——— — Leihbibliot deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Gduard Ottmann in Gieſten, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih und Teſebedingungen. oftensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— esepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von eei Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 0 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Vuches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt; 2 ſe für wöchentlich 2Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung ſ der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen- 66. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und b defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo i B der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das eiterverleihen b der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ f ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. * —„ ———————— ——.—=—— —— 6 6. leß windſor. Ein hiſtoriſcher Roman von W. Harriſon Ainsworth, „ ſ Verfaſſer des Tower von London, der Tochter des Geizigen, n. ſ. w. 4 Aus dem Engliſchen von Dr. Adolph Brnder. Erſter Theil. O E Stuttgart. Verlag von Rarl Göpel. 1844. „Fort Elfen⸗Troß! Durchſucht von inn' und außen Windſors Schloß.“ Shakeſpeare. Die luſtigen Weiber von Winbſor. „Man hat ein Mährlein, daß der Jäger Herne, Vor Alters Förſter hier im Windſorwald, Im ganzen Winter, jede Mitternacht, um eine Eiche geht mit großen Hörnern, Und dort den Baum verſehrt;— Ihr Alle hörtet von dem Spuk und wißt, Daß unſre ſchwachen, abergläub'ſchen Alten Die Mähr' vom Jäger Herne überkamen Und unſrer Zeit als Wahrheit überliefert.“— „Ebend. Inhalt des erſten Theils. Erſtes Buch. Anna Boleyn. . Von des Grafen Surrey einſamer Streiferei im Schloßpark; von der Erſcheinung, die er in der Geſpenſterſchlucht hatte; und von ſeinem Zuſammentreffen mit Morgan Fenwolf, dem För⸗ ſterburſchen, unter der Herne's⸗Eiche. II. Von Brhan Bowntance, dem Wirth zum Hoſenband;— von dem Herzog von Shoreditch;— von den kühnen Worten Marcus Fytton's, des Schlächters, und wie er in das Kellergewölbe des Curfew⸗Thurms geworfen ward. MII. Von dem großen Zuge nach Windſor Schloß; von der Zuſammen⸗ kunft König Heinrich des Achten und Anna Boleyn's am un⸗ teren Thore; von ihrem Einzug in's Schloß;— und wie der Schlächter am Curfew⸗Thurm gehängt ward.. ——— Seite 15 24 Inhalt des erſten Theils. 1 IV. 4 , Seite Wie König Heinrich der Achte ein Kapitel des Hoſenbandorden hielt; wie er der Veſper und Mette in St. Georgs⸗Kapelle beiwohnte; und wie er mit den Rittern in St. Georgs⸗Halle manſte V. Von der geſpenſtiſchen Jagd, die der Graf von Surrey und der Herzog von Richmond im Walde von Windſor ſahen.. 62 V VI. Wie die ſchöne Geraldine ihren Geliebten mit einer Reliquie be⸗ V ſchenkt.— Wie Surrey und Richmond um Mitternacht im Walde ritten,— und wie ſie den Leichnam von Mareus Fytton, dein Schlüchter, aßden.—— M. Wie der Graf von Surrey und die ſchöne Geraldine ſich in dem Kreuzgang der St. Georgs⸗Kapelle Treue ſchworen.... 78 VII. 2 Von Triſtram Lyndwood, dem alten Förſter, und ſeiner Enkelin „ Mabel; von der Gefahr, die Lady Anna Boleyn während der Jagd lief; und von wem ſie befreit ward. 4 34 X. Auf welche Art Sir Thomas Wyat eine Unterredung mit Anna V Boleyn erlangte; und wie der Graf von Surrey ſie vor des . Kiias Zorn kette. X. Von des Jägers Herne geheimnißvollem Verſchwinden im See. eite 07 Inhalt des erſten Theils. Zweites Buch. Der Jäger Herne. I. Von dem Bunde zwiſchen Sir Thomas Wyat und dem Jäger Herne. II. Wie Wolſey ſeinen Plan in Ausführung bringt. III. Von dem Beſuche der beiden Kaufleute aus Guildford in der Wild⸗ meiſtershütte. IV. Wie der Jäger Herne dem Grafen von Surrey die ſchöne Geral⸗ dine in einem Geſicht zeigt. V Was ſich mit Sir Thomas Wyat in der Sandſteinhöhle begab.— Und wie er einen verzaubernden Trank zu ſich nahm.. VI. Wie Sir Thomas Wyat mit Herne jagte.. VII. Wie Wyat Mabel Lyndwood ſah; und wie er von Morgan Fenwolf auf dem See gerudert ward. VMI. Wie der König und der Herzog von Suffolk von Herne's Bande angegriffen wurden; und was ſich nach dem Angriffe begab. IX. Wie Morgan Fenwolf aus dem Hoſenbandthurme entwiſchte.. VII Seite 115 129 138 147 152 156 160 176 vn Inhalt des erſten Theils. X. Seite Wie der Jäger Herne ſelbſt gejagt ward......... 183 Drittes Buch. Die Geſchichte des Schloſſes. . Die beiden erſten Abſchnitte in der Geſchichte des Schloſſes... 195 Der dritte große Abſchnitt in der Geſchichte des Schloſſes;— und wie der ſehr edle Hoſenbandorden eingeſetzt ward.. 205 —— 1 II. Der vierte Abſchnitt in der Geſchichte des Schloſſes; und wie die 3. St. Georgen⸗Kapelle von Eduard dem Vierten neugebaut ward. 246 Die Geſchichte des Schloſſes von der Regierung Karls des Zweiten bis zu der Georg des Dritten— nebſt einigen Nachrichten über det t und pen Walt 0 Der letzte große Abſchnitt in der Geſchichte des Schloſſes.—— 235 1 Seite 183 05 30 Schloß Windſor. Erſtes Buch. Anna Boleyn. 6 „ I. Von des Grafen Surrey einſamer Streiferei im Schloßpark;— von der Erſcheinung, die er in der Geſpenſterſchlucht hatte;— und von ſeinem Zuſammentreffen mit Morgan Fenwolf, dem Förſter⸗ burſchen, unter der Herne's⸗Eiche. Im zwanzigſten Jahre der Regierung des ſehr hohen und gewaltigen Königs Heinrich des Achten— nämlich im Jahre 1529, am einundzwanzigſten April und an einem der lieblichſten Abende, der jemals auf die lieblichſte Provinz in England herabſank— lehnte ſich ein hübſcher junger Mann, den man etwa für einen Pagen halten konnte, über die nördliche Terraſſe der Feſtungsmauern von Schloß Wind⸗ ſor und ſtarrte in die prachtvolle Ausſicht hinaus. Zu ſeiner Rechten breitete ſich die umfangreiche, grüne Fläche aus, welche den Schloßpark bildet, dicht beſetzt mit edlen Bäu⸗ men, hauptſächlich mit alten Eichen, auf die England ſchon ſtolz zu werden gelernt hatte,— mit Hagedornen, eben ſo alt und wohl älter noch als die Eichen,— mit weit umherragenden Buchen, ſtattlichen Ulmen und Stechpalmen. Die Anord⸗ nung dieſer Bäume war im höchſten Grade maleriſch und prächtig. Hier, am Ende einer weiten Fernſicht und mitten auf einem lichten, mit der grünendſten Decke überzogenen Fleck, ſtand eine mächtige, breitarmige Eiche, unter deren ausgedehnten Zweigen,— die jedoch noch nicht mit Laub ge⸗ ſchmückt waren, ſo wie der Raſen unter ihnen kaum ſchon 4 Schloß Windſor. ein Farrnkraut aufwies,— ſich ein Rudel Rehe hingelagert hatte; dort zog ſich ein Dickicht von Hagedornen längs einem von Kaninchen durchwühlten Sandhügel hin; auf dieſer Seite ſtand ein dichter, druidenartiger Hain, in deſſen Buſchwerk die ſchrägen Sonnenſtrahlen nur ſpärlich hineindrangen; auf jener erſtreckte ſich eine lange, von einer natürlichen Eichen⸗ allee gebildete Lichtung, über die man dann und wann aller Art Wild hinüberſetzen ſah. Auch fehlte es nicht an menſch⸗ lichen Geſtalten, um der Scene Leben und Intereſſe zu ver⸗ leihen. Den Holzweg entlang kamen zwei Förſterburſche, jeder mit einem Paar Jagdhunde an der Koppel, deren Gebell luſtig in den Wald hineinſchallte. Etwas näher beim Schloſſe und den Weg nach demſelben einſchlagend, bewegte ſich eine Abtheilung Falkeniere mit ihren gut abgerichteten Vögeln, deren Geſchicklichkeit ſie eben erprobt hatten, auf der Fauſt; während noch näher und faſt am Fuße der Ter⸗ raſſe ein Minneſänger auf dem Hackebrette ſpielte, dem ein Förſter in grünem Anzuge, mit einem Bogen über der Schul⸗ ter, einem Köcher voller Pfeile auf dem Rücken und mit einer artigen Dirne am Arme, zuhörte. Zur Linken bot ſich ein Anblick von ganz verſchiedenem Gepräge, obwohl kaum minder ſchön, dem Auge dar. Er ward gebildet von der Stadt Windſor, damals nicht ein Drittel von ihrer heutigen Ausdehnung, aber von unver⸗ gleichlich viel maleriſcherem Anſehen, indem ſie faſt gänzlich aus einer langen unregelmäßigen Häuſerreihe beſtand, die ſchwarz und weiß gewürfelt, mit hohen Giebeln und vor⸗ ſpringenden Stockwerken, die weſtliche und ſüdliche Seite des Schloſſes einfaßte;— von den ſilbernen Windungen des Stro⸗ mes, der meilenweit verfolgt werden konnte und die glühenden Tinten des Abendhimmels wiederſpiegelte;— von dem ſtatt⸗ lichen, aus einem Gehölz ſich erhebenden Collegium von Eton; und jenſeits deſſelben von einem unabſehbaren, reich⸗ Erſtes Buch: Anna Boleyn. 5 belaubten und wohlbebauten Landſtrich, auf dem zahlreiche Dörfer, Kirchen, alte Landſitze, Klöſter und Abteien zer⸗ ſtreut umherlagen. Seine Schreibtafel herausziehend, zeichnete der junge Mann nach einigem Nachdenken wenige Zeilen auf und ſchritt dann, die Brüſtung verlaſſend, langſam und finnenden Blicks auf die nordweſtliche Ecke der Terraſſe zu. Er konnte nicht älter als fünfzehn⸗ ſein, vielleicht nicht einmal ſo viel; aber er war groß und gut gewachſen, von ſchlankem, doch über⸗ aus verhältnißmäßigem Gliederbau; und man hätte mit Sicherheit vorausſagen können, daß er im reiferen Alter außerordentliche Körperkraft erlangen würde. Sein Angeſicht war gedankenvoll und klug, er hatte eine breite, hohe Stirn, die von einer Fülle hellbrauner Locken beſchattet wurde, eine grade, längliche und wohlgebildete Naſe, einen ſchwellenden, ſinnlichen und feingeſchnittenen Mund und ein ſcharfes Kinn. Seine Augen waren groß und dunkel, und hatten einen etwas ſchwärmeriſchen Ausdruck; und ſeine Haut beſaß jene reiche, klare, bräunliche Färbung, die man beſtändig in Italien oder Spanien ſieht, aber ſelten bei einem Sprößling unſeres kälteren Klima's antrifft. Seine Kleidung war reich, aber düſter; ſie beſtand aus einem Wamms von ſchwarzem Satin, mit venetianiſchen Goldfäden durchwebt; aus Unter⸗ kleidern von demſelben Stoffe und auf ähnliche Art geſtickt; aus einem ſauber mit ſchwarzer Seide durchzogenen Hemd, deſſen Kragen mit einem ſchwarzen emaillirten Schloß befe⸗ ſtigt war; aus einem ſchwarzſammtnen Mantel, mit Gold beſetzt und mit karmoifinrothem Atlas eingefaßt; aus einem niedrigen ſchwarzſammtnen Barett, mit Perlen und Gold⸗ arbeit beſetzt und mit einer kurzen weißen Feder geſchmückt; und aus ſchwarzſammtnen Halbſtiefeln. Seine Waffen waren Stoßdegen und Dolch, beide mit gravirten und vergoldeten Griffen und ſchwarzſammtnen Scheiden. 6 Schloß Windſor. Indem er vorwärts ſchritt erklang der Vespergeſang aus der St. Georgen⸗Capelle; und während er anhielt, um den heiligen Tönen zu lauſchen, öffnete ſich eine Thür in dem Theile des Schloſſes, wo die Privatgemächer des Königs lagen, und es trat Jemand auf ihn zu. Der neu Hinzukommende hatte breite, braune und kriegeriſche Züge, die durch einen ſtarken, kohlſchwarzen, nach der damaligen Mode kurzbeſchnittenen Bart und einen ungeheuren Knebel⸗ bart noch düſterer gemacht wurden. Er war mit einem Bruſtſtück angethan, das zwiſchen den Falten eines dunkel⸗ braunen Ueberwurfs hervorſchimmerte, und trug eine Stahl⸗ haube anſtatt des Baretts auf dem Kopf, während ein langes Schwert unter ſeinem Mantel herabhing. Als er bis auf wenige Schritte zu dem Jüngling herangekommen war, der ihm den Rücken zugewandt hatte und ſeine Annäherung nicht hörte, machte er ſich ihm durch ein lautes Räuſpern bemerk⸗ bar, das die Stärke ſeiner Lungen bewies und die unter den Zinnen hauſenden Krähen aus dem wiederhallenden alten Gemäuer aufſcheuchte. „Wie! beim Dichten einer Veſperhymne, Mylord von Surrey?“ rief er lachend, als jener die Schreibtafel, die er bis dahin in der Hand gehalten hatte, haſtig in den Buſen ſteckte.„Nicht lange, und Ihr werdet es Meiſter Skelton, dem gekrönten Dichter, zuvorthun, und Eurem Freunde Sir Thomas Wyat obendrein. Gefillt es aber Eurer Herrlichkeit, für einen Augenblick die Geſellſchaft der himmliſchen Neun Schweſtern zu verlaſſen und auf Erden herabzuſteigen, während ich Euch melde„daß ich als Euer Stellvertreter alle nöthigen Anordnungen für Seiner Majeſtät Empfang auf Morgen getroffen habe?“ „Ihr habt nicht vergeſſen, hoffe ich, Hauptmann Bouchier, dem Kammerdiener wegen der Gemächer für meine ſchöne Coufine, Anna Boleyn, Befehle zu ertheilen?“ —— — Erſtes Buch: Anna Bolehn. 7 fragte der Graf von Surreh mit einem bedeutungsvollen Lächeln. „Keineswegs, Mhlord!“ erwiederte Jener, ſeinerſeits lächelnd.„Sie wird ſo königlich beherbergt werden, als wäre ſie Königin von England. In der That, der Königin eigne Zimmer ſind für ſie angewieſen worden.“ „Gut,“ antwortete Surrey.„Und Ihr habt auch für den Empfang des päbſtlichen Legaten, Cardinal Campeggio, geſorgt?“ Bouchier verbeugte ſich. „Und für Cardinal Wolſey?“ fuhr Jener fort. Der Hauptmann verbeugte ſich noch einmal. „Um Eure Herrlichkeit der Nothwendigkeit zu überheben, noch fernere Fragen zu thun,“ ſagte er,„erlaube ich mir in Kürze zu berichten, daß ich alles ſo gethan habe, als ob Ihr es ſelbſt gethan hättet.“ „Etwas ausführlicher, Hauptmann, wenn ich bitten darf,“ ſagte Surrey. „Sehr gern, Mylord,“ antwortete Bouchier.„In Eurer Herrlichkeit Namen alſo, als Unterkammerherr, in welcher Würde ich auftrat, berief ich den Dechanten und die Kano⸗ niker des St. Georgen⸗Stifts, den Beamten vom Schwarzen Stabe, den Befehlshaber der Almoſenritter und die ſämmt⸗ lichen Hausbeamten, und eröffnete ihnen in wohlgeſetzter Rede, die, wie ich mir ſchmeichle, ſo ſchön war, als Eure Herrlichkeit bei allen Euren dichteriſchen Gaben nur irgend eine hätte halten können, daß des Königs Majeſtät, zur Zeit in Hampton⸗Court verweilend, um mit den beiden Cardinälen Wolſey und Campeggio die Eheſcheidung von ſeiner Königin, Catharine von Arragonien, zu berathen, das große Feſt des hohen und edlen Hoſenbandordens in dieſem ſeinem Schloſſe zu Windſor am St. Georgentage— iſt zu ſagen am übermorgigen Tage— zu feiern beſchloſſen 8 Schloß Windſor. hat, und daß es demzufolge Seiner Majeſtät Allerhöchſter Wille iſt, daß die St. Georgen⸗Capelle im beſagten Schloſſe mit ihrem reichſten Schmucke angethan und herausgeputzt werde, daß der Hochaltar behangen werde mit Tapeten, den Schutzpatron des beſagten Ordens zu Roſſe darſtellend, und geziert werde mit den köſtlichſten Bildwerken und mit gol⸗ denem und ſilbernem Zierrath, daß die Kanzel bedeckt werde mit karmvoiſinrothem Damaſt mit eingewirkten goldnen Lilien, Fallgattern und Roſen, daß der königliche Chorſtuhl mit einem reichen Staatshimmel überhangen werde, auf einem Tritte von einem Fuß Höhe, daß die Chorſtühle der Ritter mit gewebtem Zeuge bedeckt werden, mit ihren Wappen⸗ ſchilden im Rücken, und daß alles fertig ſei zur dritten Stunde, nora terlia vesperlina, wie es in Seiner Majeſtät eige⸗ nem Befehle lautet, zu welcher Zeit der Vorabend des Feſtes beginnen ſolle.“ „Schöpft Athem, Hauptmann,“ lachte der Graf. „Nicht nöthig, Mylord,“ antwortete Bouchier.„Außer⸗ dem übergab ich dem Beamten vom Schwarzen Stabe Eurer Herrlichkeit Vollmacht vom Lord Oberkammerherrn, den St. Georgen⸗Saal auszurüſten und für das Nachteſſen morgen Abend und für das große Feſt am folgenden Tage in Be⸗ reitſchaft zu ſetzen; und ich befahl dem Dechanten und den Kanonikern des Stifts, den Almoſenrittern und allen andern Beamten des Ordens, ſich zu der Feierlichkeit bereit zu halten. Und nun, da ich meinen oder vielmehr Eurer Herrlichkeit Auftrag erfüllt habe, will ich gern meinen Poſten als Unter⸗ kammerherr in Eure Hände zurückgeben, meinen gewöhn⸗ lichen, nämlich den Eures Adjutanten, wieder annehmen und Euch nach Hampton⸗Court zurückgeleiten, ſobald es Euch gefällig iſt abzureiſen.“ „Das wird ſchwerlich früher als nach einet Stunde —— — Erſtes Buch: Anna Boleyn. 9 geſchehen,“ erwiederte der Graf,„denn ich beabſichtige einen einſamen Spaziergang im Schloßpark zu machen.“ „Was? um ſich Begeiſterung zu einem Liede zu holen, — oder um über die Reize der ſchönen Geraldine nachzu⸗ denken, wie! Mylord?“ verſetzte Bouchier.„Aber ich will Euch nicht zu boshaft ausfragen. Ich warne Euch nur, der Herne's⸗Eiche nicht zu nahe zu kommen. Man ſagt, daß der wilde Jäger gegen Anbruch der Nacht umgeht und alle, die er auf ſeinem Wege antrifft, verſcheucht, wenn nicht gar beſchädigt. Um das Curfew⸗Geläut muß ich das Schloß verlaſſen und dann werde ich mich mit Eurem Gefolge nach dem Hoſenband in der Themſeſtraße begeben, wo ich Eure Ankunft abwarten will. Wenn wir Hampton⸗Court gegen Mitternacht erreichen, wird es früh genug ſein, und da der Mond in einer Stunde aufgeht, ſo werden wir einen ange⸗ nehmen Ritt haben.“ „Empfehlt mich Bryan Bowntance, dem ehrbaren Wirth zum Hoſenbande,“ ſagte der Graf;„und laßt Euch einen Becher Sektmolken mit geröſteter. Brodſchnitte. um Euch die Zeit zu vertreiben.“ „Laßt mich nur machen,“ erwiederte Jener.„Und ich bitte Eure Herrlichkeit, meine Warnung wegen des Jägers Herne nicht zu vernachläſſigen. Scherz bei Seite, ich habe kürzlich ſonderbare Geſchichten über ſeinen Spuk gehört und möchte mich nicht ſonderlich gerne dem Baum nach Dunkel⸗ werden nähern.“ Der Graf lachte etwas ſkeptiſch und, nachdem der Haupt⸗ mann ſeine Warnung wiederholt hatte, trennten ſie ſich;— Bouchier ging den Weg zurück, auf dem er gekommen war, und Surrey ſchritt auf eine kleine Zugbrücke zu, die an der öſtlichen Seite des Schloſſes über den Graben führte und die Verbindung mit dem Kleinen Park herſtellte. Er ward von einer Schildwache an der Brücke angerufen und nach 10 Schloß Windſor. gegebener Loſung hinübergelaſſen, worauf er an der andern Seite noch ein Thor zu durchſchreiten hatte, um ſich alsbald im Freien zu ſehen. Den weichen und thauigen Raſen mit faſt ſo leichtem und behendem Fußtritte, wie der eines Rehes, ſtreifend, eilte er mehr als eine Viertelmeile vorwärts, als er eine edle Buche am Ende eines Haufen Bauholzes erreichte. Eine Menge Kaninchen waren darunter im Freſſen begriffen, verkrochen ſich aber augenblicklich bei ſeiner Annäherung in ihre Höhlen. Hier ſtand er ſtill, um das Schloß zu betrachten. Die Sonne hatte ſich grade hinter demſelben verborgen, die maſſen⸗ hafte Feſte beinahe bis zu ihrer jetzigen Höhe ausdehnend und die Gipfel der ganzen Reihe von Bruſtwehren und Thürmen vergoldend, die ſeither neugebaut worden und unter den Namen Braunſchweigiſcher Thurm, Cheſter⸗Thurm, Cla⸗ rence⸗Thurm und Victoria⸗Thurm bekannt find. Der jugendliche Graf warf ſich am Fuße der Buche hin und hing ſeinen poetiſchen Träumereien ein Weilchen nach, dann ſtand er auf, legte denſelben Weg zurück und in kurzer Zeit lag die ganze Südſeite des Schloſſes vor ihm. Der Anblick umfaßte die beiden Befeſtigungen, welche kürzlich abgetragen worden ſind, um den YPork⸗ und Lancaſter⸗ Thürmen Platz zu machen, zwiſchen denen ſich ein Thorweg nebſt Zugbrücke befand; den Grafmarſchalls⸗Thurm, jetzt nach dem Könige, unter deſſen Regierung er gebaut ward, Eduard des Dritten Thurm genannt; die Wohnung des Schwarzen Stabes; den Lieutenants⸗, jetzt Heinrich des Dritten Thurm; die Reihe von Gebäuden, in denen ſich die Wohnungen der Almoſenritter befinden; den vom Befehls⸗ haber dieſes Corps innegehabten und noch heute dieſem Be⸗ amten angewieſenen Thurm; Heinrich des Achten Thorweg; und den Thurm des Kanzlers vom Hoſenband,— der letztere beſchloß die Reihe Einige rofige Strahlen färbten die Zinnen Erſtes Buch: Anna Boleyn. 11 der St. Georgen⸗Capelle, die hinter den erwähnten Thürmen hervorragte, mit Glut, jedoch mit dieſer Ausnahme ſah der ganze mächtige Bau kalt und grau aus. In dieſem Augenblicke öffnete ſich das obere Thor und Hauptmann Bouchier kam mit ſeinem Gefolge hervor und ritt über die Zugbrücke. Die Curfew⸗Glocke läutete dann, die Zugbrücke ward aufgezogen, die Reiter verſchwanden, und in der tiefen Stille erreichte kein Laut des Lauſchers Ohr außer dem gemeſſenen Tritte der Wachen auf den Wällen. Der junge Graf machte keinen Verſuch, ſeine Leute ein⸗ zuholen, ſondern nachdem er das alte Gebäu betrachtet hatte, bis ſeine Zinnen und Thürme im Zwielicht verſchwammen, ſchlug er einen Fußſteig quer durch den Park nach Datchet ein und verfolgte ihn, bis er ihn in eine mit Dornen, Stech⸗ palmen und Unterholz angefüllte, von mächtigen Eichen über⸗ ſchattete Schlucht führte, in welche er ſich ohne Zaudern vertiefte und bald den abgelegenſten Theil derſelben erreichte. Hier war das Dunkel wegen der Dichte der Stechpalmen und des umherragenden Gezweiges anderes überhängenden Gehölzes, verbunden mit dem ſchwanken Lichte von oben, faſt undurchdringlich, und er konnte kaum einen Schritt weit um ſich ſehen. Nichts deſtoweniger drang er ohne Anſtand vor mit einer Art von angenehmer Empfindung über die Schwierigkeiten, welche ſich ihm entgegenſtellten. Plötzlich jedoch ſtutzte er über ein blaues phosphoriſches Licht, das durch die Büſche zur Linken ſtrömte, und aufblickend ward er am Fuße einer ungeheuren Eiche, deren rieſige Wurzeln wie verflochtene Schlangen aus dem Boden hervordrangen, einen ſeltſamen, geſpenſtiſchen Gegenſtand gewahr, der einige entfernte Aehnlichkeit mit einer menſchlichen Geſtalt beſaß und deſſen hagere und gebräunte Gliedmaßen, ſo weit er es unterſcheiden konnte, wunderlich mit Thierhäuten bekleidet waren. Auf ſeinem Kopfe ſah man eine Art von Helm, 12 Schloß Windſor. aus einem Hirſchſchädel gebildet, von dem ein großes Geweih emporſtrebte, an ſeinem linken Arme hing eine ſchwere roſtige Kette, in deren Gliedern das erwähnte phosphoriſche Feuer glühte, während auf ſeiner rechten Fauſt eine große ge⸗ hörnte Eule mit geſträubtem Gefieder und rothen glotzenden Augen hockte. Nit den abergläubiſchen Gefühlen jenes Zeitalters er⸗ füllt, konnte der junge Graf, im vollen Glauben, daß er ein überirdiſches Weſen vor ſich ſähe, trotz ſeines angebo⸗ renen Muthes, den keine gewöhnliche Begebenheit erſchüttert haben würde, kaum einen Schrei unterdrücken. Sich bekreu⸗ zend ſagte er mit großer Inbrunſt ein Gebet gegen böſe Geiſter her, und ſo wie er es aus ſprach verlöſchte das Licht und die geſpenſtiſche Geſtalt verſchwand. Er hörte das Klirren der Kette, begleitet vom Gekreiſch der Eule— dann kam eine entſetzliche Lache— dann ein grauſenvoller Klage⸗ ton, und alles war ſtill. Bis zu dieſem Augenblick hatte der junge Graf wie feſtgebannt ſtillgeſtanden, aber in der Ueberzeugung, daß der Geiſt nun entflohen ſei, drang er vorwärts und binnen wenig Augenblicken hatte er ſich dem Geniſte entwunden. Der Vollmond war im Aufgehen, als er ins Freie trat, und beleuchtete die Lichtungen und Fernſichten, und die Ruhe und Schönheit der vor ihm liegenden Scene bildete einen wunderbaren Gegenſatz mit der ſchreckvollen Erſcheinung, die er ſo eben geſehen hatte. Einen ſchaudernden Blick auf die Geſpenſterſchlucht zurückwerfend, war er grade im Begriff, dem Schloſſe zuzueilen, als eine hohe, blitzgefurchte, einſame Eiche in geringer Entfernung von ſeinem jetzigen Standpunkte ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zog. Dies war gerade der Baum, an den ſich die ſpukhafte Sage von Herne, dem wilden Jäger, knüpfte und dem ſich zu nähern der Hauptmann Bouchier ihn gewarnt hatte; und Erſtes Buch: Anna Boleyn. 13 er rief ſich jetzt dieſe Warnung gewaltſam ins Gedächtniß zurück. Unter demſelben gewahrte er eine Geſtalt, die er anfänglich für die des geſpenſtiſchen Jägers hielt, aber ſeine Befürchtung ward durch einen Zuruf von jener Perſon gehoben, die ſeiner in demſelben Augenblicke anſichtig zu werden ſchien. Ueberzeugt, daß er es diesmal mit einem irdiſchen Weſen zu thun habe, eilte Surreh auf den Baum zu und bemerkte im Näherkommen, daß die Urſache ſeiner Unruhe ein junger Mann von ſehr athletiſchem Gliederbau und, ſeinem Anzuge nach, augenſcheinlich ein Förſterburſche war. Er war in einem Koller von grünem Tuch gekleidet, mit dem königlichen, in Silber geſtickten Abzeichen auf der Bruſt und ſein Kopf war mit einer flachen, grüntuchenen, mit einer Faſanenfeder geſchmückten Mütze bedeckt. Unter ſeinem rechten Arm trug er eine Armbruſt; ein langes, ſilber⸗ beſchlagenes Horn hing an ſeinem Schulterbande, und be⸗ waffnet war er mit einem kurzen Fänger oder Jagdmeſſer. Seine Züge waren rauh und ſtark ausgeprägt; er hatte ſchwarze, überhängende Augenbrauen, einen großen, plumpen Mund und dunkle Augen, aus denen ein unheilverkündender und boshafter Ausdruck leuchtete. 4 Er hatte einen großen, bös ausſehenden Jagdhund bei ſich, den er Bawſey nannte und deſſen Ungeſtüm bei Surreys Annäherung gezügelt werden mußte. „Habt Ihr etwas geſehen?“ fragte er den Grafen. „Ich habe den Jäger Herne ſelbſt oder den Böſen in ſeiner Geſtalt geſehen,“ erwiederte Surrey und beſchrieb in kurzen Worten die von ihm geſehene Erſcheinung. „Ja, ja, Ihr habt den wilden Jäger geſehen, ganz ohne Zweifel,“ erwiederte der Förſter am Ende der Erzäh⸗ lung.„Ich ſah weder das Licht, noch hörte ich das Ge⸗ lächter oder den Klageruf, von dem Ihr ſprecht; aber Bawſeh kauerte ſich zu meinen Füßen nieder und winſelte, und ich — 14 Schloß Windſor. wußte, daß etwas Schlimmes vor ſich ginge. Der Himmel kauerte und ſeinen Blick auf die Eiche richtend, ein leiſes, grauſenvolles Winſeln hören ließ.„Er fängt ſeine Streiche noch einmal an.“ Der Graf wandte ſich nach derſelben Richtung hin und erwartete faſt, den knotigen Baumſtamm ſich öffnen und die es zeigte ſich nichts, wenigſtens für ihn; dennoch ließen die ſchlotternden Glieder, der ſtarre Blick und das todtenblaſſe Geſicht des Förſters vermuthen, daß ſich ein ſchrecklicher Gegenſtand ſeinem Blick enthülle. „Seht Ihr ihn nicht?“ ſchrie der Letztere endlich mit ſchrillendem Ton—„ Er umkreiſ't den Baum und verſehrt ihn. Dort! Er geht jetzt an uns vorüber!— Seht Ihr ihn nicht?“ „Nein,“ erwiederte Surrey;„doch laßt uns hier nicht länger verweilen.“ So ſprechend ergriff er des Förſterburſchen Arm. Dieſe Berührung ſchien ihn zur Thätigkeit aufzurütteln. Er gab ein grauſiges Geſtöhn von ſich und eilte ſchnellen Schritts durch den Park fort, hinterher Bawſey mit eingezogenem chwanz. Der Graf blieb ihm zur Seite und ſie hielten nicht eher an, als bis ſie die Geſpenſtereiche in beträchtlicher Entfernung zurückgelaſſen hatten. „Ihr ſaht ihn alſo nicht?“ ſagte der Burſche mit er⸗ ſchöpfter Stimme, während er die dicken Tropfen von ſeiner Stirne trocknete. ₰ „Nein,“ erwiederte Surrey. Nacht erſchien.“ „Ihr ſeid ein Förſterburſche, wie ich vermuthe, mein Freund?“ ſagte Surrey.„Wie iſt Euer Name?“ * „Das iſt höchſt ſonderbar,“ verſetzte Jener.„Ich ſelbſt habe ihn vordem geſehen, aber niemals ſo wie er heute behüte uns!“ rief er aus, als der Hund ſich wieder hin⸗ Geſtalt des wilden Jägers hervorkommen zu ſehen. Allein 31 N 34 Erſtes Buch: Anna Boleyn. 15 „Ich heiße Morgan Fenwolf,“ antwortete der Burſche; „und Ihr?“ „Ich bin der Graf von Surrey,“ erwiederte der junge Edelmann. „Wie!“ rief Fenwolf, ſeine Reverenz machend;„der Sohn Seiner Durchlaucht von Norfolk?“ Der Graf bejahte die Frage. „Nun, dann müßt Ihr der junge Edelmann ſein, den ich vor drei oder vier Jahren ſo oft mit dem Sohne des Königs, dem Herzog von Richmond, im Schloſſe zuſammen ſah?“ verſetzte Fenwolf.„Ihr habt Euch ſo verändert, daß ich Euch nicht wieder erkenne.“ „Wohl möglich,“ erwiederte der Graf.„Ich bin in Orford geweſen und habe jetzt erſt meine Studien beendigt. Dies iſt das erſte Mal, daß ich ſeit jener Zeit wieder in Windſor bin.“ „Ich habe gehört, der Herzog von Richmond ſei eben⸗ falls in Orford,“ bemerkte Fenwolf. „Wir waren zuſammen im Cardinal⸗Collegium,“ ant⸗ wortete Surrey.„Aber des Herzogs Zeit war eher um, als die meinige. Er iſt mir drei Jahre voraus.“ „Eure Herrlichkeit will wohl nach dem Schloſſe zurück⸗ kehren?“ ſagte Fenwolf. „Nein,“ erwiederte Surrey.„Mein Gefolge wartet auf mich im Hoſenband und wenn Ihr mich dahin begleiten wollt, ſo will ich Euch eine Kanne gutes Bier geben laſſen zur Stärkung nach dem Schrecken, den Ihr gehabt habt.“ Fenwolf gab ſeine dankbare Einwilligung zu erkennen, und ſie ſchritten ſtillſchweigend weiter, denn der Graf konnte nicht umhin, bei der von ihm geſehenen Erſcheinung zu verweilen und ſein Begleiter ſchien auf dieſelbe Art beſchäftigt zu ſein. Auf dieſe Weiſe ſtiegen ſie den Hügel neben Heinrich des Achten Thorweg herab und bogen in die Themſeſtraße ein. 16 Schloß Windſor. II. Von Bryan Bowntance, dem Wirth zum Hoſenband;— von dem Herzog von Shoreditch;— von den kühnen Worten Mareus Fytton's, des Schlächters, und wie er in das Kellergewölbe des Curfew⸗Thurms geworfen ward. Zur Rechten umwendend fuhren der Graf und ſein Be⸗ gleiter fort, den Hügel herabzuſteigen, bis ſie den Hoſenband erblickten,— ein behaglicher kleiner Gaſthof, der unmittel⸗ bar unter dem Curfew⸗Thurm lag. Vor der Einfahrt hatte ſich des Grafen Gefolge ver⸗ ſammelt, von denen die Meiſten abgeſtiegen waren und ihre Roſſe beim Zügel hielten. In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thür des Wirthshauſes, und eine fette, munteraus⸗ ſehende Figur mit kahlem Kopf und buſchigem grauen Bart, in einem Wamms von brauner Serſche, trat mit einem ſchäu⸗ menden Kruge Bier und einem Hornbecher heraus. Sein Er⸗ ſcheinen ward von einem freudigen Zuruf des Gefolges begrüßt. „Kommt, meine Herren!“ rief er, das Horn füllend— „hier iſt ein Becher ſtarkes Windſor⸗Bier, um die Geſund⸗ heit unſeres luſtigen König Heinz zu trinken; und es iſt keine Beleidigung, hoffe ich, ihn ſo zu nennen.“ „Ei behüte, Herr Wirth,“ rief der zunächſtſtehende Mann.„Es iſt nicht lange her, als ich ihn vor ſeinen eigenen Ohren ſo nannte, und er lachte mich recht fröhlich dafür an. Ich bin unſerm königlichen Bruder Liederlich recht gut und will gern ſeine Geſundheit trinken, und Fräulein Anna Boleyn ihre obendrein.“ Und er leerte das Horn. „Man ſagt, Fräulein Anna Boleyn kommt morgen mit dem König und den Hoſenbandrittern nach Windſor— iſt dem ſo?“ fragte der Wirth, das Horn wieder füllend und einem Andern reichend. 1 e ß Erſtes Buch: Anna Boleyn. 17 Der Angeredete nickte, war aber zu ſehr mit dem Horn beſchäftigt, um ſprechen zu können. „Na, dann wird's im Schloß wieder luſtig hergehen,“ kicherte der Wirth,„und manch gute Kanne wird im Hoſen⸗ band ausgeſtochen werden. Ach! meine Tage! wie haben ſich die Zeiten geändert, ſeit ich, Bryan Bowntance, zuerſt in meines Vaters Schuhe trat und Wirth zum Hoſenband wurde. Es war im Jahre 1501— vor acht und zwanzig Jahren— als König Heinrich der Siebente, geſegneten An⸗ denkens, das Land regierte und Prinz Arthur, ſein älteſter Sohn, auch noch am Leben war. In dem Jahr heirathete der junge Prinz Katharina von Arragonien, unſere jetzige Königin, und ſtarb bald nachher; worauf der alte König, der ihre Mitgift nicht gern fahren laſſen wollte, denn er liebte ſein Geld mehr als ſein eigen Blut, ſie ſeinem zweiten Sohn Heinrich gab, unſerm allergnädigſten König, den Gott erhalte. Die Leute ſagten damals, aus der Partie würde nichts Gutes herauskommen; und jetzt finden wir, daß ſie die Wahrheit geſagt haben, denn es wird wohl noch zur Scheidung kommen.“ „Nicht ſo laut, Herr Wirth,“ rief der Erſte wieder, „hier kommt unſer junger Herr, der Graf von Surrey.“ „Na, immerhin,“ erwiederte der Wirth barſch.„Ich habe keinen Hochverrath geſprochen. Ich liebe meinen König; und wenn er durchaus eine Scheidung haben will, ſo hoffe ich, Seine Heiligkeit der Pabſt wird ihm eine geben; das iſt alles.“ Indem er ſo ſprach, erhob ſich ein gewaltiger Lärm im Hauſe und ein Mann ward ſo plötzlich und gewaltſam her⸗ ausgeſtoßen, daß er Brhan Bowntance, der eiligſt hinein wollte, um zu ſehen was es gäbe, faſt umſtürzte. Der ſo Ausgeſtoßene, welcher ein kräftig gebauter junger Mann, in einem Lederwamms, mit fleiſchigen, bis zur Schulter aufge⸗ ſtreiften Armen war, richtete ſeine ganze Wuth auf den I. 2 18 Schloß Windſor. der Gurgel. In der That, wäre es nicht um des Grafen Gefolge geweſen, das zu ſeiner Hülfe einſchritt, ſo möchte dies wohl ſein Schickſal geweſen ſein. Sobald er befreit war, rief Bryan mit halb zorniger, halb verwunderter Stimme ſeinem Angreifer zu—„Nun, was giebt's denn, Marcus Fytton?— ſeid Ihr toll geworden, oder haltet Ihr mich für ein Schaf oder einen Ochſen, daß Ihr mich auf dieſe Art anfahrt? Mein Starkbier muß Euch, Teufel hol', in Euren Strohkopf geſtiegen ſein.“ „Der Schurke hat hochverrätheriſch von des Königs Majeſtät geſprochen,“ ſagte ein hochgewachſener Mann, deſſen Wamms und Beinkleid vom feinſten grünen Tuch, ſo wie der Bogen und Köcher voll Pfeile auf ſeinem Rücken, ihn als einen Bogenſchützen kundgaben—„und deshalb haben wir ihn hinaus geworfen.“ „Da habt Ihr recht gethan, Hauptmann Barlow,“ rief der Wirth. „Nennt mich lieber Herzog von Shoreditch,“ erwiederte der lange Bogenſchütze;„denn ſeit Seine Majeſtät mir dieſen Titel verlieh, als ich dies ſilberne Jagdhorn gewann, war es auch nur im Scherze, ſo will ich doch immer Anſpruch darauf machen. Meine Nachbarn in Shoreditch nennen mich immer Seine Durchlaucht; und ich verlange von Euch dieſelbe Aufmerkſamkeit. Morgen werde ich meine Kameraden, die Markgrafen von Clerkenwall, Islington, Hogsden, Pancras und Paddington bei mir haben, und da werdet Ihr mal ſehen, was für'ne hübſche Figur wir machen werden.“ „Ich flehe Eure Durchlaucht unterthänigſt um Gnade an für meine Unehrerbietigkeit,“ erwiederte der Wirth.„Ich weiß recht wohl, welche Auszeichnung Euch der König beim letzten Scheibenſchießen im Schloſſe verlieh. Aber nun zu Wirth und packte ihn mit Erwürgung drohendem Griff an 6 6 b— — Erſtes Buch: Anna Boleyn. 19 unſerer Angelegenheit. Was hat Marcus Fytton, der Schlächter, denn für Hochverrath geſchwatzt?“ „Ich mag ſeine Worte nicht wiederholen, Herr Wirth,“ antwortete der Herzog;„aber er hat in ungeziemenden Aus⸗ drücken von Seiner Hoheit und von Fräulein Anna Boleyn geſprochen.“ „Er meint es nicht ſo bös,“ verſetzte der Wirth.„Er iſt ein getreuer Unterthan des Königs, und iſt nur ein bischen zankſüchtig hinterm Becher.“ „Wohl geſprochen, ehrlicher Bryan!“ rief der Herzog; „Ihr habt eine Eigenſchaft eines guten Wirths— daß Ihr gern Frieden ſtiftet. Gebt dem Schurken eine Kanne Bier und laßt ihn ſein gottloſes Geſchwätz in einer Geſundheit für den König niederſpülen, ihm eine baldige Scheidung und eine neue Königin wünſchen, und dann ſoll er wieder unter uns ſitzen.“ „Ich will gar nicht unter Euch ſitzen, Ihr ſelbſt ge⸗ machter Herzog, Ihr!“ erwiederte Marcus;„wenn Ihr aber Eure feine Jacke ausziehn und Euch auf dem Anger ſtellen wollt, ſo will ich Euch zeigen, was es heißt, Hand an mich zu legen.“ „Tapfer herausgefordert, kühner Schlächter!“ rief Einer aus Surreys Gefolge.„Ihr ſollt ſelbſt zum Herzog gemacht werden.“ „Oder zum Cardinal,“ rief Marcus.„Da wäre ich nicht der erſte meiner Zunft, der zu ſolcher Auszeichnung gelangte.“ „Er verſpottet die Kirche in der Perſon des Cardinal Wolſey!“ rief der Herzog.„Er iſt ein Gottesläſterer, ſo wie ein Hochverräther.“ „Trinkt des Königs Geſundheit in einer vollen Kanne, Marcus,“ ſchrie der Wirth, den Zwiſt auszugleichen beſorgt, dazwiſchen,„ und haltet Eure läſterliche Zunge hinter den Zähnen.“ 20 Schloß Windſor. „Ich will des Teufels ſein, wenn ich des Königs Ge⸗ ſundheit oder die ſeines Lieblings, Anna Boleyn, trinke!“ rief Marcus dreiſt.„Aber ich will Euch ſagen, was ich trinken will. Ich will die Geſundheit von König Heinrichs geſetzmäßiger Gemahlin, Katharina von Arragonien, trinken; und ich will dem einen Wunſch hinzufügen, daß der Pabſt ihr cheliches Band mit dem Könige feſter ſchmieden möge, als z „Ein unſinniger Wunſch!“ rief Bryan.„Was, Marcus, ſeid Ihr rein verrückt?“ „Der König iſt es, der verrückt iſt, nicht ich!“ ſchrie Marcus.„Er möchte ſeine rechtmäßige Gemahlin ſeiner unerlaubten Leidenſchaft aufopfern; und Ihr, elende Mieth⸗ linge, unterſtützt den Tyrannen auf ſeinen ungerechten Wegen!“ „Die Heiligen beſchützen uns!“ rief Brhan aus.„Nun, dies iſt klarer Hochverrath! Marcus, ich kann Euch nicht länger beiſtehn.“ „Sicherlich nicht, wenn Ihr nicht ſein Gefängniß mit ihm theilen möchtet, Herr Wirth,“ rief der Herzog von Shoreditch.„Ihr alle habt ihn den König einen Tyrannen nennen hören. Greift ihn, Leute!“ „Laßt ſie Hand an mich legen, wenn ſie Muth dazu haben!“ ſchrie der Schlächter entſchloſſen.„Ich habe vor dieſen wohl ſchon einen Ochſen mit einem Schlage meiner Fauſt hingeſtreckt und ich verſpreche Euch, ſie werden keinen beſſeren Empfang bei mir finden.“ Eingeſchüchtert durch Marcus' entſchloſſenes Benehmen, hielten ſich die Umſtehenden abſeits. „Ich befehle Euch in des Königs Namen, ihn zu er⸗ greifen!“ brüllte Shoreditch.„Wenn er Widerſtand leiſtet, wird er unbedingt gehängt werden.“ „Niemand ſoll mich anrühren!“ rief Marcus wild. „Das wollen wir doch einmal ſehen,“ ſagte der Vor⸗ 4 derſte in des Grafen Gefolge.„Ergieb Dich, Kerl!“ Erſtes Buch: Anna Boleyn. 21 „Nimmer!“ antwortete Marcus;„und ich rathe Euch, davon zu bleiben.“ Der Mann jedoch drang vor; ehe er aber Hand an den Schlächter legen konnte, erhielt er einen Schlag von deſſen keulenartiger Fauſt, der ihn mehrere Schritt weit taumelnd zurückſandte und ihn endlich kopflängs zu Boden ſtreckte. Seine Gefährten zogen die Schwerter und würden in einem Augenblick den trotzigen Beleidiger angefallen haben, wenn nicht Morgan Fenwolf, der mit dem Grafen Surrey unter den Zuſchauern ſtand, vorgeſtürzt wäre und mit Marcus, ehe dieſer einen Schlag führen konnte, zuſammengerathend, ſo lange mit ihm gerungen und ihn feſtgehalten hätte, bis man ſich ſeiner verſichert und ihm die Arme auf den Rücken gebunden hatte. „Alſo Ihr, Morgan Fenwolf, habt mir dieſen ſchlim⸗ men Streich geſpielt, he?“ rief der Schlächter, ihn wüthend anſehend.„Jetzt glaube ich alles, was ich von Euch gehört habe.“ „Was habt Ihr denn von ihm gehört?“ fragte Surrey, ſich nähernd. „Daß er mit dem Böſen im Bunde iſt,— mit dem Jäger Herne,“ erwiederte Marcus.„Wenn ich als Verräther gehängt werde, ſo muß er als Hexenmeiſter verbrannt werden.“ „Hört nicht auf das, was der Schurke ſagt, mein guter Burſche,“ ſagte der Herzog von Shoreditch;„Ihr habt ihn tapfer eingefangen und ich werde Sorge tragen, daß Euer Benehmen Seine Majeſtät gebührend dargeſtellt wird. Ins Schloß mit ihm! Ins Schloß! Er ſoll dieſe Nacht im tiefſten Verließe jenes Werkes zubringen,“ auf den Curfew⸗Thurm über ihnen zeigend,„um dort des Königs Urtheil abzuwarten; und morgen Abend wird er ſich freuen dürfen, wenn er nicht am Galgen neben der Brücke baumelt. Schleppt ihn vorwärts!“ Und in Begleitung von Morgan Fenwolf und den andern ſchritt er mit dem Gefangenen den Hügel hinan. — * Schloß Windſor. Lange vorher war Hauptmann Bouchier aus dem Wirths⸗ hauſe getreten und zu dem Grafen geſtoßen, und ſie gingen zuſammen dem Haufen nach. Binnen wenig Minuten hatte Shoreditch Heinrich des Achten Thorweg erreicht, wo er eine Schildwacht anrief und ihr das Vorgefallene erzählte. Nach einigem Verzuge öffnete ſich die Nebenpforte des Thores und die Hauptperſonen der Verſammlung wurden nebſt dem Gefangenen, der der Bewachung zweier Büchſenſchützen über⸗ wieſen ward, hindurchgelaſſen. Um dieſe Zeit war ein Offizier angelangt und man kam auf des Herzogs von Shoreditch Anſtiften überein, den Gefangenen in den Curfew⸗Thurm zu ſetzen. Man ging demzufolge über die untere Schanze, unter einem Schwib⸗ bogen bei der halbkreisförmigen Reihe der für die unteren Kanoniker beſtimmten Wohnungen durch, auf den vor dem weſtlichen Ende der St. Georgen⸗Kapelle befindlichen Platz; von dort ſtieg man eine kurze Flucht von ſteinernen Stufen zur Linken hinab, und ſich durch einen engen Gang windend, kam man ſogleich vor dem gewölbten Eingange des Curfew⸗ Thurms an, deſſen greiſe Mauern im Mondenlichte glänzten. Sie mußten eine Zeit lang an der ſtämmigen Eichen⸗ thür pochen, ehe ihre Anweſenheit bemerkt wurde. Endlich ſteckte ein alter Mann, der das Amt des Glockenläuters verſah, ſeinen Kopf oben zu einem der engen, zugeſpitzten Fenſter hinaus und fragte nach ihrem Begehr. Durch die Antwort befriedigt, kam er herab, öffnete das Thor und ließ ſie in ein hohes Gemach, deſſen Decke aus mächtigen Planken beſtand, mit ſchweren eichenen Sparren durchkreuzt und von“ Balken aus demſelben Stoff geſtützt war. Zur Linken führte eine ſteile, leiterähnliche Flucht von hölzernen Stufen in ein oberes Zimmer und aus einem Loche in der Decke hing ein Glockenſtrang herab, der an einem der Balken befeſtigt war und den Zweck dieſes Gemachs andeutete. Erſtes Buch: Anna Bolehn. 23 Es ward nun unter der Verſammlung in Betreff der Zweckmäßigkeit, den Gefangenen in dieſem Zimmer unter der Bewachung der Büchſenſchützen zu laſſen, eine kleine Berathung gehalten; allein zuletzt entſchied man ſich dagegen und der alte Glockenläuter, dem die Schlüſſel zum darunter belegenen Gefängniß abgefordert wurden, brachte dieſe eiligſt zum Vor⸗ ſchein. Sie begaben ſich fort, und eine Flucht ſteinerner Stufen zur Linken hinabſteigend, kamen ſie zu einer niedrigen, ſtarken Thür, welche ſie aufſchloſſen und in ein großes achteckiges Gemach mit gewölbter Decke und tiefen, in enge Schießſcharten auslaufenden Einſchnitten gelangten. Das Licht einer von dem Glockenläuter getragenen Lampe zeigte die düſtere Ausdehnung des Gewölbes und die ungeheure Dicke ſeiner Mauern. „Eine Nacht einſamer Einſperrung an dieſem Orte wird unſerm Gefangenen unendliche Dienſte leiſten,“ ſagte der Herzog von Shoreditch umherblickend.„Ich wollte darauf ſchwören, daß er ſich jetzt die thörichte Zunge abbeißen möchte, die ihn ſo in die Enge gebracht hat.“ Der Schlächter gab keine Antwort, ſondern ſetzte ſich, von den Bogenſchützen entfeſſelt, auf eine Bank nieder, die die einzige Ausſtattung des Gefängniſſes ausmachte. „Soll ich ihm die Lampe laſſen?“ fragte der Glocken⸗ läuter.„Er kann ſich die Zeit damit vertreiben, die Namen der früheren Gefangenen auf den Mauern und an den Ein⸗ ſchnitten zu leſen.“ „Nein; er ſoll nicht einmal dieſen elenden Troſt haben,“ antwortete der Herzog von Shoreditch.„Er ſoll im Dunkeln ſeinen eigenen bittern, böſen Gedanken überlaſſen bleiben.“ Hiemit zog ſich die Geſellſchaft zurück und die Thür ſchloß ſich hinter dem Gefangenen. Ein Bogenſchütze ward an den Fuß der Treppe auf Wache geſtellt, und der Graf von Surrey und Hauptmann Bouchier, nachdem ſie ihre 24 Schloß Windſor. Neugierde vollſtändig befriedigt hatten, richteten ihren Lauf nach dem Schloßthore zu. Auf dem Wege dahin, ſah ſich der Graf nach Morgan Fenwolf um, konnte ihn aber nir⸗ gends gewahren. Dann ging er mit Bouchier durch die Nebenpforte, und im Hoſenband angelangt, beſtiegen ſie die Roſſe und galloppirten davon nach Datchet, und von dort nach Staines und Hampton⸗Court. — III. Von dem großen Zuge nach Windſor Schloß;— von der Zuſammen⸗ kunft König Heinrich des Achten und Anna Boleyn's am unteren Thore;— von ihrem Einzug ins Schloß;— und wie der Schlächter am Curfew⸗Thurm gehängt ward. Ein freudiger Tag war es für Windſor, und groß waren die von ſeinen getreuen Einwohnern zu einem angemeſſenen. Empfange für ihren Monarchen getroffenen Vorbereitungen. Zu früher Stunde ſchon war die Stadt von Fremden aus den umliegenden Dörfern gedrängt voll, und etwas ſpäter kamen Neugierige aus Londont haufenweiſe an, einige auf 1 der Heerſtraße zu Pferde, andere waren in allerlei Barken den Fluß hinauf gerudert. Alle hatten ſich in ihre Feiertags⸗ kleider geworfen, und die Straßen boten einen Anblick unge⸗ wohnter Lebhaftigkeit und Fröhlichkeit dar. Der Maibaum auf dem Baccalaureus⸗Felde war mit Blumen geſchmückt. Mehrere Buden mit flatternden Fahnen waren auf demſelben Platze errichtet, in denen Bier, Meth und Luttertrank, ſowie kalte Paſteten, Schinken, Kapaunen und große Ochſen⸗ und Hammelkeulen feil geboten wurden. Mummenſchanz und Citherſpiel ergötzten die Anweſenden, und alle Arten Zeit⸗ vertreib war im Gange. Hier beluſtigte ſich ein Theil mit Ringen; dort ein anderer mit Gerſchleudern; auf dieſer Seit te M M — Erſtes Buch: Anna Boleyn. 25 machte eine Partie Landleute einen luſtigen Rundtanz mit einem Schwarm glauer Berkſhire Dirnen; auf jener ſtand eine vierte Gruppe und lauſchte einem jungen Flötenſpieler zu. An einem Ende des Feldes waren große Feuer ange⸗ zündet, an welchen zwei ganze, von Bürgermeiſter und Bürgern der Stadt zur Feier des Tages geſpendete Ochſen brieten; an dem andern waren Scheiben aufgeſtellt, an denen der Herzog von Shoreditch mit ſeinen Gefährten, den fünf Mark⸗ grafen, ihre Künſte übten. Der Herzog ſelbſt ſchoß unüber⸗ trefflich und verfehlte nicht ein einziges Mal die Pinne; allein die größte Heldenthat des Tages vollführte Morgan Fenwolf, der dreimal des Herzogs Pfeile, ſo wie ſie in der Scheibe ſtaken, aufſpleißte. „Gut gegeben!“ rief der Herzog, als er dies Kunſtſtück anſah;„na, Ihr ſchießt ſo wacker wie der Jäger Herne ſelbſt. Die alten Weiber ſagen, daß er auf dieſe Art die Pfeile ſeiner Kameraden zu ſpleißen pflegte.“ „Er muß es von Herne ſelbſt im Walde gelernt haben,“ rief einer der Umſtehenden. Morgan Fenwolf ſah ſich zornig nach dem Sprecher um, konnte ihn aber nicht entdecken. Er ſchoß jedoch nicht weiter, ſchlug einen von Shoreditch ihm angebotenen Becher Luttertrank aus und verſchwand unter der Menge. Bald darauf leerten ſich die Buden, das Ger ward hin⸗ geworfen, der Maibaum und die Scheiben verlaſſen, und das ganze Baccalaureus⸗Feld ward von den Anweſenden ge⸗ räumt,— mit Ausnahme derer, welche der mächtigen, vor den beiden Feuern gedrehten Spieße zu warten hatten,— denn der Kanonendonner von den Schloßthoren mit dem Geläute der Glocken verkündete, daß Bürgermeiſter und Bürger von Windſor ſich nebſt den Beamten des Hoſenbandordens nach der Datchet⸗Brücke begaben, um dem Königlichen Zuge entgegenzugehen. 8 26 Schloß Windſor. Diejenigen, welche dieſer Aufforderung zeitig genug Folge leiſteten, konnten das untere, vom damals regierenden Monarchen erbaute Thor offen ſehen, während vier Trom⸗ peter in wappengeſtickten Röcken, mit ſeidenen Fähnchen an ihren Inſtrumenten, laute Fanfaren blaſend heraustraten. Auf ſie folgten zwölf Knappen, je vier in einer Reihe, in ſcharlachne Röcke gekleidet, mit goldgeſtickter königlicher Chiffer, B. R., auf der Bruſt und mit vergoldeten Streitärten auf der Schulter. Zunächſt kam eine Rotte von Bogenſchützen in Sturmhaube und Harniſch, mit langen Piken bewaffnet, die wie ihre Stahlrüſtungen im hellen Sonnenſcheine glänzten. Nach dieſen kamen die Vögte und Bürger der Stadt, zu Dreien reitend und mit ſcharkachrothen Tuchröcken angethan, hinter denen der Bürgermeiſter von Windſor in einem kar⸗ moiſinrothen Rocke ritt, umgeben von zwei Dienern in weiß und rothem Damaſt mit weißen Stäben in der Hand. Auf den Bürgermeiſter folgte eine Abtheilung der Stadt⸗ wache mit Hellebarden auf den Schultern. Dann kam der Sheriff der Grafſchaft und ſein Gefolge. Zunächſt folgten, Zwei und Zwei, die ſechsundzwanzig Almoſenritter(denn dies war damals ihre Zahl) in rothen Mänteln, mit dem Wappenſchilde von St. Georg, aber ohne das Hoſenband ringsum, auf der Schulter. Dann kamen die dreizehn un⸗ teren Kanoniker in dunkelbraunen Röcken mit dem in der Runde eingeſtickten St. Georgs⸗Wappen auf der Schulter; dann die zwölf Kanoniker, ähnlich gekleidet, und zuletzt der Dechant des Stifts in ſeinem Chorrock. Eine kleine Pauſe erfolgte und die oberen Beamten des Hoſenbandes erſchienen. Der erſte war„der Schwarze Stab,“ in einen dunkelfarbigen Mantel gekleidet, der abwechſelnd mit blauen und rothen Rauten, eingewirkten goldnen Lilien und gekrönten Löwen eingefaßt war. Er trug einen kleinen ſchwarzen Stab, das Abzeichen ſeines Amtes, mit dem eng⸗ —„— n = in in r, uf et, n. r⸗ d. t⸗ er nn em nd n⸗ der er; des b, A lnd ien der Erſtes Buch: Anna Boleyn. 27 liſchen Löwen aus Silber auf der Spitze. Nach dem Schwarzen Stabe kam„der Hoſenband,“ bekleidet mit einem karmviſinrothen Satin⸗Ueberwurf, der ebenſo, wie der des vor ihm gehenden Beamten, gewirkt und eingefaßt war e trug eine weiße Krone mit einem Scepter darauf und hatte eine vergoldete Krone anſtatt des Baretts auf dem Haupte. Auf den Hoſenband folgte der Regiſtrar, eine ehrbare Geſtalt in ſchwarzem Rock, mit einem Weſtenhemd darüber, das von einem Schultermäntelchen von Pelz bedeckt war. Dann kam der Kanzler des Ordens in ſeiner Robe von dunkel⸗ braunem Sammt mit Taft eingefaßt, mit einem Abzeichen auf der Schulter, das aus einer goldenen Roſe, umgeben von einem aus Perlen von damascirtem Golde geſtickten Hoſenbande, beſtand. Zuletzt kam der Biſchof von Wincheſter, der Prälat des Ordens, auf dem Haupte die Biſchofsmütze und bekleidet mit einer karmoiſinſammtnen, mit weißem Taft eingefaßten und blau aufgeſchlagenen Robe, der auf der rechten Schulter das Wappenſchild St. Georgs, umſchloſſen von einem Hoſenbande und geſchmückt mit blauſeidenen und goldenen Schnüren, eingeſtickt war.— Von einem Nachtrabe von Hellebardieren gedeckt, bewegte ſich der Zug langſam die Themſeſtraße entlang, deren Häuſer, ſo wie die der Peascodſtraße, alle mehr oder weniger aufge⸗ putzt waren,— die geringeren derſelben waren mit Baum⸗ zweigen und Blumengewinden bedeckt, während die vorneh⸗ meren mit Tapeten, Decken und reichen Stoffen behangen waren. Auch darf es nicht unerwähnt bleiben, daß die Unterthanentreue Bryan Bowntante's, des Wirths zum Hoſen⸗ bande, ſich in einem Triumphbogen vor ſeinem Hauſe quer über die Straße offenbart hatte, der mit bunten Bändern und Blumen geziert war, in deren Mitte ſich ein großes Schild befand, worauf(in geheimmißvoller Anſpielung auf 727 28 Schloß Windſor. Heinrich und Anna Boleyn) die Buchſtaben B. und A. mit Liebesſchleifen verwoben und umgeben waren. Zur Linken in den unteren Weg einbiegend, ſich längs der nördlichen Seite des Schloſſes hinzieht und dem Laufe des Fluſſes bis Datchet folgt, und auf dem ſich, wie man wußte, der königliche Reiſezug herannähern ſollte, gelangte der Zug bei einer lichten Stelle am Flußufer an. Hier wurde Halt gemacht und der Dechant, der Kanzler und der Prälat, nebſt andern Beamten des Hoſenbandes, ſchifften ſich in einer großen am Ufer ankernden Barke ein, die lang⸗ ſam den Fluß hinunter nach der Datchet⸗Brücke hin bugſirt ward, während eine Bande darin aufgeſtellter Spielleute bis ans Ende der Fahrt muſicirte. Unterdeſſen hatte ſich der Reſt des Zuges wieder in Bewegung geſetzt und verfolgte im Fußgängerſchritt den Lauf des Fluſſes, umringt von Haufen von Zuſchauern, die ihnen freudig zujauchzten. Der Tag war hell und ſchön, und Nichts fehlte, um die Schönheit des Schauſpieles zu erhöhen. Zur Li floß die ſilberne Themſe, bedeckt mit Barken voll von reich gehleideten Perſonen beiderlei Geſchlechts; unter ihnen ſchwamm das prächtige Staatsſchiff mit den Beamten des e das mit Bannern und Wimpeln behangen und an den Seiten mit den Wappenſchilden St. Georg's ge⸗ ziert war. Auf dem Raſen, den Fluß entlang, bewegte ſich ein glänzender Reiterzug, und zur Rechten lagen die uralten Waldungen des Schloßparks, deſſen hie und da ſich öffnende Lichtungen zuweilen köſtliche Anſichten der Schloßmauern und Zinnen gewährten. Eine halbe Stunde brachte den zi nach der Datchet⸗ Brücke, an deren Fuß ein Gezelt zur Bequemlichkeit des Bürgermeiſter und der Bürger errichtet worden war. Sier ſtiegen ſie ab und erwarteten die Ankunft des Königs. 3 Kurz eine Staubwolke auf dem Wege N N Erſtes Buch: Anna Boleyn. 29 Staines die Annäherung der königlichen Geſellſchaft zu ver⸗ kündigen, und alles ſtrömte heraus und hielt ſich bereit, ihr entgegen zu gehen. Es ergab ſich aber, daß der Staub von einer Schaar Reiter mit Hauptmann Bouchier an der Spitze, der bald nachher heranritt, aufgewirbelt worden war. Höflich grüßend benachrichtigte Bouchier den Bürgermeiſter, daß Fräulein Anna Boleyn ihm auf dem Fuße folge und daß es des Königs Wille ſei, daß ſie in allem Pomp zum unteren Schloßthore geleitet werden ſolle, um dort ſeine Ankunft zu erwarten, da er es ſelbſt mit ihr zu betreten beabſichtige. Der Bürgermeiſter antwortete, daß des Monarchen Befehle aufs pünktlichſte befolgt werden ſollten und er nahm darauf ſeinen Stand an dem jenſeitigen Ende der Brücke in Er⸗ wartung von Anna Boleyn's Ankunft. Bald erreichte Trompetengeſchmetter ſein Ohr und man ſah ein zahlreiches und glänzendes Gefolge von hohem Adel, Rittern, Schildträgern und Gdelleuten in der Reihenfolge ihres Ranges herankommen, alle in Gold⸗ und Silberſtoffen und in reich geſtickten Sammt von verſchiedenen Farben koſt⸗ bar gekleidet. Neben dieſen waren Pagen und andere Dienſt⸗ leute in der Livree ihrer Herrn, nebſt einer Abtheilung der Leibwache und Knappen in voller Rüſtung. Unter dem hohen Adel befanden ſich die Herzöge von Suffolk und Nor⸗ folt, indem der König diejenige, welche er zu ſeiner Königin zu erheben beſchloſſen hatte, ſo viel als möglich zu ehren wünſchte; der erſtere war in einem goldenen, mit goldenen Roſen durchwebten Stoffe gekleidet, mit einem Wehrgehenk von maſſivem Golde um den Leib, und ritt ein ebenfalls mit Gold angeſchirrtes Roß; der letztere trug einen mit blauem Sammt eingefaßten Mantel von Silberſtoff, während ſein Roß reich mit künſtlich gearbeitetem Golde angeſchirrt war. Beide trugen auch die Ordenskette des Hoſenbandes. Neben ihnen ritt Sir Thomas Boleyn, der ſich im Bewußt⸗ 30 Schloß Windſor. ſein der Würde, zu der ſeine Tochter erhoben werden ſollte, mit faſt unerträglichem Hochmuth geberdete. Unmittelbar hinter Sir Thomas Boleyn kam eine koſt⸗ bare, mit Goldſtoff behangene Sänfte, die von vier milch⸗ weißen Zeltern mit langen weißen, bis auf die Erde reichenden Schabracken, jedes von einem Pagen in weiß und blauem Satin geführt, gezogen wurde. Ueber der Sänfte ward ein Baldachin von Goldſtoff getragen, der auf vier vergoldeten Stäben ruhte und mit ſanfttönenden ſilbernen Glöckchen an den vier Ecken geziert war. Jeder Stab ward von einem Ritter getragen, von denen ſechszehn in Beteitſchaft waren, um einander der Reihe nach abzulöſen. In dieſer Sänfte ſaß Anna Boleyn. Sie trug ein Oberkleid von weißem Stoffe und einen mit Hermelin ein⸗ gefaßten Mantel von demſelben Zeuge. Ihr Kleid, das jedoch jetzt von dem Ueberwurfe verhüllt war, war von Goldſtoff und mit Perlen von damaſcirtem Silber beſetzt, mit einem Leibchen von ebenſo beſetztem Goldpurpur und weiten, offenen, mit ſcheckigtem Zeuge gefütterten Aermeln. Um den Hals trug ſie ein ächtes Perlenhalsband, von dem ein demantnes Kreuz herabhing. Eine ſchwarzſammtne, reich mit Perlen und andern koſtbaren Steinen geſtickte und mit einer kurzen weißen Feder geſchmückte Kappe bedeckte ihr Haupt; und ihre kleinen Füße waren in blauſammtne, mit Diamantſternen verzierte Halbſtiefel gehüllt. Anna Boleyn's Züge waren anziehend und, wenn auch nicht regelmäßig, doch viel bezaubernder als wenn ſie es wirklich geweſen wären. Ihre Naſe war leicht gebogen, aber nicht ſo ſehr, um ihrer Schönheit Eintrag zu thun, und hatte eine etwas aufgeworfene Spitze, die ihre Reize voll⸗ endete. Ihre übrigen Züge waren aufs Zarteſte gebildet; ein Kinn von wundervoller Rundung, eine Stirn glatt und glänzend wie Schnee, während die Roſe mit ihren blühenden . Erſtes Buch: Anna Boleyn. 31 Wangen keinen Vergleich aushalten konnte. Ihr Hals— ach! daß die grauſame Hand des Henkers ihn jemals be⸗ rühren ſollte,— ihr Hals war lang und ſchlank, ihre Augen waren groß und blau und von unwiderſtehlicher Zauberkraft, den Beſchauer bald wie ein Sonnenſtrahl blendend, bald mit herzenüberwältigender Sanftmuth durchdringend. Von ihren andern Vorzügen zu reden werden ſich andere Gelegenheiten finden; es mag hier aber erwähnt werden, daß ſie auf vielen Inſtrumenten geübt war, wie ein Engel tanzte und ſang, und ſeltene Unterhaltungsgaben und Witz beſaß. Wenn ſie zu dieſem nicht das gefährliche Verlangen zu gefallen, und andere Herzen, als das königliche, welches ſie erobert hatte, in ihren Feſſeln zu ſehen, hinzugefügt hätte, ſo würde vielleicht alles gut gegangen ſein. Aber ach! wie ſo viele andere ſchöne Frauen hatte ſie eine ſtarke Nei⸗ gung zur Gefallſucht. Wie bitter ſie dafür litt, ſoll die gegenwärtige Geſchichte erzählen. Eine vortreffliche Beſchrei⸗ bung hat ein Zeitgenoſſe, der Graf von Chateaubriand, von ihr gegeben, der ihre perſönlichen Reize ein wenig ſchmä⸗ lernd, in entzückten Ausdrücken von ihren andern Vorzügen ſpricht:—„Anne,“ ſchreibt der Graf,„avoit un esprit si deslié que c'estoit à qui l'outroit desgoiser; et si venoit-elle à poõtiser, telle qu'Orpheus, elle eust faict les ours et rochers attentifs: puis saltoit, balloit et dan- Coit toutes dances Angloises ou Estranges, et en ima- gina nombre qui ont gardé son nom ou celluy du galant Pour qui les feit; puis scavoit tous les jeux, qu'elle * Anna hatte einen ſo geſchmeidigen Geiſt, daß man ihrem Ge⸗ plauder mit dem größten Vergnügen zuhörte; und wenn ſie zu dichten anfing, ſo hätte ſie, wie Orpheus, Bären und Felſen aufmerkſam ge⸗ macht; ferner tanzte ſie alle engliſchen und fremden Tänze und erfand deren eine große Menge, die ihren Namen oder den des Anbeters, für den ſie ſie machte, tragen; ferner kannte ſie alle Spiele, die ſie mit 32 Schloß Windſor. jouoit avec non plus d'heur que d'habilité; puis chantoit comme une syrène, s'accompagnant de luth; harpoit mieulx que le roy David, et maniocit fort gentilment fleuste et rebec; puis s'accoustroit de tant et si mer- veilleuses facons, que ses inventions faiscient d'elle le parangon de toutes les dames les plus sucrées de la court; mais nulle n'avait sa grace, laquelle, au dire d'un ancien, passe venusté.“ Dies war das Urtheil eines Mannes über ſie, der ſie während ihrer Anweſenheit am franzöſiſchen Hofe im Gefolge der Prinzeſſin Marie von England, Gemahlin Ludwig des Zwölften und ſpäterhin Herzogin von Suffolk, recht wohl kannte. In dieſem Augenblicke waren Annen's Augen mit Zärt⸗ lichkeit auf einen der Träger ihres Baldachins zur Rechten gerichtet,— einen ſehr hübſchen jungen Mann in Wamms und Beinkleidern von ſchwarzem Thlſent, deſſen ſchlanke und wohlgebaute Geſtalt ſich eben im beſten Lichte zeigte, da er zur größeren Bequemlichkeit beim Gehen ſich ſeines Mantels entledigt hatte. „Ich fürchte, Ihr werdet Euch ermüden, Sir Thomas Wyat,“ ſagte Anna Boleyn in Tönen des ſüßeſten Wohllauts, die dem Angeredeten das Herz ſchlagen machten und ihm das Blut in die Wangen trieben.„Ihr ſolltet Euch lieber von Sir Thomas Arundel oder Sir John Hulſtone ablöſen laſſen.“ „Neben Euch, gnädiges Fräulein, fühle ich keine Mü⸗ digkeit,“ erwiederte Wyat mit leiſer Stimme. eben ſo viel Glück als Geſchicklichkeit ſpielte; ferner ſang ſie wie eine Syrene zur Laute, ſie ſpielte die Harfe beſſer als der König David und handhabte Flöte und Rebekke recht artig; ferner kleidete ſie ſich auf ſo mannigfaltige und geſchmackvolle Art, daß ihre Erfindungen ſie zum Muſter für die allereleganteſten Damen am Hofe machten; aber keine beſaß ihre Anmuth, welche nach dem Ausſpruche eines Alten ſelbſt Schönheit übertrifft. 2 Erſtes Buch: Anna Boleyn. 2 33 Ein leichtes Erröthen färbte Anna's Antlitz und ſie führte ihr geſticktes Schnupftuch an die Lippen. „Wenn ich jenes Schnupftuch hätte, ſo würde ich es beim nächſten Turnier tragen und alle Ankommenden heraus⸗ fordern,“ ſagte Wyat. „Dann ſollt Ihr es haben,“ antwortete Anna.„Ich liebe ritterliche Thaten und will ſie, wie ich nur kann, begünſtigen.“ „Nehmt Euch in Acht, Sir Thomas,“ ſagte Sir Francis Weſton, der Ritter, welcher den Stab an der andern Seite trug,„oder der Baldachin wird noch herunterfallen. Laßt Euch von Sir Thomas Arundel ablöſen.“ „Nein,“ erwiederte Wyat ſich ermannend;„ich will mich nicht eher ausruhen, als bis wir zur Brücke kommen.“ „Ihr beeilt Euch eben nicht, das Schnupftuch zu er⸗ halten,“ ſagte Anna muthwillig. „Da thut Ihr mir Unrecht, gnädiges Fräulein!“ rief Sir Thomas eifrig.„Heda, ihr guten Leute!“ ſchrie er den Führern der Zelter zu;„Eure Herrin befiehlt Euch anzuhalten.“ „Und ich befehle ihnen, weiter zu gehen,— Ich, Will Sommers, Leibnarr des hohen und mächtigen Königs Hein⸗ rich des Achten!“ rief eine Stimme mit nachgeäfftem gebie⸗ tteriſchem Tone hinter dem Ritter;„was! wenn Sir Thomas Wyat ſich anheiſchig gemacht hat, den Baldachin weiter als irgend einer ſeiner Gefährten zu tragen, iſt das ein Grund ihn abzulöſen? Bei Leibe nicht— vorwärts, ſage ich!“ Die Perſon, welche dieſe Worte geſprochen hatte, trat jetzt vor und warf einen ſo bedeutungsvollen Blick auf Anna Bolehn, daß ſie ſich ſeinem Befehl nicht widerſetzen mochte, ſondern ſich lachend darein fügte. Will Sommers, des Königs Narr, wie er ſich nannte, war eine kleine Figur von mittlerem Alter mit einem Ge⸗ ſichtsausdruck, in dem Gutmüthigkeit und Bosheit, Albern⸗ heit und Schlauheit ſo wunderlich gemiſcht waren, daß man I. 3 34 Schloß Windſor. ſchwerlich hätte ſagen können, welches vor allen vorherrſchte. Sein Blick war liſtig und ſarkaſtiſch, aber er ward durch große Poſſenreißerei und ſeltſames Gebahren gemildert, und er lachte ſo herzlich über ſeine eigenen Späße und Schwänke, daß man kaum umhin konnte miteinzuſtimmen. Sein Anzug beſtand aus einem langen, weiten Rock von gefleckter, kar⸗ moiſinrother Seide, mit der königlichen Chiffer vorne in Gold eingewoben, aus einem blautuchenen, mit roth und ſchwarzem Zeuge beſetzten Beinkleide und rothen Corduan⸗ Stiefeln. Eine um den Leib gebundene Schärpe diente ihm als Gürtel, und er trug eine viereckige Sammtmütze mit einer buſchigen weißen Feder auf dem Kopf. In der Hand trug er ein kleines Horn. Er war in der Regel von einem Affen begleitet, der in karmoifinrothem Wamms und Kaputze auf ſeiner Schulter zu ſitzen und tauſend beluſtigende Streiche zu ſpielen pflegte; aber er hatte das Thier bei dieſer Ge⸗ legenheit nicht bei ſich. Will Sommers war ein großer Liebling des Königs und nahm ſich Vertraulichkeiten heraus, die ſich ſonſt Nie⸗ mand gegen ihn zu erlauben gewagt hätte. Die Gunſt, in der er bei ſeinem königlichen Herrn ſtand, verſchaffte ihm zu jeder Stunde und bei jedem Anlaß Zutritt zu ſeiner Perſon, und ſein Einftuß, obgleich ſelten ausgeübt, war außerordentlich groß. Er war beſonders dienſtfertig, die Schäpyfe des königlichen Mißfallens abzuſtumpfen und be⸗ mühte ſich viel häufiger den Sturm zu beſchwichtigen als eihn aufzuregen. Sein hauptſächlichſter Groll war gegen Wolſey gerichtet, deſſen Anmaßung und habſüchtigen Ränke beſtändig der Gegenſtand ſeiner Spötterei war. Es kam ſelten vor, ſo groß war das Vorrecht ſeines Amtes und der 3 ihm vom Könige gewährte Schutz, daß einer der Höflinge ſeine Bemerkungen übelnahm; allein da Sir Thomas Wyat's Gefühle hiebei aufs berührt wurden, ſo drehte er ſich „ . 5 Erſtes Buch: Anna Boleyn. 35 barſch um und ſagte—„Was ſoll's, du naſeweiſer Schuft, was haſt du dich hier drein zu mengen!“ „Ich menge mich drein, Gevatter Wyat, um mein An⸗ ſehen zu beweiſen,“ erwiederte Sommers,„und um zu zeigen, daß ich, noch ſo ſehr ein Schuft, doch eben ſo mächtig wie Fräulein Anna Boleyn bin; ja, daß ich noch mächtiger bin, denn mir hat man gehorcht und ihr nicht.“ „Wäre ich jetzt frei,“ ſagte Sir Thomas zornig,„ ſollteſt du bald deine Unverſchämtheit bereuen.“ „Du biſt aber nicht frei, guter Gevatter,“ erwiederte der Narr mit gellendem Gelächter;„du biſt wie ein Sclave ans Ruder gefeſſelt und kannſt dich nicht davon befreien— ha! ha!“ Nachdem er ſich einige Sekunden an des Ritters Mißmuth geweidet hatte, ging er auf ihn zu und flüſterte ihm ins Ohr:„Verſteh' mich recht, Gevatter. Ich habe dir einen guten Dienſt geleiſtet, daß ich dich verhindert habe, das Taſchentuch zu nehmen. Hätteſt du es in Ge⸗ genwart aller dieſer Zeugen erhalten, ſo wäreſt du morgen im Runden Thurm zu Windſor⸗Caſtle einquartiert worden, anſtatt mit den Hoſenband⸗Rittern in St. Georgs⸗Halle zu ſchmauſen.“ „Ich glaube du haſt Recht, Gevatter,“ ſagte Wyat ebenſo leiſe. „Sei verſichert, daß dem ſo iſt,“ erwiederte Will Som⸗ mers;„und ich rathe dir ferner, dies gefährliche Geſchenk ganz und gar abzulehnen und nicht mehr an die ſchöne Ge⸗ berin zu denken, oder wenn du durchaus an ſie denken mußt, ſo ſei es wie an Jemand, die außer deiner Macht iſt. Kreuze nicht des Löwen Pfad. Nimm einen freund⸗ lichen Wink vom Schakal an.“* — Und ohne auf eine Antwort zu warten, flog er fort und miſchte ſich unter den Nachtrab. Unmittelbar hinter Anna Boleyn's Sänfte ritt eine 36 Schloß Windſor. Abtheilung mit vergoldeten Hellebarden bewaffneter Knappen des königlichen Hauſes. Zunächſt folgte ein mit rothem Goldtuche ausgeſchlagener, von vier reich geſchirrten Pferden gezogener Wagen, in dem die Herzogin von Norfolk und die alte Markgräfin von Dorſet ſaßen. Dann kam des Königs natürlicher Sohn, der Herzog von Richmond, ein junger Mann, der nach demſelben großen Maßſtabe gebaut und durch dieſelbe hochmüthige Haltung und dieſelben derben Manieren ausgezeichnet war, als ſein königlicher Vater. Des Herzogs Mutter war die Lady Talboys, die für eine der ſchönſten Frauen jener Zeit gehalten wurde und den wankel⸗ müthigen Monarchen lange gefeſſelt hatte. Heinrich war ſeinem Sohne mit Wärme zugethan, häufte Gunſtbezeugungen ohne Zahl auf ihn und würde wohl noch mehr gethan haben, wenn ein frühzeitiger Tod ihn nicht hinweggerafft hätte. Obgleich kaum achtzehn Jahre alt, hielt man den Her⸗ zog von Richmond doch für mehr als zwanzig; ſeine Lippen und Kinn waren mit einem dichten, doch kurz abgeſchnittenen Barte bewachſen. Er war mit einem prächtigen Wamms von Goldbrokat bekleidet, deſſen Aufſchläge und Aermel mit mattem Gold durchwirkt und mit Agraffen befeſtigt waren. Ein Gürtel von karmoiſinrothem Sammt, mit koſtbaren Steinen beſetzt, umgab ſeinen Leib und trug einen Dolch und ein Toledaniſches Schwert mit eingelegter Goldarbeit. Ueber dieſem trug er eine weite, mit Pelz eingefaßte Robe von Scharlachmohr, und war ferner mit der Ordenskette des Hoſenbandes geziert. Sein Barett war von weißem Sammt und mit Smaragden geſchmückt, von deren Seite eine kleine himmelblaue Feder herabhing. Er ritt einen prächtigen ſchwarzen Renner, deſſen Satteldecke von Gold⸗ tuch und mit Hermelin geſprenkelt war. Dem Herzoge zur Seite ritt der Graf von Surrey, wie am vorigen Tage gekleidet, auf einem feurigen Araber, Erſtes Buch: Anna Boleyn. 37 deſſen karmviſinſammtne Schabracke mit venetianiſchem Golde befranzt war. Beide Edelleute waren von ihren Stallmeiſtern in ihren Livreen begleitet. Hinter ihnen kam ein mit Silbertuch ausgeſchlagener Wagen, der wie der erſte von vier Pferden in reichen Scha⸗ bracken gezogen ward und zwei ſehr ſchöne Fräulein enthielt, deren eine die Aufmerkſamkeit der jungen Edelleute ſo ſehr in Anſpruch nahm, daß ſie nur mit äußerſter Schwierigkeit die Ordnung des Zuges bewahren konnten. Die erwähnte junge Dame war ungefähr ſiebenzehn Jahre alt; ihr Ant⸗ litz war von länglicher Geſtalt und ihre Züge von der äußerſten Zartheit und Regelmäßigkeit. Ihre Geſichtsfarbe war blaß und durchſchimmernd und bildete einen auffallen⸗ den Gegenſatz mit den rabenſchwarzen Augenbrauen und prächtigen dunkeln Augen von vrientaliſcher Größe, Zart⸗ heit und Glanz. Ihre üppigen ſchwarzen Flechten waren von einem ſchwarzſammtnen, mit weißem Satin aufgeſchla⸗ genen und mit Perlen geſchmückten Barett umſchloſſen. Ihr Kleid war von weißem golddurchwirkten Satin und hatte lange, offen herabhängende Aermel, während von ihrem ſchlanken, marmorweißen Nacken eine Cordelieère herabhing, — eine Art Halsband, das dem von den Franziskaner⸗ Mönchen getragenen Strick nachgebildet und aus karmoiſin⸗ rother Seide mit venetianiſchen Goldfäden geflochten war. Dies bezaubernde Weſen war die Lady Eliſabeth Fitz⸗ gerald, Tochter von Gerald Fitzgerald, neunten Grafen von Kildare, der ſeine Abſtammung von der Familie Geraldi in Florenz herleitete; ſie war aber allgemein bekannt unter dem Namen der ſchönen Geraldine— ein Titel, den ihr der König, ihrer Schönheit wegen, verlieh und unter dem ſie noch lebt und, ſo lange es Poeſie gibt, immerfort in den unſterblichen und bezaubernden Liedern ihres Anbeters, des Grafen von Surrey, leben wird. Auf Anſuchen ihrer Mutter, 38 Schloß Windſor. der Lady Kildare, ward die ſchöne Geraldine mit der Prin⸗ zeſſin Marie, ſpäter Königin von England, aufgezogen; ſie war aber vor Kurzem auf königlichen Befehl zu einer der Begleiterinnen von Anna Boleyn beſtimmt,— ein Poſten, der dem einer Ehrendame gleichkam. Ihre Gefährtin war die Lady Marie Howard, die Schweſter des Grafen von Surrey, ein Mädchen von un⸗ gefähr demſelben Alter und von großen perſönlichen Reizen; ſie hatte edelgebildete Züge, ſtrahlende blaue Augen, blonde Flechten und eine Geſichtsfarbe von blendender Durchſichtigkeit. Lady Marie Howard nährte eine geheime Leidenſchaft für den Herzog von Richmond, den ſie mit innerlichem Verdruß von den höheren Reizen der ſchönen Geraldine gefeſſelt ſah. Ihre Unruhe hierüber ward jedoch einigermaßen gemildert durch die Kunde, die ſie als Vertraute der letzteren erlangt hatte, daß ihr Bruder ihr Herz beſitze. Lady Marie war in blauen, mit Goldſtoff eingefaßten Sammt gekleidet und trug einen mit Perlen verzierten Kopfputz von weißem Sammt. Grade als der Zug in die Nähe der Datchet⸗Brücke gelangte, wandte der Herzog von Richmond ſein Pferd und ritt an jene Seite des Wagens, wo die ſchöne Geraldine ſaß. „Ich bin gekommen, um Euch von einem wunderbaren Abenteuer zu erzählen, das Surrey im Schloßpark zu Wind⸗ ſor geſtern Nacht begegnet iſt,“ ſagte er.„Er behauptet Herne, den wilden Jäger, geſehen zu haben.“ „Dann bitte, laßt den Grafen Surrey uns das Aben⸗ teuer ſelbſt berichten,“ erwiederte die ſchöne Geraldine. „Niemand kann eine Geſchichte ſo gut erzählen, der Held derſelben.“ Der Herzog winkte dem jungen Grafen, der ziemlich trübſinnig auf ſie blickte, und dieſer geſellte ſich ihnen augen⸗ blicklich zu, während Richmond auf die andere Seite zur Lady Maria Howard ritt. Surrey fing dann ſein Abenteuer Erſtes Buch: Anna Boleyn. 39 im Parke zu erzählen an, und die ſchöne Geraldine hörte ihm mit athemloſer Theilnahme zu. „Der Himmel behüte uns vor böſen Geiſtern,“ rief ſie ſich bekreuzend aus.„Aber welches iſt die Geſchichte dieſes gottloſen Jägers, Mylord? Und weshalb zog er ſich eine ſo ſchreckliche Strafe zu?“ „Ich weiß nur, daß er ein Forſtwärter war, der irgend ein ſtrafbares Verbrechen beging und ſich an einem Aſte des Baumes aufknüpfte, unter welchem ich Morgan Fen⸗ wolf, den Förſterburſchen, fand, und der noch ſeinen Namen trägt,“ erwiederte der Graf.„Wegen dieſer gottloſen That kann er keine Ruhe finden und iſt verdammt um Mitternacht durch den Wald zu wandern, wo er ſeine Wuth an den Bäumen ausläßt.“ „Die Sage, welche ich gehört habe, weicht von der Eurigen ab,“ bemerkte der Herzog von Richmond.„Es heißt, daß das Geſpenſt, welches im Forſte ſpukt, ein Wald⸗ geiſt iſt, der die Geſtalt des wilden Jägers annimmt und die Förſterburſchen durch Verſprechungen und Drohungen zu verleiten ſucht, ihm ihre Seelen zu verkaufen.“ „Eurer Durchlaucht Sage iſt von den beiden die beſte,“ ſagte Lady Marie Howard,„oder ich ſollte lieber ſagen, die wahrſcheinlichſte. Ich hoffe, der Böſe machte Euch keine ſolchen Anträge, Bruder Surrey?“ Der Graf ſchüttelte ernſt den Kopf. „Wenn ich ihm begegnete und er mir meines Herzens theuerſten Wunſch anböte, ſo fürchte ich, er würde es über mich vermögen,“ bemerkte der Herzog, einen zärtlichen Blick auf die ſchöne Geraldine werfend. „Still!— der Gegenſtand iſt zum Scherz zu ernſt, Richmond,“ ſagte Surrey faſt barſch⸗ „Seine Durchlaucht könnte vielleicht, wie es bei Ver⸗ trägen mit dem Böſen gewöhnlich geſchieht, Urſache haben, 40 Schloß Windſor. ſeinen Handel zu bemerkte Lady Maria Howard verſtimmt. „Wenn der Graf von Surrey mein Bruder wäre,“ ſagte die ſchöne Geraldine zu Lady Marie,„ſo würde ich ihm verbieten, bei Nacht im Park herumzuſtreifen.“ „Er iſt ſehr eigenſinnig,“ antwortete Lady Marie lächelnd,„und nimmt meine Befehle ſehr leicht.“ „Laß die ſchöne Geraldine mir die ihrigen auferlegen, und ſie wird mich nicht des Ungehorſams zu zeihen haben.“ „Ich muß mich ihrer Aeußerung widerſetzen,“ rief Rich⸗ mond mit einem etwas eiferſüchtigen Blick auf ſeinen Freund —„denn ich bin entſchloſſen etwas mehr von dieſem Ge⸗ heimniß zu erfahren und werde des Grafen Beiſtand nöthig haben, um es zu enthüllen. Ich glaube, ich erinnere mich des Förſterburſchen Morgan Fenwolf, und ich will ihn aufs Schloß kommen laſſen und ihn ausfragen. In jedem Falle aber wollen ich und Surrey heute Nacht die Herne's⸗Eiche beſuchen.“ Die Einwendungen der beiden Damen wurden von der prlötzlichen Erſcheinung Will Sommers unterbrochen. „Heda! Mylords— auf Eure Plätze! auf Eure Plätze!“ rief der Narr in gellendem, zornigem Tone,„ſeht Ihr nicht, daß wir die Datchet⸗Brücke dicht vor uns haben? Ihr könnt mit dieſen ſchönen Damen zu gelegnerer Zeit ſprechen; aber es iſt des Königs Wille, daß der Zug ſich gut ausnehme. Auf Eure Plätze, ſage ich!“ Die beiden jungen Edelleute gehorchten lachend dem entſchiedenen Befehle des Narren und nahmen, ſich faſt bis zum Sattelknopf gegen die Damen verbeugend, ihre Plätze wieder ein. Der verſammelte Haufen auf der Datchet⸗Brücke be⸗ willkommte Anna Boleyn's Ankunft mit lautem Jauchzen, während fröhliche Töne aus Sackpfeife und Pſalter und weithallende Fanfaren aus den Trompeten erſchallten. Mützen Erſtes Buch: Anna Boleyn. wurden in die Höhe geworfen und ein Geſchütz ward von der Barke abgefeuert, das augenblicklich von den Schloßkanonen beantwortet ward. Nachdem der Bürgermeiſter Anna Bolehn ſeine Huldigung dargebracht hatte, geſellte er ſich wieder zu den Vögten und Bürgern, und der ganze Zug überſchritt die Brücke, worauf ſie ihren Weg langſam das Ufer des Fluſſes entlang nahmen, während die Barke mit den Spiel⸗ leuten ſie begleitete. Auf dieſe Art erreichten ſie Windſor, und indem Anna Boleyn das ſtattliche Schloß, auf dem jetzt die königliche Standarte wehte, betrachtete, ſchwellten ſtolze und ehrgeizige Gedanken ihr das Herz und ſie ſehnte ſich nach der Stunde, wo ſie es als Herrin betreten würde. In dieſem Augenblicke fielen ihre Augen auf Sir Thomas Wyat, der ſich hinter ihr unter den Rittern befand, und ſie fühlte, wenn es ihr auch einen Kampf koſten ſollte, daß Liebe dem Ehrgeize weichen würde. Die Barke nebſt den darin befindlichen Perſonen die Ankunft des Königs zu erwarten laſſend, ritt die Geſellſchaft die Themſeſtraße hinauf und wurde von allen Seiten mit Jauchzen und Freudenbezeugungen empfangen. Bryan Bown⸗ tance, der ſich zur Rechten an dem Triumphbogen vor ſeinem Hauſe aufgeſtellt hatte, verſuchte Anna Boleyn anzureden, konnte aber kein Wort hervorbringen. Sein Mißlingen je⸗ doch war erfolgreicher, als ſeine Rede geweſen ſein würde, inſofern es ungeheure Heiterkeit hervorrief. Auf dem Platze vor dem unteren Thorwege angekommen, ward Anna Boleyns Sänfte bis auf deſſen Mitte gezogen und die ganze um ſie verſammelte Schaar bot den auf den Mauern und Thürmen aufgeſtellten Wachen einen prächtigen Anblick dar. Grade in dieſem Augenblick hörte man eine Signal⸗ kanone von der Datchet⸗Brücke die Ankunft des Königs daſelbſt ankündigen, und die Herzoge von Suffolk, Norfolk Schloß Windſor. und Richmond nebſt dem Grafen von Surrey, Sir Thomas Wyat und einige ihrer Leuten ritten zurück, um ihm ent⸗ gegenzugehen. Sie hatten jedoch kaum den Fuß des Hügels erreicht, als ſich ſchon die königliche Geſellſchaft zeigte, denn der König hatte ſeine Begleiter beim Annähern an das Schloß mit ſeiner charakteriſchen Ungeduld zu größerer Eile angetrieben. Zuerſt kamen ſechs Trompeter mit ſilbernen, im Winde flatternden Fähnchen, laute Fanfaren blaſend. Dann eine Abtheilung Hellebardiere, deren Anführer an der Spitze ihrer langen Piken wallende Wimpel hatten. Zunächſt kamen zwei Oberthürſteher, entblößten Hauptes, aber zu Pferde und reich gekleidet, die dem Cardinal von York gehörten und fortwährend laut ausriefen—„Vorwärts, immer vor⸗ wärts, lieben Leute! macht Platz für ſeine Eminenz!“ Darauf kam ein Waffendiener mit einem großen ſilber⸗ nen Secepter und zwei Begleiter, deren jeder einen ſilbernen Stab trug. Zunächſt ritt ein Begleiter mit dem Hute des Cardinals und hinter ihm Wolſey ſelbſt auf einem Maul⸗ thier mit carmviſinſammtner Schabracke, mit einem ebenſo ausgeſchlagenen Sattel und vergoldeten Steigbügeln. Seine wohlbeleibte Perſon war in Roben des feinſten dunkelfarbigen carmviſinrothen Satins gekleidet und eine ſeidene Kappe von der hellen Farbe ſtach durch ihren Glanz von der blaſſen, purpurnen Färbung ſeiner aufgedunſenen, grämlichen und boshaften Züge ab. Der Cardinal bekümmerte ſich nicht um den Lärm ringsum, aber dann und wann, wenn eine Aeußerung des Mißfallens gegen ihn laut wurde, denn er fing ſchon an unbeliebt beim Volke zu werden, ſah er auf und warf einen durchbohrenden Blick auf den kühnen Sprecher. Solche Aeußerungen kamen jedoch ſelten vor, denn obwohl ſchwankend, war Wolſey doch noch zu furchtbar, um unge⸗ ſtraft beleidigt zu werden. An jeder Seite waren zwei Erſtes Buch: Anna Boleyn. 43 berittene Diener, jeder mit einer vergoldeten Streitart, die auf einen Wink von ihm augenblicklich den Uebermuth der Umſtehenden beſtraft haben würden, während hinter ihm ſeine beiden Kreuzträger auf ſcharlachroth behangenen Pferden ritten. Auf Wolſey's fürſtliches Gefolge kam eine Sänfte von carmoiſinrothem Sammet, in der der päbſtliche Geſandte Cardinal Campeggio lag, deſſen Kränklichkeit ſo groß war, daß er ſich nicht ohne Beihülfe bewegen konnte. Campeggio war ebenfalls von einem zahlreichen Gefolge begleitet. Nach einer langen Reihe von Lords, Rittern und Schild⸗ trägern kam Heinrich der Achte. Er war angethan mit einer carmviſinrothen, mit Hermelin gefütterten Sammetrobe und trug ein goldgeſticktes Wamms, deſſen Aufſchläge mit Dia⸗ manten, Rubinen, Smaragden, großen Perlen und andern koſtbaren Steinen beſetzt waren. Um den Nacken trug er ein Wehrgehenk von Rubin⸗Balaß und über ſeiner Robe die Ordenskette des Hoſenbandes. Sein Roß, ein Renner der größten Art und wohl fähig ſein ungeheures Gewicht zu tragen, war mit carmviſinrother pelzverbrämter Decke be⸗ hangen. Seine Ritter und Schildträger waren in Purpur⸗ ſammet gekleidet, und ſeine Knappen in ſcharlachnen Röcken von demſelben Schnitt, wie von den Hütern des Towers heutzutage getragenen. Heinrich war in ſeinem acht und dreißigſten Jahre und obgleich ſtark und ſchwer geworden, hatte er doch nichts von ſeiner Lebhaftigkeit und wenig von dem edlen Anſtande ſeiner Perſon verloren. Seine große, breite Geſtalt nahm ſich gut in ſeinem reichen Anzuge aus. Sein Antlitz war ſchön und männlich, mit einem gewiſſen freien und derben Blick von ächt engliſchem Ausdruck, der ihm große Bewunderung von ſeinen Unterthanen zuzog; und obgleich man einwenden konnte, daß ſeine Augen zu klein und ſein Mund etwas zu zierlich war, ſo konnte doch nicht geläugnet werden, daß der ganze 44 Schloß Windſor. Ausdruck des Geſichts im höchſten Grade königlich war. Einen Fürſten von„königlicherem Anſtande“ als Heinrich den Achten hat es niemals gegeben, und obgleich er viele große Fehler hatte, ſo war Mangel an Würde nicht unter ihrer Zahl. Heinrich betrat Windſor unter dem Jauchzen der Zu⸗ ſchauer, dem Geſchmetter der Trompeten und dem Donner der Kanonen auf den Schloßwällen. Mittlerweile war Anna Boleyn von der Sänfte, die durch das Thor auf den inneren Platz gebracht wurde, herab⸗ geſtiegen und ſtand mit ihren Damen unter dem Traghimmel, ſeine Ankunft erwartend. Ein weiter Raum war vor ihr offen gelaſſen worden, in den Wolſey jedoch drang und ſich abſteigend ſo ſtellte, daß er die Zuſammenkunft zwiſchen ihr und dem Könige bemerken konnte. Hinter ihm ſtand der Hofnarr Will Som⸗ mers, der eben ſo neugierig in Bezug auf ihn war. Die Sänfte des Cardinals Campeggio kam durch den Thorweg und ging auf die für ſeine Eminenz eingerichteten Gemächer zu. Kaum hatte Wolſey ſeine Stellung eingenommen, als Heinrich heranritt, im Abſteigen ſein Pferd einem Pagen übergab und in Begleitung des Herzogs von Richmond und des Grafen von Surrey auf Anna Boleyn zuſchritt, die ihm augenblicklich entgegenging. „Schönes Fräulein,“ ſagte er, ihre Hand ergreifend und ſie mit leidenſchaftlicher Zärtlichkeit anſehend,„ich bewill⸗ komme Euch in dieſem meinen Schloſſe zu Windſor und hoffe Euch bald zur eben ſo unumſchränkten Herrin deſſelben zu machen, als ich darüber Herr und Meiſter bin.“ Anna Boleyn erröthete und ſenkte ihre Augen, und Sir Thomas Wyat, der in geringer Entfernung mit der Hand auf dem Sattel gelehnt ſtand, fühlte bei ihrem Anblick, daß alle Hoffnungen, die er hätte hegen können, gänzlich vernichtet waren. Erſtes Buch: Anna Boleyn. 45 „Habt Ihr's gehört, Mylord Cardinal?“ ſagte Will Sommers zu Wolſey.„Sie wird hier bald Herrin ſein. So wie ſie einzieht, zieht Ihr aus. Merkt's Euch!“ Der Cardinal gab keine andere Antwort, als die aus der dunkleren Farbe ſeiner Wangen ſprach. Unter wiederholten Fanfaren und Zujauchzen, führte Heinrich nun Anna Boleyn durch den Thorweg, gefolgt von den dienſthabenden Damen nebſt Richmond und Surrey. Der Prälat, Kanzler, Regiſtrar, ſchwarze Stab und andere Beamte des Hoſenbandes mit dem ganzen königlichen Gefolge, das mittlerweile abgeſtiegen war, gingen ihnen nach. Ein ungeheurer Zuſammenlauf von Zuſchauern, der ſich faſt bis zu dem Lieutenantsthurm erſtreckte, hatte ſich vor den Wohnungen der Almoſenritter verſammelt; allein ein weiter Raum war von den Knappen für den Durchgang des Monarchen und ſeines Gefolges offen gehalten worden und in dieſem ſchritt Heinrich mit Anna Boleyn in der Richtung nach der oberen Schanze vorwärts. Als er grade den Normänniſchen Thurm erreicht hatte und im Begriff war, die Feſte zu betreten, kam der Herzog von Shoreditch, der unter dem Thorwege ſtand, auf ihn zu und ließ ſich auf ein Knie nieder. „Mit Verlaub Eurer Majeſtät,“ ſagte Shoreditch,„ich habe geſtern Nacht einen Schlächter von Windſor feſtge⸗ nommen, weil er höchſt unehrerbietige Worte gegen Eure Hoheit und die ſchöne und tugendſame Dame an Eurer Seite ausſtieß.“ „Ha! bei Gottes Wunden!“ rief der König aus.„Wo iſt der Verräther? führt ihn vor uns.“ „Hier iſt er,“ erwiederte Shoreditch. Und augenblicklich ward Marcus Fytton von einem Paar Hellebardieren vorgeführt. Er blieb bei ſeinem uner⸗ ſchrockenem Benehmen und ſah den König ſtrenge an. 46 Schloß Windſor. „So, Kerl? Alſo du haſt gewagt, von uns auf unehr⸗ erbietige Weiſe zu ſprechen, he?“ rief Heinrich. „Ich habe die Wahrheit geſprochen,“ antwortete der Schlächter furchtlos;„ich habe geſagt, daß Ihr beabſichtiget, Euch von Eurer rechtmäßigen Gemahlin, Katharina von Arragonien, zu ſcheiden und Euch Euer Schätzchen, Anna Boleyn, die neben Euch ſteht, zuzulegen. Und ich fügte hinzu, daß es eine unrechte That ſei.“ „Möge deine lügneriſche Zunge verdorren, daß ſie ſo ſprach!“ entgegnete Heinrich wüthend.„Ich hätte Luſt ſie dir aus der Kehle zu reißen und den Hunden vorzuwerfen. Heda! Wachen, bringt dieſen Schurken auf die Spitze des höchſten Thurmes auf dem Schloſſe— auf den Curfew⸗ Thurm— und knüpft ihn dort auf, ſo daß alle meine ge⸗ treuen Unterthanen in Windſor ſehen, wie Verräther behan⸗ delt werden.“ „Eure Hoheit hat ihn gerecht gerichtet,“ ſagte Anna Boleyn. „Ihr ſagt jetzt ſo, Fräulein Anna Boleyn,“ verſetzte der Schlächter,„aber eines Tages werdet Ihr ſelbſt eben ſo an Eurem Leben gefährdet ſein, wie ich jetzt, und werdet eben ſo vergebens bitten, als ich thun würde, wenn ich überhaupt bäte, was ich nimmer thun will vor dieſem unerbitt⸗ lichen Tyrannen. Ihr werdet dann meines Endes gedenken.“ „Fort mit ihm!“ ſchrie Heinrich.„Ich will ſelbſt auf den Hoſenband⸗Thurm gehen, um danach zu ſehen. Lebt wohl auf ein Weilchen, meine Theure. Ich will dieſen Anhängern von Katharinen eine ſchreckliche Lehre geben.“ Während der Schlächter nach dem Curfew⸗Thurm fort⸗ geſchleppt wurde, begab ſich der König mit ſeinem Gefolge nach dem Hoſenband⸗Thurm und ſtieg zur Spitze hinauf. In weniger als zehn Minuten war ein Pfahl, ſtark wie ein Schiffsmaſt, durch die Zinnen des Curfew⸗Thurms nach der Stadtſeite hinausgeſteckt. An dieſen Pfahl ward Erſtes Buch: Anna Bolehyn. 47 ein Strick von einigen Dutzend Fuß Länge mit einer Schlinge an einem Ende befeſtigt. Der Schlächter ward dann herbei⸗ geholt, an Händen und Füßen gebunden, und die Schlinge ward um ſeinen Nacken geworfen. Während dies vor ſich ging, entdeckte der Unglückliche eine Perſon, die ihn aus einem Fenſter in einem hölzernen Vorbau des Thurmes betrachtete. „Was! ſeid Ihr da, Morgan Fenwolf?“ rief er.„Denkt an das, was zwiſchen uns geſtern Nacht im Gefängniſſe vorging und laßt Euch warnen. Ihr werdet Eurem Ende nicht ſo ſtandhaft entgegengehen, wie ich dem meinigen.“ „Mach' deine Beichte ſchnell ab, Kerl, wenn du noch was zu ſagen haſt,“ unterbrach ihn einer der Hellebardiere. „Ich habe keine Beichte zu machen,“ verſetzte der Schlächter. „Ich habe meine Rechnung mit dem Himmel ſchon abgeſchloſſen. Gott erhalte die Königin Katharina.“ Als er dieſe Worte vollendet hatte, ſtießen ihn die Hellebardiere von den Zinnen herab und ſein Körper ſchwebte über der Tiefe, unter dem Geſchrei und den Verwünſchungen der unten befindlichen Zuſchauer. Nachdem er ſeine Augen an dem ſchrecklichen Schauſpiel geweidet hatte, ſtieg Heinrich vom Thurme herunter und kehrte zu Anna Boleyn zurück. IV. Wie König Heinrich der Achte ein Kapitel des Hoſenbandordens hielt; wie er der Veſper und Mette in St. Georgs⸗Kapelle beiwohnte; und wie er mit den Rittern in St. Georgs⸗Halle ſchmauſte. Von einem auf die obere Schanze gehenden Balkon bemerkte Anna Boleyn die Annäherung des Königs auf ſeinem Rückwege vom Hoſenband⸗Thurm und ihm lächelnd mit der 48 Schloß Windſor. Hand zuwinkend, zog ſie ſich ins Audienzzimmer zurück. Seine Schritte beſchleunigend, fand Heinrich ſie umgeben von ihren Ehrendamen, von den vornehmſten Eoelleuten und Rittern, die ihr Gefolge von Hampton⸗Court gebildet hatten, und von den Cardinälen Wolſey und Campeggio; und nachdem er einige Worte mit ihr gewechſelt hatte, er⸗ griff er ihre Hand und führte ſie nach dem oberen Theil des Zimmers, wo zwei Staatsſeſſel unter einem carmoiſin⸗ ſammtnen, mit dem königlichen Wappen geſtickten Thron⸗ himmel ſtanden und ſetzte ſie auf den bisher für Katharina von Arragonien beſtimmten Platz. Ein Triumphlächeln über⸗ ſtrahlte Anna's liebliche Züge bei dieſer Auszeichnung, und ihre Zufriedenheit vermehrte ſich noch, als Heinrich die Ver⸗ ſammlung ſo anredete. „Mylords,“ ſagte er,„Ihr kennt ſehr wohl die Ge⸗ wiſſensſerupel, die ich in Betreff meiner Vermählung mit meines Bruders Wittwe, Katharina von Arragonien, hege. Je mehr ich die Sache erwäge, deſto mehr überzeuge ich mich von deren Unrechtmäßigkeit; und wäre es möglich, mich ſelbſt gegen meinen ſündlichen Zuſtand blind zu machen, ſo würden die Prediger, welche mich öffentlich von der Kanzel herab tadeln, mich daran erinnern. Mißverſteht mich nicht, Mylords. Ich habe keinen Grund zur Klage gegen die Königin. Im Gegentheil; ſie iſt eine Dame von dem vortrefflichſten Cha⸗ rakter, voller Treue, Ergebenheit, Edelmuth und Anſtand. Und wenn ich mich von meinen böſen Ahnungen befreien könnte, ſo würde ich, weit entfernt mich von ihr zu trennen, ſie mit der größten Zärtlichkeit lieben. Ihr mögt Euch wundern, daß ich die Scheidung ſo lange aufgeſchoben habe. Meine Augen find aber erſt kürzlich geöffnet worden und es ward mir ſchwer, dieſen Schritt zu thun. Alte Zuneigung hing mir an,— alle Ketten feſſelten mich,— auch konnte Erſtes Buch: Anna Boleyn. 49 ich mich nicht ohne Zerknirſchung von einer trennen, die mir immer eine ergebene und tugendhafte Gemahlin geweſen iſt. „Du haſt ein Märtyrerthum ausgehalten, Gevatter,“ bemerkte Will Sommers, der ſich neben den König zu Füßen des Thrones hingeſtellt hatte,„und ſollſt fortan der heilige Heinrich genannt werden.“ Wäre es nicht um die ſtrengen Blicke des Königs ge⸗ weſen, ſo hätte die Ernſthaftigkeit der Zuhörer leicht durch dieſe Bemerkung erſchüttert werden können. „Ihr mögt über meine Bedenklichkeiten lächeln, Mylords,“ fuhr er fort,„und denken, daß ich ſie nur leicht nehme; aber meine Abhandlung über dieſen Gegenſtand, die mir viel Arbeit und Nachdenken gekoſtet hat, wird Euch vom Gegen⸗ theil belehren. Wie würde es um dies Königreich ſtehen, wenn meine Vermählung nach meinem Hintritte in Frage geſtellt würde? Dieſelbe Unruhe und Verwirrung würde erfolgen, wie nach dem Tode meines erlauchten Großvaters, König Eduard des Vierten. Um ſolchem Unglück zuvorzu⸗ kommen, habe ich mich, obwohl mit Widerſtreben, entſchloſſen, mich von meiner jetzigen Königin zu trennen und eine andere Gemahlin zu nehmen, von der ich einen würdigen Nach⸗ folger und Erben meines Königreichs zu erhalten hoffe.“ Ein Beifallsgemurmel folgte dieſer Rede und die beiden Cardinäle wechſelten bedeutungsvolle Blicke, die dem Könige nicht unbemerkt blieben. „Ich zweifle nicht, daß Ihr Alle meine künftige Wahl billigen werdet,“ fuhr er fort, ſcharf auf Wolſey ſehend und Anna Boleyn bei der Hand nehmend, die ſich erhob als er ſich zu ihr wandte.„Und nun, ſchönes Fräulein,“ fügte er hinzu,„als ein Pfand meiner Hochachtung für Euch und der Ehrenbezeugungen, die ich Euch vorbehalte, ernenne ich Euch hiemit zur Markgräfin von Pembroke und verleihe Euch eintauſend Mark des Jahres in Gütern und noch eintauſend I. 4 50 Schloß Windſor. aus meiner Schatzkammer, um Eure Würde aufrecht zu erhalten.“ 5 „Eure Majeſtät iſt zu gnädig,“ antwortete Anna Boleyn, das Knie beugend und ſeine Hand küſſend. „Gar nicht, meine Theure, gar nicht,“ entgegnete Hein⸗ rich, ſie zärtlich erhebend;„dies iſt nur ein geringes Zeichen meines Wohlwollens. Sir Thomas Boleyn,“ redete er ihren Vater an,„Euer Titel wird fortan Viscount Rochford ſein und Euer Patent wird zugleich mit dem Eurer Tochter, der Markgräfin von Pembroke, ausgefertigt werden. Ich erwähle Euch auch zum Ritter des hochachtbaren Hoſenbandordens und Eure Einkleidung und Einſetzung wird heute ſtattfinden.“ Nachdem er den Dank und die Huldigung des neuer⸗ nannten Edelmannes erhalten hatte, ſtieg Heinrich vom Throne herab und begab ſich mit Lady Anna in ein inneres Zimmer, wo ein Imbiß für ſie aufgetragen worden war. Nach Be⸗ endigung ihres leichten Mahles, nahm Anna ihre Laute zur Hand und ſang nach einem lebhaften Vorſpiel zwei oder drei franzöſiſche Lieder mit ſolcher Geſchicklichkeit und Anmuth, daß Heinrich, der leidenſchaftlich Muſik liebte, ganz entzückt war. Als zwei köſtliche Stunden faſt unbemerkt verronnen waren, näherte ſich ein Thürſteher dem Könige und flüſterte ihm einige Worte zu, worauf ſich dieſer widerſtrebend zurückzog und Anna ſich mit ihren Damen in ihre Gemächer begab. Als der König in ſeinem Zimmer angekommen war, begannen ſeine Diener ihn mit einem carmviſinrothen ſammt⸗ nen Ueberrock zu bekleiden, der mit ſilber⸗ und goldgeſtickten Hoſenbändern mit dem Motto: Honi soit qui mal ꝙ pense— beſüt war. Ueber den Ueberrock ward ein Mantel von blauem Sammt mit einer prächtigen Schleppe geworfen, der mit weißem Damaſt gefüttert war und auf der linken Schulter einen großen, in Perlen und venetianiſcher Seide gearbeiteten Hoſenband, mit dem Motto und dem Wappen Erſtes Buch: Anna Boleyn. 51 St. Georgs darin, hatte. Der königliche Ornat ward durch eine Kappe von demſelben Stoff als der Ueberrock vollendet, die ebenſo mit kleinen geſtickten Hoſenbändern verziert und mit weißem Satin gefüttert war. Um des Königs Hals ward die große Ordenskette gelegt, die aus goldenen Gliedern von der Geſtalt von Hoſenbändern mit emaillirtem Grunde und goldenen Buchſtaben beſtand. Während Heinrich ſo bekleidet ward, traten die Ordens⸗ ritter in ihren Mänteln, Kappen und Ordensketten in das Zimmer und ſchritten, als er fertig war, vor ihm her in das Audienzzimmer, wo die beiden Wappenkönige, Claren⸗ ceur und Norroy, die Herolde nebſt ihren Begleitern in ihren Wappenröcken, und die Ehrenwache mit vergoldeten Streit⸗ ärten, in zwei Reihen aufgeſtellt, verſammelt waren. Bei des Königs Annäherung überlieferte einer det Thürſteher das Staatsſchwert, das er mit zu Boden geſenkter Spitze trug, dem Herzoge von Richmond, indem dieſer dazu erſehen war, es während der ganzen Feſtlichkeit vor dem Könige herzutragen. Unterdeſſen reihten ſich die Ordensritter zu beiden Seiten des Thrones auf, und Heinrich ſchritt lang⸗ ſam und würdevoll auf ihn zu, wobei ihm der Graf von Surrey, Sir Thomas Wyat und andere Edelleute und Ritter die Schleppe trugen. Während er den Thron beſtieg und ſich zur Verſammlung umwandte, zogen ſich der Herzog von Richmond und die Hauptbeamten des Ordens ein wenig zu ſeiner Rechten zuſammen. Die Ordensritter brachten ihm dann ihren Gruß dar, den er erwiederte, indem er ſeine juwelenbeſetzte Kappe mit unendlicher Anmuth und Würde abnahm. Sobald er ſich wieder bedeckt hatte, ſetzten ſie ihre Kappen wieder auf und ſtellten ſich in Ordnung, um ſich nach der St. Georgs⸗Kapelle zu begeben. Die königlichen Gemächer verlaſſend, wand ſich der Zug durch das Thor des Normämiſchen Thurmes längs der — 52 Schloß Windſor. Grundmauern des Runden⸗Thurms, deſſen Zinnen, ſo wie die Mauern zur Rechten und die Spitze des Wincheſter⸗ Thurms von Lanzenträger ſtarrten; dann ging es über die mittlere Schanze, das kürzlich von Wolſey erbaute Grab⸗ gewölbe entlang, und einen engen Gang zwiſchen demſelben und der St. Georgen⸗Kapelle zurücklegend, traten ſie in die nordöſtliche Thür des letzteren Gebäudes. Beim Eintreten in die Kapelle ſich in zwei Reihen theilend, beſetzte das Gefolge der Ordensritter die beiden Seiten des nördlichen Schiffs, während die Almvoſenritter, der Stabträger, die Stiftsherrn und die Wappenkönige zwiſchen ihnen bis zur weſtlichen Thür des Chors vorſchritten, wo⸗ ſelbſt ſie ſtill ſtanden. Eine kleine Pauſe erfolgte dann, worauf der König, die Ordensritter und Hauptbeamten des Ordens das Kapitelhaus betraten,— einen Saal am nord⸗ öſtlichen Ende der Kapelle,— indem ſie den Schwertträger Herzog von Richmond, den neugewählten Ritter Lord Roch⸗ ford, die Schleppenträger und die Ehrenwache draußen zurück⸗ ließen. Nachdem die Thür des Kapitelhauſes von Schwarzen⸗ Stabe geſchloſſen worden war, begab ſich der König an das obere Ende der Gewandtafel, wie der Tiſch genannt wurde, wo ein Stuhl mit Staatskiſſen und Behang für ihn bereit⸗ geſtellt war; und die Ordensritter, deren Stände im Chor an der königlichen Seite waren, ſetzten ſich zu ſeiner Rechten, diejenigen aber, deren Plätze ſich an des Kronprinzen Seite befanden, zu ſeiner Linken. Der Prälat und der Kanzler ſtanden am oberen Ende der Tafel, der Hoſenband und der Regiſtrar am unteren, während die Thür vom Schwarzen Stabe bewacht ward. Sobald ſich der König und die Ritter geſetzt hatten, ward dem Schwarzen⸗Stabe von einem Thürſteher gemeldet, daß der neugewählte Ritter Lord Rochford vor der Thür ſei. Nachdem dieſe Meldung dem Könige hinterbracht war, Erſtes Buch: Anna Boleyn. 53 befahl er den Herzögen von Suffolk und Norfolk ihn herein⸗ zuführen. Der Befehl ward vollzogen und der erwählte Ritter näherte ſich unter Vortritt des Hoſenbandes dem Könige. Nachdem er ſich ehrfurchtsvoll vor dem Monarchen verbeugt hatte, drückte Rochford in einer kurzen Rede ſeine Dankbarkeit für die ihm gewordene Auszeichnung aus und ſetzte an deren Schluß den linken Fuß auf eine vergoldete, zu dieſem Zweck hingeſtellte Fußbank, wobei der Hoſenband die folgende Ermahnung ausſprach:—„Mein guter Lord, die werthe Genoſſenſchaft des Hoſenbandordens hat Euch zu ihrem Bruder und Mitglied aufgenommen. Zu deſſen Zeug⸗ niß giebt ſie Euch dieſes Hoſenband, das Ihr mit Gottes Beiſtand annehmen und fortan tragen möget, zu Seinem Preis und Ruhm und zur Erhöhung und Ehre des edlen Ordens und Eurer ſelbſt.“ Unterdeſſen ward das Hoſenband vom Herzoge von Suffolk um das Bein des neuen Ritters gelegt und feſtgeſchnallt. Hierauf kniete er vor dem König, der eine goldene Kette mit dem Bildniß St. Georgs um ſeinen Nacken hing, wäh⸗ rend eine zweite Ermahnung vom Kanzler geſprochen ward. Rochford erhob ſich dann, verbeugte ſich vor dem Monarchen und den Ordensrittern, die ſeinen Gruß erwiederten, und die Einkleidung war vollendet. Darauf wurden andere Angelegenheiten des Kapitels ab⸗ gethan. Gewiſſe Beamte, die ſeit der letzten Verſammlung ernannt worden waren, wurden beeidigt; Briefe von ab⸗ weſenden Ordensrittern, die ſich wegen Nichterſcheinens ent⸗ ſchuldigen, wurden geleſen und ihre Entſchuldigungsgründe, mit Ausnahme von Sir Thomas Cheney, genehmigt. Nach⸗ dem er das Schreiben des Letzteren geleſen hatte, erklärte Heinrich mit einem zornigen Schwur, daß er ihm ſeine Stimme im Kapitelhauſe nehmen, ihn aus ſeinem Chorſtuhl verbannen und zu einer Strafe von hundert Mark auf dem 54 Schloß Windſor. St. Georgs⸗Altar verdammen würde, als Will Sommers, deſſen Anweſenheit bei dieſer Gelegenheit geduldet wurde, ihm ins Ohr flüſterte, daß der Schuldige durch Wolſeys Ränke abgehalten worden, weil er bekanntlich der Ehe⸗ ſcheidung und dem Intereſſe Lady Anna's zugethan ſei. „Ha! bei der heiligen Jungfrau! iſt dem ſo?“ rief Heinrich, die Stirn runzelnd.„Dies ſoll unterſucht werden. Ich habe eben einen Schlächter hängen laſſen. Möge des Schlächters Sohn ſich dies zur Warnung nehmen: Er hat mir lange genug getrotzt. Laßt Sir Thomas Cheney ſchleu⸗ nigſt herbeirufen. Ich will die Wahrheit von ſeinen eigenen Lippen vernehmen.“ Dann erhob er ſich und das Kapitelhaus verlaſſend, begab er ſich mit den Rittern auf das Chor, während das Gewölbe des heiligen Gebäudes von den feierlichen Klängen der Orgel wiederhallte, indem ſie ſich das Schiff entlang be⸗ wegten. Zuvörderſt traten die Almoſenritter in das Chor und ſtellten ſich, tiefe Verbeugungen gegen den Altar und den königlichen Stuhl machend, in zwei Reihen auf. Nach ihnen folgten die Stiftsherren, die ſich mit denſelben Ver⸗ beugungen an die Bänke vor den Chorſtühlen der Ordens⸗ ritter ſtellten. Dann kamen die Herolde mit ihren Begleitern und die Wappenkönige, welche ähnliche Verbeugungen machten und ihren Platz in den Reihen der Almoſenritter einnahmen. Hierauf traten die Ordensritter ein, machten zwei Verbeu⸗ gungen wie die andern und nahmen ihren Stand in ihren Chorſtühlen; dann kamen der Schwarze⸗Stab, der Hoſenband und der Regiſtrar, die nach derſelben Ceremonie zu ihren Sitzen an der Südſeite des Chors vor dem königlichen Stuhl ſchritten; dann der Kanzler und der Prälat, deren Sitze eben⸗ falls vor dem königlichen Stuhl, aber etwas näher als die der andern Beamten waren; und zuletzt Heinrich ſelbſt unter Vortritt des Herzogs von Richmond mit dem der, 6 4 3 Erſtes Buch: Anna Boleyn. 55 indem er ſich den Stufen ſeines Stuhles näherte, eine ehr⸗ furchtsvolle Verbeugung gegen den Altar machte und die Verſammlung grüßte, ehe er ſich niederließ. Unterdeſſen hatte ſich der Herzog von Richmond vor den königlichen Stuhl geſtellt, während der Graf von Orford als Lord Oberkammerherr ſeinen Stand zur Rechten des Königs und der Graf von Surrey als Unterkammerherr zur Linken einnahm. Nachdem dieſe Anordnungen getroffen waren, erſchienen die beiden Cardinäle und begaben ſich zum Altar. Hierauf wurde die Meſſe geleſen, und es konnte keinen ergreifenderen Eindruck geben, als der Anblick der Kapelle während dieſer Feier. Das erhabene Chor, mit ſeiner ge⸗ wölbten überragenden Decke, ſeinen mit den reichſten Stoffen behängten Mauern, ſeinen künſtlich geſchnitzten Chorſtühlen, über denen die Banner der Ordensritter nebſt Helm, Helm⸗ buſch und Schwert hingen, ſeinem prächtig geſchmückten, mit koſtbaren Gefäßen glänzenden Altar, ſeiner mit carmvifin⸗ rothem, golddurchwirkten Damaſt bedeckten Kanzel, die ſchim⸗ mernden, mannigfaltigen Gewänder der Verſammlung,— alles dies bildete ein Schauſpiel von unübertreffbarem Glanze. Nach Beendigung der Meſſe entfernte ſich der König mit ſeinem Gefolge unter denſelben Ceremonien und in der⸗ ſelben Ordnung, wie beim Eintritt in das Chor. Nach ſeiner Ankunft in den königlichen Gemächern begab ſich Heinrich in ſeine Ankleidezimmer und als er dort ſeinen Mantel abgelegt hatte, ſuchte er Anna Boleyn auf. Er fand ſie mit ihren Damen auf der ſtattlichen Terraſſe an der Nordſeite des Schloſſes ſpazierengehend, und ihre Be⸗ gleiterinnen ließen ihm bald volle Freiheit zu zärtlicher Un⸗ terhaltung. Nachdem ſie die Terraſſe einigemal auf und ab gegangen waren, zog er ſich mit Anna in ihre Privatge⸗ mächer zurück, woſelbſt er bis zur Ankündigung des Nachtmahls mit den Ordensrittern in der St. Georgenhalle verweilte. 56 Schloß Windſor. Früh am nächſten Morgen, welches der Tag des Schutz⸗ heiligen des Hoſenbandordens war, verſammelte ſich eine zahlreiche Reiterſchaar auf der oberen Schanze des Schloſſes, um den König zur Frühmette in die St. Georgen⸗Kapelle zu geleiten. Um den Anblick ſo prächtig als möglich zu machen, hatte Heinrich befohlen, daß der Zug zu Roſſe ſtatt⸗ finden ſollte, und das ganze Gefolge war demgemäß beritten. Der große Platz war mit Roſſen und Dienern angefüllt und die Schloßmauern erklangen von dem Geſchmetter der Trompeten und Pauken. Der anziehendſte Punkt in dem Zuge war in den Augen der Zuſchauer Lady Anna, die auf einem ſchneeweißen reich geſchirrten Zelter zur Rechten des Königs ritt. Sie war mit einer reichen goldgeſtickten Robe bekleidet, und hatte eine Adelskrone von ſchwarzem Sammt, mit ächten Perlen beſetzt, auf dem Kopfe. Nie hatte ſie ſo lieblich ausgeſehen als an dieſem Morgen und des Königs Leidenſchaft wuchs, indem er ſie anblickte. Heinrich ſelbſt war noch koſtbarer gekleidet als am vorigen Tage. Er trug eine purpurſammtne, mit mattem damaſeirtem Golde und Spitzen geſtickte Robe. Sein Wamms war ſauber geſtickt, Aermel und Bruſt mit Goldſtoff aufgeſchlagen und mit großen Diamant⸗ und Rubinknöpfen zugeheftet. Sein Schwert und Gürtel waren mit prachtvollen Smaragden beſetzt und ſein Barett ſchimmerte von Edelſteinen. Die Schabracke ſeines Pferdes war von Goldſtoff von gitterartigem Muſter, mit Golddamaſt geſtickt, an jeder Seite mit Perlen beſetzt und mit Buckeln und Gehängen von feinem Golde verziert. Zu ſeiner Seite gingen zehn Diener, reich in Sammt und Gold⸗ ſtickerei gekleidet. Auf dieſe folgten die Ehrenpagen zu Pferde, deren Decken von karmoiſinrothem Sammt und mit goldenen Schleifen geſtickt waren. In dieſem Schmucke zog Heinrich mit ſeiner Geliebten zur großen weſtlichen Pforte der St. Georgen⸗Kapelle. Hier * ₰ ——— Erſtes Buch: Anna Boleyn. 57 ſtanden zwölf Kammerjunker mit einem goldenen Baldachin, den ſie über dem Könige und Lady Anna, die ihn bis zum Eingange des Chors begleitete, trugen; hier trennten ſich die Beiden, indem er ſich nach ſeinem Stuhle begab und ſie nach einem Sitz am nordöſtlichen Ende der Kapelle über dem Altar, während ihre Damen den daneben befindlichen Stand einnahmen. Dann begann die Frühmette und an einer beſtimmten Stelle des Gottesdienſtes nahm der Dechant eine ſilberne Kapſel, die das Herz des heiligen Georg enthielt und dem König Heinrich dem Fünften vom Kaiſer Sigismund geſchenkt worden war, und reichte ſie, nachdem einer der Kanoniker ſie mit Weihrauch beräuchert hatte, dem Könige und den Ordensrittern zum Kuſſe dar. Nach dem Offertorium ward eine Decke vor dem Altar ausgebreitet, zu deſſen beiden Seiten ſich die Almoſenritter und Herolde aufſtellten. Der Hoſenband ſtieg dann von ſeinem Sitze herab und auf einen Wink mit ſeinem Stabe ſtiegen die Ordensritter gleichfalls herab, blieben aber vor ihren Stühlen ſtehen. Darauf ſtieg auch der Schwarze⸗Stab herab, und beim Altar angekommen, brachte ihm ein Diener der Garderobe eine kleine Decke von Goldtuch und ein Kiſſen von demſelben Stoff, die auf der größeren Decke auf den oberſten Stufen hingelegt wurden. Ein großes vergoldetes Becken zum Empfang der Opfer in die Hand nehmend, ſtellte ſich der Prälat mit einem der Stiftsherren in die Mitte des Altars hin. Der König ſtand dann von ſeinem Stuhle auf und eine Verbeugung wie das erſtemal machend, ſchritt er auf den Altar zu, umgeben von dem Hoſenbande, dem Re⸗ giſtrar und dem Kanzler, nebſt dem Herzog von Richmond mit dem Staatsſchwerte, und als er die oberſte Stufe er⸗ reicht hatte, warf er ſich auf das Kiſſen nieder, während der Schwarze⸗Stab, das Knie beugend, eine goldene Kette, 58 Schloß Windſor. die nachher ausgelöst werden ſollte, dem Herzoge von Suf⸗ folk übergab, welcher die königliche Gabe darzureichen an⸗ gewieſen war und ſie in das vom Prälaten gehaltene Becken legte. Nach dieſer Ceremonie ſtand der König auf und kehrte unter denſelben Verbeugungen zu ſeinem Stuhle zurück. Dann bewegten ſich die beiden Wappenkönige, Clarenceur und Norroy das Chor entlang, und nach den gebührenden Ehrfutchtsbezeugungen gegen den Altar und den Monarchen, verbeugten ſie ſich gegen die beiden älteſten Ritter, welche darauf zum Altar ſchritten und kniend ihr Opfer brachten. Die Andern ahmten mit Beobachtung der Altersfolge ihrem Beiſpiele nach. Nach beendigtem Gottesdienſte verließen die Beamten und Ordensritter die Kapelle in derſelben Ordnung, wie ſie ſie betreten hatten, während der König am Eingange des Chors unter den Baldachin trat und bis zur weſtlichen Pforte der Kapelle ging, wo er Lady Anna erwartete. Nach deren Ankunft beſtiegen Beide ihre Roſſe und ritten unter Trompeten⸗ geſchmetter und Jauchzen der Zuſchauer nach der königlichen Wohnung. Am großen Thore abſteigend begab ſich Heinrich ins Audienzzimmer, wo ſich die Ordensritter verſammelt hatten, und nachdem er ihre Begrüßungen empfangen hatte, zog er ſich in ſeine Gemächer zurück. Hier blieb er einige Stunden in vertrauter Berathung mit dem Herzoge von Suffolk, als ihm der erſte Gang des Feſtmahls angekündigt ward, worauf er ſich ndas Audienzzimmer begab und die dort verſammelten Ordensritter begrüßte, die ſich ſogleich zum Zuge anſtellten. Dann gingen die Almoſenritter, die Stiftsherrn und die Waffendiener durch den Wachtſaal in die St. Georgen⸗Halle. Nach ihnen folgten die Ordens⸗ ritter, die ſich in doppelter Reihe nach ihrer Altersfolge auf⸗ ſtellten; und zwiſchen dieſen Reihen ſchritt der König mit ſeinen Schleppenträgern vor, bis er den beſonders für ihn — Erſtes Buch: Anna Boleyn. 59 unter einem Thronhimmel gedeckten Tiſch erreichte und ſich umwandte, um die Ehrfurchtsbezeugungen der Ritter zu empfangen. Der Graf von Orford brachte ihm als Ober⸗ kammerherr eine Gießkanne mit Waſſer, der Graf von Sur⸗ rey ein Becken und Lord Rochford ein Tellertuch. Nachdem Heinrich ſeine Waſchungen vollzogen hatte, ſagte der Prälat das Gratias, worauf ſich der König unter dem Thronhimmel in einen alterthümlichen Stuhl ſetzte, auf deſſen Rücken die Heldenthat St. Georg's künſtlich geſchnitzt war und der ehe⸗ mals dem Stifter, König Eduard dem Vierten, gehört hatte; darauf beſchied er die beiden Cardinäle zu ſich, welche eben in die Halle getreten waren und während des Mahles neben ihm, Jeder auf einer Seite, ſtehen blieben. Sobald ſich der König geſetzt hatte, bedeckten ſich die Ordensritter und zogen ſich zu der für ſie bereiteten Tafel an der rechten Seite des Saales zurück, wo ſie ſich ihrem Range nach niederſetzten, der Herzog von Richmond zu Häupten, dann der Herzog von Suffolk und dann der Her⸗ zog von Norfolk. Auf der gegenüberliegenden Seite der Halle war ein langer Schenktiſch mit Wein und Speiſen für die Bedienung der Rittertafel bedeckt. Vor dieſem ſtanden die Aufwärter, neben denen die Ehrenwache mit dem zweiten Gange auf großen vergoldeten Schüſſeln, den Tafelmeiſter an der Spitze, in zwei Reihen aufgeſtellt war. Dem Tafel⸗ meiſter gegenüber befanden ſich der Schatzmeiſter und der Aufſeher des Haushaltes, Jeder mit einem weißen Stabe. Neben ihnen ſtanden in zwei⸗Reihen die Wappenherolde, mit dem Hoſenbande an der Spitze. Der Hintergrund des Saales war mit Leibwachen, Hellebardieren und Knappen angefüllt. In einer Gallerie am untern Ende war eine Bande Spielleute aufgeſtellt und neben dieſen ſaß Lady Anna und ihre Damen, um dem Feſte zuzuſehen. Der Anblick der Halle während des Feſtmahles war 60 Schloß Windſor. im höchſten Grade prachtvoll; die obere Seite war mit flan⸗ driſchen Tapeten behangen, welche die Sage des heiligen Georg darſtellten und von Heinrich dem Sechsten herrührten, und die Wände hinter den Ordensrittern waren mit S pichen und reichen Stoffen geſchmückt. Die Tafeln ächzten unter dem Gewichte der Schüſſeln, von denen einige den heutigen Gutſchmeckern zu Liebe auf⸗ gezählt werden mögen. Es gab Georgenritter zu Pferde, junge Hühner in Bräſe, junge Schwäne, gemäſtete Kapau⸗ nen, Rehzimmer, Reiher, Lachs in Scheiben, Eierrahm mit Hoſenbändern heſetzt, Torten mit Wappen garnirt, Schnepfen, Pfauhennen, gebackene Hallibutten, Meerſchweine in Muſcheln, eingemachte Barben, Barſch in Blättern, Wildprettpaſteten, Würzweingelee und Königskreme. Ehe der zweite Gang aufgetragen ward, näherte ſich der Hoſenband, umgeben von Clarenceur und Norroy nebſt den Herolden, dem königlichen Baldachin und riefen dort dreimal mit lauter Stimme:„Largeſſe!“ Hierauf erhoben ſich alle Ordensritter und nahmen ihre Kappen ab. Dann begann der Hoſenband des Königs Titel auf Lateiniſch und Franzöſiſch und zuletzt auf Engliſch, wie folgt, auszurufen:—„Der ſehr hohe, ſehr erhabene und ſehr mächtige Monarch, Heinrich der Achte, von Gottes Gnaden König von England, Frankreich und Irland, Ver⸗ theidiger des Glaubens und Großmeiſter des ſehr edlen Hoſenbandordens.“ Nach dieſer Proclamation legte der Schatzmeiſter des Haushaltes zehn goldene Mark in des Hoſenbandes Kappe, der eine tiefe Verbeugung gegen den König machend, die Halle mit ſeinen Begleitern verließ. „Kommt, mein Herr Legat,“ ſagte Heinrich, als dieſe Ceremonie zu Ende war,„wir wollen auf meine künftige Kinzi trinken. Einen Becher!“ fügte er hinzu, zum Grafen . Erſtes Buch: Anna Boleyn. 61 von Surrey, der das Amt eines Mundſchenken verſah, gewandt. „Eure Hoheit iſt noch nicht von Eurer jetzigen Ge⸗ mahlin geſchieden,“ erwiederte Campeggiv.„Wenn Ihr erlaubt, ſo möchte ich lieber auf die Geſundheit von Katha⸗ rine von Arragonien trinken.“ „Nun, wie es Eurer Eminenz gefällig iſt,“ antwortete der König, einen Becher aus Surrey's Hand nehmend;„ich will Euch keinen Zwang anthun.“ Und nach der Gallerie blickend, heftete er ſeine Augen auf Lady Anna und leerte den Becher bis zum letzten Tropfen. „Wäre es Gift,“ murmelte Sir Thomas Wyat, der hinter dem Grafen Surrey ſtand und den Hergang beobachtete. „Behalte deine hochverrätheriſchen Gedanken für dich, Gevatter,“ ſagte Will Sommers, der ſich unter der Gruppe neben der königlichen Tafel befand,„oder es könnte dich Jemand belauſchen, der dir weniger freundlich geſinnt iſt, als ich. Ich ſage dir, Lady Anna iſt auf immer für dich verloren. Denkſt du, irgend ein Frauenzimmer würde zwi⸗ ſchen einem einfachen Ritter und einem Könige ſchwanken? Herr Herzog,“ wandte er ſich plötzlich zu Richmond, der ſich nach ihm umſah,„Ihr möchtet lieber auf jener Gallerie ſein, als hier.“ „Wie ſo, Burſche?“ fragte der Herzog. „Weil die ſchöne Geraldine dort iſt,“ erwiederte der Narr.„Und dennoch iſt Eure Durchlaucht nicht die Perſon, die ſie am liebſten bei ſich ſähe.“ „Wen ſollte ſie vorziehen?“ fragte der Herzog verdrießlich. Der Narr nickte mit einem boshaften Lächeln nach Surrey. „Ihr hörtet doch die ſo eben vom König ausgebrachte Geſundheit, Mylord,“ bemerkte der Herzog von Suffolk gegen ſeinen Nachbar den Herzog von Norfolk;„es war ein ſchlauer Wink für den päbſtlichen Geſandten, auf welche 62 Schloß Windſor. Seite ſich ſein Urtheil neigen ſolle. Eure Nichte wird ſicher⸗ lich Königin von England werden.“ „Ich habe nicht darauf Achtung gegeben, Mylord,“ entgegnete Norfolk;„bitte, wiederholt es mir.“ Suffolk leiſtete der Aufforderung Folge und ſie blieben bis ans Ende des Mahles in vertrauter Unterhaltung, wor⸗ auf der König, die Verſammlung begrüßend, ins Audienz⸗ zimmer zurückkehrte. „ V. Von der geſpenſtiſchen Jagd, die der Graf von Surrey und der Herzog von Richmond im Walde von Windſor ſahen. In derſelben Nacht mit dem Glockenſchlage Zwölf traten der Graf von Surrey und der Herzog von Richmond zum oberen Thore heraus und ſchlugen den Weg nach Herne's Eiche ein. Der Mond ſchien glänzend und ſeine Strahlen verſilberten das Laub der edlen Bäume, mit denen der Park beſetzt war. Die jungen Freunde erreichten bald den zer⸗ ſplitterten Baum; es ließ ſich aber nichts in deſſen Nähe ſehen und alles hatte ein ſo ruhiges und friedliches Anſehen, daß der Herzog von Richmond nicht umhin konnte, über ſeinen Gefährten zu lachen und die vermeinte Erſcheinung für ein Erzeugniß ſeiner übermäßig erregten Einbildungskraft zu halten. Verdrießlich über dieſe Zweifel ging der Graf weiter und vertiefte ſich in die Geſpenſterſchlucht. Der Her⸗ zog folgte ihm; obgleich ſie aber einige Augenblicke unter der knorrigen Eiche ſtille ſtanden, kam das Geſpenſt nicht zum Vorſchein. „So endigt alſo das Abenteuer mit Herne, dem Jäger!“ lachte der Herzog, als ſie ſich dem Dickicht entwanden.„Bei meiner iniet Surreh, meine Erwartungen ſind empfind⸗ — Erſtes Buch: Anna Voleyn. 63 lich getäuſcht worden. Ihr müßt irgend einen großen Hirſch, der ſich mit dem Geweih in den Zweigen der Eiche gefangen hat, für den Böſen gehalten haben.“ „Ich habe Euch ganz genau erzählt, wie es ſich zuge⸗ tragen hat,“ antwortete Surrey verdrießlich.„Ha! dort iſt er— ſeht! ſeht!“ Und er zeigte auf eine geſpenſterhafte Geſtalt, die auf einem ebenſo geſpenſterhaften Pferde in geringer Entfernung von ihnen mit außerordentlicher Schnelligkeit durch die Bäume galloppirte. Der Reiter trug den von Surrey beſchriebenen geweihartigen Helm und ſchien in einen Anzug von Reh⸗ häuten gehüllt zu ſein. Vor ihm her flog eine große Eule und ein Paar großer ſchwarzer Hunde liefen neben ihm. In ſprachloſer Verwunderung dieſe Erſcheinung anſtarrend, ſahen die beiden jungen Männer das geheimnißvolle Weſen eine hell vom Monde beglänzte Lichtung durchjagen, bis er die Gränzpfähle des Schloßparks überſprang und verſchwand. „Was ſagt Ihr nun davon?“ rief Surrey, ſobald er ſich von ſeinem Schrecken erholt hatte, den Herzog trium⸗ phirend anblickend.„War das ein Erzeugniß meiner Ein⸗ bildungskraft?“ „Wahrlich, ein ſeltſamer Anblick!“ entgegnete Richmond. „Hätten wir doch unſere Roſſe, um ihn zu verfolgen!“ „Wir können ihn zu Fuß verfolgen,“ erwiederte der Graf—„er iſt augenſcheinlich in den Wald gegangen.“ Und ſie entfernten ſich ſchleunigen Schrittes in der Rich⸗ tung, die der geſpenſtiſche Reiter eingeſchlagen hatte. Ueber die Parkpfähle kletternd, kreuzten ſie den Weg nach Alt⸗ Windſor und betraten den Theil des Waldes, der in neueren Zeiten eingehägt und den Ländereien von Frogmore einver⸗ leibt worden iſt. Einem langen Aushau nachgehend, kamen ſie zu einer dichten, mit Eichen überwachſenen Schlucht, auf deren Grunde ſich ein kleiner Teich befand. Behender als 64 Schloß Windſor. ſein Gefährte und ihm deshalb etwas voraus, bemerkte der Graf von Surrey, als er ſich dieſer Schlucht näherte, den geſpenſtiſchen Jägersmann und ſeine Hunde am Rande dieſes Gewäſſers. Der Graf rief ihn augenblicklich an, und der Reiter winkte, ſich umwendend, drohend mit der Hand, während die Hunde den Eindringling grimmig anglotzten und ihre Zähne wieſen, aber nicht bellten. Als Surrey jedoch trotz dieſer Warnung immer weiter vordrang, führte der Jäger ein ſonderbar geformtes Horn, das ihm zur Seite hing, an die Lippen und augenblicklich drangen Flammen und dicker Rauch daraus hervor, und ehe ſich der Dunſt verzogen hatte, war er mit ſeinen Hunden verſchwunden. Die Zeugen dieſes ſeltſamen Schauſpiels bekreuzten ſich gottes⸗ fürchtig und ſtiegen an den Rand des Teiches hinab; aber die zahlloſen Fährten des Wildes, das ſeinen Durſt zu ſtillen hierhin zu kommen pflegte, verhinderten ſie, die Huftritte des geſpenſtiſchen Roſſes zu unterſcheiden. „Wollen wir umkehren, Surrey?“ fragte der Herzog. „Nein,“ erwiederte der Graf;„ich bin überzeugt, wir werden den geheimnißvollen Jägersmann noch einmal ſehen. Ihr könnt zurückkehren, wenn Ihr wollt. Ich will weiter gehen.“ „Nein, ich will Euch nicht verlaſſen,“ entgegnete Richmond. Und in demſelben ſchnellen Schritte wie vorhin, eilten ſie vorwärts. Als ſie einen mit edlen Buchen und Ulmen bedeckten Hügel erſtiegen hatten, eröffnete ſich ihnen eine prächtige Ausſicht auf das Schloß, welches faſt wie ein Zaubergebäu über die von ihnen durchſtreiften Wälder her⸗ vorragte. Die jungen Männer hielten ein Weilchen an und betrachteten das entzückende Schauſpiel. Dann bogen ſie zur Rechten ein und ſtiegen noch höher, bis ſie zu einem ſchönen Buchenhain gelangten, der den Hügel bekränzte, auf welchem die Reiterſtatue Georg des Dritten ſteht. Dies Erſtes Buch: Anna Bolehn. 65 Gehölz entlang gehend, ſcheuchten ſie ein Rudel Rehe auf, die pfeilſchnell in das darunter liegende Thal hinabſchoſſen. Am Fuße zweier ſchönen Buchen lag ein anderer kleiner Teich und feſt erwartete Surrey den wilden Jäger an deſſen Ufer zu erblicken. Von dieſer Stelle konnten ſie das ganze gegenüber⸗ liegende Thal überſehen, und ſie durchmuſterten es in der Hoffnung, den Gegenſtand ihres Suchens zu erſpähen. Ob⸗ wohl nicht mit der Ausſicht an der andern Seite zu ver⸗ gleichen, war der Anblick nichts deſtoweniger voller Schönheit. Lange Aushaue und Lichtungen dehnten ſich vor ihnen aus, während man in weiter Ferne den See oder Weiher im Mondenlichte erglänzen ſehen konnte, der in ſpäterer Zeit den Namen Virginia⸗See erhalten hat. Während ſie dieſe Landſchaft betrachteten, trat plötzlich eine wie ein Förſterburſche gekleidete Geſtalt unter den Bäu⸗ men am ferneren Ende einer der Lichtungen hervor. In der Ueberzeugung, daß dieſe Perſon in irgend einer geheim⸗ nißvollen Beziehung zu dem wilden Jäger ſtehe, beſchloß der Graf ihr zu folgen, und ſeinen Verdacht und ſeine Ab⸗ ſichten dem Herzoge haſtig mittheilend, eilte er den Hügel hinunter. Aber ehe ſie den Fuß deſſelben erreicht hatten, war der Förſter verſchwunden. Endlich jedoch wurden ſie ſeiner wieder anſichtig, wie er eine Anhöhe zur Linken hinan⸗ ſtieg, und ſetzten ihm augenblicklich nach, indem ſie ſich ſorg⸗ fältig vor ihm zu verbergen trachteten. Die Klugheit dieſer Maßregel war augenſcheinlich. Denn als er ſich nicht länger beobachtet glaubte, verzögerte der Förſter ſeinen Schritt und die Andern kamen bald in ſeine Nähe. Auf dieſe Weiſe bewegten ſich beide Theile weiter, in⸗ dem der Förſter immer vorwärts eilte und dann und wann ſeinen Kopf wandte, um zu ſehen ob Jemand auf ſeiner Fährte ſei, bis er an einen durch das Holz gehauenen Weg I. 5 66 Schloß Windſor. kam, der ihn an den Rand eines zum See hinabführenden Abhanges brachte. Grade in dieſem Augenblicke zog eine Wolke vor dem Mond vorüber und begrub alles in Fin⸗ ſterniß. Die beiden Beobachter konnten jedoch noch ſehen, wie der Förſter ſich einer uralten Buche von ungeheurem Umfange näherte und dreimal mit einem kurzen Jagdſpeere, den er in der Hand hielt, anſchlug. Da dies Zeichen unbeantwortet blieb, ſo verließ er den Baum und ſchlug ſeinen Weg längs einem zur Rechten liegenden Hügel ein. Unter dem Schutze eines auf der Spitze deſſelben Hügels befindlichen Dickichts folgten ihm Surrey und Richmond und ſahen ihn auf eine andere Buche von faſt doppelt ſo großem Umfange zugehen. Bei dieſem mächtigen Baume angelangt, ſchlug er ihn mit ſeinem Speer, während eine große Eule auf einem laubloſen Zweige zu kreiſchen anfing; eine Fledermaus umkreiſtte den Baum und zwei große Schlangen, im Mondſchein glänzend, krochen von ſeinen Wurzeln fort. So wie er den dritten Schlag gegen den Baum führte, drang dieſelbe geſpenſterhafte Geſtalt, die die beiden Beobachter durch den Schloßpark hatten reiten ſehen, aus deſſen geſpaltenem Stamme hervor und redete den Anklopfenden in dem Anſcheine nach drohenden und ge⸗ bieteriſchen Tönen an, deren Inhalt jedoch den Lauſchern entging. Die Neugierde der beiden Zuſchauer war bis auf's Höchſte geſteigert, aber eine unerklärliche Scheu verhinderte ſie vorwärts zu dringen. Plötzlich ſchwang der wilde Jäger eine Pike, mit der er bewaffnet war und gab einen eigenthümlichen, eulen⸗ artigen Schrei von ſich. Auf dieſen Laut ſtürzten, wie durch Zauberei, ein Paar Roſſe in Begleitung von zwei Jagdhunden aus dem Dickicht. In einem Nu ſchwang ſich der wilde Jäger auf das eine und der Förſter beſtieg faſt eben ſo geſchwind das andere. Dann galloppirte das Paar — Erſtes Buch: Anna Boleyn. 67 die Schlucht entlang, während die Eule vor ihnen herflog und die Hunde ihnen zur Seite jagten. Die beiden Freunde ſahen einander eine Zeit lang in ſprachloſer Verwunderung an. Dann ſtiegen ſie muthig zum Geſpenſterbaume hinab, konnten aber keine Spuren des ſon⸗ derbaren Weſens entdecken, von dem er kürzlich bewohnt worden war. Nach einer Weile nahmen ſie ihren Weg nach dem Schloſſe zurück, in der Hoffnung dem wilden Jäger noch einmal zu begegnen. Hierin täuſchten ſie ſich nicht. Als ſie durch ein Thal ſchritten, ſchoß ein Edelhirſch vor⸗ über. Dicht auf den Ferſen folgten ihm die beiden ſchwarzen Hunde und nach ihnen kamen die beiden Jäger, in raſender Eile auf ihren Roſſen, die Rauch und Flammen zu ſpeien ſchienen, nachſtürmend. In einem Augenblicke waren Reiter und Hunde ver⸗ ſchwunden und das Stampfen der Roſſe verſchwamm in der Ferne. Bald darauf traf ein leiſer Ton, wie das Blaſen eines Jagdhornes, ihr Ohr und die beiden Lauſcher zwei⸗ felten nicht, daß der Hirſch niedergerannt ſei. Sie eilten in der Richtung des Tones fort; obgleich aber die Ausſicht auf eine beträchtliche Entfernung ganz frei war, ſo konnten ſie doch weder von den Reitern, von Bunden, noch vom Wilde etwas erſpähen. VI. Wie die ſchöne Geraldine ihren Geliebten mit einer Reliquie beſchenkt. — Wie Surrey und Richmond um Mitternacht im Walde ritten,— und wie ſie den Leichnam von Mareus Fytton, dem Schlächter, fanden. Surrey und Richmond verabredeten für's Erſte nichts von ihrem geheimnißvollen Abenteuer im Walde zu erzählen; aber ihre verwilderten Blicke, als ſie ſich am nächſten 68 Schloß Windſor. Morgen in Lady Anna Bolehn's Empfangzimmer zeigten, verriethen, daß etwas vorgefallen ſei und ſie hatten ein langes Verhör vor der ſchönen Geraldine und Lady Maria Howard zu beſtehen. „Ich habe Euch niemals bei ſo ſchlechter Laune geſehen, Mhlord,“bemerkte die ſchöne Geraldine zu Surrey;„Ihr müßt die ganze Nacht beim Studiren zugebracht haben— oder was noch wahrſcheinlicher iſt, Ihr habt den Jäger Herne wieder geſehen. Geſteht nur, Ihr ſeid im Walde geweſen.“ „Ich will alles geſtehen, was Ihr wollt,“ erwiederte Surrey ausweichend. „Und was habt Ihr geſehen?— eine noch ſeltſamere Erſcheinung als die erſte?“ ſetzte die ſchöne Geraldine hinzu „Da Eure Herrlichkeit für mich antwortet, ſo bedarf es keiner Erklärung von meiner Seite,“ antwortete Surrey mit einem matten Lächeln.„Wißt Ihr denn nicht, daß diejenigen, welche überirdiſchen Weſen begegnen, gewöhnlich zu tiefem Stillſchweigen verpflichtet ſind?“ „Das iſt nicht der Fall, hoffe ich, mit Euch, Heinrich?“ rief Lady Maria Howard erſchrocken;—„und auch nicht mit Euch, Mylord?“ fügte ſie zum Verzog von Richmond ge⸗ wendet hinzu. „Ich bin ebenſo verpflichtet, wie Surrey,“ erwiederte der Herzog geheimnißvoll. „Ihr ſtachelt meine Neugierde, Mylords,“ ſagte die ſchöne Geraldine,„und da es kein anderes Mittel ſie zu befriedigen gibt, ſo wollen wir uns ſelbſt in den Wald wagen, wenn Lady Maria Howard mich begleiten will, und verſuchen, vb wir dieſem wilden Jäger nicht begegnen. Wollen wir dieſe Nacht?“ „Nicht um die ganze Welt,“ erwiederte Lab Maria chaudernd;„ich würde vor Schrecken ſterben, wenn ich Herne erblickte.“ „ Erſtes Buch: Anna Boleyn. 69 „Eure Furcht iſt ungegründet,“ bemerkte Richmond galant.„Die Gegenwart zweier ſo ſchöner und Keiner Weſen, wie Ihr und Lady Eliſabeth Fitzgerald, würde alles Böſe verſcheuchen. Lady Maria dankte ihm mit einem ſtrahlenden Lächeln, aber die ſchöne Geraldine konnte ein kleines Gelächter nicht unterdrücken. „Eure Durchlaucht ſchmeichelt uns ſehr,“ ſagte ſie. „Aber bei allem Glauben an Schönheit und Reinheit möchte ich mich doch lieber auf eine Reliquie, die ich beſitze, ver⸗ laſſen, deren Kraft gegen böſe Geiſter oft erprobt worden iſt. Sie ward von einem Mönche, der arg von einem Teufel verſucht worden war und ihr ſeine Rettung verdankte, meinem Ahnherrn Luigi Geraldi zu Florenz gegeben; und von ihm hat ſie ſich auf mich vererbt.“ „Ich wünſchte, ich hätte eine Gelegenheit, ihre Wirk⸗ ſamkeit zu erproben!“ rief Surrey aus. „Das ſollt Ihr, wenn Ihr wollt,“ verſetzte die ſchöne Geraldine.„Ich will Euch die Reliquie geben, unter der Bedingung, daß Ihr Euch derſelben niemals an Freund oder Feind entäußert.“ Und ein kleines, an einer Kette um ihren Hals hängendes goldenes Kreuz ablöſend, gab ſie es dem Grafen von Surrey- „Dies Kreuz enthält die Reliquie,“ fuhr ſie fort;„tragt es, und möge es Euch vor allem Uebel beſchützen.“ Surrey's bleiche Wange erglühte, indem er das Ge⸗ ſchenk annahm. „Ich werde mich nur mit meinem Leben davon trennen!“ rief er, das Kreuz an ſeine Lippen drückend und dann an ſein Herz legend. „Ich würde mein halbes Herzogthum darum gegeben haben, ſolche Gunſt zu erhalten,“ ſagte Richmond verſtimmt. Und die kleine Gruppe verlaſſend, trat er zu Lady Anna. 70 Schloß Windſor. Heinrich,“ ſagte Lady Maria, ihren Bruder bei Seite niln⸗„Ihr werdet Euren Freund verlieren.“ „Meinethalben,“ entgegnete Surrey. „Aber Ihr könnt Euch ſeine Feindſchaft zuziehen,“ fuhr Lady Maria fort.„Ich ſah den Blick, den er eben auf Euch warf,— ganz wie des Königs ſchrecklicher Blick, wenn er zornig iſt.“ „Nun, noch einmal, meinethalben,“ wiederholte Surrey. „Mit dieſer Reliquie bewaffnet, biete ich aller Feindſchaft Trotz.“ „Sie wird Euch wenig gegen Richmond's Nebenbuhler⸗ ſchaft und Widerſtand helfen,“ entgegnete ſeine Schweſter. „Wir wollen ſehen,“ erwiederte Surrey.„Wäre der König ſelbſt mein Nebenbuhler, ſo würde ich meine An⸗ ſprüche auf die ſchöne Geraldine nicht aufgeben!“ „Gut geſprochen, Mylord,“ ſagte Sir Thomas Wyat, der ſeine Betheuerung gehört hatte und ſich ihm näherte. „Möchte Euch der Himmel vor ſolcher Gefahr behüten!“ „Ich ſage Amen zu dem Wunſche, Sir Thomas,“ ant⸗ wortete Surrey.„Ich möchte meine Unterthanentreue nicht verletzen, und doch, unter ſolchen Umſtänden—“ „Was würdet Ihr thun?“ unterbrach ihn Wyat. „Mein Bruder iſt ein voreiliger Knabe und hat noch nicht Klugheit gelernt, Sir Thomas,“ vermittelte Lady Maria, durch einen bedeutungsvollen Blick dem Grafen Stillſchweigen aufzuerlegen verſuchend. „So jung wie er iſt, liebt er doch aufrichtig und treu,“ bemerkte Wyat mit düſterem Tone. „Was bedeutet alles dies?“ fragte die ſchöne Geral⸗ dine, die mittlerweile durch das Fenſter auf den Hof hinab⸗ geſehen hatte. Ich drückte nur meinen Wunſch aus, daß Surrey niemals einen König zum Nebenbuhler haben möge, ſchönes antwortete Wyat. Erſtes Buch: Anna Byleyn. 71 „Es kommt wenig darauf an, wer ſein Nebenbuhler iſt,“ erwiederte Geraldine,„wenn nur diejenige, welhhe er liebt, beſtändig iſt.“ „Ja wohl, Mylady, ja wohl,“ ſagte Wyat mit großer Bitterkeit. In dieſem Augenblicke näherte ſich ihnen Will Sommers. „Ich komme, um Euch zu Lady Anna zu entbieten, Sir Thomas, und Euch zu dem Könige, Mylord von Sur⸗ rey,“ ſagte der Narr.„Ich habe wohl bemerkt, was eben geſchah,“ bemerkte er gegen den Letzteren, indem ſie ſich dem königlichen Thronhimmel näherten, unter dem Heinrich und Lady Anna Boleyn ſaßen;„aber Richmond wird ſie bei alle dem doch nicht ohne Widerſtand aufgeben.“ Anna Boleyn hatte Sir Thomas Wyat zu ſich rufen laſſen, um ihre Eitelkeit zu befriedigen und ihm den unbe⸗ gränzten Einfluß zu zeigen, den ſie über ſeinen königlichen Nebenbuhler beſaß; und die halbunterdrückte Qual, die der unglückliche Liebhaber bei dieſem Schauſpiele zeigte, gewährte ihr ein Vergnügen, wie es nur die ausgelernteſte Kokette fühlen kann. Surrey war vom Könige entboten worden, um in ſeiner Eigenſchaft als Unterkammerherr Befehle wegen eines Lanzen⸗ ſtechens und einer Jagdpartie zu empfangen, die an auf⸗ einanderfolgenden Tagen, das eine in dem oberen Schloßhofe, die andere im Walde, gehalten werden ſollten. Begierig einen Bruch mit Richmond zu vermeiden, nä⸗ herte ſich Surrey, ſobald er des Königs Befehle erhalten hatte, nun da er etwas ruhiger geworden war, dem Her⸗ zoge; und dieſer, der ſich ebenfalls ſeine Empfindlichkeit weggegrübelt hatte, war bald beſänftigt, und ſie waren wieder, allem Anſcheine nach, ſo gute Freunde wie je. Bald darauf zog ſich Lady Anna mit ihren Damen zu⸗ rück und da der Hof aufbrach, ſo ſchlenderten die beiden 72 Schloß Windſor. Edelleute auf die ſtattliche Terraſſe an der Nordſeite des Schloſſes, wo ſie in die prächtige Gegend, die es beherrſchte, hineinſchauend, die geheimnißvolle Begebenheit der vergan⸗ genen Nacht noch einmal beſprachen. „Ich kann nicht umhin zu argwöhnen, daß der Förſter, den wir bei dem wilden Jäger ſahen, Morgan Fenwolf war,“ bemerkte der Graf.„Wie, wenn wir nachfragten, ob er dieſe Nacht zu Hauſe zugebracht hat. Wir können ſeine Wohnung leicht von Bryan Bowntance, dem Wirth zum Hoſenbande, erfahren.“ Richmond willigte in den Vorſchlag ein. Sie begaben ſich demgemäß nach dem Kreuzgang der St. Georgen⸗Kapelle und ſich durch einige krumme Gaſſen zwiſchen den Wohnungen der Stiftsherren windend, gingen ſie durch eine kleine, von einer Schildwache beſetzte Thür, die auf eine abſchüſſige und etwas gefährliche Flucht in den Felſen gehauener Stufen ging und in die Stadt führte. Niemand als die vornehmſten Mitglieder des königlichen Haushalts durfte ſich dieſes Ausganges aus dem Schloſſe bedienen; dies Vorrecht erſtreckte ſich aber natürlich auch auf Richmond und Surrey. Hier ward in ſpäteren Zeiten, als das Schloß nicht mehr ſo ſtrenge bewacht wurde, ein be⸗ quemerer Zugang gebaut und von der Anzahl der Staffeln „die hundert Stufen“ benannt. Nachdem ſie in Sicherheit unten angelangt waren und der Schildwache am Fuße der Stufen das Paßwort gegeben hatten, traten die beiden jungen Edelleute auf die Straße und der erſte Gegenſtand, deſſen ſie anſichtig wurden, war der Leichnam des unglücklichen Schlächters, der an der Spitze des Curfew⸗Thurmes baumelte, wo er auf Befehl d Kö⸗ nigs gelaſſen worden war. Den Blick von dem graufigen Anblick abwendend, ſchlugen ſie die Themſeſtraße ein und erreichten bald das Erſtes Buch: Anna Boleyn. 73 Hoſenband. Der ehrliche Brhan ſaß mit einem Kruge von ſeinem eigenen Bier auf einer Bank vor ſeiner Wohnung und erhob ſich bei ihrer Annäherung mit einer ehrerbietigen Verbeugung. Auf ihre Frage nach dem Gegenſtande ihres Suchens belehrte er ſie, daß Morgan Fenwolf in einer kleinen Hütte am Ufer des Fluſſes nicht weit von der Brücke wohne und daß er ſie ſelbſt dahin begleiten wollte, wenn es ihnen ge⸗ fiele,— ein Anerbieten, das gern angenommen wurde. „Wißt Ihr etwas von dieſem Fenwolf?“ fragte Surrey im Gehen. „Nichts Beſonderes,“ erwiederte Bryan zaudernd;„es ſind ſonderbare Gerüchte über ihn im Umlauf, aber ich glaube nicht daran.“ „Was für Gerüchte ſind dies, mein Freund?“ fragte der Herzog von Richmond. „Ja, Eure Durchlaucht, man ſollte ſeine Worte in Acht nehmen, um einen unſchuldigen Menſchen nicht in Ge⸗ fahr zu bringen,“ verſetzte der Wirth.„Wenn die Wahr⸗ heit aber einmal geſagt werden muß, ſo ſpricht man, daß Morgan Fenwolf im Bunde mit dem Teufel iſt— oder mit Herne, dem Jäger, was auf eins hinausläuft.“ Richmond wechſelte einen Blick mit ſeinem Freunde. „Die Leute reden von ſonderbaren Erſcheinungen neulich im Walde,“ fuhr Bryan fort;„und es mag ſich wohl ſo verhalten. Ich ſelbſt habe aber nichts geſehen,— freilich gehe ich auch niemals dahin. Die Förſter pflegten zu meiner Kinderzeit von dem Jäger Herne zu erzählen,— aber ich glaube, es war nur ein Popanz, um die Wilddiebe in Schreck zu jagen; und ich denke, es iſt heute nicht viel anders.“ Weder Surrey noch Richmond machten eine Bemerkung darüber und ſie erreichten alsbald des Förſterburſchen Wohnung. Es war ein kleines hölzernes Häuschen, das, wie der — 74 Schloß Windſor. Wirth angegeben hatte, am Ufer des Fluſſes, ungefähr eine Bogenſchußweite von der Brücke lag. Die Thüre ward von Bryan geöffnet und die Geſellſchaft trat ohne weitere Cere⸗ monie ein. Sie fanden Niemand vor als eine alte Frau mit rauhen, gefurchten Zügen und einem ſo bösartigen Blick, wie der einer Hexe, die Bryan Bowntance ihnen als Fen⸗ wolf's Mutter vorſtellte. Dies alte Weib betrachtete unruhig die Eindringlinge. „Wo iſt Euer Sohn, alte Frau?“ fragte der Herzog. „Auf ſeinem Gange durch den Wald,“ erwiederte das alte Weib barſch. „Um welche Zeit ging er aus?“ fragte Surrey. „Eine Stunde vor Tagesanbruch, nach ſeiner Gewohn⸗ heit,“ antwortete ſie ebenſo kurz wie vorher. „Wißt Ihr gewiß, daß er die Nacht zu Hauſe zugebracht hat, alte Frau?“ ſagte Surrey. „So gewiß als ich weiß, daß Ihr mich danach fragt,“ erwiederte ſie.„Ich kann Euch das Bette zeigen, auf dem er geſchlafen hat, wenn Ihr es zu ſehen wünſcht. Er begab ſich bald nach Sonnenuntergang zur Ruhe, ſchlief ſo feſt, wie immer, und ſtand auf, wie ich Euch geſagt habe. Ich machte Feuer an und kochte ihm ſelbſt die Suppe.“ „Wenn ſie die Wahrheit ſagt, ſo müßt Ihr Euch geirrt haben,“ bemerkte Richmond flüſternd ſeinem Freunde. „Ich glaube ihr nicht,“ antwortete Surrey ebenſo leiſe. „Zeigt uns ſeine Kammer, Alte.“ Das Weib willfahrte ihm mürriſch und zeigte ihnen, eine Seitenthür öffnend, ein inneres Gemach, in welchem ein elendes Bett ſtand. Es war nichts Bemerkenswerthes in dem Zimmer, als ein Paar Fiſchernetze, ein Jagdſpeer und eine alte Armbruſt. Ein kleines offenes Fenſter ſah auf den Fluß, deſſen helles, ſprudelndes Gewäſſer unmittelbar darunter vorbeifloß. ———————— Erſtes Buch: Anna Boleyn. 75 Surreh näherte ſich dem Fenſter und hatte eine ſchöne Ausſicht auf die Brocas⸗Wieſen an der einen Seite, und auf das umhainte Collegium von Eton auf der andern. Seine Aufmerkſamkeit ward jedoch durch ein heftiges Gebelle draußen abgelenkt; und im nächſten Augenblick drang trotz des Gepolters des alten Weibes ein großer ſchwarzer Jagd⸗ hund, den Surrey als Fenwolfs Hund Bawſey wieder kannte, in das Zimmer und ſtürzte wüthend auf ihn los. Surrey zog ſeinen Dolch, um ſich gegen den Hund zu wehren; dieſe Vorſichtsmaßregel war unnöthig. Bawſey's Grimm ver⸗ wandelte ſich plötzlich in die demüthigſte Unterwürfigkeit, und mit bangem Geheul entfernte er ſich mit eingezogenem Schwanze aus dem Zimmer. Sogar das alte Weib ließ einen Ausruf des Erſtaunens hören. „Gott helf' uns!“ ſchrie Bryan—„hat man je ſo was geſehen! Eure Herrlichkeit muß eine ſeltſame Gewalt über Hunde haben. Man ſagt,“ fügte er flüſternd hinzu, „daß dieſer Hund ein Kobold ſei.“ „Die Kraft der Reliquie iſt erprobt,“ bemerkte Surrey gegen Richmond mit leiſer Stimme. „Es ſcheint ſo,“ erwiederte der Herzog. Das alte Weib glaubte jetzt ein ehrerbietigeres Betragen gegen ihre Gäſte annehmen zu müſſen und fragte, ob ihr Sohn ihnen nach ſeiner Rückkunft aus dem Walde aufwarten ſollte; ſie ſagten aber, daß es nicht nöthig ſei. „Der König wird auf Uebermorgen eine große Jagd⸗ partie anordnen,“ bemerkte Surrey,„und wir wollten Eurem Sohne deshalb einige Befehle ertheilen. Sie können aber einem andern Förſter gegeben werden.“ Somit entfernten ſie ſich mit Brhan und kehrten zum Schloſſe zurück. Uum Mitternacht gingen ſie wieder hinaus. Ihre Roſſe warteten ihrer am oberen Thore und ſie galloppirten über 76 Schloß Windſor. die Haide nach der Herne's⸗Eiche hin. Da ſie hier keine Spuren des wilden Jägers bemerkten, ſo richteten ſie ihren Weg nach dem Walde. Ihre Roſſe zur äußerſten Eile anſpornend und die lange Allee verfolgend, hielten ſie die Zügel nicht eher an, als bis ſie die jenſeitige Anhöhe erreicht hatten; nachdem ſie ſie er⸗ ſtiegen hatten, jagten ſie die andere Seite derſelben mit der vorigen Geſchwindigkeit hinunter. Der Ritt regte ſie be⸗ deutend auf; ſie ſahen aber nichts von dem wilden Jägers⸗ mann; auch ſchlug kein Laut an ihr Ohr außer dem Stampfen ihrer eigenen Pferde und dem jeweiligen Vorüber⸗ rauſchen eines aufgeſcheuchten Wildes. In weniger als einer Viertelſtunde waren ſie bei der ſpukenden Buche. Alles war hier aber ruhig und einſam wie bei der zerſchmetterten Eiche. Umſonſt ſchlug Surreh an den Baum. Keine Antwort erfolgte auf die Heraus⸗ forderung, und da ſie alle Bemühungen das Geſpenſt hervor⸗ zurufen vergeblich fanden, ſo verließen ſie den Platz, wandten ihre Roſſe zur Rechten und ritten langſam den Hügel hinauf. Ehe ſie den Kamm des Hügels erreichten, traf der ſchwache Ton eines Horns, der offenbar aus dem Thale neben dem See kam, ihr Ohr. Sie hielten augenblicklich an und blickten nach jener Seite hin, konnten aber nichts ſehen. Jedoch bald ward der Klang lauter als vorher wiederholt, und von ihm geleitet ſahen ſie den geſpenſtiſchen Jäger unter den Bäumen in der Entfernung von etwa einer Viertelmeile vorüberreiten. Ihren Roſſen die Sporen gebend, machten ſie auf der Stelle Jagd auf ihn; aber obgleich er ſie durch Dickicht und Schluchten lockte, bald über einen Hügel ſtürmend, bald ſich in ein Thal vertiefend, bis ihre Roſſe Spuren von Ermüdung zeigten, ſo konnten ſie ihm doch nicht näher kommen; und endlich, als ſie ſich dem Schloßparke näherten, bis zu dem ——— Erſtes Buch: Anna Boleyn. 7 er ſie allmälig geführt hatte, verſchwand er ihnen gänzlich aus den Augen. „Ich will meinen Stand bei der zerſplitterten Eiche nehmen,“ ſagte Surrey dorthin galloppirend,„das Geſpenſt wird ſicherlich ſeinen Lieblingsbaum noch vor'm Hahnenſchrei beſuchen.“ „Was iſt das?“ rief der Graf von Surrey, auf einen ſeltſamen und grauſig ausſehenden Gegenſtand zeigend, der an einem Baume hing.„Jemand hat ſich erhängt! Viel⸗ leicht iſt es der Schurke, Morgan Fenwolf.“ Einmüthig jagten ſie vorwärts; und ſo wie ſie ſich dem Baume näherten, bemerkten ſie daß der Gegenſtand ihrer Aufmerkſamkeit der Leichnam Mareus Fytton's, des Schläch⸗ ters, war, den ſie erſt vor ſo kurzer Zeit an der Spitze des Curfew⸗Thurms hatten baumeln ſehen. Er hing jetzt an einem Zweige der Geſpenſtereiche. Eine kleine Rolle war auf der Bruſt des Leichnams befeſtigt und Surrey, der ſie herunternahm, las die folgenden in groben Zügen geſchriebenen Worte:„Marecus Fytton gehört jetzt zur Bande Herne's, des'Jägers.“ „Meiner Treue, dies geht über alle Begriffe,“ ſagte Richmond nach kurzem Stillſchweigen.„Dies Schloß und dieſer Wald ſcheinen unter dem Scepter von dunkeln Mächten zu ſtehen. Laßt uns umkehren. Ich habe genug von dem Abenteuer für heute Nacht.“ Damit ritt er auf das Schloß zu und langſameren Schrittes folgte ihm der Graf. 78 Schloß Windſor. VII. Wie der Graf von Surrey und die ſchöne Geraldine ſich in dem Kreuz⸗ gang der St. Georgs⸗Kapelle Trenue ſchworen. Am folgenden Morgen wurden auf der oberen Schanze des Schloſſes Schranken errichtet, und Lady Anna und ihre Damen verſammelten ſich der königlichen Wohnung gegenüber auf einem Balkon, der mit flandriſchen Tapeten, köſtlichen Teppichen und reichen Stoffen behangen war, um dem Schau⸗ ſpiel zuzuſehen. In allen männlichen Uebungen ausgebildet, brach Hein⸗ rich einige Lanzen mit ſeinem Schwager, dem Herzog von Suffolk, der für ihn an Gewicht und Leibeskraft ein vor⸗ trefflicher Gegner war; und endlich, obwohl es ihm nicht gelang, den Herzog aus dem Sattel zu heben, ſtieß er ihm den Helm herunter, deſſen Schnalle, wie man ſich zuflüſterte, abſichtlich nicht befeſtigt war; und als er demzufolge für den Sieger erklärt worden war, empfing er den Preis— eine von ihr ſelbſt geſtickte Schärpe— aus den Händen der ſchönen Anna. Dann zog er ſich aus den Schranken zurück, um ſie den jüngeren Rittern zum Ringelrennen zu überlaſſen. Zu⸗ erſt von allen ſtieg Sir Thomas Wyat in den Kampſplatz hinab; und da er als geſchickter Ringer bekannt war, ſo er⸗ wartete man, daß er ſiegreich davon ziehen würde. Aber ein Blick von dem königlichen Balkon machte ſeinen Arm zittern und er verfehlte das Ziel.+ Zunächſt kam der Herzog von Richmond in prächtiger Kleidung. Ueber Wyat's erfolgloſen Verſuch lachend, ver⸗ 3 beugte er ſich gegen die ſchöne Geraldine und eine Lanze von ſeinem Stallmeiſter empfangend, legte er ſie ein und ritt — — Erſtes Buch: Anna Boleyn. 79 muthig vorwärts. Er war aber ebenſo unglücklich und ent⸗ fernte ſich mit verdrießlicher Miene. Der dritte Ritter, der ſich ſtellte, war Surrey. Auf ſeiner ſchwarzen arabiſchen Lieblingsſtute reitend,— ein Roß, welches obwohl feurig, doch ſeinen geringſten Bewegungen gehorchte,— nahm ſich ſeine ſchlanke, wohlgebaute Geſtalt auf's vortheilhafteſte in ſeiner dichtanliegenden ſammtnen Klei⸗ dung aus. Ohne einen Blick auf den königlichen Balkon zu wagen, legte der Graf die Lanze ein und vorwärts ſpren⸗ gend, trug er den Ring auf deren Spitze davon. Unter dem Beifallsgerufe der Zuſchauer trabte er dann rund um den Kampfplatz und erhob, beim königlichen Balkon an⸗ langend, die Lanze, um den Ring der ſchönen Geraldine dar⸗ zubieten, die ihn erröthend annahm. Heinrich, obgleich gar nicht mit Surreys Erfolge zufrieden, da er auf Koſten ſeines Sohnes geerntet war, beglückwünſchte ihn wegen ſeiner Ge⸗ ſchicklichkeit und Anna Bolehn ſtimmte mit Wärme in ſein Lob ein. Die Schranken wurden dann geſchloſſen und der Hof zog ſich zurück, um einige Erfriſchungen zu genießen; wor⸗ auf er ſich zu den auf der breiten Wieſe zu Norden des Schloſſes aufgerichteten Scheiben begab, wo der Herzog von Shoreditch und ſeine Geſellen einen gutgeführten Wettkampf mit dem Bogen unterhielten. Während dieſer Spiele hielt ſich Surrey ſo nahe wie möglich bei der ſchönen Geraldine, und obgleich ſich nur wenige Gelegenheiten darboten, einige Worte mit ihr zu wechſeln, ſo ſprachen ſeine Blicke eine hinlänglich verſtändliche Sprache. Endlich als ſie im Begriffe waren, in den Palaſt zurückzukehren, flüſterte er ihr mit bittendem Tone ins Ohr: „Ihr werdet heute Abend der Veſper in St. Georgen⸗ Kapelle beiwohnen. Kehrt durch den Kreuzgang zurück. Bwilligt mir dort eine kurze Unterredung.“ 80 Schloß Windſor. „Kann's nicht verſprechen,“ erwiederte die ſchöne Ge⸗ raldine und folgte in dem Zuge der Lady Anna. Des Grafen Bitte war nicht unbelauſcht geblieben. Während der königliche Zug ſich nach dem Schloſſe begab, gelang es Will Sommers ſich dem Herzoge von Richmond zu nähern, und in ſpottendem Tone ſagte er zu ihm: „Ihr habt heute nur mittelmäßig nach dem Ringe ge⸗ ſtochen, Gevatter. Der muntere Surrey ritt beſſer und trug den Preis davon.“ „Die Peſt über dich, du Gauch, und ſchweige!“ rief Richmond zornig.„Mißlingen iſt ſchlimm genug ohne deine Spötterei.“ „Wenn Ihr nur den Ring verfehlt hättet, Gevatter, ſo würde ich nichts geſagt haben,“ fuhr Will Sommers fort;„aber Ihr habt eine goldene Gelegenheit verloren, Euch bei Eurer Herzensgeliebten zu empfehlen. Alle Eure Hoffnungen ſind nun zu Ende. Ein Wort ins Ohr. Die ſchöne Geraldine will heut' Abend allein mit Surrey zu⸗ ſammentreffen.“ „Du lügſt, Schurke!“ ſchrie der Herzog wüthend. „Eure Durchlaucht wird ſich vom Gegentheil überzeugen, wenn Ihr Euch zur Veſperzeit bei Wolſey's Grabgewölbe einfinden wollt,“ erwiederte der Narr. „Ich werde dort ſein,“ verſetzte der Herzog;„wenn ich aber in den Wind geſchickt werde, ſo ſoll dich ſelbſt mein königlicher Vater nicht vor Strafe ſchützen.“ „Ich will jede Strafe dulden, die Eure Durchlaucht über mich verhängen mag, wenn ich nicht die Wahrheit meiner Behauptung beweiſe,“ erwiederte Sommers und. miſchte ſich unter den Nachtrab des Zuges. Die beiden Freunde vermieden ſich, wie auf Verab⸗ redung, während des übrigen Tages, Surrey im Bewußt⸗ ſein, daß er ſein Herz nicht vor Richmond ausſchütten könne, Erſtes Buch: Anna Boleyn. 81 und Richmond in eiferſüchtigem Hinbrüten über die vom Narren erhaltene Kunde. Zur feſtgeſetzten Zeit begab ſich der Herzog nach der unteren Schanze und ſtellte ſich neben Wolſey's Grabgewölbe. Als er dort angekommen war, ertönte eben die Veſperhymne aus dem angränzenden Tempel und ihre feierlichen Weiſen beſänftigten einigermaßen ſeine Aufregung. Aber ſie ver⸗ klangen, und da der Narr ſich nicht ſehen ließ, ſo wurde Richmond ungeduldig und fing an zu fürchten, daß er von ſeinem Angeber zum Beſten gehabt werde. Endlich war der Gottesdienſt zu Ende und alle Geduld verlierend war er grade im Begriff fortzugehen, als der Narr um die untere Ecke des Grabgewölbes herumlugte und ihm zuwinkte. Der Aufforderung entſprechend folgte der Herzog ſeinem Führer das zum Kreuzgang führende Gewölbe hinunter. „Tretet leiſe auf, Gevatter, oder Ihr werdet ſie ver⸗ ſcheuchen,“ ſagte Sommers mit gedämpfter Stimme. Sie bogen um die Ecke des Kreuzganges; und dort, neben dem Eingang zur Kapelle, ſtand das jugendliche Paar, — die ſchöne Geraldine halb an des Grafen Bruſt gelehnt, während ſein Arm ihren ſchlanken Leib umfaßte. „Seht Ihr?“ flüſterte der Narr mit boshaftem Kichern, „ſeht Ihr? habe ich die Unwahrheit geſagt— ha! Gevatter?“ Richmond legte die Hand ans Schwert. „Still!“ rief der Narr—„hört was die ſchöne Ge⸗ raldine zu ſagen hat.“ „So dürfen wir nicht mehr zuſammentreffen, Surrey!“ flüſterte ſie;„ich fühle, daß ich Unrecht that, Euch dieſe Unterredung zu bewilligen, aber ich konnte nicht anders. Wenn noch einige Jahre über Euer Paßt gegangen ſind und Euer Herz dann unverändert bleibt— „Es wird ſich niemals ändern!“ unterbrach ſie Surrey. öni Euch hier feierlich Treue.“ 82 Schloß Windſor. „Und ich erwiedere den Schwur,“ antwortete die ſchöne Geraldine ernſtlich.„Ich gelobe die Eurige zu ſein und nur die Eurige.“ „Könnte Richmond Euer Gelübde hören!“ ſagte Surrey. „Es würde ſeine Hoffnungen vernichten.“ „Er hat es gehört!“ rief der Herzog vortretend.„Aber ſeine Hoffnungen ſind noch nicht vernichtet.“ Die ſchöne Geraldine ſtieß einen leichten Schrei aus und entwand ſich dem Arme des Grafen. „Richmond, Ihr habt unwürdig gehandelt, ſo den Lauſcher zu ſpielen,“ ſagte Surrey zornig. „Niemand als ein Lauſcher kann ſolche Unterredungen, wie dieſe, überraſchen,“ erwiederte Richmond bitter.„Die Lady Eliſabeth Fitzgerald hätte lieber auf ihrem Zimmer bleiben ſollen, als hierher zu kommen, um einem Knaben Treue zu ſchwören, der ſeinen Sinn ändern wird, ehe ihm der Bart gewachſen iſt.“ „Eure Durchlaucht werden den Knaben Mannes genug finden, eine Beleidigung zu rächen,“ entgegnete Surrey barſch. „Ich freue mich es zu hören!“ antwortete der Herzog.. „Lady Eliſabeth Fitzgerald, ich muß Euch erſuchen, nach Eurer Wohnung zurückzukehren. Des Königs Narr wird Euch geleiten. Mir nach, Mylord!“ Zu erbittert um zu zaudern, folgte Surrey dem Herzoge den Gang entlang, und im nächſten Augenblick hörte man Schwertergeklirre. Die ſchöne Geraldine kreiſchte laut auf und Will Sommers fing an zu denken, daß der Spah ein bischen zu weit gegangen ſei. .„Was iſt zu thun?“ rief er.„Wenn der König vovn ieſem Streite hört, ſo wird er ſicherlich den Grafen von 3 Surreh in Haft bringen laſſen. Es thut mir jetzt Leid, den Herzog hierher geführt zu haben.“ 5 B Erſtes Buch: Anna Boleyn. 83 „Ihr habt ſehr boshaft gehandelt,“ rief die ſchöne Ge⸗ raldine;„aber eilt und verhindert ferneres Unheil.“ So fortgetrieben, lief der Narr nach der unteren Schanze und erzählte einem Offizier von der Leibwache, den er mit zwei Hellebardieren am Eingange von St. Georgs⸗Kapelle fand, was vorgefallen ſei, worauf dieſe augenblicklich mit ihm zum Kampfplatze eilten. „Mylords!“ rief der Offizier den Kimpfenden zu,„ich befehle Euch, die Waffen niederzulegen.“ Da ſeinen Befehlen aber kein Gehör geleiſtet ward, ſo ſtürzte er ſich zwiſchen ſie und trennte ſie gewaltſam mit F Hülfe der Hellebardiere. „Mylord von Surrey,“ ſagte der Offizier,„Ihr ſeid mein Gefangener. Uebergebt mir Euer Schwert.“ „Auf welchen Grund, mein Herr?“ entgegnete dieſer. „Ihr habt es gegen den Sohn des Königs gezogen, und dieſe That iſt Hochverrath,“ erwiederte der Offizier. „Ich werde Euch ins Wachthaus nehmen, bis des Königs Wille bekannt iſt.“ 4 „Aber ich habe den Grafen zum Streite gereizt,“ ſagte Richmond;„ich war der angreifende Theil.“ „Eure Durchlaucht mag die Sache Seiner Majeſtät vor⸗ ſtellen, wie es Euch angemeſſen ſcheint,“ erwiederte der Offizier, „ich werde meine Pflicht thun. Mylord, zum Wachthauſe!“ „Ich will augenblicklich für Eure Befreiung ſorgen, Surrey,“ ſagte Richmond. Der Graf ward dann hinweggeführt und in ein Gemach im unteren Theile von Heinrich des Achten Thorweg gebra* der jetzt als ein militäriſches Strafgefängniß gebraucht vn 3 „das ſchwatze Loch“ genannt wird.. 84 Schloß Windſor. VIII. Von Triſtram Lyndwood, dem alten Förſter, und ſeiner Enkelin Mabel; 3 von der Gefahr, die Lady Anna während der Jagd lief; und von wem ſie befreit ward. In Folge der Ankündigung einer großen Jagdpartie im Walde verſammelten ſich alle Wildmeiſter, Förſter und Jäger⸗ burſchen am vierten Tage nach des Königs Ankunft in Windſor zu früher Stunde auf einem großen Platze zur Weſtſeite der großen Allee, wo ein hölzerner Stand, mit grünem Gebüſch bedeckt und mit Blumengewinden behängt, für Lady Anna und ihre Damen errichtet war, die, wie es hieß, der Jagd beiwohnen würden. In geringer Entfernung von dem Stande war eine aus⸗ gedehnte Fläche mit ſtarken Pfählen rings eingehägt und, durch an dieſe nach Art einer Hecke oder Wehr befeſtigte Netze, zu einem Pferch für das zur königlichen Jagd beſtimmte Wild eingerichtet; und obgleich viele der darin zuſammengeſperrten Thiere feindlicher Art waren, ſo waren ſie alle ſo beſtürzt und dem Anſcheine nach der ihnen drohenden Gefahr ſo be⸗ wußt, daß ſie einander kein Leid zufügten. Die Füchſe und Marder, deren es eine Menge gab, ſchlichen in das Reiſig mit den Haſen und Kaninchen, ließen aber ihre Beute unbe⸗ rührt. Die Hirſche machten verzweifelte Verſuche durchzu⸗ brechen, verwickelten ihr Geweih in den Netzen und wurden Schwierigkeit daraus befreit und zurückgetrieben; während ie ſchüchternen Rehe, ohne den Muth ihnen zu folgen, den Crfolg ihrer Anſtrengungen behutſam von Ferne beobachteten. Unter den eingefangenen Geweihträgern befand ſich ein ſſchoner Bock, der„der königliche Hirſch“ hieß, weil er ſchon* einmal vom K nige gejagt worden war, und dies edle Thie i eine Flucht bewerkſtelligt haben, wenn —— v v— N— Erſtes Buch: Anna Boleyn. 85 von Morgan Fenwolf, der während des ganzen Morgens große Thätigkeit und Geſchicklichkeit entwickelte, angegriffen und zurückgetrieben worden wäre. Die von dem oberſten Wildmeiſter an Fenwolf ertheilten Lobeserhebungen erregten die Eiferſucht einiger ſeiner Kameraden; und mehr als einer behauptete, irgend ein böſer Geiſt hätte ihm in ſeinem Werke beigeſtanden und Bawſey ſelbſt wäre nichts beſſeres als ein Kobold in Geſtalt eines Hundes. Morgan Fenwolf ſpottete über dieſe Bemerkungen und ward darin von einigen andern unter den Förſtern unterſtützt, welche erklärten, daß es keiner übernatürlichen Hülfe bedürfe, um ſolche Thaten zu verrichten, daß er nur ein guter Jägers⸗ mann ſei, der ſchnell und ſicher reiten könne, daß er in allen Vorkommenheiten der Jagd geübt ſei und einen ſtarken und gut dreſfirten Hund beſitze. Die Geſellſchaft ſetzte ſich darauf unter den Bäumen zum Frühſtück hin und das Geſpräch fiel auf den Jäger Herne, und ſein jetziges häuſiges Erſcheinen im Walde, denn die meiſten unter den Förſtern hatten von dem wilden Jäger gehört oder waren ihm begegnet; und während ſie dieſen Gegenſtand und zugleich ein reichliches Mahl von kalten Speiſen, Brod, Bier und Meth unterſuchten, ſah man in einer Allee zur Rechten zwei Perſonen entlangkommen, welche ihre Aufmerkſamkeit auf ſich zogen und Morgan Fenwolf veranlaßten, das Jagdmeſſer, mit dem er ſeine Biſſen ſchnitt, hinzuwerfen und aufzuſpringen. Die beiden Ankömmlinge waren ein alter Mann und ein anmuthiges junges Mädchen. Der erſtere, obgleich näher an ſiebenzig als ſechszig, war noch ſtark und rüſtig, mit friſcher, etwas von der Sonne gebräunter Geſichtsfarbe, und einem ſcharfen grauen Auge, das noch nichts von ſeinem Glanze verloren hatte. Er war mit einem dicken Leder⸗ wamms, Beinkleidern von demſelben Sof und Stiefeln aus 88 Schloß Windſor. ungegerbtem Rindleder, die bis über die Kniee gezogen waren, bekleidet. In ſeinem Gürtel ſtak ein großes Jagdmeſſer; ein Horn mit einem ſilbernen Mundſtück hing an ſeiner Schulter und er trug einen Bogen und einen Köcher voll Pfeile am Rücken. Eine flache Mütze aus Fuchsfell und mit einer Rabenfeder geſchmückt bedeckte ſein ſilberweißes Haar. Es war jedoch nicht dieſer alte Förſter, denn als ſolchen gab ihn ſeine Kleidung kund, auf den ſich die Aufmerkſamkeit der Zuſchauer und insbeſondere Morgan Fenwolfs richtete, ſondern auf ſeine Begleiterin. Unter den vielen liebens⸗ würdigen und hochgebornen Damen, welche neulich den Zug zum Schloſſe geziert hatten, waren wenige oder keine dieſem geringen Mädchen zu vergleichen. Ihr Anzug war, wahr⸗ ſcheinlich wegen des Stolzes ihres alten Großvaters um ihretwillen, etwas über ihrem Stande. Ein eng geſchnürtes grünes Mieder verrieth vollkommen ihre ſchlanke, ſchöngebaute Geſtalt. Ein Rock von orangefarbenem Tuch, kurz genug um ihre zierlichen Knöchel ſehen zu laſſen, und ein Paar grüner, mit Silber geſtickter Halbſtiefel nebſt einer Halskrauſe von der weißeſten und feinſten, jedoch von dem darunter ver⸗ borgenen Nacken noch beſchämten Leinewand, die mit einem kleinen Schloſſe befeſtigt war, vollendeten ihren Anzug. Ihr Gürtel war von geſticktem Silber und ihre Aermel waren mit Agraffen aus demſelben Metall befeſtigt. „Wie ſtolz der alte Triſtram Lyndwood auf ſeine Enkelin zu ſein ſcheint!“ bemerkte einer der Förſterburſchen. „Und mit Recht,“ erwiederte ein anderer.„Mabel Lynd⸗ wvod iſt das ſchmuckſte Mädchen in Berkſhire.“ „Ei, freilich iſt ſie es,“ verſetzte der erſte;„und nach meinem Bedünken eine ſchönere und lieblichere Blume, als irgend eine, die in jenem ſtattlichen Schloſſe blüht— die Blume, die ſo viel Gnade in den Augen unſeres königlichen Heinz findet, nicht ausgenommen.“ Erſtes Buch: Anna Boleyn. 87 „Nehmt Euch in Acht, Gabriel Lapp,“ bemerkte ein anderer Burſche.„Erinnert Euch, daß Marcus Fytton, der Schlächter, gehängt wurde, weil er geringſchätzig von Lady Anna Bolehn ſprach; und Ihr könntet ſein Schickſal theilen, wenn Ihr ihre Schönheit herabſetzt.“ „Nun, ich beabſichtigte gar nicht, der Lady Anna zu nahe zu treten,“ erwiederte Gabriel Lapp.„Heinz mag ſie heirathen, wenn er will, und ſich meinetwegen ſobald von ihr ſcheiden laſſen, als ihm gefällt. Wenn er fünfzig Weiber heirathet, ſo werde ich ihn dafür nur noch lieber haben. Je mehr, deſto luſtiger, ſag' ich. Aber wenn er ſeine Augen auf Mab Lyndwvod richtet, ſo könnte dies ſeine Liebe zu Lady Anna etwas erſchüttern.“ „Still, Gabriel!“ ſagte Morgan Fenwolf, einen ärger⸗ lichen Blick auf ihn werfend.„Wie könnt Ihr nur drauf anſpielen, daß der König auf eine Andre, als ſeine Viel⸗ liebſte, achten würde?“ „Ihr ſeid eiferſüchtig, Morgan Fenwolf,“ entgegnete Gabriel mit einem boshaften Grinſen.„Wir wiſſen alle, daß Ihr ſelbſt in Mabel verliebt ſeid.“ „Und wir wiſſen auch Alle, daß Mabel nichts mit Euch zu thun haben will!“ rief ein anderer Burſche, während die übrigen im Chore mitlachten.„Kommt, ſetzt Euch zu uns hin, Morgan, und beendigt Euer Frühſtück.“ Allein der Förſterburſche wandte ſich mürriſch ab und eilte zu Triſtram Lyndwood und ſeiner Enkelin. Der alte Förſter ſchüttelte ihm herzlich die Hand und als er nach einigen Fragen über die Begebenheiten des Morgens hörte, wie er den königlichen Hirſch ins Gehege zurückgetrieben hatte, ſchlug er ihm auf die Schulter und ſagte—„Du biſt ein tapfrer Jägersmann, Morgan. Ich wünſchte nur, Mab könnte eben ſo viel von dir halten als ich.“ 88 Schloß Winbſor. Auf dieſe Rede gab Mabel nicht nur keine Antwort, ſondern ſah auch abſichtlich auf die andre Seite. „Ich freue mich, daß Euer Großvater Euch heute mit⸗ genommen hat, um der Jagd zuzuſehen, Mabel,“ bemerkte Morgan Fenwolf. „Ich bin nicht gekommen, um die Jagd zu ſehen, ſon⸗ dern den König,“ antwortete ſie etwas muthwillig. „Nicht alle ſchönen Mädchen würden ſo viel eingeſtehen,“ bemerkte Fenwolf, die Stirn runzelnd. „Dann bin ich aufrichtiger, als andere meines Geſchlechts,“ erwiederte Mabel.„Wer iſt aber jener ſonderbare Mann, der uns hinter dem Baume betrachtet, Großvater?“ „Ich ſehe Niemand,“ erwiederte der alte Förſter. „Ich auch nicht,“ fügte Fenwolf ſchaudernd hinzu. „Ihr ſeid abſichtlich blind,“ verſetzte Mabel.„Doch ſeht, der Mann, von dem ich ſprach, tritt näher. Jetzt könnt Ihr ihn vielleicht beide ſehen.“ Und indem ſie ſprach, trat eine große, wildausſehende, mit einem Jagdſpeer bewaffnete Geſtalt unter den Bäumen hervor und kam auf ſie zu. Die Kleidung des Ankömmlings ähnelte einigermaßen der eines Förſters; aber ſeine Arme und Beine vom kräftigſten Muskelbau waren unbekleidet und ſeine Haut war gebräunt, wie die eines Zigeuners. Sein dunkles, ſchwarzes Haar hing zottig über ſeine rauhen Züge herab. Im nächſten Augenblick ſtand er ihnen zur Seite und heftete ſeine dunkeln Augen ſo durchdringend auf Mabel, daß ſie ſich gezwungen ſah, ihren Blick abzuwenden. „Was führt Euch heute Morgen hierher, Triſtram Lynd⸗ wood?“ fragte er mit heiſerem, befehleriſchem Tyne. „Derſelbe Grund, der Euch hergeführt hat, Valentin Hagthorne,“ antwortete der alte Förſter—„die königliche Jagd zu ſehen.“ „Dies iſt Eure Enkelin, wie es ſcheint,“fuhr Hagthorne fort. * Erſtes Buch: Anna Boleyn. 89 „Ja,“ erwiederte Triſtram kurz. „Sonderbar, daß ich ſie noch niemals geſehen habe,“ entgegnete jener.„Sie iſt ſehr hübſch. Laßt Euch ſagen, Freund Triſtram— nehmt ſie wieder mit nach Hauſe. Wenn ſie den König ſieht, ſo nimmt es kein gutes Ende. Ihr kennt ſeinen Charakter, oder ſolltet ihn wenigſtens kennen.“ „Hagthorne giebt Euch guten Rath,“ fiel Fenwolf ein. „Es wäre beſſer, Mabel wäre zu Hauſe.“ „Aber ſie hat gar keine Luſt gleich wieder umzukehren,“ erwiederte Mabel.„Ihr habt mich hierher zum Vergnügen gebracht, liebſter Großvater, und werdet mich doch nicht auf den Rath dieſes fremden Mannes fortbringen?“ „Gieb dich zufrieden, Kind,— gieb dich zufrieden,“ antwortete Triſtram gütig.„Du ſollſt bleiben, wo du biſt.“ „Ihr werdet es bereuen!“ rief Hagthorne und ſich haſtig zwiſchen die Bäumezurückziehend, verſchwand er aus ihren Augen. Ein Lächeln über dieſen Vorfall erkünſtelnd, jedoch augen⸗ ſcheinlich darüber verdroſſen, führte der alte Förſter ſeine Enkelin nach dem Stand, wo er herzlich von den Förſter⸗ burſchen begrüßt wurde, von denen die meiſten, während ſie ihr Vergnügen ihn zu ſehen ausdrückten, ſich bei Mabel einzuſchmeicheln trachteten. Von dieſer Scene hielt Morgan Fenwolf ſich entfernt und lehnte ſich, die Augen auf das Mädchen geheftet, an einen Baum. Er ward durch einen leichten Schlag auf die Schulter aus ſeiner Träumerei geweckt, und gewahrte im Umdrehen Valentin Hagthorne. Einem Wink deſſelben ge⸗ horchend, folgte er ihm unter die Bäume und Beide ver⸗ tieften ſich in eine Schlucht. Eine oder zwei Stunden nachher, als die Sonne etwas höher geſtiegen und der Thau auf dem Raſen getrocknet war, erſchien der König mit einer großen Geſellſchaft von Lords und Ladies am oberen Schloßthore, nahm ſeinen Weg die 90 Schloß Windſor große Allee entlang, bog auf halbem Wege zur Rechten ein und ritt auf das Gehäge zu. Ein ſchöner Anblick war es, dieſe glänzende Geſellſchaft unter den Bäumen reiten zu ſehen; und lieblich war es, dem munteren Klange ihrer Stimmen zuzuhören, unter denen Anna Boleyn's filberhelles Gelächter deutlich zu unterſcheiden war. Heinrich war von ſeiner gewöhnlichen Leibwache und den Bogenſchützen, und von dem Herzog von Shoreditch und deſſen Geſellen umgeben. Bei dem Gehäge angelangt, ſtieg der König vom Pferde, half Lady Anna von dem ihrigen und beſtieg den Stand mit ihr. Dann nahm er einen kleinen, zierlich gebauten Bogen von einem Diener, bezog ihn und überreichte ihr denſelben. „Ich denke, dieſer wird nicht zu hart für Eure ſchönen Hände ſein,“ ſagte er. 1 „Ich werde ihn ſo gut ſpannen, als ich kann,“ er⸗ wiederte Anna, den Bogen erhebend und anmuthig die Sehne anziehend.„Könnte ich doch Eure Majeſtät eben ſo ſicher verwunden, als ich das erſte Reh, das vorbeikömmt, treffen werde!“ „Das würde unnütze Mühe ſein,“ entgegnete Heinrich, „in Betracht, daß Ihr mir ſchon ins Herz getroffen habt. Ihr ſolltet die Wunde heilen, die Ihr ſchon gemacht habt, Theuerſte,— und nicht eine neue beibringen.“ In dieſem Augenblicke ritt der oberſte Wildmeiſter auf einem mächtigen Roſſe in Begleitung von zwei Förſterbur⸗ ſchen, die jeder ein Paar Jagdhunde an der Koppel führten, auf den königlichen Stand zu und ſein Horn an den Mund ſetzend, blies er drei langgezogene Töne darauf. Zu gleicher Zeit ward ein Theil des Netzwerkes um das Gehäge in die Höhe gezogen und ein Rehbock freigelaſſen. Durch die Geſchicklichkeit der Förſterburſchen ward das Thier vor dem königlichen Stand vorbeigetrieben, und Anna 3 1 Erſtes Buch: Anna Boleyn. 91 Boleyn, die einen Pfeil faſt bis an den Kopf geſpannt hatte, zielte ſo gut, daß ſie den Bock ins Herz ſchoß. Ein lauter Freudenruf von Seiten der Zuſchauer belohnte die Großthat der ſchönen Jägerin, und Heinrich war ſo bezau⸗ bert, daß er das Knie vor ihr beugte und ihre Hand an ſeine Lippen drückte. Mit ihrem Gelingen jedoch zufrieden⸗ geſtellt, ſchlug Anna klugerweiſe einen zweiten Schuß aus. Heinrich nahm darauf einen Bogen von einem der Schützen und erprobte ſeine unfehlbare Fertigkeit als Jägersmann an mehreren andern Böcken. Die Hunde, welche unterdeſſen an der Koppel gehalten wurden, unterhielten ein unaufhörliches lautes Gebelle, und Heinrich, des mörderiſchen Spieles müde, wandte ſich an Anna und fragte, ob ſie zur Jagd aufgelegt ſei. Sie be⸗ jahte die Frage und Heinrich winkte ſeinen Knappen, die Roſſe vorzuführen. Bei dieſer Gelegenheit ward er Mabel gewahr, die ſich mit ihrem Großvater in geringer Entfernung von dem Stande unter den Förſterburſchen befand und ergriffen von ihrer außerordentlichen Schönheit, betrachtete er ſie einen Augenblick aufmerkſam und rief dann Gabriel Lapp, der zu⸗ fällig in der Nähe war, heran und fragte nach ihrem Namen. „Es iſt Mabel Lyndwood, halten Eure Majeſtät zu Gnaden,“ antwortete Gabriel.„Sie iſt die Enkelin des alten Triſtram Lyndwood, der zu Blackneſt bei dem See am andern Ende von Windſor⸗Wald wohnt und Förſter Eures königlichen Vaters, König Heinrich des Siebenten, geſeg⸗ neten Andenkens, war.“ „Ha! iſt es ſo?“ rief Heinrich. Er ward aber an weiteren Bemerkungen durch Anna Boleyn verhindert, die ihn plötzlich unterbrach, als ſie be⸗ merkte, auf welche Art ſeine Aufmerkſamkeit beſchäftigt ſei. „Eure Majeſtät ſprachen von der Jagd,“ ſagte ſie un⸗ 92 Schloß Windſor.* geduldig.„Vielleicht habt Ihr aber einen anderen angeneh⸗ meren Zeitvertreib gefunden?“ „O nein!— o nein! meine Theuerſte,“ antwortete er haſtig. „Es iſt ein königlicher Hirſch im Gehäge,“ ſagte Ga⸗ briel Lapp.„Gefällt es Eurer Majeſtät, daß ich ihn loslaſſe?“ „Ja wohl, guter Burſche, ja wohl,“ erwiederte der König. Während Gabriel nach dem Netzwerk eilte und den Hirſch herauszutreiben ſuchte, half Heinrich Anna Boleyn, die nicht umhin konnte, eine kleine eiferſüchtige Empfindlich⸗ keit zu zeigen, auf ihr Roß, und als er ſich in ſeinen eigenen Sattel geſchwungen hatte, erwarteten ſie die Loslaſ⸗ ſung des Hirſches, die auf etwas unerwartete Art ſtattfand. Von der übrigen Heerde getrennt, machte das edle Thier einen plötzlichen Satz auf Gabriel und ihn in ſeinem unge⸗ ſtümen Laufe umrennend, ſchoß er neben dem Könige vorbei und entfloh nach dem oberen Theile des Waldes. Im näch⸗ ſten Augenblick waren die Hunde entkoppelt und ihm auf den Ferſen, während Heinrich und Anna ihm nachſetzten, der König mit lautem Jauchzen in den höchſten Tönen ſeiner hellen Stimme. Der übrige Theil der königlichen Geſell⸗ ſchaft folgte ihnen, ſo gut ſie konnten, und die Wälder hallten von ihrem freudigen Rufen wieder. Der königliche Hirſch zeigte ſich ſeines Namens würdig. Mit außerordentlicher Schnelligkeit vorwärts ſtürzend, ge⸗ wann er bald einen großen Vorſprung vor ſeinen Verfol⸗ gern, denn obgleich Heinrich ſich hätte neben ihm halten können, wenn er ſeinen Renner zur höchſten Eile ange⸗ ſpornt hätte, ſo wollte er doch ſeine ſchöne Begleiterin nicht verlaſſen. Auf dieſe Weiſe durchſtreiften ſie den Wald, bis der König, wohl einſehend, daß ſie bald die Spur verlieren würden, Sir Thomas Wyat, der mit den Herzögen von ———— Erſtes Buch: Anna Boleyn. 93 Suffolk und Norfolk dicht hinter ihm ritt, befahl, das Thal zur Linken zu kreuzen und den Hirſch abzuſchneiden. Wyat gehorchte augenblicklich und die Sporen tief in ſeines Roſſes Seiten drückend, ſetzte er mit ungeſtümer Eile davon, und man ſah ihn bald darauf ſeinen raſchen Lauf durch eine un⸗ wegſame Schlucht nehmen. Unterdeſſen ritten Heinrich und ſeine ſchöne Begleiterin, ohne ihre Geſchwindigkeit zu mäßigen, vorwärts, bis ſie den Gipfel einer mit einer alten Eiche und Buche gekrönten An⸗ höhe erreichten, wo ſie eine prächtige Ausſicht auf das Schloß beherrſchten und die Zügel anzogen. Von dieſem Hügel konnten ſie den Fortgang der Jagd, ſo lange ſie im jenſeitigen Thale blieb, beobachten. Ein leidenſchaftlicher Jagdliebhaber, verfolgte ſie der König mit der lebhafteſten Theilnahme und verſchiedene ungeduldige Ausrufungen bewieſen, daß ihn nur die ſtärkere Leidenſchaft der Liebe verhinderte, ſich ihr anzuſchließen. Nicht lange, ſo verſchwanden Hirſch, Hunde und Jäger in einem Dickicht, und man konnte nichts als ein entferntes Gebelle und Jagdrufe unterſcheiden. Zuletzt erſtarben auch dieſe Klänge. Heinrich, der vorher ſchon den ihm auferlegten Zwang mit Mühe ertragen hatte, ward jetzt ſo ungeduldig, daß Anna ihn bat, ihnen nachzujagen, als plötzlich Hundegebell an ihr Ohr ſchlug und der Hirſch aus der Schlucht, hart von ſeinen Verfolgern bedrängt, hervorſtürzte. Das erſchreckte Thier nahm, zur großen Zufriedenheit des Königs, ſeinen Weg grade nach dem Orte hin, wo er ſich befand; als er aber die Seite der Anhöhe erreichte und ſeine neuen Feinde gewahrte, ſprang er zur Rechten ab und ſuchte das Dickicht in der Tiefe wieder zu gewinnen. Er ward aber von einer andern Bande von Treibern abge⸗ ſchnitten und wieder nach dem Hügel zu getrieben. 94 Schloß Windſor. Kaum hatte Sir Thomas Wyat ſein Roß wieder zu Seiten des Königs eingelenkt, als der Hirſch wieder den Hügel hinanſetzte. Anna Bolehn, die ihr Pferd gewendet hatte, um die Jagd bequemer betrachten zu können, ver⸗ ſuchte, durch des Thieres drohendes Erſcheinen erſchreckt, ihm auszuweichen. Aber es war zu ſpät. Von allen Seiten eingeſchloſſen und von dem Hundegebell und dem Jagdgeſchrei der Treiber gegenüber zur Verzweiflung getrieben, ſenkte der Hirſch das Geweih und führte einen wüthenden Stoß nach ihr. Auf's äußerſte erſchreckt zog Anna den Zügel ſo plötz⸗ lich und ſcharf an, daß ihr Roß ſich faſt bis auf den Bug bäumte; und indem ſie den Angriff des Hirſches zu vermei⸗ den ſuchte, erfaßte ſie Sir Thomas Wyat's Arm, der ſich dicht neben ihr befand. Aller Wahrſcheinlichkeit nach würde ſie von dem wü⸗ thenden Thiere, das eben im Begriff war, einen erneuerten Angriff mit beſſerem Erfolge zu machen, gefährlich verletzt worden ſein, wenn nicht ein Pfeil, von Morgan Fenwolf abgeſchoſſen, der auf einmal hinter einer Buche zum Vor⸗ ſchein kam, den Hirſch zu Boden geſtreckt hätte. Indeſſen vermied Anna Boleyn nur eine Gefahr, um einer andern, ebenſo ernſthaften, entgegenzugehen. Als Heinrich ſie ſich in Sir Thomas Wyat's Arme werfen ſah, betrachtete er ſie einen Augenblick mit ſtrengem Mißfallen, entbot ſein Gefolge, ohne ſie auch nur einer Frage zu wür⸗ digen, ob ſie in dem Strauß Schaden gelitten hätte, oder über ihr Betragen die geringſte Bemerkung zu machen, und ritt mürriſch auf das Schloß zu. Erſtes Buch: Anna Boleyn. 95 IX. Auf welche Art Sir Thomas Wyat eine Unterredung mit Anna Boleyn erlangte; und wie der Graf von Surrey ſie vor des Königs Zorn rettete. Das eben erzählte Ereigniß flößte den Anhängern von Katharine von Arragonien neues Leben ein, während es die Begünſtiger von Anna Bolehn mit Furcht erfüllte. Gleich nach Anna's Rückkehr im Schloſſe hatte Lord Rochford eine geheime Unterredung mit ihr und machte ihr bittere Vor⸗ würfe über die Gefahr, der ſie ihre glänzenden Ausſichten ausgeſetzt hätte. Anna nahm die Sache ſehr leicht, meinte es wäre nur ein kurzer Ausbruch von Eiferſucht, und fügte hinzu, daß der König vor Ende des Tages wieder zu ihren Füßen liegen würde. „Du biſt überzuverſichtlich, Mädchen!“ rif Rochford ärgerlich.„Heinrich iſt kein gewöhnlicher Liebhaber.“ „Diesmal ſeid Ihr es, Vater, der ſich irrt,“ erwiederte Anna.„Der König unterſcheidet ſich gar nicht von einem ſeiner liebeſiechen Unterthanen. Ich habe ihn in meinen Netzen und werde ihn nicht entwiſchen laſſen.“ „Ihr habt einen Tiger in Euren Netzen, Tochter; mehn Euch in Acht, daß er nicht mit Gewalt durchbricht,“ entgegnete Rochford.„Heinrich iſt launiſcher als Ihr denkt. Laßt ihn erſt einmal einen Gedanken faſſen, und nichts kann ihn davon abbringen. Er hat ſich zur Eheſcheidung eben ſo ſehr aus Eigenſinn, als aus irgend einer anderen Rückſicht entſchloſſen. Wenn Ihr Euch wieder mit ihm geſtellt habt, wie Ihr ſo zuverſichtlich erwartet, ſo haltet Euch doch nicht für ſicher, auch dann nicht, wenn Ihr ge⸗ krönte Königin ſeid, ſondern laßt Euch durch das Beiſpiel Katharina's von Arragonien warnen.“ 96 Schloß Windſor. „Katharine beſitzt nicht die Kunſt ihn zu feſſeln,“ ſagte Anna.„Heinrich wird mich niemals verſtoßen.“ „Hütet Euch, daß er ſich Eurer nicht auf noch kürzere Art entledigt, Tochter,“ verſetzte Rochford.„Wenn Ihr Euch gut mit ihm ſtellen wollt, müßt Ihr ſein leiſeſtes Wort, Miene und Geberde ſtudiren, ihm in allen ſeinen Launen zu Willen ſein, und jedem Einfalle nachgeben. Vor allem dürft Ihr keine Eiferſucht zeigen.“ „Ihr habt in Allem Unrecht, außer dem Letzten, Vater,“ antwortete Anna.„Heinrich läßt ſich nicht durch eine ſo zärtliche Aufmerkſamkeit auf ſeine Launen einnehmen. Nur dadurch, daß ich ſie anſcheinend gar nicht beachtete, habe ich ihn gefangen. Ich will aber ſorgfältig vermeiden, mich eiferſfüchtig zu zeigen, und die Wahrheit zu ſagen, glaube ich auch keine Urſache dazu zu haben.“ „Seid deſſen nicht allzu ſicher,“ erwiederte Rochford. „Und auf keinen Fall gebt dem Könige Veranlaſſung, auf Euch eiferſüchtig zu ſein. Ich hoffe, Sir Thomas Wyat wird vom Hofe verbannt werden. Sollte dies aber nicht der Fall ſein, ſo laßt ihn nicht mehr in Eure Nähe kommen.“ „Der arme Sir Thomas!“ ſeufzte Anna.„Er liebte mich ſo zärtlich.“ „Was will aber ſeine Liebe gegen die des Königs ſagen?“ rief Rochford.„Still! ſtill! Mädchen, denk' nicht mehr an ihn!“ „Ich werde es nicht thun, Molord,. ſie; „ich ſehe die Klugheit Eures Rathes ein und will ihm ge⸗ horchen. Ich bitte, verlaßt mich. Ich werde bald die Gunſt des Königs wieder gewinnen.“ Kaum hatte Rochford das Zimmer verlaſſen, als die Tapete am andern Ende des Zimmers in die Höhe gehoben ward und Wyat dahinter hervorkam. Sein Erſtes war, die Thür zu verriegeln. —————— ———— Erſtes Buch: Anna Boleyn. 97 „Was ſoll dies bedeuten, Sir Thomas?“ rief Anna voll Schrecken.„Wie ſeid Ihr bis hierher gedrungen?“ „Auf der geheimen Treppe,“ erwiederte Wyat, das Knie vor ihr beugend. „Steht auf, Sir,“ ſchrie Anna aufgeregt.„Kehrt zurück, ich bitte Euch, wie Ihr gekommen ſeid. Ihr habt mich durch Euer Kommen in große Gefahr gebracht. Wenn man Euch dies Zimmer verlaſſen ſieht, ſo werde ich umſonſt meine Un⸗ ſchuld gegen Heinrich behaupten. O! Sir Thomas, Ihr könnt mich nicht lieben oder Ihr würdet nicht ſo gehandelt haben!“ „Euch nicht lieben, Anna!“ wiederholte er bitter;„Euch nicht lieben! Worte können meine Anhänglichkeit nicht aus⸗ ſprechen. Ich würde mein Haupt auf's Schaffot legen, um ſie zu beweiſen. Wäre es nicht um meine Liebe zu Euch, ſo würde ich jene Thür aufwerfen und hinausgehen, ſo daß alle mich ſähen,— ſo daß Heinrich einen Theil der Qualen ausſtehen würde, die ich jetzt fühle.“ „Aber Ihr werdet es nicht thun, guter Sir Thomas— theurer Sir Thomas,“ ſchrie Anna Boleyn. „Befürchtet nichts,“ erwiederte Wyat faſt verächtlich, „ich werde ſogar die Rache der Liebe opfern.“ „Sir Thomas, ich habe dies ſchon zu lange geduldet,“ ſagte Anna,„entfernt Euch. Ihr erſchreckt mich.“ „Es iſt meine letzte Unterredung mit Euch, Anna,“ ſagte Wyat flehend,„kürzt ſie nicht ab. O, erinnert Euch der frohen Stunden, die wir mit einander zugebracht, der Gelübde, die wir ausgetauſcht haben— der Betheurungen, denen Ihr zugehört und die Ihr erwiedert habt— ja, er⸗ wiedert, Anna. Iſt alles dies vergeſſen?“ „Nicht vergeſſen, Sir Thomas,“ erwiederte Anna trübe; „aber wir dürfen nicht mehr daran denken. Ich darf Euch nicht länger anhören, Ihr müßt gehen. Wollte der Himmel, Ihr könntet Euch ungeſehen von hier entfernen!“ I. 2 z 98 8 8Scloß Windſor. „Anna,“ verſetzte What mit düſterer Stimme,„der Ge⸗ danke an Heinrichs Glückſeligkeit macht mich raſend. Ich fühle, daß ich ein Hochverräther geworden bin, daß ich ihn ermorden könnte.“ „Sir Thomas!“ rief ſie halb furchtſam, halb zornig. „Ich werde nicht gehen,“ fuhr er fort, ſich auf einen Seſſel werfend.„Laßt ſie meine Anweſenheit deuten, wie ſie mögen. Ich werde wenigſtens Heinrichs Herz martern. Ich werde ihn leiden ſehen, wie ich gelitten habe; und ich werde zufrieden ſein.“ „Dies ſieht Euch nicht ähulich, Wyat,“ ſchrie Anna heftig erregt.„Ihr waret ſonſt immer edel, großmüthig und gütig. Ihr könnt nicht ſo treulos handeln?“ „Wer hat treulos gehandelt, Anna,“ rief Wyat auf⸗ ſpringend, und ſeine dunkeln, vor eiferſüchtiger Wuth glü⸗ henden Augen auf ſie heftend—„Ihr oder ich? Habt Ihr nicht Eure alte Zuneigung auf dem Altar des Ehrgeizes geopfert? Seid Ihr nicht im Begriff Euch Einem hinzugeben, dem Ihr, wofern Ihr nicht meineidig ſeid, Euer Herz nicht geben könnt? Ihr hättet lieber die Herrin von Schloß Al⸗ lington werden ſollen— lieber das Weib eines geringen Rit⸗ ters, wie ich, als die Königin des erbarmungsloſen Heinrich.“ „Nichts mehr davon, What,“ ſagte Anna. „Viel beſſer, Ihr kämet jetzt wegen eines vermeinten Fehlers durch ſeine Grauſamkeit um, als ſpäter,“ fuhr Wyat wüthend fort.„Glaubt nicht, daß Heinrich Euch mehr achten wird als die, welche achtundzwanzig Jahre ſein Weib geweſen iſt. Wenn er Eurer Reize überdrüſſig iſt, wenn eine andere Dame, ſo ſchön wie Ihr, ſeine Einbil⸗ dungskraft gefangen halten wird, dann wird er Euch von ſich ſtoßen oder, wie Euer Vater richtig andeutete, ein leich⸗ teres Mittel aufſuchen, ſich von Euch zu befreien. Dann werdet Ihr an das ganz verſchiedene Geſchick denken, das G .3 rringend. Erſtes Buch: Anna Boleyn. 99 Eurer gewartet hätte, wenn Ihr Eurer Jugendliebe treu geblieben wäret.“ „Wyat, Wyat! Ich ertrage dies nicht; aus Barmher⸗ zigkeit, ſchont mich!“ rief Anna. „Ich freue mich, Euch weinen zu ſehen,“ ſagte Wyat; „Eure Thränen geben Euch Eure frühere Aehnlichkeit wieder.“ „O! What, beurtheilt mein Betragen nicht zu ſtrenge!“ ſagte ſie.„Wenige meines Geſchlechts würden an meiner Stelle anders gehandelt haben.“ „Ich bin anderer Meinung,“ erwiederte Wyat finſter; „auch will ich meine Rache nicht einbüßen. Anna, Ihr ſollt ſterben. Ihr kennt Heinrich zu gut, um an Eurem Schickſal zu zweifeln, wenn er mich hier findet.“ „Ihr könnt dies unmöglich wollen,“ rief ſie, mühſam einen Schrei unterdrückend; Se wenn ich imi ſo werdet Ihr mit mir umkommen.“ „Ich wünſche es,“ erwiederte er mit bitterem Lachen. „Wyat,“ ſchrie Anna, ſich zu ſeinen Füßen hinwer⸗ fend,„bei Eurer früheren Liebe zu mir beſchwöre ich Euch, ſchont mich! Beſchimpft mich nicht auf dieſe Art.“ Aber Wyat blieb unerbittlich. „O Gott!“ rief Anna, die Hände in Verzweiflung Ein fürchterliches Stillſchweigen erfolgte, während deſſen Anna Wyat betrachtete, aber keine Veränderung in ſeiner Miene wahrnehmen konnte. Da erhob ſich plötzlich die Tapete noch einmal und der Graf von Surrey trat ins Zimmer. „Ihr hier, Mylord,“ ſagte Anna, auf ihn zueilend. „Ich komme Euch zu retten, gnädiges Fräulein,“ ſagte der Graf;„ich bin eben aus meiner Haft befreit worden und wollte Eure Fürſprache beim Könige erflehen, als ich hörte, daß er von einem ſeiner Pagen benachrichtigt worden 100 Schloß Windſor. ſei, es befinde ſich ein Mann in Eurem Zimmer. Zum Glück weiß er nicht, wer es iſt und während er ſein Ge⸗ folge entbot, ihn hierher zu geleiten, eilte ich auf der ge⸗ heimen Treppe hierher. Ich bin zu rechter Zeit gekommen. Flieht, Sir Thomas Wyat, flieht!“ Aber Wyat regte ſich nicht. In dieſem Augenblicke hörte man Fußtritte ſich der Thüre nähern— das Schloß ward aufgeklinkt— und die ernſte Stimme des Königs gebot zu öffnen. „Wollt Ihr mich verderben, Wyat,“ ſchrie Anna. „Ihr habt Euch ſelbſt verderbt,“ antwortete er. „Warum verweilt Ihr hier, Sir Thomas?“ ſagte Surrey, ſeinen Arm ergreifend.„Noch könnt Ihr entfliehen. Beim Himmel! wenn Ihr Euch nicht beeilt, werde ich Euch das Herz durchbohren!“ „Ihr würdet mir einen Gefallen thun, junger Mann,“ ſagte Wyat kalt;„aber ich will gehen. Ich weiche der Liebe und nicht dir, Tyrann,“ fügte er hinzu, ſeine Fauſt gegen die Thür ballend.„Mögen die bitterſten Qualen der Eiferſucht dein Herz zerreißen!“ Und damit verſchwand er hinter der Tapete. „Ich höre Stimmen,“ rief Heinrich draußen.„Bei Gottes Wunden! mein Fräulein, öffnet die Thür— oder ich werde ſie zerſchmettern!“ „O Himmel, was iſt zu thun!“ rief Anna Boleyn in Verzweiflung. „Oeffnet die Thür und überlaßt mir das Uebrige, gnä⸗ diges Fräulein,“ ſagte Surrey;„ich will Euch retten und koſte es mir das Leben!“ Anna drückte ihm die Hand mit einem Blick voll un⸗ ausſprechlicher Dankbarkeit und Surrey verbarg ſch hinter der Tapete. Die Thür ward geöffnet und Heinrich ſtürzte hinein Erſtes Buch: Anna Boleyn. 101 in Begleitung von Richmond, Norfolk, Suffolk und einer Schaar von Höflingen. „Ha! bei Gottes Wunden! wo iſt der Verräther?“ wü⸗ thete der König umherblickend. „Weshalb wird meine Einſamkeit ſo verletzt?“ ſagte Anna, eine unwillige Miene annehmend. „Eure Einſamkeit!“ wiederholte Heinrich im Tone tiefen Spottes,„Eure Einſamkeit!— ha! ha! Man muß ge⸗ ſtehen, Ihr verſtellt Euch meiſterhaft. Mylords, Ihr habt die Stimmen ſo gut als ich gehört. Wo iſt Sir Thomas Wyat?“ „Er iſt nicht hier,“ erwiederte Anna feſt. „Aha! das werden wir ſehen, mein Fräulein,“ ent⸗ gegnete Heinrich ſtrenge.„Wenn aber Sir Thomas Wyat nicht hier iſt, wer iſt es denn? denn ich bin ſicher, daß Jemand in Eurem Zimmer verborgen iſt.“ „Und wenn dies wäre?“ verſetzte Anna ruhig. „Ha! bei der heiligen Jungfrau, Ihr geſteht es?“ ſchrie der König.„Laßt den Verräther hervorkommen.“ „Eure Majeſtät ſollen es mir nicht zweimal befehlen,“ ſagte Surrey aus ſeinem Verſteck tretend. „Der Graf von Surrey!“ rief Heinrich erſtaunt aus. „Wie kommt Ihr hieher, Mylord? Mich dünkte, Ihr wäret verhaftet im Wachthauſe.“ „Er iſt auf meinen Befehl in Freiheit geſetzt 2 ſagte der Herzog von Richmond. „Vor allem muß ich Cure Majeſtät erſuchen, Euren Zorn gegen mich zu wenden,“ ſagte der Graf.„Ich allein bin zu tadeln und ich möchte nicht, daß Lady Anna für mein Vergehen litte. Ich habe mich in ihre Gegenwart ge⸗ drängt. Sie wußte nicht von meinem Kommen.“ „Und weshalb thatet Ihr dies, Mylord?“ fragte rich ſtrenge. „Aus dem Wachthauſe auf Anlaß des 6 von 102 Schloß Windſor. Richmond befreit, kam ich, um Lady Anna zu bitten, als Vermittlerin zwiſchen mir und Eurer Majeſtät aufzutreten und ihren Einfluß bei Eurer Hoheit wegen meiner Verlo⸗ bung mit Lady Eliſabeth Fitzgerald anzuwenden.“ „Iſt dem ſo, mein Fräulein?“ fragte der König. Anna neigte ihren Kopf. „Aber weshalb war die Thür verriegelt?“ fragte der König, argwöhniſch die Stirn runzelnd. „Ich habe ſie ſelbſt verriegelt,“ ſagte Surrey,„und gelobte, daß Lady Anna nicht eher hinausgehen ſollte, als bis ſie meine Bitte gewährt hätte.“ „Bei Unſerer Lieben Frau! Ihr habt ein gefährlich Spiel geſpielt, Mylord,“ ſagte Heinrich ſtrenge. „Eure Majeſtät wird ſeine große Jugend in Erwägung ziehen,“ ſagte der Herzog von Norfolk beſorgt. „Ueberſeht um meinetwillen ſeine Unbeſonnenheit,“ tief der Herzog von Richmond. „Es wird ihm vielleicht nichts nützen, zu hoffen, daß ſie um meinetwillen überſehen werden wird,“ fügte Anna Boleyn hinzu. „Das Vergehen darf nicht unbeſtraft bleiben,“ ſagte Heinrich ſinnend.„Mylord von Surrey, Ihr müßt Euch darein finden, zwei Monate als Gefangener in dem Runden Thurme dieſes Schloſſes zu verweilen.“ „Eure Majeſtät!“ rief Richmond, ſich bittend auf ein Knie niederlaſſend. „Das Urtheil iſt geſprochen,“ erwiederte Heinrich kalt; „und der Graf mag Euch danken, daß es nicht ſchwerer ausgefallen iſt. Richmond, Ihr werdet nicht mehr an die ſchöne Geraldine denken; und es iſt mein Wille, Lady Anna, daß die junge Dame ſich auf kurze Zeit vom Hofe zurückziehe.“ Majeſtät ſoll gehorcht wern ſagte Anna; — Erſtes Buch: Anna Boleyn. 103 „Kommt mir mit keinem Aber, Liebchen,“ ſagte der König beſtimmt.„Surrey's Erklärung iſt genügend, ſo weit ſie reicht, aber man hutte mir geſagt, Sir Thomas Wyat wäre hier.“ „Sir Thomas Wyat iſt hier,“ ſagte Will Sommers, auf den Ritter zeigend, der ſich eben dem Haufen der Höf⸗ linge an der Thüre angeſchloſſen hatte. „Ich bin von meinem Zimmer hierher geeilt, Sire,“ ſagte Wyat vortretend,„da ich hörte, daß man nach mir ſuchte.“ „Iſt Eure Majeſtät jetzt zufriedengeſtellt?“ fragte Anna Boleyn. „Nun ja, Liebcen ziemlich gut,“ erwiederte Heinrich. „Sir Thomas Wyat, wir haben eine beſondere Sendung für Euch an den Hof unſeres Bruders von Frantei werdet morgen abreiſen.“ Wyat verbeugte ſich. „Ihr habt Euren Kopf gerettet, Gevatter,“ flüſterte Will Sommers in das Ohr des Ritters.„Ein Beſuch bei Franz dem Erſten iſt beſſer, als ein Beſuch im Thurm.“ „Zieht Euch zurück, Mylords,“ ſagte Heinrich zur Verſammlung;„wir find der Lady Anna einige Genugthuung für unſere Aufpringlichkeit ſchuldig und wünſchen eine Gele⸗ genheit dazu zu haben.“ Auf dies Gebot leerte ſich das Zimmer augenblicklich von den Anweſenden, und der Graf von Surrey ward von einer Wache nach dem Runden Thurm geführt. Heinrich fand es jedoch nicht ganz leicht mit Anna Frieden zu machen. Im Bewußtſein des von ihr gewon⸗ nenen Vortheils beſchloß ſie, ihn nicht fahren zu laſſen; und nach vergeblicher Liebeswerbung von einer halben Stunde ſchlug der königliche Liebhaber einen Spaziergang in der langen Gallerie vor, mit welcher ihre Gemächer in Ver⸗ bindung ſan Hier ſetzten ſie ihre 3 5 104 Schloß Windſor. Heinrich, ſich in den leidenſchaftlichſten Ausdrücken rechtfer⸗ tigend, und Anna, immerfort beleidigten Stolz erheuchelnd. Endlich ließ ſie einige Zeichen von Nachgiebigkeit blicken und Heinrich führte ſie zu einer Vertiefung in der Gallerie, die von einem Fenſter von prächtig gefärbtem Glaſe erleuchtet ward. In dieſer Vertiefung war eine Ruhebank und ein Tiſch, auf dem eine mit Blumen gefüllte, von Anna's eigener Hand geſchmückte Vaſe ſtand, und hier hoffte der Monarch ſeinen Zwiſt mit ihr zu ſchlichten. Da unterdeſſen die Nachricht von der neuen Urſache zur Eiferſucht, die dem Könige gegeben worden war, zu Wolſeh und Campeggio gelangt war, ſo ward augenblicklich be⸗ ſchloſſen, daß der erſtere ihm während ſeiner jetzigen günſti⸗ gen Laune eine am Morgen von Katharine von Arragonien eingelaufene Depeſche überreichen ſollte. Mit dieſem Schreiben bewaffnet, begab ſich Wolſey in des Königs Cabinet. Da er ihn hier nicht fand und von einem Thürſteher benachrichtigt ward, daß er in der großen Gallerie ſei, ſo wandte er ſich dorthin. Während er leiſe über den polirten Eichenboden ging, hörte er Stimmen in einer der Vertiefungen und unterſchied die Laute von Heinrich und Anna Boleyn. Heinrich umſchloß die ſchneeigen Finger ſeines Lieblings und betrachtete ſie zärtlich, als der Cardinal ſich näherte. „Eure Majeſtät ſoll meine Hand nicht feſthalten,“ ſagte Anna,„wenn Ihr nicht bei Eurer Krone ſchwört, daß Ihr niemals wieder ohne Grund eiferſüchtig ſein wollt.“ „Ich ſchwöre es!“ erwiederte Heinrich. „Wäre Eure Majeſtät mir ſo geneigt, als Ihr mich glauben laſſen möchtet, ſo würdet Ihr dieſe Eheſcheidungs⸗ Angelegenheit bald zu Ende bringen,“ ſagte Anna. „Ich möchte es gerne thun, Liebchen,“ verſetzte rich;„aber dieſe Cardinäle plagen mich gräulich.“ Erſtes Buch: Anna Boleyn. 105 „Ich habe von Jemand gehört, der ihn belauſchte, daß Wolſey erklärt hat, die Scheidung ſollte nicht vor zwei Jahren in Ordnung gebracht werden,“ ſagte Anna;„in dieſem Falle ſollte ſie lieber gar nicht vor ſich gehen; denn warum ſollte ich nicht geſtehen, daß ich ſo langen Aufſchub nicht ertragen kann. Die Wärme meiner sn gegen die Zeit eiſig kalt geworden ſein.“ „Es wäre hinreichend, um die Geduld der na⸗ ſichtigſten zu erſchöpfen,“ erwiederte der König lächelnd,— „aber es ſoll nicht ſo ſein— bei dieſer Lilienhand, es ſoll nicht! ⸗Und nun, Liebchen, ſind wir vollſtändig verſöhnt?“ „Noch nicht,“ antwortete Anna.„Ich muß Eure Ma⸗ jeſtät noch um eine Gnade bitten, ehe ich Euch meine volle Vergebung angedeihen laſſe.“ „Nennt ſie,“ ſagte der König, noch immer ihre Hand zärt⸗ lich umſchließend und von der Zauberkraft ihres Blickes berauſcht. „Ich bitte um eine wichtige Gunſt,“ ſagte Anna— „indeſſen da ſie Eurer Majeſtät eben ſo ſehr zu Gute kom⸗ men wird als mir, ſo ſtehe ich um ſo weniger an, ſie nachzuſuchen. Ich fordere die Entlaſſung von Jemand, der Eure Gunſt gemißbraucht, der durch ſeine Habſucht und Erpreſſungen einigermaßen die Liebe Eurer Unterthanen von Euch abgewendet hat, und der allein ſich Eurer Scheidung von Katharina von Arragonien widerſetzt, weil er fürchtet, mein Einfluß könne ihm gefährlich ſein.“ „Ihr könnt unmöglich meinen?“ ſagte Heinrich unruhig. „Eure Majeſtät hat richtig gerathen,“ erwiederte Wn „Wolſey hat ſich ſeit Kurzem oft mein Mißfallen zu⸗ gezogen,“ ſagte Heinrich,„und doch, ſeine Treue—“ „Täuſcht Euch nicht, Sire,“ ſagte Anna;„er iſt Euch nur ſo weit treu, als es ſeinem Vortheile angemeſſen er⸗ ſcheint. Er glaubt Euch am Gängelbande zu führen.“ 106 Schloß Windſor. Ehe Heinrich antworten konnte, trat der Cardinal hervor. „Ich bringe Eurer Majeſtät eine eben von der Königin eingegangene Depeſche,“ ſagte er. „Und Ihr habt unſerem Geſpräche 3ſt erwiederte Heinrich ſtrenge.„Ihr habt gehört—“ „Genug, um mich zu überzeugen, wenn ich noch daran gezweifelt hätte, daß Lady Anna Boleyn meine Todfeindin iſt,“ entgegnete Wolſey. „Feindin, die ich bin, will ich mich doch mit Eurer Eminenz vergleichen,“ ſagte Anna„Beſchleunigt die Schei⸗ dung,— Ihr könnt es, wenn Ihr wollt,— und ich bin Eure zuverläſſigſte Freundin.“ „Ich kenne den Werth Eurer Freundſchaft zu gut, edles Fräulein, um nicht Alles, was in meiner Macht ſteht, um ihretwillen zu thun,“ erwiederte Wolſey.„Ich will die Sache womöglich beeilen. Sie ruht aber hauptſächlich in den Händen ſeiner Heiligkeit, Pabſt Clemens des Siebenten. „Wenn Seine Majeſtät meinem Rathe Gehör geben will, ſo wird er das Joch des Pabſtes ganz und gar ab⸗ ſchütteln,“ verſetzte Anna.„Nein, Eure Eminenz mag die Stirn noch ſo ſehr gegen mich runzeln; dies, ich wiederhole es, wird mein Rath ſein. Wenn die Scheidung ſchleunigſt erlangt wird, ſo bin ich Eure Freundin; wo nicht, nehmt Euch in Acht.“ „Beruft Euch nicht auf mich, Wolſey,“ ſagte Heinrich, Annen Beifall zulächelnd—„ich werde ihr beiſtehen.“ „Gefällt es Eurer Majeſtät dieſe Depeſche durchzuleſen?“ ſagte der Cardinal, Katharinens Brief noch einmal darreichend. „Nehmt ſie mit in mein Cabinet,“ antwortete der König; 2 „und erwartet mich dort. Und nun endlich ſind wir wieder ausgeſöhnt, Liebchen.“ Pollkumm ausgeſöhnt, theurer S eniwente 2—— Erſtes Buch: Anna Boleyn. 107 Anna;„aber ich werde niemals Eure Königin ſein, ſo lange Wolſey ſeinen Poſten behält.“ „Dann, in der That, ſoll er ihn verlieren,“ entgegnete Heinrich... „Sie iſt eine erbitterte Feindin, wahrhaftig,“ murmelte Wolſey, indem er fortging.„Ich muß ſie bald ſtürzen, oder ſie wird mich ſtürzen. Eine Nebenbuhlerin muß gefunden werden— ja, eine Nebenbuhlerin— aber wo? Man hat mir geſagt, daß Heinrich heute Morgen bei der Jagd ſeine Augen auf eine nette Förſtertochter warf. Zu Zweck wird ſie gut genug ſein.“ X. Von des Jägers Herne geheimnißvollem Verſchwinden im See. Unfähig eine Milderung von Surrey's Urtheil zu er⸗ langen, begab ſich der Herzog von Richmond nach dem Runden Thurme, wo er ſeinen Freund in einem kleinen Gemache ſeine Gefangenſchaft durch litterariſche Beſchäftigung zu verſüßen bemüht fand. Richmond ſuchte ihn zu tröſten und freute ſich, ihn in beſſerer Laune zu finden, als er erwartet hatte. Im jugend⸗ lichen Alter iſt man ſelten lange niedergeſchlagen, und Unglücks⸗ fälle ſcheinen während dieſer thatkräftigen Periode leichter zu wiegen als im ſpäteren Alter. Ueberdies hielt Surrey die Urſache, um derentwillen er litt, aufrecht; und auf der ſchönen Geraldine Zuneigung vertrauend, machte er ſich wenig aus dem ihm auferlegten Zwange. Ueber einen Punkt gab er ſein Bedauern zu erkennen— nämlich über die Unmög⸗ lichkeit, in der er ſich befand, das Abenteuer des Jäger Herne mit dem Herzoge fortzuſetzen.„ „Es thut mir leid, daß ich Euch nicht begleiten kann, 108 Schloß Windſor. Richmond,“ ſagte er;„da dies aber unmöglich iſt, ſo laßt mich Euch den rüſtigen Bogenſchützen empfehlen, den ſie den Herzog von Shoreditch nennen. Nehmt ihn mit Euch, er iſt der rechte Mann dazu.“ Nach einiger Ueberlegung willigte der Herzog ein und mit dem Verſprechen am folgenden Tage wiederzukommen und über das Vorgefallene zu berichten, beurlaubte er ſich und ſuchte den erwähnten Bogenſchützen auf. Da er aus⸗ findig machte, daß dieſer ſein Quartier im Hoſenbande ge⸗ nommen habe, ſo ſchickte er nach ihm und ſchlug ihm die Sache vor. Shoreditch hörte dem Vorſchlage des Herzogs erſtaunt zu, zeigte aber die größte Bereitwilligkeit ihm zu folgen und verpflichtete ſich auf Richmonds Verlangen zum tiefſten Still⸗ ſchweigen darüber. Zur feſtgeſetzten Stunde— nämlich um Mitternacht— verließ der Herzog das Schloß und fand Shoreditch neben dem oberen Thore auf ihn wartend. Der letztere war mit einem ſtarken Knüttel und mit Bogen und Pfeilen bewaffnet. „Wenn wir des geheimnißvollen Jägers über Nacht anſichtig werden,“ ſagte er,„ſo ſoll ein ellenlanger Pfeil erproben, ob er von ſterblichem Stoff iſt oder nicht. Wenn er kein Geſpenſt iſt, ſo ſetze ich meinen Kopf ein, daß er nicht länger reiten ſoll.“ Den Schloßpark verlaſſend, richteten ſie ihren Lauf ge⸗ radeswegs auf den Wald zu. Es war eine ſtürmiſche Nacht und der Mond war von dicken Wolken bedeckt. Ehe ſie den Hügel am Ende der großen Allee erreichten, zog ein heftiges Gewitter heran, und der Blitz ſchien, unter den Bäumen ſpielend, ihrem halbgeblendeten Blick tauſend phantaſtiſche Geſtalten zu enthüllen. Bald fiel der Regen in Strömen herab und zwang ſie, unter einer großen Buche Schutz zu ſuchen. Es zeigte ſich trotz ſeines Prahlens, daß Shoreditch's Erſtes Buch: Anna Voleyn. 109 Muth in raſchem Sinken war, und endlich ſchlug er ſeinem Führer vor nach Hauſe zu kehren, ſobald der Regen nach⸗ ließe. Allein der Herzog wies ſeinen Vorſchlag unwillig zurück. Während ſie ſich ſo unter dem Baume vor dem Regen zu ſichern ſuchten, hörten ſie das leiſe Blaſen eines Hornes. Auf dieſen Klang folgte Pferdegetrappel und bald darauf ließ ein lebhaftes Leuchten des Blitzes einen vorübereilenden Hirſch ſehen, dem ein Trupp von einigen zwanzig geſpenſtiſchen Reitern mit dem wilden Jäger an der Spitze nachſetzte. Der Herzog von Richmond gebot ſeinem Begleiter, ihnen einen Bolzen nachzuſenden; dieſer war aber ſo von Schrecken übermannt, daß er kaum einen Pfeil an die Schnur legen konnte, und als er den Bogen ſpannte, glitt der Bolzen von den Zweigen eines benachbarten Baumes ab. Der Sturm hielt faſt eine Stunde mit ungeſchwächter Wuth an, nach Verlauf derſelben klärte es ſich theilweiſe auf und obgleich es noch vollkommen finſter war, beſtand der Herzog aufs Weitergehen. Somit eilten ſie unter den tröpfelnden Bäumen, auf dem naſſen Graſe weiter. Dann und wann brach der Mond durch die zerriſſenen Wolken und warf einen flüchtigen Glanz auf die Landſchaft. Indem ſie eine Schlucht an der andern Seite des Hügels verfolgten, jagten die geſpenſtiſchen Jägersleute noch einmal an ihnen vorüber und zwar ſo nahe, daß ſie faſt ihre Pferde berühren konnten. Zu ſeinem Schrecken gewahrte der Herzog unter ihnen den Körper Marcus Fyttons des Schlächters, der aufrecht auf einem mächtigen ſchwarzen Roſſe ſaß. Um dieſe Zeit hatte Shoreditch einigermaßen wieder Muth gefaßt und ſchoß noch einen Bolzen auf den Trupp ab. Der Pfeil traf den Körper des Schlächters und durch⸗ bohrte ihn durch und durch, hinderte ihn aber nicht an ſeiner Flucht, während der übrige Theil des Schwarmes in ein wildes höhniſches Gelächter ausbrach.— 1¹⁰ Schloß Windſor. Der Herzog von Richmond eilte der Bande nach, indem er ſie im Auge zu behalten ſuchte, und Shoreditch, der ſeinen Bogen hingeworfen hatte, weil er ihn nutzlos fand, packte ſeinen Knüttel an und ſuchte mit Jenem Schritt zu halten. Obgleich ſie aber raſch die Schlucht hinab liefen und das Dunkel mit den Augen zu durchdringen ſtrebten, konnten ſie nichts weiter von dem geſpenſtiſchen Zuge gewahren. Nach einer Weile gelangten ſie an den Fuß eines Hügels, neben welchem der See lag, deſſen dunkles Gewäſſer eben durch eine Oeffnung zwiſchen den Bäumen ſichtbar ward. Während der Herzog bei ſich ſelbſt überlegte, ob er weiter gehen oder umkehren ſollte, ließ ſich hinter ihnen Pferde⸗ getrappel hören, und ſich nach der Richtung des Schalles umſehend, erblickten ſie den Jäger Herne auf ſeinem Rappen, der nur in Begleitung ſeiner beiden ſchwarzen Hunde in wilder Eile den Abhang hinunterſtürmte. Vor ihm her flog die Eule, die Luft mit Gekreiſch durchſchneidend. Der wilde Jäger war ihnen ſo nahe, daß ſie deutlich ſeine ſchrecklichen Züge, die von ſeinem Nacken herabhängende Kette und ſein helmartiges Geweih unterſcheiden konnten. Richmond rief ihn an, aber der Reiter ſetzte, des Rufes nicht achtend, ſeinen ſtürmiſchen Lauf nach dem See fort. Die beiden Zuſchauer ſtürzten vorwärts, aber gegen dieſe Zeit hatte der Jäger den Rand des Sees erreicht. Einer ſeiner ſchwarzen Hunde ſprang hinein und die Eule ſtrich über deſſen Oberfläche hin. Selbſt bei dem kurzen Anblick, den der Herzog von der fliehenden Geſtalt hatte, wähnte er ſie von einem phantaſtiſchen Schatten begleitet zu ſehen; ob von ihr ſelbſt gsworfen oder aus irgend einer übernatürlichen Urſache entſprungen, konnte er nicht beſtimmen. Aber das Folgende war eben ſo wunderbar und unbe⸗ greiflich. Als der wilde Jäger den Rand des Sees erreichte, ſetzte er das Horn an den Mund und blies dargus eine Erſtes Buch: Anna Boleyn. 111 glänzende blaue Flamme, die ſeine eigenen düſteren und ſcheußlichen Züge beleuchtete und einen unheimlichen, über⸗ irdiſchen Glanz auf die umliegenden Gegenſtände warf. Von dieſer Flamme umhüllt, ſtürzte ſich das Geſpenſt in den See und verſank dem Anſchein nach in ſeine Tiefen, denn ſobald der Herzog ſeinen Muth zuſammengerafft hatte und an deſſen Rand trat, war nichts mehr von ihm, ſeinem Roſſe oder ſeinen Hunden zu ſehen. Hier endet das erſte Vuch der Chronik von Schloß Windſor. Schloß Windſor. Zweites Buch. Der Jäger Herne. I. Von dem Bunde zwiſchen Sir Thomas Wyat und dem Jäger Herne. Am Tage nach ſeiner geheimen Zuſammenkunft mit Anna Boleyn erhielt Sir Thomas Wyat vom Könige Depeſchen für den franzöſiſchen Hof.„Seine Majeſtät läßt Euch ſagen, Eure Vorbereitungen zu beeilen, Sir Thomas,“ ſagte der Bote, welcher die Depeſchen überbrachte.„Je eher Ihr ab⸗ reiſtt, deſto beſſer.“ „Ich werde des Königs Befehlen gehorchen,“ 4 Wyat. Und der Bote entfernte ſich. Wyat überließ ſich eine Zeit lang tiefen und i Gedanken. Tief aufſeufzend erhob er ſich dann und durch⸗ maß das Zimmer mit haſtigen Schritten. „Ja, es iſt ſo beſſer,“ rief er aus;„wenn ich hier bleibe, ſo werde ich irgend eine verzweifelte That thun. Beſſer— viel beſſer, daß ich gehe. Und doch— ſie bei Heinrich zu laſſen— zu wiſſen, daß er immer um ſie iſt— daß er ihrer melodiſchen Stimme horcht, ſich in ihrem Lächeln ſonnt— während ich zur Verzweiflung getrieben werde,— der Gedanke macht mich wahnſinnig! Ich will dem verhaßten Befehle nicht gehorchen! Ich will bleiben und ihm trotzen.“ Während er dieſe wilde und unbedachte Rede laut aus⸗ ſprach, ward der Tapetenvorhang der Thür bei Seite ge⸗ ſchoben und Wolſey trat ein. 7 116 Schloß Windſor Wyat's Augen ſenkten ſich vor dem durchdringenden Blick, den Wolſey auf ihn heftete. „Ich bin nicht gekommen, um den Horcher zu ſpielen, Sir Thomas,“ ſagte Wolſey;„aber was ich gehört habe, iſt genug um Euer Leben in meine Gewalt zu geben. Alſo Ihr weigert Euch des Königs Befehlen zu gehorchen. Ihr weigert Euch nach Paris zu gehen. Ihr weigert Euch, die Scheidung zu Stande bringen zu helfen, und wollt lieber hier bleiben, um Euerm König zu trotzen und Euch an einer wankelmüthigen Geliebten zu rächen. Wie?“ Wyat gab keine Antwort. „Wenn dies Eure Abſicht iſt,“ fuhr Wolſey nach einer Pauſe fort, während er des Ritters Züge aufmerkſam durch⸗ forſchte,„ſo will ich Euch darin beiſtehen. Laßt Euch von mir leiten und Ihr ſollt volle, genügende Rache erhalten.“ „Sprecht weiter,“ erwiederte Wyat, deſſen Augen von hölliſchem Feuer erglühten, während ſeine Hand unwillkührlich den Griff ſeines Dolches umſchloß. „Wenn ich recht in Euch leſe,“ fuhr der Cardinal fort, „ſo ſeid Ihr auf jene Höhe der Verzweiflung gelangt, wo das Leben ſelbſt gleichgültig wird und nur ein Zweck er⸗ ſehnt wird—“ „Und der iſt Rache!“ unterbrach ihn Wyat wild.„Ganz recht, Cardinal, ganz recht. Rache will ich haben, fürchter⸗ liche Rache!“ „Ihr werdet es. Aber ich will Euch nicht täuſchen. Ihr werdet das, was Ihr ſucht, für den Preis Eures eigenen Kopfes erkaufen.“ „Immerhin,“ antwortete Wyat.„Alles Gefühl der Liebe und Treue iſt von Eiferſucht und glühendem Haß überwältigt. Nichts als Blut kann das Fieber ſtillen, das mich verzehrt. Zeigt mir, wie ich ihn morde!“ „Ihn!“ wiederholte der Cardinal mit Grauſen.„Elender! Zweites Buch: Der Jäger Herne. 117 wolltet Ihr Euren König morden? Gott verhüte, daß ich dazu riethe, auch nur ein Haar auf ſeinem Haupte zu ver⸗ letzen. Ich will nicht den Mörder abgeben, Wyat,“ fügte er ruhiger hinzu,„ſondern den gerechten Rächer. Befreit den König aus der Sklaverei jener gierigen Syrene, die ihn feſſelt und Ihr werdet dem Vaterlande einen Dienſt leiſten. Ein Wort von Euch— ein Brief— ein Liebesandenken wird den König von ihr gbwendig machen und ſie aufs Schaffot bringen. Was thut's? der blutige Block wäre beſſer für ſie, als Heinrichs Ehebett.“ „Ich kann ihr kein Leids thun,“ rief Wyat verſtört. „Ich liebe ſie noch, ſo inbrünſtig wie immer. Sie war geſtern in meiner Gewalt und ohne Eure Hülfe, Cardinal, hätte ich meine Rache an ihr kühlen können, wenn ich dazu geſonnen geweſen wäre.“ „Ihr waret alſo in ihrem Zimmer, wie der König argwöhnte?“ rief Wolſeh mit frohlockendem Blick.„Bemüht Euch nicht weiter, Sir Thomas. Ich werde Euch das Ge⸗ ſchäft der Rache abnehmen.“ „Meine Unbeſonnenheit wird Euch wenig nützen, Car⸗ dinal,“ erwiederte Wyat ernſt.„Ein übereiltes Wort be⸗ weiſtt nichts. Ich will lieber auf der Folter umkommen, als Anna Bolehn anklagen. Ich bin ein verzweifelter Menſch, aber nicht ſo verzweifelt, als Ihr glaubt. Vor einem Augen⸗ blicke noch hätte ich mich von dem mörderiſchen und ver⸗ rätheriſchen Antriebe, meine Hand gegen den König zu er⸗ heben, verleiten laſſen, aber niemals hätte ich ſie verletzen können.“ „Ihr ſeid ein Narr!“ rief Wolſey ungeduldig;„und es iſt verlorene Zeit, mit Euch zu verhandeln. Ich wünſche Euch gutes Glück zur Reiſe. Bei Eurer Rückkehr werdet Ihr Anna Boleyn als Königin von England wiederfinden.“ „Und Euch in Ungnade,“ entgegnete Wyat, als der 118 Schloß Windſor. Cardinal mit einem boshaften, tachſüchtign Blick das Zim⸗ mer verließ. Noch einmal ſich ſelbſt überlaſſen, verfiel Wyat in einen zweiten Anfall von Niedergeſchlagenheit, aus dem er ſich mit Mühe aufraffte, um dem Grafen von Surrey einen Beſuch im Runden Thurme abzuſtatten. Einige Verzögerung trat ein, ehe er Zutritt zum Grafen erlangen konnte. Der Hellebardier am Eingange zu der Veſte neben dem Normänniſchen Thurm verweigerte ihm den Eintritt ohne den Befehl des wachthabenden Offiziers im Thurme, und da dieſer gerade für den Augenblick abweſend war, ſo mußte er draußen ſo lange warten, bis er erſchien. Wiährend dieſes Aufenthalts ſah er Anna Boleyn auf der oberen Schanze mit ihrem königlichen Liebhaber ihre Roſſe beſteigen und mit ihrem Gefolge auf eine Beizjagd ausreiten. Anna Bolehn trug einen ſchönen Falken auf der Fauſt— Wyat's eigenes Geſchenk an ſie in glücklicheren Tagen— und athmete ganz Koketterie, Munterkeit und Ent⸗ zücken, ohne die Spur einer Wolke auf ihrer Stirn oder einer Sorge in ihrer Miene. Mit vermehrter Bitterkeit ſeines Herzens wandte er ſich von dieſem Anblick ab und verbarg ſich hinter der Pforte des Normänniſchen Thurmes. Bald darauf langte der Offizier an, der ihm ſogleich die Erlaubniß ertheilte, den Grafen zu beſuchen und ihn eine lange Flucht ſteinerner Stufen hinanführte, welche mit dem oberen Theile der Veſte in Verbindung ſtand und von einer mit Zinnen und Thürmchen verſehenen Mauer geſchützt, einen bedeckten Gang nach dem Runden Thurme bildete. Bei dem Treppenabſatz angekommen, ſchloß der Offizier eine Thür zur Linken auf und führte ſeinen wechti in des Gemach ein. In Folge der kreisförmigen Geſtalt des Gebäudes, in welchem es lag und von dem es einen Abſchnitt bildete, Zweites Buch: Der Jäger Herne. 119 entzog ſich der entferntere Theil dieſes Gemaches faſt dem Auge des Eintretenden, und eine Unzahl von Ouerbalken und hölzernen Pfeilern vermehrten ſein düſteres und geheim⸗ nißvolles Ausſehen. Die Mauern waren von ungeheurer Dicke und eine enge Schießſcharte am Ende eines tiefen Ein⸗ ſchnittes gewährte nur eine ſpärliche Erleuchtung. Der Schieß⸗ ſcharte gegenüber ſaß Surrey an einem kleinen mit Büchern und Schreibmaterialien bedeckten Tiſche. Eine Laute lag neben ihm auf dem Boden und verſchiedene aſtrologiſche und alchymiſtiſche Geräthſchaften waren in ſeiner Nähe. So ſehr war der jugendliche Gefangene in ſeine Be⸗ ſchäftigung verſunken, daß er Wyat's Eintreten nicht eher gewahrte, als bis dieſer ſich durch einen leichten Ausruf bemerklich machte. Dann erhob er ſich und bewillkommnete ihn. Nichts Weſentliches ward unter ihnen beſprochen, ſo lange der Offizier im Zimmer gegenwärtig blieb, aber nach ſeiner Entfernung fragte Surrey ſeinen Freund lachend:—„Nun, wie befindet ſich meine ſchöne Couſine, die Lady Anna Boleyn?“ „Sie iſt eben mit dem Könige auf die Beizjagd in den Park geritten,“ erwiederte Wyat verdrießlich.„Ich meines⸗ theils bin mit einer Sendung nach Frankreich beauftragt worden, ich konnte aber nicht abreiſen ohne Euch wegen der Gefahr, in die ich Euch geſtürzt habe, um Verzeihung zu bitten. Ich wollte, ich könnte Eure Stelle einnehmen!“ „Sorgt nicht um mich,“ antwortete Surrey—„ich bin ganz zufrieden mit dem, was ſich zugetragen hat. Virgil und Homer, Dante und Petrarch ſind die Gefährten meiner Einſamkeit; allen Ernſtes, ich freue mich allein zu ſein. Unter den Zerſtreuungen des Hofes konnte ich wenig Muße für die Muſe finden.“ „Eure Lage iſt in vielen Beziehungen beneidenswerth, Surrey,“ entgegnete Wyat.„Von keinen eiferſüchtigen Zwei⸗ feln oder Befürchtungen geſtört, könnt Ihr die ſchleichenden 120 Schloß Windſor. Stunden mit Ausbildung Eurer poetiſchen Liebhabereien oder mit Studieren vertreiben. Bei alledem muß ich mir, als der Urſache Eurer Gefangenſchaft, durchaus Vorwürfe machen.“ „Ich wiederhole Euch, Ihr habt mir einen Dienſt ge⸗ leiſtet,“ erwiederte der Graf.„Ich würde mein Leben für meine ſchöne Couſine Anna Boleyn laſſen und freue mich, Euch die Aufrichtigkeit meiner Achtung für Euch beweiſen zu können, Wyat. Ich zolle der Beſonnenheit des Königs, Euch nach Frankreich zu ſchicken, meinen vollen Beifall, und wenn Ihr Euch von mir rathen laſſen wollt, ſo werdet Ihr dort lange genug verweilen, um diejenige zu vergeſſen, die Euch jetzt ſo viel Unruhe bereitet.“ „Wird die ſchöne Geraldine vergeſſen ſein, wenn Eure Gefangenſchaft abgelaufen iſt, Mylord?“ fragte Wyat. „Sicherlich nicht,“ antwortete der Graf. „Und doch werde ich in weniger als zwei Monaten aus Frankreich wieder zurück ſein,“ verſetzte Wyat. „Unſere Lagen find einander nicht gleich,“ ſagte Surreh. „Lady Elifabeth Fitzgerald hat mir Treue geſchworen.“ „Anna Boleyn hat mir ewige Beſtändigkeit gelobt,“ rief Wyat bitter,„und Ihr ſeht, wie ſie ihren Eid gehalten hat! Die Abweſenden ſind immer in Gefahr; und wenige Frauenzimmer ſind gegen den Ehrgeiz ſtandhaft. Eitelkeit— Eitelkeit, das iſt der Felſen, an dem ſie ſcheitern. Möge Euch niemals von Richmond das Unrecht widerfahren, das mir von ſeinem Vater widerfahren iſt.“ „Ich fürchte nichts,“ entgegnete Surrey. Während er ſo ſprach, hörte man ein leichtes Geräuſch in dem Theil des Zimmers, der im Dunkel vergraben war. „Haben wir einen Lauſcher hier?“ rief W die Hand ans Schwert legend. „Niemand, außer etwa einen vierbeinigen in den Ge⸗ fängniſſen unter uns,“ antwortete Surrey.„Aber Ihr ſpracht Zweites Buch: Der Jäger Herne. 121 von Richmond. Er beſuchte mich dieſen Morgen und er⸗ zählte mir die Einzelnheiten eines geheimnißvollen Aben⸗ teuers, das ihm dieſe Nacht zugeſtoßen iſt.“ Und der Graf fing an umſtändlich anzugeben, was dem Herzog im Walde begegnet war. „Wahrlich, eine wunderbare Geſchichte!“ ſagte Wyat über der Erzählung brütend.„Ich will den geſpenſtiſchen Jäger ſelbſt aufſuchen.“ Wiederum erſcholl aus dem entfernteren Theile des Zimmers ein Geräuſch, wie das kurz zuvor gehörte. Wyat ſtürzte augenblicklich dorthin und ſuchte, das Schwert ziehend, mit deſſen Spitze umher, aber vergeblich. „Es konnte keine Einbildung ſein,“ ſagte er,„und doch war nichts zu finden!“ „Nach dem, was ich ſelbſt geſehen habe,“ bemerkte Surrey,„liebe ich keinen Spaß über den Jäger Herne. In Eurer gegenwärtigen Gemüthsſtimmung rathe ich Euch, keine Zuſammenkunft mit dem Böſen zu wagen. Er hat Gewalt über die Verzweifelten.“ 5 4 Wyat gab keine Antwort. Er ſchien ſich in düſtere Gedanken verloren zu haben und beurlaubte ſich bald darauf. Bei ſeiner Rückkunft nach ſeiner Wohnung berief er ſeine Leute und befahl ihnen, nach Kingston zu gehen, in⸗ dem er hinzufügte, daß er am nächſten Morgen früh zu ihnen ſtoßen würde. Einer von ihnen, ein alter Diener, der die außerordentliche Wildheit ſeiner Blicke bemerkte, ver⸗ ſuchte ihn zu überreden, gleich mit ihnen zu gehen; aber Wyat ſchlug es hartnäckig ab mit einer Rauhheit, die ſeinem gewöhnlichen, äußerſt herablaſſenden und gutmüthigen Weſen gänzlich fremd war. „Ihr ſeht ſehr ſchlimm aus, Sir Thomas,“ ſagte der alte Diener;„ſchlimmer als ich jemals Euch geſehen zu haben mich erinnere. Hört auf meinen Rath, ich beſchwöre, 122 Schloß Windſor. Euch. Schützt wegen Eurer Sendung nach Frankreich beim Könige Krankheit vor, und zieht Euch auf einige Monate zur Wiederherſtellung Eurer Kräfte und Eurer guten Laune nach Allington zurück.“ „Still, Adam Twisden,— ich befinde mich gut genug,“ rief Wyat ungeduldig.„Geht und ſorgt für meine Felleiſen.“ „Mein theurer, theurer Herr,“ rief der alte Adam, ein Knie vor ihm beugend und ſeine Hand an die Lippen drückend;„mir ahnt, daß ich Euch niemals wiederſehen werde, wenn ich Euch jetzt verlaſſe. Es liegt eine Bläſſe auf Eurer Wange und ein Feuer in Eurem Auge, wie ich es niemals bei Euch oder bei einem Sterblichen geſehen habe. Ich ſcheue mich es zu ſagen, aber Ihr ſeht wie ein vom Böſen Beſeſſener aus. Vergebt meine Kühnheit, Herr. Ich ſpreche ſo aus Anhänglichkeit und Pflichtgefühl. Ich habe Eurem Vater vor Euch gedient, theurer Sir Thomas Wyat, und ich liebe Euch wie einen Sohn, während ich Euch wie einen Herrn verehre. Ich habe von ſchlimmen Weſen im Walde, ja ſogar innerhalb des Schloſſes, ſprechen hören, die Einen mit Verſprechungen, ſeine böſen Gelüſte zu erfüllen, ins Verderben locken. Ich hoffe, kein ſolches Weſen hat Euren Pfad gekreuzt.“ „Beruhigt Euch, guter Adam,“ erwiederte Wyat,„kein böſer Geiſt hat mich verlockt.“ „Schwört es, Herr,“ ſchrie der alte Mann begierig, —„ſchwört es bei der heiligen Dreieinigkeit!“ „Bei der heiligen Dreieinigkeit, ich ſchwöre es“ ant⸗ wortete Wyat. Sowie dieſe Worte geſprochen wurden⸗ fiel die Thür hinter dem Vorhange heftig zu. „Zum Teufel mit Euch, Schurke! Ihr habt die Thür offen gelaſſen!“ rief Wyat heftig.„Unſer Geſpräch iſt be⸗ lauſcht worden.“ Zweites Buch: Der Jäger Herne. 123 „Wir wollen bald ſehen, von wem,“ rief Adam auf⸗ ſpringend und nach der Thür ſtürzend, die auf einen langen Corridor ging. „Nun?“ fragte Wyat, als Adam gleich darauf mit faſt eben ſo bleichen Wangen, als ſ eigenen, wiederkam, „war es der Cardinal?“ „Es war der Teufel, glaube ich!“ erwiederte der alte Mann.„Ich habe Niemand finden können.“ „Dazu würde grade keine überirdiſche Macht nöthig ſein, um ſich im nächſten Zimmer zu verſtecken, Narr!“ entgegnete Wyat, eine iit heuchelnd, die keines⸗ wegs aufrichtig war. „Euer Gnaden Schwur ward auf ſonderbare Weiſe unterbrochen,“ rief der alte Mann, ſich andächtig bekreuzend. „Der heilige Dunſtan und der heilige Chriſtoph mögen uns vor böſen Geiſtern bewahren!“ „Still mit Eurer albernen Furcht, Adam,“ ſagte Wyat. „Nehmt dieſe Packete,“ fügte er hinzu, ihm Heinrichs De⸗ peſchen übergebend,„und hütet ſie wie Euer Leben. Ich gehe dieſe Nacht auf eine etwas gefährliche Unternehmung aus und mag ſie nicht um mich haben. Laßt den Stallknecht mein Pferd eine Stunde vor Mitternacht bereit halten.“ „Ich hoffe, Euer Gnaden wollen um dieſe Stunde nicht in den Wald reiten?“ ſagte Adam zitternd.„Ich hörte von dem wackern Bogenſchützen, den der König zum Herzog von Shoreditch ſchlug, daß er und der Herzog von Richmond ſich vergangene Nacht dorthin gewagt hätten, und daß ſie dort eine Legion Geſpenſter auf kohlſchwarzen Rappen ſahen und unter ihnen Mareus Fytton, den Schlächter, der vor einigen Tagen auf des Königs Befehl am Curfew⸗Thurm gehängt wurde und deſſen Leiche auf ſo unerklärliche Art weg⸗ gekommen iſt. Geht nicht in den Wald, theurer Sir Thomas!“ „Nichts mehr davon!“ rief Wyat heftig.„Thut, wie * 124 i Schloß Windſor. ich Euch befehle, und wenn ich nicht vor morgen Mittag zu Euch ſtoße, ſo reitet weiter nach Rocheſter und erwartet dort meine Ankunft.“ „Ich werde Euch nie wieder ſehen, Herr!“ ächzte der alte Mann, indem er fortging. Die ängſtliche Sorgfalt, die dieſer alte und treue Diener um ſeinetwillen bewies, blieb nicht ohne Wirkung auf Sir Thomas Wyat und machte ihn in ſeinem Plane unent⸗ ſchloſſen; aber allmählig überkam ihn ein neuer Anfall von eiferſüchtiger Wuth und ſtürzte ſeine beſſeren Entſchließungen um. Er blieb bis zu ſpäter Stunde in ſeinem Zimmer und begab ſich dann auf die nördliche Terraſſe des Schloſſes, wo er von einer Schildwache angerufen und nach gegebener Loſung weiter gelaſſen ward. Die Nacht war vollkommen finſter und die ganze pracht⸗ volle, von der Terraſſe beherrſchte Ausſicht war dem Blick verhüllt. Jedoch Wyat's Abſicht, indem er hierher kam, war, zum letzten Male auf den von Anna Bolehn bewohn⸗ ten Theil des Schloſſes zu ſchauen, und da er die Lage ihrer Zimmer wohl wußte, ſo heftete er ſeine Augen auf ihre Fenſter; aber obgleich zahlloſe Lichter den angränzenden Cor⸗ ridor erleuchteten, ſo war hier alles in Dunkelheit begraben. Plötzlich jedoch erhellte ſich das Zimmer und er ſah Heinrich und Anna Boleyn, begleitet von einer Schaar von Dienern mit Kerzen, hereintreten. Es bedurfte nicht Wyat's von der Eiferſucht geſchärften Blickes, um ſelbſt in ſolcher Entfernung in des Königs verliebten Mienen oder in Anna's erwiedernden Blicken zu leſen. Er ſah, daß einer von Heinrichs Armen ihren Leib umſchlang, während der andere ihre nachgebende Hand liebkoste. Sie ſtanden ſtill. Heinrich bog ſich vorwärts und Anna wandte ihren Kopf ab, aber nicht ſo weit, um den König zu verhindern einen langen und glühenden Kuß auf ihre Lippen zu drücken. „ Zweites Buch: Der Jäger Herne. 125 Fürchterlich war deſſen Eindruck auf Wyat. Der Biß einer Natter würde nicht ſo ſchmerzhaft geweſen ſein. Seine Hände ballten ſich convulſiviſch, ſein Haar ſträubte ſich, ein Schauder überlief ihn und er wankte mehrere Schritte zurück. Als er ſich wieder erholte, hatte Heinrich dem Gegenſtande ſeiner Liebe gute Nacht gewünſcht und drehte ſich unter der Thür noch einmal um, indem er ihr ein zärtliches Lebe⸗ wohl zuwinkte. Sobald er ſich entfernt hatte, ſah Anna ſich mit einem Lächeln unausſprechlichen Stolzes und Wohlgefallens nach ihrer Dienerſchaft um, aber eine Wolke von Vorhängen, die über das Fenſter herabfielen, entzog ſie dem Blicke ihres unglücklichen Liebhabers. In einem Zuſtande ganz unbeſchreibbarer Aufregung ſchwankte Wyat nach dem Rande der Terraſſe hin— viel⸗ leicht in der Abſicht, ſich dort hinunterzuſtürzen;— als er aber innerhalb weniger Schritte vor der niedrigen Bruſt⸗ wehr anlangte, die deren jähen Abhang einfaßte, ſah er eine hohe dunkle Geſtalt in ſeinem Wege ſtehen und machte Halt. Ob der Gegenſtand, den er gewahrte, ein Menſch war oder nicht, konnte er nicht unterſcheiden, aber er ſchien übermenſchliche Größe zu beſitzen. Er war in einen langen ſchwarzen Mantel gehüllt und trug eine hohe kegelförmige Mütze auf dem Kopf. Ehe Wyat ſprechen konnte, redete ihn die Geſtalt an. „Ihr wünſcht Herne, den Jäger, zu ſehen,“ ſprach ſie in tiefem grabähnlichem Tone.„Reitet nach der geſpenſti⸗ ſchen Buche neben dem Moraſt jenſeits des Waldes und Ihr werdet ihn finden.“ „Ihr ſeid Herne— ich fühle es,“ rief Wyat.„Wozu in den Wald gehen? Sprecht jetzt.“ Damit trat er vor in der Abſicht, die Geſtalt zu er⸗ — 126 Schloß Windſor. greifen. Sie wich ihm aber aus und zerfloß mit höhniſchem Gelächter ins Dunkel. Wyat näherte ſich dem Rande der Terraſſe und ſah über die Bruſtwehr; er erblickte aber nur die Gipfel der hohen, an dem Schloßgraben ſtehenden Bäume. Er eilte auf die Schildwache zu und fragte, ob Jemand vorübergekommen ſei, erhielt aber von dem Soldaten ein verdrießliches Nein. Aufgeregt und von Grauſen ergriffen, verließ Wyat die Terraſſe, beſtieg ſein Roß und galloppirte in den Wald hinein. „Wenn der, den ich geſehen habe, nicht wirklich der Böſe iſt, ſo ſoll er mich ſchwerlich im Rennen überholen,“ rief er, indem ſein Roß ihn ſtürmiſchen Laufs die Allee entlang trug. Die Dunkelheit war hier undurchdringlich, da ſie durch die dichten Laubmaſſen, unter denen er hinritt, vermehrt wurde. Um die Zeit jedoch, da er den Gipfel vom Snow⸗ Hügel erreichte, arbeitete ſich der Mond durch die Wolken und warf einen bleichen Schimmer auf die belaubte Wildniß umher. Der tiefe Schlummer der Wälder ward durch kein Geräuſch als das des wahnfinnig vorwärts ſtürmenden Rei⸗ ters unterbrochen. Mit dem Walde wohlbekannt, eilte Wyat geraden Laufes auf ſein Ziel zu. Sein Gehirn war in Flammen und die raſende Geſchwindigkeit ſeines Rittes erhöhte ſeine fürchter⸗ liche Aufregung. Keines Hinderniſſes achtend, jagte er vorwärts— bald auf Gefahr ſeines Lebens zwiſchen überhängenden Zweigen dahinfliegend, bald den Rand eines Abhanges entlang ſtrei⸗ fend, wo ein falſcher Schritt ihm den Tod gebracht hätte. Vorwärts ſtürzte er— vorwärts mit immer ſteigendem Wahnfinne. Endlich erreichte er die waldige Anhöhe, von wo er die ſumpfige Fläche, welche das Ziel ſeines Rittes war, — Zweites Buch: Der Jäger Herne. 120 überſehen konnte. Der Mond hatte wieder ſeinen Glanz verhüllt und nur eine ungeheure, unbeſtimmte ſchwarze Maſſe bezeichnete die Lage des geſpenſtiſchen Baumes. Um ihn kreiſ'te eine große weiße Eule, deren geiſterhaftes Gefieder durch das Dunkel ſchimmerte, wie eine Seemöve während des Sturmes; und ihr Gekreiſch hallte ahnungsvoll durch die Lüfte. Kein anderer Laut war hörbar, keii lebendes Weſen ſichtbar. Erſt indem er die vor ihm liegende öde Wildniß an⸗ ſtarrte, ſtutzte Wyat, ein Gefühl von Zweifel und Furcht überkam ihn und die Warnung ſeines alten treuen Dieners vrängte ſich in ſein Gedächtniß zurück. Er verſuchte, ein Gebet zu ſagen, aber die Worte ſtarben ihm auf den Lippen und ſeine Finger wollten nicht das Zeichen des Kreuzes machen. Aber auch dieſe Mahnungen hielten ihn nicht zurück. Von ſeinem ſchäumenden und keuchenden Roß herabſpringend und den Zügel in die Hand nehmend, ſtieg er den Abhang hinunter. Ab und an ſagte ihm ein Rauſchen im Graſe, daß eine von den Schlangen, wovon der Ort wimmelte, aufgeſcheucht von ihm fortkroch. Sein Roß, das bis dahin ganz Feuer und Leben geweſen war, begann jetzt Zeichen von Furcht zu offenbaren, zitterte an allen Gliedern, ſchnaubte und mußte mit Gewalt fortgezogen werden. Als er ſich dem Baume bis auf wenig Schritte genähert hatte, gewahrte er deutlich ſeinen rieſenmäßigen, vom Blitz geſpaltenen Stamm, aber Niemand war ringsum zu ſehen. Da ſtand Wyatſtill und rief mit lauter befehlender Stimme:— „Geiſt, ich rufe dich!— erſcheine!“ Bei dieſen Worten rollte ein Getöſe wie ein Donner⸗ ſchlag, begleitet von kreiſchendem Gelächter, über ſeinem Kopfe. Anderes ſeltſames und überirdiſches Geräuſch ließ ſich hören und unter dem Lärm ſtrömte ein blaues phos⸗ phoriſches Licht aus der gähnenden Baumſpalte, während 128 Schloß Windſor. eine hohe hagere Geſtalt, mit geweihartigem Helme bedeckt, emporkam. In demſelben Augenblicke erſchien ein Schwarm von ſcheußlich wunderlichen, ſchwarzen Figuren, wie Kobolde, in dem Gezweige des Baums und grinſten und äfften Wyat an, deſſen Muth während der furchtbaren Prüfung uner⸗ ſchuttert und ſtandhaft blieb. Nicht ſo ſein Roß. Mit hef⸗ tigem Bäumen und Ausſchlagen brach das erſchreckte Thier durch und ſchoß pfeilſchnell nach dem Moraſte, wo es eine Zeit lang zappelte und dann verſank. „Ihr habt mich gerufen, Sir Thomas Wyat,“ ſprach das Geſpenſt im Grabestone;„hier bin ich. Was wollt Ihr?“ „Wenn dir mein Name bekannt iſt, hölliſcher Geiſt, ſo ſollte mein Begehr es auch ſein,“ antwortete Wyat verwegen. „Euer Begehr iſt mir bekannt,“ erwiederte das Ge⸗ ſpenſt.„Ihr habt eine Geliebte verloren und möchtet ſie wiedergewinnen?“ „Ich wollte meine Seele hingeben, wenn ich ſie meinem königlichen Nebenbuhler abgewinnen könnte!“ rief Wyat. „Ich nehme Euer Anerbieten an,“ verſetzte der Geiſt. „Anna Boleyn ſoll die Eure werden. Eure Hand auf den Vertrag.“ Wyat ſtreckte ſeine Hand aus und ergriff die des Ge⸗ ſpenſtes. Seine Finger wurden wie von einem Schraubſtock zuſammengepreßt und er fühlte ſich nach dem Baume hin⸗ gezogen, während ein erſtickender Schwefeldampf um ihn aufſtieg. Ein ſchwarzer Schleier fiel über ſeinen Kopf und ward raſch in dichten Falten um ſeine Stirn gewunden. Unter gellenden Ausbrüchen hölliſchen Gelächters ward er dann vom Boden aufgehoben, in die Höhlung des Bau⸗ mes hinabgelaſſen und von dort, wie es ihm ſchien, in eine tiefe unterirdiſche Höhle gebracht. Zweites Buch: Der Jäger Herne. 129 II. Wie Wolſey ſeinen Plan in Ausführung bringt. Da ſein Plan, Wyat zum Werkzeuge von Anna Bo⸗ leyn's Sturz zu machen, geſcheitert war, ſo beſchloß Wolſeh ſeine ſchon früher gefaßte Abſicht, ihr eine Nebenbuhlerin beim Könige zu geben, augenblicklich in Ausführung zu bringen. Wenn ihm die Wahl gelaſſen worden wäre, ſo würde er irgend eie hochgeborne Dame zu dieſem Ende aus⸗ erleſen haben; da hiervon aber nicht die Rede ſein konnte— und da Heinrich ſich neuerdings in der That gegen die Reize aller der Schönheiten, die ſich an ſeinen Hof drängten, mit Ausnahme von Anna Bolehn, gefühllos gezeigt hatte— ſo hegte er das Vertrauen, daß des Förſters ſchöne Enkelin ihm zur Erreichung ſeines Zweckes dienlich ſein würde. Die Quelle, aus der er die Kunde von des Königs Bewunderung für Mabel Lyndwood geſchöpft hatte, war ſein Narr Patch, ein ſchlauer Burſche, der unter dem Scheine der Thorheit manch wichtiges Geheimniß für ſeinen Herrn auswitterte und dafür verhältnißmäßig belohnt ward. Vor Ausführung des Planes war es nöthig ſich zu überzeugen, ob des Mädchens Schönheit wirklich ſo außer⸗ ordentlich war, als ſie ausgeſchrieen ward, und in dieſer Abſicht beſtieg Wolſey eines Morgens ſein Maulthier und ritt in Begleitung von Patch und einem andern Diener in den Wald. Es war ein klarer, ſchöner Morgen und beſchäftigt wie er war, konnte der ränkeſchmiedende Cardinal doch nicht ganz gefühllos gegen die Lieblichkeit der ihn umringenden Land⸗ ſchaft bleiben. Ueber den Springhügel reitend, hielt er am Eingange eines langen, zur Rechten mit edeln Büchen be⸗ ſetzten Aushaues an, deren Silberſtämme im Sonnenſcheine . 9 130 Schloß Windſor. funkelten und die ſich bis zu dem, heutigen Tages Cooke's⸗ Hügel⸗Wald genannten Dickicht hinzogen. Von dieſem Punkte, ſo wie von jeder andern Anhöhe in der nördlichen Hälfte des Waldes hatte man eine prächtige Ausſicht auf das Schloß. Der Anblick des königlichen, über die Waldungen wie über ſeine Vaſallen emporragenden Gebäudes erweckte hoch⸗ fahrende und ehrgeizige Gefühle in ſeiner Bruſt. „Der Herr jenes ſtolzen Baues iſt jahrelang von mir regiert worden,“ dachte er;„ſoll mir die königliche Puppe zuletzt noch von eines Weibes Hand entriſſen werden? Nein, ſo lange ich meine eigene in meiner Gewalt habe, nicht.“ Von dieſem Gedanken erregt, beeilte er ſeinen Schritt und ſeinen Weg nach Blackneſt nehmend, erreichte er in kurzer Zeit den Rand eines breiten Moraſtes zwiſchen dem großen See und einem andern Weiher von geringerem Um⸗ fange im Mittelpunkte des Waldes. Dieſer wilde und öde Sumpf, der Aufenthalt der Rohrdommel und des Brach⸗ vogels, bildete einen ſchroffen und unangenehmen Gegenſatz mit dem reichen, waldigen Boden, den er ſo eben verlaſſen hatte. „Ich möchte dieſen Sumpf nicht bei Nachtzeit durch⸗ kreuzen,“ bemerkte er gegen Patch, der dicht hinter ihm ritt. „Ich auch nicht, Euer Gnaden,“ erwiederte der Spaß⸗ macher.„Wir könnten leicht durch einen Irrwiſch in ein naſſes Grab geführt werden.“ „Solche trügeriſchen Feuer beſchränken ſich nicht auf Gegenden, wie dieſe, Burſche,“ entgegnete Wolſey.„Der Menſch wird oft durch den verfänglichen Glanz von Macht und Ruhm in tiefe Moore und Fallgruben gelockt. Heilige Jungfrau! was giebt es hier?“ Dieſe Ausrufung ward durch eine Geſtalt veranlaßt, die ſich plötzlich in geringer Entfernung zur Rechten vom Boden erhob. Wolſey's Maulthier ſprang ſo heftig ab, daß er faſt in ſeinem Sitze wankte, und er rief dem Urheber Zweites Buch: Der Jäger Herne. 13 dieſer Störung in lautem, zornigen Tone zu:„Wer biſt du, Burſche?— und was treibſt du hier?“ „Ich bin ein Förſterburſche mit Euer Gnaden Verlaub,“ antwortete Jener, ſeine Mütze abnehmend und rauhe Züge enthüllend, die ihn keineswegs beim Cardinal empfahlen, „und ich heiße Morgan Fenwolf. Ich lag unter dem Röh⸗ richt, um einen fetten Bock in Schußweite zu bekommen, als Eure Annäherung mich auf die Beine brachte.“ „Beim heiligen Judas, das iſt derſelbe Kerl, Euer Gnaden, der den königlichen Hirſch neulich todtſchoß,“ rief Patch. „Und ſo die Lady Anna Boleyn rettete,“ fügte der Cardinal hinzu.„Biſt du deſſen gewiß?“ „So gewiß, als Eure Gnaden der veiunſprechuns gewiß iſt,“ antwortete Patch. „Der Schuß muß Euch eine reiche Belohnung einge⸗ tragen haben, Freund— entweder von des Königs Hoheit oder von der Lady Anna,“ ſagte Wolſey zum Förſter. „Er hat mir nichts eingebracht,“ erwiederte der Förſter mürriſch. „Hm!“ rief der Cardinal.„Gieb dem Burſchen ein Goldſtück, Patch.“ „Mir däucht, ich würde Euer Gnaden Großmuth beſſer verdient haben, wenn ich dem Hirſch ſeinen Willen gelaſſen hätte,“ ſagte Fenwolf, das Geldſtück zögernd annehmend. „Wie, Burſche!“ rief der Cardinal, die Stirn runzelnd. „Nun, ich beabſichtige keine Beleidigung,“ antwortete Fenwolf;„aber das Gerücht iſt im Schwunge, daß Euer Gnaden und Lady Anna ſich nicht gut mit einander ſtehen.“ „Das Gerücht iſt falſch!“ verſetzte der Cardinal—„und Ihr könnt ihm nun aus eigener Erfahrung widerſprechen. Hört, Freund— wo liegt Triſtram Lyndwood's Hütte?“ 132 Schloß Windſor. Fenwolf ſah etwas verwundert und verwirrt über die Frage aus. „Sie liegt jenſeits jener Hügelreihe, ungefähr eine halbe Meile von hier,“ ſagte er.„Wenn Euer Gnaden aber den alten Triſtram ſuchen, ſo werdet Ihr ihn nicht finden. Ich habe ihn vor einer halben Stunde auf dem Falkenhügel verlaſſen und er war dann auf ſeinem Wege nach dem Wildgehäge in Braywvod.“ „Wenn ich ſeine Enkelin Mabel ſehe, ſo iſt es hinrei⸗ chend,“ verſetzte der Cardinal.„Man hat mir geſagt, daß es ein hübſches Mädchen iſt. Iſt dem ſo?“ „Ich verſtehe mich. nicht ſonderlich auf Schönheit,“ er⸗ wiederte Fenwolf verdrießlich. „Führe mein Maulthier über dieſen Moraſt, du ge⸗ fühlloſer Wicht,“ ſagte der Cardinal,„und ich will dir meinen Segen geben.“ Fenwolf gab ſeinem Verlangen mit ziemlichem Wider⸗ willen nach und brachte Wolſey an die andere Seite des Sumpfes. „Wenn Euer Gnaden den Pfad über den Hügel ver⸗ folgt,“ ſagte er,„und dann in den erſten Weg rechter Hand einbiegt, ſo wird er Euch an den verlangten Ort bringen. 8 Und ohne den verſprochenen Segen abzuwarten ver⸗ ſchwand er unter den Bäumen. Auf der Höhe des Hügels angelangt, erſpähte Wolſey die Hütte in der Entfernung von einigen hundert Schritten durch eine Lichtung zwiſchen den Bäumen. Sie lag an⸗ muthig am Ufer des Sees an einer Stelle, wo deſſen Breite am größten war und wo er von einem Bach, der aus einem großen Teiche bei Sunninghill dort hineinfloß, geſpeiſt ward. Auf der Anhöhe, wo Wolſey ſich befand, war der An⸗ blick auf den See entzückend. Faſt eine Meile weit erſtreckte ſich ſeine glänzende Oberfläche zwiſchen Ufern von abwech⸗ * Zweites Buch: Der Jäger Herne. 133 ſelnder Geſtaltung hin, zuweilen eingebuchtet, zuweilen in kleine Landzungen auslaufend, aber an allen Orten faſt bis zum Waſſerrande mit Gehölz bedeckt. Wildes Geflügel ſtrich über das durchſichtige Element hin oder tauchte nach ſeiner befloßten Bute unter; und hier und dort konnte man einen Reiher in einer flachen Bucht ſtehen und die kleinere Brut verſpeiſen ſehen. Ein Schwarm krächzender Dohlen ließ ſich auf die hohen Bäume am rechten Ufer nieder und die Stim⸗ men der Droſſel, der Amſel und anderer gefiederter Sänger erſchollen in üppiger Melodie aus den näheren Gehölzen. Ein grünender Pfad halb unter den Bäumen, halb am Seeufer, führte Wolſey nach des Förſters Hütte. Aus Holz und Lehm gebaut, mit einem Moos bewachſenen, halb mit Epheu überrankten Strohdache gedeckt, entſprach das kleine Häuschen ganz der umgebenden Landſchaft. Der Thür ge⸗ genüber und nach dem See zu geöffnet, ſtand ein kleines Boothaus und neben demſelben führten ein Paar hölzerner, von einem Handgeländer eingefaßter Stufen ins Waſſer. Wenige Schritte hinter dem Boothauſe ergoß ſich der vor⸗ hin erwähnte Bach in den See. Die Hütte mit großer innerlicher Zufriedenheit anblickend gebot Wolſey ſeinem Narren abzuſteigen und nachzuſehen, ob Mabel zu Hauſe ſei. Patch gehorchte, klinkte an der Thür und klopfte an, da er ſie verſchloſſen fand, aber vergebens. Nach einer Pauſe von einigen Minuten wollte der Cardinal unmuthig umkehren, als ein kleiner, von weiblicher Hand geruderter Nachen um einen Vorſprung des Sees ſchoß und ſich ihnen mit großer Geſchwindigkeit näherte. Ein Blick von Patch würde Wolſey benachrichtigt haben, wenn er überhaupt eines ſolchen Winkes nöthig gehabt hätte, daß dies des Wildmeiſters Enkelin ſei. Ihre Schönheit entzückte ihn ganz und gar und entlockte ihm einen Ausruf der Freude und der Verwunderung. Regelmäßige, überaus feingeformte 434 Schloß Windſor. Züge von fteudigem Ausdruck; eine Haut, die wie ein Pfirſich in der Sonne gefärbt war, jedoch ſo, daß ihre Farbe eher dadurch verſchönert, als verkümmert war; glänzende, lachende Augen, ſo blau, wie das Himmelsgewölbe; reife, ſchwellende Lippen und perlende Zähne; und hellbraunes, glänzendes Haar bildeten die Geſammtheit ihrer Reize. Ihre ſolphenähnliche Geſtalt nahm ſich zum Bewundern aus bei der anmuthigen Bewegung, in der ſie begriffen war, und ihre kleinen Hände, die kaum ein Ruder zu umfaſſen fähig ſchienen, trieben den Nachen mit außerordentlicher Ge⸗ ſchwindigkeit und ohne einen Schein von großer Anſtrengung von ihrer Seite vorwärts. Ohne Verlegenheit über die Gegenwart von Fremden, obgleich Wolſey's Anzug ſie in keinem Zweifel in Betreff ſeiner hohen kirchlichen Würde laſſen konnte, ſprang ſie am Landungsplatze ans Ufer und befeſtigte ihren Nachen zur Seite des Boothauſes. „Ich glaube, Ihr ſeid Mabel Lyndwood, ſchönes Mäd⸗ chen?“ fragte der Cardinal in den einſchmeichelndſten Tönen. „Das iſt mein Name, Euer Gnaden,“ erwiederte ſie, „denn Eure Kleidung ſagt mir, daß Ihr der Cardinal Wolſey ſeid.“ Der Cardinal nickte gnädig mit dem Kopfe. „Da ich zufüllig in dieſem Theile des Waldes ritt,“ ſagte er,„und von Eurer Schönheit gehört hatte, ſo kam ich hierher, um zu ſehen, ob die Wirklichkeit der Beſchreibung gleichkommt und ich finde, daß ſie ſie bei weitem übertrifft.“ Mabel erröthete tief und ſenkte die Augen. „Könnte Heinrich ſie in dieſem Augenblicke ſehen,“ dachte der Cardinal,„Anna Boleyn's Regierung wäre bald zu Ende. Wie lange habt Ihr in dieſer Hütte gewohnt, ſſchönes Mädchen?“ fügte er laut hinzu. „Mein Großvater, Triſtram Lyndwood, hat hier fünfzig Zweites Buch: Der Jäger Herne. 135 Jahr und länger gewohnt,“ antwortete Mabel,„ich bin aber erſt ſeit wenigen Wochen hier. Vor dieſer Zeit lebte ich in Chertſey unter der Obhut einer der Laienſchweſtern des Kloſters— Schweſter Anaſtaſia.“ „Und Eure Eltern— wo find ſie?“ fragte der Car⸗ dinal neugierig. „Ach! Euer Gnaden, ich habe keine,“ erwiederte Mabel mit einem Seufzer.„Triſtram Lyndwood iſt mein einziger lebender Verwandter. Er pflegte alle Monat nach Chertſey herüberzukommen, um mich zu beſuchen, und als er kürzlich ſeine Wohnung zu einſam fand, denn er hatte die alte Frau verloren, die für ihn die Wirthſchaft beſorgte, ſo hat er mich zu ſich genommen. Schweſter Anaſtaſia trennte ſich nur ungern von mir, ich bedauerte ſie verlaſſen zu müſſen, aber ich konnte es meinem Großvater nicht abſchlagen.“ „Gewiß nicht,“ entgegnete der Cardinal ſinnend und ſie ſtarr anſehend.„Und Ihr wißt nichts von Euern Eltern?“ „Außerdem nur wenig,“ antwortete Mabel.—„Mein Vater war ein Förſter, er ward unglücklicherweiſe von einem Hirſch geſtoßen und ſtarb an der Wunde— denn ein Stoß von einem Hirſchgeweih iſt ſicherer Tod, wie Euer Gnaden wiſſen— und meine Mutter grämte ſich um ihn und folgte ihm bald ins Grab. Ich ward dann von meinem Groß⸗ vater bei Schweſter Anaſtaſia untergebracht, wie ich eben erzählt habe— und dies iſt meine ganze Lebensgeſchichte.“ „Eine einfache, aber merkwürdige Geſchichte,“ ſagte Wolſey immerfort finnend.„Ihr ſeid das ſchönſte Mädchen von niederer Herkunft, das ich je geſehen habe. Ihr habt den König doch neulich auf der Jasd geſehen, Mabel?“ „Ja freilich, Euer Gnaden,“ antwortete ſie mit er⸗ glänzenden Augen und erhöhter Geſichtsfarbe—„und ein recht edler König iſt es.“ 136 SPß Windſor. „Und ſo gütig und herablaſſend, als er i an⸗ zuſchauen iſt,“ ſagte Wolſey lächelnd. „Das Gerücht ſpricht anders,“ entgegnete Mabel. „Das Gerücht lügt,“ rief Wolſey;„ich kenne ihn recht gut und er iſt grade ſo, wie ich ihn beſchreibe.“ „Ich freue mich es zu hören,“ erwiederte Mabel,„und ich muß geſtehen, ich habe mir ſelbſt dieſelbe Meinung ge⸗ bildet— denn das Lächeln, das er auf mich warf, war eines der ſüßeſten und gütigſten, das ich jemals geſehen habe.“ „Da Ihr dies ſelbſt eingeſteht, ſchönes Mädchen,“ ver⸗ ſetzte Wolſey,„ſo will ich ebenſo offen ſein und Euch er⸗ zählen, daß ich Eure. Schönheit von des Königs eigenen Lippen habe preiſen hören.“ „Euer Gnaden!“ rief ſie aus. „Nun, nun,“ ſagte Wolſey lächelnd;„wenn der König verzaubert iſt, ſo kann ich mich nicht drüber wundern. Und nun lebt wohl, ſchönes Mädchen. Ihr werdet mehr von mir hören.“ „Euer Gnaden werden mir nicht Euern Segen verwei⸗ gern?“ ſagte Mabel. „Sicherlich nicht, mein Kind,“ erwiederte Wolſey, die Hände über ſie ausbreitend.„Alle guten Engel und Hei⸗ ligen mögen Euch ſegnen und in ihren Schutz nehmen. Merkt auf meine Worte— ein glänzendes Geſchick erwartet Euch. Aber in allen Fällen ſeid verſichert, daß Ihr immer einen Freund an Cardinal Wolſey finden werdet.“ „Euer Gnaden überhäuft mich mit Güte,“ rief Mabel; „auch kann ich nicht begreifen, wie ich Gnade in Euern Augen gefunden habe— es müßte denn ſein, daß Schweſter Anaſtaſia oder Vater Anſelm von Chertſey⸗Abtei meiner gegen Euch erwähnt haben.“ „Ihr habt einen mächtigeren Fürſprecher bei mir ge⸗ Zweites Buch: Der Jäger Herne. 137 funden, als Schweſter Anaſtaſia oder Vater Anſelm,“ ent⸗ gegnete Wolſey;„und nun lebt wohl.“ Und ſein Maulthier wendend, ritt er langſam davon. Am ſelben Tage fand ein großes Feſtmahl im Schloſſe ſtatt und Wolſey nahm wie gewöhnlich ſeinen Platz zur Rechten des Königs ein, während der päbſtliche Legat einen Sitz zur Linken hatte. Eine günſtige Gelegenheit wahrnehmend, be⸗ merkte Wolſey gegen Heinrich, daß er am Morgen einen Ritt im Walde gemacht, und das liebenswürdigſte Mädchen, das man ſich denken könne, geſehen habe. „Ha! bei unſter Lieben Frau! und wer mag es ſein?“ fragte der Konig neugierig. „Sie kann wenig Anſprüche in Betreff ihrer Geburt machen, da ſie die Großtochter eines Förſters iſt,“ erwiederte Wolſey.„Aber Eure Majeſtät haben ſie neulich bei der Jagdpartie geſehen.“ „Ah! nun erinnere ich mich ihrer,“ ſagte Heinrich. „Ein anmuthiges Mädchen, bei meiner Treue.“ „Ich wüßte nicht, wo ihres Gleichen gefunden werden könnte,“ rief der Cardinal aus.„Ich wollte, Eure Majeſtät hätte ſie in ihrem Feenbvote, das ſie ſelbſt führte, über den See fliegen ſehen, wie ich ſie heute Morgen geſehen habe. Ihr würdet ſie für eine Waſſernire gehalten haben, nur daß keine Waſſernixe auch nur halb ſo hübſch iſt.“ „Ihr ſprecht ja, wie verzückt, Cardinal,“ rief Heinrich. „Ich muß dies Mädchen wiederſehen. Wo wohnt ſie? Ich habe es ſchon gehört, aber es iſt mir entfallen.“ „In einer Hütte neben dem großen See,“ erwiederte Wolſey.„Es iſt eine Art von Geheimniß mit ihrer Geburt verbunden, das ich noch nicht ergründet habe.“ „Laßt mich das nur enträthſeln,“ erwiederte der König lachend. Und er wandte ſich an Campeggio, um über andre 188 Schloß Windſor. Gegenſtände zu ſprechen, aber Wolſey war überzeugt, daß ſein Anſchlag geglückt ſei. Auch irrte er ſich hierin nicht. Als Heinrich ſich von der Tafel zurückzog, winkte er dem Herzog von Suffolk, ihm zu folgen, und ſagte mit leiſer Stimme: „Ich will morgen Abend gegen Dunkelwerden verkleidet ausgehen und werde Eurer Begleitung bedürfen.“ „In einer Liebesangelegenheit?“ fragte der Herzog in demſelben Tone. „Vielleicht,“ antwortete Heinrich;„aber ich werde mich ſpäter deutlicher erklären.“ Dieſe geflüſterte Unterredung ward von Patch belauſcht und getreulich dem Cardinal wieder berichtet. III. Von dem Beſuche der beiden Kaufleute aus Fuildford in der Wildmeiſtershütte. Triſtram Lyndwood kehrte erſt ſpät am ſelben Abend nach Hauſe zurück, und ſchüttelte ernſthaft den Kopf, als er von des Cardinals Beſuch hörte. „Es thut mir leid, daß wir damals auf die Jagdpartie gingen,“ bemerkte er.„Valentin Hagthorne ſagte, es würde nichts Gutes da heraus kommen, und ich wollte, ich wäre ſeinem Rathe gefolgt.“ „Ich ſehe kein Unglück darin, Großvater,“ rief Mabel. „Im Gegentheil, ich denke, ich habe ausgezeichnetes Glück gehabt. Der gute Cardinal prophezeite mir ein glänzendes Schickſal und ſagte, daß der König ſelbſt mich bemerkt hat.“ Ich wollte, ſeine Blicke wären irgendwo anders hin⸗ gefallen, als auf dich, Kind!“ verſetzte Triſtram.„Aber Zweites Buch: Der Jäger Herne. 4139 ich will wetten, du haſt dem Cardinal deine Lebensgeſchichte erzählt,— wenigſtens alles, was du davon weißt.“ „Das habe ich gethan,“ antwortete ſie,„und wußte nicht, daß ich Unrecht thäte.“ „Antworte künftig auf keine ſolchen Fragen mehr,“ ſagte Triſtram ärgerlich. „Aber, Großvater, ich konnte dem Cardinal doch keine Antwort verweigern,“ antwortete ſie in bittendem Tone. „Keine weiteren Entſchuldigungen, ſondern achte auf meine Befehle,“ ſagte Triſtram.„Haſt du Morgan Fen⸗ wolf heute geſehen?“ „Nein; und es iſt mir einerlei, ob ich ihn überhaupt niemals wiederſehe,“ antwortete ſie mürriſch. „Er mißfällt dir übermäßig, Mab,“ verſetzte ihr Groß⸗ vater;„er iſt der beſte Förſter im ganzen Wald und macht aus ſeiner Liebe zu dir kein Geheimniß.“ „Grade deshalb mißfällt er mir,“ erwiederte ſie. „Aus demſelben Grunde müßte dir der König miß⸗ fallen, wenn das wahr iſt, was der Cardinal ſagte, obgleich er, glaube mir, nur ſpaßte. Aber mach' mein Abendeſſen fertig. Ich habe es nöthig, denn ich habe lange gefaſtet.“ Mabel gehorchte eiligſt und ſetzte ihm ein Gericht heißer Suppe und andere Speiſen vor. Wenige Worte fielen nur noch zwiſchen ihnen, denn der alte Mann war müde und ſuchte bald ſein Lager auf. In dieſer Nacht träumte Mabel von nichts als vom Könige, prächtigen Zimmern, koſtbaren Kleidern und zahl⸗ loſer Dienerſchaft. Als ſie erwachte und ſich in einer niedri⸗ gen Hütte, ohne einen einzigen Diener fand, war ſie, wie andere Träumer von eingebildetem Glanze, äußerſt mißmuthig. Am nächſten Morgen ging ihr Großvater wieder nach Braywood und ſie hatte Zeit, über die Begebenheiten des vorigen Tages nachzudenken. Während ſie mit einigen 140 Schloß Windſor. geringfügigen Arbeiten beſchäftigt war, öffnete ſich plötzlich die Thür und Morgan Fenwolf trat in die Hütte. Ihm folgte ein großer Mann mit äußerſt blaſſem Geſicht, aber von edler gebietender Geſtalt. Es lag etwas ſo auffallendes in dem Auftreten der eben genannten Perſon, daß ſie Mabel's Auf⸗ merkſamkeit feſſelte. Aber keine entſprechende Wirkung zeigte ſich bei dem Fremden, denn er warf kaum einen Blick auf ſie. Morgan Fenwolf fragte haſtig, ob ihr Großvater zu Hauſe oder in der Nähe ſei, und ſchien ſehr mißgeſtimmt zu ſein, als er das Gegentheil hörte. Er ſagte dann, daß er den Nachen auf kurze Zeit borgen müßte, da er einige Netze im See beſichtigen wollte. Mabel willigte ſogleich ein und der Fremde verließ das Haus, während Fenwolf zögernd zurückblieb, um Mabel einige Artigkeiten zu erweiſen, die aber ſo übel aufgenommen wurden, daß er gern nach dem Boothauſe forteilte, wo er ſich mit ſeinem Gefährten einſchiffte. Sobald das Geplätſcher der Ruder ihre Abfahrt verkündete, ging Mabel hinaus um ſie zu beobachten. Der Fremde, der im Hintertheil des Bootes ſaß, heftete jetzt zum erſtenmale ſeine großen, ſchwermuthsvollen Augen voll auf ſie und wandte ſeinen Blick nicht eher von ihr ab, als bis ein Vorſprung des Sees ihn verbarg. Neugierig, wer es wohl ſein könnte und ſich darüber Vorwürfe machend, daß ſie Fenwolf nicht deshalb befragt hätte, beſchloß Mabel den Fehler gut zu machen, ſobald er den Nachen wiederbringen würde. Aber die Gelegenheit dazu bot ſich nicht ſehr bald dar. Stunden vergingen, die abend⸗ lichen Schatten verlängerten ſich, aber weder Fenwolf noch der Fremde kamen wieder. Bald nach Dunkelwerden kam ihr Großvater nach Hauſe. Er bezeugte nicht das mindeſte Erſtaunen über Fenwolfs lange Abweſenheit, ſondern ſagte, daß er gewiß im Laufe ——————————— ————————————— Zweites Buch: Der Jäger Herne. 141 des Abends wiederkehren werde und daß das Boot Kc ge⸗ braucht würde. „Ich wette, er bringt uns einen ſchönen Hecht oder einen Karpfen zu morgen Mittag,“ ſagte er.„Wenn er zeitig zurückgekommen wäre, ſo hätten wir Fiſch zum Abendeſſen haben können. Thut nichts; ich muß mich mit der Hammel⸗ paſtete und einer Schnitte Speck zufrieden geben. Morgan nannte alſo den Namen ſeines Begleiters nicht, ſagſt du?“ „Nein, Großvater,“ erwiederte Mabel,„aber ich hoffe, er wird ihn wieder mitbringen. Es war der ſtattlichſte Herr, den ich je geſehen habe.“ „Wie! noch ſtattlicher als der König?“ rief Triſtram. „Nun, ſie können nicht mit einander verglichen werden,“ erwiederte Mabel;„der eine iſt derb und pausbackig, und der andere ſchlank und hat ein längliches, blaſſes Geſicht, aber bei alle dem hübſch— ſehr hübſch.“ „Na, ich denke ich werde ihn bald ſehen,“ ſagte Triſtram; „und nun zum Abendeſſen, denn ich bin heißhungrig, wie ein Wolf;— und dem alten Hubert geht's nicht beſſer,“ fügte er zärtlich auf den ihn begleitenden Hund herabſehend hinzu. Mabel ſetzte ihm die größere Hälfte einer ungeheuren Paſtete vor, in die der alte Förſter mit großem Eifer einhieb. Dann machte er ſich an einige Speckſchnitte, die ſeine Enkelin über dem Feuer geröſtet hatte, und nachdem er ſie mit einer Kanne Meth hinuntergeſpült hatte, erklärte er, daß ſein Abendbrod köſtlich geweſen ſei. Während er ſo beſchäftigt war, vergaß er nicht für ſeinen Hund zu ſorgen. Von Zeit zu Zeit warf er ihm Stücke von der Paſtete zu, und als er fertig war, gab er ihm eine große Schüſſel voll Knochen. „Der et. Hubert hat mir faſt zwanzig Jahre getreu gedient,“ ſagte er, auf des Hundes zottigen Nacken klopfend, „und darf nicht vergeſſen werden.“ Einen Holzklotz auf das Feuer werfend, zog er ſeinen 142 Schloß Windſor. Stuhl in die warme Ecke und ſchickte ſich zum Schlafen an⸗ Mittlerweile beſchäftigte ſich Mabel mit ihren Wirthſchafts⸗ angelegenheiten und ſang ihrem Großvater mit der lieblichſten Stimme ein einwiegendes Lied vor, als ein lautes Klopfen an der Thür gehört ward. Triſtram ermannte ſich aus ſeinem Schlummer und der alte Hubert knurrte drohend. „Still, Hubert— ſtill!“ rief Triſtram.„Es kann nicht Morgan Fenwolf ſein,“ fügte er hinzu.„Er pflegte niemals ſo zu klopfen. Tretet ein, Freund, wer Ihr auch ſein mögt.“ Bei dieſer Einladung verdunkelten zwei Perſonen die Hausthür. Der vorderſte war ein Mann von beleibtem Wuchs und derbem Weſen. Er war mit einem Lederwamms bekleidet, über welchem er einen weiten braunen Ueberwurf trug, hatte eine flache Sammtmütze auf dem Kopfe und trug einen tüchtigen Stock in der Hand. Sein Geſicht war rund und angenehm, obgleich ſeine Züge kaum in dem unſicheren Lichte, von dem ſie beleuchtet waren, erkannt werden konnten. Ein röthlicher Bart umfloß ſein Kinn. Sein Gefährte, der um ein Geringes größer und eben ſo kräftig zu ſein ſchien, war in einem Mantel von dunkelgrünem Kamelot gehüllt⸗ „Wünſch' Euch guten Abend, Freund,“ ſagte der zuerſt eintretende Fremde zum Förſter.„Wir find verſpätete Rei⸗ ſende auf unſerm Wege von Guildford nach Windſor, und da wir Eure Hütte erblickten, ſo haben wir bei Euch vor⸗ geſprochen, um einige Erfriſchungen zu genießen, ehe wir den großen Park kreuzen. Wir bitten Euch nicht, uns eine Mahl⸗ zeit zu ſchenken, ſondern wollen gern für das Beſte bezahlen, was Eure Speiſekammer enthält.“ „Das ſollt Ihr haben, und ſomit ſeid willkommen, meine Herren,“ antwortete Triſtram;„aber ich fürchte, meine geringe Koſt wird Euch ſchwerlich anſtehen.“ „Macht Euch keine Sorge,“ entgegnete Jener;„wir haben guten Appetit und ſind nicht ſehr wähleriſch. Ei Zweites Buch: Der Jäger Herne. 143 den Tauſend! Freund,“ fügte er, Mabel anſehend, in „Ihr habt ja eine hübſche Tochter.“ „Es iſt meine Enkelin, Herr,“ erwiederte Triſtram. „Nun alſo, Eure Enkelin,“ ſagte Jener;„bei der heiligen Meſſe, eine liebliche Dirne. Bei uns in Guildford giebt es keine ſolche und ich zweifle ob der König ſolche in Windſor Caſtle hat. Was meint Ihr dazu, Karl Brandon?“ „Es wäre Hochverrath, Euch Recht zu geben, Heinrich Le Roy,“ antwortete Brandon lachend,„denn man ſagt, daß der König alle mit dem Strick heimſucht, die den Reizen von Lady Anna Bolehn zu nahe treten. Aber, allen Ver⸗ gleich bei Seite, dies Mädchen iſt ſehr ſchön.“ „Ihr werdet ſie hochmüthig machen, meine Herren, wenn Ihr ſie ſo ins Geſicht lobt,“ ſagt Triſtram ziemlich mürriſch. „Höre, Mab, trag auf, was meine kärgliche Speiſekammer enthält, und ſetze einige Speckſchnitte ans Feuer.“ „Kalte Speiſen und Brod werden für uns gut genug ſein,“ ſagte Heinrich,„wir wollen das Mädchen nicht erſt mit Kochen bemühen.“ Hierauf breitete Mabel, die ſehr durch die Anweſenheit der beiden Fremden in Verlegenheit geſetzt zu ſein ſchien, ein ſchneeweißes Tiſchtuch aus und ſetzte ihnen die Ueber⸗ bleibſel der Paſtete und ein großes Laib Brod vor. Die Ankömmlinge ſetzten ſich und aßen tüchtig von den beſchei⸗ denen Speiſen, wobei der, welcher auf den Namen Heinrich geantwortet hatte, häufig im Laufe ſeiner Mahlzeit innehielt, um ſeiner ſchönen Aufwärterin Schmeicheleien zu ſagen. „Bei unſerer Lieben Frau, ich bin noch niemals ſo be⸗ dient worden,“ ſagte er aufſtehend und ſeinen Stuhl an das Feuer ziehend, während ſein Begleiter ſich neben dem Kamin mit dem Rücken gegen die Wand lehnte.„Und nun, meine hübſche Mabel, habt Ihr nicht eine Kanne Bier, um die Paſtete hinunterzuſpülen?“ 144 Schloß Windſor. „Ich kann Euch einen Trunk recht ſchönen Meths an⸗ bieten, Herr,“ ſagte Triſtram;„und dies iſt das einzige Getränk, das ich in meiner Hütte habe.“ „Wir können uns nichts beſſeres wünſchen,“ erwiederte Heinrich.„Gebt uns nur immer den Meth.“ Während Mabel fortging, um ihn abzuziehen, heftete Triſtram ſeine Augen auf Heinrich, deſſen Züge nun voll von dem Glanze des Feuers beſchienen wurden. „Warum ſeht Ihr mich ſo ſtarr an, Freund?“ fragte Heinrich ohne Umſchweife. „Ich habe ſchon Jemand geſehen, der Euch ſehr ähnlich iſt, Herr,“ antwortete Triſtram,„und das iſt Jemand, dem ähnlich zu ſehen keine geringe Ehre iſt.“ „Ihr meint den König,“ verſetzte Heinrich lachend.„Ihr ſeid nicht der Erſte, der mich ihm ähnlich gefunden hat.“ „Ihr ſeid auf die Aehnlichkeit ſtolz, wie ich ſehe, Herr,“ erwiederte Triſtram mitlachend.„Was meinſt Du, Mab?“ fügte er gegen ſeine Enkelin gewandt hinzu, die gerade mit einem Kruge und zwei Trinkhörnern zurückkam.„Wem ſieht dieſer Herr ähnlich?“ „Niemand,“ entgegnete Mabel, ohne die Ange auf⸗ zuſchlagen. „Niemand!“ wiederholte Heinrich, ihr in die Backen kneifend.„Seht mich nur dreiſt an und Ihr werdet ſchon Euer Verſehen ausfindig machen. Meiner Treu, wäre ich der königliche Heinrich, anſtatt ein einfacher Kaufmann aus Guildford, ſo würde ich Euch Anna Bolehn vorziehen.“ „Iſt das Euer Ernſt, Herr?“ fragte Mabel, die Augen leicht aufſchlagend und augenblicklich wieder vor dem leiden⸗ ſchaftlichen Blick des ſelbſtgemachten Kaufmanns ſenkend. „Mein voller ganzer Ernſt,“ antwortete Heinrich, den Arm biegend und die Hand nach ächt königlicher Weiſe in ſeine derbe Hüfte ſtemmend. Zweites Buch: Der Jäger Herne. 145 „Und wäret Ihr der königliche Heinrich, ſo würde mir wenig an Eurer Bevorzugung liegen,“ ſagte Mabel dreiſter.„Mein Großvater ſagt, der König wechſelt ſeine Liebe ſo oft, als der Mond wechſelt,— ja, noch öfter.“ „Bei Gottes Wunden!— Euer Großvater iſt ein lüg⸗ neriſcher Burſche, wenn er ſo ſpricht!“ rief Heinrich. „Behüt' uns der Himmel! Ihr flucht ja wie der König,“ ſagte Mabel. „Und warum ſollte ich nicht, Liebchen?“ ſagte Heinrich ſich mäßigend.„Möchte man da nicht fluchen und noch dazu nach königlicher Weiſe, wenn man ſo ungerechte Beſchuldi⸗ gungen gegen ſeinen Oberherrn ausſtoßen hört? Ich habe den König immer als ein Muſter von Beſtändigkeit rühmen hören. Was meint Ihr dazu, Karl Brandon? könnt Ihr ihm nicht ein gutes Zeugniß geben?“ „Oh, ein vortreffliches Zeugniß!“ ſagte Brandon.„Er iſt die Beſtändigkeit ſelbſt,— ſo lange der Anfall dauert,“ fügte er leiſe hinzu. „Ihr hört, was mein Freund ſagt, Liebchen,“ bemerkte Heinrich;„und ich verſichere Euch, er hat die beſte Gelegen⸗ heit, darüber zu urtheilen. Aber ich will darauf wetten, Ihr habt Eurem Großvater nicht geglaubt, als er den König ſo anſchwärzte.“ „Sie widerſprach mir geradezu,“ ſagte Triſtram;„aber ſchenk den Meth ein, Mädchen. Unſere Gäſte warten darauf.“ Während Mabel, der Anweiſung ihres Großvaters ge⸗ horchend, das Horn füllte, öffnete ſich die Thür der Hütte geräuſchlos und Morgan Fenwolf trat in Begleitung ſeines Hundes Bawſeh ein. Er ſtarrte forſchend die Fremden an, beide waren aber ſo ſehr mit dem Mädchen beſchäftigt, daß ſie ihn nicht bemerkten. Ein Wink von dem alten Förſter bedeutete ihn, daß er ſich lieber entfernen ſollte. Eiferſüchtige Neugier hielt ihn jedoch zurück, und er zögerte, bis Heinrich I. 10 146 Schloß Windſor. den Becher von Mabel erhalten und ihn auf ihre Geſund⸗ heit ausgetrunken hatte. Er zog ſich dann zurück, machte die Thür leiſe zu und trat zu einer dunkeln, geheimnißvollen Geſtalt mit ſcheußlichen Zügen und einem geweihartigen Helm auf dem Kopfe, die draußen vor der Hütte lauerte. Mittlerweile ward ein Becher Meth an Brandon ge⸗ reicht und dieſer bemerkte gegen ſeinen Gefährten:„Wir müſſen uns jetzt auf den Weg machen. Die Nacht zieht herauf und wir haben fünf lange Meilen durch den großen Park zurück⸗ zulegen.“ „Ich möchte hier bleiben, entgegnete Heinrich,„und eine Bank neben dem Feuer zu meiner Lagerſtätte machen, wenn nicht unſere Geſchäfte unſere Anweſenheit heute Abend im Schloſſe erforderten. Hier iſt Bezahlung für unſer Mahl, mein Freund,“ ſagte er, eine Mark an Triſtram gebend, „und da wir wahrſcheinlich morgen Abend zurückkehren werden, ſo wollen wir wieder vorſprechen und ein anderes Abendbrod bei Euch einnehmen. Verſchafft uns einen Kapaunen und einige Fiſche aus dem See.“ „Ihr bezahlt uns, wie Ihr flucht, Herr; ganz königlich,“ erwiederte Triſtram.„Ihr ſollt morgen ein beſſeres Abend⸗ eſſen vorfinden.“ „Ihr habt eine gefährliche Reiſe vor Euch, Herr,“ ſagte Mabel.„Man ſagt, daß es Räuber und böſe Geiſter im großen Parke giebt.“ „Ich fürchte mich nicht davor, Liebchen,“ antwortete Heinrich;„ich habe einen ſtarken Arm zu meiner Verthei⸗ digung und mein Freund Karl Brandon ebenfalls. Und was die böſen Geiſter anbetrifft, ſo wird mich ein Kuß von Euch vor allem Uebel bewahren.“ Und indem er dies ſprach, zog er ſie an ſich heran und vrückte, ſie in die Arme ſchließend, ſchnell ein Dutzend Küſſe 3 auf ihre Lippen. Zweites Buch: Der Jäger Herne. 147 „Haltet an, Herr; haltet an!“ rief Triſtram zornig auf⸗ ſtehend;„dies darf nicht ſein. Das iſt ein ſchelmiſcher Miß⸗ brauch der Gaſtfreundſchaft.“ „Nun, nehmt's nicht für ungut, lieber Freund,“ erwie⸗ derte Heinrich lachend.„Ich ſehe mich nach einer Hausfrau um und ich weiß nicht, ob ich nicht Eure Enkelin mit mir nach Guildford nehme.“ „Sie iſt nicht ſo leicht zu gewinnen,“ rief Triſtram; „denn obgleich ich nur ein armer Förſter bin, ſo halte ich ſie doch ſo hoch, als der ſtolzeſte Edelmann nur ſein Kind halten kann.“ „Und mit Recht,“ ſagte Heinrich.„Gute Nacht, Lieb⸗ chen! Bei meiner Krone, Suffolk!“ rief er ſeinem Gefährten zu, indem ſie die Hütte verließen,„ſie iſt ein Engel und ſoll mein ſein.“ „Gewiß nicht, ſo lange mir mein Arm getreu iſt,“ mur⸗ melte Fenwolf, der ſich mit ſeinem geheimnißvollen Begleiter an das Fenſter der Hütte geſtellt hatte. „Thut ihm keinen Schaden,“ entgegnete Jener;„er ſoll nur gefangen genommen werden,— hört Ihr! Und nun fort, um Sir Thomas Wyat davon zu benachrichtigen. Wir müſſen ſie auffangen, ehe ſie ihre Pferde erreichen.“ IV. Wie der Jäger Herne dem Grafen von Surrey die ſchöne Geraldine in einem Geſicht zeigt. Am dritten Tage nach Surrey's Gefangennehmung ward er nach den Normänniſchen Thurm gebracht. Das ihm zu⸗ ertheilte Gemach war viereckig und ziemlich geräumig und hatte an jeder Seite zwei ſchmale, ſpitzbogige Fenſter, die einerſeits auf den oberen Hof und andererſeits auf die mittlere 148 Schloß Windſor. Schanze ſahen. Zu gleicher Zeit ward ihm die Erlaubniß gegeben, auf der Zinne des Runden Thurms, oder in dem trockenen und graſigen Graben an deſſen Fuße ſpatzieren zu gehen. Die ſchöne Geraldine war, wie man ihm geſagt hatte, nach dem königlichen Palaſte zu Greenwich geſchickt worden; aber ihre Abweſenheit bekümmerte ihn nicht ſehr, weil er wußte, daß es ihm doch nicht erlaubt worden wäre, ſie zu ſehen, wenn ſie auch in Windſor geblieben wäre. An demſelben Tage als Surrey nach dem Normänniſchen Thurm gebracht wurde, verließ Richmond das Schloß ohne einen Grund anzugeben oder auch nur von ſeinem Freunde Abſchied zu nehmen. Anfünglich beunruhigte den Grafen ein eiferſüchtiges Mißtrauen, daß er ſeine Bewerbungen bei der ſchönen Geraldine erneuern würde; er bekämpfte dies Gefühl aber mit Muth, da er wohl wußte, daß es ſeine Ruhe ſtören würde, wenn er ſich ihm hingäbe, und ſeine Gedanken eifrig auf andere Gegenſtände richtend gelang es ihm bald es zu überwinden. In dieſer Nacht blieb er bis zu ſpäter Stunde auf bei einer begonnenen Arbeit, einer Ueberſetzung der Aeneide. Die Mitternachtsglocke hatte geläutet, als er die Augen auf⸗ ſchlug und vor einer hohen, dunkeln Geſtalt ſtutzte, die ſchweigend und regungslos neben ihm ſtand. Abgeſehen von der Schwierigkeit, ihre Anweſenheit an dieſem Orte zu erklären, war die äzußere Erſcheinung der Geſtalt an ſich ſchon ſchreckenerregend genug. Sie war von außergewöhnlicher Größe und in einen langen ſchwarzen Mantel gehüllt, während eine hohe kegelförmige ſchwarze Mütze, die ihre Größe und die Scheußlichkeit ihrer Geſichts⸗ 5 züge noch vermehrte, ihren Kopf bedeckte. Einige Minuten lang ſtarrte Surreh die Geſtalt in ſprachloſem Erſtaunen an, während deſſen fie dieſelbe unbe⸗ 1 „ Zweites Buch: Der Jäger Herne. 149 wegliche Stellung beibehielt. Endlich war er im Stande die Frage hervorzumurmeln:—„Wer biſt du?“ „Ein Freund,“ antwortete die Geſtalt in Grabestönen. „Biſt du Menſch oder Geiſt?“ fragte Surrey. „Gleichviel, ich bin ein Freund,“ erwiederte die Geſtalt. „Was führt dich hierher?“ fragte Surrey. „Euch zu dienen,“ entgegnete die Geſtalt;—„Euch zu befreien. Ihr könnt mit mir von hier fortgehen, wenn Ihr wollt.“ „Unter welcher Bevingung?“ verſetzte Surrey. „Davon wollen wir ſprechen, wenn wir zum Schloſſe hinaus ſind und auf dem grünen Raſen im Walde.“ „Ihr verſucht mich vergeblich,“ rief Surrey.„Ich will nicht mit Euch gehen. Ich erkenne in Euch den Jäger Herne.“ Die Geſtalt lachte hohl, ſo hohl, daß ſich Surrey die Haare auf dem Kopfe ſträubten. „Ihr habt Recht, Lord von Surrey,“ ſagte er; ich bin Herne, der Jäger. Ihr müßt mir folgen. Sir Thomas Wyat gehört ſchon zu meiner Bande.“ „Du lügſt, böſer Feind!“ entgegnete Surrey.„Sir Thomas Wyat iſt in Frankreich.“ „Ihr ſeid es, der jetzt lügt, Lord von Surrey,“ ant⸗ wortete Herne;„Sir Thomas Wyat iſt jetzt im großen Park. Ihr ſollt ihn binnen wenigen Minuten ſehen, wenn Ihr mit mir kommen wollt.“ „Ich glaube Euch nicht, Verführer!“ rief Surrey un⸗ willig.„Wyat iſt ein zu guter Chriſt und ein zu würdiger Ritter, um mit dem Böſen einen Bund einzugehen.“ Und wieder ſchlug Herne eine bittere Lache auf. „Sir Thomas Wyat ſagte Euch, daß er mich aufſuchen würde,“ ſagte das Geſpenſt.„Er hat es gethan und gab ſich mir für Anna Boleyn.“ 33 150⁰ Schloß Windſor. „Ihr habt aber keine Macht über ſie,“ rief Surrey ſchaudernd. „Ihr werdet zu ſeiner Zeit ſehen, ob ich es habe oder nicht,“ antwortete Herne.„Weigert Ihr Euch, mir zu gehen?“ „Ich weigere mich, mich ins Verderben zu ünen entgegnete der Graf. „Eitle Furcht,“ verſetzte Herne.„Mir iſt nichts an Eurer Seele gelegen, Ihr werdet ſie ohne meine Hülfe ver⸗ derben. Ich habe Eurer nöthig, Ihr ſollt wieder in dieſem Zimmer zurück ſein, ehe der Offizier es morgen früh unter⸗ ſucht, und Niemand ſoll Eure Abweſenheit bemerken. Kommt oder ich trage Euch fort.“ „Ihr wagt es nicht, Hand an mich zu legen,“ antwor⸗ tete Surrey, ſeine Hand auf die Bruſt legend;„ich bin mit einer heiligen Reliquie bewaffnet.“ „Ich weiß es,“ ſagte Herne;„und ich fühle deren Macht, ſonſt würde ich nicht ſo lange mit Euch getändelt haben. Aber ſie kann Euch nicht vor einem Nebenbuhler bewahren. Ihr haltet die ſchöne Geraldine für treu— wie?“ „Ich weiß, daß ſie es iſt,“ ſagte Surrey. Die Antwort war ein höhniſches Gelächter. „Ruhig, elender Betrüger!“ rief Surrey wüthend.„ „Ich muß lachen, wenn ich daran denke, wie Ihr be⸗ trogen werdet,“ ſagte Herne.„Möchtet Ihr Eure Geliebte nicht jetzt ſehen?— möchtet 3hr nicht ſehen, wie ſie ſich in Eurer Abweſenheit benimmt?“ „Wenn Ihr mich verſuchen wollt, ſo will ich mich nicht widerſetzen,“ entgegnete S„ aber es wird ver⸗ gebens ſein.“ „Nehmt die Reliquie ab,“ iedert Herne.„Legt ſie innerhalb Armeslänge auf den Liſch, und Ihr ſie ſehen.“ Zweites Buch: Der Jäger Herne. 151 Surrey zauderte; aber er hielt nicht Stand gegen das leiſe höhniſche Gelächter des Geſpenſtes. „Es kann zu keinem Unheil führen,“ rief er endlich, die Reliquie von ſeinem Halſe nehmend und auf den Tiſch legend. „Löſcht das Licht aus!“ rief Herne mit gebietender Stimme. Surrey ſprang augenblickich auf die Füße und ſM derte die Lampe vom Tiſch. „Siehe!“ rief das Geſpenſt. Und augenblicklich zeigte ſich eine Erſcheinung, dem Wuchs und den Zügen der ſchönen Geraldine ſprechend ähnlich, auf der gegenüberliegenden Wand des Gemaches. Zu Füßen des Phantoms kniete eine dem Herzog von Rich⸗ mond ähnliche Geſtalt. Er drückte die Hand, welche die ſchöne Geraldine ihm reichte, an die Lippen, und ein Triumphlächeln verklärte ſein Antlitz. „Das iſt Männerfreundſchaft— das iſt Weibertreue!“ rief Herne.„Seid ihr nun überzeugt?“ „Ich bin's, daß du mich getäuſcht haſt, lügneriſcher Geiſt!“ rief der Graf.„Ich würde die ſchöne Geraldine nicht für treulos halten, und wenn die ganze Hölle es behauptete!“ Das Geſpenſt lachte fürchterlich auf und die Erſchei⸗ nung verblich. Alles ward vollkommen dunkel und der Graf ſchwieg einige Augenblicke lang. Dann rief er das Geſpenſt an, da er aber keine Antwort erhielt, ſtreckte er die Hand nach der Stelle aus, wo es geſtanden hatte. Es war fort. Verwirrt kehrte Surrey an den Tiſch zurück und ſuchte nach der Reliquie, aber er fand mit einem Gefühl von un⸗ beſchreiblicher Angſt und Bekümmerniß, daß ſie ebenfalls verſchwunden war. 152 Schloß Windſor. V. Was ſich mit Sir Thomas Wyat in der Sandſteinhöhle begab.— Und wie er einen verzaubernden Trank zu ſich nahm. Die Höhle, in der Sir Thomas Wyat ſich nach Ent⸗ fernung der Binde von ſeinen Augen befand, war dem An⸗ ſchein nach— denn ſie ward nur von einer einzigen Fackel erleuchtet— von beträchtlicher Breite und Ausdehnung und aus einem Lager weichen Sandſteins ausgehauen. Die Decke, welche ungefähr zehn Fuß hoch ſein mochte, ward von den Stämmen dreier großen Bäume, die roh als Pfeiler zuge⸗ ſchnitten waren, getragen. Es waren mehrere enge Seiten⸗ gänge da, die dem Anſchein nach mit andern Höhlen in Verbindung ſtanden, und an dem entfernteren Ende, welches faſt in Dunkelheit begraben war, ſchimmerte es, als wenn Fackellicht vom Waſſer zurückgeworfen würde. Zur Rechten ſtund ein Haufen großer Steine, etwa in Geſtalt eines Druidenaltars, auf deſſen Spitze, wie auf einem Shihn. der wilde Jäger ſaß, umgeben von ſeinen Unterthanen, von denen einer, mit Hörnern und Bart, wie ein Satyr, die rauhe Seite des mittleren Pfeilers erklimmt hatte und eine Fackel über des Gefangenen Kopf hielt. 3 Halb erſtickt von den widerlichen Dämpfen, die er ein⸗ geathmet hatte, und geblendet von der feſtzugezogenen Vinde dauerte es einige Zeit, ehe Wyat Geſicht E Sprache wieder erlangte. „Weshalb bin ich hierher geführt w wen, Geiſt?“ fragte er endlich. „Um meine Bande zu vermehren,“ antwortete das Ge⸗ ſpenſt barſch und befehleriſch.„ „Nimmermehr!“ entgegnete Wyat.„Ich will nichts mit Euch zu thun haben, anders als 4 unſern V 5 angeht.“ 3 3 Zweites Buch: Der Jäger Herne. 153 „Was ich von Euch verlange, iſt ein Theil unſeres Vertrags,“ verſetzte das Geſpenſt.„Wer ſich einmal mit Herne eingelaſſen hat, kann nicht wieder zurücktreten. Aber ich meine es redlich mit Euch und will Euch nicht mit fal⸗ ſchen Hoffnungen hinhalten. Was ihr verlangt, kann nicht im Augenblick erfüllt werden. Ehe drei Tage vergehen, ſoll Anna Bolehn die Eure werden.“ „Gebt mir einen Beweis, daß Ihr mich nicht täuſcht,“ ſagte Wyat. „Kommt denn!“ antwortete Herne. So ſprechend ſtieg er von ſeinem Steine herab, ergriff Wyat's Hand und führte ihn nach dem unteren Ende der Höhle, deren Boden ſich allmählich ſenkte, bis er den Rand eines kleinen, aber dem Anſchein nach tiefen Waſſerpfuhls erreichte, deſſen Ober⸗ fläche ſich über den begränzenden Felſen erhob. „Fort mit der Fackel,“ herrſchte das Geſpenſt ſeinem Gefolge zu. „Jetzt ruft Eure untreue Geliebte, Sir Thomas Wyat,“ fügte er hinzu, als ſein Befehl ausgeführt und das Licht in einen der Seitengänge gebracht worden war, ſo daß ſein Glanz nicht mehr auf das Waſſer fiel. „Erſcheine, Anna Boleyn!“ rief What. Hierauf ſchwebte ein nebliges Ebenbild derjenigen, die er angerufen hatte, mit nach ihm ausgeſtreckten Armen über der Oberfläche des Waſſers. So bewegt war Wyat von dieſer Erſcheinung, daß er ſich in den Pfuhl geſtürzt haben würde, um ſie zu erhaſchen, wenn er nicht gewaltſam von dem Geſpenſte zurückgehalten worden wäre. Während des Ringens verſchwand die Geſtalt und alles war in Dunkel gehüllt. „Ich habe geſagt, daß ſie die Eurige werden ſoll,“ rief Herne;„aber zur Erfüllung meiner Abſichten bedarf es der Zeit. Ich habe nur Gewalt über ſie, wenn Böſes in ihrem Herzen vorherrſcht. Solche Augenblicke find aber nicht ſel⸗ 154 Schloß Windſor. ten,“ fügte er mit bitterm Lachen hinzu.„Und nun auf die Jagd. Ich verſpreche Euch, es ſoll ein ausgelaſſenerer und aufregenderer Ritt werden, als irgend einer, dem Ihr in der Geſellſchaft des Königs beigewohnt habt. Auf die Jagd!— auf die Jagd! ſage ich.“ Auf ein Zeichen, das er auf dem Horne blies, erſchien das Licht augenblicklich wieder. Alles drängte ſich, alles regte ſich unter dem geſpenſtiſchen Trupp— und bald wur⸗ den eine Anzahl kohlſchwarzer Rappen und gekuppelter Hunde von derſelben Farbe aus einer der Seitengänge hervorgeführt. Unter den letzteren befanden ſich zwei große ſchwarze Jagd⸗ hunde von St. Huberts Zucht, die Herne mit den Namen Saturn und Drachean ſeine Seite rief. Ein leichtes Geräuſch, wie von einem Schlag an einen Baum, ward jetzt in der Höhe gehört und Herne, mit einer haſtigen Geberde der Gruppe Stillſchweigen gebietend, nahm eine Stellung geſpannter Aufmerkſamkeit an. Der Schlag wiederholte ſich ein zweites Mal. „Es iſt unſer Vrude 8 WMorgan Fenwolf,“ rief das Geſpenſt. Eine von der Decke peyingente Kette ergreifend, die Wyat noch nicht bemerkt hatte, ſchwang er ſich in eine Spalte hinauf und verſchwand. Während der Abweſenheit des Führers blieb der Trupp ſtill und regungslos. Wenige Minuten darauf erſchien Herne am oberen Ende der Höhle wieder. Er ward von Fenwolf begleitet, zwiſchen welchem und Wyat ein unmerkliches Zeichen des Wiedererkennens ausgetauſcht wurde. Als das Geſpenſt den Befehl zum Aufſteigen gegeben hatte, ergriff Wyat nach einem augenblicklichen Zaudern die flatternde Mähne des nächſten Pferdes,— denn es war weder mit Sattel noch mit Zügel verſehen,— und ſprang auf deſſen Rücken. Im ſelben Augenblicke ſtürzte ſich Herne mit wildem Zweites Buch: Der Jäger Herne. 155 Geſchrei in den Pfuhl und verſank in demſelben. Wyats Roß folgte nach und ſchwamm hurtig unter dem Waſſer fort. Als Wyat wieder an die Oberfläche hervortauchte, fand er ſich auf dem offenen See, der im Mondenlicht ſchimmerte. Vor ſich ſah er Herne das Ufer nebſt ſeinen beiden Lieb⸗ lingshunden erklimmen, während eine große weiße Eule ihn mit lautem Gekreiſch umkreiſ'te. Hinter ihm herſchwim⸗ mend kam der gräßliche Zug mit ſeinen Hunden an dem Ufer unter dichten, überhängenden Bäumen hervor, welche den geheimen Eingang zur Höhle vollſtändig verbargen. Ohne Gewalt über ſein Roß war Wyat gezwungen, ſich ganz ſeiner Leitung zu überlaſſen und er fand ſich bald an die Seite des wilden Jägers verſetzt. „Thut mir Beſcheid, Sir Thomas Wyat,“ ſagte Herne, eine kürbißförmige Flaſche von ſeinem Gürtel losmachend und ihm anbietend.„Es iſt ein koſtbarer Wein, der Euch vor etwaigen übeln Folgen Eures Bades bewahren und Euch gute Laune für die Jagd geben wird.“ Vor Kälte von der eben durchgemachten Waſſerfahrt erſtarrend, ſchlug Wyat das Anerbieten nicht aus, ſondern ſetzte die Flaſche an die Lippen und that einen langen Zug daraus. Das Geſpenſt ließ ein leiſes, bitteres Lachen hören, als es die Flaſche zurückerhielt und ſie ohne davon zu koſten wieder an den Gürtel befeſtigte. Die Wirkung dieſes Tranks auf Wyat war außer⸗ ordentlich. Die ganze Landſchaft ſchien um ihn herumzu⸗ tanzen; die koboldartigen Geſtalten in dem See oder an ſeinen Ufern nahmen noch phantaſtiſchere Formen an; die Pferde ſahen wie Ungeheuer aus der Meerestiefe aus; die Hunde wie Wölfe oder wilde Thiere; die Zweige der Bäume krümmten ſich und ſchoſſen davon wie ziſchende Schlangen; und obgleich dieſe Wirkung bald aufhörte, ſo hinterließ ſie doch ein wildes berauſchendes Gefühl von Aufregung. 4 156 Schloß Windſor. „In jener Schlucht liegt ein edler Hirſch,“ ſagte Mor⸗ gan Fenwolf, ſich ſeinem Anführer nähernd;„ich habe heute Abend ſeine Spur bis dahin verfolgt.“ „Eile und jage ihn auf,“ erwiederte Herne;„und ſo⸗ bald du ihn aufgeſcheucht haſt, gieb das Halloh!“ Fenwolf gehorchte, und bald nachher⸗ hörte man ein Geſchrei in der Schlucht. „Huſſa halloh! Huſſa halloh!“ ſchrie Herne;„auf ihn! auf ihn!— pack an, Saturn! pack an, Drache! Vorwärts, all meine luſtigen Mannen— vorwärts.“ VI. Wie Sir Thomas Wyat mit Herne jagte. Mit Wyat zur Seite und dem ganzen Trupp im Ge⸗ folge galloppirte Herne in die Schlucht, wo Fenwolf ihn erwartete. Indem ſie den Shlweg entlang kamen, erſpähten ſie den Hirſch, der in einer Entfernung von etwa zweihun⸗ dert Schritt behende über eine ausgedehnte Lichtung dahin⸗ floh. Die Lichtung ward durchmeſſen, eine waldige Anhöhe geſtreift, ein Thal durchkreuzt, und der Hirſch ſtürzte ſich in einen dichten Hain, der den Abhang vom Falkenhügel bekleidet. Er bot ihm aber keinen ſichern Zufluchtsort. Drache und Saturn waren ihm auf den Ferſen und hinter ihnen kam Herne, der, keines Hinderniſſes achtend, durch die Baumzweige ſauſ'te. Allmählig lichtete ſich das Dickicht und ſie betraten das Cranbourneſche Gebiet. Der Hirſch verließ es aber bald wieder, um nach dem großen Park zurückzu⸗ kehren und ſchoß einen mit edeln Eichen beſetzten Abhang hinunter. Hier ward er von ſeinen hitzigen Verfolgern, deren Gebiß er faſt in ſeinen Schenkeln fühlen konnte, ſo Zweites Buch: Der Jäger Herne. 157 hart bedrängt, daß er plötzlich ſtillſtand und ſich zur Wehr ſetzte, indem er Saturn, den vorderſten unter ſeinen Angrei⸗ fern, mit der Spitze ſeines Geweihs auffing. Seine Ver⸗ theidigung, obwohl muthig, war jedoch vergeblich. Im nächſten Augenblick kam Herne heran und rief im Abſteigen Drache zurück, der im Begriff war, die Stelle ſeines ver⸗ wundeten Gefährten einzunehmen. Ein Meſſer aus dem Gürtel ziehend, warf ſich der Jäger zu Boden, und auf allen Vieren dem Hirſch entgegen kriechend, konnte er ſelbſt kaum von einem Bewohner des Waldes unterſchieden werden. Indem er ſich näherte, ſchnaubte und brüllte der Hirſch wü⸗ thend und ſtieß mit dem Geweih nach ihm; aber der Stoß ward von dem Jäger mit ſeinem eigenen Helmgeweih auf⸗ gefangen und im ſelben Augenblick ſtack auch ſein Meſſer bis ans Heft in dem Halſe des Hirſches, und er fiel zu Boden. Auf die Füße ſpringend jauchzte Herne freudig auf, ſetzte das Horn an den Mund und blies das Todtenſignal. Dann gebot er Morgan Fenwolf, die Hunde abzurufen und zu koppeln, hieb den rechten orderlauf des Wildes ab und überreichte ihn Wyat. Nachdem mehrere große belaubte Zweige geſammelt und auf dem Boden ausgebreitet waren, ward der Hirſch hinauf gelegt und Herne begann ihn aus⸗ zuweiden. Sein Erſtes war des Thieres Kopf abzuhauen, was er mit einem einzigen Schlage ſeines ſchnei⸗ denden Meſſers bewerkſtelligte. „Gebt den Hunden das Fleiſch,“ ſ er, das Sieges⸗ zeichen an Fenwolf übergebend,„aber verwahrt das Geweih, denn es war ein großes Hauptwild.“ Den Kopf auf eine Jagdſtange ſteckend, begab ſich Fen⸗ wolf auf einen lichten Platz zwiſchen den Bäumen und die Andern ließen auf ſeinen Zuruf augenblicklich die Hunde Los, die auf ihn zuſtürzten und nach dem Hirſchkopfe ſpran⸗ gen und bellten, den er ſolange abwechſelnd ſenß und 158 Schloß Windſor. erhob, bis ſie hinlänglich gereizt waren, worauf er ihnen denſelben vorwarf. Während dies vor ſich ging, beſchäftigte ſich der übrige Theil des Trupps auf verſchiedene Weiſe,— einige ſchlugen mit Stahl und Stein Feuer an,— einige laſen trocknes Laub und Reiſig zuſammen,— andre brachten mehrere wun⸗ derlich geformte Kochgeräthſchaften herbei, während noch andre ihrem Anführer bei ſeiner waidmänniſchen Arbeit halfen, die er mit außerordentlicher Geſchicklichkeit und Schnelligkeit beendete. Sobald das Feuer angezündet worden war, vertheilte Herne gewiſſe Theile des Wildpretts unter ſeine Begleiter, welche ſie augenblicklich zum Röſten auf die heiße Aſche warfen; während einige auserleſene Stücke in einer Pfanne mit Wein geſchmort und dem Anführer und Wyat darge⸗ boten wurden. e Nach Beendigung dieſer eiligen Mahlzeit ließ der wilde⸗ Jäger das Feuer auslöſchen und die Viertel des Wildpretts nach der Höhle bringen. Dann beſtieg er ſein Roß und galloppirte mit Wyat und ſeinem Trupp, mit Ausnahme derer, die mit Ausführung ſeiner Befehle beſchäftigt waren, nach dem Snow⸗Hügel, wo es ihnen bald gelang, einen andern Edelhirſch aufzujagen. Dahin ſtiebte nun vie ganze Geſellſchaft— Hirſch, Bunde und Jäger— wie eine dunkle Wolke den Hügel hinab und über die breite, mondbeleuchtete, mit edeln Bäu⸗ men beſetzte Lichtung im Weſten der großen Allee. Eine Zeit lang nahm der Hirſch ſeinen Lauf parallel mit der großen Allee, dann ſetzte er über ſie hinüber, ſtreifte die dichten Holzungen an der entgegengeſetzten Seite, ver⸗ folgte eine lange Schlucht und floh, die Einhägung über⸗ ſpringend, in den Schloßpark. Es ſchien faſt, als wolle er im SPie Schutz ſuchen, denn er rannte grade drauf zu Zweites Buch: Der Jäger Herne. 159 und ward nur von Herne ſelbſt abgelenkt, der ihm mit un⸗ glaublicher Schnelligkeit vorbeiſchießend, ihn nach dem un⸗ teren Theile des Parks trieb. Hier ſetzte ſich die Jagd mit unvermindertem Eifer fort, bis der Hirſch das Themſeufer erreichte, in den Fluß ſprang und ſich geräuſchlos vom Strome hinabtreiben ließ. Aber Herne folgte ihm das Ufer entlang, ſtürzte ſich, in ſeine Nähe angekommen, in den Strom und trieb ihn wieder ans Ufer. Noch einmal flogen ſie quer duch den Schloßpark,— noch einmal ſprangen ſie über die Einhägung,— noch ein⸗ mal betraten ſie den Großen Park,— aber diesmal nahm der Hirſch die Richtung nach der Englefield⸗Haide. Man verhinderte ihn jedoch, nach dem offenen Lande durchzubrechen und trieb ihn wieder in den dichten Wald, wo er mit wun⸗ derbarer Geſchwindigkeit dahinſchoß, bis man den See zu Geſicht bekam. Im nächſten Augenblicke durchſchwamm er ihn. Ehe die von dem Sprunge des erſchreckten Thiers ver⸗ urſachten Wirbel ſich in große Ringe erweitert hatten, war Herne ſchon vom Roß geſprungen und theilte mit kräftigen Zügen die Gewäſſer des Sees. Der Hirſch, welcher nun die Flucht unmöglich fand, wandte ſich gegen ihn um und ſuchte ihn mit dem Geweih zu ſtoßen; aber, wie bei ſeinem unglücklichen Waldesgenoſſen, war der Stoß durch den Ge⸗ weihhelm des Schwimmers abgewehrt. Noch einen Augen⸗ blick, und das klare Waſſer färbte ſich blutig, und Herne zog das mit dem Tod ringende Thier bei dem Kopfe ans Ufer. Das Geſchäft des Ausweidens ward wieder durchge⸗ macht; und als Herne ſeine Arbeit beendigt hatte, bot er noch einmal ſeine Flaſche Sir Thomas What an. Der Folgen nicht achtend, ſetzte der Ritter ſie an die Lippen, leerte ſie bis zum letzten Tropfen und fiel bewußtlos vom Pferde. 160 Schloß Windſor. VII. Wie Wyat Mabel Lyndwood ſah; und wie er von Morgan Fenwolf auf dem See gerudert ward. Als Wyat wieder zu vollſtändiger Befinnung kam, fand er ſich auf einer Streu liegen in einem Gemache, das ihm anfänglich wie die Zelle eines Einſiedlers vorkam; als aber die letzten Ereigniſſe allmählig deutlicher in ſeiner Erinnerung auftauchten, muthmaßte er, daß es ein mit der Sandſteinhöhle in Verbindung ſtehendes Zimmer ſein müſſe. Eine kleine Lampe in einer Vertiefung erleuchtete die Zelle und auf einem Schemel neben ſeinem Bett ſtand ein Waſſerkrug und ein Becher mit einem Trank, in dem augenſcheinlich Kräuter eingeweicht worden waren. Nachdem er den Krug faſt ge⸗ leert hatte, denn er fühlte einen brennenden Durſt, kleidete ſich Wyat an, nahm die Lampe in die Hand und ging in die Haupthöhle. Hier befand ſich Niemand, auch konnte er auf ſein Rufen keine Antwort erhalten. Es fehlte jedoch nicht an Spuren eines kürzlich hier ſtattgefundenen Feſtes. An einer Seite lag die kaum ausgegangene Aſche eines großen Holzfeuers und inmitten des Gemachs ſtand ein roh⸗ gearbeiteter Tiſch, der noch mit Trinkhörnern, hölzernen Tellern, ſowie auch mit den Ueberbleibſeln von drei oder vier Wildprettvierteln bedeckt war. Während Wyat dieſe Stene betrachtete, hörte er in einem der Seitengänge Fuß⸗ ſchritte und bald darauf trat Morgan Fenwolf hervor. „Seid Ihr alſo endlich durchgekommen, Sir Thomas,“ bemerkte der Förſter in etwas ſarkaſtiſchem Tone. „Was hat mir gefehlt?“ fragte Wyat erſtaunt. „Ihr habt drei Tage lang im Fieber gelegen,“ ant⸗ wortete Fenwolf,„und habt wie ein Toller gerast.“ „Drei Tage lang!“ murmelte Wyat.„Der falſche, lügneriſche Schuft verſprach ſie mir am dritten Tage!“ Zweites Buch: Der Jäger Herne⸗ 161 „Beſorgt nichts;— Bun wird ſein Wort halten,“ ſagte Fenwolf.„Wollt Ihr aber nicht mit mir ausgehen? Ich will grade meine Netze beſichtigen. Es iſt ein ſchöner Tag und eine Fahrt auf dem See wird Euch gut thun.“ Wyhat willigte ein und folgte Fenwolf den Gang ent⸗ lang. Dieſer ward, je weiter ſie gingen, immer enger und niedriger, bis ſie ſich zuletzt auf Händen und Knien fortbe⸗ wegen mußten. Eine Strecke weit lief der Gang oder viel⸗ mehr das Loch, denn etwas beſſeres war es nicht, in einer Ebene fort. Dann ſtieg er aber in ſteilen Windungen hinan und führte ſie an einen von einem großen Steine verſchloſ⸗ ſenen Ausgang. Fenwolf ſtieß den Stein bei Seite und kroch hinaus und gleich hinter ihm kam Wyat hervor, und ſie befanden ſich in einem Gehölze, durch das an einer Seite die glimmernden Gewäſſer des Sees durchblickten. Des Förſters erſte Sorge war, den Stein wieder an ſeinen Ort zu ſchieben, und ſo gut verbarg er ihn unter Gebüſch und Diſteln, daß er nicht ohne die ſorgfältigſten Nachforſchungen entdeckt werden konnte. Fenwolf bahnte ſich einen Weg durch die Bäume an dem Ufer des Sees und ſchritt über den Raſen nach Tri⸗ ſtram Lyndwood's Hütte zu. Wyat folgte ihm mechaniſch; er war aber ſo ſehr mit ſeinen Gedanken beſchäftigt, daß er kaum auf die ſchöne Mabel achtete, und erſt, nachdem er das Boot mit dem Förſter beſtiegen hatte und als ſie zur Hütte hinaustrat, um ihnen nachzuſehen, fiel ihm ihre Schön⸗ heit auf. Dann fragte er Fenwolf nach ihrem Namen. „Sie heißt Mabel Lyndwood und iſt die Enkelin eines alten Förſters,“ erwiederte Jener mürriſch. „Und Ihr werbt um ihre Liebe 2“ fragte Wyat. „Ja! und warum nicht?“ fragte mit mißfäl⸗ ligem Blick. I. 11 162 Schloß Windſor. „Nun, meinethalben, Freund,“ entgegnete Wyat.„Sie iſt ein hübſches Mädchen.“ „Wie!— hübſcher als Lady Anna?“ fragte Fenwolf boshaft. „Das meinte ich nicht,“ antwortete Wyat;„aber ſie iſt ſehr ſchön und ſieht treuherzig aus.“ Fenwolf blickte ihn ſeitwärts unter ſeinen buſchigen Augenbrauen an; und die Ruder ins Waſſer tauchend, ent⸗ führte er ihn bald aus dem Geſichtskreiſe des Mädchens. Es war hoch am Mittage und ein Tag von glänzender Lieblichkeit. Der See funkelte im Sonnenſchein und indem ſie ſeinen anmuthigen Buchten und waldigen Vorſprüngen vorbeiſchoſſen, boten ſich ihnen immer neue Schönheiten dar. Aber während der Anblick der Landſchaft Wyat's Gefühle beſänftigte, erfüllte ſie ihn zugleich mit unerträglicher Reue, und ſo ſchmerzhaft ward ſeine Aufregung, daß er die Hände auf die Augen drückte, um dem lieblichen Eindruck zu ent⸗ gehen. Als er wieder aufblickte, hatte ſich die Seene ver⸗ ändert. Der Nachen war in eine enge Bai eingelaufen, die von ungeheuern Bäumen überwölbt war und ebenſo dumpf und düſter ausſah, als der übrige Theil des Sees anmuths⸗ voll und ſchön war. Sie ward von hohen, überhängenden Ufern eingeſchloſſen, die mit zwei großen Bäumen bekränzt waren, deren verſtrickte Wurzeln durch das Erdreich wie ungeheure Schlangen hervordrangen, während ihre Zweige einen dichten Schatten über das tiefe, träge Waſſer warfen. „Weshalb habt Ihr mich hierher gerudert?“ fragte Wyat, den unheimlichen Ort muſternd. „Ihr werdet es bald ſehen,“ erwiederte Fenwolf brummend. „Fahrt wieder in den Sonnenſchein zurück und bringt mich an ein beſſeres Ufer— ich will hier nicht landen,“ ſagte Wyat barſch. Zweites Buch: Der Jäger Herne. 163 „Noth kennt kein Gebot— ich brauche Euch nicht an das alte Sprichwort zu erinnern,“ entgegnete Fenwolf höhniſch. „Gieb mir die Ruder, naſeweiſer Burſche!“ rief Wyat zornig;„und ich werde mich ſelbſt ans Ufer ſetzen.“ „Bleibt nur ruhig ſitzen,“ ſagte Fenwolf.„Ihr müßt durchaus unſers Herrn Ankunft erwarten.“ Wyat ſtarrte den Förſter einen Augenblick an, als ob er Luſt hätte, ihn über Bord zu werfen; aber dieſen Ge⸗ danken aufgebend, erhob er ſich im Boote und griff nach etwas, was er für die Wurzel eines der obenſtehenden Bäume hielt. Zu ſeinem Schrecken und Erſtaunen packte es ihn wie mit eherner Fauſt an, und er fühlte ſich auf⸗ wärts gezogen während der Nachen auf einen kräftigen Stoß von Morgan Fenwolf unter ihm wegſchoß. Alle Bemü⸗ hungen Wyat's, ſich loszumachen, waren vergeblich und ein wildes, teufliſches Gelächter, in das ein ganzer Chor von Kehlen mit einſtimmte, verkündete ihm, daß er ſich in des Jägers Herne Gewalt befinde. Einen Augenblick darauf ward er am Kamm des Ufers niedergeſetzt und von dem Geſpenſt mit einem ſpöttiſchen Gelächter begrüßt. „So dachtet Ihr mir alſo zu entwiſchen, Sir Thomas Wyat!“ rief er höhnend;„aber alle ſolche Verſuche werden fruchtlos ſein. Der Mörder mag den Schlag bereuen, den er geführt; der Dieb mag das Gold wiederzuerſtatten wün⸗ ſchen, das er entwandt; der Verkäufer ſeiner Seele mag ſeinen Handel bereuen;— aber ſie ſind des Satans, trotz Allem. Ihr ſeid der Meine und nichts kann Euch erlöſen!“ „Weh mir, daß es ſo ſein ſollte!“ ächzte What. „Wehklagen iſt unnütz und Eurer unwürdig,“ entgeg⸗ nete Herne verächtlich.„Euer Wunſch ſoll ſchleunigſt erfüllt werden. In dieſer Nacht noch ſoll Euer königlicher Neben⸗ buhler in Eure Hände gegeben werden.“ 164 Schloß Windſor⸗ Ha!“ rief Wyat aus, indem die Flamme der Shpucht ſich wieder in ſeiner Bruſt regte. „Ihr könnt ihm Eure eignen Bedingungen in Betreff der Lady Anna vorſchreiben,“ fuhr Herne fort.„Sein Leben wird in Eurer Gewalt ſein.“ „Verſprecht Ihr mir dies?“ rief Wyat. „Ja,“ antwortete Herne.„Ueberlaßt Euch Fenwolfs Leitung und Alles wird nach Eurem Wunſche ausfallen. Wir werden uns heute Nacht wiederſehen. Ich habe jetzt andre Geſchäfte. Meſchines,“ fügte er gegen einen ſeiner Begleiter hinzu,„geht mit Sir Thomas nach dem Boot.“ Die Perſon, welche dieſen Befehl empfing und ganz ſeltſam und phantaſtiſch gekleidet war, winkte Wyat ihm zu folgen, und nach vielen Windungen brachte er ihn an den Rand des Sees, wo der Nachen lag, in dem ſich Fenwolf der Länge nach auf die Bänke hingeſtreckt hatte. Er erhob ſich jedoch ſchnell bei Meſchines' Erſcheinen und bat ihn um einige Lebensmittel, die dieſer ihm auch zu bringen verſprach. Während Wyat in das Boot ſtieg, verſchwand er, kam aber nach wenigen Minuten mit einem Korbe wieder, den er dem Förſter übergab. Fenwolf ſchlug die Richtung quer über den See nach einem grünenden, mit wilden Blumen geſchmückten Ufer ein, wo er landete. Sie öffneten den Korb und fanden eine Flaſche Wein nebſt der größeren Hälfte einer Wildprett⸗ paſtete darin, von der Wyat, deſſen Appetit durch ſein langes Faſten ſehr geſchärft war, begierig aß. Dann ſtreckte er ſich auf den weichen Raſen aus und fiel in einen ruhigen Schlummer, der bis zu ſpäter Abendſtunde anhielt. Er ward daraus von einer ſchweren Hand, die er auf ſeiner Schulter fühlte, aufgeweckt und eine tiefe Stimme donnerte in ſein Ohr:„Auf, auf, Sir Thomas, folgt mir; ich will den König in Eure Hände geben.“ Zweites Buch: Der Jäger Herne. 165 VIIHI. Wie der König und der Herzog von Suffolk von Herne's Bande ange⸗ griffen wurden; und was ſich nach dem Angriffe begab. Heinrich und Suffolk verfolgten, nachdem ſie des För⸗ ſters Hütte verlaſſen, eine Strecke lang den Weg neben dem Seeufer und bogen dann in einen Pfad ein, der unter den Bäumen die Anhöhe zur Linken hinan lief. Der König war in fröhlicher Laune und verſuchte gar nicht die Leiden⸗ ſchaft zu verbergen, die ihm das ſchöne Mädchen einge⸗ flößt hatte. „Meiner Treu!“ rief er,„der Cardinal hat ein geübtes Auge für ein ſchönes Frauenzimmer. Ich habe gehört, daß er insgeheim auch gerne Eine hat, und bin ihm daher deſto mehr dafür verpflichtet, daß er mir Mabel nachgewieſen hat.“ „Ihr vergeßt, Sire, daß es ſeine Abſicht iſt, Eure Blicke von Lady Anna Boleyn abzuwenden,“ bemerkte Suffolk. „Mir gleich, was ſein Beweggrund ſein mag, ſobald der Erfolg ſo befriedigend iſt,“ erwiederte Heinrich.„Ge⸗ ſteht nur, Suffolk, Ihr habt niemals eine ſo vollendete Geſtalt,— ein ſo blühendes Ausſehen,— oder ſo helle Augen geſehen. Und ihre Lippen— bei meiner Seele, ich habe noch nie ſolche Lippen gekoſtet!“ „Und Eure Majeſtät iſt in ſolchen Dingen nicht uner⸗ fahren,“ lachte Suffolk.„Ich für mein Theil war eben ſo ſehr von ihrer Anmuth als von ihrer Schönheit ergriffen und kann mich kaum überreden, daß ſie nichts weiter 6 die Enkelin eines bloßen Förſters ſein ſollte.“ „Wolſey erzählte mir, daß ein Geheimniß mit e Geburt verbunden ſein ſollte,“ erwiederte Heinrich;„aber, die Peſt darauf! ihre Schönheit hat mir alle Erinnerung daran aus dem Kopf getrieben. Ich will umkehren und ſie darnach fragen.“ 166 Schloß Windſor. „Eure Majeſtät vergißt, daß Eure Abweſenheit vom Schloſſe Auffallen, wo nicht Beſtürzung, erregen wird,“ ſagte Suffolk.„Das Geheimniß wird ſich bis morgen halten.“ „Still, ſtill!— ich will umkehren,“ ſagte der König hartnäckig. Und Suffolk, der ſeinen Eigenſinn wohl kannte und vorausſah, daß alle Vorſtellungen überflüſſig ſein wür⸗ den, ging mit ihm deſſelben Weges zurück. Sie waren noch nicht weit gegangen, als ſie eine weib⸗ liche Geſtalt am Fuße der Anhöhe gewahrten, grade wo der Pfad an dem Rand des Sees abbog. „Sowahr ich lebe, da iſt ſie!“ rief der König fröhlich aus.„Sie hat meine Wünſche errathen und iſt ſelbſt her⸗ gekommen, um mir ihre Lebensgeſchichte zu erzählen.“ Mit dieſen Worten eilte er vorwärts, während Mabel ihm haſtig entgegenging. Sie begegneten ſich auf halbem Wege und Heinrich möchte ſie in die Arme geſchloſſen haben, aber ſie wich ihm aus, indem ſie mit unruhiger und verwirrter Stimme aus⸗ rief:„Gott ſei Dank! Sire, daß ich Euch gefunden habe.“ „Auch ich danke dem Himmel dafür, Liebchen!“ ent⸗ gegnete Heinrich;„ich würde mich nicht verſtecken, wenn Ihr die Sucherin ſeid. So kennt Ihr mich alſo— he?“ „Ich kannte Euch gleich,“ antwortete Mabel verwirrt. „Ich ſah Euch bei der großen Jagdpartie, und einmal ge⸗ ſehen, iſt Eure Majeſtät nicht ſo leicht vergeſſen.“ „Ha, bei Sanct Georg! Ihr dreht ein Compliment ſo zierlich, wie die erfahrenſte Hofdame,“ rief Heinrich ihre Hand ergreifend. „Ich bitte Eure Majeſtät, laßt mich tos!“ erwiederte Mabel, ſich frei zu machen bemüht.„Ich bin Euch nicht um ſo leichtfertiger Abſicht willen gefolgt, wie Ihr denkt, ſondern um Euch vor Gefahr zu warnen. Ehe Ihr meines Großvaters Hütte verließt, ſagte ich Euch, daß dieſer Theil — Zweites Buch: Der Jäger Herne. 167 des Waldes von Räubern und böſen Geiſtern beſucht wäre und in der Beſorgniß, daß Euch irgend ein Unglück zuſtoßen möchte, öffnete ich das Fenſter, um Euch nachzuſehen——“ „Und hörtet mich zum Herzog von Suffolk ſagen, wie ſehr mich Eure Schönheit ergriffen hätte, he?“ unterbrach ſie der König, ihre Hand drückend—„und wie ich ent⸗ ſchloſſen wäre, Euch zur meinigen zu machen— wie Liebchen?“ „Die Worte, welche ich hörte, klangen ganz anders, Sire,“ erwiederte Mabel.„Ihr wurdet von Böſewichtern bedroht, die Euch aufzulauern beabſichtigten, ehe Ihr Euer Roß erreichen könntet.“ „Laßt ſie kommen,“ antwortete Heinrich ſorglos,„ſie ſollen für ihre Schurkerei bezahlen. Wie viel waren es?“ „Zwei, Sire,“ erwiederte Mabel;„aber einer von ihnen war Herne, das Jägergeſpenſt vom Walde. Er ſagte, er wollte ſeine Bande verſammeln, um Euch gefangen zu nehmen. Was kann Euer ſtarker Arm, wenn auch mit Hülfe des Herzogs von Suffolk, gegen die Ueberzahl ausrichten?“ „Gefangen! Wie?“ rief der König aus.„Sagte der Schuft ſo?“ „So ſagte er, Sire,“ antwortete Mabel;„und ich erkannte Herne an ſeinem Helmgeweih.“ „Das Mädchen ſpricht ganz vernünftig, Sire,“ fiel Suffolk ein.„Ihr ſolltet wo möglich lieber ein Zuſammen⸗ treffen mit dieſen Schurken vermeiden.“ „Mir zuckt die Hand, Ihnen eine Lehre zu geben,“ verſetzte Heinrich,„aber ich will auf Euch hören. Bei Gottes Wunden! Morgen wrill ich eberhie und ſie wie Wölfe niederjagen.“ „Wo ſind Eure Pferde, Sire?“ fragte Mabel. „An einem Baum zu Füßen des Hügels feſtgebunden,“ antwortete Heinrich.„Aber mein Gefolge iſt auf halbem Wege zwiſchen hier und dem Snowhügel.“ 168 Schloß Windſor. ⁰ Nach dieſer Richtung alſo,“ ſagte Mabel, ſich los⸗ reißend und einen ſchmalen Pfad zwiſchen den Bäumen einſchlagend. Heinrich lief ihr nach, war aber nicht behende genug, um ſie einzuholen. Endlich ſtand ſie ſtill. „Wenn Eure Majeſtät dieſen Pfad verfolgen will,“ rief ſie,„ſo werdet Ihr auf einen offenen Fleck zwiſchen den Bäumen kommen; wenn Ihr dann auf die große Buche gegenüber zugehen wollt, ſo werdet Ihr einen andern ſchmalen Pfad finden, der Euch dahin führen wird, wohin Ihr wünſcht.“ „Ich kann aber nicht allein gehen,“ rief Heinrich. Mabel jedoch ſchlüpfte ihm vorbei und war ihm in einem Augenblick aus den Augen verſchwunden. Heinrich ſah aus, als wollte er ihr folgen, aber der Herzog von Suffolk wagte, ihn daran zu hindern. „Weilt hier nicht länger, mein gnädigſter König,“ ſagte der Herzog.„Es iſt Gefahr zu befürchten und je eher Ihr Euer Gefolge wieder findet, deſto beſſer. Kehrt mit ihnen um, wenn Ihr wollt, aber ſetzt Euch jetzt nicht ferner der Gefahr aus.“* Heinrich gab, obwohl ungern, nach und ſie gingen ſtill⸗ ſchweigend weiter. Nicht lange, ſo gelangten ſie zu dem von Mabel beſchriebenen offenen Platz und wurden augenblicklich die große Buche gewahr, hinter der ſie den Pfad fanden. Um dieſe Zeit war der Mond aufgegangen und als ſie an den Moraſt kamen, entdeckten ſie ohne Mühe eine Bahn, die, obwohl nicht breiter als eine Schafſpur, längs deſſen Rand hinführte. Während ſie darüber hineilten, warf Suffolk gelegentlich einen verſtohlenen Blick über ſeine Schulter, aber er erblickte nichts Beunruhigendes. Der ganze Strich Moorland zur Linken war dem Auge durch einen ſilbernen Nebel verhüllt. In einigen Minuten erreichten der König und ſein Zweites Buch: Der Jäger Herne. 169 Begleiter feſteren Boden und die ſanfte Anhöhe an der an⸗ dern Seite des Moraſtes erſteigend, ſchritten ſie nach einem kleinen, von einer ungeheuern Eiche bekränzten Hügel, der eine ſchöne Ausſicht auf den ſich durch das jenſeitige Thal windenden See beherrſchte. Heinrich, der ſeinem Begleiter einige Schritte vorausging, ſtand in geringer Entfernung von dem Baume ſtill, nahm die Mütze ab, um ſich die Stirn abzutrocknen, da er ſich etwas erhitzt fühlte, und bemerkte lachend:„Bei meiner Treue, Suffolk, wir müſſen in Zu⸗ kunft für ganz elende Wichte gehalten werden, daß wir uns ſo von einem albernen Dirnengeſchwätz über Wilddiebe und geſpenſtiſche Jäger von unſerm Weg abſcheuchen laſſen. Es thut mir leid, daß ich ihren Bitten nachgegeben habe. Wenn Herne noch am Leben iſt, ſo muß er mehr als an⸗ derthalb Jahrhunderte alt ſein, denn wenn nicht die ganze Geſchichte erlogen iſt, ſo blühte er zur Zeit meines Vorgän⸗ gers Richard des Zweiten. Ich wollte, ich könnte ihn ſehen.“ „So ſieh' ihn denn!“ rief eine rauhe Stimme hinter ſeinem Rücken. Heinrich drehte ſich um und erblickte eine große dunkle Geſtalt mit ſcheußlichen Geſichtszügen und ſeltſamer Klei⸗ dung, die mit einem ungeheuern Hirſchgeweih behelmt zwi⸗ ſchen ihm und dem Eichbaum ſtand. So plötzlich machte ſich die Erſcheinung der Geſtalt, daß der König unwillkür⸗ lich ein wenig zuſammenfuhr. „Ha!— Wer biſt Du?“ fragte er. „Was ich geſagt habe,“ antwortete das Geſpenſt.„Ich bin Herne, der Jäger. Willkommen in meinem Reich, Hein⸗ rich von England. Ihr ſeid Herr des Schloſſes, aber ich bin Herr des Waldes. Ha! ha!“ „Ich bin Herr, ſo im Walde wie im Schloſſe— ja, über all' dies weite Land, hölliſcher Geiſt!“ rief der König, „und Niemand darf es mir abſprechen. Im Namen des 170 Schloß Windſor. heiligſten Glaubens, deſſen Vertheidiger ich bin, befehle ich dir meinen Weg zu meiden! Hebe dich hinweg, Satan!“ Der Geiſt lachte höhniſch. „Heinrich von England, nähert Euch mir und Ihr nähert Euch auf Eure eigne Gefahr,“ verſetzte er. „Hinweg, ſage ich!“ rief der König.„Im Namen der geſegneten Dreieinigkeit, und aller himmliſchen S und Heiligen, ich ſchlage zu!“ Mit dieſen Worten wirbelte er ſeinen Stab um den Kopf. Aber ehe er die Waffe herabſchleudern konnte, um⸗ hüllte das Geſpenſt ein blendender Feuerſtrahl, in deſſen Mitte es verſchwand. „Der Himmel behüt' uns,“ rief Heinrich erbleichend. In dieſem Augenblicke hörte man den Ton eines Horns und eine Unzahl von wunderlichen Geſtalten in phantaſti⸗ ſchen Anzügen— einige auf dunkelfarbigen Pferden und von Hunden begleitet, andre zu Fuß— kamen aus dem benach⸗ barten Dickicht hervor und eilten auf die Stelle zu, wo der König ſtand. „Aha!“ rief Heinrich aus—„noch mehr von derſilben Art. Die Hölle hat ihre Heerſchaaren losgelaſſen, wie es ſcheinen möchte, aber ich fürchte mich vor ihnen nicht. Steht mir bei, Suffolk.“ „Bis in den Tod, Sire!“ antwortete der Herzog, das Schwert ziehend. Jetzt hatte einer der Vorderſten von der geſpenſtiſchen Bande den König und befahl ihm ſich gefangen zu geben. „Weißt du, wen du zur Uebergabe aufforderſt, Hund?“ rief Heinrich aufgebracht. „Ja,“ antwortete Jener,„du biſt der König!“ „Nieder auf die Kniee dann, Verräther,“ wüthete Hein⸗ rich,„nieder mit Euch allen und fleht um Gnade.“ Zweites Buch: Der Jäger Herne. 124 „Um Gnade— ha! ha!“ entgegnete Jener;„die Reihe iſt an dir, um Gnade zu bitten, Tyrann! Wir erkennen keinen andern Herrſcher an, als Herne, den Jäger.“ „So ſuch' ihn in der Hölle!“ rief Heinrich, einen furcht⸗ baren Schlag auf den Kopf des Sprechers führend, der ihn beſinnungslos zu Boden ſtreckte. Die andern zogen ſich augenblicklich um ihn zuſammen und bemühten ſich, den König zu ergreifen. „Ha! Ihr Hunde!— ha! Ihr Verräther!“ donnerte Heinrich, ſeinen Stab mit großer Lebendigkeit ſchwingend und mit jedem Schlage einen Angreifer zu Boden ſtreckend; „wagt Ihr, an unſere geheiligte Perſon Hand zu legen?“ Der entſchloſſene Widerſtand des Königs, nebſt der kräf⸗ tigen Unterſtützung Suffolk's lähmte ſeine Angreifer, die mehr darauf bedacht zu ſein ſchienen, ſich ſeiner Perſon zu ver⸗ ſichern als ihn zu verletzen. Aber Suffolks Aufmerkſamkeit ward plötzlich durch den Angriff eines grimmigen ſchwarzen Hundes abgelenkt, den ein ſtämmiger Kerl in bärtiger Maske auf ihn hetzte. Nach einem harten Kampfe und erſt nachdem er einen ſchmerzhaften Biß in den Arm erhalten hatte, ge⸗ lang es dem Herzoge ſich ſeines Angreifers zu entledigen. „Nimm dies, zur Rache für den armen Bawſey!“ ſchrie der Mann, der den Hund gehetzt hatte, indem er nach Suffolk mit dem Meſſer ſtieß. Aber der Herzog wehrte den Stoß ab; ſeinen Gegner entwaffnend, brachte er ihn zu Boden und enthüllte, ihm die Maske abreißend, die Züge Morgan Fenwolf's. Mittlerweile war Heinrich in beträchtlicher Gefahr ge⸗ weſen. Wie Suffolk, hatte er einen Hund niedergemacht, und einen Schlag nach dem Schurken führend, der ihn an⸗ gehetzt hatte, glitt er mit dem Fuße aus und fiel in ſeine Gewalt. Der Elende erhob ſein Meſſer und war im Be⸗ griff zuzuſtoßen, als ihm ein Schwert durch den Leib gerannt 172 Schloß Windſor. ward. Dieſer Stoß war entſcheidend; der König ſprang augenblicklich auf, und die übrigen Angreifer— zu Pferde, wie zu Fuß— machten ſich eiligſt auf den Rückzug. Heinrich wandte ſich nach ſeinem Befreier um und ſtieß einen Ausruf des Erſtaunens und Unwillens aus. „Ha! bei Gottes Wunden!“ rief er,„darf ich meinen Augen trauen? Seid Ihr es, Sir Thomas Wyat?“ „Ja,“ antwortete Jener. 6 „Was macht Ihr hier? wie!“ fragte der König,„Ihr ſolltet in Paris ſein.“ „Ich habe hier verweilt um Rache zu nehmen,“ erwie⸗ derte Wyat. „Rache!— ha!“ rief Heinrich.„An wem?“ „An Euch,“ antwortete Wyat. „Wie!“ ſchrie Heinrich vor Wuth ſchäumend—„Seid Ihr es, Verräther, der dieſen tückiſchen Plan angezettelt hat?— ſeid Ihr es, der ſeinen König zum Gefangenen machen wollt? wolltet Ihr ihn erſchlagen? Habt Ihr Euch mit der Hölle verſchworen?“ Allein Wyat gab keine Antwort; und obgleich er ſein Schwert ſenkte, ſah er doch den König finſter an. Eine weibliche Geſtalt ſprang jetzt vor und ſich vor dem Könige beugend, rief ſie mit flehender Stimme: „Schont ſeiner, Sire!— ſchont ſeiner! Er gehört nicht mit zu den Angreifenden. Ich ſtand neben ihm in jenem Gehölz und er rührte ſich nicht von der Stelle, als bis er Euer Leben in Gefahr ſah. Und dann befreite er Euch von dem Mörder.“ „Ich that es, weil ich ihn für meine eigene Hand auf⸗ bewahrte,“ ſagte Wyat. „Ihr hört ihn ſeinen Hochverrath bekennen,“ rief Hein⸗ rich;„nieder auf die Kniee, Schurke, oder ich ſchlage 3 zu Boden.“ Zweites Buch: Der Jäger Herne. 173 „Er hat eben erſt Euer Leben gerettet, Sire,“ rief die Bittende.„O, ſchont ſeiner.“ „Was bringt Euch hierher, Mabel?“ rief Heinrich zornig. „Ich folgte Eurer Majeſtät unbemerkt,“ antwortete ſie etwas verwirrt,„und erreichte jenes Gehölz, gerade als der Angriff begann. Ich wagte nicht, weiter vorzugehen.“ „Ihr hättet nach Hauſe gehen ſollen,— nach Hauſe,“ entgegnete der König.„Wyat,“ fuhr er fort, im Tone ſtrengen Tadels,„Ihr waret einſt ein getreuer Unterthan. Was bedeutet dieſe Veränderung?“ „Es bedeutet, daß Ihr mir meine Geliebte geraubt habt,“ erwiederte Wyat;„und um dieſer Urſache willen habe ich mich der Verdammniß geweiht.“ „Verzeiht ihm!— o, verzeiht ihm, Sire!“ rief Mabel. „Ich kann Euch nicht verſtehen, Wyat,“ ſagte Heinrich nach einer Pauſe;„aber ich habe ſelbſt unter den Qualen der Eiferſucht gelitten. Ihr habt mein Leben gerettet und ich will das Eure ſchonen.“ „Sire!“ rief Wyat. „Suffolk!“ ſagte Heinrich, nach dem Herzog ſehend, der Fenwolf bei der Gurgel feſthielt,„thue ich Recht, ihn frei ausgehen zu laſſen?“ „Stoßt zu!— ſtoßt zu!“ rief eine tiefe Stimme in Wyat's Ohr;„Euer Nebenbuhler iſt jetzt in Eurer Gewalt.“ „Fern ſei es von mir, Eurer Majeſtät edelmüthigen Regungen entgegen zu ſein,“ verſetzte Suffolk.„Es iſt wahr, daß Wyat Euch das Leben gerettet hat; und wenn er geneigt geweſen wäre, es Euch zu nehmen, ſo habt Ihr Euch ihm in dieſem Augenblicke wieder blosgegeben.“ „Sir Thomas Wyat,“ ſagte der König ſich nach ihm umwendend,„Ihr habt meine volle und ungezwungene Ver⸗ zeihung. Verlaßt dieſen Wald auf der Stelle und begebt 174 Schloß Windſor. Euch nach Paris. Wenn Ihr morgen hier gefunden werdet, ſo ſollt Ihr in den Tower geſetzt werden.“ Wyat kniete nieder und hätte Heinrich's Hand an ſeine Lippen drücken mögen; aber dieſer ſchob ihn bei Seite. „Nein— nein! Nicht jetzt— nach Eurer Rückkunft.“ So abgewieſen, entfernte ſich Wyat und indem er an dem Baum vorbeikam, hörte er eine Stimme ausrufen: „Ihr ſeid ihm entſchlüpft, aber denkt nicht, daß Ihr mir entſchlüpfen werdet.“ „Und nun, Liebchen,“ ſagte Heinrich zu Mabel,„da Ihr ſchon ſo weit auf dem Wege ſeid, ſo ſollt Ihr mit mir ins Schloß gehen.“ „Unter keinen Umſtänden, Sire,“ erwiederte ſie;„mein Großvater würde ſich wundern, was aus mir geworden iſt. Er muß ſchon in großer Unruhe meinetwegen ſein.“ „Aber ich werde einen Diener abſenden, um ſeine Be⸗ fürchtungen zu beſchwichtigen,“ drang Heinrich in ſie. „Das würde ſie nur vermehren,“ entgegnete ſie.„Nein, ich muß gehen.“ Und ſich von ihm losreißend, flog ſie behende den Hügel hinunter und ſtreifte wie ein Mondſtrahl über den Moraſt hin. Alle Teufel!“ rief der König—„ich habe ſchon wieder vergeſſen, ſie wegen ihrer Geburt zu befragen.“ „Soll ich dieſen Schurken abthun, Sire?“ rief Suffolk, mit dem Schwerte auf Fenwolf zeigend. „Auf keinen Fall,“ ſagte der König;„er könnte uns einigen Nachweis geben. Höre, verrätheriſcher Hund, wenn du wirklich dem Teufel dienſt, ſo ſiehſt du, daß er dich ver⸗ läßt, ſo wie er alle verläßt, die auf ihn bauen.“ „Ich ſehe es,“ erwiederte Fenwolf, der, allen Wider⸗ ſtand vergeblich findend, die Hände grämlich auf der Bruſt gefaltet hatte. „So bekenne dein böſes Getreibe,“ ſagte der a Zweites Buch: Der Jäger Herne. 175 „Schenkt mir das Leben und ich thue es,“ antwortete Fenwolf. Während er dieſe Worte ſprach, erblickte er Her⸗ ne's düſtere Geſtalt zur Seite der Eiche, den rechten Arm drohend erhebend. „Was ſiehſt du?“ rief Heinrich, ſeinen auf den Baum ge⸗ hefteten Blick bemerkend und nach derſelben Richtung hinſehend. Fenwolf antwortete nicht. Heinrich trat auf den Baum zu, ging rund herum, konnte aber nichts erſpähen. „Ich will morgen den Wald durchſtreifen,“ murmelte er,„und jeden Hallunken, den ich darin finde, aufknüpfen laſſen, wenn er nicht genügende Auskunft über ſich geben kann.“ „Ho! ho! ho!“ lachte eine Stimme, die aus den Zweigen des Baumes zu kommen ſchien. Heinrich ſah hinauf, aber Niemand war zu ſehen. „Bei Gottes Wunden!— verhöhnt!“ wüthete er.„Menſch oder Teufel, du ſollſt meinen Zorn empfinden.“ „Ho! ho! ho!“ lachte die Stimme wieder. Vor Wuth ſtampfend, ſtieß der König einen fürchter⸗ lichen Fluch aus und hieb mit ſeinem Schwerte in den Baumſtamm. „Eure Majeſtät wird vergeblich üe*ſagte Suffolk; „es iſt offenbar der Böſe, mit dem Ihr zu thun habt, und die Hülfe heiliger Prieſter muß angeſprochen werden, um ihn aus dem Wald zu treiben.“ „Ho! ho! ho!“ lachte die Stimme wieder. Ein Reitertrupp ward jetzt ſichtbar. Es zeigte ſich, daß es das königliche Gefolge war, das dem König aufzuſuchen ausgeritten war, und ſie wurden augenblicklich von Heinrich und Suffolk angerufen. Ihr Anführer war Hauptmann Bouchier, der auf einen Wink des Königs ſogleich abſtieg. „Gebt mir Euer Pferd, Bouchier,“ ſagte Heinrich,„und bleibt mit einem halben Dutzend von Euren Leuten auf * 176 Schloß Windſor. Wache bei dieſem Baum, bis ich Euch einen Trupp Arke⸗ buſiere zur Ablöſung ſchicke. Wenn ſie ankommen, ſtellt ſie daneben auf und laßt ſie hier bleiben, bis ich morgen früh wiederkomme. Wenn ſich Jemand zeigt, ſo nehmt ihn ge⸗ fangen.“ „Eurer Majeſtät Befehle ſollen pünktlich befolgt werden,“ antwortete Bouchier. An Händen und Füßen gebunden, ward Fenwolf über ein Pferd geworfen und von zwei Hellebardieren bewacht, die bereit waren, ihn bei der geringſten Bewegung todtzu⸗ ſchlagen. Auf dieſe Weiſe wurde er ins Schloß gebracht und ins Wachtzimmer des unteren Thores geſperrt, bis fer⸗ nere Befehle ſeinetwegen erfolgen würden. IX. Wie Morgan Fenwolf aus dem Hoſenband⸗Thurme entwiſchte. Eine halbe Stunde darauf ward Fenwolf von dem Herzog von Suffolk und einem Stiftsherrn beſucht; und als das Wachtzimmer geräumt war, befahl ihm der Herzog ſein Ge⸗ wiſſen durch die Beichte zu erleichtern. „Ich halte es für meine Pflicht, Euch zu benachrichtigen, Gefangener,“ ſagte Suffolk,„daß für Euer Leben nichts mehr zu hoffen ſteht. Des Königs Majeſtät iſt entſchloſſen, ein furchtbares Beiſpiel an Euch und allen Euren Verbrechens⸗ genoſſen zu ſtatuiren; aber er will Eure Seele nicht ver⸗ derben und hat Euch deshalb dieſen heiligen Mann geſandt, mit dem Wunſche, daß Ihr ihm Euer Herz öffnen möget und Euch durch Beichte und Reue aus der ewigen Ver⸗ dammniß rettet.“ „Die Beichte wird mir nchte nützen,“ ſagt Fenwolf mürriſch.„Ich kann nicht beten, wenn ich auch wollte.“ Zweites Buch: Der Jäger Herne. 477 „Ihr könnt nicht ſo gänzlich verloren ſein, mein Sohn,“ entgegnete der Kanonikus.„Die Hölle mag ihre finſtern Ketten um Euch geworfen haben, aber nicht ſo feſt, daß ſie die Hand des Himmels nicht zerſprengen könnte.“ „Ihr verliert die Zeit damit, mich zu überreden,“ ver⸗ ſetzte Fenwolf. „Ihr kennt doch die Strafe, mein Sohn, die Denen be⸗ vorſteht, welche wegen Zauberei verdammt werden?“ fragte der Kanonikus. „Es iſt der Scheiterhaufen, nicht wahr?“ entgegnete Fenwolf. „Ja,“ antwortete der Kanonikus;„aber ſogar dieſe feurige Strafe iſt ohne Reue nicht im Stande, Eure Ver⸗ gehen zu ſühnen. Mylord von Suffolk, die Lage dieſes Unglücklichen erfordert beſondere Beachtung. Es iſt der Kirche viel daran gelegen, ſeine Seele vom Verderben zu retten. Ich bitte Euch, laßt ihn in das Gefängniß unter dem Hoſen⸗ band⸗Thurm bringen, wo ein Prieſter ihn beſuchen und mit ihm bis zu Tagesanbruch beten ſoll.“ „Es wird fruchtlos ſein, mein Vater,“ ſagte Fenwolf. „Ich verzweifle nicht, mein Sohn,“ erwiederte der Ka⸗ nonikus,„und wenn ich Euch morgen wiederſehe, ſo hoffe ich Euch in einer beſſeren Gemüthsſtimmung zu finden.“ Der Herzog gab der Wache den Befehl, den Gefangenen hinüber zu ſchaffen, und nach einiger Beſprechung mit dem Kanonikus kehrte er nach den königlichen Gemächern zurück. Mittlerweile begab ſich der Kanonikus nach dem Huf⸗ eiſengang— einer Reihe von Gebäuden, die ihren Namen von ihrer Geſtalt hatte und am weſtlichen Ende der Sankt Georgen⸗Kapelle lag— und kaum hatte er ihn betreten, ſo hörte er Schritte hinter ſich. Indem er ſich nach dem Schalle umdrehte, erblickte er einen Franziskaner⸗Mönch; denn als gab ihn ſein Gewand von dem gröbſten grauen Tuch 12 178 Schloß Windſor. und ſein Strick um den Leib zu erkennen. Der Mönch war ſehr groß und hager, und ſeine Kutte war ſo weit über das Geſicht herunter gezogen, daß ſie ſeine Züge verhüllte. „Was wollt Ihr, Bruder?“ ſ5 der Kanonikus ſtill⸗ ſtehend. „Ich habe eine Frage an Euch zu thun, ehrwürdiger Herr,“ antwortete der Mönch mit demüthiger Beugung des Kopfes.„Ich bin eben von Chertſey⸗Abtei angekommen, wo ich die letzten drei Tage verweilt habe, und indem ich mich mit der Wache am Thor beſprach, ſah ich einen Ge⸗ fangenen ins Schloß bringen, der abſcheulicher Vergehen und unter andern eines Bündniſſes mit dem Böſen angeſchul⸗ digt wird.“ „Ihr ſeid recht berichtet worden, Bruder,“ verſetzte der Kanonikus. „Und bin ich auch recht berichtet, ehrwürdiger Herr, daß Ihr einen Prieſter die Nacht bei ihm zubringen laſſen möchtet?“ entgegnete der Mönch.„Wenn dem ſo iſt, ſo würde ich um Erlaubniß bitten, dieſen Auftrag zu übernehmen. Zwei Seelen, eben ſo ſchwer beladen als die dieſes Unglücklichen, ſind ſchon durch meine Anſtrengungen aus den Klauen Satans befteit worden, und ich verzweifle auch jetzt nicht am Erſolge.“ „Da Ihr ſo zuverſichtlich ſeid, Bruder,“ ſagte der Ka⸗ nonikus,„ſo übergebe ich ihn gern Euren Händen. Ich war im Begriff andere Hülfe zu ſuchen, aber Euer Anerbieten kommt ganz gelegen. Ich zweifle nicht, daß Ihr mit Gottes Hülfe einen Sieg über den Böſen erkämpfen werdet!“ Indem er dieſe Worte ſprach, ſchien der Mönch von einem plötzlichen Schmerz ergriffen zu werden. Er griff wankend nach der Einfaſſung des Kreuzganges, um ſich zu ſtützen, erholte ſich aber bald wieder. „Es hat nichts zu bedeuten, ehrwürdiger Herr,“ ſagte er, da er bemerkte, daß der gutmüthige Kanonikus ihn ängſtlich Zweites Buch: Der Jäger Herne. 179 anſah.„Lange Nachtwachen und Faſten haben mich für häufige Anfälle von Schwindel empfänglich gemacht, aber ſie gehen eben ſo ſchnell wieder vorüber, als ſie kommen. Gefällt es Euch mit mir zu gehen und der Wache zu be⸗ fehlen, daß ſie mich zum Gefangenen hineinläßt?“ Der Kanonikus willigte ein, und ſie gingen über den viereckigen Hof nach dem Thorwege zurück. Unterdeſſen war der Gefangene nach dem untern Gemach im Hoſenband⸗Thurm gebracht worden. Dieſe Befeſtigung, eine der älteſten des Schloſſes, da ſie gleiches Alters mit dem Curfew⸗Thurm iſt, befindet ſich in einem Zuſtande der be⸗ dauerlichſten Vernachläſſigung und des Verfalls. Ohne Dach, ohne Fußboden, mit Schutt angefüllt, von den Hofmauern der benachbarten Wohnungen verdeckt, die eine Seite ganz abgeriſſen und mit einer großen Lücke an der andern, ver⸗ dankt ſie ihre theilweiſe Erhaltung nur der feſten und felſen⸗ artigen Beſchaffenheit ihres Mauerwerks. Trotz ihres ver⸗ fallenen Zuſtandes und obgleich ſie nur noch die Hülle ihres früheren Selbſt iſt, gewährt ſie einen höchſt maleriſchen An⸗ blick. Die Mauern find von wunderbarer Dicke und die tiefen Einſchnitte in denſelben ſind faſt vollkommen erhalten, während ſich zum Theil noch Spuren einer geheimen Treppe rund um das Gebäude hinziehen. Mitten in dem Schutt, der das untere Gemach anfüllt, ſteht ein Baum, grün und blühend— hoffentlich ein Vorbild der künftigen Wieder⸗ herſtellung dieſes Baues. Der Gefangene ward in ein niedriges gewölbtes Gemach dieſes Thurmes gebracht, auf den Boden geworfen,— denn er war noch an Händen und Füßen gebunden,— und im Dunkeln allein gelaſſen. Er ſollte aber nicht lange in dieſem Zuſtande liegen bleiben. Die Thür des Gefängniſſes öffnete ſich und die Wache führte den großen Franziskanermönch hinein. 180 6loß Windſor. „Heda! Du Hund von einem Gefangenen,“ rief er, „hier iſt ein heiliger Mann, um die Nacht mit dir im Gebet zuzubringen.“ „Er mag ſich mit ſeinen Ave Maria's und Paternoſter's anders wohin ſcheeren— ich will nichts davon wiſſen,“ erwiederte Fenwolf mürriſch. „Du möchteſt ohne Zweifel lieber, ich brächte dir den Jäger Herne,“ verſetzte die Wache, über ihren eigenen Scherz lachend;„aber dies iſt ein Arzt für die Seele. Mögen die Heiligen Euch in Euerm guten Werke beiſtehen, mein Vater. Ihr habt keine leichte Arbeit.“ „Setzt das Licht hin, mein Sohn,“ rief der Mönch barſch, „und verlaßt uns. Mein Geſchäft wird leicht vollbracht ſein.“ Die Lampe auf den Boden ſetzend, zog ſich die Wache zurück und verſchloß die Thür hinter ſich. „Bereut Ihr, mein Sohn?“ fragte der Mönch, ſobald ſie allein waren. „Gewiß, ich bereue, daß ich mich einem verrätheriſchen Geiſte anvertraut habe, der mich in meiner Noth verlaſſen hat— aber weiter nichts,“ antwortete Fenwolf mit zu Boden gewandtem Geſicht. „Wollt Ihr mir vertrauen, wenn ich Euch die Freiheit verſpreche?“ fragte der Mönch. „Ihr verſprecht mehr, als Ihr halten könnt, wie die meiſten Eurer Brüder,“ verſetzte Jener. „Ihr werdet anders ſprechen, wenn Ihr aufblickt,“ ſagte der Mönch. Fenwolf ſtutzte bei dieſen Worten, die der Mönch in einem ganz andern Tone, als die vorigen, ſprach, und er erhob ſich ſoweit, als ſeine Bande es zuließen. Der Mönch hatte ſeine Kutte zurückgeſchlagen und enthüllte Züge von der widerlichſten Häßlichkeit, die ein teufliſches Grinſen durchzuckte. Zweites Buch: Der Jäger Herne. 181 „Ihr hier!“ rief Fenwolf. „Ihr habt an mir gezweifelt,“ entgegnete Herne;„aber ich verlaſſe niemals einen Anhänger. Ueberdies wünſche ich König Heinrich zu zeigen, daß meine Macht der ſeinigen gleichkommt.“ „Wie ſollen wir aber aus dieſem Gefüngniß heraus⸗ kommen?“ fragte Fenwolf, zweifelhaft umherblickend. „Für mich wird es leicht genug ſein,“ antwortete Herne „aber Eure Flucht iſt mit etwas größerer Schwierigkeit ver⸗ bunden. Ihr erinnert Euch doch, wie wir in das Gewölbe vom Curfew⸗Thurm kamen, in der Nacht als Marcus Fytton, der Schlächter, dort eingeſperrt war.“ „Ja wohl,“ erwiederte Fenwolf.„Aber ich darf an dergleichen nicht denken, ſo lange ich ſo feſtgebunden bin.“ Herne zog augenblicklich ein Jagdmeſſer und als er Fenwolfs Bande auseinander geſchnitten hatte, ſprang dieſer wohlgemuth auf. „Wenn dieſer ſtierköpfige Schlächter mir gefolgt wäre, ſo würde ich ihn befreit haben, ſo wie ich Euch befreien will,“ fuhr Herne fort.„Aber zur Sache. Ihr erinnert Euch des geheimen Weges, den wir gingen? In dieſem Thurm iſt eben ſo eine Treppe.“ Und nach dem andern Ende des Gemachs gehend, be⸗ rührte er eine kleine Erhöhung an der Wand, worauf ein Stein zurückwich und eine Oeffnung bildete, grade ſo groh⸗ daß ein Mann hindurch ſchlüpfen konnte. „Hier iſt Euer Weg zur Freiheit,“ ſagte er, auf das Loch zeigend;„kriecht dieſe enge Windung entlang und Ihr werdet an eine kleine Schießſcharte in der Mauer gelangen, die nur wenige Fuß über dem Boden befindlich iſt. Die Schießſcharte wird durch eine Eiſenſtange verſperrt, ſie läßt ſich aber mittelſt einer Feder in dem obern Theile des Steines bewegen, in den ſie eingekittet zu ſein ſcheint. Be⸗ 182 Schloß Windſor. ſeitigt das Hinderniß und Ihr werdet Euch leicht durch die Schießſcharte durchdrängen. Laßt Euch wegen der Schild⸗ wachen auf den Mauern behutſam herabfallen; dann wendet Euch nach dem Walde und wenn Ihr den Arkebuſieren ent⸗ geht, die ihn durchſtöbern, ſo verbergt Euch in der Sand⸗ ſteinhöhle unter der Buche.“ „Und wo bleibt Ihr?“ fragte Fenwolf. „Ich habe noch mehr hier zu thun,“ erwiederte Herne ungeduldig—„fort!“ Fenwolf kroch in die Oeffnung, die ſogleich von Herne hinter ihm verſchloſſen ward. Die Anweiſungen ſeines Obern genau befolgend, ſchlüpfte der Förſter durch die Schießſcharte, ließ ſich leiſe hernieder fallen, und ſich dicht an die Mauern des Thurms haltend, bis er die Schildwachen fich entfernen hörte, eilte er ſchnell über die Straße und bewirkte ſeine Flucht. Unterdeſſen zog Herne die Kutte über den Kopf klopfte laut von innen an die Thür. „Was wollt Ihr, mein Vater?“ rief die Wache draußen. „Tretet ein, mein Sohn, und Ihr ſollt es erfahren,“ antwortete Herne. Im nächſten Augenblick ward die Thür aufgeſchloſſen und die Wache trat in das Gefängniß. „Ha!“ rief er aus, die Lampe aufhebend und umher⸗ blickend—„wo iſt der Gefangene?“ „Fort!“ antwortete Herne. „Was! iſt der Teufel mit ihm davon geflogen?“ rief der Mann, voll Erſtaunen und Schrecken. „Er iſt von Herne, dem Jäger, befreit worden!“ rief das Geſpenſt„Sage allen ſo, die dich darnach fragen und erzähle, was du jetzt ſiehſt.“ Bei dieſen Worten erhellte das Gemach eine glinzende blaue Flamme, in deren Mitte Herne's hohe düſtere Geſtalt Zweites Buch: Der Jäger Herne. 183 ſtand. Sein Franziskanerkleid war zu ſeinen Füßen herab⸗ gefallen und er erſchien in ſeinem Anzuge von wilden Thier⸗ fellen. Mit einem lauten Schrei fiel die Wache beſinnungs⸗ los zu Boden. Wenige Minuten darauf, wie ſpäter ermittelt ward, ſah man einen großen Franziskanermönch längs dem Kreuz⸗ gang hinter der St. Georgen⸗Kapelle gehen, der den Schild⸗ wachen die Loſung gab und durch die äußere Thüre, welche nach dem zur Stadt gehenden ſteilen Abhang führt, hin⸗ durchſchlüpfte. XK. Wie der Jäger Herne ſelbſt gejagt ward. Als die Wache wieder zu ſich gekommen war, ward dieſer ganze Vorfall ſogleich dem König gemeldet, der ſich noch nicht zur Ruhe begeben hatte, ſondern in ſeinem Ka⸗ binet mit den Herzögen von Suffolk und Norfolk ſaß. Die Nachricht ſetzte ihn in große Wuth; er ohrfeigte die Wache und ließ ſie in das Gefängniß einſperren, aus dem der Ge⸗ fangene entflohen war; gab dem Kanonikus einen Verweis; befahl dem Herzog von Suffolk in der Nachbarſchaft des Schloſſes mit einer Streifwache nach dem Flüchtling und dem Mönche zu ſuchen; hieß den Herzog von Norfolk eine Schaar Arkebuſiere zuſammenberufen; und ſobald die letztere verſammelt war, ſtellte er ſich ſelbſt an deren Spitze und ritt wieder in den Wald. Der Trupp hatte ungefähr eine Meile in der großen Allee zurückgelegt, als einer der Arkebuſiere heranritt und meldete, daß er einige entfernte Laute zur Rechten höre. Heinrich hieß anhalten und horchte einen Augenblick, und nachdem er ſich überzeugt hatte, daß der Mann Recht hatte, 184 Schloß Windſor. bog er von der bisherigen Richtung ab und ſprengte quer über die breite Lichtung hin, die jetzt von der ſogenannten Königin⸗Annen's⸗Allee durchſchnitten wird. Während ſie in dieſem Ritt begriffen waren, hörten ſie raſches Pferde⸗ getrappel, begleitet von lautem Halloh, und gleich darauf ſahen ſie einen Trupp ſeltſam ausſehender Reiter in phan⸗ taſtiſchen Anzügen den Hügel hinabgalloppiren, die von Bouchier und ſeinen Leuten verfolgt wurden. Der König ſchlug augenblicklich eine andre Richtung ein, um die Flie⸗ henden abzuſchneiden, und da er einigermaßen von den Bäu⸗ men verdeckt wurde, ſo gelang es ihm, ihnen an einer Wen⸗ dung des Weges unerwartet in die Seite zu fallen. Heinrich forderte die Flüchtlinge auf, ſich zu ergeben, aber ſie achteten nicht darauf, und leiſteten, die langen Meſſer und Speere ſchwingend, einen verzweifelten Widerſtand. Sie wurden aber ſehr bald umringt und überwältigt. Bouchier fragte den König, was mit den Gefangenen gemacht werden ſollte. „Hängt ſie alle an jenen Bäumen auf!“ rief Heinrich, auf zwei Schweſtereichen zeigend, die nicht weit vom Kampf⸗ platz ſtanden. Das furchtbare Urtheil ward auf der Stelle vollſtreckt. Stricke wurden herbeigebracht und in weniger als einer hal⸗ ben Stunde baumelten zwanzig Leichname an den Zweigen der beiden vom König angedeuteten Bäume. „Dies wird die andern von ähnlichen Vergehen ab⸗ ſchrecken,“ bemerkte Heinrich, der dem ganzen Verfahren mit grauſamer Genugthuung zugeſehen hatte.„Und nun, Bou⸗ chier, wie kommt es, daß Ihr den Anführer dieſer Schufte entwiſchen ließt?“ „Ich wußte nicht, daß er entwiſcht ſei, Sire,“ antwor⸗ tete Bouchier verwundert. „Ja freilich iſt er entwiſcht,“ verſetzte Heinrich;„und er hat die Keckheit gehabt, ſich vor noch nicht einer Stunde Zweites Buch: Der Jäger Herne. 185 im Schloſſe ſehen zu laſſen, und hat überdies den Gefan⸗ genen liſtigerweiſe in Freiheit geſetzt.“ Und er erzählte die letzten Begebenheiten im Schloſſe. „Dies iſt in der That ſonderbar, Sire,“ erwiederte Bouchier, am Schluſſe der Erzählung;„und nach meinem Bedünken iſt es ein ſchlagender Beweis, daß wir es mit einem übernatürlichen Weſen zu thun haben.“ „Uebernatürlich!— Poſſen— geht mir mit dieſem albernen Geſchwätz,“ entgegnete Heinrich ſtrenge.„Wir ſind alle das Spielwerk irgend einer Gaukelei. Der Schurke wird ohne Zweifel in den Wald zurückkehren. Fahrt alſo mit Euern Nachſuchungen die ganze Nacht fort. Wenn Ihr ihn fangt, ſo verſpreche ich Euch königliche Belohnung.“ So ſprechend ritt er ins Schloß zurück, ein wenig be⸗ ſänftigt durch die bauſchweiſe Rache, die er an den Ver⸗ brechern geübt hatte. Gehorſam den erhaltenen Befehlen, fuhr Bouchier fort, die ganze Nacht den Wald zu durchſtreifen, aber ohne et⸗ was zu finden, was der Mühe gelohnt hätte, bis es ihm um Tagesanbruch beifiel, nach den Bäumen, an denen die Leichname aufgeknüpft waren, zurückzukehren. Als er ſie zu Geſicht bekam, wähnte er ein Pferd unter dem nächſten Baum ſtehen zu ſehen und befahl ſeinen Leuten, ſo geräuſch⸗ los als möglich vorzudringen und ſich unter dem Schutz des Gehölzes zu halten. Eine weitere Annäherung überzeugte ihn, daß ſeine Augen ihn nicht getäuſcht hatten. Er erblickte ein dunkles, ſeltſam ausſehendes Pferd mit flammenden Au⸗ gen, wie Karfunkel, auf deſſen Rücken ein Paar Leichname, die offenbar von den Bäumen herunter genommen waren, querüber lagen. Ein Blick auf die Bäume belehrte Bou⸗ chier überdies, daß ihre ſcheußliche Bürde ſchon beträchtuich vermindert worden war. Kaum hatte Bouchier dies bemerkt, ſo ſprengte er her⸗ 186 Schloß Windſor. vor. Vor dem Geräuſch ſtutzend, wieherte das Pferd laut auf und eine dunkle Geſtalt ließ ſich augenblicklich aus den Zweigen auf deſſen Rücken herabfallen und begann es ſeiner Laſt zu entledigen. Aber ehe dies bewerkſtelligt werden konnte, durchbohrte ein Armbruſtbolzen von einem von Bou⸗ chier's Leuten dem Thier das Gehirn. Es bäumte ſich und ſchlug auf ſolche Art über, daß es einen gewöhnlichen Reiter zerſchmettert haben würde, aber Herne kam unverſehrt da⸗ von und flog mit unglaublicher Geſchwindigkeit unter die Bäume hin. Die Andern ſchickten ſich ſogleich zur Verfol⸗ gung an und eine Jagd begann, in der der wilde Jäger die Rolle des Wildes durchzuführen hatte— und kein Wild hätte größere Waidluſt gewähren können. Dahin flogen der Verfolgte und Verfolger über breite Lichtung und durch dichte Schlucht, und die Wälder erſchall⸗ ten von ihren Rufen. Bouchier verlor den Flüchtling nicht einen Augenblick aus den Augen und hielt ſeine Leute zur Eile an; aber trotz ſeiner abwechſelnden Verheißungen und Drohungen gewannen ſie Herne, der auf den Schloßpark zueilend deſſen hohe Einfriedigung mit einem einzigen Satze überſprang, nur wenig Grund ab. Hinüber ſetzten auch Bouchier und ſeine Leute, und ſie ſahen ihn nach einer großen Eiche hinfliehen, die faſt einſam mitten auf einer ausgedehnten Lichtung ſtand. In einem Nu erreichte er den Baum, ſchüttelte den Arm ſeinen Ver⸗ folgern drohend entgegen und verſchwand. Im nächſten Augenblick kam auch Bouchier heran, ſchwang ſich von ſeinem keuchenden Roß herab und drängte ſich mit dem Schwert in der Hand durch eine Spalte in der Seite des Baums. Die Höhlung in demſelben war groß genug, um einen aufrechtſtehenden Mann zu faſſen und zwei trichterartige Löcher zogen ſich in die Zweige hinauf. Da Bouchier nichts vorfand, ſo ließ er ſich einen Jagdſpeer — Zweites Buch: Der Jäger Herne. 187 geben und ſtieß ihn, ſo weit er konnte, in die Löcher hinein. Die Spitze traf auf keinen Widerſtand, als auf das Holz des Baumes ſelbſt. Er ſtampfte auf den Boden und durch⸗ ſuchte ihn an allen Seiten mit dem Speer, aber ohne beſ⸗ ſeren Erfolg. Dann kam er wieder heraus und richtete ſeine Auf⸗ merkſamkeit auf den oberen Theil des Baums, der ſorgfältig von ſeinen Leuten bewacht worden war, während er ſich mit dem Innern beſchäftigt hatte; nicht zufrieden, ihn von unten zu durchmuſtern, kletterte er auch in die Zweige hinauf. Sie hatten aber nichts, als ihr eigenes laubiges Kleid auf⸗ zuweiſen. Die ſorgfältige Unterſuchung des Bodens rings um den Baum führte endlich zur Entdeckung eines kleinen Lochs zwiſchen ſeinen Wurzeln, ungefähr ein Dutzend Ellen vom Stamme entfernt, und obgleich das Loch kaum groß genug für den Eingang eines Fuchsbaues zu ſein ſchien, hielt Bouchier doch für nöthig, es ſorgfältig bewachen zu laſſen. Nach Beendigung ſeiner Nachforſchungen ſandte er einen Gefreiten der Wache nach dem Schloſſe ab, um den König von den Begebenheiten des Morgens zu benachrichtigen. Von den Vorfällen der vergangenen Nacht aufgeregt, hatte Heinrich nur wenig Schlaf genoſſen; zu früher Stunde rief er nach einem Diener und fragte, ob Nachrichten aus dem Walde da wären. Der Diener antwortete, daß ein Gefreiter draußen ſei, den Hauptmann Bouchier mit einer Botſchaft an ſeine Majeſtät abgeſandt habe. Der Gefreite ward augenblicklich in das königliche Gemach geführt und am Schluſſe ſeines wunderbaren Berichts donnerte der König, der ſich während dieſer Erzählung in eine fürchter⸗ liche Wuth hineingearbeitet hatte:—„Was! noch ein öehlſchlag— ha! Aber er ſoll mir nicht entwiſchen und ntßte ich den halben Wald ausrotten. Bouchier und ſeine * 188 Schloß Windſor. Leute müſſen behert ſein. Hört, Burſchen, ſchafft ein Dutzend der beſten Waidleute und Bogenſchützen im Schloſſe herbei — auf der Stelle, wenn Euch Euer Leben lieb iſt,— laßt ſie Art und Säge, Hacke und Spaten mitbringen. Verſteht Ihr mich— he? Halt, ich bin noch nicht fertig. Ich muß Reisbündel und Stroh haben, denn ich will dieſen Baum in Grund und Boden brennen,— zu Aſche brennen. Ent⸗ bietet die Herzöge von Suffolk und Norfolk— den Tauge⸗ nichts, den ich zum Herzog von Shoreditch ſchlug, und ſeine Geſellen,— die Waldtreiber und ihre Hunde,— entbietet ſie aufs eiligſte und laßt einen Trupp von der Leibwache ſich fertig machen.“ Und damit ſprang er von ſeinem Lager auf. Des Königs Befehle wurden mit ſolcher Schnelligkeit vollzogen, daß ſämmtliche Perſonen, die er hatte rufen laſſen, ſchon verſammelt waren, als er vollſtändig angekleidet war. Er ſtellte ſich an ihre Spitze und ritt in den Schloßpark, wo er Bouchier mit ſeinen Leuten rings um den Baum auf⸗ geſtellt fand. „Wir ſind noch immer nicht am Ziele,“ ſagte Bouchier. „Das ſehe ich, Herr,“ antwortete der König zornig. „Haut augenblicklich den Baum nieder, Burſche,“ rief er den Waidleuten zu.„Dran— dran!“ Stricke wurden dann an den Gipfel des Baums be⸗ feſtigt und die Luft hallte von den eiligen Hieben der Aerte wieder. Es war keine leichte Arbeit, aber ſo viel Eifer und Thätigkeit bewieſen die Waidleute, daß der rieſige Stamm binnen Kurzem auf dem Boden lag. Seine Höhlungen la⸗ gen jetzt dem Auge offen dar, aber ſie waren leer. „Legt Feuer an das verfluchte Stück Holz!“ tobte der König—„brennt es zu Staub und ſtreut es in den Wind.“ Auf dieſen Befehl traten zwei Mann der Leibwache vor, warfen einen Haufen Reiſig, Stroh und anderer brenn⸗ Zweites Buch: Der Jäger Herne. 189 barer Stoffe auf die des Baums und zündeten bald ein Feuer an. Mittlerweile ſtiegen ein Paar Waidleute, die Wämſe abwerfend und die ſehnigen Arme bis an die Schulter auf⸗ ſtreifend, auf den Stamm und mühten ſich, ihn auseinander zu keilen. Einige von den Treibern machten ſich ans Gezweige und durchſpürten jeden Riß, jede Spalte, in der Hoffnung irgend etwas zu entdecken. Unter den letztern befand ſich Will Sommers, welcher neben einem großen Aſte des Baums Poſto gefaßt hatte, in dem man nach ſeiner Behauptung das Geſpenſt finden würde, wenn man ihn kappen wollte. Auch wurden keine andere Hülfsmittel unverſucht ge⸗ laſſen. Ein biſſiger Hund war von Gabriel Lapp in das Loch neben den Wurzeln des Baums hineingeſchickt worden, aber nach kurzer Abweſenheit kam er heulend und verſtört wieder hervor, und alle Anſtrengungen Gabriel's, obgleich von einer tüchtigen Züchtigung mit ſeiner ſchweren Hunde⸗ peitſche unterſtützt, waren nicht im Stande, ihn zu einem zweiten Angriff zu vermögen. Als der Hund herausgekommen war, traten ein Paar Mann von der Wache hinzu, um die Oeffnung zu erweitern, während ein dritter die Wurzel mit der Hacke wegzuſchaffen ſuchte, die ihren Anſtrengungen hinderlich war. „Sie mögen graben, aber ſie werden ihn nimmer fan⸗ gen,“ ſagte Shoreditch, der dabei ſtand, zu ſeinen Gefährten. „Einen Geiſt zu jagen iſt ein ganz ander Ding, als einen Wolf in die Falle zu locken und aufzubringen, oder einen Dachs einzuſcharren und auszugraben.“ „Nicht ſo laut, Herzog,“ ſagte Islington,„Seine Majeſtät könnte deinen Scherz übelnehmen.“ „Ich habe einen geweihten Pfeil,“ ſagte Paddington, „den will ich auf den Geiſt loslaſſen, wenn er Vor⸗ ſchein kommt.“ 190 Schloß Windſor. „Hier iſt er! hier iſt er!“ ſchrie Will Sommers, als eine große weiße gehörnte Eule, die irgendwo im Baume verborgen geweſen war, hervorgeflogen kam. „Es wird das Geſpenſt in dieſer Geſtalt ſein— ſchieß zu!— ſchieß zu!“ ſchrie Shoreditch. Paddington ſpannte ſeinen Bogen. Der Pfeil ſchwirrte durch die Luft und im nächſten Augenblicke fiel die Eule vollkommen durchbohrt und flatternd zu Boden; ſie ver⸗ wandelte ſich aber nicht, wie der leichtgläubige Bogenſchütze erwartet hatte. Unterdeſſen brannte das Feuer, das beſtändig mit neuem Reiſig unterhalten und von der Leibwache geſchürt ward, luſtig fort. Der untere Theil des Baums war ſchon ver⸗ zehrt und die Flammen, die durch ſeine Höhlung mit einem Geräuſch, wie das eines Schmelzofens, dahinbrauſ'ten, ver⸗ ſprachen ihn bald in Aſche zu verwandeln. Als die Mündung des Lochs nun hinlänglich erweitert worden war, ſchickte ein anderer Treiber ein Paar Fang⸗ hunde hinein, die er mitgebracht hatte; allein in wenig Augenblicken kamen ſie, wie der vorige, heulend und ſcheuen Blicks zurück. Ohne auf ihren erzürnten Herrn zu achten, rannten ſie mit eingezogenem Schwanze nach dem Schloſſe davon. „Ich merke, wie es ausſieht, Rufus,“ ſagte Gabriel, ſeinen Hund ſtreichelnd, der betrübt und halb vorwurfsvoll zu ihm aufſah.„Es war nicht deine Schuld, armer Kerl! Auf den Teufel loszugehen kann man auch von dem beſten Hunde, der jemals geworfen worden iſt, nicht verlangen.“ Obgleich es ſchon längſt allgemeine Meinung geworden war, daß jede weitere Nachforſchung nutzlos ſein würde, ſo wollte der König mit ſeiner eigenthümlichen Hartnäckigkeit ſie doch nicht aufgeben. Nach einiger Zeit war der ganze Stamm des ungeheuern Baumes von den Flammen verzehrt und die Zweige wurden hineingeworfen. Die Wurzeln — Zweites Buch: Der Jäger Herne. 191 wurden aus dem Boden geriſſen und ein breiter, tiefer Graben um den ganzen Fleck gezogen. Die Windungen des Lochs wurden eine Strecke lang verfolgt, waren aber nir⸗ gends von erheblicher Weite, und gingen plötzlich durch einen Erdſturz verloren.— Endlich, nach fünfſtündiger Spannung, war Heinrichs Geduld erſchöpft und er befahl die Grube auszufüllen, und jeden Spalt und jede Ritze in dem Erdboden tingsun ſorg⸗ fältig zu verſtopfen. „Wenn wir den Fuchs nicht aufjagen können,“ ſagte er,„ſo wollen wir ihn wenigſtens eingraben.“ „Trotz all Eurer Sorgfalt, Gevatter Heinrich,“ mur⸗ melte Will Sommers, indem er ſeinem königlichen Herrn ins Schloß nachritt, wird ſich der Fuchs ſchon herausarbeiten.“ Hier endet das zweite Buch der Chronik von Schloß Windſor. 13 Schloß Windſor. Drittes Buch að — S ₰ H 2 K — 8 — — S 6. I. Die beiden erſten Abſchnitte in der Geſchichte des Schloſſes. Mitten in dem Dunkel, das über der früheſten Ge⸗ ſchichte des Schloſſes Windſor ſchwebt, tauchen die mächtigen Gebilde des berühmten Königs Arthur und ſeiner Ritter auf, für die Merlin, wie die Sage geht, eine bezauberte Feſtung auf jenen Höhen errichtete, in welcher in einer mit Kriegs⸗ und Jagdtrophäen gezierten Halle die vielbeſungene Runde Tafel ſtand. Wenn aber die uralte Sage jetzt ab⸗ genutzt und nicht länger ein Theil unſers Glaubens iſt, ſo iſt es doch angenehm, ſie wieder ins Gedächtniß zurückzu⸗ rufen und uns einige Augenblicke dem Schwung der Phan⸗ taſie zu überlaſſen, um das alte Zauberſchloß wieder auf den Hügel heraufzubeſchwören, ſeine Höfe mit kriegeriſchen und lieblichen Geſtalten, ſeine Wälder mit Feen und Rieſen, und ſeinen Strom mit ſchönen und wohlwollenden Nymphen zu bevölkern. Windſor, oder Wyndleſhore, ſo genannt von dem ge⸗ wundenen Laufe des vorbeifließenden Stroms, war der Wohnſitz der alten ſächſiſchen Monarchen; und Wilhelm von Malmsbury erzählt eine Legende von einem Waidmann, Namens Wulwin, der mit Blindheit geſchlagen war und ſieben und achtzig Kirchen beſucht und deren Schutzheiligen umſonſt um Hülfe angefleht hatte, endlich aber durch die Berühruug Eduard des Bekenners ſein Geſicht wieder erhielt 196 Schloß Windſor. und von demſelben, zur Erhöhung dieſer Wohlthat, auch noch zum Schloßwart zu Windſor beſtellt ward. Mag dieſe Geſchichte aber auch bezweifelt werden, ſo viel iſt gewiß, daß der erwähnte fromme König Windſor dem Abt und den Mönchen von Weſtminſter verlieh,„in der Hoffnung auf ewige Belohnung, Vergebung ſeiner Sünden, der Sünden ſeines Vaters, ſeiner Mutter und aller ſeiner Vorfahren, und zur Verherrlichung des allmächtigen Gottes, zu ewigem und erblichem Beſitzthum.“ Die königliche Schenkung blieb aber nicht lange in Händen der Geiſtlichkeit. Von der außerordentlichen Schön⸗ heit des Ortes ergriffen,„indem er ſo nahe bei der Themſe belegen ſei, die Waldung zum Wildſtande geeignet, und viele andre, für Könige geziemende und nothwendige Dinge dort vorhanden wären,— ja, weil es ſich ſehr wohl zu einem Aufenthalte für ihn eigne,“ vermochte Wilhelm der Eroberer den Abt Erwin, für daſſelbe Wakendune und Feringes in Eſſer nebſt drei andern Grundſtücken in Colcheſter in Tauſch an⸗ zunehmen; und nachdem er in Beſitz des erſehnten Hügels gekommen war, fing er unverzüglich an ein Schloß von dem Umfange von ungefähr einer halben Hufe darauf zu errichten. Um daſſelbe legte er große Parke an, um ſeinem Lieblingszeitvertreib, der Jagd, nachgehen zu können; und er erließ ſtrenge Geſetze wegen Erhaltung des Wildſtandes. Der Jagd eben ſo ergeben, als ſein Vater, jagte Wil⸗ helm Rufus häufig in den Wäldern von Windſor und be⸗ ging einige Kirchenfeſte im Schloſſe. Uuuter der folgenden Regierung, nämlich der Heinrich des Erſten, ward das Schloß gänzlich neugebaut und ver⸗ größert, und erhielt einigermaßen die Würde einer Reſidenz, während es bis dahin wenig mehr als ein befeſtigter Jagdſitz geweſen war. Der damals aufgeführte Bau nahm aller Wahrſcheinlichkeit nach denſelben Platz ein, als die oberen Drittes Buch: Die Geſchichte des Schloſſes. 197 und unteren Schanzen des jetzigen Gebäudes; es hat ſich aber nichts davon erhalten, mit Ausnahme vielleicht der Veſte und von dieſer wenig mehr als die äußeren Umriſſe und die Lage. Im Jahre 1109 feierte Heinrich das Pfingſt⸗ feſt mit großem Pomp und Prachtaufwande im Schloß. Im Jahre 1122 vermählte er ſich daſelbſt mit ſeiner zweiten Gemahlin Adelicia, Tochter des Herzogs Gottfried von Löwen; und da er keine Nachkommenſchaft mit ihr erzielte, verſam⸗ melte er ſeine Barone in Windſor und ließ ſie nebſt David, König von Schottland, ſeiner Schweſter Adele und deren Sohn Stephan, nachherigem König von England, ſeiner Tochter Maud, Wittwe des Kaiſers Heinrich des Fünften, huldigen. Einen Beweis, daß Schloß Windſor als die zweite Feſtung des Reichs angeſehen ward, liefert der Friedens⸗ vertrag zwiſchen dem Uſurpator Stephan und der Kaiſerin Maud, in welchem es neben dem Tower zu London unter der Benennung Mota de Windſor aufgeführt wird. Bei Unterzeichnung des Vertrages ward es der Obhut von Richard de Luch übergeben, der ſein Amt als Schloßwart unter Heinrich dem Zweiten beibehielt. Unter der Regierung dieſer Monarchen wurden viele Ausbeſſerungen an dem Schloſſe unternommen, auch ward ein Weinberg angelegt, indem der Weinbau zu jener Zeit in ganz England vielfältig gepflegt wurde. So ſonderbar auch dieſer Umſtand jetzt erſcheinen mag, ſo erwähnt Stow doch, daß unter der Regierung Richard des Zweiten Wein⸗ ſtöcke im Uebermaß im Schloßpark wuchſen und daß der aus ihnen gezogene Wein an des Königs Tafel verbraucht und ſogar verkauft wurde. Es wird von Fabian erzählt, daß Heinrich aus Kummer über den Ungehorſam und die Undankbarkeit ſeiner Söhne ein allegoriſches Gemälde anfertigen ließ, das einen alten von vier jungen angegriffenen Adler darſtellte und in einem 198 Schloß Windſor. Gemache des Schloſſes aufgeſtellt ward. Auf Befragen nach der Bedeutung dieſes Sinnbildes antwortete er:„Ich bin der alte Adler und die vier jungen ſind meine Söhne, die ohne Unterlaß meinen Tod herbeizuführen trachten. Der jüngſte, der ſeinem Erzeuger die Augen aushackt, iſt mein Sohn Johann, mein jüngſter und geliebteſter Sohn, der dennoch am meiſten auf mein Verderben bedacht iſt.“ Bei ſeiner Abreiſe in die heiligen Kriege vertraute Richard Löwenherz den Oberbefehl über das Schloß dem Hugo de Pudſey, Biſchof von Durham, und Grafen von Northumberland an; als aber ein grimmiger Zwiſt zwiſchen dem kriegeriſchen Prälaten und ſeinem ehrgeizigen Collegen Wilhelm Longchamp, Biſchof von Ely, entbrannte, ward er von dem letzteren aufgehoben und eingeſperrt, und zur uebergabe des Schloſſes gezwungen. Nach einer außer⸗ ordentlichen Entfaltung von Hochmuth und Prahlerei ward Longchamp ſeinerſeits ausgetrieben. Als die Nachricht von Richards Gefangennehmung und Einkerkerung in Oeſterreich anlangte, bemächtigte ſich Prinz Johann des Schloſſes; es ward aber bald von den Baronen im Namen des Königs in Beſitz genommen und der Obhut der Königin Mutter Elinor übergeben. Unter Johanns Regierung ward das Schloß der Schau⸗ platz einer verbrecheriſchen und gräßlichen That. Als Wil⸗ helm de Braoſe, ein mächtiger Baron, den König beleidigt hatte, ward ſeine Gemahlin Maud aufgefordert, ihren Sohn als Geißel für ihren Mann auszuliefern. Anſtatt aber dem Befehl nachzukommen, antwortete ſie voreilig:„ſie könne ihr Kind nicht an Jemand ausliefern, der keinen Anſtand genommen hätte, ſeinen eigenen Neffen zu ermorden.“ Hier⸗ auf ließ der Wütherich ſie und ihren Sohn ergreifen und in eine Vertiefung in der Schloßmauer einmauern. Von den Baronen im Jahre 1215 hart bedrängt, Drittes Buch: Die Geſchichte des Schloſſes. 199 flüchtete ſich Johann in das Schloß und unterzeichnete in demſelben Jahr zu Runnhmede, einer Ebene zwiſchen Windſor und Staines, die beiden Freibriefe, Magna Charta und Charta de Foreſta. Einen bemerkenswerthen Bericht über ſein wahnſinniges Benehmen, nachdem er ſich ſo großer Macht entäußert und die Freiheiten ſeiner Unterthanen ſo ſehr erweitert hatte, giebt Holinſhed:—„Nachdem er ſo weit gegen ſeinen Willen gehandelt hatte, ward der König recht bekümmert in ſeinem Herzen; er verfluchte die Mutter, die ihn zur Welt gebracht, und die Stunde, in der er ge⸗ boren, und wünſchte, er hätte lieber gewaltſamen Tod durch Schwert oder Dolch erhalten, als natürliche Nahrung. Er fletſchte die Zähne und biß beim Spatzierengehen bald in einen Stock, bald in den andern, und brach denſelben dann oft in Stücke; und mit ſolchem krankhaften Benehmen und wüthenden Geberden äußerte er ſeinen Verdruß, daß die Edeln ſeine innerliche Stimmung über dieſe Dinge noch vor dem Schluſſe der Berathungen ſehr wohl gewahrten und den Zuſtand des Reichs herzlich beklagten, indem ſie die Folgen ſeiner Ungeduld und übeln Laune über dieſe Angelegenheit vorausſahen.“ Der treuloſe König machte einen Verſuch, ſeine verlorene Macht wieder zu erlangen, und als der Krieg im folgenden Jahr von Neuem ausbrach, belagerte eine große Armee unter dem Oberbefehl von Wilhelm de Ni⸗ vernois das Schloß, welches von Inglehard de Achie und ſechszig Rittern tapfer vertheidigt ward. Jedoch als die Barone erfuhren, daß Johann durch Norfolk und Suffolk marſchire und das Land verwüſte, hoben ſie die Belagerung ſchleunigſt auf und zogen ihm entgegen. Er vermied ſie aber und marſchirte nach Stamford und Lincoln und von dort nach Wales. Auf ſeiner Rückkehr von dieſem Feldzuge ward er von der Krankheit befallen, an der er nachher ſtarb. Heinrich der Dritte war ein leidenſchaftlicher Gönner 200 66u Windſor der Baukunſt und ſeine Regierung bildet den zweiten großen Abſchnitt in den Jahrbüchern des Schloſſes. Im Jahre 1223 wurden achthundert Mark an den Schloßvogt Engel⸗ hard de Cygony, John le Draper und an Wilhelm, dem Schatzmeiſter von Windſor, als Oberaufſeher der Arbeiten, und an Andere für Ausbeſſerungen und Bauten innerhalb des Schloſſes ausgezahlt; die letzteren beziehen ſich, wie man vermuthen muß, auf die Errichtung einer neuen großen Halle auf der unteren Schanze, da es ſchon eine Halle von geringerer Ausdehnung auf dem oberen Hofe gab. Die Fenſter des neuen Gebäudes beſtanden aus farbigem Glaſe und am obern Ende auf einer Erhöhung des Fußbodens ſtand ein vergoldeter Thron, auf dem die Statue des Königs in ſeinen Prachtgewändern ſaß. In dieſem geräumigen und reich geſchmückten Saale wurden am Weihnachtstage des Jahres 1240 eine ſehr große Anzahl von armen Leuten auf des Königs Befehl verſammelt und geſpeiſt. Während des größten Theils von Heinrichs langer und ereignißvoller Regierung ſchritten die Bauten innerhalb des Schloſſes mit unverminderter Thätigkeit vor. Zimmerleute wurden auf dem königlichen Sitze gehalten; der Graben zwiſchen der Halle und der unteren Schanze ward ausge⸗ beſſert; eine neue Küche ward gebaut; die Brücken wurden mit Bauholz aus dem benachbarten Walde wiederhergeſtellt; geriſſene Lücken in der Mauer an der Gartenſeite wurden ausgefüllt; die Befeſtigungen wurden aufgenommen und die Zinnen ausgebeſſert. Zu gleicher Zeit ward das Gemach der Königin gemalt und getäfelt, und die Fenſter von des Prinzen Eduard Gemach wurden mit Eiſenſtangen vergittert. Im Jahre 1240 begann Heinrich eine Wohnung zu ſeinem eignen Gebrauch in der Nähe der Schloßmauern, ſechszig Fuß lang und acht und zwanzig Fuß hoch zu bauen; ferner eine daranſtehende Wohnung für die Königin, und eine — Drittes Buch: Die Geſchichte des Schloſſes. 201 Kapelle von ſiebenzig Fuß in der Länge und acht und zwanzig Fuß in der Breite an derſelben Mauer, aber mit einem Grasplatz zwiſchen ihr und den königlichen Wohnungen. Die Kapelle hatte, wie aus einem Befehl an Walter de Grey, Erzbiſchof von York, hervorgeht, einen Vorhof und einen Kreuzgang, ein hohes mit Blei gedecktes hölzernes Dach und ein ſteinernes Thürmchen mit drei oder vier Glocken. Die innern Wände waren ſo bekleidet, daß ſie wie gehauene Steine ausſahen, und die Decke war ſchön gemalt; auch enthielt die Kapelle vier vergoldete Bildniſſe. Man glaubt, daß dieſes Gebäude während der letzteren Hälfte von Heinrich des Siebenten Regierung, von dem es abgetragen ward, um dem Grabgewölbe Platz zu machen, unter der Benennung der alten Stiftskirche beſtanden habe. Spuren ſeiner Bauart ſind nach ſorgfältiger antiquariſcher Forſchung in dem ſüdlichen Gange des Dechantenkreuzgangs und in der Thür hinter dem Altar in St. Georgen⸗Kapelle gefunden worden, welche letztere den Haupteingang des älteren Gebäudes gebildet haben ſoll und als„eines der ſchönſten Ueberbleibſel“ beſchrieben wird,„welche Zeit und Neuerungsſucht von dem kunſtvollen Schnitzwerk ſeiner Pe⸗ riode geſchont haben.“ Im Jahre 1241 begann Heinrich die Arbeiten an den Außenwerken des Schloſſes, und die drei Thürme an der weſtlichen Seite der unteren Schanze,— die jetzt die Namen Curfew⸗, Hoſenband⸗ und Salisbury⸗Thurm tragen,— ſind von ihm erbaut worden. Er führte auch die Mauern längs der Südſeite der untern Schanze weiter; und es laſſen ſich Spuren der Bauart jenes Zeitalters an den inneren Mauern der Wohnungen für die Almoſenritter bis an den Thurm, der ſeinen Namen führt, auffinden. Von hier an, ſchließt man, liefen die Bruſtwehren längs der öſtlichen Seite 202 Schloß Windſor. der obern Schanze bis zu einem Thurm, der die Stelle des Wykeham⸗ oder Wincheſter⸗Thurms einnahm. Die drei Thürme am weſtlichen Ende der untern Schan⸗ zen, obgleich ſtark in Verfall, tragen unzweifelhaft das Ge⸗ präge der Baukunſt des dreizehnten Jahrhunderts an ſich. Das untere Stockwerk des Curfew⸗Thurms, der nur wenig Veränderungen erlitten hat, beſteht aus einem großen ge⸗ wölbten Gemach von zwei und zwanzig Fuß Breite, mit Mauern von faſt dreizehn Fuß Dicke und gewölbten, in Schießſcharten auslaufenden Vertiefungen. Die Mauern ſind mit Inſchriften der Gefangenen bedeckt, die darin in Ge⸗ wahrſam gehalten worden ſind. Der Hoſenband⸗Thurm, obgleich in ſehr verfallenem Zuſtande, zeigt hohe architekto⸗ niſche Schönheit in ſeinen verwitterten Gewölben und ſeinen mit Niſchen geſchmückten Gängen. Der Salisbury⸗Thurm hat nur äußerlich und an der Stadtſeite ſein urſprüngliches Ausſehen bewahrt. Die Ueberreſte eines vierten Thurms ſind in dem Thurme des Befehlshabers der Almoſenritter wahrnehmbar; und Heinrich des Dritten Thurm beſchließt, wie ſchon bemerkt worden, die Reihe der Ueberbleibſel der urſprünglichen Kette von Befeſtigungen. Am 24. November 1244 erließ Heinrich einen Befehl „an die Oberaufſeher der Arbeiten zu Windſor, Tag und Nacht an der Täfelung des hohen Gemachs auf der Schloß⸗ mauer neben unſter Kapelle in der oberen Ballei zu arbeiten, ſo daß es fertig und gehörig getäfelt ſein möge am nächſten Freitag(da der Aſte auf einen Dienſtag fiel, ſo waren nur zwei Tage für die Arbeit bewilligt), wenn wir dahin kommen, mit geäderten und bemalten Brettern, ſo daß nichts an dem Getäfel auszuſetzen ſei; und auch in jedem Giebel des beſagten Gemachs ein Glasfenſter an der Außen⸗ ſeite des inneren Fenſters in jedem Giebel einzuſetzen, ſo „ Drittes Buch: Die Geſchichte des Schloſſes. 203 daß, wenn das innere Fenſter zugemacht wird, die ſenſter draußen zu ſehen ſeien.“ Im folgenden Jahre wurden die Arbeiten eingeſtellt, ſie wurden aber ſpäter wieder aufgenommen und mit wenigen Unterbrechungen fortgeſetzt; die Veſte ward neugebaut, eine ſteinerne Bank ward in die Mauer neben dem Grasplatz bei des Königs Wohnung eingefügt; eine Brücke ward über den Graben nach des Königs Garten geſchlagen, der außerhalb der Mauern lag; ein Brückenkopf, dem in der Folge ein Fallgitterthor hinzugefügt wurde, ward aufgeführt; die Brücken wurden mit ſtarken eiſernen Ketten befeſtigt; die alten Ge⸗ mächer auf der obern Schanze wurden ausgebeſſert; eine Waſſerleitung und ein Badehaus wurden angebaut, und in dem Garten ein Springbrunnen angelegt. Unter dieſer Regierung ward aller Wahrſcheinlichkeit nach der Normänniſche Thurm, der jetzt einen Thorweg zwiſchen der oberen und unteren Schanze bildet, errichtet. Dieſer Thurm, der gegenwärtig der Haushälterin des Schloſſes, Lady Maria For angewieſen iſt, ward während der Bürger⸗ kriege zu Karls des Erſten Zeiten als Gefängniß benutzt; und manch ein tapferer und edler Gefangener hat ein Denk⸗ mal ſeiner Loyalität und ſeines böſen Geſchicks auf deſſen Mauern hinterlaſſen. Im Jahre 1260 erhielt Heinrich in Windſor einen Beſuch von ſeiner Tochter Margarethe und ihrem Gemahl Alexander dem Dritten, König von Schottland. Die Königin brachte während ihres Aufenthalts im Schloſſe eine Tochter zur Welt. Im Jahre 1264 während des Zwiſtes Heinrichs mit ſeinen Baronen überrumpelte ſein Sohn, der tapfere Prinz Eduard, auf ſeiner Rückkehr von einem glücklichen Feldzuge nach Wales die Londoner Bürger, erbeutete ihre Militär⸗ kaſſe, die große Schätze enthielt, und zog ſich nach Schloß Windſor zurück, das er mit einer ſtarken Beſatzung verſah. 204 Schloß Windſor. Die Königin Elinor, ſeine Mutter, wäre dort gern zu ihm geſtoßen, ſie ward aber von den Bürgern bei der Londoner Brücke zurückgetrieben und in dem Palaſte des Biſchofs von London bei der St. Paulskirche eine Freiſtatt zu ſuchen ge⸗ zwungen. Der tapfere Prinz, der endlich das Schloß den Baronen auszuliefern und ſich daraus mit ſeiner Gemahlin Elinor von Caſtilien zu entfernen genöthig worden war, erlangte es zwar bald wieder, mußte es aber wieder an Simon de Montford, Grafen von Leiceſter herausgeben, den Gottfried von Langele zum Befehlshaber einſetzte. Obgleich das Schloß Windſor in dieſer Zeit dem Könige häufig entriſſen wurde, war es doch nie lange Zeit außer Heinrichs Beſitz; und im Jahre 1265 wurden die vornehmſten Londoner Bürger hier eingeſperrt, bis ſie die ſchwere Geldbuße für ihre Anhäng⸗ lichkeit an Simon de Montford, der kurz vorher in der Schlacht bei Evesham erſchlagen worden war, bezahlt hatten. Unter dieſer Regierung wüthete ein fürchterlicher Ge⸗ witterorkan, der mehrere große Bäume im Park entwurzelte, das Schloß erſchütterte und einen Theil des Gebäudes, in welchem die Königin mit ihrer Familie wohnte, aber glück⸗ licher Weiſe ohne ſie zu beſchädigen, umriß. Vier von den Kindern Eduard des Erſten, der mit zahl reicher Nachkommenſchaft geſegnet war, wurden in Windſor geboren; und da er häufig im Schloß wohnte, ſo begann die Stadt an Umfang und Wichtigkeit zuzunehmen. Mittelſt eines Freibriefes vom Jahre 1276 ward ſie zur freien Stadt erhoben und ihren Einwohnern wurden verſchiedene Vor⸗ rechte bewilligt. Stow erzählt uns, daß im Jahre 1295 „am letzten Februar plötzlich ein ſo großes Feuer im Schloſſe von Windſor entſtand, daß manche Gemächer darin einge⸗ äſchert und manch prächtige zur Zier des Gebäudes beſtimmte Bilderwerke verdorben und zerſtört wurden.“ Drittes Buch: Die Geſchichte des Schloſſes. 205 Eduard der Zweite und ſeine ſchöne, aber ränkeſüchtige Königin, Iſabella von Frankreich, machten Windſor zu ihrem gewöhnlichen Wohnſitz; und hier ward am 13ten November 1312 und vierzig Minuten nach fünf Uhr des Morgens ein Prinz geboren, über deſſen Geburtsſtunde der Zauberer Merlin gewaltet haben muß. In der alten Kapelle unter dem Namen Eduard getauft, ward dieſer Prinz nachher der dritte und größte Monarch dieſes Namens, und ward nach ſeinem Geburtsorte auch Eduard von Windſor genannt. II. Der dritte große Abſchnitt in der Geſchichte des Schloſſes;— und wie der ſehr edle Hoſenbandorden eingeſetzt ward. Seinem Geburtsorte ſehr zugethan ſtiftete Eduard der Dritte mittelſt Patentbriefes aus Weſtminſter im zwei und zwanzigſten Jahre ſeiner Regierung, die alte von Heinrich dem Erſten errichtete Kapelle von Neuem, und weihte ſie der heiligen Jungfrau, dem heiligen Georg von Kappadocien und dem heiligen Eduard dem Bekenner; dabei verordnete er, daß den acht von ſeinem Vorgänger eingeſetzten Stifts⸗ herrn noch ein Cuſtos, fünfzehn Stiftsherrn und vier und zwanzig Almoſenritter beigegeben werden ſollten, deren Unter⸗ halt aus den Einkünften, mit denen die Kapelle dotirt wer⸗ den ſollte, zu beſtreiten wäre. Dieſe Stiftung ward vom Pabſt Clemens dem Sechſten mittelſt einer zu Avignon, den 13ten November 1351 erlaſſenen Bulle beſtätigt. Im Jahre 1349, ehe die Gründung des Stifts, wie eben geſagt, genehmigt worden war, ſetzte Eduard den Hoſen⸗ bandorden ein. Ueber den Urſprung dieſes erlauchten Ordens iſt viel geſtritten worden. Von einigen Schriftſtellern wird er Richard Löwenherz zugeſchrieben, der ſeinen tapferſten 206 Schloß Windſor. Rittern in Paläſtina ein ledernes Band um das Knie ge⸗ gürtet haben ſoll. Von andern wird behauptet, er ſei daraus entſtanden, daß das Wort„Hoſenband“ von Eduard in der Schlacht von Creſſy als Loſung gegeben worden ſei. Andere dagegen haben dafür geſtritten, daß ſeine ringartige Geſtalt eine geheimnißvolle Beziehung zur Runden Tafel habe. Aber die Volksſage, welcher trotz der darüber erhobenen Zweifel der Glaube noch immer anhängt, erzählt ſeinen Urſprung folgendermaßen:— Johanne, Gräfin von Salisbury, eine ſchöne Dame, in die Eduard verliebt war, verlor zufällig beim Tanze auf einem hohen Feſte ihr blauſammtnes ge⸗ ſticktes Strumpfband. Ihr königlicher Tänzer hob es auf und da er die bedeutungsvollen Blicke ſeiner Höflinge bei dieſem Anlaß wahrnahm, ſo bediente er ſich gegen ſie der Worte, die nachher das Motto des Ordens wurden,„Moni soit qui mal ꝝ pense;“ hinzufügend,„daß ſie dies Strumpf⸗ band binnen Kurzem zu ſo hoher Ehre und Anſehen ge⸗ langen ſehen ſollten, daß ſie ſich glücklich ſchätzen würden, es tragen zu dürfen.“ Welches aber auch der Urſprung des Ordens geweſen ſein mag, ſo verdankt er ſeine Entſtehung ohne Zweifel politiſchen Beweggründen. Eben ſo weiſe als tapfer, und auf Geltendmachung ſeiner Anſprüche auf die Krone von Frankreich bedacht, beſchloß Eduard, als ein Mittel zur Er⸗ reichung ſeines Zwecks, die beſten Ritter Europa's unter ſeinen Fahnen zu verſammeln, und um dem Plane einen Anſtrich zu geben, gab er aus, daß er König Arthur's Runde Tafel wieder herzuſtellen beabſichtige, und begann ſomit in dem Schloß ein großes kreisfoörmiges Gebäude von zwei⸗ hundert Fuß im Durchmeſſer aufzuführen, in das er einen runden Tiſch ſtellte. Nach Beendigung des Baus erließ er Bekanntmachungen in ganz England, Schottland, Frankreich, Burgund, Flandern, Brabant und dem Reich, worin er alle Drittes Buch: Die Geſchichte des Schloſſes. 207 Ritter, die ihre Tapferkeit zu erproben wünſchten, zu einem feierlichen Feſte und einem am St. Georgentage 1345 im Schloſſe abzuhaltenden Turniere einlud. Der Plan hatte den vollſtändigſten Erfolg. Die Blüthe der Ritterſchaft von ganz Europa— mit Ausnahme der des Königs Philipp des Sechſten von Frankreich, welcher den Plan durchſchauend ſeinen Rittern dabei zu erſcheinen unterſagt hatte— waren beim Turniere gegenwärtig, das von Eduard und ſeinem vornehmſten Adel nebſt der Königin und dreihundert ihrer ſchönſten, mit aller erſinnlichen Pracht geſchmückten Damen verherrlicht ward. Bei Gelegenheit dieſer ritterlichen Ver⸗ ſammlung ward der Hoſenbandorden eingeſetzt; aber vor ſeiner ſchließlichen Gründung berief Eduard ſeine angeſehenſten Barone und Ritter zuſammen, um über die Regeln zu be⸗ rathen, wobei die Zahl der Ritter auf ſechs und zwanzig feſtgeſetzt ward. Die erſte Einkleidung fand im Jahre 1349 am Tage St. Georgs, des Schutzpatrons des Ordens ſtatt, indem der König in Begleitung der fünf und zwanzig Ritter in dunkel⸗ farbigen Gewändern mit feinen blauwollenen, mit Hoſen⸗ bändern und den andern Ordensabzeichen beſäeten Mänteln, barhaupt in feierlichem Zuge nach der eben neugebauten St. Georgen⸗Kapelle gingen, wo die Meſſe von William Edington, Biſchof von Wincheſter, geleſen ward, worauf ſie an einem prächtigen Feſtmahl theilnahmen. Die Feſtlich⸗ keiten dauerten mehrere Tage. Bei dem Turniere waren David, König von Schottland, Karl von Blois und Ralph, Graf von Eu und Guisnes und Connetable von Frankreich, dem der erſte Preis des Tages zuerkannt ward, nebſt andern Kriegsgefangenen gegenwärtig. Die Rüſtung des Königs von Schottland, mit einem ſenkrechten Streifen von rothem Sammt und einer rothen Roſe darunter geſtickt, war auf Eduards eigene Koſten angefertigt worden. Dies Waffen⸗ 208 Schloß Windſor. kleid ward bis vor wenigen Jahren noch in dem Runden Thurm aufbewahrt, wo der königliche Gefangene in Haft gehalten wurde. Eduards Deviſe war ein weißer Schwan von getriebenem Golde, mit dem„kühnen und herausfordern⸗ den“ Motto: Hüte dich vor dem weißen Schwan, Bei Gottes Blut, ich bin Dein Mann. Die Abzeichen des Ordens beſtanden zur Zeit des Gründers aus Hoſenband, Mantel, Ueberwurf und Kappe; der Georg und die Halskette wurden von Heinrich dem Achten hinzugefügt. Der Mantel war, wie ſchon angedeutet, ur⸗ ſprünglich von feinem blauwollenem Tuch, aber an deſſen Stelle ward von Heinrich dem Sechſten mit Taft gefütterter Sammt geſetzt, wobei auch die linke Schulter mit dem Wappen St. Georgs, in einem Hoſenband geſtickt, geſchmückt ward. Von dem Stoffe, aus welchem das ehemalige Hoſenband beſtand, weiß man wenig; man vermuthet aber, daß es mit Gold verziert und mit einer Schnalle aus demſelben Metall befeſtigt war. Das heutige Hoſenband iſt von blauem Sammt, mit Goldſchnüren eingefaßt und mit dem Motto— Honi soit qui mal z pense— geſtickt. Es wird am linken Beine etwas unterhalb des Kniees getragen; das prächtigſte Hoſen⸗ band, das jemals einen Monarchen ſchmückte, ward Karl dem Erſten von Guſtav Adolph, König von Schweden, ge⸗ ſchenkt; jeder Buchſtabe des Mottos beſtand aus Diamanten. Die Kette iſt aus goldenen Gliedern, von der Geſtalt eines Hoſenbandes mit einem Grunde von blauem Schmelz zu⸗ ſammengeſetzt. Die Buchſtaben des Mottos ſind von Gold, mit einer Roſe von rothem Schmelz in der Mitte jedes Hoſenbandes. An der Kette hängt der Georg, ein Zierrath⸗ das mit Eoelſteinen beſetzt iſt und den Heiligen im Kampfe mit dem Drachen darſtellt. Die Beamten des Ordens ſind der Prälat in der Perſon Drittes Buch: Die Geſchichte des Schloſſes. 209 des Biſchofs von Wincheſter; der Kanzler in der des Biſchofs von Orford; der Regiſtrar, der Dechant, der Waffenkönig vom Hoſenbande und der Thürſteher vom Schwarzen Stabe. Unter den fremden hohen Perſonen, die mit dem Orden be⸗ kleidet worden ſind, befinden ſich acht Kaiſer von Deutſch⸗ land, zwei von Rußland, fünf Könige von Frankreich, drei von Spanien, einer von Arragonien, ſieben von Portugal, einer von Polen, zwei von Schweden, ſechs von Dänemark, zwei von Neapel, einer von Sicilien und Jeruſalem, einer von Böhmen, zwei von Schottland, ſieben Prinzen von Oranien, und viele der erlauchteſten Perſonen Europa's. Sehr wahr hat der gelehrte Selden geſchrieben,„daß der Hoſenbandorden nicht nur den Vorrang des Alters vor der älteſten, irgendwo beſtehenden Ehrenbezeugung ähnlicher Art hat, ſondern auch alle ritterliche Orden der Welt an Majeſtät, Ehre und Ruhm übertrifft.“ Wohl hat auch Dryden in„Blume und Blatt“ das Lob dieſer erlauchten Stiftung geſungen:— „Sieh' den verjüngten Orden von dem Reich, Der ſeine Glieder mehrt, an Range gleich; Zier unſers Englands und der Krone Speer, Im Kampfe brav und ſeines Fürſten Wehr, Dem Herren treu, im Unglück unverwandt, Drum ſchmücket jedes Kniee ein blaues Band. Die von dem Hoſenband, in Tren' bewährt, In Schlachten mit dem Lorberkranz geehrt, Des Lorbers, der ſie ziert, vor Allen werth.“ Im Jahre 1357 ward König Johann von Frankreich in der Schlacht von Poitiers von Eduard, dem Schwarzen Prinzen, beſiegt und gefangen nach Windſor gebracht; und am Feſttage des heiligen Georg in folgendem Jahre 1358 verdunkelte Eduard alle ſeine früheren glänzenden Thaten mit einem Turnier, das er zu Ehren ſeines königlichen Ge⸗ I. 14 210 Schloß Windſor. fangenen gab. Auf eine deshalb wie früher erlaſſene Pro⸗ clamation und verheißenes ſicheres Geleit ſtrömten der Adel und die Ritterſchaft von Almahyne, Gascoigne, Schottland und andern Ländern herbei. Die Königin von Schottland, Eduards Schweſter, war beim Turnier gegenwärtig; und man erzählt, daß Johann über den Glanz des Schauſpiels beißend bemerkte,„daß er niemals von ſolchem königlichen Gepränge und Feſtgelagen ohne eine kleine Nachzeche gehört oder geſehen habe.“ Derſelbe Monarch antwortete auch bei einer andern Gelegenheit ſeinem königlichen Beſieger, der ihn aus ſeiner NRiedergeſchlagenheit zu reißen ſuchte:„Ouomodo cantabimus canticum in terra aliena!“* Damit ſeine Bauten nicht aus Mangel an Arbeitern verzögert würden, ſetzte Eduard den Johann de Sponlee als Oberaufſeher der Steinmetzen ein, mit der Vollmacht,„nicht nur ſo viel Maurer und andere Handwerker als nöthig wären, ſowohl innerhalb des Bezirks als außerhalb, weg⸗ zunehmen und anzuſtellen, und ſie nach Windſor zu ſchaffen, ſondern auch die Ungehorſamen und Widerſpenſtigen zu ver⸗ haften und einzuſperren, mit einem Befehl an alle Sheriffs, Bürgermeiſter, Vögte u. ſ. w. ihm dabei Hülfe zu leiſten.“ Dieſe Vollmacht ward zu einer ſpätern Zeit wirklich aus⸗ geübt, indem einige Handwerter, die ihre Arbeit verlaſſen hatten, in das Gefängniß zu Newgate geworfen wurden, während andere, die von einer damals im Schloſſe wüthenden Peſt hingerafft worden waren, durch gewaltſame Werbung erſetzt wurden. Im Jahre 1356 ward Wilhelm von Whkeham zum Oberaufſeher der Bauten mit derſelben Vollmacht als Johann de Sponlee ernannt und ſeine Anſtellung bildet einen wichtigen Abſchnitt in den Jahrbüchern des Schloſſes. Urſprünglich *Wie ſollen wir in fremdem Land ein Freudenlied ſingen! Drittes Buch: Die Geſchichte des Schloſſes. 211 Geheimſchreiber Eduard des Dritten, ward dieſer merkwür⸗ dige Mann Biſchof von Wincheſter und Prälat des Ordens. Als er um das Bisthum anhielt, antwortete ihm Eduard, wie man ſagt, daß er weder Prieſter noch Gelehrter ſei; worauf er erwiederte, das eine werde er bald genug werden und was das andere anbetreffe, ſo wolle er mehr Gelehrte bilden, als alle Biſchöfe Englands jemals gethan hätten. Er hielt ſein Wort, indem er die Collegiatſchule in Wincheſter gründete und das neue Collegium in Oxford ſtiftete. Als der Wincheſter⸗Thurm aufgeführt war, ließ er die Worte: Hoc fecit Wykeham einmeißeln; und da der König ſich über dieſe Anmaßung empfindlich zeigte, ſo verſcheuchte er ſeinen Unwillen durch die Erklärung, daß die Inſchrift be⸗ deute, das Schloß habe ihn gemacht und nicht, er habe das Schloß gemacht. Es iſt ein ſonderbares Zuſammentreffen, daß dieſer Thurm nach einem Zwiſchenraum von vier und einem halben Jahrhundert die Wohnung eines andern Bau⸗ meiſters werden mußte, der das Genie Wykehams beſaß und, wie dieſer, den königlichen Wohnſitz umbauete,— nämlich Sir Jeffry Wyatville. Wilhelm von Wykeham zog ſich im Jahre 1362 mit Ehren überhäuft aus dem Amte zurück und erhielt Wilhelm de Mulſo zum Nachfolger. Er ward in der Cathedrale zu Wincheſter beerdigt. Sein Wappen war Silber, zwei ſchwarze Sparren, zwiſchen drei rothen Roſen, mit dem Motto„Die Sitte macht den Mann.“ Holinſhed erzählt, daß der König im Jahr 1359„Ar⸗ beiter beſtellte, um viele zum Schloß gehörige alte Gebäude niederzureißen, und mehrere andere ſchöne und prächtige Bauten in und um das beſagte Schloß aufführen ließ, ſo daß faſt alle irgend angeſehene Maurer und Zimmerleute im Lande herbeigeholt und mit dieſen Arbeiten beſchäftigt wurden.“ Die hier gemeinten alten Gebäude waren wahrſcheinlich die 212 Schloß Windſor. Ueberreſte des Palaſtes und der Veſte Heinrich des Erſten auf der mittleren Schanze. Da die urſprüngliche, dem heiligen Georg geweihte Kapelle von Eduard dem Vierten abgetragen ward, ſo kann ihre Lage und Größe nicht genau beſtimmt werden. Man hat aber die Vermuthung gewagt, daß ſie denſelben Platz als das Chor der jetzigen Kapelle einnahm und ſich weiter nach Oſten erſtreckte.„Auf die Frage in Betreff ihres Bauſtyls,“ ſagt Herr Poynter, aus deſſen ſchätzbaren Nachrichten über das Schloß wir viele Belehrung geſchöpft haben,„geben zwei neben dieſer Stelle entdeckte Bruchſtücke Antwort, nämlich ein Balkenkopf und eine Piseina, die mit dem, dem ver⸗ zierten engliſch⸗gothiſchen Bauſtyl ſo eigenthümlichen Laub⸗ werk geſchmückt find und durch die Farbenreſte auf ihrer Ober⸗ fläche andeuten, daß ſie zu einem in der polychromatiſchen Gattung ausgeführten Gebäude gehörten, welche in der ſchon von Eduard dem Dritten gebauten Weſtminſter-Kapelle ſo künſtleriſch entwickelt iſt.“ Die königlichen Gemächer, die St. Georgenhalle, die Gebäude auf der öſtlichen und nördlichen Seite der oberen Schanze, der Runde Thurm, die Stiftsherrnhäuſer auf der untern Schanze und der ganze Umfang des Schloſſes mit Ausnahme der unter Heinrich des Dritten Regierung auf⸗ geführten Thürme ward jetzt gebaut. Unter die früheſten Arbeiten aus Eduards Regierung gehört der Dechanten⸗ Kreuzgang. Der von dieſem Monarchen angelegte Platz auf der obern Schanze nahm eine Fläche von vierhundert und zwanzig Fuß ins Gevierte ein und erſtreckte ſich zum Theil bis auf die mittlere Schanze. Von außen hatten die Mauern ein düſteres, regelmäßiges Ausſehen, das nur von den Strebe⸗ pfeilern unterbrochen wurde und keine andere Oeffnungen bot, als die engen Schießſcharten und Thorwege. Einige Spuren der Bauart jener Zeit findet man noch in dem Drittes Buch: Die Geſchichte des Schloſſes. 213 Schwibbogen und Machecoulis des Hauptthors neben dem Runden Thurm, in dem untern Geſchoß des Teufelsthurms oder Eduard des Dritten Thurms, und in der Reihe vier⸗ ſtelliger Gratgewölbe, die ſich längs der Nordſeite des obern Hofes von dem Küchenthore bis zu König Johanns⸗Thurm hinzieht. Im Jahre 1369 entſchlief die Königin Philippa, Ge⸗ mahlin Eduard des Dritten, im Schloß Windſor. Richard der Zweite, Enkel Eduard des Dritten, hielt ſeinen Hof häufig in Windſor. Hier ward im Jahr 1382 im Geheimenrathe die Kriegserklärung gegen— Frankreich be⸗ ſchloſſen; und hier ward ſechszehn Jahre ſpäter auf einem im Schloß errichteten Gerüſt die berühmte Anklage wegen Hochverraths von Heinrich von Lancaſter, Herzog von Here⸗ ford gegen Thomas Mowbray, Herzog von Norfolk, ver⸗ leſen, von denen der letztere ſeinen Ankläger zum Zweikampf auf Leben und Tod herausforderte. Der Kampf ward vom König unterbrochen und die beiden Gegner verbannt; aber der Herzog von Lantaſter kehrte bald zurück und ſtürzte den Vertreiber vom Thron. Ungefähr zur ſelben Zeit, da die Londoner Bürger ihm eine große Anleihe verweigert hatten, forderte Richard den Lord⸗Mayor, die Sheriffs und Alder⸗ men, und vier und zwanzig der angeſehenſten Bürger vor ſich und nachdem er ſie derb ausgeſcholten hatte, ließ er ſie alle in Haft bringen und ſetzte den Lord⸗Mayor ins Schloß⸗ gefängniß. Unter dieſer Regierung ward Gottfried Chaucer, „der Vater der engliſchen Poeſie“, zum Oberaufſeher der Arbeiten der St. Georgen⸗Kapelle beſtellt, mit einem Ge⸗ halte von zwei Schillingen auf den Tag(eine Summe, die 657 Pfund Sterling jährlich in heutigem Gelde beträgt) und mit derſelben unumſchränkten Vollmacht, die den früheren Bau⸗ meiſtern ertheilt worden war, um Zimmerleute und Maurer 214. Schloß Windſor. zu preſſen. Chaucer blieb nur zwanzig Monate im Amt und erhielt Johann Gedney zum Nachfolger. In Windſor erhielt Heinrich der Vierte, kaum der ge⸗ raubten Krone gewiß, die Nachricht einer Verſchwörung gegen ſein Leben von dem verrätheriſchen Aumerle, der ſeine eigene Sicherheit auf Koſten ſeiner Verbündeten erkaufte. Die zeitige Warnung ſetzte den König in den Stand, den Plan zu vereiteln. Auch wurden zu Windſor die Kinder Mortimer's, Grafen von March, des rechtmäßigen Thron⸗ erben, als Geißeln für ihren Vater gefangen gehalten. Von der Gräfin Mutter von Glouceſter, die ihre Gefängnißthür mit Nachſchlüſſeln öffnete, in Freiheit geſetzt, entflohen die jungen Gefangenen nach den Marken von Wales, wo ſie jedoch von Heinrichs Kundſchaftern aufgefangen und in ihr früheres Gefängniß zurückgebracht wurden. Wenig Jahre nachher ward ein andrer erlauchter Ge⸗ fangener nach Windſor gebracht— nämlich Prinz Jakob, der Sohn von König Robert dem Dritten und ſpäter Jakob der Erſte von Schottland. Dieſer Prinz blieb über achtzehn Jahre gefangen, da er erſt im Jahre 1424, dem zweiten Regierungsjahre Heinrich des Sechsten, von dem damaligen Regenten Herzog von Bedford erlöst ward. Jakobs Gefan⸗ genſchaft und ſeine Liebe zu Johanna von Beaufort, Tochter des Herzogs von Somerſet und Enkelin Johanns von Gaunt, mit der er ehelich verbunden ward, haben einen Zauber über den Runden Thurm verbreitet, in dem er gefangen gehalten ward; und ſein Andenken, ſowie das des ritterlichen und dichteriſchen Surrey, dem er an Charakter und Bildung ähnelte, wird immer damit verbunden bleiben. In den„Königsliedern“ hat der erlauchte Dichter ein köſtliches Bild eines kleinen Gartens hinterlaſſen, der in dem ausgetrockneten Schloßgraben angelegt war: Drittes Buch: Die Geſchichte des Schloſſes. 215 „Nun war gemacht nah an des Thurmes Wand Ein Garten ſchön. Mit Stäben lang und ſchmal umgittert eine grüne Laube ſtand In jeder Eck', und Blätter ohne Zahl Und Hagdornhecken gab's dort überall, Daß Niemand wohl, der dort vorbei mocht' geh'n, Darinnen irgend Jemand konnt' erſpäh'n. „Die Zweig' und Blätter hatten dicht und grün Auf alle Gänge Schatten ausgeſtreut, Und in der Mitte jeder Laub' erſchien Wachholder ſcharf und grün, voll Lieblichkeit, Die Aeſte ſendend üppig weit und breit, Daß dem, der dieſes Bild von außen ſah, Es ſchien, als wär nur eine Laube da.“ Und die erſte Erſcheinung der lieblichen Johanna und die Wirkung, welche ihre Reize auf ihn hervorbrachten, beſchreibt er folgendermaßen: „Und dabei blickt' ich wieder tief hinab, Als drunten ich am Thurme wandeln ſah, Ganz heimlich, wie entkeimt dem Erdengrab, Die ſchönſte Blume, friſch und jung— ach! da— Noch nie bevor war ſolch ein Bild mir nah— Da fühlt' ich von dem jähen Niederſeh'n Mein Blut vom Körper in das Herz mir geh'n.“ Heinrich der Fünfte hielt ſeinen Hof gelegentlich zu Windſor, und im Jahre 1416 bewirthete er mit großer Pracht den Kaiſer Sigismund, der eine unſchätzbare Reliquie mitbrachte— das Herz des heiligen Georg, das er dem Kapitel verehrte. Der Kaiſer ward zu gleicher Zeit mit dem Orden bekleidet. Im Jahre 1421 ward der unglückliche Heinrich der Sechste im Schloſſe geboren, und im Jahre 1484 ward er daſelbſt beerdigt. 216 Schloß Windſor. III. Der vierte Abſchnitt in der Geſchichte des Schloſſes; und wie die St. Georgen⸗Kapelle von Eduard dem Vierten neugebaut ward. Da er das Fundament und die Mauern der St. Georgen⸗ Kapelle ſehr in Verfall fand, ſo beſchloß Eduard der Vierte das Gebäude niederzureißen und ein größeres und ſtattlicheres an deſſen Stelle zu erbauen. In dieſer Abſicht machte er Richard Beauchamp, Biſchof von Salisbury, zum Ober⸗ aufſeher der Arbeiten, von deſſen Plänen das jetzige präch⸗ tige Gebäude herſtammt. Um dem Biſchof die Ausführung des Entwurfs zu erleichtern, gab er ihm Vollmacht, alle Hinderniſſe zu beſeitigen und den Raum durch Abtragung dreier Gebäude, nämlich des Clures⸗Thurms, Berner's⸗Thurms und des Almoſenthurms zu erweitern. Der Eifer und die Thätigkeit, mit der Beauchamp dieſe Arbeit betrieb, wird in ſeinem Beſtellungsbriefe zum Amt eines Kanzlers des Hoſenbandordens erwähnt, deſſen Einlei⸗ tung ſagt:„daß er ſich aus bloßer Liebe zum Orden die Mühe gegeben habe, täglich die Ausführung und das Wachsthum dieſes herrlichen Gebäudes zu beaufſichtigen.“ Die Kapelle ward jedoch nicht unter Einer Regierung oder von einem Baumeiſter vollendet. Sir Reginald Bray, Premierminiſter Heinrich des Siebenten, folgte dem Biſchof Beauchamp als Oberaufſeher der Bauten und von ihm ward jenes unvergleichliche Dach des Chors und andre Theile des Gebäudes ausgeführt. Ueberdies hat das häufige Vorkom⸗ men von Brah's Wappen an vielen Stellen der Decke und der Fenſter, bald allein, bald mit dem ſeiner Sippſchaft verbunden, zu der Vermuthung geführt, daß er ſelbſt be⸗ deutend zu den Koſten des Baues beigetragen habe. Das Gratgewölbe der Kapelle ward erſt im ſiebenundzwanzigſten Drittes Buch: Die Geſchichte des Schloſſes. 217 Regierungsjahre Heinrich des Siebenten begonnen; zu dieſer Zeit wurden die Zinnen des Dachs mit Fahnen verziert, die von vergoldeten Löwen, Antilopen, Windhunden und Drachen getragen wurden, deren Mangel noch jetzt die äußere Schönheit des Gebäudes beeinträchtigt. „Das Hauptgewölbe der St. Georgen⸗Kapelle,“ ſagt Herr Poynter,„iſt vielleicht ohne Ausnahme das ſchönſte Muſter des gothiſchen Steindachs, das wir beſitzen; man hat es aber ganz ungehörigerweiſe mit denen aus demſelben Zeitalter in den Kapellen von Kings⸗College, Cambridge, und Heinrich des Siebenten in Weſtminſter in eine Klaſſe geſetzt. Die Decke des Chorgangs und die mittlere Abthei⸗ lung des Hauptgebäudes ſind in der That in jenem Sthle, aber das Gewölbe des Schiffs und des Chors weichen weſentlich, ſowohl in Zeichnung, als in Zuſammenſetzung vom Wannengewölbe ab. Es iſt in der That ein von Welſchen Graten gebrochenes Tonnengewölbe, das heißt von Graten, die den Hauptbogen unterhalb der Spitze ſchneiden. Es iſt nicht einzig in dem Prinzip ſeiner Zeichnung, wohl aber in ſeinen Verhältniſſen, in denen der richtigſte Mittel⸗ weg aufgefunden zu ſein ſcheint zwiſchen der Armuth und Eintönigkeit einer tonnenartigen Decke und dem ungefälligen Eindruck eines bloß gegratenen Dachs mit einem abgeflachten Dach von großer Spannung. Hiezu kommt noch, daß bei einem Reichthum der Wirkung, der kaum, wenn überhaupt von gebrochener Steinarbeit übertroffen wird, es doch frei von jenem plötzlichen Zuſammenlaufen der Umriſſe und an⸗ dern Mängeln der Zeichnung iſt, die unvermeidlich ſind, wenn Länge und Breite der Fächer des Wannengewölbes ſehr verſchieden ſind, wovon die Kapelle von Kings⸗College mehrere bemerkenswerthe Beiſpiele liefert.“ Von dieſen köſtlichen Rippen und Graten getragen, iſt die Decke mit heraldiſchen Abzeichen, dem Wappen von 218 Schloß Windſor. Eduard dem Bekenner, Eduard dem Dritten, Eduard dem Schwarzen Prinzen, Heinrich dem Sechsten, Eduard dem Vierten, Heinrich dem Siebenten und Heinrich dem Achten verziert; auch mit den zuſammen quartirten Wappen Eng⸗ lands und Frankreichs, dem heiligen Kreuz, dem Schild oder Kreuz des heiligen Georg, der Roſe, Fallgatter, aufgerich⸗ tetem Löwen, Einhorn, Lilie, Drachen und wäliſchem Heim⸗ ſchmuck, nebſt den Wappen einer Unzahl edler Familien. Im Schiff ſind die Wappen von Heinrich dem Achten und mehrerer Ordensritter, unter welchen die Karls des Fünften, Franz des Erſten und Ferdinands, Infanten von Spanien, eingemalt. Die außerordentliche Leichtigkeit und die zier⸗ lichen Verhältniſſe der Pfeiler längs den Chorgängen erhöhen ſehr den angenehmen Eindruck dieſes Theiles des Gebäudes. So ſchön aber der mittlere Theil der Kapelle iſt, ſo iſt er doch nicht mit dem Chor zu vergleichen. Hier reihen ſich zu beiden Seiten die Stühle der Ritter auf, ehemals ſechs und zwanzig an der Zahl, jetzt aber auf zwei und dreißig erhöht; ſie ſind künſtlich aus ſchwarzem Eichenholz geſchnitzt und mit Baldachinen von dem reichſten Zeltwerk auf ſchlanken Pfeilern bedeckt. Auf den Fußgeſtellen iſt das Leben unſers Heilandes abgebildet und vorn an den Chor⸗ ſtühlen am Weſtende des Chors iſt die Legende des heiligen Georg eingeſchnitzt; während an der Außenſeite des obern Theiles der Sitze in alten ſächſiſchen Schriftzügen der zwan⸗ zigſte Pſalm in lateiniſcher Sprache eingeſchnitten iſt. An den Baldachinen der Stühle ſind Mantel, Helm, Rock und Schwert der Ordensritter angebracht, und über denſelben hängen ihre gemalten Banner. Am Rücken eines jeden ſind kleine emaillirte Platten mit den Titeln der Ritter, die ihn eingenommen haben, befeſtigt. Der alte Chorſtuhl des Monarchen ward im Jahre 1788 bei Seite geſchafft und ein neuer an deſſen Stelle geſetzt. Drittes Buch: Die Geſchichte des Schloſſes. 219 Der Altar war ehemals mit koſtbaren Gehängen von karmoiſinrothem Sammt und Gold geſchmückt, dieſe wurden aber nebſt den ſehr werthvollen heiligen Gefäßen auf Befehl des Parlaments im Jahre 1642 bei der allgemeinen Plün⸗ derung der Stiftung fortgenommen. Der Altarſchmuck ward von Karl dem Zweiten wieder ergänzt. Der Stuhl des Monarchen iſt unmittelbar zur Rechten am Eingange in das Chor und der des Prinzen von Wales zur Linken. Der Sitz der Königin iſt an der Nordſeite über dem Altar. Unter demſelben befindet ſich die ſchöne und künſtleriſch ausgeführte eiſerne Schmiedearbeit, die einen Thorweg zwiſchen zwei gothiſchen Thürmen darſtellt und zu einem Schrein für das Grabmal Eduard des Vierten be⸗ ſtimmt war, und welche, obgleich gemeiniglich dem Quintin Matſys zugeſchrieben, doch mit größerer Gerechtigkeit dem Meiſter Johann Treſſilian beigelegt wird. Ein großer Makel der Kapelle beſteht in dem Fenſter über dem Altar, deſſen Pfoſten und gebrochene Steinhauer⸗ arbeit entfernt worden ſind, um geſchmackloſen und farb⸗ loſen Glasmalereien nach Weſt's Zeichnungen Platz zu machen. Anſtatt ——„mit königlichem Blut zu malen Und bunten Heiligen im Dämmerlicht zu ſtrahlen,“ anſtatt den Altar in reiche Färbung zu tauchen, die Mauern und den Fußboden mit bunten Tönen zu überziehen und den ganzen heiligen Ort mit warmer, belebender Glut zu erfüllen, bringen dieſe Malereien eine kalte, freudenloſe und ſehr un⸗ angenehme Wirkung hervor. Die Entfernung dieſer fremdartigen Gebilde und die Wiederherſtellung der Fenſterpfoſten und Fächer im Style des Originals und im Schmuck alterthümlicher, ſanfttöniger, bunter Glasmalerei in Uebereinſtimmung mit der Umgebung ſind unumgänglich zur Vollſtändigkeit und Einheit des Ge⸗ 220 Schloß Windſor. ſammteindrucks der Kapelle nöthig. Zwei Spitzbogenfenſter im öſtlichen Theile des Chors neben den größeren Fenſtern ſind kürzlich mit farbigem Glaſe in viel beſſerem Geſchmacke ausgefüllt worden. Die obigen Ausſtellungen können mit demſelben Recht gegen die öſtlichen und weſtlichen Fenſter in dem ſüdlichen Seitengange und gegen das weſtliche Fenſter des nördlichen Ganges gemacht werden. Das prachtvolle weſtliche Fenſter aus achtzig Fächern beſtehend, die mit den Bildniſſen von Königen, Patriarchen und Biſchöfen nebſt den Abzeichen des Hoſenbandordens und den Wappen der Prälaten angefüllt ſind,— dies aus allen übrigen Fenſtern zuſammengeſtückte Wrack, das den Glanz der untergehenden Sonne auf das breite Schiff und die zierlichen Pfeiler der Seitengänge aus⸗ ſtrömt,— dies prachtvolle Fenſter, ein bewunderungswür⸗ diges Probeſtück der Bauart des Zeitalters, in dem es aus⸗ geführt wurde,— hätte bald das Schickſal der übrigen ge⸗ theilt und iſt nur durch den plötzlichen Tod des Glasmalers aus der allgemeinen Zerſtörung gerettet worden. Die Pfoſten dieſes Fenſters ſind im vergangenen Jahre von Herrn Blore ſorgfültig und haltbar wieder hergeſtellt und die alten far⸗ bigen Glasſcheiben wieder eingeſetzt worden. Die St. Georgen⸗Kapelle dient nicht nur als ein Haus der Andacht und ein Tempel des Ritterthums, ſie iſt auch ein Begräbnißplatz von Königen. Am öſtlichen Ende des nördlichen Chorganges befindet ſich ein einfacher Stein mit der Inſchrift: Bönig Eduard 33J. und ſeine Bönigin Eliſabeth Widville. Der Waffenrock und der mit Rubinen und Edelſteinen beſetzte Ueberrock, nebſt anderen reichen Trophäen, die einſt ſein Grabmal zierten, ſind von den parlamentariſchen Plün⸗ Drittes Buch: Die Geſchichte des Schloſſes. 2 derern geraubt. Eduards Königin, Eliſabeth Woodwille, ruhte, wie man glaubte, zu ſeiner Seite; als aber das königliche Grab im Jahre 1789 geöffnet und die beiden darin befindlichen Särge unterſucht wurden, fand man den kleineren leer. Die Ueberreſte der Königin wurden ſpäter in einem ſteinernen Sarge von den Arbeitsleuten, die das Grabgewölbe für Georg den Dritten ausgruben, entdeckt. Eduards Sarg war ſieben Fuß lang und enthielt ein voll⸗ kommenes Gerippe. Im gegenüberliegenden Gange neben der Chorthür ruht, wie ſchon erwähnt worden, der unglück⸗ liche Heinrich der Sechste unter einem von Heinrich dem Achten koſtbar verzierten Bogen, auf deſſen Schlußſtein man noch jetzt ſein Wappen zwiſchen zwei mit einer goldenen Kette verbundenen Antilopen als Wappenhaltern ſieht. Heinrichs Leichnam ward von Chertſey, wo er anfänglich beigeſetzt worden war, hierher gebracht und im Jahre 1484 mit vielem Gepränge an dieſer Stelle wieder beerdigt. Eine ſo große Meinung hatte man von ſeiner Heiligkeit, daß man ſeinem Grabe eine wunderthätige Kraft zuſchrieb, und Hein⸗ rich der Siebente beabſichtigte ihn heilig ſprechen zu laſſen, die Forderungen des Pabſtes waren aber zu übermäßig. Die Nachbarſchaft Heinrichs und Eduards im Tode gab Pope'n die folgenden Zeilen ein: „Dem Märterkönig hier der Marmor weint, Und neben ihm ſchläft Edward, einſt ſein Feind; Für die ein ganzes Reich genügte kaum, Die birgt in Frieden nun ein enger Raum. In dem königlichen Grabgewölbe im Chor ruhen Hein⸗ rich der Achte und ſeine dritte Königin Johanna Seymour, nebſt dem Märtyrer Karl dem Erſten. Der Raum erlaubt uns nur eine eilige Anführung der verſchiedenen ſchönen Kapellen, die dieſen prächtigen Tempel zieren. Es ſind die Lineoln⸗Kapelle, neben welcher Richard 222 Schloß Windſor. Beauchamp, Biſchof von Salisbury, begraben liegt; die Orxenbridge⸗Kapelle; die Aldworth⸗Kapelle; die Bray⸗Kapelle, wo Sir Reginald Bray, der Baumeiſter des Gebäudes, ruht; die Beaufort⸗Kapelle, welche prächtige Denkmäler der Familie gleichen Namens enthält; die Rutland⸗Kapelle; die Haſtings⸗Kapelle und die Urswick⸗Kapelle, in welcher jetzt das von Matthias Wyatt gearbeitete Kenotaph der Königin Charlotte ſteht. In einem Gewölbe neben des Monarchen Chorſtuhl liegen die Ueberreſte des Herzogs von Glouceſter, der im Jahr 1805, und ſeiner Gemahlin, die zwei Jahre darauf ſtarb. Und neben dem Eingang an der Südſeite iſt eine Platte von grauem Marmor, unter der Jemand liegt, der in ſeinem Leben die höchſten. Aemter des Reichs bekleidete und der Bruder eines Königs und Gemahl einer Königin war. Sie trägt den großen Namen Karl Brandon. Am öſtlichen Ende des nördlichen Ganges iſt das Ka⸗ pitelhaus, in welchem ſich ein Bildniß und das Staats⸗ ſchwert Eduard des Dritten befindet. Neben der Kapelle ſteht zu Oſten das königliche Grab⸗ gewölbe. Von Heinrich dem Siebenten als Mauſoleum begonnen, aber wegen der Kapelle in Weſtminſter⸗Abtei vernachläſſigt, ward dies Gebäude von Heinrich dem Achten an Wolſey abgetreten, der es zum Begräbniß für ſich ſelbſt beſtimmte und darin ein koſtſpieliges Denkmal von ſchwarzem und weißem Marmor, mit acht großen metallenen Säulen rings umher und vier andern in der Form von Kandelabern errichtete. Als der Cardinal in Ungnade fiel und das Ge⸗ bäude an die Krone zurückkam, war das Denkmal ſeiner Vollendung nahe; die beträchtliche Summe von 4280 Du⸗ caten war dem Florentiner Benedetto für Bildhauerarbeit und faſt vierhundert Pfund für Vergoldung eines Theils derſelben bezahlt worden. Dies Grabmal ward im Jahre — Drittes Buch: Die Geſchichte des Schloſſes. 223 1646 ſeiner Zierrathe von den parlamentariſchen Rebellen beraubt und zerſtört; aber der ſchwarze marmorne Sarkophag, der einen Theil deſſelben bildet und von Wolſey zur Auf⸗ nahme ſeiner eigenen Gebeine beſtimmt war, entging der Zerſtörung und umſchließt jetzt Nelſons Grab in einer Gruft in der St. Pauls⸗Cathedrale. Heinrich der Achte iſt nicht in dieſem Mauſoleum be⸗ erdigt worden, ſondern in der St. Georgen⸗Kapelle, wie eben erwähnt worden iſt, und wie er ſelbſt verordnet hat, „mitten zwiſchen dem Thronhimmel und dem Altar.“ Er hinterließ umſtändliche Befehle zur Errichtung eines Monu⸗ ments, das wahrhaft großartig geworden ſein würde, wenn es vollendet worden wäre. Der Fußboden ſollte von orien⸗ taliſchen Steinen mit zwei großen Stufen von demſelben Stoffe gemacht werden. Die beiden Kirchenpfeiler, zwiſchen denen das Monument ſtehen ſollte, ſollten mit Basreliefs bedeckt werden, welche die Hauptbegebenheiten des Alten Teſtaments, Engel mit vergoldeten Blumengewinden, vier⸗ zehn Bildniſſe der Propheten, Apoſtel, Evangeliſten und der vier Kirchenväter, und zu Füßen jedes Bildniſſes ein kleines Kind mit einem Korbe voll rother und weißer emaillirten und vergoldeten Roſen darſtellten. Zwiſchen dieſen Pfeilern ſollten auf einer Tafel von weißem Marmor die Grab⸗ ſchriften des Königs und der Königin mit goldenen Buch⸗ ſtaben geſchrieben werden. Auf derſelben Tafel ſollten zwei Grabmäler von ſchwarzem Tufſtein mit den Bildniſſen des ſchlafenden, nicht todten, Königs und Königin kommen,„um anzudeuten,“ wie der Befehl lautet,„daß berühmte Fürſten, die großen Ruhm hinterlaſſen, niemals ſterben.“ Zur rech⸗ ten Seite ſollte an jeder Ecke des Denkmals ein Engel mit des Königs Wappen und ein Kandelaber ſtehen, und an den beiden andern Ecken zwei Engel mit dem Wappen der Königin nebſt zwei Kandelabern. Zwiſchen den beiden Schloß Winvſor. ſchwarzen Grabmälern ſollte ſich ein hohes Poſtament mit der Reiterſtatue des Königs in voller Rüſtung erheben,— „beide Figuren von der ganzen Größe eines ausgewachſenen Mannes und ſtarken Pferdes.“ Ueber dieſer Statue ſollte ein Baldachin, wie ein Triumphbogen, von weißem Marmor ſein, der mit vrientaliſchen Steinen verſchiedener Farbe ge⸗ ſchmückt wäre, darauf die Geſchichte Johannes des Täufers in vergoldetem Erz und über allem eine Gruppe von dem Vater, wie er die Seele des Königs in der Rechten und die der Königin in der Linken hält und ſie ſegnet. Die Höhe des Monuments ſollte acht und zwanzig Fuß betragen. Die Anzahl der Statuen ſollte hundert und vier und dreißig mit vier und vierzig Basreliefs ſein. Man würde unendlich be⸗ dauern müſſen, daß dieſer großartige Plan niemals ausge⸗ führt ward, wenn ſeine Zerſtörung durch die parlamentari⸗ ſchen Plünderer nicht eben ſo gewiß geweſen wäre. Karl der Erſte beabſichtigte dies Gebäude zu einem königlichen Mauſoleum umzuwandeln, er ward aber durch den Ausbruch des Bürgerkriegs von dieſem Plan abgebracht. Es ward nachher von Jakob dem Erſten als Kapelle ge⸗ braucht und es ward öffentlicher Gottesdienſt darin gehalten. Die Decke ward von Verrio gemalt und die Mauern reich geſchmückt; aber die Zierrathe wurden durch die Wuth eines antikatholiſchen Pöbels ſtark beſchädigt, indem er ge⸗ gen das Gebäude Sturm lief und die Fenſter bei Gelegenheit eines Feſtmahls, das der König dem päbſtlichen Nuntius gab, zerſtörte. In dieſem Zuſtande blieb es bis zum Beginn des jetzigen Jahrhunderts, als das Aeußere von Georg dem Dritten ausgebeſſert und darin ein Gewölbe von ſiebenzig Fuß länge und acht und zwanzig Fuß Breite und vierzehn Fuß Tiefe für die königliche Familie gebaut ward. Kata⸗ komben von maſſiven achteckigen Pfeilern laufen an beiden Seiten der Mauern hin. Am öſtlichen Ende ſind fünf — —— Drittes Buch: Die Geſchichte des Schloſſes. 225 Niſchen und zwölf niedrige Grabmäler. Ein unterirdiſcher Gang führt von dem Gewölbe unter dem St. Georgen⸗ Altar nach der Gruft. Innerhalb derſelben ſind die Ge⸗ beine Georg des Dritten und der Königin Charlotte, der Prinzeſſinnen Amalie und Charlotte, der Herzoge von Kent und von York und der beiden letzten Monarchen, Georg des Vierten und Wilhelm des Vierten beigeſetzt. Wir kehren aber zu Eduard dem Vierten zurück, von dem wir uns in der vorſtehenden Abſchweifung entfernt hatten, um die Geſchichte der St. Georgen⸗Kapelle bis auf den heutigen Tag fortzuführen. Ungefähr um dieſelbe Zeit, als die Kapelle errichtet wurde, wurden auch Wohnungen für die Dechanten und die Stiftsherren im Nordoſten des Tempels gebaut, während am Weſtende eine andre Reihe von Wohnungen für die unteren Kanoniker in der Geſtalt eines Fußeiſens, eines der Abzeichen Eduard des Vierten, aufgeführt und ſeither der Hufeiſengang genannt wurde. Die Säulenhalle dieſes Ganges war einſt ein ſchönes Probe⸗ ſtück der Zimmerkunſt aus Heinrich des Siebenten Zeit, wo ſie wieder hergeſtellt ward; jetzt iſt aber wenig mehr von ihrem urſprünglichen Gepräge übriggeblieben. Im Jahre 1482 lud Eduard, um ſeine Popularität bei den Londoner Bürgern zu vermehren, den Lord⸗Mayor und die Aldermen nach Windſor ein, wo er ſie königlich bewirthete, ſie mit den Freuden der Jagd unterhielt und be⸗ laden mit Wildprett ihren Ehehälften wieder zurückſchickte. Im Jahr 1484 feierte Richard der Dritte das Sanct Georgenfeſt in Windſor und der Bau der Kapelle ward während ſeiner Regierung fortgeſetzt. Der maleriſche Theil des Schloſſes nördlich von der oberen Schanze neben dem Normänniſchen Thorwege, welcher eine der edelſten gothiſchen Eigenthümlichkeiten des ſtolzen Gebäus bildet, ward von dem Siebenten gebaut, I. 15 226 Schloß Windſor. deſſen Namen es noch trägt. Die auf die Terraſſe gehende Seite dieſes Baues war urſprünglich mit zwei prächtigen Fenſtern geſchmückt; das eine derſelben iſt aber verſchwunden und das andere iſt ſtark beſchädigt. Im Jahre 1500 ward die Dechanei von dem Dechanten Urswick neu gebaut. Am unteren Ende des Hofes neben den Stiftsherrnhäuſern hinter dem Hufeiſengang ſteht die Stiftsbibliothek, deren Urſprung ungewiß iſt, obwohl man ihn vielleicht in dieſe Zeit ſetzen kann. Dies Inſtitut ward in ſpäteren Zeiten mit einer ſchätzbaren, vom Grafen von Ranelagh vermachten Bücherſammlung bereichert. Im Jahre 1506 war Windſor der Schauplatz großer Feſtlichkeiten in Folge der unvermutheten Ankunft des Königs Philipp von Caſtilien und feiner Königin, die durch ein Unwetter nach Weymouth verſchlagen worden waren. Die königlichen Beſucher blieben mehrere Wochen im Schloß, während welcher Zeit es ein Schauplatz ununterbrochener Gelage und Jagdluſtbarkeiten war. Zur ſelben Zeit ward Philipp mit dem Hoſenbandorden bekleidet und in der St. Georgen⸗Kapelle feierlich inſtallirt. Der große Thorweg nach der unteren Schanze ward zu Anfang der Regierung Heinrich des Achten gebaut. Er iſt mit ſeinem Wappen und ſeinen Wahrzeichen geſchmückt der Roſe, dem Fallgatter und der Lilie nebſt dem Wappen von Katharina von Arragonien. Im Jahre 1522 beſuchte Karl der Fünfte Windſor und ward als Ritter des Hoſen⸗ bandes eingekleidet. Während einer Zeit des Zwiſtes im königlichen Rath ward Eduard der Sechste von dem Lord Protector Somerſet der Sicherheit halber nach Windſor gebracht, und hier er⸗ hielt der jugendliche Monarch etwas ſpäter ein Schreiben des Geheimenrathes, das die Entlaſſung Somerſets ver⸗ Drittes Buch: Die Geſchichte des Schloſſes. 227 langte, worin er auch auf Anrathen des Seitiſcheſe von Canterbury einwilligte. Unter dieſer Regierung ward auch der Plun, das Waſſer fünf Meilen weit von Blackmore⸗Park ins Schloß zu leiten, angefangen; er ward jedoch erſt im Jahre 1555 zur Zeit Maria's vollendet, wo eine Röhre nach der obern Schanze gelegt ward und„das Waſſer dort reichlich dreizehn Fuß hoch hervorſprudelte.“ Mitten auf dem Hofe ward ein koſtbarer Springbrunnen errichtet. Er beſtand aus einem von prächtig mit heraldiſchen Zierrathen bedeckten Säulen getragenen Baldachin und hatte oben eine große Wetter⸗ fahne mit den vergoldeten und gemalten, von einem Löwen und einem Adler gehaltenen Wappen von Philipp und Maria. Das Waſſer ward von einem großen Drachen, einem der Träger des Tudorwappens, in ein darunter be⸗ findliches Behältniß ausgeſpien, von wo es mittelſt Röhren nach allen Theilen des Schloſſes geleitet ward. Maria hielt bald nach ihrer Verbindung mit Philipp von Spanien ihren Hof in Windſor. Um dieſe Zeit wur⸗ den die alten Wohnungen der Almoſenritter an der Süd⸗ ſeite des unteren Hofes abgetragen und neue an deren Stelle aufgebaut. Eliſabeth nahm weniger Veränderungen am Schloß Windſor vor, als man von ihrer Vorliebe für dieſe Reſi⸗ denz hätte erwarten ſollen. Sie vergrößerte und erweiterte die nördliche Terraſſe, wo ſie ſich während ihres Aufenthalts im Schloſſe täglich Bewegung machte, das Wetter mochte beſchaffen ſein, wie es wollte. Die Terraſſe, wie ſie von Paul Hentzner beſchrieben wird und ſich in Nordens Anſicht darſtellt, war zu dieſer Zeit eine Art von Balcon, der über die Böſchung des Hügels hinüberragte und von großen höl⸗ zernen Rinnbalken getragen ward. Im Jahre 1576 erbaute Eliſabeth die Gallerie, welche ————— 228 Schloß Windſor. noch ihren Namen trägt und zwiſchen Heinrich des Siebenten und dem Normänniſchen Thurm liegt. Dieſer Theil des Schloſſes hatte das gute Glück, den Abänderungen zu ent⸗ gehen, welche nach der Wiedereinſetzung Karls des Zweiten in faſt allen andern Theilen der oberen Schanze gemacht wurden. Er enthält jetzt die Bibliothek. Ein großer Garten ward von derſelben Königin angelegt und ein kleiner Thor⸗ weg auf dem Schloßhügel von ihr gebaut; dieſer ward ſpäterhin eines der größten Hinderniſſe, um zum Schloß zu gelangen, und Georg der Vierte ließ ihn abtragen. Eliſabeth jagte öfters im Park und erprobte ihre Ge⸗ ſchicklichkeit im Bogenſchießen, die nicht unbeträchtlich war, an der Scheibe. Ihre Liebhaberei für dramatiſche Auffüh⸗ rungen veranlaßte ſie auch, eine Bühne im Schloß zu er⸗ richten, auf der Schauſpiele und Zwiſchenſpiele aufgeführt wurden. Ihrer Bewunderung für Falſtaffs Charakter und ihrer Vorliebe für die Oertlichkeit verdankt die Welt die „Luſtigen Weiber von Windſor.“ Jakob der Erſte begünſtigte Windſor ſo ſehr, wie ſeine Vorgänger; er ſchmauſ'te in ſeinen Hallen und jagte das Wildprett in ſeinen Parken. Chriſtian der Vierte von Dänemark ward glänzend von ihm in Windſor bewirthet. Unter dieſer Regierung erhob ſich ein ſonderbarer Zwiſt zwiſchen dem Könige und dem Dechanten und Kapitel in Betreff der Ausbeſſerung einer Lücke in der Mauer. Er ward erſt nach drei Jahren zu Ende gebracht, indem er nach vielen Streitigkeiten zu Gunſten der Geiſtlichkeit ent⸗ ſchieden ward. Wenig geſchah in Windſor unter Karl dem Erſten bis zu ſeinem zehnten Regierungsjahre; dann ward eine von Eliſabeth errichtete Feſthalle und der prächtige von der Königin Marie erbaute Springbrunnen abgetragen. Zwei Jahre ſpäter ward eine„Pyramide oder Warte“ mit Uhr, Drittes Buch: Die Geſchichte des Schloſſes. 229 Glocke und Zeigern dem Schloß gegenüber aufgerichtet und ein Balcon vor dem Zimmer, in dem Heinrich der Sechste geboren war, angebaut. In der erſten Hälfte des Jahrs 1642 zog ſich Karl nach Windſor zurück, um ſich vor den Schmähungen des Pöbels zu ſichern, ein Ausſchuß des Hauſes der Gemeinen folgte ihm und vermochte ihn von der Verfolgung der an⸗ geklagten Mitglieder des Hauſes abzuſtehen. Am 23. Oe⸗ tober deſſelben Jahres forderte Hauptman Fogg an der Spitze einer parlamentariſchen Rotte die Schlüſſel zur Stifts⸗ kaſſe und da er ſie nicht erhielt, ſprengte er die Thüren und trug alles Silberzeug davon. Die Plünderung des Stifts ward von Vane, dem par⸗ lamentariſchen Befehlshaber des Schloſſes, vollendet. Dieſer bemächtigte ſich des ganzen Schmucks und Zierraths des Chors, plünderte das Grab Eduard des Vierten, nahm alle koſtbaren Verzierungen von Wolſey's Grab weg, zerſtörte die Malereien an Heinrich des Sechsten Grabmal, zertrüm⸗ merte die herrlichen Glasmalereien des Fenſters und ver⸗ nichtete muthwilligerweiſe die ausgezeichnete Schnitzarbeit des Chors. Gegen Ende des Jahrs 1648 ward der unglückliche Karl als Gefangener nach Windſor gebracht, wo er während der Vorbereitungen zu der ſpäterhin ausgeführten verab⸗ ſcheuungswürdigen Schandthat blieb. Nach der Ermordung des Märtyrerkönigs ward das Schloß zum Gefängniß des Grafen von Norwich, Lord Capel, des Herzogs von Ha⸗ milton und andrer Royaliſten und Cavaliere. Cromwell bewohnte das Schloß häufig und machte öfters einen verdrießlichen, mißtrauiſchen Spatziergang auf der Terraſſe. Während des Protectorats im Jahre 1657 wurden die häßlichen für die Flottenritter beſtimmten Ge⸗ 230 Schloß Windſor. bäude zwiſchen dem Hoſenbandthurm und dem Kanzlerthurm von Sir Francis Crane erbaut. IV. Die Geſchichte des Schloſſes von der Regierung Karls des Zweiten bis zu der Georg des Dritten— nebſt einigen Nachrichten über den Parf und den Wald. Nach Wiederherſtellung der alten Dynaſtie nahm das Schloß ſeinen ehemaligen Glanz wieder an und bot einen auffallenden Gegenſatz gegen die verſchwundenen düſtern Zeiten dar. Die Terraſſe mit ihren feſtlichen Gruppen glich einem Gemälde von Watteau, die Höfe erſchallten von fro⸗ hem Gelächter und der ſammtne Raſen des Schloßparks ward eben ſo oft von dem Fuße der ausgelaſſenen Schönheit, als von dem des flüchtigen Rehs betreten. Siebenzehn Staatsgemächer wurden von Sir Chriſtoph Wren unter der Leitung von Sir John Denham gebaut, die Decken wurden von Verrio gemalt und die Wände mit köſtlichem Schnitzwerk von Grinling Gibbons verziert. Eine große Treppe ward auch hinzugefügt. Viele dieſer Gemächer wurden mit Tapeten behangen und alle mit Gemälden und koſtbarem Hausrath geſchmückt. Die von Karl gemachten Vergrößerungen des Schloſſes waren der Theil der Nord⸗ ſeite, der damals nach dem farbig eingeſetzten Stern des Hoſenbandordens das„Sterngebäude“ hieß, jetzt aber das „Stuart⸗Gebäude“ genannt wird und ſich hundert und ſiebenzig Fuß von Heinrich des Siebenten Gebäude an längs der Terraſſe hinzieht. Im Jahre 1676 ward der Graben zugeſchüttet und die Terraſſe längs der ſüdlichen und. lichen Schloßſeite weitergeführt. Unterdeſſen ward der urſprüngliche Charakter des Drittes Buch Die Geſchichte des Schloſſes. 231 Schloſſes gänzlich zerſtört und italieniſirt. Die ſchönen maleriſchen Unregelmäßigkeiten der Mauern wurden ausge⸗ glichen, die Thürme raſirt, die Fenſter in gemeine kreisbogige Oeffnungen verwandelt. Und ſo blieb das Schloß länger als ein Jahrhundert. Eduard des Dritten Thurm, der auch ohne Unterſchied der Graf⸗Marſchallthurm und der Teufelsthurm genannt wird und als Gefängniß für Staatsgefangene gebraucht ward, wurde jetzt den Ehrendamen angewieſen. Karl beab⸗ ſichtigte zu Ehren ſeines Märtyrervaters an der Stelle des Grabgewölbes, das er zu entfernen dachte, ein Monument zu errichten und 70,000 Pfund wurden zu dieſem Zweck vom Parlament bewilligt. Der Plan ward aber unter dem Vorwande, daß die Leiche nicht aufzufinden ſei, bei Seite geſchoben, obwohl man ſehr gut wußte, wo ſie lag. Die wirkliche Urſache war wahrſcheinlich, daß Karl das Geld ſchon ausgegeben hatte. Im Jahre 1680 ward eine Reiterſtatue Karls des Zweiten von Strada auf Koſten des vormaligen Haushof⸗ meiſters in Hampton⸗Cvurt, Tobias Ruſtat, mitten auf der obern Schanze aufgeſtellt. Sie ſteht jetzt am untern Ende deſſelben Hofes. Die Bildhauerarbeit auf dem Piedeſtal war von Grinling Gibbons gezeichnet, und Horaz Walpole bemerkte ſcherzend, daß die Statue kein andres Verdienſt habe, als die Aufmerkſamkeit auf ſie zu lenken. In alten Zeiten lief ein Weg, der eine unregelmäßige Allee bildete, durch die Wälder vom Fuß des Schloſſes nach dem Schneehügel. Da dieſer Weg aber während einer lan⸗ gen Reihe von Jahren vernachläſſigt worden war, ſo hatten ſich die Baumzweige und das Unterholz ſo ſehr über ihn ausgebreitet, daß er ganz unwegſam war. Eine große Allee von zweihundert und vierzig Fuß Breite ward von Karl an deſſen Stelle entworfen, und der prächtige Zugang, 232 loß Windſor. welcher jetzt die Lunge Allee heißt, ward angelegt und mit Bäumen beſetzt. Die einzige weſentliche, auf das Schloß ezügliche Be⸗ gebetlheit unter der Regierung Jakob des Zweiten iſt ſchon erzählt worden. Windſor war bei Wilhelm dem Dritten nicht ſo beliebt als Hampton⸗Court, obwohl er in den letzten Jahren ſeines Lebens einige Abänderungen daran anzubringen gedachte, die dem Himmel ſei Dank! niemals ausgeführt worden ſind. Die Unternehmungen der Königin Anna bezogen ſich hauptſächlich auf die Parks, zu deren Verſchönerung 40,000 Pfund verausgabt wurden. Im Jahre 1707 legte ſie die ausgedehnte, mit der Langen Allee faſt parallel laufende „Königin⸗Allee“ an; und drei Jahre darauf ward ein Weg für Wagen durch die Lange Allee gelegt. Auch ward der Entwurf zu einem Garten im Norden des Schloſſes gemacht. Unter dieſer Regierung fing Sir James Thornhill an, die Treppe Karls des Zweiten mit Scenen aus Ovids Meta⸗ morphoſen zu bemalen, vollendete ſeine Arbeit aber erſt nach der Thronbeſteigung Georg des Erſten. Dieſe Treppe ward im Jahre 1800 weggeſchafft, um dem heutigen Gothiſchen Portal von Wyatt dem Aelteren Platz zu machen. Die beiden erſten Monarchen aus dem Hauſe Hannover bedienten ſich Windſors ſelten als einer Reſidenz, ſondern zogen Hampton⸗Court und Kenfington vor; und Georg der Dritte bewohnte ſogar nie das Schloß ſelbſt, ſondern den Pavillon der Königin— ein großes abgeſondertes Gebäude ohne Anſprüche auf architectoniſche Schönheit, welches er ſelbſt der ſüdlichen Terraſſe gegenüber für ungefähr 44,000 Pfund erbaute. Mit dem rühmenswertheſten Eifer und faſt gänzlich auf eigne Koſten unternahm dieſer Monarch die Wiederherſtellung der St. Georgen⸗Kapelle. Die Arbeit begann im Jahre 1787, währte drei Jahre und ward von Drittes Buch: Die Geſchichte des Schloſſes. 233 einem Baumeiſter aus dem Orte, Herrn Emlyn, ausgeführt. Der Fußboden ward ganz neu gelegt, ein neues Altarſtück und eine Orgel hinzufügt und das Schnitzwerk wieder hergeſtellt. Im Jahre 1796 ward Herr James Wyatt zum Ober⸗ aufſeher der königlichen Bauten ernannt und bewirkte manche Veränderungen im Innern. Was das Aeußere anbetrifft, ſo brachte er Wren's rundbogige Fenſter auf ihre urſprüng⸗ liche Form zurück und gothiſirte zugleich einen großen Theil der Nord⸗ und Südſeite der obern Schanze. Ehe wir weiter gehen, haben wir einige Worte über die Parks zu ſagen. Der Schloßpark, der im Oſten und Norden des Schloſſes liegt, hat etwa vier Meilen im Um⸗ fange und ward von Wilhelm dem Dritten vergrößert und mit einer Mauer eingehägt. Im Oſten und beinahe an der Stelle des jetzigen niedrigen Gartens ward von Karl dem Zweiten ein Raſenplatz angelegt. Im Norden lagen die Gärten der Königin Anna, ſeit deren Zeiten der Abhang des Hügels mit Waldbäumen bepflanzt worden iſt. An dem öſtlichen Ende der nördlichen Terraſſe befinden ſich die ſchönen Abhänge nebſt einem Pfade, der die nördliche Seite des Schloßparks ſtreift und durch reizende Anlagen nach der königlichen Meierei, der Förſterwohnung und den Ställen für die Windhunde der Königin führt. Dieſer Park enthält viele edlen Bäume und der Ulmenhain im Südoſten neben der Stelle, wo die nach Herne genannte Eiche ſteht, ſoll der Volksüberlieferung zufolge ein Lieblingsſpatziergang der Kö⸗ nigin Eliſabeth geweſen ſein. Er trägt noch ihren Namen. Zu dem Großen Park gelangt man auf der prächtigen ſogenannten Langen Allee, die, wie ſchon erwähnt, von Karl dem Zweiten angelegt worden iſt und ſich bis zum Fuße des Schneehügels erſtreckt, deſſen Gipfel die koloſſale Reiter⸗ ſtatue Georg des Dritten von Weſtmacott krönt. Nicht weit von dieſem ſteht der Cumberland⸗Pavillon, der ſeinen 234 Schloß Windſor. Namen von Wilhelm, Herzog von Cumberland, hat, dem er im Jahre 1744 verliehen ward. Nach Nordens Auf⸗ nahme im Jahre 1607 enthielt dieſer Park 3050 Morgen; als er aber von Georg dem Dritten aufgenommen ward, fand ſich, daß er 3800 Morgen enthielt, von denen 200 mit Waſſer bedeckt waren. Zu jener Zeit war der Park mit Farrnkraut und Binſen überwachſen und voll von Süm⸗ pfen und Moräſten, die an vielen Stellen gefährlich und faſt unwegſam waren. Er enthielt etwa dreitauſend Stück Wildprett in ſchlechtem Zuſtande. Der Park iſt ſeitdem gänzlich trocken gelegt, geebnet und theilweiſe neubepflanzt worden; und zwei Landwirthſchaften ſind darin eingerichtet worden, in denen unter der Leitung von Herrn Kent die Flamländiſche und Norfolkſche Bewirthſchaftungsmethode mit großem Erfolg angewandt wird. Durch die unendliche Mannigfaltigkeit waldiger Land⸗ ſchaft ausgezeichnet und von ſeinen Hügeln und Anhöhen die prächtigſten Ausſichten auf das Schloß beherrſchend, iſt der große Park in allen Richtungen von grünen Fahrwegen durchſchnitten, die ſeine langen Aushaue ſäumen oder ſeine offenen Lichtungen durchkreuzen und von Georg dem Vierten angelegt ſind. Mitten unter den Hainen im Rücken vom Springhügel an einer reizenden einſamen Stelle ſteht eine kleine Privatkapelle im gothiſchen Styl, die von Georg dem Vierten während der Ausbeſſerungen im Schloſſe als An⸗ dachtsort benutzt ward und zuweilen von der jetzigen Königin beſucht wird. Nicht der kleinſte Reiz des Parks iſt der Virginia⸗See mit ſeiner glänzenden ſchönen Oberfläche, ſeinem Gürtel von grünen Ufern, ſo ſanft und weich wie Sammt, ſeiner Ein⸗ faſſung von edlen Wäldern, ſeinem Chineſiſchen Fiſcher⸗ tempel, ſeinen Fregatten, ſeinen Ruinen, ſeinem Waſſerfall, Höhle und Druidentempel, ſeinen Obelisken und Brücken, —— Drittes Buch: Die Geſchichte des Schloſſes. 235 und zahlloſen andern Schönheiten, deren Beſchreibung hier überflüſſig wäre. Dieſer künſtliche Weiher bedeckt faſt eine eben ſo große Oberfläche, als der große See in ehemaligen Zeiten. Der Wald von Windſor hatte einſt einen Umfang von hundert und zwanzig Meilen und enthielt einen Theil von Buckinghamſhire, ein beträchtliches Stück von Surrey und die ganze ſüdöſtliche Seite von Berkſhire bis nach Hunger⸗ ford. An der Surreyſeite umfaßt er Cobham und Chertſey und erſtreckte ſich längs der Wey, die ſeine Gränze bildete, bis Guildford. Unter der Regierung Jakob des Erſten, wo er von Norden aufgenommen ward, war ſein Umfang mit Ausſchluß der in Buckinghamſhire liegenden Bezirke auf ſieben und ſiebenzig und eine halbe Meile zu ſchätzen. Es waren fünfzehn Gänge darin, jeder unter der Aufſicht eines Oberförſters, und das Ganze enthielt über dreitauſend Stück Wildprett. Er iſt jetzt faſt ganz umzäunt. V. Der letzte große Abſchnitt in der Beſchichte des Schloſſes. Georg der Vierte, ein Fürſt von vollendetem Geſchmack und ſchönen Ideen, beabſichtigte und, was noch beſſer iſt, vollendete die Wiederherſtellung des Schloſſes zu mehr als ſeiner urſprünglichen Großartigkeit. Er war außerordentlich glücklich in der Wahl ſeines Baumeiſters. Sir Jeffry Wyatville war ihm das, was Wilhelm von Whkeham Eduard dem Dritten geweſen war. Alle Ungereimtheiten der verſchiedenen Regierungen wurden ausgeglichen, alle oder faſt alle von der Zeit bewirkten Beſchädigungen ausgebeſſert und als das ſo ſchön begonnene Werk beendigt war, nahm das Gebände ſeinen Rang als die edelſte und majeſtätiſchſte fürſtliche Reſidenz in der Welt ein. 2 236 Schloß Windſor. In eine genaue Beſchreibung von Wyatvilles Verſchö⸗ nerungen einzugehen, liegt nicht im Zwecke dieſes Werks; es mag aber eine kurze Ueberſicht derſelben gegeben werden. Niemals war ein ſtolzer Plan vollſtändiger ausgeführt wor⸗ den. Man betrachte das Schloß von Norden mit ſeiner großartigen Terraſſe von nahe an tauſend Fuß Länge und ſeinen zinnengekrönten Mauern, ſeiner prächtigen Vorderſeite mit dem ſtattlichen Brunswick⸗Thurm, dem Cornwall⸗Thurm mit ſeinem prächtigen Fenſter, Georg des Vierten Thurm mit dem großen Fenſter in der Vorhalle des Staatsempfang⸗ ſaals, den wiederhergeſtellten Stuart⸗Gebäuden und denen von Heinrich dem Siebenten und Eliſabeth, dem renovirten Normänniſchen Thurm, dem Pulverthurm nebſt der Mauer⸗ reihe bis zum Wincheſter⸗Thurm;— man betrachte dies und wende ſich dann gegen Oſten und beſchaue eine andre Facade von wunderbarer Schönheit, die ſich mehr als vier⸗ hundert Fuß von Nord nach Süd erſtreckt und den Prinz von Wales⸗Thurm, den Cheſter⸗, Clarence- und Victoria⸗Thurm umfaßt, welche alle über ihre frühere Höhe hinausgeführt und mit großen vorſpringenden Fenſtern ausgeſchmückt wor⸗ den ſind;— man betrachte auch den ſchönen vertieften Gar⸗ ten mit ſeinem Springbrunnen und Gewächshauſe, ſeinen Treppen und ſeiner reizenden fünfeckigen Terraſſe;— man begebe ſich nach der Südſeite, in welcher der Vietoria⸗Thurm mit ſeinen zierlichen Zinnen und vorgebautem Fenſter an der öſtlichen Ecke einen ſo hervorſtechenden prachtvollen An⸗ blick bietet, nach dem großartigen nach Georg dem Vierten benannten Thorweg, der von den York⸗ und Lanecaſter⸗Thür⸗ men eingefaßt wird und genau auf einer Linie mit der Langen Allee ſteht;— man betrachte den St. Georgs⸗Thorweg, Eduard des Dritten renovirten Thurm und den achteckigen Thurm daneben;— man betrachte alles dies und wenn es nicht die dem Genius, der alles erdachte, gebührende Be⸗ ———— Drittes Buch: Die Geſchichte des Schloſſes. 237 wunderung erweckt, ſo ſtaune man die Krone des Ganzen an, die alles Uebrige übertrifft: den Runden Thurm; man ſtaune ihn an und nicht bloß von hier aus, ſondern von den Höhen des großen Parks, von den Alleen des Schloßparks, von den Hainen von Eton, von den Wieſen von Clewer, Datchet und Brocas, von den Gärten der Flottenritter— von hundert andern Punkten;— man betrachte ihn bei Sonnenaufgang, wenn das königliche Banner aufgezogen wird oder bei Sonnenuntergang, wenn es geſenkt wird, in der Nähe oder aus der Ferne und man wird zugeben, daß er das Werk eines bewunderungswürdigen Baumeiſters iſt. Aber wir haben Wyatvilles Veränderungen noch nicht vollſtändig betrachtet. Man gehe durch St. Georgs⸗Thor⸗ weg und trete auf den großen Hof, auf den er führt. Man laſſe das Auge umherſchweifen von der innern Seite von Eduard des Dritten Thurm und Georg des Vierten Thor⸗ weg an bis zur ſchönen Vorhalle zu den Privatgemächern des Monarchen, der großen Fenſterreihe des öſtlichen Cor⸗ ridors, den ſtolzen Thürmen des zum Haushalt führenden Thorwegs; den hohen Spitzfenſtern der St. Georgen⸗Halle, dem Thurm am Haupteingange mit ſeinen edelgeformten Fen⸗ ſtern, bis es endlich bei den Stuart⸗Gebäuden und König Johann's⸗Thurm an der Ecke des ganzen Baus ausruht. Die von dem Baumeiſter im Innern angebrachten Ver⸗ änderungen entſprechen jenen an Glanz und Bedeutung. Längs der Süd⸗ und Oſtſeite des Hofes, den wir eben be⸗ ſchrieben haben, iſt ein geräumiger Corridor von fünfhundert und fünfzig Fuß in der Länge angebracht worden, der mit den verſchiedenen Gemächerreihen an dieſen Seiten des Hofes zuſammenhängt; ausgedehnte Veränderungen ſind mit den Haushaltgemächern vorgenommen worden; die Staatszimmer ſind wiederhergeſtellt und neueingerichtet worden; die St. Georgenhalle iſt durch Vereinigung mit der Privatkapelle 238 Schloß Windſor. erweitert(die einzige tadelnswerthe Veränderung) und dem gothiſchen Style wiedergegeben worden; und der Waterloo⸗ Saal iſt zur Aufnahme von Georg des Vierten königlichem Geſchenk an die Nation gebaut worden, nämlich der glän⸗ zenden Portraitſammlung, die jetzt darin aufgeſtellt iſt. „Der hauptſächlichſte und bemerkenswertheſte Charakter⸗ zug der Bearbeitungen Sir Jeffry Wyatville's an dem Aeußern,“ ſagt Herr Poynter,„iſt das geſunde Urtheil, mit dem er das Schloß Eduard des Dritten bewahrt hat. Einige Zuſätze ſind mit überraſchender Wirkung daran ge⸗ macht worden, wie der Brunswick⸗Thurm, der weſtliche Thurm von Georg des Vierten Thorweg, der einen ſo edeln Augenpunkt für die Lange Allee bildet. Die neueren Ge⸗ bäude an der Nordſeite ſind auch mit dem Uebrigen in Uebereinſtimmung gebracht worden; aber der Baumeiſter hat der Verſuchung widerſtanden, ſeine eigene Zeichnung an die Stelle derjenigen Wilhelm's von Whkeham zu ſetzen, und nicht geringe Schwierigkeiten haben bekämpſt und über⸗ wunden werden müſſen, um die Umriſſe des Gebäudes und die urſprüngliche Lage ſeiner Thürme zu bewahren.“ Der ehemals von Wilhelm von Wykeham bewohnte Wincheſter⸗Thurm ward Sir Jeffry Wyatville von Georg dem Vierten zur Wohnung verliehen und dieſem ausgezeich⸗ neten Baumeiſter bei ſeinem Austritt aus dem Amt von der jetzigen Königin auf Lebenszeit bewilligt. Die Arbeiten innerhalb des Schloſſes wurden ier der Regierung Wilhelm des Vierten fortgeſetzt; bei ſeinem Ab⸗ leben waren die Baukoſten bis auf 771,000 Pfund geſtiegen und man behauptet, daß ſich ſämmtliche Ausgaben bis auf die jetzige Zeit hin auf mehr als anderthalb Millionen belaufen. Die Ausſicht von der Spitze des Runden Thurms it über alle Beſchreibung prächtig und beherrſcht zwölf Graf⸗ ————— Drittes Buch: Die Geſchichte des Schloſſes. 239 ſchaften, nämlich Middleſer, Eſſer, Hertford, Berks, Bucks, Orford, Wilts, Hants, Surrey, Suſſer, Kent und Bedford; an einem hellen Tage kann man ſogar die Kuppel der St. Pauls⸗ Kirche von dort ſehen. Dieſer Thurm ward von Sir Jeffry Wuyatville um drei und dreißig Fuß erhöht, mit durchbrochenen Zinnen bekrönt und mit einem Flaggenthurm verſehen. Der Umfang des Schloſſes iſt 4180 Fuß; die Länge von Oſt nach Weſt 1480 Fuß, und die Ausdehnung ſeiner Ober⸗ fläche, mit Ausſchluß der Terraſſen, ungefähr zwölf Morgen. Gegenwärtig ſind die Arbeiten unterbrochen. Es iſt aber zu hoffen, daß Sir Jeffry Wyatville's Zeichnung bei der unteren Schanze vollſtändig ausgeführt werden wird, durch Abtragung der Häuſer im Norden, welche die St. Georgen⸗Kapelle von dieſer Seite verhüllen; durch Ein⸗ reißung der alten ſtörenden Gebäude im Weſten der Baſtei bei den hundert Stufen; durch Offenlegung des Spitzdachs der Bibliothek; durch Ausbeſſerung und Wiederaufbau der Curfew⸗, Hoſenband⸗ und Salisbury⸗Thürme im urſprüng⸗ lichen Sthle; und durch Errichtung einer unteren Terraſſe an der Außenſeite des Schloſſes von der eben erwähnten Baſtei bis zum Endpunkte der Verbeſſerungen, die von der Stadt aus zugänglich wäre; die Erbauung dieſer Terraſſe würde die Entfernung der entſtellenden und ſtörenden Häuſer an der Oſtſeite der Themſeſtraße bedingen. Wäre dies be⸗ werkſtelligt, wären Crane's häßliche Gebäude niedergeriſſen, die drei weſtlichen Thürme vom Hof aus zugänglich gemacht und der Hufeiſengang dauerhaft ausgebeſſert, dann würde Schloß Windſor in der That vollkommen ſein. Und in⸗ brünſtig hoffen wir, daß dies wünſchenswerthe Ereigniß die Regierung Vietoria's verherrlichen möge! Hier endet das dritte Buch der Chronik von Schloß Windſor. 6 — — N * .—— — 3 . „2 55 1 .—„ . —— — 2