3 7 — pfangnahme und Rückgabe der 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Leßepreis. jedem Tag 5 Pf. bezahlt. — Bücher jeden ſteht zur Em⸗ Tag von Morgens Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von den angenommen. eines Buches, wird. beträgt: für wöchentlich auf 1 Monat: 3 Ladenpreis erſetzt werd lorene oder defecte der Leſer zum Erſ 7. Ausleihezeit. beſonders darauf au der Bücher nicht ſt ſelben von mir gel 3. Càution. Unbekannte P 4. Abonnement. 2 Bücher: erſ eine dem Werth hinterlegen, welche bei deſſ Für beſchmutzte tlich bei en.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 4 Bücher: „? 5 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und G 6. Schadenersätz. defecte Bücher(namen Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ſonen müſſen, bei Entgegennahme e deſſelben entſprechende S en Zurückgabe von mir zurückerſtattet Summe Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 6 Bücher: efahr ſelbſt zu ſorgen. . zerriſſene, verlorene und ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der atz des Ganzen verpflichtet. Dieſelbe iſt auf 14 T fmerkſam gemacht, attfinden darf, indem iehen, auch d age feſtgeſetzt und wird daß das Weiterverleihen Diejenigen, welche die⸗ afür zu ſtehen haben. S biblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Ednard Oktmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih und Seſebedingungen. 1 offensein der Bibliothek. Die Bibliothek S . 2 9 — 1 „ 5 8 — 8 k 1 3 e D Bei W. Schaefer in Frankfurt a. M. ſind unter andern folgende empfehlungswerthe Schriften erſchienen: Andreas Wofer, Anführer der Tyroler. Vater⸗ ländiſches Gemälde. 8. 1816. 1 Rthlr. oder 1 fl. 43 kr. Beiträge für die deutſche Schaubühne, vom Freiherrn von Thumb. Erſtes Bändchen; enthält: die Fami⸗ lie Anglade; Catharina von Curland. 8. 1813. 1 Rthlr. 8 gr. oder 2 fl. 24 kr. Britanirus. Trauerſpiel nach Racine von F. C. von Erlach. gr. 8. 1804. 16 gr. oder 1 fl. 12 kr. Osmpyn, oder Tyrannei und Liebe. Trauerſpiel in fünf Aufzügen von Fr. von Zipf. gr. 8. Hanau 1817.(Commiſſion). 12 gr. oder 54 kr. Srlavin(die) in Surtinam. Schauſpiel in fünf Au'zügen von Fr. Kratter. 3. 1804. Schreibp. mit Kupfer 20 gr. oder 1 fl. 30 kr. Druckp. ohne Kupfer 10 gr. oder 45 kr. Yogelschiessen(das). Luſtſpiel in fünf Aufzügen von Dr. Lindheimer. 3. 180 4, 12 gr. od. 54 kr. * — —— Die Fremdr. Nach dem Franzöſiſchen PBtromte d'Arlinrourt von — — Kathinka Halein. 3weites Wranhturt a. MR. ) Verlag von Wilhelm Schueter, im Caſino. — 15 6. ———— Die remdee. ——— ——28Geceee— „ Stebentes Buch. Hart iſt der Zuſtand ungehemmten Zweifels, Verſchmähter Liebe ungeſtümes Sehnen, Gebrochner Treu', die Flucht geliebter Götter. Doch namenloſer gibt es einen noch: Der Zuſtand ohne Furcht und ohne Hoffnung. Wie in den ausgebrannten Krater, ſtarrt Die Seele in ſich ſelbſt hinab und ſpuckt Voll dumpfen Sinns in ihre eignen Liefen⸗ Schier(Paläſtrina). — * Wie ſehr hatte ſich die öffentliche Meinung zu Gunſten der Fremden verändertz... Alais, von Agnes von Me⸗ ran geliebt, und von Philipp Auguſt beſchützt, ward von „ der ganzen Gegend bewundert. Als Gegenſtand aller Gedanken und unterhaltungen ward ſie nicht mehr als eine verbannte Verbrecherin, ſondern als eine erhabene 1 unglückliche betrachtet. Im Tribunal von Sankt Irenäus —.———————— ————— ſchien ihre Schönheit himmliſch, ihre Sprache überirdiſch zu ſeyn; kein ſchwarzer Verdacht ruhte mehr auf ihr. Und wie ſonſt das ungerechte Publikum nur Schuld und Bosheit in den vergangenen Tagen der Fremden ſah, ſo erfüllte es jetzt ihr verborgenes Leben mit bewunderns⸗ werthen Tugenden. Agneſens und des Königs verſchiedene Botſchaften waren aller Welt unbegreiflich; ſelbſt das Betragen des Priors erſchien ſeltſam, und nur Eine Sache ſchien der Menge klar zu ſeyn: daß nämlich Arthur die Fremde lei⸗ denſchaftlich liebe, und dieſe enthuſiaſtiſche Liebe erregte die Theilnahme aller Herzen. Wenig Augenblicke nach ſeinem Verſchwinden kehrte der Prior in den Audienzſaal zurück. Die Richter und das Volk erwarteten ihn mit ungeduld. Er unterhielt ſich einige Minuten mit den Gliedern des Tribunals, und ſprach dann die Beſchuldigten feierlich von der Anklage los; lautes und einmüthiges Beifallrufen beſtätigte die Sentenz. Aber wie kam es, daß Waldburg noch lebte? Wer hatte ihn aus der Tiefe des Waſſers gerettet? Warum hatte er ſich ſo ſpät erſt gezeigt? Das waren die Fragen, welche ein Jedes an ſich ſelbſt that, als er den Gerichtsſaal verließ. Eine Art Wunder war mit der Erſcheinung des Barons verknüpft, und doch hatten die Begebenheiten, die ihr vorangegangen waren, an ſich ſelbſt nichts Wunderbares. Als er nach ſeinem unglücklichen Kampf mit Arthur in den See gefallen war, hatte er, ungeachtet ſeiner Wunden, noch Kraft genug, um mit den Wellen zu kämpfen. Eine Woge warf ihn zwiſchen zwei Felſen, nahe bei ſeiner Wohnung, an das ufer. Es gelang ihm, ſich mühſam bis an den Fußpfad des Berges zu ſchleppen, wo auf ſeinen Klageruf ſein getreuer Stallmeiſter herbei⸗ eilte. Onigel brachte ihn in ſeine Behauſung, und ein neuer Aesculap, ehedem im Felde gewöhnt, die verwun⸗ deten Krieger zu pflegen, gelang es ihm, ſeinen Herrn zu retten. Als der erſte Verband angelegt war, wünſchte Walb⸗ burg, aus guten Gründen, ſeiner Schweſter und dem Publikum die Begebenheiten der Nacht verzuenthalten, und verließ ſogleich ſeine Wohnung. Ein alter Einſied⸗ ler im Walde, auf deſſeu Treue und Ergebenheit er rechnen konnte, hatte ſeine Hütte in der Nähe; dort wollte er ſich verbergen und ſeine Wunden in der Stille heilen, ohne daß ein unangenehmer Beſuch, oder eine unbeſcheidene Frage ſeine Ruhe ſtören ſollte. Kaum bei dem Anachoreten angelangt, ließ er ſo⸗ wohl dieſen als ſeinen Stallmeiſter ſchwören, ſeinem Willen ſtreng nachzukommen; dann legte er ſich auf ſein Schmerzenslager nieder und ward von ſolch heftigem Fieber 4 befallen, daß er den Gebrauch ſeiner Sinne verlor; ja, die unruhe ſeines Geiſtes und die Erſchöpfung ſeines Kör⸗ pers brachten ſein Leben in Gefahr, und drei Tage lang blieb er ohne alles Bewufßtſeyn. Die Abgeſchickten des Priors waren inzwiſchen an dem Felſenpavillon geweſen, hatten ihn aber leer und verlaſſen gefunden. Onigel war ebenfalls aus der Ge⸗ gend verſchwunden und Niemand hatte ihn mehr geſehen. Bei der dritten Morgenröthe indeſſen war der Ere⸗ mit in das Thal geſtiegen, um Kräuter zu ſuchen, welche Onigel zum Verband der Wunden ſeines Herrn bedurftes dort erfuhr er von einem Hirteu die Gefangennehmung der Fremden und die ihr drohende Gefahr, und eilte, den Stallmeiſter von allem zu unterrichten. Onigel, be⸗ fürchtend, daß Alais ein Opfer der ungerechteſten Be⸗ ſchuldigung werden könnte, theilte Waldburgen, der ſich jetzt bedeutend gebeſſert hatte, alles mit. Welch Entſetzen ergriff den Baron!... Die Fremde einer Mordthat verdächtig! Seine Schweſter ſollte auf dem Blutgerüſte ſterben! Er war wieder etwas bei Kräf⸗ ten und wollte ſogleich aufſtehen, um ſich nach Sankt Irenäus zu begeben; denn keine Minute war zu verlieren. Vergebens widerſetzte ſich der Stallmeiſter; er aber ver⸗ ließ das Schmerzenslager, und bleich, faſt ſterbend, wie ein dem Grabe entſtiegenes Geſpenſt, erſchien er im Kloſter. — Die Mönche, bei ſeinem Anblick das Geſchrei des Volkes fürchtend, führten ihn auf geheimen Wegen an die verborgene Thüre des Gerichtsſaals, und die Ange⸗ klagten wurden freigeſprochen. Arthur war in dem Schloſſe Montolin. Aber wie war er dahin zurückgekommen? Wer hatte ihn dahin gebracht? Er erinnerte ſich deſſen nicht. Die Gerichts⸗ ſcene in Sankt Irenäus ſchien die einzige Epoche ſeines Lebens zu ſeyn, deren er bewußt war; alles Uebrige war aus ſeinem Gedächtniß verwiſcht. Alaiſens Gefangennehmung, Agneſens und Philipp Auguſts Schreiben, die Prozedur und die Sentenz, alles waren ihm dunkle, unbegreifliche, verwirrte Dinge; aber Waldburgs Erſcheinung, der ſtrenge Blick ſeines Freun⸗ des, die Hand, die ihn zurückſtieß, und die Worte, die er gehört, waren ihm nicht zweifelhaft; er hörte ſie noch immer, ſie verfolgten, ſie tödteten ihn. Der Baron lebte; Ravenſtel hatte zugleich ſeine Freundſchaft und ſeine Achtung verloren. Alais, ihrem Bruder ergeben, wird nun blindlings ſeinem Willen ge⸗ horchenz Arthur ſah ſie für ſich verloren. Seine farben⸗ loſe Zukunft ward nackt und öde in ſeinen Augen. Ihm blieben von ſeinem Frühling nur die Stürme, von ſeiner Liebe nur die Leiden.— Eine ſeiner Wunden war tiefz er hatte ſie nicht ſorgfültig genug gepflegt und ſie entzündete ſich von Tag zu Tage mehr. Seine moraliſchen Leiden und ſeine phy⸗ ſiſchen Schmerzen rangen um ihre Beute. Das Leben ward ihm unerträglich; er ſprach und handelte nur mit dem größten Zwang. Seine Worte folgten langſam eins auf das andere, als wenn jedes ein innerlicher Pfeil wäre, der, um über ſeine Lippen zu gehen, ſeine Bruſt durch⸗ ſiochen hätte. Dem Zeiger einer uhr ähnlich, deren Räderwerk zer⸗ brochen iſt, achtete er nicht mehr auf die Zeit, welche verflog. Er ſchloß ſich, allen Blicken ſich verbergend, in ſein Zimmer ein. Der Sir von Montolin, Iſolette und Olburg bekamen ihn faſt nicht mehr zu ſehen. unzugäng⸗ lich, haßte er die Nähe jedes lebenden Weſens. Er zehr⸗ te ſich in ſeinen Schmerzen auf. Jung an Jahren, alt an Leiden, verwelkte er zuſehends; und ſein zerrütteter Verſtand, ſein verblühter Frühling, ſeine erſchöpften Kräfte ſchienen, ihm immer das Grab nur zeigend, ihn dem Staub geweiht zu haben, Sich manchmal das Schweigen Alaiſen zurückrufend, die ſich vor den Richtern mit Einem Wort rechtfertigen konnte, indem ſie den Namen des Schuldigen nannte, faßte er wohl den ſüßen Gedanken, daß ſein Schickſal ihr nicht gleichgiltig ſey, daß ſie vielleicht ihn liebez aber ſein Geiſt weilte nicht bei dieſem verführeriſchen Bil⸗ de; er hatte aller Hoffnung entſagt, und reihte jeden Troſtgedanken den Täuſchungen an. Er glaubte an nichts mehr, als an das unglück. Von allen Dienern des Schloſſes ertrug er nur ei⸗ nen geduldig in ſeiner Nähez dieß war der Page Eduard, der ihm am Tage des Gerichts Nicettens Brief überge⸗ ben hatte. Seine Liebe zu der Bäuerin war ihm bekannt, und er ſchien dadurch in ſeinen Augen zu gewinnen, Eines Morgens beim Aufgang der Morgenröthe an einem einſamen Fenſter ſitzend, ſah er das magiſche Ge⸗ mälde einer bezaubernden Natur ſich vor ſeinen Augen enthüllen. Ein leichter Zephir bewegte die Wellen des Sees. Der blaue Grund des Himmelsgewölbes war mit goldnen Wölkchen überſäet, deren unbeſtimmte Formen der Wind mit jedem Augenblick veränderte. Die den See umkränzenden Geſträuche, beſtreuten den Boden mit tau⸗ ſendfarbigen Blüthen, die in beſtändiger Bewegung ihre Farben untereinander miſchten. Die Berge ſpiegelten in nebelumflorter Ferne von Zeit zu Zeit das Purpurfeuer des Horizonts. Das Thal, gleichſam durch den ſanften Hauch des Frühlings erweitert, ſchien einen Tempel der Freude zu öffnen, und das kaum ſichtbare Wanken der Zweige des Hains, welche der Morgenwind liebkoßte, glich dem zärtlichen Klopfen eines jungen Herzens, wel⸗ ches der Gott Cytherens in ſein geheimnißvolles Glück eingeweiht hat. — ———————————— lich hatten doch äußerliche Gegenſtände ſeine Aufmerkſam⸗ keit gefeſſelt. Dieſer in Klarheit ſtrahlende Himmel, die⸗ ſe Natur voll Harmonie, erſchienen ſeinem Herzen als Tröſter. Sie führten ſeine Gedanken in die glücklichen Zeiten ſeiner Jugend zurück, wo ſie gewiſſermaßen einen Thei ſeines Lebens ausmachten, wo ſeine enthuſiaſtiſche Seele ſich leichſam ihre göttliche Reinheit aneignete. Wie mit der Rede Macht begabt, riefen ſie ihn zum Le⸗ ben zurück, banden ſie ihn wieder an die Erde feſt. „Glänzende Morgenröthe!“ rief er:„blühende Wieſen! ſilberne Wellen! wie! ihr könnt noch Reize für mich haben!. Rein! ihr ſeyd eben ſo betrügeriſch, wie die übrige Schöpfung; es gibt nichts Wahres hie⸗ nieden. O Natur! wie habe ich dich geliebt! Einſt in deinem Anſchauen verſunken, empfand ich, was ich nicht wieder ausdrücken kann. Du ſprachſt zu mir, ich verſtand dich, und war dein glücklicher Freund. Jetzt täuſcht mich dein Anblick nicht mehr, es iſt keine Gemeinſchaft mehr zwiſchen uns, wir verſtehen uns nicht mehr; du biſt wohl da„aber ich bin dennoch allein.“ Eduard eilte mit freudiger Miene auf ihn zu. Er hatte die Stimme ſeines Gebieters mit Entzücken ver⸗ nommen. „Treuer Page!“ ſagte der Graf:„was iſt aus Nicetten geworden?* Hocherfreut über dieſe Frage, erwiderte Eduard: N „Herr, ich habe ſeit jener großen Begebenheit das Schloß nicht mehr verlaſſen. Ihr leidet, und ich entferne mich nicht von Euch. So lange ich für Euer Leben fürchten muß, gibt es keine Freude für mich.“ „Guter Jüngling!“ verſetzte Arthur:„Ich danke Dir.„ Geh', beſuche ſie.“ Und dann plötzlich von einem Gedanken ergriffen fuhr er fort:—„Du liebſt ſie. Sie ſoll dieſen Abend in das Schloß kommen! Geh', eile! ich will ſie ſprechen.“ Und ſchon war der Page aus dem Schloßthor. Nicette erſchien mit der Dämmerung vor Arthur. Er war noch ſchwach und leidend. Des Mädchens An⸗ blick rief ihm tauſend ſchmerzliche Erinnerungen zurück; und nur mühſam gelang es ihm, ſeine Gedanken einiger⸗ maßen zu ordnen. „Nicette,“ ſagte er ſcheinbar ruhig:„ich habe viel gelitten, ich leide noch„ſelbſt mehr als Deine Gebieterin. Iſt ſie wieder in das Thal zurückgekehrt?“ „Edler Herr! ſie iſt bei ihrem Bruder. Der Baron Waldburg iſt dem Tode nahe; ſie wacht Tag und Nacht bei ihm in ſeinem Landhauſe, und verläßt ihn nie.“ „Haſt Du ſie geſehen?“ „Ja, Herr; ich würde ſterben, wenn man mich von ihr trennen wollte.“ „Glücktiche Ricette! ſie liebt Dich.“ „Ich hoffe, ſie nie zu verlaſſen; ſie hat verſpro⸗ chen, mich mit ſich zu nehmen.“ „Du wirſt ihr folgen, Nicette! wohin denn?*“ „Sie wird bald in ferne, ferne Länder reiſen; doch wohin, das weiß ich nicht. Aber das iſt gewiß, ſo⸗ bald der Baron im Stande iſt, die Beſchwerlichkeiten der Reiſe zu ertragen, wird ſie dieſe Gegend für immer ver⸗ laſſen.* „Für immer!“ wiederholte der Graf, und mit gro⸗ ßen Schritten im Zimmer auf und abgehend, ſchlug er die Fauſt vor die Stirne, und fiel dann ermattet in ei⸗ nen Seſſel nieder. 35 . Der neue Schlag, der ihn traf, zerſtörte die we⸗ nige moraliſche Kraft, die ihm noch geblieben war, völ⸗ lig. Das unzuſammenhängende ſeiner Reden, und die Bläſſe ſeines Geſichts vermehrte ſich von Minute zu Mi⸗ nute. „Nicette,“ hob er mit ſchwacher Stimme wieder an:„ſage ihr, wenn Du ſie ſiehſt.„. Doch nein, ſprich ihr nichts mehr von mir. Zu was hälfe es! Sie weiß genug.„ Du ſiehſt, in welcher Lage ich bin. Ich habe hienieden nichts mehr zu ſagen.“ Die Waiſe, durch die Verwirrung ſeines Geiſtes er⸗ ſchreckt, ſah ihn an und wagte nicht zu antworten. „Alſo,“ fuhr Arthur mit dumpfer, matter Stim⸗ 2 me fort:„wenn der Baron dieſen Abend beſſer wäre, ſo könnte ſie morgen abreiſen?“ „Morgen ja, Herr. das wäre möglich;“ ſtammelte das Mädchen; und die Blicke, die ſie auf ihn heftete, drückten Furcht und Mitleid aus.—„Sir Ar⸗ thur! da Ihr ſie liebt.„„ „Wer hat Dir das geſagt?“ unterbrah ſie der Graf mit Heftigkeit. „Niemand, ach, Niemand! Herr, Nicette erſchrocken, indem ſie ihre gefalteten Hände mit dem Ausdruck der bittenden Reue zu ihm aufhob.„Ver⸗ gebt! ich habe gedacht ich glaubte Eure Spra⸗ „che und Eure Leiden.„ Ich weiß nicht mehr was ich + ſage.“ „Du haſt recht,“ hob Arthur wieder an, indem er von ſeinem Sis aufſtand:„Du haſt gut, Du haſt wahr geſprochen.“- Und mit einem leibenſchaftüchen: Ausdrucke fuhr er dann fort:„Ja, ich habe ſie geliebt! Ich geſtehe es, iich habe ſie geliebt. Ich habe ſie ſehr geliebt, Shttze 2 „Ich muß Euch verlaſſen, edler Herr!..* ſagte das zitternde Mädchen, indem ſie ſich umſah, um ein 3 Mittel zur Flucht zu finden. Der Graf war wieder ruhig gewordenz er näherte ſich Nicetten:—„Liebes Mädchen,“ ſagte er:„6 — ein Page des Herrn von Montolin wußte Dir i 6. B 55 antwortete al⸗kc — 16— gefallen; Du biſt nicht reich, das iſt das Hinderniß, welches Euch trennt; ich will zwei Glückliche machen, bevor ich in das Grab ſteige. Dieſe Schatulle iſt voll Gold, ſie iſt Deine Ausſteuer, nimm ſie. Eduard ſey Dein Gatte. Auf Erden ſollen nicht alle zur Liebe geſchaf⸗ fenen Herzen wie das meinige zerriſſen werden.“ „Ver? ich?* erwiderte die Waiſe:„ich einen Pagen aus dem Schloſſe heirathen? Nein, Sir Arthur! niemals.* „Aber er liebt Dich? er beſitzt Dein Herz?“ „Gnädiger Herr, ich will es nicht verhehlen, daß er mir theuer iſt, daß er ſagt, er liebe michz aber i* kenne meine Pflicht, und werde ihn nicht heirathen.“ „Was ſagſt Du?“ „Eduard, mein hoher Herr, iſt von edler Her⸗ kunft. In dieſem Augenblick Page, wird es nicht lange dauern, daß er Stallmeiſter wird; dann wird er Ritter, vielleicht gar Bannerherr werden. Ich bin nicht geſchaf⸗ fen, ſeine Gefährtin zu werdenz und wie ſchmerzlich mir es auch ſey, ich darf ſeine Huldigung nicht annehmenz ich ziehe ſein Glück dem meinigen vor. Ferne von mir ſey der abſcheuliche Gedanke, ihn zu entehren, indem ich ihm meine Hand reiche; er iſt feurig und großmüthigs heute noch würde er mir ſeine Zukunft opfern, aber ſpäter käme vielleicht die Reue. z und wenn der erſte Rauſch der Liebe vorüber wäre, würde er zu ſpät über ſein N——*— ſchnelles Opfer nachdenken.... Nein, ich kann ſein Weib nicht werden.“ „Nicette, bedenkſt Du's auch, Dein Herz.„ „Man muß ſein Herz zu bekämpfen wiſſen; wer s ernſtlich will, der kann es auch. Die Vorſehung ließ mich von gemeinen Aeltern geboren werden, und ich werde in meiner Sphäre bleiben; ſo will es meine Pflicht, der ich treu bleibe. Wer aus ſeinem Stande tritt, der ge⸗ hört keinem mehr an. Ich ward als Bäuerin geboren, ich will auch als Bäuerin ſterben.“ „Und Du verzichteſt ganz auf den Eheſtand?“ „Neinz wenn ich einen Gatten nehmen muß, ſo werde ich jenen wählen, den meine Mutter mir auf ihrem Sterbebette beſtimmt hat. Ich kenne ihn wenig; er iſt weder ſchön noch jung, aber ich weiß, daß ſein Herz zut iſt, und mehr verlange ich nicht. Ach! lange werde ch im Stillen den ſchönen Pagen beweinen; aber fern don ihm werde ich zu Gott beten, und die Tugend kann die Liebe beſiegen. Ich werde meinen Lebensweg ge⸗ ade vollenden, das tröſtet, das richtet auf. Ich werde u mir ſelbſt ſagen:„Das menſchliche Leben iſt kurzz“ c werde weit über das Grab ſehen, und Gott wird Mit⸗ eid haben mit der armen Nicette.“ „Bewunderungswürdiges Kind!“ rief der Graf: würdiger Zögling der Fremden. Alais hat Deine Seele vildet, das höre ich aus Deinen Reden. Geh! nimm II. 2 —— S— ——— —ͤ————— dieſe Schatulle mit, und gebiete nach Gefallen über Dei⸗ ne Zukunft... Ach! warum habe ich Deine Stärke nicht!.... Keine Einwendung! keine Antwort! Ich bin reich, ich kann Seben„ ich werde mich nie vermäh⸗ len„3 entferne Dich.“— Nit dieſen Worten führte er ſie aus dem Zimmerp ohne daß ſie widerſtehen konnte, und wider Willen mußtt ſie das reiche Geſchenk mit ſich nehmen. „Welch Beiſpiel und Lehre!“ ſagte der Graf, ats er allein war:„und eine Bäuerin iſt's, die mir ſie gab. In einer Hütte erzogen, hat ſie keinen Unterricht at ten, und ihre Grundſätze ſind dennoch ſo ſchön! Vos ihr der natürliche Verſtand eingegeben hat, iſt tauſend Mal mehr werth, als was die philoſophiſche Moral mich lehrte; ſie kann ihr Herz bemeiſtern, und ich ward ven dem meinigen überwunden. Sie zieht den Himmel allem andern vor, während mir die Erde vor dem Himmel ging. Sie hat nur ihre Seele ergründet, ich habe al⸗ les ſtudiert, nuc mich ſelbſt nicht. Ricette beſitzt die Geſchenke des Ewigen, Vernunft, Züchtigkeit, unſchuld und Frömmigkeit; und ich, mit hohen Wiſſenſchaften ge⸗ nährt, habe nur die Gaben der Menſchen; und welche Früchte habe ich daraus gezogen?„ nichts als unglück“ ie Schatten der Berge breiteten ſich in der Ebene von Montolin aus. Der Graf faßte nach einem Tag vin Angſt einen vtuchen Entſchluß. Die Rochricht von*3 1 ₰ nahen Abreiſe der Fremden hatte ihn raſch aus ſeiner verzweifelnden Apathie gezogen.—„Alais nie wieder⸗ ſehen!“ Dieſer entſetzliche Gedanke gab ihm ſeine Kraft zurück. Er wollte noch denſelben Abend nach Waldburgs Landhauſe eilen, zu den Füßen ſeines Freundes niederſin⸗ ken, ihm ſeine Reue ſchildern, um ſeine Verzeihung bit⸗ ten, und Alaiſen und dem Leben das letzte Lebewohl ſagen. Arthur ſuchte ſich nicht mehr über ſeine Zukunft zu täuſchenz er hoffte auf kein Glück mehr. Er wußte nicht⸗ welch fürchterliche Scheidewand ihn von der Geliebten trennte; allein er fühlte, wie unüberſteigbar ſie war. Eine innere Stimme ſagte ihm unaufhörlich, daß Alais für ihn verloren ſey. Seine Hauptwunde, die anfangs unbedeutend ſchien, hatte ſich von Tag zu Tage mehr entzündet. Er ſagte zwar, ſie ſey geheilt, und wieß ſtandhaft jede Hülfe der Kunſt zurück. Seine Farbe, durch das innere Feuer, welches ihn verzehrte, erhöht, täuſchte die Blicke, wel⸗ che ihn beobachteten. Sein Auge war feurig und lebhaftz ſeine Züge hatten ihre Reize nicht verloren. So bedecken Blumengewinde eine Todtengruft. Arthur hatte das Schloß verlaſſen. Kaum hätte er zu gehen vermogt, wenn die Glut ſeiner Phantaſie nicht die Schwäche ſeines Körpers nnterſtützt hätte. Der Abend war ſchön; nie hatte der untergang der Sonne ide Natur mit ſo herrlichen Lichtern geſchmückt; das — 0 Waſſer des See's war mit den Farben des Himmels be⸗ malt, und zwei glänzende Firmamente boten ſich zugleich den Blicken dar. Die Luft war ſanft und ſchmeichelnd; Philomele flötete in den Leſten. Das Thal gewährte ei⸗ nen zu lachenden, zu freudigen Anblick, als daß er in ſeinem Buſen einen böſen Dämon aufnehmen konnte; kein trauriges Ereigniß ſchien in dieſen köſtlichen Augenblicken und unter dieſem glücklichen Grün zu befürchten zu ſeyn. Arthur ſtand am Fuß des Felſens, auf welchem ſich Waldburgs Wohnung erhob; er klomm den Fußpfad hin⸗ an, und ſah ſich am Ziele ſeines Weges. Das Haus war nur ſpärlich erleuchtet; Arthur ruhte erſchöpft aus. Seine Wangen waren bleich und kalt. Das heftige Schlagen ſeines Herzens erſchreckte ihn. Er wagte es nicht, weiter vorzuſchreiten; er zählte nicht mehr auf ſeine Kräfte. Er ſetzte ſich am Fuß einer Säule nieder und gegen ſich ſelbſt erbittert, fragte er ſein In⸗ neres; aber er fand ſich ſelbſt nicht mehr, nichts in ihm gab ihm eine Antwort. Die Sterne funkelten am Himmelsgewölbe; er ſchlug die Augen empor, aber ſeine Lippen blieben unbewegllch;z denn es war ihm in ſeiner Jugend nicht gelehrt worden, zur Zeit der Leiden zu dem großen Tröſter im unglück zu beten. Vielleicht war es ſein Wunſch in dieſem Augen⸗ blick, aber nur zu denken war ihm unmöglich. Er hätte . ——— 2— Jemand bei ſich haben müſſen, der ihm das Gebet vor⸗ geſprochen hätte. Die Thüre des Hauſes öffnete ſich, und es trat ein Prieſter heraus; es war der Prior von Sanct Irenäus. Arthur erhob ſich ſchnell, eilte auf ihn zu und faßte ihn bei dem Gewande:—„Diener des Himmels,* rief er: „der Herr ſchickt Dich mir zu Hülfez ich bin Arthur, höre mich.* „Arthur! wäre es möglich!.„* erwiderte der Abt, durch dieſe unerwartere Begegnung überraſcht. „Allein, zur Nachtzeit auf dieſem Berge!.. was wollt Ihr? was ſucht Ihr?“ „Das Ende meiner Leiden. Ich will Waldburg ſehen; die zärtlichſte Neigung verband uns, ehe meine Hand ſein Blut vergoß.... Die Reue, die mich zer⸗ reißt, läßt mir keine Ruhe.„ Ich will mich meinem erſten Jugendfreunde zu Füßen werfen. Ein Blick auf den unglücklichen Arthur, und er wird erweicht werden. Ein Wort von ihm, ſeine Verzeihung, ſein Lebewohl! und ich kann in Frieden ſterben.* „Graf von Ravenſtel! der Baron iſt dem Tode nah. Euer Anblick würde ſeine Leiden vermehren. Eine unter⸗ redung mit Euch würde ihn zu ſehr erſchüttern, und könnte ihm gefährlich werden. Ihr dürft ihn nicht ſehen.“ „So laßt mich wenigſtens ſeine Schweſter.* „Seine Schweſter. was verlangt Ihr!“ „Iſt ſie hier?* „Vergebliche Frage. Sie darf Euch nicht vor ſich laſſen; und ich unterſage Euch ihren Anblick.“ „Ihr! wer gibt Euch das Recht?*“ „Der ewige Geſetzgeber, der uns richtet. Graf! keine unnöthige Ereiferung! keine blinde Beharrlichkeit! Eure thörichte Leidenſchaft iſt mir bekannt; und ich, der nie Jemand betrogen hat, ich betheure Euch vor Gett, daß Waldburgs Schweſter Euch nie angehören kann. Gebt endlich der Sprache der Vernunft und der Wahrheit Ge⸗ hörz entſagt Euern Wünſchen. Alle Geſetze der Erde und des Himmels trennen die Fremde von Euch.“ „So iſt ſie denn dem Herrn geweiht?“ „Neinz aber der Herr verbietet ihr, ſich Euch zu weihen.“ „Und wozu denn dieß Verbot?“ ſchrie der Graf. „Waldburg hat mir geſagt: Alais iſt weder Gattin noch Geliebte; Ihr ſagt mir, daß ſie kein heiliges Gelübde abgelegt. Welches ſind denn die ſogenanten Geſetze des Himmels und der Erde, die ſich zwiſchen uns ſtellen?“ „Graf! ich darf keine Geheimniſſe mittheilen, die mir nicht angehören. Es genüge Euch zu wiſſen, daß eine unüberwindliche Macht Waldhurgs Schweſter gebie⸗ tet, ſich für immer von Euch zu entfernen. Es genüge Euch.„* 55 „Grauſamer Menſch! unterbrach ihn Arthur mit —— „ —— NM —— — 23— der größten Heftigkeit:„zerreiße ruhig und ohne Mitleid die Seele des unglücklichen, der Dich anfleht; Du ver⸗ nünftelſt nur, aber ich fühle. Ich ſehe, Du haſt nie ge⸗ liebt. unter Deinem rauhen Kleide kann kein gefühlvol⸗ les Herz ſchlagen. Nichts lieben und nichts haſſen unter den Töchtern der Erde, das iſt Euer Beruf, heilige Prieſter. Was ſeyd ihr? Ein unfruchtbares Feld, eine öde Wüſte, ein leeres Firmament ohne Sonne, ohne Wol⸗ ken, ohne Wärme! Prieſter! gehe aus meinem Wege! ich will hinein.“ „Ihr werdet nicht über dieſe Schwelle ſchreiten;“ ſagte der Abt mit Nachdruck. Der Graf legte die Hand an das Schwerdt. „Nein, Arthur, Ihr werdet nicht hinein gehen,“ fuhr der Prior fort:„Unbeſonnener! zu was ſoll dieſe Heftigkeit führen. Bin ich es, der Dir Alais entreißt? Im Gegentheil, ſtände es in meiner Macht, ſo würde ich Euch beiden heute noch den prieſterlichen Segen geben. Bedarf Deine Liebe immer Blut, daß Du auch nach dem meinen dürſteſt? Wohlan, ſtoße Dein Schwerdt in meine Bruſt, Du darfſt es, Du kannſt es, denn ich bin ohne Vertheidigung; hienieden wirſt Du mich leicht überwin⸗ den, aber dort oben werde ich Dich erwarten.“ Die Stellung des Abts, die Kraft ſeiner Rede, und die Macht der Frömmigkeit entwaffneten Arthurs Wuth; mit großen Schritten ging er auf und ab, und ſein Geiſt ward ruhiger. „Ich weiß es, ich bin wahnſinnig,“ hob er an: „aber kannſt Du auch, Du, der nie gefühlt was eine Feuerflamme iſt, kannſt Du die Stärke der Leidenſchaft ermeſſen? Hätteſt Du geliebt, ſo würde ich zu Dir ſagen: Hier ſieh mein Herz, erhebe Dich, und richte! und Du würdeſt Mitgefühl haben für meine Leiden.“ Er hielt einz dann plötzlich die Hand des Priors ergreifend, fuhr er mit dem zerreißendſten Tone fort: „Nein, ich verdiene kein Mitgefühl! Durch meinen Zorn habe ich Dich, dein heiliges Amt und Gott ſelbſt belei⸗ digt. Es liegt in meinem Schickſal, mich allen ueber⸗ eilungen hinzugeben. Ich war ſo tugendhaft geboren, aber ich bin„ich bin nichts mehr. Ach! warum er⸗ hielt ich nicht zum Leiter meiner Jugend ein Weſen, fromm, wie Du, das meine gränzenloſe Heftigkeit ge⸗ zügelt hätte!. Jetzt iſt keine Hülfe mehr. Sieh mich an; ſiehſt Du, hörſt Du nicht alle Qualen meiner Seele? Du kennſt meine unbegrenzte Wuth; mir ferner den Ein⸗ tritt in dieß Haus verſagen, heißt mich zum Verbrechen zwingen. Sieh dieſen Felſen, ſieh dort den Abgrund!. Wenig Schritte, und ich verſchwinde. Eine Seele durch 1 deine Schuld verloren, welch ein ewiger Vorwurf für 4 § 6 Er ſprach's und eilte gegen den Felſengipfel, der ſich über dem See von Montolin erhob. Der erſchrockene Prior hielt ihn zurück.—„Arthur, im Namen Got⸗ tes, höre mich! was willſt Du thun?“ Der Graf kehrte ſich um:—„Du ſprichſt von Gott!“ ſagte erz„ſagt Gott nicht zu deinem Herzen, wenn ein Unglüclicher vor Dir ſteht: Habe Mitleid mit ihm, er iſt Dein Bruder? Wohlan, ich bin dieſer uUnglückliche, dieſer Bruder... Ach, Grauſamer! habe Mitleid mit mir; ſey dem jähen Felſen nicht ähn⸗ lich, den der Schiffbrüchige vergebens aus der Tiefe der Wellen zu erklimmen ſtrebt!... Sieh mich zu deinen Füßen, ſieh meine Thränen!... Laß mich einen Augen⸗ blick mit der Fremden ſprechen; ein Wort von ihr, und ich ſcheide. Ich bedarf auch deiner Verzeihung, öffne mir deine Arme, laß mich an deiner Bruſt ruhen!... Ach! ich vin eines Herzens bedürftig, das mich beklagt.“ Arthurs bleiches Geſicht, ſein rührendes Ausſehen, ſeine flehende Stimme erweichten den frommen Abt. Er öffnete dem Jünglinge die Arme, und drückte ihn an ſei⸗ ne Bruſt. „Bleibe hier,“ ſagte er:„Dein Schmerz iſt un⸗ widerſtehlich, und ich gebe Deinen Bitten nach. Du darfſt Waldburg nicht ſehen; Dein Anblick würde ihn tödten; doch vielleicht kann ich von ſeiner Schweſter erlangen, daß ſie Dich noch ein Mal anhört. Sch will es wenig⸗ ſtens verſuchen. Aber, Arthur, Deine unterredung ſey kurz, ſie ſey das letzte Lebewohl.“ Mit dieſen Worten ging der Prior in das Haus. Der Graf wird alſo die Fremde wiederſehen. Wird er bei ſeinen Leiden und ſeiner Schwäche dieſe Probe aus⸗ halten? Er beſtieg den Felſengipfel am See. Sein Auge ſchien die Tiefe des Abgrunds zu meſſen. Forderte er ein Grab von ihm? Suchte er den Platz dazu im voraus aus? Alais erſchien nicht. Arthur erinnerte ſich ihrer Großmuth vor den Richtern, und erkannte darin ihren geheimen Wunſch, ſein Leben von Gefahr zu bewahrenz alſo mußte ſie doch einige Neigung zu dem Menſchen ha⸗ ben, den ſie auf Gefahr ihres eigenen Lebens retten woll⸗ te. Ach! wenn er von ihr geliebt war, wie mußte auch ſie in dieſem Augenblicke leiden! Dieſer Gedanke quälte und entzückte ihn. Unbegreiflicher Widerſpruch des menſch⸗ lichen Herzens. Der leidenſchaftliche Liebhaber wünſcht dem Herzen der Geliebten zugleich ſeine eigene Qual, ſeine eigenen Leiden, und doch auch die Ruhe des Glücks. Das Geſtirn der Nacht beleuchtete mit ſeinem Sil⸗ berſcheine die weißen Säulen des Landhauſes. Die Woh⸗ nung des Barons erhob ſich einſam und ſchweigend auf dem Felſenrücken. Es war um die geheimnißvolle Stun⸗ de des zärtlichen Nachdenkens; das halbverſchleierte Licht lud zur Liebe ein, und in der Natur herrſchte die harmo⸗ niſche Ruhe, die melancholiſche Vorläuferin der ſüßen — — — —,— — ſchamhaften Geſtändniſſe, welche die Seele zur Empfin⸗ dung bewegt. Arthur ſah ſich um, und jeder weiße Gegenſtand ſchien ihm die Fremde zu ſeyn; er horchte, und alle Lau⸗ te der Natur waren für ihn Alaiſens Stimme. Endlich flatterten die leichten Falten eines Schleiers unter dem Säulengang des Pavillons. Alais, bleich und ſchwankend, näherte ſich langſam dem Grafen. Sie ſuch⸗ te, ſie erblickte ihn, und beſchleunigte anfangs ihre Schritte; aber plötzlich blieb ſie unentſchloſſen und un⸗ beweglich ſtehen; ihre auf Arthur gerichteten Augen konn⸗ te ſie jedoch nicht mehr von ihm abwenden, und ſie wäre der Sonnenwende zu vergleichen geweſen, die unbeweg⸗ lich gegen das Licht des Tages gerichtet iſt, ſie zu ſich hinzieht. Schöner als die Hoffnung, wenn ſie dem unglücke erſcheint, erhob die Fremde ihren Schleier, und dieſe ein⸗ zige Bewegung rief Arthur'n zu ihr. Er eilte ihr ent⸗ gegen und zog ſie unter die Schatten der Bäume. „Alais!“ rief er:„ſprich ſelbſt mein n aus. Soll ich leben oder ſterben?* „Arthur!“ ſagte die Fremde zitternd:„Du ſollſt leben, aber nicht für mich.“ „Das heißt: Du ſollſt ſterben.“ „Arthur! Ehre und Pflicht.. „Ehre und Pflicht! eitle Phantaſteen. Was ſich den Geſetzen der Natur und des Gefühls widerſetzt, iſt nur eine Einrichtung der Menſchen, kein Gebot Gottes. Alais! o meine Vielgeliebte! für mich gibt es keine Ge⸗ genwart, keine Zukunft mehr, wenn Du mich aus Dei⸗ nem Angeſicht verbanneſt. Das Schiff ohne Segel und Ruder, das der Organ während der Nacht auf den Flu⸗ ten umher wirft; der vom Jäger verwundete Vogel, der ſeinen zerriſſenen Fittig auf dem Raſen ausbreitet, den er mit Blut bedeckt; die von dem Barden vergeſſene Har⸗ fe, deren Saiten alle zerriſſen ſind: das bin ich, fern von Dir.“ Das ſanfte Licht des geſtirnten Himmels ſtahl ſich durch die Blättterzweige, und beleuchtete Arthurs edel ſchöne Geſtalt. Die Fremde ſah ſeine Leiden in ſeinen Zügen ausgedrückt; ſein männliches Geſicht drückte ſeine Qualen aus. Sollte ſie denn grauſam genug ſeyn, ſeine Schmerzen zu vermehren? „Lieblingswerk des Schöpfers!* hob er leiden⸗ ſchaftlich wieder an:„ich entſage allem, außer Dir. Für mich gibt es in dieſem Thränenthal nichts außer Ala⸗ is!„Als ſich mir die Welt öffnete, erſchienſt Du mir zuerſt; Das Ideal der Glückſeligkeit nahm eine göttliche Form anz es war die Deinige, Du warſt es. Ich hatte Dich geträumt, ich ſah Dich. Mein Geiſt, mein Herz, die ganze Natur, alles rief mir zu: Komm! da iſt ſie! Es ſtand nicht in meiner Macht, Dich nicht zu lie⸗ ₰. — ———————— beſtürzte Fremde.„Vergebens will Dein Muth und Dei⸗ ben; ſollteſt Du es vermögen, mich nicht zu lieben? Nein: die eiſerne Hand des Schickſals will Dich verge⸗ bens mir entreißen; den Menſchen, den Geſetzen, der ganzen Welt, und ſelbſt dem Himmel zum Trotz, muß Arthur geliebt werden.“ 6 Große Leidenſchaften haben die Gewalt der ueber⸗ redung. Alais hörte Arthurn an; wie wäre es ihr mög⸗ lich geweſen, bei ſeinen glühenden Wünſchen unempſind⸗ lich zu bleiben? „Nie wirſt Du mir es bekennen,“ fuhr er fort: „aber ich habe Dein Herz oft bewegt. Es muß ſo ſüß ſeyn, geliebt zu werden wie ich liebe. Vor dem Tribu⸗ nal, wo Du mich verderben konnteſt, haſt Du ja für mein Leben gezittert]. ja! ohne den grauſamen Rath, den man Dir gibt, würdeſt Du in Arthurs Wünſche willigen. Sie haben Dir geboten, mich zu fliehen, die Barbaren! Mit welchem Rechte könpen ſie das?„. Alais! mag die Erde unter meinen Füßen wanken, mag das Feuer des letzten Gerichtes die ganze Natur verzeh⸗ ren, mögen alle Schwerdter der Erde auf einmal über meinem Haupte erhoben ſeyn, mag der Himmel ſeine Donner über mich ſchicken, nichts, nein nichts, ſo lan⸗ ge noch ein Lebenshauch in mir iſt, nichts ſoll mich von Dir trennen.“ „O wie zerreißeſt Du mein Herz 7 * erwiderte die ne Kühnheit mit dem Geſchicke ringen. Muß ich Dir es nochmals wiederholen, daß wir uns nicht angehören kön⸗ nen.„2 Ich muß ewig allein bleiben. Dieſer Gedanke hatte ehedem nichts furchtbares für mich; ferne von der Welt und den Menſchen, fühlte ich mich nur allein da⸗ ſtehend. Guter Arthur! ich geſtehe es, jetzt ſehe ich es zum erſten Male, daß ich künftig allein ſeyn werde.“ „Theure Alais! meine Vielgeliebte!“ rief Arthur mit Entzücken:„Du, die Schönheit, die Tugend ſelbſt.. Du, die Fleckenloſe..5 Die Fremde unterbrach ihn mit einem Schrei des Schmerzes. „Fleckenlos, hüllend:„ſage das nicht zu mir, Fleckenlos armer Arthur, Du kennſt mich noch nicht.“ „Schreckliches, entſetzliches Geheimniß!“ ſagte der Graf verzweifelnd. „Wenn ich todt bin,“ fuhr ſie fort:—„und das wird bald ſeyn, denn(ſie legte die Hand auf das Herz) hier fühle ich die Vernichtung ſchon;— Arthur verthei⸗ dige mein Andenken! diejenige, welche Du ſo leidenſchaft⸗ lich liebteſt, mußte einige Tugenden beſitzen. Zu derſel⸗ ben Stunde, die Zeugin unſers letzten Abſchieds iſt, zu dieſer ſtillen Stunde, wo die Gedanken der Wehmuth ſchwerer auf unſrer Seele laſten, denke dann an die, die nicht mehr iſt; dann ſchwebe ihr Name auf Deinen 55 wiederholte ſie, ſich das Geſicht ver⸗ —,— ————— — —,— ————— Lippen, und gedenke ihrer vor Gott in Deinem ſtillen Gebete.„ Ich habe ſchon zu viel geſagt.„„ Es iſt ſpit Izsit „Bleibe, bleibe!* ſchrie Arthur, im Begriff ſei⸗ nen Leiden zu unterliegen:„wie ſchrecklich auch Deine Worte ſind, es iſt mir Bedürfniß, Deine Stimme zu hö⸗ ren; ſie hält mich noch am Leben feſt, das erlöſchen wird, ſobald Du mich verläſſeſt.„. Aus Erbarmen, gönne mir noch einige Worte.“ Die Fremde ſchien mit gebeugter Stirne einige Mi— nuten in das tiefſte Nachſinnen verloren zu ſeyn. Plötz⸗ lich aber erhob ſie ihr Haupt mit großer Lebhaftigkeit... und es malte ſich in ihren Blicken etwas, welches einen ſtarken Entſchluß zu verkündigen ſchien. 175 * „Arthur!“ ſagte ſie mit feierlichem Tone:„wenn Euer Herz ganz mein iſt, wenn Ihr mich wirklich ſo wahrhaft liebt als Eure Worte es betheuern, ſo ſchwört mir im Angeſicht des Himmels, dem heiligen Gebote zu gehorchen, welches ich Euch auferlegen werde!“ „Befiehl Alais! ich gehorche!“ antwortete der Graf ermattet, denn ſeine Kraft verſiegte nach und nach unter dem Gewichte ſeiner Leiden:„ich werde allen Deinen Wünſchen gehorchen, wenn Dein Gebot mich nur nicht aus Deiner Gegenwart verbannt.“ „Nein, dieß Gelübde, ich ſchwöre es Dir, verſagt Dir nicht, mir zu nahen.* „Wohlan,* rief Arthur:„ſiehe die Größe Deiner Macht über mich! erkenne meine gänzliche Ergebung. Ich ſchwöre im Angeſichte des Himmels, blindlings Dei⸗ nem Gebote zu gehorchen, dem ich mich im Voraus un⸗ terwerfe.“ „Großer Gott,“ ſagte die Fremde:„Du em⸗ pfängſt ſeinen Schwurz gib ihm die Kraft, ihn zu erfül⸗ len! gib mir den Muth, ihn zu hörenz und möge die ſchwere Selbſtverläugnung, die ich in dieſem Augenblick Dir darbringe, möge ſie die Verirrungen meines Lebens auslöſchen.* Sie wandte ſich zu dem Grafen; ihre Hand war zum Himmel erhoben. Die innere Ueberzeugung, daß ſie ihre früheren Vergehungen durch ihr gegenwärtiges Opfer austilgen würde, gab ihrem himmliſchen Geſicht einen übernatürlichen Ausdruck, ihrer Stellung etwas Erha⸗ benes. „Das iſt mein Gebot, Arthur!“ ſagte ſie mit feſter Stimme:„Vermähle Dich mit Iſoletten!“ Das ſchreckliche urtheil war geſprochen. Durch die Sterne der Nacht beleuchtet, bleich und fantaſtiſch, wie ihr wechſelnder Schimmer, ſchien ſie ein Geiſt Gottes zu ſeyn, der die Gebote des Herrn überbrachte, und nun bereit iſt, nach den Wolken zurück zu fliehen. Arthur, wie vom Blitz getroffen, blieb unbeweglich ſtehen; dann eilte er Alaiſen nach, die ſich raſch entfern⸗ ——————— te; aber der Abt von Sonct Irenäus, der ungeſehen die letzten Worte der Fremden gehört hatte, trat plötzlich hinter den Bäumen hervor, und ſtellte ſich zwiſchen beide. Alais ging in das Haus; ach! und vielleicht auf immer waren die Liebenden getrennt. Der Prior faßte Athurs Arm mit unwiderſtehlicher Gewalt, und zog ihn mit ſich fort. Sie waren bald am Fuß des Feſens; eine Barke nahm ſie auf, und ſie ru⸗ derten gen Montolin. 2c 1c 7 — ₰ achtes B uch. Das eben iſt die wunderbare Macht Der Schmerzen, daß ſie, ſtählend unſre Bruſt⸗ uns zwingt/ einher zu gehn in unſrer Stärke. Gehe(Dido)⸗ Fünf Mal hatte eine neue Morgenröthe die Berggipfel von Montolin vergoldet. O wie ſehr hatte dieſe kurze Zeit alles in dem Schloſſe umgewandelt. Es ertönte nicht mehr das fröhliche Jagdhorn unter den Fenſtern des Herrn⸗ hauſes; es gab weder Jagd noch Bankete mehr. Das Hundegebell verkündigte nicht mehr beim Aufgang der Sonne den fröhlichen Aufbruch der Verehrer Dianensz und die Fackeln in der großen Galerie erleuchteten keine Feſtgelage mehr. Alle Geiſter waren bewegt, alle Ge⸗ ſichter niedergeſchlagen; Schmerz, Sorge und Beſtürzung herrſchten in den Mauern, wo ſonſt die Freude geweilt 1 hatte. Warum doch dieſe traurige Veränderung? Arthur, der unglückliche Arthur, auf dem Schmerzenlager hinge⸗ ———— ſtreckt, war, wie man ſagte, am Rande des und hatte nur noch kurze Zeit zu leben. Doch am ſechsten Tage ſchimmerte ein Strahl der Hoffnung. Der Arzt von Montolin war weniger unru⸗ hig über den Zuſtand des Kranken. Arthur war aus der Lethargie erwacht, in welcher er über hundert und zwan⸗ zig Stunden gelegen hatte. Er erkannte einige der um⸗ ſtehenden, er nahm Nahrung zu ſch⸗ und ſprach einige Worte aus. Olburg erſchien vor ihm; Arthur zog die Augen⸗ braunen zuſammen, ſein Bilck entflammte ſich. Olburg ſuchte ſich eilig wieder zu entfernen; denn wenn er ſeinen Zögling geneſen ſehen wollte, ſo durfte er ſich ihm nicht mehr nähern. Das hitzige Fieber, welches Arthurn verzehrte, hat⸗ te endlich etwas nachgelaſſen; aber, o beklagenswerther Zuſtand! eine moraliſche Schwäche geſellte ſich zu ſeinen phyſiſchen Leiden, und beraubte ihn des freien Gebrauches ſeiner Verſtandeskräfte. Er blickte um ſich, man wußte nicht ob er hörte; er ſchien nachzudenken, aber nichts be⸗ zeugte, daß er dachte! Ach! man ſah wohl daß er exiſtir⸗ te, aber man konnte nicht ſagen, ob er wirklich lebte. Kein Klagelaut entſchlüpfte ſeiner Bruſt; keine Unzufriedenheit war in ſeinen Zügen ſichtbar; kein bittres Wort kam über ſeine Lippen. Arthur, ſonſt ſo heftig, war jetzt ſanft wie ein neugeborhes Lamm, friedlich wie z. die Quelle in der Wüſte, traurig wie die Abendglocke. Sein Kummer war ſtumm ünd feierlich. Allen Freuden des Lebens abgeſtorben, vermied er alles was ihn zer⸗ ſtreuen konnte. Richts beſchäftigte ihn, nichts bewegte ihn; ſeine eignen Leiden waren ihm fremd. Schwach, abgezehrt, bleich klagte er nie über Schmerzen; aber ſein geduldiges erzwungenes Lächeln verkündete ſeinen troſtloſen Schmerz mehr als es die lauteſte Klage gethan haben würde. Aller Welt unerklärbar, ſchien er ſich ſelbſt ein Räthſel zu ſeyn⸗ Welches iſt denn die ſtille reſignirte Verzweiflung, die ſich den Wohlthaten der Kunſt widerſetzt, und die Natur beſiegt, gleich der unſichtbaren Quelle, die einen“ Felſen aushöhlt, und ihn umſtürzt?— Die völlige Ent⸗ muthung eines edeln Herzens, das über ſich ſelbſt und die Menſchen unzufrieden iſt, das keine Wünſche, keine Zukunft mehr hat, und das vor ſeiner nackten entzauber⸗ ten Exiſtenz mit Verachtung und Ekel zurücktritt. Die große Glocke auf dem Schloßthurm hatte die erſte Stunde der Nacht geſchlagen. Arthur ſchlug die Augen auf, und warf die Blicke um ſich. Eine Lampe veleuchtete mit mattem Schimmer ſein Gemach. Iſolette weilte an ſeinem Lager, und wachte ſchweigend bei ihm. Gott! welche Veränderung war mit ihr vorgegan⸗ gen! Ihre Wangen, vom Schmerze gehöhlt, thränen⸗ vaß, hatten ihre Roſenfarbe, ihre glänzende Friſche ver⸗ ² zerriſſen, welche das Gewebe ihrer ſchönen Tage bilden loren. Die Stunden, welche ſie während Arthurs Krank⸗ heit ihm nicht weihen konnte, hatte ſie in der Kapelle zugebracht; ſie war ſtets mit ihm beſchäftigt; ſie wachte immer für ihn. Der jungen frommen Liebenden war das Gebet Bedürfniß, war das Gebet Liebe. 1 Das Feuer ihrer Blicke war erloſchen; ihre Fröh⸗ lichkeit war entflohen; kein Lächeln ſchwebte mehr auf ihren Lippen, nur der Tod wohnte in der Tiefe ihrer Seele. Glänzende Roſe des Schloſſes, früher hatte man dir den Gott der Herzen mit Blumengewinden geſchmückt geſchildert, wie Glück und Freude ſeinen Schritten folg⸗ tenz du ſuchteſt allenthalben ſein Bild; betrachte Dich, und du ſiehſt die Liebe. Der Graf beobachtete Iſoletten beim matten Schein der Lampe. Das Haupt in ihre Hand geſtützt, ſaß die Jungfrau unbeweglich, und weinte. Arthur hatte, wäh⸗ rend der Tod ihm drohte und er nichts zu ſehen ſchien, dennoch ihre Sorge um ihn, ihr gänzliches Selbſtvergeſ⸗ ſen, ihre Hingebung bemerkt. Ach! er hatte ihr Leben getrübt, hatte ihren Frühling entblättert; er hatte ihr ſogar die Zufriedenheit mit ſich ſelbſt geraubt; denn oft hatte die unglückliche wiederholt:—„Wenn Arthur mich nicht geliebt hat, ſo muß ich wohl nicht liebenswür⸗ dig geweſen ſeyn.“ Ein böſer Genius, hatte er die lieblichen Fäden ſollten, hatte er ihr jede glückliche Ausſicht entrückt; hatte er ſie durch unheilbare Leiden ſich ſelbſt gleich ge⸗ macht. Iſolette hoffte nichts mehr für ſich von der Zu⸗ kunft. Alle ihre Tage, ihre Gefühle, ihre Stunden waren gleichförmig... Ach! warum mußte ſie ſo ſchön und rein, ſo zärtlich lieben! Arthur betrachtete ſie ge⸗ rührt; er ſah, welche Verheerungen die Zärtlichkeit für ihn bei ihr angerichtet hatte; und das Mitleid ward in ſeinem Herzen rege. —„Iſolette!“ ſagte er:„Seyd Ihr es?“ Bei dieſem unerwarteten Rufe bebte die überraſchte Jungfrau zuſammen. Es war zum erſten Male, daß er ihren Namen ſo ausſprach, und der ſanfte Ton ſeiner Stimme hatte etwas ungewöhnlich zärtliches angenommen. Sollte es der erſte Erguß einer entſtehenden Neigung ſeyn, der glückliche Vorbote einer ſüßen Annäherung? Iſolettens Herz ſchlug in dankbarer Freude. Wie wenig bedarf es, um der Liebe ihren Zauber zurück zu geben, ſelbſt wenn ſie ſchon verzweifelt! „Ja,“ erwiderte die verwirrte Jungfrau:„ich bin da, ich bin immer da. Glücklicher Augenblick! Arthur ruft mich.“ „Gute Iſolette!“ ſagte er, ſich dem Gegenſtande der uUnterhaltung nähernd, den er ſo ſehr zu fürchten hat⸗ te:„Großmüthige Freundin, die ſo grauſam für meine —iee Vergehungen gelitten hat.. wie, Du vergibſt mir ſchon?“ „Arthur!“ antwortete ſeine ſanfte „ich habe viel gelitten aber nur weil Du litteſt. Warum ſprichſt Du mir von Vergehungen? ich habe mich nie über Dich beklagt.“ Er drückte ihre Hand in die und ſtieß ei⸗ nen tiefen Seufzer aus:—„Ich hatte das Glück in meiner Macht,“ ſagte er:„und ich habe es verworfen. Iſolette, ich habe Dich verkanntz ich bin Deiner Sorge unwerth; ich verdiene Deine Thränen nicht.“ „Theurer Arthur!“ rief Iſolette:„Habe ich denn das Recht, Dir Vorwürfe zu machen? biſt Du nicht Herr Deiner ſelbſt? Die Liebe läßt ſich nicht erzwingenz ich konnte Dir nicht gefallen, das iſt ja Deine Schuld nicht. Wenn Du es wünſcheſt, ſo will ich mich in Deinen Au⸗ gen zu verſchönern ſtreben, und was mir fehlet, zu er⸗ reichen ſuchen; vielleicht gefalle ich Dir dann einſt. Wenn bis dahin ein glänzendes Meteor Dich mir entziehet, wenn Du mich verlaſſen wirſt, ſo werde ich nichts ſagen, ſondern warten, denn Du kehrſt zu mir zurück.“ „Nein,“ ſagte der Graf erweicht:„wenn ich das Leben erhalte, ſo verlaſſe ich Iſoletten nicht mehr. Ich habe geſchworen Ihr Gatte ſeyn, wollte er hinzufügen, aber die fürchterlichen Worte konnten ſeinen Lippen nicht entgleiten. „Was wollte ich Dir von einer Vermählung ſpre chen?“ hob er wieder an:„Ich ſtehe am Ende meiner Bahn, ich fühle es; es gibt keinen Trauring für mich. Iſolette, ich werde vor den Menſchen verſchwinden wie die ſcheue Gemſe in den Haiden, ohne die Spur eines Trit⸗ tes zu hinterlaſſen. Ich werde unbekannt ſterben; Nie⸗ mand wird von Arthur ſprechen. Gleichwohl war es in meiner Wahl, etwas zu ſeyn. Ich hatte eine kühne thätige Seele. Wie ſteil auch die Felſen ſeyn mochten, mit welchen die menſchliche Lebensbahn beſdet iſt, ich fühlte die Kraft in mir, ſie zu erklimmen; aber die Ver⸗ nunft hat mich verlaſſen.. Eine Erſcheinung hat alles zerſtört.„ ſie war ſo ſchön.. Es iſt vorüber und fern von mir ſind die vergangenen Träume.* Arthur unterbrach ſich einen Augenblick; ſein ge⸗ hemmter Athem verſtattete der Menge ſeiner Gedanken keinen freien Durchgang. „Iſolette,“ fuhr er fort:„als Abkömmling von Königen und Helden, hätte ich meinen Vätern nachahmen ſollen, ich hätte Ruhm erwerben können, und ſteige nun ungekannt in das Grab, ohne daß mein Tod bemerkbarer wird, als es mein Leben war. Kein Weſen auf Erden wird mich bedauernz ich habe es nicht verdient. Du al⸗ lein wirſt auf meinem Grabe weinen; Du allein. wenn ſie nicht auch hingeht; ſie, Iſolette, ja ſie! ½ — Du weißt von wem ich ſpreche. Wenn Du ſie je dort antriffſt, ſo fliehe nicht von ihr, weinet zuſammen.* Die Jungfrau von Montolin wendete das Geſicht ab; ſie ſchluchzte laut und wollte ſich entfernen. Arthur erhob ſich mit großer Anſtrengung. „Verlaß mich nicht!“ rief er, die Arme nach ihr ausſtreckend.„Iſolette! meine Schweſter! meine Freun⸗ din! laß mein Haupt an Deinem Buſen ruhenz nur da kann ich ohne Schmerzen Thränen vergießen. Komm! für meine Leiden gibt es außer dieſem keinen Platz auf Erden; verſtoße Deinen Freund nicht!. Seine letzte Zuflucht biſt Du.“ Die ſanfte Jungfrau des Schloſſes war ihm wieder näher getreten; ſie konnte ſeinen Bitten nicht widerſte⸗ hen; die Worte des Mannes, den ſie liebte, mochten ſie auch ihr Herz zerreißen, waren dennoch für ſie nicht ohne Reize. —„Es iſt Dir nicht unbekannt, daß ich geliebt habe,“ ſagte er.„Als ich ſie ſah.... O vergib.... Dir ſollte ich das nicht ſagen! Nein, aber Du biſt die Güte ſelbſt, und dann es iſt ſo kurze Zeit es war geſtern. Mit der Zeit, und bei Dir, wenn ich leben bleibe, bei Dir werde ich vergeſſen können.... Ja, ich werde vergeſſen, aber jetzt noch nicht. Tröſtende lie⸗ bende Jungfrau, Du biſt mir theuer, Du mußt mich be⸗ klagen. Wenn ich einſt Dein Gatte bin, und Du in meinen Augen eine ſtille Thräne entdeckeſt„„„dann ſey nachſichtig, frage mich nicht; und vor allem, härme Dich deshalb nicht. Meine Schwüre gelten nur Dir; aber gönnè ihr von Zeit zu Zeit einen ſtillen Seufzer. Sprich! vergönneſt Du mir das?“ „Lieber Arthur!“ ſagte die großmüthige Iſolette mit bebender Stimme:„der Prieſter vereinige uns, und wenn Du mich liebſt, vin ich dann nicht glücklich ge⸗ nug?— Deine Worte, wie grauſam ſie auch ſind, er⸗ höhen Dich nur in meinen Augen und zeigen mir, wie ſehr Du lieben kannſt. Wenn Du gänzlich zu mir zurück kehrſt, Arthur! dann wirſt Du mich eben ſo ſehr lieben. Welche ſüße Hoſſnung für die Zukunft! welchen Kummer kann man dafür ertragen!.. RNein! Dein Geſtändniß betrübt mich nicht; Dein Herz war immer ferne von mir, jetzt nähert es ſich.„. Es wird ſich noch mehr nähern. Ja Arthur! wir wollen von ihr ſprechen;. Du wirſt mir ſagen, wie ſie geweſen; ich werde ihr zu gleichen ſuchen; komme zu mir, gleichviel wie!“ Ewiger Richter!“ rief Arthur:„welch ein gött⸗ liches Geſchöpf iſt Iſolette. Gib den Sterblichen, die Du liebſt, gib ihnen eine Gefährtin wie ſie. 3 Durch die erſte Rückkehr zarter Lebensgefühle an⸗ gegriffen, ſank er auf ſein Lager zurück, und ſagte mit 1 ſanftem aber klagendem Tone:—„ Iſolette, ich wün⸗ ſche den Prior von Sankt Irenäus bei mir zu ſehenz alſo ſeine Treue beſiegen. Alais, er entſagt dir! N wenn er Theil an unſerm Schickſale nimmt, ſo mag er morgen hierher kommen.“ Arthurs und Iſolettens rührendes Geſpräch blieb ohne nachtheilige Folgen für den Grafen. Ein ruhiger Schlaf hatte ſeine Kräfte geſtärkt; und als am folgen⸗ den Tage der Abt auf Montolin erſchien, war Arthurs Leben außer aller Gefahr. Alaiſens unglücklicher Liebhaber hatte einen be⸗ ſtimmten Entſchluß gefaßt. Sklave ſeines Wortes, war er unfähig einen Schwur zu brechen; und obgleich der letzte, den er ausgeſprochen, ihm wider Willen entriſ⸗ ſen worden war, ſo war er doch entſchloſſen, ihm treu zu bleiben. Er zweifelte nicht, daß zwiſchen ihm und Alais eine Scheidewand erhoben ſey, die keine menſchliche Macht zu überwinden vermogte. Er war völlig überzeugt, daß ſie ſich nie einander angehören könnten, und doch konnte er es der Fremden nicht verzeihen, daß ſie ihm das fei⸗ erliche Verſprechen abgezwungen hatte, ſein Schickſal mit Iſoletten zu verbinden. Wie hatte ſie ihre Gewalt über ihn mißbraucht. Wie hatte ſie ſein Vertrauen be⸗ nutzt, um ihn an ihre Nebenbuhlerin zu ketten. Sie hatte ihn alſo nie geliebt, da ſie noch ein Hinderniß mehr jenen hinzufügen wollte, die ſchon zwiſchen ihnen aufge⸗ ſtellt waren. unwille, Zorn und Entmuthigung ſollten * Welch ein Kontraſt zwiſchen den beiden Nebenbuh⸗ lerinnen! Die eine, unempfindlich gegen die Beweiſe der leidenſchaftlichſten Liebe, wieß beſtändig ſeine Schwüre zurück, und ſchien ſich an ſeinen Qualen zu weidenz die andere, die er verſchmäht und verlaſſen, eilt allen ſeinen Wünſchen entgegen, leidet ſo ſehr wie er ſelbſt bei ſei⸗ nem Kummer, und vergibt ihm großmüthig die grauſam⸗ ſten Beleidigungen. O, nur der Wahnſinn könnte ihn noch zu der Fremden hinziehen; Ehre, Pflicht und Dank⸗ barkeit riefen ihn zu Iſolettens Füßen. Er ſchwankte nun nicht mehr; er wird die ſanfte Jungfrau von Montolin zum Altare führen; mit einer ſolchen Gefährtin kann ei⸗ nem das unglück unmöglich erfaſſel. Der Prior von Sankt Irenäus ſetzte ſich zu den Häupten ſeines Bettes.—„Graf von Ravenſtel,“ ſag⸗ te er:„Ihr habt mich rufen laſſen, was wollt Ihr von mir?“ „Diener Gottes!“ antwortete Arthur mit ernſtem Tone und mit ſolch leiſer Stimme, daß man glauben konnte, er würde vor ſeinen eigenen Worten erſchrecken: „Ihr wißt, welchen Schwur ich ausgeſprochen. Ihr war't es ohne Zweifel, der vor meiner letzten Zuſammen⸗ kunft mit ihr, der Fremden ihr Benehmen vorgeſchrieben. Ihr habt den Auftritt vorbereitet, und uns belauſcht... Es war eine ſchreckliche Szenez doch gleichviel, die Stun⸗ — 45 de der Vorwürfe iſt vorüber. Ihr habt eine Pflicht zu erfüllen geglaubt, es iſt geſchehen und Gott richte!“ 55 „Arthur!„ unterbrach der Prior. „Kein Wortwechſel finde zwiſchen uns ſtatt,“ ſag⸗ te Arthur lebhaft, mit ſcharfer ſchneidender Stimme: „laßt uns nicht mehr von ihr ſprechen, nicht mehr auf die Vergangenheit zurückkommen; denn dort war Liebe, Bluk, Grab, und alle menſchlichen Qualen... laßt uns gegeneinander aufheben.... Ich bin ruhig, Ihr ſeht esz aber wenn ihr lange dabei ſtehen bliebet, ſo würde Eure Stimme tauſend Erinnerungen erwecken. ach! ich habe ſchon alles vergeſſen, was ich Euch ſagen wollte; mein Kopf und meine Gedanken verwirren ſich.“ „Euern Eid,* ſagte der Prior. „Ganz recht, ich danke Euch,“ fuhr Arthur finſter fort:„Ich will ihn erfüllen, dieſen Eid, will Iſoletten und den prieſterlichen Segen zwiſchen die Fremde und mich ſtellen. Ich werde an den Altar gehen„ ja, ich werde; es wird ein fürchterlicher Augenblick ſeyn, aber er wird vorübergehen wie ſo viele andere. Die Gröſ⸗ ſe meines Opfers, die Leiden, zu welchen ich mich ver⸗ damme, vermögt Ihr, Prieſter, nicht zu begreifen!. deſto beſſer, ich wünſche Euch Glück. Bleibt glücklich und ruhig im Schooße Eurer unempfindlichkeit. Fahrt fort, keine Wünſche zu faſſen, bereuet nichts, liebet nichts; ſeyd lebend im Grabe, man muß Eures Glei⸗ chen haben unter uns.“ Der Prior erhob ſich ruhig.—„Graf!“ ſagte er mit ſtrengem Tone:„ich entferne mich. Ihr führt im⸗ mer eine beleidigende Sprache... Aber Ihr leidet, Ihr ſeyd zu beklagen; ich vergebe und ſchweige. Wenn Euer Geiſt wieder ruhig iſt, und Ihr keine Schimpfreden mehr an mich richten werdet, dann Arthur, will ich wiederkom⸗ men. Glaubt, daß alles, was meine Pflicht mir zu thun erlaubt, ich freudig ergreifen werde, um Euern Schmerz zu lindern.“ „Ich bitte, entfernet Euch nicht!“ rief Arthur. „Vergebt dem unglück ſeine Klagen. Ich habe Euch be⸗ leidigt, ich weiß es; ich hatte unrecht, ich kenne Eure Tugend, Ihr ſeyd ein heiliger würdiger Apoſtel; aber Ihr ſeyd auch zu ſehr über Eure Mitmenſchen erhaben, Ihr ſteigt nicht tief genug zu den Schwachen dieſer Erde herab. Wir werden uns nie verſtehen, ich ſtehe zu tief und Ihr zu hoch.“ Der Abt ſetzte ſich wieder nieder.„Alſo iſt Euer Entſchluß gefaßt,“ ſagte er:„Ihr werdet Euch mit Iſoletten vermählen?“ Arthur ſchauderte bei dieſen Worten; ſie waren zu raſch, zu unvorbereitet ausgeſprochen worden; nichts hat⸗ te ſie herbeigeführt. Man bedarf ſo vieler Schonung und Behutſamkeit, um ein leidendes Herz zu erleichtern. Rur die Frauen verſtehen die große Kunſt, das Gewicht menſchlicher Betrübniß zu erleichtern; ſie laſſen Troſt em⸗ pfinden, ehe ſie ihn noch ausgeſprochen, und wiſſen das Gute, welches ſie verrichten wollen, vorzubereiten. Ohne Vernunftgründe überzeugen ſie; ohne Beredſamkeit rühren ſie. Ach! um zu tröſten und zu beklagen, muß man zu⸗ erſt ſelbſt empfinden können. „Ja, ich werde mich mit Iſoletten vermählen,* hob Arthur mit Eiſeskälte nach langem Schweigen wieder an:„ich bin dazu entſchloſſen; ich werde meinen Schwur erfüllen, aber nur unter einer Bedingung. Sie wird Euch ohne Zweifel ſeltſam, abgeſchmackt vorkommen, aber ich beſtehe feſt darauf; und alles was ihr mir ſagen wer⸗ det, mich davon abzubringen, wäre nur vergebens. Hört! Diejenige, welche meine Vermählung for⸗ derte, ſey bei der Trauung zugegen. Die Fremde ſey Zeuge in der Kirche und ſehe mein Opfer. Wenn Alais meine letzte Bitte verſagt, ſo gilt mein Schwur mir nichts mehr. Geht zu ihrz das war's, was ich Euch zu ſagen hatte; ſagt ihr, mein Entſchluß ſey unwiederruflich. Ihr werdet mir ihre Antwort mittheilen.“ „Aber bedenkt“ ſagte der Prior. „Es iſt genug,“ unterbrach ihn der Graf:„zwi⸗ ſchen uns iſt jetzt alles ausgeſprochen..... Eine Qual mehr iſt vorüber z habt Barmherzigkeit, geht.“ und ſchweigend entfernte ſich der Abt. Die Antwort der Fremden blieb nicht aus; ſie wil⸗ gte in Arthurs letzten Wunſch. Sie wollte bei der Vermählung gegenwärtig ſeyn, aber mit verſchleiertem Geſicht; er ſollte ſie nur aus der Ferne ſehen, ſollte ſie nicht ſprechen; und unter den Anweſenden verborgen, wollte ſie nur von Arthur erkannt ſeyn⸗ Endlich war der Graf dem Leben wiedergeſchenkt; ſeine Wunde war faſt völlig zugeheilt. Zwar war ſein Geſicht noch bleich und niedergeſchlagen, aber von Zeit zu Zeit ließ eine ſeinen Beobachtern unbekannte innere Bewegung, das Blut mit Heftigkeit in ſeine Wangen ſteigen; ſein Geſicht belebte ſich, ſeine Augen glänzten, und dann war er mehr als je der ſchöne Graf von Ra⸗ venſtel. Nit ſeiner phyſiſchen Kraft hatte er ſein moraliſches Aufwallen wieder erlangt; doch war ſeine Laune gänzlich verändert. Er ſtrebte, ſich zu bekämpfen, er verſuchte, ſeine Gefühle zu verbergen; aber ſein Aeußeres wider⸗ ſprach ſeiner unverſtellten Seele, ſeine erzwungene Ruhe kämpfte mit dem unterdrückten Feuer, und machte ihn zu einem ſeltſamen unbegreiflichen Weſen. unſtet, heftig, ungeſellig, durch ſeine Gedanken gequält, und die Mei⸗ nung Anderer zurückweiſend, waren ihm die Menſchen, und mehr noch er ſich ſelbſt, zur Laſt. Er hatte Iſolettens Hand feierlich von dem Herrn vn M von Montolin begehrt, doch deſſen Antwort kaum abge⸗ wartet. Es wurden große Vorbereitungen zur Vermäh⸗ lungsfeier gemacht, aber nur er bemerkte ſie nicht. Wenn man mit ihm ſprach, ſo ſchien er aufmerkſam, oft mit lebhafter Theilnahme zuzuhören; aber wenn man eine Antwort von ihm erwartete, dann ſchrack er zuſammen, entfernte ſich verwirrt, oder er ſprach einige unzuſam⸗ menhängende Worte aus. Sein Blut war oft wild, ſein Lächeln immer bitter, und in ſeinem Geſpräche drückte ſich abwechſelnd Zorn, unwille und Verachtung aus. Er duldete keine Fragen. Jede Unterredung war ihm peinlich. Er hüllte ſich in ſeinen Schmerz, und ließ Niemanden hinein dringen. Eine beſtändige Ungeduld, ohne ſichtbaren Gegenſtand, hielt ſeine Nerven in ſteter Spannung. Tag und Nacht rang er mit ſeinen Gedan⸗ ken und Erinnerungen; der Thor wähnte ihr Sieger zu ſeyn, und war doch beſtändig ihr Opfer. Die Religion allein wißẽ dieſe exattirte Seele be⸗ meiſtert haben, die nicht an die kalte Regelmäßigkeit gewöhnt worden war, welche die Ereigniſſe des Lebens voraus berechnet; er war nicht gewohnt, ſeine Phanta⸗ ſie auf die Pfeiler der Frömmigkeit zu ſtützen. Der All⸗ mächtige, in welchem er einen Freund und Vater geſucht haben würde, wenn ſein Herz, welches mehr zur Liebe als zur Vernünftelei gewöhnt war, ſeiner eigenen Nei⸗ gung gefolgt wäre; aber Gott ward ihm von Olburg II. 4 nunauflößliches Problem, als eine Abſtraktion Von früher Jugend an in heorieen verloren, in wel⸗ nur als ei ohne Gegenſtand geſchildert. einem Meere hyberloliſcher T cher der chriſtliche Glaube nichts galt, hatte er nur phi⸗ loſophiſche Lehren zu Führern auf der Lebensbahn erhalten. Richts deſtoweniger waren ſeine Gedanken zu geiſtig und fein, um ſich nur an ſinnliche Gegenſtände zu kleben, und hatten ſich immer gern aus den Schranken der Sy⸗ ſteme hinausgeſchwungenz aber durch die Macht der So⸗ phismen in ſeinem Fluge beſchränkt, und dann gleichſam zwiſchen zwei Wellen ſchwebend, rangen ſie mit ſeiner iel, und gehörten we⸗ Natur, hatten weder Weg noch 3 der der Erde noch dem Himmel an. Auch ſuchte er in den Tagen der Betrübniß vergebens Hülfe in ſich, er fand weder eine Stütze, noch Hoffnung. 3 Nur Iſolettens Stimme hatte einige Gewalt über ſeinen Geiſt. Es genügte, wenn ſie vor ihm erſchien, um ieden zu geben. In ihrer Ge⸗ ihm einen momentanen Fr Iſolette war eine Aegide genwart braußte er nicht auf. für ihn, welche die Gewitterwolken verjagte. Wenn ſich der Zorn ſeiner bemächtigen wollte, dann durfte ſie ihn nur anſehen, und er war beruhigt. Wenn er den An⸗ blick der Menſchen fliehen wollte, dann durfte ihr Auge ihm nur winken, und er blieb. Nie entſchlüpfte ihm ein vittres Wort in ihrer Gegenwart; ſie ſah, ſie fühlte ihre War ſie glückch? Nein, „ Macht, und war ſtolz darauf. „ — ber um ide ſich ge gewiß nicht; aber ſie war jung, ſchön, liebend, und ſetzte ihre Hoffnnng auf die Zukanft. Olburg hatte es gewagt, wieder vor ihm zu erſchei⸗ nenz er trat zu ihm, wagte aber nicht ein Wort vorzu⸗ bringen.„Nähert Euch,“ ſagte der Graf:„ich war einſt Euer Zögling, und kann Eure Sorgfalt für mich nicht vergeſſen. Anſtellungen, Reichthum, Penſionen, ſprecht, was verlanget Ihr? Ihr ſollt alles haben, aber ferne von mir.“ „Graf Arthur,* erwiderte Olburg:„geruht mich anzuhören! Ihr ſeyd jetzt ruhiger, und „Ruhiger,“ unterbrach ihn der Graf mit ſardoni⸗ ſchem Lächeln:„Ihr habt Recht, ich bin es, aber gleich den Gegenden, über welche der Würgengel ging.... Die Todtenfelder ſind ruhig; ein erlöſchendes Feuer iſt auch ruhig.“ „Arthur, vergönnt mir einige Worte.“ „Nein, Olburg! ich habe Euch meine Ohren nur zu lange geliehen, geht. Ich weiß, wohin Eure trock⸗ nen Grundſätze führen; Ihr habt meine Seele damit an⸗ gefüllt, und ſie iſt leer geblieben. Ich fiel aus Irrthum in Irrthum, und wo bin ich jetzt?. Ihr ſeht es. Ach! um des Glücks der Menſchheit Willen, bildet keine Zög⸗ linge mehr. Ein Gott war nöthig, das Weltall zu er⸗ ſchaffen, eines Gottes bedürfen diejenigen, welche darin leben wollen. „Arthur, Ihr ſtoßet die Vernunft von güch. „Nein, aber Euch ſtoße ich von mir. Zwiſchen uns ſteht ein Geſpenſt, es erhebt ſich in der Geſtalt eines Felſens, und heißt der Gipfel des Menſchenmordes... Der Sinn dieſes Bildes iſt ſehr klar; Ihr, der alles iu entziffern weiß, Ihr werdet mir die Erklärung „Graf, Ihr befehlet daß ich abreiſe?.. „Olburg, es wird dabei nichts ſchmerzliches weder für Euch, noch für mich ſeyn. Warum habt Ihr Euch mit meiner Erziehung befaßt? um Reichthümer aufzuhäu⸗ fen? Ihr ſollt deren haben, mehr als Ihr hoffet. Zu was bedarf ich des Reichthums?„ Der Weg zu mei⸗ nem Grabe iſt nicht weit. Seht Ihr die Hütte am ufer des See's? Wohlan, ſie iſt jetzt leer„ich werde Iſoletten zum Altare führen. Die Fremde, Iſo⸗ lette und Arthur werden Ein Schickſal haben. Wel⸗ ches2 darum befragt Euch nicht. Was geht Euch ihr Glück an. Ihr habt alles geleitet, und das Werk iſt des Meiſters würdig. Ihr ſeyd am Ziele Seyd reich. Denkt künftig nur an mich als an einen, der nicht Weh iſt. Geht„Ihr müßt mich verſtanden haben.“ 4ℳ Mit dieſen Worten ließ Sw ſtehenz es war ihre letzte unterredung. Aber ein großes Ereigniß erfülte die Gnd mit Bewunderung. Eine Truppe Krieger erſcien am ufer —— les genannt. Alles im Schloſſe gerieth in Bewegung. Der Herr von Montolin, entzückt, den Freund Philipp⸗Auguſts in ſeiner Wohnung empfangen zu können, nahm ihn auf das ſchmeichelhafteſte auf. Eine auserleſene Ritterſchaar Wilhelm ſtellte dem Schloß⸗ den Vicomte von Melun, begleitete den Seneſchal. herrn den Sir von Nesle, Mathias von Montmorency, Bartholomäus von Roye, den Sir von Couch, den Grafen Saint-Pol, Odon von Sully, Amaury von Chartres, den Sir von Fougeres, den Vicomte von Donges, Oltvier von Pont⸗Chateau, und andere Baronets vor, alle gleich erhaben durch ihre Geburt, und berühmt durch ihre Thaten. Was ſollte dieſer Beſuch im Caſtel? Was hatte der Seneſchal und ſeine Begleitung in dieſer Gegend zu ſu⸗ chen? Was war ihr Vorhaben? Der Herr von Montolin hatte eine geheime unterredung mit dem Grafen von Bar⸗ res; und die wichtige Botſchaft ward ihm mitgetheilt. Die Tochter Waldemars des Großen, Fſamberge, war geſtorben, und Philipp⸗Auguſt, jetzt Herr der Nei⸗ gung ſeines Herzens, rief Agnes von Meran zum Thro⸗ ne zurück. Ein Abgeſandter vom erſten Range war von Paris abgegangen, um am römiſchen Hofe die Einwilli⸗ des See's von Montolin; ſie begaben ſich in das Schloß, und ihr Anführer war der Groß⸗Seneſchal des Reichs, der berühmte Wilhelm von Barres, der franzöſiſche Achil⸗ gung des Papſtes einzuholen. Der König erwartete ſie täglich und, zu ungeduldig vielleicht, ließ er Agnes einſt⸗ weilen von ihrer baldigen Befreiung benachrichtigen. Dennoch mußte noch einige Tage das größte Ge⸗ heimniß über die ganze Sache verbreitet bleiben. Phi⸗ lipp⸗Auguſt, bis an die Grenzen ſeiner Staaten von den vereinten Waffen des engliſchen Monarchen Johann ohne Land, des Kaiſers Otto von Sachſen, der Grafen von Flandern und Boulogne, und einiger anderen ver⸗ bündeten Fürſten bedroht, glaubte Rom ſchonen zu müſ⸗ ſen; darum, bevor er die von dem Papſte erkommunizirte Agnes von Meran, die durch die Verbindung mit ihm ſo viel unruhe und Skandal veranlaßt hatte, wieder öf⸗ fentlich anerkannte, hielt er es für klug und weiſe, das Oberhaupt der Kirche darum zu begrüßen, und Frank⸗ reich wußte noch nichts von den geheimen Plänen ſeines Beherrſchers. Kaum auf dem Schloſſe von Montolin angekom⸗ men, ſchickte Wilhelm von Barres den Sir von Nesle nach der Feſte Karency. Der edle Botſchafter ſollte der ſchönen Agnes von Meran einen Brief von Philipp⸗Au⸗ guſt überbringen, und um eine Audienz für den Groß⸗ Seneſchall bei ihr anſuchen. Wilhelm hoffte die Königin den nächſten Tag gleich ſehen zu können. Der Sir von Nesle kam zurück. Er hatte die Prinzeſſin nicht geſprochen, ſondern ihr das Schreiben ——— —,—— durch einen Cavalier ihres Hofſtaats überreichen laſſen. Agnes, hatte man ihm geſagt, ſey, nachdem ſie den Brief durchgeleſen, ohnmächtig niedergeſunken. Der un⸗ erwartete Ruf zum Throne hatte ihre Sinne verwirrt, und in dem Zuſtande, worin ſie ſich befand, war es ihr unmöglich, den Groß⸗Seneſchal zu empfangen. Sie be⸗ durfte, wie ſie ſagte, acht Tage Ruhe um ſich zu erho⸗ len; noch wußte ſie nicht, ob ſie, nach der Rolle, die ſie in der Welt geſpielt, einwilligen würde, den Thron wieder zu beſteigen; ſie wußte nicht, ob ſie ihre Stirne noch einmal mit dem königlichen Diademe vor demſelben Volke ſchmücken könne, welches ſie verbannt hatte. Acht Tage lang wollte ſie den Himmel anflehen, ihr Benehmen zu leiten, ſie zu erleuchten, und mit ſeinem Geiſte zu er⸗ füllen. Agnes werde den Seneſchal mit der neunten Morgenröthe erwarten, und ihm dann ihren Entſchluß erklären. Indem Philipp⸗Auguſt ſeine edelſten Ritter an ſei⸗ ne geliebte Gemahlin abſchickte, wollte er die frühere Demüthigung der Verwieſenen dadurch auslöſchen, daß er ihre Rückkehr mit dem Glanz der Größe und dem Blend⸗ werk des Ruhms umgab; aber die verzögerte Antwort des Papſtes machte einen Aufſchub nothwendig, und ſeine Waf⸗ fengefährten bedurften einer einſamen Wohnung unfern von Karency, von wo aus ſie im Geheimen mit der Köni⸗ gin unterhandeln und die Erlaubniß abwarten konnten, den Triumph der vom heiligen Vater losgeſprochenen Ag⸗ nes laut zu verkündigen. Das Schloß von Montolin war zu dieſem Zwecke der ſchicklichſte Ort, und der Ge⸗ bieter deſſelben galt für verſchwiegen und redlich. Phi⸗ lipp hatte alſo beſchloſſen, daß Wilhelm von Barres und ſein Gefolge in dem Schloſſe abſteigen, und der Graf im Geheimen die Königin beſuchen ſollte, bis der Geſandte von Rom mit dem Beſchluſſe des Papſtes zurückgekehrt ſey. Dann ſollte Agnes ſogleich von Montolin nach dem Palaſt der Könige abreiſen, und von den Großwürden⸗ trägern des Reichs begleitet, und mit aller Pracht und dem triumphirenden Glanz einer Königin von Frankreich umgeben, ihren Einzug in Paris halten. ——1———— —— 5G Seee— Neuntes Buch. Doch er ſtehet männlich an dem Steuer; Mit dem Schiffe ſpielen Wind und Wellen; Wind und Wellen nicht mit ſeinem Herzen⸗ Herrſchend blickt er auf die grimme Tiefe, Und vertrauet, ſcheidend oder landend, Seinen Göttern⸗ Goethe⸗ Der Graf Wilhelm von Barres, Großſeneſchal von Frankreich, war bereits über den Frühliug ſeines Lebens hinaus; aber er beſaß noch die Schönheit, den Muth und die Kraft ſeiner Jünglingsjahre. Seine Geſtalt war majeſtätiſch, ſein Auge durchdringend und herrſchend. Ein muthiger Krieger in der Schlacht, ein beſonnener Diplo⸗ matiker im Rath, war er zugleich glühend und kalt. Sei⸗ ne unerſchütterlichen weiſen Grundſätze konnten allein, gleich Felſenketten, welche dem Ozean als Damm dienen, dem Lauf und dem umfang ſeiner vielfachen Fähigkeiten Grenzen ſetzen. Immer in ſich ſelbſt gekehrt, erdrückte er das Feuer ſeines Genies durch die Macht ſeiner Vernunft. Kurz, auf den erſten Blick einen Menſchen beurtheilend, verſtand er die große Kunſt, an der Spitze des Heeres ſich aller menſchlichen Eitelkeiten zu bemächtigen, die er auf ſeinem Wege traf, ſie nach dem beſtimmten Ziele zu führen, ſie dem öffentlichen Intereſſe dienſtbar zu ma⸗ chen, ſie in eine nützliche Maſſe zu ſchmelzen, und das Gute ſelbſt aus dem Böſen zu ziehen. Obgleich er Niemanden Rechte auf ſein Hers ein⸗ räumte, ſo wußte er doch zu den Herzen Anderer zu drin⸗ gen. Philipp⸗Auguſt ſetzte unumſchränktes Vertrauen in ihn; er dankte ihm ſo manchen Sieg, und was bei ei⸗ nem Helden zu bewundern iſt, er hatte ihm ſeine Thaten gegönnt, und duldete ſeinen Ruhm ohne Neid. Europa hatte ihn den Achilles von Frankreich genannt, und Wil⸗ helm, einfach und beſcheiden, ſchien ſeine Größe nicht zu ahnen. Wenn man ihm davon ſprach, ſo ſchien der Se⸗ neſchal erſtaunt, und deutete beſcheiden auf die Lorbeern ſeines Monarchen. 5 Freude, Spiele und Feſte herrſchten wieder in dem Schloſſe. Die Hörner und Trompeten ertönten neuerdings an den ufern des See's. Die Ankunft der edeln Ritter⸗ ſchaft hatte der Gegend neues Leben gegeben. Jagden im Wald, Wettfahrten auf dem Waſſer, Feſte im Schloſ⸗ ſe, Erleuchtungen, Tänze und Geſänge, feierten die frohe Gegenwart der Waffenbrüder Philipp⸗Auguſts. 3 7— Was war, mitten in dieſer edeln Verſammlung, in dieſen Feſten, aus dem Grafen von Ravenſtel gewor⸗ den?„ Ach! er floh erſchrocken vor der Größe der Er⸗ de, welche die Menge nach dem Schloſſe zog. Er ſchenk⸗ te weder den reiſenden Paladins, nach ihrer heroiſchen Sprache, noch ihrer ritterlichen Courtoiſie die geringſte Aufmerkſamkeit. Man konnte ſagen, ihres Anblicks ge⸗ wöhnt, ſey er ihrer längſt überdrüßig. Kein Zeichen des Beifalls, keinen Blick der Neugierde gab er ihnen. Arthur fiel der ganzen Welt auf, aber Niemand ihm. Während die Feſtlichkeiten entweder auf dem Waſ⸗ ſer oder in den Wäldern die edeln Gäſte und ihren An⸗ führer verſammelten, verlor ſich Arthur unter der Men⸗ ge, und verſchwand Aller Augen. Wo eilte er hin? man wußte es nicht, er ſelbſt wußte es nicht. Die Nacht über⸗ fiel ihn bei ſeinen melancholiſchen Wanderungen, in irgend einer Ebene verloren, oder auf einem einſamen Felſen ſitzend. Welchen Reiz konnte er da finden? Niemand wußte ihn zu enträthſeln; der Schmerz in einer glühen⸗ den Seele hat unergründliche Geheimniſſe, die kein Grif⸗ fel zu beſchreiben vermag. Die Sterblichen, deren Em⸗ pfindungen nicht aus dem Kreiſe des Gewöhnlichen heraus gehen, deren Neigungen da ſtille ſtehen, wo die grotße Bewegung der Leidenſchaften erſt anhebt, haben keinen Begriff von dieſen ſchmerzlichen Geftihlen des Herzens, von dieſem wechſelnden Zerreißen, welches eine Exiſtenz zerſtört; ſie gehen ſo weit, daß ſie an der urſache und der Wirkung zweifeln. Und dennoch ſind ſie ſo ſehr wahr, ſind ihre Leiden ſo ſchrecklich! Wehe dem liebenden We⸗ ſen, das einer zu reichen, zu kräftigen Natur angehört. Wenn die Kräfte ſeines Herzens ſich nicht dem Gegen⸗ ſtande, auf den ſie gerichtet ſind, mittheilen können, dann fallen ſie auf daſſelbe zurück, und tödten es. Arthur näherte ſich niemals Waldburgs Wohnung; aber beſtändig erkundigte er ſich bei den Landleuten nach der Geſundheit des Barons und forſchte, was aus der Fremden werden würde. Nie erhielt er genügende Ant⸗ worten; aber dennoch waren ſeine Fragen, ſein Nachden⸗ ken darüber, ſeine einzige Beſchäftigung. Den Abend zuvor, ehe die Ritter auf Montolin anlangten, hatte Waldburg, nun faſt geneſen, ſeine Wohnung allen verlaſſen. Seine raſche Abreiſe mußte ohne Zweifel ein wichtiges Ereigniß zum Grunde haben. Er ſollte bald zurückkommen, hieß es; die Fremde erwar⸗ tete ihn mit ungeduld, um dann mit ihm nach dem Orte ihrer neuen Beſtimmung abzugehen. Alaiſens Reiſe war feſt beſtimmt, alle Anſtalten waren bereits getroffen, und bald ſollte ſie dieſe Gegend verlaſſen, um nie wieder dahin zurückzukehren. Arthur hatte alle dieſe Gerüchte erfahren; ſie wa⸗ ren ihm völlig nutzlos, aber dennoch ſuchte er ſie begierig auf. Doch bald wird er nichts mehr von ihr hören; ———— —— Thränenweide ſteht. was wird alsdann aus ihm werden? was wird er in ei⸗ niger Zeit beginnen? Die Zeit! was kümmert er ſich um die Zeit!... Für ihn gab es keine Jahre mehr, er zählte nur noch nach Stunden. Faſt eben ſo ſehr zu beklagen als Arthur, und weit weniger frei als er, war Iſolette. Sie zählte auch die Stunden, aber für ſie gab es auf dem Grunde des Lei⸗ denskelches noch die Hoffnung. Durch ihren Vater gezwungen, bei den Gäſten die Dame des Hauſes vorzuſtellen, gedachte ſie ſeufzend ih⸗ rer ehemaligen Heiterkeit. Mit der Sorge für die Feſt⸗ lichkeiten beauftragt, rief ſie die Freude herbei, aber nur für ſie ſelbſt war ſie niemals da. Wie ſchmerzlich auch ihr Lächeln, wie klagend ihre Stimme, wie melancholiſch ihr Blick war, ſie ſah nur um ſo reizender aus. Ihre wechſelnde lebhafte Geſchäf⸗ tigkeit bildete einen ſeltſamen Contraſt mit ihren ruhigen gleichförmigen Träumereien. War ſie darum minder ſchön? Nein! Ihr ſchmachtendes Weſen, ihre Zerſtreu⸗ ung, ihre unaufmerkſamkeit machten ſie nur um ſo an⸗ ziehender. Manchmal drang ein Strahl der Heiterkeit durch die dunkle Hülle, welche die Liebe um ſie geworfen hatte und zeigte, was ſie in den ungetrübten Tagen ih⸗ res Frühlings war; dann glich ſie einem mit Roſen an⸗ gefüllten Körbchen, welches unter den Zweigen einer Der Seneſchal von Frankreich konnte bei ſo vielen Reizen nicht gleichgiltig bleiben. Wilhelm, der ernſte Wilhelm ward von der Jungfrau gefeſſelt. Er machte ſich Vorwürfe darüber, er tadelte ſich, aber er konnte ſich nicht überwinden. Täglich kämpfte er gegen das Feu⸗ er, das ihn verzehrte, und täglich ward die Flamme mächtiger. Die Vorbereitungen zu Arthurs Vermählung wur⸗ den durch die Anweſenheit der Ritter nicht unterbrochen; ſie waren faſt vollendet, und am Vorabend des Tages, wo der Seneſchal von Frankreich Agnes von Meran ſpre⸗ chen ſollte, ſollte Prthur Iſolettens Gatte werden.* Zu feſt an die Geſetze der Ehre und Pflicht geket⸗ tet, um ſich je von denſelben loszureißen, verbarg Wil⸗ helm dem Gegenſtande ſeiner Liebe ſorgfältig die Wün⸗ ſche, die ſie in ihm erregt hatte. Iſolette war dem Gra⸗ fen von Ravenſtel zugeſagt, er ehrte ihre künftigen Ban⸗ de; aber welche Qual für ihn, bei einer Verbindung gegenwärtig ſeyn zu müſſen, die ihm den erſten Gegen⸗ ſtand ſeiner Wahl auf immer entriß. Er ſuchte die Jungfrau, die Arthur zum Altar füh⸗ ren ſollte, auf keine Weiſe von ihrem Verlobten abwen⸗ dig zu machenz er verweilte nicht bei dem Gedanken, daß ſein Reichthum und ſein Rang, welche den Schloßherrn verblendeten, ihm behilflich ſein könnten, die nahe Ver⸗ vindung zu zerreißen. Rein; ſich als ein Hinderniß in — 63— den Weg der Verlobten zu ſtellen, ſchien ihm ſeiner un⸗ würdig; er ſeufzte und ſchwieg; aber Iſolette hatte ihn durchſchaut und verſtanden. Tauſend Kleinigkeiten hatten ihr entdeckt, was er ſo ſorgfältig zu verbergen ſtrebte. War Wilhelm mit ihr allein, dann nahm ſein Auge ei⸗ nen andern Ausdruck an; er ward verlegen, der Ton ſeiner Stimme ward weicher, ſeine Reden verloren oft den Zuſammenhang; und die Jungfrau von Montolin, die ſelbſt bei Arthur dieſe fürchterlichen Leiden empfunden hatte, errieth die urſache mit leichter Mühe. Doch hü⸗ tete ſie ſich wohl, Wilhelmen merken zu laſſen, daß ſie von ſeinen Gefühlen unterrichtet ſey; ſie beklagte ihn im Stillen. Wer konnte beſſer als Iſolette fühlen, wie qualvoll die Liebe ſey, wenn ſie nicht getheilt iſt. Der Graf von Barres, ein kluger Beobachter, hat⸗ te Arthurs Herz aufmerkſam ſtudirt, obgleich ihn Alaiſens wilder Geliebter ſorgfältig zu vermeiden ſuchte. Wenige Worte, ein Blick, eine Bewegung, waren hinreichend, um dem Seneſchal alles Edle und Große zu enthüllen, was die Seele des Nachkömmlings der Bretaniſchen Kö⸗ nige in ſich ſchloß. Er hatte auf tauſenderlei Art ver⸗ ſucht, ſeine Aufmerkſamkeit zu feſſeln und ſein Vertrauen zu gewinnen; aber alle ſeine Bemühungen waren verge⸗ bens. Arthurs verachtende Kälte hatte beſtändig ſein Entgegenkommen zurückgewieſen, und Wilhelm an ihHm umſonſt alle Verführungsmittel verſucht, welche ihm ſein Rang, ſeine Macht, und ſeine Beredſamkeit gaben. Gleichwohl war er noch nicht ganz muthlos. Einſt folgte er dem Grafen, als dieſer ſeinen einſamen Spa⸗ ziergang antrat; er eilte zu ihm, und war der Gelegen⸗ heit froh, ihn endlich allein ſprechen zu können. „Graf von Ravenſtel,“ ſagte er:„ſchon lange ſuchte ich den Augenblick, Euch ohne Zeugen ſprechen zu können. Ich nehme den lebhafteſten Antheil an Euch, vergebt mir dieß offne Geſtändniß. Ich bin Krieger, weiß mich nicht zu verſtellen, und Ihr ſeyd aufrichtig wie ich; wir ſind geſchaffen, uns zu verſtehen. 3 „Seneſchal,“ antwortete Arthur mit ironiſchem Lächeln:„wie kann ich Eure Theilnahme in Anſpruch nehmenz. ſeit kurzem erſt auf Montolin angelangt, wißt Ihr ja kaum wer ich bin. Ein ſo ſchnelles Intereſſe iſt zu wenig natürlich, um wahr zu ſeynz es iſt die vorübergehende Laune einer müßigen Zeit voller Lange⸗ weile. Welcher Bezug kann zwiſchen Euch und mir ſtatt finden? Zu hohen Würden erhoben, ſeyd Ihr viel, und ich bin nichts. Ihr werdet ohne Zweifel noch höher ſtei⸗ gen, und ich kann nur immer tiefer ſinken. Wir haben alſo entgegengeſetzte Wege zu wandeln, die uns immer weiter von einander entfernen müſſen, und ſo können wir uns nicht verſtehen. n „Edler Arthur!“ hob Wilhelm wieder an:„Es iſt nicht an Euch, zu ſinken; denkt an das Blut, wel⸗ ches in Euern Adern rollt, an das Blut der Könige und Helden. Ihr müßt die Bahn Eurer Väter betreten, den Weg des Ruhmes wandeln.“ „Des Ruhms! ſprecht doch offen, erhabener Sene⸗ ſchal! Was hat Euch dieß Trugbild gegeben? Ein ue⸗ bergewicht über Eure Zeitgenoſſen, welches Euch ihren Neid zuzieht, und Euch Rechte gibt. auf ihren Haß. Mühſeligkeiten, Leiden, und einige beſtrittene Palmen, das ſind die Gaben des Ruhms. Euer Grabmal wird zwar mit Inſchriften überhäuft werden, das iſt Euer Lohn; Eure Aſche wird ſich des Beifalls erfreuen, Euer Staub triumphiren. Ei, ſo zerſtört doch Euer Leben, eilt ſchneller in den Sarg, um jenen zu gefallen, die Euch lebend haſſen. O der Ruhm iſt ein liebenswürdi⸗ ges Geſpenſt! im Grabe umarmt es Euch.“ —„Wie! Ihr, der Nachkömmling von Monar⸗ chen!“ ſagte Wilhelm:„Ihr wollt auf Erden ein dunk⸗ les ſchimpfliches Leben führen? Wenn Frankreich von zwanzig verbündeten Völkern angegriffen wird, und ſeine auserleſenſten Kinder zu ſeiner Hülfe herbeieilen ſieht, wollt Ihr, der Enkel der Bretaniſchen Könige, unthätig in einem Schloſſe bleiben, und Euch unter jene nichtigen kleinmüthigen Weſen zählen, für welche die Ehre nur ein eitles Wort iſt? Iſt der heilige Name Vaterland nicht im Stande, Euer Herz zu ſchnelleren Schlägen zu II. 5 — 6656— bewegen? Eine unglückliche Liebe, ich weiß es, hat Euer Leben getrübt; aber konnte ſie Euch auch entwürdigen? Nein: es war nur ein vorübergehendes Gewitter, welches das reine Blau des Himmels verdüſtert hat; es kann ſchrecklich ſeyn, aber es geht vorüber; die verhüllte Son⸗ ne erſcheint nur um ſo glänzender wieder. Erhebt Euch zu den Regionen, zu welchen Euch die Pflicht ruft, und weit unter ſich, wird Arthur dann die Liebe ſehen. Der Graf erzürnte ſich; freier und wilder als je antwortete er ihm: „Ich verſtehe Dich! Du brauchſt Soldaten. Du wirbſt für Dein Heer; Du trau'ſt mir Muth und Tapfer⸗ keit zu, und es wäre Dir ſehr gelegen, wenn ich meine Jugend aufopferte, um Dir Schlachten gewinnen und deinen Ruf vergrößern zu helfen. Du irrſt Dich in Dei⸗ ner Rechnung; ich habe nicht Luſt, mein Blut zu ver⸗ gießen, um Deine Lorbeern zu mehren. Du haſt nicht das Recht, mir mein Benehmen vorzuſchreiben, noch die Macht, mir Befehle zu ertheilen; zähle nicht auf Deine ueberredungskunſt. Deine melodiſchen Worte fallen auf eiskaltes Blei, welches keinen Ton zurück gibt.“ „Graf von Ravenſtel, Eure Ahnen „Meine Ahnen haben regiert; was ſie gethan ha⸗ ben, glaubten ſie thun zu müſſenz laßt ſie und mich in Frieden. Ich habe Dich lange und geduldig angehört; jetzt iſt es genugz gehe ins Schloß zurück. Hätte ich die —„—— mich um jeden Preis von Montolin entfernen, Gewißheit, wenn ich zu den Waffen griff, eine Krone zu erkämpfen und mir das ganze Weltall zu unterwerfen, ſo würde mein Schwerdt dennoch in der Scheide bleiben. Die Welt, welche ſo viele Eroberer ſich unterworfen und wieder verloren haben, ſcheint mir erkämpft, als bedauert zu werden. Wilhelm zeigte ſich durch Arthurs ſcharfe Worte weder überraſcht, noch beleidigt.. »Da Euch die Bahn der Waffen mißfällt,“ fuhr er fort:„ſo entſagt ihr, ich habe nichts dagegenz aber Ihr könnt Euerm König nützlich ſeyn, iſt es nicht im Felde, doch im Rathe; und wenn Philipp Euch ruft..„ „Ich ſehe,“ unterbrach ihn der Graf:„Du willſt eben ſo unwürdig, und mich an Deinen Fürſten feſſeln. Sein Hof iſt glänzend und prachtvoll, Du gefällſt Dir dort, ich tadle es nicht; beuge Deine Stirne und Deine Kniee, es mag ein edles Vergnügen ſeyn; aber ich verſtehe das nicht; meine Un⸗ wiſſenheit ſieht da Erniedrigung, wo Du Erhebung ſiehſt. Stolz auf die Sphäre, wo Du befiehlſt, Heerführer! ſiehſt Du mich von Oben herab. Ohne Zweifel be⸗ dauerſt Du mich; ich, ich lächle. Laß uns hierbet ſtehen bleiben.* „Junger Grillenfänger! das Voterland 2 — „Das Vaterland, Graf von Barres! das iſt eben das große Wort, deſſen ſich die Ehrgeizigen bedienen, um 5* die Völker zur Schlachtbank zu führen. Das Vater⸗ land! es kömmt wahrhaftig ſehr in Betracht, wenn der Eroberer zu den Waffen greift; es beſchäftigt ihn nur um der Form Willen, aber im Grunde gilt ſein Glück nichts; es iſt nur das Mittel, aber nicht der Zweck. Das Leben der Sieger iſt beſchrieben, ſie haben alle von dem Vaterlande geſprochen; ſieh aber, was ſie gethan haben;z lies und urtheile!“ „Arthur, Frankreich iſt tedrohts Philipp iſt zum Kampfe gen und wenn er ſeine Feinde nicht an⸗ greift „Run ſo eile Dich, den Angriff zu machen!“ rief der aufgebrachte Graf.„Ihr Heerführer habt alle einer⸗ lei Sprache! Wenn Ihr die Nachbarſtaaten bekriegt, um Euere eigenen Länder zu vergrößern, ſo geſchieht es immer nur, weil man Euch dazu zwingt. Wilhelm, was ——— —,— — hält Dich hier zurück? So geh doch! bringe Feuer und Schwerdt auf das blutige Feld des Ruhms. Verſchone im heroiſchen uebermuth weder den ſilberhaarigen Greis, noch das lächelnde Kind, rührenden Blicken. Kehe die Natur um! erfülle die er⸗ ſtaunte Welt mit dem Gerüchte Deiner blutigen Thaten! habe keine Barmherzigkeit und kein Mitleid für ſchimpf⸗. liche Schwächen. Möge Deine Wuth geſtillt werden! mögeſt Du Sieger ſeyn! mögeſt Du alles vertilgen!.„ und mögeſt Du dann ſelbſt umgebracht werden! noch die Jungfrau mit den ————— 5— Mit dieſen Worten entfernte ſich Arthur; er wollte in die Tiefe des Waldes eilen, und ſich den Blicken des Groß⸗Seneſchals entziehen, den er beleidigt zu haben hoffte: aber Wilhelm verließ ihn nicht; die Worte, die er gehört, hatten dem Oberſten der Paladins nur noch mehr bewieſen, daß ein Weſen wie Arthur, ein köſtlicher Schatz für das Vaterland und den König ſey, wenn es ſich entſchließen könnte, ſich ihrem Dienſte zu weihen. Er ſah in dieſer Feuerſeele jene enthuſtaſtiſchen Gedanken, jene Flamme des Genius, die nur großen Männern ei⸗ gen iſt. Er ſah in ihm einen möglichen Helden, und wollte ihn für Frankreich gewinnen. In tiefes Nachdenken verſunken, ging er ſchweigend neben ſeinem ſeltſamen Gefährten her, dem er überläſtig war. Arthur kehrte ſich zu ihm.—„Seneſchal, wa⸗ rum beſteht Ihr darauf, mir zu folgen? Ihr verliert nur Zeit und Mühe. Ihr könnt aus mir durchaus nichts machen. Wären wir eher bekannt worden, dann hätte es vielleicht ſeyn können. Jetzt iſt es zu ſpät, meine Laufbahn iſt zu Ende. Ehre, Freude, Stolz, Patrio⸗ tismus, Liebe und Ruhm, gelten mir alle gleich, ich ver⸗ werfe alles.“ „Ihr ſprecht im Wahnſinn!“ ſagte der Graf von Barres;„wie könnt Ihr die menſchlichen Schwachheiten und die Tugenden großer Seelen auf Eine Stufe ſtellen? Philipp⸗Auguſt ſucht das Verdienſt auf! er überhäuft es mit Gnade, und an ſeinem Hofe iſt der Lohn. „Der Lohn am Hofe! dieſe Ausſicht iſt nicht lockend für mich. Obgleich Ihr Krieger und Hofmann ſeyd, ſo wißt Ihr doch in dem Grund Eures Herzens, was die Leere werth iſt und was der Rauch wiegt; aber es iſt beſſer, daß Ihr es verſchweigt. Verdient die Gunſt der Kronenträger, indem Ihr die Größe preißet, ſo wer⸗ det Ihr Euer Ziel erreichen. Ihr wollt der Menge ge⸗ fallen, und was am meiſten glänzt, gefällt auch am beſten. Da Ihr nicht bezweifelt, daß der vergoldete Staub höher geſchätzt wird, als das mit Staub bedeckte reine Gold, ſo ſucht Ihr den Scheinglanz, der das Volk zu Euern Füßen ſtürzt. unter den Rollen des Lebens, iſt die Eure vielleicht eine der Gutenz ſie gebühret Euch, entſprecht ihr. Was mich betrifft, ſo will ich gar keine; laßt uns die Hände drücken, und nun lebt wohl.“ Der Seneſchal hatte nun geſehen, wie wenig Ar⸗ thur für Ehre und Macht empfänglich war. Er verſuchte —— — andere Verführungskünſte, und als ob er in ſeine Ge⸗ danken einginge, bemühte er ſich, ihn wo möglich durch die Reize des Gefühls zu erweichen Das war das letzte Mittel, welches ihm blieb, um ſich ſein Vertrauen zu erwerben. Wilhelm hatte ein anderes Geſpräch begonnen und ſtellte ſich, als hätte er Arthurs letzte Worte nicht gehört, „„— — — — als wäre er mit ganz andern Gedanken beſchäftigt. „Graf von Ravenſtel,“ ſagte er:„der Herr von Mon⸗ tolin hat mich geſtern gebeten, der Vermählung ſeiner Tochter als Zeuge beizuwohnen; er hat mich erwählt, Euch zum Altare zu begleiten; aber iſt ſein Wunſch auch der Eure?“ „Warum ſollte er's nicht ſeyn?*“ „Eure augenſcheinliche Feindſchaft gegen mich„ „Meine Feindſchaft! ſagt Ihr? und welche Gründe hätte ich, Euch zu haſſen? Der Haß iſt eine lebhafte Empfindung; ich habe keine ſolche mehr. Der Zudringliche iſt nicht immer der Verhaßte; begleitet mich zum Altare, meine Familie wird ſich dadurch geehrt füh⸗ len; und Ihr, der mir gern zu folgen ſcheint, könnt mich ſo gut dahin begleiten, als anderwärts.“ „Ach!“ ſagte der Groß⸗Seneſchal, indem er ei⸗ nen tiefen Seufzer ausſtieß:„Ihr wißt nicht, wie ſchmerzlich es mir ſeyn wird, Eurer Vermählung beiwoh⸗ nen zu müſſen.“ Dieſe Worte wurden ohne Heuchelei ausgeſprochen, und kamen, eben ſo wie ſein Seufzer, aus der Tiefe des Herzens. „Schmerzlich! was wollt Ihr damit ſagen?“ fragte Arthur verwundert. „Ravenſtel! Iſolette liebt Euch „Was kümmert Euch ihre Liebe!“ „Eurer Vermählung beiwohnen iſt eine ungeheure Qual für mich.* „Erklärt Euch.“ „Ihr verlangt es. Wohlan, ich will mich Euch vertrauen. Eure nahe Verbindung entreißt mir auf im⸗ mer das ſüßeſte Glück, deſſen der Menſch theilhaftig wer⸗ den kann, das Glück, den Gegenſtand meiner erſten ein⸗ zigen Liebe zu beſitzen. Mein Herz hat ſich wider Willen verſchenkt; ja, ich liebe, ich vergöttere Iſoletten;. und mir iſt die Marter beſtimmt, ſie in Eure Arme übergehen zu ſehn.“ Seine Stimme war klagend. Die Saite, die er berührt hatte, um Arthur zu erweichen, hatte ſein eignes Herz zerriſſen, und eine Thräne rollte über ſeine Wangen. Der Graf blickte ihn milder an:—„Wie, Ihr, Wilhelm, iſt es auch gewiß wahr? wäre Euer Geſtänd⸗ niß aufrichtig? Ihr liebt! o, wie beklag' ich Euch.“ „Arthur! Ihr verhüllt mir Eure Seele, und ich entſchleiere Euch die meinige. Glaubt nicht, daß eine ge⸗ heime Hoffnung mich zu dieſem offnen Geſtändniſſe verlei⸗ tet habe; nein! Iſolette gehört Euch gänzlich anz ich werde nicht geliebt, ich weiß es; ich kann es nie werden, und entſage dieſem Glück. Ich kann Euch betheuern, daß ich keinen Verſuch gemacht habe, Euch die Liebe Eurer künftigen Gemahlin zu entreißen; obgleich Ihr, wenig mit ihr beſchäftigt, mir die Gelegenheit dazu bo⸗ tetz aber ich ſah Euch unglücklich, erkannte in ihr Eure einzige Freundin, und was würde aus Euch ohne die ſanfte zärtliche Iſolette geworden ſeyn!.. Es wäre meiner unwürdig geweſen, Euern Gram noch zu vermeh⸗ renz ich zog es vor, mich ſelbſt aufzuopfern. Ihr dankt mir es ſo wenig, Ihr behandelt mich als Feind; ich unterwerfe mich dieſer neuen Kränkung. Möge Arthur Iſoletten glücklich machen. Wilhelm vergibt ihm alles.* Er hatte die Hand ſeines Nebenbuhlers ergriffen, die er feſt in der ſeinigen drückte.—„Edler Graf!“ ſetzte er hinzu:„Ihr entreißt mir eine Gattin, gebt mir dafür einen Freund.“ „Ach! Seneſchal!“ antwortete Arthur mit Bit⸗ terkeit, mit einem ſchmerzvollen Ton:„was verlangt Ihr von mir? meine Freundſchaft iſt nicht beglückend; hütet Euch, ſie zu ſuchen. Ich habe das Schwerdt nur Ein Mal gezogenz„ und zwar um einen Freund damit zu durchbohren.“ „Arthur! ich habe Eure Streiche nicht mehr zu fürchten; der ſchrecklichſte, der mir werden konnte, hat mich bereits getroffen.“ „Nun denn, Wilhelm! was verlangt Ihr mehr!. Ich habe Euch ſchon geſagt, daß ich Allen unheil bringe, die meine Zuneigung ſuchen; Ihr ſeht es an Euch ſelbſt.“ „Iſolette„ ſagte Barres. „Was iſt ein Weib für einen Helden!“ fuhr Ar⸗ * — 74— thur auf.„Bleibt auf Euren Gipfeln der Geſellſchaft, aber laßt die Regionen des Gefühls weit unter Euch lie⸗ gen. Glaubet mir, kehret in das Lager zurück. Jetzt rede ich mit Euch dieſelbe Sprache, wie Ihr vorhin mit mir. Der Gewitterhauch der Liebe wird ſich in den Weih⸗ rauchwolken verlieren, die Euch der Ruhm darbringen wird: ein glühender Kopf und ein kaltes Herz, das ſind die Bedürfniſſe der Günſtlinge der Victoria. Steigt zur Macht empor, erklimmt die fürchterlichen Höhen, von welchen der Menſch einen Blick voll Verachtung auf die Beſtimmung andrer Menſchen werfen kann, wo ſeine Hand den bewaffneten Rieſen, Geſetz genannt, erfaßt, das immer Sklave der Großen, nur Gebieter der Klei⸗ nen iſt; erhebt Euch unaufhörlich höher, dann werdet Ihr keine Leiden des Herzens mehr fühlen, ſeine Stimme wird im Jubelruf der Menge erſterben. Das Fieber der Gewalt wird in Euch alle Keime des Gefühls erſticken. Ihr habt hienieden nichts mehr zu fürchten, als den Schwindel, der den hochſtehenden Menſchen erfaßt, ihn ſchwanken macht, ihn betäubt auf der ungewohnten Hö⸗ he, wo er über dem Abgrund ſchwebt. Steigt, in der Ferne der Zeiten werdet Ihr ein Koloß ſcheinen. Viel⸗ leicht bedürft Ihr Schlachtopfer, denn das ſind die Fuß⸗ ſchemel der Größe; gleichviel! es muß ſo ſeyn auf Erden. Seyd groß! ſonſt wird's ein Anderer.“ „Graf,* antwortete Wilhelm ſchmerzlich:„Ihr MN * —— M —————— befindet, auch der meinige wäre!... Wenn ich, indem ſprecht von den Gefühlen des Herzens, welche die Euri⸗ gen zu ſeyn ſcheinenz zu ihnen geſellt ſich das Gefühl der Großmuth, aber das ſcheint Euch unbekannt zu ſeyn. Ein unglücklicher ſteht vor Euch, er leidet, er vertraut Euch ſeinen Kummer; er fleht um Mitleid, und Ihr antwortet ihm mit Spott.“ „Ihr habt Recht, Seneſchal! aber wenn das Lei⸗ den den höchſten Grad erreicht hat, ſo tödtet es das Ge⸗ fühl; ich habe nichts ſanftes mehr in meiner Seele. 8 „Aber Euer tiefes Nachdenken über die wichtigſten Fragen, verkündet einen überlegenden Geiſt, der Euer Alter überſteigt, und. „Ich habe kein Alter mehr, Wilhelm. Sonſt ge⸗ noß ich den unterricht der Gelehrten, ich lag dem Stu⸗ dium ob, es war mir zu nichts tauglich. Jetzt habe ich die Erfahrung der Greiſe, das unglück hat ſie mir gege⸗ ben; ach! das unglück iſt ein ſo großer Lehrmeiſter!. Ihr fleht um mein Mitleid, ſagt Ihr; ich habe nur mit mir ſelbſt Mitleid. Ich hoffe nichts mehr auf der Welt, von mir hat hienieden Niemand etwas zu erwar⸗ ten. Ihr wolltet in meinem Herzen leſen, es iſt ein unverſtändliches Buch; alles iſt verwiſcht, alles iſt ſchwarz.“ ½ „Und wenn ich nun ſo ſehr liebte, wie Ihr, Ar⸗ thur! wenn der ſchreckliche Zuſtand, in dem Ihr Euch 1— 5— ich das Weib meines Herzens verliere, Euch gleich wür⸗ de! wenn die Verzweiflung „Ihr, Wilhelm!* unterbrach ihn der Graf ſchnell:„nein, fürchtet dieſe Lage nicht, ſie bedroht Eure Zukunft nicht. Daß ich, der nie Ruhm und Ehr⸗ geiz gekannt, als Opfer des Gefühle gefallen, kann Euch nicht wundern; aber Ihr!.. Groß⸗Seneſchal des Reichs, Ihr, der franzöſiſche Achilles, Euch, den das Geſchick der Welt beſchäftigt, der den Reiz des Hoflebens preißet! nein, mein Schickſal wird nicht das Eure ſeyn. Eine einzige Idee vermag Eure Thatkraft nicht zu hem⸗ men. Ihr liebt Iſoletzen, ich will es glauben;z aber Ihr denkt zu gleicher Zeit an Philipp⸗Auguſt, an Eure Trup⸗ pen, an Ehre und Sieg.„ Fürchtet meine Lage nicht, Ihr werdet nie lieben wie ich.“ „Die Fremde,“ ſagte Wilhelm. „Die Fremde!* rief Arthur:„ſprecht dieſen Namen bei mir nicht aus, oder wir ſahen uns zum letz⸗ ten Male; ſprecht von Iſoletten, ich werde Euch zu⸗ hören.“ „Von dem Glücke ſprechen, das ich verlieren muß!„ Grauſamer Menſch, iſt es denn eine Luſt für Dich, die Verzweiflung zu ſehen, die mich erfaßt?“ „Seneſchal,“ ſagte der Graf mit ſehr ernſtem und feierlichem Tone:„ich habe nur noch wenig Tage zu le⸗ benz Iſolette wird bald frei ſeyn.... Sobald meine —— Aſche erkaltet iſt, vermählt Euch mit ihr, und vergeßt mich.* „Euch vergeſſen, Arthur! niemals.“ „Schmeichelei!“ ſagte der Graf mit einem Lächeln voll Verachtung, Bitterkeit und Spott.„Ihr irrt Euch im Orte, Wilhelm; Paris und das Louvre ſind ſehr weit von hier. Betrachtet Eure umgebung! drei Gegenſtände in beſter Harmonie: Arthur, ein Felſen, und die Wüſte.“ „Seltſamer Jüngling! unempfindliche Seele!“ ſagte der erbitterte Seneſchal:„ſo muß ich Dich denn aufgeben. Du willſt es ſo.„was es mich auch ko⸗ ſtet„ Lebewohl.“ —G6eec Pehntes Buſch. Eine Fackel ſeh' ich glühen, Aber nicht in Hymens Hand; Nach den Wolken ſeh' ich's ziehen Aber nicht wie Hpferbrand. Feſte ſeh' ich froh bereiten; Doch im ahnungsvollen Geiſt Hör' ich ſchon des Gottes Schreiten⸗ Der ſie jammervoll zerreißt. Schiller⸗ Endlich dämmerte der Tag, an welchem Iſolettens Ver⸗ vindung vollzogen werden ſollte. Nicht in der Kapelle von Montolin, ſondern in der Kirche von Sankt Irenä⸗ us, ſollte ihnen der Prieſterſegen ertheilt werden. Arthur hatte es verlangt, und man mußte in ſeinen Wunſch willigen. Die verſammelten Gäſte fanden dieſe Idee ſeltſam; Iſolette und ihr Vater konnten ſich den Grund hievon nicht erklären; nur der Prior allein verſtand ihn ganz. 79— Immer von Huldigungen bedrängt, konnte die Jungfrau von Montolin nie ohne Zeugen mit dem Biel⸗ geliebten ihres Herzens ſprechen. Arthurs Anblick, eini⸗ ge ſüße Worte, gegenſeitige Vertraulichkeit, das war ihr Wunſch, das würde ihre Herzen genähert und ihr künf⸗ tiges Glück bereitet haben; aber ach! beſtändige Hinder⸗ niſſe und ein böſes Schickſal ſtellten ſich immer den Wün⸗ ſchen der zärtlichen Iſolette entgegen. Hätte die Erbin des Schloſſes, fern von der Welt und ihren Freuden, ſich nur mit Arthur beſchäftigen kön— nen, ſo würde ſie das Andenken der Fremden ſtufenweiſe aus ſeinem Herzen verdrängt haben. Die Macht ihrer Tugend und ihrer Reize würde den Grafen beſiegt; er würde den Werth des Schatzes, den er beſaß, erkannt, und das Erzwungene, welches noch in den Ausdrücken ſeiner Zärtlichkeit herrſchte, würde unwillkürlich dem Hingeben einer wahren Liebe Platz gemacht haben; zwar vielleicht weniger energiſch und weniger betäubend als das Gefühl, welches ihm Alais eingeflößt hatte, aber friedlicher und beglückender. Ja, hätten ſie ſich ſprechen, hätten ſie ganz eins dem andern angehören können, dann würde ihr gegenſeitiges Schickſal verändert, ihre Zukunft anders geweſen ſeyn. Aber dazu gehörte Einſam⸗ keit, und im Schloſſe war eine ganze Hofhaltung verſam⸗ melt. Sie hätten ſich vor der Trauung nie trennen ſollen, und doch waren ſie faſt immer von einander entfernt. Die himmliſchen Reize des Fräuleins von Montolin, ihr ſanftes Lächeln, ihre rührende Stimme hatten ſolche Gewalt über Arthur, daß ſie ihn oft wider ſeinen Willen aus ſeinen ſchmerzlichen Träumen riſſen. Wie hätten Iſolettens keuſche Liebe, ihre Anhänglichleit, ihre from⸗ me Zärtlichkeit auch nicht des Grafen Herz gänzlich ein⸗ nehmen ſollen! Aber das zur Vermählung bereite Paar konnte ſich weder allein ſehen noch ſprechen. Spiele und Feſte umringten die Verlobten mit glänzendem Pomp und zerriſſen lächelnd ihre Herzen. Iſolette ſuchte Arthur vergebens, eine Menge Anbeter ſtand zwiſchen ihm und ihr. Der Weihrauch, den ſie verachtete, brannte zu ih⸗ ren Füßen; nur der, der ſie allein entzücken konnte, ent⸗ zündete ſich nie für ſie. Viele Stimmen prießen ihre Schönheit, ſie wollte nur Eine hören„ und dieſe einzige ſchwieg. Welch ſchreckliche Nacht für Arthur war jene vor dem Tage ſeiner Verbindung! So lange er den Augen⸗ blick, der ſeine Freiheit auf ewig feſſeln ſollte, nur von ferne ſah, ging er ihm ruhig entgegenz aber da er nah⸗ te, hatte der unglückliche die der Ruhe geweihten Stun⸗ den auf einem Flammenbette zugebracht. Der Schlaf floh weit von ſeinem Lager. Seine Nerven drohten zu zer⸗ ſpringen. Sein Blut glühte in ſeinen Adern; außer ſich ſah er nur Bilder des Todes, in ſich nur Gedanken des Wahnſinns. Die Verſuche, die er ſo oft machte, ſeine Leiden zu vermindern; das innerliche Feuer, das ihn nach und nach verzehrte, hatten ſeine Kräfte erſchöpft. Vergebens verſprach ihm ſeine Jugendſtärke ein hohes Alter, er hat⸗ te ſelbſt alle Lebensquellen verſtopft und ausgetrocknet. Er hing gern dem Gedanken an ſein nahes Ende nachz er ſah in der Reihe künftiger Tage nur einen lan⸗ gen Leidensfaden. Die Ueberlegung, das Nachdenken, ſtatt ihm eine tröſtende Zukunft zu bieten, zeigten ihm nur einen dunkeln Abgrund. Seine Leiden hatten den Tod gerufen, ſeine Gedanken waren der Todeskampf. Iſolette erwartete ihren Bräutigam. Sie hatte die Nacht im Gebet zugebracht, und die erhabenen Gedan⸗ ken, welche aus ihrem Herzen zu dem Ewigen empor ſtie⸗ gen, hatten ihren Zügen gleichſam eine himmliſche Glorie eingeprägt. Oft verbreitet die Seele, dieſe unſichtbare Fackel, dieſes verborgene Licht, wenn ſie durch Tugend begeiſtert wird, auf dem Antlitz des Menſchen ihre ge⸗ heimnißvolle Klarheit. Der Graf ſah ſeine Braut, und ward von ihren Reizen verblendet; ihr Anzug war prachtvoll; nie hatte eine verführeriſchere Schönheit die Liebe gefeſſelt. Welche Harmonie herrſchte in ihren ſanften Zügen! welch bezau⸗ bernde Verwirrung in ihren zärtlichen Blicken! welcher Reiz in ihrer ſanften Stimme! Die bräutliche Krone ſchmückte ihre Stirne; ihre ſchönen ſchwarzen Locken wa⸗ II. 6 32— ren geſchmackvoll in einen Knoten geſchlungen, durch Ket⸗ ten von Edelſteinen feſtgehalten, und ein faſt luftartiger Schleier fiel ihr bis auf die Ferſen herab. Ihr Gewand war von Silbergaze mit Roſenguirlanden geſchmückt. Weniger ſchön zeigte ſich Pſyche, als ſie von einem gan⸗ zen entzückten Volke mit der Göttin der Liebe verwechſelt ward. Der Graf von Ravenſtel trug ebenfalls die reichſten Gewänder; aber über ſeine von Gold und Stickereien ſtrotzende Kleidung hatte er einen Mantel von ſeltſamem Schnitt geworfen, deſſen weiße Farbe etwas grauener⸗ regendes hatte. Er glich in dieſem ſeltſamen Anzuge ei⸗ nem Opfer aus der Vorzeit, welches eben zum Scheiter⸗ haufen geführt werden ſollte. Arthur ſtand vor Iſoletten; er betrachtete ſie und ſchwieg. Iſolette ſchlug die Augen nieder; ſie fürchtete, Thränen möchten ihr entgleiten, denn ſie hatte auf eini⸗ ge freundliche Worte gehofft. Durch eine unwillkürliche Bewegung hatte ſie ihm ihre zitternde Hand gereicht; ohne zu wiſſen was er that, drückte ſie Arthur an ſeine Lippen. O wie ſehr ward Iſolettens Herz dadurch befriedigt! wie glücklich fühlte ſie ſich! das Leben blühte ihr ſchöner! das Licht glänzte ihr heller! Arthur ſtieß einen tiefen Seufzer aus, Iſolettens zärtlicher Blick antwortete ihm daraufz beide waren ſich in Einer Empfindung begegnet. „Der Altar iſt bereit und erwartet uns,“ ſagte der Herr von Montolin:„laßt uns gehen.“ „Ja, laßt uns gehen,“ ſagte Arthur. Er wendete ſich zu den Gäſten und ſah Wilhelm von Barres in ſeiner Nähe, deſſen Geſicht bleich und ein⸗ gefallen war. Der Ausdruck des Leidens und der Trauer, welche in den Zügen des erhabenen Mannes ſichtbar wa⸗ ren, zeigten deutlich, was es ihn koſtete, der Vermäh⸗ lung Iſolettens beiwohnen zu müſſen. Arthur drückte ihm im Vorübergehen die Hand mit Rührungz dann, den Kopf ſchnell auf die Seite wendend, nahm er Platz in der Reihe, und der Zug ſetzte ſich in Bewegung. Der See war mit Nachen und Gondeln bedeckt, welche theils mit Landleuten, theils mit Gäſten angefüllt waren. Eine mit Blumen geſchmückte Gondel, deren vergoldete Maſten purpurne Segel trugen, empfing den Grafen und ſeine ſchöne Braut. Kinder mit Bogen und Pfeilen bewaffnet, waren hin und wieder an dieſer Mu⸗ ſchel der Cythere gruppirt, und hielten Palmen über die Brautleute. Auf dem Vordertheil des Schiffes brannten einige Vaſen mit Wohlgerüchen, deren Duft ſäulenartig in die Luft emporſtieg. Eine harmoniſche Muſik ſchien aus der Tiefe der Wogen emporzuſteigen, gleich als fei⸗ erte ein Chor Najaden Amors und Hymens Verbindung. Die herrſchaftliche Gondel, deren Segel von bal⸗ ſamiſcher Luft geſchwellt wurden, glitt raſch dahin wie 6* — 34— Flora's Geliebter, wenn er triumphirend den Duft der Blumen dahin trägt. Die Sonnenſcheibe in Oſten be⸗ deckte mit ihren Flammenſtrahlen die grünen Wieſen von Montolin; und der See, durch die Ruderſchläge bewegt, funkelte in tauſend glänzenden Farben, und ſchien das Bette magiſcher Sterne zu ſeyn. Rings um Iſolettens Barke glitten raſch, wie von Sylphen getragen, eine Menge Gondeln mit Kriegern angefüllt, deren Schilder und Helme in tauſendfarbigen Feuer ſtrahlten. Die Bannerherrn hatten ihre Barrets mit Federn von verſchiedenen Farben geſchmückt. Ihre blumenumwundenen Lanzen neigten ſich vor der Göttin des See's, und der Blume gleich, welche ihre ſüßeſten Düfte nur dann verbreitet, wenn der Zephir ſie berührt, erſchien Iſolette, von Furcht und Hoffnung bewegt, ver⸗ führeriſcher als je in den Augen der Menge. Wenn ſie ihren Bräutigam betrachtete, o, welch ſüße Worte, welch zärtliche Geſtändniſſe ſchwebten dann auf ihren Lippen! Und wenn ſie auch nur im Stillen aus⸗ geſprochen wurden, ſo konnte der aufmerkſame Beobach⸗ ter ſie doch hören. Ihre großmüthige reine Liebe, ihre keuſchen frommen Gedanken ſtrahlten aus ihren Augen, wie heilige Offenbarungen aus dem Innern eines Hei⸗ ligthums. Der Graf von Ravenſtel war in tiefes Sinnen ver⸗ ſunken. Iſolette war gänzlich aus ſeinen Blicken, ſeinen Gedanken verſchwunden. Dieſe Menge Fahrzeuge, welche auf den Wogen ſchwammen; dieſe Krieger, dieſe Blu⸗ men, dieſe Muſik, riefen ihm ſeine Ankunft auf Mon⸗ tolin, den ſchönen Abend des Feſtes zurück, wo er zum erſten Male über den friedlichen See ſchiffte. Da war ſeine Exiſtenz glücklich; die Zukunft lag vor ihm reich an Hoffnung und Freude, glänzend an Erfolg und Sieg. Damals noch frei, war ſeine Seele rein und noch nicht durch Leidenſchaft und Schmerz berührt. Er ſuchte die Natur, die Wenſchen, die Welt mit Entzücken, er flog ihnen mit Begeiſterung entgegen, und brachte ihnen ſein unſchuldiges Herz als Opfer dar. Welche Genüſſe ver⸗ ſprach er ſich! Welche Seligkeiten bot ihm das Leben!.. und jetzt, welche Veränderung. Er hatte geliebt.. alles Glück der Erde war vor ihm verſchwunden. Er hatte geliebt.. alle Zauber der Natur waren zernich⸗ tet. Ach! ſo iſt ein Gefühl hinreichend, um eine ganze Laufbahn zu unterbrechen, ein Eliſium zu zerſtören, ein Daſeyn nackt und blos zu machen. Wo iſt die Zeit, wo Arthur im Meere ſeiner Wün⸗ ſche ſich über die harmoniſche Ruhe ſeiner Jünglingsjahre betrübend, nach Sturm und Donner ſeußte... Da⸗ mals war er ſtolz auf ſeine exaltirten Gedanken, auf ſeine unbeſchränkte Kühnheit, auf ſeine Freimüthigkeit, auf die uebermenge der Mittel, welche ihm das Schickſal ertheilt hatte. Der unglückliche! jene Spindel mit ge⸗ heimnißvollen Fäden, die ſeine Seele mit Stolz erfüllte, zog ihn beſtändig zum Erhabenen, zum Unendlichen, und bildete in ihm doch nur ein unſeliges, der menſchlichen Natur widerſtrebendes Ganzes, nur eine zerſtörende Macht, die ihn von Sturm zu Sturm ſeinem Unter⸗ gang entgegen führte. Wehe dem unglücklichen, den das Schickſal mit einer glühenden Einbildungskraft begabt, der, die Natur verſpottend, ſie nicht zu bemeiſtern ſucht und, ſich auf ſeine Kräfte verlaſſend, nur ſich ſelbſt zum Führer haben will.. Die bräutliche Gondel hatte die Mitte des See's er⸗ reicht.. Da war es.„ Arthur glaubte den Platz zu erkennen; ja, da war es, wo die geheimnißvolle Barke vor der erleuchteten Gondel floh. Wunderbare Er⸗ ſcheinung! was iſt aus dir geworden?.. Von den Fluten forderte der Graf die bezaubernde Göttin und ih⸗ ren einſamen Rachen. Bald feſſelte die naſſe Ebene ſeine Aufmerkſamkeit nicht mehr; er ließ die Blicke weiter ſchweifen. Der See mit ſeinen feenartigen Gondeln, das Thal mit ſei⸗ nem Zauber, die Luft mit ihrer ſanften Harmonie, al⸗ les verſchwand vor einem Gegenſtand„vor der Hütte der Fremden. Seine Augen, ſein Geiſt und ſein Herz waren un⸗ ter dem Dache der Verbannten, am Brunnen der Ma⸗ donna, unter den Bäumen des Hainsz er ſah die un⸗ . — 87— ergründliche Nymphe; er ſprach mit ihr; er lag zu ihren Füßen„4es gab keine Iſolette mehr für ihn. Das Fräulein von Montolin beobachtete ihn... Sie erblickte auf dem jenſeitigen ufer Alaiſens unſeligen Hain, und Arthurs düſtere Niedergeſchlagenheit war ihr nur zu ſehr erklärt. Sie ſprach, er hörte ſie nicht mehr; ſie rief, keine Antwort. Ach! das Feſt und ſeine Freuden verſchwanden auch für ſie... Alles entzauberte ſich vor ihren Blicken. Die Träume der Hoffnung, die Täuſchungen der Liebe verſchwanden in einem Augenblick vor der verödeten Hütte. Ein prachtvoller Triumphbogen war am ufer errich⸗ tet, wo die Verlobten landen ſollten. Beim Anblick die⸗ ſes Monuments, das plötzlich auf das Wort eines Genius entſtanden zu ſeyn ſchien, erſchallte ein allgemeines Bei⸗ fallsgeſchrei. Sie benutzte den Moment, und während Aller Aufmerkſamkeit auf dieß Wunderwerk des Feſtes gerichtet war, näherte ſich die Jungfrau dem Grafen.— „Arthur, theurer Arthur,“ ſagte ſie mit ſanfter ſchüch⸗ terner Stimme:„wenn Ihr nicht ſeyd wo ich bin, ſo bin ich wenigſtens wo Ihr ſeyd. Lieber Freund, laßt mich Euch in Gedanken und Handlungen folgen! laßt uns veiſammen ſeyn, gleichviel wo.* Die Gondel landete am ufer, und ſämmtliche Be⸗ wohner von Sankt Irenäus begrüßten das ſchöne Paar von Montolin. Es wurden dem künftigen Gemahl der — 88— großmüthigen Wohlthäterin des Kantons ländliche Reden gehalten; aber der Graf hatte weder Kraft genug, die⸗ ſen Reden ſein Ohr zu leihen, noch den Willen, etwas darauf zu erwidernz indeſſen mußte er dem Volke einige Zufriedenheit darüber bezeugen, und Arthur ſagte nur was er dachte, drückte nur aus, was er fühlte. Iſolette war alſo gezwungen, die Liebesbeweiſe der dankbaren Landleute mit einigen freundlichen Worten zu belohnen. Aber indem ſie zu ihnen ſprach, netzten Thränen ihr Geſicht. Die entzückte Menge jubelte ob dieſer Rührung, die ſie erregt zu haben meinte; aber Iſolette weinte nur um Arthur. Bleich und mit geſenktem Haupte ſchritt er unter dem Triumphbogen durch, wie ein zum Hochgericht Ver⸗ dammter. Kalter Schweiß feuchtete ſeine Stirne. Ein konvulſiviſcher Krampf ſchien ſein ganzes Weſen zu durch⸗ ſchauern. Das Geſchrei des Volks, die Geſänge der jun⸗ gen Hirten, die Trommeln und Kriegslieder, drangen wie ſchreiende Mißtöne in ſein Ohr. Er ſah die Thurm⸗ ſpitze von Sankt Irenäus, wo die Fremde weilte... Bald wird er vor ihr den unſeligen Schwur ausſprechen, nur Iſolette zu lieben. Welche Gedanken und welche Bil⸗ der! Wie verwirrten ſie ſeine Sinne! Je mehr er ſich dem Kloſter näherte, je größer ward ſeine Unruhe. Er ſuchte die Erinnerungen, die ihn verfolgten, die Reue, die ihn verzehrte, die Marter, die ſeiner harrte, nicht —— mehr aus ſeinen Gedanken zu verdrängen; nein, er zog ſie immer mehr an ſichz ohne Schonung umfaßte er alle Schauer der Qual und des Schmerzes. Bevor er zum Altare ſchritt, wollte er die Kräfte des Wahnſinns er⸗ langen, denn die Vernunft verſagte ihm die ihrigen. Mit Bewunderung betrachteten die Bewohner der Gegend die Verlobten, als ſie im glänzenden Putz, mit dem Pomp der Größe und des Reichthums umgeben, in den Reizen der Schönheit und Jugend prangend, an ihnen vorüberzogen. Den Greiſen von Troja gleich, wel⸗ che bei Helenens Anblick in trunkenes Entzücken verſan⸗ ken, riefen die Alten des Dorfes aus:—„Wie ſchön iſt ſie!“ „Wie ſchön iſt er!“ antworteten leiſe die jungen Mädchen des Thals. „Wie glücklich ſind ſie!“ ſagte die Menge. Ach! hätte ſie wohl glauben können, daß der ein⸗ zige Ausdruck, der in dieſem Augenblick auf das erhabene Paar anwendbar geweſen wäre, in den Worten beſtände: 7 * „Wie ſind ſie zu beklagen Jetzt waren ſie an der Pforte der Abtei. Der Prior von Sankt Irenäus empfing ſie mit dem Gefolge ſeiner Geiſtlichkeit. Arthurs Wangen hatten ſich mit dunkelm Purpur überzogen; mit ſtarrem fragenden Blick heftete er das Auge auf den Prieſter, der ſeine Geheimniſſe — 90— kannte. Ein leiſes Zeichen des Abtes beantwortete die ſtumme Frage; Alais war im Kloſter.. Sie traten unter das Portal. Auf der oberſten Stufe grüßte Iſolette das Volk, und theilte den Armen ihre Gaben aus.—„Ehre und Ruhm dem Grafen Ar⸗ thur! Liebe der glücklichen Iſolette!“ riefen die Bewoh⸗ ner von Montolin. Der Prior wendete ſich zum Grafen; er ſah ſein düſtres Ausſehen und ſeufzte.—„Liebe, der glücklichen Iſolette!“ wiederholte die entzückte Menge. „Großer Gott! erbarme Dich Iſolettens der Prior mit leiſer Stimme. Unter der verſammelten Menge bemerkten ejeni⸗ gen, welche bei Alaiſens Verurtheilung ren, Arthurs Trauer ohne Befremden. Seine Liebe zu der Fremden war ihnen bekannt; ſie ſahen, daß der Graf durch ein widriges Geſchick von ſeiner Geliebten getrennt, ſeine Hand ihrer Nebenbuhlerin ganz wider Willen reiche. Trotz Iſolettens Reizen riefen ſie ſich Alaiſen ins Gedächtniß zurück, und ihr ungetheiltes In⸗ tereſſe gehörte der Verbannten des Thals. Arthurs Page, Eduard, war ſeinem Herrn gefolgt.. Plötzlich malte ſich Zorn und Schmerz in ſeinen Zügen; Ravenſtel forſchte nach der urſache, und hatte ſie bald gefunden. Unter den verſammelten Dörfnerinnen lehnte ſich Ricette, bleich und nachdenkend, auf den Arm eines 125 ſagte ————— Hirten. Sie wich den Blicken des Pagen aus; Leiden und Reue beſtürmten ihr Herz, aber ſie verwirrten ihre Sinne nicht. Ihr Begleiter war weder jung noch ſchön, aber er war der Gatte, den ihre Mutter ihr erwählt hat⸗ te, und Nicette wollt ihm ihre Hand reichen. Was für ein Beiſpiel von Kraft und Weisheit gab ſie Arthurn neuerdings!„ So iſt es doch möglich, die Liebe zu beſiegen. Das Angeſicht der Waiſe, bleich und niedergeſchlagen, zeugte von ihrem innern Kampf, aber aus ihrem Schmerze glänzte ein Strahl der Befriedigung, die Freude der erfüllten Pflicht, die Hoffnung, ganz der Tugend anzugehören, die Zufriedenheit eines reinen Herzens. Der Graf und ſeine Braut traten in die Abtei. Schon brannten Hymens Kerzen in der Kapelle. Der Prior geleitete das Brautpaar, und nachdem ſie durch mehre große Säle gegangen waren, befanden ſie ſich in der Galerie des Kloſters, welche an den Chor der Kirche ſtieß. Dort ſollten ſie erwarten, bis alles am Altare bereit ſey, ſie zu empfangenz dort ſollten die Verlobten und die Gäſte ſich einige Minuten lang von den Beſchwer⸗ lichkeiten des Wegs erholen. Alles war auf das prächtigſte ausgeſchmücktz in der Galerie ſtanden koſtbare Marmorfiguren, und Vaſen von hohem Werth. Köſtliche Teppiche bedeckten den Bodenz die Säulen waren mit Blumen umwundenz Stoffe von Purpur und Gold bekleideten die Wände. Alles war ſchön und majeſtätiſch; es war mehr als ein Gemach der Kö⸗ nige, es war der Eingang zum Palaſt des Himmels. Aber vergebens waren alle Reichthümer der Kunſt vor Arthur entfaltet; nichts erfreute ihn; alles nahm die Farbe ſeiner Gedanken anz alles ſchien ihm ſchwarz und düſter zu ſeyn. Noch wenig Augenblicke, und ſein Schickſal, auf immer an Iſoletten geknüpft, ſcheidet ihn auf ewig von Alaiſen. Sein Athem war gehemmtz ſeine Kniee drohten unter ihm zu brechen; Todeskälte rießelte durch ſeine Adern, und ward wieder von Feuerglut abge⸗ lößt. Er bebte jeden Augenblick zuſammen, ſein Aug' war ſtarr, ſeine Stimme dumpf. Indem er durch di⸗ Säle ſchritt, war ſein Gang bald ſchnell, als könnte er nicht zeitig genug an den Ort ſeiner Beſtimmung gelan⸗ gen; bald blieb er unbeweglich ſtehen, als hätte ein ſchadenfroher Zauberer ihn in eine Bildſäule verwandelt. Sich oft unter die Menge miſchend und allein zu ſeyn wähnend, ſprach er, man wußte nicht wovon; antwor⸗ tete er, man wutte nicht wem. Iſolette folgte allen ſeinen Bewegungen, und ſuch⸗ te ſeine Gedanken zu ergründen. Sie erheuchelte ein fröh⸗ liches Aeußere; ſie ſuchte die allgemeine Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen und ſie von Arthurn abzulenken; ſie feſſelte durch ein lebhaftes Geſpräch die ſie umringenden Ritter, damit ſie ihren Verlobten nicht beobachten ſollten. 1. * Sie wolltr froh und vertraulich ſcheinen, aber ach! wie war ihre Seele gemartert. Ein Fenſter der Galerie war geöffnet; es führte auf einen prächtigen Balkon, der eine reiche Ausſicht ge⸗ währte. Der Graf betrat ihnz er mußte Luft haben, denn ſeine peinigende Empfindung drohte ihn zu erſticken. Das uebermaß ſeiner Leiden hatte ihn im Kreiſe der Verſammelten iſolirt. Für den verzweifelnden Menſchen gibt es keine geſelligen Gebräuche, keine Zurückhaltung, keinen Wohlſtand mehr; er handelt und geht ganz frei; die öffentliche Meinung gilt ihm nichts mehr, er gilt ſich ſelbſt nichts mehr. Er haßt und verachtet ſeine Mitbrü⸗ der, denn was iſt ihm an ihrer Achtung gelegen? Was für ein Schauſpiel bewunderte Arthur. Auf dem bläulichen durchſichtigen Waſſer des Seeis ſchwamm eine leichte Flotte längſt des ufers hin. Melodiſche Mu⸗ ſik ertönte unter den Bäumen, wo, die Stirnen mit Blumen umwunden, die Jungfrauen des Dorfes tanzten. Unter den Linden waren ländliche Tafeln errichtet, und die Alten des Dorfes, ganz dem Gott der Fröhlichkeit dahingegeben, ſangen Bacchus und die Liebe. Die jun⸗ gen Hirten, deren Hüte mit Bändern geziert, deren Stã⸗ be mit Blumen geſchmückt waren, zeigten in mancherlei Spielen ihre Stärke und ihre Geſchicklichkeit. Die Ver⸗ zweiflung ſchaute auf eine Szene voll Glück und Fröh⸗ lichkeit. — 94— Der Graf wendete die Augen von dem belebten— Bilde ab, und kehrte ſie nach den Bergen und dem Wal⸗ de, wo alles ſtill und ruhig warz aber dieſer Anblick hatte eben ſo wenig Reize für ihn als der andere. Wenn die Seele in ihren Grundfeſten erſchüttert iſt, dann har⸗ monirt die Ruhe der Natur nicht mit ihr. Die Erde, gleichgiltig bei dem Leiden ihrer unglücklichen Kinder, ſcheint ihnen mit Verachtung zu ſagen: Leidet oder ſterbt! was kümmert's mich; ſie ändert nichts an ihren Geſetzen; ſie fühlt weder Mitleid noch Sympathie. Das Herz der meiſten Menſchen iſt für ihre Mitbrüder nur ein umempfindlicher Fels, die ganze Erde nur ein Grab. Ach! für den Sterblichen, den das Unglück ver⸗ folgt, iſt alles wüſte und verödet. Iſolette geſellte ſich zu Arthur. Ihr gegenüber er⸗ hob ſich der ſpitze Thurm eines Kloſters der Benediktine⸗ rinnen; ſie zeigte es dem Grafen, und ſagte mit klagen⸗ der Stimme:„Arthur, dort in dieſen heiligen Mauern führen diejenigen ein friedliches Daſeyn, die ferne von dem Geräuſch der Welt ihre Geſänge zum Himmel erhe⸗ ben.. Ravenſtel, wie glücklich ſind diez ſie haben nie die Liebe gekannt.“ Wilhelm von Barres war ihr gefolgt, und hatte ihre Rede gehört.—„Wer verſichert Euch,“ ſagte er: „daß keine von dieſen Nonnen geliebt habe. Vielleicht ſind junge Mädchen unter ihnen, die, gezwungen, ihre — 95— Neigung aufzuopfern, ſich mit ihrer Reue, ihrer Ver⸗ zweifelung in das Kloſter geflüchtet haben. Bedauert ſie, edle Dame! Ihr wißt nicht möchtet Ihr nie den Todeskampf eines emta empfinden, das ſich ſelbſt zum Opfer bringt.. Wilhelms ſchmerzlicher Ton und ſeine bedeutſamen Worte waren von Arthur vernommen wordenz er unter⸗ brach den Seneſchal:—„Dieſe Bräute des Herrn,“ ſagte er:„genießen Freuden, wovon wir keine Begriffe haben. Sind welche unter ihnen, deren Herz ehedem geſprochen hat, ſo haben gerade dieſe heilige Tröſtungenz ſie ſind in ihr Schickſal ergeben, und nicht verdammt, bei Feſten und Bankets gegenwärtig zu ſeyn.„ Die Welt iſt vor ihnen verſchwunden; von allen irdiſchen Banden entfeſſelt, beten ſie und Gott erhöret ſie.“ „Ach! warum bin ich nicht unter ihnen!“ ſagte Iſolette zu ſich ſelbſt. Ravenſtel hatte den Balkon verlaſſen; er ging in der Galerie auf und nieder, und ſprach mit jedem der Anweſenden. Sein Geſicht ſchien ruhiger, aber ſeine Worte hatten wenig Sinnz eine fixe Idee beſchäftigte ihn. Sein Zweck, als er die Galerie durchlief, war, unbemerkt einen der Zeugen ſeiner Vermählung zu ſu⸗ chen, der ſich unter der Menge befinden mußte und ver⸗ borgen bleiben wollte. Sollte er ihn nicht entdecken? Am äbßerſten Ende des Saals ſtand ein Gruppe Mönche; der Graf näherte ſich ihnen und gewahrte hin⸗ ter den Prieſtern eine geheimnißvolle Geſtalt, welche ſich an eine Säule lehnte. Ihre Haltung war nicht feſtz eine Kaputze verbarg ihre Züge, übrigens trug ſie das lange Gewand der Mönche von Sankt Irenäus; Arthur beobachtete ſie aufmerkſam, und ſein Herz ſchlug höher. Sie bemerkte die Aufmerkſamkeit, die ſie erregt hatte, und rückte einige Schritte weiter zurück.. Dieſe Bewegung verrieth ſie. Kein Zweifel mehr, es war Alais. Ihr zarter Wuchs, ihre bezaubernden Formen konnten unter ihrer Vermummung nicht gänzlich verſteckt werden. Sie war Hebe in den Mantel der Göttin der Nacht ge⸗ hüllt; ſie war die ſchüchternſte der Grazien, die vor Amor einen Schleier umwirft; ſie war die blendende Aurora, die ſich mit einer Wolke bedeckt. Der Graf blieb ſtehen. Ein heiliger Schauer, dem ähnlich, der eine enthuſiaſtiſche Seele beim Anblick eines heiligen Tempels ergreift, bemächtigte ſich ſeines ganzen Weſens. Es ſchien ihm, als hätte ein göttlicher Hauch ſich um ihn verbreitet und die Luft des Heilig⸗ thums gereinigt. Er fühlte, er athmete, er lebte. Er war im Begriff, ſich dem angebeteten Gegen⸗ ſtande zu nähern, der ſein Geſchick entſchiedz aber eine Be⸗ wegung der Fremden, eine Bewegung ſanft und bittend, die außer ihm Niemand wahrgenommen hatte, feſſelte ihn an ſeinen Platz. Er blieb unbeweglich und ſtumm. Die Thüre der Kirche öffnete ſich. Die Verlobten wurden zum Altare gerufen; die Orgel ertönte, und der Prieſter war bereit, den Segen zu ertheilen. Jetzt näherte ſich Herr von Montolin Arthur und, auf ſeine Tochter zeigend, ſagte er:—„Graf von Ra⸗ venſtel, ergreift die Hand Eurer Braut, und führt ſie zum Altare.“ „Meiner Braut!“ rief Arthur:„ja, ich habe es geſchworen.. da bin ich.“ Er eilte auf Iſoletten zu, er ſtand vor ihr aber plötzlich kehrte er ſich zu ihrem Vater, und ſagte: —„Herr von Montolin, nehmt Platz in der Kirche, geht alle, alle hin, ich wünſche zuletzt zu folgen.“ Der Schloßherr ſchien anfangs erſtaunt zu ſeynz aber Arthur hatte ihn ſeit langer Zeit an gar viele Selt⸗ ſamkeiten gewöhnt, und ſo gab er ſeinem Wunſche nach, und ſchien ihn billig zu finden. Wenn nur ſeine Tochter den Namen des Nachkömmlings der Bretaniſchen Könige führte und deſſen ungeheuren Reichthümer genoß, dann bekümmerte er ſich wenig um das übrige. Wenn nur ſein Ehrgeiz befriedigt wurde, ſo waren ihm die Mittel, welche dazu führten, gleichgiltig. Die Menge ging mit ihm in die Kirche. In der Galerie blieben nur Arthur, der Prior, Iſolette und die Fremde. Welche Hoffnung hatte Arthur, indem er die Gäſte entfernte? Wollte er vor der Vermählung noch allein II. 1 — 98— mit Alaiſen ſprechen? Wollte er ſeine Bande zerreißen? Was war ſein Plan, was ſein Ziel?. Ach! er hatte keins. Er verzögerte dadurch nur das feierliche Ja; ei⸗ nige Augenblicke Freiheit waren ihm Bedürfniß. Warum? das wußte man nicht. Der Prior ſtand zu ſeiner Seite.—„Arthur,“ ſagte er mit leiſer Stimme:„gedenkt Euers Schwurs. Die Fremde hat ihr Wort gehalten. ſie iſt hierz ſeyd ein Mann. Ein wenig Feſtigkeit! folget mir. 3 „Iſolette,“ ſagte der Graf indem er ihr traurig die Hand bot:„Iſolette ich bin Dein. R Er ſprach's und blickte Alaiſen an. Glaubend, nur von ihm bemerkt zu werden, lehnte die Fremde ihre Stirne an die Säule, welche ihr zur Stütze diente. Die Kapuze, welche ihr Haupt verhüllte, bewegte ſichz ohne Zweifel weinte ſie. Vergebens ſuchte ſie ſich zu faſſen. ——.——— Als Arthur bemerkte, wie ſich ihr Buſen hob und ſenkte, unterlag er ſeinen Gefühlen. Er ließ die Hand der Jung⸗ frau fahren, fiel, außer ſich, in einen Seſſel, und mit zerreißender Stimme rief er:—„Vergib, Iſolette! o, vergib.“ Welch ein entſetzlicher Augenblick für das Fräulein von Montolin! Im Begriff ſie zum Altare zu führen, zog Arthur ſeine Hand zurück. Ach! der Todesſtoß wür⸗ de die unglückliche Iſolette minder ſchmerzlich getroffen haben. Ihr Schmerz ward zu heftig, um länger ver⸗ borgen bleiben zu können. Ihrer Seele war es Bedürf⸗ niß, ſich zu öffnen, und ihre Leiden zu enthüllen. Sie vergaß nun ebenfalls Ort, Zeit, die Anweſenden und ſich ſelbſt; und ein Schrei des Jammers drang aus ihrer zerriſſenen Bruſt. „Theurer Arthur! unſere Verbindung ſey aufgeho⸗ ben! ich werde nicht geliebt!.., Ich ſehe, daß ich es nimmer ſeyn werde. Alle Täuſchung iſt zerſtört. Mein Herz, als es dem Deinigen entgegen eilte, hatte nicht gehofft, ſo viel zu erhalten, als das meine bot; aber es hatte ſich geſchmeichelt, Dich in Deinem Kummer tröſten und Dein Leben mit jenem reinen lebhaften Ge⸗ fühl, mit jener uneigennützigen Liebe, die ſich hingebend ſelbſt vergißt, die beglücket, ohne gleiche Anſprüche für ſich zu machen, die alles gibt und nichts fordert, umge⸗ ben zu können. Der Schleier fiel vor meinen Blicken. Da ſtößeſt Iſoletten von Dir. Arthur! keine Verſtel⸗ lung mehr! ſei freiz ich mache Dir keinen Vorwurfz; Du biſt nicht Herr Deiner ſelbſt. Die Demüthigung dieſes Augenblicks iſt zwar ſchrecklich für mich, aber Du leideſt, und ich kann Dich nur beweinen. Du liebſt. ich ver⸗ ſtehe Deinen Schmerz. Ohne Deinen Willen ſind für uns die Hochzeitsfackeln angezündet. Vollende das Opfer nicht Du wirſt mein Freund ſeyn, mein Bruder; andere Bande können uns einen. Du fürchteſt mich als Gattin; als Schweſter wirſt Du mich lieben.“ 7* — 100— Der Graf von Ravenſtel verſuchte in unbeſchreib⸗ ücher Verwirrung einige Worte auszuſprechen; allein Iſolette widerſetzte ſich.—„Kein großmüthiges Mit⸗ leid,“ ſagte ſie:»„Arthur! übereile Deine Antwort nicht; gehorche keinem fremden Trieb; nur Dein Herz ſoll ſprechen, aber nicht der Schmerz, der Dich bewegt!“ Arthur kehrte ſich zum Abt. Sein Blick ſchien ihm zu ſagen:„Iſolette iſt es, die mich meines * Schwurs entbindet; ich bin es nicht, der dieſe Feſſeln Uöſet.“ Aber der Prior wendete ſich an die Verlobte mit den Worten:„Was beginnt Ihr 7* Dann ſetzte er mit Nachdruck hinzu:„wie, am Fuße des Altars wollt Ihr den Trauring abſtreifen! Welch Betra⸗ gen! kehrt zur Vernunft zurück, Ihr wißt nicht, welch ein Schauſpiel Ihr dadurch erreget. Könnt Ihr jetzt Euer gegebenes Wort zurück nehmen? Iſolette hat eine zu reine Seele, um vor einem verſammelten Publikum ihren Vater, die Kirche, und Gott ſelbſt zu beleidigen. Fleckenloſe Jungfrau, Ihr werdet mich in den Tempel vegleiten, es ſey denn, daß der Graf vor mir ſich wei⸗ gert, Euch den Namen ſeiner Gattin zu geben. Arthur! redet dürft Ihr es wogen?“ Der Graf blieb ſtumm, und bedeckte ſein Geſicht mit den langen Falten ſeines weißen Mantels. Die ſanf⸗ te beſcheidene Jungfrau des Schloſſes, deren unausſprech⸗ liche Qualen ſie aus ihrer gewöhnlichen Natur heraus⸗ — 101— gezogen hatten, überließ ſich gänzlich den großmüthigen Trieben ihrer Seele. Mit ſchüchterner Hand wieß ſie den Prior von Sankt Irenäus zurück, und rührender als je, entriß ſie ſich den Schleier, der ihre keuſche Stir⸗ ne zierte, legte ſie die Blumen und Edelſteine ab, welche ihre Locken feſſelten, warf ſie die Myrthenkrone von ſich, die ſie ſo freudig aufgeſetzt hatte; kurz, ſie entblößte ſich alles bräutlichen Schmucks, und ſank zu den Füßen des Grafen nieder. „Arthur! Du ſiehſt es,“ rief ſie:„mein Entſchluß iſt gefaßt, mein Opfer beſchloſſen.... Ich beſchwöre Dich, billige meine Handlung. Der Prior hat keine Rech⸗ te auf uns, und ich kann frei über mein Herz gebieten. Nur Schande iſt ein Verbrechen, und mich leitet die Tu⸗ gend. Ehre und Pflicht rufen mir zu: Mache Ar⸗ thur nicht unglücklich!... Nur noch ein Schleier ziemt Iſolettens Stirne; für Gott will ich ihn tragen... Gott allein kann Dich mir erſetzen. Keine Blumen, keine Steine mehr. Vom Balkon aus habe ich das Kloſter der Benediktinerinnen geſehen.„. Der Himmel hat es mir gezeigt. Ich entſage den Freuden dieſer Er⸗ de, aller Größe des Lebens. Welch Opfer wäre mir jetzt noch ſchwer! Arthur! ich entſage Dir.* Während dieſer herzzerreißenden Szene hatte die Fremde unbemerkt und ſchweigend alles mit angehört. Welche Folter für ſie!.. Aber plötzlich ermannte ſie ſich; ein ſchneller Entſchluß gab ihr übernatürliche Kräf⸗ te. Sie eilte auf Iſoletten zu, faßte ihre Hand mit Stär⸗ ke, und während Schrecken und ueberraſchung ihre Ne⸗ benbuhlerin zu jeglichem Widerſtande unfähig machten, ſchmückte ſie eilig deren Stirne wieder mit Blumen und Steinen, ſetzte ihr Krone und Schleier wieder auf. Sie dann von der Erde aufhebend, ſagte ſie:—„Iſolette, Ihr werdet Arthurs Gemahlin ſeyn.„. Ihr müßt ſie werden.„ Kein Kiert mehrz ich es Euch im Namen des Himmels.“ Ihre feierliche Stimme brachte einen zauberiſchen Erfolg hervor. Arthur, auf einen Seſſel niedergeſunken, hatte weder Kraft noch Willen; die Jungfrau wagte der Fremden ihre Hand nicht zu entziehen. Ihr war's, als hätte ein göttlicher Geiſt eine menſchliche Geſtalt ange⸗ nommen, um ihr das Gebot des Himmels zu überbringen. „Wer ſeyd Ihr denn,“ rief Iſolette:„Ihr, die im Namen des Herrn ſpricht! Die geheimnißvolle Geſtalt warf ihre Kapuze ab. Schöne blonde Locken fielen in Unordnung über ihre Schultern, und ein himmliſches Geſicht, eine unbeſchreib⸗ liche Schönheit, bot ſich Iſolettens Blicken dar. „ch bin die Fremdel“ ſagte ſie. und ohne den Verlobten weder Zeit zum Nachden⸗ ken, noch Macht zum Widerſtande zu laſſen, bedecte ſie ihr Antlitz wieder, ergriff des Grafen Hand, und N d — 103— mit ſchnellen Schritten ſie mit ſich fortziehend, führte ſie beide zum Altare. Der erſtaunte Prior folgte ihnen. Die Galerie war leer. Die Verlobten ſtanden vor dem Altar, und die Ceremonie begann. In dieſem Au⸗ genblick drehte ſich durch einen leichten Druck die Thüre des Tempels von neuem auf ihren Angeln, und die Frem⸗ de ſtand wieder in dem mit Marmorſtatüen ausgeſchmück⸗ ten Saale. Sie war allein; ſie ging mit mühſamen Schritten, und ihre Kräfte drohten ſie zu verlaſſen⸗ Ihr Blick fiel auf einen Betſtuhl und, indem ſie ſich auf die Kniee nieder warf, ſagte ſie:—„Herr des Himmels, welch ein Augenblick, und welches Opfer.„ Eine neue Schranke erhebt ſich zwiſchen mir und ihm; ich habe ſie errichtet.. Ich habe es gewollt. Iſo⸗ lette wird ſeine Gattin ſeyn.„. Gott! habe Mitleid mit ihnen, und mit mir.“ Ihre Stirne war gebeugt, ſie blieb ohne Bewe⸗ gung; und bleich, niedergeſchlagen, in einem Zuſtande gänzlicher unempfindlichkeit, ſchien ſie mitten in einem feſtlichgeſchmückten Saale, ein Bild des Schmerzes und des Todes zu ſeyn, welches im Glanze und in den Freu⸗ den des Lebens als Mahnung dienen ſoll. In der Kirche erſchallte der Geſang, welchen die jungen Diener des Altars mit reiner Stimme angehoben yatten. Alais ward nach und nach gefaßterz es gelang — 104— ihr, ſich ihrer Verzweiflung zu entreißen, oder vielmehr, ſie dem großen Richter aufzuopfern. O, wie ſehr ſtärkt das unglück den Glauben, wenn die zerriſſene Seele weder Troſt noch Hülfe von dem Leben zu erwarten hat; dann bedarf ſie der Stim⸗ men des Himmels! Der Thron der Barmherzigkeit iſt der einzige Hafen in großen Schiffbrüchen. Die Orgel verſtummte. Der Geſang hatte aufge⸗ hört.„ Plötzlich fuhr die Fremde bebend zuſammen.. Es wurden einige Worte, welche ſie nicht verſtehen, aber wohl errathen konnte, am Fuße des Altars von dem Prieſter ausgeſprochen; er fragte und erwartete die Antwort. Alais athmete kaum; ſie beugte den Kopf vor, ſie horchte, und ſchien einen tödtlichen Stoß zu er⸗ warten. Er zögerte ſie zu treffen! Sie bezeich⸗ nete die Zeit durch das Klopfen ihres Herzens. Plötzlich ſpannten ſich ihre Nerven ab; es war geſchehen; der Schlag hatte ſie getroffen. Sie erſtickte einen dumpfen Schrei. Ihr Haupt fiel auf den Betpult nieder. Ihr Auge ſchloß ſich; ihre Pulſe ſchlugen nicht mehr... Das ſchreckliche Ja war ausgeſprochen. Aber heftig wurde jetzt die Thüre, welche in die Kirche führte, aufgeriſſen... Wer ſtürzte in die Gale⸗ rie? Arthur ſelbſt! Arthur allein! und in welchem Zuſtan⸗ de, gerechter Gott!... Während der Trauung ſchien er ganz zernichtet; . k⸗ . 3 1 Wille. — 105— aber kaum hatte er das feierliche Ja ausgeſprochen, als er von der heftigſten Raſerei befallen ward.„„ Seine Vernunft war gänzlich dahin. Er erhob ſich vor dem Al⸗ tare als erwache er plötzlich aus einem furchtbaren Traum, ſtieß den Prieſter zurück, proteſtirte gegen die Trauung, ſtieß ſeltſame Läſterungen aus und, die erſchrockene Men⸗ ge theilend, flüchtete er zu der Fremden. Er machte die Thüre hinter ſich zu, und ſchob die großen Riegel vor. Wußte er wo er war, und was er that? Neinz der Wahnſinn und die Wuth waren ſeine einzigen Führer. Fieberglut kochte in ſeinen Adern. Seine glühenden Wangen glichen dem dunkelſten Purpur. Die letzte Periode ſeiner Angſt hatte ihn auf die höchſte Stufe der Verzweiflung gebracht. Jeder ſeiner Blicke war ein Feuerſtrahl; jeder ſeiner Gedanken eine Aufwal⸗ lung; jede ſeiner Bewegungen ein Wahnſinn. Ehe ſie auf immer verloſch, mußte ſeine brennende Phantaſie ſei⸗ ner ungezügelten Natur dieſen Tribut bezahlen. Er ergriff Alaiſens Arm mit der Stärke der Ver⸗ zweiflung; er weckte ſie aus ihrer Lethargie, und zog ſie mit ſchnellen Schritten aus der großen Galerie. Wo ging er hin? der unbeſonnene wußte es nicht. Was war ſein Ziel? er hatte keins. Sich ſeinen neuen Banden ent⸗ reißen, ſie zerbrechen, Alais wiederſehen: das war ſein Die Fremde hatte weder Kraft, ſich ihm zu wider⸗ — 106— ſetzen, noch die Macht ihn zu verſtehen... Ja in ih⸗ rer Verwirrung ſah und hörte ſie kaum. Gleich als trü⸗ ge ſie ein Wirbelwind davon, ſo flog ſie an Arthurs Ar⸗ me durch die langen Gänge, die Galerien, faſt durch das ganze Kloſter. Schrecken, Entſetzen malten ſich in ihren Augen, Verzweiflung in ihren Zügen; und doch war im Grund ihres Herzens dieſe Angſt nicht ohne Rei⸗ ze, dieſe Verzweiflung nicht ohne Freude. Endlich blieb der Graf mit Alais in einem Gemache ſtehen, das ihm keinen weitern Ausgang mehr darbot. Am äuſſerſten Ende des Kloſters angelangt, konnte er nun nicht mehr weiter. Die einſame Zelle, wo er ſich befand, war die Wohnung des Priors. Sie ward vom Tageslicht nur ſchwach erleuchtet; in der Tiefe des Zim⸗ mers ſtand auf einer Art Altar ein großes Kruzifir, das Bild der heiligen Jungfrau nebſt einigen Gebetbüchern. Die Fremde kam wieder zu ſich ſelbſt, und ſah ſich mit Arthur allein an einem finſtern unbekannten Ort. Kein einziger Geiſtlicher, der ſich ihrer ſeltſamen Flucht entgegenſtellen gekonnt hätte, war ihnen auf ihrem We⸗ ge begegnet; denn alle Prieſter waren in der Kirche. Die verhüllende Kappe, welche Alaiſens Geſicht bedeckte, war auf ihre Schultern gefallen. Welche Rei⸗ ze hatte ſie enthüllt!... Ihr ſchönes blondes Haar fiel in langen Locken herab, und flatterte kunſtlos um ihren weißen Nacken. Ihr zärtüich flehender Blick ſchien Arthurn M — e um Mitleid zu bitten. Ihr Teint, gewöhnlich bleich, hatte jetzt den leichten Incarnat, welche die weiße Früh⸗ lingsroſe von ihrer glänzenden Schweſter entlehnt. Ihr ſchwarzes Gewand hatte ſich durch die raſche Bewegung geöffnet, und zeigte die Weiße ihres ſchöngeformten Hal⸗ ſes, der die Augen verblendete. Furcht belebte ihr ſchö⸗ nes Geſicht, und machte es noch anziehender. O wie ſehr ward ſie durch ihre Verwirrung verſchönert! Wie bezaubernd war die unordnung ihres ganzen Weſens. „Arthur! wo bin ich?“ ſagte ſie. „Bei mir!“ rief er mit Donnerſtimme:„Hier, draußen, überall iſt nun mein Platz an Deiner Seite. Das iſt meine Beſtimmung für immer; ſey es im Leben, ſey es im Tode, im Elyſium oder im Tartarus.“ Seine Geiſteszerrüttung hatte den höchſten Grad erreicht. Alais ſtand zitternd vor ihmz er betrachtete ſie mit wilder Freude. Nie war ſie ihm ſchöner erſchienenz und plötzlich bemächtigte ſich ſeines ganzen Weſens ein Gedanke, den der Wahnſinn gebar, ein Gedanke, der ihn mit Entſetzen und Trunkenheit erfüllte, den er zurück⸗ ſtieß und wieder ergriff. „Abgott meines Lebens!* rief er aus:„wir ſind allein, wir ſind frei. Ein Wort! ein einziges Wort.„ liebſt Du mich?“ „Arthur!“ erwiderte die Fremde:„iſt das die — 108— Stunde und der Ort, mich mit ſolchen Fragen u S men?— Pflicht, Ehre und Deine Schwüre... „Immer dieſelben Einwürfe! immer dieſelbe Spra⸗ che!“ ſagte der Graf im heftigſten Zorne.„Du und jene, Ihr verſtehet Euch alle zuſammen.. Nun, ſo zwingt mich denn nichts iſt mir mehr heilig.“ und dann fuhr er mit dem Gelächter der Verzweif⸗ lung, mit der bittern Ironie des unglücks, heftig fort: „Ehre, Gewiſſen, Freundſchaft, Pflicht und Schwü⸗ re, alles iſt falſch und eitel in der Welt; nur die Liebe iſt allgewaltig und wahr. Nur ihr Gebot erkenne ich noch an, und ihr Gebot will, daß Du mir angehöreſt.“ „O Himmel!“ unterbrach die Fremde:„welche Reden!„ was wollt Ihr ſagen!. „Dieſer Augenblick iſt mein ganzes Leben,“ fuhr der wahnſinnige Liebende fort:„der Erde und dem Him⸗ mel zum Trotz will ich Dich beſitzen; ich will eine Minu⸗ te lang das Glück kennen und dann mag das Univerſum verſchwinden, mag mich der Ewige zerſchmet⸗ tern komm, Alais! komm in meine Arme! Gott hat Dich verflucht, ſagteſt Du mir einſt; wohlan! ich will es mit Dir ſeyn.. Wir wollen einen Zauberkreis aus lauter Flüchen um uns ziehen, der den Menſchen die Annäherung an uns verwehrt; wo ſie ſind, iſt die Höllez wo wir allein zuſammen ſind, iſt der Himmel.“ Alais erhob ſich erſchrocken von ihrem Sitze. Der — 109— leidenſchaftliche feurige Ausdruck, den Arthurs Züge an⸗ genommen, enthüllte ihr zugleich die Verwirrung, die ihn befangen, und die Gefahr, welche ihr drohte. Sie flüch⸗ tete in den Hintergrund der Zelle und, ſich dann mit gefalteten Händen in bittender Stellung zu ihm kehrend, rief ſie: „Arthur! bedenkt, daß Ihr nicht mehr frei ſeyd. Der Prieſter am Altare hat Eure Schwüre empfangenz Ihr ſeyd Iſolettens Gatte. 5 „Wer? ich!“ erwiderte ihr der unbeſonnene: „wer hat Dir das geſagt? haſt Du es gedacht? kannſt Du es glauben?.. Im Heiligthum, wohin Du mich geführt, konnten meine Lippen mit leiſer Stimme „Ja!“* ſagen, aber mein Herz hat laut„Nein!“ geſagt. Was thut ein Altar, was thun Worte zur Sa⸗ che!. Ich bin Dein, ich gehöre Dir allein an.. ich verlaſſe Dich nicht mehr. ich würde Dich der gan⸗ zen Welt entreißen; ja, ich würde Dich ſelbſt der Gott⸗ heit ſtreitig machen. Weder die Prieſter noch die Kirche, noch der Monarch können mich von Dir trennen. Ich biete ihnen Trotz, ich haſſe ſie„ich habe Ja geſagt, aber für Alais. Komm! die Liebe ſoll uns mit ihrer unausſprechlichen Luſt beſeligen! Ich bin Dein Gatte... ich will es ſeyn.“ Er ſprach's, und drückte ſie an ſein Herz; aber ſich aus ſeinen Armen windend, rief die Fremde: — 110— „Arthur, verſchone mich, ich beſchwöre Dich! Wenn ich Dir wirklich theuer bin, ſo habe Mitleid mit mir. Kann denn das Glück im Verbrechen wohnen!* „Im Verbrechen!“ wiederholte der Graf:„Ich mache mir nichts aus Worten; Verbrechen, Tugend, nichts als leere Worte!... Die Tugend iſt ein Verbre⸗ chen, wenn ſie zwei Herzen trennet, die für einander geſchaffen waren„Keine Bedenklichkeit, kein Hinder⸗ niß mehr! meine Vielgeliebte, ſey mein.“ Alais ſank vor dem Altare nieder, umfaßte das Bild der Jungfrau mit ihren ſchönen Armen, und rief, ihre ganze Kraft ſammelnd: „Barbariſcher Menſch, darfſt Du es wagen, im Angeſicht dieſes heiligen Bildes an meine Entehrung zu denken! Entferne Dich! Du erfüllſt mich mit Abſcheu. Welche hölliſche Liebe iſt die Deinige! Einſt befahl ſie Dir den Mord, jetzt ſchreibt ſie den Ehebruch W füge noch den Kirchenraub hinzu.“ „Mord! Kirchenraub! Ehebruch!“ ſchrie der ra⸗ ſende Arthur:„Flüche und Furien! kommt! ich erwarte euch alle.„ Zu weit vorgeſchritten auf den Wegen des Verderbens, trete ich nun nicht mehr zurück. Mag auf eurer Geheiß ſich der Abgrund öffnen! mag mir die Ver⸗ werfung folgen! gleichviel! eurem Geſchrei, eurem An⸗ blick, euren Qualen zum trotz will ich dieß angebetete Geſchöpf beſitzen. Alais, wenn Dein Leben durch Ver⸗ — 1— irrungen befleckt iſt, was ſchadet ein Flecken mehr! Iſt aber Dein Leben fleckenlos, ſo falle die Sünde allein auf mich zurück. Fremde! ich halte Dich für ein reines We⸗ ſen... Der Engel muß dem Teufel angehören, und ſollte die ganze Schöpfung in der Ewigkeit darüber ſeuf⸗ zen. Mord! Kirchenraub! Ehebruch! beleuchtet mit Eu⸗ ern ſchwarzen Fackeln die Verbindung des Verbrechens und des unglücks! ſeyd alle Zeugen der höchſten Glück⸗ ſeligkeit der Liebe und der Verzweiflung.“ Er ſprachs; eine ferne Glocke beantwortete ſeine Aufforderung gleich dem langen Nachklang des Todes auf den letzten verzweifelnden Schrei des Lebens. Alais ward faſt bewußtlos von dem Altare geriſſen das dumpfe Echo der gewölbten Gänge, die von Zelle zu Zelle führ⸗ ten, nahm eine übernatürliche Stimme an, und ſchien auf das Verbrechen zu donnern.„. Das Bild der Jung⸗ frau ſchien auf dem Piedeſtal zu zittern. und der En⸗ gel der keuſchen Liebe verhüllte ſich mit ſeinen weißen Flügeln. Aber das Verbrechen ſollte nicht vollzogen werden... Der Himmel hatte die Verbannte von Montolin nicht verlaſſen. Eilige Schritte wurden hörbar.„ Man ſuch⸗ te Alais, man nahte. Sie war gerettet. Arthur ſah den Prior eintreten, den nur Wilhelm allein begleitete. Er ſtieß die Fremde von ſich; ſein Auge ſchoß Feuerſtrah⸗ 2— len; er zog das Schwerdt. Jetzt bedurfte ſeine Wuth nicht mehr der Wolluſt, ſondern ſie forderte Blut. Der unglückliche... Auf den Wegen des Verder⸗ bens war er endlich zu dem Ziele gelangt, wo der Schul⸗ dige nicht mehr weiter ſchreitet, ſondern ſich in den Ab⸗ grund ſtürzt und, um ſich vor ſich ſelbſt und Andern zu retten, nur Gewaltthat und Verbrechen zur Zuflucht hat. Glutſeelen, welch ein Beiſpiel!.. Arthur ließ ſein ganzes Leben hindurch ſeinem unbändigen Willen, ſei⸗ ner exaltirten Phantaſie freien Lauf. Sich auf ſich ſelbſt verlaſſend und ſeinen Kräften vertrauend, verkannte er jede andere Stütze; und was war die Folge davon? Ar⸗ thur beſaß eine zur Tugend geneigte Seele, Gefühl für wahre Ehre, eine beſtändige Liebe zum Guten, und doch überließ er ſich den abſcheulichſten Verbrechen, verletzte die heiligſten Pflichten; und wenn er noch nicht alle Ver⸗ brechen begangen hatte, ſo lag es nicht an ihm, ſondern er ward wider Willen auf dem hölliſchen Wege aufge⸗ halten. Alais lag faſt ohne Leben zu den Füßen der heiligen Jungfrau. Wilhelm näherte ſich ihr er ſah ſie an. —„Heiliger Gott!“ ſchrie er: Königin!.. Agnes von Meran an dieſem Orte!“ Bei dieſen Worten tieß Arthur das über des Priors Haupt erhobene Schwerdt aus ſeiner mörderiſchen Hand ſinken..—„Die Königin! Agnes!„* wieder⸗ — 113— holte er, und ſeine Augen bedeckten ſich mit einem dun⸗ keln Flor. Er führte die Hände auf ſeine Bruſt; eine ſeltſame, aber ſchreckliche Bewegung veränderte ſein gan⸗ zes Weſen. Er erblaßte, ſchwankte, und fiel endlich zu Boden. Der Prior eilte ihm zu Hülfe; er wollte ihn erhe⸗ ben: aber o Wunder! ohnmächtig und in Blut gebadet, gab der Graf kein Lebenszeichen mehr von ſich. Der Un⸗ glückliche, deſſen eine neue und letzte Wuth ſich bemäch⸗ tigt, hatte mit kühner Hand ſeine ſchlechtgeheilte Wunde wieder geöffnet... Er hatte ſeine ganze Bruſt aufgeriſ⸗ ſen; er wollte ſeine Vergehungen durch Selbſtmord krö⸗ nen, und in wie weit es ihm gelang, wird die Folge zeigen. Blttes Puſch. 8 * Es lebt noch etwas in des Weibes Seele, Das über jeden Schein erhaben iſt Und über jede Läſterung. Es heißt: Weibliche Tugend⸗ Schiller(Don Carlos). Endlich war das große Geheimniß enthüllt. Die Fremde war Agnes von Meran; aber wer war denn die Gefan⸗ gene zu Karency?... Es bleibt noch manche Begeben⸗ heit und manches Geheimniß zu erklären. Agnes, Tochter Bertholds, Herzogs von Meran*), hatte ihren ſechszehnten Frühling erreicht, als Philipp⸗ Auguſt und Richard Löwenherz einen Kreuzzug nach Pald⸗ ſtina unternahmen. Agnes hörte am Hofe ihres Vaters täglich von den Siegen des Königs von Frankreich ſpre⸗ ²) Die Staaten des Herzogs Berthold beſtanden aus Meran oder Mähren, aus Kärnthen, Böhmen und der Mark⸗ grafſchaft Iſtria⸗ —. chen. Fama verbreitete ſeinen Ruhm bis in die fernſten Gegenden, und tauſend wundervolle Erzählungen machten den großen Mann unſterblich. Philipp war jung, ſchön, tapfer, und ſeiner hohen Beſtimmung würdig. Mit allen Gaben des Himmels überhäuft, verdunkelte er alle ſeine Nebenbuhler. Er war Frankreichs Alcides, der Apollo von Lutetia. Die Prinzeſſin von Meran, von ſeinen Thaten be⸗ geiſtert, ſah in der ganzen Welt nichts mehr, das ihm gleich kam.—„Welch ein glückliches Loos,“ ſagte ſie: „erwartet die Gemahlin eines ſolchen Fürſten. Königin von Frankreich, von dem Helden Europas geliebt zu ſeyn; o das iſt zu viel Glück und Ruhm für eine Sterbliche!..* und die ſchöne Agnes ſeufzte. Der König zog nach dem gelobten Lande; und un⸗ ter den Rittern, die ihn begleiteten, war auch Leopold, ſein Jugendfreund, der Sohn des Herzogs von Meran. Philipp ſollte ſich in Genua einſchiffen; aber politiſche Angelegenheiten riefen ihn zuerſt nach Deutſchland, und er beſuchte zugleich die Staaten des Vaters ſeines Leo⸗ pold. Agnes war damals krank und leidend, und konnte dem Helden von Frankreich nicht vorgeſtellt werden; aber aus den Fenſtern ihres Gemachs ſah ſie ihn an der Spitze ſeiner Ritter vorüberziehen, umringt mit allem Zauber der Größe und des Ruhms. Ihre Bewunderung hatte ſich vergrößert; das Bild 8* — 116— des erhabenen Feldherrn hatte ſich tief in ihr Herz ein⸗ gegraben.—„Welch ein König!“ ſagte Agnes zu ſich ſelbſt.„Auf der ganzen Erde tönt ſein Name wieder; überall eilt ihm die entzückte Menge entgegen. Die al⸗ ten Beherrſcher Griechenlands beugten ſich mit weniger Achtung vor der Bildſäule Jupiters, als dieſe Ritter vor ihrem Monarchen. Welch ein Geiſt, und welche Schön⸗ heit! Ach! wenn er auf ſeinem königlichen Throne ſitzt im vollen Glanze ſeiner Herrlichkeit, und faſt die ganze Velt zu ſeinen Füßen ſieht, dann fehlt ihm zu einem Gotte nichts. als die Ewigkeit. 2 Das Glück lächelte Philippen; Agnes ließ ſich alle ſeine Thaten in Paläſtina von den Kriegern erzählen, die von dort zurück kamen, und ihre glühende Phantaſie ver⸗ größerte und verſchönerte ſie noch um vieles. Das ganze univerſum hatte für ſie nur Einen Fürſten, Einen Hel⸗ den, und dieſer war der unſterbliche Philipp⸗Auguſt. Agneſens ſeltne Schönheit hatte die mächtigſten Monarchen zu ihren Füßen gezogen. Von ihren Reizen entzückt, hatten der Kaiſer Otho von Sachſen, der Her⸗ zog von Schwaben, der Graf von Champagne, und mehre Fürſten Italiens um ihre Hand geworben, aber unempfindlich gegen deren Wünſche, hatte ſie ihre Huldi⸗ gungen abgewieſen. Der Sohn Ludwigs des Jüngern kehrte in ſein Va⸗ terland zurück, und bald verbreitete ſich die Sage, daß — ——„— — — 117— er der ſtolzen Iſamberge, Tochter Waldemars des Gro⸗ ßen, Königs von Dänemark, die Hand reichen werde. Ein Geſandter des Königs von Frankreich war abgereiſt, die Prinzeſſin zu holenz und ſchon erwarteten die Ver⸗ mählungsfeierlichkeiten die künftige Königin von Frank⸗ reich. Nie hatte ſich Agnes geſchmeichelt, einſt mit Phi⸗ lipp verbunden zu werden, und dennoch befiel ſie bei der Nachricht ſeiner Vermählung ein tödtlicher Schmerz. Trauer verdunkelte ihre Züge, für ſie gab's keine Freu⸗ de mehr. Ein alter Höfling hatte ſie ſeit langer Zeit beobach⸗ tet; es war der Sir von Vanaubry. Agnes liebte das ungewöhnliche; und dieſer unbegreifliche Menſch erregte das allgemeine Erſtaunen. Er beſaß weder Haus, noch Güter, noch Grundſtücke, und doch ſchien er ungeheuer reich zu ſeyn. Er konnte nicht weniger als ſechszig Jah⸗ re zählen, und doch ſchien er kaum dreißig alt zu ſeyn. Er ſprach von den Helden der Vorzeit als hätte er mit ihnen gelebt*). Eingeweiht in die Geheimniſſe der Ca⸗ *) Im letzten Jahrhundert erſchien ein ganz ähnliches We⸗ ſen. Es war der Graf von Saint⸗Germain⸗ Er mach⸗ te großes Aufſehen in Paris, und Madame Campan ſpricht von ihm in ihren Memoiren. Der Graf war ein Alchimiſt, er beſaß wunderbare Geheimniſſe, las in der Zukunft, und hatte, wie er ſagte, mit den großen — 118— 3 baliſtik, las er in dem Dunkel der Zeiten. Für ihn gab es nichts Verborgenes, nichts unmögliches; auf ſein Geheiß trugen ſich Wunder zu. Die Geiſter des Böſen waren, ſo ſagte man, ſeiner Macht unterworfen. Je⸗ dermann fürchtete ihn, und Jedermann fragte ihn um Rath. Agnes war allein mit ihm.—„Prinzeſſin,“ ſag⸗ te der Thaumaturg;„Ich kenne den Gedanken, der Euch beſchäftigt. Kein Zeuge hört uns; ſchenkt mir Eure Aufmerkſamkeit, ich kann Euern Kummer in Freude ver⸗ wandeln.“ „Meinen Kummer! was wollt Ihr damit ſagen?“ „Prinzeſſin! ein tapfrer Held, ich weiß es, hat Eure große Seele gerührt. Er iſt unter allen Fürſten der Erde der einzige, welcher Eurer würdig iſt, und wenn Ihr es wünſchet, edle Enkelin Carlomans! ſo werdet Ihr Philipps Gemahlin werden.* „Ich!„ ſeine Gemahlin iſt erwählt.“ „Gleichviel! Ihr werdet ſie dennoch.“ Männern vergangener Zeiten gelebt. Er hatte kein be⸗ kanntes Vermögen, und doch beſtritt er die Ausgaben ei⸗ nes reichen Fürſten. Er beſaß das Aeußere eines noch jungen Mannes, und doch yatte er ſehr alten Begeben⸗ heiten beigewohnt. Der berühmte Graf von Saint⸗Ger⸗ main hielt ſich kurze Zeit in Frankreich auf, und Euro⸗ pa iſt ungewiß, was ſodann aus ihm geworden. . — W D S 8— i —„—— „Durch welche Mittel?“ „Es iſt genug, wenn Ihr nur wollt.“ SRber. 3 „Vertraut mir Euer Schickſal, und Ihr werdet Königin von Frankreich.“ „Königin von Frankreich! und Euch ſollte ich dieſe Würbde danken 2 Ich kann Euern Worten nicht glau⸗ ben! Welche ſeltſame Gewalt glaubt Ihr zu beſitzen!.. und was muß ich thun, um Euch mein Schickſal anzu⸗ vertrauen?“ „Eine Kleinigkeit. Ich verlange nur Eure feierliche Vollmacht, eine Locke von Euern Haaren, einen Ring und Euer Bild.“ Die Prinzeſſin von Meran, lebhaft und unvorſich⸗ tig, ſchien anfangs erſtaunt.. Allein was Vanaubry verlangte, ſchien ihr ſo unbedeutend. Ihr Wunſch enthielt übrigens nichts tadelhaftes; Prinzeſſinnen von weit we⸗ niger hoher Geburt hatten den Thron von Frankreich be⸗ ſeſſen. Neugierde, Stolz, Ehrgeiz ſprachen mächtig in ihrer Seelez ſie ward wider Willen fortgezogen. Jung und unerfahren, nahm ſie unbedenklich das ſeltſame An⸗ erbieten des Negromanten an. Die feierliche Vollmacht, die er forderte, ward ausgeſprochen; Locke, Ring und Bild in ſeine Hand gegeben. Bis zu dieſer Stunde war Agnes rein und ohne Vorwurf geweſenz es war nicht das Feuer der Liebe, was ſie für Philipp empfand, ſondern die Macht der Begeiſterung, welche ihre Seele für alles Große trug. Ihre Wohlthätigkeit und ihre Tugend übertrafen ihre Reize noch. Sie war der Stolz ihres Vaters. Der Herr von Vanaubry hatte ſie verlaſſen. Ag⸗ nes dachte über die Verheißung des ſeltſamen Mannes nach, der ſich fähig glaubte, ſie auf den Thron Frank⸗ reichs ſetzen zu können. Welche Mittel wird er anwen⸗ den, um ſeinen Zweck zu erreichen? Sie hat im Voraus alles angenommen und alles gebilligt.„ Himmel! ein furchtbares Licht erleuchtete plötzlich ihren Geiſt.„„ Der Herr von Vanaubry hatte, als er aus ihrer Hand die verlangten Sachen empfing, ſie mit einem Ausdruck ver⸗ rätheriſcher Bosheit angeſehen, der nichts Gutes verkün⸗ dete. Sein Lächeln war bitter, und auf ſeinem finſtern Geſichte hatte, einem Blitze ähnlich, ſataniſche Freude ge⸗ glänzt. Gott! wenn die Geiſter der Finſterniß für ſie handelten und auf hölliſchen Wegen ihr die Krone berei⸗ teten!.., Wenn ihre Verbindung mit Philipp ein Werk der Hölle wäre!. Wenn ſie ihr Geſchick den Dämonen anvertraut, und ſich zur Theilnehmerin ihrer Verbrechen gemacht hätte!. Agnes erbleichte und ſchauderte; ſie wollte ihre Vollmacht wiederrufen und die gegebenen Pfänder augenblicklich zurückfordern; aber Vanaubry war verſchwundenz man ſuchte ihn allenthalben vergebens.„ ——— ———— Er war, als er Agneſens Palaſt verließ, ſogleich nach Frankreich abgereiſt. Die Prinzeſſin blieb bekümmert. Wie theuer wird ſie den augenblicklichen Leichtſinn bezahlen müſſen. Die Augen in Thränen gebadet, machte ſie ſich die bitterſten Vorwürfe. Sie zitterte in ihrem Herzen, ſich auf ewig den göttlichen Fluch zugezogen zu haben. Doch in der Mitte eines glänzenden Hofes, von Freude und Zerſtreuungen umringt, ward Agnes bald wieder ruhiger. Vanaubry war nicht mehr der Gegen⸗ ſtand öffentlicher Aufmerkſamkeit; die Rede war nicht weiter von ihm, und die ſchöne Tochter des Herzogs ver⸗ gaß ihre leichtſinnige Verirrung. Der junge Prinz von Meran, Leopold, unterhielt im Geheimen einen Briefwechſel mit Philipp-Auguſt. Ei⸗ nes Morgens trat er in das Gemach ſeiner Schweſter, und hielt einen Brief in der Hand. Sein Geſicht war freudeſtrahlend.—„Agnes, theure Agnes,“ ſagte er: „laß uns zuſammen den Himmel ſegnen, der ſeine Wohl⸗ thaten über uns ausſchüttet; Du wirſt Königin von Frankreich.“ „Großer Gott!“ rief die erſchrockene Prinzeſſin, und ſank kraftlos in einen Seſſel:„welche Nachricht bringſt Du mir!“ „Die Prinzeſſin von Dänemark,“ fuhr der edle Krieger fort:„iſt Philipps Gemahlin nicht mehr. Ein — 122— unbegreifliches Ereigniß hat ſie auf immer getrenntz höre den ſeltſamen Bericht. „Der Monarch war ſeiner Gemahlin bis Arras entgegen gereiſt; die Vermählung ward in Amiens voll⸗ zogen; doch, kannſt Du es glauben? am Abend der Ver⸗ mählung ſelbſt, entſtand ein fürchterlicher Lärm in dem Palaſt des Königs.„ Philipp⸗Auguſt ſtürzte mit ſtar⸗ rem Auge, mit Entſetzen in allen Zügen aus dem Braut⸗ gemach; er ſprach von Iſambergen wie im Wahnſinn... Er verbannte ſie aus ſeiner Gegenwart, und erklärte öf⸗ fentlich, daß er ſie nicht wiederſehen wolle. Das ſchreck⸗ liche Geheimniß dieſer Nacht erregt das größte Aufſehen in ganz Frankreich, ſetzt ganz Europa in Erſtaunen; aber es wird nicht enthüllt werden. Es wird das ewige Geheim⸗ niß bleiben, welches jedes Jahrhundert beſeufzt.. Philipp hat geſchworen, daß er ſchweigen werde*).* „Und welcher urſache,“ fragte die zitternde Jung⸗ frau:„ſchreibt man das furchtbare nächtliche Ereigniß zu?* *) Dieß unbegreifliche Ereigniß ward nie aufgeklärt, und iiſt eins der erſtaunungswürdigſten Geheimniſſe der Ge⸗ ſchichte. Rigord, Mezerai und Daniel ſchrieben Philipps Entſetzen vor Iſamberge, und ſeine Flucht aus dem Brautgemache einer abſcheulichen Zauberei zu. M. Des⸗ roches behauptet, daß Phlipp ſchon bei der Trauung von einem unwillkürlichen Schauder ward, den alle Anweſenden bemerkten. —— ——— „unſeliges Verhängniß!„ich bin verloren.“ ehr ähnliches Bild in die Hände, und„„ — 123— „Irgend einer ſchwarzen Zauberei, einem Satans⸗ komplot. Aber was iſt Dir, meine Schweſter; welche Todesbläſſe. „Nichts, nichts, mein Bruder, vollende„was iſt aus Rambergen geworden?“ „In dem Gefolge ihres Gemahls mit nach Paris gekommen, aber vor ſeinen Blicken verborgen, hatte ſie, ihre Verbannung erwartend, ſehr einſam gelebt. Dann berief er unter dem Vorſitz des Erzbiſchoffs von Rheims, eine biſchöffliche Verſammlung, die ſeine Ehe für nichtig erklärte, und ſie hat ſogleich Frankreich verlaſſen*).“ „So iſt's denn geſchehen,“ ſagte Agnes beſtürzt.. „Welche Verwirrung!.* rief Leopold:„Schwe⸗ ſter, erkläre Dich. verloren! welch neues Geheimniß!“ „Frage mich nicht!. Mein Geiſt iſt verwirrt, ich leide ſehr. uUnd Philipp⸗Auguſt, kaum frei, ſollte ſchon auf eine neue Verbindung denken, und er erwählt mich?.* „Ja, Dich; er hat mir es ſelbſt geſrieben u nes! er iſt von Deinen Reizen ganz entzückt.“ 8 „Er„er hat mich nie geſehen.“ „Nein; aber ein glücklicher Zufall ſpielte ihm Dein *) Hiſoriſch. Ein ſchmerzlicher Schrei unterbrach Leopolden. Ag⸗ nes bedeckte ihr Geſicht mit den Händenz ſie blieb wie vernichtet, als hätte ſie der Himmel in dieſem Augen⸗ blick auf ewig aus der Liſte der Auserwählten geſtrichen. Dann ſtand ſie ſchnell auf, und entſchwand aus den Au⸗ gen ihres Bruders. Leopold verſtand den ſeltſamen Schmerz ſeiner Schweſter nicht, die ſich mehre Tage in ihre Gemächer einſchloß und Riemand ſehen wolltez er ehrte ihre Ein⸗ ſamkeit, und fragte ſte icht mehr. Aber ein franzöſiſcher Abgeſandter erſchien bei Bert⸗ yold, und forderte feierlich im Namen ſeines Königs die Hand der Prinzeſſin von Meran. Dieſer erhabene Bot⸗ ſchafter war Moritz, Biſchof von Paris*). Der Prior von Sankt Irenäus, Almoſenpfleger Philipp⸗Auguſt's, und der Graf Wilhelm von Barres, Groß⸗Seneſchal des Reichs, begleiteten den heiligen Prälaten. — Berthold eilte zu Agneſen. „Meine Tochter,“ ſagte der Herzog:„Frankreich und ſein König rufen Dich; Du wirſt den ſchönſten Thron der Erde e und das glänzendſte Schickſal wartet Deiner.“ Aber das Geſicht der Prinzeſſin war entſtellt; mehr als Verwirrung— Entſetzen malte ſich auf ihm. *) Hiſtoriſch⸗ — 25 „Nein, nein!“ rief ſie mit Verzweiflung:„mir iſt nichts glückliches beſchieden. Mein Vater, opfert mich nicht auf. um Gottes Willen, verſagt ihm meine Hand.“ „Ich, dem mächtigſten Monarchen Deine Hand verſagen! Zu welchem Zweck? Aus welchen Gründen?. Ich begreife Dich nicht. Ich bin ſtolz auf Philipps Wahl, den Du zu beglücken berufen biſt. Dein Ruhm wird auf mich und mein Volk zurückſtrahlen. Der Limn über⸗ häuft uns mit Gunſt, und.. „Der Himmel!“ wiederholte Agnes verwirrt:„Der Himmel hat nichts mit dem Werke zu thun, welches mich auf den Thron erhebt.“ Sie ſank zu Bertholds Füßen. „Mein Vater! wenn Ihr Eure Lochter liebt, und Ihr nicht wollt, daß ſie in dieſem Leben unglücklich und jenſeits verworfen ſey, ſo verſagt mich dem Könige.“ „Agnes,“ entgegnete der Herzog mit Kälte:„ich begreife Deine Gedanken. Du glaubſt, der Sohn Lud⸗ wigs des Jüngern verletze die Geſetze der Kirche, indem er eine Andere als Iſamberge zu ſeiner Gemahlin erkießt; Du irreſt Dich. Die erſten Prälaten des Reichs haben ſeine Ehe getrennt; ſie ward nicht vollzogen, und iſt alſo nach allen Rechten ungiltig. Keine übertriebene Delika⸗ teſſe; die Kirche hat geſprochen, und das iſt genag⸗ Zudem iſt mein Wort ſchon gegeben, und in wenig Ta⸗ gen wirſt Du abreiſen.“ Er ſprachs und entfernte ſich. Die Prinzeſſin ſah ſich, trotz ihrer Bitten und Thränen, gezwungen, dem Willen ihres Vaters zu gehorchen. Sie verließ den hei⸗ matlichen Boden, und Leopold begleitete ſie. Beide ſchie⸗ nen der Luſt und Freude entgegen zu gehen, und fanden nur das unglück. Sie betraten Frankreichs Boden; überall wurden ſie mit der prachtvolbſten Feier empfangen. Agnes zog mit ſchwerem Herzen unter den Triumphbögen durch, welche für ſie errichtet waren. Nichts erfreute, alles er⸗ ſchreckte ſie. Die Vergangenheit rief ihr ein Verbrechen zurück, die Gegenwart gab ſie der Reue preiß, und die Brkunft drohte ihr mit Fluch und Verderben. 6 Die Prinzeſſin von Meran ſah ſich allenthalben von einer ungeheuern Volksmenge umgeben. Bürger und Bauern drängten ſich um ſie, aber keine enthuſiaſtiſche Freude zogen ſie zu ihr, ſondern nur ängſtliche Neugier⸗ de. Alle Geſichter waren kalt, alle Blicke ſcharf und durchdringend. Das Volk dachte an Iſambergen. »WVer iſt dieſe?“ ſagte die Menge:„die Andere iſt die rechtmäßige Gemahlin.“ Spärliche Aeußerungen der Freude begrüßten die neue Königin. Es gab zwar viele Feſte, aber wenig Freude; manche Sntt 3 aber keine Liebe. r —— Agnes beobachtete, hörte und ſeufzte. Ihr Rang verblendete ſie nicht genug, um ſie zu zerſtreuen und ihre finſtern Gedanken zu verbannenz nichts konnte die drohenden Wolken verjagen, welche ſich ſchon über ih⸗ rem Haupte ſammelten. Das boshafte Lächeln und die geheimen Bemerkungen der Franzoſen entgingen ihr nicht. Sie ſchätzte deren Lob, deutete deren Schweigen, und ahnte ihr Schickſal. Philipp kam ſeiner künftigen Gemahlin entgegen, und die Prinzeſſin erreichte Paris, von dem glänzendſten Gefolge begleitet. Die Hauptſtadt erwartete ſie; nie hatte ein triumphirenderer Einzug eine ſchönere Königin gefeiert. Agnes verblendete alle Augen.—„Wie Scha⸗ de!“ ſagte das Volk:„ſie iſt doch des Thrones würdig.“ Seltſame und merkwürdige Ahnung!. Oft iſt das Volk in ſeinen rauhen Gedanken wahrhaft prophetiſch. Die Gatten hatten ihre Schwüre in Lutetiens Haupt⸗ kirche ausgeſprochen. Der König ſchien ganz liebestrun⸗ ken zu ſeyn; aber die vornehmſten Familien Frankreichs hatten der Verbindung nicht beigewohnt; keine Dame von hoher Geburt machte der Königin die Aufwartung. Agneſens Hof beſtand nur aus jungen Paladins und aus wenig geachteten Frauen; die mächtigen Bannerherrn des Reichs zogen ſich mit Verachtung von ihr zurück. Das Gewitter fing an, ſich über dem Haupte der ſchul⸗ digen Königin zuſammen zu ziehen. 128— Der Popſt, über Philipps Betragen erbittert, er— klärte ſich laut für Iſambergen; er mahnte ihn, ſeine erſte Gemahlin wieder zu ſich zu berufen und die un⸗ rechtmäßige Gattin zu verſtoßen, deren ſkandalöſe Ver⸗ bindung Himmel und Erde beleidigte. Er bedrohte Phi⸗ lipp⸗Auguſt mit allen Donnern der Kirche. Der Monarch trotzte dem heiligen Stuhl. Liebe zu Agneſen war ſtärker als jede Ueberlegung; und ob ſich gleich ſeine königlichen Nebenbuhler von allen Sei⸗ ten gegen ihn bewaffneten, ſo wollte er, daß Agnes, Rom und ganz Europa zum Trotz, die Krone behalten ſollte. Endlich ward das Anathem ausgeſprochen. Alle Unterthanen Philipps wurden ihres Eides der Treue ent⸗ bunden. Keine Kirche war mehr offen, kein Altar mehr vedient, alle heiligen Verrichtungen waren den Prieſtern unterſagt. Kein Kind ward mehr getauft, kein liebendes Paar getraut; der Greis ſtarb ohne Sakramente; es gab keine Feiertage mehr. Das Leben war ohne Freu⸗ den, und ſelbſt der Tod hatte ſeinen Pomp verloren ²). Agneſens Ahnung war eingetroffen. Sie ward nur von Philippen geliebt, von dem ganzen Königreich aber verabſcheut, deſſen Leiden als ihr Werk betrachtet wur⸗ Seine *) Es iſt bekannt, daß dieß Anathem, eins der merkwür⸗ digſten in der Geſchichte, Philipp⸗Auguſt zu verderben drohte. 5 ——„—— —— „—„—— W 6—— — 129— den. Die Tochter Bertholds durfte den Herrn nicht an⸗ rufen. Der auf ſie geſchleuderte Bann ſchien ihr gerecht und verdient.—„Arme Agnes,“ ſagte ſie:„die Hölle hat dich auf den Thron geſetzt; der Himmel verjagt dich davon; ſo will es ſeine Gerechtigkeit.“ Ihr Palaſt war verödet; verlaſſen und einſam ſchwanden ihre Tage; ihre Nächte waren ohne Schlum⸗ mer. O Uebermaß des unglücks.. Die Flüche Roms hatten ſich ſelbſt auf die Natur erſtreckt. Ein glühen⸗ der Sommer folgte plötzlich, ohne Uebergang, dem käl⸗ teſten Winter. Die Hitze ward unerträglich. Flammen⸗ artige Dünſte verbreiteten ſich in der Luftz ihr Hauch hatte Quellen, Flüſſe und Bäche ausgetrocknet, die Aernd⸗ ten verbranntz die Wieſen hatten kein Gras, die Bäu⸗ me keinen Saft, die Erde keine Vegetation mehr. Es fiel kein Regen, ſelbſt der Wind wehte nicht. Schwarze Wolken, drohende Figuren bildend, hingen am Horizont; Feuerſtrahlen kreuzten ſich am Firmament, und der Don⸗ ner rollte; endlich raßte der Sturm, aber es ſiel kein Regen. Dörfer und Wälder wurden die Beute der Flam⸗ men, welche der Blitz des Himmels entzündete. Ganze Städte wurden verzehrt. Die Thiere in den Wäldern kamen aus Mangel an Luft um, und ihr wildes Geheul *) Faſt alle Geſchichtſchreiber ſprechen von den ſchrecklichen Wundern, welche ſich als Folge des päpſtlichen Fluchs in der Natur ereigneten. II. 9 130— vermehrte das allgemeine Entſetzen. Schreckbare Meteore erleuchteten die Nächte. Frankreich ſah nur Schrecken und Tod vor ſich. Agnes wähnte, die urſache dieſer göttlichen Stra⸗ fen zu ſeyn. Die Bewohner von Paris verſammelten ſich unter den Mauern des Louvre, und überhäuften ſie mit Verwünſchungen; ja, bald ward ihr Leben bedroht, und die Garde des Königs, zur Zerſtreuung der Aufrührer beauftragt, zitterte oft für die Monarchin. „O Philipp!“ ſagte eines Morgens die Prinzeſſin, indem ſie ihr Diadem zu ihres Gemahls Füßen niederleg⸗ te:„ringe nicht mit dem Himmel.„ Verlaß mich, ich bin verflucht. Die Pflichten des Königs müſſen die Liebe beſiegen; Iſamberge trage die Krone wieder. Ver⸗ gönne, daß ich mich freiwillig für Frankreichs Glück auf⸗ opfere. ueberall haßt, verabſcheut man mich.. In einem fernen Exil will ich meine verſchwundene Größe abbüßen. um wieder ruhig zu werden, bedarf ich die Ver⸗ gebung der Menſchen... Man hat mich beneidet, jetzt ſoll man mich beklagen. „Ich habe gefehlt, und Gott ruft mich jetzt auf den Wegen des Schmerzes wieder zu ſich. Philipp, wir müſſen uns trennen! ſieh die Verzweiflths des Reichs... Im Vergleich mit dem Schickſale eines ganzen Volkes iſt das Schickſal eines Weibes unbedeutend!... Jage mich von Dir es muß ſo ſeyn. unſere Verbindung iſt — 8— V— N — unerlaubt. O, aus Barmherzigkeit, zeige Dich nur Ein Mal barbariſch.“ „Niemals,“ erwiderte der König:„das ganze Weltgebäude iſt gegen mich entfeſſelt, aber ich werde es zu beſiegen wiſſen.“ Frankreichs Grenzen waren bereits eingeſchloſſen; die vereinten Könige des Nordens ſiegten allenthalben*). Philipp rief die Häuptlinge des Königreichs zu ſeiner Hülfe, aber ſeine Befehle wurden nicht mehr gehört. Ueberzeugt, daß der Gott der Heere das Lilienpanier nicht mehr vertheidigen werde, verſagten ihm dieſe den Gehorſam, und jene ſchloſſen ſich an ſeine Feinde an. Philipp konnte nur wenig Truppen zuſammen bringen, aber gleichviel, er führte ſie dem Feind entgegen. Leopold folgte ſeinem Schwager. Dieſer Krieg ſollte ja das Schickſal ſeiner Schweſter entſcheiden: mit welchem Eifer mußte er nicht kämpfen! Der Graf Wilhelm von Barres war ebenfalls Agneſens Sache ergeben und feſt entſchloſſen, ſein Leben für ihre Rettung zu wagen. Der Monarch und ſeine beiden Helden hofften noch auf den Sieg. Die Königin war zu Paris geblieben, und der Prior von Sankt Irenäus beſtändig bei ihr; er war ihre Stütze, ihr Freund; er allein vermogte ihre Leiden zu lindern. Bald ſollte er ſie beweinen. *) Hiſtoriſch. 9* — 132— ESs kamen täglich Boten aus dem königlichen Lager nach Paris und brachten Nachricht vom franzöſiſchen Hee⸗ re. Sonſt war die Ankunft eines Couriers eine Sieges⸗ votſchaft; jetzt war es anders; das Volk ahnte nur Un⸗ glück, und ein unglücksfall folgte auf den andern. Philipp hatte auf dem Felde der Ehre nie unglück gekannt. Vor den Thoren von Giſſors ward eine fürch⸗ terliche Schlacht geliefert, und die Franzoſen wurden zu⸗ rückgeſchlagen. Ihr unüberwindlicher Anführer ſammelte ſie jedoch wieder und der Sieg neigte ſich eben auf ſeine Seite, als eine Brücke unter ihm zuſammenbrach, und er in die Wogen der Epte fiel*). Es verbreitete ſich der Lärm, daß er gefallen ſey, und der Feind faßte neuen Muth. Leopold ſtürzte ſich in die Flut, und rettete ſeinen Herrn; aber bald darauf gefährlich verwundet, mußte er das Schlachtfeld verlaſſen. Wilhelm von Barres, vom Pferde geworfen, ward ſterbend ferne von den Seinigen getragen. Der Held Frankreichs und ſeine tapfern Waf⸗ fenbrüder verbürgten durch ihre Gegenwart chren Co⸗ horten den Sieg nicht mehr. Das Heer zog ſich in Un⸗ ordnung unter den Mauern von Giſſors zuſammen**). ———— — *) Man zeigt zu Giſſors noch den Platz⸗ wo Philipy· Au. * guſt ſiel⸗ **) Nach einigen Geſchichtſchreibern ſiegte Philipp, aber dieſer Triumph wird beſtritten; denn der Feind ſang zum Dank für den Erfolg des Tages, das Te Deum. en af⸗ Co⸗ Un⸗ Au⸗ aber zum — 133— Der dem König widerfahrne unfall und das unglück dieſes Tages wurde dem päpſtlichen Fluche zugeſchrieben. Die Soldaten verloren das Vertrauen zu ihren Anfüh⸗ rern. Alle Stimmen klagten Agnes wegen des Mißge⸗ ſchickes an, welches auf dem Reiche laſtete, und völlige Muthloſigkeit hatte ſich aller Herzen bemächtigt. Wilhelm und Leopold waren am Rand des Grabes. Ihre Stimmen voll Feuer und Beredſamkeit vertheidigten Bertholds Tochter nicht mehr.. Von Agneſens Fein⸗ den umringt, ſah Philipp, deſſen Thron zu ſchwanken ſchien, kein anderes Mittel, ſeinem Verderben zu ent⸗ gehen, als Frankreichs Wünſchen nachzugeben... Er ſchrieb ſeiner unglücklichen Gemahlin. Sein Schreiben athmete Liebe und Zärtlichkeit, aber es gebot zugleich ihre Verbannung. Er gab Agneſen ihrem Vater nicht zurück. Der Herzog von Meran hatte einen großen Theil ſeiner Staa⸗ ten verloren, und flüchtete vor den Feinden Frankreichs, welche ſich gegen ihn und ſeine Tochter verbunden hatten. Philipp ſchickte ſeine Gemahlin nach Bretagne, auf die Feſte Karency. Dort ſollte ſie in Sicherheit ſeyn. Die unglückliche Verbannte machte keine Bemerkung, keine Einwendung; ſie war ergeben„und reiſte ab. Die Exkommunication ward aufgehoben und mit Pomp die Zurückberufung der rechtmäßigen Gemahlin pro⸗ klamirt. O, unausſprechliche Qual für Agnes! Auf ihrer — 134— ganzen Reiſe nach der Bretagne, welche ſie unerkannt er⸗ reichte, hörte ſie den Freudenruf des Volks, welches Iſamberge's Wiederkehr feierte. Die Kirchen waren wie⸗ der gebffnet, und die Menge eilte entzückt hinein, um dem Höchſten zu danken, daß er ſie von Bertholds Tochter befreiet habe. Bürger und Bauern ſuchten ſich auf und umarmten ſich froh bewegt. ueberall ward getanzt und geſungen. Die Reiſende, deren Rang und Namen man nicht kannte, ward an mehren Orten gezwungen, mit dem Pöbel zu rufen:„es lebe die Königin Iſam⸗ berge!“ In Frankreich belebte ſich alles wieder.. Man konnte lieben, beten und leben. Es ſchien, als habe mit Agneſens Entfernung das Reich der Hölle auf⸗ gehört. Hat die arme Verbannte nun genug gelitten! Ihr Vater war ſeiner Staaten beraubt, ihr Bruder ſeufz⸗ te ſeiner letzten Stunde entgegen; und um ſich der Wuth des Volkes zu entziehen, deſſelben Volkes, über welches ſie geherrſcht hatte, mußte ſie ſich flüchtend verbergen, damit ſie von Niemanden erkannt wurde. Ihre Ehe war ein Aergerniß für ganz Europa. Al⸗ les vereinte unglück, welches Frankreich auf Einmal be⸗ fiel, bezeichnete ihre ephemere Regierungz ſie war der Abſcheu ihrer unterthanen, die Verworfene der ganzen Welt. Ach! und doch war Agnes die tugendhafteſte und , ſchönſte der Gattinnen, die beſcheibenſte und wohlthätigſte der Frauen, die beſte der Königinnen. Eine ihrer Ehrendamen, Floé, Gräfin von Réthel, hatte ſie allein in ihr Exil begleitet. Der Monarchin er⸗ geben, wollte ſie dieſer ihr ganzes Leben weihen. Sie war mit Agnes von gleichem Alter und gleichen Geſin⸗ nungen, und ſelbſt ihre Züge hatten Aehnlichkeit mitein⸗ ander. Beide waren ohne das geringſte Hinderniß auf Karency angekommen. Die Prinzeſſin von Meran hatte während der Reiſe das tiefſte Stillſchweigen beobachtet. Oft hatte ſie der Muth verlaſſen,„. manch Mal ſchien ſie verwirrt und außer ſich zu ſeyn; aber immer ſanft und geduldig, ſeufzte ſie, ohne daß man es hörte, und litt, ohne ſich je zu beklagen. Philipp wollte ihr, um ſie zu zerſtreuen, Stallmei⸗ ſter, Kammerherrn, Damen und Pagen, kurz, den Prunk eines kleinen Hofes, nach Karency ſchicken. Ihre glänzende Gefangenſchaft war ihr ſchon im Voraus furcht⸗ var. Sich in eine Einnöde zurückziehen, von keinem Sterblichen mehr geſehen werden, ungehindert weinen zu können, das war der Wunſch ihres Herzens. Ein herrſchender Gedanke beſchäftigte ſie. Sollte ſie nicht in irgend eine Einſamkeit fliehen können, ohne daß ihr Gemahl es wiſſe und ſie daran verhindern kön⸗ ne? Lange hatte ſie auf ein Mittel zur Ausführung „. — 136— dieſes Vorhabens gedacht; endlich glaubte ſie es gefun⸗ den zu haben, und folgendes war ihr Plan: Die Gräfin von Réthel, deren Geſicht dem ihrigen glich, ſollte die Würde und den Namen der Königin an⸗ nehmen. Philipp⸗Auguſt hatte der Gefangenen das Recht zugeſtanden, ſich ihre Umgebung nach eigenem Gefallen zu erwählen, dem zufolge Agnes nur unbedeutende Per⸗ ſonen zu ſich berufen wollte, die ſie nie zuvor geſehen. Bei dieſen ſollte Flos die Prinzeſſin von Meran vorſtel⸗ len; ſie ſelbſt wollte, aus Furcht erkannt zu werden, nie ohne Schleier ausgehen; kein Fremder, wer es auch ſey, ſollte die Feſte betreten dürfen; und Agnes, Floé gewor⸗ den, wollte ihrer Freundin Lebewohl ſagen, und auf ewig verſchwinden. Die Gräfin von Réthel wollte lange nicht in dieß gefährliche unternehmen einwilligen; aber die Thränen und Bitten ihrer Gebieterin beſiegten ihren Widerſtand, und ſie entſchloß ſich, für ihre unglückliche Freundin allen Gefahren Trotz zu bieten. Sobald ſie auf der Feſte angelangt war, verab⸗ ſchiedete Agnes alle Diener und Wächter unter mancher⸗ lei Vorwand, und Flos, unter dem Namen Agnes, nahm andere an ihre Stelle. Die Prinzeſſin beſchwor Philippen, nur Fremde zu ihrem Ehrendienſt nach Ka⸗ rency zu ſenden, die ſie nicht als Königin gekannt; denn es ſey ihr zu ſchmerzlich, in den Augen derjenigen ent⸗ „ — „ gab ſich der Abſcheu des Volkes gegen ſie kund. würdigt zu erſcheinen, die ſie im Glanz ihrer Größe ge⸗ ſehen hätten. Der König erfüllte pünktlich ihre Wünſche, und ohne den geringſten Zweifel hielt der kleine Hof von Karency die ſchöne Gräfin von Réthel für die Prin⸗ zeſſin von Meran. Philipp hatte, als er Iſambergen zurück rief, am Fuße des Altars geſchworen, daß er ihre Nebenbuhlerin nicht widerſehen werde; Philipp wurde ſeinen Eid hal⸗ ten, und Agnes hatte nicht die mindeſte Beſorgniß für ihre Freundin. Sie hatte ihr verſprochen, ſie mit dem Aufenthalt bekannt zu machen, welchen ſie in der Nähe der Feſte nehmen werde. Dann verließ ſie das königliche Gefängniß und, mit hinreichendem Gelde verſehen, um die Armuth nicht zu fürchten, ſuchte ſie einen friedlichen Aufenthalt. Sie nahm den Namen Alais an, und ließ ſich am ufer des See's von Montolin nieder. Aber das unglück war an ihre Ferſen gefeſſelt; ver⸗ gebens verbreitete ſie Wohlthaten rings um ſich: ſie war gefürchtet und geflohen von dem ganzen Lande. Ihre Jugend und ihr Schickſal, ihr Schmerz und ihre Schön⸗ heit, ihre Einſamkeit und ihre Geheimniſſe, die in ihren Zügen ausgedrückte Verwirrung und die Zerſtreuung ihrer Gedanken, hatten ſie dem Dorfe verdächtig gemacht. Man bezeichnete ſie mit dem Namen der Fremdenz ihre Nähe ward als unheilbringend betrachtet, und laut Alles hatte ſich gegen Agneſen verſchworen; den Haß welchen ſie einflößte, und die bewieſene Verachtung ſchrieb ſie der Wirkung des über ſie ausgeſprochenen Flu⸗ ches zu; ſie wähnte von der ganzen Ratur zurückgeſtoßen zu ſeyn, und dieſer Gedanke, den ſie beſtändig hegte, erklärt die ſeltſamen Worte, die ſie im Ausbruch ihres Schmerzes zu Arthur ſagte:—„Erſcheine ich hier im Haine, ſo höret der Geſang der Vögel auf; die Blumen, die meine Hand berührt, welken abz die Hirten, denen ich begegne, fliehen; betrachte ich die Sonne, ſo bedeckt ſie ſich mit Wolken; nur die Erde duldet mich noch, weil ſie mir ein Grab bereitet.“ Allein, in ihrem einſamen Hauſe, brachte Agnes, die reuige Agnes, ihre Tage im Gebet zu. Nur durch ihre ſterbliche Hülle war ſie noch an die Erde gebunden, durch ihre erhabene Empfindung gehörte ſie ſchon dem Himmel an. Von der ganzen Welt vergeſſen, gefiel ſie ſich in ihren Leiden, wodurch ſie ihre Fehler abzubüßen hoffte. Sich manch Mal an alles Gute erinnernd, welches ſie in der erſten Zeit ihrer Regierung ausgeübt hatte, gewährte ihr der Gedanke, daß die Zukunft ſie rächen, daß man einſt ihre Leiden beklagen, daß man ſie viel⸗ leicht gern zurückrufen, und rückſichtlich ihres ſeltnen un⸗ glücks ihr Andenken ehren werde, ein freudiges Gefühl. Doch dieſe Hoffnung wieder zurückſtoßend, ſagte ſie zu“ — 139— ſich ſelbſt:—„Nein, Niemand wird meiner gedenken. Der erhabene Mann, der mächtige Mann kann durch großes unglück wie durch große Siege unſterblich werden; die ganze Erde beſchäftigt ſich mit ihm;z die Dichtkunſt heiligt ihn; aber die Thränen eines Weibes, zu welchem Rang es auch gehören mag, die einſamen Thränen einer unglücklichen, die, verlaſſen von allem was ihr theuer war, ihren Fall zu überleben vermogte, werden in kei⸗ ne urne geſammelt, und die ſie verachtende Nachwelt hat keinen Barden, der ſie zählt.“ Am Tage ihrer Abreiſe von Paris fand Agnes, als ſie zum letzten Male die königlichen Gemächer durchſchritt, das Bild in dem Zimmer ihres Gemahls, welches ſie einſt dem Sir von Vanaubry eingehändigt hatte.— „Philipp⸗Auguſt,“ ſagte ſie:„ſoll dieſes Bild nicht wiederſehen. Es diente dem finſtern Werke der Macht des Böſen, es ſoll mit mir verſchwinden. Durch dieſen höl⸗ liſchen Talisman entſtand ſeine Liebe; ſo bald er ihn verloren, wird er aufhören mich zu lieben. Seine fer⸗ nere Zärtlichkeit würde ſein Leben qualvoll machen, und Frankreich müßte verzweifeln; ich muß die abſcheuliche Flamme zu verlöſchen ſuchen, die nie entzündet werden geſollt hätte. Philipp ſoll Tage leben. Nur Agnes allein ſoll zu beklagen ſeyn.“ Nit dieſen Worten ergriff ſie das Bild und hn es mit in ihr Exil. Es war daſſelbe Gemälde, welches die Fremde in der Hütte aus Arthurs Händen riß in⸗ dem ſie rief:—„Fliehe! Mein Bild gleichet mir, es iſt verflucht wie ich.“ Von allen köſtlichen Geſchenken, welche ſie von ihrer Familie erhalten, nahm ſie nur die Trinkſchaale ihres Vaters mit ſich, welche ihr der Herzog von Meran bei ihrer Trennung verehrt hatte; Arthur trank aus dieſer Schaale am Brunnen der Madonna. Die Fremde, befürchtend daß ſie in ihrer Einſam⸗ Reit durch die Einmiſchung irgend einer Obrigkeit geſtört werden könnte, hatte abſichtlich einen Schutzbrief für ſich ſelbſt, mit ihrer unterſchrift und ihrem Wappen aus⸗ gefertigt, welcher in Agneſens Namen allen Grundherrn, Richtern oder Obrigkeiten gebot, das Leben, das unglück, und die Geheimniſſe der Fremden zu ehren. Es war daſ⸗ ſelbe Schreiben, welches Nicette in der Hütte entdeckte, als ihre Gebieterin, des Mordes angeklagt, vor dem Ge⸗ rſchte ſtand. Agneſens Opfer hatte gantri gerettet. Rom, durch IJſambergen's Zurückberufung befriedigt, hörte nun auf zu donnern; eint tapfere Legion war unter Philipps Fahnen geeilt, und er hatte ſeine Gegner beſiegt. Der Friede herrſchte wieder in Europa. Leopold von Meran, nun dem Leben wiedergeſchenkt, verabſcheute Paris: untröſtlich über die Verbannung ſeiner Schweſter und die Schande, welche dadurch auf ſein erhabenes Haus zurückfiel, zog er ſich aus dem Heere zurück; ſein Vorha⸗ ben war, alle hohen Würden niederzulegen und ſein Le⸗ ben ferne von den Höfen zu beſchließen. Philipp⸗Auguſt hatte Berthold wieder in ſeine Staaten eingeſetzt. Leopold hätte nach Meran zurückkeh⸗ ren gekonnt; aber nach dem ſeiner Familie angethanen Schimpf, wollte er dort nicht mehr erſcheinen. Ein Flek⸗ ken hatte ſeinen Namen beſudelt, er wollte ihn nicht mehr führen. Seine Schweſter war der Gegenſtand ſei⸗ ner ganzen Zärtlichkeit; er konnte es ſich nicht vergeben, ihr Verderben herbeigeführt zu haben, indem er ſie nach Paris brachte. Seine phyſiſchen und moraliſchen Leiden hatten ſeinen Charakter gänzlich umgeändert. Hof und Feldlager waren ihm gleich widerlich geworden, und fin⸗ ſter, verachtend und menſchenfeindlich, entſagte er dem Erbe ſeiner Väter, und wollte ſein Vaterland nicht wie⸗ derſehen. R Vergebens ſuchte der untröſtliche Philipp ſeinen Waffenbruder bei ſich zurück zu behalten; der unerbitt⸗ liche Leopold änderte ſeinen Entſchluß nicht. Er verließ die Stadt der Könige, und wählte ſich nahe bei Karency ſeine Wohnung. Dort lebte er friedlich unter dem Na⸗ men Waldburg, und ſeine einſame Stille beruhigte nach und nach ſeine Seele. Indem er ſich am See von Montolin anſiedelte war ſein Plan keineswegs, irgend eine Verbindung mit *— 142— ſeiner Schweſter zu unterhalten; nein, er hatte ſich's ge⸗ lobt, nie vor ihr zu erſcheinen; denn er fühlte, daß ſein Anblick Agneſens Schwerz erneuern würde, und daß eine ſolche Zuſammenkunft auch ſein Herz öerreißen müßte; aber jeden Tag konnte er von ihr hören; er wußte um ihren Zuſtand, und ohne Karench zu nahen, konnte er über ihr Schickſal wachen. Der Almoſenpfleger des fränzöſiſchen Monarchen verließ ebenfalls Paris und den Hof. Die Erlaubniß, künftig ſeine Abtei bewohnen zu dürfen, war die einzige Belohnung, welche er für ſeine langen Dienſte fordertez der König gewährte ſie ihm, und fügte noch manche Gunſtbezeigung hinzuz er vergrößerte ſeine Domänen und ertheilte ihm, als Oberhaupt des Kloſters Sankt Irenä⸗ faſt unumſchränkte Gewalt über die an das Kloſter grenzenden Gegenden. Leopold liebte den Priorz ſie fan⸗ den ſich auf Montolin wieder, und der würdige Abt ge⸗ lobte dem Krieger, nie deſſen Namen und frühere Beſtim⸗ mung in Bretagne zu entdecken. Indeſſen konnte Waldburg nicht gůnzlch unbeachtet leben. Philipp wußte um ſeinen Aufenthalt, und durch geheime Botſchaften, durch Briefe und Geſchenke ſuchte er ihm zu beweiſen, daß die Freundſchaft der Könige manch Mal beſtändig ſeyn kann. Der Canton von Sankt Irenäus vermuthete längſt, daß unter dem Baron Wald⸗ vurg eine erhabene Perſon verborgen ſey. — 143— Der Prior, kaum in ſeinem Kloſter angekommen, eilte nach Agneſens Aufenthalt, aber die Thoren waren verſchloſſen. Niemand, wer es auch ſey, dürfe der Ge⸗ fangenen nahen, ſo lautete ihr unerſchütterliches Geſetz⸗ Sie wollte verborgen leben und hatte das Gelübde abge⸗ legt, jedem fremden Auge unſichtbar zu bleiben. Die Re⸗ gel, welche ſie eingeführt, und die Philipp gebilligt hatte, durfte nie verletzt werden; alſo mußte auch der Prior ſich ihr unterwerfen. Die leidenſchaftliche Liebe des Grafen von Raven⸗ ſtel hatte die Einſamkeit der Fremden geſtört; bald that er noch mehr, er beunruhigte Alaiſens Herz. Die freie Prinzeſſin hatte Philippen bewundert; die arme Verbann⸗ te liebte Arthurn. Sie hatte geglaubt, in einer einſamen Hütte Ruhe zu finden, und fand nur eine neue Qual, vielleicht die grauſamſte von allen... Die Fremde, die gefühlvoll Liebende, war noch unglücklicher als Agnes, die verbann⸗ te Königin. Sie ſah Waldburg, und erkannte in ihm ihren der„Welches Ereigniß für dieſe zwei Opfer des Schick⸗ ſals, welche das Geheimniß umhüllte! Sie hatten ſich ihre Leiden vertraut und Thränen zuſammen vergoſſen. Leopold beſtimmte ſeine Schweſter, den Grafen auf immer zu fliehen; er wollte mit ihr abreiſen, und Ar⸗ thurs Schwerdt hatte ihn getroffen.... Er ſtürzte in den — See, und die Fremde, des Mordes verdächtig, ward nach Sankt Irenäus geführt. Waldburgs Erſcheinung im Gerichtsſaal ſprach die Beſchuldigte frei; aber der Prior wollte die Züge der Unbekannten ſehen, deren Stimme und Wuchs ihn an die Königin Agnes erinnert hatten. Die Fremde lüftete den Schleier; des Herzens des Abtes gewiß, zögerte ſie nur einen Augenblick, ihm ihr Schickſal zu vertrauen; und der Prior hatte ſie erkannt. Er folgte Alaiſens Schritten, und alle Geheimniſſe wurden ihm entdeckt. Waldburg hatte vor der Begeben⸗ heit auf dem Felſen alles zur nahen Abreiſe ſeiner Schwe⸗ ſter bereitet; aber Arthurs Heftigkeit kennend, ſeine Nachforſchungen fürchtend und mögliche Hinderniſſe ah⸗ nend, die er ihnen in den Weg ſtellen könnte, hatte er an Philipp geſchrieben, der ſich damals zu Nantes auf⸗ hielt, um von ihm einen allerhöchſten Befehl an jede franzöſiſche Behörde zu erhalten, ein junges Bretaniſches Mädchen, das er nur die Fremde nannte, aller Orten zu beſchützen und zu vertheidigen. Das Mädchen ſey ihm. theuer, ſchrieb er, und werde trotz ihrer Schönheit und Tugend von einem widrigen Schickſale verfolgt. In die⸗ ſer ſeltſamen Bitte nur eine romantiſche Empfindung, ein Liebesabenteuer vermuthend, war Philipp erfreut, ſich ſeinem Waffenbruder gefällig zeigen zu können, und er⸗ füllte ſeinen Wunſch auf der Stelle. Er ſchickte das — königliche Schreiben durch einen Eilboten in die Hütte der Fremden, und da dieſe nicht gegenwärtig war, ſo ward es in den Gerichtsſaal der Abtei gebracht. Die Ankunft des Seneſchals von Frankreich, und der Zweck ſeiner Reiſe wurden auf Karency bekannt. Welcher Schrecken erfaßte die Gräfin von Réthel! Glückli⸗ cherweiſe hatte ihr Alais kurz zuvor geſchrieben; ihr Auf⸗ enthalt war ihr bekannt, und Flos konnte ſie von Wil⸗ helms Sendung und von der achttägigen Friſt, die ſie zu ſeiner Annahme beſtimmt hatte, unterrichten. Sie rief Agneſen zu ihrer Hülfe und erwartete mit Ungeduld de⸗ ren Antwort. Vor der Ankunft des Grafen von Barres auf Mon⸗ tolin, war Leopold, völlig von ſeinen Wunden geheilt, im Geheimen nach Guerande abgereiſt. In der Nähe die⸗ ſer Stadt befand ſich ein angenehm gelegenes Landhaus, welches er an ſich kaufen wollte. Am Abend der verhäng⸗ nißvollen Vermählung war Leopold zurückgekehrt; es war alles ſo ausgefallen wie er gehofft hatte, und er ſah ſich als Beſitzer der gewünſchten Domäne. Jetzt ſtellte ſich ſeinen Wünſchen kein Hinderniß mehr entgegen, und am Morgen nach Iſolettens Vermählung wollte er mit Alais den Kanton von Sankt Irenäus auf immer fliehen. Aber dieſer Plan ſollte durch neue Ereigniſſe umgeſtürzt werden. II. 10 ZPwölttes B uch. Die Sonne, welche an Arthurs Vermählungstage ihre erſten Strahlen auf das lachende Bild der Freude gewor⸗ fen hatte, erleuchtete mit ihrem letzten Feuer nur eine Szene des Todes. Ach! jede Stunde hienieden öffnet tauſend Gräber, und welche unzählige Thränen fließen darauf. Mit Schmerz und Verzweiflung ſehen die Sterb⸗ lichen ihre Laufbahn zu Ende gehen, und doch, in was beſteht das menſchliche Leben mit wenig Ausnahmen?. In einem Hauche, ein wenig Liebe, vielen Fehlern, ei⸗ nigen Freuden, vielen Schmerzen und Thränen und aus Staub. Nach ewigen, ehrnen Großen Geſetzen, Müſſen wir Alle unſers Daſeyns Kreiſe vollenden. Goethe. — —— Was iſt das für ein einſames Häuschen, welches die untergehende Sonne vergoldet, und deſſen Mauern eine ungeheure Volksmenge umgibt?... Es iſt die Hütte der Fremden. Warum drängt ſich das beſtürzte Volk zu ihrer Thüre?... Der unglückliche Arthur iſt da. Der Prior von Sankt Irenäus wollte Iſolettens ſterbenden Gatten nach dem Schloſſe des Herrn von Mon⸗ tolin bringen laſſen; aber der Graf, als er ſeiner Sinne wieder mächtig ward, befahl den Trägern, ihn nach Alaiſens Hütte zu bringen; dort wollte er den letzten Seufzer aushauchen; denn das Schloß war ihm ein Ab⸗ ſcheu. Anfangs ward ſeinem Wunſche ein lebhafter Wi⸗ derſtand entgegen geſetzt; aber durch ſeine Bitten und Drohungen gelang es ihm, ſich Gehorſam zu verſchaffen. Man mußte ſich in ſeinen Willen fügen, aus Furcht, ihn zu erzürnen und dadurch ſeinen Tod zu beſchleunigen. Welchen Kontraſt bildete auf dem Wege zur Abtei der Empfang am Morgen mit dem Geleite am Abend!.. Langſam ſchritt der Zug den noch mit Blumen überſtreu⸗ ten Weg, wo wenige Stunden zuvor Freudenjubel er⸗ ſchallte. Unter denſelben Triumphbögen, wo die Stimme der Minſtrels, der Sänger der Liebe und Ehe, ertönte, hörte man jetzt nur Jammern und Klagen, die traurigen Harmonieen des Todes. Dieſelbe Volksmenge geleitete Arthurn; aber es war nicht mehr das glänzende Gefolge eines Günſtlings des Glückes, ſondern das Trauergeleite 10* 148 eines Opfers des Geſchickes. Die glänzende Pracht der Macht und Größe ward ſchnell mit der traurigen Feier des Schmerzes und des Grabes vertauſcht. In der Hütte war der Prior mit Arthur allein. Der Sterbende hatte ihn rufen laſſen; denn er war ſeiner letzten Stunde nahe. Welche Vorwürfe machte er ſich! Mit den Trieben zur Güte, Großmuth, Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit geboren, wie hatte er alle dieſe Geſchenke der Vorſehung benutzt? Nur ſeiner wilden Phantaſie gehorchend, ward er unwillkürlich zu allen Verbrechen gezogen. O, welche Reue mußte ihn erfaſſen!.. Der letzte Anfall von Wahnſinn hatte ſeine Kräfte vollends zerſtört; das Fieber ſeiner Leidenſchaften war verraucht. Seine Augen hatten ſich geöffnet, und er rich⸗ tete ſich ſelbſt. Der Graf, von Ratur zur Frömmigkeit geneigt, beweinte ſeine Verirrungen. Wieder zur Vernunft ge⸗ kommen, rief er, bevor er das Leben verließ, jene hei⸗ lige Religion zu Hülfe, welche Olburgs kalte Syſteme nicht gänzlich aus ſeinem enthuſiaſtiſchen Geiſte, aus ſei⸗ ner liebenden Seele verbannen konnten. Seine Gedanken von jedem irdiſchen Gegenſtand abziehend, flehte er mit erlöſchenden Blicken, mit erſterbender Stimme um jene heiligen Tröſtungen, welche nur der Glaube zu geben vermag. Ohne Zweifel mußten ſeine unterredung mit dem Diener des Himmels und deſſen religiöſe Verrichtun⸗ N —— gen zugleich etwas göttliches und herzzerreißendes gehabt haben; denn der Prior von Sankt Irenäus, ſo ernſt, ſo kalt, ſo ſtoiſch er ſonſt war, verließ die Hütte mit naſſen Augen, und ſprach nur mit Begeiſterung von dem edeln Grafen von Ravenſtel. Die Landleute begaben ſich auf die Bitte des Abtes in ihre Wohnungen. Ach! Alaiſens Hütte, immer zum unglück beſtimmt, war jetzt mit dem Frieden der Wüſte umgeben, und vielleicht nach wenigen Stunden wurde die Stille des Todes in ihr herrſchen. Welch ein Tag für die unglückliche Iſolette!... Sie war zu Fuß der Bahre gefolgt, welche ihren Gatten trug. Noch mit dem Brautgewand und der Myrthen⸗ krone geſchmückt, ſchritt ſie weinend über den für die glückliche Iſolette mit Blumen geſchmückten Weg.. Das Volk betrachtete, umringte ſie; und alle Herzen waren beim Anblick dieſer himmliſchen Schönheit zerriſſen, welche ſo raſch vom Gipfel menſchlicher Glückfeligkeit in den tiefſten Abgrund der Leiden gefallen war. Sie hatte nicht erfahren, durch welchen ſchrecklichen Auftritt ſich Arthurs Wunden wieder geöffnet hatten; ohne Zweifel wird ſie es nie erfahren, denn ihrer harren ſchon genug der Qualen. Wohin muß ſie Arthurn folgen?... In die Hütte der Fremden. Alſo bis zum letzten Augenblicke wenden ſich die Wünſche und Gedanken des Mannes, den ſie — 50— anbetete, nur zu Alais! Gleichviel; die ſanfte Iſolette war in ihr Schickſal ergeben... Keine Klagen, keine Vorwürfe. Ihre Selbſtverläugnung blieb ſich immer gleich ſie vergaß ſich ganz und beſchäftigte ſich nur mit Arthur. Als ſie den Weg nach dem Schloſſe verließ, um in den Hain einzubiegen, wendete ſie die Blicke voll Trauer noch ein Mal gen Montolin.„. Schmerzvoller Anblick!. Es hatte ſich das Gerücht verbreitet, ihr Gemahl habe den Geiſt aufgegeben. Die Schiffer zerriſ⸗ ſen die Blumengewinde, welche ihre Barken zierten; man riß den Triumphbogen nieder; die Minſtrels war⸗ fen ihre Harfen von ſich, und auf Ravenſtels Gondel ward eine ſchwarze Fahne aufgeſteckt. Waldburg, oder vielmehr Leopold, war von ſeiner Reiſe zurückgekommen; der Graf ließ ihn durch den Prior erſuchen, ihm noch eine letzte Unterredung zu gönnenz der Prinz bewilligte ſie und begab ſich ſogleich in die Hütte; Iſolette entfernte ſich, und beide Freunde wa⸗ ren allein. „Waldburg! biſt Du es!“ ſagte Arthur, das ſchon geſchloſſene Auge matt aufſchlagend:„gönne meinen frü⸗ hern Verirrungen Deine Vergebung Du kannſt es, Du mußt es. ich ſterbe. Komm, mein letzter Seuf⸗ zer rufet Dich.* Dann, nachdem er ſich wieder geſammelt hatte, fuhr er mit ernſterem Tone fort:„Prinz von Meran, — — —,.——————— erlaubt, daß ich am Rande des Grabes Conbenienz und Rang beſeitige. Seyd für mich noch Waldburg, der Waldburg aus meinen unbeſcholtenen Tagen. Mein Freund, es wird nicht lange währen.“ „Theurer Arthur!“ erwiderte Leopold:„ich habe Dir längſt verziehenz ich habe nie aufgehört Dich zu lie⸗ ben, ſelbſt in jenem verhängnißvollen Augenblicke nicht, wo Deine Hand das Schwerdt gegen mich erhob. Für Dich werde ich immer Waldburg ſeyn, Prinz oder Ba⸗ ron, ich bin Dein Bruder.“ „Mein Bruder!“ wiederholte der Graf mit dumpfer gepreßter Stimme.„Mein Bruder! Du„ welch ein Wort!“ Der Sinn, den er dieſen Worten unterlegte, hatte ihm einen tödtlichen Stoß gegeben... Er hatte dem Prior verſprochen, alles anzuwenden, um Alais aus ſei⸗ nen Gedanken zu verbannenz er hatte ihm verſprochen ſie nicht wiederſehen zu wollen, alles zu vermeiden was ihn an ſie erinnern könnte, und ſie vor allem nicht mehr zu ſprechen. Ach! und beim bloſen Anblick des Bruders ſeiner Vielgeliebten, an deſſen erſten Worten erkannte er, wie ſchwer es ihm ſeyn würde, ſeinen Schwur zu halten.. dennoch wird er ihm treu ſeyn. Seine Augen hatten ſich wieder geſchloſſen; er war der heftige kühne, von Kraft und Schönheit ſtrahlende Jüngling nicht mehr, der vor Kurzem noch in ſeinem Enthuſiasmus ausrief:„Ich fühle Muth genug in mir, dem Leben Trotz zu bieten, ſeine Freu⸗ den wie ſeine Schmerzen zu ertragen, gegen ſeine Stürme zu kämpfen und mich an ſeinen ſchönen Tagen zu ergötzen.“ Nein er war nicht mehr Ravenſtel; er war nur noch der Schatten ſeiner ſelbſt. Er hatte die poſitive und vernünftige Exiſtenz verachtet, und ward durch ein ideales leidenſchaftliches Leben verzehrt. Er hatte von der Erde Freuden verlangt, die ſie nicht zu bieten vermogte, und ſein Durſt nach ih⸗ nen blieb ungeſtillt. Er hatte Stürme begehrt, und fiel vom Blitz zerſchmettert nieder. Seine Wangen waren bleich und hohl, kein Unge⸗ ſtüm war mehr in ſeinen Wünſchen. Seine Sprache war dumpf und monotonz ſeine Gedanken ſchleppend und trau⸗ rig. Das unglück hatte ihn tief gebeugt. Nur eine dü⸗ ſtere Gemüthsbewegung erhielt ihn noch aufrecht; ſie woilte den Anſchein der Kraft annehmen, ſie war aber nur Leiden. 7 Leopold drückte ihn mit der ganzen Innigkeit der Empfindung an ſein Herz.—„Komme zu Dir, grauſa⸗ mer Freund,“ ſagte er:„der Schmerz beunruhigt und verwirrt Dich; keine peinlichen Selbſtbeſchuldigungen mehr! Ach! hätte es in meiner Macht geſtanden, Dich glücklich zu machen, wie gern hätte ich es gethan. Wenn Deine Liebe, die ein böſes Schickſal..* — — „Waldburg,“ fiel ihm der Graf ins Wort:„es iſt genug, ſprich nicht von ihr... Mein Leben, durch die Leidenſchaften verdunkelt, war nichts als ein ſchwarzer Abgrund voll Verirrungen und Träumereien. Deine Schweſter war die Erſcheinung des Wahnſinns, den erſt der ewige Tag verlöſchen wird... O mein Freund! wenn die Grundſätze einer ſtrengen Moral und die Aus⸗ übung der chriſtlichen Pflichten ſeit meiner Kindheit die unbegrenzte Glut meiner Phantaſie gezügelt, und ſie zum wahren Guten, zum wahren Schönen geleitet hätten, dann, ich fühle es noch, dann würde meine Seele eine Macht des Willens haben, die mich vielleicht verewigt hätte. Dem Könige meine Dienſte weihend, hätte ich dem Vaterlande nützlich werden gekonnt. Waldburg, ich habe meine Beſtimmung verfehlt; ich glaubte bei meinem Auftreten auf der Weltbühne meinen Geiſt zu göttlichen Höhen zu erheben, wenn ich ihn den weiten Regionen des Zufalls preisgab. Philoſophiſche Syſteme haben mich irre geleitet; dann ſah ich die Fremde ach! ich konnte nur lieben und ſterben.“ „Nein, Du wirſt nicht ſterben,“ ſagte der Prinz: „wozu dieſe dunkeln Bilder?“ „Waldburg! der Tod hat jetzt in meinen Augen nichts ſchreckbares mehrz er iſt nur der ſchnelle Uebergang aus einer grauſamen Illuſion zu einer glücklichen Wirk⸗ lichkeit. Schon bin ich zum Theil der drückenden irdiſchen Bande entledigt; ſit Arthur iſt die Zeit vorüber, und die Ewigkeit beginnt.“ „Arthur! Du zerreißeſt mir die Seele. Bei dieſen, mit dem zärtlichſten Tone der Wahr⸗„ heit ausgeſprochenen Worten heftete Arthur ſeinen ſchmach⸗ tenden Blick mit dem Ausdruck einer ſanften Dankbarkeit auf Leopold.—„Ich danke Dir,“ ſagte erz. Dn vergibſt mir meine Wuth und mein felte Beginnen auf dem Felſen.“ „Arthur! konnteſt Du an dieſer Vergebung zweifeln? Du warſt der Srih meiner Wahl; und Du biſt mir theurer als jemals.“ Ein mattes Lächeln belebte des Grafen% Ant⸗ litz.—„Alſo,“ ſagte er:„Du ſchenkſt mir Deine Lie⸗ be wieder. O, wie ſüß iſt Dein letztes Lebewohl!.. Ich ſtand am Eingang des Lebens, da hörteſt Du meine erſten Freundſchaftsverſicherungen; jetzt da ich an der Pforte des Grabes ſtehe, biſt Du es wieder, der die letzten hört.“ Jetzt hob ſich ſeine Bruſt nur mit großer Anſtren⸗ gung. Leopold fürchtete durch eine verlängerte Unterhal⸗ tung ihn noch mehr zu bewegen; er ſtand auf, um ſich zu entfernen, und ſagte:—„Arthur! ich muß Dich ei⸗ nen Augenblick verlaſſen; Du biſt der Ruhe bedürftig; morgen werde ich wiederkommen.“ „Morgen!“ antwortete der Graf:„für mich wird v— — ——————— — 155— es kein Morgen mehr geben.“ Dann einen tiefen Seuf⸗ zer ausſtoßend, fuhr er fort:„Ich gebe das Leben gern auf, gewiß! und doch bin ich noch ſo jung.„. Mein Frühling ging ſo heiter auf, und verhieß mir eine ſchöne Zukunft... Es war eine glänzende Morgenröthe; doch laß uns nicht mehr daran denken, ſie iſt erloſchen. Ob man übrigens einige Tage mehr oder weniger auf Erden zubringt, iſt gleichviel. Leopold, auf Wiederſehen„ dort oben.“ „Ich verlaſſe Dich, grauſamer Freundz aber haſt Du jemand Anderm nichts mehr zu ſagen?“ Der erſtaunte Arthur blickte ihn ſtarr an und ant⸗ wortete:—„Der Fremden?.. Du wagteſt nicht, die⸗ ſen Namen auszuſprechen, doch konnteſt Du es; ich höre ihn unaufhörlich, obgleich keine Stimme ihn ausſpricht; er iſt ein Feuerwort, das mich verzehrt. Deine Schweſter? ich habe gelobt, ſie weder zu ſehen noch zu ſprechen zu ſuchen. Der Prior hat es übernommen, mir ihre Vergebung wegen des fürchterlichen Auftritts im Klo⸗ ſter auszuwirken; ich war wahnſinnig, und ihr Mitleid wird mir die Losſprechung nicht verſagen. Ich habe ſonſt 3 nichts mehr von ihr zu hoffen. und was könnte ich ihr zu ſagen haben? Nichts, nein, nichts. Mag ſie den Thron beſteigen!. Was iſt Arthur für eine Königin!„ Philipp rufet ſie zurück... Der Triumphwagen erwar⸗ tet ſie. Sorge, daß wenn ſie abreiſt, mein Leichenzug ihr nicht in den Weg kommt.... Aber warum ſie, im⸗ mer ſie!. es ſey die Rede nicht mehr von ihr; ich habe völlig mit dem Leben abgeſchloſſen.* Die letzten Worte ſprach er mit kaum hörbarer Stimme; ſein Haupt war wieder ſanft in die Kiſſen ge⸗ ſunken, und ſein Auge ſchloß ſich zu. Onigel, der Stallmeiſter des Prinzen von Meran, pflegte den unglücklichen Kranken; aber ſeine Kunſt und Sorgfalt war hier vergeblich. Mit jeder Stunde ſchwan⸗ den die Kräfte des Grafen immer mehr und mehrz jeder Augenblick öffnete ſein Grab; und nach Onigels Verſiche⸗ rung hatte er nur noch eine Nacht zu leben. Die Göttin der Racht bedeckte die Erde mit ihrem Schleier. Arthur, bleich und entſtellt, hatte weder Stim⸗ me noch Bewegung mehr. Ein weibliches Weſen wachte bei ihm. es war die unglückliche Iſoſette. Das Haupt auf ihre Hand geſtützt, als vermögte ſie nicht das Ge⸗ wicht der grauſamen Gedanken zu ertragen, die ſie be⸗ ſtürmten, lauſchte ſie auf Arthurs Athemzüge, zählte ſie die Schläge ſeines Herzens, merkte ſie auf die Fortſchritte des Todes, und ſo ſtufenweife ihre Kräfte verlierend, ſtarb ſie langſam an ſeiner Seite dahin. Sie hatte keine Hoffnung mehr, das Leben ihres Gemahls zu erhalten; bald wurde für ihn keine böſe Stunde mehr ſchlagen. Ohne Klage hätte ſie jeden per⸗ ſönlichen Schmerz ertragen gekonnt, aber den Mann ih⸗ „ — res Herzens leiden, ſterben zu ſehen, war zu viel für ſie; ihr Muth war für dieſe Qualen nicht hinreichend. und doch, wenn der Himmel ihr Gebet erhörte, ſo wurde er, ſtatt ihre Leiden zu mindern, Arthurs Schmerzen den ihrigen noch beifügen; ſie wollte gern allein die Bürde tragen und mit Freuden ſein Leben durch das ihrige erkaufen, ſollte er dann auch nur für die Fremde leben wollen. Es war weder Sorge noch Furcht, was ſie empfand, ſondern jene ſtechende Todesangſt, jene ſtumme Verzweif⸗ lung, welche den Gedanken erſtarren macht, die Einge⸗ weide verbrennt, das Herz zerreißt, welche innerliche Raſerei, und äußerliche ſtarre Unempfindlichkeit iſt. Arthurs Stirne war mit kaltem Schweiße bedeckt; ſeine Haut war voll Flecken, ſeine Lippen bleich und trocken. Sie legte ihren Mund auf den Mund ihres Ge⸗ mahls, um den Lebenshauch zu ſuchen und ihn mit ihrem Athem wieder zu beleben; ſie hielt ſeine Hände in den ihrigen, um ſie zu erwärmen;z ſie umgab ihn ganz mit ihrer Liebe, und Arthurs Todeskampf war der ihrige. Ein langer dumpfer Seufzer entwand ſich Arthurs Bruſt; ſie glaubte es ſey der letzte.—„So iſt denn alles aus!* rief ſie, neben ihm auf die Kniee fal⸗ lend:„ich habe kein Lebewohl erhalten! Arthur! Arthur! haſt Du mich verlaſſen?. Nach einer langen Pauſe fuhr ſie fort:—„ All⸗ — 158—. mächtiger Richter! konnte ich ihn nicht zurückhalten, ſo erlaube mindeſtens, daß ich ihm folgen darf.... Wo iſt er? wo iſt mein Arthur?... Ich muß allenthalben ſeine Gefährtin ſeyn! erhielt meine Hand, und ich will ſein Grab theilen.“ Sie erhob ſich mit verwirrten Sinnen.... Kein Geräuſch, keine Antwort. Eine Lampe erleuchtete mit röthlichem Scheine das Gemach, und in einem fernen Spiegel erblickte ſie plötzlich ihre entſtellten Züge. Gott! ihre Stirne war mit Blumen geſchmückt; noch ſchlangen ſich Ketten von Edelſteinen durch ihre Haare... Ihr Putz war blendend. Sie war die Erbin des Schloſſes in ihrer ganzen Herrlichkeit. Iſolette ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus, und die Hände zum Himmel erhebend, rief ſie:—„Kein Glanz, keine Pracht mehr! Himmel, habe Barmherzigkeit, gib mir mit Arthur gleiche Hülle!.. gib mir ein Leichentuch* Aber eine Stimme ließ ſich vernehmen; es war die des Grafen. Er lebte noch und konnte noch ſprechen. Er hatte ſeine Gemahlin erblickt. „Theure Iſolette!“ ſagte er mit ſchwacher Stim⸗ me:„wo ſind wir?“ und ihr mühſam die Hand reichend, fuhr er fort: „Ich ſehe, mein guter Engel bleibt mir treu er verläßt mich niemals.“ Iſolette, durch den Schmerz versehrt, aber jetzt zu * neuer Hoffnung erwachend, hatte nicht die Kraft zu ant⸗ worten. Arthur blickte um ſich:—„Allein,“ ſagte er: „ganz allein!„ O wer liebt mich wohl wie ſie!.. Welche Andere würde bei mir bleiben!“ Der Graf war nicht todt; vielleicht konnte er ge⸗ rettet werden. Iſolette beugte ſich über ihn, ſie athmete wieder, ſie war glücklich; und dennoch hatten die Worte ihres Gemahls, wie zärtlich ſie auch waren, ihr empfind⸗ ſames Herz verletzt; denn auch jetzt noch begegnete ſie in ſeinen Gedanken, in ſeinen Ausdrücken der Fremden⸗ „Iſolette, fuhr er fort:„ich habe Dich ſehr un⸗ glücklich gemacht; ich bin ſehr ſtrafbar gegen Dich.... Aber ich weiß, Du vergibſt mir, ohne daß Du es zu ſa⸗ gen brauchſt; ich verſtehe die Gedanken Deiner Seele. Sanfte Freundin! erhabenes Weſen! und Dich konnte ich aufopfern! Ach! wäre es mir noch erlaubt länger zu leben, dann, ich fühle es tief in meinem Herzen, dann würde Arthur Dir allein angehören. Iſolette, ſage, glaubſt Du es?*“ „Arthur, ich liebe Dich, und glaube alles. Kehre erſt zum Leben zurück, und dann„ „Vollende!* „Ich werde Dich lieben; mehr vermag ich nicht zu ſagen.“ „Aber ſey überzeugt, daß auch ich „Arthur! ich werde Dich immer lieben.“ — 160— 55 ich „Du, theurer Gemahl?... Ich werde immer nur Dich lieben.“ Der Graf machte eine leiſe Bewegung, um ſie an ſein Herz zu drücken; da fiel ein bis jetzt von ihnen un⸗ bemerkter Gegenſtand zu den Füßen des Bettes niederz es war ein Medaillon von großem Werthe. Iſolette hob es auf; es war das Bild der Fremden. „Gib; was haſt Du hier?“ ſagte Arthur. Die Jungfrau reichte ihm mit zitternder Hand das Gemälde hin; der Graf betrachtete es und ſchien erſchüt⸗ tert; dann legte er es weit von ſich:—„ Es iſt die Gemahlin des Königs von Frankreich,“ ſagte er kalt; und die Hand ſeiner treuen Freundin ergreifend, fuhr er herzlich fort:„Das iſt Arthurs Gefährtinz Alais war der glänzende Traum, Iſolette iſt das ſüße Erwachen.“ Er lächelte und fuhr dann weiter fort:—„Habe ich gezittert, bin ich erblaßt, als ich den Namen der Fremden ausſprach? Du ſiehſt, ich betrüge Dich nicht, ich bin der Vernunft wiedergegeben; vor Deinem Bilde wird jedes Andere weichen. Da ich jetzt ohne Verwirrung mit Dir von ihr ſprechen kann, ſo wird es mir bald noch leichter werden, nur an Dich allein zu denken.“ Seine Stimme war ſo ſchwach geworden, daß ihn Iſolette nicht mehr verſtand. Sein Athem war ſo kurz, daß — 161— er an dem Ziele zu ſtehen ſchien, wo alle Bande des Le⸗ bens brechen, wo die Seele, ſich den ſchmerzlichen Feſſeln entwindend, mit Heftigkeit die menſchliche Natur zurück⸗ ſtößt, ſie bekämpft, ſie überwältigt, und ſich triumphi⸗ rend gegen ihre wirkliche Heimat erhebt. Mit herabhängenden Haaren, allen Folterqualen preisgegeben, hielt Iſolette ihren Athem zurück, als ob ſie fürchtete, durch das leiſeſte Geräuſch einen der letz⸗ ten Seufzer ihres Gemahls zu verlieren. Zwiſchen der Liebe und dem Tode allein daſtehend, wagte ſie es nicht, ſich von der Stelle zu rühren, als ob ſie fürchtete, ſich zu bewegen, ehe alles beendet ſey. Ihr Auge hatte keine Thränen, ihre Seele kein Gebet mehr. Sie hatte auf⸗ gehört zu ſprechen, ſie dachte und fühlte nicht mehr; die⸗ ſe Erſchlaffung aller Kräfte, dieſe ſtumme Erwartung des letzten Schlags, dieſer Todeskampf der Gedanken iſt die letzte und höchſte Stufe des Schmerzes. Arthur ſah Iſolettens Zuſtand; und obgleich der konvulſiviſche Kampf zwiſchen dem innern Feuer, das ihn verzehrte, und der äußeren Kälte, die ihn ergriff, ſich auf ſeinen entſtellten Zügen malte, ſo belebte er ſich noch ein Mal an den Pforten des Todes, um mit Rührung ſeine Gedanken auf ſeine ſanfte Gefährtin zu heften, als ſich ein leichtes Geräuſch hören ließ. Ein Weib, ganz weiß gekleidet, eine bleiche ſeltſame Geſtalt, nahte mit langſamen Schritten dem Lagerz die Lampe, deren ſchwa⸗ II. 11 — 162— cher Schimmer gerade auf ſie fiel, zeigte ſie ſo weiß, ſo leicht, und faſt ſo durchſichtig wie die ätheriſchen Weſen, welche die Gefilde der unſterblichkeit bewohnen. Iſolette erhob ſich, ſtarrte ſie an, und ſtieß einen ſchwachen Schrei aus. Sie hatte ſie erkannt, es war die Fremde,. oder vielmehr die Prinzeſſin von Meran. Iſolette ſowohl als alle Bewohner der Gegend, wußten nun, daß Alais keine Andere als Agnes war. Den fürchterlichen Eindruck vorausſehend, den ihr Anblick auf den ſterbenden Grafen machen würde, eilte Iſolette ihr entgegen und, die Stirne vor ihr beten ſagte ſie:„Königin! Ihr hier!..* „Hier gibt es keine Königin!“ mit dumpfem Tone: vor Euch nür die Fremde und das unglück.“ erwiderte Agnes „Er ſtirbt,“ ſagte Iſolette mit leiſer Stimme, indem ſie ihr das Nähertreten zu ihm verwehrte:„er, den wir beide ſo ſehr geliebt haben, hier liegt er!... nahet ihm nicht; er ſtirbt, und Euer plötzlicher An⸗ blick o, ſeyd barmherzig, nahet ihm nicht.“ Sie breitete die Arme bittend gegen die unglückliche Monarchin aus, und ſuchte ihre Schritte aufzuhaltenz aber die Fremde ſtieß ſie zurück; ihre Sinne waren faſt verwirrt; ſie flog an das Sterbelager, und dort auf die Kniee fallend, rief ſie: * — — — 163— Arthur! theurer Arthur! ich habe Dich in das Grab geſtoßen, und ich komme, um bei Dir zu ſterben.“ Der Graf erbebte bei dieſer Stimme.„aber ſei⸗ ne Augen blieben geſchloſſen, und ſoee Worte gingen über ſeine Lippen: „Iſolette! liebe Iſolette! bleibe da!„ verlaß mich nicht. Ich bedarf Deiner mehr als jemals.“ Durch dieſe Worte wie vom Donner gerührt, blieb Agnes zernichtet ſtehen. Ach! und dieſelben Worte hat⸗ ten auch das Herz der armen Iſolette durchbohrt. Was ihr Gemahl geſagt hatte, war wohl recht zärtlich in ſei⸗ ner Härte; doch wenn er die Fremde nicht mehr liebte, ſo hätte er es jetzt nicht geſagt. Aber Agnes, außer ſich ſelbſt, war nicht mehr Her⸗ rin über ihren Schmerz. Sie wyußte, ſie ſah, daß Ar⸗ thur an der Grenze des Lebens ſtand, und ihr Herz konn⸗ te die glühende Liebe nicht mehr länger in ſich verſchlie⸗ ßen, die ſie bis jetzt unterdrückt hatte ſie konnte dem Tode vertrauen, was ſie dem Leben verſagt hatte. Keine Geheimniſſe mehr in dieſer Stunde: die Verzweif⸗ lung beobachtet weder Regeln noch Convenienzz keine pflicht hielt ſie mehr zurück, ſie woltte endlich ſie ſelbſt ſeyn. „Arthur! wo biſt Du?“ rief ſie aus:„Du warſt es nicht, der eben geſprochen hat. Wo ſind Deine Au⸗ gen? wo iſt Dein Herz?... Ach! ich fühle es in dieſem 14* — 164— Augenblicke; welche Qualen ich auch ausgeſtanden habe, ſo bin ich doch heute zum erſten Male ganz unglücklich!“ Sie hielt ein und lauſchte auf Antwort... Arthur der ſie ſah und hörte, blieb ſtumm und unbeweglich. Ag⸗ nes, in völligem Wahnſinn, warf ſich auf das Bett des Grafen und, die Hände bittend zu ihm erhebend, ſagte ſie: „Sieh mich an! O, aus Mitleid, blicke auf mich. Arthur! was iſt aus Deiner Liebe geworden? Wer hat ſie mir geraubt? Dringt meine Stimme nicht mehr zu Deinem Herzen?.. Sage, daß Du mich nicht n liebſt.. ſage, daß Du mich verabſc⸗ aber ant⸗ worte mir zum wenigſten! ſprich mit mir!“ „Mich ſo plötzlich zu verlaſſen!... Du haſt mich alſo nie geliebt. Arthur, verlaſſe mich nicht! Was habe ich gethan, daß Du mich ſo zurückſtößeſt?. war ich nicht Deine erſte Liebe? Ich habe mich nicht ausgedrückt wie Du, ich konnte es nicht, und durfte es nicht; Du ſprachſt ich liebte. Blicke auf Alais! Darf Dein Auge Haß ausdrücken? O, aus Barmherzigkeit, blicke auf mich!“ Der Schmerz erſtickte ihre Worte. Sie rang die Hände in unausſprechlicher Oual. Arthur ſtieß einen kläg⸗ lichen Ton aus, öffnete das Auge, warf einen ſchnellen Blick auf Agnes, den er dann Himmel trug, und, ſich auf Iſolettens Seite wendend, ſchloß er das ſterbende Auge wieder zu. Eine tiefe Stille folgte auf Agneſens letzte Wortez nur Iſolettens Schluchzen unterbrach das feierliche Schwei⸗ gen; die Prinzeſſin erhob ſich, blickte ſie erſt mit Mit⸗ leid, dann mit Zorn und Verachtung an. „Du weinſt noch!...* ſagte ſie:„Du haſt alſo noch nicht alle Deine Thränen vergoſſen, Du? Und mit welchem Rechte wachſt Du bei ihm?⸗.. wer hat Dich hieher geſtellt? was thuſt Du hier?.„ Derjenigen, die am meiſten liebte, geziemt es, ſeinen letzten Seufzer aufzufangen, ihn ins Grab zu begleiten. Ich habe trok⸗ kene Augen, ich!„ verlaß uns.* „Ihn verlaſſen!„ ich bin ſein Weib,“ erwiderte Iſolette erzürnt.„Ich allein bin hier an meinem Platze; Prinzeſſin, ſeyd auch Ihr an dem Eurigen? Ich weiß nicht, ob Ihr mehr geliebt; aber gewiß, ich habe beſſer getiebt.“ In dieſem Augenblicke dehnten ſich Arthurs Glieder mit konvulſiviſchem Zittern.—»Iſolette!“ ſagte der Sterbende, und ſein Ton war ein Vorwurf. „So iſt er denn nur für mich ſtumm!..* rief Agnes mit herzzerreißender Stimme:„er hat nur noch Einen Namen auf den Lippen und der meinige iſt vergeſſen. Er, der ſonſt ſo reich an Worten war, um mir ſeine Zärtlichkeit zu ſchildern, er hat mir nun nichts mehr zu ſagen.“ Sie konnte nicht fortfahren. Sonſt erſchrack ſie vor — 166— würde ſie nicht darum gegeben haben, wenn er laut auf⸗ geſchrieen, und ſich irgend einer ungeſtümen Gemüthsbe⸗ wegung überlaſſen hätte; denn der Beweis ſeines nahen Endes lag in ſeiner Ruhe, in ſeiner gänzlichen Apathie. „Nur für mich allein iſt er ſtumm!„* wieder⸗ holte ſie noch ein Mal.„Allmächtiger Gott, laß ihn nur leben ja, leben für ſie oder für eine An⸗ dere, gleichviel. O möge mein Gebet ihn retten, und alle Schmerzen meines Lebens ſind durch dieſen Augen⸗ blick bezahlt.“ Jetzt erblickte ſie ihr Bild auf dem Lager des Gra⸗ fen; mit wilder Wuth ergriff es Agnes und warf es auf den Boden, daß es in Stücken zerſprang. „Talisman der Hölle!“ ſagte ſie:„du haſt ihn getödtet. ueberall folgte deinem Anblick Verderben nach.“ Arthur erhob ſein mattes Haupt:—„Prinzeſſin!“ ſagte der unglückliche„ „Prinzeſſin!„ unterbrach ihn die Fremde, als würde ſie plötzlich durch den Ton einer Todtenglocke erweckt. Es iſt genug, Barbar!„ es iſt aus. Kein Wort mehr!„oder ich ſterbe.“ Mit großen Schritten ging ſie durch das Gemach; die größte Verwirrung herrſchte zugleich in ihren S gungen und in ihren Gedanken. 25 Arthurs Heftigkeit, jett entſetzte ſie ſeine Ruhez o, was —— „Die Luft iſt brennend!“ ſchrie ſie:„ſie drückt Arthurn.„ſie erſtickt ihn. und ſo öffnete ſie das Fenſter, welches auf den See ging. Ein ſanfter Abendwind bewegte die Blumen des Hains; und die Hauche des Thales war rein und gewürzreich. „Hier war es,“ ſaste ſie mit leiſer Stimme:„wo er mir ewige Liebe ſchwur. Dort lag er zu meinen Fůü⸗ ßen;z noch höre ich ihn ſagen: Der Enge! Deiner erſten ſchönen Tage hat Dich nur auf wenisg Augenblicke verlaſſen; er kehrt zurück, er bringt Dir Arthur. O mein Geliebter! mein Ar⸗ thur! wo iſt der Engel meiner erſten Tage? was hat er aus Dir gemacht!“ Iſolette bemerkte in den Zügen des Grafen den Eindruck dieſer grauſamen Worte; ſie eilte zur Fremden. —„Stille,“ bat ſie:„im Namen des Himmels! Ihr tödtet ihn vollends.“ „Ich tödte ihn!„ wiederholte Agnes mit Zorn und Entſetzen. Dann fuhr ſie mit milderem Tone fort:„Weib! entferne Dich!„ und ich ſchweige.“ Neben dem Bette erblickte ſie die Trinkſchaale ihres Vaters, die ihr den Auftritt am Brunnen, als ſie den Grafen zum erſten Male ſah, ins Gedächtniß zurückrief. Sie bemächtigte ſich ihrer und, ſich von Arthurn entfer⸗ nend, um nicht von ihm gehört zu werden, ſagte ſie:— — 168— „Betrügeriſche Schaale, was iſt aus dem Schwure des Jünglings geworden, der, das heilige Waſſer trin⸗ kend, welches Du enthielteſt, einſt ausrief: Fremde! Dir gehört mein ganzes Leben!* „Dieſer Schwur iſt erfüllt,“ antwortete ihr eine dumpfe Stimme. Fremde! Dein im Leben! das Reich des Lebens iſt aus. Iſolette! Dein bin ich im Tode.“ Die letzten Worte, welche der Graf in dieſem Leben ausſprechen ſollte, waren über ſeine Lippen gegangen. Endlich ſtand das Herz ſtille, welches ſo heftig ſchlug. Die letzten Gedanken der Empfindung hatten ſich mit ſei⸗ nen letzten Seufzern ausgehaucht.„ Der Graf von Ravenſtel war nicht mehr!... Es gibt Schmerzen, die ſich nicht ſchildern laſſen!.. Keine Sprache hat Worte, keine Palette Farben, um ihr Bild gehörig darzuſtellen. Veim Anblick ihrer unaus⸗ drückbaren Bangigkeit weicht der Maler ſchaudernd zu⸗ rück; er fürchtet, einen Eindruck aufzufaſſen, der zu ſchwer durchzuführen iſt; und zu einem Verſuche iſt er zu mitleidig gegen ſich ſelbſt. Die Schatten der Nacht und des Todes umgaben Agnes und Iſolette.. Liefes feierliches Schweigen folgte auf den letzten Ausruf des Unglücklichen. Die fin⸗ ſtere Macht der Verzweiflung herrſchte allein unter dem Dache der Verbannung. Keine Bewegung, keine Worte, — 0— kein Geräuſch war in der einſamen Hütte zu hören nur der Schlag des Todes ertönte im Innern zweier zer⸗ riſſener Herzen. Agnes riß ſich zuerſt aus der ſchrecklichen Zernich⸗ tung, in welche uns das unabwendbare unglück verſenktz ſie näherte ſich langſam Arthurs Todtenbette, und ſprach mit ihm im Tone hoher Leidenſchaft, als ob er ſie noch verſtehen könnte:—„O mein Arthur!“ ſagte die Fremde:„ſo iſt denn das ſonſt ſo glühende Herz er⸗ ſtarrt!. Ach! warum mußte ich Dir begegnen!. Ich wollte Gutes thun auf Erden, und habe immer nur Böſes gethan. Ich war Dein unglück. Der Erbe der Könige von Bretagne, groß durch ſich ſelbſt und ſeine Väter, trat glänzend in das Leben; Arthur ſah mich und jetzt iſt Arthur todt. Er hatte Anſprüche auf Ruhm, auf alle Gaben des Glückes, vielleicht auf einen Thron, Arthur ſuchte mich. und Arthur iſt todt. Seine Seele war glühend und erhaben, ſein ganzes Leben war Be⸗ geiſterung, die Tugend ſeine Fackelz ich liebte Arthurn.. Arthur iſt todt. „Edles Opfer der Liebe! ſchtafe in dem unſeligen Haine, wo die Verbannte ſo viele Thränen vergoſſen hat. WMurmelnd fließe das Waſſer der heiligen Quel⸗ le neben Deinem Grabe!... Schlafe in Frieden an dem ufer, wo ſo viele Schmerzen Dich bewegten„ „Theurer Arthur! wenn Du mir nicht Lebewohl — — 170— geſagt, ſo war es nur, weil Du die Gewißheit hatteſt, daß ich Dir da hinauf folgen würde.„. Mein Arthur! Du hatteſt Recht, wir dürfen uns nicht verlaſſen; kein Lebewohl zwiſchen Dir und mirz; Dein Vergeſſen war ein Ruf.... Einen Augenblick noch und ich komme.“ Mit dieſen Worten warf ſie ſich auf das Bett, und ſchloß Arthurs lebloſe Hülle zärtlich in ihre Arme; dann ſich erhebend, ſagte ſie zu Iſoletten: „Fort! was hält Euch hier zurück!„ Lebend konnte er Euer ſeyn;z todt, gehört er mir allein. Ich habe ihn getödtet, mir gehört ſein Staub; wer ſollte ſich nnterſtehen, ihn mir ſtreitig zu machen!„er iſt mein, denn ſein Tod war mein Werk. Kalter unempfindlicher Staub! Du biſt der einzige Schatz, auf den ich Anſprü⸗ che mache! Du biſt mein einziges Gut, und mir allein gebührt der Genuß. Geht, laßt mich allein mit ihm.“ Die Jungfrau lag knieend am Boden“, und hatte nichts mehr, um ſich der Königin zu widerſetzen, als ihre flehende Bitte.—„Agnes, warum wollt Ihr mich von ihm trennen!.. Ihr, die Ihr ſo ſehr liebtet, habt Mitleid mit einer Liebenden!„ zeigt Euch nicht grau⸗ ſam!„ich kann und darf ihn nicht verlaſſen; er war mein Gatte.“ „Euer Gatte!“ ſagte die Königin, ſie zurückſto⸗ ßend:„er war es nichtz er wollte es niemals ſeyn. Ich ſollte mit Iſoletten Mitleid haben! nein, ich kann —— M —— M — 171— es nicht Du biſt mir zuwider; gehörte Dir nicht ſein letzter Gedanke, ſein letzter Blick, ſein letztes Wort?.. während ich „Agnes! Agnes!“ rief Iſolette ſchmerzlich:„wie ungerecht ſind dieſe Vorwürfe! In Arthurs letzten Wor⸗ ten lag mehr bedeutſames für Euch als für mich. Ja, ich würde die Augen, die er von Agnes wegwandte, den Blicken vorgezogen haben, die er auf Iſoletten heftete. Undankbare! beklagt Euch nicht ob Eures Theiles!„ Als er zwiſchen Euch und mir ſtarb, hatte ich ſeine Worte und Ihr ſein Herz. Seine Sprache war Freund⸗ ſchaft, ſein Schweigen Liebe.“ Aber nichts konnte die Fremde erweichen; und mit einer Bewegung der Hand wiederholte ſie ihrer Neben⸗ vuhlerin den Befehl, ihre Hütte zu verlaſſen... Iſolet⸗ te erhob ſich; die Grauſamkeit der Prinzeſſin empörte ſie und gab ihr wieder Kräfte: „Nein,“ antwortete ſie mit Nachdruck:„nein, ich überlaſſe Euch meine Rechte nicht... Eure Befehle gelten hier nicht, denn hier gibt es keine Köni⸗ gin, Ihr habt es ſelbſt geſagt; und ob Ihr es ſeyd oder nicht; keine Macht der Erde bringt mich von dieſem Orte.“ Agnes hielt ihren Zorn nicht mehr zurück; außer ſich ſchrie ſie:—„Du wagſt in meiner Gegenwart von 1 Deiner Zärtlichkeit zu ſprechen!.. Wo ſind die Beweiſe davon? welches Opfer haſt Du dem Geliebten gebracht? Haſt Du, wie ich, für Arthurs Glück Dich einem ewi⸗ gen unglück preisgeben gewollt, indem Du ihn mit Dei⸗ ner Nebenbuhlerin verbandeſt? Haſt Du, wie ich, um ſeine Ruhe zu ſichern, der Freude, ihn zu ſehen, ent⸗ ſagt, und von ihm ſelbſt ewiges Vergeſſen gefordert? Haſt Du, wie ich, Dein Leben gewagt, um das ſeinige zu retten? Haſt Du endlich, wie ich, um ihn der Welt zurück zu geben, Dich in ewige Einſamkeit begraben ge⸗ wollt?. Nein, Du haſt nichts für Arthur gethan! Du haſt nur an Dich ſelbſt gedacht! Du ſahſt, wie er gezwungen zum Altar ging und haſt ihn ohne Mitleid dahin geſchleppt!.. Du ſahſt, daß er dieſe Verbindung verabſcheute, und haſt ſie doch vollziehen gelaſſen! Ob⸗ gleich Du ſein unzähmbares und aufbrauſendes Gemüth kannteſt, haſt Du nicht gefürchtet, ihn zum höchſten Grad des Wahnſinns zu bringen! Du haſt ihm den Abgrund des Verderbens eröffnet; Du haſt ihn in den Sarg gebracht; ich ſollte Mitleid mit Dir haben!.. niemals. Ich verabſcheue Dich, entferne Dich.“ Sie ſprach's, ihre Kräfte waren erſchöpft.„ſie ſank auf einen Stuhl, und ihre Blicke umflorten ſich⸗ Welche tiefe fürchterliche Stille!.. Die Jungfrau von Montolin erwiderte auf Agneſens Vorwürfe kein Wort; ſie hatte weder die Kraft noch den Willen dazu. —,— M M S 8 8 — u in u. — 1— Dennoch war es nicht Furcht, was ſie zurückhielt; der Rang ihrer Nebenbuhlerin ſchreckte ſie nicht abz nein, denn Iſoſette war nur großmüthiger Empfindungen fähig. Agneſens furchtbare Stimmung hatte ihren Zorn ent⸗ waffnet; ſie hätte ſich für grauſam gehalten, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, denn in ihrer Seele fand nur ſanftes Mitgefühl Platz. Die Prinzeſſin, jetzt wieder zu ſich ſelbſt gekommen, blickte mit ſtarrem Auge um ſich.. Die, welche ſie mit den Pfeilen ihres Zorns durchbohrt hatte, gedachte ihrer Beleidigungen nicht mehr, und bemerkte ſelbſt ihre Gegenwart nichtz Arthur war allein vor ihr; und unter dem Schlage, der ſie getroffen, war ſie zernichtet hin⸗ geſunken. Der erſte Gegenſtand, welcher Agneſen in die Au⸗ gen fiel, war die bleich und ſtarr neben dem Bette auf die Kniee geſunkene Iſolette. Ihr Körper war halb hin⸗ tenüber gebeugt, wie der Stiel einer Lilie, den der Or⸗ kan zerbrochen; und dieſe furchtbare Stellung der Ver⸗ zweiflung und Zernichtung malte mehr als aller Ausdruck den ganzen Schmerz ihrer Seele. Jetzt ward die Prinzeſſin von Mitleid durchdrungen; ſie ſah ihr unrecht ein und bemühte ſich, es zu vergüten. „Iſolette!“ rief Agnes mit ſanfter bittender Stim⸗ me. Die Jungfrau öffnete ihre Augen„„blickte er⸗ — 174— ſtaunt umher, kam nach und nach zu ſich... Die Kö⸗ nigin ſtand vor ihr. „Iſolette!“ wiederholte Agnes. Sie konnte kein Wort hinzufügen aber ſie brei⸗ tete ihr die Arme mit dem rührendſten, unwiderſtehlich⸗ ſten Ausdrucke entgegen und Iſolette ſank an ihre Bruſt. Neben Arthurs Leiche vermiſchten ſich ihre Thrä⸗ nen, und die beiden Nebenbuhlerinnen umarmten ſich. Der Altar der Fremden war im Hintergrunde der Hütte; Agnes warf ſich vor ihm nieder. Iſolette blieb allein bei dem unglücklichen Arthur. Die Hand ihres Gatten lag auf dem Rande des Bettes, ſie drückte einen heißen Kuß darauf und, einen goldnen Ring an ſeinem Finger bemerkend, wollte ſie ſich deſſen bemächtigen. Die Fremde, obgleich entfernt von ihr, verfolgte mit den Au⸗ gen alle ihre Bewegungen ſie erhob ſich haſtig; und gleichſam als wolle ſie ſich Iſolettens letztem Wunſche widerſetzen, eilte ſie auf ſie zu. Ihr Gang und ihr Ge⸗ ſicht enthüllten der Jungfrau von Montolin ihre Gedan⸗ ken; der Ausdruck des höchſten Schmerzes war in Ag⸗ neſens Zügen ſichtbar; die mitleidige Iſolette blickte ſie an, und bot ihr mit einer eben ſo ſchnellen als unbedach⸗ ten Bewegung den Ring dar. Durch dieſen neuen Zug von Großmuth, durch dies edle Mitleid einer Nebenbuhlerin beſchämt, trat die er⸗ ſtaunte Prinzeſſin einen Schritt zurück.... Sie bedeckte ihre Augen mit einer Hand, während ſie mit der andern den Ring zurückſtieß. Aber ſie ſchwieg; nur durch ein geichen, aber nicht durch Worte konnte ſie ihn zurück⸗ weißen. Der Ring blieb Iſoletten. „Arthur!* rief die ſanfte Jungfrau:„Dein letz⸗ ter Wunſch iſt erfüllt. Wenn Du ſie je an meinem Grabe antriffſt, ſagteſt Du: ſo fliehe nicht von ihr, weinet zuſammen!“ „Iſolette! das hat er Dir geſagt?..* fragte die Fremde ſehr lebhaft:„und Du wiederholſt es mir! Du warſt ſeiner würdig, ja ſeiner würdiger. als ich.“ Sie ergriff die Hand ihrer Nebenbuhlerin, führte ſie an das Sterbebett, legte dieſe Hand auf ihr Herz und, die ihrige mit einem Blick voll Begeiſterung zum Himmel hebend, rief ſie aus: „Arthur! Du ſiehſt uns, Du höreſt uns aus den Höhen des Himmels; Dein Wnnſch, ich verſtehe ihn, iſt, daß die beiden Herzen, die Dein waren, ſich auf Deinem Grabe in Eins vereinigen, um Dich bis zum Tode zu beweinen. Wohlan, ich ſchwöre bei Deinen heiligen Manen, Iſoletten nicht mehr zu verlaſſen. Ich habe nichts mehr zu thun in dieſem Leben, als mich Deiner zu erinnern; ich werde alles aufſuchen, was Dir gefiel; ich werde alles lieben, was Du geliebt. Iſolette ſoll meine Schweſter, mein Troſt, meine Grefährtin — 176— ſeyn; Deine Wittwe ſey meine Freundin.. Arthur! biſt Du nun mit Agneſen zufrieden? Sie ſprach's, drückte Iſoletten an ihr Herz und endlich allen Foltern ihrer Seele unterliegend, fiel ſie leblos neben dem Lager des Verſtorbenen nieder. E pilog. Nur ein Mal ward das gleiche Herz geboren, Wer es verliert, der iſt ſich ſelbſt verloren. Adolph von Vagedes. Es waren ſeit Arthurs Vermählung und Tod mehre Ta⸗ ge verfloſſen. Agnes befand ſich in der Feſte Karency, zwar von einem glänzenden Hofe umgeben, aber unglück⸗ licher als jemals. Sie hatte Iſolettens Begleitung ge⸗ fordert, um ſie ganz an ihre Perſon zu feſſeln, und der ehrgeizige Herr von Montolin, entzückt über das Wohl⸗ wollen, welches ſie ſeiner Tochter bezeigte, fand darin Troſt über Ravenſtels Verluſt. Der Schloßherr hatte Arthurn nie geliebt; er konnte ihn weder beurtheilen noch verſtehen, und erlaubte Iſoletten nicht, Trauer um den verſtorbenen Grafen anzulegen; denn er fürchtete, die düſtere Kleidung möchte den Glanz ihrer Reize verdun⸗ keln, indem er wünſchte, daß ſie am franzöſiſchen Hofe II. 12 3 * „ — alle Schönheiten überſtrahlte. Er betrachtete ſie nicht als Wittwe, da er behauptete, daß ſie nicht Gattin ge⸗ weſen ſey. Gierig nach Würden, hoffte er ſeine Tochter noch auf dem Gipfel der Größe zu ſehen. Er machte ihr ihre Traurigkeit zum Vorwurf, und unterſagte ihr jede Klage. Leopold war bei Agneſen; der Prior von Sankt Irenäus verließ ſie nicht; auch Wilhelm von Barres war ihr ergeben; und dieſe drei großmüthigen Freunde verbargen dem Publikum einen Theil ihrer Geheimniſſe, und erklärten ihr Verſchwinden aus der Feſte„ und ihre Rückkehr nach Karency, auf eine Art, wodurch ſie alle Herzen zu Agneſens Gunſten ſtimmten, und ihr die all⸗ gemeine Liebe gewannen. Ihr ganzes Betragen war gerechtfertiget: ihr Leben lag fleckenlos hinter ihr. Schon ſeit ihrer Verurtheilung ſprachen die Bewohner der Gegend, durch ihr Benehmen vor den Richtern gewonnen, nur mit Entzücken von ihrz jetzt vergötterten ſie ſie. Ihr zartes Intereſſe für Arthur, ihre Ergebung in ihre Leiden, ihre Zurückgezogenheit nach ihrer Verbannung, alles an ihr ſchien erhaben; das Volk überſchreitet in ſeiner Liebe wie in ſeinem Haß im⸗ mer alle Grenzen. Die Prinzeſſin verzögerte ihre Abreiſe nach Paris; denn ſie wollte Philippen nicht hintergehenz ſie hatte ihm — ————,.— — 179— ſelbſt geſchrieben, und ihm alle Begebenheiten ausführlich erzählt, welche ſich ſeit ihrer Ankunft auf Karency, und während ſie den BVoden von Montolin bewohnte, zugetra⸗ gen hatten. Sie hatte ihm die Liebe geſchildert, welche ſie für Arthur empfand, und wollte in ſeinen Augen als ſtrafbar erſcheinen, damit er ihr entſagen möge; denn ſie ſehnte ſich nicht nach dem Szepter, ſondern nach Ru⸗ he, Verbannung und Vergeſſenheit. Nur um eine Gna⸗ de bat ſie ihren Gemahl: daß die Gräfin von Réthel, ſtatt für ihre Ergebenheit beſtraft zu werden, mit einer Vermehrung ihres Vermögens nach Paris zurückkehren könne. „O Philipp!“ ſo ſchloß Agnes ihren langen Brief: „wenn ich Eurer ſonſt nicht würdig war, ſo bin ich es „jetzt noch wenigerz ich habe in ſträflicher Liebe geglüht, „und dieß Feuer verzehret mich noch. Welche glänzende „Ausſicht Ihr mir auch bieten mögt, die Zukunft iſt öde „für mich, die Welt iſt eine Wüſte, alles iſt todt. Ich „bringe nur unglück und Verderben mit mir; ruft mich „nicht zum Throne zurück; ich würde das Reich mit „Mißgeſchick überhäufen, meine Gegenwart wäre für „mich eine Qual, für Euch eine Schande. Laßt die un⸗ „glückliche Agnes ſich in eine ewige Einſamkeit begebenz „ihr Blut könnte nicht ungehemmt unter dem Purpur „laufen. Ich bedarf das Vergeſſen der Erde, Einſam⸗ „keit und Stille. Für mich gibt es keine Pflichten mehr, 12* — 180— „als das Gebet, keine Freude als Thränen, kein anderer „Richter mehr als der Himmel.“ Wilhelm von Barres überbrachte dem König dieſen Brief, und Agnes erwartete mit tödtlicher Angſt die Antwort ihres Gemahls. Ihr Rang, den ſie von ſich werfen wollte wie ein drückendes Gewand, dieſer Rang, nachdem ſie ſonſt voll Ehrgeiz ſtrebte, war jetzt ein Ge⸗ genſtand des Abſcheues für ſie. Vergebens überhäuften ſie ihr Bruder und der Abt mit ihrer Freundſchaft, ihrem Rath, ihren Bitten, Agnes war für nichts mehr em⸗ pfänglich; Agnes hatte nichts mehr vor ſich„als Arthur. Nichts vermogte ſie ihrer finſtern Melancholie, ih⸗ rer ſchmerzlichen Apathie, ihrer ſtummen Niedergeſchla⸗ genheit zu entreißen. Sie bezeigte der Gräfin von Ré⸗ thel noch einige Anhänglichkeit, und ergriff eifrig jede Gelegenheit, ihr Beweiſe ihrer Dankbarkeit zu geben;z aber ſie ſuchte ihre Geſellſchaft nicht. Iſolette allein hatte einige Gewalt über ſie. Iſolette wich ſelten von ihrz ihre Gegenwart war ein Bedürfniß für Agnes. Sie allein beſänftigte ihre Qualen und zerſtreute ihre Träumereien; ſie allein ſprach zu ihrem Herzen. Ihr Kummer hatte keine Abwechſelung, er war immer gleich ſtark und groß. Ihre Gedanken waren eine lange Klagez und ihr Leben war, gleich dem einförmigen Schrei des Todesvogels, nur ein wiederholter Jammer⸗ — 181— ruf. Ihr Gang war ſchleppend; ihre Sprache langſam und dumpf. Ihr Leiden hatte keine Worte und niemals Thränen. Die Fackel ihres Lebens erloſch immer mehr, dund nach und nach verſchwanden ihre Reize.—„Glaubſt Du,“ ſagte ſie zu ihrer Freundin:„ daß ich durch Phi⸗ lipp gezwungen werde, das verhaßte Szepter wieder zu nehmen? Ach! wenn ich nach Paris reiſen muß, ſo wird der Triumphwagen der Königin Agneſens Katafalk, der nur eine Leiche trägt. Der Palaſt des Louvre erwar⸗ tet mich nicht ſondern die Gruft von St. Denis. Was will dieſer Philipp von mir, er, den ſo viele Lor⸗ beeren krönen, der den Ruhm allem andern vorzieht!... er laſſe mich in Frieden ſterben.“ Vergebens verſuchte Iſolette den Einfluß ihrer ſauf⸗ ten Vorſtellungen, um den Lauf ihrer düſtern Ideen zu ndernz ſie ſah wie ſich täglich dieſe besaubernde Schön⸗ heit immer mehr und mehr entblätterte, die ſonſt aller Augen entzückte; ihre Lippen hatten den Purpur verloren; ihre Augen waren ſtarr und glanzlos. „Wenn ich aufgehört habe, ſchön zu ſeyn,“ ſagte Agnes zu ihrer Freundin:„ſo iſt es nur, weil Arthur mich nicht mehr ſehen darf; wenn meine Stimme dumpf und klagend iſt, ſo iſt's, weil Arthur ſie nicht mehr hö⸗ ren darfz wenn meine Blicke matt und ſtarr ſind, iſt's„weil Arthur ſie nicht mehr ſucht.“ „Aber Ihr liebt mich!“ ſagte Iſolette. — 182— „Auch nur darum weil er nicht mehr lebt.“ Die Vorbereitungen zur Abreiſe der Königin wurden eifrig betrieben. Agnes, immer mit Huldigungen um⸗ ringt, war gezwungen, ſie anzunehmen. Leopold, in der Hoffnung, ſie aus ihrer Traurigkeit zu ziehen, und nicht minder ſtolz als glücklich, daß ihr Philipp⸗Auguſt die Krone wieder aufſetzte, umgab ſie gegen ihren Wil⸗ len mit allem Glanze der Größe. Ach! und die arme Iſolette, ſonſt ſo heiter uud lebhaft, jetzt aber allen Freuden abgeſtorben, war von neuem verdammt, glän⸗ zenden Geſellſchaften beizuwohnen, und die Königin des Feſtes zu ſeyn. Als ſanftes, ergebenes Opfer trug ſie ihren Schmerz geduldig, und verblühte gleich Agneſen; und wie lachend auch die Bilder waren, die ſich ihr dar⸗ botenz welcher Weihrauch auch zu ihren Füßen brannte, nie ſah man ſie lächeln. Jungfrau von Montolin, was iſt aus deiner Fröhlichkeit geworden? Was iſt aus den glänzenden Gaben geworden, womit dich die Natur be⸗ ſchenkte? Wo blieb dein beißender Witz, deine naiven Antworten, deine Friſche, deine Grazie„ach! ob⸗ gleich du noch lebſt, ſo hat das Grab doch alles ver⸗ ſchlungen. Eines Abends, als tauſend flimmernde Kerzen den großen Saal im Schloſſe Karency erhellten, wo ſich ein Theil des benachbarten Adels verſammelt hatte, und Ag⸗ nes, gleich einer unbeweglichen Bildſäule und mit ihren * — Gedanken von der Geſellſchaft abweſend auf dem könig⸗ lichen Seſſel ſaß, bot der Herr von Montolin, der ſich zum gemeinen Höfling gebildet hatte, ſeiner Tochter eine Harfe dar; und in der Hoffnung, der Königin zu ge⸗ fallen, verlangte er, daß Iſolette ſingen ſollte. Die ſanfte Jungfrau lehnte es abz aber der erzürnte Vater vefahl, und ſie mußte gehorchen.* Sie erinnerte ſich der Hymne, welche ſie am Abend der Ankunft Arthurs auf Montolin mit ſo viel Beifall ge⸗ ſungen hatte. Sie präludirte und ſang: „Steig' Friede/ ſteig' vom Himmel nieder ⸗ „Verbannt ſey Mißgeſchick und Krieg; „U. ſ. w.“ Aber, o Gott! wie war ihre Stimme verändert! Es waren dieſelben Worte, dieſelbe Melodie wie ſonſt, und dennoch ein ſo großer unterſchied! Es war kein Sie⸗ gesgeſang mehr, ſondern ein Grablied. Ihre Erinnerun⸗ gen ſchienen ſich ganz mit ihren Accenten verſchmolzen zu haben, und als ſie an dieſe Worte kam: „Die Gratien haben und die Liebe „Zur Heimat Frankreich auserwählt⸗ 3 wurden ihre Akkorde ſo traurig, daß ſie der Melodie der ſich an den Gräbern antwortenden Todtenpſalmen gli⸗ chen. Die Harfe entfiel ihren Händen und ihre Töne löß'ten ſich in Schluchzen auf. — 13— Die Königin verließ ihren Sitz, und eilte zum er⸗ ſten Male ſeit jener fürchterlichen Epoche mit ſchnellen Schritten durch den Saal. Als ſie vor ihrer Freundin ſtand, welche die beſtürzte Menge umringte, drückte ſie ihr feurig die Hand, und ſprach mit leiſer Stimme: „Theure, gefühlvolle Freundin, ich habe Hich ver⸗ ſtandeh; gewiß, einſt haſt Du ihm dieſe Hymne ge⸗ ſungen.* „Ja,“ antwortete die betrübte Jungfrau:„da ich ihn zum erſten Male ſah.“* „Morgen,“ ſagte die Königin:„wenn wir allein ſind, will ich ſie mit Hir ſingen.“ Die Höflinge, welche Agnes beobachteten, konnten ſich ihre Trauer nicht erklären, und erſchracken vor den bedenklichen Symptomen, welche ihr nahes Ende zu ver⸗ kündigen ſchienen. Sie ſollte den Thron wieder beſtei⸗ gen, und ſtatt dem Himmel für die ehrenvolle Zurück⸗ berufung an Philipps Hof zu danken, beweinte ſie ihren Triumph, und in ihren entſtellten Zügen malte ſich nur die Verzweiflung, die ihr Innerſtes verzehrte. Diejenigen, welche um ſie waren, hatten keinen Begriff von den Lei⸗ den ihrer Seele; denn die Mehrzahl von ihnen hatten nie geliebt. Die Tage ſchwanden; und die Königin ſchmeichelte ſich im Stillen, ihr Brief würde Philipps Entſchluß ge⸗ ändert, oder der Papſt müßte ihrer Wiedervereinigung — ₰ — neuerdings Hinderniſſe in den Weg gelegt haben. Ver⸗ gebliche Hoffnung! Am Tage der Ankunft des Sene⸗ ſchals in Paris war auch ein Schreiben des Oberhaupts der Kirche eingetroffen, welches dem König von Frank⸗ reich erlaubte, die Prinzeſſin von Meran als ſeine Ge⸗ mahlin anzuerkennen, und Wilhelm ſchwächte den Ein⸗ druck von Agneſens Brief, indem er alle Zeilen erklärte, und ihnen einen andern Sinn unterlegte. Wilhelm hatte mehr als einen Grund, Agneſens abermalige Krönung zu wünſchen; denn Iſolette wurde die Königin begleiten, und vielleicht gelang es ihm, einſt noch ihr Herz zu ge⸗ winnen. Einer frommen Entſagung irdiſcher Größe ſchrieb er Agneſens Verlangen zu, verbannt zu bleiben; er gab dem Monarchen zu verſtehen, und ſuchte ſich ſelbſt zu überreden, daß ſie ein falſches Geſtändniß von Ver⸗ gehungen und Fehltritten vorgebracht, um ihren Zweck deſto ſicherer zu erreichen. Philipp glaubte blindlings den Reden ſeines Waffenbruders. Der Prior von Sankt Ire⸗ näus, welcher auf Leopolds Rath Wilhelm begleitet hatte, prieß Agneſens reine Seele; und die überzeugende Sprache der beiden Männer hatte die Liebe des Königs zu ſeiner unglücklichen Gemahlin verdoppelt. Ein königlicher Botſchafter erſchien auf Karencyz Agnes erbrach zitternd ſeine Depeſchen... Als König war Philipp ſtolz, diejenige wieder auf den Thron zu ſe⸗ tzen, welche die verbündeten Monarchen Enropas auf — 186— immer davon verjagen gewollt hatten; als Gemahl for⸗ derte ſie Philipp, zärtlicher als je, mit den Worten der Liebe zurück; und um die Gräfin von Réthel für ihre Ergebenheit zu belohnen, ernannte er ſie zur Herzogin von Karency, und verband reiche Einkünfte mit dieſem Titel. Agnes hatte das verhängnißvolle Schreiben durch⸗ geleſen, welches über ihr Schickſal entſchied..„Bewegt und ſchweigend dachte ſie tief nach... Kein äuſſeres Zeichen verrieth ihre geheimen Gedanken. Sie war ruhig und ſchien völlig ergeben zu ſeyn; aber in der Tiefe ih⸗ res Herzens mochte ſie irgend einen großen Entſchluß faſſen. Agnes wußte durch fortwährenden Aufſchub ihren Aufenthalt auf Karency zu verlängern. Endlich ward nach langer Zögerung der Tag der Abreiſe beſtimmtz aber die wachſende Schwäche aller ihrer Organe hatte den höchſten Grad erreicht; ihr verſchloſſener Schmerz verzehrte ihr Lebenz auch die Kraft zu leiden hat, wie jede andere, ihre Grenzen. Die ſchöne Prinzeſſin von Meran war nur noch ein wandelnder Schatten; ihre Zü⸗ ge waren beſtändig kalt und ſtarr; nur der Gedanke ihres nahen Todes gab ihnen zuweilen den Ausdruck ei⸗ ner traurigen Zufriedenheit. Sie hatte ihre Schönheit verloren, und nur ihre Grazie behalten. Eine durch den — 187— Sturm entblätterte Roſe, war ſie nur noch eine ſchöne Erinnerung. Die Vorkehrungen zur Reiſe waren alle getroffenz ein prachtvoller Wagen, von Gold und köſtlichen Steinen ſtrahlend, der, von den Edelſten des Reichs begleitet, die Königin aufnehmen ſollte, war im großen Schloßhofe der öffentlichen Bewunderung ausgeſtellt. Dreißig Da⸗ men aus dem höchſten Range waren von Paris gekom⸗ men, um die Königin abzuholen. Sie hatten ihr, außer vielem köſtlichen Putz, einen prachtvollen Hermelinman⸗ tel, und ein Diadem von unſchätzbarem Werthe über⸗ reicht, welches ſie nach Philipps Willen während ihrer Triumphreiſe tragen ſollte. Welche reiche Geſchenke, wel⸗ che köſtliche Gaben! warum mußten ſie in dieſem Augen⸗ vlick nur ein Opfer ſchmücken! Am Abend vor dem merkwürdigen Tage, an wel⸗ chem Agnes Bretagne verlaſſen ſollte, folgte Iſolette, von der Todtenbläſſe, die ſich über die Züge ihrer Freun⸗ din verbreitete, erſchrocken, dieſer unbemerkt in ihr könig⸗ liches Gemach. Bertholds Tochter wähnte allein zu ſeynz ſie warf ſich auf die Kniee und rief aus:—„Arthur! Du erwarteſt mich; o, was zögere ich noch, mich mit Dir zu vereinigen!„ Du biſt mir in der letzten Nacht erſchienen; Deine Blicke weilten mit dem Ausdruck der Liebe auf mir, den ſie in der Hütte der Verbannung hat⸗ ten; ſie glänzten mir wie die erſte Morgenröthe der —————— — 188— göttlichen Barmherzigkeit.. Du wiederholteſt jene Wor⸗ te, die Du einſt voll Leidenſchaft zu mir geſagt:„nIch habe es geſchworen, ich bin Dein!““ „Arthur! da Du mich noch liebſt, ſo müſſen meine Fehler wohl abgebüßet ſeyn. Du ruſſt mich; komm! ſagteſt Du.... Deine tröſtenden Worte werden mir die Engel wiederholen. um mich mit Philipp zu verbinden, wüßte ich alle Qualen der Größe ertragen; um mich mit Arthur zu vereinigen, habe ich nur ein Grab zu durch⸗ ſchreiten. Erſchließe dich mir, himmliſcher Weg! kann ich da ſeyn, wo der Vielgeliebte nicht mehr iſt! Was wird mir hienieden geboten? Philipp, ein Thron, und Leiden! Welch andrer Theil erwartet mich dort oben? der Himmel, mein Arthur und die Liebe.“ Ihr gebeugtes Haupt ſank gänzlich auf die Bruſt herab; ihre Thränen konnten nicht mehr fließen, ſie wur⸗ den in ihrem Laufe zurückgehalten, wie die beſchattete Quelle, deren Waſſer der Winter zu Eis erſtarrt hat, und die, der Sonnenwärme unzugänglich, unbeweglich und gefroren ſtill ſteht. Iſolette näherte ſich mit langſamen Schritten; Ag⸗ nes erblickte ſie, erhob ſich und, ſie zärtlich zu ſich ru⸗ fend, ſagte ſie:—„Komm! Du haſt mich gehört. Im⸗ mer er!.. nichts als er!. ich verlaſſe ihn keinen Augenblickz ich ſpreche mit ihm, ich glaube ſeine Ant⸗ — — 189— worten zu vernehmen.... Du kannſt Dich nähern, Iſo⸗ lette; nur Du darfſt zwiſchen ihn und mich treten.“ „Agnes! wie ſehr betrübt Ihr uns!“ ſagte die Jungfrau von Montolin. „Ich!* antwortete die Königin mit einer Offen⸗ heit, welche von ihrer Verwirrung zeugte:„ich betrübte Euch! und wie ſo denn?. was habe ich denn wieder Böſes gethan? Es iſt ja nicht meine Abſicht, Jemand zu betrüben.“ Das Fenſter war halb offen; die Luft war mild, der Himmel rein; und die klagende Philomele ſang in den belaubten Aeſten des Ahornbaumes. „Arthur iſt nicht mehr,“ fuhr Agnes fort:„und dennoch welch ein ſchöner Abend! lauſche dieſen Tönen! wie balſamiſch dieſe Luft, wie lachend dieſe Natur iſt! Der Himmel, die Vögel, die Natur, nichts denkt an Arthurs Grab, nichts trägt Trauer, als ich o ver⸗ gib! ich hatte Dich vergeſſen.“ und die Hand ihrer Freundin drückend, fuhr ſie fort:„Ich habe eine große Bitte an Dich, könnteſt Du ſie mir verſagen?“ „Redet!“ antwortete die Jungfrau:„ich gewäh⸗ re Euch alles im Voraus.“ „Iſolette!“ ſagte Agnes mit langſamer, ernſter Stimme:„der Schmerz, welcher zu leben hindert, er⸗ laubt nicht immer, zu ſterben. Ich hatte gehofft, den 6 — 190— — Tag meiner Abreiſe nach Paris nicht zu erleben, aber er naht„ morgen ſchon; wird es der letzte ſeyn? wollte es Gott.... Doch zu meiner Bitte. Als Dich Arthur zum Altare führte, war er in einen weißen Man⸗ tel gehült. Iſolette, Du beſitzeſt ihn; leihe ihn mir auf wenige Augenblicke; vertraue mir ihn dieſe Nacht an, morgen ſollſt Du ihn wieder haben. Suche den Grund dieſer Bitte nicht zu erforſchen; Du liebſt mich, und ich erwarte alles von Dir.“ „Ihr ſollt dieſen Abend den Mantel haben,“ er⸗ widerte Iſolette traurig.„Noch ein Opfer mehr. Das iſt die Gewohnheit meines Lebens. Ja, dieſen Abend ſollt ihr ihn haben, aber morgen.. 35 „Morgen nimmſt Du ihn wieder,“ ſagte Agnes. und ſich in die Arme ihrer Freundin werfend, fuhr ſie mit dem Feuer der Dankbarkeit fort:„Theure Iſolette! Lebe wohl! Ich danke Dir für alle Tröſtungen, welche mir Deine Zärtlichkeit erwieß. Möge Dich der Ewige da⸗ für belohnen, ich kann es nicht. Himmliſches Geſchöpf, lebe wohl.“ „Gerechter Himmel! was wollt Ihr fagen?“ un⸗ terbrach ſie die erſchrockene Jungfrau. „Morgen,“ erwiderte die Königin. Und mit dem Finger gen Himmel zeigend, wiederholte ſie mit dumpfem feierlichen Ton:„ja, morgen!“ Wenige Augenblicke nach dieſem Geſpräche war — — 191— der weiße Mantel des Grafen in den Händen der Kö⸗ nigin. Der Tag der Abreiſe war feſtgeſetzt; aber der ehr⸗ geizige Herr von Montolin, welcher darauf rechnete, eine der erſten Rollen im Geleite der Königin zu ſpie⸗ len, ward am Tage zuvor krank, und genöthigt, auf Montolin zu bleiben, konnte er weder Agneſen begleiten, noch ſeiner Tochter zur Stütze dienen. Iſolette wollte bei ihrem Vater bleiben, allein er befahl ihr abzureiſen. Sechs milchweiße, köſtlich gezäumte Pferde waren vor den Triumphwagen geſpannt. Alle Bannerherrn des Kantons auf ihren ſtolzen Rennern, riefen die Königin mit lauter Stimme. Die Stallmeiſter und Pagen hatten ihre Plätze eingenommenz die Wache ſtand unterm Ge⸗ wehr. Die Trompeten ertönten, die Waffenherolde öff⸗ neten die Eingänge; die Volksmaſſe belagerte die Tho⸗ ren, und die Ehrendamen der Königin, mit den reichſten Gewändern geſchmückt, erwarteten ſie unter dem großen Säulengange.— Wie lange zögerte Agnes zu erſcheinen!. Am Morgen hatte ſie gewünſcht, man möchte ſie zwei Stun⸗ den allein in ihrem Betzimmer laſſen, um den Himmel vor ihrer Reiſe anzuflehen, daß er ihr die nöthigen Kräfte verliehe, ihre Beſtimmung zu erfüllen. Dieſe zwei Stunden waren längſt vorüber. Der ungeduldige Leopold eilte nach dem Zimmer, wo ſeine Schweſter * — 192— eingeſchloſſen war. Er rief ſie; keine Antwort. Er er⸗ brach die Thüre mit Gewalt, und o Erſtaunen! alles war leer. Die Prinzeſſin war verſchwunden und mußte allein das Schloß durch eine geheime Thüre ver⸗ laſſen haben. Aber wie war es möglich geweſen ſich allen Blicken zu entziehen?„ wohin hatte ſie ihre Schritte gewen⸗ det? man eilte nach allen Seiten ſie aufzuſuchen. Vergebene Mühe! ſie hatte keine Spur ihrer Flucht zu⸗ rückgelaſſen; man konnte glauben, daß ſie durch einen Genius wunderbarer Weiſe aus der Feſte entführt wor⸗ den ſey. Die Ritter waren beſtürzt, und die öffentliche Freude verwandelte ſich in allgemeine Trauer. Der ganze Tag verging.. alle Hoffnung, Bert⸗ holds Tochter wiederzufinden, war verſchwunden. Der Prior von Sankt Irenäus, der Graf von Barres und der Prinz von Meran überließen ſich der Verzweiflung.. Agnes erſchien nicht wieder⸗ Die Nacht bedeckte mit ihrem Schleier die Erde. Un⸗ ordnung, Beſtürzung, Schmerz und Verwirrung herrſch⸗ ten auf Karency. Was ſollten die zur Begleitung der Königin beſtimmten Ritter, Pagen und Ehrenbamen be⸗ ginnen? ſollten ſie ſich trennen, oder warten?„ Sie waren ungewiß, welchen Weg ſie einſchlagen ſollten. Die arme Iſolette, durch dieſen neuen Schlag vol⸗ —— lends zu Boden geſchmettert, wollte ſich vom Schloſſe entfernen. Von ihrer Freundin verlaſſen, wollte ſie zu ihrem Vater zurückkehren. Niemand hatte das Recht, ſich dieſem Wunſche zu widerſetzen; und der Seneſchal von Frankreich, ein immer zärtlicher und treuer Liebha⸗ ber, begleitete ſie nach Montolin. Auf dem Wege von Karency nach Montolin konnte Wilhelm von Barres die Regungen ſeines Herzens nicht unterdrücken; er ſchilderte ihr ſeine Gefühle, und beſchwor ſie um ein Wort der Hoffnung. Iſolette kannte ſeine Liebe. Sie hörte ihn davon ſprechen, und ward nicht im geringſten dadurch bewegt. Er nahte ihr, ſie bemerkte es kaum; er nahm ihre Hand, ſie blieb kalt in der ſeinigen; er ſchilderte ihr mit feu⸗ rigen Ausdrücken ſeine Glut, aber der kalte Schlag ih⸗ res Herzens blieb ſich gleich. Wilhelm, entſage ihr!.. Du wirſt nie geliebt werden. Sie gelangten an das ufer des See's. Der Mond, einem ſilbernen Bogen auf azurnem Felde gleich, ſpiegelte ſeine ſanfte Helle in dem Kriſtall der Wogen, und ein milder Abendwind verbreitete längs des Strandes den ſüßen Duft der Waldblumen. In der Ferne modulirte ein Hirte des Thals eine ſanfte Weiſe auf ſeiner Rohrflöte; die klagenden Töne des ländlichen Inſtruments hatten die Feierlichkeit einer überirdiſchen Muſik angenommen, gleich als hätte das Il. 13 5— 1964— göttliche Licht des jungfräulichen Geſtirnes ſeine Melodie von allem Irdiſchen gereinigt. Dieſe reine Luft, dieſe ſchöne Nacht, dieſes ganse friedliche und heitere Gemälde verdoppelte die Trauer der Wittwe von Ravenſtel. Dieſe Erde, auf welcher Arthur nicht mehr wandelte, hatte für ſie alle Reize verloren; dieſe Natur, die er vewunderte, war entzaubert ſeit er nicht mehr war; dieſer geheimnißvolle Mond, den er nicht mehr anſchaute, hatte auch für ſie keinen ſanften Schein mehrz Phöbe war in ihren Augen jetzt keine Fak⸗ kel der Liebe mehr, ſondern eine am Himmel hängende, nur Gräber beleuchtende Todtenkerze. Iſolette ſchiffte nach dem Schloſſe. Wilhelm wagte nicht, ihr Nachdenken zu ſtören, und ihre ſchweigende Barke hatte bald das jenſeitige ufer erreicht. Ein Ausruf Iſolettens machte den Krieger beben. Das Auge der Jungfrau drückte Entſetzen aus, und ihre zitternde Hand zeigte dem Seneſchal einen Felſen, deſſen Gipfel vom Monde erleuchtet ward. Wilhelm wandt ſeine Blicke dahin. Er ſah nichts als eine Art, wie es ihn dünkte, auf den öden Stein geworfene weiße Flagge. Der Wind bewegte ihre Fal⸗ ten, und ließ ſie in der Luft flattern. Keine Stange unterſtützte, kein menſchlicher Arm bewegte ſie. Der Se⸗ neſchal betrachtete ſie mit Erſtaunen, und glaubte in ihm ein Nothzeigen zu erkennen„aber verlaſſen, ———— allein, ſchien dieſe Art Todesfahne den unglücklichen überlebt zu haben, der ſie vergebens ausgeſteckt hatte, um Hülfe herbei zu rufen. „Wilhelm!“ rief Iſolette:„um Gotteswillen, laßt die Barke halten! ein entſetzlicher Gedanke erfaßt mich ich will Felſen beſteigen. es iſt der Gipfel von Fontaril.“ Sie ſprach's, und der Schiffer gehorchte ſugic ihrem Willen. Je mehr ſie ſich dem Ufer nahte, je mehr beſtätigte ſich ihre Vermuthung; der ſchwärzliche Felſen lag im Schatten, und die weiße Flagge, welche ſich über ihm erhob, ſchien allein alle Strahlen der bleichen nächtlichen Fackel aufzufaſſen. Wenn der Wind ſie be⸗ wegte, ſo ſchien ſie einen Sterbenden zu bedecken, der ſich in dem letzten Todeskampfe wand, und dieſer Anblick hatte etwas entſetzliches;.. und wenn ſie ruhig blieb, ſo glich ſie dem Leichentuch eines Schattens, welches die Grabeslampe erleuchtet. „Seneſchal!“ hob Iſolette wieder an:„ich er⸗ kenne dieß weiße Gewand dort oben auf dieſem Fel⸗ ſen hat Arthur ſein Blut für die Fremde vergoſſen dort hat er die Wunde empfangen, an welcher er ſpäter ſterben mußte Agnes weiß es, Agnes iſt dort.“ Iſolette ſtieg ans ufer; mit ſchnellen Schritten klomm ſie den Felſen hinauf. Großer Gott! welch ein entſetzlicher Anblick!... 13* Agneſens lebloſer Körper lag auf derſelben Stelle, wo Arthurs Blut gefloſſen war.. ein ſcharlachrothes Gewand, reich mit Gold geſtickt und mit Hermelin ge⸗ füttert, ſchmückte Philipps Gemahlin; aber ein weißer Mantel mit langen Falten, Arthurs weißer Mantel, be⸗ deckte dieſe königliche Pracht. Agnes hatte, als ſie ihren letzten Seufzer aushauchte, ſie, wie eine Hekatombe, den Manen ihres angebeteten Lieblings darbringen, und Arthurn ganz hingegeben, aus Schmerz unter dem Pur⸗ pur ſterben gewollt. Iſolette legte ihre Hand auf das Herz ihrer erlauch⸗ ten Freundin„ſchon lange ſchlug es nicht mehr. Sie war kälter als der Stein, auf welchem ihre Leiche ruhte. Der Weſtwind ſpielte mit ihren blonden Locken„aber keine Blumen, kein Diadem ſollten ihre Stirne mehr ſchmücken ſie war auf ewig entſchlafen. „Erhabenes Opfer des Schickſals!“ ſagte Iſolette mit ſterbender Stimme:„Deine Leiden ſind beendigt.. ich höre Dich noch, wie Du ſagteſt: morgen! Grau⸗ ſame, Dein Morgen iſt gekommen ach! und das meinige, wann wird es dämmern?* Sie nahm Arthurs Mantel, dieſes verhängnißvolle Hochzeitgewand, das nichts als ein Leichentuch war; ſie drückte ihn mit unausſprechlicher Empfindung an ihr Herz, und bankte ihm im Innern für ſeinen letzten Leichenruf. — 1* fuhr ſie nach langem Schweigen krüfti — — 197— fort:„Du hatteſt Recht, ich ſehe es jetzt; Dein glühen⸗ des, leidenſchaftliches Herz war für Arthurs Herz mehr als das meinige und jedes andere geſchaffen; Du redeteſt wahr, Du beweiſeſt mir es; Du haſt ihn mehr geliebt als ich; Du haſt ihn jenſeits aufgeſucht, und ich, ich lebe noch! „Ruht in Frieden, getreues Paar! ruht in Frie⸗ den!„ IJhr habt mich beide verlaſſen.„„ Ihr habt mich eins nach dem andern verlaſſen... Iſolettens Be⸗ ſtimmung iſt es einmal, immerwährend aufgeopfert zu werden. Ich bleibe allein, ganz allein... Schlaf' in Frieden, edle Agnes!... Auf dieſem Felſen der Liebe und des Todes ſey Friede Deiner zerriſſenen Seele! „Unglückliche Tochter der Könige; neben dem Stau⸗ be Deines Geliebten, unter der alten Weide am Brun⸗ nen der Madonna, will ich Deinen Körper beiſetzen laſ⸗ ſen. Die Quelle des heiligen Bornes wird bei Deinem Monumente vorbei rießeln;.„ der Boden, auf welchem er Dir Liebe ſchwur, ſoll Euch auf ewig vereinigen. Dort, wenn noch einige Zeit jede Nacht ein Weib er⸗ ſcheint, an Euerm Grabe bittere Thränen zu vergießen, werdet ihr diejenige erkennen und bedauern, die Ihr hier zurückgelaſſen habt.“ „Iſolette!* ſiel ihr Wilhelm mit dem Tone Her Verzweiflung ins Wort:„welch entſetzliches Geſprächz, wenn die Liebe„ t— „Die Liebe!“ ſagte die Gräfin:„dieß Wort wird künftig nicht mehr über meine Lippen gehenz und ihre Sprache, die ich verwerfe, ſoll nicht mehr an mich ge⸗ richtet werden.“ Sie erhob ſich bei dieſen Worten; und mit feierli⸗ chem Ernſte auf den fernen Thurm des Kloſters der Be⸗ nediktinerinnen deutend, ſetzte ſie mit dem mächtigen Aus⸗ druck hinzu, der einen unwiederruflichen Entſchluß an⸗ deutet:—„Seneſchal, es gibt für mich nur noch eine einzige Zuflucht auf Erden ſie iſt dort und nun auf immer Lebewohl.“ Das waren die letzten Worte, welche der Graf von Barres aus Iſolettens Munde vernahm.„ Wilhelm vermählte ſich nie. Leopold war lange untröſtlich über den Verluſt ſei⸗ ner Schweſter; aber die Herzogin von Karench, deren reizende Züge ihn an Agneſen erinnerten, fand den Weg zu ſeinem Herzenz ſie liebten und verbanden ſich, und 3 beide verlebten am Hofe von Meran glückliche Tage⸗ Nicette lebte vergnügt mit dem Manne, den ihre Mutter für ſie gewählt hatte. Der Herr von Montolin überlebte die Vernichtung ſeiner ehrgeizigen Hoffnungen nicht lange. Olburg ſtarb verachtet. Der Seneſchal von Frankreich kehrte zu Philipp⸗ Auguſt zurückz er that Wunder der Tapferkeit in der un⸗ ſterblichen Schlacht von Bouvines; er krönte ſeine — 199— Stirne mit neuen Lorbeern; er ward zu neuen Würden erhoben; doch konnte er nie glücklich ſeyn. Er bebte, ſo oft er ein Kloſter ſah; der Klang einer Kirchenglocke zerriß ſein treues Herz, und beſtändig tönten in ſeinen Ohren die grauſamen Worte: „Sie iſt dort!„und nun auf immer.. Lebewohl!“ Ende des zweiten und letzten Theils. * 5 ————— —— —— — ———————— . ⸗ S S S — 8 — „ — ₰ ⸗ . . 2 — — * — 8 S — S S — S — ———— — 6. ,