„Unſer Vater hat gut geſprochen, und er meint es wohl mit uns!“ Da gab es nun auch keine weitere Berathung mehr, und ſogleich wurde der große Bund derfünfNationen geregelt, wie er noch heut zu Tage beſteht. Als aber auch mit dieſer Regelung zu Ende gekommen war, erhob ſich Hi⸗a⸗wat⸗ha mit Würde und Ernſt und ſagte:„Freunde und Brüder!— Ich habe jetzt meine Sendung auf der Erde vollfüllet. Ich habe Alles gethan, was gegenwärtig zum Guten dieſes großen Volkes gethan werden kann. Ich habe alle Hinderniſſe auf den Strömen entfernt, die Canves haben freien Weg überall hin. Ich habe euch gegeben gutes Fiſchwaſſer und guten Jagdgrund. Ich habe euch gelehrt die Pflanzung von Korn und Bohnen und den Bau von Wigwams, und noch manches Andere. „Endlich habe ich euch beigeſtanden zur Bildung einer ewig dauernden Verbrüderung und Vereinigung in Kraft und Freundſchaft für euere künftige Sicherheit und Wohl⸗ fahrt. Wenn ihr ſie erhaltet, ohne es je zu geſtatten, daß ſich ein anderes Volk darein miſche, ſo werdet ihr frei, zahlreich und mächtig ſein. Würde andern Völkern erlaubt, an euerem Berathungsfeuer einen Sitz einzunehmen, ſo werden ſie den Samen der Eiferſucht unter euch ſäen, und ihr werdet Sclaven ſein, euere Anzahl vermindert und die fünf großen Nationen werden klein und ſchwach werden. 70 Erinnert euch dieſer Worte, es ſind die letzten, die Hi⸗a⸗ wat⸗ha zu euch ſpricht. Horcht, Freunde, der große Geiſt befiehlt mir, euch zu verlaſſen,— ich muß ihm gehorchen.“ Als der„Weiſeſte der Weiſen“ ſeine Rede ſchloß, da ertönte es wie ſüße Muſik aus den Wolken herab und die ganze Verſammlung war wie in Entzücken aufgelöſt.— Doch während die Augen Aller dem Wolken⸗Himmel zuge⸗ wendet waren, der gefüllet war mit ätheriſcher Muſik, ver⸗ ſchwand Hi⸗a⸗wat⸗ha,— und bald darauf ſah man den ſilberweißen Kahn hingleiten über die dunkelblaue Fläche des Oh⸗nen⸗ta⸗ha, geleitet von dem Ruder in der Hand des alten, ſilberbehaarten Mannes, zu deſſen Füßen der Leichnam ſeines auf dieſer Erde geborenen Kindes, in ſilberweißer Federdecke gehüllt, lag. Da ſprangen die Krieger der fünf Nationen von ihren Sitzen auf, dem Platze zu, wo der mörderiſche Vogel ſo viel von ſeinen Federn zurückgelaſſen hatte, und Zeder ſteckte ſich eine Feder in den Haarſchopf des Scheitels. Seit dieſer Zeit iſt es Gebrauch, daß die tapfern Krieger der fünf Nationen ſich mit den Federn des weißen Reihers zieren, wenn ſie in die Schlacht gehen. Hi⸗a⸗wat⸗ha war verſchwunden. Man weiß es, daß Ta⸗oun⸗ha⸗wat⸗ha, der Gott der Seen, Ströme und Fiſcherei wieder ſeinen Platz in den Wolken einge⸗ nommen hat;— aber Namakewa wandert unter den 71 fünf Nationen und ihren verbrüderten Stämmen herum, bald iſt ſie hier, bald dort,— der große Geiſt Ha⸗wah⸗ ne⸗u hat ihr das Leben wiedergegeben und manche Gabe verliehen, die an ihren himmliſchen Vater erinnert,— ob ſie für ewig auf dieſer Erde wandern ſoll, oder vielleicht einſt in die geheimnißvollen Regionen eingehen wird, welche bewohnt werden nur von den Lieblingen des großen und guten Geiſtes Ha⸗wah⸗ne⸗u, weiß Niemand, auch ſie ſelbſt nicht, zu ſagen.“ biertes Capitel. „Edle Gevattern, ihr wartt zu verſchwen⸗ deriſch. W. Shakſpeare.(König Heinrich VIII.) Als der Doctor ſeine Erzählung geendet hatte, herrſchte einige Zeit Stillſchweigen,— es war, als ob die Zuhörer über das eben Gehörte nachdenkliche Betrach⸗ tungen anſtellten, obwohl dieſes von dem würdigen Patron van Hoboken füglich nicht anzunehmen iſt, da er über⸗ haupt nicht gern Betrachtungen anſtellte, ihm auch eben jetzt die ſchöne weiße Pfeife aus der Hand glitt— Mr. Tomkins ſtellte aber die Frage auf, ob es wohl voraus⸗ zuſetzen ſei, daß die Indianerin Namakewa es ſelbſt 72 glaube, göttlichen Urſprungs zn ſein, mit der Sehergabe ausgerüſtet und zu einer Wanderung unter den verſchie⸗ denen Nationen bis zu einem unbeſtimmten Ende verur⸗ theilt,— oder ob ſie eine ſchlaue Betrügerin ſei, die aus dieſer Legende ihren Nutzen ziehe. „Dieſe Frage iſt wohl leichter zu ſtellen als zu beant⸗ worten,“ erwiederte der Doctor—„und das Eine ſo möglich als das Andere,— wir dürften auch durch das Eine ſo wenig als durch das Andere überraſcht ſein, da beides nur als eine amerikaniſche Wiederholung des im aſiatiſchen und europäiſchen Style aus ſo oft Vorgeführten anzuſehen iſt,— wir finden da blos andere Namen, aber die Thatſachen ſind dieſelben. Hat nicht jedes Volk, von dem wir wiſſen, eine Erzählung von einer Herablaſſung ſeiner Gottheit, um mit der Menſchheit in unmittelbaren Verkehr zu treten, ſei es nun in der Geſtalt eines brennen⸗ den Dornbuſches oder in der Geſtalt des weiſen Mannes im ſilberweißen Canoe, ſo kommt dieſes doch auf Eins heraus;— und finden wir da nicht wo anders auch die Erzählung von einem ewigen Wanderer?— und da iſt die indianiſche Legende viel ſanftmüthiger, ſie ſpricht doch nicht von einer fürchterlichen Strafe, die den wohlwollen⸗ den, gütigen, menſchenfreundlichen Ha⸗wah⸗ne⸗u gar nicht gleich ſehen würde— ſie ſpricht auch von einem end⸗ lichen Eingehen in die Regionen, von den Lieblingen des 73 großen Geiſtes bewohnt,— und ſehr treffend iſt die Ant⸗ wort eines Häuptlings der Jrokeſen, die er einem franzö⸗ ſiſchen Miſſionär gab: Würde der große und gute Geiſt zu uns herabkommen, wir würden ihm Feſte bereiten, das ſchönſte Wildpret braten, ein prächtiges Wigwam aufbauen, und uns freuen, daß er unter uns wohnen will, aber wir würden ihn nicht— kreuzigen!“ „Der Doctor iſt ein eifriger Freund der Rothhäute,“ ſagte Mr. Tomkins lächelnd. „Nicht mehr als billig iſt,“ erwiederte der Doctor warm,—„was haben ſie uns denn gethan, daß wir ſie als unſere ärgſten Feinde behandeln? Sie kamen den erſten weißen Ankömmlingen freundlich entgegen, boten ihnen die Friedenspfeife an, gaben ihnen zu eſſen, halfen ihnen Wohnungen bauen,— und da dieſe ſagten, ſie be⸗ nöthigten Land, um Korn und Bohnen zu pflanzen, da ſchenkten ſie ihnen Land von dem, was der große Geiſt ihnen gegeben hatte. Was iſt unſer Dank dafür? Wir werden in der künftigen Geſchichte das Lob erhalten, daß wir gut zu koloniſiren verſtanden, daß wir verſtanden, rohe Länderſtrecken urbar zu machen, Bäume zu fällen, Kanäle, Städte anzulegen,— aber der Geſchichtsſchreiber möge dann nicht vergeſſen zu bemerken, daß wir nur befähigte Eindringlinge waren, aber daß wir nicht verſtanden, uns der Fähigkeiten einer andern Nation zu bemächtigen, 74 ſie nutzbar zu machen, ſie zu erziehen,— er mag es er⸗ wähnen, daß wir wohl verſtanden, Nationen zu verdrängen, und aus dem gewonnenen Boden Nutzen zu ziehen, aber es nicht verſtanden, in das einer Nation eigenthümliche Gefühlsleben einzudringen, zu forſchen, und ſo uns in ihr heimiſch zu machen, um diejenigen Mittel aufzufinden, die ſie zu unſerer Lebensanſchauung anleiten müßten.“ „Ich glaube nicht, daß dieſes Volk, daß wir hier treffen, zu uns heraufgezogen werden könnte,“ ſagte Mr. Tomkins wegwerfend. „Dieſes iſt die allgemeine Sprache,“ erwiederte der Doctor,—„ich habe ein anderes Urtheil; ich habe unter den fünf Nationen gelebt, und habe ſie kennen gelernt. Sie werden Barbaren genannt, die ſtets durſtig ſind, Menſchenblut zu vergießen,— das iſt nicht wahr. Daß ſie grimmig und fürchterlich ſind, iſt nicht abzuſtreiten, aber eben ſo ſind ſie auch artig und verſtändig. Waren die Römer und Griechen weniger Barbaren? Die Grau⸗ ſamkeit der Indianer im Kriege erregt ſo entſetzlichen Ab⸗ ſcheu, aber was leſen wir von den weltberühmten Herven jener Nationen? war das Benehmen des Achilles mit Hector's Leichnam weniger barbariſch? Aber Achilles hatte einen Homer, der ſeine Heldentugenden pries; wen haben die Heroen der Indianer, gegen die jede Feder in bittere Galle getaucht iſt? Denkt an die Carthager und 75 Phönizier, welche ihre eigenen Kinder opferten,— und ich will nicht an jüngſt vergangene Zeiten erinnern, wo Männer, welche ſich Chriſten nannten unter dem Vorwande:„zur Ehre Gottes“ die Indianer an wirklicher oder ſelbſt dieſen angedichteter Grauſamkeit weit übertrafen. Es iſt wahr, die Indianer ſind unwiſſend, aber welch' glänzender und edler Genius ſchimmert durch dieſe dunklen Wolken der Unwiſſenheit durch. Keiner der größten römiſchen Helden hat größere Vaterlandsliebe oder größere Todesverachtung gezeigt, als dieſe Indianer, welche Barbaren genannt wer⸗ den, wenn die Freiheit des Vaterlandes in Frage kam. Ich glaube, die indianiſchen Helden übertreffen noch jene Römer, von denen wir mit ſo vieler Hochachtung ſprechen. Die größten dieſer römiſchen Herven haben Selbſtmord begangen, um der Schande oder den Martern zu entgehen, — der Indianer weiſet den ſchnellen oder ſchmerzloſen Tod zurück, wenn er glaubt, die Ehre ſeiner Nation würde da⸗ durch leiden; er gibt ſeinen Leib willig den fürchterlichſten Martern, die ſeine Feinde erſinnen können, hin, zu zeigen, daß die fünf Nationen aus Männern beſtehen, deren Muth und Standhaftigkeit nicht gebrochen werden kann.— Ihr ſagt, dieſes Volk kann nicht zu uns heraufgezogen werden! — ſaget mir, was haben wir Chriſten bisher gethan, um dieſe Ungläubigen beſſer zu machen? wir müſſen in der That zu unſerer Schande eingeſtehen, daß ſie durch unſere * 76 Nachbarſchaft und durch unſern Verkehr mit ihnen, ſchlechter geworden ſind, als ſie früher waren. Statt Tugend haben wir ihnen Laſter gelehrt, die ſie früher nicht kannten.“ Der Patron machte jetzt eine Bewegung mit Kopf und Oberkörper, welche nur zu deutlich zeigte, daß er von der Eulogie, welche der eben ſo gelehrte als menſchen⸗ freundliche Doctor den armen verkannten Indianern ge⸗ halten, nicht eine Sylbe vernommen hatte, ſondern einem Drange unterlegen war, welches die nothwendige Folge einer körperlichen und geiſtigen Aufregung ſein mußte, die ihm jedenfalls eine ungewöhnliche war. Auch Mr. Tom⸗ kins machte die Bemerkung, daß die Zeit ziemlich vorge⸗ ſchritten ſei, und ſo begab man ſich denn, Jeder in das ihm beſonders angewieſene Zimmer, zur Ruhe. Der Kavalier war am andern Morgen mit dem Frü⸗ heſten auf. Er verließ das Haus, um ſich die Umgebung zu betrachten. Dieſes war, wie er ſchon am vorigen Abende bemerkt hatte, ein ſehr anſehnliches Gebäude, voll⸗ kommen im holländiſchen Style gebaut, mit den treppen⸗ förmig aufſteigenden Giebeln, den kleinen Fenſtern, den eiſernen Wetterhähnen auf der Höhe des Giebels. Die nöthigen Nebengebäude, Schuppen, Stallungen, Scheunen ſchloſſen ſich an, und während ein großer, in nur halbcul⸗ tivirtem Zuſtande ſich befindender Obſtgarten den Vorder⸗ grund einnahm, war im Rücken der Gebäude ein gut ge⸗ 77 haltener Küchengarten, hier und da durch einen Roſenbuſch oder einer Gruppe hoher Sonnenblumen verziert, ange⸗ legt. Der Kavalier ging durch den Obſtgarten, und dem anſtoßenden kleinen Wald auf der äußerſten Spitze dieſes Vorgebirges zu, da er hoffte, von hier aus eine ſchöne Fernſicht zu genießen, worin er ſich auch nicht täuſchte. Das äußerſte Vorgebirge von Bergen ragt als rauher, zackiger Felſen, der von dieſer Seite nicht erſteigbar ſcheint, über die Bay hinaus, welche der Hudſon gleichſam dem Feſtlande abgezwungen zu haben ſcheint, um einen Theil ſeines Gewäſſers nach ſchneller Strömung von den Hochlanden herab, hier ausruhen zu laſſen. Es war ein großes Baſſin, von wilden gäh aufſteigenden Fel⸗ ſenmaſſen eingeſchloſſen, und wo ſtellenweiſe zwiſchen den Felſenritzen ſich fruchtbares Erdreich angelegt hatte; da waren mächtige Bäume aufgewachſen, und wie ſich die Wurzeln nach allen Richtungen hin ausbreiteten, und da⸗ zwiſchen Dornengeſträuch und Unterholz mit amerikaniſcher Ueppigkeit allenthalben hervorſchoß, ſo erſchien das Baſſin von dieſer Seite wirklich unzugänglich, und mochte den Schiffen einen ganz ſichern Ankerplatz bieten, nicht nur vor den Winden die etwa, außerhalb, den Hudſon hinauf oder hinunter peitſchten, ſondern auch vor jeder etwaigen un⸗ liebſamen Zudringlichkeit von der Landſeite her. Am Eingange dieſes Baſſin oder dieſer Bucht hatte 78 auch den Abend vorher die„Jungfrau“ Anker geworfen, — aber jetzt trieb ſie mit vollen Segeln den breiten Hud⸗ ſon hinab,— es war ſo eben Ebbe eingetreten, die beſte Zeit, um in den Hafen von Neu⸗Amſterdam einzulaufen, was kümmerte ſich da der würdige Kapitän um die beiden Paſſagiere, denen es nicht zugeſagt hatte, noch eine Nacht auf dem theerigen Schiffe zuzubringen,—„ſie werden wohl noch kommen,“ meinte Mynheer van der Hook,— und dorthin ſegelte die„Jungfrau.“ Der Kavalier konnte ihren Lauf ganz wohl verfolgen, denn nur wenige Meilen unterhalb wird der Strom von der prachtvollen Bay auf⸗ genommen, von jener gewaltigen Waſſermenge, die bei den „Engen“ ſich hereindrängt, ſich dann meilenweit ausbreitet, und mit dem Hudſon vereint zwiſchen Manhattan und dem gegenüber gelegenen Longisland hinſtrömt, um nach einem raſchen Laufe ſich wieder mit dem Meere zu vereinen, von dem es bei den„Engen“ ſich getrennt hat. Der Kavalier konnte mit ſcharfem Auge die weite Bay bis zu den„En⸗ gen“ hinaus überſehen,— es trieben wirklich einige Schiffe dieſen zu, um die offene See zu erreichen, ein paar Andere kamen dort herein, um vor Neu⸗Amſterdam Anker zu werfen,— damals konnte er die Kommenden und Ge⸗ henden noch zählen, dieſes wäre wohl heut zu Tage nicht möglich;— doch wie iſt das Damals mit dem Jetzt zu vergleichen: damals war der Theil von Longisland, welchen 79 die Bay beſpült, noch wildes, waldiges Hügelland, jetzt iſt es ein Häuſermeer mit mehr als hundert Kirchen, es iſt Brooklyn mit ſeinen hundert und fünfzig tauſend Einwoh⸗ nern. Damals war Manhattan ein ſanft ſich erhebendes Land mit prachtvollen Waldungen bis in unerreichbarer Ferne hinauf, an deſſen äußerſter Südſpitze ſich das kleine Amſterdam hingebaut hatte; jetzt iſt Manhattan: New⸗ York die Weltſtadt..... Doch was läßt ſich da beſchreiben, —— wir wollen zu unſerer Erzählung zurückkehren. Der Kavalier ſtand in dem Anblick dieſer großartigen Landſchaft verſunken, wer weiß es zu ſagen, welchen Ideen⸗ gang er dabei verfolgte,— jedenfalls war ſeine Seele ſehr beſchäftigt, denn er hatte das Annähern einer Perſon nicht bemerkt, die jetzt dicht neben ihm ſtand, und ihn mit einem ſcharfen prüfenden Blicke betrachtete,— als wolle ſie ſich ſeine Geſichtszüge tief einprägen oder als wolle ſie durch dieſe in ſeinem Innern leſen,— vielleicht wollte ſie Beides. Er beachtete ſie noch immer nicht,— da legte ſie ihre Hand ſanft auf ſeinen Arm. Er fuhr aus ſeinen Gedanken auf,— Namakewa ſtand vor ihm.„Was willſt Du von mir?“ fragte er freundlich und in holländiſcher Sprache; aber wie ſchon erwähnt, er war kein ſo fertiger Holländer, um dieſe Sprache im Munde der Indianerin, ſicher etwas undeutlich, vielleicht auch mit einem oder dem andern Worte der Jrokeſen⸗Sprache vermiſcht, vollkommen 80 zu verſtehen. Sie lächelte und bemühte ſich, durch Zeichen ſich verſtändlich zu machen. Die Eingebornen haben dazu ein eigenes Talent, und während ſie ihm eine Schnur gab, auf welche kleine Röhrchen, aus dem violett⸗blauen Theile der Venusmuſchel gefertigt, aufgereihet waren, bedeutete ſie ihm, dieſes unter ſeiner Krauſe um den Hals zu legen. Er folgte ihrem Befehle, und ſie bedeutete ihm dann, daß ſie eine gleiche Schnur dem kleinen neugebornen Spröß⸗ ling des Patrons um den Hals legen werde. Der Kavalier bemühte ſich, ſie um die Urſache dieſes Verlangens zu fragen, ſie ſuchte auch ihm Etwas erklärlich zu machen, da ihr aber dieſes nicht gelang, ſo wurde ſie ärgerlich, wandte ſich um, und ſchritt raſch dem Hauſe zu. Dem Kavalier that es leid, einmal, ſie nicht ver⸗ ſtanden zu haben, und auch, daß die gute Frau dadurch ärgerlich ſchien. Er konnte übrigens nicht helfen. Er machte einen Spaziergang, der ihn vom Vorgebirge weg, mehr in das Innere des Landes führte. Er traf da auf einen ziemlich ausgehauenen Waldweg, der wie er ſpäter erfuhr, zu einem einige Stunden entfernten, anſehnlichen Dorfe der Hag⸗in⸗ſags führte. Dieſen verließ er und verfolgte einen Fußpfad durch den Wald, auf welchem er bald in eine Lichtung kam, es war ein mehr in die Länge als in die Breite ſich ausdehnendes Wieſenland, durch kleine Gehölze unterbrochen, von einem kleinen Bache bewäſſert, 81 der dem Sumpfe zulief, welchen er den vorigen Abend paſſirt hatte. Hier lagen einzelne Häuſer zerſtreut, die Wohnſitze der Familien, welche ſich unter dem Patronate des Mynheer van Hoboken niedergelaſſen hatten. Es herrſchte hier jener ſtille Friede, wie wir ihn auch noch heut zu Tage in ſolchen abgeſchiedenen Anſiedlungen treffen. Der Kavalier wäre gern in das eine oder das andere dieſer kleinen Häuſer holländiſchen Styles eingetreten, aber er dachte es wohl an der Zeit, zum Herrnhauſe zurückzukehren. Er kam auch eben recht zur Feierlichkeit, die den kleinen Ame⸗ rikaner zum Chriſten machen ſollte,— wenigſtens der Form nach,— denn mehr kann ja doch mit einem ſo kleinen Schrei⸗in⸗die⸗Welt für's Erſte nicht geſchehen. Es waren der Dominie und der Schulmeiſter aus Neu⸗Amſter⸗ dam mittelſt vierruderiger Boote geholt worden,— in der Halle brannten ſechs mächtige Talgkerzen auf maſſive eiſerne Leuchter geſteckt,— da ſtand ein Tiſch mit blendend weißem Tuche überhangen,— da ſtand der würdige Patron in einem dunkelblauen Tuchwammſe und in der weitpuf⸗ figſten Hoſe, die er im Kleiderſchranke hatte finden können, — da ſtand der Doctor mit ſeinem gutmüthigen, ehrlichen Geſichte,— da lehnte am hohen Armſeſſel Mr. Tomkins mit den Händen in der Taſche und dem ſpöttiſchen Lächeln in den Zügen,— da, am Kamine glänzte das ſchwarze Geſicht des guten Scipio, ganz Wonne und Luſt über§ kleenen 1858. IV. Van Hoboken. T. 82 Mynheer,— eine Magd in ihrem beſten Staate, den jungen Weltbürger auf dem Arme, ſtand vor dem weiß überdeckten Tiſche, voll Anſtand und Würde, ſich des Amtes ſtolz bewußt, dem ſie heute vorſtehen ſollte,— Alles war bereit,— der Dominie begann—„wer iſt der Pathe?“ fragte er nach einer kleinen Eingangsrede—— —— der würdige Patron ſah verblüfft ſich um,— er hatte lange über die Wahl dieſes Gegenſtandes nicht einig werden können,— und in der letzten Zeit darauf vergeſſen. „Wenn Niemand beſſerer da iſt?“ ſagte Mr. Tomkins— und zog nachläſſig die rechte Hand aus ſeiner Rocktaſche, um ſie auf die Stirn des Kindes zu legen; aber da trat der Kavalier vor und ſagte: „Mynheer van Hoboken, wenn Ihr nichts dagegen habt, daß ein engliſcher Edelmann die Pflichten eines Taufzeugen übernimmt, ſo würde ich mich antragen?“ Der würdige Patron machte eine tiefe Verbeugung, und bemühte ſich etwas zu ſagen; aber er kam nicht dazu, denn Mr. Tomkins nahm das Wort, indem er mit ſpöt⸗ tiſcher Laune ſagte: „Frau Namakewa hat vielleicht eine ähnliche Mei⸗ nung gehabt?“ „Es ſcheint ſo,“ erwiederte der Kavalier, ohne dem Unpaſſenden in den Worten des Puritaners eine beſondere Aufmerkſamkeit zu ſchenken,— und zeigte auf die Schnur 83 um den Nacken des Kindes, während er ſeine unter der Halskrauſe hervorzog. Trotz der kurzen Erzählung, die er darüber gab, konnte man doch keine Erklärung des Benehmens der In⸗ dianerin herausfinden; und ſo begann denn der Dominie in Gottes Namen zu taufen. Dieſe wichtige Handlung ſollte aber nochmals eine kurze Unterbrechung erfahren, denn als die Magd, welche das Kind in den Armen hielt, die Schleife des Hemdchens öffnete, um Hals und Nacken dem Taufwaſſer frei zu ma⸗ chen, da erſchrak ſie ſo heftig, daß ſie beinahe das Kind hätte fallen laſſen,— was war es?— zum Erſtaunen Aller hatte der Kleine auf dem linken Oberarme ein F. L. in dunkelblauer Farbe und darüber eine Schildkröte, roh aber deutlich gezeichnet, ſitzen. „Das hat die Namakewa gethan,“ ſagte der Doctor ruhig—„ſie verſteht dieſe Operativn, welche ganz ſchmerzlos iſt. Man zeichnet zuerſt die Figur, die man machen will, mit einem Stückchen Kohle auf die Haut, dann ſticht man mit einer ſpitzigen Fiſchgräte kleine Löcher dicht neben einander, wo die Striche der Zeichnung laufen, bis etwas Blut ausſickert, dann nimmt man die fein ge⸗ pulverte Farbe, und reibt ſie ein. Das Pulver ſinkt unter die Haut, und was da gemalt iſt, kann nie wieder verwiſcht werden.— Die Namakewa hat die Sache ſehr gut ge⸗ 5 84 macht,“ ſagte er, indem er ſich die Zeichnung etwas näher beſah,—„eine Schildkröte,— ich verſtehe,— jede der fünf großen Nationen iſt in drei Familien von verſchiede⸗ nen Rang getheilt, und jede hat ihr Zeichen, was man Wappen nennen könnte,— die erſte Familie iſt die Sch ild⸗ kröte,— die zweite der Bär, die dritte der Wolf,— der Kleine führt die Schildkröte im Wappen— es wird ihm nie von Schaden ſein, denn es iſt, wie ich ſage, eine gefahrloſe Operation,— aber wer weiß, ob es ihm nicht noch ein Mal von Nutzen iſt.— F. L.— das iſt wohl Euer Name?“ „Was kann da dem Jungen noch fehlen,“ ſpöttelte Mr. Tomkins,—„er führt das Wappen der erſten Familien der fünf großen Nationen und das Namens⸗ zeichen eines engliſchen Peers———“ „Was ihm ſicher auch nie von Schaden ſein ſoll,“ ſagte der Kavalier etwas ſcharf, aber es war ihm anzu⸗ ſehen, daß er mit dieſem Manne auch nicht im Entfern⸗ teſten zu thun haben wolle. Der gute Dominie ſchüttelte nun freilich ein wenig den Kopf, als er dieſe Einverleibung in den Adelsſtand der fünf großen Nationen in ſichtbaren Zeichen vor ſich ſah, aber der Namenszug eines engliſchen Peers,— viel⸗ leicht auch die holländiſchen Guilders beruhigten ſeine Zweifel, und er taufte wacker darauf los. 85 Der Kleine erhielt den Namen Francis Oloff. Der Tauftiſch war dann bald entfernt, und ein an⸗ derer Tiſch nach gut alt⸗holländiſcher Sitte gedeckt. Aber ſo gern wir auch erzählen wollten, was Alles für gute Dinge da aufgetragen wurden, und ſo gern wir wieder⸗ erzählen möchten, was die Herrn über Tiſch Alles geſpro⸗ chen hatten, ſo können wir uns doch dabei nicht aufhalten, da wir noch viel Wichtigeres mitzutheilen haben, ſowie ſich auch Sir Francis Lovelace nicht länger auf dem gaſt⸗ freundlichen„Bergen“ aufhalten konnte. Wichtige Neuig⸗ keiten riefen ihn noch heute nach Neu⸗Amſterdam, um morgen in früheſter Zeit mit dem guten Schiffe„Neptun“ nach Europa abzureiſen. Wie der Dominie berichtete, ſo war heute Morgen ein Schiff eingelaufen, daß die Nach⸗ richt brachte, daß gegen Karl von England ein Prozeß anhängig gemacht worden, ſich aber in Schottland eine Partei zu ſeinen Gunſten erhoben habe. Sir Francis Lovelace nahm herzlichen Abſchied von dem guten Patron, küßte ſeinen kleinen Pathen auf die Stirn, und ſchob einen werthvollen Brillantring über ſeine vier kleinen Finger, grüßte mit Herablaſſung Mr. Eleaſar Tomkins, und fuhr in dem vierruderigen Boote mit dem Doctor, dem Dominie und dem Schul⸗ meiſter nach Neu⸗Amſterdam. Wir müſſen ihn aber ver⸗ laſſen, und ſeinen Weg nach Schottland allein nehmen 86 laſſen, ohne ihn in die Gefahren und Kämpfe eines Bürger⸗ krieges zu begleiten, verſprechen aber, nachträglich davon ſo viel zu berichten, als es zur Ergänzung unſerer Er⸗ zählung nothwendig iſt. Fünftes Capitel. „Doch mit des Geſchickes Mächten „Iſt kein ew'ger Bund zu flechten, „Und das Unglück ſchreitet ſchnell.“ Schiller. Wenn die gute Vrow Katharina van Hoboken fähig war, die Berichte über das, was während der Zeit ihres im Bette Liegen vorgefallen war, zu hören, ſo war ihre Neugierde durch die Erzählung ihres Gatten nicht nur nicht befriedigt, ſondern eher vermehrt, da, wie zu erwarten ſtand, dieſes nur eine ſehr unvollkommene, ver⸗ wirrte, kreuz und quer durcheinander gehende Mittheilung wurde,— von der alten Magd, die das Kind zur Taufe gehalten, und von dem ſtets in vollem Lachen und nur mit halben Sätzen erzählenden Scipio war eben auch nichts Vollſtändiges zu erfahren,— und ſo bekam ſie nun ein 87 buntes Durcheinander von einem jungen Lord in reicher Spitzenkrauſe und goldverſchnürtem Rocke, einem alten Doctor, der die Namakewa eine Hexe genannt, einem Dominie, der nicht taufen wollte, weil das Kind das Zeichen der heidniſchen Wilden auf dem Arme eingebrannt hatte,— und ſonſt noch allerlei Geſchichten zu hören;— das was ſie in Wirklichkeit vorfand: das Wappen und Namenszeichen auf dem Arme, die Muſchelſchnur um den Hals, der ſchimmernde Brillantring— nun dieſes waren eben auch keine Dinge, die ihr Aufſchluß geben konnten, und ſo mußte ſie ſich Anfangs damit befriedigen, daß der kleine Francis ein geſunder, kräftiger, ſtarker Junge ſei, der bald ſo viel Oberherrſchaft annehmen zu wollen ſchien, als ob das ganze Haus nur zu ſeinem Dienſte ſtünde, denn geſchah nicht gleich Alles, wie er es ſich einbildete, und oft verſtand man gar nicht, was er wollte, ſo ſchrie er ſo mörderlich, daß Vater, Mutter, Scipio, männliche und weibliche Dienſtleute wie verrückt im Hauſe herum⸗ liefen und nicht wußten, wo ihnen der Kopf ſtand. Später, als ſie das Zimmer verlaſſen durfte, hätte ſie wohl von Couſin Tomkins Aufſchluß erhalten können, aber dieſen mochte ſie nicht fragen,— er war nie ihr Liebling geweſen; ſie fühlte ſelbſt eine gewiſſe Abneigung für dieſen Menſchen,— ſie wußte nicht zu ſagen: warum, — aber es war beinahe wie eine ſchwere Laſt auf ihr Herz 88 geſunken, als van Hoboken ihr damals mittheilte, wie er ſich ſein Geſchäft erleichtern wolle, und daher an Mr. Eleaſar Tomkins die Einladung habe ergehen laſſen, unter vortheilhaften Bedingungen in ſein Handlungs⸗ geſchäft zu treten. Sie kommandirte das Hausweſen, aber in die Geſchäfte ihres Mannes mengte ſie ſich nie,— ſo waren die Frauen damals,— und demnach war Mr. Tomkins gekommen; aber ihre Gefühle für ihn hatten ſich nicht geändert, und ſo war er nicht der Mann, von dem ſie ſich wollte irgend Etwas erzählen laſſen, was ihren kleinen Liebling betraf. Auch Namakewa kam wieder, — dieſe fragte ſie wohl,— aber zu geheimnißvoll waren die Antworten dieſer,— über Manches ſchwieg ſie gänz⸗ lich, und ſo weit kannte Frau Katharina ihre indianiſche Freundin wohl, daß, wenn es dieſer nicht gelegen war, zu reden, es nichts auf der Welt gab, was ſie reden machte. Und ſo blieb denn die Frau Patronin in halber Unwiſſen⸗ heit über die Ereigniſſe, die bei der Geburt und Taufe ihres Kindes ſtattgefunden hatten, bald quälte ſie ſich gar nicht mehr, Näheres zu erfahren, und endlich, in den vielen Beſchäftigungen, denen ſie als tüchtige Hausfrau vorzuſtehen hatte, und die durch die Ankunft des jungen Patrons nicht vermindert worden, vergaß ſie gänzlich darauf. Und was ſagte denn der würdige Patron zu der Ankunft ſeines kleinen Patrons?—„man kann nicht 89 zwei Herren zu gleicher Zeit dienen,“ ſagte er, und über⸗ ließ das Geſchäft in Neu⸗Amſterdam gänzlich den Händen ſeines Couſins, den er als tüchtigen Geſchäftsmann kannte, und der auch gewiß Alles aufbot und Alles that, was zu Gunſten der Firma van Hoboken in Neu⸗Amſterdam zu thun war.„Er denkt es ſich wohl, daß die Firma nach ein paar Jahren„van Hoboken und Tomkins“ heißen ſoll,— nun, beſſer ein Couſin denn ein Fremder——“ ſo ſpekulirte der Patron und nahm ſich vor, die ganze Aufmerkſamkeit auf die Vervollkommnung ſeiner Beſitzung zu wenden, aber da hatte er wenig zu thun, da war Frau Katharina an ihrem Platze, dieſes verſtand ſie, und wenn er manchmal mit einem Projecte hervorkam, über das er einige Wochen gegrübelt hatte, ſo war es gewöhnlich ſchon ausgeführt oder der Ausführung nahe,— er ge⸗ wöhnte es ſich endlich ganz ab, Projecte zu machen oder über etwas zu grübeln, je älter der junge Patron wurde, — dieſer war ein Teufelsjunge, und machte dem alten Patron viel zu ſchaffen,— aber er machte ihm auch vielen Spaß—— wenn es einem König von Frankreich als Zierde angeſchrieben wird, daß er eines Tages von einem fremden Geſandten überraſcht wurde, als er eben im Zim⸗ mer auf allen Vieren herumkroch, und Pferdchen für ſeine zwei Prinzen ſpielte,— ſollte es dann nicht auch den Patron van Hoboken zieren, daß er ſich vom frühen 90 Morgen bis zum ſpäten Abend von ſeinem Prinzen zupfen, zerren, zwicken ließ und dabei ſo herzlich lachen konnte, daß ſein Bäuchlein wackelte und das ganze Haus erzitterte? Bei dieſen Unterhaltungen leerte er gemäthlich ſeinen Krug, rauchte ſeine Pfeife, und wenn der tolle Junge ein⸗ mal ermüdet einſchlief,— ſchlief er auch.„Ich habe mich genug geplagt und gemühet in meinem Leben,“ ſagte er— „jetzt will ich einmal blos dem Vergnügen leben.“ Wohl ihm,— möge doch nichts ſeine friedliche Ruhe ſtören. Aber wo giebt es eine Ruhe, einen Frieden auf dieſer Erde,— welche nie eine Störung erfahren? Sollte der würdige Patron van Hoboken eine Ausnahme von dem Looſe aller Sterblichen ſein? Er hätte es vielleicht ver⸗ dient, aber nein, das Schickſal iſt ein unerbittliches, es geht ſeinen Gang, und weicht nicht rechts und nicht links ab. Eine Wolke zieht bereits herauf, ſie verdüſtert den bisher ſpiegelklaren Himmel der Ruhe, aber ſie iſt nur die Vorläuferin des Ungewitters, welches ſich bald in ſeiner ganzen fürchterlichen Schwere über dem Hauſe van Ho⸗ boken entladen ſoll. Wie wir wiſſen, war Mynheer Klaus Winant van Hoboken Beſitzer eines ſchönen Stück Landes, wel⸗ ches er den Indianern, den Hag⸗in⸗ſags, abgekauft hatte, und von dem er ſich, mit der Bedingung es zu koloniſiren, urbar zu machen, und zu bebauen, Patron nennen durfte. 91 Er hatte dieſe Bedingungen alle erfüllt, aber mit dem Verkaufe hatten die Hag⸗in⸗ſags doch auch nicht dieſes Stück Land geräumt. Sie wohnten noch in ihrem Dörf⸗ chen, ein paar Meilen vom neuen Herrenhauſe entfernt, ſie fiſchten im Hudſon und in den ſtillen Buchten, die dieſer Strom in's Land hinein macht, ſie gingen der Jagd nach, als ob es noch ihr eigener Jagdgrund wäre, und fingen Biber und Ottern, eben, wie ſie es immer zu thun pflegten. Der gute Patron hatte die Sache nicht ſo ſtreng genommen,— ihr Dörfchen lag ihm nicht im Wege, und bis er dort hinauf mit dem Urbarmachen käme, dürfte noch manche Zeit verfließen,— von ihnen bekam er Fiſche, Auſtern und Wildpret auf die billigſte Weiſe, und die Biber⸗ und Otterfelle waren ſein vorzüglicher Handels⸗ artikel, übrigens waren die Hag⸗in⸗ſags auch ein ganz gutmüthiges Völkchen— es lungerten ſtets einige um das Herrenhaus herum, und wenn es dringende Arbeit gab, halfen ſie wohl auch mit— für eine wollene Decke, die man ihnen ſchenkte, oder für ein Gläschen Holländer⸗Gin, das ſie nie ausſchlugen. Man hatte ſich ſo an einander gewöhnt, daß es dem Patron gar nicht einfiel, die Hag⸗ in⸗ſags, wozu er doch das Recht hatte, aus ſeinem Terri⸗ torium zu vertreiben, und den guten Hagein⸗ſags fiel es eben ſo wenig ein, ihr Dörfchen freiwillig zu verlaſſen. Wir wollen es in Frage geſtellt ſein laſſen, ob es nicht 92 vielleicht beſſer geweſen wäre, wenn alle europäiſchen An⸗ ſiedler nach demſelben Princip der Duldung, nach welchem der gute Patron van Hoboken handelte, gehandelt haben würden; aber der geſtrenge Herr General-Director, oder Gouverneur von Neu⸗Niederland, Peter Stuyveſant, hatte darüber eine andere Anſicht,— oder war ihm aus was immer für Gründen, von der weſtindiſchen Kom⸗ pagnie der Auftrag gegeben worden,— ſo viel iſt gewiß, daß er an alle Patrone und Anſiedler den Befehl gab, ihr eigenthümliches Land ſo bald als möglich von den In⸗ dianern zu ſäubern. Niemandem kam dieſer Befehl unge⸗ legener als unſerm Patron van Hoboken, aber auch Niemand war ſaumſeliger in Durchführung deſſelben, als eben er. Er ließ es zwar den Häuptlingen der Hagein⸗ ſags zu wiſſen machen, ſie möchten ſich davon machen, aber dieſe ließen es eben geſagt ſein, und blieben wie vor und ehe in ihrem Dörfchen. Van Hoboken ließ die Sache dann auch wieder ruhen; aber nicht ſo Peter Stuyve⸗ ſant, der Starrkopf. An einem heitern Morgen mar⸗ ſchirte ein Sergeant mit einer Abtheilung Soldaten, aus Fort Neu⸗Amſterdam abgeſchickt, vor dem Herrenhauſe in Bergen auf, und nachdem der Offizier einen ſchriftlichen Befehl vorgezeigt hatte, verlangte er, der Patron ſolle mit ihnen ziehen, um die Hag⸗in⸗ſags mit Gewalt über die Grenze zu jagen. Mhynheer der Papa war aber eben das 93 Kutſchpferd von Mynheer dem Sohne, der in einem kleinen vierräderigen Wagen ſaß und ſich roth und blau lachte, wie der dicke Gaul dampfend und keuchend mit ihm in den Alleen des Obſtgartens auf und ab trabte,—„man kann nicht zwei Herren zu gleicher Zeit dienen,“ antwortete er verdrießlich dem Sergeant,—„wenn Euch die armen Hagein⸗ſags im Wege ſind, ſo treibt ſie ſelbſt hinaus, mich haben ſie bis zum heutigen Tage noch nie beläſtigt.“ Die Truppe marſchirte ab, und Mynheer trabte wieder gemüthlich mit ſeinem Söhnchen im Garten auf und nieder. Am andern Tage erhielt er einen Verweis von dem Generaldirector, ſeinem Befehle nicht Folge geleiſtet zu haben, und hatte fünfzig Guilders als Strafe zu entrichten. Daraus machte er ſich jedoch nicht eben viel; den Verweis ſteckte er ein und die fünfzig Guilders zahlte er, aber damit war es nicht abgethan. Es iſt wahr, die Hagein⸗ſags waren über die Grenze des Territoriums, welches van Hoboken's Eigenthum war, getrieben, ſie hatten ihr Dörfchen verlaſſen, und jenſeits auf dem ihnen noch zuge⸗ hörigen Lande ſich neu angeſiedelt; aber aus freundlichen Nachbarn waren ſie erbitterte geworden. Es ließ ſich Keiner mehr im oder um das Herrnhaus herumſehen, aber es gab gewiſſe Spuren, daß ſie doch manchmal einſprachen, bald war der Hühnerſtall geplündert, bald ſchönes Hol⸗ 94 länder Linnen vom Bleichplatze verſchwunden, bald neu geſetzte Obſtbäume ausgeriſſen,— der gute Patron machte jedoch ſolcher Kleinigkeiten wegen kein Aufhebens, ſondern hoffte, daß mit der Zeit der freundliche Verkehr wohl wieder hergeſtellt werden könnte, wenn den Hag⸗in⸗ſags begreiflich gemacht würde, daß nicht der Patron van Ho⸗ boken, ſondern der Statthalter von Neu⸗Niederland ſie aus ihrem alten Wohnſitze vertrieben habe. Er hoffte dabei auf die Vermittelung der Namakewa,— aber dieſe ließ ſich auch nicht mehr im Herrnhauſe ſehen,— und dieſes war die erſte Störung der gemüthlichen Ruhe des guten Patrons,— es war aber nur der winzige Vor⸗ läufer, wie wir in den nächſten Abſchnitten unſerer Er⸗ zählung ſehen werden. „ Sechſtes Capitel. „Berüchtigter Pirat! Du See⸗Spitzbube! „Welch' toller Muth gab Dich in deren Hand, „Die mit ſo blut'gem, theuerm Handel Du „Zu Feinden Dir gemacht?“ W. Shakſpeare.(Was ihr wollt.) Wir müſſen nachträglich die Bemerkung machen, daß die Arrangements mit den Indianern, wie ſie am Schluſſe des vorigen Capitels erzählt wurden, von ihrem Entwurfe bis zu ihrer Ausführung nicht raſch und gedrängt auf einander folgten, ſondern, daß bis zu ihrer vollſtändigen Durchführung in der That eine geraume Zeit verfloß, und daß der kleine Francis van Hoboken unterdeſſen einer der verwegenſten und lebhafteſten Jungen geworden war, die je von europäiſcher Abkunft in Amerika geboren wor⸗ den, und der jetzt in einem Alter zwiſchen fünf und ſechs Jahren ſtand. Von ſeiner Dutch⸗Abſtammung hatte er die ſtrotzende Geſundheit und den kräftigen Körper, die amerikaniſche Luft hatte ihn aber zu jenem entſchloſſenen, dreiſten, unabhängigen Buben gemacht, wie wir ſie in der erſten Generation gewöhnlich hier antreffen, und die uns durch dieſe Selbſtſtändigkeit über die Jahre hinaus manch⸗ mal überraſchen, manchmal aber auch ärgern, da uns, die wir die Wohlerzogenheit und jene gewiſſe Achtung der 96 Jugend vor dem Alter von drüben her noch gewohnt ſind, dieſe Independenz bisweilen als vorlaut, naſeweis und roh erſcheint,— aber vielleicht iſt dieſes für Amerika einſtweilen noch erſprießlich— die Zeiten ändern dann wohl auch die Sitten,— ſo viel iſt gewiß, daß Francis für ſeine fünf bis ſechs Jahre dreiſt und verwegen genug war. Er war bereits ein tüchtiger Wanderer, und in den Waldungen und Gehegen im Umkreiſe von mehren Meilen eben ſo zu Hauſe, als in dem Obſtgarten des Herrnhauſes, — im Sumpfe fing er Fröſche und Kröten, in der Hudſon⸗ bucht Fiſche,— die Vogelneſter waren vor ihm nicht ſicher, wenn der Baum nicht gar zu glattrindig war, und an manchem ſchönen Morgen hatte er ſchon einen Spa⸗ ziergang hinauf in das Dörfchen der Hagein⸗ſags gemacht. Bei ſolchen Gelegenheiten war er gewöhnlich durch ſeine Freundin Namakewa heimgebracht worden; aber als er ein Mal nach der Vertreibung der Indianer wieder das Dörfchen beſuchte und leer fand, kam er allein nach Hauſe. Seine erſte Frage war nach der Urſache des Ver⸗ laſſenſeins des Dorfes, und als man ihm dieſe ſagte, war er ſehr ärgerlich, er ballte die kleinen Fäuſte, ſtampfte mit dem Fuße und ſchimpfte tüchtig auf den Generaldirector, den er einen Dummkopf nannte, der ſich in Alles miſche. Am andern Morgen war er aber in aller Frühe auf und davon. Es war im Hauſe eben große Wäſche und die gute Vrow mächtig in Anſpruch genommen,— aber es war auch ein ſehr warmer Sommertag, und als der würdige Patron unter einem ſchattigen Apfelbaume ſeinen Platz eingenommen hatte, befiel ihn ein Schläfchen, ſo ſüß, daß er es gar nicht bemerkte, daß ſein Söhnchen den ganzen Vormittag über nicht heim kam,— als aber die Mittagsglocke im Hauſe geläutet wurde, um die Leute vom Felde herein zu rufen, und ſich Alles, was hungrig war, in der großen Halle verſammelte, fehlte der kleine Francis. Nun gab es großen Schreck im Hauſe, aber ſo eben trat auch Mynheer Francis zur Thüre herein. Er war ſehr müde und hungrig, und gab nicht eher Ant⸗ wort auf alle an ihn geſtellten Fragen, als bis er für's Erſte die Anforderungen ſeines Magens befriedigt hatte, — dann erzählte er, daß Namakewa ihn bis zur nächſten Waldesecke begleitet habe, aber trotz all' ſeines Bittens nicht mit ihm habe das Herrnhaus betreten wollen.„Ich gehe nicht unter das Dach dieſes hartherzigen Mannes,“ hatte ſie geſagt,— ſie hatte zwar noch mehres geſprochen, aber deſſen wußte ſich der kleine Berichterſtatter nicht zu erinnern. Es wurde nun dem abenteuerlichen Wanderer ſtrenge verboten, ſeine Streifzüge ſo weit auszudehnen; er ver⸗ ſprach es, und hielt auch ſein Verſprechen; aber deswegen war ſein Umgang mit ſeiner Freundin doch nicht ab⸗ 1858. IV. Van Hoboken. I. 7 98 gebrochen; er ward häufig an ihrer Seite geſehen,— im Walde,— unten an der Bucht,— und an verſchiedenen Plätzen,— er erzählte dann Abends am Heerde oft halb verſtändliche und unzuſammenhängende Legenden: Vom grünen See— wo ein Ungeheuer wohne,— dieſes hatte das Kind des mächtigſten Häuptlings der Onondagas ge⸗ raubt und mit ſich genommen,— der gute Geiſt Ha⸗ wah⸗ne⸗u verlangte, daß eine gute Menge ſchönen, grü⸗ nen Tabaks in den See geworfen werde,— dieſer wurde dadurch ganz grün, das Ungehener zog ſich aber zurück und das Kind hüpfte in die Arme der Mutter,— und um die Kinder der Onondagas nun vor dem Ungethüm zu ſichern, mußte jährlich dieſer Tribut an Tabak gebracht werden,— daher heißen die Indianer auch dieſen See Kai⸗yah⸗ Kooh, d. h. mit Tabak befriedigt. Derlei Erzählungen brachte er mehre,— er wußte aber auch ſonſt noch manches Andere,— er wußte die meiſten Bäume, Blumen, Pflan⸗ zen bei Namen zu nennen, freilich in der Sprache der Mohawks, wie er überhaupt häufig, beſonders wenn er in Affect war, dieſe Sprache mit ſeiner Mutterſprache vermiſchte, aber er wußte auch den Nutzen und Schaden manches Krautes, und kannte die Beeren, die er eſſen durfte, und die er als giftige vermeiden mußte,— er wußte auch eine Menge Neues über Vogelneſter, Fiſch⸗ fang, Biberbau— mit einem Worte: Namakewa hatte — —————— 99 ſich zur Lehrerin ihres Lieblings aufgeworfen, ohne dafür ein Salär oder eine Beſtallung zu beanſpruchen. Dieſes war aber auch der einzige Unterricht, den der junge Patron erhielt, wenn wir ausnehmen wollen, daß die Mutter ihn bisweilen vornahm, um ihm die erſten Grundſätze der Wiſſenſchaften, wir meinen das Buchſtaben⸗ kennen und die Kunſt des Buchſtabirens beizubringen, wo⸗ bei ſie denn auch nicht unterließ, ihm ſo viel von der Religion ihrer Väter zu ſagen, als ſie eben für die Faſ⸗ ſungskraft des kleinen Wildfanges verſtändlich dachte; aber Francis war ein Junge mit auffallender Auffaſſung ausgeſtattet, er merkte ſich, was die Mutter ihm lehrte ſo ſchnell und leicht, als was Namakewa ihm ſagte, und da Vater Hoboken dieſes zu ſeiner eigenen Verwunderung bemerkte, ſo faßte er den Entſchluß, mit Nächſtem einen Accord mit dem Schulmeiſter von Neu⸗Amſterdam zu ſchließen, daß dieſer in der Woche ein paar Mal nach Bergen kommen ſolle, um den jungen Mynheer in den Wiſſenſchaften weiter vorwärts zu führen. Dieſer Ent⸗ ſchluß war jedoch bisher noch nicht zur Ausführung gebracht worden, und wir wollen daher einſtweilen den Kleinen der Leitung ſeiner Mutter und der Tochter des Weiſeſten der Weiſen überlaſſen, und wollen unſern Leſer mit dem Stande der Dinge, ſo weit ſie die Provinz Neu⸗Nieder⸗ land betreffen, in Kenntniß ſetzen, da dieſes zur Verſtändniß 100 eines nahe bevorſtehenden Ereigniſſes nöthig iſt, welches dem Gange unſerer Erzählung die eigentliche Richtung giebt. Nach der Hinrichtung des unglücklichen Karl I., war England eine Republik, Oliver Cromwell, wenn auch noch nicht zum Protektor ernannt, ſo doch in der That deren Oberhaupt. Obwohl eine natürliche Gemeinſchaft der Intereſſen den beiden Freiſtaaten England und Hol⸗ land Friede und Freundſchaft zu gebieten ſchien, ſo ſtanden ſie doch bald einander feindlich gegenüber. Die Urſache war die berühmte Navigationsakte, welche, alle Einfuhr von Waaren verbietend, die nicht Naturerzeugniß oder Arbeitsprodukt der einführenden Nationen wären, dadurch allernächſt und am härteſten die Holländer, die bisher faſt alleinigen Spediteurs aller Welt, traf. Eine Verordnung, die, wegen der ganz beſondern Lage Englands, allerdings ſehr vortheilhaft auf deſſen Handel und Seemacht ein⸗ wirkte, jedoch an und für ſich blos dem Geiſte des ge⸗ meinen, ſelbſtſüchtigen Merkantilſyſtems entfloſſen war. Der Krieg der beiden Republiken wurde mit aller Erbitte⸗ rung von Nationalkriegen geführt, und mit einem Helden⸗ muthe, welcher eines Kampfes um die heiligſte Idee, eines Kampfes um Freiheit, Ehre und Daſein würdig geweſen wäre. Blake und Tromp ſtanden ſich mit ihren Kriegs⸗ flotten gegenüber,— Beide, wenn auch abwechſelnd beſiegt, 101 doch im Ganzen unüberwunden.— Beide ſich gegenſeitig, ſo wie der Welt, Gegenſtände hoher Bewunderung. Und in allen Meeren ſtreiften die von den beiden Nationen mit letters of mark ausgerüſteten Kaper herum, raubend, plündernd, wo ſie nur konnten, dem Gegner Schaden zu⸗ fügend, ſo viel ſie vermochten. Es war zu erwarten, daß der zwiſchen England und Holland ausgebrochene Krieg auch die benachbarten eng⸗ liſchen und holländiſchen Kolonien in Amerika verwickeln werde; aber Maſſachuſetts hielt die Hitze der weſtlichen Anſiedlungen, welche allerdings begierig geweſen wären, Neu⸗Amſterdam zu erobern, in Schranken, und verlangte von ihnen, als die ſicherſte und klügſte Politik,„den Ge⸗ brauch des Schwertes zu vermeiden, aber ſtets bereit zu ſein, ſich zu vertheidigen.“ Von dieſer Seite war die holländiſche Kolonie nun wohl ſicher, aber von anderen Folgen des Krieges blieb ſie nicht verſchont. Die Regierung von Maſſachuſetts konnte zwar die eroberungsſüchtigen Koloniſten von Neu⸗ England im Zaume halten, aber über die kühnen See⸗ räuber, welche die Anſiedlungen der Holländer um⸗ ſchwärmten, die Schiffe nahmen, die den ſichern Hafen verließen, und ſelbſt ſo tollkühn waren, ſich den dem Meere näher liegenden Anpflanzungen zu nähern, da zu morden, 102 zu rauben, zu plündern und dann zu— verſchwinden,— über dieſe hatte ſie keine Gewalt. Es war ein dunkles Gerücht über See gekommen, daß Cromwell bereits eine Expedition gegen Neu⸗Amſter⸗ dam autoriſirt habe. Der Gouverneur Stuyveſant wollte den Beiſtand der mächtigen Narraganſetts gegen die Engländer erkaufen, aber Mixam, ihr Sachem, erwiederte mit edlem Stolze:„Ich bin arm, aber keine Geſchenke von den ſchönſten Gütern, von Flinten, Pulver und Kugeln, ſollen mich in eine Verſchwörung gegen meine Freunde, mit denen ich die Friedenspfeife geraucht habe, ziehen!“ So war Stuyveſant auf ſich ſelbſt beſchränkt,— um ſo vorſichtiger war er. Seit einigen Tagen lag ein fremdes Schiff in der Bay von Neu⸗Amſterdam ruhig vor Anker. Damals war gut einlaufen in die Bay, da gab es noch kein Fort Ha⸗ milton und keine Forts Lafayette und Tompkins, wie dieſe heut zu Tage die„Engen“ beſtreichen; da waren die drei Inſeln, welche in der innern Bay liegen, die Bedlow's,“ Ellis's⸗ und Gouverneurs⸗Inſel, noch dichtes Waldland, das ſich über die Oberfläche des Waſſers erhoben hatte, wäh⸗ rend heut zu Tage hier gewaltige Steinmaſſen aufgethürmt ſind, aus deren ſchwarzen runden Löchern drei Reihen Tod⸗ und Verderben drohender Mündungen herauslugen,— a, damals war noch ganz ruhig hier vor Anker liegen, ſelbſt 103 für Einen, der eben nicht die beſten Abſichten hatte. Uebri⸗ gens hatte der Fremdling gute Farbe gezeigt, da er bei ſeinem Erſcheinen die franzöſiſche Flagge aufzog, mit welcher Holland gerade in Frieden ſtand. Was er aber eigentlich hier wollte, wußte Niemand, und die Neugierde der guten Neu⸗Amſterdamer war bis zur Stunde nicht be⸗ friedigt worden. Es war ein ſchön gebautes Schiff, mittler Größe, und die verſtändigen Schiffsbauherrn in der Stadt hatten weder an der Symmetrie, an der Takellage, noch an ſonſt Etwas eine Ausſtellung zu machen, meinten ſogar, es müſſe ein guter Segler ſein. Was es aber wolle, einladen oder ausladen— das wußte Niemand. Stuyveſant war jedoch nicht damit befriedigt, daß es die freundliche Flagge aufgezogen hatte, und bisher in der Bay ruhig vor Anker lag,— er beorderte ſeinen Lieutenant, das Schiff zu beſuchen, und den Kommandanten deſſelben in aller Ar⸗ tigkeit zu fragen, was ihnen die Ehre des Beſuches ver⸗ ſchafft hätte. Der Herr Lieutenannt aus dem Fort Neu⸗ Amſterdam wurde auch von dem Lieutenat des Schiffes mit aller Artigkeit empfangen, da der Kapitän ſelbſt durch Unpäßlichkeit an ſeine Kajüte gebunden war, und auf die höfliche Frage ward die höfliche Antwort gegeben, daß man hier eigentlich gar nichts anderes wolle, als in ſicherer Bay einige Ausbeſſerungen am Schiffe vorzunehmen, da dieſes auf einer langen Fahrt verſchlagen worden, und 104 durch einige Stürme ziemlichen Schaden erlitten habe. Man trank dann ein paar Gläſer feinen Weines und der Herr Lieutenant aus Fort Neu⸗Amſterdam nahm höflichen Abſchied und wurde von dem Lieutenant des Schiffes höf⸗ licher Weiſe bis zur Schiffsleiter begleitet; aber als der Erſtere dann heim kam und dem Herrn Gouverneur Bericht erſtattete, ſchüttelte er dabei bedenklich mit dem Kopfe, und meinte, das Schiff ſehe gar nicht aus, als ob es eine lange und beſchwerliche Reiſe gemacht habe, auch wäre gar nichts zu bemerken geweſen von erlittenem Schaden, Unordnung oder Verwirrung,— im Gegentheil ſei alles ſo proper und fir, daß er glaube, das Schiff könne in der kürzeſten Zeit einen Cours nehmen, den es eben zu nehmen beliebig wäre. Nähere Auskunft über den Charakter des Schiffes konnte er nicht geben, da es ihm nicht vergönnt geweſen, um ſich zu blicken, als der erſte Lieutenant nie von ſeiner Seite gewichen war. Somit war die Sache für's Erſte abgemacht. Am andern Tage erſchien aber denn auch der Lieutenant des Schiffes in Neu⸗Amſterdam, um dem Herrn Gouverneur perſönlich ſein Kompliment zu machen. Es war ein ge⸗ wandter junger Mann, nur Schade, daß er nicht hollän⸗ diſch und der gute Gouverneur nicht franzöſiſch verſtand, — der Lieutenant aus Fort Neu⸗Amſterdam, der da zur Noth hätte aushelfen können, war leider abweſend, und ſo 105 war die Converſation eine ſehr beſchränkte, d. h. auf die Leerung einiger Gläſer Wein beſchränkte,— nachdem dieſes geſchehen, nahm der Schiffslieutenant auch wieder ſeinen Abſchied, und fuhr zu ſeinem kranken Kapitän heim. Und ſomit war die Sache auf weiteres abgemacht; aber es ſei nicht damit geſagt, daß Peter Stuyveſant mit ſeinem Soldatenkopfe und ſeinem hölzernen Beine da⸗ durch abgefertigt war,— er war ein alter Fuchs und wußte wohl, daß der Schein zu Zeiten trügt. Es war bisher mondhelle Nacht geweſen, aber wie es die Eigenthümlichkeit unſeres freundlichen Nebenpla⸗ neten iſt, uns einmal ſein volles— dann nur ein klein wenig Geſicht zu zeigen, ſo folgten jetzt recht dunkle Nächte, und in einer ſolchen recht dunklen, man kann ſagen ſtock⸗ finſtern Nacht, ſtieß ein kleines offenes Boot von Paulus Hook, dem Kap, wo jetzt die Stadt Zerſey liegt, ab, und ſteuerte der Mitte der Bay zu. Dort lag der Franzmann, eben halb gewendet, daß ihm die Kanonen von Fort Neu⸗ Amſterdam nichts anhaben konnten; und als das Boot an den Unbekannten anlegte, da wurde von dem Verdecke herab eine Frage geſtellt, und von unten hinauf eine Antwort gegeben, dann wurde die Schiffsleiter herabgelaſſen, und ein einzelner Mann glimmte an dieſer hinauf. Er wurde, oben angekommen, von dem Schiffslieu⸗ 106 tenant empfangen, und dann nach wenigen gewechſelten Worten in die Kajüte des Kapitäns geführt. Des guten Kapitäns Unwohlſein mochte gewiß nicht von Bedeutung geweſen ſein, oder er ſich auf dem beſten Wege der Reconvalescens befinden. Er lag der ganzen Länge nach ausgeſtreckt auf einer Art Divan, unter den Kopf einige Polſter geſchoben; und auf dem kleinen Tiſch⸗ chen vor ihm ſtanden Flaſchen, mit feinen franzöſiſchen Weinen gefüllt; zwei waren jedoch bereits geleert, und auf die dritte machte er ſo eben einen Angriff, als ſich die Kajütenthüre öffnete, und unſer alter Bekannter, Mr. Eleaſar Tomkins, hereintrat. In der Kajüte brannte eine Lampe, die ihr volles Licht auf den Eintretenden warf, und der Kapitän, als er jetzt ſeinen Blick der Thüre zuwarf, rief halb zornig, halb launig:„Ei, wo ſteckſt du Denn die ganze Zeit, Du ver⸗ dammte Landratte? Glaubſt Du denn, wir haben nichts beſſeres zu thun, als hier zu warten, bis es Dir gefällig iſt, uns mit einem Beſuche zu beehren?“ Der Kapitän des franzöſiſchen Schiffes bewillkommte ſeinen Freund aber durchaus nicht in der Sprache der Franken, ſondern in einem ſo derben platten Engliſch als es nur in der Fleetſtraße zu London geſprochen werden kann. Mr. Tomkins ſchien aber ſeinen Mann gut genug —, ————— 107 zu kennen, denn ohne irgend eine Empfindlichkeit über etwas barſchen Empfang zu erkennen zu geben, erwiederte er im Gegentheile lachend:„Meint Ihr denn alle Weis⸗ heit allein verſchluckt zu haben, oder habt Ihr mich wirklich für ſo dumm genommen, daß ich vor den Augen aller Welt Euer Schiff beſuchen ſoll?“ „Bei allen Teufeln, Ihr habt Recht,“ ſagte der Ka⸗ pitän—„war verdammt helle, dieſe Nächte über, konnte vom Hinterdeck aus den alten Peter mit ſeinem Stelzfuße am Hafen auf und nieder humpeln ſehen,— hatte wohl nicht ſchlafen können vor Neugierde, zu wiſſen, wer denn eigent⸗ lich wohl im Bauche des großen Franzmannes wohne! Möchte wohl ſtaunen, wenn die Wände durchſichtig wären, nnd er ſeinen alten Freund Dick Seabroom auf weichen Kiſſen ſitzen ſähe, und in feinen Bordeaux ſeine Geſundheit trinken,— doch helft Euch ſelbſt— da iſt ein Becher,— den Wein ſeht Ihr ſelbſt wo er ſteht.“ Mr. Tomkins ließ ſich dieſes nicht zwei Mal ſagen, er nahm den gereichten ſilbernen Becher, füllte ihn bis zum Rande mit dem dunkelglühenden Wein, und ihn ſeinem Wirthe zu erhebend, ſagte er:„Gute Geſchäfte!“ Kapitän Seabroom rief lachend:„Das iſt ein Mal ein ehrlich gemeinter Spruch,— weil der ihn ſagt, damit für ſich ſelbſt ſpricht.— Doch ſetz' Dich, altes Krokodill— wollen jetzt ernſthaft mitſammen Eins plaudern.“ 108 Mr. Tomkins näherte ſich einem ſchön gearbeiteten mit rothem Sammet überzogenen Lehnſtuhl, der mit einer ſtarken Schraube an die Breterwand der Kajüte befeſtigt war. Ehe er ſich jedoch niederließ, betrachtete er ſich dieſes elegante Meubel, und ließ einen fragenden Blick in der pomphaft ausſtaffirten Kajüte herumſtreichen. Der Ka⸗ pitän erhob ein brüllendes Gelächter und rief:„Gelt, Du Nilpferd, Du ſtaunſt über die Pracht, mit der ſich Dein alter Freund umgeben hat. Hier ſieht es wohl anders aus, als auf der alten„Glasgow“— war doch ein gutes Schiff,“ unterbrach er plötzlich ſein Lachen, und mit einem Seufzer ſagte er:„That mir das Herz weh, als ich von dem alten Kaſten Abſchied nahm.“ „Und wie kam dieſes?“ fragte Mr. Tomkins. „Kam ſehr einfach,“ erwiederte der Kapitän.„Hatte mir von der Admiralität einen neuen Kaperbrief ausſtellen laſſen und war ein wenig den Wendekreiſen zugeſteuert,— waren ſchlechte Geſchäfte,— zwei Holländer wurden der armen Glasgow doch zu viel,— war jämmerlich zuſam⸗ mengeſchoſſen,— zum Glück kam ein Unwetter, hol' mich der Teufel, wenn ich ein ähnliches erlebt, dieſes machte den beiden Dutchmen genug zu thun, und ſie ſahen ſich nach der „Glasgow“ nicht weiter um,— vor den Holländern war ich nun wohl ſicher, aber das Waſſer ſtieg in dem alten Kaſten jede Stunde,— gepumpt wurde Tag und Nacht, 109 — half nichts,— da hieß es„Segel ho!“— war der Franzoſe,— wir ſchnell mit der franzöſiſchen Flagge auf, — einen Nothſchuß,— einen zweiten,— einen dritten, — der Franzmann kam mit vollen Segeln auf uns zu, — Jungens! rief ich, das iſt unſer neues Schiff, die Glasgow geht in drei Stunden zum Teufel.—„Hurrah!“ riefen die Kerle— war ein ſchönes Manöver— und meine Jungens fochten wie die leidigen Satane,— in einer Stunde hißte ich ſtatt der franzöſiſchen die engliſche Flagge auf,— und nahm von meiner alten Glasgow Abſchied, die vor unſern Augen ſank.“ Er nahm den Becher, wahrſcheinlich um ſeine Rüh⸗ rung mit einem guten Trunke hinabzuſpülen. „Und was geſchah mit der Mannſchaft des Franz⸗ mannes?“ fragte Mr. Tomkins. „Dumme Frage,“ erwiederte der Kapitän—„waren nicht viel übrig geblieben, und dieſe hielten an das Schiff, wenn auch der Kapitän gewechſelt war,— ſcheinen brave Jungens.“ „Und der Kapitän?“ fragte Mr. Tomkins weiter. „War ſo ein franzöſiſcher Narr mit ein wenig zu viel point d'honneur,— ſchoß ſich eine Kugel vor den Kopf,— war mir eben Recht,— hätte doch nicht gewußt, was mit ihm anfangen.“ Ruhig ſetzte er jetzt den zur Hälfte geleerten Becher auf den Tiſch. 110 Es trat eine kleine Pauſe ein. Der Kapitän dachte vielleicht an ſeine alte„Glasgow“— Mr. Tomkins überlegte vielleicht, wie weit er ſich mit dieſem alten Schmuggler, gegenwärtig mit einem Kaperbrief ausgerü⸗ ſteten Piraten einlaſſen könne. Nach einer Weile knüpfte Mr. Tomkins das Ge⸗ ſpräch wieder an: „Und was brachte Euch denn in die Bay von Neu⸗ Amſterdam?“ „Seekalb!“ lachte der Kapitän—„was ſonſt als ein guter Wind, Süd⸗Süd⸗Oſt— doch nein, ich will es Dir ſagen: das Verlangen Dich, Männchen, zu ſehen, zu ſprechen!“ „Mich?“ ſagte Mr. Tomkins, und ſah ſeinen Freund mit einem zweifelhaft fragenden Blick an,— die Beiden kannten ſich und wußten genau, wie weit Einer dem Andern zu trauen habe.—„Mich?— auf die Ge⸗ fahr hin, als ein engliſcher Kaper erkannt, ergriffen und gehängt zu werden?— Eine ſolche Anhänglichkeit und Freundſchaft hätte ich Euch nicht zugetraut.“ „Nicht? nun da kennt Ihr Dick Seabroom noch gar nicht,“ erwiederte der Kapitän,—„aber was das Erkennen, Ergreifen und Hängen anbetrifft, da hat es ſeine guten Wege. Mit der Glasgow wäre ich freilich nicht hereingefahren, aber mit dieſem ſchmucken Franzmann, ha, 111 da läßt ſich Etwas machen. Erkennen? wie kann man mich erkennen, da ich mich gar nicht ſehen laſſe; habe da meinen Lieutenant, Monſieur Duflor, iſt ſo ein halber „ Franzoſe, Windbeutel, ficht aber wie der Teufel,— nun ich habe Duflor zum Peter geſchickt, mein Kompliment melden laſſen, und daß ich ſterbenskrank ſei,— Duflor ſprach nichts als franzöſiſch,— der alte Stelzfuß verſteht nur ſein Holländiſch und das Spaniſch, was er in Cura⸗ cao zuſammengeklaubt, war eine hübſche Converſation,— nun, Du Schweinsfiſch, iſt das nicht ein guter Wis?— Hahaha!— ſo lache doch, Du Theerkeſſel!“ *„Und wenn ich nun hinginge, und zum Peter ſagen würde: der Fenzuitin iſt kein Franzmann, es iſt der alte Spitzbube Dick Seabrvom— wie dann?“ Mr. Tomkins ſagte dieſes mit guter Laune, und der Kapitän nahm es auch für dieſes, und ſagte:„Das thut Freund Eleaſar nicht,— dafür haben wir ſchon zu gute Geſchäfte mitſammen gemacht, und werden, will's Gott, noch manche mitſammen machen.“ *„So bald wohl nicht,“ ſagte Mr. Tomkins etwas trübe. „Sei kein Seekalb!“ rief der Kapitän—„die dumme Geſchichte, daß England und Holland ſich in den Haaren liegen, iſt freilich etwas unangenehm, aber komme ich nicht als Engländer, ſo komme ich als Franzoſe, als Spanier, 112 — unſere Geſchäfte müſſen doch gehen— was ſagſt Du dazu, wenn wir gleich heute eines machen wollen?“ „Heute?— ein Geſchäft?“ fragte Mr. Tomkins verwundert. „Gewiß,“ erwiederte der Kapitän—„habe den untern Raum mit kleinen Fäſſern angefüllt, daß ich wohl glaube, der Franzoſe hatte ſelbſt eine Spekulationsreiſe vor,— nun, er hat ausſpekulirt,— aber das Geſchäft wollen wir beenden.“ „Was enthalten die kleinen Fäſſer?“ fragte Mr. Tomkins neugierig. „Trink' ein Mal Deinen Becher aus!“ ſagte der Ka⸗ pitän,—„dann ſage mir, wie Dir der Wein zuſagt?— nun!— nun!— nicht wahr, nicht ſchlecht— Du nimmſt den Wein— nicht wahr?“ Mr. Tomkins hatte den Wein gekoſtet, nun mit mehr Aufmerkſamkeit, als er früher darauf verwendet— „nicht übel,“ ſagte er—„aber was ſoll ich mit dem Weine?“ „Das iſt Deine Sache,“ erwiederte der Kapitän— „habe auch noch andere Artikel— Alles in kleinen Fäſſern, — bequem aus⸗ und einzuladen,— wo wäre wohl der beſte Platz dazu?“ „Hm!— ich denke auf Paulus Hook. Ihr geht ein wenig um das Kap herum,— hat ſich da ganz gut hineingewaſchen— haben jetzt dunkle Nächte,— Du ladeſt mit Deinen Booten aus,— gibt da ein ganz verborgenes Plätzchen,——————— Und die beiden Freunde ſetzten ſich jetzt dichter zuſammen und calculirten, rechneten, beriethen und tranken dabei ſo wacker, daß die Flaſchen alle glücklich leer geworden waren. Es war Mitternacht vorüber, als Mr. Tomkins von dem würdigen Kapitäne Abſchied nahm. Er wankte etwas unſicher über das Verdeck der Schiffsleiter zu, aber als er dieſe einmal betreten hatte, glitt er ganz ſicher hinab, und als er in ſeinem Schifflein ſaß, ſchnippte er mit den Fingern und ſagte halblaut vor ſich hin:„Gute Artikel, — der Wein iſt noch das wenigſte; aber das verſteht dieſes Seethier nicht,— gutes Geſchäft,— meinte ich ſei voll, könne mich über den Daum drehen— hahaha! Eleaſar Tomkins iſt nie voll, wenn es ein Geſchäftchen gilt,— der läßt ſich nie über den Daum drehen,— wären die Waaren nur ſchon in der Biberſtraße,— dann ſchlüge ich dem Zollhauſe an der Brücke ein Schnippchen,— nun,— es wird auch gehen, wie ſchon manches Andere.“ Er beorderte die beiden Leute, die an den Rudern ſaßen, Anfangs auf Paulus Hook loszuſtenern, dann aber ihre Richtung nach Neu⸗Amſterdam zu nehmen, ſo daß es ausſähe, als käme er nicht aus der Bay, ſondern von Ber⸗ gen, wenn er unter dem Fort anlege. 1858. 1V. Van Hoboken. I. 8 114 Der würdige Kapitän ſtand aber am Geländer des Deckes und ſah ſeinen Freund die Schiffsleiter hinabgleiten. „Der iſt dick voll!“ ſagte er vor ſich hin,—„ſo eine Land⸗ ratte kann doch nichts Flüſſiges vertragen,— er glaubt mich zu haben!— hahaha!— habe ich nur einmal Deine Anweiſung auf Amſterdam, dann will ich ſchon noch ein Privatgeſchäftchen machen,— ohne Dich.... ergreifen?— hahaha!— mit den paar offenen Booten, die ſie haben,— den Dick Seabroom ergreifen; und„hängen!“— hahaha!— erſt haben, dann hängen!“— Er wockelte der Kajüte zu,— öffnete noch eine Bou⸗ teille,— und ſank endlich mit dem Worte„Du Seekalb!“ in Morpheus ſüß ihn umfangende Arme. Siebentes Capitel. „Mein Kind! mein Kind!— wo iſt mein Kind! So klagt der laute Mutterſchmerz— Vergehens doch der Jammerruf ertönt: Da bricht der Armen Herz.“ Rronos,(Eine alte Komödie.) Am nächſten Tage hatte der Franzmann ſeine Stellung etwas verändert. Er war die Bay herabgegangen und hatte ſich dem Vorgebirge Paulus Hook genähert. Er war hier ſo ſicher als in ſeiner früheren Lage; weit genug vom Fortentfernt, um von deſſen Kanonen etwas befürchten zu müſſen,— nur für den Fall einer etwaigen Verfolgung hatte er einen etwas ſchwierigeren Lauf, um aus der Bay durch die„Engen“ in die offene See zu kommen. Ein ſolcher Fall war jedoch nicht vorauszuſetzen, da ſich das Schiff als ein unter der neutralen Flagge Frankreichs ſegeln⸗ des Fahrzeug erklärt hatte, und bisher nichts eingetreten war, was dieſem widerſprochen hätte. Es lag auch hier den Tag über ganz ruhig und unbeläſtigt, doch als die dunkle Nacht einbrach, da war es im Innern und um das Schiff herum ſo lebendig als in einem Bienenſtock zur Zeit, wo ſich ſeine Bewohner bereit machen, auszufliegen. Die Boote waren in die See gelaſſen, und dunkle Geſtalten 8* 116 ſtiegen an den hinabhängenden Strickleitern auf und ab,— dem Anſcheine nach ſchwere Fäſſer wurden aus dem untern Raume mit vieler Mühe auf das Verdeck gebracht und an Seilen in die Boote geſchafft,— man hörte das Knarren einer Winde, den hohlen Ton, wenn die Laſt den Boden des Bootes berührte, dazwiſchen vernahm man einzelne Ausrufungen, befehlende Worte, Flüche,— aber Alles geſchah mit möglichſter Schnelligkeit und mit nicht ver⸗ kennbarer Vorſicht, ſo wenig als möglich Geräuſch zu machen;— die geladenen Boote fuhren dann ab, kaum daß man das Plätſchern eines Ruders hörte, und ſtrichen gerade der Erdzunge zu, dann aber gingen ſie eine gute Strecke aufwärts, bis wo die Bay einen großen Einbug macht. Hier iſt felſiges Ufer, von dem anſchlagenden Waſſer zur Zeit der Flut unterwaſchen, und von Weiden⸗ bäumen und Geſtrüpp jeder Art überwachſen. An einer Stelle iſt das Ufer unterbrochen und hineingeſpülter Well⸗ ſand hat jeden Wachsthum von Baum oder Strauch ver⸗ hindert. Dieſe Sandbank erſtreckt ſich aber kaum dreißig oder vierzig Schritte weit in das Land hinein, dann wird der Boden feſter, niederes Schilf ragt aus der ſeichteren Sandſchicht hervor, endlich erhebt ſich der Grund, und es zeigt ſich ein Pfad, zwiſchen Dornbüſchen und Niederholz ſich durchwindend, welcher nach einem kurzen Lauf in einem kleinen, kaum einige Acker umfaſſenden Thale endet, welches 147 von Felſen umgeben iſt und eine Menge von Schlupf⸗ winkeln hat, wie ſie wahrſcheinlich das Meer, welches vor undenklichen Zeiten über dieſen ganzen Landſtrich geſtanden haben mochte, in den Strömungen der Ebbe und Flut ge⸗ bildet hatte. Hier, auf der Sandbank im Felſenthale und auf dem Pfade zwiſchen Beiden, war es denn nicht minder rührig bewegt,— hier warten Männer bereits auf das Ankommen der Boote,— es ging dann an ein eben ſo behendes Ausladen,— die Fäſſer wurden auf kleine zwei⸗ rädrige Karren und mittelſt dieſer in die Schlupfwinkel des Felſenthales gebracht,— wieder kehrten die Boote zum Schiffe zurück, und wieder kamen ſie, und die ganze Nacht verfloß unter ununterbrochener Thätigkeit und Arbeit,— als aber das erſte Grauen des Tages am öſt⸗ lichen Horizonte ſich zeigte, da lag das Schiff wieder ſo ſtille und ruhig in der Bay, da war keine Bewegung auf dem Verdecke zu ſehen, die Boote waren aufgezogen,— es ſchien, als ſei tiefer Todesſchlaf in alle Räume des Franzmannes eingezogen— und ſo war es den ganzen Tag über. Die folgende Nacht war eine eben ſo dunkle als die vorige geweſen,— kein Sternlein ſchimmerte am Himmel, der wie ein ſchwarzes Grabtuch über die Bay ausgeſpannt erſchien,— in Neu⸗Amſterdam war das letzte Licht ver⸗ löſcht, kein Strahl drang von Manhattan zum Schiffe her, 118 ſchwarze Finſterniß, wohin man blickte. Dick Seabroom ſaß in ſeiner Kajüte, vor ihm ſtanden die wohlgefüllten Flaſchen und der ſilberne Becher, aber er trank heute in gemäßigteren Zügen, erhob ſich auch zeitweiſe und öffnete das kleine runde Fenſter, und ließ ſich Stirn und Wange vom friſchen Seewinde kühlen,— es war deutlich, daß er ſich hütete unter die Oberherrſchaft des feurigen Bordeaur zu kommen. Die Thüre öffnete ſich leiſe und herein trat ein alter Matroſe, wenigſtens mußte man es annehmen, daß er ſchon manchen Frühling hatte kommen und gehen geſehen. Nur wenig graugemiſchtes Haar hing borſtenartig von Hinterkopf und Schläfen hinab, der übrige Theil des Kopfes war kahl und tiefe Furchen waren auf der dunkelgebräunten Stirn gezogen. Ueber den kahlen Schädel zog ſich eine breite weiße Narbe hin, die grell im hellen Lichte der Ka⸗ jütenlampe glänzte,— vielleicht hatte dieſe Wunde den Schädel kahl gemacht, wenigſtens ſtrafte die Muskulatur dieſes ſtämmigen, gedrungenen Körpers jenes Zeugniß des höheren Alters Lügen. Sein Geſicht zeigte grobe Züge und noch manche Narbe, die der Mann gewiß nicht hinter dem Ofen ſich geholt hatte. Er trug ein blaues baum⸗ wollenes Hemd und weite Hoſen von einem ähnlichen Stoffe, durch einen ſchwarzledernen Riemen zuſammenge⸗ halten, in dem zwei Piſtolen und ein langes Meſſer ſteckten. 119 Er hatte ſeine lederne Kappe ehrfurchtsvoll abgezogen und ſagte mit fragendem Tone: „Maſter— die zweite Wacht— ich meinte, Ihr ſagtet ſo?“ „Iſt das Boot fertig, Willie?“ fragte der Kapitän, während er ſeinen Rock abzog, unter dem er gleich den Andern ein blaues Matroſenhemd trug. „Der lange Jack und der Devilsbit ſitzen am Ruder, — wie Maſter befohlen,“ erwiederte der Matroſe. „Trink'mal,“ ſagte der Kapitän freundlich. Alt Willie warf einen Blick auf die Flaſchen, und mit der Hand über den kahlen Scheitel und über die grauen Borſten des Hinterkopfes fahrend, verzog er ſeine Züge zu einem grimmen Lächeln. „Ah, verſteh' Dich, Du altes Seepferd,“ lachte der Kapitän—„iſt kein Getränk für Deine Gurgel,— ſollſt, ein anderes haben.“ Und er nahm den Becher und füllte ihn bis zum Rande aus einem Steinkruge, der in der Ecke der Kajüte ſtand. Starker Gingeruch verbreitete ſich in dem kleinen Raume. „Haſt Recht— zu ſchwerer Arbeit thut's nicht leichter Franzwein— da ſchwemm' Deine Gurgel aus.“ Der Matroſe ſetzte an, und drunten war der Gin,— keine Muskel verzog ſich in ſeinem Geſichte,— aber mit 120 der Zunge ſchnalzte er und wiſchte ſich mit dem Rücken der breiten Hand über den Mund. „Trink' zur Abwechſelung auch manchmal gern etwas von Deiner Sorte,“ ſagte der Kapitän, und füllte den Becher nochmals— er blieb hinter dem Beiſpiele ſeines Matroſen nicht zurück,— drunten war der Gin. „Nun pack an!“ ſagte er— und Beide ergriffen die eiſernen Handhaben eines Kaſtens von ziemlicher Größe und mit eiſernen Reifen umgeben. „Haſt Du die Harke und zwei Grabeiſen?“ fragte er nochmals. „In der Jolle,“ war die Antwort. „Und die Laterne?“ „ der Jolle. Die Beiden verließen mit ihrer Laſt die Kajüte,— es war ein ziemliches Gewicht, die beiden kräftigen Männer hatten ſich wacker abzumühen, um die Kiſte über die Schiffsleiter hinabzubringen,— auf dem Schiffe war Alles in tiefem Schlafe, nur auf dem Hinterdecke ſchritt eine Mannesgeſtalt, in einen Mantel gehüllt, auf und nieder. Es war Duflor, der Lieutenant. Das vierruderige Boot ſtieß mit leiſen Ruder⸗ ſchlägen vom Schiffe ab und ſtrich in gerader Richtung die Bay hinab, als ob es ſeinen Cours nach Neu⸗Amſter⸗ dam nehmen wolle, aber plötzlich wandte es ſich und ——„ 121 arbeitete nun mit aller Kraft der Strömung entgegen, den Hudſon hinauf. Zum guten Glücke war eben die Flut des Meeres, welche ihre Anſtrengungen unterſtützte, aber als die Wirkung dieſer Bewegung weniger bemerkbar wurde, je weiter ſie hinauf kamen, und endlich ganz auf⸗ hörte, dann hatten ſie mit voller Kraft gegen die Gewalt des mächtigen Stromes zu arbeiten. Sie näherten ſich den Ufern und liefen in die ruhige Bucht ein, die der Hudſon unter„Bergen“ in's Land hinein macht. Wir wiſſen, daß dieſes große Baſſin von jäh aufſteigenden Felſenmaſſen eingeſchloſſen iſt, und daß hier ſo viel Baum⸗ werk, Wurzeln und Geſtrüpp in urwäldlicher Ueppigkeit und Verworrenheit hervorgetrieben haben, daß es undenkbar war, hier einen Pfad zu finden, der von dem obern Lande „Bergen“ zur Bucht herab oder von dieſer hinauf geführt hätte. Es gab aber dennoch einen, und dieſen kannte Dick Seabroom ſehr wohl und wußte ihn auch heute, trotz der dicken Finſterniß, zu finden. Einzelne Schatten, von den Felſenüberhängen über die Bucht geworfen, waren ſeine Führer, und an der gewünſchten Stelle legte er an. „Der Hudſon hat uns verteufelt aufgehalten,“ brummte er dem vertrauten Willie zu—„wir haben zu thun, wenn wir vor dem Grauen des Tages wieder an unſer Schiff kommen wollen.“ „Laßt Jack und Devilsbit mit uns gehen,“ ſagte ——— ————— 6 122 Willie leiſe zu dem Kapitän—„acht Arme ſind ſchneller fertig als vier.“ „Trau' den Burſchen nicht,“— brummte der Kapitän entgegen—„zünde an!“ Willie machte mit ſeiner Zunderbüchſe Licht und bald brannte ein düſteres Flämmchen in der Laterne,— kaum, daß die nächſten Gegenſtände erhellt waren, und um ſo mehr war in ſchwarze Finſterniß gehüllt, was außer⸗ halb dieſes kleinen Lichtkreiſes lag. „Pack an, Willie!“ ſagte der Kapitän, und die beiden Männer ſchleppten die ſchwere Kiſte und Harke und Grab⸗ eiſen an's Land,— bald waren ſie den Blicken des langen Jack und ſeines Kameraden, die im Boote zurückblieben, entſchwunden,— wieder einmal glimmte es auf ſteiler Höhe, wie ein Leuchtkäfer in der ſchwarzen Nacht,— jetzt verſchwand der helle Punkt— und Finſterniß lag auf Bucht und Wald und Fels. Der Kapitän hatte aber mit Recht gefürchtet, daß der Morgen ſie überraſchen werde, bevor ſie zu ihrem Schiffe zurückgekehrt wären. Es ſchien, als habe ſich Alles verſchworen, um ihm bei ſeinem Geſchäfte hinderlich zu . Es war heller Morgen, bevor er noch eine Ahnung Die Bewohner von Neu⸗Amſterdam hatten heute ein Schauſpiel, wie ihnen ſeit Jahren nicht geboten worden, 123 nicht ſeit dem ihr Gouverneur mit der ganzen disponibeln Flotte abgeſegelt war, um den Schweden am Delaware gute Sitten zu lehren. Auch heute war die ganze Flotille in Bewegung, freilich war es nur eine Barke, eine Bri⸗ gantine und fünf oder ſechs Schaluppen, aber ſie waren alle gut bemannt, die Kanonenlöcher geöffnet,— Alles fix und fertig, ſchon mit dem früheſten Morgen,— ſo hatte Peter Stuyveſant in ſpäter Nacht den Befehl gegeben, er ſelbſt war nicht vom Platze gewichen, war auf ſeinem Stelzfuße herumgehumpelt, hatte angeordnet, war von Schiff zu Schiff gekrochen,— Niemand wußte, was dies zu bedeuten habe,— aber ſchon bei Anbruch des Tages war die ganze Bevölkerung von Neu⸗Amſterdam auf den Beinen, und wollte den Piers zu, wo die Schiffe lagen; aber Stuyveſant ließ das Thor am Fort ſchließen und verbot Jedem den Ausgang,— doch man wußte ſich zu helfen, man rannte über die Windmühlen⸗Farm hinaus, durch den Here Graft hinab,— es gab ja doch überall einen Ausweg, und war auch kein Neu⸗Amſterdamer an den Piers, ſo doch oben am Hudſon und unten am Oſt⸗ ſtrome die ganze Menſchenmaſſe verſammelt, hat man ja doch überall den Hinblick auf die 25 Meilen weit ſich aus⸗ dehnende Bay,— und ihre Flotille wollten die guten Neu⸗Amſterdamer jedenfalls abſegeln ſehen. Endlich verließ die Barke ihren Pier. Anfangs wa⸗ ren ihre Bewegungen wohl etwas ſchwerfällig,— als ſie aber einmal ihren Cours hatte, und der friſche Wind die 3 Segel blähte, da ſchoß ſie flüchtig hin, wie ein ſtolzer 1 Schwan die Wellen durchſchneidend,— ſogleich folgte die eine Schaluppe,— dann die zweite,— man ſteuerte die Bay hinauf, den„Engen“ zu;— als man den Franz⸗ mann paſſirte, zog man die Oranien⸗Flagge auf,— zur höflichen Erwiederung wurde hier die franzöſiſche Farbe gezeigt,— noch blieb der Franzoſe ruhig, als aber das zweite, dritte, vierte Schiff abſtieß, zeigte er einige Be⸗ wegung. Peter Stuyveſant ſtand noch am Ufer, und ſchaute durch ſein Fernrohr die Bay hinauf——— „Aha! er merkt, woher der Wind kommt!“ rief er— „Mache Dich fertig, wie Du willſt— es iſt zu ſpät— hätte den alten Dick nicht für ſo dumm gehalten, daß er. drei, vier Schiffe paſſiren läßt, ohne etwas zu merken, 1— nun, die haben ihm bereits den Rang abgelaufen, die eigentliche Rechnung will ich mit Dir abſchließen, iſt eine alte Schuld!“ Er eilte auf das Verdeck der Brigantine, mit don⸗ nernder Stimme gab der alte Held ſeine Befehle,— wie ein zierliches Mäbchen auf dem Tanzſaale, ſo leicht drehte ſich in einem halben Kreiſe das zierlich gebaute Schiff, um dann in geradem Striche über die Waſſerfläche hinzugleiten. 125 Auf dem Franzmann zeigte ſich aber nun volle Be⸗ wegung, das Ankertau war gekappt, weil man ſich wohl nicht die Zeit nahm, aufzuziehen, das Schiff war geſtellt, aber außer den leichten, ſchwingenden Bewegungen, welche ein Fahrzeug macht, wenn es ankerfrei wird, ſchien es noch immer nicht von der Stelle zu kommen. „Er iſt tollkühn genng, mit uns anzubinden!“ rief der alte Peter ſich fröhlich die Hände reibend—„aber ich will dem alten Schmuggler, Seeräuber, Schurken zeigen, mit wem er es zu thun hat.“ Da trieb ein vierruderiges Boot in ſtürmiſcher Eile, — vier Männer arbeiteten mit übermenſchlicher An⸗ ſtrengung,— um Paulus Hook herum, gerade auf den Franzmann zu,— war es doch, als hätte eine übernatür⸗ liche Macht die Leute aus dem Boote auf das Verdeck des Schiffes gehoben,— und war es doch, als ſei eben jetzt erſt die belebende Seele in den todten Körper gefahren,— eine volle Lage donnerte aus dem Bauche des Franzmanns der Brigantine zu, daß dieſe, wie erſchrocken über ſolche Begrüßung in ihrem Laufe ſtockte,— innehielt,— und dorthin flog mit vollen Segeln der Franzmann,— die Bay hinauf, den„Engen“ zu. „Segel aufgeſetzt,— jeden Fetzen Leinwand, der Wind hält!— darauf! darauf!“ donnerte Peter Stuy⸗ veſant; aber der freundliche Gruß, oder beſſer geſagt: 126 das unfreundliche Adieu des Franzmanns war nicht ohne üble Folgen geblieben. Die Brigantine war in ihren Be⸗ wegungen viel langſamer geworden, die Entfernung zwi⸗ ſchen den beiden Schiffen wurde größer und größer; zwar ſetzten die Schaluppen nach, aber die Schiffbauverſtändigen hatten ganz recht geurtheilt:„Der Franzoſe war ein aus⸗ gezeichneter Segler.“ Der alte Gouverneur wollte beinahe von Sinnen kommen, daß ihm ſein Plan, den kühnen Seeräuber zu fangen, verunglückt war, denn an den„Engen“ draußen war es, als ob ein Löwe mit ſtolzem Mähneſchütteln ein paar klaffende Hunde abſchüttele,— einmal nur ſpie er ſeine Flammen aus, und hüllte ſich und die Barke, die ihm am nächſten war, in dichte Rauchwolken ein,— und als dieſe vom Winde zerſtoben, war der Franzmann ver⸗ ſchwunden. Ein weiteres Nachſetzen wäre ganz nutzlos geweſen, — und voll Verdruß kehrte die Flotille der Holländer heim, und legte ruhig wieder an ſeine friedlichen Piers an. Peter Stuhveſant fluchte und wetterte aber den ganzen Tag, über die Engherzigkeit, den Geiz, den Un⸗ verſtand der weſtindiſchen Kompagnie, daß ſie ihm auch nicht ein einziges ordentliches Schiff in den Hafen lege, um im Falle der Nothwendigkeit einen ſo ſchurkiſchen eng⸗ liſchen Freibeuter in die hohe See hinaus zu verfolgen, 127 und einer ſeiner Biographen erzählt, daß er an dieſem Tage mehr als ein Dutzend Delfterpfeifen zertrümmert habe. Hatte aber die Bevölkerung von Neu⸗Amſterdam heute ein ſchönes Schauſpiel am frühen Morgen, ſo war dieſes ſicher noch prachtvoller für die Bewohner von „Bergen.“ Es war auch Alles, was Leben hatte, mit Tages Grauen auf dem Felſen, der die Bucht überragte, hier waren die Männer, Weiber und Kinder aus den zer⸗ ſtreuten Häuſern der kleinen Anſiedelung,— denn wie es zu geſchehen pflegt, daß eine Neuigkeit, ohne daß man weiß auf welche Art, ſich gewöhnlich wie ein Lauffeuer fortpflanzt, ſo wußte man auch dieſe Nacht ſchon in„Ber⸗ gen,“ daß man in Neu⸗Amſterdam für den kommenden Morgen etwas vorhabe,— und hier waren denn auch die Bewohner des Herrnhauſes, der würdige Patron am Arme ſeiner guten Vrow Katharina, die männlichen und weib⸗ lichen Dienſtleute, natürlich auch Scipio, und daß der kleine lebhafte Francis nicht fehlte, verſteht ſich von ſelbſt. Man ſtand in Gruppen beiſammen und plauderte, hegte Vermuthungen über das, was man gehört hatte, dichtete ſich Möglichkeiten und Wahrſcheinlichkeiten hinzu, und kam doch zu keinem eigentlichen Reſultate. Es ſtieß die Barke vom Pier ab,— die Schaluppen folgten, eine 128 der andern,— es war ein prächtiger Anblick, die Schiffe mit den blendend weiß durch das Grau des Morgens durch⸗ ſchimmernden Segeln über die dunkle Oberfläche der Bay hingleiten zu ſehen.„Wo mögen die Schiffe hingehen?“ fragte der Eine—„Es werden doch nicht etwa gar die Engländer im Anzuge ſein?“ meinte ein Anderer— „Nun, die wollten wir an den„Engen“ und bei Sandy Hook ſchön empfangen!“ rief Einer,— dieſer war ſchon ein in Amerika Geborener, darum fand er es auch ganz natürlich, daß die mächtige Flotille von Neu⸗Niederland der armſeligen engliſchen Flotte, und wenn ſie auch in ihrer vollen Zahl käme, bald den Garaus machen würde, —„Ach, die Engländer! fällt ihnen nicht ein!“ ſagte ein Vierter,—„iſt blos eine Laune vom alten Peter, ein Mal eine Probefahrt in die offene See hinaus zu thun.“ Da bemerkte einer der Leute ein Fahrzeug in der Bucht des Hudſon, gerade unter ihnen, welches in Eile in den Strom hinaus trieb, aber eben hier, unter den überhängenden Felſen war es noch dunkler, als draußen auf der offenen Bah— man bemerkte daher nur, daß es ein offenes Boot ſei, in welchem ſich einige dunkle Geſtalten befanden, und daß es in raſchem Laufe den Ausgang der Bucht zuſteuerte,— dann aber den Hudſon hinabeilte, auf Paulus Hook zu. Wenn auch die Aufmerkſamkeit der auf der Höhe 129 Verſammelten einige Zeit dieſem kleinen Fahrzeuge zuge⸗ wendet war, ſo wurde dieſe doch bald von dem weniger wichtigen Gegenſtande abgeleitet und wieder dem Hafen von Neu⸗Amſterdam zugewendet,— da ſtieß eben die Brigantine ab,— es war deutlich zu ſehen, wie dieſe ge⸗ rade auf das fremde Schiff, ſo lange ſchon der Gegenſtand der Neugierde für alle Neu⸗Amſterdamer, zuſteuerte— ————— und da kam das kleine Fahrzeug, welches aus der Bucht gelaufen war, um das Vorgebirge von Paulus Hook herum———— da verſchwand es in dem dunklen Schatten, welchen die hohen Wände des Franz⸗ mannes um ſich herumwarfen,— und da kam es wie ein Flammenſtrom und warf ein grelles Licht über die Fläche des Waſſers hin,— der Donner folgte,— dichtes Rauch⸗ gewölk verhüllte eine gute Zeit das Schiff,— und dort⸗ hin flog der Franzmann mit vollen Segeln. Wie geſagt, die Bewohner von„Bergen“ hatten das Schauſpiel noch prachtvoller, noch großartiger, als die Be⸗ wohner von Neu⸗Amſterdam, die ſich ſchauluſtig an der niedern Küſte der Bay verſammelt hatten, und es waren auch die Augen Aller mit immer ſteigendem Intereſſe den Bewegungen der Schiffe, der verfolgenden ſowohl, als des entfliehenden zugewendet,— doch die Jagd war aus,— der Fremdling war entkommen, die holländiſche Flotille kehrte heim,— und auch die Bewohner der Anſiedelung 9 1858. IV. BVan Hoboken. I. 130 ſchickten ſich an, heim zu kehren,— die Frühſtückszeit war längſt vorüber, man verſpürte gewiſſe Mahnungen, die befriedigt ſein wollten; ein guter holländiſcher Magen iſt nicht gern nüchtern.— Die gute Vrow Katharina rief nach ihrem Fran⸗ cis,— ſie blickte rechts,— ſie blickte links,— ſie rief lauter und lauter:„Francis!— Francis!— mein Kind! — Um Gotteswillen! wo iſt Francis!“ Ihr Angſtruf machte Jene wieder halten, welche ſchon im Begriffe waren, fortzugehen,—„Francis!“ rief die Mutter in fürchterlicher Angſt—„Francis!“ rief jetzt auch der Vater, welcher bisher noch nicht daran gedacht hatte, daß ſein Liebling nicht da war, und wie aus einem Schlummer plötzlich erweckt, lief er dem ſteilſten Vorſprung der Felſenhöhe zu, und blickte in die tiefe Wildniß hinab ——„Francis!“ rief jetzt Scipio— riefen zwanzig, dreißig Stimmen— und man zerſtreute ſich in den nahen Wald, nach allen Richtungen, um den kleinen Jungen zur Mutter zu bringen. Dieſe ſtand wie gelähmt, ſie ſtand ſtarr und ſprachlos,— warum war ſie gerade heute ſo fürchterlich erſchreckt? der kleine Wildfang war ja ſchon öfters nicht ihrem Rufe gefolgt,— ſie wußte es ja, daß er ein kleiner Herumſtreifer war—— warum gerade heute dieſe Angſt?— giebt es Ahnungen— Vorge⸗ fühle....? Sie ſtand,— mit blaſſen Lippen, Geiſter⸗ 131 bleiche auf den Wangen, ſtarrem Auge,— ein Bild des Jammers... ihre Lippen bebten, ſie mühten ſich, Etwas auszuſprechen,— endlich flüſterte ſie:„Francis!“ und die arme Mutter ſank in ſich zuſammen. Man brachte ſie in das Herrnhaus. Die guten Leute im Dienſte des Patrons, und ſeine Anſäſſigen, ſtreiften noch immer im Walde herum, an den Sumpf hinab, an die Bucht, ſelbſt in die ſtarre Wildniß drangen Einige,— man vergaß auch Frühſtück und Mit⸗ tagseſſen,— und der Vater, der arme Vater, jammerte und rief nach ſeinem Liebling,— heute war er nicht der würdige, ruhige Patron van Hoboken, heute war er der das Schrecklichſte fürchtende Vater, er war aus einer Jahre dauernden Apathie erweckt,— und ſeine Angſt, ſein Jammern hatte keine Grenzen. Endlich nach einem langen, fruchtloſen Suchen, kamen die Leute auf einem Trupp zuſammen, um ſich weiter zu berathen. Der Vater war rathlos, er konnte nur jammern. Die Andern, weniger betheiligt, ließen ſich in eine lebhafte Discuſſion über Möglichkeiten und Wahrſcheinlichkeiten ein. Einige meinten, der Junge habe ſich vielleicht doch noch weiter verlaufen, habe dem Seegefechte näher kommen wollen, und ſei über„Bergen“ hinausgerannt, wo er jetzt vielleicht ermüdet unter einem Baume ſchlafe,— ein junger Mann, der heute Nachts in einem kleinen Boote 9* 132 von Neu⸗Amſterdam herübergekommen war, wollte am Waldesrande einen Mann aus einem Boote habe ſteigen ſehen, den er in dem unſichern Grauen des Morgens für Mr. Tomkins genommen, vielleicht habe dieſer den klei⸗ nen Francis getroffen und ihn mit zurück nach Neu⸗ Amſterdam genommen, und werde ihn heute noch vor Nachtzeit bringen,— Andere meinten, was habe denn Mr. Tomkins zur Nachtzeit von Neu⸗Amſterdam, wo er wohnte, herüberzukommen, und dann, ohne das Herrn⸗ haus zu beſuchen, wieder heimzukehren,— wieder Einige lispelten ſich das Schreckliche zu, ob der Kleine nicht viel⸗ leicht an die Bucht hinab gekommen ſei, und habe im Dunkel des Morgens einen Fehltritt gemacht, und in's Waſſer gefallen,— Einer rief aber ganz laut:„Ich ſage, der kleine Francis iſt wieder einmal zu den Hagein⸗ſags gelaufen!“ Dieſes war wie eine Gottesſtimme in des Vaters Ohr,— er rannte ins Herrnhaus,— ließ ein Pferd an einen vierrädrigen Karren anſpannen, und in einem Trabe, wie dieſer Ackergaul noch nie gegangen war, ging es den holprigen Waldweg hin, der dem Dorfe der Indianer zu⸗ führte. Sie kamen an den Hütten vorbei, wo dieſe früher gewohnt hatten, und aus denen ſie auf Befehl des Gouver⸗ neurs verjagt worden waren. Der Patron ließ den mit⸗ genommenen Burſchen mit dem Pferde halten,— er ſelbſt 133 rannte zwiſchen den armſeligen, beinahe verfallenen Hütten hin,— er rief:„Francis! Francis!“ keine Antwort, — wieder ſprang er in den Wagen, und in möglicher Eile ging es nochmals einige Meilen weiter. Sie kamen in das Dorf der Hagein⸗ſags— aber es war leer, keine Menſchenſeele begegnete ihnen da— er trat in die eine, die zweite, die dritte Hütte,— überall die Spuren, daß der Stamm das Dorf ſchon vor längerer Zeit verlaſſen hatte,— ſie hatten alle ihre Habſeligkeiten mitgenommen, nichts zurückgelaſſen als die Hütten, ſchnell aufgebaut und auch wieder ſchnell dem Verfalle nahe,— und doch rief er durch das Dörfchen hin den Namen ſeines Kindes,— umſonſt— keine Antwort, kein Laut der Erwiederung goß Balſam in das blutende Herz des Vaters. Aber wie der Sinkende nach dem ſchwächſten Stroh⸗ halm greift, ſo klammerte er ſich jetzt mit aller Hoffnung an den Gedanken, daß wirklich Tomkins auf dem Wege nach Bergen geweſen, und ſeinen Francis mit nach Neu⸗ Amſterdam genommen habe.„Vielleicht iſt er jetzt ſchon heimgekehrt?“ ſagte er zu dem Burſchen, der neben ihm auf dem Karren ſaß.—„Ich glaube es ſelbſt,“ ſagte der gute Junge,— er glaubte es nicht, denn ſeine Stimme zitterte dabei ganz weinerlich, aber er konnte es nicht über das Herz bringen, dem Vater auch dieſe, dieſe letzte Hoff⸗ nung zu nehmen. 134 Sie kamen dem Herrnhauſe näher,— es war bereits der Abend eingebrochen,— ein Mann lief ihnen ent⸗ gegen,—„das iſt der Bote mit der freudigen Botſchaft,“ fagte der Patron halblaut, und hielt ſich mit beiden Hän⸗ den an das Bret, das als Sitz quer über den Wagen lag. „Eilig, eilig! Mynheer!“ rief Scipio—„kommen eilig nach Haus!“ „Iſt Francis gefunden!— lebt mein Francis?“ rief der Patron drängend. „Na— Mynheer— aber Myn⸗Vrow— ſie iſt nahe todt,“ ſtotterte der Schwarze und helle Thränen rannen über ſeine Wangen—„der Doctor und Mr. Tomkins ſind da.“ „Tomkins— und Francis?“ rief der Vater wieder mit all der Angſt, die immer nicht das Schreckliche glauben will. „Na— Mynheer— Francis nicht da!“ kreiſchte der gute Scipiv. Wir wollen die Scene nicht weiter ausmalen. Eine vernünftige Frau im nächſten Hauſe hatte ihren Mann ſchon zur Zeit, als man die arme Mutter halb bewußtlos hereinbrachte, zu dem Doctor geſchickt,— der brave Schneppermann war gerade zur rechten Zeit gekommen, um das Leben eines Kindes zu retten,— mehr vermochte der gute Mann mit aller Wiſſenſchaft und Kunſt nicht— 135 van Hoboken war Vater eines Mädchens und Wittwer — der Doctor mußte den von einem Schlagfluß Befalle⸗ nen eine Ader öffnen,— er blieb die Nacht über im Hauſe des Schmerzes, als Arzt und treuer Freund. Mr. Eleaſar Tomkins ging aber dieſen Abend noch nach Neu⸗Amſterdam zurück. Am Waldesrande lag ſein Boot, mit zwei Burſchen bemannt, die das Ruder führten. Ehe er in das Fahrzeug ſtieg, blieb er ſtehen und blickte über den Hudſon hin. Hier war er auch heute bei grauendem Morgen geſtanden, eben als die Jolle mit Sturmeseile vorüberfuhr. Er erkannte trotz der Dunkel⸗ heit ſeinen würdigen Freund Dick,— aber er mußte ſehr ſeine Augen anſtrengen, um ein Mehreres auszu⸗ nehmen.—„Alſo richtig,“ ſagte er vor ſich hin—„nun, ich habe nichts dagegen,— wenn nur der einfältige Quack⸗ ſalber nicht ſo ſchnell bei der Hand geweſen wäre.“ Er ſtieg in's Boot und fuhr nach Neu⸗Amſterdam hinüber. 136 Achtes Capitel. „Die Schwalben bauen, die Schwalben ziehn, õ „Die Jahre kommen, die Jahre fliehn.“. Drewes. Unſere Erzählung überſpringt jetzt einen Zeitraum von beiläufig ſechzehn Jahren, da ſich während dieſer Zeit nichts ereignet hat, was eine ausführlichere Mittheilung nöthig hätte.— Einiges als Ausnahme wird hier mit wenigen Worten geſagt, Anderes im Verlaufe unſerer Geſchichte bemerkt werden. Zu dem Erſten gehört, daß wir unſere Leſer mit den veränderten Verhältniſſen in Neu⸗Amſterdam bekannt ma⸗ chen, welches in der That nicht mehr ſeinen alten Namen führt, ſondern Neu⸗York heißt. Wir haben ſchon in einem früheren Abſchnitte unſerer Erzählung erwähnt, daß Eng⸗ land eine holländiſche Provinz in dieſem Theile der Welt nicht anerkennen wollte, indem es gerechte Anſprüche auf das ganze, angeblich von Cabot entdeckte Feſtland zu haben. glaubte. Schon oft war das friedliche Neu⸗Niederland mit einer Invaſion bedroht worden und hatte es gewiß nur der Energie und dem wahren Soldatenmuthe ihres letzten Gouverneurs, Peter Stuyveſant, zu verdanken, nicht ſchon früher das Schickſal zu erfahren, welches endlich 137 doch nicht ausblieb. Im Jahre 1664 bewilligte Karl II. ſeinem Bruder James, Herzog von York, ein Patent für all das Land, welches Neu⸗England genannt wurde, und welches bei St. Croix anfing, ſich bis Pemaquid ausdehnte und das ganze Territorium vom Connecticut⸗Strom bis zur Delaware⸗Bay mit einſchloß. Ohne eine vorausgeſchickte Kriegserklärung wurden von England drei Schiffe mit 600 Mann abgeſchickt, um im Namen des Herzogs von York Beſitz von Neu⸗Nieder⸗ land zu nehmen. Dieſe Schiffe erreichten Boſton im Juli; und gegen Ende des folgenden Monates ſchlugen die Truppen ihr Lager auf Long Island(die lange Inſel) auf, dort, wo heut zu Tage die Stadt Brooklyn ſteht. Der Gouverneur Stuyveſant hatte früh genug von dem Abgang dieſer Expedition und ihrer Beſtimmung Nachricht erhalten; aber alle ſeine Anſtrengungen, den Geiſt der Koloniſten zu erheben, waren erfolglos. In der That, Vielen war dieſer Wechſel ſogar recht, da ſie hofften, dieſelben politiſchen Privilegien zu erhalten, deren ſich die benachbarten Provinzen erfrenten, und gaben England geradezu Recht, daß Holland keine Anſprüche auf das Land habe. Wir müſſen erwähnen, daß unter den Kolo⸗ niſten bereits viele Nicht⸗Holländer waren. Sobald eine der Fregatten in die Gravesend⸗Bay einlief, ſchickte Stuyveſant ſogleich einen Brief an den 138 engliſchen Kommandanten, mit dem Wunſche, zu erfahren, auf welchem Grunde er in dem Hafen Anker werfe, ohne die gewöhnliche Anzeige zu machen. Sir Richard Ni⸗ chols ſchickte zur Antwort eine Aufforderung zur Ueber⸗ gabe, mit Sicherung der Einwohner Beſitz, Leben und Freiheit. Der brave alte Gouverneur mit ſeinem Stelzfuße, war entſchieden für eine ſtandhafte Vertheidigung, aber Bürgermeiſter und Rathsherren, die er zuſammenberufen hatte, waren für Unterwerfung, vorausgeſetzt, die Bedin⸗ gungen der Uebergabe wären ſolche, die die Einwohner annehmen könnten. Der muthige Soldat verſuchte alles Mögliche, um ſie zu einer Aenderung ihres Entſchluſſes zu bringen; er verweigerte ſogar, ihnen die liberalen Bedin⸗ gungen, die angetragen waren, mitzutheilen, und als ſie darauf drangen, kannte ſein Zorn keine Grenzen; er zog das Schreiben des engliſchen Kommandanten hervor und zerriß es vor ihren Augen in kleine Stückchen,— aber er allein konnte Neu⸗Niederland nicht vertheidigen,— und ſo wurde es ohne Blutvergießen der engliſchen Krone unterworfen. Sir Richard Nichols war nur kurze Zeit Gou⸗ verneur von New⸗York,— er wurde wieder nach England zurückberufen. Sein Nachfolger war Sir Francis Lovelace, der treue Kavalier Karl's des Vaters und Karl's 139 des Sohnes;— der letztere glaubte des Ritters Anhäng⸗ lichkeit an die königliche Partei, während der blutigen Kriege in England, nicht beſſer belohnen zu können, als daß er ihm den ehrenvollen Poſten eines Gouverneurs der neu gewonnenen Provinz gab. Wir kennen den neuen Gouverneur von New⸗York bereits,— obwohl ein Zeit⸗ raum von einundzwanzig Jahren jedenfalls einige Ver⸗ änderungen bewirkt haben mögen. Es war an einem ſchwülen Vormittage, ſo ſchwül, als nur die amerikaniſche Sonne die Monate Juli und Auguſt machen kann, wo kein Lüftchen weht und kein Wechſel zu erwarten iſt, nicht bei Tag und nicht bei Nacht, — als Sir Francis Lovelace in ſeinem gewöhnlichen Arbeitszimmer des Gouverneurhauſes, nahe dem Fort, ſchon von dem erſten holländiſchen Gouverneur Peter Minuit erbaut, aber ſeitdem bedeutend vergrößert ind verſchönert, ſaß,— es war das kühlſte im Hauſe und der Herr Gouverneur hatte es ſich auch ſo bequem als möglich gemacht, hatte die ſteife Halskrauſe und den verſchnürten Oberrock abgelegt, und ſich ein kühlendes Getränk in einem ſilbernen Becher gemiſcht, der vor ihm auf dem Tiſche ſtand, und aus dem er bisweilen nippte. Daneben ſtand eine Blechbüchſe mit dem feinſten Kraute gefüllt und drei oder vier daneben liegende Pfeifen zeigten, daß Sir Francis ſo gut als ſein Landsmann, Sir Walter 140 Raleigh, eine gute Pfeife Tabak nicht verſchmähte. Er war jedenfalls noch immer ein ſchöner Mann zu nennen, denn obwohl er bereits vierzig und einige Jahre darüber zählte, obwohl er, ſeit ſeinen Jünglingsjahren, den größten Theil ſeines Lebens auf dem Schlachtfelde zugebracht, ſich allen erdenklichen Gefahren, Strapazen und Entbehrungen ausgeſetzt hatte, wie alle glauben werden, welche die Ge⸗ ſchichte des damaligen Bürgerkrieges kennen, und wiſſen, daß Sir Lovelace einer der eifrigſten Kavaliere im Dienſte der königlichen Sache war, ſo hatte doch ſeine kräftige Conſtitution ſo viel die Oberherrſchaft gewonnen, daß das, was Andere vor der Zeit gealtert, vielleicht in Körper und Kraft gebrochen, nur zu ſeinem Vortheil ge⸗ dient hatte,— es hatte ihm jene volle reife Männlichkeit gegeben, der man ſo gern begegnet, und wie er jetzt mit von der hohen Stirn zurückgeſtrichenem dunkelblondem Haar, mit dem Ausdrucke des Ernſtes und der Ueber⸗ legung in den edlen Zügen am Fenſter ſaß, und auf den Hafen hinausſchaute, hätte Jeder, der ihn geſehen, ein⸗ geſtehen müſſen, nicht bald einem ſchöneren Mann be⸗ gegnet zu ſein,— bei einer weiteren Frage hätte aber auch Jeder wieder eingeſtanden, daß er durchaus kein Ver⸗ langen habe, mit dieſem Manne in nähere Berührung zu kommen, indem da zu viel Stolz, vielleicht auch viel ſtarrer Eigenſinn, in den Zügen zu leſen war, und man wohl 141 weiß, wie ſchwer es hält, mit einem ſolchen Charakter, auch wenn er ſonſt ein durchaus edler iſt, in guten Verkehr zu kommen. Uebrigens war der Herr Gouverneur heute in ſehr guter Laune. Es war geſtern von einer Geſchäftsreiſe zurückge⸗ kommen, deren Reſultate ganz nach ſeinem Wunſche aus⸗ gefallen war. Es war ihm gelungen, was ſein Vorgänger, der Colonel Sir Richard Nichols, hatte nicht zu Stande bringen können, die Grenzen zwiſchen Connecticut und der Provinz Neu⸗York dahin feſt zu ſetzen, daß die ganze lange Inſel,— Long Island— der Letzteren einverleibt wurde. Außerdem hatte er auch mit dem geſtern eingelaufenen Schiffe mehre Briefe von drüben erhalten, darunter auch einen mit der Nachricht, daß ſeine Tochter Arabella reiſe⸗ fertig ſei, und mit dem nächſten von England abgehenden Schiffe ihre Reiſe nach Neu⸗York antreten werde. Dieſe gute Laune war aber auch die Urſache, daß er mit weit ge⸗ fälligerer Miene als ſonſt dem eben eintretenden Diener, welcher den Wunſch eines im Vorzimmer harrenden Alder⸗ mannes, mit Sr. Gnaden dem Herrn Gouverneur zu ſprechen, meldete, ſeine Einwilligung gab. Der Eintretende war Mr. Eleaſar Tomkins, einer der fünf Aldermänner, denen unter Vorſitz eines Maire, oder Bürgermeiſters, und mit Beigabe eines Sheriffs, die Ausübung der ſtädtiſchen Gewalt— dem 142 Namen nach— übergeben war,— der Wahrheit nach ruhte dieſe doch vollkommen in den Händen des Gouver⸗ neurs und eines von ihm erwählten Rathes. Die Zeit hat auch an dieſem Manne ihre Rechte aus⸗ geübt,— damals, als er uns das erſte Mal begegnete, war Mr. Tomkins ein junger, ſchlanker Mann, mit blaſſem Geſichte, kurz geſchorenen Haaren, weit vorſtehenden Ohren, in langem, anliegendem, von oben bis unten zuge⸗ knöpftem Rocke, mit dem thurmhohen Hute und dem langen Stoßdegen im anſpruchsloſen Bandelier;— jetzt ſteht vor uns ein rundbackiger, wohlgenährter Mann, zwar nicht von jener Peripherie, die man ſich beinahe als unausbleiblich bei dem Namen Bürgermeiſter oder Aldermann denkt, doch aber ſo weit wohl gerundet, daß er der Würde keine Schande macht, und nicht ſo viel, daß dadurch die Wohlgeſtaltheit einen Eintrag erfahren hätte. Außerdem war er in ein feines Tuchkleid von brauner Farbe gekleidet, den Hals umgab eine blendend weiße, ſteife, in hundert und hundert Falten gelegte Krauſe, der Wamms war verſchnürt und mit Spitzen beſetzt, die Hoſen waren gepufft, ohne die un⸗ förmliche Weite von denen eines holländiſchen Aldermannes zu haben, knapp anliegende Strümpfe, von perlgrauer Seide gewoben, zeigten den wohlgeformten Fuß, wozu die ſchwarzen Schuhe mit großen ſilbernen Schnallen ganz gut paßten, — an der Hüfte hing ein ſchön gearbeiteter Degen,— der 143 Hut von Biberfell, den er ehrerbietig in der Hand hatte, war von einem ſchwarzen Sammetbande umgeben, und dieſes mit einer ſilbernen Schnalle geziert. Der Aldermann machte bei ſeinem Eintritte eine ehr⸗ furchsvolle Verbeugung, aus welcher er ſich langſam erhob, um mit zu Boden geſenktem Blicke die Anrede Sr. Gnaden des Herrn Gouverneurs zu erwarten. Dieſer war von ſeinem Stuhle aufgeſtanden, und dem Eingetretenen gerade gegenüberſtehend, ließ er ſeinen Blick über die würdig genug ausſehende Geſtalt ſeines Beſuches ſtreifen. Er mochte vielleicht in ſeinen Gedanken zwanzig Jahre oder etwas mehr zurückgehen, denn es vergingen in der That einige Momente, bevor er die erwartete Anſprache that. „Mr. Tomkins— wenn ich mich recht erinnere?“ fragte er mit einiger Herablaſſung, aber doch nicht ſeine Würde als Gouverneur zu viel bei Seite ſetzend. „Eleaſar Tomkins,— Vertreter der Firma: Klaus Winant van Hoboken und Kompagnie“— erwie⸗ derte der Gefragte mit einer abermaligen Verbeugung, nicht minder ehrfurchtsvoll als die frühere war. Der Gouverneur verſank jetzt in einiges Nachdenken, er legte ſeine linke Hand an die Stirn, und ſtarrte einige Augenblicke vor ſich hin;— er mochte wohl jetzt die Erin⸗ nerungen ſammeln, die während einem thatenreichen Leben durch mehr als zwanzig ZJahre in einige Verwirrung ge⸗ 144 kommen ſein durften. Nach wenigen Sekunden ſchien er jedoch damit in Ordnung zu ſein,— aber er mochte ſeine Gründe haben, ſich nicht durch dieſe leiten zu laſſen, denn, nachdem er abermals einen forſchenden Blick auf ſein Ge⸗ genüber geworfen hatte, fragte er mit der ihm eigenen Kürze und Schärfe im Ausdruck: „Ihr ſeid Aldermann von Neu⸗York?— habt Ihr von der Municipalität einen Auftrag an mich?“ „Mit Gunſt, Euer Gnaden,— ſo komme ich meine Aufwartung zu machen, diesmal nicht als Aldermann der Stadt Neu⸗York, ſondern im Intereſſe der Firma van Hoboken und Kompagnie,“ erwiederte Mr. Tomkins mit einer ſüßlichen Stimme, und halb den Blick vom Boden erhebend, als ob er beobachten wolle, welche Veränderung in den kalten, ſtolzen Zügen des Gouverneurs zu be⸗ merken wäre. „Ihr wißt, daß ich Sonderintereſſen nicht berückſich⸗ tigen kann und— will,“ ſagte der Gonverneur ent⸗ ſchieden. Mr. Tomkins machte eine ſtumme Verbeugung, gleichſam, als unterwerfe er ſich dem ſtrengen„will“ des Gewalthabers,— nach einer kleinen Pauſe fuhr dieſer fort:„Ich bin der Gouverneur dieſer Provinz, und nur das Allgemeine habe ich vor Augen— für mich giebt es teine Firma„So“— und keine Firma„So“— nur die 145 Provinz, zugehörig meinem gnädigen Herrn, James, Herzog von York.“ „Das allgemeine Wohl konnte in keine beſſern Hände gelegt werden,“ ſagte der Aldermann, nicht unterlaſſend zu beobachten, welchen Eindruck die Schmeichelei auf den All⸗ gewaltigen mache. „Welches aber, wie es ſcheint, nicht allgemein aner⸗ kannt wird,“ ſagte der Gouverneur mit ſcharfem Tone und einem ſtolzen Lächeln. Mr. Tomkins zuckte blos mit den Achſeln. „Jeder Krämer,— jeder Schuhmacher glaubt das Regieren beſſer zu verſtehen,— und die Herren Bürger⸗ meiſter und Aldermänner ſind es vorzüglich, welche ihr Geſchrei über Abgaben und Taxen erheben und dem Volke Dinge in den Kopf ſetzen, die unausführbar ſind,— aber ich verſpreche es, und Francis Lovelace iſt gewohnt, ſein Verſprechen zu halten,— je mehr geſchrieen wird, deſto mehr Taxen ſollt ihr zahlen,— ich will dieſe Miß⸗ liebigkeit durch eine Auflage von Abgaben unterdrücken, daß ihr keine Zeit habt, an etwas anderes zu denken, als wie ihr ſie entrichten könnt!“*) *) Dieſes waren Sir Francis Lovelaces eigene Worte: I will repress all disaffection by laying such taxes upon the people as might give them„liberty for nothought but how to discharge them.“ 1858. 1V. Van Hoboken. I. 10 146 „Eure Gnaden, Herr Gouverneur, wollen bemerken, daß die ganze Heerde nicht allein aus ſchwarzen Schafen beſtehe,“— erwiederte Mr. Tomkins mit leiſer Stimme und einem ſcheuen Blicke,—„ich erlaube mir anzuführen, daß Sr. Gnaden ſich erinnern werden, daß ich nicht von holländiſcher Abſtammung bin.“ „Ich glaube mich deſſen zu erinnern,“ erwiederte der Gouverneur. „Es iſt freilich eine lange Zeit,— mehr als zwanzig Jahre— zu lange, um einen ſolch' unbedeutenden Gegen⸗ ſtand in der vollen Erinnerung zu behalten,“ ſagte der Aldermann mit einem ſüßen Lächeln. „Und dennoch,“ ſagte der Gouverneur,—„ich glaube nicht, daß mich mein Gedächtniß trügt,— aber da iſt es mir, als hättet Ihr damals ein von dieſem in Farbe und Schnitt weit verſchiedenes Kleid getragen?— und da iſt es mir auch, als wären damals Federhut, Treſſenkleid, Ritterſporen und Kavalier⸗Schwert ganz genügende Gegenſtände geweſen, Euch ein mitleidiges Lächeln abzu⸗ gewinnen?“ Der würdige Aldermann erblaßte bis in den Mund hinein,— ein ſo gutes Erinnerungsvermögen des Kava⸗ liers hatte er nicht erwartet und auch nicht gewünſcht,— er nahm ein paar Mal den Anlauf etwas zu ſagen, aber es war ſtets, als packe ein Krampf ſeine Sprachorgane. 147 Der Gouverneur ſchien ſich gerne einige Augenblicke an der Verlegenheit des Mannes zu weiden,— dann aber ſagte er:„Doch nein, ich thue Euch unrecht,— Ihr waret nicht ſo böſe,— Ihr hinget nicht allzuſtarr am Glauben, ſelbſt nicht einmal an den Formalitäten— waret Ihr auch damals ſo ein prächtiger Rundkopf, als nur einer im Rathe des ſelig entſchlafenen Old Nol ſitzen konnte, ſo langweiltet Ihr uns doch auf der ganzen Reiſe weder mit einer Eurer nach der Elle abzumeſſenden Bußpredigten, noch ſelbſt mit einem:„Und der Herr ſagt——,“ ja, Ihr ließt Euer Haar wachſen und Euere Ohren kürzer werden und legtet den langen Rock ab und einen hollän⸗ diſchen Puffwamms an, und wurdet Theilnehmer in der Firma„Van Hoboken und Kompagnie,“— und ohne Gewiſſenszweifel wechſeltet Ihr nun den holländiſchen Puff mit feinem engliſchen Tuchkleid,— nein, Ihr ſeid ſo böſe nicht,“ ſagte der Gouverneur mit lautem Lachen,— wie ſchon bemerkt, er war heute in beſonders guter Laune. Der werthe Aldermann biß ſich in die Lippen, verbarg jedoch ſeinen Verdruß unter einem ſüßlichen Lächeln. Sir Francis Lovelace betrachtete ſich einige Augenblicke den Mann; ſein Blick ſchien bis in das Innerſte dieſer Seele dringen zu wollen, die alle ihre Bewegungen unter einem ſüßen Lächeln verbergen konnte,— dann ſagte er mit tiefem Ernſte:„Aufrichtig geſagt, ich liebe dieſe 10* 148 Leute nicht, die ſo leichthin den Rock wechſeln können,— aber Ihr ſagtet, daß Ihr der Vertreter der Firma van Hoboken und Kompagnie ſeid,— an dieſen Namen knüpfen ſich ebenfalls Erinnerungen an Ereigniſſe an, die, ſo unbedeutend ſie ſein mögen, damals mein jugendliches Gemüth ſo in Anſpruch genommen haben, daß ich ihrer in den langen Jahren voll von Ereigniſſen und Begebenheiten von weit größerer Wichtigkeit, nicht vergeſſen habe.— Dem guten Patron van Hoboken wurde damals ein Sohn geboren, ich bin ſein Pathe,— was iſt aus dem Knaben geworden?“ „Todt,“— antwortete Mr. Tomkins kurz,— „vom Felſen in's Waſſer gefallen,— war ein wilder Junge als er fünf Jahre alt geworden.“ „Todt?“ ſagte der Gouverneur mit mehr Bewegung, als man an ihm zu ſehen gewohnt war,—„und auf ſolche Weiſe,— das mußte die armen Eltern hart betroffen haben.“ „Die Mutter ſtarb noch am ſelben Tage,“ erzählte Mr. Tomkins in ruhigem Erzählungstone,— achte ein Mädchen zur Welt,— der Doctor meinte vor der Zeit.“ „Der gute Patron,“ ſagte der Gouvernenr warm, —„wer hätte damals gedacht, als wir Beide in dieſes Haus der friedlichen Ruhe, welches entfernt von allen Be⸗ 149 wegungen der Außenwelt ſich eines häuslichen Glückes erfreute,— als wir da eintraten, welcher von uns Beiden hätte an eine Störung dieſes Friedens gedacht?— Und wie nahm es der Vater, der Gatte?“ „Sein holländiſches Phlegma erhielt wohl einen Ruck,“ verſuchte Mr. Tomkins zu ſpötteln, aber er be⸗ merkte den ernſten ſtrafenden Blick des Gouverneurs, und ſchnell einlenkend ſetzte er hinzu:„Er trug mir auf, ſogleich an ſeine Schweſter zu ſchreiben, welche damals etwa ſeit einem Jahre Wittwe war, und ſie ſegelte ohne Säumniß von Rotterdam ab und kam mit ihrem Söhnchen nach „Bergen,“ wo ſie in voller Kraft die Führung des Haus⸗ weſens und die Erziehung der kleinen Jeſſie übernahm—“ Er brach ab, aber dem aufmerkſamen Weltmanne entging es nicht, daß er noch etwas hatte hinzufügen wollen, was er jedoch bei ſich zu behalten für gerathener hielt. „Und wie ſtehen ſeine Angelegenheiten?“ fragte der Gouverneur kurz, aber mit einem doppelt ſo lang fragen⸗ den Blick. Mr. Tomkins zuckte die Achſeln und murmelte ein bisweilen nichts⸗ und bisweilen ſehr vielſagendes„Hm!“ „Er ſchien mir damals ein vermöglicher Mann?,“ fragte der Gouverneur weiter. „Viel Unordnung— zu entſchuldigen,— die trau⸗ rigen Ereigniſſe,— bei großem Beſitz muß man aufmerk⸗ 150 ſames Auge haben,“ ſtotterte Mr. Tomkins etwas unzu⸗ ſammenhängend,—„doch was den Credit der Firma anbetrifft, den habe ich aufrecht zu erhalten gewußt,“ ſetzte er mit voller Sicherheit hinzu. „Nicht mehr als billig,— es träfe ja nicht allein van Hoboken, ſondern auch„und Kompagnie,“ ſagte der Gouverneur ziemlich ſcharf. Mr. Tomkins warf einen forſchenden Blick auf den Allgewaltigen, und etwas zögernd ſagte er:„Was der Firma zu Gute kommt, kommt insbeſondere dem armen, im Eigenbeſitz ſehr herabgekommenen van Hoboken zu Gute.— Ieh wollte das Anſuchen ſtellen— im Namen der Firma,— für ein Privilegium auf drei Jahre,— nur auf drei Jahre, für freie Ausfuhr von Biberfellen,— ohne die feſtgeſetzten zehn Procent.“ Der Gouverneur ſah den Bittſteller mit einem tief forſchenden Blick an, dann ſagte er:„Ihr glaubt wohl, Mr. Tomkins, eine ſolche Kleinigkeit könne der Tauf⸗ pathe wohl gewähren?———— Ich will mir die Sache überlegen,“ ſagte er nach einigem Nachdenken, und machte eine leichte Verbeugung mit dem ſtolzen Haupte, die ſo viel hieß, als:„Ihr ſeid entlaſſen.“ Mr. Tomkins ging auch wirklich,— als er aber durch die Biberſtraße ſeinem Hauſe zuging, da ballte er die rechte Fauſt in der Rocktaſche, und mit einem ſüßen 151 Lächeln murmelte er vor ſich hin:„Ich liebe dieſe Leute nicht, die ſo leichthin den Rock wechſeln—— wirklich nicht?— ei ſieh da— und den holländiſchen Puff habe ich mit feinem engliſchen Tuchkleid gewechſelt?— hm!— wer weiß, ob man nicht nochmals wechſelt— aber dann gewiß zum Verdruß dieſes ſtolzen Gewaltherrn!“ Er ging in ſeine Stube hinauf, wo er ſich in einen tiefen Lehnſtuhl warf,— und wohl eine Stunde lang heftete er ſeinen Blick unverwandt dem alten rauchge⸗ ſchwärzten Bilde zu, welches über dem Kamine hing,— es war eine ſchlechte Abbildung eines Reitergefechtes, das die Schlacht bei Worceſter vorſtellen ſollte. —— 152 Keuntes Capitel. „Ich bin ein ſchwacher, kind'ſcher, alter Mann, „Bin achtzig Jahr und drüber— „Und g'rad heraus geſagt, ich fürchte faſt „Nicht völlig bei Verſtand zu ſein.“— W. Shakſpeart.(König Lear.) Einige Tage nach dem im vorigen Abſchnitte mitge⸗ theilten Zweigeſpräche, ſtieß am frühen Morgen vom ober⸗ ſten Pier ein großes Boot ab und ſteuerte anfangs eine Strecke in die Bay hinein, bis es das jenſeitige Waſſer des Hudſon erreicht hatte, dann wandte es ſich dieſen auf⸗ wärts, und ſich ziemlich an der Küſte des Waldlandes haltend, näherte es ſich der uns bekannten Bucht des Stro⸗ mes, die von hoch aufthürmenden Felſen umgeben, einen ruhigen Landungsplatz giebt. Das Boot legte auch wirklich hier an, ein Mann in ritterlicher aber ſehr einfacher Klei⸗ dung ſprang an's Ufer, und, nachdem er den Bootsleuten einige Aufträge gegeben hatte, ging er auf einem ſchmalen Fußpfad dem Innern des Waldes zu; er hatte dieſen bald durchſchnitten, und ſtand jetzt, in das Freie hinausgetreten, vor einer weiten Strecke, die, mit Moor, Riedgräſern und Waſſerpflanzen bedeckt, Land zu ſein ſchien, in Wahrheit aber ein weit ausgedehnter Sumpf war, gebildet von den 153 Austretungen des Meerarmes auf der einen und des Hud⸗ ſons auf der andern Seite, welche Beide ihre Gewäſſer zur Zeit der Flut in dieſe Niederung zwiſchen den Höhen von Granitfelſen und dem höher gelegenen Waldland hereinſenden, und als das Gewäſſer hier ſtehen geblieben war und ſich tiefer geſenkt hatte, war der ganze Strich Land zum Sumpf geworden, mit reichlich wuchernden Sumpfpflanzen und ſchlechten Gräſern überwachſen, den eigenthümlichen Jodgeruch aushauchend, und der Aufent⸗ halt von Fröſchen, Kröten und anderem Ungeziefer, zu ge⸗ wiſſen Zeiten im Jahre von einem Heer von Mosquitos umſchwärmt. Der Wanderer bei früher Tageszeit und in möglichſt einfacher Kleidung war aber Niemand Anderer als Sir Francis Lovelace, der Gouverneur der Provinz New⸗ York. Als er jetzt, den Wald im Rücken, das weite Sumpfland vor ſich ausgebreitet ſah, blickte er nach Rechts und Links, und ſein Gedächtniß hatte ihn nicht irre geführt, wirklich fand er bald den Planken⸗Steg, der ihn über den Sumpf zur gegenüberliegenden Höhe brachte. Er ſtieg dieſe langſam hinan, auf demſelben Pfad, durch natürliche Auswaſchungen und einige wenige Nachhülfe dem Granit⸗ felſen abgewonnen, den er damals, vor mehr als zwanzig Jahren, in dunkler Nacht hinangeſtiegen war. Hier oben trat er in den Wald, welcher ſeit dieſer Zeit beträchtlich 154 mehr gelichtet worden war,— er trat auf die Wieſe hinaus, durch welche ſich die Obſtbaumalleen mit der amerikaniſchen Akazie untermiſcht, bis zum Herrenhauſe hinzogen. Aber es war für's Erſte nicht ſeine Abſicht dieſes zu betreten, und ſo umging er es und wandte ſich der äußerſten Spitze des Vorgebirges zu, die über die Bucht hinausragt, von wo aus er damals, am frühen Morgen, beinahe wie heute, die wundervolle Fernſicht genoſſen hatte. Mehr als zwanzig Jahre waren ſeitdem verfloſſen,— mit welch' an⸗ deren Gefühlen, Erwartungen, Lebensanſchauungen war er damals hier geſtanden. Damals nicht viel weniger als ein von ſeinem Vaterlande Ausgeſtoßener, ohne Heimath, ohne Anſehen, nur durch den Gedanken erhoben, daß die Sache, der er zugeſchworen, die rechte ſei, und ſich noch Geltung verſchaffen müſſe,— jetzt von ſeinem Vaterlande hierher geſendet, aber dieſes Land, welches vor ihm ausge⸗ breitet lag, zu regieren, zu beherrſchen mit unbeſchränkter Vollmacht,— mehr als zwanzig Jahre lagen dazwiſchen, welche Kämpfe hatte'er gekämpft, welche Erfahrungen ge⸗ macht, welche Lebensanſchauungen hatte er gewonnen in dieſem Laufe der Zeit,— wie ein ganz Anderer war er geworden, während hier noch Alles daſſelbe geblieben war. Es iſt wahr, das damals winzig kleine Neu⸗Amſterdam war zum bedeutenderen New⸗York angewachſen,— doch was war dieſes noch, im Vergleiche zu dem heutigen NewYork, ——— 155 — die gegenüber gelegene„lange Inſel“ war damals noch wildes Waldland, jetzt zog ſich eine Reihe Häuſer mit einer holländiſch gebauten Kirche in der Mitte die Anhöhe hinauf, und rundum auf den Hügeln lagen die Farmhäuſer in⸗ mitten ihrer Gärten, Aecker und Wieſen und von Holz ge⸗ lichteten Strecken, es war„Breucklen“(gebrochenes Land) der kleine Anfang des heutigen Brooklyn, mit ſeinen hun⸗ dert und fünfzigtauſend Einwohnern,— es iſt wahr, kaum ein paar einzelne Schiffe lagen damals an den Piers von Neu⸗Amſterdam, ein paar andere durchkreuzten die Bay und jetzt gab es Brigantinen, Schaluppen und Segel aller Art, wohin er blickte, der Handelsplatz New⸗York hatte ſich bereits bedeutend gehoben— aber was waren dieſe Verän⸗ derungen gegen die gewaltige Natur, die dieſelbe geblieben war wie damals: hier ſtrömte derſelbe mächtige Hudſon in majeſtätiſcher Pracht vom Hochland herab, durch welches er ſich Bahn gebrochen hatte, und mit Gewalt ſtaucht er ſich gegen die ihm entgegentretende Flut der Bah, und überwindet ſie, um mit ihr vereint ſeinen Weg zu machen, und jenſeits des Long⸗Island⸗Sunds ſich in die offenen Arme des weiten Weltmeeres zu ſtürzen,— dort iſt die⸗ ſelbe prachtvolle Bay, die, nach durchbrochenen Felſenge⸗ birgen, ſich in glänzender Schöne ausbreitet zwiſchen Long⸗ Island, Staaten⸗Island und Manhattan,— und da am blauen Aethergewölbe ſteht dieſelbe prachtvolle Sonne und 156 beleuchtet Bay, Strom, Felſenhöhe, Waldland, Inſel⸗ gruppen, Städte, Menſchengewoge, Maſtenwälder, immer in derſelben Pracht und Herrlichkeit, unbekümmert um das, was das Gewürme treibt, das ſie beſcheint, unbekümmert um die Kämpfe, Erfahrungen, Lebensanſchauungen des Einzelnen. Dieſe oder ähnliche Gedanken mochten die Seele des ſtolzen Mannes durchziehen, der jetzt auf dem äußerſten Vorgebirge von„Bergen“ ſtand, und dieſe Gedanken mochten ihm wohl vorbereitende ſein zu dem Vorhaben, was ihn heute auf dieſe Stelle brachte, die er vor langer Zeit beſucht hatte. Er wendete ſich von der majeſtätiſchen Fernſicht ab und wanderte dem langen Thale zu, wo ſich die Anſiedlungen der erſten Koloniſten von„Bergen“ be⸗ fanden. Als er ſo in Gedanken den Waldpfad entlang ſchritt, zeigte er ſicher in Haltung und Gang weit weniger Hoheit und Stolz, als man ſonſt an ihm gewohnt war. Er näherte ſich dem einen der im Thale zerſtreut herumgelegen Wohnhäuſer. Es war ein gut holländiſch aufgeführtes Gebäude, größtentheils aus Holz, nur der Unterbau aus Ziegeln, mit gut holländiſch aufgeſetztem Giebeldache und unausweichlichem Wetterhahn, mit einem gut holländiſch angelegten Kohlgarten im Hintergrunde und den unausweichlichen Sonnenblumen zur Zier, und im Vordergrunde unter dem Apfelbaume ſaß ein Mann —— 157 in gut holländiſchen Pluderhoſen mit der unausweichlichen Delfterpfeife im Munde. Es war Mynheer Hederick van Velden, einer der erſten Anſiedler unter dem Patronate des Mynheer van Hoboken. Er hatte ſich Jahre lang gemühet mit Lichten und Bauen, und konnte es ſich jetzt wohl ein wenig be⸗ quemer machen und ſein Pfeifchen unter dem Apfelbaume in Ruhe ſchmauchen. Dieſem Manne näherte ſich Sir Francis Lovelace, und nach freundlicher Begrüßung, — nach einleitenden allgemeinen Bemerkungen über heißen Sommer, ſchnellen Wechſel des Wetters und zu erwarten⸗ der Ernte,— nach gewöhnlicher Befragung: wie lange im Lande,— wie gefällt es Euch hier u. ſ. w. rückte der Gouverneur der Sache näher: 2 „Da Ihr ſchon länger als fünf und zwanzig Jahre in der Kolonie ſeid,“ ſagte er—„ſo werdet Ihr Euch gewiß eines Ereigniſſes erinnern, das hier vor nicht ganz ſo langer Zeit ſtatt fand.“ „O, Herr— doch verzeiht, ich habe Euern Namen vergeſſen,“ ſagte Mynheer van Velden. Der gute Mann hatte ihn nicht vergeſſen können, da er ihn nie gewußt, aber bis jetzt war die Neugierde noch der Höflichkeit unter⸗ geordnet geblieben, überwand aber jetzt dieſe. Der Gou⸗ verneur ſagte lächelnd:„Nennt mich Mr. Francis,— und Ihr werdet mich bei dem richtigen Namen nennen.“ 158 „Wohl denn, Mr. Francis,“ fuhr jetzt der gute Dutchmann fort,—„wenn Ihr mich um ein Ereigniß fraget, welches hier vor etwa fünf und zwanzig Jahren ſtatt fand, ſo muß es wohl ein wichtiges und kann daher kein anderes ſein, als der nächtliche Einfall der Raritaner in dieſe damals noch ganz unbedeutende Anſiedlung;— nun da kann ich Euch ganz ausführlich erzählen.“ Er nahm den Krug mit Cider und nöthigte auch ſeinen Gaſt, das gleiche zu thun:„Das war eine heiße Ge⸗ ſchichte,“ ſagte er witzig—„und es iſt gut, wenn wir im Voraus ein wenig löſchen.“ Der Gouverneur nahm nun wohl auch den Krug und that einen guten Trunk von dem guten und erfriſchenden Getränk; aber die ganze Geſchichte von dem nächtlichen Einfall mochte er ſich doch nicht erzählen laſſen, daher er auch, ehe noch der gute Holländer damit begonnen hatte, mit der Frage in die Quere kam:„O, wenn Ihr den Einfall der Raritaner ſo genau wißt, ſo gewiß auch die Unglücksgeſchichte von dem kleinen Sohne Eures Patrons?“ „Ihr meint den kleinen Francis?“— entgegnete Mynheer van Velden,—„o ja, ich erinnere mich auch dieſer Geſchichte;— doch zu ſagen: es war nach Einbrin⸗ gung der Ernte,— wir ſtanden mit den Raritans bis zur Stunde——“ „Und wie kam es, daß der kleine Francis vom 159 Felſen ſtürzte?“ unterbrach der Gouverneur ſeinen Be⸗ richterſtatter. „War ein wilder Junge,“ erwiederte der Holländer, — nun, die Raritans waren bisher——“ „Und war denn Niemand, der, eben weil er ein wilder Junge war, ihn in Aufſicht hatte?“ unterbrach der Gou⸗ verneur abermals, aber es war nicht ſo leicht, den guten Holländer, der einmal einen Ideengang eingeſchlagen hatte, und dieſer war für jetzt der nächtliche Einfall der Raritaner, von dieſem abzubringen, ſo daß der Gouverneur ſich ge⸗ nöthigt ſah, geradezu zu erklären, daß ihm dieſe Geſchichte von dem Verunglücken des kleinen Francis mehr als jene Indianergeſchichte intereſſire. „O, dann, Mynheer— oder Mr. Francis— ſonderbar: der kleine Junge führte Euern eigenen Namen, — nun das trifft ſich wohl,— aber vielleicht iſt das die Urſache, daß dieſe Geſchichte Euch intereſſirt?“ ſagte der Holländer. „Vielleicht,“ erwiederte der Gouverneur. „Nun, ich will Euch geben, was ich habe,“ ſagte der Holländer,—„aber das iſt eben nicht viel,— eben wenig Beſtimmtes. Es iſt eine alte Geſchichte, und es erzählt ſie Jeder auf ſeine Weiſe und glaubt, er wiſſe ſie am Beſten. Einige ſagen, er ſei am Walde drunten in den Hudſon gefallen, Andere meinen, er ſei am Vorgebirge hinab,— — —— 160 iſt v—t ſteil, aber er war ein kecker Bube, und da mag er wohl vom Felſen abgeglitten und in die Bucht geſtürzt ſein,— wieder Andere glauben ſogar, er ſei gar nicht 7 ertrunken——— „Wie, hat man denn nicht den Leichnam aufge⸗ funden?“ fragte der Gouverneur erſtaunt. „Dieſes eben nicht,“ erwiederte Mynheer van Velden—„daher glauben auch Manche, daß er nicht ſeinen Tod im Waſſer gefunden habe, ſondern vielleicht ſelbſt noch lebe, unter den Onondagas, Senecas oder ſonſt einem der Stämme der fünf Nationen.“ „Wie konnte man auf die Vermuthung kommen?“ fragte der Gouverneur ungläubig. „Iſt ſo ein Gerede, aus dem ich nie recht klar werden konnte,“ erwiederte der Holländer—„war da die Nama⸗ kewa, die ſoll den Jungen geſtohlen haben,— nun, das iſt wahr,— man ſah den kleinen Fran cis oft an ihrer Hand durch Buſch und Dickicht ſtreifen, und daß die Hag⸗ in⸗ſags, bei denen ſie damals gelebt, wegen der Auswei⸗ ſung aufgebracht waren, iſt auch wahr,— und daß, nach⸗ dem der Junge verſchwunden war, die Namakewa ſich auch nicht mehr ſehen ließ, iſt erſt recht wahr,— aber das Gerede von Verzauberung und, daß ſie den Jungen gleich nach der Geburt dem„böſen Geiſte“ der Indianer ver⸗ kauft habe,— das habe ich nie recht glauben können.“ — —— 161 „Und hat man denn unter den benachbarten Stämmen keine Nachforſchung angeſtellt?“ fragte der Gouverneur⸗ „O, gewiß! aber folge Einer den Rothhäuten auf ihren Wanderungen, ſei es nun, wenn ſie auf den Kriegs⸗ pfad gehen, oder als Diebe davon ſchleichen,— ſie können ſich unſichtbar machen,— aber ſei es, wie es ſei,— der kleine Francis war verſchwunden,“ endete der gute Hol⸗ länder ſeine Erzählung,—„und die gute Vrow Katha⸗ rina ſtarb aus Bekümmerniß, nachdem ſie noch ſchnell die kleine Jeſſie geboren hatte,— iſt ein gutes Kind,— und ſie dauert mich und Allen hier herum.“ „Jedes Kind, welches ſo früh die Mutter verliert, iſt zu bedauern,“ ſagte Sir Francis Lovelace mit einiger Bewegung. „Und beſonders, wenn es dann unter ſolche Hände kommt, wie die arme Jeſſie,“erwiederte der Holländer —„doch man ſoll von ſeinem Nächſten nur das Gute ſprechen,— und eine brave Hausfrau iſt Vrow Ger⸗ trude,— gelernt hat Zeſſie auch etwas Rechtes,— aber die guten Stunden, die ſie hatte, ſind auch zu zählen.“ „Sie iſt aber wohl in dem Alter, wo ſie bald in andere Hände übergehen wird— ich meine, ſie wird hei⸗ rathen?“ fragte der Gouverneur. „Das iſt noch eben das Uebelſte,“ erwiederte der Holländer—„ſie hat da eine ſchlechte Wahl— ſoll ſie 14 1858. IV. Van Hoboken. I.. 162 den läppiſchen Jungen, den Seth, nehmen, oder den Schleicher Mr. Tomk—— doch, Plaudern iſt eine böſe Eigenſchaft, ſagt unſer Dominie“— und er klapſte ſich mit ſeiner breiten Hand vor den redſeligen Mund; doch Sir Francis Lovelace hatte bereits genug gehört. Ohne jedoch einen Argwohn oder mehr Neugierde über dieſe ſchnelle Unterbrechung zu äußern, fragte er ganz wie zufällig:„Der Patron ſoll wohl ein reicher Mann ge⸗ worden ſein?“ Mynheer van Velden ſah ihn mit einem großen Blicke an.„Seid Ihr von Neu⸗York?“ fragte er erſtaunt. „Eben nicht gerade von Neu⸗York,“ erwiederte der Gouverneur etwas verlegen,—„doch ſchon einige Zeit 7 ier——— „Und Ihr wißt es nicht, daß der gute van Hoboken nichts werth iſt,— weniger als nichts?— weiß das doch jeder kleine Junge in Neu⸗York,“ eiferte der gute Mann —„ſoll ein reicher Mann ſein,— freilich ſollte er es ſein,— wenn der Schurke, dieſer Mr. Tomk—— Doch ſchweig, altes Plappermaul,“ ſagte er, und gab ſich einen andern Klaps. Der feine Examinator wußte aber ſchon wieder, was er zu wiſſen verlangte. „Van Hoboken und Kompagnie in der Biberſtraße iſt ein alt etablirtes Haus,“ ſagte Sir Francis Love⸗ —————— 163 lace, gleichſam bei ſich ſelbſt überlegend—„treibt ſtarken Handel mit Fellen, führt hinaus Bauholz, Tabak, Mais — ſetzt in jedem Artikel um, wie irgend Einer,— ſollte nicht meinen—— doch wer kann es wiſſen!“ „O, ich weiß es,“ fiel der ehrliche van Velden ihm in's Wort, in ſeiner Eitelkeit beleidigt—„wie van Ho⸗ boken und Kompagnie mitſammen ſteht, iſt es leicht er⸗ klärlich, daß der Eine„nichts werth“ iſt, und der Andere ein reicher Mann wird,— der Eine bis zum Kinde blöde geworden, der Andere ein feiner, durchtriebener Spitzbube, — der Eine Alles unterſchreibt, was ihm der Andere vor⸗ legt,—— doch es iſt beſſer, man ſpricht von der Sache nicht viel——— beliebt es Euch, Mr. Francis, mit uns eine Schale Thee zu nehmen—— ich ſehe, die gute Vrow war ſchon zwei Mal an der Thüre,— ſie liebt es nicht, wenn man ſie warten läßt—— tretet ein, Ihr ſeid gern geſehen.“ Sir Francis Lovelace dankte für freundliche Einladung und bedauerte, daß er ſie nicht annehmen könne, da ihn ſeine Geſchäfte weiter riefen. Er beurlaubte ſich von dem gutmüthigen Holländer und wandte ſich jener Gegend zu, nach welcher Richtung, wie er vermuthete, das Herrnhaus liegen müſſe. Er hatte ſich auch nicht geirrt, denn nachdem er einen kleinen Hügel überſchritten hatte, ſah er in einiger Entfernung das ſtattliche Gebäude, in⸗ * 164 mitten ſeines Kohl⸗, ſeines Blumen⸗ und Obſtgartens liegen. Und als er näher kam, bemerkte er unter dem einen Baume eine Gruppe von vier Perſonen verſammelt. Während er auf dieſe zuſchritt, hatte er Zeit, bei ſich ſelbſt die Art und Weiſe zu überlegen, wie er ſich hier be⸗ nehmen wolle. Behntes Capitel. „Das indiſche Blatt in Eile brennt, Nichts den Lauf der Zeiten hemmt: Zur Schwäche wird des Mannes Kraft, Fs trocknet auch des Blattes Saft: Und der Jugend Feuer, noch ſo heiß, Verglühet, gleich der Aſche, trocken und weiß.“ „Denk' an dies, wenn Du Tabak rauchſt.“ Mynheer van Hoboken, faſt unbeweglich, mit aufgetriebenem Geſichte und glanzloſen Augen, ſaß in ſeinem hohen Lehnſtuhle. Man hatte ihm eine blauwollene Nachtkappe aufgeſetzt, einen warmen Flanellrock angezogen und die geſchwollenen Füße in ein großes Tuch eingewickelt, denn trotz des warmen Sommertages fühlte der arme, kranke Mann dennoch kühl,— die Macht der Gewohnheit war jedoch ſo ſtark, daß er in ſeiner rechten Hand, die auf —— 165 der Lehne des Stuhles ruhte, eine ungefüllte Pfeife hielt. Auf einem niedern Stuhle, in einiger Entfernung, ſaß eine ältliche Frau,— die Aehnlichkeit mit dem Bruder war für den eine auffallende, der ihn in beſſeren Tagen gekannt hatte,— ſie trug eine niedere, weiße, reich ver⸗ kräuſelte Haube auf dem glatt zurückgekämmten, hier und da grau gemiſchtem Haar, Spitzenkrauſe, knappe Ober⸗ jacke, weitfaltigen Rock, weiße Schürze und eine mächtige Außentaſche am Gürtel hängend— ſie war das getreue Porträt einer zierlichen, ſchmucken, reinlichen holländiſchen Haus⸗Vrow, und emſig beſchäftigt mit langen Strick⸗ nadeln, eine weite wollene Unterjacke für ihr Söhnlein zu fertigen. Dieſer, ein hoffnungsvoller Jüngling von Acht⸗ zehn oder etwas darüber, ſaß der Mutter gegenüber; er hatte beide Ellenbogen auf die Kniee geſtützt, die eine Hand war beſchäftigt, die ſanft qualmende Pfeife zu halten, die andere diente, den etwas großen und daher wahrſchein⸗ lich ſchweren Kopf zu unterſtützen, und die kleinen durch die dicken rothen Backen etwas zurückgedrängten Aeuglein waren aufmerkſam auf die Stricknadeln geheftet, die ſich zwiſchen den Fingern ſeiner Mutter in raſcher Bewegung befanden. Die Gruppe war ein Bild, wie wir uns viel⸗ leicht erinnern, ſchon in guten Kupferſtichen geſehen zu haben,— ruhig, leblos,— auch das junge Mädchen, welches an der Seite ihres Vaters ſtand, brachte kein Leben 166 hinein, denn ſie lauſchte eben ſorglich nach ſeinen Athem⸗ zügen, da er gerade einen ſeiner öfter wiederholten Huſten⸗ anfälle gehabt hatte, nach welchen er ſtets in die Lehne des Stuhles zurückſank und es ihm für eine Weile beſchwerlich wurde, wieder zu freiem Athem zu kommen; und doch war es dieſem Mädchen anzuſehen, daß ſie zu andern Zeiten wohl Leben genug beſitzen möge. Sie war ein Mädchen aus holländiſchem Blute entſproſſen, aber der neue Welt⸗ theil übt ſolchen Einfluß, daß die Kinder nie ſo ganz wie die Eltern ſind,— manchmal zum Vortheil, manchmal zum Nachtheil der neuen Generation— bei Jeſſie müſſen wir ſagen: zu ihrem Vortheil. Es mag Vertheidiger der holländiſchen Ruhe mit frühzeitiger Entwicklung von Kör⸗ perfülle geben,— Andere, und dazu rechnen wir uns ſelbſt, ziehen es vor, im dunklen Auge— Zeſſie hatte ſchöne dunkelblaue— weniger Ruhe, dafür eine gewiſſe Lebhaf⸗ tigkeit, mit einem Worte, das zu ſehen, was die holländi⸗ ſchen Mädchen vielleicht auch beſitzen, aber eben nicht durch ihre Augen verrathen;— friſchrothe, apfelrunde Wangen mögen eine ausgezeichnete Geſundheit verrathen, aber ein feines Oval ziehen wir dennoch vor, und denken wir uns noch den wohlgeformten Mund, die beiden Grübchen in den Wangen und das Grübchen im Kinn hinzu, und das glänzende dunkelblonde Haar, ſo mit ängſtlicher Sorgfalt zurückgekämmt, daß in der That Härchen an Härchen lag, 167 eben nur der Sitte wegen mit einem ganz kleinen blendend weißen Häubchen bedeckt,— und erwähnen wir noch, daß Jeſſie im Gegenſatze von holländiſchen Begriffen der weiblichen Schönheit, ſchlank wie eine Tanne war, ohne jedoch jene Entwicklung zu entbehren, die wir immerhin für erforderlich halten, und es auch vorzog, nicht durch ein Mehr von Puffröcken das zu erſetzen, was ihr an Körper⸗ runde im Vergleich zu ihrer Tante abging,— und wenn wir ſie uns nun an der Seite ihres Vaters, in halb vor⸗ wärts gebeugter Stellung denken, in natürlicher Grazie den ſchlanken Wuchs, den prächtigen Nacken, den fein ge⸗ formten Fuß zeigend,— ſo kann es uns nicht überraſchen, wenn wir hören, daß Sir Francis Lovelace kaum ſeinen Blick über Mynheer, gute Vrow und hoffnungs⸗ vollen Jüngling hingleiten ließ, dieſer aber gefeſſelt an dieſer lieblichen Erſcheinung haften blieb. Sein Erſcheinen brachte übrigens einige Senſation hervor, nämlich die Stricknadeln traten in Stillſtand, die Augen der ſie Führenden wandten ſich dem Fremdling zu, und auch das Paar Augen, welche bisher den Bewegungen der Stricknadeln mit ausſchließlicher Aufmerkſamkeit ge⸗ folgt war, erhob ſich, um zu ſehen, was denn eigentlich die Urſache dieſer Unterbrechung ſein möge,— Jeſſie ging dem Fremden entgegen. Sir Francis Lovelace verbeugte ſich vor dieſem 168 einfachen Mädchen mit mehr Courtviſie, als er vielleicht vor Lady K. oder Lady Y. gethan haben mochte,— es iſt eine Eigenthümlichkeit unſeres Geſchlechtes, daß wir der weiblichen Schönheit mehr als irgend Etwas huldigen; doch wir können es nicht ändern,— und entſchuldigte ſich in wenigen aber gut gewählten Worten, daß er ſich in einen hier befindlichen Familienkreis eindränge; aber„er ſei ein Fremder,“ ſagte er,„dem Mynheer van Hoboken vor vielen Jahren ſo viel Gaſtfreundſchaft erwieſen habe, daß er es für ſeine Pflicht gehalten, ihn bei einem Wieder⸗ beſuch der Kolonie zu beſuchen.“ „Mein armer Vater iſt krank,“ ſagte das Mädchen mit einer wohlklingenden Stimme—„ich befürchte, er wird ſich Eurer nicht mehr erinnern.“ „Dies würde mir ſehr leid thun,“ erwiederte der Gouverneur mit Artigkeit. „Ich will es verſuchen und ihm Euren Namen ſagen,“ ſagte Jeſſie. Sir Francis Lovelace, welcher es jedoch für überflüſſig hielt, in dieſem Augenblick ſich zu erkennen zu geben, wich dieſer zarten Anfrage um ſeinen Namen damit aus, daß er ſagte:„Der Name mag dem Vater vielleicht aus der Erinnerung gekommen ſein, wäh⸗ rend er die Thatſachen in das„Gedächtniß zurückrufen kann,“ und er näherte ſich jetzt dem Stuhle, in welchem der Invalide ſaß. Es war ein bedauernswerther Anblick —— 169 und Sir Francis Lovelace ſtand in der That einige Augenblicke vor dem alten Manne und blickte nicht ohne einige Rührung in das glanzloſe, nichtsſagende Auge ſeines alten Gaſtfreundes. War dieſes in der That der⸗ ſelbe, der ihn damals, zwar ohne viele Worte, aber doch mit ſo viel Herzlichkeit in der weiten Halle ſeines Hauſes empfangen hatte? Damals das Bild der Ruhe, der Ge⸗ ſundheit, des Wohlbehagens,— jetzt das Bild der nahen Auflöſung—— es mußte wohl auf das Gemüth des Kavaliers, der zwar ſtolz aber nicht herzlos war, einen Eindruck machen, und es vergingen wirklich einige Augen⸗ blicke, bevor er Worte fand: „Guten Tag, Mynheer van Hoboken,“ ſagte er,— „Ihr genießt den ſchönen Morgen im Freien.“ „Iſt ſo mein Gebrauch,“ lallte der alte Patron, während er ſein mattes Auge auf den Fremden wandte,— „könnt es eben ſo gut haben, wenn Ihr Euch ſetzt,— ſtopft Euch eine Pfeife,— wir bauen den Tabak ſelbſt, einen guten Krug Bier könnt Ihr auch haben,— he, gute Vrow,— Katharina wo ſteckſt Du?“ Jeſſie legte ihre kleine Hand vor die Augen, eine Thräne perlte über ihre Wange herab. Frau Gertrude, die bisher eine ſtumme Zuſchauerin abgegeben hatte, miſchte ſich nun in's Geſpräch, und mit einer etwas ſchrillenden Stimme, wahrſcheinlich um ſich dem Bruder auch von der 170 Entfernung, wo ſie ſaß, verſtändlich zu machen, rief ſie: „Bruder Klaus, Du verwechſelſt wieder einmal den Na⸗ men,— Du weißt doch, daß ich Gertrude heiße.“ „Nichts— Gertrude,— nichts!“ rief der Patron unwillig—„die Katharina will ich— ſie iſt meine gute Vrow!“ Jeſſie trat nun wieder raſch an die Seite ihres Vaters, und mit der zarten Hand liebkoſend ſeine Wange ſtreichelnd, plauderte ſie einige Schmeichelworte, welche auch ſo beſänftigend einwirkten, daß der eben noch vor⸗ handene Ausdruck des Unwillens aus dem Geſichte des Kranken verſchwand, wie etwa Sturmwolken bei dem Aufgange der freundlichen Sonne verſchwinden; er lächelte milde, aber nun ſchien er auch Vrow Katharina, Ger⸗ trude, den Fremden— Alles vergeſſen zu haben. Sir Francis Lovelace ſah es deutlich genug, daß hier jede Bemühung für ein Wiedererwecken des Er⸗ innerungsvermögens des alten Patrones eine fruchtloſe ſein werde, und wandte ſich eben an die gute Vrow Ger⸗ trude mit dem Bedauern, daß ſein Beſuch, mit der Ab⸗ ſicht, die er hatte, ein vergeblicher ſei,— da trat aus dem gegenüber gelegenen Wald ein Mann, der auf ſeiner Schulter einen mächtigen Korb trug. Und als dieſer näher kam, zeigte es ſich, daß es ein Jüngling von etwa zwanzig Jahren ſei, groß, ſchlank, kräftig,— elaſtiſch in jeder — 171 Bewegung,— raſch im Gange und lebhaft im Ausdruck ſeiner Züge. Seine Kleidung war die der Wallonen, welche ſich vorzugsweiſe in Breucklen(das gebrochene Land) auf Long⸗Island, gegenüber von Neu⸗Amſterdam, ange⸗ ſiedelt hatten. Seine Phyſiognomie zeigte die franzöſiſche Abſtammung— ſeine Lebhaftigkeit in jeder Bewegung noch ſo mehr. „Hier bringe ich ſchöne Auſtern,“— rief er, und mit einem Schwunge war der ſchwere Korb von der Achſel auf den Boden geſtellt, dicht vor die Füße des Patrons —„ſchöne Auſtern, friſche Auſtern, Mynheer, dieſen Morgen gefiſcht.“ „Auſtern!“ rief der Patron, und ein Glanz des Ver⸗ gnügens ſtrahlte auf ſeinem Geſichte. „Auſtern?— Vom Eaſt⸗River?“ fragte Seth, der hoffnungsvolle Jüngling, träge und warf den leckeren Blick dem mächtigen Korbe zu,— ja, er erhob ſich ſogar von ſeinem Sitze und watſchelte herzu, um die friſchen Auſtern ſelbſt in Augenſchein zu nehmen. Sir Francis Lovelace wußte den Auſtern Dank, durch ihre Ankunft das Organ des Jünglings und auch deſſen Bewegungs⸗ fähigkeit kennen zu lernen; aber es kam ihm da plötzlich der Gedanke in den Kopf, dieſer hoffnungsvolle Jüngling mit dieſem fetten Organ und dieſem watſcheligen Gang ſei es gewiß nicht, welcher jenem zierlichen Mädchen mit 172 zierlich gekämmtem Haar und Roſengrübchen in Wange und Kinn,— mit dieſem dunkelblauen Auge,—— doch wie lachte dieſes Auge auch dem jungen Manne zu, der jetzt vor dem Vater ſtand, und ſeine Hand ergriff und mit voller, wohltönender Bruſtſtimme fragte:„Wie geht es Euch heute, Mynheer,“— und dann tröſtend hinzuſetzte: „Es wird wohl wieder Recht werden, Mynheer,— wir haben jetzt ſchön warm Wetter,— das macht Euch geſund!“ „George— es iſt ſchon Recht,“ lallte der Patron— „ich liebe Auſtern!“ „Und Auſtern ſollt Ihr haben,— ſchönere und fettere als je der Gouverneur auf ſeinem Tiſche ſieht!“ rief der junge Wallone,— Sir Francis Lovelace wandte ſchnell ſeinen Kopf ſeitwärts, aber es war keine Gefahr dabei,— er hatte ſich ſeit ſeiner Ankunft in Neu⸗York ſtets in Geſchäften auswärts befunden, und der Bewohner von Breucklen hatte eben wieder ſeine Geſchäfte anderwärts als in der Stadt. „Ich bin Dir von Herzen dankbar,“ ſagte Jeſſie und reichte dem Jüngling ihre Hand,—„daß Du meinem Vater dieſe Freude machſt,“— dieſe Worte waren aber mit einem Blicke begleitet, der noch zehnmal mehr ſagte, — wir hatten mit der Bemerkung nicht fehl gerathen, daß aus dieſem dunkelblauen Auge Allerlei herauszuleſen wäre, 6 — und George ſchien auch recht gern in dieſem Auge zu leſen, denn er hielt ihre Hand feſt in der ſeinigen, und blickte ſo ſtarr in dieſes dunkle Blau, als wenn er durch⸗ aus deſſen Tiefe ergründen wolle; aber wenn auch die Beſitzerin dieſes Auges nichts gegen dieſes Ergründen hatte, ſo doch ſonſt Wer—„Wir ſind Euch ſehr verbunden, Mynheer L'Escuyer,“ ſagte Tante Gertrude—„Ihr bemüht Euch für uns, und Eure Mutter benöthigt Euch vielleicht zu Hauſe—“ „O, Mutter mangelt mich nicht,“ erwiederte harmlos George,—„in meinem Geſchäfte zu Hauſe wird nichts verſäumt.“ „Eine Wittwe mit ſechs Kindern, und nur einem Sohne, der für Alle ſorgen ſoll,“ ſagte Vrow Gertrude —„ich glaube, da iſt wohl keine Stunde im Tage, die unbenutzt bleiben ſoll.“ „Und wo die Stunden des Tages nicht ausreichen,“ rief George fröhlich—„da nimmt man die Stunden Die Auſtern habe ich vor Sonnen⸗ aufgang geholt— und heute Abend ſchaffe ich dann eine Stunde länger, ſo habe ich die Verſäumniß auch wieder der Nacht zu Hülfe. eingebracht.“ „Was rechnet Ihr für dieſen Korb Auſtern?“ fragte Vrow Gertrude etwas hoch, und zog die Aus⸗ 173 hängetaſche an ſilberner Kette empor, um mit der rechten Hand in deren Tiefe ſich zu verſenken. „Was ich rechne?— für einen Korb Auſtern, den ich meinem guten Patron bringe?“ fragte Georg ent⸗ rüſtet—„ich würde mich ſchämen, zu rechnen,— würde der Gouverneur zu mir ſagen: L'Escuyer bringe mir einen Korb Auſtern, friſch aus dem Eaſt⸗River, vor Son⸗ nenaufgang gefiſcht,— ich zahle Dir fünf Guilders,— ſo würde ich antworten: Herr Gouverneur“—(Sir Francis Lovelace wandte wieder ſchnell das Geſicht abſeits)—„ja, ich würde ſagen, Herr Gouverneur, be⸗ haltet Eure fünf Guilders und fiſcht Euch die Auſtern ſelbſt,— und was ich meinem guten Patron bringe, laſſe ich mir auch nicht bezahlen. Damals,— es iſt ſchon lange her,— ich war noch ein ganz kleiner Junge— und mein Vater war auch ſchon todt,— und als da die Rari⸗ taner kamen, und in Breucklen wütheten, weil ſie den Bruder eines ihrer Sachems erſchlagen fanden, und auch meiner Mutter Haus niederriſſen und das kleine Feld verwüſteten, daß ſie mit allen ſieben Kindern hätte Hun⸗ gers ſterben müſſen,— da war es mein guter Patron, der uns Korn gab und Bohnen, und auf ſeine Koſten das Häuschen wieder aufbauen ließ,— und ich ſoll ihm keine Auſtern bringen, ohne zu rechnen?— Gute Vrow,— ich glaube, Ihr ſeid nicht bei Troſt?“ 175 Was war das für ein ſeelenvoller, vielſagender Blick, der jetzt aus dem dunklen Blauauge zu dem entrüſteten Jüngling ſprach.— Sir Francis Lovelace, der er⸗ fahrene Mann, verſtand ihn wohl zu deuten, aber auch Vrow Gertrude wochte in dieſer Beziehung keine Un⸗ erfahrene ſein. Mit einem Tone, der keinen Widerſpruch gewohnt iſt, ſagte ſie:„Jeſſie,— ich glaube, daß es an der Zeit iſt, daß Du nach der Küche ſiehſt,— Vater bedarf ſeiner Eierſuppe!“ Jeſſie ſtand nur einen Augenblick— ſie war über⸗ raſcht durch dieſen ſchnell ergangenen Befehl,— aber dann ſchüttelte ſie zum Abſchied des Jünglings Hand,— dann bot ſie dem Fremden mit einem Knix ihre Hand,— und dorthin rannte ſie,— der Küche zu,— aber bevor ſie im Innern des Hauſes verſchwand, ſchickte ſie noch einen Blick zurück, und dieſer ſchien zu ſagen:„Laß ſie nur kommandiren, ich will doch, was ich will,— und das laß ich mir nicht hinauskommandiren.“ Vrow Gertrude ſchien aber den heutigen Tag für den paſſenden zu halten, einmal ihre Willensmeinung offen auszuſprechen. Als Jeſſie verſchwunden war, trat ſie geradezu dem jungen Manne entgegen und mit vieler Ent⸗ ſchiedenheit ſagte ſie:„Wenn Ihr Euch den Korb Auſtern nicht wollt bezahlen laſſen, ſo danken wir Euch,— aber Ihr braucht Euch weiter keine Mühe mehr zu geben, und vor Sonnenaufgang zu fiſchen,— das kann Seth auch thun.“— „Ich glaube, nach Sonnenaufgang iſt eben ſo gute Zeit,“ gurgelte der hoffnungsvolle Jüngling, eifrig an ſeiner Pfeife qualmend, die zu verlöſchen drohte. „Zu jeder Zeit wirſt Du bereit ſein, dem Onkel einen Liebesdienſt zu erweiſen,“ erwiederte Vrow Gertrude,— und ſich wieder dem Wallonen⸗Jüngling zuwendend, fuhr ſie fort:„Und auf jeden Fall wollt Ihr bei Eurem Haus⸗ weſen bleiben,— Eure Mutter bedarf Eurer nöthiger als wir hier,— und ſollten wir Eurer benöthigen, ſo werden wir es Euch ſagen laſſen.— Seth, Du bleibſt beim Onkel!“ Und mit einem leichten Knix gegen den Fremden, den ſie eben keiner beſonderen Beachtung für werth hielt, trip⸗ pelte ſie denſelben Weg, den eben Jeſſie leichtfüßig zurückgelegt hatte. George ſtand eine Weile in ſtummer Ueberraſchung, dann ſagte er unwillig:„Das heißt wohl ſo viel, als: laß Dich hier nicht mehr blicken!“ Der alte Patron hatte mit ſeinem glanzloſen Blicke die ganze Zeit dieſer Verhandlung über da geſeſſen, aber ſie ſchien nicht für ihn unverſtändlich geblieben zu ſein. Er lachte jetzt laut auf, mit einem heiſern Tone, und dieſes Lachen ging in ſeinen böſen Huſten über, der ihn 177 beinahe zu erſticken drohte. Seth, der ſich bereits in philoſophiſcher Ruhe mit ſeiner Pfeife beſchäftigt hatte, legte dieſe nun bei Seite und machte Miene, ſich aus ſeiner bequemen Stellung zu erheben; aber George hatte bereits den alten Mann in ſeine Arme genommen, ihn die Stirn gerieben, und ihm dieſelbe Hülfe gegeben, welche Jeſſie gewöhnlich in dieſen Fällen anwendete. Der Huſtenanfall war vorüber und der alte Patron, die Hand des Jünglings zwiſchen ſeiner haltend, ſagte: „Dummes Zeug— George— Du bringſt mir friſche Auſtern,— haſt Dich um die Andern nicht zu bekümmern.“ Sir Francis Lovelace hatte genug geſehen, um zu wiſſen, wie es mit dem alten Patron und ſeiner Fa⸗ milie ſtand. Er entfernte ſich unbemerkt, und ging an die Stelle, wo ſein Boot wartete. Nach einer kurzen Fahrt kam er in Neu⸗York an. Hier erwartete ihn eine große, freudige Ueberraſchung. Als er die Stiege hinaufging und in ſein Geſchäftszimmer trat, hüpfte ihm ein niedliches Mädchen entgegen, die ſich ohne Umſtände in ſeine Arme warf, und mit einer Unzahl von Küſſen bedeckte,— es war ſeine Tochter Arabella— mit dem dieſen Vor⸗ mittag eingelaufenen Schiffe angekommen. 1858. IV. Van Hoboken. I. 178 Elftes Capitel. „Der Augenblick nur Entſcheidet „Ueber das Leben des Menſchen und über ſein ganzes Geſchicke; „Denn nach langer Berathung iſt doch ein jeder Entſchluß nur „Werk des Moments.“ Göthe. Miß Arabella Lovelace, die Tochter des dama⸗ ligen Gouverneurs der Provinz New⸗York, welche ſo eben in unſerer Erzählung aufgetreten iſt, und, wie wir unſerem Leſer nicht verſchweigen wollen, in dieſer keine untergeord⸗ nete Rolle ſpielt, dürfte es eben deshalb nöthig machen, ein klein wenig mit ihrer früheren Lebensgeſchichte,— ja, mit ihr ſelbſt bekannt zu werden. Es iſt dieſes ſchon darum erforderlich, um im Verlaufe unſerer Erzählung manches erklärlich zu finden, und wir weichen dadurch un⸗ angenehmen Auseinanderſetzungen, Wiederholungen, Er⸗ gänzungen aus, und können nach der Hand ohne Unter⸗ brechung den Faden unſerer Erzählung abſpinnen. Wir haben auch für dieſen Zweck ein vortreffliches Mittel an der Hand, nämlich ein in Briefform geführtes Tagebuch von Miß Arabella, an ihre innigſte Freundin, Made⸗ moiſelle Helene de Vergne addreſſirt. Es iſt darin manches enthalten, welches nicht Jeden intereſſiren dürfte und auch für unſere Geſchichte von keinem Belange iſt; 179 daher wir es vorziehen, hier nur Auszüge aus dieſen Briefen zu geben. Erſter Auszug. Chateau Hautbrien. Ich ſoll ein Tagebuch ſchreiben und es Dir, liebe Helene in den einzelnen Blättern, wie es niedergeſchrieben iſt, zuſchicken,— ſo wünſcheſt Du es, und ich erfülle gern den Wunſch meiner erſten und einzigen Freundin. Aber mache Dich gefaßt, meine Liebe, Du wirſt ein wunderliches Durcheinander zu leſen bekommen, denn ich fühle mich durchaus unfähig, mich an irgend eine Form zu halten, auch iſt mein Leben jetzt ſchon, ſo jung ich bin, mit zu abenteuerlichen Ereigniſſen durchflochten, als daß ich Dir davon mit Ruhe und in gemeſſener Ordnung erzählen könnte. Nimm es daher, wie ich es Dir gebe, und er⸗ laube mir zu plaudern, wenn mich meine Empfindungen dazu hinreißen. Wenn ich aber von abenteuerlichen Ereigniſſen ſpreche, ſo glaube ja nicht, daß ich darüber un⸗ zufrieden bin,— wenn ich es ſagen würde, würde ich lügen, und eine Lügnerin möchte ich, am wenigſten Dir gegenüber, nicht ſein. Ich kann mich in ein ruhiges Alltagsleben gar nicht hineindenken, in dem ſo viele geboren werden, heirathen, Mutter einer zahlreichen Familie werden, und 12* 180 dann ſterben,— vielleicht ändere ich mich noch, aber jetzt kann ich ſolch' ein ruhiges, zufriedenes Glück nicht faſſen. Ein junges Mädchen von kaum achtzehn, mit meinen An⸗ ſichten und Neigungen, iſt vielleicht nicht liebenswürdig,— aber kann ich helfen, daß ich bin, wie ich bin?— Was nützt es dem Menſchen, wenn er ſich wirklich ſelbſt, wenn er ſeine geiſtige Individualität genau kennt, und weiß, welche Fehler er machen wird? Iſt er im Stande gegen dieſen innern geiſtigen Zwang mit Erfolg anzukämpfen? Und wodurch wird dieſe geiſtige Individualität, welche ſo beſtimmend auf den Menſchen einwirkt und ihm ſeine Hand⸗ lungsweiſe mit einer ſolchen Stärke vorſchreibt, daß nur ein äußerſt kleiner Spielraum für ſeinen freien Willen bleibt, wodurch wird ſie erzeugt? Durch Beiſpiel, Lehre, Erziehung, Nationalität, Klima, Boden, Zeitumſtände und noch zwanzig andere Einwirkungen. Denke Dir einen Vater zu haben, deſſen ganzes Leben ein höchſt romantiſches, ritterliches, abentenerliches war,— der als getreuer Ka⸗ valier eines unglücklichen, ritterlichen und bei allen Schwächen doch liebenswürdigen Königs, alle Wechſel⸗ ſchläge des Schickſales, die dieſen trafen, mit ertrug, der, nachdem die letzte Feſtung der Königlichen vor den parla⸗ mentariſchen Rundköpfen gefallen war, keinen anderen Ausweg hatte, als nach dem neuen Welttheil zu flüchten, wo er ſich jahrelang unter Jägern, Biberfängern und 181 Wilden herumtrieb, der aber, als er kaum die Erhebung Schottlands für den zweiten Karl hörte, auch ſogleich wie⸗ der in der Heimath erſchien, um ſein Kavalierſchwert für die Sache, der er ſich ergeben, zu ziehen, und dann, wie das Wild des Waldes gehetzt, in den ſchottiſchen Hochlanden umherirrte, bis es ſeinem königlichen Herrn und deſſen ge⸗ treueſten Anhängern gelang, auf einem elenden Fahrzeuge nach Frankreich zu entkommen,— nun, liebe Helene, kannſt Du Dir die Tochter eines ſolchen Vaters wohl als ein ruhiges, ſanftes, ſchüchternes Mädchen denken?— Von meiner Mutter kann ich Dir nur wenig erzählen,— ſie ſtarb, bevor ich noch Papa und Mama lallen konnte,— aber wie man mir ſagte, ſoll ſie Franzöſin im vollen Sinne des Wortes geweſen ſein, aber dabei auch ſehr hübſch.— Schmeichler, wozu ich auch den guten alten Pater Honoré zähle, wollen behaupten, ich wäre ihr ſehr ähnlich,— nun, Du weißt, liebe Freundin, derlei Schmeicheleien rühren uns Mädchen nicht; aber daß ſie ſchön war, kann ich nach einem wohlgetroffenen Porträt, das ich von ihr beſitze, be⸗ urtheilen. Sie hatte prachtvolle ſchwarze Augen, voll Feuer und Leben, herrlich glänzendes Haar, das ſie in un⸗ verkünſtelten Locken um die ſchöne Stirn und den ſtolzen Nacken hinab wallen ließ. Ihr Teint iſt ein etwas dunkler, wie man ihn im ſüdlichen Frankreich trifft,— aber dieſer Mund iſt ſchon im Bilde ſo viel ſagend, man meint, man 182 höre ihn plaudern, lachen und ſingen,— ich glaube, mein Vater hat ſich ſchon ganz allein in dieſen Mund verlieben müſſen. Man erzählt mir, ſie ſei voll Humor und Witz geweſen, aber oft plötzlich in eine ſinnende, träumeriſche Stimmung verfallen ſein, wo ſie dann die Geſellſchaft des Menſchen vermied und es vorzog, in den Gebirgen und Thälern herumzuſtreifen. Sie hatte eine ausgezeichnete Erziehung genoſſen,— waren ja doch ihre Mutter und Pater Honoré die Erzieher,— und wenn ich nicht auch in dieſem meiner Mutter ganz gleich komme, ſo iſt es gewiß nur meine eigene Schuld, wo ich aber doch noch zu einer kleinen Entſchuldigung die anerkannte Wahrheit anführen will, daß die Großkinder ſtets enfants gätés ſind,— und dieſe Wahrheit läßt ſich auch auf meinen Lehrer, den guten Pater ausdehnen, der mich eben auch als das Kind ſeines erſten Lieblings nahm,— nun, gar ſo übel bin ich auch nicht. Vielleicht, wenn mein Vater mehr zu Hauſe geweſen wäre, hätte ich etwas mehr von ſeiner anglicaniſchen Ruhe und Beſonnenheit angezogen; aber er war, nach dem Tode meiner Mutter, und während meines„Aufblühens zur Jungfrau“ größtentheils in geheimen Aufträgen ſeines Königs von Chateau Hautbrien abweſend, und ich ganz der Leitung meiner vielleicht zu gütigen Großmutter, eines mildherzigen Paters und den natürlichen Einwirkungen eines Landes überlaſſen, das ein ſeltſames Gemiſch von 183 romantiſcher Schwärmerei, abenteuerlicher Tollkühnheit und wilder Jugendluſt erzeugen muß. Zweiter Auszug. Chateau Hautbrien. Du biſt, theuere Helene, meine Vertraute in dem ſüßeſten Geheimniß, das das Herz eines Mädchens bergen kann, ſo weit ich es Dir in der Eile mündlich mittheilen konnte. Die fatale Convenienz erlaubte uns damals nicht, mitſammen zu plaudern,— ich verſprach Dir zu ſchreiben. Du erſchrakſt, über das Wenige was ich Dir ſagte,— Du ſprachſt Deine Befürchtungen für meine Zukunft aus, — Du erklärteſt altklug genug, daß ich mich in ein Aben⸗ teuer verflochten habe, welches keinen guten Ausgang nehmen könne,— ach, Alles dieſes habe ich mir ſelbſt ge⸗ ſagt; aber: hatte ich etwas dafür gethan? Kann ich etwas dagegen thun? Kam nicht alles ſo, wie es eben kommen mußte, und wird es nicht auch ſeinen Weg nehmen, wie es muß? Die Scenerie, in welcher wir zuerſt unſere Augen öffnen, und von welcher wir die früheſten Eindrücke em⸗ pfangen, beſtimmt unſern eignen eigenthümlichen Charakter. Sehen wir es nicht dem Engländer an, daß er unter einem trüben, nebligen Himmel geboren,— lacht uns aus dem 184 Italiener nicht ſein ewig blauer Himmel und ſeine glühende Sonne entgegen? Und wenn wir von den verkümmerten Lappen im hohen Norden leſen, ſo glauben wir es recht gern, aber auch die phantaſtiſche Märchen- und Gedanken⸗ welt des Orientalen können wir uns erklären, da ſie mit der üppigen und überwuchernden Fülle der ihn umgebenden wunderbaren Natur zuſammenhängt. Ich bin im ſüd⸗ lichen Frankreich geboren und aufgewachſen, und wenn ich die Landſchaft um Chateau Hautbrien auf meinem kleinen grauen Klepper durchſtrich und die ſtrengen Contraſte der Scenerie, das Heitere, das Prachtvolle, das Großartige, das Düſtere, das Erhabene betrachtete, da dachte ich oft: „dieſes iſt das Gemälde Deines Lebens,— auch dieſes wird ſolchen plötzlichen Wechſel erfahren,“— und wenn ich mich jetzt zurückerinnere, glaube ich auch dieſe Scenerie iſt eine Art Bild meines eigenen Charakters, oder wenig⸗ ſtens meiner Gemüthsſtimmung, welche immerwährend wechſelt durch alle die verſchiedenartigſten Schattirungen, von der ausgelaſſendſten Fröhlichkeit zur tiefſten Schwer⸗ muth, von der größten Sorgloſigkeit zur ernſthafteſten Ge⸗ dankenſchwere. Chateau Hautbrien liegt inmitten des mächtigen Ge⸗ birges, welches als Rieſenwall zwiſchen Frankreich und Spanien von der Natur aufgeführt worden iſt. Obwohl dieſes ungeheuere Bollwerk kaum irgendwo mehr als durch 185 einige ſchmale und ſchwierige Päſſe durchbrochen iſt, ſo bilden die Pyrenäen doch viele Ausläufer, die ſie zu beiden Seiten in's Land hineinſenden, und zwiſchen denen die an⸗ muthigen reichen und lieblichen Thäler liegen. Chateau Hautbrien liegt auf der Höhe,— es überſchaut eines dieſer prächtigen Thäler auf der einen Seite,— auf der andern Seite blickt es hinaus auf das große weite Meer. Ich glaube nicht, daß es irgend ein Thal in der Welt geben kann, ſo anmuthig, ſo ſchön, ſo ruhig, mit dieſem ſaftigen Grün, dieſen flüſternden Hainen, dieſen Bächen, die wie flüſſige Diamanten zwiſchen den Felſenufern hinſtrömen und über die wilden Abhänge ſich hinabſtürzen,— und Alles dieſes umgeben von den ſtarren Höhen mit den dunklen Tannenwäldern bedeckt, und überragt von dem eiſigen„La Virgoulée,“ welcher der Sommerwärme des Thales Trotz zu bieten ſcheint,— nein, es kann kein ſchö⸗ neres Thal geben,— ſo glaube wenigſtens ich,— bin ich ja doch hier geboren. Aber auch nirgendwo anders erſcheint das weite Meer in ſolcher Pracht und Großartigkeit, als von dem hohen Thurme des Schloſſes Hautbrien aus geſehen. Es iſt wohl eine Stunde weit entfernt, dazwiſchen liegt mäch⸗ tiges Gebirge, als habe die Natur die anmuthigen Thäler vor einem wilden Einbruche des ſtürmiſchen Elements ſchützen wollen, und die gigantiſchen Formen ſenken ſich 186 nur allmälig dem Meere zu, bis ſie plötzlich abbrechen, um als ſtarre Klippen der ſchäumenden Brandung ſich ent⸗ gegenzuſtemmen. Doch zwiſchen den Klippen und Riſſen haben ſich kühne Menſchen feſtgeſetzt, haben kleine Hütten gebaut, und leben hier lieber als im anmuthigen und ru⸗ higen Thale,— es iſt das Fiſcherdörfchen„la Sauſſaie,“ — Manche mögen dieſes ſonderbar finden,— ich habe es immer ganz erklärlich gefunden,— ich ritt auch recht oft nach„la Sauſſaie,“— vielleicht wäre es für mich gut geweſen, wenn ich nie dahin gekommen wäre,— doch, wer weiß es!7 Der Anblick des weiten Oceans hatte für mich unge⸗ mein viel Anziehendes, und ſchon als ganz kleines Mäd⸗ chen beſtürmte ich Großvater und Großmutter ſo lange, bis ſie mir erlaubten, ein winziges Zimmerchen in der höchſten Höhe des Thurmes als mein Wohnzimmer zu beziehen. Hier wohnte ich, wohl achtzig oder neunzig Fuß über der Erde, hier lernte ich meine Aufgaben, hier ſaß ich ſtunden⸗ lang am Fenſter, und blickte über die Berge und Wälder hin, dem fernen Meere zu, hier ſchlief,— hier träumte ich,— oft mit wachem Auge. Damals ahnte ich nicht, was dieſes Meer mir bringen werde!— Ich ſchreibe da wohl ein ganz ſonderbares Tagebuch nieder;— aber, liebe Helene, laß mich ſchwelgen in der ſüßen Erinnerung der Vergangenheit————— 6 187 Doch, was die Freundin vielleicht der Freundin zu Gute hält, würde der Leſer uns ſehr übel nehmen, und wir wollen daher hier abbrechen, und zu dem Ereigniß über⸗ gehen, welches für die Zukunft unſerer Arabella von der größten Bedeutung war. Dritter Auszug. Chateau Hautbrien. Es war eine fürchterliche Nacht. Schon den Tag über hatte der Sturm gewüthet, aber nach Sonnenunter⸗ gang ſchienen die Elemente zur höchſten Furie gebracht, und ſo dauerte es fort, die Nacht hindurch. Ich in meinem Thurmzimmerchen empfand es mehr als die Anderen im Schloſſe, war es doch bisweilen als berſte der Felſen und reiße er den ſchwankenden Thurm mit ſich in's Thal hinab. Meine Großmutter hatte auch eindringlich gerathen, ich ſolle in dieſer Nacht nicht mein Thurmgemach beziehen,— „es müſſe doch gar unheimlich ſein, bei ſolchem Sturme ſo hoch über der Erde zu ſchlafen,“ meinte ſie; aber das hätte wie Furcht ausgeſehen, und ſolcher, auch nur auf den Ver⸗ dacht hin, ſchämte ich mich. Wir gingen zur gewöhnlichen Stunde zu Bette; aber mit dem Schlafen war es wirklich nicht viel— als ob alle Windgeiſter los und ledig gewor⸗ den wären, ſo ſauſte und brauſte es um den hohen Thurm * herum, und als ich verſuchte mich auf's Bett zu legen, da war es noch ärger und einige Male wirklich ſo, als ſchnelle mich eine unſichtbare Gewalt in die Höhe. Ich trat ans Fenſter und blickte dem Meere zu, aber es war tiefe, ſchwarze Finſterniß über die Gebirge und Wälder hin, und nur in undurchdringliche Nacht verſenkte ſich mein Auge. Und doch blieb ich lange, lange am Fenſter und ſtierte in dieſe Nacht hinein, war es doch in mir, als müſſe ich dort, dort wo das Meer lag, etwas erblicken, und dabei war mir ſo ſchwer und bange um's Herz,— ich fürchtete mich nicht, und doch war mir ſo bange. Endlich nach Mitternacht ſchien ſich der Sturm zu legen, die Natur wurde ruhiger,— ich verſuchte zu ſchlafen, ich ſchlief, aber es war tein ruhiger Schlaf— deſſen erin⸗ nere ich mich,— plötzlich,— ich weiß nicht, wie lange ich geſchlummert hatte,— plötzlich wurde ich von einem fernen Donnerſchlag erweckt,— ich ſaß im Bette auf, ich horchte, — Donner ähnlich brauſte das Echo durch die Wälder und Gebirge hin, zunehmend, abnehmend, ſich wieder er⸗ neuernd, endlich verhallend,— doch da ein anderer Schlag, — aber ich war jetzt wach, und wußte, daß es nicht das Donnern des Himmels, ſondern das der Geſchütze ſei,— es kam von der Seeſeite her;— ich war mit einem Sprunge am Fenſter. Ueber das Thal, über den Forſt lag noch tiefe Nacht ausgebreitet, aber dort, dem Meere zu, war ein 189 heller lichtgrauer Streif,— dort blitzte es auf, und der Donner folgte und das Echo antwortete aus den Bergen und Schluchten.„Der Nothruf eines Schiffes, im nächt⸗ lichen Sturme verunglückt,“ war mein erſter Gedanke,— aber da blitzte es an einer andern Stelle in der grauen Helle auf und der Donner der Geſchütze folgte,— wieder blitzte es an jener erſten Stelle—„zwei Schiffe im Treffen bei kaum grauendem Morgen,“ bezweifelte ich keinen Augen⸗ blick mehr,— ich konnte mich vom Fenſter nicht trennen, obwohl eigentlich nichts zu ſehen war,— ich ſtrengte alle meine Sehkräfte an, und ſo beſſer ſich dieſe an die Dunkel⸗ heit gewöhnten, ſo mehr lichtete ſich auch jener Streif am fernen Horizonte,— jetzt konnts ich ſchon die dunklen Um⸗ riſſe der beiden Kämpfer ausnehmen, die das Feuer aus⸗ ſpieen, vom dröhnenden Donner gefolgt, konnte ſehen wie ſie ſich bewegten, jetzt näherten, jetzt entfernten,— endlich zitterte es wie ein goldener Strahl durch die Lichtung hin, — ein Mal, zwei Mal,— jetzt lag der Ocean klar und hell vor meinen Blicken, die noch bewegten Wellen von der Sonne vergoldet, und da ſtanden die beiden mäch⸗ tigen Kämpfer einander gegenüber, ſich ihre Blitze und Donner zuſendend. Dann waren ſie in dichtes graues Gewölk verhüllt, aber der friſche Wind ſtrich durch dieſes hin und zerſtiebte es zu einem feinen Schleier, der über den Maſten der Schiffe ausgeſpannt ſchien,— und 190 wieder blitzte und donnerte es, und wieder hatte der Wind das dichte Gewölk zu zerſtieben,— ich verwendete kein Auge, ich wußte nicht, welche Flagge das Eine oder das Andere dieſer Beiden führte, aber doch nahm ich unwill⸗ kürlich Partei für das Eine, es war das Eine, welches mir zur Rechten war; dieſem wünſchte ich den Sieg; nach jedem Schuße, der von dieſem ausging, blickte ich mit Spannung nach dem Andern hin, um zu bemerken, wie es wanke, ſich neige, ſinke,— mit ſorglicher Angſt betrachtete ich aber das meiner Partei, und fürchtete, jetzt werde es ſein Feuern einſtellen,.... ich war wirklich ein Kind,— und doch, wer kann die Bewegungen der Seele ergründen, wer es ſagen, durch welche Kräfte ſie hervorgerufen werden. Der Kampf dauerte lange,— umſonſt war meine Spannung, das Eine finken, umſonſt meine Sorge, das Andere ſich ergeben zu ſehen;— da trat plötzlich eine Aenderung ein,— meine Partei ſtellte wirklich das Feuer ein, dagegen konnte ich bei der vollen Sonnenbeleuchtung mit meinem geübten, ſcharfen Auge bemerken, wie Segel nach Segel aufgezogen wurde, das Schiff war in eine Wolke von Leinwand gehüllt,— es war deutlich, meine Partei ſuchte zu entfliehen,— ich ärgerte mich, ich ſchämte mich ſtatt ſeiner, ich bereute, dieſen Feigling unter meine Protection genommen zu haben; aber bald that ich ihMm 191 Abbitte, er hatte nicht feig, nur klug gehandelt,— dort im Norden, dort im Süden, da tauchte es aus dem Meere herauf, Anfangs nur wie ein Schatten, aber bald nahm der Schatten Geſtalt an,— mit blähenden Segeln eilten zwei Schiffe heran,— meine Partei mußte ſie früher als ich geſehen haben, daher ſein Rückzug,— aber da half nicht die Wolke von Leinwand, in die er ſich gehüllt hatte, da half nicht ſein tüchtiges Seemannsverſtändniß, denn dieſes beſaß er doch, als mein Protectionsmann,— er ſchien etwas unſicher im Courſe,— war der Wind ihm ſo un⸗ hold, oder wollte er ſeine Gegner irre führen,— ich weiß es nicht,— genug, er kam aus dem Kreiſe nicht hinaus, welcher enger und enger wurde, je näher die drei Schiffe ſich einander zurückten,— er mochte es wohl einſehen, daß an ein Entkommen nicht mehr zu denken ſei— ehe ich es mich verſah, war die meinen Freund einhüllende Leine⸗ wandwolke verſchwunden, nur einige kleine Segel blähten ſich noch im friſchen Winde,— er hatte ſeinen Cours ge⸗ ändert, gerade zu ging der muthige Kämpfer auf ſeinen erſten und nächſten Feind los,— er gedachte wohl zu entern und dieſen mit ſich in's Verderben zu ziehen; doch dieſer war ſchlau und vorſichtig— er wich aus,— meine Partei ihm nach, doch da waren ihm die beiden Andern ſchon ganz nahe gekommen,— mit vollen Lagen kündigten ſie ihm ihre Nähe an,— jetzt wendete ſich der erſte Feind,— 192 zwiſchen drei Feuern befand ſich mein armer Freund,— noch eine volle Lage gab er— und ein fürchterlicher Knall erſchütterte die Luft, ſo daß der Thurm erbebte, daß die Felſen zitterten, daß die Sonne ihre Strahlen einzuziehen ſchien,— dickes, ſchwarzes Gewölk verhüllte mir die Scene,— doch als ſich dieſes verzog, da waren nur noch drei Schiffe zu ſehen,— das vierte war verſchwunden,— es dauerte nicht lange, ſo waren auch dieſe fort, und über die weite Fläche des Meeres war nichts zu ſehen, als der Schatten des Gewölkes. Vierter Auszug. Chateau Hautbrien. Bevor ich, liebe Helene, weiter erzähle, muß ich Dir über eine Eigenthümlichkeit meines Ich's eine Erklärung gebon. Ich bin abergläubiſch, halte auf Zeichen und An⸗ deutungen, und trotzdem ich darüber oft lache, oder mir meinen Glauben ſelbſt wegdiſputiren will, kann ich doch nicht helfen, auf irgend etwas, was ſich gerade ereignet, Acht zu geben, und es für etwas zu nehmen, das mich in meinem Handeln beſtimmen ſoll. Es mußte ſo kommen. Vater Honors, der Kaplan auf Chateau Hautbrien, der liebenswürdigſte, gutmüthigſte und gelehrteſte Mann, der mir bis jetzt noch im Leben begegnet iſt, war— ſo ſelt⸗ 193 ſam es auch ſcheinen mag,— abergläubiſch. Er war ruhig, ernſt, nachdenkend, gründlich, entfernt von jeder eiligen und verwirrten Unbeſtimmtheit des Urtheils, welche häufig der Einbildung geſtattet, die Stelle der Vernunft einzunehmen,— und doch war er abergläubiſch. Er war eines jener Beiſpiele von Widerſprüchen, denen wir ſo häufig begegnen, und die wir, wenn wir uns ſelbſt prüfen wollen, in uns ſelbſt treffen. Er war mein Lehrer, mein Erzieher— konnte es da anders ſein, daß ich manche ſeiner Eigenſchaften annahm?— es wäre nur zu wünſchen, daß ich weniger flüchtig geweſen, und mehr Eifer zum Lernen gehabt hätte, ich müßte jetzt als ein Licht der Welt glänzen,— aber daß ich von ſeinem Aberglauben etwas anzog, iſt nicht zu läugnen. Ich ſaß noch lange am Fenſter und blickte dem Meere zu, welches ruhiger und ruhiger wurde, je mehr die Sonne heraufkam; auf eine fürchterliche, ſtürmiſche Nacht war der prächtigſte Morgen gefolgt. Und als ich ſo hinblickte, da ſtrich ein Vogel vom Meere her, gerade auf den Thurm zu,— er ſegelte raſch durch die Lüfte, bald mächtig mit den weit ausgedehnten Flügeln ſchlagend, bald wieder dem Anſcheine nach ohne Bewegung, aber doch im ſchnellen Fluge, durch den Schwung, den er ſich gegeben, die Luft durchſchneidend,— die Eigenthümlichkeit ſeiner Vewegung fiel mir auf,— ich kannte die großen und kleinen Be⸗ 1858. IV. Van Hoboken. I. 13 194 wohner der Lüfte alle an ihrem Fluge, durch die Beleh⸗ rung, die mir Vater Honoré gegeben und durch eigne Beobachtung,— aber ich wußte nicht, welchen Namen ich dieſem geben ſollte, und als er jetzt näher kam, da erkannte ich ihn wohl für einen großen Reiher, aber doch ſchien er mir etwas Außergewöhnliches, etwas Fremdartiges— nicht nur was den Flug betraf, ſondern auch in Rückſicht ſeiner Größe, beſonders aber ſeines Gefieders, das in That wie flüſſiges Silber glänzte, von den Strahlen der der ihn beſcheinenden Sonne vergoldet. Er war dem Thurme ganz nahe gekommen, und aus den höheren Regionen ſo weit herabgeſunken, daß er mit meinem Fenſter faſt in gleicher Höhe ſtand,— hier machte er dreimal einen Kreis, dann hob er ſich mit kräftigem Flügel⸗ ſchlage bis zu den Wolken, und dorthin ſegelte er wieder, woher er gekommen, mit derſelben Haſt und Eile. In jener Richtung lag das Fiſcherdörfchen„la Sauſ⸗ ſaie“— und in jener Richtung war auch das Schiff ge⸗ ſtanden, welches ich unter meine Protection genommen hatte, und das, nach meiner ſichern Ueberzeugung, einen freiwillig gewählten Untergang der ſchmählichen Uebergabe vorgezogen hatte;— dorthin war der ſonderbare, ſilber⸗ weiße Vogek geeilt;— in zehn Minuten darauf ſprengte ich auf meinem petit Joli eben dorthin. Ueber Berg und Thal, durch Engpäſſe und Bergbäche ging es fort in eiligem Ritte. Mein kleiner grauer Klepper war derlei Exercitien nicht ungewohnt, denn es hatte ſich wohl manch⸗ mal ſchon die Gelegenheit gegeben, daß er mir nicht raſch genug ſein konnte, und daß ich kein Hinderniß in Betracht zog, was ſich in dieſer Wildniß mir in den Weg warf. Fort ging es, bis ich zum Kamme eines Felſenrückens kam, der nach Süd und Nord als ſteile das Meer überragende Klippenwand fortlief, und eben nur an einer Stelle einen ſchmalen Einbruch hatte, der im jähen Abſteigen zum Ocean hinabführte. Hier unten war eine Sandbank, die wohl eine halbe Meile gegen Süden unter den überhän⸗ genden Klippen fortlief, und die nur zur Zeit der Ebbe frei, ſonſt aber vollkommen von der ſchäumenden Bran⸗ dung bedeckt war, daher auch die Fiſcher ihre Hütten auf höher gelegenen Stellen erbaut hatten. Die Flut war ſeit etwa einer Stunde gewichen, und als petit Joli über das Steingerölle des ſchmalen Felſenpfades auf den Hinterfüßen ſitzend, mit ſeiner Reiterin hinabrutſchte, ſah ich am äußerſten Rande der Sandbank etwa zehn oder zwölf Leute, Männer und Frauen in einem Haufen bei⸗ ſammen ſtehen. Ich näherte mich der Gruppe, meiner Neugierde nach langſam genug, da der kleine Graue in dem Treibſande bei jedem Schritt, den er machte, bis über die Kniee verſank. Die Leute wichen auseinander, als ich näher kam,— Alle kannten ja Mademoiſelle Arabelle, 5 ————————— 196 — und da lag die Geſtalt eines Mannes, unter dem Kopf einen groben Kittel, das Eigenthum eines gutherzigen Fiſchers, das Geſicht gegen den Himmel gewendet, mit beiden Händen einen langen Balken umklammernd, auch noch im Tode nicht von der einzigen Hoffnung ſeiner Ret⸗ tung laſſend,— aber war er denn auch todt?— Mit einem Sprunge war ich vom Pferde herab, und ohne alle Scheu blickte ich in dieſes ruhige, ernſte, auch ſelbſt im Tode noch ſchöne Antlitz,— ich beugte mich über ihn,— ich legte die Hand auf ſeine linke Bruſt,— kühlte nicht ein leichter Hauch meine vom raſchen Ritte erhitzte Wange, — fühlte nicht meine Hand die Bewegung des Herzens?— „Er lebt!“ rief ich in freudiger Aufregung— die Fiſcher ſahen ſich an und ſchüttelten den Kopf;—„r lebt!“ rief ich—„verſäumt nicht die Zeit mit Nichtsthun, wo es gilt, eine noch flackernde Flamme neu anzufachen!“ Die guten Leute verſtanden wohl nicht, was ich meinte, und ſahen bald mich, bald ſich unter einander verwunderungs⸗ voll an. Aber, als ich deutlicher ſprach, Branntwein ver⸗ langte, Halstuch und alle beengenden Kleidungsſtücke zu öffnen, Bruſt, Arme und Füße mit den grobwollenen Schürzen der Weiber zu reiben befahl,— da verſtanden ſie mich, und zehn, zwölf gutmüthige Menſchen legten mit Eifer Hand an's Werk—„Where am I now“ waren die erſten Worte, die über ſeine Lippen kamen, und groß öffnete er die Augen, und blickte um ſich,— blickte er gen Himmel— über das Meer hinaus, dem Felſenriffe zu,— verwunderungsvoll ſah er die Leute— ſah er mich an——— dieſen Blick werde ich nie vergeſſen, nicht im ganzen Leben, nicht im Sterben, und ſollte mich wirklich nie mehr der Blick dieſes Auges treffen, ſo wird jener erſte Blick, den er mir zuwarf, die letzte Erinnerung hier und die erſte dort ſein, wo ich zu einem neuen Leben wieder erwache. Er richtete ſich auf, aber mit dem Ausdrucke eines jähen Schmerzes ließ er jetzt den Balken fahren, und mit der rechten Hand zur linken Achſel greifend, ſagte er: „The collar-bone is broken,“ und mit weniger Aus⸗ druck des Schmerzes als der Wehmuth, ſank er auf ſein Kopfkiſſen zurück, und ſagte:„O, I wish to God I died!“ Helene! Ich verſtand ihn,— o, wie dankte ich jetzt dem guten Pater Honoré in meinem Herzen, der mit Vorſtellungen nicht nachgelaſſen hatte, und trotz des Wider⸗ willens für die Sprache meines Vaters, mich gezwungen hatte, engliſch zu lernen. Wie anmuthig klang ſie in dieſem Augenblicke in meinen Ohren, und wie glücklich fühlte ich mich, daß ich den Armen in ſeiner Sprache anreden, ihn tröſten, beruhigen konnte. Als er die erſten Laute— die Laute ſeiner Sprache vernahm, da blickte er raſch mich an,— ich fühlte, daß 198 ich über und über roth wurde,— ich ſchämte mich, ſo wenig fleißig in dieſer Sprache geweſen zu ſein— ich wußte, daß ich ſie nicht gut genug ſprach,— aber er ſchien mich doch zu verſtehen, und ſo faßte ich Muth, und ſprach, und ſprach,— ich verſichere Dir, ich hatte in meinem ganzen Leben zuvor nicht ſo viel Engliſch geſprochen, als heute,— denn war auch mein Vater auf Chateau Haut⸗ brien, ſo wurde die Converſation, der Großeltern wegen, ſtets in franzöſiſcher Sprache geführt, und verſuchte mein Vater auch manchmal die Sprache ſeines Landes mit mir zu ſprechen, ſo gab er es ſchnell wieder auf,— ich ſprach ihm zu ſchlecht, und der Engländer liebt es nicht, ſeine Sprache verunſtaltet zu hören,— Frank war in dieſer Beziehung ganz anders, er fand nie, daß ich ſchlecht ſprach, aber ich hatte mich auch vervollkommnet————— Doch was faſele ich da. Ich werde ſchon wieder kindiſch und erzähle Dir Dinge, die Dich nicht intereſſiren können. Ich traf Anſtalten, den jungen Mann,— denn jung war er, wie Du weißt,— nach dem Schloſſe bringen zu laſſen, denn hier am Strande des Meeres konnte er ja doch nicht bleiben, und was für einen erbärmlichen Unter⸗ ſtand hätte er in den armſeligen Fiſcherhütten gefunden, der Arme,— mit einem gebrochenen Schlüſſelbeine. Ich ritt voraus, um meine Großeltern zu benach⸗ 199 richtigen, und um nach dem Städtchen St. Pierre, welches zwei Stunden entfernt im Gebirge lag, zu ſchicken, wo, wie ich wußte, doch wenigſtens ein Wundarzt lebte. Doch, was ſagſt Du dazu, theure Helene; als ich auf dem Kamme des Felſenriffes angekommen war, und noch⸗ mals rückwärts zur Sandbank hinabblickte, um zu ſehen, ob die Fiſcher bereits mit der Tragbahre zur Stelle wären, auf welcher ſie den Hülfloſen nach Chateau Hautbrien bringen ſollten,— da kreiſte derſelbe weiße Reiher in der Höhe, gerade über der Stelle, wo der verwundete Mann lag,— er kreiſte in den hohen Wolken ſo lange, bis die Männer ſich mit ihrer Laſt auf den Schultern auf den Weg machten,— dann ſegelte er ſchnellen Fluges über das Meer hin, als wolle er in aller Eile über den weiten Oeean. Lache nicht, Helene,— was ich hier niederſchreibe, iſt volle, treue Wahrheit,— erklären kann ich es mir nicht,— aber wahr iſt es,— es mag ein Zufall geweſen ſein,— aber man nennt ja Alles Zufall, was man nicht erklären kann——— nun, ſei es, wie es wolle,— ich habe Dir ſchon geſagt, daß ich abergläubiſch bin. 200 Fünfter Auszug. Chateau Hautbrien. Ich habe Dir, liebe Helene, damals das ſüße Ge⸗ heimniß meines Lebens anvertraut, ich habe Dir meine Liebe geſtanden. Du biſt aber auch die alleinige Perſon, welche davon weiß,— ſelbſt nicht Frank,— wenigſtens nicht, daß ich es mit Worten gegen ihn ausgeſprochen hätte,— aber wozu bedarf es auch der Worte? Weiß doch ich es, daß er mich liebt, ohne daß er es mit einer Sylbe mir geſagt,— und ſo mag er es wohl auch wiſſen; ich nahm kein Bedenken es ihm zu zeigen. Wie kam es, daß ich ihn liebte?— Ganz natürlich. Es mußte ſo kommen. Die erſte Bewegung, die mich be⸗ ſtimmte, ihn nach Chateau Hautbrien bringen zu laſſen, war Mitleid— nichts als Mitleid,— ich hätte daſſelbe auch einem alten, häßlichen Mann gethan; aber dann, als er im Schloſſe war und auf die Einladung meines Groß⸗ vaters bei Tiſche erſchien, da wurde er mir bald intereſſant. Jedes Mädchen muß durch ſeine äußere Erſcheinung über⸗ raſcht ſein,— er iſt ein ſchöner Mann,— nimm noch dazu das Geheimnißvolle ſeines Auftretens, und Du wirſt es erklärlich finden, daß er das Intereſſe eines jeden jungen Mädchens erregen wird. Seine Manieren ſind frei und 201 ungebunden, ſind die eines Seemannes; aber wenn ihnen jene gewiſſe Glätte fehlt, die man im gewöhnlichen Leben einer ſogenannten guten Erziehung zuſchreibt, ſo ſind ſie dagegen natürlicher und erſchienen mir dadurch um ſo an⸗ ziehender. Er erzählte, daß er ſein ganzes Leben auf der See zugebracht habe; und wo überall iſt er geweſen! und wie weiß er zu erzählen! Es iſt hinreißend;— er mag bei manchem heißen Kampfe dabei geweſen ſein;— er ſpricht aber davon nicht wie ſein eigner Ruhmredner, ſon⸗ dern ſtets nur als der Erzähler einer Affaire, die an und für ſich von Bedeutung war, nicht erſt durch ſeine Perſon bedeutend wurde, wie es der gewöhnliche Fehler ſelbſt der beſten Erzähler iſt;— aber er weiß auch von andern Dingen, als von Kampf und Streit zu ſprechen: von fremden Ländern, von ihren Bewohnern, Sitten und Ge⸗ bräuchen,— ich glaube, er muß viel in der Welt herum⸗ gekommen und allenthalben ein aufmerkſamer Beobachter geweſen ſein,— und was Alles hat er geleſen, es giebt wohl kaum ein Buch, in kaum einer Sprache, das er nicht geleſen,— dieſes war ſein gewöhnlicher Zeitvertreib, während den ruhigen Reiſen, äußerte er ſich einmal gegen Großvater, als dieſer ſeine Verwunderung über die Be⸗ leſenheit eines jungen Seemannes ausſprach, und fand es nicht auffallend, da eine ſtille Reiſe doch das Langweiligſte ſei, was den Seefahrer treffen könne. Wie geſagt, er * ————— 202 wurde mir jeden Tag intereſſanter,— aber dabei allein blieb es nicht. Wir machten Anfangs kleine Spaziergänge mitſammen durch den Garten, in der nächſten Umgebung des Schloſſes, und als er wieder im Gebrauch ſeines Armes war, machte ich ihm den Vorſchlag, mich auf einem Spazierritt zu begleiten. Mit Lachen geſtand er, nie ein Pferd beſtiegen zu haben, daher er gewiß eine ſchlechte Figur als Reitersmann ſpielen werde. Dies machte mir ausgezeichneten Spaß; er mußte das Reiten lernen; ich war der Lehrer; der große Rothfuchs, den Großvater bis⸗ weilen reitet, war das Schulpferd. Frank hat Talent zu Allem, was er beginnt; er bedurfte bald keines Unter⸗ richtes weiter und des Großvaters Leibroß wurde ihm zu fromm, zu langweilig in ſeinen Bewegungen,— wir haben ein paar muntere junge Pferde im Stall, deren Dienſt eigentlich iſt, in der Karroſſe zu gehen, das eine davon ritt er ſich zu,— und nun ging es jeden Tag von Chateau Hautbrien im vollen Galopp fort,— wir machten kleine Reiſen und blieben häufig den ganzen Tag über aus,— Helene! bei dieſen Gelegenheiten lernte ich Frank kennen, welche Phantaſie, welcher Stolz, was für ein edler Cha⸗ rakter,— und dabei was für ein Gemüth———! „Und wer iſt Frank Lincoln?— Iſt er von guter Familie?— Welche Stellung nimmt er ein?“— ſo höre ich Dich fragen,— meine Antwort iſt:„Ich weiß es nicht,“— ich verlange es durchaus nicht zu erfahren,— habe ihn auch nie um derlei gefragt————— Glaubſt Du, daß er ſich bemühte, meine Liebe zu gewinnen? Nein. Im Gegentheil, er war zurückhaltend, förmlich,— aber es gab Augenblicke, wo er ſich ſelbſt zu vergeſſen ſchien,— und ich wußte es bald, daß er mich liebe;— es half ihm nichts, daß er ſich beherrſchte, um mir es zu verbergen— ich wußte es doch——— Aber!— je mehr Frank in meiner Zuneigung ſtieg, deſto mehr ſchien er in der Gunſt meiner Großeltern ab⸗ zunehmen. Dieſes ſchmerzte mich Anfangs, als ich es be⸗ merkte; dann aber, nach einiger Ueberlegung, fand ich es natürlich. Mein Großvater iſt ein Mann von hundert guten Eigenſchaften des Herzens,— er iſt freigebig ohne Grenzen, gutmüthig bis zur ängſtlichen, faſt kleinlichen Sorgfalt, die jedes Wort abwiegt, bevor es geſprochen iſt, um ja nicht die Gefühle eines Andern zu verletzen,— er iſt ſo wahrhaft theilnehmend, daß er bei den Leiden Anderer gewöhnlich mehr leidet, als dieſe ſelbſt;— aber er iſt adelsſtolz, ſo ſtolz, als nur immer ein franzöſiſcher Comte ſein kann, und er iſt jetzt vielleicht ſo mehr, da ſeine finanziellen Verhältniſſe in Folge mehrer politiſchen Ereigniſſe, an denen er lebhaften Antheil genommen hatte, ſehr geſchmälert ſind. Beinahe mit ängſtlicher Pünktlichkeit ———— 204 müſſen alle die Formen beobachtet werden, welche an den alten Glanz des Hauſes Hautbrien erinnern, und es darf keine Ceremonie vernachläſſigt werden, die in dem Hausſtand ſeines Vaters, beſtehend aus hundert und mehr Dienern beobachtet worden war. Zur Mittagszeit ſchmet⸗ tert eine Trompete durch das ganze Schloß und wieder⸗ hallt in all den vielen leeren Gemächern des großen weit⸗ läufigen Gebäudes;— dann ſtellt ſich am Fuße der Stiege die ganze Dienerſchaft, beſtehend aus vier Perſonen, den Koch mit eingerechnet, auf,— und Großvater tritt in das Zimmer der Madame la Comteſſe, macht eine reſpectvolle Verbeugung und führt ſie langſam und würdevoll die Treppe hinab, in den Speiſeſaal. Hier hängt das Banner der Hautbriens, dem einſt dreihundert und mehr Va⸗ ſallen gefolgt waren,— hier hängen an den Wänden die Porträts der alten Grafen, in voller Rüſtung oder in der Cardinalsrobe,— und jedesmal, bevor ſich mein Groß⸗ vater zu Tiſche niederſetzt, läßt er ſeinen Blick über die Conterfeis ſeiner Ahnen hingleiten.— Iſt von einem ſolchen Manne wohl zu erwarten, daß er die Annäherung eines Frank Lincoln von„man weiß nicht woher“ an die Enkelin der Grafen Hautbrien mit Wohlgefallen auf⸗ nehmen werde? Ich glaube nicht, daß er ſelbſt dieſe Bemerkung ge⸗ macht hatte,— dazu iſt er am wenigſten der Mann,— aber ſo etwas entgeht nicht leicht den Blicken einer Mutter, vielleicht noch weniger dem Auge einer Großmutter. Was ſoll ich von dem Charakter dieſer herzens-, engelsguten Frau ſagen,— ſie iſt ganz Liebe für mich, und eben des⸗ halb,— ja, ich glaube nicht aus Familienſtolz, ſondern blos aus liebevoller Sorgfalt für mich, betrachtete ſie einen längern Aufenthalt des Unbekannten auf Chateau Haut⸗ brien mit ängſtlichen Blicken. Sie hatte einige Male leiſe Anfragen an Frank geſtellt, aber die Auskünfte, die ſie da erhielt, waren zwar mit aller Höflichkeit, aber doch ſo ausweichend gegeben, daß ſie nicht nur nicht befriedigt ſein konnte, ſondern in ihrer Vermuthung, daß Frank Lincoln keine paſſende Partie für Arabelle Lovelace ſei, ſelbſt beſtärkt ſein mußte. Daß das Schiff, welches an jenem Morgen in die Luft gepflogen war, ein engliſches, und die drei Gegner Holländer geweſen, war Alles was wir erfuhren,— er ſelbſt hatte ſich Frank Lincoln genannt, und auch von einigen Kiſten, die nach der Hand aufgefiſcht und mit F. L. bezeichnet waren, Beſitz genommen,— er erſchien dann in feiner Kleidung, beſchenkte auch die Fiſcherleute von „la Sauſſaie“ reichlich,— aber dabei gab es Manches, was meiner auf Kleinigkeiten aufmerkſamen Großmutter nicht zuſagte, ſo trug er nie einen Rock oder ein Abzeichen, welches ihn als einen Offizier in der engliſchen Flotte 206 bezeichnet hätte,— die Goldſtücke, welche er unter den Fiſchern vertheilte, waren von verſchiedenartigem Gepräge: ſpaniſch, engliſch, holländiſch,— endlich wollte ſie an ſeinen Manieren bemerkt haben, daß ihnen jener feine Anſtrich von Erziehung fehle, den man in den beſſern Klaſſen ſtets träfe,— auch ſprach er das Franzöſiſche, wie es eben nur gemeine Leute, Fiſcher, Matroſen und der⸗ gleichen, ſprächen, von ſeinem teutſch, holländiſch und eng⸗ liſch wollte ſie nichts ſagen, denn dieſe Sprachen verſtünde ſie nicht, aber das Spaniſche habe ſie ganz anders gehört, —— mit einem Worte, Madame la Comteſſe, meine gute Großmutter, hielt den jungen Mann für einen Aben⸗ teurer aus niederem Stande, und es daher für gerathen, ihn ſobald als möglich aus der Nähe ihrer zu liberal denkenden, romantiſchen, ſelbſt abenteuerlichen Enkelin zu entfernen—— ſoviel erfuhr ich durch meinen guten Pater Honoré, der mich zwar, wie er verſicherte, lebhaft in Schutz genommen, aber damit wenig aus⸗ gerichtet hatte. Am Morgen nach dieſer Mittheilung kam Frank Lincoln nicht zum Frühſtücke,— es fuhr mir ſiedend heiß und wieder eiskalt durch's Herz, aber ich war zu ſtolz auch nur eine Frage zu ſtellen, ich that auch gar nicht, als bemerke ich die Blicke meiner beiden Großeltern, die mit dem Ausdrucke des Mitleidens auf mich gerichtet waren, — ach, ſie ſind beide ſo gut— aber von thörichten Vor⸗ urtheilen befangen——— Ich nahm dem Anſcheine nach ruhig mein Frühſtück ein,— dann entfernte ich mich,— ich ließ mir petit Joli ſatteln,— ruhig ritt ich zum Thore hinaus, die Anhöhe hinan,— aber als ich um die Waldecke bog, da traf die Peitſche des kleinen Grauen Schulter und in wildem Ga⸗ lopp ging es über Stock und Stein, über Berg und Thal, — fort ging es, ich wußte nicht wohin,— kein Hinderniß ſchreckte mich, zum Glück war petit Jol ruhiger und ver⸗ nünftiger als ich und ſuchte ſich den erträglichſten Weg aus— ſo jagte ich fort, ich weiß nicht wie lange,— end⸗ lich kam ich in ein kleines Thal, eine ſchöne Wieſe voll der bunteſten Blumen, war zwiſchen anmuthig ſich erhe⸗ benden Waldhöhen ausgebreitet, ein ruhiger, klarer Bach durchſchnitt es,— es war da ſo heimlich ſtille, kein Laut war zu vernehmen, Gottes Friede ſchien ſich hier nieder⸗ gelaſſen zu haben— mein Pferdchen trabte dem Waſſer zu, es war durſtig— ich ſprang ab, ich ließ ihm freien Willen, zu laufen, wohin es Luſt habe,— ich ſank nieder unter einem Baume, ich drückte mein Geſicht in das friſche Gras und weinte,— weinte, wie ich noch nie geweint— o, meine Helene, Du haſt dieſen Schmerz noch nie em⸗ pfunden, den ich damals empfand, und Gott in ſeiner Güte wolle ihn von Dir fern halten!— Doch, als ich —— 208 mich ausgeweint hatte, wurde ich ruhiger,— ich ſetzte mich auf, ſtrich meine verwirrten Locken von der Stirn zurück und begann zu überlegen. Und je länger ich über⸗ legte, deſto ſicherer wurde es in meinem Innern, daß es keine Erdenmacht gebe, die mich von Frank trennen könne, — ich lächelte über meine guten Großeltern, die nun mit der Entfernung des Gefährlichen auch ſchon Alles gethan zu haben glaubten; aber trotz allem Ueberlegen kam ich doch zu keinem Reſultate,— tauſend Pläne entwarf ich, einen abenteuerlicher als den andern, und tauſende verwarf ich wieder, einſehend, daß ſie nichts taugten,— petit Joli mochte ſich ſatt geſpeiſt haben und Langeweile fühlen,— es trabte zu mir her und ſah mich fragend an,— als ich keine Notiz von ihm nahm, wurde es ungeduldig und ſcharrte mit dem Fuße— dann wandte es ſich dem Wege zu, der nach„la Sauſſaie“ führte,—„Du haſt Recht, petit Joli!“ rief ich und ſchwang mich in den Sattel,— flüchtig ging es dem Fiſcherdörfchen zu. Ich hatte keine beſtimmte Idee, was ich da wollte, und doch trieb es mich hin,— aber es war ganz recht, daß ich hierher kam,— es gab mir meine Seelenruhe wieder, manche Stunde früher, als wenn ich nicht hierher ge⸗ kommen wäre. Die alte Marguerite, die uns gewöhnlich die Fiſche auf's Schloß brachte, kam auf mich zu, als ich den kleinen Häuſern mich näherte, und mit vielen Bücklingen ſagte ſie, ſie habe mir etwas zu übergeben. „Nur ſchnell— ſchnell!“ rief ich,— ich wußte ja, daß es von ihm war, nur von ihm ſein konnte. Sie brachte aus der Taſche ihres Kittels ein Brief⸗ chen hervor. Ich riß es ihr aus der Hand,— an der Aufſchrift erkannte ich, daß es von ihm war,— ich warf der Alten ein Goldſtück zu,— raſch wendete ich das Pferd und ſetzte die Anhöhe hinauf,— nur im Beiſein Gottes durfte ich leſen, was er mir ſchrieb,— ich war allein, ich brach das Siegel,— es war in engliſcher Sprache ge⸗ ſchrieben,— ich hatte unter ſeiner Leitung gute Fortſchritte gemacht;— ich las:„Miß! Ich habe nicht Abſchied von Euch genommen,— es war ſo am beſten. Wir werden uns wiederſehen.— F. L.“ Es waren nur wenige Worte, die er mir ſchrieb,— aber ſie ſagten Alles, was ich verlangte. Mit einer Ruhe, die man von einem Mädchen in meinen Jahren kaum for⸗ dern kann,— die meine beiden guten, alten Großeltern irre an mir machten, ſah ich der Zukunft entgegen; aber ſie wußten ja nicht, was ich wußte:„Wir werden uns wiederſehen,“— er hatte es geſagt, und auf ihn vertraue ich. 1858. IV. Van Hoboken. I. 210 Zwölftes Capitel. „Ich weiß nicht, was ſoll es bedeuten, „Daß ich ſo traurig bin; „Ein Märchen aus alten Zeiten, „Das kommt mir nicht aus dem Sinn.“ Heint. Wir bringen hier eine andere Folge von Auszügen aus Miß Arabella's Briefen an ihre Freundin Made⸗ moiſelle Hellene, und wenn es unter unſern Leſern wirklich Einige geben ſollte, welche dieſe Art von Erzäh⸗ lung, wo das Ich— und Ich— und wieder Ich die Haupt⸗ rolle ſpielt, nicht lieben, ſo wollen dieſe uns damit ent⸗ ſchuldigen, daß wir die Benutzung dieſer Briefe im gegen⸗ wärtigen Falle für die beſte Weiſe hielten, unſere Erzählung im Zuſammenhange zu halten, verſprechen ihnen aber auch zugleich, recht bald den eigentlichen Erzählerton wieder an⸗ zunehmen. Sechster Auszug. Neu York. Ich ſetze voraus, daß Du mein in aller Eile geſchrie⸗ benes Briefchen mit der Nachricht meiner plötzlichen Ab⸗ reiſe erhalten haſt, und daher eben ſo wenig böſe über mein —————————— langes Stillſchweigen als jetzt überraſcht, einen Brief aus der neuen Welt zu erhalten, ſein wirſt. Die Sache kam aber auch wirklich wie aus den Wolken gefallen; mir blieb kaum ſo viel Zeit um mein nothwendigſtes Reiſegeräthe zu packen, und es iſt doch in der That vom ſüdlichen Frankreich nach Amerika keine Spazierfahrt; aber da kam der alte John Haſting, meines Vaters Kammerdiener, Vaſall, Vertraute, — oder welchen Namen Du ihm geben willſt, mit einem Schreiben, in welchem der Befehl, daß ich mich unverzüglich auf den Weg machen ſolle,— John wußte nun von einem Schiffe, welches an dem und dem Tage von England ab⸗ ſegeln werde, und welches noch zu erreichen, wir keinen Tag mit Reiſezurüſtungen verſäumen dürften, und ſo ging es denn wirklich auch in aller Eile. In einer Beziehung war dies auch ganz gut,— es kürzte den Schmerz des Ab⸗ ſchiednehmens von meinen guten Großeltern ab. Ich be⸗ merkte es wohl, daß dieſe ſehr gekränkt waren, daß mein Vater mich von ihnen wegnehme, aber für's Erſte hatte er ihnen dafür, daß er mich in ſeiner Nähe haben wollte, ſo triftige Gründe angegeben,— wenigſtens ſagten ſie ſo, denn den Brief, an ſie geſchrieben, habe ich nicht geleſen,— und für's Zweite meinte er, dieſe Trennung werde wohl nur für ein Jahr oder zwei nothwendig ſein, und ich nach dieſer Zeit wieder in die Familie meiner Großeltern ein⸗ treten. Ich glaube, dieſes ſchrieb er wohl nur, um ſie zu 14* ———— 212 tröſten; in ſeinem Briefe an mich iſt davon keine Erwäh⸗ nung, aber da fand ich auch keinen Grund angegeben, wes⸗ halb ich das Land wo ich geboren und groß geworden, mit der neuen Welt vertauſchen mußte,— es war nur des Vaters Wille, faſt wie Befehl klingend, ausgeſprochen. Nun, als Tochter mußte ich gehorchen, und ſo bin ich jetzt in— Neu⸗York. Ueber meine Reiſe von Frankreich nach England und von da nach Amerika ſchreibe ich nur, daß ſie eine ſehr angenehme, mir viele Abwechslung bietende war,— das Ausführlichere behalte ich mir vor, Dir, zu einer Zeit, wo ich mehr Laune dafür habe, als einen förmlichen Reiſebe⸗ richt mitzutheilen; doch dieſes muß ich Dir jetzt ſchon ſagen, daß ich es dem guten Henderick Hudſon gar nicht verdenke, daß er bei dem Anblicke dieſer prachtvollen Bay entzückt geweſen war. Du kannſt Dir in der That nichts Schö⸗ neres denken. Es war früher Morgen, als wir von der hohen See durch eine ſchmale Paſſage zwiſchen Felſeninſeln, die„Narrows“ genannt, in die Bay einfuhren. Wunder⸗ volles Waldland zur Rechten und zur Linken, weithin ſich fortſetzend— vor uns die im ſanften Aufſtiege ſich erhe⸗ bende Manhattan⸗Inſel,— in der That: Prächtig!— und doch traten mir Thränen in die Augen,— ich dachte an meine Pyrenäen, an das liebliche Thal zu den Füßen von Chateau Hautbrien, ich dachte an das Meer, wie ich es von meinem Zimmerchen im Thurme ſehen konnte, an das kleine arme Fiſcherdörfchen„la Sauſſaie“— ich mußte mir alle Gewalt anthun, um nicht in ein helles Weinen auszubrechen. Findeſt Du es nicht erklärlich, liebe He⸗ lene, daß ich traurig war— das ganze Weltmeer liegt jetzt zwiſchen mir und dem Lande wo ich geboren,— zwiſchen der Gegenwart und all' den ſüßen Erinnerungen an jenes Land. O, Helene! ich bin denn doch nur ein Mädchen!— Ich habe mich ſo ſtark, ſo männlich geglaubt,— habe ge⸗ glaubt, ich könne Allem und Jedem, was das Schickſal mir bringen werde, Muth und Entſchloſſenheit entgegen⸗ ſetzen,— o, es war Selbſttäuſchung,— und dieſe ver⸗ ſchwand, als ich meine Berge, mein Thal, mein„la Sauſ⸗ ſaie“ verlaſſen hatte..... und ich weiß es, hier im neuen Welttheil werde ich meinen alten Muth, meine frühere Entſchloſſenheit nicht wieder gewinnen,— ſie ſind in jenen Bergen zurückgeblieben,— nur die Erinnerungen,— ach dieſe bitterſüßen Erinnerungen habe ich mit mir genommen. Der Empfang meines Vaters war eben nicht von der Art, um meinen Muth zu erheben. Der alte John war ein herrlicher Reiſemarſchall; dies muß ich ihm zu ſeiner Ehre nachſagen, und auch, als unſer Schiff an dem Pier anlegte, traf er die ſchleunigſten Anſtalten, mich an's Land zu bringen. Daß dabei alle Hände beſchäftigt waren, wirſt Du erklärlich finden,— 214 es galt ja der Tochter des Gouverneurs!— Man brachte mich in das Haus, wo mein Vater wohnt, ein Gebäude in gut holländiſchem Styl,— nicht ſo prachtvoll als ihr in Paris wohnt, auch nicht ſo grandios, als mein liebes altes Chateau Hautbrien; aber doch wohnlich, und ſo ausge⸗ ſtattet, als es nur die Würde des erſten Mannes im Staate verlangen kann.— Der Herr Gouverneur war nicht zu Hauſe; ſein Sekretär, ein junger Mann, voll engliſcher Hoheit, die er jedoch ſogleich ablegte, als mich John als Miß Arabella Lovelace vorſtellte, verſicherte, nicht zu wiſſen, wohin er ſich begeben, glaubte aber an eine baldige Zurückkunft. Ich erklärte, in ſeinem Geſchäftszimmer bleiben zu wollen und ihn hier zu erwarten, und bat, mich allein zu laſſen. Man wagte nicht zu widerſprechen. Ich war allein,— ich trat an's Fenſter— ich hatte da eine präch⸗ tige Ausſicht über die Bay, über die waldigen Inſeln, welche in dieſer Bay liegen, aber ich konnte auch in die Stadt hinabſehen, in dieſe kleine Stadt mit krummen Gaſſen, oder beſſer geſagt, ich konnte hinabſehen in dieſes Durcheinander von Holzhütten, Waarenhäuſern, Buden, Vorrathsgewölben, Schuppen,— nur hier und da einmal ein Haus von holländiſchen Ziegeln erbaut, mit lächerlich hohen Giebeln.... ich machte mir einen ſchlechten Begriff von der oft gerühmten Reinlichkeit der Holländer; aber wie ich nach der Hand erfahren habe, konnte es vor der 215 Hand noch nicht anders ſein. Die erſten Anſiedler von Neu⸗Amſterdam hatten keine Ivee, hier eine Stadt anzu⸗ legen, ſondern betrachteten die Südſpitze der Inſel nur als den paſſendſten Platz, um für ihren Biberfell- und ſonſtigen Pelzwerkhandel mit den Indianern roh aufgezimmerte Waarenlager aufzuführen, daneben bauten ſie ſich nach der Hand ihre Wohnungen, die nicht viel anders als Hütten waren. Dadurch entſtand dieſe Unregelmäßigkeit; und als ſpäter der Andrang ein größerer wurde, war man nicht bemüht, dem reichen Waldland im Rücken der Anſiedlung Raum abzugewinnen, ſondern gewann dieſen nach Vorn dem Waſſer ab, indem man Pfeiler ſchlug, dazwiſchen Ver⸗ flechtungen machte, und dieſe mit Erde, Sand und Steine ausfüllte. Das iſt den Holländer charakteriſirend,— und ſo ſind gegenwärtig in der That Häuſer auf Grund und Boden ſtehend, wo früher die Brandung des Meeres an die felſige Küſte des Eilandes ſchlug. Daß die Venetianer auf ſo mühſame und koſtſpielige Weiſe ihre Stadt auf⸗ bauten, war der Drang der Nothwendigkeit,— aber daß die Holländer ihr Neu⸗Amſterdam auf demſelben Weg aus⸗ dehnten, iſt— holländiſch. Aber daher auch die Unrein⸗ lichkeit der Straßen, wo die durchdringende Feuchtigkeit ſtets zu allen Jahreszeiten Schmutz und Koth erzeugt. Dieſes wird mit der Zeit, wo die Gaſſen alle gepflaſtert ſein werden,— mit dem Here Graft hat man auf Befehl 6 216 meines Vaters bereits angefangen,— wohl anders werden, aber das enge Winkelwerk wird wohl ewig bleiben. Nimm noch dazu dieſes Gelärm, Geſchrei, Getöſe, welches von den Matroſen, Fiſchern, Auſternverkäufern und ſonſtig herumtreibendem Volk, zu meinem Fenſter heraufdrang, ſo kannſt Du wohl denken, daß dieſes nicht wohlthätig auf meine ohnedies trübe Stimmung einwirkte. Ich verließ das Fenſter, und warf mich in den am Schreibtiſch meines Vaters ſtehenden Lehnſtuhl. Ich weinte jetzt wirklich. Da vernahm ich Tritte auf der Treppe,— es war wohl der Gouverneur,— ich trocknete ſchnell meine Thrä⸗ nen,— er ſollte mich nicht als weiches Mädchen finden. Die Thüre öffnete ſich, mein Vater trat ein,— er ſchien von meiner Ankunft nichts zu wiſſen,— wahrſchein⸗ lich hatte man ihm nichts geſagt, um ihm eine Ueberraſchung zu bereiten,— er blieb einige Momente an der Thüre ſtehen,— ich ſprang auf und flog an ſeinen Hals. Ich kann Dir verſichern, liebe Helene, Sir Francis Lovelace iſt immer noch ein ſchöner Mann, von impo⸗ nirender Geſtalt, ritterlicher Haltung und regelmäßig ſchönen Geſichtszügen,— aber ich muß auch hinzuſetzen, es iſt da ſo viel Zurückhaltung und Stolz ausgedrückt, daß man, ſelbſt als Tochter, eingeſchüchtert wird. Es iſt wahr, er drückte mich warm an ſeine Bruſt, und küßte mich in⸗ brünſtig auf die Stirn, wobei er leiſe mit beinahe beben⸗ der Stimme ſagte:„Guter Gott! ganz das Ebenbild meiner Iſabella!“ aber dann war es auch vorüber und mit mehr Galanterie, als der Vater gewöhnlich der Tochter gegenüber beobachtet, aber daher auch mit weniger Wärme, als dieſe wohl wünſchen dürfte, bewillkommte er mich im neuen Vaterlande. Ich muß geſtehen, da verließ mich aller Muth. Wie wäre es möglich, dieſem ſtolzen Vater das Geheimniß an⸗ zuvertrauen, welches in meinem Herzen ruht? Und habe ich denn auch die entfernteſte Hoffnung, je in meinem Leben Frank wiederzuſehen? Es müßte da etwas außer dem gewöhnlichen Laufe der Dinge eintreten. Es iſt wahr, ich habe mir alle Mühe gegeben, um in der weiteſten Umgebung von Chateau Hautbrien bekannt zu machen, daß ich Europa verlaſſen und zu meinem Vater, dem Gouverneur der engliſchen Kolonie Neu York, gereiſet bin,— in„la Sauſſaie“ habe ich jedem einzelnen Bewoh⸗ ner auf einem Streifen Papier meinen Namen, des Gou⸗ verneurs Namen und mit großen Lettern„Neu⸗York in Amerika“ niedergeſchrieben, hinterlaſſen,— die guten ein⸗ fachen Leute verſtanden es nicht, zu welchem Zwecke ich ihnen dieſes gab,— aber wird Frank wohl in das kleine Fiſcherdorf kommen?— und wenn er käme, was würde der kleine Streifen Papier ihm nützen!— Es liegt das Weltmeer zwiſchen uns!— und wäre dieſes der Liebe 218 wirklich möglich zu durchſchiffen— dann iſt es der Stolz des engliſchen Barons—— o, Helene! ich bin unaus⸗ ſprechlich unglücklich!— und was noch mehr, ich habe gänzlich meinen Muth verloren! Siebenter Auszug. Neu⸗York. Es iſt hier eine erſchreckliche Exiſtenz! Wo man hin ſieht, nichts als Handel, Schacher, Nutzen, Spekulation,— da fehlt jede Idee von etwas Höherem, den Menſchen Ver⸗ edelndem,— und was mich beſonders unangenehm berührt: da giebt es auch gar nichts Nationelles. Ich glaube, ich würde mich in irgend einer Nation angewöhnen können, und wäre ſie meinen Gefühlen, meinen urſprünglichen Ge⸗ wohnheiten noch ſo ſehr entgegengeſetzt; ich würde es lernen, mit dem Jtaliener das„dolce fae niente“ über Alles zu ſetzen,— mit dem Engländer ein kaltes ſteifes Geſicht zur Schau zu tragen,— mit dem Teutſchen in langweilige Erörterungen mich einzulaſſen,— mit dem Türken vom Paradies und den andern verſchiedenen Himmeln zu träu⸗ men,— aber hier, unter dieſem Gemiſche von Nationa⸗ litäten, wo doch jede in dem allgemeinen Schacherthume untergegangen iſt, da kann, da werde ich niemals heimiſch werden. Ach wie oft träume ich, mit wachenden Augen, von meinem ſchönen Thale in den Pyrenäen! Ich ſpiele hier eine große Rolle. Ich bin ja die Tochter des Gouverneurs. Ich begegne Artigkeit, ſelbſt Unterwürfigkeit, wohin ich mich wende,— aber offene Herzlichkeit habe ich noch nicht getroffen. Man ſcheint meinen Vater wohl zu fürchten, aber nicht zu lieben. Ich glaube, er verlangt auch nicht mehr. Ich habe mir ihn ganz anders vorgeſtellt, als einen Ritter, als einen eng⸗ liſchen Edelmann, einen Kavalier,— aber ich bemerke zu meinem Leidweſen: er iſt ein ſtolzer, deſpotiſcher Tyrann! Ach, das thut mir ſehr wehe, liebe Freundin,— und ich fühle mich ſehr unglücklich. Kann man die Tochter lieben, wenn man den Vater fürchtet aber— nicht liebt? Ihm ſcheint dieſes jedoch ganz gleichgültig, und er macht keinen Unterſchied, nicht zwiſchen Engländer und Holländer, weder zwiſchen Franzmann noch Teutſchen, Dänen, Schweden und Spanier,— er betrachtet alle als Subjecte,— ſich als den Regenten. Und doch muß ich ſagen, macht er eine Ausnahme. Es lebt da eine alte holländiſche Fami⸗ lie, ich glaube, er nannte ſie van Hoboken(welch' ein häß⸗ licher Name), an dem jenſeitigen Ufer des Hudſonſtromes auf ſteiler felſigter Höhe,— von dieſer ſpricht er mit mehr Theilnahme und Wärme, als ich an ihm zu bemerken ge⸗ wohnt bin. Er hatte die Bekanntſchaft des alten van Ho⸗ S—— — —— S 220 boken vor mehr als zwanzig Jahren gemacht, als er, als Flüchtling von ſeinem Vaterlande, die neue Welt beſuchte, und war da ſehr herzlich und gaſtfreundlich aufgenommen worden. Die Familie traf nach der Hand viel Unglück. Ein kleiner Junge von etwa fünf oder ſechs Jahren wurde von den Wilden geſtohlen, die Mutter ſtarb darüber in Folge des Schreckens, und der alte Patron wurde durch das Zuſammentreffen ſo vieler harter Schläge des Schickſals verrückt oder blödſinnig. Es ſoll da auch eine Tochter ſein, und, wenn es ſich ſchicken würde, möchte ich meinen Vater, den ſtrengen Gewaltherrn von Neu-York, beinahe in einen kleinen Verdacht ziehen; aber betrachte ich unſere holländiſchen Schönheiten hier, mit dem flachſigen Haar, den kleinen Aeugleins und den kirſchrothen Apfelbacken, mit dem halben Dutzend Röcken, einen über den andern gezogen, daß die Figur ja gewiß recht tonnenartig wird, ſo unter⸗ drücke ich als gute Tochter, welche dem Vater keinen ſo ſchlechten Geſchmack zutraut, jeden Verdacht, und glaube ſeiner einmal gegen mich gemachten Aeußerung, daß er ganz beſondere Theilnahme für dieſe Familie hege, einmal, weil ſie wirklich ein Exemplar von Unverdorbenheit und natürlicher Gutmüthigkeit ſei, und dann, weil ihn auch ganz beſondere Verhältniſſe an ſie bänden, er meint damit den Umſtand, daß er damals gerade das Haus des alten Patron betrat, als dieſem der kleine Junge geboren wurde, 221 und zu dem mein Vater dann auch als Taufpathe geſtanden habe. Mein Vater hat auch das Vorhaben ausgeſprochen, ernſtlichere Nachforſchungen unter den verſchiedenen nä⸗ heren und auch entfernteren Stämmen anzuſtellen, um vielleicht, obwohl ſeitdem ſechszehn oder ſiebenzehn Jahre verfloſſen ſind, doch noch etwas von dem geſtohlenen Knaben, ſeinem Pathen, zu erfahren. Jedenfalls denke ich mir ſo einen Jüngling von holländiſcher Abkunft und indianiſcher Erziehung als ein intereſſantes Specimen, jedenfalls geeig⸗ net, um in Europa dem Publikum gezeigt zu werden: roth und ſchwarz bemaltes Geſicht, hoher Federbuſch,— Delf⸗ terpfeife im Munde,— die Streitaxt in der Hand,— die Beine in weiten Pluderhoſen ſteckend——— Du ſiehſt, Helene, ich trachte bisweilen, mich in eine Art Fröhlichkeit zu werfen,— aber ſie iſt keine natürliche,— es geht nicht!—————— Achter Auszug. Neu⸗York. Vor einigen Tagen brachte mein Vater ſein Vor⸗ haben, einige der näheren Stämme zu beſuchen, in Ausfüh⸗ rung. Die Gelegenheit gab eine Hochzeit, welche ein Häuptling, ich weiß nicht von welcher Nation, feierte. Mein Vater lud mich ein, ihn zu begleiten, und als ich 222 mit Vergnügen zuſagte, eröffnete er mir, daß auch die Tochter ſeines alten Freundes van Hoboken von der Partie ſein werde. Da hatte ich alſo Gelegenheit,„die Blume von Bergen“— ſo heißt die Beſitzung ihres Vaters— kennen zu lernen, und, ich muß Dir, liebe He⸗ lene, meine kindiſche Schwäche geſtehen, ich freute mich darauf, dieſe holländiſche Blödigkeit, wie ſie mit roth auf⸗ gedunſenen Wangen und niedergeſchlagenen Augen vor der Gouverneurstochter erſcheinen werde, belächeln zu können. Aber ich hatte mich in der vorgefaßten Meinung ſehr geirrt. Wir fuhren in einem großen Boote am frühen Morgen von New⸗York ab. Es begleiteten uns einige Offiziere der Feſtung und der junge Lord Berkeley, deſſen Vater bereits bedeutende Beſitzungen in Carolina hat, und neuerer Zeit durch den Herzog von York mit großen Strecken Lan⸗ des zwiſchen dem Hudſon und dem Delaware belehnt iſt. Dieſes Land, welches gegenwärtig freilich nur Ur⸗Wildniß iſt, hat den Namen Neu⸗Jerſey erhalten, aber um die Ge⸗ legenheit für deſſen Koloniſirung ſich anzuſehen, hat der Lord Vater den Lord Sohn herübergeſchickt. Ich glaube jedoch nicht, daß Lord Arthur der Mann dazu iſt. Stelle Dir einen abgeſchmackten Höfling,— eine Zierpuppe,— mit angeborner engliſcher Unbeholfenheit und affectirten franzöſiſchen Manieren vor— und Du haſt Lord Arthur 223 Berkeley;— übrigens macht der feine Kavalier Deiner Freundin ſtark den Hof, iſt ihr ſteter Begleiter und hat bereits drei Sonnette an ſie geſchrieben. Glaubſt Du, daß er ihr gefährlich werden könne? Wir kreuzten den Hudſon und näherten uns einer von Felſen überhangenen Bucht, welche der Fluß in's Land hinein macht. Hier am Saum des Waldes ſtand ein Pärchen, unſer wartend, wie es mein Vater verabredet hatte, und denke Dir, Sir Francis Lovelace, der Ge⸗ waltherr von Neu⸗York, ſprang, als das Boot angelegt hatte, an's Ufer, ergriff die Hand des Mädchens, und führte ſie mit ſo vieler Courtviſie, als wenn es einer engliſchen Herzogin gegolten hätte, in's Schiff. Hier ſtellte er uns gegenſeitig vor. Aber dies war nicht das plumpe hollän⸗ diſche Mädchen, wie ich es mir gedacht hatte. Es iſt wahr Jeſſie iſt ein Naturkind im vollen Sinne, aber eben als dieſes kennt ſie keine blöde Schüchternheit vor einer„ſoge⸗ nannten höher Geborenen,“ ſondern fühlt ſich Mädchen dem Mädchen gegenüber; dabei iſt ſie hübſch, recht hübſch,— und war ich doch wirklich überraſcht, als ich ſie ſah,— war es mir doch, als müſſe ich ſie ſchon einmal geſehen haben,— aber wo?— in Paris— in London?— in meinem Pyrenäenthal?— ſie kam nie noch von„Bergen“ — und ich war nie noch in„Bergen“— ich konnte ſie nie irgendwo geſehen haben, und doch war ſie mir bekannt,— 224 ſo bekannt,— ich mochte wohl ein paar Augenblicke über⸗ raſcht geſtanden haben, ohne ihren Gruß zu erwiedern,— mein Vater nahm die Sache anders auf, mit einem bei⸗ nahe ſtrengen Tone ſagte er:„Miß Arabella,— es hat Dich Miß Jeſſie begrüßt!“— ich fuhr aus meinem träumeriſchen Nachſinnen auf,— ich wollte von dieſem lieblichen Mädchen um alles in der Welt nicht mißver⸗ ſtanden ſein,— ſie iſt zu lieblich,— und dieſe Aehnlich⸗ keit,— ich fiel ihr geradezu um den Hals, und drückte ſie auf das Innigſte an mein Herz, ich wußte mir ſelbſt nicht Rechenſchaft dafür zu geben; aber mein Vater nahm dieſen Ausbruch meiner Gefühle ſehr gut auf, und ſtellte mir den jungen Mann, den Begleiter Jeſſie's, als einen Mon⸗ ſieur L»Escuyer, Anſiedler auf Breucklen vor. Dieſer, ein bildhübſcher junger Mann, ſprach mich franzöſiſch an. Es war zwar ein fürchterliches Patois, aber doch franzö⸗ ſiſch, die Sprache ſeines Vaters und ſeiner Mutter,— und er war ganz entzückt, als ich einige Zeit mit ihm in dieſer Sprache converſirte. Wir ruderten dann den Strom abwärts und bogen in die Bay ein,— es war eine prachtvolle Morgenſpazier⸗ fahrt, und ich ſo heiter, als vielleicht ſeit lange nicht ge⸗ weſen,— ich weiß nicht, wie es kam, aber ſo oft ich in das freundlich lächelnde Geſicht der lieblichen Jeſſie ſah, zog es wie tröſtende Hoffnung in mein Herz ein,— daſſelbe 225 mochte wohl auch mit dem jungen Wallonen der Fall ſein, daher er auch nicht verſäumte, recht häufig, oder eigentlich unverwandt in das Auge des hübſchen Mädchens zu blicken. Wir kamen nach einer etwas längeren Fahrt zur Mündung des Raritanfluſſes. Hier warteten ſchon eine Menge buntbemalter und excentriſch gekleideter Indianer auf uns. Es waren junge Burſche, mehre kaum dem Knabenalter entwachſen, nur Einer war bejahrt,— mein Vater ſagte, es ſei Einer der Weiſen des Stammes. Unſer Boot legte hier an, und wir ſollten die Canves der Indianer beſteigen, um auf dem Strome weiter zu dem Sammelplatze, wo die Hochzeit abzuhalten ſei, geführt zu werden. So ein Canve iſt aber ein gar leicht gebautes, gebrechlich aus⸗ ſehendes Dingelchen von zuſammengebogenen Weiden⸗ zweigen und mit Baumrinden ausgelegt. Ich mochte eine etwas bedenkliche Miene gemacht haben, welche Lord Arthur ſchnell verſtand, und wenn ich mich geſchämt hatte, meine Furcht mit Worten auszuſprechen, ſo war er der bereitwillige Dollmetſcher,— in ſeinem eigenen Intereſſe, denn ſeine Bedenklichkeit, ſich auf einem ſo gebrechlichen Schiffchen dem reißenden Strome preis zu geben, war um keinen Gedanken kleiner als meine. Der weiſe Mann der Indianer, welcher, wie es ſchien, gut genug engliſch verſtand, vernahm kaum aus Lord 1858. IV. Van Hoboken. J. 15 226 Berkley's Munde das Wort Furcht, ſo lachte er laut auf, und rief der Schaar junger Indianer ein paar Worte zu, die ich zwar nicht verſtand, deren Sinn mir jedoch bald bekannt gemacht wurde. Die ſchlanken Jünglinge ſprangen in ihre Canves, und eine Wettfahrt begann, wo vielleicht die berühmten Gondoliers Venedigs in Schatten geſtellt worden wären. Ein Knabe von etwa vierzehn Jahren war der Sieger, und mit dem Ausdruck des ſicheren Selbſt⸗ bewußtſeins, daß es nicht anders ſein konnte, kam er zurück, — der weiſe Mann erklärte uns, daß er der Sohn eines der ausgezeichnetſten Häuptlinge der Raritans ſei. Ich nahm nicht einen Augenblick Anſtand, mich in ſein Boot zu begeben und mit frendeglänzendem Geſichte trieb er der Mitte des Fluſſes zu, und mit Windesſchnelle ging es den Strom entlang. Ich blickte zurück und ſah, wie alle meine Begleiter ſich in die Canves begaben,— Se. Herrlichkeit waren der Letzte, der den feſten Boden verließ. Die kleine Flotille begann einen abermaligen Wettlauf, und bald kamen wir nach einer anmuthigen Fahrt zwiſchen Hügeln, Waldland und üppigen Thalgründen hin zu dem auser⸗ wählten Platz, wo die Stämme und Familien verſammelt waren. Ein lärmendes Freudengeſchrei empfing uns, als wir landeten, und vier oder fünf Häuptlinge kamen uns entgegen, und wateten bis an die Kniee in's Waſſer, um uns zu empfangen. 227 Man hatte auf uns gewartet, und ſogleich begannen nun die Hochzeitsfeierlichkeiten. Das Erſte war der Kriegs⸗ tanz. Vier Sänger oder Barden waren ausgewählt und ſie und zwei Trommler bildeten die Muſikbande. Sobald der Geſang anfing, und die Tamboure einſchlugen, bildete ſich ein Kreis, wahre Schreckgeſtalten durch Malerei und Auſputz, worin ſich Jeder überboten zu haben ſchien, ſich ſo gräßlich als möglich zu machen, und der ganze Kreis war nun in Bewegung. Eben daſſelbe that auch das glück⸗ liche Paar, welches ſich im Mittelpunkte dieſes Kreiſes be⸗ fand. Vierzig oder fünfzig Paare bewegten ſich in einer Cirkellinie. Der Tanz der Männer glich einem traben⸗ den Pferde, während der Tanz der Squaws nicht unähnlich iſt einem Tanze der engliſchen und ſchottiſchen Matroſen, Horn-pipe genannt, da er nach der Muſik der Bockpfeife oder des Dudelſackes ausgeführt wird, und wobei man ſich vorwärts bewegt durch ein abwechſelndes Aneinander⸗ ſchließen der Zehen und Abſätze, ohne den Fuß vom Boden zu erheben. Nachdem der Tanz vorüber war, begannen ſie ihre nationellen athletiſchen Uebungen, wobei mir die berühmten olympiſchen Spiele der Griechen einfielen, wo⸗ von ich mit meinem guten Pater Honoré geleſen hatte. Im Laufe entwickelten ſie eine außerordentliche Agilität der Glieder, und ich glaube, ſie würden an Schnelligkeit Jeden übertroffen haben, der je über griechiſchen Sand 15* 228 gerannt iſt, und im Springen würden ſie nicht hinter Dio⸗ medes zurückgeblieben ſein, denn ich ſah ſie mit einem An⸗ lauf einen Sprung von ſechs— ſelbſt ſieben und zwanzig Fuß thun. Am meiſten überraſchte mich aber die Schnel⸗ ligkeit, mit welcher ſie die Spitze eines ſteilen, faſt perpen⸗ dikulären Hügels erklimmten, und ich meine, daß ein Eich⸗ hörnchen nicht ſchneller an einer ſchlanken, zweigloſen Tanne hinaufklettern kann, als es dieſe jungen Wildfänge thaten. Gleich einem engliſchen Wettrenner rannten ſie in voller Haſt dem Strome zu, und hielten an, wie durch ein Zau⸗ berwort gebannt, an der äußerſten Schneide des Felſen⸗ riffes, welches thurmhoch den Fluß überhängt. Nachdem alle dieſe Vorſtellungen beendet waren, ſetzte man ſich auf den grünen Raſen nieder, und ließ ſich das Wildpret gut ſchmecken, welches der Bräutigam zum Beſten gab. Mein Vater ſprach viel und eifrig mit den Häupt⸗ lingen und weiſen Männern der verſchiedenen Nationen, deren hier ſehr viele vertreten waren; denn obwohl die Raritans nur eine tributpflichtige Nation der fünf großen Nationen iſt, ſo iſt der Bräutigam doch ein ſehr geachteter Kriegshäuptling der Raritans, und es gab da viele ſehr ariſtokratiſche Gäſte, wie mir ſelbſt ein Häuptling der mächtigen Onondagas gezeigt wurde, der es aber auch deutlich genug an den Tag legte, wie er durch ſeine An⸗ 229 weſenheit die Hochzeitsfeier beehre. Viele von ihnen ver⸗ ſtanden ziemlich gut engliſch, noch beſſer holländiſch, und wenn mein Vater auf den Einen oder Andern traf, der ſeine Sprache nicht verſtand, war ſtets ein Dollmetſcher zur Hand. So viel ich abnehmen konnte, ſtellte er aus⸗ forſchende Nachfragen nach einem Knaben, der vor etwa ſechzehn⸗ oder ſiebzehnmaligem Wechſel des Winters und Frühjahres unter die Indianer, wahrſcheinlich unter die Hag⸗in⸗ſags, gerathen war, und wohl noch unter der einen oder andern Nation leben könne;— aber da ſchüttelten Alle das weiſe Haupt und betheuerten mit gravitätiſcher Miene, nichts von einem ſolchen Knaben der Blaßgeſichter, der irgendwo unter den Rothhäuten lebe, zu wiſſen; auf eine weitere Anfrage meines Vaters nach einer gewiſſen „Namakewa,“ der Tochter des„Weiſeſten der Weiſen“ jedoch, ſahen ſich die Krieger und Rathsherrn mit bedeu⸗ tungsvoller Miene gegenſeitig an, und ſagten:„Nama⸗ kewa, die Tochter Hi⸗a⸗wat⸗ha's, kennten ſie wohl, wüßten aber nicht, wo ſie eben jetzt lebe.“ Mein Vater ſah nun wohl ein, daß er für den gegen⸗ wärtigen Augenblick kein erwünſchtes Reſultat ſeiner Nach⸗ forſchungen zu erwarten habe, und ſo verſprach er Dem⸗ jenigen, der ihm ſichere Nachricht von dem verloren gegangenen Knaben, oder von Namakewa, bringen werde, die anſehnliche Remuneration, beſtehend in einer Vogel⸗ 230 flinte, Pulver und Blei für einhundert Schüſſe und ein Stück rothes Tuch, in welches ſich ein ganzer Mann vom Kopf bis zu den Füßen vollſtändig einwickeln kann,— nun, ſolche reiche Gaben ſollen uns ja doch wohl den kleinen Ausreißer, der, wie ich hoffe, ſeit dieſer Zeit ein ganz anſehnlicher, roth und ſchwarz bemalter Held ge⸗ worden ſein mag, zurückbringen. Als wir von unſern indianiſchen Freunden Abſchied nahmen, ergriff einer der weiſen Männer das Wort und ſagte mit vieler Würde:„Nehmt mit Euch unſerer Herzen wärmſten Dank und Segnung, denn Ihr beſitzt groß⸗ müthige und edle Seelen. Möge Eure Lebensreiſe ſein im Sonnenſchein und unter dem Zulächeln des Glückes. Möge Euer Fuß immer nur betreten grünes Gras, und möge die Viole und die Roſe unter Euren Füßen erblühen, wohin Ihr nur tretet!“— Zart und poetiſch genug für einen Wilden,— aber glaube mir, wir in Europa haben ganz falſche Meinungen von dieſen ſogenannten Wilden. Ich konnte mich nicht enthalten, bei mir ſelbſt einige Ver⸗ gleichungen mit dieſen kräftigen Naturgeſtalten und dem zierlichen Lord Arthur anzuſtellen,— ſie fielen eben nicht beſonders zu ſeinem Vortheil aus. — — Neunter Auszug. Keu⸗York. Jeſſie iſt jetzt ein Glied unſerer Familie,— das heißt: ſie wohnt und lebt mit uns. Sei nicht eiferſüchtig, liebe Helene, wenn ich ſage, daß ich das Mädchen recht lieb habe,— Du bleibſt doch meine einzige, wahre, ver⸗ traute Freundin!— wie könnte ich Jeſſie zur Theil⸗ nehmerin meines Herzensgeheimniſſes machen? Aber ich habe ſie wirklich lieb. Sie iſt ein ſo offenes, natürliches, gutes Kind,— ich glaube nicht, daß ſie ſich je irgend einen Menſchen zum Feind machen könne, und doch ſcheint es das Schickſal darauf abgeſehen zu haben, ſie zum Ab⸗ leiter ſeiner Launen zu machen. Es iſt nur gut, daß mein Vater an ihr ſo viel Intereſſe nimmt,— er wird wohl ihr Beſchützer ſein. Ihr Vater ſtarb, oder beſſer geſagt, er ſchlief eines Morgens, in ſeinem Armſeſſel unter dem Apfelbaume ſitzend, mit der Pfeife im Munde ein, um nicht mehr zu erwachen. Kaum war er zur Erde beſtattet, ſo wurde Zeſſie, das arme Kind, aus ihrem Schmerze, — ſie iſt wirklich eine gute Tochter,— mit harter Hand aufgerüttelt. Da kam die gute Vrow Gertrude, die Schweſter des alten van Hoboken, mit dem ganz wohl⸗ gemeinten Vorſchlage, gleich nach Ablauf der Trauerzeit 232 ſolle die Freudenzeit beginnen, nämlich ſie meint, es paſſe Niemand ſo gut für Jeſſie van Hoboken, als Seth van ſo oder ſo, ihr Söhnlein, und da ſolle Hochzeit ge⸗ macht werden;— da kam aber auch Mr. Eleaſar Tomkins, der Kompagnon und Geſchäftsführer der Firma van Hoboken und Kompagnie, und meinte: es ſeien ſo viele Abrechnungen über Summen zu machen, welche der ſelige Herr Klaus Winant van Hoboken aus dem Geſchäfte gezogen, da lägen ſo manche Schuld⸗ briefe vor, welche der Patron von Bergen ausgeſtellt, und die er, der gute Mr. Tomkins, um die Ehre des Hauſes zu ſichern, eingelöſt hatte, da wäre ein ſolches Durch⸗ einander von Haben und Soll, daß er keinen andern Aus⸗ weg wiſſe, als daß die Hinterlaſſene des alten van Ho⸗ boken dem Geſchäftsführer und Schuldbrief⸗Beſitzer ihre kleine Hand gebe, um die große Rechnung am raſcheſten zu ſaldiren;— aber was ſagte denn die arme Jeſſie dazu? Sie mag weder das Söhnlein Seth, noch den edlen Freund Eleaſar,— ſie liebt den armen George, — ſie frägt auch nicht nach Haben und Soll, und würde unbekümmert, ein kleines Bündel unter dem Arme, in das Haus der armen Wittwe eingehen, und dieſer eine gute Tochter und den ſechs Geſchwiſtern ihres George eine gute Schweſter ſein, und mit ihnen arbeiten und ſich mühen, glücklich in ihrer Liebe; doch da hat die Mutter — 233 des Seth ihre Einwendung, und ſagt: eine ſolche Schande ſolle nicht der Familie Hoboken angethan werden,— und da ſagt der edle Eleaſar: er, als vom verſtorbenen Vater aufgeſtellte Vormund, gäbe hierzu ſeine Erlaubniß nicht, und von dieſer ſei Jeſſie abhängig, bis ſie ein ge⸗ wiſſes Alter erreicht habe,— ich weiß nicht, wie alt man werden muß, um den heirathen zu können, den man liebt, — mit einem Worte, das arme Mädchen iſt oder glaubt wenigſtens ſehr unglücklich zu ſein, obwohl mein Vater dazu lächelt und ſagt: ſie möge ſich nicht grämen, es würde Alles ſchon recht werden. Vor der Hand iſt Vrow Gertrude auf dem Herrnhauſe geblieben, um das Haus⸗ weſen zu führen,— Herr Eleaſar Tomkins iſt an⸗ gewieſen, ſeine Rechnungen zu legen,— und Zeſſie iſt in unſerm Hauſe. Es iſt mir ſehr angenehm, daß ſie mit mir lebt, denn ich fühlte mich fürchterlich einſam in dem großen weiten Hauſe, wo ich oft den ganzen Tag über allein war, da mein Vater viel in Geſchäften abweſend iſt, und war er auch zu Hauſe, ſo hatte ich nur ſehr wenig von ſeiner Anweſenheit. Ich kann nicht ſagen, daß er mich nicht liebe,— im Gegentheil beweiſt er es oft, daß er in mir die Tochter ſeiner, ſo viel ich glaube, innig geliebten Iſabelle ſieht, aber ich bin ihm ein Kind, ein läppiſches Kind, mit dem der reife, geprüfte Mann allenfalls ſpielen 234 kann, aber ſonſt auch weiter nichts,— denke Dir aber nun einen ſolchen Vollblut⸗Engländer, wie mein Vater iſt, tändeln, ſpielen,— das iſt geradezu unmöglich; und ihm zu zeigen, daß ich bereits aus den Kinderſchuhen her⸗ ausgetreten bin, dazu habe ich den Muth nicht. Es iſt in der That ſonderbar, daß ich, die ſonſt ſo Entſchloſſene, meinem Vater gegenüber ſcheu, ja, ich kann ſagen, feig mich fühle,— ſoll wohl das die Urſache ſein, daß ich vor ihm ein Geheimniß habe,— ein Geheimniß, deſſen Ver⸗ lautbarung einen fürchterlichen Riß in das zarte Band zwiſchen Vater und Tochter machen würde,— nein, er darf es nicht erfahren—— und was ſoll er denn nicht erfahren?— Iſt denn Alles mehr als ein Traum?— Man iſt erwacht,— der Traum vorüber— bald auch vergeſſen. Doch, was faſele ich da? Will ich Dir— will ich mir ſelbſt etwas weiß machen? Es nützt doch nichts. Ich fühle mich ſehr unglücklich,— und es iſt daher ſehr gut, daß ich nicht immer allein bin. Freilich kann und darf ich mit Jeſſie darüber nicht ſprechen,— ach, hätte ich meine Helene in Neu⸗York— wie mildernd iſt es, wenn man einer Freundin erzählen kann— aber Jeſſie, das gute Kind, würde mich nicht verſtehen,— und ſo be⸗ gnüge ich mich, mit ihr die engliſche Sprache zu ſtudiren, — ſie bat mich auch um das Franztöſiſche, wahrſcheinlich, 235 weil es die Mutterſprache ihres George iſt, und ich will nächſtens damit beginnen,— dagegen lernt ſie mir ihr Holländiſch,— ach, Frank ſagte mir ja ein Mal, daß von allen Sprachen, die er zu ſprechen verſtehe, und ob⸗ wohl er ein Engländer von Geburt ſei, ihm die holländiſche die liebſte wäre,— ich finde eigentlich nicht viel Schönes an dieſer Sprache, und doch ſtudire ich ſie jetzt mit allem Fleiße. Wie, wenn ich einmal Frank mit einem„Hoe froolyk bin ik dat ik U weezeh' anſprechen könnte,— doch, kann ich dies hoffen? Außerdem treiben wir noch allerlei mitſammen,— Du weißt, ich habe von meinem guten Pater Honoré ſehr Vieles gelernt, und es macht mir jetzt wirklich Vergnügen, der Lehrer dieſes guten Kindes zu ſein, welches ſo zu ſagen, wild aufgewachſen iſt, und wenig mehr als gar nichts gelernt hat,— vielleicht wäre es beſſer, nicht zu viel zu lernen, und ſie benöthigt vielleicht als künftige Hausfrau ihres L'Escuyer gar nicht zu wiſſen, daß wir uns um die Erde einen Aequator denken, wo die Sonne am heißeſten iſt,— mag ſie doch damit begnügt ſein zu wiſſen, daß das Herz ihres George warm für ſie ſchlägt,— doch, ſie iſt lernbegierig und mir gewährt es zerſtreuende Beſchäftigung. 236 Wir brechen jetzt dieſe Mittheilungen ab, welche, wenn ſie auch von der entfernten Freundin mit Vergnügen und Theilnahme empfangen und geleſen ſein mögen, doch für unſern Leſer für jetzt zu wenig Intereſſantes enthalten, um damit, ohne dem Vorwurf der Langweiligkeit ſich aus⸗ zuſetzen, fortfahren zu können, und wollen die Geſchichte einer Perſon aufnehmen, welche bisher nur genannt wor⸗ den, und welche doch verdient, daß man ſich für ſie inter⸗ eſſire. Wir halten es jevoch für zweckmäßig, damit ein. neues Buch zu beginnen. Ende des ersten Chrils. — Leipzig, Druck von Gieſecke& Devrient. — 5 ——