deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Ottmann in Gieſſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Feſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ei Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —m——————m——— auf 1 Monat: Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. „ 3 „ 6„„ 5—„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Der Schutzgeiſt. Herausgegeben von Hermann van Apeltern. Frei nach dem Holländiſchen bearbeitet von J. D⸗ von Betaz. ——— Vierter bis letzter Theil. — — Stuttgart. Verlag der Franckh ſchen Buchhandlung. 1 84 4. * 3 5 —————— Erſtes Kapitel. Die Haltung voll von Majeſtät, Gleicht einer Königin; Das Aug' vom Trauerflor umweht, Reißt Dich zur Ehrfurcht hin. Doch abgezehrt, verweint, durchwacht, Mit Wangen hohl und bleich; Wie aus des Grabes dunkler Nacht, Dem Schattenbilde gleich. Es iſt die höchſte Zeit, daß wir zu einer der Haupt⸗ perſonen in unſerer Erzählung zurückkehren, welche wir vielleicht durch andere eben ſo wichtige als ſonderbare Umſtände aus dem Auge verloren. Der Leſer wird ſich noch erinnern, daß wir Moritz von Solin gen auf der Inſel Ameland in der Hütte der geheimnißvollen Frau verließen, und es wird ſehr patürlich erſcheinen, daß ihm während der Nacht des ſo ereignißreichen Tages mancherlei Traumbilder vorſchwebten. Er ſah ſich wie⸗ der mit den zwei bösartigen Bootsknechten auf offener See von Todesgefahr umgeben. Er griff nach ſeinem Schwerte, um die beiden Schiffer anzugreifen, doch ſie waren aus dem Fahrzeuge verſchwunden, und er befand ſich allein auf offenem Meere. Außer Stande, bei dem immer mehr zunehmenden Sturme das Fahrzeug zu re⸗ gieren, ſchienen jetzt die Elemente ihn mit Todesgefahr zu bedrohen. Doch plötzlich war dieß Traumbild ver⸗ 6 ſchwunden, und er befand ſich in einer wilden, unbekann⸗ ten Gegend am Lande. Nicht wiſſend, wohin ſich zu wenden, gewahrt er plötzlich eine ſchlanke, weibliche Ge⸗ ſtalt, die ihm zu winken ſcheint. In der Meinung, daß es ſeine Emma ſey, nähert er ſich ihr und ruft ſie bei ihrem Namen— aber in demſelben Augenblicke iſt die Geſtalt verſchwunden. Er ſchreitet in derſelben Richtung vor, und abermals zeigt ſich ihm die Geſtalt, ohne daß er jedoch ihr Antlitz ſehen kann. Je näher er kömmt, deſto mehr überzeugt er ſich, daß es nicht Emma, ſon— dern eine andere, zwar nicht ganz fremde, nur augen⸗ blicklich ihm nicht erinnerliche Geſtalt iſt. Doch er folgt ihr immer, durch einen unwiderſtehlichen Reiz angetrie⸗ ben, aber plötzlich verfinſtert ſich die Luft; ein fürchter⸗ liches Unwetter ſcheint ſich von allen Seiten zu erheben, und gerade, als er auf dem Punkte iſt, die anmuthige, langſam dahin ſchwebende Geſtalt zu erreichen, ſchießt mit aller Kraft zwiſchen Beiden ein Blitz vor ſeinen Füßen nieder. Sein Auge, durch den plötzlichen Elanz geblendet, kann die Gegenſtände nicht länger unterſchei⸗ den. Gleichſam betäubt, faßt er nach der Unbekannten; aber ſie iſt verſchwunden, und an deren Stelle zeigt ſich die rieſige Geſtalt der alten Frau, in deren Wohnung er ſich befindet, in einer drohenden Haltung neben ihm. Sie ſtreckt den krummen Stab aus. Der Jüngling blickt auf und ſieht, daß er ſich auf der Spitze eines ſteilen Felſens befindet, an deſſen Fuß die See mit Hef⸗ tigkeit braust, und daß er wie durch ein Wunder gerettet nicht in das tobende Meer hinabgeſtürzt iſt. Aengſt⸗ lich ſchaudert er zurück und erwacht. Doch auch jetzt noch verſtrich eine geraume Zeit, ehe er ſeine Gedanken ſo viel geregelt hatte, um ſich zu überzeugen, wo er ſich befand, und welches der verſchie⸗ denen Bilder, welche ihn umgankelten, wirklich Statt gefunden habe. Nachdem er ſich allmählig aus dem Schlaf aufgerüttelt, und den völligen Gebrauch ſeiner Augen wieder erlangt hatte, erkannte er bei dem Scheine der 7 matt leuchtenden Lampe die geräumige Grotte, wohin ihn geſtern Abend die geheimnißvolle Alte gebracht hatte, und in geringer Entfernung von ſeinem Lager die am Strande zurückgelaſſenen Effekten, und auf einem Tiſche ein zubereitetes Frühſtück. Er erhob ſich ſogleich von ſeirem Lager, und kaum war er angekleidet, ſo trat die rieſize Geſtalt ſeiner Wirthin ein, und ſagte: „Die Sonne ſteht ſchon hoch am Himmel, aber ich habe Furer geſtrigen Strapazen wegen Eure Ruhe nicht ſtören wollen. Sie war Euch nothwendig, und ich hoffe, daß Ihr ſie au einem Orte, der ſeit einer langen Reihe von Jahren nur von einem Weſen beſucht wird, das keine andere Ruhe kennt, als die ihm einſt im Grabe werder wird, genoſſen habt. Doch hiervon wollte ich nicht reden; denn es dürfen meinen Lippen keine Klagen ent⸗ ſchweben. Das Geheimniß meines Lebens— ach! nur das meiner Leiden— muß auf ewig in dieſer Bruſt ver⸗ ſchloſſen bleiben. Nehmet ſchnell das für Euch bereit ſtehende Frühſtück ein, denn man erwartet Euch auf dem Schloſſe, und ein längeres Zögern könnte vielleicht Auf⸗ ſehen erregen.“ Hierauf entfernte ſie ſich wieder ohne unſerm Helden auch nur die Zeit zu laſſen, ein einziges Wort zu erwie⸗ dern. Er nahm ſogleich ſein Frühſtück zu ſich und nach deſſen Beendigung ſtieg er die Treppe hinauf und kam in die Hütte, worin ſeine Gaſtgeberin in Gedanken ver⸗ ſunken an den Schornſtein gelehnt ſaß, und ihn zu er⸗ warten ſchien. Beim Tageslichte, welches jetzt hell durch die offene Thür und ein paar kleine Fenſter eindrang, hatte er Gelegenheit, die Wohnung genauer zu betrachten. Sie war reinlich, verrieth aber die größte Armuth. Auf einem kleinen, von rohen Brettern zuſammengeſchlagenen Tiſch ſtand ein irdenes Geſchirr, worauf ein Schwarz⸗ brod lag, das noch unangeſchnitten war; ein zinnerner Becher mit Waſſer ſtand daneben. Am Heerde lag eini⸗ ges Brennmaterial, wovon der aufſteigende Rauch theils im Schornſteine verſchwand, theils im Zimmer ſich verbrei⸗ 8 tete. Einige in einer Ecke des Zimmers liegende Bunde Stroh dienten ihr wahrſcheinlich zum Lager. Durch die geöffnete Thür ſah man auf eine ſandige mit Hügeln bedeckte Fläche, wo nur hier und da eine einzelne Hei⸗ depflanze ſichtbar war. Die Sonne ſtand ſchon hoch am Himmel und ihre hellen Strahlen verkündeten einen ſchö⸗ nen Sommertag. Sobald Moritz eingetreten war, entfernte ſich die Alte auf demſelben Wege, woher er gekommen; tret aber kurz nachher wieder ein, und machte Moritz aufmerkſam, wie nun wieder eine jede Spur zum Eingang in die Grotte verſchwunden ſeye, und wie eine Fallthür, mit Sand und Heidekraut bedeckt, den Eingang kinſtlich verberge. „Kein Sterblicher, ich wiederhole es Euch,“— ſprach die Alte—„fennt dieſen unterirdiſchen Aufenthalt. Ihr ſeht, wie künſtlich der Eingang für einen jeden Eintretenden verborgen iſt. Ihr allein kennt dieß Ge⸗ heimniß, und Ihr habt mir feierlich gelobt, es nie zu verrathen. Man wird Euch auf dem Schloſſe fragen, woher Ihr kommt, und Ihr braucht meinetwegen keine Unwahrheit zu ſagen. Erzählet nur, daß die alte Tekla Euch die Nacht in ihrer Hütte beherbergt habe, ohne in Einzelnheiten einzugehen. Man neigt ſich ſchon allzuſehr hin, Alles was mich betrifft, als etwas Geheimnißvolles zu betrachten, und es wird daher nicht auffallen, wenn Ihr nicht in jeder Hinſicht ihre Neugierde befriedigen könnt. Doch jetzt geht, und ſchickt einen Diener aus dem Schloſſe, um Euer Gepäck abzuholen, und dann— ach! ich muß Euch bitten, fortan den Weg, der zu dieſer Hütte führt, zu vergeſſen.“, „Die Gaſtfreundſchaft, womit ihr mich aufnahmet“ — erwiederte Moritz—„und, ich darf ſagen die Wunder, welche ich hier ſah, werden es mir ſehr ſchwer machen. Uebrigens ehre ich Euer Geheimniß und nie⸗ mals ſoll ein Wort, wovon ich nur vermuthen könnte, daß es Euch unangenehm wäre, über meine Lippen kom⸗ —— — ——— 9 men. Doch moͤchte ich Euch meine Daukbarkeit an den Tag legen, wenn ich nur wüßte, auf welche Weiſe?“ „Weder Ihr, noch irgend ein Weſen auf dieſer Erde“ — etwiederte die Alte—„ſeyd im Stande, nur einen labenden Tropfen in den bittern Kelch meines Leidens zu gießen. Und doch Ihr— ja Ihr allein würdet dies vermögen: auf welche Weiſe, das wird die Zukunft Euch offenbaren. Jetzt verlaßt mich, Jüngling, kehret nie⸗ mals hierher zurück, es möchte denn ſeyn, daß ich Euch darum erſuchen ſollte.“. „Ich werde auf dieſer Inſel nur wenige Tage zu⸗ bringen; wird es mir vor meiner Abreiſe noch einmal erlaubt ſeyn, eine Frau wieder zu ſehen, welche ſich mir ſo wohlwollend bewies und mir die lebhafteſte Theilnahme einflößte? „Ihr werdet vielleicht länger hier verweilen, als Ihr es vermuthet, länger, als es zu Eurem Glücke und Seelenheile dienlich iſt. Vor Eurer Abreiſe ſehen wir uns ohne Zweifel wieder. Jetzt nur noch eine Ermah⸗ nung: Seyd auf Eurer Hut bei den Gefahren, welche Euch bedrohen; hütet Euch vor einem jeden unbedacht⸗ ſamen Schritt; ſelbſt dann, wenn ein Weſen in Engels⸗ geſtalt Euch dazu verleiten ſollte. Bei einer jeden Hand⸗ lung, welche auf Euer ſpäteres Leben Einfluß haben kann, müſſe ſtets ihr Bild Euch vorſchweben!“ Nachdem ſie dieſe Worte gefagt hatte, trat die Alte aus der Hütte und zeigte dem Jünglinge den Weg nach dem nächſten Dorfe Hollum, von wo aus man ihn nach Ballum, in deſſen Nähe das Schloß läge, führen würde. Sie ſchien ihm eine jede Gelegenheit zu einem weiteren Geſpräche nehmen zu wollen, denn noch ehe Moritz ihr Lebewohl geſagt hatte, war ſie ſchon wieder in die Hütte getreten und hatte die Thüre verſchloſſen. Es blieb ihm alſo nichts weiter übrig, als ſich durch den dicken Sand zu arbeiten, und über das Geſchehene nach⸗ zudenken. Er mußte ſich geſtehen, daß er trotz der Ar⸗ 10 muth und der elenden Hütte, nie eine Geſtalt geſehen hatte, welche ihm mehr Ehrfurcht eingeflößt hätte, als die dieſer geheimnißvollen Frau, welche in ihrem Auf— treten eine Fürſtin, ja mehr, ein höheres Weſen zu ſeyn ſchien. Ihre Todtenbläſſe würde ſie für den Geiſt einer Verſtorbenen haben gelten laſſen, welcher nach Jahr⸗ hunderten aus dem Grabe hervorgegangen war, um eine ſpätere Nachkommenſchaft zu beobachten, wenn nicht ihr ſo ausdrucksvoller Blick Leben verliehen hätte. In dieſe und ähnliche Gedanken vertieft hatte Moritz bald das Dorf Hollum und von einem Führer begleitet in einer halben Stunde das Amelander Schloß erreicht, de hooge Mie genannt, öſtlich vom Dorfe Ballum, und nicht weit von der See entfernt, welche die Inſel von der feſten Küſte Frieslands trennt. Das Schloß war ein prächtiges Gebäude aus zwei Flügeln beſtehend, wo⸗ von der größte Theil, nach dem Aeußern zu urtheilen, erſt vor wenigen Jahren aufgebaut worden war. Das alte Schloß war nämlich während der erſten Jahre des ſpaniſchen Freiheitskrieges von dem Edelmann Bart⸗ hold Entes von Mentheda aus der Provinz Grö⸗ nigen, welcher einen Streifzug nach der Inſel unter⸗ nommen hatte, zerſtört worden, weil er den damaligen Beſitzer für einen Anhänger der Spanier hielt. Das Gebäude war auf hohen gewölbten Kellern aufgebaut, unter welchen ſich das berüchtigte Hundeloch, ein fürchterliches Gefängniß, befand. Auf dem öſtlichen Flügel erhob ſich ein hoher Thurm mit einer Kuppel, welcher den Seefahrern zur Richtſchnur diente. Ein zweiter Thurm verband den weſtlichen Flügel mit dem Haupt⸗ gebäude. Das Schlofi hatte zwei Eingänge; über dem einen befand ſich das Wappen des jetzigen Eigenthümers und Wiederaufbauers, Herrn Sicco von Kamminga, in Stein ausgehauen, und enthielt in einem goldenen Schilde einen Hirſch, mit zwei Kämmen darüber und einem darunter. Ueber dem Schilde ein Löwe mit offe⸗ nem Rachen. Um das Schloß war ein hoher Wall, an 11 deſſen einem Ende ſich ein Gemüs⸗ und Blumen⸗ garten befand, und an dem andern ein Luſthölzchen. Die große Ebene vor dem Schloſſe war mit verſchiedenem Geſchütz beſetzt, wodurch das Schloß ein kriegeriſches Anſehen, welches man in jenen Zeiten nicht gewohnt war, erhielt. In dieſem Zuſtande befand ſich noch das Schloß im erſten Viertel dieſes Jahrhunderts. Doch ſeit einigen Jahren hat dies Gebäude daſſelbe Schickſal, welches ſo manche andere Schlöſſer in den Niederlanden gehabt haben. Es wurde von Grund aus geſchleift, alle Bäume ausgerottet, und der Grund und Boden einer uralten und berühmten Familie in Ackerland umgewandelt, ſo daß man, ohne von Sachkundigen aufmerkſam gemacht zu werden, die Stelle nicht mehr würde finden können. Moritz hatte einige Augenblicke in Betrachtung des Gebäudes zugebracht, und trat jetzt, nachdem er ſeinen Führer zurückgeſchickt hatte, an das Hauptthor. Zwei bis drei Jagdhunde ſprangen, als er ſeine Hand nach dem ſchweren Klöpfer ausſtreckte, ihn mehr auf eine un⸗ geſtüme als friedliche Weiſe an, und ihr Gebelle wurde von der andern Seite der Thuͤr von mehreren andern beantwortet. Inzwiſchen wurde die Thür geöffnet, und Moritz ließ ſich anmelden. Er wurde in einen geräu⸗ migen Saal geführt, von wo aus man eine weite Aus⸗ ſicht auf die Inſel hatte. Wenige Augenblicke ſpäter trat der Schloßherr ein, und hieß ſeinen Gaſt auf das freund⸗ lichſte willkommen. Der Herr Jan von Heerema von Tierkwerk — denn die würdige Perſon, welche dieſen Namen führte, war gewohnt, wenn er von ſich ſprach, ſich deſſen ohne einige Abkürzung zu bedienen,— war noch in der vollen Kraft des männlichen Alters, und zeigte in ſeiner ganzen äußern Geſtalt das Bild eines kräftigen und wackern Frieſen. Sein Antlitz trug das Gepräge der ſeinen Landsleuten eigenthümlichen Aufrichtigkeit, welche wieEinige 12 behaupten, zuweilen in Unbeſcheidenheit übergehen kann. Er drückte ſeinem Gaſte bieder die Hand, und ſprach die Hoffnung aus, daß das Schloß und ſeine Bewohner dem lieben Gaſte wohl ſo ſehr gefallen würden, um viele Tage, ja Wochen auf der Inſel zu verweilen. Moritz erwiederte, wie ſich leicht denken läßt, daß er dies kei⸗ neswegs bezweifle, doch ſeine ihm nur karg zugemeſſene Zeit ließe ihn nichts eifriger wünſchen, als bald den Hauptzweck ſeiner Reiſe in Ordnung zu bringen. „Das wird ganz beſtimmt der Fall ſeyn, mein junger Freund!“— erwiederte ſein Gaſtherr freundlich— „dieſer Stein des Anſtoßes ſoll bald aus dem Wege ge⸗ räumt ſeyn, und alle Plackereien einer Streitigkeit, welche von Erbſchaftsangelegenheiten faſt unzertrennlich ſind, ſollen ſchnéll aus dem Wege geräumt werden. Sollte die Sache auch noch ſo verwickelt, und dunkler als die Nacht erſcheinen, ſo ſoll ſie in kurzem ſo klar und deut⸗ lich werden, als die Vorleſungen meines weiland wür⸗ digen Lehrers Lollius Adama, des älteſten Profeſſors eloquentiae an der Univerſität Franeker, es wenig⸗ ſtens in ſeinen Augen waren;— obgleich im Vertrauen gefagt, der größte Theil ſeiner Zuhörer auch kein Wort davon verſtand. Doch ein Sprichwort aus dem Orient ſagt, daß man erſt Salz mit einander gegeſſen haben muß, ehe man bekannt wird, und in derſelben Meinung pflegen wir hier zu ſagen, daß man zuvor eine Kanne Wein mit einander getrunken haben muß, ehe man be⸗ ſtehende Streitigkeiten ordnen kann. Wenn das alſo geſchehen iſt, mein Freund! bin ich ganz zu Euren Dien⸗ ſten; und ich nehme nicht gern Etwas vor, ohne es mit der möchlichſten Eile zu beenden.“ Moritz war mit dieſer Verſicherung vollkomien zufrieden, und höchſt erfreut, daß er in dem Herrn von Heerema einen Mann fand, der ſo ganz verſchieden von dem Herrn von Kamminga war. Er durfte daher hoſfen, bald den Zweck ſeiner Reiſe zu erreichen. Er wurde viel über Familienangelegenheiten, welche er 13 gar nicht kannte, befragt, und auch über ſeine Reiſe und ſeinen Aufenthalt in Frankreich. Endlich kam auch das Geſpräch auf ſeine gegenwärtige Reiſe und die Ueber⸗ fahrt, und man vernahm nicht ohne Theilnahme die er⸗ lebten Abentheuer, und beſonders ſein Zuſammentreffen mit der alten Tekla, und ſein Uebernachten bei dieſer Frau. Er wurde aufs genaueſte gefragt, was er dort geſehen habe, da er aber ſtets im Allgemeinen antwor⸗ tete und alle Einzelnheiten zu vermeiden ſchien, ſo drang ſein Wirth nicht weiter in ihn. Bald ſtellte er Moritz ſeinen Hausgenoſſen vor, beſtehend aus ſeiner Gemahlin, Wiſte von Kamminga, eine Frau von einer edlen ſtolzen Figur, doch mit einem Zuge von Schwermuth auf ihrem Antlitz; ferner aus ſeiner Schweſter, einer unver⸗ heiratheten Dame, welche ſchon ihre gewiſſe Jahre zählte, und allgemein unter dem Namen Tante Barbara bekannt war; dann noch ſeine drei Kinder, zwei Knaben und ein Mädchen, wovon der älteſte dreizehn Jahre alt war. Dieſer letzte hatte ein blühendes Aeußere, lebendige Au⸗ gen und ein ſehr einnehmendes Weſen. Er war ſchnell mit Moritzen bekannt, und bot ſich zu ſeinem Führer an, um ihm alle Merkwürdigkeiten der Inſel zu zeigen. Als er erfuhr, daß Moritz in der Hütte der alten Tekla übernachtet hatte, wollte er durchaus noch an demſelben Tage mit ihm dorthin; denn, ſagte er: er habe ſich ſchon früher bemüht, mit der ungeſelligen Alten näher bekannt zu werden, aber ſie habe ihn auf eine ſolche Weiſe von ſich entfernt, daß der wilde Knabe, ſo wenig er auch das Feld zu räumen gewohnt war, doch keinen Widerſtand hatte leiſten können. Er beſtürmte Moritz mit allerlei Fragen über das Innere der Hütte, denn ſo oft er auch um dieſe herumgeſchwärmt, ſo wäre es ihm doch nie geglückt, auch nur einen einzigen Blick hineinzuwerfen, noch auszuforſchen, was ſie darin ver⸗ richte, welches ſeine beſondere Theilnahme in Anſpruch zu nehmen ſchien. Doch auch jetzt erklärte Moritz, daß er den größten Theil darin ſchlafend verbracht hätte, 14 und nichts Auffallendes darin bemerkt habe, womit er die Neugierde des jungen Taco befriedigen könnte. Tante Barbara ſchien jedoch mit dieſer Erklärung nicht zu⸗ frieden zu ſeyn, und richtete noch tauſend andere Fragen an Moritz, wovon er einige gar nicht, andere ſehr gut beantworten konnte. Zu den erſtern gehörte die Frage, welcher Religion dieſe ſonderbare Frau wohl angehöre, und ob ſie ein Morgen⸗ oder Abendgebet geſprochen habe. „Denn Ihr ſeht wohl ein, geehrter Herr!“— ſagte die eifrige Dame, indem ſie mit bedenklichem Kopf⸗ ſchütteln die Hände faltete—„Einige behaupten, daß ſie zu den Katholiken gehöre, und allerlei Kreuze und Bilder, und der Himmel weiß, was noch alles mehr in ihrer Hütte verborgen hält. Andere gehen noch weiter, und behaupten ſteif und feſt, daß ſie die Götzen anbete, welche man in uralten Zeiten auf dieſer Inſel verehrte. Aber ich habe es ſtets, ſo viel es in meinen Kräften ſtand, widerſprochen; ich glaube, daß die arme Tekla ebenſo gut eine Chriſtin iſt, als wir alle— obgleich, man muß es geſtehen, ſie niemals die Predigten des ehrwürdigen Timanni beſucht.“ Nachdem Moritz erklärt hatte, über dieſen Punkt nichts ſagen zu können, frug die Tante wieder: „Auch vermuthe ich, daß Ihr geſtern Abend eine einfache Mahlzeit, und dieſen Morgen ein ähnliches Frühſtück hattet. Und Euer Bett— ich müßte mich ſehr irren, wenn es aus etwas anderem, als getrockne⸗ tem Schilfe und Seegraſe beſtanden hätte. Habe ich recht gerathen? Moritz antwortete, daß er nur geringe Bedürf⸗ niſſe gehabt habe, und daß dieſe reichlich erfüllt worden ſeyen. Auch habe er die Nacht hindurch ſich eines er⸗ guicklichen Schlafes erfreut. „Ja, ja, wir wiſſen es recht gut,“ erwiederte die Tante, einigermaßen getäuſcht durch die unbeſtimmten Antworten, welche keineswegs ihre brennende Neugierde befriedigten—„wir wiſſen es, wenn wir auch nicht — —— 1 MW 15 alles glauben wollen, was die Leute ſagen, daß Tekla, wenn ſie nur will, ihre Gäſte ſo gut als die erſte Fürſtin be⸗ wirthen kann; obgleich, ich geſtehe es gern, es nicht be⸗ greife, wie ſie dies in ihrer baufälligen Hütte bewerk⸗ ſtelligen kann. Der Himmel gebe nur— und ich will es gern glauben,“ ſagte ſie mit einer bedenklichen Miene, welche vielmehr ihren Unglauben verrieth—„daß ſie die zu ihrer Verfügung ſtehenden Schätze auf eine ehr⸗ liche Weiſe erworben hat.“ „Wir würden Unrecht thun, wenn wir den thörich— ten Erzählungen dieſer Inſelbewohner Glauben ſchenken wollten“— ſagte Frau von Heerema in einem ſpötti⸗ ſchen Tone zu ihrer Schwägerin—„und wir würden lieblos handeln, wenn wir, indem wir dieſe Ungereimt⸗ heiten für Wahrheit annähmen, über dieſe Frau ein ungünſtiges Urtheil fällen wollten; über eine alte Frau, welche noch niemals Jemanden beleidigte, wohl aber ſchon mehreremale unſrer Familie Zeichen von Anhäng⸗ lichkeit, und anderen, ihr ganz fremden Perſonen Be⸗ weiſe ihrer großmüthigſten Geſinnung gegeben hat.“ „Aber wer kann denn dieſe merkwürdige alte Frau ſeyn?“— fragte Moritz, welcher dieſe Gelegenheit ſchnell auffaßte, um etwas Näheres über eine Perſon zu erfahren, welche ſeine Theilnahme ſchon in einem ſo hohen Grade in Anſpruch genommen hatte.—„Sie ſcheint ſchon lange auf dieſer Inſel gelebt zu haben, und muß daher nothwendig deren Bewohner näher bekannt ſeyn.“ „Und dennoch werdet Ihr Niemanden auf der gan⸗ zen Inſel finden, welcher Eure Frage zu beantworten im Stande wäre,“— erwiederte ſein Wirth—„ob⸗ gleich es hier ebenſo wenig als anderswo an Neugie⸗ rigen fehlt.“ „Sie iſt alſo nicht auf dieſer Inſel geboren?— fragte Moritz aufs Neue. „Soviel man weiß, nein. Doch bezeugen es die älteſten Leute, daß, ſo lange ſie denken können, die alte 16 Dekla ſich immer von Zeit zu Zeit auf dieſer Inſel hat ſehen laſſen. Auch noch jetzt iſt ſie oft plötzlich von hier auf eine ſo geheimnißvolle Weiſe verſchwunden, und Niemand kann es begreifen, auf welche Weiſe ſie das feſte Land erreicht hat.“ „Finden ſich denn keine Neugierige, welche ihre Ab⸗ weſenheit benützen, um ihre Hütte zu unterſuchen, und findet man dort nichts, was nähere Auskunft geben könnte?“ „Euch die Wahrheit zu ſagen;“— antwortete Herr von Heerema zögernd—„ſo hegen unſere wackere Inſulaner, obgleich man ſie weder der Furcht, noch ei⸗ ner übertriebenen Beſcheidenheit beſchuldigen kann, eine abergläubiſche Ehrfurcht gegen die Alte. Ob die ge⸗ heimnißvollen Zeichen, welche man in ihrer Abweſenheit an der Thüre findet, oder andere Gründe ſie zurückhal⸗ ten, vermag ich nicht zu ſagen, doch ſo vieb iſt gewiß, daß ihre Wohnung ſtets als ein Heiligthum betrachtet wird, und ebenſo ſicher und unangetaſtet bleibt, als wenn Hunderte von Bewaffneten ſie ſchützten.“ „Und das, was dem wilden Hato wiberfuhr, iſt auch hinreichend, um einem jeden ſeine Neugierde zu benehmen!“— bemerkte Tante Barbara, mit ge⸗ heimnißvoller Miene.. „Laß doch den Altenweiberſchnack ruhen, Bar⸗ bara!“— ſprach ihr Bruder—„was würde unſer Gaſt von uns denken, wenn es ihm ſchiene, daß wir ſo etwas glauben könnten.“ „Dennoch erſuche ich freundlichſt“— ſagte Moritz —„mir dieſen Vorfall zu erzählen. Es darf Euch nicht wundern, daß Alles, was dieſe Alte, mit der ich ſo wunderbar zuſammentraf, betrifft, es ſey wahr oder er⸗ dichtet, meine Theilnahme ſehr in Anſpruch nimmt.“ „Ich wiederhole es Euch,“— ſagte Frau von Heerema,—„es lohnt ſich nicht der Mühe, daß vernünf⸗ tigen Leute auch nur einen Augenblick ſolchem Gewäſche von Kinderwärterinnen und Ammen das Ohr leihen. 17 Doch, wenn Ihr es wünſcht, ſo werde ich Euch dieſe berüchtigte Erzählung vortragen, weil Ihr ſonſt Gefahr laufen könntet, ſie aus dem Munde meiner ehrbaren Schweſter zu vernehmen, welche, wie mehrere andere junge Mädchen“— ſetzte er mit einem faſt ſpöttiſchen Lä⸗ cheln hinzu—„eine ſehr lebhafte Einbildungskraft beſitzt, und daher leicht zu einigen Uebertreibungen hinneigt.“ „Wie kannſt Du ſo reden, Bruder!“— ſagte die Tante ein wenig ſcharf, da dieſe letzten Worte ihr nicht zu gefallen ſchienen—„Hab' ich den Vorfall je anders erzählt— und mehr als hundert Menſchen habe ich ihn erzählen müſſen: denn jeder wünſchte ihn gern von mir zu hören— als der arme Knabe ihn mir ſelbſt am Morgen, als er ſich zutrug, von Anfang bis zu Ende erzählte? War er nicht halb todt von Entſetzen, und zitterte er nicht wie ein Fieberkranker vor meinen Augen? Habe ich ihm nicht ſechs Löffel voll von meinem Erxtrakt, von Löffelkraut, Ehrenpreis, Krauſemünz und Tauſend⸗ guldenkraut gegeben, ehe er ſich ſo weit von ſeinem Schrecken erholen konnte, um mir das Ganze mitzu⸗ theilen?“ „Das iſt alles die reine Wahrheit, liebe Schweſter! Und wenn unſer werther Gaſt ſo viel Geduld hat, Deine Erzöhlung anzuhören, und ſo viel Geiſteskraft, um ſie ohne Schaudern zu vernehmen, dann mache Deinem Herzen Luft, und erzähle Deine Geſchichte auch noch zum tauſendſten Male. Ich will unterdeſſen mit Tako die Ordnung unter unſern vierfüßigen Unterhanen, welche, wie ich glaube, auch ein Geſpenſt geſehen haben, weil ſie ein ſo fürchterliches Bellen erheben, wieder herſtellen. Recht bald, lieber Vetter! ſtehe ich wieder zu Euren Dienſten.“ So redend, entfernte er ſich mit ſeinem Sohne, obgleich dieſer lieber geblieben wäre, und die Geſchichte nochmals angehört hätte, welche er vielleicht ſchon hun⸗ dertmal gehört hatte. Moritz unterließ nicht, die wür⸗ Der Schutzgeiſt. 11, 18 dige Dame zur Erzählung aufzufordern; und da ſie wahrſcheinlich ebenſo ſehr wünſchte, die Geſchichte wie⸗ der zu erzählen; ſo fing ſie nach einigen Entſchulvi⸗ gungen, und ungeachtet der Winke ihrer Schwägerin alſo an: „Wiſſet denn, geehrter Herr!— oder wenn es mir erlaubt iſt, will ich Euch wie die übrigen Hausgenoſſen Vetter nennen— wiſſet daher, daß vor drei oder vier Jahren— doch nein, es muß ſchon länger her ſeyn, denn der ehrwürdige Boetins Crici war hier noch Prediger, und der iſt, wenn ich nicht irre, Anno 17 weggezogen, doch das thut nichts zur Sache, es wird mir, außer den Geburtstagen der Familie, welche auch in der Bibel angeſchrieben ſind, ſchwer, den Datum zu behalten, und außerdem.... „Wenn Du ſo gut ſeyn wollteſt, liebe Barbara!“ ſprach Frau von Heerema, welche ſich mit einer weiblichen Arbeit beſchäftigte, und allem Anſcheine nach nicht viel auf die Erzählung achtete—„ohne Umwege Deine intereſſante Geſchichte zu erzählen, damit wir unſern Vetter nach ſeinem Zimmer führen könnten; denn man hat, wie ich ſah, ſein Gepäck ſchon hiehergebracht, und er wird wohl wünſchen, ſich ein wenig umzukleiden.“ „Gern, liebe Schweſter, ſehr gern,“— erwiederte die redſelige Dame, welche viel auf Abſchweifungen hielt—„ich will die Sache ſo einfach und ſo gedrängt als möglich erzählen. Vor fünf oder ſechs Jahren— denn ſo lange muß es wohl her ſeyn— war auf der ganzen Inſel kein Knabe, welcher dem Hayo Piers an Verwegenheit gleichgekommen wäre, hieß deßhalb auch der wilde Hayo, und ſo oft die jungen Leute et⸗ was Kühnes oder Verwegenes unternahmen, ſo mußte Hayo an ihrer Spitze ſeyn. Eines Tages kletterte er wie eine Katze auf die Kuppel des Schloßthurmes, und drehete ſich dort wie eine Windfahne, dieß Alles aus reiner Liebhaberei, um etwas zu thun, was keiner der übrigen Knaben ihm nachzuthun wagte. Bei einer au⸗ S——— c ſie ie⸗ i⸗ in nir ſen m, ch ird ich 19 dern Gelegenheit fuhr er im heftigſten Sturme, in ei⸗ nem gebrechlichen Fahrzeuge nach der friefiſchen Küſte über, wo er auch glücklich landete, oder vielmehr ſtran⸗ dete, denn am folgenden Tage fand man den Kahn ganz zerſchellt an dem Strande. Dieſer Knabe alſo, von dem ich Euch noch viele dergleichen verwegene Stücke erzählen fönnte, wenn ich nicht wüßte, daß meine Schwägerin Euch nach Eurem Gemache zu führen wünſchte, wettete eines Tages mit einigen ſeiner Kameraden, daß er eine ganze Nacht in Tekla's Hütte, welche, wie man glaubte, abweſend war, zubringen wolle. Dieſe Hütte, wie Euch mein Bruder ſchon geſagt hat, ſteht bei Jung und Alt in Ehren, und man wußte ſo viele ſonderbare Sachen von Geiſtern und Geſpenſtern, welche daſelbſt hausten, zu erzählen, daß Niemand es wagte, auch nur in der Nacht in deren Nähe zu kommen, noch viel weniger ohne den Willen der Bewohnerin einzutreten, oder die ganze Nacht daſelbſt zuzubringen. Und ich muß es geſtehen, obgleich ich keineswegs hinneige an alle die Geſpenſter⸗ geſchichten, welche ſich da zugetragen haben ſollen, zu glauben, ſo halte ich es doch ruchlos, ja nichts gerin⸗ ger, als unſern lieben Herrn verſuchen, ſich ſo bei Nacht⸗ zeit im Tekla's Hütte zu wagen.“ „Doch, wie ich ſagte, Hayo hatte die Wette ge⸗ macht; und er war nicht darnach, wenn er ſich etwas vorgenommen hatte, es mochte auch ſeyn, was es wollte, ſich durch guten Rath von ſeinem Plane abſchrecken zu laſſen. Man will jedoch bemerkt haben, daß er die⸗ ſes nächtliche Abenteuer mehr anſah, als den kühn⸗ ſten und gefährlichſten Streich, den er bis jetzt unter⸗ nommen hatte. Wie dem auch ſey; mit Anbruch der Nacht— es war im Herbſte, und das Wetter ſehr un⸗ geſtümm— brachten ihn ſeine Gofährten bis in die Nähe der Hütte, und ſahen das Licht einer Laterne, welche der verwegene Knabe, als er die Thüre öffnete, in der Hand hielt. Das Oeffnen der Thüre wurde ihm nicht 2 20 ſchwer, denn ſie war nur ſchlecht verſchloſſen. Darauf ging er in die Hütte, ließ aber der Abrede gemäß die Laterne in der Thüre ſtehen. Dieſe wurde nun von den übrigen Knaben weggeholt, und die Thüre, wie ſie über⸗ eingekommen waren, mit ſchweren Ketten verſchloſſen, ſo daß Hayo auch gegen ſeinen Willen gezwungen war, in der Hütte bis zum folgenden Morgen, wo man ihm die Thüre wieder öffnen ſollte, zu bleiben. Nachdem dieß geſchehen war, kehrten die Uebrigen in größter Eile nach ihren Wohnungen zurück.“ „Kurz nach Tagesanbruch begaben ſie ſich alle wie⸗ der nach der Hütte, wo ſie ihren Gefährten verſchloſſen hatten, um ihn zu erlöſen, wenn er noch am Leben wäre — welches ſie ſehr bezweifelten, da ſie Tekla's große Macht kannten, und aus Erfahrung wußten, wie verdrieß⸗ lich ſie wurde, wenn man ſie verſpotten, oder in ihre Ge⸗ heimniſſe eindringen wollte. Man denke ſich der Knaben Entſetzen, als ſie noch mehr als zweihundert Schritte von der Hütte entfernt, den armen Hayo ſcheinbar leblos auf dem Boden ausgeſtreckt liegen ſahen. Sie eilten auf ihn⸗ zu, und glaubten im erſten Augenblicke, obgleich ſie keine äußere Verletzung an ihm fanden, ihr Kamerad ſey todt. Nachdem ihn Einige aufgehoben und ein wenig geſchüt⸗ telt hatten, bemerkte man, daß er nur in Ohnmacht lag; er kam allmählig wieder zu ſich, und öffnete ſeine Augen, doch blickte er ſo wild um ſich her, und ſtieß ſolche ſonderbare unverſtändliche Töne aus, daß keiner länger zweifelte, er ſey wahnfinnig oder behert. Hierauf brachte man ihn, ohne ein verſtändliches Wort von ihm zu vernehmen, oder irgend etwas über das, was ihm begegnet, zu erfahren, in das Schloß, wo mein Bru⸗ der als Stellvertreter des Landesherrn vom Vorgefalle⸗ nen benachrichtigt werden mußte. Auch wußte man, daß dich ein herrliches Heilmittel gegen Magenkrampf, Schwin⸗ del und gegen alles, was von Zauberei herrühren kann, beſitze. Ich verfertige es ſelbſt nach einem alten Re⸗ cepte, welches in der Familie bewahrt wird, aus Krät⸗ 21 tern, die alle hier in den Dünen wachſen. Es beſteht aus Leberkraut, Tauſendguldenkraut....“ Hier trat der Hausherr gerade zu rechter Zeit wie⸗ der herein, um der ausgedehnten Erzählung ſeiner Schwe⸗ ſter ein Ende zu machen, und den Strom der Lobreden zu hemmen, der ſo eben ſich über ihre Lippen ergießen wollte, um die große Kraft des ſelbſtverfertigten Hülfs⸗ mittels gegen Krämpfe u. ſ. w. zu preiſen. Denn nie verſäumte Barbara, dieß in Hayo's Erzählung mit einzuflechten. „Wie ich merke“— ſagte Herr von Heerema, der Erzählerin in die Rede fallend—„iſt unſre gute Barbara mit ihrer Geſchichte erſt bis zum Leber⸗ und Tauſendguldenkraut vorgerückt. Ihr werdet bemerkt haben, Vetter! daß ſie die Gabe beſitzt, ihre Erzählung verteufelt lang auszudehnen, indem ſie allerlei Epiſoden hineinflicht, wie, ſoviel ich glaube, Profeſſor Tiara zu Franeker die Abweichungen zu nennen pflegte. Nein, was die Erzählung an Gedrängtheit verliert, ge⸗ winnt ſie ohne Zweifel an Deutlichkeit. Da ich Euch aber noch vor der Mittagsmahlzeit zu einem Spazier⸗ gange einladen wollte, ſo werdet Ihr mir erlauben, daß ich Euch das Ende dieſer erbaulichen Geſchichte mit we⸗ nigen Worten erzähle.“ „Hayo wurde alſo durch die kräftigen Ingredienzen unſrer Schweſter wieder zum Leben, oder vielmehr zu ſeinem vollkommenen Bewußtſeyn zurückgebracht, und die Bezauberung war völlig gewichen. Jetzt hatte das Fra⸗ gen kein Ende; und obgleich der Knabe das Geſchehene nur undeutlich und ohne⸗Zuſammenhang zu erzählen wußte, ſo erfuhr man doch zuletzt ſoviel von ihm, daß er, ſobald er in die Hütte getreten, gleich auf den Bo⸗ den und in einen tiefen Schlaf verfallen ſey. Dies Letzte wundert mich nicht, denn man ſagt, daß er ſich zuvor, um ſeinen geſchwächten Muth zu ſtärken, einen halben Rauſch angetrunken hatte. Bald wurde er durch ein fürch⸗ terliches Geräuſch— wie er erzählt— aus ſeinem 22 Schlummer geweckt. Erſchrocken ſprang er auf, und plötzlich zeigte ſich ihm ein helles Licht, welches aus der Erde hervorkam, und in deſſen Mitte die Geſtalt der alten Tekla, mit ihrem Zauberſtabe in der Hand, welche drohend ihm näher trat, und bereit zu ſeyn ſchien, ihn auf immer von ſeiner Sucht nach Abentheuern zu hei⸗ len. Von einer fürchterlichen Angſt ergriffen, ſank er auf ſeine Kniee nieder und ſiehete um Gnade. Zugleich vermehrte ſich das Geräuſch um ihn her; ja es ſchien, wie er ſelbſt ausſagte, daß die Erde hebte und ausein⸗ anderriß; während ſich aus der Tiefe ein Gebrülle, gleich dem der wilden Thiere hören ließ, und draußen tobte ein ſtarker Sturm. Unterdeſſen näherte ſich ihm Tekla und ſagte:„Deine Verwegenheit hat den Tod verdient; doch leere zuvor dieſen Becher, und dann mögen die Geiſter, deren Stimme Du hörſt, beſtimmen, ob Du leben oder ſterben ſollſt.“ Zugleich reichte ſie ihm einen Becher von reinem Silber. Ganz mechaniſch griff er danach, und obgleich er anfangs ein wenig anſtand, ſo leerte er auf wiederholten Befehl der Alten den Becher bis auf den Grund.“ „Und der Trank verbreitete ſich wie Feuer durch den ganzen Körper des armen Knaben“— fiel Tante Bar⸗ bara dem Sprecher in die Rede. „Wahrſcheinlich war es ein Becher alten, kräftigen Rheinweins,“— erwiederte ihr Bruder—„der viel⸗ leicht ein halbes Jahrhundert unter der Erde ver⸗ borgen geweſen war, und jetzt, wie es ſich von ſelbſt verſteht, einen andern Geruch und Geſchmack hat, als das Waſſer in unſern Behältern, woraus der Knabe zu trinken gewohnt war. Soviel iſt gewiß, der Trunk wirkte kräftig. Die Hütte, meinte er, habe ſich ſogleich mit ihm herumgedreht; darauf ſey er mit ihr aufgehoben, und mit Blitzesſchnekle mit ihr durch die Luft geflogen. Jetzt habe er ſein Bewußtſeyn ganz verloren, und er ſey nicht eher wieder zu ſich ſelbſt gekommen, bis ſeine Ge⸗ fährten ihn am Morgen gefunden und aufgerichtet hät⸗ en el⸗ er⸗ bſt als zu kte nit en, en. ſey ze⸗ ten. Barbara's Lieblingsreeept, welches nach des Knaben Erklärung ihm keineswegs ſo gut geſchmeckt hatte, als Tekla's Zaubertrank, ſtellte ihn völlig wie⸗ der her.“ „Aber was meint Ihr von dieſem Allen?“— fragte Moritz. „Nichts anderes, als daß die Alte, welche man abweſend glaubte, gegen Erwarten ſich noch in ihrer Hütte befand, und dem armen Knaben einen Streich ſpielte, um ihm und allen andern die Luſt zu benehmen, ſie in ihrer Einſamkeit zu ſtören. Sie ließ ihn wahr⸗ ſcheinlich einen Becher voll kräftigen Weines, oder eines andern ſtarkwirkenden Trankes leeren, und als er da⸗ durch wie natürlich ganz betäubt war, hat ſie ihn auf den Rücken genommen, und in ziemlicher Entfernung von ihrer Wohnung, um ihn ſeinen Rauſch ausſchlafen zu laſſen, zur Erde niedergelegt. Alle übrigen Umſtände von des Knaben Ausſage können füglich der Furcht, welche ihn befallen, zugeſchrieben werden. Doch dieſe Furcht iſt nicht wieder von ihm gewichen; denn er wagte es nie mehr, ſich auch in weiter Entfernung der Hütte zu nahen, ſondern erklärte ſogar, daß es ihm unmög⸗ lich ſey, nach den ſchrecklichen Ereigniſſen der verhäng⸗ nißvollen Nacht länger auf der Inſel bleiben zu können. Er ließ ſich auf einem Kauffahrer als Matroſe anneh⸗ men, und iſt, ſoviel man weiß, noch nicht wieder zu⸗ rückgekehrt. Nun kennet Ihr die ganze Geſchichte, Vet⸗ ter; vielleicht etwas weniger ausgeſchmückt, als wenn Barbara ſie Euch bis an das Ende erzählt hätte, aber wenigſtens eben ſo ſehr mit der Wahrheit übereinſtim⸗ mend. Wenn es Euch jetzt Vergnügen macht, mit mir einen Spaziergang nach dem Strande zu machen, dann dürft Ihr nur befehlen. Taco erwartet uns ſchon auf dem Vorhofe mit einer Anzahl geräuſchvoller Springer, ſeinen Lieblingen.“ Moritz erklärte ſich dazu bereit, und bat, nur noch ihm einige Augenblicke zu verſtatten, um zuvor ſeine 24 Kleider ein wenig zu wechſeln. Bald waren die beiden Herren auf dem Wege, und vor ihnen her Taco, von einem halben Dutzend blaffender Hunde, welche muthwillig hin und her liefen, umringt. 1. 2 Zweites Kapitel. O, Gott! ſie iſt es, ja! So war der Stimme Laut, ſo ihres Auges Blick So kniete ſie vor mir, o, namenloſes Glück! Die beiden Herren gingen zuerſt in das nicht weit vom Schloſſe gelegene Luſthölzchen, welches einen kühlen und ſchattigen Spaziergang darbot. Es war ziemlich groß und ſich ſchlängelnde Wege liefen in der Mitte auf einer geräumigen Ebene zuſammen. Hier ſtand eine kleine, ziemlich baufällige Kirche, welche in früheren Zei⸗ ten zu dem Schloß gehört hatte, und dem Gutsherrn zu einer Kapelle diente. Doch im Anfange des ſiebenzehn⸗ ten Jahrhunderts, als die Reformirten eine geregelte kirchliche Einrichtung auf der Inſel erlangten, wurde ſie ihnen überwieſen, und ſeit jener Zeit wird darin von den beiden Predigern der nächſtliegenden Dörfer der Got⸗ tesdienſt verrichtet. Erſt in den letzten Jahren dieſes Jahrhunderts wurde nach Nes ein beſonderer Prediger berufen. Dieſe Kirche war ein ſehr altes Gebäude, und wie Moritz von ſeinem Begleiter erfuhr, größtentheils von den Ruinen eines alten Schloſſes aufgebaut, welches an der weſtlichen Seite der Inſel ſtand, und der Tra⸗ dition nach von dem heidniſchen Könige Radbond be⸗ wohnt wurde. Da die Thüren der Kirche geöffnet waren, ſo traten die Spaziergänger ein. „Hier ſeht Ihr die Gräber vieler Eurer Ahnen von mütterlicher Seite“— ſagte Herr von Heerema zu Moritzen, indem er auf mehrere künſtlich ausgearbei⸗ tete Wappen der Kamminga's, welche auf den Grab⸗ gewölben angebracht waren, hinzeigte—„ſie gehörten „———„—.——„— den von eit len lich auf ine ei⸗ zu hn⸗ elte von zot⸗ eſes iger und eils ches ra⸗ be⸗ von zu bei⸗ rab⸗ rten 25 gewiß zu dem allerälteſten Geſchlechte der vereinigten Provinzen. Meine Frau kann Euch viel davon erzählen, und wenn Ihr den Sekretarius Baart bei mir trefft, der es gewiß nicht unterlaſſen wird, Euch ſeine Aufwar⸗ tung zu machen, dann werdet Ihr ſo viele antiquariſche Kenntniſſe über dieſe Inſel und die Kamminga's ſammeln, daß Ihr als ein vollkommener Antiquar nach Holland zurückkehren werdet. Für mich iſt dieß Stu⸗ dium zu trocken, obgleich ich geſtehen muß, daß Baart ſeine gelehrten Bemerkungen gewöhnlich mit einem guten Glaſe Wein verſchmilzt, wahrſcheinlich zur beſſern Ver⸗ dauung: denn er iſt ein Liebhaber vom Becher. Da wir nun einmal über die Kamminga's reden, ſo muß ich Euch ſagen, daß es die höͤchſte Zeit war, daß wir unſer Geſpräch über die alte Tekla abbrachen, wenn wir uns nicht meiner Frauen Ungnade hätten zuziehen wollen. Ihr müßt nämlich wiſſen, daß die alte Hexe— Gott vergebe mir dieſen Ausdruck, aber ich bin ſo halb und halb überzeugt, daß ſie dieſen Namen verdient— nichts weniger behauptet, als eine nahe Verwandte mei⸗ ner Frau, folglich auch von Euch zu ſeyn. Sie will von der Tochter des alten frieſiſchen Königs Gonde⸗ wald abſtammen, der vor ungefähr tauſend Jahren über dieſe Inſel regierte. Deſſen Tochter Dekla, welche hier zuerſt die chriſtliche Religion einführte, verehlichte ſich mit einem Kamminga, und fann alſo als die Stamm⸗ mutter dieſes Geſchlechts betrachtet werden. Was bei der ganzen Sache am unglaublichſten, iſt, daß meine Frau dieſer ſonderbaren Behauptung Glauben ſchenkt. Daher hört ſie es nicht gern, wenn man beſonders mit Frem⸗ den über Dekla ſpricht, und ſich ſogar ſchmähender Aus⸗ drücke bedient. Mit Euch, da Ihr mit der Alten in ſo merkwürdige Berührung gekommen waret, durften wir über ſie reden, um ſo mehr, da ihr zur Familie gehört.“ „Alles, was ich von dieſer merkwürdigen Frau höre“ — ſagte Moritz—„dient nur, meine Neugierde zu verdoppeln, und ungern würde ich dieſe Inſel verlaſſen, —————— 26 ohne ſie nochmals geſprochen zu haben; obgleich ich ſehr fürchte, daß ſich mir keine Gelegenheit dazu bieten wird.“ Jetzt kam Taco, der ſich bis daher mit ſeinen Hun⸗ den beluſtigt hatte, herbeigelaufen, und bat ſeinen Vater, ihm nun zu erlauben, ſeine Probeſtücke mit dem Schwerte des großen Pier ablegen zu dürfen. „Da haſt Dy Recht,“ ſprach der Vater—„und erinnerſt mich zugleich, daß ich dieß merkwürdige Schwert unſerem Gaſt zeigen muß. Das große Schwert, was Ihr da an der Mauer hängen ſehet, war die Lieblings⸗ waffe unſeres berühmten frieſiſchen Admirals, des großen Sier, womit er, wie man ſagt, mehr Häupter abge⸗ ſchlagen hat, als der Wind im Herbſt Blätter von den Bäumen weht. Es wird hier als eine Seltenheit auf⸗ bewahrt, und zeugt von der großen Körperkraft dieſes wackern Seehelden, denn ein gewöhnlicher Menſch kann es nicht gut handhaben. Ich habe Taco verſprochen,“ ihn, ſobald er dieſe Waffe über ſeinem Haupte ſchwingen kann, unter die Leibſchützen ſeines Oheims, dem Herrn dieſes Landes, aufnehmen zu laſſen. Doch bis jetzt waren ſeine Anſtrengungen vergebens.“ R Bei dieſen Worten nahm er es von der Wand und zeigte es ſeinem Gaſte, der es mit großem Intereſſe be⸗ trachtete, da die Erinnerung an den großen Seehelden und deſſen Vetter, den großen Wierd, welche alle Meere mit dem Schrecken ihres Namens erfüllt hatten, noch ſehr lebendig war. Darauf überreichte er es Taco, welcher, indem er alle ſeine Kräfte zuſammen ſahm, das erwünſchte Probeſtück ausführte. Der Vater ſchien über dieſen Beweis von Körperkraft eben ſo ſehr erfreut zu ſeyn, als der Sohn, und verſprach dieſem, daß ſeine Auf⸗ nahme unter die Schützen durch ein großes Gaſtmahl gefeiert werden ſollte. Darauf führte Herr von Heerema ſeinen Gaſt an den Strand, wo man bei dem ſehr klaren Himmel deutlich die frieſiſche Küſte und viele Thürme ſehen konute. Das Waſſer war ſpiegelhell, und eine Menge Segel ein jedet vier, 27 bewegten ſich barauf. Einige Fiſcher waren mit dem Stellen oder Herausziehen ihrer Netze beſchäftigt. Von hier ging es nach Hollum, wo Moritz in einige Wohnungen trat, um die Inſulaner auch in ihrem ge⸗ kreiſe kennen zu lernen, und dann 6 wöhnlichen Wirkungskrei wieder nach dem Schloſſe zurück, wo das Mittagsmahl ihrer wartete. Wenn auch Fr Frau von Heerema ſich wiederholt über die einfache Mahlzeit entſchuldigte, und hinzufügte, . daß ihre Entfernung von dem Feſtlande ſie nicht in den Stand ſetze, ihren Gaſt, wie ſie es wünſche, zu bewirthen, ſo fand Moritz dieſe Entſchuldigung höchſt überflüſſig, da die Tafel ſo gut und gewählt, als man es nur wünſchen konnte, ausgerüſtet war. Die ſehr belebte Kommunikation mit der Kuſte des Feſtlandes, ſowie die Erzeugniſſe der Inſel ſelbſt, hatten Tante Barbara's Speiſekammern auf's Reichlichſte verſehen, denn dieß war, beiläufig ge⸗ ſagt, dieſer würdigen Dame Departement. Auch der unter der Aufſicht des Hausherrn ſtehende Weinkeller ließ nichts zu wünſchen übrig. Unterhaltende Geſpräche würzten das Mahl, und unſerm glücklichen Taco war heute zum erſtenmale, nach abgelegtem Probeſtücke, ein eigener Becher vorgeſetzt, den er mit einer ſolchen Be⸗ hendigkeit leerte, daß man wohl daraus folgern konnte, er werde ſeinem Vater hierin mit der Zeit nicht nach⸗ ſtehen. Am Nachmittage kamen mehrere der vornehmſten Einwohner der Inſel, den fremden Gaſt zu bewillfom⸗ men. Unter dieſen befand ſich auch der Secretarius Baart, welcher ein ſehr vertrauter und willkommener Hausfreund zu ſeyn ſchien. Es war ein Mann von ſchon vorgerücktem Alter, klein und ſehr mager, mit einem ſehr lebendigen und geiſtvollen Auge. Ein Jeder, der ſich mit ihm unterhielt, bemerkte ſogleich, daß er ein Gelehrter war, und er unterließ auch nicht, einem jeden Fremden ſogleich zu erzählen, daß er vor ungefähr vierzig Jahren, als die Univerſität in Franken geſtiftet worden war, einer der erſten Studenten daſelbſt geweſen wäre. Welch' ein Zufall ihn ſpäterhin auf dieſe Inſel geführt habe, pflegte er einem Jeden zu erzählen, ſo wie auch, daß er ſich glücklich ſchätze, hier ganz der Alterthumskunde leben zu können, durch deren Reſultate er ſich einſt im Vaterlande Verdienſt und Ruhm zu er⸗ werben hoffe. Wie ſehr der gelehrte Mann ſein Ziel erreichte, wagen wir nicht zu beurtheilen, doch werden wir Gelegenheit haben, unſerem Leſer im Laufe dieſer Erzählung einige Proben davon zu geben. Der Tag wurde unter ſehr verſchiedenartiger Unter⸗ haltung zu Ende gebracht; der Hausherr erzählte von muntern Trinkgelagen, Tante Barbara von häuslichen Angelegenheiten, Taco von ſeinen jugendlichen Streichen und der Secretarius von Alterthumskunde, ſo daß die Uebrigen nicht viel von dem Ihrigen einzuſchieben hatten. Letztgenannter war endlich auf eines ſeiner Lieblings⸗ themate gebracht, nämlich: ob nicht Ameland durch das Wegſpülen des Landes an der Südſeite, welches ſehr merklich ſtattfand, zuletzt ſehr nachtheilige Folgen haben könnte? Er ergriff dieſe Gelegenheit, um über den früheren Zuſtand der Inſel zu reden, und er richtete beſonders das Wort an Moritz, an welchem er einen aufmertſamen Zuhörer zu haben glaubte, und bemühete ſich, ihm auf's Ausführlichſte zu beweiſen, daß dieß Land kein anderes ſey, als das in den Chroniken erwähnte Foſelenland. Dieſe noch von keinem andern Gelehr⸗ ten weder aufgeworfene noch beſtrittene Behauptung wurde von ihm auf's Eifrigſte vertheidigt. Dann ſprach er über den heidniſchen Gott Fo ſile oder Fo ſto, wel⸗ cher auf dieſer Inſel von den Frieſen verehrt worde ſey, bis die heranrückende Dunkelheit die Geſellſchaß zum Aufbruch mahnte. Baart unterließ jedoch nicht Moritz noch beim Scheiden in's Ohr zu raunen, daf er bei erſter Gelegenheit ihm ausführlicheren Aufſchlu über dieſen Punkt zu geben wünſche. „Wir wollen hoffen,“— ſprach von Heeremg ſch Ziel den eſer ter⸗ von hen hen die ten. igs⸗ urch ches lgen über tete inen hete and hute ehr⸗ tung rach wel⸗ rden chaft icht, daf hlu mo welcher dieſe Worte gehört, nachdem die Gäſte ſich ent⸗ fernt hatten—„daß alsdann unſer ehrwürdiger Prediger Timanni von ſeinem Ausfluge nach Holland zurück ſeyn wird. Dieſer iſt, namentlich in dieſem Punkte, ein offenbarer Gegner des Secretarius. Während der zwet Jahre, welche er bei uns Prediger iſt, hat er ſich, ſo viel es ihm ſeine Amtsgeſchäfte erlauben, ganz dieſem anti⸗ quariſchen Studium gewidmet, doch noch nicht ein ein⸗ zigesmal ſtimmten die beiden Herren überein, vielmehr ſtanden ſie ſich ſtets wie Kampfhähne feindlich gegen⸗ über, doch“— ſetzte er lächelnd hinzu—„ſoviel es die Courtviſie, welche er meiner lieben Schweſter Bar⸗ bara zollt, zuläßt.“ Obgleich Moritz in Tekla's Behauſung vorige Nacht nur kurze Zeit und ſehr unruhig geſchlafen hatte, ſo ließ ihn doch die hentige Aufregung auch nicht ſo⸗ gleich einſchlafen. Beſonders beſchäftigte ihn TDekla. Alles, was er von ihr gehört hatte, erregte immer mehr den Wunſch in ihm, etwas Näheres über ſie zu erfah⸗ ren, und er konnte den Gedanken nicht entfernen, daß dieſe merkwürdige Frau einen bedeutenden Einfluß auf ſein Leben habe. Ohne ihr übernatürliche Kräfte zuzu⸗ ſchreiben, war er doch feſt überzeugt, daß ſie nicht das ſey, was ſie ſcheine, und er nahm ſich feſt vor, die Inſel nicht eher zu verlaſſen, bevor er ſie noch einmal geſehen und nähere Aufklärung über ſie erhalten habe. Auch ſeine neuen Hausgenoſſen ſchwebten ihm vor. Es war ihm ſehr wohlthuend, vom erſten Augenblicke an ſich bei ihnen ſo heimiſch zu fühlen. Der Hausherr ſchien eben ſo bieder als aufrichtig zu ſeyn, und in deſſen Gemahlin, in deren Charakter zwar ein gewiſſer Ernſt, mehr Zurück⸗ haltung, ja eine gewiſſe Schwermuth herrſchte, hatte er doch eine Dame, von den edelſten Grundſätzen beſeelt, kennen lernen. Die Kinder, beſonders der wackere Taco, hatten ſich ihm mit Zutraulichkeit und Herzlichkeit ge⸗ nähert. Auch Tante Barbara, ungeachtet einiger ſcharfen Bemerkungen über ihre Bekannten und Nachbarn, 1 1 30 — eine nicht ſeltene Eigenſchaft bei alten Jungfern,— gefiel ihm in ihrem häuslichen Treiben recht gut.⸗Wenn nicht die Bande der Liebe ihn ſo ſehr nach ſeiner Emma hingezogen hätten, ſo würde er gerne einige Wochen hier verweilt haben, doch das Bild dieſer letzten beſchäftihte ihn noch, nachdem alle anderen ſchon verſchwunden wa⸗ ren, und ſelbſt? als der Schlaf ſeine Augen geſchloſſen hatte, ſchwebte ſie ihm noch immer in ihrer Engels⸗ geſtalt vor. Schon am folgenden Tage brachte Moritz einige Zeit allein mit ſeinem Wirthe zu, um über den Zweck ſeiner Reiſe zu unterhandeln. Alle darauf Bezug habende Doknmente wurden genau nachgeſehen und verglichen, und es ſchien beiden Herren, daß man in Kurzem einen, beide Parteien befriedigenden Vergleich zu Stande brin⸗ gen würde. Da aber noch mehrere Papiere von Leu⸗ warden und dem Haag herbeigeſchafft werden mußten, und darüber Tage, ja Wochen hingehen konnten, ſo ſchrieb Moritz deßhalb an ſeine Eltern, um ſich deren Mei⸗ 66 nung einzuholen. Dieſe antworteten ihm umgehends, und meldeten ihm, daß er, bevor dieſe verwickelte Sache ge⸗. ch ſchlichtet ſey, nicht an ſeine Rückreiſe denken möchte, denn ſie fürchteten, wenn er, bevor der Vergleich abge⸗ ſchloſſen, ſich von dort enkferne, an keine freundſchaftliche Schlichtung mehr zu denken ſey. her, ſich in die Umſtände zu fügen, und tröſtete ſich da⸗ mit, daß er während dieſer Abweſenheit oft ſeiner Emma ſchreiben und ſie ſeiner Liebe verſichern könne, bis es ihm mündlich zu thun wieder erlaubt ſey. So war ſchon mehr als eine Woche verſtrichen, der Sonntag war erſchienen und er hatte den zweiten Brief von Emma erhalten. Da der Prediger zufällig ab⸗ weſend war, ſo war in letzter Woche kein Gottesdienſt H gehalten worden. Heute ſollte aber zu Nes von einem be⸗ nachbarten Prediger der Gottesdienſt verſehen werden, und Moritz hatte den Wunſch ausgeſprochen, demſelben bei⸗ zuwohnen. Doch am folgenden Morgen bat ihn Hen Moritz beſchloß da⸗ * en, ten ab⸗ nſt be⸗ ei⸗ ert 31 von Heerema, mit ihm in die ſchon früher erwähnte Kapelle, wo auch gepredigt würde, zu gehen. Moritz erklärte ſich bereit, und fragte zufällig nach dem Namen und dem Wohnorte des Geiſtlichen. Dieſe ohne Abſicht geſtellte Frage ſchien beim Hausherin einige Verlegenheit zu erregen, und ohne eine beſtimmte Antwort zu geben, erwiederte er, daß er vie leicht lieber in Nes zur Kirche ginge, und daß ſein Wagen ihm zu Gebote ſtünde. Mo⸗ ritz erklärte jedoch, daß dieß feineswegs der Fall ſey, und er gern die Familie begleiten wolle. Herr von Heerema ſchien das Geſpräch abbrechen zu wollen und entfernte ſich; doch M oritz hatte mit Befremdung Tante Barbaras Antlitz und Bewegungen, als ſie mit ihrem Bruder ſprach, beobachtet. Nach beendigter Unterhaltung murmelte ſie in ſich„treue Hirten, wilde Schweine, die an dem Weinſtocke nagen, hütet euch in eurer Ju⸗ gend vor allen Irrlehren und Ränken,“ worauf ſie das Gemach verließ. Ihr Bruder ſchien von allem dieſem nichts gemerkt zu haben, aber Moritzens Neugierde war dadurch rege gemacht, um ſo mehr, da er den Wagen vor das Schloß vorfahren und Tante Barbara allein einſteigen ſah. Ihr Bruder bemerkte mit einem ſpötti⸗ ſchen Lächeln:„unſere Schweſter will ihrem Freunde, dem Prediger Tima ni, keinen Anſtoß geben.“ Bald nachher begleitete Moritz ſeinen Wirth und deſſen Gemahlin nach der naheliegenden Kapelle. Dieſes Gebaude war klein, und nur theilweiſe mit Sitzen verſehen, welche aber bei Weitem nicht mit Zu⸗ hörern angefüllt waren. Höchſtens dreißig bis vierzig Perſonen waren anweſend, doch unter dieſen befanden ſich keine der Leute, welche er ſchon auf dem Schloſſe oder den benachbarten Dörfern geſehen hatte; die Klei⸗ dung der meiſten ſchien anzudeuten, daß ſie der feſten Küſte Frieslands angehörten. Die Verſammlung beſtand beinahe nur aus Männern; denn außer Frauvon Hee⸗ rema waren keine Frauenzimmer zugegen. Alle erwar⸗ teten andächtig die Ankunft des Predigers. 32 Während Moritz dieſe verſchiedenen Bemerkungen 3 machte, wurde ſeine Aufmerkſamkeit durch das Erſchei⸗ G nen einer ſchlanken weiblichen Geſtalt, die mit leichtem G Schritt neben ihm vorüber ſchwebte und in einem beſon⸗ Li dern Stuhle ſich niederließ, angezogen. Ihr Antlitz war Te dicht verſchleiert, und ihre wenn auch einfache Kleidung war die des vornehmſten Standes. War es das ſpäte. Erſcheinen dieſer Unbekannten, oder ihre ſchöne Geſtalt 5 und ihr leichter Gang, welcher ein Weſen höherer Art di verrieth, oder dieß alles zuſammen, was den Blick unſeres 8e Helden unabläßlich an ihren Sitz feſſelte? Jedenfalls mußte es ihn befremden, daß, wenn dieß Weſen auf dieſer 5. Inſel wohnte, er es bis jebt 6 nicht geſehen hatte, ſo wie auch, daß ſie jetzt hierher geiommen war, um einen„ Prediger zu hören, der nicht nach dem Gefallen der i Inſelbewohner zu ſeyn ſchien. ſich Noch waren ſeine Angen, als wollten ſie durch den M Schleier hindurch dringen, auf die Unbekannte geheftet,. als ſie durch das Erſcheinen des Predigers abgeleitet wurden. Moritz erkannte ſogleich in ihm denſelben, nat welchen er zu Holwert mit Gefahr ſeines eigenen Le⸗ zu bens vor Mißhandlungen geſchützt hatte. Jetzt waren beſi ihm Tante Barbaras Redensarten verſtändlich. Mo⸗ dig ritz meinte dieſen arminianiſchen Geiſtlichen von einer ſie ſo guten Seite kennen gelernt zu haben, daß er, obgleich er dieſer Sekte nicht anhing, es doch ſeinem Wirthe zra Dank wußte, ihm einmal die Gelegenheit gegeben zu wie haben, einen ſolchen Geiſtlichen zu hören. Er wandte ihm daher ſeine ganze Aufmerkſamkeit zu, ſo daß die fl Unbekannte bei ihm augenblicklich in den Hintergrun uns trat.. tuns Wenn Moritz ſchon früher günſtig für den ve frag folgten Mann eingenommen geweſen war, ſo wurde 6 muf es noch mehr, als er ihn Worte der Liebe und des Frie⸗ leid dens mit ſo vieler Innigkeit und Herzlichkeit an die klein als Verſammlung richten hörte. In dem Tone ſeiner Sprach acht lag eine unbeſchreibliche Sanftmuth, aber guch zugleiſ 6 5 1 i⸗ m n⸗ ar ng te lt rt es lls ſer te, en der en et, tet en, Le⸗ ren D ner eich the zu dte die und ver⸗ e er rie⸗ eine ache leich 33 eine Kraft im Ausdrucke, welche unwiderſtehlich hinriß. Er hatte zum Gegenſtande ſeines Vortrags das erhabene Gebot aus der chriſtlichen Lehre gewählt, welches uns Liebe zu unſern Feinden vorſchreibt, und die Worte ſeines Tertes waren:„ſegnet die Euch fluchen.“ Seine Art zu predigen war in vieler Hinſicht von der ſeiner Zeit⸗ genoſſen verſchieden, welche gewöhnlich über Stellen des alten Teſtaments predigten, und nur ſelten die Worte des Erlöſers wählten. Er ermahnte ſeine Zuhörer, dem Heilande, ſo viel es ihre menſchliche Natur zuließ, der unter den fürchterlichſten Martern noch für ſeine Feinde betete, zu folgen. Der Eindruck ſeiner Rede war bei allen Zuhörern ſichtbar. Es herrſchte eine tiefe Stille; Aller Blicke waren unabgewandt auf ihn gerichtet, und manche Hand erhob ſich, um eine Thräne aus dem Auge zu wiſchen. Auch Moritz war ſowohl durch die Rede als den Vortrag ganz hingeriſſen, was ihn aber nicht verhinderte, zuweilen einen Blick auf die weibliche Geſtalt, welche ſeine Theil⸗ nahme auf eine unerklärliche Weiſe auß ſich gezogen hatte, zu werfen. Auch ſie ſchien von des Lehrers Vortrag, beſonders als er die Folgen der Rachſucht mit den leben⸗ digſten Farben ſchilderte, ſehr ergriffen zu ſeyn, ſo daß ſie ſich oft eine Thräne trocknete und unwillkührlich zit⸗ terte. Der Redner war im letzten Theile ſeines Vor⸗ trags, und ſprach mit beſonderm Nachdruck und Rührung wie folgt: „Dies, meine Freunde! iſt eine der wichtigſten Pflichten, uns auferlegt durch die göttliche Lehre, welche uns aus dem Himmel verkündigt wird, zu welcher wir uns Alle öffentlich bekannt haben. Wenn Ihr mich nun fragt, ob dieſe Pflichten leicht zu erfüllen ſind, dann muß ich Euch antworten, daß unſre menſchliche Natur, leider! allzuſehr verderbt iſt und zum Böſen hinneigt, als daß es uns leicht werden ſollte, die Gebote zu beob⸗ achten, wogegen unſer ganzes Weſen ſich ſo ſehr ſträubt. Der Schutzgeiſt. II. 3 34 Es erſcheint uns vielmehr gewöhnlich ſo ſelig, ſo ſüß, m uns an denen zu rächen, welche uns Unrecht zufügten; r es iſt uns ſo angenehm, die, welche wir haſſen, verfolgt v und ins Unglück geſtürzt zu ſehen. Ja erſt dann, wenn E wir uns dieſer Genugthuung erfreut häben, ſcheinen wir d in unſerm Innerſten von Gottes Gerechtigkeit vollkom⸗ ie men überzeugt zu ſeyn. Es wird uns ſehr ſchwer, ich g wiederhole es Euch, die zu ſegnen, welche uns fluchen d denen Gutes zu thun, welche uns haſſen:— aber um ſe möglich iſt es uns nicht. Oft müſſen wir erſt unzählig fri Pruͤfungen und vieles Herzeleid beſtehen, und dadurch geläutert werden, ehe wir es über uns gewinnen, unſte h Feinde zu lieben. Doch dann, wenn durch den gnadem E reichen Einfluß des Himmels unſre Herzen ſo zu ſagen de in unſerm Innern umgewandelt ſind und alle Bitterkei bi daraus verſchwunden iſt,— dann können wir mit Ab m ſchen an die Augenblicke zurückdenken, wo Haß und Rach zu ſucht unſre Seele erfullte, und wir, ohne kräftigen Bei⸗ ſtand von oben, durch unfre niedrigen Leidenſchaften for lu geriſſen, auf dem Punkte waren, in einen Pfuhl de m Jammers und der Sünde niederzuſtürzen. O, erlaut S mir, daß ich Euch mein eignes Beiſpiel anführe: mög m es Euch Allen zur Lehre dienen: Auch ich werde ver G folgt, geſchmähet und grauſam mißhandelt; die ärgſte ſck Verläumdungen ergehen über mich; von allen Seitet er erhoben ſich drohende Hände gegen mich, raubten mi ur Alles, was ich beſaß, waren im Begriffe, mir das Lebet we zu nehmen. Solche, denen ich Gutes gethan zu habe lie glaubte, die ich an meinem Tiſche geſpeist und getränk er hatte, vereinigten ſich mit meinen Feinden und wollte zu mich meinen Vepfolgern überliefern. Als ein Büßende G mußte ich von dem einen Orte zum andern fliehen, un en fand oft keinen Biſſen Brod, um meinen Hunger z die ſtillen, kein Plätzchen, um meine müden Glieder ausz ih ruhen. Ja dann— ich will es gern geſtehen— dam wa war meine Seele oft mit Bitterkeit erfüllt, und ich ſehnb au mich nach dem Augenblick, wo ich meine Feinde ged ſüß, en; lgt enn wir m⸗ ich hen, un⸗ lige urch nſte den⸗ igen rkeit Ab ach⸗ Bei⸗ fort⸗ det aubl nögt per gſter eiter mi eber abe ränh lter nd un rz 18z dam hnt gede 35 müthigt, mein unverdientes Leiden an ihrem Sturze ge⸗ rächt ſehen würde. Aber gerade durch dieſe Anhäufung von Widerwärtigkeiten und Verfolgungen mußte meine Seele, von ſündigem Begehren angefüllt, geläutert wer⸗ den. Mit Abſcheu bebte ich vor mir ſelbſt zurück, als ich mit erleuchtetem Auge einen Blick in mein Innerſtes geworfen hatte; und es glückte mir, zwar nicht ohne den ſchweren Kampf zu kämpfen, die niedrigen Leiden⸗ ſchaften zu unterdrücken und auszurotten. Und jetzt“— fuhr er tief bewegt fort—„geſegnet ſey die Gnade Gottes, welche dieſe Veränderung in mir hervorgebracht hat!— jetzt erfüllt kein Haß, keine Rachſucht mehr meine Seele; jetzt kann ich ausrufen— und Der, welcher in den verborgenſten Winkeln unſeres Innern liest, weiß beſſer als ich, ob meine Worte aufrichtig ſind— geſegnet mögen die ſeyn, welche mir fluchen— ich wünſche Gutes zu thun denen, die mich haſſen!“ Dieſe letzten Worte hatten auf die ganze Verſamm⸗ lung den tiefſten Eindruck gemacht. Allér Augen waren mit Thränen angefüllt und hier und da verrieth ein leiſes Schluchzen die tiefſte Rührung. Aber Moritzens Auf⸗ merkſamkeit wurde jetzt ganz von der verſchleierten weiblichen Geſtalt gefeſſelt. Die Rührung dieſer Unbekannten, welche ſchon längſt ſichtbar war, hatte jetzt den höchſten Grad erreicht. Sie ſchluchzte laut, zitterte am ganzen Körper, und ſchien einer Ohnmacht nahe zu ſeyn. Ihr Buſen wallte heftig; ihr Athem war abgebrochen und beſchwer⸗ lich. Es gebrach ihr an Luft, und als fürchte ſie zu erſticken, ſchlug ſie den Schleier auf, um freier athmen zu können. Moritz ſtarrte ſie an, und obgleich ihre Geſichtszüge durch die heftige Bewegung einigermaßen entſtellt waren, ſo glaubte er doch in der Unbekannten dieſelbe geheimnißvolle Geſtalt wieder zu erkennen, welche ihm vor drei Jahren nach ſeiner Geneſung erſchienen war, und wie wir wiſſen, einen ſo wunderbaren Eindruck auf ihn gemacht hatte. Man denke ſich ſein Erſtaunen. Je 3 36 mehr er die Fremde betrachtete, je mehr überzeugte er ſich, daß er ſich nicht täuſche.“ Noch war er mit un⸗ verwandtem Blick in Anſchauung verſunken, als die Un— bekannte, allmählig wieder zu ſich gekommen, den Schleier wieder fallen ließ. Zu gleicher Zeit hatte auch der Pre⸗ diger den Gottesdienſt mit einem kurzen Gebete geſchloſſen. Die Verſammlung verließ in aller Stille die Kapelle, und Moritz einem Träumenden gleich folgte. Schon hatte die Fremde ſich entfernt, und er ſah ſich vergebens nach ihr um. Wer war dieſe ſchöne geheimnißvolle Un⸗ bekannte? Woher war ſie gekommen und wohin gegangen? Hatte auch ſie ihn erkannt, ihn, dem ſie durch ihr frü⸗ heres Erſcheinen ſo viel Theilnahme bewieſen hatte? Alle dieſe Fragen drängten ſich ihm auf, als er wankend, einem Trunkenen gleich, wie vom Fieber geſchüttelt, das Schloß erreicht hatte, wo er ſich ſogleich in ſein Zimmer begab, um in der Einſamkeit ſeinen ihn überwältigenden Ge⸗ danken freien Lauf zu laſſen. Drittes Kapitel. Der Seele reinſtes Hochgefühl Hat nur Gefahr und Fall zum Ziel; Auch wird von Menſchen arg verkannt, Das Böſ' und Gut' ſo pah verwandt; Denn Mancher preist als Tugend an, Was man ſchon Laſter nennen kann. Moritz vermied an dieſem Tage ſoviel als möglit die Geſellſchaft der Schloßbewohner. Er war zu ſeh bewegt, und hatte nicht den Muth, ſich nach der Unbe kannten zu erkundigen. Er war beinah in einem äh lichen Zuſtande als damals im Haag. Auch ſeine Haus genoſſen ſchienen einer jeden lnterhaltung über de Gottesdienſt in der Kapelle auszuweichen. Tante Baß, bara allein verſuchte mehre Male während der Mittags mahlzeit dieſen Punkt zu berühren; da aber die kurze und ſcharfen Antworten ihres Bruders ihr Vorhaben vb h 3 ne e er un⸗ Un⸗ leier ßre⸗ ſſen. elle, chon bens Un⸗ en ſru⸗ Alle nem hloß. . 7 65 eitelten, ſo begnügte ſie ſich, weitläufig die herrliche und ſalbungsreiche Predigt, welche Rainbertus zu Nes über eine Stelle aus Zacharias, wie die Krämer aus dem Tempel des Herrn vertrieben werden müßten, gehalten hatte, zu erzählen. Man ließ die gute Dame allein reden, deng unter den übrigen herrfchte eine ernſtere Stimmung als gewöhnlich, wahrſcheinlich durch die Pre⸗ digt des Arminianiſchen Lehrers hervorgebracht, wo⸗ von Taco allein nicht erbaut zu ſeyn ſchien, der ſich auch ſo ſchnell als möglich entfernte, nachdem er M oritzen ins Ohr geraunt hatte, daß er ſich ſehr auf die Zurück⸗ kunft des Paſtors Timanni freue, deſſen Reden noch nie, ſo viel er ſich erinnere, weder einen ſolchen Eindruck gemacht, noch eine ſolche finſtere Stimmung hervorge⸗ bracht hätten. Moritz befand ſich in einem merkwürdigen Wider⸗ ſpruche. Eine geheime Stimme ſchien ihn zu mahnen, die Inſel ſogleich zu verlaſſen, ohne daß er ſich einen hinreichenden Grund dafür angeben konnte. Wahrſchein⸗ lich war es der Eindruck, welchen ſchon früher die Er⸗ ſcheinung auf ihn gemacht hatte, und deren engelgleiche Schönheit und Geſtalt Gefühle in ihm hervorrief, denen er, ohne Emma zu verletzen, ſich nicht hingeben durfte. Keineswegs, daß er für die Unbekannte Liebe empfunden hätte, ſelbſt nicht dann, wo, wie man es mit Recht nen⸗ nen darf, ſein Geiſt verwirrt war, und dennoch wünſchte er ſie zu ſehen, und das Geheimnißvolle, was ſie umgab, zu entwirren, obgleich er den Gedanken, daß ſie ſeiner Ruhe gefährlich werden könnte, nicht verbannen konnte. Doch ſo iſt das menſchliche Herz; es neigt leider allzuſehr hin, vorzugsweiſe an dem zu hangen, was eine höhere Macht uns nicht gewähren zu wollen ſcheint, und jemehr unſere Hoffnung ſchwindet, deſto eifriger wird unſer Ver⸗ langen. Moritz war zu wenig mit den Widerſprüchen der menſchlichen Natur bekannt, und er liebte Emm a ſo treu, ſo feurig, daß er ſich keine Gefahr eingeſtehen wollte, und dennoch drängte es ihn unwiderſtehlich, einen 38 Ort zu verlaſſen, wo ſeine ſo innige Liebe durch einen dr ſo verführeriſchen Gegenſtand abgeleitet wurde. du Waren dieß vielleicht die Gefahren, worauf Dekla fe hingedeutet hatte? Waren Menſchen hier, welche ihn ge von ſeiner erſten Liebe abwendig machen, oder auch nur he ſeine Standhaftigkeit auf die Probe ſtellen wolltenz ſck Dieſe und tauſend ähnliche Fragen drängten ſich ihm auf, we als ihm plötzlich einfiel, daß es eine Perſon gäbe, welche ſic ihm hierüber Aufſchluß geben könnte; dieß war Tekla. Noch an dieſem Abend wollte er zu ihr und ſie um Auß er klärung und Rath bitten. Sie allein hielt er fähig, ihm S in dem Strudel ſeiner Gedanken eine feſtere Richtung be zu geben, und ihm den Weg, den er verfolgen mußte, ſch anzudeuten. zu Ohne den geringſten Aufſchub machte ſich Moritz we auf den Weg. Es war noch lange vor dem Einbruche ei des Abends, aber die Sonne hatte ihre Gluth ſchon ge un mäßigt, und verbreitete ihren Glanz über den ebenen ne Meeresſpiegel, als er über die Sanddünen bei Hollun ho hinwegſchritt. Es herrſchte in der ganzen Schöpfung un eine ungewöhnliche Ruhe. Die Einwohner des Dorft, ſaßen meiſtens ruhig vor ihren Thüren, nur in eine lu einzelnen ferner liegenden Hütte hörte man die nicht ein ſehr wohllautenden Töne eines religiöſen Geſanges, wo— a mit ſie den Sonntag zu beſchließen ſchienen. Zwiſchet ch den Dünen zeigte ſich kein lebendes Weſen, ſelbſt di fei damals ſich dort ſo häufig aufhaltenden Kaninchen ſchi⸗ e nen ſich in ihre Höhlen zurückgezogen zu haben. Bal z hatte Moritz die Hütte erreicht, aber leider fand er ſi N verſchloſſen, und einige geheimnißvolle Zeichen an de Thüre. Er ging um die Hütte und betrachtete aufmerh dru ſam den Hügel, worunter ſich das Gewölbe befand. Dol r. er gewahrte auch nicht die entfernteſte Spur, daß es mi lich der äußern Umgebung in Berührung ſtehe, obgleich dar„ die reinſte, friſcheſte Luft herrſchte. Er entfernte ſit ſo bald wieder von dieſem Orte, da er wußte, daß die Al für oft, auch wenn ſie nicht anweſend ſcheinen wollte, ſit ſey nen kla ihn nur en? auf, elche kla. Auf⸗ ihm tung ißte, ritz uche ge⸗ enen lum fung orft einet nich wo⸗ ſcher t die ſchie⸗ r ſi de nerh Dol m ari S= — i ſit doch in ihrer Hütte aufhielt, und er wollte ſie nicht durch eine übel angewandte Neugierde beleidigen. Er kehrte langſam an dem Strande, um Niemanden zu be⸗ gegnen und ſeinen Gedanken mehr nachhängen zu kön⸗ nen, nach dem Schloſſe zurück. Nahe dem Schloſſe, ſchlug er auch, obgleich die Sonne ſchon untergegangen war, ſeinen Weg durch das Luſthölzchen ein, wohin er ſich ſeit dieſem Morgen ſo wunderbar hingezogen fühlte. Als er in deſſen Nähe angekommen war, bemerkte er auf einer Bank einen Menſchen in nachdenkender Stellung ſitzen, und erkannte in ihm, als er ihn näher betrachtete den arminianiſchen Prieſter. Auch dieſer ſchlug zufällig das Auge auf und ſchien den Jüngling zu erkennen. Moritz, wenn auch in einer Stimmung, wo er die Einſamkeit ſuchte, wünſchte doch näher mit einer Perſon, mit welcher er ſchon zweimal auf eine ungewöhnliche Weiſe in Berührung gekommen war, ken⸗ nen zu lernen. Er trat ihm näher, und der Fremde er⸗ hob ſich ſogleich von ſeinem Sitze, grüßte ihn freundlich und ſprach: „Es war mir bis jetzt noch nicht vergönnt, mein junger Freund, Euch für die Hülfe, welche Ihr mir vor einigen Tagen leiſten wolltet, zu danken. Glaubt mir, daß ich Eure freundliche Dazwiſchenkunft gehörig zu ſchätzen weiß, und ſie dankbar anerkenne, obgleich ich keinen Gebrauch davon machen wollte. Was hätten wir Beide, ſelbſt mit gewaffneter Hand, gegen eine ſo große Menge ausrichten können? Wenn nicht eine höhere Macht Euch geſchützt hätte, ſo wäret Ihr vielleicht das Opfer Eurer Verwegenheit— verzeihet mir dieſen Aus⸗ druck— geworden. Dennoch bin ich Euch meinen auf⸗ richtigſten Dank ſchuldig;“— fuhr er in einem herz⸗ lichen Tone fort, indem er M oritzen die Hand reichte —„empfangt ihn von einem Manne, deſſen Leben ſchon ſo vielen Widerwärtigkeiten ausgeſetzt war, um nicht ein jedes Zeichen der Freundſchaft höchſt dankbar zu eyn.“ „Was veranlaßte die unwürdige Behandlung, welche man Euch widerfahren ließ?“— fragte Moritz. „Ich bin einer von Denen, und es wird Euch wahr⸗ ſcheinlich kein Geheimniß ſeyn, welche in den letzten Zei⸗ ten ſchwere Verfolgungen erdulden mußten, weil ſie Gott auf ihre Weiſe und nach ihrer Ueberzeugung dienten.“ „Ihr ſeyd alſo, wie ich ſchon vermuthete, einer der arminianiſche'n Prieſter, welche ihres Amtes entſetzt wurden?“ „Ich bin nur ein Chriſt, junger Mann!“— et⸗ wiederte der Fremde ernſt—„wenigſtens wünſche ich mich dieſes erhabenen Namens würdig zu machen, indem ich die Vorſchriften des Chriſtenthums, ſo viel es mit die menſchliche Schwachheit zuläßt, befolge. Man nennt mich einen Arminianer, doch wünſche ich nicht ein Jünger des Arminius, ſondern der eines höheren Lehrers zu ſeyn. Ich habe harte Prüfungen beſtanden, härter vielleicht, als irgend ein anderer in dieſen betrül— ten Zeiten. Aber auch ſelbſt in den Augenblicken, wi mein Leben der Wuth einer raſenden Menge preisgege⸗ ben war, oder wo mir Brod fehlte, mich, und was meht ſagen will, Frau und Kind zu ſättigen— auch in den Augenblicken der Prüfung fühlte ich keine Reue über das, was ich gethan oder geſprochen hatte; denn irrte ich auch, ſo gewann ich doch immer mehr die Ueberzeugung, daß Gott barmherziger urtheilt als die Menſchen. Wen Ihr geneigt ſeyd, meine Geſchichte zu hören, die auch für Euch von Nutzen und lehrreich ſeyn kann, und“— fuhr er lächelnd fort—„wenn Euer Gewiſſen ſich nich beſchwert fühlt, mit einem verſtockten Arminianet in nähere Berührung zu kommen, dann ſetzt Euch hic zu mir nieder und leihet mir einige Augenblicke Gehör“ Moritz erklärte ſich hierzu geneigt, und ſetzte ſic neben den Fremden, welchen er jetzt Gelegenheit hatte näher zu betrachten. Er ſchien kaum vierzig Jahre al zu ſeyn; denn das bleiche Antlitz, die tief liegende Augen, die Runzeln und einzelne Fraue Haare zwiſche er⸗ ich dem mit enn ein eren nden, trül⸗ w gege⸗ meht den das, te ich gung, Wem auch . nicht net hie hör“ te ſic hatte, re al ende iſchen 41 den dunkelbraunen ſchienen mehr die Folge von Kummer und einer ſchwachen Geſundheit, als eines vorgerückten Alters zu ſeyn. Die Ruhe ijedoch, welche auf ſeinen Zügen lag, und die ſelbſt nicht gewichen war, als er auf dem Punkte ſtand, mißhandelt oder wohl gar getödtet zu werden, verliehen ihm eine erhabene Würde. Auch der Ton ſeiner Stimme hatte etwas Einnehmendes, welches ſich im vertraulichen Geſpräche mehr als auf der Kanzel offenbarte. „Mein Name iſt Camphuiſen, und ich bin aus Gornichem gebürtig. Mein Großvater von mütter⸗ licher Seite verlor vurch die ſpaniſche Inquiſition ſein Leben als Märtyrer der auf einem Scheiter⸗ haufen. Wie wenig dachte ich daran, als mir in mei⸗ ner Kindheit dieſe erzählt wurde, daß auch mir dereinſt von meinen Landsleuten und Glaubensge⸗ noſſen daſſelbe Lvos bevorſtände. Schon in meinem ach— ten Jahre verlor ich beide Eltern. Ich widmete mich zuerſt der Malerei. Doch der Wille der Vorſehung hatte es anders beſchloſſen. Ein Zufall— oder beſſer geſagt, ein innerer Antrieb— Tührte mich auf die Uniwrſtit Leyden, wo ich die Kollegia des Profeſſors Arminins hörte, deſſen Meinungen mit den meinigen übereinſtimm⸗ ten, und der mein Freund und Wohlthäter wurde. Durch ſeine Vermittelung wurde ich in einer vornehmen Familie als Hauslehrer angenommen, und dachte anfänglich nicht, meine theologiſchen Studien fortzuſetzen. Doch da— Ihr werdet es als einen wichtigen Umſtand in meiner Erzählung anſehen— da miſchte ſich die Liebe in das Spiel und veränderte die Beſtimmung meines Lebens. Es war mir geglückt, meine Geliebte in demſelben Hauſe, wo ich wirkſam war zu laſen, und wir genoſſen die Freuden einer erſten Liebe mit der heitern Sorgloſigkeit unſeres Alters. Wir liebten uns aufrich⸗ tig, und wünſchten nichts inniger, als durch unzerbrech⸗ liche Banden vereinigt zu werden. Dieſer Wunſch wurde auch bald erfüllt und wir ließen uns in Utrecht nie⸗ 42 ver. Hier ſuchte ich auf das Anrathen vieler Freunde, beſonders das meiner Frau, welche die Tochter eines Pre⸗ digers war, die theologiſchen Studien fort, und erhielt auch bald auf die Fürſprache eines Mannes, deſſen un⸗ glückliches Ende Euch nicht fremd ſeyn kann, dem Secre⸗ tarius von Ledenberg, die Pfarre zu Vleuten.“ „Dieß iſt die Geſchichte meines Lebens, ſo lange es von einem freundlichen Glanze des Glückes umſtrahlt wurde. Bald folgten Tage des Kummers und des Elen⸗ des, der Armuth und der Verfolgung. Doch dieſe ban⸗ gen Prüfungen mußten folgen, denn bis jetzt hatte ich nur erfahren, daß es angenehm ſey, Gott im Glücke zu dienen, daß es aber weit angenehmer, weit ſeliger wäre, Ihn im Drucke und Unglück zu verherrlichen, das fühlte ich noch nicht ſo, als ich es ſpäter fühlen mußte, obgleich ich es meiner Gemeinde oft gepredigt hatte, das mußte ich erſt aus eigener Erfahrung lernen. Ihr könnt leicht errathen, was folgen muß. Ihr kennt das Urtheil, wel⸗ ches fehlbare Menſchen zu Dordrecht mit der Unfehl⸗ barkeit eines höhern Weſens über diejenigen fällten, welche mit der beſtehenden Kirchenordnung nicht übereinſtimmten, die es gewagt hatten, öffentlich mit andern, von den ihren verſchiedenen, Meinungen aufzutreten, welches ſogar in der unverträglichen katholiſchen Kirche geduldet wird. Doch ich will Niemanden anklagen, ſelbſt die nicht, welche mich verurtheilten. Auch ſie handelten wahrſcheinlich nach dem Antriebe ihres Gewiſſens. Wer von uns ge⸗ irrt hat, das möge der oberſte Richter beſtimmen! Ich wurde meines Amtes entſetzt, und von dieſem Augen⸗ blicke an war mein ganzes Leben eine Verkettung von Leiden unv Verfolgungen. Schon als ich meinen Wohn⸗ ort verließ, fiel ich als ein gefährlicher Verbrecher muth⸗ willigen Kriegsfnechten in die Hände, und wurde als Gefangener fortgeführt. Kaum war ich wieder in Frei⸗ heit geſetzt, ſo zwangen mich neue Verfolgungen, unſtät und flüchtig umherzuirren, während die, welche mir hiet auf Erden das Theuerſte waren, nicht einmal wußten, 43 wo ich mich befand. Das Predigen war mir bei harter Strafe verboten, doch mein Herz gebot mir, den Willen Gottes höher zu ſtellen als den der Menſchen. Der Herr hat mich zur Verkündigung ſeines heiligen Wortes berufen— dieſem Rufe glaubte ich trotz aller mir be⸗ vorſtehenden Gefahren gehorchen zu müſſen. Daher.... doch warum ſoll ich Euch alle die Verfolgungen ſchil— dern, welche ich erdulden mußte, weil ich meinem innern Antriebe gemäß mit Lebensgefahr oft die Glieder unſerer zerſtreuten Gemeinde zu erbauen und zu tröſten ſuchte. Ich theilte dieß Loos mit ſo vielen meiner Brüder, und ich hatte Urſache, Gott zu danken, daß er mir, ſo mit Gefahren umringt, Muth und Stärke verlieh. Endlich ſah ich mich gezwungen, den vaterländiſchen Boden zu verlaſſen, und unter Fremden meinen Zufluchtsort zu ſuchen, der mir von meinen Landsleuten verweigert wurde. In einem Nachbarlande ſchenkte mir des Herrn Gnade mein tägliches Brod, und ſchützte mich inmitten der Ver⸗ wüſtungen der Peſt und des Krieges. Doch auch von dort mußte ich mich entfernen. Ich kehrte wieder in mein Vaterland in der Hoffnung zurück, von allen wei⸗ teren Verfolgungen befreit zu ſeyn, und endlich die lang entbehrte Ruhe zu genießen. Anfangs ſchien dieſe Hoff⸗ nung auch wirklich erfüllt zu werden. Faſt ein Jahr lang lebte ich, ohne neuen Widerwärtigkeiten ausgeſetzt zu ſeyn, freilich in keinem Ueberfluſſe, doch mit meiner Armuth zufrieden. Doch eine Frau, früher als Magd in meinem Hauſe, der ich Gutes gethan zu haben glaubte, erinnerte ſich, daß man in Holland einen Preis von fünf⸗ hundert Gulden auf meinen Kopf geſetzt hatte, und ſie wollte dieß Geld gern durch Verrath verdienen. Sie war ſeitdem verheirathet und lebte in Armuth. Ich verzeihe es ihr, ſich durch ein ſo ſchändliches Mittel be⸗ reichern zu wollen, um ſo eher, da Gottes Hand die ſo drohende Gefahr von mir abwandte. Ich erfuhr es noch zur rechten Zeit; ich mußte wieder fliehen und kam auf dieſe Inſel, wo ich mich ſeit einigen Wochen aufhalte, 44 und dem Beſchluß meines Meiſters dort oben entgegen⸗ ſehe“. Moritz hatte dieſe einfache Erzählung mit großem Intereſſe angehört, bezeugte dieſem Manne ſeine innigſte Theilnahme, und ſetzte den Wunſch hinzu, daß ſeine Feinde endlich die Ungerechtigkeit ihres Verfahrens ein⸗ 3₰ ſehen und ihre Verfolgungen gegen ihn einſtellen möchten. 1 „Mein Schickſal liegt in Gottes Hand;“— ant⸗ woktete Camphuiſen—„dieß Bewußtſeyn tröſtet mich und ſtärkt meine geringen Kräfte, die ſonſt ohne Zweifel erliegen würden.— Ich ſah Euch, wenn ich„ nicht irre, heute Morgen in der Kirche?“ ſ Moritz bejahete es; und machte ihn mit ſich und dem Zwecke ſeiner Reiſe bekannt. Dabei ſiel ihm ein, daß er vielleicht von dem Geiſtlichen etwas näheres über die Unbekannte erfahren könnte, und leitete daher das Geſpräch auf diejenigen, welche heute Morgen dem Got⸗„ tesdienſte beigewohnt hatten. „Herr von Heerema“— erwiederte Camphui⸗ ſ ſen—„forderte mich auf, heute Morgen in der Ka⸗ pelle zu predigen, da der gewöhnliche Prediger abweſend ſ war. Um dieſen letzten nicht zu erzürnen, welches die unvermeibliche Folge dieſes Schrittes geweſen ſeyn würde, ſchlug ich es zuerſt ab, um ſo mehr, da Paſtor Di⸗ mani ſich mehrere Male wohlwollender und verträgli⸗ cher als ſeine Amtsbrüder gegen mich bewieſen hatte. i t Da aber von mehrern Seiten Aufforderungen an mich er⸗ †„ iengen, ſo willigte ich endlich ein. Die kleine Anzahl ſ * 18 36) meiner Zuhörer beſtand ans einigen Bewohnern der Inſel und andern, welche von der feſten Küſte hieher 8 gekommen waren.“ i „Es ſchienen mir anch meiſtens Fremde zu ſeyn“ — erwiederte Moritz—„und unter dieſen“ fuhr er 3 mit unſichrer Stimme fort—„befand ſich, wie es mir 3 ſchien, eine junge vornehme Dame, welche ich nie zu⸗. vor ſah, und die von Eurer Rede beſonders bewegt zu li ſehn ſchien. Kennet Ihr ſie vielleicht?“ 45 „Gewiß!“— erwiederte der Prediger mit einigem Erſtaunen auf ſeinem Antlitz—„doch es wundert mich, daß Ihr von ihr, als von einer Unbekannten redet, da ſie doch zu Eurer S gehört, und ich ver⸗ muthen durfte, daß ihr ſchon längſt mit ihr bekannt ſeyn müßtet.“ „Zu meinen Hausgenoſſen?“— frate Moritz ſei⸗ nerſeits mit Befremdung—„Sie gehört e der Fämilie des Herrn von Heerema?“ „So eigentlich nicht zu der Familie; doch hält ſie ſich ſchon mehrere Monate in dem Schloſſe auf. Ich glaube, daß es eine nahe Verwanpte iſt, aber ich kann es nicht mit Gewißheit behaupten, obgleich ihr Name und ihre Verhältniſſe mir ſehr gub⸗ bekannt ſind. Doch ich glaube, daß Gründe obwalten, dieß geheim zu halten. Noch ſehr jung beſtand ſie ſchon ſo harte Prüfungen, welchen ein minder kräftiger Geiſt würde unterlegen ſeyn. Das Mädchen beſitzt eine Seele nkraft, welche ihre Jahre überſteigt. Sie erregt die Theilnahme eines Je⸗ den, der ſie näher kennt; nur gebe der Himmel“— ſetzte er in einem ſehr ernſten Tone hinz„daß ihre ſchon ſo ſehr ge prüf fte Standhaftigkeit ſie auch fortan nicht verlaſſe!— Wie lange verweilt Ihr ſchon auf dem Schlo ſſe? 2“ „Schon eine ganze Woche, an demſelben Tage, wo ich zu Holve rt traf, bin ich überge⸗ fahre e iſt nien daß 36 noch nicht einmal geſehen habt. Doch darf es uns nicht wundern, denn die ſchöne Klara hat nach den V ziderwärtigkeiten, welche 2 widerfuhren, ganz ihre Heiterkett verloren. Sie ver— ſeidet ſoviel als möglich das Zuſammentreffen mit Sre bringt oft ganze Tage in der Einſamkeit zu, und weihet ſie dem Andenken an liebe Abgeſtorbene. Doch was ich Euch da erzähle, gehört vieileicht zu den Fami⸗ isnhehe tudiſſen. zu deren Veröffeutlichung ich nicht be⸗ rechtigt bin. Wenn Ihr Euch noch einige gei auf dem 46 Schloſſe aufhaltet, dann werdet Ihr ſie ohne Zweifel näher kennen lernen, und ich verſichre Euch, ſie iſt kein gewöhnliches Frauenzimmer. Doch, es wird Abend und ich muß nach meiner Wohnung zurückfehren. Ihr kennt nun den Mann, für deſſen Rettung Ihr Euch ſo uner⸗ ſchrocken in Gefahr begabet. Cheſtens hoffe ich Euch wieder zu treffen. Herr von Heerema hat mich auf Donnerſtag zum Mittageſſen geladen. Morgen rufen wichtige Angelegenheiten mich von hier, alſo auf Wie⸗ derſehen!“ Hierauf drückte er Moritzen die Hand und ent⸗ fernte ſich; ja er verweilte noch eine Zeitlang in Nach⸗ denken verſunken. Es war ihm ſehr auffallend, daß ſein Wirth und deſſen Gemahlin auch noch nicht ein einziges⸗ al der intereſſanten Schloßbewohnerin erwähnt hatten. Er faßte den feſten Entſchluß, alle möglichen Mittel an⸗ zuwenden, es ſey vom Hausherrn ſelbſt, oder von Taco, deſſen größte Tugend die Verſchwiegenheit eben nicht war, etwas zu erfahren. Mit dieſem Vorhaben kehrte er in das Schloß zu⸗ rück, wo er den Herrn von Heerema allein im großen Saale antraf, welcher mit dem Ordnen einiger Fiſcher- oder Jagdgeräthe beſchäftigt war. Jagd und Fiſcherei füllten bei dem wackern Edelmann, der nur wenig zu thun hatte, und von geiſtigen Anſtrengungen kein großer Freund war, den größten Theil der Zeit aus. Seine Gemahlin hatte ſich einer kleinen Unpäß⸗ lichkeit halber, früher als gewohnlich zur Ruhe begeben, Tante Barbara war in einer Geſellſchaft alter Ma⸗ tronen, wovon alle Männer, der ehrwürdige Tim anni ausgenommen, ausgeſchloſſen waren. Taco war in's Dorf geſchickt, um ſeine Tante mit dem zehnten Glocken⸗ ſchlage aus dieſer Geſellſchaft abzuholen, ein Geſchäft, welches dieſer muthwillige Knabe gern übernahm, weil ihm dabei nur ſelten die Gelegenheit fehlte, ſich auf Unkoſten dieſes weiblichen Klubbs ein wenig luſtig zu machen. So hatte er ſich eines Tages den heftigſten nt 1 ch uf fen e⸗ nt⸗ ch⸗ ein s⸗ en. in⸗ 0, ar, zu⸗ im ger ind nur gen eit äß⸗ en, Na⸗ ini n's eu⸗ veil auf zu ſten 47 Unwillen der ganzen Geſellſchaft zugezogen, indem er ſich drei Stunden unter einem Tiſche verborgen und die ganze Unterhaltung mit angehört hatte, welche er am folgenden Tage, bedeutend vermehrt und verbeſſert, einem jeden Wißbegierigen mittheilte. Moritz fand ſeinen Wirth zwar allein, aber weit heiterer geſtimmt als er es am Tage geweſen war; auch war er der Mann nicht, um länger als nöthig in einer ernſten Stimmung zu bleiben. Kaum gewahrte er Mo⸗ ritz, ſo ſagte er: „Nun, mein wertheſter Herr Vetter, Ihr ſeyd ja ſo ſehr in Euch gekehrt, daß ich ſchier befürchte, Euer Aufenthalt in dieſem ehrwürdigen Foſetenland— wie unſer Serretarius es nennt— fange an, Euch läſtig zu werden. Wenn die Sachen ſo ſtehen, dann müſſen wir auf neue Zerſtreuungen bedacht ſeyn, um ſo die Ehre dieſer guten Inſel einigermaßen aufrecht zu halten, da⸗ mit Ihr, wenn Ihr nach Holland zurückkehrt, kein zu hartes Urtheil über ſie ausſprecht.“ „Ihr irrt ſehr, wenn Ihr ſo Etwas vermuthet,“— erwiederte Moritz—„die ſo ausgezeichnete Gaſtſreund⸗ ſchaft, welche meine geſchätzten Verwandten mir hier erweiſen, muß mir nothwendig meinen Aufenthalt ſo angenehm als möglich machen. Aber wenn ich nicht irre, ſo bin ich nicht der Einzige, den die heutige Pre⸗ digt ein wenig ernſt geſtimmt hat.“ „Es hat Euch alſo keinen Anſtoß gegeben, einen aus Holland verbannten arminianiſchen Prediger, der in dieſem abgelegenen Winkel der Erde einen nur unſichern Zufluchtsort findet, anzuhören?“ „Durch weſſen Lippen die Wahrheit auch verkün⸗ digt wird“— ſagte Moritz—„ſie iſt mir ſtets wohl⸗ gefällig, beſonders wenn die Predigt ſo gute Lehren ent⸗ hält, als der brave Camphuiſen uns heute an's Herz legte?“ „Ihr kennt alſo dieſen Prediger?“ „Ich war ſchon vor meiner Ankunft auf dieſer Inſel 48 mit ihm zuſammengetroffen“— erwiederte Moritz und erzählte mit wenigen Worten, was wir bereits wiſſen.— „Außerdem habe ich ihn ſo eben geſprochen und ſeine Schickſale aus ſeinem Munde erfahren, wodurch meine k Achtung für den rechtſchaffenen Mann noch vermehrt wurde.“. 2 „Ihr habt Recht;“— ſprach der Hausherr—„et d iſt ein braver gemüthlicher Mann, und eines beſſern f Looſes würdig. Ich habe weder Luſt noch die erſorder⸗ lichen Einſichten, um mich in die kirchlichen Streitigkei— ten einzumiſchen. Ich kann daher das Verfahren der Dordrechter weder tadeln noch loben. Aber es 3! beunruhigt keineswegs mein Gewiſſen, einem abgeſetzten Prediger, der ſo überzeugend predigt, ein aufmerkſames 5 Ohr zu leihen. Doch möchte ich dadurch den ehren⸗ werthen Timanni, obgleich er über ſeine abgeſetzten Amtsbrüder ein ſehr gelindes Urtheil fällt, nicht zu nahe treten. Ich fürchte, daß es ſchwer fallen wird, ſeinen§ Unwillen zu mäßigen, wenn er erfährt, daß ſeine ge⸗ weihete Kanzel durch die Füße eines Arminianers entheiligt iſt. Doch wir wollen uns deßhalb nicht vor der Zeit beunruhigen,“— ſetzte er ſcherzend hinzu— te „und da die Frauen uns ganz uns ſelbſt überlaſſen ha⸗ B ben, ſo wollen wir als würdige Nachkommen unſeret gl germaniſchen Voreltern uns an einem friſchen Trunke erquicken, wenn auch nicht aus dem Schädel unſerer erſchlagenen Feinde, doch aus ein paar Pokalen, wenn ſpr ſchon zu zerbrechlich für die rauhen Hände jener alten Helden, doch würdig, in den ſeligen Geſilden Wodans de gebraucht zu werden.“ me Auf ſeinen Befehl erſchieſ ſogleich ein Bedienter wi mit einer Kanne Wein und zwei umgekehrten Gläſern au von ungewöhnlichem Umfange und beſonderer Schönheitz the ſie waren von ſehr feinem geſchliffenen Glaſe, und mit thi verſchiedenen finnbildlichen Figuren, dem Gebrauch ange⸗ au paßt, verziert. Statt mit einem Fuße verſehen zu ſeyn, an hatten dieſe Gläſer eine kegelförmige Geſtalt, konnten * ine ine hrt „er n ei⸗ der ten es en he en ze⸗ ns or a⸗ rer ike rer nn en 18 tet rn lit e⸗ n, en ur umgekehrt auf den Tiſch geſtellt werden, und legten dem, welcher es hielt, die Verpflichtung auf, eines da⸗ von vor dem Niederſetzen zu leeren. Nachdem die beiden Herren dieſen fremdartigen Kel⸗ chen, welche übrigens damals nicht ſelten zu finden waren, die erſte Ehre angethan hatten, ſetzten ſie ihr Geſpräch fort; und Moritz, der heiterer und beredter geworden war, glaubte in dem abermaligen Zuſammentreffen mit der Unbekannten ein geeignetes Mittel zu finden, die räthſelhafte Erſcheinung in ſeines Vaters Hauſe aufgelöst zu ſehen und ſeinen Gaſtfreund ohne Gefahr, darüber befragen zu können, wozu er die erſte paſſende Gelegen⸗ heit benutzen wollte. Sie wurde ihm durch die Ankunft der Tante Barbara, welche beſonders aufgeräumt und nach ihrer Art witzig Moritzen erzählte, daß man ihn dieſen Nachmittag beobachtet habe, während er ſich nach Teklas Hütte begeben, und wie er von dort in ſeiner Hoffnung getäuſcht, mit der traurigen Miene eines ver⸗ zweiflungsvollen Liebhabers zurückgekehrt ſeyo. Man habe wie natürlich, die gegründete Folgerung daraus gezogen, daß er in die ſchönen Augen und rothen Wangen der Alten ſterblich verliebt ſey. Nachdem die ehrbare Dame dieſe Bemerkung gemacht hatte, verließ ſie ſchnell das Zimmer, gleichſam als habe ſie durch dieſen Scherz, und nament⸗ lich an einem Sonntagabend ihrer Würde etwas vergeben. „Unſre Schweſter iſt heute ungemein witzig;“— ſprach Herr von Heerema—„und ſieht ſo vergnügt aus, als habe ſie den ganzen Abend in der Geſellſchaft des geliebten Timanpi zugebracht. Aber ſagt mir, mein Freund!— hat das Zuſammentreffen mit unſrer würdigen Baſe TDekla wirklich einen ſolchen Eindruck auf Euch gemacht, und ſeyd Ihr in Verſuchung gera⸗ then, den ſchönen Augen, welche aus irgend einer anmu⸗ thigen Gegend Hollands ſo ſehnlichſt nach Eurer Rücktehr ausſehen— nein läugnet es nicht, denn ich habe es ſchon an Euch merken können,— untreu zu werden? Der Schutzgeiſt. II, 50 „Die Gefahr war henute allerdings groß;“— ſagte Moritz ebenfalls in einem ſcherzenden Tone—„und wenn ich hätte vermuthen können, daß dieſe Inſel, ja ſogar Euer Schloß eine ſolche gefährliche Schönheit verbirgt, als ich heute in der Kapelle ſah, dann würde ich allerdings Bedenken getragen haben, mein Herz einer ſolchen Gefahr auszuſetzen.“ „Ihr meint unſere arme Klara;“— ſagte der Hausherr nach einem augenblicklichen Schweigen, und plötzlich ernſt geworden, ſetzte er hinzu:„ich glaubte nicht, daß ſie Euch aufgefallen wäre.“ „Das wäre unmöglich geweſen;“— antwortete Moritz—„in der unmittelbaren Nähe eines ſo an⸗ muthigen Weſens zu ſeyn, ohne von dem Glanze ihrer Schönheit unwillkührlich angezogen zu werden. Doch mit nicht geringem Erſtaunen hörte ich von dem ehr⸗ würdigen Camphuiſen, daß dieß Fräulein zu Euren Verwandten, ja ſelbſt zu Euren Hausgenoſſen gehört, und ich konnte nicht begreifen, wie es möglich war, ſchon ſo viele Tage bei Euch zu wohnen, ohne auch nur eine Spur von ihr bemertt zu haben. Und jetzt bin ich nicht minder erſtaunt, daß Ihr dieſer Verwandten einen ſolchen Beinamen gebet, der anzudeuten ſcheint, daß ein ſo jugendlich und ſchönes Weſen ſchon durch harte Schläge des Schickſals heimgeſucht worden iſt.“ „Klara iſt eine ferne Verwandte; wenigſtens un⸗ ter dieſem Namen iſt ſie bei uns, aber eigentlich iſt ſie die Tochter eines lieben Freundes, der nicht lange vor ſeinem Tode dieß Mädchen meiner Sorge anbefahl. Sie iſt unglücklich, ja doppelt unglücklich, weil ſie ſo ſehr zartfühlend iſt, und die Schläge, welche ſie trafen, dop⸗ pelt empfand. Sie iſt eine Waiſe.. doch laßt uns dieß Geſpräch abbrechen, denn auch in mir ruft es weh⸗ müthige Rückerinnerungen hervor, und Eure Theilnahme für ein Mävchen, das Ihr nur einen Augenblick ſahet, kann nicht ſo groß ſeyn, um nach einer näheren Auß⸗ klärung zu verlangen.“ n⸗ ſie ie 51 „Wird es mir nicht vergönnt ſeyn, noch einmal mit Ihr zuſammen zu treffen?“— fragte Moritz. „Ganz gewiß, und wahrſcheinlich ſchon morgen. Seit ſie vom Schickſale ſo ſehr heimgeſucht wurde, ſcheint es ihr Bedürfniß zu ſeyn, zuweilen in völliger Zurückge⸗ zogenheit auf ihrém Gemache nur in der Erinnerung an die geliebten Verſtorbenen zu leben. Doch beſitzt ſie eine ſolche Kraft der Seele, daß ſie ſelbſt den bitterſten Kum⸗ mer vor eines Jeden Auge zu verbergen weiß. Daher wundert es mich, daß ſie ſich heute Morgen, wie Ihr bemerkt haben werdet, ſo ſehr von ihren Gefühlen über⸗ wältigen ließ. Meine Frau hat ſie heute Mittag ge⸗ ſprochen: ſie war wieder ganz ruhig, und verſprach, mor⸗ gen in unſerem Kreiſe zu erſcheinen.“ Gern hätte Moritz mehr erfahren, doch Herr von Heerema ging zu einem andern Gegenſtande über, welcher auch, bis ſie ſich zur Ruhe begaben, fortgeſetzt beſprochen wurde. Sobald Moritz ſein Schlaf ſprach er zu ſich ſelbſt:„Alſo ſch ſehen und ſprechen. Könnte mein Auge mich getäuſcht haben? Sah ich wirklich heute Morgen dieſelbe Geſtalt, welche mir früher ſchon erſchten? Was führte ſie da⸗ mals zu mir einem ihr ganz Unbekannten? Aber ſie muß es ſeyn! Ihre bezaubernden Züge haben ſich mir zu tief eingeprägt; nur war damals ihr Ausdruck kind⸗ licher. Aber wie todtenbleich war ſie— wie ſehr war ſie bewegt— ſie muß gewiß überaus unglücklich ſeyn.“ Dieß Alles ſteigerte ſeine erhitzte Einbildungskraft noch höher, belebte aber auch wieder den Gedanken, ob er ſte nicht meiden, und ohne ſeinen Auftrag vollendet zu ha⸗ ben, die Rückreiſe antreten ſollte. Doch wenn er bedachte, daß er dazu keinen paſſenden Vorwand⸗ habe, und ein ge⸗ wiſſes Ehrgefühl ihm ſagte, wenn wirklich Gefahr vor⸗ handen ſey, ſie, ſtatt ihr feigherzig aus dem Wege zu gehen, mannhaft zu bekämpfen, ließ ihn dieſen Gedanken 4 gemach erreicht hatte, on morgen ſoll ich ſie 52 wieder aufgeben. Dann wünſchte er immer ſehnlicher Aufklärung über ihre fabelhafte Erſcheinung in ſeiner Frankheit zu erhalten, und das Verlangen, ſie, wenn ſie wirklich ſo unglucklich wäre, tröſten zu können, vielleicht gar ihre Leiden zu mildern, wurde immer reger.— So weiß unſer Herz nur zu oft Beweggründe und Entſchul⸗ digungen zu erſinnen, unſere Handlungsweiſe und Ent⸗ ſchlüſſe falſch zu beurtheilen, und edle Triebfedern zu nennen, was gewöhnlich nur die nothwendige Folge der Schwäche unſerer menſchlichen Natur iſt. Sobald Moritz mit ſich im Reinen war⸗ bemühete er ſich, dieſen Gegenſtand zu entfernen, nahm Emm a's letzten Brief, las ihn mehreremale durch und ſchlief mit dem Gedanken an ſie ein. Doch im Traume erſchien ihm wie früher mit Thränen in den ſchönen Augen vor ihm niederknieend Klara's ſchlanke Geſtalt. Viertes Kapitel. Ja, alle Schönheit ſo voll Pracht, Die Augen, die ſo helle ſtrahlen Wie Sterne in der dunklen Nacht, Der Orgelton der Nachtigallen; Das Lilienweiß, das mit dem Roth Der ſchönſten Roſe eng ſich miſcht, Bringt vft Verderben uns und Tod, Ein Gift, das uns entgegenziſcht. Am folgenden Tage, als die Geſellſchaft ſich in großen Saale zur Mittägsmahlzeit verſammelt hatt⸗ war eine Perſon mehr gegenwärtig, und Fräulein Klarg von Zeiſt wurde Moritzen von dem Hausherrn als eine Verwandte vorgeſtellt. Der Jüngling war auf dieß Zuſammentreffen vorbereitet, und glaubte jetzt vollkommen überzeugt zu ſeyn, daß die räthſelhafte Erſcheinung in Haag ihm wieder vor Augen ſtünde. Er beobachtet aufmerkſam das ſchöne Mädchen, als er es begrüßte um zu erforſchen, ob ſie ihn guch vielleicht wieder es 53 kenne; aber ungeachtet einer leichten Röthe, welche ſo⸗ gleich wieder verſchwand, konnte er weder aus ihren r Zügen noch aus ihren Worten ſo etwas entnehmen. e Klara mußte daher, wenn ſein Vermuthen gegründet t war, und auch ſie ihn erkannt hatte, viel Selbſtbeherr⸗ ſchung beſitzen, da ſie, als er das Geſpräch auf ſeiner ⸗ Eltern Haus in dem H aag richtete, auch nicht im t⸗ Entfernteſten merken ließ, daß ſeine Worte irgend eine F Erinnerung in ihr erweckten. Dieß brachte auch ihn er zum Zweifeln, doch ein jeder Blick, den er auf ſie rich⸗ tete, ſagte ihm, daß keine Irrung möglich ſey. Auch te Klara's Alter, ſie ſchien jetzt ungefähr neunzehn Jahre s alt zu ſeyn, ſtimmte vollkommen mit dem der Unbekann⸗ tit ten überein, welche damals kaum ſechszehn Jahr alt ſeyn en konnte. Moritz verlangte daher mit Ungeduld, von or Taco oder irgend einem andern Hausgenoſſen nähere Auskunft zu erhalten. Er bemerkte, daß alle Mitglieder der Familie überaus freundlich und zuvorkommend gegen ſie waren, beſonders ſah die Hausfrau ſie oft mit einer mütterlichen Zärtlichkeit an. Es ſchien Moritzen, als beſtände zwiſchen ſeinen Hausgenoſſen und Klara irgend eine geheimnißvolle Beziehung, und daß die Theilnahme, welche ſie einflößte, auf einem noch andern als dem ſchon angegebenen Grunde beruhe. Klara war ſchön, doch ihre Schönheit war anderer Art als die Emma's. Sie war ſehr groß, und ihre Haltung hatte etwas Gebietendes, welches im erſten Augenblicke nicht den anmuthigen Eindruck, wobei man in ſo gern verweilt, machte. Ihre dunkelſchwarzen Locken, tte, ihre ſchönen Augenbrauen, wolche ſich gefällig über dem r Auge wölbten, ihre hohe ſchöne Stirn, die mit dem ſchlan⸗ all ken und ſchneeweißen Halſe wetteiferte, das vielleicht zu ie ſchwache Roth, welches über die Lilien ihrer Wangen nen verbreitet war, aber nicht ſelten im Eifer des Geſprächs in eine höhere Tinte annahm, dieß alles vereinigt mit tes der edlen Erhabenheit ihrer Geſtalt und dem vollkom⸗ ßt menen Ebenmaße ihres Wuchſes, bildete ein Ganzes von * 54 Schönheit, welches auch die Bewunderung des kälteſten Beſchauers erwecken mußte. Der Hauch des Nachdenkens und der Schwermuth, welcher gewöhnlich über ihre Züge verbreitet war, ſtimmte vollkommen mit dem Eigenthüm⸗ lichen ihrer Schönheit überein, und wurde durch die Le⸗ bendigkeit und das Feuer ihrer Augen, welche an den Geſprächen, die ihre Theilnahme erregten, mehr Theil zu nehmen ſchienen als ihre Lippen, ſehr gemildert. Auch verlieh nun noch die Jugend ihrer Schönheit das Ein⸗ druck machende Vermögen, welches die Herzen der jun⸗ gen Männer ſo⸗ unwiderſtehlich hinzieht, ſtatt daß bei einem etwas vorgerückteren Alter ihr Weſen eher Ehr⸗ furcht als Zärtlichkeit und Liebe eingefloͤßt hätte. Nach der Mahlzeit überredete Taco und die jün⸗ geren Mitglieder der Familie Klara zu einem Spazier⸗ gang nach dem Strande oder wenigſtens in den Garten, um einen Straus zu pflücken. Sie habe ſich ſo lange in ihr Gemach eingeſchloſſen— ſagten die Kleinen, welche nach der Ausſage ihrer Eltern, glaubten ſie ſey unpäßlich geweſen— daß ſie jetzt ihren Verluſt wieder nachholen und viel mit ihnen luſtwandeln müſſe, um ihnen die Ro⸗ manzen von Roſamunde, oder von Gerhard von Velzen und dem böſen Grafen, oder von dem wilden Manne Ourſen und deſſen Bruder vorzuſingen. Obgleich Klara ſich anfangs weigerte, ſo mußte ſie doch endlich nachgeben, und ſie folgte den beiden jüngſten Kindern, welche ſchäkernd vor ihr her nach dem Garten liefen. Taco faßte Moritz bei dem Arm und zog ihn, ſo zu ſagen, mit ſich hinaus, wo Klara ſich ſchon in einer Laube niedergelaſſen hatte, und die Blumen, welche die Kinder ihr pflückten, zu ordnen beſchäftigt war. So ernſt und zurückhaltend ſie ſich auch anfangs gegen Mo⸗ ritz gezeigt hatte, ſo hatte ſie doch bald einen ungezwun⸗ genen Ton angenommen. Auch er fühlte ſich viel freiet in ihrer Gegenwart, und ließ ſich in eine allgemeine Unterhaltung mit ihr ein. Er hatte ſich neben ſie auf die Bank geſetzt, und Beide hoͤrten Taco aufmerkſam M N —— — — ——— N S —— b— N 55 zu, welcher ihnen die Beſchreib welches nächſten Donnerſtag, Schützen aufgenommen werden ſollte. ung des Feſtes ſchilberte, wo er feierlich unter die würde, gefeiert werden „Und mein Bäschen Klara hat mir verſprochen“ — ſagte er, ſich an Moritz wendend—„ein Lied zu dieſem Feſte zu dichten.“ „Du weißt, Taco!“— erwiederte Klara—„daß ich mein Verſprechen gern erfülle, doch jetzt mußt Du mich verſchonen. Du biſt ja überzeugt, daß ich dieſe letzte Zeit zu traurig hingebrach der zu dichten.“ „O!“— erwiederte der K t habe, um muntere Lie⸗ nabe—„das ſind wieder die alten Grillen. Du wirſt wohl wieder Geiſter geſe⸗ hen haben.“ „Taco!“ erwiederte Klara ernſt und verweifend —„Du weißt nicht, was Du f agſt; oder vielmehr, Du weißt es nur zu gut, und handelſt lieblos, wenn Du ſo ſprichſt.“ „Verzeihe mir, liebe Klar a!“— rief der Knabe, durch dieſen Verweis getroffen und ihre Hand ergreifend, leidenſchaftlich aus—„beachte nicht. Du weißt, ich bin oft meine thörichten Worte zu unbedachtſam, doch hatte ich nie die Abſicht, Dich zu fränken.“ Bei dieſen Worten glänzte eine Thräne in ſeinen Augen. Klara ſuchte ihn wieder du rch liebevolle Worte und die Verſicherung, daß ſie ſeine Worte ſchon wieder ver⸗ geſſen habe, zu beruhigen, und ſie wolle gern ſo viel als möglich zu der Erheiterung des bevorſtehenden Feſtes * beitragen. Taco, wie alle Kn aben von einem ſo leb⸗ haften Charakter, hatte augenblicklich ſeine Heiterkeit wie⸗ der erlangt, und einen Jagdhund erblickend, eilte er auf ihn zu und verließ mit dieſem ſpielenden Gefährten den Garten. „Taco iſt ein ſo gutherziger Knabe,“— ſagte Klara zu Moritz—„und trotz der Ungeſchliffenheit, welche er ſich zuweilen zu Schulden kommen läßt, beſitzt er ein unbeſchreiblich gutes Herz.“. „Dieß habe ich ſchon verſchiedenemale wahrgenom⸗ men;“— erwiederte Moritz—„Taco ſcheint mir ein würdiges Glied der Familie, welche hier auf der Inſel in der höchſten Achtung ſteht.“ „Ihr habt Recht;“— erwiederte Klara—„dieſe Familie wird allgemein geachtet und iſt dieſer Achtung werth. Die Rechtſchaffenheit des Hausherrn und die milde Weiſe, wie er für ſeinen Schwager die Herrlich⸗ keitsrechte ausübt, macht ſeinen Aufenthalt auf dieſer Inſel zu einem wahren Segen für die Bewohner. Dann thut er im Geheimen mehr Gutes als man vermuthen kann. Auch der unglückliche Camphuiſen würde ohne ſein Dazuthun nicht leicht einen ſichern Aufenthaltsort hier gefunden haben.“ „Ihr ſeyd, wie ich meine, näher mit dieſem Predi⸗ ger bekannt?“— fragte Moritz. „Ich kannte ihn ſchon, als ich noch Kind war;“— antwortete Klara mit Rührung—„er iſt ein braver Mann, und hat ſehr viel leiden müſſen.“ „Er hat mir ſeine Lebensgeſchichte erzählt, und ich weiß nicht, ob ich mich mehr über die Grauſamkeit ſei⸗ ner Feinde, oder über den unwandelbaren Gleichmuth dieſes braven und gottesfürchtigen Mannes wundern ſoll.“ „Der Himmel wolle, daß ihn kein unglücklicher Zu⸗ fall aus dieſer Zurückgezogenheit verjage! obgleich ſeine ſchwache Geſundheit durch die langjährigen Leiden noch mehr untergraben, ihn wohl über kurz oder lang zwin⸗ gen wird, einen nicht ſo ſehr der Seeluft ausgeſetzten Aufenthalt aufzuſuchen. Seine Entfernung von hier würde mich ſehr ſchmerzen, und wo würde der verfolgte Mann auch eine ſo freundliche Gaſtfreundſchaft finden, als er ſich hier erfreut?“ —— „Sollte der Prediger dieſer Inſel es nicht ibel deuten, daß ein abgeſetzter arminianiſcher Geiſtlicher ſich in ſeiner Gemeinde aufhält und ſogar geſtern hier ge⸗ predigt hat?“ „Das befürchte ich allerdings, und ich habe mich ſehr gewundert, daß unſer Hausherr nicht nur eingewil⸗ ligt, ſondern dazu angeſpornt hat. Doch unſer hieſiger Geiſtlicher iſt ein ſehr gutherziger Mann, welcher, ſo ſehr es ſeine ſtreng orthodoren Grundſätze zulaſſen, ein Feind aller Verfolgungen iſt.“ Hier erſchien die achtjährige Anna, das jüngſte der Kinder, welches bisher ſpielend mit ihrem Bruder im Garten herumgelaufen war, um Klara einen nied⸗ lichen Finken, den ſie gefangen hatte, zu zeigen. Nach⸗ dem Klara ſie geküßt und freundlich ermahnt hatte, dem armen Thiere doch die Freiheit wieder zu ſchenken, welches ſie auch ohne jede Einrede that, entfernte ſie ſich wieder mit der ganzen Lebhaftigkeit ihres Alters. „Wenn Taco“— fuhr Klara fort—„einſt den Fußtapfen ſeines Vaters folgt, ſo glaube ich, wird auch dieſe Kleine das Ebenbild ihrer Mutter werden. Und ich habe nur eine Frau gekannt— leider! iſt ſie zu früh für mich und ihre übrigen Beziehungen geſtor⸗ ben— welche es verdiente, dieſer Frau zur Seite ge⸗ ſetzt zu werden.“ „Doch befürchte ich,“— ſagte Moritz—„daß es dieſer lebhaften Kleinen ſchwer werden wird, ihren Zügen den Ernſt und den Stolz hinzuzufügen, welches bei ihrer Mutter wahrſcheinlich die Folge von Hypochondrie iſt.“ „Ihr irrt,“— erwiederte Klara—„ſie iſt kei⸗ neswegs das, was Ihr meint. Da aber das vorgerück⸗ tere Alter uns ſelten die heitere Lebhaftigkeit der Jugend beibehalten läßt, ſo beſtehen auch jetzt, wie ich glaube, Umſtände, welche ſie ernſter ſtimmen, als gewöhnlich. Mich dünkt, die wenigen Tage Eures Aufenthalts in die⸗ ſem Schloſſe müſſen Euch ſchon die Ueberzeugung gegeben haben, daß ſie eine vortreffliche Frau iſt.“ „Dieß räume ich gern ein, und die Liebenswürdig⸗ keit der ganzen Familie gewährt mir reichlichen Erſatz 58 für den hier gegen meinen urſprünglichen Plan verlän⸗ gerten Aufenthalt, ſelbſt wenn mir die Ueberraſchung heute nicht geworden wäre, unſere Hausgenoſſenſchaft eben ſo unerwartet als angenehm vermehrt zu ſehen.“ „Keine Schmeicheleien, wenn ich bitten darf!“— ſagte Klara in einem ernſten Tone—„ſie würden hier unnütz verſchwendet ſeyn, denn ſie gelten bei mir nicht mehr als die Saat, welche am Ufer der See in den Sand geworfen iſt und niemals Früchte trägt.“ „Meine Worte enthalten keine Schmeichelei“— erwiederte Moritz lächelnd—„aber wenn dieß auch der Fall wäre, dann kann weder Eure Jugend noch Eure Schönheit Euch dieſe philoſophiſche Gleichgültigkeit für Etwas eingeflößt haben, dem doch die Meiſten Eures Geſchlechts, ſo wenig innern Werth es auch haben mag, ein williges Ohr leihen.“ „Es bedarf nicht immer eines vorgerückteren Alters, um uns mit dem Werthe der Dinge bekannt zu machen, der uns in den Stand ſetzt, das ächte Metall von dem Flittergolde zu unterſcheiden. Zuweilen werden wir ſchon in unſter früheſten Jugend durch bittere Erfahrung be⸗ ehrt, und Alles, woran unſer Herz unter andern Um⸗ den noch Jahre lang gehangen hätte, verliert für uns ganzen Werth.“ Sollte denn ein ſo ſchönes und junges Fräulein— ſolltet Ihr, liebes Bäschen!. ich benütze die mir von der Hausfrau ertheilte Erlaubniß alle Hausgenoſſen als Verwandte betrachten zu dürfen— ſchon die trau⸗ rige Schule des Lebens durchgangen ſeyn?“ „Ich bin früh und in der Nähe mit dem Unglück bekannt geworden;“— erwiederte Klara—„kaum hatte meine Hand das kindliche Spielzeug bei Seite ge⸗ legt, als das ſorgloſe Lächeln der Jugend ſchon von mei⸗ nem Antlitze verdrängt wurde, und die ſchöne Welt, welche mich umgab, ſich in Nebel und Trauerflor hüllte.“ „Doch welch ein Unglück kann ſo groß ſeyn, und ſo tief verwunden, um nicht von der ſegensreichen Hand der; S e W— 59 Zeit geheilt oder gemildert zu werden? Wenn auch ein grauſamer Windſtoß die zarte Roſenknoſpe unbarmherzig beugt, ſo erhebt ſie ſich doch allmählig wieder, wenn er ausgetobt hat, und die Blume kann dennoch eben ſo ſchön daraus hervorgehen, als die kühnſte Einbildungs⸗ kraft ſie ſich nur ſchaffen kann.“ „Aber nicht, wenn der Strauch ſelbſt entwurzelt iſt,“ — erwiederte Klara—„und alle Blumen und Knoſ⸗ pen, welche er trug, mit ihm im Staube zertreten ſind.“ Sie ſchwieg einen Augenblick und fuhr darauf mit einem herben Lächeln fort:—„Laßt uns dieß Geſpräch ab⸗ brechen, und es in der Folge nie wieder aufnehmen; es iſt für Euch von keinem Intereſſe, und bei mir weckt es Erinnerungen, welche ich ſo viel als möglich zu unter⸗ drücken ſuche. Doch möge unſere Unterhaltung Euch wenigſtens gelehrt haben, wie wenig Eingang die all⸗ täglichen Schmeicheleien bei mir finden, die auch“— ſetzte ſie hinzu, gleichſam als wolle ſie ihre allzugroße Offenherzigkeit einigermaßen wieder gut machen—„viel zu unbedeutend iſt, als daß Jemand mit ſo vielen Ta⸗ lenten begabt, als Ihr ſeyd— denn Ihr könnt Euch leicht denken, daß man ſo genaue Berichte als möglich von dem zu erwartenden Gaſte eingezogen hatte— ſich dazu herablaſſen könnte.“ Nachdem ſie alſo geredet hatte, ſtand ſie auf und begab ſich zu Frau von Heerema, welche ſich mit ihren Kindern in einem andern Theile des Gartens zeigte. Moritz blieb noch eine Weile nachdenkend an ſeinen Platz gefeſſelt. Das junge Mädchen hatte den übrigen Hausgenoſſen gleich, einen ſo vertrauten Ton gegen ihn angenommen, wodurch er die Hoffnung nährte, in der Folge etwas Ausführlicheres zu erfahren. Daß ſie und keine Andeße ihm auf eine ſo geheimnißvolle Weiſe er⸗ ſchienen war, davon. überzeugte er ſich immer mehr. Doch wer wi ſie? und welcher Zufall führte ſie an dieſen abgelegenen Ort, der damals ſo wenig beſucht wurde, und kaum allgemein in Holland bekannt war? Dieſe und 60 tauſend ähnliche Fragen legte ſich Moritz vor, und wünſchte nichts ſehnlicher, als Aufklärung darüber. Als er mit Einbruch des ſchönen Sommerabends ſich nach dem Strande begab, um das Schiff zu beob⸗ achten, welches von der feſten Küſte mit verſchiedenen Bedürfniſſen für die Bewohner der Inſel kam und auch die Briefe aus Holland brachte, gewahrte er einen Greis, der auf einem umgekehrten, größtentheils ver⸗ moderten Boote ſaß, und theils Fiſchergeräth in Ordnung brachte, theils eifrig in einem kleinen Buche blätterte. Seine Kleidung war von der der Inſelbewohner verſchie⸗ den, und glich mehr der Tracht der holländiſchen See⸗ fahrer. Moritz bot ihm einen guten Abend, und glaubte in der Erwiederung auch eine fremde Mundart zu erken⸗ nen. Da das erwartete Schiff noch in ziemlicher Ent⸗ fernung war und der Windſtille wegen auch noch nicht ſo bald ankommen konnte, ſo verſuchte er es, mit dem Alten ein Geſpräch anzuknüpfen, welches auch trotz ſei⸗ nes mürriſchen Aeußern nicht ſchwer wurde. Er legte das Buch und das Fiſchergeräth zur Seite, und Moritz ſetzte ſich neben ihn und ſprach: 3 „Welch' ein herrlicher Abend! Mich dünkt, guter Alter, dieſe angenehme Kühle muß Euch ſehr erquicklich ſeyn, und neue Lebenskraft in Euren Adern verbreiten.“ „Ja, ja, Ihr habt recht, Junker! ſolch' ein Wetter iſt für Alt und Jung wohlthätig. Mögen wir uns nur dieſer Wohlthat ſtets würdig machen und keine Veran⸗ laſſung geben, daß ſich dieſer Segen für uns in Fluch verwandle!“ „Das gebe der Himmel!“— erwiederte Moritz. —„Wir fehlen gar mannigfach. Aber Der, welcher ſeine Sonne ſo mild auf uns ſcheinen läßt, ſieht unſre Mängel ohne Zweifel mit verzeihendem u ädigen Auge an.“ 6 „Seine Sonne ſcheint über die Gerechten unt U gerechten“— ſprach der Greis—„aber ſein Auge un terſcheidet die Auserkorenen von den Verworfenen, und ——— — v— 51 die, welche in ſeinem heiligen Tempel niederknieen mit neugeborenen und feurigen Herzen, von denen, welche ſeinen Namen mit Lauheit anrufen, oder ihre Kniee in jämmerlicher Verblendung vor den Götzen beugen.“ „Ihm allein verbleibet das Urtheil!“— erwiederte Moritz, welcher dem Geſpräche eine andere Richtung zu geben wünſchte, und fügte hinzu—„doch es ſcheint mir, guter Alter, nach der Arbeit, womit Ihr Euch ſo eifrig beſchäftigt, zu urtheilen, daß Ihr noch ſtets an dem thätigen Leben dieſer emſigen Inſelbewohner Theil nehmet, obgleich Euer vorgerücktes Alter, wie mich dünkt, der Ruhe bedürfte, und jüngeren Leuten dieſe Arbeiten zukämen. Das Fiſcherleben iſt ſo vielen Gefahren und Strapatzen ausgeſetzt.“ „Ihr urtheilt ganz recht, Junker! Das Herum⸗ treiben auf den unſicheren Meereswogen iſt nicht mehr mein Tagewerk. Auch bin ich unlängſt in den Hafen eingelaufen, um ihn, ſo Gott es will, nicht wieder zu verlaſſen. Nur zum Zeitvertreib wähle ich dieſe Be⸗ ſchäftigung. Doch müßt Ihr nicht denken, daß ich die ſechsundſechszig Jahre, während welcher ich mich in die⸗ ſer Pilgrimſchaft herumtummele, auf dieſer Inſel oder auf Fiſcherbooten zugebracht habe. Viele tauſend Meilen weit, und beinahe in allen Regionen dieſes Erdballes hat die Sonne mich beſtrahlt; mancher Sturm iſt über meinem Haupte losgebrochen, der mir ohne die Hülfe des großen Steuermannes dort oben weit von meinem Vaterlande in den Fluthen ein Grab bereitet haben würde.“ „Ihr ſeyd alſo kein Amelander, wie es mir ſcheint?“ „Ich bin hier geboren und auferzogen, und hatte ſchon mein vierzehntes Jahr zurückgelegt, ohne ernſtlich daran zu denken, je dieſe Inſel zu verlaſſen. Aber da⸗ mals war eine bange Zeit, und dieſe Inſel blieb auch keineswegs von den allgemeinen Trübſalen befreit. Im Herbſte des Jahres 70 gerieth die ganze Inſel in Auf⸗ regung; denn ſo wenig die Einwohner auch den Spa⸗ niern anhingen, und ſich ſchon zur neuen Lehre bekannt hatten— gebe nur der Himmel, daß ſie dieſelbe treu und unbefleckt erhalten— wurden ſie plötzlich, ſtatt von den Spaniern, von ihren Landsleuten überfallen. Barkold Entes, ein verlaufener Edelmann aus Gröningen kam mit einem Haufen roher Krieger hierher, plünderte das Schloß, ſteckte es in Brand und hauſete eine Zeitlang ärger auf dieſer Inſel, als die Spanier es hätten thun fönnen. Als er endlich im Ja⸗ nuar des folgenden Jahres mit ſeiner wilden Bande wieder abzog, führte er eine große Anzahl junger Kna⸗ ben, welche ſtark und muthig waren, mit ſich fort, um ſie zu Kriegern zu bilden, und damit dem Feinde ſo viel als möglich Abbruch zu thun. Auch ich befand mich darunter, und es gereichte mir zum Segen, denn ich⸗ lernte auf dieſem Wege den Herrn kennen, deſſen Na⸗ men ich bisher nur lau ausgeſprochen hatte. Ich blieb einige Jahre unter dem Befehle des rohen, doch ſonſt praven Bartholds. Endlich mißfiel mir dieß wilde Leben, und nun beſchloß ich, auf die See zu gehen, wel⸗ ches von Kindesbeinen an mein Wunſch geweſen war. Ich kehrte auf kurze Zeit hierher zurück, ſagte meinen Eltern Lebewohl, und ließ mich unter den Waſſergeuſen, und ſpäter auf der Flotte der Nordholländer anwerben, welche den Spaniern auf der Inyderſee eine ſo böſe Schlappe beibrachten. Späterhin fuhr ich mit einem Kauffahrer nach Ind ien und nach dem Norden, denn obgleich ich Frau und Kinder hier auf der Inſel zurück⸗ lies, konnte ich mich doch nicht von der See trennen. Vor zwölf Jahren ſah ich ein, daß es mit dem Schiffer⸗ leben nicht mehr ſo recht gehen wollte, und vor Allem, daß es endlich Zeit ſey, nur für mein Seelenheil zu ſorgen, und mich auf die große Reiſe vorzubereiten, welche wir Alle, der Eine ſpäter, der Andere früher un⸗ ternehmen müſſen. Damit will ich nicht ſagen, daß ich 1 dieß je aus dem Auge verloren hätte, aber an Bord 2 V „ . 1 3 „— unter dem rohen Schiffsvolke iſt zu wenig Gelegenheit dazu. Das Heimweh ſtellte ſich ein, und ich kehrte nach dieſer Inſel zurück, wo ich ſeitdem wohne, und nur aus alter Liebhaberei die Arbeit meiner Söhne theile, welche zu wackern Knaben herangewachſen und ſchon verheirathet ſind, und ſich durch den Fiſchfang ihren Lebensunterhalt ſichern.“ „Ihr habt wirklich“— ſprach Moritz—„nach⸗ dem Ihr in Euern früheren Jahren ſo viele Gefahren und Strapatzen ausgeſtanden, die ungetrübte Ruhe des Alters, deren Ihr Euch zu erfreuen ſcheint, verdient.“ „Mir iſt mehr gegeben, als ich verdiene, und dennoch gehen meine Tage nicht ſo ſorglos vorüber, als ich es hoffte. Aber dieſe Sorgen theilt der alte Sjeerp mit ſo vielen Andern, denen das Wohl des Vaterlandes am Herzen liegt. Welche böſe Zeiten haben wir erlebt, und welche falſche Lehren werden unter uns verkündigt! Wer könnte ſo gefühllos ſeyn, um nicht durch die bitteren Klagen unſerer chriſtlichen Kirche gerührt zu ſeyn.“ So ſprechend, hob er das kleine Buch auf und reichte es Moritzen hin.„Muß ich nicht betrübt ſeyn, daß ich in meinen jungen Jahren leſen gelernt habe, um jetzt mit eigenen Angen zu ſehen, wie unſere reformirte Kon⸗ feſſion nicht von den Katholiken, ſondern von ihren eige⸗ nen Mitgliedern unterdrückt wird?“ Moritz hatte unterdeſſen das ihm dargereichte Buch geöffnet, deſſen Titel alſo lautete: Klage der Kirche gegen das heilloſe Kerbholz der Remon⸗ ſtranten. Indem er dieſe Schrift, welche beinahe nichts anders als Bibelſtellen, den Remonſtranten angepaßt, enthielt, durchblätterte, ſprach der Alte auf's Neue: „Wenn es nur in Holland wäre, da, wo das Ei, woraus ſo viele verderbliche Irrthümer hervorgegangen ſind, ausgebrütet iſt, wo dieſe falſche Lehre Eingang ge⸗ funden hat, dann wollte ich noch ſchweigen, und den Herrn nur bitten, uns vor dieſer Anſteckung zu bewahren. Aber. ach! ſogar bis auf dieſe Inſel iſt das Verderben vorge⸗ 64 vrungen, und nicht nur die Häuſer, ſondern auch die Kirchen und Kanzeln werden dadurch entheiligt und be⸗ ſudelt. Und die Großen und Mächtigen, ſtatt ihren Untergebenen ein Beiſpiel zu geben, das der Nachahmung würdig wäre, gehen ihnen mit einem ſchlechten Beiſpiele vor, indem ſie die heilige Wahrheit ſchänden, und der erbärmlichſten Irrlehre ihr Ohr leihen.“ Moritz merkte leicht, daß dieß eine Anſpielung auf die geſtrige Predigt war, und da er über dieſen Punkt ſich nicht gern in einen Wortſtreit einlaſſen wollte, ſo verſuchte er, das Geſpräch wieder auf die früheren Schick⸗ ſale des Greiſes zu leiten. Doch dieſer war nicht ſo leicht davon abzubringen. „Sollte man nicht glauben,“— erwiederte er nach einer kurzen Pauſe, ohne auf Moritzens Worte weiter zu achten—„daß ſeit jenen geſegneten Tagen, wo die Kirche in dieſen Gegenden gereinigt, und die Altäre und Götzenbilder der ſogenannten Heiligen umgeſtoßen wor⸗ den, alle Irrlehren und Abgötterei, wie durch einen Ab⸗ fluß alles Unflaths auf dieſer Inſel zuſammengefloſſen ſind? Treibt nicht ſeit einer langen Reihe von Jahren die abſcheuliche Hexe Tekla, welche den Götzen des alten Heidenthums opfert, hier ihr Weſen? Haben ſich hier nicht viele arge Sekten eingeniſtet, welche nichts beſſer ſind als die verfluchten Wiedertäufer, welche zu Münſter und Amſterdam ihre Rolle ſpielten. Hat die Hure, welche auf den ſieben Hügeln ſitzt, und mit dem böſen Ausſatz befallen iſt, ſich nicht wieder auf dem öſtlichen Theile der Inſel feſtzuſetzen gewußt? Und was noch das Beklagenswürdigſte von Allem iſt, wurden nicht die anderswo vertriebenen Prieſter des Baals und des Astaroth hier wie in einem ſichern Hafen aufgenommen, und dringen ſie nicht bis in die Tempel ein, gleichſan als ſeyen ſie ihnen anheim gefallen? Ihr ſeyd unter uns ein Fremdling und noch jung von Jahren, nehmt daher den Rath eines alten Seefahrers an, der bange Zeiten erlebte, aber doch ſtets die Erfahrung machte, . ————r——————r—— e— —) S—— ———— —)———— uf kt ſo ck⸗ ich ter die nd or⸗ lb⸗ ſen ren des ſich hts die em em vas icht des en, am tet mt nge hte, 65 daß diejenigen, welche des Herrn Namen verachten, und vom wahren Glauben abfallen, gleich den Stoppeln auf den Feldern, welche man verbrennt, vertilgt und aus⸗ gerottet werden. Ich ſah Euch geſtern auch in das Haus des Heils eintreten, welches jetzt ein Haus des Verder⸗ bens geworden iſt. Vielleicht ſeyd Ihr durch glatte Worte verleitet worden, und begabet Euch dahin, dem Opfer⸗ thiere gleich, welches, nichts Arges vermuthend, zur Schlachtbank geführt wird. Vielleicht auch, was noch ſchlimmer iſt, waret Ihr durch die ſchönen Augen und die rothen Wangen einer Fran verlockt, und bedachtet nicht, daß der Verführer, welcher umhergeht wie ein brüllender Löwe, ſich allerlei Mittel bedient, um Seelen in ſein Netz zu ziehen und ſie zu umgarnen.“ Moritz, der durch die ſonderbare Wendung des Geſprächs und den anmaßenden Ton des Alten ungedul⸗ dig zu werden anfing, und ſich ohne irgend eine Erwie⸗ derung ſchon entfernen wollte, wurde durch die letzten Worte davon zurückgehalten, und ſo viel als möglich einen gleichgültigen Ton annehmend, ſagte er: „Ich verſteh' Euch nicht, mein Freund! Wenn Ihr mir, ſo viel ich aus Euren Worten vernehme, lehren wollt, welche Prediger ich hören ſoll, dann muß ich Euch ſagen, daß, obgleich ich gern auf die Worte alter Leute hore, doch ſelbſt alt genug geworden bin, um dieß zu wiſſen. Uebrigens ſcheint Ihr beleidigend von der Fa⸗ milie zu reden, deren Gaſt ich bin.“ „Von Geringen und Vornehmen darf nur die Wahr⸗ heit geſagt werden,“— erwiederte Sjeerp—„wenn ſie auch ſo ſtachelich wäre als die Dornen einer Hecke. Doch ich weiß, daß derjenige, welchen der dort Oben nicht anzieht, nicht eingehen wird; und deßhalb will ich keine Worte mehr verſchwenden. Aber Ihr dauert mich Eurer Jugend wegen, nicht wegen des Fleiſches und des, Blutes, welches nur aus vergänglicher Erde gebildet iſt, ſondern Eurer unſterblichen Seele wegen. Doch wenn Der Schutzgeiſt. I. 5 66 dieſe durch Ihn verſteinert iſt, was können dann meine Worte helfen. Sie würden eben ſo beantwortet werden, als von der Verſtockten, als ich zu ihr ſprach, und die Euch, wie ich fürchte, auch ſchon in ihren Netzen ver⸗ ſtrickt hat.“ „Ihr meint, wie ich glaube“— ſprach Moritz, welcher merkte, daß von Klara die Rede war—„das Fräulein, welches ſich auf dem Schloſſe aufhält. Kennt Ihr ſie, da Ihr ſo beſtimmt' über ſie redet?“ „Ja, ja! das Fräulein, wie Ihr es nennt, meine ich. Ob ich ſie kenne? Gewiß kenne ich ſie. War mein Herz ihrer Jugend und Unerfahrenheit wegen, nicht von Mitleiden bewegt? War ich nicht bemüht, Ihr meinen wohlmeinenden Rath zu ertheilen, als ich merkte, daß ſie auf Irrwegen ging, und dem herumziehenden arminiamiſchen Prieſter, der ein blinder Führer der Blin⸗ den genannt werden darf, ein Ohr lieh? Und wie lohnte ſie meine gutgemeinte, uneigennützige Sprache? Zuerſt wollte ſie mich, wie ſie es nannte, von meinem Irrthume überzeugen; und da ihr dieß nicht gelang, mich einen unvernuͤnftigen Eiferer nannte, und meine Worte als ein abſcheuliches Laſter gegen den bravſten Mann, der je auf dieſer Inſel geweſen ſey, auslegte. Dieſe und noch ähnliche andere Verweiſe ſprach ſie gegen mich aus, Doch ſie rühren mich nicht, denn ich bin überzeugt, daß alle Läſterungen, welche gegen das Volk Gottes ausge⸗ ſprochen werden, bald wie der Morgenthau von ſelbſ verſchwinden, wie dieß in dieſem goldenen Büchlein ge⸗ ſchrieben ſteht.“ „Aber wie wäre es möglich,“— ſprach Moritz, eine Miene der Verwunderung annehmend—„daß ein ſo junges Mädchen ſchon ſolchen argen Irrlehren zuge than ſeyn könnte?“ „Und dennoch iſt es ſo, wie ich Euch ſage, ich hab⸗ noch nie in einer Frau eine ſolche Verſtocktheit gefunden als in dieſer Fremden. Wenn Ihr noch auf dem Wege worauf Ihr gehet, zurücktreten könnt, ſo beeilt Euch, ei F 3, as nt ne ar cht hr te, en in⸗ nte erſt me nen als der und us. daß ge⸗ lbſ ge itz, ein ge⸗ abe den, ege 67 zu thun, denn Ihr wißt nicht, wie bald es zu ſpät ſeyn kann.“ „Doch weßhalb vermuthet Ihr, daß das Fräulein Einfluß auf mich hat? Ich ſah ſie geſtern zum erſten⸗ male, und weiß nicht einmal, wer ſie iſt, noch woher ſie kommt. Ihr ſelbſt nennt ſie ja eine Fremde, wißt Ihr vielleicht, weßhalb ſie hier iſt?“ „Ich ſah Euch heute Mittag im Garten an ihrer Seite ſitzend, und daher vermuthete ich, daß Ihr ihren Worten mehr Gehoör ſchenktet, als es heilſam fuͤr Eure Seele iſt. Ich hielt es für ſo gefährlicher, da ich es ſelbſt erfahren habe, welch' eine hinreißende Kraft in ihren Worten liegt, und wie ich durch ihre glatten Re⸗ den, wenn ich nicht ſo feſt in meinem Glauben wäre, zu den Irrlehren hätte verleidet werden können.“ „Aber wer iſt denn dieſe gefährliche Verführerin? Ich verſichere Euch, daß ſie mir bis jetzt noch völlig un⸗ bekannt iſt. Sie hält ſich, wie ich glaube, erſt ſeit einigen Monaten auf dieſer Inſel auf?“ „Wer ſie iſt, das habe ich Euch ſchon, wenn Ihr Ohren zu hören habt, deutlich genug geſagt. Sie iſt eine verſtockte, verlorene Sünderin, eine Uüngläubige, und ihre Schonheit gleicht der Farbe der übertünchten Grä⸗ ber, die mit Aſche und Knochen angefüllt ſind. Sie er⸗ ſchien im letzten Winter faſt zu gleicher Zeit mit dem Arminianer und der Himmel gebe, daß wir von Bei⸗ den bald erlöst ſeyn mögen! Denn ſeit ihrer Ankunft iſt es auf dem Schloſſe nicht mehr ſo, wie es ſich geziemt, und es ſteht zu befürchten, daß es noch immer ſchlimmer wird. Doch ich habe Euch gewarnt, junger Mann! be⸗ denkt, was die Schrift von dem Rechtgläubigen ſagt: daß er glänzen ſoll, wie die Flügel einer Taube, welche von Gold und Silber ſchillern, und daß er ſeyn ſoll gleich einem bewäſſerten Garten voller Bäume der Gerechtig⸗ keit, die, wenn ſie alt ſind, noch blühen und kräftige Früchte tragen ſollen.“ 5* 68 Nachdem er dieß geſagt hatte, nahm er ſein Fiſcher⸗ geräth auf die Schulter, grüßte Moritz, und ging, mit⸗ unter das Haupt ſchüttelnd, davon. Moritz blieb noch eine Zeitlang über das ſonderbare Urtheil des Greiſes in Nachdenken verſunken. Es war ihm deutlich, daß Klara ſich nur dadurch, ihren Freund Camphuiſen vertheidigt zu haben, dieß Urtheil zugezogen hatte. Bald hatte er Gelegenheit, zu bemerken, daß Klara auf der ganzen Inſel in einem ähnlichen Rufe ſtand. Die Ankunft des Fahrzeuges zog Moritz aus ſei⸗ nem Nachdenken. Er ging auf die Schiffer zu, und war erſtaunt, unter den Briefen, welche ſie mitbrachten, kei⸗ — nen von Emma zu finden. Ein Brief ſeiner Eltern verkündigte ihm, daß eine geringe Unpäßlichkeit ſie vom Schreiben abgehalten habe. Ein Brief von ſeiner Mut⸗ ter war mit eingeſchloſſen, der ohne Vorwiſſen ſeines Vaters geſchrieben zu ſeyn ſchien, und deſſen Inhalt ihm auffallend war. Sie meldete ihm, daß Emma ſeit ein paar Tagen mehr geiſtig als körperlich unwohl ſey. Sie ſey plötzlich in eine Schwermuth verſunken, die man ſich nicht zu erklären wiſſe, da ſie noch an demſelben Tage ihr geſagt habe, daß ſie von Moritz einen Brief em⸗ pfangen hätte, der ſie ſehr heiter geſtimmt habe. Wenige Stunden nachher habe ſich ſchon dieſe Schwermuth ein⸗ geſtellt, welche ſie zwar ihren Hausgenoſſen habe verber⸗ gen wollen, doch ohne Erfolg, da man verſchiedenemale Thränen in ihren Augen bemerkte, und unter dem Vor⸗ wande einer leichten Unpäßlichkeit hüte ſie ſeit ein paar Tagen ihr Zimmer. Umſonſt habe ſich die Mutter be⸗ müht, die Urſache zu ergründen, ſie hoffe jedoch, es ſpä⸗ terhin zu erfahren, und daß Emma recht bald ihren heitern Sinn wieder erlangen würde. Sie ermahnte Moritz, ſich deßhalb nicht zu beunruhigen. Moritz überlas mehreremale dieß Schreiben, und kehrte, in trübe Gedanken verſunken, in das Schloß zurück. Er brachte beinahe die ganze Nacht ſchlaflos zu und mächte Pläne, das Schloß unverzüglich zu verlaſſen, und nach Holland — 69 zurückzukehren. Es war ihm, als ſage ihm eine geheime Stimme, Emma's Schwermuth ſtehe mit ſeinem ver⸗ längerten Aufenthalte auf der Inſel in genauem Zuſam⸗ menhange. Endlich beſchloß er, noch einen nähern Be⸗ richt aus dem Haag zu erwarten, der ihn, wie er hoffte, über Emma beruhigen würde, und dem zufolge er ſeine Pläne einrichten wollte. Nachdem er dieſen Be⸗ ſchluß gefaßt hatte, verſank er in einen kurzen und un⸗ ruhigen Schlaf. Fünftes Kapitel. Weil aber das Geſchick die Weltweisheit bewacht, So wird dem Feſt und Streit gar bald ein End gemacht. Der von Taco ſo ungeduldig erwartete Donnerſtag war endlich erſchienen. Schon früh am Morgen war um das Schloß herum Alles zu einem Feſte vorbereitet. Die Leibſchützen, welche aus ungefähr ſechszig Mann auserleſener junger Leute, alle in der erſten Blüthe ihres Lebens beſtanden, vereinigten ſich auf einer Waide zwi⸗ ſchen dem Dorfe und dem Schloſſe. Hier war eine große Scheibe aufgeſtellt, wornach regelmäßig einmal jährlich geſchoſſen wurde, und wo der beſte Schütze den feſtgeſetz⸗ ten Preis von dem Herrn der Inſel erhielt, gewöhnlich war es eine künſtlich gearbeitete Waffe, und ſpäterhin wohnte er auf einem erhabenen ſchön verzierten Seſſel der Mahlzeit bei, welche, wenn das Wetter es erlaubte, unter freiem Himmel für die Schützen angeordnet wurde. Doch ſtatt eines Bogens, welcher noch lange Zeit nach Erfindung des Schießpulvers beibehalten wurde, waren die Schützen jetzt mit einem Rohr bewaffnet. Ihre üb⸗ rige Ausrüſtung beſtand aus einer Sturmhaube, einem Koller und einem weiten Beinkleide.»Auch trugen ſie ein alterthümliches Schwert an ihrer Seite. Noch vor we— nigen Jahren fand man mehre dieſer Waffen auf dem Schloſſe. * 70 Schon frühzeitig hatten ſich alle geladenen Gäſte im Hauſe des Herrn verſammelt. Sie beſtanden aus den vornehmſten Einwohnern der drei Dörfer, welche mit dem Herrn der Inſel ſelbſt oder deſſen Stellvertreter die Orts⸗ obrigkeiten bildeten, welche alle zwei Jahre durch die meiſten Stimmen von den Einwohnern gewählt und von dem Gutsherrn beſtätigt wurpen. Außer dieſen genann⸗ ten Perſonen, wovon viele ihre Frauen und Töchter mit⸗ gebracht hatten, beſtand die Geſellſchaft aus dem gelehr⸗ ten Sekretarius, wie es ſich von ſelbſt verſteht, aus Kamphuiſen und dem früheren Kapitäne eines Kauf⸗ fahrers, welcher hier auf der Inſel geboren war, und ſich, nachdem er den unſichern Wellen valet geſagt, hier wie⸗ der niedergelaſſen hatte. Er war ſchon ziemlich bejahrt, von kräftiger Geſtalt, breiten Schultern, hatte ein von der Sonne dunkelgefärbtes Geſicht, war ziemlich roh und ungeſchickt, aber ſehr gutmüthig. Als alle Gäſte verſammelt und von dem Hausherrn herzlich begrüßt worden waren, begab man ſich nach der Waide, wo die Schützen unter Waffen ſtanden. DTaco trat jetzt vor und wurde feierlichſt unter die mannhaften Leibſchützen des gutsherrlichen Hauſes von Kamminga, nachdem er den vorgeſchriebenen Eid geleiſtet hatte, auf⸗ genommen. Der vierzehnjährige Knabe ſchien plötzlich zu einem vollkommenen Jüngling geſtempelt zu ſeyn, und der ſtolze Muth ſeines Antlitzes ſchien zu verrathen, daß er nie die Rechte, welche er mit zu bewahren habe, ſtraf⸗ los übertreten laſſen würde. Die Schützen bewillkomm⸗ ten ihn laut jubelnd als ihren Kameraden, und dieſer Gruß wurde auch von allen anweſenden Dorfbewohnern wiederholt. Jetzt fing man an, nach der Scheibe zu ſchießen. Der dießmalige Preis war ein ſchön gearbei⸗ tetes Fenerrohr, deſſen Kolbe ganz mit Silber ausgelegt und zur Schau ausgeſtellt war. Von Zeit zu Zeit wurde den Schützen ein kräftiger Trunk gereicht, und der laute der jungen Leute hatte bald den höchſten Grad erreicht. W— — — — M Sw — N— — n d en nd aß aſ⸗ m⸗ ſer rn zu ei⸗ egt rde ute rad 71 Moritz wohnte an Klara's Seite dieſem bunten Gewühle bei und ſie wandelten, in gleichgültige Geſpräche vertieft, auf und ab. Er mußte mit jedem Augenblicke das feine Gefühl und ſo richtige Urtheil des Fräuleins mehr bewundern, und wenn er im Innerſten ſeines Her⸗ zens hätte leſen können, ſo würde er ſchon die Herrſchaft dieſer ſo reizenden Schönen deutlich darin gefunden ha⸗ ben. Doch der Worte der alten Tekla, ſeiner Liebe nicht untreu zu werden, eingedenk, faßte er die beſten Vorſätze. Er ſchrieb ſich ſelbſt eine Geiſtesſtärke zu, die er unter andern Umſtänden auch gewiß beſeſſen haben würde, und dieſer vertrauend, wollte er keineswegs den vertrauten Umgang mit Klara meiden. Hätte ein Menſchenkenner jetzt in ſeinem Herzen leſen können, ſo würde er ihn ſchon halb verloren gehalten haben. Nachdem alle Schützen Beweiſe ihrer Geſchicklichkeit abgelegt hatten, überreichte Herr von Heerema ſelbſt dem Geſchickteſten den ausgeſetzten Preis, worauf dieſer als König für das Jahr begrußt wurde. Darauf wählte er ſich unter den ſchön ansgeputzten Mädchen eine Kö⸗ nigin, welche die Ehre des Tages mit ihm theilen ſollte. Während dieſe unn ſich den verſchiedenen Uebungen oder Vergnügungen hingaben, ſchlug der Sekretarius Baart den Gäſten vor, ihrerſeits die Waffen zur Hand zu neh⸗ men und ihre Gewandtheit zu beweiſen. Und“— fügte er in einem galanten Tone hinzu —„Fräulein Klara wird, wie ich hoffe, ſich wohl da⸗ mit belaſten, dem Sieger den ausgeſetzten Preis zu über⸗ reichen.“ Klara war in der Nähe mit Camphuiſen in ein Geſpräch vertieft. Moritz beobachtete ihre ſtolze Haltung und ſchönen Züge, und glaubte zu bemerken, daß das Fräulein, welches heute ungewöhnlich heiter ge⸗ weſen, durch dieſe Unterhaltung beſonders ernſt und nach⸗ denkend geſtimmt werde. Als ſie Baarts Vorſchlag, der von Allen mit Beifall aufgenommen wurde, vernom⸗ men hatte, antwortete ſie in einem gleichgültigen Tone, 72 daß ſie dazu bereit ſey. Als ſie ſich nun nach dem Preiſe, der dem Sieger beſtimmt ſey, erkundigte, ant⸗ wortete Baart: „Es verſteht ſich von ſelbſt, daß dieſer Preis für Männer, wie wir ſind, keinen andern Werth zu haben braucht, als den, welcher ihm durch die Veranlaſſung oder die ſchöne Hand, welche ihn ertheilt, gegeben wird. Da ſich hier aber die Möglichkeit nicht darbietet, den Sieger mit einem Eichen- oder Lorbeerkranze krönen zu können, ſo möge es ein Blumenkranz ſeyn, von der künſt⸗ lichen Hand unſerer Feſtgenoffinnen verfertigt.“ Hierzu fanden ſich ſogleich ein paar junge Mädchen bereit und eilten in den Schloßgarten, woher ſie recht ßald mit einem Kranze von friſchen Blumen zurück⸗ kehrten. „Seht da,“ rief der Sekretarius, durch den Beifall, welchen ſein Vorſchlag geerntet hatte, höchſt erfreut, „einen Preis, welchen die griechiſchen Sieger zu Olym⸗ Wpia uns beneidet haben würden, um ſo mehr, da er von einer Hand ausgetheilt wird, ſo ſchön, wie vielleicht noch nie eine dem Sänger bei den olympiſchen Spielen den Lorbeerkranz auf das Haupt ſetzte! Vorausgeſetzt,“— fügte er hinzu, indem er an der Richtigkeit ſeines Ver⸗ gleichs zu zweifeln ſchien—„wenn es den wetteifernden Griechen zu Theil wurde, von der Hand einer Schönen gekrönt zu werden.“ l Außer einigen hochbejahrten Gäſten nahmen Alle an dem Wettſtreite Theil. Die meiſten wußten die Feuer⸗ waffen ſehr gut zu handhaben, und es fiel mehr als ein vortrefflicher Schuß. Doch es ſey Zufall oder größere Geſchicklichkeit, Moritz hatte ſo genau in die Mitte des Weißen getroffen, daß ein Jeder es für unmöglich er⸗ lärte, ihn zu übertreffen, und der Preis wurde ihm un⸗ ter lautem Jubel zuerkannt. Für die Frauen waren zur Seite Sitze angebracht, auf dem mittelſten ſaß Frau von Heerema und Klara neben ihr. Das jüngſte Töchterchen ſtand ihnen zur W— in 3 Seite und hielt den Kranz in der Hand. Ein aufmerk⸗ ſamer Zuſchauer würde vielleicht bemerkt haben, daß Klara größern Antheil an dem Feſte nahm, als man ihrer Gemüthsſtimmung nach ihr zugetraut hatte, auch würde ſeinen Augen nicht entgangen ſeyn, wie das Roth ihrer Wangen, als Moritz als Sieger ausgerufen wurde, eine höhere Tinte annahm. Doch dieſe Bewe⸗ gung ging eben ſo ſchnell vorüber, als ſie gekommen war, denn als der Jüngling ſich ihr genähert hatte, um den Preis zu empfangen, hatte ſich ihre natürliche Farbe wieder eingeſtellt. Der Sekretarius, welcher den ganzen Tag hindurch gewiſſermaßen den Ceremonienmeiſter ſpielte, führte Moritz vor Klara's Seſſel und befahl ihm, ſein Haupt zu entblößen, und ein Kniee zu beugen. Moritz gehorchte ganz mechaniſch; beugte ehrerbietig ſein Haupt, und fühlte, wie die zarten Finger des Fräu⸗ leins den Kranz darauf drückten. Es ertönte ein lautes und anhaltendes Jubelgeſchrei. Moritz richtete lang⸗ ſam ſein Haupt wieder auf und feſtigte ſeinen Blick auf Klara; er glaubte, ihr Antlitz ſey bleicher als gewöhn⸗ lich, und ihr Auge durch eine aufwallende Thräne ver⸗ dunkelt. Dieſe Bemerkung erinnerte ihn wieder lebhaft an die Scene im Haag, und wenn noch ein Zweifel hätte bwalten kännen, ob Klara ihm damals erſchie⸗ nen ſey, ſo wäre er jetzt auf immer verbannt geweſen. Seine Gefühle überwättigten ihn, und er ſtand im Be⸗ griffe, Klara's Hand zu faſſen, ſie an ſeine Lippen zu drücken, und ſie zu fragen, ob ſie die unbekannte Er⸗ ſcheinung, der Gegenſtand ſeiner erſten Liebe geweſen ſey. Klara, welche vielleicht in des Jünglings Inner⸗ ſtem las, erhob ſich und reichte ihm lächelnd die Hand, als wollte ſie ihn aufrichten. „Es ſcheint“— ſagte ſie—„daß der Siegeskranz das Haupt des Siegers ſo ſehr niederbeugt, daß ich ihm meine ſchwache Hand leihen muß, um ihn in Stand zu ſetzen, ſich unter der Laſt ſeiner Lorbeeren wieder auf⸗ richten zu können.“ 74 Moritz nahm die ihm dargebotene Hand, und obgleich ſie die ſeinige nicht mehr als erforderlich drückte, ſo war es ihm doch, als wenn ein elektriſcher Schlag ſich durch ſeinen ganzen Körper verbreite. Klara ver⸗ fügte ſich ſogleich zu Frau von Heerema, deren Ge⸗ mahl alle Gäſte einlud, ſich wieder nach dem Schloſſe zu begeben. Moritz, dem Klara, wie es ſchien, vorſätzlich auswich, ging auf Camphuiſen zu, welcher nur ei⸗ nen Augenblick den Schießübungen beigewohnt hatte, dann langſcm auf und ab ſpaziert war, und ſich nun wieder zur Geſellſchaft begab. Er ſchien ſehr ernſt ge⸗ ſtimmt zu ſeyn. „Ich fühle,“ ſagte er zu Moritz—„daß ich mich bald wieder von dieſer Inſel entfernen muß. Die See⸗ luft iſt mir ſchädlich, und würde mich bald außer Stand ſetzen, für meine Familie zu ſorgen, wozu ich aller mei⸗ ner körperlichen und geiſtigen Kräfte bedarf. Auch meine Frau iſt hier mehreremale krank geweſen, ſo daß ich mich genöthigt ſah, ſie nach der feſten Küſte zu geleiten, wo⸗ hin ich ihr auch bald nachfolgen werde. Doch Ihr, jun⸗ ger Freund!“— ſagte er, indem er Moritz feſt an⸗ ſah—„Ihr ſcheint länger auf dieſer Inſel verweilen zu müſſen, als ihr anfangs glaubtet.“ „Die Angelegenheiten, welche mich hierher führten,“ — antwortete Moritz—„ſind in der That nicht ſo ſchnell zu ſchlichten, als ich es anfänglich vermuthete, und ich möchte nur ungern mich von hier entfernen, be⸗ vor ich alles geordnet hätte. Jedoch beklage ich Euch ſehr, daß Euch nirgends eine dauernde Ruhe vergönnt iſt, und es iſt mir ein Räthſel, wie Euch inmitten ſo vieler Prüfungen Eure Geiſteskraft nicht verläßt, und wie Ihr wenigſtens dem Scheine nach mit Eurem Zu⸗ ſtande zufrieden ſeyd.“. c „Er, der ſie uns nach ſeinem weiſen Rathſchluſſe zuſendet, ſchenkt uns auch Kraft. Warum ſollten wir 75 das Herbe unſrer Lage noch durch unnütze Klagen ver⸗ mehren, und ſo ſeinem heiligen Willen widerſtreben?“ Nun hatten ſie das Schloß erreicht, wo im großen Saäle reichlich für die Gäſte angerichtet war. Zur ſel— ben Zeit wurden auch den Schützen Erfriſchungen ge⸗ reicht, und ſie ließen ſich das kräftige Bier unter lau— tem Freudengeſchrei vortrefflich ſchmecken. Die Gäſte hatten ſich ſchon an dem reich beſetzten Tiſche niederge⸗ laſſen, als der Sekretarius noch immer behauptete, daß Moritzen als Sieger der Ehrenplatz zukäme, und daß die von ihm gewählte Königin, Klara, an ſeiner Seite ſitzen müſſe. Doch dieſe wußte dem Vorſchlag auszu⸗ weichen, indem ſie vorgab, daß ſie, um der Hausfrau behülflich zu ſeyn, einen andern Platz einzunehmen habe. Sie ſetzte ſich daher an einen entfernteren Theil des Tiſches zwiſchen Camphuiſen und einen Greis, wel— cher nicht wie die andern gegen dieſen Prediger einge⸗ nommen zu ſeyn ſchien. Taco hatte es vorgezogen, mit ſeinen neuen Waffengefährten im Freien zu bleiben. Da unſerm Sekretarius die Beſtimmung der Plätze nach ſeiner Weiſe nicht gelungen war, ſo hatte er Mo⸗ ritzen zur Entſchädigung einen Platz zwiſchen ſich und der Frau von Heerema angewieſen. Der Hausherr ſaß oben am Tiſche, und ihm gegenüber am untern Ende hatte Tante Barbara ihren Platz. Sie war in ei⸗ nem alterthümlichen ſeidenen Kleide; ihr Haupt war mit einem Tuche von Kammertuch bedeckt, worunter ihr langes Geſicht nicht allzugefällig hervortrat. Die gute Dame ſchien nicht in ihrer Roſenlaune zu ſeyn. Sie erlaubte ſich allerlei unangenehme Aeußerungen, welche ſich zwar nur undeutlich aus ihren zuſammenge⸗ preßten Lippen hervordrängten, und deren Urſache nicht einmal ihren Hausgenoſſen erklärlich war. Jedesmal, wenn ſie ein Geräuſch auf dem Hofe hörte, oder wenn die Thüre des Saals ſich öffnete, waren ihre Angen da⸗ hin gerichtet. Die Tafel war überflüſſig und mit Auswahl beſetzt. 76 Unter den verſchiedenen Fleiſchſpeiſen befand ſich auch noch eine Wallfiſchzunge, welche in früheren Jahrhunder⸗ ten, und noch in der zweiten Hälfte des ſiebzehnten Jahr⸗ hunderts wie ein Leckerbiſſen auf großen Tafeln prangte. Weine, vom Rhein und aus Frankreich, viele Sorten Bier, worunter auch das kräftige Hamburger, wurden fleißig kredenzt. Bald ſtellte ſich ein heiterer, ungezwun⸗ gener Ton ein. Mancher Becher wurde auf das Wohl des Hausherrn, ſeiner Familie und des neuen Leib⸗ ſchützen geleert, und noch manche andere Toaſte wurden ausgebracht. Darauf erhob ſich der Sekretarius, und bat um Erlaubniß, einen auf einem Schenktiſch ſtehen⸗ den großen Pokal, aus feinem geſchliffenem Glaſe, mit dem Wappen der Kammingas, welcher ein ganzes Maß enthielt, füllen zu laſſen. Nachdem ein Bediente dieß auf Befehl ſeines Herrn gethan hatte, hielt ihn Baart in die Höhe und ſprach: „Es ſey mir vergönnt, aus dieſem Pokal einen Trunk zu thun, und dabei Heil und Segen dem ruhm⸗ reichen Geſchlechte unſrer würdigen Wirthin und Frau, den edlen Kamingas zuzuwünſchen, die ſeit undenk⸗ lichen Zeiten Herren dieſer Inſel, treue Vorſteher und Beſchirmer der Religion und des Vaterlandes ſind! Lange lebe das edle Geſchlecht! Lange blühe der uralte Stamm, und verbreite kräftige Zweige zum Heil des gemeinſchaft⸗ lichen Vaterlandes, und beſonders dieſer Inſel und ih⸗ rer Bewohner!“ Nachdem er einen Zug gethan hatte, ließ er den Pokal rundgehen, und mit lautem Jubel wurde der Ruf wiederholt:„lang lebe und blühe das edle Geſchlecht der Kamminga's!“ Baart hatte nun ſeinen Pl atz wieder eingenom⸗ men, und unterhielt Moritz mit allen den Traditio⸗ nen, die er über die Kamminga's aus Chroniken ge⸗ ſammelt hatte. Frau von Heerema ſtolz auf den Ruhm ihrer Vorfahren miſchte ſich mitunter in das Ge⸗ ſpräch. Der Hansherr leitete am andern Ende des Ti⸗ 77 ſches die Unterhaltung, wobei ihm der alte Seefahrer Rienk Witwert behülflich war, indem er allerlei Erlebniſſe aus ſeinem früheren Leben mit einflocht. Der Becher kreiste luſtig. Moritzens Aufierkſamkeit wurde jedoch abgeleitet und auf Klara gerichtet, welche der Tante Barbara treu in ihrem wichtigen Berufe zur Seite ſtand, und ſich dann wieder mit Camphuiſen unterhielt. Es erſchien ihm wie ſchon früher, daß ihre Unterhaltung mit dem Prediger ernſter Art war; einmal ſogar kam es ihm vor, daß ſie ſich eine Thräne trock⸗ nete, dann das Geſpräch plötzlich abbrach, und ſich an die Tochter des Schiffkapitäns, ein liebliches Mädchen, von ungefähr achtzehn Jahren wendete. „Wie ich Euch ſage, mein junger Freund!“— ſagte Baart zu Moritz—„bis zum neunten Jahr⸗ hundert hatte ſich in dieſem Gebiete das Heidenthum er— halten. Die alte frieſiſche Königin, in deren Beſitz da⸗ mals Ameland war, welches in jenen Zeiten noch mit dem feſten Lande zuſammenhieng, die Königin Gon⸗ denbald und Radbond hingen feſt an der Abgötterei. Dieſer Letzte ließ an der Weſtſeite dieſer Inſel dem Gotte Foſto den berühmten Tempel errichten, worin heilige Lämmer aufgefüttert und ſehr in Ehren gehalten wur⸗ den. Endlich unterlag er den ſiegreichen Waffen Karls des Großen, und ſeines Bruders Tochter, die weitbe⸗ berühmte Tekla, welche ſchon lange im Geheimen das Chriſtenhum begeiſtert hatte, ging nun öffentlich zu ihm über. Dieſe fromme Magd ließ nun ſogleich den Götzen⸗ tempel ſchleifen, und reichte Taco Kamminga ihre Hand. So kam dies Land in den durchlauchtigen Beſitz der jetzigen Herren.“ „Und von dieſer Tekla“— ſagte Frau von Hee⸗ rema—„will die merkwürdige Frau abſtammen, in deren Hütte Ihr die erſte Nacht auf dieſer Inſel zu⸗ brachtet.“ „Was kann ihr,“ ſprach Moritz—„zu dieſer Be⸗ 78 hauptung, welche von ihr ſo ſonderbar lautet, Veran⸗ laſſung geben?“ „Ich weiß es nicht, und fühlte mich auch oft ge⸗ drungen, ihre Behauptung als Folge einer erhitzten Ein⸗ bildungskraft zu betrachten. Doch die genaueſte Bekannt⸗ ſchaft mit unſerem Geſchlechte, und deſſen frühere Schick⸗ ſale, welche ſie mir in den wenigen Unterhaltungen, die ich mit ihr hatte, an den Tag legte, treiben mich wider meinen Willen an, ihren Worten Glauben beizumeſſen. So viel iſt gewiß, daß es eine höchſt merkwürdige Frau iſt.“ „Dies habe ich erfahren“— erwiederte Moritz —„und ich muß geſtehen, daß der Eindruck, welchen dieſer Frauen Worte auf mich machten, ſo groß iſt, daß ich es für ſtrafbar halten würde, ihre Verſicherung in Zweifel zu ziehen. Sie hat mir verſprochen, daß ich vor meiner Abreiſe von dieſer Inſel ſie noch ſehen ſoll, und mich verlangt ſehr danach.“ „Jetzt iſt ſie ſchon ſeit mehreren Tagen abweſend““ — ſagte der Sekretarius—„und Gott weiß, wo ſie ſich herumtreibt. Die kabbaliſtiſchen Zeichen vor ihrer Thür verkündigen es.“ Dies Geſpräch ſchien in dem unermüdeten Sekretär eine wichtige Erinnerung hervorgerufen zu haben, und indem Moritz mit der Hausfrau ſein Geſpräch fortſetzte, erhob er ſich feierlich von ſeinem Sitze, und bat die Ge⸗ ſellſchaft, einen Becher auf das Andenken der Königs⸗ tochter Tekla zu leeren, welche den Götzendienſt aus⸗ gerottet, und die Lehre des Chriſtenthums zuerſt auf dieſem geſegneten Foſetelland eingeführt und gefeſtigt habe. Die meiſten Gäſte folgten ſeiner Einladung, doch der alte Rienk, deſſen Haupt minder oder mehr benebelt war, ſchien an dieſer Geſundheit keinen Gefallen zu finden. „Ehre dem Ehre gebühret!“— ſagte er, ſeine kräftige Baßſtimme erhebend—„Aber deßhalb braucht man dieſem Lande, wo ich geboren und erzogen bin, ſei⸗ N 79 nen chriſtlichen Namen nicht zu rauben, noch meine Vor— fahren, die ſchon Tauſende von Jahren auf dieſer Inſel als gute Chriſten wohnten, der Abgötterei zu beſchul⸗ digen, und ſie den wilden Indianern gleich ſtellen, mit denen ich auf meinen Reiſen Bekanntſchaft gemacht habe.“ „Aber, Rienk!“— ſprach Baart ruhig—„Ihr fönnt doch nicht läugnen, daß die Frieſen und die Bewohner dieſer Inſel vor Alters Götzendiener waren, und daß ſie insbeſondere den Gott Fo ſto oder Foſita anbeteten, deſſen Tempel da ſtand, wo jetzt der alten Tekla Hütte iſt? Ihr köunt es nicht läugnen, daß die alten Chroniken dieſer Inſel unter dem Namen Foſe⸗ teland erwähnen, und daß dieſer Name von dem Gö⸗ tzen abgeleitet iſt.“ „Dies läugne ich allerdings“,— antwortete Rienk barſch—„und ich werde gegen einen Jeden mit dem Knüppel oder dem Schwerte behaupten, daß Ameland Ameland iſt, und daß in den Adern meiner Vorfah⸗ ren nie ein Tropfen heidniſches Blut floß. Und wer muß dies beſſer wiſſen, Herr Sekretarius! ich, der ich hier geboren und erzogen bin, und von Urältern zu Ael⸗ tern ein Amelander bin, oder Ihr, der Ihr ſeit ein paar dutzend Jahren zuerſt den Fuß auf dieſe Inſel ge⸗ ſetzt habt?“ „Aber, Freund Rienk!“— ſprach der Sekretgrius wieder—„die Chroniken, die Chroniken; was ſagen die?“ „Die Chroniken mögen ſagen was ſie wollen,“— antwortete der raſche Seemann—„ſie ſollen mir nie den Glauben beibringen, daß meine rechtſchaffenen Vorfahren nicht ſeit ewigen Zeiten gute Chriſten, und nie unglau⸗ bige Heiden waren, den Doccumers gleich, welche den braven Bonifacius todtſchlugen, der ein ehrlicher Mann war, wenn auch nur ein katholiſcher Prieſter, wie man mir erzählte.“ Die meiſten Gäſte fanden an dieſer Unterhaltung 80 Vergnügen. Nur Tante Barbara, welche ſo eben von einem Bedienten einen Zettel erhielt, ſchien in einem ſo unruhig aufgeregten Zuſtande zu ſeyn, daß ſie Alles, was um ſie her vorging, nicht beachtete. Außer Mo⸗ ritzen bemerfte Niemand weder ihre Unruhe noch ihr ungewöhnliches Stillſchweigen. Baart war der Mann nicht, welcher ſich durch die barſchen Erwiderungen aus dem Felde ſchlagen ließ, und hemühete ſich aufs Neue, ſeinen Gegner eines Beſſeren zu belehren. „Ich muß Euch erklären,“— ſagte er,—„es ſey Euch angenehm oder nicht, daß die Amelander vor alten Zeiten eben ſo arge Heiden waren, als die Doccumers, und wie dieſe im Begriff ſtanden, den Verkündiger des Glaubens Willebord, wie der Ge⸗ lehrte Alcuinus es beſchrieben, wovon ich zufällig ei⸗ nen Auszug in der Taſche habe, zu tödten.“ „Ich kümmere mich den Henker um Eure Heiligen!“ — erwiederte Rienk, bei dem der Wein immer mehr wirkte—„die ſind, es iſt noch nicht lange her, mit den römiſchen Pfaffen und ihren Bildern zum Teufel ge⸗ ſchickt.“ Baart hatte inzwiſchen das Fragment unter an⸗ dern Papieren hervorgezogen, und deklamirte kräftig: — „Cum ergo pius verbi praedicator iter agebat... „Weg mit Eurem Latein oder Griechiſchen, oder was es ſeyn mag!“— rief ſein Gegner mit einer don⸗ nernden Stimme, wodurch die des Sekretärs ganz ver⸗ ſchwand—„dieß verſtehe ich eben ſo wenig, als ich die Sprache der Wilden verſtand, als ich zuerſt unter dem Kommando des wackern Peter Bode, der leider vor acht Jahren mir zur Seite im Meere umkam, zu Bantam ans Land trat.“ „Ich will es Euch verdeutſchen, Menſch, habt nur Geduld!“— ſagte Baart und las weiter—„per- venit ad quantäm insulam, quae et quodam Deo Fosite ab incolis Fositesland appelatur.“—„Das — WMW* —— 6Sb N — WM n⸗ r⸗ ch er er zu ur e0 81 heißt:„Der heilige Willebrordus kam auf eine ge⸗ wiſſe Inſel(ſie lag nahe an der frieſiſchen Küſte) welche nach einem gewiſſen Abgotte von den Einwohnern Fo⸗ ſites land genannt wurde. Da habt Ihr nun ſchon den Beweis, guter Freund! Und ſogleich will ich Euch die Mordpläne vorleſen, welche die Bewohner dieſer Inſel gegen den Verkündiger des Chriſtenthums bildeten. Was habt Ihr darauf zu erwiedern?“ „Ich erwiedere, daß Eure alten Chroniken, mit ſammt ihrem Latein, das ich den Paſtoren und den Schul⸗ meiſtern überlaſſe eben ſo fertig lügen können, als Rom Janſe, Bootsmann auf der Jacht der halbe Mond. Dieſer Kerl log ſo derb, wenn er von ſeinen Reiſen und dem, was er darauf erlebt hatte, erzählte, daß nicht allein er, ſondern alle, welche er als Zeugen aufrief, es zuletzt ſelbſt glaubten, daß es die reine Wahr⸗ heit wäre.“ Zur allgemeinen Beluſtigung wurde der Streit im⸗ mer heftiger, und eine jede Parthie erhielt ihre Anhän⸗ ger. Camphuiſen wurde als Schiedsrichter aufgeru⸗ fen. Dieſer beſonnene Mann, dem das Geräuſch ſchon zu viel wurde, und ſelbſt davon noch unangenehme Fol⸗ gen fürchtete, ſuchte die durch den Wein erhitzten Ge⸗ müther zu beruhigen, und erwiederte ſcherzend, daß da jetzt noch, ſowohl auf der Inſel als anderswo ſo viele Götzen verehrt würden, auch wohl früherhin ähnliches ſtattgefunden habe. Erlaubt mir, daß ich Euch einige Verſe, welche ich vor einiger Zeit niederſchrieb, herſage: Ein Jeder hat ſein eignes Treiben, Ein Jeder ſeine eigne Luſt, Der er ſich ſelbſt ſo ſehr bewußt, Daß es das Liebſte ihm wird bleiben; Wovon er gern ſich unterhält; Was ihm am beſten ſtets gefällt. Der Schutzgeiſt. II. 6 82 Der Eine ſpricht von weiten Reiſen, Dem Andern iſt nur Hund und Pferd, Reiten, Jagen, Schießen werth, Ueppigfeit in Trank und Speiſen. Ein Dritter iſt den Weibern hold, Ein Vierter macht aus Erde Gold. Doch hat ein Jeder wohl zu achten Auf das, was ihm am nächſten liegt, Und daß er ſich nicht ſelbſt betrügt. Dann muß er noch vor Allem trachten Nach höherm Sinn und innern Werth Als ſeinem liebſten Steckenpferd. Dieſe ausweichenden Worte des Predigers wurden mit allgemeinem Beifall aufgenommen, nur nicht von Tante Barbara, welche heute ganz beſonders mit der Anweſenheit dieſes Gaſtes unzufrieden zu ſeyn ſchien. Der Wortſtreit blieb einige Augenblicke eingeſtellt. Da aber der Sekretarius Baart, welcher über den alten Seefahrer ſehr erbittert war, weil er ſeiner Gelehrſam⸗ feit und den Quellen aus denen er geſchöpft, nicht die gehörige Achtung zollte, nicht unterließ, ſeine Unzufrie⸗ denheit in anzüglichen Redensarten zu äußern, ſo wurde Rienk hitzig, und der erneuerte Zwiſt hatte ſo eben den höchſten Grad erreicht. Die Folgen ſchienen ernſt⸗ hafter werden zu wollen, als ſich die Thür des Eßſaa⸗ les plötzlich öffnete, und eine lange ehrwürdige Geſtalt eintrat. Der Neuangekommene wurde von den Meiſten ehrfurchtsvoll empfangen, und Einzelne erhoben ſich ſo⸗ gar von ihren Sitzen, und traten ihm entgegen. Tante Barbara war eine der Erſten, welche ihn begrüßte. Auch der Hausherr redete ihn freundlich, doch wie es ſchien, nicht ohne eine kleine Verlegenheit an: „Willkommen, Paſtor Timanni! Wenn Eure Ehrwürden auch erſt ſpät und unerwartet erſcheint, ſo ſeyd Ihr, wie Ihr wißt, ſtets an unſerm Tiſche will⸗ fommen.“ n n er en n⸗ ie de en a⸗ alt en ſo⸗ te te. tre ll⸗ Timanni's Ankunft hatte einen ſonberbaren Ein⸗ druck auf die ganze Geſellſchaft gemacht. Rienk, der gerade ſeine donnernde Stimme gegen den Sekretarius erhob, und im Begriffe zu ſeyn ſchien, ſeinen Gegner mit materiellen Waffen anzugreifen, ſchwieg plötzlich, ſetzte ſich wieder, und zog das hochrothe Geſicht, wel⸗ ches in der Hitze des Geſprächs dem des Sekretärs ei⸗ nige Zoll näher gekommen war, unwillkührlich zurück. Baart, welcher auch während des Streites ſeine ihm eigenthümliche Ruhe nicht allzuſehr beibehalten hatte, zog es wieder in die gewöhnlichen Falten, und nachdem er ſich ſo ziemlich wieder erholt hatte, raunte er Mo⸗ ritzen mit dem einen Auge nach Timanni hinblickend in das Ohr:„Ich befürchte, daß es hier nicht ſo ruhig endet.“ Auch die übrigen Tiſchgenoſſen, welche ihre Stimme früher laut genug hatten erſchallen laſſen, wa⸗ ren plötzlich verſtummt. Die Hausfrau allein, welche den Eintretenden zwar hoöflich bewillkommt hatte, gab nicht zu erkennen, daß ſeine Ankunft ihr ein beſonderes Intereſſe einflöße. Timanni war mit einem ernſten, aber ſehr freund⸗ lichen Autlitz in das Zimmer getreten. Seine lange hagere Geſtalt verbeugte ſich feierlich vor den verſam⸗ melten Gäſten, beſonders vor dem Herrn und der Frau des Hauſes, wonach er ſeinen Blick grüßend rund gehen ließ. Plötzlich gewahrte er Camphuiſen, welcher ſich ebenfalls, um ihn zu begrüßen, von ſeinem Sitze erho⸗ ben hatte. Kein Menſch, der, ohne es zu vermuthen, auf eine Schlange tritt, wird den Fuß ſo ſchnell zuruck⸗ ziehen, und ſo ängſtlich ausſehen, als es mit dem ehr⸗ würdigen Timanni bei dieſem Anblick der Fall war. Gleichſam als gewahrte er ein reißendes Thier, deſſen Anblick er nicht ertragen konnte, wandte er mit Blitzes⸗ ſchnelle den Blick nach einem andern Theile des Saales, und indem er ſich wieder vor dem Hausherrn verbeugte, ſagte er in einer Haltung, die zu verrathen ſchien, daß 6 84 er ſich eben ſo ſchnell als er gekommen war, wieder ent⸗ fernen wollte: „Verzeihet mir, edler Herr! daß ich auf einen Au⸗ genblick hier ſtörend auftrat. Ich hatte keineswegs auf eine ſo zahlreiche und ſo auserleſene Geſellſchaft“— auf die beiden letzten Worte legte er einen beſondern kachdruck—„rechnen dürfen. Ich wollte Euch nur meine ſchuldige Ehrfurcht beweiſen und den Gruß von Eurem edlen Schwager, unſerem Landesherrn, welchen ich vor Kurzem zu Leuwaarden ſprach, überbringen, und nun werdet Ihr mir geſtatten, daß ich mich wieder entfernen darf.“ „Aber heute, Domine!“— ſagte Tante Barbcra, welche ſich umſonſt bemühet hatte, die Gegenwart des verbannten Arminianers wenigſtens noch für eine Zeitlang zu verbergen, und ohne ihrem Bruder zu einer Antwort Zeit zu laſſen—„ſeyd Ihr doch wohl von der Reiſe ermüdet, und bedürft einer Herzſtärkung. Habt die Güte und ſetzt Euch. Wir haben da noch einen ganz vortrefflichen Lammsbraten, ſo mürbe wie Butter. Ich weiß, daß Ew. Ehrwürden ein Freund davon ſind. Und dann haben wir noch Backwerk, Mandeln, Oliven und Spezereien— und dann den Kräuterwein, den Ihr noch nicht verſucht habt. Ich habe ihn ſelbſt zubereitet, und mich verlangt, Ew. Ehrwürden Urtheil darüber zu ver⸗ nehmen.“ „Mein hochgeehrtes Fräulein!“— erwiederte Ti⸗ manni mit einem minder entſchiedenen Tone als zuvor, da er ſchon in ſeinem Entſchluſſe wankend geworden zu ſeyn ſchien—„meine Geſchäfte, da ich ſo lange ab⸗ weſend war;— die Beſorgniß, zudringlich zu erſcheinen — und dieſer Geſellſchaft läſtig zu werden— meine Pflicht als...“ „Nu, nu, Domine!“— unterbrach ihn Herr von Heerem a.—„Entfernt Euch nicht, bevor Ihr Euch erquickt habt. Die Seereiſe macht hungrig, und ich möchte wohl wetten, daß Ihr bei dieſer Windſtille ſchon — v— S———— 85 von heute Morgen auf dem Waſſer geweſen ſeyd. Ge⸗ nießt erſt einen Biſſen, und ſpült die Seeluft durch einen friſchen Trunk aus Eurem Magen und Gedächtniß weg.“ Das Auge des Predigers ſchweifte nochmals über den wohlbeſetzten Tiſch und Camphuiſen hin, und es läßt ſich nicht beſtimmen, welcher innere Trieb bei ihm die Oberhand behalten haben würde, wenn nicht Tante Barbara durch einen Kunſtgriff, der ihrer Menſchen⸗ kenntniß zur Ehre gereichte, den noch zweifelnden Geiſt⸗ lichen zu einem feſten Entſchluſſe vermocht hätte. Sie ließ nämlich durch einen Bedienten den erwähnten Lamms⸗ braten heranrücken, der durch der wackeren Dame Sorg⸗ falt warm gehalten worden war, und einen ſolchen herr⸗ lichen Duft verbreitete, daß Timmanni's Feſtigkeit zu nichte wurde. Man richtete ihm einen Platz ein, ſo weit als möglich von dem Gegenſtande ſeiner Abneigung, und Tante Barbara übernahm ſelbſt das Geſchäft, den geiſtlichen Herrn mit Eifer und Würde zu bedienen, deſſen Anweſenheit das Geräuſchvolle der Unterhaltung verſtum⸗ men ließ, und einen früheren Aufbruch herbeiführte, als ſonſt wohl der Fall geweſen wäre. Auf dieſe Weiſe blie⸗ — der Prediger und Tante Barbara allein im Eß⸗ aale. „Aber, gnädiges Fräulein!“— ſprach Timanni, indem er einen Biſſen des ſaftigen Lammbratens in den Mund ſteckte—„was mußte ich hier ſehen? Den Ar⸗ minianer auf einem hochadeligen Schloſſe und an der Tafel Eures Bruders! Schier ſollte ich glauben, was mir während der Ueberfahrt der Schiffer erzählte, daß am verftoſſenen Sonntage die geweihete Kanzel von die⸗ ſem Menſchen entheiligt worden iſt. Doch nein, das kann nicht gut möglich ſeyn. Sagt mir, ich bitte Euch, daß der Leumund nur ſo Etwas ausbreiten konnte.“ „Wahrlich.... mein Bruder hat.... die Unvor⸗ ſichtigkeit begangen“— ſagte Barbara, welche um Worte verlegen zu ſeyn ſchien—„aber ich kann Ew. Hochwürden verſichern, daß ich an dem Tage die Kapelle mit keinem Fuße betreten habe, und daß auch kein Glied Eurer Gemeinde, ſo viel ich weiß, zugegen war. Auch geſchah es beſonders auf den Antrieb meiner Schwägerin und dann noch einer Perſon— Cw. Ehrwürden wiſſen wohl, wen ich meine— dieſe Perſonen haben meinen Bruder, der ſo gut iſt, dazu verleitet. Ich bin an dem Tage bei dem Paſtor Rombartus zur Kirche ge⸗ weſen.“ „Wie lange wird der Herr es dulden, daß man ſo gegen Seine Majeſtät ſündigt?“— erwiederte Timanni kopfſchüttelnd—„und was wird aus dieſer jzammervollen Lauheit im Lande werden, welche genug gethan zu haben glaubt, wenn die Ungetreuen nur aus dem Heiligthume entfernt ſind? Ihr gieriger Blick haftet noch immer darauf, wie der eines Wolfes auf dem Schaafſtalle. Kei⸗ neswegs daß ich nach einer heftigen Verfolgung verlange — dieß ſey fern von mir! Die ſich im Lande ruhig verhalten, laſſe man in Ruhe den Schutz der Geſetze ge⸗ nießen, aber man geſtatte ihnen nicht, die zertrümmerten Mauern Jericho's, welche durch Gottes Heldentrompete zuſammenſtürzten, wieder aufzubauen. Man dulde nicht, daß die, welche, den Worten des Propheten nach, in den Höhlen der Maulwürfe und Fledermäuſe verborgen ſeyn müßten, ſich öffentlich im Glanze des Herrn Heiligthume zeigen, und daſelbſt ihre Lehre, welche die Wurzel der Bitterkeit iſt, und Galle und Wermuth enthält, ungeſtört verkündigen!“ „Ew. Ehrwürden haben vollkommen recht— und ich glaube, obgleich es einmal geſchehen iſt, daß es nie wieder ſtattfinden wird. Erlaubet mir, daß ich noch dieß ſchöne ſaftige Stück des Bratens darreichen darf.“ „Ich danke Euch, gnädiges Fräulein! ich danke ver⸗ bindlichſt. Doch, da ich nun einmal dabei bin— die Seeluft hat meinen Hunger geweckt— und der Mann der Ungerechtigkeit iſt von hier entfernt— ſo will ich es mit Dank annehmen, und Euch zugleich um einen neuen Becher dieſes herrlichen Kräuterweins erſuchen.“ 87 Barbara zögerte nicht, den Wunſch ihres geiſt⸗ lichen Freundes zu erfüllen, und war eifrigſt bemüht, eine jede unangenehme Erinnerung aus ſeinem Geiſte zu verbannen. „Aber ſaget mir,“— fing Timanni wiederum an —„wie war es möglich, mich von dem heutigen Gaſt⸗ mahle in Kenntniß zu ſetzen, ohne auch nur mit einem Worte die Anweſenheit Jemandens, womit ich ſo ungern in Berührung komme, zu erwähnen?“ „Was ſoll ich darauf erwiedern, ich wußte es eben ſo wenig, als Cw. Ehrwürden. Geſtern erſt erfuhr ich es, und da waret Ihr ſchon im Beſitze meines Schrei⸗ bens, und ich hatte weiter keine Gelegenheit, Euch zu warnen.“ Tante Barbara hatte nämlich erfahren, daß der Prediger Timanni von Holland zurückgekehrt ſey und an der frieſiſchen Küſte ſich aufhalte, und in der feſten Ueberzeugung, daß er dem Gaſtmahle gern beiwohnen würde, hatte ſie ihn ſchon früher dazu eingeladen, ehe ſie Camphuiſens Einladung erfuhr. Dieß hatte ſie den ganzen Tag über beunruhigt. Es ſchien jedoch, daß die dem Prediger von Tante Barbara ſo reichlich zugeſchobenen guten Gaben ihn endlich beruhigten, denn er hatte von jeher große Lieb⸗ haberei für eine gut beſetzte Tafel an den Tag gelegt. Tante Barbara's Anweſenheit trug auch das ihrige dazu bei, und wir wollen daher den ehrwürdigen Mann noch einige Augenblicke der liebreichen Pflege der ſorg⸗ lichen Matrone überlaſſen, und uns nach der übrigen Geſellſchaft umſehen. Sechstes Kapitel. Mo ritz war gegen ſeinen Willen, nachdem er den Eßſaal verlaſſen, von dem Sekretarius in Anſpruch ge⸗ nommen worden, der ſich in einer Fluth von Worten 88 über den Unverſtand des Seefahrers Luft machke, der weder ſeine Gelehrſamkeit, noch die unverbrüchliche Wahr⸗ heiten der Traditionen und Chroniken anerkennen wollte, und dieß Alles Lügen nannte. „Wenn er ſich noch, wie Doktor Timanni, der auch in einigen Punkten nicht mit mir übereinſtimmt, in einen vernünftigen Wortſtreit einließe, dann wäre noch Etwas mit ihm anzufangen; doch dazu iſt er viel zu dumm, er ſchlägt mit Machtſprüchen oder ungeſchlachten Seeausdrücken dazwiſchen, ohne die geringſte Rückſicht zu nehmen. Ihr werdet es beſtimmt nicht bezweifeln, daß die Bewohner dieſer Inſel, ſowie die von ganz Germa⸗ nien, früherhin verſtockte Götzendiener waren 4 „Davon bin ich feſt überzeugt“— fiel ihm Moritz in die Rede, welcher Klara's ſchlanke Geſtalt bemerkt hatte, und ſich gern von dem Sekretär losmachen wollte. Doch dieß war nicht ſo leicht. „Vielleicht iſt es nicht eben ſo klar, daß dieſe Inſel das ehemals ſo berühmte Foſetenland iſt, deſſen Al⸗ cuinus in ſeinem vita Sanchi Willebrordi erwähnt und von mehreren alten frieſiſchen und däniſchen Chro⸗ niken angeführt wird. Doch auch dieß werde ich Euch deutlich beweiſen. Ihr verſteht ja die gelehrten Sprachen, mein geehrter Freund?“ „Ein wenig;“— erwiederte Moritz indem er in Geheimen den läſtigen Gelehrten und alle ſeine Chroniken verwünſchte—„übrigens fürchte ich, zu wenig mit dem Latein des Mittelalters und mit der alten Geſchichte dieſer Gegenden vertraut zu ſeyn, um mit Nutzen Euren Vortrag hierüber anhören zu können.“ „Durchaus nicht, mein Freund! es iſt ein ſehr gu⸗ tes Latein, Ihr werdet es ſelbſt finden. Uebrigens wolli ich Euch nur beweiſen, daß dieſe Inſel, und keineswegs wie Timanni thörichter Weiſe behauptet, das weit von hier gelegene Helgoland das in den Chroniken gemeihte Foſetenland iſt. Sein einziger Beweis für ſeine ungereimte Behauptung beſteht darin, daß der rkt te. iſel Al⸗ hut ro⸗ uch hen, im iken dem chte uren gu⸗ ollte vegs weit niken weit de 89 erſte chriſtliche Prediger Lindgerus nach benannter Inſel übergefahren ſey, daſelbſt Tempel und Götzenbilder vertilgt und die Einwohner aus einem von ihm gehei⸗ ligten Brunnen getauft habe. Von dieſer Zeit an ſoll der frühere Name in den„das heilige Land“ verwandelt ſeyn, was er jetzt noch im Worte Helgoland zu fin⸗ den wähnt. Ihr werdet mir geſtehen, daß dies ein ſehr ſchwacher Beweis iſt.“ „Ich räume es vollkommen ein,“— erwiederte Moritz, der immer ungeduldiger wurde,—„aber ſollen wir uns nicht zu unſerm Gaſtherrn begeben, welcher dort mit der übrigen Geſellſchaft im Garten iſt?“ „Nur noch einen Augenblick,“— begann Baart auf's Neue—„ich wollte Euch nur ſo eben meine Ge⸗ gengründe mittheilen, und ich bin überzeugt, Ihr werdet mir beipflichten. Der Seemann Rienk iſt dafür ganz unempfänglich, doch Ihr, da die weibliche Linie Eurer Familie von hier abſtammt, werdet mit großem Intereſſe vernehmen, daß ein ſo berühmtes Land die Wiege der Kamminga's iſt. Achtet daher aufmerkſam auf das, was ich Euch vorleſen werde.“ Er holte abermals den von Rienk ſo geringfügig beachteten Auszug aus den Chroniken hervor und hub an: ln copfinio Frisonum atque Danarum ad quandam insulam „Ich glaube wahrlich, daß Herr von Heerema uns zu ſich ruft“— ſagte Moritz, welcher befürchtete, daß die Vorleſung ſo ſchnell nicht enden würde—„wir müſſen uns doch zu ihm begeben.“ „Ich bitte Euch, bleibt!“— erwiederte Baart —„Ihr könnt doch nicht verlangen, daß ich dieß in Gegenwart des rohen Seehundes, der mich heute Mit⸗ tag ſo bitter beleidigte, vorleſen ſoll, und der ohne Rück⸗ ſicht auf die Menſchen und den Ort, wo wir uns befan⸗ den, im Begriff ſtand, mich anzutaſten, und mir unge⸗ achtet meiner amtlichen Stellung auf dieſer Inſel Fauſt⸗ ſchläge ſtatt der Beweisgründe austheilen wollte, hoͤrt mich nur an, und Ihr werdet Euch alsbald von der Wahrheit überzeugen. In confinio Frisonum atque Panarum transfretavit ad quantam insuiam, quae a nomine dei sui falsi Foseto, Foseteland appellata destruxerunt omnia ejusdem Fosetis fana, „ est. et pro iis Christi ecclesias.. Soweit war Baart mit ſeiner Vorleſung gedie⸗ hen, und Moritzens Ungeduld, welcher Klara allein im Garten bemerkt hatte, war auf's höchſte geſtiegen, als Taco mit der Lebhaftigkeit ſeines Charakters, der noch durch die Feſtfreuden geſteigert worden war, die bei⸗ den Herren überfiel, und ihnen mit ſo vielem Gepränge das Vergnügen, welches er heute gehabt, erzählte, daß Baart wohl einſah, daß der günſtige Zeitpunkt für ſeine Vorleſung vorüber ſey, und daher das Papier un⸗ tröſtlich wieder in die Taſche ſteckte. Moritz benutzte freudig dieſe Störung, verfügte ſich wieder zur übrigen Geſellſchaft, und hoffte bald Gelegenheit zu finden, ſich mit Klara in eine vertraute Unterhaltung einzulaſſen, um ſo mehr, da ſein Aufenthalt hier ſich dem Ende näherte. Klara ſchien in den letzten Tagen abſichtlich einer jeden Unterhaltung mit Moritzen aus dem Wege gegangen zu ſeyn. Jetzt hoffte er aber die Gelegenheit zu finden, ſie ungeſtört zu ſprechen, und dann wollte er ſie an das, was ſich im Haag zugetragen, erinnern. Doch als er ſich in dieſer Abſicht nach der Seite des Gartens, wo er ſie geſehen hatte, begab, näherte ſich ihr Camphuiſen und redete ſie an. Wir müſſen ihnen eine kurze Zeit folgen. Sie ließen ſich auf einer Bank nieder, von wo aus ſie die Ausſicht auf das Meer und die frieſiſchen Küſten hatten. „Ich habe Euch um eine kurze Unterhaltung erſucht, Fräulein!“— ſagte Camphuiſen—„und es freut mich, daß Ihr ſie mir ſo ſchnell bewilligtet.“ „Wäre es möglich, daß mein theurer Freund, der geliebte Lehrer meiner Jugend und mein treuer Rathgeber Etwas von mir fordern könnte, was ich ihm nicht ohne 5 —— S S 8 8 6 7 t, tt er er 1e 91 allen Anſtand bewilligte?“— antwortete Klara— „doch warum dieſer feierliche Ton? Warum nennt Ihr mich nicht wie früher bei meinem Namen? Bin ich nicht mehr Eure Klara, Eure dankbare Schülerin? Und ſeyd Ihr nicht mehr der alte treue Freund, welcher der unglücklichen Waiſe ſo viel Theilnahme und Liebe bewies ſeit dem Tage...“ Sie ſchwieg gerührt. „Kann die Theilnahme und die Anhänglichkeit, welche ein unglücklicher Verbannter für Euch hegte, einigen Werth für Euch haben, Klara?“ „Wie könnt Ihr ſo reden?“— ſprach ſie mit Nach⸗ druck.—„Lehrtet Ihr mich nicht, daß Unglück der Prüf⸗ ſtein der Freundſchaft und der Tugend ſey, und daß der Unglückliche leider nur zu oft an ſein eigenes Leiden denkt, und für fremdes keine Thräne übrig hat? Habt Ihr mir nicht geſagt, daß ein jedes Wort des Troſtes und der Theilnahme, welches ein Leidensgefährte aus⸗ ſpricht, ſchmerzſtillender Balſam für die klaffende Wunde iſt? Und ſollte es mir nicht zum Troſte gereichen, daß Ihr in Eurer ſo höchſt trübſeligen Lage noch Worte der Theilnahme und des Troſtes und Thränen des innigſten Mitgefühls übrig habt?“ „Ihr habt recht, Klara! ich war einſt Euer Leh⸗ rer und Rathgeber und bin noch ſtets Euer väterlicher Freund., Die warme Anhänglichkeit, welche Ihr mir von früheſter Kindheit an den Tag legtet und jetzt noch nicht verläugnet, legt mir die heilige Verpflichtung auf, Euch mit Rath unb That beizuſtehen. Als vor einer Reihe Jahren Eue Bater mich erſuchte, Eure Erziehung zu übernehmer waret Ihr ein wildes, eigenſinniges klei⸗ nes Mäbchen, und, wenn auch erſt ſieben bis acht Jahre alt, ſchwer eegieren, denn Ihr legtet einen trotzigen Unabhängigleitsſinn an den Tag, worüber ſich ein Jeder wunderte Ich hatte ein ſchweres Werk übernommen.“ „Doch nein, Euch war es nicht ſchwer. Ihr allein vermochtet meinen Charakter zu beugen, und mich trotz meines Sinnes zur Unterwürfigkeit zu bewegen. Ihr waret ſtets ſo gut und ſanft....“ „In der That glückte es mir, auf Euch einzuwirken und die Beſorgniß Eurer Eltern zu verringern. Schon wenige Monate nachher, als mir Eure Erziehung anver⸗ traut worden war, erlaubten mir meine Amtspflichten, Euch nur wenige Augenblicke zu widmen, aber Ihr hattet Euch ſchon damals in ein ſanftes und gehorſames Kind umgewandelt.“ „Dieß war ich wohl gegen Euch, aber meine Eltern betrübte ich noch ſtets durch mein leidenſchaftliches Weſen. In Euren Worten, denen ich allein Gehorſam ſchenkte, lag eine ſonderbare Kraft.“ „Wißt Ihr noch, wie Ihr ein paar Jahre ſpäter, von einem hitzigen Fieber befallen, durchaus einen Trunk faltes Waſſer begehrtet, welches der Arzt, als Euch tödtlich, unterſagt hatte? Wißt Ihr, wie durch die Weigerung Euer Fieber noch vermehrt wurde, und Alle, von Schrecken ergriffen, Euch anblickten? Wißt Ihr es noch, wie ich damals in Euer Zimmer trat und mit wenigen Worten Euch beruhigte, wie Ihr Euer glühendes Haupt an meine Bruſt legtet und bitter weintet, durch Euer thörichtes Verlangen Eure geliebten Umgebungen auf's Neue be⸗ trübt zu haben?“ „Ich weiß es recht wohl, Eurer ruhigen Spracht konnte ſelbſt das brennende Fieber keinen Widerſtand leiſten. Warum mußte ich von Euch getrennt werden?“ „Ihr waret damals noch ein Kind, Klara! Iht wuchſet allmählig zur Jungfrau heran, und nur wenigt Ausnahmen abgerechnet, waret Ihr durch Eure Sanft⸗ muth die Freude Eurer Eltern, beſonders die Eures ed⸗ len Vaters, welcher mit väterlichem Stolze und Wohl gefallen auf Euch hinſah. Doch die Umſtände entfernten mich, als Ihr vierzehn;Jahre alt waret, aus Eure Nähe „Und ich weinte damals“— unterbrach ihn Klart —„die bitterſten Thränen, welche ich je vergoſſen habn ——+— 3— ——„—-—,—,— e——,——————— ——— 93 r Ihr waret mein Wohlthäter, mein innigſter Freund.„ Ach! wie wenig war ich im Stande, es Euch zu ver⸗ n gelten.“ n„Was ich that, war nur wenig gegen das, was ich r⸗ Eurer Familie ſchuldig war. Doch hiervon wollte ich n„ jetzt nicht reden. Als Euer Vater verhindert war, für et Euch Sorge zu tragen, war ich Euer väterlicher Freund d und Rathgeber. Ich ſchätzte mich glücklich, Etwas zu der Ausbildung eines Mädchens, mit ſo vortrefflichen rn Eigenſchaften begabt, beigetragen zu haben. Ihr verließet n mich, und es verſtrichen Jahre, bevor wir uns wieder⸗ te, ſahen. Seit unſerer Trennung wurden wir von bitterem Herzeleid heimgeſucht. Ich habe oft in dieſer Zeit an er, Euch gedacht; ich wußte, daß Euer zartfühlendes Herz ink ſchwer leiden würde; aber ich wußte auch, daß Eure mehr ch, als weibliche Geiſteskraft in chriſtlicher Ergebung, welche ich Euch von Jugend auf einzuflößen bemüht war, das ten über Euch Verhängte tragen würde. Vor wenigen Mo⸗ ich naten führte uns die Vorfehung wieder zuſammen, und ten ich war darauf bedacht, einen Blick in Euer Innerſtes ine zu thun Gegen Euren Willen glückte es mir nur zum tes Thei: das Herz, welches früher für mich geöffnet war, be⸗ verſchloß ſich mir jetzt— das frühere Zutrauen war verſchwunden, und die herzliche Zuneigung, welche Ihr che mir einſt ſchenktet....“ and„Haltet ein, ich bitte Euch!“— fiel ihm Klara n“ ſchluchzend in die Rede—„mein Herz erkennt noch wie Ihr früher alles Gute, was Ihr an mir gethan habt, und nig iſt Euch beſtändig auf gleiche Weiſe zugethan. Aber Ihr nf vergeßt den veränderten Zuſtand, welchem ich ſeit unſrer ed. Trennung unterworfen war, die herben Leiden, welche mir oh auferlegt ſind.“ nten„Nein, Klara, ich vergaß es nicht, eben ſo wenig, ur daß die erwachſene Jungfrau nicht mehr ſo zu mir ſeyn konnte, als ſie als Kind war.- Aber die geheimnißvolle ars Zurückhaltung, welche ich— verzeihet es meiner Auf⸗ ab richtigkeit— mit Betrübniß an Euch wahrnehme, iſt 94 nicht die Folge der Jahre, noch der erlebten Widerwät⸗ tigkeiten. Es iſt wahrſcheinlich das letztemal, daß ich zu Euch rede.“ „Das letztemal!“— erwiederte Klara bewegt— „was wollt Ihr damit ſagen? Ihr wollt uns doch nicht verlaſſen?“ „Gegen meinen Willen werde ich dazu gezwungen. So wohl meine Frau als ich können das Klima dieſer Inſel nicht ertragen, und außerdem zwingen uns noch andere Umſtände, einen andern Aufenthaltsort zu ſuchen. So eben erhielt ich einen Brief von meiner Frau, worin ſie mir berichtet, daß in einer benachbarten kleinen frieſiſchen Stadt ein Zufluchtsort, wohin ich mich in Kurzem begeben werde, ausgefunden iſt.“ „Alſo auch mein beſter, mein einziger Freund will mich verlaſſen? Ach! alles verläßt mich ſeit jenem Tage. „Weil ich Euch das bin, ſo will ich um ſo weni⸗ ger von Euch ſcheiden, ohne ein ernſtes und wohlmei⸗ nendes Wort mit Euch geredet zu haben. Ich habe ge⸗ gen Euren Willen, in Eurem Herzen geleſen, und es ſcheint mir, daß ſträfliche und ſündliche Gedanien es umgarnt haben. Die Gelaſſenheit, welche ich bei Euch zu finden hoffte, iſt von Euch gewichen. Euer Herz nährt eine unverſoͤhnliche Rache; wilvblutige Pläne beſchäfti⸗ gen es. Die ſtille Ruhe, Folge einer geduldigen Unter⸗ würſigkeit in den Willen der Vorſehung, und eines feſten Vertrauens auf den, welcher der Lenker unſerer Schick⸗ ſale iſt, wohnt nicht mehr in Eurem Innerſten.“ „Aber wie könnt Ihr verlangen, daß ich bei den ſchrecklichen Looſe, was mir beſchieden, ruhig und ge⸗ laſſen ſeyn ſoll? Könnt Ihr von mir fordern, daß ich das Geſchehene jemals vergeſſe?“ „Vom Vergeſſen tann hier nicht die Rede ſeyn. Die Euch von der Vorſehung zuertheilten ſchweren Pri⸗ fungen werden nie aus Eurem Gedächtniſſe verwiſ werden. Aber Ihr müßt verzeihen, Klara! Das iß 95 Chriſtenpflicht. Ihr müßt Euch ohne Murren ſeinem heiligen Willen unterwerfen, und ruhig tragen, was Er Euch auflegt. Ihr müßt die wilden Leidenſchaften be⸗ kämpfen, welche in Eurem Herzen toben, oder Ihr wer⸗ det von ihnen fortgeriſſen und unwiderruflich ins Ver⸗ derben geſtürzt.“ „Ich geſtehe es, die ſchreckliche Vergangenheit ſchwebt mir ſtets vor, und wühlt und kocht unaufhörlich in mei⸗ nem Gehirn. Ach! es gibt kein Heilmittel, das mir meine Ruhe zurückgeben kann.“ „Ich möchte doch einen Verſuch machen, vielleicht glückt es mir. O, Klara! wißt Ihr, was das fürch⸗ terliche Wort Rachſucht in ſich ſchließt?“ „Es iſt das Verlangen, Zeuge der vergeltenden All⸗ macht des Himmels zu ſeyn, und iſt gleichſam wie mit unſerer Natur verwebt. Blut für Blut iſt das erſte Geſetz der Schöpfung. Doch Ihr irrt Euch; ich nähre dieß Verlangen nicht.“ „Cs beherrſcht Eure ganze Seele, Klara! viel⸗ leicht ohne daß Ihr es vermuthet. Aber Eure Deutung iſt falſch. Nein, die Sucht nach Rache iſt der gemeinſte Trieb der verderbten menſchlichen Natur, die ſchändlichſte Verkennung einer ewig gerechten Vorſehung. Der, wel— cher ſie nährt, gleicht dem Raſenden, der nach dem ge⸗ zogenen Schwerte greift, womit er ſich nur ſelbſt ver⸗ wunden kann. O Klara! Klara! Ihr habt mich ſo eben Euren treueſten Freund genannt, laßt mir die Genugthuung, daß ich Euch auf den Weg der Tugend zurückgeführt habe. Schenkt mir wie früher Euer kind⸗ liches Vertrauen, und laßt meine Worte Eingang bei Euch finden. Auch ich habe in meinem noch nicht vor⸗ geruckten Alter viel erfahren, viel geſehen und gelernt, aber ich bin dabei zur feſten Ueberzeugung gelangt, daß alle Widerwärtigkeiten, die uns hienieden auch treffen, leicht zu ertragen ſind, wenn unſer Gewiſſen rein, und unſer Vertrauen auf Gott unwandelbar geblieben iſt; wenn wir aber unſre Gedanken von ihm abwenden, und 96 in der Stärke unſeres Geiſtes oder Körpers die Hülfs⸗ mittel zu finden wähnen, welche uns Genugthuung für unſre Leiden gewähren ſollen, welche die Hand unſerer Mitmenſchen uns zugefügt hat, dann gerathen wir auf irrige und ſündige Wege, und wir müſſen unter der Laſt erliegen, welche uns früher beugte, aber nie völlig nie⸗ derdrückte. Ich bitte Euch, Klara! ſeyd noch einmal das eigenſinnige, leidenſchaftliche, aber doch wie Ihr in Eu⸗ rer Kindheit waret, das für meine Ermahnungen ſo em⸗ pfängliche Mädchen, und redet wie damals frei und of⸗ fenherzig mit mir; ich will Euch antworten und Euch überzeugen, daß mein Mund die Wahrheit redet, daß das Gluck oder Unglück Eures ganzen Lebens von der Befolgung meiner Ermahnungen abhängt.“ Klara war heftig bewegt und⸗ ſchluchzte laut. Nachdem ſie ſich ein wenig erholt hatte, ſprach ſie: „Ihr ſeyd noch immer derſelbe gute, theilnehmende Freund, und ich noch ſtets das thörichte und eigenſin⸗ nige Mädchen, welches Euren liebreichen Ermahnungen leider nur zu wenig Gehör ſchenkt. Aber glaubt mir, Eure rege Theilnahme für mein Loos führt Euch dieß⸗ mal irre— Ihr ſchreibt mir Gefühle zu, deren ich mich ſelbſt nicht ſchuldig weiß.“ „Ihr kennt Euch nicht genug, Klara! und wißt nicht, was in Eurem Innern vorgeht; ich aber habe Euer Herz durchſchaut, deutlicher als Ihr es ſelbſt vermuthet. Ich gewahre Triebe und Leidenſchaften, deren ich meine ge⸗ liebte Schülerin nicht fähig hielt.“ „Ja, ich haſſe den Mann, durch welchen mir dieſer bittere Kelch beſcheert wurde,“— ſprach Klara mit einem finſtern Blick—„und ich werde ihn haſſen, ſo lange ich lebe; denn ich beſitze nicht die Kraft, die Ge⸗ fühle, welche mich Tag und Nacht beſtürmen, zu un⸗ terdrücken, und der, welcher die Unvollkommenheit ſei⸗ ner Geſchöpfe kennt, möge es mir dereinſt vergeben. Aber mein Haß iſt unnütz und vielleicht thöricht, da jedes . i⸗ er 97 Bemühen ihm Genugthuung zu verſchaffen, kindiſch er⸗ ſcheinen und erfolglos bleiben würde. „Nicht allein die That, ſondern auch der Wille und der ſündige Gedanke iſt vor dem allein Reinen ſtrafbar. Außerdem weiß ich, daß Eure Geiſteskraft über die Eu⸗ res Geſchlechtes weit erhaben iſt, daß Eure männliche Seele zu kühnen Plänen fähig iſt, und daß Ihr keck allen Gefahren, die Ihr zur Ausführung bringen kön⸗ net, Trotz bietet. Wir leben in ſchweren und verhäng⸗ nißvollen Zeiten. Laßt mich daher nicht, wo ich Euch wahrſcheinlich auf immer Lebewohl ſage, von Euch ſchei⸗ den, ohne mir feſt verſprochen zu haben, keinen Schritt von dem Wege der Tugend und der Pflicht abzuweichen. O laßt dieß meinen einzigen Lohn ſeyn, wenn Ihr mir verpflichtet zu ſeyn glaubt, und laßt mich die Ueber⸗ zeugung mit fortnehmen, daß das Mädchen, für deren wahrhaftes Heil ich die höchſte Theilnahme hege, durch meine Worte eine Leidenſchaft beſiegen lernte, welche ſündig iſt bei einem jeden Menſchen, bei einer Frau aber, — verzeiht mir das Wort, Klara!— oabſcheulich ge⸗ nannt werden muß.“ „Ihr habt nichts zu fürchten, glaubt es mir. Der Trieb, welchen Ihr in meinem Innerſten vermuthet, ſoll, wenn ich ihn auch nicht ganz erſticken kann, mich doch nie zu einem Schritte verleiten, der meiner unwürdig iſt, und den Namen, welchen ich führe— einſt unbefleckt— brandmarken. Ich wiederhole es Euch, ich bin ein ſchwa⸗ ches ohnmächtiges Mädchen.... ia, wenn mein Arm das Schwert führen könnte.... doch nein, ich bin nur ein unbedeutendes Weſen, das Niemanden Furcht einjagen kann. Ihr ſeht daher, daß Euer Vermuthen ungegruͤn⸗ det iſt— von mir haben unſere Unterdrücker nichts zu fürchten.“ „Klara, täuſcht mich nicht, oder täuſcht Ihr Euch vielleicht ſelbſt?“ „Nein!“— antwortete das Mädchen mit einem— Der Schutzgeiſt, II. 7 98 feſten Tone—„jeden Schritt, den ich unternehme, hoffe ich ſogar bei Euch verantworten zu können. Habt daher deßhalb keine Beſorgniß.“ „Ich that, was ich fonnte, was meine Pflicht und meine innige Theilnahme für Euch vermochte und er⸗ heiſchte. Mögt Ihr Euch noch zuweilen meiner Worte erinnern. Möge in einer jeden Lage Eures Lebens das Bild eines Vaters, der Euch ſo ſehr liebte, Euch vor⸗ ſchweben!“ „Mein Vater,“— ſprach das Mädchen mit abge⸗ wandtem Geſichte—„ja er hatte mich lieb und dachte noch in der Todesſtunde an mich— nein, nein!“— fuhr ſie heftig bewegt fort—„ſein Bild muß mir nicht vorſchweben. Ich muß den Gedanken an ihn, an den Augenblick— aus meinem Geiſte zu verbannen mich be⸗ mühen— ſonſt.... Sie ſchwieg, ſah mit ſtarrem Blick vor ſich hin und weinte. Camphuiſen ſah ſie gerührt an und ſchüttelte traurig mit dem Haupte. Er würde ſeine Ermahnungen vielleicht noch fortgeſetzt haben, wenn er nicht in einiger Entfernung Frau von Heerema bemerkt hätte, die ſich langſam näherte. ar ſprach er mit einer ſanften und von Rührung bewegten Stimme—„Gott weiß es, vielleicht wird ſich nie wieder die Gelegenheit daͤrbieten, dieß Ge⸗ ſpräch fortzuſetzen. Ich bitte Euch daher, erinnert Euch oft der Worte, die ich zu Euch ſprach. Tragt gelaſſen und ohne Murren, was Gott Euch auflegt. Bedenkt, daß Er regiert, und wenn Er, ſeinem göttlichen Rath⸗ ſchluſſe gemäß, das Unrecht zuweilen triumphiren läßt, daß Sein Auge doch ſtets auf die gerichtet iſt und be⸗ ſchützt, welche in Seiner Furcht wandeln. Denn der Pſalmiſt ſagt:„ich war jung Und bin alt geworden; aber ich habe nie den Gerechten von Gott verlaſſen, noch ſeine Kinder nach Brod ſuchen ſehen.“ Nachdem er dieß geſagt hatte, entfernte er ſich in einer Richtung, der entgegen, wo Frau von Heeremt be⸗ der och in ma 99 ihnen näher kam. Klara trat mit trübem Antlitz und mit auf die Erde gehefteten Augen der Ankommenden entgegen. „Warum ſo nachdenkend und bedrückt, meine Klara?⸗ — fragte Frau von Heerema, nachdem ſie ſich Klara genähert hatte. „So eben verließ mich Camphuiſen, wie Ihr bemerktet, und hat mir die Verſicherung gegeben, daß er vielleicht morgen ſchon dieſe Inſel auf immer verlaſſen werde. Ich verliere in ihm einen eben ſo aufrichtigen Freund als wohlmeinenden und verſtändigen Rathgeber.“ „Auch ich hörte es ſo eben und es betrübt mich ſo ſehr als Dich. Aber mich dünkt, ſeine aufrichtende Sprache und ſeine Troſtgründe, welche er ſtets für uns bereit hat, hätten Dich mit den Fügunzen der Vorſehung gewiſſermaßen ausſöhnen müſſen. Oder war Eure Unter⸗ haltung vielleicht der Art, daß ſie ſchmerzliche Gefühle in Dir erweckten?“ „Allerdings war ſie ſo, er berührte auf's Neue eine der zarteſten Saiten, die einzige, worin ich ſeinen Wor⸗ ten, weil meine Seele ſich dagegen ſträubt, kein Gehör ſchenken kann. Er will, daß ich das, was das höchſte Unglück meines Lebens ausmacht, vergeſſen und vergeben ſoll.“ F „Er fordert viel von Dir, aber nicht mit Unrecht, und nur wenn Du ſeine Ermahnungen befolgſt, wird Deine tiefgekränkte Seele Ruhe erlangen.“ „Ich kann es nicht; man fordere von mir alles Andere, nur nicht dieß. Alles, alles will ich vergeben — und wenn es Gottes Wille iſt— auch vergeſſen, nur nicht die letzte Mißhandlung, die bleibt mir ſtets gegen⸗ wärtig und nährt in meinem Herzen das Verlangen nach Wiedervergeltung. Es iſt ein brennendes Feuer, das— leider! weiß ich es— nur mich verzehren wird, ohne meinen unvertilglichen Haß im Geringſten zu mildern. Ich überlaſſe mich daher dieſer ſündigen Leidenſchaft, 7 100 welche meine Geſundheit untergräbt, und Gott weiß es, wie bald ſchon meinen Leiden durch den Tod ein Ziel ſetzen wird.“ Frau von Heerema betrachtete mitleidsvoll das ſchöne Mädchen, welches, wenn dieſer Punkt berührt wurde, auf's Heftigſte erſchüttert und aufgeregt war. Ihr Auge ſchien dann ein verzehrendes Feuer zu ſprühen, und die Lilien ihrer Wangen färbten ſich dunkelroth. Doch wenn man das Geſpräch abbrach, oder ihre Meinung gut hieß, dann ſchwanden wieder alle Zeichen der Aufgeregt⸗ heit von ihrem Antlitz, und es nahm, in einen Strom von Thränen ausbrechend, wieder das ſo ſanfte und ein⸗ nehmende Weſen an. Frau von Heerema wußte dieß zu gut, um ihr auch nur noch im Geringſten hierin zu widerſprechen. Sie war vielmehr darauf bedacht, ſie wieder zur gewöhnlichen Ruhe zu bringen, und nachdem ihr dieß gelungen war, ſagte ſie, Klara freundlich an⸗ ſehend: „Ich glaubte, Dein Geſpräch mit Camphuiſen ſey anderer und nicht ſo trüber Art geweſen, und daß in dem Herzen meiner Klara, das bis jetzt nur von einer ihr nicht ganz paſſenden Leidenſchaft, verzeihe mir den Ausdruck, eingenommen war⸗ jetzt ein zarteres Gefühl aufgekommen wäre, und ich habe mich beſtimmt nicht geirrt.“ Eine leichte, aber ſchnell vorübergehende Röthe färbte Klara's Wangen, und, Frau von Heerema an⸗ blickend, ſagte ſie: „Ihr wißt es, geliebte mütterliche Freundin! daß mein ſo tief gekränktes Herz kaum für zartere Gefühle empfänglich iſt. Dieß Herz liegt ſtets offen vor Euch; ich habe Euch nichts, was darin vorging, verborgen, ob⸗ leich man in meinem Alter oft damit zurückhält. Ihr wißt, welchen Eindruck dieſer Jüngling ſchon vor vier Jahren, als ich noch Kind war, auf mich machte. Ih ſchrieb dieſen Eindruck den Euch bekannten Umſtänden zu, und bemühete mich, ſein Bild ganz aus meinem Ge⸗ n ir 6 nt te n⸗ aß hle h; b⸗ hr ier Ich He⸗ 101 dächtniß zu verbannen. Wenn mir dieß auch nicht voll⸗ kommen glückte, und unſer Zuſammentreffen auf dieſer Inſel auch wieder Gefühle geweckt hat, die ich gern zu unterdrücken wünſchte, ſo bin ich doch jetzt noch wie frü⸗ her überzeugt, daß meine Seele nie ungetheilt die Ge⸗ fühle nähren kann, welche unter andern Verhältniſſen und ohne das Ereigniß, welches das Unglück meines Le⸗ bens ausmacht, mir die theuerſten ſeyn würden. Dieß iſt mein offenes Geſtändniß. Was könnt Ihr noch mehr von mir verlangen?“ „Daß Du dieß zufällige Zuſammentreffen als eine Schickung des Himmels betrachten ſollſt. Daß Du Dei⸗ nem früheren zarteren Gefühle Gehör ſchenkſt. Dein zartfühlendes Herz muß nur Liebe und keinen unverſöhn⸗ lichen Haß nähren. Erfülle Deine Beſtimmung, und ſuche das Glück Deines Lebens in der Liebe. Durch ſie wirſt Du Deine Leiden vergeſſen. Sie wird den bit⸗ tern Kelch in einen Becher der Freude und des Glücks verwandeln.“ Klara ſchüttelte ihr Haupt, legte die Hand auf's Herz und ſprach: „Die Stimme, welche hier deutlich zu mir redet, verſichert mich, daß ſeit jenem Tage alles Lebensglück für mich dahin iſt. Nein, mein Leben muß den Leiden, und wäre ich ein Mann, der Rache gewidmet ſeyn. Ich muß ein wieder aufgeregtes Gefühl, als meiner unwür⸗ dig, zu überwinden ſuchen.“ „Armes, unglückliches Kind! wie wenig kennſt Du Dich ſelbſt, wenn Du Dir das Vermögen dazu zutraueſt, und beſäßeſt Du wirklich dieſe Seelenſtärke, welch einen jämmerlichen Gebrauch machteſt Du damit. Doch ich hoffe, Du wirſt bald Deinen Irrthum einſehen und die Sachen aus einem andern Geſichtspunkte betrachten. Wer weiß es, ob nicht die Leidenſchaft, welche Du ietzt noch gering⸗ achteſt, bald tiefere Wurzeln ſchlägt, als Du vermutheſt, und ob ſie, ohne daß Dein Herz verblutet, überwunden werden kann.“ 102 „Sey es ſo! aber ich weiß auch, daß die Liebe, wenn ſie ſich in meinem Herzen offenbarte, es ganz be⸗ herrſchen und keinem andern Gefühl Raum geben würde. So lange dieß nicht der Fall iſt, werde ich es beherr⸗ ſchen, mich aber nie von ihm beherrſchen laſſen. Außer⸗ dem wiederhole ich Euch, ein jeder Verſuch, meinem Ge⸗ ſchicke entgehen zu wollen, wäre unnütz, und ich würde mich nur einer Hoffnung auf Gluͤck hingeben, das nie eintreten wird.“ „Wie iſt es möglich, daß eine ſo kräftige Seele, als die Deinige ſo dem Aberglauben des gemeinen Man⸗ nes huldigen, und den Weiſſagungen einer alten Frau, dieſer Tekla, welche zwar großes Intereſſe einfloßt, doch beſtimmt von keinem prophetiſchen Geiſte beſeelt iſt, Glau⸗ ben beimeſſen kann.“ „Stärker und deutlicher als die Worte der alten Frau redet die Stimme in meinem Innern.“ Wir wollen dieſem Geſpräche, das noch einige Zeit fortgeſetzt wurde, nicht länger folgen. Wir haben dar⸗ aus vernommen, daß der Keim zu einer Leidenſchaft, den ſie noch nicht anerkennen wollte, gelegt war, und den Frau von Heerema ſo viel als möglich zu nähren ſuchte. Beide Frauen wußten nichts von Moritzens Verhältniſſen zu Emma, denn jener hatte während ſei⸗ nem Aufenthalte auf dem Schloſſe nichts davon erwähnt. Der Abend war angebrochen. Die Gäſte, Baart und Timanni ausgenommen, hatten das Schloß wieder verlaſſen. Dieſer letzte war auf Tante Bar⸗ para's dringende Einladung geblieben, und beide Herren ſetzten noch ihren Wörtſtreit über die Alterthumskunde fort. Der Hausherr wurde mitunter über ſeine Meinung gefragt und dann gab er bald dem Einen bald dem Au⸗ dern Recht, indem er ſich emſig mit einem Bilde, worauf Jagdhunde waren⸗ beſchäftigte. Da Timanni bemerkte, daß Herr von Heerema der Disputation nicht die gehörige Aufmerkſamkeit ſchenkte, ſo wandte er ſich 9 Moritz und ſprach: 103 „Helgoland iſt nichts anders als Heiligland. Das kann ein Blinder ſehen und ein Tauber hören. Auch wurde dieſer Name früher Helagland geſchrie⸗ „Quod erit demonstrandum“— unterbrach ihn der Sekretarius, indem er ſein Glas leerte. „Die alten Chroniken weiſen es aus, ſowie das Le⸗ ben der Heiligen, welche daſelbſt das Chriſtenthum ver⸗ kündigt haben.“ „Aber in dem Leben des St. Willebrardi“— erwiederte Baart—„leſen wir, daß das beſagte Ei⸗ land in confinio Frisonum lag....“ „Et in confinio Danorum“— rief Timanni mit lauter Stimme—„und was kann es anders ſeyn als das gegenwärtige Helgoland?“ Jetzt ſprachen beide Herren zugleich auf's leiden⸗ ſchaftlichſte zu einander, und Moritz, der am Fenſter ſaß, ſollte als Schiedsrichter aufgerufen werden. Doch dieſer ſah Klara mit einer Laute im Garten gehen und verließ unbemerkt das Zimmer. Er irrte einige Augenblicke, ohne Klara zu gewahren, im Garten um⸗ her, als er plötzlich den, fernen Ton der Laute, von Klara's wohllautender Stimme begleitet, hörte. Er folgte dieſen Tönen und fand das Mädchen auf einer Bank an der Kapelle ſitzend. Klara beſang den wiedergekehrten Frühling und deſſen Freuden mit ſo rührenden und hinreißenden Tönen, daß Moritz faſt in Anbetung verſunken wäre. Die Sängerin ſchwieg einen Augenblick, griff dann wieder in die Saiten und ſang tief bewegt mit unſicherer Stimme folgenden Vers: Doch weder milde Frühlingsluft, Noch heitrer Sonnenſchein: Noch aller Blumen ſußer Duft, Wirkt heilend auf mich ein. Sie ſchwieg wieder und heftete ihren Blick auf die 104 Erde. Ihr ſchönes Haupt ſank ſchwermüthig auf ihren Buſen nieder. Moritz trat langſam näher, und erſt als er dicht vor ihr ſtand, bemerkte ſie ihn. Ob ihre Gedanken mit ihm beſchaftigt waren, oder ob eine an⸗ dere Urſache obwaltete, ihr Antlitz verrieth Verlegenheit und färbte ſich hochroth. Verwirrt ſah ſie vor ſich nie⸗ der, und die Laute entglitt ihren Fingern. Dieſe Ver⸗ legenheit ſchien ſich Moritzen mitzutheilen. Er trat einige Schritte zurück, und ſtammelnd redete er ſie an: „Verzeihet, Fräulein! wenn ich Euch ſtörte... ich konnte den himmliſchen Tönen, welche mein Ohr tra⸗ fen, nicht widerſtehen, noch der lieblichen Sängerin meine Verehrung auszuſprechen mir verſagen.“ Indem er ſo redete, war Klara bemüht, ihre Ver⸗ wirrung zu beherrſchen, worauf ſie lächelnd ihm ant⸗ wortete: Schmeicheleien ſollten zwiſchen uns gewechſelt werden. Ihr verſprachet es mir. Verſparet Eure ſchönen Worte „Dieß iſt gegen unſere Abrede, Vetter! Keine ——— für einen andern Ort und eine andere Gelegenheit, hier iſt es eine ungangbare Münze, die Euren vortrefflichen Eigenſchaften nur ſchaden, in keinem Falle nützen kann.“ „Ihr habt recht, Klaral“ erwiederte Moritz be⸗ ſchämt—„ich ſprach thöricht, obgleich meine Worte wohlgemeint waren, denn es iſt eine Thorheit, ſich einem ſo ungewöhnlichen Weſen, wie Ihr ſeyd, mit ſolchen Ge⸗ meinplätzen zu nähern. Ich gelobe Euch, daß Ihr nie wieder Veranlaſſung haben ſollt, mich zu tadeln, doch müßt Ihr mir meine Worte nicht übel deuten, wenn ich Euch die aufrichtige Verſicherung gebe, daß Ihr mir das höchſte Intereſſe und daß ich weder ohne wahr⸗ haftes Mitgefühl die Thränen anſehen kann, die ſo oft Eure Augen verdunkeln, noch die trübe Stimmung, welche in Euren Jahren und bei Euren ſo ausgezeichneten Ga⸗ ben eben ſo räthſelhaft als beklagenswerth erſcheint.“ „Es iſt das Loos meines Lebens. Vergebens wür⸗ den wir gegen das, was eine höhere Macht über uns M 105 verhängt hat, ankämpfen. Doch Ihr wißt, wie ungern ich dieſen Punkt berühre.“ „Der traurige Schluß des Liedes, welches Ihr ſo eben ſangt, veranlaßte mich zu dieſer Aeußerung.“ „Die Worte ſind von unſerem wackern Kamphui⸗ ſen, außer wenigen Strophen, welche ich hinzufügte; denn der gute Mann würde es ſich zur Sünde anrechnen, wenn er die Schönheit der erwachenden Natur beſingt, Klagen über ſein herbes Geſchick, obgleich er viele Gründe dafür hätte, hinzuzufügen.“ „Glaubt Ihr Klara! dazu berechtigt zu ſeyn, was der würdige Geiſtliche ſich verſagt? Iſt Euer Miß⸗ geſchick ſo viel größer als das ſeinige, und müßt Ihr trauern, wo er noch ſo vielen Stoff zur Freude findet?“ „Ich, ein Mädchen, beſitze nicht die dem Manne eigene Geiſteskraft, womit er die ihm auferlegte Trübſal trägt. Dann iſt mein Unglück auch größer, als das ſeinige; ih bim doch laßt uns wieder ein Geſpräch abbre⸗ chen, welches Gefühle bei mir weckt, die auch ohne daran erinnert zu werden, ſich oft genug einſtellen.“ „Könntet Ihr des Freundes Hand zurückſtoßen“— ſagte Moritz, indem er ſich zu ihr ſetzte—“ welche ſich erbietet Euch im Tragen Eurer Laſt behülflich zu ſeyn? O Klara! laßt mich Euer Freund ſeyn, bewilligt mir dieſen ſchönen Namen. So viele geiſtige und körper⸗ liche Vorzüge, die ich an Euch bewundere..... nein unterbrecht mich nicht: meine Lippen mögen verſtummen, wenn ich damit eine Schmeichelei ſage— haben mir eine ſolche Theilnahme eingeflößt, daß ich Eure Freund⸗ ſchaft, Euer Vertrauen als den koſtbarſten Schatz be⸗ trachte. O laßt mich nicht vergebens darum gefleht haben.“ „Wozu kann Euch die Freundſchaft eines unglück— lichen Weſens dienen, das nur im Grabe Ruhe zu fin⸗ den hofft. Vielleicht iſt es mein Mißgeſchick, welches Euch dieſe Theilnahme einflößt, und Ihr erwartet wohl, Eurer lebendigen Einbildungskraft zufolge, eine intereſ⸗ — 106 ſante Erzählung meiner Widerwärtigkeiten? Nein, Mo⸗ ritz, meine Leiden können nur ein unfruchtbares Mit⸗ leiden erregen, wodurch ich verkannt, ja von Einigen ſogar der Verachtung ausgeſetzt werden könnte.“ „Ihr beurtheilt mich unrecht“— ſprach Moritz, in⸗ dem er ihre Hand faßte—„wenn Ihr glaubt, daß ſol⸗ Wenn ich auch keine andere Veranlaſſung hätte, Euren Schmerz zu theilen und mich Eurer Freundſchaft würdig zu machen, als die welche mir auf dieſer Inſel zu Theil wird— auch dann würde che Gefühle mich leiten. ich ſo reden wie jetzt. dere Urſache— Ihr könnt es Euch wohl Als ich vor wenigen Tagen hier mit traf, war es nicht zum erſten Male. Aber es beſteht noch eine an— ſchon denken. Euch zuſammen⸗ Schon vor Jah⸗ ren ſtand dieſe anmuthige Geſtalt, kaum der Kindheit entwachſen, vor mir, und benetzte meine Hand mit ihren Thränen. Die Erinnerung an dieſe geheimnißvolle Er⸗ ſcheinung iſt ſeit jenem Augenblicke nicht wieder von Soll ich jetzt vergebens um die Löſung mir gewichen. dieſes Räthſels bitten, wel nate lang peinigte?“ Klara antwor ſchwebte auf ihren Lippen. Erde niedergeſchlagen, und nachdem genblicke ſpäter empor richtete, g welche ſie vergebens zu unterdrücken ſuchte. von einer ſchmerzlichen Erinnerung überwältigt zu ſeyn. ches mich Wochen und Mo⸗ tete nicht: ein wehmüthiges Lächeln Ihr Auge war noch zur ſie es einige Au⸗ länzte eine Thräne darin, Sie ſchien Sie wollte reden, doch ihre Lippen bebten; ſie wandte ihr Antlitz ab, um ihre Thränen zu verbergen, doch auch dieſes glückte ihr nicht. „Laßt mir Verzeihung angedeihen, ich bitte Euch inſtändigſt, Klara!“— ſprach Moritz, indem er vor ihr niederkniete—„Ich war vielleicht unbedachtſam, ja grauſam, indem ich eine Saite anſchlug, die ſo traurige Gefühle in Euch erweckt. Auftlärung; ich ehre Euren Schmerz ohne heimniſſen Eures Lebens bekannt zu ſeyn. Ich bitte nicht länger um mit den Ge⸗ Doch ſagt 107 mir nur ein Wort der Verzeihung, und daß Ihr mich Eurer Freundſchaft nicht unwerth achtet.“ „Nur mich muß ich anklagen. Ich ſchwaches, ohn⸗ mächtiges Geſchöpf glaubte Kraft genug zu beſitzen, meine Gefühle zu beherrſchen; aber ach! oft reicht ein Wort hin, um mich in meiner ganzen Schwäche darzuſtellen. Doch“— ſprach ſie ruhiger, indem ſie Moritz wieder aufrichtete—„ſucht nicht in das Geheimniß meines Le⸗ bens einzudringen; vielleicht kommt noch einmal die Zeit, wo Euch das, was Euch jetzt ſo räthſelhaft erſcheint, aufgeklärt werden wird. Nur noch eine Bitte; weckt keine Erinnerung in mir, die mein Herz mitleidslos durchbohrt.“ „Welcher Art Euer Unglück auch ſeyn mag, Ihr beſitzt Seelenkraft genug, um es mit Ergebung zu tra⸗ gen, und dies ſeyd Ihr Euch, ſeyd Ihr Euren Freunden ſchuldig.“ „Meinen Freunden! wo ſind ſie? die zahlreichen Schaaren, welche einſt das Haus meines Vaters anfüll⸗ ten, und Freundſchoft für ihn und die Seinigen erheu⸗ chelten, ſind in den Tagen des Unglücks verſchwunden, dem Schnee gleich, der durch die Frühlingsſonne weg⸗ ſchmilzt. Und jetzt— doch ich will nicht undankbar ſeyn, der Lehrer meiner Jugend iſt mir geblieben, und die Be⸗ wohner dieſes Schloſſes überhäufen mich mit Freund⸗ ſchaft.“ „O, dann vergönnt mir unter die Wenigen gezählt zu werden, welche den Namen eines Freundes verdienen, und ſeyd überzeugt, Klara, daß mir kein Opfer zu ſchwer ſeyn wird, mich deſſen würdig zu machen. Wir wollen der Welt das Beiſpiel einer treuen und reinen Freundſchaft liefern, bis einſt eine zartere Neigung— die Liebe Euch ihren Einfluß fühlen läßt.“ „Ach! die Liebe würde ich nie kennen lernen, nichts von alle dem, was das jugendliche Herz abwechſelnd mit Freude und Wehmuth erfüllt, wird mir je zu Theil werden. Meine Tage ſind ohne Unterlaß der Trauer 108 — gewidmet, der ſchmerzvollſten Erinnerung.. doch genug, wir wollen Freunde ſeyn, Moritz! Dies kön⸗ nen wir bleiben, ohne je mehr als Freundſchaft für ein⸗ ander zu haben; denn ſeit einem Ereigniſſe in meinem Leben— vielleicht erfahrt Ihr es noch— war mein ganzes Daſeyn nur einer Empfindung Preis gegeben, welche ein jedes andere Gefühl ausſchloß. Und Ihr,— vielleicht liebt Ihr ſchon— wenn nicht ſo ſucht Euer Glück an der Seite einer Geliebten Euerer würdig, ein Glück was mir auf immer benommen iſt. Ich werde Eure Freundin, Eure Vertraute ſeyn, wenn Ihr es wollt, ſo oft der Zufall uns miteinander in Berührung bringt.“ „O Klara! wie glücklich machen mich Eure Worte — Ja ich liebe“— fuhr Moritz fort, ohne im gering⸗ ſten zu denken, daß der neue Bund, den er geſchloſſen, je Emma gefährlich werden könnte.—„Die zärtlichſte. Liebe verband mich vor Kurzem mit der Geſpielin mei⸗ ner Jugend.— O, Ihr müßt ſie kennen lernen, Klara! ſie iſt ſo gut, ſo liebevoll meine Emma; Ihr ſollt ihre Freundin ſeyn, und vielleicht wird ihre freundliche Zuſprache Euch wieder mit dem Leben ausſöhnen, und Euch eine ſchönere Hoffnung für die Zukunft einflößen.“ Wir wagen nicht zu beſtimmen, welch einen Ein⸗ druck Moritzens Worte auf Klara machten. Ge⸗ wiß war ſie dadurch überraſcht, aber ſie war ſtark ge⸗ nug, es nicht zu verrathen. Einen Augenblick ſpäter ſchien es ſogar, daß dieſe Erklärung alles Erzwungene aus ihrem Umgange verbannt habe, und durch eine Freiheit erſetzt ſey, die ihrer Unterhaltung neues Leben verlieh. Klara überzeugt, daß Moritz liebe, fand hierin einen Grund, die aufgekommenen Gefühle, welche ſie doch zu ünterdrücken wünſchte, ganz zum Schweigen zu bringen, und nur ſeine aufrichtige Freundin zu ſeyn. Moritz hingegen, früher zuweilen mit ſeinen Gefühlen für Klara nicht ganz beruhigt, glaubte jetzt völlig beruhigt ſeyn zu können, da er ihr ſeine Geſinnungen n⸗ e⸗ Je⸗ ter ne ine en nd che gen len llig gen 109 für Emma anvertraut hatte, und wähnte überzeugt zu ſeyn, daß er nur Freundſchaft für die hege, welche ihn früherhin Monate lang ſo ſehr beunruhigt hatte. Doch Beide waren in einem großen Irrthume befangen: aber wie verzeihlich war dieſer Irrthum. Siebentes Kapitel. Wurm. Setzen Sie ſich. Schreiben Sie! Hier iſt Feder, Papier und Dinte. Luiſe(ſetzt ſich in höchſter Beunruhigung). Was ſoll ich ſchreiben? An wen ſoll ich ſchreiben? Nehmen Sie, mein Herr! Es iſt dig ganze Wonne meines Lebens, welche ich Ihnen jezt d Ihre Hände gebe. Ich bin eine Bettlerin. Schillers Cabale und Liebe. Wenige Tage nach der Unterhaltung zwiſchen Mo⸗ ritzen und Klara, erhielt jener zwei lang erwartete Briefe aus Holland, von ſeinen Eltern und von Emma, deren Inhalt ihn heftig bewegte, und ſeine plötzliche Abreiſe herbeiführte. Um unſere Leſer hiermit bekannt zu machen, müſſen wir einige Tage in unſerer Erzählung zurückgehen, und den Schauplatz nach dem Haag verſetzen. Wir ließen bei Moritzens Abreiſe nach Fries⸗ land, ſeine Geliebte in der Wohnung ſeiner Eltern, glücklich im Bewußtſeyn zu lieben und geliebt zu wer⸗ den. Sie zweifelte keinen Augenblick an ſeiner treuen Gegenliebe, und die kurze Trennung beunruhigte ſie kei⸗ neswegs. Unter frohen Erinnerungen an die Vergan⸗ genheit, und noch ſchöneren Erwartungen von der Zu⸗ kunft, floſſen ihre Tage ungeſtört vorüber. Dieſe gut⸗ müthige Ruhe wurde zuerſt, nachdem Moritz drei Wo⸗ chen abweſend geweſen war, durch das plötzliche Erſchei⸗ nen der alten Frau, welche ihr'ſchon auf ihrem Land⸗ gute erſchienen war, geſtört. Eben ſo unerwartet, und auf eine eben ſo unerklärliche Weiſe ſtand ſie auch dies⸗ mal vor ihr, verſunken im Garten rer Unterhaltung wer erſt genüge uns zu wiſſen, ma verließ, dieſe ihr die Zuſi len unbedingten Gehorſ Augenblicke an war ihr verſank allmählich in Urſache Moritzens Nachdem ſie einige lebt hatte, den ihre Freund zuſchrieben, ſprach ſie den W verlaſſen, und ſich auf ihr achte man ihr Vorſtell ten. gebens m als ſie an einem Ab luſtwandelte. den wir ſpäterhin mittheilen. daß als die alte Frau Em⸗ cherung gab, ihren Befeh⸗ ei am zu leiſten. Frohſinn verſch end in Nachdenken Den Gegenſtand ih⸗ Vor⸗ Doch von dieſem wunden, und ſie ne ſo tiefe Schwermuth, deren Eltern vergebens zu ergründen ſuch⸗ Tage in dieſem Zuſtande ver⸗ Moritzens Räckkehr abzuwarten. folgſam und nachgeben und führt Bei ihrem Abſchie Frau von Solin ihre Aeußerung, daß dem Haupt ſchwebe, dieſe abzuwehren, doch Emma erklärt e ſchon am d, folgenden Tage ihr de war ſie ſo gerührt, gen große Beſorgni Moritzen eine große Gefahr über und alles angewan erfüllte die Eltern mit Todesangſt, e ſich nicht nähe daß ein wachſames Auge alle ſeine und eine mächtige Hand zu ſeinem Die Eltern, welche noch an demſelben Brief von Moritz mit einer Einla halten hatten, wähnt war, ſchrieben es den welches Emma gehabt hatte. Frau von dieſe Nachricht zu ſehr b ſie, noch einige gereist, ihr Sohn durch den würde, ſo beſchloß und da worin auch nichts Auß warten, und hoffte, während dieſer higendere Nachri ſer Urſache und gen, erhielt Moritz er chten von E der damals ſo mangelhaften ſt drei Wochen nach e einem körperlichen Leiden unſch aus, den Haag zu Landgut zu begeben. Ver⸗ ungen zu bleiben und Emma ſonſt ſo war diesmal nicht zu bewegen, en Plan aus. daß Herr und ße hegten, und dt werden müſſe, r, und ſagte nur; Schritte, beobachte, Schutze thätig ſey. Morgen einen ge für Emma er⸗ ergewöhnliches er⸗ Folgen des Fiebers zu, Doch Emma war ab⸗ So lingen fürchtete, daß eunruhigt wer⸗ Tage damit zu Zeit vielleicht beru⸗ mma zu erhalten. Aus die⸗ Poſten we⸗ Emmas zu eru⸗ die⸗ we⸗ 111 Abreiſe die Nachricht. Seine Mutter hatte täglich Em⸗ ma's Rückkehr erwartet, ſtatt deren erhielt ſie aber nur wenige Zeilen von ihr, worin ſie bat, man möge ſie in ihrer Einſamkeit nicht ſtören. Zu gleicher Zeit erhielt auch Moritz einen Brief von Emma, über deſſen räthſelhaften und unerwarteten Inhalt er in das höchſte Erſtaunen verſetzt wurde. Bevor wir dieſen Brief mit⸗ theilen, müſſen wir mit der Veranlaſſung dazu unſere Leſer bekannt machen. Emma iſt, wie wir ſchon ſagten, auf ihrem Land⸗ gute, doch die Geſellſchaft, welche ſie daſelbſt fand, war keineswegs geeignet, ſie aufzuheitern. Außer ihrer Baſe Mechthilde waren einige Dienſtboten das ganze Haus⸗ perſonal. Der einzige Beſuch war der bejahrte Predi⸗ ger Balthaſar Grommius und zwei oder drei be⸗ jahrte Perſonen. Auch war die alte Dame, welche gern den Zepter führte, keineswegs durch Emma's unerwar⸗ tete Ankunft, mit der ſie nicht auf's beſte übereinſtimmte, erbauet. Doch diesmal war ihr Emma in keiner Hin⸗ ſicht ſtörend, denn ſie verſchloß ſich unter dem Vorwande einer Unpäßlichkeit in ihr Gemach und nahm keinen Be⸗ ſuch an. „Was ſoll ich davon ſagen, meine werthen Nach⸗ barn“— ſagte Mechtilde zu den Abgewieſenen, die Emma beſuchen wollten und ſich feines Backwerk und ein Glas Hippoeras recht wohl ſchmecken ließen.—„was ſoll ich hieruber ſagen, ehrwürdiger Herr! Meine Nichte Emma iſt krank und auch nicht, ſelbſt mit mir redet ſie kaum ein Wort, und ſagt mir nur, daß ſie allein zu ſeyn wünſche. Als ich mich zufällig einige Augenblicke vor ihrem verſchloſſenen Zimmer aufhielt, hörte ich ſie mit ſich ſelbſt reden und glaubte die Worte zu verſtehen: „Ach! dieſe Erſcheinung hat mich geiſtig und körperlich krank gemacht!“— da dachte ich an Ew. Ehrwürden letzte Predigt, über das Geſicht des Propheten Daniels, wo er ſagt: ich wurde ſchwach und war einige „ 112 Tage krank— unb ich war erſchrecktüberdies Geſicht.“ „Ei, ei,“— ſprach der Geiſtliche, nachdem er wieder ein Stück Backwerk, das ſehr nach ſeinem Geſchmack war, eingenommen hatte—„was mag das arme Kind wohl geſehen haben?“ „Ja, wer kann das wiſſen, Domine?“— erwie⸗ derte Mechthilde—„doch müßt Ihr wiſſen, daß Emma ſo halb und halb verlobt iſt mit einem— ja, ich muß das Wort ausſprechen— mit einem leichtſin⸗ nigen Vogel, dem jungen Herrn von Solingen, wo⸗ von wir vor Jahren hörten, wie er einen Straßenauflauf herbeigeführt und allerlei Schmähreden gegen den Wächter in Iſrael, den geſegneten Prinzen von OHranien aus⸗ geſtoßen hat.“ „Vielleicht hat ſie ſich von der Treuloſigkeit ihres Geliebten überzeugt,“— ſprach eine alte Dame aus der Geſellſchaft—„und trauert deßhalb. Das thörichte Mädchen ſollte ſich eher freuen, nachdem ſie erfahren hat, was an ihm iſt, jetzt ganz von ihm losgeriſſen zu ſeyn.“ „Die arme Emma dauert mich dennoch ſehr,“— erwiederte der Prediger—„ſie muß ſehr betrübt ſeyn, und muß nun mit der trauernden Braut im Hohenliede ſagen, doch in einem fleiſchlichen Sinn: mein Herz iſt krank aus Liebe. Erlaubet mir, wertheſte Freundin, daß ich mich noch eines Tropfen Hippoeras bediene.“ „Er iſt Ew. Ehrwürden, wie Ihr wohl wißt von Herzen gegönnt“— erwiederte Mechthilde, und verlor ſich noch mit ihren Freundinnen in Vermuthungen über die wahrſcheinliche Urſache von Emma's Trauer und der Untreue ihres Geliebten, welches am folgenden Tage ſchon als unfehlbare Wahrheit in der ganzen Umgegend verbreitet wurde. Während dieſes Geſprächs ſaß Emma, den ſchmerz— lichſten Gefühlen preisgegeben, in ihrem einſamen Ge⸗ mache. Jede Heiterkeit, ihr ſonſt ſo eigen, war von ihr gewichen. Sie ſtützte das ſchöne Haupt, deſſen Locken ——— *„ — — M — M W—— X 1 8—„ 6 — — Mal die Alte an ihrer Seite 113 ungeordnet umherhingen, auf ihre Hand, und eine Thräne glänzte in ihrem Auge. Dann ſtand ſie auf, ging einige Male im Zimmer auf und ab, und plötzlich ſtehen blei⸗ bend, ſagte ſie kaum hörbar zu ſich ſelbſt: „Er hat mich vergeſſen; er liebt eine Andere!— Nein, armes Herz, du darfſt nicht mehr zweifeln; denn ſie hat es mir geſagt.“— Ste ſchwieg eine Zeitlang und ſagte dann mit lauter Stimme:„Aber er wandelt auf dem Wege des Verderbens, und ich allein bin im Stande, ihn davon abzubringen. Doch ſchwer ſollen die Opfer ſeyn, welche man von mir verlangt; dieß waren ihre Worte. Wohlan, es ſei! ich bin zu allem bereit. Mur noch wenige Tage und ich werde ſie wiederſehen O mein Gott! vielleicht um mein Urtheil zu hören.“ Höchſt ſelten verließ Emma ihr Gemach; nur ei⸗ nige Male ging ſie im Garten ſpazieren, wies aber mit ſo beſtimmter Sprache eine jede Geſellſchaft von ſich, daß Mechthilde über den bündigen Beſcheid des ſonſt ſo ſanften Mädchens ganz erſtaunt war. So verſtrichen einige Tage. Eines Abends hatte ſie ſich wieder in den Garten und an den Platz begeben, wo die geheim⸗ nißvolle Alte ihr zuerſt erſchienen war. Es ſchien, als erwarte ſie heute die Frau, denn ſchon am Nachmittage hatte ſie ſich mit ihrer Handarbeit unter die bekannte Pappel geſetzt und aufmerkſam um ſich her geſehen. Sie täuſchte ſich auch nicht; denn noch war die Sonne nicht untergegangen, ſo ſtand eben ſo plötzlich als das erſte „Heute erfülle ich mein Verſprechen: Ihr ſeht mich wieder!“ „Ach, gute Frau!“— antwortete Emma—„Eure Erſcheinung, ſo wohlthätig ſie auch ſeyn möge, erfüllt meine Seele mit Trauer und Entſetzen, und läßt mich das Schreckliche meiner Lage ganz erfaſſen.“ „Ich habe die Wunde geſchlagen,“— ſprach Tekla —„der Himmel gebe, daß es mir auch einſt vergönnt Der Schutzgeiſt. H. 8 5 114 werde, ſie zu heilen. Aber dazu gehört, daß Ihr aufs Pünktlichſte Euer Verſprechen erfüllt, und meinen Be⸗ fehlen gehorcht.“ „Die Beweiſe, welche Ihr mir von Eurer Macht gegeben, und noch mehr das Geheime, was ich aus Eurem Munde vernahm, haben mir die Ueberzeugung gegeben, daß es meine heiligſte Pflicht iſt, Euch zu ge⸗ horſamen.“ „Meine Macht iſt nur gering und vermag nichts gegen den eiſernen Willen des Schickſals. Doch ich ver⸗ muthe, daß die vor Jahrhunderten beſtimmte Zeit nahe iſt, und meine Bemühungen mit dem Gange des Schick⸗ ſals übereinſtimmen. Daher müſſen wir thätig ſeyn und den Lauf der Ereigniſſe ſo einrichten, daß das, was ge⸗ ſchehen muß, wenn möglich geſchehe, bevor das ſich auf⸗ thürmende Gewitter auf das Haupt derer, die uns theuer ſind, herniederſtürze.— Antwortet mir jetzt, liebt Ihr Moritz noch?“ „Ich liebe ihn“— antwortete Emma feſt—„trotz des fürchterlichen Bildes, was ſich auf Eurem Spiegel zeigte— ich liebe ihn, obgleich er mir untreu gewor⸗ den iſt.“ „Was Euch mein Spiegel zeigte, als er Euch den Jüngling in den Armen einer Andern vorſtellte, iſt nur das, was im Rathe des Schickſals beſtimmt iſt und ein⸗ mal eintreten ſoll. Noch iſt es nicht ſo weit gekommen, aber Ihr müßt dieſen Augenblick ſchneller herbeiführen. Vergeſſet übrigens nicht, was ich Euch bereits ſagte: eitel ſind die Bilder, welche Ihr in meinem Spiegel ſeht; und obgleich er Euch ein wahrhaftes Ereigniß zeigt, ſo kann er doch nur das, was die Sinne betrifft, vorfuhren; was im Herzen vorgeht, bleibt Euch verborgen. Laßt daher die Hoffnung nicht ganz ſchwinden.“ „Ihr habt Mitleiden mit meinem Schmerze, und wollt meiner Seele mit eitlen Troſtgründen ſchmeicheln. Ach! ich empfinde es nur zu gut, daß das Gluck meines Lebens auf ewig zerſtört iſt.“ d 115 „Hiervon ein anderes Mal! Ihr ſagt, daß Ihr Moritz noch eben ſo ſeurig, eben ſo treu liebt, als zuvor, und daß dieſe Liebe Euch zu einem jeden Opfer fähig macht. Dies verſichertet Ihr mir; ſeyd Ihr bereit, Emma, es durch die That zu beweiſen?“ „Ich hin bereit für ihn zu ſterben,“— antwortete Emma ſeufzend. „Sterben! das ſagt wenig; wer würde das nicht für den Gegenſtand ſeiner Liebe? Nein, andere, ſchwerere Opfer werden von Euch gefordert.“ „Redet, und Ihr ſollt ſehen, daß ich nicht davor zurückſchrecke.“ „Ihr müßt ſelbſt freiwillig ihm entſagen.“ „Spottet Ihr meiner? Er hat mich vergeſſen; er liebt eine Andere.... das Band, was uns vereinigte, iſt daher zerriſſen. Ich habe ihm entſagt!“— ſetzte ſie mit einem bittern Tone hinzu. „Ihr verſteht mich nicht, Emma! Ihr müßt ihm ſchreiben, Ihr müßt ihn ſeines Eides entledigen, ihm ſagen, daß er frei iſt.“ „Welch ein ſonderbares Begehren iſt dieß! Ich wie⸗ derhole es Euch, ich habe keine Rechte mehr auf ihn; von dem Augenblicke an, wo er ſein Herz von mir ab⸗ wandte, waren wir unwiderruflich geſchieden.“ „Wenn Ihr ſo denkt, dann wird es Euch nicht ſchwer werden, das zu erfüllen, was das Schickſal jetzt von Euch fordert. Nein ermannt Euch, Emma! und ſchreibt was ich Euch diktiren werde; hier iſt das dazu Erfor⸗ derliche.“ Dieß ſagend zog ſie Schreibgeräth hervor, ſtellte es auf einen kleinen Tiſch und wiederholte ihren Antrag. „Ich bin bereit,“— ſagte Emma—„was wollt Ihr, das ich ſchreiben ſoll?“ „Ich werde es Euch vorſagen.“— Darauf ſprach ſie: „Moritz! Wir ſind geſchieden; das unerbittliche Schickſal er⸗ 8 116 laubt unfre Vereinigung nicht. Eine Macht, ſtärker als wir, verſpottet und vereitelt unſre Pläne. Vergebens würden wir dagegen anſtreben— wir dürfen einander nie wiederſehen.“ „Nie wiederſehen!“— wiederholte Emma, und ihre bebende Stimme verrieth hinlänglich ihre Gefühle. Die Alte fuhr fort: „Du biſt des Eides, womit Du mir einſt ewige und treue Liebe ſchwureſt, entbunden— genieße mit einer Andern das Glück, welches ich Dir von Herzen wünſche — vergiß die, welche Du einſt die Deinige nannteſt— und möge der verhängnißvolle Fluch, der auf Deiner Familie ruht, bald auf ewig aufgehoben ſeyn!“ „Jetzt unterſchreibet dieſen Brief,“— fuhr Dekla fort—„und ich werde dafür ſorgen, daß er in ſeine Hände kommt.“ Emma gehorchte ſtillſchweigend, machte die Auf⸗ ſchrift und überreichte ihn der Alten, welche ihn zu ſich ſteckte. Einen wohlgefälligen Blick auf das Mädchen werfend, ſagte ſie: „Ich habe mich nicht in Euch getäuſcht, Emma! ich wußte es, daß Ihr es verdientet, ſeine Geliebte zu ſeyn. Ich wußte, daß Ihr beſtimmt waret, mehr als eine Seele vom Verderben zu retten. Dazu habt Ihr den erſten Schritt gethan, das übrige kann Euch nicht mehr ſchwer werden. Ihr müßt unter Kurzem dieſen Ort verlaſſen und mir folgen, weit von hier, vielleicht in das Getümmel der Welt. Auch dies Opfer wird von Euch gefordert und Ihr werdet nicht zurücktreten.“ „Ach! Ihr fordert zuviel von mir, wenn Ihr begehrt, daß ich dieſen einſamen Ort, wo ich meinen Leiden ſo ungeſtört nachhängen kann, verlaſſen und einer gefühl⸗ loſen Welt meine Leiden zur Schau ſtellen ſoll. Ich bitte Euch, laßt mich hier bleiben, um mich und meinen tiefen Schmerz in dieſer Einſamkeit zu begraben.“ „Dieß darf ich Euch nicht erlauben, Emma!— wend Ihr Eure Beſtimmung erfüllen und ihm zum freund⸗ 1—— — 117 lichen Schutzgeiſte dienen wollt müßt Ihr mir folgen. Ihr wißt, was ich mir als einziges Ziel meines Lebens vorgeſteckt habe. Dieß muß Euch Vertrauen einflößen. Ehe vier Tage verlaufen ſind, hole ich Euch hier ab. Zittert nicht vor den Gefahren, welche Euch vielleicht bedrohen werden; Euer feſter Wille wird ſtets ſiegen. Auch auf den dunklen Pfaden, worauf ich Euch führe, möge die Hoffnung noch ſtets einen glänzenden Lichtſtrahl vor Euch verbreiten.“ „Welche Gefahren könnte ich fürchten, welche Hoff⸗ nung nähren? Alles, was mich an das Leben feſſelte, iſt mir entriſſen, wie könnte ich fürchten, ein Daſeyn, wel⸗ ches mir zur Laſt iſt, zu verlieren. Und hoffen?— ach! ſeit ich dieſe verhängnißvollen Zeilen ſchrieb, habe ich jeder Hoffnung entſagt.“ „Bereuet nicht, was Ihr gethan habt. Vielleicht wird noch eine lange Reihe von Jahren Eure Seele die reinſte Freude empfinden, ſo gehandelt zu haben wie Ihr handeltet. Bedenkt jedoch, daß dieß Opfer das Zsl nicht erreicht, wenn Ihr es nicht freiwillig bringt, und Ihr nur einen Augenblick länger Bedenken traget. Erforſcht daher Euer Herz, bevor Ihr den Weg, welchen ich Euch führen werde, betretet.“ „Fürchtet nichts! Wenn ich Euch erſt die Verſiche⸗ rung gegeben habe, dann kann nichts auf der Welt mich davon abhalten. Ich weiß es, daß Ihr nur ſein Wohl vor Augen habt— und weiter erſtrecken ſich auch meine Wünſche nicht. Außerdem halte ich mich überzeugt, daß Ihr die Macht beſitzt, wenn auch nicht dem Verlauf der Ereigniſſe eine Richtung zu geben, doch einen Blick in die Zukunft zu thun, und den Ausweg, den Ihr vpraus⸗ ſeht, durch die kräftigſten Mittel zu unterſtützen. Ich bin daher bereit Euch zu folgen, wohin Ihr auch mich geleiten wollt.“ „So wollte ich es; jetzt verlaſſe ich Euch, doch am vierten Tage bin ich wieder hier. Trefft die nöthigen Vorkehrungen zu Eurer Abreiſe. Ich brauche Euch nicht zur G ſehen, Plane entgegentrete. ſie ihre runzlichte H „ich würde Euch ſegnen, der Segen einer alten würde. 118 eheimhaltung anzuſpor wie nothwendig es iſt, Lebet Noch einmal lebt woh zur beſtimmten Zeit.“ Rachdem ſie dieß geſagt Schritten aus düſtern Blicke „Vielleicht handle ich dingt zu vertrauen. federn ſie bewegen. mein Gott!“ S und ſchwig. Am beſtimmten Tage alle Vorbereitungen zu i dem Garten. nen, Ihr werdet ſelbſt ein⸗ damit kein Hinderniß unſerm wohl“ nach, und ſagte ſeufzend: aufs ſorgfältigſte verborgen, ihrer Abreiſe davon in uns vielleicht wundern, daß was ſie von der U ſo unbedingt hi ner Unterhaltung, welche ſie früher habt hatte, in Verbindung ſtand, n, deren ſich Herr von Solin⸗ hren konnte, über das Verhäng⸗ dingt, glaubte, und ſich ihr wiſſen, daß es mit ei ſchon mit Tekla ge und daß die Anſpielunge en zuweilen nicht erwe niß, welches ſorgniß einflößten, daß mit ſchweren neigte Emma zur ungewöhnliche Schritt Erklärung findet. liebten ein fürchterliches Stande ſey, es abzuwenden, wenn auc hatte ſie mit einer hr wahr⸗ daß ihren Ge und ſie allein im mit Aufopferung ihres ſolchen Kraft erfüllt, we genommen hatte. unrecht, Doch nein, — ſagte ſie, indem and auf Emmas Haupt legte— wenn ich nicht fürchtete, daß Unglücklichen Euch zum Fluche l, und erwartet mich hier hatte, eilte ſie mit ſchnellen Emma ſah ihr mit einem dieſer Frau ſo unbe⸗ ich weiß, welche Trieb⸗ Ich kann ruhig ſeyn— ruhig? o, ie bedeckte Ihr Geſicht mit ihren Händen war Emma bereit. Sie hatte hrer Reiſe ihren Hausgenoſſen und beſchloſſen, ſie erſt nach ngab. Kenntniß zu ſetzen. Wir werden Emma der Alten ſo unbe⸗ ntreue ihres Geliebten ſagte, Doch wir auf der Familie ruhete, auch ihr die Be⸗ ihre Liebe zu Widerwärtigkeiten zu kämp Schwärmerei hin, wodurch auch dieſet Lebensglücks, lche man früher nie an i Moritz wohl noch fen habe. Dann Der Gedanke, unglück bedrohe 119 Als jedoch der entſcheidende Zeitpunkt herangerückt war, ſchien ſie einen Augenblick anzuſtehen, und trat einige Schritte zurück, als die Alte ſie bei der Hand faßte, und in einem gebietenden Tone ſagte:„Kommt, folgt mir jetzt!“ Als Tekla ihr Zögern bemerkte, fuhr ſie fort: „Wie, fürchtet Ihr Euch doch? Ihr hattet ja Euren Entſchluß gefaßt, und könnt Euch mir ſicher an⸗ vertrauen. Ich verfuhr nicht mit Euch, wie mit dem großen Haufen von Betrügern und Betrogenen, welche nur meine Hülfe in Anſpruch nahmen, um ihre verbre⸗ cheriſchen Pläne zu fördern, ſelbſt wenn ſie die edelſten Abſichten vorſchützten. Glaubt Ihr vielleicht, daß ein elender Selbſtbetrug mich, trotz der theuer erkauften Weisheit und eines Lebens voll von Jammer und Trüb⸗ ſal, verblendet und leitet?“ „Ich vertraue ganz Eurer Macht und Weisheit„ Kber „Oder ſolltet Ihr fürchten, daß der erlittene Jam⸗ mer mir den Verſtand genommen hat? Glaubt Ihr, ich ſey wahnſinnig? O, glaubt dieß nicht. Der Menſch kann ſchwere Leiden ertragen, ohne den Verſtand zu ver⸗ lieren, oder darunter zu erliegen. Aber der Himmel moͤge Euch bewahren, daß nie die Stärke Eures Geiſtes oder Körpers auf eine ſolche Probe geſtellt werde! Ich wie⸗ derhole Euch nochmals: Ihr ſeyd frei in Eurer Wahl. Euer eigenes Herz muß Euch anſpornen, mir zu folgen.“ „Wohlan ich folge Euch“— ſagte Emma. TDekla nahm ſie wieder bei der Hand, führte ſie aus dem Gar⸗ ten, wo ein bedeckter Wagen bereit ſtand, in welchen die beiden Frauen ſtiegen, und der ſchon vor Einbruch der Nacht weit von dem Landgute entfernt war. Am fol⸗ genden Tage erhielt Mechthilde einige Zeilen von dem ſchönen Flüchtlinge, worin dieſe in ſehr unbeſtimm⸗ ten Ausdrücken ihre Reiſe anzeigte und noch hinzufügte, daß ſie ſo bald nicht wieder auf ihr Landgut zurückkeh⸗ ren würde. Ungefähr zu gleicher Zeit erhielt Moritz auch Emma's Brieſ, welcher ihn, wie wir ſchon oben ſahen, antrieb, die Inſel unverzüglich zu verlaſſen. Um ſeinen Hausgenoſſen keinen Grund über die plötzliche Abreiſe angeben zu müſſen, erklärte er, daß er in Kurzem hier⸗ her zurückkehren und die Erbſchaftsangelegenheiten be⸗ endigen würde. Einen Augenblick vor ſeiner Abreiſe war er mit Klara allein und ſagte ihr: „Wir ſehen einander bald wieder, wenn auch nicht ſo bald als mein Herz mich dazu drängt. Laßt mich hoffen, daß Ihr Euch auch meiner in Freundſchaft er⸗ innern werdet, wenn die Umſtände uns auf kürzere oder längere Zeit trennen ſollten.“ „Ich bin ſchon lange daran gewöhnt,“— antwor⸗ tete Klara—„von meinen Freunden getrennt zu wer⸗ den, und mich nur in Gedanken allein mit ihnen zu be⸗ ſchäftigen. Uebrigens werde ich die theilnehmende Freund⸗ ſchaft, welche Ihr mir bewieſet, ſtets gebührend zu ſchätzen wiſſen, obgleich es mir noch nicht vergönnt war, ſie durch gegenſeitiges Vertrauen, welches Ihr vielleicht recht hat⸗ tet von mir zu fordern, zu lohnen. Gott geleite und behüte Euch!“ Darauf reichte ſie Moritzen die Hand und entfernte ſich ſchnell. — Achtes Kapitel. Der Minne Eid ſetzt ihn in Glut, Des Argwohns hölliſcher Funk entbrennt ſein edles Heldenblut. Jetzt ſprengt, wie durch des Pulvers Kraft Die Höllenmine: Leidenſchaft. Ein böſer Geiſt, ein Höllendampf Umnebelt beide; Erich fordert Alko nimmt an den Kampf. Wir müſſen jetzt mehr als zwei Monate in unſerer Erzählung überſpringen. Was ſich in vieſer Zeit Wich⸗ tiges, unſere handelnden Perſonen betreffend, zutrug, be⸗ 5 M — —— M . 121 ſchränkt ſi ſich, in ſo fern wir es nöthig erachten, unſerm Leſer jetzt ſchon mitzutheilen, auf Folgendes. Moritz hatte ſch nach ſeiner Abreiſe von Ameland aufs eiligſte nach dem Haag begeben, um ſich bei ſeinen Eltern Bericht über Emma und über ihren merkwürdigen letz⸗ ten Brief Aufklärung einzuholen. Doch Beides wurde ihm nicht. Seine Eltern ſchwebten ſelbſt über Emma's plötzliches Verſchwinden in der größten Unruhe, die durch den Brief, welchen Moritz von ihr mittheilte, noch be⸗ deutend zunahm. Sie hatten ſchon alle möglichen Nachfor⸗ ſchungen angewandt, doch umſonſt. Moritzens Mutter, welche das Mädchen ſehr liebte, konnte ihr Mißvergnügen über eine ſo befremdende, und für ihren Sohn ſo belei⸗ digende Handlungsweiſe nicht verbergen, und hätte es wahrſcheinlich gern geſehen, wenn Morit ſich nicht wei— ter um ſie bekümmert hätte. Der Vater jedoch, ohne ſeine Meinung mitzutheilen, die wahrſcheinlich auf Aber⸗ glauben gegründet war, konnte den Gedanken nicht ent⸗ b daß dieſe letzten Ereigniſſe verhängnißvoll für ſeinen Sohn ſeyn würden. Moritz, wenn ihn auch unſere Leſer nicht ganz der Untreue gegen Emma frei⸗ ſprechen, fühlte in dieſem Augenblicke, daß er ſie feurig liebte, und ſein Herz drängte ihn, alles anzuwenden, was zu ihrer Wiederauffindung nur geſchehen könnte. Er hielt ſich daher nur kurze Zeit im Haag auf und eilte nach Emma's Landgute. Doch auch hier war Niemand im Stande, ihm nähere Auskunft zu geben. Tekla's wiederholter Beſuch war von Keinem bemerkt worden und man wußte nur, daß Emma, von einer Perſon begleitet, in einem bereitſtehenden Wagen mit ungewöhn⸗ licher Schnelligkeit davon gefahren ſey, doch man wußte weder, wie der Wagen dahin gekommen, noch welche Richtung er eingeſchlagen habe. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Baſe Mechthilde mit ihren ehrenwerthen Freunden und Freundinnen ſich in allerlei Vermuthungen verloren hatte, und dieſe auch Moritzen auf ſeine wie⸗ derholten Fragen anvertraute. Sie ſelbſt verſicherte je⸗ 122 doch aufrichtig, den verſchiedenen Gereden, welche die Nachbarn verbreitet hätten, nicht den geringſten Glau⸗ ben beizumeſſen, nämlich daß Emma, ihrer erſten Liebe untreu, ſich einem andern Geliebten in die Arme gewor⸗ fen habe, und von dieſem ſich habe entführen laſſen. Da Moritz überzeugt war, daß dieſe Redensarten des Leumundes durchaus Emma nicht angepaßt werden konn⸗ ten, ſo achtete er nur wenig auf Mechthildens Worte, welche ſich dadurch ſehr gekränkt fühlte, da ſie die ſchändliche Abſicht hatte, das Herz des Jünglings, den ſie wirklich nicht ausſtehen konnte, indem ſie ihm das Geſchwätz der Nachbarn mittheilte, tief zu kränken. Da dieß nichts helfen wollte, verſuchte ſie es auf eine andere Weiſe und ſagte, daß Andere Emma's Verſchwinden einer ganz andern Urſache zuſchrieben, da mehrere Umſtände dieß Vermuthen auch zu beſtätigen ſchienen, welches der ehr⸗ würdige und gelehrte Gro mmius ebenfalls beſtätigte. „Und die wären?“— frug Moritz haſtig. „Die ſind... die ſind.. antwortete Mecht⸗ hilde zögernd, indem ſie Moritz mit einer bedenklichen Miene anſah...„doch Ihr dürft deßhalb nicht unge⸗ halten ſeyn...“ „In's Teufelsnamen, nein!“— rief Moritz voll Ungeduld aus—„aber nun zögert auch nicht länger.“ „Nun, nun,“— erwiederte Mechthilde ruhig— „die Jugend und die Männer find ſtets ſo leidenſchaftlich und ungeduldig. Viele Leute glauben, und unter andern auch unſer würdiger Prediger, daß das Mädchen durch irgend eine bösartige Hexe bezaubert iſt, und Gott weiß wo in der Welt herumgeführt wird.“ Hätte Moritz die Umſtände von Emma's Ent⸗ fernung dnh⸗ ſo würde er wohl mehr Werth auf die Worte gelegt haben, jetzt aber beantwortete er ſie nur durch ein mitleidiges Lächeln, welches Mechthilden Veranlaſſung gab, zum Prediger zu ſagen: „Ach! mein lieber Herr Grom mius! hättet Ihr geſehen und gehört, wie er unſere und Ew. Ehrwürden 12⁸ Meinung verlachte und verſpottete. Er iſt ein durch⸗ aus verſtockter Gottesläugner, der ſelbſt an keinen Teufel glaubt. Lieber Himmel! was für Menſchen ſind doch die Arminianer!“ „Brennholz für den großen Feuerpfuhl, liebe Freun⸗ din!“— antwortete Grommius—„und daher dürft Ihr Euch freuen, daß Eure Baſe von ihm erlöst iſt.“ „Ach, die iſt auch ſchon lange von ähnlichen Geſin⸗ nungen befteckt, und als ich ihr einſt von der Macht des Teufels ſprach, war ſie unverſchämt genug, zu er⸗ wiedern, daß nur das böſe Herz des Menſchen ſein Teu⸗ fel wäre, gleichſam als ſtünde nicht geſchrieben, daß der Verführer umhergeht wie ein brüllender Löwe, der nach Beute ſucht, und anderswo, daß er in Judas Iſch a⸗ riots Herz einfuhr und ihm eingab, den Herrn zu ver⸗ rathen.“ „Und gerade deßhalb, weil ſie nicht an den Teufel glaubte,“— erwiederte der Prediger—„iſt ſie ihm jetzt ganz preisgegeben, und wird durch ſeine Gewalt herum⸗ getrieben, wie ein dürres Blatt durch den Athem des Windes. Dennoch thut es mir unendlich leid um das Mädchen, und ich hätte wohl gewünſcht, daß ein ſo ſchö⸗ nes Geſchöpf nicht zu einem verdorbenen Gefäße gewor⸗ den wäre.“ Es verſtrichen Wochen, während welcher Moritz unermüdet ſeine Nachforſchungen in allen Richtungen fortſetzte, ohne die geringſte Spur zu entdecken. Ihm war, als ſey er plötzlich auf eine unerklärliche Weiſe aus der Mitte der Lebendigen herausgeriſſen, und hätte er nur im Geringſten den Aberglauben ſeiner Zeitgenoſſen getheilt, dann würde er beſtimmt Mechthildens Meinung beigepflichtet haben. Er war auf's tiefſte er⸗ ſchüttert, um ſo mehr, da er dieß Verſchwinden mit ſei⸗ nem Aufenthalte auf Ameland und ſeinem Umgange mit Klara in Verbindung zu ſehen wähnte. Und doch — ſo räthſelhaft iſt das Herz des Menſchen— als er endlich einſah, daß alle ſeine Nachforſchungen vergebens 124 waren, zeigte ſich ihm wieder Klara's Bild in ſeiner ganzen himmliſchen Schönheit, und eine unwiderſtehliche Macht ſchien ihn wieder nach der Inſel hinzuziehen. Er ſuchte ſich aber zu überreden, daß nur das Verlangen, Tekla zu ſprechen, und von ihr wenn möglich Aufklä⸗ rung zu erlangen, die Triebfeder ſeiner Sehnſucht wäre. Nach Verlauf einiger Wochen war Moritz wieder in der Nähe eines Weſens, das einen ſo verhängnißvol— len Einfluß auf ihn ausgeübt hatte. Er ſah Klara wieder; ſie war bläſſer als gewöhnlich und ſchien leidend zu ſeyn. Es war ihm, als wirke ſeine Rückkehr günſtig auf ſie ein, und daß ihr Auge den früheren Glanz wie⸗ der annehme. Dennoch war ſie noch mehr als das erſte⸗ mal ſeines Dortſeyns in Nachdenken verſunken und ſchien einen innern Kampf zu kämpfen. Sie war an⸗ fangs zurückhaltender als zuvor. Kaum war Moritz auf Ameland angekommen, ſo eilte er nach Tekla's Hütte, aber er fand ſie nicht, wohl aber die gewöhnlichen Zauberzeichen an der Thüre, welche ihre Abweſenheit verkündigten. Doch in der Wand von Lehm bemerkte er ein Papier. Ein geheimes Vor⸗ gefühl ſagte ihm, daß es für ihn beſtimmt ſey; auch täuſchte er ſich nicht. Er nahm es und las:„Sobald Euer Intereſſe es erfordert, ſollt Ihr mich ſehen. Bis dahin machet keine weitere Verſuche, ſie würden nur un⸗ nütz ſeyn.“ Der Gedanke, von Tekla Aufklärung zu erhalten, blieb alſo vergebens. Auch meldeten ihm ſeine Eltern in einem jeden Schreiben, daß nirgends von Emma eine Spur zu finden ſey, wodurch der Stolz ſeiner Mut⸗ ter auf's tiefſte beleidigt war, weßhalb ſie auch ihr Ver⸗ langen deutlich ausſprach, er möge die Verbindung ab⸗ brechen. Der Vater hingegen ſuchte Emma zu ent⸗ ſchuldigen, und beſchwor ſeinen Sohn, ſich ja durch den Schein nicht verleiten zu laſſen, und der treu zu blei⸗ ben, welche ihn, ſeiner Ueberzeugung nach, noch eben ſo zärtlich liebe als zuvor. 125 Moritz ſchien mehr dem Rathe ſeiner Mukter bei⸗ zuſtimmen, und Emma's Bild wurde ihm allmählig gleichgültiger. Der Umgang mit Klara wurde täglich inniger, und Moritz konnte es ſich bald nicht mehr verbergen, daß er Klara liebe, und dieſe ihm auch ge⸗ neigt ſey. Er hatte ſie mit Emma's plötzlichem Ver⸗ ſchwinden, mit der Veranlaſſung ſeiner Reiſe und der Meinung und dem Rathe ſeiner Mutter bekannt gemacht. Wer wird es unter ſolchen Umſtänden Klara verdenken, daß ſie eine Leidenſchaft aufkommen ließ, die ſie ſo lange mit Stolz unterdrückt hatte? Doch ſie verbarg Mo⸗ ritzen noch immer dieſe Gefühle, obgleich der ſcharfe Blick der Frau von Heerema ſie ganz durchſchaute. Wohl war es zwiſchen Moritzen und Klara noch zu keiner Erklärung gekommen, aber alle Hausgenoſſen und übrigen Bewohner der Inſel ſchienen überzeugt zu ſeyn, daß Moritz der begünſtigte Geliebte der ſchönen Klara wäre. Tante Barbara wußte in ihrer Sonn⸗ tagsgeſellſchaft die Unterhaltung oft auf dieſen Gegen⸗ ſtand zu bringen, und Taco unterließ es nicht, Klara gehörig damit zu necken. Doch als Moritz im Begriffe war, ſeine im Geheimen gehegten Geſinnungen zu offen⸗ baren, ereigneten ſich Umſtände, welche ihn noch damit zurückhalten ließen, und ſeine Seele mit banger Beſorg⸗ niß erfüllten. Es war im Monat Oktober; Herr von Heerema war ſchon ſeit mehreren Tagen abweſend und mußte ſich einige Zeit in Leuwaarden aufhalten; ſeine Gattin war unpäßlich, und Tante Barbara's Sorgen waren um ein Bedeutendes vermehrt, wodurch Moritz und Klara ſich, inſofern Taco ſie nicht mit ſeiner Geſell⸗ ſchaft beehrte, meiſtens allein überlaſſen waren. Moritz glaubte zu bemerken, daß Klara mehr als je ihren Ge⸗ danken nachhing, und ſeine Geſellſchaft vorſätzlich ver⸗ mied, und Taco, welcher ſich kein Gewiſſen daraus machte, zuweilen durch das Schlüſſelloch zu ſehen, fand ſie ſtets mit Schreiben beſchäftigt. Sonſt pflegte ſie die 126 Abende im häuslichen Kreiſe zuzubringen, doch jetzt fehlte ſie zwei Abende hinter einander, und Moritz hatte be⸗ merkt, daß in ihrem Zimmer kein Licht zu bemerken war, und daß ſie ſich beſtimmt nicht darin befand. Dieß mußte ihn um ſo mehr in Erſtaunen ſetzen, da er wußte, daß Klara ſeit Camphuiſens Abreiſe faſt niemals aus⸗ ging. Als er hierüber nachdenkend im Garten umher⸗ ſpazierte, trat Taco ihm näher und ſprach über den Gegenſtand ſeines Nachdenkens ihn alſo an: „Unſre Baſe Klara beſchäftigt ſich beſtimmt wieder, Geiſter zu beſchwören, denn ſie ſieht ſo griesgram aus, als wäre eine Leiche im Hauſe. Dann verſchließt ſie ſich beinahe den ganzen Tag in ihr Gemach.“ „Dieß ſcheint aber jetzt nicht der Fall zu ſeyn,“— antwortete Moritz—„denn es iſt, wie Ihr ſeht, kein Licht in ihrem Zimmer.“ „Da habt Ihr wahrhaſtig Recht; jetzt wird es mir klar, und ich irrte beſtimmt nicht, als ich geſtern den barſchen Fremden, welcher ſchon in dieſem Frühjahre hier war, wieder zu ſehen glaubte. Seht, bemerkt Ihr dort das Licht im Thurmfenſter?“ „Wohl ſehe ich es, aber was wollt Ihr damit ſagen?“ „Da ſind ſie Beide, und vielleicht noch mehrere Andere. Schon als er das vorige Mal hier war⸗ blie⸗ ben ſie da zuweilen ſtundenlang zuſammen, gleichſam als ſey im ganzen Schloſſe kein einziges taugliches Zim⸗ mer, wo ordentliche Leute ſich unterhalten könnten.“ „Und wer iſt der Fremde, wovon Ihr redet?“ „Das mag der Himmel wiſſen, ich habe nie ſeinen Namen nennen hören. Nur glaube ich, daß es ein weit⸗ läufiger Verwandter von Klara iſt. Untet uns geſagt, es iſt ein unfreundlicher Herr, der mir gar nicht gefiel, und daher that es mir um ſo mehr leid, als ich hörte, daß er ein gutes Auge auf Klara habe, und ſie ihm auch nicht abhold wäre.“ Moritz hatte ſein Antlitz ſeitwärts gewandt, ſonſt — — ———— 1— — —„——„e— 127 würde er das ſpöttiſche Geſicht Taco's, während er ſo ſprach, bemerft haben. „Deßhalb braucht Ihr Euch meiner Meinung nach nicht zu beunruhigen;“— ſprach Moritz, ohne ſich den unangenehmen Eindruck von Taco's Worten mer⸗ ken zu laſſen—„denn Klara wird es beſtimmt nicht unterlaſſen, ihren verſtändigen Vetter Taco um Rath zu fragen, und Ihr werdet ihn ihr ohne Zweifel nicht vorenthalten.“ „Gewiß nicht, ich würde ihr rathen, dem Fremden mit ſeinem mürriſchen Geſichte den Laufpaß zu geben, und lieber Euch, werther Herr Vetter, zum Geliebten zu wählen, und das um ſo mehr, da Ihr ſchon auf der ganzen Inſel dafür geltet. Doch“— fuhr er ſpottend fort—„ich wüßte nicht, warum ein Mädchen nicht ebenſo gut zwei Liebhaber haben könnte als Einen, und daher möchte ich ihr wohl rathen, beide an der Hand zu behalten, damit es nicht zu einer öffentlichen Kriegs⸗ Erklärung kommt. Ich habe einen köſtlichen Einfall! Kommt mit mir, Vetter! ich will Euch auf einem ge⸗ heimen Wege bis zur Thür der Thurmkammer geleiten, da können wir, wenn wir uns aufs Lauſchen legen, Al⸗ les hören, und unſrem geheimnißvollen Bäschen einen argen Streich ſpielen.“ Moritz wies dieß Anerbieten natürlich ab, aber Taco war ſo ſehr davon eingenommen, daß er trotz aller Einreden es auszuführen bereit war. „Ich rathe Euch, vorſichtig zu ſeyn, Junker Vor⸗ witz!“— ſagte Moritz—„Ihr kennt doch das alte Sprichwort: Der Horcher an der Wand, hört ſeine eigene Schand.“ „Eine vernünftige Bemerkung, mein weiſer Herr Vetter!— erwiederte Taco—„und daher thut Ihr ſehr wohl, mich nicht zu begleiten. Denn ich will noch ein Dutzend Jahre aus Domines Timann“Pillenſchachtel Latein und Griechiſch ſchlucken, wenn ich nicht vermuthe, daß dort von Euch geſprochen wird.“ Nach dieſen Wor⸗ 12 ten lief Taco davon, und war bald in der Dunkelheit verſchwunden. Moritz blieb noch im Garten, war aber wie auf der Stelle feſtgebannt, und ſein Blick ſtets nach dem „Thurmfenſter gerichtet, wo an den e der Schat⸗ ten mehrerer Perſonen ſichtbar war. Nachdem er eine Weile in dieſer Stellung beharrt hatte, ging er unwill⸗ kührlich auf den Thurm zu. Doch kaum war er dort angekommen, als er bemerkte, daß das Licht verſchwun⸗ den war. Er hoͤrte Fußtritte. Er zog ſich hinter den 6 Stamm einer Eiche zurück, von wo aus er bei dem hellen Lichte des Mondes die Perſonen, welche aus dem Thurme kamen, ſehen konnte, ohne ſelbſt bemerkt zu werden. Es waren zwei Männer in große Mäntel gehüllt, wodurch ſie unkenntlich waren. Schnellen Schrit⸗ tes gingen ſie aus dem Garten. Moritz, der ohne bemerkt zu werden, ihnen nicht folgen konnte, obgleich er große Luſt dazu hatte, mußte ſich mit der Bemerkung begnügen, daß der eine Unbekannte von ſchlanker ſtolzer Geſtalt war, und feſten Trittes vorüberſchritt, der An⸗ dere viel kleiner, ihm mit einem ſchl eichenden Katzengange folgte. Eine dritte Perſon ſchien noch im Thurme ge⸗ blieben zu ſeyn, welche mit dem Lichte in der Hand wie⸗ der die Se hinaufſtieg. Da die Thür aber offen ge⸗ blieben war, hörte Moritz plötzlich mitten auf der Treppe ein lautes Lachen, woran er ſogleich Taco er⸗ kannte, der ſich auf der Treppe verſteckt zu haben ſchin, und auf dieſe Weiſe ſeine Gegenwart anzeigte. Jetz hörte unſer Held die ernſte, verweiſende Stimme Kle⸗ ra's, welche dem Lachen ein Ende machte. Darauf herrſchte eine kurze Stille, und bald ſah Moritz ein weibliche Geſtalt, die er ſogleich erkannte, von Taco ge⸗ folgt, aus dem Thurme gehnn. Jetzt hatte Moritz Zeit, über das Geſehene nach⸗ zudenken. Unter dem Vorwande einer geringen Unpäß⸗ lichkeit erſchien er nicht beim Abendeſſen. Er konnte ſich eit uf em at⸗ ine ill⸗ ort n⸗ en bei us rt tel rit⸗ yne ich ing zer ln⸗ nge ge⸗ ie⸗ ge⸗ der er⸗ en, etzt la⸗ auf ine ge⸗ äß⸗ ich 129 nicht denken, was Klara zu einem ſo unpaſſenden Schritte bewegen konnte, an einem ſolchen Orte, zu ei⸗ ner ſolchen Zeit und wahrſcheinlich ohne das Mitwiſſen aller ihrer Hausgenoſſen. Wohl hatte er ſchon bemerkt, daß ſich Klara, ungeachtet ihrer hohen weiblichen Sit— tigkeit, in mancher Hinſicht über ängſtliches Vorurtheil hinwegſetzte, aber das heute Abend Vorgefallene blieb ihm doch unerklärlich, und er konnte ihr Betragen nicht entſchuldigen. Umſonſt bemühete er ſich, das Geheim⸗ niß zu entſchleiern, und unangenehme Bilder eutfernten den größten Theil der Nacht den Schlaf von ſeinen Augen. Als er am folgenden Tage den ganzen Morgen auf der Inſel umhergeirrt hatte, und gegen die Zeit des Mittageſſens auf das Schloß zurückkam, bemerkte er im Eßſaale, wo alle Hausgenoſſen verſammelt waren— außer Herrn von Heerema, der ſo eben zurückgekehrt war— einen Fremden, den er ſich nicht erinnerte, früher hier geſehen zu haben, deſſen Geſichtszüge ihm aber bekannt ſchienen. Seine rieſige Geſtalt, und ſeine Kleidung ließ ihn ſogleich vermuthen, daß dieß der Unbekannte ſey, mit dem Klara die geheimnißvolle Zu⸗ ſammenkunft gehabt hatte. Jedoch konnte er, trotz ſei⸗ nes genauen Forſchens, nichts von einem Einverſtänd⸗ niſſe bemerken. Der Hausherr ſtellte ſeinen neuen Gaſt Moritzen als einen Bekannten aus Holland vor, ohne fedoch, was unſerem Helden nicht entging, deſſen Namen zu nennen. Da Moritz ſchon durch das, was ain Abenp vorher vorgegangen, einigermaßen gegen den Fremden eingenommen war, ſo begrüßte er ihn ſehr kalt, und dieſer, auf deſſen Antlitz außerdem ein zurückſtoßen⸗ der Stolz zu bemerken war, antwortete ihm auf gleiche Weiſe. Dieſe erſte Bekanntſchaft ſchien kein freundſchaft⸗ liches Verhältniß anzudeuten. Man ſetzte ſich an den Tiſch, und Moritz merkte bald, daß Klara ungewöhnlich ſtille war, hoͤchſt ſelten Der Schutzgeiſt. II.“ 9 * 130 an dem Geſpräche Theil nahm, und ungeachtet Tante Barbara's Nöthigen, nur ſehr wenig genoß. Der Fremde heftete oft ſeinen Blick auf Klara, und redete ſie auf eine ſolche Weiſe an, woraus man wohl aufreine frühere Bekanntſchaft ſchließen konnte. Doch Klara ſchlug jedesmal die Augen nieder, und verrieth eine ge⸗ wiſſe Verlegenheit, die ihr ſonſt ganz fremd war. Solche Bemerkungen konnten nur unangenehme Gefühle in ihm erregen, und ihn Keineswegs günſtiger gegen den Frem⸗ den ſtimmen. Dieſer bewieß jedoch in ſeiner Unterhal⸗ tung, daß er einem ſehr vornehmen Stande angehörte, und mit den Verhältniſſen der großen Welt ſehr be⸗ kannt war. Moritz hatte während der Mahlzeit die beſte Ge⸗ legenheit, den Fremden genau zu beobachten, und er überzeugte ſich immer mehr, daß er ihn ſchon irgendwo geſehen hatte. Während er hierüber nachdachte, ſtieß ihn Taco, welcher bis jetzt nur die Bedürfniſſe ſeines Magens befriedigt hatte, mit ſeiner gewöhnlichen Drei⸗ ſtigkeit unter dem Tiſche mit dem Fuße an, um ſeine Aufmerkſamkeit anzuziehen. Als ihm dieß geglückt war, warf Tacp abwechſelnd auf den Fremden und auf Klar a bedeukungsvolle Blicke; dann ſah er wieder Moritz an, als wolle er ſagen:„es iſt gerade ſo, als ich geſtern Abend ſagte.“ Moritz verſtand ihn, und nahm ſich vor, nähere Erkundigung bei Taco einzuziehen. Plötzlich ſchien Moritzen ein Licht aufzugehen, und er überzeugte ſich, daß dieſer Fremde kein anderer ſeyn könnte, als einer der beiden Reiſenden, die er vor et⸗ lichen Monaten in Rotterdam in der goldenen Hellebarde geſehen hatte. Auch unſre Leſer werden in dieſem Fremden ſchon einen Bekannten erkennen: es war Stoutenburg. Doch dieſe Entdeckung verdop⸗ pelte Moritzens Neugierde, war aber keineswegs ge⸗ eignet, ihm eine günſtigere Stimmung für ihn beizu⸗ bringen. Es ſchien, daß Stontenburg nur für den heu⸗ MW 1 — uN— n 131 tigen Tag Gaſt auf dem Schloſſe war, und mit ſeinem Reiſe⸗ gefährten im Dorſe ſein Abſteigequartier genommen hatte. Als die Geſellſchaft ſich nach der Mahlzeit zerſtreut hatte, bat der Hausherr unſern Helden um eine kurze Unterhaltung über die Erbſchaftsangelegenheit, um ei⸗ nige Papiere durchzuſehen, welche er mit von Leu⸗ waarden gebracht hatte. Moritz folgte ihm deßhalb in ein beſonderes Gemach, welches der Hausherr die Bibliothek zu nennen pflegte, obgleich kein anderer Bü⸗ cherſchatz, als einige verſchimmelte, und von den Mäu⸗ ſen zernagte Folianten, die ſich der ungeſtörteſten Ruhe erfreuten, daſelbſt vorhanden waren. Nachdem Moritz dem Herrn von Heerema ſeine Zufriedenheit und Ver⸗ gnügen, daß die Familienſtreitigketten nun bald beigelegt ſeyn würden, an den Tag gelegt hatte, erkundigte er ſich nach dem neuen Gaſte. „Es iſt ein alter Bekannter von uns... das heißt, von unſrer Verwandten Klara. Da er aber incognito hier iſt, ſo wünſcht er ſeinen Namen verborgen zu hal⸗ ten. Ihr werdet daher die Güte haben....“ „Sein Geheimniß zu ehren; das werde ich ganz gewiß. Indeſſen erinnere ich mich, daß dieſer Herr, welcher ein Freund von Geheimniſſen zu ſeyn ſcheint, mir noch eine Erklärung über ein nicht minder geheim⸗ nißvolles Zuſammentreffen ſchuldig iſt.“ „Ei, Ei, was iſt das?“— fragte Herr von Hee⸗ rema—„oder muß dieß auch ein Geheimniß bleiben?“ „Dazu habe ich durchaus keine Gründe“— erwie⸗ derte Moritz und erzählte nun mit wenigen Worten, was ſich in der Herberge zu Rotterdam zugetragen hatte. Herr von Heerema hatte aufmerkſam zugehört, und ſchüttelte ſtillſchweigend, nachdem Moritz geendigt hatte, das Haupt. Ein Zug ſeines Antlitzes verrieth jedoch, daß die Anſpielung der lateiniſchen Worte ihm 92 132 kein Geheimniß ſeyen; um aber einer jeden Erklärung zuvorzukommen, erwiederte er: „Nun, ſo wahr ich Johann von Heerema, von Tierkwert heiße, das iſt höchſt ſonderbar, wenn Ihr Euch anders nicht in der Perſon geirrt habt. Was kann er mit dieſem Citat haben ſagen wollen? Doch Ihr könnt Euch irren, und ich bitte Euch daher, mit unſerm Gaſte nicht darüber zu reden.“ Moritz wiederholte noch einmal, daß er ſich in der Perſon eſmt nicht irre, doch ſey ihm die Sache ſo unwichtig, daß er ſpäter nicht wieder daran gedacht habe, und daher keine Nothwendigkeit einſehe, ſie jetzt wieder zu berühren. Der Hausherr war mit dieſer Ant⸗ wort ſehr zufrieden, und trug Moritzen auf, ſeinen Eltern doch unverweilt zu berichten, daß der langjährige Familienzwiſt nun endlich ganz geſchlichtet ſey. Hierauf begab ſich Moritz, in der Hoffnung mit Tacp zuſammenzutreffen, ins Freie, und hoffte, von dieſem etwas Näheres über den Fremden zu erfahren. Kaum bemerkte ihn Taco, ſo eilte er auf ihn zu. Die⸗ ſer muthwillige Knabe aber ſchien Moritzens Wunſch zu errathen, und war ihm bald aus den Augen ent⸗ ſchwunden. Doch er war nicht ſehr fern, denn Moritz hörte, wie der Knabe ſpottend aus einem alten Liede folgende Strophen ſang: Klariſſe die ſchönſte der Gräfinnen Schritt auf und ab in ihrem Saal Wo ihr Geliebter im Dunkeln ſie ſuchte, Den ſie erkoren ſich zum Gemahl. Sie war ihm hold Und der Minneſold Erheitert ihrer Liebe Qual. Er ſchwieg jetzt einen Augenblick, und pfiff mit ei⸗ ner ſolchen Kraft auf ſeinen Fingern, daß alle Jagd⸗ hunde des Schloſſes von verſchiedenen Seiten heranlie⸗ fen. Dann ſang er weiter: — —— 133 Sie wurde geliebt pon ſieben Landesherrn Die ihr bieten ihrer Minne Klag, Und aus reiner Minne Die holdeſte Gräfinne Flehen um Treu, wohl manchen lieben Tag. Bald verkündete das ferne Bellen der Hunde, daß Taco ſich mit ſeinen vierfüßigen Lieblingen weiter ent⸗ fernt hatte. Moritz war über den wilden Knaben, der gewiſſermaßen Spott mit ihm zu treiben ſchien, unge⸗ halten. Auch die Erinnerung an das, was er am Abend zuvor gehört und geſehen hatte, ſo wie die gezwungene Haltung, welche er während der Mahlzeit an Klära bemerkt zu haben glaubte, und die Ungezwungenheit, welche der fremde Gaſt in ſeinem Umgange mit ihr an den Tag legte, Alles erweckte peinliche Gefühle. Er glaubte ſogar bemerkt zu haben, daß dieſer Unbekannte einen gewiſſen Einfluß auf Klara ausübe, die ſonſt zu viel Stolz beſaß, um ähnliches nicht ohne triftige Gründe einzuräumen. In ſich gekehrt und gedankenlos weiter gehend, war er in einem abgelegenen Theile des Gartens angekom⸗ men. Er hörte reden, es war Klara's Stimme, er blieb ſtehen. Er war in der Nähe einer verfallenen Laube, die von den Schloßbewohnern nicht mehr be⸗ ſucht wurde. Er bemerkte Klara an einen Baum ge⸗ lehnt, welche hörbar ſchluchzte und ſich mit ihrem Ta⸗ ſchentuche die Thränen abwiſchte. Ihr gegenüber ſtand der Fremde, richtete einen gebietenden Blick auf das Mädchen, und bemühete ſich ihre Hand zu ergreifen, die ſie aber ſtets zurückzog. Bei dieſem Anblicke kochte Moritzen das Blut in den Adern, und der ſchon gefaßte Widerwille gegen den Fremden nahm mit jedem Augenblicke zu. Er war wie an ſeinen Platz gefeſſelt, und wußte nicht, ob er näher treten oder ſich entfernen ſollte. „Antwortet mir, Klara!“ hörte er Stouten⸗ burg mit einem feſten Tone ſagen, indem er ſich wieder 134 bemühete, Klara's Hand zu faſſen, welche ſie aber wie früher zurückzog—„werdet Ihr meinen Worten Gehör ſchenken?“ „Nie, nie!“— rief Klara auf's heftigſte bewegt aus—„verlaßt mich, um Gottes Willen verlaßt mich! Ein jedes Wort dieſer Art aus Eurem Munde erfüllt mich mit Entſetzen.“ Jetzt konnte Moritz ſich nicht länger mäßigen. Er trat näher und wurde ſogleich von Klara und ihrem Begleiter bemerkt. Jene ſetzte ſich mit abgewandtem Geſichte in der Laube nieder, dieſer aber trat dem Ein⸗ tretenden mit einem trotzigen, ja herausfordernden Bli⸗ cke entgegen. So ſtanden ſie unbeweglich einige Augen⸗ blicke einander gegenüber, bis Moritz ſeine Gefühle be⸗ zwingend, ohne Stoutenburg anzuſehen, ſich an Klara wandte: „Wenn ich ungelegen erſcheine, Fräulein! ſo bitte ich es zu entſchuldigen; ich werde mich ſogleich wieder entfernen. Es war keineswegs meine Abſicht, mich hier zuzudrängen.“ 5 Klara antwortete nicht; ſie ſchien noch nicht wie⸗ der Herrin ihrer Gefühle zu ſeyn und ſchluchzte laut. Statt ihrer erwiederte Stoutenburg: „Ich muß Euch wirklich erſuchen, uns zu verlaſſen; denn was ich in dieſem Augenblicke zu ſagen habe, be⸗ trifft nur das Fräulein und mich.“ „Meine Worte waren nicht an Euch gerichtet“— erwiederte Moritz kalt—„und ich glaube nicht, daß Ihr durch itgend etwas berechtigt ſeyd, Euch hier eine Gewalt anzumaßen.“ „Hier nicht mehr als anderswo, doch überall glanbe ich das Recht zu haben, einen Jeden, der ſich unbeſchei⸗ den eindringt, zurückzuweiſen; daher erſuche ich Euch abermals, Euch von hier zu entfernen, da ich mit dem Fränlein allein zu ſeyn wünſche.“ „Nicht eher bis ihr Mund es mir befiehlt, werde 135 ich dieſen Ort verlaſſen. Doch wer ſeyd Ihr, um in einem ſo entſcheidenden Tone das Wort zu führen.“ „Ich bin das, was Ihr ſeyd“— erwiederte Stou⸗ tenburg mit einem ſpöttiſchen Lächeln—„ein Mann, der nie ſchwieg, wo er das Recht hatte zu ſprechen; ein Edelmann, der eine jede ihm angethane Beleidigung zu ſtrafen weiß.“ „Und Euer Name muß wahrſcheinlich ein Geheim— niß bleiben?“— ſprach Moritz durch den anmaßenden Ton beleidigt—„Wir ſahen uns, wie ich glaube, ſchon früher, und ich ſehe, daß Euch das Geheimnißvolle, wel⸗ ches Ihr damals ſchon gut fandet, an den Tag zu le⸗ gen, auch jetzt noch umhüllt. Doch wiederhole ich Euch, daß ich nicht eher von hier gehe, bis es mir von Je⸗ manden befohlen wird, deſſen Befehle ich mich verpflich— tet achte, zu gehorchen.“ „Mein Name und eine jede Erklärung, die Ihr von mir verlangen könnt, ſteht Euch in einer Stunde zu Dienſten. Jetzt aber entfernt Euch!“ Ale Stoutenburg dieſe Worte ſprach, trat er einige Schritte vorwärts. Moritz ſchlug die Hand an ſein Schwert, doch in demſelben Augenblicke ſprang Klara von ihrem Sitze auf und ſprach mit zitternder Stimme: „Ich bitte Euch, Moritz, geht! Ihr dürft hier nicht länger bleiben.- Um Gottes Willen! entfernt Euch — ich flehe darum..... ich befehle es Euch.“ „Ich werde gehorchen,“— ſprach Moritz—„jetzt überzeuge ich mich, daß ich nicht einen Augenblick län⸗ ger das Recht habe, hier zu bleiben. Nur wünſchte ich zu wiſſen,“— fuhr er fort, ſich an Stoutenburg wendend—„wo ich.....“ „Nach Verlauf einer Stunde findet Ihr mich bei der Kapelle im Holze, und Ihr werdet mich zu einer jeden Genugthuung bereit finden.“ So redend, wandte er ſich von Moritz ab, der in einer heſtigen Gemüths⸗ 136 bewegung die Laube verließ und ſich auf ſein Zimmer begab. Hier erſt dachte er mit Muße über das Vorgefal⸗ lene nach. Ein ſchmerzliches, aber auch zugleich ange⸗ nehmes Gefühl regte ſich in ſeinem Innerſten. Der Gedanke, daß Klara, das ſtolze, hochherzige Mädchen, ſo ganz unter des Fremden Einfluß ſtehe, mußte ihn natürlich ſehr betrüben. Doch glaubte er auch aus den wenigen Worten, welche er gehört hatte ſchließen zu können, daß Klara's Herz nicht dabei betheiligt ſey— daß ſie den Fremden nicht liebe. Dies Bewußtſeyn überwog bei weitem das unangenehme Gefühl, welches das baldige Zuſammentreffen mit dem Fremden bei ihm erregte. Er ſah wohl ein, daß dies einen Zweikampf zur Folge haben würde, und nach dem Vorhergegange⸗ nen erſchien er ihm höchſt willkommen. In dieſe und ähnliche Gedanken verſunken, erhielt er ein Schreiben folgenden Inhalts: „Wenn die Genugthuung, welche Ihr von mir wünſcht, der Art iſt, wie ich es vermuthe, und wie ſie unter Leuten von Stande gewöhnlich gegeben wird, dann ſtellt Euch heute Nacht nach halb ein Uhr auf der Ebene zwiſchen dem Holze und dem Meere ein. Ihr werdet mir beiſtimmen, daß dieſe Zeit geeigneter dazu iſt, als die früher feſtgeſetzte, und die Nacht wird hell genug ſeyn, um die Klingen unſerer Schwerter unterſcheiden zu können. Ich werde dort allein erſcheinen. Ihr könnt Euch von einem Eurer Bekannten begleiten laſſen.“ Moritz gab dem Schifferknaben, welcher ihm dieß Schreiben, ohne von Jemanden bemerkt zu werden, ein⸗ gehändigt hatte, die mündliche Antwort, daß er beſtimmt. erſcheinen würde. Darauf unterſuchte er ſein Schwert, und da er es in beſter Ordnung fand, ſchrieb er einige Reihen an ſeine Eltern. Wenn auch ernſt geſtimmt, vielleicht in wenigen Augenblicken vor einem höhern Richterſtuhle zu erſcheinen, ſo nährte er doch nicht die geringſte Furcht. Im Gegentheil freute er ſich, ſeinen ——, 5„— —„— 5„— 137 beleidigten Stolz rächen zu können, und für die Thrä⸗ nen, welche Klara des Fremden wegen vergoſſen hatte, ſich Genugthuung zu verſchaffen. Mit ſolchen Gedanken beſchäftigt, begab er ſich zur gewöhnlichen Stunde in den Eßſaal, um das Abendbrod mit der Familie einzu⸗ nehmen. Niemand, ſelbſt Klara ſchien Etwas von ſeinem Vorhaben zu ahnen, denn dieſe flüſterte ihm, ſobald er in das Zimmer getreten war, zu:„Ihr habt unvorſich⸗ tig gehandelt— trachtet ja nicht in meine Geheim— niſſe einzudringen. Ich danke dem Himmel, daß Alles wieder beigelegt iſt.“ Aus dieſen letzten Worten mußte Moritz ſchließen, daß der Fremde Klara in den Wahn verſetzt hatte, daß dieſer Wortwechſel keine wei⸗ tere Folgen haben würde, welche um ſo mehr darin be— fangen blieb, da die zuerſt verabredete Zeit ſchon ver⸗ floſſen war. Taco allein ſah zuweilen Moritz bedeu⸗ tungsvoll an, und ſchien mit einem geheimen Plan um⸗ zugehen. Nach aufgehobener Tafel begab ſich Moritz wieder in ſein Gemach, und erwartete ruhig die be⸗ ſtimmte Zeit. Dieſe war endlich erſchienen, und er verließ ſo ſtill als möglich das Schloß. Es war eine helle Nacht; die Sterne funkelten klar, obgleich ihr Licht mehr oder min⸗ der durch den bald untergehenden Mond verdunkelt war. Nur das Brauſen des Windes durch die Bäume unter⸗ brach die Stille der Nacht. Einer jeden Furcht unzu⸗ gänglich, war er doch ernſter als je zuvor geſtimmt. Schon in verſchiedenen Geſtalten hatte er dem Tode auf dem Schlachtfelde unter die Augen geſchaut. Doch ein Zweikampf, einer nichtsſagenden Kleinigkeit wegen, gegen einen Landsmann, den er unter andern Umſtänden ſeinen Freund hätte nennen können, war etwas anders. Endlich ſchlug die Schloßuhr halb ein Uhr. Die Zeit war erſchienen. Moritz glaubte, indem er ſeine Augen aufſchlug, in einiger Entfernung eine Geſtalt zu bemerken, welche ſich langſam hin und her bewegte. In 138 der Erwartung, daß dieß ſein Gegner ſey, ging er da⸗ rauf los, trat aber erſchreckt einige Schritte zuruck, als er— die alte Tekla erkannte. „Ich bin es,“— ſprach ſie in einem ruhigen Tone —„und ich hoffe, wenn auch unerwartet, doch will⸗ kommen.“ „Nein, gewiß habe ich Euch um dieſe Zeit hier nicht erwartet, und obgleich mich ſchon oft verlangte, Euch zu ſprechen, ſo ſcheint mir doch dieſer Augenblick nicht ſehr geeignet dazu.“ „Das iſt ſehr natürlich, junger Mann! Ihr habt wichtigere Sachen zu verrichten, als Euch mit einer alten abgelebten Frau zu unterhalten. Dieß wußte ich wohl; auch bin ich nur hierher gekommen, um Euch zu beweiſen, daß ich Euch, meinem Verſprechen getren, noch einmal vor Eurer Abreiſe von hier ſehen würde. Ihr habt mich vielleicht ſchon in Gedanken der Wort⸗ brüchigkeit angeklagt; aber ich wußte ſehr wohl, daß Eure frühere Abweſenheit von hier nur von ſehr kurzer Dauer ſeyn würde. Jetzt aber muß ich mich beeilen, ſonſt könnte mir die Gelegenheit auf immer genommen werden.“ „Weßhalb vermuthet Ihr das?“— fragte Moritz „Weil in wenigen Augenblicken Euer Leben oder Euer Tod vielleicht auf der Spitze eines Schwertes ſchwebt; dieß würde wenigſtens ohne meine Dazwiſchenkunft der Fall geweſen ſeyn, jetzt aber nicht mehr— denn Ihr ſollt nicht kämpfen.“ „Ich ſehe, daß Ihr mit dem Beweggrunde meines Hierſeyns vertraut ſeyd; aber dann werdet Ihr auch wiſ⸗ ſen, daß Nichts in der Welt, auch nicht Eure Macht mich zurückhalten wird, die mir angethane Beleidigung zu rächen. Wenn ich jetzt zurückträte, dann könnte mich ein Jeder für einen entehrten Feigling halten, und ich würde mich ſelbſt verabſcheuen.“ „Eure Ehre,“— ſprach die Alte in einem bittern Tone—„wenn Ihr ſie bis jetzt rein und unbefleckt be⸗ bt er ch U, e t⸗ aß e n, ter ; der ht es cht ng ich ich ern be⸗ —————— 139 wahrt habt, wird auch durch Euer Bekragen in dieſer Nacht nicht gebrandmarkt werden. Und dennoch— ich wiederhole es Euch— Ihr ſollt nicht kämpfen.“ „Sey es darum, doch jetzt müſſen wir uns trennen. Meine Augenblicke ſind gezählt, und ungern würde ich bei einer Gelegenheit wie dieſe auf mich warten laſſen.“ „Fürchtet nichts; Ihr könnt noch zeitig genug da ſeyn, und ich werde Euch begleiten.“ Umſonſt war Moritz bemüht, ſie von dieſem Vor⸗, haben abzubringen; und da er vermuthen durfte, daß ſein Gegner ſchon am beſtimmten Orte ſey, ſo wollte er nicht länger warten, mußte ſich aber gefallen laſſen, daß die Alte, auf ihren Stab gelehnt, ihm folgte. Auf dem Platze angekommen zeigte ſich im blaſſen Scheine des Mondes Stoutenburgs ruhige Geſtalt, die mit untergeſchla⸗ genen Armen ihren Gegner erwartete. Sobald er Mo⸗ ritz bemerkte, trat er einige Schritte näher und grüßte ihn kalt aber höflich, wie es in ſolchen Fällen zu ſeyn pflegt. Da er noch Jemanden ſich nähern ſah, wartete er ſchweigend deſſen Ankunft ab. Tekla trat gebückt auf Stoutenburg zu, und erſt, als ſie vor ihm ſtand, erhob ſie ſich in ihrer ganzen Größe, hob ihren Stab auf, und ſpräch in einem Ehrfurcht erweckenden Tone: „Ich wünſchte von dem, was hier vorgehen ſoll, Zeuge zu ſeyn;— ich wünſchte das rothe warme Blut bier vergoſſen zu ſehen, um mich zu überzeugen, daß der Wille des Schickſals verändert iſt, und daß ich nur in meiner wilden Einbildungskraft Schaffot und Rad in der Ferne ſah.“ Stoutenburg war bei der unerwarteten Erſchei⸗ nung der Alten, welche er erſt, nachdem ſie zu ſprechen anfing, erkannte, erſchreckt zurückgetreten. Doch ſehr bald ermannte er ſich wieder und ſprach: „Sonderbare Frau! was führt Euch jetzt wieder in einem wichtigen Augenblicke meines Lebens, wie durch ein Wunder in meine Nähe. Wie durfte ich vermuthen, 14⁰ Euch an dieſem abgelegenen Orte zu ſehen? Wohet wohl die Theilnahme, welche ich Euch einflößen konnte.“ „Ich will Euch die Wahrhe't nicht verheimlichen,“ — ſprach Tekla—„es iſt nicht Theilnahme an Eu⸗ rem Schickſale, was mich jetzt zu Euch reden läßt. Ich habe andere Pflichten zu erfüllen; dieſe riefen mich zu dieſer Stunde hierher. Ich wollte Euch nur fragen, was Ihr im Schilde führtet? Warum Ihr Euer Schwert ge⸗ gen den entblößt, für deſſen Bruſt es nicht beſtimmt iſt? Ich glaubte, daß Eure Seele mit zu wichtigen Plänen umginge, um einem kindiſchen Verlangen nach Rache, einer eingebildeten Beleidigung wegen Gehör zu ſchenken. Oder muß der Tod des Greiſes, muß das Elend Eures Lebens auch an dem gerächt werden, den Ihr jetzt mit Eurem Schwerte bedroht?“ „Die Umſtände, welche mich hierher führten, ſtehen mit meinen übrigen Plänen in keinem Zuſammenhang, und daher bitte ich Euch, verlaßt uns, und legt unſerm Vorhaben kein Hinderniß in den Weg.“ „Thoren, die Ihr ſeyd!“— erwiederte Dekla mit drohender Stimme.—„Ihr verlangt Euch zu vertilgen in einem Augenblick, wo der ködtliche Stahl ſchon über Eure Häupter erhoben iſt. Doch höret mich“— fuhr ſie fort, indem ſie einen Schritt näher trat—„icht für jene Bruſt iſt Euer Stahl geſchliffen: er wird— wenn es der Wille des Schickſals iſt— mit durchlauchtigerm Blute gefärbt werden. Daher entfernt Euch von hier; vergeßt ein unbedachtſames Wort und gebt deßhalb nicht den großen Plan Eures Lebens auf. Ein Sohn, der das Blut ſeines Vaters zu rächen hat, darf an nichts anderes denken. Ja, ich befehle es Euch an, bei der Erinnerung an Euren Vater! Nicht das Blut dieſes Jünglings ſeyd Ihr verpflichtet zu vergießen.“ Dieſe mit Nachdruck geſprochenen Worte machten auf Stontenburg einen tiefen Eindruck. Er ſchwieg einen Augenblick und rief dann leidenſchaftlich aus:„Bei Gott! Ihr ſagt die Wahrheit, Frau! Sey es ein Engel * 141* des Lichts oder ein Geiſt der Unterwelt, der aus Euch ſpricht— ich muß gehorchen. Ich muß mich durch kein thörichtes Ehrgefühl von der Beſtimmung meines Lebens ableiten laſſen. Verzeihet mir, wenn ich Euch beleidigte,“ — ſagte er, ſich an Moritz wendend—„Hier iſt meine Hand, laßt eine jede Erbitterung aus unſerm Herzen verſchwunden ſeyn! Vielleicht ſehen wir uns einmal an— derswo wieder, um Freunde und Bundesgenoſſen zu ſeyn, um gemeinſchaftlich nach demſelben Ziel zu ſtreben.“ Nach⸗ dem er ſo geſprochen hatte, faßte er Moritzens Hand, drückte ſie und entfernte ſich aufs eiligſte. „Kehrt nach dem Schloſſe zurück“— ſagte die Alte zu Moritz, der über das Vorgefallene aufs höchſte er⸗ ſtaunt war—„der entſcheidende Zeitpunkt Eures Lebens nähert ſich mit ſchnellen Schritten. Ich mache Euch keine Vorwürfe über das, was geſchehen iſt und noch geſchehen wird; denn ich weiß es, ein Engel wacht über Euch, und unter ſeinem Schutze wird kein Streben der Hölle Euch ſchaden können. Fraget mich nicht,“— fuhr ſie fort, als ſie ſah, daß Moritz reden wollte—„ich kann jetzt keine Eurer Fragen beantworten. Bald werdet Ihr mich wiederſehen.“ Auf ihren Stab geſtützt entfernte ſich die Alte lang⸗ ſam. Noch ſah ihr Moritz voll Erſtaunen nach, als er fühlte, daß man ihm leiſe auf die Schulter klopfte, und zwei bis drei Hunde an ihm aufſprangen. Er ſah ſich um und gewahrte Taco. „Ihr hier?“— ſprach er verwundert. „Ja ich, und Niemand anders;“ ſprach der Knabe —„und Ihr braucht deßhalb nicht ſo brummig zu ſeyn, denn nur um Euretwillen bin ich hier. Ich habe Alles gehött und geſehen was hier vorgefallen iſt; denn ich hatte mich hinter jene Sträuche wie ein Igel zuſammen⸗ gerollt.“ „Es wundert mich keinesweges, daß Ihr Alles ge⸗ ſehen und gehört habt, da ich ſchon mehrere Beweiſe von Eurer Geſchicklichteit im Spioniren erlebt habe. Doch ich gerne näher erfahren.“ 142 warum es aus Theilnahme für mich geſchah— möchte „Höret mich nur an, mein kriegeriſcher Herr Vetter! ein Zufall machte mich heut Nachmittag mit dem Inhalte des Schreibens bekannt, welches jener Bramarbas Euch zuſandte.... „Der Zufall beſtand wahrſcheinlich darin, daß Ihr während meiner Abweſenheit auf mein Zimmer ſchlichet, und in meinen Papieren herumſchnüffeltet. Ich glaube ſchon dergleichen bemerkt zu haben.“ „Nur Theilnahme für einen ſo theuren Verwandten ließ mich ſo handeln; aus den barſchen Zügen des Frem⸗ den ſah ich, daß er etwas Abſonderliches vor hatte, und beſchloß es auszuforſchen: und ſobald dies geſchehen war, hielt ich es für meine Pflicht, im entſcheidenden Augen⸗ blicke zwiſchen Beide zu treten— und zwar nur um Euretwillen.“ „Das verſtehe ich noch nicht ſo ganz“— erwie⸗ derte Moritz. „So hört denn, mein hochweiſer Herr Vetter! ich hätte es niemals dulden können, daß dieſer ungeleckte Bär, der ſich das Todtſchlagen zum Berufe gemacht zu haben ſcheint, Euch ſo mir nichts dir nichts über den Haufen geſtochen hätte. Dies würde unſerem Hauſe und unſerer Inſel zu einer unvertilgbaren Schande gereicht haben.“ „Wir würden doch das Unſrige gethan haben, dieß zu verhindern.“ 5 „Nun ja, ich glaube gern, daß Ihr den Degen gut zu führen wißt, aber ich verſichere Euch, Ihr hattet es mit einem tüchtigen Kämpen zu thun, und Mars va- rius est.“ „Aber ſagt mir, Taco! was hättet Ihr wohl thun wollen, um das mir über dem Haupte ſchwebende Schickſal. wie Ihr Euch auszudrücken beliebt, von mir abzuwenden? Denn ſo wie ich ſehe, habt Ihr Euch nicht mit den e r be n⸗ nd r, m ich kte en nd cht gut es un ſal, en em 143 Schwerte Eures wackern Landsmannes, dem großen Pier, umgürtet?“ „Ihr ſeht, ich habe Hunde bei mir, und Sultan allein nimmt es mit dem größten Kerl auf. Dieſe würde ich alle, wenn ich geſehen hätte, daß Ihr zu Schaden gekommen wäret, zu Eurer Hülfe haben heranrücken laſſen.“ „Dieſer Plan war ſo ſchlimm nicht, und ich bezeuge Euch meinen Dank für Eure Theilnahme, wie Ihr es nennt. Doch habe ich nicht bemerkt, daß die Hülfs⸗ truppen, die Ihr zu meiner Vertheidigung bereit hieltet, in der Nähe des Schlachtfeldes waren.“ „Wir hatten uns, wie ich Euch ſchon ſagte, ſo lange, bis unſere Hülfe nöthig wäre in den Hinterhalt gelegt. Doch die verteufelte Here“— als er dies ſagte, ſah er ſich ängſtlich um—„iſt mir zuvorgekommen; und Euch die Wahrheit zu geſtehen, als ich ſie in Eurer Geſellſchaft ſah, verging mir die Luſt, meine Hand mit im Spiele zu haben. Auch vermuthe ich, daß dieß mit Sultan und ſeinen Gefährten der Fall war, denn ſie krochen mit hängendem Schwanze auf mich zu, und zeigten nicht die geringſte Luſt, aus ihrem Verſtecke hervorzu⸗ kommen.“ „Ich hoffe jedoch, daß Ihr zu Niemanden auf dem Schloſſe von Eurem Vorhaben etwas ſagtet und auch ſpäter es nicht thun werdet.“ „Ich habe keinem Menſchen etwas davon geſagt,“ — antwortete Taco, doch beſchränkte er bald dieſe Ver⸗ ſicherung ſchon in ſo fern:—„nur an Bäschen Klara habe ich einige Zeilen geſchrieben, die Ihr, ſobald ſie erwacht, zugeſtellt werden ſollen, worin ich ihr Euer Vorhaben und die Art und Weiſe, wie ich mich hinein⸗ miſchen will, mittheilte.“ „Unbedachtſamer Knabe! warum thatet Ihr das?“ „Ei! Sie macht ſich ſo oft ein Vergnügen daraus, mich zu tadeln, daher iſt es mir auch wohl einmal zu gönnen, ſie ein wenig zu plagen. Wie wird ſie erſchre⸗ 144 cken, wenn ſie es liest! Nun das ſchadet ihr nicht, ſie hat ja ſelbſt die größte Schuld an dieſem Vorfalle. Et kuit ante Helenam mulier teterrima belli causa. Ich muß dies Alles doch morgen an Domine Timanni erzählen.“* Unter dieſem Geſpräche und während Taco ſeinem ſpöttiſchen Geiſte die Zügel ſchießen ließ, hatten unſre Nachtwandler das Schloß wieder erreicht. Nachdem Taco ſeine vierfüßigen Begleiter in ihr Quartier gebracht hatte, begaben ſich beide zur Ruhe, und zwar mit ſo großer Vorſicht, daß wahrſcheinlich ihr nächtlicher Ausgang von Niemanden im Schloſſe bemerkt worden war. Auch Tekla hatte in dieſer Zwiſchenzeit den Weg nach ihrer Wohnung fortgeſetzt. Aber ſie war noch nicht weit von dem Orte entfernt, wo ihre Gegenwart den Zweikampf verhindert hatte, als ſich an ihrer Seite unter den Bäumen eine zarte Geſtalt bewegte, die ſich ihr nähern zu wollen ſchien. Tekla wandte ihren Blick dahin und ſprach: „Thörichtes Mädchen! was ſoll das bedeuten? War⸗ um habt Ihr einen ſo weiten Weg gemacht, um hierher zu kommen, wo Eure Gegenwart nicht dienen konnte? Glaubtet Ihr nicht, daß ich ſo viel Macht beſäße, um ſein Leben zu ſchützen?“ „Davon war ich überzeugt, gute Mutter!“— ſagte eine ſanfte weibliche Stimme—„doch die Unruhe, welche mich plagte, erlaubte mir nicht einſam in meiner Woh⸗ nung zu bleiben. Dem⸗ Himmel und Eurer Güte ſey es gedankt, daß die Gefahr von ihm abgewendet iſt!“ „Dieſe Gefahr iſt nur gering in Vergleich zu der, welche ihn noch bedroht. Aber auch in Zukunft wollen wir Beide über ihn wachen.“ „Ach! Eure Hand muß ihn beſchirmen, ich bin nur ein ſchwaches ohnmächtiges Weſen, ich kann zu ſeiner Rettung nichts beitragen.“ „Ihr vermögt Alles, Emma! dies habe ich Euch ſchon oſt verſichert, und Ihr müßt meinen Worten glau⸗ ſie Et c ni em ſre co te, ßer on eg cht en ter lick ar⸗ her te? um gte che oh⸗ ſey e, len ner uch au⸗ 145 ben. Ihr werdet Euch bald ſelbſt davon überzeugen. Doch laßt uns jetzt hierüber ſchweigen. Die Nacht iſt ſchon weit vorangerückt, und Ihr bedürft der Ruhe; wir ſind noch ſehr weit von unſrer Wohnung.“ Schweigend ſetzten die beiden Frauen ihren Weg fort, und erreichten ungefähr in einer Stunde Tekla's Hütte. Sobald ſie eingetreten waren, öffnete die Alte die ver⸗ borgene Thür, begab ſich in die Grotte, zündete Licht an und führte Emma hinein. „Muß ich noch länger dies reich verzierte Gemach bewohnen, während Ihr Eure müden Glieder auf jenem erbärmlichen Lager ausſtreckt?“ „Das müßt Ihr, es iſt für Euch beſtimmt, ſo wie das Strohlager für mich.“ Nachdem ſich Emm'a im Gewölbe allein befand, warf ſie ſich, ohne die für ſie bereit ſtehenden Erfriſchun⸗ gen zu beachten, auf ihre Kniee nieder, faltete die Hände und betete. Neuntes Kapitel. Rothglühend ſchleudert Gottes Hand Den Blitz aus finſtrer Höh! Und Donner ſtürzt ſich auf das Land In einem Feuerſee, Daß ſelbſt der Erde feſter Grund Vom Zorn des Donners bebt Und was um ihr erſchüttert Rund Und in der Tiefe lebt. Uz. Ein Am folgenden Tage erſchien Stout enburg früh auf dem Schloſſe, um, im Begriffe nach Holland zu⸗ rückzureiſen, den Bewohnern Lebewohl zu ſagen. Nach⸗ dem er von dem Hausherrn, deſſen Gemahlin und Tante Barbara, welche letzte ſich ſehr freute, wenn derglei⸗ chen Gäſte ſich entfernten, ſich verabſchiedet hatte, ließ er Klara noch um eine kurze Unterhaltung bitten, die Der Schutzgeiſt. 1I. 10 146 ihm auch bewilligt wurde. Das Fräulein ſaß in Schwer⸗ muth verſunken auf einer Ruhebank; ſelbſt, als Stou⸗ tenburg ſchon vor ihr ſtand, waren ihre Angen noch an den Boden gefeſſelt. Dieſer blieb eine Zeitlang ſchweigend vor ihr ſtehen und ſchien es abzuwarten, bis ſie aus ihrem Nachſfinnen erwache. Als ſie aber ſtets in dieſer Stellung verharrte, und ſeine Anweſenheit-nicht einmal zu bemerken ſchien, ſprach er in einem ſanften Tone: „Ich bin hierher gekommen, Klara! um Abſchied von Euch zu nehmen, und mir zugleich Eure Verzeihung einzuholen.“ Klara ſchien durch dieſe Worte aus ihren Träu⸗ mereien aufgeſchüttelt zu ſeyn; ſie richtete einen ſlüch⸗ tigen Blick auf ihn, antwortete aber nicht. „Wir werden uns doch als Freunde trennen, Kla⸗ ra! obgleich ich geſtern, ich ſehe es ein, Euch ſchwer beleidigt habe?“* „Wir ſcheiden, Stoutenburg! und ich möchte wünſchen, daß wir uns nie wiederſähen. Ihr kennt die Verhältniſſe, und keiner von uns wird ſie je vergeſſen, welche uns zuſammenführten. Daher müſſen wir uns nicht täuſchen, und dürfen unſere Beziehungen zu ein⸗ ander nicht durch den geheiligten Namen Freundſchaft entweihen. Die Macht der Verhältniſſe, das über uns ausgebrochene grauſame Schickſal ließ eine erzwungene Vereinigung zwiſchen uns entſtehen; aber Freundſchaft — nein Stoutenburg! die beſtand nie zwiſchen uns, und jetzt weniger als je.“ „Dem ſey ſo, trotziges Mädchen! Niemand kann weniger als ich geneigt ſeyn, einem Andern eine Freund⸗ ſchaft aufzudringen, welche ſo verächtlich abgewieſen wird. Und dennoch, Klara! Dieß Herz nährte für Euch Ge⸗ fühle, die ihm zuvor ganz fremd waren. Nein, gebietet mir kein Stillſchweigen, glaubt mir, ich werde Euch nicht aufs neue beleidigen. Geſtattet mir nur noch ein 1 147 Wort: ich liebte Euch, Klara! zum erſten Male ließ die Liebe ihre Stimme....“ „Schweigt, ich befehle es Euch! Welch eine Sprache erlaubt Ihr Euch? Hat das Unglück Euch wahnſinnig gemacht? Habt Ihr vergeſſen, Stoutenburg, welche heiligen Banden Euch an den edlen Zweig der St. Adelgonden feſſeln? Oder“— fuhr ſie fort, indem ſie plötzlich ihre Stimme erhob„ ihre Augen funkelten, und die höchſte Beleidigung in 7hrem Ausdrucke lag— „oder könntet Ihr grauſam genug ſeyn, meine Leiden mißbrauchen zu wollen? Wähnt Ihr das Recht zu ha⸗ ben, mich ſtraflos verhöhnen zu können, weil ich ein Mädchen bin, ohne Beſchirmer, und von der ganzen Welt hülflos verlaſſen? Bei Gott! wenn Ihr das mein⸗ tet.. Sie ſchwieg plötzlich und brach in einen Strom von Thränen aus.„ „Pfui, Klara! Dieſe Worte konnten nicht aus Eurem Herzen kommen. So tief konnte das Unglück mich nicht ſinken laſſen. Doch warum unterbrecht Ihr mich mit einem ſolchen Ungeſtüm? Schenkt mir nur noch einen Augenblick Gehör, dann werde ich mich ſogleich entfernen, und ich ſchwöre Euch, unter welchen Um⸗ ſtänden das Schickſal uns auch wieder zuſammenführt, dieſer Gegenſtand ſoll nie wieder von mir berührt wer⸗ den. Ich liebte Euch, Klara! Denn ich hatte Eure ſtolze und erhabene Seele kennen gelernt, und ich fühlte es, nur eine Frau, wie Ihr ſeyd, könnte mir je eine wahre und dauernde Liebe einflößen. Nur der Wunſch unſerer nächſten Verwandten, aber keine Uebereinſtim⸗ mung der Gefühle vereinigte mich mit der Frau, welche jetzt meinen Namen führt; das Band, welches unſre Hände vereinigte, umſchlang nie unſre Herzen. Daher wagte ich geſtern, von meinen Gefühlen übermannt, die Worte zu Euch zu reden, welche bei Euch Betrubniß und Unwillen erweckten, und wenn ich vielleicht auch heute noch ſie wiederholte, und Euch zurief. Ihr ſollt 3. 10 148 die Meinige ſeyn, Klara! das Schickſal hat uns für einander beſtimmt; Euer Geiſt iſt mit dem meinigen ver⸗ wandt; das Band, welches mich jetzt an eine Andere feſſelt, muß zerriſſen werden, und Ihr ſelbſt ſollt Euch dann einſt aus freier Wahl mir in die Arme werfen— dieß Alles würde ich zu Euch geſprochen haben, wenn nicht das Ereigniß in vergangener Nacht mir die Augen geöffnet, und mich aus meinem unglückſeligen Irrthume aufgerüttelt hätte.“ „O, ich weiß es, welch' eine Thorheit Ihr begin⸗ get, und wie Ihr von einer nichtswürdigen Veranlaſſung entflammt, Euer Schwert gegen den Mann gezogen hät⸗ tet, der Euch nie beleidigte, den Ihr ſelbſt wünſchtet für Eure— für unſre Sache zu gewinnen.“ „Und der, wie ich mich jetzt überzeuge, Gefühle bei Euch erweckt hat, die mir eine jede Hoffnung auf Gegenliebe rauben. Doch laßt uns hierüber ſchweigen. Dieſe Thorheit,— mit Recht nennt Ihr mein Betragen ſo— iſt Euch alſo bekannt: dann wißt Ihr wahrſchein⸗ lich auch, durch weſſen Dazwiſchenkunft der Zweikampf vereitelt wurde?“ „Taco hat mir vor wenigen Augenblicken Alles, auch die Erſcheinung der wunderbaren Frau erzählt.“ „Sie war es, welche durch wenige vielſagende Worte mich plötzlich erinnerte, daß mein Leben nicht der Liebe, ſondern der Rache geheiligt ſey, daß ich nur dieſer leben müſſe, und bevor ſie beſriedigt ſey keinen andern Ge⸗ fühlen Raum zu geben habe. Es war zum dritten Male, daß dieſe merkwürdige Fran, welche im Innerſten meiner Seele zu leſen ſcheint, mir auf meinem Lebeuswege, als eine höhere Erſcheinung entgegentrat, und jedesmal mach⸗ ten ihre Worte einen ſolchen Eindruck auf mich, den kein anderes lebendiges Weſen hervorzubringen im Stande wäre. Wie dem auch ſey, ich gehorche unbe⸗ dingt ihren Worten. Hier iſt meine Hand, Klara! Laßt uns als Freunde von einander ſcheiden! oder we⸗ nigſtens, ſchenkt mir Verzeihung. Das Unglück brachte —— M— M den Nang bekleiden wird, 149 uns zuſammen; in einer Hinſicht ſtreben wir nach dem⸗ ſelben Ziel; übrigens verfolge ein Jedes von uns ſeinen eigenen Weg.“ „So lautet der Vertrag, der zwiſchen uns beſteht,“ — erwiederte Klara—„der einzige, welcher zwiſchen uns beſtehen kann.“ „Solltet Ihr in andere Verhältniſſe eingehen oder ſchon eingegangen ſeyn, ſo dürfen Sie nie ſtörend in den großen Plan eingreifen, den...“ „Ich habe nur eine Pflicht zu erfüllen, andere Ver⸗ pflichtungen kenne ich nicht.“ „Dann lebet wohl, Klara! unſere Herzen ſtimmen beſtimmt überein; ein und daſſelbe große Vorhaben beſeelt uns Beide— warum muß dieſe Scheidelinie zwiſchen uns ſeyn?“— Er trat einige Schritte zurück, als wollie er ſich entfernen, doch ſchnell näherte er ſich ihr wieder und ſprach leidenſchaftlich—„ch weiß nicht, welche Zauber⸗ kraft mich hier feſſelt. O, Klara! könntet Ihr die Ge⸗ fühle theilen, welche mich beſeelen. Wir gehen verhäng⸗ nißvollen Zeiten entgegen; wer weiß, wie bald der jetzt ſo verachtete Sohn Oldenbarnevelds in dieſer Republik wozu Geburt und Geiſtesver⸗ mögen ihn Anſprüche machen laſſen. Und wenn dies erſt der Fall iſt, wenn die Feinde ſeines Namens alles Ein⸗ fluſſes und Anſehens beraubt und erniedrigt ſind, ſo wie ſie es verdienen— wer weiß, zu welcher Höhe ihn dann ſein Ehrgeiz hinaufſchwingen kann? Wer wird dann ſeinen großartigen und viel umfaſſenden Plänen Grenzen ſetzen? — O, wenn Ihr, Klara, in dieſen wichtigen Augen⸗ blicken ihm zur Seite ſtändet, wenn Euer Blick ſeine küh⸗ nen Pläne begeiſterte, Eure Liebe ihm lohnte....“ „Ich habe mit Euren ehrgeizigen Entwürfen nichts zu thun“— fiel ihm Klara ernſt in die Rede—„ich weiß ſie nicht einmal gehörig zu würdigen: nur beklagen kann ich den Mann, der einem ſtets ſo verächtlichen Eigen⸗ nutze auch bei den edleren Gefühlen, die dem Sohne und dem Krieger anſtehen, Gehör giebt. Jetzt geht, ich be⸗ — 150 ſchwöre Euch: denn ſchon viel zu lang dauerte dies Ge⸗ ſpräch, und es giebt nur einen Gegenſtand, wodurch ich Eurer Rede theilnehmends Gehör ſchenke. Nur in einem Punkte ſtehen wir mit einander in Gemeinſchaft. Wo die geheiligtſte der Pflichten uns wieder vereinigen muß, werde ich nicht fehlen, und kein Opfer wird mir zu ſchwer werden. Lebet wohl!“ „Lebet wohl!“— erwiederte Stoutenburg lang⸗ ſam—„wir trennen uns jetzt; wenn wir uns wieder ſehen, müſſen wir dem großen Ziele ſo viel näher ſeyn.“ Hierauf verließ er das Zimmer, und gleich nachher das Schloß und die Inſel. Es ſchien, daß Stoutenburgs Abreiſe Klara von einer ſchweren Laſt befreiete. Von dieſer Zeit an war ſie wieder heiterer und ſprach mehr, obgleich die Kenn⸗ zeichen eines verborgenen Schmerzes nie ganz ſchwanden. Auch ſchien ſie eine zutrauliche Unterredung mit Mori⸗ tzen zu vermeiden. Doch ein Zufall, der böſe Folgen hätte haben können, fügte es anders. Der Herbſt war ſchon vorgerückt, aber das Wetter noch ſehr heiter. Moritz und Klara machten oft weite Spaziergänge, bald allein, bald von Taco begleitet. Eine Erinnerung an Emma, und ein inneres nicht zu erklä⸗ rendes Gefühl hatte Moritz noch immer abgehalten, Klara ſeine Liebe zu offenbaren, und wenn das Geſpräch dahin hätte führen können, wußte er ihm ſtets eine andere Wendung zu geben. So waren ſie eines Mittags, gleich nach dem Eſſen nach Nes ſpaziert, wo Moritz ein paar alte Bekannte beſuchen wollte, die ſich zufällig an dem Tage daſelbſt befanden, nehmlich die ſchöne Anna, welche ihm zu Holwerd ſo freundlich gegen die erbitterten Bauern einen Zufluchtsort bewilligt hatte, und Jelle, ſeit einigen Wochen ihr treuer Gatte. In der Unterhal⸗ tung mit dieſen ſchlichten Leuten, woran Moritz und Klara gleiches Vergnügen fanden, war die Zeit unmerk⸗ lich verſtrichen. Nachdem die Neuverehlichten ſich wieder an Bord eines kleinen Fahrzengs zum Ueberfahren begeben — —— N — guf. Mehremgle hatte man ihnen erzählt, wie gefährlich 151 hatten, und Anna zuvor Moritzen ins Ohr geraunt, ſie ja zu ſeiner bevorſtehenden Hochzeit einzuladen, mußten unſere Spaziergänger noch einige Augenblicke im Dorfe verweilen, ſo daß es ſchon Abend war, ehe ſie den Rück⸗ weg antreten konnten. Da es aber beinahe Vollmond war, ſo beſchloſſen ſie? ungeachtet des heftigen Sturmes aus Nordweſten, zu Fuß nach dem Schloſſe zurückzukehren, um ſo mehr, da auch kein Wagen zu haben war. Sie ſchützten ſich ſo gut als möglich gegen das rauhe Wetter, und ſchlugen den einſamen Weg über Ballum ein, der nur der ſchweren Wolken wegen ſelten vom Monde be⸗ leuchtet war. Kaum hatten ſie einen kleinen Theil des Weges zurückgelegt, als plötzlich— eine nicht ungewöhn⸗ liche Erſcheinung auf den Inſeln der Nordſee— ein ſo dicker Nebel ſich um ſie her verbreitete, daß ſie auch nicht eine Handbreit vor ſich Etwas unterſcheiden konnten. In demſelben Augenblicke wüthete der Orkan mit einer ſolchen Gewalt, daß die Inſel in ihren Grundfeſten erſchüttert zu ſeyn ſchien. Ein ſtarkes Gewitter, daß ſich durch eben ſo laute als ſchnelle Donnerſchläge verkündete, vermehrte noch das Fürchterliche dieſes Augenblicks. Klara aufs höchſte erſchreckt, faßte ihres Begleiters Arm, und drängte ſich ſo dicht als möglich an ihn. Moritz war bemüht ihr Muth einzuſprechen, und machte ihr den Vorſchlag wieder nach Nes, wovon ſie noch nicht weit entfernt waren, zurückzukehren. In dieſer Abſicht kehrten ſie um, aber der undurchdringliche Nebel ließ ſie auch den ſonſt gut bekannten Weg verfehlen. Kaum waren ſie wenige Schritte gegangen, ſo wurde der Boden unter ihnen naß, und einen Augenblick ſpäter waren ſie ſchon bis über das Fußgelenk im Waſſer. Wie ein Blitz durchfuhr Moritz der Gedanke, daß ſie ſich in der Fleek, einer Senkung befänden, welche zwiſchen Ballum und Nes bei hohen Fluthen den Wogen der Nordſee einen Durchgang geſtat⸗ tete. An dieſer Stelle hören die Dünen, welche ſonſt der ganzen Inſel zur Schutzmauer gegen den Orean dienen, 152. bei hoher Fluth dieſe Stelle wäre, und wie ſchon Man⸗ cher daſelbſt ſein Grab gefunden hätte. Wenn man auch in dieſen Erzählungen einige Uebertreibung anzunehmen geneigt war, ſo zeigte ſich jetzt doch die Gefahr, durch die Dunkelheit vermehrt, in ihrer fürchterlichſten Geſtalt. „O, mein Gott! wir ſind verloren!“— rief Klara faſt außer ſich an des Jünglings Arm hängend, der ſeine ganze Kraft aufbot, um ſie durch die immer höher ſtei⸗ genden Wellen hindurch zu tragen—„fliehet, fliehet, Moritz! Ihr könnt Euch noch retten; überlaßt mich meinem Schickſale— laßt mich ſterben!“ „Noch iſt Rettung für uns Beide möglich“— ſprach Moritz indem er ſeine Anſtrengung verdoppelte, den höheren Boden zu erreichen, der nicht fern ſeyn konnte —„wenn nicht, dann ſterben wir hier zuſammen.“ Dies letzte ſchien allem Anſchein nach auch der Fall zu ſeyn. Klara's Kräfte waren ganz erſchöpft, und Moritz, welcher ſie auf ſeinem Arm trug, kämpfte nur vergebens gegen die ſich heranwälzenden Fluthen. Das blendende Licht der Blitze, die in geringen Zwiſchenräu⸗ men niederſchoſſen, zeigte ihnen rund um ſie her nur ein tobendes Meer, das mit der Wuth eines Tigers brüllte, und ſie ſchon als eine gewiſſe Beute zu betrachten ſchien. Moritz fühlte, daß ſeine Kraft durch die übermäßige Anſtrengung mit jedem Angenblick geringer wurde, und daß das Waſſer immer höher ſtieg. In dieſem Augen⸗ blicke bildete er ſich ein, daß eine dunkle Geſtalt ſich ibm zur Seite bewegte, doch die Dunkelheit verhinderte ihn, Etwas zu unterſcheiden. Auch waren ſeine Sinne durch den fürchterlichen Orkan, und den Zuſtand, worin er ſich befand, wie erſtickt. Schon war er auf dem Punkte ſeine Arme kraftlos niederſinken zu laſſen, und mit dem Mäd⸗ chen, das ſich an ſeiner Bruſt feſtgeklammert hatte zu ſterben, als plötzlich in geringer Entfernung wohlbekannte Töne ſein Ohr trafen. Er wandte ſeine Blicke nach der Richtung hin, und gewahrte beim Lichte der Blitze Dek⸗ la's rieſige Geſtalt. Schon ſtand ſ ie in der Mitte der 153 Wellen vor ihm und warf ihm den Zügel eines Pferdes zu, das ſchon ſchwimmend, nur ſeinen Kopf und Rücken über dem Waſſer zeigte. „Rettet Euch!“— rief die Alte in einem gebieten⸗ den Tone, und ſchien zurückweichend zwiſchen den brau⸗ ſenden Wogen zu verſchwinden. Moritz ſetzte mit der einen Hand die Laſt, welche er trug, vorn auf das Pferd und er beſtieg mit der größten Anſtrengung den Rücken des Thiers, welches, wie durch eine geheime Macht ge⸗ leitet, ſich ſogleich in Bewegung ſetzte, der ſchnellen Strom durchſchnitt und in wenigen Augenblichen feſten Grund erreichte. Als der Nebel einen Augenblick ſchwand, und der Mond während dieſer Zeit den dichten Schleier der Wolken durchbrach, ſah ſich Morittz nach allen Seiten um, konnte aber nicht die entfernteſte Spur der Alten, deren plötzliche Erſcheinung ihn, und die in ſeinen Armen leblos liegende Klara gerettet hatte, entdecken. Doch Moritz hatte jetzt nicht die Zeit, Nachforſchungen an⸗ zuſtellen. Seine ganze Aufmerkſamkeit war auf Klara gerichtet, auf die dies Ereigniß einen bedeutenden Eindruck gemacht hatte. Er hob ſie bewußtlos vom Pferde, wel⸗ ches, nachdem es kaum wieder feſten Fuß gefaßt hatte, ſtehen blieb, gleichſam als wolle es ihm Gelegenheit ge⸗ ben, ſeiner Gefährtin die erforderliche Hülfe zu leiſten. Er bemühete ſich, ſie ſo viel als möglich gegen den noch fortwüthenden Sturm zu ſchützen, ſetzte ſie aufs Gras und wandte Alles an, ſie in das Bewußtſeyn zurückzu⸗ rufen. Dies glückte ihm nur nach vieler Mühe; endlich öffnete Klara die Augen, ſah ſich ängſtlich um, als fürchte ſie irgend eine ſchreckliche Geſtalt wahrzunehmen. Der durch die Wolken brechende Mond beleuchtete eben die Landſchaft mit einem mätten Lichte.. „Ihr ſeyd gerettet, Klara!“— ſprach Moritz mit ſaufter Stimme.—„Die Gefahr iſt gewichen; wir ſind hier vollkommen ſicher.“ Klara antwortete nicht, ſondern ſtarrte noch immer ntt ängſtlichen Blicken um ſich her. Endlich ſagte ſie und den Martern der Hölle zu übergeben.“ . 154 kaum hörbar:„Wo iſt ſie? Hat ſie uns verlaſſen?— O mein Gott wie ſchrecklich klang der Ton ihrer Worte.“ Sie ſchwieg wieder und ſeufzte. Darauf fuhr ſie fort: „O ſagt mir, iſt es Wahrheit?— oder hat meine er⸗ hitzte Einbildungskraft mich getäuſcht?— War es witrk⸗ lich die alte Tekla, welche ſich uns zeigte?“ „Sie war es,“— antwortete Moritz—„un) nur der plötzlichen Erſcheinung dieſer eben ſo geheimniß— vollen als mächtigen Frau haben wir beide die Erhaltung unſres Lebens zu verdanken.“ „Euch hat ſie das Leben gerettet,“— erwiederte Klara mit ſchwacher Stimme—„um Euretwillen er— ſchien ſie. Mich haßt ſie ſchon längſt, das weiß ich, und wie durchſchnitten die Worte, welche ſie mir mit dumpfet Stimme zuflüſterte, mir die Seele!“ „Ihr irrt, Klara! zwar an mich richtete ſie einige Worte, wodurch ſie mich zu der ſchnellſten Flucht antrieb Was kann Euch ſo ſehr erſchüttern, bei der Erſcheinung einer Frau, die Ihr ohne Zweifel ſchon oft ſahet, und deren Macht Euch nicht unbekannt ſeyn kann?“ „Nein, an mich waren ihre Drohungen gerichtet; mir galt der Fluch, den ſie mit flammenden Blicken aus⸗ ſprach: ich muß Euch dem Rachen des Todes entreißen, ſagte ſie, aber es geſchieht nur, um Euch dem Fluche Umſonſt bemühete ſich Moritz dieſen Gedanken aus Klara's Seele zu verbannen. Es ſchien ihm ut⸗ möglich, daß Dekla, welche nur einen Augenblick in ihrer Nähe geweſen war, dieſe Worte, deren Zweck er auch nicht einmal begreifen konnte, an Klara, ohne daß er es bemerkt, habe richten können. Der Sturn hatte ſich ein wenig gelegt, und der Weg war matt durch den Mond beleuchtet. Klara bat Moritzen, ſie nach dem Schloſſe zu führen. Kaum hatten ſie einige Schrite gethan, ſo ſahen ſie ein Fuhrwerk auf ſich zu kommen und bald Herrn von Heerema, den Sekretarius und Taco herausſteigen, welche laut ihre Frende äußerten, ten t: er⸗ irk⸗ und niß⸗ n rch ach itte en, nd en, 155 die Vermißten ſo glücklich wieder zu ſehn. Baart hatte die Schloßbewohner auf die Gefahr, der Moritz und Klara in dieſem Nebel und Unwetter entgegengingen aufmerkſam gemacht, und Herr von Heerema ließ ſo⸗ gleich anſpannen. Klara wurde in Mäntel gehüllt in den Wagen gepackt, dem die Herren zu Fuße nachfolgten, da für Moritz, noch von Seewaſſer triefend eine mäßige Bewegung für durchaus nothwendig gehalten wurde. Er etzählte unterwegs ſeinen Vegleitern, wie wunderbar er durch Tekla gerettet wurde, und äußerte zugleich die Beſorgniß, daß dieſe geheimnißvolle Frau in den Wellen ihren Tod gefunden habe, welches ſeine Begleiter, von Teklas Macht überzeugt, ihm aber auszureden wußten. Herr von Heerema verſprach ihm jedoch ſogleich Be⸗ fehl zu ertheilen, um die nöthigen Nochforſchungen an⸗ zuſtellen. Bald hatte man das Schloß wieder erreicht, wo die Erzählung des Ereigniſſes Erſtaunen und Theilnahme etregte. Klara begab ſich ſogleich, Tante Barbaras Obhut übergeben, zur Ruhe. Dieſe gute Frau unter⸗ ließ auch nicht Moritzen ihr Arkanum anzuempfehlen. Herr von Heerema hingegen ſchickte ihm eine Flaſche guten alten Wein, und Moritz, der aus der trüben und häßlichen Farbe der Arznei den Geſchmack beurtheilte, gab dem Heiltranke ſeines wackern Blutsverwandten, der auch ſeine Wirkung nicht verfehlte den Vorzug, obgleich er am folgenden Tage Tante Barbara das Gegentheil verſicherte. Dieſe verfehlte auch nicht, einem Jeden der es nur anhören wollte die Wunderkraft ihres Tran⸗ kes, welche ſich an Moritzen wieder bethätigt hatte, an⸗ zupreiſen. Noch in derſelben Nacht und am folgenden Tage wurde die genaueſte Nachforſchung angeſtellt, doch es fand ſich Niemand, der auch nur Etwas von Tekla hätte berichten können. Sie war in letzter Zeit von keinem Bewohner der Inſel geſehen worden, und man glaubte, 156 ſie ſey ſchon länger abweſend. Ihre Hütte fand man aber offen, und dieß beunruhigte Moritz ſehr. Am dritten Tage nachher ſaß Moritz neben Klara, die ſich kaum von einer geringen Unpäßlichkeit und dem Schrecken wieder erholt hatte. Von ſeinen Gefühlen fortgeriſſen, warf er ſich vor dem Mädchen nieder und machte ihm das ſchon lang unterdrückte Geſtändniß ſei⸗ ner Liebe. Klara hörte ihn ſchweigend an, und ant⸗ wortete nicht gleich. Nachdem Moritz aber ſein Ge⸗ ſtändniß wiederholte und ſie um Gegenliebe bat, ſenkte ſie ihr ſchönes Haupt an ſeine Bruſt, und ſprach mit einer ſanften Stimme:. „Der Tod ſtand im Begriffe, uns auf immer zu vereinigen. Eure Hand hat mich den Wogen, die mich zu verſchlingen drohten, entriſſen: denn nur zu Eurer Rettung konnte die mächtige Alte erſcheinen; und gegen ihren Willen führtet Ihr mich mit Euch in das Leben zurück. Dieß Leben ſey denn fortan nur Euch gewid⸗ met, Moritz! ja, ich liebe Dich, und außer meiner Pflicht, deren Erfüllung mir unwiderruflich auferlegt iſt, werde ich kein anderes Ziel kennen, als das, Dich glück⸗ lich zu machen. Von dieſem Augenblicke an bin ich ganz die Deinige, und bald wird Dir das Geheimniß meines Lebens entſchleiert werden. Zehntes Kapitel. Es war ein heller Winterabend; der Froſt, welcher ſich ſeit einigen Tagen mit großer Heftigkeit eingeſtellt, hatte die Oberfläche der holländiſchen Ströme ſchon mit einer dicken Eiskruſte bedeckt, und dicker Schnee war ge⸗ fallen. An dem hellauflodernden Feuer am Heerde in dem Vorderzimmer des Mittelhauſes ſaß David, der alte Wirth, und ihm gegenüber ein junger, ſchöner Mann, der ganz das Anſehen eines Matroſen hatte. Sein runder Hut mit breitem Bande war an der linken —— e„— 157 Seite mit einer großen Schnur verziert, woran bei ge⸗ nauer Unterſuchung die Orangefarbe noch zu erkennen war. Das weite Beinkleid hing um das ſchöngeformte Bein des Jünglings, welches in einer bequemen Stellung auf der warmen eiſernen Platte des Heerdes ruhete. Ein farbiges Tuch war um ſeinen Hals gebunden, deſſen Spitzen auf die Bruſt zwiſchen der geöffneten Jacke von grobem dunklen Tuche hinabhingen. Eine kleine, kurze, ſchwarz gerauchte Pfeife, woraus er wohlbehaglich den würzigen Dampf hervorblies, bezeugte, daß man den Gebrauch des Tabackes ſchon kannte. Die beiden Männer, welche ſich allein im Zimmer befanden, waren in ein eifriges Geſpräch vertieft, na⸗ mentlich ſchien der Jüngſte regen Antheil daran zu neh⸗ men. Wenn er auch zuweilen ſehr laut ſprach, und ſich mitunter einen Ausdruck erlaubte, worüber der alte Mann bedenklich das Haupt ſchüttelte, ſo beobachtete er doch eine gewiſſe Ehrſurcht gegen David, und dieſer war wieder nachſichtiger gegen den jungen Mann, als man es von ſeinem ſtrengen und mürriſchen Charakter hätte erwarten dürfen; ja zuweilen nahm er einen ſo liebevollen Ton gegen ihn an, daß man hätte glauben können, ein Vater rede mit ſeinem Sohne. Wir erachten es für nothwendig, einen Theil ihres Geſprächs mitzutheilen. „Aber erkläret mir doch, Vater David!“— ſagte der Jüngling,„was Ihr an mir auszuſetzen habt, daß Ihr ſo wenig geneigt ſeyd, meinen Vorſchlag anzuhören, der mit dem Glücke meines Lebens ſo eng zuſammen⸗ hängt. Bin ich nicht ein ehrlicher und dienſifertiger Junge?“ „Daran habe ich nie gezweifelt, Jerome!“— erwiederte David—„und es würde mich ſehr betrü⸗ ben, wenn ich je das Gegentheil erführe.“ „Nun, was könnt Ihr mehr verlangen? oder habt Ihr vielleicht gegen meinen Stand etwas einzuwenden? Kann man denn nicht auf einem Schiffe dem Vaterlande und dem Prinzen eben ſo treu dienen, als auf dem Lande, 158 und da dem Feinde mit dem Enter ſodann nicht eben ſo gut Abbruch thun, als mit der Muskete und dem Feuerrohr?“ „Ganz gewiß; und der Gott des neuen Iſraels hat auch auf den Strömen und Gewäſſern die Waffen ſeines Volkes geſegnet, und deſſen Feinde in den Wellen um⸗ kommen laſſen, wie einſt das Heer des verſtockten Pha⸗ raons in dem rothen Meere. Aber, Jerome! es muß oft auf Euren Schiffen ein ſchauderhaft wüſter und gott⸗ loſer Haushalt ſeyn.“ „Das ſaget nicht, Vater David! Der Seemann nimmt es vielleicht in ſeinen Worten und Handlungen nicht immer ſo genau, als der Landmann oder der Städter, welche mehr Verkehr mit den Großen und Reichen des Landes haben, und denen am Ruhetag das Wort des Herrn dreimal gepredigt wird, und außerdem von ihren Lehrern noch oft daran erinnert werden, aber glaubet deßhalb nicht, daß er in Mitten der Gefahren minder gläubig nach Gott aufblickt, deſſen Beiſtand er mehr als jeder Andere bedarf, und der ihm eben ſo oft zu Theil wird, als denen, welche ihr Leben ruhig und ſicher hin⸗ bringen. Auch haben wir ſtets Geiſtliche auf den Schif⸗ fen, die uns auf Gottes heiliges Wort aufmerkſam machen.“ „Es freut mich, Junge! dieß von Dir zu hören. Man hatte mir ſchon geſagt, daß dieſe löbliche Gewohn⸗ heit ganz abgekommen wäre.“ „Nicht ganz, obgleich ich geſtehen muß, daß in jetzi⸗ gen Zeiten manches Schiff, ja zuweilen eine ganze Flotte ausläuft, ohne einen Geiſtlichen an Bord zu haben; aber dann muß der Schreiber gewöhnlich das Amt verſehen. Mir wurde ſtets das Glück zu Theil, daß ſich ein wür⸗ diger Mann auf unſerem Schiffe befand, der ſo gut reden konnte, als der erſte Prediger im Haag.“ David ſeufzte, und dachte bei ſich ſelbſt, daß dieſe Verſicherung noch nicht viel ſage; doch ſchien er es nicht für nöthig zu achten, jetzt darauf zu antworten. M SnM M— —— S S—* — —— — — — N—— 159 „Wir ſind aber ganz von unſerem Geſpräch abge⸗ kommen“— fing Jerom nach einer kurzen Pauſe wie⸗ der an—„und es würde mir leid ſeyn, von hier gehen zu müſſen, ohne zu erfahren, ob der gute Vater David denn von meiner früheſten Kindheit an, Oheim! waret Ihr mir Vater: das werde ich nie vergeſſen— und daher wünſchte ich es auch ſo gern aus Eurem Mund zu hören, ob Ihr Euer Herz ganz von mir ab⸗ gewandt habt, und ob Ihr fortan Eures Bruders Sohn verſtoßen wollt?“ „Davor bewahre mich der Himmel! nein, Jerom! ich habe Dich lieb, noch eben ſo lieb, als Du nach dem Tode meines armen Bruders zum erſtenmal als ſechs⸗ jähriger Knabe in mein Haus kameſt. Von dieſem Au⸗ genblicke an habe ich Dich als meinen Sohn betrachtet, um ſo mehr, da der, welcher giebt und nimmt, mir von allen meinen Kindern nur Eliſe gelaſſen hat.“ „Ich habe nicht daran gezweifelt, lieber Oheim! Doch warum zeigtet Ihr mir ſo großen Widerwillen, als ich Euch meine Liebe zu Eliſen offenbarte, und Euch bat, in eine Verbindung zu willigen, welche mir wirklich den Namen Eures Sohnes verlieh.“ „Das will ich Dir ſagen, Jerom!“— ſagte David nach einer kurzen Pauſe, da er anzuſtehen ſchien, ſeine Meinung ſo offen auszuſprechen—„ich will nicht länger ein Geheimniß daraus machen, und ſollte ich mich geirrt haben, dann wirſt Du es dem alten Mann verzeihen, der, wie Du weißt, es recht gut mit Dir meint, und der in dieſen ſorgenvollen Zeiten zuweilen et⸗ was mißtrauiſch iſt, weil er täglich Dinge hört, worüber ſeine Augen in der Stille der Nacht blutige Thränen weinen. Denn den Adlern gleich, die ihre Neſter in der Höhe, ja zwiſchen den Sternen bauen, und daher weit ſehen— wie der fromme Patriarch ſagt— ſo auch wende ich alter Mann Nacht und Tag meine Augen in die Runde, und ſehe den traurigen Verfall der Kirche und des Staa⸗ tes. Doch ich will hierüber ſchweigen, und Deine Fra⸗ 160 gen beantworten. Zuerſt ſcheint es mir, daß Du und Eliſe zu nahe Blutsverwandte ſind, denn Ihr ſeyd Ge⸗ ſchwiſterkinder und....“ „Aber, Vater David!“— fiel ihm der Jüngling durch dieſen Grund ermuthigt in die Rede—„von ſol⸗ chen Heirathen hat man ſehr viele Beiſpiele. Kein Ge⸗ ſetz verbietet eine ſolche Verbindung. Auch unſere Reli⸗ gion geſtattet es— bei den Katholiken, ja das iſt etwas anderes: die müſſen Diſpenſation vom Pabſte haben; uns aber drückt dieß Joch nicht.“ „Der Himmel gebe, daß es nie anders werde, und daß wir nie wieder das Hemd über den Rock ziehen müſ— ſen, oder um deutlicher zu reden, uns nie wieder den Be⸗ fehlen unterwerfen müſſen, die von dem böſen Berge her⸗ abkommen, der die ganze Welt verdirbt! Nein, ſchon zu lange haben in früheren Zeiten die Einwohner dieſer Ge⸗ genden, das Haupt und die Knie vor der unzüchtigen Frau Babylons gebeugt, und von dem Weine der Unzucht ge⸗ trunken. Auch hierüber würde ich mich noch heſchwichtigt haben, wenn nicht ein anderes, wichtigeres Bedenken mich zurückgehalten hätte.“„ „Und das wäre?“— fragte der Jüngling.. „Du biſt ein braver, ehrlicher Junge Du meinſt es beſtimmt gut mit dem Prinzen und dem Vaterlande, und wirſt beſtimmt Deinem Stande keine Schande ma⸗ chen. Nur fürchte ich— und dieſer Gedanke hat mir manche ſchlafloſe Nacht gekoſtet— daß Du nicht ganz frei geblieben biſt von den Irrlehren, die ſich ſeit Jahr und Tag in unſerer vaterländiſchen Kirche einſchlichen, von der ſchändlichen Befleckung, womit die Hirten und die Heerden gleichmäßig beſudelt ſind.“ „Und weßhalb vermuthet Ihr dieß?“— frug Je⸗ rom etwas verlegen. „Du haſt Deinen Vater früh verloren, der war ein aufrichtiger und gottesfürchtiger Mann, und rein in der Lehre, wie nur einer im Lande. Von jener Zeit an und Ge⸗ ing ſol⸗ Ge⸗ eli⸗ vas ns und üſ⸗ Be⸗ er⸗ zu ru ge⸗ igt ſich nſt de, na⸗ nir nz ahr en, an — 161 wareſt Du Jahre elang der Sorgfalt Deiner Mutter über⸗ laſſen, und die. „Meine M utter„— unterbrach ihn der Jüngling mit Feuer—„laßt ſie ruhen, Oheim! ſie war eine brave Frau, und ſie liebte mich ungemein. Ich habe ihr vie⸗ les zu verdanken.“ „Da haſt Du rechk. Du ſollſt Vaker und Mutter ehren, ſagt der Herr; und es freut mich zu ſehen, daß Du dieß Gebot noch ſtets vor Augen haſt. Höre aber nur weiter: Deine Mutter war eine brave Frau, ſagſt Du, und darin will ich Dir auch gern beiſtimmen. Aber ſie war nur eine Frau, ſchwach und veränderlich in ihren Begriffen und Meinungen. Und obgleich ich Urſache habe zu fürchten, daß jie ſchon bei Deines Vaters Lebzeiten minder oder mehr hinneigte, den ſchön klingenden Worten des falſchen Propheten in Iſrael aus ein Ohr zu leihen — ich habe den 38 Mann oft darauf aufmerkſam ge⸗ macht: doch ſo klar ſein Blick auch ſonſt war, in dieſem Punkte, leider! war er ſtockblind— ſo fürchte ich, daß fie ſpäter immer mehr von dem rechten Wege abgewichen iſt. Warum hätte ſie ſich ſonſt weigern können, hieher zu kommen, zu dem Bruder ihres Mannes, der war ein unwürdiger Diener im Hauſe des Herrn iſt, aber doch nach Kräften wacht, daß es nicht zu einer Wohnung der Teufel und der Unreinheit werde.“ „Meine Mutter wußte Euer liebevolles Anerbieten ſtets gehörig zu ſchätzen, aber ſie konnte ſich nicht ent⸗ ſchließen, den Ort zu verlaſſen, wo ſie meinem Va⸗ ter ſo glücklich lebte, und nach ſeinem Tode von ihren Freunden und Bekannten ſo viele Beweiſe der herzlichſten Theilnahme empfing.“ „Und wo ein blinder gührer dem Blinden ſeine Irr⸗ lehre von der Kanzel verkündigte, die nach Sauerteig roch, und von gutwilligen Opfern predigte, wie der Prophet ſagt. Ich weiß es nur zu gut, Jerom! und der Er⸗ folg hat es beſtätigt, daß bald nach it Fit Deiner Der Schutzgeiſt. II. 162„ Mutter, dem Urtheil der Synode gemäß, die Irrlehrer, welche das Land überſchwemmten, verjagt wurden, weil ſie die Herzen des Volks vom Herrn entfernten.“ „Glaubet mir, Oheim! Ihr thut meiner Mutter Unrecht. Auch den braven und gottesfürchtigen Cam⸗ phuiſen beurtheilt Ihr zu ſtrenge. Seinen Lehren und Ermahnungen verdanke ich es, wenn ich in meiner Ju⸗ gend, umgeben von den rohen, oft gottloſen Schauſpielen des Seemannsleben, nicht ganz in Sünde und Ungerech⸗ tigkeit verfallen bin.“ „So gerade reden die, welche ihre eignen Hände küſ⸗ ſen, und das Werk ihrer Finger anbeten. O, Jerom! Jerom! ich ſehe es nur allzudeutlich, mein Vermuthen war nicht ungegründet. Ihr jammert mich, die ihr im Finſtern wandelt, mit den Händen den Weg ſucht, und nicht wiſſet, wohin.“ 5 „Ich bin nur ein einfältiger Knabe“ erwiederte Je⸗ rom ſanft, obgleich die Wendung des Geſprächs ihn verdroEß—„und kann ſolche Sachen nicht beurtheilen, obgleich ich durch Eure Güte, Oheim, in meiner Jugend mehr gelernt habe, als die dürftigen Umſtände meiner Mutter ſonſt zugklaſſen hätten. Ihr könnt es mir daher nicht übel deuten, wenn ich zu meiner Entſchuldigung ſage: wenn ich irre, ſo muß es meiner Unwiſſenheit zu⸗ gerechnet werden.“ „Aber deßhalb darfſt Du Dich auch nicht weigern, den Ermahnungen verſtändiger Leute ein Ohr zu leihen, und mußt Dich von ſolchen leiten laſſen, deren Augen nicht mit Schuppen bedeckt ſind. Ein ſolcher Rathgeber und Führer will ich Dir ſeyn. Doch ſo wie der Arzt die Wunde unterſuchen und ſondiren muß, wenn ſie hei⸗ len foll, ſo muß ich auch wiſſen, wie weit Du in der Irrlehre vorgeſchritten biſt, um Dich auf den rechten Pfad zurückzuführen. Sag mir daher offenherzig, ob Dein Herz und Deine Ohren noch zu denen hinneigen, welche den Namen Chriſten nicht mehr verdienen, ſon⸗ dern nach ihrem Patron, das Haupt der Irrlehrer, Ar⸗ N — minius genannt werben, und die, wenn auch ſchon aus dem Tempel entfernt, doch nicht nachlaſſen, ſtets um das Heiligthum herumzuſchwärmen, ja ſich in den Vor⸗ hallen einzuniſten?“ „Ich will Euch die Wahrheit nicht verheimlichen, Oheim; ich will es nicht läugnen, daß ich einzelnemale den Predigten der Remonſtranten beigewohnt habe.“ „Wehe mir! das Blut meines Vaters, der leibliche Sohn meines geliebten Bruders Johannes iſt in Abgötterei verfallen, und zu denen übergegangen, wodurch aller Jammer und alles Unheil in das Land gekommen iſt. O, daß ſein Gemüth nicht ganz verſteinert wäre, ſondern noch geleitet werden könnte, wie ein Waſſer⸗ becken, wie würde ich dann meine Lenden für dieß herr⸗ liche Werk umgürten! O, ſage es mir, Jerom! hat ſich Deine ganze Seele zu dem Dagon gewendet, oder hängt noch ein Theil Deines Herzens an der Bundes⸗ lade?“. Obgleich Jerom auf dem Schiffe an eine ſolche Sprache nicht gewohnt war, ſo ſchien er doch ſeinen Oheim zu verſtehen. Ohne Empfindlichkeit zu äußern, erwiederte er, daß er in ſolchen Sachen zu unerfahren wäre, und ſich gern dem Rath verſtändigerer Leute, ſo⸗ wie dem ſeines Oheims, wenn er auf Irrwegen ſeyn ſollte, unterwerfen würde. Allmählich wußte er die Un⸗ terhaltung wieder auf ſeine Liebe zu Eliſen zu wen⸗ den. Aber David, wenn auch ſehr erfreut, daß der Jüngling ſeiner Führung ſich anvertrauen wolle, hatte jetzt hierfür keine Ohren. Da David ſich nicht ganz wohl befand, ſo begab er ſich frühzeitig zur Ruhe, ohne zu bedenken, daß ſein Neffe ſeine Abweſenheit benutzen könnte, um ſich von Eliſen eine günſtigere Antwort zu holen. 6 Jerom blieb allein am Kamine ſitzen und ſtarrte, in Nachſinnen verſunken, in die Flamme. Wenn auch durch die Antwort ſeines Oheims noch nicht ganz aller 164 Hoffnung beraubt, ſo wußte er doch nicht, ob Eliſe, welche ſ eben in das Zimmer trat, günſtiger über ihn dächte. Jerom trat ihr entgegen, holte für Eliſe einen Stuhl, und erſuchte ſie mit einer Höflichkeit, die man von ſeinem Stande nicht erwartet hätte, ſich zu ihm zu ſetzen, welches ſie auch ſogleich that und ihrem Vetter für ſeine Artigkeit dankte. „Wir ſind ſo ſelten zuſammen, liebe Eliſel und auch während dieſer kurzen Zeit gibſt Du mir ſo ſelten Gelegenheit, ein Wörtchen mit Dir zu reden. Seit dem Mittagseſſen habe ich Dich kaum wieder geſehen.“ „Du vergißt es, Jerom! daß der ganze Haushalt ſeit der Mutter Tode nur auf mir ruht. Der Vater kümmert ſich nicht darum; und Du kannſt mir glauben, daß in unſerem Hauſe, namentlich im Sommer großer Verkehr iſt. Auch jetzt habe ich alle Hände voll zu thun. Auch das fremde Fräulein, das ſeit einigen Tagen hier abgetreten iſt, verlangt ihre Aufwartung. Doch Du weißt es ja wohl noch aus früheren Zeiten, wo Du oft Wochen, ja Monate bei uns zubrachteſt. Oder haſt Du jene Zeiten ganz vergeſſen?“ „Vergeſſen! gewiß nicht, Eliſe! es war immer eine glückſelige Zeit für mich.“ „Da haſt Du recht, beſonders als meine liebe Mut⸗ ter noch lebte. Weißt Du noch, wie wir dort in den Dünen zuſammen ſpielten? wie wir uns des Abends hinter den Mauern der eingefallenen Kirche verſteckten, wie mir dann plötzlich ſo bange wurde, daß ich weglief, und nicht eher ruhete, bis ich athemlos nach Hauſe kam, wo die Mutter dann mit mir ſchalt, wenn ich mich in der Abendluft hier in der Nähe des Meeres ſo erhitzt hatte? Weißt Du das alles noch, Jerom?“ „Das werde ich nie vergeſſen, Eliſe!“ „Aber ſoll ich Dir Etwas ſagen? Damals wareſt Du heiterer und geſprächiger als jetzt, und trugeſt ſtets den Schelmen im Nacken. Denkſt Du noch wohl an die häßliche Perrücke des guten alten Schulmeiſters, 163 welche durch Dich auf den Boden gezogen wurde? Es war nicht recht von Dir, den alten braven Rambouts ſo zu plagen. Aber jetzt ſcheinſt Du mir ein ganz an⸗ derer Menſch zu ſeyn, ein Menſch, von dem die Heiter⸗ keit gewichen iſt. Jedesmal wenn Du hierher kamſt, biſt Du ſtiller und ernſter geworden; und dießmal be⸗ ſonders ſiehſt Du ſo mürriſch aus, wie der alte Schul⸗ lehrer Ram bouts, als er noch lebte, je ausgeſehen hat.“ „Du bedenkſt nicht, Eliſe, daß ich der muthwillige Knabe nicht mehr bin, der ich damals war, und daß mein gegenwärtiger Stand mir Geſchäfte auflegt, wo man das Kindliche bald verliert.“ „Bah! bah! höre doch Einer dieſen alten dreiund⸗ zwanzigjährigen Mann reden! ſollte man nicht denken, daß er ſechszig Jahre alt wäre. Pfui, Jerom! ich habe immer gedacht, daß die weite See Frohſinn er⸗ wecke, und daß die Seeleute luſtig und fröhlich wären. Doch ich kann es mir wohl denken, Du biſt an einen andern Kreis gewöhnt, biſt weit in der Welt herumge⸗ fommen, und daher kann es Dir in dieſer ſtillen Woh⸗ nung nicht mehr behagen. Du haſt vielleicht auch mit vielen großen Herren und Frauen geſprochen, und findeſt. nun keinen Gefallen mehr, Dich mit uns einfachen Leu⸗ ten zu unterhalten, die nur von Butter und Käſe und dem Haushalt reden. Da drückt Dich der Schuh, und wenn ich es genau nehme, dann kann ich es Dir auch ſo eigentlich nicht verdenken.“ „Nein, Eliſe! wenn das Dein Ernſt iſt, dann irrſt Du ſehr, ich ſollte keine Freude mehr in dem Hauſe finden, wo ich die glücklichſten Tage meines Lebens zu⸗ gebracht habe, und könnte ſo undankbar gegen Deinen Vater ſeyn, dem ich ſo vieles verdanke?“ „Nun ja, mit meinem Vater läſſeſt Du Dich auch noch in ein Geſpräch ein. Aber an Deine früheren ſonſtigen Bekanntſchaften denkſt Du nicht mehr. Nun, das iſt ſo der Lauf der Welt, ſagte der alte Lehrer.“ * * „Eliſe! Eliſe! Du handelſt nicht recht, mich ſo durch Deine Worte zu kränken. An Dich ſollte ich nicht mehr denken, deren Bild, ſo weit ich auch entfernt ſeyn mag, mir ſtets vorſchwebt! In Deiner Nähe ſollte ich nicht gern verweilen, da meine trübe Stimmung nur da⸗ her ruͤhrt, weil ich Dich in wenigen Tagen wieder ver⸗ laſſen muß, ohne die Ueberzeugung mitzunehmen, daß Du dem armen Knaben, der Dich ſo unausſprechlich lieb hat, auch ein wenig gut biſt!“ Die unerwartete Wendung dieſes Geſprächs, und der leidenſchchaftliche Ton des Jünglings ſetzte das nichts vermuthende Mädchen in kein geringes Erſtaunen. Un⸗ willkührlich zog ſie ihren Stuhl, den ſie in ihrem un⸗ ſchuldigen Muthwillen dem ſeinigen näher gerückt hatte, ein wenig zurück, und wollte, obgleich ein wenig ver⸗ legen, in demſelben ſcherzenden Tone fortfahren. „Das wird noch immer beſſer: der Knabe ſieht ſich den ganzen Tag nicht einmal nach mir um, und nun will er mir weiß machen, daß er deßhalb ſo traurig iſt, weil er mich verlaſſen muß. Eine herrliche Weiſe ſein Anhänglichkeit an den Tag zu legen.“ So redend war Eliße aufgeſtanden, als habe ſie einige häusliche Angelegenheiten zu verrichten. Doch Jerom, welcher nun die Bahn geöffnet hielt, wollte ſein Herz ganz ausſchütken; er ergriff Eliſens Hand und bat ſie, ſich noch einen Augenblick zu ihm zu ſetzen und ihm Gehör zu ſchenken. Eliſe ſetzte ſich unwill⸗ kührlich wieder neben ihn, doch ihre Verlegenheit nahm merklich zu, da ſie nun einſah, daß die Sache ernſtlicher wurde, und ſie durch ihren Scherz Veranlaſſung dazu gegeben habe. Sie dachte ernſtlich über einen Vorwand das Zimmer zu verlaſſen nach. „Ich glaube gern,Eliſe, daß Alles was du mir ſo eben ſagteſt, nur Spott war. Meine Worte da hin⸗ gegen waren aufrichtig gemeint, und ich habe ſchon lange eine paſſende Gelegenheit geſucht, um Dir mein Herz auszuſchütten. Dieſe Gelegenheit hat ſich jetzt N . 167 dargeboten, und ich will ſie nicht unbenützt vorüber⸗ gehen laſſen. Ja, Eliſe! ich liebe Dich; die Liebe welche ich für Dich hege, iſt ſo aufrichtig, ſo feurig, wie ſie je in dem Herzen eines Jünglings erglühete. Und daher bitte ich Dich.. „Pfui, Feronel“ fiel ihm das Mädchen in die Rede, doch in einem erkünſtelten Tone, denn ihre frü⸗ here muntere Laune war ganz gewichen;„es iſt nicht ſchön von Dir, daß Du meinen Scherz ſo bezahlſt. Bedenke, daß ich ein Mädchen bin und mir wohl einen kleinen Scherz erlauben darf, ohne daß Du ihn ſo unbeſcheiden erwiederſt.“ Nachdem ſie ſo geſprochen hatte wollte ſie wieder aufſtehen, doch Jerome hielt ſie zurück und ſprach: „Ich bitte Dich, höre mich: nur noch wenige Worte und ich bin fertig. Ich meine es aufrichtig und kann meine Gefühle nicht in ſchöne Worte einkleiden. Ich ſcherze nicht, Eliſe! ich rede die reine aufrichtige Wahrheit. Schon ſeit langer Zeit liebe ich Dich von ganzem Herzen, und je öfter ich hierher kam, deſto mehr fühlte ich es. Wenn ich mich wieder entfernen mußte, wurde es mir ſtets deutlicher, daß außer Dir das Leben keine Annehmlich⸗ keiten für mich hat. Jedesmal wollte ich Dir meine Gefühle offenbaren, doch die Furcht verſchloß meine Lippen. Daher war ich ſo ſtill, ſo traurig. Als ich im vorigen Frühjahr zwei Tage in dieſem Hanſe zubrachte, war ich auf dem Punkte zu reden, aber da erhielt ich den unerwarteten Befehl, mich nach Amſterdam und dort an Bord zu begeben. Dießmal bin ich nur in der Abſicht hierher gekommen, Dir meine Liebe zu ge⸗ ſtehen, und Dich zu fragen, ob ich einige Hoffnung nähren darf, oder mit der traurigen Veberzeugung von Dir ſcheiden muß, nie wieder einen Fuß in dies Haus ſetzen zu dürfen.“ „Keinen Fuß wieder in dies Haus ſetzen? Wo denkſt Du hin? Wenn Du auf dieſem Entſchluſſe beharrteſt, dann würdeſt Du meinen Vater unendlich betrüben.“ 168 „Doch Dir, Eliſe, würde es, wie ich vermuthe, ganz gleichgültig ſein.“ „Gleichgültig? wie kannſt Du ſo etwas denken? Könnte ich ſo launig und gefühllos ſeyn, meinen Freund und Spielgenoſſen ſo ſchnell zu vergeſſen, und ihm ohne traurig zu ſeyn auf immer Lebewohl ſagen? Nein, dann kennſt Du mich nicht, Jerome! wenn Du glaubſt, daß ich dem muntern Geſpielen meiner Jugend nicht von Herzen gut wäre und ihn gern in dieſem Hauſe ſehe.“ „Du biſt mir von Herzen gut, Eliſe!“— rief der Jüngling leidenſchaftlich aus, da er in dieſen Wor⸗ ten Hoffnung und Erfüllung ſeiner Wünſche zu finden glaubte. „Das heißt,“ erwiederte Eliſe verlegen—„ich liebe Dich herzlich, ja wie es bei ſo nahen Verwandten ſich gehört, ja noch viel mehr, ich liebe Dich wie eine Schweſter nur ihren Bruder lieben kann.“ „Und nicht anders? das will ſo viel ſagen: Je⸗ rome, Du darfſt keine weitere Hoffnung nähie und dies Häts nicht mehr betreten.“ „Wenn Du ſo redeſt, um mich zu ärgern,“— er⸗ wiederte Eliſe weinend—„dann haſt Du deinen Zweck vollkommen erreicht. Wie könnte ich wünſchen, daß Du wegbliebeſt, dadurch würdeſt Du meinen alten Vater, der auch Vaterſtelle bei Dir vertrat, und mich, die ich kei⸗ nen andern Bruder habe, aufs tiefſte betrüben.“ Eliſel— ſprach Jerome, indem er ihre Hand wieder ergriff, die ſie ihm auch willig überließ— „wenn Du wüßteſt, wie ſehr Deine Worte mich betrüben, dann würdeſt Du Mitleiden mit mir gehabt und nicht alſo zu mir geredet haben.“ „Aber was willſt Du denn mehr von mir. Wenn ich nicht freundlich genug ki, und Dir meine Zuneigung n an den Tag lege, dann verzeihe es mir.“ „Ich habe Dir keinen Vorwurf zu machen, Eliſe! Vielmehr deine und Herzlichkeit zerreißt mir das Herz.“ X 169 „Soll ich denn unfreundlich gegen Dich ſein? Das⸗ wäre mir nicht möglich.“* „Und dennoch biſt Du grauſam genng, mir nur Schweſter ſeyn zu wollen, und auf keine andere Liebe darf ich Anſpruch machen.“ „Wenn Dich das verdroſſen hat, ſo haſt Du es nur Dir ällein zuzuſchreiben. Uebrigens weißt Du, daß Du in einer ſolchen Sache zuvor mit meinem Vater zu reden haſt.“ „Dies hab' ich gethan, Eliſe, weil ich wußte, daß eine brave Tochter, wie Du biſt, mir keine be⸗ ſtimmte Antwort geben würde, bevor ich dieſen Schritt gethan hätte.“ „Wie, dies haſt Du gethan?“— fragte Eliſe hocherröthend—„und was hat er Dir geantwortet?“ „Er hat weder gegen meine Perſon noch meinen Stand Etwas einzuwenden. Die kleine Bedenklichkeit, welche er machte, würde ich mit der Zeit heben. Doch ich fürchtete immer, daß Du die größten Bedenklichkeiten einwenden würdeſt. Ach! ich bitte Dich, Eliſe! gieb mir nur noch ein wenig Hoffnung, ſage, daß Du Bedenkzeit haben willſt, und ich will die Zeit geduldig abwarten, nur laß mich nicht hoffnungslos von hier gehen.“ „Daß ich Dich herzlich und ſchweſterlich liebe, habe ich Dir ſchon oft geſagt, Jerom; doch nicht auf die wie Du meinſt. Glaube mir, das kann nie Statt nden.“ „Und warum denn nicht? oder haſt Du vielleicht ſchon einen Geliebten, Eliſe! und kommt der arme Je⸗ rom zu ſpät? O! jetzt wird mir alles klar. Aber es wundert mich, daß Vater David mir davon kein. Wort geſagt hat, er muß es doch wiſſen. Sage mir denn nur, wer es iſt“— fuhr er leidenſchaftlich fort—„iſt es viel⸗ leicht der Schullehrer, der Sohn des alten Rombouts, und geſchah es deßhalb, daß Du die Geſchichte mit der Perrücke wieder anbrachteſt?“ Dieſe Worte des Jünglings machten Eliſe ſehr ver⸗ 17⁰ legen, und mit ihrer Verlegenheit wuchs ſeine Eiferſucht. Er drang immer mehr in ſie, den Namen ihres Geliebten zu erfahren, als ſich plötzlich eine Thür öffnete, und eine ſanfte weibliche Stimme, welche mehre Male Eliſe rief, ſie aus dieſer mißlichen Lage befreite. „Das fremde Fräulein ruft mich,“— ſprach Eliſe ſchnell und mit dieſen Worten eilte ſie aus dem Gemach, und ließ den troſtloſen Jerom die Zeit, über den un⸗ glücklichen Ausgang der von ihr ſo lange verſchobenen Mittheilung nachzudenken. Eilftes Kapitel. Wir tragen alles, Luſt und Leid In inniger Vertraulichkeit; Des Einen Mitgefühl verſüßt Dem Andern was ihm ſchmerzlich ift. Cramer. Mit außerordentlicher Eile hatte Eliſe das Gemach, höchſt erfreut über die ſich darbietende Gelegenheit ver⸗ laſſen. Um ſo viel als möglich der Verlegenheit Herrin zu werden, begab ſie ſich langſam nach dem Zimmer, von wo aus ſie begehrt worden war. Darin zeigte ſich eine weibliche Geſtalt, gegen die Kaminbekleidung, welche ein geringes Torffeuer einſchloß, das nur wenig Wärme und Licht verbreitete, angelehnt. Sie war ſauber, aber höchſt einfach gekleidet, und die Bläſſe ihres Antlitzes, ſo wie die Spur von Thränen ſchienen einen geheimen Seelen⸗ ſchmerz zu verrathen. Doch bei Eliſens Annäherung bemühte ſie ſich, eine heiterere Miene anzunehmen, trat ihr einige Schritte entgegen und ſagte: „Ich weiß nicht, wie es kommt Eliſe, aber die Ein⸗ ſamkeit iſt mir heute Abend unerträglich; wenn es Eure häuslichen Geſchäfte erlauben, ſo wollte ich Euch erſuchen, mir Geſellſchaft zu leiſten.“ „Sehr gern,“ erwiederte Eliſe—„allem Anſchein 7 171 nach jind für heute meine Geſchäfte beendigt, und außer⸗ dem iſt es meine Pflicht, unfrer geehrten Gäſte Wunſch, ſo viel es in meiner Macht ſteht, zu genügen.“ Hierauf beeilte ſie ſich, das Licht einer dem Erlöſchen nahe ſeyenden Lampe anzufachen, und das Feuer anzu⸗ ſchüren, ſetzte zwei Stühle neben das Kamin, worauf ſich beide Frauen niederließen. „Ihr ſeyd ein gutes und freundliches Mädchen, und meiner feſten Ueberzeugung nach durchaus geeignet, einem Hauſe wie dieſem den lebhafteſten Verkehr zuzuführen. Doch ich möchte ſagen, daß Ihr zu gut und zu tugendhaft ſeyd, um Eure Jugend in einer Herberge zu verleben.“ „Warum glaubt Ihr das? Meint Ihr vielleicht, daß man hier nicht ſo brav und gottesfürchtig leben kann, als wir ſündigen Menſchen es vermögen? Wenn Ihr das glaubt, dann kennt Ihr meinen Vater nicht.“ „Wenn man Euch nur ſieht, liebes Kind, ſo iſt man bald vom Gegentheil überzeugt. Ich wollte nur damit ſagen, daß ein ſo ſanftes und freundliches Weſen, wie Ihr ſeyd, nicht beſtimmt zu ſeyn ſcheint, ſein ganzes Leben in dem Gewühl einer Wirthſchaft zuzubringen; niich dünkt, Ihr ſeyd zu einem ſtilleren und häuslicheren Wirken beſtimmt, und daß die Euch hier auferlegten Pflichten auf die Dauer zu beſchwerlich werden müſſen.“ „Ach nein, da täuſcht Ihr Euch. Anfangs, ich war erſt dreizehn Jahre alt, als meine gute Mutter ſtarb, wurde es mir recht ſchwer, doch allmählich gewöhnte ich mich daran, und es wurde mir leichter als ich dachte. Dann war es der Wunſch meines Vaters, der in dieſem Hauſe geboren wurde, ſtets darin wohnte, und des Herrn Segen auch in Betreff irdiſcher Güter darin erfuhr. Er würde ſich in ſeinen alten Tagen nie entſchließen können, dies Haus zu verlaſſen, und eben ſo wenig einer fremden Frau den Haushalt, zu übertragen.“ „Nein, Ihr ſeyd eine brave Tochter, die ſich ganz in den Willen ihres Vaters fügt; aber es könnte doch auch eine Zeit eintreten, wo Ihr einer andern Lebens⸗ 172 weiſe den Vorzug geben würdet, und ſolltet Ihr dann eines guten Rathes oder eines Beiſtandes bedürfen, ſo würde es mir zur Freude gereichen, wenn Ihr mich dann in Anſpruch nehmen wolltet. Ihr würdet einen Aufent⸗ halt bei mir und eine Freundin an mir finden. Viel⸗ leicht befremden Euch meine Worte, da mein Erſcheinen hier nicht die Mittel verräth, ein ſolches Verſprechen 2e zu können, ſo wenig wie die Geſellſchaft der van „Verzeihet mir! ich habe Euch vom Anfange an für ein ſehr vornehmes Fräulein gehalten, und was die merkwürdige Frau anbetrifft, welche Euch begleitete, ſo weiß ich ſehr gut, daß ſie keineswegs das iſt, was ſie ſcheint, vielmehr eine Macht verräth, die weder Reich⸗ thum noch Anſehen geben kann.“ „Ihr kennt ſie alſo?“ „Nicht ich“— erwiederte Eliſe mit einiger Verle⸗ genheit—„ſondern Jemand— einer meiner Bekannten hat mir von ihr erzählt. Doch ich fürchtete, daß es ſündig wäre, Alles zu glauben, was man von dieſer Frau ſagt.“ „Wie dem auch ſey, ich weiß es ihr Dank, daß ſie mich hierher geführt, und mit einem ſo unſchuldigen Mädchen, wie Ihr ſeyd, bekannt gemgcht hat. Sie hat mir verſprochen, ſpäteſtens heut Abend wieder hier zu ſeyn, und es iſt ſchon ſo ſpät, daß ich an der Er⸗ füllung ihres Verſprechens zu zweifeln anfange. Und dies beunruhigt mich um ſo mehr, da nur die wichtigſten Umſtände ſie davon können abgehalten haben.“. Die beiden Frauen ſetzten dieſe gemüthliche Unter⸗ haltung noch einige Zeit fort, und die Fremde ſuchte immer mehr mit Eliſens engern Verhältniſſen bekannt zu werden, und es dauerte nicht lange, ſo war ſie in Eliſens Geheimniſſe ganz eingeweiht, welche ihr ſo⸗ wohl ihre Beziehungen zu Lutin, als auch die Scene, ſo eben mit Jerome vorgefallen war, mitgetheilt hatte. „Es wundert mich, Eliſe,“— ſagte die Fremde — e 6—„— 173 lächelnd—„daß Ihr ſo im Geheimen mit einer Euch anfangs ganz fremden Perſon einen Liebeshandel an⸗ knüpfen konntet. Wenn es auch, wie ich gern glaube, ein wackerer junger Mann iſt, ſo kann ich doch nicht begreifen, wie Ihr es Eurem Vater ſo lange habt ver⸗ heimlichen können.“ „Leider! habt Ihr recht“— erwiederte El iſe ſeuf⸗ zend—„aber er ſchützte immer zu wichtige Gründe vor, und wußte mich ſtets gegen meine Ueberzeugung zum Schweigen zu verleiten. Ich weiß wohl, daß es nicht recht von mir gehandelt iſt... aber ich bin nur ein ſchwaches Mädchen und weiß nicht, ob Ihr ſchon die Erfahrung gemacht habt, wie viel Jemand, den man ſo von ganzem Herzen liebt, über unſern Willen, ja ſelbſt über unſere innere Ueberzeugung vermag. Jetzt wenig⸗ ſtens willfahrt er meinem Wunſche, nicht mehr im Ge⸗ heimen hierher zu kommen, ſondern er geht zu meinem Vater, bemühet ſich, ſeine Achtung und ſein Vertrauen zu gewinnen, damit er nachher um ſo leichter unſere Liebe offenbaren kann.“ „Ich wünſchte Euren Freund kennen zu lernen. Er⸗ wartet Ihr ihn bald?“ ½ „Wahrſcheinlich fommt er ſchon morgen.“ „Doch wohl nur, wenn der arme Jerome, wie Ihr vermuthet, von hier abgereist ſeyn wird, nicht wahr?“ Eliſe wollte antworten, wurde aber plötzlich ab— gerufen. Die Fremde blieb allein in Nachgedanken ver⸗ ſunken und ſagte zu ſich ſelbſt: 5 „Wie viel Theilnahme flößt mir dieß Mädchen ein! Iſt es ihr liebenswürdiges unſchuldiges Weſen, oder ſind es Tekla's geheimnißvolle Worte: die Schickſale dieſes einfachen Landmädchens ſtänden mit den meinigen in Verbindung? Doch wo mag ſie bleiben? Wie kann die Alte, welche ſo in meinem Herzen liest, mich gerade jetzt ſo lange verlaſſen?.. O, mein armes Herz! wird je — 174 die Ruhe und Heiterkeit meiner früheren Jahre in Dich zurückkehren?“ Bald darauf öffnete ſich ihre Thüre, und die alte Dekla trat, in einen Mantel gewickelt, in einer von ihrer gewöhnlichen verſchiedenen Tracht in das Gemach. Emma— denn ſie war es, eilte der Eintretenden ent⸗ gegen, warf ſich ihr in die Arme und ſprach: „O, meine gute Führerin, wie ſehr verlangte ich nach Euch! Ich meinte, Ihr hättet mich unglückliches Mädchen ganz vergeſſen.“. „Wichtige Geſchäfte hielten mich ab, und es wurde mir ſehr ſchwer, mein Verſprechen, heute Abend bei Euch zu ſeyn, zu halten. Doch ich bin mit meiner Pilgrims⸗ fahrt zufrieden; ich habe wichtige Entdeckungen gemacht und werde ſie Euch mittheilen. Bald ſollt Ihr ganz in das Geheimniß eingeweiht werden, mit Euren Augen ſehen und Euren Ohren hören. Von dieſem Augenblick an müßt Ihr allein handeln und das Euch aufgelegte Werk vollbringen.“ Tekla theilte ihr jetzt Mehreres mit, was wir un⸗ ſern Leſern noch nicht mitzutheilen brauchen. Emma hörte mit Theilnahme, aber auch mit einer unbeſchreib⸗ lichen Seelenangſt die Erzählung an. Nachdem die Alte geendigt hatte, verſuchte Emma, dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben. „Während Eurer Abweſenheit habe ich das liebe Mädchen in dieſem Hauſe näher kennen lernen. Ich kann Euch nicht ſagen, wie lieb ich Eliſe gewonnen habe, und es würde mir unbeſchreiblich leid ſeyn, wenn Euren Worten zu Folge ihr Leids widerfahren ſollte und ſie unglücklich würde.“ „Mit einem ſchuldloſen Herzen und ruhigem Ge⸗ wiſſen kann man nie ganz unglücklich ſeyn,“— ſagte Tekla ernſt und mit einem beſondern Nachdruck.— „Nur das Verbrechen, das Bewußtſeyn, die heiligſten Pflichten geſchändet zu haben, kann den Menſchen hier auf Erden wirklich unglücklich machen. Das iſt der e — * t n te * te ne be en in d e⸗ te en er er 175 Wurm, welcher raſtlos an dem Herzen nagt und nie ſtirbt. Doch dieß Mädchen iſt auch nicht ganz ſchuld— los, denn es hat unbedachtſam gehandelt, einem Manne Gehör zu ſchenken, der ihr Liebe ſchwur, ohne es ihrem Vater, der ihr treueſter Rathgeber und Freund ſeyn muß, zu entdecken.“ „Ihr glaubt doch nicht, daß ſie einen Unwürdigen liebt, und daß ihr Unglück daraus hervorgeht?“ „Ich weiß es nicht, denn mein Blick, der früher ſo ungehindert in der Zukunft las— wenigſtens ſuchte ich mich und Andere davon zu überreden, iſt jetzt ganz um⸗ nebelt. Wißt Ihr aber, was es ſagen will, auch nur einen Augenblick die Pflichten, welche man dem Urheber ſeines Lebens ſchuldig iſt, aus den Augen zu verlieren? Wißt Ihr, daß es ſo leicht iſt, einen Schritt auf ver⸗ botenem Wege zu thun, aber daß es oft unmöglich iſt, wieder zurückzutreten? Wißt Ihr es, daß der Menſch unzähligemale einen ſcheinbar unbedeutenden Fehltritt begeht, der ſich ihm zu einem unverſieglichen Born des Jammers und Elends eröffnet; daß die Handlung ſelbſt wohl in ſeiner Macht iſt, aber die Folgen nur in Got⸗ tes Hand? Doch laßt uns dieß Geſpräch abbrechen. Auch mir geht das Schickſal dieſes Mädchens ſehr zu Herzen, und ich möchte es gern von ihm abwenden; aber ich fürchte, daß es meine Kräfte überſteigt. Schon lange ſahe ich es voraus, daß der junge Mann, dem ſie ihre Liebe ſchenkte, und den ich in verſchiedenen Zeit⸗ abſchnitten ſeines Lehens gekannt habe, durch ſeine un⸗ geſtüme Leidenſchaften verführt, einen Weg betreten würde, der ihn zum Verderben führt. Und jetzt bin ich zur Ueberzeugung gelangt, daß er in den blutigen Plan, den ich Euch ſchon mitgetheilt habe, verwickelt iſt, und deſſen, wenn auch nur entfernteſte Theilnehmer einem ſichern Untergange entgegengehen.“ „Sollte es denn kein Mittel geben, die argloſen Schlachtopfer der ſie bedrohenden Gefahr zu entreißen?“ „Keine! Wer kann den eiſernen Willen des Schick⸗ 176 bäumende Roß zurückhalten? Und doch, Eure zarte Hand vermag es. Ihr ſeyd die Bevorrechtete, die Mäch⸗ tige, welche wenigſtens eine Seele dem Verderben ent⸗ reißen wird. Die Zeit iſt nahe, wo der Fluchſpruch er⸗ füllt, die Jahrhunderte dauernde Schuld getilgt, und das blindlings am Abgrunde ſich bäumende Roß zurückgehal⸗ ten werden wird. Faſſet Muth, und wünſchet Euch Glück, daß Euch eine ſo herrliche Beſtimmung aufbewahrt iſt. Heget freudige Hoffnung!“ „Was meine ſchwachen Kräfte vermögen, will ich, wenn ich auch unterliegen ſollte, zu ſeiner Rettung ver⸗ ſuchen. Doch Hoffnung bleibt dieſem Herzen fern.“ „Glaubet meinen Worten! Noch nie hat mich ein Vorgefühl, das mit jeder Stunde mir lebendiger, dieſem gleich, vor die Seele trat, getäu cht. Nein, Emma, zweifelt nicht! neberlaßt Euch der ſüßen Hoffnung, welche gegen Euren Willen noch oft in Eurem Herzen aufſteigt. Fürchtet auch nicht, daß das von Euch zu verrichtende Werk Eure Kräfte überſteigt. Das ſchwerſte vollbrachtet Ihr ſchon, als Ihr ihm entſagtet. Doch es iſt ſchon ſpät; begebt Euch daher zur Ruhe und ſtärkt Euch zu der Reiſe, welche wir morgen antreten müſſen. Mögen liebliche Träume Euch die Zukunft enthüllen. Lebe wohl bis morgen!“ „Ihr wollt alſo wieder fort? Müßt Ihr denn wie⸗ der die Nacht unter Euch völlig fremden Menſchen zu⸗ bringen? Warum bleibt Ihr nicht hier?“ „Das iſt mir nicht vergönnt; ich muß anderswo ein Bund Stroh zu meinem Nachtlager aufſuchen. Der Sperling findet ein Haus und die Schwalbe ein Neſt für ihre Jungen, auch ich werde ein Plätzchen finden, wo ich mein Haupt auf kurze Zeit niederlegen kann. Seyd meinetwegen unbeſorgt und ſchlafet wohl!“ Nachdem Tekla das Haus verlaſſen hatte, trat Eliſe wieder in Emma's Gemach. Noch lange plau⸗ derten ſie, und ſetzten das vorher unterbrochene Geſpräch ¹ ſals hemmen? Welche ſterbliche Hand kann das ſich — —„—„———— ——————— 177 fort. Emma fühlte ſich ſo ſehr zu dem anmuthigen Mädchen hingezogen. Sie ſchieden als Freundinnen, und beide beteten, bevor ſie ſich zur Ruhe begaben, feurig für den ihnen hier auf Erden theuerſten Gegenſtand. Doch beider Gebet, wenn auch gleich inbrünſtig und rein, ſollte nicht gleiche Erhörung finden. Zwölftes Kapitel. Ich muß von hinnen fliehen, Es wird mir hier ſo bang, Will wandern und will ziehen, Die weite Welt entlang. C. Grüneiſen. Kaum hatte am folgenden Morgen die in Nebel gehüllte Sonne den öſtlichen Horizont überſchritten, ſo hatte Tekla ſich ſchon wieder eingeſtellt, um Emma an die Fortſetzung ihrer Reiſe zu erinnern. Dieſe nahm von Eliſen einen herzlichen Abſchied, und verſprach, bald von ſich hören zu laſſen. Auch Tekla betrachtete ſie mit Wohlgefallen, legte ihre Hand auf des Mädchens Haupt und ſprach:„Bewahret Euer Herz ſtets ſchuldlos und rein, dann könnt Ihr unbeſorgt abwarten, was die Zukunft über Euch verhängt hat.“ Bald hatten die beiden Frauen Davids Wohnung hinter ſich, und ſetzten, vicht in ihre Mäntel gehüllt, wo⸗ durch ſogar ihr Antlitz den Vorübergehenden nicht kennt⸗ lich war, ihren Weg nach dem Haag fort. Bald nach ihrer Abreiſe hatte ſich auch Jerom reiſefertig gemacht. Er ging zu ſeinem Oheim, der in einer ſehr abgenutzten Bibel leſend am Heerde ſaß. Dieſer lud ihn zu dem vor ihm aufgetragenen Frühſtücke ein, welches aus einer großen Schüſſel mit Milch und Brod beſtand. Doch zuvor möge er den zwölften Pſalm mit ihm anſtimmen:„damit“— ſagte er—„der Tag auf eine chriſtliche Weiſe angefan⸗ Der Schutzgeiſt. II. 12 „ 178 gen würde.“ Jerynt gehorchte, und nachdem bas Lieb beendigt war, ſprach er noch ein ſehr langes Gebet, worin er auf ſeinen Neffen anſpielte und inbrünſtig zum Herrn flehete, daß er doch die verirrten Schafe wieder zu der kleinen Heerde der Auserwählten zurückführen möge. Darauf nahmen beide ihr Frühſtück ein, und Jerom, der keine große Eßluſt zeigte, machte ſeinen Onkel mit dem Vorhaben, heute Morgen noch abreiſen zu wollen, bekannt. David war ſehr überraſcht, und da er das geſtrige Geſpräch, ſeine Tochter betreffend, ſchon wieder vergeſſen hatte, ſo hegte er die Beſorgniß, daß Jerom in ſeinen arminianiſchen Geſinnungen angetaſtet zu wer⸗ den fürchte, und ſich dieſem Angriffe durch eine ſchleunige Abreiſe entziehen wolle. Er bemühete ſich, ihn von ſei⸗ nem Vorhaben abzubringen, und ſtellte ihm vor, daß es ſeine Pflicht wäre, die günſtige Gelegenheit zu benutzen, und aus ſeinem Munde die Irrlehre, der er leider nur zu ſehr anhänge, bekämpfen zu hören. So demüthig David auch ſonſt war, ſo hatte er doch in dieſer Hin⸗ ſicht von ſich eine hohe Meinung. Doch Jerom hatte keine Luſt, ſich mit dem Alten in ſolche Streitigkeiten einzulaſſen und ſprach ſeufzend:. „Nehmt es mir nicht übel, Oheim! Da es aber mit Eliſen vorbei iſt, und mir keine Hoffnung mehr bleibt, ſo wird es mir jetzt zu eng in Eurem Hauſe⸗ Ich muß wieder, um freier athmen zu können, in die freie Luft. Ich muß die Bewegung der Segel und Tauen, und das Toben des Sturmes wieder hören, dann wird es mir hoffentlich auch leichter ums Herz werden.“ „Was will der thörichte Knabe damit ſagen: da es mit Eliſen vorbei iſt? Höre, Jerom! Ich habe es Dir geſagt, daß es mein größtes Herzeleid ſeyn würde, wenn Eliſe je mit einem Manne verbunden wäre, deſſen Herz an denen hängt, welche im Lande der Finſterniß umherirren, und doch mit denen von Bethſemes die Naſe in die Bundeslade ſtecken, als wollten ſie den Wegen des Herrn nachſpüren. Aber von Dir, Jerom, dem Sohne — 8S 8 S 179 meines lieben Bruders, kann ich nicht glauben, wären auch bis jetzt Deine Augen auf das goldene Kalb Jero⸗ beams gerichtet, das, dem Herrn zum Aerger, zu Bethel und zu Dan und dem ganzen Lande aufgerichtet war, daß Du bis auf's Aeußerſte verſtockt ſeyn könnteſt, und Dich weigern ſollteſt, mit dem frommen Hiob zu ſagen: ich geſtehe es, ich habe unweiſe geſprochen, deßhalb klage ich mich ſelbſt an, und thue Buße in Staub und Aſche. Bleibe daher hier, mein Junge! und höre mich, dem Du ein Sohn biſt, nicht dem Fleiſche, ſondern dem Geiſte nach, und der vielleicht würdig befunden wird, Dir ein Arzt zu ſeyn, Deinen Wunden Salben aufzulegen und ſie zu heilen. Und ſiehe, dann kann die Zeit kommen, wo der alte David zu Dir ſagen wird, wie Laban zu dem Sohne ſeiner Schweſter ſprach: es iſt beſſer, daß ich ſie Dir gebe, als daß ich ſie einem andern Manne gebe; daher bleibe bei mir.“ i „Die Zeit wird nie kommen, denn Eliſe iſt für mich keine Rachel, um mich lieb zu haben und zu ihrem Manne zu begehren.“ „Und wie kannſt Du das wiſſen?“— frug David erſtaunt. „Sie hat es mir ſelbſt geſagt: geſtern Abend, nach⸗ dem Ihr mich verließet, habe ich ihr von meiner Liebe geſprochen; doch ſie hat mich abgewieſen, denn ſie hat einen Andern lieber als mich.“ „Einen Andern lieber als Dich, und das hätte ſie Dir geſagt? Junge! ich glaube, Du träumſt.“ „Sie hat es mir zwar nicht deutlich ausgeſprochen; denn die Mädchen reden nicht gern von ſolchen Dingen; aber ich konnte es genugſam auf ihren Zügen leſen.“ „Aber ſage mir, Jerom! verbirgt ein Mädchen ſo etwas ihrem Vater? Muß der es vielleicht aus ih⸗ ren Zügen leſen? Pfui! Du mußt Dich ſchämen ſo et⸗ was auszuſprechen.“ „Ihr mögt ſagen, was Ihr wollt, Oheim! aber 12* 180 an der Wahrheit meiner Worte dürft Ihr nicht zwei⸗ feln. Auch finde ich es nicht ſchön von Eliſen, Euch nichts geſagt zu haben.“ „Und wer könnte es ſeyn, um deſſentwillen ſo ganz ihre Pflichten gegen ihren Vater aus den A gen geſetzt hätte?“ „Wer es iſt, weiß ich nicht, und verlange es auch nicht zu wiſſen; denn für mich iſt ſie ja doch verloren. Vielleicht iſt es der Schullehrer hier in dem Dorfe, der ihr vergangenes Jahr das Papier mit albernen Reimen zuſchickte, wovon Ihr ſelbſt nichts verſtandet. Erinnert Ihr es Euch noch?“ „Ja, ja, ich weiß es noch, aber deßhalb kannſt Du ganz ruhig ſeyn, denn in ihn iſt Eliſe eben ſo wenig verliebt, als ſie es in ſeinen Vater war. Dies würde mich auch ſehr verdrießen, denn obgleich er ſeinen Dienſt ſehr gut verſieht, ſo iſt er doch zu ſtolz auf ſeine eitle, weltliche Weisheit. Nein, glaube es mir, Eliſe hat über dieſe Reimerei tüchtig gelacht.“ „Nun, dann iſt es vielleicht der Tiſchler aus Ley⸗ den; warum kommt er ſonſt ſo oft hierher?“ „Wahrlich! das wird immer beſſer. Der Tiſchler denkt nicht an Eliſe, er kömmt hierher, um mit mir zu handeln, da er wohl weiß, daß der alte David nicht mehr für ſeine Waaren nimmt, als recht und bil— lig iſt. Uebrigens iſt es ein wackerer junger Mann, der gern nach den Worten eines Greiſes, wie ich bin, hört. Und daher, Jerom! wenn Du es durchaus willſt, ſp ziehe von dannen, laß Dich aber nicht durch ein thörich⸗ tes Vermuthen abhalten, bald wieder zu kommen, und wenn einmal der Stein des Anſtoßes, Du weißt, was ich meine, aus dem Wege geräumt iſt, und Du Dich eifrig zu den Bürgern Iſraels wendeſt, dann wird es 6 mir in meinem hohen Alter zum Troſte gereichen, die Worte Labans zu Dir zu ſagen: denn es wird beſ⸗ ſer ſeyn, daß ich ſie Dir, als einem andern Manne gebe!“ ——— —— M — 181 Gerührt drückte Jerom die ihm von dem alten Manne dargereichte Hand, worauf er ſich eiligſt ent⸗ fernte. David ſchüttelte bedenklich das Haupt und ſprach zu ſich ſelbſt:„Er iſt der Sohn meines Bruders, von echtem Blute, und das kann nie ganz ausarten. Nur iſt er zu früh meiner Aufſicht entzogen und in die weite Welt gegangen. Da iſt die Saat des Verderbens durch die Frau, welche ihn ſäugte, unbedachtſam in ſein Herz geſtreut, allzu üppig aufgeſchoſſen. Nun iſt er krank und bedarf des Gileads Salbe: ich werde es ihm nicht daran mangeln laſſen.“ Während dieſes Selbſtgeſprächs war Jerom lang⸗ ſam über den Gang geſchritten, und hatte heimlich ſeine Augen rechts und links gewandt, und gehofft, Eliſe zu ſehen. Obgleich er ihr durch die Magd ein Lebewohl hatte ſagen laſſen, ſo wünſchte er doch, wenn auch nicht mit einem Kuß, doch mit einem herzlichen Händedruck von ihr entlaſſen zu werden. Doch umſonſt, nirgends war Eliſe zu ſehn. Nachdem er ſo lange als mög⸗ lich gezögert hatte, nahm er muthlos ſeinen Reiſeſack, und ſchlug mit einem trägen Schritte, den Weg nach Leyden ein. Kaum hatte er einige hundert Schritte zurückgelegt, ſo wurde er durch ein leichtes Geraſſel in einem Erlen⸗ holze am Wege aus ſeinem Nachdenken geſtört. Er ſah hin, und Eliſe trat daraus hervor. Ehe er noch ein hervorbringen konnte, ſtand Eliſe neben ihm und prach: „Pfui, Jerom! ich hätte nicht von Dir gedacht, daß Du das Haus meines Vaters verlaſſen könnteſt, ohne mir Lebewohl zu ſagen.“ „Habe ich mich nicht überall nach Dir umgeſehen?“ — erwiederte der erſtaunte Jüngling—„und verweilte ich nicht vorbedächtlich jetzt ſehe, wareſt Du ſchon ausgegangen, und wahrſchein⸗ auf dem Gange? Aber wie ich lich nur um nicht verpflichtet zu ſeyn, Abſchied von mir zu nehmen.“ 182 „Was blieb mir denn nach der Botſchaft, die Du mir durch die Magd überbringen ließeſt, anderes zu thun übrig? Hieß das nicht mit andern Worten: Jerom will nichts mehr mit Dir zu thun haben? War das recht von Dir gehandelt?“„ „Das iſt nicht meine Schuld, Eliſe! denn dem⸗ zufolge, was Du mir geſtern ſagteſt, war es beſſer für mich, daß ich Dich nicht wieder ſah; da es mich nur noch unglücklicher gemacht hätte. Du ſagteſt mir, Du habeſt einen Andern lieber als mich, und könnteſt nie meine Frau werden. Dies ſchmerzt mich um ſo mehr, da Vater David mir noch ſo eben geſagt hat, daß er uns nicht entgegen ſeyn würde. Aber der gute Mann wußte auch nicht, daß Eliſe hinter ſeinem Rücken......“ „Und wer hat Dir das geſagt?“— fiel Eliſe ihm ſchnell in die Rede—„ich wenigſtens nicht.“ „Deine Lippen freilich nicht, aber um ſo mehr Deine ganze Haltung und die Verlegenheit, welche deut⸗ lich auf Deinen Zügen zu leſen war. Sage mir auf⸗ richtig, Eliſe! habe ich fehl gerathen?“ So ſprechend, ſah ſie Jerom ſcharf an. Fliſe ſchwieg, und ſah verſchämt vor ſich nieder. Jerom brach das peinliche Stillſchweigen und ſprach: „Keine Antwort iſt auch eine Antwort.“ „Siehe, Jerom! ich habe Dich ſtets als einen Bruder geliebt, deßhalb will ich auch offen zu Dir re⸗ den. Ja, Du haſt es errathen, was ich noch Nieman⸗ den, ſelbſt meinem Vater nicht geſagt habe. Einem An⸗ dern habe ich mein Herz geſchenkt. In dieſen Tagen ſoll es meinem Vater offenbart werden. Sieh'! ich konnte es nicht über mein Herz bringen, Dich, ohne Ab⸗ ſchied von Dir zu nehmen, von hier ziehen zu laſſen; deßhalb bin ich Dir hierher vorausgeeilt, und da ich wohl vermuthete, daß Du wieder auf das geſtrige Ge⸗ ſpräch zurückkommen würdeſt, ſo wollte ich Dir das Ge⸗ heimniß offenbaren, welches ſchon längſt keines mehr hätte ſeyn dürfen.“ —— ———,—— — — —— S—————— 183 „Ich weiß nun genug, Eliſe! und Du brauchſt mir nichts weiter zu ſagen. Ich will nicht einmal wiſ⸗ ſen, wer Dein Geliebter iſt. Lebe wohl, Eliſe!“ Schnell und ohne ſich nach Eliſen umzuſehen, eilte er fort, doch ſie rief ihm nach: „Verläßeſt Du mich ſo, Jerom! ohne mir die Hand zum Abſchied zu reichen, und ohne mir zu ſagen, daß Du mir ſtets ein lieber Freund bleibſt, wenn es mir auch nicht vergönnt iſt, Dich mit dem Namen, den Du wünſcheſt, zu benennen?“ Doch Jerom ſetzte ſeinen Weg fort, obgleich ſeine Schritte immer langſamer zu werden anfingen. Da Eliſe ſah, daß er ſich nicht einmal nach ihr um⸗ ſah, wiſchte ſie ſich eine Thräne aus dem Auge, und trat traurig ihren Rückweg an. Jerom konnte es nicht über ſich bringen, ſie ſo zu verlaſſen; er kehrte zu⸗ rück, ſtand plötzlich wieder an Eliſens Seite, faßte leidenſchaftlich ihre Hand, drückte ſie an ſeine Lippen, und ſprach gerührt: „Gott ſey mit Dir, Eliſe! jetzt und allezeit, und ſegne Dich, und mache Dich ſo glücklich, als ein Menſch auf Erden es nur ſeyn kann, auch wenn Du das Ei⸗ genthum eines Andern biſt, und der unglückliche Je⸗ rom, der Dich über alles liebt, einſam in der Welt herum irren muß, und— Gott gebe, daß es geſchehen möge!— er frühzeitig einen erwünſchten Tod finde!“ Darauf eilte er davon, ohne eine Antwort abzu⸗ warten, und war durch eine Krümmung des Weges ihren weinenden Augen bald entſchwunden. Langſam ſchritt Eliſe nach ihrer Wohnung zurück. Jerom's Worte hatten ſie tief bewegt, und ſie überdachte auf's neue, wie unrecht ſie gehandelt, ihrem Vater von ihren ein⸗ gegangenen Verhältniſſen nichts geſagt zu haben. Ihr Herz war ſo voll, daß ſie das Bedürfniß, noch einige Augenblicke einſam umherzuwandeln tief fühlte und aus⸗ führte. Kaum war ſie wieder umgekehrt, ſo gewahrte ſie einen Fußgänger. Es war Lutin; er flog auf fie 184 zu, und ehe das überraſchte Mädchen es verhindern konnte, drückte er einen feurigen Kuß auf ihre Lippen. „Das nenne ich eine glückliche Fügung des Ge⸗ ſchickes,“— ſagte er, indem ſie langſam fortwandelten —„Dich hier zu treffen, Eliſe! In Deines Vaters Hauſe kann ich ſo ſelten ungeſtört mit Dir plaudern, und ich habe Dir doch immer ſo viel zu ſagen, beſon⸗ ders diesmal.“ „An wem liegt die Schuld, daß dies immer ſo im Geheimen geſchehen muß? nur an Dir allein, Wil⸗ helm!“ „Nein, wahrlich nicht an mir, ſondern an den Um⸗ ſtänden, welche bis jetzt unſere Lippen verſchloſſen. Doch die Zeit iſt jetzt nahe, wo die Feſſeln zerbrochen werden ſollen, und wo wir der ganzen Welt ſagen dürfen, daß wir uns ſo herzlich lieben.“ „Dieſe Verſicherung haſt Du mir ſchon oft gege⸗ ben“— erwiederte Eliſe. „Du weißt aber auch, was mich bisher davon ab⸗ hielt. Es war mir gewiß eben ſo unangenehm als Dir. Doch ſage mir, liebe Eliſe, was fehlt Deinem Vetter Jerom? Er flog wie ein halb Raſender an mir vor⸗ über, und würde mich, wenn ich nicht zur Seite gegan⸗ gen wäre, umgerannt haben.“ „Ach! es iſt nichts,“— ſagte Eliſe ein wenig ver⸗ legen—„doch der arme Junge thut mir leid. Wir ſind als Kinder zuſammen aufgewachſen, und er hat ſich in den Kopf geſetzt.. „Nun wirds mir klar, Eliſe! er iſt in Dich ver⸗ liebt. Das verzeih ich ihm gern, und es konnte nicht anders ſeyn, da er ſo oft in Euer Haus kam. Nun haſt Du ihm vielleicht geſagt, daß Du verſagt ſeyſt, und haſt ihm den Namen Deines Geliebten genannt?“ „Ohne Dich zu nennen, habe ich ihm geſagt, was ich ſchon längſt meinem Vater hätte ſagen müſſen.“ „Höre, liebe Eliſe! Du weißt, daß ich den Re⸗ monſtranten angehöre, und daß Dein Vater ihr erbit⸗ 6 W* M S* 8— v — —— N N W 185 terter Feind iſt. Schon oft hat er mich in's Gebet ge⸗ nommen, und ich halte mich überzeugt, daß ich den rech⸗ ten Weg einſchlage, wenn ich den von ihm angewieſe⸗ nen wähle. Wenn er nun erſt über dieſen Punkt nichts mehr einzuwenden hat, dann glaube ich, wird er uns ſeine Einwilligung nicht verſagen, denn mein Handwerk liefert mir ein ehrliches, wenn auch nicht überſlüſſiges Auskommen.“ „Was hindert Dich denn, ihn noch heute um ſeine Einwilligung zu bitten?“ „So eigentlich nichts, und dennoch muß ich Dich nochmals um wenige Tage Aufſchub bitten. Ein wich⸗ tiges Geheimniß, welches ich zufällig entdeckte, veran⸗ laßt mich dazu. Man ſchmiedet nämlich blutige Pläne gegen die beſtehende Regierung und das Leben des Prin⸗ zen, welche in wenigen Wochen, vielleicht ſchon in we⸗ nigen Tagen ausgeführt werden ſollen, und mit deſſen genauerer Verzweigung und Zuſammenhang ich recht bald ganz vertraut ſeyn werde. Dann werde ich, und niemand anders dieſe verbrecheriſchen Pläne vereiteln, und den Prinzen und das Land retten. Mit noch zweien meiner Bekannten, welche, wie ich, mit dem Geheim⸗ niße bekannt ſind, werde ich mich, wenn wir mit dem ganzen Gewebe der Bosheit bekannt find, zu dem Prin⸗ zen begeben, und es ihm entdecken. Große Belohnun⸗ gen erwarten unſer, aber den größten Schatz erwarte ich dann aus den Händen Deines Vaters, Dich, meine Eliſe! mir unendlich. theurer, als alles, was der Prinz mir anbieten kann.“ „Ach, ich befürchte, Wilhelm! daß Du ein ge⸗ fährliches Spiel ſpielſt. O, wie ſehr wünſchte ich, daß Du von dieſem gefährlichen Geheimniß nichts wüßteſt, oder mir wenigſtens nichts davon geſagt hätteſt. Von jetzt an iſt meine Ruhe dahin. Ich kann Dir nicht ſa⸗ gen, welch eine unbeſchreibliche Angſt dieſe Worte bei mir erregt haben. Es iſt mir, als ſtände Fürchterliches mir bevor. Höre mich, Wilhelm! eile angenblicklich 186 nach dem Haag, und entledige Dich dieſes ſchrecklichen Geheimniſſes.“ „Beruhige Dich, Eliſe!“— ſprach Wilhelm Parthy,(dies war ſein rechter Name)—„ich bitte Dich inſtändigſt. Auch redeſt Du zu laut, man könnte uns hören, und dann wäre alles verloren. Für mich iſt nicht die geringſte Gefahr. Noch iſt der blutige Ent⸗ wurf nicht ganz reif, und eine zu frühe Entdeckung würde vielleicht jetzt die Schuldigſten der Strafe entziehen, um ſpäterhin deſto behutſamer und ſicherer ihren Plan zu vollführen. Auch habe ich meinen beiden Freunden ſeier⸗ lichſt gelobt, nichts ohne ſie zu thun. Sey nicht länger beſorgt; denn von wem könnte ich auch etwas zu be⸗ fürchten haben? Die Verſchwornen ſehen mich als ihren Bundesgenoſſen an, und vertrauen mir ganz; und ſie werden es doch nicht ſelbſt verrathen?“ „Was mich ſo ſehr beängſtigt“— ſprach Eliſe weinend,—„vermag ich nicht zu ſagen; doch ſo viel weiß ich, daß ich willig alles, was ich in der Welt be⸗ ſitze, darum gäbe, wenn Du Dich auf nichts eingelaſſen, und mir nichts davon geſagt hätteſt. Jetzt würde ich weder den Muth beſitzen, mit Dir zu meinem Vater zu gehen, noch im Stande ſeyn, Dir zu rathen. Ach, Wil⸗ helm! bedenke, was Du einſt in dem Spiegel der al⸗ ten Frau, die noch heute hier im Hauſe war, ſaheſt; Du haſt mir zwar nicht geſagt, was es war, doch ich vermuthe etwas Fürchterliches.“ Parthy bemühete ſich, ſo viel es in ſeinen Kräften ſtand, das Mädchen zu beruhigen, doch es gelang ihm nicht; ſelbſt nicht ſein Vorſchlag, mit ihr zu ihrem Vater zu gehen, und ihm die ſo lange geheim gehaltene Liebe zu entdecken; ſie wies ihn ſogar zurück und wünſchte nicht einmal, daß ihr Geliebter heute ihr Haus betrete. Er erfüllte ihren Wunſch, Lerſprach aber morgen, nach⸗ dem er mit ſeinen beiden Freunden Rückſprache genommen, wieder zu kommen. Nachdem er das Keinende Mädchen, welches ſchnell nach ihrem väterlichen Hauſe eilte, um— 187 armt hatte, kehrte er langſam ſeinen Weg zurück. Eli⸗ ſens ſo große Angſt und die Erinnerung an Tekla's Spiegel bewegten ihn wunderbar, und um ſo mehr, da er Theilhaber an einem ſo wichtigen Unternehmen war, wozu ihn ſeine Freunde, die Gebrüder Blanſaert ge⸗ zogen hatten. Doch die Memoiren aus jenen Zeiten ſprechen alle aus, daß ſowohl er als dieſe beiden Brüder, das Geheimniß haben entdecken und einer ſo argen Gräuel⸗ that zuvor kommen wollen. Eliſens ängſtliche Beſorg⸗ niß hatte ihn eigentlich jetzt erſt ſo ganz aufmerkſam gemacht, wie gefährlich das Mitwiſſen ſolcher geheimen Umtriebe ſey, und er wurde nur durch das ſeinen beipen Freunden gethane Verſprechen zurückgehalten, ſich nicht ſogleich nach dem Haag zu begeben. Sein feſter Ent⸗ ſchluß war daher, ſobald er in Leyden angekommen, mit ſeinen Freunden die beſtimmte Rückſprache zu nehmen, und die Bekanntmachung beim Prinzen zu beſchleunigen. In dieſe Gedanken vertieft erkannte er den Ort wieder, wo ihn einſt die Eule ſo ſehr in Schrecken verſetzt hatte. Schon oft war er da vorbeigegangen? ohne ſich dieſes eigentlich ſo unbedeutenden Vorfalles zu erinnern: jetzt aber trat er ihm lebhaft vor den Geiſt, und ein kalter Schauer durchzuckte ihn. Eiligſt verfolgte er ſeinen Weg nach Leyden und begab ſich ſogleich in das Haus ſeiner beiden Freunde; doch leider waren ſie i und wurden erſt in zwei bis drei Tagen zurück erwartet. Dreizehntes Kapitel. O Menſch lauf nicht dem Schatten zu! Bedenk es nu! Sonſt kommſt Du nie zur wahren Ruh! Neuhofer. Wir kehren zu Emma und ihrer Begleiterin zurück. Noch am Abend deſſelben Tages, wo ſie ihre Reiſe an⸗ getreten hatten, finden wir ſie in dem öden Thurme von 188 Rotterdam, wo wir Tekla ſchon früher fanden. Emma ſchrieb und die Alte ging, eine Sanduhr beobachtend, im Gemache auf und ab, welches minder ſchauerlich als früher ausgeſtattet war. Der Spiegel hing jetzt an einer der Wände, und die Vorhänge, welche ihn ſonſt bedeckten, waren verſchwunden, ſo wie auch die beiden Eulen, welche damals ihre Geſellſchaft ausmachten. Doch der Todten⸗ kopf, den Emma ſich auch erinnerte in der Hütte auf Ameland gefunden zu haben, ſtand auf einem an der Mauer befeſtigten Brette. Nachdem die beiden Frauen ſchweigend daſelbſt eine halbe Stunde verbracht hatten, ſprach Tekla:„Die Stunde iſt erſchienen, wir müſſen uns bereit halten.“ Beide wickelten ſich in ihre Mäntel ein und verließen den Thurm, welchen Tekla nicht einmal verſchloß, da der von ihm verbreitete Aberglaube ihn vor einem jeden Be⸗ ſuche ſchützte. Es war ſehr dunkel und neblicht, und man mußte wie unſre beiden Frauen ſehr genau mit den Wegen be⸗ kannt ſeyn, um ſich in den vielen ſich durchkreuzenden Straßen und Stegen nicht irre zu gehen. Dekla ſchritt feſten Trittes und ſicher, ihre Gefährtin an der Hand führend und ſie ermuthigend fort. Sie hatten einen lan⸗ gen Weg zurückzulegen. Endlich waren ſie am Eingange einer engen, durchaus finſtern und ſehr langen Straße angekommen. Langſam ſetzten ſie darin ihren Weg fort, und Tekla, ſo bekannt ſie auch darin zu ſeyn ſchien, unterſuchte zuweilen aufmerkſam die Mauern der Gebäude. So hatten ſie gut die halbe Straße durchſchritten, als Tekla ihrer Gefährtin ſtehen zu bleiben befahl, während ſie aufs vorſichtigſte eine niedrige Thür öffnete, welche ſie, nachdem ſie eingetreten waren, wieder aufs ſorgfäl⸗ tigſte verſchloß. Auch hier waren ſie Anfangs in einer undurchdringlichen Finſterniß, doch etwas im Gange vor⸗ geſchritten, ſahen ſie durch eine ſchlecht zuſammengefügte Bretterwand ein mattes Licht ſchimmern. Hier blieben die beiden Frauen ſtehen, und Emmg ließ ſich auf einen 189 Wink der Alten an einer Stelle nieder, wo mehre Oeff⸗ nungen in der Wand waren, wodurch ſie Alles, was im Zimmer vorging und geredet wurde, ohne ſelbſt bemerkt zu werden, ſehen und hören konnte. Emma ſah in eine Scheune oder Hinterhaus, welche zu einer Polterkammer zu dienen ſchien. Eine an der Wand aufgehängte brennende Lampe erleuchtete ſpärlich den großen Raum, in deſſen Hintergrunde ein Torffeuer unter einem weiten Kamin brannte und mehr Licht ver⸗ breitete. Vor dieſem Feuer ſaß ſpinnend eine Frau von mittleren Jahren, welche ſich aber mehre Male in ihrer Arbeit unterbrach, um nach einem Topfe zu ſehen, der Speiſen zu enthalten ſchien, obgleich die Stunde zum Abendeſſen ſchon längſt verfloſſen war. Deutlich ſah man auf dem Antlitze dieſer Frau Spuren einer tiefen Schwer⸗ muth, welche ſich auch in Zwiſchenräumen durch Seufzer Luft zu machen ſuchte. Eine gewiſſe innere Angſt, welche in ihrem ganzen Weſen ſichtbar war, ſchien ihr nicht zu geſtatten, lange an einem Platze zu bleiben, denn ſie erhob ſich oft von ihrer Arbeit und ſchritt unruhig durch das Gemach. Dieſe Frau hatte zuerſt Emma's ganze Aufmerk⸗ ſamkeit ſo ſehr in Anſpruch genommen, daß ſie erſt ſpäter noch eine zweite Perſon bemerkte. Es war ein kleiner unterſetzter Mann. Vor ihm ſtand ein Feuerbecken mit glimmenden Kohlen, welche er durch einen Blaſebalg anfachte, nachher einen eiſernen Topf darauf ſetzte, worin er einige Stücke Blei warf und nachdem es geſchmolzen war, Kugeln von verſchiedener Größe daraus goß, die er ſogleich in ein neben ſich ſtehendes Gefäß zum Abkühlen warf. Er war in ſeine Arbeit ſo vertieft, daß er die ſtets wachſende Unruhe ſeiner Gefährtin nicht bemerkte, welche ihr Spinnrad zur Seite geſetzt hatte und ängſt⸗ lich ſeine Bewegungen beobachtete. Endlich ihrer Ge⸗ fühle nicht mehr Herr, trat ſie zu ihm und ſprach: „O Gott! Heinrich, ſage mir was bedeuten dieſe ſchrecklichen Zurüſtungen?“ 190 Der ſo Angeredete richtete nur ſeine Augen auf und ſetzte ohne eine Antwort zu geben ſeine Arbeit fort. Die Frau fuhr fort: „Antworte mir, ich beſchwöre Dich beim Heil Deiner unſterblichen Seele! ſage mir, mit Plä⸗ nen gehſt Du um?“ „Was kümmert es Dich, Weib! es iſt keine F Frauen⸗ ſache. Nimm Dein Spinnrad, oder kümmere Dich um Deinen Haushalt, oder was noch beſſer wäre, gehe zu Bett und ſtöre mich nicht in meinen wichtigen Verrich⸗ tungen.“ „Zu Bette ſollte ich gehen? Glaubſt Du, daß ich da Ruhe finde? Uns ſchwebt großes Herzeleid über dem Haupte. Deine Seele dürſtet nach Blut, Heinrich! Du beabſichtigſt nichts minder als Prinzenmord.“ „Schweig, Weib!“— rief der Mann erſchreckt aus, indem er das Stück Eiſen, welches er in ſeiner Hand hielt, auf die Erde fallen ließ und ängſtlich ſich umſah, —„Redet der Satan aus Dir? Weißt Du nicht, daß ſelbſt die Wände Ohren haben, uns zu verrathen?“ „Ich wußte wohl, daß ich mich nicht täuſchte, und daß Du mir nicht freiwillig dieſe fürchterlichen Umtriebe mitgetheilt haben würdeſt; doch jetzt haſt Du Dich ver⸗ rathen.“ „Nun, es konnte Dir auch nicht immer verborgen bleiben. Vielleicht kommt es nicht einmal ſo weit, obgleich wichtige Ereigniſſe im Werke ſind.“ „O, daß ich dieß nach allen den ſchon beſtandenen angſtvollen Prüfungen noch erleben mußte. O Sla⸗ tius! dieß ſagteſt Du mir nicht, als ich Dir meine Hand reichte!“ „Ganz gewiß nicht, ich hatte Dir einen ehrenvollen Stand und ein gutes Auskommen verſprochen, und Ver⸗ achtung und bittere Armuth iſt uns zu Theil geworden. Aber Du weißt auch, Anna, daß es ohne mein Ver⸗ ſchulden ſo gekommen iſt.“ 191 „Das meinte ich nicht; ich verlange nicht nach Geld und Gut; mit meiner Hände Arbeit kann ich mein tãg⸗ liches Brod verdienen, und ſo kümmerlich es uns auch ging, ſo ſind doch noch nicht einmal unſere Kinder hungrig zu Bette gegangen.“ „Wir erlebten viel Angſt und Sorge; und noch jetzt iſt es um nichts beſſer als es war. Unſte Feinde verfolgen uns und unſre Freunde laſſen uns im Stich, und ent⸗ ziehen uns den geſetzlichen Antheil für unſern kärglichen Unterhält. Doch habe nur noch kurze Zeit Geduld, Anna! die Geſtalt der Sachen wird ſich ändern und wir werden im Ueberfluß leben können. Dann ſollen die Direktoren unſrer Gemeinde es erfahren, wie Slatius das ihm angethane Unrecht zu rächen weiß.“ „O! entſage den rachſüchtigen Plänen, Heinrich! Du, ein Diener des Herrn, darfſt nicht an Mord und Wiedervergeltung denken.“ „Schweig, Frau! das verſtehſt Du nicht. Warum ſollten wir uns nicht an dem Achab in Iſtael, der die Gläubigen unterdrückt und die Gerechten verfolgt, rächen dürfen. Man wird ihn treffen und er ſoll ſterben, und man wird von ihm ſagen können, daß ſein Blut in ſeinen Wagen hineinſtrömte.“ 3 „O Menſch, Menſch! gieb dies ſchreckliche Vor⸗ haben auf. Siehſt Du nicht, wie das Schwert ſchon über Deinem Haupt erhoben iſt? O Heinrich! muß ich es noch erleben, daß die Schergen Dich von hier wegſchleppen, und daß der Scharfrichter Dir das Haupt vom Rumpfe ſchlägt? Muß ich den Vater meiner Kin⸗ der als einen Mörder auf das Rad geflochten ſehen? Nur ein einziges Mal gieb dem Bitten und dem Rath Deiner Frau Gehör. Bis jetzt haſt Du ſie noch ſtets verſchmäht und Dich wahrlich ſchlecht dabei befunden. Thue es dieß eine Mal, und Du wird ſie einſt ſegnen, ſo zu Dir geredet zu haben.“ Dieſe Worte ſchienen auf ſein verſtocktes Gemüth keinen Eindruck zu machen. Er legte die Kugeln in 192 einen Sack und verbarg ihn ſorgfältig unter Stroh und anderes Hausgeräth. „Mich hungert, Frau! ich bin den ganzen Tag im Freien geweſen und habe eine gute Strecke Wegs zu⸗ rückgelegt.“ Seufzend trat die Frau ans Feuer, leerte den In⸗ halt des eiſernen Topfes auf eine irdene Schüſſel und ſetzte ihn nebſt einem Löffel auf einen kleinen Tiſch. Sla⸗ tius ſchritt vor Kälte ſchaudernd unruhig auf und ab und ſagte zu ſeiner Frau: „Gieb mir zuvor einen Becher Branntwein, Anna! Es war draußen rauh und nebelicht und es durchzuckt mich ein Schauder nach dem andern.“ „Es iſt Dein böſes Gewiſſen, Heinrich!“— ſagte ſeine Frau, indem ſie ihm einen Becher mit Branntwein gefüllt hinreichte—„das erregt mehr Schaudern bei dem Menſchen, als die bitterſte Kälte in einer Win⸗ ternacht.“ „Weg mit den thörichten Grillen! was ich unter⸗ nehmen will, iſt gerecht: Zahn um Zahn, Auge um Auge, lehrt die heilige Schrift.“ „Nein, Mann des Blutes! nein, Mörder!“— rief die Frau faſt zum Wahnſinn getrieben—„Das iſt nicht die Lehre, welche Du einſt verkündeteſt. Dein Herz iſt völlig umgewandelt, und Du verwirſſt die Gebote des Herrn, welche Liebe und Verzeihung predigen, um Deinen böſen Leidenſchaften zu folgen und Deine Hände in dem Blute derjenigen zu waſchen, welche Dir Unrecht thaten, um Deine Frau und Kinder in das Verderben zu ſtürzen und ſie mit ewigem Fluche zu beladen. Aber Du ſollſt nicht, bei Gott in dem Himmel! Du ſollſt nicht! Ich werde es verhindern.“ „Weib! willſt Du mich verrathen?“ „Nein, Heinrich!“— antwortete ſie ruhiger— „das hieße nur Deinen Weg nach dem Blutgerüſte ſchneller herbeiführen, aber... Ein wieberholtes Klopfen an ber Hausthür unter⸗ brach ſie, aber aufs höchſte beängſtigt rief ſie aus: „Ach was kann das ſeyn, ſo mitten in der Nacht! Gott! das Rauſchen eines Blattes läßt mich erzit⸗ erm Zuerſt war Slatius auch ſehr erſchreckt und ſah ängſtlich auf die Wertzeuge, derer er ſo eben ſich bedient hatte, doch er ermannte ſich bald wieder und ſagte ruhiger: 2 „Thor, der ich bin, über dies Klopfen zu erſchrecken. Es iſt gewiß Niemand anders als mein Schwager, der Tiſchler, welcher von einer kleinen Reiſe heut Abend zurückkehrt, und dann ſogleich bei mir vorſprechen wollte. Kefe ihm ſchnell die Thür, denn er wird ſchon unge⸗ duldig.“ Seufzend verließ die Frau das Gemach, und wäh⸗ rend der Zeit ſchaffte Slatius alles Geräth bei Seite. Bald ſah er aber, daß dieſe Vorſicht ganz überflüſſig geweſen war, denn ein kräftiger Mann, Cornelius Gerrits, ein Tiſchler, der mit Slatius Schweſter verheirathet war, trat ein, und ſprach: „Ich glaubte ſchon, Du habeſt unſre Abrede ver⸗ geſſen, und Dich zur Ruhe begeben, da Du mich ſo lange in der feuchten und kalten Nacht draußen warten ließeſt.“ „Wir hörten jetzt erſt Dein Klopfen, Bruder Cor⸗ nelius!“— antwortete Slatius,„und anfangs wa⸗ ren wir thöricht genug, uns zu ängſtigen, denn ich hatte in dem Augenblicke Dein Verſprechen, noch heut Abend hierher zu kommen, ganz vergeſſen.“ „Du weißt doch wohl, da man einen jeden unſter Tritte belauſcht, daß ich, um bei den Nachbarn keinen Verdacht zu erregen, namentlich, da es ſpäter geworden iſt, als ich vermuthete, nicht lauter klopfen durfte.“ „Du haſt Recht, Bruder! wir müſſen vorſichtig ſeyn wie die Schlangen; anch war ich bei einem Ge⸗ Der Schutzgeiſt. II. 3 194 ſchäfte, wobei ich mich nicht gerne hätte überrumpeln laſſen.“ Dieß ſagend, holte er das Geräth, welches er zum Kugelgießen gebraucht hatte, wieder hervor. „Ha, Ha! Bu haſt, wie ich ſeh', Bohnen gebra⸗ ten, die eine gewiſſe Perſon, wenn ich nicht irre, ſchwer vervauen wird. Morgen werde ich Dir bei dieſem Ge— ſchäfte, welches ich auch noch nicht ganz vergeſſen habe, behülflich ſeyn. Doch höre, ich habe Dir noch etwas Anderes mitzutheilen, daß...“ Er ſchwieg, indem er ſich bedeutungsvoll nach Slatins Frau umſah, welche mit Thränen in den Augen ſich ein Geſchäft am Heerde zu machen ſchien, aber doch nach dem Geſpräch der bei⸗ den Männer horchte. „Begieb Dich zur Ruhe, Ann a!“— ſprach Sla⸗ tius—„es iſt für Dich die höchſte Zeit, auch habe ich noch Mehreres mit Bruder Cornelius zu be⸗ ſprechen.“ „Was ich nicht hören darf, nicht wahr, Hein⸗ rich! Wohlan, ich will gehen und Euch ungeſtört über Eurem blutigen Vorhaben brüten laſſen, da Ihr doch den Thränen und Bitten Eurer unglücklichen Frauen kein Gehör ſchenket. Ach! könnte ich wenigſtens für Euch beten, aber auch dieß iſt mir Elenden verſagt.“ Hierauf entfernte ſich die unglückliche Frau. „Gerade wie die Meinige,“— ſagte Cornelius —„daſſelbe Lied höre ich den ganzen Tag ſingen. Doch glücklicherweiſe iſt mein Trommelfelk, als ich noch zur See diente, gehörig abgehärtet worden, um nach ſolchem Geſchwätz noch zu hören. Ich hoffe, daß es Dich auch nicht weiter ſtört.“ „Die Unruhe meiner Frau geht allzuweit, und ich befürchte, daß es den Nachbarn auffällt, und dieſe Ar⸗ ges vermuthen.“„ „Halte ſie nur einige Tage lhinter Schloß und Rie⸗ gel, es wird nicht lange mehr dauern, ſo iſt die Sache abgemacht, dann hören die Klagelieder auf, und den Vortheil, welche die Veränderung der Sache hervor⸗ — NM*, M e h h h r n 195 bringt, werden ſie ſich gern gefallen laſſen. Doch ich habe Dir noch Manches mitzutheilen. Ich war, wie Du weißt, zu Blyswyk, wo Deine letzte Predigt viel böſes Blut gegen die Regierung geſetzt, und die Gemüther für die gute Sache geſtimmt hat. Ich habe van Dyk geſprochen, ein firer Kerl, der ſo gut wie die beſte Spinne ſein Gewebe weben, und wenn es zer⸗ riſſen, wieder ausbeſſern kann. Er hat Geld wie Heu, aber der Teufel mag wiſſen, wie er dazu kommt, denn wie ich erfahren, hat er vor Kurzem noch nicht viel ein⸗ zubrocken gehabt.“ „Stoutenburg und Kornewinder ziehen es auf den Herrn von Gronenveld.“ „Ja, der weiß ſich in gehöriger Schußweite zu halten. Doch das mag er thun; wir haben ſein Gold eben ſo nöthig, als Deine bleiernen Pfröpfe. Inzwi⸗ ſchen hat mir van Dyk einige Gelder eingehändigt, wofür wir beide Piſtolen und andere Waffen kaufen ſol⸗ len. In dieſen Tagen wird er ſelbſt hierher kommen, und nähere Abrede mit uns nehmen. Zu Leyden ha⸗ ben wir einige wackere Geſellen angeworben, welche es ſchon halb und halb übernommen haben, den Anſchlag eigenhändig auszuführen; unter andern Blanſaert. Ich hoffe Jerom Ewouts, der zur Ausführung ſehr tauglich iſt, noch für uns zu gewinnen,— nur darf es nicht gegen ſein Gewiſſen ſtreiten, denn in dieſem Punkte iſt er noch zu kindiſch.“ „Je mehr Köpfe, je mehr Sinne! Ich fürchte nur, wenn ſo viele mit hineingezogen werden, daß wir dann um ſo leichter Verrath zu befürchten haben.“ „Dazu bleibt ihnen keine Zeit, denn ich hoffe, daß unſer Anſchlag ſchon im Anfange nächſter Woche voll⸗ führt werden wird.“ „Iſt darüber ſchon etwas Näheres beſtimmt?“— frahte Slatius. „Van Dyk ſagt mir, daß ſich dann alle Mitver⸗ 13 196 ſchwornen im Haag verſammeln ſollen, um ſich von ba nach Ryswyk zu begeben, dort in der Herberge Wit⸗ ſenberg Poſto zu faſſen, und wenn der Prinz im Wagen vorbeifährt, den Anſchlag auszuführen. Es iſt Alles ſo gut überlegt, daß es nicht leicht mißlingen kann. Laß uns deßhalb, Kamerad, noch einen Becher auf den guten Erfolg leeren, und uns dann zur Ruhe begeben!“ Jetzt gab Dekla ihrer Gefährtin ein Zeichen, daß ſie ſich wieder entfernen mußten, und es geſchah auf die⸗ ſelbe Weiſe, wie ſie gekommen waren. Um ein Uhr nach Mitternacht hatten ſie wieder den ſchauerlichen Thurm erreicht. Vierzehntes Kapitel. * Du biſt ein Menſch, und Gottes Rath Iſt Sterblichen verborgen. Noch herrſcht er, wie er immer that Und will nicht, daß wir ſorgen. Du ſorgſt umſonſt, verloren iſt Dein kummervolles Denken. Du kannſt doch nicht, ſo klug Du biſt Den Lauf der Dinge lenken. Paul Gerhard. Dekla beeilte ſich, das am Heerde erloſchene Feuer wieder anzumachen, damit Emma ſich erwärmen könnte. Seit ſie Slatius Wohnung verlaſſen, hatten ſie kein Wort gewechſelt. Emma warf ſich einer Ohnmächtigen gleich auf einem Stuhl nieder und ſtarrte den Boden an. Umſonſt bemühete ſich Tekla, ihr Troſt einzu⸗ ſprechen, und ihr einige Worte zu entlocken. Erſt nach einer geraumen Zeit ſchlug ſie ihre Augen auf und ſprach: „O mein Gott! auch er hat daran Theil!“ „Nein,“— antwortete Tekla mit Wärme—„noch iſt er nicht in dieß fluchwürdige Unternehmen eingeweiht. Noch kann er gerettet werden. Sein Fuß ſteht auf dem Wege des Verderbens; aber er wird zurücktehren.. 197 obgleich der Augenblick nahe iſt, wo ihm auf immer die Gelegenheit, es zu thun, entzogen werden könnte.“ „Wer gibt Euch dieſe Ueberzengung? Ihr habt mich ja ſelbſt verſichert, daß er das Verſprechen abgelegt hat, an der Gräuelthat Theil zu nehmen; daß die Unglück⸗ liche, welche er liebt....“ „Er liebt ſie nicht“— unterbrach ſie Tekla un⸗ geſtüm—„und bald wird er ſie von ganzer Seele ver⸗ abſcheuen. Was ich Euch ſage, iſt die Wahrheit; auch war ich nicht bemüht, Euch die Gefahren, welche ihn umgaben, zu verbergen, habe aber auch ſtets geſagt, daß ſeine Rettung gewiß wäre. Ja, eine mehr als teuf⸗ liſche Liſt arbeitet an ſeinem Verderben, und ehe er es vermuthet, wird er mit in dieſe Verſchwörung verwickelt, aber ihr eigentlicher Zweck iſt ihm und vielleicht auch ihr noch ſtets verborgen gehalten. Er verabſcheut einen jeden Anſchlag, wo der Dolch das Rachemittel ſeyn ſoll, aber um zu einer Veränderung in der Regierungsform, namentlich, da man früher auch ungerecht gegen ihn verfuhr, mitzuwirken, dazu könnte er ſich wohl berufen fühlen. Weiter erſtrecken ſich ſeine Abſichten nicht, und wahrſcheinlich ſind noch manche andere Theilnehmer in demſelben Irrthum befangen.“ „Da Ihr aber mehr als irgend ein anderes ſen die Geheimniſſe dieſer Verſchwörung kennt, was ert Euch denn, ihm die Binde von den Augen zu nehmen, und ihm den Abgrund zu zeigen, in welchem er über kurz oder lang verſinken wird.“ „Ein jedes Weſen muß das ihm vom Schickſale auf⸗ erlegte Werk vollbringen, und weiter darf es nicht gehen. Das meinige iſt hier auf Erden vollbracht. Nun iſt an Euch die Reihe! Dieß verkündete mir das Buch des Schickſals.“ Wenn aber das wahre oder eingebildete Vermögen in der Zukunft zu leſen, Euch auch dießmal irre führte, wie es ſchon fruͤher der Fall war— Ihr habt es mir ja ſelbſt geſagt— über wen würde dann die Schuld des 198 vergoſſenen Blutes kommen, über wen die Verzweiflung und Reue, der mehr als eine Seele zur Beute fallen würde?“ „Bei Gott! nicht über mich!“— rief Tekla ängſt⸗ lich um ſich her blickend—„auf meiner Seele darf keine neue Blutſchuld ruhen. Ich will es verſuchen, Emma, Euch die Gründe, welche mich ſo handeln ließen, auseinanderzuſetzen. Lange war ich ſelbſt in dem Wahn befangen, Alles, was mein durch Leiden geprüfter Blick durchſchaute, als Vorherſagungsgabe anzuſehen. Doch ſchweigen wir jetzt hierüber, bald werdet Ihr über manche meiner Lebensverhältniſſe nähere Aufflärung er⸗ —halten. Was ich Euch jetzt mitzutheilen wünſche, iſt folgendes. Von Eurer früheſten Kindheit an war mein Blick mit mütterlicher Zärtlichkeit auf Euch und Mo⸗ ritz gerichtet. Unbemerkt umſchwebte ich unzählige Male Eure Schritte, und ſah mit dem innigſten Wohlgefallen das Entſtehen Eurer Liebe. Da trat plötzlich eine fremde Geſtalt zwiſchen Euch beide. Ihr wißt es, wo⸗ durch das herbeigeführt wurde. Moritzens fieberhafter Zuſtand ſah dieſe⸗Erſcheinung als etwas Uebernatürliches an, und die Unbekannte hatte einen mächtigen Eindruck bei ihm hinterlaſſen, der, wenn auch nicht ganz vertilgt, d der Zeit ſehr verringert wurde. Dieß war mir ni erborgen geblieben; und da ich wußte, daß er mit der Unbekannten zuſammentreffen würde, ſo ſah ich wohl ein, daß ſeine Liebe zu Euch dadurch erſchüttert werden könnte. Doch es gereichte mir zum Troſte, daß die Ver⸗ ſchwörung damit im Zuſammenhang ſtand. Wie ich hie⸗ von Kunde erlangte, wißt Ihr bereits, und eine Hand⸗ voll Gold machte mich mit allen Ihren Verzweigungen bekannt. Ich wußte, daß das unglückliche Weſen, wel⸗ ches drohend zwiſchen Euch auftreten ſollte, deſſen Schick⸗ ſale und brennende Leidenſchaften ich kannte, in das Komplott mit verwickelt war; aber ich war auch feſt überzeugt, daß in ſeinem Herzen, ungeachtet der frühe⸗ ren Erinnerungen, keine Liebe herrſchte, keine Liebe * S c& M — — — — — ——— — 199 herrſchen konnte; denn wo eine ſo lebendige Rachſucht herrſcht, können zarte Gefühle weder ganz aufkommen, noch wohnen. Wäre aber dieſe vorherrſchende Leiden⸗ ſchaft erſt befriedigt, und hätte Moritz dazu mitge⸗ wirft, dann würde ſie ſich vielleicht ihm mit ſcheinbarer Liebe in die Arme werfen; aber beider Loos würde un⸗ ausſprechlich unglücklich ſeyn. Doch laßt Euch genauer von meinem Plane unterrichten. Nur wenn Moritz dem früheren Eindruck, welchen die Erſcheinung auf ihn machte, folgte, und Klara's Rachſucht ihm fremd bliebe, dann könnte Eure gegenſeitige Liebe dadurch ei⸗ ner Gefahr ausgeſetzt werden; denn wenn auch Moritz den Euch abgelegten Schwur nie brechen würde, ſo würde doch Klara's Bild oſt ſtörend zwiſchen Euch treten, und in Eurem Leben einen dunkeln Schatten werfen. Dieß muß verhindert werden. Moritz muß Klara nicht mit dem ſo anziehenden Gewande des Geheimniß⸗ vollen umhüllt, ſondern in ihrer wahren Geſtalt kennen lernen; er muß von ihr geführt, blindlings bis an den Rand des Abgrundes vortreten, und dann plötzlich vor ſich und der betrüglichen Geſtalt, die ihn dahin führte, zurückſchandern. Deßhalb, Emma, durftet Ihr ihn nicht auf dem Wege, den er betrat, zurückhalten; noch die Veranlaſſung dazu von ihm entfernen. Deßhalb wußte ich Euch zu überreden, die verhängnißvolleg Zei⸗ len an ihn zu richten, damit das Band, welches Ihr dadurch auflöstet, um ſo eher Eure. Herzen unzertrenn⸗ lich vereinigt.“ Hier ſchwieg Tekla und blickte Emma forſchend an. Dieſe blieb bewegungslos wie an ihren Platz ge⸗ feſſelt. Doch plötzlich wie aus einem fürchterlichen Traume erwachend, ſprang ſie auf und ſprach mit verwilderten Zügen: „O mein Gott! Ihr ſpielt ein gefährliches Spiel. Ach! ich ſehe nur zu deutlich, daß Ihr noch ſtets Euren übernatürlichen Kräften vertraut. Wer gab Euch das Recht, die Rathſchläge des Allerhöchſten ergründen zu 200 wollen, und ſo eigenmächtig über die Zukunft zu beſtim⸗ men? Vermögt Ihr die Ereigniſſe nach Willkühr zu lei⸗ ten? O wie fürchterlich werdet Ihr dieſe Vermeſſenheit büßen müſſen! Als noch ein Wort aus Eurem Munde ihn retten konnte, da verſchloßet Ihr ihn; denn es war Euch nicht genug, ihm zum Schutzengel zu dienen— Ihr wolltet, einem Gotte gleich, über ſein und anderer Schickſal beſtimmen. Jetzt iſt es zu ſpät, und das ſtolze Gebände Eurer Hirngeſpenſte liegt wie das ſchwache Werk einer Kinderhand im Staube niedergetreten.“ „Emma! Emma!“— rief die Alte heftig be⸗ ängſtigt aus—„Redet nicht alſo, ich bitte, ich be⸗ ſchwöre Euch! Ein jedes Eurer Worte durchbohrt dem ſchärfſten Dolche gleich meine Seele. Ich— ich ver⸗ mochte Nichts: ein feierlicher Eid feſſelte meine Lippen. Doch Du ſprichſt die Wahrheit, Mädchen! meine ver⸗ fluchte Vermeſſenheit allein ließ mich dieſen Eid ablegen. Gerechter Gott! wenn Eure fürchterliche Ahnung ge⸗ gründet wäre.... Doch nein! es iſt nicht möglich. Nicht ſo ganz umſonſt kann ich ein halbes Jahrhundert hin⸗ durch die bittre Schule des Leidens beſucht haben; kein ſo ſchrecklicher Ausgang kann meiner beklagenswerthen Laufbahn beſtimmt ſeyn?“ Nachdem ſie dieſe Worte ausgeſprochen hatte, ſank die lückliche Frau, von ihren Gefühlen überwältigt, auf einen Stuhl nieder. Emma, ihre Heftigkeit ſchon bereuend, bemühete ſich, ihr Beiſtand zu leiſten; doch ſie wieß eine jede Hülfeleiſtung zurück. Bald hatte ſie ihre gewöhnliche Faſſung wieder erlangt, und ſie ſprach in ihrem ihr eigenthümlichen Tone: „Begebt Euch zur Ruhe, Em'm a, und verſucht es, meine Worte zu vergeſſen. Ihr habt mich einen Augen⸗ blick in meiner Schwäche geſehen, ich brauche mich ihrer nicht zu ſchämen, denn warum ſollte ich es verbergen, daß ich ein ſchwaches, gebrechliches Geſchöpf bin. Eure Furcht jedoch, ſo natürlich ſie auch war, iſt ungegründet, 201 Ihr werdet es bald erfahren. Doch jetzt geht zur Ruhe, morgen wollen wir weiter darüber reden.“ Emma wollte antworten, doch der Alten gebieten⸗ der Blick feſſelte ihre Lippen. Dieſe führte ſie ſogleich in einen andern Raum des Thurms, wo ein zwar klei⸗ nes, aber bequem eingerichtetes Gemach war. Ohne ein Wort zu ſagen, küßte ſie Emma auf die Stirn und verließ ſie. Tekla kehrte in ihr gewöhnliches Gemach zurück, verſchloß es, und holte darauf ein kleines golde⸗ nes Kreuz aus ihrem Bruſttuche hervor, ſtellte es auf den Todtenkopf, warf ſich auf die Kniee, und blieb lange Zeit in dieſer Haltung liegen. Wahrſcheinlich betete ſie, obgleich ſich ihre Lippen nicht bewegten. Hatte ſie wirk⸗ lich gebetet, ſo ſchien ihre Seele dadurch nicht in eine ruhigere Stimmung verſetzt zu ſeyn; denn als ſie ſich wieder erhob, verrieth ſie eine Angſt, eine Unruhe, welche ſie, von Niemanden beobachtet, auch nicht zu verbergen ſuchte. Sie ſchritt haſtig auf und ab. Nachdem ſie ſich allmählig ein wenig beruhigt hatte, warf ſie ſich, in ihren Mantel gehüllt, auf eine Art von Ruhehank nie⸗ der, und blieb in dieſer Stellung, bis die erſten Strah⸗ len des nebelichten Wintermorgens durch das kleine Thurm⸗ fenſter in ihr Gemach eindrangen. Darauf erhob ſie ſich von dieſem harten Nachtlager, zündete das Feuer am Herde an und ging darauf in Emma's Kämmerlein. Die Thür ſtand offen, doch das Mädchen war nirgends zu finden. Tekla unterſuchte das für ſie beſtimmt ge⸗ weſene Nachtlager: es war nicht deutlich zu unterſchei⸗ den, ob Jemand die Nacht daraufzugebracht hatte. Dar⸗ auf ſah ſie ſich im Zimmer um und bemerkte, daß Emma's Reiſegewand auch verſchwunden war. „Dieß hätte ich ahnen können,“— ſagte ſie zu ſich ſelbſt, indem ſie in das andere Gemach zurückkehrte— „es hätte mich befremden müſſen, wäre es anders ge⸗ weſen.“ —.——— 202 Fünfzehntes Kapitel. Kein glänzend Erz verlockt mich mehr; Kein eitler Traum von Ruhm und Ehr, Schwellt fortan noch das jugendliche Herz. Der Wurm der mir am Daſein nagt, Verzweiflung iſt es, die mich plagt: Der Tod allein kann lindern meinen Schmerz. Am folgenden Tage war eine Geſellſchaft ehrbarer Bürger und Reiſender in der vergoldeten Helle⸗ barde bei unſerm alten Bekannten, dem wackern Held, verſammelt. Wenn auch nicht ſo geräuſchvoll als es am Faſtnacht war, ſo herrſchte doch ein heiterer geſelliger Ton unter den zahlreich Anweſenden. Der Veteran als Stammgaſt, und Melchior, der Schreiber des Deich⸗ grafen, fehlten auch dießmal nicht. Held war noch ſtets der aufmerkſame Wirth. Unter den fremden Reiſenden, die ſich im Gaſtzimmer befanden, verdienen zwei insbe⸗ ſondere unſere Aufmerkſamkeit. Der eine iſt Moritz, der ſchon ſeit drei Tagen ſich hier aufhält und nur ge⸗ ringen Antheil an der Unterhaltung nimmt. Der zweite iſt Jerom Ewouts, welcher, in ſich gekehrt, einer jeden Unterhaltung ausweicht, dem der Tabak nicht ſchmeckt, und in einer einſamen Ecke des Zimmers, der Geſellſchaft den Rücken zukehrend, ſich niedergeſetzt hat. Am Kamine unterhielt man ſich ſehr lebhaft, und Melchiors Stimme ließ ſich am vernehmlichſten hören. Er ſagte: „Ja, ja, Freunde und Nachbarn! Ihr könnt mei⸗ nen Worten feſt glauben. Unruhige Zeiten ſtehen uns bevor, und unſere gute Stadt Rotterdam wird ganz beſonders darein verwickelt werden.“ „Welch ein Prophet hat Euch dieß Alles verkündigt?“ — frug der Wirth. „Wahrſcheinlich hat ihm ein Adevino aus Anda⸗ luſien einen Beſuch gemacht,“— ſagte van Thie⸗ nen—„dieſe Kerls prophezeihen Euch für einen Real — — 203 Alles, was Ihr wollt; und da ſie leicht merken, daß ein Escrivano ſie gern anhört, ſo verkündigen ſie ihm Auf⸗ ruhr in Stadt und Land, wobei es Etwas für ihn zu verdienen gibt.“ „Schwatzt, ſoviel Ihr wollt!“— erwiederte Mel⸗ chior in einem ſpöttiſchen Tone—„Ihr ſeyd ein alter Invalid, der all ſein Pulver verſchoſſen hat. Doch höret meine Gründe. Weder die ſtrengen Verordnungen, auf alle Böswillige und Verdächtige ein wachſames Auge zu haben, noch die Plagen, welche uns die Prediger von den Kanzeln verkündigen, ſeit man das Erasmusbild wie⸗ der auf dem Markte aufgerichtet hat, ſondern beſonders die alte Here aus dem Thurme beunruhigt mich. Sie zeigt ſich nicht anders unſerer guten Stadt, als wenn ſie von irgend einem Unglück bedrohet wird. Geſtern ſah ich noch Licht im Thurme und ihren Schatten hinter dem Fenſter.“ „Wer iſt denn die Unheil verkündende Alte?“— fragte einer der Reiſenden, und Moritz trat unwillkühr⸗ lich einige Schritte näher. „Wer ſie iſt, wer ſie iſt?“— riefen mehrere Stim⸗ men zugleich, doch Melchior wußte ſie alle zu über⸗ ſchreien und fuhr fort.—„Das mag der Teufel wiſſen, denn nur ihn kennt ſie als ihren Meiſter an. Schon vor Jahren ließ die wohllöbliche ſtädtiſche Obrigkeit ſie auffordern, ſich von hier zu entfernen, und die Bürger⸗ ſchaft nicht länger durch ihre Gegenwart zu beunruhigen; aber ſie antwortete: daß ſie trotz des wohlweiſen Rathes bleiben würde, und ſie beſäße Macht genug, ſich in der von ihr gewählten Wohnung zu behaupten und zu ver⸗ theidigen. Zu gleicher Zeit erbebte der Thurm in ſeinen Grundfeſten, und der Gerichtsbote war, er weiß ſelbſt nicht wie, die Treppe herunter gekommen und für nichts in der Welt wieder zu bewegen, ſich nochmals in den Thurm zu begeben. Der Magiſtrat hielt noch lange Berathungen, bis endlich der Deichgraf den Rath er⸗ theilte, die Sache dabei bewenden zu laſſen.“ — 204 Moritz, der ſehr aufmerkſam zugehört hatte, frug Melchior—„Aber warum ſchreibt Ihr dieſer Alten ſolche verhängnißvolle Folgen zu, und wie nennt ſie ſich?“ „Ihren Namen kennt Niemand, wir nennen ſie Si⸗ bylle“— erwiederte Melchior—„und um Euch auf Eure andere Frage zu dienen, wiſſet: daß ich ſie auf dem Thurm ſah, als vor einigen Jahren hier der fürch⸗ terliche Brand war; ſowie auch Anno zwanzig, als hier ein Aufruhr war, wo mehrere arminianiſche Prediger gefäng⸗ lich eingezogen wurden, wobei mehrere Bürger auf eine jäm⸗ merliche Weiſe das Leben verloren. Mit einem Worte, ein jedes Unglück, was hier Statt fand, wurde durch die Zurückkunft der alten Hexe verkündigt.“ Moritz hätte gern noch mehr erfahren, denn eine geheime Ahnung ſagte ihm, daß es Dekla ſey. Doch das Geſpräch nahm eine andere Wendung, und Moritz ſetzte ſich in einen abgelegenen Winkel des Zimmers, wo zwei große an der Wand hängende Mäntel ihn noch mehr den Augen der übrigen Geſellſchaft entzogen. Nicht weit von ihm ſaß Jerom noch wie früher in Gedanken ver⸗ ſunken, auf den er durch einen andern jungen Mann in ähnlicher Tracht, der ſich neben ihn ſetzte, aufmerkſam gemacht wurde. Dieſer ſprach zu ihm: 3 „Was zum Teufel, Jerom! Du ſchnappſt ja nach Athem, wie ein Fiſch, der ſchon lange im Trocknen iſt. Ich glaubte doch, daß die geſtrige Unterhaltung Dir alle Grillen vertrieben hätte. Es ziemt einem Seemanne nicht, bei dem geringſten Sturme den Muth ſinken zu laſſen, und das Schiff, ohne Hand anzulegen, den Wellen Preis zu geben.“ „Mein Kiel iſt auf Klippen verſchlagen“— ant⸗ wortete Jerom—„und es iſt keine Rettung mehr mög⸗ lich; ruhig muß ich dem Augenblicke entgegenſehen, wo eer zerſchellt und vom Abgrunde verſchlungen wird.“ „Schweig, Junge! Es iſt Sünde gegen Gott, ſo zu reden. Weil ein rundes Geſichtchen mit rothen Wan⸗ gen und frenndlichen blauen Angen nicht mit Dir an —— ———— Bord gehen und die große Lebensreiſe antreten will, über⸗ läſſeſt Du den Kiel der Gnade Gottes und empörſt Dich gegen den großen Steuzrmann dort oben— pfui! dieß hätte ich nie von Dir gedacht. Doch, Du biſt verliebt, und ich will Dir es nicht ſo ganz übel deuten. Gott⸗ lob! ich habe ſolche Erfahrungen noch nicht gemacht, ob⸗ gleich ich auch gern ein rothwangiges Mädchen ſehe und mit ihr auf der Kirmeß nach der Geige herumſpringe. Doch das iſt nur für einen Tag, und nie länger.“ In dieſem Tone fuhr er noch einige Zeit fort, da er aber ſah, daß Jerom auf keine andere Gedanken zu bringen war, ſagte er endlich ungeduldig: „Geſtern Abend wareſt Du doch aufgeräumter, und jetzt läſſeſt Du wieder das Maul hängen, wie eine ab⸗ genützte Wimpel bei Windſtille auf der Spitze eines Maſtes. Woher dieſe Veränderung?“ „Geſtern“— erwiederte Jerom—„war ich ei⸗ nen Augenblick aufgeregt, weil man uns vorſchlug, an einem gefährlichen Unternehmen Theil zu nehmen, und der Gedanke kam plötzlich bei mir auf, daß ich mein Le⸗ ben, das nun doch keinen Werth mehr für mich hat, zum Wohl des Vaterlandes aufopfern, und ſo allen mei⸗ nen Leiden plötzlich ein Ende machen könnte.“ „Schnickſchnack! das Leben iſt zu viel werth, um es wie ein altes Stück Segeltuch über Bord zu werfen. Aber woher denn ſo plötzlich dieſe Veränderung der Ge⸗ danken? Fürchteſt Du Dich vielleicht heute ſchon vor dem Anſchlage?“ Jerom blickte den Sprecher zornig an, würdigte ihn aber keiner Antwort. „Sieh nur nicht ſo böſe aus, Jerom! Ich habe Dich ja ſtets als einen braven Jungen gekannt; aber die Liebe und der Teufel können uns ſchnell den Kopf verdrehen. Aber ich möchte doch gern wiſſen, warum Du heute über das Komplott ſo ganz anders denkſt.“ „Weil das Unternehmen gefährlich iſt, Jan, ſo habe ich den Entſchluß gefaßt, zuvor meinem väterlichen 206 Freunde David Lebewohl zu ſagen, und ihn um Fi⸗ nen Segen zu bitten.. „Und auch der Tochter noch ein Wörtchen zu ſa⸗ gen, nicht wahr? dem armen Kinde einen Todesſchreck einjagen, und ihr zu verkünden, daß ihre Grauſamkeit Dich zu dieſem verzweifelten Entſchluſſe gebracht hat, und Du ihr nächſtens ohne Arme und Beine erſcheinen würdeſt, um ſie für ihre Grauſamkeit zu beſtrafen. Wenn das Deine Abſicht iſt, Jerom! dann rathe ich Dir, lieber hier zu bleiben.“ „Höre Jan Faeſſen!“— erwiederte er ernſt⸗ lich und nachdrücklich—„Obgleich Du mein Freund biſt, ſo haſt Du doch nicht das Recht, ſo mit mir zu reden; daher erſuche ich Dich, jetzt über dieſen Punkt zu ſchwei⸗ gen; oder vielmehr“— dies ſagend, ſtand er auf,— „will ich gehen, und wenn wir wieder zuſammenkom⸗ men, dann hoffe ich, wirſt Du den Schmerz Deines Freundes, obgleich er Deiner Anſicht nach, von einem nichtigen Grunde herrührt, beſſer zu ſchätzen wiſſen. Lebe wohl, bis morgen!“ Hierauf reichte er ihm die Hand und wollte das Zimmer verlaſſen. „Höre, Kamerad!“— ſprach Fäeſſen, in ei⸗ nem Tone, worin auch keine Spur des früheren Spot⸗ tes mehr zu bemerken war—„wenn es wirklich ſo mit Dir ſteht, daß Du keinen Spaß mehr verſtehſt, ſo kennſt — Du mich hinreichend, und weißt, daß ich es keineswegs darauf anlege, Deinen Schmerz mehren zu wollen. Nimm meine Hand zum Unterpfande, dieſer Gegenſtand ſoll nicht wieder von mir berührt werden. Setze Dich wieder, und laß uns lieber über den Anſchlag reden, deſſen Vollführung wir übernommen haben, obgleich ich Dir aufrichtig geſtehen muß, daß ich noch nicht verſtehe, welcher Art das Unternehmen iſt.“ „Eben das iſt es, was mich beunruhigt, und mir verdächtig erſcheint. Daher wünſche ich auch den Rath meines Oheims einzuholen.“ N ————* * M —— 207 „Dagegen habe ich nichts, mein Freund! aber Du weißt, daß wir morgen hier ſeyn müſſen, und daß dann ſchon etwas für uns zu thun iſt. Wann willſt Du den Beſuch machen?“ 6 „Noch in dieſem Augenblicke“— antwortete Je⸗ rom, indem er ſeinen Hut ergriff—„Wenn ich gut darauf losſchreite und den kürzeſten Weg einſchlage, ſo kann ich in drei bis vier Stunden, und ehe mein Oheim zu Bette iſt, dort ſeyn. Dann kann ich heute Abend oder morgen früh mit ihm reden, und mir ſeinen Rath einholen. Gegen Mittag kann ich wieder hier ſeyn, um die Befehle, welche man uns geben will, entgegen⸗ zunehmen. Doch kann ich Dir nicht ſagen, wie verdäch⸗ tig, je mehr ich darüber nachdenke, mir die ganze Sache vorkommt, beſonders da der abgeſetzte arminianiſche Pre⸗ diger mit ſeinem teufliſchen Geſichte mit hinein ver⸗ wickelt iſt.“ „Da haſt Du Recht, aber man darf nicht immer nach dem Geſichte urtheilen. Ich glaube, es handelt ſich um nichts weiter, als einige remonſtrantiſche Prediger zu erlöſen, oder um irgend eine Umänderung in der Regie⸗ rung zu bewerkſtelligen. Um Dir die Wahrheit zu ſagen, ſo kann ich es nicht läugnen, daß ich dazu behülflich ſeyn möchte. Wenn Du wiliſt, ſo will ich Dich begleiten. Auch möchte ich gern die kleine Hexe noch einmal wie⸗ derſehen, die unſern wackern Jerom— ſehe nur nicht ſo finſter aus, ich will auch auf dem ganzen Wege kein Wort mehr darüber reden, ſondern Dir lauter luſtige Lieder vorfingen.“ Die beiden Matroſen hatten das Zimmer verlaſſen, und Moritz, nachdem er dem Wirth noch einige Be⸗ fehle gegeben und die Geſellſchaft gegrüßt hatte, verließ das Haus, und begab ſich in ein an der Maas liegendes Stadtviertel. Wir eilen ihm voraus, um den Leſer zu⸗ vor in die Wohnung, wohin der Jüngling ſich begab, einzuführen. —————— 208 Sechszehntes Kapitel. Tautaene animis coelestibus irae! Ein ſo himmliſches Gemüth kann ſolche Rachſucht hegen! Virgil. In einer der anſehnlichen Wohnungen, welche im Anfange des ſiebenzehnten Jahrhunderts nördlich am Hee⸗ ringsvliet zu Rotterdam gebaut waren, ſaß Klara 6 von Zeiſt in einem großen, ſchön eingerichteten Gemache, welches durch zwei Armleuchter am Kamin nur ſchwach epleuchtet wurde. Am Heerde brannte ein großes Feuer, deſſen kniſternde Flamme zuweilen hoch im Schornſteine aufſtieg, und ein ſchnell vorübergehendes Licht im ganzen Zimmer verbreitete, dann wieder launig ganz zu ver⸗ ſchwinden ſchien. Nahe dabei ſtand ein großer diereckiger Tiſch, mit einer blauen Decke bekleidet, woran Klara ſaß und den ſchönen Kopf mit ihrer Hand unterſtützte. Ihr Blick war auf das Feuer gerichtet und ſchien das wunderliche Spiel der Flammen zu beobachten. Doch der Ausdruck ihres Antlitzes, welcher ein düſteres Nachdenken verrieth, zeigte hinlänglich, daß ihre Seele mit ganz andern Gedanken beſchäftigt war. Eine Todesbläſſe ſchwebte über ihre Wangen und Stirn, und gab ihr das Anſehen einer Marmorbüſte. Sie trug ein dunkles Trauergewand, das ihre Bläſſe noch mehr hervorhob, und nicht ſorg⸗ fältig geordnet war, wie man es wohl hätte erwarten dürfen. Ueppig fielen ihre dunklen Locken, mit Perlen ver⸗ ziert, auf den ſchön geformten Marmorhals herab. An ihrer rechten Hand prangte ein aus Haaren gewirkter Ring, in deſſen Mitte ein hellglänzender Diamant ſon⸗ derbar abſtach. Wenn man aber dieß Kleinod genauer betrachtete, dann ſah man, daß es in der Form eines Todtenkopfes geſchliffen war. Das große Gemach war prachtvoll, und meiſtens nach dem neueſten Geſchmack jener Zeit eingerichtet. Ueber dem Kamin hing ein großer Spiegel in hellglänzenden 1 Le. v . 209 Rahmen gefaßt. Der Fußboden war mit einem Te ppiche bedeckt und auf den längs der Wand ſtehenden Stühlen von Nußbaumholz waren farbige Kiſſen, worauf Wappen oder andere ſinnbilvliche Verzierungen geſtickt waren. Die hohe Rücklehne war mit künſtlichem Schnitwerk verziert. Die Wände waren mit goldledernen Tapeten behangen, ein Schmuck, welcher erſt ſeit Kurzem in den vornehm⸗ ſten Häuſern eingeführt war. Eine Tapetenthür, jetzt verſchloſſen, führte in ein kleines Schlafgemach. In dem einen Winkel des Zimmers war ein künſtlich gearbeiteter Schrank von Ebenholz angebracht, woran ſich eine her⸗ vorgezogene Platte befand, worauf ein Portrait, von, einer Wachskerze ſchwach beleuchtet ſtand. Es war ein“ Knieſtück von einem Mann in mittleren Jahren, von einem ſanften und einnehmenden Aeußern, mit einem breiten Stutz⸗ und Knebelbarte, de ſen Kleidung und beſonders der über die Schultern niederhängende Kragen einen bür⸗ gerlichen Beamten verrieth. Ein Rahmen von Ebenholz umſchloß es, und ein Vorhang von dunkler Seide war daran befeſtigt. So in Nachſinnen verſunken ſaß Klara über eine halbe Stunde, und hatte es nicht bemerkt, daß eine Die⸗ nerin eingetreten war und ſich wieder entfernt hatte. Einige Zeit nachher wurde die Thür wieder leiſe geöffnet, und eine rieſige weibliche Geſtalt trat herein. Auch dieß be⸗ merfte Klara nicht, da ſie der Thür den Rücken zu⸗ wandte, und die Fremde behielt Zeit, die Thüre leiſe zu verſchließen und ſich ihr unbemerkt zu nähern. Doch jetzt blickte ſie auf und als ſie die fremde Geſtalt neben ſich ſah, ſprang ſie plötzlich höchſt erſchreckt auf und ſchien ihrem Entſetzen durch einen lauten Schrei Luft machen zu wollen. Doch die Fremde, es war TDekla, faßte des zitternden Mädchens Hand und ſprach in einem ſanften Tone: „Fürchtet nichts, erholt Euch von Eurem Schreck, und erlaubt mir, daß ich Ench nur wenige Angenblicke Der Schutzgeiſt. II. 44 210 ungeſtört ſprechen kann. Ich ſchwöre Euch heilig, daß Ihr mich heute zum letzten Male ſehen ſollt.“ „Ihr hier, und gerade jetzt; o Gott! ſagt mir was Euch, die ich Euch ſtets als meinen böſen Genius be⸗ trachtete, hierher führt— oder lieber verlaßt mich, ver⸗ laßt mich ſogleich: Eure Gegenwart entſetzt mich.“ „Nur wenige Worte habe ich Euch zu ſagen und Ihr könnt mir dieß nicht weigern, Klara!“ Klara, allmählig wieder zu ſich gekommen, heftete ihren Blick auf Tekla, und da ihr Aeußeres weder das Gebietende noch Prophetiſche wie ſonſt, vielmehr eine bittende Aengſtlichkeit verrieth, ſo flößte ſie ihr Mitleiden ein. Sie warf ſich wieder auf ihren Sitz nieder und ſagte kaum hörhar:„ „Redet, ich bin bereit Euch anzuhören; doch ich bitte, macht es kurz.“ „Ihr nennet mich Euren böſen Genius, Klara! warum gebt Ihr mir dieſen Namen; ich hätte, wenn Ihr es nur gewollt, Euer guter Genius werden können. Am achtzehnten September dieſes Jahres ſind es fünf Jahre, daß ich Euch zuerſt ſah.“ „Schweigt darüber und ſagt mir, was Ihr jetzt von mir wollt.“ „Ich mußte dieß erſte Zuſammentreffen erwähnen, um Euch zu beweiſen, daß Ihr Unrecht habt, mich Euren böſen Geiſt zu nennen; doch ich ehre Euren Schmerz. Ich ertheilte Euch damals einen wohlmeinenden Rath, und hättet Ihr ihn befolgt, dann würdet Ihr von jener Zeit an einen wohlthätigen Schutzgeiſt an mir gehabt haben. Doch ich ſah gar gut ein, daß die Ench ſo plötz⸗ lich beigebrachte Wunde noch zu ſtark blutete, daß Euer Schmerz noch zu heftig und neu war, um einer alten Frau, die Ihr für eine Betrügerin hieltet, ein williges Ohr zu leihen. Einige Monate ſpäter erſchien ich Euch wieder, wie Ihr wißt, weil unterdeſſen Umſtände einge⸗ treten waren, die mich überzeungt hatten, daß Euer Leben und Schickſal mit dem meinigen auf eine nicht vorher⸗ 211 ß zuſehende Weiſe vermiſcht war, oder vielmehr mit dem desjenigen, deſſen Erhaltung und Wohlſeyn mir hier auf 6 Erden allein am Herzen lag. Auch damals wieſet Ihr 7 ſtolz und mit Verachtung meinen Rath ab, und ich lernte r. in dem fünfzehnjährigen Mädchen einen Stolz und eine Standhaftigkeit kennen, welche ich unter andern Umſtän⸗ 1d den würde bewundert haben, damals aber beklagen, ja verabſcheuen mußte. Von dieſer Zeit verlor ich Euch drei te Jahre aus den Augen, da ich wohl wußte, daß ich doch 13 nicht auf Euch einwirken konnte. Auch war mir ein an⸗ deres Werk auferlegt, wobei Ihr durch Eure Erſcheinung eine Hauptperſon mit waret. Ich hatte mit Verwegen⸗ d heit und Selbſtvertrauen, als beſäße ich übermenſchliche Kräfte, einen großartigen Plan entworfen. Allein mein ch heilloſer Wahn ſchleuderte mich an den Rand des Ab⸗ grunds, und nur noch wenige Schritte, und ich wäre 1 mit Allen denen, welche ich in mein thörichtes Puppen⸗ mit verwickelt hatte, hinabgeſtürzt. Ein engelreines 2 unſchuldiges Weſen, welches als Opfer mit gefallen wäre, f riß mir zuerſt die Binde von den Augen und bewies mir mit einem Worte meine Nichtigkeit. Jetzt erſt aus mei⸗ 5 nem Himmel geriſſen, überzeugte ich mich, daß ich das elendeſte und verworfenſte Geſchöpf auf Gottes Erdboden bin. Aber noch nicht ganz haben ſich bis jetzt die Fol⸗ . gen meines unſinnigen Verfahrens gezeigt. Der fürchter⸗ „ lcchſte Schlag, der das Leben ſo Vieler, die mir theuer . ſind, zertrümmern könnte, kann vielleicht nicht mehr ab⸗ 2 gewendet werden. Doch ich ſelbſt vermag hierin nichts: * ein furchtbarer Eid feſſelt meine Lippen und beſchränkt ⸗ meine Handlungen. Außerdem iſt mein Gehirn verwirrt ich kann weder geregelt denken noch handeln. Ihr allein könnt retten. Wenn ein menſchliches Gefühl in 3 Eurem Buſen ſchlägt, dürft Ihr Euch nicht weigern— denn bedenket wohl, eine Sterbende, bis zur Raſerei gebrachte, flehet Euch darum. Wollt Ihr mir Gehör ſchenken, redet!“ 14* 212 „Ich weiß nicht was Ihr wollt“— antwortete Klara tief beängſtigt mit zitternder Stimme—„verlaßt mich oder ich rufe einen Diener, der mich von Eurer gefürch⸗ teten Gegenwart befreit.“ „Bei allen Heiligen! das ſollt Ihr nicht. Ihr wißt was ich meine; doch ich will mich deutlicher ausdrücken, Ihr müßt Euren blutdürſtigen Racheplan aufgeben, oder ihr ſtürzt Euch ſelbſt— doch was geht das mich an— Ihr ſtürzt Andere mit ins Verderben, mit deren Erhal⸗ tung mein ganzes Leben, meine ewige Glückſeligkeit in Verbindung ſteht. Ich kenne Euer fürchterliches Geheim⸗ niß— ein Wort von meinen Lippen könnte Euch.... doch ich will keine eitle Drohungen ausſprechen. Bei Eurem zeitlichen und ewigen Wohle bitte und beſchwöre ich Euch, tretet zurück von dem Wege, auf dem Ihr Eurem und Anderer Verderben entgegengeht.“ „Es würde unſinnig ſeyn,“— erwiederte Klara bewegt—„wenn ich Euch etwas verheimlichen wollte, womit Ihr vielleicht beſſer bekannt ſeyd als ich. Höret meine unumwundene Antwort. Meine Seele dürſtet kei⸗ neswegs nach Blut, aber ich will Genugthuung für Etwas, was mir jahrelang mein Daſeyn verbitterte und mir zur unerträglichen Laſt wurde. Doch nicht das Blut desjenigen, der die verhaßte Urſache aller meiner Leiden iſt, verlange ich zur Genugthuung: er lebe fart, ruhig und zufrieden, wenn er kann. Nur muß er von der Höhe herabgeſtürzt werden, damit er die gräulichen Ungerech⸗ tigkeiten nicht mehr ausüben kann, deren jetzt ſchon ſo viele Unglückliche das Schlachtopfer ſind. Er muß aus dieſen Landen entfernt werden, wo ſeine Willkür Gräuel ausübt, die in unſerm Jahrhundert beiſpiellos ſind. Er muß 6 „Schweigt, denn Euer Mund ſpricht Lügen. Ihr wollt mich betrügen, und betrügt Euch vielleicht ſelbſt. Eure Verbindung dürſtet nur nach Blut. Nicht ein weibliches Herz, ſondern das einer Tigerin ſchlägt in Eurer Bruſt.“ — 5 213 „Haltet ein und entfernt Euch, Unglückliche, wer Ihr auch ſeyn mögt, ob aus dem Abgrund der Hölle oder vom Himmel abgeſandt! Wißt Ihr, was Ihr un⸗ ternehmet, indem Ihr ein Urtheil über mich fällt, ohne in meiner Seele leſen zu können? Habt Ihr je in Eurem Leben ein Weſen gekannt, das Ihr liebtet und von dem Ihr geliebt wurdet? Ich rede hier nicht von der ſchnell entflammten Leidenſchaft der Jugend; nein, von einer erhabneren Liebe, einem feſteren Bande, dem des Blutes, das, ſeit Eure Augen ſich zuerſt dem Tageslicht öffneten, Euch mit der heiligſten Liebe umfing, von einem Weſen, das ſich dem fürchterlichſten Tode Preis gab und, was mehr heißt als ſterben, aus Liebe für Euch freiwillig Schande und Ehrloſigkeit auf ſich ladete. Sagt, Frau! könnt Ihr eine ſolche Liebe erfaſſen? Nur dann könnt Ihr meine innerſten Gefühle würdigen; dann nur könnt Pr begreifen, daß das Verlangen nach Rache meiner Seele ein Bedürfniß, eine heilige Pflicht iß.“ „Schweigt, um Gotteswillen! ſchweigt!“— rief Tekla aufs heftigſte, ja beinahe bis zum Wahnſinne von dieſen Worten erſchüttert, aus—„Gnade! Barm⸗ herzigkeit! wenn Ihr menſchliche Gefühle beſitzt. Jedes Eurer Worte durchbohrt einem glühenden Dolche gleich meine Seele. O Gott im Himmel! Alles iſt verloren! auf ewig verloren!“ Einer Raſenden gleich flog die Unglückliche nach der Thür und riß ſie gewaltſam auf, während ein Diener, durch das ungewöhnliche Geräuſch im Gemache herbei⸗ gezogen, eintrat. Klara winkte ihm, die alte Frau ruhig ziehen zu laſſen. Darauf verſchloß ſie ſich im Zimmer, und nachdem ſie ſich einigermaßen beruhigt hatte, ließ ſie ſich wieder am Kamine nieder, nahm aus einem auf dem Tiſche ſtehenden Käͤſtchen, das ver⸗ chiedene Papiere enthielt, eins hervor, und drückte es mehre Male mit Begeiſterung an ihre Lippen. Endlich brach ſie in Thränen aus, und ſagte zu ſich ſelbſt, indem ſie von ihrem Sitze aufſtand:„und dieß war der Lohn 214 einer ſolchen Liebe!“ Sie trat dann dem oben erwähnten Porträt näher, kniete weinend vor ihm nieder, und blieb mit gefalteten Händen in dieſer Haltung bis die Thür wieder geöffnet wurde, und ein Diener Moritz anmel⸗ dete, welcher auch gleich darauf eintrat, aber entſetzt zu⸗ rückbebte, als er noch auf Klara's Antlitz die Spuren des ſo eben Vorgefallenen aufs deutlichſte las. Er trat einige Schritte näher und ſprach: „Guter Gott! was fehlt Dir, Klara? Welch eine Bläſſe bedeckt Dein Antlitz? Deine Augen ſind wild und tragen die Spuren von Thränen. Bitte, ſage mir, was hat ſich zugetragen?“ „So eben verläßt mich die geheimnißvolle Frau. Ihre plötzliche Erſcheinung erſchreckte mich, und ihre Worte haben mich tief getroffen.“ „Die alte Tekla war hier? Gottlob! ſo iſt unſere edelmüthige Retterin nicht in den Fluthen umgekommen. Doch müſſen dieſer unheilverkündenden Alten Worte, ei⸗ nen gewaltigen Eindruck auf Dich gemacht haben.“ „Nicht ihre Drohungen, ſondern vielmehr der Aus⸗ druck ihrer namenloſen Verzweiflung bewegte mich ſo heftig. Sie hat ganz die Rolle einer Prophetin und ei⸗ nes ubernatürlichen Weſens abgelegt, nennt ſich ſelbſt eine ohnmaͤchtige, höchſt elende Frau, und bittet jetzt de⸗ müthig, wo ſie ſonſt in einem gebietenden Tone ſprach. Doch Du ſollſt alles erfahren, nur jetzt noch laß uns darüber ſchweigen.“ „Aber dies Trauergewand, Klara, und der ver⸗ hängnißvolle Ring an Deinem Finger, was bedeutet das?“ „Nur noch wenige Tage laß mich das theuere Kleinod tragen, dann, mein Freund! hoffe ich, es auf immer ablegen zu können, oder..... Hier hielt ſie plötzlich inne, und ein unwillkühr⸗ licher Schauder durchrieſelte ſie. Moritz ergriff ihre Hand und ſprach:„ „Wunderliches Mädchen wie wenig konnte ich jetzt 215 noch in Deinem Herzen leſen. Soll mir das Herz deun ewig verſchloſſen bleiben?“ „Nein, Moritz! in wenigen Tagen ſoll es Dir ohne Rückhalt geöffnet ſeyn.“ „Liebſt Du mich wirklich, Klara! oder iſt es nur ein leerer Traum, der mich ſeit einigen Wochen be⸗ ſchäftigt, und mich beim Erwachen dem Schmerz und der Verzweiflung Preis giebt?“ „Ja, ich liebe Dich, Moritz, wie ein Herz, wie das Meinige, nur lieben kann. Von allen Lebenden wohnſt Du nur allein darin, denn alle andern Gegen⸗ ſtände der Liebe, welche einſt dieſes Herz bewegten, ſind tief und gewaltſam in das ſchweigende Grab verſenkt. Dieſe Erinnerung muß erſt beſeitigt ſeyn, um Dir ganz anzugehören, und ich hoffe, daß wenige Tage es bewerk⸗ ſtelligen werden.“ „Aber das Ziel, welches Du ſo nahe wähnſt, wel⸗ cher Art kann es ſeyn? Iſt es Rache, die Du athmeſt, und welcher Art iſt ſie? Ich habe ein Recht, danach zu fragen, da ich Dir meine Mitwirkung zu einem Unter⸗ nehmen verheißen habe, und jetzt, da die Vollführung nahe iſt, nicht länger mehr im Finſtern herumtappen kann. Ich muß wiſſen, wie weit ſich die Verſchwörung ausdehnt, und was ſie bezweckt, ehe ich einen Schritt weiter gehe auf einem Wege, den ich, warum ſollte ich es läugnen, nur ungern betrete.“ „Morgen ſollſt Du alles erfahren. Begieb Dich morgen Nacht ganz allein auf den Markt dieſer Stadt, und verweile an der linken Seite des Erasmusbildes. Es wird ſich Dir ein Unbekannter mit dem Looſungs⸗ worte: Naboth nähern, worauf Du ihn zu antworten haſt: er wurde durch Achabs treuloſe Richter ermordet. Bei dieſer Antwort wird er Dir winken, ihm zu folgen. Jetzt bitte ich Dich, mich zu verlaſſen.“ „Es ſey ſo; wenn aber der Anſchlag, worauf Deine ganze Hoffnung beſteht, mißglückte? wenn... „Dann ſey Gott im Himmel mir Unglücklichen gnä— 216 dig. Doch nein, das kann nicht moglich ſehn. Lebe wohl!“ worauf ſie ſich entfernte, und den Jüngling in einer drückenden Gemüthsſtimmung zurückließ. Er ſah ſich im Gemache um, und ſein Auge fiel auf das Bild, deſſen Züge ihm nicht ganz unbekannt waren, und vor welchem er Klara knieend getroffen hatte. Dies mußte die Perſon ſeyn, deren Tod ſie Jahre lang, mit einem an BVerzweiflung gränzenden Schmerz beweint hatte, und deſſen Angedenken eine ſo fürchterliche Genugthuung wer⸗ den ſollte. Nach einigen Augenblicken verließ er, ohne mit Je⸗ manden in Berührung zu kommen, das Zimmer und das Haus. Klara. hatte ſchon früher als er Ameland verlaſſen, und ihn erſt vor einigen Tagen durch einige Zeilen benachrichtigt, daß er ſie hier auffinden könne. Während er ſich langſamen Schrittes nach ſeiner Her⸗ berge begab, überdachte er ängſtlich alles, was ihm be⸗ vorſtand, und brachte es mit dem düſtern Stillſchweigen ſeiner Eltern, welche er wenige Tage vorher beſucht hatte, in Verbindung. Auch die Erinnerung an Emma, deren Namen ſeine Eltern nicht erwähnt hatten, ob⸗ gleich er wohl wußte, daß ſein Vater ihr mit Zärtlich⸗ keit zugethan war, beklemmte in dieſem Augenblicke Mo⸗ ritzens Herz, ſo daß er einem Schlaftrunkenen gleich, der von Allem, was um ihn vorgeht, nichts weiß, in ſeiner Herberge ankam. Siebenzehntes Kapitel. Sey mir gegrüßt Du wilde See! Führe mich in fernes Land, Weit von meinem Vaterland, Daß ich nie es wiederſeh! Wir müſſen uns wieder zu Jerom und ſeinen luſtigen Gefährten begeben, welche in einer klaren Win⸗ ternacht wacker auf ihr Ziel losſchritten, und nachdem 217 ſie allmählig die ſtrenge Kälte durch ihren ſchnellen Gang überwunden hatten, unterhielten ſie ſich über das Vorhaben, ohne eigentlich zu wiſſen, worin es beſtand. Man hatte ihnen große Verſprechungen gemacht, ja ſelbſt anſehnliche Summen geboten, doch Jerom war nicht zu bewegen geweſen, auch nur das geringſte anzu⸗ nehmen, denn alle Schätze der Welt hatten, ſeit Eliſe ihn hoffnungslos ziehen ließ, keinen Werth mehr für ihn. Sein Gefährte hingegen, und noch zwei andere Matro⸗ ſen, welche auch für die Sache gewonnen waren, hatten eine nicht geringe Summe als Handgeld angenommen. Wahrſcheinlich hatte Jan Faeſſen es ſchon theilweiſe gut anzubringen gewußt, denn er war ungewöhnlich hei⸗ ter geſtimmt. Wir wollen einen Theil ihres Geſprächs unſerm Leſer mittheilen. „Sollte man uns“— ſagte Faeſſen—„wie ich vermuthe, nur gebrauchen wollen, die gefangenen Prie⸗ ſter zu befreien, dann würde es mir leid ſeyn, den Rath Deines Oheims einzuholen, davon würde er uns be⸗ ſtimmt abrathen; denn ich glaube, er würde lieber alle Sträflinge Hollands befreit ſehen als einen der Baals⸗ prieſter. „Wenn ich vermuthen könnte,“— erwiederte Je⸗ rom—„daß es ſich nur darum handle, dann würde ich lieber meinem Oheim kein Wort davon ſagen. Zu ſolchen geringfügigen Dingen würde ich mich auch gar nicht hergeben; wichtigere Unternehmungen, nur müſſen ſie nicht gegen meine Pflicht und das Wohl des Vater⸗ landes ſtreiten, wünſche ich meine Hand zu leihen. Sey überzeugt, Jan! daß vornehme und reiche Leute mit hinein verwickelt ſind, und daß ſie was größeres im Schilde führen.“ „Da haſt Du recht, Jerom! der Pfaffe und der andere ſehen beide nicht ſo aus, als hätten ſie ſich je durch Geldzählen ſchmutzige Finger geholt. Wenn ſie aber jetzt ſo reichlich mit Geld verſehen ſind, dann wer⸗ 218 den ſie noch manchen wackern Matroſen für ihre Sache gewinnen, denn: Ob H—— oder Dieb, Iſt ihnen gleich lieb, Haben ſie nur Geld.“ „Sage mir ganz aufrichtig, Jan! würdeſt Du Dich ſtets bereit finden dem Rath meines Oheims zu folgen, ſelbſt wenn er darin beſtände den Anſchlag aufzugeben, wenn man uns nicht klar heraus ſagt, worinn er be⸗ ſteht?“ Zuvor muß ich ſeine Gründe hören, und das pro und contra, wie der Fiskal auf dem Triton ſagt, ge⸗ hörig erwägen; obgleich ſein Urtheil immer darauf hin⸗ auslief, daß er den armen Sünder dem Profos über⸗ lieferte, im Hundeneſt hinlegen, und ſo mürbe ſchlagen ließ, als wäre er ein in einem Schlächterladen unnütz bei Seite geworfenes Stück Fleiſch; Ins Hundeneſt, ins Hundeneſt! Das hielt er für das allerbeſt. Der Teufel hole allzumal Den Advokaten und Fiscal! und dann müßen wir auch noch an unſere beiden Ka⸗ meraden denken, welche ſie zugleich mit uns angenom⸗ men haben.“ „Jan und Peter Jans werden gern unſerm Bei⸗ ſpiel folgen. Doch ich wiederhole Dir, Faeſſen! will man unſre Hülfe zu dem verwegenſten und gewagteſten Unternehmen, und es ſtreitet nicht gegen unſre Pflichten oder das Wohl des Vaterlandes, dann bin ich dazu bel reit. Ich habe jetzt nur noch das Leben auf das Spie⸗ zu ſetzen, und das.. 6 „Stille darüber, das Liedchen kenne ich ſchon. Laß uns lieber ein luſtigeres anſtimmen, wodurch wir uns die Zeit verkürzen, und den vermaledeiten Nordwind, der uns ſo ſcharf ins Geſicht bläst, vergeſſen.“ Jerom war jedoch hierzu nicht zu bewegen; er wurde ſtets einſylbiger, und Jan's Verſuche ihn aufzu⸗ —— 219 heitern, blieben fruchtlos. Da ſie jetzt in eine mehr be⸗ wohnte Gegend kamen, wo noch einzelne Landleute ſich auf dem Wege befanden, ſo ſpielte Jan den trunkenen Soldaten, um dieſe aufzuziehen. „Ja, ja, Landsmann!“— ſagte er zu einem alten Bauern, der über die untere Thür ſeiner Wohnung ſich hinweg lehnte, und unverwandt nach dem Himmel auf⸗ ſah, als wolle er die Sterne zählen—„da jetzt Gott ſey Dank der Waffenſtillſtand zu Ende iſt, ſo ſitzen wir wieder oben darauf. Holt nur Euren Speck und Eier hervor; beides wird ſchon ſeine Liebhaber finden. Nun laßt uns laufen, freſſen und ſaufen, Die Bauern müſſens bezahlen doch.“ „Gott behüte uns vor dieſen Schluckern! ſie ver⸗ ſchlingen all unſer Hab und Gut, und verdrehen außer⸗ dem den jungen Leuten noch den Kopf. Tag und Nacht wird alles in der Herberge verpraßt, und die Scheunen ſind leer, ehe man es denkt.“ „Ihr verdient es nicht beſſer“— antwortete Faeſ⸗ ſen—„denn wir wiſſen gar wohl wie Ihr Leute die Städter betrügt, und was für Fleiſch und Speck Ihr den Schiffern verkauft, woran die Matroſen ſich den Tod an den Hals eſſen. Euer Vieh mag umkommen auf welche Weiſe es will, ſo wird das Fleiſch eingeſalzen und ein⸗ geböckelt, und theuer an die Schiffer verkauft.“ Der Bauer zog ſich ſchmunzelnd zurück, und dachte wohl bei ſich ſelbſt, daß der Sprecher nicht ganz Unrecht habe. Faeſſen ſchritt ſchnell vorwärts, um ſeinen Ge⸗ fährten wieder einzuholen, fand aber ſchnell wieder eine andere Ableitung durch ein junges Bauermädchen, wel⸗ ches er auf dem Wege traf, und ſich ihr zum Geleits⸗ manne vorſtellte. Er ergriff ihre Hand und ſang: Wohin willſt Du, mein ſchönes Kind, In dieſer dunklen Nacht? Nur langſam, lauf nicht ſo geſchwind, Aufs Fallen ſey bedacht.“ Doch das Mädchen riß ſich ſſchnell los, und ſetzte 220 mit einem:„Schönen Dank! gute Nacht!“ eiligſt ſeinen Weg fort. Bal? nach neun Uhr hatten unſre Wanderer das Ziel ihrer Reiſe erreicht, und traten durch die offene Thür in Davids Haus. Da ſie niemanden im Gaſtzimmer fanden, begab ſich Jerom in eine Art Küche im Hin⸗ terhauſe, wo die Hausgenoßen im Winter ſich aufzu⸗ halten pflegten. Er öffnete die Thür, trat aber ſchnell zu⸗ rück, da er die ſchöne Eliſe mit dem jungen Tiſchler aus Leyden Hand in Hand am Heerde ſitzen ſah. Er kehrte mit Jan leiſe nach dem Vorderhauſe zurück, wo der Vater David ihnen entgegen kam, und nachdem er ſie in das Gaſtzimmer geführt hatte, ſagte er: „Armer Junge! Du biſt zu ſpät gekommen; Du hatteſt das Spiel ſchon verpaßt, als Du mit mir über Eliſe ſpracheſt. Es thut mir um deinetwillen leid.“ „Deßhalb komme ich nicht, Oheim! das wußte ich ſchon und ich habe es Euch ja geſtern bereits geſagt, obgleich Ihr mir nicht glauben wolltet. Wir haben et⸗ was anders mit Euch zu bereden, und Euch um Euern Rath zu bitten.“ „Wer hätte das auch denken können; daher war ich auch, als ſie ſich beide heute Morgen mir zu Füßen warfen, und um meine Einwilligung baten, höchſt überraſcht, um ſo mehr, da man meinem ſcharfen Auge nicht ſo leicht ein X für ein U machen kann.“ „Aber, Vater David! was wißt Ihr denn von dem Bräutigam? ich kenne kaum ſeinen Namen und ſei⸗ nen Beruf! Ihr jedoch werdet wohl näher mit ſeinen Verhältniſſen bekannt ſein?“ „Das kannſt Du glauben; heut Mittag habe ich beim Brauer Martin Höp, der viel in der Welt herum⸗ kommt, Erkundigung über ihn eingezogen; er kennt den jungen Mann, und hat mir viel Gutes von ihm geſagt. Außerdem hieng er, wie Du noch thuſt, früher den Armi⸗ nianern an, aber er hat meinen Ermahnungen Ge⸗ X 221 hor geſchenkt, und aus dem erbitterten Saulus iſt er ein gläubiger Paulus geworden.“ „Ich hoffe,“— erwlederte Jerom—„daß weder Eliſe noch Ihr es je bereuen werdet.“ „Habe Dank für Deinen guten Wunſch. Doch Ihr bedürft einer Erfriſchung nach Eurem mühſamen Wege,“ worauf er der Magd zurief, das Nöthige zu beſorgen. Da Eliſens Bräutigam ſich entfernen wollte, ſo hielt es Vater David angemeſſener hinauszugehen und ſich von ihm zu verabſchieden. Eliſe, um ein verlegenes Zu⸗ ſammentreffen mit Jero m zu vermeiden, begab ſich in ihr einſames Kämmerlein. Unterdeſſen hatte die Magd kalte Speiſen und kräftiges Bier herbeigebracht, welches ſich Faeſſen vortrefflich ſchmecken ließ, doch Jerom war nicht zu bewegen, außer einem kleinen Biſſen Brod das Geringſte zu genießen. Nachdem beibe ihre Mahlzeit beendigt hatten, ſagte David: „Du wollteſt mir was mittheilen, Jerom! und meinen Rath in Anſpruch nehmen. Dein Zutrauen macht mir große Freude, und vielleicht bin ich im Stande, Dir guten Rath zu ertheilen; denn der weiſeſte der Könige ſagt: der Weg des Thoren iſt recht in ſeinen eignen Augen; der aber Nath annimmt, iſt weiſe!“ Jerom erſuchte ſeinen Gefährten den Fall zu erzählen. Dieſer, nachdem er noch einen friſchen Trunk des kräftigen Bieres, welches ihm ſehr mundete, zu ſich genommen hatte, entledigte ſich ſeines Auftrags, welcher uns ſchon bekannt iſt, und endigte damit, daß ihnen die Sache Anfangs unbedeutender erſchienen ſey, als jetzt, nachdem ſie mehr darüber nachgedacht hätten, und ſie ſeyen geſonnen, ganz Vater Davids Rath zu folgen. Dieſer, deſſen Eigenliebe dadurch geſchmeichelt war, er⸗ wiederte: „Ihr handelt klug, einen alten erfahrenen Mann wie ich bin, zu Rathe zu ziehen, und wenn Ihr mir folgt, ſo werdet Ihr erfahren, daß es Euch zu Eurem Heil gereicht. Es ſcheint mir, je mehr ich darüber nachfinne, 222 daß Ihr Euch in einen ſehr bedenklichen Handel verwickelt habt. Wir leben in unruhigen und bangen Zeiten. Ich weiß es, daß auswärtige und einheimiſche Feinde gott⸗ loſe Pläne gegen das gottgekreue Iſrael geſchmiedet haben, und daß Schwerter und Dolche öffentlich und im Ge⸗ heimen gegen den Glaubenshelden unſrer Tage gezückt ſind. Fiel nicht Vater Wilhelm, der gefeierte Kämpe des wahren Glaubens, als beklagenswerthes Opfer? Und wer weiß es, ob nicht der Sohn, der einem zweiten Simſon gleich, die Kraft ſeines Heldenarms den Phil⸗ ſtern fühlen ließ; der als ein Gideon die Altäre des Bals zerſtört, und dem Herrn einen Ihm wohlgefälligen Altar aufgerichtet hat, nicht auch in dieſem Augenblick den geheimen Anſchlägen der Feinde Gottes ausgeſetzt iſt? Darum, meine Kinder! wenn Ihr auch zuweilen von dem Worte des Herrn abgewichen ſeyd, und Euer Gehör der Weisheit der Menſchen zuwandtet, die vergehen wird, wie die Spreu, welche der Wind vor ſich hertreibt, werdet Ihr doch nicht wandeln wollen nach dem Rath der Gottloſen, noch auf den Wegen der Sünder, und nicht folgen den Männern des Bluts— wie der Pſal⸗ miſt ſagt— in deren Hände ſchändliche Umtriebe ſind, und deren rechte Hand mit Geſchenken angefüllt iſt. Da⸗ her rathe ich Euch vorſichtig zu ſeyn, ehe Ihr etwas unternehmet, wovon Ihr nicht wißt, wohin es Euch füh⸗ ren wird, und nicht zu vertrauen, weder dem was die Menſchen Euch ſagen, in deren Munde nur zu oft Lügen ſind; noch auf Eure Weisheit, nicht auf Bogen und Schwert, ſondern auf den Herrn, den alleinigen Hei— ligen Iſraels. Begebt Euch zu den Männern, welche durch glatte Worte und glänzendes Gold Euch zu be⸗ ſtechen ſuchten, und ſagt ihnen, daß ſie Euch deutlich erklären, was ſie von Euch begehren, damit Eure Augen geöffnet werden, um den Weg zu ſehen, welchen Ihr wandeln ſollt. Und wenn ſie weigern es zu thun, ſo gebt ihnen zurück, was Ihr von Ihnen empfangen habt, und entzieht Euch ganz ihren Berathungen, welche ge⸗ — — lange Zeit war er höchſt aufgeregt, und ſein Herz Ge⸗ 223 wiß die der Ungerechtigkeit ſind. Oder— was noch beſſer iſt, geht an den Hof des Statthalters, und redet unnmwunden zu ihm. Ihr braucht die Großen der Welt nicht zu fürchten. Fürchtet Gott und haltet ſeine Gebote, dann könnt Ihr ruhig alle Menſchenfurcht ablegen. Der Prinz iſt gegen einen jeden liebevoll und zuvorkommend, und er wird gewiß Euren Eifer rühmen und belohnen. Wenn auch der Anſchlag das Wohl des Landes beträfe, ſo muß es der Statthalter doch wiſſen. Weiß er aber nichts davon, dann könnt Ihr gewiß ſein, daß es böſe Anſchläge ſind, an denen Ihr keinen Antheil nehmen dürft, wenn Ihr Euch nicht in's Verderben ſtürzen wollt. Werden dann auf dieſe Weiſe die Berathſchlagungen der Gottloſen durch Euch ans Licht gebracht, und vielleicht große Gefahr vom Vaterlande und dem Prinzen abge⸗ wehrt, dann wird für Eure zeitlichen Bedürfniſſe hinläng⸗ lich geſorgt. Dies wäre mein Rath.“ „Ich glaube wahrkich, Oheim!“— ſagte Jerom, „daß Euer Rath verſtändig und gut iſt. Wir wollen es mit den andern Matroſen beſprechen, und ich glaube, ſie werden meine Meinung theilen. Irdiſcher Gewinn kann mich aber nie bewegen, dem Prinzen die Sache zu ent⸗ decken; denn mein Beſchluß iſt bereits gefaßt. So ſchnell als möglich ſteche ich in die weite See, und entferne mich ſo weit ich nur kann von dem vaterländiſchen Boden. Hier feſſelt mich nichts mehr..... Doch ich will hier⸗ über ſchweigen,“— ſagte er, indem er aufſtand—„es iſt ſchon ſpät, Oheim! und wir wollten gern morgen frühzeitig in Rotterdam ſein, da man uns geſagt hat, daß dann die Vorbereitungen zum Anſchlage ge⸗ troffen werden müſſen. Erlaubt es, daß wir uns zur Ruhe begeben.“ David ſchüttelte ſein greiſes Haupt, und ſtarrte ſeinen Neffen mitleidig an. Er ſah wohl, wie ſchmerz⸗ lich ihn Eliſens Verluſt bewegte. Stillſchweigend ge⸗ leitete er die beiden Freunde in ihr Schlafgemach. Noch 224 fühlen Preis gegeben, welche ſein ſtrenger religisſer Sinn und die langjährige Gewohnheit ſonſt ſtets mit Kraft zu unterdrücken wußte. Auch Faeſſen machte keine weiteren Verſuche, die Betrübniß ſeines Freundes, welche, ſeit ſie in dieſem Hauſe waren, merklich zugenommen hatte, durch heitere Geſpräche zu beſeitigen. Er billigte den Plan Jeroms nach Oſtindien fahren zu wollen, weil dort Beute und Ruhm zu holen ſey, wohin ſchon mancher Seemann nackt und bloß gegangen und nach wenigen Jahren ſteinreich ins Vaterland zurückgekehrt ſey. „Oder einen ſchnellen und willkommenen Tod zu finden“— ſeufzte Jerom, indem er ſich ins Bett legte —„und das iſt Alles, was ich verlange. Gute Nacht bis Morgen, Jan!“. Faeſſen zuckte troſtlos die Achſeln und ſtimmte ein ernſtes Lied an, doch es kam ihm ſelbſt zu traurig vor um damit einzuſchlafen, und er ſang unmittelbar darauf? Nach Oſtindien, nach Oſtindien, nach Oſtindien will ich fahren, Auf der wogenden See, und trotze den Gefahren, Mit dem wackern Peter Korn.. Hier fielen dem ſorgloſen Jan ſchon die Augen zu, und nach einigen unverſtändlichen Worten erfolgte das Schnarchen eines geſunden Schlafes. Achtzehntes Kapitel. So ſang ſie zum Sprunge, ſo ſprang ſie zum Sang Vis aus der Stirn ihr der Todesſchweiß drang. Der Todesthau troff ihr die Wangen herab; Sie taumelt und keuchte zu Boden hinab. Bürger. Schon früh ſaß Moritz am folgenden Morgen in ſeine, wie wir wiſſen nicht heitere Gedanken ver⸗ ſunken, auf ſeinem Zimmer in der goldnen Helle⸗ 225 barde, als leiſe an ſeine Thür geklopft wurde. Es war keine geringere Perſon als der dicke Wirth ſelbſt, der mit dem ſtereotypen Lächeln in ſeinen Zügen, was wie er ſagte, ein Beweis ſeines guten Gewiſſens wäre, eintrat. Ein Wirth, der mit doppelter Kreide anſchreibe, und ſich anderer Schliche bediene, meinte er, könne nie von Herzen fröhlich ſeyn, und nicht lächeln wie er. „Ei, ei! Eure Edlen ſind ſchon auf den Beinen wie ich ſehe, und ich kann mich ſogleich meines Auftrags entledigen, wie es einem rechtſchaffenen Wirthe geziemt. Schon zweimal bin ich hier oben geweſen, wagte es aber nicht an Eure Thür zu klopfen, und bin unverrich⸗ teter Sache wieder abgezogen. Doch erinnere ich mich, daß Ihr geſtern Abend früh nach Hauſe kamt, ohne durch Eure verehrliche Geſellſchaft die Gäſte, welche unten am Kamine verſammelt waren, zu erfreuen. Ich vermuthe, daß Ihr Euch früh zur Ruhe begabet, und das Sprichwort bewahrheitetet: Wer da früh zu Bette geht, des Morgens wieder früh aufſteht.“ „Ich befand mich nicht ganz wohl, Herr Wirth! und konnte daher Eure freundliche Einladung nicht an⸗ nehmen.“ „Ihr habt auch nicht viel damit verloren. Mel⸗ chiors unaufhörliches Plaudern, und ſeine Prophezei⸗ hungen von Aufruhr und Unheil, wodurch Stadt und Land bedrohet würden, verwirrte uns Allen den Kopf. Wenn er nichts anderes zu ſagen weiß, dann wäre es mir und den übrigen Gäſten lieber, wenn er ganz wegbliebe.“ „Hat ihm denn nicht der Veteran eine volle Lage gegeben, und ihn zum Schweigen gebracht?“ „Anfangs geſchieht das immer, wenn aber ſpäterhin Jooſt vanThienendem Bierkruge zu fleißig zugeſprochen hat, dann will es nicht mehr ſo recht, und er ſitzt ſtumm beim Kruge, und jagt ein Glas nach dem andern hin⸗ unter, wenn man nicht ſein Lieblingsthema, den ſpa⸗ niſchen Kricg aufs Tapet bringt. Ja, ja, die alten Sol⸗ Der Schutzgeiſt. I. 15 226 daten ſind wahre Teufel, und im Trinken kann es kein Chriſtenmenſch mit ihnen aushalten.“ „Habt Ihr auch gedient, Hospes? „Ja und nein! Ich habe zwar oft das Feuerrohr auf der Schulter gehabt, und war lange Zeit Korporal bei der Landwehr, wobei ich ſtets meinem Dienſte treu vorſtand bis 4 8 „Ich verſtehe ſchon, bis phyſiſche Gründe, oder ein vis superior, wie Melchior ſich ausdrückt, Euch ver⸗ hinderten Mars länger zu dienen.“ „Ich muß geſteben, daß es ſo eigentlich nie meine Liebhaberei war. Doch fehlte es mir nie an Freunden, welche die Wache für mich bezogen, und mir meiner Wirthſchaft vorzuſtehen vergönnten.“ „Habt Ihr jetzt ganz den Dienſt bei der Landwehr aufgegeben? „Keineswegs, ich thue zwar keinen Dienſt mehr, bin aber noch immer Sergeant, doch eigentlich nur dem Namen nach. Man hat mir nun einmal dieſen Rang eilt wie nennt es Melchior doch, Joris Kauſer oder ſo was.“ „Ihr meint wohl honoris causa?“ „Ja, ja, ſo heißt es, mit dem verteufelten Latein will es nicht ſo recht.“ „Und dieſer Nang legt Euch wohl die Verpflichtung auf, einmal des Jahrs unter den Waffen zu ſein? „Gewiß, aber nur um der Mahlzeit auf dem Rath⸗ hauſe mit beizuwohnen, und bei dieſer Gelegenheit trete ich mit einem jeden in die Schranken, beſonders beim Vorlegen eines Schweinskopfs und dem Leeren der Kan⸗ nen mit Rhein⸗ und ſpaniſchem Wein gefüllt.“ „Sagtet Ihr mir nicht, daß Ihr mir Etwas mit⸗ zutheilen habt, und dürfte ich wohl wiſſen, welche wich⸗ tige Nachricht Euch ſo früh Morgens hierherführt?“ „Darüber mögt Ihr ſelbſt urtheilen. Heute Morgen als der Hausknecht kaum auf den Beinen war, klopfte eine fremde Perſon, ganz in einen Mantel eingehüllt, . 17 227 an die Hausthür, und wollte durchaus mit mir reden. Der Knecht mochte noch ſo viel Einwendungen machen — denn er weiß, da ich immer ſpät zu Bette komme, daß ich mich des Morgens nicht gern ſtören laſſe— es halfnichts, der Unbekannte blieb aufſeinem Verlangen ſtehen. Ich machte mich aus den Federn und ging hinunter. So viel ich von des Fremden Geſichte ſehen konnte, ſchien es ein ganz junger Menſch zu ſein, welches ſeine feine pipende Stimme auch beſtätigte. Er erkundigte und da Ihr, wie es ſich von ſelbſt verſteht, noch nicht zu ſprechen waret, gab er mir einen kleinen Brief mit der Bemerkung, daß er von der größten Wichtigkeit wäre, und ich ihn Euch, ſobald Ihr aufgeſtanden wäret, eigen⸗ händig übergeben ſollte. Darauf eilte der Unbekannte wieder aus dem Hauſe. So lautete mein Auftrag und hier iſt der Brief.“ Die Aufſchrift war ſehr undentlich und mit entſtellter Hand geſchrieben. Moritz öffnete ihn ſogleich und fand folgenden Inhalt: „Man erwartet Euch heut Abend um zehn Uhr ſchon an dem feſigeſetzten Orte. Verſäumet nicht Euch daſelbſt einzufinden. Ihr kennt ja das Loſungswort. Außerdem fordert man von Euch die eidliche Verſicherung, daß Ihr an dem Orte, wohin man Euch führen wird, auch nicht durch das geringſte Zeichen, bevor man Euch die Erlaub⸗ niß ertheilt hat, Eure Gegenwart verrathet. Vergeßt dies nicht!“— Der Brief hatte keine Unterſchrift. Held konnte aus dem ernſten Geſichte ſeines Gaſtes wohl auf den Inhalt ſchließen, da dieſer aber nicht ge⸗ neigt zu ſeyn ſchien, dem wißbegierigen Hoſpes Etwas da⸗ von miktheilen zu wollen, ſo entfernte er ſich. Moritzens weiteres Nachſinnen führte kein Reſultat herbei, und er beſchloß ſich zur beſtimmten Zeit einzuſtellen. Der Tag verſtrich ihm ſehr langſam. Der Abend war kalt, und der Himmel mit dichten Schneewolken bezogen. Moritz gieng auf dem Platze auf und ab, und als die Thurmglocke zehn Uhr ſchlug, trat er neben das Erasmus⸗ 15* ſich nach Euch, 228 bild. Sogleich näherte ſich ihm Jemand, den er zuvor nicht bemerkt hatte, und flüſterte ihm kaum hörbar das Loſungswort zu. Nachdem Moritz die bewußte Antwort gegeben hatte, ſagte ihm der Fremde:„Ihr wißt was man noch mehr von Euch verlangt: ſchwört Ihr dem nachkommen zu wollen?“ „Ich ſchwöre es!“— antwortete Moritz, worauf der andere ſprach:„ſo folgt mir!“ und ſogleich ſchnell weiter ſchritt. Er wurde durch mehre abgelegene Straßen geführt, und endlich befanden ſie ſich in einer engen unanſehnlichen Straße, und vor derſelben kleinen Thür, wo zwei Tage vorher Emma und Tekla ſich befanden. Beim Ein⸗ treten erſuchte ihn ſein Begleiter mit leiſer Stimme ſich ſo ruhig wie möglich zu verhalten, damit ihre Gegen⸗ wart nicht entdeckt würde. Im großen Gemache herrſchte eine gewiſſe Regſamkeit und Lebendigkeit. Moritz hatte ſich auf einen Wink ſeines Begleiters vor eine der Oeff⸗ nungen geſetzt, wodurch er Alles, was im Gemache vor⸗ ging, deutlich beobachten konnte. Auf einem langen Tiſche ſtanden die Ueberbleibſel einer Mahlzeit, welche ſo eben beendigt zu ſeyn ſchien. An derſelben ſaßen drei Männer, welche laut zuſammen ſprachen, und den Becher luſtig kreiſen ließen. Es war Slatius und ſein Schwager der Tiſchler Cornelius Gerrits. Es mußten aber noch mehr Gäſte gegen⸗ wärtig geweſen ſeyn. Dann befanden ſich noch Slatius Frau und Schweſter im Gemache, welche aber in eini⸗ ſaßen. Moritz hörte folgendes Ge⸗ präch: Cornelius—„dann werden wir in einer Woche hier fröhlicher zuſammenſitzen!“ „Ganz gewiß!“— erwiederte Slatius—„dann wird es ganz anders mit uns ſtehen, und wir brauchen uns nicht mehr ſo ängſtlich vor dem Deichgrafen und ſeinen Handlangern in dieſem Hinterhauſe zu verkriechen.“ „Wenn mich meine Ahnung nicht täuſcht,“— ſagte S v S— —— r —— 229 „Den mag der Teufel holen; und ich habe nichts dagegen, wenn wir ihm bei erſter Gelegenheit ein paar unverdauliche grüne Erbſen durch den Magen jagen. Auch ſein verfluchter Helfershelfer Melchior ſoll ähn⸗ liches Futter haben.“ „Ja, ich verſichre dich es wird genug zu thun geben. Das Herz ſchlägt mir vor Freuden, wenn ich denke, daß nun bald an uns die Reihe zum Handeln kommt!“ Dar⸗ auf wurden die Becher gefüllt, und die beiden leerten ſie mit:„auf ein baldiges gutes Gelingen!“ Doch die dritte Perſon, welche bisher geſchwiegen hatte, es war Jerom Ewouts, fügte noch hinzu:„wenn es zum Wohl der Kirche und des Vaterlandes dient!“ „Da könnt Ihr Euch feſt darauf verlaſſen, Jerom!“ — erwiederte Cornelius—„Land und Kirche ſind ge⸗ rettet, wenn der Anſchlag glückt.“ „Das gebe der Himmel!“— ſprach Jerom— „Doch ich glaubte heute Abend etwas Näheres über den Anſchlag zu erfahren, und deßhalb habe ich meine Kame⸗ raden mit dem Gepäck nach dem Haag vorausziehen laſſen, wohin ich dieſe Nacht auch noch muß. Ihr wollt uns alſo nicht ſagen, worin der Anſchlag beſteht?“ „Das werdet Ihr im Haag erfahren, wie ich Euch heut Abend ſchon mehremale geſagt habe;“— ſprach Slatius verdrießlich—„Ihr habt ja ſchon ein gutes⸗ Handgeld empfangen, und wiſſet welcher Lohn Eurer war⸗ tet. Damit könnt Ihr vorerſt zufrieden ſein.“ „Vielleicht auch nicht,“— ſagte Jerom, indem er von Tiſche aufſtand, die Geſellſchaft grüßte und ſich ent⸗ fernte, worauf Cornelius die Thür wieder feſt verſchloß. „Der Junge will mir nicht ſo recht gefallen,“— ſprach Slatius nachdem Jerom das Zimmer ver⸗ laſſen hatte—„glaubſt Du, daß wir ihm unbedingt vertrauen können?“ „Wenn er ganz in unſern Plan eingeweiht wäre, ſo würde ich es bezweifeln, weil er beſtändig ein Ding, was er Gewiſſen nennt, mit ins Spiel bringt. Wenn 230 wir ihm aber ſagen, daß wir nicht darauf bedacht ſind, dem Prinzen über Bord zu helfen, ſondern, daß wir ihn mit Vorwiſſen des Grafen Heinrich nur in ſicheren Gewahrſam bringen wollen, und daß eine Veränderung in der Regierungsform hervorgerufen werden ſoll, wodurch die unterdrückte Parthei und die Kirche der Remonſtranten wieder die Oberhand erlangt, dann wird er ein eifriger Mitarbeiter ſeyn.“ Moritz, welcher dieſe Unterhaltung mit angehört hatte, fühlte ſich, da ihm jetzt der ganze Plan deutlich vor Augen lag, höchſt entrüſtet, und es durchzuckte ihn ein kalter Schauder. Er war aufs ſchmerzlichſte bewegt, daß auch Klara an einem ſo ſchauderhaften Anſchlage Theil hatte, und ihn ſogar mit hinein zu verwickeln ſuchte, obgleich ſie ihm noch am Tage zuvor die Verſicherung gegeben hatte, daß es nicht auf den Tod des Prinzen abgeſehen ſey, ſondern daß man ihn nur von der Re⸗ gierung entfernen wolle. Noch überwältigten ihn dieſe und ähnliche Gedanken, als Slatius Frau, die bisher unbeweglich neben ihrer Schwägerin geſeſſen, plötzlich aufſprang, und ſich haſtig den beiden Männern näherte, und dieſe mit einem ſchauderhaſt wilden Blicke, einer Wahnſinnigen gleich anſtarrte und ſprach: „Ha! Ha! Ha! das wird ein luſtiges Feſt ſeyn, welches Ihr Menſchen Dienſtag feiern wollt. Da ſoll getanzt und geſprungen werden, und der Teufel wird ſelbſt dabei aufſpielen. Seht, ich fange ſchon an,“— fuhr ſie fort, indem ſie wie eine Raſende umherſprang, daß ihr die Mütze vom Kopfe flog, und ihr langes ſchwarzes Haar verwirrt über ihr Geſicht hing—„hört ich will Euch ein Lied ſingen: Luſtig! Heiſa! luſtig ſingen! Fröhlich ſpringen! Seyd Wohlgemuth! Ha! das wird ein Feſtmahl ſein; Stoßt an, trinkt, es iſt. kein Wein— Trinft! es iſt ja Blut!“ 231 Noch mehrere Male wiederholte ſie das Wort Blut mit einer herzzerreißenden Stimme, und drehete ſich un⸗ abläſſig mit einer wilden Haſt im Zimmer herum, bis ſie endlich erſchöpft niedergeſunken wäre, wenn ihre Schwägerin ſie nicht aufgefangen hätte. Slatius, welcher früher, wie wir ſchon ſahen, von dem rathloſen Schmerze ſeiner Frau wenig bewegt wurde, war es jetzt in einem hohen Grade; er ſprang auf, um ihr Beiſtand zu leiſten, aber ſie lag bewußtlos faſt ohne Leben in einem Stuhle. „So habe ich ſie noch nie geſehen,“— ſagte Cor⸗ nelius, ſie ängſtlich anſehend—„War ſie ſchon öfter in einem ſolchen Zuſtadde?“ „Erſt dieſen Morgen zeigten ſich ähnliche Zufälle, welche mich für ihren Verſtand fürchten laſſen“— er⸗ wiederte Slatius—„Ich weiß nicht, was ich mit ihr anfangen ſoll; wie leicht könnte ſie in einem ſolchen Zuſtande ein Wort fallen laſſen, und die ganze Sache verrathen.“ „Der Zuſtand iſl allerdings bedenklich“— erwie⸗ derte Cornelius—„und wenn Du meinem Rathe folgen willſt, ſo ſperrſt Du ſie hinter Schloß und Riegel, bis Alles beendigt iſt.“ Nachdem die Unglückliche ſich ein wenig wieder er⸗ holt hatte, aber aller Bitten ungeachtet, nicht zu bewegen war, ſich zur Ruhe zu begeben, wurde wieder leiſe an⸗ geklopft. Slatius öffnete die Thür, und es traten zwei Perſonen ein. Die eine war Stoutenburg, und in der zweiten einer Frau, glaubte Moritz, obgleich ſie dicht verſchleiert war, Klära zu erkennen; jener warf ſich auf einen Stuhl nieder, dieſe blieb unbeweglich mit⸗ ten im Zimmer ſtehen. „Ich erwartete Euch hent Abend nicht mehr,“— ſagte Slatius—„und am wenigſten um dieſe Zeitz denn es muß bald eilf Uhr ſeyn.“ „Ich hätte auch gern eine andere Stunde zu meinem Beſuche gewählt,“— erwiederte Stontenburg— 232 „aber es war mir unmöglich, denn ich muß Morgen mit Tagesanbruch im Haag ſeyn. Ich wollte mich nur noch zuvor überzeugen, ob alle Maßregeln getroffen ſind, und nichts der Ausführung unſeres Vorhabens mehr ent⸗ gegenſteht.“ „Alles iſt auf's Pünktlichſte beſorgt,“— ſagte Slatius. „Ich habe auch feſt auf Euren Eifer gerechnet,“— erwiederte Stoutenburg—„ich hoffe, daß es Euch nicht an Geld gemangelt hat?“ „Alles ging gut,“— ſprach Cornelius—„und in dieſen letzten Tagen iſt mir mancher Thaler durch die Finger geglitten. Aber nun kann die Komödie auch an⸗ gehen. Heute Morgen war Vandyk hier, um die letzte Hand mit an das Werk zu legen. Ein Theil ſeiner Ge⸗ fährten iſt gegen Abend nach dem Haag gefahren, um die Doſe mit den Pillen, welche mein Schwager und ich gedreht haben, dorthin zu bringen.“ Stoutenburg ſchien ihn nicht recht zu verſtehen und ſah ihn fragend an. „Er meint die Kiſte mit den Waffen und den Kngeln, welche wir hier gegoſſen haben;“— ſagte Slatius— „die Bootsknechte haben den Befehl in der Herberge,„die Stadt Utrecht,“ nähere Befehle abzuwarten. Morgen gehen die drei andern Matroſen unter der Begleitung meines Schwagers auch hin.“ „Dienſtag oder Mittwoch ſpäteſtens muß der An⸗ ſchlag ausgeführt werden,“— erwiederte Stouten⸗ burg—„denn wenn ſo viele mit hineingezogen werden, iſt um ſo eher Verrath zu befürchten.“ „Späteſtens Dienſtag muß es losgehen;“— ſagte Cornelius—„und zu Rys wyk bei der Witſen⸗ burg, werden die vier Bootsknechte, oder die Männer aus Leyden den Schuß thun.“ „Was hat das zu bedeuten?“— ſagte Klara zu Stountenburg, welche bis jetzt keine Acht auf das Geſpräch gehabt zu haben ſchien=„hält man ſo das feierliche Verſprechen, kein Blut zu vergießen, ſondern nur den Tyrannen von der Regierung zu entfernen, und ins Ausland zu ſchaffen?“ „Seht Ihr denn nicht ein, Klara,“— erwiederte Stoutenburg—„daß es Unſinn wäre, einem ſo beſchränkten Plane, der uns nie an das erwünſchte Ziel führt, zu folgen? Seine Anhänger würden ihn bald wie⸗ der aus unſern Händen befreien: denn was würden wir Wenige gegen ſie vermögen. Es war nothwendig, daß wir die, welche nicht durch ſo wichtige Gründe als wir angeſpornt wurden, zuerſt nur durch eine ſolche Bemän⸗ telung für uns gewannen. Doch wir dürfen uns nicht täuſchen. Nein, ich erkläre hier öffentlich, daß mein Herz und meine Rache nur dann Genugthuung erlan⸗ gen, wenn das Blut des Mörders meines Vaters den Grund und Boden benetzt, den er durch ſeine Tritte entheiligt. Habt Ihr vielleicht Eure Geſinnungen ver⸗ ändert, Klara, oder jetzt andere Gründe als zuvor, den Mann zu verſchonen, deſſen blutige Hand auch auf Eurer Familie ruht, vielleicht noch grauſamer als auf der meinigen, der, was ſelbſt den wildeſten Barbaren heilig iſt, das Grab, die Ruheſtätte der Todten...“ „Haltet ein, wenn Ihr mich nicht durch Eure Worte eben ſo tödtlich verwunden wollt, als den Tyrannen mit Eurem tödtenden Blei“— rief Klara aufs heftigſte erſchüttert aus—„Ihr habt mich hintergangen, Stou⸗ tenburg! Aber nur mich habe ich deßhalb anzuklagen, denn ich wußte, was in Eurer Seele vorging, und war thöricht genug, Euch zu vertrauen. Doch es ſey ſo: Tod oder Leben, auch mir iſt Rache Bedürfniß, und man iſt ſchon zu weit gegangen, um auch nur einen Schritt auf dieſem Wege zurückzuthun. Aber der, wel⸗ ½ cher in wenigen Augenblicken hier erſcheinen wird, um mit an dem Blutbunde Theil zu nehmen, wird— wenn Ihr ihm das Ganze anvertraut, nie Theil daran neh⸗ men, deß ſeyd verſichert.“ „Fürchtet nichts,“— gntworte Stoutenburg —————— —„das überlaßt nur mir. Wir bedürfen ſehr ſeiner Mitwirkung: er gehört zu einer der reichſten und vor⸗ nehmſten Familien Hollands, und unſer Bund zählt nur wenige ſolcher Mitglieder, und nur durch ſolche Leute können wir die erwünſchte Veränderung der Regierungs⸗ form bewerkſtelligen. Dann kann außer der ſo ſehr er⸗ ſehnten Rache auch noch anderer Vortheil für uns er⸗ 1 wachſen.“ „Da ſtehen Eure gewöhnlichen ehrſüchtigen Pläne wieder im Vordergrunde“— ſprach Klara—„wie oft habe ich Euch ſchon geſagt, daß ich ſie nicht theile. Un⸗ ſer Vertrag iſt beendigt, unſer Zweck erreicht, wenn...“ Während Klara ſo ſprach, erhob ſich Slatius Ehefrau, welche noch allein mit im Zimmer geblieben war, von ihrem Sitze, und indem ſie plötzlich vor Klea ſtand, brach ſie wieder in ein wahnſinniges Lachen aus und ſprach: „Wird das ſchöne Fräulein auch beim Gaſtmahle erſcheinen, und aus dem koſtbaren Becher trinken? und . wird ſie nicht fürchten, ihre zarten Finger mit dem Blute zu beſudeln? Blut! Blut! Blut!“— ſchrie ſie wieder mit dem Ausdruck der Raſerei auf ihrem Geſichte, und ſang wie vorher: Luſtig! Heiſa! luſtig ſingen! Fröhlich ſpringen In dem Blut! Trinkt nur, trinft nur, trinkt nur Blut!“ In dieſem Augenblicke erhielt Moritz von ſeinem Begleiter einen Wink, ſich unverzüglich zu entfernen, und er zögerte nicht, dieſen Ort, wo er ohne alles Vorwiſ⸗ ſen der Verſchworenen dieſer ſo intereſſanten wie verak⸗ ſcheuungswürdigen Seene beigewohnt hatte, zu verlaſſen. Vergebens richtete Moritz mehrere Fragen an ſeinen Geleitsmann. Bald hatten ſie wieder den Flatz erreicht, wo der Unbekannte, nachdem er ihm kaum hörbar zuge⸗ ſtüſtert hatte:„Was Ihr geſehen und gehört habt, bleibe vor einem Jeden, wer es auch ſey, ein Geheimniß. 235 Wartet hier, bis man Euch zur feſtgeſetzten Stunde ab⸗ holt,“ augenblicklich verſchwand. Moritz, nur mit dem was er ſo eben geſehen und gehört, beſchäftigt, ſchritt einigemale auf dem großen Platze auf und ab. Leider war es ihm zur Gewißheit geworden, daß Klara Theilnehmerin dieſes fürchterli⸗ chen Komplotts war, und es war ihm, als ſey eine Binde, welche ihn bisher im Dunkeln herumtappen ließ, plotzlich von ſeinen Augen geriſſen, und er ſah den Pfad des Verderbens, welchen er betrat, deutlich vor Augen. Er ſah den tiefen Abgrund vor ſich, und es war Klara, welche ihn dahin gelockt hatte. So ſehr er ſie auch zu entſchuldigen bemüht war, ſo fühlte er doch, daß ihm als Menſch und Staatsbürger noch andere Pflichten ob⸗ liegen, als blos die Mitwirfung an dieſem Anſchlage zu verweigern. Verrath kam ihm verächtlich vor, dadurch würde er ſo viele, vielleicht manche zum Theil Unſchul⸗ dige, Klara gewiß in's Verderben ſtürzen. Durch Vorſtellungen, ſagte er ſich, würde er die Verſchworenen nicht von ihrem Vorhaben abbringen können, und Dro hungen würden ebenſo wenig bezwecken, und ſein Lebe beſtimmt der größten Gefahr ausſetzen. Wer war im Stande, ihm den Faden der Ariadne zu geben, und ihm aus dieſem Labyrinthe herauszuhelfen? Neunzehntes Kapitel. Es heult der Sturm, es braust das Meer Wir ſchwören bei Allem, was heilig und hehr, Das Vaterland zu retten. Ob auch der Wüthrich drängt und ſchnaubt, Ob Allen er das Herz geraubt, Wir ſprengen ſeine Ketten. Fried. Lange. Kaum hatte der letzte Schlag der Thurmuhr Mit⸗ ternacht verkündet, ſo näherte ſich Moritzen ein Un⸗ bekannter, welchem er, nachdem ſie die Loſungsworte ge⸗ 5 wechſelt hatten, folgte. Kaum hatten ſie auf demſelben Wege, welchen er vor Kurzem gekommen war⸗ S la⸗ tius Haus erreicht, ſo wurde auf ein leiſes Pochen ſei⸗ nes Begleiters die Thür geöffnet. Dieſer entfernte ſich ſogleich wieder, und außer Stoutenburg, Slatius und Cornelius war Niemand im Zimmer. „Als wir uns zum letzten Male ſahen,“— redete ihn Stoutenburg an—„war es mit andern Ge⸗ ſinnungen als jetzt, obgleich ich mich erinnere, daß ich damals ſchon die Hoffnung ausſprach, daß wir uns einſt freundſchaftlicher gegenüber ſtehen, und vielleicht ge⸗ meinſchaftlich nach demſelben großen Ziele ſtreben wür⸗ den. Es freut mich, daß meine Ahnung mich nicht täuſchte, und daß dieſe Zeit ſchon gekommen iſt.“ „Bevor ich erklären kann,“— erwiederte Moritz —„ob Eure Erwartungen gegründet ſind, wünſchte ich aus Eurem Munde zu vernehmen, was Euer Ziel iſt, zu deſſen Erreichung ich mitwirken ſoll. Sobald ich dieß erfahren habe, und das iſt der Grund, weßhalb ich hier bin, werde ich mich beſtimmt erklären.“ „Eure Forderung iſt höchſt billig,“— erwiederte Stoutenburg—„und ich werde ihr, ſo viel es in meinen Kräften ſteht, genügen. Das willkührliche Ver⸗ fahren des Mannes, der nur der Diener des Staates iſt, und als Tyrann einen eiſernen Zepter führt, hat be⸗ reits den größten Theil des Volkes von ihm entfernt, und die Verdienſte, welche er ſich im ſpaniſchen Kriege erworben hat, vertilgt. Er muß vom Staatsruder ent⸗ fernt, und dieß andern, nicht mit Blut befleckten Hän⸗ den übergeben werden. Die Hälfte, ja ich darf es be⸗ haupten, die beſſere Hälfte der Nation ſehnt ſich nach dem Augenblicke, wo einige unternehmende Männer das, was zum wahren Heile des Vaterlandes gereicht, in Ausführung bringen.“ „Iſt das Euer einziges Ziel“— fragte Moritz, einen durchdringenden Blick auf Stoutenburg wer⸗ fend—„oder gehen Eure Abſichten noch weiter?“ ——,,— — „Ich habe keine Gründe, mich gegen Euch nicht burch⸗ aus offen auszuſprechen. Erinnert Ihr Euch noch der Worte der geheimnißvollen alten Frau auf Ameland: ein Sohn, der das Blut ſeines Vaters zu rächen hat, darf an nichts anderes denken. Ich geſtehe daher, daß, nicht allein das Vaterland von der Herrſchaft des Tyrannen zu befreien, ſondern auch das unſchuldig vergoſſene Blut meines Vaters mich zur Rache anfeuert.“ „Noch habt Ihr mir keine beſtimmte Antwort ge⸗ geben,“— erwiederte Moritz—„ich wollte wiſſen, ob Ihr in der Ausführung Eures Plaues nicht weiter gehen wollt, als den Statthalter aufheben und entfer⸗ nen; ob Ihr Euch mit einer ſo beſchränkten Rache zu⸗ frieden ſtellen werdet, und wie Ihr Euren Plan auszu⸗ führen gedenkt?“ „Wenn ich der Stimme der Natur allein Gehör geben wollte, dann hieß es freilich: Blut um Blut; jetzt aber muß ich mich begnugen, wenn der feſtgeſetzte Plan ausgeführt wird, den Prinzen zu Ryswyk bei ſeinen Pferdeſtällen oder bei der Herberge Witſenburg zu überfallen. Es wird, da er gewöhnlich nur ein ſehr kleines Gefolge bei ſich hat, nicht ſchwer werden, ſich ſeiner Perſon zu bemächtigen, und ehe der nöthige Ent⸗ ſatz herbeigeſchafft iſt, wird man ſich weit genug mit dem Gefangenen entfernt haben, und vor jeder Verfol⸗ gung ſicher ſeyn. Dann wird er mit möglichſter Eile über die Grenze gebracht und ſpaniſchen Befehlshabern übergeben, welche dann über ſein Schickſal verfügen mö— gen. Seine verächtlichen Handlanger ſollen von der Re⸗ gierung entfernt, und Graf Heinrich zum Statthalter erwählt werden, welcher der unterdrückten Parthei ſehr zugethan iſt, und dieſe wieder zur Regierung, wovon ſie ſo widerrechtlich entfernt iſt, berufen werden. Um dieß große Werk zu befördern, müſſen in den vornehm⸗ ſten Städten Hollands ſich einflußreiche und geſchickte Männer aufthun, um die Angelegenheiten zu ordnen. Wir wiſſen wie nierige Schmeichler eine lobenswürdige Handlung, welche Ihr vor einigen Jahren ausführtet, gehäſſig anzubringen wußten, und die Folgen, welche daraus hervorgingen. Auch Ihr habt eine glänzende Genugthuung zu fordern, und der Augenblick iſt erſchie⸗ nen, wo ſie Euch werden kann.“ „Stoutenburg! Ihr ſeyd im Irrthume,“— ſprach Moritz ernſt.—„Noch vor wenigen Tagen würde ich Euch vielleicht unbedingten Glanben geſchenkt haben und in Euern Bund getreten ſeyn. Jetzt aber durchblicke ich Eure Pläne und Ihr könnt mich nicht länger täuſchen. Ich weiß, daß Ihr das Blut des Man⸗ nes, dem Ihr einen unvertilgbaren Haß geſchworen, ver⸗ gießen wollt. Ich kenne die Maßregeln, welche Ihr ge⸗ troffen, und werde nie einem ſo verabſcheuungswürdigen Bunde beitreten, deſſen Zweck ſo verbrecheriſch iſt. So ſehr ich den Haß billige, welcher Euch gegen einen Mann beſeelt, der Euch ſoiche Unbilden widerfahren ließ, ſo ſey es doch ferne von mir, je Euer Unternehmen gut zu heißen, oder gar Theil daran zu nehmen.“ Stoutenburg ſah ihn erſtaunt au, und auch die beiden andern Männer, welche ſich in einiger Ent⸗ fernung niedergeſetzt hatten und keinen Theil an der Un⸗ terredung zu nehmen ſchienen, waren nicht wenig be⸗ troffen und wechſelten ſchweigend nur Zeichen mitein⸗ ander. „Wer kann Euch ſolche Vermuthungen beigebracht haben?“— fragte Stoutenburg. „Das kann Euch gleichgültig ſeyn zu wiſſen,“— erwiederte Moritz—„es genüge Euch, von mir zu vernehmen, daß es keine bloße Vermuthungen ſind, ſon⸗ dern daß ich die ſicherſte Ueberzeugung habe. Auch nur, um Euch die Verſicherung zu geben, daß ich in alle Eure Geheimniſſe eingeweiht bin, ſeht Ihr mich jetzt hier. Gerade an dem von Euch beſtimmten Orte ſoll das Blut des Prinzen durch gedungene Mörder vergoſſen werden.“ „Ihr irrt, glaubt es mir,“— antwortete Stou⸗ 239 tenburg—„doch würde es vielleicht ſchwer ſeyn, Euch dieſen Jrthum zu benehmen. Uebrigens bin ich ſehr er⸗ ſtaunt, Euch ſo reden zu hören, denn eine gewiſſe Per⸗ ſon ſchrieb Euch Meinungen zu, die, wie ich fürchte, Euch ganz fremd ſind.“ „Niemand, wer es auch ſeyn mag,“— ſagte Mo⸗ ritz—„hat das Recht, mir Meinungen zuzuſchreiben, welche gegen die Geſetze der Ehre und der Menſchlichkeit ſtreiten.“ „Ihr wollt alſo keinen Theil nehmen an dem An⸗ ſchlage, wodurch Holland von der Tyrannei des Statt⸗ halters befreit wird?“ „Nie werde ich an einer Handlung, vor der meine Seele zurückſchaudert, Theil nehmen!“— antwortete Moritz. „Aber Ihr ſeyd im Beſitze eines Geheimniſſes, deſ⸗ ſen Enthüllung große Pläne vereiteln und Vielen ver⸗ derblich werden könnte. Könntet Ihr je ſo niedrig ſeyn, das Vertrauen, welches man zu unbedachtſam gegen Euch hegte, zu mißbrauchen?“ „Wenn Ehre und Pflicht mir je gebieten ſollten zur Vereitelung der vorhabenden Gräuel mitzuwirken, ſo würden die, welche ſich zu dieſer widerrechtlichen That verbunden haben, nie zu befürchten haben, daß durch mich der Arm der rächenden Gerechtigkeit ſie weckte. Jetzt kennt Ihr meine Meinung; und nun lebet wohl!“ Er wandte ſich um, und in Begriſſe das Zimmer zu verlaſſen, ſtellte ſich Stoutenburg zwiſchen ihn und die Thür, und ſprach: „Nicht alſo:— wir haben noch einige Worte zu wechſeln. Daß wir uns in Euch getäuſcht haben, davon ſind wir jetzt überzeugt. Dem ſey ſo; aber wir ſind jetzt noch im Stande, und haben das Recht dazu, auf unſre Sicherheit bedacht zu ſeyn. Ihr dürft daher dieſen Ort nicht verlaſſen, ohne uns den feierlichen Eid abgelegt zu haben, unſre Pläne nicht zu verrathen, und deren Voll⸗ führung kein Hinderniß in den Weg zu legen. Mit die⸗ — 240 ſem Unterpfande von Euch ſind wir zufrieden. Seyd Ihr dazu bereit?“ 5 „So verbrecheriſch es mir erſcheint, an Euren ſchänd⸗ lichen Umtrieben Theil zu nehmen, eben ſo verächtlich würde ich mir erſcheinen, wenn ich nach dem, was vor⸗ ausgegangen iſt, einen Verrath an Euch begehen ſollte. In dieſer Hinſicht ſeid Ihr alſo ſicher. Uebrigens würde es tief unter meiner Würde ſeyn, mich zu Etwas zu verbinden, was gegen meine Pflichten und meine Grund⸗ ſätze ſtreitet. Ja, ich will es ſogar nicht läugnen, daß die Vereitelung Eurer verbrecheriſchen Pläne mir viel⸗ leicht im Kurzen zur heiligen Pflicht wird.“ „Dann legt Ihr uns die Verpflichtung auf,“— ſprach Stoutenburg drohend—„Euch ſo lange hier mit Gewalt zurückzubehalten, bis Ihr anderer Meinung geworden ſeyd, oder die verlangte Erklärung abgelegt habt.“ Jetzt näherten ſich auch die beiden andern Männer, aber ſchon hatte Moritz die Thür geöffnet, und warf mit kräftiger Hand Cornelius, der ihn am Weggehen verhindern wollte, zurück, ſo daß dieſer ſeiner Länge nach hinfiel. Stoutenburg ſchien ſeine Gründe zu haben, eine jede Gewaltthätigkeit zu vermeiden; auch Slatius legte keine Hand an, und Moritz konnte ungehindert dieſen Ort verlaſſen. „Bei allen Teufeln!“ ſchrie Cornelius mit ver⸗ biſſener Wuth, nachdem er ſich wieder aufgerafft hatte —„da geht er hin, uns zu verrathen, und das Beil oder Galgen und Rad für uns in Bereitſchaft zu ſetzen. Wir ſind verloren, wenn er ſein verfluchtes Vorhaben ausführt. Warum ließet Ihr ihn auch ziehen.“ „Ihr braucht nicht zu fürchten, daß er uns ver⸗ räth,“— t Stoutenbourg—„und ich bin feſt überzeugt, daß er unſere Sicherheit nicht gefährdet. Es feſſeln ihn Bande, wodurch wir einer jeden Beſorg⸗ niß überhoben ſind. Nur wäre es möglich, daß er die umtriebe ans Licht brächte, und ſie dadurch vereitelt * 241 würden. Ich habe, wie Ihr gehört habt, verſprochen, ihm keine Gewalt anzuthun; aber warum habt Ihr ihn ziehen kaſſen, bevor er den verlangten Eid ablegte?“ „Er war mir zu flink,“— antwortete Cor nelins —„doch er darf uns ſo nicht entlaufen, ich will ihm nach, und die beiden Burſchen mitnehmen, welche im Vorderhauſe ſind. Was meint Ihr?“ „Thut was Ihr wollt, nur vermeidet zu viel Ge⸗ räuſch auf der Straße. Es wäre allerdings gut, wenn Ihr ihn zwingen könntet, ſein Wort zu geben, daß er, was ihm auch von unſerm Anſchlage bekannt ſeyn kann, nichts verrathe.“ Sogleich machte ſich Cornelius mit den beiden Burſchen auf den Weg, um M oritz, der ſchnell vor⸗ wärts ſchritt, zu verfolgen. Da dieſer in den engen Straßen des Weges nicht ganz kundig war, ſo ſchritt er nur ſchnell weiter, ohne genau zu wiſſen wohin. Nach ungefähr zehn Minuten befand er ſich auf einem ziem⸗ lich großen Platze, der hier und da mit Schutthaufen abgebrochener Häuſer bedeckt war. Er erinnerte ſich nicht, hier vorbeigekommen zu ſehn, und blieb einen Augenblick ſtehen, um ſich genauer zu vrientiren. Er hörte Geräuſch in ſeiner Nähe, welches die Anweſenheit von Menſchen verkündigte. Erfreut, ſo ſpät in der Nacht noch Jemanden zu treffen, der ihn zurechtweiſen konnte, näherte er ſich dem Orte, wo er die Fußtritte gehört hatte. In dem⸗ ſelben Angenblicke bemerkte er auch drei Menſchen, welche dicht hinter ihm waren, und ehe er noch die auf ſeinen Lippen ſchwebende Frage thun konnte, fühlte er ſich von einer kräftigen Hand gefaßt, und eine ihm nicht ganz unbekannte Stimme ſagte ihm:—„Bevor Ihr weiter geht, Herr, müßt Ihr uns zuvor Rede ſtehn!“ Moritz vermuthete ſogleich, daß es die Leute wären, welche er in Slatius Hauſe furz vorher getroffen hatte, und riß ſich mit Gewandtheit los, ſchlug ſeinen Mantel Der Shee I 16 242 zurück, legte ſeine Hand an das Gefäß ſeines Schwertes und ſprach; „Was wollt Ihr von mir? warum laßt Ihr mich nicht ungehindert weiter gehen?“ „Weil wir zuvor ein Wörtchen mit Euch zu reden haben,“— erwiederte dieſelbe Stimme—„oder vielmehr das Geſpräch fortſetzen wollen, welches Ihr ſo unhöflich unterbracht.“ Ich habe Euch nichts mehr zu ſagen, als was Ihr ſo eben gehört habt?“ „Aber wir deſto mehr,“— gntwortete Corne⸗ lius—„erſtens wünſchte ich von Euch zu wiſſen, wer Euch das Recht giebt, mit friedlichen Menſchen ſo zu verfahren, wie Ihr ſo eben thatet. Und zweitens genügt uns Eure Erklärung nicht.“ „Ich habe das Recht einen Jeden, der ſich mir un⸗ beſcheiden nähert und ſich mir drohend in den Weg ſtellt, zur Seite zu ſchieben. Meiner Erklärung habe ich nichts mehr hinzuzufügen. Jetzt geht Euren Weg, und laßt mich den meinigen fortſetzen. Gute Nacht!“ „Heda, Kameraden!“— rief Cornelius, indem er mit der einen Hand Moritzens Mantel faßte, und mit der andern ein zweiſchneidiges Meſſer zog, welches er als Matroſe zu brauchen gelernt hatte—„wenn Ihr denn durchaus nicht wollt, ſo müſſen wir Gewalt an⸗ wenden.“ Unterdeſſen hatte Moritz ſein Schwert gezogen, womit er ſo geſchickt um ſich hieb, daß Cornelius ſchnell zurückprallte. Die beiden andern waren mit Hirſchfän⸗ gern bewaffnet, welche ſie mit Fertigkeit zu handhaben wußten. Moritz ſah bald ein, daß der Streit zu un⸗ gleich ſey, dennoch beſchloß er ſich aufs äußerſte zu ver⸗ theidigen, und deckte ſich den Rücken, indem er ſich an eine Wand ſtellte. Anfangs glückte es ihm auch, die drei Angreifenden von ſich abzuhalten, und ihnen mehr als einen blutigen Beweis von der Kraft ſeines Arms abzulegen. Aber recht bald fühlte er, daß die übermä⸗ 243 ßige Anſtrengung ſeine Kräfte immer mehr erſchlaffte, welches ſeine Gegner benutzten und näher auf ihn ein⸗ drangen. In dieſem Augenblicke erſchien eine unerwar⸗ tete Hülfe. Hinter dem Schutthaufen ſprang eine Perſon mit gezogenem Degen hervor; ſie war nur klein und dicht in einen Mantel gehüllt, und Moritz glaubte in ihr ſeinen erſten Führer zu erkennen. Doch zum Nach⸗ denken blieb keine Zeit; er vertheidigte ſich mit einer Kraft, und der Unbekannte, welcher zwar muthig ihm zur Seite kämpfte, aber keine beſondere Geſchicklichfeit in der Führung des Schwertes verrieth, bewirkte, daß die Gegner etwas zurückwichen. Da rief Cornelius: „Feige Hunde! was fürchtet Ihr? Unſer ſind ja noch immer drei gegen zwei!“ worauf einer von ihnen ein Piſtol hervorzog und es abſchoß. Der Schuß wär ſicht⸗ lich auf Moritz gerichtet. Dies bemerfte der Unbe⸗ kannte, und nahm, indem er Moditz zur Seite ſchob, ſeinen Platz ein. Der Schuß traf ihn und er fiel mit einem unterdrückten Schrei gegen die halb verfallene Mauer. Moritz ſtand im Zweifel, ob er zuerſt ſeinem edelmüthigen Freunde helfen oder den Kampf fortſetzen ſollte; denn ſeine Gegner, da ſie ſahen, daß er nicht getroffen war, ſielen mit erneuerter Wuth über ihn her. Doch plötzlich hörte man Fußtritte in der Nähe, und bald zeigten ſich bei dem Lichte einer Leuchte mehre Per⸗ ſonen, welche ſich geräuſchvoll den Kämpfenden näherten. Jetzt hielten Cornelius und ſeine Helfershelfer es rath⸗ ſam, den Rückzug anzutreten, und Moritz konnte den Verwundeten unterſtützen. In dieſem Augenblicke rief eine ihm wohlbekannte Stimme: „El Diablo del Roma! Bei allen römiſchen Teufeln ſage ich Euch, hier war es; ich habe den Schuß gehört und die Flamme geſehen, und der Pulverdampf zieht mir noch in die Naſe.“ So gern Moritz unter dieſen Umſtänden ein Zu⸗ ſammentreffen mit dem wackern Jooſt van Thienen 16 244 vermieden hätte, damit das Abenteuer unbekannt geblie⸗ ben wäre, ſo war es ihm jetzt, um dem verwundeten Fremden die nöthige Hülfe leiſten zu können, ſehr will⸗ kommen. Der Veterah war aufs höchſte erſtaunt, Moritz, den er ſehr hoch ſchätzte, hier zu finden. Dieſer erzählte ihm kurz den Vorfall, und erſuchte ihn um ſeinen Bei⸗ ſtand, den Verwundeten ſo vorſichtig als möglich nach der vergoldeten Hellebarde zu bringen. Es wurde ſo gut als möglich eine Art Tragbahre von Brettern gemacht, und der Verwundete, der einen nicht gefährlichen Schuß an der Schulter erhalten hatte, darauf gelegt.. Sein Geſicht war mit einer Maske bedeckt, und nach⸗ dem er ſich wieder erholt hatte und Moritz ihm ſeinen Dank abſtatten wollte, bewahrte er fortwährend ein Still⸗ ſchweigen, und gab Moritzen durch einen Wink zu verſtehen, ſich von ihm zu entfernen. Obgleich er ſich dies Verfahren nicht zu erklären wußte, ſo trat er einige Schritte zurück, und der Zug ſetzte ſich in Bewegung. Jetzt fragte Moritz den alten Kriegsmann, welchem glück⸗ lichen Zufalle er ſo ſpät in der Nacht die fo ſehr will⸗ kommene Hülfe zu verdanken habe. „Ich kam mit dieſen wackern Leuten hier in der Nähe vorbei, als wir einen Schuß hörten. Wir ver⸗ mutheten gleich nichts Gutes zu einer ſo ſpäten Stunde der Nacht und eilten darauf zu. Wir ſaßen heut Abend ſpäter als gewöhnlich bei Held und ich wollte mich gerade nach meiner Wohnung, welche ein wenig abge⸗ legen iſt, verfügen.“ „Dann muß Euch die Geſellſchaft heute beſonders zugeſagt haben,“— ſagte Moritz—„denn ſo viel ich weiß, iſt hente nicht Faſtnacht.“ „Es war nur ein Vorſpiel zu dieſem bevorſtehenden Feſte, und es fehlte uns auch nicht an einem Faſtnachts⸗ narren. Wir haben dem Melchior einen Streich ge⸗ ſpielt. Dieſer Schnapphahn brüſtete ſich geſtern Abend mit ſeinen guten Eigenſchaften, unter andern wollte er L es auch im Trinken mit mir aufnehmen, und forberte mich zum Wettkampfe heraus. Der Ueberwundene, das heißt der, welcher zuerſt unter der Bank liegt, ſollte die Koſten bezahlen, und außerdem noch auf nächſte Faſt⸗ nacht eine viertel Ohm guten Rheinwein. Ich nahm die Wette an, obgleich ich ſchon manchmal die Erfahrung machte, daß der Fant ſaufen kann wie ein ſpaniſcher Mönch, und nahm mit dem wackern Vater Held die Rückſprache, den abgefeimten Spion des Deichgrafen anzuführen. Vor einen Jeden von uns wurde eine große Kanne geſetzt, welche ungefähr drei Rotterdamer Maas enthält. Die vor Melchior ſtehende war aus dem Faſſe Nro. drei gefüllt, und das iſt ein kräftiger Rheinwein, die meinige aber nur halb mit Wein und halb mit fri⸗ ſchem Waſſer. So konnte ich mit Melchior Stich halten, der— ich kann es nicht läugnen— den Becher auf eine Weiſe führte, welche ihm zum ewigen Ruhme gereicht. Ein Kelch wurde nach dem andern geleert. Ich that ihm wacker Beſcheid und muß geſtehen, daß ſeit der Belagerung von Steenwyk, und das iſt ſchon dreißig Jahre her, ich meinem Magen nicht ſo viel kaltes Waſſer geboten habe, wie heut Abend. Der Sieg konnte auf dieſe Weiſe nicht zweifelhaft ſeyn. Melchior knickte zuletzt wie ein leerer Mehlſack zuſammen und blieb für todt auf dem Schlachtfelde liegen. Alle Gäſte, welche außer Held nichts von dem Betruge wußten, erkannten mir einſtimmig den Sieg zu. Um jedoch einen jeden Verdacht zu vermeiden, ſpielte ich auch ein wenig den Trunkenen, und ſtolperte mehre Male vorſätzlich über die langen Beine des Kornhändlers Wobbers⸗ Nun ver⸗ langten die guten Leute, damit mir kein Leids unterwegs widerfahre, daß mich dieſe beiden Menſchen, welche ſich noch nicht zur Ruhe begeben hatten, nach Hauſe geleiten ſollten. Doch dieß muß unter uns bleiben, Ihr ver⸗ ſteht mich wohl!“ So hatten ſie die goldene Hellebarde erreicht, wo der Wirth und ſein Hausknecht ſich noch nicht zur 246 Ruhe begeben hatten, theils um Moritzens Rückkehr abzuwarten, theils auch um den halbtodten Melchior durch allerlei Mittel wieder ins Leben zurückzurufen. Dem Wirthe wurde mit wenigen Worten der Vorfall erzählt, welcher Moritz ſo ſpät und in ſolcher Begleitung zu⸗ rückführte. Er ſchlug mehre Male die Hände über dem Kopfe zuſammen und rief voll Unwillen aus:„Unerhört in unſerer guten Stadt Rotterdam! ſolchen Schandthaten ſollte der Deichgraf und ſeine Handlanger lieber zuvor⸗ kommen, als die armen Arminianer wie Mörder zu verfolgen.“ Auf Moritzens Befehl wurde der Ver⸗ wundete ſogleich in ein beſonderes Zimmer gebracht, und da es ihm ſchien, daß er nicht gern erkannt ſeyn wollte, ſo mußten ſich alle, außer dem Wirthe, deſſen Hülfe er wohl noch bedurfte, entfernen. Der Unbekannte war wieder in einen bewußtloſen Zuſtand verſunken, und erſt als Moritz und der Wirth näher traten, um die Wunde zu unterſuchen, erlangte er allmählig ſein Bewußtſeyn, und war bemüht, die Annähernden abzuwehren. Durch dieſe Bewegung hatte ſich die Maske verſchoben und das helle Licht, welches der Wirth trug, fiel nun auf das freie Geſicht. Moritz ſtarrte es an, fuhr aber heftig bewegt zurück; denn bei dem erſten Blick erkannte er— Emma. Zwanzigſtes Kapitel⸗ Sie ſpielten wohlgemuth, dicht an des Abgrunds Rand. 1 Helmers. Jerom war, wie wir wiſſen, von Rotterdam ab⸗ gereist, um noch in derſelben Nacht mit ſeinen Kame⸗ raden im Haag zuſammenzutreffen. Er fand ſie noch wachend, und begierig etwas Näheres von ihnen zu erfah⸗ ren. Die drei Matroſen waren frohgelaunt, denn ſie hatten reichlich die guten Gaben, welche die Wirthin ihnen vorgeſetzt hatte, genoſſen, und ſchlugen Jerom vor, da es ſchon ſo ſpät geworden ſey, die Racht mit ihnen zu durchwachen. Die Wirthin, noch immer beſon⸗ des freundlich gegen junge Männer, und von den blanken Goldſtücken geblendet, vereinigte ihre Bitten mit denen ſeiner Kameraden. Jerom bezeugte jedoch nicht die geringſte Luſt, und erzählte mit wenigen Worten, daß ihm in Slatius Hauſe noch nicht die erwünſchte Mittheilung geworden ſey, und daß er den Anſchlag jetzt aus einem ganz an⸗ dern Geſichtspunkte als früher betrachte. Dieß habe ihn zur feſten Ueberzeugung geführt, es dem Prinzen mitzu⸗ theilen. Doch habe man ihm verſprochen, am folgenden 8 Tage nähere Auskunft zu geben. Nachdem er ſeine Er⸗ zählung beendigt hatte, begab er ſich zur Ruhe, wäh⸗ rend die drei Andern noch eine Zeitlang fortzechten. Am folgenden Tage, es war ein Sonntag, wohnte Jerom dem öffentlichen Gottesdienſte bei, obgleich er ſonſt, wenn ſich ihm die Gelegenheit darbot, die gehei⸗ men Zuſammenkünfte der Remonſtranten beſuchte. Gegen Abend kam auch Cornelius Gerrits mit den andern drei Bootsgeſellen im Haag an. Sie ſtiegen in einer andern, nicht ſo bekannten Herberge ab, und nur mit Mühe wußten Jerom und Faeſſen ihn ausfindig zu machen, um endlich die ſo lang erwünſchte Auskunft zu erhalten. Aber auch jetzt bemühete er ſich, mit leeren Ausflüchten davon zu kommen, und händigte den Boots⸗ leuten wieder eine bedeutende Summe Geldes ein, welche von den beiden Uebrigen gierig angenommen wurde, bei Jerom und Faeſſen aber immer mehr Argwohn er⸗ regte und das Verlangen erweckte, den Prinzen davon in Kenntniß zu ſetzen. Jerom blieb den ganzen Tag traurig und in ſich gekehrt und nahm an der fröhlichen Mahlzeit ſeiner Kameraden keinen Antheil. Parthy verbrachte einen glücklichen Tag, und konnte ſein Glück, da David ſeine Einwilligung gege⸗ ben hatte, vollkommen genießen. Dieſer war von ſeinem zukünftigen Schwiegerſohn ſehr eingenommen, da er ſich 218 einbildete, daß ſeine Worte, und nicht das feurige Ver⸗ langen, Eliſe zu beſitzen, ihn zum wahren Glauben geführt habe. Bald nachher, wo wir Parthy zum erſten Male mit Moritz trafen, war ſeine Verzweif⸗ lung allmählig in eine ſtille Trauer und ſeine herum— ſchweifende Lebensweiſe zur früheren Thätigkeit uberge⸗ gangen. Er war wieder bei ſeinen Mitbürgern als ein fleißiger Mann, deſſen Umſtände ſich mit jedem Tage beſſerten, bekannt. Die Bekanntſchaft mit Eliſe hatte ihn wo möglich noch mehr angeſpornt, daher auch alle Erkundigungen Davids ſehr vortheilhaft ausfielen. — Auch Eliſen war durch des Vaters Einwilligung eine ſchwere Laſt vom Herzen gewälzt, nur fonnte ſie ſich, ſo lange ihr Geliebter nicht nach dem. Haag ge⸗ weſen war, um dem Prinzen das arge Komplott zu ent⸗ decken, nicht ungetrübt der Freude hingeben. Da er aber heute erklärke, daß morgen der erwünſchte Zeitpunkt, wo er mit ſeinen beiden Freunden Blanſaert ſich zum Statthalter verfügen werde, eintrete, ſo brachten die bei⸗ den Geliebten den Tag recht gemüthlich beiſammen zu. Am Morgen wohnten ſie in Waſſenaer dem öffent⸗ lichen Gottesdienſte bei, und David erklärte ihnen noch umſtändlich nach ihrer Zurückkunft ins Haus die gehaltene Predigt. Nach dem Mittageſſen begab ſich David wieder zur Kirche und war gar nicht erbaut, daß die beiden Geliebten unter einem anſcheinend gültigen Vor⸗ wande ſich dieſer religiöſen Feierlichkeit zu entziehen wußten. Sie zogen es vor, ihren ſüßen Träumereien nachzuhängen und Pläne für die Zukunft zu entwerfen. Die Herberge ſollte dann verkauft werden, und ſie wollten dem alten Vater den Abend ſeines Lebens ſo glücklich und ruhig wie möglich bereiten. Die Bibel mit grobem Drucke von Parthys ſeliger Mutter ſollte immer auf einem kleinen Tiſche am Kamine für ihn offen liegen, damit er, ſo oft er es wünſchte, darin leſen könnte. „Und wie wird unſer Wohlſtand und Anſehen,“— 249 ſagte Parthy—„noch gehoben werden, wenn ich dem Prinzen die wichtige Entdeckung gemacht habe.“ „Wollte Gott! Du wäreſt ſchon beim Statthalter geweſen,“— erwiederte Eliſe, welche durch die letzten Worte ihres Bräutigams ſehr ernſt wurde—„ach! Wilhelm! Du weißt nicht, wie ſchwer es mir auf dem Herzen liegt.“ „Sey doch nicht ſo kindiſch, Eliſe! Du ſiehſt alles von der ſchwärzeſten Seite an. Morgen oder ſpäteſtens übermorgen findet es Statt, und was könnte ſich wohl in dieſer kurzen Zeit noch zutragen, weßhalb Du Dich zu beunruhigen brauchteſt?“ Fliſe antwortete nicht, und ihre Heiterkeit war eine Zeitlang verſchwunden. Bald aber wußte ihr Ge⸗ liebter ihren Gedanken eine andere Richtung zu geben, und ſie verbrachten den Tag unter vertraulichen Geſprä⸗ chen, mit Plänen für die Zukunft beſchäftigt. Als Parthy ſich am Abend zur Abreiſe anſchickte, und mit Eliſen Hand in Hand dem alten Vater Lebewohl ſagen wollte, ſtreckte dieſer unwillkürlich ſeine Arme aus, und die Ge⸗ liebten warfen ſich vor ihm auf die Kniee. Er ſprach mit gerührter Stimme:„Glückſelig iſt der Menſch, deſſen Uebertretungen vergeben ſind; glückſelig der Gerechte, welcher des Herrn Wege geht! Wachet ſtets über Euch, meine Kinder! dann wird nach der Ausſprache des wei⸗ ſeſten der Könige in Iſrael der Tag Eurer Hochzeit Euch ein Freudentag ſeyn und bleiben.“ Einundzwanzigſtes Kapitel. Und galt es früherhin Muth und Kraft, Ptzt alle Kräfte zuſammengeraft, Sonſt ſcheitert das Schiff noch im Hafen. Körner. Während man von zwei Seiten beſchäftigt war, dem Statthalter die Umtriebe zu offenbaren, waren Mori⸗ 250 tzens Gedanken nur auf Emma gerichtet. Es war ihm, als ſey plötzlich der Zauber, welcher ihn eine Zeitlang umgaukelt hatte, von ihm gewichen, und es ſchwebten ihm jetzt nur die unausſprechlich glücklichen Zeiten vor, welche er von ſeinem früheſten Gedenken an mit ihr ver⸗ lebt hatte. Er verglich dieſe ungetrübte Ruhe mit der weder erklärlichen noch zu beſchreibenden Unruhe, welche ihn nachher, auch ſelbſt, wo er ſich in Klara's Beſitz ſo glücklich fühlte, verfolgte. Er klagte ſich ſelbſt heftig an, daß er ſeiner erſten Liebe untreu geworden wäre, und ſich durch die Erinnerung einer Erſcheinung, welche nur die fieberhafte Aufregung bei ihm erzeugte, ſo ſehr habe fortreißen laſſen. Freilich hatte Emma durch ihr Schreiben zuerſt das zwiſchen ihnen beſtehende Verhält⸗ niß aufgelöst, aber ſie konnte auch ſeinen Umgang mit Klara erfahren haben, und dadurch zu dieſem Schritte verleitet worden ſeyn. Daß ſie ihn aber noch eben ſo aufrichtig liebte wie früher, davon hatte ſie ihm den un⸗ widerſprechlichſten Beweis gegeben. Held hatte auf Moritzens Befehl Emma das beſte Zimmer ſeines Hauſes eingeräumt. Die leichte, durchaus nicht gefährliche Wunde war aufs beſte ver⸗ bunden und die Frau des Hauſes mit ihren beiden Töch⸗ tern erwieſen ihr die ſorgfältigſte Pflege. Während des Sonntags hatte Moritz nur zwei Mal auf wenige Augenblicke Emma, welche in ſeiner Gegenwart eine gewiſſe Verlegenheit empfand, die ſie umſonſt zu unterdrücken ſuchte, geſehen, und er konnte um ſo mehr ſeinen Gefühlen und Gedanken nachhängen. Ueberall und immer ſchwebte ihm Emma mit allen ihren Reizen vor, und wenn Klara's Bild ſich zuweilen da⸗ zwiſchen drängte, dann überzengte er ſich mit jedem Au⸗ genblicke mehr, daß deren Liebe andern Gefühlen unter⸗ geordnet ſey, und daß die brennende Begierde nach Rache vorherrſche, nach einer blutigen Rache, die einem weib⸗ lichen Gemüthe fremd bleiben müßte. Dann entbrannte wieder in ſeinem Herzen das heilige Gefühl, den Prinzen 251 von den Umtrieben in Kenntniß zu ſetzen, und er ſann. nach, wie dies am beſten anzufangen ſey. Zuvor wollte er ſich zu Klara begeben um ihr, wie er es früher Stoutenburg erklärt hatte, ſein Vorhaben mitzu⸗ theilen. In dieſer Abſicht begab er ſich gegen Abend in Klara's Wohnung, wurde aber unter dem Vorwande, das Fräulein befinde ſich nicht wohl, nicht vorgelaſſen. Sein Vorhaben jedoch blieb unerſchütterlich. Nachdem er in ſeine Wohnung zurückgekehrt war, erhielt er auf ſein Anſuchen wieder die Erlaubniß, Emma auf einen Augenblick beſuchen zu dürfen. Dieſe ſah ihn mit ihrem ſchönen, wenn auch durch den Schmerz gebleichten Ant⸗ litz an. Seine Gefühle überwältigten ihn. Laut ſchluch⸗ zend warf er ſich vor ihr nieder, drückte voll Rührung ihre Hand an ſeine Bruſt und rief aus:„Emma! kannſt Du mir verzeihen?“ Sie wandte ihr Antlitz ab, denn von Rührung fortgeriſſen, war ſie im Begriffe, in Thrä⸗ nen auszubrechen, und ſtammelte kaum hörbar: „Jetzt gehe, Moritz! Morgen wollen wir uns wiederſehen. Geh, ich bitte Dich!“ Moritz ging und ſchrieb in der Nacht, welche er faſt ſchlaflos zubrachte, folgende Zeilen an Klara: „Du haſt mich getäuſcht, Klara! Was ich ver⸗ muthete, iſt nur zu wahr. Man geht mit einem ver⸗ ruchten Unternehmen um, und war bemüht, mich auch gegen meinen Willen mit hinein zu verwickeln. Doch man hat ſich betrogen; meine Seele ſchaudert vor dem Unter⸗ nehmen, welches, wie es auch geſchehe, vereitelt werden muß, damit man einem Verbrechen zuvorkomme, deſſen ſchreckliche Folgen bald auf das Haupt der Verſchworenen zurückfallen werden. Bedenke dies wohl, Klara! ſo wie auch, daß ich im Beſitze der Mittel bin, das, was eine heilige Pflicht von mir fordert, auszuführen.“ Darauf überdachte er reiflich ſeinen Vorſatz, und ſah wohl ein, daß er nicht länger zögern dürfe, ihn in Ausführung zu bringen. Er ſchrieb einige Zeilen, worin er ausſprach, daß ein Zufall ihn mit dem Beſtehen einer 252 Verſchwörung bekannt gemacht habe, welche, obgleich er die Einzelnheiten nicht davon wiſſe, und keine Theilnehmer nennen könne, des Prinzen Leben hedrohten, und er bitte ihn inſtändigſt, dieſen ſeinen Wink nicht unbeachtet zu laſſen und die ſchrecklichen Folgen zu berückſichtigen, welche daraus hervorgehen könnten. Dieſen Brief ſandte er durch einen ſichern, ihm durch Held empfohlenen Mann nach dem Haag. Doch ſeine Unruhe ließ es nicht zu, es hierbei bewenden zu laſſen, und er begab ſich einige Stunden ſpäter, nachdem er Emma den Hausgenoſſen aufs angelegentlichſte empfohlen hatte, nach dem Haag, um ſich zu überzeugen, daß der Brief wirklich abgegeben ſey, und wenn es ihm nothwendig erſcheinen ſollte, ſich ſelbſt zu dem Statthalter zu begeben, obgleich er wohl einſah, daß er ſich dadurch in mifliche Angelegenheiten verwickeln würde. Gegen Mittag langte er im Haag an, und erſt etwas ſpäter gelang es ihm, den Boten ausfindig zu machen, der zwar erklärte, den Brief richtig in des Statt⸗ halters Hände überliefert zu haben, doch dieſer ſey im Begriffe geweſen, in den Wagen zu ſteigen, um nach Rys⸗ wyk zu fahren, und habe den Brief ohne ihn zu öffnen, beigeſteckt. Dieſer Bericht vermehrte noch ſeine Unruhe. Er ließ ſich ſogleich ſein Pferd vorführen und jagte dem Prinzen nach Ryswik nach, wo dieſer ein. Geſtüt hatte und ſich gern aufhielt. Er trat in der Witſen⸗ burg ab, und während er überlegte, wie er am beſten ſein Vorhaben ausführe, kam der Wirth in das Zimmer und ſagte zu ſeiner Frau, ohne Moritz zu beachten: „Der Teufel hole alle die großen Herren! ſie ſind ſo ver⸗ änderlich wie eine Wetterfahne. Noch ehe der Tag grauete, war ſchon des Prinzen Läufer mit dem Bericht hier, daß der Prinz den ganzen Tag hier bei ſeinen Holſteinern zubringen wollte, und Alles zu ſeinem Empfange bereit ſeyn müſſe, und nun iſt er kaum angekommen, ſo geht es Hals über Kopf wieder nach dem Haag zurü demſelben Augenblicke ſah man des Prinzen Wagen im ſchnellſten Trabe vorbeifahren. Kurz nachher traten ein paar Leute in größter Eil in das Zimmer, wovon des einen Geſicht trotz des kalten Wintertags mit Schweißtropfen überſäet war. Es waren Jerom Ewouts und Jan Faeſſen. Letzter ſprach indem er ſich abwiſchte: „Das wäre jetzt bis ſo weit gut ausgeführt, wofür ich dem lieben Gott danke. Der Schweiß brach mir aus, als ich mit dem Prinzen ſprach, und ich kann mich noch nicht wieder erholen. Nun müſſen wir uns beeilen, ſchnell weiter zu kommen. Doch zuvor einen fühlenden Trunk. Heda, Hospes! gebt uns etwas zu trinken!“ „Wir dürfen nicht ſäumen, Jan! Wir ſind nun mit Gottes Hülfe ſo weit gekommen, und müſſen weiter gehen. Man darf die großen Herren nicht auf ſich warten laſſen, beſonders wenn es ſich um ſo wichtige Nachrichten handelt, wie es hier der Fall zu ſeyn ſcheint; und au⸗ ßerdem müſſen wir einen weiten Umweg machen.“ Nachdem ſie den ihnen vom Wirthe gereichten Trunk zu ſich genommen hatten, entfernten ſie ſich ſchnell. Mo⸗ ritz hatte anfmerkſam ihre Worte mit angehört, und erinnerte ſich ſehr wohl, den einen in Slatius Hauſe geſehen zu haben, wie er unzufrieden war, nichts Nähe⸗ res zu erfahren, darauf das Haus verließ, und die Zu⸗ rückbleibenden ihm mit Beſorgniß nachſahen. Aus ihrer kurzen Unterhaltung konnte er ſchließen, daß ſie dem Prinzen Wichtiges mitgetheilt hatten, wodurch ſeine ſchnelle Abreiſe bewirkt wurde. Von der fürchterlichſten Unruhe gefoltert, kehrte auch er unverweilt nach dem Haag zurück. Jerom und Fae ſſen waren von den übrigen Boots⸗ knechten, da ſie das Wort gut führen konnten, wirklich abgeſchickt worden, dem Prinzen den Anſchlag zu entde⸗ cken. Da ſie gegen Mittag den Prinzen im Haag nicht trafen, ſo begaben ſie ſich eilig nach Ryswyk. Sie wurden ihrem Wunſche gemäß zu einer geheimen Audienz 254 vorgelaſſen, wo Faeſſen mit wenigen Worten ſo viel er von den Umtrieben wußte, erzählte, und zeigte die bedeutenden Summen Geldes, welche man ihnen für das Verſprechen, daran Theil zu nehmen, eingehändigt habe. Da man ihnen aber weiter nichts habe mittheilen wollen, als daß der Anſchlag zum Heile des Vaterlandes diene, ſo hätten ſie geargwöhnt, daß wan ſie zu Voll⸗ führung eines Verbrechens gebrauchen wolle. Sie wünſchten daher zu wiſſen, ob der Prinz dies Vorhaben kenne und ob ſie mit ruhigem Gewiſſen daran Theil nehmen dürften. Der Statthalter richtete noch mehr Fragen an ſie, die ſie aber nicht beantworten konnten, nur fügten ſie noch hinzu, daß ſie eine Kiſte, ſie glaubten mit Waffen ange⸗ füllt, von Rotterd am nach dem Haag gebracht und dort in dem Helm abgeliefert hätten, wo noch drei Ma⸗ troſen wären, die man ebenfalls zu dieſem Unternehmen verdungen habe. Der Prinz befahl ihnen, ſich auf einem Umwege ſogleich nach dem Haag zu begeben, und ſich dort ohne Zeitverluſt zu ihm zu verfügen. Unterwegs erinnerte ſich der Prinz erſt wieder, dieſen Morgen von einer unbekannten VPerſon einen Brief ange⸗ nommen zu haben. Er eröffnete und las ihn alsbald, und deſſen Inhalt beſtätigte ihm noch mehr die Ausſage der Matroſen. Dieſe verfügten ſich, ſobald ſie auf dem ihnen bezeichneten Wege im Haag angekommen waren, und nachdem ſie ihren Kameraden den Erfolg ihrer Au⸗ dienz mitgetheilt hatten, zu dem Prinzen. Unterdeſſen wurden die kräftigſten Maßregeln zur Auflöſung dieſes verhängnißvollen Geheimniſſes getroffen. Wir übergehen ſie und verfolgen nur den Faden unſrer Erzählung. Cornelius Gerrits wurde ſogleich feſtgeſetzt. Van Dyk, welcher nach Stoutenburg den wirkſam⸗ ſten Antheil an der Verſchwörung gehabt haben ſoll, ent⸗ kam augenblicklich ſeinen Verfolgern, und ſetzte Stou⸗ ten burg von dem Vorgefallenen in Kenntniß, welcher ſich im Hauſe ſeiner kranken Mutter aufhielt, und glück⸗ lich noch an demſelben Tage Rotterdam erreichte. Hier war aber auch gegen Abend die Nachricht von der Verſchwörung eingetroffen, und es wurden auch ſogleich alle Ausgänge beſetzt. Moritz war von Ungeduld ent⸗ brannt, nach Rotterdam zurückzukehren, um ſich über Klara's Schickſal Auskunft zu verſchaffen. Es gereichte ihm zur Beruhigung, daß außer Stoutenburg Niemand ſie kenne, noch ihren Namen wiſſe. Auf dem Wege dort⸗ hin wurde er von einer Abtheilung Bewaffneter ange⸗ halten, doch der Zufall wollte, daß ſich Leute darunter befanden, die ihn und ſeine Eltern gut kannten, und er durfte ungehindert weiter reiten. Gegen acht Uhr Abends hatte er Rotterdam und ſeine Herberge, die gol⸗ dene Hellebarde erreicht. Ein Blitzſtrahl traf zuletzt mein langgetrübtes Auge, und jetzt erſt erkannte ich mich wieder. Die ſchon aus dem Haag angelangten Nachrichten hatten außer den Stammgäſten noch eine große Anzahl Anderer im Gaſtzimmer verſammelt. Nachdem Moritz genaue Erkundigung über Emma's Befinden, welche am Tage zuvor leichte Fieberanfälle gehabt, eingezogen und gute Berichte erhalten hatte, beſchloß er ſich auf kurze Zeit in das Gaſtzimmer zu begeben, um zu erfahren, was ſchon hier von den Umtrieben bekannt ſey. Bei ſeinem Eintreten wurde ihm ſogleich am Heerde ein guter Platz angewieſen. Alle beobachteten einen Augenblick ein geheimnißvolles Stillſchweigen und hofften von Moritz, der, wie ſie wußten, aus dem Haag kam, etwas Neues zu erfahren. Da dies aber nicht erfolgte, ſo fragte ihn van Thienen, welcher ſich durch den Vorfall am vo⸗ rigen Abend einigermaßen dazu berechtigt glaubte, was man denn ſo eigentlich im Haag von den Umtrieben, welche ſich auch ſchon hier wie ein Lauffeuer verbreitet hätten, ſage. 256 „Wenig, was Ihr nicht auch ſchon wißt.“— ant⸗ wortete Moritz—„Ihr werdet gehört haben, daß eine Verſchwörung gegen des Prinzen Leben angezettelt, glück⸗ licherweiſe aber ans Licht gefördert worden iſt. Die ein⸗ zelnen Umſtände davon kennt man im Haag jetzt noch eben ſo wenig als hier.“— „So viel wiſſen wir hier auch“— ſagte van Thie⸗ nen—„und noch weit mehr. Man hat den Pallaſt der Stände im Augenblicke, wo die Generalſtaaten verſammelt waren, in die Luft ſprengen wollen. Iſt es nicht ſo?“ „Ich muß Euch erklären, daß ich von einem ſolchen Plane nichts gehört habe,“— ſagte Moritz. „Es wird leider nur zu wahr ſeyn,“— erwiederte ein Bürger—„Der Meiſterknecht aus einer hieſigen Brauerei wollte gerade vom Haag zurückkehren, als die erſte Nachricht ſich verbreitete. Um etwas Umſtändliche⸗ res zu erfahren, trieb er ſich noch ein wenig in der Nähe des Schloſſes umher. Da hat er ſelbſt eine Verwandte geſprochen, die ſchnippiſche Trine, wie ſie allgemein heißt— und ich kenne ſie auch recht gut, es iſt zwar ein eingebildetes Frauenzimmer, aber mit Lügen befaßt ſie ſich nicht, welche ihm ſagte, daß ihres Mannes Bru⸗ der, der einen Vetter unter den Stallknechten des Fürſten hat, von dieſem die Sache ganz genau gehört habe. Außerdem hat er die Arbeiter geſehen, welche das Schieß⸗ pulver, das unter dem Schloſſe heimlich verſteckt war, wegſchaffen mußten. Darauf habe er ſich ſogleich zu Pferde geſetzt, und ſey ſpornſtreichs hierher geritten; ich glaube, obgleich er nichts davon hoͤren will, er war bange daß das Pulver Feuer faſſen könne, und er mit in die Luft flöge. So eben verläßt er dies Zimmer und hat uns Alles haarklein erzählt.“ „Auch erzählt man,“— ſagte der Wirth—„daß viele Menſchen hier aus der Stadt zu dem Komplotte gehören ſollten; und dies glaub ich um ſo eher, da Mel⸗ chior nicht hier iſt. Jetzt gibt es Wild aufzuſpüren — v— — ——————— — S—— 257 und da muß der Deichgraf mit ſeinen Spürhunben bei der Hand ſeyn.“ „Er war aber geſtern Abend auch nicht hier,“— erwiederte der Veteran—„und da wußte man noch nichts von der Sache.“ „Geſtern Abend,“— antwortete Held—„hatte er ſeinen Rauſch noch nicht ausgeſchlafen und über ſeine Niederlage beſchämt, wagte er nicht, ſeinem Beſieger unter die Augen zu treten.“ 6 „O! das iſt bereits vergeſſen, aber zu Faſtnacht werde ich ihn wieder an den verſpielten Rheinwein erinnern.“ Indem er noch ſo ſprach, trat Melchior eiligſt ins Zimmer und forderte einen Becher Wein. Er wies den ihm angebotenen Stuhl zurück und ſprach: „Ich habe nur einen Augenblick Zeit, und bin mit Geſchäften überhäuft. Ihr habt doch die wichtige Neuig⸗ keit gehört?“ „Ja, ja! aber erzählt uns etwas Umſtändlicheres,“ riefen mehrere Stimmen zugleich. „Was ſoll ich Euch ſagen, meine Augenblicke ſind gezählt, aber wenn ich auch Zeit hätte, ſo würde ich doch keine Worte finden, Euch alle Gräuel zu beſchreiben. Welch ein vernichtender Schlag bedrohete das Vaterland! Aber hab ich es Euch nicht ſchon lange vorausgeſagt,— daß uns große Dinge, Elend und Trübſal bevorſtünden?“ „Aber was iſt denn ſo eigentlich vorgefallen? wollte man den Prinzen ermorden? Den Pallaſt in die Luft fliegen laſſen? Hat man die Feinde wieder ins Land rufen wollen?“ Dieſe und hundert andere Fragen wurden in dieſem Augenblicke von allen Seiten an Melchior ge⸗ richtet, der ſich ſelbſt und auch andern jetzt wichtiger er— ſchien als je. „Ja, ja! Das Alles, meine Freunde! und noch vielmehr. Als ich es vernahm, ſtiegen mir die Haare zu Der Schutzgeiſt. II. 17 6 258 Berge und vox faucibus haesit. Noch habe ich mich nicht wieder beruhigen können. Und was noch das Fürch⸗ terlichſte von der ganzen Sache iſt, man behauptet, und leider mit Recht, daß unſre gute Stadt der eigentliche Heerd dieſer gottloſen Pläne iſt. O patria et melita quondam moenia!“ rief er in einer theatraliſchen Hal⸗ tung aus, indem er ſeinen Becher leerte, und ſich zum Weggehen vorbereitete. „Nur noch einen Augenblick, Melchior!“— ſagte van Thienen von Neugierde getrieben in einem freund⸗ lichern Tone als ſonſt—„und erzählet uns noch mehr. Haben auch hieſige Eingeſeſſene an dieſen Gräueln Theil genommen?“ „Sowohl Hieſiche als Auswärtige haben ſich zu⸗ ſammen gerottet, aber hier haben die Gottloſen ihre Zu⸗ ſammenkünfte gehalten, und Einwohner dieſer Stadt ſind ihnen dazu behulflich geweſen.“ „Söhne des ehemaligen Groß⸗Penſionärs ſollen die Verſchwörung geſtiftet haben,“— ſagte einer der Bürger— „und man ſoll ſie ſchon gefänglich eingezogen haben.“ „Ja, nein,“— erwiederte Melchior—„doch es ſind ganz gewiß die Arminianer, welche dieſen Gräuel ausgedacht und ausgeführt haben. Auch viele ihrer Prediger, welche wie ich ſtets behauptete ſich in dieſer Stadt zu verbergen wußten, haben den Plan ge⸗ ſchmiedet. Der Prinz verfuhr zu gelinde gegen ſie, nun ſehen wir die Folgen. Doch der Deichgraf erwartet mich, es wird eine unruhige Nacht geben; Hausſuchun⸗ gen und Gefangennehmungen werden vorgenommen wer⸗ den, und der Gerichtshof von Holland wird bald hier ſeinen Sitz nehmen und die Scharfrichter werden mehr zu thun bekommen, als zu Al ba's Zeiten. Guten Abend, meine Freunde! Guten Abend!“ Mit dieſen Worten ver⸗ ließ er, eine wichtige Miene annehmend, eiligſt das Gemach. Alle ſahen ihm gewiſſermaßen fragend, und nicht wie ſonſt mit einem verächtlichen Blicke nach, nur van — Thienen brummte in ſich:“ Guardete dios del Diablo y del Escrivano! 2 Moritz, wenn auch in Gedanken ſtets für Klara's Sicherheit bedacht, hörte doch nicht ohne Intereſſe dieſe Unterhaltuug mit an. Sobald ſich aber Melchior entfernt hatte, und er auch ſchon im Begriffe ſtand ſein Vorhaben auszuführen, wurde ihm von Held ein Brief überreicht, der ihm ſo eben eingehändigt worden war. Moritz erkannte Klara's Hand, begab ſich auf ſein Gemach, öffnete ihn und las folgendes: „Wenn Du dieſe Zeilen leſen wirſt, Moritz, dann iſt die Unglückliche, welche ſie ſchrieb, ſchon aus Deiner Nähe verſchwunden. Die düſtere Erſcheinung, welche die Ruhe und das Glück Deines Lebens zerſtörte, wird ſich fortan nicht mehr auf Deinem Lebenswege zeigen, um durch die dunkle Nacht, welche ihr eigenes trübſeliges Leben um⸗ gibt, den klaren Sonnenſchein des Deinigen zu umnebeln. Du liebteſt, Moritz! und Du wurdeſt wieder geliebt — o! ich bezweifle es nicht— mit der zärtlichſten, feu⸗ rigſten Liebe, die je in dem Herzen eines Weibes wohnte. Da fuͤhrte das Schickſal mich auf den Pfad Deines Lebens; Erinnerungen aus früherer Zeit, längſt aus Dei⸗ ner Seele verwiſcht, tauchten lebendig wieder auf; ein nicht zu erklärender Zufall ſchien das Band, welches Dich mit einer Andern vereinigte, loszureißen, und— Du glaubteſt mich zu lieben. Doch man mußte es Dir verzeihen, da ſich Dir wieder eine Erſcheinung zeigte, die einſt Deine fieberhafte Phantaſie ſo ſehr in Anſpruch ge⸗ nommen hatte: aber ich, in deren Seele ſchon ſeit lan⸗ ger Zeit keine anderen Gefühle als die der Verzweiflung, des Haſſes und der Rachſucht wohnten, auch ich war thoricht genug zu glauben, daß die Seele noch für zartere Empfindungen, für Liebe und häusliches Glück empfäng⸗ lich ſey. Nichts kann dieſen traurigen Irrthum bei mir S 17 260 eutſchuldigen. Doch die Binde, welche die Stimme mei⸗ nes eignen Herzens, und Deine Worte bei unſter letzten Unterhaltung ſchon wegzunehmen droheten, iſt mir heute plötzlich und auf immer abgeriſſen. Deutlicher und heller als das Licht des Tages habe ich jetzt die feſte innige ueberzeugung, daß ich Dich nicht liebte, daß ich Dich nie lieben konnte! In einem Herzen wie das meinige, mit ganz anderen Empfindungen angefüllt, war für die Liebe kein Raum mehr. Auch Du wirſt es einſehen, Dein eig⸗ nes Herz wird es Dir ſagen, daß die Gefühle, welche Du gegen mich hegteſt, keine Liebe waren, wie Du ſie einſt Deiner Emma zutrugeſt; und— wenn Du Dein Herz gehörig prüfſt, ſo wirſt Du finden, daß ich die Wahrheit rede— ihr noch zuträgſt. Die Ereigniſſe die⸗ ſer letzten Tage ſind mir bekannt. Ich weiß es, daß ſie ſich in Deiner Nähe befindet. Sie iſt die Deinige, Mo⸗ ritz! ſie iſt es geblieben, auch in Mitten dieſer heilloſen Verblendung, deren Beute wir Beide wurden, und die jetzt auf immer geſchwunden iſt. Nur ſie, ja ſie allein haſt Du ſtets geliebt. Bemühe Dich das zu vergeſſen, was ſich in den letzten Wochen und Monaten zutrug.“ „Auch die Ereigniſſe dieſes Tages ſind mir bekannt; alle unſere Rachepläne find zuſammengeſtürzt. Es freut mich,— ich kann ſelbſt nicht ſagen, warum— daß es ohne Dein Dazuthun geſchehen iſt. Muß ich mich über dieſe Vereitelung des höchſten Zieles meines Lebens be⸗ trüben oder erfreuen? Ich weiß es nicht, aber ich kann nicht länger geregelt denken. Es iſt mir, als verzehre ein ſtarkes Feuer mein Gehirn und mein ganzes Daſeyn. O Gott! ich ſchaudre nicht einmal zurück bei dem Ge⸗ danken an die Ströme Blutes, welche dieſe Entdeckung wird fließen laſſen.“ „Anfangs wurde ich, ſo wie Du irre geführt, und der eigentliche Zweck der Verſchwörung blieb mir verbor⸗ gen. Nie iſt es mir in den Sinn gekommen, daß eine ſo grauſame That ausgeführt werden ſollte, obgleich ich es gewiß hätte denken müſſen, daß es dahin käme, wenn ich nur den blutdürſtigen Charakter des Mannes, der an der Spitze des Blutbundes ſtand, berückſichtigt hätte. Und als mir der blutige Entwurf in allen ſeinen Ein⸗ zelnheiten mitgetheilt wurde, da konnte, wollte ich nicht mehr zurücktreten. Jetzt reiſe ich von hier ab. Wenn es des Himmels Wille iſt, dann wirſt Du mich noch ein⸗ mal, aber auch zum letztenmale wiederſehen, um die Auf⸗ klärung zu erhalten, welche Dir über die früheren Schick⸗ ſale einer Unglücklichen zugeſagt ſind, welche dem Himmel dankt, daß Du vor dem klaffenden Abgrunde bewahrt blie⸗ beſt, der ſich Dir ſo nahe öffnete. Lebe wohl!“ Mehreremale las Moritz dieſen Brief, und obgleich verſchiedenartige Gefühle ihn bewegten, ſo mußte er ſich doch zuletzt eingeſtehen, daß Klara nur die Wahrheit geſchrieben hatte. Seine innigſte Theilnahme konnte er ihr nicht verſagen. Für ihre Sicherheit nur bedacht, wurde er unwiderſtehlich nach ihrer Wohnung hingezogen, wo er aber den Bericht erhielt, daß das Fräulein ſeit einer Stunde die Stadt verlaſſen habe. Alle übrigen Erkundigungen blieben fruchtlos. Noch an demſelben Abend ſah Moritz auf wenige Augenblicke Emma, deren Geſundheit unter der freund⸗ lichen Pflege der Hausgenoſſen mit jedem Augenblicke zunahm. Als am folgenden Morgen Moritz wieder Zutritt bei ihr erhielt und knieend, ihre Hand mit heißen Thränen benetzend, um Verzeihung bat, da wurde ihm die Ueberzeugung, daß er noch eben ſo innig geliebt würde wie früher, und die Hoffnung auf eine ſchöne Zukunft belebte wieder ſein Herz. Auf Emma's Wan⸗ gen ſtellte ſich allmählig die liebliche Röthe wieder ein, und die ſo lange von ſchmerzlichen Thränen getrübten Augen nahmen wieder ihren früheren Glanz an oder waren mit Thränen der Freude benetzt. An demſelben — 3 262 Morgen, kurz vorher, ehe Moritz ſie beſuchte, hatte ſich ihr ſchon eine andere Erſcheinung gezeigt, deren trö⸗ ſtende und heilverkündende Worte ihre Seele mit der innigſten Freude erfüllt hatten. hmſonſt bemühete ſich Moritz, näheren Aufſchluß zu erhalten, ſie ſagte nur: „Der wird Dir werden, doch nur theilweiſe aus meinem Munde. Eine andere wird Dir Alles, was Du nur wünſchen kannſt, mittheilen, und das vielleicht ſchon in wenigen Augenblicken.“ Emma, welche unn ganz hergeſtellt war, ſprach den Wunſch aus, nach dem Haag zu reiſen. Moritz⸗ der nichts eifriger wünſchte, weil ſeine Eltern gewiß ſei⸗ netwegen beſorgt waren, traf die nöthigen Anſtalten, und nachdem ſie von den Wirthsleuten einen herzlichen Ab⸗ ſchied genommen hatten, traten ſie ihre Reiſe an. „Habe ich Dir nicht immer geſagt, Gertrude!“ — ſprach Held zu ſeiner Frau—„daß mehr dahinter ſteckt, als wir vermuthen konnten. Ich glaube, daß wir bald Nähetes darüber erfahren werden.“ Bald hatten die beiden Liebenden den Haag erreicht, und Moritz eilte mit ſeiner wiedergefundenen Braut in das elterliche Haus. Die wichtigen Entdeckungen des vorigen Tages hatte das Herz der Eltern mit einer un⸗ erklärlichen Unruhe erfüllt. Sie kannten den unterneh⸗ menden, ja oft unbedachtſamen Charakter ihres Sohnes, ſowie ſeine Geſinnungen gegen den Statthalter, und ob⸗ gleich ſie überzeugt zu ſeyn glaubten, daß er an einem ſo fluchwürdigen ünternehmen nie Antheil nehmen würde, ſo gönnte doch die Möglichkeit, daß er auf irgend eine Weiſe mit hinein verwickelt ſeyn könnte, dem elterlichen Herzen keinen ruhigen Augenblick. Seine anhaltende Abweſenheit, und die düſtere, unruhige Gemüthsſtimmung, welche ſie bei ſeinen letzten flüchtigen Beſuchen an ihm bemerkt hatten— dieß Alles und der verhängnißvolle Fluch, welcher auf ihrer Familie ruhete, erfüllte ſie mit Entſetzen. Unbeſchreiblich war daher ihre Freude, als ſie den geliebten Sohn ſo plötzlich vor ſich ſahen; und nicht minder, daß die ſo geheimnißvoll verſchwundene Emma ſich zu gleicher Zeit ihren Augen zeigte. Sie bemerkten bald, daß das Verhältniß der jungen Leute, welches ſie längſt aufgelöst hielten, noch eben ſo innig war als frü⸗ her. Dieſe Entdeckung erfüllte ihr Herz mit der reinſten Freude.: Nachdem das erſte Gefühl der Ueberraſchung gewi⸗ chen und die vielen Fragen der glücktichen Eltern, wenn auch nicht ganz befriedigend beantwortet waren, faßte Moritz ſeiner Geliebten Hand und ging mit ihr zu ſei⸗ nem Vater, veſſen Auge wohlgefällig auf dem jungen Paare ruhete. Darauf ſanken ſie beide vor ihm auf die Kniee und baten mit gerührter Stimme um ſeinen vä⸗ terlichen Segen. „Gott ſegne Euch, meine Kinder!“— ſprach der Vater tief bewegt, während ſeine Gattin neben ihn trat und ihren Arm um ſeinen Hals ſchlang—„ſeyd glück⸗ lich in gegenſeitiger Liebe und möge jede Trübſal durch Gottes Güte von Euch abgewandt werden!“ Kaum hatte er dieſe Worte ausgeſprochen, als eine Stimme in ihrer Nähe mit einem feierlichen Tone: „Amen!“ ſagte. Alle ſahen ſich erſtaunt um, und vor der geoffneten Thür zeigte ſich Tekla's ehrwürdige Ge⸗ ſtalt. Die beiden jungen Leute, welche wieder aufgeſtan⸗ den waren, äußerten nicht dieſelbe Verwunderung, welche dieſe Erſcheinung bei den Eltern, die ſie nie zuvor geſe⸗ hen hatten, hervorbrachte. Beſonders war der Vater auf eine ſeltſame Weife bewegt, es war ihm, als höre er dieſelbe Stimme, welche vor beinahe dreiundzwanzig Jahren, am Abend des Tages, wo ſein Sohn zur Taufe gehalten worden war, in demſelben feierlichen Tone ſein Gebet für das Wohl ſeines Sohnes bekräftigt hatte. 264 Lange Zeit herrſchte eine tiefe Stille im Gemache, und ein Jeder erwartete mit geſpannter Sehnſucht die Auf⸗ klärung dieſer plötzlichen Erſcheinung. Da trat die Alte in das Zimmer, näherte ſich der ſo erwartungsvollen Gruppe, und ſprach mit bewegter Stimme:„Der lang erwartete Zeitpunkt iſt endlich erſchienen, und das trau⸗ rige Geheimniß meines Lebens ſoll Euch jetzt entſchleiert werden. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Drückend iſt des Laſters Joch Schwer ſind ſeine harten Bande Und der Sünder wählt ſie doch, Taumelnd an des Abgrunds Rande; Bei der tiefſten Sklaverei Duͤnkt der Thor ſich groß und frei! Niemeier. Ehe wir Tekla's intereſſante Erzählung unſern Leſern mittheilen, müſſen wir uns zuvor mit den wichtigen Ereigniſſen, welche in Vater Davids Wohnung vor⸗ fielen, bekannt machen. Eliſe haite ſich, ſeit ihr Vater in ihr Geheimniß eingeweiht war, und es gebilligt hatte, den ſchönſten Hoffnungen hingegeben. Die frühere Röthe ihrer Wangen hatte ſich wieder eingeſtellt, und ihre Augen ſtrahlten von einem lieblichen Feuer. Ihres Va⸗ ters Zuneigung zu ihrem Geliebten erfüllte ſie mit der reinſten Freude, und ſie ſchmeichelte ſich mit dem wohl⸗ gefälligen Gedanken, wie Parthy durch die Offen⸗ barung des blutigen Anſchlags vom Prinzen belohnt, und in eines Jeden Anſehen, beſonders dem ihres alten Vaters ſteigen würde. Jede Furcht, wodurch ſie früher ſo oft beängſtigt wurde, war gewichen, denn noch heut Abend oder Morgen ſehr früh wollte ihr Geliebter mit ſeinen beiden Freunden das wichtige Vorhaben ausführen. 265 Es war, als ſolite der Schlag der ſie treffen ſollte, ihr ſo lange als möglich verborgen bleiben. Der ganze Montag, für ihren Geliebten und ſo viele andere ſo ver⸗ hängnißvoll, verging, ohne daß ſie das Geringſte erfuhr, obgleich ſchon am Abend ein Reiſender ihrem Vater die Entdeckung der Verſchwörung erzählte. Eliſe war nicht zugegen, und David war über die Nachricht höchſt erfreut, wollte jedoch zuvor nähere Beſtätigung haben, ehe er es ſeiner Tochter mittheilte. Dieſe begab ſich zur Ruhe und träumte von einem Glücke, das ſchon auf die jam⸗ mervollſte Weiſe auf ewig vernichtet war. Am folgenden Morzen waren Vater und Tochter wie gewöhnlich ſchon vor Tagesanbruch in ihrem ge⸗ wohnten Wirkungskreiſe. Während Eliſe in der Küche beſchäftigt war, wurde durch einen vorübergehenden Fuhr⸗ mann dem Vater die Nachricht beſtätigt, und noch hin⸗ zugefügt, daß einige Matroſen dem Prinzen den Anſchlag offenbart hätten. David zweifelte nicht mehr, daß es Jerome und ſeine drei Gefährten ſeyen, und er begab ſich ſogleich in die Nähe, um ſeiner Tochter den harten Schlag beizubringen.„Sieh“— ſagte er lächelnd— „ſieh, Eliſe! jetzt wirſt Du das bitter bereuen, daß Du Deinen wackern Vetter Jerom ſo ſchnöde abge⸗ wieſen haſt. Wer weiß es, was Du für eine vornehme Frau geworden wäreſt, wenn Du ihn zum Manne ge⸗ nommen hätteſt.“ „Ich glaube es gern, Vater!“ erwiederte Eliſe, welche wohl an ihres Vaters Zügen ſah, daß er mit ihr ſcherze—„daß Jerome ein wackrer Matroſe iſt, und warum ſollte er nicht einmal Kapitän oder gar Admiral werden? So etwas hat man ſchon mehr erlebt.“ „So lange braucht er nicht zu warten, um ſein Glück zu machen; ich ſage Dir, der Junge iſt ſchon für ſein ganzes Leben geborgen, und Du könnteſt jetzt ſchon, wenn Du ſeine Frau wäreſt, ſein Glück theilen.“ 266 „Nun, es freut mich herzlich, daß ihm jetzt ſchon ein ſo großes Glück geworden iſt, obgleich ich noch nicht e wie? hat er vielleicht einen Schatz ge⸗ oben?“ „Nichts der Art! mit ſolchen Teufelskünſten gibt ſich der Junge nicht ab. Er hat dem Vaterlande und dem Prinzen einen nicht zu berechnenden Dienſt geleiſtet, und daher wird er unter den Menſchen groß ſeyn.“ „Redet Ihr ernſtlich, Vater! oder wollt Ihr Eure arme Eliſe aufziehen?. „Was ich Dir ſage, mein Kind! das iſt die reine Wahrheit“— ſprach David ernſtlich—„Du weißt, daß ich mir auch nicht einmal im Scherze eine Unwahr⸗ heit erlaube; außerdem wird ſich bald das Gerücht, was er that, durch das ganze Land, ja die ganze Welt ver⸗ breiten. Er hat vom Prinzen und dem Vaterlande große Gefahren abgewandt.“ „Aber um Gotteswillen, Vater! ſagt nur was ſich und welche Gefahren Jerom abgewandt „Höre, Eliſe! und zittre über die Bosheit der Gottloſen, und danke es dem Himmel, daß der Mann, welchen Du Dir ausgewählt haſt, von ihren Berathun⸗ gen, die nur zu Verrath und Todtſchlag und zu allen erdenklichen Gräueln führen, frei blieb. Mnter den Ver⸗ worfenen, welche ſich nach den Irrlehren des Arminius benennen, iſt der allerabſcheulichſte Anſchlag geſchmiedet worden, den Prinzen, die Herrn⸗Staaten, und alle recht⸗ denkenden Leute auszurotten, und ſie redeten mit einan⸗ der, wie die Heiden von dem Propheten ſagten:„Laßt uns den Baum mit ſeiner Frucht vernichten, und laßt uns ihn aus dem Lande der Lebendigen ausrotten, damit ſein Name vergeſſen werde!“ „Um Jeſuswillen, Vater!“— rief Eliſe in der ſchrecklichſten Angſt aus—„hat Jerom den Anſchlag ans Licht gebracht?“ — * 267 „Gewiß, Kind!“— antwortete David über den leidenſchaftlichen Ausruf ſeiner Tochter ganz erſtaunt— „Ihn hat der Herr auserkohren, um durch den Athem ſeiner Lippen ein ſo grauſames Verbrechen zu vereiteln. Aber was fehlt Dix, Eliſe?“ fügte er beſorgt hinzu, als ſeine Tochter eine Todtenbläſſe annahm, und ſich kaum mehr aufrecht halten konnte. „Dann möge Gott ſich meiner erbarmen! Dann bin ich rettungslos für Zeit und Ewigkeit verloren!“ Sie wollte ſich am Tiſche halten, fiel aber wie leblos te nieder, indem ſie ausrief:„O Jeſus! ich erbe!“ David ſprang höchſt erſchreckt von ſeinem Sitze auf, und konnte nicht begreifen, wie ſeine Worte einen ſolchen Zuſtand bei Eliſen hatten hervorbringen kön⸗ nen. Er rief die Magd herbei, um dem unglücklichen Mädchen Beiſtand zu leiſten. Allmählig erlangte ſie ihr Bewußtſeyn wieder, aber nur um ſich der ihr ſo eben gemachten Mittheilung zu erinnern, und fragte ihren Vater mit unſicherer und zitternder Stimme: „Iſt es Wahrheit, was Ihr mir ſagtet? Iſt der Anſchlag ſchon von Jerom verrathen?“ „Ganz gewiß, mein Kind! Doch Du ſollteſt Dich freuen, daß ein ſo ſchauderhaftes Verbrechen vereitelt und ans Licht gebracht iſt; und daß unſerem lieben Ver⸗ wandten, dem wackern Jerome die Ehre zu Theil ge⸗ worden iſt.“ „O Vater! Ihr wißt nicht, was Ihr ſagt. Ihr könnt nicht vermuthen, wie ſehr Eure Worte meine Seele durchbohren. Wilhelm iſt mit... o Gott im Him⸗ mel! ich weiß nicht was ich ſage. Ach! was ſoll aus ihm, was ſoll aus mir Unglücklichen werden?“ David fürchtete für den Verſtand ſeiner Tochter, nachdem aber die Magd ſich wieder entfernt und Eliſe mit bebender Stimme ihrem Vater erzählt hatte, was 268 wir bereits wiſſen, da war er von Schmerz überwältigt und ſagte: „O Eliſe, Eliſe!— was haben Deine Lippen mir verkündigt! Der Mann, welchen ich in mein Haus aufgenommen habe, zu dem mein Herz durch eine be⸗ ſondere Zuneigung ſich hingezogen fühlte, den ich vor Gottes und der Welt Auge zu Deinem Ehemann aus⸗ erwählt hatte— er gehört zu den Männern des Bluts und des Betrugs, welche der Herr verabſcheut. Er will gegen die gen Iſrael geſandten, gegen die Männer nach dem Herzen Gottes, das gottloſe Schwert erheben!“ „Nein, Vater, nein! ich ſagte Euch ja, daß er die geheimen Berathungen der Gottloſen kennen lernen, und ſie dann an's Licht bringen wollte. Dies ſollte noch heute geſchehen. Ach! daß man ihm darin zuvorkommen mußte! O Vater! um Gotteswillen helfet und rathet!“ „Ich kann nicht rathen, und Hülfe iſt nur bei dem, der mächtig iſt im Himmel! Wer wird ihm jetzt noch Glauben ſchenken. Er wird verurtheilt werden, denn die weltlichen Richter können nicht wie der himmliſche, Herzen und Nieren prüfen; die Richter werden ausru⸗ fen: er ſagt Lügen, um das Leben, was er verwirkt hat, zu verlängern. Und die Menſchen werden dem alten David auf dem Wege ausweichen, und ſagen: Dieſer hat ſeine Tochter, ſein eigen Fleiſch und Blut den Kindern Belials verpfändet, die ein Gräuel ſind im Auge des Herrn, und allem Fleiſche ein Ekel. Jcabod! Jeabod! Die Herrlichkeit iſt aus meiner Wohnung ge⸗ wichen!“ „Wenn denn keine Rettung mehr möglich iſt, ſo muß er fliehen, weit von hier, wo die Rache den Un⸗ ſchuldigen nicht erreichen kann.“ „Ja, laß ihn fliehen,“— ſprach David—„ſo weit ſeine Füße ihn tragen können: denn hier iſt das Schwert über ihn aufgehoben. Doch wohin wird er ſich 269 3 vor den Augen ſeiner Verfolger retten können? Wo wird man nicht das Kennzeichen auf ſeiner Stirne wahrneh⸗ men. O daß meine Augen ſich vor dem Lichte des Him⸗ mels ſchließen möchten, ehe ich dieſe Schande erlebe! Ja alle meine Freude iſt in Trübſal verwandelt!“ Mit unſicherm Schritte verließ der alte Mann das Gemach, um ſich in ſein einſames Kämmerlein zu ver⸗ ſchließen, und ſeinen religiöſen Betrachtungen ungeſtört nachzufinnen. Eliſe wollte ſich auf die Kniee werfen und beten, aber zum erſten Male in ihrem Leben konnte ſie es nicht. Mit jedem Augenblicke ſah ſie der Ankunſt ihres Geliebten entgegen, und mit wankendem Schritte gin ſie zu der Hausthür, um zu ſehen, ob er noch nicht omme. Durch ein wunderbares Zuſammentreffen der Um⸗ ſtände hatte Parthy und ſeine beiden Gefährten von der Entdeckung des Geheimniſſes nichts erfahren. Noch vor Tagesanbruch hatten ſie Leyden verlaſſen, und kamen wohlgemuth und unbeſorgt, während Eliſe noch in Todesangſt vor der Thüre ſtand. Kaum hatte Par⸗ thy ſie bemerkt, ſo eilte er ſeinen Kameraden voraus, auf ſeine Geliebte zu. Noch hatte er ihre Todesbläſſe nicht bemerkt, ſo rief ſie ihm ſchon zu:„Alles, alles iſt entdeckt; Du biſt verloren; zögere keinen Augenblick länger, fliehe, fliehe!“ Kaum konnte er die Worte her⸗ vorbringen:„um Gotteswillen, Elife! was ſagſt Du? Du täuſcheſt Dich!“ Nur an die Gefahr denkend, welche ihrem Geliebten drohete, raffte das unglückliche Mädchen Kräfte und Muth zuſammen, und erzählte mit wenigen Worten, ſo viel ſie von der Entdeckung wußte, und da Parthy hörte, daß Jerom und ſeine Kameraden das Werk voll⸗ führt hätten, zweifelte er nicht länger, und ſah ein, daß nur die eiligſte Flucht ſein Leben vielleicht noch retten könnte. Unterdeſſen hatten ſich ſeine beiden Gefährten genähert, und trieben, ſobald ſie die Vereitelung ihrer 270 Pläne vernommen hatten, Parthy zur eiligſten Flucht an. Nur mit Gewalt mußten ſie ihn aus den Armen ſeiner Geliebten losreißen, und ihn ſeiner unbewußt mit ſich fortſchleppen. Eliſe war von einem Fieberſchauder durchzuckt in das Zimmer zurückgegangen, konnte es aber in dieſer ſchauerlichen Einſamkeit nicht länger aushalten. Sie bedurfte des Troſtes und ſehnte ſich darnach. Leiſe be⸗ gab ſie ſich vor die Thür des Kämmerleins, wo hinein ihr Vater ſich verſchloſſen hatte, klopfte mehreremale an und jammerte:„Vater! Vater! kommt zu mir! ſprecht Eurer unglücklichen Tochter ein Wort des Troſtes zu: ich kann nicht länger in dieſem Zuſtande bleiben!“ Aber der Vater hörte ſie nicht; denn er hatte die Welt und Alles was darin war, vergeſſen. Er lag in ſeinem Zimmer mit gefalteten Händen auf den Knieen, und ſchüttete ſein Herz und ſeine Leiden vor dem aus, den er zwar ſtets als einen geſtrengen und unerbittlichen Richter, aber auch als einen liebevollen und vergeben⸗ den Vater hatte anbeten lernen, und der ſich ihm auch jetzt als ein Vater der Barmherzigkeit und als ein Gott des Troſtes offenbarte. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Nach wenig' o wie ſchnellen Stunden Wenn Du mich ausgebildet haſt, Bin aller Bande ich entbunden, Bin ich entlaſtet jeder Laſt. Die letzte Zähr iſt bald geweint, Dem Staube bald mein Staub vereint. Lavater. Wir verfügen uns wieder in Herrn von Solin⸗ gens Haus, wo Tekla's Erſcheinung eine ſo große Aufregung hervorgebracht hatte. Der Alten Worte wa⸗ ren für Moritzens Eltern ein Räthſel, doch es löste ſich bald auf, als ſie ſich an den Hausherrn wandte und ſagte: „Eine lange Reihe, Jahre iſt verſtrichen, ſeitdem Du zuletzt den Ton meiner Stimme hörteſt, Fried⸗ rich! ein halbes Jahrhundert in namenloſem Elend und Trauer verlebt! Du kennſt mich nicht, und ſiehſt mich voll Verwunderung an, daß ich auf eine ſolche Weiſe zu Dir rede. Und dennoch, Friedrich! haben wir unter demſelben Herzen gelegen; dieſelbe mütterliche Bruſt hat uns geſäugt, Du ſiehſt in mir Deine unglückliche Schweſter Margaretha.“ Ein Ausruf des Erſtaunens, welchen Emma al⸗ lein nicht theilte, unterbrach die Worte der alten Frau. Bald fuhr ſie fort: „Jetzt wißt Ihr, wer ich bin, aber glaubet deß⸗ halb nicht, daß die Gräber ihre Todten zurückgegeben haben. Nein, die, welche Ihr alle todt hieltet, lebte während fünfzig Jahren vor dem Auge der Welt ver⸗ borgen und der grauſamſten Reue und Trauer Preis ge⸗ geben. Sie ſehnte ſich nach dem Augenblicke, der ihrem erbärmlichen Daſeyn ein Ende machen würde: und doch freute ſie ſich, daß ihr noch hienieden Zeit zur Buße geſchenkt war. Lange Zeit nährte ſie in ihrem Inner⸗ ſten die Hoffnung, daß ſie vom Schickſale den Ihrigen zum Schutzgeiſte beſtimmt ſey. Leider zu ſpät habe ich eingeſehen, daß dieſe Erwartung eitel war; und bald wäre ich durch meinen verfluchten Wahn zum zweiten Male die Urſache unſäglichen Elends für unſre Familie geworden. Doch die Barmherzigkeit des Himmels hat es abzuwenden gewußt, und endlich iſt die Zeit erſchie⸗ nen, wo durch langjährige Buße die Schuld getilgt, und das bäumende Roß am Rande des Abgrundes aufgehal⸗ ten worden iſt.“ — 272 „Das fürchterliche Schickſal, welches vor fünfzig langen Jahren durch meine Schuld über unſer väterliches Haus kam, wird Dir, Friedrich, wohl kaum noch erinnerlich ſeyn. In Deinem ſechsten Jahre wareſt Du Zeuge der blutigen Auftritte, welche in unſeren ſo glück⸗ lichen Wohnungen ſtatt hatten. Doch mir ſchweben ſie noch ſo lebhaft vor, als hätten ſie ſich erſt geſtern er⸗ eignet. Die Erinnerung daran, und die Reue über die erſchrecklichen Folgen eines unbedachtſamen Schrittes wa⸗ ren ein halbes Jahrhundert lang meine tägliche Speiſe, und keine Nacht verging, wo nicht blutige Thränen ein elendes Lager benetzten. Was der unglücklichen Zerſtö⸗ rung unſeres Schloſſes, und dem erbärmlichen Tode un⸗ ſeres Vaters voranging, brauche ich hier nicht zu wie⸗ derholen; es iſt geſchichtlich und allgemein bekannt.“ „Wie leblos lag ich auf der blutigen Leiche mei⸗ nes Baters, deſſen letzte Worte, ehe der tödtende Stahl der Spanier ihn traf, einen Fluch über mich ausſprach. Wie lange ich in dieſem Zuſtande blieb, weiß ich nicht; als ich mein Bewußtſeyn wieder erlangt, hatten die Spanier das Schloß verlaſſen. Ich blickte um mich her, und beim ſchwachen Lichte einer Fackel, welche ſie im Saale zurückgelaſſen hatten, ſah ich mich von Blut und Leichen, worunter auch die meines Vaters, umringt. Es dauerte lange Zeit, ehe ich erfaſſen konnte, was in dieſer traurigen Nacht vorgefallen war, doch bald ſtand es in ſeiner ganzen Schreckensgeſtalt mir vor Augen. Mit Anwendung aller meiner Kräfte hatte ich mich auf⸗ gerafft und ſuchte nach einem Schwerte, um meinem unbeſchreiblichen Elende ein Ende zu machen; allein es war mir, als umhülle ein dichter Nebel meine Blicke. Ich konnte nichts unterſcheiden. Ich wankte aus dem Saale heraus; alles war ſtill und öde. Nur in der Ferne glaubte ich Jubeltöne zu hören, welche aus der Hölle emporzuſteigen, und die verübten Gräuel zu ver⸗ — ————— h 273 kündigen ſchienen. Sie rührten von den Spaniern her, welche ſich um das Schloß herumgelagert hatten. All⸗ mählig wurde die mich umgebende Stille durch ein ſon⸗ derbares Geräuſch, dem Rauſchen der Flamme gleich, unterbrochen. Bald ſah ich auch, durch die ſtets zu⸗ nehmende Helligkeit, daß man das Schloß in Brand ge⸗ ſteckt hatte. Dieß erweckte einen neuen Plan in mir. Ich ſtieg die Treppe hinauf, und als ich auf der Zinne angekommen war, kamen mir die von zwei Seiten ſtets ſich mehrenden Flammen immer näher. Mit wahnſinniger Freude faßte ich den Entſchluß, hier zu ſterben. Schon war das Dach dem Einſturze nahe, und ich auf dem Punkte unter den glühenden Trümmern vergraben zu werden, als ich mich plötzlich von hinten ergriffen und fortgeriſſen fühlte. Abermals verlor ich mein Bewußt⸗ ſeyn, und als ich endlich wieder in das Leben zurückge⸗ rufen war, litt ich längere Zeit an einer Geiſtesver⸗ wirrung.— „Doch das Glück, darin zu bleiben, ſollte mir nicht zu Theil werden; ich erlangte mein völliges Bewußtſeyn wieder, und erfuhr nun, wie ich dem Flammentode ent⸗ riſſen worden war. Unter den Spaniern war ein frühe⸗ rer Diener meines Geliebten, welcher ihm, da er, wie wir wiſſen, ſelbſt der Belagerung des Schloſſes beizuwoh⸗ nen verhindert wurde, auf's dringendſte anempfohlen hatte, Alles auf's genaueſte zu beachten. Den Verrath ſeiner Landsleute konnte er zwar nicht verhindern, aber nachdem das Schloß geplündert und in Flammen geſetzt war, da drang er wieder ein, um wenigſtens mich zu retten. Wäre er einen Augenblick ſpäter gekommen, ſo hätte er mich nicht retten können. „Ich erfuhr jetzt, daß Francesco an dem ganzen Ereigniſſe unſchuldig und ſelbſt das Opfer des ſchwärze⸗ ſten Verraths geworden war. Obgleich er noch heftig Der Schutzgeiſt. II. 18 274 an ſeiner Wunde litt, ſo erſchien er doch ſelbſt bei mir, um mir dieſe Verſicherung zu geben. Doch mir war es gleichgültig. Ich ſchauderte bei ſeinem Anblick zurück; ich verabſcheute ihn. Einige Wochen ſpäter fand der Unglückliche ſeinen Tod vor Haarlem. Noch am Mor⸗ gen vor ſeinem Tode, denn er hatte feſt beſchloſſen, den Tag nicht zu überleben, ſchrieb er mir einige Zeilen zum Abſchiede und vermachte mir ſein anſehnliches Vermögen, um darüber nach Gutdünken zu verfügen. Nie konnte ich mich aber entſchließen, auch nur den geringſten Theil für mich, oder zur Verannehmlichung meines Daſeyns, welches ich verabſcheute, zu verwenden. „Unaufhörlich durch die Erinnerung an das Ver⸗ gangene gefoltert, ſchwärmte ich unſtät und fluchtig in allerlei Verirrungen im Lande umher, feſt entſchloſſen, Niemanden meinen Namen zu offenbaren, noch je zu den Blutsverwandten, welche mir noch geblieben waren, zu⸗ rückzukehren. Einmal kam der Gedanke bei mir auf, einen abgelegenen Ort aufzuſuchen, wo ich mein Leben in Reue und Buße, bis es dem Himmel gefallen möchte, mich von dieſer Bürde zu befreien, zubringen könnte. Ich erinnerte mich als fünfjähriges Kind mit meiner Mutter bei meinen Verwandten auf Ameland geweſen zu ſeyn, und dort von einer unterirdiſchen Grotte, welche ſich auf der Weſtſeite dieſer Inſel befinden ſollte, gehört zu haben. Dies ſchien mir ein dazu geeigneter Ort zu ſeyn. In einer Verkleidung, welche mir damals ſchon das Anſehen einer hochbejahrten Frau gab, ließ ich mir da, wo ich die Grotte vermuthete eine Hütte aufrichten. Kurz zuvor war ich im Geheimen zum Katholicismas übergegangen, thörichter Weiſe vermuthend, dadurch Ver⸗ gebung und Ruhe zu erlangen. „In der Nähe meiner Hütte fand ich dieſe Grotte, welche noch in ziemlich gutem Zuſtande war. Ich ließ ſie im Geheimen von einigen Leuten, welche ich durch — ————c— reichliche Geſchenke erkauft hatte, und auch das Geheim⸗ niß treu bewahrten, wieder völlig in Stand ſetzen, und zierte ſie ohne beſondere Abſicht mit den Koſtbarkeiten, welche mir durch die Crbſchaft zu Theil geworden waren. Hier nahm ich den Namen der Stammfrau der Kam⸗ minga's, Tekla an, und wußte mich ſtets in einen ſo geheimnißvollen Schleier zu verhüllen, daß man mir übernatürliche Kräfte zuſchrieb. Dieſe Meinung gewann noch dadurch an Kraft, daß man mich als eine hochbe⸗ jahrte Frau auf der Inſel hatte erſcheinen ſehen, wo ich ſo viele Jahre nachher noch zubrachte, ſo wie die Reich⸗ thümer, welche ich beſaß, wodurch ich plötzlich von der Inſel verſchwunden war und wieder dahin zurücktehrte, ohne daß es ſich Jemand erklären konnte. Trotz meiner Seelenleiden ſchien meine phyſiſche Konſtitution weder durch die Jahre noch durch Strapatzen geſchwächt wer⸗ den zu können. „Mit den Jahren erwachte auch das Verlangen immer mehr in mir, in der Nähe meiner Verwandten zu ſeyn. So umſchwebte ich Dich oft, Friedrich, und bekräftigte an Moritzens Tauſtage durch meine Worte Dein väterliches Gebet. Dann hielt ich mich gewöhn⸗ lich in dem alten Thurme zu Rotterdam auf, wovon der Aberglaube die Menſchen fern hielt. Manchmal und lange Zeit traute ich mir ſelbſt die übernatürlichen Kräfte zu, den Schleier der Zukunft zu lüften, welche der ver⸗ blendete Volkshaufen mir zuſchrieb, ja ich wähnte ſogar über die Umſtände nach Willkühr verfügen zu können. Dadurch kam mir der Gedanke, den letzten Zweig ünſeres ſo ruhmreichen Geſchlechts als einen Schutzengel zu um⸗ ſchweben. Eine nicht zu erklärende Ahnung ſagte mir, daß ſeine Jugend von großen Gefahren umgeben ſeyn würde, aber daß er es auch wäre, der den Fluch von unſerer Familie hinwegräumen würde. In ſo fern we⸗ nigſtens hat mich meine Ahnung nicht getänſcht. 18* 276 „Seit dieſer Zeit, Moritz, verlor ich Dich auch nicht aus den Augen, und merkte bald den Eindruck, welche die Erſcheinung in Deiner Krankheit auf Deine erhitzte Einbildungskraft gemacht hatte. Ich fürchtete, daß ſie Deiner Liebe, welche ſchon in Deinem Herzen entbrannt war, und welche Dich nur allein glücklich machen konnte, ſehr gefährlich werden würde. Ich kannte die Unglückliche, welche Dir ſo plötzlich Deine Ruhe geraubt hatte, und wünſchte, daß Du noch einmal mit ihr zu⸗ ſammentreffen mögeſt, damit Du ſie nicht länger als Ideal, ſondern in ihrer wahren Geſtalt kennen lernteſt. Dieſer mit Vermeſſenheit entworfene Plan hatte meine Seele ganz eingenommen. Emma, der ich mich zu erkennen gegeben hatte, und welche wähnte, daß Du Deiner Liebe ungetreu geworden wäreſt, entband Dich auf meine Ver⸗ anlaffung der ihr geſchworenen Liebe und Treue, wodurch ſie bei den Dir drohenden Gefahren zum ſchützenden Genius werden konnte. So wirkte ich ſelbſt mit, um Dich in Verhältniſſe zu verwickeln, welche nur zu Deinem Verderben gereichen konnten. So weit ging meine be⸗ klagenswerthe Verblendung. Emma war die wohlthä⸗ tige Erſcheinung auf dem Wege, welchen wir wandelten, und ſie iſt es, welche mir die Binde abriß, und mich zu⸗ erſt auf das gefährliche Spiel, welches ich ſpielte, auf⸗ merkſam machte. Ich war in die Geheimniſſe der Ver⸗ ſchwörung eingeweiht, aber ein feierlicher Eid feſſelte meine Lippen. Ich konnte nichts mehr thun, um Dich aus den Netzen, womit ich Dich umgarnt hatte zu retten. Doch die Vorſehung hat einen Ausweg geſandt, und was ich Ohnmächtige nicht vermochte, das hat ein Engel des Himmels für Dich gethan!“ Hier ſchwieg Tekla. Die Verwunderung ihrer Zu⸗ hörer war auf's Höchſte geſtiegen, und manches früher Unerklärliche wurde nun klar. So hatte ſie ſich durch eine Wärterin bei Moritzens Taufe die Decke zu ver⸗ S 8—— — 27 ſchaffen gewußt und ſie mit den darauf geſtickten Worten zurückgegeben. So erklärte ſich noch vieles Andere, wel⸗ ches auch dem Leſer früher räthſelhaft erſchien, deſſen Auflöſung ihm aber, ohne zurückzuſchreiten und ihm die Ereigniſſe wieder vorzuführen, jetzt leicht werden wird. Nun erfuhr Moritz von Emma, wie ſie ihm in Rotterdam auf allen ſeinen Schritten gefolgt ſey, und ihn auf Tekla's Geheiß in Slatius Wohnung geführt habe, um ihn mit dem Geheimniſſe der Verſchwö⸗ rung bekannt zu machen, und daß ſie wohl habe berech⸗ nen können, welchen Eindruck die Scene, welcher er bei⸗ wohnte, auf ihn machen und ihn vor einer jeden Theil⸗ nahme ſchützen würde. Der Erfolg iſt uns bekannt. Dekla hielt von dieſem Augenblicke an die Schuld ihrer Jugend verſühnt, und hatte beſchloſſen, das Ende ihres Lebens im Kreiſe ihrer Familie zuzubringen. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Der Herr regiert und liebet Das Unrecht ewig nicht. Er trägt die Welt und übet Parteilos ſein Gericht. Die Wage ſinkt und ſteiget, Wie ſein Geſetz gebeut, Und jedes Land bezeuget Des Richters Heiligkeit. Cramer. Mittlerweile wurde immer mehr die Verſchwörung in ihren einzelnen Verzweigungen ausgemittelt. Corne⸗ lius Gerrits und ſeinen Mitgefangenen wurde durch die Folter Alles, was ſie wußten, entlockt, und die Namen der Rädelsführer bekannt. Klara's Namen, ſo wenig wie der irgend einer andern Frau, iſt je genannt worden. 278 Die Erkundigungen, welche Moritz bei Tekla, um Klara's Aufenthalt zu erfahren, einzog, blieben frucht⸗ los. Doch rieth ſie ihm, ſich nach Rotterdam zu be⸗ geben, wo ſie vermuthe, daß Klara ſich noch verborgen aufhalte, und ihr ſeine Hülfe, ſich aus Holland zu ent⸗ fernen, anzubieten. Er zeigte ſich um ſo mehr dazu bereit, weil Emma Tekla's Bitten beiſtimmte. Dieſe gab ihm ein Schreiben an Hans Jochems, einem berüchtigten Geizhalſe in Rotterdam, bei dem er aber nicht leicht Zutritt erhalten würde. Verweigere er ihn ihm aber durch⸗ aus, dann möge er,ihm nur folgende Worte ſagen: Iſt es Euch nicht angenehm, daß die Eulen Euch ein Schlaflied ſingen? dann könne er gewiß ſeyn, daß er ihm ſeine Thüre öffnen würde, und nach Einhän⸗ digung des Briefes Alles von ihm erlangen, was er ihm zu leiſten im Stande ſey. Ob dies ihn aber zum Ziele führe, wiſſe ſie nicht. So auegerüſtet begab ſich Moritz nach Rotter⸗ dam in ſein altes Abſteigequartier, und nachdem das Haupt⸗ und in jetzigen Zeiten einzige Thema der Unter⸗ haltung, die Verſchwörung, abgehandelt war, erkundigte er ſich bei Held, ob er Hans Jochems kenne und deſſen Wohnung wiſſe. Lachend ſagte ihm dieſer, daß Jochems in der ganzen Stadt als der ſchmutzigſte Geiz⸗ hals bekannt wäre, obgleich er früher, als er noch ſeine Handthierung als Geigenſpieler getrieben, oft in einem Abende mehr verzehrt habe, als in einer Woche verdient. Sein Stammgaſt, der Veteran, welcher auch jetzt zugegen war, ſey ſein Vetter, und der würde ihn gewiß gern nach Jochems Wohnung führen. Moritz wandte ſich deßhalb an den Veteran, und dieſer erklärte ſich ſogleich willig, um ſo mehr, da Melchiors Gewäſch über alle vorgenommenen Arreſtationen ihn langweilte. Unterwegs erzählte van Thienen, daß ſein Vetter Hans in früheren Zeiten ein munterer Compan geweſen wäre, doch ſeit er uner⸗ . — 3 1 1 279 wartet in den Beſitz einer anſehnlichen Erbſchaft gekom⸗ men, ſey er der ärgſte Filz in ganz Holland. Er treibe noch nebenbei einen Handel mit muſikaliſchen Inſtrumenten, und der Vorwand, eins zu kaufen, könne ihnen vielleicht am leichteſten Zugang bei ihm verſchaffen. Bald hatten ſie die Wohnung erreicht und nach einem wiederholten Klopfen wurde ein kleines Fenſter hinter eiſernen Gittern geoffnet. Anfangs zeigte ſich nur eine große blaue Schlaf⸗ mütze, worunter endlich die Anfrage, wer ſo ſpät noch klopfe und was man begehre, hervorging. Der Veteran gab ſich ihm zu erkennen, und ſprach ihm den Wunſch ſeines Begleiters aus. Doch alles Bitten blieb fruchtlos, ſelbſt das verlockende Anerbieten, einen vortheilhaften Han⸗ del abſchließen zu können, konnte ihn nicht bewegen, dem fremden Herrn Einlaß zu gewähren, und er zog ſich wie⸗ der hinter das Fenſter, welches er verſchloß, zurück. Doch der Veteran ließ ſich damit noch nicht abweiſen, nahm wieder den Klopfer in die Hand, und machte ein ſo ſtar⸗ kes Geräuſch, daß der Alte zum zweiten Male das Fen⸗ ſter öffnete und unwillig ausrief: „Ihr wißt, daß ich keine unbekannte Leute in meinem Hauſe dulde, am wenigſten ſo ſpät Abends. Unterſteht Euch nicht wieder, ein ſolches Geräuſch zu machen, wel⸗ ches mir das Trommelfell zerreißt!“ „Dann iſt es Euch wohl angenehmer, wenn die Eulen Euch ein Schlaflied ſingen, nicht wahr?“— ſagte Mo⸗ ritz leiſe, indem er dem Fenſter näher trat. Jochems, welcher den Mund ſchon geöffnet hatte, um ſich in Schimpfreden zu ergießen, verſtummte plötz⸗ lich, und nach einem kurzen Zögern ſprach er: „Wenn es denn durchaus ſeyn muß, ſo tretet ein.“ — Und er öffnete alsbald die mit Schlöſſern und Riegeln gut verſehene Thür. Moritz trat ein; als aber der Veteran ihm folgen wollte, wußte der Alte ſchnell die Thür wieder zu verſchließen, indem er ſagte:„Guten 280 Abend, Vetter! laßt Euch das braune Bier bei Freund Held recht wohl ſchmecken.“ Brummend befolgte er Jo⸗ chems Rath. Nachdem der Geizhals Moritz mit ſeiner kleinen nur matt brennenden Lampe vom Kopfe bis auf die Füße beleuchtet hatte, gab er ihm zu verſtehen, daß er nicht glaube, daß Moritz nur gekommen ſey, um ſich ein Inſtrument zu kaufen, bat ihn daher, ihm ſein Anliegen auszuſprechen, welchem er beſtimmt, wenn es nur in ſeiner Macht ſtehe, genügen würde. Hierauf drückte ihm Moritz einige Goldſtücke in die Hand, und erſuchte ihn dafür, eine Geige nach der goldnen Hellebarde zu ſchicken, ſagte ihm aber auch zugleich, daß noch ein zweiter Grund ihn hierher führe, und er eine Perſon aufſuche, zu deren Auffinden er ihm vielleicht behülflich ſeyn könne. Jochems ſah ihn bedenklich an, und erwiederte, daß er in dieſen unruhigen Zeiten ganz zurückgezogen lebe, und mit Niemanden in Berührung komme; als aber Moritz von einem Fräulein ſprach, da gewann er wieder mehr Muth, und verſicherte, daß er ſchon ſeit vielen Jahren mit keiner Dame in Berührung gekom⸗ men ſey. Darauf ertheilte ihm Moritz den Brief, welchen ihm Tekla eingehändigt hatte. Schon die Aufſchrift ließ ihn erzittern. Er las ihn, und nachdem er einige Augenblicke nachgedacht hatte, ſagte er: „Ich kann nicht anders, als mich dem mir gege⸗ benen Befehle unterwerfen; wer dürfte es wagen, ſich ihr zu widerſetzen! Ihr ſeyd gewiß ein ehrlicher Herr, und werdet mich nicht verrathen. Folgt mir!“ Hierauf führte er ihn durch einen langen ſchmalen Gang in ein Hinterhaus, ſchloß eine Thür auf, welche in einen andern engen Gang führte. Jetzt zeigte ſich ein kleines ſchwach erleuchtetes Gemach, deſſen Thür er öffnete, und ſich, ſobald Moritz eingetreten war, ent⸗ fernte; dieſer war nicht wenig erſtaunt, ſtatt Klara 281 die ſchlanke männliche Geſtalt Stoutenhu rgs vor ſich zu ſehen. „Was bedeutet das?“— redete ihn Stouten⸗ burg an, indem er ein Piſtol zur Hand nahm— „Kommt Ihr hierher, um mich zu verrathen, und hat der alte Schurke ſich doch beſtechen laſſen?“ „Ihr beurtheilt mich unrecht. So ſehr ich auch Euer Verfahren verabſcheue, ſo wird meine Hand Euch nie der Hand des Henkers überliefern.“ „Der Hand des Henkers?“— erwiederte Stou⸗ tenburg verächtlich lächelnd—„glaubt Ihr denn nicht, daß ich Mittel in Händen habe, wie die Catone und Brutuſſe der Vorzeit über mein Leben zu verfügen? Und was nennt Ihr ein Verbrechen? Die Welt von ei— nem Tyrannen befreien, verdient das einen ſolchen Na⸗ men? Und ich hatte mehr als die Freiheit meines Va⸗ terlandes, ich hatte das Blut meines Vaters zu rächen.“ „Laßt uns dieſen Punkt nicht berühren, und die koſtbare Zeit damit verſchwenden. Wiſſet, dieſelbe mäch⸗ tige Frau, welche vor wenigen Monaten drohend zwi⸗ ſchen uns trat, wußte durch einige Zeilen von ihrer Hand mir die Thüren zu Euch zu öffnen. Doch es war eine andere Perſon, die ich hier zu finden hoffte. Ihr wißt, wen ich meine. Könnt Ihr mich mit Klara's Aufenthalt bekannt machen?“ „Wo ſie jetzt iſt, weiß ich nicht. Aus meinem Munde hat ſie die Vereitelung unſerer Pläne vernom⸗ men, und kurz darauf hat ſie dieſe Stadt verlaſſen. Aus ihren Worten glaubte ich abzunehmen, daß ſie wünſche, ihr Aufenthalt möge Euch verborgen bleiben. Damit wäre nun wohl Eure Frage beantwortet?“ „Ich verſtehe Cuch, Stoutenburg! und ich ſoll mich entfernen. Ich will Euch nicht länger läſtig ſeyn. Der, welcher die Herzen ergründet, möge die Triebfedern, welche Euch anſpornten, richten. Die ein⸗ 282 zelnen Male, wo der Zufall uns zuſammenführte, ſtan⸗ den wir uns minder oder mehr feindlich gegenüber. Ihr werdet daher nicht verlangen, daß ich Euch jetzt die Hand der Freundſchaft biete; doch wünſche ich nichts ſehnlicher, als bald die Nachricht zu erhalten, daß Ihr den Nachforſchungen Euerer Feinde entkommen ſeyd.“ „Und dies wird bald der Fall ſeyn, wenn mich meine Ahnung nicht täuſcht. Bald werde ich dieſe Wohnung verlaſſen. Alles iſt vorbereitet, meine Flucht vor einer jeden Nachforſchung zu ſichern, und in weni⸗ gen Tagen hoffe ich in Brüſſel zu ſeyn.“ „Ihr geht alſo zu den Feinden des Vaterlandes?“ „Jetzt hab' ich kein Vaterland mehr. Lebet wohl!“ „Lebet wohl!“— erwiederte Moritz, indem er das Zimmer und gleich darauf das Haus verließ, höchſt erſtaunt einestheils, daß Stoutenburg ſein Le⸗ ben einem ſolchen Menſchen anvertraut hatte, und an⸗ derntheils, daß ein ſolcher Geizhals der Verſuchung wi⸗ derſtand, die hohen Summen zu verdienen, welche auf die Häupter der Verſchwörung geſetzt waren. Bald nachher hatte Stountenburg mit ſei⸗ nem Vetter von der Düſſen glücklich ſeine Flucht vollführt. Er kam in Brüſſel an, wo das ſpaniſche Gouvernement ihm Schutz zuſagte, und um nach eini⸗ gen vergeblichen Bemühungen wieder in ſeinem Vater⸗ lande Zutritt zu erlangen, faßte er den verzweifelten Entſchluß, ſeiner Religion und ſeinem Vaterlande abzu⸗ ſchwören. Er trat in ſpaniſche Dienſte, und man ſah ihn als Anführer eines Fähnleins Reiter, mit ſchwar⸗ zer Standarte, worin ein Todtenkopf als Zeichen der Rache, mit ſchwarzem Feldzeichen umgürtet, ſeine frü⸗ heren Landsleute bekriegen. Seine Gemahlin, welche ihn nie geliebt zu haben ſcheint, folgte ihm nie, und ſprach nur mit Abſcheu über ſein Verfahren. Alle ferneren Nachforſchungen, Klara in Rot⸗ — 283 terdam außzufinden, blieben fruchtlos, und Moritz Su ſich unverrichteter Sache wieder nach dem Haag zurück. Allmählig wurden alle Mitſchuldigen der Verſchwö⸗ rung, außer Stoutenburg und von Düſſen auf der Flucht eingeholt. Auch Herr von Grone⸗ veld Stoutenburg's Bruder, wurde gefangen genommen und zum Tode verurtheilt, welchen er gelaſ— ſen, und von Reue durchdrungen, erduldete. Parthy war mit ſeinen beiden Gefährten ſchon glücklich über die Grenze gekommen und hatten Oſtfriesland erreicht, wurden aber daſelbſt eingeholt und gefänglich nach dem Haag transportirt. Man denke ſich Eli⸗ ſens Entſetzen, als ſie dieſe Nachricht erfuhr; auch ihr Vater war troſtlos. Wie man leicht denken kann, wurde Parthhy's und der beiden-Blanſaert's Ausſage, daß ſie die Verſchwörung haben entdecken wollen, kein Glauben bei⸗ gemeſſen, obgleich ſie bis zu ihrem letzten Augenblicke dabei beharrten. Mehreremale hatte Eliſe verſucht, ih⸗ ren Geliebten im Gefängniſſe zu beſuchen, aber es wurde ihr ſtets verweigert. Die Todesurtheile wurden nacheinander vollzogen. Parthy, Blanſaert's und Slatius wur⸗ den erſt im Anfange Mai's hingerichtet. Obgleich Nie⸗ mand Eilſen von dieſer Hinrichtung benachrichtigt hatte, ſo ſchien ſie doch davon unterrichtet zu ſeyn, und an demſelben Tage verließ ſie zuerſt ihr Kämmerlein und begab ſich zu ihrem alten Vater, welcher ſich vor der Thür in die freundliche Frühlingsſonne hingeſetzt hatte, und ſagte:„er hat ausgelitten, mein Vater, nun iſt alles vorbei.“ Und die erſten Thränen befeuchteten wieder, nach langer Zeit, ihre Augen. Von dieſem Au⸗ genblicke an war Eliſe ruhiger. Ungefähr zu derſelben Zeit, wo Moritz noch 284 nichts von Klara erfahren hatte, erhielt er unver⸗ muthet einen Brief aus Leyden, an deſſen Aufſchrift er ſogleich ihre Hand erkannte. Gerührt öffnete er ihn und las: „Noch einmal, und dann auch zum letzten Male, wirſt Du, Moritz, Nachricht von mir erhalten. Die Zeit iſt erſchienen, wo Du mit dem Namen und den Schickſalen einer Unglücklichen, welche auch als eine un— glückverkündende Erſcheinung ſich auf Deinem Lebens⸗ wege zeigte, jetzt aber im Begriffe iſt, ſich aus Deiner Nähe zu entfernen, befannt werden ſollſt. Sie wird Dich noch um eine letzte Gunſt bitten, die Du ihr auch beſtimmt nicht abſchlagen wirſt. Wenn ich nicht über⸗ zeugt wäre, daß Dein Herz wieder in ſeine Rechte ein— getreten wäre, und daß dieſe letzte Zuſammenkunft für Deine und meine Ruhe gefährlich ſeyn könnte, dann würde ich den Wunſch, Dich zu ſehen, nicht einmal aus⸗ geſprochen haben, um Dir die traurige Aufklärung zu geben, welche Du von mir fordern kannſt.“ Am Schluſſe war noch der Ort angegeben, wo er ſie finden würde Nur an Dekla theilte er den Inhalt dieſer Zeilen mit, und auf ihren Rath hielt er auch den Zweck ſeiner Reiſe den übrigen Hausgenoſſen verborgen. Noch an demſel⸗ ben Abend reiste er nach Leyden und begab ſich ſo⸗ gleich nach Klar a's Wohnung.* Man führte ihn in den hintern Theil eines Hauſes in Klara's Gemach. Vor einem Fenſter, deſſen Vor⸗ hänge herabgelaſſen waren, ſaß ſie in Trauerkleidern in Nachdenken verſunken. Sie wollte aufſtehen und Moritz entgegengehen, doch ihre Kräfte vermochten es nicht. Ein kalter Schauer durchrieſelte Moritz, als er ſie ſo ſah. In ihren Augen glänzte noch immer das frühere Feuer, obgleich ihre Wangen eingefallen waren und eine Todten⸗ bläſſe auf ihrem Antlitz ruhte. Sie reichte ihm ihre abgemagerte Hand und ſprach: „Nicht wahr? es ſcheint Dir unmöglich, daß ein Zeitraum von ſo wenigen Wochen ſolche Spuren hinter⸗ laſſen konnte?“ „Du mußt wirklich ſehr krank ſeyn, Klara!“— er⸗ wiederte Moritz. „Ja, ich habe ſehr viel gelitten; glaube jedoch nicht, daß die Vereitelung eurer Pläne dieſe Veränderung her⸗ vorgebracht hat. Laß uns aber hierüber ſchweigen, denn 6 die Augenblicke unſeres Zuſammenſeyns ſind uns kärglich zugezählt. Bevor ich Dich um einen wichtigen Dienſt bitte, höre zuvor meine Geſchichte. Du kannteſt mich bisher nur unter einem angenommenen Namen, denn an meinen rechten Namen knüpfen ſich die traurigſten Rück⸗ erinnerungen. Ich bin die Tochter des unglücklichen Gilles von Ledenberg, der durch die Herrſchſucht des Statthalters zum unſchuldigen Schlachtopfer beſtimmt war, der aber ſeinen Kindern zu Liebe einen kürzeren Weg zu Gott zu gehen einſchlug. Ich war ſein Lieb⸗ ling, und er glaubte in meinem ſtolzen und ſchwer zu biegenden Charakter ein Abbild des ſeinigen zu finden. Camphuiſen, welchen Ihr kennt, der in einem Dorfe nahe bei unſerm Landgute Prediger war, wurde mein Lehrer. Ihm gelang es, mein Ungeſtüm zu bändigen, aber nicht völlig mein leidenſchaftliches Weſen zu unter⸗ drücken. Meines Vaters Amt feſſelte ihn an Utrecht, doch er beſuchte uns, ſo oft ſeine vielen Geſchäfte es ihm erlaubten, und jedesmal war ſeine erſte Frage nach mir. 1 Er war mißvergnügt, als er mich eines Tages nicht fand, 6 und kehrte ſogleich nach Utrecht. Dies ſage ich Dir nur, Moritz, um Dir einen Begriff zu machen, wie un⸗ endlich er mich liebte.“ ² „Unterdeſſen fingen die Zeiten an unruhig zu werden. Mein Vater war ein eifriger Anhänger Oldenbarne⸗ velds, dieſes Freiheit liebenden Greiſes. Doch dieſe Parthei, welche, wie Dir hinlänglich bekannt iſt, die Oppo⸗ 286 des Statthalters. Die Häupter wurden gefänglich einge⸗ zogen, und nach dem Haag transportirt. Bis zu dieſem Augenblick vertraute er muthig auf die Gerechtigkeit ſeiner Sache. Wir folgten ihm alle nach dem Haag und beſuchten ihn täglich in ſeinem Gefängniſſe. Doch eine unbeſchreibliche Schwermuth hatte ſich dieſes ſonſt ſo ſtolzen Mannes bemächtigt. Hier drückte er mich oft mit einer gränzenloſen Zärtlichkeit an ſein Herz, wobei er in ſich Worte ausſprach, wovon ich aber nur verſtand: „O Gott! bis an den Bettelſtab gebracht!“—„Was ſoll aus Dir werden mein Kind!“ Dann bemühete ich mich, ihn zu tröſten, und ihm die Falten von der Stirn zu küſſen, doch vergebens. Er ahnete es, daß man ihm die Freiheit oder gar das Leben nehmen würde; doch dies beunruhigte ihn nicht, wohl aber der Gedanke, daß man ſeine Guͤter einziehen würde, wodurch wir in eine hülfloſe Lage verſetzt würden. Daher faßte er den Ent⸗ ſchluß, ſich für die Seinigen aufzuopfern, denn wenn er ſtürbe, bevor das Urtheil ausgeſprochen ſey, meinte er, könnten ſeine Güter nicht verluſtig erklärt werden. Am Tage zuvor, ehe er dieſen Entſchluß ausführte, waren wir noch Alle bei ihm. Als er uns beim Weggehen, einzeln umarmte, ſchien ſeine Standhaftigkeit für einen Augenblick zu weichen; doch er ermannte ſich bald wieder und war ſo gelaſſen als zuvor. Er begleitete uns bis an die Thür ſeines Gefängniſſes, und drückte mir noch den letzten Kuß auf die Stirn. Ich ſah ihn nicht wieder.“ „In der Nacht, während mein Bruder in ſeiner Nähe ſchlief, führte er ſein erſchreckliches aber doch auch ſo liebe⸗ volles Vorhaben aus. In einem offenen Schreiben hat er den Grund ſeiner verzweiflungsvollen Handlung nieder⸗ geſchrieben. Dies iſt der Zettel“— ſagte ſie, indem ſie ein Papier aus ihrem Bruſttuche hervorzog—„ich werde ſitivn bildete, unterlag endlich der herrſchſüchtigen Gewalt mich nie davon trennen, er ſoll mit mir begraben wer⸗ —˙————— 287 S den. Ich brauche Dir unſern Zuſtand nicht zu ſchildern, Dein edles und gefühlvolles Herz wird ihn in ſeinem ganzen Herzeleid umfaſſen können. Ich verfiel in eine heftige Krankheit und in größte Todesgefahr. Als ich wieder davon geneſen war, war meine gute Mutter ihrem Gatten ſchon gefolgt. Während meiner Krankheit war es mir verborgen geblieben, wie die abſcheulichſte Rachſucht noch an dem Leichname meines Vaters aus⸗ geübt wurde. O Gott! ich vermag es kaum auszuſpre⸗ chen. Die Ungeheuer ließen den Leichnam meines Vaters nicht einmal im Grabe ruhen; er wurde einbalſamirt und öffentlich an einem Galgen zur Schau geſtellt. Dies iſt es, was meine Seele nie überwinden kann.“ „Meine Erzählung iſt beendigt: nur dies noch: Der Edelmuth, womit Du meinem Bruder, als er vom Pöbel angefallen wurde, beiſtandeſt, und wovon der Knabe noch ſo oft ſprach, hatte meine Seele tief gerührt. Ich wollte Dir dafür meinen Dank bezeugen, doch ohne von Dir gekannt, noch von Jemanden geſehen zu werden. Durch ein Geſchenk wußte ich einen Diener in Deiner Eltern Hauſe zu beſtechen. Das Uebrige weißt Du. Meine Geſchwiſter begaben ſich zu meiner verheiratheten Schwe⸗ ſter, der Frau vo'n Lokorſt, welche ſehr reich war. Ich vermied alle verwandtſchaftlichen Beziehungen, und Rache war das einzige Gefühl, welches mich beherrſchte. Mehrere Male erſchien mir nachher die geheimnißvolle alte Frau, welche ſehr ſcharfſinnig mein Inneres durch⸗ gründet hatte, und warnte mich. Doch ich achtete nicht auf ihre Ermahnungen. Auch ein Zufall brachte mich zum erſten Male mit Stoutenburg in Berührung. Er war verehlicht, aber nicht glücklich. Er wünſchte von ſeiner Gattin geſchieden zu werden, und ſprach nie von Liebe; mit Abſcheu wandte ich mich von ihm ab. Darauf nannte er mir das Wort Rache, uhd ich hörte ihn gern an. Von der Zeit an war ich beſtändig mit ihm in — —— 288 einer Verbindung, welche die Erfüllung unſeres heißeſten Wunſches zum Ziele hatte. Von Mord war früher jedoch nie die Rede geweſen; es handelte ſich nur darum, den Statthalter von dem Steuerruder der Regierung zu ent⸗ fernen. Als ich aber endlich mit dem ganzen Plane be⸗ kannt wurde, da konnte ich, nicht mehr zurücktreten. Ntt Moritz, kennſt Du die Geſchichte meines Lebens; ur⸗ theile ſelbſt, ob mein Herz noch für Liebe empfänglich ſeyn kann. Nur noch Eins habe ich Dich zu bitten; höre mich an. Ich wünſche ein Land zu verlaſſen, woran mich nichts mehr bindet, und wo mich Alles an Ereig⸗ niſſe erinnert, welche ich anderswo durch Reue und Buße auszuſühnen bemüht ſeyn will. Ich wollte Dich bitten, Moritz! auf meiner Reiſe nach Antw erpen mein Begleiter zu ſeyn, wo dann Andere es über ſich nehmen werden, mich meinem Beſtimmungsorte zuzuführen. Du verſagſt mir dieſe letzte Bitte nicht?“ „Wenn es Dein unwiderrufliches Vornehmen iſt, Klara, dann wird es mir eine heilige Pflicht ſeyn, Dei⸗ nen Wunſch zu Und welches ſind Deine Pläne für die Zukunft?“ „Auch dies ſollſt Du erfahren; nur nicht in dieſem Augenblicke. Jetzt bitte ich Dich mich zu verlaſſen; dernn ich bedarf einer kleinen Erholung, die Erinnerungen, welche dies Geſpräch wieder in mir aufgeregt hat, einigermaßen zu beſchwichtigen. Noch dieſe Nacht müſſen wir unſere Reiſe antreten.— f Moritz entfernte ſich. Um ein Uhr nach Mitter⸗ nacht fand er ſich wieder bei Klara ein. Alles war zur Abreiſe fertig. Sie beſtiegen den Wagen, und hat⸗ ten bald Rotterdam hinter ſich.. Der Fuhrmann unſerer Reiſenden, ſtatt ſeine Pferde 1 anzutreiben, beſchäftigte ſich mit Abſingen von Pſalmen, und wußte eine jede Zurechtweiſung von Moritzens Seite mit irgend einer Bibelſtelle zu widerlegen. So 289 waren ſie in Zeit von zwei Stunden kaum bis Vor⸗ burg gekommen, und hier war der ſtörriſche Fuhrmaun auch nicht zu bewegen, den diretteſten Weg zu verfolgen ſondern er wollte über Ryswyk fahren, um bei ſeinem Bruder im Herrn, wie er ſich ausdrückte, den armen Thieren, welche⸗ ſo gut als wir von Fleiſch und Blut wären, ein Stückchen Brod zu geben. Der Weg, welchen er dahin zu gelangen einſchlug war ſo ſchlecht, daß ein Rad ſn Moraſte ſtecken blieb und nicht ohne Hülfe wieder daraus zu befreien war. Doch nichts konnte den Fuhrmann bewegen, ſein Fuhr⸗ werk zu verlaſſen, und Moritz und Klara ſahen ſich genöthigt, auszuſteigen, um ſich in der Nachbarſchaft Hülfe zu verſchaffen. Sie hatten kaum einige Schritte zurückgelegt, als ſie nicht fern vom Wege ein Licht ſahen, das ſich bald deutlich zeigte, bald wieder ganz verſchwand. Sie ver⸗ folgten auf einem Fußwege dieſe Si und erreich⸗ ten in wenigen Minuten ein große Feld, welches rund herum mit Bäumen bepflanzt war. An einem derſelben hing eine Leuchte, welche von dem Winde una hin und her bewegt wurde, und deren flackerndes Licht ein entſetzliches Schauſpiel darbot. Eine Frau mit bloßem Kopfe und hängenden Haaren, welche ſchauerlich durch den Wind bewegt wurden, war am Fuße des Baumes mit Graben beſchäftigt. Dieſe Arbeit nahm ſie ſo ſehr in Anſpruch, daß ſie die Herankommenden nicht bemerkte. Jetzt ſchien das Grab, welches die Unbekannte grub, fer⸗ tig zu ſeyn. Sie nahm einen Sack, der neben ihr lag, öffnete ihn, und warf deſſen Inhalt hinein; es waren verſtümelte Gliedmaßen eines In demſelben Angenblicke wurde der Frauen Antlitz durch einen hellen Strahl der Laterne beleuchtet, und Klara warf ſich mit einem Geſchrei in Mor itzen s Arme, der ängſtlich Der Schutzgeiſt. II. 19 290 zurückfuhr; denn er hatte die Frau auch erkannt: es war die Gattin des kurz vorher enthaupteten Slatius. Dieſe hatte das Geſchrei gehört; blickte auf, und als ſie die Fremden gewahr wurde, näherte ſie ſich ihnen mit aufgehobenem Spaten, und ſprach in einem Wahn⸗ ſinn verrathenden Tone—„Wer ſeyd Ihr? was wollt Ihr hier; wollt Ihr mir meine Beute wieder abjagen? Bei Gott! das ſoll Euch nicht gluͤcken!“ Klara, welche bis jetzt ihr Antlitz an Moritzens Bruſt verborgen hatte, ſah jetzt ängſtlich auf. Zufällig trug ſie daſſelbe Gewand, womit ſie, wie vor einigen Wochen in Slatius Wohnung bekleidet war, wodurch die Aufmerkſamkeit dieſer Frau rege gemacht wurde. Sie trat noch einige Schritte näher und ſprach: „Was iſt das? ſeyd Ihr nicht daſſelbe ſchöne Fräu⸗ lein, welches ich ſchon einmal ſah und auch an der blu⸗ tigen Mahlzeit theilnehmen wollte? Seht der Tiſch iſt gedeckt, und das Blut hat die Becher gefüllt, und ſie haben es genoſſen, aber doch ihren Durſt noch nicht ge⸗ öſ aber das war nicht das Blut, welches Ihr zum Gaſtmahle beſtimmt hattet.“ „Um Gottes Willen! laß uns von hier wegeilen!“ — ſchluchzte Klara, ſich an Moritzens Arm feſt⸗ klammernd. „Nein, geht nicht,“— erwiederte die Geiſteskranke —„ſeht hier! das ſind die zerſtümmelten Glieder mei⸗ nes Mannes: Ihr dürft mich aber nicht verrathen, ich habe ſie vom Rad geſtohlen. Laßt den Henker mit ſeinen Knechten, mit ihren Schwertern und Folterwerkzeugen nur kommen, wenn ſie Muth dazu haben.... ich werde meinen Raub vertheidigen, wie eine Tigerin ihre Jungen. Wiſſet! ich habe ſchon zwei Mal in dieſer Nacht den böſen Geiſt, der in Geſtalt eines ſchwarzen Hundes zu mir kam, von mir abgewehrt— und ich ſollte nicht die Kraft haben, dieſe blutigen Gliedmaßen gegen die Men⸗ 6 . * ——————————— ſchen zu vertheidigen? Kommt, ſchönes Fräulein! wollt Ihr mit mir ſingen, und um jenen Feſttiſch tanzen? Wollt Ihr mit mir trinken von dem Blut— Blut— Blut!“ Dies Wort wiederholte ſie mehrere Male mit einer ſo ſchauerlich kreiſchenden Stimme, daß Klara, welche an Moritzens Arm hing, nicht im Stande war, einen Schritt vorwärts zu thun. Auch Moritz war ſo tief bewegt, daß es ihm die größte Anſtrengung koſtete ſeine Begleiterin bis in eine nahegelegene Bauern⸗ wohnung mit ſich fortzuſchleppen, und deren Bewohner zu bitten, ihnen behülflich zu ſeyn dem verſunkenen Wagen wieder emporzuhelfen. Dieſe fanden ſich ſogleich bereit, und ſie ſetzten auf dieſelbe langſame Weiſe ihren Weg bis Rotterdam fort, wo ſie ſich ein beſſeres Fuhrwerk zu verſchaffen wußten, und ohne irgend einen Unfall in Antwerpen ankamen. Es iſt eine geſchichtliche Wahrheit, daß Slatius Frau den Körper ihres Mannes in einem Anfalle von Wahnſinn vom Rade geholt und an dem Orte, wo Mo⸗ ritz und Klara ſie fanden, nicht weit von Geeſttbrug begraben hatte. Einige Tage ſpäter, als der Landmann dieſen Acker umpflügte, fand er dieſe vergrabenen Glied⸗ maßen, zeigte es der Obrigkeit an, und da man ſie für die des hingerichteten Slatius erkannte, wurden ſie zum zweiten Male auf das Rad geflochten. Doch die Frau wußte ſie wieder auf eine liſtige Weiſe dort weg⸗ zuſchaffen und vergrub ſie bei dem Dorfe Warmond, wo ſie ohne Störung liegen blieben. In Antwerpen ſtiegen ſie in einem, von Klara bezeichneten anſehnlichen Hauſe ab, und wurden von einer Perſon, allem Anſchein nach einem Geiſtlichen, empfangen. Dies beſtärfte Moritzenin ſeinem Vermuthen, daß Klara ihrem Gottesdienſte entſagen und zum katholiſchen über⸗ gehen wollte. Sie beſtätigte es ihm, nachdem ſie kurz 19* — 292 darauf einen Augenblick mit ihm allein war. Sie hatte eine reiche Verwandte beerbt und die Güter dem Kloſter, worin ſie aufgenommen wurde, geſchenkt. Sobald ſie dies Moritzen mit wenigen Worken geſagt hatte, verließ ſie das Gemach. Er ſah ſie auch nicht wieder, denn bald nachher wurden ihm ſolgende Zeilen eingehändigt: „Ich glaube klug zu handeln, wenn ich uns den Abſchied erſpare. Du haſt mich zum letzten Male ge⸗ ſehen, Moritz! Kehre nun unverweilt dahin zurück, wo Liebe und häusliches Glück Deiner warten, und vergiß auf immer ein unglückliches, ach! ein ſchuldiges Weib, welches den Reſt ihres Lebens im Gebete und Buße ver⸗ bringen wird. Bemühe Dich nie den Ort auszumitteln wo ich mich befinde, denn es würde doch vergebens ſeyn. Aber ſey überzeugt, daß, wenn ich in den ſtillen Mauern meines Kloſters die Welt und Alles was darin iſt ver⸗ geſſen habe, ſo werde ich doch Deiner und der Deinigen oft in meinen Gebeten gedenken. Lebe wohl!“ Der Ueberbringer ſah Moritz mit einem fragenden Blicke an, und ſchien zu wünſchen, daß er hier nicht län— ger verweile Vielleicht befürchtete er, Klara's Ent⸗ ſchluß könne dadurch noch wankend und die für das Klo⸗ ſter beſtimmte reiche Gabe abſpenſtig gemacht werden. Moritz verließ recht bald die Stadt, um in den Schooß der Seinigen zurückzukehren. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Beſchluß. Nil praetermissum est: vos valete et plaudite. Terentius. Du haſt die Erzählung geleſen, Henriette! und Dein Urtheil war ſo günſtig, mich zur Herausgabe an⸗ ————————— 293 zuſpornen. Deine Bemerkungen waren ſehr richtig. Doch ich muß Dir verſichern, daß ich im Verlaufe meiner Er⸗ zählung darauf bedacht war, die Menſchen ſo zu ſchildern, wie die mir vorliegenden Urkunden ſie darſtellen, mit allen ihren Schwächen und Mängeln, und keineswegs als Ideale, wie eine rege Einbildungskraft ſie ſich bildet. Du wünſcheſt, daß ich noch einige Reihen hinzufüge, und Dich und die Leſer mit den ferneren Schickſalen unſer hauptdramatiſchen Perſonen bekannt mache. Dies war auch meine Abſicht, und ich thue es um ſo lieber, da die Entwickelung einen heiterern Charakter annimmt, als in dieſen letzten Kapiteln vorherrſchte. Im Anfange des Sommers 1623 wurden Moritz und Emma durch die feſteſten und heiligſten Banden vereinigt. Das Hochzeitsfeſt wurde glänzend im Haag gefeiert. Herr und Frau von Heerema waren auch zugegen, und da die Erbſchaftsangelegenheiten nun zu beider Parteien Zufriedenheit beigelegt waren, ſo machte die nahe Verwandtſchaft wieder ihre Rechte gültig, und das innigſte freundſchaftliche Verhältniß wurde ganz wie⸗ der hergeſtellt. Zufällig befand ſich damals der Secre⸗ tarius Baart im Haag, um, wie man ſagt, neue und nicht zu beſtreitende Beweiſe aufzufinden, daß Ameland und kein anderer Ort das Foſetenland der Chro⸗ niken ſey, und wie es ſich von ſelbſt verſteht, war auch er unter den Hochzeitsgäſten. Moritzens und Em⸗ ma's ehliches Glück war vollkommen, und wurde mit mehreren blühenden Söhnen und Töchtern geſegnet. Herr und Frau von Solingen waren noch viele Jahre Zeugen des Glückes ihrer Kinder. Wenn Moritz mit ſeiner anmuthigen Gemahlin nach Rotterdam kam, ſo ver⸗ ſäumte er nicht ſeinen Freund Held und deſſen Haus⸗ genoſſen zu beſuchen; und ſo lange dieſer wackere Hospes lebte, ſandte er ihm jedes Mal auf Faſtnacht ein Geſchenk vom beſten Rheinwein, um ihn mit ſeinen fröhlichen 294 Gäſten zu verzehren. Noch manches Mal nahm der Veteran Fooſt' von Thienna Theil daran, bis der Tod, ein Scharfſchütze deſſen Kugeln ſicherer trafen, als die der ſpaniſchen Musketiere, in Venlo ihn von ſeinem Poſten abrief. Melchior verlor noch immer mehr von ſeinem Einfluſſe, wurde aber ſtets in der goldenen Hellebarde gedu ldet, geſchah es auch nur, um ſich über ihn luſtig zu tchint So lange der Prinz lebte, nahm Moritz keine Dienſte an. Doch ungefähr zwei Jahre ſpäter ſtarb er, und ſein Bruder Friederich Heinrich folgte ihm als Statt⸗ halter, unter deſſen Regierung ſich Moritz löblich im Staatsdienſte auszeichnete. Er wohnte abwechſelnd im Haag und auf dem Landgute ſeiner Gemahlin, wo noch immer während ihrer Abweſenheit Baſe M athilde das ment behielt. Von Klara erſuhr Moritz nie das Geringſte. Doch iſt es wahrſcheinlich, daß bei ihrer zerrütteten Geſund⸗ heit ſie ihre Leiden nicht lange wird überlebt haben. Moritzens männliche Linie iſt ſpäterhin ausge⸗ ſtorben. Die weibliche hingegen blühet noch fort, und es iſt Dir bekannt, Henriette, daß auch wir von ihr abſtammen. Tekla überlebte die Ereigniſſe, wobei ſie eine ſo wichtige Rolle geſpielt hatte, nur kurze Zeit. So ruhig wie ihre letzten Lebens tage war ga6 ihr Ende. Kurz vorher ſprach ſie die Bitte aus, den Todtenkopf, wovon ſie ſich nie getrennt hatte, auch mit ihr zu begraben. Obgleich ſie ſich nie darüber ausge ſprochen hatte, ſo ver⸗ muthet man, daß er das Haupt von ihres Vaters blutiger Leiche geweſen. Die Koſtbarkeiten in der Grotte auf Ameland wurden durch die der Schloßbe⸗ wohner nach dem Haag gebracht. Die Grotte ſelbſt verfiel ſeit jener Zeit ganz, doch verſichert man, daß jetzt noch Ueberbleibſel davon an der Weſiſeite der Inſel ge⸗ funden werden. —— Eliſe Ewouts.„„die alte Tekla hat es geſagt, und wir haben alle die innere Ueberzeugung, daß mit einem ſchuldloſen Herzen und ruhigen Gewiſſen der Menſch nie ganz unglücklich ſeyn kann. Eliſens Bei⸗ ſpiel beſtätigt dies auf's Neue. Lange Zeit drückten die Leiden ſie nieder, welche bald noch durch den Tod ihres Vaters vermehrt wurden. Der Stolz des alten Mannes, womit er ſich ſeines Glaubens rühmte und die Irrlehre bekämpfte, war ganz gewichen; der Gedanke, daß ſeine Nachbaren von ihm ſagen konnten, er habe nicht allein mit den Arminianern und Prinzenmördern in Ge⸗ meinſchaft geſtanden, ſondern ſogar ſeine Tochter an einen ſolchen verlobt, nagte unaufhörlich an ſeinem Her⸗ zen, und dieſer Wurm wurde noch durch den ſo unaus⸗ ſprechlichen Schmerz ſeiner geliebten Tochter gerührt. Er verfiel in eine Krankheit, wo er ſogleich ſeinen Tod vorausſah. Wenige Augenblicke vor ſeinem Ende ſegnete er ſeine Tochter, welche knieend vor ſeinem Bette lag; darauf legte er gelaſſen ſein Haupt wieder auf das Kiſſen, faltete die Hände und ſprach:„Nun, Herr! laß deinen Knecht in Frieden ziehen,“ und hauchte ſeinen letzten Seuf⸗ zer aus. Erſt nach ſeinem Tode nahm Eliſe Emma's Vorſchlag an, eine Zeitlang bei ihr zu wohnen. Die Herberge wurde verkauft, und Eliſe, im Beſitze eines guten Vermögens, ließ ſich im Haag, in der Nähe ihrer angeſehene Freundin, nieder. Noch mehrere warben um ihre Hand, doch ſie wieß, wie meine Leſerinnen auch nicht anders vermuthen werden, einen jeden Antrag ab. Sie verwandte ihre Zeit auf die Ausübung ihrer religiöſen Pflichten und Verrichten guter Werke. Jerome, ihr trauernder Geliebter und unſchuldige Urſache aller ihrer Leiden, wurde von dem Prinzen und den Staaten reichlich belohnt. Die Alles heilende Zeit milderte auch einigermaßen den Schmerz des wackern Jungen, ſo daß er ſeinen Dienſt treu verſah und zu 296 einem nicht unbedeutenden Poſten ſich aufſchwang. Aber das Glück ſeines Lebens war unwiderruflich verloren. Obgleich Eliſe frei war, ſo wagte er es doch nie, ſeinen Antrag zu erneuern, um ſo weniger, da durch ſeine un⸗ ſchuldige Veranlaſſung er ihren Geliebten auf das Schaffot. gebracht und ſie unglücklich gemacht hatte. Auch er blieb unverheirathet und ſah Eliſe nie wieder.„ Der würdige Kamphuiſen, deſſen ganzes Leben eine Vergeltung von Leiden war, ſtarb ungefähr fünf Jahre nachher in Dokkum, wo man noch das Grab dieſes vortrefftichen Dichters, gefühlvollen Menſchenfreundes und aufrichtigen Chriſten zeigt. Somit, meine liebe Henriette! wäre dieſe Er⸗ zählung beendigt. Auch der Kreis unſerer Verwandten iſt ſeit jener Zeit bedeutend kleiner geworden; doch das Band, welches uns und die Uebriggebliebenen noch zu⸗ ſammenhält, iſt nicht zerriſſen, ſondern umſchlingt unſere Herzen deſto feſter, und wird nicht eher nachlaſſen bis auch uns die Stunde ſchlägt, welche uns mit den lieben 3 Vorangegangenen, um nie wieder getrennt zu werden, vereinigen wird. Ende des vierten bis letzten Bändchens. — ——— 5 ————— —