— ——5 1 —* ₰ 2½* — 5 8 Leihbiblivthek † deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. —— ceih- und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens —— 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines gekiehenen Buches wird von f jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Qaution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme„ eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 3 ) binterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat:— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. „3 3 ²„ ² 4 i 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 3 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern 1c.) muß ver Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ orene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird 5 beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — „ Die Verlobten des Todes. Vom Vicomte d'Arlinconrt. . ————— Aus dem Franzeſiſchen uͤberſetzt pypn Ludwig Fort. In drei Bänden. Band 1— 3. Grimma und Leipzig, Druck und Perlag des Vetlage⸗Compytoirs. 3 1850. — Der Schleichhändler. Uner dem ſchoͤnen Himmel Cataloniens lebte im Jahr 1811 in der reizenden Stadt Reus, vier Stun⸗ den von Tarragona, die junge und ſchoͤne Paquita Balcells, die Tochter eines Kaufmannes. Die ſpa⸗ niſche Revolution und die napoleoniſchen Kriege hatten ihre Familie um ihr ganzes Vermoͤgen gebracht und ihre naͤchſten Verwandten zerſtreut. Vor Zuruͤcklegung ihres achtzehnten Jahres verwaiſ't, war ſie in dem Al⸗ ter, in welchem das Herz ſich der Freude und der Liebe offnet, ſchon zu Leiden und Truͤbſal beſtimmt. Ihr Vater, Francisco Balcells, der gegen die franzoͤſiſchen Truppen Partei ergriffen und in die Hande des Fein⸗ des gefallen war, hatte auf dem Punkte geſtanden, a Verrather und Spion am Galgen zu ſterben; allein es war dem Sohne eines reichen Kaufmanns der Gegend, Namens Eſtevan de Monſerrat, gelungen, mit Hilfe des Goldes ihm zur Flucht zu verhelfen und ihn wie durch ein Wunder zu retten. Wenige Jahre ſpäter bat Don Eſtevan, von der Schoͤnheit Paquita's hinge⸗ riſſen, den Vater um ihre Hand, und dieſer ſagte da⸗ her, als er auf ſeinem Todbette von ſeiner Tochter Ab⸗ ſchied nahm, die feierlichen Worte zu ihr: „Ich hinterl aſſe Dich Don Eſtevan. Wenn Du mich jemals geliebt haſt, ſo werde ſeine Gattin.“ Paquita antwortete, waͤhrend ihre Thraͤnen floſſen: „Don Eſtevan ſoll mein Gatte werden.“ Balcells druͤckte dankbar die Hand ſeines Kindes und ſchloß die Augen auf ewig. Das Trauerjahr war vergangen und die Waiſe von Reus, welche ſchon in fruͤhen Jahren ihre Mutter verloren hatte, ſah ein, daß ſie jetzt, wo ſie allein und ohne Verwandte in der Welt ſtand, eines treuen Fuͤh⸗ rers und einer ſichern Stuͤtze dringend bedurfte. Ihr Vater hatte dieſe Stuͤtze und dieſen Fuͤhrer fuͤr ſie gewählt, es war Don Eſtevan de Monſerrat. Sie konnte ſich keine beſſere Verbindung wuͤnſchen und Je⸗ derman wuͤnſchte ihr Gluͤck dazu. Eſtevan beſaß ein vortreffliches Herz, eine ſchöne Geſtalt, Bildung und Reichthum, und er liebte ſie innig und treu. Was hätte ſie noch mehr wuͤnſchen könhen? Warum zoͤgerte alſo die ſchoͤne Catalonierin, die Seinige zu werden und warum ſchob ſie Vet⸗ dung immer weiter hinause „ Ach! ſie hatte den jungen, liebenswuͤrdigen Pedro Walls geſehen! Pedro war kaum zwanzig Jahre altz er beſaß einen ſchlanken, zierlichen Wuchs, ſeine blauen Augen waren voll Zauber und Poeſie und ſein blondes Haar fiel in vollen, glaͤnzenden Locken von ſeiner Stirn herab. Er war Kuͤnſtler, Muſiker und Dichter; er be⸗ ſaß eine herrliche Stimme und ſang Lieder, die ihm der Genius eingab. Wenn er des Abends die Stadt ver⸗ 4 und, mit der Guitarre ſich begleitend, ſeine liebli— chen Melodien mit den Duͤften der Felder vermiſchte, dann drängte ſich Alles um ihn her, es bildeten ſich frohliche Taͤnze und Beifallrufe erfuͤllten die Luft. Alle Maͤdchen der Umgegend waren in den Guitarrero ſterb⸗ lich verliebt. Jeden Tag bat Don Eſtevan ſeine reizende Braut, den Zeitpunkt ihrer Verbindung zu beſtimmen; aber je⸗ den Tag erdachte ſie einen neuen Vorwand, um die Hochzeit zu verſchieben. Eines Morgens jedoch, nach einer Nacht voll innerer Kaͤmpfe und geheimer Leiden, begab ſich Paquita, entſchloſſen, i ihrer eihei ein Ende zu machen, nach dem Fort von Tärragona. Hier wohnte ein Prieſter, dem ſie ſeit ihrer Kind⸗ heit ihre geheimſten Gedanken anvertraute. Ex Don Manuel, und beſonders 6 einem Jahre 3 Paquita mehr als je an m denn der Prieſter war Pedro's Oheim. „Mein Vater,“ ſagte vun zu Shohigt, 2 g —————— mußt Monſerrats Gattin werden.“ daß ich verſprochen habe, Don Cſerane Gattin zu wer⸗ den; aber ich will es Euch geſtehen: ich habe lange mein Herz gepruͤft, es fuͤhlt keine Liebe zu ihm.“ „Die Liebe iſt nicht unumgaͤnglich noͤthig, mein Kind. Sollte Don Eſtevan Dir mißfallen?“ „Neinz ich achte ſeinen Charakter, er iſt gut, edel, rechtſchaffen... aber demohngeachtet...“ „Ich verſtehe Alles, meine Tochter.“ „Ihr verſteht mich?“ „Du liebſt einen Andern.“ „Ich glaube es auch, mein Vater.“ „Und wer iſt dieſer Andre?“ 4 „Euer Neffe, Pedro Walls.“— Der Prieſter runzelte die Stirn und ſeine Zuge verriethen eine ſchmerzliche Unzufriedenheit. „Paquita,“ ſagte er,„Du kannſt nicht meineidig werden. Erinnere Dich, daß Dein Vater in ſeiner letzten Stunde ein feierliches Verſprechen von Dir er— halten hat und daß es Dir nicht erlaubt iſt, es zu bre⸗ chen. Du darfſt Deine Pflicht nicht verletzen, Du „Mein Vater, ich habe Euch noch ein Geſtaͤndniß zu machen. Pero hat mich glſehen... mich ge⸗ ſprochen.* „Und er liebt Dich⸗ 2. „Erhat es mir geſagt ich habe es gehört.“ 7 Warum haſt Du ihn angehoͤrt, unbeſonnenes Kind?“ „Seine Stimme iſt ſo ſanft und ſo liebevoll; wie könnte ich ihr mein Ohr verſchließen? Und er iſt ſo treu, ſo hingebend!“ In der Muſik und in der Poeſie.“ „Nein; was er verſpricht hält er.“ „Wenigſtens ſingt er ſo, mein Kind.“ „Wie ungerecht ſeid Ihr, mein Vater! kein Menſch ſpricht ſo von Pedro. Ihr liebet alſo weder ihn noch „Thörichtes Kind,“ erwiederte Don Manvel,„eben weil ich Euch Beide liebe, bekämpfe ich Eure gegen⸗ ſeitigen Gefuͤhle. Mein Neffe beſitzt kein Vermoͤgen. In Folge ſeines leichtſinnigen und ſorgloſen, obgleich guten, ſanften und offnen Charakters, hat er die juri⸗ ſtiſche Laufbahn verlaſſen, die ihm eine ehrenvolle Exi⸗ ſtenz geſichert hätte, und hat die des Kuͤnſtlers und Dichters ergriffen, die ihm nur bittere Täuſchungen be⸗ reiten wird. Ohne Obdach, ohne Familie, ohne Ver⸗ mögen, bedarf er nichts als Luft, Melodien, Unabhän gigkeit und Liebe. So lange er frei und allein iſt, kann ihm dies genügen; aber wuͤrde es auch fuͤr den Gatten und Vater hinreichen? Ich wiederhole es Dir, meine Tochter, Du mußt Monſerrats Gattin werden“ Paquita kehrte nach Reus zuruͤck. Sie ritt lang⸗ ſam auf ihrem kleinen Maulthiere, mit ſchwerem Her⸗ zen und geſenkter Stirn. Als ſie aus einem Walde in's Freie kam, begegnete ihr Gomez, der wilde Gomez, ein Schleichhaͤndler der Kuͤſte und einer der beruchtig⸗ ſten Schmuggler des Landes. Er war Don Eſtevans Todfeind und ein leidenſchaftlicher Bewunderer Paqui⸗ ta's. Er hatte es ich ſelbſt geſchworen, daß ſie die Seinige werden muͤſſe, zum großen Ungluͤck Paquita's, denn er beſaß einen unbeugſamen Charakter, der, um zu ſeinem Ziele zu gelangen, kein Hinderniß kannte und vor keinem Verbrechen zuruckſchreckte. Ludwig Gomez, ein Mann von koloſſaler Geſtalt, ſaß auf einem andaluſiſchen Roſſe, deſſen Zuͤgel mit Schellen beſetzt war. Sein ſchwarzes, röthlich ſchim⸗ merndes Haar war in ein mit Silber durchwirktes Netz gehuͤllt und mit der cataloniſchen Muͤtze bedeckt. Er trug eine Jacke von blauem Sammt, mit Goldflit⸗ tern beſetzt, und geſtickte Lederkamaſchen, die in der Ge⸗ gend der Wade offen waren. Ein Ueberwurf von roth⸗ karrirter Wolle fiel ihm von der Schulter herab, nach Art der ſchottiſchen Plaids. Im Guͤrtel trug er ein Paar Piſtolen und auf der Oberlippe einen dicken Schnurrbart. Er hatte ein lebhaftes Auge, eine breite Stirn und regelmäßige, ſchoͤne Zuͤge; aber dennoch flößte der Anblich ſeines Geſichts weniger Bewunde⸗ rung als Schrecken ein. 9 „Paquita, ſagte er, ſeine Stentorſtimme maͤßigend und ſich bemuͤhend, ſeinem Blicke einen freundlichen, ſchmeichelnden Ausdruck zu geben,„Ihr kommt von Tarragona zuruͤck? Nicht wahr, die Feſtungswerke wer⸗ den bewaffnet?“ Es ſcheint, daß die franzöſiſche Armee naͤher kommt,“ antwortete ſie. 4 „Ja, und Tarragona wird eine harte Belagerung zu ertragen haben.“ „Zum Gluͤck iſt die engliſche Flotte da und wie man ſagt, iſt die Feſtung uneinnehmbar.“ „Das iſt nicht wahr, ſie wird eingenommen werden.“ „Eure Worte ſind furchterlich.“ „Ich weiß wohl, daß Furcht das einzige Gefuͤhl iſt, daß ich Euch einflöße. Aber gleichviel, ich halte mich verpflichtet, Euch eine wohlgemeinte Warnung zu geben. Catalonien wird vom Feinde eingenommeh wer⸗ den, die Stunde der Gefahr wird ſchlagen und dann wuͤrde Gomez' Degen nuͤtzlicher zu Eurer Vertheidigung ſein, als Pedro's Guitarre.“ Paquita antwortete dem Schleichhaͤndler nur, in⸗ dem ſie ihr Maulthier zu raſcherem Gange antrieb. „Ich will Euch uber die jetige Lage der Dinge aufklären,“ fuhr Gomez fort.„Es werden hier Ströme von Blut fließen und weder Boleros noch Saynettes werden den Feind vertreiben koͤnnen, ſondern nur Säbel 10 und Flinten. Alſo ſeid auf Eurer Hut, Paquita! Ihr muͤßt einen tapfern Mann an Eurer Seite haben.“ „Nach dem letzten Willen meines Vaters wird Don Eſtevan de Monſerrat mein Gatte,“ erwiederte das junge Mädchen. „Ihr liebt ihn nicht, Paquita, alſo nehmt Ihr ihn nur wegen ſeines Reichthums. Ueberdies wird er nicht in Reus ſeine Hochzeit feiern, denn dort iſt ſein Geldkaſten in Gefahr. Der General Suchet, der Sie⸗ ger von Tortoſa, wird in drei Tagen hier ſein und Euer Bräutigam wird ſich mit ſeinen Duros*) nach Tarra⸗ gona fluͤchten. Sein Triumph an der Seite ſeiner Schönen wird alſo mit einer Flucht beginnen.“ „Und Ihr?“ „Ich werde bald hier, bald dort ſein. Ich habe mehrere Schiffe auf der See; ich werde mich uͤberall zeigen und mich nirgends verbergen. In den Gebirgen geboren, beſitze ich einen feſten Willen, Kraft und Muth. Ich vermag viel und fuͤrchte nichts. Wehe dem, der mich weder zu wuͤrdigen, noch auf mich zu hören weiß! Meine Liebe iſt zuruͤckgewieſen worden, man könnte wohl auf meine Rache treffen!“ Nach dieſen Worten ſetzte er ſein Pferd in Galopp und verſchwand. Paquita hatte bald die Thore von Reus erreicht. —— ) Spaniſche Silbermünze, 1½ Thaler an Werth. — 11 In einiger Entfernung erblickte ſie eine Anzahl Hirten und junge Maͤdchen, die im kuͤhlen Schatten der Bäume auf den Lieblingsſaͤnger Cataloniens horchten. Medro's ſchöͤne Stimme ließ folgenden lieblichen Geſang „Iberiens frohliche Kinder, Kommt herbei! Das Meer iſt ruhig, die Luft iſt warm, Der Wieſe entſtroͤmt ein ſuͤßer Duft, Alles iſt Freude, Liebe und Zauber Um uns her. Singe, meine Zither, mit frohem Entzuͤcken, Nicht Reichthum und Groͤße, Nein, die Natur und die lieblichen Tage. Geliebte Zither, O ſinge immer! Giebt es noch etwas, das in dieſem Leben, Weit von den Städten und weit von den Hoͤfen, Aufwiegt die Blumen, die Poeſie, Die Freiheit, das Gluͤck der Freundſchaft Und der Liebe?“— ————— Wenige Wochen waren vergangen. Paquita war nicht mehr in Reus; die franzöſiſchen Truppen hatten dieſe Stadt, eine der wichtigſten Cataloniens, beſetzt. Der Obergeneral der Armee von Aragonien ſtand unter den Mauern von Tarragona und die Belagerung hatte begonnen. Demohngeachtet herrſchte unter den Belagerten nicht die geringſte Unruhe. Die engliſche Flotte fuͤhrte 3* der Stadt und ihren Vertheidigern Munition und Le⸗ bensmittel im Ueberfluſſe zu und die Feſtung ſchien da⸗ her vor jeder Gefahr geſichert zu ſein. Das Vertrauen der Bewohner ging bis zur Verblendung, und waͤhrend die Kanonen um die Wälle donnerten, gaben ſie, dem Feinde zum Hohn, Bälle und Concerte. Man ſang zu dem Rollen des Donners, man tanzte neben dem Kra⸗ ter eines Vulkans. An einem heitern Junimorgen begab ſich die ſchoͤne Paquita Balcells am Arme ihres Braͤutigams Mon⸗ ſerrat, mit dem ſie ſich nach Tarragona gefluͤchtet hatte, nach der Cathedralkirche. Der Brautkranz ſchmuckte ihre jungfraͤuliche Stirn und ein weißer Schleier fiel ihr uber die Schultern herab. Ihr Anzug war elegant aber ein⸗ fach. Obgleich ein Lächeln ihre Lippen umſchwebte, ſo hatte doch ihr Blick einen ſchmerzlichen Ausdruck. Ihre Haltung verrieth Vertrauen und Heiterkeit; aber das Vertrauen war mit Trauer, die Heiterkeit mit Leiden gemiſcht. Die Trauungsceremonie begann. Don Manuel verrichtete den Gottesdienſt. Wäh⸗ rend Paquita vor dem Altare knieete, horte ſie, wie der Donner der Kanonen ſich mit dem Gelaͤute der Glocken vermiſchte. Von traurigen Ahnungen gequält, blickte ſie mit einer unbeſtimmten Angſt um ſich: es war ihr, als ſtände Pedro's Oheim auf einem Grabe, als wäre„ *. ⸗.— ¾= ——— 13 die Kirche gleich einem Grabgewolbe, ſchwarz ausgeſchla— gen, und als weihte mehr der Tod als die Liebe ihre Werbindung. Don Eſtevan war an ihrer Seite. Seine Zuͤge, aus denen die edelſten Gefuͤhle und das beſte Herz ſpra⸗ chen, waren das Bild des reinſten Gluͤckes. Er dankte Gott mit Inbrunſt fuͤr die Lebensgefaͤhrtin, die er ihm gab. Unweit von ihm ſah man ſeine Schweſter, die ſchoͤne Dolorida Munnoz. Dieſe, welche ſiebenundzwan⸗ zig Jahre alt und ſeit achtzehn Monaten Witwe war, hatte nicht die geringſte Aehnlichkeit mit ihrem Bruder. So ruhig und edelmuͤthig Don Eſtevan ſich bei jeder Gelegenheit zeigte, ſo reizbar und leidenſchaftlich war Dolorida. . Das Gemuͤth des Bruders war ſanft und mild, das der Schweſter trotzig und unverſohnlich. Dem⸗ ohngeachtet beſaß die Witwe Munnoz einen erhabenen Sinn, ein Gefuhl fuͤr Gerechtigkeit und einen heroi⸗ ſchen Muth; ſie war der groͤßten Tugenden, wie der ſtrafbarſten Verirrungen fahig. Ihr verborbener Gatte, ein reicher Grundbeſitzer in der Gegend von Villaſeca, hatte ihr ein bedeutendes Vermoͤgen hinter⸗ laſſen. Sie beſaß ein reizendes Landgut und da ſie bei dem Allen ſehr ſchoͤn war, ſo fanden ſich zahlreiche Be⸗ werber um ihre Hand, obgleich ihr Charakter zuweilen dtwas Abſchreckendes und Beunruhigendes ha tte: Als das Brautpaar die Kirche verließ, n iherte ſich ein Mann von athletiſcher Geſtalt Don Eſtevan. Sein Auge blitzte von Haß und Wuth und mit heftigen, dro⸗ henden Bewegungen drängte er die Umſtehenden zuruͤck. Es war Gomez, der Pirat. „Ich habe Paquita fruͤher geliebt als Du,“ raunte er dem Braͤutigam in's Ohr.„Du haſt ſo eben einen Eid vor dem Altare abgelegt und ich habe das Naͤm⸗ liche gethan. Folgendes habe ich geſchworen: Das erſte Mal, wenn wir uns an einem einſamen Orte, fern von den Menſchen, begegnen, wirſt Du Dein letztes Gebet ſprechen!“ Dann verſchwand er in der Menge. Obgleich der Freibeuter jene Worte nur halblaut geſprochen hatte, damit nur Don Eſtevan ſie hoͤren ſollte, ſo waren ſie doch auch von Paquita, wenn auch nicht genau verſtanden, doch vollkommen errathen wor⸗ den. Ihre Wangen hatten ſich von Neuem mit Todes⸗ bläſſe bedeckt und ihre Angſt hatte ſich noch mehr ge— ſteigert. Auch Dolorida Munnoz hatte in der Nähe geſtan⸗ den, ſo daß ſie die Gedanken des Schleichhandlers errieth, in dem Augenblicke, als er ſich zu ſeinem glucklichen Nebenbuhler vordraͤngte, und ein Blitz von Zorn und Wuth war wie das Anzeichen eines Sturmes, uͤber ihre Stirn geflogen. Aus der Bewegung ihrer Lippen haͤtte man vermuthen koͤnnen, daß ſie etwas ſagte, aber es war kein Ton aus ihrem Munde gekommen. —— — — — 15 Nach der Ankunft in Monſerrats Wohnung, die in einem der ſchoͤnſten Stadttheile lag, hatten ſich Do⸗ lorida und ihre Schwaͤgerin einen Augenblick in ihr Zimmer zuruͤckgezogen. Die Wittwe Munnoz ſchien ſehr aufgeregt zu ſein. „Ich kehre nach Villaſeca zuruck,“ ſagte ſie zu der Neu⸗ vermaäͤhlten;„ich verlaſſe noch dieſen Abend Tarragona.“ „Wo denkſt Du hin, Dolorida? Du ſetzeſt Dein Leben in die größte Gefahr!“ „Ich liebe die Gefahren.“ „Der Feind ſteht vor den Waͤllen; wie willſt Du aus der Stadt kommen?“ „Auf der Seeſeite, durch den Hafen. Ich habe ein Fiſcherboot, das mich laͤngs der Kuͤſte von Salo bis zu den Ruinen des Schloſſes Torenos bringt, und von da bin ich in wenigen Minuten zu Haus.“ „Aber dieſe Ruinen ſind voll Schmuggler, See⸗ raͤuber und Banditen. Haſt Du wenigſtens Jeman⸗ den der Dich begleitet und vertheidigt?“ „Ja, Schweſter, einen tapferen, jungen Mann.“ „Wen denn?“ „Pedro Walls.“ Paquita mußte ſich anhalten, um nicht zu fallen; ihre Knie ſchwankten und ihr Athem ſtockte. Pedro's Name war wie ein gluͤhendes Eiſen uͤber eine ſchlecht vernarbte Wunde hingefahren. „Armes Kind!“ ſagte Dolorida zu ihr, als ſie eine 16 Thraͤne an ihren Wimpern zittern ſah;„Du haſt Pe⸗ dro geliebt und, was noch ſchlimmer iſt, Du liebſt ihn noch! Ich habe nie mit Dir daruͤber geſprochen und doch wußte ich es ſchon längſt. Welcher Kraft haſt Du bedurft! Dein Herz gehoͤrt dem Guitarrero und Du biſt Monſerrats Gattin geworden“ „Wie? Du machſt mir einen Vorwurf daraus?“ Nein, Paquita, aber ich bedaure Dich. O, ich wuͤrde gewiß nicht freiwillig auf den Gegenſtand meiner Liebe verzichtet haben! Der Tod wuͤrde mir lieber gewe⸗ ſen ſein!“ Paquita brach in heftige Thränen aus. Koͤnnte ich weinen, ſo wuͤrde ich Dir nachah⸗ men, fuhr Dolorida fort,„denn auch ich leide und leide ſehr. Aber ich verſchließe den Schmerz in meiner Bruſt und er wird dadurch nur um ſo brennender.“ „Waͤre es moͤglich, Schweſter2“ Urtheile ſelbſt, Paquita. Ich liebe und ſchon ſeit langer Zeit, aber nicht mit der ſchuͤchternen, zitternden Liebe, die, wie die Deinige, der Stimme der Pflicht und dem Gebote der Vernunft weicht, ſondern mit einer gluͤhenden Leidenſchaft, die keinen Gebieter anerkennt und keine Feſſel duldet. Sie iſt, wirſt Du es glauben? mit Haß und Verzweiflung gemiſcht, denn ich liebe und werde nicht wieder geliebt. Dein Loos her ſchrecklich als das meinige, denn Du weinſt und B wirſt beweint.“ ie. 17 Paquita hatte den Kopf auf die Bruſt ſinken laſ— ſen, wie eine Blume auf zerknicktem Stengel, und ſtand einen Augenblick unbeweglich. Dann erhob ſie ihre bleiche Stirn, die noch der jungfraͤuliche Kranz umgab, und ſagte ſtammelnd: „Und Dein Fuͤhrer iſt Pedro Walls?“ „Ich vertraue mich ſeiner Obhut an.“ „Er iſt alſo in der Stadt?“ r war vielleicht in der Kirche.“ „Dort habe ich Gomez geſehen.“ „Auch ich; er ſprach mit Monſerrat. Hörteſt Du vielleicht, was er ſagte?“ Paquita ſeufzte und ſchwieg. „Auch Der hat Dich geliebt,“ fuhr Dolorida mit einem bittern Laͤcheln fort;„aber Du haſt die Hand des wilden Schleichhaͤndlers ausgeſchlagen, denn ſeine Flamme erſchreckte Dich. Und doch hat er auch ſein Verdienſt; der ſtolze Seemann beſitzt eine erprobte Tapfer⸗ keit. Man ruͤhmt erhabene Thaten von ihm und mehr als eine junge Taube hat auf dem Grund ihres Her⸗ zens ganz leiſe dieſen Geier gerufen.“ Don Eſtevan, welcher ſeine Braut ſuchte, unter⸗ brach das Geſpraäch der beiden Schweſtern; z ſein gewoͤhn⸗ lich heiteres Geſicht hatte einen Ausdruck von Be⸗ ſorgniß. „Wie? Du willſt uns verlaſſen, Dolorida?“ ſagte er zu ſeiner Schweſter.„Das waͤre eine große Unvor⸗ Die Verlobten des Todes. 2 — ſichtigkeit. Die Franzoſen haben Villaſeca beſetzt und Du wirſt in ihre Haͤnde fallen.“ „Sie ſind keine wilden Thiere,“ erwiederte Dolo⸗ rida kaltblutig.„Uebrigens, mag es eine Unvorſichtig⸗ keit ſein oder nicht, ich gebe einen einmal gefaßten Be⸗ ſchluß nie wieder auf; Pedro's Boot erwartet mich.“ „Sein Boot und ſeine Guitarre, nicht wahr?“ verſetzte Monſerrat ſpottend.„Das aͤndert allerdings die Sache. Es iſt keine beſchwerliche und ermuͤdende Reiſe mehr; es iſt Muſik auf der See, in Geſellſchaft des allgemein beliebten Sängers; ein Abend voll Me⸗ lodien und ſuͤßer Traͤume, beim Rauſchen der Wel⸗ len und beim Scheine der Geſtirne. Vor ſolcher Se⸗ ligkeit ſtreiche ich die Flagge. Gott nehme Dich in ſei⸗ nen Schutz, Schweſter!“ „Bete lieber für Dich ſelbſt, Eſtevan. Ich ent⸗ ziehe mich der Gefahr, aber über Deinem Haupte droht das Gewitter!“ Die Prophezeiung der Witwe Munnoz ging nur zu bald in Erfuͤllung. Wenig Tage nach Paquita's Hochzeit verbreitete ſich Angſt und Unruhe in Tarra⸗ gona. Die Laufgrähen wurden unter den Mauern der Feſtung eröffnet, das vor der Stadt liegende Fort Olivo wurde genommen. Die franzöſiſchen Geſchuͤtze zerſtör⸗ ten nach und nach die Mauern der ſtolzen Citadelle; eine Breſche war gangbar und ſchon machte ſich die 2 „ N M N — — 19 engliſche Flotte, einen ſchlimmen Ausaang vorausſehend, ſegelfertig.*) Der Obergeneral Suchet, ſpaͤter Marſchall von Frankreich und Herzog von Albufera, forderte die Be⸗ lagerten auf, ſich zu ergeben. In ſeiner Proclamation kuͤndigte er ihnen foͤrmlich an, daß im Falle eines Stur⸗ mes keinem Menſchen Pardon gegeben werden ſolle und daß,„wenn Tarragona mit Gewalt genommen werden „muß, die Stadt drei Tage lang und ohne Scho⸗ „nung dem blutigen Schrecken der Pluͤnderung preisgege⸗ „ben werden wird. Soldaten, Frauen, Kinder, Greiſe, „Alles muß dann uͤber die Klinge ſpringen!“ Vergebliche Warnung! Die Bewohner von Tar⸗ ragona wollten von keiner Kapitulation hören und ant⸗ worteten den franzoſiſchen Unterhaͤndlern mit Schimpf und Trotz. Sie reizen die Wuth der franzoͤſiſchen Truppen immer mehr und'“ mehr auf und unterlaſſen nichts, um ſich ins Ungluͤck zu ſtuͤrzen. Das furchtbare Signal wird gegeben; die Belagerer ſtehen auf der Breſche und die Sturmglocke ertoͤnt. „Eſtevan!“ rief Paquita in ihrer Wohnung,„der Feind ſtuͤrmt von allen Seiten!... Hoͤrſt Du den Kanonendonner, das Geſchrei?... Die Feinde ſiegen!“ ——— *) Der Verfaſſer, welcher der beruͤhmten Belagerung von Tarragona beigewohnt hat, iſt Augenzeuge der meiſten hier erzählten Ereigniſſe geweſen. 2* 20 „Ja, es iſt die Todtenglocke, welche ertoͤnt.“ „Wir ſind verloren!“ „Die Citadelle iſt ſchon genommen!... und mor⸗ gen iſt das Feſt des heiligen Petrus, des Schutzpatrones der Stadt!*)... Nein, Paquita, es iſt unmöglich!“ „Drei Tage! drei Tage Pluͤnderung!“ jammerte Paquita troſtlos;„ſie werden uns Alle umbringen, die Barbaren!“ Das Geſchrei nahm immer mehr zu. Der Sturm war gelungen; die engliſche Escadre ſegelte ab und die durch das ſtrenge Geſetz des Krieges gerechtfertigte Ver⸗ wuͤſtung von Tarragona ſollte ganz Spanien in Schre⸗ cken ſetzen. Schon warfen die ſiegenden Franzoſen, die ſich von den Waͤllen auf ihre Beute herabſtuͤrzten, Alles vor ſich nieder. Die Stadt war der Wuth der Rächer preisgegeben und wurde mit Feuer und Schwert ver⸗ heert. Es giebt keinen Pardon, kein Mitleiden; der Engel der Verwuͤſtung war gekommen. „Heilige Mutter Gottes! erbarme Dich unſer!“ flehte Paquita, die Stirn bis zur Erde gebeugt, in troſt⸗ loſer Verzweiflung. Don Eſtevan hob ſie auf und fuͤhrte ſie nach einem weiten Brunnen, der ſich in der Mitte eines klei⸗ *) Man wollte dieſes Feſt in Tarragona feiern und es ſollte ein großer Ball auf dem Rathhauſe ſtattfinden. 21 nen Hofes hinter ſeiner Wohnung befand. Der Brun⸗ nen war trocken und man erinnerte ſich nie, Waſſer darin geſehen zu haben; ſeine Oeffnung war mit einem verfallenen hoͤlzernen Dache bedeckt. „Was willſt Du thun?“ fragte Paquita ihren Gatten. „Wir wollen in dieſen Brunnen hinabſteigen; ich habe Lebensmittel auf drei Tage hinuntergeſchafft.“ „Wie? ſchon jetzt? in voraus?“ „Wir haben keine Zeit zu verlieren; ich habe einen Korb in Bereitſchaft gebracht, in dem wir ohne Gefahr hinunter gelangen koͤnnen.“ Beide ließen ſich in dieſen Brunnen hinab, der ihnen die letzte Hoffnung auf Rettung bot, und zogen dann das Seil nach ſich. Im nächſten Augenblicke vernahmen ſie eine Don⸗ nerſtimme, welche Paquita Balclls rief; es war die Stimme des Schleichhaͤndlers. Der verwegene Gomez befand ſich auf einem Schiffe in der Naͤhe der Kuͤſte, als die Franzoſen die Stadt erſtuͤrmten. Sein Adlerblick hatte ſogleich er— kannt, daß es um Tarragona geſchehen war. Ueber⸗ zeugt, daß der wuͤthende Feind weder Alter noch Ge⸗ ſchlecht verſchonen werde, war er ſogleich in den Hafen einge⸗ laufen und von hier aus, mit Gefahr ſeines Lebens, nach 22 Paquita's Hauſe geeilt, in der Hoffnung, daß er mit Hilfe ſeines Muthes und ſeiner Kuͤhnheit noch Zeit und Mittel finden werde, den Gegenſtand ſeiner Liebe zu retten, ehe die. Stadt vollig in die Gewalt der Feinde gerieth. Er hatte einen Dolch, um den Gatten zu ermorden, ein Fahrzeug, um die junge Frau zu entfuͤhren, und neben einer Verwegenheit, die an nichts verzweifelte, eine Kraft, mit der er Alles auszufuͤhren vermochte. Er kam in Monſerrats Haus, es war leer; er rief, aber er erhielt keine Antwort. Er verlor eine lange Zeit mit nutzloſem Suchen; nirgends fand er das junge Ehepaar. Bald hoͤrte man wildes Geſchrei in der Straße. Die ungluͤcklichen Bewohner, von den Siegern verfolgt, fielen uͤberall unter dem Eiſen der Vajonnette und unter den Schüſſen der Musketen. Die Luft ertoͤnte von dem Jammergeſchrei der entehr⸗ ten Frauen, der gemordeten Greiſe und der auf die Pi⸗ ken geſpießten Kinder.“) Der Tod iſt nur noch zwei Schritte von Gomez entfernt, die Moͤrder ſind vor der Thuͤr. 3 Außer ſich lief der Schleichhaͤndler noch immer aus einem Zimmer in das andere und rief Paquits's Na⸗ men. Pl oͤtzlich erblickt er den Brunnen im Hofe und nſe fihrt 3h ein So durch den Kopf. Dort *) Man die Kinder aus den Fenſtern und ſns 6 3 unten mit den Bejonnetten auf. 23 haben ſie ſich vielleicht verborgen! Sogleich dreht er ein Seil aus Vorhaͤngen und Betttuͤchern zuſammen und folgt Eſtevans Beiſpiele. Er will, wie dieſer, im In⸗ nern der Erde eine Hoffnung und einen Zufluchtsort ſuchen und gelangt bald auf den Grund des Brun nens. Welch ein Augenblick fuͤr Paquita! Gomez und Monſerrat ſtehen einander gegenuͤber, an einem ein⸗ ſamen Orte, fern von den Menſchen! Der grauſame Schleichhaͤndler erinnert ſich ſogleich, nicht allein an ſeinen Eid vor dem Altare, ſondern auch an ſeine Worte in der Kirche. In ſeinem Guͤrtel hatte er einen Dolch und zwei Piſtolen und ſein Gegner war unbewaffnet. — II. Der Brunnen des Todes. Die Franzoſen fuhren fort, mit Feuer und Schwert Tarragona zu verwuͤſten. Die Phantaſie bebt entſetzt vor dieſen Scenen des Jammers und der Verzweiflung zuruͤck, welche durch das trotzige Benehmen der Einwoh⸗ ner gegen den Feind hervorgerufen worden waren. Mon⸗ ſerrats Haus war in Brand geſteckt worden und der Schein der Flammen, der bis in den Ungluͤcksbrunnen drang, beleuchtete Gomez' Zuͤge, in denen mit blutigen Linien Don Eſtevans Tod geſchrieben ſtand. Der Pirat hatte ſich zuerſt beeilt, die Vorhänge und Betttuͤcher, die er an dem Mauerwerk befeſtigt hatte, um ſich daran herabzulaſſen, wieder loszureißen, damit ſie den Siegern ſeinen Zufluchtsort nicht verrathen ſollten. Dann trat er, die Hand an den Dolch gelegt, vor ſeinen Nebenbuhler, vielleicht in der Abſicht, ihn niederzuſtoßen. Paquita warf ſich zwiſchen ſie. „Gomez,“ ſagte ſie leiſe,„wenn Ihr meinen Gatten 25 beruhret, ſo rufe ich augenblicklich um Hilfe. Huͤtet Euch! die Moͤrder ſind oben und wenn ich rufe, ſind wir alle Drei des Todes!“ Sie war feſt entſchloſſen, und bei der geringſten feindſeligen Bewegung des Schleichhaͤndlers hätte ſie ihre Drohung ausgefuͤhrt. „Ich bin gekommen, um Dich zu retten,“ erwiederte Gomez halblaut;„Deine Gefahr ſchuͤtzt Monſerrat, ich will meine Rache noch ſchlummern laſſen.“ Er ſetzte ſich ſo weit als möglich von ihr entfernt auf die Erde. Er hatte einen weiten und beſchwerlichen Weg zuruͤckgelegt; der Schweiß floß ihm von der Stirn und da er gezwungen war, ſeinen Muth zu unterdruͤcken, ſo entſtand dadurch eine gewiſſe Unordnung in ſeinem Geiſte, welcher ſeinem ſtarren Blicke einen ſonderbaren, ſchauerlichen Glanz verlieh. Waͤre Paquita nicht da geweſen, ſo haͤtte er den Eſtevan auf der Stelle ermor⸗ det, hätte auch das Geſchrei ſeines Schlachtopfers die Feinde herbeilocken und ihm ſelbſt den Tod bringen ſollen. Er haͤtte dann gern ein Leben geendigt, das Monſerrats Gattin, daran konnte er nicht mehr zweifeln, nie mit ihm theilen wuͤrde. Aber eine ſolche That haͤtte auch ſie mit in den Abgrund gezogen, und er hatte geſchworen, ſie zu retten. Voll Verzweiflung knirſchte er mit den Zaͤhnen. Er betrachtete ſeine Piſtolen, zog ſeinen Dolch halb aus der Scheide, aber er mußte unthäͤtig bleiben. 1 Stolz mitten im Leiden befriedigen konnen, indem ſie es herausfordern, ſie niederzuwerfen; wo bieſe Feuernaturen, die ſonſt gegen das menſchliche Geſchlecht wuͤthen, eine ängſtliche Freude daran finden, die Gefahren und den Tod aufzuſuchen, indem ſie ſich dabei fuͤr den Schmerz durch den Haß und fuͤr das Ungluͤck durch die Verſch⸗ tung troͤſten. Aber ſolche Augenblicke verlangen Ge⸗ raͤuſch, Tumult, Schrecken, Wahnſinn, und Gomez, der zur Ruhe gezwungen war, ſah um ſich her nur Kälte, Nacht, Unbeweglichkeit, Schweigen und Beſtuͤrzung⸗ So vergingen mehrere Stunden. Die Mluͤnderung von Tarragona dauerte fort, Schrecken und Entſetzen nahmen noch kein Ende. Pe quita ſchmiegte ſich an ihren Gatten und wagte keine Bewegung, keinen Athemzug. Der Tod war uͤber ihrem Haupte, an ihrer Seite, in ihrem Geiſte, uͤberall. Einmal hatte das Leiden und die Angſt ihre Augenlider herabgedrückt, aber plotzich ſchrak ſie wieder auf. Ihr Schlaf wuͤrde dem Moͤrder freie Hand laſſen, Eſtevan hatte dann weder ihren Blick noch ihre Stimme mehr zu ſeinem Schutze. Der Mauchelmord wacht, der Dolch wartet: Paquita darf nicht wieder ſchlafen. Tiefe Dunkelheit begann die drei Ungluͤcklichen zu umgeben. Bis jetzt war noch von Zeit zu Zeit ein Strahl des Tages und der Widerſchein der Feuersbrunſt Ach, es giebt Augenblicke, wo die Starken ihren — 5— 1————— —— 1) „— S—— e— 27 auf den Grund der Eiſterne gedrungenz aber die Nacht ver⸗ breitete ſich uͤber die Erde, die Flammen entfernten ſich, und wenn auch Paquita ein Licht hätte anzuͤnden kön⸗ nen, ſie wuͤrde ſich gehuͤtet haben, es zu thun. Es wäre eine verraͤtheriſche Flamme geweſen. Monſerrat, dem die Angſt ſeiner jungen Gattin noch mehr zum Herzen ging, als ſeine eigene Gefahr, behielt eine unerſchuͤtterliche Ruhe bei. Er wagte es nicht, Paquita ein einziges zaͤrtliches oder troͤſtendes Wort zu ſagen, denn er fuͤhlte, daß ſeine Worte und ſeine Stimme die Wuth im Herzen ſeines Feindes von Neuem rege machen mußten; er mußte daher alle ſeine Gefuͤhle unterdruͤcken und wie ſehr dieſe auch in ſeinem Innern ſtuͤrmten und gluͤhten, kalt und unempfindlich ſcheinen. Welch eine Nacht! welche ewig langen Stunden!... Mit der Morgenroͤthe begann das Blutbad und die Ver⸗ wuͤſtung mit neuer Wuth in der ungluͤcklichen Stadt. Sie iſt ganz der erbitterten Soldateska preisgegeben, deren wahnſinniger Uebermuth durch das Blut, den Wein und den Sieg immer mehr geſteigert wird. Die Kirchen, in die ſich einige Ueberreſte der Bevoͤlkerung gefluͤchtet hatten, wurden die Schauplaͤtze der empoͤrend⸗ ſten Schandthaten; die Entweihung vereinigt ſich mit dem Morde. Man ſchlachtet vor den Altären wie guf den Straßen: es waren gegen dreißigtauſend Opfer gefallen. n Und dennoch war Monſerrats Brunnen von den Moͤrdern noch nicht durchſucht worden. Zwoͤlf Stunden waren vergangen ſeit der Einnahme 3 der Feſtung. Paquita oͤffnete den Korb mit Lebensmit⸗ teln, der an ihrer Seite ſtand. „Gomez,“ ſagte ſie ängſtlich, aber mit feſter Stimme zu dem Schleichhaͤndler,„hier iſt Wein und Lebens⸗ mittel.“ „Ihr wollt mich bei Kraͤften erhalten,“ erwiederte legt?“ „Habt Ihr mich nicht retten wollen?“ entgegnete Paquita. Gomez nahm an, was ihm die junge Frau anbot. Der Durſt verzehrte ihn, er trank daher. „Und er?“ fragte er in hoöhniſchem Tone, auf Eſtevan zeigend. „Spaͤter. Trinkt Ihr nur jetzt.“ „Wird fuͤr morgen etwas uͤbrig bleiben?“ „Fuͤr morgen? ſind wir der naͤchſten Stunde ge⸗ wiß?... Trinkt nur, trinkt.“ Gomez leerte die Flaſche, wie Paquita es wuͤnſchte, dann wollte er aufſtehen und ſich Monſerrat naͤhern. „Ruͤhrt Euch nicht von der Stelle!“ ſagte Paquita er in finſterm Tone;„habt Ihr dies auch wohl uͤber⸗ erſchrocken,„as leiſeſte Geraͤuſch kann uns verderben.“ 2 wi nie geb ber ger in Pi „Es ſei,“ erwiederte der beſaͤnftigte Tiger;„ich will keine Bewegung machen. Gewiß, ich koͤnnte Euch nie einen groͤßern Beweis von Ergebenheit und Gehorſam geben; aber zum Lohne laßt mich wenigſtens Eure Hand beruͤhren.“ Paquita reichte ihm ihre Hand, die er in der ſeini⸗ gen druͤckte. Er hatte ſeinen fuͤrchterlichen Vorſatz nicht aufgegeben, aber er wollte ſich gedulden, er wollte warten. Paquita konnte ſich nicht verhehlen, daß er jeden Augen⸗ blick ſeinen Dolch ziehen und ihren Gatten niederſtoßen konnte. Sie blieb neben ihm ſtehen und wartete eben⸗ falls. Ja, ſie wartete, aber ſie hoffte zugleich, denn ſie hatte einen Plan gemacht. Der Schleichhaͤndler hatte einige Nahrung zu ſich genommen, er hatte getrunken und es war zu erwarten, daß er einſchliefe. Er war ſchon hoͤchſt ermuͤdet als er ankam und es konnte nicht fehlen, daß der Schlaf ſich fruͤher oder ſpaͤter ſeiner be⸗ maͤchtigte. Paquita ließ ihn nicht aus den Augen. In der That fielen dem Piraten bald die Augen zu; er lehnte den Kopf an die Mauer des Brunnens und ſeine Athemzuͤge wurden ſchwer. Endlich lag er in tiefem Schlafe. Sogleich beugt ſich Paquita zu ihm herab, ſucht in der Dunkelheit den Griff ſeines Dolchs und ſeiner Piſtolen und zieht ſie ihm vorſichtig aus dem Guͤrtel. 30 Nachdem ſie ihn voͤllig entwaffnet hat, ubergibt ſie ihrem Gatten die Piſtolen und den Dolch, und ſagt zu ihm: Gomez trachtete Dir nach dem Leben, jetzt iſt das ſeinige in Deiner Hand.“ „Ich werde ihn nicht n erwiederte der großmuͤthige Spanier. Ein Piſtol behalte ich,“ verſetzte die junge Frau. „Jetzt ſchlafe, Pagquita wir haben nichts mehr von Gomez zu fuͤrchten. 3, werde wachen.“ —..——— Der Tag neigte ſich zu ſeinem Ende. Der Pirat, der durch ein furchterliches Geſchrei aus ſeinem langen Schlafe geweckt wurde, ſprang auf und blickte um ſich. Ach, es war um die drei Schlachtopfer geſchehen! Mehrere betrunkene Soldaten ſtehen an der Oeffnung des Brun⸗ nens, einer von ihnen wirft einen Stein hinab. Kameraden,“ ſagt er zu ſeinen Begl eitern, ves iſt kein Waſſer in dieſem Loche, vielleicht ſich Jemand darin verborgen.“ „Nun, dann wollen wir ihm ein pnar Kugeln hin⸗ unterſchicken,“ ſagten mehrere Andere, und zugleich ſchoſſen ſie ihre Gewehre ab. Die Kugeln pfiffen um Eſtevans, Gomeß' und Paquita's Ohten, aber zum Süc ſt nur die Mauer. of — 31 Der Schleichhaͤndler griff, wie er es bei jeder Ge⸗ fahr gewohnt war, mechaniſch nach ſeinem Guͤrtel. Als er weder ſeinen Dolch noch ſeine Piſtolen fand, ſprang er mit den Worten auf Monſerrat zu: Verräther! wo ſind meine Waffen? Gieb ſie mir auf der Stelle zuruͤck!“ „Hinweg!“ erwiederte dieſer;„wenn Du nicht gehſt, ſtoße ich zu.“ Zugleich hob er den Dolch gegen ihn empor. „Schaͤndlich!“ ſagte Gomez,„einen Menſchen im Schlafe zu entwaffnen!“ „Ich habe es gethan, nicht er,“ verſetzte Paquita, indem ſie das Piſtol zeigte, das ſie behalten hatte. Gomez wollte es ihr aus der Hand reißen und mit Anwendung von Gewalt wuͤrde es ihm gelungen ſein, aber Eſtevan drohte ihm wieder mit dem Dolche. Mein, ſagte Paquita, indem ſie den Arm ihres Gatten zuruͤckhielt,„ich werde Niemanden in meiner Gegenwart ermorden laſſen, weder Gomez noch Mon⸗ ſerrat. Wir wollen ſterben, wenn es ſein muß, aber wir wollen nicht toͤdten.“ „Holla!“ rief einer der Banditen im Hofe,„ich höre da unten ſprechen. Es iſt nicht möglich hinunter⸗ zuſteigen, wir wollen daher den Brunnen zuſchuͤtten.“ Sogleich zerbrachen ſie das Dach uͤber der Oeffnung und warfen das Holzwerk hinunter. Da dies nicht genuͤgte, holten ſie uͤberall zerbrochene Möbeln, Thuͤren, leere Faſſer und andere Gegenſtaͤnde herbei und warfen Alles in den Brunnen, bis er faſt angefuͤllt war, dann ſteckten ſie es in Brand. Der Brunnen, der eine enge Oeffnung hatte, er⸗ weiterte ſich nach unten zu und bildete ohngefähr die Geſtalt eines umgekehrten Trichters. Die zin denſelben gefluchteten Perſonen konnten ſich daher dem Falle der herabgeworfenen Gegenſtände entziehen, indem ſie ſich an die Mauer draͤngten, und die Breter, Möbeln und Fäſſer bildeten hier und da eine Art Gewölbe, in denen Luft und Licht circulirte. Die drei Verurtheilten blieben unverletzt. Beim Anblick der Flammen, die an der Oeffnung des Brunnens emporſtiegen und die ſich bis in die Tiefe fortzupflanzen drohten, konnte jedoch Paquita einen Aus⸗ ruf des Entſetzens nicht zuruckhalten. Sie fiel auf die Knie, kreuzte die Arme uͤber der Bruſt und ſprach ihr letztes Gebet. 8 Gomez dagegen lief beim erſten Scheine des Feuers rings an der Mauer herum und bemerkte eine Oeffnung in derſelben, wie die Muͤndung einer Schleuße. Er hatte ſeine ganze Geiſtesgegenwart und Körperkraft be⸗ halten und unterſuchte daher aufmerkſam die ſonderbare Hoͤhlung, die vielleicht in einen unterirdiſchen Gang fuhrte. Mit Huͤlfe eines Holzſtuͤckes brach er einige Steine aus dem Mauerwerke los, wodurch die Oeffnung — ¹9 ie hr 9 Fr e⸗ ng ge n 33 vergroßert wurde; andere fielen von ſelbſt nach und ſo entſtand eine weiter Durchgang. „Wir ſind gerettet!“ rief er. Indeſſen begann ein dicker Rauch den Brunnen zu fullen und drohte die Unglucklichen zu erſticken. Gomez ergriff Paquita mit ſeinen kraͤftigen Armen und zog ſie nach der Oeffnung in der Mauer; aber in dem Augen⸗ blick fiel ein brennendes Holzſtuck auf ſie herab und ſetzte ihre Kleider in Brand. Gomez trug die Ohnmaͤchtige fort. Wie viele Stunden waren vergangen!... ach, wer konnte es wiſſen!... Monſerrats Gattin ſchlug die Augen auf, ſie befand ſich in einem unbekannten Gewoͤlbe. Ein langer Gang lag vor ihr, zu beiden Seiten ſtanden Säarge; der Ort war ein Grabgewoͤlbe. Gomez hatte ſie neben einem Grabmale niederge⸗ legt, vor dem eine Lampe brannte. Es war leicht zu erkläͤren, wie Paquita hierher gekommen war. Die Maueroͤffnung im Brunnen fuͤhrte durch weite unterir⸗ diſche Gaͤnge in das Grabgewölbe unter einer der Haupt— kirchen der Stadt, und von dieſem fuͤhrte eine geheime Treppe nach der Kirche empor, wo die Oeffnung derſel⸗ ben in einer Kapelle an der Seite des Schiffs kaum bemerkbar durch eine Fallthuͤr verſchloſſen war. Paquita lag, mit halbverbrannten Kleidern, auf Die Verlobten des Todes. 3 — — —— 34 einem Grabſteine und Gomez kniete an ihrer Seite, ihr Erwachen zum Leben erwartend. „Wo iſt er?“ war ihre erſte Frage, indem ſie ver⸗ ſtört um ſich blickte;„antworte, wo iſt Monſerrat?“ „Ich habe nur an Euch allein gedacht, antwortete der Pirat in kaltem Tone. „Er haͤtte uns doch folgen ſollen.“ „Das iſt wahr.“ „Da er nicht bei uns iſt, muß er todt ſein... Du haſt ihn ermordet!“ „Hatte er nicht Waffen um ſich zu vertheidigen?“ erwiederte Gomez mit höhniſchem Lächeln. Das Piſtol, welches Paquita in der Hand behalten hatte, lag neben ihr auf dem Steine. Sie ergriff es, betrachtete es und ſtieß einen Ausruf des Entſetzens aus. „Moͤrder! es iſt abgeſchoſſen!“ „Ihr glaubt, uß Monſerrat... 3 „Du haſt ihn* „Welchen Beweis habt Ihr dafuͤr?“ „Der Beweis iſt in meiner Hand und der zweite iſt der Dolch in Deinem Guͤrtel. Dieſen Dolch hatte ich Dir genommen, als Du ſchliefſt und Du haſt ihn Monſerrat wieder entriſſen, nachdem Du ihn ermordet haſt.“ Wuth und Verzweiflung brachten Paquita faſt um den Verſtand. „Elender!“ 5 fort,„wohin kann dieſes 26 en 8, ite tte ihn det faſt eſes Verbrechen Dich fuͤhren? Ich verabſcheue Dich mehr als je!“ „Setze R und ich liebe Pedro Walls!“ fagte Gomez wuͤthe„Nun, auch der ſoll ſterben; ſo viel Liebhaber, ſo viel Morde! Du wirſt die Flamme meiner Liebe nicht erſticken und meinen Dolch nicht ermuͤden. Wir werden ſehen, wo der Kampf endigen wird.“ „Gomez, ich will meinen Gatten ſehen,“ ſagte Paquita, indem ſie ſich todtenbleich, mit aufgeloͤſ'tem Haar, wie eine Geiſtererſcheinung erhob.„Wo iſt ſein blutiger Leichnam? ich muß den letzten Abſchied von ihm nehmen!“ Sie ergriff die vor dem Grabmale hängende Lampe und ging in der Richtung fort, welche nach dem Brunnen des Todes fuͤhrte. Der Schleichhaͤndler hinderte ſie nicht, ſondern folgte ihr ſchweigend. Bald hatte ſie mehrere Gaͤnge vor ſich, ohne daß ihr etwas andeutete, welchen ſie zu waͤhlen habe. Indeſſen bemerkte ſie, daß aus dem einen ein ſtarker Rauchgeruch kam und ſogleich bog ſie in dieſen ein. Aber in dieſem Augenblicke hoͤrt man ein füͤrchterl iches Krachen und der Boden zittept unter den Fuͤßen, die Gewoͤlbe ſtürzen. zuſammen. nicht weiter, Paquita!“ rief der erſchrockene Schleichhaͤndler.„Der Gang iſt eingeſtuͤrzt und wuͤrde Dich „Es zwingt Dich nichts, mir zu folgen“ Mein, aber meine Liebe gebietet mir, Dich nicht 3* zu verlaſſen. Hute Dich! ich wuͤrde Gewalt anwenden, um Dich zu retten, wenn es ſein muß; ich bin dazu entſchloſſen!“ „Ich gehe nicht zuruͤck.“ Gomez ſagte nichts, aber er umfaßte die junge Frau mit ſeinen Rieſenarmen und trug ſie, trotz ihres Straͤubens, nach dem Grabgewoͤlbe zuruͤck. „Paquita,“ ſagte er zu ihr,„laß uns doch an nichts denken, als an Deine Befreiung. Wir haben hier keine Lebensmittel, denn der Korb iſt im Brunnen zuruckgeblieben. Ich ſelbſt habe vielleicht dazu beige⸗ tragen, daß die alten Gewolbe zuſammengeſturzt ſind, da ich mehrere Steine losgebrochen habe. Der Tod kann uns jetzt unter mehreren Geſtalten erreichen, wir muͤſſen ihm zu entgehen ſuchen.“ Fuͤrchteſt Du Dich vor dem Hunger, Gomez? Du haſt einen Dolch, ermorde mich; der Tiger nährt ſich von Blut!“ „Immer neue Beleidigungen? Aber gleichviel, Du ſollſt wider Deinen Willen gerettet werden.— „Ich wuͤßte nicht, wie Dir dies gelingen ſollte!“ „Ich werde die Mittel dazu finden. Dieſer ent⸗ ſetzliche Ort muß mehr als einen Ausgang haben und die Gewölbe werden nicht auf allen Seiten zugleich ein⸗ geſtuͤrzt ſein. Ich werde ſuchen, es giebt gewiß eine Treppe, denn wir befinden uns ohne Zweifel unter 37 einer Kirche. Verſprichſt Du mir, mich hier zu er⸗ warten?“ „Nein.“ „Wenn Du mich aufs Aeuferſte treibſt, muß ich die Gewalt zu Huͤlfe nehmen.“ Mit dieſen Worten nahm er den einem ſchottiſchen plaid gleichenden Ueberwurf von ſeinen Schultern, zer⸗ ſchnitt ihn mit dem Dolche in mehrere Streifen, mit denen er Paquita die Hände auf den Ruͤcken band und ſie an einen Pfeiler des Grabmals befeſtigte. Dann entfernte er ſich und ließ die Ungluͤckliche gefeſſelt, fern von jedem Beiſtande, jeder Hoffnung zuruͤck. Paquita fuhlte, wie ihre korperlichen und geiſtigen Kraͤfte nach und nach ſchwanden. Eine eiſige Kaͤlte durchlief ihre Glieder. Das Bild ihres von Gomez ermordeten Gatten ſtand fortwahrend vor ihrem Geiſte, und die Schrecken der Vergangenheit, verbunden mit den drohenden Gefahren der Zukunft, erzeugten eine Ver⸗ wirrung in ihren Gedanken, welche ein Vorbote des Wahnſinns iſt; es war ein Zuſtand zwiſchen Todes⸗ angſt und Bewußtloſigkeit, zwiſchen Sein und Nichtſein. Sie wollte beten, aber ſie konnte weder auf die Knie fallen, noch die Hände falten, und es kam weder ein S auf ihre Lippen, noch ein Gedanke in ihre eele. e 38 Plotzlich trifft ein ſonderbares Geraͤuſch, wie das eines zerbrechenden Steines, ihr Ohr. Ein klagendes Stoͤhnen folgt darauf und dieſes kommt aus dem Grab⸗ male, an welches Paquita feſtgebunden iſt. Was wird geſchehen?... iſt es der Tod oder eine graͤßliche Vi⸗ ſion?.. Himmel! welcher Ruf! „Paquita!“ Ein Mann ſteht neben ihr, befreit ſie von ihren Banden und benennt ſie mit den zärtlichſten Namen. Er ſcheint ganz berauſcht von ſeinem Gluͤcke zu ſein. Paquita kann ihren Augen nicht glauben; ſie bildete ſich ein, der erſte Anfull des Wahnſinns habe ihre Gei⸗ ſteskrafte verwirrt. Sie ſchließt die Augen, um die ſuͤße Täuſchung ſo lange als moöglich feſtzuhalten, und ihre zitternden Lippen fluͤſtern leiſe: „Pedro!“ Es war in der That der junge Guitarrero; wie kam er hierher?. Paquita's Zuͤge, die ſchon von Dankbarkeit und Hoffnung ſtrahlten, nahmen plöt⸗ lich wieder einen Ausdruck von Angſt und Furcht an. Gomez, mit ſeinem Dolche bewaffnet, konnte jeden Augenblick zuruͤckkommen und ſeinen Nebenbuhler er⸗ kennen, und was ſagte er eben, als er von Pedro Walls ſprach? „Du liebſt ihn: auch er muß ſterben. So viel Liebhaber, ſo viel Morde!“ Pedro lag zu ihren Fuͤßen; er erwärmte ihre Hände as es b⸗ rd j N S 1 N 39 in den ſeinigen und ſagte ihr Alles, was die wahrſte, zaͤrtlichſte und aufopferndſte Liebe ihm eingab. Paquita ſah und hörte ihn an mit einem Gemiſch der innigſten Freude und der entſetzlichſten Angſt. Es war ein Zu⸗ ſtand des ſchmerzlichſten Leidens und zugleich des hoͤchſten Gluͤckes. Der Guitarrero hatte Dolorida in einem Fiſcher⸗ boote nach den Ruinen von Torenos gebracht, und war nach Tarragona zuruͤckgekehrt, in dem Augenblicke, als die ſiegenden Franzoſen ihre Fahnen auf die Waälle pflanzten. Da er ſich nicht denken konnte, daß die Stadt mit Feuer und Schwert verheert werden wuͤrde, war er zu ſeinem Oheim geeilt. Don Manuel war in der Kirche. Schon verbreiteten ſich die Sieger in den Straßen und drangen in die Haͤuſer ein. Es gelang Pedro, den ſie ſchon verfolgten, ihnen zu entkommen und die Kirche zu erreichen, in die ſein Oheim ſich ge⸗ fluͤchtet hatte. Ach! der greiſe Prieſter lag, von einer Kugel getroffen, bleich, mit Blut bedeckt und ſterbend vor den Stufen des Altars, wohin er ſich mit Muͤhe geſchleppt hatte. Hier wollte er ſterben. Pedro, der von Don Manuel erzogen worden war und jeden Winkel der Kirche genau kannte, erinnerte ſich des Grabgewoͤlbes, das er oft mit ſeinem Oheim beſucht hatte; er wußte, wo ſich der geheime Eingang —,——— 40 und die hinabfuͤhrende Treppe befand. Er ſchleppt und traͤgt den Prieſter nach der rettenden Oeffnung, hebt die Fallthuͤr empor und ſteigt mit dem Verwundeten die Treppe hinab. Kein Zeuge hat ſie geſehen, der Himmel hat ſie beſchuͤtzt. Aber Don Manuel war ſchwer in der Bruſt ver⸗ wundet. Pedro konnte nichts thun, als nach Moͤglich⸗ keit das Blut zu ſtillen ſuchen; aber ohne die noöͤthige Behandlung konnte die Wunde leicht toͤdtlich werden. Pedro war, nach Art der wandernden Saͤnger der Vorzeit, in Reiſekleidern und hatte ein Raͤnzchen bei ſich, in dem ſich durch einen gluͤcklichen Zufall, einige Lebensmittel befanden. Aber man konnte ihren Schlupf⸗ winkel entdecken und hier wie uͤberall wurden ſie ohne Schonung ermordet. Don Manuel erinnerte ſich, daß das groͤßte Grabmal in dem unterirdiſchen Gewoͤlbe eine kaum ſichtbare Thuͤr hatte, die in das Innere deſſelben fuͤhrte, wo der Sarg des vornehmen Spaniers ſtand, fuͤr den es errichtet worden war. Dies war ein ſicherer Schlupfwinkel fuͤr den Fall der Noth. Das Geraͤuſch der Schritte des Schleichhaͤndlers hatte Pedro beſtimmt, ſich mit ſeinem verwundeten Oheim in dieſe Zufluchtsſtaͤtte zuruͤckzuziehen. Ach! der Greis ging ſeiner letzten Stunde entgegen und ſein Todesſtöhnen war es geweſen, was Paquita horte, als Pedro die Thuͤr ein wenig oͤffnete und ſie erblickte. Kaum hatte er ihr dies Alles mit wenigen Worten c 40—— — — —— N M ———„ S— 8 8 6b 41 erzaͤhlt, ſo hoͤrte man in geringer Entfernung lautes Geſchrei und wiederholte Flintenſchuͤſſe. „Gott im Himmel!“ rief Pedro,„ſie ſind auf der Treppe, die aus der Kirche herunterfuͤhrt! ſie haben die Fallthuͤr geoͤffnet!“ „Gomez wird uns verrathen haben,“ erwiederte Paquita;„er ſuchte einen Ausgang aus dem Gewoͤlbe und die Feinde werden ihn entdeckt haben.“ Neues Geſchrei und neue Schuͤſſe wurden gehoͤrt. „Hoͤrt Ihr ſie, Paquita? die Moͤrder ſind in der Naͤhe!... Kommt!“ „Wohin?“ „In das Innere des Grabmals?“ „Allein?“ „Mit einem Prieſter und dem Tode.“ In dieſem Augenblicke fand ein fuͤrchterlicher Kampf am Eingange in das Grabgewoͤlbe ſtatt. Der Pirat, bis an die Zähne bewaffnet, vertheidigte ihn mit der ganzen Macht der Kuͤhnheit gegen Soldaten, die vom Morden berauſcht waren. Zum Ungluͤck hatten ihn einige Flintenſchuͤſſe getroffen und der wuthende Löwe begann zu fuͤhlen, daß ſeine Knie ſchwankten und ſeine Augen ſich verdunkelten. Demohngeachtet hieb er noch fortwährend um ſich herum; waͤhrend er die Gegner ab⸗ wehrte, wich er zuruͤck; er unterlag, aber er tödtete noch immer. Endlich erzwangen die Feinde den Eingang in das 42 Gewolbe; Gomez hatte nichts mehr, als ſeine ungela⸗ denen Piſtolen und ſeinen zerbrochenen Dolch. Bis an das Grabmal zuruckgedräͤngt, bei dem er Paquita zuruͤck⸗ gelaſſen hatte, lehnt er ſich an daſſelbe an und rief ihren Namen. Niemand antwortete und er ſah ſie nirgends. Sein Blut floß in Stroͤmen. „Paquita!“ wiederholte er mit ſchwächerer Stimme. Er ſtuͤtzte ſich an das Mauſoleum; ſeine Hand ſtieß an eine Waffentrophae und faßte einen alten Spieß. „Paquita!“ wiederholte einer der Soldaten, indem er auf ihn eindrang, um ihm den Todesſtoß zu geben, „iſt das Deine Geliebte?“ 5 — 02— Es iſt Dein Tod,“ antwortete Gomez und ſtieß ihm den Spieß in die Bruſt. ——+———(—— — Das Todtengewand. Paquita hatte ſich in dem engen, kaum ſieben bis acht Fuß im Quadrat enthaltenden Raume ohne Ta⸗ geslicht und ohne Luft auf einen bleiernen Sarg geſetzt und vermochte kaum zu athmen. Welche Umgebung! welche Lagel... Pedro's Oheim lag in einem Winkel und hatte kaum noch einige Minuten zu leben. Dem⸗ ohngeachtet lag in ſeinem Blick noch ein Ueberreſt von Feuer, als er mit einem ſchmerzlichen Ausdruck auf die junge Frau fiel. „Ach, mein Vater!“ ſagte dieſe,„muß ich Euch ſo wiederfinden?“ „Still!“ unterbrach ſie Pedro,„hoͤrte ich nicht Go⸗ mez Stimme?“ Ja... er wird verfolgt.. er ruft mich.“ „Wayrſcheinlich zum letzten Male.“ u Und nicht ein Wort ſagt er zum Himmel!. 8 Manuel, betet fur ihn.“ Der Prieſter faltete die Haͤnde uͤber die Bruſt. „Ich hoͤre nichts mehr,“ ſagte Pedro,„Gomez hat aufgehoͤrt zu kaͤmpfen.“ „Dann hat er auch aufgehoͤrt zu leben,“ erwiderte Paquita. Eine Lampe erleuchtete den ſchauerlichen Ort, wo Monſerrats ungluͤckliche Gattin, ſo kalt als der Mar⸗ mor des Gewoͤlbes, auch ihre letzte Stunde erwartete. Der lebhafte, froͤhliche Guitarrero, der Saͤnger der Freude und der heitern Spiele, hatte kein Laͤcheln und keinen frohen Blick mehr. Seine Wangen waren mit Todes⸗ blaͤſſe bedeckt; vergebens ſuchte er ſeinen Schmerz zu verbergen, er verrieth ſich in allen ſeinen Zuͤgen. Der Prieſter allein war ruhig. „Arme Kinder!“ murmelte er. „Mein Vater!“ ſagte Paquita zu ihm,„Ihr habt mir befohlen, Don Eſtevans Gattin zu werden, ich habe Euch gehorcht... aber ach! Don Eſtevan iſt nicht mehr!“ Sie erzaͤhlte ihm die entſetzlichen Scenen im Brunnen. „Jetzt iſt die arme Witwe ohne Stuͤtze,“ ſetzte Pe⸗ dro hinzu;„gebt ihr eine andere, Oheim!“ Paquita fiel weinend auf die Knie. „Don Manuel, ſegnet uns!“ bat ſie. Beide, vor dem Prieſter auf den Knieen liegend und einander in der vollen Unſchuld ihrer Herzen 45 den Haͤnden haltend, hatten mitten in den Schrecken, die ſie umgaben, nur verworrene Gedanken, unbeſtimmte at Erinnerungen und einen getruͤbten Verſtand. Es war ihnen, als haͤtte das Grab, in das ſie eingeſchloſſen wa⸗ tte ren, ſie in eine Sphaͤre verſetzt, wo die Vergangenheit mit ihren Ereigniſſen, ihren Buͤndniſſen und ihren wo Schmerzen auf immer verſchwunden war; als ſei die ar⸗ Verwuͤſtung von Tarragona gleichſam der letzte Tag der te. Welt fuͤr ſie geworden, und als koͤnnten ſie endlich, de durch den Hauch des Todes gewiſſermaßen wiedergebo⸗ ſen ren, mit Huͤlfe eines himmliſchen Segens frei und rein es⸗ ein neues, fleckenloſes Leben beginnen. Don Manuel zoͤgerte mit der Antwort. „Segnet uns!“ wiederholte Pedro bittend. Paquita hatte ihren hochzeitlichen Ring am Finger, abt Pedro zog ihn, faſt ohne daß ſie es bemerkte, ab, und abe erſetzte ihn durch den ſeinigen. cht Dieſer raſche, heimliche Auseeſch geſchah faſt waͤhrend einer halben Geiſtesabweſenheit, ohne eigentli⸗ im chen Willen und beſtimmte Abſicht. Die beiden jungen Leute waren nicht eigentlich uͤberzeugt, daß ſie eine Ehe e ſchloſſen, aber daruber waren ſie nicht im Zweifel, daß ſie ſich mit einander verlobten und daß ihr Buͤndniß ein geheiligtes war. Der Prieſter legte ihnen die Haͤnde auf die Stirn nd und ſprach mit matter Stimme: —.— „Meine Kinder! moͤge der Segen des Himmels mit dem meinigen auf Euch herabſteigen!.. Er konnte nicht weiter ſprechen.. ſeine Zunge erſtarrt, er ſinkt zuruͤck, er hat aufgehoͤrt zu leben. „Todt!“ rief Pedro, indem er verſuchte, ihn auß⸗ zuheben. „Wir werden ihm bald folgen,“ ſagte Paquita troſtlos. Der Guitarrero beugte ſich uͤber den Mund des Prieſters, um ſich zu uͤberzeugen, daß ſein Athem wirk⸗ lich aufgehoͤrt hatte. „Er iſt dahin!“ ſagte er, indem er ihm die Augen zudrücte; er hat uns auf der Erde verlaſſen und wird im Himmel fuͤr uns beten.“ „Er erwartet uns,“ erwiderte Paquita, die Augen auf die Lampe gerichtet, deren Flamme nur noch einen ſchwachen Schein von ſich warf und im Begriff zu ſein ſchien, zu verloͤſchen.„Ach! jetzt fehlte es uns nur noch, daß wir in Dunkelheit gehullt wuͤrden! Das wäre ſchon vor dem Tode der Beginn der ewigen Nacht!“ „Paquita, wir werden nicht ſterben,“ troͤſtete ſie Pedro.„Don Manuel hat uns verbundenz; er wird ſeine Kinder beſchuͤtzen, wir werden gluͤcklichere Tage er⸗ leben. Schon habe ich, obgleich wir von Leiden umge⸗ ben ſind, eine geheime Hoffnung im Herzen. Wir ge⸗ hoͤren einander ganz an, denn wir ſind ſchon gewiſſer⸗ maßen mit einander verbunden, da ich Deinen und Du . 47 ls meinen Ring am Finger haſt. Der letzte Wille des heiligen Prieſters war, Dich mir zu geben; moͤge ſein ge Wunſch erfuͤllt werden!“ „Spaͤter, Pedro, ja,“ erwiderte Paquita; Fjetzt if⸗ muß ich Monſerrat noch beweinen. Und ſieh, was uns umgiebt: ein Sarg, der Tod, die Finſterniß.“ ta„Ja, aber auch die Hoffnung, der Muth, die Liebe.“ es„Die Liebe hier?“ k⸗„Wie uͤberall.“ Ein ſchwaches Lächeln, welches um Paquita's Lip⸗ en pen ſpielte, bewies die Wahrheit von Pedro's Worten. td Ja, die Religion und die Liebe! wohin dringen dieſe maͤchtigen Gefuͤhle nicht! und wie ſtark ſind ſie, wenn en ihre Flamme rein bleibt! Wie ſchrecklich auch die Lage en ſein moͤge, in der ein Menſch ſich befindet, er ſieht ſie in ihm zu Hilfe kommen: die eine erleuchtet hienieden den Tod, die andre erhellt das Leben. ſie ed Eine lange Pauſe war eingetreten; aber diesmal war es nicht das Schweigen der Angſt, Pedro's liebe⸗ voller Blick erheiterte Paquita's Zuͤge. Das Leiden war durch die Liebe zuruͤckgedraͤngt worden. Zwar wa⸗ er, ren ſie noch von Gefahren umgeben, aber dieſe Gefah⸗ ren drohten ihnen Beiden in gleichem Maße, und dieſe Gemeinſchaftlichkeit, die ſie noch enger mit einander verknuͤpfte, verlieh ſelbſt der Angſt einen Reiz. Fuͤr ſie gab es, außer ihnen, nichts mehr in der Welt. Sie waren in ihrem unterirdiſchen Gefaͤngniß gleichſam von der ganzen menſchlichen Geſellſchaft ausgeſchloſſen, als gehoͤrten ſie der Welt nicht mehr an, als ſeien ſie todt fur die Sonne, die Natur, die Luft, die Blumen, und dennoch uͤberließen ſie ſich Beide nicht der Muthloſigkeit, denn obgleich ſie Zwei waren im Ungluͤck, ſo waren ſie nur Eins in der Liebe. „Pedro,“ ſagte Paquita plotzlich,„die Lampe wird verloͤſchen.“ „Draußen iſt noch eine.“ „Koͤnnen wir ſie holen?“ „Ich glaube es.“ „Iſt Niemand mehr im Gewoͤlbe?“ „Es laͤßt ſich kein Geraͤuſch mehr hoͤren.“ „Und Du willſt hinausgehen?“ „Es muß ſein.“ Pedro oͤffnete leiſe die Thuͤr und blickte ſich um. Die Lampe war verſchwunden und Alles in tiefes Dun⸗ kel gehuͤllt: Er trat hinaus und that einige Schritte, ſeine Fuͤße glitten im Blute aus. Er kehrte zu ſeiner Gefährtin zuruck und ſuchte die Flamme der Lampe noch auf einige Augenblicke zu be⸗ leben; aber er uͤberließ ſich nicht der Verzweiflung, er hatte einen neuen Vorſatz gefaßt. er ſie ie on s dt nd it, ſie n⸗ tte, die be⸗ er 49 „Wir wollen dieſen entſetzlichen Ort verlaſſen,“ ſagte er,„folge mir.“ „Wohin willſt Du gehen?“ „Wohin der Himmel uns fuͤhren wird.“ „So komm.“ Aber ehe ſie das Mauſoleum verließen, wollte Pe⸗ dro den ſterblichen Ueberreſten ſeines Oheims noch einen letzten Beweis ſeiner Liebe und ſeines Bedauerns geben. Er kniete neben ihm nieder, druͤckte ihm einen Kuß auf die Stirn und ſagte leiſe: „Lebt wohl!“ Muthiger und entſchloſſener erhob er ſich, ergriff Paquita's Hand, nahm ſein Ränzchen mit und verließ bei dem letzten Scheine des verloͤſchenden Lampe mit der Geliebten das Grabmal. „Dies iſt der erſte Weg, den wir zuſammen ge⸗ hen,“ ſagte er. „Ach! wir beginnen unſre Laufbahn in der Fin⸗ ſterniß!“ erwiederte Paquita. „Und im Lichte werden wir ſie beendigen. Wir kehren das menſchliche Leben um, welches mit der Mor⸗ genroͤthe beginnt.“ Pedro's vertrauensvolle Heiterkeit gab auch ſeiner Gefaͤhrtin Muth und Hoffnung zuruͤck. Nach den er— ſten Schritten fuͤhlte ſie, daß ihre Fuͤße auf dem feuch⸗ ten Boden ausglitten. „Sollte dies Gomez' Blut ſein, Pedro?“ fragte ſie, Die Verlobten des Todes. 4 — 50 ſtehen bleibend;„iſt ſein Leichnam vielleicht in der Naͤhe?“ Nein, ich ſehe nichts.“ „Sollten ihn die Moͤrder mitgenommen haben?“ „Wahrſcheinlich; ſie haben auch die Lampe mitge⸗ nommen, die vor dem Grabmale hing.“ Pedro! Pedro! die unſrige verloͤſcht!“ Sie ſchrie laut auf vor Angſt, denn dichte Finſter— niß umgab ſie. Paquita ſchmiegte ſich an den Geliebten, der ſie mit ſeinen Armen umfaßte und an ſein Herz druckte, indem er ſie zu troſten ſuchte. Sie ſehen nichts mehr, aber ſie horen, ſie beruͤhren einander, ſie fuͤhlen, daß ſie bei einander ſind, und ihr Muth ſchwindet nicht. „Die Dunkelheit umhuͤllt uns nur,“ ſagte Pedro, „ſie trennt uns nicht. Ueberdies giebt es keine Lauf⸗ bahn, die nicht ihre Nachte und ihre Hinderniſſe haͤtte; aber dies hindert nicht am Gehen, man geht nur lang⸗ ſamer.“ Fuͤrchteſt Du Dich nicht?“ „Durchaus nicht, und wenn ich meine Guitarre hätte„ „Was wollteſt Du thun?“ „Ich wurde mitten in der Finſterniß ſingen und wurde Licht in derſelben verbreiten. Eine Leier iſt wie eine Fackel.“. Die poetiſchen Anſichten des Guitarrero verfehlten re 51 den gewuͤnſchten Eindruck nicht. Seine Heiterkeit ver⸗ ſcheuchte die Angſt, und Paquita, die ihn mit Bewun⸗ derung anhoͤrte, dachte an nichts mehr, als an ihn. Plotzlich ſtieß ſie ſich jedoch ſo heftig an eine an der Wand angebrachte Steinbank, daß ſie ſich nieder⸗ ſetzen mußte. „Wo ſind wir?“ fragte ſie. „In einem engen Gange, der zur Treppe fuͤhrt; ich erkenne ihn an dieſer Bank.“ „Wollen wir die Treppe hinaufgehen?“ „Wir wollen es verſuchen.“ „Aber wir fallen vielleicht in die Haͤnde der Feinde.“ „Das iſt allerdings moͤglich.“ „So wollen wir lieber noch warten.“ „Hier, Paquita?“ „Warum nicht? Wir duͤrfen nicht zu fruͤh hinaus gehen und es iſt Platz fuͤr uns Beide auf der Bank. Es ſitzt ſich hier recht gut und es iſt auch etwas Luftzug.“ »Und ich habe Lebensmittel, Paquita.“ „Lebensmittel?“ „In meinem Raͤnzchen. Muß man nicht auf der Reiſe eſſen?“ „Ja, wir wollen unſere Mittagsmahlzeit halten.“ „Die Mittagsmahlzeit oder das Fruͤhſtuͤck, denn fur uns giebt es keine Stunde mehr. Es giebt hier weder Tag noch Zeit.“ 1* „Es iſt eine Exiſtenz außerhalb des Lebens, Pedro.“ „Ja, die aber demohngeachtet ihr Gutes hat, denn ſie beſteht nur aus Hingebung, Reſignation, Vertrauen und Liebe. Wer weiß, ob wir uns in einer anderen nicht nach dieſer zuruͤckſehnen werden. Mir gefällt dieſe ſuße Unruhe, dieſes poetiſche Leiden, ich ruhe darin aus.“ „Wenn Du ſprichſt, furchte ich mich nicht, Pedro.“ „Hier giebt es keine Störer, wir haben keinen Neid zu furchten.“ „Setze Dich zu mir.“ „Hier iſt etwas Obſt.“ „Obſt?“ „Ja, es iſt ein ländliches Mahl; es fehlt dabei nichts... als das Land.“ „Und die fröhlichen Geſänge der Landleute.“ „Dieſe brauche ich nicht; ich höre Geſaͤnge auf dem Grunde meines Herzens die Hymnen der Liebe.“ Paquita laͤchelte. „Ich habe oft traurige Mahlzeiten auf dem Raſen eingenommen,“ fuhr Pedro fort. „Und die Stunde der Gefahren iſt, wie die Stunde der Freude, raſch voruͤbergegangen.“ Wollen wir bald weiter gehen?“ fragte Pedro. „Schon?. warten wir doch noch!“ „Es iſt wahr, die Klugheit räth es; wir wollen u die Tage des Mordens vorubergehen laſſen.“ bei auf .6 ſen nde . UMen 53 „Sie werden bald zu Ende ſein, Pedro. Ich ſinke faſt um vor Muͤdigkeit.“ „Schlafe, Paquita, ſchlafe ohne Sorgen.“ Die junge Frau ſtreckte ſich auf das ſteinerne La⸗ ger und Pedro ſetzte ſich auf die Erde. Kein einziger ſtrafbarer Gedanke erwacht in ſeinem Geiſte, er empfiehlt die Geliebte der Obhut Gottes, und, gleich einem ſchuͤ⸗ tzenden Engel, wacht et an ihrer Seite, mit den ſtillen Gebeten wahrer Froͤmmigkeit und dem heiligen Feuer einer reinen Liebe. Paquita erwachte aus einem langen, ſtaͤrkenden Schlummer und als ſie die Augen aufſchlug, rief ſie äͤngſtlich: „Pedro! wo biſt Du?“ „Ich bin bei Dir; fuͤhlſt Du nicht Deine Hand in der meinigen?“ „Noch immer Nacht!“ „Es wird Tag werden.“ „Habe ich lange geſchlafen?“ „Sehr lange.“ „Und Du?“ „Ich bedurfte des Schlafes nicht.“ „In welcher Zeit moͤgen wir leben?“ „Ich weiß es nicht, Paquita; indeſſen bin ich uͤberzeugt, daß, wenn jetzt ein Geſtirn am Himmel ſteht, es das des Tages iſt. Ich fuhle die Sonne durch dieſe dicken Mauern hindurch, ich errathe gleichſam ihre Waͤrme.“ „Sollen wir in die Kirche hinaufgehen, Pedro?“ „Ich bin bereit.“ Pagquita ſtand auf. Der Gedanke an Monſerrats entſetzlichen Tod preßte ihr jeden Augenblick Thraͤnen aus. Ach! und doch fuhlte ſie, obgleich ſie ſich Vor⸗ wuͤrfe deshalb machte, daß ſie nur aus Pflichtgefuhl den Gatten beweint, dem ſie nur aus Pflichtgefuͤhl ihre Hand gegeben hatte!— Beide ſchritten langſam in der Dunkelheit vorwaͤrts. Sie kamen an die Stufen einer Wendeltreppe und be⸗ gannen ſie zu erſteigen. Pedro blieb faſt auf jeder Stufe ſtehen, um zu horchen, ob ſich noch der Lärm des Mordens und der Pluͤnderung hören ließ, aber es war Alles ſtill. Er kam an die Fallthuͤr, mit der der Eingang ver⸗ ſchloſſen war, und hob ſie vorſichtig empor; ein ſchwa⸗ cher Lichtſtrahl erleuchtete den dunklen Winkel, in dem ſie ſich befand. Mit welcher Freude begruͤßten die Ge⸗ aͤngſteten dieſe erſte Spur des Tages! Paquita dankte zuerſt dem Himmel, dann dem Geliebten dafuͤr. Gott und Pedro erfullten ihre ganze Seele. Sie traten in die Kirche; die Sonne ſchien hell durch die hohen Fenſter. Pedro ſtand ſtill und unter⸗ druͤckte einen Ausruf des Entſetzens; das Haus des r⸗ m e⸗ kte ott ell er⸗ es Herrn lag voll Leichname; Entheiligungen und Verbre⸗ chen aller Art waren am Fuße der Altaͤre begangen worden. Die Todten waren nackt, mit Blut bedeckt und verſtuͤmmelt; ſie verbreiteten einen Leichengeruch, und es fehlte nichts, ſelbſt die Raubvoͤgel nicht, zu einem wirklichen Schlachtfelde. Unter den zerſchoſſenen Ge⸗ wölben und an den zerbrochenen Fenſtern, uͤberall, wo vorher der Tiger gebruͤllt hatte, kraͤchzte jetzt der Habicht. Einige blutduͤrſtige Doggen heulten auf den menſchlichen Ueberreſten; der ganze Tempel war eine ungeheure Schlachtbank. Pedro bebte zuruͤck und legte die Hand auf die Augen, um ſich dem graͤßlichen Anblicke zu entziehen, und Paquita's Haar ſtraͤubte ſich empor. Gezwungen, uͤber die Todten hinwegzuſchreiten, mit denen der Fuß⸗ boden uͤberall bedeckt war, irrten ſie faſt ſinnlos umher und konnten ſich kaum uͤberzeugen, daß ſie nicht von einem entſetzlichen Traumbilde getaͤuſcht wurden. End⸗ lich erreichten ſie eine Thuͤr der Kirche, die Pedro ein wenig oͤffnete; aber, o Himmel! bewaffnete Männer, die Hände von Blut geroͤthet, kamen uͤber den Platz auf ſie zu! Pedro ergriff den Arm ſeiner ungluͤcklichen Ge⸗ faͤhrtin und zog ſie fort nach einer Wand, in der ſich eine Niſche befand, und wo er ein Stuͤck ſchwarzes Zeug von dem Kirchenbehaͤnge liegen ſah. Raſch huͤllte er ſich und Paquita hinein und Beide legten ſich in dieſen Mantel des Todes auf den Fußboden, zwiſchen Blut und Leichen, zertruͤmmerte Heiligenbilder, fruͤher ver⸗ ehrte Gebeine und unbekannte Reliquien. „Ich glaube geſehen zu haben, daß ſich dieſe Thuͤr offnete,“ rief einer der Soldaten auf der Straße, indem er mit dem bloßen Säbel in der Hand in die Kirche drang und bei jedem Schritte taumelte. „Haſt Du denn noch Augen?“ verſetzte ein Ande⸗ rer, der eben ſo betrunken war, als er;„ich habe keine Benne mehr.“ „Du haſt ſo viel Fäſſer ausgettunken.“ „Und Du?“ „Ich habe ganz andere Dinge gethan, die ich gar nicht erzaͤhlen mag und die in vernuͤnftigen Zeiten hin⸗ reichen wuͤrden, mir zu ein paar Dutzend Halseiſen zu verhelfen. Uebrigens will ich des Teufels ſein, wenn ich mich auf alle meine Streiche in Tarragona beſin⸗ nen kann. Zuerſt hatte uns der Feind durch ſeinen unverſchaͤmten Trotz aufs Aeußerſte gebracht, und dann hatte ich gar keinen Kopf mehr.“ Hatteſt Du denn vorher einen?“ „Schweig, oder ich zerſchlage Dir den Deinigen.“ „He! Sergeant Matarin!“ ſagte ein alter Grena⸗ dier zu dem Anfuͤhrer, was iſt denn das fuͤr ein gro⸗ ßes, ſchwarzes Tuch, das ſich dort im Winkel zu bewe⸗ gen ſcheint? Gebt ihm doch eins mit dem Bajonnet!“ ——*—— 57 „Wozu? es iſt hier nichts mehr zu morden. Uebri⸗ gens habe ich genug und ſchon zu viel.“ „Es ſieht aus, als wenn zwei menſchliche Koͤrper in dieſes Leichentuch gewickelt wären.“ „Jedenfalls hätten ſie kein gutes Lager.“ „Was glaubſt Du, daß es iſt, Kamerad?“ „Ein Paar Brautleute des Todes.“ „Ein Paar Brautleute des Todes! gut geſagt! Unſer Sergeant hat doch immer treffende Ausdruͤcke! Er liegt auch immer uͤber den Buͤchern.“ „Es iſt beſſer, als wenn man in den Kellern liegt.“ „Wenn ich nichts weiter gethan hätte, als Wein⸗ fäſſern den Boden auszuſchlagen! Aber ich habe noch ganz anderen Dingen den Leib aufgeſchlitzt. Ueberdies bin ich nicht gern in dieſer Kirche, denn ich habe hier eine huͤbſche, kleine Bruͤnette, die mir ein Offizier ent⸗ reißen wollte, in zwei Stuͤcke gehauen.„„Du willſt ſie auch haben, Lieutnant?““ ſagte ich zu ihm;„„gut, dann wollen wir ſie theilen!““— und in einem Augen⸗ blicke war es geſchehen.“) Das arme Kind! ich hätte ſie doch lieber ganz behalten; ich nannte ſie ſchon meine Braut! Das war auch eine Braut des Todes, wie der Sergeant ſagen wuͤrde. Aber ſo viel iſt gewiß, das Al⸗ les iſt ſchaͤndlich; mir thut das Herz ganz weh davon!“ „Wir wollen gehen, ſagte der Sergeant. *) Alle dieſe Einzelnheiten ſind hiſtoriſch; der Verfaſſer hat ſie in Tarragona ſelbſt geſammelt. ————————— 58 „Erzaͤhle uns doch auch einige von Deinen Kunſt⸗ ſtuͤcken,“ fuhr der alte Grenadier fort;„Du kannſt ſie mit Deinen ſchoͤnen Redensarten ausſchmuͤcken. Du warſt ohnehin fruͤher ein Schwarzrock, und haſt ſtudiert, um Geiſtlicher zu werden. Aber demohngeachtet ſah ich Dich geſtern, und noch dazu vor einer Madonna, ein kleines, auf den Knieen liegendes Pfafflein niederſäbeln. Ich wette, daß es ein alter Bekannter aus dem Semi⸗ nar war; gute Erinnerungen machen gute Freunde.“ Ein lautes Gelächter folgte dieſen Worten und der ganze Trupp verließ die Kirche. Sogleich befreite ſich Pedro von ſeiner ſchwarzen Huͤlle. Ach! Paquita war faſt erſtickt, und hatte nicht mehr die Kraft, ſich zu bewegen. Er hob ſie auf, ſie blickte ihn mit dem Lächeln des Irrſinns an. „Sie haben die Wahrheit geſagt,“ fluſterte ſie; „jä, wir ſind Verlobte des Todes!“ Indeſſen gelang es ihr, aufzuſtehen, aber in der Verwirrung ihrer Gedanken wollte ſie ſich nicht von ih⸗ rem Todesmantel trennen und mit leiſer Stimme fuhr ſie fort: „Unſer Altar war ein Sarg und der Tod hat un⸗ ſeren Bund geweiht. Zwiſchen den Leichenſteinen glitt unſer Fuß im Blute aus; wir haben in der Finſterniß. unſre Mahlzeit gehalten, und ein Todtengewand iſt un⸗ ſer Bett geweſen. Ja, Pedro, ſie hatten Recht: wir ſind die Verlobten des Todes!“ 59 Pedro ſchwieg. Es war ihm beigefallen, daß die Wohnung ſeines Oheims an die Kirche ſtieß und daß ſie dort einen Zufluchtsort finden koͤnnten. Er ging daher ſogleich, mit Pagquita am Arme, durch die Kirche und die Sakriſtei, aus welcher ein langer dunkler Gang in Don Manuels Zimmer fuͤhrte. Jeder Winkel war ihm bekannt, kein lebendes Weſen war zu ſehen und er ſtieß nirgends auf ein Hinderniß. Die Thuͤren waren zerſchlagen, uͤberall herrſchte Verwuͤſtung, Trauer und Todtenſtille. Die Fluchtlinge gelangten ohne Geraͤuſch bis in Don Manuels Wohnung, wo ſie Alles in der entſetzlich⸗ ſten Unordnung fanden. Die Schraͤnke ſind erbrochen, die Wandvertäfelungen losgeriſſen, der Fußboden iſt mit zerriſſenen Buͤchern und Gemaͤlden von Heiligen bedeckt, die Fenſter und die Spiegel ſind zertruͤmmert. Pedro erinnerte ſich, wie oft er fruͤher, in den Tagen der Ruhe und des Glucks, in dieſem Zimmer geweſen war, und als ein gelehriger, aufmerkſamer Schuͤler die frommen Vermahnungen des ehrwuͤrdigen Prieſters angehoͤrt hatte, und ſeine Augen fullten ſich mit Thraͤnen⸗ „Hier,“ ſagte Paquita traurig,„hat er mir den Rath gegeben, Monſerrats Gattin zu werden; hier habe ich ſchon viel gelitten 6 „Auch ich,“ erwiderte Pedro,„denn ich erfuhr hier Deine bevorſtehende Verbindung. Aber heute weinen wir wenigſtens zuſammen.“ Er unterbrach ſich mit einem Ausruf der Ueber⸗ raſchung. Mitten unter den zertruͤmmerten Gegenſtanden hatte er das geliebte Inſtrument erblickt, auf dem er im Hauſe ſeines Oheims den erſten Unterricht im Geſange erhalten hatte. Wie durch ein Wunder iſt ſeine Gui⸗ tarre der allgemeinen Zerſtörung entgangen, ſie hat ſo⸗ gar noch alle ihre Saiten. Pedro hebt ſie auf; es iſt ihm, als habe er mit ſeiner geliebten Zither die Freuden ſeiner Jugendjahre, das Entzucken uͤber ſeine erſten Erfolge, das Feuer ſei⸗ ner erſten Liebe wiedergefunden. Er vergißt die Zeit und den Ort, er ſtimmt ſeine Leier, er ſingt. O wie lieblich waren ſeine Toͤne!... Paquita lebt wieder auf, indem ſie ſie hoͤrt. Ihr beginnender Irrſinn flieht vor der Macht der Harmonie, oder viel⸗ mehr, ſie faͤllt aus einem Taumel in den anderen. Sie verſetzt ſich im Geiſte in die ſchattigen Haine von Reus, in die Zeit, als die erſten Gefuhle der Liebe in ihrem Herzen erwachten; ſie ſieht den freudeſtrahlenden Pedro, wie er gelobt, wie ihm Beifall geklatſcht, wie er bekraͤnzt wird. Er beſingt die Liebe und den Ruhm, und fur den cataloniſchen Barden iſt ſie, Paquita, die Liebe und der Ruhm. Die Unbeſonnenen! ſie bedenken nicht, daß die Tone der Guitarre auf der Straße gehoͤrt werden und 61 daß in dieſem Augenblicke die Melodien den Tod für ſie herbeifuͤhren können. Schon hört man raſche Schritte, welche Pedro und Paquita dem Zauber der Harmonie und der Liebe entriſſen. Die Thuͤr wird mit Ungeſtuͤm geoffnet, der Sergeant Matarin und ſeine Leute ſtuͤrzen herein. Welch ein Bild! Paquita, in ihren Todesmantel gehullt, und halb leblos an den Guitarrero gelehnt, glich faſt einer Erſcheinung aus den Graͤbern, haͤtte nicht ihr ſchoner Lockenkopf, wie das Geſicht eines Engels, aus den ſchwarzen Falten hervorgeragt. Pedro, mit blitzen⸗ den Augen, geroͤtheten Wangen und von Muth und Begeiſterung ſtrahlendem Geſicht, ſaß auf den zertruͤm⸗ merten Moͤbeln. Er hatte ſeine Guitarre nicht wegge⸗ legt und ſeine Miene war ruhig und heiter geblieben. Es war Orpheus an den Ufern des Styr, Orpheus, den unterirdiſchen Richtern gegenuͤber, und an ſeiner Seite Eurydice. Erſtaunt blieben die Soldaten an der Thuͤr ſtehen. „Bei meiner Ehre!“ rief der Sergeant,„das iſt doch zu arg! ein Concert waͤhrend einer Schlaͤch⸗ terei!“ „Der Burſche muß verruckt ſein!“ „Er iſt die Nachtigall des Blutbades.“ „Sein Fledermaͤuschen koͤnnte mir gefallen.“ 62 „Sergeant, ſieh doch dieſes ſchwarze Tuch! ich wette, das iſt das Rabengefieder, in das dieſer Zigeuner vorhin in der Kirche gewickelt waren.“ „Wie? die Brautleute des Todes?“ „Ja wohll“ „Und dieſes Volk ſingt?“ „Sie tanzen vielleicht auch, wer weiß!“ Während dieſes ſonderbaren Geſpraͤchs ließ Pedro die Saiten ſeiner Zither ertönen, wie mitten in einem Feſte. Seine muthvolle Sorgloſigkeit und ſeine kunſt⸗ leriſche Begeiſterung gaben ſeinem Geſicht einen unwi⸗ derſtehlichen Ausdruck. Er bemerkt ſeinen Triumph und läßt ihn nicht unbenutzt. Er ſingt, die Zuhörer applaudiren mit Entzucken, die Säbel kehren in ihre Scheiden zuruͤck. Pedro iſt ein neuer Stradella. „Ich hoͤre das Geſchrei des Entſetzens Auf Schlachtgefilden. Mags donnern und blitzen, ich ſinge, ich ſinge, Dem Sieger zum Preis. Der Krieg hat ſeine erhabenen Bilder und ſchoͤnen Tage; Doch lieber iſt mir, fern vom Getoͤſe Des Kriegs und der Schlachten, Die ſanfte Zither im gruͤnen Haine Und meine Geliebte.“ Kaum hatte er dieſe heitere Improviſation been⸗ digt, ſo entſtand auf der Straße ein ungewoͤhnlicher Tu⸗ 2 63 mult. Die Trommeln wirbeln, die Hoͤrner ertonen und in der Ferne hoͤrt man rauſchende Muſik, kriegeri⸗ ſches Geſchrei und Siegesjubel. „Der Obergeneral kommt!“ ruft der Sergeant ſei⸗ nen Gefaͤhrten zu. „Hoͤrt! er haͤlt ſeinen Siegeseinzug!“ „Er iſt's! wir muͤſſen fort.“ Die Soldaten verlaſſen eiligſt das Zimmer, um ſich auf ihren Poſten zu begeben. Jeder eilt ſeinen Fahnen zu; die Ruhe und die Ordnung ſollen zuruͤck⸗ kehren. Suchet, ein eben ſo geſchickter Adminiſtrator, als tapferer Krieger, beklagte tief die Schandthaten, die er nicht hatte verhindern koͤnnen, und die ſeine tapfe⸗ ren Legionen im Rauſche der Schlachten begangen hat⸗ ten. Sein Auge wendete ſich mit Schmerz von den an den Seiten der Straßen aufgehaͤuften Leichen ab, zwiſchen denen man ihm in der Eile den Weg freige⸗ macht hatte. Ploͤtzlich draͤngt ſich der Sergeant Mata⸗ rin durch die Menge. „Herr General,“ ſagte er zu dem Oberbefehlshaber, „zwei Schlachtopfer ſind hier dem Blutbade entgangen; ach, es ſind vielleicht die Einzigen! Erlauben Sie, daß ich ſie Ihnen vorſtelle?“ „Sehr gern,“ gab ihm der General zur Ant⸗ wort. Im naͤchſten Augenblicke fielen Pedro, mit ſeiner 64 Guitarre unter dem Arm, und Paquita, in ihr ſchwar⸗ zes Tuch gehuͤllt, dem Sieger zu Fuͤßen. „Wer ſeid Ihr?“ fragte Suchet. „Ach!“ erwiderte die junge Frau mit ſchluchzender Stimme, wir ſind die Verlobten des Todes!“ W. Die Banditenſchenke. Mehrere Tage ſind vergangen; die Schrecken des Krieges und der Pluͤnderung haben in Tarragona voͤllig aufgehoͤrt. Das Bedauern folgt auf die Wuth; die Soͤhne des Mordens und der Greuel ſind wieder Kin⸗ der des Ruhmes und der Ehre geworden; die Ruhe iſt an die Stelle der Stuͤrme getreten. Pedro Walls wuͤnſchte Monſerrats fruͤhere Woh⸗ nung wiederzuſehen und er ſuchte ſie in Geſellſchaft des Sergeanten Matarin auf„der ſein aufrichtiger Freund geworden war. An der Stelle von Eſtevans Hauſe finden ſie nichts als Ruinen; nur einzelne, vom Feuer geſchwärzte Mauern ſind noch ſtehen geblieben, aber Thuͤren, Fenſter, Holzwerk iſt nicht mehr zu ſehen. Sie kommen in den kleinen Hof und Pedro tritt an den Brunnen, in dem Paquita und ihr Gatte ſich auf⸗ gehalten haben. Dieſer Brunnen ſcheint ſeit der Ein⸗ Die Verlobten des Tobes. 5 66 nahme der Stadt unterſucht worden zu ſein; mehrere 9 Spuren deuten darauf hin. z „Das iſt ſonderbar,“ ſagte Matarin;„ſie haben vas Holzwerk, das ſie hineingeworfen, anzuͤnden wollen, aber es iſt ihnen nicht gelungen; nur das oberſte iſt ver- jr brannt und das Feuer iſt nicht hinabgedrungen.“ d „Monſerrats Koͤrper muß noch unten liegen; ich he wollte, ich konnte hinabſteigen und mich davon uͤberzeugen.“„w „Wir wollen es verſuchen, ich bin dabei.“ ve In der That war von dem in den Brunnen ge⸗ worfenen Holzwerk, entweder weil die zum Theil noch w gefuͤllten Weinfaͤſſer nicht Feuer gefangen hatten, oder ſe weil der Mangel an Luftzug oder die Feuchtigkeit das 1 Feuer wieder ausgeloͤſcht hatte, nur wenig verbrannt nur der Rauch hatte ſich in dem ganzen innern Raume ſtt verbreitet. pe Matarin und Pedro verſahen ſich mit einer La N terne und ſtiegen auf den zerbrochenen Moͤbeln und Fäß ſern, die eine Art Treppe bildeten, hinunter; ſie bedurf⸗ 9 ten dazu kaum eines Seiles und erreichten gluͤcklich den m Grund. ni Hier entdecken ſie bald in dem weiten Raume dit oh Maueroͤffnung, durch welche Gomez und Paquita en⸗ ha flohen waren; aber Monſerrats Leichnam iſt nirgends E zu ſinden. Auf dem Boden bemerken ſie Blutſpuren, aber das iſt Alles. Monſerrat hat, nachdem er durch de den Schuß ſeines Nebenbuhlers niedergeſtreckt worden ſch r vielleicht noch ſo viel Kraft gehabt, um einen Verſuch zu machen, ſeiner Gattin zu folgen. en Pedro trat an die Oeffnung. Das von der Zeit und der Feuchtigkeit ſchon verwitterte Mauerwerk war er in einer geringen Entfernung zuſammengeſtuͤrzt, was durch des Schleichhaͤndlers Losbrechen einiger Steine ich befördert worden war. Der Einſturz hatte ſich noch i. weiter fortgeſetzt und den ganzen unterirdiſchen Gang verſchuͤttet. 8 ge⸗ Pedro erinnerte ſich, daß er in dem Grabmale, in och welches er ſeinen ſterbenden Oheim gebracht, das ent⸗ der ſetzliche Getöſe gehort hatte, wodurch Paquita aufgehal⸗ as ten worden war, als ſie ihren ermordeten Gatten aufſu⸗ ntj chen wollte. Es war kein Zweifel, daß das zuſammen⸗ m ſturzende Gemaͤuer Eſtevan erſchlagen hatte; ſeinen Koͤr⸗ per aufzufinden war daher unmoͤglich und jede weitere La⸗ Nochforſchung vergeblich. aß Pedro und der Sergeant machten noch einmal die urf Runde um den Brunnen; auch der Korb mit Lebens⸗ den mitteln, den Paquita darin zuruͤckgelaſſen hatte, war nicht zu finden. Sie verließen den Brunnen wieder, di ohne daß ihre Nachforſchung den geringſten Erfolg gi⸗ eut habt hatte, und ſie bemuͤhten ſich vergebens, eine nb Erklärung dafur aufzufinden. ren, Bch verlaſſe morgen Tarragona,“ ſagte Pedro zu urch dem Sergeanten,„und dieſen Abend muͤſſen wir Ab⸗ den ſchied von einander nehmen, vielleicht fuͤr immer. Ich 5* 68 danke Dir fuͤr Deinen Schutz und Deine Freundſchaſt fuͤr mich.“ „Ich habe mich gegen ſo viele Andre ſo ſchlecht benommen,“ erwiederte Matarin traurig,„daß es mir ſehr Noth thut, meine Schandthaten durch einige gute Handlungen der Menſchlichkeit und Wohlthaͤtigkeit wieder auszugleichen. Ich kann Dir verſichern, daß mir die Haare zu Berge ſtehen, wenn ich an die Vergangenheit zuruck⸗ denke. Aber gleichviel, wenn ich mein Vaterland und meine Familie wiederſehe, ſo weiß ich gewiß, daß ich ein braver Mann ſein werde; ich werde meine Frau und meine Kinder, wenn ich welche bekomme, herzlich lieben; ich werde nur mit rechtſchaffenen Menſchen umgehen, wenn es dergleichen nur uberhaupt noch giebt. Ich werde die Landwirthſchaft betreiben und die Schafe, das! Federvieh, das Heu, das Getreide, dies Alles wird mir das Herz erfriſchen. Jeden Sonntag werde ich das Grab meiner Mutter beſuchen, einer braven Frau, die mich herzlich lieb hatte, und werde wieder beten, wie in meiner Kinderzeit, wenn ſie mich durchprugelte, weil ich den Katechismus nicht gelernt hatte.“. „Warum willſt Du nicht ſchon jetzt anfangen?“ „O nein, wie wuͤrde ſich das zu meiner jetzigen Lebensweiſe ſchicken! Alles hat ſeine Zeit, man muf nichts unter einander mengen. Es wuͤrde ſchoͤn klingen wenn man bloken wollte wie ein Schaf, waͤhrend man heulen muß wie ein Woff. Wenn ich keine Menſchen . 69 mehr umbringe, werde ich beten. Gewiß, wenn ich den Bajonnetten, den Kartaͤtſchen, den Flinten- und Kanonenkugeln, dem Fieber und den Hospitaͤlern ent⸗ gehe, werde ich ein gluͤckliches Alter verleben.“ „Gott wird Dir dieſe Gnade erzeigen, wie ich hoffe.“ „Empfiehl mich ihm, wenn Du beteſt.“ Mit dieſen Worten drehte der Sergeant ſtolz ſei⸗ nen Schnurrbart und hielt ſich mit aufrichtiger Ueber⸗ zeugung fuͤr einen tiefen Denker. Mitten unter den gegenwaͤrtigen Laſtern dachte er nur an zukuͤnftige Tu⸗ genden. Matarin hatte, wie wir erzaͤhlt haben, dem Ober⸗ general der Armee von Aragonien das junge Paar vor⸗ geſtellt, das dem Blutbade von Tarragona entgangen war, und Paquita war auf die Empfehlung des Be⸗ fehlshabers ſogleich von der Gattin eines hoͤheren Beam⸗ ten aufgenommen worden. Sie fand in dem Hauſe der Madame Beauvalais die liebevollſte und großmuͤ⸗ thigſte Pflege, und da ſie in Folge der erlittenen Schre⸗ cken und Drangſale in eine Krankheit verfiel, wurde ſie von einem der vorzuͤglichſten Aerzte des Hauptquartiers behandelt. Waͤhrend dieſer Zeit hatte Matarin den Guitarrero unter ſeine Fittige genommen und hatte Alles, ſelbſt ſeine Wohnung, mit ihm getheilt. Pedro liebte ihn wie einen Bruder. Paquita hatte folgenden Plan fuͤr ihre Zukunft entworfen. Da ſie, ohne unbeſcheiden zu ſein, nicht laͤnger bei ihrer Goͤnnerin bleiben konnte, wollte ſie in Begleitung ihres Ungluͤcksgefaͤhrten nach Reus gehen und ſich nach ihren Verwandten und ehemaligen Freun⸗ den erkundigen. Ohne Zweifel fand ſie irgend ein Mit⸗ glied ihrer Familie, das den Schrecken des Krieges ent⸗ gangen war, und Gott, Pedro und die Liebe ſollten dann uͤber ihr weiteres Schickſal entſcheiden. Es war den Tag vor ihrer Abreiſe, als Pedro nach ihrem Wunſche den Brunnen des Todes beſuchte, in der Hoffnung, Aufklaͤrung uͤber Monſerrats Schick⸗ ſal darin zu finden. Wir haben geſehen, wie erfolglos dies geblieben war. Pedro hatte ſich auch außerdem noch alle moͤgliche Muͤhe gegeben, etwas zu erfahren, aber eben ſo vergeb⸗ lich. Er wuͤnſchte waͤhrend Paquita's Krankheit ſeine Nachforſchungen außerhalb der Stadt fortzuſetzen; aber die an den Thoren gehandhabte ſtrenge Polizei haͤtte ihn nicht nach ſeinem Gefallen aus⸗ und einpaſſiren laſſen, und er erfuhr daher auch aus der Umgegend nichts. Indeſſen begann ſich eine verſtaͤndige und regelmaͤ⸗ ßige Verwaltung des Landes zu organiſiren. Die Commu⸗ nicationen von einem Orte zum andern wurden wieder hergeſtellt; die Straßen waren ſicher und als die beiden 2 „„—— 1 * N Liebenden Tarragona verließen, war die ganze Provinz pacificirt und alle Guerillas nach Hauſe zuruͤckgekehrt. „Sieh, wie die Leichen brennen!“ ſagte an dieſem Morgen der Sergeant Matarin zu einem Soldaten ſeines Poſtens, indem er auf die ungeheuren Scheiter⸗ haufen zeigte, die rings um die Stadt errichtet waren. „Gleichwohl braten ſie ſchon ſeit acht Tagen und ſind noch immer nicht verbrannt.“ „Da ſieht man, wie ſchwer es iſt, Menſchen in Rauch und Aſche zu verwandeln.“ „Das iſt wahr. Uebrigens, weißt Du es ſchon, daß unſer verliebter Guitarreſpieler uns mit ſeiner Schoͤnen verlaͤßt? Die armen Täubchen! wo werden ſie, geſchuͤtzt vor Pulver und Blei, ihr Neſtchen auf⸗ ſchlagen! Ihre Abreiſe betruͤbt mich, als wenn man meinem Kapitain das Bein abnaͤhme. Sie werden unterwegs auf unſere Scheiterhaufen mit ihrem ſtinken⸗ den Dampfe treffen; wer weiß, ob nicht auch ein paar ihrer Verwandten mit gebraten werden, und ſie ihren Dunſt mit einathmen muͤſſen!“ Es waren in der That acht ungeheure Scheiter⸗ haufen rings um die Stadt errichtet worden und ſeit den letzten Plunderungstage wurden fortwaͤhrend ganze Mäſſen von Leichen darauf geworfen. Man hatte ge⸗ glaubt, daß die Verbrennung in dieſen großen Feuer⸗ ten raſch von ſtatten gehen wuͤrde, beſonders da n die Flammen immer mit harzigem Holze und mit 72 Weingeiſt naͤhrte; aber die bereits in Verweſung uͤber gehenden Leichname wurden nur außerordentlich langſam erzehrt, waͤhrend der aufſteigende Rauch einen unertraͤg— ichen Geruch uͤber die Feſtung und Umgegend ver reitete.*) Die Sonne naͤherte ſich dem weſtlichen Horizont Der Tag war erſtickend heiß geweſen und dieſe Hitz gab der Luft den Anſchein, als beſtände ſie aus gluͤhen⸗ dem Staube, durch welchen die Natur einen ganz eigen⸗ thuͤmlichen Anblick gewann. Die Strahlen der Sonn uͤberzogen den Himmel mit Gold und Purpur, und in der Ferne breitete ſich unter ihm das ruhige Meer wie ein blauer Spiegel aus. Alles war heiter und freund⸗ lich in dem beſiegten Lande, nur der Geiſt der Sieger nicht, der von der Erinnerung an die furchterlichen Scenen der Belagerung und der Erſtuͤrmung noch be— unruhigt wurde. Die Ebene heitert ſich viel ſchnellet auf nach den aus den Gebirgen herabgekommenen Ge⸗ wittern, als das Gewiſſen der Menſchen nach den Stuͤrmen der Leidenſchaften. Der Verfaſſer, welcher damals Militairintendant ven Catalonien war, wurde beauftragt, die dreißigtauſend geich⸗ name von Tarragona in Aſche zu verwandeln. Es Ngab nicht genug Kirchhöfe und Gräber, um eine ſolche Anzahl zbe⸗ graben zu koͤnnen, und wenn man jenen Ausweg nich jr⸗ griffen hätte, ſo mußte man den Ausbruch bosartiger F heiten befuͤrchten. —„3J— —— en Paquita und Pedro wanderten aus den Thoren der Stadt. Wie reizend waren ſie Beide in der ſanf⸗ ten, kindlichen Einfachheit ihrer Hoffnungen! Es ſchien ihnen, daß ſich die Welt zum erſtenmale fuͤr ſie öffnete und daß ſie uͤberall wohlwollende Herzen finden wuͤrden, bereit, ſie aufzunehmen, da ſie Niemandem mehr ange⸗ hoͤrten. Beide waren jetzt ohne Verwandte, ohne Fa⸗ milie, ohne Vermoͤgen, ohne einen Erwerbszweig; ſie hatten ſich keinen Plan entworfen fur die Zukunft; aber Pedro beſaß die heitere Sorgloſigkeit des Kuͤnſtlers und Paquita das reine Vertrauen des Engels. Es war die Poeſie und die Liebe. Sie gingen ohne Ziel, wohin das Schickſal ſie fuhrte und das Schickſal war in ihren Augen nicht der Zufall, ſondern die Vorſehung. Zuweilen erblickten ſie wohl in der Ferne einen dunklen Punkt an ihrem Hori⸗ zont, aber ſie glaubten, es ſei ein Spiel der Sonne mit den Wolken. Es konnte wohl ein Tropfen Galle auf dem Grunde ihres Bechers ſein; aber ſein Rand war ſuͤß und ſie vertrauten dem Getraͤnke. ueberdies hatten ſie die Leiden kennen gelernt, dieſe heiligen Wege, auf denen man am ſicherſten in das gelobte Land ge⸗ langt, und ſie hatten ſie zuruͤckgelegt, ohne zu ſtraucheln. Noch nie war Paquita ſchöner und friſcher gewe⸗ ſen, als heute. Ihre ſchwarze Mantille, mit der der Wind ſpielte, ließ zuweilen ihr reizendes Geſicht ſehen. Ihre großen braunen Augen blitzten von Gluͤck und 74 Liebe; ihr kleiner Fuß, der unter dem eleganten ſpani⸗ ſchen Reifrocke hervorragte, beruͤhrte kaum die Erde. Am Arme trug ſie ein Koͤrbchen, das ihr ganzes Ge⸗ paͤck enthielt; es war ihr noch nicht in den Sinn gekom⸗ men, daß ſie keine Lebensmittel bei ſich hatten und daß ſie uͤberhaupt vor der Hand nichts weiter auf der Welt beſaß. Sie erhob die Augen zum Himmel, blickte dann Pedro an, laͤchelte im Herzen und mit den Lippen und verlangte nichts mehr auf der Welt und beneidete kei⸗ nen Menſchen. Pedro, gluͤcklich und ſtolz durch das Bewufßtſein, Paquita's einzige Stutze zu ſein, ging, luſtige Lieder ſingend, an ihrer Seite. Er trug das andaluſiſche Co⸗ ſtum: einen grauen Filzhut mit ſchwarzem Sammt be⸗ ſetzt, eine runde Jacke von gruͤnem Tuch mit goldenen Litzen. Gleich Paquita's Körbchen, war die Guitarre ſein einziger Reichthum; er trug ſie grazios uͤber die Schulter gehaͤngt und ſchien ſich nichts weiter zu wuͤnſchen. Die Zukunft mußte, ſeiner Ueberzeugung nach, ihren Wuͤnſchen guͤnſtig ſein, denn er zeigte ihr eine reine Stirn, Ideen voll Harmonie und fröhliche Hoffnungen. Waren dies nicht poetiſche Schutzweſen gegen das menſchliche Elend? liegt das Gluck nicht hauptſaͤchlich in der Idee und wuͤrde es ſonſt exiſtiren? Was hatten ſie von Denen zu fuͤrchten, welche Groͤße und Reichthum mit mißguͤnſtigen Augen anſehen? Sie beſaßen nichts in der Welt, wenigſtens „—— anſcheinend nichts: denn ſo arm ſie auch waren, ſo fuͤhlten ſie ſich doch reich: ſie beſaßen das Gluc der Liebe, das Vertrauen der Jugend, die Ruhe des Ge⸗ wiſſens, die Schätze der Natur, den ſchönen Himmel und Freiheit. Sie waren uͤber den Francoli gegangen, einen klei⸗ nen Fluß, der in geringer Entfernung von der Feſtung voruͤberfließt. Vor wenig Tagen noch waren ſeine Wellen von Blut geroͤthet; jetzt floß er demohngeachtet wieder klar und ruhig dahin und ſpiegelte den blauen Himmel zuruͤck. Pedro und Paquita hemmten zu glei⸗ cher Zeit und von freien Stuͤcken ihre Schritte. Warum ſollten ſie eilen? ſie kamen Zeit genug, ſie wurden nir⸗ gends erwartet. Und dann nach der langen Schreckenszeit der Be⸗ lagerung von Tarragona, nachdem ſie ſo lange die freie, gruͤne Natur nicht genoſſen hatten, fuhlten ſie ſich ſo gluͤcklich, die reine Luft einzuathmen, aus der friſchen Quelle zu trinken und im Schatten der Bäume aus⸗ ruhen zu koͤnnen. Mit welchem Entzucken genoſſen ſie ihre Einſamkeit! Keine Zeugen und die Natur, keine Dienſtbarkeit und ihre Liebe! Und wie ſuß iſt es, ein angenehmes Gefuͤhl mit dem geliebten Weſen zu theilen! Es iſt wie Ein Ton auf zwei Saiten der Leier, wie Eine Melodie fuͤr zwei Hymnen. 76 „Wir wollen auf dieſem Raſen ausruhen,“ ſagte Pedro zu der Geliebten. Wie ſchoͤn iſt die unterge⸗ hende Sonne! wie lieblich duften die Felder und Wieſen! die Geboͤſche ſind voll Harmonien!... Wie ſuß iſt es, zu leben und zu lieben!“ Der gluͤhende Blick des Guitarrero erſchreckte Pa⸗ quita. Pedro, ihr Fuͤhrer und ihre Stuͤtze, war weder ihr Gatte, noch ihr Bruder. Sie ſetzte ſich nieder, von einer unbeſtimmten Unruhe ergriffen. „Ja, dieſe ſchoͤne Gegend muß Dich begeiſtern,“ erwiederte ſie zoͤgernd. Nimm Deine Guitarre, Pedro, und ſinge etwas.“ Sie wollte ſich vor dem Liebenden retten, indem ſie den Saͤnger anrief. Pedro ſtimmte ſein Inſtru⸗ ment; er erinnerte ſich des rettenden Liedes, das er in der Wohnung ſeines Oheims geſungen hatte, indem er die Melodie deſſelben wiederholte, veraͤnderte er die Worte: „Wohl Dem, der den Schlägen des Schickſals Auf Erden trotzte, und, nicht vom Blitze getroffen, Den Hafen erreichte! Nach den Stuͤrmen erfreuen ſie doppelt, Die ſchoͤnen Tage. Geliebte Zither, o ſinge immer! Befinge froͤhlich Mein Schiff, das dem Sturme entgangen, und meine Liebe!“ 77 Paquita hoͤrte mit Entzuͤcken auf den Geſang des Geliebten. Ein leiſer, von der See her kommender Wind ſpielte koſend mit ſeinen blonden Locken, waͤhrend die letzten Strahlen der ſinkenden Sonne, welche uͤber die Blumen hinzitterten, die Duͤfte und die Melodien einzuſaugen ſchienen. „Paquita,“ ſagte der junge Mann, indem er der Geliebten naͤher ruͤckte,„Du liebſt mich, nicht wahr?“ „annſt Du fragen, Pedro?“ „Du biſt mein Weib vor Gott,“ fuhr er fort, in⸗ dem er ſie an ſein Herz druͤckte. „Noch nicht,“ erwiederte Paquita, ihn mit aͤngſt⸗ lichem Laͤcheln zuruͤckdraͤngend,„ich bin nur Deine Schweſter, bis ein Prieſter unſten Bund geſegnet hat.“ „Aber das hat ein Prieſter ſchon gethan, und in einer der feierlichſten Stunden des Lebens, an der Schwelle der Cwigkeit!“ „Ich weiß es, mein Pedro, und ich bin die Dei⸗ nige von ganzer Seele. Aber dies kann uns noch nicht genuͤgen.“ „Nun, ſo wollen wir morgen in die Kirche gehen, ſo werde ich morgen Dein Gatte.“ Fuͤr jetzt aber ſei noch mein Bruder,“ ſagte ſie mit einem keuſchen Blicke, der ihre Bitte unterſtutzte. „Ach! ich will Alles ſein, was man in Deiner Vähe ſein kann!“ erwiederte der treue Saͤnger.„Kannſt Du glauben, daß ich mir meine Zukunft verbittern — 78 werde, indem ich meinen Engel ſeiner Fluͤgel beraube? bedarf ich nicht Deiner Reinheit, um meine Glut daran zu kuͤhlen? muß ich nicht bewundern, um zu lieben? kann es wahre Freuden geben ohne Tugend?... Nein, ich werde meinen Himmel nicht verdunkeln, ich werde meinen Tempel nicht entweihen. Auch die Sehnſucht iſt ein Gluͤck.“ Sie hoͤrten ein leiſes Geraͤuſch. Eine Hand hatte das dichte Laubwerk zuruͤckgebogen, das hinter den Lie⸗ benden einen gruͤnen Halbkreis bildete. Paquita blickt ſich um und ſtoͤßt einen Schrei des Entſetzens aus. Ein funkelnder Blick hatte ſich auf ſie gerichtet, ein Blick voll Wuth und Drohung. Er hatte einen Au⸗ genblick im Schatten geblitzt und war dann verſchwun⸗ den. Man hätte glauben koͤnnen, daß er aus den Au⸗ gen eines Baſilisken kaͤme. Allmaͤchtiger Gott!“ rief Paquita, indem ſie auf das Gebuͤſch zeigte, wrette mich! rette uns! wer iſt da!“ „Wer denn?“ „Unſer Todfeind, der Dämon, der der Hölle wie⸗ der entſtiegen iſt: Gomez!“ „Gomez?“ wiederholte der Guitarrero, indem er auf das Gebuͤſch zuſtuͤrzte. Er bog die Zweige zuruck, aber er ſah Niemanden. Er wollte noch weiter im Gehoͤlz ſuchen, aber die zit⸗ ternde Paquita hielt ihn zuruͤck. 79 „Pedro, verlaß mich nicht! bleibe bei mir! Er hat mich geſehen und wird gewiß wiederkommen. Ach! unſte Freude, unſer Gluͤck, unſere Traume ſind ſchon dahin! Es hat nur eines Blickes bedurft, um ſie zu zer⸗ ſtoͤren!“ Sollte ſie nicht vielleicht durch ein Blendwerk ihrer Phantaſie getaͤuſcht worden ſein?... Pedro ſuchte ſie zu beruhigen. „Ich habe ihn erkannt, es iſt Gomez!“ verſicherte ſie unter heftigem Zittern.„Was ſoll aus uns werden, Pedro?“ „Und wenn er es ware,“ entgegnete der junge Mann, welche Rechte hat er auf unsk“ „Die Rechte des Verbrechens.“ Mit Anſtrengung erhob ſie ſich und verließ, auf Pedro's Arm geſtuͤtzt, langſam das Gebuͤſch. Noch immer ſtrahlte die ſinkende Sonne in ihrer Pracht, noch immer war die Luft voll Wohlgeruͤche; das Thal hatte keinen einzigen ſeiner Reize verloren, und doch war Alles veraͤndert. Ein Strahl der Hölle war unter das Laubdach der Liebe gedrungen und das Eden war verſchwunden. Die Liebenden ſetzten ihren Weg fort, aber Paqui⸗ ta's Mund lächelte nicht mehr und ihre Herzensangſt erſchwerte ihren Gang. Endlich erreichten ſie das naͤchſte Dorf. „Laß uns in dieſe Poſada gehen,“ ſagte Pedro zu ſeiner Geliebten;„es iſt heiß und Du wirſt duͤrſten⸗ Wir wollen hier unſre Abendmahlzeit einnehmen.“ „Gern,“ erwiederte Paquita, welche das Beduͤrf⸗ niß fuhlte, ihre Kraͤfte zu ſtaͤrken. Die Poſada(Schenke) war voll Menſchen. Pe⸗ dro fuͤhrte Paquita in ein kleines Zimmer des Erdge⸗ ſchoſſes, welches nur durch eine holzerne Wand von der großen Gaſtſtube getrennt war, in der die Maulthier⸗ treiber und Fuhrleute ſich die Gurgeln erfriſchten. Pa⸗ quita ſetzte ſich auf einen Stuhl und Pedro verließ ſie, um mit der Wirthin zu ſprechen. Mehrere Perſonen ſprachen leiſe im Winkel der anſtoßenden Gaſtſtube. Paquita glaubte ihren Namen nennen zu hoͤren. Sie ſchlich leiſe an die Bretwand, legte das Ohr an eine Spalte derſelben und vernahm folgende Worte eines eifrig gefuͤhrten Geſpräches: „Sie ſind hier.“ „Weißt Du es gewiß?“ „Wir haben ſie Beide hereinkommen ſehen.“ „Wo iſt der Kapitain?“ „Draußen.“ „Hat er die noͤthigen Befehle gegeben?“ „Allerdings. Das Paͤrchen ſoll ihm nicht entge⸗ hen, er hat ſchon ſeine Maßregeln genommen.“ „Unſrer wieviel ſind wir?“ ar 81 „Gegen zwanzig.“ „Das iſt genug.“ „Es iſt mehr als genug.“ Paquita konnte durch die Spalte ſehen und be⸗ trachtete die Sprechenden. Sie ſah deutlich, daß es Schmuggler waren. Ihr Coſtuͤm war ganz das der Seeraͤuber, welche die Kuͤſten Cataloniens unſicher mach⸗ ten. Eine wilde, rohe Luſtigkeit war der Ausdruck ihrer Geſichter. Sie kamen, mit Dolchen und Piſtolen be⸗ waffnet, von einer geheimen Expedition zuruͤck. Ihr Anfuhrer konnte nicht weit ſein und Paquita's Blick ſuchte ihn. Sie ahnete, daß es kein Andrer war als Gomez. Die Unterhaltung wurde fortgeſetzt. „Geſtern war der Fang gut.“ „Ja, das Geſchaͤft geht vortrefflich. Es liegt ſchoͤne Beute in den Ruinen.“ »Die ſich hoffentlich noch vermehren wird. Zum Ungluͤck ſind uns dieſe verdammten Franzoſen hinderlich.. und wenn ſie uns auf dem Lande aufſpuͤrten „Haben wir nicht Schießgewehre, Hinterhalte und Dolche genug?“ „Sie haben die Uebermacht.“ „Und wir die Kuͤhnheit.“ »Es iſt als ob der Himmel ſie beſchutzte.“ „Das iſt nicht wahrſcheinlich; ſie glauben weder an Gott noch an den Teufel.“ Die Veri⸗dten des Todes. 6 82 „Und wir, ſind wir denn ſo treffliche Katholiken?“ „Ich glaube an die heilige Jungfrau, und ich habe mir vorgenommen, ihr am Feſte ihrer Himmelfahrt ein huͤbſches Paar kleiner Caſtagnetten zu ſchenken. Ich bin uͤberzeugt, daß ſie es mir Dank wiſſen wird.“*) „Ich verlange nichts weiter von ihr, als die Aus⸗ rottung aller Franzoſen.“ „Und was haͤltſt Du vom Koͤnig Pepe?“*) „Der iſt ein Raͤuber im Großen und wir ſind Spitzbuben im Kleinen; er iſt der Souverain der Pa⸗ laͤſte und unſer Kapitain der Koͤnig der Hoͤhlen; Raͤuber aber ſind ſie Beide.“ „Welcher iſt der beſte und welcher iſt der ſchlech⸗ teſte?“ „Das iſt Geſchmacksſache. Es giebt in Spanien eine doppelte Regierung, die der Fuͤrſten und die det Banditen. Jede legt ihre Steuern und Abgaben auf und das Volk bezahlt ſie beide.“ „Warum iſt es ſo dumm?“ Es iſt dazu da.“ Ein lautes Gelaͤchter begleitete dieſe plumpen Witzworte. ) Ein Generalkapitain von Malaga machte einer Sta⸗ tue der Madonna ein ähnliches Geſchenk. ) Der Name, den man dem damaligen Koͤnige von Spanien, Joſeph Napoleon, gab. n 17⁴ abe hrt Ich us⸗ ind a⸗ ber ien der uf en 83 „Wohin bringen wir die Kleine?“ „Zuerſt muͤſſen wir ſie in den Häͤnden haben.“ „Das iſt ſchon ſo gut als geſchehen; wir ſind Her⸗ ren im Hauſe.“ „Wenn aber Jemand auf der Straße vorbei⸗ ginge 2“ „Nun, was waͤre es weiter? Funfzig Bauern werden, wenn man ihnen einen kleinen Gewinn anbieten kann, funfzig Banditen. Jemehr Leute auf der Straße ſind, deſto gefaͤhrlicher iſt es fuͤr den Reiſenden.“ „Der weiß doch auf Alles zu antworten!“ „Was wollt Ihr denn mit dem Begleiter der Schoͤnen anfangen? Er ſingt ganz allerliebſt.“ „Das iſt gleichguͤltig; ein paar Dolchſtoͤße, ein Loch in der Erde und die Sache iſt abgemacht.“ „Das iſt ſchade, er iſt ein huͤbſcher Burſche.“ „Haſt Du ihn zwitſchern hoͤren?“ „Mein, und ich bedaure es.“ „Ich auch.“ „Koͤnnten wir uns nicht einen Bolero von ihm ſingen laſſen, ehe wir das de profundis fuͤr ihn anſtim⸗ men?“ „Das iſt wahr, das iſt ein guter Gedanke!“ „Wir koͤnnen es gleich beſorgen. Man kann morden und dabei doch luſtig ſein.“ „Der Kapitain hat Blumen beſtellt.“ „Juͤr wen denn?“ 6. „Mun, fuͤr wen ſonſt, als ſeine Prinzeſſin? Er will ſie putzen wie eine Madonna in der Kathedralkirche, und er hat ſchon drei Heiligenſchreine ihretwegen gepluͤn⸗ dert. Er wird ſie ganz mit Edelſteinen bedecken; ſie hat ihm voͤllig den Kopf verruͤckt.“ „Kann ſich der Kapitain auf die Wirthin ver⸗ laſſen?“ „Vollkommen. Mariane war vor vier bis fuͤnf Jahren die erſte Schoͤnheit des Landes und unſer Kapi⸗ tain hat ihr bedeutend den Hof gemacht, ſo daß er ihr Herr geworden iſt. Sie ſieht nur durch ſeine Augen.“ „Still, da kommt er!“ Paquita erſtickte einen Schrei und fiel ohnmaͤch⸗ tig zu Boden. Sie hatte Gomez, den fuͤrchterlichen Gomez erblickt. Er he, Noch ein Donnerſchlag. Wie es dem Schleichhaͤndler gelungen war, dem Tode in dem unterirdiſchen Gewoͤlbe zu entgehen, koͤnnen wir mit wenigen Worten erklaͤren.* Er wurde nur von vier Soldaten angegriffen, welche geſehen hatten, daß er die Fallthuͤr uͤber der Treppe oͤffnete, und hatte, waͤhrend er zuruͤckwich, nach und nach drei derſelben zu Boden geſtreckt. Als er Paquita gerufen hatte, als das Blut ſtärker ſeiner Wunde entſtroͤmte, war der letzte entflohen. Ueberzeugt, daß Monſerrats Gattin ſich von ihren Banden befreit und nach dem Brunnen gegangen war, richtete Gomez ſeine Schritte ebenfalls dahin. Aber durch das Einſtuͤrzen der Gewoͤlbe war ihm ſein fruͤherer Weg verſperrt worden. Mit ſeiner Rieſenkraft draͤngte er ſich jedoch kriechend durch die Truͤmmer bis zu ande⸗ ren Hoͤhlungen, die ſich in dem Brunnen öffneten. Zu 86 ſeiner hochſten Ueberraſchung aber er fand hier weder Paquita noch den Leichnam Monſerrats, obgleich er dieſem das Piſtol faſt auf die Bruſt geſetzt und es abgefeuert hatte. Vom Blutverluſt erſchoͤpft, blieb er eine Zeitlang faſt beſinnungslos liegen; dann verband er nothoduͤrftig ſeine Wunde und wollte ſeine Nachſuchungen fortſetzen, aber es ſturzte abermals ein Theil des Gewoͤlbes zuſam⸗ men und machte es ihm unmoͤglich, nach dem Grabmale, woher er gekommen war, zuruͤckzukehren. Jetzt entſchloß er ſich, ſeiner Angſt und Ungewißheit ein Ende zu ma⸗ chen; er kletterte auf den in den Brunnen geworfenen Moͤbeln bis an die Oeffnung deſſelben und gelangte ſo wieder an die freie Luft. Er erblickte nirgends einen Feind. Muͤhſam ſchleppte er ſich, ohne von Jemanden geſehen zu werden, bis in ein benachbartes Gebaͤude, wo er mitten in den Truͤm⸗ mern einige Ueberreſte von Lebensmitteln fand. Er ſuchte ſich hier einen dunklen, verborgenen Winkel aus, wo er wie ein Reptil zwei Tage lang zwiſchen Steinen lebte. Während dieſer Zeit ſchloß ſich ſeine Wunde nach und nach und am dritten war er gerettet. Die Ordnung war zuruͤckgekehrt, Gomez konnte Tarragona verlaſſen und fand bald darauf an der Kuͤſte ſeine Ge⸗ noſſen wieder. Jetzt kehren wir zu Pedro zuruͤck. Nur mit der Sorge um ſeine Geliebte beſchaͤftigt, Nie 87 hatte er kaum die verdächtigen Geſichter bemerkt, mit denen die Poſada angefullt war. Da er jedoch in ſeiner Nähe ein ſonderbares heimliches Lachen bemerkte, wurde er aufmerkſam darauf. Bald ergriff ihn eine ernſte Unruhe und er ahnete einen gefaͤhrlichen Anſchlag. Nachdem er der Wirthin ſeine Befehle gegeben hatte, kehrte er in Paquita's Zimmer zuruͤck. Welch ein Anblick! ſeine ungluͤckliche Geliebte liegt noch, das Geſicht mit beiden Haͤnden bedeckend, auf dem Fußboden.. In der höchſten Angſt eilt er, ſie aufzuheben. Sie erzaͤhlte ihm mit halb wahnſinniger Miene, was ſie gehoͤrt und geſehen hat und glaubt ſich unrettbar verloren. „Nein,“ ſagte Pedro im Tone der Ueberzeugung, „der Himmel wird uns nicht verlaſſen. Ruhe und Muth, Paquita! Sind wir nicht an das Mißgeſchick gewoͤhnt?“ Carmen, die Magd der Poſada, trat in dieſem Augenblicke ein, um ein beſcheidenes Abendeſſen auf den Tiſch zu ſetzen. Sie warf einen traurigen und mitlei⸗ digen Blick auf die beiden jungen Reiſenden. Ihre Miene verrieth Verlegenheit und Theilnahme; man ſah, daß ihr Herz ſprechen wollte, daß aber die Furcht ſie davon abhielt. Paquita nahm mechaniſch ihren Korb unter den Arm und ging auf die Thuͤr zu, als wollte ſie das Zimmer verlaſſen. „Um Gotteswillen, geht nicht hinaus!“ ſagte das Banditen umgeben.“ Maͤdchen leiſe und haſtig zu ihrz„das Haus iſt von „Ich weiß es,“ antwortete Paquita;„aber auf wen haben ſie es abgeſehen?“ „Auf Euch Beide.“ „Was haben wir ihnen denn gethan?“ Plaͤne.“ „Gegen uns?“ „Ohne Gnade und Barmhetzigkeit.“ Pedro. „Doch; geduldet Euch eine Viertelſtunde.“ „Auf was hoffſt Du dennk“ „Auf die Prozeſſion.“ „Die Pilger werden kommenz ich will ihnen ent⸗ gegenlaufen.“ Was willſt Du thun?“ „Giebt es denn kein Rettungsmittel?“ fragte 3 „Ich weiß es nicht; aber ſie haben ſchändliche ———— „Ich will ihnen ſagen, daß ſie mit Kreuz und Fahnen hier vorbeiziehen ſollen.“ „Und was ſoll dann geſchehen?“ „Still!“ Die Wirthin hatte die Thuͤr geoffnet; ſie blickte Carmen mit finſterer Miene an und befahl ihr durch einen gebieteriſchen Wink, ſich zu entfernen. „Wie? Ihr ſeid noch nicht bei Tiſch?“ ſagte ſie — 6 g e * . 89 in ironiſchem Tone zu den Fluͤchtlingenz vich glaubte, Ihr muͤßtet halb verhungert ſein.“ „Ich, ſchoͤne Wirthin? wie konnte ich Hunger haben? erwiederte Pedroz„ſchicken ſich gemeine Beduͤrf⸗ niſſe fur die Kinder des Geſanges? Pfui! ich hungre nur nach Ruhm, ich durſte nur nach Melodien. Mir gehoͤren die Blumen und die Sonne! mir die Luft und die Freiheit! Ich lebe nur von Poeſie und Liebe.“ „Das iſt eine ziemlich loſe Speiſe,“ verſetzte die Wirthin;„ſolche Kunden, wie Ihr, werden den Lebens⸗ mittelhaͤndlern nicht willkommen ſein und die Gaſtwirthe werden ihnen nicht nachlaufen. Uebrigens trifft es ſich heute gut; ich habe zahlreiche Gaͤſte, die Euch ſingen zu hören wuͤnſchen.“ „Mich?“ „Eure ſchoͤne Stimme iſt beruͤhmt.“ „Haben ſie Euch aufgetragen, mich zum Singen aufzufordern?“ „Jaz habt Ihr nicht Eure Guitarre bei Euch?“ „Sie verlaͤßt mich nie.“ »Die Herren, welche Euch zu hören wuͤnſchen, ſind im Stande, Euch gut zu bezahlen.“ „Daran zweifle ich nicht, ſchoͤne Wirthin; aber es genugt mir, wenn ich Euch gefalle.“ „Ihr ſeid artig und galant.“ „Ich habe Gefuͤhl und Sinn für die Schoͤnheit. Seht, ich will nichts von Eurer vortrefflichen Geſell⸗ 90 ſchaft; ich werde nur ſingen, um Euch angenehm zu ſein und um Euch zu gehorchen. Verſprecht mir nur, zum Lohn meiner Uneigennuͤtzigkeit und meiner Erge⸗ benheit...* „Was?“ „Einen freundſchaftlichen Haͤndedruck; einen ſuͤßen Blick und ein zaͤrtliches Läͤcheln.“ Pedro hatte ſeine Guitarre genommen und indem er ſeine blonden Locken zuruͤckwarf, zeigte er ſeine heitere Stirn. Noch nie war ſein Geſicht ſchoͤner, belebter und anziehender geweſen. Der Glanz ſeiner Augen, die Weiße ſeiner Zaͤhne und die Eleganz ſeines Wuchſes ſetzten die verraͤtheriſche Wirthin in Erſtaunen; ſie ver⸗ ſtand ſich auf die ſchoͤnen Maͤnner und hatte ſie immer ſehr geſchaͤtzt. Pedro war einer der ſchoͤnſten der Gegend. Ein ſonderbares Laͤcheln entſchluͤpfte ihr; ſie wendete ſich ab mit einem Gefuͤhl von Bewunderung, von Bedauern, von Unruhe und von Verdruß; ſie fuͤhlte ihr Herz ſtaͤrker klopfen. Pedro hatte nur den einen Zweck, Zeit zu gewinnen. Mariana war unſchluſſig, ſie vergaß die furchterlichen Inſtructionen, die ſie erhalten hatte, oder wenigſtens verzoͤgerte ſie die Ausfuͤhrung derſelben ſo lange als moͤglich. Zum ungluͤck fielen ihre Augen auf das ſchoͤne Geſicht Paquita's. Iſt das Eure Frau?“ fragte ſie den Guitarrers, 91 mit einem Ausdrucke von Eiferſucht, Verdruß und Bosheit. „Nein, ſie iſt meine Schweſter.“ „Ich haͤtte auf das Gegentheil gewettet.“ „Warum?“ n„Sie verſchlingt Euch mit den Augen. Mit ſolchen Blicken ſieht man einen Bruder nicht an. Darauf verſtehe ich mich ſchon laͤngſt, denn ich bin nicht von heute.“ d„Jedenfalls ſeid Ihr nicht von lange her,“ erwie⸗ ie derte Pedro artig. „Schon gut, Schmeichler; genug davon. Warum macht denn die Kleine ein ſo aͤngſtliches Geſicht? Ich er glaube gar, ſie zittert.“ „Sie friert.“ n„Wir wollen ſie ſchon noch erwaͤrmen,“ ſagte die b Wirthin mit finſterer Miene.„Hoͤrt ihr das Geſchrei? n, ich werde gerufen. Kommt mit mir, Guitarrero.“ rz Pedro gehorchte. Als er bei der Geliebten vorbeiging, fluſterte er n. ihr leiſe die Worte zu: .„Ruhe und Muth, Paquita!“ n s ne Sein Eintritt in die große Gaſtſtube, wo Gomez ro, und ſeine Banditen verſammelt waren, wurde mit Jubel 92 begruͤßt. Er war das Schlachtopfer, das man vor der Opferung bekraͤnzt. Pedro, ſeine Guitarre unter dem Arme, ging mit ruhigen, ſicheren Schritten vorwaͤrts. Er ſetzte ſich auf eine Bank und ſogleich bildete ſich ein dichter Kreis um ihn. Er ſang mit wohlklingender Stimme und immer ſeine Lieblingsmelodie, die Melodie, die ihn in ſeines Oheims Wohnung rettete und deren Text er nur veraͤnderte. „Die Piraten auf ihren Schiffen, Den Säbel in der Hand, Begehen in ihrem Tapferkeitsrauſche Erhabene Thaten. Dann feiern bei ihnen Ruhm nnd Edelſinn Gar ſchoͤne Tage. Geliebte Zither, o ſtehe mir bei! Ihr Lieder der Hoffnung, Seid Ihr nicht mein Himmel, meine Genien Und meine Liebe?“ . Neuer Beifall erſchallt. Dreimal muß der Gui⸗ tarrero ſeine poetiſche Improviſation wiederholen; er hat die allgemeine Gunſt erworben. ariana, die ihm gegenuͤber ſtand, ſchien von der hoͤchſten Aufregung ergriffen zu ſein. Ein einziges Geſicht unter den Raͤubern behielt ſeinen ruhigen Aus⸗ druck, es war das des Anfuͤhrers. Je mehr Pedro ſeine Zuhoͤrer electriſirt, deſto tiefer wird er von ſeinem Nebenbuhler gehaßt. Er will und muß Pedro's Blut haben. — 1 — er 6 le t 93 Plötzlich ſturzte die Magd athemlos ins Zimmer; ſie konnte kaum ſprechen. „Sie kommen! ſie kommen!“ rief ſie.„Ach, wie prächtig! Kommt Alle hinaus, wenn Ihr ſie ſehen wollt!“ „Was iſt denn?“ fragte Gomez ungeduldig. „Die heilige Bruͤderſchaft der Jungfrau. Sie kommt aus der Kapelle Unſrer Frau der Seefahrer, in der ſo ſchoͤne Wunder geſchehen. Den Moͤnchen von San Juan hat ſich eine Prozeſſion von Pilgerinnen angeſchloſſen, und die jungen Mädchen begleiten ſie mit ihren weißen Fahnen. Kommt, kommt; und es ſind Prieſter, ein Thronhimmel, Kreuze und Muſik dabei, und zuletzt kommen die Rieſen und Zwerge. Es iſt das Schoͤnſte was man ſehen kann, man glaubt im Para⸗ dieſe zu ſein!“ „Das muͤſſen wir ſehen!“ riefen die Banditen, und Alle ſtuͤrzten aus dem Hauſe. Vergebens ſucht ſie der wuͤthende Gomez zuruͤckzu⸗ halten; Niemand gehorcht ihm. Eine religiöſe Ceremonie iſt fur dieſe Menſchen eben ſo unwiderſtehlich, als ein Stiergefecht. Ihre ſonderbare Natur verlangt Verbre⸗ chen und Frömmigkeit, Schandthaten und Gebete; ſie iſt ein Gemiſch von Hoͤlle und Himmel. Sie wollen einen Menſchen ermorden und jetzt fallen ſie vor einer Pro⸗ zeſſion auf die Knie. Die Unordnungen, die Ausſchwei⸗ fungen und die Rache haben fuͤr ſie einen tauſendfachen 94 Reiz, und doch werden ſie begeiſtert von den Bildern der Religion, des Friedens und der Milde. Hinter ihnen ſind Feuerſtroͤme, vor ihnen himmliſche Quellen; ſie muͤſſen die einen wie die anderen haben. Bald haben ſie Fackeln in den Haͤnden, welche fuͤr die Verdammten brennen, bald Kerzen fuͤr den Heiland; bald kommt aus ihrem Munde Geſchrei zum Fuͤrſten der Hoͤlle, bald Geſaͤnge an die heilige Jungfrau. Die heiligen Oriflammen wehten im Abendwinde und wurden von der Gluth des weſtlichen Himmels ver— goldet. Chorknaben, welche den Zug eroͤffneten, beſtreu⸗ ten den Weg mit Blumen und gruͤnen Zweigen. Weih⸗ rauchwolken ſchwebten um die purpurrothen und blauen Banner, und aus dieſer duftenden Athmoſphaͤre ſtiegen Engelstoöne empor, mit denen verſchiedene Inſtrument ihre melodiſchen Accorde vermiſchten. Die ganze Natut ſtrahlte in ihrer Pracht und ſchien mit den Geſaͤngen der Kirche in der Verehrung des Schoͤpfers zu wetteifern. Die Flibuſtier der Kuͤſte, die ſich vor den Dienern des Allmächtigen zur Erde geworfen hatten, dachten nicht mehr an den Guitarrero und an ſeine Geliebte. Gome ſchaͤumte vor Wuth; aber in Gegenwart einer von der frommen Feierlichkeit begeiſterten Menge durfte er es nicht wagen, den geringſten Tadel hoͤren zu laſſen; man haͤtte ihn fuͤr einen Gotteslaͤſterer erklaͤrt und er waͤre in die größte Gefahr gekommen. Die beiden Fluchtlinge wechſelten einen Blick des ſie en en us id de u⸗ en en der 95 Einverſtäͤndniſſes mit der Magd und miſchten ſich dann raſch unter die Prozeſſion. Mariang ſah es, ohne ihnen ein Hinderniß in den Weg zu legen und vielleicht mit einer geheimen Freude. Paquita draͤngte ſich unter die jungen Mädchen, welche hinter dem Thronhimmel her⸗ gingen; Pedro ſchloß ſich den Muſikern an, welche die heiligen Geſaͤnge begleiteten, und Beide gehen, frei und gerettet, zwiſchen einer Doppelreihe von Moͤrdern unter der Obhut Gottes weiter. Bald verſchwand das Geſtirn des Himmels; der Zug verließ die Straße nach Reus und ſchlug einen Seitenweg ein. Nach und nach verminderten ſich die Pilgerinnen, welche ihm folgten; Jedermann kehrt nach ſeiner Wohnung zuruͤck und die Schatten werden immer dichter. Paquita und Pedro zweifeln nicht, daß Gomez ihnen von weitem folgt, um bei der erſten guͤnſtigen Gelegenheit uber ſie herzufallen, und daß dieſe Gelegen⸗ heit ſich ſehr bald zeigen wird. Sie warten daher, bis der Eintritt der volligen Dunkelheit ſie allen Blicken entzieht. In der Nähe ſahen ſie ein reiches Landgut mit zahlreichen Gebaͤuden, welche Schutz gegen die An⸗ griffe der Räuber bieten. Verſtohlen ſchleichen ſie ſich bis an die Thuͤr deſſelben, die unter Bäumen verborgen iſtz ſie öffnen ſie, von der Dunkelheit beguͤnſtigt, und ohne von Jemandem bemerkt zu werden, uͤberſchreiten ſie die Schwelle. Haben ſie wirklich ein ſchutzendes Obdach gefunden? Ja, ſie ſind abermals gerettet. 96 Sie finden einen Diener und fragen ihn, ob ſein Herr ihnen wohl fuͤr eine Nacht Aufnahme gewaͤhren wuͤrde? Der Diener, der ſie fur Abenteurer hielt, ſchuͤt⸗ telt erſtaunt und mit nicht ſehr freundlicher Miene den Kopf; ihr anſtaͤndiges Aeußere und ihr ganzes Benehmen floͤßt ihm jedoch einiges Vertrauen ein und er fuͤhrt ſie in das Haus. Das Gebaͤude, welches Marſennas hieß, war groß und von ſtattlichem Anſehen; es hatte zu beiden Seiten kleine mauriſche Thuͤrmchen und war von einer Menge Stall⸗ und Wirthſchaftsgebaͤuden umgeben. Seine Lage war aͤußerſt reizend und Alles verrieth an demſelben den Wohlſtand des Beſitzers. Pedro und Paquita ſtiegen eine Vortreppe von meh⸗ reren Stufen empor und traten in eine große Hausflur, aus welcher ſie in eine Art Geſellſchaftszimmer gefuͤhrt wurden. Man bemerkte nirgends Luxus, aber uͤberall Sauberkeit und Bequemlichkeit. Ehe der Diener die beiden Reiſenden ſeinem Herrn meldete, glaubte er ihnen einige Fragen vorlegen zu muͤſſen. „Seid Ihr aus der Gegend?“ „Ja, aus Reus.“ „Und woher kommt Ihr jetzt?“ „Aus Tarragona.“ „Aus Tarragona?“ wiederholte der Diener in be n n n n e e r, 97 ſchmetzlichem Tone.„Von dieſer Stadt duͤrft Ihr gegen meinen Herrn nichts erwaͤhnen.“ „Warum nicht?“ „Weil dort ſeine ganze Familie umgekommen iſt, weshalb er auch faſt beſtändig weint. Er iſt ſehr krank, wie der Arzt aus Canonge, der beſte in der ganzen Gegend, ſagt. Ich furchte, daß der Kummer unſren Herrn noch unter die Erde bringt.“ „Bewohnt er dieſes Gut ſchon lange?“ Meinz es gehoͤrte fruͤher einem Oheim von ihm, der ebenfalls in Tarragona ermordet worden iſt und von dem er es geerbt hat.“ „Euer Herr iſt wohl ſehr reich?“ „O ja, aber er genießt ſeinen Reichthum nicht, denn er welkt dem Grabe entgegen. Er liegt eben im Bett und hat Fieberz ich weiß nicht, ob Ihr ihn werdet ſprechen koͤnnen.“ „Saget ihm, daß auch wir nur durch ein Wunder den Schreckniſſen des Krieges entgangen ſind, daß wir ihn um ſeine Unterſtuͤtzung bitten. Er iſt gewiß men⸗ ſchenfreundlich, da er unglucklich iſt.“ Er hat das beſte Herz von der Weltz er ſucht nur uberall Gutes zu thun und wird deshalb allgemein verehrt. Ich will ihn von Eurer Ankunft benach⸗ richtigen.“ Der Diener ging in das Nebenzimmer und die beiden Fluͤchtlinge blieben allein. ie VWertopten des Topes. 7 98 „Unſere Leiden ſind zu Ende, Paquita,“ ſagte Pedro in heiterem Tone;„Gott ſei Dank! unſer Schiff iſt endlich im Hafen!“ „Du glaubſt es?“ erwiederte ſie traurig;„ich wage noch nicht, es zu hoffen. Ach! das Gewitter iſt zu heftig geweſen, als daß es ſich ſchon ganz verzogen haben ſollte! Gomez iſt nicht fern.“ Was kann er uns ſchaden? Ruhe und Ordnung ſind wieder hergeſtellt, der Krieg iſt unterbrochen, wir find nicht mehr im Belagerungszuſtande, wir kehren unter die Herrſchaft der Geſetze zuruͤck und wenn die Juſtiz wieder in Thätigkeit tritt, dann iſt es an den Banditen, zu zittern.“ „Du ſiehſt alſo unſern Horizont frei von Wolken?“ „Ja, wenn Du mein wirſt; denn ſo lange wir von einander getrennt leben muͤßten, wuͤrde es keine glucklichen Tage fuͤr uns geben. Ich weiß nicht, wohin ich Dich fuͤhren werde, aber uͤberall, wohin wir zuſammen gehen, werden wir Freude und Vertrauen finden; welche Schwie⸗ rigkeiten unſer Weg auch darbieten moͤge, ſo werde ich doch die Blume nicht unter den Dornen erſticken laſſen. Du wirſt Dich auf mich ſtuͤtzen, Paquita; ich habe meine Lieder, Du haſt Deine Gebete; wir Beide haben die Hoffnung und den Glauben.“ „Aber, wo wollen wir uns niederlaſſen?“ „Wir ſchlagen froͤhlich unſer Zelt auf, wo der Schatten uns einladet, und brechen es ſchnell wieder ab, — ro ſt ge en g ir en ie en ich n, ie⸗ ich n. be er b, 99 wenn wir Gefahr befuͤrchten. Wir werden frei, wie der Vogel in den Luͤften, durch die Wuͤſte wie durch die Haine ziehen, mit dem Fruͤhling und mit der Liebe, faſt ohne die Erde zu beruͤhren und mit himmelanſtrebenden Fluͤgeln; alle liebenden Herzen werden ſich uns an⸗ ſchließen.“ „Aber wir haben weder Geld noch Beſitzthum.“ „Was kommt auf mehr oder weniger Reichthum an? Der ſchoͤnſte iſt ein reines Herz. Wo man auch wohnen und in welchen Verhaͤltniſſen man auch leben moͤge, man iſt uͤberall gluͤcklich, wo man ſich liebt.“ Paquita läͤchelte uͤber dieſe poetiſchen Bilder. Pe⸗ dro's heitere Phantaſie zog ſie mit ihm fort in die Re⸗ gionen der Begeiſterung und des Gefuͤhls. Es war nicht mehr moͤglich, finſtre Wolken zu ſehen da, wohin ihr Geliebter ſeine poetiſchen Inſpirationen warf. Alles, die Gegenwart wie die Zukunft, nahm von ſeiner Rede eine heitere Farbe an. Mit ihm und bei ihm war nichts dunkel, eng und kalt; Alles wurde Flamme, Freiheit und Licht. Morgen fruͤh,“ fuhr Pedro fort,„gehe ich mit Tages Anbruch in die nächſte Kirche, deren Thurm wir uͤber die Bäume hervorragen ſehen, und ſuche einen Prieſter auf. Ich werfe mich ihm zu Fuͤßen, ich ſchil⸗ dere ihm unſer Ungluck, unſre Lage. Gewiß wird er ſich beeilen, zum zweiten Male den Segen uͤber unſte Ver⸗ bindung zu ſprechen. Sind wir nicht Verlobte?“ 7* 100 „Ach, Verlobte des Todes!“ ſagte Paquita ſeuf⸗ zend;„iſt dies ein Beiname von guter Bedeutung?“ Der Diener trat wieder ein, er brachte eine gute Nachricht:. „Mein Herr hat mir aufgetragen,“ ſagte er,„Euch in ſeinem Hauſe gut aufzunehmen. Ihr ſollt ein gutes Abendeſſen und ein gutes Nachtlager bekommen“ „Koͤnnen wir ihm nicht dafuͤr unſern Dank ſagen?“ fragte Pedro. „Dieſen Abend nicht; er liegt noch immer ſehr krank und ſchwach auf ſeinem Bett.“ „Geht er um dieſe Stunde ſchon zur Ruhe?“ MNein, er iſt noch nicht ausgekleidet. Ich ſagte ihm, daß Ihr eine Guitarre bei Euch habt, und ich bin uberzeugt, daß es ihm Freude machen wuͤrde, wenn Ihr ihm etwas vorſinget; er wuͤrde Euch in ſeinem Zimmer hoͤren.“ „O es wuͤrde mich glucklich machen, wenn ich ihm eine Freude bereiten koͤnnte,“ erwiederte Pedro, indem er nach ſeinem Inſtrumente griff.„Was ſoll ich ſingen?“ à „Einen Bolero.“ Der Guitarrero waͤhlte den, welcher in der Gegend am meiſten beliebt war, um den ihn fruͤher die jungen Maͤdchen von Reus bei den ländlichen Feſten beſtuͤrmten 101 und den Paquita, ehe ſie Monſerrats Gattin wurde, am meiſten liebte. Er ſetzte ſich, praͤludirte und ſang: „Liebliche Schaͤferin des Dorfes, Komm auf meinen Ruf Heimlich in das kuͤhle Gehoͤlz, Wo ich Dich erwarte. Dort ſind wir im verſchwiegenen Dunkel Fern von den Neidern, Fern von dem Geraͤuſche der Welt. Die Liebe allein iſt dort bei uns, Die wahre Liebe. Geliebte Schaͤferin, die mein Herz In Flammen ſetzte, Es iſt nicht genug, geliebt zu werden, Man muß auch lieben.“ In dieſem Augenblicke wurde die Thuͤr mit Heftig⸗ keit aufgeriſſen und der Beſitzer von Marſennas trat, ohngeachtet ſeiner Krankheit und ſeiner Schwaͤche, raſch ein. Er hatte Pedro's Stimme gehoͤrt und erſcheint vor den Liebenden mit einem Ausdruck von Geiſtesverwir⸗ rung in den Zuͤgen. Pedro und Paquita ſtoßen zu gleicher Zeit einen Schrei des Schreckens und der hoͤchſten Ueberraſchung aus. „Monſerrat!“ Nein, es iſt kein Geiſt, es iſt wirklich Paquita's Gatte. Er iſt dem Tode entgangen, er findet ſeine Gattin wieder. Ach! er hat Paquita's ſchmerzlichen Ausruf gehoͤrt, er hat ihren erſten Blick geſehen. Der Ungluͤckliche tritt ſchwankend zuruͤck, Pedro bedeckt ſein 102 Geſicht mit beiden Haͤnden, alle Drei ſind wie vom Donner geruͤhrt. Paquita faßt ſich zuerſt. Ein neuer Ausruf kommt aus ihrem Munde, aber diesmal iſt es ein Ruf der Liebe: „Eſtevan!“ Sie laͤuft auf ihn zu, ſie wirft ſich an ſeine Bruſt und ſchließt ihn mit Entzuͤcken in ihre Arme. Gefuͤhl der Pflicht erſtickt jedes andre in ihrem Herzen, ſie ſieht nichts mehr als ihren Gatten. Zwar fließen die Thraͤnen immer noch uͤber ihre Wangen herab, aber in dieſen Thraͤnen iſt nichts Strafbares. Sie lieſ't in Monſerrats Zuͤgen Alles was er ſeit ihrer Trennung gelitten hat; ſein Geſicht iſt leichenblaß, ſeine Augen eingefallen, ſein linker Arm iſt gelaͤhmt, ſein Haar iſt gebleicht, er iſt um zehn Jahre aͤlter geworden. Paqui⸗ ta's weiches, theilnehmendes Gemuͤth kann einen ſolchen Anblick nicht ohne den tiefſten Schmerz ertragen. Sie fuͤhlt, daß ſie von jetzt an keine andere Pflicht hat, als Das der troͤſtende Engel des Mannes zu ſein, den die Hand des Schickſals, und meiſt um ihretwillen, ſo ſchwer ge⸗ troffen hat; ſie ſieht ein, daß ſie ihm wenigſtens die treue Hingebung der Gattin ſchuldig iſt, da ſie ihm nicht die Zaͤrtlichkeit der Liebenden darbringen kann. „Ich bin es, Paquita!“ ruft ſie, indem ſie vor ihm auf die Knie ſinkt.„Haſt Du denn in dieſem gluͤcklichen Augenblicke kein einziges Wort der Liebe fuͤr mich?“ — W—————— —— 103 Mein,“ erwiederte Monſerrat, indem er ſie aufhob, mit einem Blicke, in dem zugleich Liebe und Entſetzen lag,„ich kann keine Worte finden! Und wenn ich es könnte, duͤrfte ich denn ſprechen?.. In dieſem gluck⸗ lichen Augenblick, haſt Du geſagtl Es war alſo kein Ausruf des Schreckens, der, als ich eintrat, mein Ohr traf?... O, komm, komm, Paquita! meine Gedanken verwirren ſich!... Gluͤck?.. ſprich noch einmal dieſes Wort aus, ſage; ich bin gluͤcklich! und ich werde Dir glauben. Ich bedarf eines ſolchen Troſtes, denn ſieh, der Kummer hat mich an den Rand des Grabes ge⸗ bracht! Verſchoͤnere mir noch die letzten Tage meines Lebens, ſei es auch nur aus Mitleiden! Es wird nicht mehr lange dauern, ich fuͤhle es, Paquita; ich werde Dich ſegnen und Du wirſt dann noch gluͤcklich, wahr⸗ haft gluͤcklich werden!.. Weine, weine! ich erlaube es Dir; aber laß mir eine Illuſion, gieb mir eine Hoffnung zuruͤck!.. Du ſiehſt es, mein Geiſt iſt ſchwach.. ach! es haben mich zu viele wiederholte Schlaͤge getroffen!... Ich will ſterben, aber ſage, daß Du mich liebſt!“ Monſerrat, deſſen Geiſteskräfte eine heftige Er⸗ ſchutterung erlitten, hatte noch nie ſo ruͤhrende und ſo zäͤrtliche Worte geſprochen. Erſchoͤpft fiel er in einen Seſſel. Paquita, die nur an ihn dachte, fuͤhlte, wie ihr Herz von ihren neuen Pflichten gehoben wurde und wie die Stimme der Dankbarkeit die der Liebe ubertönte. 104 Ihr Geſicht war das eines Engels, jetzt hatte ſie auch den Geiſt deſſelben. Pedro ſtand allein und vergeſſen abſeits und machte keine Bewegung. Auf ſeine Guitarre geſtutzt, betrachtete er mit finſterer, beſtuͤrzter Miene die Scene, als ploͤtzlich eine Saite ſeines Inſtrumentes ſprang, daß es einen klagenden, ſchmerzlichen Ton von ſich gab. „Dieſer junge Mann iſt Pedro Walls?“ fragte Eſtevan mit niedergeſchlagener Miene. „Ja, und mein Adoptivbruder,“ erwiederte Paquita mit feſtem Tone. „Dein Bruder?“ wiederholte Monſerrat;„kannſt Du mir dies ſchwoͤren?“ „Ich ſchwoͤre es Dir bei Gott und allen Heiligen!“ Eſtevans Stirn erheiterte ſich. Er kannte ſeine geliebte Gattin; haͤtte ſie einen Fehler begangen, ſo wurde ſie nicht den Meineid hinzufuͤgen. Er ergriff ihre Hand und zog ſie an ſeine Lippen. „Was ſehe ich?“ rief er plötzlich;„Du haſt meinen Ring nicht mehr? ein anderer iſt an ſeiner Stelle?“ „Er und ich ſind Verlobte des Todes geweſen,“ erwiederte Paquita in feierlichem Tone, indem ſie auf Pedro zeigte.„Wir waren in einem Grabgewoͤlbe vor einem Sarge und glaubten, die Ewigkeit werde uns vereinigen, deshalb tauſchten wir unſte Ringe. Gebt mir den meinigen zuruͤck, Pedro.“ 105 „Hier iſt er,“ ſagte der ungluckliche Jungling. Und mit der Hand, von der er den Ring genom⸗ men hatte, zerriß er eine zweite Saite.. Ein neuer klagender, ſchauerlicher Ton wurde gehrt. „Ein doppelter Abſchied!“ ſagte der Saͤnger mit verſtortem Blick und verloͤſchender Stimme. e Er ging... Paquita hielt ihn zuruͤck. „Schon, Pedro?... ſchon?“ a Dann ſagte ſie zu Monſerrat; „Er hat mir das Leben gerettet, willſt Du ihn t vertreiben?“ Mein, gewiß nicht,“ erwiederte ihr Gatte;„aber « glaubſt Du, daß er bleiben kann?“ h ne nicht und darf es nicht, ſagte e Pedro und verließ mit feſtem Schritte das Zimmer. d Paquita hinderte ihn nicht mehr. Sie warf ſich an die Bruſt ihres Gatten, als wollte ſie da ihren tSchmerz verbergen. r„Ach, ich fuͤhle es, ich hätte ſterben ſollen!“ ſagte Monſerrat zu ſich ſelbſt. 6 f r — * VI. Die Ruinen von Torenos. Wie Paquita im Grabgewolbe ahnete, hatte der grauſame Gomez, ehe er den Brunnen verließ, in dem er ſeinen Tod zu finden glaubte, ſeinen Eid erfullt. Er hatte ſein Piſtol auf Monſerrat abgeſchoſſen und dieſer war in dem ganz mit Rauch angefullten Todesbrunnen Gomez glaubte des regungslos zu Boden geſtuͤrzt. Todes ſeines Nebenbuhlers gewiß zu ſein. Der Himmel hatte es anders beſchloſſen der Schuß hatte nur Eſtevans Arm zerſchmettert. Er war beſin⸗ nungslos umgeſunken, aber er ſollte noch nicht ſterben. Wie unter Umſtaäͤnden ein Nichts den Tod herbei⸗ fuͤhren kann, ſo ſcheint es, als ob unter anderen nichts das Leben zerſtören könnte. Monſerrat, der in ſeinem Blute ſchwamm, von dem dicken Rauche faſt erſtickt und uberdies von einem Feuerregen bedroht wurde, blieb mehrere Stunden ohne Bewußtſein, und als er endlich m Fr ſer en es uß in⸗ Nei⸗ hts em ickt ieb ich 107 erwachte, war er mitten in der Finſterniß allein. Das Feuer war verloͤſcht und der Rauch verzog ſich nach und nach. Seine Gattin war in den Haͤnden ſeines Moͤr⸗ ders und die eingeſtuͤrzten Gewolbe machten es ihm nicht mehr moͤglich, ihnen zu folgen. Sein zerſchmetterter Arm ſchmerzte ihn heftig, er hatte ein gluͤhendes Fieber, und am Geiſte wie am Korper gemartert, walzte er ſich im Wahnſinn auf der Erde und rief den Tod zu ſeiner Errettung herbei; aber der Tod war taub gegen ſeinen Ruf. Ein todtenäͤhnlicher Schlaf, eine vollſtändige Be⸗ täubung entriß ihn auf lange Zeit ſeinen entſetzlichen Qualen. Als er die Augen wieder aufſchlug, zweifelte er an ſeinem Verſtande. Der Korb mit den Lebens⸗ mitteln ſtand neben ihm, inſtinktmäßig verſchlang er ſie und trank von dem dabei befindlichen Weine. Dann uberfiel ihn eine neue Schlafſucht; er glaubte, ſeine Todesſtunde ſei gekommen, ſprach ein Gebet, mit wel⸗ chem er ſeine Seele dem Allmächtigen empfahl, und legte ſich ruhig nieder, mit der feſten Ueberzeugung, daß er nicht wieder erwachen werde. Und doch kam er von Neuem zum Leben, und doch fand er ſeine Kraͤfte wieder und entſchloß ſich, Alles zu verſuchen, um aus dem Brunnen zu kommen. Er nahm den Korb mit den Lebensmitteln und begann langſam auf den Holztruͤmmern emporzuklettern. Schon nach einigen Schritten mußte er faſt eine Stunde lang ausruhen; dann ſetzte er, trotz ſeines zerbrochenen 9 Armes, den Verſuch weiter fort, bis er endlich die Halfte 6 des Weges zuruͤckgelegt hatte. Jetzt aber waren ſeine de Ktaͤfte erſchoͤpft und erſt nach einer langen Ruhe konnte U er weiter klettern. Von Zeit zu Zeit ſtaͤrkte er ſich mit den Lebensmitteln, nachdem er ſich bald hier bald da einen feſten Sitz geſucht hatte. Die friſche Luft und das Licht gaben ihm neues Leben, und ſo gelangte er endlich nach unſaͤglicher Muͤhe und faſt durch ein Wun⸗ B der an die Oeffnung des Brunnens. Etwas ſpaͤter er⸗ ge reichte Gomez das namliche Ziel. V Eine neue Gunſt des Himmels! Eſtevan fand in G dem kleinen Hofe den Mantel und Tſchako eines fran⸗ zoͤſiſchen Soldaten. Er huͤllte ſich in dieſe Uniform⸗ ert ſtuͤcke und ging damit durch die Straßen und Gaͤßchen vo von Tarragoua, ohne den mindeſten Verdacht zu erwecken. bi Man hielt ihn fuͤr einen verwundeten oder kranken Sol⸗ vo daten und in der allgemeinen Unordnung achtete Nie⸗ 6 mand auf ihn. So erreichte er endlich die Thore und ml das Freie. Ein wahres Wunder hatte ihn gerettet. we Wenige Tage nachher befand er ſich in dem reichen 36 Landgute, das er geerbt hatte. Aber von den vielen al erduldeten Leiden aufgerieben, war er halb ſeiner Ver⸗ Gl nunft beraubt. Den Gebrauch ſeines Armes hatte er Eſ trotz aller Anſtrengungen der Kunſt auf immer verloren Al Seine Geſundheit war voͤllig zerſtoͤrt und ebenſo ſeine Ri . 109 nde Kraft und ſeine Jugend, und da er durch alle eingezo⸗ en genen Erkundigungen die Ueberzeugung erhielt, daß ſeine lfu Gattin nicht mehr am Leben war, hatte er nur noch ine den einen Wunſch, recht bald im Vaterlande der nte Unſterblichkeit wieder mit ihr vereinigt zu werden. nit da ind Paquita war am Tage nach ihrer Wiedervereini⸗ et gung mit Monſerrat, die Gebieterin in ihrer ſchoͤnen in⸗ Beſitung Marſennas. Alle Elemente des Gluͤcks um⸗ er gaben ſie; eine unabhängige Stellung, ein anſtaͤndiges Vermoͤgen, eine reizende Wohnung und der liebevollſte in Gatte; dennoch weinte ſie oft heimlich bittere Thraͤnen. an⸗ Don Eſtevan hatte ihr ausfuhrlich ſeine Rettung m⸗ erzahlt, und auch Paquita hatte ihm nichts verſchwiegen hen on dem, was ſeit ihrem Zuſammentreffen mit Pedro en. bis zu ihrer Ankunft in Marſennas geſchehen war. Die ol⸗ vollkommenſte Harmonie ſchien zwiſchen den beiden die⸗ Gatten zu herrſchen. Sie trennten ſich ſo wenig als ind möglich von einander und vom Morgen bis zum Abend wor es zwiſchen ihnen ein beſtaͤndiger Austauſch von hen Zärtlichkeiten und Aufmerkſamkeiten. Man ruͤhmte ſie len as Muſter der ehelichen Liebe und man beneibete ihr er Gluͤck. Ein täuſchender Schein! So treuergeben er Eſtevan und Paquita auch einander waren und trotz en aler Genuſſe die ſie umgaben, hatten ſie doch wider ine Ruhe noch Gluͤck. 110 Monſerrat, den ſeine eigenen Gefuͤhle nur zu ſehr aufklärten, als daß er ſich uͤber die Gefuͤhle Anderer taͤuſchen konnte, las beſtaͤndig im Herzen ſeiner Gattin. Er ſah den tiefen Schmerz und die erſtickten Seufzer in demſelben, die alle Pedro galten, denn dieſer war der Grund von Paquita's Leben. An ihn, ihren Gatten, dagegen richtete ſie Blicke der Dankbarkeit und Worte der Hingebung, und dieſe waren das Aeußerliche ihres Lebens. Monſerrat verbarg ihr ſeine Qualen, Paquita verbarg ihm ihre Leiden. Im Aeußern herrſchte bei ihnen Ruhe und Vertrauen, im Innern Schmerz und Unruhe. So lebten Beide, obgleich im Aeußeren ver⸗ eint, doch im Innern getrennt, ein Leben der Pflichten und der Aufopferungen, der Verleugnung und der Liebe. Dolorida Munnoz, die in ihrer Beſitzung in det Gegend von Villaſeca von den Schreckniſſen des Krieges verſchont geblieben war, kam von Zeit zu Zeit nach Marſennas. Sie hatte uͤber die Wiedervereinigung der beiden Gatten die lebhafteſte Freude geaͤußert, aber den⸗ noch ruhte ihr forſchender Blick mit einer ſchmerzlichen Taͤuſchung auf ihrer Schwägerin. Indeſſen kam keine unbeſcheidene Frage uͤber ihre Lippen; Pedro's Name wurde in Marſennas nie genannt.. Man ſprach in der Gegend viel von dem Schleich⸗ ei er en n ne 111 haͤndler von Salo. Gomez hatte, ſeitdem er aus Tar⸗ ragona entkommen war, einige kurze aber ſehr kuͤhne und gluͤckliche Unternehmungen zur See ausgefuͤhrt und war mit reicher Beute von der letzten zuruͤckgekehrt. Die Franzoſen ſchienen ihn zu beguͤnſtigen, denn er war ein geſchworener Feind der Englaͤnder und brachte daher vorzugsweiſe gegen dieſe ſeine unglaubliche Verwegenheit in Anwendung. Nichtsdeſtoweniger hatte die franzoͤ— ſiſche Regierung Befehl gegeben, ein wachſames Auge auf ihn zu haben. An einem ſchoͤnen Sommerabende ſaß Paquita an der Seite ihres Gatten auf dem Felde, wo ihre Leute mit den Erntearbeiten beſchaͤftigt waren. Ein Bach floß zu ihren Fuͤßen voruͤber und ſpiegelte den reinen, blauen Himmel zuruͤck. Ploͤtzlich ſchlugen die entfernten Toͤne einer Guitarre an ihr Ohr; ſie erbebte und brach in Thraͤnen aus. „Du leideſt, liebe Paquita?“ fragte Eſtevan mit bewegter Stimme. „O nein,“ erwiederte ſie, indem ſie mit einem ſchmerzlichen Blicke in das bleiche, eingefallene Geſicht ihres Gatten ſah;„dann muͤßte ich ſehr undankbar gegen die Vorſehung ſein. Nein, ich leide nicht, aber Du.“ „Wie kannſt Du das glauben, Paquita? Hat mir der Himmel nicht das hoͤchſte irdiſche Gut, eine treue, geliebte Gattin beſchieden?“ „Und mir den beſten Gatten!“ und in den Spiegel des Baches blickte,„wie oft ich mich auch betrachte, immer ſehe ich, daß ich weder Ju⸗ gend noch Schoͤnheit mehr habe. Deine Thraͤnen fließen, Paquita; Du bedauerſt mich und ich danke Dir dafuͤr, Du liebe Troͤſterin! Aber in der Liebe iſt das Bedauern das letzte Wort des Herzens.“ „Eſtevan!“ „Nimm dies nicht als einen Vorwurf auf, liebe Paquita; ich zuͤrne Dir deshalb nicht. Wer kann fuͤr ſeine Gefuͤhle und fuͤr die Regungen ſeines Herzens? Es bedarf oft nur eines Seufzers, um ein ganzes Leben zu verbittern, nur eines Winkes, um ein Herz zu durch⸗ bohren. Das Eine wie das Andre habe ich ſchon einige⸗ male, ohne daß Du es weißt, bei Dir bemerkt; aber Du biſt mir deshalb nicht minder theuer, ich bewundere Dich nur um ſo mehr. Ja, ich ſage es noch einmal: ich danke Dir fuͤr Alles was Du mir gewaͤhrſt, ich danke Dir fuͤr Alles was Du mir verbirgſt!“ Paquita's Thraͤnen floſſen noch ſtärker und es ent⸗ ſtand eine ſchmerzliche Pauſe. „Nein,“ ſagte ſie dann,„ich will Dir nichts ver⸗ bergen; Du wirſt mir dann eben ſo offen Deinen gehei⸗ men Kummer mittheilen und ich werde Dich nur um ſo mehr lieben. Kann es einen beſſeren Mann auf der Welt geben, als Du biſt?... Beſonders aber glaube „Ach!“ ſeufte Monſerrat, indem er ſich vorbeugte ——— —— — 5 2 113 nie, daß ich, ſo lange Du lebſt, irgendwo glucklich ſein könne, wo Du nicht biſt.“ „So lange ich lebe!“ ſeufzte Eſtevan. „Ach, koͤnnteſt Du in meinem Herzen leſen...4 Glaubſt Du, daß ich dies nicht ſchon laͤngſt thue, Paquita? Wir wollen ganz offen mit einander ſprechen. Ich weiß es, welcher innere Herzenskampf Dich nieder⸗ bruͤckt; Du haſt Pedro ſruͤher geliebt als mich, und dies iſt nicht Deine Schuld, auch werde ich es Dir nie zum Vorwurf machen. Im Gegentheil ſind durch dieſe Liebe die höchſten Tugenden in Dir entwickelt worden. Liebe mich, ſo ſehr es Dir möglich iſt; ich werde mich damit begnugen und werde mich begluͤckt dadurch fuͤhlen.“ In dieſem Augenblick hörte man klagende Accorde, die aus einem nahen Gehoͤlz kamen. „Das iſt Pedto's Guitarre,“ ſagte Monſerrat traurig. „Medro iſt alſo hier?“ „Ohne Zweifel.“ „Wo wohnt er denn?“ „In Reus.“ „Arm und allein!“ „Es iſt wahr, er hat weder Angehoͤrige noch Ver⸗ mögen; er iſt zu bedauern.“ „Er ſollte heirathen,“ ſagte Paquita mit zitternder Stimme. „Heirathen? wuͤnſcheſt Du diese“ Die Berlobten des Todes. 8 114 „Ich glaube, ja,“ erwiederte die junge Frau mit Offenheit;„denn wenn mir ſein Gluͤck am Herzen liegt, ſo muß ich wuͤnſchen, daß er mich vergißt.“ „Du kannſt ſeinen Schmerz nach dem Deinigen ermeſſen, nicht wahr?“ Ich weiß, wie ſuͤß und wohlthuend eine glucklicht Ehe iſt.“ „Wenn „Ich habe auch ſchon daran gedacht.“ „Ihr Herz iſt hoffentlich frei.“ „Nein, Eſtevan, das iſt es nicht. Ich weiß, daß Dolorida eine tiefe, heiße, verborgene Liebe im Herzen traͤgt.“ „Zu wem denn?“ „Das hat ſie mir nicht geſagtz aber nach gwiſſe Aeußerungen hat es mir zuweilen geſchienen, daß es Pedro ſein koͤnnte.“ „Du glaubſt, daß man nur ihn lieben kann.“ „Deine Schweſter iſt ſehr reich, Eſtevan, n Pedro hat nichts.“ „Ja, aber Du weißt, daß das Herz nicht danach Nein, dies iſt nicht das Hinderniß.“ „Worin ſollte es ſonſt liegen?“ Angenommen, Pedro ginge auf Deinen Plan ein ſo wurde er doch keine anderen Gefuͤhle gegen mein Schweſter hegen, als Diejenigen, welche Du gegen mich fragt. Pedro meiner Schweſter gefiele!“ 3 —— —— it haſt, und damit wuͤrde ſich Dolorida nicht begnuͤgen. en Sie gleicht mir nicht.“ „Wenn Du willſt, will ich mit ihr ſprechen.“ en„Wann?“ „Sobald Du willſt.“ „So wollen wir noch heute zu ihr fahren.“ Eine Stunde ſpater waren Eſtevan und ſeine Gattin in einem eleganten Cabriolet auf dem Wege nach Villaſeca. Paquita, welche uͤberzeugt war, daß ſie eine BGewiſſenspflicht erfullte, war ſtolz darauf, ihrem Gatten a einen recht auffallenden Beweis geben zu koͤnnen, daß e ſie keinen Gedanken an eine ſtrafbare Liebe mehr hegte, und da ſie Kraft aus einer religiöſen Selbſtverlaͤugnung ſchoͤpfte, ſo hatte ihr Blick einen gewiſſermaßen trium⸗ ſen phirenden Ausdruck. Es war die Freudigkeit des es Martyrers. Dolorida's Beſitzung, eine huͤbſche Villa in italie⸗ niſchem Geſchmack, hieß Velanes. An einer reizenden mnd Anhoͤhe gelegen, hatte ſie eine herrliche Ausſicht; es waren ſchoͤne Gärten dabei und die Beſitzerin hatte be⸗ deutende Summen darauf verwendet. ac Paquita bat ihre Schwaͤgerin ſogleich nach ihrer Ankunft um ein Geſprach unter vier Augen, und als ſie mit ihr allein war, erklaͤrte ſie ihr offen den Zweck ein ihres Beſuches. Innig geruhrt druͤckte ihr Dolorida die ein Hand und erwiederte: nich„Edles Herz! ich weiß, was in Dir vorgeht und 8* 116 ich bewundre Dich, aber ich bin nicht fähig, Dir nach⸗ zuahmen. Eine Vernunftheirath wird mir nie in den Sinn kommen; ich werde Den, den ich liebe, nie frei⸗ willig aufgeben.. „Den Du liebſt, Schweſter?“ „Laß mich ausreden. Die keuſchen Jahre Deinet Jugendzeit ſind gleichſam eine Waffe geweſen, mit der Du Dich gegen die Sittenloſigkeit des Lebens geſchuͤtzt haſt; Du haſt jene Zeit verlaſſen, um ein Engel von Tugenden und Aufopferungen zu werden. Ich dagegen habe von meiner Jugend an Joch und Ketten von mir geworfen; ich verlangte nach Macht und nach Leiden⸗ ſchaften. Ich habe eine Feuerſeele bekommen; wohin ſie mich fuͤhren wird, weiß ich nicht.“ Waͤhrend Dolorida dies ſagte, lag in ihrem Blicke ein gluhendes Feuer, aber er hatte einen unheilverkuͤn⸗ denden Ausdruck. „Ich verſtehe Dich nicht, Schweſter, erwiederte Paquita mit außerordentlicher Unruhe.„Antworte mir mit ja oder nein: liebſt Du Pedro Walls?“ „Nein.“ „Und wem haſt Du denn Dein Herz geſchenkt?“ „Gomez.“ „Dem Schleichhändler?“ „Ja. Ich weiß Alles was Du mir gegen eine ſolche Wahl einwenden kannſt; aber es fragt ſich nicht, warum man liebt, ſondern wie man liebt. Gomez 117 iſt ein wilder Seeraͤuber; ich kenne ſeinen unbezaͤhmbaren Charakter und ſeine verwegene Tapferkeit; er ſteht durch ſeine Lage, durch ſeine Handlungen und durch ſeine Grundſätze außerhalb der gewoͤhnlichen Lebensſphaͤre. Aber eben dieſe Ausnahmen von der allgemeinen Regel ſind es, zu denen ich mich hingezogen fuͤhle. Mit ihm lebt man unter einem Gluthimmel, außerhalb der Ein⸗ tönigkeiten des ſocialen Lebens, im Angeſichte der Ge⸗ fahren und des Ruhmes, in Geſellſchaft des Blitzes und der Stuͤrme. Dies iſt ein Leben, welches mich berauſcht und entzuͤckt.“ „Du erſchreckſt mich, Dolorida!“ Mein Kind, ich kann mich nie verſtellen. Du wirſt bemerkt haben, daß ich mich nie um Deine Zunei⸗ gung beworben habe; willſt Du den Grund davon wiſſen? Gomez hat Dich mir vorgezogen und das kann ich Dir nicht verzeihen. Ich habe Dich ſogar zuweilen eben ſo ſehr gehaßt, als er Dich liebt; aber demohngeachtet werde ich nie etwas thun, um Dir zu ſchaden, und Du ſiehſt ſogar, daß ich Deine Geſellſchaft ziemlich ruhig ertrage. Allerdings hat der Himmel mich geraͤcht, denn Du biſt ebenfalls nicht gluͤcklich.“ „Man iſt es, wenn man ſeine Pflicht gethan hat,“ ſagte Paquita mit feſter Stimme. Man uͤberredet es ſich wenigſtens,“ entgegnete Wolorida bitter. „Du weiſeſt alſo meine Idee zuruͤck?“ 118 „Ja, ohne das geringſte Bedenken, beſonders da mir ein Hoffnungsſtrahl geleuchtet hat. Gomez ſcheint auf die Gattin Monſerrats vollig Verzicht zu leiſten. Er iſt in das Alter des Ehrgeizes gekommen und ſieht ein, daß er ſich von ſeiner Vergangenheit reinigen muß, um einen Rang in der Welt einnehmen zu koͤnnen. Eine reiche, angeſehene Heirath wuͤrde ihm zu der Ach⸗ tung verhelfen, die ihm fehlt; er fuͤhlt dies, er hat daruͤber nachgedacht und erſt heute hat er mich fragen laſſen, ob er auf eine bejahende Antwort hoffen koͤnne, wenn er um meine Hand anhielte. Ich habe eine bal⸗ dige Antwort verſprochen.“ „Weißt Du gewiß, daß die Anfrage von ihm ſelbſt kam?“ „Deinem Stolze iſt es erlaubt, daran zu zweifeln.“ „Wer wird ihm Deinen Entſchluß mittheilen?“ „Ich ſelbſt.“ „Und wann?“ „Ich habe den Tag dazu noch nicht beſtimmt.“ „Wo wirſt Du ihn finden?“ „An der Kuͤſte, in den Ruinen von Torenos.“ „Willſt Du allein gehen?“ „Ich bin frei.“ Paquita brach das Geſpräch ab und fuhr bald dar⸗ auf, von einer unbeſtimmten Angſt erfuͤllt, mit Eſera nach Marſennas zuruͤck. ——————————— ——————————— 119 Es begann zu dunkeln; Paquita hatte ihrem Gatten das Geſpraͤch mit Dolorida mitgetheilt. „Was iſt Dir?“ fragte er ſie plotzlich, als er ſie zittern ſah. „Ich bitte Dich, Eſtevan, treib das Pferd zur Eile an,“ antwortete ſie. „Warum denn?“ „Ich bin beſorgt, ich fuͤrchte mich.“ „Warum ſiehſt Du immer nach dieſer Seite?“ „Dort liegen die Ruinen von Torenos.“ „Wir ſind weit davon entfernt, liebe Paquita; woher ruͤhrt alſo Deine Angſt?“ „Wir haben keinen Mondſchein.“ „Aber es wird ſternhell werden. Mein, es wird ſehr dunkel werden, denn der Him— mel bedeckt ſich mit Wolken.“ „In einer Stunde ſind wir zu Haus.“ „Werden wir nach Haus kommen?.. Ach, Eſte⸗ van, ſchilt mich nicht, aber ſeit den fuͤrchterlichen Ereig⸗ niſſen in Tarragona iſt mir die Dunkelheit ſchrecklich!.. Siehſt Du nichts dort im Gebuͤſch?“ „Mein.“ „Es bewegte ſich etwas. Ich habe es Dir nicht ſagen wollen, als wir nach Velanes fuhren; aber es war mir, als ob mehrere Leute mit verdächtigen Geſichtern hinter uns wären. Ich glaubte, es ſei nur Zufall, aber jetzt habe ich ſie wiedergeſehen. Wenn nur dieſe Leute 120 nicht aus den Ruinen von Torenos ſind!... Horch! es pfiff Jemand!“ „Es war der Wind.“ „Torenos iſt ein abſcheuliches Schmugglerneſt. Wenn wir angefallen wuͤrden, Eſtevan! Du haſt nur einen Arm, um Dich zu vertheidigen!“ „Es iſt leider wahr; ich habe den andern verloren.“ „Und um meinetwillen. Ich bringe Dich immer in Gefahr!“ „Still! dort kommen Reiter hergaloppirt!“ „Großer Gott! das iſt Gomez und ſeine Bande!“ Der Pirat kam in der That in Begleitung eines Haufens Bewaffneter, auf den Wagen zugeſprengt und verſperrte ihm den Weg. „Nun, Don Eſtevan, rief er,„wir begegnen uns wieder an einem einſamen Orte und fern von den Men⸗ ſchen. Lenke nur um und komm mit mir.“ „Schaͤndlicher Raͤuber!“ „Laß das Schimpfen, Du kannſt nichts dadurch gewinnen.“ „Wohin willſt Du mich fuͤhren?“ „Nach den Ruinen von Torenos. Keinen Wider⸗ ſtand, oder Du biſt des Todes!“ Einer der Schmuggler hatte auf Befehl des Haupt⸗ manns den Wagen ſchon umgewendet und das Pferd mußte, von der Peitſche ſeiner neuen Herren angetrieben, im Galopp davonjagen. 121 Es begann voͤllig dunkel zu werden. Die Raͤuber ſchlugen Nebenwege ein und die Reiſe ging mit unge⸗ heurer Geſchwindigkeit durch Waͤlder und Hohlwege bis an die Meereskuͤſte. Hier erblickt man in der Dunkel⸗ heit Mauern mit Zinnen, Thoren und Zugbruͤcken. Auf ein Hornſignal kamen ſogleich eine Menge Raͤuber zwiſchen den Felſen und aus den Ruinen hervor, um die Gefangenen in Empfang zu nehmen. In einem Au⸗ genblick werden die Ruinen und die Felſen wie zu einem Feſte erleuchtet; es wird ein kriegeriſcher Geſang ange⸗ ſtimmt und der Seeraͤuber zieht triumphirend ein. Die ehemalige Feſtung Torenos hatte eine außer⸗ ordentlich maleriſche Lage. Von dem Felſen, auf dem ſie lag, beherrſchte ſie auf der einen Seite das Meer und auf der andren eine wilde Gegend. Zu den Zeiten der Mauren und des Cid war Torenos ſehr feſt; jetzt aber waren nur noch verfallene Mauern, zerbrochene Zugbruͤcken, einſame Gänge und unbewohnte Thuͤrme vorhanden. Unter den Truͤmmern dieſer ehemaligen Citadelle, in der die Helden des Mittelalters gehauſ't haben, gab es jetzt Hoͤhlen und Gewoͤlbe, wo die Raͤuber der Kuͤſte ſich zuſammenfanden, und wo ſie ihre Beute, ihre Waf⸗ fenvorraͤthe und ihre Gefangenen und Geiſeln verwahrten. Torenos war einer jener furchterlichen und gefuͤrchteten Drte, deſſen Namen die Landleute der Umgegend nur mit Zittern nannten. Nach einer alten Sage erſchien 122 hier zuweilen eine ſchwarze Dame, von der man ſich ſchauerliche Dinge erzaͤhlt; ſie hatte zur Zeit der Zegris und der Abencerragen gelebt, wie eine alte Ballade er⸗ zaͤhlte. Ueberdies galt Torenos nicht allein fuͤr einen Schlupfwinkel der Seeraͤuber, ſondern auch fuͤr eine Werkſtaͤtte von Zauberern und Falſchmuͤnzern, weshalb man ihm auch den Namen Teufelsfort gegeben hatte. Auf Befehl des Piraten wurde Don Eſtevan von Paquita getrennt und dieſe einem alten Weibe im Dienſte der Schmuggler uͤbergeben, die ſie in das fuͤr ſie beſtimmte Gefaͤngniß fuͤhrte. Die alte Brigitte hatte ſchon bei Gomez' Mutter gedient und ihren jetzigen Herrn zum Theil erzogen; auch hing ſie mit außeror⸗ dentlicher Liebe und erprobter Treue an ihm. Dagegen beſaß ſie einen abſcheulichen widerſpenſtigen Charakter und ſelbſt Gomez wurde oft ohne alle Schonung von ihr behandelt. Nur ſelten erzuͤrnte er ſich daruͤber; er war von Kindheit an an ihren Widerſpruch, ihr Brum⸗ men und ſelbſt ihre Bosheiten gewöhnt, und achtete ſo wenig darauf, als auf das Bellen eines Hundes. Gomez ging mit einer brennenden Harzfackel vor Paquita und Brigitte her und fuͤhrke ſie durch große, beraͤucherte Gewoͤlbe, in welchen ſeine Raubgenoſſen ſich aufhielten. Hier und da ſtanden große Kohlenbecken und an den Waͤnden waren die Waffen der Raͤuber aufge⸗ haͤngt, von denen einige aßen, andere tranken. Die Gefangene warf einen Blick des Entſetzens auf dieſe V5 W—— 123 furchterlichen Gefichter, die, als ſie bei ihnen voruͤber ging, unverſchaͤmt lachten und ihrem Hauptmanne Gluͤck zu wuͤnſchen ſchienen, daß er ſeinen Zweck erreicht hatte. Sie behielt jedoch ihre aͤußere Ruhe bei, denn ſie war entſchloſſen, der Gefahr gegenuͤber keine Schwaͤche zu zeigen. Ihr Schritt ſchwankte nicht und ihre Haltung blieb feſt und ſicher. Nachdem Gomez die finſtern Gaͤnge durchſchritten hatte, kam er an eine Treppe, die er raſch emporſtieg. Paquita ſtand hier auf einer ſchmalen, mit Schießſchar⸗ ten verſehenen Plattform, welche in einen alten Thurm fuͤhrte. Der Himmel war mit Wolken bedeckt, zwiſchen denen nur hier und da einige bleiche Sterne ſichtbar wurden. Die Luft war heiß und gewitterhaft und vom Meere her vernahm man ein dumpfes Brauſen. „Auf dem Waſſer wird es laut werden,“ ſagte die alte Brigitte zu der Gefangenen, indem ſie nach der Kuͤſte zeigte.„Es wird nicht lange dauern, ſo be⸗ kommen wir Sturm; die Luft kocht, ich fuͤhle ſchon das Gewitter. Seid Ihr aͤngſtlich, mein ſchoͤnes Kind?“ „Der Himmel hat mich niemals aͤngſtlich ge⸗ macht,“ erwiederte Paquita. „Das iſt gut fuͤr Euch; aber Ihr ſeid hier im Teufelsfort und hier kuͤmmert man ſich nicht um den Himmel.“ 124 „Man kann uͤberall ſeine Zuflucht zu ihm nehmen,“ entgegnete Paquita. „Seht doch, die Kleine raiſonnirt!“ ſagte die Alte mit ſpöttiſchem Gelächter.„Es iſt ſchade, daß ich keine Bibel und kein Kruzifir fuͤr ihr Betzimmer habe, ſie koͤnnte damit die Hoͤllengeiſter bannen.“ „Schweig, Alte!“ rief der Pirat.„Ich will, daß dieſe junge Frau mit Achtung behandelt werde, denn ich liebe ſie.“ „Schon gut,“ erwiederte Brigitte mit zorniger Ironie,„ſie ſoll geachtet werden... ſo wie Ihr ſie achtet. Man weiß ſchon, was das heißt. Ihr liebt ſie ebenſo wie alle Anderen, die Ihr hierher gebracht habt, um ſie mit Achtung zu uͤberhaͤufen. Ich muͤßte Eure Art und Weiſe nicht kennen. Mir macht man nichts weiß, Don Gomez; ich habe ſchon genug geſehen.“ „Wirſt Du ſchweigen, verfluchtes Weib!“ rief der Pirat, indem er ſie mit Heftigkeit vor ſich her ſtieß. Die Alte hatte ein großes Bund verroſteter Schluͤſſel in der Hand; ſie oͤffnete damit eine Thuͤr und nachdem ſie ihrem Herrn eine hoͤhniſche Verbeugung gemacht hatte, trat ſie zur Seite, um ihn eintreten zu laſſen. „Laß uns allein,“ ſagte Gomez zu ihr. 125 „Ich gehe ſchon, ſeid unbeſorgt,“ erwiderte Bri⸗ gitte giftig;„aber ich ſage es Euch voraus, dieſe Nacht könntet Ihr wohl geſtort werden. Man hat Feuer⸗ flämmchen uͤber den Gräbern in der Kapelle geſehen: hutet Euch vor der ſchwarzen Dame!“ VII. Die nächtliche Reiterin. In dem Zimmer, in welches Gomez ſeine Gefan⸗ gene fuͤhrte, ſtand ein Bett, ein Tiſch und einige Stuͤhle; ſonſt ſah man keine Möbeln darin. Ein gothiſches Fenſter, mit verroſteten Eiſenſtaͤben ging, auf hohe, ſteile Felſen, an welche die Meereswellen anſchlu⸗ gen. Das Zimmer war geraͤumig und ſtand mit meh⸗ rern anderen Gemaͤchern in Verbindung, die nicht min⸗ der oͤde und verfallen ausſahen. Die Mauern waren nackt, zerſpalten und mit gruͤnem Moos bedeckt; ie Luft war feucht und kalt. Gomez ging mit langſamen Schritten uͤberall um⸗ her, zuͤndete dann eine Lampe mit zwei Flammen an, und Paquita ſetzte ſi ich ſchweigend auf einen Stuhl. „Ihr kamet von Dolorida Munnoz,“ begann der Pirat nach einigem Zoͤgern;„hatte Euer Beſuch einen Zweck?“ ————— 127 „Ja,“ antwortete Paquita mit feſter Stimme. „Ich wollte Eſtevans Schweſter bereden, ſich zu verhei⸗ rathen.“ „Mit wem denn?“ „Mit Pedro Walls.“ „Das wird Euch nicht gelungen ſein,“ entgegnete Gomez in höhniſchem Tone;„ſie hat nicht die nämli⸗ chen Augen, wie Ihr, und ihr Herz hat mit dem Euri⸗ gen keine Aehnlichkeit. Der Guitarrero hat kein Gluͤck. Uebrigens vermuthe ich auch, daß Ihr es nicht ſehr be⸗ dauern werdet, wenn ſie nicht Pedro's Gattin wird; geſteht es nur.“ „Warum?“ „Es iſt wahr, es iſt nicht nöthig; ich weiß, was auf dem Grunde Eures Herzens vorgeht.“ „Wir wollen von Dolorida ſprechen.“ „Gut. Welche Antwort hate ſie Euch gegeben?“ „Daß ſie von Gomez einen Antrag erhalten habe, der ihr beſſer gefaͤllt.“ „Der Antrag war nicht ernſt gemeint; der Ueber⸗ bringer deſſelben hat vielleicht den erhaltenen Auftrag uberſchritten. Er ſollte nur eine unbeſtimmte Frage chun, nicht aber einen foͤrmlichen Antrag machen. Sprecht weiter, ich höͤre.“ „Gomez.. Dolorida liebt Euch.“ „Glaubtet Ihr denn, Pagquita, daß Gomez auf der Erde dazu verurtheilt ſei, Niemandem Liebe einzu⸗ 128 flößen?.. Gomez iſt der tapferſte Sohn Cataloniens; er fuͤrchtet weder das Eis des Pols, noch die Flammen des Aequators, und er iſt ſchon durch die härteſten Pruͤ⸗ fungen des Lebens hindurchgegangen. In den Gebirgen geboren, kann er, ohne Murten und Kummer, unter dem Sternenmantel des Himmels ſchlafen, ſich mit dem Brote der Armuth naͤhren und ſeinen Durſt mit dem Waſſer des Waldſtromes loͤſchen. Wenn er auf dem Piratenſchiffe ſteht, kann er Reichthuͤmer erobern, ſich die Stirn mit Lorbeeren bekraͤnzen und als Gebieter mit den Schickſalen der Menſchen ſprechen. Wenn er an den haͤuslichen Heerd zuruͤckgekehrt iſt, wurde er im Stande ſein, dem geliebten Weibe jedes Opfer zu brin⸗ gen, ſich ſtill, wie ein treuer, gehorſamer Hund, zu ihren Fuͤßen niederlegen, zu ihr zu ſagen: Befiehl, ich liebe Dich! und nur fuͤr ſie zu leben. Glaubſt Du denn, Paquita, daß ein ſolcher Mann zu verachten iſt? Eine Taube des Thales haͤtte nichts von den Stuͤrmen zu fuͤrchten, wenn ſie unter dieſer ſtarken Eiche der Wal⸗ der Schutz gefunden haͤtte; er wuͤrde fuͤr die Geliebte ein Hafen, ein Gluͤck, eine Welt ſein. Es gaͤbe nichts mehr, auf was ſie nicht Anſpruch machen koͤnnte.“ „Gomez,“ unterbrach ihn Paquita,„wenn Dolo⸗ rida's Antwort Euch guͤnſtig iſt... „Wenn?“ erwiederte Gomez in ſpoͤttiſchem Tone. „Sie wird morgen, oder heute ſchon zu mir kommen; ich weiß ihre Antwort im voraus: wenn ich ſie beſtimmt t —,—————— 129 um ihre Hand bitte, wird ſie mir ſie mit Dankbarkeit, mit Begeiſterung, mit Entzuͤcken bewilligen. Sie liebt mich, Ihr wißt es.“ „Nun?“ „Wenn man liebt, hat man dann ſeinen Verſtand? Dolorida iſt feſt uͤberzengt, daß nur der Ehrgeiz mich veranlaſſen koͤnnte, ſie zu heirathen, daß mein Herz nicht fur ſie ſchläͤgt und nie fuͤr ſie ſchlagen wird, daß ich ihre Liebe verſchmaͤhe und mich wenig um ihr Gluͤck kuͤmmern werde; aber demohngeachtet wird ſie zu mir kommen. Sie wird ſich mir zu Fuͤßen werfen, anſtatt zu warten, bis ich vor ihr auf die Knie falle; ſie wird ſich blindlings von ihrer Leidenſchaft hinreißen laſſen, obgleich ſie weiß, daß ſie ſie in einen Abgrund fuͤhrt. Da ſie mir nur das iſt, was ich Euch bin, ſo geht ſie ihrem Ungluͤcke entgegen. Ja, wie ich! denn um Euch zu gewinnen, giebt es kein Verbrechen, das ich nicht be⸗ gehen wuͤrde, und die Verbrechen koͤnnen mich fruͤher oder ſpaͤter an den Galgen bringen, das kann ich mir nicht verhehlen. Aber gleichviel! zuerſt den Sieg, dann mag das Hochgericht erfolgen „Dolorida.. „Schon wieder ſies O, ſprecht ein einziges Wort, und es ſoll nie wieder von einer Verbindung zwiſchen ihr und mir die Rede ſein. Sie hat Vermoͤgen, einen angeſehenen Namen, ſie iſt geachtet; aber Euer Herz, Paquita, iſt es nicht mehr werth. als alle Schaͤtze der Die Verlobten des Todes. 9 130 Welt? Es iſt das einzige, wofuͤr ich mit Freuden Alles aufopfern wuͤrde, was mir das Theuerſte iſt: meine Kraft, meinen Muth, mein Leben!“ „Aber ich bin verheirathet, Gomez!“ „Das iſt kein Hinderniß, rief der Pirat mit Un⸗ geſtuͤm;„Ihr koͤnnt morgen Witwe ſein!“ Paquita erbebte. In dieſem Augenblicke hoͤrte man lautes Geſchrei. Gomez lief an das Fenſter, welches auf das Meer ging, und bemerkte auf einem Felſen an der Kuͤſte ein Feuer und in der Ferne ein Segelſchiff. „Neue Beute, neue Reichthuͤmer!“ rief er;„it Meinigen haben wieder geſiegt!“ Dann ſagte er zu Paquita; „Ich werde gerufen; dieſer Trompetenſtoß iſt das Signal einer glucklichen Landung und ich muß mich an die Kuͤſte begeben. Bedenkt Eure Lage, Paguita; zwingt mich nicht zu ſchmaäͤhlichen Gewaltthaͤtigkeiten, ſeid mir ein Stern des Gluͤcks und des Heils. Lebt wohl, in einer Stunde bin ich wieder bei Euch.“ Paquita blieb allein. Von den Schmerzen uͤber die Vergangenheit und von den Gefahren der Gegenwart zu Boden gedruckt, ſaß ſie traurig und muthlos in dem oͤden Zimmerz ſie hatte den Kopf auf die Hand geſtuͤtzt und ſchien nachzu⸗ denken, aber ihr Kummer war ſo groß, daß ſie keinen 131 Gedanken faſſen konnte. Ihre Augen waten truͤb unb ohne Thraͤnen. Die Thuͤr ging auf und Brigitte trat ein in Be⸗ gleitung eines Dieners, welcher Speiſen trug. In dem Geſicht der Alten war kein Zug, der einige Hoffnung haͤtte geben koͤnnen. „Hier iſt etwas zu eſſen,“ ſagte ſie.„Es iſt zwar kein leckeres Mahl, aber man kann nicht mehr geben als man hat. Ich lege zwei Couverts auf, Kleine, denn zum Eſſen wie zur Liebe muß man das Alleinſein vermeiden.“ „Ich habe keinen Hunger,“ erwiederte Paquita. Ich dachte es, daß Ihr das ſagen wuͤrdet; es iſt das Lied, welches alle die ängſtlichen Vögelchen ſingen, die ich hier im Kaͤfig geſehen habe, aber ſie werden end⸗ lich doch zahm. Den erſten Tag weinen und ſchreien ſie, den andern ſeufzen ſie und hoͤren, am dritten eſſen ſie und plaudern, und am vierten iſt Alles in Ordnung. Zuweilen geht es noch ſchneller, und es iſt auch nicht zu zaudern, da es doch fruͤher oder ſpäter zu dieſem Ende kommen muß. Ueberdies ſtirbt man auch nicht davon.“ Paquita ſtand auf und entfernte ſich mit Abſcheu von der Alten. „Wollt Ihr Euch in Eurer Wohnung umſehen?“ ſagte Brigitte, indem ſie ihr mit der Lampe in der 9* 132 Hand nachging.„Seht, hier iſt eine Kammer, welche Aufmerkſamkeit verdient.“ „Warum?“ „Weil eine kleine Thuͤr darin iſt, durch die man auf eine halbverfallene Treppe ge langt, welche kein Menſch betritt, da ſie nach oben in den Thurm der Zauberer und nach unten in eine Geiſterkapelle fuͤhrt. Es iſt oben nicht angenehmer wie unten; die Zauberer und die Geiſter reichen einander die Häͤnde; ſie ſteigen wie auf der Jakobsleiter die Treppe auf und ab.“ „Wo iſt die Thuͤr zu dieſer Treppe?“ „Dort im Winkel.“ Iſt ſie verſchleſſen?« „Ihr möchtet ſie wohl oͤffnen, um Euch aus dem Staube machen zu koͤnnen, mein Taͤubchen? Aber ſie iſt von außen verriegelt, und außer dem Teufel wuͤrde ſie Euch Niemand oͤffnen.“ „Kommt hinaus,“ ſagte Paquita „Hinaus?“ erwiederte die Alte mit hohniſchem Lächeln,„as eben iſt fuͤr Euch nicht moͤglich. Die Liebe wird dagegen rufen: hinein! und weder Gitter noch Riegel werden ſie hindern. Uebrigens kenne ich Eure Geſchichte. Braut des Todes! Fruͤher war Pedro Walls Eure Liebe; jetzt wird es Ludwig Gomez werden. Jeder kommt an die Reihe, das iſt in der Ordnung“ „Was iſt das fuͤr Gang?“ fragte Paquita g gultig. 133 „Geht nicht hinein!“ rief die Alte mit einer gewiſ⸗ ſen Angſt.„Der Fußboden iſt voll Loͤcher, und man ſagt, daß Nattern daraus hervorkommen. Liebt Ihr die Nattern, kleine Schlange?“* „Begleitet mich.“ Mein, ich ſetze keinen Fuß hinaus. Die ſchwarze Dame hat ſich darin ſehen laſſen.“ „Iſt das ein gefurchtetes Geſpenſt? „Sie war die ehemalige Beſitzerin des Schloſſes; ſie hat ſich darin vertheidigt wie eine Löwin und ſich mit Ruhm bedeckt. Leider ſagt man, daß ſie in dieſem Zimmer ihren Vater ermordet und ihren Geliebten ver⸗ giftet habe. Das war ein ſchweres Stuͤck Arbeit und doch vollbrachte ſie es in einer und derſelben Nacht; die ſchwarze Dame hat eine geſchickte Hand. In Folge deſſen iſt ſie noch jetzt der Schrecken der Gegend und ich betrete dieſen Thurm nur mit der großten Angſt.“ Paquita nahm der Alten, welche ſie durchaus nicht begleiten wollte, die Lampe aus der Hand und trat in die Gallerie. Sie war lang und geräumig, am ent⸗ gegengeſetzten Ende waren zwei große vergitterte Fenſter, welche auf das Meer gingen. Alle Thuͤren in der Gallerie waren vermauert und ſie hatte daher nirgends einen Ausgang. Paquita durchſchritt ſie mit der größ⸗ ten Vorſicht, während die Alte ſie von ferne beobachtete und mit dem Diener den Tiſch deckte und die Speiſen aufſetzte. 8 Paquita trat an eines der Fenſter am Ende der Gallerie. Vor ihr lagen die Ruinen einer Kapelle, einige Ueberreſte von Mauerwerk, Gräben mit einer zer⸗ brochenen Zugbruͤcke und in der Ferne oͤde Felſen. Der Himmel drohte fortwaͤhrend mit Gewittern, indeſſen brach der Mond zuweilen durch die Wolken und beleuchtete die Gegend. Himmel! welch ein Strahl von Hoffnung und Gluͤck klaͤrte ploͤtzlich die Zuͤge der armen Gefangenen auf!... Sie hoͤrte am Fuße der Mauer die Toͤne einer Guitarre und bekannte Accorde... Pedro Walls iſt in der Naͤhe! „Wenn Donner und Stuͤrme rollen, Geliebte Zither, beſinge immer Die ſchoͤnen Tage! Ruhe, Vertrauen und Muth! Mein Nachen erwartet am ufer Die Geliebte.“ Paquita unterdruͤckte einen freudigen Ausruf und lehnte ſich aus dem Fenſter. Aber die eiſernen Staͤbe erlaubten ihr nicht, ſich umzuſehen. Raſch nimmt ſie ein Tuch aus der Taſche und wirft es durch das Gitter hinaus; der Wind treibt es fort. Pedro wird es viel⸗ leicht ſehen und er weiß dann, daß ſie in dieſem Thurme iſt und ſeinen Geſang gehoͤrt hat. Ihr naͤchſter Zweck iſt erreicht. „Ruhe, Vertrauen und Muth!“ wiederholt der treue Saͤnger; dann entfernt ſich die Zither und die —————— 135 Gefangene hoͤrt nur noch in der Erinnerung die troſten⸗ den Worte: „Mein Nachen erwartet am ufer Die Geliebte.“ „Heda!“ rief die Alte mit kreiſchender Stimme Paquita zu,„beliebt es Euch, mein Kätzchen, die Nacht damit zuzubringen, Euch mit den Fledermaͤuſen in den Ruinen der Kapelle und im Zimmer der ſchwarzen Dame zu unterhalten? Das iſt doch nicht beſonders angenehm.“ „Ich komme,“ erwiederte die Gefangene. Sie verließ die Gallerie und gab Brigitten die Lampe zuruͤck. „Sieh da,“ ſagte die Megaͤre, indem ſie ihre Ge⸗ fangene mit ſtaunender Neugierde betrachtete,„wie es ſcheint, hat das Zimmer, vor dem ſich Jedermann fuͤrch⸗ tet, auf Euch einen ganz entgegengeſetzten Eindruck ge⸗ macht, denn Ihr kommt mir ſehr heiter vor. Sollten Euch die Zauberer des Thurmes oder die Geſpenſter der Kapelle luſtige Dinge durchs Fenſter zugefluͤſtert haben? dies waͤre ſehr galant von ihnen. Man ſagt, ſie ſollen ihre luſtigen Tage haben.“ „Und habt Ihr deren nie in Torenos gehabt?“ fragte Paquita. „O ja, ziemlich oft, Gott ſei Dank. Wir haben gute Weine in unſeren Kellern: Madeira, Alicante und Keres, und dann beſuchen uns zuweilen Gitanos mit ihrer Muſik. Dann ertoͤnen die Trommeln, die Gui⸗ 136 tarre, die Zinken, die Flöten und die Caſtagnetten un ter uns und es wird getanzt und geſungen und gejubelt wie am Hexenſabbath. Dozu lachen wir, daß uns die Thraͤnen in die Augen kommenz es iſt oft ein Hoͤllen⸗ laͤrm.“ „Seid Ihr hier aus der Gegend, Sennora?“ „Schau, wie hoͤflich! ſie ſagt Sennora! Sollte die Luft in der Gallerie dieſes Wunder auch bewirkt ha⸗ ben? Nun, das gefaͤllt mir.— Nein, meine ſchoͤne Freundin, ich bin weder aus Reus, noch aus Tarra— gona, noch aus irgend einem andern cataloniſchen Orte. Ich bin, wie unſer Herr, Don Ludwig Gomez, in den Gebirgen der Sierra Morena zur Welt gekommen. Ich habe dort eine Schweſter, die eine Poſada haͤlt, in der alle Fuhrleute Andaluſiens einkehren; ſie hat Gita⸗ nos bei ſich und ihre Tertulias*) ſind beruhmt. Donna Lorenza ſchielt, aber ſie ſieht gut, ſie hat einen Hocker, aber ſie haͤlt ſich gerade; daher buͤckt ſich auch Jeder im Gebirge vor ihr.“ Die Duenna von Torenos war eben als bos und wenn der Strom Zuge war, vermochte. „Apropos, ich vergaß,“ hob ſie wieder an,„es iſt gerade dieſen Abend eine Truppe herumziehender Tänzer ſo geſchwätzig ihrer Worte einmal im ſo gab es keinen Damm, der ihn aufzuhalten * Abendunterhaltungen, Verſammlungen. 137 bei uns angekommen, die mir ganz das Ausſehen luſti⸗ ger Geſellen haben. Wie es ſcheint, wollen ſie unſeren Tapferen zu ihrem neuen Fange auf der See gratuliren; ſo etwas erfahren ſie immer und ſie haben Nutzen und Vergnuͤgen davon. Ich bin uͤberzeugt, ſie ſingen ſchon im großen Parterreſaale, daß die Waͤnde zittern und ſie werden um die Wette trinken. Leider kann ich nicht dabei ſein, ich bin anderswohin geſchickt worden und habe dieſe Nacht die Wache.“ „Wo denn?“ „Ueberall. Ich will in den Ruinen umherſtreifen, um zu ſehen, daß nichts Verdächtiges dort vorgeht. Man verlaͤßt ſich auf meine Wachſamkeit, denn man weiß, daß ich gute Beine und gute Augen habe. Der Herr hat zu mir geſagt:„Mache die Runde!“ und ich werde daher gewiß nicht ſchlafen, eben ſo wenig er ſelbſt und auch Ihr, wie ich glaube. Jedermann wird auf ſeinem Poſten ſein.“ Der Schmuggler öffnete, ein Trinklied trällernd, die Thuͤr des Thurmes. Sein Geſicht ſtrahlte von Peiterkeit. Er hatte mit ſeinen Waffenbruͤdern z Feier des neuen Sieges der Flaſche tuchtig zugeſpror Sein Kopf war vom Weine erhitzt und ſeine pruͤhten Feuer. „Geh!“ ſagte er zu Brigitten,„es luſtig her, es wird auf unſere letzten Geh zu unſern Bruͤdern!“ 138 Hocherfreut entfernte ſich die Alte. 3 „Nun, Paquita!“ ſagte Gomez, indem er ſich an den Tiſch ſetzte, auf dem vortrefflicher Cyperwein ſtand, das Gluͤck iſt mir guͤnſtig. Eines meiner Schiffe iſtſe mit beträͤchtlicher Beute in den Hafen eingelaufen; z heute bin ich unermeßlich reich.“ 6 „Ich gratuliere Euch dazu,“ erwiederte die Gefan⸗ gene, indem ſie ihrem Geſicht einen heitern Ausdruck zu geben ſuchte.„Ich fuͤr meinen Theil lege wenig Werth auf Reichthuͤmer; ich habe ſolche nie beſeſſen.“ ſch „Ich frage nichts danach, ob Du reich biſt oder Ke nicht, verſetzte der entzuckte Seeraͤuber,„nur Dein Herz zu verlange ich! Stelle Deine Bedingungen; was willſt Rr Du von mir? Du ſollſt es haben. Wenn Du wuͤßteſt, der wie ich Dich liebe!. Wenn Du es wuͤnſcheſt, will ein ich mein Schmugglerhandwerk und meine kriegeriſchen Gewohnheiten aufgeben. Ich will mich in die Einſam⸗ keit zuruͤckziehen und Du wirſt alle guten Gefuͤhle mei⸗ gh nes Herzens in mir wecken. Du ſollſt die erfriſchende die Quelle ſein, aus der ich Gluͤck und Freuden ſchoͤpfen erde. Du wirſt mir das Böſe abgewöhnen und wirſt ſtie Leben reinigen. Iſt das nicht die Beſtimmung * buſt ita ſaß neben dem Schmuggler und ſie huͤtet⸗ n in ihrer gegenwaͤrtigen Lage zu reizen Schein an dem Abendeſſen Theil, fuͤlltg ig und widerſprach keinem ſeiner Worte 139 Der Bandit glaubte baher, es ſei ihnen gelungen, ſie an zu erweichen. nd,»In einem Augenblicke der Verzweiflung habe ich iſt an Dolorida gedacht,“ fuhr er fortz ves war eine Ver⸗ nz irrung, verzeihe ſie mir, Paquita. Geſtern liebte ich nur dieſe Frauz heute verabſcheue ich ſie.“ in Brigitte unterbrach das Geſpräch, indem ſie mit zu verſtörtem Geſicht und wankenden Schritten eintrat. rth„Herr!“ ſagte ſie in rauhem Tone,„eine uner⸗ ſchrockene Sennora iſt vor der erſten Zugbruͤcke des er Kaſtells abgeſtiegen und verlangt Euch auf der Stelle erz zu ſprechen. Sie hat weder die Dunkelheit, noch die lſt Ruinen, noch das Gewitter gefuͤrchtet; wie eine Tochter ſt der mauriſchen Könige galoppirte ſie die Felſen entlang: i ein Beſuch von ubler Vorbedeutung.“ e„Haſt Du mit ihr geſprochen, Brigitte?“ 1„Ich habe ſie gebeten mir zu ſagen, wer ſie ſei, e aber ſie antwortete mir nur in kurzem Tone:„Ich bin de die nächtliche Reiterin.“ 3„Und dieſe nächtliche Reiterin iſt vom Pferde ge⸗ ſſt ſtiegen?“ n9„So leicht wie ein Picador, ſo kuhn wie ein Fli⸗ buſtier.“ „Wo iſt ſie?“ „Bei unſeren Schmugglern. Man ſollte meinen, nihe Schweſlerz ſie benimmt ſich, als ware ſie n⸗ 140 „Ich ahne, wer ſie iſt,“ fiel Gomez ein.„Es wird Dolorida ſein.“ „Die Witwe Munnoz?“ fragte Paquita. »Sie ſelbſt, ich glaube es gewiß. Hatte ich es i Dir nicht geſagt, Paquita? Ihre Ungeduld kennt keim vie Grenzen. Sie glaubt ſich durch Nichtbeachtung allet cke Convenienz auf gleiche Stufe mit dem Seeraͤuber zu Er ſtellen und ſich durch Verachtung der Gefahr, der Dun⸗ lich kelheit und des Unwetters neue Anſpruͤche auf meine gel Liebe zu erwerben. Und indem ſie der oͤffentlichen Mei⸗ der nung ſpottet und Titel und Namen verleugnet, glaubt der ſie fuͤr den Meerwolf nichts mehr ſein zu duͤrfen, als die naͤchtliche Reiterin. Hole ſie, Brigitte, ſie ſoll Au P kommen.“ M „Ihr wollt ſie hier empfangen?“ rief die Alte erſtaunt. ben „Genug! keine Einwendungen!“ heft Brigitte gehorchte nicht und ihr auffallend verſtor— tes Weſen wunderte den Schmuggler. ſpot „Was haſt Du denn?“ fragte er ſie;„warum em machſt Du ein ſo ſonderbares Geſicht?... ich däͤchte Du Abe zitterteſt 2“ „Ich habe auch Urſache dazu. Um des Himmels dert Willen, Sennor Gomez, trauet dieſer nächtlichen Rei⸗ terin nicht. Seitdem ſie den Fuß zwiſchen dieſe Mauernwal geſetzt hat, giebt es boͤſe Vorzeichen; ich gi jNrier Kapelle voruͤber, und es hat ſich ein 141 hörte einen Pſalm ſingenz es wird Erſcheinungen in Es den Ruinen geben.“ „Sie hat zu viel getrunken,“ ſagte Gomez. „Zu viel getrunken?“ rief die Alte aufgebracht; es im Gegentheil, Ihr unerſättlicher Schwamm, habt zu im viel Wein in Euch gefullt! Mein Gaumen iſt ſo tro⸗ llet cken, wie Eure Sprache rauh iſt. Schon gut, es ſoll zu Euch Alles vergolten werden; ich will Euch Eure naͤcht⸗ im liche Reiterin herbeiholen und dies wird etwas zu thun ine geben. Zu mir, Ihr Hexren und Geſpenſter! hoͤrt Ihr ei⸗ den Donner rollen? Dieſe Nacht ſoll es ein Feſt auf ubt dem Teufelsfort werden!“ als Sie entfloh nach dieſen Worten und im naͤchſten ſol Augenblicke trat Dolorida Munnoz, in einen grauen Mantel gehuͤllt, in Paquita's Gefaͤngniß. lte Beim Anblick ihrer Schwägerin, welche ruhig ne⸗ ben dem Schmuggler am Tiſche ſaß, erſchrak Dolorida heftig. oͤr⸗„Tritt naͤher, naͤchtliche Reiterin!“ rief Gomez mit ſpöttiſchem Gelaͤchter.„Ich haͤtte Dich gern beſſer im empfangen, in einem ſuͤßen und galanten tétealéte. Du Aber Du ſiehſt, Dein Plat iſt ſchon beſetzt.“ „Noch ein Couvert kann aufgelegt werden,“ erwie⸗ elb derte Dolorida hoͤhniſch. ei„Ja, ja, Du biſt gewiß ſehr ſcharf geritten, nicht ernwahr?“ fuhr der Schmuggler fort,„um als Abendcou⸗ tier die Antwort auf die Vorſchlaͤge vom Morgen zu 142 bringen. Das thut mir um Deines Hengſtes willen leid, er kann davon krank werden.“ Er zog ſeine Muͤtze vor der Witwe. „Hoͤre, meine Dolorida,“ ſprach er dann weiter, indem er ihr Glas fuͤllte,„Du biſt reizend, ich gebe es zu; aber heute triffſt Du es ungluͤcklich, denn ich habe andere Freuden zu genießen und, aufrichtig geſagt, ich liebe Dich nicht. Aber willſt Du nicht einen Schluck trinken? Du mußt Deinen Zorn, meine Worte und dieſen Wein in einem Zuge hinunterſtuͤrzen, ſonſt er⸗ ſtickſt Du daran. Holla! Hepe der Ruinen! einen Sitz fuͤr die Sennora!“ Mit lautem Gelaͤchter erhob der Pirat ſein Glas und ſetzte mit Donnerſtimme hinzu: „Auf Deine gluͤckliche Ruͤckkehr nach Haus! Ehre den ungluͤcklichen Leidenſchaften!“ „Don Gomez,“ ſagte endlich Dolorida langſam und mit feierlichem Ernſte,„ich bin nach Torenos ge⸗ kommen, weil ich gerufen worden bin.“ „Man hat es Dir wenigſtens glauben gemacht, verſetzte der Schmuggler in geringſchaͤtzigem Tone;„abet vergiß nicht, meine Schoͤne, daß, wie Sancho oder ein Andrer ſagt, Blaſen keine Laternen ſind.“ Dolorida ſprang entruͤſtet auf. „Ich glaubte zu einem tapferen Manne zu kom⸗ men, und finde nur einen Schurken! Die aufopfernde Hingebung durch Beleidigungen zu erwiedern, jſt ein be bet ein nde ein 143 Frevel an der Ehre. Glaubet Ihr, daß Ihr mich in meinen eigenen Augen erniedrigt habt, weil Ihr Euch vor mir erniedrigt? Nein, ich erhebe mich nur um ſo hoͤher, da ich Euch ſo tief geſunken ſehe. Ich wollte fuͤr Euch mein Leben, meine Ruhe, mein Gluͤck, meine Seele vielleicht aufs Spiel ſetzen, ich wollte aufs Ge⸗ rathewohl mein Schickſal in die entſetzliche Wagſchale der Liebe werfen; Ihr haltet mich davon ab, ich danke Euch! Es wird fuͤr mich keinen Abgrund mehr geben, der Eurige aber wird dadurch tiefer werden und Dolo⸗ rida laͤßt Euch darin. Wehe Euch, Gomezl... Le⸗ bet wohl!“ Paquita ſtand auf und eilte ihrer Schwaͤgerin nach. Ihre Geſichtszuͤge waren von Schmerz und Angſt verſtort und ſie wollte etwas ſagen, aber Dolorida ſchloß ihr den Mund mit den Worten: „Du brauchſt mir nichts zu ſagen.“ Und leiſer ſetzte ſie hinzu: „Ich will Dich retten, Paquita.“ Einen Augenblick!“ rief der Pirat.„Ich will Dir einen Auftrag geben: ſchicke die Gaukler in den Thurm herauf, die unten ſingen, dies wird unſer Mahl erhei⸗ tern. Und wenn das Concert im Gange iſt, meine ſchone, naͤchtliche Reiterin, dann laß Dein Pferd nach dem Takte der Muſik galoppiren und verſchwinde wie die Sterne; Du weißt, daß man dieſe nicht wiederer⸗ ſcheinen ſieht.“ — Dolorida antwottete nur mit einer Geberde der Verachtung und indem ſie die Hand ihrer Schwaͤgerin krampfhaft druͤckte, fluſterte ſie ihr ins Ohr: „Um Mitternacht!“ Dann verließ ſie eiligſt das Gemach. Ohne Zweifel hatte ſie Gomez' Befehlen gehorcht, denn kaum waren einige Minuten vergangen, ſo hoͤrte man ſchon zahlreiche Stimmen und geraͤuſchvolle Schritte vor den Eingaͤngen des Thurmes. Es waren die Tanzer, mit Brigitten an der Spitze. Sie hatten Guitarren, Hoͤrner, Floͤten und Caſtagnetten bei ſich. fuhle es,“ ſagte die Gefangene zu ſich ſelbſt Pedro iſt unter ihnen.“ —— — — —„——„— — VIII. Die ſchwarze Dame. Als die wandernden Muſiker von Torenos in Paquita's Thurm eingetreten waren, ſtellten ſie ſich mit ihren verſchiedenen Inſtrumenten in einem Halbkreiſe auf. Das Herz der Gefangenen ſchlug heftig. Der Saal war ſo ſpaͤrlich erleuchtet, daß man die Geſichter der Angekommenen kaum zu unterſcheiden vermochte. Ihre Anzuge waren theils elegant, theils aͤrmlich, theils maleriſch, theils gewoͤhnlich. unter dieſer ſonderbaren Geſellſchaft hatte Paquita ſehr bald Pedro Walls er⸗ kannt. Er befand ſich unter der Menge, aber er war vollkommen unkenntlich. Er hatte ſchwarzes Kopfhaar, ein breites Pflaſter auf der Wange und keine Guitarre in der Hand. Ein weiter ſchwarzer Mantel umhuͤllte ſeine ſchlanke Geſtalt, und nur der Blick einer Lieben⸗ den war im Stande, ihn unter dieſer Verkleidung zu erkennen. „Muſik, Gitanos!“ rief Gomez der Geſellſchaft zu. Die Verlobten des Todes. 10 146 Pedro Walls wechſelte einen Blick des Einver⸗ ſtaͤndniſſes mit dem Oberhaupte der Truppe und dieſer; begann zu ſingen: „Unter eines Schloſſes Truͤmmern, Genannt das Teufelsfort, Irrt mit feierlichen Schritten Ein Geiſt umher. Wandrer, ſeid auf eurer Hut! Wer gegen boͤſe Geiſter kämpfet, Fällt ohne Ruhm! Eure letzte Stunde hat geſchlagen, Wenn euch um Mitternacht erſcheint Die ſchwarze Dame.“ „Alle Wetter! das iſt ein ſchauerliches Lied!“ rief der Schmuggler. „Es iſt die Legende des Schloſſes,“ erwiederte Brigitte in pathetiſchem Tone,„das Nationallied des Landes.“ Ein heftiger Wind hatte ſich erhoben und das Meer brauſete in der Ferne. Gomez' Stirn verfinſterte ſich und er fragte die Gefangene: „Gefaͤllt Dir dieſer Geſang?“ „Ich habe mich nie vor Geſpenſtern gefurchtet.“ „Ich auch nicht,“ verſetzte der Schmuggler. Und mit geringſchaͤtzender Sorgloſigkeit befahl er den Saͤngern, fortzufahren. d ief rte des das die 147 Dann fuͤllte er ſein Glas und hörte nicht mehr auf ihre Weiſen. Die Duenna von Torenos aber lieh den duſteren Flängen der Ballade ein aufmerkſames Ohr; ihr Geſicht war bleich, ihr Auge ſtarr und ſie zitterte am ganzen Koͤrper. Die Saͤnger wiederholten im Chor: „Ihr fallt ohne Ruhm, Eure letzte Stunde hat geſchlagen, Wenn euch um Mitternacht erſcheint Die ſchwarze Dame.“ In dieſem Augenblicke erſchuͤtterte ein Donner⸗ ſchlag die Mauern des alten Thurmes, ſo daß ſelbſt die Saͤnger erſchraken. Das Haar der Alten ſtraͤubte ſich auf ihrem Kopfe und Entſetzen ſprach aus ihren Zuͤgen. „Fahrt fort!“ rief der Pirat. „Das Auge lieh ihr der Baſilisk, Gluͤhend vor Wuth; Ihr Ziſchen gleicht der Natter Ton Im Brauſen des Sturms. Allabendlich entſteigt den Gräbern, Zwei Fackeln in den Händen ſchwingend, Das hoͤlliſche Geſpenſt. Wos bringt es uns? Tod und Verderben! Erzittert! Ihr kennt ſeinen Namen: Die ſchwarze Dame!“ Ein fuͤrchterlicher Schrei unterbrach den Refrain des Verſes. 10* Starr vot Angſt und Entſetzen zeigte Brigitte auf das Nebengemach⸗ Der Sturm, welcher durch die Riſſe der Mauern. und durch die Fenſteroͤffnungen heulte, hatte mit laͤr⸗ mendem Getoſe die Thur gegenuͤber aufgeriſſen und im Hintergrunde des Raumes, wo ſich die Treppe zur Ka⸗ pelle befand, ſchien eine ſchwarze Geſtalt in der Dunkel⸗ heit zu entfliehen.- „Die ſchwarze Dame!“ riefen mehrere Stimmen. Dann folgte eine unheimliche Stille. Gomez hatte ſich nach der Erſcheinung umgeſehen, aber er hatte nichts mehr davon bemerkt. Die ſchwarze Dame war verſchwunden. „Entfernet die Närrin aus meinen Augen!“ rief er den Muſikern in ſpoͤttiſchem Tone zu, indem er ihnen die alte Duenna zeigte. Mit ihren unſinnigen Erſchei⸗ nungen waͤre ſie noch im Stande Euch Alle um die Stimme und um den Verſtand zu bringen, wenn anders Ihr beides noch habt.“ Der Befehl wurde auf der Stelle vollzogen. „Und nun,“ fuhr der Schmuggler mit einem hoͤh⸗ niſchen Lächeln fort,„ſeid ſo gut, mich etwas heitreref Muſik hören zu laſſen. Ihr habt uns⸗ ſchauerliche Lie⸗ der geſungen: dies war ernſt; jett tanzet ſie uns, wie die Fabek ſagt, dies wird ſpaßhaft ſein. Wir wollen vom Drama zur Poſſe uͤbergehen. Es laßt ſich gewiß ein Rondo daraus machen.“ S 3 — — — — —— c h⸗ ere ie⸗ ns, len wiß kie duich einen Windſtoß. 149 Paquita wechſelte abermals einen Blick mit Pedro; dieſer gab der Truppe, die er dirigirte, einen Wink und das Rondo begann unter allgemeinem Beifall. Die duſtere und langſame Melodie der Ballade nahm einen lebhaften und heiteren Takt an; die Trommeln, die Zinken, die Caſtagnetten und Triangel vermiſchten ihre lärmenden Toͤne mit dem fortwaͤhrenden lauten Gelaͤchter. Es war ein betaͤubender Laͤrm; die Unordnung einer Orgie und die Frohlichkeit der Bacchanalien. Die Geſellſchaft drehte fich im wirbelnden Tanze beim Heulen des Sturmes und dem Brauſen des Mee⸗ res, wie ein Reigen der Unterwelt. „Bravo! bravo!“ rief der Seeraͤuber; Hie ſchwarze Dame mag kommen!... ſie ſoll auch mit tanzen.“ Der Tanz wurde ſo ungeſtuͤm und raſend, daß er faſt nichts Menſchliches mehr zu haben ſchien. Gomez wirbelte der Kopf. Berauſcht vom Weine und zugleich vom Laͤrm fuͤhlte er ſich bald matt und unbehaglich, und ein Schwindel begann ihn zu ergreifen. Die Freude verwandelte ſich in Angſt. „Genug! genug!“ rief er aus. Alber der Tanz wurde mit der nämlichen Gluth und den naͤmlichen convulſiviſchen Spruͤngen fortgeſetzt. Gomez empfand eine unerklaͤrliche Sinnentäuſchung.. Plötlich ergriff eine unbekannte Hand die Sumpe, welche allein den ſchauerlichen Ball erleuchtete, und ſie verloͤſchte . 7 Es war völlig dunkel, aber demohngeachtet wurde der Geſang und Tanz nicht unterbrochen. Dieſes umherſpringen im Dunkeln, verbunden mit dem fernen Rollen des Donners und dem Leuchten der Blitze ge⸗ wann das Anſehen einer Orgie von Larven und Geſpenſtern. Gomez ſtand wuͤthend auf und zog mit drohenden Fluͤchen ſeinen Dolch aus dem Guͤrtel; dann ergriff er ſeine Gefangene bei der Hand, als furchtete er, daß ſie ihm in der Verwirrung entſchluͤpfen koͤnnte, und trat ans Fenſter des Thurmes um mit lautem Geſchrei ſeine Waffengefahrten herbeizurufen. Die Stimme des An⸗ fuhrers wurde gehoͤrt, die Banditen kamen mit Fackeln herbei und die hoͤlliſche Runde hoͤrte endlich auf. „Jaget mir dieſe Schurken fort!“ rief der Schmugg⸗ ler wuthſchäumend;„es ſind Verraͤther oder Narren!“ Die meiſten hatten bereits die Flucht ergriffen. Gomez ſetzte ſich nieder, er konnte ſich von dem betaͤubenden Eindrucke kaum erholen. Sie kam ihm ſo unerklaͤrlich vor, daß er ſich nicht erwehren konnte, etwas Uebernatuͤrliches darin zu erblicken. Zum erſten Male ſtiegen aberglaͤubiſche Gedanken in ihm auf und obgleich er ſie mit Gewalt von ſich ſtieß, gelang es ihm doch nicht, ſie ganz zu verſcheuchen. Währenddem ſuchte die Gefangene den Guitarrero. Er war ihrem Blicke entſchwunden, als die Lampe ver⸗ löſchte und ſie hatte ihn auch nicht mehr geſehen, als die n — 151 Banditen von Torenos mit ihren Fackeln eintraten. Pedro hatte wahrſcheinlich die Geſaͤnge und Taͤnze an⸗ geordnet, er hatte die Lampe ohne Zweifel ergriffen und ausgeloſcht, und Paquita vermuthete, daß er bei dem Allen einen Plan und einen Zweck gehabt habe. Aber warum war er Einer der Erſten, der entfloh?... Ob⸗ gleich Paquita ihm feſt vertraute, fuͤhlte ſie ſich doch ſchmerzlich bewegt. Gomez hatte ſich inzwiſchen wieder erholt und er ſchickte daher ſeine Gefaͤhrten auf ihre Poſten zuruͤck, empfahl ihnen verdoppelte Wachſamkeit und blieb mit ſeiner Gefangenen allein. „Paquita!“ rief jetzt der Schmuggler, deſſen Trun⸗ kenheit zum großen Theil durch den heftigen Eindruck des vorgegangenen Auftritts verflogen war,„ich muß eine Entſcheidung haben. Ich habe Dir ſchon geſagt, daß ich heute reich genug bin, um das Gluͤck des Wei⸗ bes zu ſichern, die mein Schickſal mit mir theilen will. Gomez, der wilde Gomez, ſteht zitternd vor Dir.. er, der ſich noch vor keiner Macht gebeugt hat, ſieh, er liegt zu Deinen Fuͤßen!“ Der cataloniſche Tiger ſank in der That auf die Knie; eine Thraͤne glaͤnzte in ſeinen Augen und er faltete mit flehender Geberde die Haͤnde vor Paquita. „Du wirſt mir wieder ſagen, Du ſeieſt verheira⸗ thet, fuhr er fort;„aber Monſerrat iſt in meiner 152 Gewalt und es bedarf nur eines Wortes von mir, ſo biſt Du frei.“ „Ich werde nie einem Moͤrder angehoͤren!“ erwie⸗ derte Paquita mit feſtem Tone. „Nun wohl,“ verſetzte der Pirat,„ſo will ich Monſerrat am Leben laſſen. Aber begleite mich aus Spanien nach Frankreich, Italien oder Griechenland. Dort kennt uns Niemand, man wird glauben, wir ſind verheirathet und nichts wird unſre Ruhe und unſer Gluͤck ſtoͤren. Huͤte Dich, Paquita! wenn Dein Herz ſich nicht ruͤhren laͤßt, ſo wird der Sklave zum Gebieter werden. Noch haſt Du die Wahl; aber zoͤgere nicht aͤnger, ich bleibe nicht ewig auf den Knieen!“ Die leidenſchaftliche Sprache des Schmugglers war zugleich liebevoll und drohend. „Vor Anbruch des Tages will ich Euch meinen Entſchluß wiſſen laſſen,“ antwortete die Gefangene mit Ruhe.„Wenn Euch daran gelegen iſt, daß er guͤnſtig fuͤr Euch ausfaͤllt, ſo muͤßt Ihr mir eine Bitte ge⸗ waͤhren.“ 150 „Welche? ich gewaͤhre ſie Euch im voraus.“ „Ich moͤchte gern Eſtevan noch einmal ſehen, waͤre es auch nur, um fuͤr immer Abſchied von ihm zu nehmen.“ Das Geſicht des Piraten ſtrahlte von innerem Vergnuͤgen. Noch nie hatte Paquita ſo ſanft mit ihm geſprochen, noch nie hatte er ihren Blick ſo ruhig und 153 wohlwollend gefunden; er ſah einen Strahl von Hoff⸗ nung ſchimmern. „Dieſes letzte Lebewohl ſei Euch geſtattet,“ entgeg⸗ nete er.„Aber ich ſage es Euch vorher, daß Eure Un⸗ terredung mit Eſtevan hoͤchſtens eine halbe Stunde dauern darf. Indem Ihr Monſerrat betrachtet, werdet Ihr Euch meiner erinnern und uns Beide mit einander vergleichen. Er hat kaum noch einen Athemzug Leben in ſich, in meinen Adern ſtroͤmt Feuer und Flammen. Er iſt ſchwach und verſtuͤmmelt, ich bin ſtark an Korper und Geiſt. Koͤnntet Ihr noch unſchluͤſſig ſein? Lebt wohl, auf Wiederſehen.“ Gomez verließ den Thurm, deſſen Thur er ſorg⸗ faͤltig verſchloß, und Paquita hoͤrte ihn ſich entfernen. Sie trat ans Fenſter, um ihre Augen zum Himmel zu erheben und ein heißes Gebet an ihn zu richten. Der Donner rollte noch immer. „Paquita!“ rief eine gedaͤmpfte Stimme. Es war die eines Retters und ſie kam aus dem Nebenzimmer. „Pedro!“ rief die Gefangene, indem ſie in die Arme des Guitarrero flog.„Ach! eine innere Stimme befahl mir, dem Herrn zu danken; indem ich mich zu ihm erhob, fuͤhlte ich, daß Du zu mir kamſt.“ „Hatteſt Du mich nicht gerufen!“ entgegnete er, indem er ihr das weiße Taſchentuch zeigte, welches ſie 154 ihm in den Ruinen der Kapelle zugeworfen.„Endlich ſind wir vereinigt!“ „Aber immer von Gefahren umgeben!“ „Ja, aber doch beiſammen, Paquita. Gefahren ſind alſo das Element, deſſen wir beduͤrfen, um uns zu naͤhern und uns zu vereinigen. Wenn es ſo iſt, dann moͤgen ſie kommen! moͤgen ſie uns beſtaͤndig um⸗ ringen und uns nie verlaſſen!“ Pedro warf die Verkleidung ab, die ihn entſtellte, und druͤckte Paquita mit der ſtuͤrmiſchen Innigkeit eines Herzens, das Alles vergißt, nur die Liebe nicht, und ſich zu Allem faͤhig fuͤhlt, außer zum Boͤſen, an ſeine Bruſt. „Aber wie kommt es, daß Du Dich in dieſen Mauern befindeſt, Pedro?“ fragte die Gefangene. „Glaubſt Du, daß ich Dich je einen Augenblick verlaſſen habe? begleitete ich Dich nicht uͤberall hin?.. Du ſaheſt mich nur nicht, aber ich war ſtets verborgen, ungluͤcklich und leidend in Deiner Nahe. Ich habe Dich zuweilen weinen ſehen; vergieb mir, dies troͤſtete mich. Aber die Zeit draͤngt, ich will Dich befreien, folge mirl. „Wohine“ „Nach der Treppe zur Kapelle.“ „Die Thuͤr iſt von außen verſchloſſen.“ „Sie iſt es nicht mehr, ſie iſt geoffnet worden.“ „Von wem, Pedro?“ e e 155 „Von der ſchwarzen Dame.“ „Von einem Geſpenſt!“ „Nein, Paquita, die angebliche Erſcheinung Bri⸗ gittens war Don Eſtevans Schweſter.“ „Dolorida?“ „Ja; ich habe ihre Abreiſe nach Torenos beſchleu⸗ nigt, indem ich ihr die neue Frevelthat Gomez' mittheilte; ich habe nach Deiner Gefangennehmung im nahen Flecken die wandernde Taͤnzertruppe herbeigeholt, auf die ich mich verlaſſen konnte, und ich verſchaffte mir dann ein Boot im Hafen von Salo, um Dich aus dieſen Ruinen zu befreien.. Komm, Paquita! der Himmel iſt uns guͤnſtig.“ Der Guitarrero zog ſie mit ſich fort. „Nein,“ ſagte die Gefangene ploͤtzlich, indem ſie ihn zuruͤckhielt,„ohne Monſerrat fliehe ich nicht. Ver⸗ giſſeſt Du, daß ich ſeine Gattin bin?“ „Ach, ich weiß es nur zu gut! Aber ſeine Schweſter iſt hier, um ihn zu vertheidigen und zu beſchuͤtzen; ſie hat es auf ſich genommen, uͤber ihn zu wachen und ihn aus ſeinem Kerker zu befreien. Dies wird ihr nicht ſchwer werden; die Hauptſache iſt jetzt Deine Befreiung.“ „Nein, die Hauptſache iſt meine Pflicht. Wenn eine Schweſter ſich fuͤr ihren Bruder aufopfert, wie ſollte eine Frau ſo herzlos ſein, ſich nicht fuͤr ihren Gatten aufzuopfern? Laß mich, ich erwarte Monſerrat.“ „Aber dann biſt Du verloren!“ 156 „Gleichviel, ich bleibe.“ „Er ſelbſt, wenn er hier waͤre, wuͤrde Dich be⸗ ſchwoͤren, mir zu folgen.“ „Er wird kommen, ſage ich Dir; Gomez ſchickt ihn zu mir, dann fliehen wir alle Drei zuſammen.“ „Aber jeder Augenblick iſt ein Jahrhundert!“ „Ich bitte Dich, dringe nicht weiter in mich. Soll ich es Dir geſtehen, Pedro? Ich liebe Dich, ja, ich liebe Dich, und Du weißt es. Gerade wegen dieſer Verir⸗ rung iſt das Herz der Liebenden zu einer um ſo groͤßeren ehelichen Aufopferung verpflichtet. Nein, ſo lange Mon⸗ ſerrat noch hier iſt, fliehe ich nicht allein mit Pedro.“ „Erhabenes Herz!“ rief der Guitarrero mit dem Ausdrucke der Unterwerfung und mit einem begeiſterten Blicke.„Du biſt der Engel der heiligen Liebe. Ich fuͤhle es, um uns Alle zu retten, ſind Deine Fluͤgel beſſer als mein Schild. Leite mich, ich will Dir folgen!“ Pedro Walls ſenkte demuͤthig das Haupt; vor dem Willen Paquita's hatte er ſelbſt keinen Willen mehr. „Erinnerſt Du Dich noch des fuͤrchterlichen Grab⸗ gewoͤlbes von Tarragona?“ fragte ſie. „Fuͤrchterlich iſt nicht das rechte Wort, Paquita. Nach dieſem Leben unter Graͤbern und Finſterniß, wel⸗ ches Dir ſo entſetzlich ſchien, habe ich mich ſeitdem ſchmerzlich zuruͤckgeſehnt; z wie ich Dir ſchon damals . lebten wir dort ganz fuͤr einander, und Ver⸗ lobte. 157 „Aber des Todes!“ „Es war demohngeachtet ein heiliges Land, denn ich hatte Deinen Ring, Paquita.“ „Ich habe auch noch den Deinigen, Pedro, ich haͤtte ihn Dir zuruckgeben ſollen.“ „Ja, aber ich haͤtte ihn nicht zuruͤckgenommen.“ „Du warſt ja frei, Pedro!“ Welche Selbſtverleugnung, Zaͤrtlichkeit und Offen⸗ heit lag in dieſen wechſelſeitigen Geſtaͤndniſſen! Der Saͤnger und die Gefangene vergaßen Zeit, Ort und Um⸗ ſtäͤnde. Muthige Helden im Widerſtande gegen die Schlaͤge des Schickſals, waren ſie unbefangene Kinder im Kampfe gegen die Gefahren der Liebe. „Lieber Pedro, hob Paquita wieder an,„der Pirat wird mit Don Eſtevan zuruͤckkommen; ent⸗ ferne Dich alſo, bis Gomez uns wieder verlaſſen hat. Torenos iſt mit Raͤubern angefuͤllt, bringe Dein Leben nicht unbeſonnener Weiſe in Gefahr.“ „Mein Leben? Habe ich ein andres Leben, als das Deinige?“ „Geh wieder in den Saal, in den Du Dich ſo geſchickt gefluͤchtet, nachdem Du die Lampe ausgeloͤſcht hatteſt, und ſobald ſich Gomez wieder aus dem Thurme entfernt hat, fliehen wir mit Monſerrat. Ja, Medro, ich wiederhole es Dir, Du ſollſt uns alle Drei retten.“ „Alle Drei!“ verſetzte der Guitarrero mit einem tiefen Seufzer.„Ach, Paquita, es iſt nicht genug, daß 158 Du mir Deine hochherzigen Befehle giebſt, verleihe mir auch Deine Seelengroͤße!“ „Wuͤrde ich Dich lieben, wenn Du ſie nicht ſchon beſaͤßeſt?“ Es ließ ſich in der Ferne ein Geraͤuſch vernehmen. „Gomez und Monſerrat kommen!“ rief die Ge⸗ fangene erſchrocken. Pedro eilte raſch in das anſtoßende Gemach. Eſte⸗ van trat mit dem Schmuggler ein und die beiden Gatten ſahen ſich wieder. WVergeßt nicht meine letzten Worte!“ ſagte Gomez zu Paquita.„Euer Gatte darf nur eine halbe Stunde bei Euch bleiben; mit dem Schlage der Mitternachts⸗ ſtunde komme ich zuruͤck. Ihr werdet doch nicht glauben, daß ich die Prophezeiungen der Ballade und die Stunde der ſchwarzen Dame fuͤrchte?“ „Gut,“ erwiederte Paquita,„um Mitternacht ſoll mein Entſchluß gefaßt ſein.“ Sie hatte ſich nicht in die Arme ihres Gatten ge⸗ worfen und der Schmuggler bemerkte in ihrer Sprache etwas Gemeſſenes, das fuͤr ihn von guter Vorbedeutung zu ſein ſchien. In ſuͤße Illuſionen gewiegt, entfernte er ſich. Die Thuͤr des Gefaͤngniſſes wurde wieder ſorgfaältig verſchloſſen. Gomez machte draußen die Runde und man hoͤrte nichts mehr als das Pfeifen des Windes in den Ruinen. 159 „Eſtevan!“ ſagte die Gefangene leiſe, indem ſie ihm naͤher trat;„Gott verlaͤßt uns nicht, wir werden den Haͤnden der Raͤuber entgehen.“ „Wäre es moͤglich?“ „Du darfſt es mir glauben.“ „Wer will uns beiſtehen?“ „Medro Walls.“ Eine Wolke zog uͤber Monſerrats Stirn. Sein Herz, das ſich bei den erſten Worten ſeiner Gattin er⸗ weitert hatte, zog ſich unter ſchmerzlichen Schlaͤgen wieder zuſammen. „Pedro Walls?“ wiederholte er.„Erklaͤre mir, auf welche Weiſe?“ „Er iſt hier.“ „Er waͤre bei Dir geweſen?“ „Ja, noch vor einem Augenblicke, hier in dieſem Gemache.“ „Und Du haſt mit ihm geſprochen?“ „Allerdings.“ In dieſem Augenblicke wurde die Thuͤr des Neben⸗ zimmers geoͤffnet und Pedro trat mit raſchen Schrit⸗ ten ein. „Wir muͤſſen eilen, es iſt die hoͤchſte Zeit!“ ſagte er zu den beiden Gatten.„Ich habe alle meine Maß⸗ regeln getroffen; meine Taͤnzer unterhalten die Raͤuber in dieſem Augenblicke im unteren Saale des Forts mit ihren Poſſen und Schwaͤnken. Die Nacht iſt dunkel 4160 und ſtuͤrmiſch, wir werden die Schildwachen nicht auf ihren Poſten und die Wege frei finden. Kommt, mein Boot liegt am Ufer.“ „Es iſt ein gefaͤhrliches Wetter zu einer Fahrt auf dem Meere!“ bemerkte Eſtevan mit finſterer Miene. „Aber es giebt kein anderes Rettungsmittel,“ ent⸗ gegnete Pedro.„Alle Landwege in der Naͤhe des Kaſtells werden ſorgfaͤltig von den Banditen von Torenos be⸗ wacht. Ueberdies wird ſich ſogleich der Wind erheben, wir brauchen nur die Kuͤſte entlang zu ſegeln und der Hafen von Tarragona iſt nicht weit. Mein Boot hat zwei kräͤftige Ruderer, von denen der eine der Sergeant Matarin iſt, der mit der Erlaubniß ſeiner Vorgeſetzten zwei Tage bei mir geweſen iſt. Guten Muth und thaͤtige Umſicht!“ „Er hat fuͤr Alles geſorgt, Monſerrat!“ ſagte die Gefangene halblaut. ie „Und Alles berechnet, Paquita. Wohlan, er mag Dich retten! wir wollen gehen.“ „Sage vielmehr, daß er uns retten wird!“ „Nimm ſeinen Arm.“ „Nein, wenn ich den Deinigen habe, Eſtevan, ſo giebt es keinen andren fuͤr mich.“ „Ich habe nur noch einen, Paquita.“ „Um ſo ſtaͤrker wird er ſein.“ „Du mußt mich unterſtuͤtzen.“ Mein, im Gegentheil, ich bedarf Deiner als Stutze.“ 9 —— —— ———„— 161 Paquita ſchmiegte ſich an Eſtevan, wie die Liane um den Baum. Sie blickte nur ihn an und doch ſtuͤrmten ſchmerzliche Gedanken auf ihren Gatten ein. Nicht ihm ſollte nach der Entweichung der ſuͤße Dank zu Theil werden, denn nicht er rettete ja ſeine Gattin! Pedro legte ſein Zigeunerkoſtuͤm, ſein breites Pflaſter und ſeinen ſchwarzen Mantel wieder an. Mit einer Blendlaterne in der Hand, gelangte er an die Thuͤr der Treppe, welche nach den Ruinen der Kapelle hinunter fuͤhrte. Der Ausgang war offen und ohne Gefahr zu paſſiren. Der Guitarrero beobachtete Monſerrat, er las in ſeinen Geſichtszuͤgen ſeinen innern Kummer und ſein edles Herz fuͤhlte Mitleid mit ihm. „Ich bin es nicht eigentlich, Don Eſtevan, der Euch aus Eurer Gefangenſchaft befreit, ſagte er zu ihm, waͤhrend ſie die Treppe hinabgingen;„ich bin nur das Werkzeug, welches am meiſten dazu beigetragen hat. Die wirkliche Retterin, der Ihr Dank ſchuldig ſeid, iſt Eure Schweſter Dolorida.“ „Meine Schweſter?“ wiederholte Monſerrat hoch erfreut.„Habt Ihr dies meiner Frau geſagt?“ „Ja,“ antwortete Paquita. „Ach!“ ſeufzte der Gatte;„Du hatteſt mir nur Pedro genannt.“ Die Verlobten des Todes. 162 Die drei Fluchtlinge erreichten bald die Mauern der Kapelle, durch die ein wuͤthender Sturm pfiff. In den Fenſtern des Gebaͤudes ſah man keine Scheibe mehr und die Pfeiler des ehemaligen Schiffes waren zum Theil eingeſtuͤrzt. Die Hauptbogen waren theils gar nicht mehr, theils nur noch einzelne Stuͤcke davon vor⸗ handen, die ebenfalls den nahen Einſturz drohten. Gras und Geſtruͤpp wuchs auf dem heiligen Boden und der Fuß ſtieß allenthalben an Grabſteine. Keine Grabge⸗ wolbe, kein Balkenwerk mehr, uͤberall nur Zerſtörung und Truͤmmer; eine ächte Geſpenſterſtaͤtte. Im Zenith flogen beſtändig dicke Gewitterwolken voruͤber. Im Weſten hoͤrte man den Donner rollen und das Meer antwortete darauf mit dem dumpfen Brauſen. Dann und wann zuckten röthliche Blitz die dunkeln und ausgezackten Gallerien des ehemaligen Forts entlang, und Torenos mit ſeinen halb eingeſtuͤrz⸗ ten Mauern, ſeinen verfallenen Thuͤrmen und ſeinen zerbrochenen Boͤgen zeichnete ſich von dem dunklen Him⸗ mel ab wie ein phantaſtiſches Gebaͤude, umgeben von ſeltſamen Geiſtergeſtalten. Vor den Truͤmmern eines Portals blieb Pedro ſtehen, indem er zu Monſerrat und ſeiner Gattin ſagte: Umgegend zuvor unterſuchen, „Ruhet hier einen Augenblick aus, ich will die damit wir dann ſicher unſern Weg fortſetzen koͤnnen. Wir duͤrfen uns vrß r tin die her vor 163 Allem nicht unbeſonnen einer Gefahr ausſetzen. Auf dem Walle, uns gegenuͤber, iſt wahrſcheinlich ein Wacht⸗ poſten, wovon wir uns uͤberzeugen muͤſſen. Ich hoffe, die Schildwache wird nicht auf ihrem Poſten ſein. Dann muß ich auch meinen Gitanos ſagen, welchen Weg wir nehmen wollen, damit ſie unſre Flucht unterſtutzen koͤnnen. Erwartet mich hier, ich komme bald zuruͤck.“ „Wie? Ihr wollt uns allein laſſen?“ rief Paquita aͤngſtlich. „Still!“ unterbrach ſie Eſtevan;„wir wollen unſre Laterne verbergen; ich hoͤre Schritte. es kommt Jemand.“ „Es iſt Brigitte.“ Auf Befehl ihres Gebieters ſtreifte die Alte in der Nähe des Kaſtells umher, um ſich zu uͤberzeugen, daß Alles in der gehörigen Ordnung und jede Wache auf ihrem Poſten war. Mit einer Pechfackel in der Hand kam ſie auf die Kapelle zu und beim Scheine dieſer Fackel konnte man die außerordentliche Blaͤſſe ihres Geſichts erkennen. Ihr Gang ſchien unruhig und aͤngſtlich zu ſein. „Leget Euch hinter dieſen Grabſteinen nieder,“ ſagte Pedro leiſe zu Monſerrat.„Kein Licht und kein Geraͤuſch!“ So entzogen ſich alle Drei dem ſpaͤhenden Blicke des weiblichen Cerberus. Brigitte kam langſam näher, die Nachtvoͤgel umſchwaͤrmten ſie mit kraͤchzenden Toͤnen 11* 164 und der Wind, der unter den Bogen hinpfiff, bewegte die herabhaͤngenden Weinranken. Die Alte bekreuzigte ſich. In dieſem Augenblicke erſchuͤtterte ein heftiger Donnerſchlag die Mauern des alten Tempels. Der ganze Erdboden erbebte und ein Stein, der ſich von einem Bogen uͤber den Fluͤchtlingen abloͤſ'te, fiel mit Geraͤuſch unter ſie. Er zerſprang an einem andren Steine, ein Stuͤck davon traf Paquita und warf die Laterne von der Stelle, wo Eſtevan ſie verborgen hatte, ſo daß das Licht zum Vorſchein kam. Paquita ſtieß einen Angſtſchrei aus. „Was iſt das?. ein Licht!“ rief die Alte. Ihre Stirn bedeckte ſich mit einem kalten Schweiße, ſie wagte keinen Schritt weiter zu gehen, ihre Fuͤße ſchienen wie in den Boden gewurzelt zu ſein. „Ich habe dort ein Stoͤhnen gehort!“ fuhr ſie mit kaum vernehmbarer Stimme fort und indem ſie einen ſtarren Blick auf eines der nahen Gruͤber warf.„Es iſt vielleicht ein Complott und Verrath im Spiele.“ Dann rief ſie laut: „Zu Hülfe! Wachen! zu Huͤlfe!“ Die Flchtlinge ſchwebten am Rande des Verder⸗ bens. Ploͤtzlich erhob ſich ihnen gegenuͤber aus dem hohen Graſe, eine ſchwarze Geſtalt, als entſtiege ſie einem Grabe. Sie hatte keine beſtimmte Form und kein Geſicht, war aber von rieſenhafter Groͤße und dro⸗ ———** — r⸗ ſie nd o⸗ 165 hender Haltung. Ein heller Blitz erleuchtete die Er⸗ ſcheinung und indem der Sturm ihre ſchwarzen Ge⸗ waͤnder peitſchte, giebt er ihnen die Form einer giganti⸗ ſchen Fahne und dieſe Fahne, die ſich im Dunkeln fortbewegt, gleicht einem lebenden Katafalk. Wird der Staub vergangener Zeiten, indem er beim Scheine des Blitzes in menſchlicher Geſtalt wieder erwacht, auch eine Stimme annehmen? Mit dem Ausrufe:„Die ſchwarze Dame!“ ſank Brigitte auf die Knie. —2— IX. Das Zuſammentreffen in der Schlucht. Das Geſpenſt der Kapelle ſtand in ſchauerlichem Stillſchweigen vor der Kerkermeiſterin von Torenos. War es wirklich ein Geiſt der Graͤber? Alles ſchien darauf hinzudeuten. Die Nacht, das Gewitter und die Ruinen waren der paſſende Rahmen, aus dem die Er⸗ ſcheinung hervortrat. Eſtevan und Paquita blickten ſtarr nach ihr hin, ohne ſich das Geheimniß erklären zu konnen. Pedro allein hatte es errathen. Er neigte ſich herab zu Paquita und fluͤſterte ihr leiſe zu: „Dolorida!“ Es war in der That Monſerrats Schweſter. Sie kam den Fliehenden in dem Augenblicke zu Hilfe, als Brigitte durch das Herbeirufen der Wachen die Flucht verrathen wollte. Sogleich war der gluckliche Gedanke in ihr aufgeſtiegen, die Duenna in Schrecken 167 zu ſetzen, indem ſie noch einmal die ſchwarze Dame— ſpielte. Dieſes Mittel war ihr ſchon gelungen, ohne daß ſie daran gedacht hatte, als ſie die Thuͤr der Thurm⸗ treppe oͤffnete, während Pedro ſeine bekannte Ballade ſingen ließ. Dolorida, die naͤchtliche Reiterin, hatte einen Anzug, der ſich ganz fuͤr dieſe Rolle eignete, au⸗ ßerdem kam ihr das Gewitter zu ſtatten, es fehlte alſo nichts zum Gelingen ihrer Abſicht. Sie benutzt nun den Schreck und die Beſtuͤrzung der alten Megäre, um ihr einen ſchwarzen Mantel uͤber den Kopf zu werfen. Pedro Walls eilte ſogleich hinzu, band und knebelte die Alte und ſchleppte ſie nach einer Höhlung, die ſich in den Truͤmmern der Kapelle gebildet hatte. In dieſe Grotte ſtieß er Brigitten, walzte dann einen großen Stein vor die Oeffnung und die Kerkermeiſterin war nun eine Gefangene geworden. „Jetzt habt Ihr keine Minute zu verlieren,“ ſagte Dolorida zu ihrem Bruder;„Ihr muͤßt eiligſt das Meeresufer gewinnen und ich ſelbſt will Euch fuhren.“ „Gut, Schweſter,“ erwiederte Monſerrat. „Und Pedro Walls?“ fragte Paquita. „Pedro wird ſeine Freunde holen,“ antwortete Dolorida,„und mit ihnen nachkommen. Die Gitanos erwarten ihn ſchon an der noͤrdlichen Thuͤr, ihr Bei⸗ ſtand wird uns von Nutzen ſein.“ „Ich gehe, ſagte der Guitarrero. Welchen Weg ſchlaget Ihr nach dem Meere ein?“ 168 „Wir gehen rechts vom Fort durch die Schlucht von Calaquer. Es iſt ein kleiner Umweg, aber wir ſind ſicherer, daß uns Niemand ſieht.“ „Der Weg iſt abſcheulich—“ „Gleichviel.“ „Wo finde ich Euch wieder?“- „In der Huͤtte des Fiſchers Miro zwiſchen den Kuͤſtenfelſen.“ Pedro warf noch einen Blick der Beſorgniß und Liebe auf Monſerrats Gattin und verſchwand bald hin⸗ ter den Ruinen. So lange Pedro bei Paquita geweſen, hatte es ihr nicht an Muth gefehlt, aber jetzt, da er von ihr ge⸗ trennt war, fuͤhlte ſie, daß ihre Kraͤfte ſie verließen. Der von dem Bogen herabgefallene Stein hatte ihr eine ſchmerzhafte Contuſion am Fuße geſchlagen, die ſie im erſten Augenblicke faſt gar nicht gefuͤhlt hatte, da ſie von der Angſt beherrſcht wurde. Jetzt aber, da ihr Ge⸗ muͤthszuſtand wieder ruhiger war und ſie Pedro nicht mehr als Stuͤtze in ihrer Nahe hatte, unterlag ſie die⸗ ſem neuen Schmerz und vermochte ſich kaum auf den Fuͤßen zu erhalten. Der Gedanke an eine Wanderung durch Bergſchluchten und Waͤlder ohne Pedro erſchreckte ſie ſchon im voraus und ihre Augen fuͤllten ſich mit Thraͤnen. „Mir iſt unwohl, Eſtevan,“ ſagte ſie;„ich bin verwundet und meine Kraͤfte verlaſſen mich.“ 169 Von Entſetzen ergriffen, ſuchte Monſerrat ſeine Gattin zu beruhigen; er ſchlang ſeinen Arm um ſie und druͤckte ſie an ſeine Bruſt, aber ach! er ſelbſt wankte auf den Fuͤßen. Ein eiſiger Schauer rieſelte durch ſeine Adern und das Gefuͤhl ſeiner Ohnmacht, die geliebte Gattin zu unterſtuͤtzen, brach ihm vollends das Herz. „Nur noch ein wenig Muth, Paquita!“ entgegnete er mit niedergeſchlagener Miene;„der Weg kann nicht mehr lang ſein und Pedro kommt ja bald zuruͤck.“ Der Ton, in welchem er den Namen Pedro aus⸗ ſprach, ließ die ganze Qual ſeines Innern erkennen. Er fuͤhlte, daß er weder eine Stutze, noch eine Hoff⸗ nung, noch ein Troſt mehr für ſeine Gattin war. Dies Alles war ihr ein andrer Mann und dieſer Andre war jung und ſchoͤn; mit der Fuͤlle der Jugendkraft verband er die Hingebung der Liebe; er liebte und wurde geliebt. Paquita betrachtete ihren Gatten und ſie ſah beim Leuchten der Blitze, daß ſeine Stirn bleich und gefurcht war. Man haͤtte glauben koͤnnen, er liege im Todes⸗ kampfe, ſo verſtoͤrt waren ſeine Geſichtszuͤge. Der Sturm, der in ſeinem Innern tobte, zerſtoͤrte Alles ohne Erbarmen in ihm; den Stuͤrmen der Natur kann man widerſtehen, denen des Herzens aber muß man unter⸗ liegen. Dieſer ſchmerzliche und ergreifende Anblick gab Paquita gleichſam neue Kraft und ſie ſagte daher: 170 „Wir wollen gehen, ich fuͤhle mich beſſer.“ So verließen ſie die Kapelle. Dolorida, welche voll Kraft und Energie war, ließ nicht ab, ihren Bru⸗ der und ihre Schwägerin durch feſte und beruhigende Worte zu troͤſten. Mit ihrer Blendlaterne in der Hand ging ſie ihnen voran und zeigte ihnen den Weg. Es begann jetzt in großen Tropfen zu regnen. Kein Stern war am Himmel zu erblicken, die Dun⸗ kelheit huͤllte die ganze Umgegend in ihren dichten Schleier und der Weg uͤber das Geſtein und das Ge⸗ ſtruͤpp wurde immer ſchwieriger. Die Wuth des Stur⸗ mes verdoppelte ſich, die Laterne erloſch und Dolorida verirrte ſich ohngeachtet ihrer genauen Kenntniß der Gegend. „Wo iſt Euer Pferd geblieben?“ fragte Paquita ihre Schwägerin. „In den Staͤllen von Torenos; ich will es ſpäter holen.“ „Ihr wollt nach den Ruinen zuruͤckkehren?“ „Ja, Paquita, es iſt noch nicht Alles zu Ende zwiſchen dem Seeraͤuber und der naͤchtlichen Reiterin. Er hat geglaubt, ich ſei dieſen Abend einzig und allein aus Liebe zu ihm gekommen und ich habe vor ſeiner Gefangenen ſchweigen muͤſſen; aber ich will ſeinen Duͤnkel noch enttaͤuſchen. Wenn er ſeine Opfer ver⸗ ſchmaͤht, ſo vergeſſe ich dagegen Beleidigungen nicht.“ Stolz, Entruͤſtung und Zorn ſprachen aus ihren — u— 171 Zuͤgen. Ihr regelmäßig ſchoͤnes Geſicht hatte einen ſchmerzlichen und zugleich drohenden Ausdruck und ihre Hand druͤckte den Guͤrtel, in dem ſie Waffen verborgen hatte. Sie hatten ſich immer weiter von dem Kaſtell ent⸗ fernt und drangen im Dickicht vor. Bald kamen ſie an einen ſteilen Abhang, der mit Gebuͤſch und Fels⸗ ſtuͤcken bedeckt warz hier fanden ſie einen ſchmalen Fußpfad. „Dies iſt die Schlucht von Calaquer,“ ſagte Eſte— vans Schweſter.„Jetzt ſind wir wieder auf dem rich⸗ tigen Wege.“ Aber dieſer ſteinige Weg bot unaufhorliche Schwie⸗ rigkeiten und Hinderniſſe dar. Es regnete immer hefti— ger und der Waldbach wuchs zu einem Strome an. Paquita ſtrengte ſich an, ihren Muth nicht ſinken zu laſſen, aber der ungluͤckliche Monſerrat fuͤrchtete jeden Augenblick, ſie der Erſchöpfung und dem Schmetrze er⸗ liegen zu ſehen. Ihre Kleider waren ganz durchnäßt und kein Obdach gegen das Toben der entfeſſelten Ele⸗ mente zeigte ſich ihren Blicken. Sie kamen nur lang⸗ ſam vorwaͤrts und der Sturm hörte nicht auf zu raſen. „Still!“ ſagte plotzlich Dolorida, welche allein ihre unerſchutterliche Geiſtesgegenwart erhielt;„ich habe in der Naͤhe Schritte gehoͤrt.“ 172 „Es ſind wahrſcheinlich Kuͤſtenſchmuggler,“ erwie⸗ derte Eſtevan,„oder einige rateros, ihre Spießgeſellen.“*) „Dieſe verabſcheut Gomez und er bedient ſich ihrer nie,“ entgegnete die Witwe Munnoz. „Er iſt ja ſelbſt ein Raͤuber, liebe Schweſter.“ „Dies iſt nur eine unbeſtimmte Anklage. In Zeiten politiſcher Umwaͤlzungen nennt man abwechſelnd den Patrioten einen Banditen, und den Banditen einen Patrioten. Zwiſchen Beiden iſt nur ein kleiner Unter⸗ ſchied. Doch wir duͤrfen uns nicht an den Namen hal— ten, ich urtheile nur nach dem Herzen.“ Ein ſchmerzlich Geſtoͤhn unterbrach dieſes Geſpraͤch. Paquita hatte ſich an den Stumpf eines Baumes geſto⸗ *) Es giebt in Spanien drei verſchiedene Arten von Räubern: 1) Die Seeräuber und Schmuggler; dies ſind Mächte, vor denen man eine gewiſſe Achtung hegt; 2) die ladrones, eine untergeordnetere Klaſſe, die aus disciplinirten Männern beſteht, welche ſich eidlich verpflichten, ihr ganzes Leben hindurch nichts zu thun als die Reiſenden auf den Straßen auszupluͤndern; dies thun ſie mit Achtung und Hoͤflichkeit und ſie wuͤrden die Ehre zu verletzen glauben, wenn ſie die Reiſenden nicht mit Artigkeit brandſchatzten; 3) die rateros. Dieſe letzte Klaſſe ſteht tief unter den Pi⸗ raten und Ladrones; ratero heißt ſoviel als Bandit, Tauge⸗ nichts, Strauchdieb. Die Ladrones bedienen ſich zuweilen der Rateros, aber ſie blicken mit tiefer Verachtung auf ſie herab, um ſo mehr, als der Ratero ſich unter gewiſſen um⸗ ſtaͤnden von der Polizei benutzen läßt. 173 ßen, den ſie in der Dunkelheit nicht geſehen und war gegen einen Felſen gefallen. „Ich kann nicht mehr,“ ſeufzte ſie; wir muͤſſen anhalten, ich werde ohnmaͤchtig.“ „Gott, was ſoll aus uns werden!“ rief Monſerrat in Verzweiflung.„Paquita! theure Paquita! und ich kann nichts thun, als an Deiner Seite ſterben!... Ei⸗ nes Armes beraubt und erſchoͤpft an Kräften, habe ich nur meine Liebe und mein Leben, und bin unfaͤhig, Dich zu retten!. Allmächtiger! warum haſt du mir dieſen Schatz anvertraut und giebſt mir nicht die Kraft ihn zu bewahren? Ich ſoll ihr alſo nichts ſein als eine Laſt und ein Hinderniß, und wenn ſie des Gatten be⸗ darf, muß ich den Geliebten herbeirufen! Ach! laß ſie leben, um den Preis meines eignen Lebens, wäre es es auch nur fuͤr ihn! Mag er ſie beſitzen, der ſie mehr verdient als ich. Mein Gott! rette ſie und nimm mich zu Dir! ich flehe dich an um dieſe zweifache Gnade!“ Während er ſich ſo den Aeußerungen ſeiner Ver⸗ zweiflung hingab, kamen die gefurchteten Rauber naͤher. „Schweſter!“ rief Dolorida,„wir wollen dieſe furchterliche Schlucht verlaſſen; es ſind Rateros, die auf uns zukommen!“ „Ich ſelbſt will ſie herbeirufen,“ entgegnete Don Eſtevan. Meine Frau bedarf der Hilfe, denn es iſt um ſie geſchehen, wenn ſie noch laͤnger in dieſer Lage 174 bleiben muß. Der Sturm... der Regen... ihre Wunde.. ſie iſt verloren!“ „O, welche Unvorſichtigkeit, lieber Bruder!“ „Zu Hilfe! zu Hilfel. Die Banditen hatten ſeinen Ruf gehoͤrt, denn bald darauf traten mehrere mit Buͤchſen bewaffnete Maͤnner aus dem Dickicht des Waldes hervor. Ihr Anzug beſtand aus einem zerriſſenen Hemd und Bein⸗ kleidern von ungegerbten Ziegenfellen; der Ausdruck ihrer Geſichter war roh und hart und ihre Hautfarbe von der Sonne gebraͤunt; ihr Kopfhaar vermiſchte ſich mit dem dichten Barte, die Falten in ihrem Geſicht deuteten wilde Leidenſchaften an und ihr ganzes Aeußere verrieth koͤrperliche wie moraliſche Zerruͤttung. Demohngeachtet war Stolz der vorherrſchende Zug ihrer Phyſiognomie. Sie beobachteten eine gewiſſe Disciplin und hielten ſich fuͤr die lebende und ehrenvolle Proteſtation gegen die ſchmaͤhliche Ungleichheit der Ver⸗ moͤgensverhaͤltniſſe. So erklaͤren ſich die Revolutionaire mitten im Aufruhr und den Umwälzungen fuͤr die ver⸗ dienſtvollen Vertheidiger des Geſetzes. Dieſe Böſewich⸗ ter wuͤrden ſich beleidigt gefunden haben, wenn man ſie fuͤr Raͤuber des dritten Ranges angeſehen hätte; ſie maßten ſich den Titel Ladrones an und wuͤrden den Tollkuͤhnen, der ſich erdreiſtet hätte, ſie durch die ſchimpfliche Benennung von Rateros zu beleidigen, ohne Erbarmen ermordet haben. — —„ N vNv N 175 „Woher kommen dieſe Huͤhnchen und dieſer er⸗ baͤrmliche Hahn?“ fragte Einer von ihnen lachend. „Sonderbares Wild in einer Bergſchlucht!“ „Keine unanſtaͤndigen Reden, Kamerad!“ entgeg⸗ nete der Anfuͤhrer im ſtrengen und hochmuͤthigen Tone. Zeiget Euch als edle Ladrones und entwuͤrdigt unſren Stand nicht!“ Dann trat er auf Monſerrat zu und ſagte mit einer artigen ceremoniöſen Verbeugung: „Wuͤrden Eure Herrlichkeit wohl die Guͤte haben, uns mit einigen Muͤnzen oder in Ermangelung des Gelbes mit einigem Geſchmeide zu erfreuen? Wir wuͤr⸗ den Euch ſehr dankbar dafuͤr ſein.“ Wenn Dolorida der Stimme ihres Muthes ge⸗ folgt hätte, ſo wuͤrde ſie dem unverſchamten Straßen⸗ raͤuber eine Kugel durch den Kopf gefagt haben; aber ſie haͤtte dadurch das Leben ihres Bruders und ihrer Schwaͤgerin gefaͤhrdet, daher unterdruͤckte ſie ihren Zorn. Hier iſt Gold,“ ſagte Eſtevan;„und das Hals⸗ band meiner Gattin...4 „Sie kann es behalten, Sennor,“ verſetzte der Bandit befriedigt und mit einem reſpectvollen Lächelnz wir begnügen uns mit der Boͤrſe; ſie iſt wohl gefuͤllt und wir haben unſere Geſetze und unſere Grenzen.“ Erlaubt mir jetzt, daß ich auch Euch um einen Dienſt bitte, verſetzte Monſerrat. „Dies iſt nicht mehr als billig.“ ————————— 176 Meine unglückliche Gattin iſt dem Tod nahe, hel⸗ fet mir ſie unterſtuͤtzen..“ „Auf, auf, Freunde! unterbrach ihn einer Rateros;„ich hoͤre die Leute des Piraten kommen, und ſie ſind zahlreich.“ ort! ſonſt ſind wir verloren 1“ Die Rateros ergriffen die Flucht. „Nun, hatte ich nicht Recht?“ fragte Dolorida ihren Bruder,„es ſind gemeine Banditen. Der uner⸗ ſchrockene Gomez iſt ein Feind dieſer Schurken; koͤnn⸗ tet Ihr ſie mit ihm vergleichen?“ „Ich haſſe alle in gleichem Grade.“ Dieſe Worte waren kaum ausgeſprochen, ſo kam ein Trupp von ſieben oder acht Schmugglern auf die drei Fliehenden zu. Dolorida reichte ihnen die Hand; ſie hatte ihre ganze Kaltbluͤtigkeit und Geiſtesgegenwart behalten. „Kommt, Ihr wackern Freunde,“ ſagte ſie zu ihnen, „der Himmel ſendet Euch zu unſerm Beiſtande.“ „Der Himmel?“ verſetzte Hilario, der Anfuhrer der Tuppe, indem er ſeinen breiten Sombrero ſchuͤt⸗ telte, deſſen Raͤnder vom Waſſer trieften.„Der Him⸗ mel iſt dieſen Abend eben nicht ſehr freundlich. Aber, was Teufel, habt Ihr hier zu thun?“ „Wir ſind angefallen und beraubt worden,“ ant⸗ wortete Don Eſtevan. „Wie?“ rief Hilario zornentbrannt, Hieſe Canaiſ⸗ er re 177 len von Rateros ſollten ſich erfrecht haben, ohne unſte Erlaubniß bis auf das Gebiet des Don Gomez vorzu⸗ dringen? Das wäre eine unerhoͤrte Dreiſtigkeit!..« Dieſe junge Frau iſt dem Tode nahe!“ ſagte Monſerrat, indem er auf Paquita zeigte.„Erbarmet Euch ihrer und unſerer!“ „Sie ſperrt den Mund auf wie ein abgeſtandener Karpfen,“ erwiederte einer der Schmuggler, indem er ſich buͤckte, um ſie zu betrachten.„Kameraden! es muß eine ſchlecht unterhaltene Gitana ſein; ſie ſcheint ſich in ubler Geſellſchaft und auf ſchlimmen Wegen zu befinden.“ „Sie iſt wahrhaftig ſchoͤn!“ verſetzte Hilario uͤber⸗ raſcht. Hierauf entſpann ſich folgendes Zwiegeſpräch: „Sie verdient ein gutes Nachtlager, wir muͤſſen ſie zum Hauptmann fuͤhren.“ „Ja, die Kleine wird ihm gefallen.“ 3. „Aber ich glaube, er hat ſchon Eine.“ „Nun, ſo hat er dann zwei.“ 3 Ueberdies iſt er Mannes genug, um vier oder fuͤnf zu nehmen.“ „Und dieſe hier!“ ſetzte ein Andrer hinzu, inden er ſich Dolorida näherte;„das ſcheint auch ein munte⸗ res Weibchen zu ſein!... Ich wuͤrde ſie ohne Beſin⸗ nen fur mich behalten.“ Es iſt hier weder der Ort noch die Zeit, um die Die Verlobten des Tedes. 12 —— 178 Beute zu theilen,“ erwiederte Hilario in trocknem Tone. „Wir muͤſſen zuerſt wiſſen, wer die Leute ſind.“ „Wir gehoͤren zu einer wandernden Zigeunertruppe, antwortete Dolorida,„und wir kommen vom Schloſſe Torenos, wo wir dieſen Abend vor Eurem Herrn, dem Sennor Gomez, geſungen und getanzt haben. Er hat 3 ans zuerſt freigebig fur unſre Muͤhe belohnt und uns dann hoflich entlaſſen, um zu ſeinen Geſchäften zuruͤck⸗ zukehren. Dies iſt in kurzen Worten unſere Ge⸗ ſchichte.“ „Die Kleine wird lebendig,“ verſette einer der Schmuggler. „Und jetzt wollen wir zu den Unſtigen zuruckkeh⸗ ren,“ fuhr Dolorida fort. „Wenn Ihr ſo eilig ſeid, nach Haus zu kommen, dann bedaure ich Euch,“ ſagte Hilario barſch,„denn wir haben dieſe Nacht Befehl, bis morgen fruͤh Nie⸗ Eanden aus dem Gebiete Torenos zu laſſen. Zu dem Ende ſind alle Wege mit Leuten beſetzt und Ihr kommt nirgends durch“ „Unſere Kameraden, ſprach Dolorida weiter, ohne die Faſſung zu verlieren,„ſind nach dem Strande in die Huͤtte des Fiſchers Miro, unſtem allgemeinen Sam⸗ melplatze, gegangen. So verlaſſen wir das Gebiet von Torenos nicht, denn die Huͤtte gehört zu dem Schloſſe Morgen ſind wir dort zu finden.“ „Nun gut, ich will Euch nicht zuruͤckhalten,“ X —— M — 179 verſette Hilario nach kurzem Beſinnen;„Ihr könnt gehen.“ „Meine Schweſter hier hat das Ungluͤck gehabt ſich unterwegs am Fuße zu verwunden,“ hob die uner⸗ ſchrockene Spanierin wieder an,„und ich habe mich in der Dunkelheit verirrt.“ »Wir ſöllen Euch alſo wohl den Weg nach der uͤſte zeigen 26 „Ich bitte Euch darum.“ „Was gebt Ihr uns fur die Muͤhe?“ „Erſt helfet uns aus der Verlegenheit.“ „Was Teufel!“ rief der Aelteſte von den Schmugg⸗ lern, indem er Dolorida näher betrachtete,„ſie hat ein Paar Piſtolen im Guͤrtel. Ein ſonderbares Inſtru⸗ ment fuͤr eine Gitana! Wer hat je mit ſolchen Caſtag⸗ netten getanzt?“ „Schweig!“ befahl Hilario,„ich nehme ſie unter meinen Schutz; ſie iſt eben ſo muthig als ſchön und eben ſo gewandt als tapfer.“ So brachte Dolorida durch die doppelte Macht ihrer Schönheit und ihres Muthes die Schmuggler da⸗ hin, ſie und ihre Schwägerin nach der Huͤtte Miro's zu fuhren. Es wurde in der Eile eine Art Tragbahre fuͤr Monſerrats Gattin gemacht und die Geſellſchaft ſetzte ihren Weg fort. „Sennorita,“ ſagte der Anfuͤhrer der Raͤuber zu Dolorida,„wir erzeigen Eurer Schweſter einen wichti⸗ 12* 180 gen Dienſt und dafuͤr muͤßt Ihr uns bezahlen. Laſſet Eure Saͤnger und Tänzerinnen bei dem Fiſcher Miro und kehret mit uns nach den Ruinen von Torenos zuruͤck.“ „Nur bis morgen fruͤh?“ „Auf das ganze Jahr, wenn Euer Herz Euch da⸗ zu draͤngt. Torenos iſt von tapferen Maͤnnern bewohnt; wir fuͤhren dort ein luſtiges Leben und Ihr werdet die Königin des Schloſſes ſein.“ Dolorida laͤchelte ſchmerzlich und nachdem ſie einige Minuten uͤberlegt hatte, erhob ſie den Kopf und antwortete in einem ſonderbaren Tone: „Gut, es ſei, ich will mit Euch gehen.“ Die Schmuggler brachen in lauten Beifallsju⸗ bel aus. Der Donner rollte noch in der Ferne, der Himmel hatte ſich fuͤr den Augenblick aufgehellt und der Regen fiel nur noch in einzelnen Tropfen. „Holla! Fiſchhaͤndler!“ riefen Gomez' Banditen Miro zu, indem ſie an die Thuͤr ſeiner Huͤtte klopften. „Wir haben auch was gefangen: zwei huͤbſche Krebſe und einen Hering.“ Miro offnete ſogleich ſeine Wohnung. Es war eine Huͤtte vom aͤrmlichſten Ausſehen, welche, der alten Feſtung gegenuͤber, an einem Felſen auf dem einſamen 181 Strande lag. Die Wogen des Meeres naͤherten ſich bis auf eine geringe Entfernung und ſchienen jeden Augen⸗ blick bereit, ſie zu verſchlingen. Wenn der Sturm an ihre Lehmwaͤnde ſchlug, drang der Regen durch das Strohdach und tropfte hier und da von der Decke herab. Die Huͤtte war mit Holzſchuppen umgeben, welche von den Schmugglern benutzt wurden, um ihre Waaren unterzubringen. Der Fiſcher war ein junger und munterer Cata⸗ lonier. Aus ſeinen kleinen Augen leuchtete Klugheit und Verſchlagenheit, und ſeine kupferfarbige Haut hob ſeine weißen Zaͤhne noch mehr hervor. Sein Geſicht war ſchmal und ſpitz wie der Kopf eines Marders und ſeine ſeinen, mageren Beine erinnerten an die eines Hirſches. Miro war kaum zwanzig Jahr alt. „Seid mir willkommen, Kameraden 1 ſagte er zu Gomez' Leuten.„Ihr habt Eure Netze, wie ich die meinigen habe, und dies iſt in der Ordnung. Ein Boot fuͤr Jeden und den Sturm fuͤr Alle.“ „Ganz recht, mein luſtiger Matroſe!“ erwiederte Einer der Angekommenen.„Der Eine landet, der An⸗ dere ſcheitert.“ „Wir bringen Dir eben eine Schiffbruchige,“ ſetzte Hilario hinzu;„aber anſtatt ſie aus dem Waſſer zu ziehen, haben wir ſie im Walde gefiſcht.“ „Und beſieh Dir nur ihren Lootſen!“ rief ein An⸗ * 182 derer, indem er auf Eſtevan zeigte.„Dieſer Kruͤppel hat weder Glieder noch ein Geſicht; aber weil er zwei Frauen bei ſich hat, glaubt er ein Mann zu ſein.“ Eeein lautes Gelaͤchter begleitete dieſe rohen Worte. Monſerrat betrachtete ſeine Gattin und ſie hatte Alles mit angehört!.. Welch eine endloſe Qual fuͤr ihn! „Ich will Euch Feuer anzunden, ſagte der Fiſcher in heiterem Tone;„Eure Buͤchſen ſind naß und Eure Kleider zum Ausringen. Nicht wahr, es giebt Augen⸗ blicke, wo man nichts Trockenes an ſich hat als.. das r 6 „Ich glaube, dieſer Salzwaſſerfuchs macht ſich uber uns luſtig!“ rief Hilario, deſſen Stirn ſich verfin⸗ ſterte.„Aber apropos, wir glaubten eine ganze Geſell⸗ ſchaft von Taͤnzern und Poſſenreißern hier zu finden. Sollte ſie unterwegs ertrunken ſein? Das waͤre gut fuͤr Dich, Miro, Deine Fiſche wuͤrden dann noch ein⸗ mal ſo fett werden.“ „Da kommen ſie!“ verſetzte der Fiſcher. Ein Geraͤuſch von Tambourins, Guitarren und Caſtagnetten erſcholl am Ufer und ohngeachtet des Brauſens der Wogen und des Sturmes wurde es im⸗ mer ſtärker. Paquita hörte es ebenfalls, ihre geſenkte Stirn erhob ſich und neue Kraft und neues Leben kehrte in ſie zuruͤck. „Ja,“ ſagte Monſerrat zu ſich ſelbſt;„ſie lebt wieder auf, weil er ſich ihr naͤhert.“ 183 Bald kam Pedro in Begleitung ſeiner frohlichen Geſellſchaft bei der Fiſcherhuͤtte an. Als er aber die Schmuggler erblickte, wich er entſetzt zuruͤck. „Danket dieſen wuͤrdigen Gefährten des tapferen Gomez, Freund,“ ſagte Dolorida zu ihm,„denn ohne ſie wuͤrden wir dieſes Obdach nie erreicht haben. Meine Schweſter konnte nicht mehr gehen und ich hatte mich in der Schlucht von Calaquer im Walde verirrt.“ Die Taͤnzer draͤngten ſich um Paquita. Im Kamin brannte ein großes Feuer, an dem ſich die Schmuggler waͤrmten. Freunde!“ ſprach Dolorida weiter zu den Zigeu⸗ nern, nachdem ſie einen Blick des Einverſtändniſſes mit Pedro gewechſelt hatte,„Ihr bleibt dieſe Nacht bei dem Fiſcher, ich aber kehre ins Schloß zuruͤck und komme morgen fruͤh wieder zu Euch.“ „Iſt es moͤglich!“ rief Paquita. „Ich muß Euch von den Schmugglern befreien,“ ſagte Dolorida zu ihrem Bruder, indem ſie ihn auf die Seite zog.„Was ſollte aus Euch werden, wenn ich ſie nicht mit mir naͤhme? Und dann will ich auch ihn noch einmal ſehenz ja, ich muß ihn ſprechen.“ „Wen?“ „Gomez.“ „Gomez?“ wiederholte Paquita.„Aber Ihr ſetzet Euch der groͤßten Gefahr aus!“ „Das iſt moͤglich.“ 184 „Er kann ſich raͤchen.“ „Ich auch.“ „Spare Deine Bemuͤhungen, Paquita,“ ſagte Monſerrat.„Weißt Du nicht, daß ſie ihn liebt?“ „Ja, es iſt wahr.“ „Dieſes einzige Wort genuͤgt. Was koͤnnteſt Du in die Wagſchale werfen?“ „Sie opfert ſich fuͤr uns auf, Eſtevan.“ „Ja, indem ſie ſich ihm aufopfert.“ Dolorida wendete ſich jetzt wieder zu den Schmugg⸗ lern und rief ihnen mit einem gebieteriſchen Winke zu: „Nach Torenos! Vorwaͤrts, ich gehe mit Euch!“ Lebhafter Beifall begruͤßte dieſe Worte; die Ban⸗ diten hingen ihre Buͤchſen wieder uͤber ihre Schulter und verließen die Huͤtte. Hilario war ſchon voraus auf dem Wege nach dem Fort. „Seid auf der Hut!“ ſagte Dolorida leiſe zu dem Guitarrero, als ſie bei ihm voruͤberging.„Euer Boot liegt in der kleinen Bucht Pirmas, Torenos faſt gerade gegenuͤber“ Pirmas war die einzige Stelle, wo man landen konnte. WVergeßt nicht, daß die groͤßte Vorſicht noͤthig iſt, und uͤberdies will auch ich uͤber Euch wachen.“ Nach dieſen Worten entfernte ſich die furchtloſe Spanierin. „Jetzt iſt die Reihe an uns,“ ſagte Pedro zu Pa⸗ quita.„Miro iſt uns ergeben und wird uns keine Hinderniſſe in den Weg legen.“ „— 1 185 „Im Gegentheil, erwiederte der Fiſcher,„ich ſelbſt will Euch fuͤhren.“ „Wird ſie ſich auf den Fuͤßen erhalten koͤnnen?“ fragte ſich Don Eſtevan, den Blick auf ſeine Gattin geheftet. Als Paquita ſich wieder auf Pedro's Arm ſtuͤtzte, ſchien ſie ihre Wunde vergeſſen zu haben; ſie ſtand auf und ſie konnte gehen.. „Pedro, ich begleite Euch,“ ſagte ſie zu ihm. „Mit ihm kann ſie gehen!“ fluͤſterte Monſerrat mit einem tiefen Seufzer. Paquita verließ die Huͤtte. X. Das ſüdliche Plateau. Es ſchlug Mitternacht an der Uhr des großen Saales von Torenos, in welchem ſich die Schmuggler zu verſammeln pflegten. Pedro's Taͤnzer und Saͤnger waren zum großen Bedauern der ganzen Geſellſchaft, die ſie vortrefflich unterhalten, ſchon läͤngſt nicht mehr da. Gomez ſtreifte unruhig und beſorgt auf den Gallerien ſeines alten Forts umher, in Erwartung der Stunde, wo er zu ſeiner Gefangenen zuruͤckkehren und ihre Ent⸗ ſcheidung vernehmen ſollte. Plotzlich glaubte er auf einer Plattform uͤber den Ruinen der Kapelle ein dumpfes Geſtöhn zu hoͤren, das aus den Graͤbern zu kommen ſchien. Obgleich der Pirat nicht zum Aberglauben geneigt war, ſo ergriff ihn doch ein unwillkuͤrlicher Schauder. Die Ballade von der ſchwarzen Dame hatte einen lebhaften Eindruck auf ihn gemacht und dieſer hatte ſich noch nicht ganz verwiſcht. —— — c———— ———— ———— 187 Die Klagetoͤne kamen augenſcheinlich aus der Geſpenſterkapelle; er blieb einen Augenblick unbeweglich ſtehen. Aber die Unſchluͤſſigkeit lag nicht in ſeinem Cha⸗ rakter; er verſcheuchte bald ſeine duͤſteren Gedanken, wie thörichte Träume, und indem er raſch von der Plattform hinunter ging, richtete er ſeine Schritte nach der alten Kapelle, in welcher die ſchwarze Dame ſich der Sage nach am liebſten aufhielt. Der Schmuggler war ganz allein. Er trat durch das ehemalige Portal der Kirche mitten unter die Truͤmmer; die Klagen waren ver⸗ ſtummt. Er durchſuchte die Kapelle und begann ſchon an dem Erfolge ſeiner Nachforſchungen zu zweifeln, als er plotzlich aus einem Truͤmmerhaufen neue Klagetoͤne, verbunden mit einigen unartikulirten Worten, kommen hoͤrte. Er ging den Lauten nach und fand, daß ſie aus einer Art Höhle kamen, deren Oeffnung hinter Steinen und Geroͤlle verborgen war. Er buͤckte ſich und ent⸗ fernte die großten Steine, ſo daß die Oeffnung bald frei wurde. Das Stoͤhnen nahm immer mehr zu er er⸗ kannte die Stimme Brigittens. Sogleich befreite er die Alte aus ihrem Gefaͤngniß, aber Angſt und Entſetzen hatten ihre Sinne verwirrt; 188 ihre Reden klangen wie die einer Wahnwitzigen und der Schmuggler konnte ihnen nicht glauben. „Iſt ſie noch da, Sennor Gomez?“ fragte ſie, indem ſie mit emporgeſtraͤubtem Haar ihrem Grabe entſtieg. „Wer, Brigitte?“ „Die ſchwarze Dame!“ „Wie? Du glaubſt, daß ſie Dich in dieſe Hoͤhle geworfen hat?“ „Ob ich es glaube! ich bin deſſen ſogar gewiß. Ich habe ſie geſehen, wie ich Euch ſehe.“ „Beſchreibe ſie mir.“ „Hoͤrt. Sie ſah anfangs aus wie eine Nonne und hatte die Groͤße eines Kindes; dann wurde ſie immer laͤnger wie eine Cypreſſe, es wuchſen ihr große Fluͤgel und ihre Augen leuchteten wie gluͤhende Kohlen. Hier⸗ auf bildete ſich um ſie eine Geſellſchaft ſchwarzer Geſtal⸗ ten und dies Alles geſchah bei Fackelſchein unter heftigen Windſtoͤßen und Donnerſchlaͤgen. Ich fiel zu Boden und hoͤrte nun ein lautes Gelaͤchter, als haͤtte ich es mit natuͤrlichen Menſchen zu thun. Sie warfen mir dann Ströme von Waſſer ins Geſicht, ſchleppten mich in ein Grab und ſprachen das Todtenamt. Endlich verlor ich die Beſinnung und ich bin... ich fuͤhle... Allmaͤch⸗ tiger Gott! verſteht Ihr mich?... Es iſt fuͤrchterlich!“ „Brigitte, Du ſchwatzeſt Unſinn!“ ſagte der Schmuggler unwillig. ————— en—„— 189 „Ach, ſo meinet Ihr alſo?“ verſetzte die Alte beleidigt.„Wohlan, Don Gomez der Bandit, auch an Euch wird bald die Reihe kommen. Glaubt Ihr, die ſchwarze Dame wird ſich vor Eurem rothen Schnurr⸗ bart fuͤrchten? Mit einem einzigen Worte kann ſie Euch, den Goliath der Ruinen, um den Kopf bringen und alle Eure Galgenvoͤgel vernichtet ſie mit einem Hauche, ſo daß keine Spur von ihnen uͤbrig bleibt.“ „Dahinter ſteckt ein Geheimniß,“ ſagte Gomez nachdenkend vor ſich hin, indem er nach dem Thurme zuruͤckkehren wollte, ohne weiter auf Brißittens Geſchwätz zu hoͤren. „Ja, allerdings, und zwar ein unerklärliches Ge⸗ heimniß,“ verſetzte die Duenna,„bei dem Euer Latein zu Ende iſt, wenn Ihr es uberhaupt je gekannt habt. Erſt neulich hatte ich noch einen Traum von uͤbler Vorbe⸗ deutung. Ich ſah auf einer ſilbernen Mauer einen rieſenhaften Cormoran mit Federn wie aufgeſchlagene Raſirmeſſer und Klauen, wie gekruͤmmte Bajonnette. Er wollte einen huͤbſchen kleinen Kanarienvogel verzehren, der auf einem vergoldeten Strohhalme wie auf einer Flöte blies. Aber ſiehe da, der Strohhalm verwandelte ſich ploͤtzlich in eine Natter und auf der Haut dieſes haͤßlichen Thieres...“ „Schweig, alte Hexe!“ unterbrach ſie Gomez;„ich habe genug an Deinem albernen Geſchwaͤtz.“ „Und ich an Euren Launen, Don Gomez. Ich 190 erklaͤre Euch hiermit kurz und beſtimmt, daß ich nicht mehr in dieſer Raͤuberhöhle in Geſellſchaft Eurer naächt⸗ lichen Reiterinnen, Eurer Meerwölfe und Eurer ſchwar⸗ zen Damen bleibe; es ſind jetzt zuviel verſchiedene Arten von Geſpenſtern hier und ich getraue mir nicht mehr, ihnen die Spitze zu bieten“ Der Schmuggler, der von jeher an die boshaften Ausfälle der Alten gewoͤhnt war, legte durchaus kein Gewicht auf ſie; er zuckte geringſchaͤtzend die Achſeln und nach einer kurzen Pauſe fragte er Brigitten: „Wo iſt die Witwe Munnoz? haſt Du ſie wieder fortreiten ſehen?“ „Welche Frage, Don Gomez! Hat Eure Herrlich⸗ lichkeit mir etwa aufgetragen, der naͤchtlichen Reiterin den Steigbuͤgel zu halten? Uebrigens wäre ſie gewiß die Letzte, die ſich am Zuͤgel fuͤhren ließe, eher koͤnnte ich durchgehen, obgleich ich ſchwach und lahm bin!“ „Iſt ſie ſogleich wieder fortgeritten, nachdem ſie mich verlaſſen hatte?“ „Wenigſtens nicht auf ihrer Stute, denn ich habe ſie in meiner Hoͤhle in der Sakriſtei wiehern hoͤren, aus der Ihr, nebenbei geſagt, einen Stall gemacht habt, was Eure Lage in der andren Welt, wenn es irgendwo eine ſolche giebt, nicht verbeſſern wird.“ „Und die Saͤnger und Taͤnzerinnen? ſollten ſie aus meinem Schloſſe vertrieben worden ſein? Ich hatte eine ſchlimme Meinung von ihnen.“ . Vielleicht hatten ſie keine beſſere von Euch.“ „Wo ſind ſie jetzt, Brigitte?“ „Wahrſcheinlich ſetzen ſie ihr Metier als Land⸗ ſtreicher fort, wie Andere das von See- oder Straßen⸗ raͤubern. Uebrigens ſind mir die Erſteren immer noch lieber.“ „Ich habe Dich nicht um Deine Anſicht gefragt.“ „Das iſt mir gleichguͤltig, ich ſpreche ſie aus.“ „Ich moͤchte indeß wiſſen, ob ſie noch hier ſind.“ „Die Gitanos? das weiß ich nicht. Wie hätte ich uͤberhaupt dieſe Nacht Alles beaufſichtigen können, da ich in dieſer Hoͤhle eingeſperrt war? Ich haͤtte Euch an meiner Stelle ſehen moͤgen!“ Waͤhrend dieſes Geſpraͤchs kehrte der Schmuggler mit der Alten nach Paquita's Gefängniß zuruͤck. Gomez öffnete die ſchwere Thuͤr des Thurmes und trat ein; eine Lampe brannte darin, aber er ſah ſeine Gefangene nicht mehr. Er rief... keine Antwort. In der hoͤchſten Ueberraſchung und Beſorgniß durcheilte er mit großen Schritten alle Gemaͤcher. Mon⸗ ſerrat und ſeine Gattin waren verſchwunden. Alle ſeine Nachforſchungen blieben erfolglos; die Gefangenen waren nirgends zu ſehen. „Was meinet Ihr dazu, Sennor Gomez?“ fragte Brigitte mit triumphirender Miene;„hatte ich es Euch nicht geſagt, daß bald auch an Euch die Reihe kommen wuͤrde? Jetzt ſpottet noch uͤber die ſchwarze Dame! Ihr 192 Arm iſt laͤnger als Eure Zunge, denn trotz der Krallen der Katze hat ſie die Maͤuſefalle geoͤffnet.“ Gomez ſuchte noch immer in allen Winkeln des Alle Teufel!“ rief er ploͤtzlich,„die auf die Treppe der Kapelle gehende Thuͤr iſt von außen geoͤffnet! Durch ſie ſind meine Gefangenen entflohen; aber wer hat ſie befreien koͤnnen?“ „Die ſchwarze Dame,“ antwortete Brigitte.„Ich ſagte es Euch ſchon, daß ſie hier war, als ihre Ballade geſungen wurde; ich ſah ſie in dieſem Nebengemache in einem Trauerkleide und mit ihrem Todtengeſicht umher⸗ ſtreifen, aber Ihr haltet mich immer fuͤr eine Naͤrrin und hoͤret nicht auf meine Warnungen.“ „Rufe ſogleich meine Leute, Brigitte!“ unterbrach ſie der Pirat.„Wir muͤſſen Monſerrat verfolgen, wir muͤſſen Paquita einholen. Zu Pferde, meine Tapferen, und fort im Galopp, nach allen Richtungen!“ Mit eiligen Schritten verließ er den Thurm. „Mein, ſie können mir nicht entgehen,“ ſagte er zu ſich ſelbſt;„ich bin feſt uberzeugt, Dolorida iſt es, die ihre Nebenbuhlerin befreit hat. Ich hätte ihrer Kuͤhn⸗ heit und Argliſt nicht trauen ſollen; ſie kennt die Ruinen von Torenos und hat wahrſcheinlich in den geheimen Gaͤngen die Erſcheinung der ſchwarzen Dame veran⸗ ſtaltet. Von den Gitanos unterſtuͤtzt, die ſie ins Ver⸗ trauen gezogen, hat ſie ſich Brigittens entledigt, indem ſie ſie in die Kapelle eingeſperrt hat. Die Treuloſe hat * mich hintergangen und glaubt die Partie gewonnen zu haben; aber ich will mich raͤchen!“ Die Schmuggler wurden nach allen Seiten aus⸗ geſchickt und es war anzunehmen, daß die Entflohenen bald wieder eingefangen wurden, da nach den letzten Befehlen des Anfuͤhrers alle Wege in der Umgegend beſetzt waren. Nachdem ſich Gomez uͤberzeugt hatte, daß Dolo⸗ rida's Pferd noch im Stalle war, durchſuchte er noch⸗ mals ſorgfältig die Ruinen, da es möglich war, daß ſie ſich irgendwo verborgen hielt, um das Ende des Gewit⸗ ters oder ſonſt eine guͤnſtige Gelegenheit zum Entkommen zu erwarten. Der Himmel hatte ſich aufgeheitert und zwiſchen den dunklen Gewitterwolken, welche der Wind vor ſich her jagte, blickten einige Sterne hervor. Der aufgehende Mond ſchien das Gewitter zerſtreut zu haben. Allein das ſchoͤne Wetter kehrte nur auf einen Augenblick wie⸗ der; ſchon thuͤrmten ſich in der Ferne neue Wolken auf und das Meer tobte mit ungeſchwaͤchter Wuth fort. Gomez ließ nicht ab von ſeinen Nachforſchungen, er durchſuchte die verborgenſten Winkel und die geheim⸗ ſten Gänge. Endlich richtete er ſeine Schritte nach einem, nachſt den Ruinen des Forts gelegenen Felſen, genannt das ſudliche Plateau, welcher den ganzen Strand heherrſchte. Von hier aus konnte er die Ruinen in ihrer Die Verlobten des Todes. 13 ganzen Ausdehnung uͤberſehen und wenn ſich die Ent⸗ flohenen nach dem Meere gewendet hatten, ſo mußte er ſie bemerken. „Die Nacht war nicht mehr ſo dunkel, und ſcheu wie ein Verbrecher ſchlich er durch die Gebuͤſche und durch die Truͤmmer des Forts. Er hoͤrte ein Ge⸗ raͤuſch hinter ſich, aber er achtete nicht darauf, denn die nahen Waͤlle von Torenos waren mit Wachen beſetzt und auf ein Wort von ihm eilten ſie zu ſeiner Huͤlfe herbei. Er klomm den Felſen hinauf und ſchon erreichte er das Plateau, als eine Stimme ihm zurief: „Halt!“ Dolorida ſtand in ſchwarzer Kleidung und in dro⸗ hender Haltung ihm gegenuͤber. Sie hatte die Arme uber der Bruſt gekreuzt und ihre Augen ſchoſſen Blitze. „Suchteſt Du mich nicht, Gomez?“ fragte ſie ihn. „Wohlan, was willſt Du von mir?“ „Daß Du mir meine Gefangenen zuruͤckgiebſt, erwiederte der Schmuggler.„Wo ſind ſie?“ „Außer dem Bereiche Deiner Macht.“ „Du haſt ſie befreit?“ „Ja, ich habe ihre Flucht unterſtuͤtzt. Du kennſt alſo das Herz einer Spanierin noch nicht, ſtolzer Pirat? Glaubſt Du, die verſchmaͤhte Geliebte wurde ſich damit begnuͤgen, ſtille Thraͤnen zu weinen und Dich ungeſtraft in den Armen ihrer Nebenbuhlerin laſſen? Nein, die ——„— ——— N— c N— — — e„— Beute entgeht dem Geier und ich wiederhole noch einmal meine Worte von dieſer Nacht: Wehe Dir, Gomez, wehe Dir!“ „Willſt Du mir etwa eine neue Vorſtellung der ſchwarzen Dame geben?“ verſetzte Gomez in rauhem Tone;„zwei ſind zuviel in einer Nacht. Spare Deine laͤcherlichen Drohungen! ich trete ſie und Dich mit Fuͤßen; Du haſt nie eine Gewalt uͤber mich ausgeuͤbt.“ „Ich weiß es, entgegnete Dolorida, indem ſie den heftigen Schlaͤgen ihres Herzens Schweigen gebot,„aber Du haͤtteſt die Liebe zuruͤckweiſen koͤnnen, ohne Beleidi⸗ gungen damit zu verbinden. Uebrigens war ich nach Deiner letzten Frevelthat an meinem Bruder nicht nach Torenos gekommen, um mich Dir als Sklavin zu Fuͤßen zu werfen, ſondern um Dir eine Gefangene zu entreißen. Dein hochmuͤthiger Stolz hat ſich geirrt und ich mußte ihn beugen. Als ich bei Dir im Thurme war, be⸗ rauſchteſt Du Dich und ich behielt meinen Vetſtand, Du beleidigteſt mich und ich habe Dich uͤberliſtet.“ „Und jetzt willſt Du Deinen Triumphe genießen?“ ſagte der Schmuggler in weniger hartem Tone;„Du willſt nun mich beleidigen?“ „Ich Dich beleidigen?“ verſetzte Dolorida, deren Groll ſchon durch den ſanfteren Ausdruck der Geſichts⸗ zuͤge des Piraten gemildert wurde.„Nein, Gomez! Ach, ich weiß es wohl, daß Erklaͤrungen in der Liebe Dem, welcher ſie ſucht, noch einen Grad der Erniedri⸗ 13* 196 gung koſten; aber gleichviel, ich bedarf dieſer Erklaͤrung und es ſoll die letzte ſein. Geſtehe es offen, Gomez, hatte nicht der Wein Deine Sinne verwirrt, als Du in Gegenwart Deiner Gefangenen. „Wozu dieſes ſonderbare Verhoͤr?“ unterbrach ſie der Schmuggler, indem er ſeinen anmaßenden Ton wieder annahm.„Genug, ſchoͤne nächtliche Reiterin! ich geſtatte ſolche Herzensergießungen nur den Perſonen, die ich liebe, ich habe mich wegen meines Verhaͤltniſſes mit Dir nicht zu rechtfertigen. Die Unſchicklichkeit und Lächerlichkeit waren nicht auf meiner Seite; ich habe daruber gelacht, Du haſt geweint, alſo ſind wir quitt und wollen kein Wort mehr daruͤber verlieren.“ „Iſt dies Dein letztes Wort?“ „Nein, noch eines habe ich Dir zu ſagen: Geh!“ „Wohlan!“ verſetzte Dolorida, ſich ſtolz emporrich⸗ tend,„ich bin noch nicht mit Dir zu Ende!“ „Hute Dich, meine Geduld zu ermuͤden!“ entgeg⸗ nete der gereizte Schmuggler.„Du glaubſt meine Gefangenen befreit zu haben, aber ſie fallen ſicher wieder in meine Hände. Wenn ich Dich noch nicht feſtgehal⸗ ten und Deine Drohungen bis jetzt verachtet habe, ſo iſt es geſchehen, weil ich mich der Unfehlbarkeit meiner Mittel und meiner Kraft bewußt bin. Ich will es Dir ſogleich beweiſen.“ Gomez ſtand auf dem ſuͤdlichen Plateau. Welch ein Augenblick fur Dolorida! Beim Scheine des Mon⸗ 197 des ſah Gomez die Zigeuner Pedro's der Bucht von Pirmas zuſchreiten, wo ein Boot am Ufer lag... Was thun ſie dort? wohin gehen ſie? Das ſcharfe Auge des Corſaren hatte ſchon Paquita entdeckt, er erkannte ſie an ihrem Anzuge, an ihrer Geſtalt, an ihrem Gange. Don Eſtevan war bei ihr, es konnte alſo kein Zweifel mehr obwalten. Sie kamen aus Miro's Huͤtte und Paquita glaubte ſich gerettet. „Da ſind ſie!“ rief Gomez. Dann wendete er ſich nach dem nahen Walle um und wollte ſeine Leute rufen. Es war um die beiden Fliehenden geſchehen. Doch nein, Dolorida iſt noch hier. Sie erhebt ihren Arm und ruft mit Donnerſtimme: „Still, Raͤuber! keinen Laut!“ „Zuruͤck, zuruͤck, Weib!“ bruͤllte Gomez in der hoͤchſten Wuth;„ich haſſe Dich!“ „Recht ſo, Schurke! Der Becher voll er laͤuft uͤber. „Holla! Wachen! hierher!“ „Schweig!“ Sie ergriff die Hand des Piraten und ſprach weiter: „Hoͤre mich an, Gomez. Ich haſſe Dich jetzt ebenfalls und mein Haß ſchreit um Rache! Aber ich habe Dich zu ſehr geliebt, Gomez!... Sieh, ich bin bereit, Dir noch einmal zu verzeihen und mich Dir zu — 198 Fuͤßen zu werfen, wenn Du Deine beiden Gefangenen entfliehen laßt! Bedenke, daß Eſtevan mein Bruder iſt! um des Himmelswillen, habe Mitleid mit uns Allen!“ „Hebe Dich weg von hier und laß mich allein!“ rief der Schmuggler wuͤthend;„ich muß das Weib ha⸗ ben, die ich liebe, und dieſes Weib iſt Paquita. Wachen! Wachen! hierher!“ „Du kennſt mich alſo noch nicht, Bandit?“ fragte Dolorida in ruhigem und kaltem Tone. „Eben weil ich Dich kenne, haſſe ich Dich jetzt,“ erwiederte Gomez hoͤhniſch.„Wachen! Wachen!“ „Schweig, oder ich ermorde Dich!“ „Du?“ rief der Corſar, indem er anfangs entſetzt zuruͤckwich. Dann aber ergriff er ſie mit gewaltiger Fauſt und ſagte zu ihr: „Ich will mich zugleich Deiner albernen Liebe und Deines unſinnigen Widerſtandes entledigen. Am Fuße dieſes Felſens erwartet Dich der Tod!“ Und er wollte ſie von dem Plateau hinunter in die Tiefe ſturzen. Aber in dieſem Augenblicke entſchlupfte ihm ein Schrei des Entſetzens. Er hatte einen Dolchſtich be⸗ kommen und das Blut quoll in Strömen aus ſeinem Munde. Dolorida hatte ſich gerächt. Nach einigen Minuten war der Seeraͤuber von 199 ſeinen Leuten umgeben. Sie hatten ſeinen Ruf gehoͤrt und fuͤnf oder ſechs von ihnen waren herbeigeeilt. Aber Gomez war nicht mehr im Stande, ein Wort zu ſprechen. Vom Blute erſtickt, wand er ſich in den letzten Zuckungen des Todeskampfes. Wo war die furchtbare Spanierin?. Menſch war auf dem Plateau zu ſehen. „Wer hat ihn ermordet?“ fragten die Banditen einander mit beſtuͤrzter Miene. Die Moͤrderin war verſchwunden. Kein Waͤhrend dieſer Zeit erreichten Eſtevan und Paquita die kleine Bucht von Pirmas. Pedro blickte fortwaͤhrend nach dem Fort. „Seht!“ rief er plotzlich,„erkennt Ihr nicht dort auf dem Gipfel des Felſens den Seeraͤuber?“ „Ja, auf dem ſuͤdlichen Plateau,“ erwiederte einer von den Zigeunern.„Wir muͤſſen auf unſrer Hut ſein, denn er hat uns von dort ſehen konnen!“ „Ich ſehe eine weibliche Geſtalt neben ihm,“ be⸗ merkte Paquita. „Es iſt Dolorida!“ rief Monſerrat. „Großer Gott! irre ich mich nicht?“ verſetzte der Guitarrero;„es iſt mir, als ſaͤhe ich einen fuͤrchterlichen Kampf. der Corſar ſchwankt.. er faͤllt„ „Und die Frau?“ 200 „Iſt nirgends mehr zu erblicken.“ „Es iſt dort oben ein Mord begangen worden, ſagte der Fiſchet„Der Pirat bewegt ſich nicht mehr.“ „In der That, er ſcheint todt zu ſein“ „Ah! ſeine Leute kommen herbei und heben ihn auf.“ „Er hat einen Dolchſtich bekommen.“ Es iſt um ihn geſchehen,“ verſetzte Miro.„Dieſer Mord hat uns gerettet.“ In dieſem Augenblick ſprang der Sergeant Mata⸗ rin, Pedro's vertrauter Frennd, aus dem Boote, das die Fliehenden erwartete, und eilte mit den Worten auf Paquita zu: „Das Meer iſt ſtuͤrmiſch, aber wir haben einen guten Steuermann, ſtarke Arme, einen unerſchrockenen Muth und vortreffliche Ruder. So muͤſſen wir gluͤcklich in den Hafen gelangen und Tarragona iſt nicht weit.“ „Wir wollen eilen,“ erwiederte Pedro,„denn ich ſehe dort Schmuggler herangeſprengt kommen, die zu unſerer Verfolgung abgeſchickt ſind.“ „Ja, ſie ſuchen uns gewiß,“ verſetzte Monſerrat, „ich ſehe noch andere in allen Richtungen.“ „So wollen wir ſchleunigſt in See ſtechen!“ ſagte Matarin lebhaft.„Wenn wir in Schußweite bleiben, ſenden uns die Banditen Kugeln nach.“ Raſch! raſch! die Zeit drängt!“ ſetzte Pedrö hinzu. „Ha! Ihr elenden Schurken!“ brummte der Ser⸗ geant zwiſchen den Zähnen.„Bomben und Granaten! 201 wie ſchade, daß wir nicht auf ſie einhauen können! Aber Geduld, ich werde meinen Rapport abſtatten und wir kehren zu den Ruinen zuruͤck. Dann will ich ſie tanzen laſſen, daß es eine Freude ſein ſoll!“ Paquita, Eſtevan und Pedro ſtiegen eiligſt ins Boot und die Zigeuner zerſtreuten ſich ſingend nach allen Richtungen. Pedro griff zu ſeiner Guitarre und das Fiſcherboot entfernte ſich unter den kraͤftigen Ruderſchlaͤgen raſch vom Ufer. Matarin unterſtuͤtzte den Steuermann mit unermuͤdlichem Eifer. Die Schmuggler, welche mit verhaͤngtem Zuͤgel herangeſprengt kamen, mußten ihre Beute aufgeben. Sie ſchoſſen zwar ihre Buͤchſen ab, aber das Boot war ſchon aus der Schußweite und brauchte ihre Kugeln nicht mehr zu fuͤrchten. Ueber ſein geliebtes Inſtrument gebeugt, ſang Pedro mitten im Toben des Sturmes und der Wogen: „Wohl Dem, der den Schlaͤgen des Schickſals Auf Erden trotzte, und nicht vom Blitze getroffen Den Hafen erreichte! Geliebte Zither, beſinge immer, Wenn die Stuͤrme ſchweigen, Mein Schifflein, das dem Schiffbruch entgangen, Meinen Muth, meine Kraft, meine Hoffnungen und meine Liebe.“ Das Meer tobte fort und fort, der Sturmwurdeimmer heftiger und das Boot war noch weit vom Hafen entfernt! —2— XI. Das zerriſſene Seil. Der Sergeant Matarin lauſchte mit Entzuͤcken den Accorden des cataloniſchen Minneſaͤngers. „Bravo!“ rief er, die Ruder nach dem Takte der Guitarre bewegend;„Deine Lieder ſind bezaubernd, Pe⸗ dro! Weißt Du noch, wie ſie Dich fruͤher vor den Graͤueln des Krieges ſchuͤtzten? Heute werden ſie die Wuth der Elemente beſünftigen Wiederhole noch ein⸗ mal den Refrain.“ Der Guitarrero ſang wieder: „Geliebte Zither, beſinge immer Wenn die Stuͤrme ſchweigen, Mein Schifflein, daß dem Schiffbruch entgangen, Meinen Muth, meine Kraft, meine Hoffnungen Und meine Liebe.“ WMit welcher Begeiſterung, mit welcher Wonne hoͤrte Paquita dem Geſange Pedro's zu!... Den Athem an ſich haltend, um keinen Ton ſeiner Stimme 203 zu verlieren, ſaß ſie neben ihm und vergaß die ganze Welt, den Piraten wie den Sturm, den Schmerz wie die Gefahren, ja ſelbſt ihren Gatten! Die heftigen Erſchuͤtterungen dieſer Nacht hatten ihren Koͤrper und ihren Geiſt angegriffen und jetzt ruhete ſie gleichſam auf dem Gefuͤhle aus, daß alle ihre Ge⸗ danken in Anſpruch nahm: das Gluͤck, ihren Befreier wiedergefunden zu haben. Die Saiten von Pedro's Leier zitterten nicht ſo ſtark, als Paquita's Herz, und auch er theilte die Aufregung der Geliebten und gab ſich ruckhaltslos ſeinen poetiſchen Empfindungen hin. Seine ganze Seele lag in ſeiner Stimme. Der Geſang unter dem Schleier der Nacht, dem Geraͤuſche der Wellen und Ruder, dem blaſſen Scheine des Mondes, dem Brauſen des Windes und dem Schwanken des Bootes ſchien nur das Echo der geheimen Harmonien ihres Herzens zu ſein und den Ausdruck derſelben zu erleichtern; es war, ſo zu ſagen, der Rahmen ihrer Liebe. Ein klagendes Seufzen riß Paquita ploͤtzlich aus dem Wonnerauſche, in den ihre Sinne und ihre Ge⸗ danken verſunken waren. Sie eilte auf Eſtevan zu, der im Vordertheile des Bootes ſaß und den Blick mit einem ſchmerzlichen Ausdrucke auf ſie und den Guitarrero richtete. Die guten Kinder!“ ſagte er zu ſich ſelbſt;„wie ſchoͤn, wie ſo ganz fur einander geſchaffen ſie ſind und und wie ſie ſich lieben!... Welche Wonne und Selig⸗ 204 keit wurden ſie genießen koͤnnen, wenn ich nicht zwiſchen ihnen ſtände!. Mein Gott! welche Qualen ſie auch erdulden moͤgen, ſo iſt doch weder er noch ſie von uns Dreien am meiſten zu beklagen, ſondern Der, welcher nicht geliebt wird!“ Paquita ſetzte ſich neben ihren Gatten; ſie errieth, daß er des Troſtes, der Erleichterung, des Beiſtandes und der Ermuthigung bedurfte. Ihr natuͤrliches und unbefangenes Geſicht nahm einen zaͤrtlichen, liebevollen Ausdruck an; ſie umſchlang ihn mit ihren Armen und indem ſie den Kopf auf ſeine Schultern legte, weinte ſie heiße Thraͤnen. „Du leideſt, ich ſehe es,“ ſagte ſie zu ihm. „Du auch, Paquita,“ entgegnete Eſtevan. „Du druͤckſt mich nicht an Dein Herz?“ verſetzte ſie traurig;„und doch iſt da mein wirklicher Kummer.“ „Ja, Paquita, fuͤr den Augenblick.“ „Wie meinſt Du das? ſind wir nicht außer Gefahr?“ „Sieh dort!“ erwiederte Monſerrat, indem er auf eine ſchwarze Wolke zeigte, die am Horizont emporſtieg; „der Sturm wird ſobald nicht aufhoͤren, aber dieſer iſt nicht der furchtbarſte.“— Es iſt mit den Stuͤrmen der Natur wie mit denen des Lebens und wie mit den Irrthuͤmern des Herzens: ſie kommen ſelten allein. Ein Gewitter zieht ein andres nach ſich, ein Blitz ruft den andern herbei. Wie Eſtevan ſeiner Gattin geſagt hatte, war ein neues Unwetter im Anzuge. Schon verſchleierten dicke Wolken die ſilberne Scheibe des Mondes, die Sterne verſchwanden und die ſchaͤumenden Wogen der See thuͤrmten ſich hier zu Bergen empor, waͤhrend ſie dort tiefe Abgruͤnde bildeten. Weiße Moͤven flatterten hin und wieder gleich Ungluͤcksboten umher, die Wolken hatten noch keinen Blitz und keinen Donner, nur ein dumpfes Brauſen verkuͤndete die Gefahr. Wehe den Schiffen, die ſich auf offener See befanden! Der Sergeant Matarin kaͤmpfte im Verein mit dem Steuermanne Valdez kraͤftig gegen die Gefahr; aber was vermochten die Ruder gegen die Gewalt der empoͤr⸗ ten Elemente! Jeden Augenblick ſchlugen ungeheure Waſſermaſſen an die Seiten des Bootes und verbreiteten Angſt und Entſetzen unter den darin Sitzenden. Valdez hatte den Leuchtthurm von Tarragona, welcher die Ein⸗ fahrt in den Hafen bezeichnete, lange im Auge behalten; aber ach! der leuchtende Punkt verſchwand bald ebenfalls hinter den Regenſtrͤmen und Stoßwinden, welche die Luft erfuͤllten. Die Hoffnung erloſch mit der Flamme dieſes Leuchtthurmes. Paquita war auf die Knie geſunken und echob ihre zitternden Haͤnde zum Himmel; da ſchlug eine Welle uͤber das Boot und drohte ſie in den Abgrund hinunter zu reißen... Aber Pedro ſtuͤrzte auf ſie zu und ver⸗ theidigte ſie gegen Sturm und Wogen. Er hielt ſie 206 feſt mit ſeinen Armen umſchlungen, ſo daß es nicht mehr moglich ſchien, ſie zu trennen; ſie mußten entwe⸗ der Beide gerettet werden oder Beide ihr Grab in den Wellen finden. Paquita ſchloß die Augen, indem ſie leiſe einige Worte des Gebets oder des Schmerzes, der Angſt oder der Liebe fluͤſterte, und ſie fuͤhlte nichts mehr als den Geliebten, der ſie an ſeine Bruſt druͤckte und gleichſam ihr Herz, ihre Perſon und ihr Leben in ſeinen Haͤnden hielt. Es ſchien ihr mitten in dem Aufruhr der Ele⸗ mente und ihres Innern, daß der Tod keine Gewalt mehr uͤber ſie habe, da die Liebe ſie in ihren Schutz genommen; ſie erinnerte ſich der Grabgewoͤlbe von Tarra⸗ gona, der Poſada, der Raͤuber und der Ruinen von Torenos; das Entſetzen war alſo immer die Sphaͤre, in der ſich ihre grenzenloſe Hingebung entwickeln ſollte. In dieſer Sphaͤre wurde ſie endlich gegen alle Leiden abgeſtumpft. „Pedro!“ ſagte ſie halblaut,„erwaͤrme meine Hand in der Deinigen.“ „Ja, Paquita,“ erwiederte der Guitarrero,„denn mein Ring iſt noch daran und er wird mich ebenfalls erwaͤrmen.“ „Auch hier ſind wir wie fruher die Verlobten des Todes!“ „Weniger als in dem unterirdiſchen Mauſoleum.“ „Warum?“ 207 „Weil Du zwei Ringe an der Hand traͤgſt.“ „Nun?“ „Einer davon kommt mir zu.“ Indem Pedro dieſe Worte ſprach, zog er Paquita ſanft den Ring vom Finger, den er ihr in Monſerrats Hauſe zuruͤckgegeben hatte. Sie wollte ſich ſtraͤuben, aber es war zu ſpaͤt, Pedro hielt ihn ſchon in der Hand. Don Eſtevan hatte ſich unbemerkt ſeiner Gattin genaͤhert und die ganze Scene mit angeſehen. Welches⸗ Bild, welcher Schlag fuͤr ihn! Die beiden Liebenden, welche im Stillen jeden Augenblick erwarteten, zuſam⸗ men in eine andere Welt zu gehen, ſchienen ſich vor den 1 Pforten der Ewigkeit gleichſam noch einmal zu verloben. Monſerrat fuͤhlte bittere und heiße Thränen uͤber ſeine kalten Wangen rieſeln und ſein Verſtand drohte zu entfliehen. „Genug! genug!“ murmelte er.„O Paquita, es iſt zuviel!... Die Wellen brauſ'ten, der Sturm heulte mit ver⸗ ſtaͤrkter Wuth, ſo daß es unmoͤglich geweſen waͤre, eine Stimme oder irgend ein andres Geraͤuſch zu vernehmen. Eiine neue Welle war uͤber das Boot gegangen. Hatte ſie ein Opfer mit fortgeriſſen? Ein fuͤrchterlicher Schrei, ein Schrei, in dem ſich die ganze Verzweiflung und Angſt ausſprach, die der Menſch in ſeine Stimme zu legen vermag, entfuhr Paquita's Lippen.... 208 „Eſtevan!.. Mein Gatte!... Wo iſt er?...« Sie entriß ſich den Armen Pedro's und eilte mit ſtarrem Blicke und wahnſinnigen Geberden von einem Ende des Bootes zum andern. Matarin, Valdez und Pedro wiederholten den fuͤrchterlichen Ruf: „Eſtevan!... Eſtevan!...“ Paquita hoͤrt nicht mehr den Sturm und ſieht nicht mehr die Abgruͤnde der Wogen; ſie hat nur ein ſ Gefuͤhl, nur einen Gedanken, nur einen Schrei: „Eſtevan! Eſtevan!“ a Hatte er ſich ſelbſt ins Meer geſtuͤrzt, um ſeinen d Qualen ein Ziel zu ſetzen? Aber wuͤrde dieſes edle, 9 ſchoͤne Herz nicht vor einem Selbſtmorde zuruͤckgeſchreckt„ ſein?. In Folge des Ubermaßes ſeiner Leiden konnte ihn unvermuthet ein Blutſturz getroffen haben und eine der Stoßwellen, die das Boot ſchon mehrere Male umzu⸗ werfen gedroht, hatte ihn uͤber Bord geſpuͤlt. Oder hatte ſich ſein Verſtand verwirrt und war dies die Veranlaſſung zu ſeinem Tode geworden?... d Wer konnte dieſe Fragen beantworten? Paquita rang die Haͤnde und raufte ſich das Haar, waͤhrend ſie unaufhoͤrlich die Luft mit ihrem Angſtge⸗ t ſchrei erfuͤllte. e „Pedro!“ rief ſie, indem ſie ſich anſtrengte, das 1 Brauſen des Sturmes zu durchdringen,„wenn Du mich jemals liebteſt, ſo rette Eſtevan!“ 209 „Dies iſt unmoͤglich,“ erwiederte Matgrin. „Unmoͤglich?“ wiederholte ſie in der hoͤchſten Ver⸗ zweiflung.„Wer ſagt dies? Schweiget! nichts iſt Pedro unmoͤglich. Hörſt Du, Pedro? Rette ihn?“ Valdez. „Wollt Ihr wirklich ſeinen Tod, Sennora?“ fragte „Hoͤre nicht auf ſie, Pedro?“ rief die ungluͤckliche Paquita von Neuem;„Du mußt ſeine Rettung ver⸗ ſuchen und ſollteſt Du dabei umkommen. Wenn Du uͤbrigens umkommſt, ſo ſterbe ich ebenfalls; der Tod iſt alſo keine Trennung fuͤr uns. Weißt Du, was Eſtevan das Leben gekoſtet hat? Der Sturm und die Wellen, glaubſt Du? Nein, ſondern ich und Du. Ach, Pedro, es iſt nicht allein die Stimme der Liehe, die zu Dir fleht, ſondern auch die Stimme des Gewiſſens, Geh, mein Pedro, geh! der Himmel wird Dir beiſtehen!“ Konnte der junge Mann gegen ſolche Bitten taub bleiben? Nein, ſein Entſchluß war gefaßt. Er warf ſeine⸗ Oberkleider ab und Matarin ſchlang ihm ein Seil um den Leib, deſſen eines Ende Valdez hielt. So ſtuͤrzte er ſich ins Meer. „Dort! dort!“ rief ihm Paquita zu, die am Rande des Bootes auf den Knien lag.„Ich ſehe ihn, Pedre er ſchwimmtl.. Großer Gott! er verſinkt! Muth, mein Pedro! Muthl“ ——————— Der Sturm uͤbertaͤubte ihre Stimme. Einen Die Verlobten des Todes. 14 21⁰ Augenblick noch hatte ſich Monſerrat uͤber dem Waſſer gehalten, aber endlich war er von den Wellen verſchlun⸗ gen worden. „Hier!“ rief Paquita wieder.„Dort muß er ſein! Großer Gott! zeige ihm meinen Gatten! ſende ihm einen Lichtſtrahl!“ Ihr Athem ſtockte und ſie hielt erſchöpft inne. Aber bald ertönte von neuem ihr Angſtgeſchrei. „Pedro!... Wo iſt Pedro jetzt?.. Matarin! das Seil! das Seil!...« Die Wellen hatten den Schwimmer trotz ſeines Muthes und ſeiner Geſchicklichkeit eine große Strecke hinweggefuhrt. Die Dunkelheit war ſo dicht, daß man ihn nicht mehr ſehen konnte und man hoͤrte nur in der Ferne das dumpfe Plaͤtſchern eines menſchlichen Koͤrpers, der gegen die Wogen ankaͤmpfte und zu unter⸗ liegen im Begriff war. „Ziehet raſch das Seil an!“ rief Matarin,„oder er iſt verloren!“ Aber die Wellen, welche den ungluͤcklichen Pedro mit fortgeriſſen, erwieſen ſich ſtaͤrker als das Tau. Valdez und Matarin uͤberließen das Boot einen Augenblick ſich ſelbſt und zogen Beide mit aller Kraft an dem Seile. ſo daß es zerriß.. „Großer Gott!“ rief der muthige Sergeant,„as Seil iſt zerriſſen!.. er iſt verloren!“ Verloren!“ wiederholte Paquita.„Gott der 211 Rache! vernichte die Schuldige!... Ich habe ſie Beide gemordet! Und in der wahnſinnigſten Verzweiflung ſtuͤrzte ſie ſich in die tobende See, denn ſie hatte nun keinen Gatten und keinen Geliebten mehr. Matarin erfaßte ſie am leide, um ſie wieder ins Boot zu ziehen.. Hieß das ſie retten? XII. Folgen des Schiffbruchs. Das Wetter war heiter, die Luft war mit Wohl⸗ geruͤchen geſchwaͤngert und die Strahlen der herrlichen Sonne Spaniens brachen ſich in dem blauen Spiegel des ruhigen Meeres. Die ganze Natur war ſtill und heiter. In der ſchoͤnen umgebung von Reus hoͤrte man nur den Geſang der Hirten oder das Zwitſchern der Vögel. Kein Blitz und Donner erſcholl mehr in der Naͤhe von Tarragona, das Gewitter war voruͤber. Aber ſeine Spuren waren leider noch ſichtbar. Was iſt dies fuͤr ein freundlicher Pachthof, umge⸗ ben von Gaͤrten und Weinpflanzungen?.. Wie ſchoͤn und anmuthig iſt ſeine Lage! Dort herrſchen gewiß Friede und Heiterkeit, Gluͤck und Wohlſtand. So haͤtte jeder Voruͤbergehende urtheilen muͤſſen, wenn er ſich nicht in der Naͤhe erkundigte. Doch nein, an dieſem Orte wohnte kein Frieden und kein Gluͤck, ſondern im Gegentheil nur Kummer und Leiden. Dies iſt die faſt 213 allgemeine Beſtimmnng der Menſchen und der Woh⸗ nungen, und Ort oder Zeit bringen keine Veraͤnderung des Schmerzes hervor. Das Echo der Leiden iſt von Jahrhundert zu Jahrhundert das nämliche geblieben. Und warum ſollten wir uns nicht muthig darein ergeben? wiſſen wir nicht, welches Loos uns und Anderen bevorſteht? Nachdem wir einen Augenblick in der Atmoſphaͤre des Lebens gewiegt worden, ſcherzen wir auf Ruinen. Dann kehren wir zum Staube unſerer Ahnen zuruͤck, den wir ſorglos mit Fuͤßen traten, um ſelbſt von unſeren Nachkommen mit Fuͤßen getreten zu werden, die das näm⸗ liche Schickſal von Seiten ihrer Erben zu erwarten haben. Und dies Alles mit der nothwendigen Begleitung von Kummer, Beſchwerden und Thraͤnen, bis zu dem großen Tage, an welchem Gott unſren ſchwachen Erdball um⸗ ſturzen und ſeine Truͤmmer umherſtreuen wird. Eitle Traͤume in der Jugend, muͤhſelige Arbeit in den reiferen Jahren, ſchmerzliche Enttaͤuſchungen im Greiſenalter und Stuͤrme zu allen Zeiten: dies iſt die Lebensbahn des Menſchen. Der freundliche Pachthof war Marſennas. In dem dazu gehoͤrenden Garten ſah man eine Laube, in welcher ehedem die Vorganger Don Eſtevans gern hre Mahlzeiten einnahmen. In dieſem Augen⸗ blicke ſaßen hier mehrere Soldaten, die keineswegs zur Traurigkeit geneigt ſchienen, an einem Tiſche und tranken vortrefflichen Kereswein. An ihrer Spitze zeichnete ſich der tapfere Sergeant Matarin aus, der von ſeinen Vorgeſetzten beauftragt war, uͤber die Sicherheit von Marſennas und ſeiner Bewohner zu wachen. Der ungluͤckliche Freund Pedro Walls hatte ſeit Kurzem dieſes Quartier bezogen. Die Unterhaltung war in lebhaftem Gange. „Soviel iſt gewiß, Kameraden,“ ſagte Matarin zu ſeinen Leuten,„ohne mich ware es um die ungluͤckliche Frau geſchehen geweſen.“ „Sie ſturzte ſich ins Waſſer, nicht wahr?“ „Ja, aber ich war ſogleich bei der Hand, und zum Gluͤck war ich nicht einarmig, wie ihr unglucklicher Gatte, der nur einen Arm zum Schwimmen hatte.“ „Eine ſchlimme Geſchichte!“ „Und welch ein Regenguß dazu! Der liebe Gott hatte in jener Nacht alle ſeine Schleußen geoͤffnet, es war ein furchtbares Wetter! Und ich mußte vor meinen Augen, vier Schritte von unſter verwuͤnſchten Nußſchaale, zwei brave Maͤnner umkommen ſehen, ohne daß ich etwas zu ihrer Rettung thun konnte! Dieſes verdammte Seil! ich haͤtte Den, der es geſponnnen, daran aufhän⸗ gen moͤgen! Und kein Handwerkszeug, keine Inſtrumente! Doch halt, eines hatten wir, gleichſam wie zum Hohne: eine Guitarre.“ 215 „Iſt der Leichnam des Gatten nicht aufgefunden worden, Matarin?“ „Allerdings, in der Naͤhe von Salo, wo ſich auch ein Teſtament in guter Ordnung vorfand, das er zum Gluck nicht bei ſich getragen hatte, ſonſt haͤtte es auch muͤſſen Waſſer ſchlucken. Der wuͤrdige Mann hat ſeiner Frau das ganze Vermoͤgen hinterlaſſen. Dies war recht und brav gehandelt. Schade, daß ich nicht auch ein Weibchen habe, die Alles ihrem Witwer ver⸗ macht hat. Zu ſolchen Dingen ſollte die Regierung aufmuntern. Nicht ſo, Kameraden?“ „Ja wohl.“ „Der Verſtorbene war ſehr reich, und ihr haͤttet daher ſein Leichenbegaͤngniß ſehen ſollen! Ich bin dabei geweſen. Auf der einen Seite wurden Thraͤnen ver⸗ goſſen, daß es Einem das Herz brechen mußte, und auf der andren laͤuteten die Glocken, daß mir der Kopf ſummte.“ „Und der andre Ertrunkene?“ „Pedro Walls meinet Ihr? Ach, Freunde, ich darf gar nicht an ihn denken! Ich liebte ihn zu ſehr und er mich ebenfalls; außerdem war ſeine ganze Lebensgeſchichte hoͤchſt intereſſant und merkwuͤrdig. Denkt Euch, er hatte ſich mit der Frau des Andren auf einem Grabe verlobt! So etwas kommt gewiß nicht haͤufig vor, aber ihm war es gewiſſermaßen erlaubt, denn er wurde mehr geliebt als der Gatte und er befand ſich 216 in einem ganz beſonderen Falle, da ſich Beide dem Tode geweiht glaubten und ſich alſo wohl zuſammen verbinden konnten. Ihr werdet dies ſehr gut einſehen. Ich habe ihnen dann unter einer ſchwarzen Fahne und in einer Kirche bei den Tönen der Guitatre feierlich den Namen: die Verlobten des Todes gegeben. Es war etwas und ihr Feind, der Seeraͤuber?“ „Ja! dieſe Schufte von Schmugglern!.. Am Abend des bewußten Leichenbegaͤngniſſes gingen wir, um den Dunſt des Weines aus unſeren Koͤpfen zu ver⸗ ſcheuchen, nach den Ruinen von Torenos, um die Ban⸗ ditenjagd zu eröffnen. Wie freute ich mich darauf, ſie nach meiner Pulverkkarinette tanzen zu laſſen! Das haͤtte einen luſtigen Bolero gegeben! Aber es war nichts; das Gefindel hatte wahrſcheinlich gefurchtet, zu ſchnell an unſren Feuern zu braten, denn wir fanden Niemanden als eine alte Hexe, die uns mit der ernſt⸗ hafteſten Miene erzählte, die ſchwarze Dame häͤtte den großen Gomez auf einer Felſenſpitze ermotdet. Ein allerliebſter Tod fur einen ſtarken und verwegenen Räu⸗ berhauptmann! Die ſchwarze Dame war ohne Zweifel weiter nichts als eine hitzkoͤpfige, kleine Brunette. Aber, aufrichtig geſagt, man muß ein verdammter Mai⸗ käfer ſein, um ſich mit einer Wespe zu ſchlagen und ſeine Haut auf dem Platze zu laſſen!“ 6 Während Matarin ſo erzählte, ſchlurfte er in längen 217 Zuͤgen den feurigen Keres und ſeine Kameraden ſtanden ihm nicht nach. Gleichviel!“ fuhr der Sergeant mit Stimme fort,„ich kann trinken ſo viel ich will, ich bleibe doch traurig, wie eine leere Flaſche. So wahr ich Matarin heiße, ich kann mich uͤber den Tod meines Guitarrero nicht troͤſten. Die liebliche Gurgel dieſer Nachtigall war nicht dazu geſchaffen, um Salzwaſſer zu ſchlucken. Der arme Pedro! Jedermann liebte ihn, ſogar das Meer und der Sturin und wahrſcheinlich auch die Fiſche, da ſie ihn uns nicht wiedergegeben haben. Allerdings muß man ſagen, daß Himmel, Erde und Waſſer es ſich viele Muͤhe haben koſten laſſen, um den Saͤnger wegzufiſchen. Welch eine Muſik! Hätte doch der arme Pedro Walls nichts Andres, als wir, zu ſchlucken gebraucht!“ Bei dieſen Worten trocknete Matarin mit dem Aermel ein Paar große Thraͤnen, die uͤber ſeine, von den Beſchwerden des Krieges abgemagerten Wangen in den dicken Schnurrbart rollten. Dies ſollten nicht ſeine letzten ſein, denn wenige Jahre ſpaͤter ging er mit nach der Inſel Elba. Das Mahl war zu Ende und die Waffenbruͤder des Sergeanten entfernten ſich einzeln, um ihre Geſchaͤfte zu verrichten. Matarin blieb allein in der Laube zuruͤck und dachte fortwaͤhrend an Medro Walls. Der tapfere Soldat war nach Paquita's Rettung 218 dem Tode nur durch ein Wunder entronnen. Sein Boot war plotzich in eine reißende Stroͤmung gekommen und von dieſer in den Hafen von Tarragona getrieben worden. Eine Stunde nach dem entſetzlichen Tode Eſtevans und Pedro's war Paquita außer aller Gefahr am Ufer. Sie wurde dann nach der Meierei Marſennas ge⸗ bracht, welche ſie nach dem von ihrem Gatten hinter⸗ laſſenen Teſtament erbte. Madame Beauvalais, die Namliche, die ſie nach der Pluͤnderung von Tarragona in ihrem Hauſe aufgenommen, hatte ſich erboten, ſie zu begleiten und ſie ließ ihr an dieſem friedlichen Aufent⸗ haltsorte die ſorgſamſte Pflege angedeihen, waͤhrend der Sergeant auf hoͤheren Befehl uber die beiden Frauen wachte. Als Matarin ebenfalls die Laube verlaſſen wollte, wurde er von einer unbekannten Stimme aus ſeinem Nachſinnen geriſſen. „Soldat, ich habe mit Dir zu ſprechen!“ ſagte die Stimme. Der Sergeant blickte ſich erſtaunt um und ſah eine Frau in Trauerkleidung auf ſich zukommen. Sie war bleich wie der Tod und nach ihrer gemeſſenen, faſt ſtarren Haltung haͤtte man glauben koͤnnen, ſie ſei wahn⸗ ſinnig. „Mit wem habe ich die Ehre zu ſprechen, Ma⸗ dame?“ fragte Matarin, indem er ehrerbietig die Hand an ſeine Muͤtze legte. 219 „Ich hieß fruher die naͤchtliche Reiterin, antwortete die Unbekannte laͤchelnd;„ſpaͤter wurde ich die ſchwarze Dame genannt.“ „Alle Wetter! das ſind gefaͤhrlich klingende Na⸗ men!“ verſetzte der Sergeant, einen Schritt zuruͤcktre⸗ tend.„Die ſchwarze Dame!... Seid Ihr etwa die Moͤrderin von dem Corſaren Gomez? Sehr verbunden fur Euren Beſuch! Eine große Brunette.. ganz recht; ich kann mir denken, daß Ihr ihm gefallen habt. Aber ohne Euch im Geringſten beleidigen zu wollen, mir ſind kleine Blondinen lieber!“ „Iſt Paquita hier, Sergeant?“ „Zu bienen, Sennora... das heißt, nein, denn Ihr ſcheint mir nicht die beſten Abſichten zu haben. Ihr muͤßt wiſſen, daß die Witwe Don Eſtevans meiner Obhut anvertraut iſt, alſo glaubt nicht, daß es hier etwas zu morden giebt.“ „Liebet Ihr die Witwe Monſerrat?“ „Ich wurde mich fuͤr ſie in tauſend Stuͤcke zerreißen laſſen.“ „Dies habt Ihr nicht noͤthig. Fuͤhret mich nur in ihr Zimmer.“ „Einen Augenblick Geduld, ſchwarze Sennora. Sollte ſie etwa Luſt haben ihren Traueranzug bei Euch zu beſtellen?“ „Mein Beſuch wird ihr große Freude machen, Sergeant.“ 220 „In dieſem Falle wendet Euch an Madame Beau⸗ valais, die ihr Geſellſchaft leiſtet. Dieſer moͤget Ihr die Gruͤnde Eures Beſuchs auseinanderſetzen, und dann will ich Euch entweder einlaſſen oder Euch die Thuͤr zeigen.“ „Ich muß ſie durchaus ſprechen.“ „Warum?“ „Ich habe nur die Abſicht, ihr Troſt, Hoffnung, vielleicht ſogar Gluͤck zu bringen. Ich wende mich an Euch, Matarin, weil Madame Beauvalais mir beharr⸗ lich den Zutritt verweigert. Sie glaubt in meinen Blicken und in meinen Worten Symptome des Wahn⸗ ſinns zu erkennen, wie ſie mir unverhohlen erklaͤrt hat. Sie iſt in einem beklagenswerthen Irrthum. „Ihr habt ihr wahrſcheinlich auch Eure verdaͤchtigen Namen: die naͤchtliche Reiterin, die ſchwarze Dame ꝛ. genannt.“ „Ich habe einen Auftrag zu erfuͤllen, verſetzte die Spanierin in feierlichem Tone.„Ich bin jetzt die un⸗ gluckliche Dienerin des Herrn, die in bloßen Fuͤßen durchs loſchen und ohne Bett, um zu ſchlafen. Denn wißt Ihr, was die Reue iſt? Ein fortwaͤhrender Selbſtmord. Aber es giebt auch eine Suͤhne dafuͤr. Geleitet mich zu Donna Paquita.“*4 Matarin machte große Augen und bemühte ſich vergebens, dieſes unzuſammenhaͤngende Gemiſch von e Leben ſchreitet, ohne eine Quelle, um ihren Durſt zu 2 ſi ——— — * S N— 221 verſtäͤndigen und ſinnloſen Reden zu verſtehen Das Benehmen dieſer Frau hatte zu gleicher Zeit etwas Schwermuͤthiges und Strenges, etwas Flehendes und Gebieteriſches. Der Sergeant war anfangs geneigt ge⸗ weſen, ſich ihrer ohne Umſtände zu entledigen, aber es lag etwas Seltſames und Geheimnißvolles in ihrem ganzen Weſen, das ihm in die Seele drang und ihn plotzlich auf andere Gedanken brachte. Dieſe ſchwarze Dame mit dem traurigen und ſchwaͤrmeriſchen Geſicht verhuͤllte vielleicht einen Plan der Vorſehung. Wer weiß, ob er nicht berufen war, eine wichtige Rolle bei dem unbekannten Ereigniſſe zu ſpielen, das er ahnete? Matarin war unſchluſſig, was er antworten ſollte. „Ich bin Dolorida Munnoz,“ hob die ſonderbare Dame wieder an. „Nun, das iſt doch endlich ein Name,“ verſetzte der Sergeant. „Ich bin Paquita's Schwägerin.“ „Ihre Schwaͤgerin?“ wiederholte Matarin.„Ihr endigt damit, womit Ihr haͤttet beginnen ſollen. Seine Angehoͤrigen hat Jedermann das Recht zu beſuchen. Kommt, ich will Euch einfuͤhren.“ „Werde ich Paquita allein finden?“ „Ja, Madame Beauvalais iſt nicht zugegen und ſie kommt erſt dieſen Abend um neun Uhr zuruͤck.“ „Ihr werdet mich alſo mit der Witwe allein laſſen?“ 222 „Mein, ich habe Befehl, ſie beſtändig im Auge zu behalten. Ich werde in Eurer Nähe bleiben; die Sen⸗ nora Paquita muͤßte Euch denn erkennen und mir ſelbſt befehlen, daß ich mich entfernen ſoll. Wie geſagt, ſie ſteht unter meiner Obhut und ich muß fuͤr ihre Sicher⸗ heit haften. Ihr truget ehedem einen Dolch; Ihr habt doch jetzt nichts derartiges bei Euch?“ Nichts als dieſes Buch.“ „Was enthält es?“ „Die Bußpſalmen.“ Das iſt alſo nichts Gefäͤhrliches?“ „Im Gegentheil, etwas Wohlthuendes.“ „Nun gut,“ erwiederte der brave Sergeant.„Ich begehe vielleicht einen Fehler; aber gleichviel: ich habe eine gute Meinung von Euch. Ueberdies verletze ich auch meine Befehle nicht. Da Ihr ſo gute Hoffnungen mitbringt, wäre es Unrecht von mir, Euch die Thuͤr zu zeigen.“ Nach dieſen Worten fuͤhrte Matarin die Schweſter Monſerrats in Paquita's Zimmer. 1 XIII. Iſt ſie wahnſinnig oder nicht? Die letzten Strahlen der Sonne fielen auf das Schmerzenslager, auf dem die Witwe Don Eſtevans ſeit vielen Tagen weinte. Kein Troſt zog in ihr Herz ein; die theilnehmende Madame Beauvalais bemuͤhte ſich vergebens, Paquita war unempfaͤnglich fuͤr Alles. „Warum wollt Ihr mich ins Leben zuruͤckrufen?“ ſagte ſie;„ich wuͤrde doch Niemandem etwas nuͤtzen können. Ich kann hinfuͤro nur noch leiden, wie ein Schatten voruͤberziehen und weinen.“ Sie hätte gern dem Begräbniß ihres Gatten bei⸗ gewohnt und ſeine irdiſche Huͤlle noch einmal geſehen; aber ihre Freunde hatten dies nicht zugegeben. „Ach, er beſaß ein ſo edles und großes Herz!“ ſagte die Ungluͤckliche bei der Erinnernng an ihren Gat⸗ ten.„Er haͤtte zwanzigmal ſein Leben fuͤr mich ge⸗ laſſen, und ich Undankbare habe ihn gemordet!. Er verdiente ein Herz, wie das ſeinige, und wen hatte erzur 224 Lebensgefaͤhrtin gewaͤhlt?... O, Monſerrat! Du haſt mich auf der Erde ſo innig geliebt, wirſt Du mir im Himmel verzeihen?“ Und ihre Thränen floſſen in Stroͤmen. „Ja,“ fuhr ſie mit leiſer Stimme fort,„er iſt jetzt im Himmel, er iſt nicht durch Selbſtmord geſtor⸗ ben. Das Fieber... ein Anfall von Krankheit... von Wahnſinn... Alles iſt moͤglich, nur eine Suͤnde nicht. Eſtevan hat eine ſolche nie begangen. Ich allein bin die Schuldige. Der Andre hat auch gefehlt... aber er hat ſeinen Fehler gebuͤßt, denn er iſt todt.“ Ihre Thraͤnen verſiegten und die uͤbertriebenen Vorwuͤrfe ihres Gewiſſens druckten ſie gänzlich zu Boden. Ihre Freundin, Madame Beauvalais, hatte ſie auf mehrere Stunden verlaſſen. Der Sergeant Mata⸗ rin trat bei ihr ein und ſagte: „Sennora, es iſt eine Dame in Trauerkleidern hier, welche behauptet, ſie habe Euch etwas Wichtiges mitzutheilen. Ich traute ihr anfangs nicht recht, da ſie in ihrem ganzen Aeußern etwas ſehr Auffallendes hat; aber dann ſagte ſie mir Dinge, die einen tiefen Eindruck auf mich machten, beſonders da ſie ſehr ſchoͤn iſt und beim Sprechen zwei Reihen Perlen zeigt, welche ausſehen, wie Thautropfen in einer Roſe.“ Wie heißt ſies“ eie hat eine Menge Namen. Erſtens: die nächtliche Reiterin, ferner: die ſchwarze Dame, endlich nannte ſie Euch ihre Schwaͤgerin... und...“ „Sie ſoll eintreten!“ unterbrach ihn Paquita. Die ſonderbare Dame trat ein. „Ich bin Dolorida,“ ſagte ſie mit ſanfter und ſchmerzlich bewegter Stimme zu Paquita.„Erkennſt Du mich?“ „Ja, liebe Schweſter.“ „Du haͤltſt Dich fuͤr ungluͤcklich, aber vergleiche unſere Geſchicke. Ich werde uͤber die Erde gegangen ſein, ohne daß ich je ein Herz an dem meinigen ſchla⸗ gen gefuͤhlt habe; Du dagegen warſt nur von Liebe um⸗ geben.“ „Aber die mich liebten, ſind nicht mehr, Dolorida.“ „Und Du machſt Dir bittere Vorwuͤrfe, ich weiß es.“ „Habe ich nicht Urſache dazu?“ „Nein, Paquita, ich urtheile richtiger uͤber Dein Leben, als Du. Habe ich nicht Deine aufopfernde Liebe zu meinem Bruder gekannt? habe ich nicht geſehen, daß Du Deinen Lebensfruͤhling ſeinem vorzeitigen Greiſen⸗ alter geopfert haſt? Du erleichterteſt und verſuͤßteſt ihm ſeine Schmerzen. Wie oft hat er mir ſeine Dankbar⸗ keit gegen Dich ausgeſprochen! Nein, Schweſter, ein Grund zur Verzweiflung iſt nur dann vorhanden, wenn ein wirkliches Verbrechen begangen worden iſt. Ich komme nicht, um Dir meine Hand zu reichen, denn ſie iſt mit Die Verlobten des Todes.—. 226 Blut befleckt, ſondern ich will Dir nur ſagen: Faſſe Muth! nachdem Du der tröſtende Engel warſt, kannſt Du der getröſtete Engel werden.“ Erſtaunt richtete ſich Paquita von ihrem Lager auf. Der Blick ihrer Schwaͤgerin war eben ſo ſonder— var und geheimnißvoll, als ihre Worte. „Dolorida!“ entgegnete ſie,„was bedeutet dieſe Sprache?“ „Macht ſie einen angenehmen Eindruck auf Dich?“ „Ja, liebe Schweſter; aber demohngeachtet beun⸗ ruhigt ſie mich auch.“ „Willſt Du mit mir gehen, Paquita?“ „Wohin willſt Du mich fuͤhren?“ „Was kommt auf den Ort an?... Du willſt wiſ⸗ ſen wo meine Wohnung iſt, Paquita.. haſt Du ſchon im Winter das Blatt beobachtet, das von Wind und Wellen emporgeworfen wird, ohne zu ſeinem Baume zuruͤckzukehren, noch in der Erde Wurzel faſſen zu kön⸗ nen? Ein ſolches Blatt bin ich, denn ich habe kein Ob⸗ dach mehr, wo ich mich niederlaſſen und Ruhe finden koͤnnte.“ Ein Gefuͤhl von Bedauern erwachte im Herzen Paquita's, denn die Worte und die Geſichtszüge ihrer Schwägerin verriethen deutlich eine Zerruͤttung ihrer Geiſteskräfte. Mit ſchmerzlicher Entmuthigung ließ ſie den Kopf in ihre Kiſſen zuruͤckſinken, waͤhrend Dolorida wieder anhob: —— „Wuͤrdeſt Du ſtark genug ſein, um einen neuen Schlag zu ertragen?“ „Was koͤnnte ich noch zu fuͤrchten haben?“ „Auf dieſer Welt hat man immer etwas zu furch⸗ ten; iſt es nicht das Boͤſe, ſo iſt es das Gute, denn auch die Freude kann verderblich wirken.“ „Die Freude?“ wiederholte Paquita.„Großer Gott! in welchem Tone ſagſt Du mir dies? Du haſt mir gewiß eine Nachricht mitzutheilen.“ Ihr Herz ſchlug mit Heftigkeit und ihr fragender Blick ruhte mit dem Ausdrucke der Hoffnung und des Zweifels auf Dolorida. „Ja, ich habe Dir etwas mitzutheilen„ erwiederte Dolorida, indem ſie ſich mit der Hand uͤber die Stirn fuhr.„Aber mein Gedaͤchtniß ſchwindet.. Ach! fuͤr mich iſt das Gedächtniß ein rächender Spiegel von der Vergangenheit, der mir ein graͤßliches Bild zeigt. Doch warte einen Augenblick, ich werde mich beſinnen.“ Paquita athmete kaum. „Du zaͤhleſt auf mich, fuhr Eſtevans Schweſter fort;„Du haſt Recht, ich ſcheine ſtark zu ſein. Nähere Dich mir indeſſen nicht zu ſehr, denn um einen Zauber zu bewahren, iſt es gut, daß man ſich in einiger Ent⸗ fernung haͤlt. Wenn Gott den Menſchen erreichbar wäre, ſo wuͤrden ſie ihn vielleicht nicht mehr anbeten. Aber ich komme auf das zuruͤck, was ich Dir mittheilen will. Du erinnerſt Dich gewiß noch 7 nchtlichen 1 228 Reiterin dies war ich. Ich erwartete ihn, der nur Dich liebte, Paquita, Du kennſt ſeinen Namen, auf einem Felſen; ich hatte einen Dolch bei mir und ich er⸗ mordete Gomez.“ „Wie? dies warſt Du?“ rief Paquita. „Man nannte mich damals die ſchwarze Dame,“ fuhr Dolorida fort.„Seitdem iſt es anders geworden. Aber das Boot, der Mord, der Sturm, Alles verwirrt ſich in meinen Gedanken.. doch ich giaube mich noch eines jungen Mannes zu erinnnern. Ach! wie ver⸗ ſtand dieſer zu lieben!“ „Ein junger Mann? wie hieß er?“ „Pedro Walls.“ „Weiter, weiter, ich bitte Dich!“ rief Paquita, athemlos vor Angſt und Hoffnung.„Kommſt Du zu mir, um von ihm zu ſprechen?“ vJc Du liebteſt ihn, nicht wahrk“ „Nein, zum Gluͤck fuͤr ihn liebte ich ihn nicht, denn er liebte mich eben ſo wenig, und ich hätte ihn vielleicht, wie den Anderen, um Deinetwillen ermordet.“ „Er lebt ja nicht mehr, Doloridal“ Haſt Du den Beweis davon. Mein. Und Du?“ „Ich!“ verſetzte Dolorida mit unſtn Stimme; „o, ich habe ihn in ſeinem Blute ſ ſehen!“ Ludwig Gomez.“ Dann fuhr ſie mit lautem Lachen fort: „Ich will Dir Deinen Geliebten züruͤckgeben, und Ihr koͤnnt Guitarre ſpielen und man wird Euch zur Kirche fuͤhren und das Volk wird rufen, wenn es Euch voruͤbergehen ſieht: Das ſind die Verlobten des Todes! Aber glaube mir, wenn Ihr Beide die Liebe und die Freuden genoſſen habt, ſo ſterbet, denn die Erde hat Euch dann nichts mehr zu bieten. Zur Ehre, zum Triumphe und zum Ruhme der Liebe muß der Tod ſie mitten in ihrem Enzuͤcken von Deiner Seite reißen, da⸗ mit Du das Alter und beſonders den Leichnam nicht ſiehſt.“ „Ach, die Ungluͤckliche!“ ſeufzte Paquita;„ſie hat ganz lich den Verſtand verloren!“ Micht ganz, Paquita,“ erwiederte die Witwe Munnoz, die ihre letzten Worte verſtanden hatte.„Es ſcheint Dir, als freute ich mich uͤber Deinen Schmerz, und waͤre dies wohl zu verwundern? Habe ich Dir nicht ſchon laͤngſt geſtanden, daß ich Dich haſſe, da Du die Urſache zu Gomez' Tode warſt, indem Du mich zur Rache triebſt?: Demohngeachtet intereſſire ich mich fur Dich, und mag es ein Beweis von Wahnſinn ſein oder nicht, ich habe mich fuͤr Pedro aufgeopfert.“ „Fuͤr Pedro?“ wiederholte Paguita. Und indem ſie die Haͤnde zum Himmel erhob, rief ſie in flehendem Tone: 230 „O, mein Gott! ziehe mich aus dieſem entſetz⸗ lichen Zweifel! Iſt ſie wahnſinnig oder nicht?“ „Willſt Du Dich davon überzeugen, ſo komm mit mir.“ Es entſtand eine kurze Pauſe. „Ich bin bereit, Dolorida,“ ſagte Paquita endlich mit feſter Stimme.„Nur eine Frage noch: habe ich etwas zu hoffen?“ „Was?“ „Haſt Du einen Zweck?“ „Allerdings.“ „Gehen wir zu Fuß?“ „Nein, mein Wagen erwartet uns vor der Thuͤr.“ „Du wollteſt mich alſo abholen?“ „Und Du glaubſt?.. „Ich glaube an Alles. Man kann auch nichts glauben; das Eine iſt ſo vernuͤnftig als das Andre.“ „Du willſt von Pedro mit mir ſprechen“ „Ja, von Pedro und von Gomez⸗ Der Eine ſteht zwiſchen dem Ungluͤck und Dir, der Andere zwi⸗ ſchen mir und dem Himmel. Du weinſt, wie gluͤcklich biſt Du! Ich habe keine Thraͤnen in meinen Augen, nur Blut koͤnnte ihnen entſtroͤmen!“ „Wir wollen zu Ende kommen,“ ſagte Paquita; wenn dieſe Qual noch länger dauert, werde ich ebenfalls wahnſinnig! Ich folge Dir, Dolorida.“ Eiligſt warf ſie das erſte beſte Kleid uͤber, das ihr unter die Haͤnde kam. Sie hatte eine ungewoͤhnliche Kraft wiedergewonnen, welche dem letzten Aufflackern eines Lichtes glich, das im Begriff iſt, zu verloſchen. Feſt und entſchloſſen ſtand ſie auf. „Matarin,“ ſagte ſie zu dem Sergeanten, der ſich waͤhrend dieſer Scene in einer beſcheidenen Entfernung gehalten hatte,„ich bedarf Eurer.“ „Ich bin zu Eurem Befehle, Sennora.“ „Ihr ſollt mich und meine Schwaͤgerin begleiten.“ „Mach Velanes, ſetzte Dolorida hinzu. „Alſo ſeid Ihr wirklich nahe Verwandte?“ entgeg⸗ nete der Sergeant.„Aber warum entfernt Ihr Euch von hier?“ Dies iſt unſre Sache,“ erwiederte Dolorida in gebieteriſchem Tone. „Wenn das iſt,“ verſetzte Matarin beleidigt,„und Ihr mich fur nichts rechnet, ſo iſt es auch nicht noͤthig, daß ich Euch begleite. Wenn man mit den Leuten auf gutem Fuße bleiben will, ſo muß man ſie danach behan⸗ deln. Das beſte Pferd wird ein ſtörriſches Thier, wenn man es mißhandelt.“ „Werdet nicht bos, guter Matarin,“ ſagte Paquita in bittendem Tone;„ich bin ohnehin ſchon ungluͤcklich genug.“ „Ja, Euch laſſe ich mir gefallen,“ entgegnete der 232 Soldat geruͤhrt;„fuͤr Euch wuͤrde ich bis ans Ende der Welt gehen.“ Einen Augenblick darauf verließen Dolorida und Matarin mit Paquita die Meierei Marſennas, zum großen Erſtaunen der Dienerſchaft. Nachdem Letztere einige Worte an Madame Beauvalais geſchrieben, die ihr bei ihrer Zuruͤckkunft eingehaͤndigt werden ſollten, fuhr der Wagen fort. Es war eine bedeckte Kaleſche, mit zwei Maul⸗ thieren beſpannt, welche von einem Bedienten gelenkt wurden. Der Sergeant ſaß neben dieſem und warf hin und wieder einen beſorgten Blick auf die beiden Frauen, denn ihre ploͤtzliche Abreiſe kam ihm ſonderbar und raͤth⸗ ſelhaft vor. Oft ſchienen ihm Dolorida's Worte des geſunden Verſtandes zu entbehren, aber gleichwohl machten ſie wegen ihres poetiſchen Schwunges einen tiefen Ein⸗ druck auf ihn. Der Schleier der Dunkelheit ſenkte ſich nach und nach auf die Erde herab. Dolorida Munnoz beobachtete ſeit geraumer Zeit ein vollkommenes Stillſchweigen, das ſie endlich durch eine ſchmerzliche Geberde un⸗ terbrach. „Sieh, Paquita,“ ſagte ſie, indem ſie nach dem fernen Meeresufer und den Ruinen von Torenos zeigte; „zum Theil um Dich und meinen Bruder zu retten, bin ich in jener ungluͤcklichen Nacht dorthin gekommen!... ** 233 Sollte ich denn eine edle That bereuen muͤſſen?.. Meine Stute war ſchwarz wie Ebenholz und ihre Ruͤ⸗ ſtern witterten den Sturm; deshalb hatte ich den ſon⸗ derbaren Namen angenommen. Erinnerſt Du Dich noch, wie ich von dem Piraten bei ſeinem Mahle empfangen wurde?... Ach! warum hatte ich einen Dolch bei mir!“ „Riechſt Du die Duͤfte der Blumen, liebe Schwe⸗ ſter?“ ſagte Paquita mit ſanfter Stimme;„hoͤrſt Du den Geſang der Voͤgel?“ „Dies ſind klangloſe Töne fuͤr mich. Fuͤr das Herz, das gegen die Liebe abgeſtorben iſt, giebt es keinen Fruͤhling und keine Blumen, keine Lieder und keine Traͤume mehr; Alles iſt Trauer und Grabesſtille.“ „Dolorida!“ „Ich aͤngſtige Dich, nicht wahr? Willſt Du wieder umkehren?“ „Raͤthſt Du es mir?“ „Gott behuͤte mich davor! diesmal will ich ja kein Verbrechen begehen. Verbrechen! ach, dieſer Gedanke verzehrt mich, denn ohne ihn koͤnnte ich weinen wie Du und Thraͤnen laſſen ſich trocknen. Aber die Gewiſſens⸗ biſſe ſind ein Feuer, das nie verloͤſcht. Wie gluͤcklich biſt Du im Vergleich mit mir, denn Du biſt nur un⸗ glucklich geweſen, aber keine Verbrecherin!“ Mit einem ſchmetzlichen Laͤcheln druͤckte Dolorida ihrer Schwaͤgerin die Hand. 234 „Diesmal willſt Du kein Verbrechen begehen, ſagſt Du?“ wiederholte Paquita, faſt eben ſo verſtoͤrt, als ihre Begleiterin. „Mein, nein! im Gegentheil!“ „Im Gegentheil?... Wohin gehen wir denn?“ „Du ſollſt es erfahren. Nur noch ein wenig Geduld.“ „Warum ſagſt Du es mir nicht ſogleich?“ „Es iſt mir, als waͤre es mir verboten worden.“ „Von wem?“ „Von Denen, welche vernuͤnftig ſprechen.“ „O, mein Gott!“ rief Paquita, von Neuem die Haͤnde faltend und ſie zum Himmel erhebend;„ſende mir einen Lichtſtrahl! Noch einmal frage ich Dich iſt ſie wahnſinnig oder nicht?“ Matarin trieb die Maulthiere zu groͤßerer Eile an und bald gelangte der Wagen an das Ziel der Reiſe. Velanes lag vor ihnen. Paquita betrat die Wohnung ihrer Schwägerin und begleitete ſie mit Anſtrengung in den Salon. Dies war ein ſchoͤnes Zimmer im Erdgeſchoß des Hauſes, deſſen eine Thuͤr auf eine reich mit Blumen geſchmuckte und von Gebuͤſch umgebene Wieſe ging. Alles zeugte von Eleganz und Geſchmack. Das Zimmer war praͤchtig moͤblirt, mit Spiegeln und Teppichen ausgeſtattet und 235 große Blumenbouquets, in ſchoͤnen Porzellanvaſen, ver⸗ breiteten liebliche Wohlgeruͤche. Dolorida blickte zerſtreut umher und winkte dann ihrer Dienerſchaft, ſich zu entfernen. Ohne ein Wort zu ſprechen nahm Paquita in einem großen Lehnſtuhle Platz, der an einem nach dem Garten gehenden Fenſter ſtand. Auf den Kaminen waren Lichter angezuͤndet worden. Den Kopf in eine Hand gelegt, verſank Paquita in eine ſchlummeraͤhnliche Betaͤubung, die ihr die Faͤhigkeit zum Denken, aber auch das Gefuͤhl des Schmerzes entzog. Dieſer Zuſtand hatte nichts Unangenehmes. Die Nacht war mild und heiter. Es war, als ob geheimnißvolle Harmonien unter dem Laube und dem Schatten dahin glitten und in der Ferne allmaͤlig ver⸗ klängen. Plötzlich ertönten im Gebuͤſch melodiſche Accorde; es waren die Klaͤnge einer Guitarre. Auf den Flugeln des Abendwindes getragen, naherte ſie ſich immer mehr und mehr... Himmel! welche Stimme!... welche Worte!... „Beſinge, meine geliebte Zither, Beim Schweigen der Sturme, Mein Schifflein, das dem Schiffbruch entgangen, Meinen Muth, meine Kraft, meine Hoffnungen und meine Liebe!“ Paquita lauſchte ſtarr und regungslos. Sie konnte nicht glauben, daß es Wirklichkeit war; ſie dachte im Stillen, daß nur ein freundlicher Traum ſie einen Augenblick den Schmerzen ihrer Lage hatte entreißen koͤnnen. Indeſſen machte ſie nicht die leiſeſte Bewegung, aus Furcht, den Zauber zu zerſtoͤren. Der liebliche Geſang waͤhrte fort und ſchien ſich in Paquita's Herzen mit den Erinnerungen der Liebe zu verſchmelzen. „Nun?“ ſagte Dolorida, indem ſie zu ihr trat, „bin ich wahnſinnig oder nicht?“ Paquita erhob ſich ganz beſtuͤrzt. Ihre weit ge⸗ öffneten Augen waren mit einem flehenden Ausdrucke auf ihre Schwaͤgerin gerichtet und ſchienen ſie zu bitten, den ſuͤßen Zauber, der ſie umfing, nicht zu verſcheuchen. Sie haͤtte gern geſprochen; aber zu gewiſſen Zeiten giebt es eine ſtumme Beredtſamkeit, die ſich gegen die Sprache auflehnt, weil dieſe nicht auf der Höhe des Gefuͤhls ſteht, um es in ſeiner ganzen Waͤrme ausdruͤcken zu koͤnnen. Paquita ſank in ihren Stuhl zuruͤck, indem ſie das Geſicht mit beiden Händen bedeckte und leiſe die Worte fluͤſterte: „Wahnſinnig!... Ach, ich werde es jetzt ſelbſt!“ „Schweſter, ſagte Dolorida, mit einer Stimme, die faſt eben ſo melodiſch war als das Saͤuſeln des Abendwindes,„gieb mir Deine Hand.“ „Hier iſt ſie.“ „Wo iſt Dein Trauring?“ „Ich habe ihn nicht mehr, Dolorida; er hat ihn mir in jener Nacht auf der See, mitten im Sturm und Regen, genommen, ehe er ſich ins Meer ſtuͤrzte.“ „Er hat ihn Dir genommen?.. Nun wohl, ſo fordre ihn von ihm zuruͤck; er iſt dort im Garten.“ In einem unbeſchreiblichen Freudentaumel flog Pa⸗ quita aus dem Zimmer. Sie fuͤhlte nicht, daß ſie ging, noch was ſie that, noch daß ſie lebte; ſie gehörte in dieſem Augenblicke weder dieſer noch jener Welt an, ſie befand ſich in einem Zuſtande von Angſt und Wonne, der alle Fähigkeiten des Geiſtes und des Koͤrpers laͤhmte. Sie eilte ins Gebuͤſch, wo tiefe Dunkelheit herrſchte; aber die Melodie, welche noch in ihrem Ohre klang, war das Licht, das ihr als Leitſtern diente. Endlich erblickte ſie einige Schritte von ſich einen bleichen, jungen Mann es war der Guitarrero! Kaum erſt dem Tode entronnen, lag er auf einer Raſenbank. Paquita ſtieß einen Freudenſchrei aus. Aber die Erſchuͤtterung war zu heftig; ſie war nicht im Stande, ſie zu uͤberwinden und ſank ohnmaͤchtig auf die Knie. Thraͤnen und Schluchzen erſtickten ihre Stimme, eine Wolke verſchleierte ihren Blick... Sie lag in Pedro's Armen. Kurze Zeit nach dieſer Scene im Garten hatte Pedro Leben, Geſundheit, Kraft und Gluͤck wieder er⸗ langt, denn Paquita war in ſeiner Naͤhe. In jener entſetzlichen Nacht, wo Gomez unter dem Dolche Dolorida's gefallen war, irrte dieſe, von Gewiſſens⸗ biſſen verfolgt, wie Oreſtes von Furien, am Meeresſtrande 238 umher. Der Sturm hatte ſich gelegt und der Morgen begann zu grauen. Da bemerkte Dolorida am Ufer, bei der kleinen Bucht von Pirmas, den blutigen Koͤrper Pedro's, den die Wellen ans Land geworfen hatten. Er gab kein Lebenszeichen von ſich. Dolorida, deren Geiſt die Nebel des Wahnſinns ſchon zu umhuͤllen begannen, eilte in Miro's Huͤtte und ließ den Guitarrero nach Velanes bringen; dem jungen Fiſcher empfahl ſie das unverbruͤchlichſte Stillſchweigen. Warum that ſie das? Ach, ſie wußte es ſelbſt nicht! es war ihr in ihrem halb wahnſinnigen Gemuͤthszuſtande, nachdem ſie den fuͤrch⸗ terlichen Mord begangen hatte, als muͤßte ſie ſich uͤberall mit dem tiefſten Geheimniß umgeben. Als Pedro Walls wieder zu ſich kam, erkannte er ſogleich, daß ſeine Retterin nahe daran war, den Ver⸗ ſtand zu verlieren, aber dennoch gelang es ihm nach und nach, ihr alles Vorgefallene zu erklaͤren. Er wußte, daß Eſtevan ſeinen Tod in den Wellen gefunden und daß Matarin Paquita gerettet hatte; er theilte Dolorida ſeine Pläne mit und ſandte ſie dann nach Marſennas. Endlich gingen ſeine heißeſten Wuͤnſche in Erfullung und das Ungluͤck floh auf immer von den beiden Liebenden. „Hoͤrt Ihr die Glocken läuten?“ ſagte der wackere Sergeant von Tarragona eines Morgens zu ſeinen — Kameraden.„Es iſt eine große Trauung in der Kathe⸗ drale! ein Brautpaar, das allen moͤglichen Todesarten entronnen iſt. Welche ſonderbaren Schickſalswechſel! Fruͤher einmal waͤren ſie faſt durch mich ums Leben gekommen; dann habe ich ihren Schiffbruch beweint und heute Abend tanze ich auf ihrer Hochzeit! Der Kopf wirbelt mir ſchon! das nennt man einen erfreulichen Schluß!“ „Hatte ich es Dir nicht geſagt, liebe Schweſter?“ ſprach Dolorida auf dem Wege zur Kirche in ſchmerz⸗ lichem Tone zu Paquita.„Das Volk ſtroͤmt herbei... die Soldaten zeigen mit den Fingern nach Dir, und hoͤrſt Du, was Jedermann ſagt?... Das ſind die Verlobten des Todes!“*) 3) Der Verfaſſer, welcher den Sergeant Matarin genau gekannt hat und ihm eine Menge nähere Mittheilungen über Pedro Walls verdankt, wohnte mit ihm der Hochzeit Paquita's bei. Druck der Verlagsbuchdruckerei in Wurzen. 2.— . — FP— 6 8