EE — Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher mit franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei rch eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— 2— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. Auswärtige Aonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛe.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſ der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir ien auch dafür zu ſtehen haben. *2 Der Schutzgeiſt. Herausgegeben von Hermann van Apeltern. ——— Frei nach dem Holländiſchen bearbeitet i von J. D⸗. von Betaz. Erſter bis dritter Theil. 5 4. S Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. Stuttgart. 1844. Vorwort. Nachſtehender Roman eines der ſchönſten Erzeugniſſe der holländiſchen Literatur, erſchien unter dem Titel: Die Grotte des Foſto, in Holland; wenn man jedoch das Werk kennt, wird man dieſe Bezeichnung, die nur auf eine zufällig im Roman vorkommende Höhle anſpielt, übel gewählt finden, dagegen unſern jetzigen Litel billigen, in welchem der Grundgedanke des Dichters mehr ausgeſprochen iſt. Erſtes Kapitel. Widmung und Einleitung. Unfre Jugend gleicht dem Traume des Jägers am Hügel der Heide. Er ſchläft in der Mitte der Strahlen der Sonne; er erwacht in der Mitte des Sturms; die rothen Blitze fliegen umher: Bäume ſchütteln ihre Häupter im Wind! Er ſchaut mit Freude nach dem Tage der Sonne, und den reizenden Träumen ſeiner Jugend zurück! Oſſians Krieg von Inisthona. Wem ſollte ich dieſe Blätter wohl widmen wollen, wenn nicht Dir, meine geliebte Henriette, Dir der Geſpielin meiner früheſten Kindheit, der treueſten Freun⸗ din meiner Jugend, von deren zärtlicher Theilnahme mir bis jetzt die deutlichſten Beweiſe wurden. Das geheiligte Band des Blutes, der theure Name Bruder und Schwe⸗ ſter, welcher uns mit einander verbindet, ſollten ſchon allein genügen, uns innig zu lieben. Doch es beſtehen noch andere Beziehungen unter uns, welche den von der Natur geſchlungenen Knoten noch immer feſter zuſammen⸗ ziehen. Und ſollte ich mich täuſchen, meine Liebe! wenn ich die gegenſeitige Erinnerung an unſere erſte Jugend, an die überaus ſchönen Tage unſrer Kindheit, welche wir in ungetrübter Freude zuſammen verlebten, zu dem rechne, was uns ſo feſt verbunden hat?— Nein gewiß nicht! Ich halte mich überzeugt, daß Du auch hierin meine Ge⸗ fühle theilſt. Nie gedenke ich dieſer unvesgeßlichen Zeit, wo nicht Deine Geſtalt mir vorſchwebt, bald in dem lachenden Gewand der Kindheit, bald mit dem unſchul⸗ digen Erröthen der ſo eben aufkeimenden Jugend, aber ſtets mit warmer ſchweſterlicher Liebe dem Bruder zuge⸗ kurz kommſt, Dich ſchlechterdings 8 than, der kein anderes Glück kannte, als Dich glücklich zu wiſſen. Die feurigen Gehete, welche ich in jenen Tagen mit kindlicher Aufrichtigkeit für Dich gen Himmel ſandte, ſind auch nicht ganz unerhört geblieben. Außer irti„die gewöhnlich auch den glücklich⸗ damals, meine Gebete dem großen Lenker unſres Geſchicks ausſprechen: der, welcher Herz und Nieren prüft, und eine jede Unvollkommenheit der menſchlichen Natur kennt, der wird auch noch jetzt das brüderliche Gebet erhören, welches gleichen Segen und gleiches Glück über den Verlauf Deiner irdiſchen Laufbahn erfleht. Aber mich drückt, daß ich Dich bei Durchleſung dieſer Zeilen ſchon erſtaunt ausrufen höre:„Woher dieſer feierliche Ernſt, lieber Bruder? woher die rührende Erin⸗ nerung an unſere Kindheit? und wie kommt dies in Ver⸗ bindung mit der geſchichtlichen Erzählung, welche Du mir zuſchickſt, und mir gewidmet zu haben ſcheinſt?“— och nein, Du wirſt mich ſchon verſtanden haben; we⸗ nigſtens wirſt Du ſchon haben vermuthen können, was mich veranlaßte, Dir dieſe Zeilen zuzuſchicken. Ja, Hen⸗ riette, ich habe die fleine Reiſe zurückgelegt, auf wel⸗ cher Du ſo gern, wenn nicht Deine häuslichen Pflichten, wobei Du ſtets aus irgend einem Vorwande mit der Zeit verhindert hätten, meine Begleiterin geweſen wäreſt. Ich bin von meiner Pilgrimsfahrt zurückgekehrt— denn dieſen Namen gabſt u meiner vorhabenden Reiſe, als ich bei unſrem letzten Zuſammenſeyn Dir meinen Plan mittheilte. Und Du hatteſt nicht Unrecht; nie war ein Pilger von feierlicheren nungen beſeelt, wenn er die ſeiner Religion geweihten Orte beſuchte, als die waren, welche ſich meiner beim — —————————. lich len nel ßer ch⸗ en ich ie cks nd it, n, n 9 zu V—, oder auf dem mit Gras bewachſenen Grabhügel unſerer alten treuen Margarethe vergoß. Ich habe Dir verſprochen, liebe Henriette, daß ich Dir von allen Ereigniſſen auf meinem Zuge, ſo wie von den Ahnungen und Gefühlen, welche dadurch bei mir erweckt würden, eine treue Mittheilung machen wollte. Wie könnte es mir möglich ſeyn, dies Verſprechen nicht zu erfüllen? Du wareſt ja ſo ganz meiner Meinung, Du verſtandeſt mich ſo ganz, als alle Uebrigen— es war am letzten Abend, wo wir mit unſerer Familie zuſam⸗ men waren— mein Vorhaben, gemeinſchaftlich uns nach unſerm Landgut zu V. zu begeben, ehe daſſelbe für immer von der Oberfläche verſchwände, es mit einem gleichgül⸗ tigen Achſelzucken als unpaſſend, als.. Gott weiß es was noch mehr— ablehnten. Da näherteſt Du Dich mir unbemerkt und flüſterteſt mir mit einem Händedruck zu„O, dürft ich Dich begleiten, lieber Bruder! Ver⸗ giß nicht, mich gleich nach Deiner Rückkehr etwas von Dir hören zu laſſen.“ Ich verſprach es und habe mich jetzt niedergeſetzt, um Deiner Bitte zu genügen. Wie könnte ich Dir den erſten Eindruck, welchen das Wiederſehen des Schauplatzes meiner Kindheit bei mir erweckte, beſchreiben? Zu meinem Glücke, daß ich nicht auf einmal dahin verſetzt wurde, und daß die verſchie⸗ denen Gegenſtände, welche mir alle minder oder mehr bekannt erſchienen, und mannigfache Erinnerungen in meinem Geiſte wieder aufweckten, ſich meinen Augen all⸗ mählig darſtellten; ſonſt wäre ich vielleich nicht Herr meiner Gefühle geblieben. Der erſte Gegenſtand dieſer Art, welcher für mich hervortrat, war die kleine Dorf⸗ kirche mit ihrem ſpitzen bemoosten Thurme. Du erin⸗ nerſt Dich ohne Zweifel dieſes ungefälligen düſtern Ge⸗ bäudes, ſeiner hohen Fenſter, der kleinen in Blei gefaßten Scheiben,— gegen welche der Wind und Regen im Spätjahre in ſo klagenden Tönen ausſchlug— der vielen Riſſe in der Mauer und in dem Dache, mit einem Worte Der Schutzgeiſi. I. 2 10 aller der Mängel, welche einige Jahrhunderte gewöhn⸗ lich hinterlaſſen. Noch eine gute Stunde vom Dorfe ent⸗ fernt, zeigte ſich mir die Kirche und der Thurm. Jetzt war es mir unmöglich, noch einen Augenblick länger im Wagen zu bleiben. Ich befahl dem Fuhrmann zu halten, ſprang aus dem Wagen, und ließ ihn allein weiter fahren. Ich wollte nicht, daß ein Fremder Zeuge meiner Gefühle, dei der Anſchauung ſo vieler bekannter Gegenſtände, auf welche ich jetzt wieder zum erſten Male nach einer langen Reihe von Jahren meine Augen richtete, ſeyn ſollte. Zu Fuße folgte ich ihm langſam nach, gleichſam als müſſe ich mich auf das, was ſich mir in wenigen Angenblicken zeigen würde, vorbereiten. Ich geſtehe Dir gern, daß mir mit einem jeden Schritte das Herz heftiger zu ſchlagen anfing, und daß ich insbeſondere, ich weiß nicht mit welchem wehmüthi⸗ gen Sehnen, der Zeit entgegenſah, wo ſich mir das Landhaus ſelbſt, durch die hohen Eichen hindurch, welche es umgaben, zeigen würde. Nachdem ich eine gute Vier⸗ telſtunde fortgewandelt, erinnerte ich mich, daß in der Nähe der Stelle, wo ich mich befand, ein Fußpfad ſeyn müſſe, welcher mit vielen Krümmungen, an der linken Seite des Wegs, über das an das Kornfeld gränzende Eichenhölzchen hinlief, welches ſich hinter dem Hauſe ausbreitete, und das Gebäude an jener Seite ganz ver⸗ ſteckte, bis daß man, aus dem Hölzchen in den dicht mit Bäumen bepflanzten Obſtgarten eintrat, und es plötzlich in geringer Entfernung vor ſich liegen ſieht. Bald hatte ich dieſen Weg wiedergefunden, und ſchritt auf demſelben vor. So brauchte ich nicht durch das Dorf zu gehen, ehe ich das alte Gebände, in deſſen Mauern wir das erſte Tageslicht erblickten, und worin wir ſo manche Stunde unſchludig vergnügt zubrachten, erreichte. Es lag in meinem Plan, zuerſt einige Zeit in der unmittel⸗ baren Umgebung des Hauſes zuzubringen, ehe ich die übrigen mir ſo theuer gewordenen Gegenſtände aufſuchte, und mich den Dorfbewohnern zu erkennen gab, die noch 11 ſtets für ein jedes Mitglied unſerer Familie eine treue und innige Anhänglichkeit bewahrt haben. Noch eine halbe Stunde hatte ich unter freudigen und wehmüthigen Erinnerungen meinen Spaziergang fort⸗ geſetzt, als ich das kleine, in der Nähe des Gebäudes liegende Holz erreicht hatte. Es war ein herrlich ſchöner Tag: denn obgleich noch ſehr früh im Jahre, ſo fing doch ſchon die ganze Natur an, die Spuren und den Einfluß des herannahenden Lenzes aufzunehmen und zu offenbaren. Ich war tief in Gedanken verſunken, und bemerkte kaum, daß ich mich ſchon unter den ſtattlichen Eichen befand, welche noch blattlos, doch übrigens noch eben ſo majeſtätiſch als früher ihre Kronen gen Himmel emporhoben. Hier wurde ich plötzlich aus meinem Nach⸗ ſinnen durch den Geſang einiger Vögel, welche mich auf dieſem Grund und Boden zu bewillkommen ſchienen, her⸗ vorgezogen. Außer dem Lied der Lerche, welche hoch über mir in dem blauen Luftraume ihre frühen Lenzestöne ſchon hatte hören laſſen, war dies der erſte Geſang, den die erwachende Schöpfung mir zum Beſten gab. Ich blieb ſtehen, und während ich zuhörte, fiel mein Auge zufällig auf die rohe, von Baumzweigen zuſammengefügte Bank, welche hier im Holze, auf einer durch Kunſt ge⸗ bildeten Anhöhe aufgeſchlagen war. Gewiß erinnerſt Du Dich ihrer unter dem Namen Aſtbank. Es war der Lieb⸗ lingsplatz unſerer Eltern, und der Gränzpfahl, über welchen hinaus wir unſere Spiele nicht ausdehnen durf⸗ ten. Ich eilte auf die Höhe und ſetzte mich auf die Bank, welche jämmerlich verfallen und ganz mit Moos bewachſen war. Hier und da wuchſen zwiſchen den Riſſen Unkraut und Schwämme hervor, und Alles zeigte deut⸗ lich, daß ſeit vielen Jahren wenig für dieſen Fleck ge⸗ than war. Indem ich von dieſer Höhe mich umſah, ge⸗ wahrte ich zuerſt das Dach des Landhauſes mit dem alten Thurmchen, worin die Glocke hing, welche täglich drei Mal der Dienſtleute wegen geläutet wurde. Ich begrüßte 2— —uz—˙—ᷓ—j————— —————— —————— —— 12 das alte Gebäude mit einem Gemiſch von Freude und Schwermuth, und es dauerte lange, ehe ich meine Augen davon abwenden und meinen Sitz, um mich dem Hauſe mehr zu nähern, verlaſſen konnte. Doch endlich ſtand ich auf, und meine Schritte beeilend, war ich bald durch das Holz in den Garten gekommen, und hatte nun das Ziel meiner Wanderung erreicht. Da ich die Glasthüre, welche an dieſer Seite des Gebäudes auf einen kleinen innern Raum führt und in den Garten hinausgeht, verſchloſſen fand, ſo ging ich weiter, um an der andern Seite meinen Eingang zu ſu⸗ chen, und wenn mir dies nicht gelänge, mich bei dem Gärtner zu melden. Du verlangſt nicht, Henriette, daß ich Dir eind Beſchreibung von unſerem elterlichen Hauſe mache. Ohne Zweifel ſteht es Dir, ſo wie es früher war, noch eben ſo lebhaft vor Augen als mir; jedoch hat es einige Veränderungen erlitten. Alles ſieht mehr veraltert und baufälliger aus. Doch dies wird Dich nicht ver⸗ wundern, wenn Du bedenkſt, daß das Gebäude ſo lange unbewohnt ſtand. Beſonders das niedere hölzerne Ge⸗ länder, welches den Vorplatz abſchloß, und welches unſer jugendliches Ehrgefühl— wenn Du Dich deſſen noch erinnerſt— ſo gern durch ein eiſernes erſetzt geſehen hätte, war ganz verfallen und bot einen traurigen An⸗ blick dar. Als ich den innern Raum betrat, deſſen kleine Steine ſich beinahe ganz unter dem üppig wachſenden Gras und Unkraut verkrochen hatten, richtete ich meine Augen zufällig nach dem Platze, wo das große Hunde⸗ haus gewöhnlich ſtand, die zierliche Wohnung unſeres alten Sultans, dem Freunde unſerer Kindheit, und dem Schrecken aller Bettler und umherſtreifender Landläufer der ganzen Gegend. Das Haus ſtand noch an ſeinem alten Platze, und ſah noch ziemlich gut aus. Unwillkür⸗ lich trat ich näher. Ich weiß nicht wie es kam, aber ich lebte deutlich einen Angenblick in dem feſten Gedan⸗ ken, daß dies alte treue Thier, wenn auch zuerſt knur⸗ rend, doch ſpäterhin, als es mich wieder erkannte, unter 13 allerlei Liebkoſungen aus dem Hauſe hervorkommen würde. Doch dies geſchah nicht, und ich mußte geraume Zeit nachdenken, ehe es mir wieder einfiel, daß wir, als wir von hier wegzogen, den alten Sultan, mit einem großen Stein um den Hals, in einem der Teiche ertränkt hat⸗ ten. Dies war weder aus Grauſamkeit, noch aus Ge⸗ fühlloſigkeit geſchehen. Das gute Thier war durch das Alter und Blindheit ſo unbehilflich geworden, daß wir es in dieſem Zuſtande nicht gern fremden Händen zurück⸗ laſſen wollten, und es daher für beſſer hielten, auf ſolche Weiſe ſeinem Leben ein ſchnelles Ende zu machen. Jetzt erinnerte ich mich auch wieder, daß der Tod dieſes treuen Hundes auf uns alle, doch beſonders auf Dich und mich, Henriette, einen ſo ſchmerzlichen Eindruck gemacht hatte; und wie ich, der ich einen Augenblick Zeuge ſeines Todeskampfes geweſen war, bemerkte, daß der arme Sultan, ehe er in die Tiefe verſank, noch ein Mal den Kopf mit einer bittenden Bewegung nach uns erhob, im ſchnellen Trabe den verhängnißvollen Ort verließ, und noch Tage lang die Geſtalt des ſterbenden Thiers vor Augen hatte. Doch ich fürchte, daß ich in meiner Beſchreibung zu umſtändlich werde; und obgleich ich weiß, daß es Dir nicht angenehm ſeyn wird, ſo will ich mich doch kürzer faſſen; denn ich habe noch viele Einzelnheiten mitzutheilen. Im Hauſe fand ich Alles, wie Du es Dir leicht vorſtellen kannſt, kläglich verfallen. Ich durchlief alle Zimmer: das blaue, das grüne, das Eß⸗, Gar⸗ ten- und Kinderzimmer, die dunkle ſchwarze Kammer, und das geheimnißvolle Gemach, welches bei uns unter dem Namen des zerlumpten Zimmers bekannt war..... Doch hierauf muß ich ſpäterhin zurückkommen. Unſer alter Gärtner, dem ich mich wieder zu erkennen gegeben hatte, und deſſen Augen, als er mich mit einem gutge⸗ meinten Händedruck begrüßte, mit Thränen angefüllt wa⸗ ren, begleitete mich. Er erzählte mir, wie ſehr er und ſeine Frau es bedauerten, noch ſo ſpät an ihrem Le— 14 bensabend, dieſen Ort, wo ſie ſo lange glücklich geweſen wären, verlaſſen zu müſſen. Denn da jetzt das Landgut verkauft iſt, und der neue Eigenthümer das Haus zum Abbruche beſtimmt hat, ſo kann er natürlich nicht län⸗ ger auf demſelben bleiben. Er führte mich in der gan⸗ zen Wohnung umher, von dem Keller bis auf den Bo⸗ den, und warnte mich hie und da, wo der Fußboden baufällig war, und wies mir die ſtärkſten Dielen an. In ein paar Gemächern prunkten noch die goldledernen Tapeten, eine Zierde früherer Zeiten. In den übrigen grinsten mich die nackten, ſchmutzigen Wände nicht ſehr freundlich an. Du wirſt Dir jetzt einigermaßen einen Begriff ma⸗ chen können, Henriette, wie der Zahn der Zeit be⸗ trübend in unſrer elterlichen Wohnung gehaust hat: in dem Zimmer unſrer Kindheit, worin einſt eine zahlreiche Familie viele Jahre hindurch glücklich lebte; bis daß endlich eine jener Widerwärtigkeiten, denen der Menſch hienieden nur zu oft ausgeſetzt iſt, dem gemüthlichen Zuſammenleben ein Ende machte; bis daß der Tod der unvergeßlichen Frau, welche uns das Daſeyn ſchenkte, und die merkwürdigen Zeitereigniſſe unſrer Tage, uns Alle ſo plötzlich zerſtreute. Jetzt trennen ferne Laide und Meere die zahlreichen Mitglieder einer Familie, welche früher ſo einig in der engen Zurückgezogenheit einer länd⸗ lichen Wohnung zuſammenlebte. Willſt Du jetzt den Garten mit mir durchlaufen, und mich dann noch nach dem Dorfe begleiten, ehe ich übergehe, um Dir das mitzutheilen, was mir insbeſon⸗ dere Veranlaſſung gab, Dir dieſen Brief zu ſchreiben?— Seit wir das Landgut verließen, wurde der Garten und die übrigen Ländereien verpachtet; daher manche Ver⸗ änderungen. Du würdeſt alſo vergebens das Dir ſo liebe Blumenbeet ſuchen, oder die dunklen Buchenalleen, wo wir ſo oft gegen die brennenden Strahlen der Sommer⸗ ſonne, oder gegen ein leichtes Regenſchauer im Frühjahre Schutz ſuchten. Auch— und dieß betrübte mich am 15 meiſten,— ſind die großen dunklen Kaſtanienbäume hinter dem Hauſe verſchwunden. Von einem dieſer Bäume war vom Winde ein Aſt abgeſchlagen, welcher ein Paar Dachziegeln mit ſich fortgeriſſen hatte. Jetzt fürchtete man, daß der Baum ſelbſt, welcher alt zu wer⸗ den anfing, bald vom Sturme umgeriſſen werden kann, und in ſeinem Falle dem Hauſe bedeutenden Schaden zufügen könnte. Deßhalb wurde dieſer Baum, und wahr⸗ ſcheinlich aus demſelben Grunde, die beiden andern ge⸗ fällt.„Ich würde es nie erlaubt haben, wenn ich hier geweſen wäre,“ ſagte ich zu unſerm vorigen Rentmeiſter, der mir dieß erzählte. Ich war nämlich in dieſem Au⸗ genblick in den ſchwärmeriſchen Gedanken verſunken, daß ein Baum das Dach, dem er während einer langen Reihe von Jahren ſeinen Schatten verliehen hatte, und mich in ſeinem Falle wohl verſchonen würde. Der Mann ſah mich fremdartig an, denn er verſtand mich nicht. „Die Bäume haben viel eingebracht“— ſagte er, mit ei⸗ nem fragenden Blick meiner Antwort entgegenſehend. Dies Wort war mir ſtörend:„Geld!“— murmelte ich in mich, und kehrte ihm den Rücken zu. Späterhin ſah ich jedoch ein, daß es gut für uns geweſen wäre, daß unſer Rentmeiſter nicht mit gleicher ſchwärmeriſcher Anhänglichkeit, ſo wie ich an dieſen Gegenſtänden hing. Dieß würde uns, fürchte ich, großen Nachtheil zuge⸗ zogen haben. Der ächte Kaſtanienbaum jedoch, neben dem großen Fiſchteiche, unter deſſen gaſtlichen Schatten ſich die Fa⸗ milie ſo oft verſammelte, war noch da; aber mit, wie bei einer Trauerweide herabhängenden Aeſten, ſah er dem herannahenden Augenblicke ſeines Falles ängſtlich ent⸗ gegen. Der Fiſchteich ſelbſt, der früher ſeines klaren Waſſers wegen, ſo ſehr geprieſen wurde, war jetzt mit Waſſerlinſen und Schilf bedeckt, und beinahe ausgetrock⸗ net. Die beiden andern Teiche waren ausgefüllt, und ſo wie der ganze übrige Garten mit Küchenkräutern be⸗ baut. Die Lauben, worin wir ſpielten, oder die Kupfer 16 in Vater Cats beſahen, waren ebenfalls verſchwunden;„ ſelbſt nicht einmal mehr der Ort, wo ſie geſtanden hatten, wieder zu erkennen. Wie erwachten bei der Betrachtung dieſer Orte, welche Zeugen der Freuden meiner Kinderjahre geweſen waren, alle Erinnerungen in meinem Geiſte! bei einer jeden ſpielteſt Du, Henriette, eine wichtige Rolle. Wir beide waren die jüngſten Mitglieder der Familie, und unbedeutend war der Unterſchied unſrer Jahre. Daher waren wir gewöhn⸗ lich zuſammen und Zeugen unſerer gegenſeitigen Spiele. Du begleiteteſt mich, wenn ich mit meinem Bogen und den Pfeilen bewaffnet, durch den Hof in das Hölzchen lief, wo meine kindliche Einbildungskraft mich allerlei großar⸗ tige Pläne entwerfen ließ. Und wenn ich auch an Deinen Spielen, die nicht ſo ungeſtüm als die eines wilden Kna⸗ ben waren, keinen Theil nahm, ſo konnteſt du mich, Du wirſt es noch nicht vergeſſen haben, mit einem einzigen Worte, ja mit einem freundlichen Blicke Deines holden Antlitzes, den ganzen Tag bei Dir im Zimmer feſſeln, und an Deinen ſtilleren Unterhaltungen Theil nehmen laſſen. Du wareſt es, deren zartfühlendes Herz mich zuerſt auf das Grauſame meines Verfahrens aufmerkſam machte, wenn ich im Frühjahre Vogelneſter ſuchte und die Jungen herausnahm, Du wareſt es, welche meine jugendlichen Sitten zu verfeinern bemüht war, welches ſonſt Nie⸗ mand anders übernommen haben würde. Nachdem ich den ganzen Morgen unter gemiſchten Gefühlen auf dem Landgut zugebracht hatte, begab ich mich nach dem Dorfe. Du kennſt den breiten hohen Pfad, der die Fußgänger dorthin führt. Zuerſt geht er zwiſchen zwei Reihen Lindenbäumen hindurch, und dann über fruchtbare Felder mit Tabak oder Küchenkräutern bepflanzt. Ungefähr auf der Hälfte wird er von einem ſchnell ſtrö⸗ menden Waſſer durchſchnitten, wo hinüber ein hölzerner ſchmaler Steg liegt. Wie oſt haſt Du dieſen Weg an meiver Seite und unter meinem Schutze betreten; und mit welchem unerſchütterlichen Vertrauen verließeſt Du ———— ———————————— 17 Dich Henriette auf den brüderlichen Beiſtand bei den kleinen Gefahren, welche uns hätten begegnen können. An meiner Hand ſchritteſt Du unbeſorgt über den ſchma⸗ len Steg, und neben der Wohnung eines unſerer Arbeiter vorbei, deſſen großer Haushund, durch die Bohnenſtange, womit meine rechte Hand bewaffnet war, in ehrfurchts⸗ voller Ferne blieb. Einmal jedoch— erinnerſt Du Dich noch des Tages?— wagte er es auf uns zuzukommen; und wenn gleich mein Herz ängſtlich ſchlug, und mich anſpornte, mich durch eine ſchnelle Flucht aus dem Be⸗ reiche dieſes boshaften Thieres zu retten, ſo beſiegte ich doch meine Furcht. Der Gedanke an Dich ſtärkte meinen Muth und meine Kraft, und ließ mich den Kampf gegen das wüthende Thier wagen. Nicht ohne Blutvergießen be⸗ hauptete ich den Sieg. Das Verlangen, das Vertrauen, welches Du in mich ſetzteſt, nicht zu Schanden werden zu laſſen, und in Deinem Beiſeyn Beweiſe einer Unverzagt⸗ heit zu geben, flößte mir dieſen, meine Jahre übertref⸗ fenden Muth ein. Denn wenige Tage zuvor wurde es mir nicht ſchwer, bei einer ähnlichen Gelegenheit das Ha⸗ ſenpanier zu ergreifen, und eben ſo heldenmüthig als der römiſche Dichter Horaz, unter den Bannern des Vater⸗ mörders Brutus in der Schlacht bei Philippi käm⸗ pfend, non bene relicta parmula, (feig meine Waffen aufgebend) die Flucht ergriff. Endlich erreichte ich das Dorf, und ich hatte mich kaum mit dem Einen oder Andern alten Bekannten un⸗ terhalten, als ich mich ſchon von einer großen Anzahl Dorfbewohner umringt ſah, welche meine Ankunft erfahren hatten, und ſich mir mit den unzweideutigſten Beweiſen der Freundſchaft näherten und mich mit tauſenden von Fragen beſtürmten. Man erkundigte ſich nach einem jeden Mitgliede unſrer Familie; doch ganz beſonders wareſt Du, Henriette, der Gegenſtand der Fragen dieſer guten Leute, welche für Dich eine ſolche Anhänglichkeit an den 18 Tag legten, welche eine mehr als gewöhnliche Zuneigung verrieth. Alle erinnerten ſich noch mit einer ungekün⸗ ſtelten Freude des gefühlvollen Mädchens, das kein grö⸗ ßeres Glück kannte, als andere glücklich zu machen, und deren Herz und Hand ſtets für ihre leidenden Mitmenſchen geöffnet war. Man erinnerte ſich noch ſo manchen Vor⸗ falles, wobei Deine milde Hand die Thränen der Unglück⸗ lichen getrocknet, und Du einen wohlthätigen Balſam in die ſchweren Wunden gegoſſen hatteſt. Auch, indem man Deine Mildthätigkeit pries, konnte man nicht genug die liebevolle und herzliche Weiſe, wie Du ſie ausübteſt, prei⸗ ſen. Man wies mir den kleinen Sandpfad hinter der Kirche, wo man Dich ſo oft mit einem Körbchen bepackt, getroffen hatte, worin Du eine Flaſche Wein, oder an⸗ dere Herzſtärkungen für einen kranken Greis, oder für eine wiederhergeſtellte Wöchnerin verborgen hatteſt. Mit einem Worte, man war unerſchöpflich, Dich zu loben, und wußte Deine Tugenden nicht beſſer zu rühmen, als ſie in dieſen wenigen Worten zuſammen zu faſſen, welche mir ſo angenehm in den Ohren klangen und auch bei Dir für das beſte Lob gelten werden:„Sie war Ihrer guten, braven Mutter am ähnlichſten.“ Nachdem ich nicht ohne Mühe dieſe einfache Men⸗ ſchen von mir entfernt hatte, beſuchte ich den alten Schul⸗ lehrer des Dorfes. Ich fand ihn wie früher, in einem hohen, breiten Leſepulte ſitzend, den ſchwanken Weiden⸗ ſtock, deſſen Beiſtandes er nicht ſelten zur Handhabung der Ordnung unter ſeinen jugendlichen Zöglingen bedurfte, ihm zur Seite. Das Schulgebäude hatte in dieſer ganzen Zeit nicht die geringſte Veränderung erlitten, und war noch eben ſo dumpfig wie zuvor, und die liebe Dorfjugend eben ſo geräuſchvoll und unartig als vor ſechszehn Jahren. Ich fühlte daher ein wahrhaftes und inniges Mitleiden mit dieſem guten, alten Manne, der für einen kärglichen Lohn zu einem ſo ſklaviſchen Leben verdammt war; und ich konnte nicht umhin mit lebhafter Reue an alle die unartigen Streiche zurückzudenken, wodurch ich in jugend⸗ 19 licher Unbeſonnenheit die Tage des würdigen Lehrers Ambroſius noch mehr verbittert hatte. Aber der Greis trug keineswegs nach, und ſchien das Vergangene gänzlich vergeſſen zu haben, als er mich mit einem herzlichen Händedruck willkommen hieß, und ſeine Rührung ſprach für die Theilnahme, welche ich ihm durch meinen Beſuch an den Tag legte. Er öffnete auf meine Bitte die Kir⸗ chenthür, und ließ mich jetzt allein, um in dieſem einfa⸗ chen Bethauſe der Vergangenheit eine ſtille Thräne zu weihen, und meine Gebete zu dem aufzuſchicken, deſſen Wege auch oft hinſichtlich unſer ſehr dunkel waren, aber doch ſtets unſer wahres Wohl erzielten, und der uns in ſeinen Schutz nahm, als der unerbittliche Tod uns unſrer beiden Eltern beraubt hatte. Feuriger und mit einem feſten Vertrauen, daß mein Gebet bei dem Vater im Himmel Erhörung finden würde, habe ich wohl niemals gebetet. Als ich nun meine Augen auf die alterthümliche Kanzel richtete, da war es mir, als müſſe ich den alten braven Prediger wieder auftreten ſehen, welcher uns alle zur heiligen Taufe geweiht, und in den erſten Grundlehren des Chriſtenthums unterrichtet hatte; der bis zum höchſten Alter ſein ehrwürdiges Amt raſtlos verwaltete, und wäh⸗ rend der Ausübungen ſeiner Amtspflichten vom Tode überraſcht wurde. Länger als fünfzig Jahre hatte er in dieſer Kirche das Evangelium verkündigt; jetzt ruhet er der Kanzel nahe, von wo aus er oft ein Wort des Tro⸗ ſtes und der Beſſerung zu ſeiner Gemeinde ſprach. Schon hatten drei Prediger nacheinander, doch nur auf kurze Zeit, ſeinen Platz hier vertreten. Der vierte, ein junger Mann, welcher allgemein ſehr geprieſen wurde, ſtand erſt ſeit einem Jahre an dieſer Gemeinde. Ich hatte, wie Du bald erfahren wirſt, ſchon am Morgen oberflächlich ſeine Bekanntſchaft gemacht, und ihm verſprochen, ſein Mit⸗ tagsmahl mit ihm zu theilen. Als ich nun bei un⸗ ſerm Gange über den Kirchhof noch einen Angenblick auf dem Grabe jener achtungswerthen Frau verweilt hatte, welche während fünfundzwanzig Jahren unſeren Eltern ſo 20 treu diente, daß ſie weniger als Dienſtbote, ſondern als ein Familienmitglied betrachtet wurde, und die ihrer Ge⸗ bieterin ſo treu anhing, daß ſie deren Tod nur wenige Wochen überlebte— begab ich mich, meinem Verſprechen gemäß, in die Pfarrwohnung. Ich ſagte Dir ſo eben, daß ich mich ſchon am Mor⸗ gen einige Augenblicke mit dem jungen Prediger dieſer Gemeinde unterhalten hatte. Nun will ich Dir erzäh⸗ len, was dazu Veranlaſſung gab. Ich hatte, wie Du weißt, ſchon eine geraume Zeit in den verſchiedenen Ge⸗ mächern unſerer elterlichen Wohnung zugebracht, wobei der Gärtner zugegen war, welcher mich in einem jeden an eine häusliche Scene aus den früheren Tagen unſe⸗ rer Kindheit zu erinnern wußte. Mit einem bangen und geheimnißvollen Gefühle, dem ich keinen Namen zu geben weiß, betrat ich, nachdem ich alle übrigen Zimmer be⸗ ſucht hatte, das, welches ſchon in unſerer Jugend den Namen zerlumpte Kammer führte. Du erinnerſt Dich, Henriette, dieſes großen, doch ſpärlich beleuch⸗ teten Gemaches, wohin wir uns ſo oft als Kinder, doch niemals ohne ein geheimes Schaudern zu empfinden, begaben. Es war damals ſchon ſeit mehreren Jahren nicht bewohnt geweſen und durchaus ohne Hausgeräth. Die ſchönen goldledernen Tapeten, jämmerlich zerriſſen, — wodurch das Zimmer ſeinen Namen erhielt— be⸗ deckten ſchon damals weniger die Wände, als den ſchwarz gefärbten Boden, welcher außerdem reichlich mit Staub und Spinngeweben bedeckt war. Die beiden Fachfenſter in dieſem Zimmer, durch die hohen Kaſtanienbäume, welche hinter dem Hauſe ſtanden, beſchattet, ließen ſo wenig Licht hinein, daß ſelbſt in der Mitte des Tags eine düſtere Dämmerung in dem Zimmer herrſchte. Auch glaube ich nicht, daß die kleinen Fenſterſcheiben, durch das Alter und den Einfluß des Wetters ziemlich matt geworden, jemals den wohlthätigen Einfluß der Sprütze mit der Fenſterbürſte, welche an den übrigen Theilen des Gebäudes keineswegs geſpart wurden, empfunden haben. W War es eine bloße Grille unſerer Eltern, welche dieß Gemach ſtets in dem traurigen verfallenen Zuſtand ließen; oder ſtand dieß ſonderbare Verfahren mit irgend einem Familienverhältniſſe in Beziehung. Ich bin nicht im Stande, dieſe Frage zu löſen. Doch ſo viel erinnere ich mich, und Du wirſt es auch wohl nicht ganz vergeſſen haben, daß unſer guter Vater oft ſtundenlang in dieſem Gemache verweilte, und die hohen breiten Thüren eines hier angebrachten Bucherſchrankes öffnete, ſich mit dem Durchblättern mehrer Familienpapiere, welche daſelbſt aufbewahrt waren, beſchäftigte. Wie oſt plagte uns eine unüberwindliche Neugierde, die in den Papieren enthal⸗ tenen Geheimniſſe zu erfahren; und wie zauberte unſere kindliche Einbildungskraft uns manchmal allerlei roman⸗ tiſche Bilder herbei, welche, wie wir glaubten, in dieſen alten Papieren müßten enthalten ſeyn! Jedoch es war uns nicht vergönnt, dieſem feurigen Verlangen zu ge⸗ nügen, welches uns zuweilen, gegen das elterliche Verbot, in die zerlumpte Kammer trieb, wo wir die grünen Thüren des Bücherſchrankes anſtarrten, gleichſam als hofften wir, ſie würden ſich von ſelbſt öffnen, und den ganzen Schatz von Geheimniſſen, welchen ſie verbargen, uns offenbaren. Bei dem ſehr eiligen Umzuge unſrer Familie aus dieſer Gegend, war alles ſo ziemlich in demſelben Zu⸗ ſtand geblieben, und Niemand von uns hatte ſeit jenem Zeitraum dieſen Ort wieder beſucht. Wir jüngeren Mit⸗ glieder waren durch verſchiedene Umſtände gehindert, und unſer braver Vater konnte ſich niemals entſchließen, einen Ort wieder zu beſuchen, wo ſo viele Erinnerungen ver⸗ ſtobenen Glückes ihn beſtürmt, und wo ſeine Standhaf⸗ tigkeit, unter vielen Schlägen des Schickſals auf die Probe geſtellt, vielleicht zum Wanken gebracht haben würden. Es kann Dich daher nicht verwundern, Hen⸗ riette, daß auch das Verlangen zu unterſuchen, ob die geheimen Papiere der zerlumpten Kammer noch vorhanden wären, einigen Antheil an meinem Entſchluſſe 22 hatten, in unſrer väterlichen Wohnung einen Beſuch ab⸗ zulegen. Ehe ich jedoch in das Zimmer trat, hatte ich meinen Begleiter, den Gärtner von mir entfernt, weil ich bei der vorhabenden Unterſuchung lieber allein ſeyn wollte. Wenn ich in den übrigen Theilen des Gebäudes eine große durch den Jahn der Zeit bewirkte Veränderung bemerkt hatte, ſo läßt ſich leicht denken, daß es in der zerlumpten Kammer, welche früher ſchon ſehr im Verfall geweſen war, jetzt nicht beſſer ausſehen konnte als ſonſt. Du wirſt einſehen, daß ich gewiſſermaßen erſtaunt war, als ich, nachdem ich die Thür geöffnet hatte, das Innere ziemlich in Ordnung fand, und außerdem mit einem kleinen Tiſche und ein paar Stühlen verſehn. Das Ueber⸗ raſchende dieſes Anblicks wurde nicht wenig vermehrt, als ich vor dem geöffneten Bücherſchranke einen Menſchen gewahr wurde, der mit dem Rücken nach mir zugewandt, ſo ſehr in das Durchleſen einiger Papiere, welche er in der Hand hielt, vertieft zu ſeyn ſchien, daß er den Her⸗ eintretenden nicht ſogleich bemerkte. Ein menſchliches Weſen an einem Orte zu gewahren, welcher früher⸗ hin, als das Gebände noch bewohnt war, ſo ſehr ſel— ten beſucht wurde, dies mußte mich natürlich ſehr be⸗ fremden. Da der Unbekannte mich nicht ſogleich bemerkte, ſo hatte ich Gelegenheit, mich zuvor in dem Gemache um⸗ zuſehen; und ich bemerkte jetzt eine Ordnung und Nettig⸗ feit, welche nie zuvor darin zu finden war. Der Fuß⸗ boden ſchien gehörig gereinigt, die Scheiben gewaſchen, und die Tapeten, welche früher zugleich zu einem Teppich zu dienen ſchienen, lagen in einer Ecke des Zimmers auf⸗ gerollt. Ein kleiner Tiſch in deſſen Mitte war mit Schreibgeräth und einer Menge von Papieren bedeckt. Die grünen Thüren des Bücherſchrankes, welche ich frü⸗ her nie offen geſehn hatte, waren jetzt ganz geöffnet und boten mir eine freie Ausſicht in das Innere. Dieſer be⸗ ſtand zwar aus meiſt leeren Brettern, doch einige hin 23 und wieder zerſtreute Rollen Papier reichten hin, meine Neugierde nicht minder als in meinen Kinderjahren, auf⸗ zuregen. Bei einem geringen Geräuſch, welches ich abſichtlich machte, ſah endlich der Fremde auf, legte einigermaßen erſchreckt, die Schrift mit der er beſchäftigt geweſen war bei Seite und näherte ſich mir fragend: „Der Herr wird wahrſcheinlich“— ſagte er, nach⸗ dem er mich gegrüßt hatte—„dies Gebäude beſichtigen wollen. Es ſoll wie ich höre in kurzer Zeit öffentlich verkauft werden.“ Ich beantwortete ſeine Frage durch die Nennung meines Namens, um mich ihm als noch zeitigen Mit⸗ beſitzer des Landgutes vorzuſtellen. „Wenn es ſo iſt“— erwiederte der Fremde— „muß ich Sie ſehr um Verzeihung bitten, daß ich es ge⸗ wagt habe dies Gemach dann und wann zu beſuchen, um in einigen alten Papieren, welche ein Zufall mich hier entdecken ließ, zu blättern. Ein darauf geworfener Blick erregte in mir den Wunſch, den ganzen Inhalt ken⸗ nen zu lernen. Die Verſuchung war groß, und das Wohl⸗ wollen Ihres Rentmeiſters geſtattete mir zuweilen hier⸗ her zu kommen.“ Er fuhr noch einige Zeit in dieſem Tone fort und machte viele Entſchuldigungen über ſeine Dreiſtigkeit. Der Unbekannte ſchien ein ſehr gebildeter Mann zu ſeyn, und ich hielt die Sache für zu geringfügig, um deßhalb verdrießlich zu ſeyn. Bald wurde ich mit dem Namen und dem Stande des Sprechers bekannt, und machte in ihm die Bekanntſchaft des gegenwärtigen Predigers des Dorfes, deſſen Namen ich ſchon mehreremale mit Aus⸗ zeichnung hatte nennen hören. Ich machte ihn meiner⸗ ſeits mit den Gründen bekannt, welche mich veranlaäßt hatten, dieſe Orte zu beſuchen, und vergaß nicht meine Neugierde wegen des Inhalts der Papiere in dem zer⸗ lumpten Zimmer mit durchblicken zu laſſen. „Es wird Ihnen ja nun die Gelegenheit, Ihre Neu⸗ gierde zu befriedigen,“— antwortete mir der Prediger —„und ſo ſehr Ihre Erwartungen auch geſpannt ſeyn mögen, ſo glaube ich doch, daß ſie Befriedigung finden werden. Der Inhalt vieler dieſer alten Schriften iſt im hohen Grade merkwürdig, und ich habe manche Stunde gemüthlich dabei verbracht. Der ganze Vorrath war, als ich dieſen Bücherſchrank zuerſt öffnete, auf eine jäm⸗ merliche Weiſe zerſtreut. Doch ich habe die verſchiedenen Stücke geordnet, und die, welche zuſammen gehören nu⸗ merirt, ſo daß es Ihnen jetzt bequem ſeyn wird ſich mit dem Inhalt bekannt zu machen. Wenn es Ihnen recht iſt, dann können wir dieſe Papiere, welche Sie ohne Zwei⸗ fel mitnehmen werden, vorläufig nach meiner Paſtorei bringen laſſen; und wenn Sie mir die Freude machen wollen heute Mittag mit mir vorlieb zu nehmen, dann fönnen wir ſie noch einmal mit aller Bequemlichkeit in Augenſchein nehmen.“ Ich hatte keinen Grund, dieſe Einladung abzuleh⸗ nen, im Gegentheil freute es mich ſehr, einen ſo achtungs⸗ werthen Mann, wie mir dieſer Geiſtliche ſchon mehrfach geſchildert war, näher kennen zu lernen. Wir trennten uns, gegenſeitig zufrieden auf einige Augenblicke, und ich fand mich zur rechten Zeit in der Paſtorei ein. Nach einem einfachen ländlichen Mahle, welches durch die lehrreiche Unterhaltung meines Gaſtgebers und ſeiner jungen Gattin ſehr gewürzt worden war, war meine erſte Frage nach den oben erwähnten Papieren. Der Predi⸗ ger führte mich in ſein Studirzimmer, und zeigte mir einige Convolute, mit Bindfaden umwunden, die eben ſo viel belangreiche Geſchichten enthielten, die in eine frühere Zeit gehoͤrten. „Ich habe dieſe Urkunden mit dem größten Ver⸗ gnügen geleſen“— ſagte er—„beſonders, weil ſie Schickſale beſonderer Menſchen enthalten, und ſie nicht ſelten mit den merkwürdigſten geſchichtlichen Ereigniſſen unſres Vaterlandes in Verbindung bringen. Hauptſäch⸗ lich:“— fuhr er fort, indem er mir eins der größten 25 Pakete herreichte—„darf ich Ihnen das Leſen dieſer Erzählung anempfehlen, deren Inhalt Ihre Theilnahme nicht weniger als die meinige in Anſpruch nehmen wird. Die darin beſchriebenen Ereigniſſe verſetzen uns in einen ſehr wichtigen Zeitpunkt unſrer früheren Ge⸗ ſchichte, und machen uns mit einigen Perſonen, deren Namen und Treiben von unſern Geſchichtſchreibern den Annalen übergeben iſt, näher bekannt, und die, nach einem Zeitverlaufe von mehr als zweihundert Jahren, noch immer unſre Theilnahme in Anſpruch nehmen. Ich habe es gewagt, und hoffe, daß Sie mir es nicht übel deuten werden, dieſe Papiere hier und dort mit einigen Anmerkungen zu verſehen, wozu mir eine Samm⸗ lung mir gehöriger Handſchriften, welche ſich auf die Geſchichte jener Zeiten beziehen, beſonders dienlich waren. Das Ganze iſt daher faſt ſchon in den Stand gebracht, daß es in der Form einer Erzählung ans Licht treten kann, wenn Sie ſich dazu, was ich Ihnen ſehr anrathen darf, verſtehen ſollten.“ Ich zeigte mich nicht ungeneigt, wenn der Inhalt meiner Erwartung entſpräche, dem Rath meines neuen Freundes zu folgen, las deßhalb den größten Theil der Papiere mit ihm durch, und machte von den vielen Bemerkungen, welche ſeine ausgebreiteten Kenntniſſe in Allem was er mir über die niederländiſche Geſchichte, wäh⸗ rend der erſten Hälfte des ſiebzehnten Jahrhunderts be⸗ trifft, mittheilte, eine nützliche Anwendung, beſonders von den kirchlichen Zwiſten jener Zeiten. Da meine Zeit ſehr beſchränkt war, und ich noch vor Einbruch der Nacht die nächſte Stadt zu erreichen wünſchte, ſo ſah ich mich genöthigt, nur wenige Se⸗ kunden nach der Mittagszeit dem würdigen Geiſtlichen und ſeiner freundlichen Gattin Lebewohl zu ſagen, und meine Rückreiſe anzutreten. Man gewährte es mir doch nur unter dem Verſprechen, ſobald meine Verhältniſſe es mir erlaubten, meinen Beſuch zu erneuern, und dann Der Schutzgeiſt. I. 3 26 einige Tage in der Paſtorei zu V.— zuzubringen. Ich nahm, wie es ſich von ſelbſt verſteht, die Papiere aus der zerlumpten Kammer mit mir, und beeile mich nach meiner Zurückkunft, Dir, meine geliebte Schweſter eine kurze Erzählung von den Ergebniſſen mitzutheilen, und zu gleicher Zeit Dich um Dein Urtheil über die Erzählung zu bitten, welche Du hierbei erhältſt, und vor welche ich Deinen Namen, als einen geringen öffentlichen Beweis jener warmen brüderlichen Liebe, die, wie Du weißt, mich ſtets beſeelt hat, zu ſetzen wünſche. In wie fern einige der Perſonen, welche hier auf⸗ treten, mit unſrer Familie in Verbindung ſtanden, oder zu ihr gehörten, das iſt ein Punkt, meine theure Hen⸗ riette, den ich zu ſeiner Zeit mündlich mit Dir be⸗ ſprechen werde, da dies doch für das Publikum von keinem Intereſſe iſt. Die Erzählung kommt mir in jeder Hinſicht höchſt merkwürdig vor, und die Charaktere vieler, ſowohl hiſtoriſcher als Privatperſonen, feſſelten aufs lebhafteſte mein Intereſſe bis an das Ende. Ich glaube, daß Du, Henriette, eben ſo urtheilen, und mir gern beiſtimmen wirſt, daß dieſe geſchichtliche Erzählung ſehr unterhaltend und lehrreich iſt. Wir werden daraus erſehen, daß man trachten muß die wil⸗ den Leidenſchaften zu bezwingen, die uns ſo gebrechliche menſchliche Weſen, ſo oft, beſonders in unſerer Jngend, von dem Pfade der Ehre und der Tugend abzuleiten ſuchen, und die, wenn ſie ſich einmal Gewalt über uns angemaßt haben, nur mit der großten Mühe wieder unterdrückt werden können, und oft unſre ganze irdiſche Laufbahn zu einem Schauſpiel des Elends und von Miſſe⸗ thaten machen. Liebe und Rachſucht, dieſe beiden mäch⸗ tigen und verführeriſchen Triebfedern in menſchlichen Herzen, ſpielen in der Erzählung, welche ich Dir vor⸗ lege, eine gewaltige Rolle. Beſchuldige mich nicht, liebe Schweſter, daß ich zwei in ihrer Art ſo ganz ver⸗ ſchiedene Leidenſchaften hier in einem Athemzuge her⸗ nenne; daß ich die Liebe, dieſe geheiligte, allen edlen — er— r 1————— — 27 Gemüthern ſo unſchätzbare Leidenſchaft, mit der ver— brecheriſchen Begierde gleich zu ſtellen wagte, die nur in einer gemeinen Seele, um ſich über erlittenen Hohn oder Unrecht eine unnütze Rache zu verſchaffen, ſcheint wohnen zu können. Oder iſt dieſe Liebe, wenn ſie nicht durch Ehre geleitet wird, und ſtatt den Menſchen zu einem beſſeren und tugendhafteren Wandel anzuſpornen, ihn vielmehr von dem Pfad der Tugend ableitet und ihn zu Verbrechen führt— iſt ſie dann nicht eine ſehr tadelnswerthe, eine ſehr verderbliche Leidenſchaft? Und iſt nicht die Rachſucht gerade deßhalb eine der gefähr⸗ lichſten Triebe, weil ſie nicht ſelten— dieſe Erzählung wird es Dir noch mehr beſtätigen— ſich hinter die Maske einer edleren Leidenſchaft verborgen hält? O, daß ein Jeder, welcher dieſe Blätter leſen wird, dieſes lebhaft fühlen möchte! und daß mancher dadurch ermuthigt werde, mit allen ſeinen Kräften der Stimme der Verführung in ſeinem Innerſten Widerſtand zu leiſten, welche ihn ſo oft unter einem gutſcheinenden Vorwande zu verbrecheriſchen Schritten zu verleiten be⸗ müht iſt! Dann würde ich die, der Herausgabe dieſer Papiere gewidmete Zeit nicht für verloren halten. Wenn dann vielleicht ein einzelner Jüngling oder Jungfran, durch meinen Rath, und mehr noch durch die Beiſpiele, welche ich ihnen in dieſer Erzählung vor Augen ſtelle, meinen Namen mit der heitern Erinnerung nennen ſolite, dann wird auch Dein Name, meine Henriette, nicht vergeſſen werden; und die geringe Huld, welche ich in dieſen Blättern Dir darzubringen bemüht war, wird einen Beweis von der herzlichen Zuneigung liefern, welche uns von Kindesbeinen an gegenſeitig beſeelte, und uns ſo lange wir unſer Bewußtfein behalten, be— ſeelen wird. 28 Zweites Kapitel. Ja, unter Philipps Reich herrſchte die größte Noth, Wie Fluthen überſtrömt der Spanier ſtolzes Heer Der Niederländer Land, verbreitet um ſich her Verbrechen ohne Zahl, Verheerung, Angſt und Tod. Obſchon unſere Erzählung den Leſer eigentlich in die erſte Hälfte des ſiebenzehnten Jahrhunderts verſetzen ſoll, ſo halten wir es doch für nothwendig, ihn zuvor fünf⸗ zig Jahre weiter zurückzuführen, und ihn mit Perſonen und Ereigniſſen bekannt zu machen, welche mit dem Ver⸗ lauf dieſer Geſchichte im engſten Verbande ſtehen. Wir müſſen ihn auf einige Augenblicke in den glanzvollen Zeitpunkt unſerer früheren Geſchichte verſetzen, welche durch ſo viele ruhmreiche Männer beſchrieben und von unzähligen Dichtern beſungen iſt. Wir meinen die Zeit, wo der Niederländer, der freilich ſchon in früheren Jahrhunderten ſich den Ruf der Tapferkeit und des Hel⸗ denmuthes erworben, und ſich ſeiner Abkunft von den kriegeriſchen Batavern— nach Tacitus das mu⸗ thigſte aller germaniſchen Völker— nie unwürdig gezeigt hatte, beſonders in der Mitte des ſechszehnten Jahrhunderts mehr als ein friedliebendes und han⸗ deltreibendes Volk aufgeführt war— plötzlich eine Federkraft und einen Heldengeiſt entwickelte, der ihn be⸗ fähigte, mit einer verhältnißmäßig unbedeutenden Macht, das mächtigſte Reich von Europa zu bekämpfen, und dar⸗ über zu triumphiren; Thaten zu vollführen, welche in der Geſchichte neuerer Völker ohne gleichen waren und nur in die Heldenzeiten des Alterthums zu gehören ſchie⸗ nen— mit einem Worte, der den blutigen achtzigjährigen Krieg kämpfte. Hier werden wir nicht bedacht ſeyn, die Umſtände, welche zu dieſem Kriege mit Spanien Veranlaſſung gaben, anzuführen. Welcher gebildete Leſer iſt nicht mit dieſem Theile der Geſchichte hinlänglich bekannt? Auch —————— in zen nf⸗ en er⸗ Pir len che on eit, ren el⸗ den 1u⸗ dig ten an⸗ ine be⸗ cht, ar⸗ in ind ie⸗ gen de, ing mit uch 29 wollen wir hier die Ereigniſſe nicht aufzählen, welche die erſten bangen Jahre dieſes Krieges entſtehen ließen,— als der fürchterliche Religionshaß von der einen Seite ſich in der Verfolgung und den Martern unſchuldiger Mitmenſchen erſchöpfte, deren einziges Verbrechen es war, daß ſie Gott auf ihre Weiſe dienen wollten; und der nicht minder wüthende Haß gegen die Tyrannen, ja oft nur gegen den Namen Spanier, von der andern Seite ſich in den kräftigſten, aber zuweilen auch in den ſchreck⸗ lichſten Handlungen offenbarte. Nur inſofern dieſe Ereig⸗ niſſe mit der Erzählung in einer unmittelbaren Verbin⸗ dung ſtehen, welche wir dem Leſer in dieſen Blättern vorlegen, wollen wir ſie ihm mit wenigen Worten in das Gedächtniß zurückrufen. Es waren ungefähr fünf Jahre ſeit dem unglück⸗ lichen Tage, wo in der Ebene von Heiligerlee das erſte Blut für die Freiheit der Religion und des Gewiſ⸗ ſens vergoſſen war, verfloſſen.(Im Mai 1568.) Ein kurzer Zeitraum, aber nichts deſto weniger fruchtbar an den gewichtigſten Ereigniſſen. Graf Adolph von Naſſau hatte den Sieg mit ſeinem Leben bezahlt, und war der Erſte von dem großen Heldenſtamme, alle aus dieſem durchlauchtigen Stammhauſe entſproſſen, welche für die Freiheit und Wohlfahrt der ihnen ſo theuer ge⸗ wordenen Niederlande Gut und Blut hingaben. Nur ſechszehn Jahre mußten noch vorübergehen und drei ſei⸗ ner Brüder ſtarben ſo wie er den Tod fuͤr das Vater⸗ land. Schon zum zweitenmale hatte der Vater des Va⸗ terlandes— mit dieſem Namen feiert eine dankbare Nachkommenſchaft, noch nach länger als dritthalbhun⸗ dert Jahren ſein Andenken— ein anſehnliches Heer auf die Beine gebracht, und war zur Rettung ſeiner unter⸗ drückten Landsleute erſchienen; aber dennoch ſah er ſich durch das liſtige Verfahren ſeiner Gegner genöthigt, ſich zurückzuziehen und ſeine mit ſo großen Opfern und ſo vieler Mühe zuſammengebrachten Truppen wieder abzu⸗ danken. Höher ſtieg von Tag zu Tag die Noth des 30 Vaterlandes. Wohl war ſchon durch die Einnahme von Briel der erſte Grund zu der niederländiſchen Freiheit gelegt, und viele bedeutende Städte Hollands und anderer Provinzen hatten ſich ſchon zur Parthei des Prinzen von Oranien geſchlagen;— aber der Abfall dreier Provinzen, Geldern, Oberyſſel und Fries⸗ land; die Eroberung von Zütphen, und die dort verübten Gräuel, wobei die ſpaniſche Wuth ſich in ihrer ganzen Abſcheulichkeit zeigte; der verrätheriſche Mord der Hugenotten in Paris, welcher den Pro⸗ teſtanten hier zu Lande eine jede Hoffnung auf den Bei⸗ ſtand ihrer Glaubensgenoſſen in Frankreich benahm — dieß Alles brachte das unglückliche Holland, nun ſich ſelbſt überlaſſen und von allen Seiten der Uebermacht des erbitterten Feindes blosgeſtellt, in den verhängniß⸗ vollſten Zuſtand. Dieß um ſo mehr, weil noch beſtändig einige wichtige Städte dieſer Gegend, worunter auch Amſterdam, auf der Seite der Spanier blieben. Als Herren von ganz Geldern, zögerten die Feinde nicht länger, in Holland ſelbſt einzudringen. Alb a's Sohn, Don Friedrich, welcher ſeinem Vater keines⸗ wegs an Grauſamkeit nachſtand, rückte mit ſeiner Kriegs⸗ macht gegen das ſchwache Naarden; die Stadt wurde nach einem kurzen Verzug den Spaniern übergeben, und gegen den abgeſchloſſenen Vertrag wurden im ſtreng⸗ ſten Sinne des Wortes alle Einwohner mit einer Grau⸗ ſamkeit ermordet, welche ſogar in dieſem Kriege ohne Beiſpiel war. Jetzt kam zuerſt an Haarlem die Reihe, und noch vor dem Ende des Jahres 1572, hatte Don Friedrich nach der Eroberung von Sparendam die Belagerung rund um dieſe wichtige Stadt, welche ſo ſehr von Freiheitsſinn entbrannt war, verlegt. Doch wir ſind durch dieſe geſchichtlichen Bemerkungen unſerer Erzählung ſchon um einige Tage vorgeeilt. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß die ſo eben begon⸗ nenen Kriegsrüſtungen der Spanier mit vielem Brand⸗ ſchatzen, Plündern und Mißhandlungen der Bewohner des —5 ——— ———— on en ds es all ort in che ⸗ ei⸗ m waren. Verſchiedene, minder öſſer, welche zu der Zeit in die⸗ 3 flachen Landes ver oder mehr befeſtig ſen Gegenden noch ſe läufig zu finden waren, von Edelleuten oder andern angeſehenen Leuten bewohnt, wurden vernichtet, theils nur aus Muthwillen, theils auch weil der Beſitzer zu ver Parthei des Prinzen ge⸗ hörte. Von einigen Schlöſſern ſind noch gegenwärtig einzelne Trümmer vorhanden, wie z. B. vom Schloſſe te Kluf, ein wenig nördlich von Haarlem— in wel⸗ chem Gebäude Don Friedrich während der Belage⸗ rung der Stadt ſeine Wohnung aufgeſchlagen hatte— und von, dem berühmten Schloſſe Brederode, eine Stunde davon nördlich gelegen. Von andern hingegen ſind alle Spuren verſchwunden; und nur die Geſchichte oder die Ueberlieferung érwähnen ſtarker Schlöſſer, welche daſelbſt einſt beſtanden, doch durch den Uebermuth der Spanier vertilgt wurden. So lag in denſelben anmuthigen Auen, welche ſich nördlich von Haarlem ausdehnen, nicht weit von den grünen Ufern der Spaarne, das Schloß Schooten, das Stammhaus und lange Zeit das Eigenthum der Edlen dieſes Namens, nicht unbekannt in der früheren Geſchichte unſeres Vaterlandes. Dieſe Familie, welche ungefähr in derſelben Zeit, wo unſere eigentliche Erzäh— lung anfängt, ausſtarb, war ſchon lange vorher nicht mehr im Beſitze des Schloſſes und der Oberherrlichkeit. Wir finden in der erſten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts den Zeeländiſchen Edelmann Heinrich von Bor⸗ ſelen als Eigenthümer des Schloſſes Schvoten an⸗ gegeben, welches im Anfange des folgenden Jahrhunderts im Beſitze einer vornehmen Familie aus Deutſchland war, die aber ſchon eine lange Reihe von Jahren in die⸗ ſen Gegenden gewohnt hatte und daſelbſt anſehnliche Güter beſaß. In dem Zeitraume, wohin wir ſo eben unſere Leſer. verſetzt haben, im Jahre 1572, war Friedrich von So lingen, der einzige Abkömmling dieſes Geſchlechts, 32 Eigenthümer und Bewohner des Schloſſes Schooten. Er hatte ſich ſtets, ein eifriger Anhänger der neuen Con⸗ feſſion, vom Anfange der Erbitterung an, als ein muthi⸗ ger Gegner der Spanier gezeigt; und obgleich er ſchon die mittlern Jahre längſt überſchritten hatte, verheirathet und im Beſitze zweier Kinder war, ſo hatte er doch ſelbſt die Waffen gegen den gemeinſchaftlichen Feind geführt. Da er ſchon in ſehr früher Jugend, ſowohl aus Neigung als auch dem elterlichen Willen zufolge das Kriegshand⸗ werk wählte, ſo hatte er ſich ſchon bei mehr als einer Gelegenheit rühmlich ausgezeichnet, und in der berühm⸗ ten Schlacht bei St. Quentin, wo die niederländiſche Tapferkeit für den König Philipp den Sieg davon trug, hatte er, an der Seite des Grafen Egmont fech⸗ tend, viel zum Siege beigetragen. Vier Jahre vorher war er mit dem Fräulein Eliſabeth von Kamminga aus der vornehmen Familie dieſes Namens, welche ſeit undenklichen Jahren ſchon in Friesland blühete, ver⸗ ehlicht, und hatte, ihren Bitten Gehör ſchenkend, nach dem Friedensſchluſſe den Kriegsdienſt verlaſſen, um ſich ganz der Verwaltung ſeiner Güter und der Erziehung ſeiner Kinder hinzugeben. Dieſen friedlichen Pflichten hatte er mit Eifer und Luſt ſeine Tage geweiht, bis die Erbitterung hier zu Lande ausbrach, welche ihn auch mehreremale bald auf kurze, bald auf längere Zeit dem Schvoße ſeiner Familie entzog, und zuletzt für ihn und die Seinigen zu einem Born des fürchterlichſten Elends wurde. Von ſechs Kindern, welche ſeine geliebte Gattin ihm geſchenkt hatte, waren nur zwei, eine Tochter und ein Sohn, das älteſte und jüngſte Pfand ſeiner Ehe, am Leben geblieben; die übrigen waren alle in ihrer frühe⸗ ſten Kindheit den elterlichen Herzen entriſſen worden. Das Mädchen, Margaretha genannt, war damals neunzehn Jahr, der Knabe, welcher den Namen ſeines Vaters führte, ſechs Jahr alt. Beide wurden von ihrem Vater mit mehr als gewöhnlicher Zärtlichkeit geliebt; 1 ( d 9 t f n n⸗ i⸗ on et bſt rt. ng d⸗ er m⸗ che on ch⸗ er ga eit er⸗ ach ich ng ten die uch em ind ds hm ein am he⸗ en. als nes em bt; 33 und dieſe Liebe war noch vermehrt, als gerade zu dieſer Zeit die Gemahlin des Herrn von Solingen, deren Geſundheit ſchon früher geſchwächt war, den Sorgen und dem Kummer, durch die damaligen Zeitumſtände herbei⸗ geführt, erlag. Der Tod der liebevollſten Mutter, ſo traurig er auch für die Nachgelaſſenen war, konnte doch für ſie ſelbſt ein Glück genannt werden. Sie war doch wenigſtens kein Zeuge eines jammervollen Auftritts, welcher wenige Monate nachher Tod und Verderben über eine früher ſo glückliche Familie verbreitete. Dieß und das folgende Kapitel unſrer Erzählung wird es uns um⸗ ſtändlicher mittheilen, und ihr zur Einleitung dienen. Man hatte in dem Geſchlechte der von Solin gen die Erfahrung gemacht, oder zu machen geglaubt, daß ſeit uralten Zeiten die Glieder dieſer Familie, beſonders die Söhne, abwechſelnd entweder zum treffendſten Bei⸗ ſpiele des höchſten Glückes oder des ärgſten Unglückes dienten; und zwar ſo, wie der Sohn dem Vater, ſo auch Glück und Unglück in dieſer Familie auf einander folg⸗ ten. Dieſer Aberglaube, oder welchen andern Namen man dieſem Glauben beilegen will, wurde noch durch eine alte Ueberlieferung verſtärkt, welche erzählte, daß in früheren Zeiten durch ein Mitglied dieſer Familie ein großes Verbrechen begangen worden wäre, deſſen ver⸗ hängnißvoller Einfluß ſich auf alle Nachkommen des Schuldigen erſtrecken ſollte, welches ſich nicht allein durch Unglück, ſondern auch durch neue Verbrechen dieſer Nach⸗ kommenſchaft bethätigen ſolle. Dieſelbe Ueberlieferung findet ſich noch in barbariſchen Reimen in der altdeutſchen Sprache, wo auf das obenſtehende angeſpielt, und zugleich in ſehr unbeſtimmten Worten auf einen Zeitraum hin⸗ gewieſen wird, wann dieſer verhängnißvolle Einfluß auf⸗ hören ſoll, und die früher begangenen Gräuelthaten als getilgt betrachtet werden ſollen. Folgende Worte bilden ungefähr den Sinn der alten, den meiſten unſerer Leſer unverſtändlichen Reime: 2 34 „Blut ert Blut; das unheilbringende Geſchick wüthet als Lohn der Schalds bis z einſt die Zeit der Sühne erloſchen iſt. Dann v tilgt die Liebe das Verbrechen, wenn das n blindlings bäumende Roß am Abgrunde auf⸗ r gehalten wird.“ h Wenn man, wie ſchon oben gefagt wurde, mehrere u Male beobachtet hatte, daß eine wunderbare Fügung des d Schickſals regelmäßig Glück und Unglück in der Familie z der von Solingen abwechſeln ließ, ſo bekräftigten F die Ereigniſſe, welche wir hier mitth ilen müſſen, noch ſt mehr dieſe Meinung. Der Vater des Friedrichs von h Solingen hatte auf dem Schloſſe ſeine di Laufbahn in Glück und Ruhe beendigt: es war alſo der ih Sohn, woran das Schickſal ſeinen verhängnißvollen Ein⸗ fa fluß auszuüben hatte. Dieſer hatte inzwiſchen ein Alter H von fünfzig Jahren erreicht, ohne daß er, außer durch hi den Verluſt ſeiner Gattin, und der traurigen Lage ſeines in Vaterlandes, mehr als Andere von dem Geſchick heim⸗ fu geſucht worden wäre; aber er war nur ſo lange bewahrt S geblieben, um deſto härter getroffen zu werden. Wir di haben ſchon erwähnt, daß ihm nur zwei Kinder von einer ſe zahlreichen Nachkommenſchaft übrig geblieben waren. ze „Margaretha war eine Ju ingfrau von außerordentlicher eit 3 Schönheit, und war durch die Sorgfalt der Mutter aufs ih ſorgfältigſte erzogen worden. Nicht ohne Bekümmerniß E hatte jedoch die Mutter bei vielen vortrefflichen Eigen⸗ we ſchaften des Geiſtes auch einen gewiſſen Stolz und ein wi leidenſchaftliches Weſen, wovon ſie einſt üble Folgen für M das Mädchen befürchtete, entdeckt. Umſonſt hatte ſie alles ſo . angewandt, ihrem Charakter eine andere Richtung zu üb— geben, allein ſie war der Welt und allem, was ihr theuer Fr war, ehe ſie ſich eines guten Erfolgs hätte ſchmeicheln tra können, entzogen worden. Die Folge lehrte bald, daß To die Beſorgniß der liebevollen Mutter keineswegs unge⸗ gef gründet geweſen war. ma Kurze Zeit vor dem Tode ihrer Mutter hatte Mar⸗ ein 3*. 30 e garetha einige Wochen bei einer fernen Verwandten 6 zu Amſterdam zugebracht. Hier ließ ein verhängniß⸗ u voller Zufall ſie mit einem jungen Spanier aus vorneh⸗ 5 mer Familie bekannt werden, der ſich im Königsdienſte rühmlich ausgezeichnet hatte, ſowohl durch ſeine Klug⸗ heit und geſchickte Führung, als auch durch ein ſanftes re und menſchliches Verfahren gegen die unterdrückten Nie⸗ s derländer, welches allen übrigen Spaniern völlig fremd ie zu ſeyn ſchien. Der Name des Jünglings war Don n Franzesko d'Avila; er war der Neffe des berühmten ch ſpaniſchen Befehlshabers Sanchio d'Avila, ſpäter⸗ n hin Sieger in der Mvokerheide. Das edle Aeußere e dieſes jugendlichen Kriegshelden und das Lob, welches er ihm ſelbſt von denjenigen wurde, denen der Name Spanier n⸗ faſt ein Gräuel war, machten auf Margarethens er Herz einen heftigen Eindruck. Ohne die feindliche Bezie⸗ ch hung zu betrachten, worin die Spanier und Niederländer es in jenen Zeiten einander gegenüber ſtanden, noch den n furchtbaren Haß, welchen ihr Vater gegen einen jeden rt Spanier nährte, lieh das leidenſchaftliche Mädchen, durch ir die Auszeichnung, welche d'Avila ihr bezeigte, bald er ſeinen Worten ein günſtiges Ohr, als er mit dem gan⸗ n. zen, ſeiner Nation eigenen Feuer, ihr ſeine Liebe geſtand, er eine ewige unverbrüchliche Treue ſchwur, und ſich vor ſs ihr niederwerfend aufs innigſte um Gegenliebe flehte. iß Es bedurfte nicht vieler Worte; das Herz des Mädcheus n⸗ war ſchon längſt ſein Eigenthum. Gerade um dieſe Zeit in wurde Margaretha durch die plötzliche Krankheit ihrer ür Mutter in das elterliche Haus zurückgerufen. Dieſe nahm es ſo plözlich zu, daß der Jungfrau nicht einmal ſo viel Zeit zu übrig blieb, ſich mit der tugendhaften und verſtändigen e Frau, welche ihr das Leben geſchenkt hatte, in eine zu⸗ ln trauliche Unterhaltung einzulaſſen; noch dieſer, um ihrer aß Tochter, deren Charakter ihr ſo große Bekümmerniß ein— e gelößt hatte, zum letzten Male einige Vorſtellungen zu machen und ſie zu ermahnen, welches von den Lippen r⸗ einer ſterbenden geliebten Mutter ſelten ſeinen Einfluß 36 verfehlt. Sie ſtarb, nachdem ſie mit dem Aufwaud aller ihrer Kräfte, ihren beiden Kindern, welche weinend vor ihrem Bette nieder knieten, ihren mütterlichen Segen er— theilt hatte. Die gefährlichen Zeitumſtände, worunter beſonders die Bewohner des flachen Bodens viel zu leiden hatten, ſpornten den Herrn von Solingen an, ſeinen Kin⸗ dern in Am ſterdam einen ſicherern Aufenthalt zu ver⸗ ſchaffen. Doch ſey es, daß ihm einiges von ſeiner Tochter Beziehung daſelbſt zu Ohren gekommen war, oder auch, daß er nach dem Tode ſeiner Gattin ſich nicht ent⸗ ſchließen konnte, ſich von dem Einzigen, was ihn noch an das Leben feſſelte, zu trennen; er behielt Beide auf dem Schloſſe. Unterdeſſen fanden die Ereigniſſe, welche wir ſchon früher anführten, Statt: Naarden wurde eingenommen, und die Feinde rüſteten ſich zur Belagerung Haarlems, und fo viel als möglich zu der Unterwerfung ganz Hol⸗ lands. Viele, in dieſer Umgegend verlaſſene Schlöſſer, fielen den Spaniern ohne weiteres in die Hände, welche theils zerſtört, theils von den Befehlshabern der Trup⸗ pen in Beſitz genommen wurden. Auch von Solingen faßte den Entſchluß, bei Annäherung der Feinde für ſich und die Seinigen einen ſichereren Aufenthaltsort zu ſuchen. Noch war er unſchlüſſig, wohin er ſich begeben ſollte, als er von Seiten der kürzlich zu Haarlem eingeſetzten Regierung, welche aufs eifrigſte die Vertheidigung der Stadt beſchloſſen hatte, die Aufforderung erhielt, als wahrer Vorſtand der guten Sache, das Seinige zu der Vertheidigung des Landes mit beizutragen. Man forderte ihn auf, ſein Schloß eine Zeitlang gegen die Spanier zu vertheidigen, da man es für ſehr dienlich hielt, die feſten Punkte in der Umgegend der Stadt im Beſitze zu behalten. Zu dieſem Endzwecke wurden auch bei dem nahe liegenden Sparrendam zwei Schanzen aufge⸗ worfen, um den von Amſterdam kommenden Feind daſelbſt aufzuhalten, und außerdem hatte man den Plan gemacht, 37 daſelbſt den Deich durchzuſtechen, und auf dieſe Weiſe den Spaniern den Weg zur Stadt abzuſchneiden. Eine ſolche Aufforderung konnte dem Vaterlands⸗ freunde nur willkommen ſeyn, der mit ganzer Seele der guten Sache zugethan war. Er nahm die Mannſchaften, welche man ihm aus der Stadt zugeſchickt hatte, freu⸗ dig auf, übernahm den Befehl und hielt alles, was zur Vertheidigung des Schloſſes dienen konnte, in Bereitſchaft. Dies Gebäude mit Thürmen, Gräben und Wällen, alles ziemlich gut im Stande, konnte einem nicht zu ſtarfen Feinde wohl einige Tage Widerſtand leiſten. Auch ſchmei— chelte man ſich, daß der Anführer der Feinde, Don Frederik, wenn er ſich überzeuge, daß man alles zu einer klugen Gegenwehr angeordnet habe, während der Strenge des Winters von einer Belagerung der Stadt abſtehen würde, oder daß der Entſatz von Seiten des Prinzen, dem man entgegen ſah, ankommen würde. Von Solingen wollte ſeine Tochter und ſeinen kleinen Sohn auf dem Schloſſe bei ſich behalten, ſo unpaßlich auch unter ſolchen Umſtänden dieſer Anfenthalt für Frauen und Kinder war. Hieraus dürfte man ſchließen, daß ihm die Verhältniſſe, welche zwiſchen Mar garetha und d'Avila beſtanden, nicht ganz unbekannt waren, und daß er deß⸗ halb nicht wollte, daß ſeine Tochter auch nur einen Au⸗ genblick ſeiner väterlichen Obhut entzogen werden ſollte. So ſtanden die Sachen, als man täglich der An⸗ näherung der Feinde entgegenſah, welche auch wahrſchein⸗ lich nur noch in der Hoffnung, daß die Haarlemer Bürgerſchaft ihre Gedanken verändern und ſich unterwerfen würde, ſtatt eine verzweifelte und doch ohne Zweifel un⸗ nütze Gegenwehr zu leiſten, eine Zögerung eintreten ließen. In dieſer Zeit erhielt Nargarethe durch einen in der Nachbarſchaft wohnenden Landmann einen Brief von Franzesko, worin er, nachdem er ſein Bedauern über die anhaltende Trennung an den Tag gelegt hatte, ſie aufs dringendſte bat, ihr eine kurze Unterredung in der Nähe des Schloſſes zu gewähren. Er bezeichnete ihr den 38 Ort und beſchwor ſie bei ſeiner Liebe, und bei Allem, was ihr werth und theuer wäre, ſeine Bitte nicht abzu— lehnen, und verſicherte ſie, daß er ihr Sachen von der größten Wichtigkeit mitzutheilen habe. Lange Zeit nach Durchleſung des Briefs ſtand Margaretha noch im Zweifel, ob ſie der Bitte ihres Geliebten Gehör geben ſolle. So oft ihre Liebe ſie hiezu antrieb, rief ihr auch eine innere Stimme zu:„Unglückliche! darfſt Du Deine Pflichten gegen Deinen Vater und Dein Vaterland ſo ganz vergeſſen; die Dir ſo oft von Deiner Mutter ge⸗ gebenen Ermahnungen ſo ſchändlich verabſäumen, daß Du mit dem erbitterten und blutdürſtigen Spanier Dich in geheime Unterhandlungen einlaſſen könnteſt, in dem Augen⸗ blicke, wo er das Schwert zieht, um gegen das, was Dir hier auf Erden das Heiligſte ſeyn muß, Krieg zu führen!“ Jetzt erſt faßte ſie den Entſchluß, ſich ihrem Vater zu Füßen zu werfen, ihm offenherzig ihre ſchul⸗ dige Liebe zu geſtehen, und ihn um ſeine Verzeihung und väterlichen Rath anzuflehn; dann verwarf ſie dieſen Plan wieder mit Entſetzen, und griff zur Feder, um ihrem Geliebten die erbetene Zuſammenkunft zu bewilligen. Dieſer innere Zwieſpalt mußte jedoch bald aufhören: der Bote, welcher in wenigen Angenblicken das Schloß verlaſſen wollte, drang auf Antwort, und ſetzte hinzu, daß der Unbekannte, von dem er den Brief empfangen, und der ſich unter einer Verkleidung noch in ſeiner Wohnung befände, in der hef⸗ tigſten Gemüthsbewegung ſey, und daß Angelegenheiten von der größten Wichtigkeit ihn hierher gerufen zu haben ſchienen. Dieſe Worte vermochten endlich das ſo feurig liebende Mädchen, in Franzeskos Bitte einzuwilligen, und ihm die ſchriftliche Zuſicherung zukommen zu laſſen, daß ſie zu beſtimmter Zeit am beſtimmten Orte ſich ein⸗ finden würde. Kaum war aber der Bauer mit der Ant⸗ wort fort, ſo bereute Margaretha ſchon den unbe⸗ dachtſamen Schritt; ein Rücktritt war nicht mehr möglich, ſie mußte ihr Verſprechen halten. Unter dem Beiſtande einer ihrer weiblichen Bedie⸗ „———— — —, S 8 nt⸗ be⸗ lich, die⸗ nungen, einer liſtigen und abgefeimten Perſon, glückte es ihr, ein paar deutſche Soldaten der Beſatzung durch Geld zu beſtechen, und ſich die Gelegenheit, unbemerkt aus dem Schloſſe zu kommen, zu erkaufen. Mur der erſte Schritt wird ſchwer, ſagt ein altes und bewährtes Sprich⸗ wort— die andern folgen von ſelbſt. Auch Marga⸗ retha beſtätigte es wieder. Nachdem ſie Plane gebildet hatte, welche mit ihren Kindespflichten ſtritten, und ihrem Vater durchaus verborgen bleiben mußten; nachdem ſie den erſten Schritt auf verbotenem Wege gethan hatte, wie war es da noch zu berechnen, wie weit ſie ihn verfolgen würde. Es war ein kalter ungeſtümer Abend in den erſten Tagen des Wintermonates, als ſie in einen dichten Mantel gehüllt, das Schloß verließ, um ſich an den Ort, wo Franzesko ſie erwartete, zu begeben. Es war die Wohnung eines katholiſchen Landmannes an den Ufern der Spaarne, beinahe eine halbe Stunde vom Schloſſe entfernt. Sie hatte ſich unter dem Vorwande einer leichten Unpäßlichkeit in ihr Gemach verfügt, wohin nur die in das Geheimniß eingeweihte Dienerin ihr folgte. So hoffte ſie, daß dieſe kurze Abweſenheit ihrem Vater verborgen bleiben würde, der durch die ihm aufliegenden Sorgen und die damit verbundene Thätigkeit, ſeine Kin⸗ der ſtets im Auge zu haben, abgeleitet wurde. Mar⸗ garetha beſaß einen ſtolzen und muthigen Charakter; weder die heranbrechende, nur durch Sterne erleuchtete Nacht, welche durch die vorüberziehenden Wolken oft ſehr verdunkelt wurde, noch das ungeſtüme Wetter und die dichten Schneeſlocken, welche ihr der Wind ins Angeſicht trieb, konnten ihren Muth zum Wanken bringen. Und doch klopfte ihr Herz unter'ihrer dichten Bekleidung faſt hoͤrbar, als ſie mit unſicherm Schritt den Weg zur Zu⸗ ſammenkunft einſchlug. Ihr böſes Gewiſſen und der Ge⸗ danke, daß ſie ſich gegen ihre theuerſten Angehörigen eines Verbrechens ſchuldig mache, erregten ihr mehr Entſetzen als die Dunkelheit der Nacht und das Heulen des Sturms. 40 Endlich hatte ſie das Ziel ihrer nächſten Wanderung erreicht, und vergaß auf einen Augenblick die überſtan⸗ denen körperlichen und geiſtigen Mühſeligkeiten, als ſie ſich in den Armen des geliebten Jünglings befand. Den⸗ noch verſtrichen einige Minuten, ehe ſie ihre Gedanken ordnen und ſeine Liebkoſungen beantworten konnte. ſagte ſie, indem die Hand des Jünglings die ihrige feurig drückte.„Welch' ein Schritt für ein Mädchen, in dieſer Zeit und unter ſolchen Umſtänden!“ Franzesko, welcher, obgleich vermummt, durch ſeine Haltung und ſein Weſen hinlänglich den Kriegs⸗ mann verrieth, ſah das zitternde Mädchen mit einem liebevollen und zärtlichen Blick an, und ſprach: „Ich ſchwöre Dir, Margaretha, bei allem, was meine Religion mich als heilig verehren läßt, ich ſchwöre bei meiner Liebe, welche mir höher als Religion und Vaterland ſteht, daß es nur dieſe Liebe iſt, welche mich anfeuerte, eine geheime Zuſammenkunft mit Dir zu ha⸗ ben. Der Himmel gebe, daß ſie uns die Mittel ein⸗ gebe, das ſchreckliche Unglück, welches Dein theures Le⸗ ben bedroht, abzuwehren!“ „Ich kenne das Gefährliche unſerer Lage,“ erwie⸗ derte Margaretha;„bald werden Deine Spießge⸗ ſellen erſcheinen; mein Vater iſt zu einem verzweifelten Widerſtande gerüſtet, der aber, wie mich bedünkt, nur von kurzer Dauer ſeyn kann. Wenn uns nun keine Hülfe von irgendwo zufließt, dann fürchte ich, daß unſer Schloß bald in einen Schutthaufen verwandelt werden, und unſre Freiheit, vielleicht unſer Leben von der Will⸗ führ eines erbitterten Feindes abhangen wird; wenn ſie nicht Mitleiden mit einer unglücklichen Tapferkeit fühlen.“ Franzesko,“ Du ſiehſt ein, daß jede Gegenwehr durch⸗ aus unnütz iſt, und daß die Einnahme des Schloſſes nur wenige Tage, vielleicht nur Stunden hinausgeſchoben Ach! Franzesko, wozu haſt Du mich verleitet!“ „In einer Beziehung haſt Du Recht,“ erwiederte un ter un wi ng n⸗ ſie n⸗ en ige en, rch s⸗ em as öre ind ich ha⸗ in⸗ Le⸗ oie⸗ ge⸗ ten nur eine ſer deu, ill⸗ ſie keit erte rch⸗ ſſes ben 41 werden kann. Aber das Schickſal, was Dir und den Deinigen über dem Haupte ſchwebt,— nein, das be⸗ greifſt Du nicht, Margaretha! Du kennſt die Spa— nier ſchlecht, wenn Du wähnen kannſt, daß die helden⸗ müthige Vertheidigung, wozu Dein Vater ſich vorberei⸗ tet, jemals ihre Bewunderung erwecken wird, im Gegen⸗ theil, ſie wird ihre Grauſamkeit und ihren Blutdurſt aufs Höchſte ſteigern. Sind Dir denn die Gräuel unbekannt, welche meine Landsleute in dieſen Landen begingen? Hat man Deinem zarten Gefühl die Erzählung deß, was in Naarden vorfiel, vorenthalten? O Gott! wie blutet mein Herz bei der Erinnerung an den Jammer und das Elend Deiner Landsleute! Glaube mir, wenn das Schloß, nach kurzer oder langer Vertheidigung in des Feindes Hände fällt, dann wird Alles, was ſich darin an Leben⸗ den befindet— der Himmeb mag es wiſſen, unter wel— chen Martern ermordet; dann ſiehſt Du Deinen Vater, Deinen Bruder vor Deinen Augen ſchlachten, und— wenn es mir nicht glücken ſollte, Dich aus ihren blut⸗ dürſtigen Klauen zu retten, doch nein, dies wäre auch nicht einmal möglich— dann müßte auch Dein unſchul⸗ diges Blut ihrer Raſerei Genugthuung geben.“ „Und kennſt Du kein Mittel, dieß ſchreckliche Loos von unſerm Haupte abzuwenden? Ueberlege es wohl, Franzesko, ſollteſt Du Dich nicht ſtark genug fühlen, meinen greiſen Vater gegen die Rachſucht Deiner Kriegs⸗ knechte zu ſchützen? Du ſtehſt bei den Befehlshabern und den Soldaten in Anſehen; wird man Deinen Worten nicht Gehör ſchenken, wenn Du zwiſchen ſie und den Gegen⸗ ſtand ihrer blutdürſtigen Grauſamkeit trittſt?“ „Ebenſo wenig als der Oeean, welcher Euren Strand umbraust, wenn er durch den wüthenden Sturm über Deiche und Dämme gepeitſcht wird, dem Flehen des zit⸗ ternden Landmanns, der auf dem Punkte ſteht, ſein Hab' und Gut durch die Wogen wegreißen zu ſehen. Umſonſt würde ich mich zu Eurem Vertheidiger aufwerfen; ach! Der Schutzgeiſt. I. 4 42 nur an Deiner Seite zu ſterben, würde mir vergönnt ſeyn. Nein, Margaretha, wir müſſen darauf be⸗ dacht ſeyn, andere Mittel auszufinden, Dich den Ge⸗ fahren, welche Dich bedrohen, zu entziehen. Ich— kann mich an Deine Seite ſtellen— und ich werde nicht zögern, es zu thun— und Dich und die Deinigen zu beſchützen: aber ach! es würde Deinen Untergang nur auf einen Augenblick verzögern. Mein Leben kann ich Dir zum Opfer bringen, aber das Deinige retten, ver⸗ mag ich nicht.“ „Dann möge der Himmel ſich unſerer erbarmen!“ rief Margaretha mit wechſelnder Angſt—„bei Ihm allein iſt dann noch Rettung möglich.“ „Eine mächtige Stimme in meinem Innerſten ſagt mir, daß die Vorſehung die Mittel zu Eurer, zu unſrer Rettung, Margaretha, in Deine Hände gelegt hat, und dieß iſt die Urſache, warum ich zu dieſer ungewöhn⸗ lichen Stunde die geheime Zuſammenkunft von Dir er⸗ beten habe.“ „Und was vermag ich ſchwaches, ohnmächtiges We⸗ ſen,“ erwiederte Margaretha, indem ſie ihre in Thränen zerfließenden Augen zu dem Jüngling erhob— „da wo der Muth und die Heldenkraft des Kriegsmanns nicht ausreicht?“ „Höre mich an, und dann urtheile“— antwortete Franzesko, indem er ſeine Geliebte nach einer Ruhe⸗ bank führte, welche an die Lehmwand des Bauernge⸗ maches gelehnt war, ſich zu ihr ſetzend und ihre Hand feſt in die ſeinige drückend—„Keine Macht auf Erden iſt im Stande, Euer Leben zu retten, wenn Dein Vater bei ſeinem Plan, das Schloß vertheidigen zu wollen, beharrt, indem es dann mit Gewalt in die Macht mei⸗ ner Landsleute fällt. Ich will mich keineswegs bemühen, Dich zu bereden, Alles anzuwenden, um Deinen Vater auf andere Gedanken zu bringen. Was Du mir von ſeiner Standhaftigkeit, von ſeiner Liebe zum Vaterlande, und ſeiner Erbitterung gegen deſſen Feinde erzählt haſt, ———— — 8 5——— — — — Y w b in ül de at u oh Y ni ſa Y th da V Le de He ge nnt be⸗ Ge⸗ erde gen nur ich er⸗ hm ſagt ſrer hat, hn⸗ Ve⸗ in nns tete he⸗ ge⸗ feſt iſt ter len, ei⸗ en, ter von de, aſt, 43 reicht mir vollkommen hin, mich zu überzeugen, daß alle Bemühungen fruchtlos ſeyn würden. Ebenſo wenig will ich Dich bereden, ihn in dieſen gefährlichen Um⸗ ſtänden zu verlaſſen, und mit mir zu flüchten: ich weiß nur allzuwohl, daß Du einen zu edlen und zu ſtolzen Charakter beſitzeſt, um da, wo Deine Kindespflichten ſprechen, ſelbſt den Tod zu fürchten. Und dennoch iſt das, was Du auf Dich nehmen mußt, wie mich dünkt, Dir ſehr hart. Du mußt, um Deinen Vater zu retten, Verrätherin an ihm, an Deinem Vaterlande werden.“ „Ich verſtehe Dich nicht, Franzesko!“ erwiederte Margaretha—„ich bitte Dich, ſprich deutlich; ich bin in dieſem Augenblick keineswegs in der Gemüths⸗ ſtimmung, Räthſel zu löſen; und Deine Worte ſind es mir in der That.“ „Ich will mich deutlicher ausdrücken; höre mich an, Margaretha, aber ehe Du meinen Vorſchlag ver⸗ wirfſt, bedenke die Folgen. Bedenke, daß Du das Le⸗ ben Deines Vaters, Deines Bruders und Dein eigenes in Händen haſt; und daß Du in dieſem Augenblick auch über das meinige beſtimmſt. Bedenke dieß wohl, und dann faſſe einen Entſchluß. Höre nun meinen Vorſchlag an. Das Schloß Schvoten muß ohne Widerſtand, und da Dein Vater von keiner Uebergabe hören will, ohne ſein Mitwiſſen unſern Händen übergeben werden. Man muß dahin arbeiten, und ich glaube, daß dieß nicht ſchwer fallen wird— einige Soldaten der Be⸗ ſatzung zum Verrathe zu bewegen, und mit ihnen die Mittel, ungehindert in das Schloß zu kommen, bera⸗ then, und wenn dieß ohne Blutvergießen geſchieht, dann darf ich Dir meine Ehre verpfänden, daß weder Deinem Vater, noch irgend Jemanden im Schloſſe das geringſte Leid widerfahren ſoll. Meine Kameraden ſollen mir den feierlichſten Eid leiſten, daß ſie des Befehlshabers Hartnäckigkeit vergeſſen ſollen, der Bereitwilligkeit we⸗ gen, womit ſeine Truppen....“ 4 44 „Von ehrlichen Kriegsleuten ſchändliche Verräther wurden“— fiel ihm Margaretha in die Rede— „und ich bin es wahrſcheinlich, welche auserwählt witd, die Soldaten zur Eid- und Pflichtbrüchigkeit zu ver⸗ leiten?“ „Du biſt es, Margaretha!“ antwortete Fran⸗ zesko mit feſter Stimme, und ohne ſich durch den bit⸗ tern Ton, worin das Mädchen die letzte Worte geſpro⸗ chen hatte, abſchrecken zu laſſen.— „Du, welche alle, die Dich umgeben, durch Deine freundliche Liebenswürdigkeit zu jeder Zeit für Dich ein⸗ zunehmen weißt, Du biſt mehr als irgend Jemand im Stande, durch Bitten und Geſchenke, zur Rettung Dei⸗ nes Vaters, dieſe wilden Kriegsleute zu einer That, wozu ſie vielleicht nur allzuſehr geneigt find, zu beſtim⸗ men. Es ſind größtentheils Fremdlinge, die nicht für Vaterland und Religion ſtreiten, ſondern ihr Leben und Blut für eine erbärmliche Handvoll Geldes auf das Spiel ſetzen, und vorzugsweiſe dem dienen, welcher ihnen die größten Vortheile verſpricht. Ich beſitze Gold genug, um ihre Habſucht zu befriedigen; und ganz gewiß werden ſie ohne Bedenken einem jeden Vorſchlag dieſer Art Gehör ſchenken, ſelbſt dann, wenn nicht ſolche ſüße Lippen, de⸗ ren Ueberredungskraft ſie auch ſonſt nicht widerſtehen würden, zu ihnen redeten.“. „Franzesko!“— erwiederte das Mädchen, nach einigen Augenblicken Schweigens, während welcher Zeit der Jüngling ängſtlich ihren Entſchluß zu erwarten ſchien, und in ihren Worten lag eine Bitterkeit, welche hinlänglich ihre Abneigung zu erkennen gab—„man hat mir ſtets die Spanier als eine treuloſe und verrä⸗ theriſche Nation geſchildert; doch ich wähnte wenigſtens, daß Du, Franzesko, dieſe Eigenſchaften Deines Vol⸗ kes nicht theilteſt. Jetzt aber ſeh' ich, leider! daß ich mich jämmerlich getäuſcht habe.“ „Ich verdiene dieſe Beſchuldigung nicht,“— er⸗ wiederte der Krieger, und eine leichte Röthe überflog het vd, er⸗ n⸗ it⸗ ro⸗ ine in⸗ im ei⸗ at, m⸗ für ind iel die um ſie hör de⸗ hen ach eit ten 1an rã⸗ 45 ſein Antlitz, deſſen dunkle Farbe hinlänglich ſeine ſüdliche Abkunft verrieth—„Deine Worte ſind bitter, doch ich wiederhole es, ich habe dieſen Verweis nicht verdient. In außergewöhnlichen Umſtänden muß man zu außerge⸗ wöhnlichen Mitteln ſchreiten; zu ſpät, Margaretha, zu ſpät wirſt Du dieſes bereuen, dieß einzige Rettungs⸗ mittel, welches Dir angeboten iſt, unbedachtſam von der Hand gewieſen zu haben.“ „Wie könnte ich meinem Vater je wieder unter die Augen treten, wenn ich in ſolche Vorſchläge einging, und gegen das, was er für ſeine heiligſte Pflicht achtet, Verrath anſtiftete? Nein, Franzesko, was Du mir vorſchlägſt, kann nicht geſchehen.“ „Es muß geſchehen,“ antwortete der Jüngling lei⸗ denſchaftlich—„der Schiffbrüchige, welcher auf dem Punkte ſteht, ſein Grab in den Wellen zu finden, greift nach einem jeden Mittel zu ſeiner Rettung, ohne vor⸗ her zu bedenken, ob er dadurch auch ſeine Gefährten in das Verderben ſtürzt. Und warum ſollten wir, denen der Tod eben ſo ſicher bevorſteht, ängſtlicher in der Wahl unſrer Mittel ſeyn; wir, die wir keines Leben verderben, ſondern erhalten wollen; und warum ſollten wir einen Verrath fürchten, deſſen Zweck ſo edel iſt? Würdeſt Du zögern, Margaretha, einen Wahnſinnigen, deſſen Geiſtesverwirrung ihn antreibt, ſich dem ſicherſten Tode Preis zu geben, durch welche Mittel es auch ſey, von dem Untergange zu retten? Und die Vertheidigung des Schloſſes nur einen Augenblick unternehmen zu wollen, iſt Wahnſinn, iſt vollkommene Raſerei.“ „Hierüber ſteht mir fein Urtheil zu“— ſagte Mar⸗ garetha—„mein Vater hofft noch ſtets, daß Don Frederie die Belagerung Haarlems aufgeben, oder daß der Prinz von Oranien unterdeſſen mit Entſatz anrücken wird.“ „Eitle Hoffnung! Wer kann das beſſer beurtheilen als ich, der ich alle Zurüſtungen zu einer anhaltenden Belagerung habe treffen ſehen, der ich aus dem Munde 46 des Feldherrn ſelbſt die Verſicherung gehört habe, daß V die Eroberung der Stadt ihm vom Herzoge, ſeinem Va⸗ ſie ter, als ein Geſchäft aufgetragen wäre, durch deſſen ri treue Erfüllung er ſich einen glänzenden Ruhm, und die ge reichſte Belohnung des Königs erwerben würde. Die E Macht, worüber in dieſem Augenblicke der Prinz von te Oranien verfügen kann, iſt gering; und es ſind Maß⸗ zu regeln getroffen, alle Truppen, welche zum Entſatz ab⸗ de geſchickt werden ſollten, aufzuheben, bevor ſie ihr Ziel ol erreicht haben können.“ ur „Leben und Tod ſtehen in Gottes Hand,“— ſagte de Margaretha, indem ſie ſich von ihrem Sitze erhob Le und ſich entfernen wollte.—„Er kann noch Mittel zu V unſerer Rettung herbeiſchicken. Iſt es aber in ſeinem fo göttlichen Rathſchluſſe ſo beſtimmt, daß mein Vater, mein ru Bruder und ich durch das mörderiſche Eiſen der Feinde V fallen ſollen— ſo geſchehe ſein heiliger Wille! Lebe ni denn wohl, Franzesko! wir ſehen uns in dieſem Au⸗ ur genblicke zum letzten Male; ſollen ich und die, welche al durch die engſten Bande des Blutes verknüpft ſind, unſer be Leben den grauſamſten Tyrannen meines Vaterlandes V zum Opfer bringen, ſo kann ich ſterbend— o mein w Gott!— dem Namen unſerer Henker nicht fluchen— de denn ich habe einen Spanier geliebt!“ S Hier ſchwieg ſie, hielt die linke Hand vor die Augen, de und ſchien mit der rechten eine Stütze zu ſuchen, woran ch ſie ſich, von ihren Gefühlen überwältigt, und dem Nie⸗ be derſinken nah feſtklammern könnte. Franzesko, wel⸗ de cher in einem düſtern Wahnſinne ihre Worte angehört ſol hatte, ſprang herbei, das wankende Mädchen zu unter⸗ V ſtützen. Sie fiel in des Jünglings Arme, lehnte eine 2a zeitlang ohnmächtig ihr Haupt auf ſeine Schulter und ol brach in ein heftiges Weinen aus. Ihr Geliebter führte da ſie wieder auf die Ruhebank zurück, bemühete ſich ſie zu ſu beruhigen, und indem er ſich zu ihren Füßen niederwarf, hö flehete er ſie nochmals mit den feurigſten Worten an, 35 ſeinem Vorſchlage Gehoör zu ſchenken, und den einzigen un 47 Weg der Rettung einzuſchlagen. Nochmals verſicherte er ſie, daß ſie ſelbſt, ihr Vater und ihr Bruder unwider⸗ ruflich verloren wären, wenn ſie ſich noch länger wei⸗ gere, das letzte und einzige Rettungsmittel anzunehmen. Er ſchwur ihr mit der ganzen Heftigkeit ſeines Charak⸗ ters, daß wenn ſie ihn verließe, ohne in ſeinen Vorſchlag zu willigen, und wenn ſie unwiderruflich beſchloſſen habe, das Loos ihres Vaters zu theilen, daß er ſich dann ohne Weiteres das Leben nehmen würde, da es ihm unmöglich ſey, die ſchreckliche Kunde zu überleben, daß der Gegenſtand ſeiner feurigſten Liebe von ſeinen Landsleuten auf die grauſamſte Weiſe ermordet wäre. Margaretha fing an, durch den Strom ſeiner Worte fortgeriſſen, zu wanken; die Gewißheit, daß ſie unwider— ruflich verloren wären, wenn ſie in Franzesko's Vorſchlag nicht einwillige; die Hoffnung, daß ihr Vater nie erführe, daß ſie bei dem Verrath betheiligt geweſen: und ganz beſonders die Ausſicht, auf dieſe Weiſe nicht allein den, dem ſie das Leben verdankte, gerettet zu ha⸗ ben, ſondern auch das höchſte Ziel ihrer Wünſche, eine Verbindung mit dem Geliebten zu erreichen— die Er⸗ wägung alles dieſes bewog endlich das liebende Mädchen den dringenden Bitten Franzesko's ein Ohr zu leihen. Sie nahm das heilloſe Werk auf ſich, einige der frem⸗ den Kriegsleute ihres Vaters, durch Bitten, Verſpre⸗ chungen und Geſchenke für ſich zu gewinnen, das Schloß bei der erſten Annäherung der ſpaniſchen Soldaten in deren Hände zu ſpielen. Wie das bewerkſtelligt werden ſollte, darüber ſollte Margaretha, ſobald ihr erſter Vorſchlag gelungen war, nähere Auskunft erhalten. Der Landmann, in deſſen Wohnung ſie ſich jetzt befanden, ſollte in der Folge zum Kundſchafter dienen und über das weiter zu Beobachtende die erforderlichen Wei⸗ ſungen überbringen. Der Abſchied der Geliebten war höchſt traurig. Margeretha, nur zu ſehr über⸗ zeugt, welch' ein gefährliches Werk ihr auferkegt war, und wie leicht ihr Vorhaben mißglücken könnte, wodurch 48 denn alle Hoffnungen vereitelt werden würden, war wie⸗ der einer Ohnmacht nahe. Vergebens verſuchte ihr Ge— liebter ihr Troſt einzuſprechen, und ihr nochmals den ge⸗ faßten Plan als das einzige Rettungsmittel aus einander zu ſetzen. Sie erwiederte, daß eine bange Ahnung ſie überzeuge, daß dieſes gewagte Unternehmen keineswegs dem Zwecke entſprechen, daß das fürchterliche ihnen über dem Haupte ſchwebende Unheil dadurch nicht abgewendet werden— und daß ſie ihren Geliebten nach dieſer Zu⸗ ſammenkunft wahrſcheinlich nie wiederſehen würde. Fran⸗ zesko tief bewegt, und die traurige Ahnung, des der Verzweiflung nahen, Mädchens einigermaßen theilend, geleitete ſie bis in die Nähe des Schloſſes, drückte es noch einmal liebevoll an ſeine Bruſt und ſagte ihr dar— auf mit gebrochenem Herzen ein Lebewohl. Er wich nicht eher von der Stelle, wo er ſie verlaſſen hatte, bis er überzeugt war, daß ſie mit Hilfe der vertrauten Dienerin, welche ſie der Abrede gemäß außerhalb des Schloßthores erwartete, ſicher das Schloß erreicht hatte. Jetzt befahl er ſie dem Schutz aller Heiligen an, und kehrte in Be⸗ gleitung des vorerwähnten Landmannes, auf verſchiedenen Nebenwegen— um nicht von den holländiſchen Truppen bei Sparrend am aufgehoben zu werden— nach Am⸗ ſt er dam zurück, wo das ſpaniſche Heer jeden Augen⸗ blick dem Befehle, gegen Haarlem yorzurücken, ent⸗ gegenſah. Es konnte Margarethen, wie die beiden Ge⸗ liebten es vorausgeſetzt hatten, keineswegs ſchwierig wer⸗ den, einen Theil der Truppen, welche die Beſatzung des Schloſſes ausmachten, durch Beſtechung auf ihre Seite zu bringen. Es waren, wie wir ſchon oben ſagten, Fremdlinge, welche im Dienſte der Staaten ſtanden, und welche ſich kein Gewiſſen daraus machten, wenn nur ihre ha blu Gr ie⸗ Ge⸗ ge⸗ der ſie egs ber det Zu⸗ n⸗ der nd, es ar⸗ icht er rin, res ahl Be⸗ nen pen m⸗ en⸗ nt⸗ He⸗ er⸗ des eite ten, und ihre Habſucht befriedigt wurde, die Sache, für welche ſie das Schwert umgürtet hatten, zu verrathen. Solcher fremden Glücksritter, der Partei, zu welcher ſie ſich geſellt hatten, ſo lang treu, als es ihr Vortheil zu ſeyn ſchien, fand man in jenen Zeiten, wo man noch keine ſtehende Heere kannte, ſelbſt aus Landeskindern mitbeſtehend, ſowohl⸗ unter den Offizieren als auch den Soldaten in großer Menge, ſowohl unter dem Heere der Spanier, als dem der Niederländer. Die liſtige Hermine, die oben angeführte Vertraute Margarethens, ſelbſt eine Deutſche von Geburt, von der Natur mit allen Gaben, um ein Komplott zu ſchmieden und es geſchickt auszu⸗ führen begabt, war ihrer Gebieterin in der Ueberredung der wilden Soldaten ſehr behilflich. Hierzu verwandte ſie bei den Einen Gold, womit Margaretha ſie reich⸗ lich verſehen hatte; bei den Andern ihre in der That außergewöhnliche Anmuth, mit der hinreißenden Frauen⸗ beredtheit gepaart, denen ſelbſt die wildeſten Kriegsknechte nur ſelten widerſtehen; und bei Einzelnen, die ſie als furchtſam kennen gelernt hatte, indem ſie ihnen aufs Leb⸗ hafteſte die Gefahren ſchilderte, wodurch ſie durch die Annäherung des Feindes bedroht wären, und ſie von der Gewißheit überzeugte, daß ſie, wenn die Spanier ſich des Schloſſes mit Gewalt bemächtigten, ohne Gnade deren wüthender Rachſucht anheimfallen würden. Ehe drei Tage verlaufen waren, war eine hinreichende Anzahl ge⸗ wonnen, Franzesko darüber Bericht ertheilt, und von ſeiner Seite war ihnen die Verſicherung geworden, daß ſeine Kampfgenoſſen ſehr bereitwillig das ihnen angebo— tene Mittel, das Schloß ohne Blutverluſt einzunehmen, angenommen hätten. Doch Franzesko ſelbſt kannte nicht genug den Charakter ſeiner Landsleute, noch die Erbitterung, welche ſie gegen die aufrühreriſchen Niederländer beſeelte. Er hatte ſeinen Befehlshaber Julian Romero,— dem blutdürſtigſten Wüthrich, deſſen Namen bei den meiſten Gräueln der Spanier während der erſten Kriegsjahre ſo 50 häufig erwähnt wird— mit den von ihm getroffenen Maßregeln bekannt gemacht, um das Schlöß Schvoten, die einzige in der Nähe Haarlems belegene feſte Burg in ſeine Gewalt zu bekommen. Mit Wohlgefallen fing der ſchlaue Kriegsmann die Worte des Jünglings auf, den er ſchon oft wegen ſeines zu großen Zartgefühls, und ſeinem übel angewandten Mitleiden mit den Aufrührern getadelt hatte. Aber als dieſer die Bedingung ausſprach, unter welcher die Uebergabe von den beſtochenen Solda⸗ ten geſchehen ſollte, wo durchaus verlangt wurde, daß Keinem von der Beſatzung, am wenigſten dem Schloß⸗ herrn und ſeiner Familie das geringſte Leid zugefügt werden ſollte, da wurde auf dem Antlitze des gefühlloſen Kriegers das teufliſche Lächeln ſichtbar, womit er wenige Tage zuvor, mit ſchändlicher Wortbrüchigkeit das Zeichen gegeben hatte, die wehrloſen Bürger Naardens nieder⸗ zumachen. Doch da er Franzesko kannte, ſo wußte er auch wohl, daß dieſer, wenn er erführe, daß man blutige Pläne gegen die Beſatzung des Schloſſes ſchmiede, zuverläſſig die verabredete Uebergabe hintertreiben würde. Er beſchloß daher ſich zu verſtellen, ſchien ganz mit Franzesko übereinſtimmend und geneigt, Alle, die ſich auf dem Schloſſe befänden, zu verſchonen. Aber kaum hatte der Jüngling, voller Hoffnung eines glücklichen Ausganges, und erfreut über die ungewöhnliche Sanft⸗ muth des Befehlshabers, dieſen verlaſſen, ſo entbot er den Hauptmann Balthaſar Membrilla zu ſich, welcher wie er, ſich ſchon viele Jahre in den Nieder⸗ landen aufgehalten hatte, und ſeinen Haß gegen die Auf⸗ rührer theilte. Dieſen beauftragte er, ſich des Schloſſes Schooten, durch die Meuterei der Beſatzung unterſtützt, zu bemächtigen, und die Bewohner ſo zu behandeln, wie es Ketzern und Aufwieglern gebühre. Das Schloß ſelbſt ſolle gänzlich vertilgt werden. Membrilla verſprach ihm pünktlichen Gehorſam, indem er ſein, noch mit dem Blute der Bürger Naardens beflecktes Schwert aus der Scheide zog, und einen Blick auf daſſelbe warf, ſo n, rg 9 if, rn ch, a igt en ge en er⸗ ßte an nit ich um en ft⸗ er ich, E uf⸗ ſſes tzt, wie lbſt em aus ſo 51 wie ein Scharfrichter auf das Folterwerkzeug, welches er zur Ausübung ſeines unglückſeligen Amtes bedarf. Romero beſchloß unterdeſſen die nöthigen Maß⸗ regeln zu ergreifen, Franzesko, während der Erobe⸗ rung des Schloſſes anderweitig zu beſchäftigen, damit dieſer, welcher ſein gegebenes Wort ſo unverbrüchlich hielt, und deſſen feſten Charakter er kannte, ſich nicht gegen ſeine eigenen Landsleute zum Beſchützer der Ueberwun⸗ denen aufwerfe. Schon am folgenden Tage— es war der achte des Wintermonats— fertigte der Oberbefehlshaber dieſer Heer⸗ abtheilung, Don Frederie de Toledo den Befehl aus, mit der ganzen Kriegsmacht aufzubrechen. Romero, welcher den Vortrab kommandirte, fand bei Sparrendam angekommen, den Weg durch Verſchanzungen abgeſchnitten, worin eine nicht geringe Anzahl niederländiſcher Truppen lagen. Dieſe waren in Eile, mit der Abſicht aufgeworfen, den Feind nur ſo lange zurückzuhalten, bis man durch das Durchbrechen der Deiche an dieſer Seite den Weg nach der Stadt abſchneiden könnte. Doch dieſe Maßregel war zu ſpät genommen und blieb fruchtlos. Derſelbe katholiſche Landmann, deſſen wir ſchon im vorigen Kapitel erwähnten, mit noch mehreren andern ſeiner Glaubens⸗ genoſſen vereinigt, machte den feindlichen Anführer mit einem Wege unterhalb des Deiches bekannt, worauf er die hier verſchanzten Truppen von einer andern Seite überfallen könnte. Romero wollte dieſen Plan aus⸗ führen, läßt Franzesko zu ſich kommen, und befiehlt daß dieſer mit ihm dieſen Ueberfall vorſichtig ausführe. Der Jüngling, nichts Arges vermuthend, und ſtets bereit, den Befehlen ſeines Obriſten zu gehorchen, und uner⸗ ſchrocken die gefährlichſten Punkte einnehmend, bereitet ſich wohlgemuth zu dieſem Auftrage. Er zögert um ſo we⸗ niger, da er noch kurz vorber von Romero die Verſicherung erhielt, daß der Angriff auf Schvoten zwei Tage ſpä⸗ ter unternommen werden ſollte. Der Angriff auf die Verſchanzungen zu Sparrendam wurde unternommen. Die Befatzung, gegen alle Erwartung von der Weſtſeite angegriffen, welches der ſchwächſte Punkt war, vertheidigte ſich einige Zeit mit Umſicht, wurde aber endlich gezwungen, der Uebermacht zu weichen. Einer der Anführer blieb mit ungefähr dreihundert Mann; die übrigen wurden zerſtreut und ſuchten ihr Heil in der Flucht. Der Verluſt der Spanier war im Vergleich mit den Truppen der Staa⸗ ten ſehr gering; doch unter den Verwundeten befand ſich Franzesko, der muthig an der Spitze ſeiner Leute kämpfend, von einer Kugel in der Schulter verwundet wurde. Seine Freunde wollten ihn überreden nach Am⸗ ſterdam zurückzukehren, und ſich, bis er geneſen, vom Kriegsgetümmel zurückzuziehen; doch er weigerte es durch⸗ aus, und verlangte auf's Beſtimmteſte bei dem Angriff auf Schvoten gegenwärtig zu ſeyn. Ach! der unglück⸗ liche Jüngling ahnke nicht, daß ihm ſchon auf immer die Gelegenheit genommen ſey, derjenigen, welche er mehr als ſein Leben liebte, in dieſen mißlichen Zeitläuften ſeinen Schutz angedeihen zu laſſen. Faſt zu derſelben Zeit, wo der Angriff auf Spar⸗ rendam unternommen wurde, war Membrilla auf Romero's Befehl, mit einer kleinen, doch ausgeſuchten Mannſchaft gegen Schvoten gezogen. Der verrätheriſche Bauer, welcher das Einverſtändniß mit einem Theil der Schloßbewohner unterhielt, diente ihm zum Führer, und er mußte ihm genau die Zeit angeben, wo die Soldaten der Beſatzung, welche mit ihnen einverſtanden waren, die Wachen und Poſten beſetzt hatten. Der greiſe Krieger lagerte ſich mit Einbruch der Nacht nahe den Ufern der Spaarne, in einem kleinen Gehölz von Weiden und Pap⸗ veln, und erwartete mit dem Verlangen eines Tigers, der im Hinterhalte auf eine ſichere Beute lauert, den Zeit⸗ punkt, wo man ihm das Zeichen geben würde, um mit ſeinen Leuten hervor zu brechen, und ſich wiederum mit dem Blute unglücklicher und wehrloſer Schlachtopfer zu ſättigen. Es war eine ungeſtüme, dunkle Nacht; und gleich der Winter noch nicht ſehr vorgeſchritten war, ſo hatt ar⸗ hten iſche der und daten , die rieger n der Pap⸗ igers, Zeit⸗ n mit m mit fer zu ; und o hatte 53 es doch ſchon mehrere Tage nacheinander ſtark gefroren, und die Oberfläche der Spaarne war mit einer ziem⸗ lich dicken Eiskruſte bedeckt. Der Wind, welcher ſich mit heranbrechender Nacht erhob, borſt in Zwiſchenräumen mit heftigem Krachen das Eis; dieß gepaart mit dem Heulen des Sturms und der herabfallenden Aeſte, würde auf andere Menſchen, und unter andern Umſtänden, wohl einen finſtern Eindruck gemacht haben. Aber ſowohl Mem⸗ brilla, als auch die Spanier und Wallonen, welche er befehligte, waren an Leib und Seele ſo ſehr abgehärtet, um weder durch dieſes Schauerliche, noch durch die ſcharfe Kälte einer ſtürmiſchen Winternacht bewegt zu werden. Unterdeſſen herrſchte auch, wie man leicht denken kann, unter den Schloßbewohnern keine Ruhe. Von So⸗ lingen ſah die Gefahr, die über ſeinem Haupte ſchwebte, und bereuete es ſchon, daß ſeine Kinder ſie theilen muß⸗ ten. Es war höchſt mißlich, dieſe geliebten Pfänder in Sicherheit zu bringen. Er war von dem Vorrücken der Spanier nach Haarlem benachrichtigt worden, und konnte ſich daher auch nicht entſchließen, ſeine Kinder dort den Gefahren und Entbehrungen einer langen Belagerung auszuſetzen. Bis jetzt hatte er noch ſtets gehofft, daß der Feind vor künftigem Frühjahr die Belagerung nicht eröff⸗ nen würde. Jetzt aber konnte er es nicht länger in Zwei⸗ fel ziehen, und vermuthete daher, daß man vergebens auf einen Entſatz vom Prinzen von Oranien zu hoffen habe. Seine Pflicht gebot ihm, die feſte Burg, worin er ſich befand, wenn möglich zwei bis drei Tage gegen den Feind zu vertheidigen, während welcher Zeit des Prin⸗ zen Hülfe eintreffen könnte. Er wollte der Uebereinkunft gemäß handeln; und wenn er einſehe, daß das Schloß nicht länger zu halten ſey, dann wollte er es in der Nacht mit allen den Seinigen verlaſſen. Die Lage des Schloſſes, an deſſen nördlicher Seite ſich ein moraſtiger Boden aus⸗ dehnte, der die Annäherung eines Jeden, der mit dem Terrain nicht genau bekannt war, ſehr beſchwerlich machte, ſchien ihm zur Vollführung ſeines Plans die Mittel an nu er⸗ der oſſe Sie gſt, Rit⸗ ene, In⸗ chen weil zu ech nger e ge⸗ daß 55 alles zur Vollführung des Anſchlages bereit ſeyn, und daß es mit anbrechender Nacht ausgeführt werden würde. Der ſchon mehremale genannte Landmann, der das Ver⸗ trauen der Schloßbewohner beſaß, und gewohnt war, da⸗ ſelbſt ungehindert zu erſcheinen, hatte mit den Soldaten, welche während der Nacht die verſchiedenen Poſten zu be⸗ ſetzen hatten, die nöthige Rückſprache genommen. Doch befremdend war es für Margaretha— und dieß ver⸗ doppelte ihre Angſt— daß er weder mündliche noch ſchrift⸗ liche Nachricht von Franzesko überbrachte. Sie konnte das Stillſchweigen ihres Geliebten in dieſen mißlichen Zeiten nicht deuken, und erwartete mit beklemmtem Her⸗ zen und den ſchauerlichſten Ahnungen gefoltet, den Au⸗ genblick, welcher über Alles was ihr theuer war, entſchei⸗ den ſollte. Daß ihr Vater ſich gegen die Feinde, ſelbſt dann noch, wenn ſie ſchon in das Schloß eingedrungen wären, zu vertheidigen bemüht ſeyn würde— daran zwei⸗ felte ſie nicht. Doch ſie hatte ja die feierlichſte Verſicherung Franzesco's, daß auch ſelbſt dann weder ſein Leben 6 ſeine Freiheit der geringſten Gefahr ausgeſetzt ſeyn ollte. Von Solingen, unaufhörlich mit Allem was zur Vertheidigung dienen konnte, beſchäftigt, hatte während der letzten Tage wenig Ruhe genoſſen, und fühlte ſich etwas unwohl. In der Vorausſetzung, daß vielleicht ſchon am folgenden Tag das Schloß vom Feinde zur Uebergabe aufgefordert werden könnte, begab er ſich nach Mitternacht in ſein Gemach, um durch eine kurze Ruhe ſich zur Er⸗ füllung ſeiner ſchweren Pflichten Kräfte zu ſammlen. Er hatte den Befehl über die unter den Waffen bleibenden Soldaten, mit dem Auftrage, auf Alles, ja auf das Geringſte ein wachſames Auge zu haben, dem tapfern Hans von Winkel, einem ehrlichen Deutſchen ertheilt, der von Jugend auf, und nun ſchon ſeit dreißig Jahren in Deutſchland, Frankreich, Spanien und den Nieder⸗ landen gedient, und viele Beweiſe ſeiner Kaltblütigkeit gegeben hatte. Auch würde es der wackere Hans zu 56 einem bedeutenden Range im Kriegsdienſte gebracht haben, wenn er nicht dem Wein⸗ und Bierkruge zu ergeben ge⸗ weſen wäre, ein damals noch beinah allgemeines National⸗ gebrechen der deutſchen Kriegsleute, wodurch es auch be⸗ denklich wurde, ihnen die Führung eines wichtigen Unter⸗ nehmens anzuvertrauen. In ſeiner früheſten Jugend hatte er eine ſehr gute, und nach den damaligen Zeiten zu rechnen, ſelbſt klaſſiſche Bildung genoſſen; doch die ein⸗ zigen Ueberbleibſel davon beſtanden in einigen Brocken La⸗ tein eines Trinkliedes, welches er keſtändig beim Becher, von ſeinen Spießgeſellen umgeben, zum Beſten gab, ob⸗ gleich dieſe nur aus ſeinem Gebährdenſpiele, und der ununterbrochenen Gemeinſchaft des Kruges und ſeiner Lippen, den Sinn ſeines Liedes deuten konnten. Der Be⸗ fehl mit einer Abtheilung Soldaten im Schloſſe Schooten ſein Standquartier zu haben, war ihm höchſt willkommen geweſen. Er rechnete nicht ohne Grund auf einen gut verſehenen Keller, und die Gefahren, welche dort ſeiner warteten, konnten einem Manne, der nur das Leben halb zu genießen glaubte, wenn er ſich nicht den größten Gefahren ausgeſetzt ſah, angenehm ſeyn. Er hatte die furze Zeit ſeines Aufenthaltes auf dem Schloſſe auf's ſorgfältigſte benützt, mit dem alten Biere aus Delft und dem vortrefflichen Rheinwein, womit der Kellermeiſter Befehl hatte, ihn nach Belieben zu verſorgen, genaue Befanntſchaft zu machen. Auch dieſe Nacht ſaß Hans fröhlich im alten Rit⸗ terſaale zwiſchen ſechs vertrauten Kameraden, unter denen der Becher luſtig kreiste. Da ſie keineswegs an die Mög⸗ lichkeit, von derh Feinde überfallen zu werden, dachten, noch viel weniger an eine Meuterei im Schloſſe, ſo begnügte er ſich damit, dann und wann nach den ausgeſtellten Po⸗ ſten zu ſehen, und ihnen Wachſamkeit anzuempfehlen. Dann beeilte er ſich zu ſeinen Gefährten zurückzukehren, und den Einfluß der nächtlichen Kälte durch einen friſchen Trunk unſchädlich zu machen. Bei jedem Windſtoße, wel⸗ cher gegen die Fenſter des hochgewölbten Saales anſchlug 57 nahm er den Becher in die Hand, ſtieß fröhlich mit ſei⸗ nen, gleich ihm ſorgloſen Gefährten an, und fing, gleich⸗ ſam als wolle er das Geraſſel des Sturmes erſticken, das eine oder andere Trinklied in deutſcher Sprache oder in verdorbenem Latein an. So war es ein Uhr nach Mit⸗ ternacht, und Alles war rund um das Schloß herum ruhig, nur nicht der Wind, welcher ſtets heftiger wurde, während dicke, mit Schnee und Hagel geſchwängerte Wol⸗ ken, die Dunkelheit der Nacht mit einem jeden Augenblicke zu vermehren ſchienen. Schon hatte unſer wackerer Deutſcher zum dritten oder vierten Male die Runde längs der ausgeſtellten Poſten gemacht, und bei ſeiner Zurückkunft bemerkt, daß die Nachtluft auf ſeine Glieder eine beſondere Wirkung hervorbringe— er bemerkte nämlich, daß er minder oder mehr wankte— und eben hatte ein Diener auf ſeinen Befehl eine friſche Kanne Wein herbeigebracht, als einer ſeiner Gefährten, der weniger als die Uebrigen die Fol⸗ gen des Weines ſpürte, ein ungewöhnliches Geräuſch auf der Schloßebene wahrzunehmen glaubte. Er horchte einen Augenblick, und glaubte wirklich Waffengeklirr zu hören. Er ſprang auf, ſchlug Hans mit der flachen Hand auf die Schulter, und rief mehr noch aus Scherz⸗ als daß er die Wahrheit zu verkünden glaube: „Hauptmann! der Feind überfällt uns!“ „Schwerenoth!“ fuhr ihn der Andre an, welcher gerade mit ſeiner Baßſtimme das alte, nicht ſehr erbau⸗ liche Trinklied zu ſingen anfing: Mihi est propositum In taberna mori— und dann über dieſe unzeitige Störung in Zorn gerathend ausrief:„Der Kerl iſt beſoffen!“ und ohne die Haltung und Gebährden ſeiner übrigen Gefährte zu beachten, ſetzte er ſei⸗ nen Geſang fort. Sie ſahen ſich nach ihren Waffen um und riefen:„hört! hört!“ Doch Hans von Winkelließ ſich nicht aus ſeiner Faſſung bringen, und indem er immer lauter Der Schutzgeiſt. I. 5 58 ſchrie, wiederholte er die beiden erſten Reihen des Trink⸗ liedes, und hatte ſo eben die beiden folgenden beendet: vinum est oppositum Morientis ori! als das Waffengeklirre auf dem Schloßplatze ſo ſehr zu⸗ nahm, und mit einem ſolchen Angſtgeſchrei und Rufen: „Zu den Waffen!“ ſich vereinigte, daß ſelbſt Hans, die Wahrſcheinlichkeit eines feindlichen Angriffes einſehend, verſtummte. Doch in demſelben Augenblicke, und ehe er noch mit der ihm eigenthümlichen Trägheit, jetzt noch durch die Trunkenheit vermehrt, einen Entſchluß faſſen konnte, und während er den halbgeleerten Becher noch in der erhobenen Hand hielt, ſtürmten ein halb Dutzend Spanier in den Saal, und fielen über die außer Faſſung zechenden Trinkbrüder ſo heftig her, daß ſie ihnen keine Zeit ließen, ſich zu einem kräftigen Widerſtand anzuſchicken. Hans ſtürzte tödtlich verwundet auf den Boden nieder, indem der Becher ihm aus der Hand flog, deſſen Inhalt ſich mit ſeinem ſtrömenden Blute vermiſchte. Seine Ge⸗ fährten hatten ein gleiches Loos, da die Anzahl der her⸗ eindringenden Feinde ſich mit jedem Augenblick vermehrte. Es herrſchte eine fürchterliche Unruhe in einem jeden Theile des Schloſſes, deſſen Ausgänge von den Spaniern aufs ſorgfältigſte, damit Niemand entkommen konnte, beſetzt waren. Das gellende Geſchrei der wenigen Frauen, welche ſich im Schloſſe befanden, vermiſchte ſich mit dem Geflirre der Schwerter, mit dem blutdürſtigen Siegesruf der Spanier, und mit dem Kriegsgeſchrei der Soldaten der Beſatzung, welche mannhaft den weit ſtärkeren Feind bekämpften, und den Entſchluß gefaßt hatten, ihr Leben ſo theuer als möglich zu verkaufen. Nicht allein die⸗ jenigen, welche zur Ueberrumpelung des Schloſſes die Hand nicht geboten, ſondern auch die, welche dazu mit⸗ gewirkt hatten, erfuhren jetzt, wie der treuloſe Spanier alles ohne Gnade niedermetzelte. Schon durch die erſte Bewegung war von Solin⸗ gen aus ſeiner kurzen Ruhe geweckt. Er griff ſogleich — 59 nach ſeinen Waffen, um nach der Urſache dieſer nächt⸗ lichen Unruhe Erkundigungen einzuziehen. Freilich durfte er nicht vermuthen, daß die Feinde im Schloſſe waren, denn an Verrath dachte er nicht; doch da er die Deut⸗ ſchen, welche die Beſatzung ausmachten, und beſonders den Anführer als Leute kannte, welche nicht ſelten über⸗ mäßig die ihnen aus ſeinem Keller angebotenen Erfriſchun⸗ gen zu ſich nahmen, und tie bei ſolchen Gelegenheiten ſchon oft unter einander in heftigen Streit gerathen waren, ſo vermuthete er, daß etwas Aehnliches Statt habe. Doch im Begriff, ſein Zimmer zu verlaſſen, drang ein Soldat der Beſatzung, der lange Zeit von Solingens Diener geweſen war, herein. Dieſer hatte kurz vorher, den Verrath von einigen ſeiner Gefährten angezettelt, erfahren, und in demſelben Augenblick eilte er zu ſeinem Herrn. Ein paar Worte, welche der erſchreckte Bote fallen ließ, benachrichtigte den unglücklichen Vater von dem Antheil, welchen ſeine Tochter daran hatte. Dieſer Bericht lähmte auf eine kurze Zeit den Arm des muthigen Kriegers; doch bald unterdrückte er ſeinen Schmerz und ſeinen Unwillen, und eilte mit gezogenem Schwerte auf den Schauplatz des ungleichen Kampfes. Ein verwirrtes Geſchrei von Freunden und Feinden bewog ihn, ſeine Schritte nach dem großen Saale des Schloſſes zu leiten. Als er hinein trat, eröffnete ſich die fürchterlichſte Verwirrung vor ſeinen Augen. Die kurz vorher mit Bechern und Kannen beſetzte Tafel war umgeworfen, und die fröhlichen Trinker, welche hier die Nacht durchwacht hatten, lagen mit Wunden und Blut bedeckt auf dem Boden. Andere ſeiner Krieger boten dem Feinde noch einen geſchickten Widerſtand, nicht ſo ſehr um ihr Leben zu ſchützen, als um es theuer zu verkaufen. Von So⸗ lingens Ankunft gab dem kleinen Haufen dieſer wa⸗ ckeren Krieger neuen Muth; ſie ordneten ſich um ihren Befehlshaber mit dem Plane ihn zu ſchützen, und wenn möglich, ſich mit ihm durch den Feind durchzuſchlagen 5* 60 und, von der Nacht begünſtigt aus dem Schloſſe zu ge⸗ langen. Doch ſie verſuchten das Unmögliche; Die Zahl der Spanier wuchs immer mehr an, während die, welche von Solingen umringten, immer geringer wurde. Er ſelbſt kämpfte mit Löwenmuth und hieb mehrere der Angreifenden nieder, welche nur geringen Widerſtand er⸗ wartend, keine Feuergewehre mit ſich genommen hatten. Bald fühlte er jedoch, daß er dem ungleichen Kampfe wohl würde weichen müſſen. Er lehnte ſich gegen die Wand des Saales, und hieb, beinah auf ſich allein be⸗ ſchränkt, blind um ſich her, und erwartete den verhäng⸗ nißvollen Todesſtoß. In dieſem Augenblick drang ihm das ſchauerliche Geſchrei einer Frau entgegen. Er erhob ſeine Augen, ſieht ſeine Tochter, welche mit hängendem Haar und furcht⸗ bar verwildertem Blick in den Saal ſtürzte, und zwiſchen ihrem Vater und den ihm zuſetzenden Feind auf dem Boden niederſiel. Das unglückliche Mädchen hatte bald erfahren was ſich zutrug, und war unter den zahlreichen Schaaren der Spanier, mit der peinigendſten Angſt— ſich nach Franzesko umzuſehen umher gelaufen. Doch umſonſt, ihr Geliebter zeigte ſich nicht. Sie ſah wie die treuloſen Feinde Niemanden verſchonten, und merkte, doch zu ſpät die ſchauderhaften Folgen ihrer Unbedacht⸗ ſamkeit. Umſonſt bat ſie die blutdürſtigen Tyrannen die Beſiegten zu verſchonen, und rief mit ängſtlichem Geſchrei den Namen ihres Geliebten. Ein Spanier, wie es ſchien, durch ihren Schmerz und ihre Schönheit gerührt, rieth ihr zur Flucht, indem er hinzufügte, daß Don Franzesko „auf den ſie ſich berufe, weit von hier ſey. Hierauf eilte ſie, außer ſich von Verzweiflung⸗ nach dem Saale zu, wo ſie die Stimme ihres Vaters zu hören glaubte. Sie ſah ihn auf dem Punkte, den Streichen ſeines Angreifers zu erliegen. Mit Blitzesſchnelle wirft ſie ſich vor ſeinen Füßen nieder, und iſt bemüht, die auf ihn gerichteten Schwerter von ihm abzuwenden. Das Antlitz des ſchönen Midchens in dieſem an Raſerei gränzenden Zuſtande, „— 61 machte ſogar auf die Spanier einen augenblicklichen Ein⸗ druck. Sie traten einige Schritte zurück; doch von So⸗ lingen, ohne die Todesgefahr, worin ſie ſich befand zu beachten, ſtieß das knieende Mädchen, welches mit der einen Hand ſeine Kniee umfaßte, und die andere nach dem Feinde ausſtreckte, kräftig von ſich weg, und ruft ihr mit einer gräßlichen Stimme zu: „Mein Fluch über Dich, Elende! Er folge Dir in die Arme Deines Buhlen!“ In demſelben Augenblick dringt das Schwert Mem⸗ brillas, welcher jetzt erſt dieſem Platze ſich genähert, ihm in die Seite. Zuckend fällt er auf den Boden nieder, und Margaretha mit dem Blute ihres Vaters be⸗ ſprützt, fällt ohne Bewußtſeyn auf den Leichnam des Sterbenden. Noch war das erſte Licht des neblichten Wintermor— gens nicht erſchienen, ſo verbreiteten ſchon die kniſternden Flammen, welche an zwei Seiten aus dem Dache des eroberten Schloſſes aufſtiegen, über die umliegende Gegend einen ſchaurigen Glanz. Die Spanier hatien ſich kaum die Zeit gegönnt, einige werthvolle Gegenſtände wegzu⸗ ſchaffen, um deſto eher das Gebäude den Flammen opfern zu können. Die durch den ſcharfen Wind angefachte Glut erhob ſich bald in die Luft und wurde von dem außerhalb lagernden Feinde mit Jauchzen begrüßt. Mit Wohlgefallen betrachteten ſie die Wirkung des Feuers, und ſahen, wie die von beiden Seiten aufſteigenden Flam⸗ men ſich immer näher kamen, und bald in ihrer fürch⸗ terlichen Umarmung das ganze Gebäude zu unfaſſen droheten. Auf einmal bemerften ſie auf dem Dache des Schloſſes, zwiſchen dieſen beiden Feuern einen Gegenſtand der ihre ganze Aufmerkſamkeit nach ſich zog. Es war eine ſchlanke weibliche Geſtalt, in einem weißen Gewande, deren Antlitz an Bleichheit mit ihrem Kleide wetteiferte. Der Widerſchein des Feuers, welcher ſich immer mehr näherte, verbreitete jetzt eine ſchauerliche Röthe über ihre Stirn. Mit Entſetzen erkannten einige Soldaten in die⸗ ſer Geſtalt die Tochter des getödteten von Solingen⸗ die unglückliche Margaretha. Vielleicht war ſie beim Morde von den rauhen Kriegsknechten verſchont geblieben; vielleicht war ſie bewußtlos zwiſchen den Leichen der Er⸗ ſchlagenen liegend, der Aufmerkſamkeit der Soldaten ent⸗ gangen. Als ſie ſpäter, nachdem der Feind ſchon das Schloß geräumt hatte wieder zu ſich ſelbſt kam, war ſie wahrſcheinlich, als ſich das Ereignete mit allen ſeinen Schreckniſſen ihrem Geiſte vergegenwärtigt hatte, in eine Art von Wahnſinn verfallen, welcher ſie jetzt antrieb die Zinne des brennenden Schloſſes zu erreichen. Zwei oder drei Minuten hielt ſie daſtehend von Zeit zu Zeit ihre rechte Hand auf; und ſchien zu reden. Man merkte deut⸗ lich, daß ihre Lippen ſich bewegten, obgleich der Klang ihrer Worte, der Entfernung und des Krachens des bren⸗ nenden Gebäudes wegen verloren ging. Doch plötzlich, als ſich ihr die Flamme von beiden Seiten in geringem Abſtande genähert hatte, glaubten die Krieger, welche von unten alle ihre Bewegungen aufs genaueſte beobach⸗ teten ein ſchauerliches Lachen zu hören, welches durch das Geräuſch des Sturmes und der Flammen hörbar war. Selbſt dem Verhärtetſten dieſer an alle mögliche Gräuel gewöhnter Truppen, erregten dieſe Töne ein Schau⸗ dern. Die Meiſten machten außer ſich vor Entſetzen das Zeichen des Kreuzes; denn da ſie wußten, wie ſehr Mar⸗ garetha bei der Ueberrumpelung des Schloſſes, und daher auch an dem Tode ihres Vaters betheiligt war, ſo zweifelten ſie nicht, daß der böſe Geiſt erſchienen ſey, ſich dieſer Unſeligen, deren Gewiſſen mit ſolch einer Blut⸗ ſchuld belaſtet war, zu bemächtigen. Ihre aufgeregte Einbildungskraft ließ ſie ſogar eine ſchwarze Geſtalt be⸗ merken, welche ſich hinter dem Mädchen erhob, ſie faßte, und ſich mit ihr in die Flammen hinabſtürzte. Noch ſtarrte die ganze Schaar unverwandt nach dem Fleck hin, wo die Wahnſinnige ſich gezeigt hatte, als die Flammen ſich vereinigten, und das ganze Dach einem wogenden Feuermeere glich. Bald ſtürzte der oberſte Theil des N N—— * 8 8— S 63 Gebäudes zuſammen, und als der Tag dies ſchauerliche Schauſpiel erleuchtete, wüthete noch an verſchiedenen Thei⸗ len des Schloſſes die Flamme fort; aber ſie erhob ſich nicht mehr über die hohen ſchwarz gebrannten Mauern. Ungefähr dreißig Leichen lagen unter den brennenden Trümmern verſchüttet. Am dritten Tage nach dieſen Ereigniſſen, welche den Inhalt dieſes Kapitels ausmachen, begannen die Spanier die Belagerung Haarlems. Dieſe hatte genau ſechs Wochen gedauert, als der Befehlshaber der Bela⸗ gerer Don Frederik, welcher im Schloſſe te Kleef ſein Standquartier aufgeſchlagen hatte, die Belagerung der Stadt feſtſetzte. Einer der Anführer der hierzu be⸗ ſtimmten Truppen war Don Franzesko, der, ob⸗ gleich kaum von ſeinen Wunden geneſen, ſich freiwillig zu dieſer gefährlichen Unternehmung anbot. Der Angriff wurde wie bekannt, geſchickt abgeſchlagen; die Spanier zogen ſich zurück. Franzesko allein blieb ſtehen. Jetzt merkten Alle daß er den Tod ſuchte, und der Unglück⸗ liche fand ihn bald. Durch eine Kugel getroffen ſank er nieder, und endigte ein Leben, welches wahrſcheinlich alle Reize für ihn verloren hatte, nachdem der Bericht der ſchrecklichen Ereigniſſe, bei welcher auch der Gegenſtand ſeiner feurigen Liebe das Opfer geworden, zu ihm ge⸗ langt war. Ja, dann erſt ſchmeckt man Heil, ja Su erſt heißt es Leben Wenn den Sekunden gleich, die Tage dahin ſchweben, Den Wechſel nicht gewahrt, den Fluth und Ebbe bringt. Hugo van't Woud. Der Inhalt der vorangegangenen Kapitel, könnte vielleicht bei dem Leſer den Gedanken rege werden laſſen, daß unſre geſchichtliche Erzählung ihm nur eine Schilderung von Krieg und Blutvergießen darbieten ſollte, 64 welche in den ſogenannten hiſtoriſchen Romanen unſrer ſüdlichen Nachbaren jetzt leider nur zu ſehr an der Tages⸗ ordnung iſt. Doch ſoll ihn der Verlauf unſerer Erzäh⸗ lung überzeugen, daß dieſe Vermuthung völlig unge⸗ gründet iſt. Sie verſetzt uns allmählig in einen Zeit⸗ raum, wo zwar der Krieg mit Spanien noch immer fortgeſetzt wird, aber doch im Ganzen einen friedlichern Charakter annimmt, als es im Anfange dieſes ewig denkwürdigen Krieges der Fall war. Die Schickſale unſrer dramatiſchen Perſonen, in den Jahren, welche zwiſchen den erzählten Begebniſſen, und dem Zeitraume, worin unſre Geſchichte aufs Neue, wie wir hoffen, das Intereſſe unſres Leſers erwecken ſoll, können wir in wenig Reihen zuſammenfaſſen. Dieſe Zwiſchenzeit ähnelt den glücklichen und ruhi⸗ gen Zeiten, die in der Geſchichte der meiſten Länder und Pölker ſo höchſt ſelten vorkommen, wo der Geſchicht⸗ ſchreiber kaum Stoff für ſeine Feder findet, und wobei er doch ſo gern verweilt; wo er die Ereigniſſe vieler Jahre in folgende Worte faſſen kann:„Land und Volk waren glücklich.“ Unter den wenigen Perſonen, welche auf dem Schloſſe Schooten dem mordenden Stahle der Spanier entkom⸗ men waren, befand ſich auch der ſechsjährige Friedrich, jetzt der einzige Stammhalter des ruhmreichen Geſchlechts. In der allgemeinen Verwirrung, welche daſelbſt herrſchte, nachdem die Feinde, mit Hülfe des einen Theils der Be⸗ ſatzung in das Schloß eingedrungen waren, und ganz gegen alle Erwartung der Theilnehmer am Verrath, ſchon mit dem Morden der Schloßbewohner einen Anfang gemacht hatten, war Hermine zu ihrer Gebieterin geeilt, um ihr dieſen ſchrecklichen Bericht zu hinter⸗ bringen. Vergebens hatte ſie alles angewandt, ſie zur Flucht zu bewegen; umſonſt hatte ſie Margaretha auf den geheimen Ausgang an der Nordſeite des Schloſſes, welcher, wie ſie mit Grund vermuthete, daß er nicht von den Spaniern beſetzt ſey, aufmerkſam ge⸗ ———— N—„ S S N —— M 65 macht. Das unglückliche Mädchen wollte ein Unglück, als deſſen Urſache ſie ſich betrachtete, nicht überleben. Sie wollte wenigſtens ihren Vater gerettet ſehen, oder mit ihm ſterben. Inzwiſchen trieb ſie Hermine an, mit ihrem Bruder die Flucht zu verſuchen, welcher Auf— forderung ſie auch willig gehorchte. Sie eilte zitternd mit dem Knaben an der Hand nach dem hinterſten Theile des Schloſſes, wo ſie dem Herrn von Solin⸗ gen, als dieſer mit dem Schwerte in der Hand nach dem Ritterſale hineilte, begegnete. Der unglückliche Va⸗ ter, tief durch das entartete Betragen ſeiner Tochter erſchüttert, blieb einen Augenblick ſtehn, umarmte ſeinen Sohn, ertheilte ihm ſeinen Segen, und befahl ihn dem Schutze des Allerhöchſten an. Er bat Hermine ihre Flucht zu beſchleunigen, und dies geliebte Kind der Gefahr zu entziehn. Darauf begab ſich der Unglückliche mit der verdoppelten Eile dahin, wo ihn der Tbd er⸗ wartete. Das Schickſal, welches in dieſer verhängnißvollen Nacht, über eine früher ſo glückliche Familie ſo vielen Jammer verbreitete, verſchonte den jüngſten und einzig übergebliebenen Zweig. Es glückte Herminen; dem tödtenden Schwerte der Feinde mit dem ſechsjährigen Knaben zu entkommen. Sie ſlüchtete nach Haarlem, und von da, weil gleich darnach die Belagerung dieſer Stadt eröffnet wurde, nach dem Haag, wo eine Schweſter des Herrn von Solingen wohnte, welche nach dem Tode ihres Gatten, noch in der Blüthe des Lebens, als kinderloſe Wittwe, doch im Beſitze eines anſehnlichen Vermögens hinterblieben war. Dieſe nahm ſich der unglücklichen Waiſe an, und verſprach Eltern⸗ ſtelle bei ihm zu vertreten. Auch hielt die brave Frau treu ihr Wort. Sie war unermüdet in der Ausübung deſſen, was ſie als eine, dem Gedächtniß ihres Bruders ſchuldige und heilige Pflicht betrachtete. Unter ihrer in der That mütterlichen Aufſicht, genoß der Knabe eine ausgezeichnete Erziehung, ganz den Sitten ſeiner Zeit, 66 und dem Range, welchen er einſt in der bürgerlichen Geſellſchaft zu vertreten hatte, angemeſſen. Er benützte den Unterricht geſchickter Männer in verſchiedenen Zwei⸗ gen der Wiſſenſchaften und Künſte, und brachte darauf einige Jahre auf der Hochſchule zu Leyden zu. Doch die mütterliche Zärtlichkeit ſeiner Muhme hätte eine mehrjährige Abweſenheit des Jünglings nicht ertragen können, und daher konnte ſie ſich nicht entſchließen, ihn— was doch ſo eigentlich zu einer vollkommenen Erziehung jener Zeiten gehörte— eine Reiſe nach Frankreich und Ita⸗ lien oder anderer fremden Länder unternehmen zu laſſen. Aber Friedrich bezeugte auch hierzu keine beſondere Luſt; ſey es nun, daß er jederzeit gern in ein jedes Verlangen ſeiner mütterlichen Freundin einwilligte; ſey es— und dies ſehen wir als die Haupturſache an, daß ſein Charakter zu ſtill und häuslich war, um ihm Wünſche einzugeben, deren Erfüllung außerhalb ſeiner friedlichen Wohnung lag, worin er ſeine Jugend zu⸗ gebracht und ſich ſtets glücklich gefühlt hatte⸗ auch liebte er die edle Frau, welche Mutterſtelle an ihm ver⸗ treten hatte, mit kindlicher Liebe, und er fühlte mit dem Zunehmen ihrer Jahre immer mehr die theure Verpflich⸗ tung, welche auf ihm ruhete, die Sorgen, welche ſie ſeinetwegen getragen hatte, nach Kräften zu vergelten. Friedrich war ein rechtſchaffener und gefühlvoller Jüng⸗ ling. Es ſchien ſogar, daß ihm von dem verhängniß⸗ vollen Ereigniſſe, welches ihm in ſeiner früheſten Jugend in ſeinem väterlichen Hauſe begegnet war, obgleich die Erinnerung daran immer mehr abnahm, eine gewiſſe körperliche Empfindlichkeit geblieben war, welche auf ſeinen Karakter einen bedeutenden Einfluß ausübte, und ihm eine Empfänglichkeit, welche ihm ſonſt wohl fremd ge⸗ lieben wäre, mitgetheilt hatte. Die fürchterlichen Um⸗ ſtände, welche bei dem Tode ſeines Vaters und ſeiner Schweſter gewaltet hatten, waren ihm natürlich nicht fremd geblieben. Dies Alles hatte ſchon in ſeiner frühe⸗ ſten Jugend ſeinem Charakter dieſe Richtung verliehen, —— S b P 1⸗ ch — * m h⸗ ſie ⸗ iß⸗ nd die iſſe auf ind ge⸗ lm⸗ iner icht the⸗ hen, 67 welche man als einen Hauptzug darin wahrnimmt, und der wahrſcheinlich noch durch die ſorgfältige, man könnte ſagen ängſtliche Erziehung im Hauſe ſeiner Muhme, vergrößert wurde. Während Friedrich im Haage die Jahre ſeiner Kindheit und die als Jüngling ſorglos verlebt, und nun ſchon die männliche Lebzeit erreicht hatte, waren in un⸗ ſerm Vaterlande auf dem Staats- und Kriegsſchauplatze wichtige Ereigniſſe vorgefallen. Der Streit, welchen die Niederlande noch beſtändig mit klugem Heldenmuthe mit Spanien fortſetzte, war nicht mehr ein Streit auf Leben und Tod, ſondern in einen regelmäßigen Krieg zur Er⸗ haltung der erworbenen Freiheit übergegangen. Dieſer Krieg hatte einen milderen und menſchlicheren Charakter angenommen. Die Utrechter Union hatte ein feſtes Band um die ſieben nördlichen Provinzen geſchlungen, als die ſüdlichen Niederlande ſich von Neuem unter dem ſpa⸗ niſchen Joche gebeugt hatten. Der Vater des Vater⸗ landes war durch das verrätheriſche Blei eines Mörders als Opfer der abſcheulichſten Schwärmerei gefallen; doch in ſeinem Sohne, dem kriegeriſchen Moritz, war ein Phönir aus der Aſche hervorgegangen, und das Schwert dieſes Sohnes ließ Spanien für den an dem Vater ver⸗ übten Mord fürchterlich büßen. Und faſt am Ende dieſes Jahrhunderts, ſo reich an den wichtigſten Ereigniſſen, ſetzte der ruhmvolle Sieg bei Niewpoort auf eine glänzende Weiſe die Uebermacht der Niederländiſchen Waffen über den früher ſo viel mächtigern Feind fſt. Ungefähr ſechs Jahre vor dieſem Zeitabſchnitte hatte Friedrich die einzige Blutsverwandte verloren, welche er von väterlicher Seite beſaß, die Frau, welche ſeine Kindheit und ſeine Jugend mit der zärtlichſten Sorgfalt verpflegt hatte. Die in Friesland wohnende Familie ſeiner Mutter war ihm bis jetzt völlig unbekannt geblie⸗ ben. Der Tod ſeiner Tante hatte ihn, den einzigen Er⸗ ben der beträchtlichen Güter ſeines Vaters, deren ruhiger Beſitz ihm durch die Entfernung der Feinde aus Holland 68 ſchon längſt geſichert war, zu einem der reichſten Bewoh⸗ ner dieſer Provinz gemacht. Sein Leben war bis jetzt, ungeachtet der wichtigen und oft blutigen Ereigniſſe, ſtets gleich ungetrübt und ruhig dahin gefloſſen, gleich einem Bache, deſſen Ufer mit ſtattlichen Eichen bepflanzt ſind, und deſſen Oberfläche, obgleich der Sturm wild in den Spitzen der Bäume braust, niemals beunruhigt wird. Die wilden Leidenſchaften, wovon die Jugend nur allzu⸗ oft umſchlungen wird, waren ihm fremd geblieben, und er hatte ſchon ſein dreißigſtes Jahr erreicht, als die Liebe zum erſten Male in ſeinem Herzen ihre Stimme hören ließ. Die jüngſte Tochter einer alten und vornehmen, aber durch die Zeitumſtände gewiſſermaßen verarmten Fa⸗ milie, wußte ihn durch ihre außerordentliche Schönheit und— merkwürdig genug— durch die Eigenſchaften des Geiſtes, welche ihm ſelbſt am wenigſten eigen waren, zu feſſeln. So unentſchloſſen und ängſtlich Friedrichs Charakter von Jugend auf geweſen war, ſo muthig und ſtolz, über ihr Geſchlecht und Jahre, war der der ſchönen Agnes von Rysbergen. Sie war, als ſie Friedrich ihre Hand reichte, in ihr zwei und zwanzigſtes Jahr ge⸗ treten; und ungeachtet des ſo merklichen Unterſchieds des Charakters, liebten ſich beide Eheleute von ganzem Herzen, und ihre Ehe konnte in jeder Hinſicht glücklich genannt werden. Agnes beſaß neben dem Stolze und der Ge⸗ reiztheit ihres Charakters ein weiblich gefühlvolles Herz, der Sitz der edelſten und zarteſten Gefühle. Auch benützte ſie nie die ſchwache Seite ihres Eheherrn, welche ihr nur zu gut bekannt war, um die Gewährung irgend eines Wunſches zu erlangen. Daß ſie aber durch die überwie⸗ gende Stärke ihres Geiſtes einen merklichen Einfluß auf ihren Gemahl ausübte, iſt eben ſo gewiß, als daß dieſer bei den Widerwärtigkeiten und Schickſalsſchlägen, welche eine ſpätere Zeit ihnen bereitete, in der edlen Standhaf⸗ tigkeit ſeiner Gemahlin einen Troſt und eine Stütze fand, welche bei ähnlichen Gelegenheiten das ſchwächere Ge⸗ ſchlecht mit mehr Recht vom Manne fordern darf. — NM S* f e d, e 69 Das erſte Pfand ihrer Ehe, eine Tochter, ſtarb wenige Monate nach der Geburt. Doch dieſer Verluſt wurde den trauernden Herzen der Eltern anderthalb Jahre ſpäter durch die Geburt eines Sohnes erſetzt, welcher nicht nur nach dem Zeugniſſe befangener Freunde und Freun⸗ dinnen, ſondern auch nach dem Urtheile mehr befugter Perſonen, von ſeinem erſten Eintritt in die Welt, ein Bild der blühendſten Geſundheit war. Es war am Abend des zweiten Julis des Jahres 1600, wo dies geliebte Pfand, damals der Stammhalter einer glänzenden und reichen Familie, das Licht der Welt zum erſten Male erblickte, und den zweiten Tag darauf kam die Nachricht im Haage an, daß an demſelben Tage, und beinahe zur ſelben Stunde, das Heer der General-Staaten den ſchon oben erwähnten Sieg bei Niewpoort über die Spanier davon getragen habe. Der Name des tapfern und erfahrenen Feldherrn, unter deſſen Führung dieſer glän⸗ zende Sieg errungen war, ſchwebte, wie man leicht denken kann, in dieſen Augenblicken auf eines jeden Lippen. Daher darf man ſich nicht wundern, daß Herr und Frau von So⸗ lingen, deren Vaterlandsgefühl durch die Zeitungen noch mehr geweckt war, von der allgemeinen Freude fortgeriſſen, den Entſchluß faßten, den Jüngſtgeborenen bei der Taufe nach dem Namen des Siegers, den wackern Moritz, zu nen⸗ nen. Ungefähr vier Wochen ſpäter hatte dieſe Feierlich⸗ keit Statt, welche durch den ehrwürdigen Bernhard Lafaille, einem der damals älteſten Prediger in dem Haag verrichtet wurde; und der junge Moritz Frie⸗ drich kehrte mit ſolch einem ſtolzen und heitern Antlitze aus der Kirche zurück, daß alle zur Taufe geladenen Gäſte einſtimmig erklärten, daß er zu erkennen gebe, die ihm angethane Ehre zu fühlen, und daß er ſich gewiß dereinſt des ruhmreichen Namens, der ihm gegeben wor⸗ den war, durch eine eben ſo muthige Handhabung der Rechte ſeines Landes, vollkommen würdig machen würde. Bei dem Tauffeſte ſelbſt herrſchte den Gebräuchen jener Zeit gemäß Ueberfluß und Reichthum. Alle die nächſten Verwandten der Mutter, welche ſehr zahlreich in dem Haag wohnten, nahmen daran Theil, und au⸗ ßerdem noch viele Freunde und Bekannte. Ee hatte nicht an Geſchenken in der Wochenſtube gefehlt, und darunter war eine zierliche Wiege, Geſchenk einer älteren und frü⸗ her verheiratheten Schweſter der Mutter, mit einer koſt⸗ baren von ihr ſelbſt geſtickten Decke. Sie hatte eigen⸗ händig die Namenszüge des Neugeborenen darauf gear⸗ beitet, und ſie nachher im Wohnzimmer niedergelegt. Als nun bei dem Feſtmahle alle Geſchenke von den ver⸗ ſammelten Gäſten betrachtet und bewundert wurden, und unter dieſen auch die koſtbar geſtickte Wiegendecke, welche die höchſte Bewunderung erregte, zogen zwei Worte: hie erit, welche künſtlich über dem Namenszuge geſtickt waren, ganz beſonders die Aufmerkſamkeit der Anweſenden an. Und nachdem der ehrwürdige Lafaikle, der ſich, wie es ſich von ſelbſt verſteht, unter den Gäſten befand, die Bedeutung dieſer Worte den neugierigen Frauen erklärt hatte, beſtürmte ein Jeder um die Wette die Tante des kleinen Moritz mit der Frage: Was ſie damit ſo eigent⸗ lich bezweckt habe? Dieſe nahm voll Befremdung das von ihr gemachte Geſchenk in die Hand, und nachdem ſie es aufmerkſam betrachtet hatte, erklärte ſie feierlichſt, daß dieſe Worte weder von ihr, noch auf ihren Befehl in den Rand geſtickt ſeyen, noch daß ſie, als ſie die Decke ihrer Schweſter zum Geſchenke gemacht habe, darin geweſen wären. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß dieſe ihre Erklärung bei allen Anweſenden kein geringes Erſtau⸗ nen erregte, welches noch vergrößert wurde, als es ſich den genaueſten Unterſuchungen nach, welche man anſtellte, ergab, daß der bewußte Gegenſtand keinen Augenblick aus dem Wohnzimmer gekommen wäre, und daß auch in demſelben ihn Niemand in Händen gehabt habe, von dem man vermuthen könnte, daß dieſe Worte herrührten. Das Sonderbare und Unerklärliche dieſes Umſtandes flößte allen Gäſten einen unwillkürlichen Schrecken ein, wovon ſelbſt die Mutter, ſo wenig ſie ſich auch zum Aberglauben hin⸗ 5 71 neigte, nicht frei blieb. Einer der Gäſte wagte es, um den hierdurch hervorgerufenen unangenehmen Eindruck wegzuräumen, zu bemerken, daß ohne Zweifel der Schutz⸗ geiſt des Neugeborenen, welcher ihn unſichtbar umſchwebte, dieſe Lettern in der Decke habe erſcheinen laſſen, gleich⸗ ſam um ſeinen Eltern jetzt ſchon die Verſicherung zu geben, daß dieſerſFohn es ſeyn ſollte, durch welchen die Familie den höchſten Grad des Ruhmes und des Glücks erreichen würde⸗ Doch ein ernſtes Kopfſchütteln des Pre⸗ digers, welcheit über dieſe, zu ſehr nach dem Heidenthum riechende Deutung nicht ſehr erbaut war, war die Ur⸗ ſache, daß er in ſeiner noch nicht beendigten Vorausſa⸗ gung ſtecken blieb. Auch muß man der Erklärung des Geiſtlichen, daß vielleicht von den Perſonen, welche die Wöchnerin beſucht hätten, irgend eine die paſſende Gele⸗ genheit benutzt habe, dieſe Worte, um den Eltern etwas Gutes über ihren Sohn zu prophezeihen, in die Decke geſtickt habe, mehr beiſtimmen. Doch weil die Worte in lateiniſcher Sprache waren, ſo konnte man der Vermu⸗ thung, daß eine Frauenhand ſie gearbeitet habe, nicht völlig Raum geben. Uebrigens merkte man es dem koſtbar beſetzten Feſt⸗ tiſche nicht an, daß die Eßluſt und Fröhlichkeit der Gäſte durch dieſe Entdeckung geſtört worden wäre. Man that den überflüſſigen Zurüſtungen des Gaſtherrn alle mög⸗ liche Ehre an. Mancher Becher wurde auf das Wohl des jungen Moritz geleert, und war ſtets mit Wünſchen begleitet, welche die hoffnungsvollen Eltern mit Freude und Entzücken erfüllten. Beſonders war der Segens⸗ wunſch des Geiſtlichen voll Kraft und Nachdruck. Er verſäumte nicht, unter manchen andern Segensſprüchen den Eltern zu wünſchen, daß ihr Sohn ſtets unbeſcholten im Wandel und im Glauben beharren, und beſonders vor allen Abweichungen zur rechten oder zur linken Seite ſi hüten möge, ſo wie vor dem Sauerteige der Phariſäet und Sadduzäer. Schon fing der Sommerabend an die erſte Däm⸗ merung zu verbreiten, welche uns nach der Hitze des Tages ſo erquicklich erſcheint, als die Geſellſchaft des Herrn von Solingen Wohnung verließ. Seine Gemahlin, durch die mehr als gewöhnliche Emſigkeit ein wenig er⸗ müdet, hatte ſich nach ihrem Gemache begeben, und berei⸗ tete ſich zur Ruhe. Die Wärterin war mit dem Kind⸗ lein beſchäftigt, das den ganzen Tag über ſein Geſichtchen nicht zum Weinen verzogen hatte, und von allen Gäſten als beiſpiellos gerühmt war. So eben ſollte der Säug⸗ ling in die Wiege gelegt werden, als der Vater in das Gemach trat. Das heutige Feſt, und die über ſein Kind ausgeſprochenen guten Wünſche und Gebete hatten auf ſein gefühlvolles Herz einen mächtigen Eindruck gemacht. Die räthſelhafte Prophezeihung hatte bei ihm weniger Beſorg⸗ niß, als Hoffnung und Freude erregt, ohne es ſich jedoch erklären zu können. Nach der Entfernung ſeiner Gäſte hattte er eine Zeitlang, ſeinen Gefühlen nachzuhängen, im Garten zugebracht. Darauf trat er in das Gemach, wo ſein Liebling ſich befand, eilte auf die Wärterin zu, nahm ihr das Kind, welches ſchon ruhig ſchlummerte, aus den Armen, ließ die Wärterin, da er Bedürfniß fühlte mit ſeinem Kinde allein zu ſeyn, ſich entfernen, hob das ſchlummernde Püppchen hoch auf, und knieete mit ihm in einem Winkel des Zimmers. Thränen benetzten ſeine Wangen, als ſein väterliches Gefühl ſich für das Glück ſeines Kindes in einem feurigen Gebet ausſprach, und be⸗ ſonders, als er folgende Worte laut ausrief: „Mögeſt Du es ſeyn, mein Sohn! der das böſe Geſchick verſöhnen ſoll, welches ſchon ſeit undenklichen Jahren auf unſerer Familie laſtet! Möge in Dir die Prophezeihung einer glücklichen Zukunft erfüllt werden, und die Zeit nahe ſeyn, wo die frühere Miſſethat getilgt und der böſe Trieb zu neuen Miſſethaten vernichtet werde!“ Kaum hatte er dieſe Worte beendet, ſo ſchien es m, als wenn eine kräftige Stimme aus einem fernen Winkel des geräumigen Gemaches„Amen“ rief. Er ſprang erſchreckt auf, ſah ſich überall um, konnte aber keinen Menſchen enitdecken. Er legte das noch ſtets ſchlummernde Kind in die Wiege und durchſuchte das Zimmer auf's Genaueſte, aber umſonſt, es fand ſich keine Spur von einem menſchlichen Weſen. Noch war er im Zweifel, ob er das Gehörte einer übernatürlichen Urſache oder ſeiner erhitzten Phantaſie zuſchreiben ſollte, als ſeine Ge⸗ mahlin in das Zimmer trat. Er ſagte ihr kein Wort von der geheimnißvollen Stimme, welche er gehört hatte, und obgleich er den Gedanken daran nicht verbannen konnte, ſo ereignete ſich ſpäterhin Nichts, was ihm irgend eine Aufklärung gegeben hätte. Der junge Moritz gedieh und wuchs heran. Auch entging er glücklich allen Gefahren, welche ſo mannig⸗ fach die Wiege des hülfloſen Säuglings umgeben. Er blieb der einzige, und daher auch mit einer unausſprech⸗ lichen Zärtlichkeit geliebte Zweig ſeiner Aeltern, deren Leben viele Jahre nach ſeiner Geburt ruhig und glücklich dahinfloß. Tage, Monate und Jahre flogen wie Augen⸗ blicke vorüber, und ſie bemerkten die Ebbe nicht, welche der Fluth ihres Lebens mehr und mehr wich. Aber die Zukunft hatte ihnen Widerwärtigkeiten be⸗ ſtimmt, welche die Stunden zu Tagen, die Tage zu Mo⸗ naten machten. Die Ereigniſſe, welche wir ſchon im fol⸗ genden Kapitel unſerem Leſer mitzutheilen haben, mögen Beweiſe dazu liefern. Fünftes Kapitel. Nein mich gelüſtet nicht, es wieder aufzufriſchen, Und Seufzer nur mit Fluch und Thränen zu vermiſchen; Ob Recht oder Gewalt, es iſt mir nicht bekannt, Gott wehre gnädiglich es ab von unſerm Land. Weſterbanns. Moritz hatte ſein neunzehntes Jahr erreicht, ohne daß in ſeinem älterlichen Hauſe Umſtände, wichtig genug, Der Schutzgeiſt. I. 6 um ſie in unſere Erzählung aufzunehmen, eingetreten wären. ling herangewachſen, der, nach ſeiner Mutter als nach gleich ein wenig er auch, wie man es oft findet, eben ſo ſchnell zur Verſöhnung geneigt, bereit, den erſten Schritt da hatte er ſchon als Kind, aufbrauſend und Er war zu einem wackern und ſchönen Jüng⸗ voll Stolzes und Muthes, mehr ſeinem Vater artete. Ob⸗ leicht gereizt, ſo war ſolchen Charakter und ſtets Unzählige Male bei einem zu zu thun. ſowohl bei Spielen mit ſeinen Gefährten, als bei andern Gelegenheiten ſeine Abneigung vor chere Parthei, ſeines Beiſtandes gewiß ſeyn. allem Unrecht und jeder an den Tag gelegt, und ſchon damals konnte die ſchwä⸗ wenn das Recht Gewalt auf's deutlichſte auf ihrer Seite war, Seine Mutter hatte die⸗ ſen Charakterzug ihres Sohnes mit mütterlicher Freude und mütterlichem Stolze, der Vater hingegen nicht ohne einige Unruhe wahrgenommen. Dieſer Letzte, bei welche niſſe in ſeiner Familie, Kindheit geworden wäre, Unentſchloſſenheit hinterlaſſen hatte, welche ſich faſt in Handlungen offenbarte, würde gerne ſein Sohn immer allen ſeinen haben, daß deren Opfer er m die verhängnißvollen Ereig⸗ beinahe in ſeiner eine ängſtliche Beſorgniß und geſehen das ſtille und häusliche Leben geführt hätte, wozu ihn, zuerſt der Wunſch ſeiner Tante, und ſpäter ſeine eigene Neigung beſtimmt hatte. Er fürchtete bei dem heranwachſenden Jünglinge die Wir⸗ kungen der Leidenſchaften, geriſſen hatten, doch wovon erlebt, und ihm von ſeiner alle das Herzeleid entſtanden, welche ihn zwar niemals fort⸗ wie er es in ſeiner Kindheit Tante oft erzählt worden war, was in verſchiedenen Zeit⸗ abſchnitten die Glieder ſeiner Familie betroffen hatte. Seine Gemahlin hingegen, tigern Geiſte begabt, auf milie ihres Gemahls keir hatten, wollte, daß Mor angemeſſen, oder in Staatsangelegenhe in der Welt auſtreten, muthiger und mit einem kräf⸗ welche die Ereigniſſe der Fa⸗ en ſolchen Eindruck gemacht itz, und entweder im Kriege iten ſich ruhmvoll auszeichnen dem Stande ſeiner Eltern — er nd in en he er te. ir⸗ rt⸗ eit ar, it⸗ tte. äf⸗ Fa⸗ cht ern iege nen 75 ſollte. Auch der Jüngling wünſchte nichts feuriger, denn obgleich ihm eine gelehrte Erziehung geworden war, und er in den alten Sprachen und den damit verwandten Wiſſenſchaften bedeutende Fortſchritte gemacht hatte, ſo neigte er doch ſchon in ſeinen Kinderjahren zum Kriegs⸗ dienſte hin. Die Heldenthaten des tapfern Grafen Mo⸗ ritz, deſſen Heer in jenen Zeiten mit Recht als die ge⸗ ſchickteſte Kriegsſchule gerühmt wurde, hatten ſeine kind⸗ liche Einbildungskraft ſchon entflammt, und ihm die feſte Ueberzeugung gegeben, daß nur unter den Fahnen dieſes Helden unverwelkliche Lorbeeren zu finden wären. Voll Verdruſſes hatte der damals neunjährige Knabe die öf⸗ fentlichen Freudenbezeugungen angeſehen, welche beim zwölfjährigen Abſchluſſe des Waffenſtillſtandes im Haag ſtattfanden, und mit beſtändig zunehmendem Verlangen ſah der allmählig an Jahren und Kraft zunehmende Jüngling der Zeit entgegen, wo die Wiedereröffnung des Krieges ihm die Gelegenheit verſchaffen würde, dem lange Zeit genährten Wunſche ſeines Herzens zu genügen. Ver⸗ gebens bemühete ſich ſein Lehrer, dieſen Hang des Jüng⸗ lings zu unterdrücken und ſeiner Neigung eine andere Richtung zu geben. Sowohl die vortrefflichſten Anlagen, welche er in ihm entdeckte, als auch der Wink des Vaters beſtimmten dieſen mit ganzer Seele den Wiſſenſchaften lebenden Mann, ſeinen Zögling täglich aufmerkſam zu machen, wie viel herrlicher die Lorbeeren wären, welche man ſich im friedlichen Gebiete der Wiſſenſchaften er⸗ werbe, als die, welche mit Aufopferung der edelſten menſchlichen Gefühle, im blutigen Kriege, geerntet wür⸗ den. Doch der wackere Greis ſtrengte alle ſeine ihm zu Gebote ſtehende Ueberredungskunſt vergebens an. Um⸗ ſonſt bemühete er ſich, ihn von dem cedant arma togae zu überzeugen. Die Lorbeeren, welche ſein großer Na⸗ mensverwandter ſich im Felde erworben hatte, waren in Moritz Augen viel großartiger, als die, welche den Homeren und Ciceronen des Alterthumz durch ihre 6 76 außerordentlichen Erzeugniſſe des Geiſtes zu Theil ge⸗ worden waren. Und da er ſeinen Lehrer, den er übri⸗ gens ſehr lieb hatte, gern mit ſeinen eigenen Waffen bekämpfte— welches dem gewandten Jünglinge, der ſich eifrig mit den Wiſſenſchaften beſchäftigte, nicht ſchwer werden konnte— ſo verfehlte er nicht, dem alten Manne, als dieſer ihm die Worte aus ſeinem Lieblingsſchriftſtel⸗ ler Salluſt anführte: vel pace⸗vel bello cjarum fieri licet, mit demſelben Autor zu erwiedern: haud qua- quam pär gloria sequitur seriptorem et actorem rerum.. So hatte Moritz das Alter erreicht, wo er wählen mußte, welchen Stand er in der Welt zu bekleiden wünſchte. Er hatte ſich außer den alten und einigen neuen Sprachen, beſonders der Philoſophie gewidmet, eine, für den künftigen Kriegsmann unentbehrliche Wiſ⸗ ſenſchaft, welche in damaligen Zeiten beſonders, dem Befehle des Oberfeldherrn zufolge, eifrig von den Kriegs⸗ leuten getrieben wurde. Doch eben zu dieſer Zeit tru⸗ gen ſich in unſerm Vaterlande, und beſonders im Haag EFreigniſſe zu, welche die Begeiſterung unſeres Helden für den Prinzen von Oranien— dieſen Titel führte Graf Moritz ſeit dem Tode ſeines ältern Bruders Phi⸗ lipp Wilhelm, im Anfange des Jahres 1618— be⸗ deutend ſchwächten, und worin er ſelbſt durch einen un⸗ glücklichen Zufall in ſofern verwickelt wurde, daß die glänzende Erwartung, welche er ſich von der Zukunft gebildet hatte, getäuſcht, und ſeiner Lebensbeſtimmung eine andere Richtung gegeben wurdr. Ehe wir dieß er⸗ zählen, müſſen wir den Leſer mit einer unſrer drama⸗ tiſchen Perſonen bekannt machen, welche von zu großer Wichtigkeit iſt, um nicht zuvor Etwas über ſie mitzu⸗ theilen. In demſelben Theile des jetzigen Nordhollands, wohin wir unſere Leſer im Anfange dieſer Erzählung verſetzten, etwas nördlicher, in der Nähe des Dorfes Velzen, lag damals ein altes, aber von ſeinem Be⸗ M N — W— ie ft ng r d* er u⸗ s, 9 fes e⸗ 77 ſitzer ſehr gut unterhaltenes Schloß, Meerburg ge⸗ nannt, welches jedoch in der Mitte des ſiebzehnten Jahr⸗ hunderts geſchleift wurde, und deſſen Spuren ganz ver— ſchwunden ſind. Dieß Schloß war ſeit langer Zeit das Eigenthum der bekannten alten holländiſchen Familie von Kinſchot, wovon damals mehrere Glieder an— ſehnliche Poſten in der Gegend bekleideten. Doch in der Zeit, wo wir jetzt mit unſrer Erzählung ſind, waren die Zweige dieſes Geſchlechts, eine ſechszehnjährige Waiſe, Emma genannt, ausgenommen, ganz ausgeſtorben. Dieß Mädchen, in ihrer Kindheit innerhalb weniger Monate ihrer beide Eltern beraubt, war bei einer Ver⸗ wandten im Haag. Ihre Mutter war die vertraute Jugendfreundin zu der Frau von Solingen geweſen, welche auch lange Zeit ihren Tod ſchmerzlich beweint hatte. Dieſe Frau war der jugendlichen Waiſe mit müt⸗ terlicher Zärtlichkeit zugethan, und hatte mehrere Mo⸗ nate bei ihr zugebracht. Emma, obgleich zwei Jahre jünger, war Moritzens Geſpielin geweſen, und übte ſchon als Kind auf den oft wilden und eigenſinnigen Knaben einen merklichen Einfluß aus, ſo daß ſie oft durch ein einziges Wort, das, was Drohungen und Bitten ſeiner Eltern nicht hatten erreichen können, er⸗ langte. Und dieß befremdete Niemanden, der das lieb⸗ liche Engelsgeſicht, des damals kaum zwölf bis dreizehn⸗ jährigen Mädchens ſah. Der Blick des hellblauen Auges, wodurch man in die Tiefe ihrer Seele leſen konnte, das anmuthige Lächeln von ihren Roſenlippen, der ganze Ausdruck ihres zwar kindlichen, doch ſo viel ſagenden Antlitzes, aus deſſen feinen Zügen Geiſt und Talent zu leſen war— dieß Alles hatte etwas ſo Unwiderſtehli⸗ ches, daß ſelbſt ihre viele älteren Verwandten, und die, welche ſie täglich ſahen, ſich oft, ohne es zu merken, leiten ließen. Und wenn Moritz ſich zuweilen durch ir⸗ gend einen Fehltritt das Mißvergnügen ſeiner Eltern zugezogen hatte, und mit der ihm eigenthümlichen Hals⸗ ſtarrigkeit, hartnäckig verharrte, ſeine Schuld zu ge⸗ 78 ſtehen, und ſich Verzeihung zu erlangen,— dann brauchte Emma nur zu ihm zu gehen, und die Hand auf ſeine Schultern legend, ihm nur mit der Stimme, deren Silbertöne, wenn er ſie nur aus der Ferne hörte, den Knaben ſiets herbeilockten, die Worte zu ſagen:„Lieber Moritz, könnteſt Du Deine Eltern betrüben wollen? O, ich bitte Dich, um meinetwillen thue es nicht“— und ſogleich war eine jede Gereiztheit bei dem Knaben verſchwunden; ſeine Angen vergoßen Thränen, und er eilte zu ſeiner Mutter, um ſich Verzeihung für den ihr gemachten Verdruß zu erbitten. Es ſchien, daß die gegenſeitige Zuneigung der bei⸗ den jungen Leute— denn auch Emma hieng mit inniger ſchweſterlicher Liebe an ihrem Spielgenoſſen— mit den Jahren immer mehr zunahm. Die Eltern des Jüng⸗ lings bemerkten es mit Wohlgefallen, und liebten ſehr das liebliche Mädchen, welches ſeit ſeiner Kindheit ihnen ſo oft eine liebe Hausgenoſſin geweſen war. Der Vater wünſchte außerdem nichts feuriger, als Moritz möge ſich von den Gefühlen, welche gewöhnlich auf das jugend⸗ liche Herz den bedeutendſten Einfluß ausüben, welches er als den einzigen Born des wahren und häuslichen Glücks anſah, feſſeln laſſen. Wenn der Jüngling erſt, mit aller der ſeinem Charakter eigenen Leidenſchaft, Emma ſo liebte wie ſie es verdiente, dann würde er, meinte der Vater, bald alle ſeine Gedanken an Kriegsruhm fahren laſſen, und nur trachten, an der Seite der Geliebten aufs engſte mit ihr vereinigt, ein Glück zu genießen, welches dann in ſeinen Augen die höchſten Reize haben würde. Wenn auch ſeine Gemahlin nicht ganz dieſe Meinung theilte, ſo hatte doch der Gedanke, ihren Sohn mit der Tochter ihrer geliebteſten Jugendfreundin vereinigt zu ſehen, ſo viel ſchmeichelndes für ſie, daß ſie, ſo oft in den zutraulichen Augenblicken, wo das Herz der Eltern ſich nur über das zukünftige Loos des geliebten Sohnes unterhielt, ihr Geſpräch auf dieſen Gegenſtand fiel, ſie 79 dann unwillkührlich und mit Rührung den Worten ihres Gemahls ein aufmerkſames Ohr lieh. So ſtanden die Sachen, als Moritz in ſein neun⸗ zehntes Jahr eintrat. Kurze Zeit zuvor hatte man, den dringenden Bitten des Jünglings zu folgen, der durch⸗ aus vorläufig in Dieuſt treten wollte, um wenigſtens bei wieder einbrechenden Feindſeligkeiten, einen Feldzug mitzumachen, die erforderlichen Maßregeln getroffen. Ehe es aber zur Entſcheidung kam, trugen ſich die wichtigen EFreigniſſe zu, worauf wir ſchon anſpielten, und die auf das künftige Geſchick unſres Helden einen wichtigen Ein⸗ fluß ausübten. Die Verſchiedenheit in der Religion, welche in den Niederlanden in jenem Zeitraume des ſechszehnten Jahr⸗ hunderts ſo allgemein herrſchte, iſt einem Jeden bekannt. Dieſe hatten einen politiſcheren Charakter angenommen, und fingen an ſehr bedenklich zu werden, ſeitdem Prinz Moritz einerſeits, und die damalige holländiſche Regie⸗ rung andererſeits mit Oldenbarneveld an der Spitze, als öffentliche Partheien aufgetreten waren. Erſterer hatte ſich ſeit jenem merkwürdigen Tage(29. Juli 1617) wo er zuerſt mit ſeinem Hofhalt in Haa g in die Kloſterkirche, welche die Gegen⸗Remonſtranten, eine beſondere Seite, eingenommen hatten, zur Kirche gegangen war, auf das deutlichſte an den Tag gelegt, welcher Parthei er vorſtand. Oldenbarneveld hingegen war ſicht⸗ bar auf der Seite der Remonſtranten, und begün⸗ ſtigte beſonders deren Meinung: daß die hohe Obrigkeit des Landes nur das Recht habe, in kirchlichen Sachen einen Ausfpruch zu thun, welches die andere Parthei aber nur eine Synode zugeſtand. Die erſten Spuren der damals ſo hoch geſtiegenen Unzufriedenheit, zwiſchen dem Prinzen und einigen Staatsbeamten, worunter Olden⸗ barneveld der höchſte war, ſchienen erſt kurze Zeit nach der Schlacht bei Nieuwpoort ans Licht getreten zu ſeyn; da der Erſtgenannte oder ſeine damalige Parthei nicht undeutlich zu erkennen gab, daß bei der Gelegen⸗ „ 80 heit das niederländiſche Heer und deſſen Befehlshaber, durch das Dazuthun der Letztgenannten, der größten Ge⸗ fahr Preis gegeben und ſo zu ſagen zur Schlachtbank gebracht würden; während man glaubte, daß Olden⸗ barneveld, beſonders ſeit jener Zeit, den Prinzen in Verdacht hatte nach der oberſten Gewalt in dieſen Ge⸗ genden zu ſtreben. Noch müſſen wir bemerken, daß die geringere Volksklaſſe, welche auch in ſpätern Zeiten im⸗ mer auf der Seite des Hauſes Oranien war, das In⸗ tereſſe des Prinzen mit gutgemeintem, aber auch oft mit grundloſem Eifer handhabte, und bei verſchiedenen Ge⸗ legenheiten nicht unterließ allerlei Schmach- und Schimpf⸗ reden gegen die andere Parthei auszuſtoßen. Dieſe flüchtige Erinnerung an die Unruhen jener Zeit halten wir für nothwendig. Uebrigens wollen wir uns nicht in Einzelheiten auslaſſen, gern den gemäßigteren Schriftſtellern in dem Punkte beitreten, daß wohl beide Partheien gewiſſer Maßen das Recht auf ihrer Seite hatten, aber daß auch von beiden viel Widerrechtliches begangen wurde. Ein jeder Niederländer, dem das Wohl des Vaterlandes am Herzen liegt, wie er auch über dieſe Partheien denken mag, würde gern dies Blatt aus ſeiner vaterländiſchen Geſchichte wegwünſchen. Bald kam es zu einem entſcheidenden Schritt: die Mehrzahl, wie wohl voraus zu ſehen war, triumphirte; und die Häupter der Parthei der Remonſtranten, Oldenbarneveld, Hoogerbeets und de Grvot in Holland, und Leidenberg in Unrecht wurden auf Be⸗ fehl der Staaten und von dem Prinzen Moritz gefäng⸗ lich eingezogen. Dieſe kräftige Maßregel, welche, wie man vorausſah, noch heftigere nach ſich ziehen würde, verſetzte die unterliegende Parthei in Schrecken und Nie⸗ dergeſchlagenheit, bei der andern erregte ſie Freude und Uebermuth, bei allen eine heftige Gährung. Herr von Solin gen neigte wenig hin, ſich zu irgend einer politiſchen Parthei zu geſellen, und als ſtreng Reformirter, oder im Geiſte jener Zeit zu reden, 81 Contra⸗Remonſtrant, huldigte er mit allen geſchick⸗ ten und das Vaterland liebenden Männern, dem Prinzen Moritz, dem kräftigſten Vertheidiger der mit ſo vielen Opfern und Blutverluſt errungenen Freiheit. Er ſah daher, obgleich er den herrſchenden Zwieſpalt von ganzer Seele bedauerte, mit vieler Freude den Sieg des Prinzen. Nichts deſtoweniger ſah er auch mit Beſorgniß der Zu⸗ kunft entgegen, ſo wie dem Schickſale, welches den ge⸗ fangenen Mitgliedern des Staates über dem Haupte ſchwebte. Seine Gemahlin theilte aber feineswegs ſeine Meinung. Durch freundſchaſtlichen, täglichen Umgang, ja ſogar durch Blutsverwandtſchaft mit einigen vornehmen Perſonen der unterliegenden Parthei verbunden, und da⸗ bei mit einem ſtolzen und unabhängigen Geiſte begabt, fand ſie kein Hinderniß, unter ihren Freunden und in ihrem häuslichen Kreiſe, ſich auf eine minder günſtige Weiſe über den Prinzen von Oranien und ſeine Par⸗ thie zu äußern. Es ſchien, daß dieſe ihre Meinungen, auch bei dem jungen M oritz Eingang fanden. Die Jugend will ja ſo gern, wo ſie Unrecht zu ſehen glaubt, ſich durch Worte oder Thaten dagegen auffehnen, und das in ihren Augen unterdrückte Recht handhaben oder rächen. Nicht allein aus dem Munde ſeiner Mutter, ſondern auch in dem Kreiſe ſeiner Freunde und Be⸗ kannten hörte er oft des Prinzen Verfahren tadeln, oder ihn der Undankbarkeit beſchuldigen, daß er den greiſen Staatsmann, deſſen frühere Verdienſte auch von deſſen Feinden anerkannt wurden, und der ſelbſt nach dem Tode Wilhelms l. ſo viel zu der Erhöhung Moritzens beigetragen, hatte gefangen nehmen laſſen. Auch de Grvot's wiſſenſchaftliche Verdienſte, obgleich er noch in der Blüthe des männlichen Alters war, ſchwebten ſchon auf eines jeden Zunge, und erregten für ihn bei allen Unpartheiiſchen eine lebendige Theilnahme für ſein Geſchick. Der greiſe Hoogebreets endlich ſtand all⸗ gemein, wie man auch über ſein Benehmen in den letz⸗ ten Streitigkeiten denken konnte, als ein ehrlicher und 82 rechtſchaffener Mann angeſchrieben. Die Folge davon war, daß der Glanz des Ruhmes und der Größe, wel⸗ cher bis jetzt den Prinzen Moritz als den geſchickteſten Feldherrn ſeiner Zeit, in den Augen unſres Helden, ſo wie in denen vieler Anderer, und vielleicht kompetente⸗ icht umſtrahlt hatte, gewiſſermaßen einen Flecken erhielt. 5. Es waren vier Wochen nach oben gemeldeter ge⸗ fänglicher Einziehung, welche am 28. Auguſt ſtattgefun⸗ den hatte, als Moritz ſich eines Morgens früh aus ſeiner Eltern Wohnung begab, um bei dem ungemein ſchönen Herbſtwetter einen Morgenritt in den Buſch zu machen, der ſchon vor Jahrhunderten, wie noch jetzt, den ſchönſten Schmuck der Reſidenz ausmacht. Als er auf dem Platze, dem ſogenannten Vorthore des Hofs, jetzt Gefangenthor genannt, angekommen war, ſah er auf dem äußern Platze eine zahlreiche Menge Volkes ver⸗ ſammelt, welches ein lantes Geräuſch verführte. Wenn dies auch während dieſer Tage der Unruhe nichts Außer⸗ gewöhnliches war, ſo wunderte ſich Moritz jedoch über dieſen Auflauf, ſo früh am Morgen— denn die Herbſt⸗ ſonne hatte ſich kaum über den Horizont erhoben— und ſchon ſo ungewöhnlich laut. Er ſprang von ſeinem Pferde, übergab es ſeinem Bevienten, welcher, um noch etwas an dem Sattel zu ordnen, ihm gefolgt war, und eilte nach dem Orte hin, wo das Volk verſammelt war. Er fand ſo ungefähr hundert Menſchen, faſt alle aus der niedrigen Volksklaſſe, worunter ſich auch Frauen befan⸗ den, die aber an dem lauten Reden mit Geberden be⸗ gleitet, gewiß nicht den mindeſten Theil nahmen. Nach der Heftigkeit, mit der ſie die Arme ausſtreckten und die Fäuſte ballten zu urtheilen, mußte eine ſehr wichtige Sache verhandelt werden. „Erſtickt das Schlangengebrüt in ſeiner Geburt! das iſt mein Rath;“ rief eine ziemlich bejahrte Frau, deren theilweiſe greiſe Haare, nicht auf eine gefällige Weiſe unter einer ſchmutzigen leinenen Mütze hervortra⸗ 83 ten; während auf ihrem Geſicht ein Ausdruck der Bos⸗ heit und Wuth ſichtbar war, und Moritz zum Stehen⸗ bleiben bewegte.„Erſtickt ſie, ſonſt ſticht ſie Euch, wenn, ſie groß wird.“ „Ihr habt Recht, Teue!“ ſagte ein Kerl mit einer tiefen Narbe auf der Stirn, und nur mit einem Arm und einem Auge, und der in ſeinem Geberdenſpiel, kei⸗ neswegs der Sprecherin nachſtand—„weg mit ihnen und ihrem Gezücht! So muß es allen ergehen, welche den braven Prinzen und ſein Velk bei Nieuwpoort zur Schlachtbank brachten, und ihn unbarmherziger Weiſe geopfert haben würden, wenn der liebe Gott die Rath⸗ ſchläge der Gottloſen nicht zu Schanden gemacht hätte. Es ſind achtzehn Jahre her, aber deßhalb noch nicht ver⸗ geſſen: ich erinnere mich des Tags noch ſehr gut, der mir einen Arm und ein Bein koſtete.“ „Legt dem Jungen ein Halsband von Hanf um,“ rief eine dritte Stimme aus dem Volkshaufen,„und hängt ihn auf dem grünen Anger zur Schau auf; oder werft ihn in den Teich, dann erſchreckt er die Vorüber⸗ gehenden nicht mehr durch ſein Judasgeſicht.“ „Was giebt's hier, Freunde?“— fragte Moritz; welcher dieſe Worte gehört hatte und näher trat. Auf des Jünglings Anblick, der ſeiner Kleidung nach dem vornehmen Stande angehörte, wich der Pöbel ein wenig auseinander, und Moritz bemerkte einen Knaben von dreizehn bis vierzehn Jahren, der weinend und mit zerriſſenen Kleidern, ſich durch die Volksmenge einen Weg zu bahnen bemüht war. Er gehörte dem Anſcheine nach einem guten Stande an. „Wer iſt der Knabe?“— fragte Moritz wieder, deſſen erſte Frage unbeantwortet geblieben war—„und warum wollt ihr ihn mißhandeln?“ Die Frau, welche wir zuerſt ſprechend aufgeführt haben, nahm das Wort und ſagte in einem rauhen Tone: „Nun, Herr! wenn Ihr es wiſſen wollt, dann hört! Der Teufel iſt dieſe Nacht erſchienen, und hat Gikles 84 Bruder geholt, und wir meinten, den Henker zu beein⸗ trächtigen, wenn wir ihm den Jungen nicht auch zu⸗ ſchickten. Nun wißt Ihr Alles!“ „Aber ich verſteh' Euch nicht, Freunde!“— erwie⸗ derte Moritz—„laßt dieſen armen Knaben, der Euch beſtimmt nicht beleidigt hat, ruhig gehen, und ſagt mir ohne Umſchweife, was ſich eigentlich zugetragen hat.“ „Ich will es Euch, lieber Herr, kurz und bündig erzählen,“ ſagte ein anderes Weib mit einem hochrothen und aufgedunſenen Geſichte, worauf nicht undeutlich Spuren der Trunkenheit ſichtbar waren—„der neue Judas, der Erzſchelm, der, wie Ihr wohl wiſſen wer⸗ det, den Prinzen verrathen hat,— oder wenn Ihr ihn unter dieſem Namen beſſer kennet— Gilles von Le⸗ denberg, durch ſein Gewiſſen gedrückt, hat ſich dieſe Nacht ein Meſſer durch die Rippen geſtochen, und der Teufel, den es verdroß, ſo lange zu warten, bis die Herren Richter den Verräther verurtheilten, iſt mit ſeiner Seele ſchon auf und davon. Und hier ſeht Ihr den Sohn dieſes Schelmen, und dieſe wackern Leute wollen den Jungen nun auf demſelben Wege wie den Vater fortſpediren, damit ſie ſich Geſellſchaft leiſten können. Habt Ihr es nun begriffen, Herr?“ Dieſer Bericht, deſſen Wahrheit er nicht bezweifeln konnte, bewegte ihn ſehr. Obgleich er die Gründe nicht kannte, welche den gefangenen Ledenberg zu dieſer verzweiflungsvollen That verleitet hatten,— der Un⸗ glückliche hatte kurz vor ſeinem Tode Folgendes, wahr⸗ ſcheinlich um ſeine Beſitzungen für ſeine Kinder zu ret⸗ ten, niedergeſchrieben:„gegen einen Todten kann kein Konfiskations⸗Urtheil ausgeſprochen werden“— und ob⸗ gleich Moritz die Familie des ſo erbärmlich um das Leben gekommenen Greiſes nicht kannte, ſo erregte dieſer Vorfall ſein ganzes Entſetzen, und flößte ihm einiges Mitleiden gegen den unglücklichen Knaben ein, deſſen Leben, als er kaum die Todesnachricht ſeines Vaters erhalten hatte, in der größten Gefahr ſchwebte. Un⸗ 55 willig über dieß unmenſchliche Verfahren des Pöbels, und nur dieſem Gefühl Gehör gebend, ohne zu beden⸗ ken, ob dieß nicht böſe Folgen für ihn haben könnte, bahnte er ſich mit ſeiner Fauſt Bahn durch den gedräng⸗ ten Volkshaufen, und drang bis zu dem noch immer bitterlich weinenden und gegen die Umſtände ankämpfen⸗ den Knaben vor. „Helft mir, helft mir um Gotteswillen!“— rief der junge Ledenberg, als er Moritz, den er bis jetzt noch nicht bemerkt hatte, gewahrte—„rettet mich aus den Händen dieſer Wüthenden, wenn Ihr nur ei⸗ niges menſchliches Gefühl beſitzt. O Gott! ich muß ja die erſchreckliche Nachricht, welche manches Herz zur Verzweiflung bringen wird, überbringen.“ „Macht Platz, und laßt den Knaben ruhig gehen!“ rief Moritz, von dieſen Worten aufs heftigſte bewegt, und ſeine eigene Sicherheit in dieſem Augenblicke, in⸗ mitten einer wüthenden Volksmaſſe ganz vergeſſend,— „macht Platz, ſag' ich Euch, oder Ihr ſollk die Kraft meines Armes fühlen.“ Moritz war unbewaffnet; denn da er in einem leichten Reitanzuge war, hatte er nicht einmal einen Degen an der Seite. Doch riß er mit eben ſo viel Ge⸗ wandtheit als Kraft, dem ihm zunächſtſtehenden Men⸗ ſchen einen eiſenbeſchlagenen Knotenſtock aus der Hand, und hatte in einem Augenblicke dem ſo völlig unſchul⸗ digen Knaben Platz gemacht. „Gebt mir nur eine Waffe und ich will Euch treu⸗ lich beiſtehen,“— rief der Knabe, indem ſeine früher mit Thränen bedeckten Augen, plötzlich von einem un⸗ gewöhnlichen Feuer erglänzten.—„Doch nein“— ſetzte er ſogleich hinzu—„ich habe, leider! eine traurige Botſchaft zu hinterbringen.“ Nachdem er dieß geſagt hatte, eilte er fort, und war in wenigen Sekunden aus dem Geſichte verſchwunden. Die Volksmenge war, wie gewöhnlich in ähnlichen Vorfällen, im erſten Augenblicke durch Moritzens 86 Kühnheit und gebietenden Ton betroffen. Daher hatte ſie den jungen Ledenberg, ohne einen Verſuch ihn zurückzuhalten, ziehen laſſen. Aber als Moritz ſich jetzt auch entfernen wollte, ſchien die frühere Wuth des Volkes plötzlich wieder zu erwachen, und ſich gegen den zu richten, durch deſſen unerwartete Dazwiſchenkunft das ſchuldloſe Opfer ihrer Raſerei entkommen war. Man drängte ſich um Mopitz⸗ und brach zuerſt in Schmähun⸗ gen gegen ihn aus; doch als er dieſe mit einem ver⸗ ächtlichen Stillſchweigen beantwortete, und ſeinen Weg verfolgen wollte, da ließen ſich mehrere Stimmen mit dem Ausrufe hören: „Schlagt ihn todt, den Arminianer! reißt ihm den Stock aus der Hand! Wie, ſoll der Milchbart uns auch entwiſchen!“— und ſogleich erhob ſich mehr als eine Hand gegen den Jüngling. Dieſer, durch die Be⸗ drohungen keineswegs in Furcht geſetzt, hielt ſeinen Stock zur Vertheidigung aufgehoben, und wenn ſich einer ihm thätlich näherte, ſo ſchlug er ihn mit einer ſolchen Kraft von ſich ab, daß der Volkshaufen für einen Augenblick auseinander ging. Aber gleich darauf drang man wie⸗ der von allen Seiten auf ihn ein; Stöcke und Meſſer wurden auf ihn gerichtet, und obgleich er ſich muthig vertheidigte, ſo dauerte es doch nicht lange, daß ein unglücklicher Schlag auf den Kopf, und ein Meſſerſtich in die Seite, ihn zu Boden niederſtreckten. In dieſem Zuſtande würde der gereizte Pöbel wahrſcheinlich ſeine Mißhandlungen fortgeſetzt haben, wenn nicht einige Mannſchaften herbeigeeilt wären, die Menge auseinan⸗ dergetrieben, und den für todt daliegenden Moritz auf⸗ genommen hätten. Alle dieſe Umſtände hatten ſich in kürzerer Zeit, als das Leſen erfordert, zugetragen. Daher hatte weder die Wache vor dem Hofe des Statthalters, noch der Be⸗ diente unſers jungen Helden etwas davon erfahren. Jetzt erſt, da die herbeigeeilte Mannſchaft Platz gemacht hatte, und bemüht war, den jungen Mann aufzurichten, wurde —. —— vNv5—— M — W N — 87 der Bediente aufmerkſam gemacht, welcher herbeieilte, und aufs heftigſte erſchreckt war, als er ſeinen Herrn mit Blut bedeckt und leblos daliegen ſah. Die Sorge, die Thäter auszufinden, überließ er den Soldaten, und mit Hulfe einiger Bekannten trug er Moritz nach ei⸗ nem nahgelegenen Gaſthauſe, und beeilte ſich, den nichts ahnenden Eltern dieſe Trauerbotſchaft zu hinterbringen. Der Leſer wird nicht verlangen, daß wir ihm den an Verzweiflung gränzenden Schmerz der Eltern beſchrei⸗ ben. Sie eilten augenblicklich nach der Wohnung, wo Moritz ſich befand, und wo ſchon zwei herbeigerufene Aerzte angekommen waren. Noch lag der Verwundete ohne Beſinnung da, auch gab er kein Lebenszeichen von ſich. Erſt nach Verlauf einiger Zeit wurden die eifrigen Bemühungen der zur Hülfe herbeigerufenen Män⸗ ner, in ſofern durch einen Erfolg gekrönt, daß Moritz die Augen öffnete, und einige Lebenszeichen von ſich gab; aber beide erklärten einſtimmig, daß ihr Patient fich in einem höchſt gefährlichen Zuſtande befinde. Sowohl die Wunde am Kopfe, als die in der Seite, waren ſehr be⸗ denklich. Auch verſtrichen mehrere Tage, ehe das Leben des Jünglings außer Gefahr war, und ehe man ihn nach der elterlichen Wohnung hinbringen konnte. Wäh⸗ rend dieſer Zeit wichen ſeine Eltern nicht von ſeinem Bette, und nur mit der Verſicherung des Doktor Ze⸗ vekotius, einem der erfahrenſten Männer ſeiner Zeit, daß er für das Leben und die völlige Wiederherſtellung ſeines jugendlichen Patienten bürge, deſſen kräftige Kon⸗ ſtitution die Geneſung ſehr beſchleunigte, kehrte die Ruhe in das betrübte Elternherz zurück Sechstes Kapitel. Das mit Moritz von Solingen Vorgefallene hatte großes Aufſehen in dem Haag erregt. Auch hatte man eine ſtrenge Unterſuchung, um die Thäter auszu⸗ 7 ——— 88 finden, eingeleitet; doch umſonſt und die Sache hatte keine weiteren Folgen. Einige glaubten, daß die große Volksmaſſe dieſe Schwierigkeit herbeiführte, andere aber ſchrieben es einer ganz entgegengeſetzten Urſache zu. Wir haben Grund zu glauben, daß dieſe letzte Meinung die richtigſte ſey. Die Mehrzahl erklärten Moritz, weil er zu der erlittenen Mißhandlung Veranlaſſung gegeben habe, am ſchuldigſten, und meinten, daß er durch Worte und Thaten ſie ſich zugezogen habe. Dieſer Vorfall wurde bald ſtattkundig, und mit ſo vielen Zuſätzen und Entſtellungen verſehen, daß ſelbſt Unpartheiiſche unſerem Moritz Unrecht gaben, und die Mißhandlung als eine gerechte Strafe fuͤr ſein unbedachtſames Auftreten an⸗ ſahen. Man erzählte ſich keineswegs, daß der junge Ledenberg, als er in der Nacht, wo ſein unglücklicher Vater ſich, ſo zu ſagen, vor ſeinen Augen das Leben nahm, aus dem Gefängniſſe zu den Seinigen, um ihnen dieſe Trauerbotſchaft zu hinterbringen, habe begeben wol⸗ len, und von dem Pöbel, welcher auf das erſte Gerücht dieſes Selbſtmordes ſich auf dem Platze verſammelt habe, mißhandelt worden ſey, ſondern Moritz wäre dem Kna⸗ ben begegnet, habe ſich zu ihm geſellt, und ſich laut vor dem verſammelten Volke beleidigende Reden gegen den Prinzen und deſſen Parthei erlaubt. Hierdurch ſey das Volk aufgebracht und die traurigen Folgen für den Jüng⸗ ling herbeigezogen worden. Woher dieſes lügenhafte Ge⸗ rücht gekommen, war nicht auszuforſchen. Vielleicht hat⸗ ten es die Schuldigen, um ſo dem Gerichte zu entgehen, ſelbſt ausgebreitet, und es war auch wohl von den Sol⸗ daten und Gerichtsdienern, welche am bewußten Morgen keineswegs von Nachläſſigkeit frei zu ſprechen waren, beſtätigt worden. Doch ſo viel iſt gewiß, daß durch dieſe lügenhafte Erzählung der Eltern Kummer vermehrt, und auf Unkoſten Moritzens allerlei verläumderiſche Gerüchte, wornach man ihn als einen eifrigen Unruhe⸗ ſtifter und ärgſten Gegner des Prinzen ſchilderte, ver⸗ breitet wurden. 89 Der Eltern Herz, welches in den letzten Wochen ſo viel gelitten hatte, wurde nochmals ſchwer geprüft. Kaum hatten alle Freunde des Hauſes den Eltern zu der Ge⸗ neſung ihres lieben Sohnes Glück gewünſcht, ſo wurde dieſe Freude auch ſchon durch die Nachricht verbittert, daß der Prinz, welchem dieſe Nachricht zu Ohren gekom⸗ men, ſich ſehr heftig gegen Moritz geäußert habe, und daß für's Erſte alle Hoffnung zu einer Anſtellung im Heere verſchwunden ſey, und noch mehr wuchs ihre Be— trübniß, als der kaum von ſeinen Wunden Geneſene wie⸗ der von einer wochenlangen Krankheit, welche ihn der größten Todesgefahr Preis gab, befallen wurde. „Ach!“— ſagte Herr von Solingen zu ſeiner tief betrübten Gattin, deren Standhaftigkeit bis jetzt nicht gewichen, bei dieſem Schickſalsſchlage doch dem Wanken nahe war—„ein ängſtlich Vorgefühl ſagt mir, daß wir ihn verlieren, den, auf den wir alle Hoffnungen und Freude unſeres Alters geſetzt hatten. Und Gott weiß es, ob wir es nicht preiſen müſſen; denn da der Einfluß des uns verfolgenden Geſchickes ſich wieder zeigt, wer weiß, wie es enden wird!“ „Laß uns hoffen, mein Freund!“ erwiederte ſie.— „Unſer Schickſal liegt in Gottes Hand. Wir haben uns ja keine Vorwürfe zu machen, und wir haben Moritz ſo erzogen, daß er ſeiner Familie keine Schande machen wird. Wenn ihm das Leben erhalten werden ſollte— dieſe Hoffnung möge die Vorſehung uns nicht rauben! — dann kann er wohl unglücklich ſeyn, aber nie ein Verbrecher werden.“ „Das gebe Gott!“— erwiederte von Solingen —„doch meine unglückliche Schweſter: auch ſie wurde von einer tugendhaften und verſtändigen Mutter auf's Sorgfältigſte erzogen— und wie endigte ſie? Ich weiß nicht, woher es kommt, aber niemals ſchwebte mir das Verhängniß meiner Familie ſo lebendig vor dem Geiſte, als gerade in dieſer Zeit.“ Der Schutzgeiſt. J. 7 90 Es iſt ſchon ſo Vieles vorhanden, was uns bewe⸗ gen und trübe ſtimmen muß, und ſchon deßhalb dürfen wir nicht noch eitlen Hirngeſpinnſten nachhangen. Wel⸗ ches Unglück auch Deine Vorfahren erlebt, oder welche Miſſethaten ſie auch begangen haben, ſo werden ſie doch ihren Einfluß nicht bis auf uns erſtrecken. Uns wird doch der Gott nicht mehr gepredigt, der die Miſſethaten der Eltern auf die Kinder in's dritte und vierte Glied überträgt.“ „Der aber Barmherzigkeit ausübt an Tauſenden, welche Ihn lieb haben und ſeine Gebote halten,“— ſprach eine lange und magere Perſon, welche unbemerkt in's Zimmer getreten war und die letzten Worte gehört hatte. Die Eheleute erkannten in ihr den ehrwürdigen Bernhard Lafaille, den ſchon oben genannten Pre⸗ diger, der beſonders in früheren Jahren ein Hausfreund der von Solingen geweſen war, und ſie noch immer recht oft beſucht⸗.— „Ich danke Ew. Ehrwürden für dieſe Bemerkung,“ ſagte Frau von So lingen, als ſie den Geiſtlichen gewahr wurde.—„Schwere Prüfungen haben uns ge⸗ troffen, wie Sie wiſſen, und noch ſchwerere ſchweben uns vielleicht über dem Haupte. Unſere einzige Hoffnung iſt Gottes Barmherzigkeit.“ „Und darauf könnet Ihr getroſt bauen,“— erwie⸗ derte der Prediger—„denn ſie iſt viel größer, als die der Menſchen. Auch ich erfahre es jetzt: meine Mitbrü⸗ der haben mich, nachdem ich fünfunddreißig Jahre treu und redlich mein Amt verwaltet habe, unfähig erklärt, länger in des Herrn Gemeinde wirken zu können. Sie haben mich verſtoßen, aber meine Hoffnung beruhet auf Dem, von dem der heilige Dichter im hundertunddritten Pſalm ſagt: „Denn ſo hoch der Himmel über der Erde iſt, läſſet er ſeine Gnade walten über die, ſo ihn fürchten;“ und in einem andern Verſe: en 18 ſt 91 „Wie ſich ein Vater über Kinder erbarmet, ſo erbarmet ſich der Herr über die, ſo ihn fürchten.“ Auch mir hat ſeine Hülfe in dieſer Prüfungszeit nicht gefehlt.“ „Wie?“— ſagte Frau von So lingen—„konnte man über Ew. Ehrwürden den Bann ausſprechen? Weſſen beſchuldigt man Euch? Ich glaubte, Ihr ſeyet ſtets zu den Lehrern gezählt worden, die am eifrigſten im Glau⸗ ben beharrt und von allen Irrthümern und Meinungen in der Religion frei geblieben wären?“ „Das glaubte ich auch;“— erwiederte der Prediger —„auch klagt man mich weder der Neologie noch der Abweichung von den alten Lehrſätzen unſerer Kirche an. Doch weil ich beſtändig, ſo viel es in meinen Kräften ſtand, Einigkeit durch Wort und That gepredigt habe, und mit den Andersdenkenden freundſchaftlichen Umgang gepflogen habe, ſo hat man mich vorläufig durch ein Erkenntniß von meinem Dienſte ſuſpendirt. Daher komme ich zu Euch, meine Freunde, um, da ich auf einige Zeit dieſe Stadt verlaſſen will, Euch Lebewohl zu ſagen. Möge Der, welcher über Tod und Leben gebietet, Euch und den Sohn Eurer Liebe in ſeinen Schutz nehmen; möge Er in allen Prüfungen, welche Er Euch auflegt, Eure Stütze und Stab ſeyn, Er, zu dem man auch auf dem Krankenbette und in den Stunden der Angſt mit dem Pſalmiſten ſagen kann: „Und ob ich ſchon wanderte im finſtern Thal, fürchte ich kein Unglück, denn Du biſt bei mir, Dein Stecken und Stab tröſtet mich.“ Auf dieſe Weiſe war der ehrwürdige Geiſtliche be⸗ müht, noch eine Zeit lang die bekümmerten Eheleute zu tröſten, welche, nachdem er ſie verlaſſen hatte, ſich wie⸗ der an das Krankenbett ihres Sohnes begaben. Obgleich Herr von Solingen den Prediger als einen unbeſcholtenen Mann kannte, ſo war es ihm doch lieb, daß dieſer ſich aus 7 N dem Haag entfernen wollte, um, da ſchon ungünſtige Be— richte über ihn im Umlauf waren, ſolche nicht noch durch den Umgang mit dem Prediger zu vermehren. Wir wollen den Leſer nicht mit einem umſtändlichen Bericht über Moritzens Krankheit ermüden, noch mit der Angſt, Furcht, Betrübniß und Hoffnung ſeiner El— tern. Wir begnügen uns zu ſagen, daß erſt nach zwei Monaten alle Gefahr geſchwunden war. Dieſe Erklä⸗ rung des Arztes entlockte den Eltern Freudenthränen. doritz hatte während ſeiner Krankheit die alles über⸗ treffende Liebe ſeiner Eltern kennen lernen, und den feſte⸗ ſten Vorſatz gefaßt, ſie, ſo viel er vermochte, zu erwie⸗ dern. Sobald die Krankheit gehoben war, kehrten ſeine Kräfte bald zurück. Aber es trat wieder ein Umſtand ein, der, obgleich von keiner Wichtigkeit, doch bei den Eltern die größte Beſorgniß erregte. Es war einer der anmuthigen, das Gemüth ſo ſehr anſprechenden Tage, welche das Frühjahr noch nicht mit ſich bringen, wohl aber deſſen Annäherung verkünden. Moritz hatte ſein Zimmer noch nicht verlaſſen, aber der Arzt hatte ihm verſprochen, daß, ſobald die Frühlings⸗ ſonne einige Kraft bekäme, er die freie Luft, welche er ſo viele Monate entbehrt, einathmen dürfe. Sein Vater war auf einige Tage nach Haarlem, wo er anſehnliche Beſitzungen hatte, gereiet. Die liebliche Emma, welche erſt in der letzten Zeit den Freund und Geſpielen ihrer Jugend wieder hatte beſuchen dürfen, war mitgereist. Sie ſollte vorerſt bei einer Verwandtin in Meerburg bleiben, um ſich daſelbſt die nöthigen Kenntniſſe, ihre anſehnlichen Güter einſt ſelbſt zu verwalten, anzueignen. Frau von Solingen war eine geraume Zeit bei ihrem Sohne geweſen, und hatte mit aller mütterlichen Zärt⸗ lichkeit bemerkt, wie das jugendliche Feuer, die Geſund⸗ heit und die friſche Röthe früherer Zeiten ſich wieder eingeſtellt hatten. Sie hatte ihn ſo eben verlaſſen, um ſich mit einigen nothwendigen Haushaltungsangelegen⸗ heiten, welche ihre Gegenwart erforderten, zu beſchäftigen. 93 Moritz ſaß in ſeiner Morgentracht auf einem un⸗ ſern Kanapes ähnlichen Ruhebette, ein Hausgeräth. wel⸗ ches, von der Erbſchaft einer Tante herrührend, ſehr in Ehren gehalten wurde. Gegenüber ſtand eine große, mit dunklen Gardinen und gelben Franzen behangene Bett⸗ ſtelle. Verſchiedene Stühle mit hohen Rücklehnen, mit fünſtlicher Schnitzarbeit verziert, ſtanden an der Wand, welche mit Tuch behangen war, worauf künſtlich die vier Jahreszeiten eingewebt waren. Außerdem waren die Wände mit einigen Bildern verziert. Unſerem Moritz gegenüber hing ein ſchönes Famillengemälde, ſeinen Groß⸗ vater und deſſen beide Kinder vorſtellend. Dieſes Stück war kurz vor der verhängnißvollen Begebenheit, welche wir unſerem Leſer im dritten Kapitel erzählten, von einen Künſtler aus Antwerpen verfertigt. Man ſah darauf von Solingen in ſeiner Kriegsmannstracht, ſeine Tochter Ma rgaretha ihm zur rechten, und den fünf⸗ bis ſechsjährigen Friedrich, Moritzens Vater, an ſeiner linken Hand. Die Porträts waren damals ihrer ſprechenden Aehnlichkeit wegen ſehr gerühmt wor⸗ den. Das Zimmer ſelbſt, worin Moritz ſich befand, war ſehr hoch, doch nur ſparſam erleuchtet, weil die bei⸗ den hohen, aber ſehr ſchmalen Fachfenſter ſich ſo zu ſagen in der dicken Mauer verloren, und noch mit rei⸗ chen Behängen verziert waren. Ein Strahl der Nach⸗ mittagsſonne warf ein ſchwaches und unſicheres Licht darauf. Der ſteinerne Fußboden war mit einem dicken Teppich belegt. Mit im Schooße gefalteten Händen und die Augen auf das ihm gegenüber hängende Bild geheftet, ſaß WMoritz tief in Gedanken verſunken. Das traurige Schickſal der Perſonen, welche er anſtarrte, war ihm nicht unbekannt, und ſie hatten eine Zeit lang ſein Nach⸗ denken beſchäftigt. Zugleich erinnerte er ſich der in ſeiner Familie ausgeſprochenen Weiſſagungen. Er war jetzt, ob⸗ gleich ſein Blick noch immer auf dem Bilde heftete, ſo hatten doch ſeine Gedanken eine andere Richtung genom⸗ 94 men, oder vielmehr er war in den fremdartigen Zuſtand, welchen man weder wachen noch ſchlafen heißen kann, verfallen, wo das offene Auge zwar ein Wachen verräth, doch keinen äußeren Eindruck mehr aufnehmend, hin⸗ länglich andeutet, daß das Seelenvermögen, gleichſam erſtarrt, ſich in einem dem Schlafe ähnlichen Zuſtande befindet. Aus dieſem ſonderbaren geiſtigen Zuſtande wurde er durch ein ſanftes Geräuſch in ſeiner Nähe aufgeweckt. Er wendete ſein Auge dahin und ſieht die Thür ſeines Zimmers ſich öffnen. Eine ſchlanke weibliche Geſtalt, deren Antlitz mit einem dünnen Schleier bedeckt iſt, zeigte ſich ihm. Sie ſcheint nur einen flüchtigen Blick auf das Gemach zu werfen, und eilt dann mit einem ſo leichten ſchwebenden Gange auf den Jüngling zu, daß ſie kaum den Boden zu berühren ſcheint. Als ſie ſich Moritzen genähert hatte, wirft ſie ſich auf dem einen Knie vor ihm nieder, hebt den Schleier auf, und zeigt ihm ein noch ſehr jugendliches, aber ſo bezaubernd ſchönes Antlitz, daß der erſchrockene Jüngling zuerſt glaubte, es ſey kein ſterbliches, ſondern ein vom Himmel zu ihm herabgekommenes Weſen, welches in dieſer knieen⸗ den Stellung vor ihm liege. Die Unbekannte ſieht ihn einen Augenblick unverwandt an, ergreift ſeine Hand, drückt ſie an ihre Lippen und befeuchtet ſie mit ihren Thränen. Moritz war bei dieſer ſonderbaren Er⸗ ſcheinung wie gelähmt, und außer, Stand die knieende Schöne, ſo wie er es wünſcht aufzuheben. Er ver⸗ ſucht zu reden; doch die Unbekannte welche es merkt, ſcheint es ihm dadurch, daß ſie einen Finger auf ihre Lippen legt, zu verbieten Noch einmal heftet ſie das ſchöne dunkle Auge auf Moritz, und ihr Blick dringt ins Innerſte ſeiner Seele; darauf erhebt ſie ſich, läßt den Schleier wieder über ihr Geſicht fallen, und ent⸗ fernte ſich auf dieſelbe geheimnißvolle Weiſe, wie ſie erſchienen iſt. Zwiſchen dem Kommen und Gehen dieſer Unbe⸗ 95 kannten waren hoöchſtens drei Minuten verſchwunden. Eben ſo viel Zeit verging noch, ehe Moritz ſeiner Sinne mächtig genug war, die auffallende Erſcheinung gehörig zu faſſen. Dann war ſeine erſte Bewegung nach der Thür, gleichſam als wolle er der Erſcheinung nacheilen. Doch gleich darauf fiel es ihm ein, daß die Unbekannte nicht nur aus dem Hauſe, ſondern auch ſchon aus deſſen unmittelbarer Nähe verſchwunden ſeyn könne. Er rief leidenſchaftlich ſeinen Bedienten, der während ſeiner Krankheit ſich gewöhnlich in einem kleinen Zim⸗ mer, dem Moritzens gegenüber aufhielt, um, wenn ſein Herr ſeiner bedurfte, ſogleich da zu ſein. Der Knabe erſchien aufs eiligſte; doch auf Moritzens Frage, ob er vor wenigen Angenblicken Jemanden auf dem Gange geſehen habe, verſicherte dieſer aufs feierlichſte, daß er ſeiner Pflicht getreu nicht von der Stelle ge⸗ wichen wäre und keinen Sterblichen weder geſehen noch gehört habe. Wir müſſen jedoch bemerken, daß die un⸗ ſichere Haltung des Dieners, als ſein Herr ihn rief, und der träumende Blick, womit er ſich umſah, keineswegs vermuthen ließen, daß er wach auf ſeinem Poſten geweſen war. Moritz wollte durchaus wiſſen, was ſich zuge⸗ tragen habe. Er bat ſeine Mutter zu ihm zu kommen, und erzählte ihr mit wenigen Worten das Ereigniß. Dieſe, obgleich ſie die ganze Erſcheinung als ein Gaukel⸗ ſpiel der noch aufgeregten Phantaſie ihres Sohnes anſah, ließ die ganze Dienerſchaft herbeikommen, um ſie über die Un⸗ bekannte zu befragen, allein alle verſicherten einſtimmig, durchaus nichts geſehen zu haben, und daß auch aller Wahrſcheinlichkeit nach während derletztverfloſſenen Stunde, die Hausthüre nicht geöffnet worden wäre. Aber Mo⸗ ritz war auch mit dieſer Erklärung nicht zufrieden; er ruhete nicht eher, bis er mit einigen Bedienten die ganze Wohnung und das große Gebände aufs genaueſte durch⸗ ſucht hatte. Doch alles blieh fruchtlos. Er kehrte in einer ſonderbaren Stimmung in ſein Gemach zurück, fonnte. 96 und ungeachtet aller Bemühungen ſeiner Mutter, ihm dieſe Erſcheinung auszureden, und ihm anſchaulich zu machen, daß es nur ein Spiel ſeiner Phantaſie und Folge ſeiner langen Krankheit wäre, beharrte Moritz in der feſten Ueberzeugung, daß ſich dies fremdartige Weſen, welches er noch aufs genaueſte beſchrieb, nur ihm gezeigt habe, daß es keine Täuſchung der Sinne noch eine Geiſtererſcheinung geweſen wäre, ſondern ein menſchliches Weſen, ein Mädchen von mehr als irdiſcher Schönheit; daß ihre Geſtalt und ihre Züge unvertilgbar in ſein Gedächtniß eingeprägt wären, und daß er nicht ruhen würde, bis er ſie wiedergeſehen. Er konnte in dieſem Punkt nicht den geringſten Widerſpruch erdulden, ſelbſt nicht von ſeiner Mutter, gegen welche er nie die kind⸗ liche Ehrfurcht aus den Augen ſetzte. Wenn es geſchah, — ſo wurde er verdrießlich, welches nach der Ausſprache des Arztes ſehr nachtheilig auf ſeine Geſundheit wirken In den erſten Tagen nach dieſer Erſcheinung redete er von nichts anderem. Doch als er bemerkte, daß dies ſowohl auf ſeine Mutter als auch auf ſeinen Vater, welcher wieder zurückgekommen war, einen unangenehmen Eindruck machte, da ſchwieg er, obgleich ſeine Gedanken erſehnte Zeit, wo es ihm wieder geſtattet wurde, das Zimmer zu verlaſſen, vorüber war, eilte er ſogleich an unaufhörlich damit beſchäftigt waren. Sobald die lang⸗ die Orte, wo die meiſten Menſchen verſammelt waren, und verfolgte ſelbſt mit einer auffallenden Unbeſcheidenheit die weiblichen Geſtalten, welche mit der Erſcheinung einige Aehnlichkeit zu haben ſchienen, und kehrte, wenn er ſich getäuſcht fand, traurig nach Hauſe zurück. Dieſe frucht⸗ loſen Nachſpürungen machten ihn trübſinnig, wodurch ſeine Eltern ſehr beunruhigt wurden. Sie beriethen mehre Male mit dem Arzte, aber er wußte tein Mittel anzu⸗ —. geben und hoffte, daß die Zeit dies noch friſch in ſeiner* Erinnerung liegende Bild derwiſchen würde; doch rieth en, eit ige ich ht⸗ ech hre zu⸗ ner eth 97 er, ihn durch ſolche Zerſtreuungen, welche günſtig auf ſeinen Geiſt wirkten— davon abzuleiten. Es dauerte lange, ehe die Hoffnung des Arztes er⸗ füllt zu ſeyn ſchien, und ſelbſt da, wo Moritz an einem guten Erfolge zu zweifeln ſchien, ſagte er mit Thränen in den Augen zu ſeinen Eltern: „Ich werde ſie nie vergeſſen, ſelbſt dann nicht, wenn ich glauben muß, ſie nie wieder zu ſehen, und daß ſie auf immer für mich verloren iſt.“ Doch willigte er in den Vorſchlag ſeiner Eltern, im bevorſtehenden Sommer den Haag mit dem Lande zu vertauſchen. Auch lieferte dieſe Stadt damals nur betrübende Auftritte. Das Schickſal der gefangenen Staatsmänner war durch einen Urtheilsſpruch beſtimmt. Oldenbarneveld hatte ſein Haupt auf dem Schaffot verloren; von Ledenbergs Leichnam, welcher nach deſſen unglücklichem Tode einbalſamirt worden war, wurde außerhalbder Stadt an einen Galgen aufgehängt; de Groot und Hoogerbeets waren zu lebenslänglicher Gefängnißſtrafe verurtheilt. Schon früher war Moritz über das ihm widertechtlich vorkommende Verfahren, wel⸗ ches die triumphirende Partei ausübte, erbost, ſo wie über die ihm ſo ungerechter Weiſe zugefügte Mißhand⸗ lung, und die über ihn und ſeine Familie verbreiteten falſchen Gerüchte, waren ihm auch nicht unbekannt ge⸗ blieben. Dies war der Grund, daß er, ſelbſt gegen die Perſonen, welche er früher am meiſten vetehrt hatte, höchſt erbittert den Haag verließ. Eine kleine, ſehr einfache ländliche Wohnung, in der Nähe von Haarlem, und nicht weit davon, wo früher das Schloß Schvoten lag, war zum Sommer⸗ aufenthalt der Familie beſtimmt. Seine Eltern verban— den mit dieſem Umzuge einen doppelten Zweck: ſie wünſch⸗ ten ihren Sohn von einem Orte zu entfernen, welcher ihn noch beſtändig an die Erſcheinung erinnerte, welche ihm viele Wochen lang, wachend und träumend vorgeſchwebt hatte; und ihn einem Gegenſtande, dem er von Kindheit 98 an mit brüderlicher Liebe zugethan war, näher zu brin⸗ gen, und hofften, daß deſſen Gegenwart günſtig auf die Gemüthsſtimmung ihres Sohnes wirken, und eine wohl— thätige Veränderung, welche ſie vergebens hervorzubrin⸗ gen ſich bemüht hatten, herbeiführen würde. Siebentes Kapitel. Laß mein Kind Dir prophezeihen Reich dazu die Hand mir her, Niemals ſoll es Dich gereuen Daß Du ſchenkteſt mir Gehör Die Erwartungen der Eltern fanden ſich auch nicht ganz getäuſcht. Die Veränderung des Wohnortes und Umganges, die friſche Luft der anmuthigen und reichen Landſchaft, Zerſtreuungen verſchiedener Art, welche man ihm bereitete, und woran er oft nur ungern Theil nahm — Alles dieſes wirkte günſtig auf ſeinen Geiſt. Auch das Zuſammentreffen mit der geliebten Geſpielin ſeiner Jugend, welche er in vielen Monaten nur einmal im Fluge geſehen hatte, erweckte angenehme Erinnerungen in ſeinem Geiſte. Wenn dadurch auch das Bild der un⸗ bekannten Schönen ein wenig in den Hintergrund ver⸗ ſetzt wurde, ſo ſchwand es doch nie ganz aus ſeinen Ge⸗ danken; und noch oft war die Erinnerung an dieſe ſon⸗ derbare Erſcheinung in Stunden der Einſamkeit der Hauptgegenſtand ſeines Grübelns. Und Emma— das liebliche, jetzt bald ſiebenzehnjäh⸗ rige Mädchen, war noch wie früher, mit derſelben Herzlichkeit ihrem Spielgefährten zugethan. Sie begleitete ihn mit derſelben unbefangenen und kindlichen Vertraulichkeit, wenn Moritz ſie zu einem Spaziergange an die lachenden Ufer der Spaarne, oder in die waldreichen Umgebungen einander liegenden Landhäuſer oft Veranlaſſung gaben. Sie hörte ihn mit Theilnahme an, wenn er ihr ſeine Haarlems abholte, wozu ihre kaum eine Stunde von 99 Unfälle erzählte, welche hauptſächlich davon herrührten, daß er ſich zum Vertheidiger der Unſchuld aufgeworfen hatte. Dieſe That umſtrahlte in Emma's Augen den Jüngling mit einem Glanze ritterlicher Eigenſchaften, und machte auf die jugendliche Schöne einen Eindruck, der wohl mit der Zeit gefährlich werden mußte. So verſtrich der Sommer, und der Theil des Herb⸗ ſtes, welcher dem Landleben eine eigenthümliche Anmuth verleiht, und oft ſolche Tage liefert, welche mit dem ſchönſten Sommertage um den Vorrang ſtreiten. Die Zeit, wo Moritz wieder mit ſeinen Eltern nach dem Haag zurückkehren ſollte, rückte heran. Mit Emma ſchien kurz vorher eine Veränderung vorgegangen zu ſeyn. Das ſonſt ſo aufgeräumte und redſelige Mädchen, wurde allmählig ſtiller und mehr in ſich gekehrt, und ſchien ſelbſt den Umgang mit ihren Nachbarn, womit ſie ſonſt in täglicher Berührung ſtand, zu vermeiden. Sie ſollte Familienangelegenheiten halber den Winter hindurch auf ihrem Landgute bleiben, hatte aber verſprochen, einige Wochen bei der Familie von So lingen zuzubringen. Am Tage ihrer Abreiſe äußerte jedoch Emma einigen Zweifel, ihr Verſprechen erfüllen zu können, und jemehr Moritz und ſein Vater in ſie drangen, je feſter ſchien Emma entſchloſſen zu ſeyn, ihrer Bitte kein Gehör zu ſchenken. Nur Frau von Solingen bemühete ſich nicht, ſie zu bereden. Sie hatte vor einigen Tagen einen Blick in das reine und unſchuldige Herz dieſes Mädchens gethan, und darin Gefühle zu entdecken geglaubt, welche ſie gewiſſermaßen beunruhigten. Als ſie⸗ſich eines Abends mit Emma zuſammenbefanden, hatte Moritz den heißen Wunſch ausgeſprochen, nächſtes Frühjahr eine Reiſe ins Ausland zu machen, und wenn ſich eine gün⸗ ſtige Gelegenheit darböte, in fremde Kriegsdienſte zu treten. Als Emma dieſes hörte, verſank ſie plötzlich in Nachdenken, wozu die Anſpielung auf die Erſcheinung, wovon ſie früher noch nichts gehört hatte, noch das ihrige hinzufügte, und eine traurige Ahnung bei ihr erweckte, 100 welche Frau von Solingen in ihren Zügen wahr⸗ zunehmen glaubte. Sey es nun, daß die Unterhaltung dieſes Abends dazu die erſte Veranlaſſung gab, oder ob Emma ſchon früher ihr eigenes Herz geprüft hatte, das ſchöne Mädchen ſchien ſeit dieſer Zeit zu wiſſen, daß die Zuneigung, welche ſie nährte, nicht mehr in den Grenzen der ſchwe⸗ ſterlichen Liebe blieb. Dieſe Entdeckung beunruhigte ſie, denn wenn auch Moritz noch dieſelbe Zuneigung wie früher an den Tag legte, ſo berechtigten ſie weder ſeine Reden noch ſein Betragen zu glauben, daß er anders als mit brüderlicher Zärtlichkeit ihr zugethan ſey. Auch hatte ſie den Jüngling nicht unrecht beurtheilt; denn wenn auch die glänzenden Ausſichten, welche ſich ihm früher dar⸗ boten, verſchwunden und die Hoffnung, die Erſcheinung je wieder zu finden, allmählig lauer geworden war, ſo war doch der Gedanke, Kriegsdienſte zu nehmen, eben ſo wenig als die Erinnerung an die Unbekannte gänzlich verwiſcht. Dies war denn wohl auch die Urſache, warum das Herz unſeres Helden noch nicht in Liebe für Emma entbrannt, wenn auch vielleicht der Keim dazu ſchon gelegt war. Dem mütterlichen Scharfſinn war dies nicht ent⸗ gangen, und die Trennung der beiden jungen Leute wurde vorläufig beſchloſſen. Moritz verließ ſeinem Plane gemäß mit dem An⸗ fange des nächſten Frühlings das elterliche Haus, um ſich zuerſt nach Italien und dann nach Frankreich zu begeben, wo allen Erwartungen nach bald Unruhen ausbrechen würden; er wollte ſich dann unter die Fahnen der Hugenotten reihen. Der ungünſtige Eindruck, welcher am Hofe des Prinzen Moritz ſich gegen ihn erhoben hatte, ließ ihn ſein früheres Vorhaben, in vater⸗ ländiſchen Dienſt zu treten, ganz aufgeben. Dieſelben Gründe verhinderten ihn auch, ſeinen Glaubensgenoſſen in Deutſchland, wo der dreißigjährige Krieg ausgebrochen war, ſeinen Arm zu bieten, denn er fürchtete, daß es ihm ſchwer fallen würde, Empfehlungen an das damalige —— M 101 Haupt der proteſtantiſchen Parthei, den Pfalzgrafen Friedrich, einem Schweſterſohn des Prinzen von Ora⸗ nien zu erhalten. Dagegen hatte er durch Fami⸗ lienbeziehungen ſeiner Mutter die beſte Gelegenheit, bei dem Herzoge von Rohan und deſſen Bruder Soubiſe, die vorzüglichſten Vertheidiger der Proteſtanten in Frank⸗ reich, empfohlen zu werden. Es ſcheint, daß auch bei Moritzen, als er Em ma auf lange Zeit Lebewohl ſagte, Gefühle, welche er bis jetzt nicht geahnt hatte, ins Leben traten. Er dehnte ſeinen Beſuch, der nur auf wenige Stunden berechnet war, auf mehrere Tage aus. Er fonnte ſich nicht von ihr trennen, und verlor ſich oft mit ihr in die Erinne— rung an ihre Kindheit. Im Geſpräche dieſer. Art ver⸗ tieft ſaßen ſie am Abend Lor Moritzens Abreiſe lange Zeit unter einer ſtattlichen Pappel. Als das Mädchen am andern Morgen nach M oritzens Abreiſe, unwillkürlich ihre Schritte nach dem Orte wieder wandte und ſich auf einer Raſenbank niederließ, bemerkte ſie einige allem An⸗ ſchein nach erſt vor wenigen Augenblicken in den Stamm eingeſchnittene Worte. Sie trat näher und las:„Emma! gedenfe des Freundes Deiner Jugend!“ Wenn ſie auch keine Gewißheit hatte, ſo hielt ſie ſich doch überzeugt, daß nur Moritz dieſe Worte habe einſchneiden können; aber ſie fühlte auch, daß ſie daraus keineswegs auf zärt⸗ lichere Geſinnungen als bisher ſchließen dürfe. Sie fol⸗ gerte nichts anderes daraus, als daß M oritz die Fort⸗ dauer ihrer ſchweſterlichen Liebe wünſche. Judeſſen mußte ſie ſich geſtehen, daß ſie in den letzten Tagen ihres Zu⸗ ſammenſeyns die vorſichtige Zurückhaltung gewiſſermaßen bei Seite geſetzt hatte, welche ſie ihrer Ruhe wegen an⸗ zunehmen für nothwendig hielt, und dieß beunruhigte ſie. Der Gedanke, eine Neigung für einen Jüngling zu nähren, der ſie doch nur thrilweis und vielleicht auch gar nicht erwiedern konnte, war ihr unerträglich. Sie faßte daher den feſten Entſchluß, den erſten Spuren der Liebe, welche wie ſie nicht läugnen konnte, ſich bei ihr offen⸗ 102 bart hatten, entgegenzuarbeiten; und ihr feſter und mu⸗ thiger Charakter ließ an der Ausführung nicht zweifeln. Sie hatte ihm verſprechen müſſen, ihm zu ſchreiben, allein ſie beantwortete ſeine ausführlichen und herzlichen Briefe nur mit ſchweſterlicher Theilnahme. Wir glauben nicht verpflichtet zu ſeyn, unſerm Leſer den Inhalt der weitläuſigen Berichte, welche Moritz ſeinen Eltern und Emma zukommen ließ, mitzutheilen. Sie ſind zur Fortſetzung unſerer Erzählung nicht noth⸗ wendig, und ehe wir zu unſerem Helden zurückkehren, wollen wir die Aufmerkſamkeit des Leſers noch einige Augenblicke zu unſerer Emma wenden. Die Zeit, deren viel vermögender Einfluß ſowohl im Guten als im Böſen auf das Schickſal der Menſchen einwirkt, und die Abweſenheit des Gegenſtandes, womit ſich ihre Gedanken oft ganz unwillkürlich beſchäftigten, führte wieder die Ruhe, welche früher unzertrennlich von ihr geweſen war, in ihr Herz zurück. Dies würde noch früher Statt gefunden haben, wenn ſie ſich hätte ent⸗ ſchließen können, die ſich ihr darbietenden Zerſtreuungen zu benutzen. Aber ſie fühlte ſeit Kurzem einen unwider⸗ ſtehlichen Hang nach Einſamkeit, welcher auch keineswegs von ihrer Verwandten gehindert, vielmehr genährt wurde. Dieſe, eine alte Jungfrau, welche ihres vorgeſchrittenen Alters und ihrer Hinneigung zu einer übertriebenen Fröm⸗ migkeit wegen, jeden Umgang mit ihren Nachbarn mied, war zwar eine gute einfache Frau, aber doch eine ſchlechte Gefährtin für ein ſchönes, kaum in ſeine Blüthenzeit getretenes Mädchen. Daher fand auch Emma, ſo lange ſie ſich auf dieſem Landgute aufhielt, ſelten Zerſtreuung im geſelligen Verkehr mit Leuten ihres Standes. Auch kam ſie nie mit jungen Leuten in Berührung, welche weder körperlich noch geiſtig mit Moritzen in die Schran⸗ ken treten, noch die Erinnerung an den theuren Freund ihrer Jugend verringern oder gar vertilgen konnte. Sie wandte Alles an, die Erinnerung an frühere Zeiten ſo viel als möglich in den Hintergrund zu ver⸗ , n * r= 38 en n⸗ d, te it ge g nd re 1. ch he . 103 ſetzen, und verwandte ihre Zeit auf die V rer anſehnlichen Güter, und auf Ausüb des Wohlthuns. Sie war in der die Wohlthäterin aller Nothleidend bekannt, und aus der ärmlichen Hütte der Dürftigen wurde manches innige Gebet für ſie zum Himmel ge⸗ ſandt. Wenn auch zuweilen ihre alte Baſe über ihre reichlichen Spenden bedenklich das Haupt ſchüttelte, oder ihr anſchaulich zu machen ſuchte, daß ſie durch ſchlechte oder liſtige Menſchen ſich zum Mitleiden bewegen, oder gar hinter das Licht führen ließ, ſo wußte die liebliche Jungfrau das Unglück, welches ſie gemildert, oder die Thränen, welche ſie getrocknet hatte, ſo rührend vorzu⸗ tragen, daß die gute Alte ihr Tuch vor die Augen hal⸗ ten mußte, um die Thränen zu verbergen, welche die Er⸗ zählung ihr gegen ihren Willen entlockten. „Emma, Emma!— ſagte ſie dann—„welch' ein Geiſt iſt in Dich gefahren? Ich weiß nicht, ob ich ihn gut oder bös nennen ſoll. Wo nimmſt Du die Worte her, um mir Alles ſo vorzuſtellen, daß ich im Begriff ich zu tadeln, Dir mit Thränen in den Augen, als ſehe ich die Armen, welche Du mir ſchilderſt, Recht ge⸗ ben muß.“ „Hier, gute Baſe, finde ich ſie!“ antwortete Emma, indem ſie die Hand aufs Herz legte—„und hier ſagt mir auch die Stimme, ſo zu handeln, wie ich handle, und ich halte mich überzeugt, daß dieſe Stimme nicht trügen kann.“ „Und dennoch, meine Liebe, haſt Du Dich ſchon mehrere Male von ihr irre führen laſſen, wie ich es Dir o eben bewies, und mich dünkt, daß eine ſolche Er⸗ erwaltung th⸗ ung der Pflichten ganzen Umgegend als en und Unglücklichen fahrung Dich vorſichtiger machen müßte.“ „Lieber will ich auf eine ſolche Weiſe zehnmal hin⸗ tergangen werden, als einmal einen Unglücklichen, der meiner Hülfe bedarf, mitleidslos von mir zu weiſen.“ „O, die Jugend, die Jugend!“— ſprach Mech⸗ thilde(ſo hieß die Verwandte) mit gefalteten Händen, 104 „aber haſt Du denn ſo ganz die erbauliche Rede und die paſſende Anwendung unſeres ehrwürdigen Balthaſars Grommius über die Worte der heiligen Schrift: „Seyd klug wie die Schlangen“ vergeſſen? Und wie er dabei bemerkte, daß wir zwar mit milder Hand Almoſen geben, aber zuvor unterſuchen müßten, ob nicht ein ſchnöder Arminianer die Gaben em⸗ pfinge, welche ſo unſern Mitbrüdern im Glauben ent⸗ zogen würden? Und wie—“ „Ich bin nur ein einfältiges Mädchen, liebe Baſe!“ — ſiel ihr Emma in die Rede,—„und der gelehrte Grommius verſteht es wahrſcheinlich viel beſſer, als ich; aber deßhalb kann man nicht von mir verlangen, daß ich einem jeden Bedürftigen, der ſich mir nahet, zuvor ſein Glaubensbekenntniß abnehme. Auch dünkt mich, daß ich einſt den ehrwürdigen Lafaille im Haag über das Gleichniß des barmherzigen Sama riters habe predigen hören, und wie ich es mich erinnere, gab er der Sache eine ganz andere Wendung.“ „Der ehrwürdige Lafaille iſt, wie Du weißt, fortgejagt“— erwiederte Mechthilde ärgerlich— „warum dieß geſchah, darf ich nicht beurtheilen. Aber ein Samariter, mein Kind, war auch ein ganz an⸗ derer Menſch, als ein verſtockter Arminianer unſrer Zeit. Letzterer iſt wie der Prediger Grommius uns jeden Sonntag predigt, ein Abtrünniger, ein Verläug⸗ ner des rechten Glaubens, ein Verräther an Gott, am Prinzen, den Gott erhalte! und am lieben Vaterlande; ein Emma hielt es für rathſam, um den Strom der Wohlberedtheit ihrer Verwandten zu hemmen, welcher, wenn er auf dieß Lieblingsthema kam, unaufhaltbar da⸗ hinfloß, das Zimmer zu verlaſſen. Die alte Jungfrau ſo ſich ſelbſt überlaſſen, ſchüttelte mehreremale dedenklich das Haupt, faltete die Hände, und ſuchte durch einen tiefen Seufzer ihrer beengten Bruſt Luft zu machen. Nachher ſtand ſie auf, und holte aus einem gut vet⸗ n⸗ t⸗ 1. h: aß or aß as be ßt, ber n⸗ rer ins ug⸗ am de; der er, da⸗ rau lich nen en. er⸗ 105 ſchloſſenen Käſtchen in der Mauer, eine dicke Rolle Pa⸗ pier, welche die am letzten Sonntage von dem theuren Grommius gehaltene Predigt, über die Worte: Ihr ſollt mit ihnen und ihren Göttern kein Bündniß ſchließen; ein Verbot, welches der Herr den Iſraeliten in Bezug auf die beidniſchen Bewohner Kanaans ertheilte, und welches der gelehrte Geiſt⸗ liche aufs nachdrücklichſte an das Iſrael der Nieder⸗ lande richtete, und den Arminianern unſrer Zeit anpaßte. Während die fromme Mechthilde ſich mit dieſer erbaulichen Rede beſchäftigte, welche ſie mit ſo viel Ge— nuß angehört hatte, daß ſie den Prediger, als er ſeiner Gewohnheit gemäß am Sonntag Abend auf das Schloß⸗ gekommen war, bat, ſie ihr noch einmal vorzuleſen; und während ſie dabei daſſelbe Vergnügen genoß, welches, wie wir uns denken können, die Kühe und Schafe, wenn ſie wiederkäuen, genießen, war Emma in den Garten gegangen, und hatte, ſowie es oft der Fall war, ihren Spaziergang, ohne es zu wiſſen, nach der Pappel ein⸗ geſchlagen, welche in ihrer Rinde das Andenken ihres Jugendfreundes enthielt. Schon wollte die Herbſtſonne ſich in Weſten neigen, als ſie dieſen Platz erreichte. Sie war tief in Gedanken verſunken,— wir können nicht ſagen, ob das ſo eben mit Mechthilden gehaltene Geſpräch dazu Veranlaſſung gab, oder ob Gedanken an⸗ derer Art ſie von allem, was ſie umgab, ableiteten. So viel iſt gewiß, daß ſie erſt, nachdem ſie einige Schritte von der Raſenbank entfernt war, eine alte Frau von rieſiger, obgleich ſchon durch die Jahre gebeugten Geſtalt darauf ſitzen ſah. Emma heftete einen Augen⸗ blick ihr Antlitz auf die Alte, und wollte ſie ſo eben an⸗ reden, als die Unbekannte aufſtand, ein paar Schritte näher trat, und auf ihren Stab geſtützt, doch mit er⸗ hobenem Haupte, wodurch ihre hohe Geſtalt noch ſicht⸗ barer wurde, ſtehen blieb. Ihre Kleidung war ganz Der Schutzgeiſt. I. 8 8 106 eigenthümlich; obgleich ſie allem Anſcheine nach einem geringen Stande anzugehören ſchien, und Armuth ver⸗ rieth, ſo trug ſie doch weder die Jacke noch den Rock der unteren Volksklaſſen jener Zeiten, ſondern eine ge⸗ wiſſe morgenländiſche Tracht. Ihre ſchlanke Größe war in einen Mantel von dunkeln, groben Stoffen eingehüllt; darunter zeigte ſich ein Unterkleid von dunkelrother Farbe, welches bis auf die Hacken niederhieng. Ihre Beine wa⸗ ren außer der Bedeckung des Kleides nackt, und ſtatt der Schuhe trug ſie eine Art Sandalen mit einem ledernen Riemen an das Bein befeſtigt. Ein niedriger Stroh⸗ hut mit breitem Rande, wie die frieſiſchen Bäuerinnen ihn noch vor einigen Jahren trugen, bedeckte ihr Haupt, doch nicht das lange greiſe Haar, welches über Hals und Schultern herabhieng. Sie trug einen langen Stock. Man darf ſich nicht wundern, daß Emma beim Erblicken dieſer ſo ſonderbar ausſtaffirten Geſtalt erſtaunt ſtehen blieb. Aber ehe ſie ihre Gedanken geordnet und alles dies Auffallende gehörig wahrgenommen hatte, brach dieſe das Stillſchweigen und ſagte: „Ich habe Euch lange erwartet, ſchönes Fräulein! denn meine Zeit iſt mir ſpärlich zugemeſſen.“ „Wer ſeyd Ihr, gute Frau? und was könnt Ihr mir zu ſagen haben?“— fragte Emma—„oder wa⸗ rum kamet Ihr nicht dort in das Schloß, wenn Ihr ein Geſuch an mich habt?“ „Ich habe in der That Euch eine Bitte vorzutra⸗ gen;“— erwiederte die Alte—„doch ich wußte, daß Ihr hierher kommen würdet, und wollte Euch daher lie⸗ ber hier erwarten.“ „Ihr wußtet, daß ich hierher käme?“ ſagte Emma „das iſt höchſt merkwürdig. Wer hätte Euch das ſagen können, da ich es ſelbſt vor einigen Augenblicken noch nicht wußte und unwillkürlich meine Schritte hierher richtete?“ „Niemand hat es mir geſagt— auch Ihr ſelbſt, 107 wie Ihr nach Wahrheit verſichert, wußtet es nicht, deſſen ungeachtet war es mir bekannt. Auch bin ich hierher gekommen, um Euch Dinge mitzutheilen, welche Euch und allen Andern eben ſo unbekannt, und von der Zukunft noch mit ihrem undurchdringlichen Schleier bedeckt ſind. Ich will Euch einen Theil Eurer Zukunft enthüllen und ich bitte Euch ſehr mir dies zu erlauben.“ „Gute Frau,“ antwortete Emma,„mich verlangt nach keinen Aufſchlüſſen dieſer Art. Eure Kunſt flößt mir kein Vertrauen ein, und wenn dies auch der Fall wäre, dann würde ich es doch für unerlaubt halten, den Fügungen der Vorſehung vorauszueilen, und Mittel anzu⸗ wenden, das zu erforſchen, was eine höhere Macht ohne Zweifel in der beſten Abſicht dem Menſchen verborgen hält.“ „Ihr redet vernünftig und ſo wie ich es von Euch erwartet habe;“ ſagte die Unbekannte„und dennoch bitte ich Euch, daß Ihr' mir in dieſem einen Falle ein auf⸗ merkſames Ohr leiht, und mir erlaubt, Eure Hand zu ſehen, und⸗aus deren Linien Euch Etwas zu offenbaren, was auf Euer Leben Bezug hat, und Euch in einer ſo vielen Prüfungen und Gefahren unterworfenen Lebenszeit von Nutzen ſeyn kann.“ „Ich danke Euch, gute Alte! ich wiederhole es noch einmal, daß ich es für ſündlich halte, von Eurer Kunſt, ſelbſt wenn ſie kein Betrug wäre, Gebrauch zu machen. Ihr gehört wahrſcheinlich zu dem überall umherziehenden Volksſtamm, welcher, wie man ſagt, es ſich zum Broder⸗ werb macht, dem einfältigen Landmanne gutes Glück zu prophezeihen. Ich will Euch, auch ohne Eure Voraus⸗ ſagungsgabe auf die Probe zu ſtellen, gern, da ihr es bedürft, ein Almoſen geben.“ „Ihr irrt, und das iſt ſehr natürlich. Ich bin arm, darin habt Ihr Recht; denn trocknes Brod und klares Waſſer war ſeit langer Zeit meine tägliche Nahrung. Wenn ich aber auch Euer Vaterland und Gure Gottes⸗ 8* verehrung nicht theile, ſo gehöre ich doch nicht zu den herumſchwärmenden Heiden, von denen. Ihr redet, und die ihr erbärmliches Fortkommen von den leichtgläubigen Landleuten auf eine betrügliche Weiſe von deren ſauer erworbenem Erwerb zu erpreſſen wiſſen. Auch bin ich eine Chriſtin wie Ihr— nur bete ich in Euch fremden Gebeten.“ Indem ſie dies ſagte, zog ſie ein kleines Kreuz und eine Art Roſenkranz hervor, deſſen Perlen jedoch ungewöhnlich groß und nicht beweglich waren. „Aber wer ſeyd Ihr?“— fragte abermals Emma, —„und woher ſeyd Ihr gekommen, wenn dies Land Euer Vaterland nicht iſt?“ „Wer ich bin?— Eine arme verlaſſene Frau, ohne Freunde, ohne Vaterland! Eine Unglückliche, die weit von dem Orte, wo einſt ihre Wiege ſtand, ihre müden Glieder zum Todeskampfe ausſtrecken wird.— Doch nicht um mich hierüber zu beklagen, bin ich hierher gekommen, ſondern um Euch, wenn ich darf, einen Dienſt zu leiſten. Reicht mir daher Eure Hand, und laßt mich Euch etwas daraus prophezeihen.“ „ ungeachtet des ernſten und ſogar Eindruck erwecken⸗ den Tones der Alten, hielt ſie Emma noch ſtets für eine Landſtreicherin, welche ſich nicht ſelten durch die beſondere Wahl ihrer Kleidung und des Ausdrucks, um hei unwiſ⸗ ſenden Leuten um ſo leichter Eingang zu finden, aus⸗ zeichnen. Sie beharrte daher auf ihrer Weigerung, und wollte der Frau, um ſie los zu werden, ein Almoſen geben, doch dieſe wies ihre Gabe von der Hand. „Ich bedarf wenig, ſchönes Kind!“— ſagte ſie— „und ich habe die Mittel meine geringen Bedürfniſſe zu beſtreiten. Doch höret mich an:“— fuhr ſie fort, in⸗ dem ſie ihren Arm ausſtreckte, und mit dem Finger auf die im Baumſtamme eingeſchnittenen Worte wies.— „Ihr kennt den, welcher dieſe Worte in die Rinde ge⸗ ſchnitten hat. Wollt Ihr Nachrichten von ihm, dann redet nur.“ Emma, ſo plötzlich durch eine ſo merkwürdige * , er ſt n⸗ ne re iſ⸗ nd en in⸗ uf ge⸗ nn ige 109 Perſon an den Jüngling, deſſen Bild ſie ſo viel als möglich ſeit ihrem Gedächtniß zu verwiſchen ſuchte, und deſſen Namen aus langer Zeit nicht über ihre Lippen gekommen war, erinnert— fühlte, daß ſie unwillkühr⸗ lich erröthete. Sie war mit ſich ſelbſt unzufrieden, da ſie Gefahr lief, ein Herzensgeheimniß zu verrathen,— wenn auch uur vor dem Auge einer fremden Bettlerin — welches ſie ſo gern ſich ſelbſt verborgen hätte. In⸗ zwiſchen waren die Augen der Bettlerin, mit mehr Le⸗ bendigkeit als ſie früher ausgedrückt hatten, auf das Mädchen gerichtet. Unwillig wandte ſich Emma ab, und ſchien Willens zu ſeyn ſich entfernen zu wollen. „Höret mich nur einen Augenblick an,“— ſagte die Unbekannte, indem ſie einige Schritte näher trat und Emmas Hand ergriff—„Vergeßt nicht den Freund Eurer Jugend: Dieſe Erinnerung hinterließ er Euch. Auch er hat ſeine Freundin nicht vergeſſen, weder unter dem ſchönen Himmel Italiens, noch in Mitten der Kriegsrüſtungen in den Mauern Montaubans.“ Emma, welche ohne es zu wollen, noch einen Augenblick geblieben war, ſtand höchſt erſtaunt bei dieſen Worten da. Erſt am heutigen Morgen hatte ſie von Frau von Solingen einen Brief erhalten, worin dieſe ſie benachrichtigte, daß nach den ſeit Kurzem eingegangenen Nachrichten Moritz ſich nach Frank⸗ reich begeben habe, um unter dem Marquis de la Foru an dem bevorſtehenden innern Kriege Theil zu nehmen, daß er ſich jetzt in Montauban befände, und daß dieſe Stadt in Kurzem vom Könige belagert werden würde. Während ſie über dieſe gleichlautende Berichte nachdachte, hatte die Alte eine kurze Zeit, und ohne daß es Emma bemerkt hatte, genau deren rechte Hand betrachtet. „Gerade wie ich es erwartete:“— rief ſie, als Emma hierdurch wiedey ihr Bewußtſeyn erlangend, die Hand zurückzog—„alles klar und glanzvoll— ununter⸗ brochenes Glück und Heil— nur ein dunler Punkt da, 110 wo das verhängnißvolle Zeichen ſich trennt. O Mäd⸗ chen! Mädchen! vor vielen wirſt Du geſegnet ſeyn, wenn es Dir glückt, dieſen einen Punkt, der Jammer und Verderben prophezeit, aufzuklären. Euer beider Loos iſt unzertrennlich verbunden, und ein herrliches Werk iſt Dir auferlegt. Du ſollſt der Schutzgott ſeiner Jugend ſeyn, der Engel, welcher im Gewande einer Sterblichen die Gefahren, welche mehr als ſein Leben bedrohen— von ihm abwehren. O! ich bitte dich, genüge dieſem erhabenen Rufe. Vergiß ihn nicht; ſey ihm mehr als Freundin, ſey ihm mehr als Geliebte, ſey der Schutzengel des Jünglings und ſeines ganzen Geſchlechtes. Viele werden Dir dafür feurig danken, und ſelbſt in dem Aufenthalte der Seligen wird man Dich ſegnen.“ Die Alte war, als ſie dieſe Worte ausſprach, immer feuriger geworden; ihre Augen unabgewandt auf Emma gerichtet, glänzten, und alle ihre Gliedmaßen zitterten als ſeyen ſie durch eine ungewöhnliche Wirkung bewegt. Das Fräulein ſah ſie mit Verwunderung an, und nicht, ohne einen geheimen Schrecken zu empfinden. Sie wünſchte ſich je eher je lieber dieſer Frau zu entledigen, nahm ein Goldſtück, drückte es ihr in die Hand und wollte ſich entfernen. Die Unbekannte faßte noch einmal ihre Hand, und ſagte: e „Ich nehme Euer Geſchenk an, obgleich ich es nicht bedarf, doch nur unter der Bedingung, daß Ihr mich wür⸗ digt auch eine kleine Gabe von mir anzunehmen. Nehmt dies“— fuhr ſie fort, indem ſie den oben erwähnten Roſenkranz hervörzog—„o ſchlaget mir es nicht ab, ich bitte Euch darum“— denn Emma wies mit Worten und Gebährden dies fremdartige Geſchenk von ſich,—„ich weiß, Ihr verachtet dergleichen Gegenſtände; doch nehmt es nur mit Euch, betrachtet es genau, und werft es nachher, wenn es Euch gut dünkt, ruhig ins Feuer. Es iſt kein Talisman, der Euch auf Euren Lebenswegen vor Gefahren ſchützt, es iſt nur eine kleine Gabe einer Unglücklichen, die ihr heute wahr⸗ — 111 ſcheinlich zum erſten und zum letzten Male ſeht!“— Nachdem ſie dies geſagt und die Schnur in Emma's Händen zurückgelaſſen hatte, entfernte ſie ſich mit einer Eile, die man von ihrem vorgerückten Alter nicht hätte erwarten dürfen. Emma blickte ihr einige Zeit verwunderungsvoll nach, kehrte darauf in das Schloß zurück, und hielt noch immer das ſonderbare, gegen ihren Willen ihr auf⸗ gedrängte Geſchenk in der Hand. Doch wie viel größer⸗ war ihr Erſtaunen, als ſie, nachdem ſie ſich in ihr Gemach eingeſchloſſen hatte, um ungeſtört über dies fremdartige Ereigniß nachzudenken, das ihr gemachte Geſchenk näher betrachtete. Es glich dem Aeußern nach einem aus Holz gemachten Roſenkranze. Bei näherer Unterſuchung bewerkte ſie in der Mitte eine Feder; ſie drückte darauf, es öffnete ſich, und man denke ſich ihr Erſtaunen, als ſie eine koſtbare Perlenſchnur gewahrte. Sie kannte dergleichen Kleinodien zu gut, um nicht zu wiſſen, daß ſie einen höchſt werthvollen Gegenſtand in Händen habe. Ihr erſter Gedanke war dieſe koſtbare Gabe, welche ihr auf eine ſo fremdartige Weiſe und von einer ſo geheim⸗ nißvollen Perſon übergeben war, der früheren Beſitzerin zurückgegeben. Doch alle Nachforſchungen, welche ſie gleich nach dieſer Entdeckung und die folgenden Tage anſtellte, blieben fruchtlos. Niemand in der ganzen Um⸗ gegend erinnerte ſich eine ſolche Frau geſehen zu haben. Demnach hielt ſie den ganzen Vorfall geheim, ſchloß das erhaltene Keinod aufs ſorgfältigſte ein, feſt entſchloſſen, es nie zu tragen, und es, wenn ſich je die Gelegenheit darböte, der frühern Beſitzerin zurückzugeben. Es wird jedoch Niemanden befremden, daß ſie manchmal das Geſchenk betrachtete, ſich der geheimnißvollen Alten da⸗ bei erinnerte, und daß an dieſe Erinnerung ſich auch der Gedanke an Moritz knüpfte, ſo wie an Alles, was die Unbekannte geſagt hatte, die Anſpielungen auf den, deſſen Bild ihr beſtändig, wachend und träumend vor Augen ſtand, 112 Wie wir ſchon wiſſen, war Moritz unterdeſſen aus Italien zurück gekehrt und hatte ſich nach Frank⸗ reich begeben, um daſelbſt unter dem Heere der Huge⸗ notten Dienſte zu nehmen, welche ſich in jener Zeit gezwungen ſahen, die Waffen zur Handhabung der ihnen von Heinrich IV. verliehenen Privilegien zu ergreifen. Er nahm an den wichtigſten Kriegsverrich⸗ tungen dieſes kurzen, obwohl blutigen Bürgerkrieges Theil, und zeichnete ſich dabei ſo ſehr aus, daß der Herzog von Rohan ihm die glänzendſten Anerbietungen machte, wenn er in der Folge auch dieſer Parthei angehören wolle. Doch die Uneinigkeiten unter den Vornehmſten der Proteſtanten, und die Ueberzeugung, daß ſie ſich für die Folge keineswegs gegen die Gewalt des Königs halten könnten, ſo wie auch das Verlangen in ſein Vaterland zurückzukehren, und die dort zurückgelaſſenen Beziehungen wieder anzuknüpfen, ließen ihn alle dieſe Anerbietungen von der Hand weiſen. Schon ehe in Frankreich die Ruhe gänzlich hergeſtellt war, hatte ſeine Rückreiſe in fein Vaterland wieder ange⸗ treten. — Achtes Kapitel. Ludwig. Schnell, Herr Wirth, erſcheinet hier! Wirth. Was ſteht zu des Herrn Befehlen? Ludwig. Findet man hier gut Quartier? Wirth. Das ſoll Euch fürwahr nicht fehlen. Mein Weib und ich ſind ſtets bedacht, Zu thun was Gäſten Freude macht. Langendyk. Wir müſſen mit dem Anfange dieſes Kapitels den Schauplatz unſerer Geſchichte anderswohin verſetzen, und den Leſer erſuchen, uns nach einer der vornehmſten Straßen Rotterdams, früher unter dem Namen Nieuwendyk, jetzt unter dem: Hoogſtraat bekannt, zu fol⸗ gen. An der Ecke einer der Straßen, welche nach dem — — *—* 113 Erasmusmarkte hinlaufen, ſtand zu jener Zeit ein großes Gebände, welches, um eine Herberge anzuzeigen, mit einem großen Schilde am Giebel prangte, worauf eine vergoldete Hellebarde gemalt war. Dieß Gebäude war alterthümlich, aber keineswegs verfallen, und beſonders die Seite nach der Hoogſtraat hin war ſehr ſorgfältig unterhalten. In der Nebenſtraße, doch mit dem Gebäude vereinigt, war geräumige Stallung für Pferde. An bei⸗ den Seiten war der Giebel nicht nur längs der Straße, ſondern auch auf den oberen Stockwerken mit einer großen Anzahl langer und ſchmaler Fenſter verſehen, welche den Beſchauer hinlänglich überzeugen konnten, daß damals keine Fenſtertaren beſtanden. Dieſe Fenſter mit kleinen in Blei gefaßten Scheiben, hier und da noch mit eiſer⸗ nen Beſchlägen verſehn, konnte ſo ziemlich durch Läden verſchloſſen werden, welche, ſowie das Gebäude ſelbſt, dunkelroth angemalt waren. Die vergoldete Hellebarde, welche in jenen Zeiten als eine der vornehmſten Herbergen bekannt war, jetzt aber dem äußern Anſcheine nach einem Gefängniſſe gleicht, wurde damals von Niemanden anders, als von dem wackern Petrus Held bewohnt, eine Prachtaus⸗ gabe aller Wirthe am Ende des ſechszehnten und im Anfange des ſiebenzehnten Jahrhunderts. Schon über dreißig Jahre hatte er dieß löbliche Geſchäft ausgeübt, und ſich von allen Reiſenden, welche bei ihm einkehrten, den Ruhm einer Ehrlichkeit und Dienſtfertigkeit erworben, um welchen viele ſeiner Mitwirthe ihn beneideten. Außer⸗ dem war er allgemein als ein heiterer Kumpan bekannt, der gern ſeinen Gäſten, ſelbſt noch nach Mitternacht, bei einem luſtigen Trunke Geſellſchaft leiſtete. Doch wenn Fama ihm nicht Unrecht thut, ſo war er ein eben ſo großer Verehrer des ſchönen Geſchlechtes als des Weines, und ſeit Kurzem, vbgleich er ſchon lange die fünf Kreuze auf dem Rücken hatte, zum viertenmale mit einer jungen Wittwe verheirathet. Da nun meine Leſer mit der vergoldeten Hel⸗ 114 lebarde und deren Eigenthümer bekannt ſind, ſo bitte ich ſie, mir in das Innere der Wohnung zu folgen. Wir erreichen, nachdem wir durch einen kleinen Theil des ge⸗ räumigen Vorderhauſes gegangen ſind, ein Gemach von ungewöhnlicher Größe, das gut erwärmt und ziemlich erleuchtet war; denn es iſt Winter und Abend. Zur Erwärmung dient ein außerordentlich großes Torffeuer, worüber ſich ein Schornſtein erhebt, der von der mit Rauch beſchwärzten Mauer vorſpringt, und beinahe den vierten Theil des breiten Saakes einnimmt. Zur Er⸗ leuchtung dienen einige Lampen, in regelmäßigen Zwiſchen⸗ räumen an den Wänden aufgehängt, doch deren jlackern⸗ des Licht ſich faſt ganz in dem hellauflodernden Feuer des Kamins verliert. An den weißen Wänden hängen hier und da einzelne Schildereien in ſchwarzen Rahmen, und ſtehen Bänke mit Tiſchen und Stühlen; während ein größerer Tiſch, welcher, wie es ſcheint, zum Haupt— vereinigungspunkte der Gäſte dient, dem Feuer näher angebracht iſt. In einer Ecke des Gemachs hängen Rei⸗ ſemäntel und viele weite, mit Schmutz bedeckte Stiefeln beweifen, daß deren Eigenthümer an dem Ungemach der rauhen und ſtürmiſchen Jahrszeit, welche ſich noch durch das Peitſchen des Windes und des Regens gegen die Fenſterſcheiben vernehmlich macht, ihren Antheil gehabt haben müſſen. Die Geſellſchaft, welche ſich in der Wirthsſtube be⸗ findet, iſt ziemlich zahlreich, und beſteht theils aus Rei⸗ ſenden, theils aus ehrbaren Bürgern der Stadt, welche ihrer Gewohnheit gemäß einen Theil der Winterabende in der Wohnung des wackeren Peters zubringen, und zuweilen auch ein Abendeſſen bei ihm einnehmen. Da wir den Leſer mit einigen der Anweſenden bekannt ma⸗ chen müſſen, weil ſie ſpäterhin in dieſer Geſchichte wohl wieder auftreten, ſo wollen wir mit dem Wirthe anfan⸗ gen. Held war, wie wir ſchon erwähnten, ein Mann, der ſich ſchon über ein halbes Jahrhundert in dieſem irdiſchen Jammerthale herumgetummelt hatte. Seine 115 äußere Geſtalt ſchien aber anzudeuten, daß er an den Sorgen und Mühſeligkeiten des Lebens keinen Antheil gehabt hatte. Bei einer Größe von mehr als fünf Fuß hatte er einen Umfang von wenigſtens gleicher Länge. Sein dickes rundes Geſicht, noch mit einer Röthe über⸗ zogen, würde ihm ein geringeres Alter gegeben haben, wenn nicht ſeine größtentheils greiſen Haare das Gegen⸗ theil angedeutet hätten. Seine klaren und lebhaften Augen ſtogen mit Eile im Gemache umher, um die Wünſche ſeiner Gäſte auszuſpähen und ſeinen Dienern die nöthigen Befehle zu ertheilen. Sein Kopf war mit einer Mütze, deren Spitze auf ſeinem Nacken niederhing, bedeckt. Doch die Kälte der Jahreszeit nicht achtend, trug er nur eine Weſte, wahrſcheinlich um mit größerer Leichtigkeit ſeinem Amte vorzuſtehen, wobei er aber oft durch ein wichtiges Kleidungsſtück, welches ihm vft ent⸗ fallen wollte, gehindert wurde. Es war das weite Bein⸗ lleid am Knie befeſtigt, welches, ſeiner gewöhnlichen Stütze entbehrend, bei jeder Bewegung hinabzugleiten ſchien, und den ehrlichen Peter in die Nothwendigkeit verſetzte, mit der einen Hand dieſen Theil ſeines Anzuges beſtändig zu unterſtützen, da alle ſeine Bemühungen, es über den vortretenden Fettbauch zu ziehen, fruchtlos blieben. Zweitens müſſen wir auf eine, dem Anſcheine nach ältere Perſon als Peter, aufmerkſam machen, deſſen Aeußeres einen Kriegsmann verrieth. Er war nahe an ſechs Fuß groß, und ungeachtet ſeines vorgerückten Alters, hielt er ſein mit Narben geſchmücktes Haupt ſtolz auf⸗ recht, gleichſam als ſtünde er in Reihe und Glied. Den rechten Arm auf dem Rücken, und den linken, der durch einen Flintenſchuß gelähmt war, in einem ledernen Rie⸗ men tragend, ſchritt er im Saale mit abgemeſſenen Schrit⸗ ten guf und ab; dann faßte er wieder am Heerde, um ſich in das Geſpräch zu miſchen, Poſtb. Er war einer der Stammgäſte der vergoldeten Hellebarde, ſeitdem er ſeiner Lähmung wegen den Dienſt verlaſſen 116 und ſich in Rotterdam niedergelaſſen hatte. Als genauer Freund des Wirthes ſtimmte er mit ihm in einem Punkte vollkommen überein, nämlich, daß er ein eben ſo großer Verehrer eines gefüllten Bechers war. Doch das ſchöne Geſchlecht war bei ihm nicht ſo gut angeſchrieben; denn ſo wie es verlautet, hatten einige abſonderliche Liebes⸗ abenteuer in ſeiner Jugend ihn zum vollkommenen Wei⸗ berfeinde gemacht. Er hatte in ſeiner Jugend merkwür⸗ dige Schickſale beſtanden, wie wir bald aus ſeiner eige⸗ nen Erzählung hören werden. Der Name dieſes Ex⸗ kriegers iſt Jvoſt van Thienen. Ein dicker Viehhändler, der, wie es hieß, durch vor⸗ theilhafte Lieferungen an das Heer der Generalſtaaten, reich geworden war, ſaß in der bequemen Haltung, die er möglichſter Weiſe nur hatte annehmen können, am Heerde. Ihm gegenüber ein kleines hageres Männchen mit lachendem Geſichte und lebhaftem Gebärdenſpiele. Dieſer Letzte ſchien ein Stadtſchreiber oder etwas ähn⸗ liches zu ſeyn, welcher in ſeinen Geſprächen ſehr ſarka⸗ ſtiſch war. Außerdem ſaßen noch drei bis vier Bürger um den Heerd, die unter ein Dutzend Reiſende, größten⸗ theils Kaufleute, welche immer bei unſerm Freund Held einzukehren pflegten, vermiſcht waren. Wir werden viel⸗ leicht Einige von dieſer Geſellſchaft ſpäterhin genauer kennen lernen, und müſſen uns jetzt zu zweien wichtigern Perſonen, welche bisher unſerer Aufmerkſamkeit entgangen ſind, wenden.. In einem ziemlich dunkeln Winfel des großen Ge⸗ machs, nahe einem Fenſter, welches die Ausſicht nach der Straße hatte, ſaßen an einem Tiſche zwei Männer, wovon der Eine im mittleren Alter, der Andere etwas älter zu ſeyn ſchien. Das Aeußere dieſer beiden Leute war ſehr verſchieden. Der, welchen wir als den Jüng⸗ ſten bezeichneten, war von einer ſchlanken edlen Geſtalt, welche nur theilweiſe durch ſeinen Manteél bedeckt war. Er warf von Zeit zu Zeit einen ſtolzen Blick durch das Zimmer, ohne jedoch an den verſchiedenen Geſprächen, 117 welche geführt wurden, Theil zu nehmen. In ſeinen Gebährden und in ſeiner Haltung war der gewandte Weltmann zu erkennen, welches, wie jener Schriftſteller ſich ausdrückt— eben ſo wenig von dem, welcher von der Natur nicht damit begabt iſt, angenommen werden kann, als es von dem unzertrennlich bleibt, welchem es durch ſeine Geburt, oder ſeine Stellung in der Geſell⸗ ſchaft einmal eigen war. Sein Geſellſchafter dagegen war ein Mann von kaum mittlerer Größe und weniger günſtigem Aeußern. In einen Mantel von grobem Stoffe gewickelt, der ſogar einen Theil ſeines Geſichtes bedeckte, ſchien er ſich mehr der Aufmerkſamkeit der Geſellſchaft entziehen, als ſie auf ſich ziehen zu wollen. Entweder hatte er ſeinen Blick auf den vor ihm ſtehenden Tiſch oder auf ſeinen Nebenmann, wenn der mit ihm ſprach, geheftet. Doch richtete er zuweilen ſeine Augen nach dem Heerde hin, wenn dort das Geſpräch ſeine Aufmerkſam⸗ keit in Anſpruch zu nehmen ſchien, und dann zeigte ſich in ſeinen Zügen eine Schlauheit, welche dem gewöhn⸗ lichen Ausdrucke ſeines Geſichts nicht eigen war. Wie wir ſchon bemerkten, die beiden Perſonen ſaßen von der übrigen Geſellſchaft getrennt und unterhielten ſich zuweilen leiſe mit einander. Vor ihnen ſtand eine Kanne Wein, der ſie aber beide nur ſehr mäßig zuſprachen. Nachdem unſer ehrlicher Hospes eine Zeitlang in und außerhalb des Zimmers mit aller der Eile, welche ſein Beruf erforderte und ſeine Wohlbeleibtheit zuließ, ſich herumgetummelt hatte, blieb er endlich mitten im Jimmer keichend ſtehen, und über die Lehne eines Stuhles, der ſtark genug war, ſeinem ſchweren Körper Widerſtand zu leiſten, gebogen, redete er die Geſellſchaft wie folgt an: „Es freut mich in der That, meine guten Freunde und Nachbarn, daß Ihr den alten Peter an dieſem ſo wichtigen Tage nicht vergeſſen habt. Seht, ich begrüße dieſen Abend ſtets mit inniger Freude; nicht ſo ſehr, weil er ſo geſcheut war, mich vor fünf und fünfzig Jahren in das Leben zu ſpediren, ſondern weil er mich ſeit 118 jener Zeit immer mit einer Geſellſchaft guter und wackerer Freunde umringt hat.“ „Wie könnten wir je dieſen Tag vergeſſen, Vater Held!“— ſagte einer der am Heerde ſitzenden Reiſen⸗ den!—„Bin ich denn nicht unter anhaltendem Schnee und Regen, der Gefahr ausgeſetzt, unterwegs mit meinem Pferde im Schmutze ſtecken zu bleiben von Alkmaar hierhergekommen— und dieß nur allein, um den Feſt⸗ abend mit Euch zu feiern?“ „Und ich, ſitze ich nicht hier ganz behaglich am Heerde?“ — ſagte der dicke Lieferant, indem er die beiden Hände auf den Bauch legte—„gleichſam als habe ich nichts Wichtigeres zu thun, und als bedürfe das Vaterland keine Truppen und dieſe kein Rind- und Schweinefleiſch mehr?“ „Sachte, ſachte, Freund Hobbela ar!“— ſagte die Perſon, die wir unſerm Leſer als einen Stadtſchreiber vorſtellten, und der Melchior hieß„gönnt doch an⸗ dern Leuten auch einen kleinen Profit. Mich dünkt, Ihr habt ſeit Jahr und Tag den Eurigen gut genoſſen.“ „Das Vaterland“— erwiederte der Andere, wäh⸗ rend er den Sprecher bedeutungsvoll anſah—„bedarf der Vertheidiger, und.... „Und dieſe Vertheidiger bedürfen Lebensmittel, dies Liedchen kennen wir, ehrlicher Hobb elaar! Aber ſo lange das Vaterland noch ſpaniſche Münzen und neuge⸗ prägte Hellebardierer(ſo wurden die Dukaten genannt) zu ſeiner Verfügung hat, ſo lange iſt noch keine Gefahr vorhanden, daß der Prinz und ſeine wackern Streiter verhungern werden. Nein, nein“— fuhr Melchior fort, indem er ſich an van Thienen wandte, der einen Marſch pfeifend im Zimmer auf und abſchritt—„Kluge Soldaten hat das Vaterland nöthig, welche Rappier und Feuerrohr, um den Spaniern Gleiches mit Gleichem zu vergelten, zu handhaben wiſſen. Iſt es nicht ſo, alter Degenknopf?“ „Ja, ja, ſo wie auch geſchwätzige Stadtſchreiber, —. —-——,————„ — zu 119 um wackere Bürger der Gefahr, den Hals zu verlieren auszuſetzen,“— murmelte van Thienen in ſich, indem er im Geſchwindſchritt vorbeiging. „Und vor allem ehrliche Wirthe,“ fuhr Melchior fort, ohne ſich durch den nicht ſehr freundlichen Ton des alten Soldaten abſchrecken zu laſſen—„unter deren gaſtlichem Dache ein muthiger Krieger nach beendigtem Feldzuge Erſatz für alle ausgeſtandenen Strapatzen findet. Auch habe ich mich beeilt, meine amtlichen Geſchäfte für heute zu beendigen, um mit dem wackern Held ſeinen Geburts⸗ tag zu feiern, obgleich ich Euch, meine Freunde, verſichern kann, daß ich wichtige Sachen mit dem Deichgrafen zu verrichten hatte.“. „Wenn die Spürhunde die Köpfe ſo zuſammen ſtecken, dann wittern ſie wieder Wild,“— raunte einer der Bürger ſeinem Nachbarn in das Ohr, doch laut genug, daß Melchior es verſtehen konnte, welcher es aber nicht zu beachten ſchien, und ſich an den Wirth wendend fortfuhr: „Aber ſagt mir doch einmal, ehrlicher Peter! wie ſeyd Ihr auf den Gedanken gekommen, Euern Geburts⸗ tag an dem beweglichen Faſtnachtsabend zu feiern? und warum nicht lieber an Eurem wirklichen Geburtstage, der doch ein unbeweglicher iſt? Schlechtdenkende Menſchen könnten ſagen, daß dieß ſo etwas nach Papſtthum riecht.“ „Das will ich Euch ſagen, Mel chior!“ antwortete der Wirth, welcher über die letzte Bemerfung des Stadt⸗ ſchreibers nicht ſehr erbaut zu ſeyn ſchien—„ſeht, ich wurde im Jahre 67 auf Faſtnacht geboren, wo gerade alle Narren aus der Stadt auf den Beinen waren. Und da ich nun von Kindheit an und noch immer ein Lieb⸗ haber luſtiger Streiche. bin, ſo faßte ich den Entſchluß, meinen Geburtstag immer in der Hoffnung, daß ſich dann ſtets ein Narr zu unſerer Beluſtigung einfände, auf Faſt⸗ nacht zu feiern. Was den Papismus anbetrifft, ſo kann ich Euch ſagen, das ich den Papſt und alle ſeine Heili⸗ gen eben ſo ſehr als Pferdefüße des Teufels verab⸗ 120 ſcheue. Ihr wißt es ja ſehr gut, Melchior! daß ich ein ächter Proteſtant bin, aber nicht mit einer ſo feinen Naſe begabt, um überall den Ketzer zu riechen. Das überlaſſe ich denen, deren Beruf es iſt.“ „Dafür laßt den Deichgrafen und ſeine Handlanger ſorgen!“— kief einer der Bürger, welcher auf Melchior nie gut zu ſprechen geweſen war.—„Aber dann muß er vorſichtig ſeyn, und nicht wie voriges Jahr ſeinen Kopf durch die eiſernen Gitter ſeines Hanſes ſtecken.“ „Ja, ja, das war zum Todtlachen“— erwiederte der Wirth, ſich an die Fremden wendend,—„obgleich mich der arme Duin dauerte. Man hatte ihm erzählt, daß in der Nähe ſeiner Wohnung eine Verſammlung der Arminianer Statt haben ſollte. Es fing ſchon an dunfel zu werden; aber Duin hat Falkenaugen. Voll Neugierde, das Haus, wo die Armintaner ſich zum Gottesdienſte verſammelt hatten, auszuforſchen, ſteckte er den Kopf durch die Gitter ſeines Thürfenſters; aber als er ihn wieder zurückziehen wollte, konnte er es nicht. Gleich einem grimmigen Eisbären ſaß er zwiſchen dem Gitter feſt. Er rief den Vorbeigehenden zu, ſie möchten gleich einen Schmied holen, der ihn aus ſeiner Haft befreie; aber unglücklicherweiſe hörten dieß nur ein Trupp Straßenjungen, welche ſich keineswegs beeilten, ſeinen Auftrag auszurichten. Sie holten ſogar ein paar bren⸗ nende Fackeln, womit ſie, um ihn recht zur Schau zu ſtellen, ſo lange vor ſeinem Hauſe auf und abliefen, bis endlich ein herbeikommender Schmied ihn erlöste. Der Zufall hatte mich auch dahingeführt, und ich ſah ihn noch durch das Gitter Feuer und Flamme ſprühen.“ „Es ſind wieder ſtrenge Befehle gegen die Armi⸗ nianer erlaſſen“— ſagte Melchior wieder, der, wie man es ihm deutlich anſah, bei dieſer Erzählung von dem Deichgrafen, der ſeines blinden Eifers und der Ver⸗ folgung der Arminianer wegen allgemein gehaßt wurde, keineswegs in ſeinem Eſſe war—„und ich möchte Euch wohl rathen, Held! ſehrauf Eurer Hut zu ſeyn, und 1 — — eS——— S— c ch en as er or uß en te ch t, ng on n. ich kte er ht. em en aft pp ten en⸗ zu bis der ihn 1i⸗ wie von er⸗ rde, uch und 121 keinem der abgeſetzten Geiſtlichen unter Eurem Dache aufzunehmen. Ihr könntet Euch dadurch Unannehmlich⸗ keiten zuziehn.“ „Meinetwegen kann der Teufel alle Arminianer holen, und ſie ſammt den Papiſten röſten und braten, ich will mit Beiden nichts zu ſchaffen haben. Aber ſo lang der liebe Gott, der dieſe Leute bis jetzt noch zu dulden ſcheint, ſie nicht mit einem Kainsmale bezeichnet, wodurch ſie einem ehrlichen Manne kenntlich werden, kann ich nicht auf der Lauer liegen, es könnte mir ſonſt leicht wie dem Deichgrafen gehen.“ „Und das wäre um ſo gefährlicher;“— erwiederte ſein Gegner—„denn Euer Kopf iſt wohl noch ein⸗ mal ſo dick.“ „Wahrhaftig!“— ſagte der Wirth, indem ſein Geſicht vor Freude glänzte, und er ſich wohlgefällig ſeinen Bauch rieb—„mein Kopf und mein Bauch ſind beide im beſten Stande. Das kommt von meinem guten Gewiſſen!“ „Mich dünkt,“— erwiederte Melchior,„daß Keller und Küche auch das ihrige dazu beitragen“ „Da trefft Ihr den Nagel auf den Kopf,“— rief der Wirth leidenſchaftlich aus—„und erinnert mich zugleich daß wir dieſe Bierflaſchen und Gläſer zur Seite ſchaffen können, um beſſern Verrath für den heutigen Tag zu haben.“ Dies ſagend nahm er eine kleine Pfeife, welche neben ſeinem Schlüſſelbunde an ſeiner linken Seite hieng, ſetzte ſie an den Mund, und ſchellte zugleich ſo laut, daß man es durch das ganze Haus hörte. Einen Augenblick nachher zeigte ſich ein rothhaa⸗ riger Kopf an der Thür und erkundigte ſich nach den Be⸗ fehlen ſeines Herrn. Dieſer befahl zwei große Kannen Rheinwein, der bei allen Gäſten im beſten Rufe ſtand, herzubringen. „Das war ein Wort zu ſeiner Zeit, mein Freund!“ Der Schutzgeiſt. I. 9 122 ſagte der dicke Viehhändler, indem er eine neben ihm ſtehende Kanne Bier zur Seite ſchob,—„ich weiß nicht, wie es kommt, aber Euer braunes Bier wollte mir heut Abend durchaus nicht ſchmecken. In dem jetzigen Gebräue ſitzt keine Kraft mehr, und mir fällt immer das alte Lied dabei ein: Ein langer Galgen, ein kurzer Strang, Daran den delftſchen Brauer hang! „Ihr habt ganz Recht, Hobbelaar!“ ſagte van Thienen, der, ſobald er den Befehl des Wirths ge⸗ hört, ſeinen Marſch eingeſtellt und ſich mit an den Heerd niedergeſetzt hatte.—„Das Waſſer zu Delft iſt beſtimmt ſehr angenehm für die Durſtigen, aber in den Brauereien iſt man damit zu verſchwenderiſch. Daher Bevemos vino, ſagt der Spanier. Auch war ich ſchon Euretwegen beſorgt, Held! als ich merkte, daß Ihr den ganzen Abend noch keinen Tropfen über Eure Lippen gebracht hattet. Als ich noch unter den Fahnen ſeiner allerkatholiſchſten Majeſtät— den der Teufel nun ſchon lang geholt hat— diente, da hörte ich oft das alte Sprichwort: quando el viego no puede bever, la huessa le pueden hazer. Das heißt: Macht nur den Sarg dem alten Mann, Wenn er nicht mehr trinken kann. „Wenn es nur darauf ankömmt,“— antwortete der Wirth—„dann will ich Euch heut Abend deutlich beweiſen, daß es mit mir noch nicht ſo weit gekommen iſt.“ Zugleich füllte er die Becher mit dem Weine, welcher in zwei rieſigen Kannen gebracht worden war; darauf nahm er einen Pokal zur Hand und mit dem Ausrufe:„Gott ſey mit Euch, meine heitern Gäſte!“ ſetzte er ihn an die Lippen und leerte ihn bis auf den Grund. Alle riefen mit lauter Stimme:„Lang lebe Vater — W— — N— —— ——— 8 — — 123 Held!“ und ſeinem Beiſpiele folgend, hatten ſie ihre Becher ſchnell geleert, welche der aufmerkſame Wirth ſogleich wieder füllte. „Und nun ein Liedchen, meine Freunde!“— ſprach van Thienen—„das gehört zum Weine, wenn er gut bekommen ſoll. Wer will eine heitere Melodie anſtimmen? Es kömmt hier keineswegs auf das Kunſt⸗ gerechte an, wenn es nur luſtig iſt. Jeder Vogel hat ſeinen eigenen Schlag, ſagt das alte Sprichwort. Am liebſten aber ein Trinklied, nicht wahr, Freund Held? Ihr müßt uns mit einem guten Beiſpiele vorangehen.“ „Ich überlaſſe dieſe Ehre immer meinen Gäſten,“ — antwortete Held.—„Es iſt nicht mehr als Recht, daß ſie auch zuerſt ſingen müſſen; denn das Beſte, was mein Haus liefert, haben ſie ſtets zuvor gekoſtet.“ „Deßhalb iſt er auch dreimal mit einer Wittwe verheirathet,“— flüſterte Melchior ſeinem Nachbar dem Viehhändler in das Ohr. Dieſer ſchmunzelte, und van Thienen, nachdem er mit derſelben Würde wie ſeinen Becher geleert hatte, nahm wieder das ort: „Wohlan, ſo will ich denn der Erſte ſein. Wir ſitzen hier ja als tapfere Helden des Krugs vereinigt: laßt uns daher unſre Kriegsmacht gehörig ordnen. Ich will ſogleich die verſchiedenen Grade für dieſen Abend ernennen, und dann mögen die Biertrinker aus Delft mit uns in die Schranken treten. Das Lied geht nach einer bekannten Weiſe; Ihr könnt daher ſteis in die letzten Reihen einer jeden Strophe mit einfallen. Ein Jeder, dem ich in dieſem ehrenvollen Kriegsdienſte einen Rang ertheile, muß ſegleich darauf ſeinen Becher leeren.“ Jetzt ſetzte unſerer wackerer Kriegsmann ſich mitten in das Gemach; die ganze Geſellſchaft kehrte ſich um, und hatte, in einen Halbkreis geordnet, die Augen auf ihn gerichtet. Van Thienen räusperte ſich ver⸗ ſchiedene Male, leerte dann ſtimmte folgendes Lied an: Ihr Delfter mit dem trocknen Mund Kommt zeigt Euch, was Ihr ſeyd. Wir Rotterdammer ſind jetzund Zum Wettkampf ganz bereit. Ein jeder trink'ne volle Kann, Wenn auch der Leib geſchwollen an Und bleibe wie ein braver Mann, Am Zechtiſch allezeit. Der Trinker wackres Fähnelein Es fordert Euch heraus, Doch Weber oder Schneiderlein, Die laſſet nur zu Haus. Die beſten Zecher ruft heran, Ein Jeden der gut trinken kann. Gefüllte Kannen bringet dann, Und trinkt ſie rüſtig aus. Hierauf wandte ſich der Sänger feierlich an den Wirth, und indem er ihm den Becher reichte, fuhr er fort: Wir haben unſern wackern Held, Ernannt zum Colonel. So iſt der Poſten gut beſtellt, Denn er trinkt gut und ſchnell. Wenn ihm der volle Becher ſchäumt, Iſt er es nicht, der was verſäumt, Noch Andern je das Schlachtfeld räumt, Sein Aug' bleibt klar und hell. Bei den letzten Verſen, welche die übrigen Gäſte im Chor wiederholten, hob Held den Becher hoch auf, leerte ihn bis auf den Grund, und bewies es durch di⸗ Nagelprobe. Darauf wandte ſich van Thienen an vier Reiſende, richtete an einen Jeden von ihnen eine Strophe ſeines Liedes, welche jedesmal durch das Leeren eines Bechers beantwortet wurde. noch einen Becher, und Der Kapitän, ein kecker Mann, Beim Becher niemals faul, Der dieſe Kunſt vortrefflich kann, Zieht nie ein ſchiefes Maul. Ein halbes Orhoft ſäuft er aus, Und wird auch dann der Kopf ihm kraus, Er bleibet in dem Saus und Braus Und zeigt ſich niemals faul. Der Lieutenant iſt auch kein Hund, Vielmehr ein wahrer Baas, Unendlich thätig iſt ſein Mund, Beim vollen Deckelglas. Er bleibet bis zum letzten Mann, Beweiſet deutlich was er kann, Und nichts ſicht unſern Helden an, Er iſt und bleibet Baas. Der Fähnerich iſt auch ſchon gut, Macht Ehre ſeinem Stand. Er iſt entbrannt vom beſten Muth, Als Trinkkumpan bekannt. Er hält ſo feſt die volle Kann, Faßt ſie mit Fauſt und Zähnen an, Und trotzet ſo dem bravſten Mann In unſerm Vaterland. Nichts leichtes iſt es, glaubt es mir, Zu wählen den Se rgeant, Der wie im Weine, ſo im Bier Schon rühmlich iſt bekannt. Wenn er auch noch nicht Offizier, So muß er doch am Platze hier, Den vollen Becher Malvaſier Schon leeren mit Verſtand. Jetzt war die Reihe an den ſchwerfälligen Vieh⸗ händler gekommen, der aber feineswegs bis jetzt ſeinen — 126 Becher zu leeren gewartet hatte, und der Sänger fuhr mit lauter Stimme fort: Der Korporal gar durſtig iſt, Dabei ein wenig fett, Den Becher nach dem Bauche mißt, Und trinket um die Wett! Auch er entläuft uns ſicher nicht, Wie es verräth ſein Angeſicht Das Hochroth wie Auroras Licht, Ihm leuchtet ſtets zu Bett. Endlich wandte er ſich an den Stadtſchreiber: Nun wäre noch ein Poſten frei, Der Schreiber und Fourier. Der ſeinen Platz verwaltet treu, Der Freund von Wein und Bier. Doch er muß ſchnell beſetzet ſeyn, Damit bei voller Kanne Wein, Ihn ſpät am Abend einſt Freund Hein, Im Kreiſe finde hier. N Da nun die verſchiedenen Grade vertheilt waren, ſo mußten die übrigen Gäſte ſich mit dem Range ge⸗ meiner Soldaten begnügen, doch wurden ſie alle auf gleiche Weiſe im Heere aufgenommen. Die Munterkeit des Wirthes und ſeiner luſtigen Geſellen vahm mit je⸗ dem Augenblick zu, und je öfter der Inhalt der Kanne durch einen andern nicht mehr völlig leeren Raum ver⸗ tauſcht wurde, deſto geräuſchvoller wurde der Kreis. Ein Trinklied verdrängte das Andere, und in dieſer Kunſt war der wackere Veteran unerſchöpflich, welcher auch einſtimmig zum Generaliſſimus des ganzen Heeres aus⸗ gerufen wurde. Aber plötzlich hörte er mitten in einem ſpaniſchen Liede guf, und rief dem Wirthe, welcher trin⸗ kend ſeinen hohen Rang behauptete, zu: „Santa moca! wie der Spanier ſagt, wir haben noch immer nichts von Euch gehört. Warum fingt Ihr 127 uns mit Eurer ſchönen Baßſtimme nicht ein Liedchen vor. Denn wißt, Peter, daß ich das in Madrid erlernte Sprichwort gerne auf Euch anwende: y vino, y amigo antigno;— Wein und Freunde müſſen alt ſehn.“ „Habt nur Geduld, Kameraden!“ erwiederte der Wirth.—„Ihr ſollt alsbald ein dem Eurigen ähnliches Lied hören; obgleich es nicht ſo kriegeriſch klingt. Aber zuvor muß ich noch kleine Zurüſtungen zu unſerm Abend⸗ eſſen treffen. Dort am gewöhnlichen Platze iſt der Tiſch ſchon gedeckt, und ich hoffe, daß meine lieben Gäſte alle daran Theil nehmen werden.“ „Ganz gewiß!“— riefen ſie ihm einſtimmig zu— „Wir ſind alle von der Parthie.“ Der Wirth nahm ein ſchwarzes Brett, und ſchrieb mit einem Stück Kreide die Anzahl der Gäſte darauf. Dann trat er zu den beiden Fremden, welche noch im⸗ mer von der übrigen Geſellſchaft getrennt, am andern Ende des Saales ſaßen. Er verbeugte ſich, und redete ſie mit vieler Wohlberedtheit, einer Folge der heutigen Feſtgenüſſe an: „Wenn es den Herren beliebte, an der heutigen feſtlichen Abendtafel, welche im Nebengemache aufgetra⸗ gen iſt, Theil zu nehmen, ſo würden Sie es meiner fe⸗ ſten Ueberzeugung nach nicht bereuen. Ein paar fette Gänſe, wie ſie noch nie an Martini auf des Prinzen Tiſche ſtanden, ſtecken am Speiſe— Schaafskeulen ſo mürbe wie Butter— Weſtphäliſche Schinken, wöran ein Jude ſich verſündigen könnte— ein Rippenſtück von einem Ochſen, wie noch kein zweiter an der Maas auf der Fettweide graste. Dieß iſt auf Faſtnacht mein ge⸗ wöhnlicher Küchenzettel; doch glaubet nicht, daß ich deß⸗ halb päpſtlich geſinnt ſey. Dafür bewahre mich“ der liebe Gott! ich bin ein eifriger Proteſtant— das kön⸗ nen mir alle dieſe Herrn bezeugen— ich eſſe wohl am Freitag Fiſche, wenn ſie friſch aus dem Meere kommen, aber ſonſt weiß ich mir auch bei meineng Nachbar Hein⸗ 128 ſick dem Schlächter Raths zu holen. Aber Faſtnacht iſt mir ein wichtiger Feſttag, denn wißt, das...“ „Schon gut, Herr Wirth!“— erwiederte der eine der Fremden, welcher der vornehmſte zu ſeyn ſchien, und ſich durch die lange Anrede langweilte—„aber ich bin nicht hieher gekommen, um an der ausgelaſſenen Freude einer Anzahl Faſtnachtsnarren Theil zu nehmen, noch um Euer Glaubensbekenntniß anzuhören. Ich erſuchte Euch, uns einige Speiſen zu bereiten und ſie uns hier aufzu⸗ tragen, und ich rechne darauf, daß mein Geſuch Gehör findet.“ Unſer ehrlicher Wirth war gewöhnt, ſich mit ſeinen Gäſten auf gleichen Fuß zu ſtellen, welches in jenen Zei⸗ ten nicht auffallend war, und als ein Ueberbleibſel jener Gleichgültigkeit der Wirthe gegen ihre Gäſte betrachtet werden konnte, worüber Erasmus ſchon hundert Jahre früher ſich beklagte. Er fühlte ſich durch den hohen Ton des Fremden beleidigt, und ſtand auf dem Punkte, ſeinen Gedanken in einer minder hoflichen Zuſprache Luft zu machen. Doch der ſtolze und drohende Blick des Unbe⸗ kannten ſetzte Peter ganz in Verwirrung; die Worte erſtarben ihm auf den Lippen; er murmelte einige un⸗ verſtändliche Töne in ſich, und bezeugte endlich durch eine demüthige Verbeugung, daß ihre Befehle vollzogen wer⸗ den ſollten. Die an dem Heerd verſammelten Gäſte, welche zu⸗ vor die beiden Fremden kaum bemerkt hatten, waren, als der Wirth ſich zu ihnen begab, ihm mit den Augen gefolgt. Sie hatten Helds freundliche Einladung und die barſche Antwort der Fremden gehoͤrt, und ſie unterließen nicht, darüber ihre Bemerkungen zu machen. „Bei allen Heiligen des katholiſchen Kalenders!“ — ſagte van Thienen zu ſeinem nächſten Nachbar, dem zum Korporal der Trinklegion von ihm ernannten Lieferanten.—„Man ſollte glauben, daß irgend ein vor⸗ nehmer Signor aus Madrid oder Toledo an jenem Tiſche ſäße. Er will ſich nicht mit Faſtnachtsnarren ein⸗ — 129 laſſen und beſonders bedient ſeyn. Wenn ich hier Herr im Hauſe wäre, ſo würde ich ihnen ſchon längſt den nächſten Weg nach dem Deiche gezeigt haben. Was meint Ihr dazu, Freund Hobbelaar?“ „Das wäre ihr verdienter Lohn geweſen,⸗— erwie⸗ derte dieſer.—„Habt Ihr wohl bemerkt, daß ſie ſtolz auf uns herabſehen, als müßten wir es uns zur Ehre anrechnen, mit ihnen unter demſelben Dache zu ſitzen. Der Teufel hole die ſtolzen Prahler, die, weil ſie ein Schwert an der Seite haben, ſich einbilden, die Herren des Landes zu ſeyn, wenn auch ihre Börſe ſo platt iſt, wie eine gegerbte Ochſenhaut.“ „Achtet darauf,“— ſagte ein Anderer aus der Ge⸗ ſellſchaft—„wie der Eine bis über die Ohren im Man⸗ tel verhüllt iſt, als dürfe er ſein Geſicht vor ehrlichen Leuten nicht ſehen laſſen; und wie er nur ſelten die Augen aufrichtet, gewöhnlich vor ſich nieder ſieht!“ „Ihr habt wahrhaftig Recht,“— rief van Thie⸗ nen—„auch habe ich ſchon oft das ſpaniſche Sprich⸗ wort bewahrheitet gefunden: De quien pone los ojos en el suelo, no fles tu dinero! Das heißt: Der ſtets vor ſich niederſchaut, Niemals einem Solchen traut!“ Darauf kehrte der Wirth, welcher wahrſcheinlich zur Bedienung der beiden Fremden die nöthigen Befehle er⸗ theilt hatte, wieder zur Geſellſchaft zurück, und rief bei ſeinen Gäſten die frühere Heiterkeit wieder hervor, ob⸗ gleich ſie nicht ganz nachließen, zuweilen einen Blick auf die Fremden zu werfen, welche vor wie nach ihre Unter⸗ haltung fortſetzten. „Ein Jeder nach ſeinem Geſchmack,“— ſagte Held; doch nicht mit ſo lauter Stimme, als er wohl ſonſt ſei⸗ nem Unwillen Luft machte.—„Wir dringen Nieman⸗ den unſere Geſellſchaft auf. Sehr paſſend ſagt der Fran⸗ zoſe: vive la combagnie!— Wer ſich wie eine Schnecke 130 in ſein Haus verkriechen will, den werde ich nicht heraus holen.“ „Und nun das Lied, das Lied, Peter!⸗— riefen mehrere Stimmen zugleich. „Schon gut, Ihr ſollt es haben, wackere Geſellen. Doch wir haben den Wein ſchon ſo ſehr rühmen hören, daß ich jetzt ein anderes Lob anſtimmen will. Die Hüte ab, meine Gäſte, und Alle, welche meiner Meinung ſind, mögen fröhlich mit mir anſtimmen. Sollte Einer nicht mit einſtimmen, dann möge der Himmel ihn bekehren!“ — Bei dieſen Worten nahm Held die Mütze, welche ſeine ſich ſchon graufärbenden Haare bedeckte, in die Hand, und ſtimmte mit einem kräftigen und ſehr wohl— klingenden Baſſe das bekannte alte Lied, welches wir hier folgen laſſen, an. Der größte Theil ſeiner Zuhörer ſtimmte mit ein. Doch unter dieſen befand ſich van Thienen nicht, dem der Inhalt des Geſanges nicht ſehr zuſagte, und am Ende einer jeden Strophe, wo der Wirth immer eine kleine Pauſe machte, einige ſpa⸗ niſche Worte, wodurch er ſeinen Haß gegen die Frauen zu erkennen gab, einſchob. Der Sänger fing alſo an: Was nützt uns die Herrſchaft von Stadt und von Land, Was ſtattliche Schlöſſer, was Ordensband, Was hilft es, umringt ſeyn von dienenden Sklaven, Wenn man doch im Bette allein muß ſchlafen.“ Hier machte Held eine Pauſe, und der Krieger murmelte halblaut: casar, casar! suena bien y sabe wal; und ſang dann mit lauter Stimme den ungefäh⸗ ren Sinn dieſer Worte: Von Frauen tönet der Geſang! Ich lobe mir den Becherklang. Darauf fuhr der Wirth fort: Was hilft uns wohl Ehre und Glück in der Welt, Was hilfts wenn wir auf das Höchſte geſtellt, Wenn wir nach Gefallen belohnen und ſtrafen, Und müſſen alleine im Bette doch ſchlafen? 41 134 Kaum hatte der Wirth ſeinen Schlußreim beendigt, ſo brummte der Veteran wie zuvor: De la mala muger te guarda, y de la buena no fies nada. Wer den Frauen jemals traut, Hat auf loſen Sand gebaut. Was hilft's wenn nach Moſchus und Ambra Ihr riecht, Und üppig auf köſtlichen Daunen Euch wiegt, Wenn Schätze ihr berget im ſicheren Hafen, Und müſſet alleine im Bette doch ſchlafen? Der Kriegsmann benützte wieder die kurze Pauſe, und ſang mit lauter Stimme: De la mar la Sal. De la muger mucho mal. Das Salz kommt aus der grünen See, Von Frauen nur das Ach und Weh! Was nützt Euch die Weisheit, was aller Verſtand, Was hilft Euch Berühmtheit im fernen Land Was nützen Euch alle Hafen und Sclaven, Wenn Ihr doch alleine im Bette müßt ſchlafen. Bis hierher war der Wirth mit ſeinem erbaulichen Liede gekommen, wovon ein jeder Vers von der Mehr⸗ zahl ſeiner Zuhörer mit Jubel aufgenommen wurde, und einen Strahlenglanz der Genugthuung auf ſeinem Antlitz verbreitete, als ſich die Thür des Gemachs plötzlich öffnete und die Geſellſchaft mit zwei Reiſenden vermehrte. Der kräftige Ton ſeiner Stimme und der Jubel ſeiner Gäſte hatten gleichmäßig dazu beigetragen, daß der Wirth ge⸗ hindert worden war, das Rufen der Fremden zu hören, welche vor der Thür abgeſliegen und vergebens bemüht waren, ſich Einlaß zu verſchaffen. Obgleich in jenen Zeiten eine ſolche Vernaläßigung von Seiten des Wirthes gewöhnlicher war als jetzt, ſo waren doch auf dem Antlitz der eintretenden Fremden einige Spuren von Unzufrieden⸗ heit zu bemerken. Doch dieſe ſchwanden bald, als ſie das maleriſche Schauſpiel, welches ſich ihren Augen darbot, näher ſahen. Mitten unter der luſtigen Trinkgeſellſchaft erſchien die Tonnenähnliche Geſtalt Peters, welcher 132 in der einen Hand ſeine Mütze, in der andern den Becher hielt. Sein Geſicht, röther als gewöhnlich, bildete mit ſeinem greiſen Haar einen auffallenden Kon⸗ traſt. Da ſeine beiden Hände beſchäftigt waren, und dem ſchon oben erwähnten Kleidungsſtücke nicht die ge⸗ wohnte Unterſtützung zukommen laſſen konnten, ſo zeigte es ſich widerſpenſtiger als gewöhnlich, und war ſchon dergeſtalt im Sinken begriffen, daß nur die ſchleunigſte Hülfe es von einem gänzlichen Untergange retten konnte. Die ſonderbare Erſcheinung des Wirthes, der ſo eben wieder von ſeinem Geſange ſich zu erholen bemüht war, und von ſeinen Gäſten mit vollkommener Zufriedenſtellung angeſtarrt wurde, verdrängte bei den Reiſenden den er⸗ littenen Verdruß, und erregte ein Lächeln, welches bald zu einem lauten Gelächter überging, als Held ſich zu⸗ fällig umwandte, die zwei Reiſenden bemerkte, in dem Einen einen vornehmen Herrn zu erkennen glaubte, ſei⸗ nen Becher aus der Hand fallen lies und einige vergebliche Bemühungen anſtellte, um ſeine Toilette wieder in Ord⸗ nung zu bringen. Denn, wenn er ſich auch ſonſt nicht leicht aus der Faſſung bringen ließ, ſo merkte er doch in dieſem Augenblicke, von fremden Reiſenden überraſcht, daß er ſich in einem Zuſtand befinde, der, wie er ſelbſt zu vermuthen ſchien, ſeine Würde als ehrbarer Wirth beeinträchtigte, eine Verlegenheit, die auf eine komiſche Weiſe in ſeinen Zügen zu leſen war. Doch würden wir unſerm wackern Held Unrecht thun, wenn wir vermuthen könnten, daß ſeine Verwirrung lange angehalten hätte; um ſo mehr, da die Fremden ſelbſt mit dazu beitrugen, ihn ſchnell wieder in ſeine gute Laune zu verſetzen. Neuntes Kapitel. Die beiden eingetretenen Reiſenden waren noch in der Blüthe ihrer Jahre. Der Eine, dem Anſcheine nach zwanzig und einige Jahre alt, zeichnete ſich durch eine in ch ne 1 rieſige Geſtalt, eine edle Haltung, welche den Kriegsmann zu verrathen ſchien, und durch ein ſehr einnehmendes Aeußere aus. Er war fein und ſorgſam gekleidet, ſo wie man es gewöhnlich bei Leuten dieſes Alters bemerkt. Ein kurzes Schwert hing an ſeiner linken Seite, und unter dem Mantel zeigte ſich ein Gürtel mit zwei Pi⸗ ſtolen. Sein Gefährte ſchien fünf bis ſechs Jahre älter zu ſeyn. Er war nicht groß, und ſeine Kleidung, ob⸗ gleich ſie nicht von grobem Stoffe war, verrieth doch aufs deutlichſte die langjährigen Dienſte, welche ſie ihrem Herrn geleiſtet hatte. Sobald aber ſein Gefährte in das Zimmer getreten war, ſo ſchweifte ſein Auge, welches früher viel Leben gehabt zu haben ſchien, flüchtig über alle Glieder der Geſellſchaft, und die Menge der Kan⸗ nen und Gläſer ſchien ſeine Theilnahme rege zu machen. Die Ankunft der beiden Fremden hatte eine kleine Störung in dieſer ſo geräuſchvollen Verſammlung her⸗ vorgebracht. Sie ſahen die Fremden theils mit Neugierde, theils gleichgültig an, doch ſchienen ſie durch die Ver⸗ mehrung der Geſellſchaft, wodurch der Wirth wohl in Anſpruch genommen werden würde, durchaus nicht erbaut zu ſeyn. Nachdem dieſer mit einem den Wirthen ſelten fehlenden Scharfblick die Reiſenden gemuſtert und den Vornehmſten herausgefunden hatte, wandte er ſich ſogleich an dieſen und fing damit an, Entſchuldigungen hervor⸗— zubringen, daß die Nachläſſigkeit ſeiner Knechte, ſolche vornehme Reiſende ſo lange habe warten laſſen, bevor ſie ihnen die Pferde abgenommen hätten. Er ſelbſt, ver⸗ ſicherte er, ſey mit der Bedienung ſeiner Gäſte ſo eifrig beſchäftigt geweſen, daß ihm der Herren Ankunft ganz ent⸗ gangen ſey. „Es würde mir ſehr leid geweſen ſeyn, mein lieber Herr Wirth!“— erwiederte der Jüngſte der Reiſenden, „wenn ich Euch in Eurem löblichen Berufe geſtört hätte. Eure Knechte ſind aber in der That faule Taugenichtſe, denn obſchon wir unſere Lungen nicht geſchont haben, 134 ſo iſt doch keiner erſchienen, und wir mußten daher ſo gut als möglich unſere Pferde ſelbſt verſorgen. Der Wirth ſchlug voll Verwunderung die Hände zu⸗ ſammen, und wenn auch die Abweſenheit des Stallknechtes ein ganz gewöhnliches Ereigniß war, und den guten Peter nicht mehr befremden konnte, ſo rief er doch höchſt aufgebracht aus: „Die faulen Flegel!— Aber ſie ſollen dafür büßen, und nächſte Oſtern die goldene Hellebarde räumen. Das gelobe ich ihnen. Hätte ich doch nur Euer Rufen gehört, ſo würde ich ſelbſt herbeigeeilt ſeyn, Euch meine Dienſte anzubieten.“ „Wir ſahen die Möglichkeit nicht ein,“— erwiederte der Reiſende—„gegen den lauten Jubel der muntern Gäſte anzuſchreien.— Und wie ich ſchon erwähnte, würde ich auch ungern der Geſellſchaft ein Mitglied, das ſo geſchickt iſt, die allgemeine Fröhlichkeit zu vermehren, zu entziehen gewagt haben. Ihr müßt wiſſen, meine Freunde!“ — fuͤhr er fort indem er ſich einem Tiſche neben dem Kamin näherte, und nachdem er ſeinen Mantel und ſeine Piſtolen abgelegt hatte—„daß ich erſt geſtern, nach ener langen und mühſeligen Reiſe ins Vaterland zurück⸗ gekehrt bin. Deßhalb ſeht Ihr mich ſo bewaffnet; die Straßen in Brabant ſind jetzt höchſt unſicher.“, „Dann kommen Ew. Edlen wohl von meinen alten Kriegskameraden, den Spaniern her,“— ſagte van Thienen—„doch wahrſcheinlich ohne in ihrem Heere gedient zu haben.“ „Niemals würde ich dem Feinde meines Vaterlandes dienen. Ich komme aus einem beſſeren Kriege, der für die Glaubenslehre der Reformirten, für die Freiheit der Religion und des Gewiſſens geführt wird.“ „Dann kommt Ihr ſicher aus Böhmen?— Da ſoll es, wie man erzählt, ſehr blutig hergegangen ſeyn,“ — erwiederte der Krieger. „Ich komme aus Frankreich,“— antwortete der 135 Reiſende,—„wo in den letzten Monaten um des Glau⸗ bens willen viel Blut vergoſſen wurde.“ „Wie ſteht es denn mit unſern proteſtantiſchen Brü⸗ dern in Frankreich?“— fragte ein Anderer aus der Geſellſchaft. „Es fehlt ihnen weder an Muth noch an Ausdauer,“ — war die Antwort des Reiſenden—„auch würden ſie in einer Sache, wofür ſie unerſchrocken Gut und Blut geopfert haben, triumphiren, wenn mehr Einheit unter ihnen herrſchte.“ „Zwietracht iſt ſowohl für ganze Nationen als auch für einzelne Familien der größte Verderb,“— ſagte Melchior, der ſeiner Meinung nach eine wichtige Perſon war, und die Aufmerkſamkeit des Fremden zu feſſeln wünſchte—„daher ſagte auch der weiſeſte der Könige; Ein trockener Biſſen und Ruhe dabei, iſt beſ⸗ ſer als ein Haus voll geſchlachteter Thiere und Unfrieden.“ „Ja, ja!“— ſagte Held—„ich halte es mit dem Sprichworte: Friede ernährt.“ „Welches aber mehr als Redensart, wie in den Herzen der Bürger und Regenten tief eingeprägt iſt,“— bemerkte Melhchior. „In Frankreich wird es meiner Meinung nach nicht beſſer gehen, als ich es in Spanien erlebt habe,“ — ſagte der Veteran—„damals war das Sprichwort im Gange: Compania de quatro, compania del diablo. Das heißt: wo nur vier Perſonen ſind, da miſcht ſich der Teufel hinein, um Störung und Zwietracht zu er⸗ wecken.“ „Das iſt leider nur zu wahr;“— erwiederte der Fremde—„wenn der Himmel ihnen nicht die Augen öffnet, damit ſie ihren wahren Vortheil einſehen, und dem gemäß handeln, dann fürchte ich, daß unſere Glaubens⸗ genoſſen in dem löblichen Kampfe erliegen. Doch“— fuhr er fort, indem er ſich ſetzte—„es ſcheint mir, meine luſtigen Herren, daß ich eine Störung in Eurem 136 Feſte verurſache, welches ich ſehr bedauern würde. Wenn unſer freundlicher Wirth uns eine Kanne alten Wein rei⸗ chen und dabei nicht ganz unſere Mahlzeit aus den Augen ſetzen will— denn wir haben in der That heute Faſt⸗ tag gehabt— dann hoffe ich, daß man ſich nicht weiter um uns bekümmern und ein Jeder der Fröhlichkeit wie⸗ der den Zügel ſchießen laſſen wird. Ich ſehe gern fröh⸗ liche Geſichter um mich her, und habe jetzt auch gute Urſache ſelbſt vergnügt zu ſeyn.“, „Es iſt wahr, wir feiern hier ein kleines Feſt,“— erwiederte der Wirth— nachdem er zuvor den beiden Reiſenden eine Kanne Wein vorgeſetzt hatte—„Auf Faſtnacht ſteht in der goldnen Hellebarde ſtets ein ſo gut beſetzter Tiſch bereit, daß kein Königsſohn ſich der Mahlzeit zu ſchämen braucht. Wenn daher die beiden Herren unſere Mahlzeit theilen wollen, ſo würden Sie es nicht bereuen, und ein Jeder von uns würde ſich durch Eure Geſellſchaft geehrt fühlen. Sobald Ihr befehlt kann aufgetragen werden.“ „Die Verſuchung iſt in der That groß,“— erwie⸗ derte der Reiſende—„und es koſtet mir einige Ueber⸗ windung ihr zu widerſtehen. Aber die wenigen Augen⸗ blicke, welche mir noch in der Geſellſchaft meines wackern Reiſegefährten vergönnt ſind, wünſche ich ſo viel als mög⸗ lich in einer zutraulichen Unterhaltung hinzubringen. Ihr feiert heute ein Feſt, meine Freunde! auch ich habe Grund ein ſolches zu feiern, denn ich bin heute gewiſſer⸗ maßen durch ein Wunder, und mit dem klugen Beiſtande und der Aufopferung dieſes edlen Mannes aus den Klauen des Todes gerettet worden. Mit ſeiner Hülfe kann ich mich auch als wiedergeboren betrachten.“ 5 „Und auch als wiedergetauft,“— ſagte der Reiſe⸗ gefährte, welcher bis jetzt geſchwiegen hatte, und auf den alle Augen geheftet waren;—„denn, bei meiner armen Seele, ich glaube nicht, daß die verfluchten Anabaptiſten ihre Täuflinge einer ſolchen Ueberſchwem⸗ mung, als die wir heute Morgen erlitten, ausſetzen. 137 Br! br mich ſchaudert noch!“— fuhr er fort, indem er ſeinen Becher leerte—„Glaubt mir, Herr Wirth, Euer Wein muß kräftig und feurig ſeyn, wenn er mir wieder alle Kälte aus den Gliedern treiben ſoll.“ Alle betrachteten die Reiſenden mit einem fragenden Blick, als wünſchten ſie die Auflöſung dieſer räthſel⸗ haften Worte zu erfahren. Moritz— denn unſre Leſer werden ihn gewiß ſchon erkannt haben— nahm wieder das Wort. „Wiſſet, daß ich mich heute Morgen mit Tages⸗ anbruch von Moerdyk nach Strym überſetzen ließ. Als wir dem Ufer nahe waren und ich ſchon wieder zu Pferde ſaß, wurde das arme Thier, Gott weiß durch welchen Zufall, ſo ſcheu, daß es mit einem einzigen Sprunge zur Seite aus dem Fahrzeuge ſprang und mich mit ſich in die Tiefe zog. Oögleich ich ein guter Schwimmer bin, ſo war es mir doch nicht möglich, da mein Fuß im Steigbügel feſt ſaß, den geringſten Ver⸗ ſuch zu meiner Rettung zu machen. Niemand von Allen den Uebrigen, welche ſich im Fahrzeuge befanden, hatte den Muth, ſein Leben für das meinige in die Wagſchaale zu legen. Auch weiß ich ſehr wohl, daß ein jeder Ver⸗ ſuch gefährlich, und nur wenig Ausſicht zu meiner Ret⸗ tung vorhanden war. Ich würde alſo ohne Zweifel meinen Tod in den Wellen gefunden haben, wenn nicht dieſer edelmüthige Fremde, welcher ſich mit im Schiffe befand, mir zur Rettung herbeigeſprungen wäre. Ohne ſich einen Augenblick zu bedenken, warf er ſeinen Mantel ab, ſprang in das Waſſer, ſchwamm auf mich zu, und hatte das Glück meinen Fuß aus dem Steigbügel los⸗ zumachen, und zog mich in dem Augenblicke, wo ich ſchon anfing mein Bewußtſeyn zu verlieren, an das Land.“ d „Bravo! bravo!“— riefen drei bis vier Stimmen —„Das heißt man Rettung, denn das Waſſer ging nicht bis an, ſondern über den Kopf.“ Der Schutzgeiſt. 10 1 138 „Ich leere dieſen Becher auf das Wohlſeyn des wackeren Mannes, der auf Unkoſten ſeines Lebens, das ſeines Nächſten rettete,“— ſprach van Thienen, in⸗ dem er ſeinen Worten gemäß handelte. Alle folgten laut jubelnd ſeinem Beiſpiele. „Ich ſage Euch meinen freundlichſten Dank, für Eure wohlgemeinte Theilnahme!“— erwiederte der Fremde, indem er ſeinen Becher leerte,—„doch erlaubt mir zu bemerken, daß Ihr zu viel Aufhebens von einer Kleinig⸗ keit macht. Es koſtete mir nur wenig Mühe, dieſen Herrn aus den Fluthen aufzufiſchen, und mit ihm an das Ufer zu ſchwimmen. Von früheſter Kindheit an machte es mir Vergnügen, wie eine Ente im Waſſer herumzuplätſchern, und ich würde vielleicht zur Amphibie geworden ſeyn— ſo ſehr geſiel mir das Element— wenn ich,“ fuhr er fort, indem er ſeinen Becher wieder füllte und ihn an die Lippen ſetzte—„wenn ich nicht noch zur rechten Zeit die Erfahrung gemacht hätte, daß der Wein doch bei weitem den Vorzug verdient. Auf Eure Geſundheit, meine freundliche Herren!“ Dies ſagend leerte er ſeinen Becher mit einer Würde, der ihm einen ſehr hohen Rang in der Legion unſres Vete⸗ ranen verſchafft haben würde. Darauf fing er ein da⸗ mals allgemein bekanntes Lied an: Als die Götter bankettirten Und nach Nektar ſich umſahn— Hier ſchwieg er, und die Heiterkeit, welche ſich während einigen Augenblicken auf ſeinem Antlitz gezeigt hatte, wurde wieder durch eine dumpfe Theilnahmloſig⸗ keit, welche ſeinen Hauptzug bildete, erſetzt. „Indeſſen wundert es mich,“— ſprach der Wirth, ſich an Moritz wendend—„daß Ew. Edlen ſogleich die Reiſe fortſetzen konnten, und daß keine Spuren von dieſem Unfalle zurückgeblieben ſind.“ „Meine Zeit iſt mir ſehr koſtbar;“— antwortete Moritz—„ich wollte gern heute oder ſpäteſtens Mor⸗ N h 139 gen bei meinen Angehörigen in dem Haag ſeyn. Und da ſich mir eine paſſende Gelegenheit darbot, ſtatt meines in den Wellen ertrunkenen Pferdes, ein anderes für mich und eins für meinen Retter zu kaufen, der mich bis hieher begleiten wollte, ſo beſchloſſen wir, nach⸗ dem wir Kleider gewechſelt und einige Erfriſchungen zu uns genommen hatten, unſere Reiſe ohne weitern Aufent⸗ halt fortzuſetzen.“ „Mir würde“— ſagte der Wirth—„der Schrecken doch ein wenig, nach einem ſo unerwarteten kalten Bade, an einem ſo herben Februarsmorgen in die Knochen ge⸗ fahren ſeyn. Und dann mit dem magern Freund Hein in ſo nahe Berührung zu kommen, und auf dem Punkte, ohne alle Vorbereitung in Abrahams Schooße aufgenommen zu werden, das hätte mir wenigſtens das kalte Fieber zugezogen.“ „Ich darf mich zwar noch für keinen Soldaten, der bedeutende Erfahrungen gemacht hat, ausgeben;“— erwiederte Moritz—„aber ich glaube ohne der Wahr⸗ heit zu nahe zu treten, behaupten zu können, daß ich während meiner kurzen kriegeriſchen Laufbahn in Frank⸗ reich mit den Elementen ſo ziemlich Bekanntſchaft ge⸗ macht, und auch dem Tod oft genug in der Nähe ins Angeſicht geſchaut habe, um nicht mehr ängſtlich vor ihm zurückzuſchrecken.“ „Erlaubet mir zu bemerken, daß dieß nicht viel ſagt,“— ſagte van Thienen, indem er aufſtand, gleichſam als wolle er ſeinen Worten dadurch einen größeren Nachdruck geben—„ich war in Portugal, in Arragonien und in den Niederlanden— und welcher Krieger, der während der letzten fünfzig Jahre in den ſpaniſchen Kriegen ſein Probeſtück ablegte, kann nicht daſſelbe ſagen— in ſolchen Lagen, wo ich mein Leben um einen Pfifferling verkauft hätte. Aber es iſt ſehr verſchieden, dem Tode auf dem Schlachtfelde ins Angeſicht zu ſchauen, wo es eine heilige Pflicht iſt, ihm 10* 140 unerſchrocken entgegen zu treten, oder ihm auf eine un⸗ vorbereitete Weife und als ein wehrloſes Opfer über⸗ antwortet zu werden. Die verſchiedenen Geſtalten, unter denen er ſich mir zeigte, haben keine grauſige Erinnerung bei mir hinterlaſſen; wenn ich aber bedenke, wie ich als dreizehnjähriger Knabe, von Kriegsknechten geknebelt auf dem Punkte war, in den Strom geworfen zu werden, dann überläuft es mich noch eiskalt.“ „Dann habt Ihr ſchon früh dem Tod ins Auge geſchaut;“— ſprach Moritz—„und wahrlich keiner freundlichen Geſtalt. Wenn es kein Geheimniß it „Ganz und gar nicht!“— erwiederte van Thie⸗ nen.—„Der anweſenden Geſellſchaft iſt die Geſchichte ſchon bekannt; da aber Ew. Edlen Theilnahme ſie zu hören äußern, ſo will ich ſie gern erzählen. Ich war damals zwölf bis dreizehn Jahr alt, doch meinem Muthe nach würde man mich ſuͤr älter gehalten haben. Es war damals ohne Zweifel für unſer Vaterland die verhängnißvollſte Zeit. Ich war eine Waiſe, und wurde von einem Bru⸗ der meiner Mutter, welcher mich väterlich liebte, zu Oudevater auferzogen. Die Spanier, welche mit Gottes Beiſtand damals dieſe Gegend verlaſſen hatten, kamen im Sommer 75 von Hirges angeführt, dahin zurück. Die geringe Beſatzung und die Bürger beſchloſ⸗ ſen ſich zu vertheidigen und thaten Wunder der Tapfer⸗ keit. Doch wie voraus zu ſehen war; ſie mußten zuletzt der Uebermacht weichen. Die Stadt wurde mit Sturm eingenommen, und die Spanier verfuhren auf ihre ge⸗ wohnte Weiſe. Mord, Plünderung und Brand erfull⸗ ten hald die unglückliche Stadt, und keine Wohnung blieb verſchont. Mein wackerer Oheim hatte eine ſchwere Wunde empfangen. Er lag von Blutverluſt erſchöpft auf ſeinem Lager, als ein Haufen Spanier in unſre Wohnung drang. In einem Augenblicke war alles ge⸗ plündert und zerſtört. Jetzt fielen zwei oder drei Spa⸗ nier über meinen unglücklichen Oheim, der ſich vergebens 141 zu Lerbergen ſuchte, her. Auf dem Punkte ihm das Eiſen durch die Bruſt zu jagen, ſtürzte ich voll Wuth und Verzweiflung, mit einer geladenen Piſtole in der einen und mit einem Schwerte in der andern Hand über die Mörder her. Es glückte mir den einen nieder⸗ zuſchießen und den andern zu verwunden. Doch plötzlich erhielt ich einen Schlag auf das Haupt, welcher mich bewußtlos zu Boden ſtreckte. Ich kam ſehr bald wieder zur Beſinnung, aber nur um die Gewißheit zu erlangen, daß mein Pflegevater getödtet und ich an Händen und Füßen geknebelt, nach der Yſſel geſchleppt und in den Strom geſtürzt werden ſollte. Schon hatten die Wüth— riche mich bis ans Ufer fortgeſchleppt, ſchon hatten ſie mich, um mich hinab zu werfen, in die Höhe gehohen, als ein ſpaniſcher Offizier, menſchlicher als die übrigen, herbeieilte, und mich aus den Händen der Barbaren rettete. Er erfuhr die Urſache der mir zugedachten Strafe, und über meinen Heldenmuth, den er als ganz etwas Außerordentliches für mein Alter betrachtete, er⸗ ſtaunt, beſchloß er ſogleich mich zu ſich zu nehmen und für meine Erziehung zu ſorgen. Er war im Begriffe nach Spanien zurückzukehren und führte mich mit ſich fort. Mein Retter und Wohlthäter hieß Don Men⸗ dez de Garcia. Ihm verdankte ich mein Leben, und da mich keine Verwandten oder andere Verhältniſſe mehr an mein Vaterland feſſelten, ſo willigte ich gern in ſeinen Vorſchlag. „Nach wenigen Jahren trat ich ſeinem Wunſche gemäß in ſpaniſche Kriegsdienſte. Der Soldatenſtand ge⸗ fiel mir, und ich machte nur die Bedingung, nie⸗ mals gegen mein Vaterland zu dienen gezwungen zu werden. Er verſprach es mir, und es eröffneten ſich auch bald andere Gelegenheiten. Unſer alter Freund, der Herzog von Alba— wenn auch ein Spanier und vielleicht einer der blutdürſtigſten, ſo hat er doch als Krieger nicht ſeinesgleichen— wurde vom Könige mit der Eroberung Portugals beauftragt. Man weiß wie glücklich und 142 in welcher kurzen Zeit der bejahrte Feldherr ſich dieſes Auftrags entledigte. Ich machte den ganzen Feldzug mit, und ohne zu prahlen auf eine ſolche Weiſe, daß die Spanier, in ſo fern es ihnen bekannt war, gänzlich vergaßen, daß ich zu den Ketzern gehörte. Ich war da⸗ mals in einem Alter, wo mir Krieg und Gefahren das liebſte, und Ruhm das höchſte Ziel meines Lebens war. Doch bald regte ſich in mir eine Stimme, welche mich an mein Vaterland erinnerte, und mir zurief, daß ich verkehrt und ſtrafbar handle, deſſen ärgſten Feinden zu dienen. All mein Sehnen ging nach Holland, und mein Herz ſchlug feurig für den braven Prinzen Wil⸗ helm. Mein Zuſtand wurde mir mit jedem Tage un⸗ erträglicher. Ich offenbarte es meinem Wohlthäter, welcher es keineswegs übeldeutete, und nur verlangte, er war ſchon ziemlich alt, daß ich nicht vor ſeinem Tode nach meinem Vaterlande zurückkehren ſollte. Ich würde es auch nie bereuen, fügte er hinzu, ſeinem Wunſche willfahrt zu haben. Ich gab ihm auch gern und feier⸗ lich dieſe Verſicherung. „Ich bleib daher im ſpaniſchen Dienſte, und— wa⸗ rum ſollte ich es läugnen?— um ſo lieber, da mein Schwert nicht mehr gegen Freunde, ſondern gegen die Spanier ſelbſt gerichtet war. Es waren nämlich innere Unruhen ausgebrochen, welche einen Bürgerkrieg zu Folge hatten. Ich ſah mit Wohlgefallen, wie die Feinde un⸗ ſeres Vaterlandes ſich unter einander aufrieben. Ich war bei der Eroberung von Saragoſſa, wo die Spanier eben ſo grauſam mit ihren eignen Landsleuten, als früher mit den unterdrückten Niederländern verfuhren. Nachdem das königliche Heer in Arragonien die Ruhe wieder⸗ hergeſtellt hatte, war ich nach Madrid zurückgekehrt. Hier erwartete mich mein väterlicher Freund, und erklärte mir, daß, da er keine nahe Verwandten hätte, er mich als Erben des größten Theiles ſeiner anſehnlichen Be⸗ ſitzungen eingeſetzt habe. Tief gerührt warf ich mich ihm zu Füßen und bezeugte ihm meine Dankbarkeit. Doch 143 es ſollte ihm nicht vergönnt werden, ſeinen mir ſchon erwieſenen Wohlthaten noch neue hinzuzufügen; ſchon lange hatte er den Verdacht des furchtbaren Gerichtshofes, die heilige Inquiſition, als Ketzer auf ſich gezogen. Viel⸗ leicht war es auch nur ein vorgegebener Verdacht, um die Beſitzungen des braven Greiſes an ſich zu bringen. Wie dem auch ſey, er war eines Tages plötzlich aus ſeiner Wohnung verſchwunden, und erſchien nicht wieder Doch es ſcheint, daß er ſein Loos voraus geſehen hat, denn in wenigen Zeilen, welche er mir kurz vorher mit einer Summe Geldes einhändigen ließ, ermahnte er mich zu der ſchnellſten Flucht, indem er mich verſicherte, daß meine Freiheit und mein Leben in der größte Gefahr ſchwebe. Ich bleib noch eine Zeitlang heimlich in Madrid, und erſt nachdem ich die Gewißheit erlangt hatte, daß er als unſchuldiges Opfer des vexabſcheuungswürdigſten aller Gerichtshöfe gefallen ſey, und daß ſeine Güter zum beſten einer geiſtlichen Stiftung eingezogen wären, verließ ich die Stadt. Gott vergelte dem edlen Manne in einer beſſern Welt das Gute, was er einer hilfloſen, fremden Waiſe erwies, und die unverdienten Leiden, welche ſein Ende herbeiführten.“ Bei dieſen Worten glänzte eine Thräne in den Augen des alten Kriegsmannes. Er ſchwieg einige Augenblicke. Doch ſey es, daß er vön Haus ans für ſolche ſanftere Gefühle nicht empfänglich war, oder daß das heilige Feit ihn dazu untauglich machte; ſein Geſicht erheiterte ſich wieder, und er fuhr fort: „Nur mit großer Mühe entging ich den Gefahren, welche mich zu bedrohen ſchienen. Im Frühjahr 92 kam ich in mein Vaterland zurück, und da der Krieg nun einmal mein Handwerk geworden war, ſo nahm ich ſo⸗ gleich in dem Heere des Prinzen, welcher die Erzählung meiner Abenteuer nicht ohne Theilnahme angehört hatte, Kriegsdienſte. Bei der Belagerung von Steenwyk wurde mir ſchon im Mai deſſelben Jahres Gelegenheit gegeben, mit meinen alten Kriegskameraden einen Tanz 144 zu machen, und ich glaube nicht, daß mir der Prinz das Zeugniß eines braven und umſichtigen Kriegsmannes in allen Schlachten und Belagerungen, welchen ich bei⸗ gewohnt habe und deren Zahl wahrlich nicht klein iſt, verſagen wird. Auch könnte ich Euch Narben zeigen, welchc wenigſtens beweiſen, daß ich tüchtig im Feuer war. Aber ich achtete die erhaltenen Wunden nie hoch, bis ich vor ungefähr fünfzehn Jahren bei dem fruchtloſen Angriff auf Venlo, unter dem Befehle des Grafen Heinrich eine Flintenkugel erhielt, welche mir den Arm lähmte und mich zum Dienſte untauglich machte. Auch wurde der Waffenſtillſtand bald geſchloſſen und es gab für einen braven Soldaten nicht viel mehr zu thun. Außerdem bin ich alt und greis, und tauge zu keinem andern Kom⸗ mando, als zu dem der Wein⸗ und Bierkanne, ſo wie es mir heut Abend von dieſen frohen Gäſten am Geburts⸗ tage aufgetragen iſt, welche mich zum Generaliſſimus er⸗ nannt haben.“ Dies ſagend ergriff er den Becher, den er im Eifer ſeiner Erzählung vergeſſen hatte, und indem er ihn bis auf den Grund leerte, bewies er, daß er nicht mit Unrecht zu dieſem Poſten berufen ſey. „Ich habe ſtets wackere Krieger geehrt;“— ſprach Moritz den Veteran anſehend—„und ich glaube, daß ein Mann wie Ihr ſeyd, die rechtmäßigſten Anſprüche auf die allgemeine Achtung ſeiner Landsleute hat. Auch in fernen Ländern habt Ihr das Vaterland nicht vergeſſen, und ſobald keine heilige Verpflichtung Euch mehr an die Fahnen der Spanier band, habt Ihr wie es ſich gehört dem Vaterlande Euren Arm geweiht. So handelt ein Mann; daher, meine Freunde! laßt uns einen Becher auf das Wohl des Vaterlandes, und aller Derer trinken, welche, dieſem würdigen Kriegsmanne gleich, ihm Leben und Blut geopfert haben!“ Seine Worte wurden von Allen mit lautem Jubel † aufgenommen. Ehe man es ſich verſah, waren alle Becher gefüllt und auf das Wohl des ehrlichen Veteranen wie⸗ der geleert. Der alte Schnauzbart war durch dieſen M — — S——1—* — —— =—— 2—— 8 S —— M n Nvvn— 145 Beweis der Achtung von einem ſo vornehmen Fremden tief gerührt. Er ſchwieg einen Augenblick, wiſchte ſich ein paar Mal mit der Hand über das Geſicht, und ſagte dann, ſich an Moritz wendend: „Beso los manos, wie der Spayier ſagt: Ich bin Euer Edlen ſehr dankbar, doch thut es mir leid, daß ich Eure Worte mir nicht ganz anpaſſen kann. Gewiß, ich habe gethan, was ich konnte; und wenn der Spanier, oder ſelbſt der Teufel in der Geſtalt eines ſpaniſchen Musketiers, mir nicht vor Venlo dieſen Arm lahmge⸗ ſchoſſen hätte, dann würde ich vielleicht auch jetzt noch, als ein Sechziger, ſo viel Kräfte in der Fauſt haben, um den allgemeinen Feind mit dem Delftſcheu Pulver ein come lava auf den Rücken zu brennen. Doch ich muß jetzt Anderen Platz machen— chacun àsontour — ſagt der Franzoſe. Da ſehe ich ſo eben, daß der ſchlaue Kuͤchenjunge unſeres Wirthes ſeinen rothen Kopf durch die Thüre ſteckt, wahrſcheinlich um uns zu benachrichtigen, daß das Abendeſſen bereit iſt. Der arme Junge iſt auch vaterländiſch geſinnt, und ein eifriger Anhänger des Prin⸗ zen, denn er trägt die Oranienfarbe auf dem Kopfe. Nun, da hält ſich die Farbe, und er braucht kein Geld auszugeben, um ſich einen Orangeſtreifen zu kaufen, wel⸗ ches er lieber im Wirthshauſe, im ſchäumenden Bier vertrinkt.“ Der Hospes bat Moritz noch einmal an der heu⸗ tigen Feſtmahlzeit Theil zu nehmen, boch dieſer wieder⸗ holte ihm die angeführten Gründe, und erſuchte ihn, ihm und ſeinem Gefährten einige Speiſen auftragen zu laſſen. Die Geſellſchaft begab ſich darauf in das anſtoßende Zimmer, welches durch eine Glasthüre mit der Wirths⸗ ſtube verbunden war. Die geräuſchvolle Fröhlichkeit, welche ſeit der Ankunft der beiden Reiſenden ein wenig geſtört worden war, erhob ſich wieder und ſchallte durch's ganze Haus. Dieſer Umſtand verſchaffte Moritzen und ſeinem Gefährten nach geendeter Mahlzeit die Ge⸗ legenheit, ohne von den beiden Fremden, welche in einiger . 146 Entfernung von ihnen ſaßen und zuweilen neugierige Blicke auf ſie richteten, gehört zu werden, ſich zutraulich zu unterhalten. Den Hauptinhalt davon wollen wir dem Leſer im folgenden Kapitel mittheilen. Zehntes Kapitel. Trink ihn aus den Trank der Labe 2 Und vergiß den großen Schmerz, 4 Wundervoll iſt Bacchus Gabe, Balſam fürs zerriſſene Herz⸗ Denn ſo lang die Lebensquelle An der Lippen Rande ſchäumt, Iſt der Jammer weggeträumt, Fortgeſpült in Lethes Welle. Das Siegesfeſt von Schiller. „Nein, mein Freund!“— ſagte Moritz zu ſeinem Gefährten, als ein Diener die Speiſen abgenommen und neuen Vorrath an Wein gebracht hatte—„wenn wir nur noch, wie Ihr mir geſagt habt, wenige Stunden zuſammen bleiben ſollen, ſo würde es mir ſehr angenehm ſeyn, wenn Ihr mir Mittel an die Hand geben wolltet, Eure edelmüthige Aufopfekung, der ich mein Leben ver⸗ danfe, zu vergelten. Meine Familie iſt reich, hat bedeu⸗ tenden Einfluß in verſchiedenen Städten Hollands, und iſt im Stande, dem Retter meines Lebens ihre Er⸗ kenntlichkeit zu beweiſen, und ihm ein ruhiges und ſor⸗ genfreies Alter zu ſichern. Redet daher nur frei her⸗ aus.“ „Ich habe Euch ſchon geſagt, daß ich nichts ver⸗ lange, wenigſtens nicht in dieſem Augenblick;“— er⸗ wiederte der Fremde.—„Sollte ich einſt in die Lage kommen, die Großmuth anderer anzuſprechen, dann ſeyd überzeugt, daß ich alsdann von Eurem freundſchaftlichen Anerbieten Gebrauch machen werde. Ihr überſchätzt den Dienſt, welchen ich Euch leiſtete. Ich wagte nichts, durch meinen Verſuch Euch zu retten.“ W— —— 8 S vN . 147. „Ihr trauet Eurer Geſchicklichkeit im Schwimmen zu viel zu;“— erwiederte Moritz—„welche Euch aber nach Ausſage derjenigen, welche zugegen waren, wenig geholfen haben würde, wenn— wie man allgemein fürch⸗ tete, mein Pferd, welches in der Todesangſt fürchterlich ausſchlug, Euch getroffen hätte. Ihr wagtet Euer Leben, um das meinige zu retten.“ „Und wenn dieß auch der Fall wäre,“— erwie⸗ derte der Andere mit einem bittern Lächeln—„ſo wäre damit nichts verloren geweſen. Wenn ich heute Morgen mein Leben in den Wellen verloren hätte, dann würde ich nur ein altes abgenutztes Kleid weggeworfen— eine Bürde, die ſchon lange meine Schultern beſchwert, von mir gewälzt haben. Das iſt das Ganze.“ Er ſchwieg einen Augenblick, dann hob er ſeinen Becher auf und fuhr fort:„Doch warum quält ſich meine Seele mit trüben Gedanken, in einem Augenblick, wo es in meiner Macht ſteht, alle nagenden Erinnerungen zu erſticken?“ Er leerte den Becher in einem Zuge, und als ſey jeder Trübſinn verſchwunden, trillerte er die erſten Verſe eines luſtigen Trinkliedes. „Wie?“— ſagte Moritz.—„Ihr ſeyd noch in der Blüthe Eurer Jahre und redet ſchon ſo verzweiflungs⸗ voll über das Leben. Könntet Ihr, kaum wenige Jahre älter als ich, ſchon ſo herbe, unerſetzliche Verluſte erdul⸗ det haben? Nein, das iſt nicht möglich. Das Leben, welches ſo unzählige Freuden darbietet, kann nicht ſo freudenleer für Euch ſeyn, daß Ihr ſchon wünſchen könn⸗ tet, es zu verlaſſen. Vielleicht habt Ihr ſeit Kurzem viel Ungemach erduldet, und das ſchmerzliche Gefühl der Euch beigebrachten Wunden macht Euch jetzt noch un— empfänglich, das Leben in ſeinem wahren Lichte zu be⸗ trachten, und die Freuden, welche es darbietet, zu ge⸗ nießen. Doch dieſe Wunden ſind nicht unheilbar, laßt ſie mich unterſuchen, und wenigſtens ihre Heilung ver— ſuchen, Ihr werdet ja dem unglücklichen Wahnſinnigen nicht gleichen, der in ſeiner Raſerei die Hand, welche — 148 ihn liebevoll verpflegt, und für ſeine Wiederherſtellung bedacht iſt, von ſich ſtößt?“ „Nein!“ antwortete der Fremde,—„wohl aber dem hoffnungsloſen Leidenden, an deſſen Körper ein verzeh⸗ render Krebs nagt, und der die ärztliche Hülfe kühn aus⸗ ſchlägt, da ſie doch nur ſeine Schmerzen verlängern, aber keineswegs heilen kann.“ „Wollt Ihr mir noch immer“— ſagte Moritz nach einem augenblicklichen Stillſchweigen—„Euren Namen und Eure Lebensgeſchichte vorenthalten?“ „Wozu könnte Euch mein Name dienen? Ver⸗ ſteht mich nicht unrecht, und nennet mich keinen kindi⸗ ſchen Thoren; haltet meine Worte nicht für eine Ver⸗ wirrung des Geiſtes, wenn ich Euch verſichere, daß ich ſchon ſo unglücklich bin, und noch einer ſo ſchrecklichen Zukunft entgegenſehe, daß ich ungern Jemanden mit der Erzählung meines Geſchickes läſtig werde, oder durch das Nennen meines Namens Jemanden in eine Be⸗ kanntſchaft ziehe, welche ihm höchſt nachtheilig werden könnte. Nennt mich nur Lutin: es iſt ein ehrlicher und unbefleckter Name, der Familienname meiner Mut⸗ ter. Auch habe ich ihn jetzt vorzugsweiſe in der Er⸗ wartung angenommen, um dem Schickſale, welches nicht in mir allein den Familiennamen meines Vaters zu ver⸗ folgen ſcheint, ſeine wirkende Kraft zu nehmen. Ver⸗ zeihet, daß ich Euch meine lächerliche Meinung mittheilte, und meiner traurigen Stimmung, welche ſonſt beim vol⸗ len Becher ihren Rückzug nimmt, den Zügel ſchießen ließ.“ Nochmals leerte Lutin haſtig den Pokäl, und hef⸗ tete ſeine Augen, in denen die ihnen eigenthümliche Gluth wieder aufzuleben ſchien, auf Mo ritz. Dieſer gewann immer mehr Theilnahme für den jungen Mann, und er⸗ ſuchte ihn nochmals, ihm ſeine Lebensgeſchichte mitzuthei⸗ len, da er hoffte, wenn er mit den Urſachen ſeines Schmer⸗ zes bekannt wäre, Mittel zu deſſen Heilung zu finden. Lutin ſchüttelte mit dem Haupte und ſagte:„Wie Ihr wollt. Doch mein Schickſal liefert nichts Abentheuer⸗ ing em eh⸗ us⸗ ber itz ren er di⸗ er ich hen der rch Be⸗ den her ut⸗ Fr⸗ cht er⸗ er⸗ te, ol⸗ . HE th nn er⸗ ei⸗ er⸗ 5 ie er⸗ 149 liches. Es iſt eine Alltagsgeſchichte, eine ſorgenfreie hei⸗ tere Kindheit, glänzende Erwartungen, die ſchönen Augen und blühenden Wangen eines Weſens, den Engeln des Himmels gleich, im Gewande einer Frau; ein Eden von ewiger Liebe und Treue, bittere Täuſchung, eine giftige Schlange, welche in das Paradies meines Glückes ſich einſchlich, und deren Athem Alles, was ſo herrlich blü⸗ hete und glänzte, mit einem tödtlichen Hauche überzog und abſterben ließ; Untreue und Meineid, und Augenblicke der Verzweiflung und Raſerei— das ſind die Beſtandtheile der Geſchichte, welche ich Euch erzäh⸗ len werde. Das iſt freilich alles ſehr alltäglich. Ha! ha! ha!“— fuhr er in einem Tone lachend, welcher Moritzen durch die Seele ging, fort.—„Doch das will Alles nichts ſagen; das ſind Erinnerungen, welche ein Becher Wein leicht wegſpült.“ Dieſe letzten Worte ſprach er mit ſteigender Erbitterung, aber kaum waren ſie vollendet, ſo kehrte der gleichgültige Ausdruck in ſein Geſicht zurück, und er füllte ſeinen Becher mit einer Ruhe, als wenn er das gleichgültigſte Geſpräch von der WVelt führte. Moritz war über dieſen Kontraſt und den Seelen⸗ zuſtand ſeines Gefährten höchſt erſtaunt, und gewann immer mehr die Ueberzeugung, daß dieß die Folge eines argen Unglücks ſeyn mußte, und erwartete mit Verlangen die Erzählung. Bald darauf hub Lutin an:„Ich hin ein Fremd⸗ ling, verſchiedene Umſtände zwangen meine Eltern, welche zu dem wohlhabenden Bürgerſtande gehörten, als ich kaum ſechs Jahre alt war, ihr Vaterland zu verlaſſen, und nach dieſen Gegenden zu ziehen. Noch erinnere ich mich deutlich des Tages, wo wir in Holla'nd ankamen, und wie es mein Vater mit Thränen in den Augen, ſeine Frau und ſein Kind an das Herz drückend, begrüßte, und uns in den Gränzen des neuen Vaterlandes will⸗ kommen hieß. Der Anblick ſo vieler freundlicher Städte und Dörfer erfüllte mich mit Freude. Meine Eltern 150 hatten den größten Theil ihrer Befitzungen, wenn auch mit einem anſehnlichen Verluſte, zu Geld gemacht, und hofften jetzt in dieſem freien und geſegneten Lande, durch Betriebſamkeit ein Vermögen zu erwerben, welches ihrem lieben Sohne eine unabhängige Stellung verſchaffen würde, und ihn vielleicht— wozu in einer Republik einem jeden Bürger der Weg offen ſteht— zu einer ehrenvollen Würde ſteigen zu ſehen. Sie ließen ſich in einer anſehnlichen Stadt Hollands nieder, welche durch die Betriebſamkeit der Bürger blühete, und ſahen anfangs ihren Eifer mit dem beſten Erfolge gekrönt. Ihr Ver⸗ mögen vermehrte ſich täglich, und ich, in dem ſie ihren größten Reichthum fanden, wuchs zu einem muntern und geſunden Knaben, zu einem vielverſprechenden Jüngling heran. Ich fühlte mich in dieſer Zeit ſo unausſprechlich glücklich, und noch jetzt können die ſchönen Tage meiner Kindheit und meines Jünglingsalters einen wohlthätigen Einfluß auf meine Stimmung haben. Ich bildete mir ſchon eine glückliche Zukunft, und ſchaffte mir, mit feu⸗ riger Einbildungskraft begabt, eine Welt, die nicht be⸗ ſtand, wenigſtens für mich ſich nie verwirklichen ſollte. Bald aber umnebelten dunkle Wolken die Klarheit, wor⸗ auf mein Auge ſo gern ruhete. Durch einen unglück⸗ lichen Zufall verlor mein Vater plötzlich ſein ganzes Vermögen. Er hatte einem Böſewichte, den er für einen Freund hielt, zu großes Vertrauen geſchenkt. Dieſer betrog ihn auf's Schändlichſte, und dieſer Verluſt erſchüt⸗ terte den ſchon bejahrten Mann beſonders um meinet⸗ willen ſo ſehr, daß ihn beim Empfang der Nachricht der Schlag rührte, und in wenigen Tagen ſeinem Leben ein Ende machte. Ich hatte eine vortreffliche, über meinen Stand erhabene Erziehung genoſſen, und ſtand auf dem Punkte, mit meinem neunzehnten Jahre in die Welt zu treten, doch alle meine Hoffnungen waren vereitelt. In einen beinahe dürftigen Zuſtand verſetzt, des Raths und Beiſtandes des Mannes, deſſen Klugheit die größten Hinderniſſe beſiegt hatte, beraubt, befand ich mich an⸗ — 3„„—„ c——————„„ — ich nd ch em en lik ep in rch 8 er⸗ en nd ng ich er en nir u⸗ be⸗ te. or⸗ ck⸗ zes len ſer üt⸗ et⸗ der ein ten em zu In nd ten n⸗ 151 fangs in einem beklagenswerthen Zuſtand. Aber ich war jung und unternehmend, ich beſchloß, für meine Mutter zu arbeiten, und durfte hoffen, daß der Himmel ſeinen Segen verleihen würde. So vergingen drei bis vier Jahre, wo wir, wenn auch nicht glücklich, doch mit unſerm Looſe zufrieden waren. Ich hatte den ſchönen Erwartungen meiner El⸗ tern entſagt, und ein Handwerk erlernt. So groß die Täuſchung auch war, ich lernte mich in mein Loos fü⸗ gen. Ich wähnte damals, daß noch Tage, Wochen und Monate himmliſcher Seligkeit mir aufbewahrt ſeyen, denn ich genoß kurze Zeit ein Glück, welches ſich mir als ewig und wirklich darſtellte, aber eben ſo vergänglich und betrüglich war. Eines Tages.. o! ſagt mir, habt Ihr je geliebt?“ Moritz einigermaßen von dieſer Frage überraſcht, zögerte mit der Antwort einen Augenblick, und ſagte darauf langſam:„Ich liebe.“ „Dann könnt Ihr Euch vielleicht einen Begriff ma⸗ chen von der reinen und ſchönen Welt, welche ſich mir eröffnete, als ich ſie geſehen, und in ihren Blicken Ge⸗ genliebe zu leſen wähnte. Doch nein; Ihr könnt es nicht. Ihr ſeyd ein Kind des Glücks, von früheſter Ju⸗ gend an im Schooße des Ueberfluſſes auferzogen, und habt bis jetzt noch keinen Mangel, kein Unglück erdul⸗ det. Ihr wißt alſo nicht, wie mir zu Muthe war, als mir die erlittenen Verluſte, die ärgſten Täuſchungen ſo glänzend erſetzt zu werden ſchienen. O! ich liebte ſie aufrichtig und zärtlich, mit der feurigſten Liebe, mit der ein Jüngling nur lieben kann. Meine Marie war ſchön; ihr Angeſicht voll Ausdruck und Gefühl. O! noch oft ſchwebt ihre ſchlanke Geſtalt meiner Seele vor; noch glaube ich, zuweilen die bezaubernden Töne ihrer Stimme zu hören, womit ſie mir die Worte? ich liebe Dich! ausſprach. Auch liebte ſie mich wirklich, wenig⸗ ſtens glaubte ich es: der unſchuldige Blick, das offene, himmliſche Antlitz konnte nicht lügen— oder der böſe 152 Geiſt hätte in der Geſtalt eines Engels erſcheinen müſ⸗ ſen. Doch nein! ſie liebte mich damals noch.— Das übrige könnt Ihr leicht errathen, denn ich ſagte Euch, daß ich Euch nur eine Alltagsgeſchichte zu erzählen habe. Ich wähnte mich einige Monate lang an der Seite mei⸗ ner Geliebten ſo unausſprechlich glücklich. Wie leicht ging ich an meine tägliche Irbeit; ich arbeitete nicht mehr allein für meine Mutter, ſondern auch für ſie. Schon war die Zeit zu unſerer Verehlichung auf das kommende Frühjahr feſtgeſetzt; ſchon hatte ich alle Maß⸗ regeln getroffen, eine Wohnung gemiethet, wo ich als glücklicher Gatte mit meiner Marie und meiner Mut⸗ ter wohnen ſollte— als eine muthwillige Hand plötz⸗ lich das Kartenhaus zerſtörte, und mit einem Male meine irdiſche, ja der Himmel weiß es, auch meine ewige Seligkeit untergrub.“— Hier ſchwieg er, knirſchte mit den Zähnen, und ergriff haſtig den neben ihm ſtehen⸗ den Becher; doch bevor er ihn an die Lippen brachte, ſetzte er ihn wieder mit einer ſolchen Heftigkeit auf den Tiſch, daß der Wein von allen Seiten überſtrömte. „Das einzige Mittel,“ fuhr er fort,„welches früher ſtets meine Schmerzen betäubte, will jetzt nicht helfen. Ich habe in dieſem Augenblicke mit unendlichem Wohl⸗ gefallen, die fürchterlichſte meiner Wunden aufgeriſſen, und keine heilende Salbe kanun den Schmerz, welchen ich mir muthwillig zugezogen habe, beſänftigen. Höret weiter, meine Erzählung iſt bald zu Ende. Ein mäch⸗ tiger adeliger Böſewicht, der am Hofe des Prinzen in hohem Anſehen ſtand— verführte meine Braut. Durch weiche teufliſche Kunſtgriffe es ihm gelungen iſt, weiß er nur allein. Außerdem trägt ſich am Hofe des Stadt⸗ halters Aehnliches wahrſcheinlich zu oft zu, als daß es Aufſehen oder Theilnahme erregt hätte. Aber wie das Mädchen, welches ich liebte, welches ich anbetete, nach⸗ dem ſie ihr Glück ſo ſchändlich zertrümmert, und gegen mich, der ich tauſendmal mein Leben für ſie hingegeben hätte, dieſen ſchändlichen Verrath begehen— wie ſie ———)————„ 7 8— ———— — — — P n. n, n in ch⸗ en en ſie 153 noch in meinen Armen, an meiner Bruſt liegen und mir Worte der Liebe zuflüſtern konnte— das iſt einer der unauflöslichen Widerſprüche in der menſchlichen Natur, welche uns überzeugen müſſen, daß der Satan, vas Meiſterwerk des Allmächtigen ſchon vom Anfange an jämmerlich zerſtört het. Genug; ich merkte nichts, bis mich endlich einer meiner Freunde aus dem Traume riß, und mich erinnerte, daß ich das Gebäude meines Glücks auf Sand gebaut habe, und es aus Mitleiden mit meiner Thorheit auf einmal niederriß. Ach! hätte man mich nur fortträumen laſſen.... ich fühlte mich ja ſtets ſo glücklich. Doch nein! So durfte es nicht bleiben. Wäre die Ungetreue meine Gattin geworden, und dann die Binde von meinen Augen gefallen— dann wäre viel⸗ leicht mein Gewiſſen jetzt ſchon mit einem Morde be⸗ laſtet; nein, nicht durch meine Hand mußte die Ver⸗ rätherin beſtraft werden. Doch ich komme von meiner Erzählung ab. Ich verwies Marien ihre Untreue nicht; denn ich fand keine Ausdrücke für meine Gefühle. Ich wollte nur das Band, welches uns bis jetzt ver⸗ einigt hatte, brechen, und deutete es ihr ſchriftlich in wenigen Zeilen an. Die Ungetreue— ach! ſie war ſchon tief gefallen— ſie hatte die Unverſchämtheit, mir zu antworten, und erheuchelte darin einen Stolz und Ue⸗ bermuth, der mich in Erſtaunen ſetzte. Der verfluchte Verführer,— ſo vermuthe ich— hatte durch leere Ver⸗ ſprechungen ihr Gemüth ganz eingenommen. Doch auch ſie erwachte gar bald aus ihrem unglückſeligen Taumel; und ihr Erwachen war gewiß fürchterlicher als das mei⸗ nige. Die von ihrem Verführer ſchändlich Verlaſſene wurde der furchtbarſten Verzweiflung zur Beute. Als ſie den ganzen Umfang ihres Elendes faßte, und mit kalter Gefühlloſigkeit, in dem Augenblick, wo ſie fühlte, daß ſie ein Unterpfand ihrer verbrecheriſchen Liebe unter dem Herzen trug, verſtoßen wurde, da ſchien ſie ihr Un⸗ glück nicht tragen zu können, und fühlte, daß ſie ihm Der Schutzgeiſt. I. 11 154 erliegen müßte. Zuvor wollte ſie von mir, den ſie ſo ſchändlich hintergangen hatte, Verzeihung erflehen. Sie kam aus ihrem Taumel geriſſen zu mir; warf ſich mir zu Füßen, umfaßte meine Kniee, und bat mich, indem, ſie ſich wie ein Wurm im Staube krümmte, ihr ein Wort des Troſtes, der Verzeihung angedeihen zu laſſen. Und ich.... ſie hatte mir auf immer meine Seelenruh geraubt;— ich ſtieß ſie von mir, und ſchwur ihr, daß meine Liebe in Haß, in Verachtung verwandelt ſey— und übergab ſie der Verzweiflung, dem Selbſtmorde!“ Nachdem er dieſe Worte geſprochen hatte, bedeckte er ſein Antlitz mit beiden Händen; er zog ſie aber bald zurück und Moritz ſah, daß ſich eine Todtenbläſſe über ſeine Wangen verbreitet hatte. Er hatte nicht den Muth, eine Frage an ihn zu richten, noch ihn zu bitten, in ſeiner Erzählung fortzufahren. Doch Lutin füllte ſich mit zitternder Hand einen Becher, trank ihn gleich ei⸗ nem aus Durſt Verſchmachkenden aus und fuhr fort: „Zwei Tage nachheri rrte ich einem gejagten Büßen⸗ den gleich außerhalb der Stadt umher. Der Herbſt nahete ſich ſeinem Ende, und ein ſchauerlicher Sturm⸗ wind tobte über die nackten Felder. Aber die Schreck— niſſe dieſer Jahreszeit ſtimmten vollkommen mit meiner Seelenſtimmung überein. Meiner kaum bewußt, ſchritt ich weiter, und der Zufall führte mich in die Nähe des Stadtgrabens, wo viele Menſchen verſammelt waren, und verwirrte Stimmen ſich hören ließen. Ich merkte es nicht eher, bis ich in ihrer Mitte war. Doch hier wurde ich gar bald aus meiner Träumerei geweckt, als ich den Gegenſtand des Auflaufes in die Augen faßte. Ich bemerkte ein todtenbleiches entſeeltes Mädchen, mit triefenden Haaren und Kleidern, am Rande des Stadt⸗ grabens. Es war eine Ertrunkene, und die verworrene Stimme der Menge ſprachen es deutlich aus, eine Selbſt⸗ mörderin. Ihr könnt Euch mein Entſetzen denken, als ich die Unglückliche, welche noch zwei Tage vorher mir zu Füßen lag, und mich in einem Zuſtande der Ver⸗ — . § 155 zweiflung verlaſſen hatte, wieder erkannte. Es war Maria, die Verlaſſene; das Mädchen, welches ich einſt ſo feurig liebte, welches mich treulos verrathen und mein Lebensglück auf ewig zertrümmert hatte. Denn ach! meine Grauſamkeit, da ich der tief gedemüthigten Sünderin in der Stuͤnde der Verzweiflung kein einziges tröſtendes Wort zuſprach, vielmehr grauſam ſie zurück⸗ ſtieß, war die Urſache dieſes fürchterlichen Schrittes. „Ich vermag es nicht, Euch meinen Zuſtand zu ſchil⸗ dern, auch kann ich ihn mir, Gott ſey Dank, nicht deut⸗ lich mehr vergegenwärtigen; auch glaube ich, daß ich viele Tage in einem völlig bewußtloſen Zuſtande hinge⸗ bracht habe. Im erſten Augenblicke ruhigeren Nachden⸗ kens faßte ich den Plan, vom Verführer der unglücklichen Maria Rechenſchaft zu fordern, und ihr, welcher ich aus Herzensgrunde verziehen hatte, blutige Rache zu verſchaffen. Ja wochenlang ging ich mit Mordgedanken um, und die Zubereitungen zur Ausführung meines blu⸗ tigen Planes gewährten mir die Wolluſt eines Tigers. Ich achtete mein Leben für nichts, und wollte es gern, ſie und mich zu rächen, vpfern. Als mein Vorhaben völ⸗ lige Reife erlangt hatte, eilte ich nach dem Haag, wo der mächtige Böſewicht ſich aufhielt. Mit dem Blutdurſte eines reißenden Thieres irrte ich Tag und Nacht um ſeine Wohnung und beobachtete einen jeden ſeiner Tritte. Doch umſonſt: ſey es, daß er mein Vorhaben gemerkt und auf ſeiner Hut war, oder daß eine hölliſche Macht, ſo oft eine günſtige Zeit zur Vollführung des Mordes ſich darzubieten ſchien, mich mit Blindheit ſchlug— eine jede Bemühung mich ihm unbemerkt zu nähern, mißglückte. Plötzlich fiel es mir ein, daß ich ihm auch ohne den tödtenden Stahl einen tödtlichen Streich bei⸗ bringen könnte. Er war ein Günſtling des Prinzen. Dieſer, dachte ich, würde den Böſewicht gewiß aus ſei⸗ ner Nähe entfernen, wenn ich ihn mit dem Vorgange bekannt machte, und ihm eine Strafe auflegen, welche 11 156 ſchwerer wäre, als ich ihm mit meinem Arm zufügen könnte. Thor, der ich war, wie wenig kannte ich den Hof, und die Denkungsart der Fürſten! Was kümmert es ſie, ob arme Bürger, worauf ſie von ihrer Höhe herab mit Geringſchätzung niederſehen, in Verzweiftung und Raſerei ihr Leben verfluchen, oder ſich durch Selbſt⸗ mord einem Daſeyn entziehen, welches ihnen durch die Grauſamfeit der Großen zu einer unerträglichen Laſt ge⸗ worden iſt! „Ohne Mühe erlangte ich Zutritt beim Prinzen. Mit wenigen Worten, doch mit dem ganzen Nachdrucke, welchen der Abſcheu in mir erregte, ſchilderte ich ihm das begangene Verbrechen. Gleichgültig und kalt, ich glaube ſogar, mit einem Lächeln hörte er den Anfang meiner Erzählung an, und ſchien nichts von dem Unwillen über das Betragen ſeines Günſtlings, welches ich bei ihm erregen wollte, zu empfinden. Doch als er das Ende dieſer kläglichen Erzählung vernahm, und ich ihm die Verzweiflung der unglücklichen Maria und ihren Selbſtmord treu vor die Augen ſtellte,— da veränderte ſich ſein Antlitz und verrieth mehr Theilnahme. Als ich geendigt hatte, ſchwieg er eine Weile, zuckte mit den Achſeln, und ſprach: „Es war ſchlecht, ſehr ſchlecht gehandelt— es iſt eine höchſt traurige Geſchichte, und ich beklage Euch, armer junger Mann! Aber ich kann nichts dabei thun, ſelbſt die Geſetze können den Schuldigen nicht nach Ver⸗ dienſt beſtrafen. Ihr müßt einer höhern Macht die Ver⸗ geltung überlaſſen. Doch glaubt mir, ich beklage Euch von ganzem Herzen.“ „Ich wollte noch einige Worte ſagen, aber ein Wink des Fürſten gab mir das Zeichen mich zu entfernen. Ich that es, nicht ganz unzufrieden mit dem Erfolg meines Beſuchs. Ich glaubte wenigſtens, dem Schändlichen auf immer des Prinzen Freundſchaft entzogen zu haben, und daß mir dadurch um ſo leichter Gelegenheit werden würde, meinen Racheplan zu verfolgen. In dieſer Vorausſetzung 157 trieb ich mich noch zwei bis drei Tage im Haag umher. Doch eines Morgens, während ich in meine gewöhnlichen Nachgedanken verſunken umherging, und durch die An⸗ näherung einiger Reiter geſtört, meine Augen aufſchlug, ſah ich den Prinzen und ihm zunächſt den Mörder meiner Marie, den ehrloſen Räuber meiner Glückſeligkeit. Sie ritten in ein heiteres und vertrauliches Geſpräch vertieft daher, ſcherzten und lachten— vielleicht über das unbe⸗ fangene Mädchen, das ſich ſo herrlich hatte betrügen laſſen, und nachher thöricht genug geweſen war, verzweiflungs⸗ voll ins Waſſer zu ſpringen; oder über mich armen Schlucker, der ſich dieſes ſo alltägliche Ereigniß ſo ſehr zu Herzen nahm, und ſo frech geweſen war, des Prinzen Ohren mit ſeinen ſo thörichten Klagen zu beläſtigen. Als ich ihn ſah, war es mir, als faßte mich der Satan. Ich knirſchte mit den Zähnen, ſtampfte mit den Füßen, ſo daß die Vorübergehenden glauben mußten, ich ſey einem Tollhauſe entſprungen. Ach! wäre ich wahnſinnig geworden, dann würde eine jede Erinnerung an die Vergangenheit aus meinem Geiſte gewichen ſeyn. „Doch meine Erzählung naht ſich ihrem Ende. Dex Gedanke, Mariens Tod mit eigner Hand an ihrem Verführer zu rächen, war von Neuem in mir rege ge⸗ worden; und ich würde auch nicht eher geruhet haben, wenn der Himmel dem beabſichtigten Morde nicht zuvor⸗ gekommen wäre. Ich weiß nicht, ob ich mich darüber freuen oder betrüben ſoll. Eines Tages wurde er von einem ſchönen Pferde abgeworfen, und ſtarb eine Woche ſpäter an den Folgen dieſes Falles. Faſt zu gleicher Zeit erlag auch meine Mutter, deren Kräfte durch eignes Herzeleid und den traurigen Zuſtand, worin ſie mich, ihren einzigen geliebten Sohn ſah, untergraben waren. Ich ſtand ſchweigend, faſt gefühllos an ihrem Sterbebette, und hatte keine Thräne mehr übrig, um ſie auf dem Grabe der einſt ſo herzlich geliebten Mutter zu vergießen. Jetzt war ich ganz allein in der Weit.“ Lutin ſchwieg und heftete ſeine Augen mit dem 158 Ausdruck der finſterſten Verzweiflung auf den Boden. Moritz hatte ſeine Erzählung mit einiger Theilnahme angehört, und bemühete ſich dem Unglücklichen einige Worte des Troſtes zu ſagen. „Ihr ſeyd in der That zu beklagen; ich ſeh es ein“ — ſagte er—„und dennoch glaube ich, daß Ihr noch urſache habt dem Himmel zu danken, daß er das ſchreck⸗ liche Vorhaben, womit Ihr umginget, durch ſeine unmit⸗ telbare Einwirkung vereitelt hat. Wie viel elender würdet Ihr jetzt ſeyn, wenn Ihr eſnen Mord auf dem Gewiſſen hättet. Jetzt dürft Ihr noch hoffen, daß die Zeit Eure Wunden heilen wird, und wenn das erſte peinliche Ge⸗ fühl gewichen iſt, dann könnt Ihr hoffnungsvoll der Zu⸗ . kunft entgegenſehen, und werdet wieder Freude am Leben finden.“ „Nein, Ihr täuſcht Euch, und ſeyd bemühet mich zu täuſchen“— ſagte Lutin mit Kopſſchütteln und ohne ſeine Augen aufzurichten—„für mich ſind keine lachende Ausſichten in die Zukunft mehr vorhanden. Ich habe das Ziel meines Lebens verfehlt; ich erinnere mich aus meinen Schuljahren der Erklärung des vivendi perdere causam des Dichters, und- dies iſt der Fall mit mir. „Meine Kräfte ſind untergraben; und es iſt mir nicht möglich einen neuen Lebensplan zu entwerfen.“ „Sollte ſich denn nichts zu Eurem Troſte auffinden laſſen?“— fragte ihn Moritz abermals.—„Weder die herzliche Theilnahme eines Freundes? Noch die Liebe einer andern Frau, die Eurer würdig iſt?“ „Nichts!“— erwiederte Lutin—„dies iſt der Freund, welcher mir den beſten Troſt gewährt,“— fuhr er fort, indem er den Becher aufhob, ohne ihn jedoch an die Lippen zu bringen—„r iſt mitleidig gegen mich, denn er betäubt mich, und ſtumpft den Schmerz ab, der mich ſo oft und ſo gewaltig heimſucht, der Himmel ver⸗ hüte nur, daß er— wie ich manchmal vermuthen muß — mich auch im Stiche läßt. Doch im Vertrauen geſagt“ — fuhr er, nachdem er wieder einen Augenblick geſchwie⸗ n — 159 gen hatte, von ſeinem Sitze aufſtand und ſich Moritz näherte, fort—„ich fürchte nur, daß der hauptſächlichſte Dienſt, welchen er mir leiſtet, darin beſtehe, daß er mir einen langſamern Tod bereitet, als ich ihn nur wünſche. — Und nun lebet wohl!“ „Ihr ſeyd in dieſem Augenblick keineswegs in der Stimmung, meinen Worten ein günſtiges Ohr zu leihen“ — erwiederte Moritz, welcher bemerkte, daß ſein Ge⸗ fährte ſich ſowohl durch die Erinnerung an ſein Unglück, als auch durch das wiederholte Leeren ſeines Bechers in einem ſo gereizten Zuſtande, der ihn zu einer jeden ruhi⸗ gen Unterhaltung unfähig machte, befinde.—„Begebt Euch daher zur Ruhe; morgen ſehen wir uns wieder und können unſer Geſpräch fortſetzen.“ „Vielleicht“— erwiederte Lutin, indem er Mo⸗ ritzen die Hand reichte und darauf mit einem„Lebe⸗ wohl!“ ſich entfernte, um das für ihn beſtimmte Schlaf⸗ zimmer aufzuſuchen. Mit großer Theilnahme ſah ihm Moritz, über das Gehörte nachſinnend, nach. Bald darauf wünſchte er ſich auch in das Bett zu begeben, als er zufällig das Auge auf die beiden Fremden richtete, und deutlich ſah— was er auch ſchon früher bemerkt zu haben glaubte— daß ſie ihn aufmerkſam beobachteten, und daß er der Gegenſtand ihrer Unterhaltung war. Dies Letzte beſtätigte ſich bald, denn er hörte ſeinen Namen mehrere Male nennen. Das ſetzte ihn um ſo mehr in Erſtaunen, da er ſich nicht erinnern konnte, je einen von Beiden geſehen zu haben, und weil er glaubte, daß ſein langer Aufenthalt in fremden Landen ſein Aeußeres auch wohl ſo ſehr verändert habe, um ihn bei Leuten, die ihn nur ſelten geſehen haben konnten, unkenntlich zu machen. Ohne ſich jedoch hierüber den Kopf zu zerbrechen, ſtand er im Begriffe, ſich nach ſeinem Schlafgemache führen zu laſſen, als der Jüngſte der Fremden ihm zuvorkam, von ſeinem Sitze aufſtand, und ihn nach der gebräuchlichen Weiſe, nur ein wenig ſtolz im Vorbeigehen grüßte und den Saal verließ. Wenige Augenblicke ſpäter that der Zweite ein 160 Gleiches, und ließ wie von ungefähr ein Blatt Papier dicht vor Moritzens Füßen niederfallen. Dieſer rief den Unbekannten, um ihn auf ſeinen Verluſt aufmerkſam zu machen. Doch er ſchritt weiter ohne es zu hören oder es hören zu wollen. Moritz hob das in eine Briefform gefaltete Papier auf, welches keine andere Aufſchrift ent⸗ hielt als:„Für den Finder.“ Er öffnete es und fand nur folgende Worte von Claudianus, welche ſein alter Lehrer ihm oft weitläufig aus der profanen und bibliſchen Geſchichte erklärt hatte: PTolluntur in altum Ut lapsu graviore ruant. Moritz konnte ſich durchaus nicht denken, warum der Fremde die ihm noch ſo ſehr bekannten Worte in das Gedächtniß zurückrief; doch ſeine Neugierde war dadurch rege gemacht, und er wollte ſich beim Wirthe näher nach dieſen beiden Fremden erkundigen. Daher war es ihm ſehr lieb, daß die Bewegung im anſteßenden Zimmer, wo er noch immer während ſeiner Unterhaltung des Veteranen militäriſches Kommando gehört hatte, das Ende des Feſtmahles zu verkündigen ſchien, und daß er ſogleich ſeinem Verlangen genügen konnte. Es dauerte nicht lange, ſo trat die ganze Geſellſchaft wieder in den Saal, an deren Spitze Petrus Held, deſſen rechte Hand mit einer glänzenden zinnernen Kanne bewaffnet war, während er in der linken einen ſchmucken filbernen Becher von großem Umfange trug. Auf ſeinem Antlitz glänzte ein noch höheres Roth als zuvor, und verrieth deutlich einen heiteren Rauſch. Die übrigen Gäſte folg⸗ ten ihm auf gleiche Weiſe bewaffnet, minder oder mehr die Wirkung des Weins verrathend. Im feierlichen Schritte alter Krieger marſchirten ſie im Saale umher, einige nicht ohne in Gefahr zu gerathen, das Gleich⸗ gewicht zu verlieren. Drei bis vier Schritte hinter dem Hauptkorps kam der Generaliſſimus, doch allem Anſchein nach in einem Zuſtande der Niederlage ange⸗ ——— —— 2 — 8— 8— 161 hinkt. Die Lähmung ſeines linken Arms ſchien ſich durch ein verhängnißvolles Schickſal ſeinen beiden Beinen mitgetheilt zu haben. Zum Kommando war er untaug⸗ lich geworden. Sobald der Wirth Moritz bemerkte, fommandirte er ſogleich rechts umkehrt, und zog auf ihn los. Darauf machte er Halt, verbeugte ſich tief vor ſeinem Gaſte, und erzählte in einer mehr wortreichen als wohlberedten Weiſe, daß ihr Oberhaupt— welches unterdeſſen auf einen Stuhl neben dem Herde niedergeſunken war, und zuweilen Kommandoworte mit ſpaniſch untermiſcht un⸗ verſtändlich hören ließ— verwundet und entkräftet auf dem Schlachtfelde geblieben ſey und ihm den Oberbefehl übertragen habe. „Seht ihn nur an, lieber Herr!“— ſagte der Wirth auf van Thienen hinzeigend, der mit ſeinem rechten Arm, dem einzigen Gliede, deſſen Gebrauch ihm noch vergönnt zu ſein ſchien, in der Luft herum fuhr und dabei vor ſich hin ſprach:„Viva la guerra, camerado! Gewehr auf Schulter! Vorwärts!“ und ähnliches, wel⸗ ches ihm jedoch viel Mühe zu koſten ſchien—„ſeht ihn nur, den armen Tropf! Er iſt in Mitten des ſpaniſchen Pulverdampfes auf den Beinen geblieben, und keine Waffe hat ihn niedergeſtreckt— und nun liegt er da, durch die Kraft meines alten Rheinweins, gleichſam als habe der Feind eine dreifache Ladung auf ihn abgebrannt. Wir hingegen haben pas Schlachtfeld ruhmvoll behauptet, und ſtreiten noch als wackere Kämpen fort. Heran Ka⸗ meraden!“— fuhr er fort, ſich an ſeine Gäſte wen⸗ dend—„achtet auf das Kommando: Den Lauf hoch!“ Alle hoben bei dieſen Worten den Becher in die Höhe, und erwarteten das weitere Kommando ihres Anführers. Dieſer unterließ auch nicht ſeine kräftige Baßſtimme bald wieder ertönen zu laſſen:„Oeffnet die Pfannen!“ Sogleich erhoben ſich mit einer lobens⸗ werthen Uebereinſtimmung die Deckel von den zinnernen 162 Kannen.„Ladet das Gewehr!“— ſogleich wurden alle Becher gefüllt.„Hoch das Gewehr und legt an!“ Die Becher wurden jetzt dicht unter die Lippen gehoben. Jetzt betrachtete der Befehlshaber eine Zeit⸗ lang mit Wohlgefallen ſeine Mannſchaft, welche unbe⸗ weglich in dieſer Haltung beharrte. Darauf holte er ſo viel Athem als ſeine Lungen auffaſſen konnten und rief mit donnernder Stimme:„Feuer!“— und in demſelben Augenblicke wurden die Becher mit einer ſolchen Behen⸗ digkeit geleert, daß Moritz geſtehen mußte, daß ſein tapferer Namensverwandte, der Prinz von Oranien, dieſen ſo gut eingeübten Soldaten ſeine Billigung nicht hätte verſagen können. Doch ſah er wohl ein, daß dieſe Leute in keiner geeigneten Stimmung waren, um ihm über die beiden Fremden Auskunft zu geben. Auch ver⸗ langte er nach den überſtandenen Mühſeligkeiten des Tages nach Ruhe, und beſchloß den erſten beſten Augen⸗ blick zu benutzen, um ſich von den Kriegsoperationen dieſes Heldenkorps zu entfernen. Sobald der Anführer wieder kommandirt hatte:„Schultert das Gewehr⸗ Vorwärts!“— und die Mannſchaften, mit Becher und Kanne in beiden Händen ſich wieder in Bewegung ſetzten— da beeilte ſich Moritz das Zimmer unbe⸗ merkt zu verlaſſen. Der Hausknecht, welcher mit ſeinen Freunden, den beiden Stallknechten, die Abweſenheit des Herrn und der Gäſte benützten, um ſich mit den Ueber⸗ reſten des Gaſtmahls bene zu thun, wies ihm ſein Schlafzimmer an, wo bald ein ruhiger Schlaf, trotz des noch zuweilen hinaufſchallenden Jubelns der Gäſte, ſeine Augen ſchloß. Eilftes Kapitel. Yoch war die rauhe Februarsnacht kaum über die Hälfte verſtrichen, und in der ver goldeten Helle⸗ barde herrſchte noch die tiefſte Stille, als ſchon — — N—— — S N 2 — S 8 8 die le⸗ 0n „ 163 eins der Logirzimmer geöffnet wurde, und die Geſtalt eines reiſefertigen Mannes daraus hervortrat. Es war Lutin. Nur mühſam gelangte er durch das Laby⸗ rinth der dunklen Gänge auf die Treppe und zu der Schlafſtelle des Hausknechtes. Dieſen, welcher erſt ſeit einer Stunde ſein Lager eingenommen hatte, aus dem erſten tiefen Schlafe zu wecken, war noch mühſamer. Endlich glückte es ihm, doch als der Hausknecht das Anliegen des Reiſenden, ihm ſogleich das Pferd zu ſatteln, um die Herberge zu verlaſſen, verſtanden hatte, da legte er gar feine Bereitwilligkeit an den Tag. „Es iſt ja ganz unerhört“— ſagte er gähnend— „daß Reiſende ſo mitten in der Nacht das Haus ver⸗ laſſen— auch wiſſe er nicht, ob es mit Bewilligung des Wirths geſchehe— dieſen dürfe er nicht wecken, da der brave Mann ſich kaum hingelegt habe— und daß der Reiſende doch auch jedenfalls etwas verzehrt habe, welches auch bezahlt werden müßte.“ Lutin hemmte den Strom der Reden des roth⸗ haarigen Hausknechtes, indem er mehrere Goldſtücke auf den Tiſch legte, und verſicherte, daß es mehr ſey als er verzehrt habe, und daß er das übrige, ihm zum Trink⸗ gelde beſtimmt habe, wenn er ihm behülflich wäre, zu ſeinem Pferde und den Stallknechten zu gelangen. Zu⸗ gleich befahl er ihm in einem gebietenden Tone, ſeinem Verlangen zu genügen. Die Goldſtücke, welche bei dem ſchwachen Scheine der Laterne dem Hausknechte ſehr in die Augen leuchteten, nachdem er auch den Ueber⸗ ſchlag machte, daß nach Abzug der Verzehrungskoſten noch Etwas für ihn übrig bleiben würde, zögerte er nicht länger. Er ſprang aus dem Bette, warf ſeinen groben Mantel um, trat in die Holzſchuhe und führte den Reiſenden in den Stall, wo er den Stallknecht weckte. Bald darauf wünſchte er dem Fremden eine glückliche Reiſe, welcher ſich weder durch das ſchlechte Wetter, noch durch die Dunkelheit der Nacht abhalten ließ, ſein Pferd zu beſteigen und langſam fortzureiten. 164 N Ohne viele Worte zu wechſeln, nahmen die beiden dienſt⸗ baren Geiſter der vergoldeten Hellebarde einen tüchtigen Trunk aus einem irdenen Kruge, welcher im Stalle unter dem Heu verborgen war, und deſſen Inhalt ihnen zu munden ſchien, worauf ſie ſich wieder nach ihrer Ruheſtätte begaben, um noch einige Stunden eines erquickenden Schlafes zu genießen. Lutin ritt im Schritt durch einen Theil der Stadt, deſſen Einwohner noch alle in den Armen des Schlaſes verſunken zu ſeyn ſchienen. Dann und wann begegnete ihm ein Rachtwächter, welcher durch den Regen und die Kälte erſtarrt, ihm im Vorbeigehen einen kaum hörbaren Gruß zuſprach. Die Nacht war ungemein dunkel, denn die Straßenerleuchtung beſtand damals nur aus einigen Leuchten, welche einzeln auf den Brücken, Plätzen oder Hauptſtraßen vor den vornehmſten Häuſern brannten, doch gewöhnlich ſchon vor Mitternacht ausgelöſcht waren. Auch war weder der Mond noch Sternenlicht ſichtbar. Es bedurfte daher der größten Vorſicht, um wie Lutin den Weg durch eine A.zahl enger und dunkler Straßen in ein ſehr abgelegenes Stadtviertel zu finden. Auch gerieth unſer Reiſende zuweilen in Zweiſel, und er hielt mehremale an, um zu überlegen, ob er ſich rechts oder links zu wenden habe. Wenn jedoch der genaue Beobach⸗ ter ſein Antlitz im hellen Tageslichte würde geſehen haben, dann hätte er wohl bemerkt, daß nicht die Furcht den rechten Weg zu verfehlen, ſondern Unentſchloſſenheit, ob er ſeinen Plan ausführen wollte, ihn zuweilen plötz⸗ lich den Zügel ſeines Pferdes anziehen und ſtillhalten ließ. Endlich aber ſchien ſein Entſchluß gefaßt zu ſeyn; er ſetzte ſein Pferd in einen ſchnellern Tritt, und befand ſich, nachdem er über einige ſchmale Stege geritten war, vor einem alten hohen Thurme, der ſich an der Stadt⸗ mauer erhob und hoch über ſie hinwegragte. Dies Gebäude war wahrſcheinlich ein Ueberbleibſel der früheren Stadt⸗ befeſtigung. Schauerlich war die Stille an dieſem öden Orte, und wurde nur durch das Pfeifen des Windes und . —„——ᷣ——— „———— ——— 38—„———-„ — 165 das Praſſeln des in Strömen herabfallenden Legens un⸗ terbrochen. In der unmittelbaren Nähe des alten Thur⸗ mes befanden ſich keine Wohnungen, und auf dem kleinen vor dem Thurme liegenden freien Platze lagen die Ge— rippe der Pferde, welche ihrem Herren keine weitere Dienſte leiſten, und der Barmherzigkeit des Raſenmeiſters preis gegeben waren. Lutin wußte ſehr wohl, daß dieſer abgelegene Winkel bei den Einwohnern der Stadt verrufen war, und daß eine abergläubiſche Furcht ſie zurückhielt, ihn, wenn es nicht durchaus nothwendig war, noch nach Sonnenuntergang zu betreten. Doch ſey es, daß er ſolchen Gefühlen unzugänglich war, oder daß er ſich in einer ſolchen Gemüthsſtimmung befand, welche ihn gegen alle wirklichen oder eingebildeten Gefahren gleichgültig machte, er verrieth nicht die mindeſte Furcht, als er vom Pferde ſtieg, es an einen naheſtehenden Pfahl band und den Eingang zum Thurme ſuchte. Bald hatte Lutin den Eingang gefunden, und eine alte, halb vermoderte Thür, welche nicht verſchloſſen war und auf ihren Angeln knarrte, geöffnet. Er beſtieg eine ſteile, dunkle und feuchte Wendeltreppe, welche je höher er kam, immer dunkler wurde. Endlich hatte er eine Art Portal erreicht, und indem er die Hand aufhob, um an eine kleine Thür zu klopfen, öffnete ſie ſich von ſelbſt, und er bemerkte den matten Schein einer Lampe. Er trat in einen achteckigten Naum, zwölf Fuß lang und ungefähr halb ſo breit. Man fand darin kein anderes Hausgeräth, als einen kleinen runden Tiſch und einen altmodiſchen Lehnſtuhl. Auf erſterem ſtand ein Todtenkopf, eine Sand⸗ uhr, ein irdener Krug und ein hölzerner⸗Napf. Die Wände des Gemachs waren weiß, doch hier und da mit beſondern Charakteren und Figuren bemalt. Vor einer der Wände hing ein ſchwarzer Vorhang, der unaufhör⸗ lich durch den Zug, welchen eine zerbrochene Scheibe her⸗ vorbrachte, in Bewegung geſetzt wurde, und welcher dem matten Scheine einer an der Wand hängenden Lampe eine unaufhörliche Bewegung mittheilte, wodurch es ſehr 166 beſchwerlich wurde, die dadurch beleuchteten Gegenſtände deutlich zu unterſcheiden. Nach Lutins erſter Vermu⸗ thung befand ſich kein lebendiges Weſen im Zimmer, doch bald bemerkte er, daß dieſer düſtere Ort nicht von allen Bewohnern entblößt ſey. Ein kreiſchendes Geheul ließ ſich über ſeinem Haupte hören, und als er danach aufſah, ſchwebten plötzlich von zwei verſchiedenen Seiten, ein Rabe und eine Eule auf ſeine Schultern herab. Das Flattern ihrer Flügel erregte bei ihm einen eiskalten Schauer. Er bemühete ſich, den nicht ſehr anſprechen⸗ den Gruß dieſer Unheil verkündenden Vögel abzuwehren, und obgleich es ihm glückte, ſie nach vielem Sträuben von ſeinen Schultern zu verjagen, ſo flatterten ſie doch ſtets in einer ſehr geringen Entfernung über ſeinem Haupte umher, und ſchienen ſeine Bemühungen, ſie weiter von ſich zu entfernen, durch ein ſchauerliches Pfeifen und Heulen gleichſam zu verhöhnen. Dies dauerte noch einige Augenblicke, bis daß vor derſelben Thür, durch welche Lutin eingetreten war, eine ſchlanke weibliche Geſtalt erſchien. Sie hatte einen kleinen, oben krumm geboge⸗ nen Stab in der Hand, worauf, nachdem ſie ihn kaum ausſtreckte, die beiden Vögel ſich ſetzten, und mit Blitzes⸗ ſchnelle ihren gewohnten Platz auf einer eiſernen Stange wieder einnahmen. Jetzt trat die Frau, allem Anſchein nach die Bewohnerin des Thurmes, welche ſchon hoch bejahrt zu ſeyn ſchien, näher, und ſich in einem gewiſſer⸗ maßen verweiſendem Tone an Lutin wendend, ſagte ſie: „Ihr ſeyd alſo noch einmal hieher gekommen, und habt meine wohlmeinende Ermahnung ganz außer Acht gelaſſen?“ „Ich mußte, und es iſt gewiß das letztemal, noch einmal zu Euch kommen, Mutter, um von Eurem unbe⸗ greiflichen Vermögen, den Schleier von der Zukunft zu heben, Gebrauch zu machen. Ihr werdet es mir daher nicht verſagen, mir nochmals einen Beweis von Eurem mehr als menſchlichen Wiſſen zu geben.“* „Ihr wißt, daß ich es Euch nicht weigern darf,“— 2————— vS N „ — S 167 antwortete die Alte, deren greiſes Haar und ſcharfe, doch regelmäßige Züge ſchwach durch den flackernden Schein der Lampe erhellt waren—„das heißt, wenn Ihr es durchaus verlangt, dann muß ich Eurem Wunſche will⸗ fahren.“ „Ich bitte recht ſehr darum, gute Frau!“— er⸗ wiederte Lutin—„Ihr verſprachet mir, mich drei Blicke in die Zukunft thun zu laſſen, theilweiſe habt Ihr ſchon Euer Verſprechen erfüllt, und ich zweifle daher nicht, daß Ihr es ganz erfüllen werdet. Ich wünſche, daß es jetzt geſchehe. Vielleicht bin ich aber zu uner⸗ wartet gekommen, und Ihr ſeyd wohl in dieſer Stunde nicht ganz zur Erfüllung meiner Bitte vorbereitet, wenn das der Fall iſt, dann ſetzt mir nur eine Euch beliebige Zeit feſt.“ „Thörichter Menſch!“— erwiederte die Alte, lei⸗ denſchaftlich das Haupt ſchüttelnd, wodurch ihr langes greiſes Haar ihr über die Schläfe flatterte—„heute oder morgen iſt mir gleich. Auch wußte ich, daß Ihr in dieſer Stunde zu mir kommen würdet, und zwar lange zuvor, ehe der Plan dazu bei Euch zur Reife gekommen war. Ich kann jetzt Eurem Wunſche genügen, und ich muß es thun, wenn Ihr es feſt verlangt, denn Ihr wißt, daß ich“es Euch zugeſchworen habe. Doch ermahnen, bitten darf ich Euch, daß Ihr Euer Vorhaben, tiefer in das einzudringen, was eine wohlthätige Macht umſchleiert, aufgebet. Zweimal habe ich Eurem thörichten Begeh⸗ ren Gehoör geſchenkt, und Ihr habt erfahren, daß meine Kunſt, wie Ihr anfänglich glaubtet, kein Betrug iſt. Ja, es iſt mir vergönnt, den Schatten zu ſehn, welchen die Zukunft vor ſich ausbreitet, und dieſen auch den Augen Anderer ſichtbar zu machen. Aber haltet mich deßhalb nicht für glücklicher; glaubet mir vielmehr, daß beinahe nie ein Sterblicher meine unſelige Kunſt in Anſpruch nahm, ohne es ſpäterhin zu bereuen, und ſich anzuklagen, mei⸗ ner abwehrenden Stimme kein Gehör gegeben zu haben.“ „O, ich glaube es Euch gern, denn auch mit mir * war es ſo“— antwortete Lutin—„ aber deſſen un⸗ geachtet iſt es mir unmöglich, dem mächtigen inneren Triebe, welcher mich jetzt wie ſchon früher hierher führte, mich einen letzten Blick in die Zukunft thun zu laſſen, zu widerſtehen.“ „Und dennoch iſt der Sporn, welcher Euch jetzt an⸗ treibt, ganz verſchieden von dem früheren“— erwiederte die Frau, indem ſie ihre durchdringenden Augen auf Lutin heftete.—„Damals wähntet Ihr, daß ein ein⸗ ziger Blick in die Zukunft Euch von Nutzen ſeyn könnte; daß Ihr dadurch vielleicht Unheil abwehren könntet, wel⸗ ches Euch bedrohete, und den Netzen entgehen, welche Eurer Tugend und Unſchuld geſtellt würden, aber Ihr vermuthetet nicht, daß Ihr eher mit dem Athem Eurer Lippen dieſen Thurm, welcher ſchon viele Jahrhunderte ausgedauert hat, würdet umſtürzen können, als in dem unabänderlichen Beſchluſſe des Schickſals vie geringſte Aenderung hervorzubringen. Jetzt aber..“ doch wel⸗ ches auch Eure Beweggründe ſeyn mögen— wenn Ihr wollt, ſo muß ich gehorchen. Jetzt ſetzt Euch einige Augenblicke dort nieder,“— fuhr ſie fort, indem ſie Lu⸗ tin einen Stuhl zuſchob—„inzwiſchen will ich die nöthigen Vorbereitungen treffen.“ 2 Lutin that es, während die geheimnißvolle Frau, nachdem ſie ihren Mantel abgelegt hatte, und ihre ma⸗ geren nackten Arme ausſtreckte, ein altes Buch hervor⸗ zog, welches mit kupfernen Klammern verſchloſſen und von Außen mit allerlei fremdartigen Figuren bemalt war. Nachdem ſie es geöffnet hatte, murmelte ſie leiſe einige Zauberſprüche, welche den Hauptinhalt auszumd⸗ chen ſchienen. Es war Lutin, inſofern ſein Nach⸗ denken es zuließ, auf das, was um ihn vorging, zu ach⸗ ten, als finde hinter dem Vorhange einige Bewegung ſtatt, während auch die beiden Vögel ſich unruhig auf ihrem Sitze hin und her bewegten. Nachdem die Alte ſich eine Zeit lang, ſey es dem Scheine flach oder wirk⸗ lich, mit ihren Zauberformeln beſchäftigt hatte, ſchloß ſie ——— U, r⸗ nd alt iſe d⸗ ng uf lte rk⸗ ſie 169 das Buch und legte es wieder an ſeinen Platz. Darauf nahm ſie die Sanduhr, kehrte ſie um, und nachdem ſie dieſe wieder auf den Tiſch niedergeſetzt hatte, ſagte ſie zu Lutin: „Es bedarf noch mehr als einer Stunde, ehe die Bilder, welche jener Spiegel hervorbringen ſoll, ſich Euch zeigen werden, und ich bin keine geſchickte Geſellſchafterin, 15 Euch dieſe Zeit auf eine angenehme Weiſe zu ver⸗ ürzen.“ „Ich bedarf auch keiner ſolchen,“— erwiederte Lu⸗ tin—„meine Gedanken ſind ſo trübe, daß mir auch die heiterſte Geſellſchaft keinen Ableiter liefern würde. Ach! Euer Spiegel hat mir ſchon leider die Zukunft nur zu deutlich vorgeführt. Doch— ich will es zu vergeſſen ſuchen! Der Morgen iſt kalt, gute Alte, und Euer Aufenthalt iſt, auch ohne den verhängnißvollen Schauder, welchen er ohne Zweifel einem jeden Andern, nur nicht mir einjagt, ganz zum Zähneklappen geeignet. Könnt Ihr mir nicht einen erwärmenden Trank beſorgen, wel⸗ cher die fieberhafte Kälte aus meinen Adern vertreibt?“ „Keinen andern Trank, als das klare Waſſer des Stromes, welches dort im Kruge ſteht, kann ich Euch anbieten. Der Traubenſaft hat ſeit vielen Jahren meine Lippen nicht befeuchtet, und Ihr ſucht hier vergebens geiſtige Getränke.— Ihr ſagt, mein Spiegel habe Euch die Wahrheit verkündet. Unglücklicher! welch' eine Ver⸗ änderung iſt, ſeit ich Euch zum letztenmale ſah, mit Euch vorgegangen. Erinnert Ihr Euch noch jener Zeit?“ „Sie ſteht mir noch ſehr lebendig vor Augen“,— erwiederte Lutin, welcher wieder in ſo trübes Nach⸗ ſinnen verfallen war, woraus die Frage der Alten ihn rüttelte—„ich war damals noch ſehr glücklich!“ „Sieben Jahre ſind ſeitdem verſtrichen— es war hier in dieſer Stadt. Ein raſender Volkshaufen ver⸗ folgte mich, mich die ich friedlich umherging. Muth⸗ willige Knaben und Weiber ſchalten mich eine verfluchte Der Schutzgeiſt. I. 12 170 Hexe, obgleich ich Niemanden beleidigt hatte, und beſchul⸗ digten mich, Frauen bezaubert und Kinder gemordet zu haben, drangen auf mich ein, warfen mich in das Waſſer, worin ſie hofften, daß ich den Tod finden würde— als Ihr plötzlich aus der Menge hervortratet, und mehr dem Andrange Eures edlen Herzens folgend, als der Sorgfalt Eurer eigenen Sicherheit Gehör gebend, mich aus den Wellen rettetet und mich einem augenſcheinlichen Tode entriſſet.“ „Ich erinnere mich deſſen noch ſehr gut;“— er⸗ wiederte Lutin mit mehr Theilnahme, als er bisher gezeigt hatte.—„Wir entkamen glücklich dem uns ver⸗ folgenden Haufen. Ihr führtet mich hierher, erzähltet mir, daß Ihr das Vermögen beſäßet, die Zukunft zu ent⸗ ſchleiern— und ich bat Euch inſtändigſt, mich einen Blick hinein thun zu laſſen, und....“ „Und ich war thöricht genug, Euch zu willfahren“ fiel ihm die Alte in die Rede—„ich gab Euch die Er⸗ laubniß, in drei verſchiedenen Zeiträumen Eures Lebens zu mir zu kommen, und verſprach Euch dann die Zukunft zu entſchleiern. Ihr verlangtet ſogleich meine Macht auf die Probe zu ſtellen, und in jenen Spiegel zu ſehen. Ich genügte Eurem Verlangen. Zuerſt zeigte Euch das klare Glas ein ebenes, ruhiges Meer, worauf ein, durch einen ſanften Wind fortgetriebener Kahn ſicher unter einem ſchönen blauen Himmel dahinſchwebte. Dies war das Bild Eures früheren Lebens, eben und ruhig, wie die durch keine Winde bewegte See. Doch bald veränderte ſich die Anſicht— und Ihr thatet den erſten Blick in die Zukunft. Die noch ſo eben ruhige Oberfläche des Meeres wurde plötzlich ungeſtüm. Schäumende Wellen erhoben den Kiel hoch in die Luft; dicke Wolken bedeckten den Himmel, und eine undurchdringliche Finſterniß hatte ſich über alle Gegenſtände verbreitet. Doch aus den dunklen Gewitterwolken ſchwebte noch ein einziger Licht⸗ ſtrahl auf das mit den Fluthen kämpfende Fahrzeug. Das war das Bild des Euch zunächſt bevorſtehenden Lvoſes. ———„——„—————— —— u r n t E — — W— —— v — So M wäre und mir geſagt hätte, daß es Wahrheit ſey, was 12* 171 Harte Schläge bedrohten Euch und die Eurigen; der klare Blick, welchen die Zukunft Euch bis jetzt gewährt hatte, ſollte plötzlich und auf immer verdunkelt werden, und die Stürme des Unheils verſetzten den Nachen Eures Lebens in die Gefahr zu ſcheitern. Ein hellerer Licht⸗ ſtrahl leuchtete noch immer, er ſtieg vom Himmel in Eure Bruſt hernieder, ſo lange ſie rein und durch kein Ver⸗ brechen befleckt war.“ „Die Unglücksfälle, welche das Glas mir vorgeſpie⸗ gelt, trafen bald ein,“— ſagte Lutin.—„Ich wurde aus dem Zuſtande des Reichthums und Ueberfluſſes in die höchſte Dürftigkeit verſetzt. Doch ich achtete dies nur gering, und— wenig Monate nachher wähnte ich glücklicher zu ſeyn, als ich es zuvor geweſen.“ „Ihr kamet zum zweiten Male zu mir— ſchon damals bat ich Euch, keine weiteren Verſuche zu machen, um in die Zukunft zu blicken. Obgleich ich das Euch bevorſtehende Schickſal nicht kannte, ſo erhob ſich doch eine Stimme in meinem Innern, welche mich ermahnte, Euch das, was ſich zutragen würde, zu verheimlichen. Dies um ſo mehr, da Ihr jetzt, nicht wie das erſte Mal nur Anſpielungen, ſondern Perſonen und Ereigniſſe in ihrer wahren Geſtalt ſehen ſolltet. Denn bei einem jeden Blick, welchen der Sterbliche in jenen Spiegel wirft, werden die Bilder immer klarer und die Ereigniſſe zeigen ſich deutlicher. Doch Ihr beſtandet darauf; ich mußte einwilligen, und Ihr ſahet....“ „Ja ich ſah ſie, die Ungetreue, die Meineidige; ich ſah ſie in den Armen eines Andern— ich ſah ſie die heiligſten Gefühle verſpottend, und ſich ſelbſt eine Hölle des Jammers bereitend, aber mir eine noch endloſere.“ „Ihr ſahet dies Alles und lächeltet;“— erwiederte die Alte—„Euer leichtgläubig Herz traute meinem Spie⸗ gel nicht, und Ihr ſagtet laut, daß er lüge.“ „Wenn auch ein Engel vom Himmel herabgekommen 172 meine Augen geſehen,— ſo würde ich eben ſo ſehr ge— lacht und dem Himmelsboten zugerufen haben, daß er lüge. So feſt war mein Vertrauen auf das Mädchen, welches ich liebte, und deſſen Untreue mich jetzt der Hölle und ihren Martern überwieſen hat.“ „Noch immer brauche ich nur das bleiche Antlitz, die eingefallenen Wangen, den Ausdruck der Wuth und Verzweiflung anzuſehen, um mich zu überzeugen, daß Euch die Wahrheit verkündigt wurde.“ „Dieſe Ueberzeugung hat mich auch in dieſer Stunde zu Euch gebracht. Ich muß wiſſen, welch ein Loos mei⸗ ner wartet, und ob die Ahnungen, welche oft bei mir aufkommen— die Träume, welche meinen Schlaf beun⸗ ruhigen, mir Wahrheit verkunden.“ „Und wenn ſie Euch nun offenbart iſt, wird das Euer Glück, Eure Ruhe befördern? Meint Ihr, daß der Landmann ruhig und zufrieden ſeyn würde, wenn er wochenlang die Gewitterwolke über ſeinem Haupte ſich thürmen ſieht, welche bald ſeine Früchte vernichten und ihn und die Seinigen in den beklagenswürdigſten Zuſtand verſetzen wird? Glaubt Ihr, das Schickſal ſey müde, Euch zu verfolgen, und daß die Zukunft Euch Freude und Glück bringe?— Bedenket, daß ich Euch bis jetzt nur Unheil verkundigte, und daß vielleicht nie ein Sterb⸗ licher in Abſicht wie Ihr dieſen Thurm beſuchte, ohne daß ſeine Augen ſahen, was er lieber nicht geſehen hätte.“ „Es iſt mir gleichgültig,“— ſagte Lutin,„ich verlange nur Gewißheit. Ich erwarte nichts von der Zukunft, was mir Freude verſchaffen, oder das Vergan⸗ gene in Vergeſſenheit bringen kann. Dem Opferthiere, vor dem Altare gleich, erwarte ich nur den Schlag, der mich zertrümmern ſoll. Doch ein unwiderſtehlicher Trieb befiehlt mir, den letzten Blick in die dunkle Zukunft zu werfen, und ihr ſchenke ich unbedingtes Gehör.“ „Nun, die Zeit iſt gekommen,“ erwiederte die Alte, indem ſie mit einem ernſten Blicke die Sanduhr betrach⸗ tete, und die letzten Körner hinabrollen ſah. Sie ver⸗ ———.———— 173 ließ einen Augenblick das Gemach, und ſetzte bei ihrer Rückfehr ein Feuerſtübchen mit Holzkohlen gefüllt auf den Fußboden, zündete ſie an, und warf einiges Pulver in die Glut, welches ſogleich in einem dichten Rauch auf⸗ ſtieg. Der Wind, der mitunter ſehr heftig getobt hatte, ſchien jetzt ſeine Kraft, zu verdoppeln, und den alten Thurm in ſeinen Grundfeſten zu erſchüttern. Die beiden Vögel, welche ſich bisher ruhig verhalten hat⸗ ten, flogen wieder mit gellendem Geſchrei umher. Die Alte murmelte unaufhörlich unverſtändliche Töne, wäh⸗ rend ſie ihre langen mageren Arme, als kämpfe ſie mit einem unſichtbaren Weſen, heftig bewegte. Ihr greiſes Haar, welches ſonſt über die Schultern herabfiel, be⸗ deckte jetzt ihr ganzes Geſicht. Dieſe ſonderbaren Be⸗ wegungen dauerten einige Minuten, bis ſie, wahrſchein⸗ lich durch die Anſtrengung erſchöpft, auf ein Knie nie⸗ derſank, und mit dem Stabe, welchen ſie wieder in die Hand genommen hatte, den Vorhang wegſchob. „Seht jetzt,“— ſagte ſie, mit ſelbſt vom Spiegel abgewandtem Geſichte, zu Lutin—„doch ſchnell, denn die Augenblicke ſind koſtbar.“ Lutin warf einen flüchtigen Blick auf das Glas, worin ſich die Bilder wegen des unſichern Lichtes und des aufſteigenden Rauches nur undeutlich zeigten, und rief darauf, fürchterlich lachend:„Ha! gerade ſo, wie ich es erwartete! Und nun lebet wohl auf ewig!“— worauf er mit einer unbegreiflichen Haſt aus der Thüre eilte, die Treppe hinablief, ſein Pferd beſtieg, ihm die Sporen gab, und bald die Stadt weit hinter ſich hatte. So eben verbreitete der anbrechende Tag über die Felder das erſte ſchwache Licht, während noch alle Gegenſtände ſich in dem unbehaglichen Gewande zeigte, welches ein ſtürmi⸗ ſcher Morgen des Februars denſelben gewöhnlich verleiht. Nachdem die Alte ſich aus ihrer knieenden Haltung wieder erhoben hatte, blieb ſie noch einige Augenblicke nach ſeinem Davoneilen, unbeweglich und kopfſchüttelnd über das Geſchehene nachdenkend, ſtehen. Der Vorhang 174 bedeckte wie früher den geheimnißvollen Spiegel, der Rabe ſaß ſchweigend wieder auf ſeiner eiſernen Stange, während die Eule ſich auf die rechte Schulter ihrer Ge⸗ bieterin hiedergeſetzt hatte. Dieſe näherte ſich endlich dem Vorhange, ſtreckte ihren Stab aus, und ſchien zu zögern, ihn hinwegzuſchieben. Doch endlich that ſie es, warf einen Blick auf den Spiegel, und ſprach kaum hör⸗ bar zu ſich ſelbſt:„Schon ſind die Zeichen ſchwächer und ganz unkenntlich, und doch ſind noch auf dem Vorder⸗ grunde deutliche Ströme von Blut zu unterſcheiden. Ja, ſo muß das Ende ſeyn. Laßt uns über uns wachen. Sie zog ihren Stab weg, und der Vorhang ſiel wieder vor das Glas. Zwölftes Kapitel. Wer die Welt ein Tollhaus nennt, Beweist, daß er gar gut ſie kennt. Sobald Moritz am Morgen ſeine Schlafſtelle ver⸗ laſſen hatte, fragte er zuerſt nach ſeinem geſtrigen Be⸗ kannten, und erfuhr zu ſeinem nicht geringen Erſtaunen, daß dieſer ſchon lange vor Tagesanbruch ſeine Reiſe al⸗4 lein fortgeſetzt habe. Dies bedauerte er um ſo mehr, † da er den Plan gefaßt hatte, einen Menſchen, für wel⸗ † chen er ſo große Theilnahme empfand, für das Erſte nicht wieder von ſich zu laſſen, durch Vermittlung ſeiner Eltern für ſein künftiges Fortkommen zu ſorgen, und ihn, wenn möglich wieder auf den Weg der Ehre und der Pflicht, welchen er verlaſſen zu haben ſchien, zurück⸗ zuführen. Doch auch jetzt hatte er die Hoffnung noch nicht aufgegeben, mit dieſem ſonderbaren Manne wieder zuſammenzutreffen, und dann ſeinen Plan auszuführen. Darauf erkundigte er ſich beim Wirthe nach den beiden Fremden; wozu das am geſtrigen Abend vorgefallene ihm Veranlaſſung gab; doch auch von dieſem erfuhr er, 175 daß ſie ſchon ſeit einer Stunde die Herberge verlaſſen hatten. „Es waren ein paar wunderliche Gäſte!“— ſagte Held, der ſeinen Rauſch ſpurlos ausgeſchlafen hatte— „und ſo ungeſellig wie die Tiegerkatze meines Nachbarn, welche einen Jeden in der gehörigen Entfernung zu hal⸗ ten weiß. Es war wahrhaftig, als ſey ihre Kehle und ihr Gaumen mit Eiſenblech beſchlagen, ſo wenig wußten ſie meinen köſtlichen Rheinwein zu ſchätzen. Ich habe ihnen die beſte Kanne, welche im ganzen Keller zu finden war, vorgeſetzt, und kaum hat ein Jeder ei⸗ nen Becher voll ausgetrunken, gleichſam, als ſey dieß herrliche Getränk nicht mit dem Schiffe von Köln ge⸗ kommen, ſondern hier vor der Thür aus der Maas ge⸗ ſchöpft.“ „Waren Sie nie zuvor hier abgetreten?“— fragte Moritz. „Niemals, mein lieber Herr, niemals! Wer nur einmal den Fuß in mein Haus geſetzt, und die guten Gaben der vergoldeten Hellebarde genoſſen hat, den kenne ich ſogleich wieder, wenn er auch erſt nach fünf und zwanzig Jahren hieher wiederkehrt; beſonders, wenn es ein Mann iſt, wie er ſeyn muß, fröhlich mit den Fröhlichen, und kein ungeſelliger Brummbart. Nein, ich ſah ſie nie zuvor, und der Himmel gebe, daß ſie in der Folge vor Peters Haus, gleichſam, als ſey es von Hottentotten bewohnt, vorbeigehen.“ „Und wie geht es Euren muntern Gäſten von ge⸗ ſtern Abend?“ „Wenn ich nicht irre, ſo ſind ſie Alle ſo wohlauf, als ich es bin.-Doch unter uns geſagt“— fuhr Held mit leiſerer Stimme fort, indem er ſich Moritzens Ohr näherte, als habe er ihm ein großes Geheimniß zu offenbaren—„einige von ihnen waren ein wenig.... Ihr verſteht mich wohl. Sie meinten, glaube ich, daß ſie ihre gewöhnlichen kraftloſen Bierflaſchen vor ſich hät⸗ ten— aber jetzt können ſie die Kraft meines Rhein⸗ 176 weins bezeugen. Der Hausknecht hat ſie Einen nach dem Andern mit der Leuchte nach Hauſe gebracht; denn die Straßen waren dunkel und naß, und ein kaltes Bad im Hafen iſt gerade im Winter nichts Angenehmes — obgleich Melchior, Ihr wißt wohl, der naſeweiſe Schreiber, für ſein beſtändiges Schmähen auf andere Leute, welche vielleicht ehrlicher ſind, als er, ein ſolches verdiente. Ich kümmere mich weder um die Arminia⸗ ner, noch um den Deichgrafen, denn ich bin ein recht⸗ ſchaffener Bürger, dem Lande tren, ich bezahle richtig alle Abgaben; ich....“ „Aber ſaget mir, was iſt aus dem ehrlichen Veteran, dem Oberbefehlshaber Eurer Armee geworden?“— un⸗ terbrach ihn Moritz, welcher befürchtete, daß der Wirth, in dem Fluſſe ſeiner Rede, noch lange ſo fortfahren würde—„mir ſchien es, daß der Wein ihn gehörig mitgenommen hatte.“ „Ja, wahrhaftig, da habt Ihr Euch nicht geirrt;“ — erwiederte der Wirth—„er fiel zuſammen wie ein Taſchenmeſſer. Er blieb noch eine Weile am Kamin ſitzen, kommandirte murmelte noch mitunter, noch von les Es- pagnioles und el Piablo und gab darauf ehrenvoll ſein Leben auf. Wir haben ihn, wie es einem alten Krieger geziemt feierlich begraben, und ſoviel ich weiß, iſt er bis jetzt noch nicht wieder von den Todten erſtan⸗ den; doch der Hausknecht ſoll ſogleich Erkundigung ein⸗ ziehen. 4 Da der Wirth die gewünſchte Auskunft nicht geben konnte, und Moritz ſehr verlangte, ſeine Reiſe nach dem elterlichen Hauſe fortzuſetzen, ſo hatte er bald ſein Pferd beſtiegen, und nachdem er von Held, der ihm beſonders geneigt zu ſein ſchien, einen herzlichen Abſchied utnet hatte, verfolgte er den Weg nach dem Haag. Wie gern würden wir ihm doch voraus eilen, und unſre Leſer in die Wohnung führen, wo die hoffenden Eltern mit Ungeduld die Ankunft des geliebten Sohnes —,— —,— — 177 erwarteten. Wie gern würden wir die Sehnſucht der zärtlichen Mutter ſchildern, welche nach einer langen Trennung im Begriffe ſtand, ihren Liebling zu umarmen und unaufhörlich davon ſprach. Wie gern würden wir ihm den Vater vorführen, der ſchweigend im Zimmer auf und ab ſchritt, und dann und wann eine Thräne der Wehmuth und Freude aus dem Auge wiſchte. Noch eine dritte Perſon war anweſend, welche mit den ſehn⸗ ſüchtigen Eltern, von verſchiedenartigen Gefühlen durch⸗ drungen, unſerm jungen Helden entgegenſah. Der Leſer erräth ihren Namen, es war Emma. Obgleich ſie ihretwegen lieber gewünſcht hätte, nicht ſogleich mit ihrem Jugendgeſpielen in Berührung zu kommen, ſo hatten doch verſchiedene Umſtände es unvermeidlich ge⸗ macht. Ihre Bruſt war durch ein unerklärliches Gefühl beklemmt. War es Freude oder Betrübniß über die be⸗ vorſtehende Ankunft? Sie würde ſelbſt nicht im Stande geweſen ſeyn, es zu erklären. Noch war ſie nicht einig mit ſich, welche Haltung ſie dem Jüngling gegenüber— annehmen ſollte, als ein leichtes Klopfen an der Vorder⸗ thür ſich hören ließ, und bald darauf lag Moritz in den Armen ſeiner Mutter. ir wagen es nicht dies Wiederſehn, noch das Ent⸗ zücken der Eltern zu beſchreiben, als ſie ihren, ſo vielen Gefahren entronnenen Sohn wieder in ihre Arme ſchlöſ⸗ ſen. Vielleicht hat mancher meiner Leſer ein ſolches Schauſpiel erlebt, und kann ſich daher einen Begriff davon machen. Auch haben wir wichtigere und minder fröhliche Ereigniſſe zu erzählen, nachdem wir einige Angenblicke bei dem erſten Zuſammentreffen Emma's und Moritzens verweilt haben. Sobald der Jüng⸗ ling ſeine Eltern aufs innigſte begrüßt hatte, eilte er auf Emma zu, und drückte ſie mit freudiger Rührung an ſein Herz. Als Moritz in das Zimmer trat, waren ſchon die Wangen des Mädchens hochroth gefärbt, welche eine noch dunklere Farbe annahmen, als der Jüngling dieſe Zeichen der Vertraulichkeit, wozu ihre früheſte 178 Kindheit ihnen ohne Zweifel das Recht gab, an den Tag legte. Doch Moritz merkte es kaum, und verlor ſich ſo ganz in die Erinnerung an die ſchönen Tage ſeiner Kind⸗ heit, und ſprach mit ſo viel Feuer und kindlicher Ver⸗ traulichkeit über die Vergangenheit, daß Emma, un⸗ merklich durch ſeine Worte fortgeriſſen, ſich eben ſo zutraulich als früher mit ihm unterhielt. Es bedurfte einet geraumen Zeit, ehe das Mädchen ſeiner Gefühle wieder Herrin war, und um ſich den Grad von Zurück⸗ gezogenheit, welchen die Ruhe ihres Herzens erforderte, anzueignen. Dennoch lief ſie nicht ſelten Gefahr, ihre Rolle ganz zu vergeſſen, wenn Moritz ſo zutraulich neben ihr ſitzend, von den Spielen ſeiner Kindheit und den Begebniſſen und Gefahren erzählte, welche er ſeit ſeiner Abweſenheit aus dem Vaterhauſe erlebt hatte. Auch Moritz hatte ſich ſo ſehr in die früheren Zeiten verſetzt, daß er erſt nach einigen Tagen die Veränderung, welche mit der Freundin ſeiner Jugend vorgegangen war, bemerkte. Emma blühete jetzt in dem Glanze ihrer Schönheit, eine Schönheit, welche mehr durch die Dauer zu feſſeln, als im erſten Augenblicke zu überrumveln ſchien. Emma war nicht groß, doch ſo regelmäßig gebildet, daß auch das geübteſte Auge keinen Mangel aufgefunden haben würde. Ihr Gang und alle ihre Be⸗ wegungen waren ſo leicht, daß ſie eher zu ſchweben, als zu gehen ſchien. Ihre glänzende Weiße und die unge⸗ wöhnliche Feinheit ihrer Züge, würden dem Künſtler zum geeignetſten Vorbilde einer Madonna gedient haben. Ihre hellblauen, von braunen Augenbrauen beſchatteten Augen, waren voll Ausdrucks, und Kenner nannten ſie eine volltommene Schönheit. Ihre hellbraunen Locken, woran die Kunſt nicht den geringſten Antheil hatte, hingen verſchwenderiſch um den unbeſchreiblich ſchönen Nacken; mit † einem Worte, als Moritz, das ſchon früher ſo liebliche Kind zu einer vollkommenen Schönheit herangewachſen ſah, mußte er ſich geſtehen, daß das Lvos desjenigen, den die * — — S vwW M ——— 1 S S— V —— „ g⸗ er er ln ig e e e⸗ m n. en ſie n, en rit die he 179 ungfrau dereinſt mit ihrer Liebe beglücke, in jeder Hin⸗ Jun ſicht beneidenswerth ſein müſſe. Es dauerte auch nicht lange, ſo war M oritz wieder wie früher Emma's unzertrennlicher Gefährte. Er beſuchte an ihrer Seite alle Orte wieder, wo ſie als Kinder geſpielt und geſcherzt hatten, und dieſe Erneuerung trug nicht wenig dazu bei, ſie mit einem jeden Tage feſter mit einander zu vereinigen. Als nun endlich der Winter gewichen und die freundlichen Strahlen der Frühlingsſonne alle Weſen zu einem neuen Leben zu wecken ſchienen; und als ſie nun Arm in Arm unter dem friſchen Grün der Eichen und Buchen des lieblichen Holzes vor dem Haag luſtwandelten, und den Flöten⸗ tönen der zahlloſen Nachtigallen und der übrigen Be⸗ wohner des Holzes ein aufmerkſames Ohr liehen,— da fühlte Moritz, daß er die Wahrheit geſagt hatte, als er Lutin auf ſeine Frage, ob er die Liebe kenne, die Antwort, gab, daß er liebe; denn die bisher in ſeinem Innern verſchloſſenen Gefühle offenbarten ſich jetzt aufs deutlichſte in ſeiner Bruſt, und er hielt ſich überzeugt, daß er im Beſitze Emma's das Ziel ſeiner Wünſche erreicht, und keine weitere Erwartungen nähren, keine Pläne nach Ehre und Staatsgunſt mehr bilden würde. Auch Em ma von Augenblick zu Augenblick durch die ſtets zutraulicheren und liebevolleren Unterhaltungen fort⸗ geriſſen, fühlte, daß die ſo lange unterdrückte Liebe neu auflebte und an Kraft gewann. Die Eltern bemerkten es mit Freude, und ſahen ſo der Erfüllung ihres ſeurig⸗ ſten Wunſches entgegen.— Auf eine ſolche Weiſe, war der liebliche Mai des Jahres 1622, mit den herrlichſten Ausſichten in die Zukunft vergangen. Wir haben ſchon im Anfange dieſer Erzählung ge⸗ ſagt, daß Herr von Solingen von mütterlicher Seite aus dem damals ſo ſehr blühenden Geſchlechte der Kam⸗ mingas aus Friesland herſtammte. Bis jetzt hatte er noch keineswegs mit dieſen Verwandten in dem freund⸗ ſchaftlichen Verhältniß geſtanden, welches ſolche enge 160 Bande des Blutes wohl hätten vorausſetzen laſſen. Kaum kannte er deren Namen. Doch ungefähr ein Jahr vor der Zeit, worin ſich jetzt unſere Erzählung bewegt, war er mit ihnen in eine nicht angenehme Verbindung gekommen. Der Tod einer bejahrten Verwandtin in Leeuwarden, deren Güter eines Theils an den Herrn von Solingen und andern Theils an die Kammin⸗ gas fallen mußten, hatte Streitigkeiten, wie ſie nicht ſelten bei Erbfällen eintreten, hervorgerufen, welche zu einem langwierigen Briefwechſel Veranlaſſung gegeben, der allmählig einen ſo bittern Ton angenommen hatte, daß er in eine offenbare Feindſchaft auszubrechen ſchien. Da die ſtreitige Differenz in der Nachlaſſenſchaft ſehr bedeutend war, ſo betrieb Herr von Solingen dieſe Sache ſehr warm, und mit mehr Feuer und Charakter⸗ feſtigkeit, als man von ihm hätte erwarten dürfen. Es war keineswegs Eigennutz, der ihn leitete, es geſchah nur, um die Rechte ſeiner Familie aufrecht zu erhalten. Trotz der Erbitterung, welche ſich ſo oft in den Brief⸗ wechſel einmiſchte, war ihm doch von verſchiedenen Sei⸗ ten die Verſicherung geworden, daß Sicco von Kam⸗ minga, ſein vorzüglichſter, oder vielmehr ſein einziger Gegner, für einen durchaus rechtſchaffenen Mann galt, dabei aber ein Sonderling ſey. Dieſer hatte durch eine beſondere Veranlaſſung einen freundlicheren Ton in ſeinen Briefen angenommen und den Wunſch geäußert, daß Herr von Solingen, da er zu alt ſey, eine ſolche Reiſe zu unternehmen, zur Schlichtung dieſer Angelegen⸗ heit ſich zu ihm bemühen möchte, und daß auf eine ſolche Weile an einer freundſchaftlichen Vereinbarung nicht zu zweifeln ſey. Herr von Solingen konnte ſich nicht zu dieſer Reiſe entſchließen, faßte aber den Eut⸗ ſchluß, ſeinen Sohn damit zu beauftragen. Dieſer hörte den Vorſchlag ſeines Vaters, und obgleich er lieber zu Haus geblieben wäre, auch ſich nicht gern ſchon ſobald wieder von Emma trennte, ſo hielt er ſich doch verpflich⸗ tet, dem Wunſche ſeiner Eltern zu genügen. Er tröſtete — —— r———„e-— —)8 8— c ———*„ „——— X — NM M N — 5 N N X 8S 5 ſich mit der Hoffnung, daß ſeine Abweſenheit nur von kurzer Dauer ſeyn würde, und nachdem er ſich auf's genaueſte mit den ſtreitigen Familienangelegenheiten vertraut ge⸗ macht hatte, rüſtete er ſich zur Abreiſe. Am Tage zu⸗ vor ſaß er mit Emma in dem Holze, unter dem ſchat⸗ tigen Laubdache der Eichen, welche der Ueberlieferung nach zwei Jahrhunderte zuvor der unglücklichen Jacobäa von Bayern zu einem Lieblingsruheplatze gedient hatten. Hier offenbarten ſie ſich zum erſtenmale die ſo lange in ihren Herzen verſchloſſenen Gefühle, und eine innige Umarmung beſiegelte ihre Treue. Es war ſchon beſtimmt, daß Moritz nach ſeiner Rückkehr, welche höchſtens in vier bis fünf Wochen erfolgen würde, Emma auf ihrem Land⸗ ſitze bei Haarlem, wo er dann auch ſeine Eltern fin⸗ den ſollte, beſuchen werde. Vor ſeiner Abreiſe erzählte Moritz ſeinem Vater ſein Zuſammentreffen mit Lutin und deſſen edle Aufopferung, und fügte die Bitte hinzu, ſein Vater möge alles aufbieten, dieſen ſonderbaren Men⸗ ſchen aufzuſuchen, und dann bemüht ſeyn, die große Ver⸗ pflichtung auf irgend eine Weiſe zu vergelten. Er empfing das erbetene Verſprechen von ſeinem Vater, welcher auch ſchnelle Maßregeln genommen hatte, welche ihn dazu führen konnten. An einem ſchönen Maimorgen trat Moritz ſeine Reiſe nach Friesland an. Seiner und der Gewohn⸗ heit jener Zeiten gemäß, reiste er zu Pferde, und da er auf ſeinen früheren Reiſen gelernt hatte, ſelbſt für ſeine Bedürfniſſe zu ſorgen, ſo wies er den Bedienten zurück, welchen ſeine Eltern ihm mitgeben wollten. Er war gehörig gewaffnet, und vertraute ſeiner jugendlichen Kraft und der Geſchicklichkeit, das Schwert zu führen, um keine Gefahren zu fürchten, welche auch im Innern des Landes, ſelbſt in dieſem minder ruhigen Zeitabſchnitte, nicht erheblich ſeyn konnten. Auch begegnete ihm auf ſeiner fünftägigen Reiſe nur ein Umſtand, welchen wir hier mittheilen müſſen. Am Abend des dritten Tages erreichte er ein ſehr unbedeutendes Dorf in der Land⸗ . 182 ſchaft Drenthe, wo er in der erbärmlichen Dorfher⸗ „berge die Nacht bleiben mußte. Dieſes elende Gebäude, welches in zwei oder drei Räumen nicht nur dem Wirth und ſeiner Frau mit etwa ſechs Kindern, ſondern noch mehreren Schweinen, einigen Ochſen und Kühen ein Unterkommen verſchaffen mußte, war noch zum Ueber⸗ maß des Unglücks mit einer Anzahl Soldaten angefüllt, welche die Bierkanne luſtig kreiſen ließen, wahrſcheinlich um die Erinnerung an die ſaure Milch mit Roggenbrod, womit der Wirth ſie kurz vorher traktirt hatte, wegzu⸗ ſpülen. Unabläſſig ſingend, trinkend und rauchend, füll⸗ ten ſie das einzige bewohnbare Gemach des Hauſes mit einem ſo unerträglichen Geräuſch und erſtickenden Ta⸗ backsrauch an, daß Moritz beim erſten Eintritt in die Wohnung ſich ſchon eine höchſt unangenehme Nacht pro⸗ phezeihete, und in ſich berieth, ob er nicht lieber unter freiem Himmel, da die Ermüdung ſeines Pferdes ihm ſeine Reiſe weiter fortzuſetzen unterſagte, einen Aufent⸗ haltsort fuchen ſollte. Doch ſohald er dieſen Plan auf⸗ gegeben, und als treuer Reiter zuerſt ſein Pferd beſorgt hatte, ſetzte er ſich in einiger Entfernung von ren Sol⸗ daten. Der Wirth in ſeiner Landestracht, welche noch viel mit der jetzigen Kleidung der Drenthſchen Land⸗ leute übereinſtimmt, näherte ſich ihm, und redete ihn höflich, aber in dem wunderlichen, hoch und niederteutſch gemiſchten Dialekte, welcher noch jetzt dort üblich iſt, an. Seine erſte Frage jedoch, ob er nicht das Vergnügen habe, den Herru Moritz von Solingen in ſeinem Hauſe zu ſehen, ſetzte unſern Reiſenden in ein nicht ge⸗ ringes Erſtaunen, da er mit Recht vermuthen durfte, an dieſem Orte eben ſo wenig gekannt zu ſeyn als im In⸗ nern von Afrika. Nachdem er dieſe Frage bejahet, und ſeinerſeits zu wiſſen wünſchte, woher ſein Name dem Wirth bekannt ſey, erzählte ihm dieſer, daß vor einigen Stunden eine alte und ſonderbar gekleidete Frau, von rieſiger Geſtalt, und mit einem oben gekrümmten Stabe in der Hand in ſeiner Wohnung geweſen ſey, und ihm —c—-—— erzählt habe, daß ein vornehmer Reiſender, den ſie ihm genannt, die Nacht bei ihm zu bleiben, ſich einſtellen würde, und daß er ſich bemühen müſſe, wenn ſein eige⸗ nes Haus keine Gelegenheit dazu darbiete, dem Frem⸗ den ein paſſendes Unterkommen für die Nacht in dem Dorfe auszuforſchen. Darauf habe ſie ihm ein Goldſtück und ein Papier, worauf einige Worte niedergeſchrieben waren, die weder er, noch ſein gelehrter Freund, der Dorfſchulmeiſter, entziffern konnten, eingehändigt. Das erſte ſollte eine Belohnung für ſeine Mühe ſeyn, das letzte habe er dem Reiſenden einzuhändigen. Er endigte ſeine Erzählung mit der Verſicherung, welche Moritzen ſehr angenehm in die Ohren klang, daß auf einem be⸗ nachbarten Hofe eine Nachtherberge für ihn bereit ſey, wo er, wenn auch nicht gemäß ſeines Standes, doch gaſtfrei und freundlich aufgenommen werden würde. Dar⸗ auf gab er ihm die Schrift. Man denke ſich Moritzens Erſtaunen, als er auf dem Papiere mit althochdeutſchen Buchſtaben den Spruch fand, welcher ſeit undenklichen Zeiten in ſeiner Famille beſtand, und den wir ſchon frü⸗ her anführten: Blut fordert Blut; das unheilbringende Geſchick wüthetals Lohn der Schuld, bis ein ſt die Zeit der Sühne erloſchen iſt. Dann tilgt die Buße das Verbrechen, wenn das blind⸗ lings bäumende Roß am Abgrunde aufge⸗ halten wird. Lange Zeit dachte er über dies merkwürdige Zu⸗ ſammentreffen nach, und wandte Alles an, um etwas Nä⸗ heres darüber zu erfahren; doch umſonſt, der Wirth konnte ihm keine weitere Aufklärung geben, und ſein eigenes Nachdenken, welches ihm lange auf der freundlichen La⸗ gerſtelle der benachbarten Landleute, den Schlaf aus den Augen hielt, führte ihn zu nichts. Am folgenden Mor⸗ gen ſetzte er, nachdem er ſich von den freundlichen Land⸗ leuten verabſchiedet hatte, ſeinen Weg nach Leeuwar⸗ den fort, wo er am fünften Nachmittag ankam. So⸗ £ ——— 184 gleich verfügte er ſich nach dem ſogenannten Amelands⸗ haus, die anſehnliche Wohnung ſeines Blutsverwandten, welcher von ſeiner Ankunft unterrichtet, ihn auf das freundlichſte empfing, und durchaus wollte, daß er wäh⸗ rend ſeines Aufenthaltes in der Stadt bei ihm wohne. Herr Sicco von Kamminga hatte ſchon ein beträchtliches Alter erreicht, doch ſeine Geſundheit ſchien kräftiger zu ſeyn, als man es aus ſeinen Briefen hätte ver⸗ muthen dürfen. Er war beinah ſechs Fuß groß, und hatte eine ſtolze Haltung; und dies mit dem heiteren Zügen ſeines Antlitzes vereinigt, verlieh ihm ein jünge⸗ res Anſehen, welches aber durch das greiſe Haar und einen beſchwerlichen Gang wieder in den Hintergrund trat. Er hatte einen großen Theil ſeiner Jugend und ſeines männ⸗ lichen Alters im Kriege verlebt, und an den wichtigſten Kriegsoperationen im Ende des ſechszehnten und im An⸗ fange des ſiebzehnten Jahrhunderts, bis zu dem Waffen⸗ ſtillſtand mit Spanien Theil genommen. Während dieſer Zeit hatte er die ſchönſten Beweiſe ſeiner Tapferkeit ab⸗ gelegt, und eine ſolche unermüdete Thätigkeit an den Tag gelegt, daß ſeine Freunde und Bekannten ſich nicht genug über die völlige Unthätigkeit wundern konnten, worin er in ſeinem vorgerückteren Alter verkehrte, welches ſogar Moritzen ſehr bald auffiel. Uebrigens beſaß der alte Herr viele gute Eigenſchaften, er war edelmüthig und gaſifret im höchſten Grade, welche Eigenſchaft, wenn wir uns nicht irren, unter allen Stämmen germaniſcher Ab⸗ kunft, den Frieſen beſonders eigen geblieben iſt; jedoch ſtörte man ihn in ſeinem dolce far niente, dann war er verdrießlich. Der wackere Edelmann ſchien an Mo⸗ ritzen beſonderes Behagen zu finden, und hörte ihm ſehr gern zu, wenn er von ſeinen Reiſen, ſeinem Feld⸗ zuge und dem glücklichen Leben im elterlichen Hauſe er⸗ zählte. Dann erzählte der alte Krieger ſeiner Seits von ſeinen Feldzügen und den blutigen Lorbeern, welche er an der Seite ſeines Prinzen eingeerndet hatte, fügte aber jedes Mal hinzu, daß er jetzt ſeine Tage einer ungeſtör⸗ S— — w* M—— N — N—— X S N — 8 8 8 NX8 185 ten Ruhe gewidmet habe, und gern Andern, deren Alter dazu geſchickter ſey, Kriegs⸗ und Staatsangelegenheiten, wozu er auch ſeine Söhne zählte, überlaſſe. Moritz hatte während der erſten Tage ſeiner An⸗ weſenheit in Leeuwarden abſichtlich nicht von den Angelegenheiten, welche ihn hierher führten, geſprochen, da er immer hoffte, daß der alte Herr ſeinem Schreiben nach davon anfangen würde; doch dies geſchah nicht und er erinnerte ihn daran. Dieſe Erinnerung ſchien auf Sicco keinen günſtigen Eindruck zu machen, und er erwiederte nur, daß ſein vorgerücktes Alter der Ruhe bedürfe, und daß er ſich nicht mehr mit dem Schlichten der Familienangelegenheiten beſchäftigen könne. Ein jeder wiederholte Verſuch hatte gleich ungünſtigen Erfolg, und er brach plötzlich das Geſpräch mit der Bemerkung ab, daß es höchſt bedauernswürdig ſey, am Abend ſeines Lebens nicht die erwünſchte Ruhe genießen zu können, ſchenkte ſich einen Becher Weins ein, indem er bedenklich das Haupt ſchüttelte. Wir müſſen hier beiläufig bemer⸗ ken, daß Herr von Kam minga trotz der Abneigung vor einer jeden körperlichen Anſtrengung, es doch in der Handhabung des Bechers zu einer ſolchen Fertigkeit ge⸗ bracht hatte, welche dem kräftigſten Lebensalter zur Ehre gereicht haben würde. Indeſſen erklärte eines Tages Moritz unverholen, daß, da er hier die Familien⸗An⸗ gelegenheiten nicht zu ordnen im Stande ſey, er unver⸗ züglich nach dem Haag zurückkehren müſſe, und daß er es ſehr bedaure, wenn dadurch für beide Partheien Un⸗ annehmlichkeiten hervorgingen. Dieſe feſte Erklärung blieb nicht ganz ohne Eindruck. Herr von Kamminga beharrte zwar auf ſeiner Verſicherung daß er ſich auf nichts einlaſſen könne, fügte aber hinzu, daß er ſeine Familienangelegenheiten ſeinem Schwager dem Hertn Johann von Heerema zu Dierkwerf, welcher ihr Stammſchloß auf der Inſel Ameland bewohne, übertragen habe. Auf dieſen verwies er Moritz, und Der Schutzgeiſt. I. 13 186 verſicherte ihn, daß ſein Schwager ein ſehr gewandter und verträglicher Mann wäre, der ohne Zweifel die ſtreitige Sache zur gegenſeitigen Zufriedenheit ſchlich⸗ ten würde; um ſo mehr da er vollkommen Vollmacht habe, darin ganz nach Gutbefinden zu handeln. Wenn auch Moritz wohl vermuthete, daß dieſe Reiſe nach der genannten Inſel ſeine Rückkehr nach Holland auf einige Zeit verſchieben würde, ſo wollte er doch die ihm angebotene Gelegenheit, den Zweck ſeiner Sendung zu er⸗ reichen, nicht verabſäumen. Nachdem Moritz dies nach Haus berichtet hatte, begab er ſich auf den Weg, doch nicht ohne dem Herrn von Kamminga das Verſpre⸗ chen, auf ſeiner Rückreiſe noch einige Tage bei ihm in Leeuwarden vorzuſprechen, gegeben zu haben. —— Dreizehntes Kapitel. Schlagt todt! ſchlagt todt! greift an! greift an! Er iſt ein arger Arminian! Gaſſenhauer des Jahres 1622. Schlagt todt! ſchlagt todt! greift an! greift an! Er iſt ein arger Scholtian! Gaſſenhauer des Jahres 1836. Beleg zur Niederländiſchen Duldſamkeit. Auf einem jener hohen zweiräderigen Fuhrwerke, wie man jetzt noch mitunter in Friesland antrifft, wurde Moritz, der ſein Pferd zu Leeuwarden hatte ſtehen laſſen, nach Holwerd, einem benachbarten Dorfe ge⸗ bracht, wo er Gelegenheit, nach Ameland hinüberge⸗ fahren zu werden, zu finden hoffte. Es war ein ſehrf warmer Sommertag, und die fruchtbare Gegend, wo⸗ durch ſein Weg führte, bot einen freundlichen Anblick; dar. Wenige Stunden nach der Mittagszeit kam er im genannten Dorfe an, welches ſchon in jenen Zeiten bei⸗ nahe eben ſo bedeutend war als jetzt, und zu den wohl⸗ habendſten Dörfern des nördlichen Frieslands gehörte. Es herrſchte daſelbſt eine ungewöhnliche Lebhaftigkeit, die ch⸗ cht nn ach auf hm er⸗ ach och re⸗ keit. wie rde hen ge⸗ ge⸗ ehr vU⸗ lick; im ei⸗ hl⸗ 343 durch den Jahrmarkt hervorgebracht, weßhalb nicht al⸗ lein alle Dorfbewohner, ſondern auch die der benach⸗ barten Dörfer auf die Beine gebracht waren, wozu das ungemein ſchöne Wetter auch das ſeinige mit beigetragen hatte. Beſonders ſchien es ein bedeutender Pferdemarkt zu ſeyn, denn viele Hunderte, alles große Thiere von frieſiſcher Raſſe, ſtanden in langen Reihen geordnet. Dies Gewühl beluſtigte Moritz eine Zeitlang, er miſchte ſich unter die Volksmaſſe, und endlich ſah er ſich nach einem Schiffe um, das ihn nach der Inſel, welche er in der Ferne bemerkte, überfahren ſollte. Lange Zeit bemühte er ſich vergebens. Einige Schiffer, welche er hie und da in den Herbergen fand, wollten lieber beim vollen Kruge die Kirchmeßfrenden genießen, als ihrem täglichen Geſchäfte nachgehen. Andere ſchützten noch ſo viel Ge⸗ ſchäfte vor, daß ſie erſt mit der nächſten Flut, welche ſich nach Sonnenuntergang einſtellte, würden beendigt ha⸗ ben, und ertheilte ihm den wohlmeinenden Rath, bis zum folgenden Tage im Dorfe zu verweilen. Moritz war aber keineswegs dazu geneigt, da er in der Dorf⸗ herberge, unter der ſchreienden und fluchenden Menge der halb oder ganz betrunkenen Bauern und Verkäufer, des Nachts doch keine Ruhe finden würde. Er begab ſich daher noch einmal an den Strand, wo ungefähr ein Dutzend Fahrzeuge vor Anker lagen, welche alle früher oder ſpäter nach der Inſel fahren würden. Doch es wa⸗ ren keine Menſchen darauf zu finden, denn Schiffer und Knechte waren alle im Kruge. Plötzlich gewahrte er in einer geringen Entfernung ein kleines Schiff, welches er noch nicht bemerkt hatte, und worauf Menſchen wa⸗ ren. Indem er ſich näherte, bemerkte er zwei ſtämmige Schiffsknechte, welche aus kurzen Pfeifen rauchend, ſich neben dem Maſte niedergeſetzt hatten, und den Herbei⸗ kommenden mit aller Bequemlichkeit angafften. Auf ſeine Frage, ob ſie ihn gegen Abend nach Ameland über⸗ ſetzen könnten, redeten ſie in ihrer frieſiſche Bauern⸗ 13 188 ſprache, wovon Moritz nichts verſtand, mit einander, und antworteten darauf in einer verſtändlicheren Sprache, daß ſie dazu für eine gewiſſe Summe bereit wären. Obſchon dieſe ſehr bedeutend war, ſo willigte Moritz ohne Wi⸗ derrede ein, und war ſehr erfreut, daß er dadurch ſei⸗ nes unangenehmen Nachtquartiers in der Dorfherberg erledigt ſey. Nachdem ſie einig waren, kehrte er dem Dorfe zurück, wo er den Befehl ertheilte, ſeint Sachen an das Schiff zu bringen, und verſprach zut feſtgeſetzten Zeit ſich einzuſtellen. Inzwiſchen hatte das Geräuſch und Geſchrei noch bedeutend zugenommen. Das ſtarke braune Bier und andere geiſtige Getränke hatten ſchon ſeine gehörige Wir⸗ kung hervorgebracht, und ſchon mehr als ein Zwiſt war entſtanden, wobei die blankgeſchliffenen Meſſer gezogen, und erſt, wenn mit Blut gefärbt, wieder beigeſteckt wur⸗ den. Hier und da wurden die Zuſchauer zu Buden mit fremden Thieren, welche damals noch nicht ſo häufig als jetzt auf Märkten gezeigt wurden, herbeigelockt. Anders⸗ wo ſah man Abbildungen von merkwürdigen, meiſt blu⸗ tigen Ereigniſſen, Mörder, Brandſtifter und dergleichen mehr, welche die neugierige Menge anzog, die mit offe⸗ nem Mund und Ohren die ſchlechte Erzählung in noch ſchlechterem Geſange vorgetragen, anhörten.“ Während Moritz mehr aus langer Weile, als daß er Vergnügen daran gefunden hätte, über den Jahr⸗ markt ging, wurde ſeine Aufmerkſamkeit durch ein Bild, doch anderer Art, um das ſich das Volk ſehr zahlreich verſammelt hatte, angezogen. Auf dem zierlich gegen zwei lange Stangen aufgeſpannten Linnen, war ein langer Wagen, und darauf ein Löwe abgebildet, der auf einer großen Bibel ruhete, und deſſen Klauen ein Schwert umfaßten, während er mit der andern einen Stock feſt⸗ hielt, worauf eine Freiheitsmütze angebracht war. Sein Schwanz ſchlängelte ſich urh einen Orangebaum, der aus dem hintern Theile des Wagens ſich erhob. Vor dem Löwen ſah man in einem Kranze von Eichenlaub zwei r⸗ ld, ich en ein uf ert ſt⸗ in us em 189 gefaltete Hände, welche ſieben Pfeile, das wohlbekannte Sinnbild der ſieben Provinzen umfaßt hielten. Vorn auf dem Wagen ſaß eine weibliche Geſtalt, die ihn zu leiten ſchien, und in ihrer rechten Hand einen Strick hatte, welcher an den Armen weit wegſtehender Menſchen be⸗ feſtigt war, und in der linken einen Stock mit Schellen verziert. Der Wagen wurde durch die Eintracht gezogen, welche jedoch auf die Kniee niedergeſunken, und dem Er⸗ liegen nahe war. Noch andere ſymboliſche Figuren waren angebracht. Das Ganze trug die Aufſchrift: Schau ſpiel der Arminianer. Ueber dem Wagen las man: Darſt ellung des Triumphw agens überdenflämiſchen Sieg1600. Zur Rechten: „ Lauf zu, lauf zu, ſonſt geht's in Dreck, Sonſt fällt der Wagen, der Stock uns weg. und links: Umringt ſeyd Ihr von Miſſethätern, Und ſpaniſch Gift liegt in den Rädern. Die ganze Erfindung dieſer allegoriſchen Darſtellung, welche den Verrath der Arminianer, wie es hieß, durch ſpaniſches Gold beſtochen, dem Volk verſinnlichen ſollte, war eben ſo ungeräumt als die Verſe, wodurch aß der reiſende Künſtler ſeine Schilderei erklärte. Um jedoch einigermaßen den Geiſt jener Zeiten mitzutheilen, wollen wir dem Leſer einzelne dieſer Reime zum Beſten geben. Nachdem wir zuvor gemeldet haben, wie der magere Neid und deſſen Genoſſen, wüthend über den Sieg, welchen Prinz Moritz bei Nieuport davontrug, ſich zuſammen beriethen, wie man am zweckmäßigſten dieſe Gegenden verwüſten könnte, und nachdem mehrere An⸗ ſchläge auf des Prinzen Leben geſchmiedet worden, ſetzte er ſingend ſeine Erzählung fort, wie ſie zu zuletzt, als ein geſchicktes Wertzeng zux Vollführung ihrer Pläne, den bekannten Pater Jan Neyen aus der Hölle her⸗ vei, vorgerufen hätten, um den zwöljährigen Waffenſtillſtand zum Verderben dieſer Lande abzuſchließen. Auf dieſen Pater anſpielend, fuhr der Sänger fort: Es nahet ſich der Feind, der das Fleiſch nicht beſiegt, Er ruht und raſtet nicht, bis Alles unterliegt; Er wußte gar geſchickt die Wächter zu bethören. Seyd wach! ſonſt wird man noch gar Manches von ihm hören. Hiermit noch nicht zufrieden, wußte der ſchlaue Prieſter, durch„ein Zauberkunſtſtück der Mönche“ darzuſtellen: Ein goldner Stock, der nur aus Königsgunſt beſteht, Beſitzet Zauberkraft, wie Ihr es Alle ſeht; Bewirkt, wenn er berührt, gar wunderliche Kur, Hiervon wußte er einen ſo guten Gebrauch zu machen, daß der Wagen bald ganz von der rechten Spur abkam, und die, deren Pflicht es war, ihn zu leiten, durch die Kraft des goldenen Stockes fortgeriſſen, auf die ſchändlichſte Weiſe Eid und Treue aus den Augen verloren. Die natürliche Folge davon war, daß Die Eintracht unbeſorgt, zwar auf dem Wagen iſt, Doch machtlos niederſinkt, nur durch des Stockes Liſt. ihren letzten Athemzug auszuhauchen: MNun liegt ſie matt daher, und iſt dem Tode nah, Doch ſterbend zeigt ſie noch, was von jeher geſchah: Daß Mönche mehr gethan, durch Praſſen und Bankette, Der Löwe ſelbſt geräth in Noth; denn die verfluchten Arminianer, auf welche der goldene Stab ganz be⸗ ſonders eingewirkt hat, bemühen ſich, ihm das heilige Buch, ſeine einzige Stütze zu entreißen; ſo daß er Führt ab vom rechten Weg und bringt auf falſche Spur. ſie fiel ohnmächtig zur Erde nieder, und auf dem Punkte, Als je die Spanier, mit Schwert und mit Muskete. * ——,—„——„———, ——„——„———„———„———— — le en aß ſt, te, h: te, te: en e⸗ ge 191 Mit Mühe nur vermag, ſich aufrecht noch zu halten, Weil der geſchwächte Muth nun vollends muß er⸗ kalten, Und wenn Oranjen nicht vermittelnd wär' gekommen, Wär' ihnen noch zuletzt der Freiheitshut genommen. Auf ähnliche Weiſe fuhr der Herumträger dieſer Schilderei, allem Anſchein nach ein ehemaliger Matroſe, mit einem lahmen Arm und einem hölzernen Bein noch eine geraume Zeit fort, die Arminianer als Landes⸗ verräther und Prinzenmörder der horchenden Menge dar⸗ zuſtellen. Wir glauben jedoch hinlängliche Proben ſeiner poetiſchen Schilderungen angeführt zu haben, um den Leſer über deren Werth urtheilen zu laſſen. Auch Mo⸗ ritz war der Poſſenreiſſereien dieſes alten Invaliden, welcher ein ſchmutziges Weibsbild bei ſich hatte, welches ſich zwiſchen dem Volke herumbewegte, um eine den Leiſtungen angemeſſene Belohnung einzufordern, überdrüſ⸗ ſig, und wollte, nachdem er dieſer Schönen ſein Opfer dargereicht hatte, ſich entfernen, als eine Perſon, welche er unter dem Volkshaufen bemerkte, ſeine Aufmerkſamkeit erregte. Es war ein Mann von mittleren Jahren, mager und nicht ſehr groß. Er trug eine runde Kappe, einen ſehr langen Kragen um den Hals, und einen Mantel, der nicht wie die gewöhnlichen von ſeiner Schulter herab⸗ hing, ſondern vor der Bruſt befeſtigt war; ein weites unter dem Knie befeſtigtes Beinkleid und niedrige ab⸗ ſtehende Stiefeln. Nicht ſo ſehr ſeine Kleidung, welche ihn als einen anſtändigen Mann bezeichnet, ſondern der Ausdruck ſeines Antlitzes erregte Moritzens Aufmerk⸗ ſamkeit. Es war bleich und mager; die unter ſeiner Kopfbedeckung hervortretenden braunen Locken waren mit greiſen Haaren untermengt, und ſeine Angen ſchienen durch ſeine Abmogerung tiefer in ihre Höhlen verſunken zu ſein. Sein ganzes Aeußere trug die unverkennbarſten Spuren von Sorgen und Leiden. Deſſen ungeachtet ſtrahlte aus ſeinen Augen eine ruhige Ergebung, und ſein ſanfter Ausdruck flößte Achtung ein und zog un⸗ ————— 192 widerſtehlich an. Moritz betrachtete ihn theilnehmend, während der Fremde die Erklärung der Schilderei mit anhörte. Zuweilen ſchien ein mehr mitleidsvolles als verächtliches Lächeln auf ſeinen Lippen zu ſchweben, und wenn der eine oder andere verächtliche Beiname den Arminianern beigelegt wurde, dann erhob er ſein Auge gen Himmel, als wolle er ihn um Vergebung für die Thorheit und Ungerechtigkeit der Menſchen bitten. Während er noch ſo in Gedanken mit dem Unbe⸗ kannten beſchäftigt war, und der Sänger, bis zur Nutz⸗ anwendung ſeiner Vorſtellung gefördert, ſeinen Lands⸗ leuten den freundlichen Rath ertheilte, allen Armi⸗ nianern und deren Anhängern ein rothes Halsband umzulegen, ſchien plötzlich eine ungewöhnliche Unruhe um den Arminianer zu entſtehen. Man drängte ſich immer mehr nach der Seite, wo Moritz ſtand, und von verſchiedenen Seiten hörte man das verwirrte Ge⸗ ſchrei:„weg mit dem Arminianer! drängt ihn todt den Arminianiſchen Hund!“ Nun wurde er gewahr, daß dieſe Schmähreden an den Gegenſtand ſeiner Auf⸗ merkſamkeit gerichtet waren, und dieſer in Gefahr gerieth, von dem immer mehr herandrängenden Volkshaufen nieder⸗ geworfen zu werden. Mit dem ihm eigenthümlichen kecken Muthe, wenn es die Rettung eines Unſchuldigen galt, bahnte er ſich einen Weg durch den dichten Volkshaufen bis zu dem Unbekannten, der mit einer unbeſchreiblichen Ruhe, der drohenden Gefahr ungeachtet, um ſich her ſah. Mit mehr Heftigkeit erhob ſich der Ruf:„Arminiani⸗ ſcher Verräther, Gottesläugner u. ſ. w.“ und mehr als eine drohende Fauſt erhob ſich gegen den Fremden, als Moritz bis zu ihm vorgedrungen war, und ihm heim— lich zuflüſterte: „Fürchtet nichts, ich bin gewaffnet und werde Euch Beiſtand leiſten; nehmt dieſes Schwert zu Eurer Ver⸗ theidigung. Unterdeſſen will ich es verſuchen, den Volks⸗ haufen mit meinen Piſtolen in Zaum zu halten.“ Doch der Unbekannte lehnte die ihm dargebotene M M ——* NM M — M— 193 Waffe ab, und antwortete nur:„Ich danke Euch, Fremd⸗ ling! für Euer großmüthiges Anerbieten; doch ich bedarf Eurer Vertheidigung nicht, die mir nichts helfen und Euch vielleicht ins Verderben ſtürzen würde. Ein Anderer muß mein Beſchützer ſeyn!“— Zugleich wandte er ſich an das immer mehr herandringende Volk und ſagte: „Was verlangt Ihr von mir, lieben Freunde, und wo⸗ mit habe ich Euch beleidigt?“ „Wir ſind nicht die Freunde eines Arminianiſchen Landesverräthers?“— rief ein vierſchrötiger Kerl, worin Moritz einen der Schiffer, welche ihn nach der Inſel überfahren ſollten, zu erkennen glaubte.—„Wir kennen Euch recht gut, und wir ſparen nur dem Henker ein Werk, wenn wir Euch mit geknebelten Händen und Füßen in das Meer werfen!“ „Wir wiſſen, daß ein Preis auf Euren Armenſün⸗ derskopf geſetzt iſt,“— rief ein Anderer, der näher ſtand, und zugleich heftig ſeine Hand auf des Fremden Schul⸗ tern legte, als wolle er ihn feſthalten und mit ſich fort⸗ ſchleppen. „Und wenn dem wirklich ſo wäre, wolltet Ihr, Seerp, wohl dieſen Preis verdienen?“— ſprach der Fremde, welcher den Sprecher zu kennen ſchien, ohne die geringſte Furcht zu verrathen. „Warum nicht?“— antwortete der Kerl—„dann wird ein ehrlicher Mann aus der Noth, und einem Schur⸗ ken an den Galgen geholfen, gerade wie es ſich gehört.“ „Zurück, Kerl!“— rief jetzt Moritz, da er ſah, daß der Sprecher Gewalt zu brauchen anfing—„Zurück, oder ich werde Euch die Schaͤrfe meines Schwertes fühlen laſſen.“ Schon hatte er ſein Schwert gezogen, und ſchwenkte es mit ſolcher Behendigkeit, daß der Haufen zurückwich, und um ihn und dem Fremden ein freier Raum entſtand. „Laßt Eure Waffen ruhen, junger Mann!“— ſagte dieſer mit vielem Ernſt zu Moritz—„und verſündigt Cuch nicht an Gott, indem Ihr das Blut Eurer Neben⸗ menſchen vergießet. Ich bedarf nicht der menſchlichen . 194 Hülfe, denn ich bin in Gottes Hand, und meine Bruſt iſt mit einem Panzer verſehen, woran alle Angriffe mei⸗ ner Feinde abprallen. Zieht Euch zurück, oder dieſe er⸗ bitterten Menſchen werden Euch in ihrer Wuth zerreißen.“ Wirklich wurde für Moritz, der ſchon ſeiner unbe⸗ rufenen Dazwiſchenkunft wegen mit vielen Schmähreden begrüßt war, die Gefahr mit jedem Angenblick erhebli⸗ cher; man fing an mit Steinen zu werfen, wodurch der Unbekannte leicht verwundet wurde. Moritz zog ein Piſtot, bas aber zum Unglück nicht geladen war; und obgleich deſſen Anblick den wilden Haufen ein wenig aus⸗ einander trieb, ſo drangen die Kühnſten, wahrſcheinlich durch den Trunk erhitzt, bald wieder vor. Wohl reiheten ſich auch mehre anſtändig gekleidete Leute zu den Ange⸗ griffenen, und verſuchten es, die Menge zur Ruhe zu bringen, doch umſonſt. Bald wurde man von mehreren Seiten handgemein, und obgleich die Parthei des für einen Arminianerverſchrieenen Fremden mit Moritzen an der Spitze ſich tapfer wehrte, ſo war doch der Kampf zu ungleich, um lange unentſchieden zu bleiben. Die Angreifer behielten die Oberhand; und Moritz, gegen die Menge ſehr erbittert war, da er ſich als Fremder für einen überführten, und wie es ſchien, für einen ſo zu ſagen vogelfreien Landesverräther in die Breſche geſtellt⸗ und ſchon mehr als einen ſeiner Gegner die Kraft ſeines Armes blutig hatte fühlen laſſen, ſchwebte in der größten Gefahr, für ſeine Unvorſichtigkeit noch ſtärker als früher in dem Haag zu büßen. Während er ſo von dem Volksſtrome fortgeriſſen wurde, und ſo gut als möglich einen jeden Angriff von ſich abzuwehren bemüht war, war eine ſolche Verwirrung entſtanden, daß man kaum die Angreifenden von den Angegriffenen unterſchei⸗ den konnte, und er wurde zufällig gegen die Thüre eines angeſehenen Bauernhauſes geworfen. Dieſe öffnete ſich wie von ſelbſt, und er wurde unwillkürlich und faſt ſtrau⸗ chelnd hineingedrängt, worauf ſie wieder verſchloſſen wurde. Die außerhalb herrſchende Verwirrung war ſo N — M— M —— 195 groß, daß ſein Verſchwinden ſelbſt von den ihm zunächſt ſtehenden Perſonen nicht einmal bemerkt wurde, und daß er ſelbſt ſein Bewußtſeyn, einer ſo dringenden Gefahr ſo glücklich entgangen zu ſeyn, noch nicht wieder erlangt hatte. Das Schreien vor der Thür hielt noch eine Zeit⸗ lang an, bis die Menge, da ſie merkte, daß ihr Haupt⸗ gegner verſchwunden war, ſich endlich verdrüßlich zerſtreute. Moritz ſah ſich in eine niedliche Wohnung eines Bauernhauſes verſetzt, worin ſich nur ein junges Mäd⸗ chen mit einem gefälligen Aeußeren befand, die wahr⸗ ſcheinlich zu Ehren des Tages mit Bändern, Spitzen und einem goldenen Reif um den Kopf geziert war. Sie blickte Moritz neugierig und wohlgefällig an, doch ohne ein Wort zu ſagen. Und als der Jüngling ſich ihr nä⸗ herte und zu ſprechen anfing, da ſchlug ſie verlegen die Augen nieder und eine höhere Röthe bedeckte ihr Antlitz. „Verzeihet mir, liebes Kind!“ ſprach Moritz, in⸗ dem er ihre Hand, welche ſie verlegen zurückzog, ergrei⸗ fen wollte—„verzeihet, wenn ich Euch läſtig werde und ſogar einen Schrecken verurſacht habe. Uebermüthige Menſchen verfolgten mich und drängten mich in das Haus. Sagt mir daher, ich bitte Euch, wo ich mich befinde, und ob ihr mir für einen Augenblick, bis die Menge ſich verlaufen hat, einen Aufenthalt vergönnen wollt?“ Das Mädchen wagte ſeine freundlichen blauen Au⸗ gen auf den Jüngling zu richten und erwiederte ſanft und beſcheiden:„Ihr befindet Euch in dem Hauſe meines Vaters, Fopke Meines, und ſeid hier ſicher aufge⸗ hoben, bis alle Gefahr vorüber iſt. Ich ſah es, wie die böſen Menſchen Euch verfolgten, und öffnete vorſätzlich die Thüre in der Meinung, daß es Euch vielleicht dadurch glücke, ihrer Wuth zu entfommen.“ „Sö hab' ich es alſo Euch zu danken“— erwie⸗ derte Moritz, indem er näher trat, ihre Hand ergriff und ſie ſanft in die ſeinige drückte—„daß ich der Ge⸗ fahr entronnen bin. Wie kann ich je dieſe Wohlthat vergelten?“ 196 „O! deßhalb ſagte ich es nicht,“— antwortete das Mädchen, indem ſie ihre Hand ſchnell zurückzog—„aber ich kenne die hieſigen Bauern, und wußte, daß wenn ſie Euch völlig in ihrer Macht hatten, Euch vielleicht todt⸗ geſchlagen haben würden. Es war daher meine Pflicht, Euch zu retten; denn ſo verkehrt und ſtrafbar Euer Ver⸗ fahren auch war, ſo würde dieſe Strafe doch für einen Mißgriff zu hart geweſen ſeyn.“ „Und was habe ich denn gethan, liebes Kind! daß auch Ihr mich ſtrafwürdig erklärt?“— fragte Moritz⸗ „Ihr fraget noch? Habt Ihr nicht die Partei dieſes häßlichen Arminianers ergriffen, gleichſam als mach⸗ tet Ihr gemeinſchaftliche Sache mit dieſen abſcheulichen Menſchen— und das kann ich doch von einem ſo ſchö⸗ nen jungen Herrn keineswegs glauben.“ „Ich danke Euch für die gute Meinung, welche Ihr von mir hegt, liebes Mädchen! auch täuſcht Ihr Euch hierin keineswegs— ich habe nichts mit den Armi⸗ nianern gemein; doch ich kann nicht ruhig anſehen, wenn man einen Mann, der Niemanden beleidigt, und deſſen Aeußeres eben ſo friedlich iſt, als ſeine Worte Gottesfurcht und Liebe verrathen, ſo boshaft angreift. Aber wer war denn dieſer Unbekannte, um deſſentwillen ich mich einer ſo großen Gefahr, woraus Eure freund⸗ liche Hilfe mich rettete, ausgeſetzt habe?“ „Ich weiß nicht wie er heißt,“— antwortete das Mädchen—„doch mein Vater hat mir geſagt, daß es ein arminianiſcher Prieſter iſt, welcher überall her⸗ umſtreift, um Erbitterung unter Chriſten zu erwecken, das Volk gegen den Prinzen von Oranien und andere Vertheidiger des Vaterlandes aufhetzt, und auf deſſen Haupt ein hoher Preis geſetzt iſt. Er muß ſich irgendwo in dieſer Gegend aufhalten.“ „Ich glaube gern, daß er ein abgeſetzter Prediger iſt!“— erwiederte Moritz—„aber er wird doch deß⸗ halb eben ſo gut ein Chriſt ſeyn als wir, wenn er auch in einigen Punkten ſeiner Lehre auf dem Irrwege iſt. 197 Wenn er ſich aber ruhig verhält, und Niemanden weder durch Worte und durch Thaten, ſo wie es heute Mittag der Fall war, Anſtoß gibt, dann ſeh' ich nicht ein, daß Jemand das Recht hat, ihn ſo grauſam zu mißhandeln.“ „Ja ſo ſpricht Jelle auch,“— ſagte das Mäd⸗ chen mit mehr Feuer—„aber mein Vater behauptet, daß die Arminianer nichts Beſſeres verdienen; denn wenn ſie die Oberhand behalten hätten, ſo würden ſie eben ſo mit uns und vielleicht noch ſchlimmer verfahren haben. Aber Jelle ſagt, daß es unter den Armi⸗ nianern eben ſo gute Chriſten gibt, als unter uns.“ „So denk' ich auch,“— erwiederte Morit— „Aber ſaget mir, wer iſt denn dieſer Jelle, der ein ſo großmüthiges Urtheil fällt?“ „Das iſt....“ antwortete das Mädchen ſtotternd, indem ſie erröthete—„das iſt ein.. ein guter Be⸗ kannter von mir... von meinem Vater.“ „Ha! ich verſtehe ſchon“— ſprach Moritz lächelnd. —„Nun es freut mich, daß ein ſo liebes und braves Mädchen einen ſo edeldenkenden Bräutigam gefunden hat.“ „Nein, nein, ſo weit iſt es noch nicht mit uns ge⸗ kommen“— ſagte das Mädchen lebhaft, als erſchrecke es vor dieſem Worte;—„r iſt nur ein guter alter Bekannter, der es gut mit uns meint, ja nur ein guter Freund,“— wiederholte ſie, als klinge ihr dieſes Wort lieblicher. „Aber Ihr habt doch dieſen Freund auch ein wenig lieb?“— fragte Moritz aufs Neue, indem er das Mädchen lächelnd anſah. „Gewiß; und wie könnte es auch anders ſeyn? wir ſind zuſammen aufgewachſen— obgleich er volle vier Jahre älter iſt als ich— denn ſeine Mutter wohnt kaum zwanzig Schritte von hier; dann iſt er auch, wie Ihr recht gerathen habt, ein aufmerkſamer und edler Menſch. Seine Mutter heißt Neke Andrie s, eine arme aber brave Wittwe.“ „Und wie heißt Ihr, ſchönes Kind?“ ftagte Moritz. — 198 „Annchen, Euch zu dienen!“— antwortete das Mädchen mit einer bäueriſchen, doch nicht ungefälligen Verneigung. „Aber wenn nun auch Euer Geliebter„.. Euer Freund wollte ich ſagen, da er ſo menſchenfreundlich die Arminianer beurtheilt,— ſelbſt dereinſt— man weiß nicht, wie ſonderbar es kommen kann— ſelbſt dazu hinneigte; was würdet Ihr dann ſagen?“ „Das wäre arg,“— antwortete Annchen ſehr ernſt—„davor behüte ihn der liebe Gott!“ „Würdet Ihr ihm dann Eure Liebe, Eure Freund— ſchaft auf immer entſagen?“ „Ich... ich... ich würde mich bemühen, ihn zu bekehren,“— antwortete Annchen, indem ein heller Strahl von Hoffnung durch die dunkle Wolke, welche ihr Geſicht umzogen, zu dringen ſchien. „Und ich wollte wohl wetten,“— rief Moritz heiter—„daß Euch beſſer als dem wohlberedteſten Pre⸗ diger im Lande die Bekehrung gelingen würde. Doch ich hoffe mit Euch, daß der Himmel Euren Freund vor einem jeden Abfalle bewahren möge! Doch ſagt mir, wo iſt er jetzt?“— „Er war noch ſo eben vor Eurem Eintritt hier, und ich bat ihn, draußen zuzuſehen, was der Auflauf bedeute. Er wird bald wiederkommen, und ich hoffe die Gelegenheit zu finden, Euch ungehindert dahin zu geleiten, wo Ihr hinwollt.“ Als das Mädchen noch ſprach, öffnete ſich die Hin⸗ terthür, und ein junger Mann von einigen zwanzig Jahren, rieſiger Geſtalt und ſehr ſchönem Aeußern trat herein. Annchen eilte ihm ſogleich entgegen, und ungeachtet ſie, wie wir hörten, ihn durchaus nicht für ihren Bräu⸗ tigam anerkennen wollte, ſo bot ſie doch nicht viel Wi⸗ derſtand, als der Jüngling ſie in ſeine Arme ſchloß und einen herzlichen Kuß auf ihre Lippen drückte. So⸗ bald es aber geſchehen war, hielt ſie es dem Anſtande angemeſſen, ſehr verlegen deßhalb zu ſeyn. * — e —— — W—*—— M — 199 „Pfui, Jelle!“— ſagte ſie mit allem Anſchein „einer erzwungenen Unzufriedenheit, welche auch nur auf ihrem Antlitz zu finden war—„pfui, ſchickt ſich das? — was ſoll der fremde Herr davon denken?“ „Was er davon zu denken hat?“— antwortete Jelle mit einem heitern Antlitze, während er ſein auf⸗ richtiges Auge auf Moritz heftete, den er jetzt ſo eigent⸗ lich erſt gewahr wurde—„der mag denken, daß es viele niedliche Mädchen in Friesland giebt, denen es nicht ſchwer fällt, einem ehrlichen Jungen die Verſicherung ihrer Liebe auf die Lippen zu drücken; auch mag er denken, daß es Jünglinge giebt, welche die Liebe dieſer Mädchen zu ſchätzen wiſſen, und daß Jelle Do uwes einen Kuß ſeiner Braut höher achtet, als alle Schätze der Oſtin⸗ dienfahrer.“ „Deine Braut, Jelle, bin ich nicht— das weißt Du wohl“— erwiederte Annchen. „Du biſt meine Braut, Aunchen! vor dem Auge Gottes und vor dem der Menſchen. Du haſt mir Liebe und Treue gelobt; das iſt genug, um Dich zu meiner Braut zu machen. Und“— fuhr der Jüngling flüſternd fort, als ſolle ſie allein ſeine Worte hören—„ich hoffe, daß ehe drei Monate nach Johanni verfloſſen ſind, ſoll der Paſtor Dich zu meiner geſetzmäßigen Frau gemacht haben.“ „Nicht ſo geſchwind, wie Du meinſt“— erwiederte Annchen ſchalkhaft—„Du weißt, wenn wir vor dem Altare ſtehen, muß ich eben ſo gut ja ſagen als Du, und Dir meine rechte Hand zureichen. Und wer könnte mich zwingen, wenn ich nichts ſagen, noch Dir die Hand zureichen will?“ „Und Du könnteſt nicht ſprechen wollen?“— ſagte der Jüngling, indem er die beiden Hände ſeiner Schönen faßte, und ihr gerade ins Auge ſah.—„Und Du könn⸗ teſt mir Deine Hand nicht zureichen wollen?“ „Vielleicht,“— antwortete das Mädchen, indem es ſeine Lippen zurückzog, die kaum vier Zoll von denen des Jünglings entfernt, wieder ein Löſegeld zu zahlen in Anſpruch genommen werden ſollten. „Du mußt mir eine beſtimmte Antwort geben,“— erwiederte Jelle, indem er das Mädchen mit einem zärt⸗ lichen, halb ernſten halb ſcherzenden Blick anſah.— „Sollteſt Du ſie weigern?“ „Nein, ganz gewiß nicht,“— ſagte Annchen, indem ſie ihrem Geliebten freiwillig ihren Mund darbot—„doch unter einer Bedingung, Jelle, daß Du Dein Möglich⸗ ſtes anwendeſt, dieſem Herrn, der, wie Du geſehen haſt, von den Bauern verfolgt wurde, ein ſicheres Geleite giebſt. Du würdeſt es mir auch ſonſt nicht weigern, denn Du rühmteſt ja ſein Verfahren, als er dem Ar⸗ minianer ſo unvorſichtiger Weiſe Beiſtand leiſtete.“ „So that ich, und wenn Du mich nicht zurückge⸗ halten hätteſt, ſo würde ich ſelbſt mit zur Huͤlfe geeilt ſeyn, doch die ſchwachen Finger einer Fran“— fuhr Jelle ſich an Moritz wendend ſcherzend fort—„kön⸗ nen den ſtärkſten Mann zurückhalten, und ihn in ſeinem beſten Vornehmen hindern.“ „Und Niemand verdient mehr als dies liebenswür⸗ dige und edelmüthige Mädchen, dem ich im ſtrengſten Sinne des Worts meine Erhaltung zu verdanken habe, dieſe Gewalt über Euch auszuüben“— ſagte Moritz. —„Auch würde es mir ſehr leid geweſen ſeyn,“— fuhr er fort, ſich an Annchen wendend,„wenn ich Veranlaſ⸗ ſung wäre, daß Euer Geliebter... doch nein, er iſt ja Euer Freund, um meinetwillen ſich in Gefahr bege⸗ ben hätte.“ „Ihr habt, leider! genug geſehen und gehört, lieber Herr!“— antwortete Annchen—„um überzeugt zu ſeyn, daß er mich ſchon als ſoine Braut betrachtet; und daher würde alles Widerſtreben nicht viel helfen. Doch laßt uns jetzt zuſehen, auf welche Weiſe wir, ehe mein Vater nach Hauſe kommt, Euch hier weg ſchaffen.“ „Dazu haben wir noch Zeit“— ſagte Jelle— „denn Vater Fopke ſitzt noch ganz behaglich in der —„ c e — — ——— 201 Herberge, wo er ſchmaucht und trinkt, und noch an kein Aufſtehen denkt. Doch wohin wünſcht Ihr zu gehen, Herr?“ Nachdem Moritz es ihm geſagt hatte und hinzu⸗ fügte, daß die Zeit ſchon herangerückt ſey, wo er ver⸗ ſprochen habe, ſich an Bord des beſtimmten Schiffes zu begeben, brachte Ann chen, der Bitte ihres Geliebten zu Folge, einen groben weiten Mantel, welchen ihr Vater bei Regenwetter anzulegen pflegte. Dieſer wurde Mori⸗ tzen ſo umgehangen, daß nicht nur ſeine Geſtalt und Klei⸗ dung, ſondern auch ſein Geſicht und die Mütze mit Federn verziert größtentheils bedeckt war. Die immer mehr zuneh⸗ mende Dämmerung würde auch das ihrige beigetragen haben, daß man ihn nicht ſo leicht erkannt hätte, um ſo mehr, da dunkle und ſchweres Unwetter verkündende Wolken den ganzen Himmel bedeckten. Schon längſt hatte ſich das Volk zerſtreut, und Niemand dachte mehr im Genuſſe der Kirchmeßfreuden an das Vorgefallene. Moritz nahm von dem lieblichen Annchen einen herzlichen Abſchied, und als er ihr die Hand küſſen wollte, reichte ſie ihm ganz unbefangen ihre Wange dar, worüber Jelle auch nicht im geringſten eiferſüchtig zu ſeyn ſchien, und Moritz gern das ihm dargebotene Vorrecht benützte. Hierauf begab ſich Moritz, von Jelle begleitet, nach dem Strande, wo das Fahrzeug zur Abfahrt bereit lag. Unter⸗ wegs erkundigte er ſich, wie der Auftauf geendet habe und was aus dem Arminianiſchen Prieſter geworden ſey, und erfuhr von ſeinem Begleiter, daß, nachdem der Fremde, welcher ſie in der Vollführung ihres Planes gehindert und gegen welchen ſie ihre Erbitterung gerichtet hatten, ihrer Rachſucht entſchwunden wäre, ſie fich erſt wieder nach dem Arminianer umgeſehen hätten, welcher aber wahr⸗ ſcheinlich die Umſtände, ſich unbemerkt zu entfernen, benutzt habe. Weiter wußte Jelle hierüber nichts zu ſagen, und von dem Prieſter wußte er auch nichts mehr, als daß er ſeines Amtes entſetzt ſeh; daß man auf ſeinen Kopf einen Der Schutzgeiſt I. 14 — ——————————— 202 hohen Preis geſetzt habe, und daß er ſich in letzter Zeit oft in dieſer Gegend gezeigt habe. Unter ſolchen Geſprächen hatten ſie bald den Strand und das bewußte Fahrzeug erreicht, deſſen beide Schiffer ſeine Ankunft mit Ungeduld zu erwarten ſchienen. Sie erklärten ihrem Paſſagier in einem mürriſchen Tone, daß, da durch ſein langes Ausbleiben die Fluth vorüber ſey, ſie ihn für allen Schaden verantwortlich machten. Mit einem herzlichen Händedruck nahm Moritz von Jelle Abſchied, und es koſtete, ihm viel Mühe, dieſem ein Goldſtück für den wichtigen Dienſt, welchen er ihm ge⸗ leiſtet, aufzudringen. Nur die Bitte, daß er dafür Anu⸗ chen einen kleinen Schmuck zur Erinnerung an ihn kaufen ſollte, welchen ſie auf der Hochzeit anlegen könne, konnte Jelle bewegen, das Geſchenk anzunehmen. Er rief unſerm Helden noch ein herzliches Lebewohl zu, als dieſer ſich ſchon am Bord des Fahrzeuges befand, wel⸗ ches alsbald die Anier lichtete, und ſich langſam vom 6 Strande entfernte. * Vierzehntes Kapitel. Beug in vem Staube Dich, denn was Dein Aug' hier ſchaut, War von den Göttern nie den Menſchen anvertraut, Seit Rolos mächt'ge Hand, ſchon in uralter Zeit Die Götzentempel hier, den Gottheiten geweiht, Erbarmungslos zerſtört, noch keines Menſchen Schritt, Entweihte dieſen Ort, mit ſeines Fußestritt. Norng, nordiſche Legende. Wir bemerkten ſchon, daß ungewitterdrohende Wolken den Himmel verdunkelt hatten. Schwarzes Gewölk zog langſam vorüber, und entzog dem aufgehenden Monde ſein wohlthätiges Licht. In Südoſten bemerkte man Wetterleuchten, und ein ferner Donner wurde ge⸗ hört. Der Wind hatte ſich beinahe ganz gelegt, die Segel hingen am Maſte herab, und das Schiff ſchien unbeweglich an derſelben Stelle zu bleiben. Moritz 263 verſuchte mit einem der Schiffer ein Geſpräch anzuknüp⸗ fen, empfing aber nur abgebrochene und barſche Ant⸗ worten in einer faſt unverſtänblichen Mundart, welche endlich ganz aufhörten, da der mürriſche Frieſe erklärte, daß er ſich nicht deutlich genug im Holländiſchen aus⸗ drücken könne. Unterdeſſen hatte ſich Moritz hinläng⸗ lich überzeugt, daß dieſer Kerl in dem Tumult eine we⸗ ſentliche Rolle geſpielt hatte. Dieſe Ueberzeugung ver⸗ mehrte ſeinen Abſcheu gegen eine Perſon, die außerdem ein ſo abſtoßend unangenehmes Weſen hatte. Der an⸗ dere etwas umgänglichere Schiffer, war auch wenig ge⸗ neigt, ſich mit dem jungen Manne in ein Geſpräch ein⸗ zulaſſen, um ſo mehr, da ein Wink ſeines Gefährten es ihm zu unterſagen ſchien. Moritz bemühete ſich daher nicht weiter, ſondern wickelte ſich in ſeinen Reiſemantel, und legte ſich auf das Verdeck. Er betrachtete eine ge⸗ raume Zeit die dicken Wolken, welche durch den ſich im⸗ mer mehr erhebenden Wind gejagt wurden, und dann und wann einen Strahl des Mondes durchließen, und vertiefte ſich in Erinnerungen an die Vergangenheit und mit Plänen für die Zufunft. Daß Emma dabei eine Hauptrolle ſpielte, brauchen wir wohl nicht zu erwäh⸗ nen, und daß der Gedanke an ſie ihm den längern Auf⸗ enthalt in Friesland doppelt unangenehm machte. Die Luft hatte ſich unterdeſſen mehr getheilt, und die Wolken ſchienen ſich nacheinander gleich den zerſtreuten Ueberbleibſeln eines geſchlagenen Heeres in Nordoſten zu vereinigen. Der zunehmende Südwind trieb das Schiff ſchneller weiter, und bei dem hellern Lichte des Mondes ſah Moritz deutlich die Inſel. Doch wunderte es ihn ſehr, daß das Fahrzeug ſtets eine weſtliche Richtung ver⸗ folgte, und nicht, wie er es bedungen hatte, auf das Dorf Ballein hielt, wo er an's Land geſetzt werden wollte, und in deſſen Nähe das Stammſchloß der Kam⸗ minga's lag. Als er jetzt deutlich bemerkte, daß das Schiff dem Dorfe, deſſen Thurm, ſo wie den des Schloſ⸗ 14 * 204 ſes, die er deutlich ſehen konnte, vorbeigefahren war da ſprach er ſich gegen den Schiffer aus, und erinnerte ihn an die getroffene Uebereinkunft. Dieſer ſtellte ſich anfangs, als verſtehe er ihn nicht, beantwortete aber doch zuletzt ſeine wiederholte Anfrage mit der Verſiche⸗ rung, daß er nicht an der weſtlichen Küſte der Inſel landen könne, da ſowohl die Lage des Strandes, als auch die Fluth es nicht geſtatte. Als Moritz nun fragte, ob da in der Nähe ein Dorf oder Wohnungen wären, wo er die Nacht zubringen könnte, erhielt er nebſt einer verneinenden Antwort den unfreundlichen Beſcheid, daß er die Nacht zwiſchen den Dünen würde zubringen müſſen, wenn er nicht den Weg nach dem nächſten Dorfe Hollum kenne. Moritz ärgerte ſich ſehr über das unſchickliche Weſen, welches die beiden Schiffer gegen ihn annahmen, und ſein Unwille ſtieg noch höher, als ſie ihm eine weit höhere Summe für die Ueberfahrt abforderten, als bedungen war. Verge⸗ bens widerſetzte er ſich dieſer ſchändlichen Erpreſſung; der Ton dieſer beiden Menſchen wurde mit jedem Au⸗ genblicke drohender; ſie erlaubten ſich gegen ihn die ſchändlichſten Schmähungen, nannten ihn einen Landes⸗ verräther, einen vermummten Prinzenmörder und der⸗ gleichen mehr. Er ſah wohl ein, daß der Vorfall zu Holwerd hierzu Veranlaſſung gegeben habe, und be⸗ ſchloß daher für den Augenblick ſeinen Aerger zu unter⸗ drücken, und ſich in die Umſtände zu fügen. Sobald es ihm möglich würde, wollte er der Obrigkeit das ſchändliche Betragen dieſer Menſchen anzeigen, und ſich Genugthuung verſchaffen. Doch konnte er ſich nicht er⸗ wehren, ihnen mit wenigen Worten ihr ſchändliches Ver⸗ fahren vorzuwerfen. Die Schiffer hierüber aufgebracht, fluchten und ſchalten auf frieſiſch und holländiſch, und ſtreckten mitunter drohend ihre Fäuſte nach Moritzen aus, ſo daß dieſer einen Augenölick im Zweifel ſtand, ob er ſein Schwert ziehen und dieſe Kerls auf eine fühl⸗ bare Weiſe zur Ordnung bringen ſollte, Halb und halh c— ——-„—— — — — ——— —— — — 205 entſchloſſen es zu thun, ohne zu bedenken, daß er ſich ihnen auf Gnade und Ungnade ergeben müſſe, da er ſelbſt nicht geſchickt genug war, das Ruder zu führen, um an's Land zu kommen, merkte er, indem er ſich um⸗ ſah, daß ſein Schwert und ſeine Piſtolen weg waren. Er forderte ſie leidenſchaftlich; doch ſeine Worie hatten keine andere Wirkung, als daß die Schiffer böslich la⸗ chend ihn ermahnten, ſich ruhig zu verhalten, weil er ſonſt Gefahr liefe, hier den Lohn für ſein Betragen im Dorfe, dem er ſo glücklich entgangen ſey, in doppeltem Maaße zu erhalten. Hierauf redeten ſie eifrig in frie⸗ ſiſcher Mundart mit einander, und ſchienen über ein wichtiges Vorhaben zu berathen. Der folgende Theil ihres Geſprächs entging Moritzen nicht, da er in den letzten Tagen ſo piele frieſiſche Wörter gelernt hatte, um wenigſtens den Sinn zu verſtehen. Was er von ihren Ausdrücken nicht verſtand, wurde ihm durch die Geber⸗ den deutlich. „Ich bleibe bei dem, was ich geſagt habe, Sjuk!“ — ſagte der Mann, welcher am Ruder ſtand—„laß uns den Tollkopf über Bord werfen, wo er mit günſtigem Winde nach dem Nordpole hintreiben kann, um die Wall⸗ fiſche zu mäſten.“ „Sachte, ſachte, Lolle!“— ſagte ſein Gefährte— „ſo geſchwind geht es nicht. Man würde uns bald ein⸗ ziehen und den Kopf neben die Schultern legen, wenn es auskäme.“ „Da würde kein Huhn noch Hahn nachkrähen, Nie⸗ mand weiß es, daß er bei uns an Bord iſt, als Jelle Douwes, und der muß den Schnabel wohl halten, oder ich werde ihm mit meinem Meſſer ein Knopfloch in den Leib ſchneiden, daß es dem ſchönen Annchen vergehen ſoll, je mit ihm das Bett zu theilen.“ „Und die alte Here, Lolle! weißt Du nicht, was wir ihr verſprochen haben; und ich will es lieber mit dem Teufel und ſeiner Großmutter zu thun haben, als mit dieſer Hexe.“ 206 „Ja, da haſt Du Recht, Sjuck! mit der Herxe will ich nichts zu ſchaffen haben. Laß uns daher gerade ans Land fahren.“ Moritz hatte von dieſer Unterhaltung ſo viel ver⸗ ſtanden, daß der eine Schiffer einen argen Anſchlag auf ihn bewerkſtellige, welcher durch die Bemerkungen⸗des andern zurückgehalten wurde. Obgleich er keine Furcht kannte und feſt entſchloſſen war, ſich bei einem etwaigen Angriffe auf's äußerſte zu vertheidigen, ſo freuete es ihn doch, als er ſah, daß das Schiff ſich der weſtlichen Küſte der Inſel genähert und in geringer Entfernung davon die Anker ausgeworſen habe. Jetzt würde er wenigſtens, glaubte er, von der gehäſſigen Nähe dieſer rohen Gäſte befreit ſeyn. Allein gerade in dieſem Augenblicke erhob ſich das Ungewitter, welches vom Winde vertrieben zu ſeyn ſchien. Die Wolken hatten ſich über der Inſel dicht zuſammengezogen, wiederholte Blitze durchzuckten die Luft, und vermehrten durch ihr blendendes Licht die herrſchende Finſterniß. Sobald die Anker ausgeworfen waren, faßten die beiden Schiffer Moritz an, ſetzten ihn ohne viel Umſtände auf eine Art Tragbahre, befah⸗ len ihm, da es das einzige Mittel ſey, trocken an das Land zu kommen, ſich ruhig zu verhalten, verließen das Fahrzeug mit ihm und trugen ihn an das Land. So⸗ bald ſie feſten Grund und Voden gefaßt hatten, ſetzten ſie ihn auf die Erde, und nachdem ſie ſein Gepäck und ſein Schwert, welches ſie auf den Schultern trugen, neben ihn auf den Sand gelegt hatten, kehrten ſie wie⸗ der in das Schiff zurück, ohne ein Wort zu ſagen⸗ und ſchieden auf eine eben ſo mürriſche Weiſe, als ſie wäh⸗ rend der ganzen Fahrt beobachtet hatten. Moritz auf eine ſolche Weiſe, auf dem entlegen⸗ ſten Orte der ihm völlig unbekannten Inſel in ſtockfin⸗ ſterer Nacht ausgeſetzt, befand ſich in keiner beneidens⸗ werthen Lage. Er wußte nicht, wohin ſich zu wenden, um an einen bewohnbaren Ort zu gelangen. Er konnte eine drei Schritte weit vor ſich hinſehen, und nur wenn S* n⸗ n⸗ n, te 207 er vorwärts ſchritt, bemerkte er, daß er ſich zwiſchen den Dünen befand. Das Ungewitter nahm immer mehr zu, und der fürchterlichſte Donner ſchien die Inſel in ihren Grundfeſten zu erſchüttern. Die Blitze erleuchteten zwar mitunter ſeinen Weg, doch dienten ſie mehr dazu, ihn zu blenden, als ihn auf den rechten Weg zu führen. Er ſah wohl ein, daß er, um das nächſte Dorf zu erreichen, ſich rechts wenden müſſe, und beſchloß, dieſe Richtung zu nehmen und ſein Gepäck hier zurückzulaſſen. So ſchritt er, in Rachfinnen verſunken, durch den tiefen Sand der Dünen in einer öſtlichen Richtung wei⸗ ter, als er plötzlich in der Entfernung ein Licht zu ge⸗ wahren glaubte, das bald ſichtbar war, bald wieder ver⸗ ſchwand, und ſich über den unebenen Boden ihm zu nä⸗ hern ſchien. Er blieb ſtehen, um es beſſer zu beobachten, und rief mehreremale laut, um die Aufmerkſamkeit der etwa Kommenden rege zu machen. Doch die Gewalt des ihm entgegenkommenden Windes ließ ſeinen Ruf nicht weit vordringen. Das Licht näherte ſich ihm immer mehr! in gerader Richtung, als ſey der Träger von Moritzens Lage unterrichtet, und zwar mit einer ſolchen Eile, die ihm in der ſo täuſchenden Finſterniß beinahe übernatür⸗ lich erſchien. Bald hatte es ihn erreicht, und es ſchien ihm, ſoviel die Dunkelheit und das unſichere Licht es zuließ, daß eine rieſige alte Frau, in einen Mantel ge⸗ hüllt und mit einem Stabe in der Hand, ohne irgend eine Kopfbedeckung, deren greiſes Haar über die Schul⸗ tern herabwehete, ſich ihm näherte. Die Alte kam bei ihm an und blieb ſtehen, während ſie ihn mit einer Art von Laterne vom Kopf bis zu den Füßen beleuchtete und ihn aufmerkſam betrachtete. Darauf murmelte ſie in ſich, doch wie es ſchien, an Moritz gerichtet:„Ihr ſeyd es, der lang Erwartete!“ Darauf wandte ſie ſich um, und ohne ein Wort von Moritz zu erwarten, ſchritt ſie ſchnell auf dem Wege, welchen ſie gekommen war fort, und rief ihm in einem gebieten⸗ den Tone zu;„Folgt mir, junger Mann!“ 208 Moritz zoögerte nicht ihrem Befehl zu folgen, überzeugt daß dies das einzige Mittel ſey, aus der miß⸗ lichen Lage, worin er ſich befand, erlöst zu werden. So ſolgte er ſchweigend eine Zeitlang der Alten, welche auch nicht geneigt zu ſeyn ſchien, ein Geſpräch anzuknüpfen. Doch als er allmählig merkte, daß ſie eine andere Rich⸗ tung einſchlug, als die, welche nach dem nächſten Dorfe führte, und ſie immer tiefer in die Dünen ſich zu ver⸗ wickeln ſchien, da blieb er plötzlich ſtehen und ſagte: „Ich bin Euch den größten Dank ſchuldig, gute Mutter! daß Ihr mir ſo unerwartet in dieſer dunkeln Nacht als Führerin erſchienen ſeyd. Aber ſagt mir, wohin führt Ihr mich? Ich fürchte, daß dieſer Weg uns keineswegs nach einer Herberge, noch nach dem Schloſſe, deſſen Be⸗ wohner mich wahrſcheinlich ſchon heute erwarteten, führt.“ „Ich werde Euch ein Nachtquartier verſchaffen“— antwortete die Alte,—„ſo gut als Ihr es nur verlangen könnt. Doch Ihr habt ganz Recht, daß dieſer Weg uns weder nach dem Dorfe, noch nach dem Schloſſe führt. Er bringt Euch nach meiner Wohnung, wo eine gaſt⸗ freundliche Aufnahme Eurer wartet.“ „Daran zweifle ich nicht“— erwiederte Moritz —„doch ich würde Eure ſo verpflichtende Dienſtfertigkeit noch höher ſchätzen, wenn Ihr mich nach dem Dorfe ge⸗ leiten wolltet, wo ich wohl ein Nachtquartier, wozu Eure Wohnung doch wohl nicht eingerichtet iſt, finden würde, und Euch auf eine ſolche Weiſe nicht läſtig fiele.“ „Was ich Euch anbiete“— ſprach die Alte—„iſt mir keine Laſt, vielmehr eine Pflicht. Daher folgt mir ohne weitere Einwendungen.“ „Aber ſagt mir wenigſtens, wer Ihr ſeyd, deren“ Geleite ich mich ſo unbedingt anvertraue. Ich verkeune Eure Abſichten nicht; aber mir iſt heute ſo viel Fremd⸗ artiges begegnet, daß Ihr mir verzeihen werdet, wenn ich das Vertrauen, welches Eure Hilfe mir einflößen ſollte, Euch nicht unbedingt ſchenken kann.“ „Was könntet Ihr denn von einer glten machtloſen „———„— —„— —— +— . 209 Frau, wie ich bin, zu fürchten haben. Ich verſichere Euch, daß ich es aufrichtig mit Euch meine. Ich könnte es Euch zuſchwören“— fuhr die Alte fort, indem ſie ſtehen blieb und mit ihrem Stabe nach dem Himmel wies—„bei der Macht, welche dort oben donnert und ihre Blitze herabſchießen läßt; aber wenn. Ihr meinen einfachen Worten nicht glaubt, dann würden meine Eide keine andere Wirkung hervorbringen. Doch man hat mir geſagt, und es freute mich, daß Ihr ein muthiger und unerſchrockener Jüngling wäret, der vor keiner Gefahr, von welcher Art ſie auch ſeyn möge, zurückbebe; und ich durfte daher vermuthen, daß eine arme alte Frau Euch keine Furcht einjagen würde.“ „Ich fürchte nichts“— ſagte Moritz in einem feſten Tone—„und nicht deßhalb zögerte ich Euch zu folgen; ſondern vielmehr weil es meine Meinung iſt, daß man ſich nie blindlings Jemanden anvertrauen ſoll. Doch ich will glauben, daß Ihr nichts Arges mit mir im Schilde führt, und ich will Euch ohne weiters folgen. Sind wir noch weit von dem Orte unſerer Beſtimmung entfernt?“ „Wir haben ihn ſogleich erreicht,“ erwiederte die Alte. „Und mein Gepäck, welches ich auf dem Strande habe liegen laſſen?“ „Soll Euch unverſehrt vor Sonnenaufgang zuge⸗ ſtellt werden.“ „Nur noch eine Frage,“— erwiederte Moritz, während er ſeiner Führerin näher trat,—„woher wuß⸗ tet Ihr, daß ich zu einer ſolchen ungewohnten Zeit, und auf einem ſo entlegenen Orte der Inſel landen würde; und was konnte Euch bewegen, mir, einem ganz Frem⸗ den, ſo aus eigenem Antriebe zu Hilfe zu kommen?“ „Ich wußte, zu welcher Zeit und an welchem Orte ich Euch finden würde. Dies ſey Euch genug; fragt mich nicht weiter. Auch ſeyd Ihr mir nicht fremd; ich kenne Euren Namen und Eure Verhältniſſe, wenn auch meine Augen Euch ſelten ſahen. Ich kenne auch die Ge— 210 fahren, die Euch umringen, und ich wünſche das Mei⸗ nige mit beizutragen, um ſie von Euch abzuwenden.“ „Dafür bin ich Euch ſehr dankbar,“— ſagte Mo⸗ ritz,—„doch welche Gefahren ſollten mich bedrohen? Meint Ihr vielleicht mein Abentener von heute Mittag; dann wißt, daß ich vor keinen hundert betrunkenen Bauern zurückſchrecke, und wäre ich nur gehörig bewaffnet gewe⸗ ſen, dann würden ſie von mir den Lohn für ihr ſchänd⸗ liches Betragen auf eine ſolche Weiſe erhalten haben, daß ſie noch lange daran gedacht hätten.“ „Die Zeit wird es lehren,“— erwiederte die Alte —„ob wirkliche oder eingebildete Gefahren Euch über dem Haupte ſchweben. Hier iſt weder Zeit noch Ort, um es näher zu unterſuchen. Seht, da iſt meine Wohnung.“ Sie blieb ſtehen, und wies mit ihrem Stabe auf eine kleine Hütte, die von drei Seiten mit nacktem Sand umgeben und hinten an einen Hügel angelehnt war. Der Mond, welcher ſo eben durch die Wolken brach, ver⸗ breitete ſo viel Licht, daß Moritz das ganze Gebäude, welches von geringem Umfange zu ſeyn ſchien, über⸗ ſchauen konnte. Die Alte ſchloß die Thüre auf, und erſuchte Moritz einzutreten. Jetzt befand er ſich in einem engen, niedrigen Raume, welcher durch das ſchwa⸗ che Licht einer Lampe erleuchtet wurde, die auf einem kleinen Tiſche ſtand, welcher mit einem Stuhle, einigen Börden und einem Waſſerkruge das ganze Hausgeräth ausmachten. Wenn Moritz auch, wenn die Umſtände es erforderten, ſich ſehr gut mit einem Strohlager, mit Brod und Waſſer zu begnügen wußte, ſo mußte er doch innerlich lachen, wenn er dieſe große Armuth mit den ihm unterwegs gemachten Verſprechungen verglich. Seine Begleiterin hatte ſich unterdeſſen, immer einige unver⸗ ſtändliche Worte vor ſich hinredend im Raume, ohne ihren Gaſt zu beachten, beſchäftigt. Endlich wandte ſie ſich an ihn und ſprach:. „Ich habe Euch eine, Eurem Stande gemäße gaſt⸗ freie Aufnahme in meiner Wohnung zugeſagt, und ſie S ——**—* N — 211 ſoll Euch werden. Zuvor fordere ich aber von Euch, daß Ihr aufs feierlichſte gelobt, niemals von dem, was Eure Augen hier ſchauen, irgend Jemanden, wer es auch ſeyn möge, wieder zu erzählen. Glaubet nicht, daß ein ver⸗ brecheriſcher Beweggrund mich antreibt, dies von Euch zu fordern. Vielleicht wird Euch dereinſt, was Euch jetzt dunkel ſcheint, aufgeklärt werden, und dann werdet Ihr die Wichtigkeit meiner Worte einſehen— vielleicht auch nicht; aber ſelbſt dann, glaube ich, werdet Ihr keine WVeranlaſſung finden, dem Betragen der alten Tekla zu miß⸗ trauen. Verſprecht Ihr mir daher, was ichvon Euch fordere?“ „Ich ſchwöre es Euch bei Allem, was mir theuer iſt!“— ſagte Moritz. „Mehr verlange ich nicht“— erwiederte die Alte —„nun folgt mir.“ Bei dieſen Worten öffnete ſie eine kleine Thüre, welche ſich hinten in der Hütte befand, und die bei einem oberflächlichen Ueberblick nicht ins Auge fiel, da ſie erſt durch das Wegräumen einiger alten Strohmatten ſicht⸗ bar wurde. Jetzt zeigte ſich eine Treppe, welche die Alte, nachdem ſie die Thür ſorgfältig wieder verſchloſſen hatte, von Moritz gefolgt hinabſtieg. Am Ende dieſer Treppe war eine zweite Thür, welche ebenfalls geöffnet wurde, worauf ſich plötzlich den erſtaunten Blicken des Jünglings ein großes und hellerleuchtetes Gewölbe, welches auf eine prächtige Weiſe eingerichtet war, zeigte. Längs der weißen Mauern hingen in gleicher Entfernung ſilberne Armleuchter, worauf Wachslichter brannten. In der Mitte hing an der Decke eine große ſilberne Lampe, welche aus vier Mündungen Licht verbreitete, und nach dem angeneh⸗ men Geruche, welcher ſich verbreitete, zu urtheilen, mit wohlriechenden Oelen angefüllt war. Das Licht in dieſem Gewölbe, beſonders im Vergleich mit dem blauen Scheine in dem obern ärmlichen Raume, war ſo blendend, daß Moritz einer geraumen Zeit bedurfte, um ſeine Augen daran zu gewöhnen, und die verſchiedenen Gegenſtände welche ihn umgaben, gehörig zu unterſcheiden. Als er 212 endlich dahin gelangt war, bemerkte er noch außerdem mitten im Gewölbe einen Tiſch, worauf viele Speiſen aufgetragen waren, daneben eine Kanne und Becher von Silber. Am äußerſten Ende des Gewölbes ſtand ein behagliches Ruhebett. Noch betrachtete Moritz voll Verwunderung dieſe verſchiedenen Gegenſtände, und war aufs höchſte über die Pracht erſtaunt, als die Alte, welche ſein Erſtaunen nicht einmal zu bemerken ſchien, zu ihm ſagte: „Hier iſt Eure Abendmahlzeit, dort Euer Nachtlager. Benützt beides ohne Umſtände und nach Gefallen; ich mag hier nicht länger verweilen, auch iſt mein Mahl und mein Strohlager bereit.“ „Will denn meine geheimnißvolle Gaſtgeberin, welche mich durch dies Alles ſo höchlich in Erſtaunen ſetzt, mir Ihre Geſellſchaft bei der Abendmahlzeit entziehen?“— fragte Moritz. „Ich muß es;“— antwortete dieſe—„ich beſitze die Mittel Gaſtfreundſchaft auszuüben, wie Ihr ſeht, doch nur für Andere. Dieſer Ueberfluß iſt für mich nicht beſtimmt. Mein Tiſch enthält keine andere Speiſen, als ein Stück ſchwarzes Brod und ein Trunk friſches Waſſer. Laßt Euch aber deßhalb nicht abhalten, das Euch Dar⸗ gebotene unbeſorgt zu genießen, und dann in den Armen des Schlafes von den Ermüdungen des Tages auszu⸗ ruhen. Ich werde Sorge tragen, daß Ihr zu gehöriger Zeit geweckt werdet, um Euch nach dem Schloſſe zu be⸗ geben, wo man Euch Morgen aufs beſtimmteſte erwartet.“ „Werde ich dann Morgen erfahren, wem ich dieſe gaſtſreundliche Aufnahme, worauf ich ſo wenig rechnen durfte, zu verdanken habe? Werde ich nicht näher mit dem tamen und den Verhältniſſen der Frau bekannt werden, zu der ich mich hingezogen fühle und der ich mehr als menſchliche Kräfte zuſchreiben muß, denn ſo groß iſt meine Ueberraſchung, welche mir in ihrer Wohnung wurde?“ „Man nennt mich die alte Tekla;“— antwortete ſie—„und obgleich man mir ſo wohl apf dieſer Inſel 21³ als anders wo, eine Macht zuſchreibt, welche ich keines⸗ wegs beſitze; ſo bin ich doch nicht mehr noch minder als ich ſcheine; eine alte unglückliche Frau, welche wäh⸗ rend ihres, allzuweit vorgerückten Alters, viele Schickſale beſtanden, viele Mühſeligkeiten erduldet hat, und daß ich zuweilen, wenn ich es für nöthig halte, auch im Stande bin, eine Pracht an den Tag zu legen, welche mit meiner Perſon und meiner ärmlichen Wohnung ſo wenig über⸗ einſtimmt— das iſt ein geringer Erſatz für die Leiden, wenn auch nur für einen einzigen Tag meines Lebens, welche leider! alle übrige Leiden zur Folge hat. Auch muß dies den Augen einer Welt verborgen bleiben, welche darin nur einen Anlaß finden würde, ein ungerechtes und liebloſes Urtheil über mich zu fällen. Daher habe ich Cuch auch das Verſprechen, dies ganz geheim zu halten abgenommen. Doch ich verweilte ſchon zu lange hier, und muß Euch jetzt allein laſſen. Genießet das Euch Vorgeſetzte, und erquicket Euch dann durch einen wohl⸗ thätigen Schlaf, den ich ſchon ſeit einer Reihe von Jah⸗ ren vergebens ſuche. Fürchtet nicht, daß Eure Ruhe in dieſer Grotte geſtört werden wird; kein Sterbſicher weiß, daß ſie vorhanden iſt. Sie war vor vielen Jahr⸗ hunderten dem auf dieſer Inſel verehrten heidniſchen Abgotte Foſto geweiht; doch ſeit den Tagen meiner gottesfürchtigen Namensverwandten, der Königstochter DTekla, durch keinen Götzendienſt mehr entheiligt, und nur durch den Fuß der Unglücklichen, welche Euch hierher geleitete, betreten, welche, bevor ihre Augen ſich dem ihr verhaßten Lebenslichte ſchließen, nur noch eine Pflicht zu erfüllen hat.“ Nachdem die Alte dieſe Worte geſprochen, verließ ſie eiligſt die unterirdiſche Wohnung, und ließ Moritz allein, damit er ſich an den Speiſen erquicke, und über alles das Fremdartige, welches ihm in einem ſo kurzen Zeitraum begegnet war, nachzudenken. Während er das erſte that, und einen Becher des herrlichſten Weines, den je ſeine Lippen gekvſtet hatten, leerte, konnte es wohl —— ———— 3 1 214 nicht anders ſeyn, als ſeine Gedanken auf die ſonderbare Frau zu richten, welche ihm ſo plötzlich auf ſeinem Wege erſchienen war, und wie ein geheimes Vorgefühl in ſei⸗ nem Innerſten es ihm verkündigte, für die Folge nicht ohne Einfluß auf ſeinen Lebenslauf ſeyn wurde. Es dau⸗ erte lange, ehe er ſich entſchließen konnte, ſich auf das ihm beſtimmte Lager niederzuwerfen, und auch nachdem⸗ dies geſchehen war, glückte es ihm noch nicht ſogleich einzuſchlafen. Während dieſer ganzen Zeit herrſchte in der Hütte, von der er nur wenig entfernt war, die tiefſte Stille. Aber als ſeine Augen zuletzt von Müdigkeit über⸗ wältigt zufielen, ſchien es ihm, daß die Thür des Ge⸗ wölbes wieder geöffnet, und alle Lichter, wie durch einen Zauberſchlag erlöſcht wären. Doch hatte ſich der Schlaf ſeiner ſchon ſo ſehr bemächtigt, daß die Gedankenfolge, womit er ſich ſchon ſo lange beſchäftigt hatte, gänzlich in den Strom der Vergeſſenheit verſenkt war. Fünfzehntes Kapitel. Noch in Trauer für den Vater, Die greiſe Wittib fleht zu Dir, Sohn! ſei Du ihr Schutz, ihr Rather Verſage nicht Dein Mitleid ihr.... Und Deiner Pflichten unbewußt, Verdrängſt Du ſie von Deiner Bruſt. 3 Wir müſſen jetzt den Schauplatz nach dem Haag verſetzen, in den Abſchnitt eines Sommertags, wo die ſich dem Untergange neigende Sonne die Glut ihrer Strahlen allmählig zu mäßigen anfängt. Vor einem der Fenſter der obern Wohnung einer vornehmen Herberge, an der Südſeite des jetzigen Gemüſemarkts, welche das goldene Lacken zum Schilde führte, ſtand ein großer Mann von mittlern Jahren, dem Anſcheine nach in tie⸗ fen Gedanken verſunken. Der zurückſtoßende Stolz ſeines Antlitzes, wenn auch burch das Nachdenken einigermaßen gemäßigt, würden uns in dem Manne leicht den mürri⸗ —— M 8 S M Se— 215 ſchen und ſtolzen Fremden wieder erkennen laſſen, welchen wir wenige Monate zuvor in der gaſtlichen Wohnung Helds, ſich mit ſeinem eben ſo ungeſelligen Reiſege⸗ fährten unterhalten ſahen, ohne an der lauten Freude der übrigen Gäſte und Reiſenden den geringſten Antheil zu nehmen. Diesmal hatte er aber eine andere Kleidung, und wie es ſchien ſorgfältiger gewählt. Er trug einen engen Rock oder Wamms von dunkelfeinem Stoff, wel⸗ cher nur wenig über die Hüfte hinabging. Von vorn, wo die Schöße dieſes Kleides ſich vereinigten, und an den beiden Seiten, wo ſie über die Hüfte niederhingen, war es mit ſchön gewirkten dunkelfarbigen Borden beſetzt. Die Aermel waren auf einzelnen Stellen mit Einſchnitten verſehen, wodurch die hellblaue Seide des Futters ſicht⸗ bar war. Das Beinkleid war ziemlich weit, und um die Kniee waren mit einem breiten Bande die hoch her⸗ aufgehenden Strümpfe befeſtigt. Niedrig herabhängende Stiefeln von dunkelbraunem Leder mit weiten Stulpen umſchloſſen das Bein bis zur Hälfte. Der liegende Hals⸗ kragen von Kammertuch erſetzte den frühern ſteifen und aufſtehenden. Ueber die rechte Schulter hing ein lederner ſchön geſtickter Degenkuppel, worin ein Schwert von mäßiger Länge befeſtigt war. Ein halber Mantel hing leichtweg über die linke Schulter, und ein Caſtorhut mit breitem Rande und ſpitzem Kopfe, mit Federn verziert, vollendete den Anzug. Er trug einen ſtarken Knebelbart, doch anſtatt des breiten niederhängenden Bartes, womit noch ſo viele Bilder jener Zeit prunken, nur einen klei⸗ nen Zwickbart. Der Fremde ſchien, wie wir ſchon erwähnten, tief in Gedanken verſunken. Sein Blick war auf die Vor⸗ übergehenden, welche zu dieſer Tageszeit ſehr zahlreich auf dieſem Platze waren, geheftet; doch ſchien er die Vorübergehenden zwecklos anzuſtarren, einem Mondſüch⸗ tigen gleich, deſſen Seele dabei nicht betheiligt zu ſeyn ſchien. Zuweilen jedoch ſchien er plötzlich aus ſeinem Nachſinnen zu erwachen; dann richtete er ungeduldig ſein Auge nach Weſten, wo die Sonne ſchon hinter den Häu⸗ ſern verſunken war, und ſchien ihren Untergang beſchleu⸗ nigen zu wollen. Darauf ſchritt er ſchnell einige Male im Gemache auf und ab, und nahm dann ſeinen frühe⸗ ren Platz am Fenſter wieder ein, und verſank gleich wie⸗ der in Nachdenken. Schon war auf dieſe Weiſe eine halbe Stunde verſtrichen, und die erſte Dämmerung war kaum ſichtbar, ſo ſchien er ſeinen Entſchluß gefaßt zu haben. Er verließ das Gemach ſehr eilig, lief die Treppe hinab, und als er die Straße erreicht hatte, drückte er den Hut tiefer in die Augen, als wünſche er von der Menge, welche durch den ſchönen herannahenden Abend herausgelockt war, und dieſelbe Richtung mit ihm ver⸗ folgte, nicht bemerkt zu werden. Bald hatte er das Vorholz erreicht, wo er neben einem Teiche ſtehen blieb, und eine daſelbſt befindliche Wohnung finſter anſtarrte. Ohne auf die Spaziergänger, unter denen ſich viele Vornehme befanden, zu achten, ſetzte er ſeinen Weg fort, bis er an der entgegengeſetzten Seite am Einhange des Holzes eine kleine jedoch ſchöne Wohnung erreicht hatte. Noch ehe er den blank geſcheuerten Klöpfel in Bewegung ſetzen konnte, wurde die Thüre geöffnet und der Fremde trat hinein. Er ſchien in dieſem Hauſe bekannt zu ſeyn, und öffnete die Thüre eines Zimmers, deſſen Fenſter auf das Holz gingen und von wo aus man ihn vielleicht hatte kommen ſehen. Da die Vorhänge hoch aufgezogen waren, ſo war noch ſo viel Licht im Zimmer, daß man die Gegenſtände genau unterſcheiden konnte. Das Haus⸗ geräth, wenn auch einfach, ſchien es doch einer vorneh⸗ men Familie anzugehören. Auf einer mit ſchwarzem Sammt bezogener Ruhebank ſah eine Frau in Trauer⸗ kleidern, in Schwermuth verſunken und ſchon ziemlich bejahrt. Sie war allein im Gemache, und ſchien, als der Fremde ins Zimmer trat, ſich von ihrem Sitze er⸗ heben zu wollen; doch dieſer kam ihr zuvor, eilte lei⸗ denſchaftlich auf ſie zu, knieete vor ihr nieder, faßte ihre 1 — 1. le ne u e er er d 18 b, e 15. es i9 de n, uf ht en n m r⸗ ch 18 i⸗ re 217 Hand, drückte ſie mit Zärtlichkeit an ſeine Lippen, und ſagte darauf mit ſanfter Stimme: „Mutter! gebt mir Euren Segen!“ „Den haſt Du, mein Sohn!“ erwiederte die Dame, indem ſie ſich vorüber beugte, und ihre Hand auf das Haupt des Knieenden legte—„Der Segen Deiner Mutter begleite Dich auf allen Deinen Wegen, wenn Du ſie mit einem unbefleckten Gewiſſen und in der Furcht des Herrn wandelſt!— Doch jetzt ſtehe auf, mein Sohn, und ſetze Dich zu mir. Deine Mutter wird alt und ſchwach; ſie hat keine andere Stütze, als ihre Kin⸗ der; und doch, Wilhelm! ſind Tage und Wochen ver⸗ ſtrichen, ſeit Du zuletzt dieſe Wohnung betrateſt.“ „Ich verdiene dieſen Verweis weniger, als Ihr ver⸗ müthet.“ erwiederte der Fremde, indem er aufſtand, und ſich neben ſeine Mutter niederſetzte.—„Oder habt Ihr vergeſſen, daß ich nicht mehr der bin, der ich war? daß, nachdem ich drei Jahre in Trauer und Elend verbracht habe, mir ganz andere Pflichten anferlegt ſind, die mir nicht geſtatten, über meine Zeit nach Willkühr zu ver⸗ fügen.— Ja, daß die Beſtimmung meines Lebens eine ganz andere iſt?“ „Und welche Pflichten können Dir aufgelegt ſeyn, die heiliger ſind, als die Pflichten, welche ein Sohn ſeiner Mutter ſchuldet? Oder welch' anderer Beſtim⸗ mung könnteſt Du folgen, welche edler wäre, als die, die letzten bitteren Lebenstage einer höchſt unglücklichen Frau, der Du Dein Leben verdanfſt, zu mildern und zu verſüßen. O Wilhelm! Wilhelm! bedenke wie we⸗ nige Monate, vielleicht nur noch Wochen vergehen, wo Deine Hand dieſe Augen verſchließen wird, welche mir ſeit jener fürchterlichen Zeit ſelbſt den Troſt verſagen, mein Unglück beweinen zu können. Sieh, Wilhelm! ich bin krank, ſehr krank, und es giebt keinen Arzt, der meine Leiden lindern kann. Du allein vermagſt es; und ſollteſt Du grauſam genug ſeyn, Deiner Mutter den Der Schutzgeiſt. J. 15 218 Labetrunk vorzuenthalten, den Deine Hand allein ihr reichen kann?“ „Was verlangt Ihr denn von mir, Mutter?“— ſagte der Sohn, ſichthar durch dieſe Worte der alten Frau betroffen—„was vermag ich, der verfolgte, der verab⸗ ſcheute Sohn des Mannes, der als ein verächtlicher Ver⸗ brecher ſein Leben durch die Hand des Henkers verlor? — Redet frei heraus, Mutter! ich bin zu Allem bereit. Ich würde keinen Augenblick anſtehen. Doch welchen Troſt könnte Oldenbarnevelds Sohn Oldenbar⸗ nevelds Wittwe bieten?“ „Den köſtlichſten, einer Mutter aufbewahrten Troſt, bei einem Herzeleid, dem ihre Seelenkraft mehr als einmal zu erliegen drohte. Laß dieſen Troſt den dunkeln Abend meines Lebens erleuchten. Es ſteht in Deiner Macht, ihn mir zu geben— ſchwöre es mir bei dem An⸗ denken Deines Vaters, daß mein Sohn, das geliebteſte meiner Kinder, nie eine That ausüben wird, welche das Licht des Tages ſcheut, nie einen Schritt thun wird, wodurch er den Namen, welchen er trägt, befleckt.“ „Der Name iſt ſeit drei Jahren gebrandmarkt und entehrt,“— ſagte Wilhelm von Stoutenburg (Oldenbarnevelds jüngſter Sohn) in einem bittern Tone, indem er aufſtand und bewegt im Zimmer auf und ab ſchritt. „Schweig, Unbeſonnener!“— erwiederte die Mut⸗ ter, indem ſie ihre Stimme erhob, und ſich mühevoll von ihrem Sitze aufrichtete, wodurch die ganze majeſtätiſche Geſtalt der Frau ſichtbar wurde, welche jetzt aber durch die Jahre und die Leiden gebeugt war.—„Das Ver⸗ brechen, nicht das Schaffot entehrt. Du ſchändeſt durch Deine thörichten Reden das Andenken Deines Vaters. Und wem gebührt es mehr, als ſeinen Kindern, es nach dem fürchterlichen Tage, wo das greiſe Haupt fiel, in Ehren zu halten.“. „Aber was befürchtet Ihr, Mutter!“— erwie⸗ derte Wilhelm nach einem augenblicklichen Schwei⸗ 219 gen, indem er ſich vor ſeine Mutter ſtellte, welche ihrer Schwäche wegen ſich niedergeſetzt hatte—„weßhalb ver⸗ muthet Ihr Handlungen von mir, wodurch ich mich ſelbſt brandmarken, und die Bitterkeit Eures Leidens noch ver⸗ mehren ſollte? Mögen keine eitlen Schreckbilder Eure Ruhe ſtören, wenn anders Eure Seele noch für Ruhe empfänglich iſt.“ „Nein! es ſind keine eitlen Schreckbilder, Wilhelm! ſie verfolgen mich ſogar im Traume, und entziehen mir die Vergeſſenheit meiner Leiden, welche mir zuvor noch zuweilen in den Armen des Schlafs zu Theil wurden. Ich leſe es in dem wilden Blicke deines Auges, in der ſchreckerweckenden Düſterheit, welche aus einem jeden Deiner Züge ſpricht, daß Deine Seele mit einem wich⸗ tigen Plane umgeht,— O Gott! ich vermuthe mit einem verbrecheriſchen!“ „Ihr täuſcht Euch, glaubt es mir Mutter!“— ſprach der Sohn, indem er ſich bemühete eine gleichgül⸗ tige Miene anzunehmen, und ſich zu einem Lächeln zwang —„Schwermuth umgaukelt Euch mit Bildern, die nur in Eurer Einbildung beſtehen. Mein düſterer Blick, und der Ansdruck der Trauer auf meinem Antlitze, ſagt Ihr, beunruhigen Euch. Aber wie könnt Ihr verlangen, daß ich aufgeräumt oder auch nur mit meinem Loos zufrieden ſeyn ſollte? Bin ich nicht widerrechtlich aus allen mei⸗ nen BVeſitzungen verſtoßen, und beinah an den Bettelſtab gebracht. Meiden mich nicht alle Freunde und Bekannte aus früherer Zeit, ja, ſcheinen ſie nicht meine Gegenwart wie die eines reißenden Thieres, oder eines Unglücklichen, der von einer anſteckenden Krankheit befallen iſt, zu be⸗ trachten? Und warum?“— fuhr er mit lauterer Stimme fort, während er ſeine Hand, welche bis jetzt in der ſeiner Mutter ruhete, ungeſtüm losriß, einige Schritte zurück⸗ trat, und mit geballter Fauſt ſeine beiden Arme aus⸗ ſtreckte—„Warum beim Himmel! warum?— Weil ungerechte Richter, Handlanger des Tyrannen, meinen 15 220 Vater des Lebens, und ſeine Kinder ihrer Beſitzungen und aller Mittel zu beſtehen beraubten;— weil der Tyrann ſelbſt, nachdem er mit hölliſcher Freude das Haupt des unglücklichen Staatsdieners hatte fallen laſſen, auch noch das heilige Verſprechen, welches er dem Greiſe bei ſeinem Tode vorlog, brach;— und weil feigherzige Seelen bei dem Gedanken zurückbeben, daß ſie ſich die Ungnade des allvermögenden Mannes zuziehen, wenn ſie den Muth zeigten, mich freundſchaftlich anzureden, oder mein Schick⸗ ſal zu beklagen. Ihr habt es mir mehrere Male verwie⸗ ſen, Mutter! daß ich zu ſtolz und zu leidenſchaftlich ſey. Ich war es in der That— ich läugne es nicht. Aber bei dem Allmächtigen über uns! Mein Stolz iſt auf eine harte Probe geſtellt. Er war ganz unterdrückt, er war bei dem Herzeleid, welches unſre Familie traf, ganz ver⸗ ſchwunden. Ich fühlte mich in dieſen Augenblicken ſo unglücklich, ſo verlaſſen: ich ſuchte Troſt in dem Um⸗ gange mit meinen Freunden; ich wollte mich näher an die Menſchen anſchließen, ſelbſt an die, deren Annäherung ich früher mit zurückſtoßendem Stolze erwiedert hätte. Und was— was mußte ich erfahren? Meine früheren vertrauten Freunde behandelten mich zuerſt mit einer auffallenden Kälte, und verſchloſſen mir bald die Thüren ihrer Wohnungen. Andere, die ſich früher durch ein zu⸗ trauliches Wort von meinen Lippen, durch ein vertrau⸗ liches Geſpräch geehrt fühlten, kehrten um, wenn ſie mich von ferne ſahen, oder ſahen nach einer andern Seite hin, aus Furcht, daß ich ſie grüßen oder ihnen ein freund⸗ liches Wort zuſprechen möchte. Eine ſolche Begegnung wird mir ſeit Jahren zu Theil. Dies alles iſt der Fluch, der auf mir, der auf uns allen ruht. Und ſo ein Geſchick gibt mir die triftigſte Veranlaſſung, heiter zu ſeyn, und ein fröhliches Antlitz zur Schau zu tragen. O, Mutter! Mutter! könntet Ihr zuweilen in dieſer Bruſt leſen, und ſehen wie die Furien der Hölle ſich darin feſt⸗ ſetzten?“ 1 „Niemand kann weniger als ich das Herzeleid, was denden und geduldigen Charakter ausgeſtattet, wodurch 221 uns heimſuchte, mit einem gleichgültigen Auge be⸗ trachten,“— ſprach die Mutter, indem ſie auf ihren Sohn einen betrübten Blick warf—„Niemand kann weniger als ich wünſchen, die Erinnerung davon auch nur einen Augenblick aus ſeinem Geiſte zu verbannen. Aber Du, mein Sohn! biſt noch in der vollen Kraft Deines Lebens, ich ſtehe aber ſchon mit einem Fuße in dem Grabe, welches mich mit Deinem Vater vereinigen wird. Warum ſollteſt Du alle Erwartungen Deines Lebens, alle Hoffnungen auf eine glücklichere Zukunft aufgeben? Mögen treuloſe Freunde und niedrige Schmeich⸗ ler der Fürſten Dich feigherzig verlaſſen— ſie verdienen nicht einmal, daß eine edle und feſte Seele deßhalb er⸗ zürne. Doch warum willſt Du Dich nicht des Troſtes bedienen, welchen Leidensgefährten ſich einander gewäh⸗ ren können? Warum flieheſt Du diejenigen, welche ſchon früher durch Bande des Blutes und jetzt noch enger durch das Unglück mit Dir vereinigt ſind! Ihre Gegenwart kann Dir keine Demüthigung, ſondern nur Erquickung und Theilnahme verſchaffen. Auch ſolche flieheſt Du; Du treibſt Dich beſtändig fern von ihnen und ihrem Wohnorte gleich einem Gejagten umher, ohne daß ſie Deinen Aufenthalt kennen.“ „Ich habe Euch ſo eben die Gründe geſagt,“— antwortete Wilhelm—„welche mir den Aufenthalt in dieſer Stadt ſtets verbittern. Es iſt mir zum Be⸗ dürfniſſe geworden, abgelegene Orte, wo man Olden⸗ barnewelds Sohn nicht kennt, zu wählen.“ „Du bemüheſt Dich einer Antwort auf meine Frage auszuweichen. Ich erinnerte Dich, daß Du theure Be⸗ ziehungen haſt, welche Deines Troſtes im Unglück be⸗ dürfen, und die ihrerſeits Dir tröſtend zur Seite ſtehn, wenn die Laſt der Leiden zu ſchwer Deine Schultern drückt. Du haſt einen Bruder, mein Sohn!“ „Dieſer kann meine Hülfe und meinen Troſt gut entbehren. Reinier iſt von der Natur mit einem lei⸗ 222 er den fürchterlichen Schlag, welcher uns traf, mit Un⸗ terwerfung und Gelaſſenheit trägt; außerdem geſtattet ihm das Schickſal noch in Reichthum und Ueberfluß zu leben, während es ſeinen Bruder zum Bettler machte.“ „Du haſt eine Gattin, Wilhelm!“ „Wahrhaftig!“— erwiederte Stoutenburg mit einem bittern Lächeln—„es iſt iſt gut, Mutter, daß Ihr mich daran erinnert, ich könnte es ſonſt ver⸗ geſſen. Doch wäre es wahrſcheinlich auch nicht ganz überflüſſig, daß Ihr auch Eure Schwiegertocher erinnertet, daß ſie noch einen Gatten habe, ſonſt könnte ſie auch leicht dahin kommen es zu vergeſſen.“ „Und wem würde dieſer Verweis gelten? Ganz gewiß nur Dir, der Du zuweilen Wochen, Monate ſogar vor⸗ beigehen ließeſt, ohne ſie zu ſehen, und ohne ihr nur einen einzigen Beweis der Liebe und Treue zu geben, welche Du ihr früher im Angeſicht Gottes geſchworen haſt.. „Mögen wir uns nicht täuſchen, Mutter! Laßt uns die Zeit nicht mit eitlen Reden verſchwenden; beſonders jetzt nicht, wo mir meine Augenblicke zugezählt ſind. Walbur⸗ gia liebt mich nicht— hat mich vielleicht niemals geliebt. Doch nein, ich will es glauben, daß ſie mich einſt liebte; obgleich ſie mir von dem Augenblicke an, wie ſie ihre Hand in die meinige legte, fremd geblieben iſt. Wenn ſie aber wirklich einſt den Mann liebte, der reich, mächtig und in glänzenden Verhältniſſen war, den Sohn des allvermögenden Staatsdieners, deſſen Stellung und Einfluß mit dem des Prinzen gleich ſtand— der ſtolze Abkömmling der von St. Adelgonde die Enkeltoch⸗ ter des weltberühmten Philipps von Marnix, kann nicht länger den von Allem entblößten, den verab⸗ ſcheuten Sohn des enthaupteten Staatsdieners lieben. Doch laßt uns hierüber ſchweigen; denn es koſtet mir zuweilen wirklich Mühe mich ſelbſt zu überzeugen, daß ich eine Gattin habe.“ „Aber Du haſt doch eine alte, tief betrübte Mutter. 223 Sie verlangt ſehnlichſt nach dem Augenblicke, wo ſie ihr müdes Haupt in das ſtille Grab zur Ruhe niederlegen kann. Mußt Du auch hieran erinnert werden, mein Sohn?“ „Keineswegs, Mutter!“— erwiederte er mit ſanf⸗ ter Stimme—„und eben deßhalb, weil ich es nicht vergeſſen kaun, bin ich hieher geeilt, um Sie um Ihren Segen zu bitten.“ „Und warum gerade in dieſem Augenblick, Wil⸗ helm?“— fragte die Mutter abermals, indem ſie einen durchdringenden Blick auf ihren Sohn warf, und ſo viel es die Dämmerung zuließ, auf ſeinem Antlitze das, was in ſeinem Innerſten vorging, zu erforſchen be⸗ müht war—„welches Vorhaben, wichtig genug, um bei deſſen Ausführung den Segen einer Mutter zu be⸗ dürfen, nährſt Du; bedenke, daß der Segen in Fluch verwandelt wird, wenn Du ſie zu täuſchen ſuchſt, und mit Plänen umgehſt, die Deinen Namen bei Deinen Zeitgenoſſen und der Nachwelt brandmarken.“ „Noch immer bleibt Ihr bei demſelben Gedanken ſtehen;“— erwiederte der Sohn ungeduldig—„wodurch habe ich Euch Veranlaſſung geben können, ſo etwas von mir zu vermuthen?“ 4 „Ich kenne Deinen Charakter; ich habe Dich von früheſter Kindheit an genau beobachtet— und das Auge einer Mutter ſieht ſcharf. Auch entfielen Dir zuweilen einige Ausdrücke, welche mich fürchten laſſen, daß Deine Seele nach Rache ſchnaubt, deren Ausführung, ſie mag Dir gelingen pder nicht, Dich und mich noch unendlich un⸗ gücklicher machen werden, als wir es ſchon ſind. O, gib mir die Ueberzeugung, daß meine argwöhniſche Stimmung mich getäuſcht hat. Schwöre mir, Wilhelm!— Deine Mutter fleht Dich an: ach; gern würde ſie ſich vor Dir auf die Kniee niederwerfen, wenn ſie hoffen könnte, daß dies Dich dazu bewegen würde— ſchwöre mir, daß Dein Gemüth nie dergleichen Pläne entworfen hat, oder, daß Du in dieſem Augenblicke feſt beſchloſſen haſt, jedem — 224 Vorhaben dieſer Art zu entſagen. Schwöre mir dies bei dem Andenken an deinen unglücklichen Vater, das uns allen heilig ſeyn muß. Sieh, ich bin alt und ge⸗ brechlich, und gehe ſchon gebeugt nach dem meiner war⸗ tenden offenen Grabe, aber ich werde nicht in daſſelbe geſenkt werden können;— meine Augen werden durch den erquickenden Schlaf des Todes, dem ich ſeit drei Jahren ſo ſehnſüchtig entgegenſehe, nicht geſchloſſen wer⸗ den, bevor Du mir nicht dies feierliche Verſprechenabgelegt, und die ſchwere Bürde, die mich niederbeugt, von mir abgewälzt haſt. Und könnteſt Du deiner Mutter dieſe letzte ihr unſchätzbare Wohlthat verweigern wollen?“ „Ich wiederhole es Euch, Mutter!“— erwiederte Stoutenburg, welcher allem Anſchein nach die Ab⸗ ficht hatte, einer beſtimmten Antwort auf ihre Frage auszuweichen—„Eure düſtere Gedanken führen Euch irre. Welche Pläne der Rache, ſollte ich Machtloſer mit der Hoffnung eines glücklichen Erfolgs, gegen den Mann, der im Staate alles vermag, entwerfen können? Und um Euch zu überzeugen, daß ich die höchſte Gering⸗ ſchätzung, welche mich vielleicht gegen ihn beſeelen könnte, zu bezwingen weiß; daß ich die Rachſucht, die, wie Ihr vermuthet, ihre verführeriſche Stimme in meinem Her⸗ zen hören ließ, zum Schweigen bringen kann— ſo vernehmet jetzt, was ich beſchloſſen habe: ich werde den Feind unſeres Geſchlechts, den Blutmann, noch in dieſer Stunde ſehen und ſprechen.“ „Wie?“— rief ſeine Mutter erſtaunt aus, wäh⸗ rend ſie einen argwöhniſchen Blick auf ihn warf.—„Du willſt mit dem Statthalter reden?— Und das, zu einer ſo unpaſſenden Zeit?“ „Ich habe ihn um eine kurze Audienz bitten laſſen, und ſie iſt mir bewilligt; dieſe Abendſtunde wurde mir dazu beſtimmt.“ „Welche Abſicht kannſt Du dabei haben?“— „Das weiß ich ſelbſt kaum. Ein nicht zu beſiegen⸗ der Antrieb beſtimmte mich dazu, und ich folgte ihm. 225 Fürchtet jedoch nichts, Mutter, von der Unterhaltung mit dem Prinzen. Ich werde ihn ſprechen, ihn vielleicht auf das Schreckliche meiner Lage aufmerkſam machen, und ihn an die letzten Worte erinnern, welche er durch den ehrwürdigen Waläus zu meinem Vater ſprach.“ „O, Wilhelm! Wilhelm! in welch' eine Angſt verſetzt mich Deine Mittheilung! Nie kam ſeit drei Jah⸗ ren der Name Moritz von Naſſau, ohne einen Ausdruck des Haſſes und der Rache, welcher mir das Blut in den Adern erſtarrte, über Deine Lippen. Haſt Du vergeſſen, was Du mir ſo oft mit dem fürchterlichen Blicke der Rachſucht, welche mein Innerſtes durchdrang, verſicherteſt? Daß Du lieber den Tiger in ſeiner Höhle aufſpüren und ihn zum Mitleiden bewegen wollteſt, als den Hof des Statthalters in gleicher Abſicht zu betreten? Wilhelm! mein Sohn!“— fuhr die tiefbewegte Frau fort, indem ſie, ihre Schwäche vergeſſend, von ihrem Sitze aufſprang, und mit einem entſetzten Blick, als ahne ihr Herz etwas Fürchterliches, um ſich ſah—„Sage es mir, ich beſchwöre Dich, was beabſichtigſt Du? O, Gott! welch' eine fürchterliche Wildheit liegt in Deinen Zügen! Sprich, Menſch, haſt Du vergeſſen, was da geſchrieben ſteht: mir kommt die Rache zu, ich werde es vergelten, ſpricht der Herr!— Wilhelm! muß Deine Mutter, Deine ſchon ſo höchſt unglückliche Mutter, auch noch den Augenblick verflu⸗ chen, wo ſie Dir, einſt ihrem Lieblinge, das Leben ſchenkte?“— Wilhelm ſchwieg. Die Worte ſeiner Mutter hat⸗ ten ihn tief gerührt, ſowie auch das Feuer, womit ſie dieſe eben ausſprach; vielleicht kraten ihm jetzt die rach— ſüchtigen Wünſche, welche er gegen Prinz Moritz hegte, vor die Seele, und die ihn ſelbſt— glaubwürdigen Berrichten zufolge— einſt die fürchterlichen Worte aus⸗ ſprechen ließen:„daß er den Prinzen mit ſeinen Hän⸗ den zu zerreißen wünſche.“ Vielleicht war auch ſchon das blutdürſtige Beginnen in ſeinem Geiſte zur Reife gekommen. Doch einige Augenblicke ſpäter, während welcher Zeit die alte Mutter die Antwort ängſtlich er— wartete, ſchien er ſich wieder gefaßt zu haben. Wenig⸗ ſtens mit ſcheinbarer Ruhe ergriff er ſeinen Hut, näherte ſich dann wieder ſeiner Mutter, welche eine jede ſeiner Bewegungen ängſtlich beobachtete, und ſprach in einem ruhigen Tone: „Ihr thut mir Unrecht, liebe Mutter! Dieß ver⸗ ſichere ich Euch bei Allem, was mir heilig iſt. Es ſind keineswegs ſolche blutdürſtige Abſichten, als Ihr mir unterſchiebt, welche mich bewegen, mich zum Prinzen zu begeben. Aber meine Stellung muß anders werden, ſo iſt ſie unerträglich. Vielleicht trägt die Unterhaltung mit dem Furſten dazu bei. Verdrängt daher die Aengſt⸗ lichkeit, welche ſich Eurer ſo ſehr bemeiſtert, und Eu⸗ rem Geiſte ſolche Schreckbilder vorgeführt hat. Ich gehe, und komme vielleicht noch heute Abend mit Nach— richten, welche Euch Troſt und Freude gewähren, zurück. Lebt wohl!“ „Verlaß mich nicht, mein Sohn!“— ſprach die Mutter, deren Stimme hinlänglich verrieth, daß Ihre Beſorgniß noch keineswegs gehoben war.—„Verlaſſe mich nicht, beſonders nach dem, was Du hier ſo eben geſagt haſt, ohne mir das feierlichſte Verſprechen zu ge⸗ ben: daß Du nicht nur für die Gegenwart, ſondern auch für die Zukunft keine Schritte thun willſt, welche auf das Haus Deines Vaters neues Elend bringen; daß Du feine Handlung begehen willſt, wodurch wirklich der Name Deines Vaters beſchimpft werden, und deſſen Folge ſeyn könnte, daß ein Oldenbarneveld des Todes ſchuldig— verzeihe mir dieß Wort— das Schaffot würde beſteigen müſſen.“ „Begnüget Euch, Mutter, für dieſen Augenblick mit der Erklärung, welche ich Euch ſo eben abgelegt habe, das nächſtfolgende wird vielleicht über meine fernere Le⸗ bensbeſtimmung entſcheiden.“ Nachdem er dieß geſagt hatte, faßte er die Hand —————— — —„— ſeiner Mutter, küßte ſie auf die Stirne, und wollte ſich entfernen; aber ſie ſchloß ſeine Hand feſt in die ihrige, und bemühete ſich, ihn zurückzuhalten. „Wilhelm!“— ſagte ſie nun mit Nachdruck und Würde, obgleich der Ton ihrer Stimme ſanfter wurde, und ſich in zärtliche Ausdrücke mütterlichen Gefühls auf⸗ zulöſen ſchien—„jetzt biſt Du ein Mann, doch Du biſt ein Jüngling, ein Kind geweſen. Ich bin Deine Mutter: ich habe Tage und Nächte an Deiner Wiege gewacht, um alle Deine Bedürfniſſe, ja Deine leiſeſten Wünſche zu befriedigen. Ich vertraute Dich nicht, wie viele vornehme Frauen der erkünſtelten Sorgfalt der Wärterin und Dienſtboten an: Dieſe Bruſt— und es gereichte mir zum höchſten Genuſſe— ernährte Dich; die Hand Deiner Mutter allein ſorgte für alle Deine Bedürfniſſe. Meine Ruhe— wenn anders man es Ruhe nennen darf— wich bei dem leiſeſten Ton Deiner Stimme, und ich eilte nach der Wiege, und quälte mich, die Ur⸗ ſache, welche Deine Lippen noch nicht ausſprechen konn⸗ ten, zu erforſchen. Noch viele Jahre nachher gereichte es mir zur größten Freude, die Wünſche des Knaben, und ſpäter des Jünglings, wenn meine Ueberzeugung auch oft dawider ſprach, zu erfüllen. Für dieß Alles, Wilhelm! für die ſchlafloſen Nächte, für die in Sorge und Mühe durchlebten Tage, für die Unruhe, welche mir auch noch in ſpäteren Zeiten Dein kühner und aufbrau⸗ N ſender Charakter bereitete— für dieß Alles, was ich um Deinetwillen ſo gern gethan und erlitten habe, und wovon Du auch nicht den tauſendſten Theil begreifen kannſt— fordre ich als alleinige Vergeltung, daß Du die einzige Bitte mir gewähreſt, welche ich je an Dich richtete, und welche mich allein in den Stand ſetzt, ruhig dieß greiſe Haupt niederzulegen, und ganz auf die Barm⸗ herzigkeit Gottes vertrauend zu ſterben.“ Nachdem die ehrwürdige Frau dieſe Worte ausge⸗ ſprochen hatte, ließ ſie die Hand ihres Sohnes los, gleichſam, als wolle ſie ihn nicht länger zurückhalten, 225 ſondern es ſeinem eignen Gefühle überlaſſen, ob er ihr ihre Bitte gewähren, oder ohne dieß Verſprechen abzu⸗ legen, ſich entfernen wollte. Stoutenburg ſchien im Augenblick im Zweifel zu ſeyn, was zu thun. Doch plötzlich, als habe er den Entſchluß gefaßt, rief er: „Lebe wohl, Mutter! meine Augenblicke ſind koſt⸗ bar. Bald, vielleicht noch heute ſeht Ihr mich wieder, und dann wollen wir dies Geſpräch fortſetzen. Gott mit Cuch!“— WMit dieſen Worten eilte er aus der Thür, und verlor ſich bald zwiſchen der bunten Menge, welche noch immer, trotz des ſchon vorgerückten Abends, ſich in dieſem Theile der Stadt herumbewegte. Die Mutter blieb mitten im Zimmer einige Augen⸗ blicke, wie an den Platz gefeſſelt ſtillſchweigend ſtehen. Darauf ſchüttelte ſie traurig das Haupt, und ſprach zu ſich ſelbſt:„Er geht, ach! er verſchmäht die Bitten ſeiner Mutter... Doch vielleicht kehrt er noch heut Abend zurück.“ Nun näherte ſie ſich langſam der Ruhebank; doch anſtatt ſich darauf nieder zu laſſen, fiel ſie auf ihre Kniee, faltete die Hände, und— betete für ihren Sohn. Sechszehntes Kapitel. Für Helden und für uns ſind die Laſten verſchieden. Lamartine. Stoutenburg hatte mit größter Eile das Haus ſeiner Mutter verlaſſen; doch je mehr er ſich davon ent⸗ fernte, je langſamer wurde ſein Schritt. Und als er in die Nähe des Hofes des Statthalters gekommen war, blieb er plötzlich ſtehen, und ſprach, mit über der Bruſt gekreuzten Armen flüſternd zu ſich ſelbſt:„Sollte eine ſchwermüthige Einbildungskraft, oder ein prophetiſcher Geiſt die alte Frau beſeelt haben, als ſie mit drohendem Tone die Worte ausſprach: Des Todes ſchuldig 229 das Schaffot betreten?— Hierüber wird ſchon die nächſte Stunde beſtimmen.“ Er ſchwieg einige Angenblicke den Boden anſtar⸗ rend. Dann erhob er wieder das Auge, und auf den Schlag einer Thurmglocke hörend, ſprach er:„Die be⸗ ſtimmte Zeit iſt erſchienen. Es iſt ſonderbar, daß gerade dieſe ſpäte Abendſtunde zu der erbetenen Audienz feſtge⸗ geſetzt wurde: oder fürchtet vielleicht auch er, wie ſo viele Andere, ſich beim hellen Glanze des Tageslichtes mit einem Sohne Oldenbarnevelds zu unterhal⸗ ten? Und was ſoll ich ihm ſagen, wodurch ſeine Seele ergriffen oder mit den Furien der Unterwelt angefüllt würde? Mag das beleidigte Gefühl des Sohnes und des Kriegers mir Worte eingeben, um ihn zu erinnern, daß ſein Ruhm beſudelt iſt; daß die Nachwelt ſeinen Namen mit Abſcheu nennen wird, daß die Hand der Rache...“ Hier ſchwieg er plötzlich, ſchritt haſtig nach der Wohnung des Statthalters, und ließ ſich anmelden. Es ſchien, daß der vor dem Hofe wachthabende Officier ſchon von ſeiner Ankunft in Kenntniß geſetzt worden war und demnach Befehle erhalten hatte. Er wurde ohne Aufenthalt eingelaſſen, und unter der Begleitung eines Hellebardiers des Fürſten, durch verſchiedene Gemächer in einen großen Saal, der ſo wie die übrigen Zimmer nur ſchwach erleuchtet war, geführt. Hier befanden ſich zwei Diener des Prinzen in einer bunten Livree, welche in einer mehr liegenden als ſitzenden Haltung über einen Tiſch gebogen, ſich mit einem Pochbretts beluſtigten, und Stoutenburgs und ſeines Begleiters Annäherung nicht eher gewahrten, bis dieſe dicht vor ihnen ſtanden. Jetzt erſt ſprangen beide haſtig von ihren Sitzen auf, und nachdem der eine einige Worte mit dem Hellebardier gewechſelt hatte, öffnete er ſogleich die Thür eines an⸗ ſtoßenden Gemachs, woraus ein helleres Licht ſich ver⸗ breitete, und verſchloß es gleich wieder hinter ſich. Nach Verlauf weniger Augenblicke wurde die Thür wieder ge⸗ öffnet, und der Bediente winkte ihm näher zu treten, ——— Dies that er mit dem Hute in der einen Hand, die andere auf das Gefäß ſeines Degens lehnend, und trat in ein kleines Gemach, worin ſich Prinz Moritz allein befand. Dies wurde durch, auf zwei Tiſchen ſtehenden, vier große Leuchter, und zwei Wandleuchtern neben dem Kamin, worauf Kerzen brannten, heller erleuchtet. Auf einem der Tiſche lagen verwirrt durcheinander Pa— piere, womit ſich der Prinz beſchäftigt zu haben ſchien. Auf dem zweiten lagen Bücher und Landkarten und einige mathematiſche Inſtrumente. Uebrigens war nur weniges Mobiliar in dieſem Kabinet; Stühle mit rothen Kiſſen und ſchönen Borden, eine künſtlichgearbeitete Kom⸗ mode, worauf zwei Vaſen von oſtindiſchem Porzellan prunkten, und zwei mit Flor behangenen großen Spiegeln in ſchweren vergoldeten Rahmen. Außer dem ſchönen Kaminſtücke, verzierten keine andere das Kabinet; der Fußboden war mit einem vielfarbigen Teppiche bedeckt. Im Ganzen herrſchte darin keine beſondere Ordnung, welches hinlänglich anzeigte, daß es nur für den Prinzen, und zu vertraulichen Unterhaltungen mit denen, welche ihm näher ſtanden, beſtimmt war. Dieß verrieth auch noch ein auf der Fenſterbank ſtehendes Schachbrett mit Figuren, welches erſt kurz vorher noch gebraucht zu ſein ſchien. Nachdem Stoutenburg in das Gemach einge⸗ treten war, trat er einige Schritte vor und blieb dem Prinzen gegenüber, welcher, mit der einen Hand auf einen Stuhl geſtützt, ihn zu erwarten ſchien, ſtehen. Moritz hatte eine ſtolze und hohe Geſtalt, welche durch die Wohl⸗ beleibtheit weniger bemerklich war. Sein Antlitz war blühend und voll, doch nicht mehr ſo wie einige Jahre früher. Auch ſeine ſonſt ſo erhabene und glatte Stirn zeigte einige Runzeln als Folge der vorgerückten Jahre und der unausgeſetzten Staats⸗ und Kriegsſorgen. Seine dicken blonden Haare ließen ſchon graues durchſchimmern. Ein nur kleiner Bart lief über den unterſten Theil ſei⸗ ner Oberlippen, doch von ſeinem Kinn hing ein langer — „ n. n n Gnade erwieſen, eine kurze Audienz zu gewähren. 231 Bart über den Hals hinab. Der Ausdruck ſeines Ant⸗ litzes war feierlich, aber der ihm eigene Ernſt wurde merklich durch den ſanften und überaus offenen Blick ſeiner Augen gemäßigt, welcher dem ganzen Geſichte etwas Einnehmendes, was ihm ſonſt fremd geweſen wäre, verlieh. Sein Anzug, obgleich er erſt am geſtrigen Tage aus dem Lager gekommen war, verrieth nicht den Kriegs⸗ mann. Er trug ein kurzes Wamms, von dunkelm Stoffe aus feiner Wolle gewebt, ein gleich farbiges Beinkleid unter den Knieen befeſtigt, und ziemlich hohe Stiefeln von ſchwarzem Leder mit gelb ſaffianenen Stulpen. Sein Halskragen war nur ſchmal und in ſteife Falten gelegt. Wenn auch ſeine Kleidung keine eigentliche Spuren von Nachläſſigkeit zeigte, ſo ſah man doch deutlich, daß ſie nur den geringſten Theil ſeiner Sorgen in Anſpruch nahm. Der Prinz hatte bei Stoutenburgs Eintreten die Papiere, welche er in der Hand hatte, auf den Tiſch geworfen, und beantwortete jetzt den Gruß mit einem förmlichen Kopfnicken, doch ohne ein Wort zu ſagen. Er ſchien es Zzu erwarten, angeredet zu werden. Doch Stoutenburg zögerte auch einige Angenblicke, und ſchien zu einer Unterredung, deren Wichtigkeit er jetzt erſt vollkommen einſah, Worte zu ſuchen. So ſtanden ſie eine kurze Zeit ſchweigend einander gegenüber. Dar⸗ auf nahm der Prinz, dem dieß Stillſchweigen nicht zu behagen ſchien, das Wort: „Ihr habt durch den Herrn von Asperen um eine kurze Audienz gebeten. Schon morgen kehre ich in das Lager bei Schenkenſchantz zurück; daher wurde dieſe Stunde, da mir meine Zeit kurz zugemeſſen iſt, da⸗ zu beſtimmt. Was iſt Euer Verlangen?“ „Ew. Hoheit,“— erwiederte Stontenburg mit einer Stimme, welche die Verwirrung, welche ſich ſeiner gegen ſeinen Willen bemächtigte, ſo ſehr er ſie auch zu verbergen bemüht war, verrieth—„haben mir die Ich darf daher hoffen, vaß es mir vergönnt ſeyn wird, mit der mir eigenthümlichen und für die Wichtigkeit der Sache erforderlichen Aufrichtigkeit reden zu dürfen. Ob⸗ gleich....“ fügte er nach einiger Zögerung hinzu—„es Oldenbarnevelds Sohn iſt, welcher dieſe Bitte wagt.“ „Ich kannte in früheren Zeiten Wilhelm von Oldenbarneveld ſehr gut“— erwiederte der Prinz. —„Es bedarf alſo dieſer Einleitung nicht. Sagt mir jetzt in der möglichſten Kürze Euer Begehr.“ „Es wird mir wahrſcheinlich ſehr ſchwer werden, dieß mit wenigen Worten zu thun,“— antwortete Stou⸗ tenburg—„doch ich will es verſuchen. Es ſind drei Jahre verfloſſen ſeit dem fürchterlichen Schlage, den un⸗ ſere Familie erlitt, und der noch nichts von ſeiner Herbe verloren hat. Mein unglücklicher Vater ſtarb auf dem Schaffot;— und ein Jeder, der menſchlich fühlt, wird es ſeinen Kindern zu gute halten, daß ſie ſich bei ſeinem Verluſte, und den ſo fürchterlichen Umſtänden, welche ihn begleiteten, mit dem Glauben zu tröſten bemüheten, daß der zweiundſiebenzigjährige Greis, ohne ſich eines Verbrechens bewußt zu ſeyn, in den Tod ging, oder wenn er in irgend einer Hinſicht die Pflichten ſeiner wichtigen Stellung überſchritten haben ſollte, daß dann der himmliſche Richter ihm gnädiger ſeyn wird, als die irdiſchen es waren.“ Hier ſchwieg er, fürchtend, daß ſeine Gefühle ihn überwältigen könnten. Doch er hatte ſich bald wieder gefaßt, und wollte fortfahren, als der Prinz ihm in die Rede fiel. „Auf den Richtern Eures Vaters ruhete die Erfül⸗ lung einer ſchwierigen, aber heiligen Pflicht. Sie muß⸗ ten ein jedes Gefühl des Mitleids, das ſich ohne Zweifel in ihrem Innerſten regte, mit Kraft unterdrücken, um nur über das Schuldig oder Nicht⸗Schuldig des Beklag⸗ ten zu entſcheiden. Sie konnten hierbei nur nach dem Maßſtabe menſchlicher Fehlbarkeit zu Werke gehen. Ha⸗ ben ſie in ihrem Urtheil durch menſchliche Kurzſichtigkeit — — S 233 gefehlt, oder ſind unedle Leidenſchaften bei ihnen auf⸗ getaucht, dann beſteht ein höherer Richter, der über ſie dereinſt urtheilen wird; dieſem ſey es anheim geſtellt!“ „Das Haupt meines alten Vaters fiel auf dem Schaffot;“— fuhr Stoutenburg fort, ſobald er merkte, daß der Prinz geendigt hatte—„es fiel, obgleich ſeine theuerſten Beziehungen es bis zum letzten Augen⸗ blicke für unmöglich hielten. Tauſende mit ihnen nähr⸗ ten die feſte Erwartung, daß wenigſtens dieſer Lohn dem Greiſe für ſeine dreiundvierzigjährigen, dem Lande ge⸗ leiſteten Dienſte, nicht beſtimmt ſey. Tauſende meinten, daß der Mann, der damals im Staate alles vermochte, es nicht vergeſſen haben würde, daß es Oldenbarne⸗ veld war, der, als nach dem Tode des Vaters des Va⸗ terlandes alle Gemüther in Verzweiflung verfallen waren, das zitternde Volk erinnerte, daß der Ermordete noch einen Sohn hinterlaſſen habe, vielleicht nicht unwürdig, ſeines Vaters Stellung einzunehmen— daß Olden⸗ barneveld es war, der ihm zuerſt ſeine glänzende Lauf⸗ bahn eröffnete, worin er ſo viele Lorbeeren errungen, und eine Macht erlangt hat, wie vielleicht noch Niemand vor ihm in einem freien Staate beſaß. Kein Einziger von Allen hätte je vermuthen können, daß dieſer Mann die glänzende Gelegenheit, welche ſich ihm eröffnete, vor⸗ bei gehen laſſen würde, die Großmuth ſeiner Seele zu offenbaren, und den Arm des Henkers, welcher bereit ſtand, das greiſe Haupt fallen zu laſſen, zurückzuhalten.“ „Und ich,“— erwiederte der Prinz in einem ruhi⸗ gen, und über den Nachdruck, welchen Stoutenburg auf die letzten Worte gelegt hatte, gereizten Tone— „hätte nie geglaubt, daß eine Zeit kommen würde, dieß von einem Sohne Oldenbarnevelds oder von ir⸗ gend Jemand zu hören, ohne dieſe Verwegenheit zu beſtrafen, oder ſie anders, als mit einem verächtlichen Stillſchweigen zu beantworten. Doch— ſey es eine Der Schutzgeiſt. I. 16 —.——————— 234 unerklärliche Stimme in meinem Innern, oder auch nur eine vorübergehende Laune des Augenblicks— der, wel⸗ chen Ihr meint, wird darauf antworten. Die angeſe⸗ henſten Männer in dieſen Landen hatten über Euren Vater das Todesurtheil ausgeſprochen, und es blieb keine an⸗ dere Wahl als den Weg des Rechts oder der Gnade ein⸗ zuſchlagen. Gewiß waren hier und anderwärts Tauſende, welche den feurigſten Wunſch nährten, daß es nicht zum Aeußerſten kommen, daß hier Gnade für Recht ergehen möchte. Aber unter dieſen Allen— der Sohn Olden⸗ barnevelds höre genau zu: und ehe möge meine Zunge verſtummen, als daß ſie ſich in dieſem Augenblicke zu einer Unwahrheit herablaſſe— unter dieſen Allen waren nur Wenige, bei denen der Wunſch lebendiger war, als bei Moritz von Naſſau. Schwer beleidigt durch den Mann, welcher mir Geſinnungen unterlegte, meinem Charakter eben ſo fremd, als meine Ehre verunglimpfend, welcher durch ſeine ränkevollen und widerrechtlichen Be⸗ mühungen in Uttrecht meine Würde als Statthalter und vielleicht gar mein Leben in Gefahr brachte, und — was mir mehr als alles dieſes zu Herzen ging,— der das Band der Union zu zerreißen, und den verderb⸗ lichſten Bürgerkrieg hervorzurufen drohete— ging mir ſein Unglück doch ſehr nah, näher als vielleicht Je⸗ manden, und mein innigſtes Mitleiden mit dem Greiſen hatte jeden Unwillen verdrängt. Dies mögen die wieder⸗ holten Bemühungen beweiſen, welche, wenn auch nicht in meinem Namen, doch mit meinem Vorwiſſen bewerk⸗ ſtelligt wurden, um bei den Verwandten des Gefangenen und bei ihm ſelbſt darauf hinzuarbeiten, daß er um Ver⸗ zeihung und Gnade bitten ſollte; doch vergebens. Nein, unterbrecht mich nicht; ich weiß, was Ihr ſagen wollt,“ — fuhr der Prinz fort als er merkte, daß Stouten⸗ burg reden wollte—„Ihr nennt dies wahrſcheinlich das Selbſtgefühl der Unſchuld und Seelengröße— und 2 N S N vM* W— N — —— —— N auch die Nachwelt wird es dereinſt vielleicht mit dieſem Namen belegen. Doch wenn dieſe Seelengröße des Greiſes auch vielleicht Bewunderung bei mir hätte erregen können — bei ſeinen nächſten Beziehungen mußte ich dieſe Wei⸗ gerung aus einem ganz andern Geſichtspunkte betrachten; und die verhängnißvollen Worte, welche im Namen ſeiner Gattin der Fürſtin Wittwe überbracht wurden, daß ſie keinen Schritt thun würde, um das Leben des Verur⸗ theilten zu retten, boten meinem Auge keineswegs das Kennzeichen einer erhabenen Seele dar, und waren viel⸗ mehr der Ausbruch eines unheilbringenden Trotzes einer Parthei, welche den Entſchluß gefaßt hatte, in keinem Falle auch nur einen Schritt zu weichen. Daher auch die geräuſchvollen Feſte der Anhänger dieſer Parthei, gleichſam den Richtern zum Trotze, und die umkränzten Maibäume, welche vor der Wohnung des Gefangenen aufgerichtet wurden. Doch auch dies Verfahren, welches gerechten Unwillen erwecken mußte, erfüllte mich nur mit Trauer und Mitleiden. Noch bis zum letzten Au⸗ genblicke erwartete ich ſehnſüchtig ein Wort von den Lippen Eures Vaters, um, ohne die Ehre der Richter anzutaſten, meinen ganzen Einfluß zu ſeiner Begnadigung anzuwenden. Dies Wort erfolgte nicht; das Urtheil wurde vollſtreckt und nun— nun urtheilt, wenn Ihr könnt, auf weſſen Haupt das vergoſſene Blut zurückfällt.“ „Der alte Staatsdiener war gefallen;“— fuhr Stoutenburg fort, ohne auf die Bemerkung des Prin⸗ zen zu antworten,—„und von dieſem Augenblicke an waren die zahlloſen Scheinfreunde xerſchwunden, welche früher ſeine Wohnung überliefen— doch nein, ſchon vor dieſer Zeit waren die meiſten von ihm gewicheu. Seine Kinder ſtanden allein, der ganzen Härte ihres Schickſals preisgegeben. Sie ſahen das Andenken ihres Vaters, und den Ehrfurcht erweckenden Namen, welchen ſie führten von den erbärmlichſten Weſen gebrandmarkt, welche an 16 Straßen, vor einem zuſammengelaufenen Volkshaufen, ihre erbärmlichen Schimpflieder ableierten, und das Ent⸗ ſetzen gegen den Verräther des Vaterlandes und ſeine ganze Familie hervorriefen. Durch die Ausſprache dieſer nemlichen Richter, welche das Haupt des Greiſes hatten fallen laſſen, ihrer väterlichen Güter beraubt,— woge⸗ gen die arg verletzten Privilegien des Landes ihnen um⸗ ſonſt ein Mittel darboten— ſchien die Armuth bald ſich in einer Wohnung zu zeigen, welche früher nur Ueber⸗ fluß und Reichthum gekannt hatte.“ „Ich bin kein Rechtsgelehrter“— erwiederte Mo⸗ ritz—„und Ihr vielleicht eben ſo wenig. Doch es kann Euch nicht unbekannt ſeyn, daß der Verluſt der Güter die unvermeidliche Folge des Verbrechens iſt, weß⸗ halb Euer Vater verurtheilt wurde.“ „Aber dieſer Vater“— erwiederte Stoutenburg mit mehr Nachdruck und Feuer in ſeiner Sprache, als er ſich bisher erlaubt hatte—„ſprach mit ſterbenden Lippen für ſeine Kinder, und die Gnade, welche er für ſich ſelbſt nicht verlangte, erflehte er für ſeine nächſten Angehörigen. In ſeiner Todesſtunde wurde ſeine Seele ohne Zweifel durch ein Verſprechen, welches ſeine Kin⸗ der für die Zukunft vor Noth zu ſichern ſchien, erquickt. Der Unglückliche konnte nicht vermuthen, daß er ſchänd⸗ lich hintergangen wurde, und daß in dieſem chriſtlichen Staate das Verbrechen— wenn es keine grauſame Ent⸗ heiligung iſt, dies Wort hier zu gebrauchen— der Eltern an den Kindern und Kindeskindern vergolten wird.“ „Eure Sprache iſt keck!“— rief Moritz heftig aus, indem er jenen ſchnellen zornigen Blick, der ihm nicht ſelten eigen war, auf den Sprecher warf—„viel⸗ leicht kecker, als ſie in einem jeden andern Falle für Eure Sicherheit heilſam wäre. Doch“— ſetzte er ſogleich mit ſeiner früheren Ruhe, welche er in dieſer Unter⸗ haltung beizubehalten zu wünſchen ſchien, hinzu—„ich — n ig m ir 237 verzeihe es Oldenbarnevelds Sohne, daß er ſo ſprach, und die beſondere Laune, welche mich anſpornte Euch bis jetzt Rede zu ſtehn, treibt mich an Euch zu antworten. Ja der Statthalter verſprach Eurem Vater, ſich ſeiner Kinder annehmen zu wollen, ſo lange ſie ſich danach betrügen. Doch dieſe Kinder zögerten nicht, ihm die Gelegenheit, ihnen ſeine Gunſt, der ſie ſich nur durch ein ſtilles friedliches Leben hätten würdig machen können, zu entziehen. Wenn ſie ſich als ruhige und friedſame Staatsbürger bewieſen, und nicht ihrem böslich verſteckten Grolle Luft gemacht hätten, indem ſie ſich öffentlich und im geheimen Schimpfreden gegen die neue Regierung und den, welchem ſie als dem Feinde ihres Geſchlechts einen unverſöhnlichen Haß zugeſchworen hatten, erlaubt hätten,— dann würde beſtimmt keiner von ihnen je Urſache gehabt haben, ſich über irgend eine erlittene Demüthigung zu beklagen. Doch mit den An⸗ ſichten, welche ſie ſo öffentlich ausſprachen, waren ſie nicht länger tauglich einem Vaterlande zu dienen, gegen deſſen Regierung ſie ſolche Geſinnungen hegten.“ „Wie! hätte nicht das Herz der Söhne durch das Leiden verſteinert ſeyn müſſen, um ohne den heißeſten Unwillen den Namen ihres ermordeten Vaters zugleich mit denen der verächtlichen Miſſethäter nennen zu hören, welche niederträchtig genug waren, für eine erbärmliche Handvoll Goldes die Ehre und das Wohl des Vater⸗ landes an die Fremden zu verkaufen? Und mußte es ihnen als ein unverzeihliches Verbrechen angerechnet wer⸗ den, wenn dieſer Unwille ſich zuweilen, ohne daß ſie es wollten, offenbarte? Mußte der lauſchende Argwohn die Worte auffangen, worin der Schmerz und die Verzweif⸗ lung eines Sohnes ſich ausließ, und ihnen einen Sinn unterlegen, welcher vielleicht nie den ſo flüchtig ent⸗ ſchwundenen Worten unterzulegen war?“* „Moritz von Naſſau konnte ihnen Verzeihung 238 angedeihen laſſen;“— ſagte der Prinz ruhig—„der Statthalter durfte es nicht.“ „Moritz von Naſſau!“— erwiederte Stouten⸗ burg in einem feierlichen Tone, während er einige Schritte näher trat—„welch ein Name! wie glänzend prangt er in den Annalen unſeres Jahrhunderts! Moritz von Naſſau! von dem der Fremde, wie von einem Manne ſpricht, den das Volk dieſer Gegenden mit Ehrfurcht und Bewunderung anſtaunt, und der mehr dem Beherr⸗ ſcher dieſes Volkes, als dem erſten Bürger eines freien Staates gleicht; der von den benachbarten Königen und Fürſten geachtet und geehrt wird; der vier Prinzen ſeines Hauſes um ſich ſieht, die ihm wie ihrem Oberhaupte ehrfurchtsvoll huldigen; und deſſen Namen, nicht mit den Gränzen dieſes Welttheils beſchränkt, zugleich mit der Seefahrt der Ni ederländer nach dem fernen Sü⸗ den und Oſten, bis in das entfernte Indien verbreitet iſt. Von ſeinen Anhängern vergöttert, von ſeinen Geg⸗ nern gefürchtet, die, ſo mächtig ſie ſich auch wähnen, auf ſeinen Wink in den Staub getreten, nach dem Schaffott oder dem Kerker geſchleppt werden; gerühmt als der erſte Feldherr ſeiner Zeit, in deſſen Heere die durchlauchtigſten Männer zugelaſſen zu werden wünſchen, wie in der be⸗ deutendſten Kriegsſchule für Krieger, und wie auf dem Felde der Ehre, wo die ſchönſten Lorbeeren zu finden ſind; außerdem Beſitzer fürſtlicher Schätze, welche ihm als ein geringer Lohn für ſeine glänzende Verdienſte vom Vaterlande zuerkannt ſind— ſeht, ſo denken ſich Zeitgenoſſen, Inländer und Fremde unſern Moritz von Naſſau! Doch— es iſt noch eine andere Stimme vorhanden, welche über die wahre Größe ſich ausſpricht, eine andere als die dieſes Volkshaufens, durch den äußern Glanz ihres Abgottes verblendet: es gibt noch einen an⸗ dern Richter, welcher ein dauernderes Urtheil fällt als die Zeitgenoſſen— die vorurtheilsfreie Nachwelt. Dieſe =— v—— —— — 239 wird vielleicht einſt gegen alle die glänzenden Thaten des ſo himmelhoch geprieſenen Helden, gegen alle die Dienſte, in vierzig ruhmreichen Jahren dem Vaterlande geleiſtet, das auf dem Blutgerüſte vergoſſene Blut des zweiund⸗ ſiebenzigjährigen Greiſes in die Wagſchaale legen. Und wenn das vergoſſene Blut ſchwerer wiegt, als alle frü⸗ heren glanzreichen Thaten, dann fragt der geſtrenge Rich⸗ ter vielleicht, wie Moritz von Naſſau, das dem ſterbenden Greiſe gegebene Verſprechen erfüllt habe. Dann tritt auch Oldenbarnevelds jüngſter Sohn gegen ihn vor Gericht, der ſeiner väterlichen Beſitzungen be⸗ raubt, ſeiner Aemter entſetzt, zum Bettelſtabe erniedrigt, von allen geſcheut und geflohen, als ſey er der ärgſten Verbrechen ſchuldig, ſich zu einem Schritte herabließ, den nur ſein verzweiflungsvoller Zuſtand in ſeinen eignen Augen entſchuldigen kann— der ſich dem Manne nä⸗ herte, dem er alles Herzeleid ſeiner Familie zuzuſchreiben hat, um ſich von ihm als eine Gnade zu erbetteln, daß der Name Oldenbarneveld nicht länger in der Er⸗ niedrigung ſeiner Söhne entehrt werde; daß dieſe Söhne — nicht in den Beſitz der ihnen entriſſenen väterlichen Güter; ſondern nur in die Würden des Staats, wozu Geburt und frühere Verdienſte ihnen gerechte Anſprüche geben, wieder eingeſetzt werden mögen, und auf dieſe Weiſe vor den verzweifelten Schritten geſchützt bleiben, wozu das Gefühl erlittenen Unrechts, der Armuth und Erniedrigung ſie führen könnten. Dann wird die Nach⸗ welt fragen, wie Moritz von Naſſau dieſe Bitten beantwortet habe, und daraus den Schluß ziehen, ob es Wahrheit war, was noch in dieſer Stunde ſeine Lippen ausſprachen, daß er niemals Oldenbarneveld ge⸗ haßt, nie die Erniedrigung ſeiner Familie, noch das Un⸗ glück ſeiner Kinder gewollt habe. Dann wird die Nach⸗ welt entſcheiden, ob er wirklich der große Mann war, welchen ſeine Zeitgenoſſen in ihm verehrten, in deſſen Seele weder Haß, noch Mißgunſt oder andere niedrige Leidenſchaften Eingang fanden; ja, ob es nur nichtiges Flittergold war, was die blinde Menge einſt als ächtes Metall bewunderte.“ „Die Nachwelt wird urtheilen!“ ſagte Moritz mit Nachdruck, und ſchwieg einige Angenblicke. Darauf offen aber ernſt Stoutenburg anblickend, führ er fortt „Seht, wir ſind in dieſem Augenblicke ſchon ſo weit ge⸗ gangen, daß ich mich herablaſſen will, noch einen Schritt weiter zu gehen— alsdann entfernt Euch von hier und kehret niemals hieher zurück, denn es wird keine zweite Stunde kommen, worin Moritz von Naſſau in die⸗ ſem Tone zu Euch reden wird. Höret daher meine letz⸗ ten Worte, und prägt ſie Euch tief in Eure Seele ein! — Ja die Nachwelt wird urtheilen; und ihr Urtheil iſt hier auf Erden keinem höheren Richter mehr unterwor⸗ fen. Dies fühle ich; und wenn ich dann noch einmal mit aufrichtigem Gemüth hinzufüge: Moritz haßte Ol⸗ denbarneveld nie,— dann habe ich gewiß glänzen⸗ dere Lorbeere errungen, als dies Schwert mir in dem blutigſten Kriege mit Spanien erwerben kann. Denn nie hatte ein Fürſt oder Krieger, der dem Ruhme bei ſeinen Zeitgenoſſen und der Nachwelt, als dem ſchönſten Lohne ſeiner Thaten, als dem glänzendſten Erſatze für ein Leben voller Mühen und Gefahren nachjagte, einen Feind gehabt, welcher dieſem erwünſchten Ziele ſeines Lebens ſo ſehr im Wege ſtand, als Oldenbarneveld mir. Wir brauchen es nicht zu verſchweigen! Ich habe vierzig Jahre lang im Felde und am Staatsruder um dieſen Lohn gebuhlt, und das mit einer Anſtrengung, welche meine Körperkräfte untergrub, und vielleicht lange vor der Zeit mir das Grab öffnen wird. Ich ſtrebte nicht nach Anſehen, nicht nach Reichthum, deren Beſitz zu vergänglich iſt, und bei mir in einem zu geringen Werthe ſteht, als daß die Seele des großen Mannes — 241 darnach trachten könnte. Ich beabſichtigte keine große Macht, ſelbſt nicht dann, wo es mir nicht ſchwer gewor⸗ den wäre, mich der Souveränität dieſer Länder zu be⸗ mächtigen— denn kein Sohn würde ſie von mir erben. Ein Bruder würde nach meinem Tode meine Stelle ein⸗ nehmen, welchen Verblendung oder Mißgunſt mir ſchon mehr als einmal, als mit meinem erbittertſten Feinde gemeinſame Sache machend, geſchildert hat. Nein! der erwünſchte Lohn, dem ich für alle meine, dem Vaterlande geleiſteten Dienſte, für alle Gefahren, denen ich um des Vaterlandes Willen unerſchrocken und frendig entgegen⸗ gieng— der einzige Lohn, welchem ich für Alles dieß entgegenſah, war der Ruhm, welcher den zerbrechlichen Körper überlebt, und meinen Namen unbefleckt der dank⸗ baren Verehrung der Nachwelt unſterblich übergiebt. Dieß Ziel ſchien bald erreicht, der herrliche Lohn er⸗ rungen zu ſeyn. Da trat der erbitterte Greis mir in den Weg, trachtete meine Plänue zu vereiteln, und zwang mich, mich ihm öffentlich zu widerſetzen, und meine Würde und die Union mit Kraft zu handhaben. Durch ſeine Halsſtarrigkeit beſtieg er das Blutgerüſte, und der Lohn, wofür ich Jahre lang gearbeitet hatte, war von dieſem Augenblicke an vielleicht auf immer verſcherzt! Dieß iſt meine Meinung, und dennoch habe ich Ol⸗ denbarneveld nie, auch damals nicht gehaßt. Ich weiß es, und verſchweige es mir auch nicht, daß die noch kaumunterdrückte Parthei auf tauſenden von Schleich⸗ wegen bemüht iſt, auf das Urtheil der Nachwelt zu wir⸗ ken. Unzählige Schriftſteller, durch Eigennutz oder Vor⸗ urtheil verblendet, werden durch ſie verleitet, es auszu⸗ poſaunen, und auf eine treuloſe Weiſe die Wahrheit zu ſchmälern; und ehe zwei Jahrhunderte verfloſſen ſind, iſt die Nachkommenſchaft vielleicht nicht mehr im Stande, die Wahrheit von der Lüge zu trennen. Dann wird das Schaffot, worauf Euer Vater das Leben lies, und das 242 berüchtigte Löweſtein, welches die Handlungen ſeiner verderblichen Anſchläge in ſeinen Kerkern verſchloß, einen wichtigen Platz in der Geſchichte meines Lebens einneh⸗ men, vielleicht einen größern, als die ruhmvollen Tage von Turnhut und Nieuwpoort. Wer ſchert es mir auch, ob nicht die Parthei, ſo erniedrigt und ge⸗ ring ſie jetzt auch ſcheint, gleich dem Ungeheuer aus dem fabelhaften Alterthume ſich einſt mit verdoppelter Kraft erheben, und in dieſem Staate herrſchen wird, um den Namen des Moritz von Naſſau zu entehren und zu brandmarken. Dieß alles weiß ich gar wohl; eine geheime Ahnung ſpiegelt es mir ſchon ganz deutlich vor. Dieß Alles, und der Gedanke daran bringt mei⸗ nem Herzen ſchmerzhaftere Wunden bei, als die Schwerter und Dolche meiner Feinde, welche öffentlich oder im ge⸗ heimen auf mich gerichtet waren, es je vermochten— und dieß Alles verdanke ich dem Namen Oldenbarne⸗ veld. Und dennoch wiederhole ich Euch hier: Moritz von Naſſau haßt auch noch jetzt weder den Mann, noch ſein Geſchlecht, das ihm mehr als ſein Leben, das ihm ſeinen Ruhm bei der Nachwelt zu entſtellen ſucht. Er weigert ſich weder aus Haß noch aus Rachſucht, denn ſolche Gefühle ſind ſeinem Herzen ganz fremd— ſondern aus Pflichtgefühl dem Sohne dieſes Mannes eine Gunſt zu erweiſen, deren er ſich unwürdig gezeigt hat. Er würde dieſer Pflicht treu bleiben, und in ſeiner Weigerung be⸗ harren, wenn ihm auch die Ausſicht geöffnet wäre, daß, wenn er an die Söhne Oldenbarnevelds Wohl⸗ thaten verſchwendete, alle Läſterzungen, welche ſeinen Ruhm bei der Nachwelt ſchmälern könnten, verſtummten. Er ruft dieſen Söhnen zu: ſeyd friedliche Staatsbürger; überlaßt die Entſcheidung des Urtheils, wodurch Ihr Euch Unrecht zugefügt glaubt, dem über uns thronenden höchſten Richter. Dann könnte vielleicht einmal die Zeit eintreten, wo Oldenbarnevelds Söhne, wenn — 243 ſie ſich, wie es ihnen geziemt, betragen, auf das ihrem Vater gegebene Verſprechen berufen könnten.“ „Und dieß iſt die einzige Antwort“— ſagte Stou⸗ tenbourg mit einer Heftigkeit, welche er vergebens zu beherrſchen bemüht war, und die hinlänglich in dem ab⸗ gebrochenen Tone ſeiner Stimme und den krampfhaften Zügen ſeines Antlitzes ſichtbar war—„iſt dieß die ein⸗ zige Genugthuung, welche ich von hier mit mir neh⸗ men ſoll?“ „Es ſind meine letzten Worte;“— antwortete ernſt der Fürſt—„unſer Geſpräch iſt beendigt!“ „Dann vernehmet nur noch ein Wort von meinen Lippen“— erwiederte Stoutenburg, indem er einen wüthenden Blick der Rache auf den Prinzen warf— „Ihr ahnet— und ich freue mich deſſen— wie die Nachwelt einſt den Helden ſeines Jahrhunderts beur⸗ theilen wird; wie er dann, von dem trügeriſchen Glanze ſeiner Größe entblößt, ſich in ſeiner ganzen Blöße zei⸗ en, und wie der vergötterte Moritz von Naſſau, als der Mörder ſeines Wohlthäters, als der rachſüchtige Verfolger von deſſen Geſchlecht gebrandmarkt ſeyn wird. Aber etwas ahnet Ihr noch nicht;— daß vielleicht auch der Name des erniedrigten, verhöhnten Wilhelms von Oldenbarneveld, in einem Zeitpunkte Eures Lebens, mit dem Eurigen in Berührung kommen wird. Und wenn auch dieſer Name in der Geſchichte dieſer Zeit befleckt werden würde, wenn man ihn als einen Unglück⸗ lichen, den Mangel und Entehrung, und Rachſucht zu dem Verbrechen verleitete— dann wird doch mehr als eine Stimme ihn entſchuldigen und ſagen: er hatte die Schande ſeiner Familie, das Blut ſeines Vaters zu rächen!“ Nachdem er dieſe Worte ausgeſprochen hatte, tver⸗ ließ er ungeſtüm das Gemach. Der Hellebardierer des Prinzen, welcher ſich auf deſſen Befehl mit den beiden 244 Bedienten aus dem Vorzimmer entfernt hatte, geſellte ſich wieder zu ihm und führte ihn aus dem Schloſſe. Mit verdoppelter Geſchwindigkeit eilte er nach der Her⸗ berge, wo er, ohne ſich nach ſeiner eigenen Wohnung umzuſehen, abgeſtiegen war, machte ſich reiſefertig, be⸗ ſtieg ſein Pferd, und hatte den Haag bald weit hin⸗ ter ſich gelaſſen. Der Prinz hatte ihm einen Augenblick mit düſterem Blicke nachgeſehen. Darauf legte er die Hand auf das Herz, und ſagte kaum hörbar zu ſich:„Es iſt noch ein höherer Richter, als die Nachwelt. Er urtheile!“ Siebenzehntes Kapitel. Ich habe was In dem Faß Für die Frommen. Aufſchrift über viclen Krügen. Während der zwei bis drei Stunden, wo die in den beiden vorigen Kapiteln mitgetheilten Unterhandlun⸗ gen ſtattfanden, ereignete ſich noch anderes, für die Er— zählung Wichtiges, welches wir jetzt unſerm Leſer mit⸗ theilen müſſen. Wir führen ihm zwei Perſonen vor, welche bis jetzt noch nicht erſchienen, und keine gleich⸗ gültige Stellung in unſrer Erzählung einnehmen, und verſetzen unſere Leſer in eine ſchon über zweihundert Jahre, und jetzt noch bekannte, Herberge zwiſchen dem Haag und Leyden gelegen, das Huiskendeil ge⸗ nannt, welches wir Mittelhaus nennen wollen. Man würde ſich ſehr irren, wenn man glaubte, daß damals das Haus ſchon in dem gefälligen und bequemen Stande 245 war, als jetzt. Es war eine ziemlich unbedeutende, mit Schilf und Stroh gedeckte Wohnung, deren Haus⸗ thür mit einem Vorbau, unſern jetzigen Schilderhäuſern nicht unähnlich, verziert war. Am Giebel prangte der wohlbekannte Schild, der weiße Schwan. Am äußerſten Ende des Balkens hieng ein Kranz von grünem Eichen⸗ laub mit Flittergold und Buntpapier verziert, welcher bei dem geringſten Winde ein raſſelndes Geräuſch ver⸗ urſachte, welches den Vorübergehenden einzuladen ſchien, in dieſer gaſtfreien Wohnung einen Augenblick einzukeh⸗ ren, und ſich durch einen kräftigen Trunk zu erquicken. Ein ſolches Zeichen befand ſich damals faſt an allen Her⸗ bergen auf dem Lande, iſt aber jetzt verſchwunden, und findet ſich nur noch vor Fiſch- und Fruchtläden. Auch das Innere entſprach ganz dem einfachen Aeußern. Es beſtand aus einem großen, viereckigen Raume, mit weißen Wänden, welche durch die Sorg⸗ falt der Tochter des Hauſes ſehr rein gehalten wurden, und einem Fußboden von grünen Backſteinen, täglich mit friſchem Sande beſtreut, und hie und da mit dicken, ge⸗ flochtenen Matten belegt. Ganz beſonders zeichnete ſich der ſchöne Heerd mit allem ſeinem Zubehör durch eine glänzende Reinlichkeit aus, welches die beſondere Sorg⸗ falt der ſchönen Eliſe auszumachen ſchien. Andere Verzierungen waren nicht zu finden. Der lange Tiſch, welcher die eine Seite des Gemachs faſt ganz einnahm, war aus eichenen Bohlen zuſammengefügt, und obgleich die natürliche Farbe, durch die Länge der Zeit und den Gebrauch ganz verſchwunden war, ſo konnte man doch noch deutlich ſehen, daß der Pinſel des Malers oft da⸗ mit in Berührung gekommen war. Dieſer Tiſch war überall mit hölzernen Bänken umgeben, welche an den Enden an einander befeſtigt waren, und ſo unbewegliche Sitze bildeten. Zwei zinnerne Kannen mit einigen Be⸗ chern von demſelben Metalle, zum Theile noch mit Bier 246 gefüllt, war das Einzige auf dem Tiſche Sichtbate. Längs der Wände ſtanden plumpe Stühle mit Sitzen von Mat⸗ ten geflochten. Dann noch ein großer Schrank, zum Theil in der Mauer, deſſen unterſter Theil verſchloſſen war, und wahrſcheinlich Eßwaaren und Tiſchgeräth ent⸗ hielt; der obere Theil ſtand offen und prunkte mit den blankgeputzten Kannen und Bechern. Auf dem Geſimſe des Kamins ſtand einiges grobes irdenes Geräth, und zwei Bibeln, und ein paar andere ſchwarz geräucherte, wahrſcheinlich Erbauungsbücher, nahmen den übrigen Raum ein. Dieß war das ganze Mobiliar, womit Da⸗ vid Ewouts Wohnung, des damaligen Beſitzers des Mittelhauſes, ausgeſchmückt war. Außer dieſem größeren Gemache, welches zur Gaſt⸗ ſtube diente, waren noch einige kleinere, für Reiſende, welche daſelbſt übernachten wollten, beſtimmt. Hinter dem Hauſe lag ein ziemlich großer Baumgarten, an deſ⸗ ſen äußerſtem Ende ein von Menſchenhänden aufgewor⸗ fener Hügel war, mit Tarus bepflanzt und einer Raſen⸗ bank verſehen, von wo aus man den kleinen Thurm des nahgelegenen Waſſenaars zwiſchen Bäumen und anmuthigem Grün hervorragen ſah. In einem großen, mit dem Hauſe vereinigten Stalle, ebenfalls mit Stroh gedeckt, waren ein paar Knechte mit ländlichen Arbeiten beſchäftigt, und einige vor demſelben ſtehende loſe Krip⸗ pen ſchienen anzudeuten, daß die Reiſenden, welche von dem Haag oder Leyden kamen, ihren Pferden hier ein Futter geben ließen, welches ungeachtet der großen Nähe, doch der damals ſchlechten Straßen wegen nicht ganz überflüſſig war. Wer jetzt dieß Haus beſucht, wird von allem dem nichts mehr finden; doch ſo groß der Unterſchied auch ſeyn mag, ſo iſt der, welcher zwiſchen dem damaligen und jetzigen Wirthe beſteht, noch viel größer. Aus nach⸗ folgendem Auſtritte werden wir ſeine nähere Bekannt⸗ * ſchaft machen. —— ——-——,— e— „ 8———— — 247 David Ewouts ſaß in der Dämmerung vor ſeiner Wohnung auf einer Bank. Obgleich er ſein ſechs⸗ zigſtes Jahr noch nicht erreicht hatte, ſo würde man ihm ſeines bleichen, eingefallenen und runzelichten Geſichts wegen, wenigſtens ein Dutzend Jahre mehr zuerkannt haben. Er war von mittlerer Größe, doch ſehr mager. Seine greiſen Haare hingen ſorgfältig gekämmt und in Locken über ſeinen Nacken herab; vorne waren ſie un⸗ gefihr einen Zoll über ſeinen Augenbraunen regelmäßig abgeſchnitten. Seine Kleidung faſt ganz mit der, der damaligen Landleute übereinſtimmend, beſtand aus einem kurzen Oberrocke von grobem Zeuge, vorne offen, ſo daß man das Wamms und die graue Weſte ſehen konnte, welche bis unter das Kinn dicht zugeknöpft war, das weite Beinkleid hieng bis auf die Schuhe herab. Sein Haupt war nicht bedeckt, auch trug er weder Halstuch noch Kragen, wahrſcheinlich wegen der Wärme der Jah⸗ reszeit. David ſaß mit gefalteten Händen und nach dem Himmel gerichteten Augen vor ſeiner Thür. Wenn er, wie ſein Antlitz verrieth, in ernſtliche Betrachtungen ver⸗ ſunken war, ſo konnte man deutlich aus ſeinem finſtern Blicke ſchließen, daß ſie nicht tröſtlicher Art waren. Ohne ſich in ſeinem Nachdenken ſtören zu laſſen, beantwortete er nur dann den Gruß der Vorübergehenden, wenn ſie ihn mit Namen nannten, und ihn mit:„Der Herr ſegne Euch Vater David!“ ſchloßen, doch ohne nach ihnen hin⸗ zuſehen. Deſſenungeachtet bemerkte man ſehr deutlich, daß die ihm näher Bekannten keineswegs ſeiner Aufmerkſam⸗ keit entgingen; denn er beantwortete ihren Gruß gewöhn⸗ lich noch mit einem Zuſatze, als:„guten Abend, Nach⸗ bar van Tol!“—„Der Herr geleite Euch in Eurer Jugend, Freund Martin!“—„Möge, Bruder Je⸗ remias, die Gnade an Euch und den Eurigen verviel⸗ facht werden!“ 248 Die Perſon, an welche er dieſe letzten Worte ge⸗ richtet hatte, war ein kleines, ausgedörrtes Männchen, mit einer pipenden Stimme und von beiden Seiten hinkend, welches aber nicht verhinderte, daß er ziemlich flink und ſicher vorbei eilte. Nachdem er⸗ einige Schritte vorbei gegangen war, ſchien er ſich zu bedenken, kehrte wieder um, näherte ſich dem Wirth und ſprach: „Ihr habt wohl gehört, Vater David! daß die Gemeinde mich zu ihrem Vorſteher und Aelteſten ge⸗ wählt hat?“ „Ich weiß es,“— antwortete David—„und es freut mich, Jeremias! Obgleich ich auch gar wohl weiß, daß es in jetzigen Zeiten ſehr viel ſagen will über die Heerde zu wachen, und darauf zu achten, daß in das Haus, was nach Gottes Namen benannt iſt, kein Aerger⸗ niß komme; da ſo viele drauf hin arbeiten, um die Bun⸗ deslade des Herrn mit der ehernen Schlange unter ein Dach zu verſetzen. Es iſt ein ſchweres Werk für Euch, Bruder Jerem ias!“ „Davon überzeugte ich mich nur zu ſehr, Vater David! und meine Kräfte ſind nur gering. Mein Her— ſchlägt vor Beſorgniß, wenn ich an die bevorſtehenden ſchlechten Zeiten denke, und meine Seele hört ſchon den Poſaunenſchall und ein Mordgeſchrei nach dem andern.“ „Ihr dürft aber deßhalb weder verzagen noch ängſt⸗ lich ſeyn,“— erwiederte David—„denn wenn auch die Kräfte Eures Körpers ſchwach ſind, ſo iſt dieß ja kein Hinderniß. Wir müſſen kämpfen, Jeremias! Aber nicht mit Bogen und Schwert, mit Pferd und Reitern— nein, mit den geiſtlichen Waffen allein. Zion muß durch das Recht befreit werden, und ſeine Gefan⸗ genen durch Gerechtigkeit, wie der Prophet ſagt.“ „Ich werde meine Stimme erheben“— ſprach Je⸗ remias, der auch ſo ausſah, daß er in einem jeden andern, als in einem geiſtlichem Kampfe unterliegen ———— 1 8 c S————— c— K— S S N 249 würde—„nicht länger werde ich mich wie eine klagende Taube in den Felſenhöhlen verbergen, ſondern öffentlich vor dem Volke mit dem ganzen Aufwande meines Athems reden.“ „Wenn Ihr auch nur ein kleines Wörtchen hervor⸗ brächtet, Bruder!“— fuhr David fort, den eifrigen Kämpfer zu ermuthigen, der ſeine pipende Stimme wirk⸗ lich zu einem kreiſchenden Tone erhoben hatte—„Wenn der Herr es will, ſo wird man es zu Jeruſalem hören; und der kirchliche Zuſtand in dieſen früher ſo geſegneten Landen erheiſcht noch ſtets dringend, daß die Auserwählten auf ihrer Hut ſind und wachſam bleiben. Denn wenn auch die Anſchläge der Bösgeſinnten theils zerſtört, theils gezügelt ſind, ſo ſind doch noch Viele unter uns, welche ausgeſtoßen werden müſſen, weil ſie mit den Mächtigen von Tekva ihre Nacken noch nie wie es ſich gehört im Dienſte des Herrn gebeugt haben.“ „Wir werden ſie bekämpfen mit allen Gläubigen von Oſten und Weſten, von Süden und Norden!“— erwie⸗ derte Jeremias mit Feuer, während er unaufhörlich mit den Armen um ſich herſchlug, als ſey er in einem heftigen Kampfe mit unſichtbaren Weſen begriffen—„und die Wahrheit vertheidigen, damit kein Balach und kein Bileam etwas dagegen vermöge. Unſre Kraft wird größer ſeyn, als die der Philiſter und Moabiten, und ſie ſollen Alle durch die Kraft unſeres geiſtlichen Arms zertrüm⸗ mert werden und umkommen.“ Nachdem er dieſe Worte geſagt hatte, drehte er ſich plötzlich um, als ſey er durch das Feuer ſeiner Begei⸗ ſterung überwältigt, und noch immer in ſich murmelnd, und die Arme wie die Flügel einer Windmühle bewegend, ſetzte er ſeinen Weg mit aller der Eile fort, welche ſeine gebrechlichen Unterthanen ihm verſtatteten. David hatte ſeine nachdenkende Haltung wieder angenommen, und die Dämmerung war ſtärker einge⸗ Der Schutzgeiſt. I. 17 250 treten. Bald wurde er durch die Ankunft eines Reiſen⸗ den aus ſeinem Nachſinnen geſtört, welcher von ſeinem Pferde ſprang, es mit dem Zaume an einem Pfahl vor der Thüre feſtband, und eine Kanne Delftſches Bier for⸗ derte. David war jedoch nicht ſo ſchnell aus ſeinen tiefen Betrachtungen zu wecken. Er beantwortete den freundlichen Gruß des Reiſenden nur mit einem trocke⸗ nen:„guten Abend, Freund! geht nur in die Gaſtſtube!“ Darauf erhob er aber ſeine Stimme und rief ein paar Mal laut:„Eliſe! Eliſe! wo biſt Du?“ Doch Eliſe ſchien eben ſo triftige Gründe als ihr Vater zu haben, um ſich mit der Bedienung des Reiſenden nicht zu über⸗ eilen; wenigſtens blieb ſie auf den wiederholten Ruf ihres Vaters die Antwort ſchuldig; und erſt nachdem der alte Mann aufgeſtanden war, und ſeine Stimme mit verdop⸗ pelter Kraft durch das Haus erſchallen ließ, und ſelbſt dem Fremden, welcher ungeduldig zu werden anfing die gewünſchte Erfriſchung reichte, erſchien das Mädchen mit hochrothem Antlitze, welches wir nicht genau zu beſtim⸗ men wagen, ob durch die Eile, ihres Vaters Rufe zu gehorchen, oder aus andern Gründen hervorgerufen wor⸗ den war. Sobald ſie in das Zimmer getreten war, ver⸗ ließ es David wieder, da er gewohnt war, die häus⸗ lichen Sorgen und die Bedienung der Reiſenden ganz ſeiner Tochter zu überlaſſen, und daher auch in dem Rufe ſtand, viele gute Eigenſchaften zu beſitzen, nur nicht freundlich gegen ſeine Gäſte zu ſeyn. Deſto freund⸗ licher war aber Eliſe, und mancher Reiſende verweilte länger als er ſich vorgenommen hatte in dieſer Woh⸗ nung, um die anmuthige Geſtalt des achtzehnjährigen Mädchens, und das Kindliche und Unſchuldige ihres Ant⸗ litzes, oder die ſanften Töne ihrer wohllautenden Stimme zu bewundern. Ob nun dießmal das Mädchen nicht ſo beredt als gewöhnlich war, oder ob der Fremde zu mür⸗ riſch oder auch zu eilig war, um mit der ſchönen Wirths⸗ c————— m ur au ſer a wi ein jed XXN 8 —„—— 8 d⸗ te h⸗ en ne ſo r⸗ * 251 tochter ein Geſpräch anzuknüpfen— ſo viel iſt gewiß, daß David kaum ſeinen gewöhnlichen Sitz wieder ein⸗ genommen hatte, als auch der Reiſende ſchon wieder ſein Pferd beſtieg und ſeinen Weg nach dem Haag fortſetzte. Eben ſo ſchnell— und dies dürfen wir nicht unbemerkt laſſen— hatte Eliſe auch das Zimmer verlaſſen und ſich in den Garten hinter dem Hauſe begeben. David ſollte jedoch auch nicht lange ungeſtört bleiben. So eben hatte er mit einer kräftigen und ziem⸗ lich wohllautenden Stimme den erſten Vers des acht⸗ undſechszigſten Pſalmes angeſtimmt, als ein Fußgänger von dem Haag mit der Frage ſich ihm näherte, ob er dieſe Nacht hier würde bleiben können. David ſchien dem Unbekannten, welcher in einen groben Mantel ge⸗ wickelt war und einen breitrandigen Hut trug, nicht zu beachten, da ſein Aeußeres zwar keine gänzliche Armuth, aber auch keine beſondere Wohlhabenheit verrieth. Er ſetzte ſeinen Geſang fort, und erſt nachdem er den erſten Vers nicht ohne Nachdruck beendigt hatte, deſſen Schluß⸗ reihen alſo lauten: Wie das Wachs zerſchmelzet vom Feuer, ſo müſſen umkommen die Gottloſen vor Gott. machte er eine kurze Pauſe, welche der Fremde benutzte, um ſeine Frage zu wiederholen, und ſich neben David auf die Bank niederzuſetzen. Dieſer ſchien über des Rei⸗ ſenden Dreiſtigkeit nicht ſehr erbaut, und kaum den Kopf nach ihm wendend, ſagte er: „Tretet nur in das Haus, Freund! meine Tochter wird alles beſorgen.“ Darauf ſah er wieder gerade vor ſich hin, und ſchien einem jeden Geſpräche ausweichen zu wollen. Der Fremde jedoch, welchen wir dem Leſer als Stoutenburgs Gefährten in der goldenen Hellebarde zu Rotter⸗ 17 252 dam vorſtellen wollen, ließ ſich durch Davids kurze Antwort nicht aus der Faſſung bringen, ſondern ſagte: „Der Abend iſt ſchwül, ich bin von meinem Marſche müde und erhitzt, und will daher außerhalb Eurer Woh⸗ nung noch ein wenig die friſche Luft einathmen; ſolltet Ihr jedoch mit ernſten Betrachtungen beſchäftigt ſeyn⸗ worin Ihr nicht gern geſtört werden wollt, nun dann werde ich Euch mit meinem Geſpräche nicht läſtig wer⸗ den, und auch meinen Gedanken freien Lauf laſſen.“ „Schweigt, ſchweigt, Freund!“— erwiederte Da⸗ vid—„denn in dieſen Tagen der Trauer würden die Worte der Weltlichgeſiunten nur mein Herzeleid vermeh⸗ ren. Auch ich werde ſchweigen, obgleich ich mit dem frommen Patriarchen ausrufen könnte: ich muß reden von der Angſt meiner Schmerzen und will Ausſage thun von der Betrübniß meiner Seele.“ „Armer Greis, Euch ſcheint ſchweres Unglück heim⸗ geſucht zu haben.“ „Mich hat kein Unglück heimgeſucht,“— erwiederte David, der oft ganz unwillkührlich in ein Geſpräch einging, wenn es ſein Lieblingsthema betraf.—„Mich beugt kein anderes Unheil, als das, woran alle Ungläu⸗ bigen gleichen Antheil mit mir nehmen.“ „Welches Unheil,“— fragte der Fremde—„kann unſer Vaterland betroffen haben? Ich bin zwar einige Zeit abweſend geweſen, habe aber bei meiner Rückkehr nichts erfahren, weder von einem Siege der Feinde, noch von andern verhängnißvollen Umſtänden, welche die Ein⸗ wohner hieſiger Gegend hätten beunruhigen können.“ „Dann ſeyd Ihr ein Fremdling in Jernſalem,“— ſprach David mit einem bedenklichen Kopfſchütteln— „wenn Ihr nicht wißt, in welchem erbärmlichen Zuſtande ſich die Kirche befand und noch ſtets beſindet, und wenn Eure Ohren nicht durch ihre ängſtlichen Seufzer getrof⸗ fen wurden, welche ſie in ihrer Noth ausſtieß. Nicht ——)—„—+— — 8+————— ——— — ——)„— e— NM M nn in⸗ nde nn of⸗ icht 253 ihre Erbfeinde, die Spanier, welche unter dem Joche der Abgötterei leben, noch die Papiſten in Brabant und Flandern ſind es, denn was haben die Ausländer damit zu ſchaffen? Nein, es ſind ihre eigenen Kinder, es ſind die Thürſteher, welche an den Thoren Wache halten ſoll— ten, damit nichts Unreines herein käme— ſie ſind es, die ſie verrathen, und, v Jammer! ihre ärgſten Feinde geworden ſind. Dieſe treuloſen Wächter ſind es, welche die Seele der Gläubigen beängſtigen, und denen man die Worte des geſegneten Pſalmiſten anpaſſen kann: daß ſie die Steine lieben, und Luſt an dem Schutt Jeruſalems haben.“ „Ha! jetzt erſt glaube ich Euch zu verſtehen“— erwiederte der Fremde, während ein bitteres Lächeln auf ſeinen Zügen ſchwebte.—„Ihr meint die kirchlichen Unruhen, welche vor einigen Jahren hier zu Lande ein⸗ traten. Ja, die waren in der That höchſt beklagens⸗ werth, das war eine Wunde, die ſo bös geworden iſt, daß, wie der Prophet ſagt, ſie Niemand heilen kann. Doch,“— fuhr er bald darauf, David verächtlich an⸗ ſehend, fort—„ich glaubte, die Gefahr ſey jetzt vorüber. Man hat ja abgeſetzt, verbannt und in das Gefängniß geworfen; man würde ſogar gern einem jeden Prediger, der den Remonſtranten anhing, mit einem Kainszeichen verſehen haben, damit ein Jeder ihn kennen und ſeine verpeſtete Nähe hätte meiden können.“ „Ganz recht,“— erwiederte David—„der Herr hat das Urtheil geſprochen. Sie ſind verjagt die Lügen⸗ propheten und die abtrünnigen Lehrer, welche alle ihre Kräfte anwandten, um das Pfaffenthum wieder in dieſem Lande einzuführen, und ihr Beſtes thaten, um die tödtliche Wunde des Thiers zu Rom, deſſen ganzer Körper erkrankt iſt, ſo daß man von den Fußſohlen bis zum Kopfe nichts Geſundes daran findet, zu heilen, ſeine Eiterbeulen zu verbinden und mit Salbe zu mildern, und deßhalb...“ 254 „Aber was bleibt Euch noch zu wünſchen übrig?“ — fragte der Reiſende auf's Neue—„was Euch zur Aergerniß diente, iſt aus der Kirche entfernt, und die Thore ſind jetzt mit ſo eifrigen Wächtern beſetzt, daß die Gefahr der Verunreinigung ſogar nicht mehr zu be⸗ fürchten iſt. Worüber klagt und ſeufzt Ihr jetzt noch, da Ihr viel eher Gelegenheit hättet, völlig beruhigt zu ſeyn?“ „Wer kann in dieſen Zeiten ruhig ſeyn?“— er⸗ wiederte David, der wie ſo viele ſeines Gleichen, auch nachdem das Feuer des Verderbens, das in ihren Augen das Heiligthum zu verzehren drohte, ganz gelöſcht war, noch immer Brand zu riechen und die Flamme aufſteigen zu ſehen glaubte.—„Wer kann ruhig ſeyn, welcher an die Worte des Propheten denkt: freuet Euch nicht, daß die Ruthe, welche Euch ſchlug, zerbrochen iſt, denn aus dem Ei der Schlange iſt ein Baſilisk hervorgegangen⸗ und ihre Frucht iſt ein feuriger fliegender Drache? Oder ereignete es ſich nicht, daß in den Tagen jener treuloſen Wächter der Unreinen viele in unſre Kirche eingedrungen ſind, und durch ihr Eindringen das Liebesmahl beſudelt haben?“ „Das heißt, wie ich vermuthe,“— ſagte der Rei⸗ ſende, der in der ſogenannten Sprache Kanaans kein Neuling zu ſeyn ſchien—„daß auch jetzt die Kirche in Euren Augen noch nicht gehörig gereinigt iſt, und daß die Geſinnungen der Remonſtranten, ſowohl unter den Prieſtern, als auch unter den Laien ihre geheimen An⸗ hänger finden?“ „Es giebt in der That der Schlechten noch Viele,“ — antwortete David—„welche ſich dem Herrn wohl mit dem Munde, aber nicht mit dem Herzen nähern, und von denen der Prophet ſagt: es iſt ein Volk, das den Herrn erzürnt.“ „Mich dünkt aber, daß durch die Adleraugen und M Wt* ——— 255 die feinen Naſen der gegenwärtigen Wächter auf Zion, und beſonders durch die kräftigen Maaßregeln des Prin⸗ zen dieſe unreinen Gefäße ſchnell entdeckt und entfernt werden.“ „Ja das wird zu ſeiner Zeit geſchehen,“— ſagte David, indem er ſeine Stimme mehr erhob, als er gewöhnlich, wenn ſolche Gegenſtände abgehandelt wurden, zu thun pflegte;— und ſelten hörte man von ihm an⸗ dere—„Se. Fürſtliche Excellenz, der lobenswürdige Glaubensheld, aus dem ächten Blute des Erlöſers Iſrael entſproſſen, wird das große Werk fortſetzen. Er, der eine Naſe hat, welche nach Damaskus gerichtet iſt, um alle Anſchläge der Anhänger der Remonſtranten zu riechen — er iſt es, von dem man ſagen kann: die Hände Ze⸗ rubabels haben es gegründet: ſeine Hände werden es auch vollenden.“ David ſchwieg, ſo wie auch der Fremde, auf deſſen Zügen man zuweilen einen verbiſſenen Aerger be⸗ merkte, der einige Augenblicke ſtillſchweigend vor ſich niederſah, und ſich auf ſeinem Platze drehete wie Einer, der wohl zu ſprechen wünſchte, doch deſſen Lip⸗ pen durch die Umſtände gefeſſelt waren. David jedoch, da dies Geſpräch nun einmal eine ſolche Wendung genom⸗ men hatte, und da er glaubte, einen eben ſo aufmerk⸗ ſamen, als mit ſeinen Geſinnungen übereinſtimmenden Zuhörer gefunden zu haben, war nicht ſo leicht zu bewe⸗ gen, ſein Lieblingsthema aufzugeben. Er trabte noch eine Zeitlang in dem Tone, wie er begonnen, fort, indem er ſeine Rede mit weithergeholten Sprüchen aus dem alten Teſtament belegte. Der Fremde ſchien den Unwillen, der manchmal auf ſeinen Zügen ſichtbar geweſen war, nun ganz unterdrückt zu haben. Dem Anſcheine nach lieh er Davids Worten ein aufmerkſames Ohr, und durch mitunter einmiſchende Bemerkungen verdoppelte er des Wirths Eifer, und gab ſeiner Wohlberedtheit mehr 256 Kraft, ohne ihm das geringſte Mißtrauen über ſeines Gaſtes verſchiedenartige Geſinnungen einzuflößen. Wir wollen die beiden Männer ihr Geſpräch noch einige Au⸗ genblicke ungeſtört fortſetzen laſſen, und uns unterdeſſen wieder nach der ſchönen Eliſe, welche uns ſo eben aufs eiligſte entwiſchte, womit wir unſere Leſer näher bekannt machen müſſen, umſehen. Achtzehntes Kapitel. Auch einſt war ich wie Engel rein, Von Leidenſchaften nicht beſiegt, Und ſtill in meinem Gott vergnügt; Warum mußt es je anders ſein? Wir würden aber die Tochter des Hauſes vergebens in den verſchiedenen Gemächern der Herberge ſuchen. Wahrſcheinlich ließ der ſchöne kühle Sommerabend und das helle Mondlicht ſie länger als gewöhnlich in dem Garten, welcher auch ganz ihrer Sorge anvertraut war, verweilen, und ſie verſäumte nie, ihren lieblichen Pflege⸗ kindern, den Blumen, alle mögliche Sorgfalt angedeihen zu laſſen. Auch fand man Stundenweit in der ganzen Umgegend keinen ſchöneren Blumengarten als den Eli⸗ ſens— ſo behauptete es wenigſtens der Schullehrer des nahe gelegenen Dorfes, der Eliſe ſchon längſt mit keinem gleichgültigen Auge angeſehen hatte, und der bei den Dorfbewohnern als Dichter galt— doch nur der noch ſchönern Roſen wegen⸗ die auf des Mädchens Wan⸗ gen blüheten. Und dieſer Lobſpruch von den Lippen eines Geliebten— zu unſerm Bedauern müſſen wir hinzufügen eines hoffnungsloſen— war keineswegs übertrieben. 257 Eliſe war wirklich ein anmuthiges Mädchen. Sie war von mittlerer Größe, doch ſo ebenmäßig geformt, wie man es ſelten bei Mädchen ihres Standes, welche alle Arten von Arbeit verrichten müſſen, findet. Die hohe Röthe ihrer Wangen, vielleicht noch mehr durch ihre täglichen Beſchäftigungen hervorgerufen, würde man in unſern verwöhnten Zeiten vielleicht weniger als damals für ſchön gehalten haben, ſo wenig wie einzelne Som⸗ merſproſſen auf dem Geſicht und Halſe, welche durch den Einfluß der Sonnenſtrahlen hier und da entſtanden waren. Uebrigens glauben wir nicht, daß irgend Jemand leicht dieſem lieblichen Mädchen ſeine Huldigung verſagen würde, und können es eben ſo wenig dem begeiſterten Schulmei— ſter zu Waſſenaar verdenken, daß er des Sonntags beim Vorfingen oft ſeine Augen unwillkürlich von ſeinem Pſalter auf Eliſens freundliches Antlitz richtete. Die gewöhnliche Kleidung des Mädcheus war ge⸗ ſchmackvoll, aber ehrbar, und die des wohlhabenden Mit⸗ telſtandes jener Zeiten. Auch war es allgemein bekannt, daß der alte David ein ſehr wohlhabender Mann war, und ſo gleichgültig er auch jetzt über irdiſche Güter ſprach, ſo hatte er in früheren Zeiten doch nicht verab⸗ ſäumt, deren einige durch allerlei ehrliche Mittel zu er⸗ werben. Beſonders an Sonn- und Feſttagen, wenn Eliſe in ihrer ſchwarzſeidenen Jacke mit ſeidenen Taſchen, die zierlich durch einen Gürtel mit goldener Schnalle befeſtigt waren, ihrem Rocke von leichtem Stoffe, der bis auf ihre kleinen Füße herabhing, die in ſchwarzen mit Bändern zugebundenen Schuhen verborgen waren, zur Kirche ging, und freundlich lächelnd ihren Bekannten rechts und links zunickte— dann hielt der Reiſende nicht ſelten ſein Pferd einige Augenblicke an, um dem an⸗ Mädchen nachzublicken, oder ihren liebevollen Gruß zu empfangen. Doch der ſtädtiſche Roué, der ſie mit der ihm eigenthümlichen Unverſchämtheit anſtarrte, 258 und das Mädchen deßhalb ſeine Augen niederſchlug, ſah neidiſch nach dem ſittigen Halstuche, welches ſeinen Augen ſo viele andere Schönheiten verbarg. Hieraus können meine Leſer ſchon die Folgerung ziehen, daß Eliſe, obgleich eines Wirthes Tochter, welche täglich mit Reiſenden in Berührung kam, ein eben ſo beſcheidenes als liebliches Mädchen war. Daher wird es fremdartig erſcheinen, daß ich ihnen dieſe junge Schöne in der Geſellſchaft eines jungen Mannes, wie ſie ſich noch erinnern werden, von zweideutigem Cha⸗ rakter, der ohne Zweifel ihr Geliebter war, vorführe. Und dieß in einer ſchon ſo vorgerückten Abendſtunde, und ohne das Mitwiſſen ihres Vaters. Auf dem Hügel am äußerſten Ende des Gartens ſaß Eliſe auf einer Ra⸗ ſenbank, und neben ihr der Fremde, welchen wir ſchon in Rotterdam als Moritzens Begleiter in Helds Wohnung unter dem Namen Lutin kennen lernten. Sein Aeußeres hatte jedoch eine gänzliche Veränderung erlitten. Seine Kleidung war mehr bürgerlich, aber ordentlicher als zuvor. Das Gleichgültige in ſeinen Zügen, welches damals nur zuweilen durch ein düſteres Lochen der Verzweiflung erſetzt wurde, trug jetzt das Gepräge der Ruhe und Zufriedenheit. Er ſchloß Eli⸗ ſens Hand in die ſeinige, und ſein dunkles Auge war liebevoll auf das helle blaue Ange Eliſens gerichtet. „Liebſt Du mich wirklich, Eliſe?“— ſagte er— „liebſt Du mich eben ſo zärtlich, mit derſelben Gluth, wie ich Dich liebe?“ „Wie oft habe ich Dir ſchon dieſe Verſicherung gegeben,“— erwiederte das Mädchen mit einem miß⸗ billigenden Kopfſchütteln—„aber Du biſt ein ſonder⸗ barer Menſch, der meinen Worten keinen Glauben ſchenkt.“ „Ja, Eliſe! ich glaube es Dir,“— erwiederte er —„aber ich bitte Dich, wiederhole es mir tauſend und abermals tauſendmal; denn Deine Worte ſind mir die 259 eines Engels, und erfüllen meine Seele mit einer bisher noch nicht gekannten Ruhe und Seligkeit.“ „Sieh, nun biſt Du ſchon wieder,“— ſprach Eliſe —„ſo ſonderbar, ſo übertrieben in Deiner Sprache. Auch die Verſicherung Deiner Liebe iſt nicht ſo einfach, als die meinige— doch, möchte ſie nur eben ſo auf⸗ richtig ſeyn! Es wundert mich nicht, daß Du zuweilen an meiner Liebe zu zweifeln ſcheinſt; ich bin ein junges unbefangenes Mädchen, ich kann Dir nur ſagen, daß ich Dich herzlich liebe, und daß ich auf ewig nur Dir angehöre. Aber ich rufe nicht, wie Du, die Engel des Himmels zu Zeugen meiner Aufrichtigkeit. Sieh', ich verkenne Dich nicht; ich glaube, daß Du mich von Her⸗ zen liebſt, aber warum eine jede Verſicherung mit einem feierlichen Eide begleiten; das bürgt keineswegs bei einem Jeden für ſeine Worte, doch Du biſt in einer Stadt auferzogen, und da herrſchen ganz andere Sitten und Gewohnheiten, als bei uns auf dem Lande. Sey über⸗ zeugt, daß ich Deinen Worten, auch ohne ähnliche Be⸗ kräftigungen gern glaube.“ „Ja, ich liebe Dich, Eliſe! und werde Dich ewig lieben. Du biſt mir als ein guter Geiſt auf dem dun⸗ keln Pfade meines Lebens erſchienen, um mich mit den Menſchen und mir ſelbſt auszuſöhnen. Ach! ich war ſo lange Zeit unglücklich, ſo ſehr unglücklich, daß ich eine jede Hoffnung auf eine glückliche Zukunft aufgegeben hatte. Das Leben war mir eine unerträgliche Laſt ge⸗ worden, und ich ſah ſehnſüchtig dem Tode als einem mitleidsvollen Retter entgegen.“ „Welches Mißgeſchick uns auch heimſuchen, welche Verluſte wir auch erleiden,“— erwiederte Eliſe— „wenn wir nur das Vertrauen auf Gott behalten, dann ſind wir nicht ganz unglücklich; und dieß, mein Freund, war doch nicht in Deinem Herzen erſtickt, nicht wahr?“ 260 „Ich war über alle Beſchreibung unglücklich, Eliſe! ich wurde grauſam mißhandelt und verrathen von denen, worauf ich alle meine Hoffnung auf die Zukunft geſetzt hatte. Ich konnte nicht länger Menſchen vertrauen, und — der Himmel verzeihe es mir!— ich hatte ſelbſt das Vertrauen auf Gott verloren.“ „O, das iſt fürchterlich!“— ſagte Eliſe mit dem tiefſten Ausdruck des Mitleids—„das iſt wahrlich der beklagenswürdigſte Zuſtand, den man ſich nur denken fann. Das Vertrauen auf Gott zu verlieren, wie war das möglich, mein Freund? Wenn die Menſchen Dich betrogen und in das Unglück ſtürzten, bei wem hätteſt Du da anders Zuflucht nehmen können, als bei dem gütigen himmliſchen Vater?— Doch auch jetzt noch biſt Du oft ſo wüſt, ſo ungeſtüm in Deinen Handlungen, daß Du mir dadurch oft ein inneres Schaudern ein⸗ jagſt.“ „Das habe ich nie gewollt, liebes Mädchen! ver⸗ zeihe es mir, ich bitte Dich darum. Du mußt ein wenig Geduld mit mir haben; ich habe ſo viel gelitten, bin ſo lange Zeit als das unglücklichſte Weſen in der Schöpfung herumgeirtt, daß man ſich nicht wundern darf, wenn ich noch zuweilen durch die Erinnerung an die traurige Vergangenheit von wilden und ſchmerzlichen Gefühlen überwältigt werde; doch ſie ſind ſchnell vorübereilend. Richte dann nur den freundlichen Blick Deiner Augen auf mich; laß mich nur kurze Zeit in das klare Auge ſchauen, worin ich Mitleiden und Liebe leſe, und ein jeder Schein der Verſtörtheit wird aus meinem Antlitz verſchwinden, und die ſeligſte Ruhe in meine Seele zurückkehren.“ „Ja, aber...“ erwiederte Eliſe nach einer kurzen Pauſe, während welcher ſie über etwas Wichtiges nach⸗ zudenken ſchien—„ich mag unſer Verhältniß meinem Vater nicht länger verſchweigen; ſchon hab' ich mich 261 ſelbſt getadelt, daß ich Dich ſo oft im Geheimen ge⸗ ſehen und geſprochen habe. Darin handelte ich ſehr un⸗ recht, und es hat mir vorige Nacht, welche ich faſt ſchlaflos hinbrachte“ viele Thränen gekoſtet.“ „Beruhige Dich, liebes Mädchen!“— ſagte Lu⸗ tin, indem er Eliſe zärtlich umarmte, welche ihr Haupt, wahrſcheinlich um ihre Thränen zu verbergen, an ſeine Bruſt lehnte—„Ich habe Dich nur noch um einen Aufſchub von wenigen Tagen gebeten, dann will ich ſelbſt zu Deinem Vater gehen, und ihn um ſeinen Segen ditten. So lange bitte ich, Dich zu gedulden. Du wirſt mir dieſe Bitte nicht abſchlagen, da Du an mei⸗ ner Liebe und der Aufrichtigkeit meiner Abſichten nicht zweifelſt.“ „Daran zweifle ich keinen Augenblick, aber ich weiß auch, es einer Tochter nicht geziemt, vor ihrem Vater eitk Geheimniß zu haben, noch eine Verbindung anzuknüpfen wie die unſrige iſt, und am wenigſten ih⸗ rem Geliebten heimlichen Zutritt zu geſtatten. Außerdem kann es auch nicht lange mehr verborgen bleiben; unſre Nachbarn werden es erfahren, und dann dem Ganzen eine ſolche Deutung geben, wodurch mein guter Ruf gefährdet werden kann. Du mußt mir daher verſprechen, denn nur deßhalb habe ich Dir dieſe Zuſammenkunft be⸗ willigt, und Dein Verſprechen tren halten, daß Du keine weitere Verſuche machen willſt, mich zu ſehen, bevor Du mit meinem Vater geſprochen und ſeine Einwilligung erwirkt haſt. Du verſprichſt es mir?“ „Gern, meine Eliſe! und namentlich, wenn, wie ich hoffe, die Umſtände mir erlauben, noch vor Ende dieſer Woche mit Deinem Vater zu reden. Sollte dieß der Fall nicht ſeyn, dann wird doch Dein mitleidiges S mich nicht zu einer noch längern Trennung verur⸗ theilen.“ „Aber ich verſtehe durchaus nicht, was Dich ver⸗ ——— 262 hindern könnte, Dein Vorhaben auszuführen. Du ſtammſt von unbeſcholtenen bürgerlichen Eltern, wie Du mich verſicherteſt, Du haſt Dein Auskommen— und ſollte dieß auch nicht bedeutend ſeyn, ſo wird mein Vater, da er ſelbſt wohlhabend iſt, nicht darauf ſehen.— Du biſt außerdem in voller Kraft des Lebens und zu jedem Wir⸗ kungskreiſe geſchickt. Was könnte mein Vater dagegen einwenden, wenn der erfährt— und wie könnte er ſich wundern— daß ſeine Eliſe ſo ganz mit Dir über⸗ einſtimmt. Doch ein Umſtand“— fuhr ſie nach einer kleinen Pauſe fort—„wenn Du einer andern Konfeſſion angehörteſt, worüber mein Vater nicht ſo leicht hinweg⸗ ſieht, könnte Hinderniſſe in den Weg legen.“ „Dieß braucht Dich nicht zu beunruhigen“— er⸗ wiederte Lutin—„ich gehöre nicht zu den Papiſten, und habe nichts mit ihnen gemein. Meine Eltern wa⸗ ren Reformirte, und haben ſelbſt in früheren Zei⸗ ten viele Verfolgungen des Glaubens wegen er liten. Auch ich bin in dieſer Lehre auferzogen.“ „Aber es ſind nicht allein die Katholiken“,— er⸗ wiederte Eliſe—„wogegen mein Vater ſo heftig er⸗ bittert iſt, er iſt es noch mehr gegen die Arminianer, und ich hoffe, um des Himmels Willen, daß Du nicht zu denen gehörſt; denn er würde ſeine Tochter lieber ſterben ſehen, als ſie einem ſolchen geben.“ „Beruhige Dich deßhalb, Eliſe! ich wiederhole es Dir“— ſagte er lächelnd—„denn wäre ich auch in dieſem Augenblicke ein eifriger Remonſtrant— ſo würde ein einziges Wort von Deinen Lippen mich von dem Irrwege abbringen, und Alles aus mir machen, was Du wollteſt.“ „Pfui!“— erwiederte Eliſe ernſt—„was ſind das für Reden. Wie könnte ich ſchwaches, einfältiges Mädchen Dich von der Irrlehre abbringen? Oder Du müßteſt meinen Worten nur leichtſinnig und ohne Nach⸗ 263 denken Gehör ſchenken, oder nur den Schein annehmen. Und auch dieß wäre verkehrt von Dir gehandelt; denn Leichtfinn in der Religion iſt eine große Sünde. Nein, wenn Du wirklich ſo unglücklich wäreſt, nicht rein in der Lehre, und mit irrigen Begriffen befleckt zu ſeyn, die, wie mein Vater ſagt, jetzt nur allzuſehr in unſrer Kirche die Oberhand gewinnen, dann wende Dich lieber im Gebete an den, der Dein Herz erleuchten, und Dich auf den rechten Weg zurückführen kann. Du kannſt doch beten?“— ſetzte ſie mit einem beſondern Ausdruck auf ihrem Geſichte hinzu, welchen der Gedanke, daß ihr Geliebter vielleicht zu einer Sekte gehöre, welche in den Augen ihres Vaters als Gottesläugner galten, und wo⸗ ran Eliſe, obgleich ſie nicht leicht ein liebloſes Urtheil über ihre Nebenmenſchen fällte, nur mit Abſcheu denken konnte. Lutin war durch dieſe Frage ſichtlich betroffen, und das leichtſinnige Lächeln von vorher war ganz ver⸗ ſchwunden. Er faßte des Mädchens Hand, drückte ſie abermals zärtlich in die ſeinige und ſprach mit ſanfter Stimme: „Theures, unſchuldiges Mädchen! warum kann ich Dir nicht ein ebenſo reines und ſchuldloſes Herz dar⸗ bieten, als das, was in Deiner Bruſt ſchlägt. Ja, Eliſe! ich konnte beten, und mein Gebet war einſt eben ſo feurig, eben ſo rein als das Deinige. Doch— ich habe es Dir ſchon oft geſagt— es ſind viele trübe, dunkle Tage und Wochen für mich dahingegangen, wo mein Herz gleichſam erſtarrt, meine Lippen gewaltſam verſchloſſen waren. Und damals konnte ich nicht beten.“ „Aber dieſe bange Zeit iſt ja vorüber, mein Freund! Ach! wie fürchterlich muß Dich die Laſt der Leiden ge⸗ drückt haben, da Du ſie allein tragen mußteſt, und Dir der Troſt des Gebetes verſagt war. O! Du kannſt Dir nicht denken, welche Erleichterung es uns in un⸗ 4. 264 ſerm Trübſal verſchafft, wenn wir unſer Herz vor Gott ausſchütten können. Sieh, ich bin noch jung, und habe noch nicht viel Böſes erfahren; aber! dennoch habe ich ſchon erfahren, daß man Niemanden beſſer, als dem himmliſchen Vater ſeine Noth klagen kann. Ich erinnere es mir noch ſehr gut, als meine Mutter ſtarb— ich war damals kaum zwölf Jahre alt— und als ich ſo tief betrübt war, und es mir ſchien, daß ich nie wieder heiter werden könnte— wie mir da plötzlich die Worte, welche die gute Frau ſo oft, und noch kurz vor ihrem Tode zu mir geſprochen hatte, wieder einfielen: Eliſe, — ſagte ſie— Suche in Deinem Unglück keinen Troſt bei den Menſchen, ſondern nur da, wo er allein zu finden iſt, bei Deinem Vater im Himmel! Bete mein Kind! und Deine Seele wird aufgerichtet werden, und ſtatt mit Bitterkeit und Wermuth, mit himmliſchen Thau⸗ tropfen gefüllt werden. Sieh, dieſe Worte ſchwebten mir damals vor, ich trennte mich von der Leiche der geliebten Verſtorbenen, ging in den einſamſten Winkel unſeres Hauſes, fiel auf meine Kniee, hob meine kind⸗ lichen Hände empor und ſtammelte ein Gebet. O! könnte ich Dir jetzt einen Begriff von dem beſeligenden Troſt geben, der damals in mein Herz niederſtieg! Doch nein, ich vermag es nicht. Ich trauerte wohl noch um den Verluſt der ſorglichen Mutter, und weinte noch Thrä⸗ nen auf ihrem Grabe; aber meine Trauer war ruhiger, und mit einem unerklärlichen Gefühl von Freude ver⸗ bunden. Ich konnte mich ſchon freuen, daß die geliebte Mutter von allen irdiſchen Leiden befreit und unter die Auserwählten im Himmel aufgenommen war. Ich konnte mit ſeligem Entzücken an ſie denken, und ihr feurig für alle Beweiſe der Liebe danken, welche ich von zarteſter Kindheit an von ihr empfangen hatte— beſonders, daß ſie mich beten lehrte.“ Sie ſchwieg und wiſchte ſich die Thränen, welche „„—— — — 3—— — — — S— 265 bei dieſer Erinnetung ihre Wangen befeuchteten, aus den Augen. Auch Lutin hatte ihr andächtig zugehört, und als ſie geendigt hatte, warf er ſich vor ihr nieder, drückte ihre Hand an ſeine Lippen, und benetzte ſie mit einer Fluth von Thränen. Darauf ſprach er mit tiefer Rührung: „O Du reines und ſchuldloſes Weſen! Engel des Himmels, nimm den Sünder unter Deine Obhut. Sey ihm ein freundlicher Schutzgeiſt auf dem dunfeln Pfad des Lebens! Deine ſegensreiche Nähe möge die Erin⸗ nerung an die Vergangenheit in ſeinem Geiſte auslöſchen und in die ſchönere Zukunft, die ſich ihm öffnet, geleiten, und ſeinen wankenden Fuß vor einem jeden Straucheln ſchützen. Ja, Eliſe!“— fuhr er nach einem kurzen Stillſchweigen fort, während welchem die Blicke des Mädchens mit Wohlgefallen auf ihn geheftet waren— „ja, Deine Worte haben mich tief bewegt, denn ich ſehe deren Wahrheit ein und faſſe ſie. Auch für mich war einſt eine Zeit, wo ich eben ſo unſchuldig und fromm als Du meine Augen und mein Herz zum Himmel erhob, und voll Glauben und Vertrauen mein feuriges Gebet an Gott richtete. Auch ich hatte eine Mutter, welche mir erſt ſeit wenigen Monaten, wie Du weißt, genom⸗ men iſt, und die mir, ſobald meine Lippen die erſten Töne ſtammeln konnten, ein kindliches Gebet und meine RKniee vor dem beugen lehrte, auf den ſie ihr einziges Vertrauen, ihre alleinige Hoffnung ſetzte, als die herben Schläge des Schickſals über ſie kamen. Auch für mich war eine Zeit, wo keine Ruhe auf meine Augenlieder herabgekommen wäre, ohne mein Abendgebet geſprochen zu haben.“ Hier überwältigten ihn ſeine Gefühle ſo ſehr, daß er außer Stand war, auch nur noch ein ein⸗ ziges Wort hervorzubringen. Er legte ſein Haupt in des Mädchens Schooß, und weinte und ſchluchzte laut. Der Schutzgeiſt. I. 15 266 „O, nun biſt Du mir doppelt theuer;“— ſagte Eliſe mit Thränen in den Augen und einem Lächeln auf ihrem holden Antlitze—„nun ſehe ich, daß Du wirklich ein braver und gefühlvoller Menſch biſt. Jemand, der ſo ſpricht, kann nicht gleichgültig in religiöſen Ge⸗ ſinnungen ſeyn. Nein, Du hiſt kein Arminianer; oder wenn Du es wäreſt— denn ich will Dir jetzt offen geſtehen, daß ich es zuweilen befürchtete— dann hat der Herr mein Gebet erhört, und das verirrte Schaaf zur Heerde zurückgeführt.“ „Ja, bete für mich, Eliſe!“ ſagte Lutin, indem er ſich aufrichtete, da des Vaters Stimme ſich wieder⸗ holt, ſeine Tochter rufend, hören ließ, und Eliſe ängſt⸗ lich ihren Geliebten, ſich zu entfernen antrieb—„bete oft und feurig für mich. Dein reines Gebet wird ſicher erhört werden, und Du wirſt ſo meine Seele von dem Verderben gerettet haben.“ Nachdem er dieſe Worte geſagt hatte, preßte er das Mädchen feurig an ſeine Bruſt, drückte einen Kuß auf ihre Lippen, und war in einem Nu über einen Graben geſprungen und aus ihren Augen verſchwunden. Er ſchritt eine kurze Zeit auf einem Fußwege fort und war. bald auf der Landſtraße nach Leyden. Langſam ging er weiter, und er konnte ungeſtört ſeinen Gedanken nach⸗ hängen, da die ſchon eingetretene Nacht ihm kein leben⸗ diges Weſen zuführte. Er erinnerte ſich ſeiner erſten Bekanntſchaft mit Eliſen, welche wenige Wochen zu⸗ vor in einer Bauernwohnung zu Waſſenaar Statt gefunden hatte, und zwar unter Umſtänden, welche ihn mit Eliſens vortrefflichem Herzen bekannt machten. Von dieſem Augenblicke an war die ihm ſchon längſt entſchwun⸗ dene Hoffnung wieder belebt; er überdachte den ſtufen⸗ weiſen Fortgang ſeiner Bekanntſchaft mit dieſem vor⸗ trefflichen Mädchen, wie er ſie lieb gewonnen und ſie ihm Gegenliebe geſchenkt, ohne daß er ſich ihr näher 267 bekannt gemacht habe, noch ihr Herz irgend ein Arg ver⸗ muthete. Obgleich Eliſe von ihm gefordert hatte, ſich ihrem Vater zu erklären, ſo hielten ihn doch vorläufig noch dringende Gründe davon ab. Wenn auch Eliſens Vater ſeiner religiöſen Schwärmereien wegen ſich weni um ſeine Tochter kümmerte, ſo hatte das liebliche Mäd⸗ chen kein Bedenken gefunden, eine Verbindung dieſer Art ohne ihres Vaters Wiſſen anzufnüpfen; doch ihr natür⸗ licher Verſtand und ihre kindlichen Gefühle ſagten ihr bald, daß dieß anders werden und daß der alte Vater davon in Kenntniß geſetzt werden müßte, weßhalb ſie auch ihren Geliebten dringend daran mahnte. Alles dieß ſchwebte Lutin auf ſeinem Wege nach Leyden, das Ziel ſeines nächtlichen Spazierganges, vor ſeiner Seele. Freudig verglich er ſeinen jetzigen Zuſtand mit dem früheren. Er berechnete wie viel Zeit wahrſcheinlich noch verſtreichen müſſe, ehe er beim Vater um die Tochter werben könnte; er glaubte ſich mit der Hoffnung, daß es ſchon in wenigen Tagen geſchehen konnte, ſchmeicheln zu dürſen, und ein Vorgefühl reiner Seligkeit durchzuckte ſein ganzes Weſen. Von ſolchen Gefühlen durchdrungen blieb er, unwillkürlich einen Au⸗ genblick ſtehen, und richtete voll Entzücken ſeinen Blick gen Himmel. In dieſem Augenblick erhob ſich in ſeiner Nähe ein ſonderbares Geſchrei, wonach er ſich erſchreckt umſah. Aus der Spitze eines Baumes ſlog eine Eule mit widerlichem Geſchrei hervor, und ſchwebte ſo dicht über ſeinem Haupte, daß die Flügel ihn beinah berührten, und die Kühlung, welche ſie ihm anweheten, ihm einen kalten Schauder über den ganzen Körper hervorlockte. Heftig erſchreckt trat Lutin einige Schritte zurück; er zitterte an allen Gliedern, und ein dunkler Nebel ſchien ſich um ihn zu verbreiten, der die liebliche, von dem Monde beleuchtete Landſchaft in einen ſchwarzen Flor 18 verhüllte. Das unheilverkündende Thier, obgleich vor ſeinen Augen verſchwunden, ſchien noch immer ſchreiend kreisförmig um ſeinen Kopf herumzufliegen, wie es früher Statt fand, als er zu Rotterdam die prophezeihende Alte beſuchte. Plötzlich kam ihm dieſe Zeit wieder in das Gedächtniß, und er glaubte die ſchauerlichen Bilder aufs Neue zu ſehen, welche ſich ihm in dem verhängniß⸗ vollen Spiegel gezeigt hatten, als es ihm zum dritten und letzten Male vergönnt worden war, einen flüchtigen Blick in die Zukunft zu werfen. „O mein Gott!“— rief er zitternd aus—„das Schickſal muß ſeinen Gang gehen. Es iſt zu ſpät— zu ſpät!“— Darauf warf er ſich neben dem Wege auf den Boden nieder, und hielt das todtenbleiche Antlitz eine geraume Zeit in dem langen, von dem Nachtthaue befeuchteten Graſe verborgen. Neunzehntes Kapitel. Verzweiflung, Rachedurſt und Armuth und Gefahr Treibt zu dem ſchwarzen Bund, der Meut'rer ſchnöde Schaar. Wir müſſen noch auf kurze Zeit in Davids Woh⸗ nung zurückkehren. Er hatte mit dem Fremden das Ge⸗ ſpräch noch eine Zeitlang mit einem ungewöhnlichen Feuer fortgeſetzt, und eiferte mit lauter Stimme gegen das herrſchende Verderben in den Paläſten Ascalons und auf den Bergen in Samaria. Nur ſelten unter⸗ brach ihn der Fremde, welcher aufmerkſam zuzuhören ſchien, obgleich auch nur ein oberflächlicher Beobachter hätte ſehen können, daß der Reiſende weit entfernt war, mit Davids Anſichten übereinzuſtimmen, ſondern ſogar 269 mehre Male im Begriff ſtand, ſeinem unterdrückten Aer⸗ ger auf eine gewaltſame Weiſe Luft zu machen. Von dieſem Allen merkte David nichts, um ſo weniger, da er nie, wenn er im Strome ſeiner Rede fortgeriſſen, ſeinen Zuhörern ins Angeſicht, ſondern ſtets gerade vor ſich hin ſah. Jedoch dies ſcheinbare gute Einverſtändniß ſollte nicht lange zwiſchen den Beiden beſtehen. David war gerade beſchäftigt— nachdem er das zu Dord⸗ recht über die Abtrünnigen ſo gerecht ausgeſprochene Urtheil gerühmt hatte— gegen die lauen Prediger im Lande, welche weder kalt noch warm wären, loszuziehen, die, wenn man die Sache genau betrachtete, eben ſo wohl als die verbannten Prieſter treuloſe Wächter auf Sion wären, und allerlei Begriffe, ſelbſt die der Papiſten nicht ausgenommen, in der Kirche zuließen. „Was ſind es anders, als Mönche ohne Kappen?“ — ſagte er—„und wozu nützten ſie je? Sie verfer⸗ tigten Spinnweben, die weder zu Kleidungsſtücken taugen, noch ſich zu bedecken, wie der Prophet ſagt. Und die Verjagten und Vertriebenen, wo haben ſie eine Zuflucht geſucht? Stets bei denen, wo ihr Herz ſich hingezogen fühlte; bei denen, welche Holz und Stein anbeten, und die babyloniſche Hure verehren. Nun ſitzen ſie zu Waalwik(in Nordbrabant, wo die verbannten Re⸗ monſtranten⸗Prieſter ſich hinzogen), und als habe es ihnen nicht genügt, bei uns von den Dächern herab alle Sün⸗ den und Mängel zu verkünden, ſo verkünden ſie dieſe auch zu Gath unter den Philiſtern, damit die Töchter der Unbeſchnittenen ſich daran erfreuen mögen. Jeabod! Jcabod! wo iſt die Herrlichkeit? möchte ich mit Pineas Hausfrau ausrufen, als die Bundeslade von den Phili⸗ ſtern weggeführt worden war.“, „Wo anders würden die Unglücklichen wohl einen Zufluchtsort gefunden haben,“— erwiederte lebhaft der Reiſende, da es ihm unmöglich war, auf Davids ta⸗ ——————— 270 delnde Bemerkung gegen die Verbannten länger zu ſchwei⸗ gen—„als nur unter den Feinden des Landes und den Katholiken, da ihr eignes Vaterland ſie auf eine grau⸗ ſame Weiſe verſtoßen hatte?— Und warum verſtoßen? weil ſie über einige Punkte in der Religion anners dachten, und Frieden und Einigkeit im Lande zu erhalten bemüht waren.“ „Was ſprecht Ihr da, Menſch!“— rief David leidenſchaftlich aus, ind er ſeine großen Augen auf den Fremden richtete, und jetzt erſt merkte, daß er in ſeiner Meinung nicht ganz mit ihm übereinſtimme— „oder vielmehr was für ein Geiſt redet aus Euch? Dürft Ihr Menſchen vertheidigen, welche mit den Papiſten gemeinſchaftliche Sache machen, und bereit ſind, deren Schuhe anzuziehen, und früher ſchon zeigten, wie ſich Ephraim auf die Syrier verläßt?“ Hier ſchien das Ueber⸗ maaß ſeines Unwillens plötzlich ſeine Lippen zu ſchließen und er murmelte kaum hörbar:„Jeabod! Icabod!“ Der Fremde jedoch, welcher glaubte, lange genug geſchwiegen zu haben, ließ ſich durch Davids flam⸗ mende Blicke nicht abſchrecken, fuhr vielmehr mit Erhe— bung ſeiner Stimme fort: „Männer, welche, als ſie Frieden predigten, und die Streitigkeiten beizulegen bemüht waren, mit Schwer⸗ tern und Stöcken angegriffen, in den Kerker geworfen und als gemeine Sünder aus dem Lande verjagt wurden.“ „Was, Ihr redet von Friede, wo kein Friede iſt“ — erwiederte David eifrig—„was redet Ihr von Streitigkeiten beizulegen, um nur aus der Kirche ein unreines Gefäß zu machen, worin Alles aufgenommen wird, wie in dem unreinen Spülfaſſe Moabs?— Ge⸗ ſegnet ſeyen die Lippen, welche das Urtheil über die von Iſrael Abtrünnigen ausgeſprochen haben, denn ſie wollten weiter nichts, als ſich mit den Moabiten und den übri— gen Feinden der Auserwählten verſöhnen, und die heilige 271 Stadt in einen Schutthaufen und zerſtoßene Aſche ver⸗ wandelt zu ſehen— wie der geſegnete Pſalmiſt ſagt.“ „Ihr lügt, Alter!“— ſagte der Fremde in einem bittern Tone, indem ſeine Augen, deren Ausdruck gewöhn⸗ lich matt war, ſich rachgierig hin und her bewegten.— „Eure Lippen reden eine verabſcheuungswürdige Sprache, wie früher Jeria, Selemias Sohn, als ſie gegen den heiligen Propheten den Tadel ausſprachen: Ihr wollt Euch den Chaldäern zugeſellen!— nur weil er nach Einigkeit trachtete, und dem Lande und dem Könige zu helfen bemüht war.“ David, ſo ganz unerwartet durch ſeine eigenen Waffen bekämpft, blieb die Antwort ſchuldig, und ſo eben im Begriffe, ſein: Icabod, Jeabod! wieder auszurufen, fuhr der Fremde, welcher ihm die Zeit nicht ließ, fort: „Nein, die Spaltung in der Kirche und dem Staate iſt keineswegs von der Seite entſtanden, ſondern viel eher von denen, welche jetzt die Gewaltigen im Lande ſind. Doch ſie mögen auf ihrer Hut ſeyn— und be⸗ ſonders der Fürſt in Iſrael, damit nicht das Urtheil, wodurch die Stämme von ihm abwend g gemacht, gegen ihn ausgeſprochen werde, und damit man die blitzenden Schwerter nicht gegen ihn richte, wie ſrüher gegen Re⸗ habeam, dem Sohne Salomonis.“ tachdem der Reiſende dieſe Worte geſagt hatte, ſtand er auf und trat in die Herberge. David war ſtumm vor Erſtaunen und Unwillen, da er gegen ſein Vermuthen ſeine Reden an einen ſo verſtockten Armi⸗ nianer verſchwendet hatte, und außerdem noch gezwun⸗ gen war, ihn unter ſeinem Dache aufzunehmen. Gern würde er den unwillkommenen Gaſt aus ſeinem Hauſe gewieſen haben, doch einestheils ſchien es ihm dazu ſchon zu ſpät zu ſeyn, und anderntheils ſtand er im Zweifel, ob er nicht gegen einen Menſchen, der ſich ſolcher auf⸗ rühreriſcher Reden gegen die jetzige Regierung und den — 272 Prinzen erlaubt habe, die weltliche Obrigkeit in Anſpruch nehmen müſſe. Noch ungewiß, was er thun wolle, folgte er ihm ſogleich in das Haus, um ſeine Eliſe zu rufen, denn wenn er ihr auch die ganze Sorge für das Haus überließ, ſo hielt er es doch für gefährlich, ſie mit einem ſolchen Menſchen in Berührung kommen zu laſſen, obgleich er ſonſt nichts darin fand, ſie mit jungen Leuten, welche ihr viel gefährlicher werden konnten, ungeſtört zuſammen zu laſſen. Sein wiederholtes Rufen bewirkte auch, wie wir ſchon hörten, daß ſie ihren Geliebten verließ, und eiligſt ſich nach dem Hauſe begab. Kaum war ſie ein⸗ getreten, ſo rief ihr der Vater zu: „Begieb Dich zu Bette, mein Kind! Du biſt den ganzen Tag auf den Beinen geweſen, und mußt morgen wieder früh bei der Hand ſeyn. Ich werde mit Hans, dem Stallknechte, hier alles ordnen. Jetzt gehe, Eliſe, und ſchicke ihn gleich her.“ Kein Befehl hätte in dieſem Augenblicke Eliſen willkommener ſeyn können. Ihr Gemüth war ſo ein⸗ genommen, daß Einſamkeit ihr das größte Bedürfniß war. Sie gehorchte daher ihrem Vater augenblicklich, überließ ſich in ihrem Kämmerlein ihren Nachgedanken, und betete inbrünſtig zu Gott. Unterdeſſen hakte der Reiſende eine Kanne Wein gefordert, und richtete, als habe er die Unterhaltung ganz vergeſſen, an David einige gleichgültige Fragen. Der Alte jedoch hatte ihm barſch den Rücken zugewandt, und ihm durch Hans den Wein, wahrſcheinlich aber nicht vom beſten reichen laſſen. Da dieſer merkte, daß ſein Herr nicht viel für den Fremden über habe, ſo war er auch nicht ſehr zuvorkommend, und mit einem ver⸗ ächtlichen Blicke auf ſeine abgenutzte Kleidung murmelte er ſo halb für ſich: Der hätte auch beſſer gethan in den drei Finken— eine gemeine Herberge in der Nach⸗ barſchaft— einzukehren, wo auch wohl noch ein friſches —— 5 273 Strohlager und ein Biſſen Brod zu finden geweſen wäre. Der Fremde ſchien es jedoch nicht zu hören, wenigſtens nicht auf ſich zu beziehen, ſondern ſchenkte ſich einen Becher Wein ein, und beſtellte etwas zum Abendeſſen, welches wahrſcheinlich noch ein Reiſender mit ihm thei⸗ len würde. Kurz darauf hörte man auch die Tritte eines Pferdes, und der Stallknecht hatte auf dieß ihm wohlbekannte Geräuſch das Zimmer verlaſſen, und trat bald wieder etwas höflicher, von einem dem Anſcheine nach vornehmen Reiſenden begleitet, herein. Es war Stoutenburg, der gleich nach ſeiner Unterredung mit dem Statthalter den Haag verlaſſen hatte, und ziemlich erhitzt hier ankam. Er näherte ſich ſogleich dem Fremden und warf ſich auf die Bank nieder. Beide ſchwiegen einen Augenblick, doch nachdem David ſich zur Ruhe, und Hans, um die Mägde zur Eile an⸗ zutreiben, in die Küche begeben hatte, eröffnete der Fremde das Geſpräch. „Ihr habt alſo Euer Vorhaben ausgeführt, und ſeyd bei ihm geweſen? Was hatte Euer Beſuch für einen Erfolg?— Nach Eurem Ausſehen zu urtheilen, fürchte ich, daß Ihr das oleum et operam perdidi anſtimmen müſſet.“ „Ja, bei allen Geiſtern der Hölle! Eure Voraus— ſagung war nur zu wahr;“— antwortete Stouten⸗ burg.—„Verdammter Narr, der ich war, Euren Rath in den Wind zu ſchlagen, und feigherzig genug zu ſeyn, mich vor ihm zu demüthigen und das von ihm zu er⸗ bitten, was ich mit Recht hätte fordern können. Und dieß Alles noch umſonſt. O! wären meine Füße ver⸗ lahmt,“— fuhr er leidenſchaftlich fort—„ehe ich mich an den wandte, dem ich mich nur mit dem Schwerte oder Dolche in der Fauſt, um ihn zu verderben, hätte nähern müſſen!“ „Ihr habt Recht;“— erwiederte der Andere flü⸗ 274 ſternd—„redet aber nicht zu laut, denn auch die Wände können Ohren haben. Wir beſinden uns hier in der Wohnung eines erbitterten Gegners der guten Sache, und eines Anbeters des Achabs aus Iſrael. Nein, zwi⸗ ſchen uns und dem Tyrannen kein Bündniß! Bald wird der Augenblick eintreten, wo wir die mannhaften und ſchrecklichen Waffen gebrauchen, und unſere Steine in den Straßen erheben müſſen, wodurch der blutdürſtige Tiger verjagt und eiligſt fliehen wird.“ „Was mich anbetrifft, mein Entſchluß iſt gefaßt;“ — erwiederte Stoutenburg—„und wie auch der Ausgang ſeyn möge, man muß alle Mittel anwenden, um eine Veränderung in den Angelegenheiten hervor⸗ zubringen. Ich will Rache für den Mord meines Va⸗ ters, Rache für das mir angethane Unrecht und die mir noch täglich widerfahrenden Kränkungen. Diejenigen, welche am Plane Theil nehmen, werden auch die daraus entſprießende Frucht genießen. Doch Ihr— Ihr ſeyd oder waret wenigſtens ein Religionslehrer; könnet Ihr mit in unſern blutigen Bund treten?“ „Und warum nicht? Was könnte mich verhindern, zu der Befreiung des Landes mit Hand anzulegen? Spricht nicht der Herr ſelbſt das Urtheil über die Mäch⸗ tigen der Erde, über Könige und Fürſten. Leſen wir nicht, wie die geſegnete Frau in Bethulien, Judith, von dem Herrn ſelbſt angefeuert wurde, das Haupt des Krie⸗ gers, dem Feinde des Volkes Gottes, mit eigener Hand abzuhauen? Und hab' ich nicht wachend und träumend geglaubt, eine Stimme zu hören, welche über den Ty⸗ rannen das Urtheil ausſprach, welches der Prophet einſt an Achab verkündigte, als er den frommen Bürger Na⸗ both durch erbärmliche Richter zum Tode verurtheilen und ſeine Güter einziehen ließ? Sein Blut ſoll auf derſelben Stelle, wo das Blut des Greiſes vergoſſen wurde, wieder vergoſſen werden, und mögen die Hunde — 275 ſich etwas damit zu gute thun! Ja, Achab ſoll um⸗ kommen, er ſelbſt und ſein ganzes Geſchlecht ſollen aus⸗ gerottet werden.“ Hier wurde das Geſpräch der beiden Männer durch das Eintreten des Knechtes geſtört, welcher einige Spei⸗ ſen auf den Tiſch ſetzte und ſich darauf wieder entfernte. Stoutenburg ſchien kein Bedürfniß zu fühlen, etwas von dem Vorgeſetzten zu genießen, doch ſein Gefährte benutzte es deſto beſſer, während erſterer, in Nachdenken verſunken, ſtarr vor ſich nieder ſah. Nachdem der Fremde ſeine Abendmahlzeit beendigt, und Hans die Ueberbleib⸗ ſel weggeſchafft hatte, fuhr jener ſo leiſe wie zuvor fort: „Was eröffnen ſich uns für Ausſichten?— dürfen wir hoffen, daß einige einflußreiche Perſonen uns die Hand leihen werden, um den großen Plan auszuführen?“ „Ich weiß es nicht;“— antwortete Stouten⸗ burg—„auch hatte ich bis jetzt noch immer die Hoff⸗ nung, daß es nicht zum Aeußerſten kommen würde: daß ich, ohne eine völlige Umwälzung zu bewerkſtelligen, wieder in meine Ehren und Würden eingeſetzt werden würde.“ „Konnte ſo der Sohn des ermordeten Naboth die Frinnerung an das unſchuldig vergoſſene Blut aus ſei⸗ nem Herzen vertilgen, und mit den erbärmlichen Rich⸗ tern Iſraels Frieden und Freundſchaft ſchließen, und ſich vor dem Manne beugen, der das Blut des Greiſes be⸗ gehrte?“ „Was ich vielleicht gethan haben würde, weiß ich nicht,“— erwiederte Stoutenburg—„wohl aber, was ich jetzt zu thun entſchloſſen bin, und wovon mich kein Himmel und keine Hölle abhalten ſoll. Doch jetzt bin ich noch nicht im Stande, Euch die Hülfsquellen, welche mir zur Ausführung meines Planes dienen ſollen, mitzutheilen. Wir werden uns morgen vielleicht auf einige Wochen, wohl gar Monate trennen. Ich verlaſſe „ 8.— 276 in Kurzem dieſe Gegend, ſobald der Angenblick da iſt, werdet Ihr mehr von mir hören, entweder von mir oder einigen Vertrauten. Möge auch das laufende Jahr ſein Ende erreichen, bevor ich alle meine Maßregeln getroffen und die Vollführung meines Planes feſtgeſetzt habe, das nächſte Jahr ſoll beſtimmt noch nicht weit vorgerückt ſeyn, wenn die Stunde der Rache geſchlagen hat. Ver⸗ ſäumt auch unterdeſſen nicht, alle Mittel, welche ihr für zweckmäßig haltet, zur Erweckung des Haſſes und der Erbitterung gegen die beſtehende Ordnung der Dinge unter dem Volke zu erwecken, und Alles zum großen Plane vorzubereiten.“ „Ihr dürft auf mich bauen;“— erwiederte der Andere—„auch hat mein Eifer bisher nicht geruht. Meine Feder hat die Gräuel des Tyrannen zu Papier gebracht, und ihn in ſeiner ganzen Abſcheulichkeit dem Volke dargeſtellt. Habt Ihr nichts von der hellleuch— tenden Fackel gehört, welche ſchon ſeit einigen Jah⸗ ren ihren Glanz über das Land verbreitet?“ „Gewiß,“— erwiederte Stoutenburg—„und Viele hielten Euch für den Verfaſſer, um ſo mehr, da man allgemein glaubte, Ihr hieltet Euch noch ſtets in Antwerpen bei den übrigen Verbannten auf.“ „Ich war auch wirklich nach unſerem kurzen Aufent⸗ halte in Rotterdam im letzten Winter dahin zurück⸗ gekehrt, aber ſchon vor Ende Mai's wieder hier im Lande,“— ſagte der Fremde, in deſſen Perſon wir den berüchtigten Slatius, früher Prediger zu Bleis⸗ wyk, nachher ſeines Dienſtes entſetzt, kennen lernen. —„Die Noth zwang mich dazu. Mit Schulden über⸗ laden, und ohne Brod für Frau und Kinder, ließ mich die Brüderſchaft im Stiche, und weigerte mir, für Alles, was ich ihr in den letzten Jahren geopfert hatte, eine Belohnung. Man vertröſtete mich mit ſchönen Worten. Wer weiß, ob nicht, wenn die Sachen einmal anders .—— B werden, die Brüder, welche mich jetzt als den verachtei⸗ ſten unter ſich verſtoßen, es einſt bereuen werden, alſo mit mir verfahren zu ſeyn.“ „Doch um auf die Fackel zurückzukommen;“— ſagte Stoutenburg—„ich habe das Stück geleſen, und es ſcheint mir, als könne es nur günſtig auf unſere Sache wirken. Aber ſagt mir, wie gelang es Euch, hier und da eine ſo gefährliche Schrift in Umlauf zu bringen?“ „Sie wurde zu Gouda gedruckt“— erwiederte Slatius—„van Dyk, der Sekretär, er gehört, wie Ihr wißt, zu den unſrigen, hat mir das Geld dazu beſorgt. Sie wurde mir, in eine Tonne gepackt, in's Haus geſchickt, und vorläufig unter der Erde verborgen. Doch ich fand Gelegenheit, einige dieſer Büchlein unter dem Volke zu verbreiten, und nun mögen ſie dazu die⸗ nen, auch den Bürger mit zu dem großen Werke vor⸗ zubereiten.“ „Auf van Dyk können wir rechnen,“ antwortete Stoutenburg—„auch beſitzt er einen muthigen und ſtolzen Charakter. Er war es, der im vorigen Jahre zu Rotterdam, als außer der Stadt bei Gelegenheit einer Verſammlung ein heftiger Auflauf entſtanden war, mitten durch die Soldaten hindurchdrang, welche bereit waren, auf den Volkshaufen Feuer zu geben, und, von Glied zu Glied eilend, unerſchrocken die brennenden Lun⸗ ten von den Musketen wegriß, und ſo viele aus der To⸗ desgefahr rettete. Er ſoll der Parthei, welcher er ſich zugeſellt, eine gewaltige Stütze ſeyn. Außerdem iſt er ſehr erbittert, ſeines Amtes entſetzt zu ſeyn, und ſieht mit Sehnſucht einer andern Regierungsform entgegen. Aehnliche Bewandtniß hat es mit dem Sekretär Koren⸗ winder und mehreren Andern, welche durch den Ver⸗ luſt ihres Amtes faſt an den Bettelſtab gebracht find.“ „Und Euer Bruder, der Herr von Gronenveld?“ — frug Slatius. „Ich weiß nicht, was ich von dem ſagen ſoll;“— ſprach Stoutenburg verdrießlich,—„er wünſcht eben ſo ſehnlich als ich, daß der Tag der Rache kommen möge, aber das iſt auch Alles. Er iſt zu ſchwach und unent⸗ ſchloſſen, um ſelbſt mit Hand an das Werk zu legen, und er würde ſich ſehr freuen, wenn die Sache ohne ſein Dazuthun beendigt würde, da er die Gefahren mehr ſcheut, als nach Ruhm ſtrebt. Außerdem iſt er glücklich verheirathet, und findet Erſatz in ſeinem häuslichen Kreiſe. Doch wenn es ihm auch an Muth gebricht, ſo beſitzt er, was den Meiſten von uns fehlt, und ohne das wir nichts anfangen können, Geld, und dieß ſteht zu unſerer Ver⸗ fügung.“ „Das iſt auch hinreichend. Zur Ausführung des Anſchlages werden nur wenig kluge Lente gefordert. Die Uebrigen dienen nur als Werkzeuge, um das große Ziel zu erreichen. Doch wie ſteht es mit dem jungen von Solingen, von dem Ihr ſo große Erwartungen heg⸗ tet, und welchen Ihr ſo gern als Theilnehmer begrüßen möchtet?“ „Dieß wünſchte ich ganz gewiß,“— antwortete Stoutenburg—„und ich glaube noch immer, daß es nicht ſchwer werden würde, ihn für uns zu gewinnen. Seine Geſinnungen gegen den Statthalter ſowohl, wie gegen die Regierung, ſind hinlänglich im Haag bekannt. Er iſt ſehr muthig und unternehmend, und gehört zu einer reichen und vornehmen Familie. Doch ich habe ihn ſeit jenem Abend in Rotterdam nicht wiederge⸗ geſehen.“ „Dann hat er Zeit gehabt“— bemerkte Slatius —„über den Zettel, welchen ich ihm damals in die Hand ſpielte, nachzudenken, und den Zweck des räthſel⸗ haften Inhaltes zu entziffern.“ „Und jetzt,— ſprach Stoutenburg, indem er aufſtand—„iſt der Zweck dieſer Zuſammenkunft erfüllt. 279 Ich habe Euch die Verſicherung gegeben, daß in Kurzem das große Werk, welches eine Veränderung in unſerer Lage hervorbringen ſoll, unternommen werden wird. Bäre es mir gelungen, meinen erſten Plan auszufüh⸗ ren, und den Tyrannen in Rotterdam anzufaſſen, dann würde wahrſcheinlich die Freiheit jetzt ſchon errun⸗ gen ſeyn. Jetzt zwingen uns die Umſtände, uns noch kurze Zeit ruhig zu verhalten— doch früher oder ſpäter wird, um die Manen meines Vaters zu rächen, Blut vergoſſen werden. Fahret Ihr indeſſen fort, das Ganze mit einem wachſamen Auge zu beobachten, und trachtet, mich von Allem, was uns wichtig ſeyn kann, in Kennt⸗ niß zu ſetzen. Eure Berichte werden mir durch meinen Bruder zukommen, denn ich muß mich auf eine Zeitlang von meinem Wohnorte entfernen. Uebrigens empfehle ich Euch die größte Vorſicht an. Kehrt nach Rotter⸗ dam zurück, und vermeidet vor der Hand, mit van Dyk und Korenwinder in Berührung zu kommen. Laßt erſt den Plan ſeine völlige Reife erlangt haben, dann wollen wir gemeinſchaftlich Hand anlegen. Und nun lebet wohl, ſchon morgen mit Tagesanbruch ſetze ich meine Reiſe nach Amſterdam fort.“ Darauf reichte er Slatius die Hand, und verließ das Gemach, um ſich zur Ruhe zu begeben. Der An⸗ dere folgte bald ſeinem Beiſpiele. Gleich darauf trat Hans mit der Magd in's Zimmer, um alles wieder zu ordnen; erſterer konnte aber nicht unterlaſſen, ſeiner Ge⸗ noſſin mit bedenklichem Geſichte folgende Worte zu ſagen: 8„Der Teufel mag wiſſen, was die Beiden im Schilde führen; denn ein ehrlicher Menſch, wie ich, kann nicht dahinter kommen. Habe ich nicht länger als eine Vier⸗ telſtunde am Schlüſſelloche gelauſcht, ohne das Geringſte zu verſtehen, und doch war Alles ſo ruhig, daß man eine Spinne konnte laufen hören. Und ich kann Dich — 2—— 280 verſichern, daß ihr Geſpräch einen wichtigern Gegenſtand zum Grunde hatte, als den Volkenbu rgiſchen Pferde⸗ markt. Denn ſobald ich in's Zimmer trat, ſchwiegen ſie. Was meinſt Du davon, Cornelia?“ „Ich glaube,“— erwiederte ſeine Freundin gäh⸗ nend—„daß es am Beſten iſt, daß ich auf den Boden und Du in den Pferdeſtall gehſt, denn es iſt ſchon weit über die gewöhnliche Zeit, und was gehen uns die Rei⸗ ſenden und ihre Geſpräche an. Wenn wir uns darum bekümmern wollten, dann hätten wir viel zu thun.“ Darauf verließen beide das Zimmer, und nachdem ſie Alles verſchloſſen hatten, ſuchte ein Jeder ſeine Ruhe⸗ ſtelle auf. Ende des erſten bis dritten Bändchens. — — „ ——