i livt f deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und geſebedingungen. 1 Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. LPesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ angenommen. 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————————— auf 1 Monat: Wk.— Pf. 1 Wr. Pf 2 N— F 6 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern.) muß der adenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe ij auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafü C 1 indſor. Schloß Ein hiſtoriſcher Roman W. Harriſon Ainsworth, Verfaſſer des Tower von London, der Tochter des Geizigen, u. ſ. w. Aus dem Engliſchen von Dr. Adolph Bruder. 8weiter SS Stuttgart. Verlag von Rarl Göpel. 1844. ⸗ „Fort Elfen⸗Troß! Durchſucht von inn' und außen Windſors Schloß.⸗ Shakeſpeare. Die luſtigen Weiber von Winbſor. „Man hat ein Mährlein, daß der Jäger Herne, Vor Alters Förſter hier im Windſorwald, Im ganzen Winter, jede Mitternacht, Um eine Eiche geht mit großen Hörnern, Und dort den Baum verſehrt;— Ihr Alle hörtet von dem Spuk und wißt, Daß unſre ſchwachen, abergläub'ſchen Alten Die Mähr' vom Jäger Herne überkamen Und unſrer Zeit als Wahrheit überliefert.“— Ebend. Inhalt des zweiten Theils. Viertes Buch. Cardinal Wolſey. Seite Von der Unterredung zwiſchen Heinrich und Katharina von Arra⸗ gonien in der Urswick⸗Kapelle; und wie ſie unterbrochen ward. 3 II. Wie der Jäger Herne dem König auf der Terraſſe erſchien.. 20 III. Wie Mabel Lyndwood von Nikolas Clamp nach dem Schloſſe geführt ward; und wie ſie Morgan Fenwolf unterwegs begegneten.. 24 IV. Vie Mabel von der Geſellſchaft in der Küche empfangen ward;— und von dem Zank zwiſchen den beiden Narren. 29 . Inhalt des zweiten Theils. 5 Von dem Kampfe zwiſchen Will Sommers und Patch, und was für ein Ende er nahm. VI. Die Sage von dem Jäger Herne... VII. Fortſetzung der Sage von dem Jäger Herne. VIII. Von dem ſeltſamen Geräuſch in dem Curfew⸗Thurm. K. Von dem Schwanken des Königs zwiſchen Wolſeh und Anna Boleyn. X. Wie Triſtram Lyndwood vom König verhört ward. Xl. Von dem Vortheil, den die Königin und der Cardinal auf kurze Zeit errangen. XII. Wie Triſtram und Mabel Lyndwood befreit wurden.. XII. Wie Wolſeh vom König verungnadet ward.. Seite 37 45 55 61 65 72 83 93 Inhalt des zweiten Theils. Fünftes Buch. Mabel Lyndwood. . Wie der Graf von Surrey und die ſchöne Geraldine ſich in König Jakobs Laube im Schloßgraben trafen; und wie S vom Herzog von Richmond überraſcht wurden. 6 II. Wie Sir Thomas Mabel in der Sandſteinhöhle fand; und was ihm dort begegnete. III. Wie Herne Mabeln ſeine Liebe erklärte. IV. Wie Sir Thomas What in der Zelle einen Beſuch von Herne erhielt. V. Wie Mabel mit Sir Thomas Wyat aus der Höhle entfloh. VI. Von dem verzweifelten Entſchluſſe Triſtram's und Fenwolf's; und wie die Mine gelegt ward. VI. Wie die Mine geſprengt ward;— und was auf die Exploſion folgte. VII Seite 109 123 134 144 ————— ———— Inhalt des zweiten Theils. Sechstes Buch. Johanna Seymvur. . Seite . Von Heinrichs Neigung für Johanna Seymour. 167 4. 3 Wie Anna Boleyn Beweiſe von Heinrichs Leidenſchaft für Johanna S 7½ M. Was zwiſchen Norris und dem Mönch vorfiel. 14180 Von der geheimen Zuſammenkunft zwiſchen Norris und Anna Bo⸗ leyn,— und von der geheuchelten Unbefangenheit des Königs. 184 Was ſich bei dem Turniere begab. VI. 3 Was zwiſchen Anna Boleyn und dem Herzog von Suffolk vorging, — und wie der Jäger Herne ihr im Betzimmer erſchien. 199 VII. Wie Herne dem König im Schloßpark erſchien. 4205 VM. „ Schloß Windſor. Viertes Buch. Cardinal Wolſey. — —— v z— I. Von der Unterredung zwiſchen Heinrich und Katharina von Arragonien in der Urswick⸗Kapelle; und wie ſie unterbrochen ward. Es war jetzt im freudenvollen Monat Juni; und wo iſt der Juni ſo freudenvoll als in den Höfen und Hallen des unvergleichlichen Windſor? Wo ſcheint der Sommer ſo glänzend als auf ſeine ſtattlichen Gärten und breiten Terraſſen, ſeine unübertrefflichen Parks, ſeinen ſilbernen Strom und ſeine Kette ſtolzer und königlicher Thürme? Nirgends in der Welt. Zu allen Jahreszeiten iſt Windſor prächtig; es mag im Winter auf ſein waldiges, entlaubtes Kleid, ſeinen eis⸗ bedeckten Fluß und auf die in Schnee gehüllte weite Landſchaft ringsum herabblicken; oder es mag im Herbſt dieſelbe Scene betrachten, nun eine Welt von goldenfarbigen Blättern, dunklen Wieſen und glühenden Kornfeldern. Aber der Sommer iſt die Zeit ſeiner Schönheit— der Juni iſt der Monat, wo ſeine Wälder am üppigſten und grünſten, wo ſeine Haine am ſchattigſten, ſeine Alleen am köſtlichſten ſind; wo ſein Fluß wie ein Diamantgürtel ſchimmert, wo Stadt und Dorf, Palaſt und Hütte, Kirche und Thurm, Hügel und Thal, die ferne Hauptſtadt ſelbſt, kurz die ganze Ausſicht ſich am prächtigſten ausnimmt. In dieſer Jahreszeit iſt es unmöglich, aus der Ferne die Höhen von Windſor zu er⸗ blicken, bekrönt, wie die Phrygiſche Göttin, mit einem Mauer⸗ ———— ——— Schloß Windſor. diadem und umringt von herrlichen Waldungen, und einen Ausruf des Erſtaunens und Entzückens zu unterdrücken. Und eben ſo unmöglich iſt es, in ſolcher Jahreszeit auf der großen nördlichen Terraſſe zu ſtehen und erſt auf den ſtolzen Bau, der die Herrin des Landes einſchließt, zu blicken und dann auf die unvergleichliche Landſchaft umherzuſchauen, die in ihrer weiten Ausdehnung jede Art Schönheit, deren ſich ein Land rühmen kann, umfaßt, und nicht von dem Gedanken ergriffen zu werden, daß das erhabene und vollkommene Schloß, ſo anmuthig wie prachtvoll, werth der Eignerin und die Eignerin ſeiner werth, nebſt dem breiten, lachenden und bevölkerten Landſtrich, den es beherrſcht, ein paſſendes Bild der brittiſchen Monarchin und ihres Königreichs darſtellt. Hier ſteht das Schloß, ſo alt als die normänniſche Eroberung und ſich ſeit ſeiner Erbauung einer Reihenfolge königlicher Beſitzer rühmend, und dort zieht ſich zu ſeinen Füßen eine Gegend von unvergleichlicher Schönheit und Fruchtbarkeit hin,— voll von glücklichen Wohnſitzen und von treuen, liebenden Herzen,— ein Bild im Kleinen von dem ganzen Lande und ſeinen Bewohnern. Mag doch die lachende Land⸗ ſchaft von einer vorübereilenden Wolke getrübt werden!— mag doch ein augenblickliches Düſter die erhabene Stirn des ſtolzen Baues umziehen!— die Wolke wird bald verſchwin⸗ den— das Dunkel ſich erhellen— und die glänzende, ſon⸗ nige Scene durch den Gegenſatz noch glänzender und ſonniger erſcheinen. Der Schreiber dieſer Zeilen hatte das Glück, ſeine Kö⸗ nigin einſt unter Umſtänden zu ſehen, die er für beſonders günſtig hält. Sie war mit dem Prinzen auf der Südſeite der Gartenterraſſe in raſcher Bewegung begriffen. Plötzlich ſtand das königliche Paar auf dem Gipfel der Anhöhe ſtill, die nach dem Thorwege Georg des Vierten führt. Der Prinz verſchwand auf der öſtlichen Terraſſe und ließ die Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 5 Königin allein. Und hier ſtand ſie, ihre ſchlanke, fehlerloſe Geſtalt ſcharf von dem klaren Himmelsblau begränzt. Nichts fehlte an der Vollſtändigkeit des Gemäldes; die großen Bogen⸗ fenſter des Victoria⸗Thurms an der einen Seite, das Ge⸗ länder der Terraſſe an der andern, der Schloßpark im Hinter⸗ grunde. Ein durchſchauerndes Gefühl war es, daß dieſe kleine, einſame Geſtalt die Macht und Majeſtät von Eng⸗ land in ſich ſchließen ſollte und tauſend ſtrebende Phantaſien wurden durch dieſen Gedanken erweckt.—— 6 Jedoch es war, wie ſchon geſagt, im herrlichen Monat Juni und Schloß Windſor ſah in aller ſeiner Größe auf die waldige Pracht und die zwölf ſchönen, lachenden Graf⸗ ſchaften innerhalb ſeines Bereichs herab. Ein fröhliches Getümmel regte ſich auf ſeinen Höhen— Waffen glitzerten und Banner flatterten auf ſeinen Zinnen und Thürmen, und das Geläute der Glocken, der Lärm der Trommeln und die Fanfaren der Trompeten miſchten ſich mit dem Jauchzen der Menge und dem Donner des Geſchützes. Mitten unter dem Tumult, trat eine ehrwürdige Pro⸗ ceſſion aus der Dechanei heraus und ging quer über den unteren Hof, der voll von Offizieren und Waffenknechten war, nach dem unteren Thore zu. Grade als ſie dort an⸗ gekommen war, hörte man den Donner eines entfernten Geſchützes und ein antwortender Schuß ward augenblicklich aus den Feldſchlangen des Curfew⸗Thurms abgefeuert, wäh⸗ rend eine breite Standarte mit dem Wappen von Frankreich und England im Hoſenbande eingefaßt und mit dem gekrönten engliſchen Löwen und dem rothen Drachen als Wappenhaltern auf der Veſte aufgezogen wurde. Alle dieſe Vorbereitungen bekundeten die Ankunft des Königs, der nach ſechswöchent⸗ licher Abweſenheit nach dem Schloſſe zurückkehrte. Obgleich die Nachricht von des Königs Beſuch nur wenige Stunden vor ihm eingelaufen war, ſo war doch alles 5 —————— 3 3„ — —— 6 Schloß Windſor. zu ſeinem Empfange bereit und man hatte die größten An⸗ ſtrengungen gemacht, um ihm Glanz zu verleihen. Trotz ſeines eigenſinnigen und tyranniſchen Characters war Heinrich ein beliebter Monarch und zeigte ſich ſeinen Unterthanen nie ohne ihren Beifall einzuärnten. Seine Prachtliebe, ſeine anſehnliche Geſtalt und ſein männliches Benehmen gewannen ihm immer die Huldigungen der Menge. Er war aber zu keiner Zeit in einer kritiſcheren Lage als gerade jetzt. Die beabſichtigte Eheſcheidung von Katharina von Arragonien war ein Schritt, der keinen Beifall unter dem beſſern Theile ſeiner Unterthanen fand, während die in Ausſicht ſtehende übelgepaarte Verbindung mit Anna Boleyn, einer entſchiedenen Lutheranerin, eben ſo tadelnswerth war. Der Samen der Zwietracht war in der Hauptſtadt weit umher geſtreut worden, und Unruhen hatten ſich erhoben, die wiewohl bald gedämpft, nichts deſtoweniger den König beunruhigten, da ſie die höhnenden Gegenvorſtellungen Frank⸗ reichs, die Drohungen des päbſtlichen Stuhls und die offenen Feindſeligkeiten Spaniens im Gefolge hatten. Aber die eigen⸗ thümliche Hartnäckigkeit ſeines Characters feſſelte ihn an ſein Vorhaben und er beſchloß es durchzuſetzen, was auch die Folgen davon ſein möchten. Alle ſeine Anſtrengungen, Campeggio auf ſeine Seite zu bringen, waren fruchtlos. Der Legat war taub gegen ſeine Verſprechungen und Drohungen, indem er wohl wußte, daß Anna Boleyn zu unterſtützen ſo viel wäre, als die In⸗ tereſſen der römiſchen Kirche weſentlich zu beeinträchtigen. Die ſo lange und ſo künſtlich aufgeſchobenen Verhand⸗ lungen näherten ſich jedoch jetzt ihrem Ende. Die Legaten ſetzten eine am 18ten Juni in Blackfriars abzuhaltende Ge⸗ richtsſitzung feſt, um die Frage zu entſcheiden. Gardiner war von Rom zurückberufen worden, um als Heinrichs Anwalt aufzutreten; und der König, der durch einen Stell⸗ Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 7 vertreter bei dem Verhör erſcheinen wollte, verließ ſeinen Palaſt zu Bridewell am Tage vor der anberaumten Sitzung und reiſte mit Anna Boleyn und ſeinem Gefolge nach Schloß Windſor. Welche Gefühle auch insgeheim gegen ihn genährt wer⸗ den mochten, ſo ward Heinrich doch mit allen Zeichen der Liebe und Treue von den Einwohnern von Windſor empfangen. Betäubendes Zujauchzen durchwogte die Lüfte bei ſeiner An⸗ näherung; Segnungen und Glückwünſche ſtrömten auf ihn herab und hunderte von Mützen wurden in die Luft geworfen. Als er aber bemerkte, daß Anna Bolehn mit ſchelen Blicken und tiefem Schweigen empfangen ward, ſo legte Heinrich dies als eine Beleidigung gegen ſeine eigene Perſon aus und erwiederte die ihm gebotene Bewillkommnung nicht nur mit geringſchätzender und hochmüthiger Miene, ſondern ſuchte auch nach irgend einem Vorwande, um ſein Mißfallen laut werden zu laſſen. Glücklicherweiſe bot ſich ihm keiner dar und er betrat das Schloß in verdrießlicher Stimmung. Der Tag verging mit einem leichten Spaziergange im Schloßpark und auf der Terraſſe, und der König erheuchelte die äußerſte Fröhlichkeit und Gleichgültigkeit; aber diejenigen, welche ihn kannten, bemerkten leicht, daß er ſehr übler Laune war. Am Abend beſchäftigte er ſich eine Zeit lang allein in ſeinem Kabinet mit Depeſchen und rief dann einen Diener, dem er Hauptmann Bouchier hereinzuführen befahl. „Nun, Bouchier,“ ſagte er, als dieſer Offizier anlangte, „habt Ihr meine Befehle in Betreff Mabel Lyndwood's voll⸗ zogen?“ „Ja, Sire,“ erwiederte Bouchier.„Auf Euer Majeſtät Befehl ritt ich gleich nach Eurer Ankunft im Schloß nach des Förſters Hütte und überzeugte mich, daß das Mädchen noch da war.“ 6 Schloß Windſor. „Und ſo hübſch wie je ausſah, will ich ſchwören!“ ſagte der König. „Ich ſah ſie zum erſtenmale, Sire,“ antwortete Bou⸗ ier;„aber ich denke, ſie kann niemals ſchöner ausgeſe⸗ hen haben.“ „Ich will es wohl glauben,“ entgegnete Heinrich.„Der Drang der Geſchäfte während meiner Abweſenheit vom Schloß hatte ihr Bild aus meiner Seele verdrängt, aber es kehrt jetzt ſo mächtig wie früher wieder ein. Ihr habt alſo alles ſo eingerichtet, daß ſie morgen Abend hierher gebracht wird?“ Bouchier bejahte die Frage. „Gut,“ fuhr Heinrich fort;„aber was weiter?— Ihr ſeht aus, als hättet Ihr noch etwas zu ſagen.“ „Eure Majeſtät wird nicht vergeſſen haben, wie Ihr die Bande des Jägers Herne ausrottetet?“ ſagte Bouchier. „Heilige Jungfrau, nein!“ rief der König aufſpringend; „ich habe es nicht vergeſſen. Was iſt's damit?— ha! ſind ſie wieder aufgelebt?— hauſen ſie wieder im Park?— Das wäre in der That ein Wunder!“ „Was ich zu erzählen habe, iſt faſt ein eben ſo großes Wunder,“ verſetzte Bouchier.„Ich habe nichts von der Auf⸗ erſtehung der Bande gehört, obgleich ſie meines Wiſſens wirklich ſtattgefunden haben mag. Aber Herne iſt wieder im Walde geſehen worden. Mehrere Förſter ſind von ihm ver⸗ ſcheucht, Reiſende ſind erſchreckt und geplündert worden, und Niemandwill jetztden Großen Park nach Dunkelwerden betreten.“ „Wunderbar!“ rief Heinrich, ſich wieder ſetzend;„laßt dieſe Eheſcheidung nur erſt beendigt ſein und ich will der Laufbahn dieſes geſetzloſen, geheimnißvollen Weſens auf immer Einhalt thun.“ „Wollte der Himmel, dies wäre Eurer Majeſtät ver⸗ gönnt!“ antwortete Bouchier.„Aber ich bin immer der Meinung geweſen, daß die einzige Art, dies Geſpenſt los Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 9 zu werden, in der Hülfe der Kirche beſteht. Es iſt mit irdiſchen Waffen unangreifbar.“ „Es ſcheint faſt ſo,“ ſagte der König.„Und doch mag ich mich dieſem Gedanken nicht hingeben.“— „Ich argwöhne ſehr, daß Triſtram Lyndwood, der Großvater des Mädchens, auf das Eure Majeſtät Eure Augen zu werfen geruht hat, auf irgend eine Art mit Herne im Bunde iſt,“ ſagte Bouchier.„Jedenfalls habe ich ihn mit einem ſcheußlichen langen Menſchen zuſammen geſehen, der, wie ich höre, Valentin Hagthorne heißt und meiner Ueberzeugung nach zu den Ueberbleibſeln der geſpenſtiſchen Bande gehört.“ „Warum habt Ihr ihn nicht verhaftet?“ fragte Heinrich. „Ich mochte es nicht ohne Euer Majeſtät Befehl thun,“ antwortete Bouchier.„Ueberdies konnte ich Hagthorne kaum verhaften, ohne zugleich den alten Förſter feſtzunehmen, was das Mädchen ſtark beunruhigt haben würde. Aber ich will“ Eure Befehle ſogleich vollziehen.“ „Laßt eine Abtheilung der Mannſchaft dieſe Nacht Hagthorne aufſuchen,“ erwiederte Heinrich,„und während Mabel morgen nach dem Schloſſe gebracht wird, verhaftet Ihr den alten Triſtram und haltet ihn in bis ich Muße habe ihn zu verhören.“ „Eure Befehle ſollen vollzogen werden, Sire,“ ſagte Bouchier ſich verbeugend und trat ab. Nicht lange nachher ging Heinrich mit Anna Bolehn und ſeinem Gefolge in die Veſper in St. Georgen⸗Kapelle. Als er eben im Begriff war umzukehren, näherte ſich ihm ein Thürſteher mit ehrfurchtsvoller Verbeugung und meldete, daß eine maskirte Dame, deren Kleidung ihren hohen Rang bekunde, eine kurze Audienz von ihm erbäte. „Wo iſt ſie? fragte Heinrich. „In dem nördlichen Gange, mit Verlaub Eurer Maje⸗ 10 Schloß Windſor. ſtät,“ ſagte der Thürſteher,„bei der Urswick⸗Kapelle. Ich ſagte ihr, dies ſei nicht der Ort zu einer Audienz bei Eurer Majeſtät und auch nicht die Zeit; ſie wollte ſich aber nicht abweiſen laſſen und deshalb habe ich auf Gefahr Eures Allerhöchſten Mißfallens ihre Bitte anzubringen gewagt.“ Der Thürſteher vergaß zu ſagen, daß er hauptſächlich nur durch einen ihm von der Dame geſchenkten werthvollen Ring vermocht worden war, ſich dieſer Gefahr auszuſetzen. „Gut, ich will dahin gehen,“ ſagte der König.„Ich bitte, entſchuldigt mich auf kurze Zeit, ſchönes Fräulein,“ ſetzte er gegen Anna Boleyn gewendet hinzu. Und das Chor verlaſſend betrat er den nördlichen Gang. Indem er ſeine Augen die edle Säulenreihe hinunterſchweifen ließ und Niemanden erblickte, ſchloß er, daß die Dame ſich in die Urswick⸗Kapelle begeben haben müſſe. Und ſo verhielt es ſich auch, denn als er dieſe köſtliche kleine Stätte erreichte, gewahrte er darin eine hochgewachſene maskirte Dame in den reichſten ſchwarzſammtnen Roben. Indem er in die Kapelle trat, näherte ſich ihm die Dame, warf ſich vor ihm auf die Kniee und enthüllte, die Maske abnehmend, ſorgen⸗ und leidenvolle Züge, die jedoch einen Ausdruck der größten Würde beibehalten hatten. Es waren diejenigen Katha⸗ rinens von Arragonien. Einen zornigen Fluch ausſtoßend, drehte ſich Heinrich auf dem Abſatze um und würde ſie verlaſſen haben, wenn ſie ihn nicht am Saum ſeines Kleides feſtgehalten hätte. „Hört mich nur einen Augenblick an, Heinrich— mein König, mein Gemahl— nur einen einzigen Augenblick hört mich an!“ ſchrie Katharina in ſo leidenſchaftlich angſtvollen Tönen, daß er der Aufforderung nicht widerſtehen konnte. „So faßt Euch kurz, Käthe,“ entgegnete er, ihre Hand ergreifend, um ſie zu erheben. „Tauſend Segen über Euch für dies Wort!“ rief die Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 411 Königin, ſeine Hand mit Küſſen bedeckend.„Ich bin in der That Eure eigene ehrliche Käthe— Euer treues, lie⸗ bendes, rechtmäßiges Weib!“ „Erhebt Euch, Madame!“ ſagte Heinrich kühl— dieſe Stellung ziemt ſich nicht für Katharina von Arragonien.“ „Ich gehorche Euch, jetzt wie immer,“ antwortete ſie im Aufſtehen;„jedoch wenn ich der Eingabe meines Herzens folgen wollte, ſo würde ich mich nicht von den Knieen er⸗ heben, bis meine Bitte bewilligt iſt.“ „Ihr habt Unrecht gethan, Katharina, bei dieſen Um⸗ ſtänden hierherzukommen,“ ſagte Heinrich,„und könntet mich zu irgend einer harten Maßregel treiben, die ich gern ver⸗ mieden hätte.“ „Niemand weiß von meinem Kommen,“ antwortete die Königin,„als zwei treue Diener, die Stillſchweigen gelobt haben; und ich werde abreiſen, wie ich gekommen bin.“ „Es iſt mir angenehm, daß Ihr dieſe Vorſicht gebraucht habt,“ entgegnete Heinrich.„Nun ſprecht ohne Bedenken, aber noch einmal, faßt Euch kurz.“ „Ich will mich ſo kurz als möglich faſſen,“ antwortete die Königin;„aber ich bitte Euch, Heinrich, habt Geduld mit mir, wenn ich Euch unglücklicherweiſe ermüden ſollte. Ich bin voll Elend und Betrübniß, und nie war Tochter und Weib eines Königs ſo unglücklich als ich. Erbarmt Euch, Heinrich— erbarmt Euch! Thäte ich mir nicht Zwang an, ſo würde meine Seele in Thränen vor Euch zerfließen. O, Heinrich, nach zwanzig Jahren Liebe und Treue zu dieſer unaus ſprechlichen Schande gebracht zu werden— mit Unehre von Euch geſtoßen zu werden— von einer andern vertrieben zu werden— es iſt ſchrecklich!“ „Wenn Ihr nur hergekommen ſeid, Madame, um mir Vorwürfe zu machen, ſo muß ich dieſer Unterredung Einhalt thun,“ ſagte Heinrich ſtirnrunzelnd. ———. ——— 12 8 Winbſor „Ich mache Euch keine Vorwürfe, Heinrich,“ antwortete Katharina ſanft—„ich wollte Euch nur die Tiefe und Größe meiner Betrübniß zeigen. Ich flehe Euch nur an, mir Recht und Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen— mich nicht mit Schande zu überhäufen, um Eure eigene böſe That zu be⸗ ſchönigen. Habt Mitleid mit der Prinzeſſin, Eurer Tochter — ſchont ihrer, wenn ihr meiner nicht ſchonen wollt!“ „Ihr bemüht Euch vergebens, Katharina,“ erwiederte Heinrich.„Ich beklage Eure Umſtände, allein meine Augen ſind gegen den ſündenvollen Zuſtand vollkommen geöffnet, in dem ich ſo lange gelebt habe, und ich bin entſchloſſen, mich ihm zu entreißen.“ „Eine ungerechte Ausflucht,“ verſetzte Katharine,„durch die Ihr mein Verderben und Eure Verbindung mit Anna Boleyn zu erreichen ſucht. Und es wird Euch ohne Zweifel gelingen; denn was kann ich, ein ſchwaches Weib und eine Fremde in Eurem Lande, dagegen thun? Es wird Euch gelingen, ſage ich— Ihr werdet von mir geſchieden werden und ſie auf den Thron ſetzen. Aber merkt auf meine Worte, Heinrich, ſie wird nicht lange darauf bleiben.“ Der König lächelte mit Bitterkeit. „Sie wird Unehre über Euch bringen,“ fuhr Katharina fort.„Das Weib, welches keine Ehrfurcht für ſo heilige Bande wie die unſrigen hat, wird keiner andern Verpflich⸗ tungen achten.“ „Nichts mehr davon!“ rief Heinrich.„Ihr laßt Euch von Eurer Empfindlichkeit zu weit treiben.“ „Zu weit!“ rief Katharina aus.„Zu weit!— wenn ich Euch warne, daß Ihr im Begriff ſeid eine Buhlerin zur Ehe zu nehmen, daß Ihr Eure Thorheit bitter bereuen werdet, wenn es zu ſpät iſt, heißt das zu weit gehen? Es iſt meine Pflicht, Heinrich, eben ſo ſehr wie mein Wunſch, Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 13 Euch davor zu warnen, ehe der unwiderrufliche Schritt gethan iſt.“ „Habt Ihr alles geſagt, was Ihr zu ſagen wünſchtet, Madame?“ fragte der König. „Nein, mein theurer Gemahl, nicht den hundertſten Theil von dem, was mein Herz mir zu ſagen eingiebt,“ antwortete Katharina.„Ich beſchwöre Euch bei meiner in⸗ nigen und erprobten Liebe, bei der Zärtlichkeit, die Jahre lang zwiſchen uns beſtanden hat, bei Eurer Hoffnung auf zeitliche Glückſeligkeit und geiſtige Wohlfahrt, bei allem, das Euch theuer und heilig iſt— haltet inne, da es noch Zeit iſt. Laßt die Legaten morgen zuſammentreten, laßt ſie ihr Urtheil gegen mich ſprechen, und ſo gewiß jene verhängniß⸗ vollen Worte geſprochen ſein ſo gewiß wird mein Herz brechen.“ „Nun, nun!“ rief Heinrich ungeduldig,„Ihr werdet viele Jahre in glücklicher Zurückgezogenheit leben.“ „Ich will ſterben, wie ich gelebt habe— als Königin,“ antwortete Katharina;„aber mein Leben wird nicht lang ſein. Nun iuinh mir aufrichtig— wenn Anna Boleyn Euch hintergeht— „Sie wird— niemals unterbrach ſie Heinrich. „Ich ſage, wenn ſie es thut,“ fuhr Katharina fort, „und wenn Ihr ihrer Schuld gewiß ſeid, werdet Ihr Euch damit begnügen, Euch von ihr ſcheiden zu laſſen, wie Ihr Euch jetzt von mir ſcheiden laßt?“ „Nein, bei meines Vaters Haupt!“ rief Heinrich heftig. „Wenn dergleichen geſchehen ſollte, was ich für unmöglich halte, ſo ſoll ſie ihr Vergehen auf dem Schafott büßen.“ „Gebt mir Eure Hand darauf,“ ſagte Katharina. „Ich gebe Euch meine Hand darauf,“ erwiederte er. „Genug,“ ſagte die Königin—„kann ich nicht Recht 14 Schloß Windſor. und Gerechtigkeit erhalten, ſo werde ich wenigſtens Rache haben, wiewohl ſie erſt kommen wird, wenn ich im Grabe bin. Aber ſie wird kommen und das genügt.“ „Dies iſt der Wahnſinn der Eiferſucht, Katharina,“ ſagte Heinrich. „Nein, Heinrich; es iſt nicht Eiferſucht,“ erwiederte die Königin mit Würde.„Die Tochter Ferdinands von Spanien und Iſabellens von Caſtilien mit dem beſten Blute von Europa in ihren Adern würde ſich ſelbſt verachten, wenn ſie ein ſo kleinliches Gefühl gegen ein Frauenzimmer hegen könnte, das ſo tief unter ihrem Stande geboren iſt, wie Anna Boleyn.“ „Wie Ihr wollt, Madame,“ verſetzte Heinrich.„Es iſt Zeit, unſre Unterredung zu beendigen. „Noch nicht, Heinrich— um Gottes willen noch nicht!“ flehte Katharina.„O, bedenkt, von wem wir vereinigt wurden!— von Eurem Vater, Heinrich dem Siebenten, einem der weiſeſten Fürſten, die jemals auf einem Throne ſaßen; und mit Einwilligung meines eignen Vaters, Fer⸗ dinand des Fünften, eines der gerechteſten. Würden ſie dieſe Ehe gutgeheißen haben, wenn ſie ungeſetzlich geweſen wäre? Entbehrten ſie guter Rathgeber? Waren ſie unbe⸗ dacht auf die Zukunft?“ „Ihr ſolltet dieſe Argumente für die Ohren der Legaten auf Morgen aufſparen, Madame,“ ſagte Heinrich ſtrenge. „Ich werde ſie mit all meiner Kraft unterſtützen,“ er⸗ wiederte Katharina,„denn ich will nichts unverſucht laſſen, um einen ſo verderbenbringenden Ausgang zu verhindern. Aber ich fühle, der Kampf wird hoffnungslos ſein.“ „Wozu ihn denn unternehmen?“ verſetzte Heinrich. „Weil ich es Euch ſchuldig bin, mir ſelbſt, der Prin⸗ zeſſin unſrer Tochter, unſern erlauchten Vorfahren und un⸗ ſerm Volke,“ antwortete Katharina.„Ich würde des Na⸗ Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 15 mens Eurer Gattin unwerth ſein, wenn ich anders handeln wollte, und ich will niemals in Gedanken, Wort oder That dieſen Titel entwürdigen. Ihr mögt Euch ſcheiden laſſen, aber ich werde niemals darin einwilligen; Ihr mögt Anna Boleyn ehelichen, aber ſie wird niemals Eure rechtmäßige Gemahlin ſein, und Ihr mögt mich aus Eurem Palaſt ver⸗ ſtoßen, aber ich werde niemals freiwillig gehen.“ „Ich kenne Eure Widerſpenſtigkeit, Madame,“ erwie⸗ derte Heinrich.„Und nun bitte ich, nehmt Eure Maske vor und begebt Euch weg. Was ich geſagt habe, wird Euch zur Genüge von der Nutzloſigkeit Eures längeren Verweilens überzeugen.“ „Ich merke es,“ entgegnete Katharina.„Lebt wohl, Heinrich,— lebt wohl, geliebter Gemahl meines Herzens — lebt wohl auf ewig!“ „Eure Maske,— Eure Maske, Madame!“ rief Hein⸗ rich voll Ungeduld.„Bei Gottes Wunden! ich höre Fuß⸗ tritte. Laßt Niemand eintreten!“ rief er laut. „Ich will herein kommen,“ ſagte Anna Boleyn, in die Kapelle tretend, als Katharina grade ihre Maske befeſtigt hatte.„Ah! Eure Majeſtät ſcheint verlegen. Ich fürchte, ich habe eine zärtliche Zuſammenkunft unterbrochen.“ „Kommt mit mir, Anna!“ ſagte Heinrich, ihren Arm ergreifend und ſie fortzuziehen verſuchend—„kommt mit.“ „Nicht eher, als ich weiß, wer Eure Herzliebſte iſt,“ antwortete Anna ſchmollend.„Ihr gebt vor, auf mich eifer⸗ ſüchtig zu ſein, Sire, aber ich habe viel mehr Urſache, auf Euch eiferſüchtig zu ſein. Das letztemal als Ihr in Windſor wart, ſtattetet Ihr einem ſchönen Mädchen am See im Park einen geheimen Beſuch ab, wie ich hörte, und jetzt habt Ihr eine Unterredung mit einer maskirten Dame. Nein, ich kehre mich nicht an Eure Winke. Ich will ſprechen.“ ——— ———— 16 Schloß Windſor. „Ihr ſeid nicht bei Sinnen, Liebchen,“ rief der König. „Kommt mit.“* „Nein,“ erwiederte Anna.„Laßt dieſe Dame fortgehen.“ „Ich werde nicht auf Euern Beſeht weggehen, Schätz⸗ chen!“ rief Katharina heftig. „Ah!“ rief Anna zuſammenfahrend; wer wird dies ſein?“ „Jemand, der Ihr lieber hättet aus dem Wege gehen ſollen,“ flüſterte Heinrich. „Die Königin!“ rief Anna mit verzagter Miene aus. „Ja, die Königin!“ wiederholte Katharina, die Maske abnehmend.„Heinrich, wenn Ihr noch einige Achtung für mich habt, ſo bitte ich Euch, entfernt dies Weib aus meiner Nähe. Laßt mich in Frieden ſcheiden.“ „Lady Anna, ich bitte, entfernt Euch,“ ſagte Heinrich. Aber Anna behauptete ſtandhaft ihren Platz. „Nun, ſo laßt ſie denn bleiben,“ ſagte die Königin, „und ich verſpreche Euch, ſie ſoll Ihre Keckheit bereuen. Und Ihr, Heinrich, bleibt auch hier und betrachtet diejenige wohl, die Ihr zu Eurer Gemahlin machen wollt. Befragt Eure Schweſter Maria, einſt Gemahlin Ludwig des Zwölften und jetzt Herzogin von Suffolk,— befragt ſie über den Charakter und das Betragen Anna Boleyn's, als ſie ihre Ehrendame am franzöſiſchen Hofe war— fragt ſie, ob ſie ſie niemals wegen Leichtſinns zu tadeln hatte— fragt Lord Percy über ihre Liebe zu ihm— fragt Sir Wyat und eine Schaar Andrer.“. „Alle dieſe Beſchuldigungen ſind falſch und verläum⸗ deriſch,“ rief Anna Boleyn: „Laßt den König ſelbſt unterſuchen und richten,“ ent⸗ gegnete Katharina;„und wenn er Euch ehelicht, laßt ihn ſich wohl vorſehen oder Ihr werdet ihn zum Geſpötte aller ehrbaren Männer machen. Und nun, da Ihr zwiſchen mich und ihn getreten ſeid, da Ihr Mann und Frau getrennt Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 17 habt, ſo klage ich Euch der Abſicht wegen, mag ſie Erfolg haben oder nicht, vor dem Himmel an und flehe ſeinen Zorn auf Euer Haupt herab. Tag und Nacht will ich beten, daß Schande über Euch komme; und wenn ich von hinnen gerufen werde, wie wohl bald geſchehen mag, ſo will ich vor dem Throne des Allmächtigen erſcheinen und Euch vor Gericht fordern.“ „Befreit mich von ihr, Heinrich,“ rief Anna matt; „ſie erſchreckt mich mit ihrer Heftigkeit.“ „Nein, Ihr ſollt bleiben,“ ſagte Katharina, ihren Arm ergreifend und ſie feſthaltend,„Ihr ſollt Euer Urtheil anhören. Ihr bildet Euch ein, Euer Lebenslauf werde glänzend ſein und Ihr werdet das Scepter zu handhaben im Stande ſein, das Ihr mir unrechtmäßig entreißt, aber es wird in Eurer Hand in Staub zerfallen,— die angemaßte Krone wird von Eurer Stirn fallen und Euer Haupt mit ſich reißen.“ „Befreit mich, Heinrich, ich beſchwöre Euch!“ rief Anna. „Ihr ſollt mich zu Ende hören,“ fuhr Katharina fort, alle Kraft aufbietend und ihre Beute feſthaltend—„oder ich will Euch jene Hallen entlang folgen und meinen Fluch über Euch vor den Ohren aller Eurer Diener ausſchütten. Ihr habt mir getrotzt und ſollt meine Macht fühlen. Seht ſie an, Heinrich,— ſeht wie ſie vor dem Blick eines belei⸗ digten Weibes zurückbebt. Seht mir ins Geſicht, Schätzchen — Ihr könnt es nicht!— Ihr wagt es nicht!“ „O, Heinrich!“ ſchluchzte Anna. „Ihr habt es Euch ſelbſt zugezogen,“ ſagte der König. „So iſt es,“ erwiederte Katharina,„und wofern ſie nicht innehält und bereut, wird ſie noch mehr über ihr Haupt bringen. Dies ſchmerzt Euch jetzt, Schätzchen, was werdet Ihr aber fühlen, wenn die Reihe an Euch iſt, ver⸗ nachläſſigt, verachtet und von einer Nebenbuhlerin vertrieben zu werden— wenn der falſche Glanz Eurer Reize ver⸗ II. 2 7————& —.—,———„ 18 Schloß Windſor. ſchwunden iſt und Heinrich nur Eure Fehler ſieht und ſeine Augen gegen alles das öffnet, was ich ihm jetzt ſage?“ Ein Schluchzen war alles, womit Anna antworten konnte. „Ihr werdet eben ſolchen Haß gegen ſie fühlen,“ fuhr die Königin fort,„als ich gegen Euch fühle; aber Ihr werdet nicht den Troſt genießen, den ich habe. Ihr werdet Euer Schickſal verdient haben, und an mich und meine Lei⸗ den denken und Euer Betragen bitter, aber nutzlos, bereuen. Und nun, Heinrich,“ rief ſie aus, indem ſie ſich feierlich an ihn wandte,„Ihr habt mir Euer königliches Wort und Eure Hand darauf gegeben, daß wenn ihr dies Weib treulos befindet, ſie ihr Vergehen auf dem Block ſühnen ſoll. Ich fordere Euch auf, Euer Verſprechen in ihrer Gegenwart zu bekräftigen.“ „Ich thue es, Katharina,“ erwiederte der König.„Der bloße Verdacht ihrer Schuld ſoll hinreichen.“ „Heinrich!“ rief Anna aus. „Ich habe es geſagt,“ verſetzte der König. „Zittert denn, Anna Boleyn!“ rief Katharina;„zittert! und wenn Ihr verurtheilt werdet, den Tod der Ehebrecherin zu ſterben, ſo denkt an die Weiſſagung der Königin, die Ihr beſchimpft habt. Ich werde wohl nicht mehr Zeugin Eures Schickfals ſein, aber wir werden uns vor dem Throne eines ewigen Richters wiederſehen.“ „O! Heinrich, dies iſt zu viel!“ ächzte Anna und ſank ihm ohnmächtig in die Arme. „Fort! fort!“ rief der König wüthend.„Ihr habt ſie getödtet.“ „Es wäre für uns beide gut, wenn ich es gethan hätte,“ erwiederte Katharina.„Sie wird ſich aber erholen und an meinem und ihrem eigenen Elend arbeiten. In Eure Hände lege ich ihre Strafe. Möge Gott Euch ſegnen, Heinrich!“ Hiermit nahm ſie ihre Maske vor und verließ die Kapelle. * Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 19 Heinrich, der die Bemerkungen ſeines Gefolges gern vermeiden wollte, bemühte ſich unterdeſſen, Anna Boleyn wieder ins Leben zu rufen und ſeine Anſtrengungen waren bald mit Erfolg gekrönt. „Iſt es denn Wirklichkeit?“ ſtöhnte Anna znherbtiend „Ich hoffte, es wäre ein ſcheußlicher Traum. O, Heinrich, dies war fürchterlich! Aber Ihr werdet mich nicht tödten, wie ſie prophezeite? Schwört mir, daß Ihr es nicht wollt!“ „Worüber hättet Ihr Euch zu beunruhigen?“ verſetzte der König.„Wenn Ihr treu ſeid, habt Ihr nichts zu befürchten.“ „Aber Ihr ſagtet Verdacht, Heinrich— Ihr ſagtet WVerdacht!““ rief Anna. „Ihr müßt deſto aufmerkſamer über Euer Benehmen wachen,“ antwortete der König verdrießlich.„Ich fange an zu glauben, daß etwas Wahres an Katharinens Anſpielungen iſt.“ „O, nein! ich ſchwöre Euch das Gegentheil,“ ſagte Anna.„Ich habe mit den jungen Leuten an Franzen's Hofe getändelt und habe vielleicht zu ſelbſtgefällig den Liebes⸗ ſchwüren Perch's oder Wyat's gehorcht; aber als Eure Majeſtät ein Auge auf mich zu werfen geruhten, verſchwan⸗ den alle andern wie die Sterne der Nacht vor dem auf⸗ gehenden Tagesgott. Heinrich, ich liebe Euch herzlich, innig — aber Katharinen's ſchreckliche Verwünſchungen überzeugen mich dringender, denn je zuvor, von der Größe des Unrechts, das ich ihr zufüge— und ich fürchte, ſtrafende Vergeltung wird nicht ausbleiben.“ „Ihr thut ihr kein Unrecht,“ erwiederte Heinrich.„Ich bin von der Gerechtigkeit und Nothwendigkeit der Scheidung überzeugt; und ſelbſt wenn von meiner beabſichtigten Ver⸗ bindung mit Euch nicht die Rede wäre, würde ich ſie ver⸗ langen. Mag die Schuld über mich kommen.“ „Eure Worte richten mich einigermaßen auf, Sire,“ 20 Schloß Windſor. ſagte Anna.„Ich liebe Euch zu ſehr, um nicht an Leib und Seele um Euretwillen Gefahr zu laufen. Ich bin die Eure auf ewig— ha!“ ſchrie ſie mit erſchrockenem Blick. „Was fehlt Euch, Liebchen?“ rief der König. „Mir däucht, ich ſah ein Geſicht an jenem Fenſter,“ antwortete ſie,„ein ſchwarzes ſcheußliches Geſicht, wie das eines Teufels.“ „Bloße Einbildung,“ entgegnete der König.„Euer Kopf iſt durch dieſe Begebenheit verſtört. Ihr ſolltet lieber Euer Gefolge aufſuchen und Euch in Eure Gemächer zurückziehen.“ „O, Heinrich!“ rief Anna—„verurtheilt mich nicht ungehört— glaubt nicht, was irgend eine verläumderiſche Zunge gegen mich ausſtoßen mag. Ich liebe nur Euch und kann nur Euch lieben. Ich möchte Euch um die ganze Welt nicht einmal im Gedanken beleidigen.“ „Ich glaube Euch, Liebchen,“ antwortete der König zärtlich. Mit dieſen Worten geleitete er ſie durch den Säulen⸗ gang zu ihrem Gefolge. Dann begaben ſie ſich nach der Königlichen Wohnung, wo Anna ſich in ihre Gemächer zu⸗ rückzog und Heinrich ſein Privatkabinet aufſuchte. II. Wie der Jäger Herne dem König auf der Terraſſe erſchien. Heinrich ſetzte ſich wieder zu ſeinen Depeſchen hin und beſchäftigte ſich bis zu ſpäter Stunde damit. Endlich fühlte er ſich erhitzt und beengt, ſtand auf und öffnete das Fenſter. Indem er dies that, blendete ihn faſt das lebhafte Leuchten eines zackigen Blitzes. Immer bereit die Gefahr herauszu⸗ fordern und aus der dichten Finſterniß draußen ſchließend, daß ein furchtbares Unwetter im Anzuge ſei, beſchloß Hein⸗ Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 21 rich hinauszugehen, um Zeuge deſſelben zu ſein. In dieſer Abſicht verließ er ſein Gemach und ging durch eine kleine Thür auf die nördliche Terraſſe. Die Schloßuhr ſchlug die Mitternachtsſtunde, als er heraustrat und das Dunkel war ſo dicht, daß er kaum einen Schritt weit ſehen konnte. Aber er ging vorwärts. „Wer da?“ rief eine Stimme, indem er vorſchritt, und er fühlte eine Hellebarde vor ſeiner Bruſt. „Der König!“ erwiederte Heinrich in einem Tone, der keinen Zweifel an der Wahrheit dieſer Behauptung mehr übrig gelaſſen hätte, ſelbſt wenn ein Blitzſtrahl nicht in demſelben Augenblicke der Schildwache ſeine Geſtalt und Züge offenbart hätte. „Ich war auf Eure Majeſtät zu ſolcher Stunde nicht gefaßt,“ ſagte der Mann, ſeine Pike ſenkend.„Iſt Eure Majeſtät nicht wegen des Unwetters beſorgt? Ich habe be⸗ merkt, wie es ſich im Thale zuſammenzog, und es wird fürchterlich losbrechen. Wenn ich ſo kühn ſein dürfte Euch zu rathen, ſo wäre ich der Meinung, daß Ihr ſo bald als möglich im Schloſſe Schutz ſucht.“ „Ich fürchte mich nicht, guter Burſche,“ lachte der König.„Stelle dich unter jene Vorhalle und überlaß mir die Terraſſe. Ich werde dich anrufen, wenn ich ſie verlaſſe.“ Während dieſer Worte krachte ein furchtbarer Donner⸗ ſchlag über ſeinem Haupte und ſchien den Felſenbau bis in ſeine Grundveſten zu erſchüttern. Dann zerriß der Blitz das dunkle Himmelsgewölbe an verſchiedenen Stellen und ſchoß in zackigen Strahlen von dem blendendſten Glanze herab. Ein dichter Wolkenſchleier hing mit elektriſcher Flüſ⸗ figkeit ſchwer beladen grade über dem Schloſſe und goß all ſein Feuer auf daſſelbe aus. Heinrich ging langſam auf und ab, gleichgültig gegen die Gefahr, der er ſich ausſetzte— bald ſah er dem Blitze 22 Schloß Windſor. zu, wie er eine Eiche im Schloßpark zerſplitterte oder die ausgedehnte Landſchaft ringsum erhellte— bald lauſchte er dem Getöſe des Donners, und er hatte kaum das weſtliche Ende der Terraſſe verlaſſen, als der fürchterlichſte Schlag, den er je gehört hatte, über ihn losbrach. Im nächſten Augenblicke ſchoſſen ein Dutzend zackige Blitze herab und feurige Flammen durchzuckten das Himmelsgewölbe nach allen Seiten; im ſelben Augenblicke traf ein Donnerkeil den Wykeham⸗Thurm, in deſſen Nähe er kurz vorher geſtanden hatte. Von dem ſchrecklichen Getöſe zuſammenfahrend wandte er ſich um und erblickte auf der gezinnten Bruſtwehr zu ſeiner Linken eine hohe geſpenſtiſche Geſtalt, deren Geweih⸗ helm Herne den Jäger verrieth. Gegen das flammende Himmelsgewölbe abſtechend, ſchien das Geſpenſt von rieſen⸗ mäßiger Größe zu ſein. Seine rechte Hand ſtreckte es dem Könige entgegen, während es in der Linken eine verroſtete Kette hielt. einrich legte die Hand an den Griff ſeines Schwertes und zog es, die Augen feſt auf die Geſtalt ge⸗ heftet, halb aus der Scheide. „Ihr dachtet meiner los geworden zu ſein, Heinrich von England,“ rief Herne—„aber wolltet Ihr auch die Laſt dieſes ungeheuern Gebäudes auf mich wälzen, ich würde mich doch darunter herausarbeiten— ha! ha!“ „Was begehrſt du, hölliſches Weſen?“ rief Heinrich. „Ich bin gekommen, dir Geſellſchaft zu leiſten, Heinrich,“ antwortete das Geſpenſt;„dies iſt eine Nacht, in der nur Ihr und ich im Freien ſein ſollten. Wir verſtehen ſie zu genießen. Wir lieben die Muſik des lauten Donners und den Tanz des luſtigen Blitzes.“ „Hebe dich hinweg, Satan!“ rief Heinrich,„ich habe nichts mit dir zu ſchaffen. Zurück in die Hölle!“ „Ihr habt keine Macht über mich, Heinrich,“ erwiederte das Geſpenſt, deſſen Worte ſich mit dem Rollen des Don⸗ Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 23 ners vermiſchten,„denn Eure Gedanken ſind ſündhaft und Ihr ſeid im Begriff, eine böſe That zu thun. Ihr könnt mich nicht fortſchicken. Vor der Ausführung jedes großen Verbrechens— und viele große Verbrechen werdet Ihr noch begehen— wrill ich Euch immer erſcheinen. Mein letztes Erſcheinen wird drei Tage vor Eurem Ende ſein— ha! ha!“ „Erfrechſt du dich, mir dies zu ſagen?“ rief Heinrich wuthentbrannt. „Ich lache deiner Drohungen,“ entgegnete Herne unter einem andern Donnerſchlage—„aber ich bin noch nicht zu Ende. Heinrich von England, Euer Leben wird mit Blut befleckt ſein. Euer Zorn wird auf die Häupter derer fallen, die Euch lieben, und Eure Liebe wird verderbenbringend ſein. Lieber ſollte Anna Boleyn dies Schloß fliehen und in der niedrigſten Hütte im Lande Schutz ſuchen, als Eure Ge⸗ mahlin werden. Denn Ihr werdet ſie morden— und nicht ſie allein. Noch Eine wird durch Eure Hand fallen, und ſo würden es alle, wenn Euer Wille freien Lauf hätte!“ „Was meinſt du mit„Allen?““ rief der König. „Zu ſeiner Zeit werdet Ihr es erfahren,“ lachte das Geſpenſt.„Aber nun achte auf meine Worte, Heinrich von England, du grauſamer, blutdürſtiger König!— Du wirſt im Blute deiner Weiber trunken ſein; und dein Ende wird ſchrecklich ſein. Du wirſt eines ſchleichenden Todes ſterben — ein Klumpen lebendiger Verweſung wirſt du werden und nach deinem Tode werden dieſelben Hunde, mit denen du mich jagteſt, dein Blut lecken!“ Dieſe ſchrecklichen Worte, die eine furchtbare Weiſſagung enthielten, welche ſpäterhin, wie ſich zeigen wird, auf ſon⸗ derbare Art in Erfüllung ging, vermiſchten ſich ſo mit dem Rollen des Donners, daß Heinrich kaum einen Laut vom andern unterſcheiden konnte. Mit dem letzten Worte dieſer Rede ſchoß ein Blitzſtrahl von ſo blendendem Glanze zu 24 Schloß Windſor. ſeiner Seite herab, daß ihm einige Augenblicke lang faſt das Sehen verging; und als er das Geſicht wieder 3 hatte, war das Geſpenſt verſchwunden. . III. Wie Mabel Lyndwood von Nikolas Clamp nach dem Schloſſe geführt ward; und wie ſie Morgan Fenwolf unterwegs begegneten. Das Unwetter, welches ſo ſchwer auf dem Schloſſe ruhte, hatte auch den See heimgeſucht und die Bewohner des kleinen Hauſes an ſeinem Ufer erſchreckt. Sowohl der Förſter als ſeine Enkelin waren von ihrem Lager aufge⸗ ſcheucht und ſaßen im Hauptgemach der Hütte beiſammen, dem furchtbaren Rollen des Donners lauſchend und in das bläuliche Leuchten des Blitzes ſchauend. Das Gewitter war von ungewöhnlich langer Dauer und hielt länger als eine Stunde mit unverminderter Heftigkeit an. Dann ließ es nach, der Donner entfernte ſich und die Blitze wurden matter und ſeltener. Während des Unwetters hatte Mabel fort⸗ während auf den Knieen die inbrünſtigſten Gebete um ihre und ihres Großvaters Erhaltung an die heilige Jungfrau gerichtet, aber der alte Förſter, obwohl augenſcheinlich ſehr erſchrocken, brachte nicht ein einziges Stoßgebet heraus, ſondern blieb trüben und ſcheuen Blicks auf ſeinem Stuhl ſitzen. Als der Donner dahinſchwand erlangte er ſeine Faſſung wieder und ſprach ſeiner Enkelin zu, um ihre Furcht zu verſcheuchen. Dies gelang ihm zum Theil und er drang in ſie, ſich wieder zur Ruhe zu begeben, als das Unwetter ſich wieder mit erneuerter Wuth erhob. Mabel fiel wieder auf die Kniee und der alte Mann nahm ſeine mürriſche Stellung wieder an. Noch eine ſchreckliche halbe Stunde verging unter einer Folge von furchtbaren Donnerſchlägen und leb⸗ — —— Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 25 haften Blitzen, als Mabel während einer erwartungsvollen Pauſe ihren alten Großvater anzureden wagte. „Warum betet ihr nicht, Großvater?“ ſagte ſie ihn unruhig anſehend.„Schweſter Anaſtaſia und der gute Vater Anſelm haben mir gelehrt, während eines Gewitters ein Ave zu ſprechen und ein Kreuz zu ſchlagen. Warum betet Ihr nicht, Großvater?“ „Laßt mich in Ruhe,“ erwiederte Triſtram.„Ich fürchte mich nicht.“ „Aber Eure Wangen und Lippen ſind bleich,“ entgeg⸗ nete Mabe l,„und ich ſah Euch bei dem letzten fürchterlichen Schlage zuſammenfahren. Betet, Großvater, betet!“ „Still, Mädchen, und kümmere dich um deine eignen Angelegenheiten!“ verſetzte der alte Mann zornig.„S Wetter wird bald vorüber ſein, es kann nicht lange ſo bleiben.“ „Die Heiligen beſchützen uns!“ rief Mabel, als ein furchtbarer Schlag loskrachte, worauf ſich ein ſtrenger Schwefel⸗ geruch en ließ.„Es hat in die Hütte eingeſchlagen!“ „Ja wohl, ja wohl,“ ſchrie Triſtram aufſpringend und hinauseilend. Einige Minuten lang blieb Mabel in einem Zuſtande von Betäubung. Dann ſchwankte ſie nach der Thür und ſah ihren Großvater nebſt zwei dunkeln Geſtalten, die ſie als Valentin Hagthorne und Morgan Fenwolf erkannte, mit Löſchung der Flammen beſchäftigt, die aus dem Stroh⸗ dach der Hütte aufſchlugen. Erſtaunen und Schrecken ver⸗ ſetzten ihr den Athem; und jene waren ſo geſchäftig, daß ſie ſie nicht bemerkten. Endlich ward das Feuer durch ihre vereinten Anſtrengungen ohne weſentliche Beſchädigung des kleinen Häuschens überwältigt und Mabel zog ſich in der Erwartung, ihren Großvater bald eintreten zu ſehen, zurück. Als er aber nicht kam und ſie faſt unmittelbar darauf das Plätſchern der Ruder auf dem See vernahm, flog ſie ans Schloß Windſor. Fenſter und ſah ihn beim Leuchten des Blitzes mit Morgan Fenwolf im Nachen ſitzen, während Valentin Hagthorne einen kohlſchwarzen Rappen beſtiegen hatte und eiligſt davon ſprengte. Mabel ſah nichts mehr. Vom Schrecken über⸗ mannt, ſank ſie leblos zu Boden. Als ſie ſich erholte, hatte der Sturm gänzlich aufgehört. Ein ſchwerer Regen⸗ guß war gefallen, aber der Himmel hatte ſich nun voll⸗ kommen aufgeklärt und der Tag war im Anbrechen. Mabel ging an die Thür der Hütte und ſah nach ihrem Großvater auf, aber er war nirgends zu ſehen. Sie betrachtete den jetzt friedlichen See bis die Sonne aufgegangen war, wor⸗ auf ſie ſich etwas erleichtert zur Ruhe begab, und ſanfter Schlaf, der ſie den größten Theil der Nacht geflohen hatte, ſenkte ſich auf ihre lieblichen Augenlieder. Als ſie erwachte war es hoch am Tage, aber der alte Triſtram war noch nicht zurückgekehrt und mit ſchwerem Herzen ging ſie an ihre häuslichen Beſchäftigungen. Jedoch der Gedanke an ihren bevorſtehenden Beſuch im Schloß verſcheuchte bald ihre Aengſtlichkeit und ſie begann ſich zur Abreiſe vorzubereiten, indem ſie ſich mit ungewöhnlicher Sorgfalt ankleidete. Bouchier hatte wenig Schwierigkeiten gefunden, um ſie zum Gehorſam gegen des Königs Gebot zu überreden, und mit ſeinen liſtigen Vorſtellungen hatte er auch ihrem Großvater ſeine Einwilligung zu ihrem Beſuch abzunöthigen gewußt, indem der alte Förſter nur die Be⸗ dingung ſtellte, daß ſie von einem Falkeniere, Namens Ni⸗ kolas Clamp, auf den er ſich verlaſſen konnte, hin und zurück gebracht werden ſollte, was Bouchier bereitwillig zugeſtand. Endlich kam die beſtimmte Stunde, fünf Uhr, heran und mit ihr Nikolas Clamp. Es war ein großer Mann in mittleren Jahren, mit kurz abgeſchnittenen blonden Haaren und ehen ſolchem Schnauz⸗ und Backenbart. Seine Klei⸗ Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 27 dung war der eines Waldhüters ähnlich und beſtand aus grüntuchenem Wamms und Beinkleidern; aber er trug weder Jagdhorn noch Waidmeſſer— ſeine einzige Waffe war ein derber Knittel. Nach einigem Zaudern willigte Mabel ein, dem Falkeniere zu folgen und ſie gingen zuſammen von dannen. Der Abend war köſtlich und ihr Weg durch die Wälder fühlte ſie über unzählige reizende Stellen. Mabel ſprach wenig, denn ihre Gedanken waren mit ihrem Großvater und ſeiner langen, geheimnißvollen Abweſenheit beſchäftigt; aber der Falkner ſchwatzte von dem durch das Unwetter verur⸗ ſachten Schaden, das er für das ſchrecklichſte, das er je ge⸗ ſehen„erklärte, und zeigte ihr mehrere vom Blitz getroffene Bäume. Auf dieſe Weiſe erreichten ſie einen nach Biackneſt führenden Weg, als Morgan Fenwolf auf einmal hinter einer großen Eiche, deren Stamm ihn bis dahin verborgen hatte, hervorkam und ihnen den Weg vertrat. Die Kleidung des geächteten Förſters war vernachläſſigt und zerlumpt, ſeine Blicke verwirrt und unruhig, ſein Benehmen verwildert und ſein ganzes Erſcheinen abſchreckend und beunruhigend. „Ich habe eine Zeit lang auf Euch gewartet, Mabel Lyndwood,“ ſagte er.„Ihr müßt mir zu Eurem Groß⸗ vater folgen.“ „Mein Großvater würde Euch nimmermehr zu mir ſchicken,“ antwortete Mabel;„und wenn er es gethan hat, ſo will ich mich Euch nicht anvertrauen.“ „Die Heiligen beſchützen uns!“ rief Nikolas Clamp. „Darf ich meinen Augen trauen! Habe ich wirklich Morgan Fenwolf vor mir!“ „Kommt mit mir, Mabel,“ rief Fenwolf, ohne auf ihn zu achten, aber ſie weigerte ſich hartnäckig. „Sie ſoll nicht einen Schritt weit mitgehen!“ rief der Falkner,„du, Morgan Fenwolf, mußt vielmehr mit mir 28 Schloß Windſor. kommen. Du biſt ein geächteter Verbrecher und dein Leben iſt dem König verfallen. Gieb dich gefangen, Hund!“ „Gefangen!“ wiederholte Fenwolf verächtlich.„Dazu bedarf es dreier Leute wie du, um mich feſtzuhalten. Mabel Lyndwood, im Namen Eures Großraters befehle ich Euch, mit mir zu kommen, und Nikolas Clamp mag ſich in Acht nehmen, wenn er Euch daran zu hindern wagt.“ „Nick wird noch mehr thun, als ſie daran zu hindern,“ verſetzte der Falkner, ſeinen Knittel ſchwingend und auf ihn zu ſtürzend.„Elender Hund! ergieb dich!“ Ehe der Falkner ihn erreichen konnte, zog Morgan Fenwolf ein langes Jagdmeſſer aus dem Gürtel und führte einen verzweifelten Stoß nach ſeinem Angreifer. Aber Niko⸗ las wich dem Stoße aus, traf Fenwolf an den Beinen und kam ſogleich mit ihm ins Handgemenge. Der Ausgang war noch zweifelhaft, als der Kampf plötzlich durch Pferdegetrappel von der Windſorſeite her unter⸗ brochen ward, und Morgan Fenwolf ſich auf dies Geräuſch von ſeinem Gegner losmachte und eiligſt in das Gebüſch ſchlüpfte. Gleich darauf ritt Hauptmann Bouchier mit einer kleinen Abtheilung Hellebardiere heran, und als der Falkner ihm das ſtattgefundene Zuſammentreffen berichtet hatte, ſprengte er mit ſeinen Leuten dem Flüchtlinge in das Gehölz nach. Nikolas Clamp und ſeine Gefährtin warteten nicht auf das Reſultat ſeiner Nachforſchungen, ſondern ſetzten ihren Weg fort. Da ſie muntern Schrittes einhergingen, ſo erreichten ſie die lange Allee in ungefähr einer halben Stunde und ver⸗ folgten ſie, bis Bouchier ſie mit ſeinen Leuten etwa eine halbe Meile vor dem Schloß einholte und dem Falkner vielen Ver⸗ druß durch die Nachricht verurſachte, daß ſie die Spur Mor⸗ gan Fenwolf's verloren hätten. Nachdem er einige Schmei⸗ cheleien an Mabel gerichtet hatte, ritt Bouchier weiter. Bald darauf verließ das Paar den großen Park, ging Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 29 durch eine Reihe regellos hingeſtreuter, von Gärten und Einzäunungen getrennter Häuſer am Fuß des Schloßhügels und erreichte alsbald das untere Thor. Sie wurden ohne Schwierigkeit eingelaſſen, aber kaum waren ſie auf die untere Schanze getreten, ſo ward der Falkner von Shoreditch und Paddington, die gerade aus der Wachtſtube kamen, angerufen. Clamp folgte der Aufforderung und geſellte ſich zu ihnen, und aus den Geberden der beiden Bogenſchützen ſah man deutlich, daß ſie ſich nach Mabel erkundigten, deren Ausſe⸗ hen ſie höchlich zu intereſſiren ſchien. Nach einer kurzen Unterredung mit dem Falkner traten ſie auf ſie zu und baten mit ehrerbietigem Gruße um Erlaubniß, ſie nach der könig⸗ lichen Wohnung zu geleiten, wohin ſie, wie ſie vernommen hätten, zu gehen im Begriff wäre. Da Mabel gegen die⸗ ſen Vorſchlag nichts einzuwenden hatte, ſo begaben ſich alle vier nach der mittleren Schanze. Nachdem ſie durch das Thor des normänniſchen Thurms gegangen waren, verweilten ſie vor einem niedrigen Portal in einem maleriſchen gothiſchen Flügel des Schloſſes mit vorſpringenden Mauern und Bogenfenſtern, der unter der vorigen Regierung von Heinrich dem Siebenten erbaut war und folglich hoch in ſeiner ganzen Friſche und Schönheit ſtand. IV. Wie Mabel von der Geſellſchaft in der Küche empfangen ward;— und von dem Zank zwiſchen den beiden Narren. Nikolas Clamp wandte ſich an einen breitſchultrigen Mann von der Hauswache, der gerade in der Thür ſtand und verlangte nach der Küche gewieſen zu werden, und dieſer führte ſie, nachdem er Mabel einige Augenblicke recht unver⸗ ſchämt angeſtiert hatte, in eine kleine Vorhalle und von dort in 30 Schloß Windſor. einen engen, mit ihr zuſammenhängenden Gang. Dieſer Gang, der ſeine Beleuchtung durch enge Schießſcharten erhielt, die in den Mauern von ungeheurer Dicke angebracht waren, lief längs der äußern Seite des ganzen oberen Hofes hin und ſtand mit mehreren Seitengängen und Wendeltreppen in Verbindung, welche nach den für die Haushaltung beſtimm⸗ ten Räumen oder den Staatsgemächern führten. Nachdem er ihn eine Zeit lang verfolgt hatte, bog Nikolas Clamp endlich rechts ein, ging durch eine Art von Vorzimmer und trat in ein großes Gemach mit ſteinernen Mauern und gewölbter Decke, das durch ein großes Fenſter am andern Ende erhellt war. Dies war die königliche Küche und in ihr gähnten Einem nicht weniger als ſieben ungeheure gewölbte Feuer⸗ heerde entgegen, auf denen verſchiedene ſaftige Keulen und Rippenſtücke unter der Leitung einer guten Anzahl von Köchen und Küchenjungen am Feuer brieten. An einem großen Tiſch mitten in der Küche ſaßen etwa ein halbes Dutzend Leibgardiſten nebſt dem Küchenſchreiber, dem erſten Fährmann und dem königlichen Meſſerſchmied. Dieſe Ehrenmänner waren eben dabei, einem Rückenſtück von Rindfleiſch, einer Wildſchweinspaſtete, einem Paar fetter Kapaunen, einer Pfauenpaſtete, einem Gerichte eingemachter Hummern und andern vortrefflichen und einladenden Schüſ⸗ ſeln, mit denen die Tafel beſetzt war, volle Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen. Auch vergaßen ſie nicht, die Speiſen mit reichlichen Zügen von Bier oder Meth aus großen Kan⸗ nen und Bechern hinunterzuſpülen. Hinter dieſer Geſellſchaft ſtand Giovanni Joungevello, ein italieniſcher Sänger, der bei Anna Boleyn ſehr in Gunſt war, und Domingo La⸗ mellino oder Lahmling, wie er gewöhnlich genannt wurde, ein Lombarde, der ſich viel auf ſeine Kenntniſſe in der Chi⸗ rurgie, Aſtrologie und Alchemie zu gut that und beſtändig in Heinrichs Gefolge war. Am obern Ende der Bank, Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 31 rechts vom Tiſch ſaß Will Sommers. Der Narr nahm nicht an dem Mahle Theil, ſondern ſchwatzte mit Simon Quanden, dem erſten Koch, einer gutmüthigen Seele, ſo rund wie eine Tonne, und mit einer Gattin, Namens Debo⸗ rah, geſegnet, die eben ſo gern aß und trank, eben ſo fett und eben ſo gutmüthig war, als er ſelbſt. Hinter dem Koch ſtand der Kellermeiſter, unter dem Namen des„Flaſchenhans“ bekannt, und zu ſeinen Füßen lagen zwei muntere kleine Bratenwender mit langem Rücken und kurzen Vorderbeinen, die faſt ſo krumm als Sicheln waren. Als er Mabel erblickte ſtand Will Sommers augen⸗ blicklich auf, und mit zierlichem Schritt auf ſie zugehend verbeugte er ſich mit nachgeäfftem ceremoniellem Weſen und ſagte mit affectirtem Tone:„Willkommen, ſchönes Fräulein, in des Königs Küche. Wir ſind alle hocherfreut, Euch zu ſehen; nicht wahr, Kameraden?“ „Ja wohl, das ſind wir!“ antwortete ein Chor von Stimmen. „Bei meiner Treu, das Mädchen iſt wunderhübſch,“ ſagte Kit Coo, einer der Leibgardiſten. „Kein Wunder, daß der König in ſie verliebt iſt!“ ſagte Lancelot Rutter, der Meſſerſchmied,„ihre Augen glän⸗ zen wie ein geſchliffener Dolch.“ „Und ſie hält ſich, wie eine Jacht auf dem Strome,“ ſagte der Fährmann. „Ihre Hautfarbe iſt ſo ſchön, als ob ich ihr von mei⸗ nem Univerſalſchönheits⸗Balſam gegeben hätte,“ ſagte Do⸗ mingo Lahmling. „Viel ſchöner noch,“ warf Joungevello, der Sänger, dazwiſchen;„ich werde ein Madrigal zu ihrem Lobe dichten und es dem Könige vorſingen.“ „Und für deine Mühe von Lady Anna werden,“ ſagte Kit Coo. 32 Schloß Windſor. „Das Mädchen iſt nicht ſo hübſch, als ich ſie mir vor⸗ geſtellt hatte,“ bemerkte Amice Lovekyn, eine der Dienſt⸗ mägde, zu Hector Cutbeard, dem Küchenſchreiber. „Na, wenn wir davon reden wollen, ſo darf ſie nicht mit Euch zuſammengehalten werden, hübſche Amice!“ ſagte Cutbeard, ein rothnaſiger, rothbackiger Geſelle mit luſtigen, blinzenden Augen. „Nein, ſo meinte ich's nicht,“ erwiederte Amice, ſich in den Hintergrund ziehend. „Entſchuldigt mich, daß ich nicht aufſtehe, um Euch willkommen zu heißen, ſchönes Fräulein,“ rief Simon Quan⸗ den, der an ſeinen Stuhl feſtgewachſen zu ſein ſchien;„ich habe den ganzen Tag umhergewirthſchaftet und bin herzlich müde— herzlich müde! Wollt Ihr aber nicht etwas genie⸗ ßen? Etwas Eingemachtes und ein Glas Buttertrank— oder ein Stückchen Kapaun? Geh' zu dem Mädchen, Frau, und nöthige ſie zum Eſſen.“ „Das will ich thun,“ erwiederte Deborah.„Was mögt Ihr am liebſten, mein Herzchen? Wir haben hier eine volle Speiſekammer, Ihr braucht nur zu fordern und habt es.“ „Ich danke Euch, aber ich bedarf nichts,“ antwortete Mabel. „Nein, das iſt gegen alle Regel, Liebchen,“ ſagte Deborah; „Niemand kommt in des Königs Küche, ohne von der könig⸗ lichen Koſt zu genießen.“ „Dann thut es mir leid, daß ich eine Ausnahme machen muß,“ verſetzte Mabel lächelnd,„denn ich habe keinen Appetit.“ „Nun gut, ich will Euch nicht wider Willen zum Eſſen nöthigen,“ erwiederte die gute Frau.„Aber ein Becher Wein wird Euch nach Eurem Gange gut bekommen.“ „Ich werde ihr aufwarten,“ ſagte der Herzog von Shore⸗ ditch, der in Aufmerkſamkeiten gegen das Mädchen mit Pad⸗ dington und Nick Clamp wetteiferte. „Erlaubt mir, Euch auf dieſe beiden Hunde ufnertſun Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 33 zu machen,“ ſagte Will Sommers, auf die beiden Braten⸗ wender zeigend, es ſind beſondere Lieblinge des Königs. Sie ſind ihrem Herrn, dem Koch, ſehr zugethan, am meiſten aber einander, und nichts iſt im Stande, ſie zu trennen. „Will Sommers ſpricht die Wahrheit,“ verſetzte Simon Quanden,„Hob und Nob, ſo heißen ſie, find die engſten Freunde. Wenn Hob in das Tretrad ſteigt, um den Spieß zu drehen, ſo paßt Nob auf, bis ſein Bruder müde iſt, und nimmt dann ſeine Stelle ein. Sie eſſen immer aus derſel⸗ ben Schüſſel und trinken aus demſelben Becher. Einſtmals trennte ich ſie auf einige Stunden, um zu ſehen, was daraus werden würde, aber ſie heulten ſo jämmerlich, daß ich ſie wieder zuſammenthun mußte. Wie wohl that es Einem, zu ſehen wie ſie ſich wieder zuſammenfanden und vor Freuden ſprangen und ſich überſchlugen! Da Hob,“ ſagte er, indem er ein Stück Kuchen aus ſeiner Schürzentaſche nahm,„theil' dir's mit deinem Bruder.“ Die Pfoten auf ſeines Herrn Knie legend, nahm der eine Bratenwender den Kuchen ins Maul, lief nach Nob hin und ſchob, den Kuchen in zwei Theile brechend, die größere Hälfte ſeinem Bruder zu. Während Mabel die Klugheit und Zuneigung dieſer beiden Hunde bewunderte, ließen ſich geſchäftige Fußtritte hinter ihr hören und im Umdrehen gewahrte ſie eine wun⸗ derliche Geſtalt in buntfarbigem Rock und Beinkleidern, eine Narrenkappe mit Schellen auf dem Kopf, die ſie ſogleich für Patch, den Spaßmacher des Cardinals erkannte. Der Ankömmling erkannte ſie gleichfalls, ſtierte ſie verwundert an und warf Will Sommers einen ſchlauen Seitenblick zu. „Was führt Euch her, Gevatter Patch?“ ſchrie Will Sommers.„Ich dachte, Ihr wäret bei Eurem Herrn am Gerichtshofe in Blackfriars.“ II. 3 34 Schloß Windſor. „Das war auch wirklich der Fall,“ antwortete Patch— „und ich bin eben erſt mit ſeiner Eminenz angekommen.“ „Nun! iſt das Urtheil geſprochen?“ rief Will Som⸗ mers neugierig.„Iſt die Königin geſchieden? iſt der König wieder ledig? Laßt uns das Urtheil hören!“ „Ja, ja, das Urtheil!— das Urtheil!“ erſcholl es von allen Seiten. Von der Neugierde geſtachelt, ſtand die ganze Geſell⸗ ſchaft vom Tiſche auf, Simon Quanden erhob ſich aus ſei⸗ nem Stuhl, die anderen Köche ließen ihre Rippenſtücke am Feuer verbrennen, die Scheuermägde ließen ihre Arbeit lie⸗ gen, und Hob und Nob hefteten ihre großen Augen fragend auf den Narren. „Ich ſpreche niemals, wenn ich durſtig bin,“ ſagte Patch und ging an den Tiſch, wo er ſich eine Kanne Meth einſchenkte.„Zu Eurer Geſundheit, ſchönes Mädchen,“ fügte er gegen Mabel gewendet hinzu, den Inhalt des Bechers in einem Zuge leerend.„Und nun ſetzt Euch, meine Herren, und Ihr ſollt Alles hören, was ich zu erzählen habe; es wird in wenigen Worten gethan ſein. Der Hof hat ſich auf drei Tage vertagt, weil Königin Katharina ſo viel Zeit braucht, um ihre Vertheidigung zu vervollſtändigen, und dieſer Aufſchub iſt ihr bewilligt worden.“ „Die Peſt darauf!— der Aufſchub iſt nur ein Kniff Eures verſchmitzten, doppelzüngigen Herrn,“ ſchrie Will Sommers.„Wäre ich der König, ich wüßte ſchon, wie ich ihn herumkriegte.“ „Na, und was würdeſt du thun, du jämmerlicher Kerl?“. rief Patch aufgebracht. „Ich würde ihn ſeinen übelerworbenen Reichthum aus⸗ beuteln laſſen, und ihm von all ſeinen tauſend Dienern nur dich übrig laſſen, einen paſſenden Geführten für ihn,“ ant⸗ wortete Will. F—*———————*————— Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 35 „Das kommt zu den Ohren ſeiner Eminenz,“ kreiſchte Patch unter dem Gelächter der Geſellſchaft—„paß auf, ob du nicht mit deinem Rücken dafür bezahlen ſollſt.“ „Ich fürchte mich nicht vor ihm,“ entgegnete Will Som⸗ mers.„Ich habe meinem Herrn den König noch nicht von dem raren Wein erzählt, den wir in ſeinem Keller fanden.“ „Was war das für Wein, Will?“ rief der Flaſchenhans. „Das ſollt Ihr gleich hören,“ antwortete Will Som⸗ mers, ſich an den verlegenen Blicken des andern weidend. „Als ich im Palaſt zu Hampton war, lud mich dieſer ſchafs⸗ köpfige Burſche ein, ſeines Herrn Wein zu probiren, und alſo ging's in den Keller. Ihr werdet Euch über den Wein wundern, ſagte er, indem wir das erſte Orhoft anzapften. Und warhaftig, ich wunderte mich auch, denn kein Wein kam aus dem Bohrloch heraus. So gingen wir zu einem andern, und einem andern und noch einem andern, bis wir wohl ſo ein Dutzend probirt hatten und alle mit demſelben Erfolg. Hierauf nahm ich einen Hammer, der in der Nähe lag, und klopfte an die Tonnen; da aber keine leer zu ſein ſchien, ſo ſtieß ich einen der Deckel ein— und was denkt Ihr, daß drin war?“ Eine Menge von Antworten wurden hierauf von der lachenden Geſellſchaft gegeben, währen Patch ſeinen Gegner zum Stillſchweigen zu vermögen ſuchte; aber Will Sommers ließ ſich nicht irre machen. „Es war weder Eſſig, noch Oel, noch Blei drin,“ ſagte er,„ſondern Gold. Ja, ja, maſſive Goldbarren. Jedes Orhoft war zehntauſend Pfund werth und mehr.“ „Glaubt ihm nicht, meine Herren,“ rief Patch unter dem Lärmen der Geſellſchaft;„es iſt alles eine reine Fabel— eine Erfindung. Seine Eminenz hat keinen ſolchen Schatz⸗ Die Wahrheit iſt, daß Will Sommers ſich in ein Paar Becher voll köſtlichem Malvaſier betrank und nachher träumte, er hätte Goldfäſſer angezapft.“ 36 Schloß Windſor. „Es iſt keine Fabel, wie Ihr und Euer Herr finden werdet, wenn der König hinter die Geſchichte kommt,“ ant⸗ wortete Will.„Er wird hier eine reichere Ausbeute ſinden, als bei allen Euren alchymiſtiſchen Erperimenten, mein guter Herr Domingo Lahmling.“ „Es iſt gelogen! gelogen, ſage ich!“ kreiſchte Patch. „Laßt die Keller unterſuchen und ich ſetze meinen Kopf ein, wenn man etwas findet.“ „Setze lieber deine Kappe ein, dann hat es noch ein bischen Verſtand,“ ſagte Will, indem er Patch die Kappe vom Kopf riß und ſie auf ſeinem Narrenſtab in die Höhe hielt—„hier iſt ein Wahrzeichen des Cardinals von York.“ Ein ſchallendes Gelächter brach nach dieſem Ausfall los und Hob und Nob guckten in ſtummem Erſtaunen in die Höhe. „Ich ſterbe noch vor Lachen,“ rief Simon Quanden, ſich ſeinen fetten Bauch haltend und ſeine Ehehälfte anſehend, die an ſeiner Schulter lehnte. Mittlerweile ſprang Patch auf die Füße und wüthend mit den Armen um ſich fechtend, ſchrie er:„Du haſt wohl gethan, mir Kappe und Schellen zu ſtehlen, denn ſie kom⸗ men dir von Rechtswegen zu. Füge meine Thorheit zu deiner eigenen, und du wirſt ein paſſender Diener für deinen Herrn ſein; oder gieb ihm lieber die Mütze und dann ſeid ihr ein Paar.“ „Ich möchte wiſſen, wer jetzt der Narr iſt?“ verſetzte Will Sommers ernſthaft.„Ich rufe Euch alle zu Zeugen, daß er Hochverrath geſprochen hat.“ Während dies vor ſich ging, hatte ſich Shoreditch Ma⸗ beln mit einem Becher Malvaſier genähert, aber ſie ergötzte ſich ſo ſehr an dem Zank zwiſchen den beiden Narren, daß ſie ihn nicht bemerkte; eben ſo wenig achtete ſie auf Nikolas Clamp, der ihr den Vorfall zu erklären bemüht war. Gerade, als Patch ſeine unbeſonnene Rede beendigt Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 37 hatte, trat ein Thürſteher in die Küche und kündigte die Ankunft des Königs an. V. Von dem Kampfe zwiſchen Will Sommers und Patch, und was für ein Ende er nahm. Mabel's Herz pochte heftig bei dieſer Ankündigung des Thürſtehers, und bald entwich alles Blut aus ihren Wangen, bald war ihr Geſicht ganz mit Purpur übergoſſen. Was den armen Patch anbetrifft, ſo fühlte er wohl, daß ſeine Unbeſonnenheit ihn in große Gefahr ſtürzen und ſeinem Herrn, dem er aufrichtig zugethan war, weſentlichen Schaden zufügen könnte, und er warf einen kläglichen und flehenden Blick auf ſeinen Gegner, der ihm aber nur mit einem höh⸗ niſchen Gelächter nebſt einer ausdrucksvollen Geberde ant⸗ wortete, die auf ſeine Strafe durch den Strang deuten ſollte. Aus Furcht vor fernerem Unheil erhob ſich Simon Quanden aus ſeinem Stuhl und bat Will Sommers dringend, es nicht zu weit zu treiben, allein der Narr war unerbittlich. Es war gar nichts ungewöhnliches bei Heinrich, daß er die verſchiedenen Abtheilungen des Schloſſes beſuchte und ſich ungezwungen und vertraulich mit den Gliedern ſeiner Haushaltung unterhielt; aber es war keineswegs rathſam, auf die Dauer ſeiner guten Laune zu bauen oder ſich im mindeſten etwas darauf herauszunehmen. Es iſt wohl bekannt, daß ſein Geſchmack für verſchiedene Charaktere ihn oft, wie den berühmten Kalifen Harun⸗Al⸗Raſchid, verkleidet unter die niedern Klaſſen ſeiner Unterthanen führte, bei welcher Gelegenheit ihm viele ſonderbare Abenteuer zuge⸗ ſtoßen ſein ſollen. Sein jetziger Beſuch in der Küche würde deshalb kein Erſtaunen unter deren Bewohnern erregt haben, 38 Sch loß Windſor. wenn er ſich nicht ſo bald nach der Ankunft des Cardinals zugetragen hätte. Aber gerade dieſer Umſtand war es, der ihn dazu bewog. Die Nachricht, welche Wolſey von der Vertagung des Hofes auf drei Tage brachte, unter dem Vor⸗ wande, der Königin Zeit für ihre Vertheidigung zu laſſen, kam Heinrich ſo unerwartet, daß er den Cardinal im höchſten Mißfallen verließ und eben Anna Boleyn aufſuchen wollte, als er Bouchier begegnete und von dieſem hörte, Mabel Lyndwood ſei ins Schloß gebracht und ihr Großvater ver⸗ haftet. Dieſe Kunde änderte Heinrichs Abſichten auf der Stelle und er begab ſich mit Bouchier und einigen andern Begleitern nach der Küche, wo er das Mädchen ihrer Angabe nach finden würde. Manch verſtohlener Seitenblick ward auf den König geworfen, denn Niemand wagte es, ihn geradezu anzuſehen, als er ſich der ſchönen Enkelin des Förſters näherte. Aber er verweilte nur einen Augenblick bei ihr, faßte ihr unter das Kinn und ihr ein Paar Worte ins Ohr flüſternd, die ihr Erröthen noch vermehrten, ging er nach dem Orte, wo die beiden Narren ſtanden. „Was treibſt du hier, Patron?“ rief er Will Sommers zu. „Das könnte ich eher Eure Majeſtät fragen,“ antwortete Will;„und ich würde es thun, wenn ich nicht die Antwort drauf ſchon wüßte.“ „Ich bin gekommen, um nach meiner Haushaltung zu ſehen,“ erwiederte der König, ſich in den Stuhl werfend, den eben noch der erſte Koch eingenommen hatte.„Aha! Hob und Nob, meine luſtigen Burſchen,“ rief er, die Bra⸗ tenwender ſtreichelnd, die auf ihn zuſprangen und ihre Schnauzen gegen ſeine Hand drückten,„ihr ſeid ſo munter und niedlich wie immer, wie ich ſehe. Gebt mir eine Sem⸗ mel für ſie, Meiſter Koch, und laßt die Küchenarbeiten durch meine Gegenwart nicht unterbrechen. Ich möchte um einer Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 39 falſchen Ceremonie willen nicht auf mein Abendeſſen warten, oder verbrannten Braten eſſen. Und nun, Will, was haſt du zu ſagen, daß du mich ſo ſcharf anſiehſt?“ „Ich habe eine ſchwere Anklage gegen dieſen Schurken anzubringen, mit Verlaub Euer Majeſtät,“ ſagte Will Som⸗ mers, auf Patch zeigend. „Was! hat er dir zu ſcharf geantwortet?“ entgegnete der König lachend.„Wenn's ſo iſt, ſo fordere ich ihn zum Zweikampf heraus und entſcheide die Klage mit deinem höl⸗ zernen Dolch. Aber behellige mich nicht damit. Ich bin kein Richter für Narrenzänkereien.“ „Eure eigenen ausgenommen,“ brummte Will.„Dies iſt kein Zank, der ſo geſchlichtet werden kann,“ ſetzte er laut hinzu.„Ich klage dieſen Schurken Patch an, vor den Ohren der ganzen Küche von Euch unehrerbietig geſprochen zu haben. Und ich klage auch ſeinen Herrn, den Cardinal, an, in ſeinem Keller zu Hampton einen ungeheuren Schatz ver⸗ borgen zu haben, den er durch Erpreſſungen, geheime Unter⸗ handlungen mit auswärtigen Mächten und andere ungerechte Schliche aufgehäuft hat, und der von Rechtswegen ſeinen Weg nach Eurer königlichen Schatzkammer nehmen müßte.“ „Und der ſeinen Weg dahin nehmen wird, wenn du nicht eine Fabel erzählſt,“ erwiederte der König. „Eure Majeſtät ſoll darüber urtheilen,“ verſetzte Will, und wiederholte die Geſchichte, wie er ſie vorhin erzählt hatte. „Kann dies wahr ſein?“ rief Heinrich bei deren Schluß aus. „Es iſt erlogen, Eure Majeſtät, jedes Wort erlogen,“ rief Patch, ſich zu des Königs Füßen werfend,„inſofern es nicht unſern Beſuch im Keller betrifft, wo wir ſo viel tranken, wie ich zu meiner Scham bekennen muß, daß wir uns um unſere Sinne brachten. Was meine unbeſonnene Rede über Eure Majeſtät angeht, ſo beabſichtigte ich weder Unehrerbie⸗ — ₰— ——————— 40 Schloß Windſor. tigkeit noch Hochverrath damit, ich ward durch den ſcharfen Stachel dieſer Horniſſe dazu getrieben.“ „Die Geſchichte mit dem Schatz ſoll unverzüglich unter⸗ ſucht werden,“ ſagte Heinrich.„Was den Zank anbetrifft, ſo ſoll er ſo entſchieden werden. Steigt Beide auf den Tiſch. Jeder ſoll einen Mehlſack erhalten, und wer den andern zuerſt damit herunterſchlägt, ſoll als Sieger gelten.“ Das Urtheil des Königs ward mit ſo großem Beifall aufgenommen, als die Umſtehenden laut werden zu laſſen wagen durften; in einem Nu ward die Tafel geräumt und ein Paar halbgefüllter Mehlſäcke von Simon Quanden, der ſich mit ungewohnter Thätigkeit bei dieſer Gelegenheit rührte, den beiden Kämpfern überwieſen. Unter dem unterdrückten Gelächter der Geſellſchaft auf den Tiſch ſpringend, ſtellten ſich die beiden Narren einander gegenüber und grinſtten ſich ſo herausfordernd an, daß der König vor Lachen wieherte. Nach einigen wunderlichen Bewe⸗ gungen und Finten von beiden Seiten, verſuchte Patch ſeinen Gegner mit einem furchtbaren zweihändigen Schlag herunterzu⸗ bringen; aber indem er zuſchlug, zog ihn das Gewicht des Sacks mit vorwärts und hätte ihn dald kopfüber auf den Fußboden hinabgeſtürzt. Er ſiel jedoch noch mit dem Geſicht auf den Tiſch und erhielt in dieſer Lage von Will Sommers einige derbe Hiebe auf den hervorragenden Theil ſeiner Rück⸗ ſeite. Binnen Kurzem gelang es ihm jedoch, wieder auf die Beine zu kommen, und ſich vor Schmerzen windend, griff er ſeinen Gegner ſeinerſeits wüthend an. Einige Augen⸗ blicke lang ſchien das Glück ihn zu begünſtigen. Sein Sack hatte einen kleinen Riß erhalten und das Mehl, welches bei jedem Schlage herausſtäubte, blendete faſt ſeinen Gegner, den er bis an den Rand des Tiſches zurücktrieb. In dieſem kritiſchen Augenblick wußte Will einen ſo vollen Schlag auf ſeines Gegners Schädel mit ſeinem Sack zu führen, daß Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 41 dieſer durch die Gewalt des Zuſammentreffens barſt und Patch, von Kopf zu Fuß mit Mehl bedeckt, nun ſeinerſeits geblendet ward. Der Anblick der beiden Kämpfer war jetzt ſo überaus lächerlich, daß der König ſich in ſeinen Stuhl zurücklehnte, um ſeinem Gelächter freien Lauf zu laſſen, und die Fröhlichkeit der Zuſchauer ſich nicht mehr innerhalb der Gränzen der Schicklichkeit halten konnte. Sogar die beiden Bratenwender bellten in dem lachenden Concert mit. „Gut gefochten auf beiden Seiten!“ rief Heinrich;„es wäre ſchwer zu ſagen, wer Sieger bleiben wird. Nun, Burſchen, drauf los!— ha! ha!— drauf los!“ Noch einmal wurden die Säcke geſchwungen, hernieder⸗ geſchleudert und die Schläge waren beiderſeits ſo wohl gezielt, daß beide Kämpfer auf den Rücken fielen. Wiederum er⸗ ſchallte des Königs Gelächter laut und anhaltend. Wiederum verdoppelte ſich die Fröhlichkeit der übrigen Zuſchauer. Wiederum bellten Hob und Nob luſtig drein und verſuchten auf den Tiſch zu ſpringen, um an dem Kampfe Theil zu nehmen. Unter der allgemeinen Luſt erhoben ſich die beiden Kämpfer und erneuerten das Gefecht mit dichten, raſchen Schlägen, denn die Säcke waren ihres Inhalts ſchon be⸗ trächtlich entledigt,— bis ſie durch eine weiße Staubwolke dem Anblick vollſtändig entzogen waren. „Wir können den Strauß nicht ſehen,“ bemerkte Hein⸗ rich;„aber wir können das Schlachtgetöſe hören. Mich ſoll wundern, wer Sieger bleiben wird?“ „Ich bin für Will Sommers,“ rief Bouchier. „Und ich für Patch,“ ſagte Simon Quanden. Zuletzt ſchien er mir im Vortheile zu ſein.“ „Es iſt entſchieden!“ rief der König ſich erhebend, als einer der Kämpfer vom Tiſch heruntergeſchlagen ward und mit großem Gepolter zu Boden ſiel.„Wer iſt es?“ „Patch,“ antwortete eine matte Stimme. Und durch 42 Schloß Windſor. die Staubwolke arbeitete ſich die winzige Geſtalt des Narren Seiner Eminenz hervor, während Will Sommers triumphi⸗ rend vom Tiſch ſprang. „Mach' dich ans Waſchfaß, Burſche, und ſäubere dich,“ ſagte Heinrich lachend.„In Betracht der Strafe, die du ausgehalten haſt, vergebe ich dir dein Silſe Geſchwätz.“ Mit dieſen Worten ſtand er auf und ging auf Mabel zu, welche die eben ſtattgehabte Scene eben ſo ſehr beun⸗ ruhigt als beluſtigt hatte. „Ich hoffe, man hat ſeit Eurer Ankunft im Schloſſe ebenſogut für Euch geſorgt, Jungfer, als Ihr für den Herzog von Suffolk und mich geſorgt habt, als wir Eure Hütte beſuchten?“ ſagte er. „Ich habe Alles erhalten, Sire, was ich nöthig hatte,“ antwortete Mabel. „Frau Quanden wird ſich Eurer bis Morgen annehmen,“ verſetzte der König;„dann werdet Ihr bei einer unſrer Damen in Dienſt treten.“ „Eure Majeſtät iſt ſehr gütig,“ ſagte Mabel,—„aber ich möchte lieber bei frühem Morgen zu meinem Großvater zurückkehren.“ „Das iſt nicht nöthig,“ ſagte der König ſtrenge.„Eure Großvater iſt im Schloß.“ „Es freut mich, dies zu hören,“ rief Mabel aus. Je⸗ doch mit verändertem Ton, denn ihr gefiel der Ausdruck in des Königs Mienen nicht, fügte ſie hinzu:„Ich hoffe er hat ſich nicht Eurer Majeſtät Mißfallen zugezogen?“ „Ich denke er wird ſich reinigen können, Mabel,“ ſagte Heinrich,„aber er ſteht in dringendem Verdacht, mit Ver⸗ brechern im Bunde zu ſein.“ Mabel ſchauderte, denn die Erinnerung an das, was ſie in der vergangenen Nacht während des Sturms geſehen Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 43 hatte, drängte ſich in ihr gewaltſam auf. Der König be⸗ merkte ihre Unruhe und fügte in milderem Tone hinzu: „Wenn er ſolche Geſtändniſſe macht, daß die andern zu Ge⸗ richt gezogen werden können, ſo hat er nichts zu befürchten. Frau Quanden, ich übergebe dies Mädchen Eurer Sorgfalt. Morgen wird ſie ihre Stelle als Dienerin bei Lady Eliſa⸗ beth Fitzgerald antreten.“ Bei dieſen Worten begab er ſich mit Bouchier und ſei⸗ nem übrigen Gefolge hinweg und hinterließ Mabel der Ob⸗ hut der gutmüthigen Ehehälfte des Kochs, welche, ihre Augen voller Thränen ſehend, fie aufzuheitern ſuchte und ſie an einen kleinen Seitentiſch führte, wo ſie ihr Wein und Süßig⸗ keiten aufdrängte. „Seid guten Muths, mein Herzchen,“ ſagte ſie in be⸗ ruhigendem Ton,„Eurem Großvater wird kein Leids geſchehen. Dazu ſteht Ihr beim Könige viel zu ſehr in Gunſt.“ „Ich mochte den König viel lieber leiden, als ich ihn bei uns in der Hütte als Kaufmann aus Guildford verkleidet ſah,“ erwiederte Mabel, durch die Thränen lächelnd.„Er ſchien mich hier eben kaum zu bemerken.“ „Das kam daher, daß ſo viele Augen auf Euch gerichtet waren, mein Herzchen,“ antwortete Deborah;„aber um die Wahrheit zu ſagen, ich wollte lieber, er bemerkte Euch ganz und gar nicht.“ Mabel erröthete und ließ den Kovf hängen. „Ich freue mich, daß Ihr bei der Lady Eliſabeth Fitzgerald dienen ſollt,“ fuhr Deborah fort,„denn ſie iſt die ſchönſte junge Dame am Hofe, und eben ſo gütig und leutſelig, als ſchön, und ich bin ſicher, Ihr werdet eine liebreiche Herrin an ihr finden. Ich will euch etwas von ihr erzählen. Sie wird von des Königs Sohn, dem Herzog von Richmond, geliebt, aber ſie erwiedert ſeine Leidenſchaft nicht, denn ihr Herz hängt an dem jungen Grafen von Surrey. Ach! meine 44 Schloß Windſor. Güte! die beiden adlichen Nebenbuhler zankten ſich und zogen die Schwerter um ſie; aber glücklicherweiſe wurden ſie aus einander gebracht, ehe ein Unglück geſchehen war. Der König war gegen Lord Surrey ſehr aufgebracht und ließ ihn auf zwei Monate in den Runden Thurm hier im Schloß ein⸗ ſperren, und da iſt er noch, aber ſeine Zeit iſt bald um.“ „Wie dauert er mich, daß ſie ihn ſo grauſam behandeln,“ bemerkte Mabel mit ſchwimmenden Augen,„und die Lady Eliſabeth auch! Ich werde ihr mit Freuden dienen.“ „Sie ſagen, daß der Graf die ganze Zeit über den Büchern brütet, und Liebesgedichte und Sonette macht,“ ſagte Deborah.„Es iſt doch ſonderbar, daß ſo ein junger Menſch ein Dichter ſein ſollte; aber ich glaube, er hat es von ſeinem Freunde Sir Thomas Wyat.“ „Iſt er ein Freund von Sir Thomas Wyat?“ fragte Mabel raſch. „Ein genauer Freund,“ antwortete Deborah;„den Herzog von Richmond ausgenommen, der jetzt ſein Neben⸗ buhler iſt, hatte er keinen genaueren. Habt Ihr denn Sir Thomas ſchon geſehen, mein Herzchen?“ „Ja, auf einige Augenblicke,“ entgegnete Mabel verwirrt. „Ich hörte, daß er ſich eine Zeit lang im Walde her⸗ umtrieb, ehe er nach Paris reiſ'te,“ ſagte Frau Quanden. „Es ging ein ſonderbares Gerücht, er hätte ſich unter die Bande von dem Jäger Herne begeben. Das muß aber wohl nicht wahr geweſen ſein.“ „Iſt er von Frankreich wieder gekommen?“ fragte Mabel, ohne auf dieſe Bemerkung zu achten.. „Ich glaube nicht,“ antwortete die gute Frau.„Jeden⸗ falls iſt er nicht mit ins Schloß gekommen. Wißt Ihr nicht,“ ſetzte ſie in leiſem, vertraulichen Tone hinzu,„daß der König auf ihn eiferſüchtig iſt? Er war ehemals ein Freier von Lady Anna Boleyn und ſterblich in ſie verliebt; Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 45 und man glaubt, ſeine Sendung nach Frankreich war blos ein Vorwand, um ihn auf die Seite zu bringen.“ „Ich dachte es auch,“ erwiederte Mabel.„Ach! der arme Sir Thomas! der arme Graf von Surrey!“ „Und ach! die arme Mabel Lyndwood, wenn ſie ihr Herz nicht vor dem König bewahrt,“ ſagte Deborah. Mittlerweile wurden die Küchenarbeiten, welche durch die vorhin erzählten verſchiedenen Ereigniſſe und beſonders durch den Kampf der beiden Narren unterbrochen worden waren, aufs eiligſte gefördert und eine Zeit lang war Alles Geſchäftigkeit und Wirrwarr. Sobald aber das Abendeſſen angerichtet und alle Pflichten vollſtändig erfüllt waren, ſetzte ſich Simon Quanden, der ſich eifrig umhergetummelt hatte, in ſeinen Lehnſtuhl und ſtärkte ſich an einem Becher Sectmolken mit geröſteter Brod⸗ ſchnitte. Hob und Nob erhielten ebenfalls ihr Abendeſſen und die Geſellſchaft am Tiſche, die durch die beiden Bogen⸗ ſchützen und Nikolas Clamp vermehrt worden war, ſprach einem von dem Flaſchenhans herbeigebrachten friſchen Vor⸗ rath von Bier und Meth mit erneuerter Kraft zu. Das Geſpräch ſiel dann auf den Jäger Herne, und da alle mehr oder weniger von ihm gehört und einige ihn ge⸗ ſehen hatten, während nur wenige die auf ihn bezügliche Sage kannten, ſo erbot ſich Hector Cutbeard ſie zu erzählen; worauf die ganze Geſellſchaft näher zuſammenrückte, und Mabel und Deborah, um zuzuhören, ihr Geſpräch unterbrachen. V. Die Sage von dem Jäger Herne. „Vor ungefähr anderthalb Jahrhunderten,“ begann Cutbeard,„in der Mitte der Regierung Richard des Zweiten ————— 46 Schloß Windſor. befand ſich unter den Waldhütern ein junger Mann Namens Herne. Er war mehr als ſeine Gefährten in allen Vor⸗ kommenheiten des Waidwerks erfahren und folglich beim Könige, der ſelbſt ein leidenſchaftlicher Liebhaber der Jagd war, ſehr gut angeſchrieben. So oft er im Schloſſe war, pflegte König Richard, ebenſo wie unſer königlicher Heinz, ſich die Zeit mit Jagen, Beizen und Bogenſchießen zu ver⸗ treiben, und bei allen dieſen Gelegenheiten war der junge Förſterburſche ſein beſtändiger Begleiter. Wenn ein Hirſch gejagt werden ſollte, ſo pflegten Herne und ſeine beiden ſchwarzen Hunde von Set. Huberts⸗Zucht ihn mit wunder⸗ barer Geſchwindigkeit niederzurennen; wenn ein wildes Schwein aufgejagt, ein Dachs ausgegraben, ein Fuchs aus dem Bau getrieben, ein Marder herausgebellt oder eine Otter aufgeſpürt werden ſollte, ſo ward Herne dazu ausgewählt. Niemand konnte einen Falken ſo gut wie Herne aufſteigen laſſen, niemand ein Wild ſo ſchnell oder ſo geſchickt auf⸗ ſcheuchen. Aber in dem Maße, als er in der Gunſt des Königs ſtieg, zog der junge Förſter ſich den Haß ſeiner Kameraden zu und ſie verbanden ſich zu ſeinem Verderben. Alle ihre Anſtrengungen waren jedoch vergeblich und ge⸗ reichten ihm eher zum Nutzen als zum Schaden. „Eines Tags begab es ſich, daß der König mit ſeinem Liebling, dem Grafen von Orford, im Walde jagte, als ein großes Hauptwild aufgetrieben wurde und eine fürchterliche Hetze erfolgte, indem der Hirſch ſeine Verfolger bis wenige Meilen vor Hungerford nachlockte; bis dort erſtreckten ſich nämlich damals die Gränzen des Waldes. Das ganze Ge⸗ folge des Königs, ſogar der Herzog von Orford, waren allmählig zurückgeblieben und der königliche Jäger war nur von Herne begleitet, der ſich dicht an ſeiner Seite hielt. Endlich ſetzte ſich der Hirſch zur Verzweiflung getrieben zur Wehre und ſtieß das Pferd des Königs, indem er an ihn Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 47 heranſprengte, ſo heftig, daß es ſich bäumte und ſeinen Reiter abwarf. Im nächſten Augenblick würde das wüthende Thier den König mit ſeinem Geweih durchbohrt haben, wenn ſich Herne nicht zwiſchen dem zu Boden liegenden Monarchen und ſeinen Angreifer geworfen und den für dieſen beſtimmten Stoß aufgefangen hätte. Obgleich auf den Tod getroffen, gelang es dem jungen Jägersmann, ſich ein wenig in die Höhe zu richten und dem Hirſch ſein Jagdmeſſer in die Kehle zu ſtoßen, während der König ſich wieder auf die Beine machte. „Mit der innigſten Betrübniß auf ſeinen unglücklichen Be⸗ freier ſehend, fragte König Richard, was er für ihn thun könne. „Nichts, Sire,— nichts, erwiederte Herne ſtöhnend. Ich bitte Euch nur um ein Grab, denn ich habe eine Wunde erhalten, die mich bald hinein legen wird.“ „Das hoffe ich nicht, mein guter Burſche, antwortete der König in einem Tone, der ihn Muth einflößen ſollte, obgleich ſeine böſen Ahnungen in ſeinen Mienen zu leſen waren; mein beſter Wundarzt ſoll Euch werden.“ „„Keine Kunſt wird mir mehr helfen, antwortete Herne niedergeſchlagen.„Eine Wunde von Hirſchgeweih bringt in die Grube.“ „„Ich hoffe, das Sprichwort wird ſich in deinem Fall nicht bewähren,“ verſetzte der König; zund ich verſpreche dir, wenn du durchkommſt, ſo ſollſt du den Poſten eines Oberförſters mit zwanzig Nobeln jährlich zum Lohn haben. Sollten deine Ahnungen unglücklicherweiſe in Erfüllung gehen, ſo will ich dieſelbe Summe in Meſſen für deine Seele anlegen.“ „„Ich danke Eurer Hoheit demüthigſt, antwortete der junge Mann, zund nehme das letztere Anerbieten an, in Betracht, daß es wohl das einzige iſt, das mir noch nützen kann.“ „Bei dieſen Worten ſetzte er das Horn an die Lippen und das Todtenſignal in ſchwachen Tönen blaſend, ſank er 48 Schloß Windſor. leblos hin. Der König ſprengte gerührt nach Hülfe davon und auf einen muntern Ruf aus ſeinem Jagdhorn fanden ſich alsbald der Graf von Orford und ein Theil ſeines Gefolges, unter denen die Förſterburſchen waren, heran. Die letzteren freuten ſich insgeheim über das ihrem Kame⸗ raden zugeſtoßene Unglück, ſie heuchelten aber die größte Bekümmerniß und eilten mit dem König nach dem Ort, wo der Körper der Länge nach neben dem todten Hirſche lag. „„Es iſt ein Jammer, daß ſeine Seele nicht ſo hinüber⸗ gehen kann, ſagte der König, mitleidsvoll auf ihn herab⸗ ſehend,„denn er wird nur wieder erwachen, um neuen Qualen und einem unvermeidlichen Tode entgegen zu gehen.“ „„Eure Hoheit hat Recht,“ entgegnete der Oberförſter, ein mürriſcher alter Mann Namens Osmond Crooke, der neben ihm hingeknieet war und ſein Jagdmeſſer halb aus der Scheide zog, es wäre beſſer ſeinen Leiden ein Ende zu machen.“ „Was! den Mann ermorden, der eben noch mein eignes Leben gerettet hat!“ rief der König. Ich werde nimmer in eine ſo ſcheußliche That willigen. Ich wollte Jemanden, der ihn heilen kann, eine bedeutende Belohnung geben.“ „Bei dieſen Worten ſprang ein großer finſtrer Mann in ſeltſamer Tracht, den Niemand bis dahin bemerkt hatte, von ſeinem ſchwarzen, unheimlich ausſehenden Pferde und näherte ſich dem Könige. „„Ich nehme Euer Anerbieten an, Sire,“ ſagte dieſe Perſon mit rauher Stimme. Ich will ihn heilen.“ „Wer biſt du, Burſche?“ fragte König Richard arg⸗ wöhniſch. „„Ich bin ein Waidmann,“ erwiederte der lange Menſch, aber ich verſtehe auch etwas Wundarzneikunſt.“ „Und Jagdkunſt obendrein, will ich wetten, Burſche, ſagte der König. Ich müßte mich ſehr irren, wenn du dir nicht mit meinem Wildprett gütlich gethan haſt.“ Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 49 „Er hat eine merkwürdige Aehnlichkeit mit Arnold Sheafe, der wegen Wilddieberei geächtet ward, ſagte Os⸗ mond Crooke, die Augen auf ihn heftend. „„Ich bin kein Geächteter, und heiße auch nicht Arnold Sheafe entgegnete jener. Mein Name iſt Philipp Urswick, und ich kann mich genügend ausweiſen, wenn es Seiner Hoheit gefallen ſollte, ſich nach mir zu erkundigen. Ich wohne auf der Haide bei Bagſhot, wo Ihr heute mit der Jagd vorbeikamt und wo ich mich zu Euch geſellte.“ „Ich habe Euch nicht bemerkt, ſagte Osmond. „Ich auch nicht,— ich auch nicht! riefen die andern Förſter. „„Kann ſein; aber ich habe Euch bemerkt, verſetzte Urs⸗ wick verächtlich; und ich ſage Euch, kein Einziger von Euch varf ſich mit dem braven Jägersmann vergleichen, der hier daniederliegt. Ihr habt ihn alle für rettungslos erklärt. Ich wiederhole es, ich kann ihn heilen, wenn der König es der Mühe werth macht.“ „„Halte dein Verſprechen, Burſche, antwortete der König; und du ſollſt nicht nur freigebig belohnt werden, ſondern auch volle Verzeihung für jedes Vergehen erhalten, deſſen du dich ſchuldig gemacht haben magſt.“ „Gut, erwiederte Urswick. Und ein breites, ſcharf⸗ geſchliffenes Jagdmeſſer aus dem Gürtel ziehend, ſchnitt er den Kopf des Hirſches hart an der Stelle, wo der Schädel am Nacken ſitzt, ab und öffnete ihn von dem äußerſten Ende der Unterlippe bis an das Genick.„Dies muß dem Ver⸗ wundeten auf den Kopf gebunden werden, ſagte er. „Die Förſter ſtarrten ſich verwundert an. Aber der König befahl, daß die ſonderbare Verordnung ausgeführt werden ſollte; worauf der blutende Schädel mit ledernen Riemen auf dem Kopf des Förſters befeſtigt ward. „Ich ſtehe jetzt für ſeine vollſtändige Geneſung binnen einem Monat ein, ſagte Urswick zum Könige; zich muß II. 4 50 Schloß Windſor. ihn aber ſelbſt warten, bis alle Gefahr vorüber iſt. Ich bitte Eure Hoheit dieſen Förſtern zu befehlen, ihn nach meiner Hütte zu tragen.“ „„Ihr hört, was er ſagt, Burſche, rief der König— folgt ſeinen Anordnungen, und das pünktlich, oder Ihr ſollt mir mit Eurem Leben büßen.“ „Es ward alſo eine Bahre aus Baumäſten zuſammen⸗ geſetzt und auf dieſer ward Herne, mit dem Hirſchſchädel feſt auf den Kopf gebunden, von den Förſtern nach Urswick's Hütte, einem kleinen Wohngebäude in der wildeſten Gegend der Bagſhot⸗Haide gebracht. Nachdem ſie den Körper auf ein Lager von getrocknetem Farrnkraut niedergelegt hatten, wollten die Förſter grade abgehen, als Osmond Crvoke zu dem Waidmann bemerkte: Ich bin jetzt gewiß, daß du Arnold Sheafe biſt.“ „Gleichviel wer ich bin, habe ich doch des Königs Ver⸗ zeihung, antwortete Jener mit verächtlichem Lächeln. „„Du mußt ſie dir erſt verdienen, ſagte Osmond. „„Das iſt meine Sache,“ entgegnete Urswick.„Es iſt eher zu befürchten, daß du deinen Poſten als Oberförſter, den der König Herne verſprochen hat, verlieren Birſ als daß es mir mißlingt.“ „„Ich wollte, der Hirſch hätte ihn ganz und gar todt gemacht, brummte Osmond und die übrigen Förſter wieder⸗ holten den grauſamen Wunſch. „„Ihr haßt ihn Alle bitterlich, wie ich ſehe,“ ſagte Urswick. „Was gebt Ihr mir, wenn ich Euch zur Rache verhelfe?“ „Wir haben nichts zu geben, als dann und wann ein fettes Reh, antwortete Osmond; zund allem Anſcheine nach kannſt du dir ſelber zu Wildprett verhelfen.“ „„Wollt Ihr mir ſchwören, meine erſte Forderung zu erfüllen, die ich an Euch machen werde,— wofern es in Eurer Macht ſteht?“ fragte Urswick. Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 51 „Sehr gern, antworteten ſie. „Gut, ſagte Urswick. Ich muß dem König mein Verſprechen halten. Herne wird wieder geſund werden, aber er wird all ſeine Geſchicklichkeit im Bogenſchießen, all ſeine Jägerkünſte verlieren.“ „Wenn du das bewirken kannſt, ſo biſt du der leib⸗ haftige Satan!“ rief Osmond zitternd. „Satan oder nicht, entgegnete Urswick mit triumphi⸗ rendem Gelächter—„Ihr habt einen Bund mit mir ge⸗ ſchloſſen und müßt ihn halten. Jetzt geht. Ich muß den Verwundeten warten.“ „Und die Förſter entfernten ſich voll böſer Ahnungen. „Genau zur verſprochenen Zeit ſtellte ſich Herne in Urs⸗ wick's Begleitung dem Könige vor. Er ſah blaß und mager aus, war aber außer aller Gefahr. König Richard gab dem Waidmann einen Beutel voll Roſenobeln und legte noch ein ſilbernes Jagdhorn zu. Dann ſtellte er Herne als ſeinen Oberförſter an, hing ihm eine goldne Kette um den Hals und ließ ihn im Schloſſe wohnen. „Eine Woche darauf, als Herne ungefähr wieder zu Kräften gekommen war, begleitete er den König auf einen Jagdzug in den Wald, und kaum hatten ſie dieſen betreten, ſo bäumte ſich ſein Pferd und warf ihn ab. Ein ſolcher Anfall war ihm bisher noch nie begegnet, denn er war ein trefflicher Reiter; er ſtand ſehr mißmuthig wieder auf, während die Förſter verſtohlene Blicke miteinander wechſelten. Bald dar⸗ auf ward ein Hirſch aufgejagt, und obgleich Herne einen feurigen Rappen ritt, den der König ihm ſeiner Behendigkeit wegen geſchenkt hatte, ſo blieb er doch der letzte in der Jagd. „„Du biſt außer Uebung gekommen, ſagte der lachend, als er heranritt. „Ich weiß nicht, wie mir iſt, antwortete Herne üet geſchlagen. 52 S91oß Windſor. „„Es kann nicht an dem Rappen liegen,“ ſagte der König, „denn er pyflegt ſo geſchwind wie der Wind zu ſein. Aber ich will dir Gelegenheit geben, deinen Ruf auf andere Art wieder gut zu machen. Du ſiehſt den Hirſch da. Er kann nicht ſiebenzig Ellen weit ſein, und ich habe dich dein Ziel in doppelt ſo großer Entfernung treffen ſehen. Schieß ihn nieder.“ „Herne legte ſeine Armbruſt an und ſchoß den Bolzen ab; allein dieſer verfehlte ſein Ziel, und der Hirſch, von dem Ge⸗ ſchwirre erſchreckt, flog ganz unbeſchädigt das Gehölz entlang. „König Richard runzelte die Stirn und Herne ſtieß einen Schrei des Ingrimms und der Verzweiflung aus. „„Ich will dir ein drittes und noch leichteres Probeſtück geben, ſagte der König. Der alte Osmond Crooke ſoll dir ſeinen Bogen leihen und dein Ziel ſoll jene Elſter ſein.“ „Kaum ſprach er dieſe Worte, und ſchon flog der Pfeil davon. Aber er blieb einige Schritt hinter dem Vogel zitternd in einem Baumſtamm ſtecken. Dem unglücklichen Schützen leuchtete der Wahnſinn aus den Augen, aber König Richard ſprach kein Wort, bis er ihm gegen das Ende des Tags ſagte:„Du mußt deine alte Geſchicklichkeit wieder erlangen, Freund Herne, oder ich kann dich nicht länger als Oberförſter behalten.“ „Die Förſter beglückwünſchten einander insgeheim, denn ſie fühlten wohl, daß ihr Groll befriedigt werden ſollte. „Am nächſten Tag ging Herne, wie er glaubte, allein hinaus, aber er ward von ſeinen Feinden beobachtet. Nicht ein einziger Pfeil wollte treffen und er fand, daß er ſeine Gewalt über Hund und Roß gänzlich verloren hatte. Den Tag darauf ritt er wieder mit dem König auf die Jagd und ſeine Verſehen machten ihn zum Geſpötte der ganzen Geſell⸗ ſchaft. Richard entließ ihn endlich mit dieſen Worten:„Ruhe dich eine Woche lang aus und dann will ich dir noch einen Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 53 Verſuch geſtatten. Wenn es dir dann aber nicht gelingt, ſo muß ich dich nothgedrungen von deinem Poſten entlaſſen.“ „Anſtatt nach dem Schloß zurückzukehren, ſprengte Herne verzweiflungsvoll in den Wald, wo er bis zur Abendzeit blieb. Dann kam er mit verwildertem Blick und in unheim⸗ lichem Aufzuge zurück,— eine zerriſſene roſtige Kette, die er von einem Galgen heruntergenommen hatte, am linken Arm, und den Hirſchſchädel, den er ſich von Urswick hatte geben laſſen, als Helm auf dem Kopf. Sein ganzes Gebahren zeigte, daß er wahnſinnig war, und ſein Zuſtand, der das Mitleiden ſeiner Widerſacher hätte erregen ſollen, verur⸗ ſachte nur ihr Hohngelächter. Nachdem er die unſinnigſten Streiche verübt hatte, entriß er ſich allem Zwange und ver⸗ ſchwand in den Waldungen des Schloßparks. „Eine Stunde darauf fand ihn ein Hauſirer, der von Datchet durch den Park kam, an einem Aſt der Eiche, die Ihr alle kennt, und die ſeinen Namen trägt, mit einem Strick aufgeknüpft. Die Verzweiflung hatte ihn zu der ſchrecklichen That getrieben. Anſtatt ihn abzuſchneiden, lief der Hauſirer nach dem Schloß, um das Ereigniß zu berichten, und die Förſter eilten mit ihm nach dem Baum in der Ueber⸗ zeugung, daß ihre Rache nun vollſtändig erfüllt ſei. Allein der Leichnam war verſchwunden, und alles, was auf deſſen früheres Vorhandenſein an dieſem Orte deutete, war der Strick, der vom Baume herabhing. Man ſuchte überall nach dem Leichnam, aber umſonſt. Als der König von der Sache hörte, war er ſehr betrübt und hätte gern für die Ruhe der Seele des unglücklichen Förſters Meſſen leſen laſſen mögen, aber die Prieſter weigerten ſich deſſen unter dem Vorwande, daß er ſich ſelbſt das Leben genommen habe und deshalb außer dem Schvoße der Kirche ſei. „In dieſer Nacht erhob ſich ein furchtbares Ungewitter, — vielleicht ſo furchtbar, wie das von geſtern Nacht— und 54 Schloß Windſor. während deſſelben ward die Eiche, an der Herne ſich auf⸗ geknüpft hatte, vom Blitze geſpalten. „Der alte Osmond ward augenblicklich wieder in ſeinen Poſten als Oberförſter eingeſetzt; aber er hatte nur wenig Freude davon, denn er fand ſich von demſelben Zauber gebannt, unter dem Herne geſtanden hatte. Seine Bolzen und Pfeile gingen alle fehl, ſeine Hunde verloren ihre Spür⸗ kraft und ſeine Falken wollten ſich nicht wieder herunter⸗ locken laſſen. Halb irre und aus Furcht vor dem Geſpötte ſeiner Kameraden, ſtellte er ſich krank und ließ ſeinen Poſten von ſeinem Gefährten Roger Barfvot verſehen. Aber daſſelbe Unglück befiel jetzt Roger Barfvot, der ohne ein einziges Wild in trüber Stimmung nach Hauſe kam. Vier andere hatten eben ſo wenig Erfolg und es war nun klar, daß die ganze Rotte behert war. „Glücklicherweiſe hatte der König das Schloß verlaſſen, aber ſie ſahen voraus, daß ſie bei ſeiner Rückkunft entlaſſen, wo nicht noch härter beſtraft werden würden. Endlich beſchloſſen ſie nach einer gemeinſamen Berathung, ſich an Urswick zu wenden, der, wie ſie nicht zweifelten, den Zauber würde brechen können. Sie begaben ſich demgemäß nach der Bagſhot⸗ Haide und trugen ihm ihre Angelegenheit vor. Als ſie damit fertig waren, antwortete er ihnen:„Der Fluch von Herneis Blut laſtet auf Euch und kann nur auf Eine Art gehoben werden. Wenn Ihr zum Schloß zurückkehrt, geht an den Baum, wo er ſich aufgehängt hat, und Ihr werdet Fören, was zu thun iſt.“ „Die Förſter hätten ihn gern noch mehr fragen mögen, aber er entließ ſie, ohne weiter zu antworten.“ Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 55 VII. Fortſetzung der Sage von dem Jäger Herne. „Die abendlichen Schatten verlängerten ſich, als die Förſter Bagſhot verließen und es war Mitternacht, als ſie den Schloßpark betraten und ſich der verhängnißvollen Eiche näherten. Es war ſtockfinſter und ſie konnten den Baum nur an ſeinem weißen, zerſplitterten Stamme erkennen. Plötzlich erſchien eine blaue Flamme, wie ein Irrwiſch, flat⸗ terte dreimal um den Baum und blieb dann ſtehen und beleuchtete eine hohe Geſtalt in unheimlicher Kleidung, mit einer roſtigen Kette am linken Arm und einem Hirſchgeweih als Helm auf dem Kopf. Sie erkannten Herne und fielen augenblicklich vor ihm nieder, während ihnen ein fürchter⸗ liches Gelächter in die Ohren gellte. Ohne ſie weiter zu beachten, flog das Geſpenſt, mit der Kette raſſelnd und ſchreckliche Verwünſchungen ausſtoßend, um den Baum. Dann ſtand es ſtill und gebot den entſetzten Zuſchauern mit hohler Stimme, zur nächſten Nacht Hunde und Pferde wie zur Jagd mitzubringen, und verſchwand. „Voll Grauſen kehrten die Förſter nach Hauſe zurück, und der alte Osmond ſuchte am nächſten Morgen den Waidmann wieder auf und erzählte ihm die Begebniſſe der letzten Nacht. „Ihr müßt den Anordnungen des Geſpenſtes Folge leiſten oder es wird Euch noch größeres Unheil befallen, ſagte Urswick. Findet Euch beritten, wie zu einem Jagd⸗ zuge bei dem Baume ein und nehmt den Rappen, den Herne vom König zum Geſchenk erhalten hat, und die beiden ſchwarzen Hunde mit. Das Weitere werdet Ihr dann ſehen. Und ohne ein Wort hinzuzufügen, entließ er ihn. „Osmond berichtete ſeinen Gefährten den Rath des Waid⸗ mannes und dieſe, obgleich voll Furcht, entſchloſſen ſich, ihm 56 Schloß Windſor. nachzukommen. Um Mitternacht ritten ſie alſo nach dem Baum, die ſchwarzen Hunde an der Koppel und Herne's Lieblingsroß geſattelt und angeſchirrt am Zügel führend. Als ſie ihm näher kamen, ſahen ſie die grauſige Geſtalt wieder um den Baum ſchleichen, und hörten ihre fürchter⸗ lichen Verwünſchungen. „Nach Beendigung ſeiner Zauberworte, befahl Herne Osmond, ihm ſein Roß zu bringen, und der alte Mann gehorchte zitternd. Im Nu ſchwang er ſich hinauf und rief im Tone von unwiderſtehlicher Gewalt: IIn den Wald!— in den Wald!“ Mit dieſen Worten ſprengte er davon und die ganze Bande, Mann und Hund, eilte ihm nach. „Fünf oder ſechs Minuten weit ritten ſie in Sturmeseile durch den großen Park, voll Verwunderung, wohin ihr über⸗ irdiſcher Führer ſie bringen würde und feſt in dem Wahn, ſie rännen ihrem Verderben entgegen, als ſie einen Hügel am Moraſt herabkamen und vor einer ungeheuren Buche anhielten, wo Herne abſtieg und gewiſſe geheimnißvolle Worte ausſprach, die er mit wunderſamen Geberden begleitete. „Auf einmal ſchwieg er und blieb bewegungslos ſtehen. Ein Feuerſtrahl ſchoß dann aus den Baumwurzeln hervor und der Waidmann Urswick ſtand vor ihnen. Aber ſein Anblick war furchtbarer und gebieteriſcher, als er den För⸗ ſtern je zuvor geſchienen hatte. „Willkommen, Herne,“ rief er; willkommen, Herr des Waldes! Und auch Ihr, ſeine Gefährten und bald ſeine Untergebenen, willkommen. Die Zeit zur Erfüllung Eures Verſprechens an mich iſt gekommen. Ich verlange von Euch, daß Ihr eine Bande für den Jäger Herne bildet und ihm, als Eurem Anführer dient. Schwört, ihm zu gehorchen und der Zauber, der über Euch hängt, ſoll gebrochen werden. Wo nicht, ſo überlaſſe ich Euch der Gerechtigkeit des Königs.“ „Die Förſter, welche das Anerbieten nich auszuſchlagen Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 57 wagten, leiſteten den verlangten Eid— und ein furchtbarer Eid war es in der That! Sobald er geſprochen war, ver⸗ ſchwand Urswick, wie er gekommen war, in einem Feuer⸗ ſtrahl. Herne befahl den Uebrigen dann abzuſteigen und ließ ſie vor ſich niederknien und Huldigung ſchwören. Darauf blies er ein Signal auf ſeinem Horn, ſprengte geſchwind den Hügel hinan, ein Reh ward aufgejagt und die Jagd begann. Manch fetter Bock ward in dieſer Nacht gehetzt und nie⸗ dergemacht, und eine Stunde vor Tagesanbruch befahl Herne ihnen, die vier ſchönſten und fetteſten zu Füßen der Buche niederzulegen, und entließ ſie mit dem Gebot, ihn um Mit⸗ ternacht bei der zerſplitterten Eiche im Schloßpark zu treffen. „Sie kamen, wie ihnen befohlen war, aber aus Furcht vor Entdeckung ſteckten ſie ſich in ſeltſame Verkleidungen, etwa wie die Schufte, die vor einigen Wochen im großen Park auf Befehl des Königs hingerichtet wurden. Nacht auf Nacht zogen ſie ſolchergeſtalt auf die Jagd, zerſtörten den Wildſtand und begingen tauſend andere Verwüſtungen und Räubereien. Auch blieben ihre lichtſcheuen Umtriebe nicht unbemerkt. Verſpätete Wanderer, die durch den Park kamen, ſahen ſie und erzählten, was ſie geſehen; andere lauerten ihnen auf, ſie waren aber ſo vollſtändig vermummt, daß ſie der Entdeckung entgingen. „Endlich jedoch kehrte der König in's Schloß zurück und augenblicklich ward ihm Bericht über die ſeltſamen Umgänge im Walde erſtattet. Voll Erſtaunen über die Erzählung und feſt entſchloſſen, die Wahrheit derſelben zu prüfen, befahl er den Förſtern, ihn noch in derſelben Nacht auf einen Aus⸗ flug in den Wald zu begleiten, wo er dem geſpenſtiſchen Jäger und ſeiner Bande zu begegnen hoffte. Osmond Crvoke, der als Sprecher auftrat, verſuchte in ſeiner Angſt dem König von dieſem Unternehmen abzurathen, indem er die Gefahr ——— — 58 Schloß Windſor. ſchilderte, die ſie alle laufen würden; dieſer ließ ſich aber nicht abſchrecken, und nun gaben ſie ſich verloren. „So wie die Schloßuhr die Mitternachtsſtunde verkündete, ritt Richard in Begleitung einer zahlreichen Wache und aller Förſter zum Thore hinaus und ſchlug die Richtung nach der zerſplitterten Eiche ein. Als ſie ſich dem Baume näherten, gewahr⸗ tten ſie unter demſelben Herne's Geſtalt auf ſeinem ſchwarzen Roſſe. Heftige Furcht befiel ſämmtliche Zuſchauer, vor allen aber die ſchuldigen Förſter, bei dieſem Anblick. Jedoch der König drang voran und rief:„Warum ſtörſt du die Ruhe der Nacht, unſeliger Geiſt?“ „„Weil ich Rache verlange!“ antwortete Herne mit dumpfer Stimme. Ich bin durch Osmond Crvoke und ſeine Gefährten in meinen jetzigen jammervollen Zuſtand verſetzt worden.“ „„Aber du ſtarbſt durch deine eigne Hand— nicht?“ fragte König Richard. „„Ja,“ antwortete Herne; zich ward aber zu dieſer That durch einen Zauber getrieben, in den die Bosheit dieſer Schurken mich zu bannen wußte. Hänge ſie alle an dieſen Baum und ich will dieſe Wälder nicht mehr beunruhigen, ſo lange du regierſt!“ „Der König ſah ſeine Förſter an. Sie blieben alle verſtockt, mit Ausnahme von Roger Barfoot, der auf die Kniee fallend ſeine Schuld eingeſtand und die andern anklagte. „„Es iſt genug,“ rief der König Herne zu; ſie ſollen alle für ihr Vergehen büßen.“ „Hierauf umhüllte ein Feuerſtrahl das Geſpenſt und ſein Roß, und es verſchwand. „Der König hielt Wort. Osmond und ſeine Kameraden wurden ſämmtlich an dem zerſplitterten Baume aufgeknüpft, und Herne zeigte ſich nie wieder im Walde, ſo lange Richard auf dem Throne ſaß. Er kam aber zu Anfang der Regie⸗ rung Heinrichs des Vierten wieder mit einer neuen Bande Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 59 zum Vorſchein und jagte das Wild bei Nachtzeit. Seine Bande ward zerſtört, aber er bot allen Verſuchen zu ſeiner Gefangennehmung trotz; und ſo iſt es bis auf den heutigen Tag geblieben, denn nicht ein Einziger von den ſieben Mon⸗ archen, die das Schloß ſeit Richards Zeiten innegehabt haben, iſt im Stande geweſen, ihn aus dem Walde zu vertreiben.“ „Ebenſowenig wird es dem jetzigen Monarchen gelingen,“ ſagte eine tiefe Stimme.„So lange der Wald von Windſor ſteht, ſo lange wird Herne, der Jäger, darein hauſen.“ Alle wandten ſich bei dieſer Rede um und ſahen, daß ſie von einem hohen, finſtern Mann in Bogenſchützentracht kam, der hinter Simon Quanden's Stuhl ſtand. „Du haſt deine Geſchichte hübſch genug erzählt, guter Küchenſchreiber,“ fuhr dieſe Perſon fort;„du irrſt dich aber in vielen weſentlichen Umſtänden.“ „Ich habe die Geſchichte erzählt, wie ſie mir erzählt worden iſt,“ ſagte Cutbeard, etwas empfindlich über dieſe Bemerkung;„vielleicht könnt Ihr mich zurechtweiſen, wo ich gefehlt habe.“ „Es iſt wahr, daß Herne ein Förſter unter der Regie⸗ rung Richard des Zweiten war,“ erwiederte der große Bogen⸗ ſchütze.„Es iſt auch wahr, daß er in allen Jägerkünſten wohl bewandert war und beim König in hoher Gunſt ſtand; aber er ward von einem lieblichen Mädchen behert und nicht von einem alten Waidmann. Er raubte eine Nonne und wohnte mit ihr in einer Höhle im Walde, wo er ſeine Mit⸗ förſter um ſich verſammelte und ſie mit des Königs Wildprett und mit des Königs Wein bewirthete.“ „Ein kirchenſchänderiſcher Schuft und ein Taugenichts!“ rief Lancelot Rutter. „Seine Geliebte war wohl recht hübſch, möchte ich wetten,“ ſagte Kit Cov. „Sie war das leibhafte Ebenbild dieſes E — 5 60 Schloß Windſor. verſetzte der lange Bogenſchütze, auf Mabel weiſend,„und hübſch genug, ſein Verderben zu bewirken, denn gerade ſie war das Mittel, womit ihn der Teufel verſuchte. Die Reize, die ſeine Verdammung verurſachten, bewieſen ſich für ſie ſelbſt ebenſo verhängnißvoll, denn in einem Anfall von Eifer⸗ ſucht erſchlug er ſie. Die Reue über dieſe That verleitete ihn zum Selbſtmord.“ „Schön, Eure Wendung der Legende mag mininn die richtige ſein, werther Herr,“ ſagte Cutbeard;„aber ich ſehe nicht, daß ſie eben ſo gut, als meine, über Herne's Geweih Aufſchluß giebt; wenn er nicht etwa mit der Nonne vrrehelicht war, die ihn betrog, wie Ihr ſagt. Aber woher wißt Ihr, daß ſie mit Mabel Lyndwood Aehnlichkeit hatte?“ „Ja wohl, daran dachte ich eben auch,“ ſagte Simon Quanden.„Woher wißt Ihr das, Freund?“ „Ich habe ihr Bildniß geſehen,“ erwiederte der lange Bogenſchütze. „Das hat wohl des Satans Leibmaler gemalt?“ ver⸗ ſetzte Cutbeard. „Wer es gemalt hat, hat ſie auch geſehen,“ entgegnete der lange Bogenſchütze barſch.„Aber wie geſagt, ſie war das leibhaftige Ebenbild dieſes Mädchens.“ Mit dieſen Worten verließ er die Küche. „Wer iſt dieſer Bogenſchütze?“ fragte Cutbeard, ihm nachſehend. Aber Niemand konnte auf die Frage antworten, oder überhaupt ſagen, wann er in die Küche gekommen ſei. „Sonderbar!“ rief Simon Quanden und bekreuzte ſich. „Habt Ihr ihn ſchon einmal geſehen, Mabel?“ „Es kommt mir faſt ſo vor,“ antwortete ſie mit leich⸗ tem Schauder. „Ich vermuthe faſt, daß es Herne ſelbſt war,“ flüſterte Shoreditch ſeinem Gefährten Paddington zu. Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 61 „Wohl möglich,“ antwortete dieſer,„ſein Blick machte mir das Blut in den Adern erſtarren.“ „Ihr ſeht etwas müde aus, mein Herzchen,“ ſagte Debo⸗ rah, die Mabels Unruhe bemerkte.„Kommt mit mir und ich will Euch ein Zimmer anweiſen.“ Die Gelegenheit ſich zu entfernen gern ergreifend, folgte Mabel der guten Frau zur Küche hinaus und ſie ſtiegen eine Wendeltreppe hinan, die ſie in ein geräumiges Gemach im obern Stockwerke von Heinrich des Siebenten Gebäude führte, wo Deborah ſich neben ihre junge Pflegebefohlene ſetzte und eine Menge guter Rathſchläge zum Beſten gab, welche jene mit geziemender Aufmerkſamkeit anhörte und zu befolgen verſprach. VII. Vom dem ſeltſamen Geräuſch im Curfew⸗Thurm. Als Heinrich die Küche verließ und von Bouchier gehört hatte, daß Triſtram Lyndwood im Gefängniß⸗Zimmer im untern Thorwege untergebracht war, begab er ſich dorthin, um ihn zu verhören. Er fand den alten Mann mit auf den Rücken gebundenen Armen auf einer Bank ſitzen; aber obgleich er ſehr unruhig über ſeine Lage zu ſein ſchien, ſo konnte er doch weder durch Drohungen, noch durch Verſpre⸗ chungen zu irgend einem Geſtändniß vermocht werden. Der König verlor endlich die Geduld und ließ ihn unter ſeiner eignen Aufſicht in das Gefängniß unter dem Curfew⸗ Thurm bringen. „Ich werde ſchon Mittel finden, ſeine Halsſtarrigkeit zu brechen,“ ſagte Heinrich, indem er das Gewölbe mit Bou⸗ chier verließ.„Wenn alle andern Mittel fehl ſchlagen, ſo kann ich durch ſeine Enkelin auf ihn wirken. Ich will ihn dieſe Nacht in ihrer Gegenwart verhören.“ 62 Schloß Windſor. „Dieſe Nacht, Sire!“ rief Bouchier aus. „Ja freilich, dieſe Nacht,“ wiederholte der König.„Ich bin entſchloſſen, das hölliſche Gewebe, in dem ich verſtrickt bin, zu durchbrechen, ſollte es auch dieſem Mädchen, das mich ſo bezaubert hat, das Leben koſten. Noch eins, da ich einen Verſuch zur Befreiung des Gefangenen von Seiten Herne's gar nicht für unwahrſcheinlich halte, ſo laßt den Thurm auf ſchärfſte bewachen. Stellt einen Arkebuſier die ganze Nacht durch an die Gefängnißthür und einen andern an den Eingang zum Gemach im Erdgeſchoß. Euer eigner Poſten muß das Dach des Thurmes ſein, damit Ihr jeden Verſuch, ihn von der Stadtſeite zu erſteigen oder durch die Schießſcharten hineinzuſchlüpfen, vereiteln könnt. Haltet genau Wacht, Bouchier, denn ich mache Euch für jeden Unfall verantwortlich.“ „Ich werde mein Beſtes thun, Sire,“ antwortete Bou⸗ chier;„und hätte ich mit einem ſterblichen Feinde zu ſchaffen, ſo würde ich keine Furcht hegen. Aber was nützt alle Wach⸗ ſamkeit gegen einen Geiſt?“ „Ihr habt meine Befehle gehört, und werdet ihnen nach⸗ kommen,“ verſetzte der König barſch.„Ich komme gleich zum Verhör wieder.“ Mit dieſen Worten entfernte er ſich. Tapfer wie ein Löwe bei gewöhnlichen Gelegenheiten, begab ſich Bouchier mit Widerwillen und Aengſtlichkeit auf ſeinen Poſten; und er fand die unter ſeinen Befehlen ſtehen⸗ den Arkebuſiere, obwohl wackere Soldaten, ebenſo unruhig. Herne war jetzt ein Gegenſtand der allgemeinen Furcht im ganzen Schloß geworden, und die Möglichkeit eines Zu⸗ ſammentreffens mit ihm reichte hin, die kühnſte Bruſt zu entmuthigen. Seine Unruhe verbergend, gab Bouchier ſeine Anordnungen im gebieteriſchen Tone und beſtieg dann mit vrei Arkebuſieren die Spitze des Thurms. Es war jetzt dunkel, aber der Mond ging bald auf und ſeine Strahlen erhellten 1 Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 63 alle Gegenſtände ſo deutlich, wie es nur das Tageslicht ge⸗ than haben könnte, ſo daß die Wache ſehr leicht zu halten war. Aber nichts Beunruhigendes ereignete ſich, bis ſich plötzlich in dem unten belegenen Gemach ein Geräuſch, wie das eines gegen ein Brett geſchlagenen Hammers hören ließ. Bouchier eilte mit gezogenem Schwerte die zu dieſem Gemach führenden Stufen hinunter und drang ſo ungeſtüm und unvorſichtig in dem ihn umgebenden Dunkel vor, daß er mit dem Kopf an einen Querbalken ſtieß. Die Heftigkeit der Erſchütterung betäubte ihn einen Augenblick, aber ſobald er ſich erholt hatte, rief er der Wache in dem unteren Ge⸗ mache zu, eine Fackel heraufzubringen. Der Befehl ward auf der Stelle vollzogen; aber mittlerweile hatte das Ge⸗ räuſch aufgehört und obgleich ſie emſig umherſuchten, konnten ſie doch deſſen Urſache nicht entdecken. Dies war jedoch grade nicht zum Verwundern, denn die künſtliche Zimmerung des Gemachs mit ſeinen unzähligen Querbalken, ſeinen tiefen Einſchnitten und Winkeln, ſeinem unſichern und ungleichen Fußboden, ſeinen ſteilen leiterartigen Treppen, war wie zum Verſteck gemacht, da es wegen der Verſchränkungen der Balken den Suchenden durchaus un⸗ möglich war, weit um ſich zu ſehen oder ſchnell umherzu⸗ gehen. Mitten in dem Gemache war eine große hölzerne Abtheilung, welche das ungeſchlachte und ſchwerfällige Werk der Schloßuhr enthielt, und durch dies Gehäuſe lief der Strang in die darüber befindliche Glockenkammer hinauf. Zu jener Zeit waren an allen Schießſcharten Geſchütze auf⸗ gefahren, jetzt ſteht aber nur eine einzige Kanone in einer Stückpforte, welche die Themſeſtraße und die lange nach Eton führende Durchfahrt beherrſcht. Die Ausſicht aus dieſer Stückpforte auf die Etonſchen Haine und die lieblichen vom Fluß beſpielten Ebenen im Nordweſten iſt über alle Be⸗ ſchreibung bezaubernd. 64 Schloß Windſor. Eben ſo maleriſch und ſeltſam iſt der Anblick dieſes Gemachs von einer jetzt zum Theil verſperrten Vertiefung aus; und es iſt faſt unmöglich, unter ſeinem mächtigen Gebälk einherzugehen oder die phantaſtiſchen und doch überraſchenden Zuſammenſtellungen zu betrachten, die es mit den tiefen Ein⸗ ſchnitten, ſteilen Treppen und Fallthüren bildet, ohne das ganze romantiſche Gepräge des Orts zu fühlen und ſeinen Zuſammenhang mit einer Menge von wunderſamen und auf⸗ regenden Geſchichten zu ahnen. Die alten Baumeiſter waren in der That große Romantiker und bauten für Maler und Dichter. Bouchier und ſein Begleiter krochen unter dem großen Balkengewebe umher, guckten in alle Vertiefungen und unter alle Laffetten der Geſchütze. Zwiſchen den beiden Treppen lag ein Haufen Bretter und Balken auf dem Fußboden, aber Niemand war in deſſen Nähe. Das Ergebniß ihrer Nach⸗ ſuchungen diente keineswegs dazu, ihre Unruhe zu vermindern. Bouchier hätte den Soldaten gern in dieſen Räumen Wache halten laſſen, aber weder Bitten noch Drohungen waren im Stande, ihn dazu zu vermögen. Er ward deshalb wieder hinunter geſchickt und der Hauptmann kehrte aufs Dach zurück. Kaum war er auf die Bleiplatten getreten, ſo ließ ſich das Hämmern ſtärker als zuvor vernehmen. Umſonſt befahl Bouchier ſeinen Leuten hinunterzugehen. Keiner wollte ſich rühren; und abergläubiſche Furcht hatte ſich allmählig ſo ſehr des Hauptmanns bemeiſtert, daß er ſich nicht allein hinab⸗ zuſteigen getraute. Zur Vermehrung ſeines Verdruſſes hatte der Arkebuſier die Fackel mit fortgenommen, ſo daß er ganz im Dunkeln hätte vordringen müſſen. Endlich raffte er all' ſeinen Muth zu dem Verſuche zuſammen, aber er hielt bei jeder Stufe an, indem er die Finſterniß zu durchdringen ſtrebte und ſich halb einbildete, als könnte er Herne's Ge⸗ ſtalt neben dem Bauholz unterſcheiden. So viel iſt gewiß, daß der Wiederhall eines teufliſchen Gelächters, vermiſcht Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 65 mit dem Raſſeln der Kette und den ſcharfen Schlägen des Hammers ſein Ohr traf. Das Gelächter ward immer lauter, ſowie Bouchier vorſchritt, das Hämmern hörte auf, und das Geklirre der Kette bewies, daß ihr. geheimnißvoller Eigen⸗ thümer ihm an den Fuß der Treppe entgegenging. Aber der Hauptmann beſaß nicht Feſtigkeit genug für ein ſolches Abenteuer. Den Schutz der Heiligen anrufend, machte er ſich eiligſt auf den Rückweg und ließ die kleine Thür zu Häupten der Treppe hinter ſich zufallen. Das Geſpenſt war dem Anſchein nach mit dem von ihm verurſachten Schrecken zufrieden, denn das Hämmern wiederholte ſich für den Augenblick nicht. IX. Von dem Schwanken des Königs zwiſchen Wolſey und Anna Boleyn. Ehe Heinrich nach den Staatsgemächern zurückkehrte, machte er einen Gang auf den Wällen an der Nordſeite des Schloſſes zwiſchen dem Curfew⸗Thurm und dem Wincheſter⸗ Thurm und verweilte eine Zeit lang auf der Baſtei, welche denjenigen Theil des Hügels beherrſcht, wo jetzt die ſoge⸗ nannten Hundert Stufen angebracht ſind. Hier ſchärfte er den Schildwachen ein, die Nacht hindurch beſonders wachſam zu ſein, und nachdem er einen Augenblick auf den friedlichen, zu Füßen des Schloſſes vorüberfließenden und von den letzten Strahlen der untergehenden Sonne gefärbten Strom hinab⸗ geſchaut hatte, begab er ſich in die königlichen Zimmer und trat in den Speiſeſaal, wo das Abendeſſen ſchon aufgetragen war. Wolſey ſaß ihm zur Rechten, er würdigte ihn aber nicht eines einzigen Wortes, ſondern richtete ſein ganzes Geſpräch an den Herzog von Suffolk, der ihm zur Linken ſaß. Sobald das Mahl beendet war, zog er ſich in ſein 5 66 Schloß Windſor. Gemach zurück. Der Cardinal wollte ſich aber nicht ſo zurück⸗ ſetzen laſſen und ſandte einen ſeiner Begleiter zum König mit der Bitte um eine kurze Audienz, die ihm auch mit einigem Widerſtreben bewilligt ward. „Nun, Cardinal!“ rief Heinrich aus, als Wolſey er⸗ ſchienen war und der Thürſteher ſich entfernt hatte.„Ihr ſpielt ein ſchlaues Spiel mit mir, wie Ihr denkt; aber nehmt Euch in Acht, denn ich durchſchaue es.“ „Ich bitte, verbannt dieſen Argwohn“ aus Eurer Seele, Sire,“ ſagte Wolſey.„Kein Diener war jemals ſeinem Herrn getreuer, als ich Euch geweſen bin.“ „Kein Diener hat jemals beſſer für ſich ſelbſt geſorgt,“. rief der König aufgebracht.„Nicht nur habt Ihr mir Schaden gethan, um Euch zu bereichern, ſondern Ihr habt auch fort⸗ während mit meinen Feinden Ränke geſchmiedet. Ich habe eine Schlange an meinem Buſen genährt und ich will Euch von mir thun— will Euch zertreten, wie ich das ſchädliche Gethier zertreten würde!“ Und er ſtampfte auf den Fußboden, als hätte er den Cardinal unter ſeinen Füßen zermalmen mögen. „Ich beſchwöre Euch, Sire, beruhigt Euch,“ entgegnete Wolſey mit jener ſanften und einſchmeichelnden Stimme, die, wie er wußte, ſelten ihre Wirkung auf den König verfehlte. „Ich habe niemals an meine eigne Vergrößerung gedacht, als inſofern ſie zur Erhöhung Eurer Macht dienlich war. Für die zahlloſen Wohlthaten, die ich aus Euren Händen empfangen habe, ſtrömt meine Seele vor Dankbarkeit über. Ihr habt mich von der geringſten zur höchſten Stellung er⸗ hoben. Ihr habt mich zu Eurem Vertrauten, Eurem Rath⸗ geber, Eurem Schatzmeiſter, und ich kann es wohl ohne allzu große Kühnheit ſagen, zu Eurem Freunde gemacht. Aber ich fordere meine Feinde, die Gift in Eure Ohren gegen mich eingeflößt haben, zum Beweiſe auf, daß ich jemals das 1 — Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 67 in mich geſetzte Vertrauen gemißbraucht hätte. Der einzige Fehler, deſſen man mich zeihen könnte, iſt, daß ich mich mehr mit weltlichen, als mit geiſtlichen Angelegenheiten be⸗ faßt habe, und dies iſt ein Verbrechen, wofür ich dem Himmel verantwortlich bin. Allein ich habe ſo gehandelt, weil ich wußte, daß ich dadurch Eurer Hoheit am meiſten nützen würde. Wenn ich nach dem päbſtlichen Throne geſtrebt habe, wie Ihr wohl wißt, ſo war es nur, um Eurer Majeſtät ein noch mächtigerer Freund zu werden und Euch, wie es Euch zukommt, zum erſten Fürſten der Chriſtenheit zu machen.“ „Pah, pah!“ rief der König, der ſich nichtsdeſtoweniger von dieſer liſtigen Vertheidigungsrede einnehmen ließ.“ „Die Geſchenke, welche ich von fremden Fürſten erhalten habe,“ fuhr Wolſey im vollen Bewußtſein der hervorge⸗ brachten Wirkung fort,„die Reichthümer, welche ich aufge⸗ häuft habe, alles dies iſt nur in der Abſicht, Eurer Majeſtät die Vortheile davon zuzuwenden, geſchehen.“ „Hm!“ rief der König. „Zum Beweiſe, daß ich die Wahrheit ſpreche, Sire,“ fuhr der ränkevolle Cardinal fort,„will ich den Palaſt in Hampton⸗Court, den ich ſo eben vollendet habe—“ „Und zwar mit verſchwenderiſcherem Prunk, als ich ſelbſt darauf verwandt haben würde,“ unterbrach ihn der König zornig. „Wenn ich ihn für mich ſelbſt beſtimmt hätte, würde ich nicht den zehnten Theil dafür ausgegeben haben,“ ver⸗ ſetzte Wolſey.„Eurer Hoheit ungerechte Beſchuldigungen zwingen mich, meine Abſichten etwas frühzeitig zu offenbaren. Geruht,“ rief er aus, ſich dem Könige zu Füßen werfend, „geruht, dieſen Palaſt mit Allem, was darin iſt, anzunehmen. Ihr beliebtet während Eures neulichen Aufenthalts daſelbſt, Euer Wohlgefallen an demſelben zu erkennen zu geben; und ich hoffe, nun da er Euer Eigenthum iſt, wird er eben ſo große Gnade vor Euren Augen finden.“ 68 Schloß Windſor. „Bei der heiligen Jungfrau, ein königliches Geſchenk!“ rief Heinrich—„ſteht auf, Cardinal. Ihr ſeid nicht der hab⸗ ſüchtige, eigennützige Menſch, für den Ihr verſchrieen werdet.“ „Erklärt dies meinen Feinden, Sire, und ich werde überglücklich ſein,“ erwiederte Wolſey.„Ihr werdet den Palaſt annehmenswerther finden, als er Euch beim erſten Anblick ſcheinen mag.“ „Wie ſo?“ rief der König. „Eure Hoheit mögen dieſen Schlüſſel anzunehmen ge⸗ ruhen,“ ſagte der Cardinal;—„es iſt der Kellerſchlüſſel.“ „Ihr habt da wohl einigen auserleſenen Wein,“ rief Heinrich bedeutungsvoll—„den Euch irgend eine religiöſe Stiftung geſchenkt hat— oder den Euch irgend ein fremder Potentat zugeſandt hat— wie?“ „Es iſt ein Wein, der eines Königs würdig iſt,“ erwie⸗ derte der Cardinal.„Eure Majeſtät wird einhundert Orhofte in dieſem Keller finden;— und jedes Orhoft mit Gold gefüllt.“ „Ihr ſetzt mich in Erſtaunen!“ rief der König mit er⸗ heuchelter Verwunderung.„Und alles dies ſchenkt Ihr mir aus freien Stücken?“ „Ganz aus freien Stücken, Sire,“ antwortete Wolſey. „Ja, ich habe es für Euch geſpart. Die Leute denken, ich habe für mich ſelbſt geſorgt, während ich doch nur für Eure Majeſtät geſorgt habe. O! mein theurer König, bei der Ergebenheit, die ich Euch eben bewieſen habe und die ich auch nöthigenfalls mit meinem Leben beweiſen würde, flehe ich Euch an, erſt Alles wohl zu überlegen, ehe Ihr Anna Boleyn auf den Thron erhebt. Ich weiß, daß ich durch dieſen Rath Eure eben wiedergewonnene Gunſt aufs Spiel ſetze. Aber ſogar auf dieſe Gefahr hin muß ich ihn ertheilen. Eure Bezauberung macht Euch für die ſchrecklichen Folgen dieſes Schrittes blind. Dieſe Verbindung iſt allen Euren Unterthanen verhaßt, am meiſten aber allen denen, die nicht ——————— Sidhi Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 69 von den neuen ketzeriſchen Meinungen angeſteckt ſind. Sie wird Euch nie von dem Kaiſer Karl dem Fünften vergeben werden, welcher die ſeiner erlauchten Verwandten zugefügte Schmach zu rächen ſuchen wird; während Franz ſie mit Freuden als einen Vorwand zum Bruch des Waffenſtill⸗ ſtandes mit Euch ergreifen wird. Hiezu kommt noch das Mißfallen des heiligen Stuhls und es wird in die Augen fallen, daß, ſo mächtig Ihr auch ſein mögt, Eure Stellung doch äußerſt gefährlich iſt.“ „Es iſt ſchon zu weit gekommen, als daß ich die Schei⸗ dung mit Ehren aufgeben könnte,“ ſagte Heinrich. „Ich rathe auch nicht ſie aufzugeben, Sire,“ erwiederte Wolſey;„aber laßt Euch dadurch nicht in der Meinung der ganzen Welt ſchaden. Laßt nicht eine Mißheirath ſogar Euren Thron in Gefahr bringen, was, mit Euren eignen Unter⸗ thanen und allen auswärtigen Mächten gegen Euch, noth⸗ wendig geſchehen muß.“ „Ihr ſprecht ſehr eindringlich, Cardinal,“ ſagte Heinrich. „Mein Eifer treibt mich dazu,“ antwortete Wolſey. „Anna Boleyn iſt in keiner Hinſicht der ihr zugedachten Ehre würdig.“ „Und wen haltet Ihr für würdiger?“ fragte Heinrich. „Diejenigen, welche ich Eurer Majeſtät ſchon empfohlen habe, die Herzogin von Alengon oder die Prinzeſſin Renata,“ erwiederte Wolſey;„durch eine Verbindung mit einer von beiden würdet Ihr Euch die aufrichtige Mitwirkung des Königs Franz und die Theilnahme des Römiſchen Stuhls ſichern, deren Ihr im Fall eines Kriegs mit Spanien bedürfen könntet.“ „Nein, Wolſey,“ rief Heinrich, einen haſtigen Gang durchs Zimmer machend;„keine Rückſichten des Eigennutzes oder der Sicherheit ſollen mich verleiten, Anna aufzugeben. Dazu liebe ich ſie zu ſehr. Laßt den Löwen Karl brüllen, den Fuchs Franz knurren und den hydraköpfigen Clemens —— e ————— 70 Schloß Windſor. ſeine Flammen ausſpeien; ich bleibe meinem Vorſatze getreu. Ich will gegen Euch nicht den Heuchler ſpielen, was ich auch gegen andre thun mag. Ich verſtoße Katharinen, um Anna zu heirathen, weil ich ſie auf anderm Wege nicht gewinnen kann. Und ſoll ich jetzt, da ich ſoviel gewagt habe, da ich nur nach dem Preiſe zulangen darf, ſoll ich ihn jetzt auf⸗ geben?— Nimmermehr! Drohungen, Vorſtellungen, Bitten nützen gleich wenig mehr.“ „Ich höre es mit Betrübniß, Sire!“ antwortete Wolſeh, einen tiefen Seufzer ausſtoßend;„es iſt eine Verbindung von übler Vorbedeutung und wird Wehe über Euch bringen, Wehe über Euer Reich und Wehe über die katholiſche Kirche.“ „Und Wehe auch über Euch, hinterliſtiger Cardinal,“ rief Anna Boleyn, welche die Tapete bei Seite ſchob und hervortrat.„Ich habe Alles belauſcht, und aus meinem innerſten Herzen danke ich Euch, Heinrich, für die Liebe, die Ihr mir bewieſen habt. Aber ich gelobe hier feierlichſt, Euch niemals meine Hand zu reichen, ehe nicht Wolſey aus Eurem Rath entlaſſen iſt.“ „Anna!“ rief der König aus. „Meine eigne Feindſchaft würde ich überſehen,“ fuhr Anna gereizt fort,„aber ich kann ihm ſeine Doppelzüngigkeit und Heimtücke gegen Euch nicht vergeben. Er hat Euch eben ſeinen Palaſt zu Hampton⸗Court und ſeine Schätze darge⸗ boten— und weshalb?— ich will es Euch ſagen, weil er befürchtete, ſie würden ihm ohnehin entriſſen werden. Sein Narr hat ihm die kürzlich gemachte Entdeckung ſeines ge⸗ heimen Schatzes hinterbracht und er war deshalb zu dieſem verzweifelten Schritte gezwungen. Aber ich bin von ſeinen Abſichten durch Will Sommers in Kenntniß geſetzt und bin grade zur rechten Zeit gekommen, um ihn zu ſchlagen.“ „Meiner Treu, ich glaube Ihr habt Recht, Liebchen!“ ſagte der König. Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 71 „Geht, erzählt Euren Verbündeten Franz und Clemens, daß des Königs Liebe für mich ſeine Furcht vor ihnen über⸗ wiegt,“ rief Anna mit höhniſchem Lächeln.„Was Euch ſelbſt anbetrifft, ſo achte ich Euch für nichts.“ „Eitles Weib, Euer Hochmuth wird erniedrigt werden,“ verſetzte Wolſey bitter. „Eitler Mann, Ihr ſeid ſchon erniedrigt,“ entgegnete Anna.„Noch vor wenigen Wochen würde ich mich mit Euch verglichen haben. Jetzt bin ich Eure Todfeindin und will nicht ruhen, bis ich Euren Sturz bewirkt habe.“ „Der König wird eine liebenswürdige Gemahlin haben, wahrlich,“ höhnte der Cardinal. „Sie wird wenigſtens ihn lieben und ſeine Feinde haſſen,“ antwortete Anna;„und wird nicht mit dieſen und mit dir Partei nehmen, wie das bei der Herzogin von Alencon oder der Prinzeſſin Renata der Fall ſein würde. Heinrich, Ihr kennt nun die einzige Bedingung, unter der Ihr meine Hand erhalten könnt.“ Der König nickte ihr tändelnd Bejahung zu. „So entlaßt ihn ſogleich,— verbannt ihn,“ ſagte Anna. „Nun, nun,“ erwiederte Heinrich,„die Scheidung iſt noch nicht vollzogen, Ihr ſeid jetzt aufgeregt und werdet die Sache morgen mit kälterem Blute betrachten.“ „Ich werde niemals meinen Entſchluß ändern,“ ent⸗ gegnete ſie. „Wenn meine Entlaſſung und Verungnadung meinen König retten kann, ſo bitte ich ihn, mich unbedenklich auf⸗ zuvpfern,“ ſagte Wolſey;„ſo lange ich aber frei zu ihm reden darf und noch den geringſten Einfluß behalte, werde ich ihn zu ſeinem Nutzen anwenden. Ich erſuche Eure Majeſtät, mich zu beurlauben.“ Auf einen einwilligenden Wink des Königs zog er ſich zurück und ein triumphirendes Lächeln überſtrahlte Annens Züge. 72 Schloß Windſor. X. Wie Triſtram Lyndwood vom König verhört wird. Anna Boleyn blieb noch einige Minuten bei ihrem königlichen Liebhaber, um ihre Dankbarkeit für die ihr be⸗ wieſene Anhänglichkeit vor ihm auszuſchütten und den über Wolſey gewonnenen Vortheil zu befeſtigen. Sobald ſie ſich entfernt hatte, ließ Heinrich einen Thürſteher eintreten, dem er einige Verhaltungsbefehle in Bezug auf Mabel Lyndwood ertheilte, und dann begab er ſich nach dem Curfew⸗Thurm. Man ſagte ihm nichts von dem ſeltſamen Geräuſch, das in dem obern Gemach gehört worden war, denn die Arkebuſiere befürchteten, ſich ſein Mißfallen durch das Ge⸗ ſtändniß ihres Schreckens zuzuziehen, und er ſtieg gleich in das Gefängniß herab. „Nun Burſche,“ ſagte er, den Gefangenen, welcher ſich bei ſeinem Eintritte erhob, ſtreng anblickend,„Ihr habt jetzt lange Bedenkzeit gehabt und ſeid hoffentlich in einer beſſern„ Stimmung, als da ich zuletzt mit Euch ſprach. Ich befehle Euch Alles zu ſagen, was Ihr über den Jäger Herne wißt, und mir genügende Auskunft über den geächteten Schurken, den Morgan Fenwolf, zu geben, um ſeine Verhaftung zu bewerkſtelligen.“ „Ich habe Eurer Hoheit ſchon geſagt, daß mein Mund durch einen Eid des Stillſchweigens verſiegelt iſt,“ antwor⸗ tete Triſtram demüthig, aber feſt. „Hartnäckiger Hund! du ſollſt entweder reden oder ich will dich an der Spitze dieſes Thurms aufhängen laſſen, wie ich Marcus Fytton, den Schlächter, aufhängen ließ,“/zürnte Heinrich. „Ihr mögt Euren Allerhöchſten Willen ausführen laſſen, Sire,“ ſagte der alte Mann.„Mein Leben iſt in Eurer Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 73 Gewalt. Es kommt wenig darauf an, ob es jetzt oder ein Jahr ſpäter beſchloſſen wird. Meine Zeit iſt faſt um.“ „Wenn du für dich ſelbſt ſo wenig beſorgt biſt, ſo wirſt du vielleicht nicht eben ſo gleichgültig gegen Jemand anders ſein,“ rief der König.„Heda! führt ſeine Enkelin herein.“ Der alte Mann ſtutzte über dieſen Befehl und zitterte heftig. Im nächſten Augenblick ward Mabel von Shoreditch und Paddington ins Gefängniß geführt. Hinter ihr kam Nikolas Clamp. Als ſie ihren Großvater erblickte, ſtieß ſie einen lauten Schrei aus und würde auf ihn zugeſtürzt ſein, wenn ſie nicht von ihren Begleitern zurückgehalten worden wäre. „O! Großvater,“ rief ſie;„was habt Ihr gethan?— weshalb finde ich Euch hier?“ Triſtram ſtöhnte und wandte das Geſicht ab. „Er iſt der Verrätherei und der Zauberei angeklagt,“ ſagte der König ſtrenge;„und auf Euch, Mädchen, ruht derſelbe Verdacht.“ „Glaubt es nicht, Sire,“ ſchrie der alte Mann, ſich dem Könige zu Füßen werfend;„o, glaubt es nicht! Welches Urtheil Ihr auch über mich fällen möget, ſeid überzeugt, daß ſie unſchuldig iſt. Sie iſt in Frömmigkeit von einer Laienſchweſter des Kloſters zu Chertſey aufgezogen worden und weiß nichts von dem, was im Walde vorgeht, als nur vom Hörenſagen.“ „Und doch hat ſie Morgan Fenwolf geſehen und ge⸗ ſprochen,“ ſagte der König. „Aber nicht, ſeitdem er geächtet iſt,“ ſagte Triſtram. „Ich habe ihn heute geſehen, als ich ins Schloß ge⸗ bracht wurde,“ rief Mabel;„und“— aber ſie hielt plötzlich inne aus Furcht, ihren Großvater zu verwickeln. „Was ſagte er?— wie!“ fragte der König. „Ich will Euer Majeſtät erzählen, wie es ſich zutrug,“ warf Nikolas Clamp vortretend ein,„denn ich befand mich 74 Schloß Windſor. grade bei dem Mädchen. Er kam plötzlich hinter einem großen Baum auf uns hervor und befahl ihr, ihm zu ihrem Großvater zu folgen.“ „Ha!“ rief der König. „Aber ich bin überzeugt, er hatte keinen Auftrag zu dieſer Aufforderung,“ fuhr Clamp fort.„Mabel traute ihm auch nicht und weigerte ſich, mit ihm zu gehen; und ich würde ihn ergriffen haben, wenn der Satan, dem er dient, ihm nicht hülfreiche Hand geleiſtet hätte.“ „Was ſagt der Gefangene ſelbſt zu allem dieſem?“ bemerkte der König.„Haſt du Fenwolf mit dieſer Botſchaft ausgeſchickt?“ „Ja,“ antwortete Triſtram.„Ich ſchickte ihn, um ſie von dem Gang nach dem Schloſſe abzuhalten.“ Mabel ſchluchzte hörbar. „Du verdammſt dich durch dein eignes Geſtändniß, Schurke!“ ſagte der König,„und du weißt, unter welchen Bedingungen du einzig dich ſelbſt vor dem Henker und deine Enkelin vor dem Scheiterhaufen retten kannſt!“ „O, Gnade, Sire,— Gnade!“ kreiſchte Mabel. „Euer Schickſal liegt in der Hand Eures Großvaters,“ ſagte der König ſtrenge.„Wenn er Euer Seker ſein will, ſo mag er in Stillſchweigen verharren.“ „O! ſprecht, Großvater,— ſprecht!“ rief Mabel. „Was ſchadet die Verletzung eines unheiligen Eides?“ „Gebt mir bis morgen Bedenkzeit, Sire,“ ſagte der alte Mann. „Du ſollſt ſie bis Mitternacht haben,“ antwortete der König,„und bis dahin ſoll Mabel bei dir bleiben.“ „Ich möchte lieber allein bleiben,“ ſagte Triſtram. „Ich zweifle nicht daran,“ entgegnete der König;„es ſoll aber nicht ſein.“ Und ohne einen i auf Mabel zu nen, deren Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 75 Bitten, wie er befürchtete, ſeinen Vorſatz erſchüttern könnten, verließ er das Gewölbe mit ſeinem Gefolge und ließ ſie mit ihrem Großvater allein. „Ich werde um Mitternacht wiederkommen,“ ſagte er zu dem an der Thür Wache haltenden Arkebuſier;„und mittlerweile laß Niemand in das Gefängniß eintreten, ſelbſt den Herzog von Suffolk nicht, wofern er nicht dieſen Siegel⸗ ring vorweiſtt,“ ſetzte er hinzu, indem er ſeine Hand aus⸗ ſtreckte, um den Ring zu zeigen. KI. Von dem Vortheil, den die Königin und der Cardinal auf kurze Zeit errangen. Als der König ganz unbegleitet, denn die Bogenſchützen hatte er im Curfew⸗Thurm gelaſſen, im Rücken der St. Georgen⸗Kapelle neben der nördlichen Einfaſſung vorbeiging, ſtand er einen Augenblick ſtill, um den zinnenbekränzten Ein⸗ gang zu den neuen Geſindehäuſern zu betrachten,— ein Gebäude, das von dem Stiftsherrn und ſpäteren Dechanten von Lichfield, Jakob Denton, im elften Jahre ſeiner eigenen Regierung zur Aufnahme ſolcher Chorſünger, die keinen Platz im Stifte hatten, errichtet worden war. Ueber dem Thor⸗ wege befand ſich(und befindet ſich noch) unter einer Niſche die folgende Inſchrift:—„Aedes pro sacellanorum choris/arum coririis eæxtructa, 4. D. 1519.“ Dies Haus iſt ſeitdem in eine Stiftsherrnwohnung verwandelt worden. Während er dieſen herrlichen Thorweg bewunderte, wie er im vollen Mondenlicht ſchimmerte, kam plötzlich eine hohe Geſtalt hinter einem der Strebepfeiler der Kapelle hervor und packte mit eiſerner Hand ſeinen linken Arm. ————— 76 Schloß Windſor. Die Plötzlichkeit dieſes Angriffs verdutzte ihn, aber er er⸗ mannte ſich bald, riß ſeinen Arm los und fiel mit gezoge⸗ nem Schwerte gegen den Angreifer aus, der jedoch dem Stoß auswich und mit unbegreiflicher Geſchwindigkeit unter dem nach dem Kreuzgang führenden Schwibbogen dahinfloh. Obgleich Heinrich ihn ſo ſchnell als möglich verfolgte, verlor er den Flüchtling doch aus den Augen; aber grade als er den Gang zwiſchen dem Grabgewölbe und der Kapelle zu betreten im Begriff war, bemerkte er Jemand in dem ſüdlichen Gange, der ſich augenſcheinlich vor ihm zu verbergen trachtete; er ſtürzte auf ihn zu, zog ihn ans Licht und erkannte in ihm Niemand anders als Patch, den Narren des Cardinals. „Was treibſt du hier, Schurke?“ rief Heinrich zornig. „Ich warte auf meinen Herrn, den Cardinal,“ ant⸗ wortete der Narr, der vor Schrecken den Kopf verlor. „Du warteſt auf ihn, und das hier!“ rief der König. „Wo iſt er?“ „In jenem Hauſe,“ erwiederte Patch, auf ein prächtiges Bogenfenſter zeigend, das voll Glasmalereien die herrlichen Bögen des nördlichen Ganges überragte. „Das iſt ja des Doctor Sampſon's Haus,“ rief Hein⸗ rich,„deſſelben, welcher Kaplan der Königin war und ein heftiger Widerſacher der Scheidung iſt! Was machte er da?“ „Ich weiß es wahrhaftig nicht,“ antwortete Patch, deſſen Schrecken ſich mit jedem Augenblicke ſteigerte.„Vielleicht habe ich mich im Hauſe geirrt. Ja, wirklich, es muß bei Doctor Voyſeh ſein, die nächſte Thür.“ „Du lügſt, Schuft!“ rief Heinrich zornig;„dein Be⸗ nehmen überzeugt mich, daß irgend ein verrätheriſcher Plan im Werke iſt. Aber ich werde es bald ausfindig machen. Verſuche Lärm zu machen, und ich werde dir die abſchneiden.“ Hiemit ging er auf die Rückſeite des nördlichen Ganges Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 77 und da er die geſuchte Thür unverſchloſſen fand, ſo hob er den Riegel und ging leiſe hinein. Ehe er aber den Flur zur Hälfte zurückgelegt hatte, trat Doctor Sampſon ſelbſt mit einer Lampe in der Hand aus einem Hinterzimmer. Er ſtutzte beim Anblick des Königs und zeigte große Aengſtlichkeit. „Der Cardinal von York iſt hier— ich weiß es,“ ſagte Heinrich mit leiſem Flüſtern.„Führt mich zu ihm.“ „O! geht nicht weiter, mein gnädigſter König,“ rief Sampſon, ihm den Weg vertretend. „Weshalb nicht?“ entgegnete der König.„Ha! welche Stimme höre ich da im Oberzimmer. Iſt ſie hier, nur Wolſey bei ihr? Mir aus dem Wege, Menſch,“ ſetzte er hinzu, indem er den Stiftsherrn bei Seite ſchob und die kurze hölzerne Treppe hinaufeilte. Als Wolſey von ſeiner Audienz beim Könige zurück⸗ kehrte, die ſo unglücklicherweiſe von Anna Boleyn unter⸗ brochen worden war, fand er ſein Vorzimmer mit Haufen von Bittſtellern angefüllt, deren Anträgen er Gehör zu geben genöthigt war, und nachdem er faſt eine halbe Stunde auf dieſe Art aufgehalten worden war, zog er ſich endlich in ein inneres Zimmer zurück. „Elende Sykophanten!“ murmelte er,„ſie beugen das Knie vor mir und leiſten mir größere Huldigungen, als ſelbſt dem Könige— aber obgleich ſie von meiner Gnade gelebt haben und durch meine Hülfe emporgeſtiegen ſind, ſo iſt doch kein Einziger unter ihnen, der mich nicht verlaſſen würde, wenn er meine jetzige Stellung kennte. Nicht ein Einziger, der nicht hülfreiche Hand zu meinem Sturze leihen würde. Nicht ein Einziger, der ſich nicht über mein Ver⸗ derben freuen würde. Aber ſie haben mich nicht getäuſcht. Ich kannte ſie von Anfang an, durchſchaute ihre Leerheit und verachtete ſie. So lange ich noch die Macht habe, will ich einige von ihnen beſtrafen. So lange ich Macht habe!“ 5 78 Schloß Windſor. wiederholte er.„Habe ich denn noch Macht? Ich habe Hampton und meine Schätze ſchon dem Könige übergeben; und nun das Werk der Plünderung einmal begonnen hat, wird der königliche Räuber nicht eher zufrieden ſein, als bis er mich gänzlich entblößt hat; und noch dazu hat ſein Lieb⸗ ling Anna Boleyn meinen Untergang gelobt. Nun, ich werde mich nicht ohne Widerſtand ergeben oder ungerächt fallen!“ Während dieſe Gedanken ſeinen Geiſt durchkreuzten, überreichte ihm Patch, der den günſtigſten Augenblick für ſein Nahen abgewartet hatte, ein kleines ſorgfältig verſiegeltes und mit einer ſeidenen Schnur geſchloſſenes Billet. Wolſey nahm und öffnete es, und indem ſein Auge begierig deſſen Inhalt durchflog, änderte ſich der Ausdruck ſeines Antlitzes ganz und gar. Ein Strahl der Freude und des Triumphs zuckte durch ſeine welken Züge, und den Zettel in die Falten ſeines Gewandes ſteckend, fragte er den Narren, von wem und wann er gebracht worden ſei. „Er iſt von einem Boten des Doctor Sampſon gebracht worden,“ erwiederte Patch,„und ward mir mit dem beſon⸗ dern Befehl übergeben, es Eurer Eminenz unmittelbar nach Eurer Rückkunft und insgeheim zuzuſtellen.“ Der Cardinal ſetzte ſich und ſchien einige Augenblicke lang in tiefe Gedanken verloren; dann erhob er ſich und verließ das Zimmer, indem er zu Patch ſagte, daß er gleich wiederkommen würde. Aber der Narr, welcher Anlage zur Neugierde hatte und ſich nicht gern mit der Hälfte eines Geheimniſſes begnügte, beſchloß ihm zu folgen und ging ihm demgemäß den langen Corridor entlang, eine Wendeltreppe hinab, durch eine geheime Thür neben dem Normänniſchen Thurm quer über die mittlere Schanze nach, und ſah ihn endlich in die Wohnung des Doctor Sampſon hinter dem nördlichen Kreuzgang eintreten. Er war grade im Begriff, in der Hoffnung irgend etwas zu entdecken, die Fenſter des Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 79 Hauſes in Augenſchein zu nehmen, als er, wie ſchon er⸗ wähnt worden, vom Könige ertappt wurde. Wolſey war mittlerweile von Doctor Sampſon an der Thür ſeiner Wohnung empfangen und in ein kleines, mit künſtlich geſchnitztem und glänzend ſchwarzem Eichenholz aus⸗ getäfeltes Zimmer im oberen Stockwerk geführt worden. Eine ſilberne Lampe brannte auf dem Tiſch und in der Ver⸗ tiefung des Fenſters, das mit dichten Vorhängen verhüllt war, ſaß eine majeſtätiſche Frau, die ſich beim Eintritt des Car⸗ dinals erhob. Es war Katharina von Arragonien. „Ich erwarte Eure Befehle, gnädigſte Frau,“ ſagte Wolſey nach einer tiefen Verbeugung. 1. „Ihr habt lange auf Euch warten laſſen,“ ſagte die Königin,„aber ich durfte auf keine größere Eile Anſpruch machen. Es gab eine Zeit, wo eine Aufforderung von Ka⸗ tharina von Arragonien ſchnell und freudig befolgt worden wäre; wo der ſtolzeſte Edelmann des Reichs ihre Botſchaft an Euch ausgerichtet haben würde und wo Ihr durch Haufen von Höflingen in ihr Audienzzimmer gegangen wäret. Jetzt nimmt eine andre ihre Stelle ein und ſie muß heimlich das Schloß betreten, wo ſie einſt herrſchte, um einen Knecht an ihren Feind abzuſenden, ſeinen guten Willen abzuwarten und ihn in der Wohnung eines geringen Stiftsherrn zu empfangen. Die Zeiten haben ſich bei mir geändert, Wolſey — traurig geändert.“ „Ich habe dem Könige aufgewartet, gnädigſte Frau, ſonſt würde ich eher bei Euch geweſen ſein,“ erwiederte Wolſey.„Es betrübt mich aufrichtig, Euch hier zu ſehen.“ „Ich verlange Euer Mitleiden nicht,“ entgegnete die Königin ſtolz.„Ich habe Euch nicht kommen laſſen, um Eurer Bosheit das Schauſpiel meiner Erniedrigung darzu⸗ bieten. Ich habe Euch nicht kommen laſſen, um mich mit erheucheltem Bedauern zu beleidigen, ſondern in der Hoffnung, * ——— 80 Schloß Windſor. daß Euer eigenes Intereſſe Euch bewegen würde, die mir zugefügten Unbilden wieder gut zu machen.“ „Ach! gnädige Frau, ich fürchte, es iſt zu ſpät, den Fehler, den ich begangen habe, zu vergüten,“ ſagte Wolſey im Tone verſtellter Reue und Bekümmerniß. „So geſteht Ihr alſo doch, daß es ein Fehler war!“ rief Katharina.„Nun, das iſt etwas. O! hättet Ihr ein⸗ gehalten, ehe Ihr dies böſe Werk begannt; ehe Ihr den Sturm aufregtet, der mich und Euch vernichten wird. Euer Zwiſt mit meinem Neffen, dem Kaiſer Karl, hat mir viel gekoſtet, aber er wird Euch noch mehr koſten.“ „Ich verdiene alle Eure Vorwürfe, gnädigſte Frau,“ ſagte Wolſey mit erheuchelter Sanftmuth,„und ich will ſie ohne Murren ertragen. Aber Ihr habt mich um einer be⸗ ſondern Angelegenheit willen kommen laſſen, wie ich vermuthe?“ „Ich habe Euch kommen laſſen, um mir zu helfen, ſo⸗ wohl um Euer ſelbſt willen, als um meinetwillen, denn Ihr ſeid in eben ſo großer Gefahr,“ antwortete die Königin. „Verhindert dieſe Scheidung— bringt Anna auf die Seite — und Ihr werdet des Königs Gunſt behalten. Unſre Intereſſen find inſoweit verknüpft, als Ihr mir dienen müßt, um Euch ſelbſt zu dienen. Mein Zweck iſt Zeit zu ge⸗ winnen, um meine Freunde in Thätigkeit zu ſetzen. Euer College iſt mir insgeheim zugethan. Sprecht hier kein Ur⸗ theil aus, ſondern verweiſ't die Sache nach Rom. Mein Neffe, der Kaiſer, wird den Pabſt zu einer Entſcheidung zu meinen Gunſten vermögen.“ „Ich darf des Königs Mißfallen nicht auf dieſe Art Trotz bieten, gnädige Frau,“ antwortete Wolſey. „Heuchler!“ rief Katharina aus.„Ich ſehe jetzt die Falſchheit Eurer Verſicherungen. Alles dies habe ich nur geſagt, um Euch zu verſuchen. Und nun zu dem wirklichen Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 81 Beweggrunde meiner Botſchaft. Ich habe gewiſſe Briefe in meinem Beſitz, die Anna Boleyn beim Könige zu Grunde richten werden.“ „Ha!“ rief der Cardinal freudig aus;„wenn das der Fall iſt, ſo wird uns alles Uebrige leicht werden. Laßt mich dieſe Briefe ſehen, gnädige Frau, wenn ich bitten darf.“ Ehe Katharina antworten konnte, ward die Thüre heftig aufgosworfen und der König ſtand vor ihnen. „So—!“ wüthete Heinrich, einen ſchrecklichen Blick auf Wolſey werfend,„ſo habe ich Euch endlich auf Euren verrätheriſchen Umtrieben ertappt!— Und ihr, Madame,“ ſetzte er zu Katharina gewendet hinzu, die ſeinen Blick ſanft, aber feſt erwiederte,„was führt Euch wieder her? Weil ich geſtern Eure Unbeſonnenheit verziehen habe, denkt nicht, ich werde immer ſo nachſichtig ſein. Ihr werdet das Schloß auf der Stelle verlaſſen. Was Wolſey anbetrifft, ſo ſoll er mir genaue Rechenſchaft über ſein Betragen ablegen.“ „Ich habe nichts zu offenbaren, Sire,“ antwortete Wolſey ſich ermannend.„Ich überlaſſe es der Königin zu erklären, weshalb ich hierher gekommen bin.“ „Dieſe Erklärung ſoll ſogleich gegeben werden,“ ſagte Katharina.„Ich ließ den Cardinal rufen, um ihn zu bitten, Euer Majeſtät dieſe beiden Briefe von Anna Boleyn an Sir Thomas Wyat vorzulegen, damit Ihr beurtheilen könnt, ob ein Mädchen, das ſo ſchreiben konnte, eine paſſende Gemahlin für Euch ſein wird. Ihr glaubtet geſtern meinen Beſchuldigungen wegen ihrer Flatterhaftigkeit nicht. Leſ't dies, Sire, und überzeugt Euch, ob ich die Wahrheit geſpro⸗ chen habe.“ Heinrich warf einen Blick in die Briefe und runzelte die Stirn. „Was ſagt Ihr dazu, Sire?“ rief Katharina mit trium⸗ Miene.„In dem einen gelobt ſe Sir Thomas ——— 82 Schloß Windſor. Wyat ewige Treue und in dem andern, der nach ihrer Ver⸗ bindung mit Euch geſchrieben iſt, ſagt ſie ihm, wenn ſie einander auch nicht mehr wie früher würden treffen können, ſo würde ſie ihn doch immer lieben.“ „Alle tauſend Teufel!“ ſchrie der König.„Wo habt Ihr dieſe Briefe her, Madame?“ „Ein großer finſtrer Mann gab ſie mir, als ich das Schloß geſtern Abend verließ,“ ſagte die Königin.„ Er ſagte, ſie wären bei Sir Thomas Wyat gefunden worden, als er in der Höhle des Jägers Herne im Walde verborgen lag.“ „Wenn ich glauben könnte, ſie hätte ſie geſchrieben,“ rief Heinrich im Uebermaß eiferſüchtiger Wuth,„ſo würde ich ſie auf ewig von mir ſtoßen.“ „Mich dünkt, Eure Majeſtät ſollte leicht entſcheiden können, ob ſie ächt ſind oder nicht,“ ſagte Katharina.„Ich kenne ihre Hand ſehr gut— ach! nur zu gut— und bin von ihrer Aechtheit überzeugt.“ „Ich bin ſicher, daß What in Lady Anna's Zimmer ver⸗ borgen war, als Eure Majeſtät Einlaß begehrte und nicht erhalten konnte,— als der Graf von Surrey ſich für ſie und für ſeinen Freund aufopferte,“ ſagte Wolſey. „Hölle und Verdammniß!“ ſchrie der König, ſich mit geballter Fauſt an die Stirn ſchlagend.„O! Katharina!“ fuhr er nach einer Pauſe fort, während welcher ſie den Wechſel ſeiner Mienen aufmerkſam beobachtete,„und für dieſes leichtſinnige Geſchöpf wollte ich Euch verſtoßen!“ „Ich vergebe Euch, Sire— ich vergebe Euch!“ rief die Königin, ſeine Hand ergreifend und mit Thränen der Dankbarkeit benetzend.„Ihr ſeid getäuſcht worden. Möchte der Himmel Euch bei dieſem Entſchluſſe erhalten!“ „Ihr habt mich gerettet,“ ſagte Heinrich;„aber Ihr dürft hier nicht verweilen. Kommt mit mir in die königlichen Gemächer.“ — Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 83 „Nein, Heinrich,“ antwortete Katharina ſchaudernd— „nicht, ſo lange ſie dort anweſend iſt.“ „Macht keine Bedingungen, gnädige Frau,“ flüſterte Wolſey.„Geht!“ „Sie ſoll morgen entfernt werden,“ ſagte Heinrich. „In dieſem Fall will ich gern meine Gefühle unter⸗ vrücken,“ ſagte die Königin. „Kommt denn, Käthe,“ ſagte Heinrich, ihre Hand ergrei⸗ fend.„Herr Cardinal, Ihr werdet uns begleiten.“ „Zu Euren Befehlen, Sire,“ erwiederte Wolſey.„Wenn dieſe Laune nur anhalten will,“ murmelte er,„ſo wird Alles gut gehn. Aber man muß ſeine Eiferſucht nicht erkalten laſſen. Wäre Wyat nur hier!“ Doctor Sampſon wollte kaum ſeinen Sinnen trauen, als er das erlauchte Paar zuſammen herauskommen ſah, und ein Wort von Wolſey, der ihm den ganzen Zuſammen⸗ hang erklärte, verſetzte ihn in ein Uebermaß von Entzücken. Aber das Erſtaunen des guten Stiftsherrn war nichts in Vergleich zu dem des Hofhaltes, als Heinrich und Katha⸗ rina die königlichen Gemächer betraten und der König ſeine eignen Zimmer augenblicklich zur Aufnahme Ihrer Majeſtät in Stand zu ſetzen befahl. XII⸗ Wie Triſtram und Mabel Lyndwood befreit wurden. Die Nachricht von der Rückkunft der Königin gelangte augenblicklich zu Anna Boleyn und erfüllte ſie mit unbe⸗ ſchreiblicher Unruhe. Alle ihre Träume von Macht und Glanz ſchienen auf einmal zerfließen zu wollen. Sie ließ. ihren Vater, den Lord Rochford, rufen, der in der größten Beſtürzung zu ihr eilte und ſie dringend befragte, ob dieſer 84 Schloß Windſor. außerordentliche Wechſel nicht durch eine Unvorſichtigkeit von ihrer Seite herbeigeführt worden ſein könnte. Sie wies aber dieſen Verdacht auf's beſtimmteſte von ſich ab, indem ſie anführte, daß ſie dem König kaum vor einer Stunde in der freundſchaftlichſten Stimmung und mit der vollen Ueberzeugung, den Sturz des Cardinals vollendet zu haben, verlaſſen hätte. „Ihr hättet Eure Hand nicht gegen ihn erheben ſollen, ehe Ihr den Schlag mit Sicherheit führen konntet,“ ſagte Rochford.„Man kann nicht wiſſen, welchen geheimen Ein⸗ fluß er auf den König ausübt, und wir können noch einen harten Kampf durchzufechten haben. Aber es darf nicht ein Augenblick zur Vereitelung ſeiner Schritte verloren werden. Zum Glück iſt Suffolk hier, und ſeine Feindſchaft mit dem Cardinal wird ihn zu unſerm zuverläſſigen Freunde machen. Wollte der Himmel, Ihr hättet dem Könige nicht neue Ver⸗ anlaſſung zur Eiferſucht gegeben. Das iſt Alles, was ich befürchte.“ Seine Tochter verlaſſend ſuchte er Suffolk auf, der aus Furcht vor einer muthmaßlichen Wiederherſtellung Wolſey's in des Königs Gunſt, ihm von Herzen in dem Kampfe bei⸗ zuſtehen verſprach, und um keine Zeit zu verlieren, begab ſich der Herzog auf der Stelle in das königliche Kabinet, wo er den König verdrießlich auf und abgehend fand. „Eure Majeſtät ſieht verſtört aus,“ ſagte der Herzog. „Verſtört!— freilich!“ rief der König aus.„Es giebt genug, was mich verſtört. Ich will niemals wieder lieben. Ich will das ganze Geſchlecht verſchwören. Hört, Suffolk, Ihr ſeid mein Bruder, mein zweites Ich und kennt alle Geheimniſſe meines Herzens. Bei meiner leidenſchaftlichen Zuneigung für Anna Boleyn,— nach Allem, was ich für ſie gethan habe,— nach Allem, was ich für ſie gewagt habe, — bin ich betrogen worden.“ „Unmöglich, Sire!“ rief Suffolk aus. Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 85 „Ja, ſo dachte ich auch,“ ſagte Heinrich,„und ich war taub für alle gegen ſie vorgebrachten Anſchuldigungen, bis mir Beweiſe vorgelegt wurden, nach welchen ich nicht länger zweifeln konnte.“ „Und worin beſtehen dieſe Beweiſe, Sire?“ fragte Suſolt. „In dieſen Briefen, die bei Sir Thomas Wyat gefunden worden ſind,“ ſagte Heinrich, ihm die Papiere übergebend. „Aber dieſe beweiſen nur das Daſein einer früheren Liebſchaft, Sire,— weiter nichts,“ bemerkte Suffolk, nach⸗ dem er ſie durchgeleſen hatte. „Aber ſie gelobt ihm ewige Treue!“ rief Heinrich;„ſie ſagt, ſie wird ihn ewig lieben!— ſagt dies zu einer Zeit, wo ſie mir Ergebenheit und Liebe ſchwor! Wie kann ich ihr nun noch trauen? Suffolk, ich fühle, daß ſie mich nicht ausſchließlich liebt, und meine Leidenſchaft iſt ſo heftig, ſo verzehrend, daß ſie pöllige Erwiederung fordert. Ich muß ihr Herz ſowohl, als ihre Perſon beſitzen; und ich fürchte, ich habe ſie nur durch meinen königlichen Rang gewonnen.“ „Ich bin überzeugt, Eure Majeſtät irrt ſich,“ ſagte der Herzog. „Könnte ich es glauben!“ ſeufzte Heinrich.„Doch nein— nein, ich laſſe mich nicht betrügen. Ich will dieſe verhäng⸗ nißvolle Leidenſchaft bewältigen. O, Suffolk, es iſt ſchreck⸗ lich, der Leibeigene eines Weibes zu ſein,— eines unbe⸗ ſtändigen, wankelmüthigen Weibes. Aber zwiſchen den Abgrün⸗ den der Liebe und des Haſſes iſt nur ein Schritt, und ich kann von einem zum andern übergehen.“ „Beſchließt nichts ohne Ueberlegung, mein theurer König,“ ſagte Suffolk;„nichts, das Ihr ſpäter bereuen könntet. Laßt Euch nicht von denen beherrſchen, die Eure Eiferſucht angefacht haben und ſie nun ausbeuten möchten. Ueberlegt dieſe Angelegenheit mit Ruhe und dann handelt. Und ehe Ihr entſchloſſen ſeid, geſtattet weder Katharinen, noch Annen ———— 86 Schloß Windſor. Zutritt; und vor Allem laßt Wolſey nicht an Euren Bera⸗ thungen Theil nehmen.“ „Ihr ſeid ſein Feind, Suffolk,“ ſagte der König ſtrenge. „Ich bin Eurer Majeſtät Freund!“ antwortete der Herzog. „Ich bitte Euch, folgt mir dies eine Mal und ich bin künf⸗ tig Eures Dankes gewiß.“ „Gut, ich glaube Ihr habt Recht, mein Freund und Bruder,“ ſagte Heinrich,„und ich will die Regungen der Wuth und der Eiferſucht mäßigen. Morgen früh, ehe ich weder die Königin noch Anna ſehe, wollen wir in den Wald reiten und die Sache weiter überlegen.“ „Eure Majeſtät hat einen weiſen Entſchluß gefaßt,“ ſagte der Herzog. „O! Suffolk!“ ſeufzte Heinrich, hätte 6 dieſe Syrene niemals geſehen! Sie übt eine furchtbare Gewalt über mich, ſie hält meine innerſte Seele gefangen.“ „Ich weiß nicht, ob es zum Guten oder zum Böſen ausſchlägt, daß Ihr Euch gefunden habt, Sire,“ ſagte Suffolk,„aber ich glaube vorauszuſehen, auf welche Seite ſich Euer endlicher Entſchluß neigen wird. Aber es iſt jetzt faſt Mitternacht. Ich wünſche Eurer Majeſtät heilſame und ungeſtörte Ruhe.“ „Bleibt!“ rief Heinrich,„ich will noch den Curfew⸗ Thurm beſuchen und muß Euch mitnehmen. Unterwegs will ich Euch meine Abſichten erklären. Ich wollte Euch faſt anſtatt meiner dorthin ſchicken. Ha!“ rief er aus, einen Blick auf ſeine Hand werfend—„Bei St. Paul! er iſt fort.“ „Was iſt fort, Sire?“ fragte Suffolk. „Mein Siegelring,“ erwiederte Heinrich.„Ich vermiſſe ihn jetzt erſt. Er muß mir von dem Unholde auf mei⸗ nem Rückwege vom Curfew⸗Thurm entriſſen worden ſein. Laßt uns keinen Augenblick verlieren, oder die Gefangenen Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 87 werden von ihm in Freiheit geſetzt werden,— wenn ſie es nicht vielleicht ſchon find.“ Bei dieſen Worten nahm er ein Paar Piſtolen von einem Wandpfeiler, gab eine an Suffolk und ſteckte die andere in ſeinen Gürtel. So bewaffnet verließen ſie die königlichen Gemächer und eilten nach dem Curfew⸗Thurm. In dem Augenblick, als ſie den Hufeiſengang erreichten, begann die Lärmglocke zu läuten. „Hab'ich es nicht geſagt?“ ſchrie Heinrich wüthend;„ſie ſind entwiſcht. Ha! es hört auf!— Was mag geſchehen ſein?“ Ungefähr eine Viertelſtunde nachdem der König den Curfew⸗Thurm verlaſſen hatte, zeigte ſich ein großer Mann im Mantel und kegelförmiger Mütze dem Arkebuſier am Ein⸗ gange zum Gefängniß und verlangte zu den Gefanenen ein⸗ gelaſſen zu werden. „Ich habe des Königs Siegelring,“ ſagte er, den Ring vorzeigend. Der Arkebuſier, welcher den Ring wieder erkannte, ſchloß die Thür auf und ließ ihn ein. Mabel knieete, die Hände zum Gebet gefaltet, neben ihrem Großvater auf dem Fuß⸗ boden, aber als der große Mann ins Gewölbe trat, ſprang ſie auf und ſtieß einen matten Schrei aus. „Was giebt es, Kind?“ rief Triſtram. „Er iſt hier!— er iſt gekommen!“ ſchrie Mabel im Ton des äußerſten Schreckens. „Wer— der König?“ rief Triſtram aufblickend.„Ha! ich ſehe es! Herne iſt gekommen, mich zu befreien.“ „Geht nicht mit ihm, Großvater,“ rief Mabel.„Im Namen aller Heiligen beſchwöre ich Euch, geht nicht mit ihm.“ „Laßt ſie ſchweigen!“ ſagte Herne mit raſcher, gebiete⸗ riſcher Stimme,„oder ich verlaſſe Euch.“ Der alte Mann ſah bittend auf ſeine Enkelin. „Ihr kennt die Bedingungen Eurer Befreiung?“ ſagte Herne. 88 Schloß Windſor. „Ja, ja, ich kenne ſie,“ antwortete Triſtram haſtig und ſchaudernd. „Oh! Großvater!“ rief Mabel, ihm zu Füßen fallend, „ich beſchwöre Euch, laßt Euch nicht mit dieſem fürchterlichen Weſen ein, denn es kann nur auf Koſten Eures Seelen⸗ heils ſein. Ich will lieber auf dem Scheiterhaufen umkom⸗ men— Ihr ſolltet lieber des ſchimpflichſten Todes ſierben, als Euch hiezu verſtehen.“ „Nehmt Ihr ſie an?“ rief Herne, ohne auf ihr Flehen zu achten. Triſtram bejahte es. „Nehmt Euer Wort zurück, Großvater,— nehmt Euer Wort zurück!“ ſchrie Mabel.„Auf meinen Knieen will ich Gnade für Euch vom Könige erbitten und er wird ſie mir nicht verweigern.“ „Solche Verpflichtung kann nicht widerrufen werden, Mädchen,“ ſagte Herne;„und es iſt eben ſo ſehr, um Euch vor dem Könige zu retten, als um ſeiner eigenen Erhaltung willen, daß Euer Großvater einwilligt. Er möchte Euch nicht als Opfer von Heinrichs Lüſten ſehen.“ Bei dieſen Worten zerſchnitt er des Förſters Bande mit dem Meſſer. „Ihr müßt mit ihm gehen, Mabel,“ ſetzte er hinzu. „Ich will nicht!“ rief ſie.„Es ahnt mir, daß eine große Gefahr meiner wartet.“ „Ihr müßt gehen, Mädchen,“ rief Triſtram ärgerlich. „Ich will Euch nicht Heinrichs geſetzloſer Leidenſchaft überlaſſen.“ Unterdeſſen war Herne nach einem von den großen Ein⸗ ſchnitten in der Mauer gegangen und öffnete mittelſt einer Feder den Eingang zu einer geheimen Treppe. Dann winkte er Triſtram zu ſich und flüſterte ihm einige Aibi maßregeln in's Ohr. „Ich verſtehe,“ erwiederte der alte Mann. Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 89 „Geht nach der Höhle,“ rief Herne,„und bleibt dort bis ich komme.“ Triſtram nickte ihm Gehorſam zu. „Komm, Mabel!“ rief er, auf ſie zugehend und ihre Hand ergreifend. „Fort!“ rief Herne mit drohendem Tone. Von den fürchterlichen Blicken und Geberden des Geſpen⸗ ſtes erſchreckt, leiſtete das arme Mädchen keinen Widerſtand, und ihr Großvater zog ſie durch die Oeffnung, die ſich unmit⸗ telbar hinter ihr ſchloß. Ungefähr eine Stunde nachher, als es hart auf Zwölfe ging, öffnete der Arkebuſier, der den großen Fremdling in's Gefängniß gelaſſen hatte und ihn in jedem Augenblick wieder herauszulommen erwartete, die Thür um zu ſehen, was drin⸗ nen vorginge. Groß war ſein Erſtaunen als er das Gemach leer fand! Nachdem er beſtürzt umhergeblickt hatte, eilte er in das obere Gemach, um ſeinen Kameraden das Ereigniß zu berichten. „Dies iſt offenbar ein Werk des Teufels,“ ſugte Shore⸗ ditch;„es iſt nutzlos, dagegen anzukämpfen.“ „Dieſer große ſchwarze Mann war ohne Zweifel Herne ſelbſt,“ ſagte Paddington.„Ich bin froh, daß er uns nichts zu Leide that. Ich hoffe, der König wird ſeiner Bosheit nicht weiter Trotz bieten.“ „Nun, wir müſſen Hauptmann Bouchier von dem Unfall in Kenntniß ſetzen,“ ſagte Shoreditch.„Ich möchte keinen Augenblick in deiner Haut ſtecken, Mat Bee. Der König wird bald kommen und dann—“ „Es iſt unmöglich, die Liſt des Böſen zu ergründen,“ unterbrach ihn Mat.„Ich hätte ſchwören wollen, daß es der königliche Siegelring war, denn ich ſah ihn an des Königs Finger, als er mir den Befehl gab. Ich wollte, es böte ſich mir noch eine ſolche Gelegenheit, den Geiſt zu fangen.“ —— 90 Schloß Windſor. Kaum waren dieſe Worte geſprochen, ſo flog die Thür in einer der Vertiefungen auf und Herne in ſeiner ſeltſamen Tracht mit dem Helm⸗Geweih auf dem Kopf und der roſtigen Kette am linken Arm ſtand vor ihnen. Seine Erſcheinung war ſo ſchreckenerregend und überirdiſch, daß alle vor Grauſen zuſammenfuhren und Mat Bee mit dem Geſicht auf die Erde fiel. „Hier bin ich!“ ſchrie das Geſpenſt.„Nun, Prahler, haſt du Muth, mich zu ergreifen?“ Aber nicht eine Hand erhob ſich gegen ihn. Die ganze Geſellſchaft ſchien von Schrecken übermannt zu ſein. „Ihr wagt nicht, meiner Macht zu trotzen und thut Recht daran,“ rief Herne—„ein Wink meiner Hand, und dieſer alte Thurm würde Euch um die Ohren zuſammen⸗ ſtürzen,— ein Wort von mir würde eine Legion Teufel zu Eurer Peinigung herbeiſchaffen.“ „Aber ſprecht es nicht aus, ich bitte Euch, guter Herne, — lieber Herne,“ ſchrie Mat Bee.„Und vor Allem winkt nicht mit Eurer Hand, denn uns verlangt nicht lebendig begraben zu werden, nicht wahr, Kameraden? Ich würde nimmermehr ſo geſprochen haben, wenn ich gewußt hätte, daß Eure hölliſche Herrlichkeit es hören könnte.“ „Euer königlicher Herr wird eben ſo vergeblich mich zu bekämpfen ſuchen, als er mich unter dem Eichbaum zu be⸗ graben trachtete,“ rief Herne.„Wenn Ihr ferner nach mir verlangt, ſo ſucht mich im obern Gemach.“ Mit dieſen Worten ſprang er die leiterähnliche Treppe hinauf und verſchwand. Sobald ſie ſich von dem Schrecken, der ſie feſſelte, er⸗ holt hatten, ſtürzte Shoreditch und Paddington auf den freien Platz neben dem Thurm und riefen ihren auf dem Dache befindlichen Kameraden zu, daß Herne im oberen Gemache ſei,— eine Mittheilung, die ganz überflüſſig war, da das Hämmern wieder anfing und erſt mit dem Glocken⸗ Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 91 ſchlage Zwölf wieder aufhörte. In dieſem Augenblicke fiel es Mat Bee ein, die Sturmglocke zu läuten; er ergriff den Glockenſtrang und fing an zu ziehen, aber kaum ertönte die Glocke, als ihm auch der Strick von oben abgeſchnitten auf den Kopf fiel. Unter dieſen Umſtänden langten der König und der Her⸗ zog von Suffolk an. Obgleich Heinrich auf die Neuigkeit vorbereitet war, die ihm jetzt hinterbracht wurde, ſo gerieth er doch in die fürchterlichſte Wuth, und ertheilte Mat Bee einen Fauſtſchlag, der ihm bald die Kinnbacken zerſchmettert hätte und ihn taumelnd ans andre Ecke des Zimmers ſchleu⸗ derte. Er hatte nicht gleich verſtanden, daß man Herne im obern Gemach wiſſe; ſobald er aber auf dieſen Umſtand aufmerkſam gemacht worden war, rief er aus—„Ha! Memmen! Habt ihr euch ſo von ihm Trotz bieten laſſen? und doch iſt mir's lieb. Seine Gefangennehmung iſt mei⸗ nen eignen Händen vorbehalten.“ „Setzt Euch nicht ſolcher Gefahr aus, mein theurer König,“ ſagte Suffolk. „Was! nehmt Ihr mit an dieſer weibiſchen Furcht Theil, Suffolk,“ ſchrie Heinrich.„Ich glaubte Euch von derbe⸗ rem Stoffe gemacht. Wenn es Gefahr giebt, ſo bin ich der Erſte ihr entgegen zu gehen. Kommt!“ fügte er hinzu, einem Arkebuſier die Fackel entreißend. Hiemit zog er ſeine Piſtole aus dem Gürtel und ſtürmte die ſteilen Stufen hinan, wäh⸗ rend Suffolk ſeinem Beiſpiele folgte und drei oder vier Arke⸗ buſiere ſich hinterdrein wagten. Unterdeſſen rannten Shoreditch und Paddington hinaus und benachrichtigten Bouchier, daß der König da ſei und hin⸗ aufſteige, um Herne aufzuſuchen, worauf der Hauptmann, ſeine Furcht abſchüttelnd, ſeinen Leuten ihm zu folgen befahl und die kleine Thür zu Häupten der Treppe öffnend, bedächtig hinabzuſteigen anfing, indem er ſich mit dem Schwerte zu⸗ 92 Schloß Windſor. rechtfühlt. Er war ungefähr zur Hälfte hinabgeſtiegen, als Heinrich auf die Platform ſprang. Das Fackellicht fiel auf Herne's geſpenſtiſche Geſtalt, die mit untergeſchlagenen Armen neben dem Holzhaufen zwiſchen den beiden Treppen ſtand. So grauſenerregend war die Erſcheinung des Unholdes, daß Heinrich ihn verdutzt anſtarrte, während Bouchier und ſeine Leute unſchlüſſig auf der Treppe ſtehen blieben. Noch einen Augenblick, und der Herzog von Suffolk hatte die Platform erreicht, auch ließen ſich die Arkebuſiere am Kopfe der Treppe ſehen. „Endlich biſt du in meiner Gewalt, verfluchtes Geſchöpf,“ rief Heinrich.„Du biſt von allen Seiten umringt und kannſt nicht entwiſchen!“ „Ho! ho! ho!“ lachte Herne. „Dies ſoll erproben, ob du ſterblich biſt oder nicht,“ rief Heinrich, bedachtſam mit der Piſtole auf ihn zielend. „Ho, ho! ho!“ wieherte Herne. Und ſo wie der Schuß durch das Gemach knallte, ver⸗ ſank er in den Fußboden und war verſchwunden. „Entkommen!“ ſchrie Heinrich, als ſich der Dampf ver⸗ zog;„entkommen! Heilige Jungfrau! dann muß es wahr⸗ lich der Böſe ſein. Ich zielte mitten auf ſeinen Schädel, und wenn er nicht unverwundbar geweſen wäre, hätte die Kugel ihm das Gehirn zerſchmettern müſſen.“ „Ich hörte ſie von ſeinem gehörnten Helm abprallen und zu Boden fallen,“ ſagte Bouchier. „Was iſt das für ein Kaſten?“ rief Heinrich auf ein ſeltſames, ſargähnliches Behältniß zeigend, das, wie es ſchien, genau an der Stelle ſtand, wo das Geſpenſt verſchwunden war. Niemand hatte es vorher geſehen, obgleich alle ſich des geheimnißvollen Hämmerns erinnerten; und ſie zweifelten nicht, daß dieſer Sarg das Werk des Geſpenſtes ſei. X Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 93 „Brecht ihn auf!“ rief Heinrich;„wir können nicht wiſſen, ob Herne nicht drin verborgen iſt.“ Der Befehl ward mit Widerwillen von den Arkebuſieren vollzogen. Allein es bedurfte keiner Gewalt, denn der Deckel war nicht angenagelt, und als man ihn abhob, zeigte ſich ein menſchlicher Leichnam im Zuſtande der äußerſten Verweſung. „Pah! deckt ihn zu,“ rief Heinrich, ſich vor Ekel ab⸗ wendend.„Wie kam er dahin?“ „Er muß dort von den Mächten der Finſterniß hinge⸗ bracht worden ſein,“ ſagte Bouchier,„vor zwei Stunden als ich dies Gemach durchforſchte, war nichts von einem ſolchen Sarge zu finden. Aber ſeht,“ ſetzte er hinzu, indem er ſich bückte und ein Stück Papier, das vom Sarge herabgefallen war, aufhob,„hier iſt ein Zettel.“ „Gebt her!“ rief Heinrich, und ihn gegen das Licht haltend, las er die Worte—„Der Leichnam Mareus Fytton's des Schlächters,— das Opfer tyranni⸗ ſcher Grauſamkeit.“ Eine ſchreckliche Verwünſchung ausſtoßend, ſchleuderte Heinrich das Papier fort, und den Arkebuſieren befehlend, den Leichnam außerhalb der Stadt am Fuß des Galgens zu verbrennen, verließ er ohne weitere Nachſuchung den Thurm. XIHI. Wie Wolſey vom König verungnadet ward. Am folgenden Tage fand eine Verſöhnung zwiſchen dem Könige und Anna Boleyn ſtatt. Auf einem Ritt durch den großen Park mit ſeinem königlichen Bruder überzeugte ihn Suffolk nicht blos von der Grundloſigkeit ſeiner Eiferſucht, ſondern wußte ihn auch ſtark gegen Wolſey aufzubringen. So verloren die Königin und der Cardinal den vergänglichen 94 Schloß Windſor. Vortheil, den ſie gewonnen hatten, während Anna's Ein⸗ fluß noch höher ſtieg. Ihren Bitten, weder Katharina wieder zu ſehen, noch mit Wolſey fernere Berathungen zu pflegen, ehe das Urtheil des Gerichtshofes gefällt wäre, nachgebend, verließ der König am ſelben Tage das Schloß und begab ſich nach ſeinem Palaſt in Bridewell. Den Kummer der unglücklichen Königin über dieſe plötzliche Umwälzung der Dinge kann man ſich denken. Mißtrauiſch gegen Wolſey und einzig auf den Himmel und die Gerechtigkeit ihrer Sache vertrauend, zog ſie ſich nach Blackfriars zurück, wo ſie bis zum Zuſammentreten des Gerichtshofes verweilte. Was den Cardinal betrifft, ſo beſchloß er, von ſeiner Lage zur Ver⸗ zweiflung getrieben und durch die erduldete Behandlung erbit⸗ tert, anf jede Gefahr Heinrich's Pläne zu vereiteln und ſich an Anna Bolehn zu rächen. In dieſem Zuſtande blieben die Angelegenheiten, bis ſich der Hof, wie früher, im Parlamentsſaale zu Blackfriars verſammelte. Diesmal war Heinrich gegenwärtig und nahm ſeinen Plat unter einem Staatshimmel ein, während die Königin in einiger Entfernung unter ihm ſaß. Gegenüber befanden ſich die Legaten nebſt dem Erzbiſchof von Canter⸗ bury und die ſämmtlichen Biſchöfe. Der Anblick der Ver⸗ ſammlung war ernſt und ehrfurchtgebietend. Manches Auge war auf Heinrich gerichtet, deſſen Miene düſter und drohend war; vor Allen aber die größte Theilnahme erweckte die Kö⸗ nigin, die, wiewohl todtenblaß, doch niemals in den Tagen ihrer höchſten Macht einen majeſtätiſcheren und würdevolle⸗ ren Anſtand bewahrt hatte, als bei dieſer Gelegenheit. Dann begann das gerichtliche Verfahren des Hofes und als der König von dem Rufer aufgerufen ward, antwor⸗ tete er ſogleich auf die Vorladung. Zunächſt ward Katha⸗ rina aufgerufen, aber anſtatt zu antworten, ſchritt ſie auf den Thronhimmel zu, unter welchem der König ſaß, warf Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 95 ſich nieder und richtete eine höchſt eindringliche und beredte Anrede an ihn, nach deren Beendigung ſie ſich erhob und mit einer tiefen Verneigung, am Arm ihres Oberſthofmei⸗ ſters Griffith den Gerichtsſaal verließ. Heinrich befahl dem Rufer, ſie wieder herein zu rufen, aber ſie wollte nicht zu⸗ rückkommen, und als er den von ihrer Anrede auf die Zu⸗ hörerſchaft hervorgebrachten Eindruck bemerkte, bemühte er ſich, denſelben durch eine Lobeserhebung auf ihren Charakter und ihre Tugenden, verbunden mit dem Ausdruck ſeiner inni⸗ gen Betrübniß über den Schritt, den er zur Scheidung von ihr zu thun gezwungen wäre, zu verwiſchen. Aber ſeine Heuchelei frommte ihm wenig und ſeine Rede ward mit Bli⸗ cken ſchlecht verhehlter Ungläubigkeit aufgenommen. Dann wurden einige Worte zwiſchen dem Erzbiſchof von Canter⸗ bury und dem Biſchof von Rocheſter gewechſelt; da die Kö⸗ nigin ſich aber entfernt hatte, ſo vertagte ſich der Hof auf den folgenden Tag, wo er wieder zuſammentrat, und da ſie, der Vorladung ungeachtet, wieder nicht erſchien, ſo ward ſie für widerſpenſtig erklärt. Nach wiederholten Vertagun⸗ gen ward die letzte Sitzung gehalten und von Seiten des Königs das Endurtheil verlangt, worauf Campeggio, wie zwiſchen ihm und Wolſey verabredet worden war, den Aus⸗ ſpruch deſſelben ablehnte, bis er die Sache dem Papſte vor⸗ getragen hätte, und der Hof ſich auflöſte. Ungefähr zwei Monate nach dieſem Ereigniß, während deren die Vollmacht der Legaten widerrufen worden war, wogegen Heinrich die Möglichkeit, die Scheidung durch ſeine eigenen geiſtlichen Höfe mit Umgehung des Römiſchen zu bewerkſtelligen, erwog, erhielten die beiden Cardinäle vom Papſte eine Depeſche mit dem Auftrage, dem Könige eine Vorladung zu übergeben, wonach er an einem beſtimmten Tage durch einen Stellvertreter vor ihm erſcheinen ſollte. Zur Zeit der Ankunft dieſer Urkunde befand ſich Campeggio ————— 96 Schloß Windſor. zufällig bei Wolſey in ſeinem Palaſte zu Eſher, und da der König grade ſeinen Hof zu Windſor hielt, ſo reiſiten ſie beide mit einem Gefolge von beinahe hundert glänzend aus⸗ gerüſteten Reitern nach dem Schloſſe ab. Es war jetzt Mitte September und die Wälder, anſtatt eine gleichförmige grüne Oberfläche darzubieten, glühten in unendlich mannigfaltigem, lieblichen Farbenſpiel. Und den⸗ noch lag, trotz der Schönheit der Landſchaft, etwas Melan⸗ choliſches darin, das Hinſchwinden des Jahres zu beobachten, wie es ſich an den alten Wäldern und ihren ſo hoch mit Laub beſtreuten Gängen bemerkbar machte. Wolſey war ſehr be⸗ wegt.„Dieſe edeln Bäume werden binnen Kurzem ihres Schmuckes beraubt ſein,“ dachte er—„und ebenſo wird es höchſt wahrſcheinlich auch mir gehen— und vielleicht kommt mein Winter noch früher als der ihrige!“ Der Cardinal und ſein Gefolge hatten die Staines⸗ Brücke überſchritten und waren, über Egham gehend, bei Englefield⸗Green in den Großen Park getreten. Sie be⸗ wegten ſich grade den hohen Kamm entlang, welcher die be⸗ waldete Gegend nach dem Schloſſe zu beherrſcht, als ein freudiges Jauchzen aus den darunter befindlichen Lichtungen bis zu ihnen drang; und ein Blick in das Thal zeigte ihnen den König und Anna Boleyn, umgeben von den Falkonieren und einer großen Geſellſchaft zu Pferde, mit der Baizjagd beſchäftigt. Der königliche Trupp ſchien ſo ſehr auf ſeine Beluſtigung bedacht, daß er den Cardinal und ſein Gefolge nicht bemerkte und bald außer deren Geſichtskreis war. Aber als Wolſey den Schneehügel hinab kam und in die lange Allee einbog, hörte er in geringer Entfernung Pferdegetrappel, und bald darauf kamen Heinrich und Anna zwiſchen den Bäumen hervor. Sie waren um etwas mehr als eine Bogenſchußweite dem Cardinal voraus, aber anſtatt anzu⸗ halten, bis er herankäme, hatte der König ſich vielmehr kaum Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 97 davon überzeugt, wer es wäre, als er einen Boten, den man eiligſt nach dem Schloſſe fortſprengen ſah, abſchickte und mit Anna Boleyn nach der entgegengeſetzten Seite des Parks davonritt. Obgleich tief durch dieſe Nichtachtung ge⸗ kränkt, verbarg Wolſey ſeinen Verdruß vor ſeinem Collegen und verfolgte ſeinen Weg nach dem Schloſſe, vor dem er bald anlangte. Das Thor ward bei ſeiner Annäherung weit geöffnet, aber kaum hatte er die untere Schanze betreten, als Sir Heinrich Norris, des Königs Oberkammerdiener, ihm entgegenkam und mit bedauernder Miene meldete, daß ſein königlicher Herr ſo viele Gäſte im Schloß habe, daß er ihn und ſein Gefolge nicht beherbergen könne. „Ich merke, wo Ihr hinaus wollt, Herr,“ erwiederte Wolſey—„Ihr wollt ſagen, daß ich nicht willkommen bin. Nun ſo muß Seine Eminenz der Cardinal Campeggio und ich unſer Quartier in irgend einem Gaſthofe in der Stadt aufſchlagen, denn wir haben nothwendig mit dem König zu ſprechen.“ „Wenn Euer Gnaden Euer Gefolge entlaſſen will,“ ſagte Norris in demüthigem Tone,„ſo könnt Ihr und der Cardinal Campeggio in Heinrich des Dritten Thurm unter⸗ gebracht werden. So viel kann ich verantworten; aber ich darf Euch nicht in die königliche Wohnung aufnehmen.“ Wolſey bemühte ſich, eine unbekümmerte Miene anzu⸗ nehmen und ſeinen erſten Begleiter, Georg Cavendiſh, heran rufend, gab er ihm mit leiſer Stimme einige Verhaltungs⸗ befehle, worauf jener ſich ſogleich an die Spitze des Gefolges ſtellte und ihnen das Schloß mit ihm zu verlaſſen befahl, indem er nur den Narren Patch zu ſeines Herrn Bedienung zurückließ. Campeggio's Diener, deren verhältnißmäßig wenig waren, durften bleiben und ſeine Sänfte ward nach Heinrich des Dritten Thurm getragen— einem Befeſtigungswerke, das, wie ſchon erwähnt worden, ſüdlich von der untern II. 7 98 Schloß Windſor. Schanze, am Rande des ausgetrockneten Grabens um den Runden Thurm ſtand. An den Stufen dieſes Thurms ſtieg Wolſey ab und war eben im Begriff Campeggio durch den Thorweg zu folgen, als Will Sommers, der von ſeiner Ankunft gehört hatte, herantrat und mit einem Gruße er⸗ heuchelter Ehrerbietung ſagte:—„Der König, mein Herr, wird gewiß bedauern, Eurer Eminenz Gefolge nicht beher⸗ bergen zu können; da es aber größer als ſein eignes iſt, ſo werdet Ihr ihm kaum Mangel an Gaftfreundſchaft vor⸗ werfen können.“ „Noch die Höflichkeit ſeiner Bedienten,“ verſetzte Wolſey bitter.„Ich bin jetzt nicht für deine Späße aufgelegt. Mach' dich aus dem Staube, Burſche, oder ich werde dir die Ruthe über deinen Rücken legen laſſen.“ „Hütet Euch, daß der König ſie nicht über Euren eignen legen läßt, Herr Cardinal,“ entgegnete Will Sommers. „Wenn er Euch nach Würden züchtigt, ſo wird Eure Haut röther als Euer Rock werden.“ Und ſein höhniſches Gelächter verfolgte Wolſey, wie das Geziſche einer Schlange, in den Thurm. Etwa zwei Stunden darauf kehrte Heinrich mit ſeinem Gefolge von der Jagd zurück. Der König ſchien aufgeräumter Laune zu ſein und Wolſey ſah ihn herzlich lachen, als Will Sommers mit ſeiner Narrenkolbe auf Heinrich des Dritten Thurm zeigte. Der Cardinal erhielt keine Einladung zur königlichen Tafel, und die Antwort auf ſeine Bitte um eine Unterredung war, daß er und Campeggio am nächſten Morgen, aber nicht eher, im Audienzſaale empfangen werden ſollten. An dieſem Abend ward ein großes Feſt im Schloß gehalten. Maskerade, Tanz und Mahl erheiterten die Ge⸗ ſellſchaft und die freudigen Klänge und Melodieen drangen bis zu Wolſey in ſeine Einſamkeit und nöthigten ihn, eine Vergleichung mit ſeiner früheren Lage anzuſtellen, wo er Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 99 einzig dem Könige beim Feſte nachgeſtanden haben würde. Er legte ſein Haupt auf das Kiſſen, aber genoß keiner Ruhe, und während er ſich fieberiſch auf ſeinem Lager umherwälzte, ſah er die Tapete, mit der die Wand bekleidet war, ſich bewegen, und eine hohe, dunkle Geſtalt hinter ihr hervor⸗ treten. Der Cardinal hätte ſeinen Narren wecken mögen, der in einem kleinen Rollbett zu ſeinen Füßen ſchlief, aber der ſeltſame Beſuch bedeutete ihm, daß er ſich ruhig verhalten ſolle. „Ihr könnt Euch denken, wer ich bin, Cardinal,“ ſagte er,„ſolltet Ihr aber im Zweifel ſein, ſo will ich es Euch ſagen. Ich bin der Jäger Herne! Und nun zu meinem Ge⸗ ſchäft. Da iſt ein Mädchen, die Ihr einſt im Walde beim großen See ſaht und die Ihr zu beſchützen verſpracht. Ihr könnt ihr jetzt beiſtehen— morgen wird es vielleicht außer Eurer Macht ſein.“ „Ich habe genug mit mir ſelbſt zu thun, ohne mich mit Dingen zu befaſſen, die mich nichts angehen,“ ſagte Wolſey. „Dies Mädchen geht Euch etwas an,“ rief Herne. „Leſ't dies und Ihr werdet ſehen, wie.“ Und er warf Wolſey einen Brief zu, den dieſer beim Schein der Lampe durchlas. „Ha! iſt es ſo?“ rief er aus.„Iſt ſie—“ „Still!“ rief Herne,„oder Ihr werdet dieſen Schläfer aufwecken. Es iſt ſo, wie Ihr denkt. Wollt Ihr ſie jetzt nicht unterſtützen? Wollt Ihr ſie nicht mit einem Theil Eurer Schätze bedenken, ehe ſie Euch gänzlich vom König geraubt werden? Ich will Alles thun, was Ihr wünſcht, geheim und ſchnell.“ „So geht nach meinem Palaſt zu Eſher,“ rief der Cardinal.„Nehmt dieſen Schlüſſel zu meinem Schatzmeiſter — es iſt der Schlüſſel zu meinen Koffern. Laßt Euch von ihm die ſechs Käſtchen im Kabinet neben dem vergoldeten Zimmer geben. Hier iſt ein Zeichen, an dem er erkennen wird, daß Ihr von mir kommt,“ ſetzte er hinzu, indem er 100 Schloß Windſor. ihm eine kleine goldene Kette übergab,„denn es iſt ſo unter uns verabredet worden. Ihr werdet doch gewiß dieſe Schätze an Mabel geben?“ „Seid ohne Furcht,“ erwiederte Herne. Und die Hand ausſtreckend, um den Schlüſſel und die Kette in Empfang zu nehmen, ſchlich er hinter die Tapete und verſchwand. Dieſe ſonderbare Begebenheit zerſtreute Wolſey's Ge⸗ danken ein wenig; es dauerte aber nicht lange, ſo floſſen ſie wieder in ihrem alten Bette. Der Schlaf ließ ſich nicht herbeibeſchwören, und ſobald der erſte Tagesſchimmer ſich blicken ließ, ſtand er auf, hüllte ſich in ſein Gewand, verließ das Zimmer und ſtieg die Wendeltreppe nach dem Dach des Thurms hinauf. Der Morgen verſprach ſchön zu werden, aber es war noch dunſtig und der größte Theil des Waldes in Nebel verhüllt. Das Schloß jedoch zeigte ſich zu ſeinem größten Vortheil. Ueber Wolſey erhob ſich das unermeßliche Gebäu des Runden Thurms, auf deſſen Gipfel eben die breite Standarte entfaltet wurde, während die verſchiedenen Zinnen und Thürme majeſtätiſch um ihn in die Höhe ragten. Aber Wolſey's Blick heftete ſich vorzüglich auf das unter ihm befindliche köſtliche Mauſoleum, in dem er ſich zum Theil ein prächtiges Denkmal erbaut hatte. Ein ſcharfer Stich durchzuckte ihn, als er es betrachtete, und er rief laut:— „Auch mein Grab wird mir dieſer raubſüchtige König nehmen, und nach allen meinen Sorgen, allen meinen Koſten weiß ich nicht, wo ich mein Haupt hinlegen ſoll.“ Solchen trüben Gedanken nachhängend, ſtieg er in ſein Zimmer hinab und warf ſich wieder auf ſein Lager. Aber Wolſey war nicht die einzige Perſon im Schloſſe, die eine ſchlafloſe Nacht durchwacht hatte. Unter der Schaar ſeiner Feinde wurden viele durch die Vorempfindung ſeines Sturzes am nächſten Morgen wachgehalten, und unter dieſen N Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 101 war Anna Bolehn, die vom König die Verſicherung erhalten hatte, daß ihr Groll endlich vollkommen befriedigt werden ſollte. Zur beſtimmten Stunde begaben ſich die beiden Car⸗ dinäle nach der königlichen Wohnung. Sie mußten eine Zeit lang im Vorzimmer warten, wo Wolſey dem Hohn und Spott der Höflinge ausgeſetzt war, die ihm noch kürzlich ſo ſtlaviſch geſchmeichelt hatten. Endlich wurden ſie in das Audienzzimmer eingeführt, an deſſen oberem Ende Heinrich, mit Anna Boleyn zu ſeiner Rechten, unter einem mit dem königlichen Wappen in Gold durchwebten Thronhimmel ſaß. Zu Füßen des Thrones ſtand Will Sommers und neben ihm die Herzöge von Richmond und Suffolk. Norfolk, Rochford und eine Unzahl andrer Edelleute, lauter Feinde des Cardinals, waren ebenfalls anweſend. Heinrich beobach⸗ tete die Annäherung der Cardinäle mit zornigem Blick und als ſie ihm ihre Unterthänigkeit bezeugt hatten, winkte er ihnen, ſich zu erheben. „Ihr habt eine unterredung mit mir nachgeſucht, Mylords,“ ſagte er mit unterdrücktem Grimme.„Was begehrt Ihr?“ „Wir bringen Euch eine urkunde, Sire,“ ſagte Wolſey, „die eben von Seiner Heiligkeit dem Pabſte angelangt iſt.“ „Weß Inhalts iſt ſie?“ ſagte Heinrich. „Es iſt eine Vorladung,“ erwiederte Wolſey,„durch die Eure Hoheit aufgefordert wird, bei Strafe von zehn tauſend Dukaten durch einen Stellvertreter am päbſtlichen Hofe zu erſcheinen.“ Hiermit überreichte er ein mit dem großen Inſiegel von Rom verſehenes Pergament dem Könige, der zornig das Auge darüber gleiten ließ und es dann mit einem fürchter⸗ lich anzuhörenden und anzuſchauenden Ausbruche von Wuth zu Boden ſchleuderte. 102 Schloß Windſor. „Ha! bei Sanct Georg!“ ſchrie er;„bin ich ein Nichts, daß der Pabſt mich ſo zu beſchimpfen wagt?“ „Es iſt nur eine gerichtliche Form, Eure Majeſtät,“ vermittelte Campeggio;„und ſeine Heiligkeit beabſichtigt da⸗ mit hauptſächlich nur, Euch wiſſen zu laſſen, daß wir in der Eheſcheidungsſache weiter keine Gerichtsbarkeit ausüben dürfen.“ „Ich will ſchon ſorgen, daß weder Ihr noch Seine Heiligkeit ſie ausübt,“ wüthete der König.„Bei meines Vaters Haupt! er ſoll ſehen, daß ich nicht länger mit mir ſpielen laſſe.“ „Aber, Sire—,“ rief Campeggiv. „Schweigt,“ ſchrie der König.„Ich will nicht Beſchö⸗ nigungen noch Entſchuldigungen hören. Der Schimpf iſt zugefügt worden und kann nicht ausgelöſcht werden. Was Euch anbetrifft, Wolſey—“ „Sire?“ rief der Cardinal, vor dem Wirbelwind der Leidenſchaft, der ſein gänzliches Verderben zu drohen ſchien, zurückbebend. „Was Euch anbetrifft, ſage ich,“ fuhr Heinrich fort, die Hand nach ihm ausſtreckend, während ſeine Augen Flam⸗ men ſprühten,„der Ihr durch Euren unmäßigen Hochmuth ſo lange unſte Ehre gekränkt,— der Ihr durch Eure uner⸗ ſättliche Habſucht und Gierde nach Reichthümern unſte Unter⸗ thanen gedrückt,— der Ihr durch Eure mamnigfaltigen Be⸗ ſtechungen und Erpreſſungen unſer Königreich ausgeſogen, und durch Eure Grauſamkeit und Parteilichkeit den gehöri⸗ gen Lauf der Gerechtigkeit gehemmt und nach Euren eignen Zwecken gelenkt habt,— die Zeit iſt gekommen, wo Ihr die gebührende Strafe für Eure Vergehen empfangen ſollt.“ „Ihr thut mir unrecht, mein theurer König,“ rief Wolſey kriechend.„Das ſind die Beſchuldigungen meiner Feinde. Bewilligt mir ein geduldiges Ohr und ich will Alles erklären.“ „Ich möchte nicht des Königs Erbitterung gegen Euch Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 103 erhöhen, Herr Cardinal,“ ſagte Anna Boleyn,„denn ſie iſt ſcharf genug; ich kann es aber nicht hingehen laſſen, daß Ihr dieſe Anklagen für bloße Feindſeligkeiten erklärt. Diejenigen, welchen des Königs Ehre und Würde am Herzen liegt, müſ⸗ ſen Euch aus ſeinem Rath entfernt wünſchen.“ „Ich bin bereit, deine Stelle einzunehmen, Herr Cardi⸗ nal,“ ſagte Will Sommers;„und will meine Narrenkolbe gegen deinen Kanzler⸗Stab, meine Schellenkappe gegen dei⸗ nen Cardinalshut austauſchen.“ „Schweigt!“ donnerte der König.„Drängt Euch nicht zwiſchen mich und den Gegenſtand meines Zorns. Eure Ankläger, Wolſey, ſind nicht Einer, ſondern Viele; ja, mein ganzes Volk ſchreit nach Gerechtigkeit gegen Euch, und ſie ſollen ſie haben. Aber Ihr ſollt die Anklagen hören, die gegen Euch erhoben werden. Erſtlich habt Ihr Euch, unſrer königlichen Prärogative zuwider und zu eignem Nutzen und Vortheil, vom Pabſte mit legatoriſcher Gewalt bekleiden laſſen, kraft welcher Ihr nicht nur viele religiöſe Stiftungen geplündert und ihres Vermögens beraubt, ſondern Euch auch einen großen Theil unſrer Gerichtsbarkeit angemaßt habt. Ihr habt auch ohne unſte Zuſtimmung mit dem König von Frankreich einen Vertrag für den Pabſt gemacht und einen andern freundſchaftlichen Vertrag uuter unſerm großen In⸗ ſiegel und in unſerm Namen, ohne unſre Genehmigung, mit dem Herzog von Ferrara abgeſchloſſen. Und fernerweit habt Ihr Euch in Euren Briefen und Geſchäftsanweiſungen mit unſrer königlichen Perſon zuſammenzuſtellen SRh als wäret Ihr uns am Range gleich.“ „Ha! ha!„Der König und ich beauftragen Euch!“ „Der König und ich danken Euch herzlich!“ Hieß es nicht ſo, Cardinal?“ ſchrie Will Sommers.„Ihr werdet bald Kappe und Schellen gewinnen.“ „In Ausübung Eurer legatoriſchen Vollmacht,“ fuhr —————— 104 Schloß Windſor. der König fort,„habt Ihr der Würde unſrer Krone zuwider Pfründen vergeben, wofür Ihr die Einziehung Eurer Lände⸗ reien und Güter zu gewärtigen habt.“ „Eine Confiscativn, Cardinal,“ ſchrie Will Sommers. „Eine Confiscation!— ha! ha!“ „Dann habt Ihr ſtets alle Geſandten an unſerm Hofe zuerſt in Eurem eignen Palaſt empfangen,“ fuhr Heinrich fort—„um ihre Aufträge und Abſichten anzuhören und ſie nach Eurem Gutdünken zu beſcheiden. Auch habt Ihr ſolche Kunſtgriffe gebraucht, daß alle Briefe vom Auslande zuerſt in Eure Hände kamen, wodurch Ihr Euch mit deren Inhalt bekannt gemacht, und uns und unſern Rath Euren Ränken Folge zu leiſten gezwungen habt. Ihr habt auch an alle unſre auswärtigen Geſandten über unſre Angelegen⸗ heiten in Eurem eignen Namen und ohne unſre Genehmi⸗ gung geſchrieben, und Briefe von ihnen in Antwort em⸗ pfangen, wodurch Ihr Eure eignen Pläne zu fördern geſucht habt. Durch Euren Ehrgeiz und Hochmuth habt Ihr viele unſrer armen Unterthanen zu Grunde gerichtet, habt religiöſe Stiftungen aufgehoben und Euch ihre Güter zugeeignet, habt Euch der Hinterlaſſenſchaft begüterter Geiſtlichen bemächtigt, habt alle geiſtlichen Obern gezwungen, ſich jährlich mit Euch abzufinden, habt Reichthümer zuſammengeſcharrt für Euch und Eure Diener durch Verdrehung der Geſetze und durch Mißbrauch Eurer Vollmachten, indem Ihr verſchiedene päbſt⸗ liche Abläſſe außer Wirkung ſetztet, bis es Euch beliebte, ſie gegen das Verſprechen einer jährlichen Penſion wieder in Kraft treten zu laſſen, und Ihr habt auch durch liſtige und unwahre Gerüchte Zwiſtigkeiten unter unſerem Adel anzufachen geſucht.“ „Dafür können wir uns alle verbürgen,“ ſagte Suffolk. „Es war niemals luſtig in England, ſo lang wir Cardi⸗ näle unter uns hatten.“ Viertes Buch: Cardinal Wolſey. 105 „Von allen Leuten in England ſollte Eure Durchlaucht am letzten ſo ſprechen,“ verſetzte Wolſey;„denn wenn ich nicht Cardinal geweſen wäre, ſo würdet Ihr keinen Kopf auf den Schultern gehabt haben, um dieſe Schmähung auszuſtoßen.“ „Nichts mehr davon!“ rief der König.„Ihr habt Euch in Eurem Betragen an unſerm Hofe überhoben, indem Ihr in unſrer Abweſenheit eben ſo viel Prunk zur Schau trugt, als wären wir in Perſon gegenwärtig geweſen, und habt Euch erfrecht, Euer Abzeichen, den Cardinalshut, unter unſer Wappen auf die in York geſchlagenen Münzen hinzu⸗ ſetzen und einprägen zu laſſen. Und ſchließlich— ſo oft im offnen Parlament auf Ketzereien und irrende Secten ange⸗ ſpielt ward, habt Ihr, zur Gefahr der Geſammtheit unſers getreuen und chriſtlichen Volks in dieſem unſerm Königreich, ſie zu tadeln und zurechtzuweiſen unterlaſſen.“ „Dieſe letzte Beſchuldigung ſollte mich wenigſtens in den Augen einer erklärten Anhängerin des Lutheriſchen Glau⸗ bens Gnade finden laſſen,“ ſagte Wolſey zu Anna.„Ich weiſe ſie aber von mir, wie alle übrigen.“ „Ich will keine Vertheidigung anhören, Wolſey,“ erwie⸗ derte der König.„Ich will Euch zu einer furchtbaren War⸗ nung für Andere machen, wie ſie uns und unſere Geſetze in Zukunft verletzen.“ „Verdammt mich nicht ungehört,“ rief der Cardinal, ſich auf die Kniee werfend. „Ich habe ſchon zu viel gehört und will nichts mehr hören!“ rief der König zornig.„Ich entlaſſe Euch für immer aus meiner Gegenwart. Seid Ihr unſchuldig, wie Ihr behauptet, ſo ſoll Euch Gerechtigkeit widerfahren. Seid Ihr ſchuldig, wie ich es glaube, ſo verſeht Euch keiner Nachſicht von mir, denn ich will Euch keine ſchenken.“ Und ſich niederlaſſend wandte er ſich flüſternd an Anna: „Seid Ihr zufrieden, Liebchen?“ 106 Schloß Windſor. „Ich bin's,“ antwortete ſie.„Jetzt werde ich mein Ge⸗ lübde nicht brechen. Heimtückiſcher Cardinal,“ fügte ſie laut hinzu,„Euer Reich iſt zu Ende.“ „Das Eurige mag wohl nicht viel länger dauern, gnä⸗ diges Fräulein,“ verſetzte Wolſey bitter.„Der Schatten der Art,“ ſetzte er hinzu, auf den Widerſchein einer Hellebarde am Boden zeigend,„iſt zu Euren Füßen. Nicht lange, und ſie mag ſich bis zu Eurem Haupte erheben.“ Und begleitet von Campeggio, verließ er langſam den Audienzſaal. Hier endet das vierte Buch der Chronik von Schloß Windſor. Fünftes Buch. — — 2 * 5 * — S 60 S 6 um mn—— — 3 I. Wie der Graf von Surrey und die ſchöne Geraldine ſich in König Jakobs Laube im Schloßgraben trafen; und wie ſie vom Herzog von Richmond überraſcht wurden. Mm die Reihenfolge der Ereigniſſe, mit denen das zweite Buch dieſer Chronik ſchloß, ununterbrochen fortzu⸗ führen, erachteten wir es für zweckmäßig, die Einheit der Zeit, inſofern ſie einige der minder wichtigen Perſonen be⸗ traf, zu ſtören, und wir werden jetzt alſo bis zur Mitte Juni, wo des Grafen von Surrey Gefangenſchaft ſich ihrem Ende näherte, zurückkehren müſſen. Als das beſte Mittel die Unruhe zu eheſiten, welche das von Herne heraufbeſchworene Geſicht ihm eingeflößt hatte und die durch den zu gleicher Zeit erlittenen Verluſt der Reliquie noch vermehrt worden war, hatte ſich der Graf einem unabläſſigen Studium hingegeben und blieb einen ganzen Monat lang in ſeinem Zimmer. Die Folge dieſes anhaltenden Fleißes war, daß, obgleich er ſeinen Zweck er⸗ reichte und ſeine Ruhe vollkommen wieder erlangte, ſeine Kräfte dieſen Anſtrengungen unterlagen und er auf einige Tage von einem ſchleichenden Fieber an ſein Lager gefeſſelt ward. Sobald er hinlänglich wieder hergeſtellt war, um ſich hinauswagen zu können, beſtieg er den Runden Thurm in der Hoffnung, ein Spaziergang um deſſen luftige Zinnen werde zu ſeiner völligen Geneſung dienlich ſein. Der Tag 110 Schloß Windſor. war glänzend und prächtig und es regte ſich ein gelinder Wind; und als Surrey den Hauch des Himmels auf ſeinen Wangen fühlte und in die glorreiche Landſchaft vor ſich ſtaunte, wunderte er ſich, daß ſeine Haft ihn nicht wahn⸗ witzig gemacht hatte. Alles in der Runde war in der That dazu geſchaffen, das Gefühl des Gefangenſeins peinlich zu erhöhen. Die breiten, herrlichen Wieſen, die ſich unter ihm ausdehnten, ſchienen zu einer Wanderung auf ihnen einzu⸗ laden,— der ſilberne Strom lockte zu einem Sprung in ſeine Wellen,— die Wälder zu einem ftündigen Aufenthalt in ihrer ſchattigen Einſamkeit. Die Glocken von Eton⸗College läuteten fröhlich darein, aber ihr Klang verurſachte ihm mehr Wehmuth als Freudigkeit. Der Weg von Eton nach Windſor, von zerſtreuten Hütten mit dazwiſchen liegenden Gärten und hier und da einem Hauſe von beſſerm Ausſehen eingefaßt, wimmelte von Viehheerden und deren Treibern, denn an jenem Tage ward ein Markt in der Stadt Windſor gehalten, auf den Alles eilte. Dann drängten ſich auch Landmädchen und junge Burſche in ihren Feiertagskleidern nach der Brücke. Buden waren errichtet, neben denen auf den Brocas⸗Wieſen die ländlichen Vergnügungen des Ringens, Wettlaufens und Gerſchleuderns getrieben wurden; während zahlloſe Boote ſtromauf und ab ſchoſſen und luſtige Melo⸗ dieen aus einer großen, vergoldeten, am Ufer ankernden Barke erſchollen. Etwas näher und auf der breiten grünen Fläche am Fuß der nördlichen Terraſſe ſchoß eine Geſellſchaft von Bogenſchützen nach der Scheibe. Aber dieſer ganze Anblick ſchärfte nur Surrey's qualvolle Gefühle durch ſeinen Gegenſatz gegen ſeine jetzige Lage, anſtatt ihm Vergnügen zu gewähren. Um ſeine Gedanken zu zerſtreuen, verließ er die nächſte Landſchaft und ließ ſein Auge längs dem Rande des Hori⸗ zonts ſchweifen, bis es an einem kleinen Fleck haften blieb, der, wie er wußte, der ſtolze Thurm der St. Paulskirche — Fünftes Buch: Mabel Lyndwvod. 1 war. Wenn die ſchöne Geraldine, wie er vermuthete, im Gefolge von Anna Boleyn im Palaſte von Bridewell war, ſo mußte ſie im Schatten eben dieſes Thurms weilen, und dieſe Vermuthung, ob richtig oder nicht, verurſachte ſo ſchnelle und überwältigende Regungen, daß ihm die Thränen in die Augen ſtürzten. Beſchämt über ſeine Schwäche, wandte er ſich nach der andern Seite des Thurms und richtete ſeinen Blick auf die waldigen Höhen des Großen Parks. Dieſe riefen ihm den Jäger Herne ins Gedächtniß zurück, und vor Verdruß er⸗ glühend über die Streiche, die ihm der Unhold geſpielt hatte, beſchloß er, daß der erſte Gebrauch, den er von ſeiner Frei⸗ heit machen würde, darin beſtehen ſollte, dies geheimnißvolle Weſen aufzuſuchen und wo möglich gefangen zu nehmen. Einige der ſeltſamen Vorfälle zwiſchen Herne und dem Könige waren ihm von dem wachthabenden Offizier im Normänni⸗ ſchen Thurm erzählt worden, aber ſie reizten ihn nur noch mehr zu dem beabſichtigten Abenteuer. Als ihm ſo ein Paar Stunden auf der Veſte verfloſſen waren, ſtieg er er⸗ friſcht und geſtärkt hinunter. Am folgenden Tage fand er ſich dort wieder ein und am nächſten wieder, als er im Ge⸗ fühle ſeiner faſt gänzlichen Wiederherſtellung um Erlaubniß bat, den folgenden Abend im trocknen Graben des Schloß⸗ gefängniſſes zubringen zu dürfen, was ihm bereitwillig ge⸗ ſtattet ward. Mit grünem Raſen bedeckt und von vielen hohen Bäu⸗ men beſchattet, die aus dem künſtlichen Hügel, auf dem der Thurm erbaut war, hervorwuchſen, bot der Graben den Gefangenen, die ſich in ihm ergehen durften, alle Vortheile eines Gartens dar. Hier hatte, wie ſchon erwähnt worden, König Jakob der Erſte von Schottland von den Zinnen herab zum Erſtenmale die liebliche Johanna Beaufort auf ihrem einſamen Spazierwege erblickt und ihr durch ſeine — ———— 112 Schloß Windſor. Blicke und Geberden die Leidenſchaft, die ſie ihm einflößte, kundzuthun geſucht; und hier endlich, in einer Laube, die wegen der damit verknüpften ſchönen alten Sage zu den Zeiten dieſer Chronik noch erhalten wurde und damals den Namen des königlichen Dichters trug, hatten ſie ſich heimlich getroffen und gegenſeitige Liebesgelübde ausgetauſcht. Vertraut mit der Geſchichte, und auch vertraut mit den dichteriſchen Ergüſſen, die der Leidenſchaft des Königs ihre Entſtehung verdanken, konnte Surrey nicht umhin, ſein eignes Schickſal mit dem des erlauchten Gefangenen, der dieſen Ort vor ihm beſucht hatte, zu vergleichen. Solchen Gedanken nachhängend, verfolgte er ſinnend den ſchmalen Pfad zwiſchen den graſigen Böſchungen des Grabens,— bald ſeine Augen zur Veſte erhebend— bald nach der Laube blickend und ſich ähnliche Beſuche erwünſchend, wie ſie die Gefangenſchaft des ſchottiſchen Königs verſüßt hatten. Endlich trat er in die Laube— ein reizendes kleines Plätzchen, an dem eine Bank, die nur für Liebende beſtimmt zu ſein ſchien, von grünem Laub und Roſenbüſchen beſchattet ward— er zog ſeine Schreibtafel heraus und begann einige Stanzen jenes aus⸗ gezeichneten Gedichts aufzuſchreiben, das ſeinen Namen auf ewig mit dem Runden Thurm verkettet hat. Unter dieſer Beſchäftigung verſtrich die Zeit unmerklich und er gewahrte nicht eher, daß er die zugeſtandene Friſt überſchritten habe, als bis die Stimme des Offiziers, der ihn in ſein Gefängniß zurückzurufen kam, ihn ſeiner Träumerei entriß. „Ihr werdet morgen Abend nach Eurer alten Wohnung im Runden Thurm zurückgebracht werden, Mylord,“ ſagte der Offizier. „Aus welchem Grunde?“ fragte der Graf, indem er ſeinem Führer den ſteilen Abhang des Hügels hinan folgte. Da er aber keine Antwort erhielt, ſo wiederholte er ſeine Frage nicht. Fünftes Buch: Mabel Lyndwood. 113 Sie gingen durch eine Thür in dem bedeckten Gange oben an der Treppe, welche mit dem Normänniſchen Thurm in Verbindung ſteht und ſtiegen ſchweigend hinab. Grade als ſie am Fuß dieſer langen Treppe anlangten, wandte der Graf zufällig ſeine Augen und erblickte zu ſeinem unaus⸗ ſprechlichen Erſtaunen oben auf dem Treppenabſatze und dicht vor dem Geſchütz, welches den Aufgang beherrſchte, die Geſtalt des Jägers Herne. Ehe er einen Ausruf hervorbringen konnte, entwich die Geſtalt durch den angränzenden gewölbten Gang. Surrey, der dem Offizier von dieſer Erſcheinung erzählte, hätte gern dem unheimlichen Späher nachgehen mögen, dieſer wollte es aber nicht erlauben, ſondern gab ſich die Miene, als hielte er das Ganze nur für ein Erzeugniß der Einbildungskraft, und führte den Grafen eiligſt in ſein Zimmer im Curfew⸗Thurm. Am nächſten Morgen ward Surrey bei Zeiten nach dem Runden Thurm gebracht und die Veranlaſſung zu dieſer Veränderung offenbarte ſich bald durch das Donnern des Geſchützes, das Schmettern der Trompeten und das Wirbeln der Trommeln, die des Königs Ankunft verkündeten. Aus dem gegen ihn beobachteten Geheimniß ſchloß Surrey, daß die ſchöne Geraldine den königlichen Hof begleite; aber ver⸗ geblich bemühte er ſich die Richtigkeit dieſer Vermuthung zu beſtätigen, indem er den Zug, der bald darnach auf dem oberen Hofe erſchien, von dem tiefen Einſchnitt ſeines Fen⸗ ſters aus durchmuſterte. Unter der Schaar der ſchönen Damen, welche Anna Boleyn umringten, konnte er die ſchöne Geraldine nicht mit Sicherheit entdecken; aber unter den Edelleuten unterſchied er mit Leichtigkeit den Herzog von Richmond und dieſer Anblick erweckte die bittere Qual der Eiferſucht in ſeiner Bruſt. Der Tag ſchlich langſam dahin, denn er konnte ſin⸗ Aufmerkſamkeit nicht auf ſeine Bücher richten, auch ward II. 8 *„ — — 114 Schloß Windſor. ihm nicht erlaubt, ſich auf den Zinnen des Thurms zu er⸗ gehen. Am Abend jedoch benachrichtigte ihn der Offizier, daß er ſich in dem trocknen Schloßgraben Bewegung machen könne, wenn es ihm beliebte, und er benützte dieſe Erlaubniß mit Freuden. Nachdem er einigemal den Weg auf und ab gegangen war, trat er in die Laube und wollte ſich eben auf die Bank werfen, als er ein Stück Papier darauf liegen ſah. Er nahm es auf und fand einige Zeilen mit eiligen Zügen darauf geſchrieben. Sie lauteten wie folgt: „Die ſchöne Geraldine iſt dieſen Morgen im Schloß angekommen. Wenn der Graf von Surrey ſie zu ſprechen wünſcht, ſo wird er ſie um Mitternacht in dieſer Laube finden.“ Dieſer Zettel ward von dem jungen Grafen mit unbe⸗ ſchreiblichem Entzücken geleſen und wieder geleſen; aber ein wenig Nachdenken dämpfte ſeine Gluth und ließ ihn be⸗ fürchten, daß dies ein Anſchlag ſein könnte, um ihn zu ver⸗ ſtricken. Es war keine Gewißheit da, daß dies Papier über⸗ haupt von der ſchönen Geraldine herrührte, auch konnte er nicht einmal ihrer Anweſenheit im Schloſſe ſicher ſein. Dennoch trotz aller Zweifel war die Lockung zu mächtig, um ihr zu widerſtehen, und er überdachte alle Mittel, aus ſei⸗ nem Gemache zu entkommen, allein der Plan ſchien ganz unausführbar. Das Fenſter war beträchtlich höher als die Wälle der Veſte und ſelbſt, wenn er ſie hätte erreichen und der Wachſamkeit der Schildwachen entgehen können, ſo hätte er noch einen zweiten Abhang in den Graben hinunter zu ſteigen gehabt. Und geſetzt, Alles dies wäre gelungen, auf welche Art ſollte er zurückkehren? Die Unmöglichkeit, die letztere Frage zu beantworten, zwang ihn alle Gedanken an den Verſuch aufzugeben. Als er in ſein Gefängnißzimmer zurückgekehrt war, ſtellte er ſich an den auf die Wälle gehenden Mauereinſchnitt und lauſchte dem regelmäßigen Tritt der Schildwache in der — 8. Fünftes Buch: Mabel Lyndwood. 115 Tiefe, halb entſchloſſen hinabzuſteigen, möchten die Folgen ſein, welche ſie wollten. Mit dem Herannahen der feſtge⸗ ſetzten Zeit wuchs ſeine Unruhe faſt bis ins Unerträgliche und das Fenſter verlaſſend, begann er haſtig im Zimmer auf⸗ und abzuſchreiten, welches, wie ſchon erwähnt worden, an der kreisförmigen Geſtalt der Veſte Theil nahm und an einigen Stellen durch große hölzerne Pfeiler und Kreuzbalken geſtützt ward. Aber anſtatt ſeine Aufregung zu mildern, ſchienen ſeine raſchen Bewegungen ſie eher zu erhöhen, und endlich auf den höchſten Grad unbezwingbarer Reizbarkeit verſetzt, ſchrie er laut aus:„Käme jetzt der Böſe ſelbſt und erböte ſich, mich zu ihr zu führen, ich würde folgen.“ Kaum waren dieſe Worte geſprochen, als ein dumpfes Gelächter aus der ferneren Ecke des Zimmers erſchallte und eine tiefe Stimme ausrief:„Ich bin bereit, dich zu ihr zu bringen.“ „Ich brauche nicht zu fragen, wer zu mir redet,“ ſagte Surrey nach einer Pauſe, während er ſeine Augen anſtrengte, um die Geſtalt des Sprechers in der Dunkelheit zu unterſcheiden. „Ich will Euch ſagen, wer ich bin,“ verſetzte Jener. „Ich bin derſelbe, welcher Euch früher ſchon einmal beſuchte, — der die ſchöne Geraldine vor Euch erſcheinen ließ— und Eure vielgerühmte Reliquie raubte— ho! ho!“ „Hinweg, Satan!“ entgegnete Surrey,„du verſuchſt mich jetzt umſonſt.“ „Ihr habt mich gerufen,“ antwortete Herne,„und ich laſſe mich nicht abweiſen. Ich bin bereit, Euch zu Eurer Geliebten zu führen, die Eurer in König Jakob's Laube wartet und ſich über Eure Saumſeligkeit verwundert.“ „Und in welcher Abſicht bieteſt du mir dieſen Dienſt an?“ fragte Surrey. „Es 3 Zeit genug, dieſe Frage zu thun, wenn ich Be⸗ 116 Schloß Windſor. dingungen ſtelle,“ erwiederte Herne.„Genug, ich bin geneigt Euch zu helfen. Wollt Ihr mit?“ „Geh' voran!“ entgegnete Surrey, auf ihn zu ſchreitend. Plötzlich zog Herne unter dem Mantel, in den er ge⸗ hüllt war, eine Laterne hervor und richtete deren Licht auf eine zu ſeinen Füßen geöffnete Fallthür. „Steigt hinab!“ rief er. Surrey ſchwankte einen Augenblick und ſprang dann die Stufen hinunter. Unmittelbar hinter ihm folgte das Geſpenſt. Eine verborgene Maſchinerie ward dann in Be⸗ wegung geſetzt und die Fallthür kehrte an ihren Platz zurück. Endlich gelangte Surrey zu einem ſchmalen Gang, deſſen Geſtalt den Baſteien der Veſte zu entſprechen ſchien. Hier ging Herne an ihm vorbei und führte ihn eilends die Gallerie entlang, bis ſie zu einer zweiten Treppe kamen, die ſie in ein großes, dem Anſchein nach im Grundgemäuer des Thurms belegenes Gewölbe hinab brachte. Ehe der Graf Zeit hatte, ſich in dieſer Kammer umzuſehen, verhüllte das Geſpenſt die Laterne, nahm ihn bei der Hand und zog ihn durch einen engen Gang an eine kleine eiſerne Thür, die ſich auf einen Druck öffnete, und ſie traten unter die Büſche hinaus, welche den Abhang des Hügels bedeckten. „Ihr könnt jetzt ohne meine Hülfe weiter gehen,“ ſagte Herne;„hütet Euch aber vor den Schildwachen.“ Sich unter den Schatten der Bäume haltend, denn es war heller Mondenſchein, eilte Surrey nach der Laube hin und als er hineintrat, fand er zu ſeinem unausſprechlichen Entzücken, daß er nicht getäuſcht worden war, ſondern daß die ſchöne Geraldine wirklich darin ſaß. „Wie habt Ihr dieſe Zuſammenkunft möglich gemacht?“ rief ſie, nachdem ihre erſten Begrüßungen vorüber waren— „und wie habt Ihr erfahren, daß ich im Schloſſe war? Fünftes Buch: Mabel Lyndwood. 117 denn die ſchärfſten Befehle waren gegeben, daß die Nachricht nicht zu Euch gelangen ſollte.“ Surrey's einzige Antwort war, ihre Lilienhand zärtlich an ſeine Lippen zu drücken. „Ich würde mich nicht hergewagt haben,“ fuhr die ſchöne Geraldine fort,„wenn Ihr mir nicht die Reliquie als Wahrzeichen geſandt hättet. Ich wußte, daß Ihr Euch niemals davon trennen würdet und war deshalb ſicher, daß kein Betrug obwalte.“ „Aber wie ſeid Ihr hierher getornent⸗ fragte Surrey. „Euer Bote war mit einer Strickleiter verſehen, auf der ich in den Graben hinabſtieg,“ ſie. Surrey erſtarrte. „Ihr ſcheint über meine eitiſnſ etſtu“ fuhr ſie fort,„und wirklich erſtaune ich ſelbſt darüber; aber ich konnte dem Verlangen Euch zu ſprechen nicht widerſtehen, beſonders da dieſe Zuſammenkunft vielleicht die letzte ſein mag. Der König hat mir durch Lady Anna Boleyn aus⸗ drücklich befehlen laſſen, nicht mehr an Euch zu denken und hat Eurem Vater, dem Herzog von Norfolk, zu verſtehen gegeben, daß Eure Vermählung ohne die königliche Zuſtim⸗ mung mit dem Verluſt aller Gunſt, deren er ſich jetzt er⸗ freut, verbunden ſein wird.“ „Und denkt Ihr, ich werde mich ſolcher Tyrannei willig fügen?“ rief Surrey. „Ach!“ erwiederte die ſchöne Geraldine traurig,„ich fühle, daß wir niemals vereint werden. Dieſe Ueberzeugung, die ſich mir ſeit kurzem aufgedrängt hat, hat meine Liebe zu Euch nicht vermindert, obgleich ſie einigermaßen meine Gefühle für Euch geändert hat.“ „Aber ich kann den König vielleicht bewegen!“ rief Surrey.„Ich habe einige Anſprüche auf Lady Anna Bolehn 118 Schloß Windſor. außer denen der Verwandtſchaft, und ſie wird ſeine Ein⸗ willigung erlangen.“ „Verlaßt Euch nicht auf ſie,“ entgegnete die ſchöne Geraldine.„Ihr mögt ihr einen wichtigen Dienſt geleiſtet haben, baut aber nicht zu ſehr auf Wiedervergeltung. Nein, Surrey, ich entbinde Euch hiemit der Treue, die Ihr mir im Kreuzgang gelobt habt.“ „Ich will ihrer nicht entbunden ſein!“ rief der Graf haſtig;„auch will ich Euch nicht entbinden. Ich halte das Gelöbniß für ebenſo heilig und bindend, als ob wir vor dem Himmel getraut wären!“ „Um Eurer ſelbſt willen ſprecht nicht ſo, theurer Lord,“ erwiederte die ſchöne Geraldine;„ich bitte Euch, ſprecht nicht ſo. Daß Euer Herz mir jetzt gehört, glaube ich feſt — und daß Ihr treulos werden könntet, mag ich nicht denken. Aber Eure Jugend verhindert unſre Vereinigung noch auf viele Jahre— und wenn Ihr während dieſer Zeit ein lieb⸗ licheres Geſicht als das meinige erblicken oder einem Herzen begegnen ſolltet, das Euch liebevoller dünkt,— obwohl das ſchwerlich ſein kann— ſo möchte ich Euch nicht von einem übereilten Gelübde gefeſſelt wiſſen. Seid alſo frei, wenig⸗ ſtens auf drei Jahre frei— und wenn nach Verlauf dieſer Zeit Eure Neigung noch unverändert iſt, dann mögt Ihr Euch gerne auf ewig an mich binden.“ „Ich kann nicht mit gleicher Großmuth gegen Euch handeln,“ erwiederte Surrey im Tone tiefer Niedergeſchla⸗ genheit.„Ich wollte eher mein Leben laſſen, als das Ver⸗ ſprechen aufgeben, das ich von Euch erhalten habe. Aber ich willige in die Probe ein, auf die Ihr meine Beſtändigkeit ſetzen wollt. Während dieſer langen Prüfungszeit will ich vor keiner Verſuchung meiner Treue zurückbeben. In ganz Europa will ich Eure Schönheit in den Schranken verkünden und ihre Unübertrefflichkeit gegen alle Widerſacher behaupten. — nnn Fünftes Buch: Mabel Lyndwood. 119 Aber ach! ſüße Geraldine, da wir uns einmal an dieſer Stelle, geheiligt durch die Liebe Jakobs von Schottland und Johanna Beaufort's, getroffen haben, laßt uns hier unſre Gelübde beſtändiger Treue erneuern und verſprechen, daß wir uns nach Verlauf der feſtgeſetzten Zeit mit ebenſo warmen und liebevollen Herzen wie heute wiedertreffen wollen.“ Mit dieſen Worten zog er ſie an ſich und drückte einen leidenſchaftlichen Kuß auf ihre Lippen. „Möge er unſern Bund beſiegeln,“ ſagte er. „Ho! ho! ho!“ lachte eine tiefe Stimme draußen. „Was war das?“ fragte die ſchöne Geraldine beunruhigt. „Ihr habt doch die Reliquie, nicht wahr?“ fragte der Graf flüſternd. „Nein,“ erwiederte ſie,„Euer Bote zeigte ſie mir blos. Aber warum fragt Ihr? Ach! ich verſtehe. W hölliſche Gelächter, das ſo eben erklang, kam von— „Herne, dem Jäger,“ antwortete Surrey—„Aber fürchtet Euch nicht. Ich will Euch mit meinem Leben ver⸗ theidigen. Ha! verwünſchtes Geſchick! Ich habe keine Waffen.“ „Was würden ſie Euch gegen ihn nützen,“ murmelte die ſchöne Geraldine.„Führt mich hinweg; ich ſterbe, wenn ich bleibe.“ Sie mit den Armen unterſtützend, willigte Surrey in ihr Verlangen, aber kaum hatten ſie den Eingang zur Laube erreicht, als eine hohe Geſtalt vor ihnen ſtand. Es war der Herzog von Richmond. Ein durch das Laub dringender Mondſtrahl fiel auf die Gruppe und machte ſie einander vollkommen kenntlich. „So!—“ rief der Herzog, nachdem er das Paar einen Augenblick ſtillſchweigend betrachtet hatte,„ich bin alſo recht berichtet worden. Ihr habt hier eine Zuſammenkunft ver⸗ anſtaltet.“ „Richmond!“ ſagte Surrey ernſt,„wir waren einſt 120 Schloß Winbſor. innige und vertraute Freunde, und ſind noch ehrenwerthe Gegner. Ich weiß, daß ich auf Euch bauen kann. Ich weiß, daß Ihr kein Wort über dieſe Zuſammenkunft athmen werdet, weder zu der ſchönen Geraldine Nachtheil, noch zum meinigen.“ „Ihr beurtheilt mich richtig, Mylord,“ antwortete der Herzog in eben ſo ernſtem Tone.„Ich habe nicht die Ab⸗ ſicht Euch zu verrathen, obwohl ich durch ein Wort an meinen königlichen Vater alle Möglichkeit einer künftigen Nebenbuhlerſchaft von Eurer Seite abſchneiden könnte. Ich werde Euch jedoch nach Eurer Befreiung genaue Rechenſchaft abfordern.“ „Euer Durchlaucht handelt, wie es einem Ehrenmann geziemt,“ entgegnete Surrey.„Späterhin werde ich nicht ermangeln, Euch auf jede beliebige Art Rechenſchaft über mein Betragen abzulegen.“ „O! laßt mich zwiſchen Euch vermitteln, Molords, um die verhängnißvollen Folgen dieſes Zwiſtes zu verhindern,“ rief die ſchöne Geraldine.„Ich habe Euer Durchlaucht ſchon geſagt, daß ich Euch nicht lieben kann— und daß mein Herz dem Grafen von Surrey gehört. Laßt mich Euer edles Gemüth— Eure Hochherzigkeit anrufen,— beſteht nicht auf einer hoffnungsloſen Bewerbung.“ „Ihr habt geſiegt, gnädiges Fräulein,“ ſagte der Herzog nach einer Pauſe.„Ich war in dieſer Sache zu tadeln. Aber ich will meinen Fehler wieder gut machen. Surrey, ich verzichte auf ſie für Euch.“ „Mein Freund!“ rief der Graf aus, indem er ſich dem Herzog in die Arme warf. „Ich will mich jetzt bemühen die Wunden zu heilen, die ich wider meinen Willen geſchlagen habe,“ ſagte die ſchöne Geraldine.„Ich bin erſtaunt, daß Eure Durchlaucht Fünftes Buch: Mabel Lyndwood. 12 ſo gefühllos bleiben ſollte gegen Reize, die ſo hoch über den meinigen ſtehen, wie die der Lady Maria Howard.“ „Lady Maria iſt ſehr ſchön, ich geſtehe es,“ ſagte der Herzog,„und wenn ich Euch nicht auf meinem Wege getroffen hätte, ſo würde ich unfehlbar ihr Sclave geworden ſein.“ „Ich ſollte eigentlich wohl nicht das Geheimniß ver⸗ rathen,“ ſagte die ſchöne Geraldine zaudernd;„aber die Dankbarkeit bewegt mich dazu. Lady Maria iſt nicht ſo blind gegen Eurer Durchlaucht Verdienſte, als ich es geweſen bin.“ „Wirklich!“ rief der Herzog aus.„Wenn dem ſo iſt, Surrey, ſo können wir noch Brüder und Freunde zugleich werden.“ „Und daß dem ſo iſt, kann ich bezeugen, Richmond,“ verſetzte der Graf,„denn ich bin ſo gut wie die ſchöne Ge⸗ raldine in meiner Schweſter Geheimniſſe eingeweiht. Jetzt aber, nachdem dieſe Erklärung ſtattgefunden hat, muß ich Eure Durchlaucht bitten, die ſchöne Geraldine nach ihrer Wohnung zurückzugeleiten, während ich, ſo gut es geht, mein Zimmer im Runden Thurm wieder aufſuche.“ „Ich begreife nicht, auf welche Weiſe Ihr daraus ent⸗ ſchlüpfen konntet,“ ſagte Richmond;„aber es mag wohl eine Nachſichtigkeit des Offiziers ſein.“ „Wer mich in Freiheit ſetzte,— wer die ſchöne Geraldine herführte,— und wer Euch, wie ich vermuthe, mit unſrer Zuſammenkunft bekannt machte, war Niemand anders als der Jäger Herne,“ antwortete Surrey. „Ihr ſetzt mich in Erſtaunen!“ rief der Herzog aus; „es war in der That ein hoher, finſtrer Mann, in einem Mantel gehüllt, der mich davon in Kenntniß ſetzte, daß Ihr Euch um Mitternacht in König Jakobs Laube im Schloß⸗ graben treffen würdet, und ich kam deshalb, um Euch zu überraſchen.“ „Euer Gewährsmann war Herne,“ erwiederte Surrey. — —————— 122 Schloß Windſor. „Richtig!“ rief das Geſpenſt, hinter einem Baume her⸗ vortretend, wo er bisher verborgen geweſen war;„ich war es— ich, der Jäger Herne. Und ich veranſtaltete dieſe Zu⸗ ſammenkunft in der Erwartung eines ganz andern Erfolgs, als derjenige, welcher eingetroffen iſt. Aber ich ſage Euch jetzt, Mylord von Surrey, daß Ihr Euch vergeblich einer Leidenſchaft für die ſchöne Geraldine hingebt. Ihr werdet ſie niemals ehelichen.“. „Verruchter Unhold, du lügſt,“ ſchrie Surrey. „Die Zeit wird es lehren,“ erwiederte Herne.„Ich wiederhole, Ihr werdet eine Andre heirathen— und noch mehr, ich ſage Euch, Ihr ſeid blinder, als Richmond ſich gezeigt hat,— denn die erlauchteſte Dame des Königreichs hat Euch mit dem Auge der Liebe angeſehen und Ihr habt es nicht bemerkt.“ „Die Prinzeſſin Maria?“ fragte Richmond. „Wohl, die Prinzeſſin Maria,“ wiederholte Herne. „Was ſagt Ihr nun, Mylord?— werdet Ihr dem Ehrgeiz die Stelle der Liebe einräumen?“ „Nein,“ erwiederte Surrey.„Aber ich will nicht ferner mit dir verkehren. Du möchteſt mich ins Verderben locken. Hinweg, Satan!“ „Wenn Ihr Euch nicht meiner Leitung anvertraut, ſo werdet Ihr ſchwerlich Euer Zimmer wieder erreichen,“ ver⸗ ſetzte Herne mit höhniſchem Gelächter.„Die eiſerne Thür in dem Hügel kann nicht von außen geöffnet werden und Ihr wißt wohl, was eine Entdeckung für Folgen haben würde. Kommt oder ich überlaſſe Euch Euerm Schickſal.“ Und er entfernte ſich auf dem Pfade zur Rechten. „Geht mit ihm, Surrey,“ rief Richmond. Die ſchöne Geraldine an ſein Herz drückend, übergab der Graf ſie der Obhut ſeines Freundes und ſich fortreißend folgte er den Schritten des Geſpenſtes. Er war nicht weit Fünftes Buch: Mabel Lyndwood. 123 gegangen, als er ſeinen Namen von einer Stimme auf einem überragenden Baume ausſprechen hörte. Im Hinaufblicken bemerkte er Herne auf einem der höchſten Zweige und klet⸗ terte ihm auf ſeinen Wink augenblicklich nach. Das dichte Laub ſchützte ſie vor Entdeckung und Surrey glaubte, ſein Führer warte die Entfernung der Schildwache ab, die ſich gerade dem Baume näherte. Dies war aber nicht ſeine Abſicht; denn der Soldat war kaum vorübergegangen, als Herne auf die Bruſtwehr ſprang, und der arme Schelm, der ſich nach dem Geräuſch umwandte, verlor beim Anblick des gefürchteten Weſens faſt die Sinne. Er ließ die Hellebarde fahren und fiel mit einem unterdrückten Schrei zu Boden. Dann winkte Herne dem Grafen herabzuſteigen und ſie ſchritten beide raſch nach einer niedrigen, in die Veſte führenden Thür. Nachdem ſie hindurchgegangen waren und einige Stufen er⸗ ſtiegen hatten, befanden ſie ſich auf dem oberen Abſatze der nach dem normänniſchen Thurm führenden Treppe neben dem Eingange zu Surrey's Zimmer. Augenſcheinlich mit der Oertlichkeit wohl bekannt, nahm Herne einen großen Schlüſſel von einem Nagel in der Wand, an der er hing, und ſchloß die Thüre auf. „Tretet ein!“ ſagte er zu Surrey,„und vergeßt nicht, wie viel Ihr Jäger Herne zu danken habt.“ So wie der Graf in ſein Zimmer trat, ward die Thür hinter ihm zugeſchloſſen. II. Wie Sir Thomas Mabel in der Sandſteinhöhle fand; und was ihm dort begegnete. Eine Woche nach der eben erzählten Begebenheit ward Graf von Surrey aus ſeiner Haft entlaſſen. Aber ſeine 124 Schloß Windſor. Freude über die wiedererlangte Freiheit ward durch die Kunde getrübt, daß die ſchöne Geraldine nach Irland abgereiſ't war. Sie hatte die zärtlichſten Beſtellungen, nebſt Ver⸗ ſicherungen unveränderlicher Zuneigung für ihn bei ſeiner Schweſter, Lady Maria Howard hinterlaſſen. Aber andre Veränderungen hatten ſtattgefunden, die ihm einigen Troſt dafür zu gewähren geeignet waren. Seit dem Abend, an welchem Richmond erfahren hatte, daß er der Lady Maria nicht gleichgültig ſei, hatte er ihr ſeine ganze Auf⸗ merkſamkeit geſchenkt, und die Sachen waren ſchon ſo weit gediehen, daß er ſie vom Herzog von Norfolk zur Ehe ver⸗ langt hatte; dieſer hatte nach Einholung der königlichen Erlaubniß mit Freuden ſeine Einwilligung gegeben und das jugendliche Paar ward getraut. Surrey und Richmond wurden genauere Freunde, denn je, und wenn der junge Graf unter den tauſend Zerſtreu⸗ ungen an Heinrichs fröhlichem und feſtlichem Hofe die ſchöne Geraldine nicht vergaß, ſo fühlte er doch auch keineswegs die Zeit ſchwer auf ſich laſten. Ungefähr eine Woche nach Wolſey's Entlaſſung, als der Hof noch in Windſor verweilte, ſchlug Surrey eines Morgens Richmond einen Ritt im großen vor. Der Herzog war gern dazu bereit, ſie beſtiegen ihre Roſſe und galloppirten ohne alle Begleitung nach dem Schnethügel. Während ſie dieſe reizende Anhöhe in gemächlicherem Schritt hinanritten, ſagte der Graf zu ſeinem Gefährten:—„Ich will Euch jetzt ſagen, warum ich Euch dieſen Ritt vorſchlug, Richmond. Ich bin ſeit langer Zeit entſchloſſen, das Aben⸗ teuer mit dem Jäger Herne zu verfolgen, und ich wünſchte mich erſt darüber mit Euch zu beſprechen und zu faheen ob Ihr geneigt ſeid daran Theil zu nehmen.“ „Ich weiß nicht, was ich dazu ſagen ſoll, Surrey“ erwiederte der Herzog ernſt und leiſe;„dem König, meinem Fünftes Buch: Mabel Lyndwood. 125 Vater, ſind ſeine Bemühungen, mißglückt, das Geſpenſt zu vertreiben, welches noch immer im Walde hauſtt.“ „Deſto größerer Ruhm für uns, wenn es uns gelingt,“ ſagte Surrey. „Ich will mit Lady Maria darüber ſprechen, ehe ich eine Antwort gebe,“ entgegnete Richmond. „Dann wird kein Zweifel ſein, wohin ſich Euer Durch⸗ laucht Entſcheidung neigen wird,“ lachte Surrey.„Um die Wahrheit zu geſtehen, gerade aus Furcht, Ihr möchtet ſie zu Rathe ziehen, brachte ich Euch hierher. Was ſagt Ihr zu einem Ritt in den Wald auf morgen Abend?“ „Ich habe wenig Luſt dazu,“ entgegnete Richmond;„und wenn Ihr Euch von mir ſagen laſſen wollt, ſo werdet Ihr ſelbſt Euch ebenſowenig auf dies Unternehmen einlaſſen.“ „Mein Entſchluß iſt gefaßt,“ ſagte der Graf;„da wir aber jetzt den Kamm des Hügels erreicht haben, ſo laßt uns nach dem See ſprengen.“ Ein raſcher Ritt von einigen zwanzig Minuten brachte ſie an den Rand des See's und ſie verfolgten den grünen⸗ den Pfad nach des Förſters Hütte. Bei der Wohnung an⸗ gekommen, fanden ſie ſie gänzlich verlaſſen, nichtsdeſtowe⸗ niger ſtiegen ſie ab und traten in die Hütte, nachdem ſie ihre Pferde an die Bäume hinter derſelben angebunden hatten. Während ſie das untere Zimmer beſichtigten, ſchlug das Plät⸗ ſchern von Rudern an ihr Ohr und ans Fenſter tretend, ſahen ſie einen Nachen ſich raſch dem Ufer nähern. Ein Mann ſaß darin, deſſen Anzug wiewohl düſter, doch nur einer Perſon von einigem Range angehören konnte; da er ihnen aber den Rücken zugekehrt hatte, ſo konnten ſie ſeine Züge nicht erkennen. Nach wenigen Augenblicken lief das Boot an den Strand und als der Ruderer ans Ufer ſprang, zeigte es ſich, daß es Sir Thomas Wyat war. Nach dieſer Entdeckung eilten ihm Beide entgegen und die herzlichſten Begrüßungen 126 Schloß Windſor. wurden zwiſchen ihnen ausgetauſcht. Als dieſe beendigt waren, drückte Surrey ſein Erſtaunen aus, ihn hier zu finden, indem ihm ſeine Rückkunft vom franzöſiſchen Hofe ganz unbekannt war. „Ich bin vor ungefähr einem Monate wieder gekom⸗ men,“ ſagte Wyat.„Seine Majeſtät glaubt mich in Alling⸗ ton, auch werde ich ohne beſondere Einladung nicht wieder an den Hof gehen.“ „Das höre ich nicht ungern,“ ſagte Surrey;„aber was macht Ihr jetzt hier?“ „Mein Geſchäft iſt ſeltſam und abenteuerlich,⸗ erwie⸗ derte Wyat.„Vielleicht habt Ihr gehört, daß ich vor mei⸗ ner Abreiſe nach Frankreich einige Tage im Walde in des Jägers Herne Geſellſchaft zubrachte. Was mir damals begeg⸗ nete, mag ich nicht offenbaren; aber ich habe gelobt, nicht eher zu ruhen, als bis ich dieſen Wald von dem geſpenſti⸗ ſchen Weſen, das in ihm hauſtt, befreit habe.“ „Was Ihr ſagt!“ rief Surrey;„dann ſeid Ihr viel⸗ mals willkommen, Sir Thomas, denn ich ſelbſt bin, wie Richmond Euch ſagen kann, eben ſo auf die Vertreibung dieſes Unholdes erpicht. Wir wollen das Abenteuer gemein⸗ ſchaftlich beſtehen.“ 3 „Wir wollen ſpäter davon ſprechen,“ erwiederte Wyat. „Es that mir weh, dieſe Hütte verödet wieder zu finden und das ſchöne Mädchen, das bei meiner letzten Anweſen⸗ heit hier wohnte, verſchwunden zu ſehen. Was iſt aus ihr geworden?“ „Es iſt eine ſonderbare Geſchichte,“ ſagte Richmond, und erzählte ihm Alles, was man von Mabel's Schickſalen wußte. Wyat horchte der Erzählung mit ungetheilter Aufmerk⸗ ſamkeit zu und ſagte an deren Schluß:—„Ich glaube ich kann den Schlüſſel zu dieſem Geheimniß finden, aber um ſeiner habhaft zu werden, muß ich allein gehen. Trefft mich Fünftes Buch: Mabel Lyndwood. hier morgen um Mitternacht und ich zweifle nicht, daß wir unſern Plan in Ausführung zu bringen im Stande ſein werden.“ „Darf ich um einige Erklärung Eurer Abſicht bitten?“ ſagte Surrey. 3 „Noch nicht,“ erwiederte Wyat.„Aber ich will Euch offen geſtehen, daß viel Gefahr bei dem Unternehmen iſt— Gefahr, die ich nicht gern mit einem von Euch Beiden theilen möchte, beſonders nicht mit Euch, Surrey, dem ich ſo viel verdanke. Wenn Ihr mich alſo morgen Nacht nicht hier findet, ſo ſeid gewiß, daß ich todt oder gefangen bin.“ „Nun, es ſei wie Ihr es haben wollt, Wyat,“ ſagte Surrey,„aber ich möchte Euch gern und die Ge⸗ fahr mit Euch theilen.“ „Ich weiß es und danke Euch vafür,“ entgegnete Wyat, ihm herzlich die Hand drückend;„aber viel— ja, vielleicht Alles mag morgen Abend noch zu thun übrig ſein. Am beſten, Ihr brächtet einige Verſtärkung mit, denn wir könnten ſie nöthig haben.“ „Ich will ein halbes Dutzend kräftiger Bogenſchützen mitbringen,“ antwortete Surrey,„und wenn Ihr nicht kommt, verlaßt Euch darauf, daß ich Euch entweder erlöſe oder räche.“ „Ich beabſichtigte, dies Abenteuer nicht weiter zu ver⸗ folgen,“ ſagte Richmond,„da Ihr aber Beide entſchloſſen ſeid, es zu beſtehen, ſo will ich Euch nicht verlaſſen.“ Bald darauf trennten ſich die Freunde,— Surrey und Richmond kehrten zu Pferde nach dem Schloſſe zurück, das unerwartete Zuſammentreffen mit Wyat beſprechend, wäh⸗ rend der letztere wieder in den Nachen ſprang und den See hinunter ruderte. Sobald die Hütte geräumt war, ſtiegen zwei Perſonen eine Leiter herab, die zu einer Art von Boden unter dem Dach führte, und ſprangen in das untere Ge⸗ ſchoß der Hütte. „Ho! ho! ho!“ lachte der Vorderſte, deſſen vn 128 Schloß Windſor. ſeltſame Kleidung ihn als den Jäger Herne kund gaben, „ſie ließen ſich nicht träumen, von wem ihre Berathung belauſcht wurde. Sie denken mich alſo zu fangen, Fen⸗ wolf— ha!“ „Sie wiſſen nicht, mit wem ſie zu thun haben,“ ver⸗ ſetzte dieſer. „Sie ſollten es nachgerade wiſſen,“ ſagte Herne; „aber ich will dir ſagen, warum Sir Thomas Wyat dies Unternehmen begonnen hat. Es iſt nicht, um mich zu fan⸗ gen, obgleich dies einer ſeiner Beweggründe ſein mag, ſondern er wünſcht Mabel Lyndwood zu ſehen. Der kurze Blick, den er in ihre hellen Augen gethan hat, reichte hin, um ihn zu entflammen.“ „Ha!“ rief Fenwolf aus;„meint Ihr?“ „Ganz ſicher,“ erwiederte Herne.„Er kennt das Ge⸗ heimniß der Höhle und wird ſie dort finden.“ „Aber er wird niemals zurückkehren, um zu Sin was er geſehen hat,“ ſagte Fenwolf mürriſch. „Das weiß ich nicht,“ antwortete Herne.„Ich habe beſon⸗ dere Abſichten mit ihm. Ich muß meine Bande verſtärken.“ „Er wird ſich niemals zu Euch 3n entgegnete Fenwolf. „Wie, wenn ich ihn Mabel als Lockſpeiſe vorhielte?“ ſagte Herne. „Ihr werdet es doch nicht thun, hoher Meiſter,“ ver⸗ ſetzte Fenwolf zitternd und erblaſſend.„Sie gehört mir.“ „Dir, Narr!“ rief Herne mit höhniſchem Gelächter. „Denkſt du, ich würde dir ſolchen Schatz überlaſſen? Nein, nein. Aber beruhige dich, ich will ſie nicht Wyat geben.“ „Ihr beſtimmt ſie alſo für Euch ſelbſt?“ ſagte Fenwoif. „Erfrechſt du dich zu fragen!“ rief Herne, indem er die mit der eiſernen Kette bewaffnete Hand zum Schlage gegen ihn erhob.„Nimm dies um dir Reſpekt zu lehren!“ Fünftes Buch: Mabel Lyndwood. 129 „Und dies um zu zeigen, ob du ſterblich biſt oder nicht!“ verſetzte Fenwolf, ſein Jagdmeſſer aus dem Gürtel ziehend und es mit aller Macht gegen des Andern Bruſt zückend. So ſicher und kräftig aber auch der Stoß geführt war, er glitt von dem Unholde ab, als ob er in Stahl gekleidet wäre, und der Meuchelmörder taumelte entſetzt zurück, wäh⸗ rend ihm eine überirdiſche Lache in die Ohren gellte. Nie⸗ mals hatte Fenwolf an Herne einen ſo fürchterlichen Blick geſehen, als in dieſem Augenblicke. Seine rieſige Geſtalt dehnte ſich aus, ſeine Augen ſprühten Feuer und der Aus⸗ druck ſeines Geſichts war ſo gräßlich, daß Fenwolf ſeine Augen mit der Hand bedecken mußte. „Ha! elender Hund!“ donnerte Herne;„denkſt du, ich kann von ſterblichen Händen oder ſterblichen Waffen ver⸗ wundet werden? Deine früheren Erfahrungen ſollten dich eines Beſſern belehrt hahen. Haſt du es aber herausgefor⸗ dert, ſo nimm dein Schickſal hin.“ Bei dieſen Worten packte er Fenwolf an der Kehle und ſchnürte ſie ihm mit ſo entſetzlicher Gewalt zuſammen, daß der Unglückliche in wenig Secunden die Strafe für ſeine Verwegenheit erlitten haben würde, wenn nicht in dieſem Augenblicke Jemand in der Hausthüre erſchienen wäre. Seine Beute haſtig von ſich ſchleudernd, wandte ſich Herne bei dieſer Unterbrechung um und gewahrte den alten Triſtram Lynd⸗ wood, der entſetzt über dies Schauſpiel auf der Schwelle ſtehen blieb. „Aha! biſt du's, Triſtram?“ rief Herne;„du kommſt gerade zur rechten Zeit, um der Beſtrafung dieſes aufſätzigen Hundes beizuwohnen.“ „Schont ihn, hoher Meiſter— o! ſchont ihn!“ rief Triſtram flehend. „Gut,“ ſagte Herne, auf den halberdroſſelten Wicht herabſehend,„ſo mag er leben. Er wird ſich nicht wieder II. 2 ² 9 Schloß Windſor. vergehen. Aber warum haſt du dich aus deinem Verſteck hervorgewagt, Triſtram?“ „Ich bin gekommen, um Euch zu benachrichtigen, daß ich eben Jemand in dem Nachen über den See rudern ſah,“ antwortete der alte Mann.„Er ſcheint die Richtung nach dem geheimen Eingang zur Höhle einzuſchlagen.“ „Es iſt Sir Thomas Wyat,“ entgegnete Herne,„ich kenne ſeine Schritte. Bleibt bei Fenwolf, bis er ſich erholt hat, und dann geht mit ihm zur Höhle. Aber merkt es wohl, keine Gewaltthätigkeit gegen Wyat, wenn Ihr ihn dort findet! Jede Ueberſchreitung meiner Befehle in dieſer Hinſicht wird mit harter Strafe geahndet werden. Ich werde binnen Kurzem ſelbſt nach der Höhle kommen, aber mittler⸗ weile habe ich andere Geſchäfte zu beſorgen.“ Und die Hütte verlaſſend vertiefte er ſich in das Gehölz. Als Sir Thomas Wyat unterdeſſen über den See geſetzt hatte, landete er und befeſtigte den Nachen an einen Baum, warf ſich in das Gehölz und erreichte bald den lichten Fleck, auf welchem der geheime Eingang zur Höhle lag. Er hatte nicht viel Mühe, den Stein zu finden, obgleich er ſo künſt⸗ lich von Unterholz bedeckt war, daß er einem uneingeweihten Auge entgangen wäre; er ſchob ihn bei Seite und der enge Eingang in die Höhle lag vor ihm. Sich dem Schutz des Himmels befehlend, trat Wyat hinein, und nachdem er die Vorſicht gebraucht hatte, den Stein nach ſich zu ziehen, was durch eine Handhabe an der innern Seite ſehr erleichtert ward, begann er hinabzuſteigen. Anfänglich mußte er ſich kriechend vorwärts bewegen, der Gang ward aber allmählig höher, bis er endlich den ebenen Boden erreichte und aufrecht ſtehen konnte. Kein Licht war da, um ihn zu leiten, aber indein er ſich an den Wänden des Ganges entlang fühlte, fand er ſich in die lange Gal⸗ lerie, durch die er früher ſchon einmal gekommen war. Unge⸗ Fünftes Buch: Mabel Lyndwood. 131 wiß, nach welcher Seite er ſich wenden ſolle, beſchloß er, ſich dem Zufall zu überlaſſen und ging mit gezogenem Schwerte langſam zur Rechten weiter. Einige Zeit lang begegnete er keinem Hinderniß, auch konnte er nicht das geringſte Geräuſch erlauſchen, aber er bemerkte, daß die Luft dumpfig ward und daß die Wände des Ganges mit Feuchtigkeit bedeckt waren. Er ließ ſich dadurch warnen und ſchritt mit größerer Vorſicht weiter; und nachdem er in einen freien Raum gekommen war und zur Linken eingebogen hatte, fand er ſich am Rande des Waſſer⸗ pfuhls, der, wie er wußte, am Ende der großen Höhle lag. Indem er über ſein weiteres Verhalten nachdachte, ward ein ſchwacher Lichtſtrahl am obern Ende des Gewölbes ſicht⸗ bar. Er änderte ſeine Stellung, da die Pfeiler ihm die Quelle des Schimmers verhüllten, und entdeckte, daß er von einer von weiblicher Hand getragenen Lampe herrührte. Er zweifelte keinen Augenblick, daß es Mabel ſei, ſprang eilends nach ihr hin und rief ſie an, aber er bereute ſeine Unvor⸗ ſichtigkeit eben ſo ſchnell, denn mit ſeinem erſten Laut ward auch das Licht ausgelöſcht. Wyat's Verlegenheit in Betreff der einzuſchlagenden Richtung war nun vollſtändig. Er war überzeugt, daß Mabel ſich in der Höhle befand, aber auf welche Weiſe er ſich zu ihr hinfinden ſollte, wußte er nicht zu ermitteln und es war augenſcheinlich, daß ſie ſelbſt ihm darin nicht bei⸗ ſtehen wollte. Jedoch in der Gewißheit, daß ſie ihn nicht länger meiden würde, ſobald ſie wüßte, wer er wäre, bog er in einen der Seitengänge ein und wiederholte Mabel's Namen dann und wann in leiſem zärtlichem Tone. Die Liſt glückte. Bald hörte er einen leichten Fußtritt ſich ihm nähern und eine ſanfte Stimme fragte:— „Wer ruft mich?“ „Ein Freund,“ antwortete Wyat. 132 Schloß Windſor. „Euer Name?“ fragte ſie. „Ihr werdet mich nicht kennen, wenn ich mich auch nenne, Mabel,“ erwiederte er;„doch ich heiße Sir Thomas Wyat.“ „Der Name iſt mir wohl bekannt,“ entgegnete ſie mit zitternder Stimme;„ich habe Euch ſchon einmal geſehen— in meines Großvaters Hütte. Aber weßhalb ſeid Ihr her⸗ gekommen? Wißt Ihr, wo Ihr ſeid?“ „Ich weiß, daß ich in der Höhle des Jägers Herne bin,“ antwortete Wyhat;„und einer meiner Gründe, ſie aufzu⸗ ſuchen, war Eure Befreiung. Aber nichts hindert Eure Flucht jetzt.“ „Ach, doch!“ erwiederte ſie.„Ich bin hier durch Ketten gefeſſelt, die ich nicht zerbrechen kann: Herne hat erklärt, daß jeder Verſuch zur Flucht von meiner Seite den Tod meines Großvaters zur Folge haben wird. Und er droht nicht vergebens, wie Ihr wohl wißt. Ueberdieß würdé mich ſelbſt die fürchterlichſte Rache treffen. Nein,— ich kann nicht— ich darf nicht fliehen. Aber laßt uns nicht im Dunkeln ſprechen. Kommt mit mir um Licht anzuzünden. Gebt mir Eure Hand, ich will Euch nach meiner Zelle führen.“ Wyat ergriff die kleine, zitternde Hand, die ſie ihm reichte, und folgte ſeiner Führerin den Gang hinunter. Wenige Schritte brachte ſie an eine Thür, welche ſie auf⸗ klinkte und eine kleine, in den Felſen gehauene Kammer öffnete, in welcher eine Lampe in einer Niſche brannte. Nachdem ſie die andere Lampe, die ſie vorhin ausgelöſcht, daran angezündet hatte, ſetzte ſie dieſelbe auf einen rohen Tiſch. „Seid Ihr hier lange gefangen geweſen?“ fragte Wyat, ſeine Augen auf ihr Antlitz heftend, das zwar etwas von ſeiner Friſche verloren, dagegen viel an Lieblichkeit und Schönheit gewonnen hatte. „Drei Monate lang, glaube ich,“ antwortete ſie;„aber ich bin nicht im Stande, den Verlauf der Zeit zu meſſen. — Fünftes Buch: Mabel Lyndwvod. 133 Sie hat mir ſehr,— ſehr lang geſchienen. O! könnte ich die Sonne wiederſehen und die reine, friſche Luft athmen!“ „Kommt mit mir, und Ihr ſollt es,“ erwiederte Wyat. „Ich habe Euch ſchon geſagt, ich kann nicht fliehen,“ antwortete ſie.„Ich kann meinen Großvater nicht aufopfern.“ „Aber wenn er mit dieſem Unholde im Bunde iſt, ſo verdient er das ſchlimmſte Schickſal, das ihn befallen kann,“ ſagte Wyat.„Ihr ſolltet nur an Eure eigne Sicherheit denken. Was mag die Urſache Eurer Haft ſein?“ „Ich zittre, wenn ich daran denke,“ antwortete ſie;„allein ich fürchte, daß Herne eine Neigung zu mir gefaßt hat.“ „Dann müßt Ihr wahrlich fliehen,“ rief Wyat;„ſolche unheilige Liebe kann nur Leib und Seele verderben.“ „O! wäre nur eine kleine Hoffnung für mich!“ rief ſie aus. „Es iſt Hoffnung da,“ entgegnete Wyat.„Ich will Euch beſchützen— will für Euch ſorgen— will Euch lieben.“ „Mich lieben!“ rief Mabel, indem ein tiefes Erröthen ſich über ihre blaſſen Züge verbreitete.„Ihr liebt eine Andre.“ „Meine Abweſenheit hat mich in den Stand geſetzt, die Gewalt meiner Leidenſchaft zu bemeiſtern,“ antwortete Wyat, „und ich fühle, daß mein Herz neuer Regungen fähig iſt. Aber Ihr, Mädchen,“ ſetzte er kalt hinzu—„Ihr fühltet eine Neigung zu dem Könige. „Meine Liebe iſt erloſchen, wie die Eurige,“ entgegnete ſie mit mattem Lächeln;„aber wäre ich außer Herne's Ge⸗ walt, ſo fühle ich, daß ich wieder lieben könnte und viel inniger als zuvor— denn jenes war in der That mehr das Ergebniß von Eitelkeit, als von wirklicher Hochachtung.“ „Mabel,“ ſagte Wyat, ihre Hand ergreifend und ihr ins Auge ſehend,„wenn ich Euch befreie, wollt Ihr mich lieben?“ „Ich liebe Euch ſchon,“ antwortete ſie;„aber wenn dies geſchehen könnte, würde ich Euch mein ganzes Leben weihen.— Ha!“ rief ſie plötzlich mit verändertem 134 Schloß Windſor. „ich höre Fußtritte!— es iſt Fenwolf. Verbergt Euch in dieſer Vertiefung.“ Obgleich die Klugheit dieſer Maßregel bezweifelnd, gab Wyat doch ihren erſchrockenen und flehenden Blicken nach und verſteckte ſich, wie ſie es verlangte. Kaum war er in der Vertiefung geborgen, ſo öffnete ſich die Thür und Morgan Fenwolf trat mit ihrem Großvater ein. Fenwolf ſah ſich argwöhniſch in dem kleinen Gemache um und warf dem alten Triſtram einen bedeutſamen Blick zu, machte aber keine Bemerkung. „Was führt Euch her?“ fragte Mabel zitternd. „Ihr werdet in der Höhle erwartet,“ ſagte Fenwolf. „Ich werde Euch bald folgen,“ erwiederte ſie. „Ihr müßt gleich mitkommen,“ verſetzte Fenwolf gebie⸗ teriſch.„Herne wird ungeduldig werden.“ Mabel erhob ſich demnach und verließ die Zelle mit ihnen, ohne einen Blick auf die Stelle zu wagen, wo What verſteckt war. Kaum waren ſie alle draußen, als Fenwolf die Thür ſchnell zuwarf und den Schlüſſel umdrehte.„So, nun haben wir Euch endlich in Sicherheit gebracht, Sir Thomas Wyat. Nicht mehr zu befürchten, daß Ihr das Geheimniß der Höhle verrathet, oder mit Mabel entflieht — ha! ha!“ IHI. Wie Herne Mabeln ſeine Liebe erklärte. Ganz unbekümmert um ihre Thränen und Bitten, ſchleppte Fenwolf das Mädchen nach der großen Höhle und zwang ſie, ſich auf eine Bank neben der Stelle zu ſetzen, wo das Feuer gewöhnlich angemacht ward, wie ein Aſchen⸗ haufen bewies. Während dieſer ganzen Zeit hatte ihr Groß⸗ vater das Geſicht von ihr abgewandt, als ob er ihren Blicken Fünftes Buch: Mabel Lyndwood. 135 zu begegnen fürchtete, und jetzt beſchäftigte er ſich damit, Feuer zu ſchlagen und einen Bündel Reiſig und einige Holz⸗ ſcheite in Brand zu ſtecken. „Ich dachte, Ihr ſagtet mir, Herne wäre hier,“ ſagte Mabel im Tone des bitterſten Vorwurfs zu Fenwolf, der ſich neben ihr auf die Bank ſetzte. „Er wird bald kommen,“ erwiederte er mürriſch. „O, haltet Sir Thomas Wyat nicht gefangen,“ ſchrie Mabel flehend,„überliefert ihn nicht Eurem ſchrecklichen Meiſter! Macht mit mir, was Ihr wollt,— aber laßt ihn frei.“ „Ich will Euch ſagen, was ich thun will,“ entgegnete Fenwolf leiſe;„ich will Sir Thomas in Freiheit ſetzen und Herne's ganzes Mißfallen ertragen, wenn Ihr mir verſprecht, die Meinige zu werden.“ Mabel antwortete mit einem Blick unausſprechlichen Widerwillens. „Dann wird er bis zu Herne's Ankunft bleiben, wo er iſt,“ verſetzte Fenwolf. Mit dieſen Worten ſtand er auf, rückte einen Tiſch an die Bank und langte die Ueberbleibſel einer ungeheuren Wildprettpaſtete und ein Brod von einem Geſtelle herab, das an der einen Seite der Höhle ſtand. Mittlerweile hatte der alte Triſtram das Feuer ange⸗ zündet und ſetzte ſich an das andre Ende des Tiſches, wor⸗ auf er mit Fenwolf über die Speiſen herzufallen begann. Mabel ward eingeladen, an dem Mahle Theil zu nehmen, ſchlug es aber aus. Dann ward ein großer Steinkrug von dem Geſtelle heruntergeſchafft und von den Beiden, die mit ihrer Mahlzeit wohl zufrieden zu ſein ſchienen, ausgeleert. Mabel überlegte unterdeſſen die Möglichkeit der Flucht und hatte ſich mehr als einmal entſchloſſen, den Verſuch zu machen, aber die Furcht hielt ſie davon zurück. Ihr Groß⸗ vater vermied ihren Blick abſichtlich, wie ſchon geſagt worden, 136 Schloß Windſor. und lieh ihren Klagen und Bitten ein taubes Ohr. Aber einmal, als Fenwolf den Rücken wandte, ſah ſie ihn einen Blick von beſondrer Bedeutſamkeit auf ſich richten und begriff ſogleich die Abſicht ſeines ſonderbaren Benehmens. Er wartete augenſcheinlich nur auf eine Gelegenheit, ihr beizuſtehen. Dieſe Gewißheit beruhigte ſie einigermaßen, und nach⸗ dem ungefähr eine Stunde verſtrichen war, ohne daß einer von ihnen ein Wort geſprochen hätte, hörte man das leiſe Tönen eines Horns und Fenwolf erhob ſich mit dem Rufe: „Es iſt Herne!“ Gleich darauf ſprengte der geſpenſtiſche Jäger aus einem der Seitengänge in die Höhle. Er ritt ein wild ausſehendes ſchwarzes Roß mit fliegender Mähne und wie Karfunkeln glühenden Augen, das in jeder Hinſicht dem Rappen glich, den er im Walde verloren hatte. Er ſprang zu Boden und winkte Fenwolf heran, dem er nach einigen leiſe geflüſterten Worten ſein Roß mit dem Befehle übergab, es nach dem in den Felſen gehauenen Stall zu bringen. Dann hieß er Triſtram mitgehen und wandte ſich an Mabel. „So habt Ihr alſo Sir Thomas Wyat geſehen, finde ich,“ ſagte er in düſterm Tone. Mabel gab keine Antwort und erhob nicht einmal die Augen zu ihm. „Und er hat Euch ſeine Liebe geſtanden und Euch zur Flucht mit ihm beredet— wie?“ fuhr Herne fort. WMabel wagte noch immer nicht, die Augen aufzuſchlagen, aber ihre Wange erglühte. „Er war ein Narr, ſich hieher zu wagen,“ fuhr Herne fort;„hat er es aber einmal gethan, ſo muß er die Folgen tragen.“ „Ihr werdet ihn dochnicht umbringen?“ rief Mabel flehend. „Er wird durch eine ebenſo furchtbare Hand umkommen, Fünftes Buch: Mabel Lyndwood. 137 als die meinige,“ lachte Herne;—„durch die des Hungers. Er wird jenes Gefängniß nicht lebend verlaſſen, wofern—“ „Wofern— was?“ ſtotterte Mabel. „Wofern er ſich nicht mit mir verbündet,“ antwortete Herne.„Und nun genug von ihm, denn ich will von mir ſelbſt ſprechen. Ich habe Euch ſchon geſagt, daß ich Euch liebe und entſchloſſen bin, Euch zur Meinigen zu machen. Ihr ſchaudert, aber weshalb? Es iſt ein glorreiches Geſchick, die Braut des wilden Jägers zu ſein,— des Unholdes, der den Wald beherrſcht und in ſeinem weiten Reiche mächtiger als der König iſt. Der alte Waidmann Robin Hood hatte ſein Mädchen Mariane, und was war er in Vergleich zu mir? Er beſaß weder meine Geſchicklichkeit, noch meine Macht. Seid die Meinige und Ihr ſollt mich auf meinen mitter⸗ nächtlichen Ritten begleiten, ſollt das behende Reh über die mondbeleuchtete Fläche längs der ausgedehnten Fernſicht dahinfliegen ſehen. Ihr ſollt all die unbeſchreibliche Auf⸗ regung einer Jagd empfinden. Ihr ſollt mit mir den dichten Hain durchdringen, den Strom und See durchſchwimmen und tauſend bis jetzt unbekannte Freuden genießen. Seid die Meinige und ich will Euch zur Herrin all meiner Ge⸗ heimniſſe machen und die Bande, welche ich um mich ſammle, ſoll Euch Huldigung ſchwören. Seid die Meinige und Ihr ſollt Macht über Leben und Tod erhalten, als wäret Ihr eine unumſchränkte Königin. Und ich, den alle fürchten, dem alle gehorchen, ich will Euch Liebe und Anbetung weihen.“ Er hätte ihre Hand ergreifen mögen, allein ſie wich entſetzt vor ihm zurück. „Obgleich ich Euch jetzt mit Schrecken und Widerwillen erfülle,“ fuhr Herne fort,„ſo wird doch eine Zeit kommen, da Ihr mich ebenſo leidenſchaftlich lieben werdet, als ich einſt von der geliebt wurde, deren Ebenbild Ihr ſeid.“ „Und iſt ſie todt?“ fragte Mabel neugierig. 138 Schloß Windſor. „Todt!“ rief Herne aus.„Dreimal fünfzig Jahre ſind verfloſſen, ſeit ſie auf Erden weilte. Die Eichel, die damals im Walde fiel, iſt zur üppigen Eiche herangewachſen, wäh⸗ rend Bäume, die damals in voller Pracht ſtanden, geſtürzt und verdorrt ſind. Todt!— ja, ſie iſt aus Aller Gedächtniß, nur nicht aus dem meinigen geſchwunden, wo ſie ewig weilen wird. Menſchengeſchlechter ſind ſeit ihrer Zeit ins Grab ge⸗ ſunken,— eine Reihe von Königen hat im Schloſſe geherrſcht, — aber ich bin noch ein Bürger des Waldes. Für damals begangene Verbrechen bin ich verurtheilt, unruhvoll umher⸗ zuwandern, und werde darin hauſen, wo nicht Erlöſung kommt, bis zum Tage des Gerichts.“ „Befreit mich!“ rief Mabel;„befreit Eure anderen Ge⸗ fangenen, und wir wollen für Eure Erlöſung beten.“ „Nichts mehr davon!“ rief Herne zornig.„Wenn Ihr nicht augenblickliche und fürchterliche Strafe auf Euer Haupt herabrufen wollt,— eine Strafe, die ich nicht abwenden kann und auferlegen muß,— ſo werdet Ihr nichts Heiliges in meiner Gegenwart erwähnen und niemals auf Gebet hin⸗ deuten. Für mich gibt es kein Heil mehr.“ „O, ſprecht nicht ſo!“ rief Mabel in mitleidsvollem Tone. „Ich will Euch erzählen, wie meine Seligkeit verwirkt wurde,“ entgegnete Herne heftig.„Um die zu gewinnen, von der ich vorhin ſprach und die ſchon dem Himmel verlobt war, rief ich die Mächte der Finſterniß an. Ich bot dem Verſucher meine Seele an, wenn er ſie mir zuführen wollte; und ſeine Bedingung war, daß ich das werden ſollte, was ich bin,— das Geſpenſt des Waldes, mit der Macht zu ſchrecken und zu verſuchen und mit noch vielen andern Gaben.“ „O!“ rief Mabel. „Ich ergriff das Anerbieten mit Gier,“ fuhr Herne fort. „Sie, die ich liebte, ward mein. Aber der Tod raubte ſie mir bald und ſeit jener Zeit habe ich keine menſchlichen Fünftes Buch: Mabel Lyndwood. 139 Regungen gekannt, als Haß und Rache. Ich habe im Walde gewohnt; bald allein,— bald an der Spitze einer zahlreichen Bande,— aber jederzeit einen verderbenbringenden Einfluß auf das Menſchengeſchlecht ausübend. Endlich er⸗ ſchien das Ebenbild derjenigen, die ich liebte, vor meinen Augen, und die alte Leidenſchaft lebte in meiner Bruſt auf. Der Zufall hat Euch auf meinen Weg geführt— und mein müßt Ihr werden, Mabel!“ „Lieber ſterben,“ erwiederte ſie ſchaudernd. „Ihr könnt mir nicht entfliehen,“ verſetzte Herne mit triumphirendem Gelächter;„Ihr könnt Eurem Schickſal nicht entgehen. Aber ich will Euch nicht rauh behandeln. Ich liebe Euch und möchte Euch lieber durch Ueberredung, als mit Gewalt gewinnen. Willigt ein, die Meine zu werden, und ich ſchenke Wyat Leben und Freiheit.“ „Ich kann nicht,— ich kann nicht,“ antwortete ſie. „Nicht blos Wyat's Leben biete ich Euch als Lohn für Eure Zuſtimmung,“ beharrte Herne,„ſondern Ihr ſollt auch Alles erhalten, was Ihr ſonſt wünſchen mögt— Juwelen, Schmuck, köſtliche Kleider und Schätze,— denn von allem dieſen beſitze ich eine Menge.“ „Was würden ſie mir hier nützen?“ ſagte Mabel. „Ich will Euch nicht immer auf dieſe Höhle beſchrän⸗ ken,“ antwortete Herne.„Ihr ſollt hingehen, wohin es Euch gefällt und leben, wie es Euch gefällt; nur wenn ich Euch rufe, müßt Ihr zu mir kommen.“ „Und mein Großvater?“ fragte ſie. „Kümmert Euch nicht um ihn,“ erwiederte Herne.„Er iſt nicht mit Euch verwandt. Ich will Euch das Geheimniß aufklären, das über Eurer Geburt ſchwebt. Ihr ſeid das Kind eines Mannes, der Jahre lang größere Macht in die⸗ ſem Reiche ausgeübt hat, als der König ſelbſt, der jetzt aber verungnadet und geſtürzt, und ſeinem Ende nahe iſt. 140 Schloß Windſor. Seine prieſterlichen Gelübde verbieten ihm, ſelbſt wenn er es wünſchte, Euch anzuerkennen.“ „Habe ich ihn geſehen?“ fragte Mabel. „Ja,“ antwortete Herne—„und er hat Euch ebenfalls geſehen, und ſchwerlich hat er daran gedacht, als er Euch aufſuchte, daß er die Ehre ſeiner Tochter Preis zu geben beabſichtigte, um ſeine Macht zu erhalten und die einer An⸗ dern zu ſtürzen; obwohl er ſich dadurch vielleicht nicht hätte abhalten laſſen,“ fügte er mit höhniſchem Lachen hinzu, „wenn er es gewußt hätte.“ „Ich weiß, wen Ihr meint,“ ſagte Mabel.„Iſt es möglich, daß dieſer mein Vater wäre?“ „Es iſt ſo, wie ich Euch ſage,“ antwortete Herne. „Ihr kennt jetzt meinen Entſchluß. Morgen, um Mitternacht, wird unſre Hochzeit ſtattfinden.“ „Hochzeit!“ wiederholte Mabel. „Ja, an dieſem Altar,“ rief er, auf den druidiſchen Steinhaufen deutend—„dort werden wir uns einander vor furchtbaren Zeugen Treue geloben. Ich werde nicht zu be⸗ fürchten haben, daß Ihr Euren Eid brecht. Bedenkt, was ich Euch geſagt habe.“ Hiemit ſetzte er das Horn an die Lippen und blies ein leiſes Signal darauf; Fenwolf und Triſtram folgten dem Ruf augenblicklich, und er flüſterte dem erſteren einige Be⸗ fehle zu und verſchwand in einem der Seitengänge. Fenwolfs Benehmen war jetzt noch mürriſcher als zuvor. Umſonſt fragte Mabel ihn, was Herne mit Sir Thomas Wyat zu thun beabſichtige. Er gab keine Antwort und hieß ſie endlich ihn in Ruhe zu laſſen, als er ihrer Bitten müde ward. In dieſem Augenblicke verließ Triſtram die Höhle auf kurze Zeit, worauf er ſein Betragen gůnlich änderte und raſch zu ihr ſagte: Fünftes Buch: Mabel Lyndwood. 141 „Ich habe Alles gehört, was zwiſchen Euch und Herne vorgegangen iſt. Werdet die Meinige und ich will Euch von ihm befreien.“ „Das hieße ein Uebel mit dem andern vertauſchen,“ erwiederte ſie.„Wenn Ihr mir gefällig ſein wollt, ſo be⸗ freit Sir Thomas Wyat.“ „Ich werde ihn nur unter den ſchon gemachten Bedin⸗ gungen befreien,“ entgegnete Fenwolf. Jetzt kam Triſtram wieder und es fiel kein Wort mehr zwiſchen ihnen. Neue Holzſcheite wurden dann in das Feuer geworfen und Triſtram begab ſich auf Fenwolf's Aufforderung nach einer Höhlung im Felſen, die als eine Art Vorrathskammer diente, und holte einige Stücke Wildprett heraus, die ſie über der heißen Aſche röſteten. Am Schluß dieſer Mahlzeit, an welcher Mabel ſparſam Theil nahm, ward ſie von Morgan Fenwolf in ein kleines Gemach neben der großen Höhle geführt, das wie die zuletzt von ihr bewohnte Zelle mit einer geringen Streu verſehen war. Fenwolf ließ ihr eine Lampe, ſchloß die Thür ab und ſteckte den Schlüſſel in ſeinen Gürtel. IV. Wie Sir Thomas Wyat in der Zelle einen Beſuch von Herne erhielt. An dem Geräuſch des Zuſchließens und an Fenwolfs triumphirendem Gelächter merkte Sir Thomas Wyhat, daß er in eine Falle gegangen ſei, und ſtürzte, augenblicklich aus ſeinem Verſteck hervorſpringend, auf die Thür zu; da dieſe aber von ſtärkſtem Eichenholz gemacht und mit Eiſenplatten befeſtigt war, ſo trotzte ſie allen ſeinen Anſtrengungen, ſie zu ſprengen, ſie mochten noch ſo ſehr durch Wuth und 142 Schloß Windſor. Verzweiflung erhöht ſein. Mabel's Geſchrei, als ſie hin⸗ weggeſchleppt ward, erreichte ſein Ohr und vermehrte ſeine Unruhe; er rief ihre Begleiter dringend zurück, allein ſein Rufen ward nur mit Hohngelächter erwiedert. Da Wyat alle fernere Bemühungen fruchtlos fand, ſo warf er ſich auf die Bank und ſuchte irgend ein Mittel zur Befreiung aus ſeiner jetzigen gefahrvollen Lage zu entdecken. Er blickte in der Zelle umher, ob ein anderer Ausgang außer der Thür vorhanden wäre, aber er fand nichts als ein ſchmales vergittertes Schauloch, das auf den Gang ſah und ohne Zweifel behufs des Zutritts der Luft in das Gemach angebracht war. Kein Gefängniß konnte feſter ſein. Er unterſuchte mit der Lampe jede Spalte, aber Alles ſchien maſſiver Stein zu ſein. Die Vertiefung, in der er ſich verſteckt hatte, zeigte ſich als eine bloße Aushöhlung in der Wand. In einer Ecke lag eine elende Streu, die ohne Zweifel als Mabels Lagerſtätte gedient hatte, und dieſe, nebſt der ſteinernen Bank und dem rohen Tiſch aus dem⸗ ſelben Stoff bildeten das einzige Geräth dieſes Orts. Nachdem er dieſe ſorgfältige Unterſuchung der Zelle angeſtellt hatte, ſetzte ſich Wyat wieder auf die Bank mit der Ueberzeugung, daß an ein Entwiſchen nicht zu denken wäre, und er bemühte ſich daher auf das Schlimmſte gefaßt zu ſein, denn es war mehr als wahrſcheinlich, daß er dem Hungertode preisgegeben werden würde. Einem feurigen Gemüth, wie das ſeinige, war die fürchterliche Ungewißheit, in der er ſich befand, unerträglicher, als körperliche Pein. Und er ſollte ſie lange Zeit erdulden. Viele Stunden floſſen dahin, während deren nichts geſchah, das die ſchreckliche Einförmigkeit ſeiner Lage gemildert hätte. Endlich über⸗ wältigte ihn, trotz ſeiner Angſt, unvermerkt der Schlaf. Er war voll furchtbarer Träume. Wie lange er geſchlafen hatte, wußte er nicht, aber Fünftes Buch: Mabel Lyndwood. 143 als er erwachte, fand er, daß die Zelle in der Zwiſchenzeit beſucht worden ſein mußte, denn ein Stück Brod, ein Theil eines kalten Wildprettbratens und eine Flaſche Wein ſtand auf dem Tiſch. Es war alſo augenſcheinlich, daß ſeine Ge⸗ fangenwärter ihn nicht verhungern laſſen wollten; er gab dem Reize der Eßluſt nach und genoß die Speiſen mit dem feſten Entſchluß, beim nächſten Beſuche ſeines Kerkermeiſters auf der Hut zu ſein. Nach Beendigung ſeines Mahles unterſuchte er die Zelle von Neuem, aber ohne beſſeren Erfolg als vorher; doch aus der Stellung der Bank, auf der er gelegen hatte, glaubte er faſt ſchließen zu dürfen, daß der Beſuch nicht durch die Thür gekommen ſein konnte. Als er nach einer zweiten langen und trüben Zwiſchen⸗ zeit fand, daß der Schlaf ihn überwältigen wollte, ſtellte er die Bank gegen die Thür, und lehnte ſich mit dem Rücken an dieſe, ſicher, daß Niemand auf dieſem Wege hineindrin⸗ gen konnte, ohne ihn zu wecken. Sein Schlummer ward wieder von ſchrecklichen Träumen geſtört, und endlich rüttelte ihn eine Hand an ſeiner Schulter auf, wobei ihm eine tiefe Stimme ſeinen Namen ins Ohr rief. Er ſprang in die Höhe und kaum im Stande, die Wirklichkeit von den ſcheußlichen Gebilden, die ihn beunruhigt hatten, zu unterſcheiden, fand er, daß die Thür noch ver⸗ ſchloſſen und die Bank unverrückt war, während vor ihm Herne, der Jäger, ſtand. „Willkommen noch einmal in meiner Höhle, Sir Tho⸗ mas Wyat,“ rief der Unhold mit höhnendem Lachen;„ich ſagte Euch wohl in der Nacht des Angriffs auf den König, daß wenn Ihr ihm auch entkämet, Ihr doch mir nicht entkommen würdet. Und ſo iſt es auch geſchehen. Ihr ſeid jetzt gänzlich in meiner Gewalt, Leib und Seele— ha! ha!“ „Ich trotze dir, heimtückiſches Weſen,“ erwiederte Wyat. 144 Schloß Windſor. „Ich war unſinnig genug, Euch meine Seele unter gewiſſen Bedingungen zu verpfänden, aber dieſe werden niemals erfüllt werden.“ „Es kann noch geſchehen!“ verſetzte Herne. „Nein,“ entgegnete Wyat,„ich habe mein Herz von der heftigen und unheiligen Leidenſchaft, die es beherrſchte, gereinigt. Ich verlange keine Hülfe von Euch.“ „Wenn Ihr Euren Sinn geändert habt, was geht es mich an?“ fragte das Geſpenſt verächtlich,—„ich halte Euch bei unſerm Vertrage.“ „Noch einmal, ich entſage dir, hölliſcher Geiſt!“ rief Wyat—„du magſt meinen Leib vernichten, aber meiner Seele kannſt du nichts anhaben.“ „Ihr ereifert Euch ohne Grund, guter Sir Thomas,“ erwiederte Herne in etwas beißendem Tone.„Ich bin nicht das bösartige Weſen, wofür Ihr mich haltet; auch iſt es gar nicht meine Sache, die Streitigkeiten des Erbfeindes der Menſchheit mit dem Himmel auszufechten. Wohl mag ich mit den Mächten der Finſterniß im Bunde ſein, aber es iſt gar mein Wunſch nicht, ihnen Hülfe zu leiſten, und ich über⸗ laſſe es Euch daher, für Eure Seele nach Eurer Weiſe zu ſorgen. Was ich von Euch verlange iſt Euer Dienſt wäh⸗ rend Eurer Lebzeiten. Nun hört die Bedingungen an, die ich Euch vorlege. Ihr müßt Euch durch einen fürchterlichen Eid verpflichten, deſſen geringſte Verletzung die Verdamm⸗ niß der Seele nach ſich zieht, für deren Heil Ihr ſo ängſtlich beſorgt ſeid, daß Ihr nichts von dem kund machen wollt, was Ihr hier ſehen werdet, oder was Euch hier mitgetheilt werden mag. Auch müßt Ihr mir unbedingten Gehorſam in allen Dingen ſchwören,— alle geheimen Aufträge, die ich Euch geben mag, wie ſie auch beſchaffen ſein mögen, zu vollſtrecken,— meiner Bande neue Genoſſen zuzuführen,— und mir in jeder Unternehmung, die ich vorſchlagen mag, Fünftes Buch: Mabel Lyndwood. 145 beizuſtehen. Habt Ihr dieſen Eid geleiſtet, ſo ſeid Ihr frei. Verweigert Ihr ihn, ſo überlaſſe ich Euch dem Hungertode.“ „Ich verweigere ihn,“ antwortete Wyat kühn.„Ich wollte lieber tauſend Tode ſterben, als mich ſo zu binden. Auch fürchte ich nicht, hier dem Tode preis gegeben zu werden. Ihr werdet dieſe Zelle nicht ohne mich verlaſſen.“ „Ihr ſeid ein tapferer Krieger, Sir Thomas What,“ verſetzte der Unhold mit ſpöttiſchem Gelächter,„allein Ihr ſeid ſchwerlich Herne, dem Jäger, gewachſen, wie Ihr finden werdet, wenn Ihr tollkühn genug ſeid, den Verſuch zu wagen. Hütet Euch!“ rief er mit einer Donnerſtimme, als er den Ritter Hand ans Schwert legen ſah,„ich bin unverwundbar und Ihr werdet alſo vergebens nach mir hauen. Zwingt mich nicht zu den fürchterlichen Mitteln, die ich auf der Stelle anwenden könnte, um Euch meinem Willen zu unter⸗ werfen. Ich meine es gut mit Euch und möchte Euch lieber dienen, als Schaden thun. Aber ich will Euch nicht gehen laſſen, wenn Ihr Euch nicht mit mir verbündet. Schwört mir alſo Gehorſam und gehet hin zu Euren Freunden, Surrey und Richmond, und ſagt ihnen, daß Ihr mich nicht gefunden habt.“ „Ha!“ rief Wyat aus.„Ihr wißt alſo von unſrer Zuſammenkunft?“ „Eure Plane ſind mir bekannt,“ lachte Herne.„Es iſt jetzt Abend und um Mitternacht wird die Zuſammenkunft in des Förſters Hütte ſtattfinden. Wenn Ihr Euch nicht dabei einfindet, ſo werde ich es thun. Sie werden eben ſo gut, wie Ihr, meine Gefangenen werden. Um Euch zu er⸗ halten und ſie zu retten, müßt Ihr zu mir halten.“ „Ehe ich Antwort gebe,“ ſagte Wyat,„muß ich wiſſen, was aus Mabel Lyndwood geworden iſt.“ „Mabel Lyndwood geht Euch nichts an, Sir Thomas,“ erwiederte Herne kalt. „Sie geht mich ſo viel an, daß ich um ihretwillen eine II. 10 146 Schloß Windſor. Gefahr laufen würde, in die ich mich um meiner ſelbſt willen nicht begeben möchte,“ verſetzte Wyat.„Wenn ich Euch Gehorſam verſpreche, wollt Ihr ſie in Freiheit ſetzen,— wollt Ihr ſie mit mir gehen laſſen?“ „Nein,“ antwortete Herne entſchieden.„Verbannt alle Gedanken an ſie aus Eurer Bruſt. Ihr werdet ſie niemals wieder ſehen. Ich will Euch Zeit zur Ueberlegung meines Vorſchlags laſſen. Eine Stunde vor Mitternacht werde ich wieder kommen und wenn ich Euch noch eben ſo geſonnen finde, ſo überlaſſe ich Euch Eurem Schickſal.“ Mit dieſen Worten ſchritt er nach dem unteren Ende der Zelle zurück. Wyat ſprang ihm augenblicklich nach, aber ehe er ihn erreichen konnte, machte ihn ein Feuerblitz zurück⸗ prallen und zu ſeinem Erſtaunen und Entſetzen, ſah er den Fels ſich öffnen und der zurückweichenden Geſtalt einen Aus⸗ weg darbieten. Als ſich der Schwefeldunſt, mit dem ſich die kleine Zelle angefüllt hatte, einigermaßen verzogen hatte, unter⸗ ſuchte Wyat die Wände des Felſens, aber er konnte auch nicht die geringſte Spur eines geheimen Ausganges auffinden und ſchloß daher, daß das Verſchwinden des Unholdes durch Zauberei bewirkt worden ſein müſſe. V. Wie Mabel mit Sir Thomas Wyat aus der Höhle entfloh. Am folgenden Tage ward Mabel von ihrem Kerker⸗ meiſter herausgelaſſen und die Stunden ſchwanden vorüber, vhne daß ſich ihr eine Gelegenheit zur Flucht dargeboten hätte, nach der ſie ſich ſo ſehr ſehnte. So wie die Nacht herankam, wuchs ihre Unruhe und ſie gab den Wunſch zu v Fünftes Buch: Mabel Lyndwood. 147 erkennen, nach ihrer Zelle gebracht zu werden. Als Fen⸗ wolf die Thür zuzumachen im Begriffe war, fand er das Schloß verdreht und die Riegel wollten ſich nicht ſchieben laſſen, er mußte ſich daher damit begnügen, eine Bank gegen die Thür zu ſtellen und ſich darauf zu ſetzen. Ungefähr eine Stunde, nachdem Mabel ſich zurückge⸗ zogen hatte, machte der alte Triſtram den Vorſchlag, Fen⸗ wolf von ſeinem Wachtpoſten abzulöſen, dies wies der letz⸗ tere aber entſchieden ab, lehnte ſich an die Thür und ſchickte ſich zur Nachtruhe an. Triſtram ſtreckte ſich dann auf den Fußboden hin und in kurzer Zeit ſchien Alles in Schlummer begraben zu ſein. Bald jedoch, als Fenwolfs ſchwere Athemzüge die Tiefe ſeines Schlafes beurkundeten, erhob ſich Triſtram auf ſeinem Ellbogen und ſah ſich ringsum. Die auf den Tiſch geſtellte Lampe erhellte die Höhle nur unvollkommen, denn das Feuer, welches ſie zur Bereitung der Abendmahlzeit angemacht hatten, war vollſtändig ausgegangen. Sich behutſam erhebend und ſein Jagdmeſſer ziehend, ſchlich der alte Mann nach Fenwolf, dem Anſchein nach mit der Abſicht ihn zu ermorden, aber plötzlich änderte er ſeinen Sinn und ließ den Arm ſinken. In dieſem Augenblick ſchlug Fenwolf, als wie auf übernatürliche Weiſe gewarnt, die Augen auf und da er den alten Waidmann neben ſich ſtehen ſah, ſo ſprang er auf ihn zu und packte ihn an der Kehle. „Ha! Verräther!“ ſchrie er,„was wollteſt du thun?“ „Ich bin kein Verräther,“ antwortete der alte Mann. „Ich hörte ein Geräuſch in dem Gange nach What's Zelle und wollte Euch eben aufrütteln, als Ihr, vermuthlich über das Geräuſch, von ſelbſt erwachtet.“ „Das kann ſein,“ erwiederte Fenwolf, von dieſer Erklä⸗ rung befriedigt und ihn loslaſſend.„Ich glaubte im Traume 148 Schloß Windſor. etwas zu hören. Aber kommt mit mir nach Wyat's Zelle, denn ich will Euch hier nicht allein laſſen.“ Er nahm die Lampe zur Hand und eilte mit Triſtram den Gang hinunter. Kaum waren ſie fort, als Mabel, die den ganzen Hergang belauſcht hatte, die Thür ihrer Zelle öffnete und ſo haſtig heraustrat, daß ſie die Bank umwarf, die mit beträchtlichem Gepolter hinfiel. Sie hatte gerade nur Zeit, ſie wieder hinzuſtellen und ſich in einem benachbarten Gange zu verbergen, als Fenwolf in die Höhle zurückſtürzte. „Es war ein falſcher Lärm,“ rief er.„Ich ſah Sir Thomas What durch das Schauloch in ſeiner Zelle und habe den Schlüſſel mit mir genommen. Aber ich bin ſicher, daß ich hier ein Geräuſch gehört habe.“ „Es muß bloße Einbildung geweſen ſein,“ ſagte Tri⸗ ſtram,„denn alles ſteht, wie wir es verlaſſen haben.“ „Es ſcheint freilich ſo,“ erwiederte Fenwolf unſchlüſſig. „Aber ich will mich überzeugen.“ Während er das Ohr an die Thür legte, benachrichtigte Mabel ihren Großvater durch ein Zeichen, daß ſie in Sicher⸗ heit ſei. Fenwolf mochte wohl ein kleines Geräuſch in der Kammer zu hören glauben, genug, er winkte Triſtram zu, daß Alles ſeine Richtigkeit habe, und nahm ſeinen Platz wieder ein. In weniger als zehn Minuten war er wieder in feſten Schlaf verſunken. Dann kam Mabel aus ihrem Verſteck hervor und näherte ſich behutſam ihrem Großvater, der eben⸗ falls zu ſchlummern ſchien. Indem ſie ſich ihm näherte, ſtand er geräuſchlos auf. „Der Plan iſt gelungen,“ flüſterte er.„Ich bin es geweſen, der das Schloß verdarb. Aber komm mit mir; ich will dich zur Höhle hinausbringen.“ „Nicht ohne Sir Thomas What,“ erwiederte ſie;„ich will ihn nicht hier laſſen.“ Fuͤnftes Buch: Mabel Lyndwood. 149 „Du wirſt dich nur in Gefahr ſetzen und ihn doch nicht befreien können,“ verſetzte Triſtram.„Fenwolf hat den Schlüſſel zu ſeiner Zelle.— Nun, wenn du einmal nicht anders willſt, ſo will ich dich nicht hindern; aber dann müßt Ihr Euch allein hinausfinden, denn ich will Sir Thomas Wyat nicht beiſtehen.“ WMabel winkte ihm Stillſchweigen zu und ſchlich lang⸗ ſam auf den Zehenſpitzen nach Fenwolf hin. Der Schlüſſel ſtack in ſeinem Gürtel. Sie lehnte ſich über ihn und zog ihn plötzlich geſchickt heraus. In eben dem Augenblick, als ſie ſich deſſelben bemäch⸗ tigt hatte, rührte ſich Fenwolf und ſie bückte ſich und ver⸗ barg ſich hinter dem Tiſche. Fenwolf, deſſen Schlaf nur obenhin geſtört worden war, blickte umher, und da er Tri⸗ ſtram in derſelben Stellung liegen ſah, die er wieder ange⸗ nommen hatte, als Mabel ihr Wageſtück begann, ſo ſchickte er ſich wieder zum Schlafen an. Mabel wartete ſo lange, bis ſie ſich von der Feſtigkeit ſeines Schlafs überzeugt hatte, dann kroch ſie unter dem Tiſch hervor, machte Triſtram ein Zeichen, auf ſeinem Platze zu bleiben, und ſchwebte mit leichtem und geräuſchloſem Tritt den Gang nach der Zelle entlang. Binnen Kurzem befand ſie ſich vor deren Thür,— der Schlüſſel ſtack im Schloſſe — und ſie ſtand vor Sir Thomas Wyat. Wenig Worte genügten, um dem erſtaunten Ritter zu erklären, wie ſie hineingekommen ſei, und da er einſah, daß nicht ein Augenblick zu verlieren war, ſo folgte er ihr hinaus. Im Gange hielten ſie flüſternd eine kurze Berathung in Betreff des beſten Mittels, ihre Flucht zu bewerkſtelligen, denn ſie waren von der Nutzloſigkeit, Triſtram darum anzu⸗ gehen, überzeugt. Der Ausgang, mit dem Sir Thomas Wyat bekannt war, lag an der andern Seite der Höhle, auch hätte er den dahin führenden Gang nicht herausfinden 150 Schloß Windſor. können. Was Mabel anbetraf, ſo konnte ſie keine Auskunft geben, ſie wußte aber, daß der Stall in einem benachbarten Gange lag. Sir Thomas Wyat erinnerte ſich aus früheren Erfah⸗ rungen der guten Abrichtung der Roſſe und ergriff begierig dieſen Wink, und Mabel führte ihn weiter den Gang ent⸗ lang und brachte ihn, in eine Oeffnung zur Linken einbie⸗ gend, nach einigen Wendungen in ein großes Gemach, in dem zwei oder drei Rappen ſtanden. Eins von dieſen losbindend, warf ihm Wyat einen Zügel über den Nacken, ſchwang ſich auf ſeinen Rücken und nahm Mabel vor ſich. Dann drückte er dem Thiere die Ferſen in die Seite, und dieſes bedurfte keines weiteren Antriebes, um den Gang hinunterzufliegen und ſie in weni⸗ gen Secunden in die Höhle zu tragen. Das Getrappel des Pferdes weckte Fenwolf, der auf die Füße ſprang und ihnen mit wüthendem Geſchrei nach⸗ lief; aber er kam zu ſpät. Von Wyats Dolch geſtachelt, ſtürzte das Roß wüthend vorwärts; dann tauchte es mit ſeiner doppelten Bürde in den Pfuhl am untern Ende der Höhle und war verſchwunden. VI. Von dem verzweifelten Entſchluſſe Triſtram's und Fenwolf's; und wie die Mine gelegt ward. Vor Wuth über die Flucht der beiden Gefangenen außer ſich, wandte ſich Fenwolf gegen den alten Triſtram, und ſein Meſſer ziehend, drohte er ihm das Garaus zu machen. Aber der alte Mann, der mit einem kurzen Hirſch⸗ fänger bewaffnet war, legte ſich gegen ihn aus und ſo ſchwan⸗ Fünftes Buch: Mabel Lyndwvod. 151 gen ſie ihre Waffen einige Minuten lang gegen einander, ohne einen Schlag zu führen. „Nun, ich will Euch Herne's Rache überlaſſen,“ ſagte Fenwolf, ſein Meſſer wieder in den Gürtel ſteckend.„Ihr werdet theuer für Eure Mitwirkung zu ihrer Flucht bezahlen.“ „Ich will es ſchon auf mich nehmen,“ erwiederte Tri⸗ ſtram mürriſch,—„ich bin auf das Aergſte gefaßt. Ich will dieſem Unhold nicht länger dienen.“ „Was! wagt Ihr Euren Eid zu brechen?“ ſchrie Fen⸗ wolf.„Bedenkt die ſchrecklichen Folgen!“ „Ich kümmere mich nicht darum,“ entgegnete Triſtram. „Hört, Fenwolf, ich weiß, Ihr werdet mich nicht verrathen, denn Ihr haßt ihn ſo ſehr, als ich, und habt eben ſo großen Durſt nach Rache. Ich will den Wald von dieſem grau⸗ ſamen Weſen befreien.“ „Ich wollte, Ihr könntet Euer Wort gut machen, alter Mann,“ verſetzte Fenwolf;„ich gäbe mein Leben hin, um Rache an ihm nehmen zu können.“ „Ich nehme es an,“ ſagte Triſtram,—„die Rache ſoll Euch werden.“ „Aber wie?“ rief Jener.„Ich habe ſeine Unverwund⸗ barkeit erprobt— und der Griff ſeiner Fauſt iſt noch an ſchwarzen Malen an meinem Halſe zu erkennen. Wenn wir ihn fingen und an den König auslieferten, ſo könnten wir unſre eigne Begnadigung damit erkaufen.“ „Nein, das kann nimmer geſchehen,“ ſagte Triſtram. „Meine Abſicht iſt, ihn umzubringen.“ „Nun, laßt hören,“ ſagte Fenwolf. „So kommt mit mir,“ verſetzte Triſtram. Und die Lampe in die Hand nehmend, führte er ihn in einen engen Seitengang. Ungefähr auf der Mitte ſeiner ganzen Länge ſtand er vor einer niedrigen, mit Eiſen be⸗ 452 Schloß Windſor. ſchlagenen Thüre ſtill, die er öffnete, und zeigte ihm, daß die Vertiefung mit großen Leinwandſäcken angefüllt war. „Nun, dies iſt das Pulvermagazin,“ ſagte Fenwolf. „Ich errathe jetzt, wie Ihr Herne umzubringen gedenkt. Der Plan gefällt mir gut genug, er kann aber nicht ohne unver⸗ meidlichen Untergang unſrer ſelbſt ausgeführt werden.“ „Ich will alle Gefahr übernehmen,“ ſagte Triſtram. „Ich verlange blos Eure Hülfe für die Zurüſtungen. Mein Vorſchlag iſt folgender. Es iſt Pulver genug im Magazin, um nicht nur die Höhle in die Luft zu ſprengen, ſondern auch das ganze Holz rundumher in Flammen zu ſetzen. Es muß in weitem Umkreiſe um die Höhle unter dem trockenen Reiſig umher geſtreut werden und durch eine Zündlinie mit dieſem Magazin in Verbindung gebracht werden. Wenn Herne zurückkommt, will ich Feuer anlegen.“ „Der Plan iſt ſehr gefährlich und ich fürchte, er wird ſcheitern,“ erwiederte Fenwolf nach einer Pauſe;—„dem⸗ ungeachtet will ich Euch helfen.“ „So laßt uns gleich ans Werk ſchreiten,“ ſagte Tri⸗ ſtram,„denn wir haben keine Zeit zu verlieren. Herne wird vor Mitternacht hier ſein und ich möchte Alles zu ſei⸗ nem Empfange bereit haben.“ Sie nahmen alſo jeder ein Paar Säcke auf vie Schulter und gingen nach der Höhle zurück, von wo ſie einen engen Gang verfolgten und aus dem geheimen Eingange in das Gehölz traten. Während Fenwolf nach einem neuen Zuſchuß von Pulver hinunterging, begann Triſtram ſeine Vorkehrungen. Obwohl es ſchon tief im Herbſt war, ſo hatte es doch immer noch ausgezeichnet ſchönes Wetter gegeben, der Boden war dicht mit welkem Laub beſät, das Haidekraut war braun und trocken, und das Unterholz kniſterte und brach, ſo wie man ſich einen Weg durch daſſelbe buhnt Die Biume ſelb Fünftes Buch: Mabel Lyndwood. 153 waren bei der anhaltenden Hitze ausgetrocknet. Unter ſo günſtigen Umſtänden ſtreute Triſtram den Inhalt eines der Säcke in einer breiten Linie unter das Kraut und Unterholz aus, indem er hie und da einige Pfund Pulver zwiſchen den Baumwurzeln vertheilte und die Haufen mit vertrock⸗ neten Zweigen und Blättern bedeckte. Während er hiermit beſchäftigt war, erſchien Fenwolf mit noch zwei Pulverſäcken und ging noch einmal hinab, um neuen Vorrath zu holen. Als er mit einer eben ſo großen Ladung wiederkam, hatte der alte Förſter ſchon einen großen Theil des beabſichtigten Kreiſes gelegt. Triſtram hielt das Pulver nun für hinreichend und ſetzte ſeinem Gefährten das zu beobachtende Verfahren aus⸗ einander, und dieſer fing die Mine zur linken Seite des ge⸗ heimen Eingangs unter ſorgfältiger Beobachtung der ihm ertheilten Vorſchriften weiterzuführen an. In noch nicht einer Stunde trafen ſie an einem be⸗ ſtimmten Baume zuſammen und der furchtbare Kreis war vollendet. „So weit wäre Alles gut!“ ſagte Triſtram, indem er den Inhalt ſeines Sackes unter dem Baume ausleerte und Alles mit Laub und Reiſig bedeckte, wie vorhin;„und nun zur Verbindung mit der Höhle.“ Bei dieſen Worten öffnete er einen andern Sack und zog eine breite Zündlinie nach dem Mittelpunkte des ganzen Raums. Endlich hielt er zu Füßen eines großen ausge⸗ höhlten Baumes inne. „Ich habe mich überzeugt,“ ſagte er,„daß dieſer Baum unmittelbar über dem Magazin ſteht; und indem ich dies Kaninchenloch verfolgte, iſt es mir gelungen, einen ſchmalen Zugang dahin zu öffnen. Ein hohles Rohr, in das Loch geſteckt und mit Pulver gefüllt, wird den Pulvervorrath nien ſicherlich erreichen.“ 154 Schloß Windſor. „Ein vortrefflicher Gedanke!“ erwiederte Fenwolf,„ich werde gleich eins holen.“ Er eilte an das Seeufer und kehrte bald mit verſchie⸗ denen langen Röhren zurück, von denen Triſtram eines aus⸗ wählte und in das Kaninchenloch hineinſteckte. Es hatte genau die erforderliche Länge, und ſobald es den Boden be⸗ rührte, ward es ſorgfältig aus einem Horn mit Pulver ge⸗ füllt. Nachdem er dieſe Röhre mit der Seitenlinie in Ver⸗ bindung geſetzt und mehrere Ellen weit Pulver umhergeſtreut hatte, um deſſen augenblickliche Zündung zu ſichern, erklärte Triſtram die Mine für vollendet. „Wir haben jetzt eine Falle gelegt, der Herne ſchwerlich entgehen wird,“ bemerkte er mit trübem Lächeln zu Fenwolf. Sie ſchickten ſich nun zur Rückkehr in die Höhle an, aber ſie waren noch nicht viele Schritt weit gegangen, als Herne auf ſeinem Rappen aus dem Dickicht herangeſprengt kam. „Ha! was macht Ihr hier?“ ſchrie er, ſeinen Lauf ſo⸗ gleich unterbrechend.„Ich befahl Euch Mabel genau zu bewachen. Wo iſt ſie?“ „Sie iſt mit Sir Thomas Wyat entflohen,“ ſagte Fen⸗ wolf,„und wir ſind ausgeweſen, um ſie aufzuſuchen.“ „Entflohen!“ ſchrie Herne, vom Pferde ſpringend und auf ihn zuſtürzend;„Hunde! Ihr hintergeht mich. Aber mit Eurem Leben ſollt Ihr für Eure Treuloſigkeit büßen.“ „Wir haben nicht den geringſten Theil daran,“ erwie⸗ derte Fenwolf verdrießlich.„Es gelang ihr aus der Kammer, in der ich ſie eingeſchloſſen hatte, zu entkommen und Sir Thomas Wyat zu befreien. Sie verſchafften ſich dann ein Roß aus dem Stall und tauchten durch den Pfuhl in den See.“ „Fluch über ſie und über Euch Beide!“ ſchrie Herne. „Aber Ihr ſollt theuer für Eure Fahrläſſigkeit bezahlen, wenn es nicht noch etwas Schlimmeres iſt. Seit wie lange ſind ſie fort?“ ½ Fünftes Buch: Mabel Lyndwood. 155 „Es können zwei Stunden ſein,“ erwiederte Fenwolf. „Geht in die Höhle,“ rief Herne,„und erwartet dort meine Rückkehr, und Wehe über Euch, wenn ich meine Beute nicht wieder erlange.“ Mit dieſen Worten ſchwang er ſich auf ſein Roß und verſchwand. „Und Wehe auch über Euch, ſcheußlicher Unhold,“ rief Fenwolf.„Wenn Ihr wiederkommt, werdet Ihr ein ganz unerwartetes Willkommen treffen. Hätten wir doch die Mine gleich angelegt, Triſtram, wenn wir auch hätten mit ihm umkommen müſſen!“ „Es iſt zeitig genug, ſie nach ſeiner Rückkunft anzu⸗ zünden,“ entgegnete der alte Förſter;„ſo verſchieben wir unſre Rache nur auf kurze Zeit. Und nun zur Beſtimmung unſrer Poſten. Ich will meinen Stand in jenem Dickicht einnehmen.“ „Und ich in jenem hohlen Baume,“ ſagte Fenwolf. „Wer ihn von uns zuerſt ſieht, legt das Feuer an.“ „So ſei es!“ verſetzte Triſtram.„Laßt uns nun in die Höhle hinabſteigen und zuſehen, ob im Magazin alles ſeine Richtigkeit hat, und dann wollen wir umkehren und uns zur Ausführung bereit halten.“ VMI. Wie die Mine geſprengt ward;— und was auf die Exploſion folgte. Ungefähr um zehn Uhr in der erwähnten Nacht machten ſich Surrey und Richmond in Begleitung des Herzogs von Richmond und eines halben Dutzends andrer Bogenſchützen auf den Weg und ſchlugen die Richtung nach dem See längs dem großen Parke ein. 2 Sie waren noch nicht weit geritten, als ſie von zwei 156 Schloß Windſor. Reitern eingeholt wurden, die ſo weit es ſich in dem un⸗ ſichern Zwielichte unterſcheiden ließ, handfeſte Leute und gut beritten, obwohl einfach gekleidet, zu ſein ſchienen. Die beiden Fremden geſellten ſich ohne Umſtände zu ihnen. „Es ſind ſchlimme Gerüchte über den Park im Schwunge, meine Herren,“ ſagte die erſte dieſer Perſonen zu Surrey, „und wir möchten gerne in Eurer Geſellſchaft hindurchreiten.“ „Aber unſer Weg mag vielleicht nicht der Eurige ſein, Freund,“ erwiederte Surrey, dem dieſe Zudringlichkeit nicht ganz zu gefallen ſchien.„Wir gehen nicht weiter als bis zum See.“ „Unſer Weg liegt in derſelben Richtung,“ entgegnete Jener,„und wenn es Euch recht iſt, ſo begleiten wir Euch ſo weit es geht. Kommt, ſagt mir rund heraus, ſetzte er nu einer Pauſe hinzu,„ſeid Ihr nicht ausgeritten, um den Jäger Herne aufzuſuchen?“ „Warum meint Ihr, Freund?“ fragte der Graf etwas verdrießlich. 3 „Weil ich Euch in dem Fall herzlich gern beiſtehen will,“ antwortete Jener,„und mein Freund, Tony Cryſpyn, der hinter mir reitet, ebenfalls. Ich habe ſchon lange eine Nuß mit dieſem Herne zu knacken, weil er mich mehr als einmal angegriffen hat, und ich möchte ihm gern eins verſetzen.“ „Wenn Ihr auf meinen Rath hören wollt, Hugo Dacre,“ warf Cryſpyn dazwiſchen,„ſo werdet Ihr weiter reiten und das Abenteuer dieſem jungen Haudegen allein überlaſſen.“ „Nein, bei der Meſſe! das ſoll nicht ſein,“ verſetzte Dacre,„wofern ſie nichts gegen unſte Begleitung haben. Wenn ſie etwas dawider haben, ſo brauchen ſie es nur zu ſagen, und wir reiten voraus.“ „Ich will offen gegen Euch ſein, meine Freunde,“ ſagte Surrey;„unſre Abſicht iſt, wie Ihr recht vermuthet habt, N Fünftes Buch: Mabel Lyndwood. 157 den Jäger Herne heute Nacht aufzuſuchen; und wir hoffen ihm ſo beizukommen, daß uns ſeine Gefangennehmung nicht entgehen wird. Wenn Ihr alſo ſo erpicht darauf ſeid, uns zu begleiten, ſo ſoll uns Euer Beiſtand angenehm ſein. Ihr müßt Euch aber damit begnügen zu folgen, und nicht vor⸗ anzugehen, und ſo zu handeln, wie Ihr angewieſen werdet, oder Ihr werdet uns nur im Wege ſein und wir würden lieber auf Eure Geſellſchaft verzichten.“ „Wir ſind mit den Bedingungen einverſtanden, nicht wahr, Tony?“ ſagte Dacre. Sein Gefährte antwortete ihm ein verdrießliches Ja. „Und nun da alles in Ordnung iſt, darf ich fragen, wohin Ihr zu gehen beabſichtigt?“ fuhr er fort. „Wir ſind auf dem Wege nach einer Hütte am See, wo ein Freund zu uns ſtoßen wird,“ antwortete Surrey. „Was! nach Triſtram Lyndwood's Hütte?“ fragte Dacre. „Ja,“ antwortete der Graf,„und wir hoffen ſeine ſchöne Enkelin der Gewalt des Unholdes zu entreißen.“ „Ha! was Ihr ſagt!“ rief Dacre;„das wäre wahr⸗ haftig ein Meiſterſtreich!“ Die beiden Fremden ritten auf einige Augenblicke bei Seite und beſprachen ſich in leiſem Tone, während deſſen Richmond ſein Bedenken ihretwegen gegen Surrey äußerte, indem er hinzufügte, daß er entſchloſſen ſei, ſie los zu werden. Die Ankömmlinge ließen ſich jedoch nicht ſo leicht ab⸗ ſchütteln. Sobald ſie des Herzogs Abſicht bemerkten, hingen ſie ſich nur noch hartnäckiger als zuvor an ihn und den Grafen, und gaben deutlich zu erkennen, daß ſie ſich nicht abweiſen laſſen wollten. Um dieſe Zeit hatten ſie den Springhügel hinter ſich und waren kaum noch eine Meile von dem Thal, in dem der Moraſt lag, entfernt, als ſie im Dickicht zur Linken einen Hülferuf hörten, worauf der Trupſaugenblicklich Halt 4 v 158 Schloß Windſor. machte. Der Ruf wiederholte ſich und Surrey ſprengte mit dem Befehle an die Andern, ihm zu folgen, nach der Gegend des Schalles fort. Nicht lange, ſo bemerkten ſie zwei Geſtalten unter den Bäumen, die ſie bei fernerer Annäherung als Sir Thomas Wyat mit Mabel in bewußtloſem Zuſtande in ſeinen Armen erkannten. Zur Seite ſeines Freundes abſteigend, fragte Surreh eilig, wie ſie hierhin kämen und was geſchehen ſei. „Die Geſchichte iſt zu lang zum Erzählen,“ ſagte Wyat; „aber die Hauptſache iſt, daß ich, wie Ihr ſeht, mit Hülfe dieſes Mädchens den Klauen des Unholdes entwiſcht bin. Wir bewirkten unſte Flucht zu Pferde und hatten durch den See zu ſchwimmen. Die Kälte des Waſſers raubte meiner ſchönen Retterin das Bewußtſein, ſo daß ich abſtieg und ſie ins Leben zurückzurufen verſuchte, ſobald ich gelandet war und einen Zufluchtsort gefunden hatte, wo ich mich ſicher wähnte. Während ich damit beſchäftigt war, riß ſich das Pferd los, das mich hergetragen hatte, und jagte in den Wald davon. Nach einer Weile ſchlug Mabel die Augen auf, aber ſie war ſo ſchwach, daß ſie ſich nicht be⸗ wegen konnte und ich mußte ihr wohl oder übel ein Lager aus Haidekraut bereiten, in der Hoffnung, daß ſie bald zu ſich kommen würde. Aber die Furcht und die Anſtrengungen waren zu groß für ſie, und ſie unterlag einer Reihe von Ohnmachten, während deren ich dachte, ſie würde ihren Geiſt aufgeben. Das iſt Alles. Nun laßt uns eine Bahre für ſie bereiten und ſie nach einem Orte bringen, wo ſie gehörig gepflegt werden kann.“ Unterdeſſen waren die Uebrigen herangekommen und Hugo Dacre, der ſich vom Pferde herabſchwang und Surrey etwas unſanft bei Seite ſchob, trat auf Mabel zu, und ihre Hand ergreifend, ſagte er mit bewegter Stimme:„Ach! Fünftes Buch: Mabel Lyndwood. 159 armes Mädchen! ich hoffte dich nicht in ſolchem Zuſtande wiederzufinden.“ „Ihr kennt ſie alſo?“ fragte Surrey. Dacre bejahte es. „Wer iſt dieſer Mann?“ fragte Wyat den Grafen. „Ich kenne ihn nicht,“ antwortete Surrey.„Er geſellte ſich auf dem Wege hierher zu uns.“ „Ich bin Sir Thomas Wyat wohl bekannt,“ verſetzte Dacre in bedeutſamem Tone,„er wird es bezeugen, wenn ich ihm gewiſſe Umſtände ins Gedächtniß zurückrufe. Doch laßt uns keine Zeit verlieren. Das Mädchen hat die erſten Anſprüche auf unſere Aufmerkſamkeit. Sie muß an einen ſichern Ort gebracht werden, wo ihr gehörige Hülfe geleiſtet werden kann. Wir können dann umkehren, um Herne aufzuſuchen.“ Hierauf ward eiligſt eine Bahre zurecht gemacht und Mabel hinaufgelegt. Dies einfache Lager ward von vier Bogenſchützen getragen. Der kleine Trupp verließ dann das Dickicht und begann ſeinen Weg nach dem Schloſſe zurück zu machen. Wyat war von einem der Bogenſchützen mit einem Pferde verſehen worden und ritt trübſinnig der Bahre zur Seite. Sie waren faſt bis zum Kamm des Springhügels zurück⸗ gekommen, als ein Reiter in ſeltſamer Kleidung und auf einem kohlſchwarzen Rappen plötzlich wüthenden Laufs aus dem Gehölz zur Rechten hervorſprengte. Er drang, Sir Thomas What umrennend, bis zur Bahre heran und, ehe irgend Widerſtand geleiſtet werden konnte, bemächtigte er ſich Mabel's lebloſer Geſtalt, legte ſie vor ſich auf den Sattel und ſprengte mit lautem, frohlockendem Gelächter eben 6 ſchnell, wie er gekommen war, davon. „Es iſt Herne! es iſt Herne!“ tönte es von jeder Lippe, und alle machten ſich mit verhängtem Zügel auf die Jagd. Sir Thomas Wyhat hatte ſich in einem Nu wieder auf ſein 160 Schloß Windſor. Roß geſchwungen und holte die Uebrigen bald ein. Sie hörten Herne's triumphirendes und teufliſches Gelächter, in⸗ dem er mit der Schnelligkeit des Windes die breite Lichtung hinunterſauſ'te. Aber die ingrimmigſte Entſchloſſenheit be⸗ ſeelte ſeine Verfolger, die, Dank ihren trefflichen Roſſen, ihn beſtändig voll im Geſicht behielten. Vorwärts, immer vorwärts jagte er nach dem See zu, und ihm nach brauſ'ten die Andern, jede Muskel in der raſenden Jagd anſpannend. Es war ein ſeltſamer und außer⸗ ordentlicher Anblick, der dem phantaſtiſchen Fluge der Ein⸗ bildungskraft glich. Endlich erreichte Herne den Wbhang zu deſſen Füßen die Gewäſſer des Sees im Sternenlicht ſchimmerten und gegen die Zeit, da er an deſſen Fuß angelangt war, hatten ſeine Verfolger deſſen Kamm erſtiegen. Sir Thomas Wyat hatte durch ſeine übermäßige An⸗ ſtrengung den Andern einen kleinen Vorſprung abgewonnen. Seinem Pferde wüthend die Sporen gebend, ſ er in fürchterlicher Eile den Hügel hinunter. Auf einmal, während er ſein Auge auf die Geſtalt des fliehenden Unholdes heftete, ſtutzte er vor einem plötzlich im Thal ausbrechenden Feuer. Ein weiter Lichtkreis griff reißend um ſich, ein rollendes Geräuſch, wie das, welches einem Erd⸗ beben vorhergeht, ward gehört und eine furchtbare Exploſion erfolgte, welche Bäume und Felsſtücke in die Luft wirbelte. Verdutzt über dieſes außerordentliche Begebniß und der Folgen ungewiß, zogen die Verfolgenden die Zügel an. Aber das Schrecklichſte dieſer Scene war noch nicht vorüber. Das ganze Unterholz hatte Feuer gefangen und loderte mit der Schnelligkeit und Heftigkeit von angezündetem Flachs auf. Die Flammen ergriffen die ausgedörrten Baumäſte und inner⸗ halb weniger Sekunden ſtand das ganze Gehölz in Brand. Der Anblick war furchtbar großartig, denn der Wind, Fünftes Buch: Mabel Lyndwood. 161 welcher ſehr heftig blies, wälzte die Flammen vor ſich hin, ſo daß ſie Alles auf ihrem Wege verzehrten. Als der erſte Lichtblitz aufflackerte, hatte der Unhold ſein Roß gehemmt und herumgeworfen, ſo daß er unbeſchädigt davon kam, und er ſtand am Rande des Flammenkreiſes, den Fortſchritt des verheerenden Elements aufmerkſam beobach⸗ tend; als er aber endlich fand, daß ſeine Verfolger Muth gefaßt hatten und ihn hart bedrängten, raffte er ſich zuſam⸗ men und ritt um den lodernden Feuergürtel. Wyat und Surrey, die ſich nun von ihrem Erſtaunen erholt hatten, ſprengten ihm nach und kamen ihm ſo nahe, daß ſie ſchon ihres Fanges gewiß zu ſein glaubten. Da wandte er aber in demſelben Augenblick, wo ſie ſeiner hab⸗ haft zu werden dachten, ſein Roß und ſetzte ihm die Sporen zum Sprunge über die flammende Gränzlinie in die Seite. Umſonſt verſuchten ſeine Verfolger ihm nachzuſetzen. Ihre Pferde ſcheuten vor den Flammen und Wyat's Roß, von ſeinem wüthenden Herrn überreizt, bäumte ſich hoch auf und ſchleuderte ihn aus dem Sattel. Aber der Unhold verfolgte unverſehrt, wie es ſchien, mitten in den Flammen ſeinen Weg und warf einen trotzig herausfordernden Blick auf ſeine Verfolger. Indem er an einem Baum vorbeikam, aus dem ſich maſſenweiſe die Gluth hervorwälzte, ſchlug das jammervollſte Geſchrei an ſein Ohr und er ſah Morgan Fenwolf ſich aus einem Loche in dem Stamme herauswinden. Aber ohne ſeinem unglücklichen Anhänger mehr als einen Blick zu ſchenken, ſprengte er voran und verlor ſich zwiſchen Flammen und Rauch aus dem Geſichte. Durch. Fenwolf's Geſchrei herangezogen, ſahen ihn die Zuſchauer dieſer furchtbaren Scene aus dem Loche heraus⸗ kriechen und auf die Spitze des Baumes klettern, von wo er ſie aufs kläglichſte um Hülfe anrief. Aber ſelbſt wenn ſie II. 11 ½ — 162 Schloß Windſor. geneigt geweſen wären, ihm beizuſtehen, war es unter dieſen Umſtänden vollkommen unmöglich; und nach ſchrecklichen ver⸗ längerten Qualen fiel der Unglückliche, halb vom Rauch er⸗ ſtickt und unfähig, ſich länger an den Zweig, zu dem er hinaufgeklettert war, feſtzuklammern, in die Flammen herab und kam elendiglich um. Den Ausbruch des Feuers übernatürlichen Wirkungen zuſchreibend, ſtarrte die Verſammlung daſſelbe verwundert an und ritt, ſo nahe als ihre Roſſe es zuließen, rund herum. Obgleich ſie aber ſo lange verweilten, bis die Flammen ſich legten und von dem prächtigen Haine nur noch eine Menge verkohlter und dampfender Stümpfe übrig waren, ſo war doch nichts weder von dem Unhold, noch von dem unglück⸗ lichen Mädchen, das er entführt hatte, zu ſehen. Auch trug der Umſtand, daß ſich das Feuer auf jenen geheimnißvollen Kreis beſchränkte und ſich nicht weiter in den Wald ver⸗ breitete, dazu bei, den Glauben an ſeinen übernatürlichen Urſprung zu beſtärken. In dem Augenblick, wo die Flammen zuerſt ausbrachen und die Züge der Umſtehenden beleuchteten, entdeckte es ſich, daß der ſogenannte Dacre und Cryſpyn Niemand anders als der König und der Herzog von Suffolk waren. „Wenn dies geheimnißvolle Weſen ſterblich iſt, ſo muß es jetzt umgekommen ſein,“ bemerkte Heinrich;„und wenn er es nicht iſt, ſo wäre es unnütz, weiter nach ihm zu ſuchen.“ Der Tag war im Begriff anzubrechen, als die Geſell⸗ ſchaft den Schauplatz der Verwüſtung verließ. Der König und Suffolk nebſt den Bogenſchützen kehrten nach dem Schloſſe zurück, während Wyat, Surrey und Richmond nach dem See ritten und längs ſeinen Ufern die Richtung nach der Förſter⸗ hütte einſchlugen. Ihr Ritt ward plötzlich durch einen Klageton unter⸗ brochen, und in einer kleinen von verhüllenden Bäumen be⸗ Fünftes Buch: Mabel Lyndwood. 163 ſchatteten Bucht ſahen ſie einen alten Mann neben einem weiblichen Leichnam, den er zum Theil aus dem Waſſer ge⸗ zogen hatte, niederknieen. Es war Triſtram Lyndwood mit der Leiche ſeiner Enkelin Mabel. Ihre Flechten waren auf⸗ gelöst und trieften vor Näſſe, wie auch ihre Kleider, und ihre Züge waren bleich wie Marmor. Der alte Mann weinte bitterlich. Bei Wyat war herabſpringen und die kalte Hand des unglücklichen Mädchens ergreifen, das Werk eines Augenblicks. „Sie iſt todt!“ ſchrie er verzweiflungsvoll, indem er ihre feuchten Locken aus der Stirn ſtrich, und einen weh⸗ muthsvollen Kuß darauf drückte.„Todt!— auf immer für mich verloren!“ „Ich fand ſie in jene Waſſerpflanzen verwickelt,“ ſagte Triſtram, vor Rührung ſchluchzend,„und hatte ſie grade ans Ufer gezogen, als Ihr herankamt. So Ihr auf zeitliche und ewige Glückſeligkeit hofft, gewährt ihr ein anſtändiges Begräbniß. Für mich iſt alles aus.“ Und mit einem jammervollen Schrei ſprang er in den See, ſchwamm eine kleine Strecke weit hinein und ſank, um nie wieder zu erſcheinen. Bier endet das fünfte Buch der Chronik von Schloß Windſor. Schloß windſor. Sechstes Buch. Johanna Seymvur. I. Von Heinrichs Neigung für Johanna Seymour. Am Jahrestage des St. Georgenfeſtes Anno 1536 und grade ſieben Jahr nach Eröffnung dieſer Chronik berief Hein⸗ rich die Ordensritter nach Schloß Windſor, zur Feier des Stiftungsfeſtes des hochachtbaren Hoſenbandordens. Viele wichtige Begebenheiten hatten ſich während des verfloſſenen langen Zeitraums ereignet. Wolſey war längſt ſeinem Unglück unterlegen,— denn nach ſeiner Entlaſſung erlangte er nie wieder die königliche Gunſt— und hatte in Leiceſter⸗Abtei am 26. November 1530 ſeinen Geiſt aufgegeben. Aber die Leiden Katharinens von Arragonien verlän⸗ gerten ſich bis zu Anfang des oben erwähnten Jahrs. Nach der Scheidung und der Thronerhebung Anna Boleyn's zog ſie ſich ins Schloß von Kimbolton zurück, wo ſie in größter Einſamkeit unter dem Titel der Königin Mutter lebte. Als ſie ſich ihrem Ende nahe fühlte, ſandte ſie eine Botſchaft an den König mit der demüthigen Bitte, ihr eine letzte Zuſammen⸗ kunft mit ihrer Tochter zu geſtatten, um dieſer ihren Segen ertheilen zu können; allein die Bitte ward ihr abgeſchlagen. Ein rührender Brief jedoch, den ſie auf ihrem Todten⸗ bette an den König ſchrieb, bewegte ihn zu Thränen; er gab ſeine Empfänglichkeit für ihre vielen edlen Eigenſchaften durch einige abgebrochene Ausrufungen zu erkennen und zog ſich in ſein Gemach zurück, um ſeinem Kummer im Verborgenen X 168 Schloß Windſor. nachzuhängen. Feierliche Leichenbegängniſſe wurden in Wind⸗ ſor und Greenwich auf den Tag ihrer Beerdigung anberaumt, und der König legte mit ſeinem ganzen Hofe Trauer um ſie an. In dieſe Anordnungen mochte ſich Anna Boleyn gar nicht fügen. Obgleich ſie den Gipfel des Ehrgeizes erſtiegen hatte, obgleich die Scheidung ausgeſprochen und ſie zur Königin gekrönt worden war, obgleich ſie einer Tochter, der Prinzeſſin Eliſabeth, der ſpäter ſo berühmten Königin dieſes Namens, zwei Jahre vorher das Leben gegeben hatte, und obgleich ſie vernünftigerweiſe nichts von ihr zu befürchten haben konnte, ſo war doch die geſchmähte Katharina bei ihren Lebzeiten immer ein Gegenſtand des Schreckens für ſie ge⸗ weſen. Sie hörte die Nachricht von deren Tode mit unver⸗ ſtellter Freude an, klatſchte in die Hände, indem ſie ihrem Gefolge zurief:„Nun bin ich wirklich Königin!“ und ſetzte ihrem gefühlloſen Benehmen dadurch die Krone auf, daß ſie ſich und ihre Ehrendamen am Begräbnißtage mit den glän⸗ zendſten Gewändern ſchmücken ließ. Ach! ſie ahnte wenig, daß in eben demſelben Augen⸗ blicke das Werk der Wiedervergeltung begann und daß die Leiden der verletzten Königin, deren Andenken ſie ſo ver⸗ höhnte, bald fürchterlich und blutig gerächt werden ſollten. Noch andere Veränderungen hatten ſtattgefunden, deren hier erwähnt werden mag. Der Graf von Surrey hatte die Runde durch Frankreich, Italien und das Reich gemacht, und hatte vollſtändig Wort gehalten, indem er die Ober⸗ herrlichkeit von Geraldinen's Schönheit bei allen Lanzen⸗ rennen und Turnieren verkündet und beſtändig den Sieg davongetragen hatte. Aber der höchſte Lohn, der, wie er hoffte, ſeine Treue krönen würde,— die Hand ſeiner Ge⸗ liebten,— ward ihm nie gewährt. Nach Verlauf von drei Jahren kehrte er nach ſeiner Heimath zurück, durch das Reiſen geglättet und für einen Sechstes Buch: Johanna Seymvur. 169 der tapferſten und vollendetſten Cavaliere des Tages geltend. Sein Ruf war ihm vorausgegangen und er ward mit den Beweiſen der höchſten Gunſt und Auszeichnung von Heinrich, wie auch von Anna Boleyn, aufgenommen. Aber der König war der Verbindung noch abgeneigt und verbot der ſchönen Geraldine an den Hof zu kommen. Da er ſo viel Widerſpruch an allen Seiten fand, ſo ward der Graf endlich zu einer Einwilligung in den Wunſch der ſchönen Geraldine bewogen, daß ihr Verhältniß abge⸗ brochen werden ſollte. In ihren Briefen verſicherte ſie ihm, daß ihre Liebe keine Verminderung erlitten hätte, noch je⸗ mals erleiden würde, aber daß ſie fühlte, daß alle Gedanken an eine Vereinigung aufgegeben werden müßten. Dieſe Briefe, wahrſcheinlich das Ergebniß einiger Ränke von Seiten des Herzogs von Norfolk, die durch den könig⸗ lichen Befehl veranlaßt waren, wurden von dem letzteren auf das eifrigſte unterſtützt; und nach vielen vergeblichen Bitten gelang es ihm endlich, ſeinem Sohne eine widerſtre⸗ bende Zuſtimmung zu dieſer Anordnung abzupreſſen. Die Vereitelung ſeiner Hoffnungen übten den natür⸗ lichen Einfluß auf das feurige Temperament des jungen Grafen und durchkältete und verſtimmte vollkommen ſein Ge⸗ müth. Er ward launiſch und unzufrieden, nahm wenig An⸗ theil an den Vergnügungen und Feſten, und aus dem mun⸗ terſten Cavalier am Hofe ward er der trübſinnigſte. Die Veränderung in ſeinem Benehmen entging Anna Boleyn's Aufmerkſamkeit nicht. Sie errieth leicht deren Urſache und verſuchte ihn durch Neckereien und andre Künſte ſeinem Kummer zu entreißen. Aber alles war eine Zeit lang ver⸗ geblich. Der Graf blieb untröſtlich. Endlich jedoch trat er auf Vermittelung der Königin und ſeines Vaters in ein Ver⸗ hältniß zu Lady Franziska Vere, Tochter des Grafen von Orford, und ward mit ihr im Jahre 1535 vermählt. 170 Schloß Windſor. Lange vorher waren der Herzog von Richmond und Lady Maria Howard getraut worden. Einige Zeit vor dem gegenwärtigen Abſchnitte dieſer Chronik hatte Anna Boleyn eine ſteigende Kälte des Königs gegen ſie bemerkt und vor kurzem hatte es ſich klar heraus⸗ geſtellt, daß ſeine Leidenſchaft für ſie im raſchen Sinken, wenn nicht gar ſchon gänzlich erloſchen war. Obgleich Anna ihren königlichen Gemahl niemals wahr⸗ haft geliebt hatte und obgleich ſie in eben dieſem Augenblick die Bewerbungen eines Andern heimlich ermuthigte, ſo fühlte ſie ſich doch durch dieſe Veränderung beunruhigt und beob⸗ achtete alle Bewegungen des Königs mit eiferſüchtiger Aengſt⸗ lichkeit, um ſich zu überzeugen, ob ſie von einer Andern aus ſeinem Herzen verdrängt ſei. Endlich ward ihre Wachſamkeit durch die Entdeckung einer Nebenbuhlerin in der Perſon einer ihrer liebenswürdig⸗ ſten Ehrendamen, Johanna Seymour, belohnt. Dies an⸗ muthige Geſchöpf, die Tochter von Sir John Seymour von Wolff⸗Hall in Wiltſhire, die ſpäter, wie es kaum zu erwähnen nöthig iſt, zu eben ſo hoher Würde als Anna Boleyn ſelbſt erhoben ward, ſtand jetzt in der Blüthe ihrer Schönheit. Groß und überaus wohlgewachſen, mit der blendendſten und zarteſten Geſichtsfarbe, großen ſchwimmenden blauen Augen, glänzenden kaſtanienbraunen Locken und an⸗ muthsvollen Zügen, beſaß ſie Reize, die den verliebten Monarchen zu feſſeln nicht verfehlen konnten. Es klingt ſo wunderbar, daß Anna Boleyn ſolch eine Ehrendame gehabt haben ſollte, aber vielleicht vertraute ſie auf ihre eigenen Reize. Selbſt in Ränken geübt bemerkte Anna, nun da ihre Augen geöffnet waren, alle Lockungen, die Johanna um den König zu berücken auswarf, und ſie fing manchen bedeutungs⸗ vollen Blick zwiſchen ihnen auf. Dennoch wagte ſie nicht Einſpruch zu thun. Die Heftigkeit Heinrichs flößte ihr Scheu 5 ——— Sechstes Buch: Johanna Seymour. 171 ein und ſie wußte recht gut, daß der geringſte Widerſtand ihn nur noch mehr gegen ſie aufbringen würde. Sie verließ ſich deßhalb darauf, Johanna Seymour irgendeinmal durch eine Liſt loswerden zu können, und beſchloß, ſie nur im äußerſten Nothfalle zu entlaſſen. 8 Ein geringer Umſtand ereignete ſich jedoch, der eine Abweichung von dem vorſichtigen Benehmen, das ſie ſich vorgezeichnet hatte, veranlaßte. Sie ging eines Tages in Begleitung ihrer Damen durch die große Gallerie im Schloß zu Greenwich, als ſie in einem Spiegel Johanna Seymour, die hinter ihr ging, ein juwelen⸗ beſetztes Miniaturgemälde betrachten ſah. Bei dieſem Anblick wandte ſie ſich ſogleich um und Johanna ſteckte das Gemälde äußerſt verwirrt in ihren Buſen. „Ah! was habt Ihr da?“ fragte Anna. „Ein Bildniß meines Vaters, Sir John Seymour,“ erwiederte Johanna tief erröthend. „Laßt mich es ſehen!“ rief Anna, ſich des Gemäldes bemächtigend.„Ah! nennt Ihr dies Euren Vater? Nach meinem Bedünken ähnelt es mehr meinem königlichen Ge⸗ mahl. Antwortet mir offen, Herzchen,— antwortet mir, wenn Euch das Leben lieb iſt! Schenkte der König es Euch?“ „Ich darf dieſe Frage nicht beantworten,“ erwiederte Johanna, die jetzt ihre Geiſtesgegenwart wieder erlangt hatte. „Ah! ſoll ich mich von einer meiner eigenen Damen ſo übermüthig behandeln laſſen!“ rief Anna. „Ich beabſichtige keine Unehrerbietigkeit gegen Eure Majeſtät,“ entgegnete Johanna,„und da Ihr darauf beſteht, will ich offen bekennen, daß ich das Bildniß vom Könige erhalten habe. Ich glaubte, es wäre nichts dabei, weil ich Eure Majeſtät neulich Euer eigenes Bildniß an Sir Heinrich Norris ſchenken ſah.“ 5 ℳ 172 Schloß Windſor. Anna Boleyn ward blaß wie der Tod, und Johanna Seymour fühlte, daß ſie ſie in ihrer Gewalt habe. „Ich gab das Bildniß an Sir Heinrich als Belohnung für einen wichtigen Dienſt, den er mir leiſtete,“ ſagte Anna nach einer kleinen Pauſe. „Ohne Zweifel,“ erwiederte Johanna;„und ich wundere mich nicht, daß er es ſo inbrünſtig an die Lippen drückte, da er das Geſchenk augenſcheinlich ſehr hoch ſchätzte. Der König hat mir ſein Bild ebenfalls für einen geleiſteten Dienſt geſchenkt.“ „Und was war das für ein Dienſt?“ fragte Anna. „Nein, da muß Eure Majeſtät mich entſchuldigen,“ ſagte Jene.„Es würde ein Verrath an dem Vertrauen Seiner Hoheit ſein, wenn ich es verlautbaren wollte. Ich muß Euch dieſerhalb an ihn ſelbſt verweiſen.“ „Nun, Ihr thut Recht daran, das Geheimniß zu be⸗ wahren,“ ſagte Anna mit erzwungenem Lächeln;„ich denke, es hat mit dem Bildniß nichts auf ſich— ja, ich bin deſſen gewiß, wenn es mit derſelben Abſicht gegeben wurde, mit der ich das meinige dem Norris ſchenkte. Und nun wollen wir nicht weiter darüber ſprechen— nur daß ich Euch bitten muß, Euch vorſichtig gegen den König zu benehmen. Sollten Andre Euer Betragen bekritteln, ſo könnte ich mich genöthigt ſehen, Euch zu entlaſſen.“ „Ich werde Eurer Majeſtät gehorchen,“ ſagte Johanna mit einem Blick, aus dem man ſah, wie wenig Gewicht die Bitte bei ihr haben würde. „Katharina wird durch dieſes Frauenzimmer gerächt werden,“ murmelte Anna, indem ſie ſich umwandte.„Ich fühle jetzt ſchon einige der Qualen, mit denen ſie mich be⸗ drohte. Und ſie hat Norris im Verdacht. Ich muß ihm mehr Behutſamkeit einſchärfen. Ach! wenn ein Mann ſo Sechstes Buch: Johanna Seymour. 173 aufrichtig liebt, wie er, ſo iſt es ſchwer, die gebührende Zurückhaltung zu beobachten.“ Aber obgleich aufmerkſam geworden, kannte doch Anna bei weitem noch nicht die ganze Gefährlichkeit ihrer Lage. Sie konnte ſich nicht überreden, daß ſie ihren Einfluß auf den König gänzlich verloren hatte; und ſie dachte, wenn ſeine augenblickliche Aufwallung ſich gelegt hätte, ſo würde ſie in ihr altes Bett zurückkehren. Sie irrte ſich jedoch. Johanna Seymour war unum⸗ ſchränkte Herrin ſeines Herzens, und Anna war jetzt für ihn ein eben ſo großes Hinderniß, als ſie früher ein Reiz ge⸗ weſen war. Wäre ihr Betragen untadelhaft geweſen, ſo würde es vielleicht ſchwer gehalten haben, ſie bei Seite zu ſchaffen, aber unglücklicherweiſe hatte ſie ſich ihm auf Gnade oder Ungnade blosgeſtellt, indem ſie den Trieben der Eitel⸗ keit nachgab und die Leidenſchaft Sir Heinrich Norris', des Oberkammerdieners, heimlich begünſtigte. ⸗ Dieſer ihr Liebling war etwas über mittlerer Größe, von breitem und kräftigem Körperbau. Seine Züge waren regelmäßig und fein gebildet und er hatte eine blühende Geſichtsfarbe, braunes krauſes Haar, ſchöne Zähne und hell⸗ blaue Augen. Er beſaß große Körperkraft, war in allen männlichen Leibesübungen erfahren und glänzte beſonders im Turnier und in der Reitbahn. Er hatte ein feuriges Ge⸗ müth und Anna Bolehn hatte ihm eine ſo heftige Leiden⸗ ſchaft eingeflößt, daß er die furchtbare Gefahr, der er ſich ausſetzte, um ihre Gunſt zu gewinnen, für nichts achtete. In dieſem Allem ſchien die Hand der Vorſehung zu walten,— in Heinrichs Leidenſchaft für Johanna Seymour, und in Anna's unſinniger Begünſtigung von Norris,— als ob die geſchmähte Katharina von Arragonien auf dieſelbe Weiſe gerächt werden ſollte, wie ſie beleidigt worden war. Wie ſtark Heinrichs Verdacht in Bezug auf ſeiner 174 Schloß Windſor. Gemahlin Verhältniß zu Norris rege geworden war, zeigte ſich zur Zeit noch nicht. Welches auch ſeine geheimen Ge⸗ fühle ſein mochten, ſo hütete er ſich doch, ſie durch äußere Merkmale zu verrathen. Im Gegentheil; er überhäufte Norris, der immer bei ihm in Gunſt geſtanden hatte, mit neuen Ehrenbezeugungen, und ermuthigte ſeinen Zutritt zur Königin eher, als daß er ihn erſchwert hätte. In dieſer Lage befanden ſich die Dinge, als der Hof, wie oben erwähnt worden, am St. Georgentage nach Wind⸗ ſor verlegt ward. II. *— Wie Anna Boleyn Beweiſe von Heinrichs Leidenſchaft für Johanna Seymour erhielt. . Am Tage nach der großen Ordensfeier des Hoſenband⸗ ordens ward ein überaus glänzendes und prächtiges maskirtes Feſt im Schloß gehalten. Die ſämmtlichen Staatsgemächer waren den erlauchten Gäſten geöffnet und es herrſchte all⸗ gemeine Fröhlichkeit. Der König legte der Feſtlichkeit nicht den mindeſten Zwang an,— denn obwohl ſeine Anweſenheit bekannt war, ſo wollte er doch ſeine Verkleidung nicht ablegen. Die Königin ſaß abſeits auf einem Lehnſtuhl in einer Fenſtervertiefung; und wenn verſchiedene Gruppen phantaſti⸗ ſcher Charaktere ſich ihr näherten, ſo wähnte ſie mehr als einmal den König unter ihnen zu entdecken, bis die Stim⸗ men ſie von ihrem Irrthum überzeugten. Als der Abend auf die Neige ging, drängte ſich eine Maske in blauem Do⸗ mino in ihre Nähe und flüſterte in leidenſchaftlichem und vertrautem Tone—„Meine Königin!“ „Seid Ihr es, Norris?“ fragte Anna, leiſe flüſternd. „30 big ℳ erwiederte er.„O! Gnädige Frau, ich Sechstes Buch: Johanna Seymour. 175 habe Euch den ganzen Abend betrachtet und jetzt erſt gewagt, näher an Euch heranzutreten.“ „Es iſt mir unlieb, daß Ihr mich überhaupt angeredet habt,“ verſetzte ſie.„Eure Bemühungen um mich ſind von Andern bemerkt worden und können leicht dem König zu Ohren kommen. Ihr müßt mir verſprechen, mich niemals wieder mit der Sprache der Leidenſchaft anzureden.“ „Wenn ich meine Liebe nicht äußern darf, ſo werde ich den Verſtand verlieren,“ entgegnete Norris.„Stoßt mich nicht in den Abgrund des Tartarus zurück, nachdem Ihr mich auf den Gipfel des Paradieſes erhoben habt.“ „Ich habe Euch weder erhoben, noch ſtoße ich Euch jetzt herab,“ erwiederte Anna.„Daß ich Eure Ergebenheit gern bemerkte und dankbar dafür bin, geſtehe ich ein, aber nichts mehr. Meine Liebe und Treue bin ich dem König ſchuldig.“ „Sehr wahr,“ verſetzte Norris mit Bitterkeit;„aber er iſt ganz gefühllos gegen Eure Verdienſte. In dieſem ſelben Augenblick flüſtert er Liebesgelübde in das Ohr Johanna Seymour's.“ „O! wäre es möglich?“ rief Anna;„zeigt mir, daß es ſo iſt— laßt mich Beweiſe von ſeiner Treuloſigkeit haben und vielleicht leihe ich Euch ein günſtigeres Ohr.“ „Den Beweis will ich Euch ſogleich verſchaffen, gnädigſte Frau,“ erwiederte Norris mit einer Verbeugung und ging davon. Kaum hatte er die Königin verlaſſen und ſich unter das Gedränge der Tänzer gemiſcht, als er einen Druck an ſeinem Arm fühlte und, ſich bei dieſer Berührung umſehend, einen langen Mönch bemerkte, deſſen untere Hälfte des Geſichts verhüllt war und nur ein Paar feuriger ſchwarzer Augen und eine große Habichtsnaſe blicken ließ. „Ich weiß, was Ihr ſucht, Sir Heinrich Norris,“ ſagte der lange Mönch in leiſem, tiefem Ton;„Ihr wünſcht der 176 Schloß Windſor. Königin Beweiſe von der Unbeſtändigkeit ihres königlichen Herrn zu geben. Gut, das iſt leicht gethan. Kommt mit.“ „Wer ſeid Ihr?“ fragte Norris zaudernd. „Gleichviel, wer ich bin,“ verſetzte Jener;„ich bin einer der Verkleideten und weiß zufällig, was um mich vorgeht. Ich frage nicht nach Euren Beweggründen und deßhalb habt Ihr kein Recht, nach den meinigen zu forſchen.“ „Ich wünſche dieſen Beweis nicht um meinetwillen,“ ſagte Norris,„weil ich des Königs Unvorſichtigkeiten eher bemänteln, als verrathen möchte. Aber die Königin hat Verdacht geſchöpft, den ſie zu ergründen entſchloſſen iſt.“ „Denkt nicht mich zu hintergehen,“ erwiederte der Mönch höhniſch.„Bringt die Königin hierher und ſie ſoll nach Herzens Luſt befriedigt werden.“ „Ich laufe keine Gefahr, wenn ich Euch vertraue,“ ſagte Norris,„und nehme deßhalb Euer Anerbieten an.“ „Nichts mehr davon,“ rief der Mönch verächtlich,„ich erwarte Euch hier.“ Und Norris ging zur Königin zurück. „Habt Ihr etwas entdeckt?“ rief ſie. „Kommt mit mir, gnädigſte Frau,“ ſagte Norris, indem er mit einer Verbeugung ihre Hand ergriff. Auf dieſe Weiſe bewegten ſie ſich durch das Gedränge der Tänzer, welche ihnen ehrfurchtsvoll Platz machten, bis ſie die Stelle erreichten, wo der lange Mönch ſtand. Als ſie ſich ihm näherten, ſchritt er voraus und Norris folgte ihm ſchweigend mit der Königin. Aus dem großen Saale tretend, in welchem die Haufen der Tänzer verſammelt waren, ſtiegen ſie eine kurze Treppe hinunter, zu deren Füßen der Mönch ſtillſtund und mit der Rechten auf ein zum Theil von den Falten eines Vorhangs verdecktes Zimmer wies. Auf dieſen Wink gingen die Königin und ihr Begleiter ſchnell voran und im Eintreten bemerkten ſie Johanna Seymour Sechstes Buch: Johanna Seymour. 177 und den König auf einer Ruhebank im Gemache ſitzen. Heinrich war als Pilger verkleidet, hatte aber ſeinen mit der Jakobsmuſchel verzierten Hut, ſeine Larve und ſeinen Stab von ſich gethan und hatte ſeine ſchöne Gefährtin eben die Maske abzulegen gezwungen. Bei dieſem Anblick fühlte ſich Anna von eiferſüchtiger Wuth durchbohrt und vergaß in dem Augenblick faſt die Anweſenheit Norris' und des Mönchs, der hinter dem Vor⸗ hang zurückgeblieben war und auf die Scene im Gemach deutete. „Eure Majeſtät iſt entſchloſſen, mein Erröthen bloszu⸗ ſtellen,“ ſagte Johanna Seymour, ihrem königlichen Lieb⸗ haber leichten Widerſtand entgegenſetzend. „Nein, ich wollte mich nur überzeugen, daß Ihr es wirklich ſelbſt wäret, Liebchen,“ rief Heinrich leidenſchaftlich. „Ich glaube, Ihr habt dieſe glänzenden Schönheiten nur aus Barmherzigkeit gegen mich meinen Augen entziehen wollen.“ „Hört Ihr es nun, gnädigſte Frau?“ flüſterte Norris Anna ins Ohr. Die Königin antwortete mit einem zuckenden Händedruck. „Eure Majeſtät beliebt nur mit mir zu ſcherzen,“ ſagte Johanna Seymour. „Scherzen!“ wiederholte Heinrich mit Leidenſchaft.„Bei meiner Treu, ich fühlte die Macht der Schönheit niemals vor dieſem Augenblick. Keine Reize bewegten mein Herz jemals wie die Eurigen, und ich werde keinen Augenblick Ruhe genießen, bis Ihr die Meine werdet.“ „Es betrübt mich, dies zu hören, Sire,“ berſehte Johanna Seymour,„denn ich kann niemals die Eurige werden, es ſei denn als Königin.“ Koch einmal wagte Norris ein leiſes Wort an die Kö⸗ nigin und wieder war ein krampfhafter Händedruck die Antwort. „Das heißt ſo viel,“ fuhr Johanna fort, als ſie ihren II. 12 178 Schloß Windſor. königlichen Liehaber in trübſinnige Grübeleien verſunken ſah, „als ich kann Eurer Majeſtät gar keine Hoffnung gewähren.“ „Ihr ſeid von Anna Boleyn geſchult worden, Lieen 4 ſagte Heinrich. „Wie ſo, Sire?“ fragte Johanna Seymour. „Dies find dieſelben Worte, deren ſie ſich bediente, als ich um ſie warb und die mich bewogen, Katharina von Arragonien zu verſtoßen,“ erwiederte Heinrich.„Sie können jetzt vielleicht ihren eigenen Sturz bewirken.“ „Gerechter Himmel!“ murmelte Anna. „Ich darf Eure Majeſtät nicht anhören,“ ſagte Johanna S zitternder Si„und doch, wenn ich reden dürfte— ohne Shen, Liebchen,“ ſagte Heinrich. „Nun, dann bin ich feſt überzeugt,“ ſagte Johanna, „daß die Königin Euch nicht mehr liebt,— ja, daß ſie einen Andern liebt.“ „Es iſt nicht wahr, mein Schätzchen!“ ſchrie Anna Bolehn, plötzlich vortretend, während ſich Norris eiligſt ent⸗ fernte,—„es iſt nicht wahr. Ihr wollt den König zu Euren eigenen Zwecken täuſchen. Aber ich bin durch einen Glücksfall hierher geführt worden, um den Nachtheil zu ver⸗ hüten, den Ihr mir zufügen möchtet. O! Heinrich, habe ich dies um Euch verdient?“ „Ihr habt einen Theil meines Maskenauftritts belauſcht, Madame; das iſt Alles,“ ſagte der König. „Ich bin zur rechten Zeit in Rückſicht auf meinen eignen Vortheil dazu gekommen,“ ſagte Anna.„Was dieſes lüg⸗ neriſche und verläumderiſche Geſchöpf betrifft, ſo werde ich ſie aus meinem Dienſt entlaſſen. Wenn Eure Majeſtät ent⸗ ſchloſſen iſt, die Treue gegen mich zu verletzen, ſo ſoll es wenigſtens nicht mit einer meiner eignen Damen geſchehen.“ „So hätte Katharina von Arragonien ſprechen dürfen,“ a Sechstes Buch: Johanna Seymvur. 179 entgegnete Johanna Seymour mit Bitterkeit;„ſie hatte Urſache zu klagen, als ſie ſich von Einer verdrängt ſah, die ſo tief unter ihr an Range ſtand. Und ſie hinterging den König niemals.“ „Und ich eben ſo wenig,“ rief Anna wüthend;„hätte ich meinen Willen, ich möchte dich für dieſe Einflüſterung ermorden. Heinrich, mein Gebieter,— mein Geliebter,— wenn Ihr noch die mindeſte Achtung für mich habt, ſo entlaßt Johanna Seymour auf der Stelle.“ „Es kann nicht ſein, Madame,“ antwortete Heinrich in erkältendem Tone.„Sie hat nichts gethan, um dieſe Ent⸗ laſſung zu verdienen. Wenn irgend Jemand hiebei zu ih iſt, ſo bin ich es ſelbſt.“ 1 „Und wollt Ihr ihr geſtatten, dieſe Beſchuldigungen un⸗ geſtraft gegen mich zu erheben?“ „Genug, Madame,“ rief der König mit Härte;„und dankt es meiner Gutmüthigkeit, daß ich nicht weiter in dieſer Sache gehe. Wenn Ihr der Maske überdrüſſig ſeid, ſo bitte ich, zieht Euch in Eure Pripatgemächer zurück. Was mich anbetrifft, ſo werde ich Johanna Seymour zur Branle führen.“ „Und wenn Eure Majeſtät einen Tänzer nöthig haben ſollte,“ ſagte Johanna Seymour mit leiſer Stimme, dicht an Anna herantretend,„ſo werdet Ihr ohne Zweifel Sir Heinrich Norris noch ledig finden.“ Die Königin ſtand wie vom Donner gerührt da. Sie hörte das triumphirende Lachen von Johanna Sehmour und ſah ſie, ganz Heiterkeit und Schönheit und Frohlocken, vom König zum Tanze führen, und ſie verhüllte ihr Antlitz in Verzweiflung. Während ſie ſich in dieſem Zuſtande befand, hauchte ihr eine Stimme ins Ohr:„Die Rache Kathari⸗ nens von Arragonien beginnt.“ Als ſie aufblickte, ſah ſie die ng⸗ Geſtalt des Mönchs zur Thür hinausſchreiten. —— 180 Schloß Windſor. III. Was zwiſchen Norris und dem Mönch vorfiel. Anna wankte nach dem Sitz, welchen Heinrich und Johanna ſo eben verlaſſen hatten, und ſank erſchöpft darauf hin. Als ſie nach einiger Zeit ihre Faſſung ziemlich wieder erlangt hatte und nach dem großen Saal zrüctehren wollte, kam ihr Norris entgegen. „Ich habe Euch nicht getäuſcht, gnädigſte Frau,“ begann er,„indem ich Euch ſagte, daß der König gegen Eure Reize gefühllos iſt. Er lebt nur für Johanna Seymvur.“ „O! dürfte ich ſie entlaſſen!“ rief Anna knirſchend. „Wenn Ihr dies thun wolltet, ſo würde ihre Stelle bald durch eine andere beſetzt ſein,“ entgegnete Norris.„Der König gefällt ſich im Wechſel. Bei ihm iſt das letzte Ge⸗ ſicht jedesmal das ſchönſte.“ „Ihr ſprecht da gefährlichen Hochverrath, Herr!“ erwie⸗ derte Anna,„aber ich glaube, es iſt die Wahrheit.“ „O! gnädige Frau,“ fuhr Norris fort,„da der König Eurer ſo wenig achtet, warum wolltet Ihr Euch um ſeinet⸗ willen Verdruß machen? Es giebt einen Andern, der tauſend Leben um Eure Liebe aufopfern würde, wenn er ſie beſäße.“ „Ich fürchte, ein Mann iſt wie der andere,“ verſetzte Anna.„Eines Weibes Herz iſt ein Spielzeug, das bald bei Seite geworfen wird, wenn man einmal in deſſen Beſitz gelangt „Eure Majeſtät beurtheilt unſer Geſchlecht zu ſtrenge,“ ſagte Norris.„Hätte ich daſſelbe Glück, wie der König, ſo würde ich nimmer unbeſtändig ſein.“ „Der König dachte einſt auch ſo— ſchwor darauf,“ erwiederte Anna muthwillig..„Es iſt das gewöhnliche Sechstes Buch: Johanna Seymvur. 181 Geſchwätz aller Liebhaber.— Aber ich darf ſolche Reden nicht länger anhören.“ „O, gnädige Frau!“ rief Norris,„Ihr verkennt mich gänzlich. Mein Herz iſt nicht von demſelben Stoffe, wie das Eures königlichen Gemahls. Ich kann innig, aufrichtig und dauernd lieben!“ „Wißt Ihr nicht, daß dieſe verwegene Sprache Euren Kopf gefährden kann?“ ſagte Anna. „Ich will ihn lieber verlieren, als Euch nicht lieben dürfen,“ antwortete er. „Aber Eure Verwegenheit kann auch für mich gefähr⸗ lich ſein,“ ſagte die Königin.„Eure Leidenſchaft iſt ſchon von Johanna Seymour bemerkt worden; nur noch die geringſte Unbeſonnenheit, und ich bin verloren.“ „Ha!“ rief Norris,„wenn das der Fall iſt und wenn Eure Majeſtät durch mich auch nur im geringſten in Gefahr kommen ſollte, ſo will ich mich vom Hofe und aus Eurer Gegenwart verbannen, mag mir dieſer Verſuch auch noch ſo viel koſten!“ „Nein,“ erwiederte Sn,„ich will nicht ſo hart gegen Euch ſein. Ich glaube nicht,“ fügte ſie zärtlich hinzu,„daß ich Euch entbehren könnte, verlaſſen wie ich vom Könige bin.“ „Ihr geſteht alſo, daß ich Euch einige Neigung ein⸗ geflößt habe?“ rief er entzückt. „Gebt Euch dieſer Aufwallung nicht hin, Norris,“ ſagte Anna trauervoll;„denn Eure Leidenſchaft wird nur zu Eurem Verderben führen— vielleicht zum meinigen! Laßt die Gewißheit, daß ich Euch liebe, Euch genügen, und for⸗ dert Euer Geſchick nicht ferner heraus.“ „O, gnädigſte Frau, Ihr macht mich zum Glücklichſten der Sterblichen durch dies Geſtändniß,“ rief er.„Jetzt be⸗ neide ich den König nicht mehr, denn ich fühle mich Eure Liebe über ihn erhoben.“ 182 Schloß Windſvr. „Ihr müßt Euch wieder zur Geſellſchaft begeben, Nor⸗ ris,“ ſagte Anna,—„Eure Abweſenheit wird bemerkt werden.“ Sie reichte ihm ihre Hand, die er Eii leiden⸗ ſchaftlich an die Lippen drückte. „Ah! man belauſcht uns,“ ſchrie ſie plötzlich faſt krei⸗ ſchend.„Steht auf,— ſteht auf!“ Norris ſprang augenblicklich auf und ſah mit unaus⸗ ſprechlicher Beſorgniß die Geſtalt des langen Mönches fort⸗ ſchleichen. Einen bedeutſamen Blick auf die Königin wer⸗ fend, folgte er dem räthſelhaften Lauſcher in den großen Saal in der Abſicht, ſich ſeiner zu entledigen, ehe er Zeit zum Ausplaudern hätte. Das glänzende Gedränge meidend, trat der Mönch in den angränzenden Corridor, ſtieg die große Treppe hinab und ſchritt quer über den obern Hof. Da er nur langſam ging, ſo holte Norris, der ihm dicht auf den Ferſen war, ihn bald ein. „Was wollt Ihr von mir, Sir Heinrich Norris?“ fragte der Mönch ſtillſtehend. „Ihr könnt es wohl taih ſagte Norris barſch, indem er das Schwert zog.„Gewiſſe Geheimniſſe ſind gefähr⸗ lich zu beſitzen. Wenn Ihr nicht ſchwört, niemals zu ver⸗ rathen, was Ihr geſehen und gehört habt, ſo müßt Ihr ſterben.“ Der lange Mönch lächelte höhniſch. „Ihr wißt, daß Euer Leben in meiner Gewalt iſt⸗ ſagte er,„und deßhalb bedroht Ihr das Nun gut, nehmt es hin, wenn Ihr könnt.“ Mit dieſen Worten zog er ein Schwert ie ſeinem Gewande hervor und legte ſich aus. Nach einigen Gängen ſah Norris ſeine Waffe aus ſeiner Hand geſchleudert. „Ihr ſeid jetzt gänzlich in meiner Gewalt,“ ſagte der Mönch,—„und ich darf nur die Wache rufen und dem König Alles offenbaren, was ich gehört habe.“ Sechstes Buch: Johanna Seymvur. 183 „Ich wollte, Ihr hättet mir lieber das Schwert ins Herz geſtoßen,“ ſagte Norris. „Es giebt noch ein Mittel,— aber nur ein einziges, mit dem mein Stillſchweigen St werden kann,“ ſagte der Mönch. „Nennt es!“ erwiederte Norris.„Müßte es auch auf Koſten meines Seelenheils erkauft werden, ich nehme es an. „Ihr habt den Nagel auf den Kopf getroffen,“ verſetzte der Mönch trocken.„Errathet Ihr nicht, mit wem Ihr zu thun habt?“ „Beinahe,“ entgegnete Norris;„noch niemals fand ich im ſterblichen Arm ſo viel Kraft, als im Eurigen.“ „Ich glaube es wohl,“ lachte Jener,—„Alle, die ſich mit mir gemeſſen haben, haben meiſtentheils ihren Mann in mir gefunden. Aber kommt mit mir in den Park und Ihr ſollt die Bedingungen meines Schweigens erfahren.“ Somit gingen ſie durch das obere Thor in den Schloßpark. Ungefähr eine Stunde darauf erſchien Norris wieder auf dem Feſte. Sein ganzes Weſen war verändert, ſein Antlitz todtenblaß. Er ſuchte die Königin auf, die auf ihren Platz in der Fenſtervertiefung zurückgekehrt war. „Was iſt geſchehen?“ fragte Anna flüſternd, als er ſich näherte.„Habt Ihr den Horcher erſchlagen?“ „Nein,“ antwortete er;„aber ich habe unſere Sicher⸗ heit um einen fürchterlichen Preis erkauft.“ „Ihr erſchreckt mich, Norris— was könnt Ihr mei⸗ nen?“ rief ſie. „Ich meine dies,“ antwortete er mit einem Blick des leidenſchaftlichſten Ernſtes,—„daß Ihr mich nun lieben müßt, denn ich habe meine Seligkeit um Euretwillen auf's Spiel geſetzt. Jener lange Mönch war der Jäger Herne!“ 184 Schloß Windſor. IV. Von der geheimen Zuſammenkunft zwiſchen Norris und Anna Boleyn, — und von der geheuchelten Unbefangenheit des Königs. Heinrichs Artigkeiten gegen Johanna Sehmour auf dem maskirten Balle waren ſo auffallend, daß der ganze Hof ſeine Leidenſchaft bemerkte. Man verſah ſich aber nicht im Entfernteſten ernſthafter und ungewöhnlicher Folgen von dieſem Liebesrauſch,— noch weit weniger der Verſtoßung der Königin, um ihrer glücklichen Nebenbuhlerin Platz zu machen. Späterhin erinnerte man ſich jedoch, daß Heinrich um dieſe Zeit häufig lange und ernſte Berathungen mit den Herzögen von Suffolk und Norfolk hielt und mit der Erör⸗ terung eines Planes beſchäftigt zu ſein ſchien. Nach dem Auftritte auf dem Ball ließ Anna weiter kein Zeichen von Eiferſucht blicken. Nicht daß ſie mit ihrer Lage verſöhnt war oder ihre Bangigkeit überhaupt gehoben fühlte; im Gegentheil, die unglückliche Katharina von Arra⸗ gonien konnte insgeheim nicht größere Leiden ertragen haben. Aber ſie wußte aus Erfahrung, daß bei ihrem königlichen Gemahl alle Vorwürfe unnütz ſein würden. Eines Morgens, als ſie ſich allein in ihrem Zimmer befand, begehrte ihr Vater, der jetzt Graf von Wiltſhire war, Zutritt. „Ihr ſeht ſehr bekümmert aus, mein theurer Lord,“ ſagte ſie, indem ſie ihn zum Sitzen einlud. „Und wohl nicht ohne Grund,“ erwiederte er.„O! Anna, Worte können nicht meine Veſorgniß über den jetzigen Zuſtand der Dinge ausdrücken.“ „Es wird bald vorüber ſein, Mylord,“ erwiederte ſie; „der König wird ſeines neuen Abgottes bald überdrüſſig werden.“ „Nicht eher, fürchte ich, als bis er den alten geſtürzt hat,“ verſetzte der Graf.„Johanna Seymour's Reize haben Sechstes Buch: Johanna Seymour. 185 vollkommene Herrſchaft über ihn erlangt. Und bei all ihrer ſcheinbaren Treuherzigkeit und Einfalt iſt das Mädchen liſtig und gefährlich. Sie hat ein hohes Ziel, bin ich überzeugt — kein geringeres, als den Thron.“ „Aber Heinrich kann ſie nicht heirathen,— kann ſich von mir nicht ſcheiden,“ ſagte Anna. „Eben ſo dachte Katharina von Arragonien,“ erwiederte ihr Vater,„und dennoch ward ſie geſchieden. Anna, ich habe die Ueberzeugung, daß ein Plan gegen Euch im Werke iſt.“ „Ihr fürchtet doch nicht für mein Leben, Vater,“ rief Anna zitternd. „Ich hoffe, daß keine Veranlaſſung zu Beſchuldigungen da iſt, die es in Gefahr ſetzen könnten,“ erwiederte der Graf ernſt. „Keine, Vater, keine!“ rief ſie aus. „Das freut mich,“ ſagte der Graf;„denn ich habe gehört, daß der König Jemanden, der ihm wieder eine Scheidung vorſchlug, geantwortet haben ſoll:— Nein, ſo nahe die Königin bei der Scheidung iſt, ſo nahe iſt ſie auch beim Schaffot.“ „Er hat ſich ein Verſprechen dieſes Inhalts abuthigen laſſen,“ ſagte Anna mit dumpfer Stimme. „Daß ein Verſuch gegen Euch gemacht werden wird, glaube ich feſt,“ ſagte der Graf;„wenn Ihr aber durchaus unſchuldig ſeid, ſo habt Ihr nichts zu fürchten.“ „O, Vater, ich glaube das nicht,“ rief Anna.„Un⸗ ſchuld will wenig bei dem hartherzigen Heinrich ſagen.“ „Sie wird Euer ſicherſter Schutz ſein,“ ſagte der Graf. „Und nun lebt wohl, Tochter. Der Himmel behüte 8 Wacht auf das ſtrengſte über Euer Benehmen.“ Mit dieſen Worten verließ er das Gemach, und kaum ſah ſich die unglückliche Anna allein, als 1 in einen nenſtrom ausbrach. Schloß Windſor. 186 Aus dieſem Zuſtande der Betrübniß wurde ſie durch das leiſe Rufen ihres eigenen Namens geriſſen, und als ſie die Augen aufſchlug, erblickte ſie Sir Heinrich Norris vor ſich. „O! Norris,“ ſagte ſie mit vorwurfsvollem Tone, „Ihr ſeid gekommen, mich zu verderben.“ „Niemand weiß von meinem Hierſein,“ ſagte er,„wenig⸗ ſtens Niemand, der mich verrathen wird. Mich hat Jemand hierher geführt, der uns vor jedem Lauſcher bewahren wird.“ „Herne?“ fragte Anna. Norris bejahte die Frage. „Hättet Ihr Euch doch nie mit dieſem Unholde ver⸗ bündet!“ rief ſie.„Ich fürchte, dieſe Unbeſonnenheit wird über uns Beide Verderben bringen.“ „Es iſt zu ſpät, um zurückzutreten,“ erwiederte er; „überdies konnte ich nicht umhin. Ich habe mich geopfert, um Euch zu retten.“ „Wird mich das Opfer aber retten?“ rief ſie.„Ich fürchte nein. Eben hat man mir erzählt, daß der König einen furchtbaren Plan gegen mich ins Werk richtet,— daß er damit umgeht, mich zu entfernen, um für Johanna Sey⸗ mour Platz zu machen.“ „Man hat Euch die Wahrheit geſagt, gnädigſte Frau,“ erwiederte Norris;„er wird verſuchen, Euch Schaffot zu bringen.“ „Und bei ihm iſt Verſuchen und Vollenden Eine,“ ſagte Anna.„O! Norris, ein ſolcher Tod wäre gräßlich!“ „Aber warum bei dieſer Vorſtellung verweilen, gnädige Frau?“ ſagte Norris;„warum, wenn Ihr überzeugt ſeid, daß der König ſolche Abſichten gegen Euch hat,— warum, wenn Ihr fühlt, daß ſie ihm gelingen werden,— warum den verhängnißvollen Schlag abwarten? Flieht mit mir,— flieht mit dem, der Euch liebt und Euch ſein ganzes Leben weihen wird,— der Euch ſchätzt, nicht als Königin, ſondern als Sechstes Buch: Johanna Seymour. 187 Anna Boleyn. Begebt Euch dieſer unächten, leeren Größe, und flieht mit mir zu Glückſeligkeit und Frieden.“ „Und meinen Thron an Johanna Sehmvur überlaſſen?“ verſetzte Anna.„Nimmer! Ich fühle, daß Ihr nur die Wahrheit geſagt habt,— daß meine gegenwärtige Lage ge⸗ fährlich iſt,— daß Johanna Seymour im Steigen begriffen iſt, während ich auf die Neige gehe, wo nicht ſchon ganz. geſunken bin,— daß Ihr mich ohne Gränzen liebt und mir Euer ganzes Leben weihen möchtet;— dennoch, trotz aller dieſer Gründe zur Beſorgniß, kann ich mich nicht entſchließen, freiwillig meinen Rang aufzugeben und meinen Platz einer Nebenbuhlerin zu überlaſſen.“ „Dann liebt Ihr mich nicht, wie ich Euch liebe, Anna,“ ſagte Norris.„Wäre ich ein König, ich würde meinen Thron um Euch verlaſſen.“ „Ihr denkt jetzt ſo, weil Ihr nicht König ſeid,“ erwie⸗ derte ſie.„Aber ich bin Königin und will es bleiben, bis ich meine Würde niederzulegen gezwungen bin.“ „Ich verſtehe Euch, gnädige Frau,“ entgegnete Norris düſter.„Aber ach! bedenkt, welcher Gefahr Ihr Euch aus⸗ ſetzt. Ihr kennt des Königs ſchrecklichen Entſchluß,— ſeine Rachſucht, ſeine Grauſamkeit.“ „Sehr gut,“ antwortete ſie,—„ſehr gut. Aber ich will lieber als Königin ſterben, als in der Verbannung und im Elend leben. Als ich Heinrich den Achten heirathete, ſetzte ich mich gewiſſen Gefahren aus und dieſen muß ich jetzt Trotz bieten.“ Ehe Norris weiter in ſie dringen konnte, ward die Thüre plötzlich geöffnet und eine hohe, dunkle Geſtalt trat herein und ſagte eilig: „Der König iſt in der Nähe.“ „Noch ein Wort und es iſt mein letztes,“ ſagte Norris 188 Schloß Windſor. zu Anna.„Wollt Ihr dieſe Nacht mit mir Alles ſoll bereit ſein.“ „Ich kann nicht,“ erwiederte Anna. „Dann iſt Euer Schickſal beſiegelt!“ ſagte Herne. „Fort!“ ſetzte er hinzu, indem er Norris gewaltſam hinter die Tapeten zog. Kaum war er geborgen, ſo trat Heinrich ein. Er war in fröhlicherer Laune, als er in der letzten Zeit zu ſein pflegte. „Ich komme, Euch zu ſagen, Madame,“ beganm er,„daß ich am erſten Mai ein Turnier im Schloß zu halten beab⸗ ſichtige, in dem Euer guter Bruder und der meinige, der Lord Rochford, die Herausforderer und ich der Vertheidiger ſein werden. Ihr ſollt den Preis ertheilen.“ „Warum nicht lieber Johanna Sehmour zur Königin des Turniers machen?“ ſagte Anna, die dieſe Bemerkung nicht unterdrücken konnte. „Sie wird dabei gegenwärtig ſein,“ ſagte Heinrich,„aber ich habe beſondere Gründe,“ fügte er bedeutungsvoll hinzu, „ſie nicht als Königin bei dieſer Gelegenheit zu wünſchen.“ „Was auch Eure Gründe ſein mögen, ſo genügt mir diefer Wunſch,“ ſagte Anna.„Nun, wollt Ihr nicht einen Augenblick bei mir bleiben? Wir haben uns lange nicht mehr vertraulich geſprochen.“ „Ich bin grade ſehr beſchäftigt,“ ſagte Seinrich ohne Umſtände;„aber was habt Ihr mir zu ſagen?“ „Ich wollte Euch nur einigen Mangel an Zärtlichteit und große Vernachläſſigung vorwerfen,“ ſagte Anna.„O! Heinrich! erinnert Ihr Euch, wie Ihr bei Eurem Leben, bei Eurer Krone, bei Eurem Glauben,— bei Allem, das Euch theuer und heilig war, ſchwurt, Ihr würdet mich ewig lieben?“, „Gewiß würde ich's thun, wenn ich könnte,“ antwortete der König;„aber unglücklicherweiſe hat man ſein Herz nicht Sechstes Buch: Johanna Seymour. 189 ganz in ſeiner Gewalt. Habt Ihr ſelbſt, zum Beiſpiel, keine Veränderung in Eurer Neigung wahrgenommen?“ „Nein,“ erwiederte Anna;„ich habe ſicherlich hart unter Eurer nur zu augenſcheinlichen Vorliebe für Johanna Sey⸗ mour gelitten; aber trotz alker Kränkung und allem Verdruß iſt meine Liebe für Eure Majeſtät nie erſchüttert worden.“ „Ich freue mich darüber,“ ſagte Heinrich.„Ich glaubte einige geringe Abnahme Eurer Zuneigung zu bemerken.“ „Ihr habt Euch ſelbſt durch dieſe Vermuthung das größte Unrecht gethan,“ verſetzte Anna. „Ich möchte es gern glauben,“ ſagte der König;„einige Perſonen möchten mich aber bereden, daß Ihr nicht nur Eure Liebe für mich verloren, ſondern auch ein günſtiges Auge auf einen Andern geworfen hättet.“ „Wer Euch dies geſagt hat, iſt ein Lügner,“ rief Anna eifrig.„Niemals war ein Weib reiner von ſolcher Schuld, als ich.“ „Niemals war ein Weib vollendetere Heuchlerin,“ mur⸗ melte Heinrich. „Ihr glaubt mir nicht, wie ich ſehe!“ rief Anna. „Wenn ich es nicht thäte, ſo wäre mein Entſchluß ge⸗ faßt,“ erwiederte der König.„Ihr erinnert Euch meines Verſprechens.“ „Vollkommen,“ entgegnete Anna;„und wenn Liebe und Pflichtgefühl mich nicht zurückhielten, ſo würde es die Furcht.“ „So dachte ich auch,“ verſetzte der König;„aber es gibt Einige Eures Geſchlechts, die ſich durch nichts warnen laſſen,— ſo treulos und unbeſtändig ſind ſie von Natur. Man hat mir zugeraunt, daß Ihr Eine von dieſen ſeid⸗ Aber ich kann es nicht denken. Ich kann nimmer glauben, daß ein Weib, für das ich ſogar meinen Thron aufs Spiel geſetzt habe,— für das ich meine Königin verſtoßen habe, — deren Verwandtſchaft ich erhoben und geadelt habe,— 190 Schloß Windſor. und das ich auf den Thron geſetzt habe,— mich betrügen würde. Es wäre entſetzlich— unglaublich!“ „Das wäre es— das wäre es!“ rief Anna. „Und nun, lebt wohl,“ ſagte Heinrich.„Ich habe länger verweilt, als ich beabſichtigte, und würde dieſe Be⸗ ſchuldigungen, die ich für ganz grundlos halte, nicht erwähnt haben, wenn Ihr mir nicht Vorwürfe gemacht hättet.“ Hiermit verließ er das Zimmer und ließ Anna in einem ſonderbaren Zuſtand der Beſtürzung und Furcht zurück. V. Was ſich bei dem Turniere begab. Der erſte Mai kam heran, und obgleich beſtimmt in Schrecken und Verzweiflung unterzugehn, brach er mit Son⸗ nenſchein und Lächeln an. Alles rührte ſich zu früher Stunde im Schloß und Vor⸗ bereitungen wurden für die bevorſtehende Feſtlichkeit getroffen. Schranken wurden auf dem oberen Hofe errichtet und der ganze geräumige Platz ward mit Sand beſtreut. Den könig⸗ lichen Gemächern gegenüber ward eine Gallerie aufgebaut, deren Mitte für die Königin und ihre Damen beſtimmt und mit Goldſtoff und karmoiſinrothem Sammt, auf dem das königliche Wappen prächtig eingeſtickt war, bekleidet wurde. Die beiden Flügel waren gleichfalls reich verziert und mit Wappenſchilden und Helmſchmuck beſetzt, während von den Zinnen der öſtlichen Seite des Hofes ein Paar lange Flag⸗ gen herabhingen. Sobald die Vorbereitungen beendigt waren, trat ein Haufen von Pagen, Waffenträgern, Knappen, Bogenſchützen und Leibgardiſten herein und ſtellten ſich innerhalb der Schranken auf, während der Raum außerhalb der Pfähle Sechstes Buch: Johanna Seymour. 191 von einer Doppelreihe von Hellebardieren beſetzt war. Zu⸗ nächſt kamen die Trompeter auf reichgeſchirrten Pferden, die Trompeten mit ſeidnen, goldumſäumten Fähnchen geſchmückt. Sie ſtellten ſich am Haupteingange der Schranken auf und wurden bald von den Herolden, Unterherolden und andern Turnierbeamten verſtärkt. Gleich darauf erſchien der Herzog von Suffolk, der zum Kampfrichter beſtellt war, und ritt rund um den Platz, um ſich zu überzeugen, daß Alles in Richtigkeit wäre. Mit der Beſichtigung anſcheinend wohl zufrieden, ſtieg er ab und begab ſich auf die Gallerie. . Unterdeſſen vermehrte ſich das Gedränge im Hofe durch das Hinzuſtrömen der verſchiedenen Glieder des Haushalts, unter denen ſich Shoreditch, Paddington und Cutbeard befanden. „Nun, das Schauſpiel verſpricht glänzend zu werden,“ ſagte der Küchenſchreiber;„der König wird ſeine Ritterpflicht ohne Zweifel, um der hellen Augen willen, die auf ihn her⸗ abblicken werden, tapfer ausüben.“ „Ihr meint natürlich die der Königin?“ ſagte Shoreditch. „Ich meine derjenigen, die Königin ſein wird,“ erwie⸗ derte Cutbeard,—„Fräulein Johanna Seymour.“ „Königin ſein wird?“ rief Shoreditch aus.„Ihr denkt doch nicht, daß der König ſich von ſeiner jetzigen Gemahlin ſcheiden laſſen wird?“ „s haben ſich ſcon wunderlichere Dinge zugetragen,“ erwiederte Cutbeard bedeutungsvoll.„Wenn ich mich nicht ſtark verrechne,“ fügte er hinzu,„ſo iſt dies das letzte Ge⸗ pränge, dem die Königin Anna zuſchauen wird.“ „Behüten's die Heiligen!“ ſchrie Shoreditch;„aus wel⸗ chen Gründen vermuthet Ihr dies?“ „Das mag ich nicht erklären,“ verſetzte Cutbeard;„aber ehe das Turnier vorüber iſt, werdet Ihr ſehen, ob ich richtig prophezeit habe oder nicht.“ — — 192 Schloß Windſor. „Still!“ rief Shoreditch.„Der lange Mönch da hat ein Auge auf uns, und ich weiß nicht, ob er Euer Gerede nicht ſchon gehört hat.“ „Mag er es doch,“ entgegnete Eutbeard;„der Erfuls wird ſeine Wahrheit beweiſen.“ Obgleich er dies mit zuverſichtlichem Tone ſprach, ſo blickte er doch etwas bänglich nach dem Mönche, der hinter Paddington ſtand, hinüber. Der Gegenſtand ſeiner Betrach⸗ tung war ein großer, langer Mann, mit über den Kopf ge⸗ zogener Kapuze. Er hatte einen zottigen ſchwarzen Bart, durchdringende ſchwarze Augen und eine ſonnenverbrannte Geſichtsfarbe. Da er Cutbeard's ängſtlichen Blick auf ſich geheftet ſah, ſo trat er näher und ſagte flüſternd: „Von mir habt Ihr nichts zu befürchten; aber ſprecht nicht ſo laut, wenn Euch Euer Leben lieb iſt.“ Mit dieſen Worten ging er nach einem andern Theil der Schranken. ————— „Wer iſt dieſer lange Mönch?“ fragte Paddington. „Weiß der Teufel!“ antwortete Cutbeard.„Ich habe ihn noch mit keinem Auge geſehen; aber er ſieht mir recht wie ein gottvergeſſener Gurgelabſchneider aus.“ Bald darauf erſchallte eine Trompetenfanfare, und unter freudigen Klängen trat die Königin in einer koſtbaren Robe 6 von Goldſtoff und Hermelin, mit einer kleinen Krone auf dem Haupte, auf die Gallerie und ließ ſich nieder. Niemals hatte ſie ſchöner, als an dieſem verhängnißvollen Morgen, ausgeſehen, und ſie überſtrahlte in den Augen der Zuſchauer„ vollkommen ihre Nebenbuhlerin Johanna Seymour. Dieſe, welche ihr zur Rechten ſtand und prachtvoll gekleidet war, hatte eine gedankenvolle und beſorgte Miene, als ob ſie mit einer wichtigen Angelegenheit beſchäftigt wäre. Wiährend die Umgebung der Königin ihre Plätze ein⸗ nahm, trat Lord Rochford in Begleitung von Sir Heinrich S eee Sechstes Buch: Johanna Seymvur. 193 Norris und den Grafen von Surrey und Eſſer in die Schran⸗ ken. Die vier Ritter waren in voller Rüſtung und ritten kräftige Roſſe mit reichen Decken von ſilberdurchwirktem Goldtuch. Jeder hatte eine große karmoiſinrothe Feder im Helm. Sie ritten einzeln um den Kampſplatz und verbeugten ſich im Vorbeireiten vor der königlichen Gallerie, wobei Norris faſt den Sattelknopf berührte, indem er der Königin ſeine Ehrfurchtsbezeugung machte. Als das Feld auf dieſe Weiſe von den Herausforderern, die ſich an dem obern Ende des Hofes zuſammenzogen, in Beſitz genommen war, ſtieß ein Herold dreimal in die Trom⸗ pete, worauf ein anderer Herold an der Seite von Heinrich des Siebenten Gebäuden augenblicklich antwortete. Nachdem das Geſchmetter verhallt war, ritt der König in voller Rüſtung nebſt dem Markgrafen von Dorſet, Sir Thomas Wyat und Lord Clifford in die Schranken. Heinrich trug einen prächtigen, mit Gold eingelegten Panzer, deſſen Bruſtſchild die damals Sbliche kugelförmige Geſtalt hatte. Sein Helm war mit einer großen ſchneeweißen Feder geſchmückt. Der Behang ſeines Pferdes war von kar⸗ moiſinrothem, mit dem königlichen Wappen geſtickten Sammt, der Saum mit großen Stücken maſſiven Goldes und reich mit Perlen und Edelſteinen beſetzt. Sein Gefolge beſtund aus hundert Edelleuten, Waffendienern und andern Beamten in weißem Sammt. Nachdem er wie die andern um den Hof geritten war und ſeinen Gruß ausſchließlich an Johanna Seymour ge⸗ richtet hatte, nahm Heinrich nebſt ſeinen Begleitern ſeinen Platz neben dem Fuße des Runden⸗Thurms ein, deſſen Spitze, ſo wie alle Thürme und Zinnen, ringsum mit Zu⸗ ſchauern bedeckt waren. Jetzt erſchallte eine Trompete und der König und Lord Rochford, die jeder eine Lanze von ihren Schildträgern erhalten I. 13 Schloß Windſor. hatten, warteten auf das Zeichen zum Auslauf vom Herzog von Suffolk, der auf dem linken Flügel der königlichen Gallerie ſaß. Es ward nicht lange aufgeſchoben. Als die Trompete klar und laut zum drittenmale ſchmetterte, rief er den Kämpen das Signal zum Anrennen zu. Kaum waren die Worte geſprochen, als das donnernde Getrampel der Roſſe erſcholl und die beiden Gegner in der Mitte auf einander ſtießen. Beide Lanzen zerſplitterten; da der König aber ſeine Haltung nicht im mindeſten verlor, ſo ward ihm der Vorzug zuerkannt. Dann machten die Andern mit abwechſelndem Glück einen Gang mit einander, wobei der Markgraf von Dorſet von Sir Heinrich Norris aus dem Sattel gehoben wurde, wofür dieſem das Beifallrufen der Verſammlung und, was ihm unendlich theurer war, das Lächeln der Königin zu Theil wurde. „Ihr habt Euch gut gehalten, Norris,“ rief Heinrich, ſich ihm nähernd.„Stellt Euch mir gegenüber und laßt uns eine Lanze brechen.“ Als Norris, dem Gebot gehorſam, ſein Roß herum⸗ warf, trat der lange Mönch aus den Zuſchauerreihen auf ihn zu und ſagte:„Wenn Ihr Sieger zu bleiben wünſcht, ſo zielt oben nach des Königs Helm,“ und mit dieſen Worten zog er ſich wieder zurück. Norris hatte eben ſeine Lanze eingelegt, als die Trom⸗ pete erſcholl. Im nächſten Augenblick war das Wort gegeben und die Kämpen ſprengten dahin. Heinrich ritt mit großem Ungeſtüm und traf Norris an der Halsberge mit ſo guter Abſicht, daß Roß und Mann wankten. Aber Norris war glücklicher. Dem Rath des Mönchs zufolge ſetzte er ſich den obern Theil von des Königs Helm zum Ziel, und führte ſeinen Stoß ſo gut, daß, wenn er den erlauchten Reiter gleich nicht aus dem Sattel hob, doch deſſei Roß bis auf den zurückwich. Sechstes Buch: Johanna Seymvur. 195 Der Erfolg war ſo unzweideutig, daß Norris ſogleich von dem Richter als Sieger erklärt ward. Jedoch erfolgte, aus Furcht den König zu beleidigen, kein Beifall auf dieſe Entſcheidung. Norris ſtieg ab, und ſein Roß der Obhut ſeines Schild⸗ trägers, ſo wie ſeine Lanze ſeinem Pagen übergebend, nahm er ſeinen Helm ab und ſchritt auf die königliche Gallerie zu, neben welcher der Graf von Surrey und Sir Thomas Wyat ſtanden und mit den andern Damen plauderten. Indem Norris ſich näherte, lehnte ſich Anna über den Rand der Gallerie, lächelte ihm zärtlich entgegen und ließ, ob abſicht⸗ lich voder zufällig, ihr geſticktes Taſchentuch fallen. Norris bückte ſich, um es aufzuheben, indem er dabei einen Blick der leidenſchaftlichſten Hingebung auf ſie heftete. Ein furchtbares Auge richtete ſich jedoch in dieſem Augenblick auf das unglückliche Paar. Es war das des Königs. Wäh⸗ rend Heinrich vor der Gallerie einhergalloppirte, um von Johanna Seymour ein freundliches Lächeln zu gewinnen, näherte ſich ihm der lange Mönch und ſagte:—„Seht Sir Heinrich Norris an!“ In Folge dieſer Aufforderung ſchlug Heinrich das Viſier auf, um deutlicher ſehen zu können, und erblickte Norris, wié er das geſtickte Schnupftuch aufnahm, welches er als ein in den erſten Tagen der Liebe der Königin geſchenktes wiedererkannte. Der Anblick erbitterte ihn faſt zum Wahnſinn und er unterdrückte ſeinen Zorn nur mit der größten Mühe. Wenn aber dieſe geringfügige Geberde, die freilich durch die beider⸗ ſeitigen Blicke an Bedeutung gewann, ſchon ſeine Wuth entflammte, ſo war es doch nichts im Vergleich zu dem, was hierauf erfolgte. Anſtatt der Königin das Taſchentuch wieder zuzuſtellen, drückte Norris es, der Gefahr unbewußt, der er ſich blosſtellte, inbrünſtig an die Lippen. 1 196 Schtoß Windſor. „Bisher bin ich Sieger im Turnier geblieben,“ ſagte er;„darf ich es als meinen Preis behalten?“ Anna willigte lächelnd ein. „Es iſt der köſtlichſte, den ich je erhielt,“ fihr Norris fort, und legte es in ſeinen Helm. „Sicht Eure Majeſtät dies wohl?“ ſagte der Mönch, der neben dem König ſtehen geblieben war. „Ha! Tod und Verdammniß!“ ſchrie Heinrich,„es iſt daſſelbe Taſchentuch, das ich ihr vor unſrer Vermählung gab! Ich halte nicht länger an mich— ich muß nothwendig den Ausgang beſchleunigen. Heda!“ rief er, nach dem Sitze des Herzogs von Suffolk hinreitend,—„Haltet inne mit dem Turnier!“ „Weshalb, Sire?“ fragte Suffolk.„Der Graf von Surrey und Sir Thomas Wyat wollen eben einen Gangrennen.“ „Haltet inne, ſage ich!“ rief Heinrich in einem Tyne, der kein weiteres Bedenken zuließ. Und ſeinen Renner herum⸗ werfend, ſprengte er mitten in die Schranken und rief mit lauter und gebieteriſcher Stimme:—„Das Turnier iſt zu Ende! geht aus einander!“ Dieſer Befehl verurſachte die allgemeinſte Beſtürzung. Der Herzog von Suffolk verließ auf der Stelle ſeinen Platz und drängte ſich bis zum König durch, der ihm einige eilige Worte zuflüſterte. Dann rief Heinrich den Grafen von Surrey, den Markgrafen von Dorſet, Lord Clifford, Wyat und einige Andere um ſich, denen er zu folgen gebot, und ſchickte ſich an, den Hof zu verlaſſen. Als er bei der königlichen Gallerie vorüberritt, rief Anna ihm mit angſtvoller Stimme zu: „O! Heinrich! was iſt geſchehen— was habe ich gethan?“ Aber ohne ihr die geringſte Aufmerkſamkeit zu ſchenken, ſprengte er durch das Normämniſche Thor, galloppirte über den untern Hof und verließ das Schloß. Die nun folgende Verwirrung kann man ſich vorſtellen. Sechstes Buch: Johanna Sehmvur. 197 Alle ſahen, daß etwas Ungewöhnliches und Schreckliches ſich begeben haben müſſe, obgleich wenige eigentlich wußten, was es wäre. Beſorgniß leuchtete aus allen Geſichtern und die allgemeine Beſtürzung ward noch durch die Angſt der Kö⸗ nigin vermehrt, die mit einem gellenden Schrei hinſank und von ihrem Gefolge bewußtlos fortgetragen ward. Unfähig ſich bei dieſem Anblick zu beherrſchen, drang Norris durch die Wachen, und die Treppe hinaufſtürzend gelangte er bald in das Gemach, in das man die Königin geſchafft hatte. Dank der ſchnellen Hülfe, die ihr gereicht ward, erholte dieſe ſich bald wieder, und der erſte Gegen⸗ ſtand, auf den ihr Auge fiel, war ihr Geliebter. Bei ſei⸗ nem Anblick ſtrahlte ein zärtliches Lächeln über ihre Züge, aber ſie nahmen ſogleich einen ängſtlichen Ausdruck an. In dieſem Augenblicke trat der Herzog von Suffolk mit Bouchier und einer Abtheilung Hellebardiere in's Zimmer, näherte ſich der Königin und ſprach: „Möge es Euch gefallen, gnädigſte Frau, Euch in ein inneres Zimmer zurückzuziehen. Ich bedaure, Euch ankün⸗ digen zu müſſen, daß Ihr verhaftet ſeid.“ „Verhaftet!“ ſchrie Anna;„wegen welcher Verbrechen, Euer Durchlaucht?“ „Ihr ſeid der Verletzung der ehelichen Treue angeklagt,“ erwiederte Suffolk ernſt. „Aber ich bin unſchuldig,“ rief Anna,—„ſo wahr mich der Himmel richten wird, ich bin unſchuldig!“ „Ich hoffe, Ihr werdet es beweiſen können, gnädige Frau,“ ſagte Suffolk.„Sir Heinrich Norris, Eure Perſon iſt gleichfalls verhaftet.“ i „Nun bin ich ganz verloren!“ rief Anna außer ſich. „Laßt Euch nicht durch dieſe falſchen und böswilligen Beſchuldigungen beunruhigen, gnädige Frau,“ ſagte Norris. —àÜ 198 Schloß Windſor. „Ihr braucht nichts zu fürchten. Ich werde mit der Betheu⸗ rung Eurer Unſchuld ſterben.“ „Sir Heinrich Norris,“ ſagte der Herzog kalt,„Eure eigne Unbeſonnenheit hat dieſe Folgen herbeigeführt.“ „Ich weiß es,“ erwiederte Norris,„und ich verdiene die ſtrengſte Strafe, die mir dafür auferlegt werden kann. Aber ich erkläre hier vor Euch, wie ich auch auf der Folter erklären würde— daß die Königin ganz unſchuldig iſt. Laßt ſie nicht für mein Vergehen büßen.“ „Ihr hört, was Sir Heinrich ſagt,“ rief Anna;„und ich fordere Euch auf, das Zeugniß, welches er abgelegt hat, im Gedächtniß zu behalten.“ „Ich werde deſſen nicht ermangeln, gnädige Frau,“ er⸗ wiederte Suffolk.„Eurer Majeſtät ſoll die ſtrengſte Gerech⸗ tigkeit widerfahren. „Gerechtigkeit!“ wiederholte Anna mit ungläubigem bit⸗ tern Lächeln.„Gerechtigkeit von Heinrich dem Achten?“ „Ich bitte Euch, gnädigſte Frau, ſtürzt Euch nicht ins Verderben,“ ſagte Norris, indem er ſich ihr zu Füßen warf.„Bedenkt, wo Ihr Euch befindet, meine Thorheit und Unbeſonnenheit haben Euch in dieſe Noth gebracht und ich flehe Euch um Verzeihung dafür an.“ „Ihr ſeid hiebei nicht zu tadeln, Norris,“ ſagte Anna— „es iſt das Schickſal, nicht Ihr, was mich vernichtet. Die Hand, die dieſen Schlag geführt hat, gehört einer Königin im Grabe.“ „Hauptmann Vouchier,“ ſagte der Pezog von Suffolk zu dieſem Offizier, welcher neben ihm ſtand,„Ihr werdet Sir Heinrich Norris in Gewahrſam nach dem untern Thorwege bringen, von wo er nach dem Tower gebracht werden wird.“ „Lebt wohl auf immer, Norris!“ rief Anna.„Wir werden uns hienieden nicht wiederſehen. In dem Geſchick, das mich betroffen hat, erkenne ich die Hand der Vergeltung. —— ——— —— Sechstes Buch: Johanna Seymour. 199 Aber daſſelbe Maß, das mir zugemeſſen iſt, ſoll Andern ertheilt werden. Ich klage Johanna. Seymour vor dem Höchſten an. Sie ſoll ſich nicht lange der Krone erfreuen, die ſie mir zu entreißen im Begriff iſt.“ „Dieſer Fluch hätte lieber unausgeſprochen bleiben ſollen, gnädige Frau,“ ſagte der Herzog. „Nehmt guten Rath an, gnädigſte Frau!“ rief Norris; „und laßt Euren Kummer und Eure Verzweiflung Euch keine Blöße gegen Eure Feinde geben. Alles mag ſich noch zum Guten wenden.“ „Ich klage ſie an!“ beharrte Anna, alle Warnung gänzlich mißachtend;„und ich klage auch den König an. Keine Verbindung ſoll ihm Glück bringen und noch mehr Blut, als das meinige, ſoll fließen.“ Auf einen Wink des Herzogs ward ſie, vor Aufregung halb erſtickt, in ein inneres Gemach getragen, während Norris von Bouchier und einer Abtheilung Hellebardiere nach dem unteren Thorweg geführt und in dem Gefangenzimmer unter⸗ gebracht wurde. —,—————— VI. Was zwiſchen Anna Boleyn und dem Herzog von Suffolk vorging,— und wie der Jäger Herne ihr im Betzimmer erſchien. Einige Stunden lang fürchtete Anna Boleyn's Umge⸗ bung für ihren Verſtand und, wie es ſchien, aus guten Gründen,— ſo abgeriſſene und unzuſammenhängende Reden führte ſie und ſo heftig geberdete ſie ſich— ſie, die ſonſt immer ſo ſanft war— bald weinend, als ob ihre Seele in Thränen zerfließen wollte,— bald in ein unheimliches krampf⸗ haftes Gelächter ausbrechend. Es war ein kläglicher Anblick, der alle Anweſenden innig rührte. Allein gegen Abend ward ſie ruhiger und wünſchte allein gelaſſen zu werden. 200 Schloß Windſor. Ihr Wunſch ward erfüllt und ſie ſank auf die Kniee, um den Himmel um Vergebung ihrer mannigfachen Vergehungen anzuflehen. „Mögen meine Leiden hienieden mir in der Ewigkeit zu Gute kommen,“ rief ſie„und möge mein Blut meine Schuld abwaſchen! Ich fühle die Unermeßlichkeit meiner Sünden und erkenne die Gerechtigkeit der Strafe an. Ver⸗ zeihe mir, o du geſchmähte Katharina— verzeihe mir, ich flehe dich an. Du ſiehſt in mir das elendeſte, bejammerns⸗ würdigſte Weib des ganzen Reichs! Erniedrigt, vernach⸗ läſſigt, verachtet— einen ſchmachvollen Tod vor Augen— was kann mir noch Schlimmeres widerfahren? Deine Qualen waren groß, aber ſie waren niemals durch Gewiſſensbiſſe, wie die meinigen, geſchärft. O! könnte ich mein Leben noch einmal durchleben, ich würde allen glänzenden Verſu⸗ chungen widerſtehen, denen ich unterlegen bin— und vor Allem, ich würde dich nicht verletzen. O! hätte ich Heinrichs Liebe widerſtanden— ſeinen trügeriſchen Gelübden— ſeinen verderblichen Lockungen! Aber was hilft alles Murren? Ich habe unrecht gehandelt— und muß die Strafe für mein Ver⸗ brechen büßen. Mögen meine Thränen, meine Reue, mein Blut mir zur Sühne gereichen und mir die Vergebung des barmherzigen Richters, vor den ich bald treten werde, erwirken!“ Mit ſolchen Gebeten und Klagen vollbrachte ſie mehr als eine Stunde, bis ihre Dienerſchaft hereintrat um ihr die Ankunft des Herzogs von Suffolk und des Lords Audley und Cromwell zu melden, welche Zutritt begehrten. Sie ging augenblicklich zu ihnen hinaus. „Wir ſind gekommen, gnädigſte Frau,“ ſagte Suffolk, „um Euch zu benachrichtigen, daß Ihr morgen zu früher Stunde nach dem Tower abgeführt werden ſollt, um dort der Befehle des Königs gewärtig zu bleiben.“ König es ſo will, Mylords,“ antwortete Sechstes Buch: Johanna Seymvur. 201 ſie,„ſo muß ich ſchon gehen,— aber ich betheure meine Unſchuld und werde ſie bis zum letzten Augenblick betheuern. Ich bin ſeiner Hoheit immer eine treue und ergebene Ge⸗ mahlin geweſen, und obgleich ich mich, in Betracht der Größe meiner Verpflichtungen gegen ihn, nicht ſo demüthig und dankbar gegen ihn betragen haben mag, wie ich viel⸗ leicht geſollt hätte, ſo hade ich niemals in meiner Liebe und Treue gewankt. Ich habe eiferſüchtige und argwöhniſche Launen gegen ihn gehabt, beſonders in der letzten Zeit und habe ihn damit behelligt; aber ich bitte ihn für meinen Un⸗ bedacht um Verzeihung und, wenn ich mich von der gegen⸗ wärtigen Anklage gereinigt habe, will ich mich nie wieder auf dieſe Weiſe gegen ihn vergehen.“ „Wir werden alle Eure Worte dem König wieder be⸗ richten,“ verſetzte Suffolk ernſt,„halten uns aber für ver⸗ pflichtet zu erwähnen, daß ſeine Hoheit nicht auf bloßen Verdacht handelt, ſondern ſtarke Beweiſe Eurer Schuld beſitzt.“ „Solche Beweiſe kann es gar nicht geben,“ rief Anna raſch.„Wer find meine Ankläger— und was bringen% gegen mich vor?“ „Ihr ſeid eines Anſchlags auf des Königs Leben und der Schändung ſeines Ehebetts angeklagt,“ antwortete Suf⸗ folk mit ſtrengem Ton.„Eure Ankläger werden ſich zu ſeiner Zeit ſtellen.“ „Es ſind elende, zu dieſem Zwecke beſtochene Geſchöpfe,“ rief Anna.„Kein gewiſſenhafter Menſch würde einen ſolchen Meineid wagen.“ „Die Zeit wird lehren, wer es iſt, gnädige Frau,“ ſagte Suffolk.„Aber da wir nun auf alle Eure Fragen geantwortet haben, ſo bitten wir Euch, uns zu entlaſſen.“ „Darf ich den König nicht ſehen, ehe ich nach dem Tower gebracht werde?“ ſagte Anna, welche das Schreck⸗ ihrer Lage von neuem iberwültigi 202. Schloß Windſor. „Seine Hoheit hat das Schloß verlaſſen,“ erwiederte Suffolk,„und es ſteht nicht zu erwarten, daß er dieſen Abend zurückkehren wird.“ „Ihr ſagt ſo, um mich zu täuſchen,“ rief Anna.„Bringt mich zu ihm,— daß ich mich ihm zu Füßen werfe. Ich kann ihn von meiner Unſchuld überzeugen,— kann ſein Mitleiden erregen. Führt mich zu ihm, ich beſchwöre Euch, — ich befehle Euch.“ „Ich verſichere Euch, gnädigſte Frau, daß der König nach Hampton⸗Court abgereiſtt iſt,“ entgegnete Suffolk. „Dann bringt mich dorthin unter ſtarker Bedeckung, oder ſo heimlich, als Ihr wollt,“ rief ſie leidenſchaftlich. „Ich will auf der Stelle mit Euch umkehren, wenn es mißlingt.“ „Willigte ich auch in Euer Begehren ein, gnädige Frau,“ erwiederte Suffolk,„es würde unnütz ſein, der König würde Euch nicht annehmen wollen.“ „O, Suffolk!“ rief Anna, vor ihm auf die Kniee fal⸗ lend,„ich habe Euch viele Gefälligkeiten in den Tagen meiner Reucht erwieſen und beim Könige immer auf Eurer Seite geſtanden. Erzeigt mir jetzt dieſe Gunſt. Führt mich zum Könige. Ich werde gewiß ſein Herz rühren, wenn ich ihn nur ſprechen kann.“ „Es würde mir den Kopf koſten, gnädigſte Frau,“ ſagte der Herzog mit unerbittlichem Tone.„Steht auf, ich bitte Euch.“ „Ihr ſeid grauſamer, als der König,“ ſagte Anna auf⸗ ſtehend.„Und nun, Mylords,“ fuhr ſie mit mehr Faſſung und Würde fort,„da Ihr meine letzte Bitte abſchlagt und mir deutlich beweiſt, welche Art von Gerechtigkeit ich zu erwarten habe, will ich Euch nicht länger aufhalten. Ich bin bereit, Euch morgen früh nach dem Tower zu begleiten.“ „Die Barke wird eine Stunde vor Tagesanbruch fertig ſein,“ ſagte Suffolk. — —— — Sechstes Buch: Johanna Seymour. 203 „Muß ich denn zu Waſſer reiſen?“ fragte Anna. „So lautet des Königs Befehl,“ erwiederte Suffolk. „Gleichviel,“ verſetzte ſie.„Ich werde bereit ſein, ſobald Ihr wollt, denn ich werde mich dieſe Nacht nicht zur Ruhe begeben.“ Hierauf zog ſich Suffolk mit den Andern zurück und Anna begab ſich wieder in ihr Betzimmer. Hier brütete ſie einſam in einem Zuſtande unbeſchreib⸗ licher Seelenangſt über das ihr wahrſcheinlich bevorſtehende Schickſal, als ſie auf einmal die Augen aufſchlug und eine hohe dunkle Geſtalt neben dem Vorhange bemerkte. Sogar in dem Dämmerlichte erkannte ſie den Jäger Herne und unterdrückte nur mit Mühe einen Schrei. „Seid ſtill,“ rief Herne mit ausdrucksvollen Geberden. „Ich komme Euch zu befreien.“ Anna konnte einen freudigen Ruf nicht unterdrücken. „Nicht ſo laut,“ verſetzte Herne,„vder Ihr werdet Eure Dienerſchaft herbeilocken. Ich will Euch unter gewiſſen Bedingungen in Freiheit ſetzen.“ „Ah, Bedingungen!“ rief Anna zurückbebend—„wenn ſie von der Art ſind, daß ſie mein Seelenheil gefährden, ſo kann ich ſie nicht annehmen.“ „Ihr werdet es bereuen, wenn es zu ſpät iſt,“ erwie⸗ derte Herne.„Einmal im Tower, kann ich Euch nicht weiter helfen. Meine Macht erſtreckt ſich nur auf Wald und Schloß.“ „Wollt Ihr mich nach Hampton⸗Court zum König bringen?“ ſagte Anna. „Nein,“ entgegnete Herne.„Es würde nutzlos ſein. Ich will nur thun, was ich geſagt habe. Wenn Ihr mit mir flieht, ſo könnt Ihr niemals wieder als Anna Voleyn erſcheinen. Sir Heinrich Norris ſoll zu gleicher Zeit in Frei⸗ heit geſetzt werden und Ihr ſollt Beide mit mir im Walde wohnen. Kommt!“ 204 Schloß Windſor. „Ich kann nicht,“ ſagte Anna zurückhaltend;„das hieße ſich in eine noch ſchlimmere Gefahr ſtürzen. Ich kann jetzt meine Seele noch retten, aber wenn ich Euer Anerbieten annehme, bin ich auf ewig verloren.“ Herne lachte höhniſch. „Ihr habt von dieſer Seite nichts zu fürchten,“ ſagte er. „Ich traue Euch nicht,“ erwiederte Anna.„Ich bin ſchon einmal der Verſuchung unterlegen und leide jetzt die Strafe dafür.“ „Ihr klammert Euch an die Krone,“ ſagte Herne,„weil Ihr wißt, daß Ihr ſie durch dieſen Schritt unwiederbringlich verliert. Und Ihr denkt irgend eine Veränderung könne beim Könige noch zu Euren Gunſten wirken. Es iſt eine eitle, trügeriſche Hoffnung. Wenn Ihr dieß Schloß mit dem Tower vertauſcht, ſo werdet Ihr eines ſchimpflichen Todes auf dem Block ſterben.“ „Was geſchehen wird, muß geſchehen,“ erwiederte Anna.„Ich will nicht auf dem Wege, den Ihr vorſchlagt, gerettet ſein.“ „Norris wird ſagen, und mit Recht, daß Ihr ihn nicht liebt,“ rief Herne. „Dann wird er mir unrecht thun,“ erwiederte Anna, „denn ich liebe ihn auftichtig. Aber was bedeuten einige Jahre fieberiſcher Glückſeligkeit gegen endloſe Qualen?“ „Ich will Euch helfen, Euch ſelbſt zum Trotz,“ ſchrie Herne, ihren Arm ergreifend;„Ihr müßt mit mir gehen!“ „Ich will nicht,“ ſagte Anna, auf die Kniee finkend. „O! Vater der Gnaden!“ rief ſie nachdrücklich,„befreie mich von dieſem Unholde!“ „So nimm dein Schickſal hin!“ uſ Herne, ſie wüthend von ſich ſchleudernd. Und als ihr Gefolge, von dem Lürm erſchrect, ins Zimmer ſtürzte, fanden ſie ſie bewußtlos auf dem Fußboden liegen. —. Sechstes Buch: Johanna Seymvur. 205 VII. Wie Herne dem König im Schloßpark erſchien. In derſelben Nacht ritt zu ſpäter Stunde ein Reiters⸗ mann auf einem kräftigen Roß von der öſtlichen Seite in den Schloßpark und verweilte unter den Bäumen. Er war noch nicht lange dort, als die Schloßuhr die Mitternachts⸗ ſtunde ſchlug und ehe die dumpfen Schläge dahinſtarben, ſah man einen zweiten Reiter quer über die mondbeleuchtete Fläche auf ihn zu galloppiren. „Sind meine Befehle alle ausgeführt, Suffolk?“ fragte er, als der Ankommende ſich ihm näherte. „Ja, Sire,“ erwiederte der Herzog.„Die Königin iſt in ihrem Zimmer unter Haft und wird mit Tagesanbruch nach dem Tower gebracht werden.“ „Ihr ſolltet lieber binnen einer Stunde abgehen,“ ſagte der König.„Es iſt ein langer Weg zu Waſſer und ich möchte gern alle Möglichkeit eines Befreiungsverſuchs abſchneiden.“ „Euren Befehlen ſoll gehorcht werden,“ antwortete der Herzog.„Armes Geſchöpf! Ihr Kummer war herzzerreißend und ich hatte Mühe, meine Faſſung zu bewahren. Sie flehte aufs leidenſchaftlichſte um die Erlaubniß zu einer Unterredung mit Eurer Hoheit vor ihrer Abreiſe. Ich ſagte ihr, es wäre unmöglich; und ſelbſt wenn Ihr im Schloß anweſend geweſen wäret, Ihr ihre Bitte nicht er⸗ hört haben.“ „Ihr habt Recht daran gethan,“ verſetzte Heinrich;„ich will ſie nie wieder ſehen,— nicht daß ich von ihren Bitten gerührt zu werden fürchte, ſondern weil ich weiß, wie hinter⸗ liſtig und treulos ſie iſt, und ſie nicht ohne Widerwillen anſehen kann. Was ſpricht man unter den Susleuten v dar⸗ über? Redet offen!“ 206 Schloß Windſor. „Nun denn, offen,“ antwortete der Herzog,„Eurer Hoheit Verfahren wird für grauſam und unverantwortlich gehalten. Die allgemeine Meinung iſt, daß Ihr Anna nur auf die Seite bringen wollt, um Fräulein Johanna Seymour Platz zu machen.“ „Ha! wirklich! ſprechen ſie ſo?“ rief der König.„Ich werde ihr unverſchämtes Geſchwätz bald zum Schweigen bringen. Sagt Allen, die ein Wort über dieſen Gegenſtand gegen Euch fallen laſſen, daß ich die Königin längſt wegen einer geheimen Neigung für Norris im Verdacht hatte, daß ich aber meinen Argwohn zu verbergen beſchloß, bis ich ge⸗ nügende Gründe dafür hätte. Dieſe ſind mir, wie Ihr wißt, vor einigen Wochen geworden. Ich wartete jedoch auf einen Vorwand, um gegen ſie zu verfahren, und ihre eigne Un⸗ vorſichtigkeit hat ihn mir heute geliefert. In der Erwartung, daß etwas vorfallen würde, hatte ich meine Vorbereitungen getroffen und ich habe mich nicht getäuſcht. Ihr könnt auch hinzufügen, daß ich den ſchimpflichen Flecken auf meinem Namen nicht eher für ausgemerzt halten werde, als bis meine Ehe aufgelöst, Anna's Nachkommenſchaft für unehelich erklärt und ſie ſelbſt enthauptet iſt.“ „Hat Eure Majeſtät mir noch etwas zu befehlen?“ fragte Suffolk.„Ich habe Norris in ſein Gefängniß be⸗ gleitet, ehe ich Euch entgegenritt.“ „Laßt ihn unter ſtarker Bedeckung ſogleich nach dem Tower bringen,“ ſagte Heinrich.„Lord Rochford, denke ich, iſt ſchon abgeführt worden?“ „Ja, Sire,“ erwiederte der Herzog.„Soll ich Eure Majeſtät nach Eurem Gefolge geleiten?“ „Es iſt nicht nöthig,“ antwortete der König.„Sie warten nicht weit von hier am Fuß der Datchetbrücke auf mich. Lebt wohl, mein guter Bruder; habt wohl auf Eure Sechstes Buch: Johanna Seymvur. 207 Gefangenen Acht. Es wird mir leichter ums Herz ſein, wenn Anna erſt im Tower ſicher untergebracht iſt.“ Mit dieſen Worten ſchwenkte er um und ſprengte ſporn⸗ ſtreichs durch das Gehölz, während Suffolk nach dem Schloß zurückritt. Heinrich hatte noch keine große Strecke zurückgelegt, als ein Reiter auf ſchwarzem Roſſe aus dem Dickicht hervorkam und auf ihn zu galloppirte. Die ſeltſame Kleidung und das Geweih auf dem Haupte dieſer Geſtalt gaben ihn ſattſam als den Jäger Herne zu erkennen. „Ha! du hier, Unſeliger!“ ſchrie der König, da ſein Löwenmuth ihn auf einen Augenblick von abergläubiſcher Furcht überwältigte.„Was willſt du?“ „Ihr ſeid im Begriff, ein großes Verbrechen zu begehn,“ rief Herne;„und ich ſagte Euch, daß ich Euch zu ſolchen Zeiten jedesmal erſcheinen würde.“ „Gerechtigkeit zu üben iſt kein Verbrechen,“ verſetzte der König.„Anna Boleyn verdient ihr Geſchick.“ „Denkt nicht, mich hinter's Licht zu führen, wie Ihr es mit Suffolk gemacht habt!“ rief Herne mit höhniſchem Gelächtex.„Ich kenne Eure Beweggründe beſſer. Ich weiß, daß Ihr keine Beweiſe für ihre Schuld habt, und daß Ihr ſie im Innerſten Eures Herzens für unſchuldig haltet. Aber Ihr vernichtet ſie, weil Ihr Johanna Seymour heirathen möchtet! Wir werden uns bald wieder ſehn— ho! ho! ho!“ Und mit verhängtem Zügel verſchwand er hinter den Bäumen. VII. Der Signalſchuß. Anna Bolehn's Verhör fand in der großen Halle des Weißen Thurmes am ſechszehnten Mai vor dem Herzog von 208 Schloß Windſor. Norfolk, der zum Lord Oberrichter für dieſe Gelegenheit er⸗ nannt worden war, und vor ſechsundzwanzig Peers ſtatt. Der Herzog hatte ſeinen Sitz unter einem Thronhimmel, und unter ihm ſaß der Graf von Surrey, als beigeordneter Grafmarſchall. Trotz einer beredten und eindringlichen Vertheidigung ward Anna ſchuldig befunden; und nachdem ſie ihre Krone und andre Abzeichen des Königthums hatte ablegen müſſen, ward ſie verurtheilt, nach Belieben des Königs verbrannt oder enthauptet zu werden. Am nächſten Täge ward ſie in den erzbiſchöflichen Palaſt zu Lambeth gefordert, wohin man ſie im Stillen brachte; und ihre Ehe mit dem König ward von Cranmer für null und nichtig erklärt, wie ſie es von Anfang an geweſen ſei. Der Tod durchs Beil war das vom König über ſie verhängte Urtheil und der zur Vollſtreckung deſſelben anberaumte Tag war Freitag, der neunzehnte Mai, um die Mittagsſtunde. Die Anordnung der verhängnißvollen Ceremonie dem Herzog von Suffolk überlaſſend, welcher Befehl hatte, einen Signalſchuß von der Spitze des Weißen Thurms abfeuern und auf verſchiedenen Punkten beantworten zu laſſen, wenn Alles vorüber wäre, begab ſich Heinrich am Donnerſtag Abend nach Schloß Windſor. Vor dieſer Zeit hatte er Johanna Seymour förmlich ſeine Hand angetragen, und während die unglückliche Königin im Tower ſchmachtete, ſonnte er ſich im Lächeln ſeiner neuen Geliebten und zählte die Stunden, bis er ſie die Seinige nennen konnte. Am Dienſtag vor der Todesvollziehung zog ſich Johanna Seymour auf ihres Vaters Landſitz, Wolff⸗Hall in Wiltſ hire, zurück, wo die Vor⸗ bereitungen zur Trauung, welche dort im Stillen am Sonn⸗ abend ſtattfinden ſollte, getroffen wurden. Bei ſeiner Ankunft im Schloß ließ Heinrich ausſprengen, daß er am nächſten Morgen im großen Park jagen wollte, Sechstes Buch: Johanna Seymour. 1209 und begab ſich in ſein Gemach. Aber er blieb nicht lange dort, ſondern legte die Tracht eines Leibgardiſten an, ſtieg die ſchmale Treppe, welche, wie wir ſchon erwähnt haben, dieſelbe Stelle als die heutigen Hundert Stufen einnahm, nach der Stadt herunter und verfügte ſich nach dem Hoſen⸗ bande, wo er eine Anzahl von Gäſten verſammelt fand, welche die Tagesneuigkeiten und zugleich Bryan Bowntance's Starkbier erörterten. Unter ihnen befanden ſich der Herzog von Shoreditch, Paddington, Hektor Cutbeard und Kit Cov. Im Augenblick, als der König eintrat, beſprachen ſie die bevorſtehende Hinrichtung. „O! Eitelkeit weltlicher Größe!“ rief Bryan, ſeine Hände erhebend.„Erſt vor ſieben Jahren am letzten St. Georgen⸗ tage betrat dieſe liebenswürdige Königin das Schloß zum erſtenmal mit dem König, unter Pomp und Glanz und Pracht und mit dem Anſchein eines langen Lebens von Glück⸗ ſeligkeit. Und nun iſt ſie zum Tode verurtheilt!“ „Aber wenn ſie den König betrogen hat, ſo hat ſie ihr Schickſal verdient,“ erwiederte Shoreditch.„Ich würde mein eignes Weib enthaupten, wenn ſie mir einen ſolchen Streich ſpielte— das heißt, wenn ich könnte.“ „Ganz recht, daß Ihr ſagt, wenn ich könnte,“ verſetzte Paddington.„Seine Frau zu enthaupten, iſt ein königliches Vorrecht und kann von keinem Unterthanen geübt werden.“ „Na, ich für mein Theil wundere mich, wie der König Fräulein Johanna Seymour den Vorzug geben konnte!“ ſagte Hektor Cutbeard.„Nach meinem Bedünken hält ſie den Vergleich mit Königin Anna nicht aus.“ „Sie hat ein hübſches blaues Auge und iſt ſo ſchlank, wie ein Pfeil gewachſen,“ entgegnete Shoreditch.„Was meint Ihr dazu, Herr?“ ſügte er zum König gewandt hinzu. „Was denkt Ihr von Fräulein Johanna Seymour?“ II. 14 N 21⁰ Schloß Windſor. „Ich halte ſie für ziemlich hübſch, Freund,“ antwortete Heinrich. „Aber im Vergleich mit der ſeligen,— das heißt, mit der jetzigen Königin; denn, armes Geſchöpf! ſie hat noch einige Stunden zu leben!“ verſetzte Shoreditch.„Wie, im Vergleich mit ihr?“ „Nun, ich denke, Johanna Sehmvur iſt die liebenswür⸗ digſte von beiden, ohne Zweifel,“ antwortete Heinrich.„Aber ich mag vielleicht ein Vorurtheil für ſie haben.“ „Nicht im mindeſten, Freund,“ ſagte Cutbeard.„Ihr ſtimmt ganz mit der Laune Eures königlichen Herrn überein. Johanna Seymour iſt ohne Zweifel ſehr ſchön, und das war Anna Bolehn auch. Meiner Seel, wir werden manch hübſche Königin auf dem Thron ſehen. König Heinrich hat guten Geſchmack und weiß ſich zu helfen. Er gibt ſeinen Unterthanen ein rares Beiſpiel und zeigt ihnen, wie man läſtige Weiber vom Halſe ſchafft. Wir wollen alle unſere Ehehälften fortjagen oder hängen, wenn wir ſie müde ſind. Ich wünſchte beinahe, ich wäre ſelbſt verheirathet, um den Verſuch machen zu können— ha! ha!“ „Nun, hier iſt auf die Geſundheit des Königs!“ ſchrie Shoreditch;„und wünſche ihm ſo viel Weiber, als er Luſt hat. Was meint Ihr, Freund?“ ſetzte er zu Heinrich ge⸗ wandt hinzu.„Wollt Ihr darauf nicht mit anſtoßen?“ „Das will ich,“ erwiederte Heinrich;„aber ich denke, der König wird ſich fürs erſte mit Fräulein Johanna Sey⸗ mour begnügen.“ „Fürs erſte, ohne Zweifel,“ ſagte Hektor Cutbeard; „aber die Zeit wird kommen,— und das wohl bald,— wo Johanna ihm eben ſo unbequem ſein wird, als Anna ihm jetzt iſt.“ „Ha! bei Gottes Wunden, Schurke! was erfrechſt du dich, da zu ſagen?“ rief Heinrich wüthend. 211 „Na, ich habe nichts Hochverrätheriſches geſprochen, hoffe ich,“ verſetzte Cutbeard erblaſſend.„Ich wünſchte nur, der König möge auf ſeine Art recht glücklich ſein, und da er gern mit den Weibern zu wechſeln ſcheint, ſo wünſche ich, daß er ihrer nach Herzens Luſt haben möge.“ „Gut herausgewickelt,“ erwiederte Heinrich lachend. „Laßt mich eine Geſundheit ausbringen, meine Herren!“ rief ein langer Bogenſchütze, der bisher von Niemand be⸗ merkt worden war und ſich jetzt in einer Ecke des Zimmers erhob.„Ich meine den Scharfrichter aus Calais; möge er morgen ſein Amt ſauber verrichten.“ „Ha! ha! ha! eine mite Geſundheit,“ lachte Hektor Cutbeard. „Greift den, der ſie ausgebracht hat,“ rief der König aufſtehend,„es iſt der Jäger Herne!“ „Ich lache Eurer Drohungen hier, wie anderswo, Hein⸗ rich,“ rief Herne.„Morgen treffen wir uns.“ Und ſeinen Hornbecher dem nächſten Mann ins Geſicht ſchleudernd, ſprang er aus einem offenen Fenſter zu ſeinem Rücken hinaus und verſchwand. Sowohl Cutbeard als Shoreditch waren ſehr beſorgt, ob die Offenheit ihrer Aeußerungen vom König übel genom⸗ Sechstes Buch: Johanna Seymvur. men werden könnte; aber er beruhigte ſie dadurch, daß er dem letzteren einen gutmüthigen Backenſtreich ertheilte und das Wirthshaus verließ, worauf er ſich auf demſelben Wege ins Schloß begab, wie er es verlaſſen hatte. Am folgenden Morgen gegen zehn Uhr ritt er mit einem zahlreichen Gefolge in den großen Park. Sein Benehmen war finſter und launiſch, und eine trübe Stimmung lagerte ſich über die ganze Geſellſchaft. Sie hielten ſich an der weſtlichen Seite des Parks und ſetzten quer durch das Cran⸗ bourneſche Jagdgebiet; aber obgleich ſie auf mehrere Rudel ——————— 212 Schloß Windſor. ſchöner Rehe trafen, ſo gab der König doch keinen Befehl, die Hunde loszulaſſen. Endlich kamen ſie in den Theil des Parks, wo jetzt das Sandpit⸗Thor ſteht und indem ſie einen von edlen Bäu⸗ men eingefaßten Pfad verfolgten, ſprengte plötzlich ein ſchöner Rehbock aus ſeinem Lager auf, dem der König den Jägern und andern Anweſenden nachzuſetzen befahl, wobei er hin⸗ zufügte, daß er ſelbſt nach dem Schneehügel reiten wolle und ſie dort binnen einer Stunde erwarte. Alle begriffen, weshalb der König allein zu ſein wünſchte und in welcher Abſicht er ſich auf die genannte Anhöhe be⸗ geben wollte, und die ganze Geſellſchaft machte ſich daher ohne ein Wort zu ſagen auf die Jagd. Unterdeſſen ritt Heinrich langſam durch das Gehölz, oft ſtillſtehend, um den entfernten Lauten der Jäger zu lauſchen, und die Schatten auf dem grünen Raſen beobachtend, wie ſie kürzer wurden und die Annäherung der Mittagsſtunde verkündeten. Endlich kam er auf dem Schneehügel an und verweilte unter den Bäumen auf ſeinem Gipfel. Von dieſer Stelle beherrſchte man eine prachtvolle Aus⸗ ſicht auf das Schloß, das über dem Schmuck ſeiner nun mit dem lebhafteſten Grün belaubten Wälder hervorragte. Der Morgen war ſchön und glänzend, der Himmel klar und ein gelinder Regen, der die Luft gereinigt und Laub und Raſen erfriſcht hatte, war über Nacht gefallen. Die Vögel ſangen luſtig in den Bäumen und am Fuße des Hügels hatte ſich ein Rudel Rehe gelagert. Alles war voll Munterkeit und Entzücken, Milde und Frieden athmend, und hätte das ver⸗ härtetſte Herz erweichen können. Auch war die Landſchaft nicht ohne Wirkung auf Hein⸗ rich, aber ein wilder Aufruhr tobte in ſeinem Innern. Er heftete ſein Auge auf den Runden⸗Thurm, der deutlich ſicht⸗ Sechstes Buch: Johanna Seymonr. bar war und von dem er das Zeichen erwartete, und dann verſuchte er den fernen Horizont zu durchdringen. Allein er konnte nichts unterſcheiden. Eine Wolke eilte über die lächelnde Gegend vorüber. Zu gleicher Zeit war Heinrichs Einbildungskraft ſo mächtig erregt, daß er das im Tower aufzuführende ſchreckliche Trauerſpiel ſehen zu können glaubte. „Jetzt tritt ſie auf den Raſenplatz vor der St. Peters⸗ kapelle hinaus,“ ſagte Heinrich zu ſich ſelbſt.„Ich ſehe ſie ſo deutlich, als ob ich dabei wäre. Ah! wie ſchön ſie aus⸗ ſieht— und wie ſie alle Herzen zum Mitleiden rührt. Suffolk, Richmond, Cromwell und der Lord⸗Mayor nehmen ſie in Empfang. Sie nimmt von ihren weinenden Dienern Abſchied,— ſie betritt feſten Schrittes das Schaffot,— fie blickt umher und redet die Zuſchauer an. Wie ſie ſtill ſind und wie hell und melodiſch ihre Stimme klingt. Sie ſegnet mich! ich höre es— ich fühle es hier. Jetzt legt ſie ihre Robe ab und macht ſich für das tödliche Beil zurecht. Der geübte Scharfrichter aus Calais ſchwingt es und befühlt jetzt ſeine Schärfe. Jetzt nimmt ſie von ihren Damen Abſchied und ertheilt jeder eine letzte Gabe. Nun kniet und betet ſie. Sie erhebt ſich. Der verhängnißvolle Augenblick iſt da. Auch jetzt verläßt ſie ihr Muth nicht,— ſie nähert ſich dem Block und legt ihren Kopf darauf. Das Beil wird gehoben— ha!“ Der Ausruf ward veranlaßt durch einen Feuerblitz auf den Zinnen des Runden⸗Thurms, dem eine Rauchwolke folgte; noch eine Sekunde, und das dumpfe Brummen einer Kanone rollte einher. In demſelben Augenblick, als das Feuer aufblitzte, gal⸗ loppirte eine ſeltſame Geſtalt auf kohlſchwarzem Roß aus dem Walde und brauſ'te auf Heinrich zu, deſſen Pferd ſich bäumte und ausſchlug, als ſie herbeiſprengte. „Dort hallte Anna Boleyn's Todtengeläute!“ rief 213 —— Schloß Windſor. Herne, einen finſtern Blick auf Heinrich werfend und nach dem Runden⸗Thurm zeigend.„Die blutige That iſt gethan und du darfſt dich wieder vermählen. Fort nach Wolff⸗Hall und führe deine neue Gattin ein in Schloß Windſor.“ Hier endet das ſechste und letzte Buch der Chronik von Schloß Windſor. Druck von J. Kreuzer in Stuttgart. 7