5 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih- und eſebedingungen. 1. Oensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: Leihbi livtheł᷑ für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— auf 1 Monat: WM Pf. 3„ 7„ S 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — ——————— *— ——————— Fremde. S h i. 1 Bei W. Schaefer in Frankfurt a. M. ſind unter andern folgende empfehlungswerthe belletriſtiſche Schriften erſchienen: Fleetwood. Von Villiam Godwin. Frei nach dem Engliſchen von N. P. Stampeel. Zwei Theile. Zweite Ausgabe. 8. 1826. 2 Rthl. oder 3 fl. 36 kr. Luſtparthie der Wellnerſchen Familie nach Epſtein, von Fr. Schtreus. 12. 1816. Mit Kupfern, geheftet 1 Rthl. oder 1 fl. 48 kr. Druckpap. ohne Kupfer 16 gr. oder 1 fl. 12 kr. Malvina. Nach dem Franzöſiſchen der Madame Cottin, von N. P. Stampeel. Drei Bände. Zweite Ausgabe. 3. 1325. geh. 2 Rthl. 6 gr. od. 4 fl. 3 kr. Nachtstimmen, von Adrian. 8. 1813. 1 Rthl. 12 gr. oder 2 fl. 42 kr. DE LALLEMAGNE par Mme. la Baronne de Statl- Holstein. 3 Vol. in-8. 1313. Pap. velin collé 2 Rthl. 20 gr. ou 5 fl. —— sans colle 2 Rthl. 6 gr. ou 4 fl. —— Die Fremde. c Nach dem Franzöſiſchen des Ficomte d'»Arlinrourt von Kathinka Halein. Erſt er 5 Frankturt a. m. Verlag von WMilhelm Schaerer, im Caſino. — 1 3 2 6. ———— ——— 5 ——— Die Premdr. ———58G3— Erstes Puch. Der Frauen Zuſtand iſt beklagenswerth. Zu Haus und in dem Kriege herrſcht der Mann, und in der Ferne weiß er ſich zu helfen. Ihn freuet der Beſitz; ihn krönt der Sieg; Ein ehrenvoller Tod iſt ihm bereitet. Wie eng gebunden iſt des Weibes Glück! Schon einem rauhen Gatten zu gehorchen Iſt Pflicht und Troſt; wie elend, wenn ſie gar Ein feindlich Schickſal in die Ferne treibt. Goethe(Syhigenia). Unfern des Ozeans, längs der Küſten Bretagnens, in dem ehemaligen Lande der Namneten erhob, im An⸗ fang des dreizehnten Jahrhunderts, die ſchöne Feſte Mon⸗ tolin ihre zackichten Thürme ſtolz in die Wolken. Auf ei⸗ *) Die Gegend von Nantes⸗ ner ſchmalen Inſel in der Mitte eines anſehnlichen Sees erbaut, wurden ihre Mauern ringsum von ſchäumenden Wogen beſpült, und die Felſen am jenſeitigen ufer er⸗ ſchienen dem Auge wie die Wälle einer unüberwindlichen Feſtung. Nach alten Traditionen war der See früher eine fruchtbare bewohnte Ebene, ſelbſt eine Stadt ſoll ſich da⸗ ſelbſt befunden haben; manche Schlacht war dort geliefert worden, und kühne Thaten hatten die Anführer berühmt gemacht; doch ſeitdem waren die Ebene, die Helden, die Stadt und alles verſchwunden: ſogar ihre Namen ver⸗ ſchwanden aus dem Gedächtniß der Menſchen, die Wellen begruben alles; und man konnte ſagen, die Bewohner des ufers vom Montolin⸗See tränken, wie die am ufer des Letheſtroms, aus ſeinen klaren Wellen völliges Ver⸗ geſſen der Vergangenheit*). *) Dergleichen Ereigniſſe ſcheinen in Bretagne ſehr häufig geweſen zu ſeyn, und einige derſelben erklärt man für Wunder.„Ein junges Mädchen z. B⸗, wurde in dem Walde von Materolles verfolgt, und, das Schrecklichſte für ihre Schamhaftigkeit fürchtend, beſchwor ſie die hei⸗ lige Jungfrau, ihre unſchuld zu beſchützen. Ihr Gebet ward erhört. Das Waſſer breitete ſich plötzlich im gan⸗ zen Walde aus, ſo daß über ſeiner Oberfläche nur noch die Inſel der Eiche von Mazerolles, wo das junge Mäd⸗ chen gerettet wurde, und die Inſel Saint⸗Denis zu ſehen waren, auf welcher ihre Verfolger durch die Fluth einge⸗ ———„.— —— 7 Schon ſenkten ſich lange Schatten auf die Berge des alten Armorika; ihre Gipfel verloren ſich am Hori⸗ zont in den bläulichen Dünſten der Atmosphäre; und die ſilberne Oberfläche des Sees von Montolin ſpiegelte ſeit einigen Minuten die goldnen Strahlen der Sonne nicht mehr. Doch welche neue Helle folgt auf den ſcheidenden Glanz des Tages! Welch prachtvolles Schauſpiel bietet ſich den Blicken der Bewohner jener Gegend dar! Das Schloß Montolin ſtrahlt wie ein flammendes Meteor aus dem Waſſerſpiegel, und ruft dem leichtgläubigen Volke die Wunder des Schloſſes Joyeuſe⸗Garde), die Zaubereien des Propheten Merlin, und des Feenfel⸗ ſens zurück**). Warum ſind dieſe Thürme mit glänzenden Leuchten geſchmückt? warum flattern dieſe mit Wappen bemalten Fahnen von jeder Spitze des Gebäudes hoch in der Luft? warum ſtrahlen dieſe flimmernden Lampen an den Umriſſen der gothiſchen Fenſter und an den Zinnen der Gallerieen, kurz, an allen Seiten des ſtolzen Ritterſitzes der Herren holt wurden.“(Richer, Voyage pittor. dans le dé- partement de la Loire Inférieure, Lettre I. p. 41.) *) Der Wohnſitz der Paladine. * Nach dem Abbe Derie und Herrn de la Houſſaie, war dies ein alter Tempel reich an Wundern; nach Ogee aber, das Grabmal eines römiſchen Feldherrn. — von Montolin? Dieſer Tag iſt der Gedächtnißtag der Befreiung der Bretagner; dieſer Tag ſah die Engländer vor den ſiegenden Legionen des unſterblichen Philipp Au⸗ guſt fliehen. Keine Koſten wurden vom Herrn von Montolin ge⸗ ſpart, die große Epoche zu feiern, und ein glücklicher Zu⸗ fall wollte, daß dieſer Tag gerade mit ſeinem Namens⸗ feſte zuſammentraf. An jenem Abend vertheilte er reiche Geldſpenden unter die Armen, ertheilte ſeiner Dienerſchaft Gnadenbezeigungen, und empfing die Glückwünſche des Kantons. ueberall ertönte Freudengeſchrei; keine Kapelle, kein Bethaus war in der ganzen Gegend, woraus nicht fromme Gebete und Freudenhymnen zum Himmel empor ſtiegen; die allgemeine Freude war rein und kam aus dem Herzen; die Bekümmerten vergaßen ihre Armuth, die Großen ihre glänzende Sklaverei; das Glück ſchien un⸗ umſchränkt zu herrſchen. An dieſem Tage ward der ſchöne Arthur von Raven⸗ ſtel auf dem Schloſſe Montolin erwartet, welches er zum erſten Mal beſuchte⸗ Ein naher Verwandter des Schloß⸗ herrn, hatte er vor kurzem erſt ſein zwanzigſtes Jahr zu⸗ rückgelegt. Auf Befehl ſeines ſterbenden Vaters in einer gänzlichen Abgeſchiedenheit erzogen, beſchränkte ſich ſeine Menſchenkenntniß nur auf die Bücher, welche er geleſen, und die Freuden der Welt dämmerten ihm nur in den Ahnungen und Träumen einer glühenden Phantaſie. —————————— Ein einziger Menſch hatte ſeine Erziehung geleitet; dieß war der gelehrte Olburg. Kaltblütig und verſchmitzt wie er war, durchſchaute er alle Geheimniſſe des Geiſtes, ohne einen Begriff von den ſüßen Gefühlen des Herzens zu haben. Hätte ihn das Schickſal in einem hohen Rang geboren werden laſſen, ſo würde er durch ſeine Kennt⸗ niſſe, ſeine Talente und Ueberredungskunſt, vielleicht ein großer Mann geſchienen haben, denn in ihm war zugleich die ahnende Einbildungskraft, der ſchaſſende Genius, und gebieteriſche Kühnheit vereint; allein auf der Stufe, die ihm das Schickſal angewieſen, konnte ſein Ehrgeiz, im Mißverhältniß mit ſeinem Stande, keinen Raum ge⸗ winnen. Seine enge Sphäre verwünſchend, ſtrebte er nach einem hohen Standpunkt in der Geſeleſchaft und ſchmeichelte ſich mit der Hoffnung ihn zu erreichen. Zu dieſem Zwecke betrachtete er ſeines Gleichen nur als In⸗ ſtrumente oder Hinderniſſe; er verachtete im Geheimen die Tugend als eine Abgeſchmacktheit, und bediente ſich ihrer dennoch als Mittel, ſein Ziel zu erreichen. Der Graf von Ravenſtel, ſein Zögling, beſaß un⸗ ermeßliche Reichthümer; ſeine Geburt bahnte ihm den Weg zu den höchſten Ehrenſtellenz ja, ſein Haupt war nicht unwürdig eine Krone zu tragen, denn er war ein Nachkomme des erſten chriſtlichen Königs der armoriſchen Länder, des berühmten Conan Meriadec. Herr von Montolin hatte, als Vormünder ſeines .—— en erlauchten Verwandten, Olburgen deſſen Erziehung allein übertragen; denn nur ein ſolcher Mann ſtimmte völlig in ſeine ehrgeizigen Pläne ein. Er war Willens ſeine Tochter Iſoletta mit dem mächtigen Grafen von Raven⸗ ſtel zu verbinden, und der ſchlaue Olburg, wohl wiſſend, daß ſein künftiges Glück von dieſer Verbindung abhing, hatte den ſchönen Arthur ſeit manchen Jahren von den Reizen ſeiner künftigen Gemahlin unterhalten. Auf ſeinen jungen Zögling die Hoffnung einer glän⸗ zenden Zukunft gründend, wußte Olburg alle ſeine Ge⸗ danken zu beherrſchen. Da er immer in ſeiner Seele leſen wollte, ſo hatte er ihm eine ſolche Wahrheitsliebe eingeprägt, daß Arthur, ſo zu ſagen, mit lauter Stim⸗ me dachte. Bis jetzt hatte er nur mit ſeinem Herzen gelebt und trieb die Leidenſchaft, nur das Gute zu wollen, ins Weite. Die menſchliche Glückſeligkeit mit höhern Idealen vermiſchend, ſuchte er in ſeiner träumeriſchen Ueberſpan⸗ nung ein eingebildetes Glück zwiſchen dem Leben und der Ewigkeit, ätheriſche Genüſſe, minder rein als die Freu⸗ den des Himmels, doch erhabener als die irdiſche Luſt. So erhob ſich ſeine Jugend muthig und prachtvoll. Sein Wille auf ſeine Tugenden geſtützt, hatte eine begeiſterte Stärke, welche nichts erſchüttern konnte. Der einzige Olburg nur vermochte ihn zu beſiegen; ſtolz auf ſeine Macht, ſah der ehrgeizige Mentor den Strom dahin rau⸗ ſchen, deſſen Wogen er nach Gefallen bändigte. Der Thörichte! zur Zeit der Gewitterſtürme will er voraus ſehen was aus dem Strome werden wird! will er wiſſen was der Damm vermag! Arthur hatte den letzten Willen ſeines Vaters, wie ſeltſam er auch war, gewiſſenhaft befolgt, und erſt nach⸗ dem er das zwanzigſte Jahr erreicht, ſeinen einſamen Auf⸗ enthalt verlaſſen. Die Erbin von Montolin war ihm noch unbekannt; doch die Stunde der Befreiung hatte endlich geſchlagen, und freudetrunken eilte er in die Welt der Vergnügungen und der Liebe, die ihm ſeine Jünglings⸗ träume ſo reizend geſchildert hatten. O wie manches ſchö⸗ ne Luftgebäude, welches ſeine Phantaſie erſchuf, ſollte vor ihm verſchwinden! Ach! die Zukunft mit ihren Freuden, was bietet ſie dem auf der Lebensbühne Erſcheinenden dar?— leuchtende Labyrinthe, aber ohne Ausgang; entzückende Perſpective, aber in leeren Räumenz zaube⸗ riſche Auſſenſeiten, aber nur leicht verfliegende Dünſte. Arthur von Ravenſtel hatte das ufer des Sees von Montolin erreicht, wo bereits mehrere Stallmeiſter und Pagen des Schloßherrn ſeiner Ankunft harrten. Eine leichte Barke nahm ihn auf; der Abendwind blähte die Segel, und der ſchlanke Maſt war mit Blumenguir⸗ landen umwunden. Die Gondoliers, in weißen Feſtklei⸗ dern, vermählten ihren Freudengeſang mit dem leichten Plätſchern der Wellen; der See war gleichſam mit leuch⸗ tenden Gondeln überſäet, wovon einige, mit Tonkünſtlern beſetzt, die Luft mit lieblichen Akkorden erfüllten, wäh⸗ rend andere beſchäftigt waren, die reiche Zahl der edlen Gäſte nach dem Schloſſe zu bringen. Die weißen Segel glitten da und dort leicht über das Waſſer hinweg, wie das luftige Gewand ſeliger Schatten, welche in den Ge⸗ filden Eliſiums umher irren. Die Stimmen der Schiffer feierten in Nationalgeſängen Krieg und Liebe, und ver⸗ miſchten ſich mit den melodiſchen Tönen der Harfen, de⸗ ren Saiten von den Barden der Umgegend gerührt wur⸗ den. Der Himmel war rein, die Luft heiter, und das Firmament mit unzählbaren Sternen beſdet; das Schloß von tauſend Lichtern erhellt, ſtrahlte glänzend aus dem Waſſerſpiegel des Sees zurück. Nie hatte ein impoſante⸗ res Schauſpiel, nie ein bezaubernderes Bild Arthurs Au⸗ gen entzückt. Und dennoch war eine trübe Wolke über ſeine Züge verbreitet. Arthur war bei Sonnenuntergang auf dem Wege nach Montolin, bei der Feſte Karency vorbeigezo⸗ genz dort lebte, oder ſchmachtete vielmehr an den Pfor⸗ ten des Grabes, die ſchöne unglückliche Agnes von Me⸗ ran, die Gemahlin Philipp⸗Auguſts. Der Graf von Ravenſtel hatte oft von dieſem erhabenen Opfer menſch⸗ licher Größe ſprechen gehört. Seine Blicke waren auf die Fenſter des Thurmes gerichtet, in welchen auf im⸗ mer die junge Prinzeſſin verbannt war, die ſich früher —————— auf einen der erſten Throne der Welt erhoben ſah; er begriff ihre Leiden, er betrauerte ihr Loos. Dieſer ſchmerzliche Eindruck ſpiegelte ſich in ſeinen Geſichtszügen ab; im Stillen gelobte er ſich, am andern Tage das königliche Gefängniß zu beſuchen, und mitten in der Freude des feſtlichen Abends gedachte er Agne⸗ ſens, und ſeufzte. Welche Fürſtin war auch mehr zu beklagen als ſie? Philipp⸗Auguſt hatte ſich in der Blüthe ſeines Lebens mit der ſtolzen Jſamberge von Dänemark vermählt; al⸗ lein dieſe Verbindung, welche die Politik erforderte, ward nicht durch die Liebe geheiligt. Iſamberge ward ihm verhaßt, und der Monarch ließ ſeine Ehe durch eine bi⸗ ſchöffliche Verſammlung trennen. Die Eheſcheidung war ausgeſprochen. Die Lochter Waldemars des Großen ſtieg vom Throne herab, und kur⸗ ze Zeit darauf ward die ſchöne Agnes von Meran als Kö⸗ nigin von Frankreich proklamirt. Unſchuldig, leichtgläu⸗ big und zärtlich, vertraute ſie ſorglos ihr Schickſal dem ſchönſten, dem größten Monarchen ſeiner Zeit. Aber ach! kaum trug ſie den Purpur, als Roma's Blitze ihr gekröntes Haupt trafen; vergebens verſucht' es Philipp ſie zu ſchützen; ihre Ehe ward als nichtig erklärt, und Frankreich exkomunizirt*). Nueber dieß große Ereigniß der Regierung Philipp⸗Au⸗ 4 guſts, ſehe man alle Geſchichtſchreiber nach. Philipps Feinde, durch das ſchreckliche urtheit der Kirche ermuthigt, waffneten ſich alle gegen ihn. Der deutſche Kaiſer, der Graf von Flandern, der König von England, der Graf von Champagne und mehre Fürſten Italiens, bedrohten zu gleicher Zeit den größten Mann des Jahrhunderts. Er wollte ein Heer ſammeln, doch ſeine Hauptanführer wandten ſich von ihm; die edelſten Familien des Reichs verließen Paris und den Hof. Der furchtbare Bannfluch des Papſtes koſtete dem unglücklichen Philipp Freunde, Diener und Stütze. Er mußte dem Geſchicke nachgeben, denn die Pflicht des Monarchen iſt größer als die des Gemahls. Iſamberge ward zum Thron zurückberufen; Frankreich erfreute ſich des Friedens, des Ruhms, des Glücks. Agnes ward geopfert, und die erhabene Verbannte zahlte einige Tage des Glücks und der Größe, mit einem Leben voll Reue und Thränen, in einem Schloſſe von Bretagne. um Arthurs trübe Gedanken zu zerſtreuen, machte ihn Olburg auf mehre Gegenſtände, welche ſie umgaben, aufmerkſam. Ihre Barke glitt eben an einem erleuchte— ten, im neuſten Style erbauten Haus vorüber.„Dieſes Gebäude,« ſagte einer der Junker des Herrn von Mon⸗ tolin,„iſt das Eigenthum eines philoſophiſchen Kriegers, des Barons von Waldburg; er bewohnt es ſeit kurzem. Seine Familie iſt unbekannt, doch nennt er Frankreich ſein Vaterland. Nie ſpricht er von ſeinem vergangenen — — Leben und doch muß er dem Heere große Dienſte geleiſtet haben, denn er trägt die ausgezeichnetſten Orden, und der Baron Waldburg, wenn dieß wirklich ſein wahrer Name iſt, kann nur eine erhabene Perſon ſeyn, denn oft ſendet ihm Philipp-Auguſt geheime Botſchaften und reiche Geſchenke. Sein Reichthum ſcheint unermeßlich zu ſeyn. Ein einziger Stallmeiſter, Namens Onigel, dient ihm und iſt in ſeine Geheimniſſe eingeweiht. Der edle Gebieter iſt wohlthätig, aber einfach in ſeinen Hand⸗ lungen wie in ſeinen Worten; er lebt ohne Prunk und Stolz, und wenn gleich kalt und ſchweigſam, ſo vermei⸗ det er doch Niemand. Er wird dieſen Abend auf dem Schloſſe ſeyn.“ „Und wem gehört das weiße Haus, welches ein⸗ ſam gelegen, dort aus einer Baumgruppe hervorſchim⸗ mert?“ fragte plötzlich der junge Arthur. Der Junker ſchwieg, ein Gondelier nahm das Wort und ſagte mit dem Tone des Widerwillens und der Ver⸗ achtung:„Dieß weiße Haus, edler Herr, iſt die Woh⸗ nung der Fremden.“ Und auf dieß letzte Wort ſolch ſtarke Betonung le⸗ gend, als faßte es allein eine Geſchichte der abſcheulich⸗ ſten Unthat in ſich, und bedürfe keiner weiteren Erklä⸗ rung, theilte er die Wogen mit ſeinem Ruder. „Und wer iſt denn dieſe Fremde?“ fragte Ar⸗ thur lächelnd weiter.* „Nichts Bemerkenswerthes, edler Herr,“ ſagte der Junker mit Kälte.„Die unbekannte Bewohnerin dieſer Hütte iſt eine junge Abenteurerin, von zweideuti⸗ gem Betragen; ſie bewohnt allein dieß ufer, und ſucht vermuthlich ihren Ramen, ihre Vergehungen und ihr Le⸗ ben zu verbergen.“ „Iſt ſie ſchön?* fragte Arthur. „Ich ſah ſie ein Mal in der Ferne: ſie iſt unge⸗ mein bleichz ihr Wuchs iſt voll Grazie, aber ihr Gang matt und ſchwankend...* „Was kümmert uns dieß Weib!“ unterbrach Ol⸗ burg mit barſchem Ton. Aber Arthurs Neugierde war noch nicht befriedigt. „Fahrt fort!“ ſagte erz;„ohne Zweifel iſt die unbekann⸗ te arm?*“ „Ich weiß es nicht,“ ſagte der Junker. Da hob der Gondelier an:„Erhabner Herr, es ſcheint als wäre das unglück an die Ferſen der Unbekann⸗ ten gefeſſelt; Niemand beſchäftigt ſich mit ihr, man ver⸗ meidet ihr Zuſammentreffen, denn iht Anblick iſt von übler Vorbedeutung. Glücklicherweiſe iſt ihre Wohnung von dem Dorfe entfernt, und ſie iſt gern allein.“ Jetzt tönte ein rauſchender Trompetenmarſch von den Mauern des Schloſſes und begrüßte den edeln Arthur ſchon von Weitem. Eine Menge Pagen und Diener harr⸗ ten ſeiner am ufer. Seine Trauer verſchwandz bald * —— — — 13— wird er Iſolette von Montolin, die ihm beſtimmte Ge⸗ mahlin ſehen. Man rühmte ihre Tugend und ihre Reize. Welch Glück wird er genießen, welche Freuden ſind ihm aufgeſpart!.. Bald iſt er Herr ſeines Vermögens, ſei⸗ nes Willens, bald wird er die Freiheit kennen lernen. Die Freiheit! dieß magiſche Wort, dieſer bezaubernde Traum, dieß idealiſche Gut, nach welchem ſich die gan⸗ ze Natur hinneigt, und welches der ganzen Natur ent⸗ ſchlüpft; die Freiheit, der ſo viele Stimmen rufen, und die keiner Antwort gibt; die der Tugend zu gebieten ſcheint, und oft, meiſtens nur zum Laſter führt. Schön wie der erſte Strahl der Frühlingsſonne, unbefangen wie der werdende Gedanke des erſten Men⸗ ſchen, begeiſtert wie das Entſpringen der erſten Liebe, bewunderte Arthur nur das in der Welt, was er für fleckenlos erkannte. Aufrichtig und freimüthig, dachte er weder an Falſchheit noch an ein ſonſtiges Laſter; er wußte, daß mancher Böſewicht auf der Erde herumwan⸗ delt; allein er fürchtete ſie nicht, ſondern bedauerte ſie. Sein Charakter war feſt und gerecht, aber lebhaft und aufbrauſendz hätte er ſich je ſeiner Heftigkeit überlaſſen, ſo würde kein Zaum ihr zurück zu halten vermogt haben; dann wäre er der entfeſſelte Organ geweſen, den keine menſchliche Gewalt, ſondern Gott allein nur bändigen kann. Kühn, aber gut, beſaß er ein zu leidenſchaftliches Gemüth, um immer tadellos bleiben zu können; Zögling eines ungläubigen Sophiſten, war er zwar von Ratur fromm, aber mit den Pflichten eines Chriſten wenig ver⸗ traut. Nie hatte man ſeine Gedanken auf die Grundſätze des Glaubens hingeleitet, ſo daß keine religiöſe Kraft ſeine Leidenſchaften zu beherrſchen vermogte. Aber er ward in einer guten Stunde geboren, und gleichwie gro⸗ ße Verirrungen ſein Leben hätten beflecken können, ſo wäre ſchwere Buße auch im Stande geweſen die Flecken wieder auszulöſchen. Seine exaltirte Phantaſie gab zu⸗ weilen ſeinen Blicken etwas ſtarres, furchtbares. Man ahnte bei ſeinem Anblick, daß ſein ungezähmter Eifer ihn über die Grenzen der Vorſicht führen würde, und daß dieß allzubegeiſterte Herz, welchem alles gewährt ſchien, ſich vielleicht keines Genuſſes erfreuen würde. Die Liebe zum Guten ſchien ihm die des Wahren zu ſeynz er ſah im Beginnen ſeiner Laufbahn nur einen möglichen Weg für den Menſchen, den der Tugend und der Ehre.... Ach! hätte er in dem Buche des Schickſals leſen können... Doch neinz unglücklich der, welcher die Macht hätte, es aufzuſchlagen. Wo iſt der Jüngling, ſelbſt der, deſſen Stern am glänzendſten aufgeht, der beim Anblick der unfälle, die ſeinen Weg durchkreuzen, der Fehler ſeiner Nebenmenſchen, des Truges ſeiner Hoffnungen, der Trüb⸗ ſale in ſeinen Freuden, nicht erſchrocken vor der Zukunft zurück beben und an nichts anders denken würde, als —— das Buch wegzuwerfen, ſich hinzuſetzen, die Augen zu ſchließen und zu ſterben. Plötzlich ward Arthurs Blick auf einen unerwarteten Gegenſtand hingezogen. Während zahlreiche Gondeln auf dem See umher ſchwammen, und hundert Ruder luſtig die Wellen theilten, und ihre blumenumwundene Maſte ſich in den Wogen ſpiegelten, glitt ein einzelner Nachen ohne Schmuck und Licht in dem Schatten dahin, als ſuche er unbemerkt unter der Menge durchzukommen, gleich einem Schuldbewußten, welcher ſich der Strafe zu entziehen ſucht, und den ein einziger Blick zu Boden ſchmettern kann. Das Schiff ſchien vom Schloß zurück zu kommen; es hatte weder Maſt noch Segel. Kein Blumenkranz ver⸗ kündete ſeine Theilnahme an der allgemeinen Feier, kein Barde ließ ſich in demſelben hören, und kein Licht er⸗ leuchtete es. Sein Anblick mitten im Taumel der Freude, ſtimmte unwillkührlich zur Trauer; es ward von einem armen Fiſcher geleitet, deſſen grobe Kleidung ſeltſam ge⸗ gen den feſtlichen Putz der Gondeliers von Montolin ab⸗ ſtach. und wen hatte dieſer ſonderbare Steuermann an Bord? Zwei Geſtalten, welche ſich eifrig im Schatten zu verbergen ſuchten, ſo daß Ravenſtel ſie kaum unter⸗ ſcheiden konnte. Schweigende und traurige Zeugen des Feſtes, glichen ſie Gedanken des Schmerzes, welche die Freuden des Lebens durchkreuzen. 3 Arthur war ganz mit dem Kahn und ſeinem ſonder⸗ baren Inhalt beſchäftigt. Wer ſind dieſe Leute? was wollen ſie? Wozu dieſe geheimnißvolle Fahrt, irrend und trauernd zugleich? O welche Reize hat das Ge⸗ heimnißvolle für eine begeiſterte Phantaſie! Die blumen⸗ umwundenen vergoldeten Barken mit ihren edeln und reich⸗ geſchmückten Paſſagieren, ihr ſtrahlender Glanz, ihre melodiſchen Töne, zogen Arthur nicht mehr an, nur der einſame Kahn mit ſeinen unſichtbaren Unbekannten, er⸗ füllte alle ſeine Gedanken. „Gondeliers,“ ſagte Graf Arthur:„iſt es mög⸗ lich, ſo ſteuert auf jene Barke zu, welche im Schatten zu entkommen ſucht. Ich bin begierig den Inhalt zu ſehen, den ſie auf den Wellen herum ſchaukelt.* Der Steuermann gehorchte; und trotz der Anſtren⸗ gung des kleinen Nachens, die Begegnung der ſtrahlenden Gondel zu vermeiden, gelang es ihm, ſich jenem zu nähern, ſtieß ihn aber auch beim raſchen Zuſammentreffen faſt um. Die ſtrahlenden Fackeln und Lampen, mit welchen die Gondel des Schloßherrn geſchmückt war, warfen ei⸗ nen hellen Schein auf den dunkeln Kahn. Arthurs Blik⸗ ke ſchweiften hinein. Eine bezaubernd ſchöne Geſtalt, die ſich faſt zitternd zu verbergen ſtrebte, ganz ſchwarz ge⸗ kleidet, und in einen Schleier gehüllt, bot ſich ſeinem Auge dar. Etwas Ideales umgab ſie mit zauberiſchem Reiz. Sie trug das Gewand des Schmerzes; allein der die eichte Hauch des Abendwindes ſpielte in den Falten ih⸗ res Schleiers, und ließ den aufmerkſamen Beobachter ein himmliſch ſchönes Geſicht erblicken. Ihre Züge waren voll Melancholie und ſprachen ihn deshalb um ſo rühren⸗ der an; ſie ſchien die über Troja weinende Helene, oder die vor Polyphem fliehende Galate, oder auch Euridice an den ufern des Styr zu ſeyn. Die umher irrende Gottheit des Sees begegnete Ar⸗ thurs Blicken und ihre Wangen färbten ſich mit matter Röthe. Es gibt unbegreifliche Blicke, welche ſchnell für das ganze Leben entſcheiden; ſie ſind mit glühenden Funken zu vergleichen, die zugleich zweien Herzen entſprin⸗ gen, und in denſelben einen Austauſch der Gefühle, ein geheimes Einverſtändniß bewirken; ſie ſind unantaſtbare Ringe einer glühenden Kette, die mit einer elektriſchen Kraft verſehen, den Gedanken als uebergang und der Liebe zum Führer dienen. Durch eine ſchnelle Bewegung ließ die nur zu ſehr verführeriſche unbekannte den Schleier wieder ſinken. Welche Sanftmuth ſprach aus ihren Zügen! welche Grazie aus ihrer Haltung! Sie vereinigte die Majeſtät der Kö⸗ nigin des Berges Ida mit den jugendlichen Reizen der Jungfrauen des Gnidiſchen Tempels. Der Kahn war im Schatten verſchwunden, und Graf Ravenſtel glaubte einen ſchönen Traum gehabt zu haben. Sie war über jeden Gedanken erhabenz ſie ſchien ſelbſt zu ſchön, 2 — 18— zu idealiſch, zu göttlich zu ſeyn, um ſich ſogleich in das Gedächtniß eines Sterblichen einprägen zu können. Ein lauter Ausruf weckte ihn endlich aus ſeiner lan⸗ gen Träumerei.—„Wehe! wehe dem Feſte von Mon⸗ tolin!“ ſagte der Steuermann:„dieſe Barke trug die Fremde! Wehe dem Schloſſe, ſie kommt von dort! We⸗ he uns! wir haben ſie geſehen.“ „Was ſagt Ihr?* rief Arthur;„wer? Sie, un⸗ glück verkündigen! Sie ſcheint eine Schweſter der En⸗ gel zu ſeyn.“ Olburg zog die Augenbraunen zuſammen.—„Sie mag wohl ſeyn wie das allgemeine urtheil ſie ſchitdert,“ ſagte er:„ein liſtiges Geſchöpf, eine freche Abenteure⸗ rin, die ſich mit der Hülle des Geheimniſſes umgibt, und auf Abwegen wandelt; man kennt ſie ja an dieſen Waffen ſchon. Sie habe ſich in die Einſamkeit zurück ge⸗ zogen, ſagt ſie, um ihre Leiden und ihre Thränen zu verbergen; flieht man auf dieſe Art die Blicke der Men⸗ ſchen? Wenn man wirklich zu beklagen iſt, und gern die Achtung Andrer erringen möchte, dann ſchwebt man nicht des Nachts in ſeltſamem Aufzug, mitten in der Feier eines frohen Feſtes auf den Wellen umher. Ein finſtrer Kahn, ein ſchwarzer Schleier, eine ſanfte leiden⸗ de Miene, welch lächerliche Schauſtellung. Sie nahm ein finſtres Aeußres an, um gegen den frohen Glanz des Feſtes abzuſtechen, und um ſo mehr Aufſehen zu erregen. te e Das iſt ein gewöhnlicher Kunſtgriff unverſchämter Kreatu⸗ ren, die ſchamlos nach allen Seiten ihr Netz auswerfen, und überall einen leichten Fang zu machen hoffen.“ Dieſe trocknen und entzaubernden Worte zogen Ar⸗ thurs Herz ſchmerzlich zuſammen; er wollte die Fremde vertheidigen, allein das Schiff ſtieß eben ans Land, und die Ehrenbezeigungen, womit man ihn überhäufte, die Huldigungen, welche ihm dargebracht wurden, verbann⸗ ten bald die wunderbare Erſcheinung aus ſeinen Gedanken. Auf dem Wege nach dem Schloſſe dachte Arthur, wortlos unter der ihn geleitenden Menge einherſchreitend, beſtändig an den Bund, den er mit Iſoletten ſchließen ſollte. Olburg hatte ihm ſeit ſeiner früheſten Jugend da⸗ von vorgeſprochenz aber ſey es Gewohnheit, das Schick⸗ ſal ſeiner Zukunft als entſchieden zu betrachten, oder war es Gleichgültigkeit: er hatte nie daran gedacht, daß dieſe Verbindung ſich noch auflöſen könnte. In die⸗ ſem Augenblick überlegte er zum erſten Male mit gehei⸗ mer Freude, daß noch kein bindender Schwur über ſeine Lippen gegangen ſey; daß er noch keine unauflößliche Verbindung geſchloſſen, ſondern nur verſprochen habe, zum Altar zu gehen, wenn er in Iſoletten eine Gefähr⸗ tin nach ſeinem Herzen finden würde. und als wäre eine ſchwere Laſt von ſeinem Herzen gewälzt, ſprach er zu ſich ſelbſt:„Noch bin ich frei!“ Ravenſtel ward in den Geſellſchaftsſaal des Schloſ⸗ 2* ſes geführt. Dort hatte der Luxus ſeine glänzenden Schwingen entfaltet. Bei dem Scheine von tauſend Ker⸗ zen ſah er rings um ſich Marmor, Gold, Edelſteine und alle Pracht des Reichthums glänzen. Blumenum⸗ wundene Säulen, Tapeten von Silberſtoff, Vaſen mit köſtlichem Räucherwerk gefüllt, ein mit duftenden Blumen überſäeter Fußboden, die Tageshelle ſtrahlender Lampen, die Töne eines ausgeſuchten Orcheſters, das fröhliche Murmeln der Gäſte, waren wohl fähig ihm ein bezau⸗ berndes Bild vorzuführen, um ſo mehr, da er ſeit ſeiner Geburt weder Paläſte, noch Feſte, noch Größe geſehen hatte. Obgleich er mit den Gebräuchen der großen Welt wenig vertraut war, ſo ſchritt er doch ohne Verlegenheit durch die glänzenden Säle des Schloſſes. Jung und ſchön, reich von der gütigen Natur bedacht, war Arthur durch ſeinen Titel und ſeinen Rang ſchon mächtig in das Leben eingetreten. Seine edle Haltung, die Grazie ſeiner Bewegungen, zeichneten ihn vortheilhaft unter der Menge der Jünglinge ſeines Standes aus. um zu ge⸗ fallen bedurfte er weder Studium noch Kunſt; er brauchte ſich nur zu zeigen. Es war ihm nicht unbekannt, daß ſeine Vorfahren die Bretagne lange beherrſcht hatten, und ohne den Stolz der Hoffärtigen zu beſitzen, war ihm das leichte gefällige Betragen der Großen eigen. Mag es Vorurtheil ſeyn oder nicht: der durch ſeine Ahnen be⸗ rühmte Menſch, der ſich auf die Vergangenheit ſtützen kann, hat gewaltige Kräfte für die Zukunft, und große Vorrechte in der Gegenwart. Von zahlreichen Rittern umgeben, waren die jun⸗ gen Schönen des Cantons in einer großen Rotunda ver⸗ ſammelt. Arthur betrachtete ſie mit Entzücken; ihr ge⸗ ſchmackvoller Putz erhöhte ihre Reize noch. Es ſchien ei⸗ ne Auswahl von Gottheiten aus Elidens Hainen, eine Gruppe aus den Gärten der Flora zu ſeyn. Der edle Montolin kam ihm entgegen, umarmte ihn, und ſtellte ihn ſodann den zum Feſte verſammelten Paladins der Bretagne vor. Der erſte unter ihnen, der Arthurs Aufmerkſamkeit feſſelte, war der Baron Wald⸗ burg, eine junge kräftige Heldengeſtalt, deſſen ausdrucks⸗ volle Züge eine ſtolze Feuerſeele verkündigten. Doch ſtille und kalt in ſeinem Benehmen, ſchien ihm jetzt die Be⸗ geiſterung der Tage ſeines frühern Ruhms zu mangeln. Seine immer ſchönen, aber Achtung einflößenden Gedan⸗ ken; ſeine immer durchdringenden aber ſtrengen Blicke; ſeine ſtets erhabenen und dennoch ruhigen Geſpräche ga⸗ ben ihm unter den Menſchen das Anſehen einer redenden Trophäe, welche ihr vergangner Ruhm in dem geheiligten Tempel des Friedens aufgeſtellt hat. Plötzlich erhob ſich von allen Seiten ein Murmeln der Bewunderung, und eine blendende Schönheit erſchien vor Arthurs Blicken Sie ſchritt durch die Notunda, — und von allen Seiten drängte man ſich um ſie; es ſchätz⸗ te ſich jeder glücklich der ſie ſah und ſich ihr nahen durfte. Es war Iſolette von Montolin. Ravenſtel ſchien verwirrt. Iſolettens Stimme ließ ſich hörenz ſie nannte ſeinen Namen. Noch waren einige ſanfte Worte ihren Lippen entſchlüpft, die der Graf ohne Zweifel gehört haben mußte;z allein er konnte nichts dar⸗ auf erwidern; er ſchlug die Augen nieder, und ſeine Wangen färbten ſich mit dunkelm Purpur. Der Gebieter von Montolin hatte die Hände des reizenden Paares zuſammengefügt, und drückte ſie in den ſeinigen. Arthur fühlte Iſolettens leiſes Zittern, und die Verwirrung ſeiner künftigen Gefährtin gab ihm ſeine Feſtigkeit wieder. Er heftete den Blick auf ſie, und ver⸗ mogte ihn nicht mehr weg zu wenden. Die ſchöne ſtrah⸗ lende Erbin des Schloſſes ſchien von dem Himmel geſchaf⸗ fen zu ſeyn, den Tag der Freudenfeier zu verherrlichen. Ihr Blick, ſcharf wie ein Liebespfeil, war noch gefähr⸗ licher; er ſchien ein Strahl der Morgenröthe zu ſeyn, welcher einen Tag des ſeligſten Genuſſes verkündigt. Ihr ſchönes ſchwarzes Haar auf griechiſche Art zurückgeſchla⸗ gen, und auf dem Haupt durch ein einfaches Roſenbou⸗ quet feſtgehalten, erhob die Weiße ihrer Alabaſterhaut. Ihr Lächeln war ſanft und ſchelmiſch zugleich, ihr Wuchs ſchlank und leicht, ihre Sprache rein und melodiſch. Der Reiz ihrer Züge wechſelte wie der Zauber ihrer Gedan⸗ ken, und alle Herzen flogen ihr zu. Iſolette hatte unter den um ſie verſammelten Da⸗ men Platz genommen, und das Konzert begann. Ein Chor Krieger ſang die Vereinigung der Bretagne mit Frankreich, und Philipp⸗Auguſts Siege. Arthur hörte mit Entzücken zu; dieſe Siegeshymne bezauberte ihn; er fühlte wie in ſeinen Adern das Blut der Könige und Helden kochte. O neue Verführung! Es ward der Jungfrau von Montolin eine Harfe dargereicht; ſie nahm ſie, und prä⸗ ludirte. Ihre Akkorde, ſanft und entzückend, bald hei⸗ ter bald ſchmerzlich, ſchienen von Ruhm und Liebe beſeelt zu ſeyn. Jetzt fiel ſie in eine Melodie, die wechſelweiſe Vergangenheit und Zukunft zu athmen ſchien, und die Genüſſe der Hoffnung mit den Reizen der Erinnerung in ſich verſchmolz. Steig' Friede, ſteig' vom Himmel nieder, Verbannt ſei Mißgeſchick und Krieg; O Englands Söhn', und Frankenbrüder, Vergebt den Tapfern ihren Sieg. Nun ſchlingt um euch der Eintracht Bande Ein Held, von edlem Trieb beſeelt⸗ Es hat zum ſchönen Vaterlande Der Ruhm ſich Frankreich auserwählt⸗ Soll ich beim Lied die Saiten rühren, So ſei's den Troubadours geweiht ⸗ Denn ihre Heldenſänge führen Zum Tempel der unſterblichkeit. Sie einen Ruhm mit ſüßem Triebe, Vollbringen was ihr Lied erzählt— Die Grazien haben und die Liebe Zur Heimat Frankreich auserwählt. und du, der alle Dichter ſingen O nimm auch meinen ſchwachen Preiß; Entfalte leuchtend deine Schwingen, und neige dich zu unſerm Kreis. Schon nahſt du dich im Roſenkleide, Ich fühle mich von dir beſeelt; Willkommen ſei, o holde Frende, Auch du haſt Frankreich auserwählt. Die letzten Akkorde verhallten im lauten Beifall⸗ rufen, das, lange verhalten, nun mit doppelter Macht hervorbrach. Die Freude war allgemein, und die Be⸗ wunderung der Anweſenden artete faſt in Trunkenheit aus. Knieend wie vor einer Gottheit, brachten die Pa⸗ ladins der Syrene von Montolin ihre Huldigungen dar. Die ſtrahlende Iſolette, ſchon ſchön genug durch ihre Rei⸗ ze, noch ſchöner durch ihren Sieg, ließ ihre Augen auf der Verſammlung herum ſchweifen, und traf endlich mit Arthurs Blicken zuſammen.. Warum veränderte ſie in dieſem Augenblick die Farbe? Ach! die Augen des Gra⸗ — 25— fen waren nachdenkend und mit dem Ausdruck eines un⸗ beſtimmten Mißvergnügeus auf ſie geheftet. Wie iſt doch der Menſch oft wunderlich in ſeinen Wünſchen!... Iſolette, das Idol der Ritterſchaft, die Königin eines bezauberten Schloſſes, die ſiegende Gott⸗ heit des Feſtes, war zu umringt von Lob und Huldigung, als daß Arthurs Herz mit einſtimmen konnte; ſie ward von zu viel Sterblichen bewundert, um nur von einem einzigen angebetet zu werden. Arthur, der eine Geliebte nach ſeinen Wünſchen ſuchte, wollte nicht bewundern, fondern lieben. Ein jeder, der Weihrauch zu Iſolettens Füßen opferte, ſchien ihm Rechte auf ihr Herz zu erwer⸗ benz er verlangte ein ungetheiltes, das ſich mit ihm al⸗ lein begnügte; weniger Glanz, aber mehr Gefühl. Er wollte ausſchließend geliebt ſeyn und glaubte ſchon zu fühlen, daß er mit der Jungfrau des Schloſſes nicht auſ ſeine Weiſe glücklich ſeyn würde. Ach! vielleicht hatte, ihm ſelbſt unbewußt, die ſanfte Erſcheinung auf dem See, das einer höhern Welt entlehnte melancholiſche Bild, ſchon die Kette zerbrochen, die er ohne ſie liebgewonnen haben würde; und alle Talismane Iſolettens hatten ihre Kraft verloren. Auf das Konzert folgten frohe Tänze. Arthur ſchlug es aus, ſich unter die durch Terpſichore vereinten fröhlichen Gruppen zu miſchen. Gern wäre Iſolette ſei⸗ nem Beiſpiele gefolgt; aber es lag ihr ob, den Ball zu — 26— eröffnen, und durch ihre Gefährtinnen fortgeriſſen, gab ſie das Zeichen zu neuen Freuden. Schon berührten ihre leichten Schritte kaum den Boden. Friſcher als die Blumenknospen, welche den Saum ihres Schneegewandes zierten, wechſelte ſie ihre grazienhafte Stellungen wie die Schöpferin der Kunſt. Sich mit ihren Geſpielinnen ver⸗ ſchlingend, entſchlüpfte ſie, erſchien wieder, floh noch⸗ mals, ſtand ſtille und ſchwankte hin und her, wie eine der luftigen Nymphen der balſamiſchen Felder Griechenlands, die, nach den alten Dichtern, nur durch die Bewunderung, die ſie erregten, an die Erde gefeſſelt waren, und nur von Wohlgerüchen lebten. Jetzt winkte der Speiſeſaal den fröhlichen Gäſten. Eine ungeheure Tafel war in der großen Gallerie des Schloſſes gedeckt. Arthur nahm Platz an der Seite des Barons Waldburg, den er den ganzen Abend wenig ver⸗ laſſen hatte. Sie hatten ſich geſprochen und verſtandenz ihre Hände hatten ſich gedrückt, und wenn die Schwüre der Liebe dieſe Nacht den Lippen des Grafen nicht ent⸗ ſchläpften, ſo blieb ihm mindeſtens der Eid der Freund⸗ ſchaft nicht mehr auszuſprechen übrig. Die Freuden der Tafel neigten ſich zum Ende, als ein dumpfer Lärmen auſſerhalb des Saales entſtand. Bald folgte ein lautes Geſchrei„. In dem einen Flügel des Schloſfes war durch die Nachläſſigkeit der mit der Beleuch⸗ tung beauftragten Diener, Feuer ausgebrochenz das Holz⸗ werk eines Thurms war die Beute der Flammen, und ſchon ſah man durch die Fenſter der Gallerie den fürchter⸗ lichen Widerſchein der Feuersbrunſt. Der Schloßgebieter begab ſich ſammt allen Gãä⸗ ſten nach der Brandſtätte. Iſolette flüchtete mit ihren zitternden Geſpielinnen auf den entgegengeſetzten Theil des Caſtels. Tanz und Muſik verſtummte! die allgemeine Freude war geſtört; Beſtürzung malte ſich auf allen Ge⸗ ſichtern; man lief, man ſuchte, man rief ſich gegenſeitigz in und auſſerhalb des Schloſſes war alles in Bewegung und unordnung. Kein Feſt, keine Freude war mehr.„ Das Feuer verbreitete ſich immer weiter, und fürchterlich heulte die Sturmglocke in den allgemeinen Lärmen. Mit jedem Augenblick vergrößerte ſich der Tumult. Ein furcht⸗ bares Klagegeſchrei erfüllte die Luft, und der Tag der Freude hatte ſich in eine RNacht des Entſetzens verwandelt. Arthur und Waldburg ſtürzten ſich in die Flammenz die Bewohner von Montolin folgten dieſem kühnen Bei⸗ ſpiet; durch ihre Bemühung ward eine Reihe geſchloſſen, und bald flogen gefüllte Waſſereimer aus einer Hand in die andere. Das Schloß ſtand am ufer des Fluſſes, und die Rähe der Fluth ſetzte der Gewalt des Feuers Schranken. Die beiden Freunde zeigten ſich immer da, wo die Gefahr am größten war; ſie begegneten ſich mehr denn einmal auf zuſammenſtürzenden Mauern oder auf glühenden Balken. Waldburgs ernſte Stirne hatte mitten in der Gefahr ihren alten Heldenglanz wieder erhalten; es war der ſchönſte ſeiner Siegestage. Arthur bewunderte ihn, und ahmte ihn nach. Sie waren beide geſchaffen, ſich zu lieben, denn Beide beſaßen große Seelen. Endlich hatten ſie das Feuer bemeiſtert. Der Scha⸗ de war nicht ſehr beträchtlich, ein einziger Thurm war ab⸗ gebrannt, das Schloß ſelbſt aber unbeſchädigt geblieben. Arthur, ganz vom Rauch geſchwärzt, trat ſiegend aus den Ruinen hervor. Er ſuchte Iſoletten auf, und ging zu dieſem Zwecke längſt der äußeren Mauer hin, als die Stimme des Gondeliers, welchen er in der Barke geſpro⸗ chen, ſeine Schritte auf einen Augenblick hemmte. Er horchte, und vernahm die Worte: „Die Fremde ward dieſen Abend unter den Mauern des Schloſſes geſehen. Freunde, ich habe es euch vor⸗ aus geſagt: ein großes Ereigniß ſtand uns bevor. Ich bedaure das verlobte Paar; ſie ſahen ſich heute zum erſten Male, und dieſe Feuersbrunſt iſt von übler Vorbedeutung für ſie. Ich zweifle ob ihre Verbindung je vollzogen werden wird. Die Fremde warf ſich zwiſchen beide! wehe den Verlobten des Schloſſes.“ ——000ocoSooooo Pweites Buch. Freundſchaft! Ein ſchönes Wort, vor allem für die Männer⸗ Kennſt du die Sage wohl? Als einſt die Götter Der jungen Erde ihre Gaben lieh'n, Da trat zuerſt der Mann hervor und ſprach: Gebt mir was mir gefält und nützt Was mich zerſtreuet, doch nicht feſelt⸗ was Bequem und eben recht iſt zum Vergnügen⸗— Da gaben Götter ihm Gefühl für Freundſchaft⸗ Das Weib, es ſprach: gebt mir, wofür ich leben, In Freud' und Leid, mit Lächeln und mit Thränen⸗ Recht innig ſorgen möge: da verliehen Die Götter ihr der Liebe ſüßen Schmerz. Gehe(Dido.) Von allen Provinzen des alten Galliens war Armorika die berühmteſte. Ihr Alter überſchreitet alle Annalen und verliert ſich in der Nacht der Zeiten. Revolutionen aller Art hatten ihr Gebiet erſchüttert; allenthalben hatte das — 30— Meer Spuren ſeines langen Aufenthalts in derſelben hinterlaſſen. Spuren ehemaliger Wälder, an deren Stel⸗ len jetzt Seen fließen; verſunkene Städte, die nur noch Klippen übrig ließen: alles beweißt, daß dieſe berühmte Gegend Naturerſchütterungen auf die Gründung der Ge⸗ ſellſchaft folgen ſah, und daß zahlreiche Phänomene zu verſchiedenen Zeitpunkten ihren Boden, ihre Beſtimmung und Form verändert hatten*). Armorika's ſtolze Bewohner waren die einzigen Völ⸗ ker des alten Galliens, welche die römiſche Gewalt ſich nicht völlig unterwerfen konnte. Sie ſchüttelten zuerſt das Joch der Ausländer ab, proklamirten ihre unabhän⸗ gigkeit, und wählten zu ihrem Fürſten einen kriegeriſchen Prinzen, den glücklichen Conan Meriadec. Die Söhne dieſes großen Mannes beherrſchten die Bretagner lange Zeit, bis endlich England ſich ihrer be⸗ mächtigte. Heinrich II., Gottfried ſein Sohn, Richard Löwenherz, Johann ohne Land, und der unglückliche Ar⸗ thur von Bretagne, trugen die Krone nacheinander, aber Frankreich beſtrebte ſich immer, ſie ihnen zu entreißen, und führte beſtändig Krieg darum. Die Bretagne ward erobert und wieder erobert. Immer neuen Siegern über⸗ laſſen, verrathen, verlaſſen, zerſtört, ſah ſich dieß Land *) Man leſe hierüber Ogee, Ed. Richer, de la Porte⸗ und andre Geſchichtſchreiber Bretagnens nach⸗ W S„ M M — d ————————— des Blutes und der Thränen, oft von Helden, immer aber von Tyrannen beherrſcht. Endlich hatte das Regiment der Unordnung durch einen Mord ein Ende. Arthur von Bretagne ward durch die Hand ſeines Oheims erwürgt, und Philipp Auguſt, der Rächer des jungen Prinzen, den er einſt zum Ritter geſchlagen, bemächtigte ſich ſeiner Staaten, und be⸗ ſchenkte damit ſeinen Verwandten und Freund, Philipp von Dreux. Der neue Herzog vermählte ſich mit der Schweſter des letzten Beherrſchers, der einzigen Erbin Bretagnens, und herrſchte nun als Gebieter, oder viel⸗ mehr als Vizekönig des alten Armorika friedlich zu Nantes. Dieß war die Lage einer der ſchönſten Provinzen Frankreichs zur Zeit, als Graf Ravenſtel den Aufenthalt ſeiner Jugend verließ. Der unſterbliche Amadis war, nach der Tradition, in demſelben Lande geboren wie erz Lanzelot vom See, und Triſtan von Leonais, berühmte Ritter der Tafelrunde, waren Kinder Armorika's. Arthur war ſtolz auf ſein Vaterland; Abellard, ein Sohn Bre⸗ tagniens, wurde von ganz Europa bewundert, und die Jungfrauen der Inſel Saine erfüllten die Welt noch eben ſo ſehr mit dem Andenken ihrer Reize, als mit den Er⸗ zählungen ihrer Wunder. Arthur war allein und dachte über das Schickſal ſeiner Zukunft nach. Iſolette hatte ihm ſchön geſchienen; er bewunderte ihre Jugendfriſche, aber ſie war nicht ſo, — 32— wie ſeine Phantaſie ihm ihr Bild dargeſtellt hatte; ſie erfüllte ſeine Wünſche nicht, denn ſie war nicht das Ide⸗ al, welches, mit allen Vollkommenheiten ausgeſchmückt, ihm in ſeinen Jünglingsträumen oft erſchienen war, und zu dem er hoffend mit der vollen Kraft ſeiner Empfin⸗ dung, mit der ganzen Gewalt ſeines jugendlichen Her⸗ zens ſich hinneißte. Ach! er wagte es nicht ſich zu geſte⸗ hen, daß alle Talente Iſolettens, ihr Glanz, ihr hoher Geiſt, ihre hinreißende umgebung, in ſeinen Augen vor einer ſüßen Magie, den melancholiſchen Blicken der Zau⸗ berin des Sees, zu Richts geworden waren. Iſotette zählte jetzt ſechszehn Jahrez ſie hatte noch in der Wiege gelegen als ſie ihre Mutter verlor. Einzige Erbin von Montolin, war ſie von dem liebevollen Vater ſo erzogen worden, daß ihr Geiſt einen freien Aufflug er⸗ hielt, ihr Wille und Eigenſinn aber auch volle Freiheit hatte. Glücklicherweiſe hatte die Natur ſie mit einem edeln, gefühlvollen Herzen begabt, und obgleich unüberlegt und unvorſichtig, hatte ſie dennoch ihre jungfräuliche Un⸗ ſchuld in voller Reinheit bewahrt. Nie war ein Gemüth edler, nie eine Seele wohlthätiger; aber gleich einem geſchliffenen Glaſe, bot ſie in einem Augenblick verſchiede⸗ ne Bilder, tauſend bunte Farben dar. Sie war einem glänzenden Prisma zu vergleichen, deſſen Strahlen viel⸗ leicht ermüdeten. Ach! warum ihr dieſe lebhaften verän⸗ M u derlichen Farben vorwerfen! Alle dieſe Farben waren ſchön, all dieſer Glanz war fleckenlos. Arthur verlangte, daß die Gefährtin ſeines Lebens ſeiner bedürftig ſey, um glücklich zu ſeyn; Iſolette war es ſchon ohne irgend Jemand. Der Graf wünſchte der Führer, die Stütze, der Schützer ſeiner Gemahlin zu werden; die Erbin des Schloſſes aber ſchien geſchaffen, um ſelbſt eine Stütze zu ſeyn. unzufrieden mit ſich und ſeinen Empfindungen, gedachte er der Worte des Schif⸗ fers, des beleidigenden Verdachtes, der über die Fremde im umlauf war, der Feuersbrunſt und der Vorbedeutung, welche man daraus zog, und der grauſame Gott des Schlafes ſchloß ſeine Augenlieder nicht. Die letzten Lampen des Lehenfeſtes erbleichten vor Aurorens erſten Strahlen; Arthur begrüßte den werden⸗ den Tag, und ſtand, der freien Bewegung bedürftig, auf. Wenn die Seele bewegt iſt, dann iſt die Ruhe des Körpers eine Qual. Bevor noch die Schloßbewohner erwacht waren, fuhr er in einem Fiſcherkahn über den See, am jenſeitigen Ufer harrte ſeiner ein Knappe, und, ſich raſch auf ein leichtfüßiges Pferd ſchwingend, ſprengte er allein durch die blühenden Fluren. Wo eilt er hin? Nach Karency. Beſtändig in ſei⸗ nem Willen, eilte er den am vorigen Tag gefaßten Vor⸗ ſatz auszuführen; ein geheimer Reiz zog ihn nach den Mauern hin, wo die ſchöne Agnes von Meran Gemahl 3 und Thron beweinte. Karency iſt nur wenig Meilen von Montolin entfernt. Kaum wird man ſeine Abweſenheit vemerken. Im ſchnellen Lauf verläßt er das Thal, bald den Weg erkennend, den er am vorigen Tag gezogen war. Er erglimmte Berge, ſetzte über Graben, und durcheilte den Wald, der das Schloß Montolin von dem Ziele ſeines Rittet trennte; er zog an dem Thurm vor⸗ über, wo nach einer Prophezeihung des Propheten Mer⸗ lin, ein König von Albion durch das Feuer des Him⸗ mels verzehrt ward*). Endlich war er in Karency. Agnes von Meran, lange von Philipp⸗Auguſt an⸗ gebetet, war dort nicht allein gefangen. Der Monarch, um das Langweilige ihrer Gefangenſchaft zu mildern, hatte ſie mit Damen, Rittern, Pagen und einer ganzen Ehrengarde umringt. Oft von einem flüchtigen Pferde getragen, oder in einem unbedeckten Wagen fahrend, ſah man Agnes, von ihrem Gefolge umringt, in der Gegend ihres Schloſſes die reine Gebirgsluft einathmen. Das Volk drängte ſich in Maſſen um ſie, denn die unglückliche Schönheit erregt gewöhnlich eine lebhafte Theilnahme bei den Menſchen.... Abes Agnes vermied alle Blicke; ein dichter Schleier verhüllte ihr Geſicht, ſobald ſie ihre Woh⸗ nung verließ. Verbannt, gedemüthigt, mit Fluch bela⸗ den, vermogte ſie nicht dem Auge eines Fremdlings zu *) Dieſer Konig hieß Vortiger⸗ 3 — begegnen, ohne daß hohe Schamröthe und zahlloſe Thrä⸗ nen ihre Züge entſtellten. Nur die Ritter und Damen ihres Hauſes wurden in ihre Nähe zugelaſſen. Die un⸗ glücklichen der Provinz beſaßen eine Wohlthäterin in ihr, vaber, wie die Gottheit, verbarg ſie ſich vor ihren Blik⸗ ken, und nie durfte ihr einer ſeinen Dank ſtammeln. Es gibt glückliche Phantaſien, die mit luftiger Zier⸗ de und glänzenden Farben die traurige Nacktheit des menſchlichen Daſeyns bedecken künnen; es gibt ſorgloſe Geſchöpfe, welche das Leben ehen nicht von der ernſt⸗ hafteſten Seite anſehen. Wein die flüchtigen Renner der Zeit, durch unſichtbare Geiter getrieben, den leichten Wagen ihrer Beſtimmung fühſen, ſo halten ſie luſtig die Zügel, und ihn dem Zufall eitgegen leitend, belachen ſie die manchfachen Bilder, an welchen ſie vorüber müſſen. Nicht ſo erſchien der edle Graf von Ravenſtel unter der Menge ſeines Gleichen; cher betrübt als heiter, nicht minder ernſthaft als enthuſiaſtiſch, gehörte er nicht zur Zahl der jungen unbeſonnenen, welche Zeit und Men⸗ ſchen verſpotten, mit der ganzen Welt lachen, und mit keiner Seele weinen. Das unglück der Königin Agnes hatte ihn tief ge⸗ rührt; jedes Leiden erweckte ſein Mitgefühl. Er kam an der Citadelle an, deren Thore er offen fand. In der Ferne ſah er eine zahlreiche Kavalkade auf ſich zukommen; es war die Prinzeſſin ſelbſt, welche ſchon von einer Mor⸗ 3* genſpazierfahrt zurück kam. Schnell ſprang Arthur von ſeinem Pferde, band es an eins der äußern Gitterthore, und von einem pfeiler halb verſteckt, erwartete er die Ankunft der geweſenen Königin von Frankreich. Langſam nahte Agneſens Wagen. Mehrere Damen ſaßen darin, aber Urthur konnte die Züge der erhabe⸗ nen Gefangenen nict unterſcheiden, der herabgelaſſe⸗ ne Schleier verbarg ör Geſicht. Ravenſtel, einfach ge⸗ kleidet, miſchte ſich uwemerkt unter die ſie geleitenden Stallmeiſter und Pagen Die Prinzeſſin verließ im in⸗ nern Hof den Wagen, tieg einige Stufen hinauf, trat in ein Vorgebäude, und dort, frei unter den Ihrigen, warf ſie den Schleier zurük. 3 Jetzt betrachtete Artlur nach Wunſch die Gemah⸗ lin Philipp⸗Auguſts. Ihr Wuchs war hoch und edel; ihre Haltung voll königlicher Würde. Ja, ſie war es! hier ſtand ſie vor ihm, ganz ſe wie die öffentliche Stimme ſie geſchildert hatte. Ihre retelmäßigen Züge hatten et⸗ was himmliſches, welches ihre Reize noch erhöhte. Nur der Ausdruck des Schmerzes ſtörte den grazienhaften Ein⸗ klang ihrer Phyſiognomie. Arthur ſtand unbeweglich; er wagte in ſeiner Verwirrung kaum zu athmen, als ihn Agnes plötzlich erblickte. Sogleich zog ſie ihren Schleier vor das Geſicht, ſtreckte die Hand aus, und zeigte mit dem Finger auf den kühnen Fremden, indem ſie ein ſtren⸗ ges Gebot auszuſprechen ſchien; aber Ravenſtel war ſchon —— weit; bei der erſten Bewegung der Königin hatte er raſch die Flucht ergriffen. Sich geſchickt unter die Menge miſchend, welche die Prinzeſſin umgab, war er verſchwunden. Schon war er aus den innern Höfen der Veſte; aber der Weg den er eingeſchlagen, führte ihn nicht an das Gitter wo er ſein Pferd angebundenz die Pforte, durch welche er ins Freie kam, ging in den Wald; die Furcht verfolgt zu werden, ließ ihn den erſten ſich darbietenden Weg einſchlagen, und Arthur verſchwand im Wald. O neue Sonderbarkeit einer zu überſpannten Seele! Arthur hatte geglaubt, der Anblick der Königin Agnes würde einen jener tiefen Eindrücke auf ihn machen, die er ſuchte, die er erwartete, die er herbeirief; aber mit ſchmerzlichem Erſtaunen bemerkte er, daß er die Gefangene von Karency bald vergeſſen haben würde; der Eindruck den ſie auf ihn gemacht, entſprach ſeiner Erwartung kei⸗ neswegs; er fühlte die grenzenloſe Begeiſterung nicht, welche einſt einen Ogier, einen Esplandian, einen jener Helden des Alterthums, die ihr Daſeyn der verfolgten Schönheit weiheten, zu Agneſens Füßen geführt haben würden, um ihr ihr Leben zu widmen. Arthur war un⸗ zufrieden mit ſich ſelbſt. Dieſer neue Charakter, der durch die geſellſchaftlichen Gebräuche noch nicht bearbeitet war, der die ganze Originalität einer verwegenen Natur in ſich faßte, warf ſich vor, daß er nicht der edeln Be⸗ geiſterung der alten Ritter fähig geweſen war. Arthur fand ſich ſelbſt kalt und feig, er verfluchte ſeine Ruhe. Der Un⸗ beſonnene verlangte ſtarke Empfindungen, Trunkenheit, Begeiſterung und Stürme. Sein Frühling war ihm zu milde, er ſehnte ſich nach rauhen Winden; und doch iſt der Lenz die Zeit des Gewitters! Zittern ſollte er, daß der Himmel ſeine ſtrafbaren Wünſche erfüllen, und ihn durch die Macht ſeiner Leidenſchaften, wie durch zerſtörende Fluthen, auf die Klippen des Lebens ſchleudern könnte. In der Mitte des unermeßlichen Waldes, den er durcheilte, ſah er hin und wieder Reſte jener Druiden⸗ ſteine, wo ſonſt der geweihte Prophet ſeine Orakel aus⸗ ſprach: Welche Schatten! welche Stille! Ein zirkelför⸗ miger Platz, rings mit uralten Eichen umpflanzt und mit Gräben umringt, feſſelte ſeine Blicke; es war einer jener geheiligten Orte, wo die Celten Armorika's ihre erſten Könige wählten. Hier wurden vielleicht bei dem Jubel eines ganzen Heeres Arthurs edle Ahnen erhöht, und ach! welche Gegenſtände erſetzten vor ihm auf dem⸗ ſelben Boden die Helden, die Fürſten und die glänzenden Krieger, deren Rüſtungen von Stahl und Gold in dem Feuer der Sonne flimmerten? Haidekraut, Moos und das Geräuſch des Windes der Wüſten. Der Graf ſchritt jetzt langſamer.—„Wo ſind,“ ſprach ſeufzend der junge Enthuſiaſt,„jene edlen Söhne Bretagnens, durch Liebe, Ehre und Ruhm verſchönert, welche die Prophetinnen von Saine zu ihren Füßen ge⸗ ſehen?... Der Ruf ihrer Thaten verlor ſich wie das Ge⸗ räuſch des Sturmwindes, und ihre leidenſchaftlichen Ge⸗ ſänge ſind verweht gleich den Harmonien eines Früh⸗ lings....* Er ſchwieg, denn ein ſeltſamer Gegenſtand feſſelte ſeine Aufmerkſamkeit. Wenige Schritte von ſich erblickte er eine bleiche leidende Geſtalt auf einer zerbrochenen Säule ſitzend, halb verſteckt durch einen Dornbuſch; das Haupt unbeweglich auf eine Hand geſtützt, ſchien ſie eine alte Bildſäule aus irgend einem Tempel zu ſeyn. Es war ein ſilberhaariger Greis; ſein auf römiſche Art dra⸗ pirter Mantel bedeckte eine verroſtete Rüſtung; ſeine Hand hielt ſtatt des Stabes eine Lanze; und obgleich ſeine Kleidung ſeine Dürftigkeit verrieth, ſo erkannte man in ihm doch ſogleich den ehemaligen Krieger, den Tapfern, vom Schickſal gemißhandelt. Hätte er ein Kind zum Führer gehabt, Arthur würde in ihm Beliſar zu ſehen geglaubt haben. Erſtaunt näherte fich der Graf; der unbekannte er⸗ hob ſich bei ſeinem Anblick, und grüßte ihn mit militäri⸗ ſcher Ehrfurcht.„Alter, Ihr leidet?“ ſprach Arthur. „Nein hoher Herr,“ erwiderte der Fremdling, „ich bin im Stande meine Reiſe fortzuſetzen.“ „Zieht Ihr weit?“ „Ich gehe nach Nantes, mit der Hoffnung, dem — — Herzog von Bretagne meine letzten Dienſte anbieten zu können, und die Ehre zu erhalten, mein Daſeyn dort im Kreis meiner Waffenbrüder zu beſchließen.“ „Kennt Euch Philipp von Dreur?“ „Nein; allein ich habe einſt unter dem Befehl des Sire von Montolin gedient, und überbringe nun dem Herzog ein Schreiben meines ehemaligen Anführers, wo⸗ durch ich ohne Zweifel das Ziel meiner Wünſche erreichen werde.“ „Ein Schreiben des Herrn von Montolin! wann hat er es Euch übergeben laſſen?“ „Geſtern während des Feſtes, wo er Geld und Gnaden vertheilte; ich gehörte zur Zahl jener, welche bis zu ihm gelangten; er hat mich mit Güte überhäuft. WMeine Leiden ſind ihrem Ende nah, und wem verdank' ich dieß? einem Engel.“ „Einem Engel,“ wiederholte Arthur.„Ohne Zweifel der ſchönen Iſolette?“ „Nein, edler Herr,“ erwiderte der Greis mit un⸗ gewöhnlichem Feuer:„die Erbin von Montolin iſt zwar die Güte ſelbſt, aber ſie iſt nur ein vollkommnes Weib, während jene, die mir geholfen, die mich beſchützt hat, ſo erhaben, daß weder die Sprache der Dankbarkeit, noch die der Begeiſterung ein Wort aufzuweißen hat, welches ihr Bild genügend verſinnlichen kann.“ Er ſprach's; ſeine mit Thränen gefüllten Augen, — und ſeine kräftige Sprache hatten den Grafen befremdet; ſeine Verwunderung ward immer größer.—„Greis!* hob er wieder an:„nennt mir Eure bewundernswürdige Wohlthäterin! Wer iſt ſie?“ „Die Fremde!* Arthur ſetzte ſich an die Seite des Kriegers.— „Vertraut mir Euer Schickſal an, ich nehme lebhaften Theil an Euch.“ „Herr,“ erwiderte der unbekannte:„Ihr ſcheint gefühlvoll und gut, wie jene die mich gerettet; ich gebe Euern Wünſchen nach. Alte Krieger erzählen gern von den Schlachten, die ſie mitgemacht, beſchreiben gern jeden beſtandenen Strauß, aber dadurch ermüdet man den Zu⸗ hörer. Von mir habt ihr das nicht zu erwarten, denn mein Gedächtniß hat nur noch Raum für die Fremde und ihre Wohlthatenz ich werde wenig von mir ſprechen, um nur früher von ihr erzählen zu können. „Bretagner, von reichen Eltern geboren, ward ich im Wohlſtand und ueberfluß erzogen; aber die Unru⸗ hen und Kriege meines Vaterlandes beraubten mich meiner Familie und meines Erbes zugleich; ich hoffte min⸗ deſtens im Felde Ruhm und Ehre zu finden, und habe nichts als Elend und zwanzig Wunden errungen. Meine Thaten gingen im Gewühl verloren, wurden nie bemerkt, und der Waffenträger des Herrn von Montolin, oft Sie⸗ ger ohne Belohnung, vertangt als Sold ſeiner langjähri⸗ gen Dienſte jetzt weiter nichts, denn als unbekannter Krie⸗ ger in einem Invalidenhaus ſterben zu dürfen. „Zehn Jahre ein Gefangner der Engländer, habe ich vor Kurzem erſt meine Freiheit wieder erlangt. An den Küſten von Bretagne landend, eilte ich gen Monto⸗ lin, meinen alten Befehlshaber aufzuſuchen und ihn um ſein Fürwort bei dem Gebieter Bretagnens zu bitten, als ich im Walde von Räubern überfallen ward. Ich trug etwas Geld bei mir, welches ich dem öffentlichen Mitleid verdankte; ſie beraubten mich deſſen, brachten mir einen Dolchſtoß bei, und ſterbend ſank ich an das ufer des Sees von Montolin. „Vergebens rief ich um Hülfe; die erſchrockenen Land⸗ leute ergriffen die Flucht. Ich war dem Tode nahe, als ein Weib„ Was ſage ich, hoher Herr! ein Weib!... Nein, ein himmliſches Weſen, ein Meiſterwerk des All⸗ mächtigen auf mich zu kam, mich dem Grabe entriß, und mich überzeugte, daß auch der Erde göttliche Schöpfungen heimiſch ſind. „ Sie ſelbſt verband meine Wunde; durch ihre Pflege genaß ich bald unter ihrem einſamen Dache. Aber nicht genug, daß ſie mich dem Leben wiedergegeben hat⸗ te, ſie wollte noch weiter für mein Glück ſorgen. „Sie diktirte mir ein Schreiben an den Herrn von⸗ Montolin, welches das Herz des Schloßherrn zum Mit⸗ leid bewegte; er gewährte meine Bitte, und ich erhielt Befehl, am Tage des großen Feſtes im Caſtel zu erſchei⸗ nen, und zur Stunde der wohlthätigen Austheilung das mit ſeinem Inſiegel verſehene Schreiben in Empfang zu nehmen, worin er mich der Güte des Herzogs von Bre⸗ tagne empfahl. „Aber wie ins Schloß kommen?„ alle Barken. des Cantons waren zur Feier des Feſtes gemiethet. Der mit Lumpen bedeckte Arme ward mit Verachtung zurück⸗ gewieſen, denn die geſchmückten Gondeliers nahmen nur den Reichen an Bord. Beim Anblick meiner Verzweife⸗ lung, was that die Fremde für mich! Sie ſuchte einen Fiſcher auf, deſſen Leiden ſie oft im geheimen gemildert, und ſeine arme Familie unterſtützt hatte; ſie überredete ihn, mich in ſeinem beſcheidenen Kahn nach dem Schloſſe zu bringen. Er konnte ſich nicht dazu entſchließen, denn es war am Morgen ſelbſt allen armen Schiffern verboten worden, ſich mit ihren ſchlechtausſehenden Kähnen unter die glänzenden, zum Feſt beſtimmten Gondeln zu miſchen; nichts ſollte die Feier verdunkeln, und der Fiſcher fürch⸗ tete ſich, den Befehlen des Gebieters zuwider zu handeln. Endlich beſiegten die rührenden Bitten meiner Wohlthã⸗ terin ſeine Widerſpenſtigkeit; er gab nach und verſprach, mich unter die Mauern von Montolin zu bringen, allein er ſetzte eine fürchterliche Bedingung feſt. Die Fremde ſollte mich begleiten; denn im Falle er feſtgenommen wür⸗ de, ſollte ſie ſich ſeiner annehmen und, für den Ungehor⸗ ſam verantwortlich, ihn vor der Strafe bewahren. „Meine Beſchützerin ſchlug das ab!„„ſie fürch⸗ tete den Blick der Menſchen; von geheimem Kummer ver⸗ zehrt, floh ſie die Freuden der Erde. Ich ſank zu ihren Füßen, ich bat und erhielt auch das letzte Opfer. Ganz ſchwarz gekleidet, das Geſicht verſchleiert, beglei⸗ tete ſie mich nach dem Caſtel, blieb unter den Mauern verborgen, hörte ſodann wieder im Kahn meinen Bericht an, und führte mich in ihre Hütte zurück. Eine glän⸗ zende Gondel erſchreckte ſie einen Augenblick, aber die Ge⸗ fahr ging vorüber, und ſie dankte dem Allmächtigen, welcher unter den Werken der Barmherzigkeit der Frem⸗ den heute eine wohlthätige Handlung mehr zählt. „Gerechter Himmel!“ unterbrach Arthur mit Heftig⸗ keit:„und Du gibſt zu, daß dieß bewundernswerthe Weib durch die Zähne der Verläumdung zerriſſen wird!„ Sie wird von dem Haſſe verfolgt, iſt mit Verachtung umringt; der gemeine Mann, dumm und leichtgläubig, hält ihren Anblick für unheilverkündend; und Du rechtfer⸗ tigeſt ſie nicht, Du haſt ſie noch nicht gerächt.“ Er ſprach's; der alte Krieger erhob ſich; ſein Auge flammte; Arthurs Hitze hat ihn entzückt, und die ganze Glut ſeiner Jugend beſeelte ſeine Züge noch einmal.— „Ja!“ rief er mit kräftiger Stimme:„man verläum⸗ det, mißhandelt ſie, und Gott ſcheint ſie verlaſſen zu ha⸗ — M ben. Auf dieſer undankbaren Velt, in dieſer unwürdigen Gegend vertheidigt ſie keine Stimme, bewaffnet ſich kein Arm für ſie. Sie iſt im Lenz ihres Lebens, ihre Schön⸗ heit ohne Gleichen, ihre Tugend nur ſelten zu finden, und ohne Beſchützer, ohne Stütze, ſchmachtet ſie allein, lei⸗ dend und verlaſſen von der ganzen Welt. Ach! warum vin ich nicht zwanzig Jahre jünger, warum habe ich die Kraft meiner Jugend nicht mehr! Wo biſt du, Zeit der Amadiſſe! wo biſt du, unſterbliches Jahrhundert der Lan⸗ zelote und Triſtane! Damals hatte die unglückliche Schön⸗ heit treue Diener; damals erhob die ungerechte Verläum⸗ dung ihr verfluchtes Haupt nicht; die Unſchuld hatte Stützen; das unglück hatte Rächer. Jetzt, ſchimpfliches Zeitalter! hat die Jugend keinen Muth, die Ritterſchaft keine Helden, der unterdrückte keine Vertheidiger; der Egoismus iſt die herrſchende Gottheit. Der Menſch nimmt jetzt nur ſein perſönliches Intereſſe zur Richtſchnur. Die Begeiſterung zu großen Thaten, die Ergebenheit edler Herzen, heißen Narrheit. unglücklich der, welcher die Gegenwart ſieht und weiß, was die Vergangenheit war.“ Arthur ergriff die Hand des Kriegers und drückte ſie mit ausdrucks vollem Feuer. Erhitzt durch die verdeck⸗ terweiſe an ihn gerichteten Vorwürfe, und ſich die bezau⸗ bernden Züge der ſchönen Unbekannten vom See zurück⸗ rufend, ſagte er: „Edler Greis! ich habe zwar Amadiſens Arm nicht, — 46— aber ich beſitze ſeine unabhängige Seele, und den Muth und die Begeiſterung der Ritter der Tafelrunde. Ich wer⸗ de die ſchöne Fremde ſehen, und wenn ſie, wie ich nicht zweifle, ſo iſt wie Du ſie geſchildert, dann nimmt der Graf Arthur von Ravenſtel hier den Himmel zum Zeugen ſeines feierlichen Schwures, der Ritter der Schönen zu ſeyn, über ſie zu wachen, und ihrer Vertheidigung ſei⸗ nen Arm, ſein Schwerdt und ſein Leben zu weihen.“ „Großer Gott, ich danke Dir!“ ſprach der Greis ſeine Hände entzückt zum Aetherdom erhebend:„Du haſt meinen heißeſten Wunſch erfüllt, jetzt hat ſie eine Stütze.“ Der Krieger ſetzte ſeinen Weg fort, und der Graf eilte gen Montolin. O welchen tiefen Eindruck hatte die eben gehörte Erzählung auf ihn gemacht! Die Erſchei⸗ nung am See hatte ſchon ſeine Sinne verwirrt, jetzt be⸗ wegte ſie ſein Herz: die beleidigenden Gerüchte, welche gegen die Fremde im Umlauf waren, hatten ihn ſchon am vorigen Abend erbittert; er fühlte, daß er ſich nicht zum zweiten Male würde hören können, ohne von Zorn ent⸗ flammt zu werden. Arthur, der ungeſtüme Arthur, wel⸗ cher ſich alles Schöne aneignen, ſich mit allem Bewun⸗ dernswerthen verknüpfen, ſich alles Erhabenen bemächti⸗ gen möchte, denkt an nichts anders mehr, als ſich an die Fremde zu feſſeln, nicht durch das Band ſinnlicher Liebe, ſondern durch eine Verbrüderung edler Empfindungen, durch uebereinſtimmung erhabener Gedanken, und durch gleichförmige Tugenden. Er wollte ſie beſchützen, ver⸗ theidigen, ſich auf irgend eine Art an ihre geheimnißvolle Beſtimmung knüpfen, und von den gewöhnlichen Wegen abweichend, gleich ihr leben und ſich, wie ſie, über die menſchliche Natur erheben. Mit zu viel geiſtiger Kraft begabt, hat er mächtigere Bedürfniſſe als ſeine Exiſtenz, ausgedehntere Wünſche als ſeine Natur. Mit ſchnellen Schritten durcheilte er den Wald, deſ⸗ ſen Bäume, ſo ſchlank wie die Maſten eines Schiffes, ſich ringsum ihn zu einer bedeutenden Höhe erhoben, und über ſeinem Haupte ein Laubgewölbe bildeten. Das glän⸗ zende Moos welches ihre unbeweglichen Stämme bedeckte, gab ihnen das Anſehen als wären ſie von Metall; und die Helle des Tages fiel von ihren Laubkapitälern, wie das Licht des Himmels durch die Kuppeln alterthümlicher Paläſte. Die Tiefe des Waldes war, wenn man durch dieſe majeſtätiſchen Säulengänge blickte, von Oſten durch die Sonne erhellt, deren Strahlen auf dem Laub gaukelten, und den Blicken von Ferne die Anſicht des beleuchteten Heiligthums eines Aethertempels zu geſtatten ſchienen. Arthur, in ſüße Träumerei verſenkt, ſuchte die Circe der Griechen mit ihrem goldnen Zauverſtab, die Morgane*) *) Eine berühmte Fee Armorikas. Sie war eine der Pro⸗ phetinnen der Inſel Saine, und die mächtigſte der neun Schweſtern.(Man ſehe Ed. Richer.) — 48— Armorikas, die geheiligte Sichel ſchärfend, und die Velle⸗ da der Gallier, ihre Stirne mit Eiſenkraut kränzend. Der Vogel ſang unter dem Laubz; mehre Quellen, von Granitfelſen ſtürzend, vereinigten ihr ſanftes Mur⸗ meln mit allen andern Harmonieen der Einſamkeit. Ar⸗. thur, deſſen Phantaſie durch die Bilder, welche ſie ſo ſchnell hinter einander berührt hatten, gereizt war, fand Gefal len an dieſem wilden Orte. Die Reize der Jungfrau vom See ſchwebten beſtändig vor ſeinen Augen, das Lob des Kriegers tönte unaufhörlich in ſeinen Ohren, und wie ſehr er ſich auch mühte, ſeine Aufmerkſamkeit auf äußere Ge⸗ genſtände zu lenken, er dachte doch nur an die Fremde. „Natur! bewundrungswürdige Natur!“ rief er: „ich fühle es, ich habe eine Seele, geſchaffen, dich zu verſtehen. Die Stille des Waldes, das Geſtirn des Tages und der Nächte, die Stimme der Fluthen und des Stur⸗ mes, nichts ſpricht vergebens zu mir. Ich leſe in deinem Buſen wie in dem eines Freundes. Ein brüderliches Vand vereinigt mich mit allen Werken, die gleich mir aus deiner Hand gegangen ſind. Durch dich geſtützt, geleitet, fühle ich den Muth in mir, das Leben zu überwinden, ſeine Freuden und Schmerzen zu tragen, mit ſeinen Stürmen zu ringen, und mich in ſeiner Sonne zu erfreuen. Da aber der Menſch einer Gefährtin bedarf, und ich noch Herr meiner Wahl bin, ſo flehe ich dich nur um eine Gabe an: gib mir ein Herz für das meinige geſchaffen, — —— eine Freundin die mich verſteht; aber vor allem, heilige Natur, ſey ſie wahr wie deine Stimme, und rein wie dein Licht.“ Er ſprach's, und den Wald verlaſſend eilte er fröh⸗ lich nach dem Thal von Montolin, dort die Fremde zu ſuchen, deren Wohnung er bald zu finden hofft. Die ſpiz⸗ zen Glockenthürme des Kloſters St. Irenäus zeigten ſich in geringer Entfernung; er wendet die Blicke weg. Am Abend zuvor hatte er beim Banquet, an der Seite des Priors ſitzend, bei deſſen Geſpräche eine ſolche unbegreif⸗ liche unbehaglichkeit empfunden, daß ſich ſein Herz krampf⸗ haft zuſammen zog. Etwas Unausſprechliches hatte ihn von dieſem Manne zurückgeſchreckt und ihm zugeflüſtert, dieſer Mann ſey vom Schickſal beſtimmt, ihm auf ſeiner Lebensbahn in den Weg zu treten, und würde eines Ta⸗ ges vor ihm erſcheinen wie die ſchroffe Klippe, an welcher das vom Sturme getriebene Fahrzeug ſcheitert. Arthur, durch die brennende Sonne beläſtigt, von glühendem Durſt gequält, eilte nach einer Baumgruppe, in deren Mitte eine klare Quelle rieſelte. Er bog die durchflochtenen Zweige auseinander, welche ihm den Weg verſperrten, und im Schatten eines dichten Gebüſches ſchritt er auf einen mit Pappeln umpflanzten Brunnen zu. Gott! welch ein Gegenſtand bot ſich ſeinen Blicken dar!— Ein junges Weib, weiß gekleidet, ſchön wie ein göttlicher Gedanke, voll Grazie wie ein Liebesopfer, 4 — 306— kniete am Rande vor einem Madonnenbilde, welches in einem hohlen Baume angebracht war. Sie iſt unbe⸗ weglich, ſie betet. Es war die bezaubernde Geſtalt der Unſterblichen von Vaucluſe, das rührende Bild der Nonne von Paraclet. Ihr leidendes Geſicht hatte nicht mehr den friſchen Glanz der erſten Liebestage, aber durch die Zeit vollendet, ſchien es nur vollkommner zu ſeynz ſelbſt der Schmerz hatte es verſchönert. Aus ihren himmliſch blauen Augen, traurig, niedergeſchlagen und ſchmachtend, ſchien Wolluſt zu athmen, welche ihre Seele entweder nicht kannte oder nicht kennen wollte.„ Sie konnte keine Jungfrau des Thals ſeyn; denn obgleich höchſt einfach gekleidet, wider⸗ ſprach ihre sdelſtolze Haltung dieſem Glauben. Ihre Kleider waren leicht wie die ätheriſchen Gewänder der Sylphiden, oder der Seraphinen Raphaels; ihre Hände waren weich und weiß wie der Flaum junger Schwanenz ihre Bewe⸗ gungen voll Harmonie wie das ſanfte Schwanken der Blu⸗ men, die der Zephir liebkoßt. Alles an ihr war Grazie, Züchtigkeit, Entzückung und Gefühl. An einen Stein des Brunnens gelehnt, ſchien ſie eine Bildſäule der Unſchuld zu ſeyn, welche dem Allmächtigen ihre Gelübde darbringt. Der Graf trat näher. Langſam erhob ſie ihr Hanpt, und bebte bei Arthurs Anblick zuſammen. Ihre Augen waren thränennaß; aber welch' ein Glanz ſtrahlte ſelbſt unter dem Thränenſchleier aus dem himmliſchen Azur!. —— Verlegen erhob ſie ſich, und ohne ein Wort zu ſprechen, verſchwand ſie zwiſchen dem Gebüſch. Arthur eilte ihr nach. Er hatte ſie erkannt. Es war die wunderbare Erſcheinung vom See, die göttliche Schöpfung, die ſein Enthuſiasmus herbei rief; es war die verläumdete Fremde, deren Vertheidiger und Freund zu ſeyn, er im Angeſicht des Himmels gelobt hatte. Durch ein unwiderſtehliges Gefühl hingeriſſen, rief er:„Wei⸗ le, junge Schöne! warum fliehſt Du mich!„ Biſt Du nicht die, die ich ſuche! Ich fühle es, meine Bit⸗ ten ſind erhört, ich werde einſt in Dein Gebet eingeſchloſ⸗ ſen werden!„ Schweigende Grazie, antworte mir.“ „Ich!* ſprach die Fremde zitternd, und gleichſam vor ihrer eignen Stimme erſchreckend:„ich ſollte diejeni⸗ ge ſeyn, die Du ſucheſt„ Du weißt ja nicht wer ich bin?* „Ich habe Dich geſehen, iſt das nicht genug?“ er⸗ widerte der heftige Arthur, gewöhnt ſeine leidenſchaftlichen Gefühle klar auszuſprechen.„Vergib dem ungeſtüm der erſten ueberrraſchung, der Bewunderung. Die Empfindung die mir Dein Anblick einflößt, iſt ſo neu für mich, daß ich ohne erſt zu überlegen, ſprechen muß. Ich kann we⸗ der meine Gedanken noch meine Gefühle verſchweigen. urtheile aus der Verwirrung meines Geiſtes, aus dem unzuſammenhängenden meiner Worte.“ Arthurs beredter Blick hatte einen Ausdruck, der ge⸗ 4* fährlich zu ertragen war. Die unbekannte ſchlug die Augen nieder.—„Verwegner,“ erwiderte ſie:„gib Dich einem trügeriſchen Eindruck nicht hinz ſtöre meine Ruhe nicht!.„Entferne Dich. ich bin die Fremde.“ Und auf dieß Wort legte ſie ein Gewicht, als zöge ſie eine ewige Scheidewand zwiſchen ſich und die Sterblichen. Nachdem ſie die letzte Thräne von ihren Wangen getrock⸗ net hatte, warf ſich einen ängſtlichen Blick auf Arthur, machte mit der Hand ein Zeichen des Abſchied's, und ſchön wie jene Meiſterwerke, welche die Natur erſchafft, wenn ſie, mit dem Pinſel der Phantaſie ſtreitend, alle ihre Ent⸗ würfe übertrifft, wollte die Verbannte des Thals ſich vom Brunnen entfernen. Aber der Graf folgte ihr nach, und hielt ſie an ei⸗ nem ihrer wallenden Schleier feſt.—„ Unbegreifliches Weib!“ ſagte er:„ſo ſollſt Du mich nicht verlaſſen. Wel⸗ che düſtre Sprache führſt Du! Du, die mich bezaubert und bewegt! verbannte Nymphe! noch ein Wort!“ Die Fremde ſuchte ihr Gewand Arthurs Händen ſanft zu entwinden.—„Wer Du auch biſt!“ erwiderte ſie:„wenn Du je eine Thräne aus Deinem Auge getrock⸗ net, wenn je Deine unſchuldige Seele verbrecheriſche Wünſche verwarf, wenn je die Stimme des Mitleids Dein Ohr erreichte, ſo beſchwöre ich Dich, verlaſſe mich.“ „Nein, ſagte der Graf mit ſtarker Stimme:„nein, ich kann Dir nicht gehorchenz um Dich einen Augenblick zurück zu halten, bediene ich mich Deiner Worte. Wenn je der Engel des Gebets Deine ſüßen Klagen empfing, wenn Du je dem flehenden Unglück Deine Hand gereicht, wenn je Dein zum Himmel erhobenes Auge ſeinen Schutz anflehte, ſo beſchwöre ich Dich, höre mich an.“ Die Fremde blieb erſtaunt ſtehen. Ein mattes Lä⸗ cheln erhellte ihre Züge. Der Wind ſpielte mit ihren langen goldnen Locken, die bis auf den ſchwarzen Gürtel fielen, welcher ihren ſchlanken Wuchs bezeichnete; eine geheimnißvolle Grazie ſprach bei ihr aus Blick und Stel⸗ lung, ein Strahl moraliſcher Erhabenheit, gleich als wäre ſie der Heimat aller Vollkommenheit entſchwebt, um⸗ glänzte ſie. Aufrecht, zwiſchen blühendem Gebüſch, ein⸗ fach in ihrer Kleidung wie die dem Himmel geweihten Jungfrauen, bleich, wie man den Schmerz an Todten⸗ urnen malt, ſtand ſie vor Arthurs Blicken, mit allen Reizen der Frömmigkeit, der Melancholie, der Schön⸗ heit und des Geheimniſſes umringt. „So ſprich!“ erwiderte ſie:„was verlangſt Du von mir? Allein und ohne Stütze, bin ich auf der Erde unnütz und überflüſſig. Die ſchwache Pflanze der Einöde, um die kein Weſen ſich bekümmert, die im glühenden Sande ſchmachtet und ſtirbt, ohne ſich eines Blicks des Mitleids, einer hülfreichen Stütze zu erfreuen, das iſt das Bild der Fremden.“ „Ungerechtes Schickſal!“ rief Arthur.„Du, ſo — jung, ſo ſanft, ſo ſchön, biſt von den Menſchen verlaſ⸗ ſen.„„ Nein, das iſt ein Irrthum der Welt, ein Vergeſſen der Vorſehung; der Tag der Gerechtigkeit iſt gekommen. Dieſe Erde, ſo arm an Weſen, die Dir glei⸗ chen, deren Stolz Du biſt, hatte Dich für die Liebe ge⸗ ſchaffen.„„ „Die Liebe!“ unterbrach die Fremde mit dem ſchmerz⸗ lichſten Ausdruck:„ihre Sprache iſt mir verſagt; für mich hat ihre Blumenkrone abgeblüht, und ihre Strah⸗ len ſind für mich erloſchen.“ „Nein,“ fuhr Arthur feurig fort:„ich glaube Dei⸗ nen Reden nicht; wer in Deinen Zügen lieſt, ſetzt keinen Zweifel mehr in Deine Seele. O nenne mir das Leid das Dich bedrängt? O möge ſich nur ein Wort des Ver⸗ trauens Deiner Bruſt entwindenz vielleicht iſt es mir mög⸗ lich, Dir in den Widerwärtigkeiten des Lebens eine Stütze zu ſeyn.“ „Eine Stütze!“ entgegnete die Fremde:„ſage vielmehr, noch eine neue Gefahr.“ „Hier, ich weiß es,“ fuhr Arthur fort:„hier be⸗ geifert Dich beleidigender Verdacht mit ſeinem Gift... Verſuche nicht, vor mir die feigen Angriffe der Bosheit zurück zu weißen, Du bedarfſt in meinen Augen keiner Rechtfertigung, denn indem ich Dich ſehe, richte ich Dich auch. Der Pöbel iſt in ſeinen Meinungen ſo dumm, als abgeſchmackt. Du ſcheinſt arm zu ſeyn, er verabſcheut e — Dich; Du biſt ſchön, er verläumdet Dich; Du biſt al⸗ lein, er hält Dich für verwieſen. Wenn Du bisher ohne Stütze warſt, ſo ſollſt Du es von nun an ſeyn. Dieſer Augenblick verändert Dein Leben, ſo wie er das meinige ſchon umgewandelt hat.“ Er ſprach's, und trotz ihres Widerſtandes zog er ſie an den hohlen Baum, aus deſſen Tiefe die heilige Madonna lächelte, und rief dort mit dem Ausdruck glühen⸗ der Schwärmerei:—„Mutter des Erlöſers und der Menſchen! Tröſterin der Betrübten! Vorbild göttlicher Tugend! vor Deinem heiligen Bilde ſchwöre ich, über das Leben der Fremden zu wachen, ihr Vertheidiger, ihr Führer, ihr Freund und Bruder, ihr alles zu ſeyn, was mir das reinſte edelſte Gefühl gebieten wird. Ich ſchwö⸗ 55 re. 17 „Nein, nein!“ unterbrach ihn die Fremde mit dem rührendſten Tone:„Heilige Jungfrau, verwirf ſeine Schwüre! Ich nehme ſeine Hülfe nicht an! Ich will keine menſchliche Hülfe, und vor allen die ſeinige am wenigſten.“ Ihre Züge waren gänzlich verändert. Ihr ſanfter reiner Blick, der vor wenig Augenblicken über alle menſch— liche Leidenſchaft erhaben ſchien, hatte jetzt den Ausdruck der Verwirrung, welche eine Glutſeele bezeichnet, die mit allen Stürmen und Kämpfen des Lebens vertraut iſt; ein finſteres Gewölke verdunkelte allmälig ihre Züge. „Was auch Dein Schickſal geweſen,“ fuhr Arthur 5 ee e ——— —— S — 56— fort:„was auch Dein Wille ſey, ich laſſe Dich nicht der menſchlichen ungerechtigkeit zum Spiel! Ich überwinde Deine Feinde.“ „Meine Feinde!“ ſagte die Fremde; und in fürch⸗ terliche Erinnerungen verſunken, ganz ihren düſtern Ge⸗ danken hingegeben, ſchien ſie den Zufall zu beſchwö⸗ ren. Jeder Augenblick vermehrte ihre Geiſtesverwir⸗ rung. „ Meine Feinde!“ wiederholte ſie:„Du willſt ſie kennen und mich an ihnen rächen; wohlan, greife die ganze Natur an: alles was dieſe Erde bewohnt, iſt ge⸗ gen mich verſchworen. Ich bin verbannt; die eiſerne Hand des Fluches ruht auf meinem Haupte, und mein Vaterland hat mich verworfen. Das unglück verfolgt mich; ich weiche von allen menſchlichen Wegen ab. Er⸗ ſcheine ich hier im Haine, ſo höret der Geſang der Vö⸗ gel aufz die Blumen, die meine Hand berührt, welken abz die Hirten, denen ich begegne, fliehen; betrachte ich die Sonne, ſo bedeckt ſie ſich mit Wolken; nur die Erde duldet mich noch, weil ſie mir ein Grab bereitet.“ Bei dieſer ſeltſamen Sprache ließ Arthur die Hand der Fremden, die er noch immer in der ſeinigen hielt, ſinken. Ein unwillkürlicher Schauder überlief ihn, und mühſam wand ſich der Athem aus ſeiner gepreßten Bruſt. Die Fremde ſah die Wirkung ihrer fürchterlichen — — — 57— Worte, und es herrſchte eine lange Stille; endlich kam ſie zu ſich ſelbſt zurück. Arthur, ermüdet durch den Weg, den er zurückge⸗ legt, und mehr noch durch den Wechſel ſeiner Gemüthsbe⸗ wegungen angegriffen, fühlte große Tropfen von ſeiner Stirne rinnen; ſeine Züge drückten tiefen Schmerz ausz die Fremde bemerkte es. Sie hob eine Schale von anti⸗ ker Form von dem Raſen auf, ſchöpfte aus dem Brun⸗ nen, und bot ſie dem Grafen mit friſchem Waſſer gefüllt dar, indem ſie mit ſanfter Stimme ſprach: „Du beklagſt mich, ich danke Dir; meine Reden mußten Dich überraſchen; das uebermaaß der Leiden ver⸗ wirrt den Geiſt. Ich habe alle Deine Anerbietungen ausgeſchlagen; zürne deshalb nicht auf mich, ich mußte es thun. Ich kann Dir nichts bieten, als ein wenig Waſſer aus dieſer Quelle, das iſt Alles, was ich hienieden beſitze. Die Sonnenhitze hat Dich ermüdet, nimm! ver⸗ ſage meine Bitte nicht. Ohne Bedenken und ohne Verbre⸗ chen darf ich, wie rie Tochter des Patriarchen dem dür⸗ ſtenden Wandrer, das Waſſer eines heiligen geſegneten Bodens anbieten.“ Ihre himmliſche Stimme, ihre ſanfte Bitte, ihr nun wieder ruhig gewordener Blick, warfen neue Unru⸗ he in alle Gedanken Arthurs. Raſch nahm er die Schale, und rief leidenſchaftlich:—„Ich bring' es dem ver⸗ führeriſchſten, dem unbegreiflichſten Weibe dar. Göttli⸗ — 358— cher Geiſt, oder gefallener Engel, gleichviel! gebiete über mich.“ Mit Entzücken leerte er die Schale, als wolle er von der Zauberfluth des Liebesborns trinken und, die Hand gegen Himmel hebend, ſagte er:—„Höre mei⸗ nen Schwurz magſt Du mich zu Deinem Ritter anneh⸗ men oder verwerfen, Fremde, Dein bin ich, ſo lang mein Leben währt.“ Ach! ein dumpfer Laut tönte aus der Tiefe des Hains. Ein weißer Schleier verſchwand zwiſchen dem Gebüſch, und der ſchmerzlichſte Seufzer ſchloß die ſeltſame Begegnung. Eine zerreißende Klage war die einzige Ant⸗ wort auf den ungeſtümen Erguß ritterlicher Zärtlichkeit. Die Fremde war verſchwunden. Arthur ſtand allein; ſeine Begeiſterung verſchwand, dem Nochdenken und der Ruhe weichend. Wer iſt die jugendliche Schöne, die ſein Blut bald erhitzt, vald zu Eis erſtarrt? die ſeinen Verſtand verwirrt, und ſeine Sinne bezaubert? Sie gleicht einer Wolke von himmliſcher Geſtaltz halb Licht und halb Finſterniß, ſcheint ſie das fantaſtiſche Spiel einer glühenden Einbildungskraft zu ſeyn. Aber die Schale die ſie ihm geboten, die er ge⸗ leert! aber dieſe melodiſche Stimme, die noch immer in ſeinen Ohren tönt!... Arthur! lege die Hand auf's Herz und fühle wie es ſchlägt! für dich gibt es keine Ru⸗ he mehr. 5 Langſam verließ er den Hain, mit ungewiſſem Schritt, in tiefe Träumerei verſunken. Wie ſehr fühlte er ſich verändert. Er, dem es bis jetzt unbegreiflich ge⸗ weſen, daß es möglich ſey, unter den Menſchentöchtern die zweifelhafte Blume zu lieben und zu bewundern, die ein unreiner Hauch berührt, die unter einem künſtlichen Glanz ihrer jungfräulichen Zierde beraubt war; er be⸗ wundert, er liebt vielleicht.. ein liſtiges Weib, eine ſchuldige verbannte Schöne. Entſetzliches Bild! furchtbarer Gedanke! Könnte er es über ſich gewinnen, die Fremde nicht wieder zu ſe⸗ hen! Möchte ſie für ihn verſchwunden ſeyn, wie einer je⸗ ner Vögel ohne Namen*) mit dem wunderbaren Gefieder, welchen der balſamgeſchwängerte Morgenwind von einer fernen Inſel in die Haine am Meeresufer trägt, der vor dem Wanderer unter Indiens glühendem Himmel er⸗ ſcheint, ſich verweilt, ſingt, ihn verblendet.. davon fliegt, und nicht wieder erſcheint. Arthur kehrte ins Schloß zurück, wo eine Menge Arbeiter beſchäftigt waren, den Schaden des vorigen Abends wieder herzuſtellen; er ſchritt durch ihre Reihen, und ſein Gemüth fühlte ſich in dieſem Augenblick durch die Prophezeihung des Gondeliers vor und nach der Feu⸗ ersbrunſt mächtig ergriffen. ũ— *) Man ſehe: Ftudes de la Nature Bernardin de Saint- Pierre. — 60— 4 5 Die Schloßbewohner, durch ſein langes Ausbleiben betroffen, erſchöpften ſich in eiteln Vermuthungen über die urſache ſeiner Abweſenheit. Der Schloßherr war be⸗ ſorgt; Olburg mißvergnügt, und Iſolette nachdenkend und traurig. Endlich erſchien der Graf. Alle Beſorgniß ver⸗ ſchwand, und das Geſicht der ſchönen Jungfrau von Mon— tolin prangte wieder in ſeinem gewöhnlichen Zauber. Iſolettens Vater hatte noch einige der geſtrigen Gäſte bei ſich. Der ausgezeichneteſte unter ihnen war der Abt von Sanct Irenäus, der, als Grundherr des benachbarten Gebiets, ungeheure Ländereien beſaß. Auch Waldburg war bei ihmz er wollte nicht nach ſeiner Woh— nung zurückkehren, ohne ſeinen neuen Freund nochmals geſprochen zu haben. Der Graf flog auf ihn zuz und ach! wie manches hätte er ihm zu vertrauen, dürfte er ſein Herz vor ihm erſchließen. Ueber ſeine lange Abweſenheit befragt, zögerte und ſtotterte Arthur, denn er verſtand weder zu lügen noch zu heucheln. Iſolette, ſeine Verwirrung bemerkend, ſuch⸗ te ihn zu zerſtreuen.—„Der Graf von Ravenſtel,“ ſagte die liebenswürdige Erbin,„kennt die Gegend noch nicht; er wird ſich jenſeits des Sees in den Hainen des Thals verirrt gehabt haben. Ich erſtaune um ſo weniger über ſeine lange Abweſenheit, da ich den Reiz unſrer reichen Natur kenne, und die Freude begreife, die er b 5 * 5 bei ihrem Anblick empfunden haben mag. Der Morgen iſt ſo heiter; die Wiederkehr des Frühlings, Aurorens Erwachen hat ſo viele Reize; das jenſeitige ufer iſt ſo ſchön, und die Stunden entſchwinden ſo ſchnell, wenn man am Rande klarer Quellen in des Waldes Stille die Natur bewundert. Wäre ich dieſen Morgen ausgegan⸗ gen,— fuhr ſie mit bezauberndem Lächeln fort— und geſchäftslos, ſo würdet Ihr wohl jetzt noch auf mich war⸗ ten müſſen.“ Wie reizend war Iſolette in dieſem Augenblick für den Grafen. Welche Grazie lag in der Art, womit ſie ihn vertheidigte; wie zart ſuchte ſie ihn aus ſeiner Verlegenheit zu reißen; und doch war Arthur gerade gegen ſie am ſchuldigſten; denn ſtatt daß der künftige Gemahl der Erſte ſeyn ſollte, welcher ſeine Huldigung zu ihren Füßen legte, war er mit der Morgenröthe ausgezogen, und hatte ſich fern von ihr vergeſſen, ohne den Wunſch, bald an ihrer Seite zu weilen. Welche Gleichgiltigkeit! und doch iſt es Iſolette, die ihn rechtfertigt. Ach! das Weib, welches ſo ſchnell verzeiht, iſt ja ſchon unſrer vollen Liebe werth. „Wo haben Euch Eure Schritte hingeführt?“ ſag⸗ te der Schloßherr mit kaltem Tone. Noch nie hatte der Graf eine Lüge ausgeſprochenz ſeine offne Redlichkeit erlaubte ihm keine umwege. — 62— „Ich komme von dem Brunnen der Madonna,“ antwortete er. Olburgs Stirne ward kraus.„Ohne Zweifel habt Ihr Euch der Wohnung der Fremden genähert. Arthur, habt Ihr dieß Weib geſehen?„ Dieſe Frage ward mit einem gewiſſen feierlichem Ernſte gethan. Arthur erwiderte ſogleich: 3 „Die Fremde! ja, ich habe ſie geſehen.“ „Alſo,“ fuhr Olburg mit finſterm Spott fort: „alſo habt Ihr der in der öffentlichen Meinung verlor⸗ nen Tochter, dem Gegenſtand der Verachtung, bei Euerm Eintritt in die Welt, bei Eurer Erſcheinung an dieſem ufer, die Ehre Euers erſten Beſuches dargebracht.“ Welche Beſchämung lag für Arthur in dem Ver⸗ weiß, den er öffentlich von ſeinem Führer erhielt! Er ward wechſelweiſe roth und bleich, und dennoch gelang es ihm, ſich zu bezähmen. Gewöhnt, den Leiter ſeiner Ju⸗ gend zu ehren, ließ er ſeinen Zorn nicht ausbrechenz aber ihm ſelbſt unbewußt zitterten ſeine Lippen, und in dem Feuer ſeiner Blicke, in ſeinem Schweigen, in ſeiner Un⸗ veweglichkeit, ſpiegelte ſich ſein Zorn. Iſolette fühlte was Arthur leiden mußte. Sie fühl⸗ te, wie ſehr die Strenge ſeines Lehrers in dieſem Augen⸗ blick ſeinen Stolz beleidigt hatte, und nahm das Wort: „Strenger Richter,“ ſprach ſie ſcherzend zu Olburg:„welch groß Verbrechen iſt es denn, wenn man luſtwandelnd ein Mädchen des Cantons erblickt! Muß man denn jedes Mal die Augen ſchließen, wenn man nicht gerade einem unſchul⸗ digen Täufling, oder einer reinen fleckenloſen Tugend be⸗ gegnet? Dann wehe den Sterblichen, denen Blindheit verſagt iſt! wie oft wären ſie genöthigt die Augen zu ſchließen. Zu welcher Nacht verdammt Ihr uns! Verzeiht meine Bemerkung, Herr; aber indem man ſich Eurer Vorſchrift fügt, wäre es dann wohl erlaubt Euch anzu⸗ ſehn?*“ Dieſer beißende Scherz nöthigte allen ein lautes Lachen ab; ſelbſt der Prior lächelte. O! um wie viel ſchöner war Iſolette in Arthurs Augen geworden. „Die Fremde,“ ſagte der Prior von Sanct Ire⸗ näus,„iſt, wie man ſagt, von ihrem Vaterland und ihrer Familie verſtoßen; ſie muß ſich großer Vergehungen ſchuldig gemacht haben, um ſich eine ſo ſchreckliche Strafe zugezogen zu haben. Ich rathe Niemanden, dieſe elende Verworfene mit ſeinem Schutze zu beehren.“ „Würdiger Abt!“ erwiderte Iſolette:„die junge unbekannte des Thals kann wohl ſchuldig geweſen ſeyn, aber vielleicht bereut ſie jetzt. Sie iſt demüthig, einfach und beſcheiden, ſie thut im Stillen Gutes, und man ſieht ſie oft beten. Ihre Aufführung in ihrer ſtillen Hütte iſt vorwurfsfrei. Gott ſagte nicht zu ſeinen Hirten: Flieht das verirrte Schaf. Seine Worte heißen im Gegen⸗ theil; Führetes zur Heerde zurück.“ — 64— — „Und wer beweiſt Euch denn,“ fuhr ſie fort, „daß die Fremde wirklich ſchuldig iſt? vielleicht iſt ſie nur unglücklich, und jene ſind die Schuldigen, die ſie von ſich ſtoßen und verläumden. Gern würde ich, was auch ihr Geſchick geweſen, ob ſie gefehlt oder nicht⸗ ihr Troſt und Hülfe in ihre Hütte bringen, wenn ich ſie dadurch dem Glücke wiedergeben könnte; denn der ſchönſte der göttlichen Geiſter iſt der Engel der Barmherzigkeit.* Sie ſprach's, und war nicht mehr die glänzende Syrene beim Sieges- und Freudengeſang, ſondern die wohlthätige Jungfrau mit der Sprache der Empfindung⸗ Arthur näherte ſich ihr und drückte ſanft ihre Hand. Wie ſollte er auch Iſoletten nicht lieben! „Ritter!“ ſprach der Herr von Montolin, ſich ge⸗ gen ſeine edlen Freunde kehrend:„die projectirte Jagd wird morgen ſtatt haben: wir werden uns alle jenſeits des Sees zu Pferde, bei dem Felſen von Fontaril verſam⸗ meln, und den Grafen von Ravenſtel zugleich die ſchön⸗ ſten Punkte unſrer Gegend, und die Freuden unſrer Jagd kennen lehren.* Iſolette neigte ſich zu Arthur.—„§ch werde Euch begleiten,“ ſprach ſie mit leiſer Stimme:„und wenn der Genuß, ein leidendes Herz zu tröſten, mächtiger vei Euch iſt, als die Freude einen Hirſch zu tödten, ſo beſuchen wir beide im Geheim die Hütte der armen Frem⸗ 25 5 „Ja, wir gehen zuſammen,“ rief Arthur entzückt: „Ihr ſeyd ein Engel!“ und in dieſem Augenblicke ward die Fremde in Arthurs Sen durch Iſoletten verdunkelt. tes B uſch. Es gibt ein Weh, das fremden Troſt nicht duldet, und einen Schmerz, den ſanft die Zeit nicht heilt. Wech eine zahlreiche glänzende Verſammlung erſchien vor Sonnenaufgang an dem See von Montolin!... Wie viele edle Roſſe mit reichgeſtickten Decken geziert, ſtampf⸗ ſ. ten ungeduldig mit ihren Hufen die Erde. Wie viele Ritter mit wehenden Federn auf den Barets und Helmen, grüßten die wiederkehrende Morgenröthe. Das Horn er⸗ ſchallte im Wald, vermiſcht mit dem Wiehern der Pfer⸗ de, und das ferne Geſchrei der Jagdhunde antwortete dem Ruf der Jagdritter; welch ein lachendes Bild der Unord⸗ nung! Hier ein übelverſtandner Ruf, dort mürriſche un⸗ gedult; auf einer Seite erzürnte Stimmen, auf der an⸗ dern lautes Gelächter; Hundegebell, Hörnerklang, Flü⸗ che und Streit wechſelten mit einander ab; welche Luſt! —— welch ein freudigverwirrtes Chaos!.. Es war der Ab⸗ zug der Jagd. Gleich wie ein junges Feuerherz ſich nach und nach ſeinen Wünſchen überläßt, ſo entflammte ſich der Oſten und ſtand endlich in voller Glut. Der Wind bewegte den Azur des Sees ſchneller und alle Gegenſtände, welche ihn umgaben, Felſen, Bäume, Hütten und Schlöſſer, ſich in ſeinen Fluthen malend, ſchienen ſich zu beleben und zu bewegen. Zwiſchen zwei Bergen, die in der Ferne ein erhabenes Portal bildeten, erſchien die Königin des Tages am Horizont, als träte ſie aus der Tiefe eines Tempels, und breitete ihren Feuermantel am Himmel aus. Die Göttin ſüßer Düfte, durch die Geliebte des Cephalus erweckt, erhebt ſich von ihrem Blumenthron, durch Weihrauch⸗Wolken getragen, welche ihre Verehrer ihr darbringen. Alles iſt Freude, Wunder und Feier am ufer des See's von Montolin. Die lebhafte Iſolette, der ſchönen Atalante in der Nitte der Helden von Achaia gleichend, ſprengte an der Spitze der jungen Jäger luſtig in den Wald. Eine Satteldecke von Goldſtoff mit reichen Steinen verziert, bedeckte ihr ſchwarzes Pferd, leicht wie der Araber der Vüſte. Von einer Menge Bewunderer umringt, jeden anhörend, allen zulächelnd, den Bogen in der Hand, den öcher um die Schultern hängend, ließ die Diana von Montolin die Jäger alles vergeſſen; denn wenn ihre 3 5* ſanfte Stimme ſie feſſelte, ſo rief der Ton der Hörner ſie vergebens herbei. Der Graf von Ravenſtel hielt ſich in der Ferne. Er folgte ihr, beobachtete ſie und ſchwieg. Sie war al⸗ lerdings anziehendz aber ihr nie ruhender Geiſt, ihre heitern treffenden Antworten, bekümmerten und blendeten ihn zugleich. Dieſe kindliche Fröhlichkeit, dieß anſchei⸗ nende Bedürfniß der Huldigungen, dieſer Wunſch zu ge⸗ fallen, entfernten ihn von ihr, indem ſie ihn zugleich mit Betrübniß erfüllten. Er verließ den Haufen der Schmeichler, den ſie nach ſich zog und geſellte ſich zu Waldburg, und beide tauſch⸗ ten ferne von dem Getümmel, manche herzliche Freund⸗ ſchaftsverſicherung aus. Süße Freundſchaft, Schweſter der Tugenden! Du allein verſteheſt das Leben zu verſchönern, ohne es zu⸗ gleich mit Stürmen zu erfüllen. Dein Zauber iſt dem der Liebe zu vergleichen, aber frei von ihrer Sinnlichkeit;z du gibſt nichts, du theileſt; deine Strahlen erwärmen ohne zu verſengen; deine Stimme leitet ohne zu Verir⸗ rungen zu führen. Die Schönheit iſt eine Begünſtigung der Natur; der Ruhm ein Geſchenk des Glückes, aber die Freundſchaft allein iſt eine Gabe des Himmels. Der Baron Waldburg war über die Jünglingsjahre hinaus. Seine Figur war hoch und faſt über die gewöhn⸗ liche Größe erhaben, ſein Gang ſtolz, ſein Auge voll — Feuer, und es war leicht zu bemerken, daß er ehedem gewöhnt war, im Umgange mit Menſchen Befehle zu er⸗ theilen. Die Gewohnheit des Herrſchens war ſo ſehr in ſeiner Sprache und in ſeinen Handlungen zu bemerken, daß er zu befehlen ſchien, wenn er bat, und zu ſiegen⸗ wenn er ſich ergab. Lebhaft und beſonnen zugleich, handelte und berechnete er mit derſelben Geſchicklich⸗ keit; auf einem Throne würde er die belebende Gewalt großer Seelen gehabt haben, welche, ohne Widerſtand zu finden, den Menſchen gebieten ſich zu erheben, den Jahrhunderten vorwärts zu ſchreiten, den Begebenheiten ſich zu entwickeln, und den Beſtimmungen ſich zu erfüllen⸗ Arthur war ſtolz, ſo jung und ſo wenig gekannt von den Großen dieſer Erde, ſich das Herz eines Man⸗ nes gewonnen zu haben, um deſſen Wohlwollen alle Mächtigen der umgegend ſich vergebens bemüht hatten. Mit welcher Aufmerkſamkeit hörte er ihm zu, mit welcher Wärme ſprach er mit ihm! Er fühlte ſich beſſer, über ſich ſelbſt erhaben, indem er ſeine Meinungen vor ihm entwickelte. Ohne einen wahren Freund, vor dem der Menſch ſein Herz erſchließen kann, erſticken ſeine unaus⸗ gebildeten Gedanken ohne Leben ſchon in ihrem Keime. Das Gefühl bedarf der Worte, wie ſehr es ſich auch im Schweigen gefällt. Die Empfindungen läutern ſich, und die Ideen werden fruchtbarer, indem man ſie gegeneinan⸗ der austauſcht. Wenn ſich ein Herz ganz begreifen ſoll, — 5 dann muß es von einem andern Herzen verſtanden wer⸗ den. In der Freundſchaft wie in der Liebe, ſind zwei Weſen zum Glücke erforderlich. Waldburg hatte ſich ein tiefes Schweigen über ſeine frühere Lebenszeit auferlegt; auch deckte ein dichter Schlei⸗ er ſein vergangenes Schickſal. Dennoch rühmte die all⸗ gemeine Stimme ſeine Kriegsthaten und die wichtigen Dienſte, welche er der Krone Frankreichs geleiſtet haben ſollte; aber wo? unter welchem Namen? zu welcher Zeit? Dieß Geheimniß war undurchdringlich. Arthurs unbefangenheit, ſeine redliche Aufrichtig⸗ keit feſſelten den berühmten Mann an ihn. Ihre Herzen waren für einander geſchaffen; beide waren gleich eifrig für das Gute beſeelt, beide beſaßen den nämlichen Muth, beiden war dieſelbe ritterliche Tugend eigen. Es fehlte dem Baron Waldburg, um dem Grafen völlig ähnlich zu ſeyn, nichts als deſſen Jugend, deſſen Begeiſterung, deſſen Aufrichtigkeit und leidenſchaftliche Glut. Er mogte ſie wohl einſt beſeſſen haben, aber das unglück hatte bei ihm längſt die Flamme ſeines Geiſtes ausgelöſcht, und die Kraft ſeiner Phantaſie gehemmt. Er fühlte vielleicht noch wie Arthur, aber er ſchwieg und verbarg ſeine Geheimniſſe unter einer Eisrinde. Zu einer hohen Wür⸗ de beſtimmt, war er gewöhnt die Charaktere anderer zu ſtudieren, ohne ſich durchſchauen zu laſſen. Die geſell⸗ ſchaftliche Welt, die trügende tyranniſche Rieſin, mit dem Geſetzbuch der Vorurtheile und des Betrugs bewaff⸗ net, hatte ihn, als ſie ihn unter ihre Schüler reihte, nach ihren Gebräuchen geformt, nach ihrem Willen gelei⸗ tet und ihren Regeln unterworfen. Die beiden Freunde vergaßen der Jagd in der Tiefe des Waldes. Schon verlor ſich der Klang der Hörner, der Hufſchlag der Pferde, und das Gebell der Hunde in der Ferne. Der ſanften Ergießung einer entſtehenden Nei⸗ gung ganz hingegeben, ließ ſich Arthur von dem edeln Krieger einige Schlachten erzählen, in welchen dieſer ſeine Jugend verherrlicht hatte. Sein Herz ſchlug, ſein Auge flammte bei der Beſchreibung. Die erhabenen Namen Philipp⸗Auguſts, Richard Löwenherz, Luſignan, Soala⸗ din, tönten in ſeine Ohren gleich Vorwürfen über ſeine unthätigkeit. Waldburg hatte mit den ausgezeichneteſten Männern ſeiner Zeit den ruhmvollſten Begebenheiten ſeines Jahrhunderts beigewohnt; in Paläſtina und in Frankreich hatte er auf dem Felde des Ruhmes blutige Lorbeern eingeärndet. Er ſchilderte die neuſten Thaten der Helden aller Nationen, nur über die ſeinigen ſchwieg er beſcheiden ſtill. —„Glücklich,“ rief Arthur mit Lebhaftigkeit: „glücklich wer wie Ihr, unter dem Panier des Sieges, ſeinem Gott, ſeinem Fürſten und ſeinem Vaterlande die⸗ nen konnte! Der Ruhm....* „Ach! unterbrach ihn der Ritter mit halb unter⸗ — 72— drückter Bitterkeit:„der erſte Zauber, der Ruhm, zer⸗ ſtört in der Tiefe des Herzens das erſte der Güter, den Frieden. Der Ruhm, lieber Arthur, gleicht einem Kreis auf der Fluth, der nur darum aufhört ſich zu er⸗ weitern und zu verbreiten, um ſich zu verlieren und zu verſchwinden. Der berühmte Menſch, der ſich nur rüh⸗ men kann geglänzt zu haben, iſt der ſterbenden Glut ei⸗ nes Wachtfeuers zu vergleichen, welches einſam und ver⸗ achtet verliſcht, wie große Dienſte es auch geleiſtet, wäh⸗ rend im Lager der folgenden Nacht, Anführer und Kriegs⸗ knechte ſich haufenweiß um das neuentzündete Feuer drängen.* „Ohne Zweifel,« erwiderte Arthur:„war das Schickſal ungerecht gegen Euch, und Philipp⸗Auguſt hat vielleicht. ee Er hielt inne; finſtre unzufriedenheit malte ſich in den Zügen des Barons. Wer die Geheimniſſe ſeines Lebens zu durchdringen ſuchte, beleidigte ihn. „Jüngling,* ſprach er mit ſtrengem Tone:„wenn Euch wirklich an meinem Wohlwollen gelegen iſt, ſo eh⸗ ret meine Geheimniſſe. —„Alſo, entgegnete Arthur ſchmerzlich:„wer⸗ de ich nie der Vertraute Euers Kummers werden; und Ihr ſprecht von Wohlwollen.... Ach, wenn ich Euerm Kummer fremd bleibe, ſo werde ich es auch ewig Euerm 5 Herzen ſeyn. Zurückhaltung verletzt die Freundſchaft, Nißtrauen tödtet ſie.“ Der rührende Ausdruck in Arthurs Zügen hatte den Ritter faſt entwaffnet. Der Graf ſah ihn erweicht.— „Waldburg,“ fuhr er dringend fort:„werdet Ihr mir zu keiner Zeit, an keinem Ort Eure Seele aufſchließen?“ Waldburg wandte das Haupt weg.—„Arthur, für jeden Andern würde meine Antwort heißen: Nie⸗ mals; Euch ſage ich: Jetzt noch nicht.“ Lärmender Hörnerklang unterbrach ihre unterhal⸗ tung. Der von den Jägern verfolste Hirſch flüchtete in die Gegend, wo ſich die Freunde befandenz das Horn er⸗ ſchallte; die Pferde flogen, und vald erſchien zwiſchen den Bäumen, von einem zahlreichen Gefolge umringt, Iſolette, ſtrahlend von Freude und Luſt. Heiterkeit ſprach aus allen Zügen der grazienhaf⸗ ten Amazone. Ihren wilden Renner künſtlich leitend, glitt ſie durch das junge Hols, ſetzte über Hecken, und klomm Felſen empor ohne Verlegenheit und Furcht. Ihr ſchwarzes Haar hatte den Glanz des ſchwarzen Agats, der eben aus der Hand des Steinſchneiders kömmtz ihr Blick war ein Feuerſtrahl, und ihre Wangen waren dem Alpen⸗ ſchnee zu vergleichen, den die untergehende Sonne mit röthlichen Gluten malt. Sie ſprengte an Arthur heran.—„Junger Philo⸗ ſoph,“ hob ſie an:„laßt Eure finſtern Träumereien; es wäre möglich, daß Euch in dieſem Augenblick Gefahr droht, wovor ich Euch warnen muß. Hier iſt offne Feh⸗ de, und ich habe geſchworen, ohne Mitleid alle wilden Bewohner dieſes Waldes zu verfolgen.“ und ſchon ſprengte die Jägerin in die Tiefe des Waldes. Der Graf eilte ihr nach, und holte ſie bald ein. „Nehmt dieſen Weg,“ ſagte ſie zu den Jägern, über die ſie nach Gefallen gebot:„in wenig Minuten bin ich wie⸗ der bei euch.“ Dann Arthur ein Zeichen gebend, ſchlug ſie den entgegengeſetzten Weg ein, und war bald ihren Blicken entſchwunden. Der Graf war mit ſeiner ſchönen Gefährtin allein. „Hier iſt der Hirſch nicht,“ ſagte Arthur, die Stille unterbrechend:„Was Ihr ſucht..* „Iſt bereits gefunden,“ unterbrach Iſolette la⸗ chend, indem ſie ihr Pferd anhielt:„die Einſamkeit, einen Weiſen, und den Frieden.“ „Aber Ihr wolltet jagen 2* „Meine Begleiter; und dem Himmel ſey Dank, ich habe es gethan.“ „ Alſo einzig um meinetwillen 2 „Ei was,“ ſagte die muthwillige Jungfrau:„iſt es nicht genug, daß ich es Euch zu verſtehen gab? muß ich es Euch auch noch deutlich ſagen?“ „— Liebenswürdige Freundin!“ 55 M „Ei, ich habe auch Anſprüche auf einige ſüße Wor⸗ te? Dieß iſt unſre erſte geheime unterhaltung; ich habe das Verdienſt, ſie begonnen zu haben, und Ihr ſeyd mir mindeſtens den Dank dafür ſchuldig.“ „Bezaubernde Iſolette!“ „Iſt das alles? ich würdige Euern Lakonismus, denn man pflegt zu ſagen: der leichteſte Weihrauch ſey der reinſte. Eure Schmeicheleien ſind ſehr werthvoll, denn ſie ſind ſo kurz und ſo ſelten!„„ Ich muß ſie ſammeln, das Werk wird aber nicht ſehr ſtart werden.“ Jetzt ſahen ſie in der Ferne den Prior von Sanct Irenäus kommen.—„Laßt uns dem Abt ausweichen,“ ſagte Arthur:„dieſer Menſch iſt mir unerträglich.“ „Ihr habt unrecht,“ erwiderte Iſolette mit groſ⸗ ſem Ernſt:„Ihr habt ihn übel beurtheilt. Der Prior iſt der ehrwürdigſte der Menſchen. Von hoher Geburt, iſt er eben ſo anſpruchlos als edel; er beſaß bei Hofe viele Jahre lang die beſondere Gunſt Philipp⸗Auguſts und genoß alle Auszeichnungen. Ein demüthiger Jünger des Evangeliums, hat er die Klippe der Größe gefürchtet und, weit entfernt durch ſeine Stellung verblendet zu wer⸗ den, warf er den weltlichen Glanz von ſich, und begrub ſich aus freier Wahl in das Kloſter Sanct Irenäus. Der ganze Canton liebt und bewundert ihn. Aber— fuhr ſie fort— wer könnte denn Euch hienieden gefallen?“ „Wer mir gefallen könnte?... Ihr!“ „Nun, das nenne ich endlich Galanterie.“ „Und warum nicht lieber Gefühl?„ Die Frage blieb ohne Antwort; der Prior grüßte ſie und geſellte ſich zu ihnen. Jetzt hatten ſie den Ausgang des Waldes erreicht; in der Ferne erblickte Arthur das weiße Häuschen der Fremden, und Iſolette, ſeine Gedanken errathend, ſagte: „Der Morgeninbiß erwartet uns auf dem Kreuzweg des Waldes, wir müſſen uns ſogleich dahin begeben.“ Dann ſetzte ſie mit leiſerem Tone hinzu:„Arthur, ſobald die Mahlzeit eingenommen iſt, begeben wir uns zuſammen zu der Fremden.« Und ihrem Pferde die Sporen gebend, war ſie bald in dem im Walde aufgeſchlagenen Zelte, an der Seite ihres Vaters. Der Prior begleitete ſie, aber Arthur blieb zurück. Das Bild der Fremden, mit allem ſeinem Zauber und ſeinem Reiz, hatte ſich ſeiner ganzen Seele bemächtigt. Er fürchtete, Iſolettens Anblick und unvermutheter Beſuch möchte ſie beunruhigen und betrüben; er beſorgte, die unbekannte möchte einen neugierigen Wunſch darin erken⸗ nen, ihre Abſicht übel deuten, und ihr Entgegenkommen nicht gut aufnehmen. Er wünſchte, die Erbin des Schloſ⸗ ſes möchte gleich ihm von der Verbannten des Thals bezaubert werden, und eine zärtliche Theilnahme ihre Seele zu ihren Gunſten bewegen. Zu dieſem Zwecke woll⸗ te er ſie von Iſolettens Vorhaben unterrichten und lenkte, ohne weitere ueberlegung, ſein Roß nach der Hütte der Fremden. In dieſem Augenblick war jedes trübe Bild aus ſeinen Gedanken verſchwunden, alles lachte ihn an; leich⸗ ter trug er das Leben, und ferne von ihm war jeder ſchwarze Verdacht gegen die Fremde. Er gedachte des Berichts, den ihm der alte Krieger im Wald gegeben, und ſie ſtand mit einem Heiligenſchein verklärt vor ihm. Ohne daß er noch verſucht, ſich ihrer zu erwehren, war ſchon ſein Herz mit heißer Liebesglut erfüllt, die keine Macht zu überwinden vermag. Denn ſie hat ſchon geſiegt, bevor noch Jemand an den Kampf gedacht; und der Ueberwun⸗ dene verſucht ſeine Kräfte erſt dann, wenn er ſie längſt verloren hat. Arthur band ſein Pferd an eine ulme vor der Hütte; mit ängſtlichem Schritte trat er näher; die Thüre war offen, er trat hinein. Das erſte Zimmer war öde, mit wenig einfachem Geräthe ausgeſchmückt. Mit bebender Hand öffnete er eine zweite Thüre, und betrat ein klei⸗ nes Gemach, deſſen einziges Fenſter die Ausſicht auf den See geſtattete; es war nur matt erhellt, und glich einer ſtillen Betkapelle. Ein Kruzifir mit Heiligenbildern um⸗ ringt, ſtand im Hintergrund auf einem kleinen Altar. Gegenüber war ein Betſchemel angebracht, worauf eine aufgeſchlagene Bibel nebſt mehren Erbauungsbüchern ſchlotternden Saiten. Arthur näherte ſich dem verſchmähten Inſtrument. Ein in der offnen Schublade eines Tiſches liegendes Ge⸗ mälde bot ſich ſeinen Blicken dar: O Himmel! welch be⸗ zauberndes Bild! Es ſind die Züge der Fremden.„ Aber welche prachtvolle Kleidung? Ihr Schmuck und ihr Putz verkünden eine Fürſtin... Was war einſt auf die Einfaſſung geſchrieben? Eine Hand hatte die Schrift verlöſcht, und ein angenommner Name den wirklichen er⸗ ſetzt. Dieſer einfache Name hieß Alais. Dieß alſo iſt der einzige, den ſie von nun an führen wird. Ein Papier, welches zu Arthurs Füßen lag, feſſelte ſeine Aufmerkſamkeit; es ſchien den Saiten der Lyra ent⸗ fallen zu ſeyn. Er entfaltete es, und las ein klagendes Lied, welches die Fremde oft in ihrer Einſamkeit geſun⸗ gen haben mochte. Arthur war, nachdem er geleſen, tief erſchüttert. Iſolettens Triumphgeſang im Caſtel, der mit lauten Hul⸗ digungen belohnt ward, war noch vor dem Ende des Fe⸗ ſtes faſt ganz aus ſeinem Gedächtniß verſchwunden. Aber Alais einfache Romanze grub ſich tief in ſein Herz. Er betrachtete von neuem das Bild der Fremden. Sie war in einem Alter von etwa fünfzehn Jahren dar⸗ geſtellt. Der Glanz der ſie umringte, deutete auf eine erhabene Geburt. So gab es denn eine Zeit, wo Glück lag; und weiter oben an der Wand hing eine Lyra mit t — und Natur ſie mit ihren vereinten Gaben überſchütteten. Ihre Züge, obgleich noch nicht völlig ausgebildet, ver⸗ einigten mit der züchtigſten unſchuld allen Reiz, den die Liebe verbreitet; ihre Macht war unwiderſtehlich. Der Pinſel des Genius konnte in einer Stunde der Weihe nichts göttlicheres erfinden, um den Menſchen einen Be⸗ griff von der himmliſchen Jungfrau beizubringen. Ein leichtes Geräuſch erweckte den Grafen aus ſei⸗ nen tiefen Träumen. O Ueberraſchung!„ Die Frem⸗ de ſtand allein und unbeweglich vor ihm. Sie war ſchwarz gekleidet, wodurch die blendende Weiße ihrer Haut noch um vieles erhöht ward. Der Azur eines klaren Baches, in welchem ſich ein ſchöner Tag ſpiegelt, hat weniger Reiz und Sanftmuth als das göttliche Blau ihrer Augen.— „Entſchuldige mich,“ ſagte Arthur nicht ohne Verlegen⸗ heit:„daß ich ſo kühn in Deine Wohnung eindrang; we⸗ der Neugierde noch unbeſcheidenheit, kein Gefühl, das Dich beleidigen könnte, führt mich zu Dir. O wolle mich anhören und verſtehen. „unglücklicher! was verlangſt Du!„ derte die Fremde mit einer Stimme, deren rührender Ton ſchon einen Vorwurf zu enthalten ſchien:„welch ein un⸗ ſeliger Gedanke führt Dich zu mir? Hier iſt die Wohnung der Trauer. Hier findeſt Du den Kummer; das unglück empfüngt Dich; und nur Thränen nimmſt Du mit zurück.* „Und vermag kein Herz, das Dir entgegenſchlägt, * erwi⸗ Deinen Kummer zu lindern, das unglück zu verjagen, und Deine Thränen zu trocknen?. „Nein, niemals; keine menſchliche Gewalt kann meine Leiden mildern.“ „Aber Du biſt einſt glücklich geweſen?“ Bei dieſer Frage veränderte das Geſicht der Frem⸗ den ſeinen Ausdruck gänzlich. Die Erinnerung bedrängte ſie ſchmerzlich, und dieſelbe Geiſtesverwirrung, welche ſich ihrer bei der erſten Unterredung mit Arthur bemächtigt hatte, entſtellte jetzt wieder ihre Züge. „Einſt glücklich geweſen!„„ erwiderte ſie: „Ach! ich war es nur zu ſehr. Alle Schätze der Natur, alle Gaben des Glücks, alle Freuden der Jugend habe ich auf Erden beſeſſen; aber die Wolken der Luſt und Liebe vertheilend, die mich umringten, zertrümmerte das durch die Furien erweckte Geſpenſt des Verhängniſſes den Tem⸗ pel, in welchem ich verehrt ward, verwandelte den Weihrauch in giftige Dünſte, vertrocknete die Blumen auf meiner Stirne und, die ſtolze Pflanze knickend, warf es ſie entblättert, weit von ihrem Stiele auf fremden Boden.“ Nach dieſen Worten blieb ſie mit geſenktem Haup⸗ te, gleichſam der Laſt ihrer ſchmerzlichen Empfindungen erliegend, lautlos vor ihm ſtehen. Doch plötzlich die Stir⸗ ne wieder erhebend, fuhr ſie mit ruhiger Sanftmuth fort: 55 „Arthur!„beklage mich, Du kannſt es 5 5 ich willige ein; aber ſuche nicht mehr mich wieder zu ſehen.“ Sie ſprach's, und ihr ausdrucksvoller Ton, der Na⸗ me Arthur, der zum erſten Male über ihre Lippen ging, ihre einfache rührende Bitte, ihr zärtlich klagender Blick, goſſen in Ravenſtels Herz den ſüßen Liebestrank der Feen, dem kein Ritter zu widerſtehen vermogte. Von dem leb⸗ hafteſten Mitgefühl durchdrungen, vom heißeſten Feuer verzehrt, konnte er den Flammentrieb ſeiner Seele nicht länger mehr bändigen. „Schöne unglückliche!“ rief er aus:„warum an dem Schickſal verzweifeln! Es kann eine Morgenröthe trübe ſeyn, und ihr dennoch der ſchönſte Tag folgen; Du haſt mich zuvor nicht zurück gewieſen, jetzt kannſt Du es nicht mehr. Du bedarfſt eines kräftigen Armes zu Deiner Stütze, eines Herzens, das Dich liebt, eines Vormun⸗ des, der Dich vertheidigt. Ich laſſe nicht von Dir, und, Dich mit allen meinen geiſtigen und körperlichen Kräften ſtützend, werde ich Dich vor Dir ſelber retten. Der Him⸗ mel ſchickt mich Dir zu Hülfe... Eine gegenſeitige Sympathie, ein unwillkürlicher Drang, eine unwider⸗ ſtehliche Macht hat uns einander nahe gebracht. Ich habe es geſchworen, ich bin Dein. Der Engel Deiner erſten ſchönen Tage hat Dich nur auf wenig Augenblicke verlaſſen; er kehrt zurück, er bringt Dir Arthur.“ „Großer Gott!“ ſagte die Fremde gerührt und von 6 ihren Thränen faſt erſtickt:„ ſo gibt es doch noch ein Herz auf der Welt, welches Theil nimmt an mir! ſo kann ich doch noch andre Thränen als die der Verzweif⸗ lung vergießen!.. Arthur! Du bieteſt Dich mir als Stütze an; wenn ich aber von den Menſchen verworfen, des Mitleids unwürdig wäre; wenn verbrecheriſche Ver⸗ irrungen mein Leben entehrt hätten; was würdeſt Du thun? was würdeſt Du ſagen?“ „Dann würde ich Dir dennoch die helfende Hand reichen, ich würde Dir dennoch ſagen: Ich liebe Dich.“ und dieſe Worte, durch die Liebe in den Mund gelegt, wurden mit der ganzen unbedachtſamkeit der Be⸗ geiſterung ausgeſprochen. Alais bedeckte ſich das Geſicht; ſie ſuchte ihre tiefe Bewegung zu verbergen.—„Großmüthiger, gefühlvol⸗ ler Arthur,“ ſagte ſie:„wie ſehr verdienſt Du glücklich zu ſeyn. Ach! warum mußteſt Du mich auf Deinem Wege treffen!“ und bleich wie die Blüthe des Achantus*), welche am Abend vorher zum Baumſtamm herab fiel, blickte ſie zum Himmel empor, und fuhr mit klagender Stimme fort: „Gerechter Gott! ſtrafe ihn nicht, weil er mich geliebt! der Unerfahrene konnte mich nicht kennen. Ver⸗ *) Eine Art Weißdorn⸗ fe 8 8* he ſie ne 7 gib ihm einen Augenblick der Verirrung! er weiß nicht, der Unglückliche, daß meine Nähe, die ſonſt nur Wohl⸗ thaten brachte, jetzt Unheil verkündigt. Gieße deinen Zorn nicht über ihn aus: ohne es zu wollen, hat er dich beleidigt; ich allein verdiene deine Strafe, ich allein bin ſchuldig! aber er!. Welche Schreckensworte für Arthur. Der Augenblick der Trunkenheit war vorüber; die Vernunft trat wieder in ihre Rechte. Sein Herz, wie in eiſerne Klam⸗ mern gezwängt, ſchlug kaum; ſein Athem war gehemmt und ſeine Kniee zitterten; mit leiſer Stimme erwiderte etit „ So iſt es denn nur zu wahr.„ Ihyr geſteht es ſelbſt; das öffentliche Gerücht hat nicht gelogen. Irgend ein treuloſer Verführer, irgend eine geſetzwidrige Liebe hat Euch der unſchuld entriſſen; und verbannt, umher⸗ irrend, geſunken. Alais bebte bei dieſen Worten, und ihn mit Feuer unterbrechend, durch ein unwillkürliches Gefühl dahin⸗ geriſſen, wiederholte ſie: „Geſunken! O, um alle Güter des Erdballs hätte ich dieß Wort nicht zu Dir geſagt, und wenn mir die ganze Welt zugerufen hätte: Er hat es verdientz nein, weder ein treuloſer Verführer, noch eine geſetzwid⸗ rige Neigung hat mein Leben befleckt. Arthur, entferne Dich aus meinen Augen.“ 6* Des Grafen Blut fing an, wieder freier in ſeinen Adern zu fließen. Der Ausruf des Abſcheues der Frem⸗ t den, ihr wahrheitvoller Ton, der edle Stolz ihrer Hal⸗ 1 tung, hatten ſeinen Gedanken eine andere Richtung ge⸗ geben, hatten alle ſeine Befürchtungen verſcheucht. In der ſüßen Trunkenheit des erſten Liebegefühls warf er ſich mit der ungezügelten Glut ſeiner Leidenſchaft vor ihr nieder. „Gnade, göttliches Geſchöpf!e rief er, die Hände flehend zu ihr empor hebend, aus:„Ich habe an deiner Tugend gezweifelt, aber ſieh meine Reue und vergib. Künftig werde ich nur meinem Herzen Gehör geben, nur Gutes von Dir glauben, nur der Liebe gehorchen... Ja, die Liebe. Erſchrick nicht bei dieſem Worte; es iſt geſchehen, ich habe es ausgeſprochen. O wie ſehr hat es meine Seele erleichtert!... Keine Laſten drücken mich mehr.“ Arthur ſchien ſie bei dieſen leidenſchaftlichen Worten mit ſeinen Blcken zu verſchlingen. Alais bebte zitternd vor ſeinen Liebesworten, wie vor einem vergifteten Pfeil zurück. Sie wollte ihm Schweigen gebieten; aber wenn die Liebe ſpricht, leiht diejenige, welche beim erſten Male zugehört, auch beim zweiten Male nicht unwillig das Ohr. „Unterbrich mich nicht,“ fuhr er fort:„Ich bin jung, reich, unabhängig, und kann über meine Perſon nach Gefallen verfügen. Ich biete Dir meine Hand und ur at en ten nd feil enn ale hr. bin ſon und mein Leben; es walten hier Geheimniſſe ob, die Du mir verbergen willſt; ich ſchwöre Dir, ſie nie erfahren zu wollen; es gibt ſchwarzen Verdacht, den Du vielleicht verſcheuchen mögteſt; lege nur Deine Hand in die meini⸗ ge, und ohne ein anderes Pfand werde ich den Kampf mit dem ganzen menſchlichen Geſchlechte beginnen, um deine Unſchuld zu verbürgen.“ Schmerzlich bewegt ſank Alais in einen Seſſel⸗ „Wenn Du die Größe fliehſt und fürchteſt,“ fuhr Ar⸗ thur fort:„wohlan denn, ſo bin ich bereit, mich mit Dir in öde Wüſteneien zu verbergen. Ich haſſe das ge⸗ räuſchvolle Leben, die Spiele und Feſte; zu einer glück⸗ lichen Exiſtenz bedarf ich nichts als eine Freundin, Frie⸗ den und Liebe. In unſrer ſeligen Einſamkeit wird ſich keine trübe Wolke zwiſchen Dein ſtrahlendes Bild und mich drängen; wird es Arthur nicht bereuen, die Welt mit ihrem eiteln Schimmer, ihren falſchen Freuden ver⸗ laſſen zu haben. Der unreine Hauch der Bosheit, der Dich hier verfolgt, wird uns nicht mehr erreichen; denn an den Stufen des Alters ſagen wir der Welt Lebewohl. So lange mir Deine Stimme tönen wird, ſo lange mir Dein Auge lächelt, ſo lange Dich jede neue Morgenröthe in meinen Armen erwecken wird, beſitze ich alle Güter der Erde, und genieße ſchon im voraus die Freuden des Himmels.“ Wäre das Feuer ſeiner Gedanken, die Lebhaftigkeit und Veredſamkeit, mit welcher er ſie ausſprach, auch nicht vermögend geweſen, ſie zu erweichen, ſo war Ar⸗ thurs bittendes Auge ſo ſchön, ſo ausdrucksvoll; er ſprach mit ſo viel Kraft, ſein Feuer war ſo rein, ſo wahr! Die Fremde war zu ſchwach ihn zurück zu weiſen, es man⸗ gelte ihr die Stimme, ihm zu antworten. Nach langem Schweigen ſprach ſie endlich leiſe und „Arthur, ferne von mir iſt 36 mit ſchwankender Stimme: Liebe und Frieden Unſre Verbindung iſt unmög⸗ lich. unüberſteigliche Pinderniſſe. — „Kann es Hinderniſſe geben für Arthur! Wie hoch ſie ſich auch aufthürmen mögen, ſie werden dennoch vor mir niederfallen. Mit einer Liebe, die kein Hinderniß ſchreckt, vereinige ich feſten Willen, der alles vermag. Mit gebietender Kühnheit vereinige ich Muth, der des Sieges ſicher iſt.« „Wenn ich aber durch meine Geburt. „Was frage ich nach Geburt! haſt Du in einer Hütte das Licht der Welt erblickt, ſo wollen wir in einer Hütte wohnen; biſt Du im Purpur geboren, und ſtrebſt nach dem höchſten Range, ſo wiſſe, ich ſtamme aus kö⸗ niglichem Geblüte, und kann Anſprüche machen auf einen Thron.“ „Ein Thron!ee wiederholte Alais; und Entſetzen malte ſich in ihren Zügen. „War Heine Familie,“ fuhr er fort,„arm und unbekannt? „Nein, unterbrach Alais:„das iſt das Hinder⸗ niß nicht, welches uns trennt; meine Familie iſt reich und mächtig. Ich zähle einen der größten Könige unter meinen Ahnen. 6 Der Graf ergriff das Medaillon, welches ihm die Züge ſeiner Geliebten darſtellte.„Dieß göttliche Bild hob er wieder an; aber in demſelben Augenblick ſtieß die Fremde einen durchdringenden Schrei aus; erſchrocken verließ ſie ihren Sitz, und entriß ihm das Bild mit Hef⸗ tigkeit:—„Dieß göttliche Bild!...* rief ſie aus.„Ach! unglücklicher Arthur! was haſt Du geſagt!“ Dann fuhr ſie wie in völligem Wahnſinn fort: „Unbeſonnener! Deine Hände haben es berührt!. Weißt Du, was dieſer Talisman des Verbrechens einſt auf meinen Befehl vollführte? Weißt Du, daß die Mäch⸗ te des Verderbens ihn gebrauchten, mir zu den Werken ihrer Bosheit zu dienen! Weißt Du, daß Du durch ſeine Berührung den Göttern alles uebels anheim fällſt!. Fliehe! mein Bild gleicht mir, es iſt verflucht wie ich.“ Ravenſtel war wie in den Boden gewurzelt. Das ſchreckliche Geſpräch war unterbrochen, und machte einer langfürchterlichen Stille Platz⸗ Endlich riß ihn die ſanfte Stimme der Fremden aus ſeiner unempfindlichkeit.— „Arthur,“ ſagte ſie:„Du ſiehſt es, wir können uns 3 4 4 3 1 2 1 nicht ängehören. Ich, deren Geiſt verwirrt iſt, deren jeglicher Gedanke ein Schmerz iſt, deren Erinnerungen Qualen ſind, ich ſollte Dich an mein Geſchick knüpfen!. Nein, nein, niemals. Wir müſſen uns trennen; Du wirſt mich im Geräuſch der Welt, wohin Dich Deine Be⸗ ſtimmung ruft leicht aus Deinem Gedächtniſſe bannen. O, könnte ich idemeiner Einſamkeit Dich eben ſo leicht vergeſſen!“ Tief drangen dieſe Worte in Arthurs Herz. Eine Empfindung voll ſüßen Reizes zog ihn aus ſeiner finſtern Muthloſigkeit.„Arthur,“ fuhr die Fremde fort:„wenn Du ferne von dieſem Orte biſt, dann bete zum Himmel für die, welche von der Erde verworfen ward. Beweine mich nicht, aber bete für mich.“ „Zum Himmel beten,“ erwiderte er:„da es doch der Himmel iſt, der uns trennt! Grauſame! hoffe es nicht. Ferne von Hir ſollten ſich meine Kniee beugen, meine Hände falten, meine Lippen bewegen, mein Blick ſich zu den Wolken heben! nein, wer betet, der ergibt ſich; beten wäre mir unmöglich.“ „Und die Erbin des Schloſſes?“ ſagte Alais mit ſchwacher Stimme. „Noch feſſelt mich kein Wort, kein Schwur an ſiez nie werde ich ihr Gemahl.“ „Unerbittliches Schickſal!“ hob die Fremde wieder an:„überall errege ich unruhe und Zwietracht; überall r war meine Nähe eine Strafruthe. Kaum an dieſen Ufern gelandet, habe ich ſchon ein paar Herzen entzweit, habe ich ſchon zwei unglückliche gemacht.“ Durch innres Leiden erſchöpft, lehnte ſie ſich ſchmach⸗ tend an die Wand der Hütte; ihr Haupt ſank auf ihre Bruſt: es ſchien als hätte ſie in ihren letzten Worten den letzten Ausruf der Vernunft, die letzte Klage des Lebens ausgehaucht. Plötzlich erhob ſie ſich mit feierlichem Anſtand und ſagte:„Jetzt kein Wort mehr!“ Dann fuhr ſie, mit der Hand gen Himmel zeigend, fort:„dort oben vielleichtz hier nie mehr.“ Die Fremde entfernte ſich. Der Graf blieb einige Minuten ſtumm, unbeweglich, erſtarrt; dann verließ er mit aller Gewalt der Wuth, des Unwillens, der Ver⸗ zweiflung die Hütte und, ſein Pferd beſteigend, flüchtete er in den Wald. Gegen ſich ſelbſt erboßt, ſchweifte er in der Irre herum; er ſprengte die ſchroffſten Felſen hinan, ſetzte über die breiteſten Graben, und ſuchte durch Gefahren ſeinen Geiſt von dem ihn quälenden Ideengang abzuwen⸗ den. „Welch böſer Genius,“ ſprach er zu ſich ſelbſt, „hat mich mit der Fremden zuſammengeführt! Wie konn⸗ te ich in ihr ein anbetungswürdiges, göttliches Weſen er⸗ blicken! Sie iſt nur ein Weib unter den übrigen Weibern, —— ———— —————————— —— — „ und vielleicht iſt ſie gar die Schande ihres Geſchlechts. Mit welcher Kälte nahm ſie meine glühende Begeiſterung auf.„ Ein reines begeiſtertes Herz vermag nicht ſie hinzureißen. Ihre Seele hat die meinige von ihr ab⸗ gewendet. Wir ſind getrennt, ich ſehe es aus der un⸗ geheuern Kluft, welche zwiſchen der Offenheit und der Liſt liegt; nichts kann uns wieder nähern.“ Und abermals gab er ſeinem ſchäumenden Pferde die Sporen; denn durch die Bewegung des Körpers glaubte er die Unruhe der Seele zu dämpfen. „Vielleicht von einem Geliebten betrogen,“ fuhr er fort,„beweint und liebt ſie ihn noch; oder ihr Schmerz kann auch nur eine erlernte Rolle feyn. Aber ich, wie ſehr ward ich in kurzer Zeit verändert; ich, den nur die Tugend allein bezauberte! ich, der von dem All⸗ mächtigen in der Erkohrnen meiner Wünſche Aufrichtig⸗ keit, Züchtigkeit, einfache Sitte und Unſchuld erbat; was fand ich in der unbekannten, in welcher ich alle dieſe Gaben vereint zu ſehen wähnte? Unruhe, Verwirrung, Verſtellung, Geheimniſſe und vielleicht ſelbſt in der Tiefe des Herzens Gewiſſensbiſſe über ein ſchuldvolles Leben. „Iſolette! ich konnte ſie Dir vorziehen, Dir, de⸗ ren reine Seele, deren Jungfräulichkeit noch nichts be⸗ fleckte!.. Es iſt geſchehen, ich fühle es, die Fremde hat in dieſem Augenblick allen Reiz für mich verloren. Jung, lebhaft, ohne Erfahrung, war ich einige Minu⸗ ten blind; aber es iſt vorüber, meine Augen ſind wieder geöffnet; ich verlaſſe das berauſchende ufer, den geheim⸗ nißvollen Hain, der mir Eliſium geſchienen; ferne ſey mir der bezaubernde Stern mit dem zweifelhaften Schein, deſſen melancholiſche Strahlen auf meine verwirrten Sin⸗ ne wirkten; ich kehre zum wahren Daſeyn zurück, ſehe wirkliche Güter, umfange die wahre Schönheit; Iſolette, ich kehre zu Dir zurück!« Er ſprach's, und verdoppelte ſeine Eile; er ſchien vor einem Feinde zu fliehen; ach! dieſer Feind war er ſelbſt. Er gebot ſich mit einer Art Raſerei, nur an die Jungfrau von Montolin zu denken; aber eine innere Macht verlachte ihn, und jeder Gedanke, den er ſeinem Herzen zum Trotz Iſoletten weihte, verirrte, verlor ſich unterwegs, und ſchwebte zu der Fremden hin. Der ferne Ton eines Hifthorns erinnerte ihn an den Gebieter von Montolin und an die Mahlzeit im Walde. Er ſprengte nach der Gegend hin, wo er ihn zu finden hoffte, und die Melodie der Jagdfanfare an⸗ ſtimmend, bemerkte er nicht, daß ſein Pferd mit Schweiß bedeckt, im Begriff war athemlos umzuſinken. Jetzt drang ein Ausruf des Erſtaunens zu ſeinen Ohren. Iſolette war es, die ihm zurief.„Mein Gott! welch' ungezähmter Eifer!«e ſagte die Erbin des Schloſ⸗ ſes, von ihrem fröhlichen Geleite umgeben:„Was für ein unſichtbares Thier verfolget Ihr mit dieſer ungewöhnlichen Hitze. WVie hat ſich die Leidenſchaft der Jagd ſo plötzlich in Euch enthüllt, und Euch zum zweiten Nimrod ge⸗ macht? Haltet ein, ich bitte Euch, haltet ein!“ Ihr boshaftes Lächeln und ihre beißenden Reden brachten den Grafen nicht auſſer Faſſungz heiter ſchloß er ſich dem Zuge an entſchuldigte ſein langes Ausbleiben, prieß die Freuden des Tages, und ſchien die Genüſſe ſeiner Gefährten lebhaft zu theilen. Gewöhnlich ſtille, ließ er heute ſeine Stimme laut ertönen, ſprach mit je⸗ dermann, gab allen Antwort, ging Wetten ein, ſchlug Spiele vor, ſang und lachte. Ach! war dieß wirklich Freude? Nein, es war die erheuchelte Theilnahme am Vergnügen, der innere Kampf der Liebe mit Verzweif⸗ lung, das Fieber eines zerriſſenen Herzens. „Graf,“ hob Iſolette wieder an:„ unſere Mahl⸗ zeit iſt vorbei. Ihr habt heute noch nichts zu Euch ge⸗ nommen. Kommt, folgt mir zum Zelte wo die Tafel aufgeſchlagen iſt. Ihr müßt neue Kräfte ſammeln, um uns abermals durch Eure beſondere Lebhaftigkeit in Er⸗ ſtaunen zu ſetzen. Ihr werdet einſt den Aeolus beſiegen. Der lebhafte glühende Meleager kann, meiner Meinung nach, in Vergleich mit Euch, nur ein Jagdlehrling ge⸗ weſen ſeyn.“ Als ſie dieſe Worte geſagt, gebot Iſolette ihren Be⸗ gleitern, ihren Weg fortzuſetzen und, ſich wieder zu Ar⸗ thur kehrend, ſagte ſie mit ernſterem Tone: — 58— „Arthur! Ihr ſcheint ermüdet. In Euern freude⸗ glänzenden Augen glaube ich dennoch einen Zug von Traurigkeit zu bemerken.“ Der Graf fuhr zuſammen, als wäre die ſeltſamſte Frage an ihn gerichtet worden.—„Ich, ermüdet!“ erwiderte er:„ich bin völlig ausgeruht.“ Dann fuhr er, faſt ohne es zu wiſſen, eilig fort: „Ich, traurig! warum ſollte ich es ſeyn! Alles lacht rings um uns; Ihr ſeyd ſchön, liebenswürdig und aufrich⸗ tig; ich bin bei Euch„ich liebe Euch.* Das letzte Wort mit eiskalter Stimme geſprochen, prachte ihn ſchnell wieder zu ſich; er hielt ein, und blieb unbeweglich.* Iſolette, nicht wenig über dieſe raſche kalte Erklä⸗ rung erſtaunt, trat zu ihm und blickte ihn ſtarr anz und zum erſten Male entwand ſich ihrer Bruſt ein tiefer Seuf⸗ zer.“ „Hier iſt das Speiſezelt,“ ſagte die Jungfrau von Montolin. Ihre Stimme war traurig, faſt klagend; ſie drang zu Arthurs Herzen; er fuhr mit der Hand über die Augen, als wollte er ein unangenehmes Bild aus ſeinen Gedan⸗ ken verwiſchen.—„Iſolette,“ hob er an:„ich muß Euch ſeltſam vorkommen, aber richtet mich noch nicht. unvorbereitet unter die Menſchen geworfen, beginnt für mich jetzt ein neues Daſeyn. Mein Blick iſt nicht hinrei⸗ — chend, alle Gegenſtände aufzufaſſen, welche ſich ihm dar⸗ bieten; ein Nichts iſt mir läſtig und beunruhigt mich; alles nimmt meine Theilnahme in Anſpruch und erſchreckt mich.„Laßt uns dieſen Ort verlaſſen, mich hungert nicht. Euch ſehen, und ſich von ſich ſelbſt losreißen, iſt Arthurs einziges Bedürfniß.“ Die Verwirrung ſeiner Gedanken, ſein leidendes Ausſehen, ſein ſchmerzlicher Ton, ſchienen ihm nicht na⸗ türlich eigen zu ſeyn. Schon zwei Mal ſeit ſeiner Ankunft im Schloſſe hatte er ſich heimlich entfernt; welcher Ge⸗ genſtand mogte ihn wohl beſchäftigen? wer trug die Schuld ſeines unſtäten Betragens? Dieß Geheimniß be⸗ unruhigte Iſoletten. Aus tiefen Gedanken erwachend, ſagte ſie plötzlich, ihren Zelter nach dem Thale wendend:„Kommt, laßt uns die Fremde beſuchen.“ „Die Fremde!“ wiederholte Arthur mit einem Ge⸗ fühl des Entſetzens:„nein, keine Fremde trete zwi⸗ ſchen uns.*“ „— Zwiſchen uns!“ wiederholte nun auch Iſolette:„Ihr werdet immer unbegreiflicher. Welch ſelt⸗ ſame Worte! was können ſie bedeuten? e „Nichts,« ſagte Arthur auffahrend:„ich bin nur müde, immer und ewig den Namen der Fremden in meine Ohren ſchallen zu hören. Wer mag ſie ſeyn? wo kömmt ſie her? zu welchem Zwecke ſollen wir in ihre ———— Wohnung gehn? was haben wir dort zu thun? warum wollt Ihr mich dahin führen? Ich geſtehe Euch aufrich⸗ tig, ich mag dieß Weib nicht leiden.“ „Ich erſtaune über Euch, Arthur! PNur weil Ihr Theil an ihr zu nehmen ſcheint, wollte ich ihre Woh⸗ nung ſehen; nur Euretwillen wollte ich zu ihr. Geſtern übernahmt Ihr ihre Vertheidigung.“ „Geſtern war ich allerdings albern; aber heute „Und heute ſeyd Ihr unbillig,“ fiel Iſolette min⸗ der traurig ein;„heute und geſtern ſind ſich gleich. In der That, mein lieber Graf, Ihr zwingt mich zu be⸗ fürchten, daß Eure Morgenſpaziergänge für den Abend Euern Verſtand verwirren.« „Ich glaube es ſelbſt, ich bin davon überzeugt; aber laßt uns nicht zu der Fremden gehen.“ „Was ſollen wir aber beginnen?“ fragte Iſolette. „Wir ſind allein,“ erwiderte Arthur:„laßt uns beiſammen bleiben und plaudern.“ „Ich bin es zufrieden; aber werden wir es können?“ „Iſolette! Ihr könnt alles.“ „Ich wünſchte es!“ erwiderte ſie, und der Jung⸗ frau entſchlüpfte abermals ein Seufßzer. Nachdem ſie einige Minuten ſchweigend weiter ge⸗ ritten, hob Iſolette, wenig an düſtere Betrachtungen gewöhnt, wieder lächelnd an:„Laßt uns zum Madon⸗ nenbrunnen eilen; ſein Waſſer ſoll wunderthätig ſeyn. Nach alten Sagen macht ſein Waſſer das Herz empfind⸗ ſam. Arthur, ich rathe Euch, davon zu trinken. 6 „und Ihr, Iſolette?“ „Ich bedarf es nicht.“ „Aber ich, davon ſeyd Ihr überzeugt?. „Ich habe keine Gewißheit über das Geringſte, was Euch betrifft; ich gehe ſogar ſo weit, daß ich an mir ſelbſt zweifle.“ „Ich ſehe den Brunnen von hier,“ ſagte der Graf.„Leitet mich, geht mir mit dem Beiſpiele vor, und trinkt zuerſt von der Quelle, welche zur Liebe be⸗ wegt.“ „Wünſcht ihr es wirklich, Arthur?“ erwiderte Iſolette langſam, indem ſie ihren ſcherzenden Ton in den Wohlklang des Gefühls umwandelte:„iſt es wahr, wünſcht Ihr es?“ Der wahrheitsliebende Arthur erblaßte.—„Wo⸗ zu,« antwortete er faſt zitternd,„woöu dieſe ſeltſame Frage?“ „Und Ihr,“ ſagte Iſolette lebhaft:„warum die⸗ ſe ungewöhnliche Verwirrung?“ „Ihr ſprecht„* fuhr Arthur fort:„und mein Geiſt kann nicht enträthſeln... „Ich ſpreche„ fiel Iſolette ein:„und Euer Herz will mich nicht verſtehen.“ Sie ſprachs, und trieb ihr Pferd zu raſcherem ein uer Schritt an. Der Graf ſchwieg, und ſo gelangten ſie zum Brunnen. Beide waren abgeſtiegen und wandelten im Schat⸗ ten der alten Weiden. Arthur, zerſtreut, bemühte ſich das Bild der grazienhaften Nymphe zu verbannen, die ihm in demſelben Haine knieend erſchienen war, und ſuchte vennoch die Spuren ihres Trittes auf dem Raſen und in dem Sand zu entdecken. Sein Herz ſchlug heftig, aber nicht für Iſoletten. Die Jungfrau von Montolin näherte ſich der ge⸗ heiligten Quelle. Eine Schale von glänzendem Metall lag an einem Weidenſtammez ſie beugte ſich nieder und hob ſie auf; ſie dann mit Waſſer anfüllend, führte ſie ſie zu ihren Lippen, und ſprach mit feierlichem Tone: „Ich trinke auf die gänzliche Erfüllung aller Wün⸗ ſche des edeln Arthur!“ Bei dieſen Worten fielen dem Grafen die Wünſche und Schwüre ein, welche er Tags zuvor, und noch die⸗ ſen Morgen ausgeſprochen hatte; ſeine eignen Ausdrücke, als er dieſelbe Schale leerte:„Fremde! Dir ge⸗ hört mein ganzes Leben! ſtanden vor ſeiner See⸗ le. Raſch ergriff er Iſolettens Arm, verhinderte ſie zu trinken, und rief: „Die Erfüllung aller meiner Wünſche!„ Gerech⸗ ter Himmel! was verlangt Ihr?“ „Unbegreiflicher Jüngling! wieder eine neue Thor⸗ 7 heit! Muß man denn, Euch zu gefallen, wünſchen, daß Euch nie etwas gelingen möge?* „Wenn ich nun ſtrafbare und verbrecheriſche Wün⸗ ſche hegte?„ ſagte Arthur mit dumpfer Stimme. „Ihr! das iſt unmöglich; und welche 2* „Wenn ich das Gelübde gethan hätte zu lieben... „Ein Liebesſchwur iſt kein Verbrechen.“ „Eine andere zu lieben als Iſolett Bei dieſen Schreckensworten lehnte ſich die Jung⸗ frau von Montolin ſchwankend an einen alten Weiden⸗ ſtamm; Todtenbläſſe überzog ihr Geſicht; ihr thränen⸗ e!* feuchter Blick haftete an der Madonna, als wollte ſie ſie um Hülfe anflehen; und die Schale entglitt ihren Hän⸗ den. Jetzt erſchien eine junge Bäuerin im Hain. Beim Anblick zweier Fremden trat ſie ſcheu zurück; dann aber näherte ſie ſich wieder, und hob die Schale auf. „Junges Mädchen,“ ſagte Arthurz„mit welchem Rechte nimmſt Du dieß Gefäß?* „Es gehört meiner Gebieterin,“ erwiderte die vlöde unbekannte. „Deiner Gebieterin? Wer iſt ſie?“ „Man nennt ſie hier die Fremde.“ „Die Fremde!“ wiederholte Arthur:„das habe ich vermuthet. Laß uns.„„ Immer, immer verhängnißvolle Name!* 1 die abe ſer — „Und wie lange dieneſt Du ihr?“ fragte die Er⸗ bin des Schloſſes. „Ohngefähr vier Monate.“ „Iſt ſie jung?“ „Sie mag etwa zwanzig Jahre zählen.“ „Hat ſie ein angenehmes Geſicht?“ fuhr Iſolette mit zitternder und ſchwacher Stimme fortz und ihr Blick beobachtete Arthur. „Angenehm!“ erwiderte die Bäuerin mit einer Art von Begeiſterung: Nie war etwas ſo ſchönes, ſo vollkommnes in unſern Fluren erſchienen.“ „Wer hat Dich zu ihr gebracht?“ „Ich war eine arme brodloſe Waiſe, von der gan⸗ zen Welt verlaſſen. Eines Abends klopfte ich halb todt, ohne Obdach, mit zitternder Hand an die Thüre der Fremden; und diejenige, welche man mir zu fliehen rieth, war die Einzige, die mich aufnahm. Man hatte ſie mir als ein ungeheuer geſchildert, und ich fand einen Engel in ihr. Schenkt alſo dem Gerede der Böſen, die ſie verläumden, keinen Glauben. Ihr dürft Nicetten trauen; die Fremde iſt ſo rein wie der Strahl des Lich⸗ tes, der in dieſem Augenblick auf das göttliche Kind der Jungfrau fällt.“ „Liebenswürdiges Kind!« rief Arthur:„Du biſt eine brodloſe Waiſe, da, nimm dieſe Goldſtücke, und ich werde noch ferner für Dich ſorgen.“ 7* — 100— Bei dieſer Heftigkeit des Grafen ließ ſich Iſolette i auf eine Raſenbank nieder; ihre Füße vermegten ſie nicht ſ mehr zu tragen. Ein fürchterliches Licht war ihr aufge⸗ gangen. „Edler Herr,« ſagte die Bäuerin, Arthurs Gabe zurückweiſend:„ich bedarf nichts. Jetzt bin ich nicht mehr zu beklagen; ich lebe bei der Fremden, und nichts würde mir zu wünſchen übrig bleiben, ich würde das glück⸗ lichſte Mädchen des Kantons ſeyn, wüßte ich meine Ge⸗ bieterin glücklich. Aber kann ich lachen wenn ſie weint!“ Der Graf ſchlug ſich heftig gegen die Stirne, und rannte mit großen Schritten auf und abz er hatte gänz⸗ lich vergeſſen, daß Iſolette zugegen war und in ſeiner Seele leſen konnte. Mit erſchöpfter Stimme fuhr die Jungfrau von Mon⸗ tolin fort, die Bäuerin zu befragen:. „Sind Dir ihre Leiden bekannt?“ „Mir?“ ſagte Nicette:„bin ich würdig, daß ſich meine Herrin herablaſſe, mir ihren Kummer zu vertrau⸗ en? Gott allein kennt ihren Schmerz. Sie bringt ihre Zeit mit Beten zu, und oft bete ich mit ihr. Sie iſt ſo gut, ſo ſanft! Begehe ich zuweilen einen Fehler, ſo ſucht ſie eine Entſchuldigung für mich aufz nie hörte ich noch ein hartes ſtrenges Wort aus ihrem Munde. Sie wacht über meine Jugend wie eine Schweſter, wie eine Mutter. Ich bin nicht im Stande ſie zu tröſten, aber — u⸗ — 101— ich theile ihre Leiden, ohne ſie zu kennenz knieet ſie nieder, ſo bete ich; vergießt ſie Thränen, ſo weine ich mit ihr.“ Die gerührte Iſolette, mit der gefolterten Seele, ſuchte dem Geſpräche eine andre Wendung zu geben und, die Blicke auf die Schale in Nicettens Händen richtend und ſie aufmerkſam betrachtend, ſagte ſie: „Welch köſtliche Arbeit! Dieſe Schale iſt von hohem Werthe.“ „Sie gehörte dem Vater meiner Herrin,“ erwiderte Ricette:„und iſt der einzige Schatz, der ihr von allen geblieben iſt, die ſie früher beſaß. Einſt war ſie reich und mächtig, aber ach! jetzt hat ſie, auſſer ihrer Tugend und ihrer Schönheit, Alles verloren.“ Arthur ſchien außer ſich zu ſeyn; Iſoletten entging keine ſeiner Gemüthsbewegungen; ſie erhob ſich haſtig und, fühlend, daß ihre Kräfte ſie verlaſſen wollten, ſagte ſie:„Es iſt gut; es iſt genug; laß uns, Nicette, nimm dieſe Schale mit Dir. Die Fremde iſt die Einzige nicht, deren Augen Thränen zu vergießen haben. Geh! kehre zu ihr zurück. Friede ſey mit allen zerriſſenen Herzen.“ Eilig verließ Sie den Wald und kehrte, ohne den Grafen zu rufen, nach dem Schloſſe zurück. Arthur nahm denſelben Weg; bald hatte er ſie eingeholt, und ſchweigend ritten ſie weiter. Ach! ſie hatten einander nur zu⸗wohl verſtanden. —————— Ftertes Bucrch. Du ließeſt mich, ich will Dich nicht verlaſſen, Und wollt' ich's auch, doch wär' es mir verwehrt⸗ Allein ich kann und will mein Leben laſſen, um zu entflieh'n der Qual, die mich verzehrt⸗ Nur ungeliebt von Dir jetzt zu erblaſſen, Das iſt mein Schmerz; denn ward es mir gewährt, Da, als ich Dir noch theuer war, zu ſterben, tie könnt' ich einen ſel'gern Tod erwerben. Ario ſt(raſender Roland). Es vergingen mehre Tage. Mißtrauen und Zurück⸗ haltung herrſchten im ganzen Schloſſe„deſſen Bewohner ſich gegenſeitig beobachteten und ſtudirten. Ihre Qual war unbeſchreiblich, ihr Zwang nur allzuſichtbar. Raven⸗ ſtel, finſter und kummervoll, hatte noch nicht ein Wort verlauten laſſen, welches Bezug auf ſeine projektirte Ver⸗ mählung gehabt hätte. Der Sire von Montolin harrte mit ungeduld darauf; Olburg beobachtete ihn mit düſterm Kummer, und Iſolette überließ ſich ihren traurigen Be⸗ — 103— trachtungen. Der Geiſt eines Jeden, im Geheimen be⸗ wegt, war beſtändig durch den ihn beherrſchenden Haupt⸗ gedanken aufgeregtz keine Harmonie zog die Herzen zu einander. Der Herr von Montolin, der eifrig wünſchte, ſeine Tochter mit dem mächtigen Grafen von Ravenſtel, dem Abkömmlinge der Bretaniſchen Monarchen, verbunden zu ſehn, bemerkte mit Beſorgniß Arthurs Eiſeskälte und Iſolettens ſtille Melancholie. Von Natur nicht gefühlvoll, kannte er die Qualen des Herzens nicht; er verſpottete ſie und begriff die Gefühle des Paares nicht, an deſſen Verbindung ihm ſo viel gelegen war. Wie viele Weſen hat⸗ ten ſchon in ſeiner Rähe gelitten, ohne daß er es beachtetz wie viele waren geſtorben, ohne daß er es bemerkt. Ge⸗ mein in ſeinen Reden wie in ſeinen Handlungen, ſuchte er gegen Arthur eine Art von Würde zu behaupten; aber dieſe erborgte Größe, dieſer erzwungene Schmuck ermü⸗ dete und beläſtigte ihn und machte ihn in all ſeiner Pracht lächerlich. Er konnte mit einem Zwerge in dem Gewande eines Rieſen verglichen werden. Olburg beobachtete ſtets und überlegte; zu ſpät überzeugte er ſich, daß er ſeinen Zögling nicht gelehrt hatte, die Ausbrüche ſeines unbändigen Willens zu zäh⸗ menz er ſah, daß er ſeine Macht in dem Grade über ihn verlieren würde, als ſeine Leidenſchaften zunähmen. Er hatte in Arthur, entweder aus Intereſſe oder aus Eitel⸗ „ 0— keit, eine Ausnahme unter ſeines Gleichen erziehen wol⸗ len, und jetzt erſchrack er vor ſeinem eignen Werke. Sein Glück hieng von der beſchloſſenen Verbindung ab; er muß alſo alle Hinderniſſe zu überwinden ſuchen, welche ſich ſeinen Abſichten entgegenſtellen. Ehre, Tugend, Pflicht haben keine Schranken für ihn. In dem Dunkel der Ereigniſſe, die dazwiſchen kommen könnten, wird er die Fackel des Verbrechens ergreifen, wenn er deren be⸗ darf, um ſein Ziel zu erreichen. Die ſchöne, muntere Iſolette hatte ihren lachenden Glanz verloren. Zwar lächelte ſie noch, ſie lächelte ſo⸗ gar oft; aber ihr ungewiſſes Lächeln war reizlos und hatte die hinreißende Gewalt nicht mehr, welche die eigene Fröhlichkeit auch andern mittheilt. Oft rann eine flüchtige Thräne unter ihren Augenliedern hervor. Die zarte Kette ihrer Gedanken, in ihre verſchiedenen Ringe gefügt und wie durch die Liebe verſchlungen, hatte ihre glückliche Be⸗ redſamkeit, ihre angeſtammte Grazie verloren. Da ſie ihre Gefühle keiner Seele vertraut hatte, ſo glaubte ſie ſie aller Welt verborgen. Aber kann die Liebe unentdeckt bleiben? Der Blick, der Athem, die Röthe, die Träumerei, der Klang der Stimme, das Schweigen, alles verräth ſie, alles enthüllt ſie; jemehr ſie ſich zu verbergen ſtrebt, je ſichtbarer wird ſie. unter den Men⸗ ſchen gibt es alſo kein Gefühl ohne Leiden; denn ſelbſt was die Erde ſüßeſtes hat, die Liebe, iſt Schmerz. Arthur, noch unglücklicher als Iſolette, war ſtets ſchweigend, bleich und fantaſtiſch, und verließ das Caſtel faſt nicht mehr. Auf dem Söller des Herrenhauſes ſtand er, das Auge nach dem Hain gerichtet, ſtundenlang ohne Sprache und Bewegung. Die ganze Schöpfung war für ihn in zwei Theile getheilt; der eine war jener beſchränkte Raum, der heilige Boden, wo Alais athmete; der andre war die unermeßliche Wüſte, die bevölkerte und dennoch öde Weite, die Welt, in welcher die Fremde nicht mehr lebte. Nach ihrer Hütte fliegen, zu ihren Füßen ſinken, war beſtändig ſein geheimer Wunſch; aber die Vernunft! aber die Pflicht! und Alaiſens Verbot!... Tag und Nacht brachte er damit zu, ſich vor ſich ſelbſt zu ver⸗ theidigen. Seit dem Bericht der Bäuerin, welcher ſo völlig mit der Ausſage des Kriegers übereinſtimmte, war die Fremde in ſeinen Augen gerechtfertiget; aber dennoch er⸗ ſchütterten Olburgs Sarkasmen, die er beſtändig gegen ſie im Munde führte, und das Lächerliche, welches er über ihre Lage zu verbreiten wußte, ſeine Ueberzeugung, und demüthigten ihn in dem Gegenſtande ſeiner Liebe. Wie ſehr fühlte ſich ſein Stolz beleidigt, wenn er dachte, daß die reine Liebe, die er für ſie empfand, und ſein Glaube an ihre Tugend ihn zur Zielſcheibe des öffentlichen Spottes herabwürdigen könnten.. Er allein hielt ſie — 106— für tabellos und vorwurfsfrei. Die bittern Thränen, welche ſie vergoß, das Geheimniß, welches ſie umgab, ſelbſt die Worte, die ſie ausſprach, traten als Ankläger gegen ſie auf. re Familie war groß und mächtig, war⸗ um hatte ſie ſie verlaſſen? In ihrem Alter floh ſie allein und ohne Führer den heimathlichen Bodenz wie konnte man ihr Benehmen erklären, wie es billigen? Vielleicht hat ſie geliebt; vielleicht hat ſie den Ge⸗ genſtand ihrer Zuneigung, ihren Geliebten, ihren Ge⸗ mahl verloren; vielleicht hat ſie im Uebermaß ihres Schmer⸗ zes den Ort verlaſſen, der Zeuge ihrer erſten Liebe war. Mit Entzücken hielt Arthur an dieſem Gedanken feſt. Ja! das war das verhaßte Geheimniß, welches ſie ſorg⸗ fältig den Sterblichen verbarg; das war die urſache ih⸗ rer Thränen. Waren ſeine heißen Wünſche von ihr zu⸗ rückgewieſen worden, ſo mochte es wohl ſeyn, weil die Wunde ihres Herzens noch nicht geheilt war. Die wahr⸗ ſcheinlichſte Erklärung wurde für ihn der klarſte Beweis, die Möglichkeit zur Gewißheit. Arthur hoffte wieder; geliebt zu haben iſt kein Verbrechenz; Alais kann noch lieben. Aber wie durfte er es wagen, wieder vor ihr zu erſcheinen? Sie hat ihn auf ewig aus ihrer Wohnung ver⸗ wieſen; unter welchem Vorwande ſoll er dorthin zurück⸗ kehren? Zu was ſich entſchließen? Was thun? Bei wem Rath holen? Waldburg iſt einſichtsvoll und verſchwiegen. Wenn er ihm ſeinen Schmerz, ſeine Zärtlichkeit, ſeine Verzweif⸗ lung vertraute!... Ja, dieſer großmüthige Freund wird ihn gütig anhören! Das iſt der Führer, den bie Vorſehung ihm zuſchickt. Er kennt die menſchlichen Lei⸗ denſchaften; er wird ſeine Jugend belehren. Von dem Hofe, aus dem Felde, aus den Städten, wo er als Be⸗ obachter unter den Menſchen lebte, wird ſeine wohlthä⸗ tige Weisheit ohne Zweifel Troſtesworte für den Schmerz, Rathſchläge für das Unglück mitgebracht haben. Er eilte fort; ſchon glitt er in einem Nachen über den See; ſein Schiffer war derſelbe, der ihn führte, als er die Fremde zum erſten Male erblickte. Arthur gab ſei⸗ ner Gondel immer den Vorzug; und Olburg, der ſeinen unbedeutendſten Handlungen nachſpürte, hatte dem Schif⸗ fer geheime Inſtruktionen über das Geſpräch gegeben, welches er mit ihm zu führen habe, wenn er mit ihm allein ſeyn würde. Olburgs boshafte Einflüſterungen im Gedächtniſſe, brach der Gondelier in dieſe Worte aus:„ Seht Ihr dort das ſchöne Wäldchen! Wie Schade, edler Herr, daß er an die Wohnung der Fremden gränzt! Man darf nicht mehr dort luſtwandelnz ich verabſcheue es jetzt. „Die Fremde,“ ſagte Arthur,„ſcheint Euch ſehr verhaßt zu ſeyn.“ „— Sehr verhaßt! nein, das nicht! aber äuſſerſt — 108— verächtlich, hoher Herr. Man kennt jetztendlich im Dorfe einen Theil ihrer Geheimniſſe.“ „Ihrer Geheimniſſe! Wie ſo? Durch wen?“ „Gnädiger Herr, ein Mann aus Touraine kam vor Kurzem hier durch. Er ſah und erkannte die Fremde, deren Vater Gebieter und Oberlehnsherr des Cantons iſt, den er bewohnt. Sie iſt von edler Herkunft; aber kaum ſiebenzehn Jahre alt, floh ſie mit einem ſchönen Ritter, den ſie liebte, aus dem Schloſſe ihrer Väter und ent⸗ ehrte ihren Namen. „Von ihrem ſchändlichen Verführer ſeitdem ver⸗ laſſen, irrte ſie von Land zu Land, die Spur des Verrä⸗ thers ſuchend. Endlich ſcheint ſie ihn nach langem Spä⸗ hen in unſrer Gegend gefunden zu haben. Aber welchen Ort er bewohnt, das weiß man nicht! Ob ſie ihn wie⸗ dergeſehen hat, daran zweifelt man; daß er ſie von ſich weiſen wird, hat man urſache zu glauben.“ „Wer hat Euch um alle dieſe Neuigkeiten befragt?“ unterbrach ihn Arthur erzürnt.„Behaltet Eure abge⸗ ſchmackten Mährchen für Euch. Schwätzt weniger und rudert beſſer. Hier iſt das ufer, ſetzt mich ans Land.“ Er ſprachs und ſprang aufs Land ehe noch die Gon⸗ del ans ufer ſtieß; die neuen Gerüchte, welche über die Fremde verbreitet wurden, erfüllten ihn mit Abſcheu; verächtlich hatte er bei dem Geſpräche gelächelt, welches ———— 109— er gehört, aber dennoch wollten die gehörten Worte nicht aus ſeinem Gedächtniſſe ſchwinden. Jetzt hatte er den Felſen erſtiegen, auf welchem Waldburgs Wohnung erbaut war. Eine in den Granit gehauene Treppe führte ihn in Wihdungen auf einen freien Platz, von welchem aus man den vollen Anblick des Sees ₰ und der umliegenden Gegend genoß. Ringsum war der Platz mit Bäumen bepflanzt, deren Schatten eine Blumen⸗ terraſſe bedeckten. Dort erhob ſich ein einfacher, vier⸗ eckiger Pavillon nach der neueſten Bauart. Die Fagade war ſchön und erhaben, die innern Gemächer reich und ge⸗ ſchmackvoll möblirt; kurz, es war ein reizender Aufenthalt. Die beiden Freunde hatten ſich zärtlich umarmt, und ſchon war Arthurs Geheimniß Waldburgen vertraut. „Wie,“ ſagte der Baron überraſcht:„kaum habt Ihr dieſe ufer betreten, und ſchon liebt Ihr? Und wen? Die Fremde!*“ „Kennt Ihr ſie?“ „Nein, Arthurz aber iſt es möglich, daß Ihr eine verdächtige, verachtete unbekannte der ſchönen reinen Iſolette vorziehen könnt. Bedenkt, daß Euch die Jung⸗ frau von Montolin zur Gemahlin beſtimmt iſt, und daß Ihr verpflichtet ſeyd, ſie... „Ich bin ihr in nichts verpflichtet„ ſiel der Graf ein.„Die von ihrem Vater projektirte Verbindung iſt von mir noch nicht angenommen. Ich habe nur in dem Falle verſprochen Iſoletten zum Altar zu führen, wenn ich mich durch längeres Beiſammenſeyn mit ihr überzeugt hätte, daß ſie mich vollkommen glücklich machen könne. Ich bin frei, nichts bindet mich, und ich liebe Iſoletten nicht.“ „Wie! Arthur, Ihr, deſſen Herz ich nur für Ehre und Tugend entflammen ſah, Ihr verlaßt ſchon den ge⸗ raden Weg und ſchlagt unreine Pfade ein für ein ver⸗ wieſenes Geſchöpf, welches weder Vermögen noch Rang, noch Namen beſitzt, und in der öffentlichen Meinung ge⸗ ſunken iſtz für eine ſolche entzündet ſich Euer erſtes Feuer „Richtet ſie nicht, ohne ſie geſehen zu haben; ver⸗ urtheilt ſie nicht, ohne ſie zu hören. Der Schein iſt ge⸗ gen ſie, ich weiß es; aber Waldburg, verſagt mir die erſte Bitte der Freundſchaft nicht! Kommt mit mir in Alaiſens Hütte. Ihr, gewöhnt die Seelen zu durch⸗ ſchauen und das Wahre vom Falſchen zu unterſcheiden, Ihr werdet ihre Reden hören, ihr Geſicht beobachten, und wenn wir von ihr gehen und Ihr zu mir ſagt: Flie⸗ het ſie! ſo will ich ſie nicht mehr wiederſehen.“ eSein edles Vertrauen, ſeine heiße Bitte, rührten den Baron.—„Kommt Arthur,“ ſagte er:„ich will Euch begleiten, aher gedenkt Eures Verſprechens. Ich werde den Trug entſchleiern, und um die Liſt zu durch⸗ ſchauen wird mein Blick vielleicht in die Herzenstiefe der Fremden dringen. Laßt uns gehen.“ Sie waren den Berg hinabgeſtiegen, aber je näher ſie der einſamen Hütte kamen, je mehr fühlte Arthur ſeine Kräfte ſchwinden; die Verwirrung ſeines Geiſtes vermehrte ſich mit jedem Schritte. Was wird die Fremde von dem Beſuch der beiden Freunde denken? Wie wird er bei ihr ſeinen ſeltſamen Schritt entſchuldigen? Sie hat ihm den Eintritt in ihre Wohnung verſagt, und nicht nur, daß er dennoch wiederkehrt, ſondern er bringt auch noch einen unbekannten mit. Welch ein unſchickliches Be⸗ nehmen! Welch eine unverzeihliche Kühnheit! Das hieß alle Rückſichten verletzen, welche er ihrem Geſchlechte ſchuldig war; das hieß das hülfloſe unglück beleidigen. Arthur blieb in einiger Entfernung von dem Häus⸗ chen, wo Alais lebte, ſtehen. Er hatte den Muth nicht mehr, weiter vorwärts zu ſchreiten. Ein Augenblick noch, und die Fremde iſt gerichtet. Er fühlte, daß das Schickſal ſeines Lebens von dieſer Zuſammenkunft abhän⸗ gen würde; ſeine bleichen zitternden Lippen verſuchten ei⸗ nige Worte auszuſprechen, aber er war nicht im Stande einen Laut von ſich zu geben; er lehnte ſich an eine alte Eiche, und hätte gern zu ſeinem Freunde geſagt:„Laßt uns umkehrenz* allein jetzt war es zu ſpät. Er warf einen bittenden Blick auf Wäldburg, als wollte er im voraus um Nachſicht und Mitleid für diejenige flehen, deren urtheil er gewiſſermaßen ſprechen ſollte⸗ Es gibt ſcharfe Schmerzen, welche ſich nicht anders kund thun .— 112— können, als durch die Abweſenheit aller menſchlichen Kräfte; o, wie mächtig iſt alsdann die Schwäche! Welch eine Kraft liegt alsdann im Schweigen! Der Baron ergriff Arthurs Hand; er hatte Mitleid mit ſeinem Schmerz.—„Freund! zeige keine ſchimpf⸗ liche Schwäche! Der Schmerz will Dich beſiegen, beſiege Du den Schmerz; nur in ſeiner Schule bilden ſich große Seelen. Wenn das erſte Gewitter vorüber iſt, wirſt Du den Stürmen Trotz zu bieten wiſſen. Die Liebe, momentan wie ein Laut, ſchnell verſchwindend wie ein Schatten, iſt die Klippe des Jünglingsalters; im Alter der Leidenſchaften iſt ſie ein hitziges Fieber, eine Kriſis, und oft ein trauriger Gegenſtand der Vergeſſenheit. Mö⸗ ge für Dich dieſer Traum kurz ſeynz Heldenſohn! er⸗ wache.“ Arthur hörte nichts; er bebte, und das Auge auf den Hain gerichtet, ſagte er mit dem Ausdruck des Wahn⸗ ſinnes:„Hier iſt ſie! ja, hier iſt ſie! ſie iſt es ſelbſt! Grauſamer! wo bin ich, und was habe ich gethan!“ Er war durch Büſche verſteckt, ſo daß Alais ihn nicht hatte ſehen können, aber ſein Klagelaut war bis zu ihr gedrungen. Die Zweige auseinander biegend, trat ſie näher. Gott! welch ein Schrei entwand ſich ihrer Bruſt, als ſie Waldburg erblickte. Sie flog auf ihn zu, warf ſich mit Entzücken in ſeine Arme und, ihre Hand auf den Mund des Barons legend, erſtickte ſie ſo den M 5 8*— — — — 113— Ausruf des Erſtaunens und der Freude, der ſie vielleicht verrathen hätte. Welch ein Schauſpiel für Arthur! Der Bericht des Gondeliers ſtand lebendig vor ſeiner Seele. Der Ver⸗ führer der Fremden, hatte er geſagt, bewohnt dieſe Gegend; ſie hat ſich in ſeiner Nähe angeſiedelt, um ihn wiederzuſehen, um zu verſuchen, ihn wo möglich zu ſich zurück⸗ zuführen: nun ſtand dieſer Verführer vor ihr, und Arthur war es, der ihn ihr zugeführt! Ravenſtel kreuzte ſeine Arme, konvulſtviſch zuſam⸗ men gezogen, auf der Bruſt; endlich glaubte er Aufklärung zu haben.„ Die Fremde war ihres Zaubers beraubt, und dieſer Augenblick hatte in ſeinem Geiſte alle Gedan⸗ ken der Liebe und des Glückes zerſtört, mit welchen er ſeine Zukunft ausgeſchmückt hatte. Waldburg drückte Alais zärtlich an ſein Herz; ſie ließ ihr Haupt auf ſeine Bruſt ſinken mit der ganzen Hingebung eines heißen getheilten Gefühls, mit der gan⸗ zen Trunkenheit einer dankbaren Seele, die eine verlor⸗ ne Seligkeit wiederfindet, und der Gewalt ihrer Empfin⸗ dung erliegend, ſank ſie bewußtlos in ſeine Arme. Der Baron legte ſie ſanft auf den Raſen nieder, und bezeigte ihr die zarteſte Aufmerkſamkeit. Nur ſie al⸗ lein beſchäftigte ſeine Gedanken; Arthur'n hatte er gänz⸗ lich vergeſſen. — Plötzlich aber kehrte er ſich gegen ſeinen Freund, und Entſetzen erſtarrte ſein Herz⸗ Der Blick des Gra⸗ fen flammte; Waldburg war für ihn nichts weiter mehr, als der Verführer Alaiſens, der treuloſe Geliebte, den ſie beweint, der Niederträchtige, der ſie betrog. Ein Gemiſch von Erſtaunen, Abſcheu, Verachtung und Wuth, entſtellte ſein Geſicht. Nicht wiſſend, welchem dieſer Ge⸗ fühle er ſeine bewegte Seele überlaſſen ſollte, ſchwieg er, verſchluckte ſeine Worte, und unter dem Scheine der Ruhe, der ſtillen Unempfindlichkeit, barg er in ſeinem Buſen die Ausdrücke des Wahnſinns, den Ausbruch der Verzweiflung. Waldburg durchſchaute einen Theil ſeiner Gedan⸗ ken.—„Arthur,“ ſagte er:„laß uns ihr beiſtehen, und beruhige Dich. Dieſe unglückliche iſt mir ſehr theuer: aber kein anderes Gefühl, als die zärtlichſte Freundſchaft knüpft uns aneinander. Ich habe die Liebe nie gekannt; Du kannſt es glauben; ich ſchwöre es Dir. 5 „Theurer Waldburg!“ rief Arthur, den dieſe Ver⸗ ſicherung beruhigte:„mein fürchterlicher Argwohn ſchwin⸗ det.„ Ein Wort genügte mir. Großmüthiger, gefühlvoller Freund, laß uns ihr helfen. Dieſer Tag 1— iſt der ſchönſte meines Lebens. Die Fremde iſt gerecht⸗ fertigt. Du kennſt ſie, Du haſt ſie gerichtet; und jetzt, da Du ſie zärtlich an Dein Herz gedrückt, kannſt Du mir nicht mehr gebieten, ſie zu fliehen.“ — 115— „Arthur! großer Gott! was ſagſt Du!„ Mei⸗ ne Beſtürzung ließ mich vergeſſen.„„ Du erinnerſt mich an mich ſelbſt. Ach! unglücklicher! mehr als jemals ſage ich Dir jetzt: Fliehe die Fremde!“*“ Dieſe unerwarteten Worte trafen den Grafen wie ein Donnerſchlag.—„Habe ich recht verſtanden!* ſagte er mit Entſetzen.„Aus Mitleid, Waldburg, erkläre Dich.„ Wäre ſie unwürdig, geliebt zu werden? „Unwürdig, geliebt zu werden!“ unterbrach ihn der Ritter mit dem Tone zärtlicher Begeiſterung.„Nie hatte ein Weib auf Erden mehr Rechte auf die Bewunde⸗ rung der Menſchen, mehr Anſprüche auf ihre Liebe!* „Nun, wer kann ſich dann widerſetzen?„ „Ein unüberſteigliches Hinderniß.* „„Iſt ſie?„ „Frage nicht.“ „Geliebte?„ „Nein!* „Gattin?“ „Nein.“ „Alſo Gebieterin über ſich ſelbſt?„„ „Es ſteht nicht in ihrer Macht, die Deinige zu werden.“ „Waldburg! das iſt zu viel! Dieſe halben Wort⸗ dieſe Widerſprüche, dieſe umwege, dieſe Geheimniſſe Du ſpielſt mit meiner Leichtgläubigkeit, Du ſpotteſt mei⸗ 4 8* — 116— ner Leiden; und mit welchem Rechte, gefühlloſer Menſch, ſtellſt Du Dich zwiſchen unſre Herzen! Wähnſt Du die⸗ ſen Poſten gefahrlos? Zittre, daß mein ſcharfer Blick die dichte Wolke durchdringt, welche Du abſichtlich vor mir auszubreiten ſuchſt, und hinter dieſem Schleier einen Be⸗ trüger, einen Verräther, einen Verführer entdeckt.. „Arthur!“ unterbrach der Baron aufgereizt;„Ihr vergeßt „Ich vergeſſe nichts!“ ſchrie der heftige Graf und, ſich gegen die Fremde kehrend, welche ſich nach und nach langſam erholte, ſagte er haſtig:„Alais, komm mir zu Hülfe!“ Seine Hand ruhte am Schwertgriff; der Jüngling, den nichts bändigen konnte, bemerkte, daß er nicht mehr Herr öber ſich war. Ein ſchwacher ueberreſt von Ver⸗ nunft, eine Erinnerung des Gefühls hielt ihn einen Au⸗ genblick zurückz und während ſeine wilden Blicke einen Nebenbuhler zum Kampfe aufforderten, flehte ſeine Stim⸗ me zu der Fremden: „Meine Vielgeliebte, komm mir zu Hülfe! in mei⸗ nem ſchrecklichen Zuſtande fühle ich mich zu allem fähig.. Ja, Blut, Verbrechen vielleicht. Alais, öffne die Augen, eile Dich ſprich Worte des Friedens zu meiner zerriſſenen Seele! Ich ſtehe am Rande des Ab⸗ grunds; der Boden wankt unter meinen Füßen, ich ſin⸗ ke.„„ Du biſt der einzige ſchützende Zweig, an dem ich mich halten kann.„ Roch iſt es Zeit, halte mich zurück.* Waldburg trat zu ihm; er ſah, wie weit Wuth und Eiferſucht dieſe Feuerſeele führten; er ſah, daß er es in ſeiner Verwirrung zum Aeußerſten treiben würde. —„Unbeſonnener!“ ſagte er zu ihm mit ſtarker, ſtren⸗ ger Stimme:„wenn Hir die Ehre theuer iſt, ſo höre!“ „Laß mich!“ antwortete der aufgebrachte Arthur, die Augen von ihm wendend; und ſeine heftig auf einan⸗ der geknirſchten Zähne verſtatteten den abgebrochenen Worten kaum einen Durchgang.„Laß mich! mir iſt nichts mehr theuer. Kein Wort mehr, ich höre nichts. Mein Kopf iſt nicht mehr mein, und dieſer Wahnſin„„iſt Dein Werk. Mein Blut kocht in meinen Adern, es verlangt das Deinige fließen zu ſehn. Du biſt da, ich höre Dich, weiche zurück!.. wehe Dir, wenn Du mich berührſt!„ Geiſt des Böſen ent⸗ ferne Dich.“ Die Fremde hatte ſich erholt. In dem lethargiſchen Zuſtande, worin ſich ihre Sinne befunden, hatte ſie den⸗ noch alles geſehen, alles gehört, alles verſtanden. Ihr ſchmerzlich auf Arthur gerichteter Blick drückte zärtliches Mitleid aus. Sie machte ihm keinen Vorwurf, zeigte ſich nicht erzürnet, aber durch ſeine Heftigkeit erſchreckt, ſag⸗ te ſie, auf den Baron deutend, mit dem überzeugenden Tone der Wahrheit:—„Arthur, er war der Freund — 118— meiner Kindheit; verbanne jeden ungerechten Argwohn! Du haſt in ihm keinen Nebenbuhler.“ Der Graf warf ſich vor ihr nieder.—„Und war⸗ um denn,“ rief er mit der Heftigkeit der glühendſten Leidenſchaft:„warum will er uns trennen? keine Macht auf Erden wird es können. Ich habe vielleicht einen an⸗ dern Nebenbuhler, dem Deine Seele ergeben iſt: welchen? weiß ich nicht, und kümmert mich auch wenig. Mögen ſich Hinderniſſe gleich Bergen zwiſchen uns aufthürmen, ſie werden für mich eben ſo viele Stufen ſeyn, welche ich zu erklimmen wiſſen werde, um zu Dir zu gelangen⸗ Der Sturm wird vorübergehn; Gefahren kenne ich nicht, und für die Menſchen habe ich ein Schwerdt. 3 Der Baron, welchem dieſe Szene eine Folter war, ſuchte ihr ein Ende zu machenz er wollte den Grafen aufheben, allein Arthur ſtieß ihn gewaltſam zurück. „Theure Alais!“ fuhr er fort:„komm, folge mirz laß uns fliehen; Haß dieſer abſcheulichen Welt, welche dem größeren Theil der Menſchen nur Leiden, Gewalt⸗ thaten und Thränen bietet. Was ich Dir ſchon geſagt habe, will ich Dir wiederholen. Laß uns in irgend einer Einöde nur für einander leben; laß uns vergeſſen, was wir ſind, was wir waren, und was wir nach der öffent⸗ lichen Meinung ſeyn ſollen. Die Grauſamen! was wol⸗ len ſie von uns?. Wezu bedürfen wir ihres Raths! ferne von ihnen, unter einem friedlichen Dache, haben — 0— wir trotz ihrer neidiſchen Wuth, eine Sonne, die uns leuchtet, eine Erde, die uns nährt, eine Natur, die uns lächelt, und einen Himmel, der unſer Gebet hört. Wer wirklich liebt, dem ſind alle andern Bedürfniſſe überflüſſig. Was braucht man zum wahren Glücke? Gott, die Ein⸗ ſamkeit, und die Liebe.“ Bei dieſen letzten Worten hielt er inne, gleichſam als gäbe die Sprache dem ungeſtümen Strom der Gedan⸗ ken nach, und flöhe zürnend weit von ihm, ohne daß er ſie zurück zu halten vermögte. Der Lyra gleich, deren tä⸗ nende Saite mitten in einer Jubel⸗Hymne ſprang, konn⸗ te er keinen Laut mehr von ſich geben, aber alles um ihm hallte noch von Liebe wieder. 32 Beredſamkeit der Empfindung, wie wunderbar iſt deine Macht! Die Fremde horchte auf Arthur'n, ohne daran zu denken, ihn zu unterbrechen. unwiderſtehlich in ſeinen Tönen wie der Sänger Thraciens; knieend, und in ſeinem Selbſtvergeſſen ſchön, wie der göttliche Schäfer des Admet, ward er nicht von ihr zurückgeſtoſ⸗ ſen, welches faſt ſo viel hieß als:„er iſt geliebt.“ Alais hätte aufſtehen, das Ohr verſchließen, und fliehen ſollen. Ihre Pflicht gebot, ihre Schwäche ver⸗ wehrte es ihr. Ach! ſie ſegnete im Stillen die Zernich⸗ tung ihrer Kräfte, die ihrem Benehmen zur Entſchuldi⸗ gung diente und ihr erlaubte, die verführeriſche Sprache anzuhbren, auf welche ihr Herz gern geantwortet hätte. — 120— Aber Waldburgs Züge wurden mit jedem Augenblick finſtrer; ſein auf ſie gerichteter Blick wandte ſich jetzt dro⸗ hend auf den Grafen, und die Fremde ſchauderte. „Arthur, edler Arthur!“ rief ſie:„Du füllſt das Maaß meiner Leiden. Das unglück, welches an meine Ferſen gekettet iſt, ſucht auch hier Opfer!„. Grau⸗ ſamer! kommſt Du nur zu mir, um mich zum Gegenſtand neuer Kämpfe, zur urheberin neuer Verbrechen zu ma⸗ chen!. Gibt es denn kein Winkel auf dem Erdball, wo ich unbekannt ſterben kann, wo meine Gegenwart keine Strafruthe iſt! Arthur! ich beſchwöre Dich knieend, verlaß eine unglückliche, die nie Deine Gemahlin werden kann. Ich habe es Dir ſchon geſagt, ich bin verfluchtz entferne Dich! gib mir meinen Frieden wieder: ſey nicht ohne Barmherzigkeit für mich, und wenn Du mich riebſt 5 „Wenn ich Dich liebe!* fiel der Graf, auſſer ſich, ein:„ach! nur zu ſehr, um je von Dir laſſen zu kön⸗ nen. Was ſagſt Du von Kämpfen und Verbrechen? Ja, mir Deine Gegenwart verſagen iſt mir das Gebot, Ver⸗ brechen zu begehen. Was kümmert mich das Daſeyn aller Menſchen! was mein eigenes! Alais! wäreſt Du ſtrafbar, wäreſt Du von der ganzen Welt verworfen, und ſelbſt vom Himmel ausgeſtoßen, ich will Dich ſo wie Du biſt: ich vermähle mich mit Dir, wer Du auch ſeyſt. Jedem Weſen, welches ſich zwiſchen uns zu ſtellen wagt, M S MN — M v 8* —— — 8 88„ — — 121— iſt mein Leben S oder mir das das iſt meine letzte Antwort.“ Arthurs Schwerdt war halb von der Scheide ent⸗ blößt und bereit, auf Waldburg gezückt zu werden. Alais erhob ſich entſetzt. „Arthur!“ ſagte ſie:„dieſer Ritter iſt von allen Geheimniſſen meines Lebens unterrichtet; er war der Führer meiner Jugend, er iſt mein Freund, aber nichts weiter. Du biſt ohne Zweifel mit ihm vertraut, da er Dich begleitet; und ſo mußt Du auch wiſſen, wie red⸗ lich, wie aufrichtig er iſt; wohlan denn! frage ihn, ob wir durch andre Bande als die der Freundſchaft verbunden ſindz er haßt Erkünſtelung und Verſtellung. Du kennſt ihn, Du wirſt ihm glauben.* „Ich liebte ihn,“ rief der glühende Arthur,„ja, ich geſtehe es, er war mir theuer; er beſaß mein ganzes Vertrauen. Jetzt iſt alles vergeſſen. Ein Fremder hat Deine Theilnahme! hüte Dich, noch mehr von ihm zu ſprechen. Ich kenne keinen Waldburg mehr.“ „Waldburg! von wem ſprichſt Du?*ſagte Alais erſtaunt. „Von ihm, von dieſem aufrichtigen Menſchen!“ ſagte der Graf von Ravenſtel mit einem ſpöttiſchen und wüthenden Lächeln; dann verächtlich mit dem Finger auf den Baron zeigend, fuhr er fort:—„Das iſt alſo der wahre Freund, das reine Weſen, welches Erkünſtelung 122— und Verſtellung haßt!... und doch führt er einen fal⸗ ſchen Namen, einen Namen, der ſelbſt Dir unbekannt iſt; und ſeine verlarvte Redlichkeit...* „Das iſt zu viel!“ ſchrie Waldburg, das ecwnt entblößend:„unbeſonnener Jüngling, folge mir.“ Die Fremde warf ſich zwiſchen ſie; und Arth⸗rs Hand mit Zärtlichkeit und Verzweiflung an ihren Bußen drückend, entglitten dieſe Worte ihrem Munde:„Arthur! Arthur! Dein Leben iſt mir theuer„ halte ein, oder ich ſterve zu Deinen Füßen!“ Bei dieſem rührenden Schrei, bei dieſem durch die Angſt erpreßten Bekenntniß, blieb der Graf unbeweglich. Dann ſeinen Arm um ſie ſchlingend, als wolle er ſie ge⸗ gen jeden vertheidigen, der ſie ihm zu entreißen wagen würde, drückte er ſie mit unſinniger Freude an die Bruſt. „Gebiete, befiehl über Arthur!“ rief er:„Ich gewähre Dir alles, alles, nur entſage ich Dir nicht.“ „Wohlan, verlaſſe dieſen Ort!“ erwiderte ſie, ihn ſanft zurück ſtoßend. „Werde ich Dich wiederſehen?“ „In drei Tagen.“ „ Du verſprichſt mir es?* „Ich ſchwöre Dir's.“ „An welchem Orte?* „An dem Brunnen der Madonna.“ Sie ſprach's; Waldburg ſchien ſie erzürnt unterbre⸗ — 123— chen zu wollen; aber Alais richtete mit einem Ton voll edler Würde die Worte an ihn: „Ich weiß was Ihr ſagen wollt; ich verſtehe Euch, und das iſt hinreichend. Ich kenne meine Pflicht, und werde ihrem Ruf gehorchen; aber welche Geſetze ſie mir auch auferlegen mag, ſo kann Arthur dennoch in drei Tagen zu mir zurückkehren; ich habe es verſprochen; ich werde ihn ſehen.“ Der Graf drückte die Hand der Fremden an ſeine Lippen; von Dankbarkeit durchdrungen, von Hoffnung berauſcht, fühlte er Feuergluthen in ſeinen Adern rollen. „Theure Alais,“ hob er wieder an:„ich gehe; ich laſſe Dich bei ihm; er wird gegen mich ſprechen! Wirſt Du ihn anhören?*“ „Laß uns!* „ Noch ein Wort, und ich gehorche. Vergibſt Du mir die Ausbrüche meiner Leidenſchaft, meiner Heftigkeit?* „Ach!“ antwortete die Fremde, die in ihrer Ver⸗ wirrung, und um ihn zu entfernen, ihr Herz ſprechen ließ:„kannſt Du fragen? Hältſt Du nicht meine Hand in der Deinigen?*“ Und ſie ihm haſtig entziehend, beſtürzt über die aus⸗ geſprochenen Worte, wandte Alais das Haupt hinweg. Der Graf, freudig, und doch unruhig, glücklich, und doch troſtlos, eine Beute tauſend widerſprechender — 124— Gefühle, warf noch einen düſtern und letzten Blick auf Waldburg; dann entfernte er ſich mit ſchnellen Schritten aus dem Hain, und die Fremde athmete endlich wieder frei. —Gi d üntftes Puch. Das iſt der Fluch Des Menſchen! will er Böſes thun, ſo reicht Die Höll' ihm tauſend Helfer⸗Arme hin⸗ Er glaubt: er denke nur; und ſchon geſchieht's! Doch will er eine gute That vollbringen, So hängt die Höll' an ſeines Geiſtes Schwingen Die Rieſenlaſten der Verdammniß an, und was er Gutes will, bleibt ungethan. Auffenberg(Bartholomäus⸗Nacht). Wiee ſehr war Arthur zu beklagen! Durch zwei gleich mächtige Leidenſchaften, Liebe und Eiferſucht, geplagt, kannte er keine Ruhe mehr, und ihre Pfeile durchwühlten ſein Herz. Er glich dem Schiff, welches die Winde auf dem Meere zwiſchen zwei Klippen hin und her jagen, und welches auf ſeiner traurigen Fahrt an jedem Felſen ein Fragment von ſich zurück läßt. Der Graf konnte die ſanften Worte der eintn nicht vergeſſenz ſie waren der kühlende Balſam, welcher — 126— einen Theil ſeiner Wunden heilte; er ſchmeichelte ſich nicht mit dem Glücke, von ihr geliebt zu werden, aber er glaubte überzeugt zu ſeyn, daß er ihr nicht gleichgiltig wäre. Die Liebe, dieſer heftige Wirbelwind, welcher ſich aller menſchlichen Weſen bemächtigt, um ſie auf Eine Seite zu tragen, ſie nach Einem Ziele zu führen, und auf Einem Punkte feſt zu halten; die Liebe umfaßte ſein ganzes Weſen; wie ein unaufhaltſamer Strom zog ſie ihn fort.„ Wohin führt ſie ihn! ach! vielleicht an den Rand eines Abgrunds. Das Geheimniß, welches Alais umhüllte, ſchreckte ihn nicht mehr—„Nein,* ſprach er zu ſich ſelbſt: „ſie iſt nicht von der Vorſicht verworfen; ihre aufgeregte Phantaſie hat in einem Augenblick des Wahnſinns, durch das Uebermaaß ihrer Leiden beſtürmt, dieſe ſchreckliche Idee aufgefaßt. Eine göttliche Klarheit glänzt in ihren durch Thränen verdunkelten Augen; ſie iſt fromm und wohlthätig; aus ihrer Heimat verbannt, hat ſie ja den Himmel noch zum Vaterland. Eine ſchöne Seele, ge⸗ fühlvoll und großmüthig wie die ihrige, iſt ſelbſt in ih⸗ ren Verirkungen rein geblieben, vorausgeſetzt, daß ſie ſich wirklich verirrt habe. Wenn die Strahlen der Son⸗ ne durch ſchwarze Wolken bedeckt, oder in dem Waſſer eines Sumpfes ihren Glanz verlieren, hören ſie darum einen Augenblick auf, ihr Entſtehen von dem großen Ge⸗ ſtirn des Tages abzuleiten?“ S= 8 ——— MN M — 127— Aber wie war ihm Waldburg verhaßt geworden! So ſehr er ihn früher geliebt, eben ſo ſehr haßte er ihn jetzt. In allem, was im Haine zwiſchen ihm, Alais und dem Baron vorgefallen war, welche unbegreifliche Em⸗ pfindungen, welche Widerſprüche, welche unergründlich⸗ keit. Arthur in dieſem Labyrinth verloren, wollte ſeine Gedanken davon abwenden. Was ihm aber einzig hell und gewiß ſchien, war, daß Waldburg ſeiner Liebe, ſei⸗ nem Glücke ein beſtändiges Hinderniß ſeyn würde; er ſah in ihm nur einen Nebenbuhler. Wie langſam ſchlichen ihm die Stunden hin! Dieſe grauſamen Töchter der Zeit gehen nie in gleichem Schritt, weder für den glücklichen noch für den unglücklichen Lie⸗ benden; ihr Schritt iſt entweder zu ſchnell, oder zu langſam. Wann leuchtet denn dieſer dritte Tag, den alle Wünſche Arthurs herbei rufen, der ihn vielleicht in das Vertrauen ſeiner Vielgeliebten ſetzt! Alaiſens Gegenwart war für ihn nicht allein das höchſte Glück, ſondern ſogar ein nothwendiges Bedürfniß zu ſeiner Exiſtenz. Sie war das Licht, deſſen ſeine leidenſchaftliche Seele bedurfte, welches ſie beſtändig ſuchte. Ach! dem Schimmer des Mondes auf ſturmbewegtem Meere gleich, ohnmächtig gegen den Sturm, erleuchtet es dieß Geſtirn ohne es zu beſänftigen. Der erſehnte Tag kam heran. Der Graf ſuchte, — 128— man wußte nicht warum, begierig jede mögliche Zerſtreu⸗ ung. Eine unbekannte Macht gab ihm eine beſtändige, zielloſe Thätigkeit. Er entwarf in einem Augenblick zwan⸗ zig Pläne, er ſprach, er beſchäftigte ſich, aber ſeine Be⸗ wegungen und ſeine Worte waren unruhig und regellos. Er war mit religiöſen Gefühlen geboren; aber ſtatt daß der ungläubige Olburg ſie zu befeſtigen ſuchte, hatte er ſie kaum bei ſeinem Zögling geduldet; und nur die Regeln der Vernunft rühmend, hatte er oft in ſeiner Gegenwart die Dogmen des Glaubens verſpottet. Ar⸗ thurs Frömmigkeit war alſo nicht mehr ſtark genug, ihn im Glück zu leiten, im Kummer zu tröſten. Das Ge⸗ bäude ſeiner Erziehung war ein Monument ohne Baſis. Olburg hatte ſeinen Kopf mit philoſophiſchen Syſtemen, mit ihrer trügeriſchen Aufklärung erfüllt. Unſelige Ge⸗ ſchenke des Irrthums! Die Philoſophie ohne Religion iſt ein Herbſt ohne Aerndte, ein langer Winter ohne Schutz und Obdach. Vergebens ſuchte Arthur Hülfe in den tröſtenden Regionen, ihre Pfade waren ihm unbekannt. Seine Ge⸗ danken, Töchter einer verwirrten Seele, ſtürzten von den göttlichen Höhen herab, zu welchen er ſich ſo gerne aufgeſchwungen hätte. Sie glichen den Schatten der Berge, welche immer an der Erde kleben, wie hoch ſich auch der Felſen in die Wolken erhebt. Olburg hatte Athurn zu ſehr ſtudiert, um ſich in den Gefühlen zu irren, welche dieſen bewegten; er be⸗ merkte ſeine Qualen, ſpähte ſeine Schritte aus„ und kein Zweifel blieb ihm mehr über ſeine Liebe. Fremde! wehe Dir! Olburg betrachtete die Verſtellung nur als eine Art on Talent, das Verbrechen nur als eine Kunſt, und es war ſein Stolz, Böſes zu thun. Der Erfolg ſeiner ſchwarzen Pläne ließ ihn an nichts anders denken, als an ſeine Ueberlegenheit. Er ſuchte ſeinen Zögling auf und bemühte ſich, deſſen Vertrauen, die völlige Mitthei⸗ lung ſeines Kummers zu erlangen. um ſeinen Zweck zu erreichen, wandte er bei dieſer aufrichtigen Seele das Uebergewicht des Geiſtes, die Feinheit ſeiner Vernunft⸗ ſchlüſſe, und die Gewalt der Bitte an. Der Graf, von früher Kindheit gewöhnt, ihm ſein Herz zu öffnen, konn⸗ te ihm nicht lange widerſtehn. Alle ſeine Geheimniſſe wurden ihm vertraut. Olburg bedauerte, tröſtete ihn; hütete ſich aber wohl, ihn durch den kleinſten Vorwurf zu erzürnen.— „Arthur,“ ſprach der Verräther:„ich tadle nicht, daß Ihr ein junges Mädchen ohne Rang und Vermögen ge⸗ liebt; weder Titel noch Schätze machen die Glückſeligkeit des Lebens aus; wenn die Schönheit, welche Euch hin⸗ riß, mir Euerer würdig ſchiene, ſo würde ich ihr auf der Stelle die Erbin von Montolin opfern, und Euch mit ihr verbinden. Aber die Fremde, ein Gegenſtand 9 — 130— allgemeiner Verachtung, verbannt, verlaſſen, iſt ſie wohl eine ſchickliche Gemahlin für Arthur?.. Der Abkömm⸗ ling der bretaniſchen Könige ſich mit der entehrten Ge⸗ liebten, der verlaſſenen Buhlerin eines oder mehrer Wüſt⸗ linge verbinden! Arthur! was iſt aus Deiner großen. Seele geworden? Läßt Du in Dir die Flamme der Ehre erlöſchen? Fliehe die vergiftete Blume, die nur in dem Schatten der Finſterniß empor ſprießt. Wandle wieder auf dem Pfade der Tugendz dort findeſt Du vie Fremde nicht, dort tritt Iſolette Dir entgegen.“ „Aber,“ ſagte Arthur traurig:„wer beſtätigt, wer beweißt Euch, daß Alais entehrt iſt?“ „Ihre Verbannung, ihre Thränen, ihre Reue. 1 Wenn Waldburgs Maske fallen könnte, und ſehen ließ. t „Wie! Ihr glaubt?„* „Theurer Graf endlich müſſen ſich Eure Augen öffnen. Ich habe Eure Liebe in ihrem Entſtehen bemerkt k und mich mit dem Heil Eurer Zukunft beſchäftigt; Dank* ſey es meiner unermüdlichen Sorgfalt,“ es gelang mir, e grauſame Wahrheiten über die Verbannte zu entdecken. Ich habe lange gelebt, weiß die Menſchen zu beurtheilen, und ſelten kann ich durch Betrug getäuſcht werden. Ihr ſ ſeyd das Opfer einer Intrigue. Ein liſtiges Weib, von 2 einem kühnen Abenteurer unterſtützt, ſpotten Eurer un⸗ erfahrenheit, und halten Euch in ihren Retzen. Der ſo⸗ 1 te. en — 131— genannte Baron kennt die Fremde ſeit langer Zeit; die Wohnungen, welche ſie gewählt, ſind ziemlich nahe an⸗ einander; und Ihr wart gutherzig genug zu glauben, ſie hätten ſich nie begegnet. O! das geheimnißvolle Paar weiß ſein Schiff geſchickt zu leiten. Der Eine gibt ſich für eine vornehme Perſon aus, welche, der irdiſchen Größe müde, ihre Heldenthaten und ihren berühmten Na⸗ men beſcheiden in der Einſamkeit verbirgt. Die Andere ſpielt in einem blühenden Haine die melancholiſche Nym⸗ phe, welche die ufer von Paphos beweint. Beide verſte⸗ hen ſich unvergleichlich. „Aber hört endlich ihre abſcheulichen Ränke, beſter Arthur! Der Baron, ſeiner ſaubern Geliebten müde, ſtrebte nach Iſolettens Hand. Eure Ankunft auf Mon⸗ tolin zerſtörte ſeine Pläne, und ſo hat er. „Gerechter Himmel! welch abſcheuliches Licht!.. „Arthur! erlaubt daß ich vollende. Waldburg war es, der am Abend Eurer Ankunft die ſeltſame Erſchei⸗ nung auf dem See veranſtaltete; er hatte von Euerm enthuſiaſtiſchen Geiſte ſprechen gehört, und ſetzte die Ma⸗ ſchinen in Bewegung, welche ihn nothwendigerweiſe entflammen mußten. Der alte Krieger im Walde hat mit ſeinen Berichten die zweite Szene des Drama's geſpielt. Waldburg hat Eure Freundſchaft geſucht, um Euer Ver⸗ trauen zu gewinnen. Alais hat ſich, um Eure Phanta⸗ ſie zu erhitzen, mit allem Zauber der verfolgten Schön⸗ 9* 4 heit, des Leidens und des Geheimniſſes umgeben. Wie die Zauberin Theſſaliens*), beſitzt ſie eine Zauberſchale; ſie hat, eine neue Dejanire, zwar kein Gewand welches verzehrt, aber ein Bild welches verflucht; ſie gibt ſich von hohem Herkommen aus und weint, um ſich zu ver⸗ ſchönern. Welche Kunſtgriffe! welcher Erfolg! Das iſt ja ein wahres Schauſpiel, worin man Euch die erſte Rolle übertragen hatz aber wenn die Entwickelung kommt, dann iſt der Held der Betrogene. und überzeugt iſt, daß, um Eure begeiſterte Zärtlichkeit auf den höchſten Punkt zu bringen, Hinderniſſe nöthig ſind, wirft ſich ſcheinbar zwiſchen Euch.„. Graf! das iſt die Wahrheit; ich mußte ſie Euch ganz enthüllen, wie grauſam ſie auch ſey. Ich laſſe Euch allein; überlegt.“ Olburg entfernte ſich; das tödtliche Gift war aus⸗ geſpritzt. Was er ſagte, enthielt allerdings viel Unwahr⸗ ſcheinliches, Thatſachen, die ſich widerſprachen; aber in dieſer Menge von Beſchuldigungen befand ſich auch man⸗ ches Wahre. Umſonſt verſuchte Arthur aus ſeinem Geiſte die hölliſche Entdeckung zu verbannen, welche wie ein drohendes Geſpenſt vor ihm ſtand. Er glaubte nicht da⸗ ran, aber ſie war daz er ſtieß ſie von ſich, aber ſie war * 2) Medea. „Der Baron, der Euch durchſchaut zu haben glaubt — ——„— — 133— noch da; er floh, ſie folgte ihm allenthalben; er mochte ſchlafen oder wachen, ſo war ſie an ſeiner Seite. Er ſuchte ſich vor ſeinen Gedanken zu verbergen wie vor einem unerbittlichen Tyrannen, konnte aber keine Zuflucht vor ihnen finden. Tauſend Pläne durchkreuzten ſich in ſeinem Gehirne, aber alle wurden nach und nach wieder verworfen. Olburgen vermied er, Iſoletten ſah er ſelten, mit Niemand ſprach er mehr. Er ſuchte nur die Einſamkeit; und dort harrte ſeiner doch ſein größter Feind, ſeine glühende Phantaſie. Allem Anſchein nach war das erſte Weſen, das er liebte, Waldburg, ein abſcheulicher Betrüger; und das erſte Weib welches ſein Herz in Bewegung brachte, eine verächtliche Buhlerin. Welch ein ſchimpflicher Anfang für Arthur auf der Laufbahn der Empfindung! Wo hat er, durch einen thörichten Enthuſiasmus hingeriſſen, ſeine Neigung hinwenden können! Welch eine demüthigende Wahl hat er getroffen; wie mußte man ſeine Leichtgläubigkeit verlachen! Er hatte eine Probe ſeiner ſchwachen Beurthei⸗ lungskraft in der lächerlichen Rolle gegeben, die er ge⸗ ſpielt; er verdiente die Zielſcheibe des Spottes zu ſeyn, ja vielleicht war er ſie ſchon. Wie hätte die Rachbegier nicht in ihm erwachen ſollen! alle ſeine Erinnerungen trugen ja Schimpf an ſich. „Ich habe ein Schwerdt, ich bin bewaffnet,“ ſprach Arthur zu ſich ſelbſt:„Welche Furcht hält mich zu⸗ — 134 — rück? Sterben, was liegt mir jetzt daran! Qua⸗ len, Thränen, das ſind die einzigen Wohlthaten der Zeit. Warum ſollte ich den treuloſen nicht entlarven und be⸗ ſtrafen? Nein, ich kann und will nicht in der Luft leben, Es iſt geſchehen; meine blutigen Ra⸗ che⸗ und Todesgedanken weichen nicht mehr von mir. Siegt Waldburg, ſo will ich ſterben, aber leiden kann ich nicht.“ Zwei Mal hatte ſeit dem Auftritt im Walde, eine neue Morgenröthe die Ratur beleuchtet. das Schloß, und ließ ſich über den See von Montolin ſetzen. Die Sonne war in Weſten hinter einer Gruppe goldner purpurbeſäumter Wolken verſchwundenz gleichſam als hätte der Gott des Tages, um das Thal über ſein Verſchwinden zu tröſten, noch auf einige Augenblicke einen Theil ſeines glänzenden Gewandes zurück gelaſſen. die er einathmet. Arthur ſtieg nahe bei der Wohnung der unbekann⸗ ten ans ufer und eilte mit großen Schritten in den Hain. Was ſollte er der Fremden ſagen?„. Er rief ſie ſich in das Gedächtniß zurück, aber nicht wie Olburg ſie ge⸗ ſchildert, ſondern wie ſie ihm zum erſten Male am Brun⸗ nen erſchienen war, vor dem heiligen Bilde knieend. Ihre ſanfte Sprache, ihr himmliſcher Blick, ihr keuſches Lä⸗ cheln, ihreGrazie, noch rührender als ihre Reize, ſtan⸗ den mit allem ihrem Zauber vor ſeiner Seele. Er hielt ein, er war entwaffnet. Arthur verließ „Ja,* ſprach er:„ich bin betrogen. Aber wer ſind die Betrüger, die mich täuſchen? Wer? Olburg oder die Fremde?. Welche finſtre Nacht umgibt mich! Ich ringe allein mit dem Schmerz. Kein Rath, kein Freund! In meiner Betrübniß keine tröſtende Stimme, die mir zuruft: Muth gefaßt!* Aber ſelbſt in den Anfällen des Zornes und der Ei⸗ ferſucht, ſprach ſein großmüthiges gefühlvolles Herz noch für Waldburg. Seine natürliche Güte drang durch ſeine Heftigkeit, gleichwie an einem heißen Sommertage ſich die durch den Wind gejagten Gewitterwolken theilen, und zuweilen den Azur eines reinen Himmels ſehen laſſen. Plötzlich ſah er eine Bäuerin nach dem Brunnen gehen; er erkannte ſie, es war Nicette. Er eilte ſie zu erreichen. Die Waiſe, welche beſtändig um Alais war, von ihr unterrichtet ward, vereinigte mit einer lebhaften Phantaſie ein ungezwungnes Weſen, deſſen Reiz ſich nicht ſchildern läßt. Ihre Ausdrücke waren gewählt, ihre Gedanken über das Gewöhnliche erhaben. Glückliches Zu⸗ ſammentreffen für Arthur! nun kann er von der Frem⸗ den ſprechen. „Nicette, komm näher,“ ſagte er:„Du haſt mich jüngſt durch die Erzählung Deines Schickſals ſehr gerührt, und ich wünſchte Dich wieder zu ſehen. Ich bin der Graf von Ravenſtel. Ich lindere gern Leiden wo ich kann. Was kann ich für Dich thun? ſprich.“ — 136— „Gnädiger Herr! ich habe es Euch ſchon geſagt, mir mangelt jetzt nichts mehr; ich bedarf keiner Hülfe; nur den einzigen Wunſch habe ich noch, die Leiden mei⸗ ner wohlthätigen Herrin gemildert zu ſehen.“ „Finde ich Deine Gebieterin in ihrer Wohnung?“ „Ja, edler Herr.“ „ Iſt ſie allein?“ „Nein.“ Der Graf bebte bei dieſem Worte, wie bei der Verkündigung eines unheils; mit unruhiger Miene fuhr er fort: „Wer iſt denn bei der Fremden?“ „Der Baron von Waldburg.“ „Iſt der ihr Freund?“ „Gewiß, edler Herr. Sein Anblick beſänftigt ihre Schmerzen; der Himmel hat ſich ihrer endlich erbarmt. indem er ihr in ihm einen Tröſter zugeſendet; möge er ſie nie mehr verlaſſen! Wenn er mit ihr ſpricht, ſo hören ihre Thränen auf zu fließen! wenn ſie ihm zuhört, ſo lächelt ſie. Er ſcheint ſo gut und edel zu ſeyn. Dieſer würdige Beſchützer„„ „Es iſt genug,“ unterbrach ſie der Graf mit don⸗ nernder Stimme:„ich habe Dich nicht beauftragt, mir eine Lobrede dieſes Menſchen zu machen. Er iſt ihrer werth, allerdings.„„ Ich weiß was er iſt was beide ſind.* —— 8— — 137— Nicettens Erſtaunen bei dieſer ſeltſamen Sprache bemerkend, ſuchte er den Ausdruck ſeiner Stimme zu mäßigen, allein ſein Geiſt war verwirrt, und er fuhr fort: „Nicette, ich danke Dir.. ich bin befriedigt„. Iſt dort nicht ihre Wohnung? Ich liebe die Fremde auch, ich liebe ſie recht ſehr. Du ſagteſt, ſie wären beiſammen.“ „Edler Herr! der Baron... „Der Baron! ganz richtig; wo iſt er?. Sie hat ihn lange geſucht.. Ich ſuche ihn nun auch Wo finde ich ihn?*“ Arthurs zornglühendes Geſicht, ſeine barſchen Worte hatten die Bäuerin erſchreckt.—„Edler Graf!“ er⸗ widerte ſie:„wenn der Baron von Waldburg.. „Wie!“ rief der Graf ganz außer ſich:„führſt Du nur dieſen Namen im Munde! ſiehſt Du nicht, daß er mich wie ein Donnerſchlag berührt! Hölliſche Botin, wer hieß Dir ihn in meine Ohren zu ſchreien?... War nicht Ein Mal ſchon zu viel! unſeliges Geſchöpf, wer biſt Du? von wannen kommſt Du? Wer ſendet Dich?.. Fort, fort!“ Nicette ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus und entfloh; aber Arthur eilte ihr nach und, ſie beim Arm ergreifend, rief er wuthentbrannt:„Nein, bleibe; es iſt mir Bedürfniß, Dich noch länger zu hören. Sie lie⸗ ben ſich, ſie ſind beiſammen, ſagſt Du?.. Nicette, führe mich zu ihnen.“ — 138— Das Mädchen fiel auf die Knie nieder.—„Herr! betrachtet mich nicht mit dieſen fürchterlichen Augen 1... Ich bin nicht im Stande Euch irgend wohin zu begleiten. Was habe ich denn Unrechtes geſagt? Was hobe ich ge⸗ than um Euch ſo ſehr zu erzürnen?... Vergebt der Unwiſſenheit einer armen Waiſe des Thals. Habe ich Böſes gethan, ſo habe ich es nicht gewußt. Ich verſtehe Eure Worte nicht; betrachtet die meinigen als ganz be⸗ deutungslos... Ich habe allerdings gefehlt, ich habe Euch übel unterrichtet, Euch übel verſtanden... Er⸗ barmt Euch! ich bin erſt fünfzehn Jahre alt, und ich fürchte mich.* Arthur ließ ſie ios, und die Bäuerin entfloh. Wer vermag den ſchrecklichen Zuſtand des ungeſtümen Grafen zu ſchildern? Rach einigen Augenblicken düſtern Nachden⸗ kens erwachte er plötzlich aus ſeiner drohenden unbeweg⸗ lichkeit, und, aufs Gerathewohl den erſten beſten Weg einſchlagend, eilte er mit der Schnelligkeit des Blitzes fort, ohne zu wiſſen, wohin ihn ſeine Schritte trugen. Er glich der glühenden Bombe, welche, dem Zufall über⸗ laſſen, durch die Lüfte ſaußt; ſie zurück zu halten iſt nicht mehr möglich, ſie muß niederfallen und zerſpringen. Sich zur Rache ermuthigend, ſprach er mit halb⸗ lauter Stimme zu ſich ſelbſt:—„Waldburg! erwarte mich, ich komme. Möge mein Name, mein Ruf, mein Leben verloren gehen, ich bin es zufrieden; ich opfere ſie — 139— auf, wenn nur mein Schwerdt Dich durchbohrt, wenn ich nur deine Frechheit durch dein Blut erlöſcht ſehe, wenn ich nur aus deinem ſchlagenden Herzen den dumpfen und ſchweren Seufzer über deine Lippen gleiten höre, dem eine ewige Stille zu folgen pflegt!“ Der Himmel hatte ſich umzogen, die vergoldeten Säume des weſtlichen Horizonts waren verſchwunden. Eine dunkle Gewitterwolke zog langſam aus Süden da⸗ her. Die Atmosphäre war brennend. Der ängſtliche Vogel ſchwebte faſt der Erde gleich, denn der Anblick des Himmels ſchreckte ihn. Kein Lüftchen regte ſich, kein Blatt war bewegt. Der ferne Orkan hatte ſich, um ſeine Macht zu vergrößern, aller Winbe unter dem Aetherdom bemächtigt, und die Luft fehlte der Natur. Kein dumpfes Murmeln, kein ſtürmiſches Geräuſch verkündigte noch das nahe unwetter; doch leuchteten auf dem dunkeln Vorhange, der ſich über das Thal ausgebrei⸗ tet hatte, bereits Blitze; die Hirten verließen die Weide, die Feldarbeiten wurden eingeſtellt. Majeſtätiſcher Still⸗ ſtand! fürchterliche Erwartung! Das Schauſpiel war feierlich; aber um das Auge zu entzücken erinnerten dieſe ſchreckbare Feierlichkeit, dieſe Beſtürzuhg, dieſes Schwei⸗ gen, welche das Leben zu bedrohen ſchieken, zu ſehr an den Tod. Das Haupt entblößt, mit verwirrtem Haar und flammenden Augen, verfolgte Arthur ſeinen Weg durch — 140— Feld und Aecker. Gleich den Thalbewohnern verdoppelte er ſeine Schritte, und ſchien das Gewitter zu fürchtenz aber was ihn mit Entſetzen erfüllte, was ihn forttrieb, war nicht der Kampf der Elemente„ ſondern die Qual ſeiner Seele. „Erde, öffne dich unter meinen Füßen!“ ſprach der Unbeſonnene:„Organe, entfeſſelt euch über meinem Haupte! Donner des Himmels falle auf mich! Ich bin noch rein und ohne Schuld; aber in wenig Augenblicken vielleicht hat mein Leben zwei Hälften und zwei Namen.“ Ein dichter Schleier bedeckte ſeine Augen; er wähnte von einer dunkeln Nacht umfangen zu ſeyn.—„Wo bin ich?“ fuhr er fort:„welche Finſterniß! Himmel! ſey barmherzig, ſende mir Licht!“ Sein Athem war gehemmt. Es ſchien ihm, als hätte ſein Herz nicht Raum genug, zu ſchlagen.—„Ich erſticke! rief er aus:„Dieſe Bäume, dieſe Felſen, alles beengt mich; der ewige Dom droht mich zu erdrücken. O Natur! Luft! Luft!“ Ein glänzender Blitz theilte die Wolken! das weiße Häuschen der Fremden ſchimmerte leuchtend durch die Bäu⸗ me.—„Dort find ſie alle Beide!* fuhr er fort:„Ja, die Fackel des Sturmes hat mir den Ort gezeigt, der mich ruft.“ Mit dieſen Worten eilte er gegen Alaiſens Woh⸗ nung. Schon war er der Thüre nahe, als ſich die ſanfte — 141— Stimme der Fremden hören ließ und ihn zurückhielt. Ar⸗ thur barg ſich hinter ein dichtes Gebüſch; leiſe bog er die Zweige auseinander. und was erblickte er? Alais, auf Waldburg geſtützt, ſchritt langſam aus ihrer einſamen Wohnung heraus. Mit der Hingebung des zärtlichſten Vertrauens ſprach ſie zu ihm:„— Wie, du willſt mich ſchon verlaſſen?“ „Das Gewitter,“ ſagte der Baron,„nähert ſich mit Heftigkeit. Morgen ſehen wir uns wieder; bis da⸗ hin lebe wohl.“ Er that einige Schritte, um ſich zu entfernen; ſie ſuchte ihn zurückzuhalten.—„Warum entfernſt Du dich ſo eilig?“ ſagte ſie:„welche Kälte herrſcht in deinen letzten Worten! Bedenke, daß Du auf der Erde meine einzige Hoffnung, meine einzige Stütze, mein einziger Freund biſt„ Waldburg breitete ihr ſeine Arme entgegen, und die Fremde warf ſich hinein.„— Leopold! mein theu⸗ rer Leopold.“ Das Geräuſch des Windes hinderte Arthur'n, mehr zu vernehmen. Waldburg drückte Alais an ſein Herz, und, mit ihr an dem Grafen vorüberſchreitend, ohne ihn zu ſehen, ſagte er:—„Vor allen Dingen ein tiefes Schweigen! Bedenke, daß Du verloren wäreſt, wenn Arthur wüßte, wer wir ſind.. Ihn zu hinter⸗ — 142— gehen iſt Nothwendigkeit.. Beſchleunige die Vorberei⸗ tungen zur Abreiſe.* Alais kehrte in ihre Wohnung zurück, und Wald⸗ burg war ſchon weit. Der Graf blieb wie vernichtet ei⸗ nige Augenblicke unbeweglich. Bleich wie ane geknickte Lilie, ſtumm wie ein ödes Grab, wiederholte er bei ſich ſelbſt die letzten Worte, die er gehört hatte. Dann aus ſeiner unthätigkeit erwachend, eilte er wutherfüllt dem Baron nach.* „Richter der Welt!“ ſchrie er:„ich forderte nur Alais von Dir. um ihretwillen würde ich der ganzen übrigen Schöpfung entſagt haben; ſie ſchien mir Dein Lieblingswerk zu ſeyn. O Du, der ihren Körper ſo voll⸗ kommen erſchuf, wie konnteſt Du Dich in ihrer Seele vergreifen!„ Ich wollte nur ſie, nur ſie allein! Du haſt es nicht vergönnt! Du zwingſt mich zum Verbrechen! Du ſelbſt bahneſt mir den Weg.“ Seine Stimme tönte laut, aber der Orkan ent⸗ führte ſein Geſchrei; kein menſchliches Weſen hörte ihn. „Ich kann nicht mehr an ihrem abſcheulichen Ver⸗ rath zweifeln,“ ſagte er:„Wenn Arthur wüßte wer wir ſind! Ihn zu hintergehen iſt Noth⸗ wendigkeit! Beſchleunige die Vorbereitun⸗ gen zur Abreiſe. Der Treuloſe! wo führr er ſie hin? Ach! während ich ihm drohe, lebt er. Keine Wor⸗ te, keine Klagen mehr; ſie würden meine Glut abkühlen.“ — 143— Arthur mäßigte ſich nicht mehr; er entblößte ſein Schwerdt, und flog mit den Wirbelwinden dahin, als lenkte er ihre unbändige Wuth gegen die Natur und das menſchliche Geſchlecht. Die ſtürmiſche Harmonie der Win⸗ de ſchien ihm die Poſaune des Todes, der ſchreckliche Ge⸗ ſang des Leichenzuges zu ſeyn. Er lief ſo ſchnell, daß er kaum die Erde berührte. Endlich erblickte er beim Leuch⸗ ten der Blitze Waldburg, und erreichte ihn auf dem Fel⸗ ſen von Fontaril⸗ „Leuchtende Blitze!* rief er:„Stimmen des Don⸗ ners! Schrecken und Zerſtörung, kommt alle, umgebt mich! Am Bußen des Verderbens athme ich freier. Seyd die Leiter, die Stützen, die Zeugen meiner Rache!* Dann ſeine ſchreckliche Stimme über alle entfeſſel⸗ ten Elemente erhebend, ſchrie er:—„Le opold, ſte⸗ he ſtille! Leopold! Arthur und der Tod!* Bei dieſem Geſchrei kehrte Waldburg ſich um. Ar⸗ thur ſtand auf dem Felſen, die Haare in Unordnung, das bloße Schwerdt in der Hand, kühn wie die Ver⸗ zweiflung, aufs Aeußerſte getrieben wie der Wahnſinn. Seine hohe ſtarke Geſtalt ſchien mit ſeinem Zorne zu wachſen. Allein, beim Schein der Blitze, das Auge durch den Haß, wie der Himmel durch das Feuer ent⸗ flammt, ſchien er der Genius des Sturmes mitten in ſeinem Elemente zu ſeyn, wie er den böſen Geiſtern den Befehl zum Verderben ertheilt. Der Name Leopold durchbebte Waldburgen, als hät⸗ te ihn das Gewitter ausgeſprochen. Dieſer Name, den er ſeit langer Zeit nicht mehr geführt, mit dem ihn nie ein Bewohner des Thals genannt, wie konnte er Arthurn bekannt worden ſeyn? Warum dieſer wilde Blick, das aufgehobene Schwerdt, dieſe fürchterliche Ausforde⸗ rung?„ Aber Waldburg hatte weder Zeit, etwas zu ver⸗ ſtehen, noch eine Erklärung zu geben.—„Verräther! vertheidige Dich!* ſchrie Arthur. „Ich! wäre es möglich! welche Wuth! „Keine Einwendungen! vertheidige Dich!“ „ Arthur! welch unſeliges Mißverſtändniß... „Niederträchtiger Betrüger! ſchweige, oder ich ſtoße Dich nieder.“ „Ihr, Graf! wagt es, meine Ehre anzugreifen! „Deine Ehre! Du haſt keine Ehre! Eidbrüchiger! Du haſt nichts, als dein Lebenz nur dein Leben greife ich an.“ „Arthur!. „Elender! ſtille. Kann dein Schwerdt Dich nicht vertheidigen! Biſt Du unfähig zu kämpfen! Feiger, muß ich Dich morden!“ Das war zu viel! Bei dem Worte Feiger zog Wald⸗ burg ſein Schwerdt. Sie ſtanden auf dem Gipfel von Fontaril, am ufer des Sees, der das Thal bewäſſerte. je „— e — 145— Die ſchäumenden Wogen, auf welchen die Blitze ſchiller⸗ ten, ſprühten Funken indem ſie ſich brachen, und dem Meere von Herkend*) gleich, welches zur Gewitterzeit Flammen rollt, ſchien der Waſſerſpiegel von Montolin ein Feuermeer geworden zu ſeyn. Das Himmelsgewölbe war gänzlich vom Sturm umzogen, und das Geräuſch der feindlichen Waffen, die ſich auf dem Felſen kreuzten, ver⸗ lor ſich in dem unermeßlichen Raum, den ſich die Ele⸗ mente zum Kampſfplatz auserſehen hatten. Zwanzig Mal hatte es in Waldburgs Willkür ge⸗ ſtanden, die Bruſt ſeines Gegners zu durchbohren; Ar⸗ thur warf ſich all ſeinen Streichen entgegen und, noch unerfahren in der Fechtkunſt, ſetzte er jeden Augenblick ſein Leben in Gefahr. Schon hatte ihm der Baron wider Willen zwei Wunden beigebracht, und nie würde der Graf geſiegt haben, wäre ihm nicht der Himmel, oder vielmehr die Hölle zu Hülfe gekommen. Ein heftiger Blitz blendete Waldburgs Augen, ſo daß er faſt erblindet eini⸗ ge Schritte zurück trat. Arthur benutzte dieſen Augen⸗ blick, und ſtieß den Mordſtahl tief in ſeines Feindes Bruſt. „unglücklicher Arthur! was haſt Du gethan?“ ſag⸗ te der Baron von Waldburg. *) Wenn das Meer von Herkend von dem Sturme bewegt wird, ſo ſchimmert es wie Feuer, und man ſieht Flam⸗ men auf den Wogen gaukeln.(Man ſehe Lalla Rookh⸗ von Thomas Moore.) 10 — 146— Sein Blut floß in Strömen, er ſchwankte. Sich vor ſeinem Sieger zurück ziehend, lehnte er ſich an einen nahen Felſen, und die Waffe entfiel ſeinen Händen. Beim Anblick des ſterbenden Barons, des Blutes, das er vergoſſen, und beſonders bei der klagenden Stim⸗ me ſeines Opfers, zitterte Arthur an allen Gliedern.— „Waldburg!“ rief er:„Du warſt ein Betrüger, ein Verräther gegen mich, aber Du ſtirbſt„ich ver⸗ zeihe Dir.“ Leider hörte der Baron dieſe Worte nicht mehr, in welchen wohl die Wuth noch herrſchte, aber doch ſchon ein Strahl der Reue durchſchimmerte; er hatte nur die heftige Bewegung geſehen, welche den Grafen ihm ent⸗ gegen ſtieß. Arthurs ſtarres Auge, ſeine entſtellten Zü⸗ ge, drückten den ſchrecklichſten Wahnſinn aus; Wald⸗ burg glaubte, er wolle ſeine Rache noch weiter treiben, und ſeinen Tod beſchleunigen; er wagte einen Verſuch und trat noch weiter zurück. Doch ſein Fuß glitt auf dem vom Blute feuchten Boden ausz er ſtürzte von dem Felſen in den See, und verſchwand unter den Wogen. Im Augenblick ſeines Falles wollte Waldburg noch einige Worte ſprechen; aber wenn ſeine Lippen ſie auch ausgeſprochen, ſo wurden ſie vom Geräuſch der Wogen übertönt. Nur ein dumpfer Klagelaut drang aus der Tiefe des Abgrunds herauf; es war die Anklage des Gra⸗ — 17— bes, das Geſchrei des unſchuldigen Blutes, der Ruf zum rächenden Richter. Arthurs Haare ſträubten ſich auf ſeinem Haupte empor; kalter Schweiß floß über ſeine Wangen; das Blut ſeiner Wunden erſtarrte; ſeine Nerven zogen ſich krampf⸗ haft zuſammen, als läge er im letzten Todeskampfe; ſeine beengte Bruſt ſtieß die Luft mit Entſetzen zurück, als beſtände ſie aus einer Ausdünſtung von Blut, als hätte der Mord eine Atmosphäre des Verbrechens um ihn aufgehäuft. Bleich, verwirrt, ſchwankend, ſtieß er einen fürchterlichen Schrei aus, deſſen Ton nichts menſchliches mehr hatte; der mit dem Geräuſch des Donners, der Wogen und des Sturms vereint, der Hölle entſtiegen zu ſeyn ſchien. Sollte ihn ſein Blick trügen? oder iſt ſeine Ver⸗ nunft verloren? Vor ihm, beim Scheine der Blitze, als wäre ſie aus dem Palaſt der Gerechtigkeit zur Verfolgung des Mörders abgeſchickt, ſchien eine dunſtartige Geſtalt mit unbeſtimmten Zügen, auf dem Felſen ſtehend, aus den Stürmen hervorgetreten zu ſeyn. Weiß wie das Leichentuch der Geſpenſter, hielt ſie einen brennenden Spahn in der Hand, deſſen bleicher Schein den blutigen Boden beleuchtete. So, einer gött⸗ lichen Votin gleich, zeigt ſich das rächende Gewiſſen als Schreckbild dem Verbrechen. Der Graf, bis zu dieſem Tage ſo rein, hatte nun 30* — 148— ſein Leben auf immer beſudelt; er ſah zugleich ſeine Miſſe⸗ that, ſeinen Fall und ſeine Erniedrigung. Er überredete ſich in ſeinem Wahnſinn, daß die Geiſter des Böſen, denen er ſich durch ſein erſtes Verbrechen zugeſellt, einen ihrer Vertrauten abgeſendet, ihn als Bruder zu begrü⸗ ßen. Er ſtellte ſich ihre Freude vor; er glaubte ihr höl⸗ liſches Gelächter zu vernehmen und, die Augen bedeckend, rief er aus: „ Schreckliche Erſcheinung, was willſt Du?.. Un⸗ terirdiſche Mächte! wie! ſchon ſollte ich euch angehören!“ Aber welche Stimme antwortete ihm! Gott! es war die Fremde.—„Arthur!„„ welch entſetzlicher Schrei! Ihr hier?“ Sie trat ihm näher. Die Flamme ihrer Leuchte er⸗ hellte Arthurs Antlitz. Sie ſah ſeine entſtellten Züge, ſein ſchreckliches Ausſehen, ſeine mit einem blutigen Schwerdt bewaffnete Hand, den auf ſeiner Stirne aus⸗ gedrückten Wahnſinn;— entſetzt wich ſie zurück. „Alais!“ ſagte der unglückliche in gänzlicher Ver⸗ wirrung:„Komm, Dein Leopold iſt hier. Was ſage ich! nein, er war hier. Er wollte mit Dir abreiſen, doch ich zwang ihn, allein fortzugehen. Treuloſes Weib! das iſt Dein Werk. Ihr wolltet mich vereint betrü⸗ gen, und ich betrog euch Beide.“ Dann fuhr er mit ſeltſamem Lachen fort:„Dieſen — 149— Abend noch drückte er Dich an ſeine Bruſt; aber morgen! wer umarmt Dich morgen?. „Arthur, ſiel die Fremde mit wachſendem Ent⸗ ſetzen ein:„was bedeuten dieſe fürchterlichen Worte, dieſe Wuth, dieſe 25 Sie vollendete nicht, ſondern lehnte ſich erſchöpft an den Felſen. Aber ſich plötzlich wieder erhebend, ſtieß ſie einen entſetzlichen Schrei aus. Ihre Hand hatte auf Blut gefühlt, ihr weißes Gewand war damit befleckt, und ihre Füße davon benetzt. „Gerechter Himmel!“ rief ſie aus:„welch ein ungeheuer hat gewagt?* „Das Ungeheuer bin ich!*“ rief Arthur. „Und wer iſt das Opfer?* „Leopold, Deine einzige Stütze, Dein einziger Freund! Dein thaurer, Dein vielgeliebter Leopold.“ „Mein Bruder!“ rief Alais, und ſterbend ſank die unglückliche zu ſeinen Füßen hin. „Dein Bruder!“ ſagte der Graf entſetzt:„Dein Bruder! o unglücklicher Arthur!“ Er ſuchte die Fremde ins Leben zurück zu rufen, aber er ſelbſt war ohne Beſinnung. Nur ein mechani⸗ ſcher Inſtinkt ließ ihn handeln und ſich bewegen; ſein Blut floß, er ſuchte es nicht zu ſtillen; ſeine Wunden entzündeten ſich, er fühlte es nicht. Ihm ſelbſt unbe⸗ wußt glitten dieſe Worte über ſeine Lippen: — 150— „Sie iſt für mich verloren.. Verloren! Ich bin ein ungeheuer... Gett iſt gerecht. Waldburg! warum ſagteſt Du mir nicht: ſie iſt meine Schwe⸗ ſter! Lebend ſtand er zwiſchen uns; todt ſteht er noch drohender zwiſchen unsz am Tage des Gerichts werde ich ihn ſehen; in der Ewigkeit, immer ihn.* Die Fremde hatte ſich wieder erhoben; erſtaunt blick⸗ te ſie um ſich, und ſuchte ihren Geiſt zu ſammeln. Ar⸗ thur war vor ihr auf die Kniee geſunken. Alles was das unglück, die Reue, die Verzweiflung zerreißendes hat, malte ſich in ſeinem bleichen Geſicht. —„Alais! fluche mir nicht!“ rief er, die Hände zu ihr aufhebend.„Aus Barmherzigkeit! blicke mich an! der Ewige hat Dich ſchon gerächt.“ „Grauſamer Menſch! Hantwortete ſie:„wo iſt ſeine Leiche? Was iſt aus ſeiner Hülle geworden? Ach! wenn in Deinem Tigerherzen noch ein Funke von Menſch⸗ lichkeit geblieben iſt, gib mir, gib mir den Leichnam mei— nes Bruders!* Dieſe Worte, mit einem feindlichen Tone ausge⸗ ſprochen, den kein Blick des Mitleids milderte, ſchmetter⸗ ten den Grafen völlig zu Boden; und die Unempfindlich⸗ keit des Todes folgte bei ihm dem Krampfe der Seelen⸗ angſt. „Seine Leiche! ſie iſt da, in dem Seez“ er⸗ widerte er mit kalter Ruhe. Ach! es war die furchtbare Ruhe der moraliſchen Vernichtung. „Ja, in dem See;“ fuhr er fort:„die Geheim⸗ niſſe, die er mir verſagte, hat er nun dem Abgrund an⸗ vertraut, und ich habe ihn doch ſo ſehr geliebt!.... Nun keine Bande mehr; ich bin frei, entfeſſelt, ent⸗ blößt von jedem Gefühl, von aller Furcht, von aller Freude! Ich habe keine Barmherzigkeit zu erwarten. Hatte ich etwas anders zu fordern? nein; bedarf nichts mehr.“ Aber die Fremde ſtieg, ohne ihm länger zuzuhören, mit großer Schnelligkeit den Felſen hinab. Am ufer des Sees wollte ſie den Wogen ihren Bruder wieder abfor⸗ dern. Arthur folgte ihr und hielt ſie an ihrem Gewande zurück.—„Mörder! laß mich!“ ſagte ſie. und die Todesfackel in ihrer Hand zum Himmel erhebend, fuhr die unglückliche fort:„Lenker des Schick⸗ ſals! Dein Wille geſchehe. Meine Ahnungen ſind er⸗ füllt; Dein Fluch begleitet mich hier, wie an allen Or⸗ ten. Vergebens wollte ich verborgen leben; in dieſer tie⸗ fen Einſamkeit, wo ich mich kaum angeſiedelt, habe ich zwei für einander geſchaffene Weſen getrennt; habe das Unglück in zwei Familien gebracht; habe die Tugend aus einem reinen Herzen gedrängt; es fehlte nur noch Mord und Blut. Habe ich nun meinen Weg hin⸗ — 152— länglich bezeichnet? Alſo überall, o furchtbarer Richter, bin ich die Macht des Böſen?*“ Sie ſprach's; Blitz und Donner begleiteten ihre Worte; die Natur harmonirte mit ihren Leiden und ih⸗ ren Gedanken. Jetzt war ſie am Fuß des verhängnißvol⸗ len Felſens und ſchritt längs des ufers hin. Das Ge⸗ witter hatte ſich gegen Norden gezogen, während im Süden wieder eine ſchwache Helle erſchien. Alais betrach⸗ tete den See, deſſen Oberfläche faſt wieder ruhig ge⸗ worden war. Ach! vergebene Mühe! keine Leiche ſchwamm auf den Wogen. „Alais! ee rief der Graf. „Stille! unterbrach die Fremde mit feierlicher Würde:„wenn ich je den Tod meines Bruders ſeinem ſchändlichen Mörder vergebe, ſo erlöſche mein Leben au⸗ genblicklich, wie die Flamme dieſer Leuchte. ⸗ Mit dieſen Worten warf ſie den brennenden Spahn in den See. Das Waſſer kochte, und der Schein erloſch. Arthur, durch ſeine Leiden und den Blutverluſt erſchöpft, ſtieß eine dumpfe Klage aus; er ſah, er hörte nichts mehr.„ und die Fremde ergriff die Flucht. —55‧855 Sechstes Burch. In Zypreſſen hüllt ihr Haupt die Duldung und die Tugend ärndtet Hohn und Spott; unſchuld trägt die Strafe der Verſchuldung, Edle darben!— und es iſt ein Gott?— Tiedge(urania). Deas Gewitter war vorüber. Der Himmel ſtrahlte wie⸗ der im reinſten Azur; die Wald⸗ und Wieſenblumen er⸗ hoben ihre geſenkten Häupter; die Lerchen jubelten wie⸗ der, und der Kampf der Winde hatte aufgehört. Eine reine balſamiſche Luft verbreitete ſich unter dem ewigen Gewölbe. Die Zephiren, ſüßer Düfte ſchwanger, eilten von Strauch zu Strauch, leicht wie die Schwüre der Lie⸗ be, und flüchtig wie ihre Seufzer. Endlich beruhigt, ſchien die ganze Natur, ihre Wohlgerüche verbreitend, ein Weihopfer der Dankbarkeit gegen den Himmel aus⸗ zuhauchen. Was iſt das für eine einzelne Gondel, welche den 1541— Waſſerſpiegel des See's durchſchneidet?„. Wie ſchnell ſcheint ſie dahin zu gleiten! Was für Wanderer, oder was für Fiſcher begeben ſich noch ſo ſpät nach dem Caſtel? Schon bevölkern die Sterne der Nacht die Felder des unendlichen, und der irrende RNachen, nur durch eine bleiche Fackel erhellt, zieht ſtill und traurig vorüber und ſcheint, dem wunderbaren Fiſche des perſiſchen Meerbu⸗ ſens*) gleich, der Stern des Sees zu ſeyn. Halb in der Gondel liegend, den Kopf in die Hand geſtützt, ſchien ein Jüngling zu ſchlafen: es war der Graf von Ravenſtel. Aber ach! der Schlaf war fern von ſeinen Augenliedern, nur das uebermaaß ſeiner Leiden drückte ihn zu Boden. Olburg ſtand vor ihm; wie mag er zu ihm gekom⸗ men ſeyn? Ach! er iſt der böſe Genius, der Arthurs Leben umſchwebt. Olburg, unerſchütterlich in ſeinen Vorſätzen, hatte ſich an demſelben Morgen in das Kloſter Sanct Irenäus begeben. Ihm war der lebhafte Antheil nicht unbekannt, den der Prior an Iſolettens Schickſal nahm, deren Züch⸗ *) Eines der intereſſanteſten Dinge, welche man im perſi⸗ ſchen Meerbuſen findet, iſt ein Fiſch, welchen die Eng⸗ länder Sternfiſch nennen. Während der Nacht iſt er glänzend wie das reinſte Licht, und ganz von Strahlen umgeben.(Man ſehe: Lalla Roolh, von Thomas Mvore⸗ Th⸗ 2 p. 132.) — 8 8 v — 155— tigkeit, Tugend und ſanfte Heiterkeit ihn längſt entzückt hatten. Er wußte, daß, ſtrenge in ſeinem urtheil, der mächtige Gebieter der Abtei, auf die ſeiner Gerichtsbar⸗ keit untergebenen Bezirke das Auge eines Beherrſchers und Vaters warf, und kein Laſter unbeſtraft ließ. Er hatte ihn manchmal Geringſchätzung, und ſelbſt einen gewiſſen Widerwillen gegen die Verbannte des Thals ausdrücken hören; Olburg ſprach alſo zu ihm: „ Ihr nehmt Theil an Iſolettens Schickſal, hochehr⸗ würdiger Herr; wohlan! das Band welches ihr Glück, ihre Verbindung befeſtigen ſollte, iſt ſo zu ſagen, zer⸗ riſſen.“ „Ihre Verbindung zerriſſen! und durch wen?“ „Durch die Ränkeſpinnerin des Thals. Die liſtige Fremde hat den Grafen von Ravenſtel verführt. Sie iſt ſchön, gewandt, und falſch. Arthur, durch das Gift die⸗ ſer neuen Circe berauſcht, hat ihr das Fräulein von Montolin aufgeopfert. Dieß Herz, ſonſt ſo edel, hat ſeine Reinheit in dem geheimnißvollen Hain verloren, wo ihn die Wolluſt umfing. Bald wird die Fremde ſeine ſchöne Seele gänzlich verdorben haben. Trauer herrſcht im ganzen Schloſſe; Iſolette vergeht vor Schmerz, und ich bin gekommen Eure Hülfe anzurufen.“ „Meine Hülfe! was kann ich thun?“ „Die Fremde lebt auf Euerm Gebiet. Grundherr des ſüdlichen Flußufers, könnt ihr über Tod und Leben — Eurer Vaſallen verfügen; und jede verächtliche Crea⸗ tur.* F „Olburg! was wagt ihr mir vorzuſchlagen! Ich ſollte auf bloßen Verdacht und Zweifel hin, das Leben 175 eines Weibes antaſten Hochehrwürdiger Herr, Ihr mißverſteht mich; Ihr könnt, ohne ihr Leben anzugreifen, ſie aus Euerm Gebiet verweiſen; Ihr könnt zwei edeln Familien Glück und Ru⸗ he wieder geben, ohne eine ungerechte Handlung zu be⸗ gehen. Laßt die Fremde holen. Ein Weib dieſes Gelich⸗ ters kann durch Gold gewonnen werden; bietet ihr dieſen blendenden Erſatz, wenn ſie ihre Wohnung verlaſſen, und dem Grafen entſagen will. Alle Schätze Montolins ſollen zur Ausführung dieſes Plans zu Euern Dienſten ſeyn; bittet, droht, befehlt, Alais muß Euch gehorchen, und das Skandal hat ein Ende.“ „Ich willige ein,“ ſagte der Prior nach augen⸗ blicklichem Nachdenken.„Ich will die Fremde kommen laſſen; und Ihr ſollt ſie ſelbſt hier ſprechen; Ihr werdet den beabſichtigten Zweck beſſer erreichen als ich. Ich haſſe das Laſter; allzin wer Alais auch ſeyn mag, achtet ihre Jugend und ihr Geſchlecht; ich dulde weder Gewalt noch Ungerechtigkeit. Bedenkt, daß ſie ſchwach und ohne Ver⸗ theidigung iſt. Olburg, dieſen Abend findet Euch hier ein!* Der Verräther verließ die Abtei; allein das Gewitter übereilte ihn, und zwang ihn, Schutz in der Hütte ei⸗ nes Fiſchers am ufer des See's zu ſuchen. Der Sturm war vorüber, und er erſuchte ſeinen gaſtfreundlichen Wirth, ihn in ſeinem Kahne nach dem Schloſſe zuxück zu bringen. Schon ſchwammen ſie auf den Fluten, als ſie durch einen Windſtoß an das ufer zurück⸗ getrieben wurden und in dieſem Augenblick eine brennen⸗ de Fackel von Fontaril herab ſchleudern ſahen. Trotz der Finſterniß, welche noch über die Natur ausgebreitet war, unterſchied Olburg das weiße Gewand eines Wei⸗ bes. Ein Jüngling folgte der Unbekannten; er glaubte Arthurn zu erkennen. Olburg ließ augenblicklich dem Kahn eine andre Rich⸗ tung geben, und nach einigen Schwierigkeiten ſtieg er an das ufer, wohin ihn die Neugierde rief. Seine Augen hatten ihn nicht betrogen. Aber in welchem Zuſtande, gerechter Gott! fand er ſeinen Zögling. Arthur lag im Blut gebadet auf der Erde; er hatte bereits alle Kräfte verloren und ſtieß keine Klage mehr aus. Man hätte in ihm bereits eine Beute des Todes vermuthen können, wenn nicht ſein ſtarres, doch fragen⸗ des Auge vom Gegentheil gezeugt hätte. Seine Antwor⸗ ten auf Olburgs Fragen boten nur ſchreckbare Bilder dar, und gaben keine Erklärung; doch genügten ſie Ol⸗ burg. Er fragte nicht mehr, er wußte alles. Der Nachen theilte die Fluten; die friſche Abend⸗ — 158— luft und der ſteigende Rebel des Sees erfriſchten Arthurs Sinne. Seine Wunden waren verbunden worden. Nach und nach kam er zu ſich ſelbſt. Der unglückliche! ach, was wird er leiden! Er ſtarrte alle Gegenſtände um ſich her an, und Olburgs Anblick war ſeine erſte Qual; denn dieſer war es, deſſen boshafte Einredungen ſeinen Arm bewaffnet, deſſen erdichtete Mittheilungen ihn zur Rache getrieben hatten. Er war es endlich, der ihn zu Verbrechen ge⸗ zwungen. 5 Nichts entriß ihn ſeinen moraliſchen Leiden, ſelbſt ſeine phyſiſchen Schmerzen nicht. Arthur! erinnerſt Du dich noch der Zeit, wo Du Stürme vom Leben forder⸗ teſt?... Der Himmel hat deine Wünſche erhört. Nun haſt Du die erflehten Güter! Du hatteſt in deinem ſtol⸗ zen Hochmuthe geglaubt, ohne andre Stütze als Dich ſelbſt, ungeſtraft mit ihnen ringen und ihre Macht ver⸗ ſpotten zu können. Thor, wo iſt deine Kühnheit? Un⸗ beſonnener, wo iſt deine Stärke? „Graf von Ravenſtel!...* ſagte Olburg. „Wer ſpricht hier?“ unterbrach Arthur mit leiſer Stimme und ohne aufzublicken:„erkenne ich nicht die trügende Stimme, die, Verläumdung aushauchend, mich zum Mord verleitet!.. Was hat ſie mir noch ferner vorzuſchreiben? Iſt es mit Einem Verbrechen nicht genug?“ „Wie!* erwiderte Olburg:„Ihr redet eine ſolche —„ . — — r * Sprache mit mir! mir mir, der Euer zweiter Vater war, den Ihr in eurer Kindheit ſo ſehr liebtet 5 „Keine Hindeutungen auf die Vergangenheit,“ fiel der Graf ſchnell ein.„So wie ich Euch wähnte, konn⸗ ich Euch lieben; ſo wie Ihr ſeyd, ſtoße ich Euch von mir.“ „Arthur! ich ſehe es, Eure Leiden „Meine Leiden? Olburg! das Grauſamſte von allen iſt, daß ich Euch in dieſem Augenblick hier ſehen muß„. hier bei mir, und gezwungen zu ſeyn, Euch anhören zu müſſen. „Was ſagt Ihr?e „Was ich denke; ich habe nie anders geſprochen. Ihr habt mich gewöhnt, Euch alles zu ſagen; und das iſt die Stunde nicht, wo ich Euch etwas verbergen möchte. Ihr habt mich ſchändlich betrogen, ich kann Euch nicht mehr lieben, denn ich verachte Euch. Durch Euch ward ich zum Verbrecher und bin entehrt. Ihr habt das Feuer angezündet, Euch gehört der Ruhm der Feuersbrunſt. Nein, nur in der Stunde des Gerichts wird mir Eure Nähe wieder erträglich ſeyn. In jenem feierlichen Augen⸗ blick, wo das Vergeſſen aller empfangenen Beleidigungen durch das Schrecken geboten wird, werde ich den Muth haben, Euern Anblick zu ertragen. Dann erſt kann ich Euch die Hand bieten.. Olburg, Ihr werdet wiſſen warum; Ihr werdet mich im voraus verſtanden haben.“ „Arthur, Eure Sinne ſind verwirrt. Wie ſehr — 160— täuſcht Ihr meine Erwartung! Ehedem, wenn Euer Herz litt, kehrte es ſich nicht wutherfüllt gegen ſeinen Führer und Freund, ſondern es vertraute ihm ſeinen Kum⸗ mer, und brachte dem Himmel ſeine Gebete dar.“ „Es kann ſie ihm noch darbringen,“ erwiderte Ar⸗ thur mit dumpfer Stimme:„aber nicht nach Euerm Bei⸗ ſpiele, ſyſtematiſcher Philoſoph. Ihr ließet meine zu feu⸗ rige Phantaſie beſtändig außer allen Grenzen irren, ohne ſie auf heilige Pflichten zu ſtützen, und ohne ihr andere Führer zu geben als ſeichte Theorien und leere Vernunft⸗ gründe; nun, der Baum hat ſeine Früchte getragen. Es iſt wahr, die Reue bleibt dem Schuldigen; aber Eure Gegenwart erſtarrt mich zu Eis, mein Herz zieht ſich zu⸗ ſammen, jedes ſanfte Gefühl erſtirbt; bei Euch kann ich nicht beten.“ „Was ſprecht Ihr von Reue?„ „Richtet Eure Blicke auf mein Schwerdt.“ „Es iſt von Blut befleckt; allein „Ich bin Eurer würdig, Olburg.“ Aus Furcht, Arthurs Leiden zu vermehren, ſeine Wunden zu entzünden, und ihm ſo den Todesſtoß beizu⸗ bringen, brach Olburg das Geſpräch ab. Sie ſtiegen in der Nähe des Schloſſes ans Land, und der Graf, welcher Blicke und Fragen zu vermeiden wünſchte, be⸗ nutzte die Dunkelheit, um ſich ungeſehen in ſein Gemach zu ſchleichen. r e. — 161— Die Verwirrung ſeines Geiſtes hatte ſich gelegt. Olburg beſchwor ihn, ein tiefes Schweigen über alle Be⸗ gebenheiten des Tages zu beobachten. Der Graf ergab ſich in dieſen Wunſch. Sie kamen überein, daß Arthur unter dem Vorwande einer unpäßlichkeit drei Tage lang das Zimmer hüten, niemanden ſehen, und vor allem das Schloß nicht verlaſſen ſollte. Es war Nacht. Olburg hatte ſich die Verſchwie⸗ genheit des Fiſchers mit Gold erkauft und, überzeugt, daß ſein Zögling ſein Verſprechen treulich halten würde, begab er ſich beruhigt in das Kloſter, wohin die Fremde beſchieden war. Die Befehle des Priors waren vollzogen worden. Einige Geiſtliche waren gegen Abend nach Alaiſens Woh⸗ nung gegangen, und ihr ehrwürdiges Oberhaupt hatte ihnen ſelbſt geboten, die Fremde mit allen Rückſichten auf ihr Geſchlecht, mit allem ſchuldigen Mitleid gegen das unglück zu behandeln. Sie kamen zu der einſamen Hütte. Das Gewitter war vorüber; aber der Regen floß in Strömen herab, und dichte Finſterniß bedeckte die ganze Ebene; der Ho⸗ rizont, lange durch Blitze erleuchtet, ließ nur noch in der Ferne ſeine flammenden Meteore ſehen; die Pfade waren durch die Verwüſtungen des Sturmes ungangbar geworden; die Wieſen ſtanden unter Waſſer; und die ütte der Fremden, von Bäumen umringt, wovon eini⸗ 11 — 16 0 ge vom Winde entwurzelt waren, erhob ſich öde und dü⸗ ſter in der Mitte der Zerſtörung. Sie klopften zu wiederholten Malen an; ſie traten in die Hütte, aber Alais war abweſend. Die beſorgte Nicette harrte ängſtlich ihrer Rückkehr. Die Fremde war während des Gewitters ausgegangen, und hatte, eine Fackel in der Hand, den Weg nach dem Felſen von Fon⸗ taril eingeſchlagen, von welchem her man ein lautes Ge⸗ ſchrei vernommen. Nicette, welche der Wind, die Finſterniß und der Donner ſchreckten, konnte ſich nicht entſchließen, ihr zu folgenz jetzt machte ſie ſich Vorwürfe deshalb und weinte. Die Abgeſandten des Priors, über den Bericht der Bäuerin erſtaunt, wollten ſogleich an den Strand eilen, und Alais aufſuchen. Sie verſahen ſich mit Fackeln, und Nicette begleitete ſie⸗ Sie hatten ihren Weg faſt zurückgelegt, als ſie— o Himmel! können ſie ihren Augen trauen?— die Frem⸗ de plötzlich mit irren Schritten, ganz weiß gekleidet, hinter dem Felſen hervor treten ſahen. Ihr ſchönes Haar hing aufgelößt über den Rücken herab; ihre Kleider wa⸗ ren zerriſſen und mit Blut befleckt; ihr Blick drückte tie⸗ fes Leiden, ſtillen Wahnſinn aus, Sie ſtürzte den Abgeſandten des Priors entgegen, und rief:—„Dort oben von dem Felſengipfel iſt er er 1 d 1 er in den Abgrund geſtürzt. Wer ihr auch ſeyn mögt, ret⸗ tet ihn.* Der Schein der Fackeln fiel auf ihr weißes Gewand; ſie ſah es mit Blut bedeckt und, dem gewaltſamen Schrek⸗ ken unterliegend, fiel ſie in Nicettens Arme. Einige der Geiſtlichen eilten an das ufer des Sees, aber kein Opfer findend, erſtiegen ſie den Gipfel von Fon⸗ taril, und ſahen einen blutgedüngten Platz. Sie ho⸗ ben eine Waffe auf. Es war Waldburgs Schwerdt. Sie richteten mehre Fragen an die unglückliche Alais; doch dieſe verſagte die Antwort. Die Geiſtlichen geboten ihr, ſich in die Abtei zu begeben, und ſie weigerte ſich keinen Augenblick ihnen zu folgen. In einen dichten Schleier gehüllt, verließ ſie ihr Exil. Ihre Wächter betrachteten ſie mit Verwunderung. Ihr keuſcher Blick, ſanft und rein, war der Blick der Unſchuld; ihre ausdrucksvolle rührende Stimme hatte den Ton eines tugendhaften Herzens. Der Befehl, ſie ſcho⸗ nend zu behandeln, war überflüſſig; denn die Prieſter, welche ihre Grazie, ihre edle Würde bewunderten, nah⸗ ten ſich ihr nur mit Ehrfurcht. War es die Macht der Schönheit? Nein, es war ein unerklärbarer Inſtinkt, welcher ſie ihnen nicht in dem Zuſtand der Erniedrigung, in welchen ſie gefallen, ſondern auf der Höhe menſchlicher Größe, auf welcher ſie ſicher einſt geſtanden, darſtellte. Die Fremde war in der Abtei. Es drohte ihr eine 11* — — — ſchreckliche Gefahr; ſie ſah, daß der Verdacht des Mor⸗ des, wenigſtens der Mitſchuld, auf ihr Haupt fallen würde. Wird ſie Arthur anklagen? Nein. Sie iſt des Le⸗ bens müde, nichts feſſelt ſie mehr an dieſe Erde. Sie wird allein für das Verbrechen büßen, deſſen urſache ſie allein geweſen. Man führte ſie vor Olburg. Mit welcher ſchaden⸗ frohen Aufmerkſamkeit hörte er den Bericht der Geiſtlichen an! Mit welch hölliſchen Blicken betrachtete er Alaiſens blutiges Gewand! Mit welchem boshaften Eifer bemäch⸗ tigte er ſich Waldburgs Waffe. Alles muß zu ſeinem Zwecke dienen, alles zum Verderben der Fremden bei⸗ tragen. Alais— ſo dachte er— hat ohne Zweifel das Ende des Zweikampfs geſehen, und das Blut des Barons floß über ihr Gewand im Augenblick, als ſie die Kämpfenden zu trennen ſuchte. Er zweifelte nicht, daß dieſer Ver⸗ dacht falſch ſey; allein im Tone eines ſtrengen Richters, der von ihrer Schuld überzeugt zu ſeyn glaubte, hieß er ſie niederſitzen, und ſprach ſie alſo an: „Räthſelhaftes Weib! ſchon lange hat Euer ver⸗ dächtiges Benehmen der ganzen Gegend ein Aergerniß ge⸗ geben; jetzt endlich muß man erfahren, wer Ihr ſeyd. Wie kommt es, daß Ihr in Euern Jahren, allein, ohne Stütze, ohne Verwandte, ohne Führer, ganz verlaſſen — 165— und gleichſam von der Erde verworfen, Euch in dieſem Lande aufhaltet?“ Alais ſchlug die Augen auf zu dem unbekannten, der das Wort an ſie gerichtet; und Olburgs ſtarre Züge ſagten ihr, daß er weder des Mitleids, noch der Nach⸗ ſicht fähig ſey. Es gab keine Stimme des Heils für ſie, ſobald ihr Schickſal von dieſem Manne abhing. Verge⸗ bens ſuchte er ſeinen Zügen einen Anſtrich von Milde, von Güte zu geben; es glich dem See von Syrien, deſ⸗ ſen Oberfläche manchmal die Strahlen der Sonne zurück⸗ wirft, der aber nichts Lebendes in ſich ſchließt, und nur den Tod unter ſeinen Fluthen birgt*). „Herr,“ erwiderte die Fremde:„Ihr, der Ihr die Menſchen, die Welt und das Leben kennt, kann Euch das unglück überraſchen? Ohne Aeltern und Stütze zu ſeyn, weder Familie noch Reichthum zu beſitzen, und da⸗ bei noch jung und ohne Führer zu ſeyn, iſt das Loos vie⸗ ler Sterblichen; was jindet Ihr ſeltſames darin?“ „Von dem heimatlichen Boden Verbannte, wenn Ihr ohne Fehl ſeyd, warum hüllt Ihr Euch in Geheim⸗ niſſe ein? warum verſchweigt Ihr Euern Namen? war⸗ 5 um verbergt Ihr Euer Herkommen?“ „Welche Geſetze,“ entgegnete Alais mit Feſtigkeit, *) Das todte Meer ſoll weder lebende Geſchöpfe noch Ve⸗ getabilien in ſich enthalten⸗ 6 „verbieten einer Fremden, zurückgezogen und in Frieden zu leben? Wer gebietet ihr, ihr Leben und ihre Schickſale den unbekümmerten dieſer Welt zu erzählen, und Andere mit der Darſtellung von Leiden zu beläſtigen, welche nur ſie betreffen? Armuth iſt kein Verbrechen, und iſt hier keinem Richter irgend eine Rechenſchaft ſchuldig. Ich ver⸗ lange von der Erde nur ein verborgenes Aſyl, ihr Ver⸗ geſſen, und die öffentliche Gleichgiltigkeit.“ Olburg, durch die Ausdrücke der unbekannten über⸗ raſcht, fuhr mit ſpöttiſchem Tone fort: „Liſtige Creatur! wenn Ihr das gallgemeine Ver⸗ geſſen wünſcht, warum zogt Ihr denn durch Eure Reize und Eure Geheimniſſe den ſchönen Grafen von Ravenſtel in Eure Einſamkeit? Geſchah es vielleicht, um die Macht Eurer Tugend, die Stärke Eurer unſchuld beſſer ſtrah⸗ len zu laſſen, daß Ihr unter wollüſtigen Schatten Eure verliebten Zuſammenkünfte verbargt? Geſchah es aus Züchtigkeit und Beſcheidenheit, daß Ihr den leichtgläubi⸗ gen Arthur beredetet, Ihr ſeyed von hoher Abkunft? Geſchah es endlich aus Pflicht und Güte, daß Ihr das Herz des Fräuleins von Montolin mit Verzweiflung er⸗ fülltet?* „Herr,“ ſagte Alais beleidigt und mit dem Aus⸗ druck eines reinen Bewußtſeyns:„zu weſchem Zwecke ſtellt Ihr mir dieſe beleidigenden Fragen? Zu was dieß ſeltſame Verhör? Welche Rechte habt Ihr auf mich? Der — 167— Prior von Sankt Irenäus kann einer Fremden den Auf⸗ enthalt auf ſeinen Grunde verbieten, ihm ſteht es frei, ſie zu verjagen, und ſeinem Willen werde ich mich unter⸗ werfen, aber Eure Beleidigungen ertrage ich nicht. 3 „Wohlan! ich befehle Euch in ſeinem Namen... „Er ſelbſt ertheile mir ſeinen Befehl,“ ſiel ſie mit Feſtigkeit ein:„Ich habe gehorchen gelernt ſeit meiner früheſten Jugend; zuerſt den Wünſchen meiner Familie, dann den Geſetzen meines Monarchen, und ſpäter dem Billen des Himmels; mich aber dem tyranniſchen Urtheil eines Richters, der die Gewalt nicht hat, es zu ſeyn, zu unterwerfen, habe ich nirgends gelernt.. Ihre würdevolle Haltung ſchien einer Königin anzu⸗ gehören. Olburg war beſtürzt; er konnte ihren Blick nicht aushalten, aber in der Tiefe ſeiner Seele vermehr⸗ te ſich Haß und Wuth gegen ſie. „Fremde!“ fuhr er fort:„Blut bedeckt Dein Ge⸗ wand; Du trägſt die Kleidung des Mordes. Alais ſchauderte bei dieſen Worten. Die Szene von Fontaril, das traurige Ende ihres Bruders und Ar⸗ thurs Verbrechen ſtanden vor ihrem Gedächtniß, und riſ⸗ ſen die Wunden ihres Herzens wieder auf; ſie ſtützte ihren Kopf in die Hand, und ſchien der Gewalt ihres Schmerzes zu erliegen. Olburg ſchien gerührt zu ſeyn:—„Unglückliche!“ — 168— fuhr er fort:„wißt Ihr welch Schickſal Eurer harrt? Der Kerker und das Blutgerüſt. „Hört mich!“ hob er ſanfter wieder an:„ Ich habe Mitleid mit Eurer Jugend, ich will Euch weniger ſtrafbar glauben, als Ihr zu ſeyn ſcheint; Euer Leiden erregt mein Mitgefühl, und noch kann ich Euer Leben retten. Ehe Ihr in Feſſeln gelegt werdet, ehe Euer Todesurtheil geſprochen wird, habe ich Mittel, Euch dem Schwerdte der Gerechtigkeit zu entziehen, Ihr ent⸗ fliehet dieſe Nacht aus dem Gefängniß des Kloſters, ich werde Eure Flucht begünſtigen; und Waldburgs Ermor⸗ dung, deren Spuren ich vertilgen werde, wird für die gan⸗ ze Gegend ein ewig unergründliches Geheimniß bleiben.“ Alais ſchien nachzudenken; ſie war unbeweglich und ſchwieg. Olburg zweifelte nicht an dem Erfolg ſeines Vorſchlags, und fuhr fort: „Ich fordere von Euch nur eine einzige Bedingung; beſinnet Euch nicht, denn Euer Heil hängt davon ab. Dieſe Nacht, bevor Ihr flieht, ſchreibt Ihr an den Grafen; Ihr ſagt ihm: Ihr wolltet kein ferneres Hin⸗ derniß ſeines Glückes, ſeiner Jermählung ſeyn; Ihr hättet ihn betrogen, denn, durch Eure Verirrungen er⸗ niedrigt, wäret ihr ſeiner nicht werth. Schande wäre Euer Erbtheil, und von ihm vergeſſen zu werden, Euer einziger Wunſch; zu dieſem Zwecke hättet Ihr ihn auf immer geflohen.* — 169— Die Fremde hob erzürnt ihr gebeugtes Haupt empor. „Menſch oder Teufel, wer Du auch ſeyn magſt! öffne ſogleich Deinen Kerker, errichte Dein Blutgerüſt, aber befreie mich von Deinem Anblick.“ „Du willſt umkommen!„* „Schlage zu.“ „Du weißt nicht, unbeſonnene Dirne, welche Stra⸗ fe man Dir bereitet, welche Qualen Dich erwarten.“ „Du weißt nicht, wilder Menſch, was ein Weib zu ertragen vermag, und welche Kraft in ihrem Herzen wohnt.“ „Wirſt Du die Tortur aushalten?*“ „Ich habe Deine Worte ertragen.* „Und Du wagſt„„ „Entferne Dich. Dein fürchterlicher Verſuch auf mein Hers hat os empört, Du ſiehſt es. Keine vergeb⸗ lichen Worte mehr. Der Dienſt des Verräthers iſt erfüllt, eile den des Henkers zu bereiten.“ Ruhig erhob ſie ſich von ihrem Seſſel, warf ihren Schleier zurück, und ſchien mit aufgehobener Hand dem Boshaften zu gebieten, ſich aus ihrem Angeſichte zu ent⸗ fernen. Ihre majeſtätiſche Würde, ihr gebietender Blick, ihre Stimme, ihre ſtrahlende Schönheit, verwirrten den abſcheulichen Olburg. Er trat zurück, indem er mit lei⸗ ſer Stimme die letzten Worte der Fremden wiederholte, gleichſam als fürchtete er, wenn er ſeine eigenen Gedan⸗ ken laut werden ließe, ein zu ſcheußliches Ungeheuer dar⸗ zuſtellen, vor welchem er ſich ſelbſt entſetzen würde. Alais ward in den Kerker des Kloſters geführt. Olburg eilte zum Abt; er malte ſein Opfer mit den ſchwär⸗ zeſten Farben; er glitt leicht über ſeine Unterredung mit ihr hinweg, und meldete nur das Reſultat; aber er drang in den Prior, um jedes Skandal zu vermeiden, Arthurs elende Geliebte in der Stille aus der Abtei brin⸗ gen, ſie heimlich in ein entlegenes Kloſter ſperren zu laſ⸗ ſen, und ſo den Gegenſtand der allgemeinen Verachtung auf immer aus der Gegend zu entfernen. „Nein,“ erwiderte der ſtrenge Prior:„Euer Rath iſt nicht weiſe; die Gründe, die Ihr anführt, ſind nicht gerecht. Es ward ein Mord verübt, man muß den Thãä⸗ ter zu entdecken ſuchen. Die Fremde war bei der That zugegen; vielleicht iſt ſie mitſchuldig, vielleicht ſelbſt die Thäterin; denn dieß Weib iſt, nach Eurer Schilderung, aller Verbrechen fähig. Waldburg ſoll ihr bekannt ge⸗ weſen ſeyn; ſie ſahen ſich heimlich. Eine ſtrafbare Liebe hat ihn vielleicht zu ihr hingezogen, und ſeine Geliebte hat in einem Augenblick der Eiferſucht den Dolch auf ihn ge⸗ zückt. Olburg, keine falſchen Wege, keine Gewaltſchrit⸗ te! dieſe wollen wir der Bosheit überlaſſen. Ich will, daß dieſe Sache öffentlich verhandelt werde. Alle Ge⸗ heimniſſe müſſen aufgeklärt, alle Miſſethaten enthüllt, und der Baron gerächt werden.“ „Hochehrwürdiger Herr.„* ſagte der Böſewicht ſchaudernd.. „Olburg! keine Einwendungen; kehrt nach dem Schloſſe zurück. Eure Hülfe iſt hier überflüſſig. Hier iſt nicht mehr die Rede von der Enthüllung einer Liebesange⸗ legenheit, ſondern es muß eine Mordthat beſtraft werden. Die Fremde, wohlbewacht, ohne daß ſich ihr jemand nä⸗ hern darf, ſoll feierlich gerichtet werden. Ich werde alle Zeugniſſe anhören, alle Beweiſe ſammeln, und die Ver⸗ handlungen ſollen öffentlich geſchehen. In dem großen Saal der Abtei, die Schwelle der Ewigkeit ge⸗ nannt, werden ſich die Richter verſammeln, und das urtheil wird in drei Tagen geſprochen werden. Geht! mein Wille iſt unerſchütterlich.“ Der Elende war ſehr beſtürzt. Welch eine uner⸗ wartete Entwickelung des Drama's, welches er eingelei⸗ tet hatte! welch ein Umſturz ſeiner pläne! Er zählte auf geheime Anſchläge und Kunſtgriffe, um ſich Alaiſens zu entledigen, und nun war ein feierliches Gericht feſt— geſetzt, wodurch vielleicht ſein Zögling blosgeſtellt ward. Wenn die Fremde, Arthur beſchuldigend, von der Mordthat freigeſprochen würde, und die ganze Schand⸗ that auf den Grafen von Ravenſtel wälzte.„. Gott! welch ein furchtbarer Gedanke! welch ein weiter Abgrund voller Schreckniſſe. Aber vas ungeheuer hatte ſeinen Entſchluß ſchon — 72— gefaßt, um ſich aus dieſem Labyrinth zu ziehen. Alle Gemeinſchaft mit Jedermann, wer es auch ſeyn mogte, mußte ſeinem Zögling abgeſchnitten werden, bis das Ur⸗ theil ausgeſprochen war. Arthur durfte Niemanden ſehen. Alle Begebenheiten mußten ſorgfältig vor ihm verhehlt werden. Im Schloſſe mußte er gefangen bleiben, und durfte ſeine Freiheit erſt dann wieder erhalten, wenn die Richter von Sankt Irenäus die Fremde verurtheilt hatten. Olburg hatte alles dem Herrn von Montolin mit⸗ getheilt. Dieſer unredliche Menſch, deſſen Seele nur von Einem Gedanken, der Verbindung Iſolettens mit Arthur, beherrſcht war, billigte alles, und vereinigte ſich mit dem Böſewichtz und alle Mittel ſchienen ihnen erlaubt, welche den Untergang der Fremden befördern konnten. Im Kloſter Sankt Irenäus ward alles zum Gerich⸗ te vorbereitet. Der Prior, ſtrenge und gerecht, war durch die Feſtigkeit ſeiner Grundſätze bekannt. Er war der mächtigſte Lehensherr in der ganzen Provinz; der Herzog von Bretagne hatte ihm in ſeinen Beſitzungen un⸗ umſchränkte Obergewalt ertheilt; er hatte das Recht, al⸗ len Bannerherrn der ganzen Gegend zu befehlen, und ſein erhabenes Tribunal erlaubte faſt keine weitere Appel⸗ lation. Wohlthätig, belohnte er die Tugend mit fürſtlicher Freigebigkeit; ſtrenge, beſtrafte er das Laſter ohne Mit⸗ l „—„—————— r * leid. Mildthätig, aber unfreundlich; rein, aber hart zu⸗ gleich, ſchien er eher ein Apoſtel des rächenden Gottes, als ein Hirte des Gottes der Barmherzigkeit zu ſeyn. Durch ſeine Geradheit hatte er die öffentliche Ach⸗ tung, durch die Feſtigkeit ſeiner Grundſätze das allgemei⸗ ne Vertrauen ſich erworben. Bewundrungswerth in ſei⸗ nem Betragen und erhaben in ſeinen Reden, hatte er vom Himmel alle vereinten Tugenden zum Erbtheil erhal⸗ ten. Was fehlte ihm denn noch? ein gefühlvolles Herz⸗ Er glich dem klaren Bach, der das Firmament abſpie⸗ gelt, deſſen Waſſer aber beſtändig kalt, deſſen Geräuſch, monoton und traurig, nur die Augen erfreuen kann, aber alle andern Sinne kalt läßt. Olburg kannte den Prior, und ſein Charakter ſchreck⸗ te ihn ſo ſehr als ſeine Macht. Er konnte ſich nicht ver⸗ hehlen, daß Arthur, von ihm des Mordes verdächtig, ohne Rückſicht auf ſeinen Stand und Namen, nach aller Strenge der Geſetze, gleich einem gemeinen Vaſallen, verurtheilt werden würde. Schon länger als ein halbes Jahrhundert hatte ſich der große Saal der Abtei, die Schwelle der Ewigkeit genannt, dem Publikum nicht mehr geöffnet. Seit undenklichen Zeiten hatte er nur zu den feierlichen Ceremonieen gedient, welche das Schickſal der Menſchen entſchieden; und keine Sache von Bedeutung, kein Ver⸗ — 174— brechen hatte noch die Richter unter dem Vorſitze des je⸗ tzigen Abtes verſammelt. Die Väter des Cantons erzählten tauſend Wunder von dieſem berüchtigten Gemache, welches ſo ſelten betre⸗ ten ward; nach den alten Sagen hatte ſich bei jedem urtheil ein Wunder darin ereignet. Der Geiſt des Herrn, ſo ſagte man, ſchwebte über der Verſammlung; es könn⸗ te nichts unbilliges dort geſchehen. Dieſe geheiligten Mauern, von welchen der gemeine Mann nur mit from⸗ mem Schauder ſprach, hatten einſt Orakelſprüche hören laſſen, um das Laſter zu verdammen, und die unſchuld freizuſprechen. Todte hatten zwiſchen ihnen das Leben wieder erhalten, Lebende den Tod dort gefunden. Der Sitz eines jeden Richters ſtand unter dem beſondern Schutze eines Engels. Kurz, dieſer gefürchtete Saal, die Schwelle des Lebens oder des Todes für den Ange⸗ klagten, der gezwungen war, dort zu erſcheinen, war nach der Sage des Cantons, das Gericht des höchſten Gottes ſelbſt. Endlich leuchtete der fürchterliche Tag, welcher die Fremde verurtheilen ſehen ſollte. Mit dem erſten Strahl der Morgenröthe belagerte eine ungeheure Menſchenmaſſe die Pforte des Kloſters, und die Schwelle der Ewigkeit konnte kaum die Hälfte der Neugierigen faſſen. In den vorhergegangenen Tagen hatte Olburg noch — — manchen Schritt gethan, damit Alais ſein ſichres Opfer würde. Eine einzige Furcht quälte ihn: wenn die An⸗ geklagte Arthur beſchuldigte!...„ Aber nein; während ſeiner Unterredung mit ihr, hatte er in ihr Herz geſchaut; ſie liebte den Grafen von Ravenſtel; mit einer lebhaften leidenſchaftlichen Phantaſie begabt, einer heroiſchen An⸗ hänglichkeit fähig, wird ſie eher ihr Leben aufopfern, als Arthur einer Gefahr ausſetzen. Von ihr hat er nichts zu befürchten. und wenn ſie ſelbſt ihren Geliebten verrathen ſollte, den ein hoher Rang unterſtützt, wer wird ihren Reden glauben, die keinen Beweis für ſich haben? Arthur wird nicht erſcheinen, und Olburg ihn vertheidigen. Faſt alle Bewohner des Landes, durch den Böſewicht verführt und beſtochen, werden gegen Alais zeugen. Der Abt wollte der Gefangenen einen Vertheidiger geben, ſie hatte es aber ausgeſchlagen; ſie wollte ihre Sache ſelbſt, ohne Hülfe, ohne Rath, vertheidigen. Wird die Ver⸗ bannte des Thals, ſo von dem menſchlichen Geſchlechte verlaſſen, wird ſie allen gegen ſie geführten Ränken Wi⸗ derſtand leiſten können? Ihr Verderben ſcheint unvermeid⸗ lich. Die Stunde des Gerichts hatte geſchlagen. Welch ein impoſantes Schauſpiel bot der gefürchtete Saal dar, den ein mattes Licht kaum erhellte, und den eine Reihe Lanzenknechte umringte. Die Richter, ſchwarz gekleidet, — 176„ ſaßen im Halbzirkel auf einer Erhöhung am Ende des Saals, der Prior in ihrer Mitte, unter einem glänzen⸗ den, mit ſchwarzen Federbüſchen geſchmückten Thronhim⸗ mel. Er hielt in ſeiner Hand einen Stab, und mit den Orden geſchmückt, die er einſt an dem Hofe Philipp⸗Au⸗ guſts erhalten hatte, trug er das reiche Gewand eines Oberhaupts der Abtei. Der Saal war rundum mit dunkelrothem Tuch be⸗ hangen, und es war durchaus keine Thüre ſichtbar. Ein großes Kruzifir ſtand im Angeſichte der Verſammlung, und neben Waldburgs blutigem Schwerdte, welches öf⸗ fentlich ausgeſtellt war, lagen Torturinſtrumente, die aber im Kloſter von Sanct Irenäus nie gebraucht wor⸗ den waren, zu den Füßen der Richter. „Diener Gottes auf Erden,“ ſagte der Abt, die Sitzung eröffnend:„wir ſind berufen, meine Brüder, ſtrafbare Seelen zu richten; ein abſcheuliches Verbrechen heiſcht unſre Rache; der Baron von Waldburg fiel unter den Streichen eines Mörders. Sein anklagendes Schwerdt hier, blieb an dem Orte zurück, wo der Mord begangen ward. Wahrſcheinlich hatte er es zur Vertheidigung in dem Augenblicke gezogen, wo ihn der Mörderſtoß traf, und ohne Zweifel entglitt es ſeinen Händen, ehe er ſich deſſen bedienen konnte. Der Körper des Opfers, in den See geſtürzt, entging unſern Nachforſchungen. Geiſtliche vegaben ſich in die Wohnung des Barons, und fanden ————— k ſie oede und leer. Aller Anſchein, alle Zeugniſſe klagen die Fremde an. Gott der Gerechtigkeit! Gott der Rache! laß uns weder durch Vorurtheile, noch durch Irrthum, noch durch Feindſeligkeit verblendet ſeyn. Dein heiliger Geiſt erleuchte uns.“ Er hatte dieſe Worte vollendet, als die Fremde erſchien. Sie ward von Prieſtern begleitet. Alle Blik⸗ ke fielen ſogleich auf ſie. Jedermann ſuchte ſich ihr zu nähern, und nur mühſam gelang es den Lanzenknechten, die nöthige Ordnung zu erhalten. Sie trug ein höchſt einfaches Gewand von ſchwarzer Serge. Ein weißer Schleier verbarg ihr Geſicht zur Hälf⸗ te und ließ einen alabaſterweißen Nacken ſehen; ihr zier⸗ licher ſchlanker Wuchs ſtellte ſich grazienhaft unter den leichten Falten ihres Gewandes dar. So erſcheinen un⸗ ter dem Pinſel des Genius die Formen der Sylphiden, wenn dieſe luftigen Schönheiten von den Abenddünſten umgeben, die Azurflächen durcheilen. Die blendende Weiße ihrer Haut, ihr beſcheidenes jungfräuliches Anſehen, ihre Jugend, ihr unglück beweg⸗ ten alle Zuſchauer. Ein Gemurmel des Erſtaunens, der Bewunderung, der Rührung erhob ſich. Sie ſchien eine Stunde der Nacht zu ſeyn, die, ſchön im Arm des Schat⸗ tens zur ſüßen Blumenzeit, geheimnißvoll und verſchlei⸗ ert dem erſten Sonnenſtrahl voran geht. Dieß war das erſte Mal, daß der Prior die Frem⸗ 12 de ſah, und ihr Anblick verwirrte ihn... Ohne Zweifel rief ſie ihm irgend einen werthen Gegenſtand in das Ge⸗ dächtniß zurück, denn er ſchien unruhig und bewegt. Er ſuchte ihre Geſichtszüge zu ſehenz allein der Schleier, der ſie bedeckte, und die Dunkelheit, welche im Saal herrſch⸗ te, entzogen ſie ſeinem Blick. Er blieb einen Augenblick in Nachdenken verſunken, dann die Erſcheinung aus ſei⸗ nem Gedächtniſſe verbannend, hieß er die Angeklagte niederſitzen, nahm ſeinen ſtrengen Ton wieder an, und das Verhör begann. „Junges Weib! wer ſeyd Ihr?“ „Eine Fremde, eine Verbannte, ein Opfer des unglücks.“ Warum ſchien doch der Prior bei dieſer Antwort Alaiſens ſichtbar erſchüttert zu werden? Warum hielt er plötzlich inne?.. Hatte die ſanfte Stimme der Frem⸗ de eine zauberiſche Gewalt über ihn? Waren es kabaliſti⸗ ſche Worte, die ſie ausgeſprochen? Mußte ſie denn an allen Orten und unaufhörlich mit Geheimniſſen umgeben ſeyn? „Fremde!“ fuhr der Abt mit minder ſtrenger Stimme fort:„ Ihr wißt, welches Verbrechens man Euch beſchuldigt. Man ſah Euch mit blutigem Gewande am Fuße des Felſens von Fontaril; Ihr war't während des Gewitters dort zur Zeit, als der Mord geſchah⸗ Was habt Ihr zu Eurer Vertheidigung zu ſagen?* er an de „Nichts, als daß ich unſchuldig bin.“ „War't Ihr bei der That gegenwärtig? „Nein, ich rufe den Himmel zum Zeugen an.* Dieſe Worte, mit dem Tone der Wahrheit ausge⸗ ſprochen, machten einen lebhaften Eindruck auf die Ver⸗ ſammlung. Der Prior fuhr fort: „Warum rieft Ihr denn im halben Wahnſinn den Prieſtern zu: Er fiel in die Tiefe des Ab⸗ grunds. wer Ihr auch ſeyd! rettet ihn! — Wenn Ihr nichts von dem Verbrechen wußtet, wie konntet Ihr denn alſo ſprechen?* Die Fremde antwortete nichts. „Euer Schweigen iſt ein Geſtändniß. Erkennt Ihr dieſes Schwerdt?“ Beim Anblick des blutenden Schwerdtes ſchauderte Alais; ihr Muth verließ ſie, und mit ſchwacher Stimme ſagte ſie: „Ja Herr!“ „Angeklagte, ſahet Ihr das Opfer?“ „Nein Herr! Ein dumpfes Geſchrei zog mich auf den Felſen, wo jener fiel, den Ihr Waldburg nennt. Ich ſah dort die Spuren eines neu verübten Verbrechens; indem ich mich an einen Felſen lehnte, färbte ich meiß Gewand mit Blut, und von Entſetzen ergriffen, n ich die Flucht.“ 12* — 180— „Und ſahet Ihr auf dem Felſen keine Spur des Mörders?* Bei dieſer Frage fühlte Olburg, der nahe bei dem Sitze der Richter Platz genommen, wie ſein Blut in den Adern zu Eis erſtarrte. Der gefürchtete Augenblick, der Alais verderben oder rechtfertigen mußte, war da. Alais blieb ſtumm. Der Abt wiederholte ſeine Frage; daſſelbe Schweigen. Ein dumpfes und mißbilligendes Gemurmel lief durch den Saal. Die wärmſten Anhänger der Beſchuldigten, konn⸗ ten ſie nicht mehr vertheidigen. Die Blicke wandten ſich von ihr; die Bewunderung, die ſie erregt, der Zauber der ſie umgeben hatte, verſchwand; Alais erregte keine Theilnahme mehr. „Ich ſehe,“ hob der Prior wieder an:„der Mör⸗ der iſt Euch bekannt. Fremde, bedenkt es wohl! den Schuldigen nicht entdecken, heißt ſich zur Mitſchuld be⸗ kennen; ſeinen Namen verſchweigen, heißt ſein Verbre⸗ chen theilen.“ „Herr ich habe nichts zu erwidern als: ich bin unſchuldig.“ „Dieſe Worte reichen zu Eurer Rechtfertigung nicht hin. Beharret Ihr darauf, uns den Mörder zu ver⸗ ſchweigen, ſo öffnet Ihr den Abgrund zu Euern Füßen. Sprecht! oder der Tod erwartet Euch.“ — M ——————————————— „Sprechen! ich habe nichts mehr zu ſagen. Der Tod!. ich habe nichts mehr zu fürchten.“ Der Prior ſchien betrübt. Theilnahme und Rüh⸗ rung ſprachen aus ſeinen Blicken. Er rief die Zeugen auf. Es waren Olburgs Abgeſchickte. Durch den Böſewicht unterrichtet, klagten einige ſie der Ausübung hölliſcher Künſte an. Rach ihrem Aus⸗ ſagen beſchwor ſie, um jedermann von ihrer Wohnuhg entfernt zu halten, die Geiſter der Finſterniß; ließ ſie Seuchen in dem Thale entſtehen; bereitete ſie Gift und Liebestränke; und der Tod des Barons war nicht ihr er⸗ ſter Mord. Mehre Hirten waren, ſeit ſie im Thale wohn⸗ te, auf ſeltſame Weiſe umgekommen, und die Gering⸗ ſchätzung, die Verachtung, womit man ſie behandelte, waren eben ſo viel Zeugen gegen ſie. Andere verſicherten, ſie in der Nacht des Sturmes auf dem Felſen von Fontaril geſehen zu haben. Ihr wei⸗ ßes Gewand hätte ſie verrathen. Sie ſey mit einem Dolche bewaffnet geweſen, und in der Hand eine bren⸗ nende Fackel ſchwingend, habe ſie einer Furie geglichen⸗ Noch Andere ſagten aus: ſie hätten ſie den Abend vor dem Morde, unter den Bäumen des Madonnenbrun⸗ nens, dem Baron mit einem tragiſchen Ende drohen hö⸗ ren. Wieder Andere wollten in einer benachbarten Stadt von einem Reiſenden vernommen haben, die Fremde ſey wegen Diebſtahl und Giftmiſcherei, aus ihrer Heimat — — ——— — 182— verjagt worden. Kurz, alle kommen in der Behauptung überein, daß ſie der Schrecken der ganzen Gegend ſey⸗ Die Fremde ſchien während dieſer Ausſagen weder erſtaunt noch beſtürzt zu ſeyn. Als die Zeugen alle ab⸗ gehört waren, erhob ſie ſich mit ruhigem Anſtande und, ſich mit Würde gegen ihre zahlreichen Verläumder wen⸗ dend, ſagte ſie: „Bewohner von Sankt Irenäus! ich kenne die Gei⸗ ſter des Böſen nicht, welche Euch Eure Reden eingaben; aber ſie glitten nur über Eure Lippen, ſie kamen nicht aus Eurer Seele. Kinder der biedern Bretagne! Die Verläumdung ſteht Euch ſchlecht. Durch die Rolle, wel⸗ che Ihr übernommen, beläſtigt, ſchämtet Ihr Euch ihrer in Euerm Innern; Eure Augen wandten ſich von mir, und Eure Stimme bebte. „Was hat mir denn Euern Haß zugezogen? Habe ich die Ruhe Eurer Thäler geſtört? Drang ich in Eure Hütten ein? Welche Vorwürfe habt Ihr mir zu machen? Was habe ich anders bei Euch gethan, als allein gelebt und geweint in meiner ſtillen Einſamkeit? „Ihr ſagt, ich ſey in die kabaliſtiſchen Wiſſen⸗ ſchaften eingeweiht; dieſe leere Beſchuldigung verdient keine Rechtfertigung. um den gemeinen Mann von mir entfernt zu halten, bedurfte ich keines andern Zaubers als meinen Schmerz; und meine Verbrechen beſtehen in meinem unglück. w—„ N M — 183— „Ihr Weiber dieſes Thals! ich rufe Eure Herzen auf. Wenn uneinigkeit in Euern Hütten herrſchte, wer hat durch Friedensworte Eure erzürnten Geiſter beſänftigt? Wenn Euch Armuth quälte, wer hat Eure Sorgen ge⸗ gemildert, und oft ſein letztes Brod mit Euch getheilt? Eure Männer haben mich nicht gekannt, aber Ihr, die Ihr in meiner Seele geleſen zur Zeit Eurer Leiden, ſprecht! glaubt Ihr mich ſchuldig?“ Sie ſprachs; ihre rührende Stimme hatte alle Zu⸗ hörer bewegt. Alle Frauen hatten ſich bei ihrem Aufrufe erhoben. Ihre Wangen waren von Thränen benetzt; und zu ſehr bewegt, um ſich in die ſtrengen Regeln, welche in dem Gerichtſaal der Abtei herrſchten, fügen zu kön⸗ nen, erhoben ſie die Hände zum Himmel und riefen:— „Richter! ſie iſt unſere Wohlthäterin! Wir bürgen für ihre unſchuld.“ „Wenn mir nur daran gelegen wäre, mein Leben zu erhalten,“ fuhr die ſchöne Angeklagte fort:„ſo wür⸗ de ich mich leicht rechtfertigen, und den abſcheulichen Verdacht von mir wälzen können; aber, ich geſtehe es, wenig iſt mir an meinem Daſeyn gelegen! Welches auch der Ausſpruch meiner Richter ſeyn möge, er iſt mir gleich⸗ giltig. Ich habe unter den Menſchen ſo viel gelitten, daß mir das Leben eine Laſt iſt. Auf ewig dem Glücke verloren, fürchte ich ein Gericht nicht, welches mir nicht mehr nehmen kann als.. das Leben. — — — ——— — — — 184— „Aber Ihr, unglückliche Ankläger! bedenkt, daß mein Tod auf Eure Häupter fallen, und daß der Himmel bald oder ſpät die unſchuld rächen wird. Nicht meinet⸗ wegen, ſondern wegen Eurer ſelbſt bitte ich Euch. Edle Bretagner! Nehmt Eure Reden zurück; verlaßt die Pfade der Sünde; laßt mich hier nicht die urſache Eures künf⸗ tigen Verderbens ſeyn. Ach! ohne es zu wollen, habe ich auf Erden genug Böſes gethan. „Ich weiß, daß ich Euch verhaßt bin; doch ohne guflucht zum Verbrechen zu nehmen, werdet Ihr bald von meiner Gegenwart befreit ſeyn. Verdammt oder ge⸗ rechtfertigt, werdet Ihr mich nicht lange mehr ſehen; ich habe nur noch eine kurze Friſt zu leben, entehret daher Eure Tage nicht. Im Namen Gottes gebiete ich Euch, vor dieſem Kreuze hier, bei dem Blute des Erlöſers zu ſchwören, daß Ihr vor dieſem heiligen Tribunal die Wahr⸗ heit ausgeſagt; wer von Euch ſchweigen wird, der nimmt ſeine Reden zurück.“ Keine einzige Stimme ließ ſich hören;z kein einziger Zeuge wiederholte ſeine Beſchuldigungen. Die von ihr zuletzt ausgeſprochenen Worte hallten in dem Saale wie⸗ der, als hätte ſie der Herr ſelbſt ausgeſprochenz ſie fan⸗ den in jedem Herzen ein Echo, welches die Fremde frei⸗ ſprach. Aufrecht an eine Säule gelehnt, unbeweglich, halb verſchleiert, ſchien ſie ein himmliſcher Geiſt zu ſeyn, welcher den Richtern die Wahrheit zeigte. Ein Sonnen⸗ — 185— ſtrahl fiel auf den Pfeiler, wo ſie ſtand, gleichſam als ginge die Klarheit, welche ſie umgab, von ihr aus, und hätte alle Wolken des Irrthums zertheilt. Eine tiefe Stille herrſchte eine Zeit lang in dem Saale, und als wäre eine elektriſche Flamme über die Verſammlung gegangen, ſo ſchlugen der Fremden alle Herzen wieder, und Bewunderung und Enthuſiasmus umringte ſie von allen Seiten. Aber plötzlich ſich den Händen eines Wächters ent⸗ reißend, welcher am Eingange des Saals ſtand, flog ei⸗ ne junge Bäuerin auf die Fremde zu.„. Es war Ni⸗ cette. Sie theilte die erſtaunte Menge und gelang an die Erhöhung, wo die Richter ſaßen; dort ſank ſie athein⸗ los auf die Kniee und, ohne ein Wort ausſprechen zu können, überreichte ſie den Richtern eine Schrift. Der Prior nahm das Schreiben, auf welches das königliche Siegel von Frankreich gedrückt war, öffnete es, und las mit lauter Stimme: „Wenn meine Bitte noch einigen Werth bei dem „Volke hat, deſſen Königin ich war, ſo ehre man al⸗ „lenthalben, wo ſich die Fremde befindet, deren Le⸗ „ben, ihre Geheimniſſe, und ihr unglück. „Die Prinzeſſin von Meran.“ Welch ein auſſerordentliches Erſtaunen ergriff alle Anweſenden. Agnes von Meran, die Gefangene auf Karency, die Gemahlin Philipp⸗Auguſts, nahm ſich Alaiſens an!... Der Prior, ſtumm und nachdenkend, ſchien in tiefe Verwunderung verſunken. „Wer hat Dir dieß Schreiben übergeben?“ fragte einer der Prieſter Nicetten. „Dieſen Morgen, Herr,“ antwortete ſie:„fand ich es in dem Zimmer meiner Gebieterin.“ „Wer hat es dahin gebracht?“ „Ich weiß es nicht. Aber Dank der Sorgfalt mei⸗ ner Wohlthäterin, ich kann leſen. und ich habe ge⸗ leſen.* Der Prior wendete ſich zu der Angeklagen.„Frem⸗ de, ſagte er, ſie aufmerkſam betrachtend:„warum habt Ihr nicht ſelbſt bei Euern Richtern das wichtige Dokument, welches Ihr beſeſſen, geltend gemacht? Ein Weib, welches die tugendhafte Prinzeſſin von Meran in Schutz nimmt, kann keine verächtliche Creatur ſeyn.. Agneſens Theilnahme an Euch, iſt für Eure Vertheidi⸗ gung von großem Gewicht.“ „Herr,“ antwortete Alais:„ich habe es ſchon ge⸗ ſagt, und wiederhole es jetzt: mein Schickſal iſt mir gleichgiltig. uebrigens ſpricht Agneſens königliches Schrei⸗ ben, welches ſchon lange in meinem Beſitze iſt, mich nicht von den neuen Verbrechen frei, deren man mich veſchuldigt; ich habe nicht daran gedacht, daß es mir in dieſer Sache nützlich ſeyn könnte. Einſt konnte ich ſeiner würdig ſeyn, jetzt bin ich es nicht mehr.“ ————— ——— — 187— „Seltſames Weib!“ ſagte der Abt.„Welche Reden! wer kann Euch begreifen, und wer wird es wa⸗ gen, Euch zu richten!“ „Wer es wagen wird, ſie zu richten!“ rief Alaiſens junger Zögling mit einer Beredſamkeit, wel⸗ che ihr plötzlich durch Furcht, Liebe und Dankbarkeit ein⸗ geflößt ward; ſagt: wer wirdes wagen, ſie zu verdammen!.„ O, ſie iſt ſchon im Stillen von allen losgeſprochen, welche Augen haben, um ihre Ge⸗ ſichtszüge zu ſehen, Ohren, um ihre Stimme zu hören, Herzen, um ihre Seele zu verſtehen. Richter! ich bin nur eine arme fünfzehnjährige Waiſe;z aber ich lebe ſchon lange bei ihr, und Ihr müßt mein Zeugniß anhören. Geſtern habe ich, durch den Engel hier unterrichtet, am Fuße des Altars zum erſten Male das Brod des ewigen Lebens empfangen; wohlan! in dieſem Augenblick von jeder Sünde rein, von allem Makel frei, und gleichſam neugeboren aus dem Waſſer der Taufe hervorgegangen, von der Kraft der göttlichen Gnade erfüllt, erkläre ich im Namen des Erlöſers, der in mir lebt, der aus mir ſpricht, daß dieß Weib unſchuldig, daß ſie rein iſt wie die Geiſter, welche den Thron Gottes umgeben; daß ſie das heilige Muſter evangeliſcher Frömmigkeit iſt, und daß keiner unter Euch ihre Stärke und ihre Tugenden veſitzt. Richter! ihr habt mich gehört! ich bin aufrichtig und ſcheu; nie haben meine Lippen eine lange Rede ausgeſprochen, und doch wage ich es heute, allein, öf⸗ fentlich, meine Herrin zu vertheidigen!.... Dieſelbe Macht, welche mich wie auf Flügeln zu Euch her ge⸗ tragen, gab mir mit der leichten Schnelligkeit des Pfer⸗ des, die Worte des Redners ein. Werdet ihr mir den Glauben verſagen! Wie ein neuer Daniel habe ich ge⸗ ſprochenz nun richtet über ſie, der Himmel wird über Euch richten!“ Sie ſprachs; und dem ausdrücklichen Verbote des Gerichts zum Trotz, begrüßten laute, unbezähmbare Beifallsbezeigungen einſtimmig die rührende Hirtentochter, die fünfzehnjährige Improviſatrice, die kindliche Verthei⸗ digerin des unglücks und der Schönheit; die ungekünſtel⸗ te, jungfräaliche Reinheit, die, ohne Wiſſen und Füh⸗ rer, ſich als einzigen Advokaten der unſchuld aufwarf. Ricette hatte ſich in die Arme der Fremden gewor⸗ fen.—„Ach!“ fuhr ſie mit der letzten Kraft fort: „um der Ehre der Menſchheit Willen, laßt Euch nicht verurtheilen!.5 und leblos ſank die Waiſe zu ihren Füßen nieder. Welch ein erhabenes und rührendes Bild! Die Fremde, halb über den Körper des jungen Mädchens gebeugt, hielt deſſen Hand, und drückte ſie an ihr Herz. Wenig an glückſelige Gemüthsbewegungen gewöhnt und ohne alle Hoffnung, dergleichen noch genießen zu können, war ſie über den Reiz dieſes ſüßen Augenblicks erſtaunt⸗ —— — — 189— Ihre Dankbarkeit malte ſich in ihren melancholiſchen Zü⸗ gen. Ihr inneres Vergnügen ſpiegelte ſich, einem flüch⸗ tigen Blitze gleich, in ihrer belebten Miene, in ihrer ausdrucksvollen Stellung ab. Sie glich der Geduld, die auf ein Grabmal gelehnt, das unglück durch Reſignation ermüdend, einen Augenblick die Vergangenheit vergißt, leichter athmet und lächelt. Die Rührung war allgemein. Nicette ward wegge⸗ bracht, und der Prior wollte reden. Aber ein neues un⸗ vermuthetetes Ereigniß erſtaunte abermals die ganze Ver⸗ ſammlung. Ein Prieſter trat herein und unterbrach die Sitzung. Er hielt ein zuſammengerolltes Pergament in der Hand, welches ein Bote des Königs von Frankreich ſo eben überbracht hatte. Der Courier hatte ſich zuerſt in die Hütte der Fremden begebenz da er jedoch diejenige nicht fand, an welche ſein Auftrag gerichtet war, ſo hatte er allenthalben nach ihr gefragt und endlich erfah⸗ ren, daß ſie in der Abtei ſey. Sein Auftrag ſchien dringend. Der Prior hatte das Pergament aufgerollt, und las öffentlich folgende Worte: „Wir Philipp⸗Auguſt, von Gottes Gnaden König „von Frankreich, gebieten allen Behörden des Königreichs, „das Leben des unbekannten Weibes, welches unter dem „Namen der Fremden in Bretagne wohnt, aller Or⸗ „ten zu beſchützen und zu vertheidigen. Wer gegenwär⸗ — 190— „tigem Befehle zuwider es wagen ſollte, ihre Freiheit „anzugreifen, wird ſich unſere königliche Ungnade zuzie⸗ „hen, und nach aller Strenge beſtraft werden.“ Philipps unterſchrift, das Wappen von Frankreich, das Inſiegel des Monarchen, nichts fehlte dem königlichen Dekret. Wer könnte das Erſtaunen der Richter, des Abts, und der ganzen Verſammlung ſchildern! Die Land⸗ leute gedachten der alten Traditionen, welche den Ge⸗ richtsſaal ſo berühmt gemacht hatten. Nie wurde auf der Schwelle der Ewigkeit ein urtheil ausgeſprochen, dem nicht ein Wunder vorangegangen oder gefolgt wäre. Auch dieß Mal ſollte ſie ihren Ruhm nicht verlieren. Der erhabene Held Frankreichs und die ſchöne Agnes von Meran ſchätzten alſo beide die Fremde, kannten beide ihr unglück und ſchützten beide ihr Leben!.. Und den⸗ noch bewohnte ſie allein ihre Hütte, hatte mit Niemand Gemeinſchaft, und jedermann hielt ſie für verbannt. Sie hatte keinen Rang und ſchien ohne Vermögen zu ſeynz ſie ſelbſt nannte ſich ohne Stütze, von dem ganzen menſch⸗ lichen Geſchlecht verlaſſen. Wie war ein ſolches Geheim⸗ niß zu begreifen. Dieſe verdächtige Abenteurerin, wel⸗ che der ganze Canton verachtete, war die Freundin der Könige und Königinnen, ſtand unter dem Schutze der Großen!. Wäre dieſe elende unbekannte vielleicht doch von hoher Geburt! Was ſollte man denken! was ſagen! was thun! —* *— — 191— Eine lange Stille ſolgte auf die Vorleſung des kö⸗ niglichen Befehls. Die Fremde hatte weder Ueberraſchung noch Freude blicken laſſen. Sie blieb kalt und ruhig in ihre düſteren Gedanken verſunken, an der Säule gelehnt, gleichſam als wäre ſie nur in einer Sache gegenwärtig, die ſie nicht beträfe, und nicht die geringſte Wichtigkeit für ſie hätte. Unbekümmert über die auſſerordentliche Botſchaft des Königs, gleichgiltig gegen das urtheil, welches über ſie ergehen würde, eine unaufmerkſame Zu⸗ ſchauerin, hörte und ſah ſie nichts. Alle Blicke waren auf ſie gerichtet, aber keiner begegnete dem Ihrigen. Jetzt erhob ſich der nichtswürdige Olburg; er ſah, daß Alais im Begriff war, den Sieg davon zu tragen, und das ungeheuer zitterte vor Wuth. „Erleuchtete Richter!“ rief er aus:„das Datum des königlichen Schreibens iſt älter als Waldburgs Er⸗ mordung. Das Intereſſe, welches die edle Agnes und der König von Frankreich an dem Schickſale der Fremden nehmen, hebt die Thatſache nicht auf, welche ſie anklagt; wären ihre erhabenen Beſchützer von der Sache unterrich⸗ tet, wie ſie gegenwärtig ſteht, ſo würden ſie vielleicht die Erſten ſeyn, welche ſie verdammten, wenn ſie unter Euch ſäßen. Diener Gottes! vor Allem laßt der Gerech⸗ tigkeit ihren Lauf. Euer Tribunal iſt unabhängig von der Krone. Laßt Euch nicht durch mächtige Fürſprache beſtechen, laßt Euch durch den Glanz nicht blenden, — — — 192— mit welchem ſich dieß räthſelhafte Weib gegenwärtig um⸗ geben hat. Ihr müßt das Verbrechen beſtrafen, der ewige Richter befiehlt es Euchz und wenn Ihr Eures er⸗ habenen Berufs würdig ſeyd, ſo muß hier der Wille Gottes vor dem Willen des Monarchen gehen. „Es handelt ſich in dieſem Augenblick nicht darum, edle Richter, was die Angeklagte früher geweſen, noch wer Theil an ihrem Schickſal nimmt. Das Wichtigſte iſt, den Mörder des Barons zu entdecken. Dieß Weib kennt ihn und weigert ſich, ihn zu nennenz man hat ſie mit Blut befleckt auf dem Felſen, wo die That geſchah, gefunden; ſie iſt die Mörderin, oder wenigſtens die Mit⸗ ſchuldige, und in beiden Fällen verdammen die Geſetze ſie zum Tode. Das Verbrechen enthüllen, und den Schul⸗ digen beſtrafen, iſt Eure erſte Pflicht. Euer Gewiſſen gebietet Euch nicht, die Meinung der Fürſten zu befol⸗ gen. Euch ollein gehört hier die Gerechtigkeit, Gott allein die Barmherzigkeit.“ Ueberall wußte der ſcheinheilige Olburg die Menſchen zu täuſchen. Der Ruf ſeiner hohen Weisheit war in der ganzen Provinz verbreitet. Seine Gelehrſamkeit hatte ihn berühmt gemacht; er war verſchmitzt; man hielt ihn für gerecht. Sein Geſpräch hatte Einfluß auf die öffent⸗ liche Meinung; einige Gemüther wurden wankend, und das Oberhaupt der Geiſtlichen fragte die Fremde: nd 5 * „Ihr habt gehört was Olburg ſagte. Welche Ant⸗ wort habt Ihr darauf?“ „Keine.“ „Kennt Ihr den Mörder?“ „Richter! ſprecht mein urtheil aus.“ Großer Gott! welch ein fürchterlicher Lärm entſtand an der Thüre des Gerichtsſaals... Die Menge rückte erſchrocken zurück. Es ertönte ein Geſchreis aber eine kräftige Stimme ſchien es zu erſticken, und erhob ſich ſchrecklich über alle Verweiße der Wachen. Sie näherte ſich, ſie drohte. Die Wache wurde zurückgeſchoben. Welcher Schrecken! welche unordnung! die Verwirrung war allgemein.. Ein Jüngling ſtürzte mit entblößtem Schwerdte, bleich, von Wuth entſtellt, in den Saal und vahnte ſich nicht ohne Widerſtand einen Weg durch die Menge. Er achtete keine Gewalt; er warf alle Hinder⸗ niſſe aus dem Weg, und trat vor die Richter. Es war der Graf von Ravenſtel. Arthur hatte während dreier Tage durch Olburgs kluge Vorſicht nichts von den Gefahren erkunden können, welche Alais bedrohten. Aber Ricette ſuchte allenthalben Fürſprecher für ihre Gebieterin. Sie hatte, nach ihrem Auftritte mit Arthur, den Gedanken gefaßt, daß er, auf Waldburg eiferſüchtig, die Fremde liebe, und ließ ihm einige Zeilen, worin ſie ihn zum Schutze der Un⸗ ſchuld aufrief, an demſelben Morgen durch einen der Pa⸗ 13 —— ——— —— — 194— gen des Schloſſes zuſtellen, welchem die viedliche Bäue⸗ rin nicht gleichgiltig war. Der Graf wollte ſogleich nach Empfang des Briefes in das Kloſter fliegen, aber wie ward er überraſcht, als er die Thore des Caſtels ver⸗ ſchloſſen fand, und man ſich weigerte, ſie zu öffnen. Wü⸗ thend zog er das Schwerdt und warf alles nieder, was ſich ihm entgegen ſtellte. Alle Diener des Schloſſes flo⸗ hen vor ihm. Er hatte geſiegt, er war frei, und end⸗ lich ſtand er vor den Richtern. Welche Erſcheinung für Olburg! und welch ein Augenblick für die Fremde!—„Richter!“ rief der Graf:„Haltet ein!. ſie iſt unſchuldig.“ „Verwegener!“ ſagte der Prior:„welcher kühner Nittel bedient Ihr Euch, um dieß Weib zu rechtfertigen!“ „Was kümmern mich die Mittel!„ Alais, ich komme Dich zu retten.“ „Graf!“ ſagte der Abt mit Ruhe:„ſammelt Euchz und trotz der unſchicklichkeit Euers Eindringens in dieſen Saal, bin ich geneigt Euch anzuhören. Es iſt faſt erwie⸗ ſen, daß dieß Weib, welches Ihr unſchuldig nennet, geugin und Mitſchuldige des an Waldburg verübten Mordes war. Der Mörder iſt ihr bekannt und ſie weigert ſich, ihn zu nennen.“ „Sie weigert ſich ihn zu nennen!..„ wiederhol⸗ te Arthur überraſcht:„Allmächtiger Himmel! was höre ich!,„„ Mit Einem Worte könnte ſie ſich rechtfertigen, —— — 95 und ſie ſchweigt!„ Sie will ſich lieber opfern, als den anklagen, der.„ Großer Gott! ſo wäre ich doch geliebt?“ „Richter!“ rief Olburg:„laßt dieſen Jüngling wegbringen. Von einer ſchweren Krankheit befallen, lag er ſterbend im Schloſſe. In einem Anfall von Raſerei, muß er ſeinen Wächtern entſprungen ſeyn. Ihr ſeht, Ihr hört es, er ſpricht in vollem Wahnſinn.“ „Schweig, abſcheuliches ungeheuer!“ ſchrie der wüthende Graf mit donnernder Stimme.„Waldburgs Mord iſt Dein Werk. Treuloſer Verbrecher, Du ließeſt die Fremde richten, und kannteſt den Strafbaren. Er⸗ habene Richter! hört von mir die Wahrheit. Ich liebte, ich vergötterte dieſes Weibz der Heuchler hier ſuchte mich zu überreden, Waldburg ſey ihr begünſtigter Liebhaber. Ich glaubte betrogen zu ſeynz die höchſte Wuth bemäch⸗ tigte ſich meiner.„. In einem Anfall von Eiferſucht forderte ich meinen Nebenbuhler zum Kampfe heraus! und der Mörder„bin ich!“ „Ihr! o Himmel!“ rief der Prior. Welche unerwartete Entdeckung! Die Zuſchauer wag⸗ ten kaum zu athmen, um alles beſſer zu vernehmen. Alle Herzen ſchlugen unruhig und, gleichſam an Ueberraſchun⸗ gen gewöhnt, ſchienen ſie immer noch in Erwartung ir⸗ gend eines neuen Wunders zu ſeyn. Die Entwickelung des Dramas näherte ſich, 13* —————— . „Graf Arthur, ſagte der Präſident:„da Ihr dieß Weib liebt, ſo werdet Ihr ſie auch ohne Zweifel kennen. Wer iſt ſie? wie iſt ihr Name?* „Wer ſie iſt! Was kümmert dieß uns. Fragt man die Strahlen der Sonne, von wannen ſie kommen! ihr Gilanz verkündet ihre Herkunft. Den Diamant erkennt man an ſeiner glänzenden Durchſichtigkeit; braucht man ihn auch noch zu nennen? Dieß göttliche Geſchöpf iſt un⸗ gerechter Weiſe angeklagt; was trägt ihre Geburt zur Sache bei! Habt Ihr einen Namen zu verurtheilen? Nein einen Strafbaren; und der Strafbare bin ich.“ „Fremde!“ hob der Abt wieder an:„der Graf von Ravenſtel klagt ſich der Ermordung des Barons von Waldburg an. Spricht er die Wahrheit? haben ſeine Hände das Blut vergoſſen?„ Ach! die Beſchuldigte, vor wenig Minuten noch ſo ruhig, ſchien jetzt unſägliche Qualen zu leiden. Sie zog den Schleier völlig über ihr Geſicht, und antwortete mit leiſer bebender Stimme: „Hochwürdiger Herr! ich habe Euch ſchon geſagt, daß ich Euer urtheil ohne Furcht erwarte; jetzt habe ich nichts mehr zu antworten.“ „Arthur,“ fuhr der Prior fort:„Eure Erklärung rechtfertigt ſie nicht vollkommen. Ihr beharrliches Schwei⸗ gen beweiſt, daß ſie an dem Verbrechen Theil genommen, ————— —— — 197— ſie war dabei gegenwärtig. Ihr nennt Euch den Mör⸗ der; ich ſehe in ihr die Nitſchuldige.“ „Nein, Ihr irrt!“ rief Arthur aus:„ſie kam, meinen Arm zurück zu halten.. Leider war es zu ſpät. Richter! wiſſet, daß der Baron ihr Freund, ihr Rathgeber, ihr Beſchützer war, daß ſie ſeit früher Ju⸗ gend ſich liebten; und daß ſie, ihm ganz ergeben, ſeine Rettung gern mit ihrem Leben erkauft hätte.“ Wieder ein enthülltes Geheimniß. Alais und der Baron waren durch eine Jugendfreundſchaft verbunden, alſo war ſie ihm an Rang nicht ungleich. Arthur erregte, als Vertheidiger der Fremden, die Theilnahme der gan⸗ zen Verſammlung; und doch hatte er das Verbrechen be⸗ gangen; nichts rechtfertigte ihn, die Geſetze verdammten den Mörder zum Tode. Was für ein urtheil wird das Tribunal ausſprechen? Die Richter pflogen Rath unter ſich. Tiefe Stille herrſchte im ganzen Saale. Wird der Graf von Raven⸗ ſtel, der Abkömmling der⸗ Könige von Armorika, in ſei⸗ nem erhabenen Rang und in den Verdienſten ſeiner Ah⸗ nen Schutz finden? Werden die Geiſtlichen der Abtei, wie mächtig auch ihr Abt iſt, werden ſie Arthur zu ver⸗ dammen wagen, und werden ſie auch ſtark genug ſeyn, ihr urtheil zu volz⸗en? Der Graf wendete ſich an die Richter: „Prieſter der Geſetze! Abgeſchen von meinem Titel — 108 und Range, den ich in meinem Vaterlande einnehme, mögt Ihr nun das Recht haben oder nicht, mein Schick⸗ ſal zu entſcheiden und mein Haupt fallen zu machen, ich unterwerfe mich Euerm Ausſpruch und erkenne Euch als meine Richter an, behandelt mich gleich dem geringſten Eurer Vaſallenz durch mein Vergehen bin ich auf die niedrigſte Stufe der menſchlichen Geſellſchaft geſunken. Ich habe meinen Namen entehrt; ſeht in mir nicht mehr den durch ſeine Vorfahren berühmten, ſondern nur den durch ſeine Verbrechen erniedrigten Menſchen. Ihr ſeyd Gebieter über mein Leben.“ Dann ſich der Fremden nähernd, ergriff er ihre zitternde Hand und ſagte:„Höre mein letztes Lebewohlz ich muß und will ſterben. Fluche meinem Andenken nicht. Bedenke, daß nur die höchſte Liebe meine ſtraf⸗ vare Hand bewaffnete; gönne mir einen Blick des Mit⸗ leids. Der Tod ſchwebt über meinem Haupte, er iſt der mächtige Vermittler, der zu Dir für Arthur ſpricht. Das Grab erlöſcht das Feuer, des Zornes, erſtickt die Stimme des Haſſes; es erwartet mich, möge es Dich entwaffnen! und Trotz der fürchterlichen Worte, welche Du am ufer des See's zu mir geſprochen, ſey milde, vergib mir! „Alais, alles ſagt mir, daß ich Dir nicht verhaßt bin. Du konnteſt mich verderben, und haſt es nicht gethanz mein Leben war Dir nicht gleichgiltig. D wende Deine Blicke nicht von mir! entziehe mir Deine Hand nicht. Zum letzten Male will ich frei zu Deinem Herzen ſprechen. Gegenſtand meiner erſten Gefühle, nur zu Dir allein habe ich geſagt: ich liebe Dich; und der letzte Athemzug meines Lebens haucht noch dieſe Wor⸗ te aus.„ Suche mich nicht zu unterbrechen; was küm⸗ . mert mich die Menge, die mich ſieht und hört, ich habe ferner nichts mehr zu verhehlen. Geheimniſſe ziemen nur den glücklich Liebenden; unglück und Verzweiflung zeigen ſich unverſchleiert. Weil ich Dich vergötterte, ward ich zum Verbrecher; ich habe Rechte auf Dein Mitleid; 0 laß mich auf Deine Thränen hoffen.“ Er ſprach's; und Olburg ausgenommen, nahm die ganze Verſammlung den größten Theil an ſeinem Schmerz. Man hörte Schluchzen; die Theilnahme war allgemeinz und jeder Gegenwärtige, in ſeinem Herzen das Schickſal der Liebenden beklagend, ſprach den Mörder frei. Die Verathung der Richter war geendet. Das Au⸗ ditorium bebte vor banger Erwartung.... Der Prior er⸗ hob ſich, um das urtheil auszuſprechen. als ein übernatürlicher Gegenſtand ihn ſchaudernd zurückrücken machte; die Sentenz erſtarb auf ſeinen Lippen, und ſprach⸗ los fiel er in ſeinen Seſſel. Die finſtern ufer des Acheron können alſo die Toden zurück geben! Der Schatten Wald⸗ burgs näherte ſich; und die Grabesſtille, welche ——— in der ganzen Verſammlung herrſchte, begrüßte den Ge⸗ ſandten des Todes. Einige Schritte von dem Prior erhob ſich plötlich eine rothe Draperie, welche eine Thüre verbarg. Nit langſamen abgemeſſenen Schritten trat eine Geſtalt her⸗ in welcher man die Züge des Barons erkannte. Ein ein, Sein Blick weißer Mantel verhüllte feine hohe Geſtalt. war ſtarr und finſter. Nur ſein Gang zeigte Leben, ſei⸗ ne übrigen Bewegungen waren geiſterhaft und Grauen erregend.* Einige Mönche folgten ihm; ſie reihten ſich hinter ihn, und bezeigten nicht das mindeſte Entſetzen. Endlich hob die Geſtalt an: „Richter! Arthur muß freigeſprochen werden. Er kann nicht als Mörder betrachtet werden; er hat mich zum Kampfe gefordert, ich ſiel, und er ſiegte. Zwei⸗ kampf iſt kein Mord, und ich komme ihn zu rechtfertigen.“ Sein Ton war feierlich wie die erſterbende Stimme des fernen Donners, wenn die Winde das Gewitter da⸗ von jagen. Das Blut erſtarrte in den Adern des Abtes: —„Darf ich meinen Augen trauen,“ rief er aus:„Ihr entſtiegt der Nacht des Grabes!.. „Sprecht die beiden Angeklagten frei, erwiderte Waldburg.„Hebt das heilige Gericht auf, wo Ihr kein urtheil zu ſprechen habt; es iſt kein Strafbarer hier„ ich habe nicht aufgehört zu leben.“ * — 201— Die Fremde, welche, bleich und zitternd, bei der fürchterlichen Erſcheinung hinzuſinken drohte, warf ſich bei den ltzten Worten in die Arme ihres Bruders. Er drückte ſie an ſein Herz.„— Komm,“ ſagte er„laß uns dieſen Ort verlaſſen;“ und ihre Hand ergreifend, zog er ſie mit ſich fort. Arthur, der unglückliche Arthur ſtürzte ihnen nach. Der ſtrenge Waldburg ſtieß ihn zurück.„Graf von Ra⸗ venſtel!“ ſprach er zu ihm:„entfernet Euch!... alles iſt vorüber. es gibt keinen Arthur mehr für mich noch für ſie.“ Er entfernte ſich, als der Prior ganz verwirrt und auſſer ſich, ſich raſch erhob, ihm den Weg vertrat, und mit leiſer Stimme zu der Fremden ſagte: „— Nein, ich kann nicht einwilligen.. Ihr dürft dieſe Mauern nicht verlaſſen, bis ich Eure Züge ge⸗ ſehen.. Geheimnißvolles Geſchöpf, welches Monarchen beſchützen! erhebt Euern Schleier. Wenn Ihr diejenige ſeyd, welche mein Herz zu erkennen glaubt, ſo iſt Euch mein Leben geweiht!.. Die Fremde zögerte einen Augenblick und ſchien be⸗ ſtürzt.... Aber plötzlich, als gehorche ſie einer geheimen Stimme und der Bewegung ihrer Seele, lüftete ſie den dichten Schleier, der ihre Züge verbarg, und ſich nur dem Abt zeigend, ſagte ſie:„ Nun, ſo ſeht mich an.“ ſ 3 1 » — 202— Der Prior ſtieß einen dumpfen Schrei aus.— „Himmel! ſo ſey Ihr es doch!“ „Stille!“ fiel ihm 1. Fremde ein:„im Namen des Allmächtigen, ſchweigt!“ 3. Sie ſprachs, und ergriff ſeine Hand. Die geheime Thüre öffnete ſich abermals, und der Baron, die Frem⸗ 5— be und der Abt, hatten den Saal verlaſſen. Welch ein ſeltſames Ende des Prozeſſes! Nik hatte eine wun⸗ dervollere Begebenheit ſich auf der Schwe Ule der Ewigkeit zugetragen⸗ Ende des erſten Theils. i 6 Bei W. Schaefer in Frankfurt a. M. ſind ferner erſchienen: Abenteuer vor und nach der Hochzeit. Frei nach dem Franz. von N. P. Stampeel. 2 Bändchen 8. 1803. Schreibp. 1 Rthlr. 8 gr. oder 2 fl. 24 kr⸗ Druckp. 1 Rthlr. oder 1 fl. 48 kr. Ben Oglu, eine Skizze aus den geheimen Papieren i der Propaganda. Mit 1 Kupfer. 3. 1798. 22 Rthtr. oder 5 36 kr. Erzählungen(romantiſche), vom Verfoſſer des Waldbru⸗ ders im Eichthale. 2 Bände, mit Kupf. 3. 1795. 1 Rthlr. 12 gr. oder 2 fl. 42 kr. Launen, Erzählungen und Gemälde. 8. 1797. 12 gr. oder 54 kr. Liebe, Kiez und Dummheit; en Roman vot Gregor. 2 Theile. 8. 1800. 2 Rthrr 12 gr. od. 4 fl. 30 kr. Originalnovellen, erzählt von Becker. Mit 1 Kupfer. s. 1793. 1 Rthlr. oder 1 fl. ä38. kr. Schleifermädchen(das) aus Schwaben. Neue verbeſſerte Auflage. 2 Bände. 8. Mit Kupfern von Penzel. 1796. 2 Rthlr. 16 gr. oder 4 fl. 48. Sickingen(Franz von), eine Geſchichte aus dem 16ten Jahrhundrrt. 3. 1798. 16 gr. oder 1 fl. 12 kr. Thal(das ſtrle), ein romant. Gemälde aus den Zeiten der heimlichen Gerichte, von K. A. F. von Witzleben. s. 1799. 1Rthlr. 8 gr. oder 2 fl. 24 kr. —————————————— — 4 ——— ———— s ₰. 4 —