F iothe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Okkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- un 1. Offensein der Bibliothek. 3 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von d Feſebedingungen. 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt 1 9 3 g den angenommen. 3. Caution. Unbekannte eines Buches, eine dem Werthe deſſelben hinterlegen, welche bei deſſ wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden beträgt: 5 Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ Morgens geliehenen Buches wird von zu 24 Stun⸗ Perſonen müſſen, bei Entgegennahme entſprechende Summe en Zurückgabe von mir zurückerſtattet für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: ——— auf 1 Monat: 7,— 5. Auswärtige Abonnenten baben fuͤr Hin⸗ der Bücher auf ihre eigenen Ladenpreis erſetzt werden.— lorene oder defecte Buch ein 7. Ausleihezeit. Dieſelbe beſonders darauf aufmerkſam gemacht, der Bücher nicht ſtattfinden 2 und 6 Bücher: ————ãxãx— 1 Mr.— Pf. 1 Wer. 50 Pf. 2 wer.— Pf. 2 3 4 g n- und Zurückſendung Koſten und Gefahr ſelbſt 6. Schadenersatz. Für beſchmutz defecte Bücher(namentlich bei ſolchen m zu ſorgen. te, zerriſſene, verlorene und it Kupfern ac.) muß der Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ 4— Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird darf, indem Diejenigen, ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben, daß das Weiterverleihen welche die⸗ 8 — Dr. A. Daezmank. 4 Neunter Band. Leipzig: Otto Wigand. (Eigenthum der Vereins Verlagsbuchhandlung.) 1846. Sohn des Teufels. Von Paul Feval. Deutſch von Dr. A. Diezmann. Neunter Band. Leipzig: Otto Wigand. (Eigenthum der Vereins⸗Verlagsbuchhandlung.) 1846. Das Geheimniss der Dreieinigheit. 1——————————— ͦ— Erſtes Kapitel. Auguy! Es war früh am Faſtnachtdienſtage. Die ſtil⸗ len und öden Straßen der Vorſtadt St. Honoré hatten noch ihr Alltagsausſehen. Nichts verrieth da das nahe Feſt; der vornehme Stadttheil kümmerte ſich nicht um die Nähe der Volksfreuden und ſchlief ermüdet von dem eignen parfümirten undtrüffelreichen Carneval. Er wußte kaum, daß zweimalhundert⸗ tauſend Pariſer an dieſem Tage durch die Stadt zie⸗ hen wollten, um einen dicken Ochſen zu ſehen, der von Fleiſcherburſchen umhergeführt wird. Es war ungefähr neun Uhr früh; die rothe Sonnenſcheibe ohne Strahlen ſchien im Nebel über der Madeleine zu hängen. Man ſah auf den Trot⸗ toirs nur Arbeitsleute, welche die Naſe in die Blouſe 1* ſteckten und einige Beamte, welche ungern zu dem Bureau eilten. Die Thüren im Hotel Geldberg ſtanden offen. Es war, wie geſagt, ein Muſterhaus, das ſtatt der Commis kleine Heiligen ſuchte. Seit einigen Minuten ging in der Straße dem Haupthore gegenüber langſam ein Mann auf und ab, der ſein frierendes Geſicht hinter dem Kragen ſeines Mantels verſteckte. Zwei oder dreimal hatte er ſich dem Thore des Hauſes genähert und in den Hof hineingeſehen, wo einige Diener mit Morgen⸗ arbeiten beſchäftiget waren. Er ſchien Jemanden zu ſuchen, den er nicht fand. Dann ſchritt er von Neuem über den Fahrweg und gelangte zu dem Trottoir, wo er ſein Auf⸗ und Abgehen fortſetzte. Dabei ließ er das Thor nicht aus den Augen und ſein Blick hob ſich fragend nach jedem der ver⸗ ſchloſſenen Fenſter des Hauſes. Er war bereits ſeit etwa zehn Minuten da. Nach dieſer Zeit konnte er bemerken, daß ſeine eifrige Promenade die Aufmerkſamkeit der Diener im Hofe und der Angeſtellten erregte, welche auf ihre Poſten eilten. Das wollte er offenbar nicht. Er ging deshalb um die Ecke der Straße Aſtorg herum und trat in 9 in das lange Gäßchen hinein, welches zur Straße Anjou an der Mauer des Gartens Geldberg hin⸗ führte. Von hier aus konnte er die Fenſter der hintern Facade wie die der breiten Seitenflügel ſehen und er blickte denn auch eifrig dahin. Vergebens; alle Jalouſien waren zu und das Haus ſah, beſonders von dieſer Seite ganz ver⸗ ödet aus. Er mußte einen andern Entſchluß faſſen oder ſeine Morgenpromenade auf unbeſtimmte Zeit fort⸗ ſetzen. Freilich hatte er nicht viel Zeit zu verlieren und auf der andern Seite verboten ihm triftige Gründe in das Haus hineinzugehen. Der Mann war der Baron von Rodach. Er war erſchienen, um Lea von Geldberg zu ſehen und rechnete auf Klaus, um ihr ein Brief⸗ chen zuzuſtecken. Zwei Perſonen in Paris würden ſich gewaltig gewundert haben, wenn man ihnen unerwartet den Baron in dem Gäßchen Anjou gezeigt hätte. Aber wenn man ihnen die eidliche Verſicherung gegeben hätte, daß er da ſei, würdenſie es nicht geglaubt; wenn man ihnen den Auf- und Abgehenden von fern gezeigt hätte, würden ſie die Achſeln gezuckt haben; hätte man ihm den Kragen zurückgeſchlagen und ſo ſein männliches Geſicht enthüllt, ſie würden noch IX. 2 immer und ernſtlich gezweifelt, ſie würden geglaubt haben, von einem Traume genarrt zu werden. Dieſe beiden Perſonen hießen Reinhold und Abel von Geldberg. Man beurtheile es ſelbſt. Der junge Abel kam eben auf ſeinem Lieblingspferde Luzarches, von der erſten Station auf dem Wege nach Holland, zurück, wo er nach einer warmen Umarmung den nach Am— ſterdam reiſenden Baron von Rodach verlaſſen hatte. Ein Irrthum oder ein Betrug war gar nicht möglich. Abel hatte den Baron begleitet und anderthalb Stunde neben ihm im Poſtwagen geſeſ⸗ ſen; er hatte ihm die nöthigen Nachweiſungen gegeben, welche der Baron zu der Unterhandlung mit Fabricius van Praet brauchte. Wie konnte er ſich alſo irren? Er kannte Rodach ſeit dem vorigen Tage und der Eindruck, den dieſer merkwürdige Mann auf ihn gemacht hatte, war tief und noch ganz friſch. Abel hatte nicht Zeit gehabt ihn zu vergeſſen. Deshalb würde ihm ſchon der Gedanke an einen Zweifel lächerlich und unmöglich vorgekommen ſein; er kam im Trabe zurück, zufrie⸗ den mit dem Baron und namentlich mit ſich ſelbſt ſelbſt ſehr zufrieden. Er hatte ſich ſo klug benommen, eine ſo ſchlaue Diplomatie bei der ganzen Sache gezeigt! Seine Aufgabe war vollendet; er konnte von nun an in d 11 ſüßer Sicherheit ſchlafen und ruhig ſeine Liebe zwi⸗ ſchen ſeinen Pferden und ſeiner Tänzerin theilen. Der Ritter von Reinhold war nicht ſo weit gekommen als Abel, ſondern nur bis zum Poſthauſe, wo er den Herrn von Rodach in den Poſtwagen hatte ſteigen ſehen. Er hatte aber das Poſthaus erſt dann verlaſſen als die Poſt in Galopp nach Boulogne abgefahren war. Und der Ritter war wie der junge Abel in die Straße Ville⸗l'Evéque die Hände reibend zurück⸗ gekommen; er hatte Rodach dieſen Morgen noch martialiſcher gefunden als am Tage vorher, ganz den Mann, welcher den barſchen Ungar zur Vernunft zu bringen im Stande ſei. Reinhold war ſeiner Sache eben ſo gewiß wie der junge von Geldberg und wir werden ſpäter ſehen, welcher von beiden ſich irrte oder ob ſie ſich beide irrten. So viel war gewiß, daß ſie feſt und mit Grund glaubten. Nach der Meinung des Einen fuhr er nach Amſterdam, nach der des Andern nach London. Gewiß iſt es aber auch für uns, daß der Baron hinter dem Hauſe Geldberg in dem Anjou⸗Gäßchen auf und abging. Wer zwiſchen dem Kragen ſeines Mantels, der ohne Zweifel wegen der ſchneidenden Kälte dieſes Wintermorgens aufgeſchlagen war, ſein männ⸗ 2* — —— g‚;· — liches edeles Geſicht geſehen hätte, würde ihn gar nicht für fähig gehalten haben, den dreifachen Faden dieſer ſeltſamen Comödie anzuknüpfen; denn dies ließ eine faſt diaboliſche Intriguenſucht vermuthen und die Offenheit in den ſchönen Zügen Rodachs keinen Gedanken an Liſt und Betrug aufkommen. Was alſo war es? Der Baron blieb noch einige Minuten geduldig, weil er immer hoffte, der Zufall würde ihm den Klaus zuführen oder das reizende Geſichtchen Leas ſich an einem der Fenſter zeigen; aber weder Lea noch Klaus erſchienen und die wenigen Vorüber⸗ gehenden fingen an ihn neugierig anzuſehen. Der geringſte Umſtand konnte jeden Augenblick Leute daher führen, die der Baron gern vermieden hätte. Er ging bis an das Ende des Gäßchens und ſah ſich nach beiden Seiten des Trottoirs um. An der Ecke der Straßen Aſtorg und Ville⸗l'⸗Evéque bemerkte er einen Auvergnaten, der neben ſeinem Haken ſaß. Mehr brauchte er nicht. Er riß ein weißes Blatt aus ſeinem Notizbüchlein und ſchrieb einige Worte an Klaus darauf. Während er auf ſeinem Knie ſchrieb, entſtand hinter ihm ein leichtes Geräuſch. 13 Der letzte Schlag der neunten Stunde verklang an der Uhr in dem Palaſte. Rodach ſah ſich um und bemerkte, daß ein Thür⸗ chen in der Gartenmauer ſich öffnete. Ein gelbliches runzeliges Geſicht unter dem gro⸗ ßen Schirme einer Pelzmütze zeigte ſich, dann ein hagerer Körper in einem Rocke, über den ein kurzer Mantel geworfen war. Rodach brauchte nur einmal hinzuſehen, um an der ſeltſamen Haltung den Alten zu erkennen, wel⸗ cher ihm am Abende vorher in dem Corridor erſchie— nen war als er das Zimmer Leas verließ. Diesmal wie am vorigen Tage erſchien der Alte in einer geheimnißvollen Weiſe. Es war wohl eine Thüre da, aber Rodach hatte ſie nicht bemerkt. Diesmal wie am vorigen Tage ſchien der Alte ſchüchtern zu ſein; er ſah vorſichtig unter dem großen Mützenſchirme nach allen Seiten hin. Als er Ro⸗ dach erblickte, kehrte er ſchnell um und trat wieder in die Thür hinein, welche ſich wie durch Zauberei ſchloß. Rodach ſtand einen Augenblick mit feſt auf die Thüre gehefteten Augen da; ſein Geſicht, in dem ſich Ueberraſchung äußerte, war nachdenklich. Seine Gedanken nahmen eine andere Wendung. Er zerriß das geſchriebene Blatt und ging um die Ecke des Gäßchens herum, um nicht mehr geſehen zu werden. Da wartete er. Zwar konnte er von den Leuten geſehen werden, welche in den Palaſt gingen, aber obgleich ihm viel daran lag nicht erkannt zu werden, ſo hielt er doch feſt auf ſeinem Poſten aus und drückte nur den Hut tiefer über die Stirn. Es vergingen zwei oder drei Minuten und das Thürchen in der Gartenmauer blieb verſchloſſen. Nach dieſer Zeit knarrte ſie leiſe und der kleine Alte erſchien wiederum auf der Schwelle. Sein ſchüchterner Blick prüfte das Gäßchen noch aufmerkſamer, es war aber jetzt Niemand da. Der Alte ſchloß die Thür raſch zu und ging mit unſichern Schritten nach der Anjou⸗Straße zu. Rodach trat hinter ſeinem Verſtecke hervor und folgte ihm. Der Alte ging zuſammengebückt und hüllte ſich ſo gut als möglich in ſeinen Mantel. Sein unſiche⸗ rer und wankender Gang beſchrieb in dem Gäßchen Zickzacks und man konnte erwarten ihn jeden Augen— blick fallen zu ſehen; aber ſeine grauen kleinen Augen waren beſſer als ſeine Beine; er vermied vorſichtig alle Hinderniſſe. Rodach ging ſo leiſe als möglich, damit ſeine Schritte nicht gehört würden, aber es gelang ihm nicht. In der Mitte des Gäßchens drang der 15⁵ Schall derſelben bis zu dem Ohr des Alten, der erſchrak ohne ſich umzudrehen und deſſen Gang ſeine Beſorgniß und ſein Zögern verrieth. Es dauerte lange, ehe er ſich entſchloß einen Blick rückwärts zu werfen. Rodach ſah wie ſeine Pelzmütze ſich halb zur rechten Seite, dann zur lin⸗ ken wendete. Der Alte wagte es nicht. Er war⸗ tete bis zu einer Biegung der Gaſſe, um ſchnell zurückzuſchauen. Er ſah da, was er zu ſehen fürchtete: die hohe Geſtalt des Barons, die mitten in dem öden Gäß⸗ chen ſtand. Da zog der Alte die Falten des Man⸗ tels noch ſtraffer um den hagern Körper und zeigte eine unerwartete Gelenkigkeit. Sein Körper richtete ſich auf und fing an zu laufen. Leider war der Kampf ein gar zu ungleicher, denn der Baron brauchte nur etwas längere Schritte zu machen, um immer in der Nähe des Alten zu bleiben. Man kam aus dem Gäßchen hinaus und gelangte in die Anjou⸗Straße. Häufig drehete ſich der Alte um und Rodach konnte ſehen, wie er ärgerlich das Geſicht verzog. Der raſche Gang ermüdete den Alten offenbar. Nach zwei oder dreihundert Schritten ſchlug er den kurzen Mantel auseinander, knüpfte ſeinen Rock auf und wiſchte ſich das Geſicht mit einem carrirten baumwollenen Tuche ab. Sein Gang indeß wurde ihn hinter der Ecke einen Augenblick aus den Augen und ging raſcher. noch immer nicht langſamer, aber man ſah es ihm. ſch an, daß er ſich nur noch krampfhaft bewegte. 1 An der Ecke der Anjou⸗Straße drehete er ſich⸗ un zum letzten Male um und ſein hageres runzeliges Geſicht drückte wirkliche Angſt aus. Rodach verlor d Als er um die Ecke kam, war der Alte ver⸗ vf 5 ſchwunden. g 6 Die Straße war zwar nicht ganz verödet, es 3 gingen aber nicht viele Leute in derſelben, ſo daß man ſie ungehindert überſehen konnte. Der Baron A blickte nach allen Seiten hin und entdeckte keinen V Eingang, durch welchen der Alte hätte verſchwinden 17 können. Einen Augenblick blieb er überraſcht ſtehen. In V der Nähe waren keine Gäßchen und alle Häuſer hatten ihre Thüren zu, wie es in dieſer Gegend ge⸗ bräuchlich iſt. Es war wahrhaft wunderbar; wie aufmerkſam —, auch Rodach in alle Winkel blickte, er konnte nichts V 1 ſehen und verzweiflungsvoll kehrte er nach dem Pa⸗ V 1 laſte Geldberg um. Nach einigen Schritten beſann er ſich indeß eines Beſſern, denn er erinnerte ſich, daß er noch etwas Anderes zu erledigen habe. Gerade da, wo er —y——. 5 er 17 ſtehen blieb, hielt ein Miethwagen, der ganz ver⸗ ſchloſſen war. Rodach ſah ſich nach dem abweſenden Kutſcher um und wollte den Wagen öffnen. „Es iſt Jemand da,“ ſagte eine Stimme wie die einer alten Frau darin. Rodach ging ſogleich nach dem Boulevard weiter. Kaum war er verſchwunden als der Wagen ſich öffnete und der alte Mann mit dem Mantel und großen Mützenſchirme herausſah. Offenbar hatte er Luſt noch länger drinnen zu bleiben, aber der Kutſcher, welcher aus dem nächſten Wirthshauſe kam, kehrte zu ſeinen Pferden zurück. „Der Spitzbube wäre im Stande Bezahlung von mir zu verlangen,“ brummte der Alte, der ihn von ſern kommen ſah. Er ſtieg alſo aus und ſetzte raſch den Weg fort. Der Temple war von Menſchen angefüllt, denn es war die Stunde dieſes ſeltſamen Marktes, in welcher der Pariſer Trödel ſeine Lumpenhaufen auf⸗ thürmt und die arme Speculation in abgeſetzten Kleidungsſtücken nicht mehr und nicht minder ma⸗ növrirt als die reiche in wirklichen oder eingebildeten Millionen. ————— ————— Auf den erſten Anblick könnte man glauben, daß die Lumpen wenigſtens eine Wahrheit ſein wür⸗ den, aber ach überall, wohin die Speculation ihre Hand legt, mag es ſich um Kupfermünzen oder Banknoten handeln, ändert ſich die Atmoſphäre in ein trügeriſches Prisma um und das Auge ſieht nur Lügen.. Wer nackt iſt und das ſehr natürliche Bedürfniß fühlt ſich zu bekleiden, gehe ja nicht in den ſoge⸗ nannten„Schwarzwald,“ auf den täuſchenden Platz, die Heimath der Schuhe mit Pappſohlen, der mit ſchwarzer Kreide ausgebeſſerten Fracks ꝛc.; er gehe nicht dahin; die Beinkleider, die ihn ver⸗ locken, ſind ein Trugbild; dieſe faſt nette Weſte exiſtirt gar nicht, ſie iſt ein ausgebeſſertes Nichts; dieſer ſo gläͤnzende Hut wird bei dem erſten Re⸗ gen zuſammenſinken und das gefärbte Halstuch dem Halſe das geben, was ihm ſelbſt fehlt, eine dauer⸗ hafte Farbe. O Scham, ſelbſt das Hemd..! Er gehe nicht hin, denn er würde ſicherlich verlockt wer⸗ den; es giebt da unwiderſtehliche Verſuchungen. Alles iſt gegen den Käufer; es beſteht eine enge Verbindung, deren Statuten jedem Profanen den Krieg erklären. Hülle Dich in einen zerlöcherten Mantel wie die griechiſchen Philoſophen, aber gehe nicht in den Temple. Man kann nichts wiſſen, ehe man es geſehen hat. 19 Manche prahlen und ſagen:„ich laſſe mich nicht verführen.“ Aber das iſt unmöglich. Sobald man in die Rotunde und den„Schwarzwald“ hineintritt, zucken die Augenlider wie geblendet; die da aufge⸗ häuften Sachen verwandeln und ſchmücken ſich, die Flecken verſchwinden und die Löcher ziehen ſich zu⸗ ſammen wie durch Zauberei. Der ſchrecklichſte Lap⸗ pen bekommt ein zierliches Ausſehen; Lumpen giebt es gar nicht mehr. Und um den armen Teufel her, der dahin geht, werden trügeriſche Worte geſprochen; das Kauder⸗ welſch verſchwendet von einem Ende bis zum andern ſeine unverſtändlichen Metaphern. Vergebens will man ſich ſtemmen, der Zauber wirkt; man kauft und iſt getäuſcht; es iſt ja ſo verlockend, ſeinen gan⸗ zen Anzug mittelſt eines Thalers zu erneuern. Aber man vertauſcht ſein einäugiges Pferd gegen ein blindes. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß der Markt am Faſtnachtsdienſtage einer der ſchönſten im Jahre iſt. Er liefert Verkleidungen zur Zeit des Carnevals und es iſt immer möglich, ſeinen Rock gegen einen hüb⸗ ſchen Ballanzug auszutauſchen. In dem Augenblicke, wo wir auf den Rotunden⸗ platz treten, ſtrömten von allen Seiten Käufer und Verkäufer herbei; man erkannte die deutſch⸗jüdiſche Sprache der Trödler, die ihre Waaren anprieſen und in die ſich der näſelnde Ton der Leute aus der Nor⸗ mandie miſchte, die ſich ebenfalls in großer Anzahl im Temple finden. An den Thüren der Weinſchenken ſtrömte es aus und ein wie in einem Bienenſtocke. Die triumphi⸗ renden Trödlerinnen führten ihre Beute davon; ein Augenblick genügte den Käufer auszukleiden und ein anderer, ihm einen ganz neuen Anzug anzulegen. Alles war vollkommen, nichts war unpaſſend; der zu Rathe gezogene Schenkwirth erklärte, daß der Anzug nirgends eine Falte zeige. Unter der Menge würden wir leicht mehrere un⸗ ſerer Bekannten erkannt haben. Im dichteſten Ge⸗ dränge bot die Frau Batailleur, die Unermüdliche, Sammetpantalons und andere männliche Bedürfniſſe aus; ſie kaufte und verkaufte ohne Rückſicht auf ihren vornehmen Namen St. Noch, den ſie von Abends acht Uhr an führte; ſie verſchmähete es nicht Hand ans Werk zu legen und ihre Kleidungsſtücke ſelbſt anverſuchen zu helfen. Ihr eigener Anzug paßte für den Ort; an die Stelle der Seide war Kattun getreten und ihr prah⸗ lendes Spitzenhäubchen mit feuerfarbigen Bändern hatte einem nachläſſig umgebundenen Tuche weien mußten. Sie arbeitete auch mit Vorliebe; ſie verſchmähete nichts; ſie war eine Muſtertrödlerin. 21 Fritz zeigte auf der Schwelle der beiden Löwen ſein bleiches Geſicht; Niemand kaufte von ihm; er ſtand in finſterer Trägheit da. Er hatte bereits ſeinen Morgentrunk zu ſich genommen und ſein Verſtand wiegte ſich in einer Art Schlummer. Etwas weiter hin, unter den Säulen, verkauften Malou genannt Grünmütze und Pitois genannt Dachs brüderlich die gemeinſam geſtohlenen Bein⸗ kleider. Es hatte ſich ein Kreis von Dandies ver⸗ ſammelt, weil ihre Pantalons ſchön und nicht theuer waren. Auch Polyt war da, betrachtete das feine Tuch mit begehrlichem Blicke und verwünſchte den Geiz ſeiner Königin. Polyt hatte die fetten Tiſche in den„vier Hai⸗ monskindern“ zu gewiſſenhaft abgewiſcht; ſeine Elnbogen trugen deutliche Spuren davon an ſich und ſeine Weſte hatte zahlreiche Flecke. Hier und da betrieben im Gedränge Hermann und die andern Deutſchen, die Stammgäſte der „Giraffe“ ihr Gewerbe mit mehr oder minder Gluͤck. Johann, der Weinſchenk, ging ernſt und ſtolz, aie es einem Manne von ſeiner Bedeutung ziemte, vor dem Markte auf und ab. Er grüßte die Be⸗ kannten, aber ohne Vertraulichkeit, denn er fühlte bereits die zukünftigen Renten in der Taſche. An der andern Seite der Rotunde wartete Nono, die arme Ausläuferin, welche das tägliche Almoſen von Gertrud erhalten hatte, auf ihren Herrn und kehrte den Laden aus. Araby hatte ſich auffallend verſpätigt und das fiel auf, denn an großen Markttagen kam er ſonſt immer früher als gewöhnlich. Einige, die Geld brauchten, waren bereits vor dem Laden des alten Wucherers erſchienen und das Mädchen hatte ſie fortſchicken müſſen. Vergebens ſah ſie nach der kleinen Seilerſtraße hin, vergebens horchte ſie um das Lachen der Kinder und den Spottruf zu hören, welche meiſt die An⸗ kunft Arabys verkündigten. Endlich glaubte ſie dieſen Lärm, den Vorläu⸗ fer der Ankunft ihres Herrn, zu vernehmen; ſie rich⸗ teten ſich auf die Fußſpitzen auf und ſah wirklich an der Ecke des Platzes eine luſtige Kinderſchaar, welche den Alten verlachten. „Auguy! Auguy!““*) riefen die Kinder.„He, alter Vater Araby!“ In dieſem Augenblicke kam Hans Dorn aus *) Es iſt dies ein nur im Temple vorkommender Ausdriſc. Die Kinder begleiten ihn mit einer Geberde, die darin beſteht, daß ſie einen Zipfel ihrer Blouſe wie ein Ohr formen und emporſtrecken. Dieſer Ruf und dieſe Geberde gelten als der blutigſte Schimpf. 23 ſeinem Hauſe; er begleitete den Baron von Rodach, deſſen Wagen vor ſeiner Thüre hielt. Die Kinderſchaar kam heran und mehrmals hörte der Baron den Namen Araby; ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit wurde endlich rege gemacht und er ſah ſich nach der Schaar um, die ſich bereits entfernte. Da bemerkte er etwas Fahles und Zitterndes, das nach der Rotunde ſich hinwendete. Er konnte es nicht erkennen und unterdeß ver⸗ ſchwand der alte Araby, der ſich kaum noch auf den wankenden Beinen aufrecht halten konnte, in ſeinem Laden. Die Kinder blieben einen Augenblick vor demſel⸗ ben ſtehen, dann zerſtreuten ſie ſich, nachdem ſie noch einmal gerufen hatten!„He, Araby! Auguy!““ Zweites Kapitel. Die Glocke. Der Baron war gegen halb zehn Uhr im Temple angekommen, nachdem er vergebens dem kleinen Alten aus dem Anjou-Gäßchen gefolgt. Als er über den Hof im Hauſe Dorns ging, erblickte er eine Gruppe von drei Männern von dürftigem Aus⸗ ſehen, welche die Thüre der Regnaults zu bewachen ſchienen. Auf der Treppe ritt Geignolet auf der Lehne und ſah die Gruppe mit ſeinem blödſinnigen Lä⸗ cheln an. Der Baron dachte nicht an die arme Frau, welcherer am vorigen Tage in dem Vorzimmer Geld⸗ bergs getroffen hatte; er wußte gar nicht, wo die Mutter Regnault wohnte. Sein Blick glitt über die drei Männer hin, denen nen man von weitem die Häſcher anſah. Er ging die Treppe Dorns hinauf, während Geignolet einen neuen Vers improviſirte, um die Ankunft der Män⸗ ner, die ſeine Großmutter holen wollten und das Verſchwinden Johanns zu feiern, den man ſeit dem vorigen Abende nicht wiedergeſehen hatte. Geigno⸗ let brachte wie Homer die Geſchichte in Verſe und ſang eben, daß er in die Morgue gehen wolle, um zu ſehen, ob ſein Bruder ertrunken wäre. Während er die drei Gerichtsdiener mit ſeinen blöden großen Augen anſah, ſtreichelte er unter der Blouſe den großen Nagel, den er auf dem Pflaſter ſcharf gemacht hatte. Es war dies ſeine Waffe und er wartete mit Ungeduld auf den Augenblick, in dem er ſich deſſelben würde bedienen können. Uebrigens betrachtete nicht Geignolet allein die Gerichtsdiener, auch andere Augen beobachteten ſie, ſeit ſie angekommen waren, zwei ſchöne traurige Augen. Gertrud nämlich ſtand hinter dem Vorhange ihres Fenſters und ſuchte in das Kämmerchen Jo⸗ hanns hineinzuſehen. Warum zeigte ſich Johann nicht? Was die Männer mit den unheimlichen Geſichtern ſuchten, errieth ſie recht wohl; aber warum war Johann nicht da, der ſeine Großmutter ſo ſehr liebte? Was war in der vergangenen Nacht geſchehen? IX. ——— ——ä ———— — 26 Gertrud machte ſich ihre Gleichgiltigkeit am vori⸗ gen Abende zum Vorwurfe. Sie hatte Johann fortgeſtoßen, weil ſie das Geheimniß des Fräulein von Audemer bewahren wollte und ſie glaubte nun den traurigen Blick des armen Drehorgelſpielers wieder vor ſich zu ſehen; er kümmerte ſich gewiß ſehr und war eiferſüchtig. Und dieſen Morgen hatte ſie ihn nicht zurück⸗ kommen ſehen, wie er es doch verſprochen hatte, um die geliehenen Kleidungsſtücke zurückzubringen. Er war ſo unglücklich und Gertrud fürchtete.. Ach wie gern hätte ſie ihn wieder geſehen, ihm zugelächelt, ſeine Thränen liebkoſend getrocknet. Wie liebe gute Worte hielt ſie ſchon bereit, um ihn zu tröſten und ſein armes verletztes Herz zu heilen! Aber der kleine Vorhang an ſeinem Fenſter, der ſich um dieſe Zeit früh immer hob, blieb unbeweg— lich; das Kämmerchen Johanns war leer. Und die Männer, welche im Hofe ſtanden, beriethen ſich mit einander. Gertrud erklärte ſich ihre Geberden und errieth ihre Worte. Sie wollten hinaufgehen, um die alte Frau von ihrem Lager zu reißen und ſie in das ſo gefürchtete Gefängniß zu ſchleppen. Als der Baron eintrat, hatte Gertrud kein Lächeln für ihn. Sie zeigte ſtill auf die Thür ihres Vaters und kehrte traurig an das Fenſter zurück. Der Kleiderhändler ſuchte das geſtern Verſäumte 27 nachzuholen und brachte ſeine Rechnung in Ord⸗ nung; um den Baron mit der gebührenden Achtung zu empfangen, ſchlug er ſein dickes Buch zu. „Freund Dorn,“ ſagte der Letztere, der einen Stuhl genommen hatte,„eben jetzt bedarf ich Ihrer Hülfe. Sie ſind abgereiſt, ich bin allein und die Gefahr, welche wir beſeitigt wähnten, zeigte ſich drohender als je.. Wir kannten den gefährlichſten Feind unſeres Franz noch gar nicht.“ „Iſt es nicht der Mann, der ihn durch Verdier ermorden laſſen wollte.“ „Eine Frau iſt es, eine Frau, die er geliebt hat und die er vielleicht noch liebt.“ Dorn, welcher ängſtlich die Augenbrauen zu— ſammengezogen hatte, lächelte beruhiget. „Gnädiger Herr,“ ſagte er,„meine Tochter hat Franz geſtern Abend geſehen und ich glaube den Namen derer zu kennen, die er liebt.“ „Die Frau von Laurens?“ begann der Baron. „Fräulein von Audemer,“ unterbrach ihn Dorn. Die Züge Rodachs heiterten ſich einen Augen⸗ blick auf. „Deniſe!“ flüſterte er.„Ich habe ſie früher geſehen. Sie erinnerte mich als ſie noch Kind war an Margarethen.“ 3* — — —— 28 „Wenn Franz bei ihr iſt, könnte man ſie für Geſchwiſter halten.“ „Und ſie lieben einander?“ ſprach der Baron leiſe vor ſich hin, dann ſank ſein Augenlid langſam. Es zeigten ſich in ſeiner Beſorgniß Bilder eines künf⸗ tigen ruhigen Glückes; die Zukunft legte einen Augenblick den ſchwarzen Schleier ab und lächelte ihm zu. Es lag für ihn in dieſer Liebe etwas Rei⸗ zendes und gleichſam eine Fügung des Himmels. Die Hand Gottes ſelbſt, meinte er, habe die Kinder der Opfer einander zugeführt, die Tochter Raimonds von Audemer und den Sohn Margarethens von Bluthaupt. Er betete in Gedanken andächtig, dann aber runzelte von Neuem die Beſorgniß ſeine Stirn, die ſich tiefer und tiefer ſenkte. „Von Deniſe ſpreche ich nicht,“ fuhr er fort. „Freund Dorn, in den Adern des Jünglings fließt warmes kühnes Blut. Die Fehler ſeines muthigen Geſchlechtes und die leichtſinnige Jugend treiben ihn blindlings zu allen Freuden. Ich kenne ihn bereits ſo gut, als hätte ich ihn von Kindheit ſtets um mich gehabt. Er hat ein braves ſtolzes Herz mit leich— tem Sinn. Die Sinnlichkeit hat in ihm nie einen Zügel gekannt und nie hörte er die Warnungen eines Vaters. Gnügte eine Liebe für das leidenſchaftliche Herz?“ Sein Blick, der unter den halbgeſchloſſenen Augenlidern hervorblitzte, ſchien unwillkührlich Freude und Stolz auszudrücken. „Würde ich ihn mehr lieben, wenn er anders wäre?“ fuhr er dann fort;„habe ich mir ihn in meinen einſamen Nächten nicht ſo vorgeſtellt, mu⸗ thig, feurig, ſeine kräftige Jugend an Frauen, an das Spiel, an Abenteuer verſchwendend? Wir wollen ihn ſchon beſſern, Freund Dorn, aber pfui über das ſanfte ſchon im Voraus gebändigte Roß, das ſeine Sprünge mäßigte ſchon ehe es Zaum und Gebiß fühlte!“ „Manchmal,“ entgegnete Dorn traurig,„ſieht 4 freilich das zu feurige Roß den Abgrund nicht, der vor ihm gähnt.“ „Wir ſind da,“ entgegnete Rodach indem er den Kopf ſtolz emporrichtete,„und Gott, der in der Armuth das verbannte Blut der edeln Grafen ge— ſchützt hat, wird ſein Werk nicht unvollendet laſſen. Aber wir wollen uns bereit halten und wachen, Dorn.“ Dorn legte die Hand auf ſein Herz. „Gnädiger Herr,“ ſagte er,„ich bin zu Allem bereit.“ „Die Frau, von der ich ſprach,“ fuhr Rodach fort,„hat ihn flüchtig geliebt; ſie fürchtet ihn nun und haßt ihn. Sie gehört zu den Menſchen, die beſon⸗ 2— —=— — 30 ders ſtark im Böſen ſind und die tiefſinnige Berech⸗ nung einer vollendeten Erfahrung auf das Verbre⸗ chen anwenden. Ich habe Deutſchland verlaſſen, um in Paris eine letzte Schlacht zu ſchlagen und doch werden wir in Deutſchland kämpfen müſſen. Wir ſind ſtark; der Zufall und mein Wille haben überdies furchtbare Waffen in unſere Hände gegeben, aber ich fürchte jene Frau, die vielleicht Franz in eine Schlinge zu locken und ihn im Augenblicke des Sieges zu verderben verſteht.“ Hans Dorn verſtand das nicht und wartete auf eine Erklärung. Rodach erzählte ihm den Auftritt, der am vori⸗ gen Abend zwiſchen ihm und der Kleinen ſtattgefun⸗ den hatte. Dorn hatte auch bereits von dem großen Feſte im Schloſſe Geldberg ſprechen hören und ein kalter Schauer durchrieſelte ihn bei dem Gedanken an das alte Schloß und das Gebirge umher. „Der kleine Günther muß in Paris bleiben,“ rief er aus und er nannte Franz in dieſem Augen⸗ blicke der Erregung mit einem Namen, den er nie mehr auszuſprechen ſich gelobt hatte;„wir dürfen ihn wahrhaftig nicht in das verfluchte Schloß gehen laſſen, in welchem ſo viele Verbrechen begangen worden ſind. Manche Orte bringen Unglück.“ Rodach dachte einige Augenblicke nach. „Paris iſt groß,“ ſagte er endlich,„und für uf ür 31 Geld findet man für jede Arbeit bereite Hände. Wenn ich hier bleiben und Franz bewachen könnte, würde ich den Rath befolgen, aber wir werden alle bei dem Feſte ſein.“ „Meinen Sie auch mich?“ fragte Dorn. „Auch Sie meine ich und alle Ihre Freunde, deren Herz dem Andenken Bluthaupts treu geblie⸗ ben iſt. In unſerer Abweſenheit könnte ſich ein anderer Verdier finden und wer würde dann ſeinen Degen zwiſchen die Bruſt des Knaben und den ver⸗ fluchten Stahl des Mörders legen? Franz muß auch in das Schloß Bluthaupt gehen.“ Der Kleiderhändler verbeugte ſich ſchweigend, aber ſein offenes Geſicht, das nichts zu verheimlichen verſtand, behielt einen Ausdruck von Furcht und Zweifel. „Er muß in das Schloß Bluthaupt reiſen,“ wiederholte der Baron;„am meiſten zu fürchten iſt nur die unbekannte Gefahr und ich weiß, welche Waffen man für dieſes Feſt in Deutſchland vorberei⸗ tet hat. Eine Verwechſelung trug mir das Ver⸗ trauen der ältern Tochter des Moſes Geld ein; ſie theilte mir ihre Pläne und die Pläne der drei Ge— noſſen mit. Dieſe folgen noch immer dem Geleiſe des erſten Verbrechens und dingen in dieſem Augen⸗ blicke Mörder, welche auch bei dem Feſte ſein ſollen. 32 Die Mörder herbeizuſchaffen hat der Weinſchenk Johann übernommen.“ In den Augen Dorns leuchtete ein Blick zorni⸗ gen Unwillens. „Das hätte ich mir denken können!“ ſagte er mit finſterer Stimme vor ſich hin.„Ich habe ihn viele Jahre Freund genannt, aber wir kommen ein⸗ ander jeden Tag gegenüber und.. dann verzeihe ihm Gott!“ „Die Frau des Wechſelagenten von Laurens,“ fuhr Rodach fort,„beſchränkt ſich nicht blos darauf an dem Complott der Andern Theil zu nehmen, ſie handelt auch für ſich ſelbſt. Sie wird Franz in das Schloß bringen und nach Deutſchland einen Mann locken, dem ſeine Duelle einen gewiſſen Ruf verſchafft haben.“ „Noch ein ungleicher Kampf?“ unterbrach ihn Dorn. „Sie rechnet darauf.“ „Und Sie denken ihn verhindern zu können?“ „Ich hoffe es?“ Dorn ſchuttelte den Kopf. „Sie iſt ſo ſchön,“ ſagte er,„und die, welche ſie lieben, verlieren den Verſtand und das Ge⸗ wiſſen.“ „Der, von welchem ich ſpreche,“ unterbrach ihn der Baron, um deſſen Lippen ein Lächeln ſchwebte, „lie denn wen Sta Ged den „die Par Nac lan Unte daß alch Wa⸗ unbe auf 8t hau unte witd Lat ſein 33 „liebt ſte nicht. Das iſt freilich nicht viel geſagt, denn das Weib beſitzt einen eiſernen Willen und wenn ſie keinen Männerarm findet, wird ſie den Stahl ſelbſt gebrauchen.“ „Gnädiger Herr,“ ſagte Dorn, der bei dem Gedanken an die Hand der Frau erbleichte, welche den Tod unter der liebkoſenden Anmuth verbarg, „die Gefahr iſt überall, ich weiß es wohl, aber in Paris können wir, da wir alles wiſſen, Tag und Nacht über ihn wachen. Da unten in Deutſch⸗ land..“ „Werden wir ihn Tag und Nacht bewachen,“ unterbrach ihn Rodach.„Bedenken Sie, Dorn, daß wir nicht blos ein Leben zu bewachen, ſondern auch eine reiche Erbſchaft zurückzufordern haben. Was liegt daran, daß ein Bluthaupt lebt, wenn er unbekannt und überwunden lebt? In Deutſchland, auf den Beſitzungen der edeln Grafen ſehe ich unſer Schlachtfeld. Noch leben dort Leute, die ſich Blut— haupts erinnern. Möge Gott mit dem Kinde ſein unter mächtigen Feinden und treuen Freunden! Er wird als Sieger oder todt in dem Hauſe ſeines Vaters bleiben.“* Das Geſicht Rodachs war ſtolz und ernſt; nur ſein Ton verrieth ſeine tiefe Rührung. Er hatte die Arme auf der Bruſt über einander gelegt. Während er die letzten Worte ſprach, hoben ———— — — ——-—— — 34 ſich ſeine Augen mit andächtigem Gebete zum Him⸗ mel empor. Dorn hörte ihn an und faltete die Hände. Es herrſchte eine ziemlich lange Pauſe. „Aber warum vom Tode ſprechen?“ rief der Baron mit einemmale in anderem Tone aus; „klingt es nicht als überlieferten wir den jungen Blut⸗ haaupt ſchutzlos dem Zufall des Kampfes, der über ſein Schickſal entſcheiden ſoll? Er muß auf der Bre⸗ ſche ſtehen wie es den Söhnen ſeiner Väter ziemt, doch will ich ihm vorher eine feſte Rüſtung geben. Freund Dorn, ich denke unabläſſig daran und wenn der Schlaf meine müden Augen ſchließt, träume ich davon. Alle Nächte ſehe ich ſeine ſanfte liebliche Mutter, Margarethen, die mit vertrauensvollem Lächeln zu mir ſagt:„ich hoffe auf Dich und bete für Dich. Der letzte Name, der mit meinem letzten Seufzer auf meine Lippen trat, war der Deinige. Arbeite, arbeite und Du wirſt ihn retten.“ „Ja, ſie liebte Sie ſehr,“ ſprach Hans Dorn, deſſen Augen feucht wurden, weil er in der Erinne⸗ rung die arme Gräfin bleich und weiß auf ihrem Schmerzenslager liegen ſah. „Und ich,“ fuhr der Baron mit bebender Stimme fort,„ habe ich ſie nicht ausſchließlich ge⸗ liebt ſeit den Tagen meiner Jugend? Hat je eine Schweſter treuere und heiligere Liebe gefunden?“ in d chen mir. den, nung fagen S 2 Auge / das 6 die k wiee 9 ſche nun habe — ⏑— ⏑⏑⏑‿—³— 35 Seine Augen ſtarrten in die Leere. „Allerdings,“ fuhr er dann fort als ſpräche er mit ſich ſelbſt,„hat ſich ein anderes Bild in mein Herz geprägt.. Lea, meine arme Lea, wie unglück⸗ lich werde ich Dich machen! Ich habe Dich geliebt, noch liebe ich Dich.“ Er drückte beide Hände auf die Stirn und Dorn ſah ihn verwundert an. „Schweſter, Schweſter!“ fuhr Rodach fort, in deſſen Zügen ſich Angſt und Schmerz ausſpra⸗ chen,„wenn dies ein Verbrechen war, ſo vergieb mir. Haſt Du nicht meine Kämpfe und meine Lei⸗ den geſehen? Es war im Leben meine einzige Hoff⸗ nung, mein einziges Glück.. Ich will ihm ent— ſagen.“ Der Schweiß trat ihm auf die Stirn und ſeine Augen glüheten unheimlich. „Ich werde entſagen,“ fuhr er fort,„ich werde das Bild aus meinem Herzen reißen!“ Dann verhüllte er ſein Geſicht mit den Händen, die krampfhaft zitterten und der Kleiderhändler hörte wie er tief aufſeufzte, aber zu fragen wagte er nicht. Nach einem kurzen ſchmerzlichen Kampfe richtete ſich das ſchöne Haupt Rodachs wieder auf. „Wir wollen von Franz reden,“ ſagte er,„und nur von Franz. Nach dem, was ich geſtern gehört habe, müſſen die Geldberg das Feſt beſchleunigen, ———— — ꝑꝑ—q· — — 36 das ihren Intereſſen dient, indem es die Blicke von ihrer Lage abwendet. Die Einladungen werden ſchnell erlaſſen werden und die genauern Freunde bereits im Anfang der nächſten Woche abreiſen. Franz darf Paris nicht vor uns verlaſſen.““ „Da Fräulein von Audemer gewiß unter den zuerſt Eingeladenen iſt, ſo wird Franz auch ſo bald als möglich abreiſen wollen,“ ſagte Dorn. „Wir müſſen ſuchen ihn zurückzuhalten. Auch wir haben Vorbereitungen zu machen. Sie ſind ſtark gegen den armen unbekannten Franz; werden ſie es auch gegen einen glänzenden jungen Mann ſein, der in verſchwenderiſchem Lurus und mit einem Gefolge wie ein Fürſt erſcheint? Die Rüſtung, Freund Dorn, von der ich ſprach, iſt Reichthum. Bis hierher hatten ſie zu leichtes Spiel. Ein ein⸗ zelnſtehendes Kind in einer ärmlichen Dachwohnung, ein Commis ohne Stelle, den Niemand kennt, um den ſich Niemand kümmert, kann wohl bei Seite gebracht werden, ohne daß man davon ſpricht; aber der junge Mann, welcher mit vollen Händen Geld ausſtreut, von dem Alle ſprechen, der alle Blicke auf ſich zieht, iſt nicht ſo leicht beſeitiget. Franz ſoll der„Löwe“ des Feſtes ſein. Die Damen wer⸗ den nur für ihn Augen haben und die Männer auf ihn eiferſüchtig ſein, ſo daß die kleinſte Wunde, die er erhält, ein Ereigniß wird, das durch keine Klugheit und Geſchicklichkeit zu unterdrücken iſt.“ Dorn lächelte bewundernd. „Es iſt wohl wahr,“ ſagte er,„aber daran hätte ich nicht gedacht.“ Draußen hörte man den fernen Ton der Glocke, welcher den Beginn des täglichen Marktes im Tem— ple verkündigte. Drittes Kapitel. Der Laden Arabys. Bei dem Glockenton ſtand Dorn unwillkürlich auf, denn er war es gewöhnt, jeden Tag dieſem Rufe zu folgen. Er nahm dann in einer Ecke des Zimmers ſeinen Leiwandſack und ſetzte den Hut auf. Dann wurde er roth im Geſicht und nahm den Hut raſch wieder ab. „Verzeihen Sie, gnädiger Her,“ ſottrte er; „die Glocke..““ Es iſt die Marktſtunde?“ unterbt dach indem er ebenfalls aufſtand. „Es iſt die Marktſtunde,“ wiederholte Dorn, welcher den Leinwandſack wieder hingeworfen hatte, „und ich vergaß, daß ich nicht mehr Kleiderhändler, ihn Ro⸗ 39 ſondern wie ſonſt Bluthaupts Diener bin.. Ich werde es nicht vergeſſen.“ Während Dorn ſo ſprach, drehete er den Hut unentſchloſſen in der Hand herum. „Und doch,“ begann er wieder,„wenn ich mich an einem großen Markttage nicht an Ort und Stelle zeige, werden die Freunde ſtutzig werden und Johann, der Spitzbube, könnte wohl gar etwas merken. „Sie glauben, daß er bis jetzt nichts weiß?“ fragte der Baron. „Das glaube ich feſt.. Als Sie letzthin in die Giraffe kamen, war Johann fortgegangen um Wein zu holen und als er wieder kam, ſprachen die Freunde kein Wort mehr. Bis dahin hatte man nicht eben Urſache gegen ihn mißtrauiſch zu ſein, aber der liebe Gott ſchreibt den Verräthern gewiß immer etwas in das Geſicht.. Niemand liebt ihn und wenn er Einen mit ſeinen lauernden heimtückiſchen Augen anſieht, bringt man kein Wort des Ver— trauens über die Zunge.“ „Die Andern haben mich erkannt?“ fragte Rodach weiter. „Alle, gnädiger Herr, bis auf den Reitknecht Fritz, den Armen!“ „Und Sie werden ſie jetzt auf dem Markte treffen?“ „Sie kommen jeden Tag dahin.“ Rodach ging nach der Thüre zu. „Nun, Freund Dorn,“ ſagte er,„ſo bleiben Sie heute noch einmal Kleiderhändler.. Täuſchen Sie die Muthmaßungen Johanns und verſichern Sie ſich des Beiſtandes der andern chemaligen Die⸗ ner Bluthaupts.“ „Es ſind brave Seelen,“ entgegnece Dorn, „und ich möchte für ſie bürgen wie für mich ſelbſt.“ „Sprechen Sie mit ihnen; ſie müſſen bereit ſein, auf den erſten Wink abzureiſen.“ „Sie werden bereit ſein.“ Der Baron und der Kleiderhändler ſchritten durch das Stübchen Gertruds und die kleine Sticke⸗ rin kam ihrem Vater wie gewöhnlich entgegen, um einen Kuß von ihm zu erhalten, aber er ſah die Thräne nicht, welche unter den niedergeſchlagenen Lidern zitterte. Gertrud wartete noch immer auf Johann, der nicht kam. Und die drei Männer mit unheimlichen Geſichtern verſchwanden endlich auf der ſchmalen Treppe der alten Mutter Regnault. Was ſollte geſchehen? Rodach und der Kleiderhändler gingen über den jetzt öden Hof. „Ich habe Ihnen auch noch etwas anderes zu ſagen,“ fuhr der Baron fort,„aber ich werde Sie im La nicht 3 / ſamm bin, Aber giſt m N und Aber Meer hielt drei worde durch berg 1 ſtaune 41 im Laufe des Tages wiederſehen. Jetzt brauche ich nichts als Geld, viel Geld.“ Dorn blieb ſtehen. „Ich habe allmälig ein hübſches Sümmchen zu— ſammengeſpart,“ antwortete er,„ſeit ich in Paris bin. es ſollte die Mitgift für meine Gertrud ſein. Aber Bluthaupt geht vor, gnädiger Herr; die Mit— gift meiner Gertrud gehört Ihnen.“ Rodach drückte die Hand des treuen Dieners und ſagte gerührt: „Ich danke und Gott wird es Ihnen vergelten.. Aber Ihre Erſparniſſe würden nur ein Tropfen im Meere ſein; ich brauche ſehr große Summen. Ich hielt mich für recht reich als ich hier ankam und in drei Tagen ſind meine Mittel faſt ganz erſchöpft worden. Wenn Sie wüßten, wie raſch das Geld durch die Finger läuft! Ich habe das Haus Geld⸗ berg zu halten, das dem Falle nahe iſt.“ „Das Haus Geldberg?“ unterbrach ihn Dorn ſtaunend;„das Haus der Todfeinde Bluthaupts?“ „Ich werde Ihnen dieſes Geheimniß ſpäter erklären.. Dann habe ich Franz königlich auszu⸗ ſtatten. Donnerſtags werde ich aus einer großen Quelle ſchöpfen können, die ich für ſehr ergiebig halte, aber bis dahin..“ In dieſem Augenblicke erſchienen ſie auf dem Rotundenplatze und der Baron wurde durch das IX. 4 — Spottgeſchrei der Kinder unterbrochen, alten Araby begleiteten. „Was iſt das?“ fragte er. „Ein Mann, der Ihnen wohl dienen könnte,“ antwortete Dorn lächeln,„wenn Sie ihm Pfänder zu geben hätten.“ Rodach ſah genauer hin, bemerkte aber nur ein Stück Pelz, das hin und her wankte und in der Ro⸗ tunde verſchwand. Dorn fuhr fort: „Es iſt der große Banquier des Temple, der geſtohlene Sachen kauft und für zehn Procent wöchentlich Geld leiht. Es iſt mit einem Worte Araby der Wucherer.“ „Ich habe ſchon mehr als einmal von ihm ſpre— chen hören,“ entgegnete Rodach, deſſen Blick noch immer nach der Rotunde gerichtet war. „Der Name Araby iſt wohl ein angenom⸗ mener?“ „Das weiß man nicht. Schon am erſten Tage als er ſeinen Laden öffnete, hörte ich ihn ſo nennen.“ „Woher aber kam er?“ „Das weiß man nicht.“ „Und Niemand weiß mehr über ihn als Sie?“ „Niemand.“ welche den 1 kann ihn Tenn beuü 2 43 „Er muß aber doch, Freunde, wenigſtens Be⸗ kannte haben.“ „Alle, die in ſeinen Laden hineingehen, haſſen ihn und fluchen ihm. Es giebt viele Arme im Temple aber keine einzige Hand würde die ſeinige berühren mögen.“ „Iſt er reich?“ „Man ſagt es.“ Rodach wendete ſich zu Dorn; er ſah nachden⸗ kend aus. „Es thut mir leid, daß ich ihn nicht ſehen konnte,“ ſagte er laut.„Beſchreiben Sie mir ihn doch ein wenig.“ „Wollen Sie ſich wirklich an ihn wenden?“ fragte Dorn. „Vielleicht.“ Der Kleiderhändler zuckte die Achſeln. „Das würde ein ganz vergeblicher Schritt ſein,“ ſagte er.„Araby leiht nur auf Pfänder und ſtellt ſich arm wie alle ſeines Gleichen.“ „Sie haben mir noch nicht geantwortet.“ „Ich habe Ihnen wenig zu antworten. Ich ſah nur zufällig einen Theil ſeines gelben runzeligen Geſichts unter dem großen Mützenſchirme.“ „Eine Pelzmütze?“ unterbrach ihn Rodach, deſſen wachſende Neugierde dem Kleiderhändler uner— klärlich war. 4* „Eine Pelzmütze.“ „Und dann?“ „Er iſt klein, hager, gebrechlich, zittert..““ „Weiter!“ Die Fragen Rodachs folgten raſch und in ſeinen Augen konnte man die äußerſte Neugierde erkennen. „Er trägt einen Rock, der faſt ſo alt iſt als er ſelbſt und darüber einen kurzen Mantel.“ Die Stirn Rodachs ſenkte ſich; er ſchien zu überlegen; plötzlich richtete er ſich auf und ſagte: „führen Sie mich zu dem Manne!“ „Gnädiger Herr,“ ſtammelte Dorn, 2biben Sie die Worte im Ernſt genommen?“ Eine gebieteriſche Geberde Rodachs ließ ihn ſchweigen; er mußte gehorchen und ſchritt durch die geſchäftige ſchwatzende Menge hindurch, die wie ein Bienenſchwarm ſummte. „Hier,“ ſagte er indem er unter der Säulen— halle der Rotunde auf den Laden Arabys deutete. Rodach bückte ſich, um durch die Thür hinein⸗ kommen zu können und verſchwand im Halbdunkel des Ladens. In der erſten Abtheilung, in welcher meiſt viele Geldſuchende ſtanden, welche dem Wucherer ihre armlichen Pfänder brachten oder ihre Leihhauszettel zu verkaufen ſuchten, war Niemand. Nono, die n⸗ 45 Ausläuferin, rechnen wir nicht, wie ſie Niemand im Temple für eine Perſon gezählt haben würde. Sie ſaß am Boden an die Thuͤre gelehnt, welche in die Niederlage führte, zitterte vor Kälte in dieſem dunkeln Winkel und wartete auf die Befehle ihres Herrn. Beim Eintreten bemerkte ſie der Baron nicht und die Kleine konnte ungeſtört mit ihren großen erſtaun⸗ ten Augen den Mann mit dem ſtolzen Geſichte an— ſehen, welcher den Leuten, die hier aus- und ein⸗ gingen, ſo wenig glich. Das arme Kind war ſehr ſchwach und die kalte feuchte Luft in der vorigen Nacht hatte ſie in dem Schlafe geſtört, den nichts ſchützte. Sie war mit erſtarrten Gliedern erwacht und konnte vor Bruſt⸗ beklemmung kaum athmen. Von Zeit zu Zeit erſchütterte ein ſchmerzlicher Huſten, den ſie vergebens zu unterdrücken ſuchte, krampfhaft ihre Lungen. In dieſem Augenblicke war ihr Kopf, den das Lächeln ſchön gemacht haben würde, rückwärts an die Thür gelehnt; die dünnen Locken ihres Haares fielen an den blaſſen eingefallenen Wangen her— unter. Sie litt ergeben und ermattet, ſie verſuchte es gar nicht, gegen ihre Leiden ſich aufzulehnen; der Schmerz war ihr Leben; die Freude hatte ſie nie 46 gekannt; ſie ſehnte ſich nach nichts und hoffte nichts. Doch waren aber wohl auch bisweilen die ſo ſchönen lachenden Träume, welche der Kindheit nie fehlen, in ihre Einſamkeit gekommen. Sie hatte da, wie Andere an das Unmögliche denken, die Süßigkeit eines Mutterkuſſes geahnet und das un— vergleichliche Glück zu lieben und geliebt zu werden. Aber das waren nur kurze Augenblicke. Sie wieß ſchnell dieſe Träume zurück, welche ihr die Wirklichkeit noch öder und bitterer erſcheinen ließen. Sie mochte nicht daran glauben. Es gab für ſie in dieſer Welt nichts Wahres als den Froſt in der Nacht, die ſchlechte Behandlung von ihrem Herrn und die unbarmherzige Grauſamkeit ihres Verfol— gers, des blödſinnigen Geignolet. Ein einziges Weſen war freundlich gegen ſie und ohne die ſanfte Gertrud, die ſie gar oftmals getrö— ſtet und ſie gelehrt hatte zu Gott zu beten, würde ſchon längſt der Tod der langſamen Qual ein Ende gemacht haben. Sie erinnerte ſich allerdings eines andern Frauen⸗ geſichtes, das noch ſchöner war, als das Gertruds und das ſie bisweilen bewegt und lächelnd geſehen hatte wenn ſie erwachte. Einmal beſonders als ſie vor Muͤdigkeit in dem Laden der Frau Batailleur eingeſchlafen war,— ſie konnt Kuſſ ( reize nehn Kleid taille ( Non⸗ G war war kaun Wan 47 konnte es nicht vergeſſen— war ſie unter einem Kuſſe aufgewacht. Ihre Augen waren, als ſie ſich öffneten, auf das reizende unbekannte Geſicht einer Frau, einer vor⸗ nehmen Dame ohne Zweifel, gefallen, denn ihre Kleidung beſtand in Sammt und Seide und die Ba⸗ tailleur behandelte ſie mit großer Ehrfurcht. Das Lächeln der ſchönen Dame konnte die arme Nono nicht vergeſſen. Aber es war ſchon lange her und die Hoffnung war aus der Armen Herz längſt verſchwunden. Die Armuth tödtete ſie langſam; das Leiden war für ſie eine Gewohnheit geweſen und ſie fühlte kaum die Nähe des Todes, ob er gleich bereits ihre Wangen bleichte und ihre Kindermuskeln ſteif machte. Rodach war gerade auf das kleine Fenſterchen zu gegangen, welches als Comptoir des Wucherers diente. Er bückte ſich ſo tief bis er mit dem Geſicht an das halbmondförmige Loch kam und wollte raſch hineinſehen, aber der Alte ſtand immer auf der Lauer und das Manöver des Barons hatte keinen Erfolg. Er ſah, daß zwei dürre gunzelige Hände ſich fächerförmig vor die Oeffnung breiteten. Einen Augenblick ſtand er unentſchloſſen da und wußte nicht, wie er beginnen ſollte. 48 „Habe ich die Ehre mit Herrn Araby zu ſpre⸗ chen?“ fragte er endlich auf Geradewohl. Keine Antwort. Er nahm aus der Taſche ein halbes Dutzend Sovereigns, legte ſie auf das Zahlbretchen und fuhr fort: „Ich möchte dies Gold in franzöſiſches Geld umwechſeln.“ Die runzelige Hand ſtreckte ſich aus faßte die Goldſtücke, die ſie einzeln zählte. Man hörte drin— nen auch das Klappen einer kleinen Wage, dann zeigte ſich die alte Hand wiederum außen und zählte den Werth des Goldes in Fünffrankſtücken, nach Abzug eines ungeheuren Disconto, auf. Der Baron wollte dieſen Umſtand benutzen, um ein Geſpräch anzuknüpfen. Aber bei dem erſten Worte, das er ſprach, machte die runzelige Hand eine Bewewegung und das Fenſterchen ſchloß ſich. Das war eine Entlaſſung in aller Form, aber der Baron war nicht der Mann, der ſich ſo leicht abweiſen ließ. Nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte, entſchloß er ſich auf die Ankunft eines neuen Kunden zu warten und blieb ſtandhaft auf ſeinem Poſten. Die kleine Ausläuferin drückte ſich ſchüchtern in die Ecke und hielt den Huſten zurück, der ausbrechen wollte; aber nach einigen Augenblicken hob ſich ihre gerei dahie erbel lich Seit zu l drei Blic — wag wiſſ ſchüc Mül geleg nes 49 gereizte Bruſt krampfhaft und der Baron, der ſie bis dahin nicht bemerkt hatte, ſah nach ihr hin. Er erbebte bei ihrem Anblicke leicht, als wenn ſich plötz⸗ lich ein Gedanke in ihm geregt hätte und trat bei Seite, um das Licht in den dunkeln Winkel fallen zu laſſen, in welchem das Mädchen ſaß. Zwei oder drei Minuten betrachtete er ſie ſchweigend und ſein Blick drückte ernſtes tiefes Mitleid aus. Nono hatte die Augen niedergeſchlagen und wagte es nicht, ſie wieder zu erheben. „Armes Kind,“ flüſterte der Baron ohne zu wiſſen, daß er ſprach.„Hat das Weib kein Herz?“ Bei dem Tone ſeiner Stimme ſah das Mädchen ſchüchtern nach ihm hin, aber der Ausdruck des Mitleids, welcher bis dahin in den Zügen Rodachs gelegen hatte, war verſchwunden und der Zweck ſei— nes Beſuchs erfüllte die Gedanken ganz und gar. „Mein Kind,“ ſagte er mit kalter Sanftmuth,— „melde doch Deinem Herrn, daß ich noch mit ihm zu ſprechen habe. Nimm das,“ ſetzte er hinzu indem er einen Ring vom Finger zog,„und ſage mir, was er dafür geben will.“ Das Mädchen verſchwand gehorſam mit dem Ringe durch die Thür der Niederlage. Rodach glaubte ein Gemurmel hinter der Scheidewand und einige ſchnell gewechſelte Worte zu hören, dann öffnete ſich das Fenſter von Neuem. Die gelbliche Hand hielt den Ring und wog ihn aufmerkſam. „Ich gebe dafür drei Louisd'or,“ ſagte der Wucherer nach der Prüfung. Der Klang dieſer Stimme machte einen tiefen Eindruck auf Rodach und er beſann ſich einige Augenblicke vergebens, wo er ſie ſchon gehört habe. Im Augenblicke, wo er auf das Gebot des Wucherers antworten wollte, erhellte ſich plötzlich ſein Gedächtniß. Er hatte dieſe Stimme dieſen Morgen an der Ecke der Straße Anjou hinter den Vorhängen eines Wagens gehört, während er den kleinen Alten aus dem Palaſte Geldberg verfolgte, der wie durch Zauberei verſchwunden war. Es war derſelbe gebrochene, ſchwache meckernde Ton, den er für die Stimme einer alten Frau gehal⸗ ten hatte. Er erklärte ſich nun das plötzliche Verſchwinden des Mannes im Mantel; ſein geſenktes Haupt rich⸗ tete ſich empor und ein ſtolzes Lächeln ſpielte um ſeine Lippen. Seine Hand, die ſchnell unter den Rock griff, holte aus der Brieftaſche einen ſchmalen Streifen beſchriebenen und geſtempelten Papiers her⸗ vor,— einen Wechſel von hundert und dreißigtauſend Francs auf Geldberg Reinhold und Comp., der ver— fallen und proteſtirt war. Rodach nahm den Ring wieder aus den Händen des I ſagte Woll 4 Pehh Runſte Wähl ßen ( und ( öffner in gue J und J chen Riage ſchma ſich Schn mith d Mit Thei 51 des Wucherers, legte den Wechſel vor ihn hin und ſagte: „Werther Herr, laſſen wir dieſe Kleinigkeiten.. Wollen Sie mir dies Papier discontiren?“ Der Kopf Arabys, welcher noch immer mit der Pelzmütze bedeckt war, kam zur Hälfte aus dem Fenſterchen heraus, um das Papier zu beſehen. Während er hinſah, zitterte die Mütze mit dem gro⸗ ßen Schirme. Dann zog er ſich zurück. Die runzelige Hand ſtreckte ſich einige Male aus und zog ſich unentſchloſſen zurück. Das Fenſterchen ſchloß ſich zur Hälfte und öffnete ſich wieder. Der alte Mann war offenbar in großer Aufregung. Rodach hatte ſeine Hand auf das Papier gelegt und wartete. Nach einigen Secunden ſchloß ſich das Fenſter— chen ganz und gleich darauf knirſchten ſchwere eiſerne Riegel an der andern Seite der Scheidewand. Das ſchmale Thürchen, die als Eingang diente, öffnete ſich langſam und der alte Araby erſchien auf der Schwelle. Seine Füße wankten und er hielt ſich mit beiden Händen an. Lange ſah er Rodach unter ſeinem großen Mützenſchirme hervor an. Man ſah wie der untere Theil ſeines Geſichtes jeden Augenblick ſich mehr 52 verzog, während ſein Mund unverſtändliche Worte murmelte. „Dreimal,“ ſprach er endlich vor ſich hin, „dreimal erblickte ich dieſen Mann, deſſen Geſpenſt mich in meinen Träumen ſo lange verfolgt hat. Iſt es eine Warnung von Gott oder ein Trug der Hölle?“ Sein gebrechlicher Körper ſank zuſammen und Rodach fürchtete, daß der Alte falle. mittler als ei lleinen keine nerte der 3 Wän Viertes Kapitel. Hundert und dreißigtauſend Francs. Endlich gelang es dem Greiſe ſich wieder feſt— zuſtellen und er ſchritt durch das kleine Vorzimmer, um die äußere Thüre zu verſchließen. „Treten Sie ein,“ ſagte er zu Rodach, indem er zu ſeinem Bureau zurückkehrte. Rodach ging voran. Er befand ſich in einem ſehr dunkeln Raume von mittlerer Größe, in welchem ſich kein Geräthe befand als ein abgenutzter Stuhl, ein lahmer Tiſch und ein kleiner eiſerner Ofen, in dem man aber trotz der Kälte keine Spur von Feuer bemerkte. Das Local erin⸗ nerte an das des Moſes Geld, des Pfandleihers in der Judengaſſe zu Frankfurt am Main. Hier wie dort ſah man die häßliche Nacktheit der Wände, an denen die Spinnen ungeſtört ihre Netze 54 ausſpannten, die zerſprungene vergilbte Decke und den mit Staub bedeckten Fußboden. An den vier Wänden hingen Kleidungsſtücke aller Art; hier und da, in den Ecken und hinter dem Ofen bildeten Gegenſtände von endloſer Mannig— faltigkeit wirkliche Berge, aber im Allgeimenen waren es Dinge ohne Werth. Links von der Kammerthüre lag ein Haufen, der um vieles höher war als die andern und noch war es die eigentliche Niederlage Araby's nicht, der dahinter noch ein anderes Local beſaß. Statt ſich auf ſeinen Stuhl zu ſetzen, bot er den⸗ ſelben demüthig dem Baron an und lehnte ſich ſelbſt an den kleinen Ofen. „Ich bin ein armer alter Mann,“ ſagte er zö— gernd und mit niedergeſchlagenen Augen;„Gott hat mir den Verſtand meines Mannesalters nicht gelaſſen. Sagen Sie mir alſo, wer Sie ſind und was Sie von mir wollen, denn mein Kopf ſchwin— delt mir und ich habe Gedanken, die dem Irrſinn gleichen.“ „Sie glauben,“ antwortete der Baron, deſſen Blick ernſt und unabgewandt auf das verſtörte Ge— ſicht des Alten fiel,„„den Mann wieder zu ſehen, der nicht zurückkehren ſollte?“ „Ja, ja,“ ſtammelte der Alte, der zu erſchüt⸗ tert war als daß er ſich hätte verſtellen können. 774 einer C dem( Nen ichb 9 Arabe dert Male „ 550 „Die, welche man getödtet hat, bleiben aber doch in ihrem Sarge,“ fuhr Rodach fort.„Sie fürchten ſich,— und der Blutfleck wird wieder friſchroth in Ihrem Gewiſſen?“ „So ſind Sie es?“ fragte der Wucherer mit einer Stimme, die man kaum hörte. Ein Zug verächtlichen Mitleides erſchien auf dem Geſichte Rodachs. „Ich bin nicht hierher gekommen, um Ihre Fra⸗ gen zu beantworten, Herr Moſes,“ ſagte er,„aber ich brauche hundert und dreißigtauſend Francs.“ Bei dem Namen Moſes ſchienen die Runzeln Araby's noch tiefer zu werden, und die Worte„hun⸗ dert und dreißigtauſend Francs“ auch mit einem Male ſeinen halbſchlummernden Verſtand zu wecken. Er ſchlug die Augenlider halb auf und blickte vorſichtig nach dem Baron hin. „Es ſind zwanzig Jahre vergangen,“ dachte er, „und dieſer Mann iſt noch jung.. Das Alter macht mich zum Narren. Herr Gott, wie er ihm aber gleicht!.. Sonſt kommen die Todten doch nur in der Nacht zurück und jetzt iſt es Tag..“ „Ich habe Eile,“ ſagte Rodach. Araby machte eine Geberde als wolle er um Ge— duld bitten. Seine Züge änderten ſich ein wenig und an die Stelle des abergläubiſchen Schreckens trat 56 allmälig der ängſtlich beſorgte Geiz und die wieder erwachte Schlauheit. Hundert und dreißigtauſend Francs! Dieſe un— geheuere Summe klang in ſeinem Ohre wie der Schall einer Trompete und würde ihn aus dem Todesſchlafe geweckt haben. Er wurde ganz wieder er ſelbſt und es entſtand in ihm von neuem die Luſt, zu handeln, zu betrügen. Seine kleinen grauen Augen glänzten und roll— ten wie ſonſt hinter den buſchigen Brauen. „Man öffnet dieſe Thüre da nicht alle Tage,“ ſagte er mit der Abſicht zu ſchmeicheln,„und wenige Leute können ſich rühmen, auf dem Stuhle geſeſſen zu haben, den Sie jetzt inne haben, mein werther Herr. Wenn etwas in dem armen Locale wäre, würde ich Ihnen auch Brot und Wein anbieten, um Sie noch mehr zu ehren; aber die Zeiten ſind ſchlecht, Gott weiß es! Das Geld hält ſich zurück und bei meinem unglücklichen Gewerbe kann man ſich Ge— mächlichkeiten nicht verſchaffen.“ „Ich erlaſſe Ihnen alles dies, Herr Moſes,“ entgegnete Rodach;„ich brauche Geld.“ Araby verſuchte zu lächeln. „Geld?“ wiederholte er.„Warum einen ar— men alten Mann verſpotten? Sehen Sie ſich um, mein guter Herr. Das iſt mein ganzes Vermögen.“ Rodach hob zwiſchen den Fingern den Wechſel empor betrac Habe Wech d mehr, lichn hin, G das es mi empor, welchen Araby fortwährend von der Seite betrachtet hatte. „So können Sie mir das Papier nicht dis⸗ contiren?“ Der Wucherer faltete die Hände und murmelte: „Herr mein Gott, und wenn man alles ver⸗ kaufte was hier liegt, man würde nicht den hundert⸗ ſten Theil dieſer Summe erhalten.“ Der Baron nahm ſein Portefeuille wieder und öffnete es. „Warten Sie, warten Sie,“ fuhr der Alte fort. „Geldberg, Reinhold u. Comp. iſt ein reiches Haus, ein Haus, wie es wenige giebt, mein guter Herr. Habe ich geträumt oder ſagten Sie mir wirklich, der Wechſel ſei proteſtirt worden?“ Es war zwüthän Beiden die Scheidewand nicht mehr, welche ein Beſeitigen des Papieres hätte mög⸗ lich machen können; Rodach reichte alſo den Wechſel hin, nach welchem der Alte haſtig griff. Er ſetzte dann eine große Brille auf, befühlte das Papier, beſah es von allen Seiten und prüfte es mit ſorgſamſter Langſamkeit. „Und Geldbergs haben dies proteſtiren laſſen?“ murmelte er mit einem tiefen Seufzer;„das Haus Geldberg, das große Haus Geldberg!“ Er unterbrach ſich und ſenkte das Haupt. „Zu meiner Zeit,“ fuhr er mit ſich ſelbſt ſpre⸗ IX. 5 77 58 chend fort,„war dieſer Zachäus Nesmer unſer Schuldner. Die undankbaren Kinder!“ „Nun?“ fragte Rodach. Der Wucherer that einen Schritt nach ihm zu, während er den Wechſel noch immer in der Hand hielt. „Es iſt unmöglich,“ murmelte er weiter zwi⸗ ſchen den Zähnen;„hundert und dreißigtauſend Francs! Was iſt dieſe Kleinigkeit für die Caſſe Geldbergs! Dahinter ſteckt etwas und Sie ſagen mir nicht alles, werther Herr.“ „Es ſteckt dahinter,“ antwortete Rodach, der ſeine unveränderliche Ruhe der wachſenden Angſt des Wucherers entgegenhielt,„daß die Caſſe leer iſt und daß ich das Haus mit dieſem Papiere ſtürzen kann.“ „Herr Gott!“ ſtammelte der Alte;„ſo viele Reichthümer, ein ſolches Vermögen, das mir ſo ſchwer geworden! Ach meine Kinder, meine Kinder!“ „Unter dieſen Umſtänden,“ fuhr der Baron fort, deſſen Stimme um ſo ruhiger zu werden ſchien, je mehr die des Alten zitterte,„mußte ich die Sache wohl überlegen.. Die Juſtiz iſt langſam und ich glaubte, wenn ich mich an den ehemaligen Chef des Hauſes Geldberg wendete..“ Araby zitterte vom Kopfe bis zu den Füßen und ſuchte durch eine Bewegung ſein Geſicht unter dem großen Mützenſchirme zu verbergen. 7/ „meit ſprech aber Hand nahe d 59 „Ich habe nicht recht gehört,“ ſtammelte er; „mein guter Herr, ich verſtehe Sie nicht. Was ſprechen Sie von dem Chef des Hauſes Geldberg?“ Rodach ſtand auf. Araby wäre gern entflohen, aber ſeine Beine waren wie von Blei. Als er die Hand Rodachs auf ſeiner Achſel fühlte, hätte er bei— nahe das Gleichgewicht verloren und wäre gefallen. „Sie ſind Herr von Geldberg,“ ſagte Rodach. „Nein, nein, nein,“ murmelte der Alte. „Bei dem dreimal heiligen Namen des lebendigen Gottes..“ „Läſtern ſie nicht.“ „Ich ſchwöre.“ „Sehen Sie mich an.“ Der Wucherer wollte dies nicht thun. „Ich bin Araby,“ ſagte er in Todesangſt,„der arme Araby; fragen Sie die Leute im Temple.“ „Sehen Sie mich an!“ wiederholte Rodach in ſtrengem Tone. Araby ſchlug endlich die Augen auf, die wie ge— blendet blinzelten. „Und überzeugen Sie ſich,“ fuhr der Baron fort ohne ſeine unveränderliche kalte Ruhe zu ver⸗ lieren,„ob ich Sie vergeſſen konnte.“ Der Alte bedeckte ſein Geſicht mit beiden Händen und ſank auf ſeine Knie. Seine abergläubiſche Angſt 5* 60 kehrte ſchrecklicher zurück. Er glaubte ein Geſpenſt vor ſich zu ſehen, das Geſpenſt eines Ermordeten. „Graf Ulrich!“ ſtammelte er zu den Füßen Ro⸗ dachs kriechend,„haben Sie Erbarmen. Es ge— ſchah für ſie, für meine Kinder. Gott allein weiß, wie ich ſie liebte.“ Einige Secunden lang blieb er mit dem Geſichte am Boden liegen. Rodach betrachtete ihn ſchweigend. „Und Ihrer Liebe wegen,“ ſagte er endlich un⸗ willkürlich mit bitterm Mitleiden,„hat man Sie ver⸗ trieben, armer Greis.“ „Nein, ach nein,“ rief der Wucherer aus, in— dem er ſich halb emporrichtete;„ſie ſind gute Kin⸗ der,.. gute Kinder, die mich lieben. Alle Abende verſammeln ſie ſich um mich her. Und ich bin ſo glücklich! Abel, mein Sohn, iſt ſtolzer als ein Edelmann, Eſther iſt die Wittwe eines chriſtlichen Grafen und Sarah, mein Engel, mein Schatz, die Perle meines Hauſes würde allein mich zu dem glücklichſten Vater machen.“ Die Augenbrauen Rodachs zogen ſich zuſam⸗ men; es trat ein grauſames Wort auf ſeine Lippen, aber noch hatte er Mitleiden und ſprach das Wort nicht ds „Was liegt an allem dem?“ ſagte er barſch. „Wollen Sie mir, ich frage zum letztenmale, den Wechſel discontiten 244 7/ N geſch mals ( ſeine der Rehör döger arm G mehr keit 61 „Ich möchte es wohl,“ antwortete der Alte, der noch einmal ſeine Angſt verlor, um ganz wieder Wucherer zu werden;„mein guter Herr, wenn ich dieſe Summe hätte, würde ich ſie Ihnen geben, aber ich habe nichts, gar nichts; ich habe ihnen alles überlaſſen.“ „Das iſt Ihr letztes Wort?“ fragte Rodach. Araby ſah ſich in dem Locale um. „Soll ich alles das verkaufen?“ fragte er auf die Haufen Lumpen deutend;„wollen Sie das?“ „Ich will hundert und dreißigtauſend Francs.“ Der Wucherer rang die Hände und wiederholte ſeufzend: „Herr Gott! Herr Gott!“ Rodach ging nach der Thüre zu. Araby folgte ihm mit Schluchzen und Jammer⸗ geſchrei, faßte ihn an dem Mantel und ſank noch— mals auf die Knie. Er bat, er weinte und ſeine Töne waren ſo wahr, ſeine Worte ſo leidenſchaftlich. Er liebte ſeine Kin⸗ der wirklich, ſein Leben, ſein Blut, ſeine Seele gehörte ihnen. Wie konnte man glauben, daß er zögere, ſein Geld für ſie zu opfern? Er war gewiß arm und konnte das Geld nicht geben. Es war ein ſeltſamer Auftritt. Rodach zögerte mehrmals und war nahe daran von der Beredtſam— keit dieſer Vaterliebe ſich rühren zu laſſen. Aber mitten in der Leidenſchaft ſchaute plötzlich der Wucherer durch und Rodach erkannte nun die Comödie. Der Geizige verdarb ſich ſelbſt, indem er ſeine Rolle zu gut ſpielen wollte. Als der Alte des Bittens müde war, nahm er ſeine Zuflucht zur Liſt. Rodach ſetzte ihm nichts als Kälte und Schweigen gegenüber und ließ den Alten in vergeblichen Bemühungen, in Betheuerungen, Verſprechungen, Bitten und ſogar Drohungen ſich er⸗ ſchöpfen, denn der Verſtand des armen Araby wurde auch ſchwach wie ſein Körper. Der Gedanke, ſein Geld herausgeben zu müſſen in Verbindung mit der Erſchütterung, welche er bei dem Anblicke des Ba⸗ rons erfahren hatte, ſtörte ſeinen Geiſt ſehr, ſo daß er ſich bald thörichten Befürchtungen, bald eben ſo thörichten Drohungen überließ. Das dauerte wohl zehn Minuten, in denen die kleine Ausläuferin das Ohr an die Thüre gelegt hielt, ſtaunend horchte und zu begreifen fuchte. Endlich machte ſich Rodach aus den bittenden Händen Araby's frei und ging bedächtig nach der Thüre zu. Araby ſchleppte ſich ihm auf den Knieen nach, bis Rodach die Hand an den Schlüſſel legte. Da ſtand er wunderbar ſchnell auf. „Verflucht ſollſt Du ſein!“ rief er zähneknir⸗ ſchend;„denn Du willſt mir das Herz entreißen.“ 63 Der Schlüſſel drehte ſich in dem Schloſſe herum und Araby faßte nochmals den Baron. „Höre mich an,“ ſprach er faſt athemlos,„ich will Dich bezahlen, ich will mich bemühen; warte bis morgen.“ Rodach ſchüttelte mit dem Kopfe, „Bis heute Abend,“ bat der Wucherer. Neue Weigerung. „Warte eine Stunde.“ „Nicht eine Minute,“ antwortete Rodach feſt; „ich habe ſchon zu lange gewartet und wenn ich mit leeren Händen fortgehe..“ Er brauchte nicht zu vollenden, der Jude hatte ihn verſtanden. Die Pelzmütze war ihm entfallen und man ſah ſeinen kahlen Scheitel glänzen wie ver⸗ gilbtes Elfenbein. Seine Zähne klapperten auf ein— ander, der Schweiß rann ihm von der Stirn in den Runzeln herab und ſeine Augen glühten in unheimlichem Feuer unter den buſchigen weißen Brauen; ſein ganzes Geſicht drückte die heftigſte Wuth aus. „Bleibe,“ murmelte er er endlich,„bleibe.. Du biſt der Stärkere. Ach, wenn mein Arm eine Waffe halten könnte! So lange ich lebe, habe ich keinen Degen geführt, aber Dich würde ich er⸗ morden.“ Er ballte mit wirklichem Wahnſinn die Fauſt 64 gegen Rodach, dann wendete er ſich nach der Ecke des Locals, wo die aufgehäuften Waaren faſt bis an die Decke hinaufreichten. Rodach ſah ihm neugierig nach. Die kleine Ausläuferin horchte noch immer. Seit ſie im Dienſte Araby's war, hatte Niemand die Schwelle dieſes Allerheiligen überſchritten. Der Wucherer blieb einen Augenblick vor dem ſtaubigen Haufen ſtehen und ſchielte nach dem Barone, worauf er ein Stück nach dem andern wegnahm. Er that es langſam und mit Widerwillen. Als er die zerriſſenen Beinkleider, die verſchim⸗ melten Stiefeln zu dem Ende weggenommen hatte, ſah man eine große eiſerne Geldkiſte zum Vorſchein kommen. Er hielt inne; ſeine gepreßte Bruſt fand kaum noch Athem. „Möchteſt Du in Verzweiflung ſterben!“ mur⸗ melte er mit einem Blick voll giftigen Haſſes, indem er mit der Hand unter ſeinen Rock griff. Aus dem Buſen zog er einen Schlüſſel, den er in das Schloß der Geldkiſte ſteckte, welche ſich krei⸗ ſchend öffnete. Der Wucherer legte ſeine beiden Hände auf das Herz, denn ſeine Seele war zerriſſen. 7I- Rodac 77 Zähne meine trenne Lidern dräng beobo weiſ „Ich habe nicht Zeit zu warten,“ ſagte Rodach. „O,“ knirſchte der Wucherer,„wenn meine Zähne Gift hätten wie die der Schlange! Wenn meine Nägel Tigerklauen wären!“ Er griff mit beiden Händen zugleich in die Kiſte und ſuchte einige Secunden darin herum; dann ſchloß er wieder zu und kehrte an das Pult zurück. Er hatte ein Packet unter dem Arme. „Kommen Sie!““ ſagte er zu Rodach. Sie neigten ſich Beide auf das Pult und der Wucherer öffnete das Packet, das aus Banknoten beſtand. Das Aufzählen währte lange; mehr als einmal griff Araby wieder nach ſeinem Schatze, als könnte er den Gedanken nicht ertragen, ſich von ihm zu trennen. Sein Athem röchelte und unter ſeinen Lidern ſchienen ſich brennende Thränen hervorzu⸗ drängen. Zweimal verſuchte er zu betrügen und hier und da eine Note zu beſeitigen.. Er ſchien keinen an⸗ dern Wunſch mehr zu kennen, als eine Banknote zu ſtehlen und wären es nur fünfhundert Francs. Es wäre doch ein Troſt geweſen; aber Rodach beobachtete ihn zu genau und vereitelte dieſe ver⸗ zweiflungsvollen Verſuche leicht. 66 Als die hundert und dreißigſte Note aufgezählt war, übergab Rodach dem Alten, der erſchöpft auf den Stuhl ſank, den Wechſel. „Wenn ich nichts mehr habe, werde ich wieder— kommen, Herr Moſes,“ ſagte Rodach. Araby rührte ſich unter dieſer Drohung nicht. Er fühlte nichts mehr, er ſah mit liebenden matten Blicken den theuern Banknoten nach, welche die Frucht ſo vieler geduldiger Grauſamkeiten, ſo vie⸗ ler unbarmherziger Beraubungen, ſo vielfacher Liſt, ſo großen Geizes waren. Es klebte daran das Blut von mehrern tauſend Opfern. Und der ſo zärtlich geliebte Schatz, der Sou für Sou zuſammengebracht worden war, mußte hin⸗ gegeben werden; er konnte ihn nicht mehr ſehen, die lieben Papiere nicht mehr zählen und befühlen! Der Alte war dem Tode nahe. „Geh!“ ſagte er mit faſt erloſchener Stimme, da er den Anblick Rodachs nicht länger ertragen konnte. Der Baron gehorchte ſchweigend und als er die Thüre öffnete, erblickte man die horchende Nono. Araby ſtand auf; ſein Geſicht ſpiegelte eine boshafte Freude ab. Er gedachte ſich zu rächen. Der Baron hatte das Kind vergeſſen und als er ſie wieder erblickte, trat er einige Schritte zurück. „ſo n hier ſe D Vorte ſchüt G lichen bei mu 7* R fragte 67 „Herr Moſes, Sie lieben Ihre Tochter Sarah ſehr, nicht wahr?“ „Geh! Geh!“ wiederholte der Alte. „Wenn Sie Sarah lieben,“ fuhr Rodach fort, „ſo mögen Sie mild und ſanft gegen dies arme Kind hier ſein.“ Der Wucherer verſtand ihn nicht, aber aus den Worten nahm er ab, daß Rodach das Mädchen ſchützen wolle. Er zwang ſich zu lächeln. „Ach, ich bin gut,“ antwortete er in väter⸗ lichem Tone,„meine kleine Nono iſt ganz glücklich bei mir, nicht wahr?“ „Ja,“ antwortete das zitternde Kind. Rodach, den ernſtere Gedanken beſchäftigten, fragte nicht weiter und ging. Sobald er hinaus war, richtete ſich Araby auf, ſchob den Riegel vor und winkte der Aus— läuferin. Er lächelte noch, aber ſeine Zähne knirſchten auf einander. Nono kam zu ihm und ſchon traten ihr die Thränen in die Augen. Der Wucherer faßte ſie am Haar und warf ſie nieder, aber er ſank ſelbſt neben ihr nieder und ſeine Glieder zitterten krampfhaft. 68 Die Ausläuferin hielt den Athem an ſich und ſchloß die Augen, denn ſie fürchtete ſich vor dem Alten, der in ſeinem Wahnſinnfieber die Worte ſtammelte, welche ihn immer neu erbitterten. „Hundert und dreißigtauſend Francs! Hundert und dreißigtauſend Francs!“ ind em rte ert Fünftes Kapitel. Der Markt im Temple. Auf dem Rotundenplatze hörte man weder das Wuthröcheln Araby's, noch das Winſeln der klei⸗ nen Ausläuferin. Auch wenn man es gehört hätte, würde ſich ge⸗ wiß Niemand darum gekümmert haben. Der Temple iſt philoſophiſch und läßt gern gewähren. Auch lau⸗ tet ſein eigenthümliches Geſetzbuch ſehr beſtimmt:, „Jeder Herr hat das Recht, ſeinen Diener zu ſchlagen.“ Da alle dieſe armen Geſchöpfe keine Neger ſind, ſo iſt es noch keinem Dichter von der Academie und keinem philanthropiſchen Deputirten eingefallen, ihr Geſchick zu beweinen. Sie ſind Landsleute und Mitbürger trotz ihrer Jugend; haben ſie alſo nicht das koſtbare Recht den Tyrannen zu verlaſſen, der ſie unterdrückt und auf der Straße zu verhungern? Dieſen Morgen hatte man im Temple gar keine Zeit, ſich mit Kleinigkeiten zu beſchäftigen. Die Geſchäfte gingen ſehr gut und es gebrach dem eigen— thümlichen Kauderwelſch, das an unerwarteten Bil⸗ dern ſo reich iſt, an Formeln, die Freude eines Jeden auszudrücken. Man kaufte und verkaufte, man verſuchte an und feilſchte um den Preis. Die Säulenhalle, die mit ihren ſchönſten Lumpen ge— ſchmückt war, wetteiferte in altem Tuch und roth⸗ gewordenen Treſſen mit der beflaggten Fagade des „fliegenden Floh““ und des Schwarzwaldes. Alle Händler erwarteten ihre Kunden feſten Fußes. Jeder dieſer Induſtriellen, er mochte reich oder arm ſein, hatte einen Gehilfen, welcher die Kunden anzulocken und im Bieten hinauftreiben mußte. Dieſe Comödie iſt altherkömmlich und bekannt, aber man läßt ſich doch noch immer anführen, beſonders wenn der Gehilfe eine Gehilfin iſt und eine geläufige Zunge hat. Man muß den Temple an einem ſolchen ge— ſchäftsreichen Morgen beſuchen, um eine hinreichende Probe von der Sprache mit kühnen Bildern zu er— langen, welche der Beredtſamkeit der Verkäufer einen ſo unwiderſtehlichen Reiz giebt. Man ſindet darin ſo maleriſche und ſo lebendige Redefiguren, daß man b blütige bedauer niſſen. ſamen und S. ſich ſ Vi undreh⸗ nur de Andere ſchmett W ſich flu heißt e geht un Mü⸗ ze Anderer land, bezahlt Un lichen Kauff dichnet ui ein den 1 baum verdien 71 bedauert, ſie in der gewöhnlichen Sprache zu ver⸗ miſſen. Man erkennt unter den gemeinen und ſelt⸗ ſamen Ausdrücken kräftige Vergleiche, Komiſches und Schreckliches, geſprochene Malerei, wenn man ſich ſo ausdrücken kann, ſogar Anmuthiges. Will man Schreckliches? Der Elende, der kalt⸗ blütige Mörder, welcher das Meſſer in der Wunde umdrehte, hat nach dem hier gewöhnlichen Ausdrucke nur den Schlüſſel halbumgedreht und der Andere, welcher einem Cameraden den Kopf zer⸗ ſchmetterte, drehte den Schädel ab. Will man Komiſches? Der Bankerottirer, der ſich flüchtete, hat ſich als Hirſch gekleidet, heißt es; jener brave Mann, den ſeine Frau hinter⸗ geht und der ſich nicht zu beklagen wagt, hat ſich die Mütze geleimt; der Tellerlecker, der auf Koſten Anderer lebt, macht eine Reiſe nach Schott⸗ land, wo bekanntlich die Aufnahme gegeben, nicht bezahlt wird. Und welche feine Beobachtung in manchen bild— lichen Ausdrücken! Die habſüchtige Eiferſucht des Kaufmannes wird trefflich durch den Ausdruck be⸗ zeichnet: den Vorhang zuziehen, was bedeutet: um einen Kunden herumſchleichen und ihn hin— dern zu dem Nachbar zu gehen. Einen Burzel— baum ſchießen heißt an etwas hundert Procent verdienen. Doch genug; man würde nicht fertig werden, wenn man alles anführen wollte. Unter der ſchwatzenden, zankenden und geſchäftigen Menge ſchlich Johann Regnault finſter und ſchweigend einher. Bläuliche Ringe lagen um ſeine Augen und ſein Tritt blieb ſchwer und wankend, als wenn er noch betrunken wäre. Er war mit Tagesanbruch unten an der Treppe ſeiner Mutter in dem kleinen Hofe erwacht. Die Trunkenheit hatte ihn da niedergeworfen als er den Weinſchenken verlaſſen. Als der erſte Lichtſchein des Tages auf ſein Ge⸗ ſicht fiel, ſtand er mit faſt gelähmten Gliedern auf. Die Kälte der Nacht hatte das Blut in ſeinen Adern erſtarrt. In dieſem erſten Augenblicke trieben ihn der In⸗ ſtinkt und die Gewohnheit nach der Treppe der Wohnung, aber ſeine erſtarrten Beine hatten kaum zwei oder drei Stufen erſtiegen, als ihn ein ihm noch unklarer Widerwille zurückhielt. Sein Herz war wie zuſammengeſchnürt und etwas ſagte ihm, er könne und dürfe nicht zu ſeiner Mutter gehen. So ging er von der Treppe wieder hinunter und begab ſich auf den Rotundenplatz, wo ſich noch kein menſchliches Weſen zeigte. Unklare Erinnerungen drängten ſich in ſeinem Kopfe, der ihm ſchmerzlich ſchwer war, denn er empfand das drückende Unbe⸗ hagen, welches die Trunkenheit zurückläßt, den ſchrecklichen„Katzenjammer.“ Lange irrte er zwecklos in den öden Straßen um⸗ her und ſtatt ſich zu beſtreben der Ereigniſſe vom vorigen Abende ſich klar bewußt zu werden, hielt er mit Anſtrengung den Schleier feſt, der über ſeinem Verſtande lag; es graute ihm, er wollte ſich nicht erinnern. Aber die Erinnerung iſt wie das Gewiſſen; ſie ſpricht auch gegen den Willen. Nach einer Stunde muße ſich der Drehorgelſpieler auf einen Eckſtein niederſetzen, weil ihn die Füße nicht mehr tragen wollten. Es hatte ſich eine Stimme in ihm erhoben; ſein Unglück ſtand deutlich vor ſeinen Augen, er konnte dieſelben nicht mehr zudrücken, das Licht nicht mehr mit Gewalt zurückweiſen. Die alte Großmutter Regnault, das Gefängniß, die hundert und zwanzig Francs! Die untreue Gertrud! Alles ſtellte ſich ihm gleichzeitig dar und in dem Chaos nagender Gedanken erhob ſich ein höhniſches, ſpottendes Bild. Johann ſah ein ſchö⸗ nes, lächelndes, heiteres Jünglingsgeſicht mit vollen blonden Locken. Und ſein Herz klopfte vor Zorn, denn dieſer IX. 1 6 — Æ ——ͤ— ——ꝑÿ—— 74 Jüngling mit dem blonden Mädchenkopfe war für ihn gleichſam der böſe Genius. Er hatte dieſen roſigen friſchen Mund auf der Hand Gertruds geſehen, er hatte geſehen, wie das große blaue Auge in der ſchrecklichen Zeit luſtig blitzte, als ihm der Zufall das Löſegeld für die alte Groß⸗ mutter entzog. Dieſe weiße frauenhafte Hand hatte ihm ſeinen Schatz, die Rettung ſeiner armen Familie entriſſen. Ach, jetzt erinnerte ſich Johann deutlich, alle Einzelnheiten ſtanden klar vor ſeinem Geiſte und er wunderte ſich, daß er nicht ſeine beiden Hände um den Hals des Knaben gedrückt hatte, der ihn ſo elend machte. Je heller es in ſeinem Gedächtniſſe wurde, um ſo mehr wollte er wiſſen und gar nichts vergeſſen, aber, wie es nach vollſtändiger Trunkenheit wohl geſchieht, ſeine Erinnerung hörte plötzlich mit der Stunde auf, wo er in den„vier Haimonskindern“ das Bewußtſein verloren hatte. Er ſann nach, konnte aber nichts finden. Ein flüchtiger Schein brachte ihn wohl bisweilen auf die Spur, aber dieſer Schein erloſch, um dichterem Dunkel zu weichen. Er wußte nur unklar und ohne ſich's erklären zu könnnen, daß ein Mann ihm angetragen hatte, die alte Mutter zu retten. Wer war dieſer Mann und welches war das 75 Mittel? Was Johann auch that, auf dieſe Fragen fand er keine Antwort. Müde vergeblich nachzugrübeln, wendete er mit Anſtrengung ſeinen Geiſt andern Gegenſtänden zu. Es fiel ihm ein, ſich als Soldat zu verkaufen; aber es war dies nicht das erſte Mal; er hatte ſich bereits erkundigt und das Geld, das er in dieſer Weiſe er⸗ halten haben würde, reichte nicht. Was anfangen? Seinen Verdienſt auf mehrere Jahre bei dem alten Araby verpfänden? Er hatte wenig Hoffnung, daß der mißtrauiſche Alte auf einen ſolchen Handel eingehen würde, aber wenn alles fehl⸗ ſchlägt, hält man auch einen Strohhalm für ein Rettungsbret. Johann wollte es verſuchen; er ver⸗ ließ den Stein und ging nach dem Temple⸗Markte zu. Araby hatte ſchon ſeinen Laden geſchloſſen, um ſeine Unterredung mit Rodach ungeſtört zu halten. Johann blieb wie vom Blitze getroffen vor dieſer geſchloſſenen Thüre ſtehen, als wenn ihm plötzlich eine ganz ſichere Hoffnung entzogen worden wäre. So iſt es mit dem Unglücke. Johann lief unter der Säulenhalle umher. Je⸗ den Augenblick kam ein armer Mann, eine bedürf⸗ tige Händlerin mit Pfändern unter dem Arme an den Laden des Darleihers und alle jammerten und beklagten die unerwartete Abweſenheit Araby's, 6* — Q———— —— des unbarmherzigen Blutſaugers, der ſie ſchamlos drückte. Iſt nicht der Wucher die einzige Vorſehung der Armuth bei uns? Sie gingen an dem Laden herum, klopften an und ſetzten ſich auf der Schwelle nieder. Die Ab⸗ weſenheit Araby's würde für viele unter den Inſaſſen des Temple ein wahres Unglück geweſen ſein. Der Mann war für ſeine Kunden was das Opium für die Chineſen iſt, die ſich mit dem gelieb⸗ ten Betäubungsmittel langſam umbringen, aber auf der Stelle ſterben, wenn man es ihnen entzieht. Johann war wieder in ſeine finſtern G daaſden verſunken und ging von der Thüre Araby's bis zu den„zwei Löwen,“ wo Fritz an der Mauer lchnir und mit halb erloſchenen Augen die Menge an⸗ ſtierte. Einige Schritte weiterhin verkauften ruhig Ma⸗ lou, genannt Grün-Mütze und Pitois, genannt Dachs, die von einem dichten Kreiſe von Abnehmern umgeben waren. Es waren genug Polizeiagenten da, aber die beiden Beinkleiderdiebe hatten auf der Bruſt große Schilder als Kleiderhändler und neben ihnen lockten die große Herzogin und die kleine But⸗ terblume, welche ihre Ballanzüge mit beſcheidenerer Kleidung vertauſcht hatten, Käufer an. „Iſt es möglich, ſchönere Hoſen zu ſehen!“ rief ſſ ◻ — die Kleine mit Begeiſterung aus.„So was ſieht man nur auf den feinen Boulevards.“ „Ich gebe zwölf Francs,“ ſetzte die Herzogin hinzu. Der Dachs zog unwillig die dargebotenen Pan⸗ talons zurück. „Achtzehn, mein Kind,“ antwortete er.„Das iſt für ein ſolches Stück nicht zu viel.“ Polyt betrachtete begehrlich die Beinkleider. „Fein ſind ſie,“ flüſterte er.„Schade, daß ich alles vertrunken habe.“ In dieſem Augenblicke kam die Batailleur mit Frau Huffé an. „O!“ rief Grünmütze aus,„da kommt die Feinſte.. Der iſt kein † für ein U zu machen.. Was bieten Sie, Madame?“ Die Batailleur befühlte das Tuch. „Mutter,“ fuhr Malou fort,„kaufen Sie mir das für den kleinen Polyt ab, der ſo hübſch iſt.“ „Sechs Francs will ich geben,“ antwortete die Batailleur, welche die Anſpielung ganz ruhig hinnahm. „Zwölf!“ betheuerte Malou. „Neun.“ „Noch einen und wir ſind einig.. Freund Polyt würde mehr gezahlt haben, aber. Die Batailleur wendete ſich nach Polyt um, der ſeinen Stock drehte, um die Faſſung nicht zu ver⸗ lieren. Frau Huffé hatte die Ehre, von weitem einen tiefen Knix vor ihm zu machen. Die Batailleur zahlte zehn Francs und die Bein⸗ kleider ſollten öffentlich in den„zwei Löwen“ anver⸗ ſucht werden. Man iſt im Temple nicht prüde. „Der hat Glück!“ murmelte Pitois, während er ein anderes Paar Pantalons ausbreitete;„den ganzen lieben Tag nichts zu thun, eſſen, trinken, gut gekleidet und Abends Tanz in guter Geſell⸗ ſchaft.“ „Ich möchte doch nicht an ſeiner Stelle ſein, wenn ich ein Mann wäre,“ fiel die kleine Butter⸗ blume keck ein. Alle Anweſenden zuckten die Achſeln über dieſe Ketzerei und der Dachs warf einen verächtlichen Blick auf das Mädchen, das ſich ſelbſt ſchämte, etwas ſo Unerhörtes geſagt zu haben und rief das andere Beinkleiderpaar aus. In dieſem Augenblicke bemerkte der Drehorgler, der zum zwanzigſtenmale an der verſchloſſenen Thüre Araby's hingegangen war, zufällig das Geſicht des Weinſchenken Johann. Der Weinſchenk ſchien Jemanden zu ſuchen. Der Drehorgler richtete ſich plötzlich empor, in ſeinem matten Auge leuchtete ein Blitz und eine flüch⸗ tige Röthe zog über ſeine bleichen Wangen. auf 79 Er drängte ſich durch die Menge hindurch gerade auf den Weinſchenken zu. „Sie haben in voriger Nacht mit mir geſprochen, nicht wahr?“ fragte er indem er den Arm des Wein⸗ ſchenken faßte. Dieſer drehte ſich um und betrachtete ihn vom Kopfe bis zu den Füßen. Dann trat auf ſeine Lip⸗ pen ein Lächeln. „Es könnte wohl ſein, Kleiner,“ antwortete er. „Ja, ja, Sie waren es,“ betheuerte der Dreh⸗ orgelſpieler.„Sie haben ſogar hier, wo wir jetzt ſtehen, mir mir geſprochen.“ „Ich läugne es nicht, mein Sohn. Aber rede nicht ſo laut.“ „Sie haben mir geſagt, wie ich meine Mutter retten könnte..“ „Nun?“ fragte der Weinſchenk, der eine gewiſſe Unruhe nicht bergen konnte. „Ja,“ fuhr der Drehorgler fort indem er die Hände auf die Stirn drückte,„ich beſinne mich nicht mehr.“ Der Weinſchenk athmete freier und ſeine dünnen Lippen öffneten ſich zu einem ſtillen Lächeln.— „Armer Burſch!“ flüſterte er.„Warſt Du ſo betrunken? Nun im Carneval iſt dagegen nichts zu ſagen. Ich habe allerdings ein Paar Worte über Deine Großmutter fallen laſſen, ich läugne es —— —— nicht,.. aber Du gehſt zu weit, ich ſagte blos, ich würde nachſinnen;.. das Uebrige haſt Du ge⸗ träumt.“ „Nein, nein,“ fiel Johann ein,„ich habe nicht geträumt.“ „Nicht ſo laut, mein Sohn! Ach man träumt erſtaunliche Dinge, wenn man betrunken iſt.“ Der Weinſchenk ſah dem Drehorgelſpieler gerade in das Geſicht, dann ſchlug er die Augen nieder. „Vor allen Dingen müßte ich wiſſen,“ ſagte er leiſe,„ob Dir es paßt, Paris auf einige Zeit zu verlaſſen.“ „Alles iſt mir Recht, wenn meine arme Groß⸗ mutter gerettet wird.“ „Hm! Manche Leute reiſen nicht gern.. Da Du nichts dagegen haſt, ſo würdeſt Du wohl einen kleinen Ausflug nach Deutſchland machen, wobei Du ohne alle Mühe etwas Hübſches verdienen könnteſt.“ „Ich werde aber dafür arbeiten müſſen?“ „Wenig.“ „Was?“ Der Weinſchenk muſterte nochmals tückiſch die Züge des Drehorgelſpielers. „Wir ſprechen noch davon,“ ſagte er. „Nein, nein, nein,“ rief Johann aus,„wir „wir müſſen ſogleich davon reden. Ich habe oft r 81 ſagen hören, Sie wären hart und mitleidslos, Nach⸗ bar; der Herr hat Millionen; wenn Sie nicht wären, fiele es ihm nicht ein unglückliche Arme ins Gefängniß zu ſchicken.“ „Ach geh!“ antwortete der Weinſchenk. „Nun, ich will glauben, daß Sie auch ein gutes Herz haben, wenn Sie mir nur ein einziges Wort von Hoffnung ſagen.. Sie haben meine Groß⸗ mutter ins Unglück geſtürzt; läugnen Sie nicht, ich weiß es; wenn Sie mir helfen ſie zu retten, will ich alles vergeſſen, Nachbar, ich will vergeſſen, daß ich oftmals Abends vor der Thür zur„Giraffe“ umhergeſchlichen bin und alle meine Kraft zuſammen⸗ nehmen mußte, um Sie nicht die Thränen meiner Mutter mit Blut bezahlen zu laſſen.“ Das gewöhnlich ſo milde und furchtſame Geſicht des Drehorgelſpielers hatte ſich mit einemmale völlig verändert. Es lag in ſeinen Augen, die er unver⸗ wandt auf dem Weinſchenken ruhen ließ, ein wild⸗ drohender Ausdruck. Der Weinſchenk wendete das Geſicht ab, um die⸗ ſem Blick zu entgehen. „Ich will alles vergeſſen,“ fuhr Johann fort, „aber reden Sie geſchwind, denn ich leide dieſen Morgen ſehr und weiß nicht, was in meinem Kopfe vorgeht..“ Die Bewegung und das Drängen der Menge —— —-— ———ͤ—,— 82 hatte ſie gegen ihren Willen mitfortgezogen; ſie befanden ſich jetzt zwiſchen dem Hauſe Dorns und dem Rotundengebäude. Der Weinſchenk ſpürte nach allen Seiten hin, ob nicht Jemand zu guter Zeit komme und ihn von dem jungen Menſchen befreie; Johann aber hielt ihn am Arme feſt und ſchien gar nicht Luſt zu haben ihn loszulaſſen. Der Weinſchenk wußte recht wohl, daß er mit dem jungen Manne in der Nacht vorher geſprochen und welche Anträge er ihm gemacht hatte. Er war aber ein mißtrauiſcher Menſch, der gern andern die Rechtlichkeit abſprach, die er ſelbſt nicht beſaß. In der Nüchternheit wäre er vielleicht nie auf den Ge— danken gekommen wegen der Arbeit im Schloſſe Geldberg ſich an den Drehorgelſpieler zu wenden; da er es aber im Rauſche einmal gethan hatte, be⸗ reute er es nicht eben ſehr. Nur fühlte er ſich unter der neugierigen Menge und unter allen den lau— ſchenden Ohren unbehaglich. Ein flüchtig aufge⸗ fangenes Wort konnte ihn in die ſchlimmſte Ver— legenheit bringen. Auch kam ihm Johann dieſen Morgen ganz anders vor und er fürchtete, daß das Geſpräch eine beunruhigende Wendung nehmen könnte. Es dauerte alſo ziemlich lange ehe er antwortete; dann ſuchte er ſeinem Geſicht einen gutmüthigen Aus⸗ druck zu geben und nahm Johanns Arm. — 83 „Mein Sohn,“ ſagte er,„ich ſchlage mich durch das Leben wie es eben gehen will; wenn ich die Geſchäfte des Herrn nicht beſorge, ſo thut es ſtatt meiner ein Anderer und die Mutter Regnault wäre nicht reicher. Als wir uns in voriger Nacht ſahen warſt Du betrunken und ich war es auch; ſollte ich Dir etwas verſprochen haben, ſo könnte ich mich leicht entſchuldigen; aber ich will's nicht thun; ich habe Dich als kleines Kind geſehen, Du gefällſt mir und die vertwalliühei Mittheilungen, die Du mir gemacht haſt.. „Mittheilungen?“ fragte Johann erſtaunt. Der Weinſchenk blinzelte. „Mein Sohn,“ ſagte er,„der Wein der Frau Taburot lockt manche Worte heraus.“ „Was habe ich geſagt?“ „Dies und jenes,.. Kindereien.. von der hübſchen Gertrud, die ſich die Hand küſſen laſſe..“ Johann ſchlug die Augen nieder. „Und von einem gewiſſen Jemand,“ fuhr Jo⸗ hann fort,„einem Herrchen, der Dich ärgert und den Du.. Er unterbrach ſich und ſetzte dann leiſe hinzu: „kalt machen willſt.“ Johann erbebte vom Kopfe bis zu den Füßen.. Schweiß trat ihm auf die Stirn und obwohl er unverwandt auf die Pflaſterſteine zu ſeinen Füßen O—— — ——— — 84 ſah, konnte man doch auf ſeinem Geſichte die plötz⸗ liche und gewaltſame Anſtrengung ſeiner Erinnerung ſehen, die wieder erwachte. Dieſer Mordgedanke hatte ihn wie ein Dolchſtoß getroffen und zugleich auch den Nebel zerriſſen, der ſein Gedächtniß umhüllte. Er machte ſich haſtig von dem Weinſchenken frei und trat einen Schritt zurück. „Es iſt wahr,“ ſagte er mit bewegter Stimme, „ich haſſe ihn tödtlich und habe vielleicht vom Mor⸗ den geſprochen, aber.. jetzt erinnere ich mich deut⸗ lich, Sie verſprachen mir das Geld auch als Lohn für einen Mord.“ Der Weinſchenk trat raſch zu ihm. „Still, Menſch, ſtill!“ ſtammelte er.„Ich bin ein rechtſchaffener Mann, Du irrſt Dich.“ „Ich irre mich nicht,“ entgegnete Johann, der die Hand wie zum Schwur ausſtreckte;„Ihre Worte klingen noch in meinem Ohre.. Mit einem Morde, mit einem Morde in der Ferne ſollte die Rettung meiner Mutter erkauft werden.“ Johann hatte die Arme auf die Bruſt über ein⸗ ander gelegt und die Augen von Neuem nieder⸗ geſchlagen. Der Weinſchenk betrachtete ihn auf⸗ merkſam und ſuchte ſeine Gedanken zu errathen. Sie ſtanden in dieſem Augenblicke etwas außer⸗ 8⁵ halb des Gedränges ganz nahe an den Häuſern, welche die kleine Seilerſtraße ſchloſſen. Der Weinſchenk dachte nach. Er bereuete jetzt ſeine Unvorſichtigkeit und erſchrak vor den tiefen Runzeln auf der Stirn des Drehorgelſpielers; aber der Schritt war einmal gethan; das Weitergehen konnte gefährlich werden, das Zurückgehen war un⸗ möglich. Und der Weinſchenk dachte in ſeiner Weisheit bei ſich: „Wenn ich ihn einmal da drüben habe, küm— mere ich mich des Teufels um ihn. Man bezahlt ihn je nach ſeinem Verdienſt und wenn er den Schlechten ſpielt, kann man ſich ſchon einrichten, hier aber laſſen ſich die Sachen nicht ſo ſchnell be⸗ treiben.. Der Burſche könnte mir die ganze Ge⸗ ſchichte verderben. Aber vorſichtig!“ Wenn Johann in dieſem Augenblicke hätte in der Seele des Weinſchenken leſen können, würde er nur ein Wort auszuſprechen nöthig gehabt haben, um ſeine Großmutter zu erlöſen. Aber der Kopf Johanns war verworren; das Fieber glühete in ihm und er verlor ſich in den müh⸗ ſeligen und unmöglichen Grübeleien eines Menſchen, der nachzudenken glaubt und doch nur den Schwan⸗ kungen eines geſtörten Geiſtes folgt. — ODa—— —— —— A. N5 —— — 86 Er war noch ſo jung, er war ſchwach und der Schmerz hatte ihn vollends gebrochen. Er erkannte die Gelegenheit nicht und wenn er ſie erkannt, hätte er ſie vielleicht nicht benutzt. Der Schenkwirth dagegen beſaß Erfahrung genug und kannte keinen moraliſchen Zaum und Zügel. Je länger die Pauſe währte, um ſo mehr gewann der Weinſchenk ſeine kalte Ruhe wieder und beobachtete den Drehorgel— ſpieler um ſo aufmerkſamer; er erklärte ſich nach ſei⸗ ner Art die Verlegenheit des jungen Menſchen, er errieth ihn und ſah in die Seele deſſelben deutlicher als Johann ſelbſt. Und was ihm früher als ein gerechtes Beginnen erſchienen war, kam ihm allmälig doch wie ein ern⸗ ſtes Unternehmen vor. Die Trunkenheit hatte ihm gut vorgearbeitet; er hatte das Ziel erreicht, aber die Hand auf Geradewohl ausgeſtreckt. Johann war doch, alles berechnet, der Mann, der ihm am beſten geeignet zu ſein ſchien. „Nun,“ begann er endlich in vertraulichem einſchmeichelnden Tone,„da Du Dich der Sache halb und halb erinnerſt, ſo will ich Dir nichts ver⸗ heimlichen,.. aber vorſichtig! Vergiß nicht, daß ein einziges Wort Dich ins Verderben ſtürzen könnte.“ „Mich in das Verderben ſtüͤrzen könnte?“ wie⸗ derholte Johann. 87 „Mein Sohn,“ fuhr der Weinſchenk fort und gab ſeiner Rede einen wahrhaft väterlichen Ton, „ich ſehe ſehr wohl, daß Du nicht weiſt, bis wie weit Du Dich dieſe Nacht verbindlich gemacht haſt. Wir waren nicht allein und die, welche unſer Ge⸗ ſpräch gehört haben, würden nicht gegen mich zeugen.“ Johann richtete ſich unwillig empor. „Laß mich ausreden,“ fuhr der Weinſchenk ruhig fort;„ich drohe nicht, verſteh mich wohl, ich erzähle nur.. Die beiden Männer, welche Du dort ſiehſt(er zeigte auf Malou und Pitois), ſtanden hinter Dir, als Du ſprachſt und dieſe beiden Män— ner gehören mir an..“ Johann hatte dieſe beiden Geſtalten in dem Halbdunkel der„vier Haimonskinder“ geſehen; er erinnerte ſich unklar und glaubte. „Du ſagteſt mir,“ fuhr Johann fort,„für die hübſche Gertrud, die Dich liebe und für Deine Mutter könnteſt Du alles thun.. Da hatte ich Mitleid mit Deiner Verzweiflung, nannte Dir das Mittel, das Dich glücklich machen kann und Du ſchwurſt mir einen Eid.“ „Ein ſolcher Eid iſt ſo gut als keiner,“ ſagte Johann. „Es liegt wenig daran,“ entgegnete der Wein⸗ 88 ſchenk,„wenn man nicht gezwungen iſt ihn zu halten.“ Johann ſah dem Weinſchenken in das Geſicht und ſchüttelte langſam den Kopf. „Das iſt Deine Sache.. Ich ſage Dir weiter nichts als daß wir ſtark ſind. daß Du ſchwach biſt, weiſt Du recht wohl. Was Du Dein Unglück nennſt, kann ſich heute noch in Glück verwandeln. Was fehlt Dir und Du heiratheſt Gertrud? Geld Nun, Du kannſt Geld verdienen.“ Johann drückte die Hand auf ſeine glühende Stirn. „Die ſo hübſche, ſanfte Gertrud, die Dich ſo glücklich machen würde,“ ſetzte der Weinſchenk hinzu. „Laſſen Sie ab von mir!“ „Was brauchſt Du, um Deine Großmutter zu retten?“ fuhr der Weinſchenk fort.„Nichts als wenig Geld und Du kannſt viel Geld verdienen.“ Johann vermochte kaum noch zu athmen. „Deine arme alte Großmutter,“ fuhr der Wein⸗ ſchenk fort,„die ſo gut und ſo unglücklich iſt! Ich ſah ſie letzthin auf der Straße gehen und ſtaunte, wie ſie zitterte, wie ihr graues Haupt ſich ſenkte, wie ihre Augen von Thränen geröthet waren. Ulle ſagten aber auch: ſie wird das Gef fängniß nicht überleben.““ — 9 89 Zwei brennende Thränen rannen über die blei⸗ chen Wangen des Drehorgelſpielers. „Nein, nein,“ ſtammelte er mit aller Wider— ſtandskraft.„„Mein Gott, erbarme Dich meiner!“ Der Weinſchenk ſah ihn mit ſchadenfroher Luſt an, denn er glaubte kaum nöthig zu haben noch einen Streich zu führen. Als er weiter ſprechen wollte, erlangte der kleine Drehorgelſpieler doch wieder einige Kraft, denn er that wankend einige Schritte um ſich zu entfernen. „Gertrud!“ murmelte er mit gebrochenem Her⸗ zen,„Gertrud und meine Mutter. Ach mich ſelbſt würde ich gern umbringen; an einen Andern kann ich die Hnnd nicht legen.“ Der Weinſchenk hatte die Stirn gerunzelt als er ſeine Beute ſo ſeinen Händen entſchlüpfen ſah, aber bald zeigte ſich auf ſeinen dünnen Lippen ein trium— phirendes Lächeln. Es entſtand nach dem Hauſe Dorns zu ein großes Geräuſch und drängte ſich lachend und ſchwatzend in dieſer Richtung hin. Der Weinſchenk holte den fliehenden Drehorgel— ſpiegel mit zwei Schritten ein und faßte ihn am Arme. „Siehe!“ ſagte er indem er auf das Haus Dorns wieß. Johann ſah hin und aus ſeiner Bruſt riß ſich N. 7 9⁰ ein dumpfes Röcheln los. Seine Beine zitterten und er ſank wie vom Blitz getroffen auf die Knie. In der lachenden Menge rief man: „He! Seht einmal die alte Regnault; die wird eingeſteckt!“ „Die Regnault eingeſteckt!“ Sechſtes Kapitel. Ein Drama unter freiem Himmel. Es war merkwürdig und ſehenswerth. Alle dieſe Leute, Käufer und Verkäufer, hatten wohl Urſache aus ihrem gewöhnlichen Weſen heraus⸗ zutreten. Man ſteht nicht alle Tage ſo vielem Leide gegenüber und um eine ſo bittere Armuth in der Nähe zu ſehen, darf man wohl einige Schritte gehen. Die Thränen entlockenden Theater werden erſt des Abends geöffnet und man hat alſo von Glück zu ſagen, wenn man ſchon des Morgens ein kleines Drama findet. Der Tag fängt gut an; das Volk, welches Unglück gar zu gern ſieht, läuft dem Schluchzen nach und bezahlte gern einen Platz bei den Hinrichtungen des Morgens. Es betrachtet mit 7* —,, — ——— Intereſſe den Uebelthäter, der zwiſchen zwei Gens⸗ d'armen vorüberkommt und nach den Freuden des Halseiſens und dergl. läuft man ziemlich weit. Das Herz klopft auf der kalten Schwelle der Morgue. Bei jenen ſchmachvollen Kämpfen, welche mehr und mehr in die Volksſitte übergehen, wenn ein Meſſer heimlich und tückiſch geöffnet wird, wenn ein ver— wundeter Menſch fällt und ſchreit, drängt man ſich eilig hinzu; die Neugier röthet die Wangen der Weiber und acht Tage lang wandert man an Ort und Stelle, um zu ſehen, ob noch irgend ein Blut⸗ fleckchen auf dem Straßenpflaſter übrig geblieben iſt. Das franzöſiſche Volk iſt das weichherzigſte, frei⸗ lich; pfui über die ſpaniſchen Corridas, wo man arme Stiere ſchlachtet; pfui über den engliſchen Fauſtkampf, pfui über die grauſamen Wettkämpfe, in denen zwei unglückliche Hähne mit ſcharfen Spo⸗ ren einander gegenſeitig zerreißen! Aber Millionen würde man einnehmen, wenn es in unſerm aufge⸗ klärten Jahrhunderte noch möglich wäre, Jemanden wie in den barbariſchen Zeiten zu verbrennen, wenn man einen Scheiterhaufen errichten und Sitz⸗ und Stehplätze da umher einrichten könnte von zwei Louisd'or bis zwei Sous! Wir ſind gutmüthig, civiliſirt und mitleidig; aber einen Menſchen braten zu ſehen..2 Auf dem Rotundenplatze gab es zwar nichts der 93 der Art, aber die Schauſpiele haben verſchiedenes Intereſſe und das Theater feiert nicht, wenn auch tüchtige durchgreifende Erfolge ſelten ſind. Es handelte ſich hier gewiſſermaßen um ein Fauiiliendrama, um ein ſtilles unbeachtetes Märtyrerthum; aber das Volk iſt wähleriſch in ſeinen grauſamen Inſtincten, es liebt die Thränen faſt eben ſo ſehr als das Blut. Es waren zwei Männer, unempfindliche Voll— ſtrecker des Handelsgeſetzes, zu ſehen, welche eine arme alte vor Schmerz halbtodte Frau, die ſich durch Schluchzen faſt erſtickte, in das Gefängniß ſchleppten. Sie war ſchwach und ſo blaß, als müßte ſie im nächſten Augenblicke ſterben. Man konnte errathen, daß ſie im letzten Augenblicke die ruhige Würde des Unglücks nicht zu wahren vermocht hatte; ſie war ja aber auch ſo alt und ihr Verſtand hatte ſo un⸗ barmherzige Schläge erlitten. Man ſah es wohl, die arme Frau hatte ſich gegen die Hände der Gerichtsdiener geſträubt; ihre Haube war abgeriſſen: ihr graues Haar fiel verwor⸗ ren über ihr erdfahles Geſicht auf die Fetzen ihres Kleides herab; ihre unſtäten und gleichſam geblen⸗ deten Augen deuteten Wahnſinn an; ſie ließ ſich von den Gerichtsdienern ziehen und verſuchte von Zeit zu Zeit vergeblichen Widerſtand. Aus ihrer Bruſt drangen dumpfe Klagetöne, die — ———— ———— 94 man nicht hören konnte, wie das Röcheln der Ster⸗ benden, ohne zu ſchaudern. An der Straße Dupetit⸗Thouars gerade vor dem Laden, den die Mutter Regnault dreißig Jahre inne gehabt hatte, hielt ein Fiacre. Der Weg von der Thüre bis zum Fiacre war wohl kurz, aber die alte Frau ging ſo langſam! Die Menge hatte alſo Zeit ſich an dem Schauſpiele zu weiden. „So geht's!“ ſagte eine der älteſten Trödlerin⸗ nen;„ich weiß es noch recht wohl, wie die Regnaults zur Zeit Ludwigs XVIII. im Gelde wühlten.“ „Es geht bergauf und geht bergab,“ antwor⸗ tete ſententiös Frau Huffé;„ich bin auch in andern Lagen geweſen. Jetzt muß ich dienen!“ „Wie ſie krank ausſieht!“ „Sieh! Sieh! Ihr ſchwarzes Kleid, das man funfzehn Jahre an ihr kennt, iſt nun doch endlich. fertig geworden!“ „Sie wollte die ehrlichſte von allen ſein,“ meinte eine andere Trödlerin. „Das verdarb das Geſchäft!“ näſelte der dicke Nicolaus. „Iſt es wahr,“ fragte Malou,„daß der Herr achthundert Francs von ihr zu fordern hat?“ Achthundert Francs und die Koſten.“ 7„ —— „Nun, da wird ſie wohl bei Lebzeiten nicht wie⸗ der aus dem Loche kommen.“ „Aber wie ſie weint! Wie ſie weint „Und die Victorie!“ „Sogar Geignolet!“ rief der Dachs da⸗ zwiſchen. „Nur der Johann, der Drehorgler, iſt fort⸗ gegangen, um es nicht mit anſehen zu müſſen.“ „Das iſt nicht dumm von ihm.“ Hinter der Mutter Regnault ging wirklich ihre Schwiegertochter Victorie, welche in ihrer Herzens⸗ angſt die Hände faltete und durch ihre Blicke das taube Herz der Gerichtsdiener zu erweichen ſuchte. Von Zeit zu Zeit wendeten ſich ihre in Thränen ſchwimmenden Augen nach der Menge; ſie ſuchte ihren Sohn ohne Zweifel; aber ſie ſah nichts. Hinter ihr folgte Geignolet verwundert, halb nackt und er ſah Alles mit blödſinnigem Auge an. In der Hand hatte er ein Leinwandſtück, mit dem er ſich die rothen Augen rieb. „Ach! Oh!“ murmelte er;„es iſt der Faſt⸗ nachtsdienſtag und Mutter Regnault wird nicht wiederkommen.“ Dieſes Schauſpiel hatte der Weinſchenk dem Drehorgelſpieler gezeigt. Johann war wie zerſchmettert. Sein Leben war bis dahin recht traurig und trübſelig, aber doch ruhig 177 ! 96 dahingegangen; ein Tag war ſo unglücksvoll als der andere; man hatte ſich daran gewöhnt und die Hoffnung, welche der Jugend lächelt, machte ihm die Armuth erträglich. Das wahre Leiden war für ihn in dem Augenblicke eingetreten als er die verzweifelte Lage ſeiner Großmutter erkannt hatte; er hatte da— gegen kämpfen wollen und ſeine Anſtrengungen ver⸗ doppelt; ſeine Drehorgel hatte vom frühen Morgen an bis mitten in die Nacht in den reichen Stadtthei⸗ len geſungen; vergebens! Seine Anſtrengung glich jener des armen im ſinkenden Schiffe ſchon halb ertrunkenen Matroſen, der noch immer pumpt und vergebens gegen das eindringende Waſſer kämpft. Er war gut, ſanft und muthig, ſo lange noch Hoffnung geblieben, aber ſchwach und waffenlos gegen die Verzweiflung. Seine weiche melancholi⸗ ſche Natur, in welcher eine gewiſſe träumeriſche Poeſie herrſchte, konnte keinen Widerſtand leiſten und die Qualen der letzten Tage hatten ihn faſt ge⸗ knickt. Zu dieſer geiſtigen Ermattung kam die kör⸗ perliche nach den Anſtrengungen der vergangenen Nacht, in welcher übermäßiges Trinken den gewalt⸗ ſamen Aufregungen des Spieles gefolgt war. Seit ſeinem Erwachen hatte Johann nur unklare wankende Gedanken im Kopfe gehabt; ſein Ver⸗ ſtand lag gleichſam in fieberhaften Schlummer und 97 nur an den brennenden Schmerzen ſeines Herzens fühlte er, daß er noch lebe. Der Anblick ſeiner alten Großmutter, von Hä⸗ ſchern fortgeſührt, war für ihn gleichſam der Gna⸗ denſtoß, welcher den verwundeten Soldaten von ſei⸗ nen Leiden befreit; er ſank gebrochen, unfähig ſich zu rühren, auf die Knie; er fand kaum Athem und glaubte ſterben zu müſſen. Einige Secunden lang lag er ſo wie vernichtet auf dem Straßenpflaſter; die wenigen Schritte, die er gethan hatte, um zu fliehen, hatten ihn bis an das Gebäude der Rotunde gebracht und ein Pfeiler der Säulenhalle ſchützte ihn vor den Blicken der Menge. Er war allein mit dem Weinſchenken, der ihn forſchend, vielleicht etwas beſorgt, aber keineswegs mit Mitleiden betrachtete. Während der Drehorgel— ſpieler vor ſeinen Füßen lag, ſah er ſich mehrmals um als wolle er ſich überzeugen, ob auch die Häſcher ihre Pflicht thäten. Er hatte ſich dieſes ergreifenden Schauſpiels als Waffe bedient, aber bei der Nähe der alten Frau fing er jetzt an Beſorgniß zu fühlen; er fürchtete, Johann könne ſich aufraffen; er wußte noch nicht, ob er ihn ganz in ſeinen Händen habe. Es nahete überdies die Stunde, in welcher er den Ritter Reinhold die geſuchten Männer für das Feſt im Schloſſe Geldberg zu liefern verſprochen hatte und die Anfangs ziemlich gleichgültig begonnene Unterhandlung wurde ernſtlich. Je weiter der Tag vorrückte, um ſo weniger blieb dem Schenkwirth Zeit zur Umkehr und der ſeinem Eifer zugeſagte Lohn war zu bedeutend, als daß er einen Vorwand zum Bruche hätte geben können. Was brauchte er? Einen Mann, der deutſch verſtehe und nach Geldberg abzureiſen geneigt ſei. Was der Mann dort thun ſollte, konnte ſpäter be— ſprochen werden. Johann richtete ſich nicht wieder auf und die alte Frau wurde trotz ihrem Sträuben nach dem Fiacre hingezogen. Das Geſchwätz in der Menge drang bis unter die Säulenhalle. Endlich richtete ſich Johann halb empor und er horchte als erwache er aus einem Traume. Er hörte den Namen ſeiner Großmutter nebſt dem Worte Gefängniß, das in allen Tönen unter der Menge wiederholt wurde. Seine bis dahin blaſſe Wange röthete ſich und ſein Auge erhielt einen unheimlichen Ausdruck. Mit einem Sprunge war er auf den Füßen und ſeine Hände faßten gedankenſchnell den Hals des Wein⸗ ſchenken. Dieſer verſuchte zu ſchreien, Johann aber, den die Verzweiflung Rieſenkraft gab, würgte ihn ſo, daß die Stimme des Weinſchenken in der Kehle ſtockte. 9 99 Dabei ſagte Johann:„Du willſſt, ich ſoll einen Mord begehen? Wohl es ſoll geſchehen. Mutter Regnault wird im Gefäͤngniſſe ſterben, aber vor ihr mußt Du ſterben.“ Johann lachte wild dabei und drückte den Wein— ſchenken feſt an einen Pfeiler. Alle Blicke waren nach dem Fiacre gewendet und dieſer Auftritt hatte deshalb keine Zeugen. Der Weinſchenk, deſſen Geſicht blau zu werden anfing, vertheidigte ſich nicht mehr. In einem Augenblick, als das Schwatzen der Menge ſchwieg, glaubte Johann die klagende Stimme ſeiner Großmntter zu hören; ſein Blick wendete ſich ſogleich von dem Gegner ab, um nach dem Fiacre hin zu ſehen. Da erblickte er in einem Kreiſe bewegter Köpfe die Großmutter, deren Hände ſich an die Röcke der Gerichtsdiener klammerten. Er würgte, ohne daß er es wußte den Weinhändler noch ſtärker und wenn noch eine Minute ſo vergangen wäre, würde die Todesdrohung wahr geworden ſein. Aber Johann ließ plötzlich los und legte beide Hände auf die Achſeln ſeines Gegners. Es lag kein Zorn mehr in ſeinem Geſichte, denn in ſeinem Kopfe war plötzlich ein neuer Gedanke auf⸗ getaucht, der alle andern beherrſchte. Während der Weinſchenk mit Mühe wieder — —— 100 Athem holte, ſah der Drehorgelſpieler ihn mit großen funkelnden Augen an. „Nachbar,“ ſagte er,„würden Sie mir geben, was ich zur Rettung meiner Großmutter brauche, wenn ich verſpreche nach Deutſchland zu gehen?“ Der Weinſchenk, der unvermuthet überfallen worden war, hatte ſich nicht wehren können; er wäre in noch härtere Bedingungen eingegangen. Er nickte. „Nun, Nachbar,“ fuhr Johann fort, der den Weinſchenk noch immer an dem Pfeiler feſthielt,„ich gehe.. Der Teufel ſiegt.. Auf mein heiliges Wort, ich gehe.“ „Iſt ſie fort?“ fragte der Weinſchenk, der an den Pfeiler gleichſam gefeſſelt war und nichts mehr ſehen konnte. Seine Stimme klang rauh, erſtickt, kaum ver— ſtändlich. „Nein, nein, Nachbar,“ entgegnete der junge Mann,„ſie iſt noch nicht fort. Wäre Sie fort, ſo ſtänden Sie ſicherlich nahe an der Höllenpforte.“ Seine Augenbrauen runzelten ſich und er ſetzte barſch hinzu: „Der Handel iſt geſchloſſen; zahlen Sie.“ Der Weinſchenk hatte die Banknote bei ſich, welche der Ritter ihm am Abende vorher als Drauf⸗ geld gegeben hatte. n 101 Er nahm ſie aus der Taſche. Kraft und Gei⸗ ſtesgegenwart kehrten gleichzeitig bei ihm zurück. Er war viel ſtärker als der Drehorgelſpieler und wäh⸗ rend dieſer auf das Papier ſchielte, dachte er einen Augenblick daran Wiedervergeltung zu üben; aber er hielt an ſich, weil ſein Vortheil lauter ſprach als ſein Groll. „Du haſt mich empfindlich geliebkoſet,“ ſagte er mit erzwungenem Lächeln,„aber ich glaube, Du biſt noch etwas betrunken und will Dir's nicht übel nehmen.“ „Geben Sie! Geben Sie!“ fiel Johann in Ungeduld ein. Der Weinſchenk ſtieß ihn kräftig zurück. „Nur Geduld, Kleiner!“ ſagte er;„ſjetzt ſteht es in meinem Belieben, ob ich Dir die tauſend Francs geben will.“ Johann war nahe daran wieder über ihn herzu⸗ fallen. „Ruhe!“ gebot der Weinſchenk kalt,„oder ich ſtoße Dir den Kopf an dem Pfeiler da ein.“ Er faßte dabei die Arme des Drehorgelſpielers, der vor Schmerz die Zähne auf einander biß. „Beruhige Dich, Kleiner,“ fuhr der Weinſchenk fort;„Du ſollſt Dein Geld haben, wir ſind einig. Nur muß ich Dir ſagen, daß ich Dich binnen einer 102 Stunde hier erwarte. Mittags biſt Du auf dem Wege nach Deutſchland.“ „So bald?“ flüſterte Johann. „Willſt Du nicht?“ „Ja ja.., aber geben Sie, geben Sie Der Weinſchenk hielt ihm die Banknote hin, in dem Augenblicke aber, als Johann darnach greifen wollte, zog er ſie zum zweiten Male zurück. „Keine Dummheiten!“ ſprach er leiſer indem er die Stirn runzelte;„nichts bürgt mir für Dich als Dein Schwur und ich verlange einen guten.“ „Ich ſchwöre alles was Sie verlangen,“ gegnete Johann. „Du liebteſt Deinen Vater ſehr, ſprach der Weinſchenk, indem er ihn ſcharf anſah;„verſprich mir bei dem Andenken an Deinen Vater binnen einer Stunde abzureiſen.“ „Ich ſchwöre es bei dem Andenken an meinem Vater.“ Der Weinſchenk reichte ihm nun die Banknote und Johann lief ſo ſchnell als er es vermochte fort. „Ich habe geſchworen abzureifen,“ dachte er freudetrunken,„aber nicht zu morden.“ Der Weinſchenk ſah ihm mit höhniſchem Blicke nach und griff an den noch ſchmerzenden Hals. „Das Geſchäft iſt gemacht,“ murmelte er vor ſich hin,„und ich habe meine Renten verdient.“ 147 ent⸗ te 103 Die Menge war der Mutter Regnault Schritt für Schritt gefolgt und die Gerichtsdiener hatten eben den Fiacre faſt erreicht. Der Auſtritt zwiſchen Johann und dem Weinſchenken dauerte kaum eine Minute.. Die Menge ſtand ſo dicht, daß kaum durch ſie hindurch zu kommen war. Johann kam nur langſam weiter, obwohl ihm Jedermann bereitwillig Platz machte. Seine ſpäte Ankunft erſchien wie ein Theatercoup und reizte die Neugierde, die zu erſchlaffen anfing. „Laßt ihn durch!“ rief man;„laßt ihn durch!“ ————— — e— — ——4— 8 — Siebentes Kapitel. Das Lebewohl. Die Vorderſten wußten noch nichts von der An— kunft Johanns, aber ſie amüſirten ſich doch. Man war da gleichſam auf den erſten Plätzen; man konnte die Angſt im Geſichte der alten Frau, die verzweiflungsvollen Thränen Victoriens und das traurige Staunen des Blödſinnigen ſehen, der zum erſtenmal in ſeinem Leben etwas wie Rührung fühlte. Man konnte die Anſtrengungen der Diener der Ge⸗ rechtigkeit ſehen, welchelſich ihrer Rolle faſt ſchäm⸗ ten und gewiß mehr Mitleiden fühlten als neun Zehntheile der Zuſchauer. In dieſem Augenblicke erreichte eben die Mutter Regnault, die keinen Widerſtand mehr zu leiſten vermochte, den Fiacre und befand ſich alſo ihrem ehemaligen Laden gegenüber. Der Anblick dieſes Locals, das ſie ſo lange inne gehabt hatte und an das ſich ſo viele für ſie theuere Erinnerungen knüpf⸗ ten, wo ſie ſonſt von einer zahlreichen Familie um⸗ geben, wo ſie reich, glücklich, geehrt geweſen war, traf ſie ins Herz wie die ſcharfe Spitze eines Meſſers; eine krampfhafte Anſtrengung machte ſie aus den Händen der Gerichtsdiener frei und das Volk brüllte: Bravo! „Man wird ſie ſchon wieder erwiſchen,„ſagte Pitois. „Man erwiſcht ſie nicht wieder,“ entgegnete die große Herzogin. Der arme Plödſinnige weinte, lachte aber auch als er das Geſchrei der Menge hörte und murmelte: „Heute Abend gehe ich wieder.. Das Loch iſt faſt fertig.. ich nehme die Füchſe und kaufe Brannt⸗ wein und Flaſchen den Branntwein hineinzuthun und einen großen Keller, um die Flaſchen aufzu— heben. Wenn da noch Füchſe übrig bleiben, gebe ich ſie der Mutter Regnault, daß ſie aus dem Ge— fängniſſe kommt.“ Dann jubelte er und ſchlug einen Purzelbaum. „Bravo, Geignolet!“ rief die Menge. Als dann die alte Frau, die man von Reuem ergriffen hatte, weinend vor dem Tritte des Fiacres ſich ſträubte, ſagten einige: „Sie ſteigt doch hinein.“ IX. 0 — —— 106 „Nein, ſie ſteigt nicht hinein,“ behaupteten andere. In dieſem Augenblicke drang Johann, von Schweiß bedeckt, mit halb abgeriſſenen Kleidern durch die letzten Reihen der Zuſchauer. „Mein Sohn! mein Sohn!“ rief erſchöpft die alte Frau aus. Dieſer Nothſchrei galt nicht dem Johann, ſon⸗ dern dem andern, ach noch immer geliebten Sohne, deſſen Hartherzigkeit ihr Alter mordete, Jacob Reg— nault, dem Ritter von Reinhold. Johann trat mitten in den Kreis, ſtieß die Ge⸗ richtsdiener zurück und ſtellte ſich vor ſeine Groß⸗ mutter. Die Freude der Menge hatte den höchſten Grad erreicht. „Jetzt giebt's was Warmes,“ ſagte Pitois. „Drauf, Kleiner oder Du biſt kein Mann.“ „Johann, immer drauf!“ „Johann, packe ſie.“ Butterblume trippelte ungeduldig, die große Herzogin zitterte, Batailleur hatte Luſt zu weinen und Frau Huffé, die ihr Unglück ganz vergaß, knixte. Aber die Freude ſollte noch mehr Nahrung fin— den. Als man Johann das befreiende Papier hin⸗ halten und dem Drama eine Entwickelung nach allen 107 Regeln geben ſah, konnte die Menge ſich kaum laſſen. Alle waren äußerſt gerührt; man vergaß, daß man eben noch geſpottet hatte und fühlte das innigſte Mitleiden mit den armen Leuten. „Eine ſo brave Frau!“ ſagte Butterblume mit Thränen in den Augen. „So rechtliche Leute, die Niemanden unrecht gethan haben!“ „In's Waſſer mit den Häſchern!“ Ein unermeßliches zorniges drohendes Geſchrei begleitete die Flucht der unglücklichen Gerichtsdiener. Und während die Familie Regnault in ihre Wohnung zurückkehrte, trug man Geignolet im Triumph um den Rotundenplatz. Hans Dorn wußte nichts von dieſem Auftritte. Während er vor ſich ging, ſaß er mit Hermann und andern Freunden in einer Stube der„zwei Löwen“ und führte da die letzten Befehle des Baron von Rodach aus. Er fragte alle dieſe deutſchen Ausgewanderten, ehemalige Diener der Familie Bluthaupt, ob ſie bereit wären im Dienſte des Sohnes ihres Herrn Paris zu verlaſſen. Und alle verſprachen ihre Mitwirkung, alle ohne Ausnahme, ſo daß wenn die erkauften Mörder den Weg nach dem Schloſſe Geldberg einſchlagen ſollten, auch treue Vertheidiger ſich einfinden mußten. 8* — ————— ——— —— 108 In dem ärmlichen Stüͤbchen der Mutter Reg— nault aber fand eine Scene ſtummen Glückes ſtatt, welche nur das düſtere und ſorgenvolle Ausſehen des Drehorgelſpielers ſtörte. Er, der ſeine geliebte Großmutter gerettet hatte und ſo fröhlich hätte ſein ſollen, ſtand kalt und traurig da und erwiderte die leidenſchaftlichen Liebkoſungen ſeiner glücklichen Mut⸗ ter nicht. Die alte Frau ſaß auf ihrem Lager, ſchöpfte Athem und gedachte der letzten Ereigniſſe wie eines Traumes. Inſtinctmäßig murmelte ſie ein Dank⸗ gebet, aber ihr Verſtand war zu ſehr erſchüttert, als daß er völlig ungeſtört hätte ſein können. Victorie küßte die Stirn Johanns, drückte ſeine Hände an ihr Herz und ſagte: „Mein Sohn, mein lieber Sohn, wie gütig iſt Gott, daß er Dich erwählte uns zu retten!“ Im erſten Augenblicke dachte ſie nicht daran ihn zu fragen, wo er das Geld zu ſo gelegener Zeit ge⸗ funden und als es ihr endlich einfiel, war ungefähr eine halbe Stunde vergangen. Sie ſprach, Johann ſtand auf und ſchloß ſie ſtatt zu antworten in ſeine Arme; dann kniete er vor ſeiner Großmutter nieder und küßte ihre Hand. Darauf ſah ihn Victorie, die einen ſchweren Verdacht nicht unterdrücken konnte, die Thür auf⸗ machen und ohne ein Wort zu ſagen verſchwinden. 109 Es war ihm noch eine halbe Stunde übrig und er eilte raſch zu Hans Dorn hinauf. Gertrud war allein zu Hauſe ſeit ihr Vater mit dem Baron von Rodach fortgegangen. Sie hatte das Fenſter ver— laſſen, wo ſie lange auf Johann gelauſcht und gewartet und ſo hatte ſie weder den traurigen Aus⸗ gang noch die glückliche Wiederkehr der Familie geſehen. Sie ſetzte ſich an ihr kleines weißes Bett, legte die Hände auf den Knien über einander und ließ traurig den Kopf ſinken. 13 „Armer Johann! Vielleicht iſt ihm ein Unglück zugeſtoßen.. Er wollte seſtern Abend ſprechen und ich wieß ihn hart zurück.“ Was hätte ſie jetzt darum gegeben, um Alles zu wiſſen; denn ſie fürchtete das Schlimmſte; Johann hatte verſprochen zurückzukommen und kam nicht.. Die Verzweiflung giebt böſen Rath.. Gertrud fühlte tiefe Reue. Oftmals hatten ſich ſeit dem Morgen ihre Augen, die ſo gern und häufig lachten, mit Thränen benetzt. Wie ganz anders würde ſie gehandelt haben, wenn Johann jetzt vor ihr ſtände wie am Abende vorher! Aber das Bedauern iſt nutzlos; ſie hatte ſich für Deniſe aufgeopfert, Johann zurückgewieſen und Johann kam nicht wieder. Je weiter der Tag vorrückte, um ſo höher ſtieg 110 die Beſorgniß Gertrudes. Aus ihrem meiſt ſo ſchalk⸗ haften Geſichte ſprach Niedergeſchlagenheit und Ent⸗ ſetzen. Sie fühlte tief in ihrem Herzen die unbe⸗ kannte Angſt einer ſchlimmen Ahnung. Bei dem ſchmerzlichſten Gedanken aber heiterten ſich ihre Züge plötzlich wieder auf und die Fröhlichkeit blitzte in ihren ſchönen großen Augen. Sie hörte Tritte auf der Treppe und ihr Herz hätte dieſe Tritte unter tauſenden erkannt. Sie ſtand auf und ſelbſt die Spuren der Thrä—⸗ V nen verſchwanden. Sie hüpfte an die Thüre und öffnete dieſelbe ehe angeklopft worden war. „Johann! mein armer Johann!“ rief ſie aus 6 indem ſie dem Drehorgelſpieler entgegeneilte;„was iſt Dir geſchehen? Woher kommſt Du? Tritt her⸗ ein! Tritt herein und ſchnell! Ach, wie haſt Du mich geängſtiget!“ Sie hielt ihm die Stirn hin, die Johann mit ſeinen Lippen berührte. Die Treppe war dunkel und Gertrud ſah im erſten Augenblicke die tiefe Trauer nicht, welche auf den Zügen des jungen Mannes lag. Sie nahm dann den Arm deſſelben und führte ihn inihr Stübchen, wo ſie ihn niederzog, ſeine Hand drückte und ſich ganz glücklich fühlte. Johann ſprach nicht. Nach zwei oder drei Mi⸗ nuten, in denen das Mädchen in ihrem Glücke ſich ———— — — — — 111 ſammelte, wunderte ſie ſich über das Schweigen Johanns und ſah ihn mit ihren großen freudigen Augen an. Da ſchauderte ſie und ihre rothen Wangen wur⸗ den bleicher denn zuvor. „Was iſt Dir, Johann?“ ſtammelte ſie angſtvoll. Johann verſuchte zu lächeln. Das Mädchen wiederholte die Frage zweimal ohne Antwort zu erhalten und unterdeß muſterte ihr Blick Johann vom Kopf bis zu den Füßen; ſie ſah ſeine in der vorigen Nacht und dem letzten Gedränge auf der Straße zerriſſenen Kleider, ſte ſah ſein Haar verworren, ſein Auge eingeſunken und ſeine Wange in dieſer einzigen Nacht bleich geworden wie die eines Kranken, den das Fieber lange an das Bett gefeſſelt gehalten hat. „Um Gottes Willen,“ ſprach ſie endlich, „rede,.. ich will alles wiſſen.“ Der Blick Johanns ſchien die Augen Gertruds vermeiden zu wollen. „Ich komme, um Dir zu ſagen,“ ſprach er leiſe und mit großer Anſtrengung,„daß wenn ich den Anzug nicht in gutem Zuſtande zurückgebe.. „Davon reden wir jetzt nicht,“ unterbrach ihn das Mädchen mit Thränen in den Augen,„ſondern von Dir.. — —— — ——— —. 112 „Von mir?“ entgegnete Johann, deſſen Ton bitter zu werden anfing. Er unterbrach ſich und ſetzte bald darauf langſam den Kopf ſchüttelnd hinzu: „Warum ſoll ich Dich mit dem langweilen was mich betrifft; geſtern Abend.. „Zürnſt Du mir deshalb? Wenn Du wüßteſt was ich ſeit heute früh gelitten habe.“ „Ich zürne Dir nicht,“ ſagte der Drehorgel— ſpieler kalt;„Du hatteſt ein Recht das zu thun was Du thateſt.. Der geringſte Hauch ſoll die Ver⸗ ſprechungen und Schwüre der Mädchen verwehen.. Du biſt reich und ich bin arm; ich war ein Narr und ich mußte dafür geſtraft werden, daß ich zu hoffen gewagt hatte.“ Die Thränen, die aus den Augen Gertruds perl— ten, rollten in dicken Tropfen über ihre Wangen. „Liebſt Du mich nicht mehr, Johann?“ fragte ſie. Das Unglück macht grauſam und Johann ant⸗ wortete mit abgewendétem Geſicht: „Ich glaube, daß ich Dich nicht mehr liebe.“ Ein tiefer Seufzer wand ſich aus der Bruſt Ger— truds. Johann ſtand mit gebrochenem Herzen da, aber er ſetzte kein Wort hinzu. Er empfand ſogar eine Luſt daran, leiden zu ſehen. Zwar ſprach eine Stimme in ihm für die Un— ſchuld Gertruds und trieb ihn an ſie um eine Erklä⸗ 113 rung zu bitten, aber er ſträubte ſich und gefiel ſich in der getheilten Pein. Es herrſchte einige Minuten tiefe Stille. Dann bewegte ſich der Drehorgelſpieler auf ſei— nem Stuhle und drehte verlegen den Hut in der Hand. „Und nun, Gertrud,“ ſagte er,„will ich Ab— ſchied nehmen.“ „Abſchied? Gehſt Du fort?“ fragte das Mäd⸗ chen, das vor Thränen kaum zu ſprechen vermochte. „Ich gehe fort,“ antwortete Johann,„und vielleicht für lange Zeit.. Ich glaube faſt, daß wir einander nie wiederſehen.“ Seine Stimme bebte und die Rührung ſiegte endlich über ſeine erheuchelte Kälte. „Ich glaube es,“ fuhr er fort.„Geſtern noch würde mich dieſe Trennung ſehr unglücklich gemacht haben, aber heute..? Ach Gertrud, Gertrud, möge Dir Gott verzeihen! Ein Anderer wird Dich nicht ſo lieben wie ich Dich liebte.“ „Warum ſprichſt Du aber ſo?“ fragte das Mädchen mit tiefem Weh im Herzen;„was habe ich Dir gethan?“ Die Augenbrauen Johanns zogen ſich zuſammen und ſein Blick erhielt, nachdem er eine Zeit lang auf Gertrud geruht hatte, einen milden Ausdruck. ——õÿõÿü — — — ——õ—— 114 Er war nahe daran eine Erklärung zu geben, aber der Groll ſiegte. Er ſtand auf. „Du haſt mir nichts gethan,“ ſagte er. „Worüber ſollte ich mich auch beklagen? Du warſt ja frei.“ Die arme Gertrud verſtand ihn nicht. „Aber um Gottes Willen, wohin gehſt Du?“ fragte ſie.„Sage mir nur etwas und verlaß mich nicht ſo.“ Johann blieb unentſchloſſen auf der Schwelle ſtehen. „Ich habe Dich zu ſehr geliebt,“ ſprach er leiſe, „als daß ich Dich in einem Tage vergeſſen könnte.. Ich werde gar oft an Dich denken und das wird mein grauſamſter Schmerz ſein.. Lebe wohl, Ger⸗ trud, ich gehe weit fort. Es liegt jetzt auf meinem Schickſale ein Geheimniß, das ſelbſt meine Familie nicht aufklären kann; was aber auch geſchehen möge, glaube nicht, daß ich ein Verbrechen begehen könnte.“ Dieſes Wort erfüllte Gertrud mit Staunen und Entſetzen. „Ein Verbrechen?“ wiederholte ſie.„Wie könnte ich das von Dir glauben!“ Johann hatte unklugerweiſe zu viel geſprochen, weil er unbewußt einen Troſt darin fand das Ab⸗ 1 115 ſchiednehmen zu verlängern. Jetzt erröthete er und er konnte und wollte nicht antworten. Er ſtammelte einige unverſtändliche Worte, warf Gertrud einen letzten Blick zu und eilte die Treppe hinunter. Das Mädchen rief ihn zurück und da er nicht wieder kam, ging ſie ſelbſt die Treppe hinunter bis in den Hausflur. Da begegnete ſie Geignolet, der in das Haus zurückkam glücklich und ſtolz wie ein König. „Haſt Du Deinen Bruder gehen ſehen?“ fragte Gertrud. „Sie haben mich getragen,“ antwortete der Blödſinnige,„über den Köpfen, um den ganzen Platz herum und ſie ſchrieen: Vivat Geignolet! Alle haben es gehört.“ „Haſt Du Deinen Bruder geſehen?“ wieder⸗ holte Gertrud indem ſie ihn am Arme ſchüttelte. „Greifen Sie mich nicht an!“ rief der Blöd— ſinnige mit einer Königsgeberde aus,„oder ich ſage den Leuten, daß ſie die Gertrud ſchlagen ſollen.. Sie thun alles was ich will.“ „Lieber Geignolet,“ wiederholte Gertrud noch— mals,„ich gebe Dir Geld.. Haſt Du Deinen Bruder gehen ſehen?“ Bei dem Worte Geld horchte der Blödſinnige auf. „Ja,“ antwortete er indem er auf die Rotunde zeigte,„ich habe ihn geſehen; dort iſt er.“ 116 „Laufe ihm nach, Joſeph, folge ihm überallhin, ſuche zu erfahren, wohin er geht und wenn Du es mir ſagen kannſt, gebe ich Dir Deine beiden Hände 77 voll Sous. Geignolet hielt die beiden Hände auf. „Das iſt gut,“ murmelte er,„bis ich die Füchſe habe.“ Er lief dann fort und verſchwand unter der Menge, welche noch immer den Marktplatz füllte. Gertrud kehrte zurück und ſtützte ſich halb ohn⸗ mächtig an die Wand. Achtes Kapitel. Die Veiſegefährten. Während Geignolet unter der Menge umherlief, kam ſein Bruder Johann an dem Stelldichein an, das der Weinſchenk bezeichnet hatte, unter der Säu⸗ lenhalle neben dem Laden des alten Araby. Die Thür des Wucherers ſtand offen und er wartete jetzt wie gewöhnlich hinter dem halbmond⸗ förmigen Loche auf die Kunden, aber der Markt nahte ſich bereits dem Ende und die, welche ſeinen Laden verſchloſſen gefunden, hatten was ſie brauch⸗ ten anderswo geſucht. Der Alte hatte an dieſem Vormittage Unglück.. Wie er auch lugte, es kam keine Beute, ihn über die gewaltige Lücke zu tröſten, die in ſeine geheime Caſſe gemacht worden war. Er war auf ſeinem alten Lehnſtuhle zuſammen⸗ 118 geſunken und berechnete, wie lange er den Armen Sous werde entreißen müſſen, ehe er die hundert und dreißigtauſend Francs wieder zuſammenbringe. In einem Winkel kauerte von Froſt zitternd die kleine Ausläuferin Nono, die am Halſe und im Ge⸗ ſtchte die Spuren des Wahnſinns des Alten an ſich trug; ihre Augen waren mit Grauen auf den Mann gerichtet; ſie wagte nicht zu klagen, ja ſie wagte kaum zu athmen. Der Weinſchenk und Johann begegneten einan⸗ der vor der äußern Thüre des Ladens. Der erſtere war auf dem Platze umhergegangen und hatte ſeine Leute gemuſtert; alle waren bereit. Fritz hatte ſei⸗ nen Schoppen Branntwein getrunken und die beiden unzertrennlichen Freunde, Malou und Pitois, hat— ten das letzte Paar der geſtohlenen Beinkleider ver⸗ kauft. „Das nenne ich pünktlich!“ ſagte der Wein⸗ ſchenk;„aber weißt Du, Kleiner, daß Du eine derbe Fauſt führſt und daß ich die Spur von Deinen Liebkoſungen noch lange behaltan werde? Vergeſſen wir's; die Zeit drängt und Dein Platz im Poſt⸗ wagen iſt beſtellt.“ „Ich habe verſprochen abzureiſen,“ antwortete Johann,„und ich werde reiſen.“ In dieſem Augenblicke kam der Blödſinnige an, welcher der Spur ſeines Bruders folgte wie ein Hur aben und vern 119 Hund. Er verſuchte hinter einem Pfeiler zu horchen, aber der Weinſchenk und Johann ſprachen leiſe und gingen dabei auf und ab. Der Blödſinnige vernahm kein Wort von ihrer Unterredung. Jeder Andere würde die Aufgabe aufgegeben haben, da er ſich nicht näher ſchleichen konnte; aber der Zufall hatte Gertrud in der Wahl ihres Boten gut gedient. Geignolet beſaß, wie faſt alle Un— glücklichen, die den Verſtand entbehren, etwas von der inſtinctartigen Gewandtheit, welche in manchen Fällen den Wilden über den civiliſirten Menſchen ſtellt. Er hatte ſein Lebtage gelauert und gelauſcht und da Niemand auf ihn achtete, war er die Perle der Spione. Zwei oder drei Minuten lang folgte er dem Weinſchenken und ſeinem Bruder von Pfeiler zu Pfeiler mit der ihm eigenen ſchlauen Geduld und als er die Nutzloſigkeit ſeiner Bemühungen erkannte, überblickte er ſchnell den Raum, um einen nähern Lauſchwinkel zu ſuchen. Unter der Säulenhalle gab es keinen, aber das Auge des Blödſinnigen fiel auf die offene Thüre des Ladens Arabys. Das war ein ihm wohlbekannter Ort. Mehrere Monate lang war er der Ausläufer Arabys geweſen und ſeit die kleine Nono ihn in dieſer beneidens⸗ werthen Stelle erſetzte, lauerte er faſt jeden Morgen auf das Ausgehen des Mädchens, um ſie zu ſchla⸗ gen oder ihr das Frühſtück abzunehmen. ſi Er benutzte den Augenblick als ſein Bruder und ’ der Weinſchenk den Rücken gewendet hatten, um mit V 5 einem Sprunge durch die Säulenhalle zu gehen. Als ſie ſich wieder umkehrten, lauerte er bereits hin⸗ ——— 3 obe ter der Thüre Arabys. V . 5. e! ier konnte er weit beſſer hören. F 3 2 a 1 f Als die Beiden vor der Thüre vorübergingen, e . 1 1 ginge r ſprach der Weinſchenk. Er antwortete wahrſchein⸗ 4 ¹— lich auf eine Frage des Vrnhorgelſpiälris über den Zweck der Reiſe. 67„Du haſt Zeit genug, dies unterwegs zu erfah⸗ n ren, mein Sohn,“ ſagte er;„ich werde Dich zu V 1 Jemanden bringen, der Dir die Sache erklärt. Das gen, Meer giebt es nicht auszutrinken, glaube mir, und Du wirſt Dein Geld ſehr leicht verdienen.“ 9 A Sie befanden ſich gegen einander in ganz glei— N geg ganz g. W cher Lage. Es handelte ſich unter jen um einen Mord, den der Weinſchenk ohne Zweifel ſehr eruſt nahm, bei dem er aber durchaus nicht auf den Dreh⸗ V orgelſpieler rechnete; Johann war in ſeinen Augen nur ein Gehilfe, ein Statiſt, welcher die Truppe vollſtändig machte und den er verlockte, um die ver— ſprochene Belohnung zu erhalten. Wenn man zwei Burſche hat wie Malou und 121 Pitois, ungerechnet den ehrlichen Fritz, iſt ein armer Knabe wie Johann Regnault ſicherlich über⸗ fluͤſſig. Aber der Ritter hatte vier Mann verlangt und er mußte ſie ihm für ſein Geld ſchaffen. Der Weinſchenk hatte die ziemlich nutzloſe Er⸗ oberung im Rauſche in den„vier Haimonskindern““ gemacht; nüchtern hätte er vielleicht anders gehan⸗ delt. Da die Sache aber einmal angefangen war, ſo war dieſer ſo gut als irgend ein anderer. Er verſtand deutſch und überdies dachte der Weinſchenk auch mit Vergnügen daran, daß die Abweſenheit des Drehorgelſpielers dem Neffen Nicolaus freien Spiel⸗ raum bei der hübſchen Gertrud laſſe. Der Weinſchenk hatte eine ſehr hohe Meinung von den Erſparniſſen Dorns. Von Johann wiſſen wir, daß ihn die Noth die Liſt gelehrt und daß er mit ſeinem Gewiſſen eine Art Vertrag geſchloſſen hatte. Mordgedanken lagen weit von ihm. Natürlich ſprachen gleichwohl der Weinſchenk und Johann vom Morde. Geignolet erhaſchte einige Worte davon und nach etwa zehn Minuten ſah er den Weinſchenken eine Börſe aus der Taſche nehmen und Johann übergeben, worauf ſich beide entfernten. IX. 9 ihnen von fern folgte;„ich erzähle alles der kleinen Gertrud.“ Der Weinſchenk und Johann redeten Fritz an den„zwei Löwen“ an; der erſtere ſprach einige 77 2) 9 Worte und der ehemalige Reitknecht von Bluthaupt ging ſchweigend neben ihnen. So kamen alle Drei, immer von Geignolet ge— folgt, bis an die feuchte Hausflur der„vier Hai⸗ monskinder.“ „He!“ rief der Weinſchenk, ohne ſich die Mühe zu nehmen hineinzugehen,„vorwärts!“ Malou, der die Butterblume am Arme hatte und Pitois, der die große Herzogin nachzog, kamen auf den Ruf herbei. „Wir ſind bereit,“ ſagte Malou. „Und Euer Gepäck?“ fragte der Weinſchenk. ‚„Kein Gepäck!“ antwortete der Dachs. „Wir nehmen nur gute Päſſe und unſere Wei⸗ ber mit.“ „Wie? Ihr wollt nicht allein reiſen?“ flü⸗ ſterte der Weinſchenk, deſſen Augenbrauen ſich run⸗ zelten. Butterblume und die große Herzogin lachten ihm ins Geſicht und die Kleine antwortete in einer Polkaſtellung: 4 „Hm!“ brummte der Blödſinnige indem er „Das wundert Dich, Alter? Wie geht es Amor und ſeiner Perrücke?“ Der Weinſchenk ſchüttelte mit zunehmender übler Laune den Kopf. „Das liegt nicht im Handel,“ ſagte er. „So legen wir uns ſelbſt hinein,“ antwortete die Kleine. „Alter,“ ſagte Malou,„die Damen wollen eine Rheinreiſe machen.“ Der Weinſchenk zuckte die Achſeln und ging vor⸗ aus. Die Andern folgten. Johann ging neben Fritz wie ein Sclave, der an einen Unglücksgefährten angefeſſelt iſt. Dann kamen luſtig ſchwatzend die beiden Paare, die ſangen, und wenn es der Platz geſtattete, auf dem Trottoir tanzten. Sie ſchienen wirklich eine Ver⸗ gnügungsreiſe anzutreten. Zuletzt ſchlich Geignolet an den Häuſern hin und ſah alles verwundert an. So kam man zur Poſt. Malou, Pitois und ihre Begleiterinnen nahmen im Wagen Platz, Fritz und Johann in dem Cabriolet. Geignolet miſchte ſich unter die umſtehenden Gaſſenjungen und beobachtete noch immer. „Sobald Ihr dort ſeid,“ ſagte der Weinſchenk zu Malou,„nehmt Ihr in der Nähe des Schloſſes 9* ——-— —— 124 Quartier und gewöhnt die guten Leute von Geld⸗ berg an Euere Geſichter. Benehmt Euch vor allem anſtändig, damit Ihr die Sache nicht gleich von vornherein verderbt.“ „Ganz wohl, Alter,“ antworteten die beiden Spitzbuben. „Und viele ſchöne Grüße an Amor Der Weinſchenk trat nun an das Cabriolet. „Du Fritz,“ ſagte er,„biſt dort zu Hauſe, wirſt den Andern zur Hand gehen und den Kleinen da unterrichten, welchen ich Dir anvertraue.“ Fritz ſah nach ſeiner Gewohnheit den Wein⸗ ſchenken mit den erloſchenen Augen an, antwortete aber nicht. Die Peitſche des Poſtillons knallte und der Wa⸗ gen donnerte im Galopp der fünf Pferde über das Straßenpflaſter. Der Weinſchenk und Geignolet kehrten jeder für ſich nach der Templeſtraße zurück. Johann kannte den alten Fritz, weil er ihn oft im Temple geſehen, aber nie hatte er mit ihm ge⸗ ſprochen. Kaum hatten die Räder des Wagens ſich zehnmal umgedreht, ſo drückte der ehemalige Reit⸗ knecht von Bluthaupt ſich in eine Ecke und ſchloß die Augen, um zu ſchlafen. Johann betrachtete ihn und ſein Widerwille ſtei⸗ 117 . ————,—— en Ür 125 gerte ſich noch als er das elende Ausſehen des Reiſe⸗ gefährten erkannte, den man ihm aufgedrungen. Er ſah, daß die Kleidungsſtücke abgenutzt und mit zahl⸗ loſen Flecken bedeckt waren, daß der Kamm den Bart wohl in zehn Jahren nicht berührt hatte, er ſah die tiefen Augenhöhlen und die Bläſſe der Wangen mit den ſchmalen blutrothen Flecken an den Backen⸗ knochen. Nach dieſer Muſterung füllte ſich ſein Kopf mit traurigen Gedanken. Alles was er gelitten hatte, kehrte in ſein Gedächtniß zurück und es graute ihm vor dem, was er noch leiden ſollte. In ſein Sinnen miſchte ſich eine unklare Angſt. Der Weinſchenk hatte jede Erklärung verweigert. Johann wußte nichts und konnte nur errathen, daß er zu einer im voraus bezahlten Mörderbande gehöre. Was ſollte in dem fernen Schloſſe geſchehen? Johann war entſchloſſen Gehorſam zu heucheln und den Mord wo möglich zu verhindern, wenn er auch die Rolle eines Mörders ſpiele. Aber alles war Geheimniß für ihn; er wußte durchaus nicht, was ihn am Ende ſeiner Reiſe erwarte. Sein Kopf er⸗ hitzte ſich allmälig, die Einſamkeit ſteigerte die Auf⸗ regung und das Fieber, das früh am Morgen in ihm geglüht hatte, ſtellte ſich wieder ein. ———jj———— 126 Einige Stunden von Paris weckte er den alten Fritz durch eine raſche Bewegung. „Man hat Ihnen anempfohlen mich zu unter⸗ richten,“ ſagte er;„ich weiß noch gar nichts und möchte alles wiſſen. Was ſollen wir in Deutſch— land thun?“ Fritz ſchlug langſam die Augen auf und ſchloß ſie alsbald wieder. „Schlafen Sie nicht,“ fuhr der Drehorgel⸗ ſpieler ihn rüttelnd fort;„ich kann nicht länger in dieſer Ungewißheit bleiben, die mich wahnſinnig macht.“ Der Alte ſchlug nochmals die Augen auf und ſein Blick fiel ſchwer auf den jungen Ge⸗ fährten. „Ich kenne Jemanden, der gern wahnſinnig wäre,“ murmelte er mit ſeiner dumpfen hohlen Stimme;„aber er wird es nicht.“ Die Augenlider ſchienen ſich kaum offen halten zu können. „Ich träumte,“ fuhr er mit ſich ſelbſt ſprechend fort.„Immer derſelbe Traum! Zwei Menſchen am Rande der Hölle.. Der weiße Mond durch die Wolken jagend und ein Schrei! Ach dieſer Schrei ging mir durch's Herz.“ Johann hörte ihm mit offenem Munde zu und r⸗ nd 127 verſtand ihn nicht, aber ein kalter Schauer rieſelte durch ſeine Adern. „Sie ſind noch ſehr jung,“ fuhr Fritz fort, „und werden viele Jahre daran denken müſſen.. Ich ſtand ungefähr in Ihrem Alter und obgleich ich das Verbrechen nicht begangen habe, ſo liegt es doch wie eine eiskalte Laſt auf meinem Gewiſſen.. Ich kenne Sie nicht, aber ich bedaure Sie.“ Johann ſchwieg; ein Etwas hielt die Worte in ſeiner Kehle zurück. „Wir reiſen dahin,“ fuhr Fritz weiter fort.. „Ich werde die Hölle und das Gebüſch wiederſehen, wo ich die Fetzen ſeines Mantels fand. Abends um dieſelbe Stunde und bei gleichem Mondſcheine werde ich hingehen, unter dem Baume niederknieen und zu Gott zu beten ſuchen..“ „Wovon reden Sie denn?“ ſtammelte Jo⸗ hann. Fritz knöpfte den alten Palletot auf und nahm eine Korbflaſche, die an ſeinem Gürtel hing. Die Flaſche enthielt Branntwein und er trank in langen Zügen daraus. Dann reichte er ſie Johann. „Trinken Sie,“ ſagte er,„wenn Sie auch ſchon zu vergeſſen haben.“ Johann wieß das Anerbieten zurück, Fritz hing die Flaſche wieder an ſeinen Gürtel und legte den Kopf in eine Ecke. — — — 128 Johann war von neuem allein. Im Wagen drin ſangen die beiden Spitzbuben mit ihren Beglei⸗ terinnen. Der arme Dehorgeliyialel verſank wie⸗ derum in ſeine trüben Gedanken.. Die Stunden vergingen, der Tag neigte ſich und die ſinſtere lalte Nacht kam. Johann hätte alles in der Welt darum gegeben, wenn er einen Freund gefunden hätte den er um Beiſtand bitten konnte. Aber er war allein. Neben ihm ſchlief ein Mann, dem Gewiſſenspem im Schlafe ſeltſame Worte auspreßte. Johann horchte darauf und vernahm einzelne Ausdrücke: Verbre⸗ chen.. Hölle.. Mörder. Kalter Schweiß trat auf ſeine Stirn, denn er glaubte dem Blutvertrage, den er eingegangen, ſich nicht entziehen zu können. Zwar ſah er ſeinen Nachbar nicht mehr aber er hörte das tiefe ſchwere Athmen deſſelben. Er verſuchte zu beten, aber er vermochte es nicht, noch weniger konnte er ſchlafen und der Frooſt ſchüttelte ſeine Glieder. Mit einemmale fuͤhr Fritz aus dem Schlafe auf. „Ich glaube mein Bett rollt fort,“ ſagte er mit ängſtlicher Stimme.„Welche Nacht! Und wel— ches Blut habe ich ſeit dem Untergange der Sonne geſehen!“ Er taſtete an den Wänden des Wagens umher und murmelte dabei unverſtändliche Worte. Dann ngen gei⸗ vie⸗ den jalte rum den ein. im rchte tbre⸗ trat dage, nen. hörte te zu niger ſeine hlaft rmit wel⸗ vonne umher Dann 129 fühlte Johaun plötzlich eine warme Hand ſich um ſeinen Hals legen. „Ah, ich habe Dich!“ rief Fritz.„Du biſt es, den ich in meinen Träumen ſehe, der meinen Bart grau gemacht und Aſche in mein Herz geſtreut hat.. Mörder Du!“ Johann ſträubte ſich und konnte kaum athmen. Endlich ließ Fritz wieder los. „Aber ich bin nicht in meinem Bett,“ murmelte er;„ich erinnere mich, wir reiſen nach Deutſch⸗ land.. Ich muß trinken um zu vergeſſen.“ Es verbreitete ſich ein Branntweingeruch und Fritz ſchwieg ſo lange er trank. „Wollen Sie auch trinken?“ fragte er ehe er die Flaſche wieder zuſtöpſelte. Johann fror, er griff gierig nach der Flaſche und ſetzte ſie an die Lippen. Der blödſinnige Geignolet hatte Gertrud an der Stelle wiedergefunden wo er ſie verlaſſen und ſobald ſie ihn bemerkte, eilte ſie ihm entgegen. „Wo iſt er?“ fragte ſie ihn. „Ich will meine Sous haben,“ antwortete der Blödſinnige. Gertrud zog ihn mit ſich in ihr Stübchen und füllte ihm die Hände mit Sousſtücken, ſo daß der Blödſinnige jubelte. ———-j4— — y— 130 „Sie ſind ein gutes Mädchen, Gertrud,“ ſagte er.„Mein Bruder ſitzt im Poſtwagen wie ein gro⸗ ßer Herr.““ „In welchem Poſtwagen?“ „Man ſagt, es ginge in ein Land, das Deutſch⸗ land heißt und das weit, weit iſt.“ Gertrud faltete die Hände. „Und ſonſt haſt Du nichts erfahren?“ fragte ſie kaum vernehmlich. „O ja,“ antwortete der Blödſinnige;„er ſoll dort Jemanden todtmachen.“ Gertrud vermochte ſich kaum auf den Füßen zu erhalten. „Er iſt mit dem alten Fritz fort,“ erzählte der Blödſinnige weiter,„der einen zerriſſenen weißen Palletot trägt und den ganzen Tag ſäuft und vom Weinſchenken Johann bekam er Geld für das Todt— machen.“ Gertrud ſank auf einen Stuhl und ihre Augen ſchloſſen ſich. Der Blödſinnige betrachtete ſie ein Paar Se⸗ cunden lang, dann nahm ſein Geſicht einen Ausdruck ſeltſamer Schlauheit an. „Sieh, ſieh!“ dachte er,„da ſchläft ſie.“ Er ſchritt auf den Fußſpitzen durch das Stübchen und öffnete halb die Thüre Hans Dorns, um ſich in dieſer Stube umzuſehen. —2— ⸗ en c 131 „Da liegen die Füchſe,“ murmelte er indem er auf den Schrank wieß,„und das Loch iſt hinter dem Bette.. Heute Abend geſchieht's.“ Er ging dann an der ohnmächtigen Gertrud vor⸗ über ohne ihr einen Blick zu ſchenken und ſchritt die Treppe hinunter indem er die Sousſtücke in ſeiner Taſche klingen ließ. ———— ——— — — —— Neuntes Kapitel. Die Toilette der Kleinen. In der Zeit als der Weinſchenk Johann ſeine Schaar ſammelte und ſie bis in den Poſthof brachte, war es bei der Frau von Laurens noch nicht Tag geworden. Sie war in der vergangenen Nacht ſpät nach Hauſe gekommen und der verlängerte Schlaf ſollte die doppelte Ermüdung von dem Balle und von dem Spielhauſe beſeitigen. Die Uhr hatte längſt die Mittagsſtunde verkün⸗ digt, aber die dicke Seide, welche an den Fenſtern herabfiel, hielt die bleichen Sonnenſtrahlen zurück und ſetzte das Halbdunkel bis zur Mitte des Ta⸗ ges fort. In dem Zimmer herrſchte eine vollſtändige Stille, welche nicht einmal durch das unvermeidliche Rollen der Wagen geſtört wurde, die unaufhörlich über das ſeine thte, Lag ſpät hlaf und kün⸗ ſtern trück 133 Pflaſter von Paris raſſeln. Der Wechſelagent von Laurens hatte vor ſeinem Hauſe Holzpflaſter legen laſſen, um die Ruhe Sarahs zu ſichern. Es war dies eine um ſo wirkſamere Aufmerk⸗ ſamkeit, da die ſchöne Frau ihre Nacht gewöhnlich in den Stunden hatte, in denen es auf der Straße am lebhafteſten war. Die Thüren waren geſchloſſen und Niemand be⸗ fand ſich in dem Zimmer, aber ein wohlthuendes Feuer, das im Kamine brannte, verrieth es, daß aufmerkſame Fürſorge über den Schlaf Sarahs wachte. Sie ſchlief hinter ihren nur halbzugezogenen Vorhängen. Ihre nachläſſige Lage deutete die Be⸗ haglichkeit an, die dem erſten Schlafe folgt. Sie hatte den Kopf dem Lichte zugewendet; unter ihrem Spitzenhäubchen quollen die prächtigen Locken ihres ſchwarzen Haares hervor, die ſich auf das weiche Kiſſen legten; ihr entblößter friſcher runder Arm ragte aus dem Bette heraus und hing an demſelben herab. Das ſchwache Licht, welches durch die dichten Vorhänge an den Fenſtern zu dringen vermochte, fiel gerade auf ihr Geſicht, auf dem eben ein heiteres glückliches Lächeln lag. Ihr gleichmäßiger Athem kam leicht über ihre halbgeöffneten Lippen; ihre Stirn zeigte keine Runzel, —-———— — — —,— ——— 134 um ihren Mund legte ſich keine Falte. Wer ihr Alter nicht kannte, würde eine ſchlafende Jungfrau vor ſich zu ſehen geglaubi haben, deren unſchuldige Seele ſchönen Träumen zulächelt. Es war, wie man es hätte beſchwören mögen, eine Schönheits⸗ blüte, welche die zu helle Sonne mit ihrem heißem Blicke noch nicht berührt hatte. Alles war reizend an ihr; von ihrer zauberiſchen Stirn ſtrahlte die Jugend; ſie war die Vollkommenheit ſelbſt und keine Dichterphantaſie hätte ihren unwiderſtehlichen Reizen etwas hinzuzufügen vermocht. Vielleicht war es das günſtige Halbdunkel, viel⸗ leicht ein täuſchender Widerſchein und Abglanz eines der geflügelten Träume, welche ſpielend auf dem Strome der Jahre ri äcwäris gleiten und den Träu⸗ menden verjüngt mitten in die Freuden der Jugend führen; aber an der fleckenloſen Schönheit gab es doch ein gewiſſes Etwas, welches die erfahrene Frau verrieth, die ſich ſchon hundertmal an verbotener Frucht berauſcht, die Frau, welche alles erfahren und alles erprobt hat, die Frau, welche des Ver⸗ gnügens überdrüſſig und über Böſem grübelt wie ein alter Wüſtling, den das Verlangen verläßt. Das Laſter und die Zeit waren hier vorübergeſchritten ohne Spuren zurückzulaſſen und der Schlaf lächelte wie die Ruhe eines Engels. Jeder Mann, welcher die Vergangenheit Sarahs ihr rau dige wie its⸗ Hem end di eine ſzen iel⸗ nicht kannte, würde an dieſem Bette auf ſeine Knie geſunken ſein, um ſie gleich einer Heiligen anzubeten. Die Gegenſtände freilich, welche die Frau von Laurens umgaben, waren ſo gewählt, daß ſie die Illuſion ſchnell zerſtören mußten. Ihr Zimmer war mit vollendetem Geſchmack, aber mit etwas lasciver Neigung verziert; alles ſprach da gegen den erſten Eindruck, den wir hervorzubringen verſuchten und nach dem erſten Blick vergaß man ſchnell jeden Ge— danken an Unſchuld; man wunderte ſich ſogar faſt an Züchtigkeit geglaubt zu haben. Gewöhnlich verbergen die Damen von Welt das was ſie lieben und werfen einen verhüllenden Schleier über ihre Schwachheiten. Man findet oft Betſtühle in den Boudoirs und mancher leichtfertige Alcoven wird durch ein Heiligenbild geweiht. Sarah aber bewahrte ihre Heuchelei für die Außenwelt. Nie⸗ mand außer Herrn von Laurens kam jemals in ihr Gemach; ſie hatte es zu einem kleinen Allerheiligſten gemacht, in welchem das Graziöſe und Lascive ſich verbanden. Die nicht eben zahlreichen Gemälde, die aber mit Gold aufgewogen zu werden verdienten, ſtellten ſolche liebenswürdige Gegenſtände dar, welche die Freude der Hageſtolzen ſind und vor welchen ein weiblicher Fächer von ſelbſt ſich in einen Schirm verwandelt. „A 136 Alcibiades würde dieſes Gemach für einen Tempel ſeiner lieben Venus gehalten haben. Die ſchönſten dieſer Gemälde und zwar die, welche die glühendſten Myſterien enthüllten, hingen hinter den Vorhängen des Alcovens ſelbſt und lie⸗ ßen einen leeren Raum frei, welchen ein Spiegel hinter dem Bette einnahm. In dieſem Spiegel zeigte ſich in dieſem Augenblicke die gehobene Decke des Bettes, welche bewundernswürdige Formen halb verhuͤllte. Die Frau von Laurens hatte dieſes ſeltſame Muſeum für ſich ſelbſt eingerichtet; man konnte ſie nicht beſchuldigen, jemals einen Mann gegen die Ehegeſetze dahergeführt zu haben und gleichwohl hatte ſie keineswegs ein verirrter Geſchmack veran⸗ laßt, ſo kühn die äußerſten Grenzen der weiblichen Zurückhaltung zu überſchreiten. Sie hatte aller⸗ dings Launen, aber hinter jeder ihrer Launen durfte man einen geheimen Zweck erwarten. Sie hatte den Tempel mit Vorbedacht geſchmückt und zwar einige Jahre nach ihrer Verheirathung als Herr von Laurens noch jung und kräftig war,— denn dieſe langſame Ermordung hatte ſchon vor langer Zeit begonnen. Die Kleine hatte ihre Verlockungen und Auf⸗ regungen kalt berechnet und ihre Liebesartillerie voll⸗ ſtändig aufgefahren; ihr Schlafgemach war der 137 feurige Ofen, in welchem der von der Eiferſucht ver⸗ zehrte unglückliche Wechſelagent unaufhörlich ſeine erloſchene Leidenſchaft wieder entzündete und die Kraft ſchöpfte, den ſtets mit Gift gefüllten Becher immer von neuem an ſeine Lippen zu führen. Die Kleine verblieb einige Minuten in dem ru⸗ higen Schlummer, in welchem wir ſie überraſcht haben, dann änderte ſich ihr Traum und wurde ihrer Natur entſprechender. Ihre bleichen Wangen rötheten ſich, ihr Athem wurde kurz und drang wärmer über die feſter geſchloſſenen Lippen und ihr ganzer Körper ſchauerte wonnig unter der Decke. Sie drehte ſich um und legte ihren ſchönen Kopf auf die weichen Locken ihres Haares; ihre beiden Arme kamen aus dem Bette heraus und legten ſich wie umfangend auf ihren wogenden Buſen. Die Leidenſchaft zeigte ſich auf ihrem Geſichte; die Lippen erbleichten und Klagen, in welche der Name Franz ſich miſchte, kamen aus ihrem Munde. Sie war ſchön ſo, ſchöner vielleicht als unter der trügeriſchen Maske, welche ſie kurz vorher getra⸗ gen hatte. Der Spiegel gab die bewundernswürdigen Linien ihrer Züge und die Formen wieder, welche die be⸗ wegte Decke verrieth. Es vergingen wiederum einige Minuten und ihr Geſicht verwandelte ſich von neuem. Wiederum IX. 10 — ͦo——— —— —— — 138 bedeckte Bläſſe ihr Geſicht; die Augenbrauen zogen ſich merklich zuſammen und es bildeten ſich Furchen um den Mund, deſſen Lippen ſich krampfhaft ſchloſſen. Sie drehte ſich vollſtändig herum und zwar mit einem Male. Man ſah ſie nur noch in dem Spie⸗ gel, in welchem ſich ihr Geſicht plötzlich vom Zorne entſtellt zeigte. Es lag eine ganze Welt zwiſchen ihrem ruhigen, reinen Lächeln und ihrem wollüſtigen Lächeln, es lag g heln, aber auch eine Welt zwiſchen dieſem Lächeln und dem Ausdruck von Heftigkeit, der jetzt ihr Geſicht verzerrte, ohne ihr doch die Schönheit entziehen zu können. Ihre Hände bewegten ſich und die Finger ſchloſſen ſich auf der feinen Leinwand des Bettes— als greife ſie nach einer Waffe. Iſt es nicht ein Wunder, daß ein und daſſelbe Geſicht ſo heitere Sanftmuth und ſo unverſöhnliche Grauſamkeit ausdrücken kann! Das Boudoir behielt ſein Ausſehen lasciven Keichthums; das weiche ſchwache Licht fiel auf die erotiſchen Gemälde und die warme Luft, mit welcher ſich kein gemeines Parfüm miſchte, hatte einen be⸗ rauſchenden, feinen, unbeſchreiblichen Geruch, der von der Frau ſelbſt auszugehen ſchien. Es war noch immer der erotiſche Tempel, aber die Göttin hatte ſich in eine Furie verwandelt; Ve⸗ nus zog die Stirn in Falten und die tragiſchen 139 Schlangen wanden ſich um ihr Haupt ſtatt dem lieblichen Kranze der Anmuth. Sie ſtrengte ſich an; ihre Schläfen wurden feucht und ihre Lippen ſprachen halblant undeutliche Worte aus. Unter dieſen Worten erſchien auch der Name eines Mannes. Und wehe dieſem verhaßten Manne! Wehe ihm, denn der Traum Sarahs verrieth Haß und ihr vertrockneter Mund ſchien Blut zu verlangen. Sie warf ſich mehr und mehr umher; ihr Hals wurde ſteif und ihr Kopf richtete ſich langſam kräftig und ſchrecklich empor. Sie faltete ihre Hände, daß die Gelenke knack— ten, als wolle ſie einen Feind erwürgen. Ein Name trat zum letztenmale auf ihre Lippen, aber diesmal deutlich und vernehmlich ausgeſprochen. „Franz!“ ſagte ſie und ihre Augenbrauen löſten ſich aus der Spannung, ihr Kopf ſank ſanft auf das Kiſſen. Es war die Ruhe nach dem ſiegreichen Kampfe. Auch der Panther ſtreckt ſich träg und anmu— thig nieder, wenn ſeine ermordete Beute ſich nicht mehr regt. Das ganze Leben der Kleinen ſpiegelte ſich treu in dieſen drei Phaſen ihres Schlafes, jenes ſeltſame Leben, das unſchuldig und ruhig die Welt anlächelte, das hinter dem Schleier nach Genüſſen gierige Leben, 10³ — —-O——— —— ——öõ .— 140 in welchem der Genuß durch das Laſter zum Ver⸗ brechen kam.; Sie erwachte. Ihr Blick fiel in den Spiegel, der ihr ihr Geſicht vorhielt, in welchem jetzt Ab⸗ ſpannung lag; ſie richtete ſich auf und hielt ihren Kopf ganz nahe an den Spiegel. Sie betrachtete ſich aufmerkſam und eine Wolke der Traurigkeit ſenkte ſich auf ihre Stirn, auf der ſich eine kaum bemerkliche Runzel zeigte. Ihre Augen ſenkten ſich erſchreckt, gedemüthigt und ſie wagte einen Augenblick nicht den verräthe⸗ riſchen Spiegel anzublicken. Dann färbte ſich ihre Wange mit flüchtiger Röthe, als ſträube ſie ſich gegen die Beleidigung des Spiegels. Sie warf ihm einen herausfordernden Blick zu; die Runzel war verſchwunden. Ihr Mund ſchmückte ſich mit einem ſtolzen Lä⸗ cheln; ſie ſtrich die reichen Locken ihres Haares zurück und ſetzte ſich auf. „Nina!“ rief ſie. Dieſer kaum vernehmlich ausgeſprochene Name ſchien zwiſchen den Vorhängen verklingen zu müſſen, aber gleichwohl öffnete ſich augenblicklich die Thüre und ein junges, nettes, flinkes Kammermädchen ſchritt geräuſchlos durch das Boudoir. Ein mit Spitzen beſetzter offener Morgenüberrock 141 bedeckte die Schultern Sarahs, welche ihre nackten Füße in kleinen Sammetſchuhen barg. Ihre Toilette begann. Das laue Waſſer floß an ihrem ſchönen Körper herab und fiel in ein wohl⸗ riechendes Becken. Die gewandte Nina ſchien um ihre Gebieterin zu ſpielen und ihre Hand ließ überall Jugend und Friſche hinter ſich. Die Frau von Laurens bedurfte jener koſtbaren an Zauberei grenzenden Kunſt noch nicht, welche die Runzeln glättet, das Haar färbt und den abgewelk— ten Wangen ein friſches Jugendroth zu geben weiß. Aber die Jahre häuften ſich an und der Tag nahte, an welchem das nützliche Talent Ninas nicht zu theuer bezahlt werden konnte. Nina war deshalb auch eine Favorit in; ihre Herrin behandelte ſie mit ſchmeichelhaftem Vertrauen und ſagte ihr alles was ſie nicht aus beſondern Gründen geheim halten mußte. Das übrige errieth Nina vielleicht. Sie allein war bei den erſten Details der Toi⸗ lette zugegen, als aber ein neues Morgengewand ſein warmes Gewebe um die angefriſchten Schultern der Kleinen gelegt hatte, zog Nina eine Klingelſchnur und ein anderes junges Mädchen trat in das Schlaf⸗ gemach. Dieſe, Kammermädchen zweiten Ranges, war 142 in die Geheimniſſe des Levers nicht eingeweiht und hatte nie die feindſelige Runzel bemerkt, welche Nina, wenn ſie unerwartet eintrat, mehr als einmal erblickt hatte. Sarah ſetzte ſich nieder. Die beiden Mädchen nahmen die ſchweren Maſſen ihres Haares und ſtrichen mit dem Kamme durch die glänzenden Rin⸗ gel. Zwei lange dicke Flechten ſchwangen ſich hin⸗ ten um ihren Kopf und ließen vorn einen doppelten rabenſchwarzen Büſchel, der gleichſam als Rahmen für das ſchöne Geſicht diente. Sarah verbarg nachläſſig ihre frierenden Hände unter dem Ueberwurfe; ihre Augen waren halb ge⸗ ſchloſſen und ließen die ſeidenen langen Franſen ihrer Wimpern auf den Wangen ruhenz ſie ſchien die Nachtruhe durch ſolche Trägheit zu verlängern. Als die beiden Kammermädchen ihre Aufgabe beendiget hatten, warf ſie dem Spiegel, der ſich ihr entgegenneigte, einen zerſtreuten Blick zu und er hielt ihr die ſtrahlende Schönheit ihres Angeſichts ent⸗ gegen. Die beiden Mädchen warteten. Sie nickte leicht zufrieden und die Mädchen lächelten belohnt. Da ſtand ſie auf, gleichſam ungern. Der Ueber⸗ wurf fiel und ein enges Corſet hob die feine Schmieg⸗ ſamkeit ihres Wuchſes noch mehr hervor. Ueber dem Corſet ſchloß ein Morgenkleid ſeine 14³ harmoniſchen Falten, deren kokette Züchtigkeit die zarten Umriſſe einer Sylphidenbruſt ahnen ließ. Die Toilette war beendiget und die Kleine hatte jenes ſtolze Lächeln noch, daß ſie ihrer ſchmuckloſen Schönheit geſchenkt hatte. „Sehe ich gut aus?“ flüſterte ſie. Die beiden Kammermädchen erſchöpften ſich in Schmeicheleien, aber der Spiegel, der nicht ſchmei— chelte, ſtimmte ihnen auch bei. Sarah war reizend und das Bewußtſein von ihren Reizen lag wie ein blendender Strahlenſchein um ihre Stirn. Die Toilette hatte eine volle Stunde gewährt und dieſe ganze Zeit über hatte die Frau von Lau⸗ rens nicht geſprochen. Erſt als Nina einen koſtbaren Caſhemirſhawl um ihre Schultern legte, fragte ſie nach ihrem Manne. „Herr von Laurens iſt recht krank,“ antwor⸗ tete Nina. „Und das ſagtet Ihr mir nicht!“ rief die Kleine aus, indem ſie ihr Lächeln ablegte, um eine recht beſorgte Miene anzunehmen;„hat er eine ſchlimme Nacht gehabt?“ „Eine ſehr ſchlimme,“ antwortete das Mäd— chen, deren muthwilliges Geſicht ſich ganz nach dem der Herrin richtete. 144 „Mein Gott! Mein Gott!“ flüſterte die Kleine, „was gäbe ich nicht darum, könnte ich ihm die Ge⸗ ſundheit erkaufen!“ Nina ſchlug die Augen nieder, als wollte ſie die verrätheriſche Offenheit ihres Blickes nicht ſehen laſſen. Das andere Kammermädchen, die weniger eingeweihet war, fühlte ſich wirklich gerührt und beklagte aufrichtig die ſchmerzliche Beſorgniß der Frau v. Laurens. „Die beiden Aerzte ſind,“ ſagte Nina,„ſeit dem Morgen da und der Kammerdiener des Herrn ſagt, ſie ſähen recht beſorgt aus.“ 2 „Ich muß ihn ſehen,“ rief die Kleine aus, welche ihre anmuthige Nachläſſigkeit abgelegt hatte. „Armer Leon! Und ich ſchlief ſo ruhig.“ Sie eilte nach der Thüre zu, welche in das Zimmer ihres Gemahls führte, aber ehe ſie die Schwelle überſchritt, winkte ſie Nina, die alsbald zu ihr trat. „Laß anſpannen,“ ſagte ſie leiſe. „Das Coupé?“ fragte das Mädchen. „Das Coupé.“ Zehntes Kapitel. Zwei Aerzte. Der Wechſelagent Leon von Laurens lag bleich und mit eingefallenen Wangen auf ſeinem Bett. Zu ſeinem Haupte ſaß ſein Hausarzt, Saulnier, ein kenntnißreicher vielverſprechender junger Mann und der Doctor Mira, welcher ſeinen Collegen mit ſeiner Erfahrung unterſtützte. Mira practizirte nicht mehr, hatte aber einen in der Wiſſenſchaft faſt berühmten Namen und der junge Arzt würde ſeinen Beiſtand mit Dank ange⸗ nommen haben, hätte es ſich auch nicht um ein Glied der Familie Geldberg gehandelt. Sie waren ſeit länger als einer Stunde in ern⸗ ſter Unterredung begriffen, beobachteten den Kranken und theilten einander leiſe ihre Bemerkungen mit. ———— — * — —— — — —, rüy — 146 In dem Blicke Miras, während er den Wechſel⸗ agenten betrachtete, lag eine gewiſſe unerklärliche Theilnahme; ſein gewöhnlich hartes und kaltes Ge⸗ ſicht drückte Rührung aus. War es der Ernſt jedes Arztes vor einem ſchwie⸗ rigen Falle oder ein inſtinctmäßiges Erwachen eines gewöhnlichen Mitgefühls? Mira litt ja auch ſchmerzlich und ſeit vielen Jahren. Die Hand, welche Leon von Laurens auf dieſem Schmerzenslager feſthielt, hatte auch ihn verwundet und dieſe Wunde blutete noch immer, ſo alt ſie auch war. Der Sterbende war ſein Leidensgefährte. Und dieſem Mann gegenüber konnte von Eifer⸗ ſucht nicht die Rede ſein. Der Doctor vergaß, daß Leon von Laurens der Gatte der Kleinen war und ſah in ihm nur das Opfer. Man konnte von ihm gewiß nicht ſagen, er habe ein zu weiches Herz, aber er ſah in dem überwun⸗ denen, ſeiner Qual erliegenden Manne ſich ſelbſt und fühlte deshalb Mitleiden. Der Wechſelagent hatte die Augen geſchloſſen und ſchien zu ſchlummern. Sein Athem war ſchwach und wenn ſeine hagere Hand auf der Decke nicht von Zeit zu Zeit gezittert, hätte man ihn für eine Leiche halten können. fer⸗ daß und zabe un⸗ Abſt ſſen vach ſnicht eine 147 Mira und der junge Arzt wechſelten in langen Zwiſchenräumen leiſe Worte mit einander. „Es gehört ein langes Leben dazu, um dieſe Leiden des Nervenſyſtems zu ſtudiren,“ ſagte Saul⸗ nier;„ich arbeite bereits zehn Jahre, ſehe aber wohl, daß ich dieſem ſeltſamen Leiden gegenüber ein Kind bin. Vorgeſtern hielt ich den Kranken für ge⸗ rettet; wir haben einen langen Spaziergang mit einander gemacht und alle beunruhigenden Spmptome ſchienen verſchwunden zu ſein. Heute finden wir ihn kränker als je.“ Der portugieſiſche Doctor nickte zuſtimmend und ſeine Augen wendeten ſich von dem Kranken nicht ab. „Und doch,“ fuhr Saulnier fort,„haben auch Sie meine Behandlung verfolgen können. Sie wiſ⸗ ſen, daß ich das Leiden Schritt für Schritt bekämpfte von ſeiner Entſtehung an.. Ich ſtudirte die Ner⸗ venleiden vorzugsweiſe und hatte überdies Ihren ſo werthvollen Rath..“ Mira nickte nochmals. „Man weiß nicht, wie man daran iſt,“ fuhr der junge Doctor fort;„der Mann iſt reich, befin⸗ det ſich in einer beneidenswerthen Lage, erfreut ſich eines faſt ſprichwörtlich gewordenen Glückes und doch kommt man in Verſuchung zu glauben, der Gram bringe ihn um.“ Der Blick Miras verließ einmal das abgemagerte ———— —— 148 Geſicht des Herrn von Laurens, um ſich dem Col⸗ legen zuzuwenden. „Haben Sie noch Niemanden an Gram ſterben ſehen?“ fragte er leiſe. „Nein,“ antwortete Saulnier. „Ich bin alt und habe Vieles geſehen.. Der Gram gleicht einem langſam aber ſicher wirkenden Gifte, das eine geduldige Hand in berechneten Ga⸗ ben reicht.“ Der Doctor unterbrach ſich und ſchlug die Augen nieder. „So iſt es,“ ſetzte er gleichſam unwillkührlich hinzu;„ich ſah das eine und das andere; das Sterben iſt in beiden Fällen gleich. Nur iſt das eine noch ſchmerzlicher als das andere. Ich kannte einen Mann, der Monate lang jeden Tag einige Tropfen einer gewiſſen Flüſſigkeit in den Becher eines armen Alten träufelte.. Es gehört ein hartes mit— leidsloſes Herz dazu. Ich weiß aber nicht, ob der Mann, ſo verhärtet er auch war, den Muth würde gehabt haben, eine Vergiftung durch Gram durch— zuführen.“ Mira machte eine zweite Pauſe, dann ließ er ein bitteres Lächeln um ſeinen Mund ſchweben und ſetzte hinzu: „So etwas vermag nur ein Weib.“ Der junge Arzt hörte verwundert zu und bemü⸗ 149 hete ſich den verſteckten Sinn dieſer Worte zu er— rathen. „Ein Weib?“ wiederholte er;„man ſpricht allerdings von ungeheuerlichen Beiſpielen,.. aber hier haben wir ja eine Frau, welche die Ehre ihres Geſchlechtes iſt.. Ich ſahe ſie, wenn ſie ſich über dieſes Lager meigte. Sie iſt ein Engel.“ Ein höhniſcher Blitz zuckte in dem Auge des por⸗ tugieſiſchen Doctors. „Man ſagte gleichwohl, jener Mann ſei ein Teufel,“ ſprach er leiſe. „Welcher Mann?“ „Der Giftmiſcher, welcher ein Jahr darauf wendete, den alten Mann zu ermorden. Teufel.. Engel.. ſind zwei ſinnloſe Worte und wer in das Herz eines Weibes ſehen will, muß ein ſcharfes Auge haben.“ 77 Das Staunen Saulniers ſteigerte ſich bei jedem Worte ſeines Collegen. Er wollte ihn noch nicht verſtehen, obgleich es in ſeinem Kopfe anfing hell zu tagen. Er betrachtete den Doctor mit beſorgtem Blicke, als fuͤrchte und wünſche er zugleich, daß er ſich näher erklären möge. Aber der Doctor ſchwieg nun und in dieſem Augenblicke öffnete ſich auch die Thüre. Frau von Laurens trat ſchön und mit den unverkennbarſten Spuren ihrer innigen Theilnahme leiſe herein. Der Doctor hatte bei dem leiſen Geräuſche der Thür die Augen aufgeſchlagen. Saulnier, der ihn immer beobachtete, folgte dieſem Blicke und erbebte, als er ihn anklagend auf das reizende Geſicht Sa⸗ rahs fallen ſah. Dieſer Blick war ſo deutlich als eine Erklärung nur immer ſein konnte. Es war nicht mehr mög⸗ lich über den geheimen Sinn der letzten Worte des Doctors ſich zu täuſchen. Er hatte freiwillig auf ein geheimnißvolles Ver⸗ brechen gedeutet, an das der junge Arzt nicht denken 6 1 konnte ohne zu zittern. 6 Was ſollte er glauben? Sarah kam auf den Fußſpitzen näher; ihre ſchönen Augen verriethen ihre beſorgte Zärtlichkeit und hinter der Bläſſe ihrer Wangen ahnete man Thränen. Dieſe Frau liebte, dieſe Frau war die edele reine Güte! . Das Herz des jungen Arztes ſträubte ſich, denn die Verläumdung an dem Bette eines Sterbenden dem Schmerze der Gattin gegenüber war empörend. Er drehete ſich mit wirklichem Unwillen nach dem Doctor um. Das Geſicht des letztern hatte ſich völlig verändert und Saulnier fand darin keine Spur mehr von dem, was ihn ſo aufgebracht hatte. ——— — — — —— denn nden rend. nach e ſich keine jatte. 151 Der Doctor Mira ſtand; er verbeugte ſich ehrer⸗ bietig und zwang ein Lächeln in ſein kaltes Geſicht. In dem Augenblicke als die Frau von Laurens vor ihm vorüberging, ergriff der Doctor ihre Hand und führte ſie mit allen Zeichen tiefſter Ergebenheit an ſeine Lippen. Die Krankheit des Wechſelagenten hatte jene ſonderbaren Symptome der Nervenleiden, welche den Kranken in gewiſſen Zeiten vollkommen geſund erſcheinen laſſen, plötzlich aber ihn wie vernichtet auf das Schmerzenslager werfen. Da das Leiden hier keinen ſichtbaren Theil des Körpers betrifft, ſo hat man nicht einmal den traurigen Vortheil des Schmerzes; die Gleichgiltigen zweifeln, die Unwiſ⸗ ſenden ſpotten und Jeder nennt den Armen heimlich den„eingebildeten Kranken.“ Die ſchreckliche Qual des Nervenleiden, welche die Starken wie die Schwachen foltert und in weni⸗ gen Tagen die reichſten Temperamente bricht, ſcheint wirklich unfähig zu ſein den Tod zu geben und läßt ihr Opfer bis zu den äußerſten Grenzen des gewöhn⸗ lichen Lebens hin vegetiren. Ja im Volke prophezeit man den Unglücklichen, die mit ſolchem Leiden behaftet ſind, ſogar ein langes Leben. ——— — r O——— An einem Tage ſieht man ſie durch eine Reihe ſchreck⸗ licher Anfälle vernichtet, bleich, gebrochen, mit mat⸗ tem Auge und verſtörtem Geſichte und am nächſten Tage, nach einer Nacht, die in Folge von Er⸗ ſchöpfung ruhig war, gehen ſie ſpazieren und ſehen weniger verändert aus als Jemand, der das kleinſte Unwohlſein gefühlt hat. Das Leiden ſcheint mit ihnen zu ſpielen wie der Tiger mit ſeiner Beute; eine grauſame Hand ſchleu⸗ derte ſie fortwährrnd an den Rand des Grabes, läßt ſie aber immer wieder aufſtehen. Die ernſten Aerzte kennen kein Heilmittel gegen ſolche Leiden; ſie ſuchen noch und bis ſie eins finden, empfehlen ſie Zerſtreuung und verordnen Glück und Heiterkeit, denn das Leiden iſt ihnen das unläugbare Zeichen und die unmittelbare Folge eines heftigen Seelenleidens. Gerade deshalb blieb der Zuſtand des Herrn von Laurens für den Arzt Saulnier unerklärlich. Was fehlte dieſem Glücklichen? Er war reich, geehrt, beneidet, er hatte eine reizende ſchöne Frau, die ihn liebte und zärtlich um ihn beſorgt war.. denn ſeit die Krankheit des Wechſelagenten einen beunruhigenden Character angenommen, hatte der junge Doctor die Frau von Laurens immer an dem Bette gefunden. Zufällig oder nach einer Berech⸗ Hertn llich. reich, Frau, al.. einen te der demi trech⸗ 153 nung? Und wie beſorgt zeigte ſie ſich, wie wollte ſie ſich liebevoll aufopfern! Er hatte eben im Geſpräch mit Mira das Wort „Engel“ ausgeſprochen und gewiß damit nicht zu viel geſagt. Die Frau war ein Engel an Schön⸗ heit, Anmuth und Theilnahme. Auch verdroß dem Doctor Saulnier der zwei⸗ felnde Ausdruck des Geſichtes ſehr, den der Portu⸗ gieſe ſeiner Begeiſterung entgegenhielt. Als ſodann dieſer Ausdruck im Geſichte Miras ſich in ein ehrer⸗ bietiges Lächeln umwandelte, glaubte der junge Arzt ſich getäuſcht zu haben, ſo unwahrſcheinlich kam es ihm vor, daß Jemand die Vollkommenheit Sarahs in Zweifel ziehen könnte. Sie trat eilig, aber immer graziös an das Bett und nahm ſich nicht einmal Zeit, die Grüße der bei⸗ den Doctoren zu beantworten. Der Anblick ihres Mannes führte einen Aus⸗ druck troſtloſen Mitleides in ihr Geſicht; ſie ſah aus, als wäre ihr Herz ganz zerriſſen. „Sagen Sie mir die Wahrheit,“ flüſterte ſie ängſtlich;„verbergen Sie mir nichts. Iſt es wirk⸗ lich gefährlich?“ „Nein,“ antwortete Mira kalt,„noch nicht.“ Die Kleine wendete ſich zu ihm und ihr Blick hatte einen unerklärlichen Ausdruck. IX. 11 — —,—j — — — 1⁵4 Saulnier, dem dieſer Blick nicht entging, glaubte Dankbarkeit und einen Zweifel darin zu leſen. „Hoffen Sie Madame!“ ſagte er.„Der Zu⸗ ſtand des Herrn von Laurens iſt noch immer der⸗ ſelbe. Sie wiſſen, daß er nach jedem Anfalle ſehr angegriffen iſt.“ 4 „Welche ſchreckliche Krankheit!“ rief die Kleine aus, deren Stimme klang als würde ſie von Thrä⸗ nen erſtickt.„Mein Gott, willſt Du ihn nicht ret⸗ ten? Geſtern als Sie ihn verließen, Doctor,“ ſagte ſie zu Saulnier,„glaubte ich mich entfernen zu kön⸗ nen; es ging ihm gut, er ſchien nicht mehr zu leiden und jetzt, nach einigen Stunden Ruhe, erkenne ich Ahn kaum wieder.“ Sie legte beide Hände auf das Geſicht und ſeuf⸗ zete tief. „Ach!“ ſprach ſie dann, als könne ſie kein Wort weiter hervorbringen,„es bringt mich noch um.“ Saulnier warf dem Doctor Mira einen Blick zu als wolle er zu ihm ſagen: „Sehen Sie? Und dieſe Frau ſchienen Sie an⸗ klagen zu wollen.“ Der Portugieſe hatte ſein bitteres Lächeln wieder gefunden, weil ihm die Kleine den Rücken zukehrte. Der Kranke bewegte ſich ſchwach und ſeine Augen öffneten ſich ſchnell. Die Kleine bog ſich 1⁵⁵ über ihn und nahm ſeine beiden Hände, um ſie in den ihrigen zu erwärmen. Jedermann hätte gewiß dem Doctor Saulnier Recht gegeben und dem Portugieſen gezürnt; Nie⸗ mand würde etwas anderes geglaubt haben als daß Sarah da ſei, um zu tröſten. Es beſtand zwiſchen der Frau, die wir eben erſt in ihrem Boudoir unter den geſchickten Händen der beiden Kammermädchen ſahen und zwiſchen der, welche ſich jetzt über dieſes Schmerzenslager neigte, ein faſt vollſtändiger Unterſchied; ſie hätte jetzt ſogleich das Häubchen einer barmherzigen Schweſter aufſetzen können; ihr Auge ſtrahlte nur mild und ihr Geſicht ſchien nichts als die aufmerkſame Geduld dc. Krankenwärterin ausdrücken zu können. Bei ihrem Anblicke ſtrengte der Wechſelagent ſich an ſich aufzuſetzen, aber er war zu ſchwach, es gelang ihm nüh. Sein Kopf blieb ſchwer auf dem Kiſſen liegen. Der wohlthätige Einfluß der Anwe⸗ ſenheit Sarahs s äußerte ſich indeß trotzdem ſichtbar; die Runzeln auf ſeiner Stirn verwiſchten ſich allmä⸗ lig und ſeine zuſammengezogenen Augenbrauen löſe⸗ ten ſich; nur ſeine Augen blieben noch halb ge⸗ ſchloſſen, als fuͤrchte er, das liebe Bild moͤchte wie ein Traum verſchwinden. „Wie geht Dir's, lieber Mann,“ fragte die Kleine ſanft. 11* 156 Der Kranke erbebte bei dieſer Stimme und ſchlug die Augen ganz auf. In dem Blicke, den er ſeiner Frau zuwarf, lag eine ſchüchterne Freude und viel Angſt. Es war der Blick eines Sclaven, aus wel⸗ chem die gebändigte Seele ſprach und in welchem man die ausdauernde, vergeblich durch lange Leiden bekämpfte Liebe las. —— ö— „Ich habe dieſe Nacht viel gelitten,“ antwortete er mit ſchwacher veränderter Stimme. — Warum haſt Du mich nicht rufen laſſen?“ „— fragte die Kleine im Tone des Vorwurfs. —— Herr von Laurens ſchlug die Augen nieder und ſchwieg. Saulnier war nähen getreten. „Es geht beſſer,“ ſagte er;„die Kriſis iſt be⸗ endiget und wir werden einen guten Tag haben, wenn nicht ein unerwarteter Unfall eintritt.“ „Wir werden haben, was man uns giebt,“ 4 flüſterte der Portugieſe. V Er betrachtete die Kleine immer mit kalter Neu⸗ b gierde, aber unter dieſem kalten Scheine brach bereits die neugeweckte Leidenſchaft hervor. Für ihn war Sarah das Schickſal; er beugte ſich unter ihrem Willen wie der Chriſt ſich unter den Willen Gottes beugt. Er allein wußte genau, wie es mit ihr und chlug einer viel wel⸗ ſchem eiden dtete en?“ 157 Herrn von Laurens ſtand; er allein konnte bis auf den Grund des Herzens der Kleinen ſehen. Saulnier wendete ſich an Mira, um ſeine An⸗ ſicht beſtätigen zu hören, aber ehe der Portugieſe geſprochen hatte, äußerte Sarah ihre Freude. „Wie fürchtete ich, armer Leon,“ ſagte ſie,„als ich Dich unbeweglich und bleich auf dem Bette da liegen ſah!“ „Ich danke Dir,“ antwortete der Wechſelagent; „ich bemühe mich Dir zu glauben und fühle mich glücklich.“ Saulnier war beſcheiden einen Schritt zurück⸗ zutreten; er hörte nichts, aber Joſe Mira, der auf ſeinem Platze geblieben war, vernahm die Worte. Und er ſprach bei ſich: „Welcher Dolchſtoß lauert hinter dieſen Lieb⸗ koſungen?“ Ein unbemerkliches Zeichen, das ihm die Kleine gab, war gleichſam der Anfang der Antwort. „Und ich wollte hier von Vergnügungen und Feſten ſprechen!“ fuhr ſie fort,„denn Du weißt es noch nicht, Leon, daß die Abreiſe der Familie meh⸗ rere Tage früher erfolgen ſoll. Den ganzen Mor⸗ gen dachte ich an Dich und ſagte: der arme Leon! Ich bin ihm eine kleine Entſchädigung ſchuldig; er hat oft unter meinen Launen gelitten und vielleicht — der Gedanke iſt entſetzlich!— bin ich ſogar 158 etwas an der Krankheit mit Schuld, die uns alle ſo betrübt.“ „Ach,“ entgegnete der Wechſelagent, der zu träumen glaubte und der ſich in ſeiner Schwäche immer von Neuem täuſchen ließ,„das Leiden kommt von Gott, Sarah.. Du biſt mein Troſt und meine Rettung.“ alle et zu wäͤche eiden Troſt Elftes Kapitel. Die Toilette des jungen Franz. Die Kleine drückte zärtlich die Hand ihres Mannes. Der Portugieſe runzelte die Stirn, denn ihm ahnete nichts Gutes. Der Arzt Saulnier bewunderte von weitem und fragte ſich, wie Herr von Laurens, der vor Allen Glückliche, die Krankheit der gebrochenen Herzen haben könnte. „Im Schloſſe Geldberg,“ fuhr Sarah fort,— „ich ſage Dir alles was ich denke— würden wir trotz der Menſchenmenge allein ſein können und glückliche Tage finden.“ „Das wäre der Himmel!“ flüſterte Herr von Laurens. —-,—— 160 „Aber Du biſt ſo leidend und ſo ſchwach,“ ſagte Sarah weiter mit einem Seitenblick auf Mira; „wirſt Du die Reiſe machen können?“ Dieſer Blick auf Mira war ein Befehl, aber der Portugieſe ſtellte ſich als habe er ihn nicht verſtanden. „Dir zu folgen,“ antwortete von Laurens, „werde ich Kräfte finden.“ „Das iſt nicht möglich,“ fiel Mira trocken ein. Die Kleine erbebte wie ein Führer, der durch ſeine eigenen Krieger rücklings verwundet wird. Saulnier trat wieder näher. „Ohne auch ſo beſtimmt ausſprechen zu wollen wie mein gelehrter College,“ ſagte er,„glaube ich doch, daß eine lange Reiſe nachtheilig ſein könnte.“ „Sagen Sie dies nicht,“ entgegnete der Kranke, deſſen Wange ein leichtes Roth überflog..„Sie ſind zwei geſchickte Aerzte,.. Sie wiſſen Alles.. Aber Sie kennen mein Leiden nicht.“ „Doch,“ entgegnete der Portugieſe in demſel— ben trockenen Tone. Laurens ſah ihn erſchrocken an. Die Kleine rührte ſich nicht und wendete ihm noch immer den Rücken zu. Aber ſie mußte ſich große Gewalt anthun. Ihr Mund zog ſich unwillkührlich zuſammen und man ſah wie ihre Muskeln zuckten. Laurens ſchüttelte den Kopf auf dem Kiſſen. 161 „Nein, nein,“ ſagte er langſam zu Joſe Mira, „Sie wiſſen nicht, was ich leide, Niemand in der Welt weiß es; ſelbſt Sarah, der Engel, den mir Gott zur Linderung meiner Qual gegeben, hat das Geheimniß meines Herzens nicht errathen.“ Es lag in dieſen Worten eine ſo ſchmerzensreiche Wahrheit, daß ſelbſt Sarah, obwohl ſie gegen jede Gewiſſenspein gepanzert war, einen Augenblick die Stimme ihres Gewiſſens hörte, aber nur einen Au⸗ genblick. Kaum hatte ſie die Augen niedergeſchlagen, ſo ſchlug ſie dieſelben mit einem Lächeln wieder auf. Sie drückte die Hände des Kranken mit innigem, trefflich erheucheltem Danke an ihr Herz. Laurens lächelte auch, aber welcher Schmerz, welche Trauer lag in dieſem Lächeln! Er erſchöpfte ſich in einer äußerſten Anſtrengung, das letzte Gut zu bewahren, das ihm geblieben war: die Meinung der Welt und den Ruf, ein glücklicher Mann zu ſein. Der junge Arzt ſah von allem dieſem nichts, Mira aber las in der zerriſſenen Seele des Kranken wie in einem Buche. Zu behaupten iſt nicht, daß dieſes große Leid wirkliches Mitgefühl in ihm erregt hätte. Die Em⸗ pfindung, welche er hatte, war rein ſelbſtfüchtig; er hatte an einer ähnlichen Wunde gelitten und litt noch 7 —-—— ———. — — 162² daran; es laſtete eine ähnliche Tyrannei auf ihm und er verſuchte ſich dagegen zu ſträuben. „Ihr dürft mir nicht ſagen,“ fuhr der Wechſel⸗ agent fort indem er die Hand Sarahs an ſeine Bruſt zog,„die Reiſe würde für mich nachtheilig ſein. Gerade Paris bringt mich um. Ich weiß es und fühle es. Ich habe noch Kraft, ſobald jene Eiſen⸗ fauſt, die meine Seele zermalmt, ſie in Ruhe läßt. Wann reiſen wir?“ „Man müßte wiſſen,..“ begann Saulnier, der ſich gegen die Erfahrung ſeines Collegen nicht auszuſprechen wagte.. Laurens machte eine Geberde der Ungeduld und des Unwillens. Die Kleine hatte einen ſchönen Augenblick in ihrer Comödie. „Beruhige Dich, lieber Mann,“ ſagte ſie ſanft; „Herr Saulnier hat Recht.. Der Doctor Mira iſt uns ergeben, Du weißt es und wir müſſen ſeiner Wiſ⸗ ſenſchaft vertrauen. Wenn die Reiſe wirklich..“ „Ich glaube n.,“ unterbrach ſie zum dritten Male der Portugieſe in trockenem beſtimmten Tone. Ehe er ſeinen Gedanken ganz ausgeſprochen hatte, drehete ſich die Kleine ſchnell aber in ganz natürlicher Weiſe zu ihm um; als dies geſchehen war, erhielt ihr Geſicht jenen entſetzlichen Ausdruck, den wir ſchon mehrmals an ihr bemerkt haben; ihre 163 blutloſen Lippen zitterten und ihre Augen hatten einen zu Eis erſtarrenden Blick. Mira verſuchte es dieſen Blick auszuhalten, aber nach einer Secunde ſenkten ſich die Lider des Portu⸗ gieſen, als wären ſie von einem zu hellen Strahle getroffen worden und ſeine Hände bewegten ſich als ſuchten ſie eine Stütze. Er rückte auf dem Stuhle umher, er huſtete und griff nach der Tabaksdoſe, die er mit ſo gelehrter Miene zu öffnen verſtand. Nichts half; offenbare und unabweisliche Ver⸗ legenheit trat an die Stelle ſeiner kalten Ruhe. Und doch blieben ſeine Augen gleichſam unwill⸗ kührlich auf der Kleinen haften. Der Mund Sarahs öffnete ſich und ſprach, faſt tonlos, die Worte aus: „Ich will es.“ Dann drehete ſie ſich wieder um, ohne auf die Antwort des Portugieſen zu warten. Es trat eine Pauſe von einer halben Secunde ein, dann nahm der Docter Mira mit halberſtickter Stimme den durch den Blick der Kleinen unterbro⸗ chenen Satz wieder auf, aber nicht mehr in dem ſchneidenden feierlich pedantiſchen Tone, in welchem er ſonſt immer ſprach. „Ich glaube,“ wiederholte er zögernd,„ich glaube, daß ich vorhin meine Anſicht in zu beſtimm⸗ —— · —— —— ———— 164 ter Weiſe ausgeſprochen habe. Es iſt möglich, daß die Reiſe nicht ſchadet, es iſt ſogar möglich, daß der Geſundheitszuſtand unſeres Freundes dadurch gebeſ⸗ ſert wird.“ „Das war immer meine Meinung,“ fiel Saul⸗ nier ein. „Alle ſind gegen mich,“ fuhr Mira mit einem Verſuche zu lächeln fort;„ich füge mich alſo und gebe gern meine Zuſtimmung.“ Auf dem Geſichte des Kranken zeigte ſich ein Ausdruck der Zufriedenheit. Sarah neigte ſich über ihn und küßte leicht ſeine Stirn. „Wir reiſen nach einigen Tagen ab,“ ſagte ſie. Der Wechſelagent betrachtete ſie mit Entzücken. „„Sarah! Sarah!“ flüſterte er,„wirſt Du von nun an Mitleiden mit mir haben?“ „Still!“ entgegnete Sarah ſcherzend;„wir werden ja ſehen.“ „Du haſt mir ſo oft geſagt, Du könnteſt mich nicht lieben.“ „Bisweilen luͤgt man, bisweilen belügt man ſich jelbſt..“ „Willſt Du alſo, daß ich hoffe?“ Sarah legte in ihr, Lächeln ein bezauberndes Verſprechen. Leon von Laurens ſchloß, erſchöpft durch die zu ſtarke Aufregung, ſeine Augen. Gern hätte er die⸗ 165 ſen in ſeinem Leben einzigen Augenblick verlängert, aber die Ermattung war zu groß. Es breitete ſich wie ein Schleier über ſeine Gedanken und er ſank in eine Art Schlummer. Aus ſeinem bisher ſo bleichen Geſichte ſtrahlte die Zufriedenheit; die Hoffnung, der unfehlbare Balſam, hatte ſeine Wunde ſofort geheilt. Er war glücklich. Franz war nicht früher aufgeſtanden als die Kleine; ſeine Nacht hatte ſich bis über Mittag hin⸗ aus verlängert, aber Gott weiß es, ob ſeine Träume den Träumen der Frau von Laurens glichen. Er hatte Freude, Wonne, volle Luſt geträumt; vielleicht hatte auch eine wollüſtige Erinnerung in ſeinem Schlafe den Namen Sarahs auf ſeine Lippen geführt, aber gewiß knüpfte ſich an dieſen ſchönen Namen kein Gedanke von Rache und der Schlaf des Jünglings war nicht tragiſcher als ſein Wachen; er kannte nur friſche reizende Liebe, kindiſchen Ehrgeiz, Gold, Größe und Lächeln. Er erwachte ſo glücklich wie er in ſeinem Traume geweſen war; er betrachtete die neue Pracht ſeines Alkoven, befühlte die weiche Seide ſeiner Vorhänge und ſprang mit bloßen Füßen anf die weichen Teppiche. Wie ſchön war das alles, wie gut war das 166 alles! Pfui über das Dachſtuͤbchen vom vorigen Tage! Aber er wußte es kaum noch, daß er ein Dachſtübchen bewohnt hatte. Er war für dieſen glänzenden Lurus geſchaffen, er bewegte ſich da wie in ſeinem Elemente und ſeine frühere Armuth kam ihm wie ein beleidigender Traum vor. Die Winterſonne drang durch den geſtickten Tüll, welcher ſeine Fenſter verhüllte; das Licht fiel auf den friſchen Teppich und gab den Farben einen noch freundlichern Glanz; der Himmel ſchien zu lächeln. Ach wie ſchön war das Leben! Das Herz des Jünglings war übervoll und er konnte die Fröhlichkeit kaum ertragen. Die prächtigen Meubles, die am vorigen Abende während ſeiner Abweſenheit aufgeſtellt worden wa⸗ ren, ſtanden in ihrer Eleganz umher und ſchauten ihn an. Franz ging aus einem Zimmer in das andere und blieb entzückt vor irgend einer reizenden Gruppe ſtehen; er bewunderte die Divans und ſtreckte ſich zur Probe darauf aus und wußte nicht, wie er ſein freudevolles Herz entleeren ſollte. Man hatte noch nicht Zeit gehabt ihm einen Be⸗ dienten zu geben; er war allein in der großen Woh⸗ nung und konnte ſeine Freude ungeſtört auslaſſen. Als er die Sophas ermüdet hatte und auf den Teppichen genug herumgeſprungen war, kehrte er in 167 ſein Schlafzimmer zurück und ſetzte ſich an einem Tiſchchen von Paliſanderholz nieder, auf den er in der Nacht bei ſeiner Nachhauſekunft ſeinen Gewinn, Geld und Papier unter einander, geworfen hatte. Er ſchlug ſeinen prächtigen ſeidenen Schlafrock über einander und betrachtete ſeinen Schatz, Anfangs mit fieberhaften Zagen.. Er bauete die Louisdor ſorgſam und ſymetriſch neben einander auf und rech⸗ nete wie ein gewiſſenhafter Caſſirer. Als er aber etwa bis zur Hälfte gekommen war, ſchoß ihm plötzlich ein Gedanke durch den Kopf; das Rechnen gefiel ihm nicht mehr, er ſchlug mit der Fauſt auf den Tiſch und die Goldhäufchen ſtürz— ten ein. Es wurde von Neuem ein Chaos von Gold und Banknoten, das auch ſeinen Reiz hatte. Die Un⸗ ordnung ſieht bei manchen Dingen ganz gut aus und der wirkliche Liebhaber, der Geizige, der etwas künſt⸗ leriſches Gefühl beſitzt, verachtet die Haufen nicht, in denen er mit bebender Hand wühlen und ein höchſt angenehmes Klingen hervorbringen kann. Aber Franz war nichts weniger als geizig; er warf einen zerſtreuten und bereits gelangweilten letz⸗ ten Blick auf ſeinen Schatz und dachte nicht mehr daran. Er ſank träge auf einen Lehnſtuhl und fing an ſeinen Gedanken Audienz zu geben. Alle die Gedanken kehrten zurück, welche ihn 168 am Tage vorher beſchäftiget hatten: ſein Vater, ſeine Familie, ſein Name, ſein Vermögen; aber er fand keinen Ausgang daraus; es waren nur Ver⸗ muthungen, Möglichkeiten, entzückende Hoffnungen, unter denen ſich leider keine Gewißheit fand. Franz war dieſen Morgen ſehr unſchuldiger Laune; er wieß alle dieſe zu anſtrengenden Gedan— ken zurück und behielt ſich nur das Bild Deniſes. Dabei fand er nur Freude. Er lehnte ſich in dem Seſſel halb zurück, ſchloß die Augen faſt ganz und ließ den Mund halb offen; er plauderte ſo mit ſeinen lachenden Erinnerungen vom vorigen Tage und alles was ihn an Deniſe erinnerte, ſteigerte auch ſeine Liebe zu ihr. Er ſah ſie immer edel und offen⸗ herzig vor ſich und ihr Bild erſchien ihm gleichſam mit einer Strahlenkrone. Am vorigen Abende hätte er das Zuſammentreffen bei Hans Dorn vielleicht etwas romanhafter gewünſcht; jetzt freute er ſich den weißen jungfräulichen Schleier fleckenlos zu finden. Er ſah in ihr eine einzige Perle und würde den Fechtunterkicht, den er bei Griſter erhalten, gegen Jeden zur Ausübung gebracht haben, der nur be⸗ hauptet hätte, es könne in dieſer Welt ein Mädchen geben, das ſich einigermaßen mit Fräulein von Au⸗ demer vergleichen laſſe. Und dieſes Mädchen liebte ihn, nicht erſt ſeit das Gluͤck ihm lächelte, ſeit er der Sohn eines Prinzen, vielleicht, war, ſondern ſeit 169 langer Zeit; ſie hatte ihn geliebt, als er arm und namenlos geweſen. In ſeine Freude miſchte ſich aber auch tiefe Dankbarkeit; der muthwillige Jüngling wurde Mann und ſeine Gedanken bildeten ſich faſt zu einem Gebete. Dann leuchtete plötzlich wieder ſchalkhaftes La⸗ chen in ſeinem blitzenden Auge, denn er gedachte auch an die niedliche Gertrud. So zeigten ſich ihm nur freundliche heitere Bilder. In dieſem Augenblicke ſchallte die Klingel an ſeiner Wohnung, die mit einer gewiſſen Schüchtern⸗ heit gezogen wurde; er hoͤrte es nicht; man klingelte zum zweiten, zum dritten Male; endlich drehete ſich ein Schlüſſel in der Eingangsthür und man kam ohne ſeine Hilfe herein. Franz achtete nicht darauf. Erſt die freundliche Stimme der Frau Hausmeiſterin konnte ihn aus ſei⸗ nem Nachdenken wecken. Die brave Frau blieb auf der Schwelle des Schlafzimmers ſtehen und nahm bei dem Anblicke des Geldes auf dem Tiſche ehrerbietig ihre Brille ab. „Der Herr werden mir verzeihen,“ ſagte ſie mit feierlichem Knixe,„wenn ich mit dem Hauptſchlüſſel hereinkomme; aber Sie hörten die Klingel nicht. Franz richtete ſich auf und die Frau fuhr fort: IX. 12 — 170 „Nun, Jugend iſt Jugend. Die alten Leute, Mann und Frau, von funfzig, fünfundfunfzig, viel⸗ leicht ſechzig Jahren, die drei Jahre da wohnten, würden die Wohnung nicht ſo eingerichtet haben.. Nein; ſie hatten alte Meubles, Commoden und Tiſche mit Schlangenbeinen, Strohſtühle, Seſſel noch von der Südflut her..“ „Kommen Sie wegen des Bedienten, gute Frau?“ fragte Franz. Die Frau ſetzte die Brille wieder auf, um ſie von Neuem in Ehrfurcht abzunehmen. „Es iſt hübſch, ſehr hübſch,“ ſagte ſie während ſie ſich umſah,„ſehr hübſch. Es muß dem Herrn 7 77 doch ſonderbar hier vorkommen, da er erſt.. Sie ſprach den Gedanken nicht aus; ihr diplo— matiſcher Inſtinct ſagte ihr, daß die Worte ſehr gefährlich ſein könnten. „Da oben unter dem Dache geweſen iſt, nicht wahr?“ fragte Franz lachend. Die Frau hatte etwas an ihrer Schürze zu zupfen und verbarg dabei ihre Verlegenheit.„Es iſt hübſch, ſehr hübſch!“ rief ſie noch einmal aus;„es gereicht einem Hauſe gewiß zur Ehre, wenn die erſte Etage ſo meublirt iſt und wenn.. Equipagen an der Thüre halten.“ 171 Sie unterbrach ſich hier mit einemmale und rief aus: „Wie dumm ich aber auch bin! Ich habe die Equipage vergeſſen und die Dame, die wartet..“ „Welche Dame?“ fragte Franz lebhaft. Die kleinen Augen der Frau blinzelten an⸗ genehm. „Eine ſchöne Dame,“ antwortete ſie,„welche durchaus mit Ihnen ſprechen will.“ „So mag ſie herauf kommen.“ Als Franz oben wohnte, hatte man ihm erklärt, es würden keine Damen in das Haus gelaſſen; natürlich galt dieſe Sittenſtrenge nur den Dachſtuben⸗ bewohnern, wie die Tugend überhaupt nur für kleine Miethsleute nöthig iſt. In der erſten Etage hat man Regentſchaftſitten gern, denn einerſeits befördern ſie Handel und Ge⸗ werbe und dann kann man doch auch einem Manne, der tauſend Thaler Miethe zahlt, ſolche Wahrheiten nicht ſagen, wie kleinen Leuten. Das verbietet die Schicklichkeit. „Ich glaubte wohl, daß Sie die Dame anneh⸗ men würden,“ fuhr die Frau fort,„ich wollte mir aber doch nicht erlauben..“ „Sie mag heraufkommen,“ wiederholte Franz. Die Hausmeiſterin knixte und Franz hatte noch nicht Zeit gehabt ein Halstuch umzubinden, als ſie 12* 77 wieder erſchien und eine verſchleierte Dame herein⸗ führte. „Auch zwei Briefe, die ich eben erhalten habe,“ ſagte ſie und legte die Briefe auf den Tiſch. Dann ging ſie fort, um nicht neugierig zu er⸗ ſcheinen. Franz ließ die Briefe liegen, um die Dame zu begrüßen, die er unter dem Schleier nicht erkannte. Es war die Frau von Laurens. Seutſch von Dr. A. Diezwann. Behnter Zand. Leipzig: Otto Wigand. (Eigenthum der Vereins⸗ Verlagsbuchhandlung.) 1847. enfels. Paul Feval. Deutſch von Dr. A. Diezmann. Zehnter Band. Leipzig: Otto Wigand.— (Eigenthum der Vereins⸗ Verlagsbuchhandlung.) 1847. Zwölftes Kapitel. Die Einladung. Sarah betrachtete im Eintreten den Luxus, der ſie umgab, mit einem Staunen, das ſie nicht unter⸗ drücken konnte. Sie war noch nie in der Wohnung des jungen Franz geweſen, wußte aber, daß er arm war. Sie hatte eben noch geglaubt in eine ärmliche Studentenwohnung mit einem dünnen Bette, einem wackeligen Secretair, einem abgeſeſſenen Seſſel, einer Waſſerflaſche und mehreren Tabakspfeifen zu treten. Sie hatte ſogar wegen der Wirkung ihres Erſchei⸗ nens darauf gerechnet und zu blenden, zu bezaubern, in Erſtaunen zu ſetzen gehofft. Sie war indeſſen zu gewandt, als daß ſie ihre getäͤuſchte Erwartung hätte ſichtbar vortreten laſſen; als ſie den Schleier zurückſchlug, lag in ihren Augen eine zärtliche Theilnahme. X. 1 Franz führte ſte zu dem Divan und ſetzte ſich da neben ihr nieder. „Sie erwarteten mich nicht?“ begann ſie. „Ich geſtehe..,“ ſagte Franz. „Sie wundern ſich auch mich zu ſehen.. „Vor allen Dingen ſchätze ich mich glücklich..“ Sarah ſtrich mit der Hand über die Stirn. „Vier und zwanzig Stunden ohne ein Wort von Ihnen,“ flüſterte ſie,„da ich doch wußte, daß Ihr Leben in Gefahr ſchwebte! Sie haben nicht an meine Angſt gedacht.“ Franz erröthete; er hatte wirklich daran nicht im mindeſten gedacht und hielt ſich in ſeiner Gut⸗ müthigkeit für ſehr ſtrafbar. Sarah ſah ihn mit ihren großen ſchwarzen Augen traurig an; ſie war ihm nie ſo ſchön er— ſchienen. Er ſtammelte verlegen einige Worte der Ent⸗ ſchuldigung. „Sie brauchen ſich nicht zu rechtfertigen,“ ſagte Sarah melancholiſch;„ich errathe Ihre Ent⸗ ſchuldigung nur zu gut.. Sie lieben mich nicht mehr.. „Können Sie glauben..“ „Ich fürchte dies ſchon lange.. Sie ſind ein Kind neben mir und ſolche verbrecheriſche Verbin⸗ dungen bringen am Ende immer Unglück.“ 77 7 Franz beſaß in dieſem erſten Augenblicke nicht Kaltblütigkeit genug, um das Falſche in dem ſo wahren Spiele Sarahs zu entdecken; er konnte nichts weiter thun, als ſeine Beſtändigkeit zu betheuern und bei allen Göttern ſchwören, daß er ſie nie mehr ge⸗ liebt habe. Vielleicht log er auch nicht eben ſehr. Er war jung und warmblütig und die Zauberin Sarah griff ſein offenes Herz mit erprobten Waffen an. Welcher junge Mann hat jemals einer Klage über Liebe widerſtanden? Sarah hatte übrigens hier alle Vortheile für ſich; ihre Klage wurde mit der vollendetſten Kunſt und dem unwiderſtehlichſten Zauber ausgeſprochen; ſie hatte keinen Grund, ſich für vergeſſen zu halten und ſpielte die Rolle der Ariadne nur aus Berechnung. Im Gegentheil, ſie glaubte, die jugendlich feurige Liebe des jungen Franz würde ihre flüchtige Laune weit überdauern. Sie hatte zwar von der Bewerbung des jungen Franz um das Fräulein von Audemer ſprechen hören, konnte aber die an Sieg gewöhnte Sargh eine Nebenbuhlerin fürchten? Franz war jung, gutmüthig, aufrichtig; ſte hatte alle Geheimniſſe ſeines Lebens erlauſcht und die ge⸗ heimnißvolle Frucht, die unſere Mutter Eva ins Un⸗ glück ſtürzte, bis auf den Kern benagt. 1 ¾ Franz mußte zuletzt lieben; die Kleine war ihrer Sache gewiß. Aber die beſte Rechenkunſt täuſcht ſich bisweilen, wenn ſie unklugerweiſe ein Element der Aufgabe ver⸗ gißt. Die Kleine achtete nicht auf die Möglichkeit einer andern Liebe. Gleichwohl veranlaßte ſie die Verlegenheit des jungen Franz zu ernſtem Nachdenken; ſie fand, daß er ſich ſchlecht vertheidigte und wußte nicht ſogleich, wie ſie ſich dies zu erklären habe. Ueberdies flößte ihr der unerwartete Reichthum, den ſie ſtatt der Ar⸗ muth fand, je länger deſto mehr Beſorgniß ein. Hatte Franz ſie ſeit Wochen belogen oder war dieſer Reichthum ihm erſt kürzlich zugefallen? In beiden Fällen lag dahinter ein Geheimniß und dies mochte ſein welches es wollte, ſie hielt es für um ſo dringender, ihr Ziel zu erreichen und den jungen Mann zu dem Feſte in Geldberg zu locken, wo die Intrigue ihre Entwickelung finden ſollte. In ihrem erfahrenen Geiſte ging eine raſche Ar⸗ beit vor ſich; ſie ſtellte ihre Batterien allmälig an⸗ ders auf. „Ich habe bis zu dieſer Stundé gewartet, lieber Franz,“ fuhr ſie fort,„und mit welcher Ungeduld! Ich hoffte immer auf ein Wort von Ihnen! Nichts kam. Mein Gott, was habe ich gelitten! Endlich konnte ich nicht länger widerſtehen, ich ließ anſpan⸗ nen und komme ſelbſt.“ „Wie danke ich Ihnen, Sarah!“ entgegnete Franz und zwar ziemlich kalt. Der junge Mann ſchien nur noch zurückhaltender zu werden, ſtatt zu erglühen. Die Kleine beobachtete ihn aufmerkſam und ſuchte ſeine Gedanken in ſeinem Geſichte zu leſen. Dieſe Gedanken waren ein plötzliches— Miß⸗ trauen. Er erinnerte ſich ſeines letzten Beiſammen⸗ ſeins mit der Frau von Laurens und der Worte, welche ſie im Café Anglais nach dem Frühſtück ge— ſagt hatte. Sie hatte da den Schleier ein wenig gelüftet, welcher ihr Herz verhüllte und Franz hatte völlige kalte Gleichgiltigkeit erblickt. Im Augenblicke als er von ſeinem Duelle geſprochen, hatte ein Gäh⸗ nen den ſchönen Mund der Kleinen geöffnet. Er traute, ohne recht zu wiſſen warum, der Aufrichtigkeit ihrer jetzigen Theilnahme nicht. Zwar hatte er keineswegs eine Vorſtellung von dem Zwecke, den die Frau von Laurens verfolgte, aber ein gehei⸗ mer Inſtinct forderte ihn auf, auf der Hut zu ſein, wenn nicht ſich zu verſtellen. „Ich habe nicht ſo große Schuld als Sie glau⸗ ben,“ ſagte er nachdem er ſeine Ruhe wiederge— funden;„ich begab mich geſtern in die Rue des Prouvaires, um Sie zu ſehen.“ 10 „Ich war da und erwartete Sie. „Die Frau Baronin von St. 5* ſagte mir, Sie wären nicht da.. Ich bin ſehr ſpät nach Hauſe gekommen, weil ich immer hoffte, Sie wuͤr⸗ den noch erſcheinen.. Dieſen Morgen bin ich noch nicht ausgegangen und mein erſter Beſuch wuͤrde Ihnen gegolten haben.“ Er küßte ihr galant die Hand. — — Die Kleine hörte mit niedergeſchlagenen Augen dieſe zu genauen Erklärungen an; ſie hätte lieber Unruhe geſehen und fand nur Artigkeit. Zum erſtenmale ſeit, ſie jeden Tag ſolche kokette Kämpfe beſtand, in denen der Sieg ſie nie verlaſſen hatte, ahnte ſie eine Niederlage. Ihre zarten Augenbrauen zogen ſich unwillkürlich zuſämmen⸗ Ein Knabe wagte es ihr zu widerſtehen! Sie fühlte ſich beleidigt. Aber ſie ſchämte ſich ihrer bald. Was war es 4 denn im Ganzen? Sie erröthete wie etwa ein Sol⸗ dat, der gewöhnlich tapfer iſt und einmal Luſt fühlte bei den erſten Schüſſen davon zu laufen. „Ich irrte mich,“ fuhr ſie fort indem ſie die Augen aufſchlug, in denen ein Lächeln glänzte; „Sie haben keine S.huld, Franz, und ich freue mich meines Irrthumes. Jetzt, da ich über Sie beruhigt bin, bleibt mir noch eine Bitte an Sie 11 uͤbrig, denn ich hatte zwei Beweggründe, die mich zu Ihnen führten.“ Franz nahm die Stellung eines Horchenden an. „Ich wollte Sie,“ fuhr Sarah fort,„zu dem ländlichen Feſte einladen, das wir in dem Schloſſe meines Vaters geben.“ Seit Franz mit Deniſe geſprochen hatte, wünſchte er ſich nichts mehr als eine Einladung zu dem Feſte in Geldberg; in dieſem Augenblicke aber lag in ihm ein Sarah feindliches Gefühl, das er ſich ſelbſt nicht erklären konnte. „„Ich danke Ihnen,“ ſprach er leiſe,„aber.. Er zögerte; er wußte wirklich nicht was er ſa— gen ſollte. „Sie wollen nicht?“ fragte Sarah, deren Stirn ſich mit leichter Röthe bedeckte. „Schöne Frau,“ entgegnete Franz,„ſich fühle mich geſchmeichelt und geehrt, ich bin Ihnen ſehr dankbar..“ „Aber Sie ſchlagen es ab?“ „Das wage ich nicht zu ſagen, aber ich weiß nicht..“ Sarah machte eine Bewegung als wolle ſie aufſtehen, ſo zornig fühlte ſie ſch, aber ſie hielt an ſich und rief in ihr Geſicht jenes melancholiſche Lä⸗ cheln zurück, das ſie im Anfange gehabt hatte. „Sonſt,“ antwortete ſie,„würden Sie dieſe 74 Gelegenheit mich zu ſehen mit Freuden ergriffen haben.“ / „Auch heute noch,“ antwortete Franz;„glau⸗ ben Sie mir, daß ich mich nicht geändert habe; wenn Sie nur dort wären..“ Die Kleine wartete eine Secunde und als Franz nicht weiter ſprach, heiterte ſich ihre Stirn auf; ſie glaubte ſeine Gedanken zu errathen. „Grollen Sie?“ fragte ſie,„und wollen Sie mich das Unrecht entgelten laſſen, daß ſich einige Mitglieder des Hauſes Geldberg gegen Sie haben zu Schulden kommen laſſen?“ So weit hatte Franz nicht gedacht; er kannte die Urſache ſeines Sträubens ſelbſt nicht; er gehörte zu den launenhaften Kindern, welche nein ſagen und das Geſicht abwenden, gleichwohl aber die Hand zur Annahme ausſtrecken. Aber dieſe unvorſichtiger Weiſe ausgeſprochenen Worte eröffneten ihm eine neue Gedankenreihe und auf ſeine Lippen trat ein ſpöttiſches Lächeln. „Ich würde ſehr Unrecht thun, wenn ich mich daran erinnern wollte,“ ſagte er;„mit Armen und Schwachen verfährt man nach Belieben, ſo iſt es in gewiſſen Kreiſen herkömmlich und damals war ich arm und ſchwath.“ „Sind Sie jetzt reich?“ fragte die Kleine. 13 Kaum aber hatte ſie die Frage gethan, ſo bereute ſie es. Franz war aufgeſtanden und ging, von unan⸗ genehmen Erinnerungen getrieben, im Zimmer auf und ab. „Ja,“ antwortete er in abgebrochenen Sätzen, „ich bin reich,.. ich werde noch reicher werden,.. ich bin von Adel.. und die, welche mich verachtet haben, ſchätzten ſich vielleicht glücklich, wenn ſie mit mir theilen könnten.“ Ohne zu wiſſen was er that nahm er die beiden Briefe vom Tiſche und zerdrückte ſie in den Händen. Die Frau von Laurens ſeufzte tief und ſo laut, daß es Franz hörte. „Wenn ich gewußt hätte, daß Sie reich ſind,“ ſagte ſie mit tiefverletztem Tone,„würde ich nicht ge⸗ kommen ſein.“ Es lag in ihrem Tone eine ſanfte ergebene Klage. Franz ſtellte ſogleich ſein Auf⸗ und Abgehen ein und wendete ſich zu ihr; er glaubte eine Thräne un⸗ ter ihren langen Wimpern glänzen zu ſehen. „Ich habe Unrecht gethan,“ ſprach er;„ich bin ein Thor, Sarah und bitte Sie um Verzeihung.. Sie haben mir immer nur Gutes und Liebes gethan. Ich komme, ich komme.“ Das Herz der Kleinen klopfte freudig, aber ſie beherrſchte ſich wie ſie ſich bei der Anwandlung von X. 2 — ——— 14 Zorn beherrſcht hatte und auf ihrem Geſichte zeigte ſich keine Spur davon. „Sie ſind kein Thor, Franz,“ ſagte ſie,„und ich danke Ihnen von ganzem Herzen, wenn Sie mei⸗ netwegen den Groll vergeſſen.“ „Nur Ihretwegen, Theuere.“ „Der Mann, der Sie beleidigt hat, wird ſich bei Ihnen entſchuldigen.“ „Der Ritter von Reinhold?“ unterbrach ſie Franz, der einen Augenblick ſeinen gewöhnlichen Muthwillen wiederfand;„er iſt zu alt, zu runzelig, zu geſchminkt, zu kahlköpfig, zu ausgeſtopft, zu feig; ich mag von ihm nichts wiſſen.“ Er hatte ſich der Kleinen wieder genähert und erbrach ſpielend einen der Briefe. „Wie Sie wünſchen,“ entgegnete Sarah, „aber ich haſſe ihn wegen ſeines Benehmens gegen Sie und hätte es gern geſehen, wenn, er ſich vor Ihnen hätte demüthigen müſſen.. Nun da Sie die Einladung angenommen haben, laſſen Sie uns von Geſchäften ſprechen und unſere Maßregeln bereden. Es wird ein großes Feſt we den; die meiſten der Eingeladenen reiſen im Laufe der nächſten Woche ab, aber die Familie und die vertrauten Freunde verlaſſen Paris am nächſten Sonntage oder Montage. Wollen Sie mit uns reiſen?“ 15 Franz antwortete nicht. Nachdem er einmal das Siegel des Briefes erbrochen hatte, konnte er nicht umhin ihn zu öffnen und ſeine Augen über⸗ flogen den Inhalt. Zufällig ſprach auch dieſer Brief von dem Feſte im Schloſſe Geldberg und meldete ſogar den Beſuch Sarahs an. Ja er prophezeiete mit beſtimmten Worten den letzten Antrag, welchen die Kleine eben gemacht hatte. Der Brief war von einer ihm unbekannten Hand geſchrieben und im erſten Augenblicke ſah er keine Unterſchrift. Der Brief lautete: „Eine Perſon, welche aus gewiſſen Gründen „innigen Antheil an Herrn Franz nimmt, glaubt „ihm anzeigen zu müſſen, daß er nächſtens eine „Einladung zu dem großen Feſte erhalten wird, „welches die Banquiers Geldberg Reinhold u. Co. „in ihrem Schloſſe in Deutſchland zu geben beab⸗ „ſichtigen. „Herr Franz kann dieſe Einladung recht wohl „annehmen, aber man wird ihn auch bitten, wo „möglich mit der Familie abzureiſen und darin liegt „die Gefahr,.. Lebensgefahr.“ Mit dieſen Worten endigte die Seite. Franz zerdrückte den Brief und ſteckte ihn in die Taſche. 7 2 16 Er ließ den Kopf ſinken, denn er wunderte ſich ſehr über dieſe ſeltſame Uebereinſtimmung der Worte des Briefes mit denen der Kleinen. „Nun?“ fragte Sarah. Franz wollte ihr Geſuch ausſchlagen, aber er antwortete noch nicht. „Sie wählen einen ganz beſondern Augen⸗ blick,“ ſagte die Kleine lächelnd,„Ihre Briefe zu leſen.“ Franz hörte ihre Worte nicht; er blickte in den zweiten Brief, der nur zwei Zeilen in zierlicher Schrift enthielt. Kaum hatte er dieſe Zeilen überblickt, als ſein 3 Geſichtsausdruck ſich änderte und ſeine Wange ſich röthete. „Nun,“ fiel Sarah nochmals ein,„ich warte 44 auf Ihre Antwort, Franz..“ Da der junge Mann noch immer zögerte, ſetzte ſie hinzu: „Ich frage Sie, ob..“ „Ich habe es verſtanden, ich habe es verſtan⸗ den,“ unterbrach ſie Franz haſtig,„ich nehme Ihren Antrag an und danke Ihnen tauſendfach dafür.. Die Frau von Laurens war ſeit ungefähr zehn Minuten fort. 17 Franz befand ſich allein, hielt den zweiten Brief offen in der Hand und ſeine Augen ſchienen ſich von ihm nicht abwenden zu können. Er hatte mehrmals ſeit der Entfernung Sarahs das Papier an ſeine Lippen gedrückt, um es zu küſſen. Der Brief ſprach gleichwohl nicht von Liebe, denn er enthielt weiter nichts als: „D.. v. A... zeigt Herrn Franz an, daß „ihre Abreiſe von Paris einige Tage früher erfolgt; „ſie wird ſich mit der Familie Geldberg nach Deutſch⸗ land begeben..“ „Ich auch!“ ſprach Franz,„alles trifft ſich in dieſer glückſeligen Woche ganz vortrefflich.. Ich werde reiſen, ich werde ſie ſehen.. Möge das Feſt recht lange dauern!“ Er blieb noch einige Minuten in dieſe angeneh⸗ men Gedanken verſunken ſtehen, dann zog eine Wolke über ſeine Stirn. „Aber der andere Brief!“ dachte er;„was bedeutet dieſe drohende Warnung und wer kann mir ſo ſchreiben?“ Er ſuchte den Brief auf dem Tiſche und auf dem Divan, auf welchem er neben der Kleinen geſeſſen hatte und fand ihn endlich zerdrückt in der Taſche ſeines Schlafrockes. Er legte ihn glatt und überlas ihn nochmals langſam und mit Aufmerkſamkeit. Es war ſeltſam! — — — — 18 Der Brief ſagte alles und die Drohung, welche er enthielt, erlangte durch die Richtigkeit der andern Angaben eine um ſo größere Bedeutung. Von wem kam er? Nachdem Franz ihn nochmals geleſen hatte, betrachtete er die Adreſſe, aber daraus erſah er nichts. Da der Sinn unten auf der erſten Seite beendigt war, ſo fiel es ihm nicht ein, das Blatt umzuwenden. Es blätterte ſich jetzt zufällig von ſelbſt um. Franz las begierig: „Herr Franz wird vielleicht dieſe Warnung ver⸗ „achten, weil er muthig iſt und Gefahren liebt, hier „gilt aber die Gefahr nicht ihm allein; Fräulein „D. v. Au. gehört zu den Eingeladenen, welche „mit der Familie Geldberg reiſen werden; ſie wuͤrde „die Gefahr theilen und auf ſie würde die Unvor⸗ „ſichtigkeit des Herrn Franz fallen..“ —„Der weiß alles!“ rief Franz ſtaunend aus. Der Zufall ſchien es übernommen zu haben eine der Behauptungen des anonymen Briefes nach der andern zu beſtätigen. Er kündigte den Beſuch der Frau von Laurens an und ſie war gekommen; er ſagte die Einladung voraus und die Einladung er⸗ folgte faſt mit den Worten des Briefes; er ſprach endlich von Fräulein von Audemer und Deniſe ſelbſt beſtätigte gewiſſermaßen ſeine Angabe. 19 Wie ſeltſam und unerklärlich aber auch dieſe Uebereinſtimmung war, Franz wunderte ſich nicht einmal darüber. Er achtete in dieſem Augenblicke kaum darauf. Er ſchwankte und wußte nicht mehr, was er in Bezug auf dieſe Reiſe thun ſollte. Seine Augen hafteten groß und unverwandt auf der Unterſchrift des Briefes. Es war dies kein Name, es waren Worte, welche ihn an alles Seltſame erinnerten, was ihm in den vorhergegangenen Tagen begegnet war, Worte, die ihn mitten in das unerklärliche Geheimniß hinein⸗ verſetzten, das ſeine Zukunft umgab. Der Brief war unterzeichnet: Der deuiſche Herr. Dreizehntes Kapitel. Drei Abgeordnete. Die Gegenſtände des gewöhnlichen Lebens ſtel⸗ len ſich oft in faſt uͤbernatürlicher Erſcheinung dar und es braucht nur zwei oder dreimal ein Zufall ein⸗ zutreten und ſich in gewiſſer Art zu verbinden, ſo erhalten Menſchen und Ereigniſſe ein phantaſtiſches Ausſehen. Der Baron von Rodach, der deutſche Herr, ſtand vor der Erinnerung des jungen Franz, nament⸗ lich aber vor jener der hübſchen Gertrud, die alles erſt von Franz wußte, in wahrhaft wunderbaren Verhältniſſen. Franz wieß dieſen Eindruck allerdings mit allem Unglauben ſeiner Pariſer Erziehung zurück; Ger⸗ trud dagegen ließ ihre deutſche Phantaſie mit allem Grauen und allem Reize arbeiten. Sie ſetzte der 21 ſeltſamen Geſchichte ihres Freundes Franz hinzu, ſie vervollſtändigte die Legende und gab ihr die un⸗ klare nebelhafte Färbung, in welcher die deutſche Poeſie uns ihre Geſtalten ſo gern zeigt. Sie ging aus der Welt der Lebendigen in die andere Welt voll übermenſchlicher Weſen über, welche durch die Hin⸗ derniſſe des Lebens nicht aufgehalten zu werden ver⸗ mögen, die alles können, alles errathen und deren geheimnißvolle Geſchichte in den alten Balladen ge⸗ ſchrieben ſteht. So weit ging nun Franz zwar nicht, aber er konnte ſich doch bei dem Gedanken an den deutſchen Herrn nicht immer eines abergläubiſchen Grauens erwehren, das die Furcht war, bisweilen aber auch in Hoffnung ſich umwandelte. Meiſt ſpottete er über ſich ſelbſt und lächelte ver⸗ ächtlich; aber die Idee kehrte unabweislich immer wieder zurück und der Philoſoph träumte alſo eben ſo von Wundern wie die Tochter des Kleider⸗ händlers.. Der deutſche Herr war aber auch eine ſeltſame Perſon. Er hatte ſich dem jungen Franz immer unter ſo außerordentlichen und unerwarteten Farben gezeigt und Franz wußte noch nicht einmal alles von ihm. Wenn er hätte hören können, was wir nach der logiſchen Ordnung unſerer Erzählung ſehr bald 22 werden ſagen müſſen, würde ſeine Philoſophie mit einemmale emporgeflogen ſein wie der Stöpſel er Champagnerflaſche. So unwahrſcheinlich auch das Abenteuer ausſah, er wußte zu viel davon, als daß er ſich hätte weigern können daran zu glauben und was er auf dem Maskenballe geſehen hatte, ließ ſich doch auch nicht wegleugnen. Auf der andern Seite war jedoch die Sache offenbar unmöglich und wenn man ſie zugab, mußte man ſich nothwendig auf eine diaboliſche oder ſonſt geheime Macht ſtützen. Die kleine Gertrud würde bei den erſten Worten unſerer Geſchichte ihre ſchönen gläubigen Augen weit aufgeriſſen und auf ihren Lippen keinen andern Na⸗ men gefunden haben als den Satans.. Die Sache, welche wir meinen, iſt folgende. Es waren acht und vierzig Stunden vergangen; man hatte Donnerſtag den 8. Februar. Der Baron von Rodach hatte ſich feierlich verpflichtet, an dieſem Tage vor der Mittagsſtunde die Frau von Laurens in Paris, Mynherr Van Praet in Amſterdam und Yanos Georgyi in London zu beſuchen. Schon das Verſprechen war viel, aber das Halten... Es war eine Leiſtung, die ſelbſt Fabricius Van Praet, als er noch Luftſchiffer war, ſeinem Publi⸗ cum nicht gewagt haben würde anzukündigen. Es war ſehr ſtark und überbot die Eiſenbahnen, die Brieftauben und ſelbſt den Telegraphen; es war mir anem Worte albern oder es mußte durch Höllen⸗ künſte bewirkt werden. In unſerer Zeit giebt es aber keine Höllenkünſte, nicht einmal bei den Taſchenſpielern. Die Wiſſen⸗ ſchaft hat in dieſem Punkte keine Fort⸗, ſondern be⸗ deutende Rückſchritte gemacht und unſerere heutigen Zauberer können ſich unzweifelhaft mit denen Pha⸗ raos nicht meſſen, welche bekanntlich die Kameele in Fröſche verwandelten. Sei dem nun wie ihm wolle, der Baron von Rodach hielt ſein Verſprechen. Am 8. Februar Mittags meldete der Groom des Magyaren Yanos, der holländiſche Diener des guten Fabricius Van Praet und der Kammerdiener der der Frau von Laurens ihren Gebietern den„Herrn von Rodach.“ Und der Herr Baron trat freundlich ein, ohne im mindeſten einen Schwefelgeruch hinter ſich zu laſſen. Nur eines haben wir zu erwähnen. Der Baron von Rodach hatte bei den drei verſchiedenen Beſu⸗ chen, mochte er ein gewöhnlicher Menſch oder ein übermenſchliches Weſen ſein, ſeinem Geſichte einen dreifachen wenig verſchiedenen Ausdruck gegeben, als hätte er ſich für jeden Beſuch ein beſonderes Geſicht zurecht gemacht. In Paris, in dem zierlichen Salon ——— — 24 der Frau von Laurens war er ernſt, artig und kalt; in Amſterdam in dem glänzenden, gewaſchenen und geſeiften Hauſe des würdigen Holländers erſchien er einigermaßen mit dem gleichgiltigen Geſichte eines Bürgers der Niederlande. Er konnte zwar ſeine edle Schönheit nicht verlieren, aber er ſetzte ſie gewiſſermaßen etwas niedriger und ſchien in Bezug auf ſeine Züge das ſinnreiche Verfahren zu benutzen, welches manche ſparſame Loretten bei ihrer einzigen Kopfbedeckung in Anwendung bringen, einem präch⸗ tigen Hute, auf welchem man Federn ſchwanken ſieht, wenn der Liebesthermometer auf Equipagen ſteht, der aber ganz beſcheiden wird, ſobald die Damen zum Fußvolke herabgeſunken ſind. Auch roch der Baron in dem Lande des Bieres und der Pfeifen nach Malz und Tabak. In London dagegen neben dem kriegeriſchen Magyaren hatte er eine ſo herausfordernde Miene, das die Fenſterſcheiben hätten ſpringen können ſobald er ſie anſah, und wie ſein Schnurrbart ſtolzer auf— wärts ſtand, ſo erkannte man in ſeinem Auge mehr heitere Jugend; ein Menſchenkenner würde ihn für einen leichtſinnigen Burſchen, für einen Mädchenjäger gehalten haben, der auch ſchnell mit dem Degen zur Hand iſt. Die zweite dieſer Eigenſchaften zeigte ſich auch gleich beim Eintreten des Barons von Rodach in ———— das Vorzimmer des Herrn Nanos. Als er über die Schwelle ſchritt, erblickte er eine Dame von zierlichem Wuchſe, welche durch eine Seitenthür verſchwand. Er ſah ſie nur eine Secunde, fand aber doch Zeit ihr einen Kuß zuzuwerfen, weil er ſie entweder kannte oder weil er die Gewohnheit hatte, ſeine Ga⸗ lanterie an jede Dame zu richten. Er war ein ſchöner junger Mann und die Dame fand Zeit zu lächeln. Dieſe Einzelnheiten abgerechnet war das Beneh⸗ men der Baron von Rodach in London, Paris und Amſterdam daſſelbe; er bat überall um ein Geſpräch unter vier Augen, das ihm auch bewilligt wurde. Nach ſeiner Unterredung mit der Frau von Lau⸗ rens ſtieg dieſe mit Zorn und Entſetzen im Geſichte in den Wagen, ließ ſich in den Temple bringen, wo ſie die Batailleur aufforderte, mitten im Geſchäft ihren Platz zu verlaſſen, um eine Unterredung mit ihr zu halten. In dem Hauſe des Fabricius Van Praet und in dem des Magyaren Nanos herrſchte nach der Entfernung des Barons Unruhe und Verwirrung; der gewöhnlich ſo ruhige Van Praet ſchien außer ſich zu ſein und der Magyar war durch die Wuth gleichſam verſteinert. Beide ſchienen etwas ganz ähnliches empfunden 26 zu haben, denn ihr Benehmen war gleich; ſie mach— ten in aller Eile Reiſeanſtalten. Der zweite Tag darauf war Sonnabend, der Verfalltag, von welchem in dieſer Geſchichte mehr⸗ mals die Rede geweſen iſt und den das Haus Gold— berg längſt als eine Hauptcriſis fürchtete. Das Comptoir hatte ſich vom Morgen an gefüllt und alle Angeſtellten, von dem höchſten bis zu dem niedrigſten, waren auf ihren Poſten. Gewöhnlich war die Kleidung der Commis des Hauſes Geldberg vortrefflich und in der großen Handelswelt zu Paris ſprichwörtlich geworden; heute aber zeigte ſich ſogar Eleganz und Lurus. Die lackirten Stiefeln blitzten; die Stahlfedern wurden von Händen mit friſchen Glacéhandſchuhen gehalten und die ſchwarzen Fracks fielen mit ihren atlasgefütterten Schößen über das Leder der Stühle. Die Herren ſchienen ſich verabredet zu haben; man ſah nur enganliegende Beinkleider und Staats⸗ weſten; nur zwei oder drei bunte Cravaten ſtachen von der Gleichförmigkeit der weißen ab. In der alten Zeit ſollen ſich die Ofſiziere der fran⸗ zöſiſchen Armee während des Signals zur Schlacht haben friſch friſiren laſſen, ſo daß ſie auf ihren Kampfpoſten im glänzendſten Coſtüm erſchienen. Es war dies Koketterie und Bravour; ſie behan⸗ 4 27 delten die Gefahr wie ein Vergnügen und verwech⸗ ſelten heldenmüthig Schlacht und Ball. Vielleicht handelten die Commis des Hauſes Geldberg, vom Heroismus abgeſehen, nach einem ähnlichen Gefühle. Auswärts wußte und ahnte man nichts von der kritiſchen Lage, in welcher ſich das Haus befand; der Credit von Geldberg Reinhold u. Comp. blieb immer derſelbe, aber es iſt mit dem Handel wie mit dem Leben; lange vorher ehe die Krankheit ihre Spuren auf einem Geſichte zurückläßt, empfindet der Körper eine ſtille Unruhe und eine unbeſchreibliche Unbehaglichkeit und durch jede Ader kommen den Gliedern Anzeigen zu. So hatten ſich auch in den Comptoirs unbe— ſtimmte Gerüchte verbreitet. Woher ſolche Gerüchte anfangs kommen, weiß Niemand; genug ſie ſind da; ſie ſchleichen und gleiten umher. Es iſt nichts Beſtimmtes, es ſind nur halbe Worte, Dinge, die keinen Sinn haben. Dazu tritt dann die Angſt; das ganze Haus fühlt gewiſſermaßen ein unerklär⸗ liches Beben, gleichſam als wenn ein geſunder Mann träumt, er werde ermordet. Niemand hatte den Gedanken ausgeſprochen, daß Geldberg, Reinhold u. Comp. am 10. Fe⸗ bruar 1844 nach funfzehnjährigem Beſtande des Hauſes und vor der Uebernahme einer der wichtig⸗ — 9— ——— — 27 28 ſten Eiſenbahnen ihre Zahlungen einſtellen würden, aber man glaubte es allgemein in den Comptoirs. Man wußte nicht warum dieſer Glaube beſtand; Einer von Allen hätte eine verſtändige Erklärung davon zu geben verſtanden, aber dieſer Eine, der Caſ⸗ ſirer Moreau, war verſchwiegen wie ein Steinblock. Er hatte nichts geſagt. Aber ſolche Gerüchte kommen einmal man weiß nicht wie; Andeutungen von Unglück ſteigen gleich⸗ ſam aus der Erde heraus und durch die Luft ver⸗ breitet ſich eine geheimnißvolle Stimme, die es Allen ins Ohr flüſtert. Die Comptoirs des Hauſes Geldberg hatten ein gewiſſes feierliches Ausſehen. Jede Größe hat ihren Todeskampf. Die Commis ſaßen ernſt und traurig vor ihren Pulten und warteten auf das vorausgeſe⸗ hene Ereigniß; es herrſchte eine tiefe Stille und es wurden nur leiſe einige ſchüchterne Worte unter Nachbarn gewechſelt. So oft ein Neuankommender an der Caſſe er⸗ ſchien, trat ein Augenblick ſchrecklicher Angſt ein; dann kehrte die Hoffnung zurück, weil die Caſſe wie gewöhnlich alle Forderungen befriedigte. So rückte der Tag allmälig weiter vor; es war nichts Ungewöhnliches geſchehen und die allgemeine Aengſtlichkeit hätte vielleicht ihr Ende gefunden, wenn einer der Chefs erſchienen wäre; aber gerade an dieſem Tage blieben alle Drei unſichtbar. Man meinte leiſe, ſie wären vielleicht vorher abgereiſt. Das war aber ein Irrthum, denn die drei Aſſo⸗ ciés befanden ſich von früh an in dem Berathungs⸗ zimmer. Sie hatten die Beſorgniſſe, welche ihre Commis unklar empfunden hatten, aus erſter Hand erhalten und gefühlt, wie man wohl glauben kann. Die erſten Stunden des Beiſammenſeins vergingen ſtill und traurig; das Klappen der Caſſe, die ſich unter ihnen befand und die ſie jede Minute öffnen und ſchließen hörten, ſchallte bis in ihr Herz hinein. Sie beruhigten ſich auch nicht, trotzdem daß die Stunden vergingen; ihre Angſt ſteigerte ſich viel— mehr. Alle ſahen nach der koſtbaren Uhr und ihre Augen ſenkten ſich verzweiflungsvoll. Sie wechſelten kein Wort; die tiefſte Stille herrſchte in dem Zimmer; ſie konnten aber auch ihre Gedanken einander unmöglich mittheilen, denn ſie hatten nichts unter einander gemein als den Betrug und den Haß. Jeder empfand gleiche Schmerzen, aber doch eigenthümliche, die ſich nicht auf das Gemeinſame bezogen. Es ängſtigte ſie nicht die erwartete Kata⸗ ſtrophe, ſondern das Schweigen des Mannes, der N. 3 30 jedem von ihnen verſprochen hatte, ihm Waffen gegen ſeige Compagnons zu geben. Sie warteten auf eine Antwort des Baron von Rodach oder auf dieſen ſelbſt. Aber die Poſtſtunde war vergangen und nichts erſchienen. Als ſie die Hoffnung ganz aufzugeben begannen, trat der alte Klaus in das Zimmer; er hatte drei Briefe in der Hand. Reinhold, Abel und ſelbſt Mira konnten das Fieber ihrer Ungeduld nicht unterdrücken. Sie ſtan⸗ den Alle gleichzeitig auf und fragten: „Für mich?“ Die Antwort lautete für Jeden günſtig; es war ein Brief für den Doctor Joſe Mira, ein Brief für Abel von Geldberg und ein Brief für den Ritter von Reinhold da. Einer dieſer Briefe kam aus Paris, einer aus Amſterdam, enendlich aus London. In dem erſten Augenblicke dachten die drei Aſ⸗ ſociés nicht daran die Couverts aufzureißen und die Briefe raſch zu leſen. Sie bemerkten nicht, daß die Briefe ſämmtlich ähnlich waren bis auf die Poſt⸗ ſtempel und daß offenbar eine und dieſelbe Hand alle drei geſchrieben hatte. Als ſie geleſen hatten, ſuchten ſie vor allem die erhaltenen Schreiben zu beſeitigen. Sie hatten die 31 Siegel gleichzeitig erbrochen, hatten gleichzeitig ge⸗ leſen und ſteckten gleichzeitig die Briefe ein und Jeder bemühte ſich ſodann das Geheimniß der Andern zu ermitteln. Da alle Drei gleichzeitig auf dieſen Gedanken kamen, ſo begegneten einander ihre lauernden Blicke. Sie kannten einander und Jeder errieth recht leicht den Wunſch der Andern. So wurden ſie we⸗ der verlegen, noch wunderten ſie ſich. Dieſe drei Briefe hatten eine auffallende Verän⸗ derung in ihnen hervorgebracht. Bis zur Ankunft des alten Klaus waren ſie traurig und muthlos ge⸗ weſen; jetzt ſchien ein freundlicher günſtiger Wind ihre Stirn zu umſpielen. Reinhold hatte ſein prah⸗ leriſches hochmüthiges Ausſehen wiedergefunden; das fade Geſicht des jungen Abel von Geldberg ſtrahlte von Selbſtzufriedenheit und ſelbſt der Doctor zog ſeine dicken Augenbrauen nicht mehr übermäßig in Falten. Sie ſahen einander einige Secunden lang ſchwei⸗ gend an und dann übernahm es der Ritter von Rein⸗ hold als der mittheilendſte, das Eis zu brechen. Er rieb ſich ſeelenvergnügt die Hände und ſagte, indem er auf die Pendule deutete, welche über drei Uhr an⸗ zeigte:„binnen einer Stunde wird die Caſſe ge⸗ ſchloſſen und wir ſind gerettet!“ 3* 32 „Ah, gerettet!“ fiel der junge Geldberg ein; „wie meinen Sie das?“ Er hatte ſich ſehr geängſtigt, that aber jetzt als d wiſſe er von nichts. „Ich bin der Meinung,“ entgegnete Reinhold „daß ohne mich das Haus in dieſem Augenblicke ſeine Zahlungen wahrſcheinlich bereits eingeſtellt hätte.“ Abel zuckte die Achſeln und ſagte noch einmal: 7 „Ah! Ich für meinen Theil habe von dem Un⸗ gar Yanos nichts zu fürchten. Die wirkliche Gefahr drohte von Van Praet, der ein geldgieriger Menſch iſt; wenn das Haus wirklich bedroht war, ſo habe ich es gerettet.“ „Mein junger Freund,“ fiel Reinhold mit iro⸗ niſcher Verbeugung ein,„ich habe von Ihrer aufgeklärten B Zeſcheidenheit auch nicht weniger er⸗ wartet.“ Man wurde allmälig warm. „Mäͤßigen Sie ſich, meine Herren,“ ſagte der Doctor;„die Zeit vergeht allerdings, aber bis vier Uhr kann noch viel geſchehen.“ 77 1„Von dem Ungar her ſind wir ſicher,“ ſagte Reinhold „Aoher wiſſen Sie das?“ „Ich weiß es gewiß.“ 33 „Von Van Praet haben wir eben ſo wenig etwas zu fürchten,“ ſetzte Abel ſtolz hinzu. „Iſt das gewiß?“ fragte der Doctor. „Vollkommen.“ Mira ſah einen nach dem andern an und in ſei— nem unbeweglichen Geſichte zeigte ſich etwas Ver⸗ wunderung. „Ah,“ ſagte er und er verſteckte ſeine Neugierde unter ſeiner gravitätiſchen Miene,„wie haben Sie Ihre Sache betrieben, da Sie doch beide Paris nicht verließen?“ „Man hat ſeine Mittel,“ antwortete Rein⸗ hold ſtolz. „Die Sprichwörter ſind einfältig,“ ſetzte der junge von Geldberg hinzu,„das einfältigſte iſt aber das, welches behauptet, man müſſe ſeine Angelegen⸗ heiten ſelbſt betreiben.. Wenn man nun einen guten Abgeordneten hat?“ „Ah,“ unterbrach ihn Mira,„Sie haben durch einen Abgeordneten mit Van Praet unter⸗ handelt?“ In dem Geſichte des jungen Bankiers ſpiegelte ſich die ſtolzeſte Selbſtzufriedenheit. Er nickte nur leiſe. „Und Sie auch?“ fragte Mira den Ritter Reinhold. ——,— 34 „Wie Sie ſagen,“ entgegnete dieſer,„und ich glaube kaum, daß der Abgeordnete unſeres jungen Freundes dem meinigen die Schuhriemen aufzulöſen werth iſt.“ „Wenn ich ihn nennen wollte..,“ fiel Abel raſch ein, aber er hielt an ſich und ſtellte ſich ſehr geheimnißvoll. „Ich ſchweige,“ fuhr er fort, indem er die Oberlippe einzog,„und füge nur hinzu, daß Sie und Ihr Abgeordneter durch eine offenſtehende Thüre gegangen ſind. Das kann Jeder.“ „Wer weiß!“ ſprach Reinhold dagegen, deſſen Geſicht ſich einen Augenblick verdüſterte, blos weil er an den Zorn des Magyaren dachte. „Bah, wenn es weiter nichts geweſen wäre als den alten Eiſenfreſſer zur Raiſon zu bringen, würde ich Niemanden gebraucht haben.“ „Freilich,“ entgegnete Reinhold in höhniſchem Tone,„Sie hätten da eine Gelegenheit gefunden wenigſtens einmal zu beweiſen, was Sie ſo oft be⸗ theuern, daß Sie nämlich Muth haben.“ Abel wurde feuerroth, denn dieſe Bemerkung verletzte ihn um ſo mehr, da er wirklich einem hal⸗ ben Dutzend Duellen aus dem Wege gegangen war. „Mein Herr,“ entgegnete er mit funkelndem Auge und ſtotternd,„wenn ich glaubte, daß Sie mich beleidigen wollten..“ 35 „Ruhe! Ruhe!“ unterbrach ihn der ernſte Doctor;„Sie haben ſich beide um das Haus in gleicher Weiſe verdient gemacht, denn bei dem jetzigen Zuſtande der Caſſe würde es unmöglich ge⸗ weſen ſein die Forderung eines oder des andern zu befriedigen. Sie ſind klug geweſen und ich für meinen Theil danke Ihnen, aber ich glaube doch noch beſſer gehandelt zu haben..“ „Ach!“ riefen gleichzeitig Reinhold und Abel aus. „Sie möogen ſelbſt darüber urtheilen,“ fuhr Mira fort;„das Haus iſt durch Sie für heute ge⸗ rettet worden, aber.. morgen?“ „Jeder Tag hat ſeine Laſt,“ wollte der Ritter ſagen. „Erlauben Sie,“ unterbrach ihn der Doctor, „Gemeinplätze haben nie ein Goldſtück in eine Kaſſe gebracht. Um zu leben, muß man Geld haben und Ihre Unterhandlungen haben uns, ſo geſchickt ſie geführt worden ſind, keinen Franc eingetragen.“ „Haben Sie Geld gefunden?“ fragte Reinhold. „Wir werden morgen hunderttauſend Thaler erhalten,“ antwortete der Doctor. Die beiden andern Compagnons ſahen auf und die ſpöttiſche Gleichgültigkeit in ihrer Miene war ver⸗ ſchwunden. „Wirklich?“ fragte der Ritter. 36 „Hunderttauſend Thaler?“ wiederholte der junge Abel. „Hunderttauſend Thaler,“ beſtätigte Mira. „Und von wem?“ Mira ſprach unwillkührlich leiſe und nannte den Namen der Frau von Laurens. Reinhold und Abel, welche nicht mehr an ihren Streit dachten, lachten von Herzen laut auf; denn der Gedanke an die hunderttauſend Thaler gab ihnen ihre ganze Heiterkeit wieder. „Ihnen gebührt der Preis, Doctor!“ ſagte Reinhold;„zwiſchen Ihrem Thun und dem unſrigen iſt ein Unterſchied wie zwiſchen poſitiv und negativ. Aber wie haben Sie gewagt..?“ „Ja,“ fiel Abel hin,„ſonſt haben Sie doch nicht eben Muth meiner geliebten Schweſter gegen⸗ über..“ Mira lächelte faſt. „Ach, meine werthen Herren,“ antwortete er, „glauben Sie, daß Sie allein Abgeordnete brauchen können?“ „Richtig!“ rief der junge Geldberg aus. „Es lebe die Diplomatie!“ ſetzte Reinhold hin⸗ zu und ſie reichten einander die Hand und die Begei⸗ ſterung ergriff ſogar, vielleicht zum erſtenmale, den Doctor. „Wir ſind gerettet,“ ſagte er,„ganz gerettet 37 und da die Kriſis überſtanden iſt, werden wir in Zukunft vorſichtiger ſein. Jetzt noch einige Worte über unſere beiden großen Angelegenheiten.“ „Das Feſt und die Eiſenbahn!“ rief Reinhold aus;„das Feſt läßt ſich gut an und ich habe mir geſtern Abend in einem Wirthshauſe im Temple,“ ſetzte er leiſe zu Mira hinzu,„vier Gäſte verſchafft, an denen wir unſere Freude erleben werden.“ Der Blick des Doctors war eine ſtumme Frage und Reinhold blinzelte ihm zu. Der junge Abel bemerkte davon nichts; er war aufgeſtanden und ſuchte unter den Papieren auf ſei⸗ nem Schreibtiſche. „Die Eiſenbahn geht auch vortrefflich; ſagte er von dort aus.„Seit Montag zehntauſend Actien⸗ unterſchriften,.. ehe noch etwas davon bekannt gemacht worden iſt.“ „Binnen acht Tagen haben wir das Doppelte des Kapitals,“ ſetzte Reinhold hinzu. „Und binnen einem Monate zehnfach,“ ſagte der junge Geldberg. „Und nach der Rückkunft von dem Schloſſe ſtehen die Actien 100 Proc. über Pari..“ Die Augen glänzten und in den Zügen der bei⸗ den andern Compagnons ſtrahlte die Freude. Es ſchlug vier Uhr. Sie ſtanden alle drei auf; 38 es war die Zeit, in welcher die Kaſſe geſchloſſen wurde. „Nun iſt's vorüber,“ rief der Doctor gewiſſer⸗ maßen andächtig aus;„es liegt eine Mauer zwiſchen unſerer Zukunft.. Das Schickſal vermag nichts gegen das Haus Geldberg.“ Ehe die beiden Compagnons antworten konnten und eben als der letzte Schlag der vierten Stunde erklang, entſtand mit einem Male Geraͤuſch in dem Vorzimmer. Gleichzeitg wurde derb an die kleine Thür ge⸗ pocht, welche auf die geheime Treppe führte, auf der der Kaſſirer in das Nebenzimmer gehen konnte. Dieſe Thür war von innen verſchloſſen, um jedes weitere unnöthige Andringen zu vermeiden. Jeder hatte früh ſo viel in die Kaſſe gegeben, als er beſaß und wenn Unglück eintrat, hatten ſie gar nichts mehr. Das Lächeln erſtarrte auf den Lippen des Por⸗ tugieſen. Abel und Reinhold ſtanden mit offenem Munde da. Das Geräuſch in dem Vorzimmer wurde ſtärker und man hörte eine Donnerſtimme, welche zu öffnen gebot. Reinhold wurde leichenblaß bei dem Tone dieſer Stimme. 39 Als ſie ſchwieg, ließ ſich eine andere ſanfte hören und nun riß Abel die Augen weit auf. Hinter der Thüre des Kaſſirers endlich rief eine dritte Stimme, eine weibliche, zornige Stimme, welche deutlich den Namen des Doctor Joſe Mira nannte. Die drei Compagnons blieben unbeweglich am Kamine ſtehen, als wären ſie plötzlich in Stein ver⸗ wandelt worden. Vierzehntes Kapitel. Unerwartete Gäſte. Abel und Reinhold ſahen unverwandt nach der Haupthüre, Mira ſchielte nach der Nebenthüre, durch welche einige Tage vorher der Baron Rodach den Kaſſirer Moreau im Conferenzzimmer mit den Prinzipalen überraſcht hatte. Draußen drohete und fluchte man. Der Diener vertheidigte ſich ſchwach und gleichzeitig wurde an die kleine Treppenthüre geklopft. Abel und Reinhold ſahen einander an. „Erkennen Sie dieſe Stimme?“ fragte leiſe der junge Geldberg. Der Ritter zitterte und hatte nicht einmal die Kraft zu antworten. „Machen Sie auf!“ rief man an der Kaſſen⸗ 41 treppe;„Herr Doctor, ich weiß, daß Sie da ſind und ich befehle Ihnen aufzumachen.“ „Es iſt meine Schweſter,“ ſagte Abel;„ich erkenne ſie; mag ſie pochen.“ Der Rath konnte gut ſein, aber der Doctor ver⸗ mochte es nicht ihm zu folgen. Eine unwiderſteh⸗ liche und geheimnißvolle Macht ſchien auf ſeinem Willen zu laſten; ſo oft er ſeinen Namen nennen hörte, näherte er ſich unwillkührlich der Thüre. Es zog ihn etwas dahin und jeder Widerſtand war ver— gebens; er mußte ſich unterwerfen und gehorchen. Abel und der Ritter hatten ſich noch nicht gerührt. „Machen Sie auf! Machen Sie auf!“ rief Sarah indem ſie mit ihrer zierlichen kleinen Hand an die Tür klopfte. Der Doctor zögerte noch einen Augenblick, dann ging er um zu öffnen. Gleichgültig wurde auch die Hauptthüre geöffnet. „Er iſt es! Er iſt es!“ ſeufzete der Ritter, einer Ohnmacht nahe. „Und er iſt nicht allein,“ ſetzte Abel hinzu. Da erſchienen drei Männer auf der Schwelle; einer, in der Livrée des Hauſes Geldberg, wollte noch immer den Eingang wehren. Er wurde aber bald bei Seite geſchoben und die beiden andern traten ein. Sie waren einander gar nicht gleich; der erſtere 42 mochte funfzig Jahre zählen; er war groß und offen⸗ bar ſehr ſtark; ein ungariſcher Schnurenrock hob ſeine breite Bruſt hervor und auf dem Kopfe trug er einen Pelzkalpack, unter welchem rabenſchwarzes Haar hervorſah. Sein Schnurrbart war groß, aufwärts gedreht und glänzend ſchwarz. Diejenigen, welche den Ungar Yanos Georgyi in Deutſchland geſehen hatten, würden ihn ſofort wieder erkannt haben. Zwanzig Jahre hatten keine bedeutenden Veränderungen an ihm hervorgebracht. Er hielt ſich noch vollkommen gerade und ſein Auge hatte den wilden Blick nicht verloren. Sein Begleiter war ein dicker runder alter Mann mit Doppelkinn. Er hatte nur noch wenige Haare und dieſe waren ganz weiß. Sein Geſicht ſtrotzte und ſtrahlte von Geſundheit; in ſeinem Lächeln lag eine ruhige Zufriedenheit. Es war Herr Fabricius von Praet in ſeinem ſiebenund⸗ ſechzigſten Jahre. Noch ſtand er an der Thür als der Ungar bereits zu den Freunden getreten war und ſeine Hände mit den Worten:„meine Wechſel!“ auf die Achſeln des Ritters Reinhold gelegt hatte. Der Ritter ſtammelte einige unverſtändliche Worte. „Meine Wechſel!“ wiederholte Yanos dro⸗ 43 hend und der arme Ritter war mehr todt als leben⸗ dig. Die Gefahr, welche er am Abende vorher in den„vier Haimonskindern“ beſtanden hatte, ließ ſich mit dieſem Abenteuer gar nicht vergleichen. „Lieber Yanos,“ fiel endlich der gute Van Praet ein,„nur nicht gleich mit der Thüre ins Haus gefallen! Ich behandele alles mit Sanftmuth und Güte und habe mich immer wohl dabei befunden.“ Der Ungar ließ den Ritter los, der ſogleich auf einen Stuhl ſank. Hier ſammelte er ſich wieder und es ließ ſich erwarten, daß er ſeine gewoͤhnliche Frech⸗ heit bald wieder finden würde. Der Holländer reichte Abel die eine Hand, Rein⸗ hold die andere. „Guten Tag, junger Freund,“ ſagte er,„guten Tag, Alter.. Herr Yanos und ich haben eine lange Reiſe gemacht, um Euch zu beſuchen und ich hoffe, daß wir unſere kleinen Streitſachen in aller Güte und Liebe ausgleichen werden.“ „Ich muß mein Geld fogleich haben,“ fiel der Ungar ein. Van Praet winkte ihm und ſetzte dann hinzu: „Ich komme auch wegen meiner Wechſelchen und Sie werden mir ſie wieder geben, ich wette darauf.“ „Sie..“ wollte Abel ſagen. „Erlauben Sie, daß ich mich ſetze, junger —— 44 Freund,“ unterbrach ihn Van Praet.„Ich bin in meinen alten Tagen dick geworden und die Reiſe hat mich etwas angegriffen.“ Er zog aus der Taſche ein großes ſeidenes Ta⸗ ſchentuch und trocknete ſich damit den Schweiß ab. „So!“ fuhr er fort indem er die kurzen dicken Beine übereinanderlegte;„wiſſen Sie, daß Sie ein hübſcher junger Herr geworden ſind? Wie geht es Ihrem ehrenwerthen Vater?— Aber nun laßt uns von Geſchäften reden, Kinder. Mein Freund Nanos verlangt 400,000 Francs und behauptet die Wech⸗ ſel wären ihm auf eine nicht eben ehrenvolle Weiſe entwendet worden.“ „Geſtohlen! ſage ich,“ fiel der Ungar ein. „Dies Wott iſt vielleicht zu ſtark,“ ſagte Van Praet,„wenn ich mich auch in einem ganz ähnlichen Falle befinde und außer dem Wunſche alte Freunde wieder zu ſehen, hat mich allerdings auch das Ver⸗ langen nach Paris geführt, meine Wechſel wieder zu erlangen, die mir durch einen Ihrer Agenten ent⸗ riſſen worden ſind.“ „Und ich,“ fiel jetzt Sarah ein, die in der Thur erſchien,„fordere meine hunderttauſend Thaler, die mir durch einen Ihrer Agenten entzogen worden ſind.“ Der arme Doctor Mira ſtand wie zerſchmettert da und der glücklichſte war jedenfalls der junge Abel, der einen ſo gutmüthigen ſanften Gegner in dem Holländer hatte. Als Sarah erſchien, verbeugten ſich alle vor ihr und Van Praet ſagte: „Schöne Frau, ich habe Sie als kleines Kind geſehen, aber damals waren Sie ſchon allerliebſt. Ich erinnere mich recht wohl, daß mein Freund Mo⸗ ſes Sie ſeinen Schatz nannte.“ Der Ungar drehete den Schnurrbart und Rein⸗ hold bot der Kleinen einen Stuhl, den er wohlweis⸗ lich zwiſchen ſich und ſeinen Gegner brachte. Die Frau von Laurens ſetzte ſich und ſagte: „Ich habe als Tochter und Erbin des Moſes Geld wohl ein Recht hier zu ſein, ungerechnet, daß ich meinen Mann vertreten muß, deſſen Intereſſen durch die Herren da ſchmälig verletzt worden ſind.“ „Liebes Kind,“ entgegnete Van Praet,„erlau⸗ ben Sie, daß ich Sie ſo nenne, da ich Sie oft auf meinen Knien geſchaukelt habe, wer wird ſich über Ihre angenehme Gegenwart beklagen?— Ich glaube Sie befinden ſich in ganz gleicher Lage wie wir.. Leider veruneinigte gar oft das Mein und Dein die beſten Familien,— wenn aber Ihre Sache ſo einfach iſt als die unſrige, werden wir uns nach zehn Minuten geeinigt haben. Nur methodiſch müſſen wir verfahren und da wir eine Dame unter uns haben, wollen wir ſie zuerſt ſprechen laſſen.“ X. 4 46 „Der Doctor Joſe Mira,“ begann die Frau von Laurens,„hat einen Agenten zu mir geſandt, den er vorher in einige Herrn von Laurens berüh⸗ rende Geheimniſſe eingeweihet. Er kennt aber doch den traurigen Zuſtand meines armen Mannes und hätte ihn wenigſtens in Frieden veranlaſſen können. — Meine Herren, Sie ſind alte Freunde meines Vaters; ich ſehe Sie faſt ſo an als gehörten Sie zu der Familie und werde offen vor Ihnen ſein. Der Doctor ſchickte einen ſchlauen Mann zu mir, einer argloſen Frau und ich ſah mit Grauen in den Händen eines Unbekannten Geheimniſſe, die meinen Mann verderben konnten. Er drohete, ich gab nach und der Herr Doctor muß jetzt im Beſitz der hun⸗ derttauſend Thaler ſein, die einer Frau entriſſen wurden, welche ſeine Freundin war.“ „Doctor! Doctor! Haben Sie ſich einer ſo ſchändlichen That ſchuldig gemacht?“ ſprach Van Praet. Der Doctor ſchwieg und obwohl ſich bittere Worte auf ſeine Lippen drängten, beherrſchte er ſich doch und blieb ernſt und gefaßt, obgleich auch Sarah eine Antwort von ihm zuerwarten ſchien. „Nun Sie, Freund Yanos,“ forderte Van Praet den Ungar auf. „Meine Geſchichte iſt der ſehr ähnlich, welche wir eben gehört haben,“ ſagte dieſer.„Meine 47 Wechſel waren in Paris bei meinem Advokaten, der im Falle der Nichtbezahlung heute noch einſchreiten ſollte. Ihr Agent, Herr Regnault, hat mir aber einen Schein abgedrungen, deſſen er ſich bediente, um die Wechſel von meinem Advokaten ſich auslie⸗ fern zu laſſen und als ich in Paris ankam, war es bereits zu ſpät.“ Reinhold hatte trotz ſeiner Angſt Luſt zu lachen. „Bei mir iſt es ganz derſelbe Fall,“ ſprach ſei⸗ nerſeits Van Praet.„Das Haus Geldberg ſcheint vortreffliche Agenten zu haben. Der, welcher ſich bei mir einfand, war mir nicht ganz unbekannt. Er verlangte ebenfalls einen Schein, denn meine Wech ſel lagen auch in Paris. Ich habe ihn gegeben, warum weiß ich ſelbſt nicht und als ich in Paris bei meinem Advokaten erſchien, waren die Wechſel bereits ausgeliefert.— Ich ſchlage nur vor,“ fuhr er fort indem er ſich den Schweiß von der Stirn wiſchte und Athem ſchöpfte,„vor allem kein Auf⸗ ſehen zu machen. Wozu? Wir ſind alte Bekannte. Der Doctor wird der lieben Sarah das Geld zuruͤck geben, ich und mein Freund Nanos werden bezahlt und dann ſpeißen wir zu Abend bei dem ehrwürdigen Moſes zur Feier des Wiederſehens.“ „Auf meine Chre,“ ſagte Reinhold, keine Wechſel erhalten.“ „Das lügſt Du!“ fuhr der Ungar hitzig auf. 4* ich habe 77 2 48 „Ich betheuere ebenfalls, daß ich die hundert⸗ tauſend Thaler nicht erhalten habe,“ ſagte der Doc⸗ tor, als ihn die Kleine fragend anſah. „Auch ich,“ fiel nun Abel ein,„habe den Baron von Rodach nicht wieder geſehen.“ Dieſer Name machte einen gewaltigen Ein⸗ druck. „Den Baron von Rodach?“ fragte Mira. „Allerdings,“ beſtätigte der junge Abel von Geldberg. „So irren Sie ſich,“ fuhr Mira fort,„Ro⸗ dach war in Paris und mein Agent bei der Frau von Laurens.“ „Nein,“ ſagte Van Praet,„Abel hat Recht, der Baron war bei mir in Amſterdam.“ „Bei mir in London iſt er geweſen,“ ſprach Yanos laut,„GSie irren ſich beide oder lügen.“ „Nicht möglich!“ riefen alle aus und ſie glaub⸗ ten zu träumen. „In Paris, melte Van Pract, der nicht lachte. Die drei Compagnons ſahen einander fragend an, aber vergebens, das Geheimniß wurde dadurch nicht aufgehellt. „Darunter ſteckt eine neue Schlechtigkeit,“ fuhr endlich der Ungar heraus. Ich,“ antwortete darauf Reinhold,„kann 7 in Amſterdam, in London?“ mur⸗ 49 beweiſen, was ich behaupte; ich habe da einen Brief von dem Baron aus London.“ „Und ich einen aus Amſterſtam,“ ſagte Abel. „Ich habe einen von ihm aus Paris,“ ſetzte der Doctor hinzu und alle drei zeigten die Briefe vor. Das konnte nicht mit rechten Dingen zugehen, — alle Briefe waren, wie man ſich überzeugte, von einer und derſelben Hand geſchrieben. Wie ſollte man ſich das erklären? „Es iſt zum Närriſchwerden! rief Abel aus. „Dieſer Rodach muß der Teufel ſein,“ meinte der Ungar. In dem Augenblicke als er das Wort ausgeſpro⸗ chen hatte, wurde die Kaſſenthüre geräuſchvoll geöff⸗ net und Klaus meldete mit lauter Stimme: „Der Baron von Rodach!“ Funfzehntes Kapitel. Menſch oder Dämon. Es war unterdeß dunkel geworden und die ſechs Perſonen im Zimmer erwarteten unbeweglich den Angemeldeten, der ſofort auf der Schwelle erſchien und näher trat. Yanos erkannte in ihm den Mann von London, Van Praet den Mann von Amſterdam und Sarah den von Paris, wie Abel, Reinhold und Mira ihren Boten erkannten. Das Wunder ſtand lebendig vor Aller Augen. Abel bot ihm einen Stuhl. „Ich komme,“ begann der Baron,„um Rechen⸗ ſchaft von den Sendungen abzulegen, die mir über⸗ tragen worden ſind; ſtöre ich aber, ſo bin ich bereit mich wieder zu entfernen.“ 51 Es dauerte lange ehe ſich Jemand entſchloß auf dieſe einfache Antwort zu antworten. Reinhold faßte ſich zuerſt und ſagte: „Der Herr Baron weiß, daß er in dem Hauſe Geldberg nie überflüſſig iſt und nie ſtört. Er gehört ja faſt zur Familie.“ Der Baron ſetzte ſich und fuhr fort: „Ich erwartete keine ſo zahlreiche Geſellſchaft hier zu finden, zum Glück ſind Herr Yanos, Herr Van Praet und Frau von Laurens,“ ſetzte er mit einer Verbeugung hinzu,„Perſonen, mit denen man nie zu oft zuſammentreffen kann. Wollen Sie aber nicht Licht bringen laſſen, Herr Ritter, damit wir einander wenigſtens ſehen?“ Der Ritter ſtand auf und klingelte. Wenige Minuten darauf war das Zimmer hell erleuchtet. Der Baron muſterte die Geſellſchaft, gegen die er ganz allein war. „Die Anweſenheit der Dame und der beiden Herren,“ ſprach er weiter,„macht es wohl unnöthig ausführlich über meine Aufträge zu ſprechen. Ich brauche blos zu fragen. Sie wiſſen, Herr Doctor,“ wandte er ſich an Mira,„daß ich von der Frau von Laurens einen kleinen Theil von der fraglichen Summe erhalten habe, und Sie Herr von Reinhold und Sie Herr von Geldberg haben wahrſcheinlich bereits erfahren, daß ſowohl Herr Van Praet als ——— Herr Yanos mir die Wechſel übergaben, deren Be⸗ zahlung heute gefordert werden ſollte.“ Alle bejahten ſtumm. „Iſt das Haus Geldberg mit mir zufrieden?“ fragte der Baron weiter. „Gewiß,“ antwortete Mira ſchüchtern. „Vollkommen,“ ſtammelte der junge Geldberg. Reinhold huſtete blos bejahend. „Mich wundert,“ fiel die Frau von Laurens ein,„daß der Herr Baron ſich ſeines Sieges im Angeſicht der Perſonen rühmt, die er beraubt hat.. „Schöne Frau,“ entgegnete Rodach,„das Haus Ihres Vaters bedarf dringend des Geldes; denken Sie, Sie hätten eine Kindespflicht erfüllt und tröſten Sie ſich mit der Ruhe Ihres Gewiſſens.“ „Es liegt darin etwas Wahres,“ ſprach Van Praet,„unſere ſchöne Sarah kann ja noch immer auf die Erbſchaft rechnen, während wir..“ Die drei Aſſociés des Hauſes fühlen ſich je län⸗ ger deſto behaglicher; ihre Angelegenheiten ſtanden vortrefflich und ihr koſtbarer Bundesgenoſſe verwan⸗ delte ihre Niederlage in Sieg. Sie athmeten wieder freier und jeder hatte ja überdies, wie man ſich erin⸗ nern wird, einen geheimen Vertrag mit dem Baron, ſo daß jeder hoffte in naher Zukunft alleiniger Herr des Hauſes Geldberg zu werden. 53 Die Worte des Barons ſelbſt mäßigten indeß ihre Freude etwas: „Sie wiſſen, wie unſere Verabredungen lau⸗ ten,“ ſagte er zu ihnen.„Ich habe bei jedem von Ihnen, ich geſtehe es, gleiche Rechtlichkeit und Selbſtverleugnung gefunden.“ Mira, Reinhold und Abel ſahen einander miß⸗ trauiſch an. „Ehe Sie mir die theuerſten Intereſſen des Hauſes übertrugen, ſagten Sie mir alle drei, daß es Ihnen angenehm ſein würde, wenn ich nach mei⸗ ner Rückkehr die Leitung der Geſchäfte übernehme..“ Die Geſichter der drei Compagnos drückten deut⸗ lich Beſorgniß aus. Auf der einen Seite erriethen ſie, daß ſie einander gegenſeitig hintergangen hatten, was ſie nicht eben wunderte; auf der andern da⸗ gegen fingen ſie an zu erkennen, daß der Baron von Rodach doch nicht blos für ſie die Kaſtanien aus dem Feuer geholt habe. Sie ſchwiegen indeß und während ſie ſo ſtill und verlegen daſaßen, rückte die Frau von Laurens ihren Stuhl zu dem des Herrn Van Praet, um heimlich mit dieſem zu ſprechen. „Ich nehme das Anerbieten, das Sie mir ge⸗ macht haben, nicht ganz an,“ fuhr der Baron fort; „die allgemeine Leitung des Geſchäftes befindet ſich in zu guten Händen, als daß ich ſie denſelben ſollte 54 3 entziehen wollen. Wundern Sie ſich indeß nicht, d daß ich vor der Dame und dieſen Herren ſo ſpreche; ich muß Sie von meiner fruͤhern Stellung bei dem f verſtorbenen Nesmer und Ihnen gegenüber unterrich⸗ e ten..“ „Ich bin ein Weib und vermag nichts,“ ſagte die Frau von Laurens zu Herrn Van Praet,„aber Sie.. „Liebes Kind,“ antwortete der Holländer, „was ſoll ich gegen dieſen Teufel von einem Manne anfangen?“ Die Kleine blinzelte nach dem Magyaren hin, der mit geballten Fäuſten daſaß. „Er?““ entgegnete Van Praet leiſe darauf. „Ja, wenn es ſich um Säbelhiebe oder Piſtolen⸗ ſchüſſe handelte.. „Nun, wenn nicht anderes übrig bleibt,“ ſagte die Frau von Laurens leiſe. „Sie ſind eine kleine muthige Frau, liebes Kind,“ entgegnete Van Praet lächelnd..„Aber laſſen Sie uns auf den Baron hören; es geht uns auch an was er ſagt.“ „Ich habe die Papiere,“ ſprach Rodach weiter, „des Herrn Van Praet wie die des Herrn Yanos zu den Wechſeln meines verſtorbenen Prinzipals Zachäus Nesmer in das bewußte Käſtchen gelegt, 55 das, wie Sie ſich denken können, ſicher bewahrt iſt. Es enthält jetzt vielerlei und wenn Sie nicht ſo friedlich geſinnt wären, würde ich Sie mit gerin⸗ ger Mühe in große Unannehmlichkeiten bringen können.“ „Und das Geld?“ fragte Mira. „Das Geld iſt eine Garantie anderer Art. Wenn es ſich nur um die Bezahlung der Forderun⸗ gen meines Prinzipals handelte, würde ich das Geld behalten und die Sache wäre abgemacht; aber Sie haben mir einſtimmig einen Antheil an Ihrem Ge⸗ ſchäft angetragen und ich nehme nun ganz beſondern Antheil an dem Hauſe Geldberg. Ich bezahle mich alſo nicht, ich warte und werde die fragliche Summe ganz für die jetzigen Bedrängniſſe des Hauſes ver⸗ wenden, für deſſen einzigen Kaſſirer ich mich von heute an anſehe.“. „Ich verſtehe das Alles nicht recht,“ fiel Van Praet ein,„mir ſcheint es aber, als wären meine werthen Freunde nicht beſſer behandelt als wir.“ „Er iſt ein ſeltſamer Menſch,“ dachte Sarah. „Ich errathe ſeinen Zweck noch nicht. Hat er blos des Geldes wegen dieſe Intriguen angeknüpft?“ Rodach ſtand auf; er hatte genug geſprochen; Van Praet aber hielt ihn zurück als er ſich entfernen wollte und ſagte: 56 „Ihren Worten nach haben wir zu erwarten, daß Sie ganz die Verantwortlichkeit für das über⸗ nehmen, was uns geſchehen iſt.“ Ganz,“ antwortete Rodach. 7 7 „Wenn wir uns aber an die Juſtiz wenden wollten..““ 1 3.;; „Ehe Sie dazu ſchreiten,“ unterbrach ihn der Baron beſprechen Sie ſich mit dieſen Herren 5 7 12 7 2 5 da.. Ein Prozeß gegen mich wird Ihnen gewiß abgeredet werden.“ Mein Recht iſt aber doch unbeſtreitbar.. ‚N „Das leugne ich nicht, aber laſſen Sie ſich von dem Herrn Reinhold erklären, was das Käſtchen enthält, welches ich eben erwähnte.“ 17 „Sie mißbrauchen Ihren Vortheil ſehr,“ fiel Sarah ein. „Schöne Frau,“ antwortete der Baron indem er ſich zu ihr bog,„bin ich nicht ſehr großmüthig, wenn ich ſchweige? Was ich weiß, iſt weit mehr werth als hunderttauſend Thaler. Und,“ fuhr er laut fort,„iſt es für Sie ein ſo großes Unglück, wenn Sie das Haus ihres Vaters unterſtützen? 4—— 5 3 Sie, Herr Van Praet, werden ebenfalls alten Freunden gern beiſtehen.“ — 57 „Ich verſtehe Spaß,“ antwortete der Hollän⸗ der,„der jetzige iſt mir aber zu theuer.“ 1 ◻△ „Ich ſcherze niemals, Herr Van Praet. Sie ſind in derſelben Lage wie ich, Gläubiger wie ich. Wenn ich bezahlt werde zahlt.“ werden Sie auch be 7 „Und wann wird dies geſchehen?“ „Sehr bald.. Ich überlaſſe es meinen neuen Compagnons Ihnen dies zu erklären und zu dem Feſte im Schloſſe Geldberg einzuladen. Das Netz iſt gefüllt, wir brauchen es nur herauszuziehen. Nur ein Feind iſt noch zu beſeitigen und das iſt der Ihrige.. ⸗ „Der meinige?“ „Ich ſtehe Ihnen dafür, daß Sie wie alle Gläubiger des Hauſes Geldberg bezahlt werden nach dem Tode des— Sohnes des Teufels.“ Van Praet erſchrak und fragte dann ängſtlich: „Das Kind lebt alſo noch?“ Q◻ „Ihre Freunde und die Frau von Laurens wer⸗ den Ihnen darüber die beſte Auskunft geben kön⸗ nen,“ ſagte er und er ging nach der Thür zu. Nanos wollte aufſpringen und ihn faſſen, aber der Baron blieb ruhig vor ihm ſtehen und ſah ihn 58 an. Der Magyar glaubte ein Geſpenſt vor ſich zu ſehen, ſprach leiſe den Namen Ulrich aus und ſank ſogleich auf ſeinen Stuhl zurück. V Der Baron von Rodach ſchritt ſtolz hinaus. Die Bastarde von Bluthaupt. Erſtes Kapitel. Der Schatz. Die zweite Hälfte des Monat Februar hatte ſeit mehreren Tagen begonnen und ganz Paris beſchäf⸗ tigte ſich mit dem großen Feſte in dem Schloſſe Geldberg, von welchem das Gerücht Wunder er⸗ zählte. Und es war gewiß ein ſchöner Gegenſtand der Unterhaltung. Wir wollen nur eins erwähnen. Das Haus Geldberg hatte zahlreiche Einladungen an die Elite der Pariſer Geſellſchaft erlaſſen, denn es brauchte, wie bekannt, Actionäre. Auf der Liſte ſah man nur Herzöge, Marquis, Generale, Pairs von Frankreich; die kleinen Vicomtes liefen nur ſo mit unter. Einige hatten die Einladung abgeſchlagen, viele aber ſie angenommen. An dem beſtimmten Tage erſchienen Extrapoſtwagen, welche das Haus ſandte, X. 5 1 — vor der Wohnung jedes Geladenen. Auf dem gan⸗ zen Wege war in den Gaſthäuſern für die glänzend⸗ ſten Mahlzeiten geſorgt. Die Damen trugen aber auch bereits Hüte à la Geldberg und die Herren Twines à la Geldberg. Die Bilderhändler hatten an ihren Fenſtern An⸗ ſichten des alten Schloſſes ausgehangen und irgend ein unbekannter Strauß gab einen Geldberg⸗Walzer heraus. Unter den Geladenen gab es indeſſen zwei Claſ⸗ ſen, die Auserwählten, an die man alle Ehren⸗ bezeugungen verſchwendete, denen man beſondere Wagen ſchickte und eine glänzende Wohnung im Schloſſe beſtimmte, und ſodann die große Maſſe der Einladungen, welche einfach Eintrittskarten zu den Bällen, den Jagden ꝛc. waren. Dieſer letztern be⸗ mächtigte ſich ſehr bald die Speculation und ſie wurden verkauft, es gab ein gutes Geſchäft da⸗ mit; Engländer und Ruſſen bezahlten ſolche Kar⸗ ten ſehr hoch. Merkwürdig war beſonders, daß die durch dieſes faſhionable Feſt in den hohern Kreiſen her⸗ vorgebrachte Unruhe und Bewegung auch in den am wenigſten faſhionablen Theil von Paris drang, denn kaum ſpürte ſie irgend ein Stadttheil mehr als der Temple. Nicht daß dieſer arme Bazar viele glückliche 63 Eingeladene unter ſeinen Trödlern gezählt hätte; aber es knüpften ſich unter den Leuten, welche ſich da herumtrieben, verſchiedene Intereſſen an das Feſt. Eine Woche etwa nach der Abreiſe Malous, Pitois und Johann Regnaults verkündigte ein klei⸗ ner Auftritt im Temple den Verluſt eines ſeiner Getreuen. Es war eines Morgens um neun Uhr. Der alte Araby war in ſeinem Laden angekommen und hatte der erſtaunten Nono befohlen, die äußere Thüre zuzumachen. Als dies geſchehen war, ſtieß er ſte in ſeine Nie— derlage, wo allerlei nicht wohlverkäufliche Gegen⸗ ſtände lagen. Seit acht Tagen ſchon räumte der Alte gewiſſer— maßen aus; jeden Abend nahm er ſo viel als er konnte mit ſich fort. Am Tage verkaufte er unabläſſig und vom Leihen auf Pfänder war nicht mehr die Rede. Jeden Tag, ehe er fortging, ſchloß er ſich ein Paar Stunden in ſeinem kleinen Comptoir ein und ſelbſt Nono wußte nicht, was er da allein trieb. Am Morgen des Tages, von welchem wir ſprechen, hatte Araby nichts mehr zu verkaufen. Sobald er allein in ſeinem Comptoir war, trat er zu dem Lum— penhaufen, welcher ſeine Caſſe verbarg, wie wir bei der Anweſenheit des Barons von Rodach geſehen haben. 5* 64 Mit Hilfe einer alten Eiſenklinge hob er da zwei Steine im Boden auf. Unter den Steinen lagen zwei Stäbe übereinander, die Araby hinwegnahm. Es befand ſich da ein ziemlich tiefes Loch und dieſes Loch hatte der Alte ſeit acht Tagen in den zwei Stunden täglich gegraben, die er ſich einſchloß. Ne⸗ ben dem Loche lag die ausgeſcharrte Erde. Araby richtetete ſich wieder auf, öffnete ſeine Caſſe und griff mit ſeinen zitternden Händen hinein. So nahm er fünf oder ſechs kleine Päckchen heraus, welche ſorgfältig zuſammengebunden waren. Die dickſten ſchienen ſchwer zu ſein und enthiel⸗ ten wohl Goldrollen; in den andern befanden ſich nur Papiere, Banknoten wahrſcheinlich. Er betrachtete eine Zeit lang ſeinen Schatz wie eine Mutter ihre Kinder, nahm dann eines der klei⸗ nen Packete nach dem andern und legte ſie vorſichtig in das Loch in der Erde. Als dies geſchehen war, füllte er daſſelbe mit der Erde wieder zu und legte die Steine darauf, ſo daß ſelbſt ein geübtes Auge nicht leicht eine Spur von dem Geſchehenen gefunden haben würde. Die leere Caſſe ſchloß er nicht zu. Dann ſetzte er ſich auf den Lederſtuhl vor ſeinem Schreibpulte und ruhte aus. „Lauf ſchnell,“ gebot er darauf der kleinen 65 Ausläuferin,„und hole mir Jemanden, der altes Eiſen kauft.“ Nono lief fort. Araby drückte die Mütze tief auf die Stirn hin⸗ ein und ging hinter dem Mädchen über den Ro⸗ tundenplatz nach der Mitte des Marktes zu. Niemals hatte er ſich ſo mitten am Tage gezeigt; ja er ließ ſogar ſeinen Laden offen. Er ging ſo an das Inſpectionsbureau, wo er geduldig wartete, bis die Reihe an ihn komme. Da trat er zu dem Beamten und zog aus ſeiner Taſche ein mit Zahlen bedecktes kleines Papier. „Herr,“ ſagte er und er rückte ſeine Mütze ein wenig,„ich habe meine Miethe für die Woche vor⸗ ausbezahlt und muß heute noch verreiſen.. Ich bin arm; geben Sie mir heraus, was auf die Tage kommt, in denen ich nicht da bin.“ Der Beamte erzürnte ſich über die Zumuthung und wieß den Alten barſch ab, der traurig, von den Gaſſenbuben verhöhnt, nach ſeinem Laden zurück— kehrte. Der Mann, welcher altes Eiſen kaufte, wartete da auf ihn. Araby verkaufte nach langem Handeln die eiſerne Geldkaſſe und die Lumpen um dieſelbe her. Sein Laden war nun ganz leer. Die kleine Ausläuferin kauerte auf ihrem ge⸗ wöhnlichen Platze hinter der Thüre. Ihre großen 66 Augen ruhten ängſtlich auf dem Alten; ſie errieth was vorging und ahnte, daß ſie bald von neuem gänzlich verlaſſen ſein würde. Araby ging in dem leeren Laden umher und murmelte unverſtändliche Worte. Endlich raffte er ſeine ganze Entſchloſſenheit zu⸗ ſammen und ſchritt über die Schwelle. Die kleine Nono lief ihm mit Thränen in den Augen nach. „Sie gehen fort?“ rief ſie.„Sie kommen nicht wieder? Was ſoll aus mir werden?“ Der Alte ſtieß ſie zurück, doch nicht roh. „Du biſt faul,“ ſagte er,„ich kann Dich aber doch nicht ſo ohne alle Hilfe laſſen.“ Und er nahm aus ſeiner Rocktaſche eine Hand voll Kupferſtücke. Unter dieſen ſuchte er das dünnſte und abgeriebenſte aus und ſagte gütig: „Da.. Du wirſt damit auskommen, bis Du eine andere Stelle gefunden haſt.“ Er eilte darauf ſo ſchnell als möglich fort und die Straßenbuben folgten ihm zum letztenmale mit dem Rufe: Auguy! Auguy! Man ſah ihn nicht wieder kommen. Bis zu Ende der Woche blieb ſein Laden unbeſetzt, dann wurde er an einen Andern vermiethet. Dieſer, der ſo viel man wußte, ein armer Teufel war, blieb nicht lange darin. Nach vierzehn Tagen verſchwand er und viele Leute behaup⸗ 67 teten ſpäter, ſte hätten ihn in einer glänzenden Equi⸗ page geſehen. Aber was ſagen nicht die Gerüchte! An dem Tage als der alte Araby die Rotunde des Temple verließ, wollten ja auch mehrere Kleider⸗ händler den Alten in einem ſchönen Wagen auf der Straße nach Deutſchland geſehen haben. Er wäre, ſagten ſie, wie ein Herr gekleidet geweſen und hätte auf weichen Kiſſen zwiſchen drei ſchönen Damen geſeſſen. Man meinte endlich, der erſte Abmiether des Ladens des alten Araby habe darin einen Schatz gefunden und jeder, der ihn ſpäter miethete, hob alle Steine des Fußbodens darin auf, ohne daß man etwas fand. Der Mann mit der Equipage hieß Romain, genannt Batailleur, und war der frühere Mann Joſephinens. Zweites Kapitel. Die Abreiſe. Vier oder fünf Tage nach dem Verſchwinden Arabys verließ Madame Batallleur plötzlich ihren Stand, um ſich unter die Säulenhalle der Rotunde zu begeben. Sie hatte einen Brief aus Deutſchland erhalten und ging gerade auf den Laden Arabys zu. Sie ſah da außen die kleine Ausläuferin ſitzen. Ohne die Unterſtützung Gertruds wäre ſie wohl ſchon geſtorben. Unter allen im Temple behandelte Ma⸗ dame Batailleur die arme Kleine noch am beſten und Nono liebte ſie deshalb. Der Brief, den ſie aus Deutſchland erhalten hatte, war von der Frau von Laurens, die zwar nichts geſtand, ſie aber nach dem Schloſſe Geldberg berief und ſie erſuchte, die kleine Dienerin des alten Araby mitzubringen. 69 Die Kleine hatte immer eine beſondere Vorliebe für dies Kind gezeigt, weil daſſelbe Zug für Zug, wie ſie ſagte, Judith, dem Kinde ihrer Jugend glich, deſſen Aufenthalt Niemand kannte. Warum aber Nono nach dem Schloſſe bringen? Die Trödlerin wußte nicht, was ſie davon denken ſollte. Bisweilen meinte ſie: es iſt ihre Tochter, aber dann konnte ſie wiederum nicht begreifen, wie eine reiche Mutter ihr Kind in Elend und Noth ver⸗ laſſen könnte. Sei dem wie ihm wolle, ſie hatte zu viel Inter⸗ eſſe dabei, die ergebene Dienerin der Frau von Lau⸗ rens zu bleiben, um einen Augenblick zu zögern. Sie hatte bereits zwei Plätze auf der Poſt beſtellen laſſen und die Leitung des Spielhauſes in ihrer Ab⸗ weſenheit dem Herrn von Navarin übertragen. Nur Polyt blieb unverſorgt, aber dieſe Herzensköni⸗ ginnen haben zu allen Zeiten die Liebe der Politik aufzuopfern gewußt. „Komm, Kleine,“ ſagte ſie zu Nono,„Du ſollſt nicht mehr frieren, ſondern in einem guten Bette ſchlafen.. Willſt Du mit mir kommen?“ Nono ſchlug ihre großen ſchwarzen Augen hoff⸗ nungsvoll zu ihr auf, aber es lag doch auch Furcht darin. „Mit Ihnen?“ fragte ſie. „Willſt Du nicht?“ 70 „Ach ich würde Sie ſehr lieben, wenn ich bei Ihnen wäre.“ Die Batailleur wurde gerührt; ſie hob das Kind auf und küßte es auf die Stirn.„Sei ruhig,“ fuhr ſie fort;„Du ſollſt nicht mehr hungern und frieren.“ „Und es wird mich Jemand lieb haben?“ fragte das Kind mit Thränen in den Augen. „Gewiß wird Dich Jemand lieb haben und wäre ich es nur.“ So gingen ſie mit einander fort in die Wohnung der Batailleur, wo man ſich ernſtlich mit den Vor⸗ bereitungen zur Reiſe beſchäftigte. Der Temple ſollte viel verlieren. Außer den bereits erwähnten ſchickten ſich alle unſere bekannten Deutſchen zur Abreiſe an, nachdem Dorn im Namen ihres ehemaligen Herrn mit ihnen geſprochen hatte und er ſelbſt war mit den Reiſeanſtalten beſchäftigt. Die kleine Gertrud war außer ſich. Sie hatte Paris nie verlaſſen; eine Reiſe war für ſie etwas Unbe⸗ kanntes und Geheimnißvolles und ſo packte ſie ein, als ſollte ſie nimmer wieder zurückkehren. Auch ver⸗ gaß ſie darüber ein wenig ihre Sorge um Johann Regnault. Es war Abend geworden und Geignolet lauerte auf der Treppe. Er hörte, wie Hans Dorn zu ſei⸗ ner Tochter ſagte: n 1 71 „Gehe bald zu Bett, Gertrud; auf der Reiſe ſchläft es ſich nicht gut. Ich komme vielleicht ſpät nach Hauſe; warte nicht auf mich.“ Der Blödſinnige drückte ſich in einen Winkel während Dorn die Treppe hinunterging und wartete dann noch eine halbe Stunde. Gertrud, die halb eingeſchlafen war, glaubte im Traume wieder das unerklärliche Geräuſch zu hören, daß ſie ſchon in der Nacht vernommen hatte, als Johann Regnault ſie um den Anzug bat. Gegen Mitternacht ging der Blödſinnige die Treppe Hans Dorns wieder hinunter, über den Hof und zu ſeiner Mutter. Seine Hände bluteten und ſein Anzug war ganz weiß von Kalk. „Keine Füchſe!“ ſagte er muthlos und er legte ſich nieder, verſteckte aber vorher in dem Stroh ſei⸗ nes Bettes ein kleines Packet, das in ein Taſchentuch gewickelt war, welches Hans Dorn für ſein Eigen⸗ thum erkannt haben würde. „Die kleinen goldigen Nägel daran,“ ſprach Geignolet,„hatte ich für Goldſtücke gehalten.“ Am andern Morgen ſchickte ſich auch Victorie und die alte Regnault an, nach Deutſchland zu rei⸗ ſen, denn ſie wollte, da ſie jetzt Geld hatte, jedenfalls ihren Sohn noch einmal ſehen. Geignolet hatte — 72 einen neuen Anzug erhalten und er nahm ſein Packet mit. Einige Tage ſpäter Abends erſchienen drei Reiter in Galopp, die hinter dem Schloſſe Bluthaupt ab⸗ ſtiegen. An einigen Fenſtern ſah man Licht glänzen. In dem Gebüſch hörten ſie flüſtern und ſahen ſie einen Lichtſchein ſich hin und her bewegen. Die drei Brüder, denn ſie waren es, hatten keine Zeit darüber nachzuſinnen, was das Licht bedeute, ob es gleich leicht zu ermitteln geweſen wäre. Sie befanden ſich gleichſam mitten in einem großen Theater und waren durch die Menge der Zuſchauer hindurch gekommen. Viele dieſer unge⸗ duldigen Zuſchauer hatten die drei Brüder ankommen ſehen und jeder glaubte, ſie wären Boten, die irgend etwas aus der Stadt geholt, was man zu dem Feuerwerk noch brauche, das eben abgebrannt wer⸗ den ſollte. Die drei Brüder achteten nicht auf das Geplau⸗ der und Lachen, das ſie horten. Sie vermutheten Franz in dem Schloſſe und wollten bis zu ihm gelangen. Sie ſuchten in dem Gebüſch umher. „Vor zwanzig Jahren ſind wir dieſen Weg zum letztenmale gegangen,“ ſagte Götz;„die Zeit hat ihn vielleicht verwiſcht und verſtopft.“ 73 „Findeſt Du etwas, Otto?“ fragte Albert. „Ich ſuche,“ antwortete dieſer. „Halt!“ rief Götz,„hier iſt ein kleines Loch.“ Die beiden andern traten zu ihm und ſagten gleichzeitig:„das iſt der Weg; die Brombeer⸗ gebüſche ſind größer geworden, aber wir werden uns ſchon durchwinden.“ Otto ging voran, Götz aber hielt ihn zurück. „Du biſt das Haupt, Bruder Otto; laß jetzt die Arme arbeiten.“ Er trat dabei rückwärts in das Loch hinein, in dem er bald verſchwand.„Kommt!“ rief er aus der Tiefe herauf.„Wo ich, der dickſte, durchkann, wird es für Euch nicht ſchwer werden.“ Albert trat in das Loch hinein und verſchwand ebenfalls, dann folgte Otto. So kamen ſie in den Graben hinunter und das Licht, das ſie vorher geſehen hatten, befand ſich jetzt gerade über ihnen. Sie bemerkten einige Geſtal⸗ ten, die mit irgend einer Aebeit beſchäftigt zu ſein ſchienen. „Wer weiß, ob wir noch zu rechter Zeit kom⸗ men,“ ſagte Otto. „Nur vorwärts,“ ſagte Götz und ſie kamen am andern Ufer empor, den geheimnißvollen Arbeitern näher. —„· 74 „Hier muß es ſein,“ ſagte jetzt deutlich eine Stimme, in welcher wir die Pitois erkennen. „Der Kleine muß in dreitauſend Stücke zer⸗ ſchmettert werden,“ antwortete Malou. Die Baſtarde von Bluthaupt waren jetzt kaum noch dreißig Schritte von den Arbeitern entfernt und blieben athemlos ſtehen. Unmittelbar unter der Laterne, welche an einem Seile hing, war eine Art Mörſer auf einem Felſen⸗ vorſprung befeſtigt. Die drei Männer hatten ſich an ein Seil gebun⸗ den, das oben an der Mauer befeſtigt war. Ohne dieſe Hilfe hätten ſie daher nicht gelangen können. „Begreift Ihr nun?“ fragte Otto leiſe.— „Wie wir erfahren haben, ſoll Franz die Lunte hal⸗ ten; er ſteht vielleicht ſchon auf ſeinem Poſten.. In jedem Falle kennt man genau die Stelle, wo er ſtehen wird, um das Feuerwerk anzuzünden und auf dieſe Stelle iſt das Geſchütz gerichtet.“ Otto fing darauf mit ſeinen Brüdern an weiter aufwärts zu klimmen, aber bald war es unmöglich einen Schritt weiter zu kommen. Otto betaſtete den Felſen, der über ſie ragte und ſagte:„Wir müſſen hinauf.“ Sie hätten Flügel haben müſſen, um das mög⸗ lich zu machen. 75 „Alter Fritz!“ rief jetzt Malou,„dreh tüchtig zu, daß wir hinaufkommen, wir ſind fertig.“ Man hörte ein Seil ſich aufwinden und die drei Arbeiter mit der Laterne erhoben ſich langſam. „Zwei Minuten noch!“ ſetzte Malou hinzu, „und es iſt geſchehen.“ „Zwei Minuten!“ wiederholte Otto, deſſen Muth in dieſem Augenblicke der höchſten Gefahr zu wachſen ſchien;„wenn Gott uns beiſteht, brauchen wir nicht ſo viel Zeit.“ Er zog Götz bis an den Rand der Felſenplatte und ſtellte ſich unter den Vorſprung, auf welchem der Mörſer aufgeſtellt war. „Glaubſt Du, Bruder, daß Du uns Beide tragen kannſt?“ fragte er. „Ich will's verſuchen,“ antwortete Götz. „Steig hinauf, Albert!“ ſagte Otto. Albert gehorchte. Götz ſtand feſt auf den Beinen, aber er war zu fern von dem überhängenden Felſen, um ſich daran lehnen zu können. Als Albert ihm auf den Achſeln ſtand, fuhr Otto fort: „Kannſt Du hinaufreichen?“ „Nicht ganz.. Ach wenn ich könnte!“ Er wankte und vergaß, daß ſeine Füße auf den Achſeln ſeines Bruders ruhten. 76 „Halt feſt,“ ſagte Otto zu dieſem;„Du Al— bert, lehne Dich an und rühre Dich nicht.“ Er bekreuzigte ſich und ſprach den Namen ſeiner Schweſter Margarethe wie einer Heiligen aus, die man in der Gefahr anruft. Oben war alles ſtill. Götz fühlte eine doppelte Laſt auf ſeinen Schul⸗ tern und einen Augenblick knickten ſeine kräftigen Kniee zuſammen. V Drei Männer hingen in dieſem Augenblicke wohl V hundert Fuß hoch am Felſen über dem Abgrunde. Die Nacht verhüllte die ungeheuere Arbeit Ottos, der langſam, mit kaltem Schweiße auf der Stirn an den zuckenden Körpern ſeiner Brüder emporſtieg. Götz ächzete unter der zu ſchweren Laſt am Rande des Abgrundes; Albert hielt ſich an dem glatten Felſen feſt und Otto ſtieg im Angeſichte des drohen⸗ den Todes muthig aufwärts. Drittes Kapitel. Alte Geſchichten. „Eile, Otto,“ ſagte Götz,„ſich halte es nicht länger aus.“ Otto kniete auf die Achſel Alberts und fühlte daß die lebendige Leiter unter ihm wankte; aber ſeine Arme faßten den Felſenvorſprung und er klammerte ſich feſt daran an. Im nächſten Augenblicke ſtand er auf dem Felſen ſelbſt und Götz konnte wieder athmen. Otto ſuchte nach dem Zünder, fand ihn aber nicht; er faßte deshalb mit ſeinen beiden kräftigen Händen den Mörſer, der ſich ächzend herumdrehte. An der andern Seite des Grabens hatte man den ſchwachen Lichtſchein auch bemerkt und die, welche gute Augen beſaßen, wollten ſogar menſchliche Ge⸗ X. 6 78 ſtalten zwiſchen dem Himmel und dem Abgrunde haben ſchweben ſehen. Wahrſcheinlich, meinte man, ſtellten ſie irgend ein Feuerwerksſtück da auf und alle Augen waren nur auf dieſen Punkt gerichtet. Seit die Laterne verſchwunden war, ſah man zwar nichts dort, aber das Auge der Neugierigen hielt den Punkt im Dun— kel feſt, weil man erwartete, daß ſich irgend ein Wunderwerk da zeigen werde. Obgleich es noch Winter war und der Februar⸗ wind ſeinen kalten Hauch für dieſe Gelegenheit nicht gemindert hatte, bewegte ſich doch eine große Men⸗ ſchenmenge um das Schloß umher. Die bevorzugten Gäſte, welche die warmen Zim⸗ mer verlaſſen hatten, froren zwar ein wenig, aber im Ganzen hatten ſie ſich gut gegen die Kälte geſchützt. Die Männer knöpften ſich ihre Palletots bis an das Kinn zu, die Damen hüllten ſich in ihre Pelze und ſchützten ihre Füße wie es eben gehen wollte. Die Gäſte vom zweiten Range, die zahlreichſten, welche aus den benachbarten Städten gekommen waren, wo ſie ihre Quartiere genommen hatten, ſuchten ſich gern unter die Helden des Feſtes zu mi⸗ ſchen und näherten ſich dem Platze, wo man bequeme Sitze bereit geſtellt hatte; einige ſetzten ſich ſogar ebenfalls auf Seſſel, welche doch nur für fette Actio⸗ näre beſtimmt waren. 79 Dahinter endlich bis in weite Entfernung, am Walde und an den Hecken ſtanden andere, die gar nicht eingeladen waren, Bürger aus den benach⸗ barten Städten, Bauern aus den umliegenden Dör⸗ fern mit ihren Familien und die drei verſchiedenen Claſſen ſprachen ſehr verſchieden von dem Hauſe Geldberg. Die Eingeladenen vom erſten Range trugen das Haus in ihrem Herzen; man bewirthete ſie königlich und verſprach ihnen dabei ungeheuern Gewinnz; ſie fanden nicht Worte genug zum Lobe der reichen und braven Bankiers, die einen ſo edeln Gebrauch von ihrem Vermögen machten. Die hiſtoriſchen Namen und es waren deren eine gute Anzahl da, ließen ſich gnädig herab, mit Vergnügen ihre Capitale verdrei⸗ fachen zu wollen. Die Pairs und die Deputirten, welche beide ebenfalls ſtark vertreten waren, verſpra⸗ chen einmüthig ihre Stimme, um dem Hauſe Geld⸗ berg die Conceſſion zu verſchaffen. Es herrſchte natürlich in dieſem Familienverein kein Parteizwieſpalt; die franzöſiſchen Whigs und Tories verſtändigen ſich immer leicht, wie man bei ſehr vielen Gelegenheiten zu bemerken Veranlaſſung gehabt hat, ſobald es ſich um Eiſenbahnen handelt. Wer könnte auch den Nutzen dieſer vortrefflichen neuen Erfindung leugnen wollen? Auf den Actien⸗ gewinn dabei ſieht gewiß Niemand. 6* 80 Die Eingeladenen zweiter Claſſe waren nicht ganz derſelben Meinung, wenn vielleicht auch etwas Eiſerſucht bei ihnen im Spiele war. Abge⸗ rechnet die Engläͤnder, welche ihre Karten ſehr hoch bezahlt hatten, waren es meiſt„Lions“ von zweifel⸗ hafter Art. Müſſiggänger, Menſchen, welche die Ele⸗ ganten ſpielen wollten, mit einem Worte die zweite Claſſe der„Faſhion.“ Man ſchämte ſich unter dieſen Leuten nicht ſich zu beklagen! Man geſtand zwar zu, daß die Feſte in Geldberg prächtig wären, aber man ſprach von Schützlingen, von Lockſpeiſen, von Fallen. Die Leute aus der Umgegend gingen noch viel weiter, denn die ſeit zwanzig Jahren ausgeſtorbene Familie Bluthaupt hatte viele unverlöſche Erinne⸗ rungen zurückgelaſſen. Nur eines hatte man ver⸗ geſſen: daß der letzte Graf ein ſehr ſchwacher Mann geweſen war. Alle andern Bluthaupte hatten ſich ſeit Jahrhunderten als ächte große Herren gezeigt, mild gegen die Schwachen, rauh gegen die Starken, edelmüthig, gütig, mildthätig. Und ſo unglücklich waren ſie geweſen! Man ſprach von Ulrich, der unter dem Dolche eines Unbekannten gefallen war; man ſprach von den drei Baſtarden, den jungen Männern, die ſich immer ſo heldenmüthig gezeigt hatten und an die man nur mit einem geheimen Schauer dachte, ob⸗ 81 gleich man ſie liebte. Das Unglück ihrer Familie hatte ſo ſchwer auf ihnen gelaſtet und man erzählte ſo viel fabelhafte Abenteuer von ihnen, man war unerſchöpflich, wenn man auf die Gefahren zu reden kam, die ſte beſtanden haben ſollten. Jetzt ſaßen ſie, wie man noch immer glaubte, gefangen im Kerker zu Frankfurt. Heute zwar, hieß es, warf Geldberg das auf üble Weiſe erworbene Geld mit vollen Händen aus den Fenſtern, aber vorher hatte er die Armen ge⸗ drückt und nachher trieb man die Abgaben gewiß mit noch größerer Härte ein, damit der Glanz der Feſte bezahlt werde, die man Pariſern gab. Wenn Gott ein Land ſtrafen will, läßt er die wahren Herren ſterben, um Kaufleute an ihre Stelle zu ſetzen. Hatte man aber ſonſt nicht geſagt, wie ſich alle die erinnerten, welche über zwanzig Jahre alt waren, der letzte Bluthaupt ſei nicht todt? Hatte man nicht von einem Kinde geſprochen, deſſen erſter Laut ein Lächeln auf die Lippen der ſterbenden ſchönen Gräfin Margarethe geführt hatte? Hatte nicht der Himmel dem Alter des Grafen Günther einen Sohn gewährt, das Kind, welches die ſchlechten Diener Bluthaupts den Sohn des Teufels nannten?“ Wer weiß? Die Vorſehung iſt oft Jahre hin⸗ durch langmüthig. 82 Man hatte ſeit langer Zeit von dieſem armen Kinde nichts gehört, das weder ſeinen Vater noch ſeine Mutter geſehen; aber gleichwohl hatte man noch nicht alle Hoffnung aufgegeben. Greiſe ſprachen ſich bekreuzigend davon, daß die rothen Männer, die Geiſter, welche über die Geſchicke Bluthaupts wachten, bisweilen zwanzig Jahre auf der Erde nicht erſchienen und ſie beteten“ zu Gott, daß er ſie noch bis zu Ende dieſes Jahres leben laſſe, welches ſicherlich ſeltſame Dinge bringen würde. Und in der dunkeln Nacht, welche das alte Schloß umgab, fühlten die Landleute ſich mehr und mehr geneigt, an die alten Sagen zu glauben. Ueberall in zahlreichen Gruppen ſprach man von den Geheimniſſen der Geſchicke Bluthaupts und von den drei rothen Männern. Im Dunkel gewinnen dieſe geheimnißvollen Le⸗ genden ein außerordentliches Intereſſe. Kein Wun⸗ der, daß man ſelbſt unter den Gäſten des Schloſſes davon ſprach. Der Ort war ganz dazu geeignet und die Zeit günſtig; übrigens vertrieb das Ge⸗ ſpräch die Langeweile des Wartens. Bereits ſeit vierzehn Tagen befand man ſich in dem Schloſſe. Es mußten ſchon viele Anſpielungen gemacht und manche Sagen erzählt worden ſein und gewiß hatte Jedermann, wenn auch nur undeutlich, 83 von den drei Dämonen, den drei rothen Männern, im Wappen Bluthaupts ſprechen hören. Die Neu⸗ gierde war ſchon längſt erregt; die Pariſer ändern ſich überall, wo ſie erſcheinen; im Schatten des Pantheon ſind ſie Skeptiker und glauben gar nichts, auf dem Lande aber, in alten Schlöſſern, werden ſie romantiſch und abergläubiſch. Sie fürchten ſich in der Nacht auf öden Wegen; wenn ſie die Eule ſchreien hören, überläuft ſie die Gänſehaut und überall ſehen ſie Geſpenſter. Sie waren jetzt mitten in Deutſchland und mit der Luft, die ſie einathmeten, zogen ſie ein, was ihnen dieſelbe brachte. Und welche ſchöne Nacht, um von ſchauerlichen Dingen zu ſprechen! Große Bäume, welche der Winterwind ſchüttelte, ein trau⸗ ernder Himmel und die dunkle Maſſe des alten Schloſſes. Und dabei in voller Sicherheit! Man konnte ganz gemächlich ſchaudern wie im Theater, ohne das man ſich wirklich zu fürchten brauchte; man war ja in ſehr zahlreicher Geſellſchaft und wie konnte man da ohne Muth ſein? „Solche köſtliche Sagen,“ meinte die Frau Marquiſe von Beautravers, welche am Arme des jungen Abel glücklich war,„finden Sie in den Häu⸗ ſern kleiner Leute nicht. In meinem Schloſſe in der Picardie giebt es wie hier unglaubliche Ge⸗ ſchichten.“ 84 Dies konnte eine Anzüglichkeit der vornehmen Dame ſein, Abel nahm es aber als eine Schmeiche⸗ lei hin. „Sie wiſſen,“ antwortete er,„daß ſich nicht alle dieſe Legenden gerade auf uns, die Geldberg, beziehen.. Es handelt ſich immer um Bluthaupt, aber wir waren ſehr nahe Verwandte der Blut⸗ haupt.“ „Die beiden Familien ſtehen einander gleich,“ entgegnete die Marquiſe.„Aber, wie iſt denn eigentlich die Geſchichte von den drei rothen Män⸗ nern?“ Die Frau Herzogin der Tatarei, Wittwe eines berühmten Säbelhelden aus der Kaiſerzeit und Mut⸗ ter eines Wohlthäters des Pferdegeſchlechtes ſtellte dieſelbe Frage an den Doctor Joſe Mira. Ein hübſcher kleiner„Löwe“ fragte darüber die Frau von Laurens, die recht traurig war, die Arme, denn ihr Mann war todtkrank. Und überall war es ebenſo. Mirelune ſchwitzte Blut, um die Sage einem Mädchen von funfzehn Jahren, Athenais Chocard, begreiflich zu machen, welche nach dem Abſchluſſe der vormundſchaftlichen Rechnungen ein Vermögen von ſteben Zahlen bekom⸗ men ſollte. Der Edelmann gedachte endlich zu hei⸗ rathen, obgleich er noch jung war, da er das fünf⸗ undvierzigſte Jahr noch nicht überſchritten hatte. Ficelle, der Bühnendichter, ſtrengte ſich bei dem etwas ſchwerbegreiflichen Verſtande der ſehr dicken Frau eines angeſehenen Kaufmannes an, welche ihn jede Woche einmal zu Tiſche lud. Wenn der Han⸗ del einmal ſich in den Kopf ſetzt die Künſte zu be⸗ ſchützen, ſcheut er kein Opfer. „Frau Herzogin,“ ſagte Mira mit ſeiner gemeſ— ſenen Stimme,„Sie ſind zu wohl unterrichtet, als daß Sie mich nicht ſofort verſtehen ſollten.“ Die Wittwe des kaiſerlichen Helden konnte bei— nahe leſen, unterſchrieb auch ihren Namen recht leſer⸗ lich, wenn ſie ſich Zeit dazu nehmen konnte. „Wie Sie wohl glauben,“ fuhr der Doctor fort,„ſind dieſe Dinge nicht eigentlich geſchichtlich im ſtrengen Sinne des Wortes und doch ſcheint das Wappen der Bluthaupt, das Sie in dem Gerichts⸗ ſaale ſehen können, mit jener merkwürdigen Sage übereinzuſtimmen. Mit den Wappen iſt es ein eige⸗ nes Ding, Sie wiſſen..“ „Wir kennen das, Doctor,“ entgegnete ſtolz die Wittwe des Helden;„wir haben Gott ſei Dank ſo viel Wappen, daß wir einen Handel damit anfan⸗ gen könnten.. „Ja, gnädige Frau,“ erzählte weiterhin der junge Abel von Geldberg,„ich habe mir ſagen laſſen, dieſe drei rothen Männer wären jüngere Söhne von Bluthaupt geweſen und hätten zur Zeit 86 der Kreuzzüge Wunder der Tapferkeit gegen die Sarazenen gethan. Die Leute hier zu Lande behaup⸗ ten, Gott habe ihnen zum Lohne für ihre Thaten das Vorrecht gegeben, nach ihrem Tode bisweilen die Welt der Lebendigen beſuchen zu können.“ „Und hat ſie Jemand geſehen?“ fragte die Marquiſe von Beautravers. „Jemand, ſchöne Frau? Hundert Leute können Sie in dem Dorfe finden, welche ſie geſehen haben und Ghert, der alte Stallknecht, Sie wiſſen, wel⸗ cher die Victoria Queen behandelt, ſeit ſie krank iſt, hat in einer Allerheiligennacht die drei Männer mit großen feuerrothen Mänteln unter den Mauern des Schloſſes hingleiten und bei den erſten Strahlen der Morgendämmerung in die Erde verſchwinden ſehen.“ „Wie naiv, wie anmuthig, wie reizend das iſt!“ ſagte die Marquiſe.„Ja, Deutſchland..!“ Der junge Abel überlegte ſich eine ſehr ſtarke Galanterie. „Deutſchland hat ſeine Geſpenſter,“ ſagte er, „England hat ſeine Pferde, Straßburg ſeine Paſte⸗ ten, Bordeaur ſeinen Wein, Peking ſein Porzelan, aber Paris,“ ſetzte er mit einer Betonung hinzu, welche man ſich denken kann,„Paris hat ſeine ſchö⸗ nen Frauen.“ „Ich möchte ein Dichter ſein,“ declamirte unter⸗ deß Mirelune, indem er ſanft den Arm der Athenais Chocard drückte,„und da Ihnen der Stoff gefällt, Fräulein, würde ich für Sie allein eine Ballade dar⸗ aus machen.“ Die Wange der Athenals war röther als die phantaſtiſchen Mäntel der drei rothen Männer. „Wenn wir ſie ſähen,“ flüſterte ſie zitternd. „Ach, wie würde ich mich fürchten.“ „Ehe ſie bis zu Ihnen gelangen, Fräulein,“ ſagte der ritterliche Mirelune,„müßten Sie über meinen Leichnam ſchreiten.“ „Aber ſagen Sie mir,“ fragte die dicke Kauf— mannsfrau,„ſind es Menſchen wie Sie und ich, Herr Amable?“ „Ja und Nein,“ antwortete der Dichter;„übri⸗ gens, werthe Dame, iſt es nichts Neues. Man hat bereits„die weiße Dame,“ und tauſend andere Stücke geſchrieben, die ich Ihnen anführen könnte. Ich ſelbſt habe der komiſchen Oper ein großes Stück in drei Acten eingereicht.“ „Sie glauben alſo daran?“ „Hm!“ entgegnete der Bühnendichter,„es gelingt und es gelingt nicht.. Das Phantaſtiſche iſt ſehr verbraucht und das Publikum will nicht mehr anbeißen.“ „Gleichviel,“ antwortete die dicke Dame,„ich gäbe etwas darum, wenn ich es ſehen könnte.“ ————— 88 „Nun bei guter Darſtellung und ſchönen Deco⸗ rationen..“ Die Zeit verging. Noch einige Minuten und das Signal mußte gegeben werden. Aber dieſer Gegenſtand des Geſprächs, welcher ſich wie ein anſteckender Stoff weiter und weiter ver⸗ breitet hatte, minderte die allgemeine Ungeduld. Man dachte nicht mehr an das Feuerwerk; Jedermann beſchäftigte ſich mit den rothen Männern. Viele Damen, welche das Wunderbare liebten, meinten, die Geldberg hätten, um das Feſt vollſtän⸗ dig zu machen, vor der Abreiſe auch die drei rothen Männer vorſtellen ſollen. War es denn pikant nach Paris zurückzukehren, ohne irgend einen Geiſt geſehen zu haben? In einem gewiſſen Augenblicke beſand ſich der Ritter von Reinhold, welcher die Frau Vicomteſſe von Audemer und Deniſe begleitete, bei Sarah. „Wie lange dieſe Viertelſtunde währt!“ flü⸗ ſterte ſie. „Geduld!“ antwortete Reinhold;„es lohnt die Mühe zu warten.“ Sarah ſetzte das Geſpräch mit dem kleinen „Löwen“ fort und Reinhold ſagte der Vicomteſſe fade Schmeicheleien. Deniſe ſchwieg. Sie ängſtigte ſich ohne zu wiſ⸗ 89 ſen warum, wenn ſie daran dachte, daß Franz mitten unter den Feuerwerksſtücken ſei. Sie und Julian Audemer, der leiſe mit ſeiner ſchönen Gräfin ſprach, waren wohl die einzigen, welche nicht von den drei Dämonen Bluthaupts ſprachen. Die Uhr auf dem Schloſſe begann die achte Stunde zu ſchlagen. Der erſte Glockenſchlag war das Signal und die Blicke wendeten ſich auf das Schloß. Reinhold, Mira und die Frau von Laurens begnügten ſich nicht blos hin zu ſehen; dieſer Glok— kenſchlag brachte eine ganz eigenthümliche Wirkung auf ſie hervor. Sarah ließ plötzlich den Arm ihres kleinen Stutzers los; Reinhold wendete ſich von der erſtaun⸗ ten Frau von Audemer ab und der Doctor dachte an die alte Herzogin gar nicht. Sie eilten alle drei fort als treibe ſie ein unwi— derſtehlicher Wunſch zu ſehen. Es vergingen einige Secunden, in denen jedes Geſpräch ſchwieg. Oben auf der Spitze der Mauern glänzte ein Schein; die Hände des Doctors, des Ritters und der Frau von Laurens falteten ſich im Schatten; ſie ſagten nichts, ſie athmeten auch faſt nicht. Der Schein beſchrieb einen raſchen Bogen; ein Dutzend 90 Feuerſtrahlen ſprüheten nach allen Seiten hin und fielen in funkelnden Linien hinab. Eine lief gerade nach dem Graben hinunter und nach einiger Zeit erfolgte da ein furchtbarer Knall. Die drei Schuldigen drückten einander die eiskalten Hände. Viertes Kapitel. Das Feuerwerk. Die Echos des Schloſſes und Waldes trugen den Wiederhall des Knalles einander zu. Es war wie der Schlag des Zauberſtabes eines mächtigen Zauberers. Die beſiegte Finſterniß wich zurück. Die umher verſammelte Menge ſtand mit einemmal hell beleuchtet da wie am Tage. Die Landſchaft zeigte ſich in neuen ſeltſamen Farben. Der Himmel über dem Schloſſe färbte ſich mit dun⸗ kelm Purpurroth und das Schloß ſelbſt, das von ſeinen Grundlagen aus bis zu ſeinen Giebeln in Flammen zu ſtehen ſchien, verſchwand unter einem glühenden Regen, deſſen tauſend Funken niederfielen, wieder ſtiegen und von neuem fielen. Es war als würfen Myriaden unſichtbarer Röh⸗ — ren flüſſige Feuerſtrahlen aus, die emporſchoſſen, ſich zerſtreuten und mit einander zerfloſſen. Die Farben wechſelten und der dicke aber leuchtende Rauch wallte in tauſend phantaſtiſchen Nüancen umher. Das Purpurroth bekämpfte das Himmelblau und warf einen blutigen Widerſchein auf die blätterloſen Baumzweige; graue Wolken zogen dahin und färb⸗ ten ſich langſam ſmaragdgrün, um dann plötzlich in reichem Goldglanze zu erſcheinen. Es war ein glänzendes Chaos, ein rieſenhafter Brand, eine unerhörte Verſchmelzung von beweg⸗ lichen Schatten und ſtrahlender Helle. In der erſten Secunde hörte man nur noch Kni⸗ ſtern und Knattern und Knallen, das die Echos der Berge wiederhallten; dann erhob ſich ein Schrei in der Menge. Tauſend Stimmen riefen in grauenvoller Angſt: „Da ſind ſie! Da ſind ſie!“ Die drei Schuldigen ſtanden mit ihren leichen⸗ blaſſen Geſichtern in der erſten Reihe der glänzenden Geſellſchaft. Sie ſagten aber nicht: da ſind ſie, ſondern da iſt er, und ihre Züge drückten eine un⸗ beſchreibliche Beſtürzung aus. Ihre Blicke hefteten ſich nicht auf dieſelbe Stelle wie die der übrigen Geſellſchaft; ſie ſahen nach dem Platze, wo Franz hatte zuerſt das Feuer anzünden 93 ſollen. Dadurch mußte zugleich der Mörſer entladen werden, den Malou und Pitois gerichtet hatten. Malou war früher Artilleriſt geweſen; das Ge⸗ ſchütz war gut gerichtet und Franz ſollte, von der Ladung zermalmt, verſchwinden. Die Frau von Laurens, Reinhold und Mira traueten deshalb ihren Augen nicht, denn der Schuß war gefallen, ſie hatten ihn wohl vernommen, und in den erſten Wirbeln des aufſteigenden Rauches ſahen ſie Franz auf ſeinem Poſten ſtehen. Lag um ſeine Bruſt ein Zauberharniſch? Sie ſahen hin und um ſie her entſtand eine all— gemeine Bewegung und überall ſprach man: „Da ſind ſie! Da ſind die drei rothen Männer.“ Sarah, Reinhold und der Doctor blickten ſich endlich auch um und die Frau von Laurens ſtieß zuerſt einen halbunterdrückten Schrei aus, während ſie nach der Stelle hin zeigte, wo der Moͤrſer geſtan⸗ den hatte. Mira und Reinhold blieben mit offenem Munde ſtehen. Der Feuerſtrom goß noch immer von den Mauern herunter und inmitten dieſer Flammen, in welche das Auge kaum zu blicken vermochte ohne geblendet zu werden, ſtanden auf einem Felſen⸗Vor⸗ ſprunge drei Männer von gleicher Größe, von X. 7 94 rothen Mänteln umhüllt. Ihre Haltung ſchien eine Drohung zu errathen. Die Menge ſprach noch immer die Namen der drei rothen Männer aus; nur einige unter den Gäſten Geldbergs verſuchten die Freigeiſter zu ſpielen, indem ſie behaupteten, dieſe Erſcheinung ſei veranſtaltet und gehoͤre zu dem Feuerwerk. Die meiſten zitterten in abergläubiſchem Schrek⸗ ken, das ſich höher und höher ſteigerte. Der Feuerregen verloſch allmälig und es trat ein Zwiſchenact von einigen Secunden ein; der Wald, die weite Haide, das Gebüſch und das Schloß verſanken einen Augenblick wieder in Fin— ſterniß. In dieſen wenigen Secunden wurde viel geſpro⸗ chen aber nur von den drei rothen Männern. Aller Augen hefteten ſich geſpannt und neugierig auf die Stelle, wo ſie wieder erſcheinen ſollten, ſobald die erſte Leuchtkugel von Neuem Licht ver⸗ breite. Das Feuer wurde wiederum entzündet und warf gleichſam einen ungeheuren Diamantenſchmuck auf die Mauern des Schloſſes und die Felſen, auf denen es ruhete. Von der Tiefe des Graben bis zur Krone der Mauern blieb auch kein Zoll breit, der nicht ſeine leuchtenden Funken erhalten hatte; alles war 1 N' 95 hell und glänzend; die Felſenvorſprünge hatten keinen Schatten mehr und man erkannte die kleinſten Gegen⸗ ſtände wie im Sonnenſchein; kaum hätte eine Ei⸗ dechſe ein Plätzchen finden können, um ſich zu ver⸗ bergen. Vergebens aber ſuchten die neugierigen Blicke die drei großen Geſtalten in den rothen Mänteln. Sie waren verſchwunden. Unter ihren Füßen gähnte der Abgrund; über ihnen ſtieg der Felſen ſteil empor. Die Erde mußte ſich geöffnet haben, um ſie auf⸗ zunehmen. Man unterhielt ſich vortrefflich bei den Geld⸗ bergs. Sie gehörten nicht zu den Geldmännern, deren Geiz fortwährend mit dem Stolze kämpft und die Tauſende von Einladungen ausſtreuen, um dann die unglückliche Menge ihrer Gäſte hungern und dürſten zu laſſen. Sie betrieben ihre Sache groß⸗ artig. Alles war Feordnel und geregelt; die Lange⸗ weile hatte nicht Zeit ſich zwiſchen den geſchickt auf einander angeordneten Vergnügungen einzudrängen. Alle Tage gab es etwas Neues und jeden Tag wurde die Pracht des vorigen überboten. Der inerdner der ſchönen Feſte gab wirklich Beweiſe von einer unerſchöpflichen Erfindungs⸗ kraft. 7* 96 Jedermann war zufrieden; Niemand dachte daran die Abreiſe zu beſchleunigen; es war ein gro⸗ ßer und vollſtändiger Erfolg, ein ſo großer und voll⸗ ſtändiger, daß ſelbſt zwei angehende Schriftſteller, die aus ihren Dachſtübchen den Weg daher gefunden hatten, die Reiſe nicht bereueten. Und wenn ange— hende Schriftſteller nicht klagen, iſt gewiß auch nicht der geringſte Grund zu klagen vorhanden. Kein Handelshaus beſaß von nun an einen größern Cre⸗ dit als das Haus Geldberg; der Zweck des Feſtes war alſo vollkommen erreicht. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß es unter den Gäſten viele Mäkler gab, welche den Auftrag hat— ten, im Intereſſe des Hauſes zu handeln und namentlich zu reden. Es waren dies aber nicht ge— wöhnliche Agenten, welche die Börſenunternehmun⸗ gen in Gang bringen, ſondern Leute aus der großen Welt, hiſtoriſche Namen und nicht blos männliche, ſondern auch manche, die der ſchönen Hälfte des Menſchengeſchlechts angehören. Durch dieſe Hülfsperſonen, welche im Maße vollkommener Schicklichkeit und vollendeter Lebensart handelten, machte das Haus ſelbſt im Tanzen Ge⸗ ſchäfte. Die Chefs verbanden, während ſie ſich ganz mit dem Feſte zu beſchäftigen ſchienen, eine ziemliche Doſis Nützliches mit dem Angenehmen. Abgeſehen von dieſen Handelsangelegenheiten 97 gab es Gutes und Böoſes in den Privatangelegenhei⸗ ten. Der Ritter von Reinhold ſtand noch immer ſehr gut mit der Frau Vicomteſſe von Audemer und Julian war leidenſchaftlich in die ſchöne Eſther verliebt. Allerdings hatte er das geheimnißvolle Billet nicht ganz vergeſſen, daß er auf dem Maskenballe erhalten und das ihn in den Wochen vor dem Feſte ſo ſehr aufgeregt hatte. Er gedachte noch immer an die merkwürdige Anzeige, welche den Ritter von Reinhold des Mordes ſeines Vaters beſchuldigte und ſelbſt ſchweren Verdacht auf die Familie ſeiner Braut fallen ließ. Er hatte das Billet mehr als einmal wiedergeleſen und wußte die ſchrecklichen Worte aus⸗ wendig:„Deine Schweſter ſoll den Mörder Deines Vaters heirathen und Du die Tochter des..“ Er erinnerte ſich noch der Zweifel, die ihm am Tage nach dem Balle gequält hatten, als er mit einemmale die Gräfin Eſther in ſeiner ſchönen Ge⸗ fährtin in der Nacht vorher zu erkennen glaubte; aber Julian beſaß einen leichten Sinn, er liebte Eſther und bot alles auf, ſolche läſtige Erinnerun⸗ gen von ſich fern zu halten. Er hatte weiter nichts thun können, als ſein Verſprechen in Bezug auf die drei Baſtarde von Bluthaupt, ſeine Oheime, zu halten. Er hatte ge— 98 ſagt: ich werde ſie ſehen und erfahren was ſie von dem Tode meines Vaters wiſſen. Als er ſich nach Deutſchland begab, hatte er ſich wirklich in Frankfurt aufgehalten und gebeten, mit den drei Gefangenen ſprechen zu dürfen, aber das 1 Geſuch war ihm rund abgeſchlagen worden. Aus andern Gründen hatten die Frau von Lau⸗ rens, der Doctor Mira und der Ritter von Rein⸗ hold in Frankfurt die Baſtarde zu ſehen gewünſcht, aber ſie waren nicht glücklicher als der Vicomte Ju⸗ lian. Sie gelangten indeß wenigſtens in das G⸗⸗ fängniß hinein und konnten ſich ſelbſt von der Feſtigg keit und von der daſelbſt herrſchenden ſtrengen Wach⸗ ſamkeit überzeugen. Sie ſahen ſogar die drei feſt verriegelten Thüren, hinter welchen, wie man ſagte, die Baſtarde von Bluthaupt gefangen ſaßen und ſie ſetzten ihren Weg beruhigter nach Geldberg fort. Julian hatte gethan, was er thun konnte und damit tröſtete er ſich. Im Schloſſe fand er die Gräa-ä- fin Eſther und bald dachte er an nichts mehr als au ſeine Liebe. Von dieſer Seite her ging alſo alles ganz gut für die Geldberg. Auf der andern hatten Van Praet und der Ungar Nanos vom allgemeinen Enthuſias⸗ mus einigermaßen ſich anſtecken laſſen. Sie ſahen ſelbſt, welchen Eindruck das Feſt machte. Sie überzeugten ſich, wie viele Actien unterzeichnet wur⸗ 99 den und glaubten beide wegen ihrer Forderung ruhig ſein zu können. Der gutmüthige Holländer brauchte nicht mehr ſeine Beredtſamkeit aufzubieten, um den Ungar zu beſänftigen, der jetzt faſt geduldig wartete. Der alte Bund war erneuert worden und die beiden feßlenden Genoſſen hatte man erſetzt, Nesmer durch den Baron von Rodach, der in Paris blieb und regelmäßig das nöthige Geld zum Feſte lieferte und Moſes Geld durch die Frau von Laurens. Dieſe hatte Friede mit dem Doctor Mira ge⸗ ſchloſſen und alles vergeſſen, ſcheinbar wenigſtens 3 und der Portugieſe blieb Sclave. Es waren alſo von Neuem ſechs Verbündete wie im Anfange dieſer Geſchichte; denn der junge von Geldberg wurde nicht in das Geheimniß gezogen. Sie haßten ſich auch noch immer gegenſeitig unter einander, mißtraueten einander und ſuchten einen Menſchen mit Gewalt zu beſeitigen. mn Nur der Unterſchied beſtand, daß jeder von . ihnen mit dem Baron von Rodach beſonders ſich gegen 1 alle verbunden hatte, während wiederum alle gegen ihn arbeiteten. n Bisher war indeß nur ein Ziel des Feſtes erreicht 4 worden, der Credit des Hauſes neu begründet, aber 4 Franz lebte noch immer. 3 Kein Tag war ſeit der Ankunft in; Deutſchland 4 unthätig verbracht worden; man hatte gewiſſenhaft on 100 gearbeitet und jeder ſeine Pflicht gethan, ſelbſt der arme Drehorgelſpieler hatte unter der Leitung des Weinſchenken einige kleine Dienſte geleiſtet, wenn er auch nicht wußte was er that. Gleichwohl befand ſich Franz vollkommen wohl. Auf dieſer Seite erbleichte der Glücksſtern Geld⸗ bergs. Franz war der Stein des Anſtoßes, über welchen die Verbündeten ſtolperten. Man hatte nicht einmal, wie man es Anfangs gehofft hatte, ohne Umſtände handeln können. Obgleich der Baron von Rodach nicht Zeit gehabt hatte, ſeinen Plan vollſtändig auszuführen und Franz wie einen Fürſten auftreten zu laſſen, ſo er— ſchien der junge Mann doch in ziemlich glänzendem Aufzuge im Schloſſe Geldberg und Hans Dorn war ſein Banquier, der ihn ziemlich reichlich verſorgte. Er machte Aufſehen in der Geſellſchaft, die im Schloſſe verſammelt war; er war ja jung und ſchön und man konnte ihn für reich halten. Die Damen beſchäftigten ſich ſehr viel mit ihm, was ihm den Neid der Herren eintrug. Die Verbündeten muß⸗ ten deshalb auch die Taktik gegen ihn ändern. Man konnte ihn nicht mehr auflauern laſſen wie einem Wilde und ihn durch eine Kugel von hinten nieder— ſtrecken. Das würde zu viel Aufſehen gemacht haben und die Folgen eines ſolchen Mordes ließen ſich gar nicht berechnen. Man zog es deshalb vor 101 ihm mehr oder minder geſchickt Schlingen zu legen und Franz hatte das Glück, denſelben zu entgehen. Gleichwohl gelangen alle Verſuche beinahe, einer namentlich. Franz kam eines Abends mit bleichem Geſicht und von Blut gefleckt in das Schloß. Er war auf der Jagd geweſen und hatte in einem Dickicht eine Wunde an der Schulter erhalten, wahrſcheinlich durch einen ungeſchickten Schützen. Dieſe Wunde trug ihm theilnehmende Blicke ein und ſteigerte das Intereſſe des weiblichen Theiles der Geſellſchaft für ihn, ja ſte brachte ihm noch mehr. Er mußte zwei oder drei Tage in ſeinem Zimmer bleiben und Lea von Geldberg und Deniſe von Au⸗ demer wurden ſeine Wärterinnen. Deniſe war wegen Franz, Lea wegen Deniſes da. Der Aufent⸗ halt im Schloſſe hatte die beiden Mädchen einander wieder genähert. Es waren drei glückliche Tage. Franz ſtellte ſich ſo krank als möglich, um die ſüßen Stunden zu verlängern, die er zwiſchen den beiden ſchönen jun— gen Mädchen verbrachte. Aber alles hat ein Ende und das Beſte gerade am ſchnellſten. Die Vicom— teſſe von Audemer, welche vielleicht durch den Ritter von Reinhold aufmerkſam gemacht worden war, machte dieſen Beſuchen mit einem Male ein Ende. Das Zimmer, welches Franz inne hatte, war 102 groß mit gothiſchen Verzierungen und ſah auf der heeinen Seite ins Freie, auf der andern in den Hof 8 und das Hauptthor des Schloſſes. Er ſchlief in 8 V einem großen geſchnitzten Bette, das auf einer Er⸗ höhung ſtand. An den Wänden ſchienen ſonſt Ge⸗ mälde gehangen zu haben. Auch das Wappen des Hauſes Bluthaupt fehlte nicht. Franz ſchlief mit einem Worte in dem Zimmer, in welchem der alte Günther von Bluthaupt und die ſchöne Gräfin Margarethe geſtorben waren. Fünftes Kapitel. Der ſchwarze Graf und der Aegerkopf. Der Graf von Bluthaupt und ſeine Gemahlin waren vor zwanzig Jahren in dieſem Zimmer geſtor— ben, die Zeit hatte nichts daran geändert. Nur hatte eine habſüchtige oder neidiſche Hand die Ge⸗ mälde in goldenen Rahmen entfernt. In der Mitte des Zimmers ließ ſich der Blutfleck noch erkennen; wenn er auch lange von Staub bedeckt geweſen, war er doch bei der Reinigung des Schloſſes vor dem Feſte deutlich wieder zum Vorſchein gekommen. Die kleine Thür des Betgemachs, in welcher ſonſt der Betſtuhl der Gräfin geſtanden hatte, war vermauert oder wenigſtens von innen verſchloſſen und Franz kannte ſie nicht. Wenn früh in dem Augenblicke, da die erſten Strahlen des Morgenlichtes allmälig hereindrangen, 104 ein alter treuer Diener Bluthaupts in dem Zimmer erſchienen wäre, würde ſich ihm ein ſeltſames Bild gezeigt haben. Waren die zwanzig Jahre, die vergangen, nicht ein Traum geweſen? War das Geſicht mit dem blonden Locken, das auf dem Kiſſen lag, nicht das Geſicht der Gräfin Margarethe, als ſie noch glück⸗ lich war und die Thränen nicht kennen gelernt hatte? Weder der Ritter von Reinhold noch einer ſeiner Mitſchuldigen konnten Franz dieſes Zimmer ange— wieſen haben und gleichwohl mußte eine wohlbedachte Abſicht thätig geweſen ſein. Das Zimmer Leas, das ſich daneben befand, war kleiner und modern ausgeſchmückt. Wie das ihres Nachbars hatte es auf der einen Seite die Aus⸗ ſicht ins Freie, während es auf der andern in einen kleinen Hof ſah, in welchem die halbverfallene Ka⸗ pelle ſtand. Das junge Mädchen ſelbſt hatte ſich dieſes Zim— mer gewählt, wahrſcheinlich um ungeſtörter ihren Gedanken nachhängen zu können. Eines ihrer Fen⸗ ſter befand ſich unmittelbar über der ſteilen Felſen⸗ wand, an welcher die Gäſte Geldbergs bei dem Feuerwerke die drei rothen Männer geſehen zu haben glaubten. Warum ſie die Einſamkeit auſſuchte, warum ſie traurig war, brauchen wir nicht zu ſagen. Sie dachte an Otto und in der Stille ihres Zimmers Bluthaupt, ſtellte allen Mädchen nach, hatte aber 10⁵ trat dieſer Name gar oft auf ihre Lippen und ſie las die Briefe, welche ſte von ihm erhalten hatte, um die Befürchtung zu bannen, die ſich ihr immer auf⸗ drang: Alle liebe ſie nicht mehr und habe ſie ver⸗ geſſen. In den erſten zehn oder zwölf Nächten ihres Aufenthaltes in dem Schloſſe war ihre Einſamkeit durch nichts geſtört worden. Während des prächti⸗ gen Feuerwerks aber, das ſie nicht hinaus gelockt hatte, erſchrak ſie plötzlich. Es war ihr, als höre ſie unter ihren Füßen ein ſeltſames Geräuſch, ähn— lich dem, welches ſie jeden Tag früh und Abends unter ihrer Wohnung in Paris bemerkt hatte. Es klang wie dumpfe Tritte gerade unter ihr und ſie ſtand auf; ſie fürchtete ſich. Nach einigen Secunden hörte das Geräuſch auf und es trat von Neuem die tiefſte Stille ein; aber von dieſem Abende an hörte ſie dieſes Geräuſch jeden Tag und jede Nacht, aber nicht zu beſtimmten Stun⸗ den wie in Paris. Sie fragte die alten Diener des Schoſſes konnte aber nichts erfahren. Eine der zahlloſen Sagmn, die man in der Ge⸗ gend erzählte, war folgende: Der berühmte ſchwarze Graf, Rudolph von 106 große Ehrfurcht vor der Frau Gräfin Bertha, ſeiner Gemahlin, wenn er ſich auch nicht mehr um ſie kümmerte, als daß er ihr ſeine Ausſchweifungen zu verheimlichen ſuchte. Alle Abende, ſobald es dunkel geworden, ließ er die Pforten des Schloſſes ſchließen und Feier— abend lauten. Niemand durfte hinaus; den Gra— fen ſelbſt würden die Wächter zurückgewieſen haben und die Gräfin Bertha ſchlief deshalb ganz ruhig. Alle Abende, eine Stunde nach dem Feierabend⸗ läuten, löſchte der Graf ſeine Lampe aus und man glaubte, er begebe ſich zur Ruhe. Er aber öffnete leiſe die Thür ſeines Zimmers und begab ſich mit vier oder fünf Dienern, die ſein Vertrauen genoſſen, in die Kapelle. Irgendwo in der Kapelle ſelbſt oder in dem Grabgewölbe derſelben begann ein unterirdiſcher Gang, der irgendwo hinführte; die Sage kannte den Ausgang nicht. Wir wiſſen dagegen, daß der Gang hinter dem Schloſſe an der Stelle endigte, wo die drei rothen Männer erſt kürzlich ſich den erſtaun⸗ ten Blicken der Gäſte Geldbergs gezeigt hatten. Ob der ſchwarze Graf den Gang hatte anlegen laſſen oder ob er ihn ſchon gefunden, wiſſen wir eben ſo wenig als es die Sage wußte. Wohl möglich, daß er zuerſt darauf gekommen war, ſich einen ſolchen Ausweg bauen zu laſſen. 107 So viel iſt gewiß, daß er ihn ſehr häufig be⸗ nutzte. Von dem Ausgange des unterirdiſchen We⸗ ges aus, welcher mit einer Felſenplatte verſchloſſen war, bis zur entgegengeſetzten Seite des Schloßgra⸗ bens war der Pfad beſchwerlich, aber der Graf und ſeine Diener hatten gute Beine und ließen ſich durch ſo wenig nicht abſchrecken. m In der Nacht lebten ſie luſtig auf den Dörfern oder in den benachbarten Städten und wenn der 3 Morgen grauete, kehrten ſie auf dem Wege zurück, m auf welchem ſte das Schloß verlaſſen hatten. Der Graf ſtarb und auf ſeinem Sterbebette beich⸗ t tete er ſeiner Gemahlin unter andern Sünden auch — dieſe nächtlichen Ausflüge und machte ſie auf den Weg aufmerkſam. Das Geheimniß vererbte ſich von da an in der Familie des Grafen fort, ohne daß Andere etwas davon erfuhren. Eine Veränderung jedoch trat ein; am Hochzeitstage übergab jeder Graf, damit die Aben⸗ 9 teuer des ſchwarzen Ahnherrn ſich nicht erneuern könnten, ſeiner Gemahlin einen großen verroſteten Schlüſſel, welcher die Thür zu dem Gange in der Kapelle öffnete. Margarethe, die letzte Gräfin Bluthaupt, welche ihre Brüder über alles liebte, hatte dem Wunſche nicht widerſtehen koͤnnen, ſie insgeheim bisweilen zu ſehen und ihnen deshalb durch den treuen Klaus 108 den verroſteten Schlüſſel zu dem unterirdiſchen Gange überſandt. In der Zeit, als Lea von Geldberg das Geräuſch unter ihrem Gemach hörte, gelangten die drei Brüder der Gräfin Margarethe, Otto, Albert und Götz, auf dem geheimen Gange des ſhwarzen Grafen in das Schloß Leldben Die Feſte folgten ununterbrochen auf einander; doch verging die Zeit und die Vergnügungen waren beinahe erſchöpft, nur ein großer Maskenball und eine Fackeljagd ſtanden noch bevor und ſollten gleich— ſam die beiden letzten Acte des Feſtes ſein. An einem ſchönen Morgen nahm Franz die Jagdflinte auf die Schulter und wanderte allein hinaus. Das Glück begünſtigte ihn, denn an einem der nächſten Häuſer ſah er die hübſche Gertrud auf der Schwelle ſtehen. Sie rief ſogleich ihren Vater und Franz mußte eintreten. Dorn ſah betrübt aus und begann ſogleich dem jungen Herrn Vorwürfe zu machen, daß er ſich mitten unter ſeine Feinde ge⸗ wagt habe. Franz aber lachte über alle düſtere Ahnungen, welche ſein alter Freund gegen ihn äußerte und erzählte unbefangen, daß er allerdings mehrmals in Gefahr geweſen ſei, daß ihm ſelbſt auf der Reiſe Räuber aufgelauert hätten, aber er ver⸗ 109 traue ſeinem guten Glücke und glaube nicht, daß er im Schloſſe ſelbſt etwas zu fürchten habe. Was Dorn auch vorbrachte, er konnte den jungen Herrn auf keinen andern Gedanken bringen. In der Nähe des Hauſes Dorns ſtanden mehrere Felſen und einer derſelben, der faſt rund war, ſchien jeden Augenblick herunterſtürzen zu müſſen. Dieſer Felſenblock hatte, wenn man wollte, die Form eines Rieſenkopfes und eine dunklere Farbe als die andern. Deshalb hatten ihm die Leute auch einen Namen gegeben und ſie nannten ihn den Negerkopf. An ſtürmiſchen Tagen, wenn der Wind darüber wehte, wollten viele Perſonen den gewaltigen Steinblock haben zittern ſehen; aber wie auch der Wind tobte, der Stein lag wahrſcheinlich ſeit dem Anfange der Welt da und wenn er auch zitterte, nichts hatte ihn aus ſeinem drohenden Gleichgewicht zu bringen vermocht. Eben in dem Augenblicke als Franz von dem Räuberanfalle erzählte, nahmen die Augen Ger— truds, die ſich zufällig auf den Negerkopf gerichtet hatten, einen Ausdruck der Verwunderung an. Es war ihr geweſen, als bemerke ſie da oben die Ge⸗ ſtalt eines Menſchen, aber nur eine Secunde lang, denn als ſie genauer hinſah, war die Geſtalt verſchwunden und Gertrud glaubte ſich getäuſcht zu haben. X. 8 110 „Das iſt alles, Vater Dorn,“ ſagte Franz, „und Sie können wahrhaftig in allem weiter nichts als Zufall ſehen. So war es auch, als wir einmal ausritten. Ich hatte natürlich keinem Menſchen erzählt, daß ich ein ſchlechter Reiter ſei und ich bekam ein prächtiges edles Pferd, nur war es etwas wild und da ich ihm die Sporen einſetzte, ging es mit mir durch.. Auch das lief gut ab, wie auf dem Eiſe, wo ein gewiſſer Malou, der immer bei mir iſt und mit mir dahin fahren wollte, wohin andere ſich nicht wagten, weil das Eis dort nicht tragen ſollte. Wir fuhren pfeilgeſchwind dahin; an einer Stelle blieb Malou zurück, ich aber ſchoß weiter und wenn auch das Eis ſehr dünn da zu ſein ſchien und unter mir kniſterte und knackte, flog ich doch glücklich dar⸗ über hin.“ „Und Sie zweifeln noch immer, daß man Ihnen überall und bei jeder Gelegenheit Schlin⸗ gen legt?“ „Freilich; der arme Malou wollte mir nach, als ich glücklich darüber gekommen war, brach aber richtig ein und mußte ein unfreiwilliges kaltes Bad nehmen.“ „Und Sie halfen ihn retten?“ „Natuͤrlich.“ „Er würde Ihnen nicht denſelben Dienſt erwie⸗ ſen haben.“ 111 „Warum nicht? Die Frau von Laurens, die ſeit dem Beginne des Feſtes freundlicher als je gegen mich geweſen iſt, hat mich ja aufgefordert, ihn als Diener anzunehmen, ſo großes Vertrauen ſchenkt ſie ihm.“ Dorn ſchüttelte den Kopf und ſchwieg. „Sie werden ſich freilich nicht überzeugen laſſen,“ fuhr Franz fort;„Sie haben Ihre Beſorgniſſe ordent⸗ lich in ein Syſtem gebracht. Ich glaube an alle dieſe Thorheiten nicht. Wenn es nach Ihnen ginge, bliebe mir ja wahrhaftig weiter nichts übrig als mich zu hängen, damit ich nur nicht ermordet würde. Sie und Ihre Freunde beſitzen ein wahrhaft bewun⸗ dernswürdiges Talent, aus den einfachſten Dingen ſchreckliche Gefahren zu machen.. Hatte man mir nicht gar geheimnißvoll die Warnung zugeflüſtert, ich möchte mich vorſehen, denn ich würde, wenn ich das Feuerwerk anzünde, wie eine Granate platzen! Ich habe das Feuerwerk in Brand geſteckt und da ſtehe ich.“ Franz ſah Dorn freundlich keck an und Gertrud bewunderte ihn aufrichtig; die Frauen lieben ja den Muth, ſelbſt wenn er zur Tollkühnheit wird. „Wiſſen Sie aber,“ ftel Dorn ein,„was eine Hand der Vorſehung von Ihnen abgewendet hat?“ „Immer ſprechen Sie,“ entgegnete Franz,„von dieſer Hand der Vorſehung, ohne doch den lieben 8*X Gott damit zu meinen.. Sie waren doch nicht beim Feuerwerk, um mich zu retten?“ „Ich war nicht da,“ antwortete Dorn.„Aber an dem Tage, da der Degen Verdiers Ihre Bruſt bedrohte, fand ſich ein Arm, der ihn abwendete.. dieſer Arm war auch nicht der meinige.“ Franz erröthete und eine Minute lang dachte er nach; dann ſagte er: „Nein, nein, nein und noch einmal dreimal nein. Man will mich zu einem feigen Menſchen machen. Ich glaube, wenn der Felsblock da oben,“ ſetzte er hinzu, indem er auf den Negerkopf deutete, „herunterfiele und mich zerſchmetterte, Sie würden es auch meinen eingebildeten Feinden zur Laſt legen.“ Er wollte noch weiter ſprechen, aber der Ton erſtarb ihm in der Kehle; er riß die Augen weit auf und Todtenbläſſe bedeckte ſein Geſicht; denn eben als er von dem Negerkopfe ſprach, fing dieſer an ſichtbar ſich zu bewegen, als wenn ihn eine unſichtbare kräf⸗ tige Hand rüttele. Der Negerkopf lag ſo, daß er beim Herunter— ſtürzen nicht nur die drei Perſonen, welche jetzt darunter ſtanden, ſondern auch das Haus zermalmen und zertrümmern mußte. Noch wußten Dorn und Gertrud nicht, was den jungen Herrn mit einemmale ſo erſchreckt habe, als ſie hinaufblickten und in Todesangſt aufſchrien. 113 Der Negerkopf wankte und ſtürzte jetzt donnernd an dem Berge herunter. Franz trat unwillkürlich zwiſchen das Mädchen und die Felſenmaſſe, als hätte er ſie vor dieſer Wucht ſchützen können. Alles zerdrückte ſie auf ihrem Wege, ſchlug vor der Hütte einmal gewaltig auf, gerade an der Stelle, wo Franz vorher geſtanden hatte, ſo daß er von ihr vernichtet worden wäre, wenn er nicht vorher zu Gertrud getreten wäre und rtollte dann weiter in das Thal hinunter, wobei ſie die ſtärkſten Bäume wie Strohhalme zerknickte. Dorn, Gertrud und Franz blieben einen Augen⸗ blick wie verſteinert ſtehen; ſie athmeten kaum und ihre Augen waren wie mit Zauberbanden auf die Zer— ſtörungsſpur gerichtet, welche der Felſenblock zurück⸗ gelaſſen hatte. Endlich blickte Franz nach der Stelle empor, wo der Negerkopf früher geruht hatte und ſagte:„Diesmal ſind wir mit genauer Noth davon gekommen. Standen wir ein Paar Schritte weiter links, ſo wurden wir ſehr geſchwind in die andere Welt befördert.“ „Die Hallunken!“ murmelte Dorn, indem er nach dem Felſen hinaufblickte als ſuche er Jemanden dort.„Nun ſind ſie fort und Gott hat Sie noch einmal bewahrt, Herr Franz.“ „Ich kann mir recht wohl denken, was Sie ſich jetzt vorſtellen,“ entgegnete dieſer;„Sie ſind wahr⸗ 114 ſcheinlich der Meinung, es hätten Leute da oben ge⸗ ſtanden und uns das Steinchen herunter geworfen. Aber das ſind Einbildungen, alter Freund. Das V Felſenſtück fiel herunter, weil es oben nicht länger Halt fand.“ 6 Dorn ſchüttelte den Kopf und antwortete dann: „Ich bin nicht ſo geſchickt, um Blinde ſehend zu machen, aber in Zukunft glauben Sie mir mehr, denn ich ſelbſt ſehe gut.“ Dorn wurde in dieſem Augenblicke abgerufen und die jungen Leute blieben mit einander eine kurze Zeit allein. Als Franz fort war, glaubte Gertrud oben in der Höhe eine Geſtalt zu erblicken und als ſie wieder hinſah, erkannte ſie Johann. Der Negerkopf war doch nicht von ſelbſt herunter⸗ gefallen. Als Franz früh fortging, folgte ihm der Weinſchenk Johann und als er den jungen Mann nach dem Hauſe Dorns gehen ſah, faßte er ſchnell einen Entſchluß. Er kehrte um, da er Malou und Pitois holen wollte, aber er fand ſie nicht und mußte ſich mit dem armen Drehorgelſpieler begnügen. Beide ſtiegen ſodann mit Eiſenſtäben verſehen den Berg wieder hinauf. Oben ſagte der Weinſchenk:„Komm, mein Sohn, Du ſollſt Dein Geld recht leicht verdienen,“ und Johann folgte wie ein Automat. Er war ha⸗ ger und abgefallen, ſo daß man ihn kaum wieder⸗ 115 erkannte, leicht aber errieth, was in ſeiner Seele vorging. Der Weinſchenk ſtellte ihn hinter den Negerkopf und legte ſeinen Eiſenſtab darunter.„Folge mei⸗ nem Beiſpiele,“ ſagte er. Johann zögerte nicht und fragte nicht nach dem Zwecke dieſer ſeltſamen Arbeit. Erſt nach langer Anſtrengung fiel ihm plötzlich ein Gedanke ein, der Gedanke an den Zweck, der ihn nach Deutſchland geführt hatte.„Es iſt doch Niemand unten?““ fragte er. „Greif tüchtig zu,“ antwortete der Weinſchenk, ohne auf die Worte des Drehorgelſpielers zu achten; „wir haben nur noch zwei Minuten Zeit.“ Johann rührte ſich nicht und ſagte:„Ich ar⸗ beite hier nicht mehr; es iſt wahrſcheinlich Jemand unten.. Ich muß mich erſt überzeugen.“ Er bog ſich vor und ſah hinunter. Dorn und Gertrud konnte er von da aus nicht erblicken, aber Franz ſah er vor dem Hauſe ſtehen und ſeine Wange überzog ſich ſofort mit glühender Röthe. Franz war ſein Todfeind und er griff entſchloſſen wieder zu ſeinem Werkzeuge. Der Negerkopf gab nach und ſtürzte hinunter. Der Weinſchenk legte ſich platt nieder und nöthigte Johann daſſelbe zu thun. Sie hörten einen lauten Schrei unten, dann wurde alles wieder ſtill. Der arme Drehorgelſpieler war ſelbſt wie von 116 dem Felſen zerſchmettert, denn ſein Gewiſſen ſprach laut in ihm; er glaubte einen Mord begangen zu haben. Langſam erhoben ſich nach einiger Zeit die beiden Männer und entfernten ſich. Jeder ging einen andern Weg. Johann wanderte in tiefen Gedanken dahin und erſchrak gewaltig, als eine Hand ſich auf ſeine Schulter legte. Er blickte auf, legte beide Hände auf die keu⸗ chende Bruſt und rief aus: „Gertrud! Ach Gott ſtraft mich.. ich bin verrückt.“ Gertrud ſtand ſo bleich und verändert vor ihm, daß er ein Traumbild zu ſehen glaubte. „Johann,“ ſagte ſie endlich,„Du haſt mir verſprochen, kein Verbrechen zu begehen.“ „Mein Gott! Iſt es kein Traum?“ rief der arme Drehorgelſpieler aus. „Alle, die Du ſonſt liebteſt, ſind hier,“ entgegnete Gertrud.„Auch Deine Mutter und Großmutter ſind da.“ „Wiſſen ſie..?“ flüſterte Johann mit ſtierem Blick. „Sie wiſſen Alles.“ „Wer konnte es ihnen ſagen?“ „Ich that es, ich, die ich Dich ſo ſehr liebte,“ entgegnete Gertrud, deren Stimme zitterte.„Ich in wußte immer alles, was Dich betraf. Als Du mich verließeſt ſo hart und ſo kalt, folgte ich Dir eine Strecke weit, dann nahm ich einen Gehilfen an, der Dir nachging bis zum Poſthofe,— Dein armer Bruder. Er hatte Dein Geſpräch mit dem Wein⸗ ſchenken belauſcht und alles gehört.“ „Alles?“ „Alles,“ wiederholte Gertrud;„daß Du nach Deutſchland reiſeteſt, um durch einen Mord Geld zu verdienen.“ Johann rang die Hände. „Ich wollte es nicht glauben,“ fuhr Gertrud fort und betete zu Gott für Dich und für mich, Jo⸗ hann; aber Gott erhörte mein Flehen nicht.. Ich habe geſehen, was ich im längſten Leben nicht wieder vergeſſen kann.“ „Wenn Du wüßteſt, Gertrud, wenn Du wüß⸗ feſt.. „Ich weiß es nur zu gut; aber es iſt immer ſo.. Ein junger Mann, der einzige Menſch in dem ganzen großen Paris, nahm den innigſten Antheil an unſerer Liebe, Johann, aber er hatte mächtige Feinde, die ihn tödten wollten, nachdem ſie ihm ſein Erbe geraubt. Sie ſind reich und können Mörder bezahlen.“ „Ja, ich bin ein Mörder,“ jammerte Johann, „und ich hoffe nichts mehr. Aber wenn Du meine 118 alte Großmutter geſehen hätteſt, die man ins Ge⸗ fängniß führte! Und dann.. war ich eiferſüchtig.. Ich ſah, wie er Dir die Hanb küßte..“ „Mir?“ fiel Gertrud ein.„Es war eine an⸗ dere Dame.“ Johann lehnte ſich an einen Baum, denn ſeine Füße wankten unter ihm. „Das wäre ein Troſt in meiner letzten Stunde,“ ſtöhnte er,„und eine grauſame Strafe für mein Ver⸗ brechen. Gertrud, Du hatteſt nicht aufgehört, mich zu lieben?“ „Gott weiß es, daß ich nie einen Andern geliebt haben würde,“ antwortete Gertrud. Johann erzählte und beichtete alles. „Man hat mich hierher geführt und mir dieſen Eiſenſtab in die Hand gegeben.. Wahrhaftig ich wäre lieber ſelbſt geſtorben.. Aber ich ſah unten den, welchen ich haßte und ich litt ſchon ſo lange. Da weiß ich nicht, was in mir vorging und ich fürchte mich vor mir ſelbſt, wenn ich daran denke. Arme Gertrud! Verzeihe mir wenigſtens, wenn ich todt bin und tröſte meine Mutter, aber ſage ihr nicht, warum ich geſtorben bin. Lebewohl!“ Er ging fort und Gertrud fand keine Worte, ihn zurückzuhalten. Er trat an einen Felſenvor⸗ ſprung und ſchon neigte er ſich über den Abgrund, da endlich wand ſich ein Schrei aus Gertruds Bruſt 119 los und Johann richtete ſich wieder gerade empor. In demſelben Augenblicke klang eine wohlbekannte Stimme aus dem Thale herauf, die luſtig und wohl⸗ gemuth ſang.. Franz ging auf dem Wege hin und Johann ſtierte ihn mit großen Augen an. Gertrud war jetzt auch zu ihm gelangt und ſagte: „Ich konnte nicht ſprechen; es war mir als hielte eine Eiſenfauſt meine Kehle zuſammenge⸗ drückt... Der Felſenblock hat ihn nicht getroffen. Wenn er ihn erſchlagen hätte, wäre ich nicht da, um es Dir zu ſagen, denn ich ſtand mit meinem Vater hinter ihm.“ Johann wurde noch bläſſer als er an die ſchreck⸗ liche Gefahr dachte, die er nicht geahnt hatte. Er ſank auf ſeine Kniee, dann ſprang er auf und ſprach: „Jetzt kenne ich meine Aufgabe. Lebewohl, Gertrud.. Ich werde mein Vergehen wieder gut machen oder Du ſiehſt mich nicht wieder.“ Und er verſchwand hinter den Felſen. Gertrud aber lief fort, um der alten Regnault, deren Woh⸗ nung ſie kannte und die den armen Drehorgelſpieler ſchon ängſtlich geſucht hatte, die tröſtliche Nachricht zu bringen, daß Johann gefunden ſei. In der Nähe des Hauſes, in welchem die Reg— naults wohnten, hinter der Hecke des Gartens, hörte 120 ſie Geignolet ſingen, wie in Paris, aber er hatte andere Worte zu ſeiner eintönigen Melodie gemacht: Der Vater Dorn hatte das Käſtchen wohl ö Auf den Schrank hinaufgeſtellt. Er ſaß auf dem Erdboden neben einer Handvoll 6 Gold und hielt in der Hand eine Flaſche, aus der er eifrig trank. Die kleine Gertrud gab mir Geld Ich nahm auch Geld der Nono; Aber viel viel mehr bekam ich doch Von dem alten vornehmen Herrn Mit der Perrücke, Perrücke.“ Als die Flaſche leer war, warf er ſie von ſich; dann vergrub er das Geld in die Erde, während er vor ſich hinmurmelte: „So lange ich Geld habe, habe ich auch Brannt⸗ wein.“ Sechſtes Kapitel. Die Berathung. An demſelben Morgen waren die meiſten Ver⸗ bündeten in einem der Zimmer verſammelt, welches ſonſt zu der Wohnung des Intendanten Nesmer gehört hatte. Der gute Fabricius Van Praet wohnte jetzt da und man verſammelte ſich in demſelben, weil er ſtatt des Moſes Geld der älteſte der Verbünde⸗ ten war. Ein tüchtiges Feuer brannte in dem großen Ka⸗ mine und an einer Ecke deſſelben ſtützte die Frau von Laurens ihre Füßchen auf die Galerie von ciſelirtem Kupfer. An der andern Ecke hielt der Holländer ſeine fleiſchigen Hände in den Taſchen ſeines warmen Schlafrockes und verdauete gemächlich das Frühſtück. Dem Kamine gegenüber ſaßen der Doctor Mira und Yanos Georgyi. 122 Mira war ernſt und finſter wie gewöhnlich, aber doch nicht in ſo hohem Grade als ſein Nachbar der Ungar, der ſchwer zu leiden ſchien. Der junge Abel von Geldberg und der Ritter Reinhold fehlten; den letzteren erwartete man, der junge Herr war nicht eingeladen worden, wie ge— wöhnlich, denn es kam häufig zu Erörterungen, bei denen Abel überflüſſig geweſen wäre. Er war wohl der Herr des Hauſes, aber dieſe Ausſchließung konnte ihn nicht verletzen, da ſeine kranke Victoria Queen ſeine ganze Fürſorge in An⸗ ſpruch nahm. Man ſprach, bis Reinholde⸗kommen würde, von dem und jenem und Klaus trug das Frühſtück Van Praets ab. Vor Klaus nahm man ſich nicht eben in Acht, da er ſich lange in dem Hauſe befand. Gleichwohl ſtockte das Geſpräch häufig; Mira war ſchweigſam wie gewöhnlich, der Ungar beſchäf— tigte ſich mit ſeinen eigenen Gedanken und ſprach kein Wort. Man hatte ihn überhaupt ſeit der Ab⸗ reiſe nicht heiter geſehen; bei Tiſche trank er ſchwei⸗ gend ſeinen Wein, der ihn nur noch ernſter ſtimmte. Außerdem irrte er allein in dem Walde umher und trat in das Gebüſch hinein, wenn er zufällig Jemanden begegnete. Um die Jagden, die Bälle, die glänzenden Promenaden kümmerte er ſich nicht. Der Anblick des Schloſſes Geldberg hatte, wie 123 es geſchienen, gleich im Anfange einen unfreund⸗ lichen Eindruck auf ihn gemacht und Reinhold, der gern an den Thüren horchte, behauptete, er habe ihn häufig in der Nacht mit ſich ſelbſt ſprechen und Gott um Gnade und Erbarmen anrufen hören. Auch einen andern Namen wollte er gehört haben. „Er iſt verheirathet,“ ſagte Reinhold,„und hintergangen worden wie gewöhnlich die rieſenhaften Männer mit Sporen und großem Schnurrbart. Nur die Männer von mittlerer Größe vermögen die Frauen zu feſſeln.. Er ſchlägt ſich an die Bruſt wie ein Unglücklicher und glaubt ſeine ſchlimme Ehe ſei eine Strafe für ſeine frühern Sünden.“ Reinhold äußerte dies nur ſo auf Geradewohl, aber er traf ſo ziemlich die Wahrheit. Außer den Erinnerungen, welche das Schloß Bluthaupt in ihm weckte, trug er eine Herzenswunde mit ſich herum. Er hatte alle ſeine Hoffnungen auf die Liebe einer Frau gebaut und die wenigen Stunden, welche der Baron von Rodach in London zugebracht, hatte ſein ganzes Glück zertrümmert. Außer der Reue quälte ihn nur ein Gedanke, die Rache. Er wartete auf den Baron Rodach. Die Unterhaltung konnte alſo nur von der Frau von Laurens und Herrn Fabricius Van Praet ge⸗ führt werden. Sarah war aber gerade dieſen Morgen zum 124 Plaudern nicht aufgelegt. Sie ſaß träge in ihrem Lehnſtuhle und ihre halbgeſchloſſenen Augen ſchienen mit Wohlgefallen auf einem Bilde zu ruhen, das ihr die Phantaſie vorhielt. Ihre Lippen öffneten ſich bisweilen zum Lächeln. Ihr Körper nur war da, ihr Geiſt anderswo. So mußte der Holländer ganz allein das Ge— ſpräch im Gange erhalten, auch die Aufgabe war für einen ſo beredten Mann nicht zu ſchwer und wenn ſeine Freunde nicht auf ihn hörten, ſo hatte er einen aufmerkſamen Zuhörer an Klaus, der aufhorchte ohne ſich etwas merken zu laſſen und ſeine Arbeit ſo viel als möglich verlängerte. Da noch Niemand bemerkt hatte, daß Klaus neugierig ſei, ſo erregte jetzt ſeine Langſamkeit keine Unruhe und Beſorgniß; man achtete gar nicht darauf. „Es iſt merkwürdig,“ ſagte Fabricius Van Praet,„welche Macht die Erinnerungen haben! Wenn ich zwiſchen dieſen ſo bekannten Mauern erwache und Klaus eintreten ſehe, iſt es mir immer als müßte ich nach Nesmer fragen.. Klaus war ſchon damals in dem Schloſſe.. Erinnern Sie ſich, Doctor?“ „Ja,“ antwortete dieſer. „Welche ſchönen Abende haben wir verbracht!“ fuhr Fabricius fort;„Nesmer war zwar kein luſtiger Geſellſchafter, aber er trank wie ein Schwamm, ohne 1 5 en daß man ihm etwas anmerkte und es iſt immer ein as Vergnügen, einen Mann zu ſehen, den der Wein ich nicht umwirft. Ach, Doctor, Sie tranken nicht, da, Sie— gaben nur zu trinken. Ich kann nicht ohne Lachen an das berühmte Lebenselirir denken.“ he Das hagere Geſicht des Portugieſen verzerrte für ſich. nn„Und mein Laboratorium!“ ſprach Van Praet den weiter.„Meine Beine ſind jetzt ſteif und ich habe hte noch nicht den Muth gehabt, die hundert Stufen d des Thurmes hinaufzuſteigen.. Aber ich muß es and noch einmal ſehen.“ ett„Ich glaubte, Sie wären ſchon oben geweſen?“ nan flüſterte ihm der Portugieſe zu,„denn die Landleute erzählen, ſie hätten in den letzten Nächten oben auf dem Thurme Licht geſehen.“ R„Wirklich?“ rief der Holländer aus.„Man en wird einen Diener da einquartirt haben.“ ler„Ich habe mich erkundiget, es wohnt Nie⸗ dar mand da.“ ih Klaus horchte und Van Pract rieb ſich die Hände. „Die Geſchichte klingt ja ganz ſchauerlich!“ ſagte er.„Wer weiß, ob nicht der Böſe ſein Do⸗ mieil da aufgeſchlagen hat. Aber wir ſind nicht hier verſammelt, um von ſolchen albernen Dingen zu reden. Ich wundere mich, daß Reinhold noch X. 9 126 nicht auf ſeinem Poſten iſt. Er hat uns doch zu⸗ ſammenberufen.“ „Der Grund dieſer Berufung läßt ſich leicht erra⸗ then,“ ſagte der Doctor;„es ſoll wieder und immer wieder von dem Knaben geſprochen werden, der uns wie ein Aal durch die Finger ſchlüpft. Wenn man bis jetzt weniger geredet hätte, würde man vielleicht heſſer haben handeln können.“ „Mir iſt der junge Mann da nicht im Wege,“ ſagte Van Praet,„und Reinhold wie unſere liebe Sarah haben ja auch gethan was ſie konnten.“ Die Frau von Laurens richtete ihr nachdenkendes Haupt ziemlich raſch empor als ſie ihren Namen nen⸗ nen hörte und Fabricius nickte ihr freundlich lächelnd zu. „Was giebt's?“ fragte ſie. „Wir ſprachen von dem jungen Franz,“ ant⸗ wortete der Holländer,„und ich für meinen Theil ſage, daß ich gern tauſend Gulden auf ihn wette. Wir nennen ihn den Sohn des Teufels und ich glaube, dieſer Name bringt ihm Glück. Sein Vater ſcheint ihn nicht aus den Augen zu laſſen.“ „Er hat andere Beſchützer!“ ſprach die Frau von Laurens leiſe. „Ach!“ ſeufzte der Holländer,„wenn ich ſtark und tapfer wäre, wie unſer Freund der Ungar da, würde ich die Geſellſchaft nicht ſo lange in Verlegen⸗ al 127 heit laſſen. Beim Teufel, ich hätte längſt ſchon Streit mit ihm geſucht, um einen Vorwand zu fin⸗ den, ihn in die andere Welt zu ſchicken.“ Mira und die Kleine ſahen den Holländer ver⸗ wundert an, denn ein ſolches Verfahren lag gar nicht in ſeinem Character. Er blinzelte ihnen zu, um anzudeuten, daß er nur die Abſicht habe, den Ungar aufzureizen, aber dieſer ſchien gar nicht auf ihn zu hören. „Weiß Jemand von Ihnen,“ fragte mit einem Male die Frau von Laurens,„etwas von der An⸗ kunft des Baron von Rodach hier?“ Klaus, der eben das Tiſchtuch zuſammenlegte, erſchrak. Van Praet und Mira machten große Augen. „Der Baron von Rodach?“ fragten alle drei gleichzeitig. „Was denken Sie, meine Schöne!“ ſetzte der Holländer hinzu.„Noch geſtern haben wir Geld und einen Brief von dem Baron aus Paris erhalten.“ „Was beweiſet dies?“ fragte Sarah. „Es ſcheint mir doch..“ „Solche Kraftſtücke ſind Kinderſpiel für ihn. Haben Sie das noch immer ungelöſete Räthſel ver— geſſen? Haben Sie vergeſſen, daß er in Paris, in London und Amſterdam faſt zu gleicher Zeit war?“ ——— 128 „Wenn ich mich in Frankfurt von der Anweſen⸗ heit der drei Baſtarde nicht überzeugt hätte..““ begann der Doctor.“ „Nun ja, wir haben uns überzeugt,“ antwor⸗ tete Sarah.„Aber es iſt minder ſchwer gleichzeitig in Paris und in Geldberg zu ſein als in Paris, London und Amſterdam.“ Yanos nickte. „Von einem Wunder darf man nicht auf das andere ſchließen,“ fiel Fabricius ein, deſſen Heiter— keit aber doch ein wenig zu ſchwinden begann. „Was aber veranlaßt Sie zu dem Glauben?“ fragte der Doctor die Frau von Laurens. Dieſe hatte den heitern Ausdruck verloren, der ſonſt immer in ihren Zügen lag. „Ich bin der Meinung,“ unterbrach ſie den Doctor,„daß der Baron von Rodach uns nach Geldberg gefolgt und ſeit unſerer Ankunft aus der Nähe des Schloſſes nicht gewichen iſt.“ „Aber welches Intereſſe..?“wollte Joſe Mira fragen. Die Kleine zoͤgerte einen Augenblick, dann ſagte ſie: „Ich ſchwankte lange und habe mir die Frage, welche Sie an mich richten, häufig ſelbſt vorgelegt. Heute vermag ich eben ſo wenig darauf zu antwor⸗ ten als geſtern. Aber ſeit wir in Geldberg ſind, 27 129 befindet ſich zwiſchen uns und Franz ein geheimniß⸗ voller Schirm und Schutz, an welchem alle unſere Bemühungen abprallen.“ „Kann man nicht dem Zufalle..2“ wollte Van Praet ſagen. „Allerdings,“ fuhr die Kleine fort;„der Zu⸗ fall ſpielt ſeine Rolle in allem und der Herr Franz hat Glück, ich weiß es. Aber der Zufall iſt für Jedermann und wenn er allein im Kampfe thätig geweſen wäre, würden wir wenigſtens eine Partie gewonnen haben. Hören Sie! Wenn es noch eines Beweiſes für das Daſein eines mächtigen Beſchützers in dieſem Kampfe bedürfte, würde ich das ſeltſame Schauſpiel erwähnen, das wir bei dem Feuerwerke vor uns hatten. Hat der Zufall den Mörſer anders gerichtet, als er von geübten Händen aufgeſtellt war? Hat der Zufall die unerwartete Erſcheinung der drei rothen Männer herbeigeführt?“ Van Praet und Mira wußten darauf nichts zu antworten; der Ungar hörte aufmerkſam zu und Klaus räumte noch immer ab, um ſeine Anweſen⸗ heit im Zimmer zu verlängern. „Erinnern Sie ſich,“ fuhr Sarah fort;„die Verwundung Verdiers im Boulogner Wäldchen traf genau mit der Ankunft des Barons in Paris zuſam⸗ men.. Am Faſtnachtmontage fand das Duell 130 ſtatt und Mittags erſchien der Baron zum erſten Male in dem Hauſe Geldberg.“ „Es iſt wahr,“ ſagte der Doctor,„aber man müßte doch andere Beweiſe haben.. Der Mann hat uns ſo große Dienſte geleiſtet.“ „Wir Frauen,“ erwiderte die Kleine,„wiegen die Gründe nicht ſo ab wie Sie; die welche Sie gering ſchätzen, ſtellen wir oft in die erſte Reihe und häufig halten wir für wichtiger noch als Beweiſe die plötz⸗ lichen Eingebungen, die geheimen Ahnungen, die Sie zurückweiſen.. Ich habe nichts um Sie zu über⸗ zeugen, aber wenn ich an eine gewiſſe Unterredung denke, die ich in Paris mit dem Baron von Rodach hatte, erinnere ich mich mehrerer Umſtände, welche mir damals nicht auffielen.. Wir ſprachen von Franz und von Verdier..“ „Wie war dies möglich?“ fragte der Doctor mißtrauiſch. „Es geſchah und ich erinnere mich, daß der Mann etwas an ſich hatte, das Furcht in mir erregte. Er verſprach mir ſich mit Franz zu ſchlagen. Dieſes Verſprechen ſelbſt und die Art, wie er es gab, begründen zum großen Theil meine Ueberzeugung. Und iſt nicht eins gewiß? Er hat uns alle hintergangen, Sie Doctor, Sie Van Praet und Sie Yanos.“ Der Ungar ſeufzete tief. 131 „Wie den Ritter von Reinhold,“ fuhr Sarah fort,„meinen Bruder und mich ſelbſt. Können wir noch zweifeln, daß dieſer Mann unſer Feind iſt?“ „Ich hoffe, daß er unſer Aſſocié werde,“ ſagte der Doctor. „Eher wird er unſer Erbe werden,“ entgegnete Sarah.„Er unterſtützt uns, damit unſer Nachlaß deſto reichlicher ausfalle.. Es gehen ſeltſame Dinge hier vor und es laufen Gerüchte unter den Leuten in der Umgegend.. Dieſe Gerüchte, welche uns ſämmtlich mit dem Tode drohen, ſind nicht von ſelbſt entſtanden; man hat ſie ausgeſtreuet.“ „Wer?“ „Der Ritter weiß dieſe Dinge ſo gut als ich. Sagten Sie nicht eben, die Landleute wollten Licht oben auf dem alten Thurme geſehen haben? Nun, wenn Sie in den alten Sagen bewandert ſind, ſo wird Ihnen auch die älteſte und albernſte nicht unbekannt ſein, welche dieſes Licht— die Seele Bluthaupts nennt.“ „Ich erinnere mich,“ entgegnete Van Praet, „man ſagte dies zu meiner Zeit.“ „Und man ſagt es noch,“ fuhr die Kleine fort. „Aber das iſt nicht das Wichtigſte; man hat in dem Dorfe und Walde Leute aus Paris geſehen.“ „Ah!“ fiel der Doctor ein. 132 „Leute aus dem Temple,“ ſetzte die Frau von Laurens hinzu,„jene Deutſche, welche ſonſt ihre Heimath verließen, um unſerer Familie nicht zu dienen.“ Klaus verließ das Zimmer, aber Niemand be⸗ merkte, daß er die Thür nur anlehnte. „Dieſe Leute aus Paris,“ fuhr Sarah fort, „hängen wie man mir erzählt hat, mit Leib und Seele an ihrem alten Herrn und ich glaube, daß ſich der Baron mit ihnen und Franz verbunden hat, um nach dem Siege unſere Hinterlaſſenſchaft zu theilen.“ „Sollte der junge Mann ſeine Herkunft kennen? fragte Franz. „Ich fürchte es,“ entgegnete die Kleine. „Und wir konnten ihn nicht..“ ſeufzte Van Praet. „Wir werden es weiter verſuchen,“ ſagte die Frau von Laurens;„wenn ich ein Mann wäre, bedürfte es nur eines Verſuchs.“ „Nanos,“ ſagte Van Praet,„Sie hören alles; bedenken Sie, daß Sie eben ſo bedrohet ſind wie wir.“ „Ich warte,“ antwortete er,„ich bin bereit; ich warte, daß man mir ſage, wo dieſer Mann iſt.⸗ 133 on„Sie fragen wo er iſt?“ entgegnete Sarah; hree„Sie begegnen ihm ja alle Tage und letzthin waren zu Sie bei Tiſche nur durch meine Schweſter Lea von ihm getrennt? 1 bt⸗„Sie ſprechen wieder von dieſem Knaben?“ „Von wem ſonſt?“ „Ich dachte an einen andern. Können Sie rt 1 mir ſagen, wo der Baron von Rodach ſich ver— IrA27* 1 birgt? 1„Ich hoffe es zu können.“ zu„Nichts übereilt!“ fiel Van Praet ein;„dieſer Mann hat gegen uns andere Waffen als ſeinen n Degen.“ „Das Käſtchen!“ flüſterte der Doctor.„Es liegt in ſichern Händen in Paris und enthält Dinge, 3 welche uns alle ins Verderben ſtürzen können.“ „Mir gleichviel,“ rief der Ungar aus.„Die⸗ ſer Rodach hat mich beleidiget und wenn das Käſt⸗ chen ein Todesurtheil enthielte..“ „Es könnte wohl etwas der Art ſein,“ antwor⸗ tete die füße. Stimme Reinholds,„aber ängſtigen Sie ſich nicht.. Ihr und unſer Todesurtheil iſt jetzt in guten Händen.“ Der Ritter hatte ein Packet unter dem Palletot. „Ich bitte tauſendmal um Entſchuldigung wegen meiner Zögerung,“ ſagte er,„und ich hoffe, Sie 134 werden mir verzeihen, denn ich habe meine Zeit gut angewendet.“ „Was ſagten Sie von dem Inhalte des Käſt⸗ chens?“ fragten Mira und Van Praet gleichzeitig. „Habe ich von dem Inhalte des Käſtchens geſprochen?“ entgegnete er nachläſſig;„es iſt möglich.“ „Hätten Sie es am Ende gar..?“ begann die Frau von Laurens. „Schöne Frau,“ entgegnete Reinhold,„gedul⸗ digen Sie ſich einen Augenblick, ich beſchwöre Sie. Wenn Sie wüßten, was ich dieſen Vormittag ſchon gethan habe, würden Sie Mitleid mit mir haben.“ „Aber Sie ſagten,“ begann Van Praet. „Lieber Freund, ich bitte um Gnade, ich ſagte, der tapfere Yanos könne ſich in aller Gewiſſensruhe mit dem dreifachen Schurken Rodach ſchlagen.“ „Um Gotteswillen erklären Sie ſich näher,“ bat Sarah. „Nicht eher, als bis ich Ihnen meine Huldi— gungen dargebracht habe, ſchöne Frau. Wie befin⸗ den Sie ſich?“ Sarah zog ungeduldig die Stirn in Falten, aber Reinhold lächelte nur um ſo vergnügter. Alle Augen waren auf ihn gerichtet und er wei— dete ſich im höchſten Grade an dieſer geſpannten Anfmerkſamkeit. 71 135 Die Andern, welche ihn genau kannten, ſchwie⸗ gen; ſie wußten, daß ſie ihn am ſicherſten zum Sprechen brächten, wenn ſie ihn nicht fragten. „Ich glaube wirklich dieſen Morgen ein vortreff⸗ liches Geſchäft gemacht zu haben, d. h. ich glaube es nicht blos, ſondern es iſt gewiß. Ohne Scherz, es handelte ſich um ein ſehr ernſte Sache. Denken Sie ſich. Ich war dieſen Morgen ausgegangen, um mit dem Weinſchenken Johann zu reden und unſere Leute auszuſchelten, denn die Sache zieht ſich unangenehm in die Länge und wenn wir den kleinen Menſchen nach Paris zurückkehren laſſen, ſo weiß Gott, wann wir ihn wieder in unſere Hände be⸗ kommen.“ „Guter Freund, das wiſſen wir ſo gut wie Sie,“ fiel Van Praet ein,„„alſo.. „Geduld! Der Mann war fortgegangen wie der Malou und Pitois, die viel reden, aber wenig thun. Nur der arme Teufel, der alte Fritz, war da und trank; ich ließ ihn ſitzen und ging nach dem Dorfe zu, weil ich Einen unſerer Leute unterwegs zu treffen glaubte. „In der Mitte des Weges bemerkte ich, etwa zwanzig Schritte vor mir, auf einem Steine ein ſo ſeltſames menſchliches Weſen, daß ich Anfangs kaum meinen Augen zu trauen wagte. Er war ein 136 Knabe von zwölf bis dreizehn Jahren, wie die Arbei⸗ ter in Paris gekleidet und er ſang monoton: Vater Hans hat das Käſtchen wohl Auf den Schrank hinaufgeſtellt.“ „Ich errathe immer noch nicht,“ unterbrach ihn der Doctor,„welches Intereſſe alles das für uns haben kann.“ Reinhold aber antwortete noch ſtolzer: „Das werden Sie ſogleich ſehen.“ Paul Fevals Werke. Deutſ ch von Dr. A. Diezmann. Elfter Band. — Leipzig: Otto Wigand. (Eigenthum der Vereins⸗ Verlagsbuchhandlung.) 187447. Der Sohn des Teufels. Von Paul Feval. Deutſch von Dr. A. Diezmann. Elfter Band. Leipzig: Otto Wigand. (Eigenthum der Vereins⸗Verlagsbuchhandlung.) 1847. Siebentes Kapitel. Der Triumph Reinholds. Der Ritter klopfte auf ſeinen Palletot auf der Stelle, wo er etwas verſteckt zu haben ſchien. „Sie werden ſogleich ſehen,“ wiederholte er. „Je näher ich kam, um ſo deutlicher wurde es mir dieſen mißgeſtalteten Knaben bereits irgendwo geſehen zu haben und endlich erinnerte ich mich genau, daß ich den armen Teufel im Temple bemerkt habe.. Halten Sie das nicht für einen ſeltſamen Anfang, Doctor?“ „Nein,“ antwortete der ernſte Portugieſe. „So ſchweige ich,“ erwiederte der Ritter von Reinhold;„ich will Sie nicht um Ihre koſtbare Zeit bringen.“ „Handelt es ſich in Ihrer Geſchichte um den Baron von Rodach?“ fragte der Ungar Yanos. XI. 1 „Hauptſächlich, werther Herr.“ „So höoöre ich Ihnen zu.. Fahren Sie fort.“ Reinhold nahm dieſe Bemerkung wie das ſchmei— chelhafteſte Compliment hin. „Ich kürze meine Geſchichte ab,“ fuhr er fort, „um Ihre Neugierde um ſo ſchneller zu befriedigen, aber ich mache Sie im Voraus darauf aufmerkſam, daß nicht blos Ihre Neugierde befriediget werden wird.. Sobald ich den unglüͤcklichen Knaben er⸗ kannte, der blödſinnig iſt und bettelt und den die Leute im Temple Geignolet nennen, ging ich raſcher, um zu ihm zu gelangen. „Eben als ich ihn faſt erreicht hatte, mochte ihm etwas durch den armen Kopf gehen; er ſprang über das Gebüſch am Steine und legte ſich in das Gras. Ich war nur noch durch eine Hecke von ihm getrennt und konnte alles ſehen, was er trieb. Er ſang nicht mehr; er hatte den Hals einer dicken Flaſche in den Mund genommen und trank gierig. „Als er fertig war, nahm er unter ſeiner Blouſe ein Packet von Papieren hervor, die er im Graſe um ſich her legte.. Ich ſah ſo aufmerkſam als möglich hin und— rathet einmal, was ich ſah.“ „Verſchonen Sie uns damit, Herr Ritter,“ fiel die Frau von Laurens ein. „Ich bin begierig,“ entgegnete der Ungar. Reinhold zögerte einen Augenblick und ſchwankte 7 zwiſchen dem Wunſche, Yanos durch ſchnellen Ge⸗ horſam zu ſchmeicheln und der Luſt, ſeine Erzählung recht weit ausgeſponnen vorzutragen. Er war ſeines Erfolges ſicher und wollte denſelben vollſtändig genießen. „Es genüge Ihnen vor der Hand zu wiſſen,“ ſagte er endlich,„daß dieſe Papiere von der Art waren, daß ich für ſie auf der Stelle 50,000 Thlr. bezahlt hätte.“ „Der Teufel!“ ſiel Van Praet ein. „Welche Thorheit!“ murmelte der Portugieſe. „Ich ſchritt entſchloſſen durch die Hecke, um den Blödſinnigen unerwartet zu überfallen. Mein Er⸗ ſcheinen erſchreckte ihn aber nicht; er blieb im Graſe neben ſeinen Papieren liegen.— Sieh, ſagte er nur, da iſt auch der Herr. So nennt man mich nämlich im Temple. „Woher haſt Du dieſe Papiere, Geignolet?“ fragte ich ihn ernſt und ſtreng. Er ſah mich mit ſeinen matten Augen an. „Ich bin groͤßer als Sie,“ antwortete er, „und wenn Sie mir etwas zu Leide thun wollen, werfe ich Sie in das Loch.“ „Ich will Dir nichts zu Leide thun, armer Burſche, aber ich habe dieſe alten Papiere ſehr gern und wenn Du willſt, kaufe ich ſie Dir ab.“ 1* „Wie viel geben Sie mir?“ fragte der Blöd⸗ ſinnige, deſſen Augen zu funkeln begannen. „So viel Du haben willſt.“ Er hielt die beiden Hände hohl zuſammen und ſchüttelte den Kopf, denn ſie ſchienen nicht genug faſſen zu können. „Meine Mütze voll Sous! rief er endlich aus. „Die ſollſt Du haben,“ entgegnete ich und nahm aus der Taſche drei oder vier Fünffrancſtücke, welche gewiß dem verlangten Preiſe entſprachen; aber der Blödſinnige war nicht derſelben Meinung. Er ſchüttelte den Kopf und zeigte auf ſeine Mütze.. Ich mußte wieder fortgehen und mir kleines Geld einwechſeln. „Und Sie bekamen die Papier als Sie zurück— kehrten?“ fragte die Kleine. „Geduld, ſchöne Frau!“ „Ich habe keine Geduld mehr,“ ſagte ſeiner Seits der Ungar. Reinhold ſchlug wie ungern ſeinen Palletot aus⸗ einander. „Da ſind die Papiere,“ ſagte er,..„der In⸗ halt des berühmten Käſtchens.“ Das wirkte wie ein Theatercoup. Alle Anwe⸗ ſenden ſtanden auf. —y 9 „Das Käſtchen des Barons?“ riefen Mira und die Kleine aus. „Mit meinen Wechſeln?“ fragte Van Praet. Nur der Ungar ſprach kein Wort. Die Papiere wurden auf dem Tiſche ausgebrei⸗ tet und man muſterte ſie eilig. Der in dieſen Sa⸗ chen ſehr hell ſehende Van Praet erblickte ſeine Wechſel ſogleich unter etwa dreißig andern Papieren .. Er nahm ſie und legte ſie in ſein Portefeuille, während der Doctor in ſeinem Innern gegen dieſe Unvorſichtigkeit des Ritters ſchalt. Yanos langte ſich ſeine Papiere ebenfalls zu, wenn auch nicht ſo eifrig. Der Ritter Reinhold ſtand neben dieſem Funde wie ein Pfau, der ſein Rad ſchlägt. „Ich muß Ihnen bemerklich machen, meine Her⸗ ren,“ ſagte er,„daß der verteufelte Baron die Wahrheit nicht übertrieb als er ſagte, in dieſem Käſt⸗ 1 chen liege was uns alle verderben müſſe. Da iſt unſere ganze Correſpondenz von 1824, welche er bei dem alten Nesmer gefunden hat.. Nanos, dieſer Brief da iſt von Ihnen.. Hier iſt Ihre Unter⸗ ſchrift, würdiger Van Praet, da die meinige.. Und dieſes Schreiben, ſchöne Frau, welches einen Menſchen an den Galgen bringen könnte, iſt ganz von Ihrem ehrwürdigen Vater geſchrieben.. Seit 10 unſere Verbindung beſteht, kann ſich ſicherlich Nie⸗ mand rühmen ihr einen gleich wichtigen Dienſt ge⸗ leiſtet zu haben.“ „Sie haben allerdings Anſpruch auf unſern Dank,“ ſagte die Frau von Laurens. „Ich bringe Ihnen meinen tiefgefühlten Dank dar, geliebter Freund,“ ſagte Van Praet, der an ſeine wiedererlangten Wechſel dachte. Mira ſchwieg; ſeiner Meinung nach hätte der Ritter alles das, was er gefunden, für ſich behalten ſollen. „Jetzt,“ ſagte die Kleine, welche die Frau nicht war, die ein Ziel aus den Augen verlor,„iſt der Baron von Rodach waffenlos gegen uns und nichts hindert uns, ihn offen anzugreifen. Herr Yanos, ſind Sie noch immer bereit, einen Verſuch zu machen?“ „Man ſage mir nur, wo er iſt,“ entgegnete der Ungar,„und binnen einer Stunde werde ich die Farbe ſeines Blutes geſehen haben.“ Da Sarah zögerte zu antworten, ſo wurde das Lächeln des Ritters wieder ſehr eitel. „Ich ſehe wohl,“ ſagte er,„daß ich Sie auch hier aus der Verlegenheit reißen muß. Hätten Sie mich meine Geſchichte ausfuͤhrlich erzählen laſſen, ſo wuͤrden Sie nicht nöthig haben ſolche Fragen zu thun.“ 11 „Sie wiſſen, wo er iſt?“ fragte Yanos lebhaft. „Mir entgeht wenig, Herr Yanos und trotz der Geringſchätzung, mit der man mich behandelt, kann ich bisweilen recht nützliche Dienſte leiſten.“ „Sprechen Sie, ich bitte dringend darum,“ rief die Kleine aus, welche ihn unverwandt anſah. „Man hat alſo die Gefälligkeit mich jetzt anhö⸗ ren zu wollen? Das iſt mir lieb und ich will nicht grauſam ſein. Ich weiß Folgendes: „Mein Geignolet war dieſen Morgen ſehr mit⸗ theilend geſtimmt; ſchon ehe er den Schatz von Kupfermünzen erhielt, mit welchem ich ihn beglückt habe, hatte ihn ſeine Flaſche geneigt gemacht, dem erſten beſten alles mögliche zu erzählen. Er ſpricht zwar nur die eigenthümliche Templeſprache, aber dieſelbe iſt mir nicht ganz fremd und ſo verſtand ich ihn vollkommen. „Die Wohnung ſeiner Familie ſcheint an die eines Kleiderhändlers Dorn zu ſtoßen, welchen mir der Weinſchenk Johann ſchon längſt als einen der eigenſinnigſten Anhänger der Familie Bluthaupt be⸗ zeichnet hatte. „Dieſer Hans Dorn iſt, beiläufig bemerkt, aller Wahrſcheinlichkeit nach jetzt auch in Deutſch⸗ land. 12 „Der Blödſinnige ſtand am Morgen des Faſt⸗ nachtmontages am Fenſter ſeiner Mutter, als er einen langen Mann zu dem Nachbar gehen ſah. Er wußte, daß dieſer Dorn im Temple in dem Rufe ſtand, viel Geld bei ſich zu haben. „Und Geignolet liebt das Geld, weil er damit ſeine Flaſche füllen kann. „Von ſeinem Fenſter aus blickte er oft neidiſch in das Zimmer Dorns hinein. „An jenem Morgen nun ſah er den langen Mann unter dem Mantel hervor etwas nehmen, das er nicht erkennen konnte, das er aber von weitem für Goldſtücke hielt, weil es in der Sonne ſo ſchön glänzte. „Es war das Käſtchen, welches mit Meſſing⸗ nägeln beſchlagen war. „Dorn ſtellte es auf das oberſte Bret ſeines Schrankes. „Geignolet nun, der gar nicht ſo dumm iſt, wie er ausſieht, machte ein Loch in die Mauer hinter dem Bette Dorns, gelangte Gott weiß wie hinein, machte das Käſtchen auf ohne es zu zerbrechen und ſah ſich ſehr getäuſcht, der arme Teufel als er ſtatt der erwarteten Goldſtücke nichts als altes Papier darin fand. „Er nahm dieſe Papiere in Verzweiflung und 13 mehr um zu ſchaden als ſich eine Güte zu thun, ſchloß das Käſtchen wieder zu, nachdem er es mit Aſche aus dem Ofen gefüllt hatte und entfernte ſich wieder auf dem Wege, auf welchem er gekommen war. „Das Spaßhafte dabei iſt nun, daß der Baron von Rodach jetzt wahrſcheinlich ſein füle iches Käſtchen bei ſich hat, ohne noch zu wiſſen, daß es nichts als Aſche enthält.“ „Das ſagt uns aber noi nicht, wo der Baron iſt,“ bemerkte die Frau von Laurens. „Laſſen Sie Geignolet reden.. Er iſt unſer Orakel.. Geignolet befindet ſich ſeit zwei Tagen in Deutſchland, als er ſchon dreimal dem langen Manne begegnet iſt, welcher das Käſtchen zu Dorn trug.“ „Ah!“ rief der Ungar aus, der geſpannt zu⸗ hörte. „Sie ſehen wohl, daß ich recht gerathen hatte,“ bemerkte die Kleine;„er iſt hier.“ Van Praet war damit beſchäftiget, die Papiere zuſammen zu legen, welche das Käſtchen enthalten hatte. Es fehlten daran nur dieaiecgſel von London und Amſterdam. Mira betrachtete das Packet mit Verdruß; wenn ihm dieſe Waffe in die Hände gefallen wäre, würde er ſie nicht ſo leicht hergegeben haben. 14 „Ich denke, der Geignolet hat mir genug für mein Geld gegeben,“ fuhr Reinhold noch immer mit Siegermiene fort. „Konnte er Ihnen auch die Hauptſache ſagen, die Wohnung des Barons von Rodach?“ fragte die Kleine. „Wir kommen auch dahin, ſchöne Frau. Alle dreimal, als er dem langen Mann begegnete, kam derſelbe aus einem Hauſe, das vier bis fuͤnfhundert Schritte vor dem Dorfe an den Felſen gerade unter demjenigen ſteht, welchen die Leute hier den Neger⸗ kopf nennen. Es iſt zehn gegen eins zu wetten, daß ſich der Baron da verborgen hält.“ Van Praet öffnete ſeinen Secretair und legte das Packet hinein, daß er ſorgſam feſtgebunden hatte. Yanos ging nach der Thüre zu ohne ein Wort zu ſagen. Der Ritter von Reinhold wollte ihn fragen, aber die Kleine drückte ihm bedeutungsvoll ſtark den Arm. „Still,“ ſagte ſie;„er holt ſeine Waffen.“ In dem Augenblicke als der Ungar in das Vor⸗ zimmer trat, war eben Klaus durch eine andere Thür fortgegangen. Er hatte ſeit der Ankunft des Ritters aufmerk⸗ ſam gehorcht, ging nun raſch die Treppe hinunter 15 und lief in einem Corridor hin, welcher die beiden Flügel des Gebäudes mit einander verband. Am Ende des Corridors öffnete er eine Thüre, die in einen kleinen Hof führte, welcher gar nicht benutzt wurde. Dieſer Hof grenzte an der einen Seite an den Wall, an der andern an die Hinterſeite der Kapelle. Klaus ſah ſich beſorgt um, damit ihn Niemand belauſche. Der Hof war öde wie der Theil des Walles, an den er ſtieß. Klaus trat in die Kapelle hin, die ganz verfal⸗ len war, ſchritt durch dieſelbe hindurch in den Chor, öffnete eine kleine Thür hinter dem Altare und ſtieg auf den ſteilen feuchten Stufen einer Treppe hinab in das Grabgewölbe der ehemaligen Grafen von Bluthaupt. Es war dies ein großer von maſſiven Pfeilern getragener Raum, in welchem die Särge ſtanden. Eine mattbrennende Lampe verbreitete ein ſchwa⸗ ches Licht. Klaus bekreuzigte ſich als er eintrat und flüſterte dann: „Sind Sie da?“ 16 Niemand antwortete und Klaus fürchtete ſich unter allen dieſen Leichen. „Sind Sie da?“ fragte er nochmals. Niemand antwortete, aber in der Tiefe entſtand ein Geräuſch und bald zeigten ſich drei menſchliche Geſtalten. Achtes Kapitel. Mono. Am nächſten Tage ſollte der große Maskenball in dem Schloſſe Geldberg gehalten werden und ſchon vom frühen Morgen an herrſchte eine gewiſſe Un⸗ ruhe daſelbſt. Die Damen liefen hin und her, denn die Gäſte hatten Vorbereitungen getroffen manche Gäſte kamen an dieſem Tage erſt an und man hatte Noth, alle unterzubringen. Ein Herr namentlich konnte gar kein Plätzchen finden und end⸗ lich ſprach der Ritter von Reinhold, den man um Rath fragte, von dem Stübchen oben im Thurme, in welchem ſonſt der alte Günther ſein Weſen getrie⸗ ben hatte. Unter den Dienern befanden ſich noch einige, die ſchon bei dem alten Grafen geweſen waren und die natürlich alle Sagen kannten, auch die, daß der 18 letzte Herr von Bluthaupt mit Hülfe des Teufels in jenem Thurme Gold zu machen verſucht habe. Auch erzählte man ſich, daß der übernatürliche Schein, den die Sage die Seele Bluthaupts nannte, in den letzten Nächten ſich von Neuem gezeigt. Nie⸗ mand mochte deshalb in dem alten Thurme hinauf⸗ ſteigen und es währte lange, ehe ſich mehrere ent⸗ ſchloſſen, mit einander das Abenteuer zu beſtehen. Als man endlich an der Thür des Zimmerchens oben ankam und nach langem Zögern den Schlüſſel hineinzuſtecken wagte, glaubte man drinnen ſich etwas bewegen zu horen. Man ſchloß gleichwohl auf, aber die Thür bewegte ſich nicht, wie ſehr man ſich auch daran ſtemmte. Die Dienerſchaft zog wieder ab, Reinhold aber, dem man die Sache erzählte, zuckte die Achſeln und befahl die Thür mit Gewalt zu öffnen. Niemand indeß fand ſich, der dieſe Arbeit übernehmen wollte und Ficelle mußte den Fremden zu ſich nehmen. An demſelben Tage ſtieg aber Klaus hinauf auf den Thurm, ohne daß ihm Jemand darum erſucht hatte. Er trug einen Korb, der Lebensmittel zu enthalten ſchien. Auch öffnete er leicht die Thür und als er wieder herunter kam, hatte er keinen Korb bei ſich. Abends, als die erſten Wagen die auswärts wohnenden Gäſte brachten, befand ſich die Frau von Laurens allein in ihrem Schlafzimmer mit der 19 1 Joſephine Batailleur, der ſie ein Bett neben ihrer ac Wohnung hatte aufſchlagen laſſen und die das Kind 1 bei ſich hatte, das für das ihrige galt. A t Sie beſchäftigte ſich noch mit ihrer Toilette, bei ſie welcher die Batailleur ihr beiſtand. Sie gehoͤrte uuf mit ihrer Schweſter Eſther zu einer Quadrille, ent welche die Hauptperſonen aus„Tauſend und einer m Nacht“ vorſtellte. Die Batailleur ſetzte ihr eben den end hohen Turban auf.„Iſt der Doctor Saulnier an⸗ iſ gekommen?“ fragte die Kleine, nachdem ſie Nono va betrachtet hatte, die in einem weißen Bettchen ſchlief. nu„Ich erwarte ihn,“ antwortete die Batailleur, ſt„und ängſtigen Sie nicht. Ein Kind erholt ſich immer bald wieder. Sobald die Kleine erfährt, daß ber ſie die Tochter einer vornehmen Dame iſi, wird ſie un geſchwind geſund werden.“ and„Ja wird ſie es erfahren?“ ſeufzete Sarah. 1 olt„Es liegt wie ein Fluch auf mir. Nichts gelingt 4 mir mehr; eine geheimnißvolle Hand ſcheint ſich den überall der Erfüllung meiner Wünſche zu widerſetzen. Als ich an Sie ſchrieb, Batailleur, befand ſich mein Mann in einem Zuſtande, daß man ſein Verſchei⸗ den jeden Augenblick erwarten konnte und— am ſh andern Tage fühlte er ſich beſſer als je. Wer weiß, ob er uns nicht alle überlebt! Bisher habe ich keine Ahnungen gehabt und ich ſpottete über alles, was der Verſtand nicht erklären kann; ſeit einer Woche 20 aber habe ich unruhige Nächte; unbekannte Gedan⸗ ken beläſtigen mich; ich fürchte mich.. Sollte es das Gewiſſen ſein?— Wie heiß ſie iſt!“ ſagte ſie, indem ſie an das Bett des Kindes trat.„Sie hat ſo viel gelitten.. Ich wäre das unglücklichſte Weib unter der Sonne, wenn ich ſie verlieren ſollte, denn ich würde mir ſagen, ich ſei Schuld an ihrem Tode . Aber ſie wird nicht ſterben. Sie iſt ſo jung. Judith, meine Judith, wie werde ich mich freuen, wenn ich Dir alles das Gold geben kann, das ich geſammelt habe, um Dein Leben glücklich zu machen.“ In dieſem Augenblicke wurde draußen an die Thür geklopft und der Doctor Saulnier bald her⸗ eingeführt. Er trat an das Bett, betrachtete das Kind und ſchüttelte den Kopf. Sarah hatte ſich ent⸗ fernt, weil das Kind noch immer für das der Ba⸗ tailleur gelten ſollte. „Ich muß vor Allem die Bruſt des Kindes ſehen,“ ſagte der Arzt;„leuchten Sie mir. „Was iſt das?“ fuhr er fort und er zeigte auf blaue Flecken auf der Bruſt des Kindes.„Sollten Sie..2 „Ich? Eher wollte ich den erwürgen, der Hand an das Kind legte.“ „War es nicht bei Ihnen?“ all lten and 21 „Ich bin eine arme Frau. Das Kind war bei dem alten Araby.“ „Heute kann ich nichts thun,“ ſetzte der Doc⸗ tor hinzu und er ſchickte ſich an fortzugehen. „Glauben Sie, daß die Krankheit gefährlich iſt?“ fragte die Batailleur. „Sie iſt ſehr ſchwach.. Indeß in dieſem Alter.. Morgen wird es ſich beſſer beurtheilen laſſen.“ Er ging und Sarah erſchien wieder in dem Zimmer. „Was hat er geſagt?“ fragte ſie. „Nicht viel.. Sie wiſſen ja wie die Aerzte ſind.. Schwäche.. Wachsfieber.. Weiter nichts.“ Die Frau von Laurens athmete freier und damit ſie nicht wieder auf andere Gedanken komme, fragte die Batailleur: „Wollen Sie Ihren Anzug nicht vollenden?“ Sarah hatte den Ball vergeſſen. „Ach wie gern bliebe ich die ganze Nacht hier,“ flüſterte ſie,„um bei ihr zu wachen.“ Sie trat nochmals an das Bett und ehe es die Batailleur hindern konnte, hob ſie das Deckbett auf und fragte:„warum wollte der Doctor die Bruſt des Kindes ſehen?.. Sie betrachtete die blauen Flecke am Körper ihrer Tochter mit Grauen und zwei heiße Thränen rannen XI. 22 über ihre Wangen; aber ſchnell trockneten ſie und der Zorn blitzte in ihren Augen. „Wer hat das gethan?“ fraate ſie in fürchter⸗ lichem K Tone. Die Batailleur zögerte und Sarah wiederholte: „Wer hat das gethan?“ Die Batailleur ſtammelte den Namen Araby. Keine Feder vermag den Haß und Zorn zu ſchil⸗ dern, die in den Zügen Sarahs lagen. „Araby!““ rief ſie aus.„O ich werde ihn fin⸗ den! Aber er iſt es nicht allein und.. ich werde ſie rächen. Er wollte es nicht; er zwang mich, ihr die Thür meines Hauſes zu verſchließen.. Ohne ihn würde ſie nie in die Hände dieſes Unmenſchen gekommen ſein.. Ach, ich glaubte, ihn nicht noch mehr haſſen zu können.. Kommen Sie, Batailleur und helfen Sie mir meinen Anzug vollenden..“ Die Batailleur glaubte zu träumen. Dieſe plötzlich wiederkehrende Ruhe ſetzte ſie in die äußerſte Beſtürzung. Die Toilette Sarahs war beendiget. Sie warf einen Blick in den Spiegel und fand ihr Lächeln wie⸗ der. Sie war reizender als je und Niemand ſah es ihr an, was in ihrem Herzen vorging. Sie verließ endlich das Zimmer, ohne ein Wort zu der Batail⸗ leur zu ſagen. 23 Der Doctor Saulnier, der beſchieden worden war, um Herrn von Lautrens zu behandeln, hatte ein Zimmer neben dem des Kranken inne. Zu ihm ging Sarah. Man weiß, daß er einen Engel an Saibulh und Tugend in ihr ſah. „Ich möchte Sie wegen meines armen Mannes befragen,“ ſagte ſie. „Geben wir die Hoffnung nicht auf,“ begann der Arzt. „Vorher aber eine Frage,“ fuhr Sarah fort. „Waren Sie nicht heute Abend bei der Frau, die ich zu mir genommen habe.“ „Allerdings, ſo eben.“ „Gegen mich können Sie offen ſein; daß Sie der Armen nicht alles geſagt haben, begreife ich. Ich,“ fuhr ſie mit großer Anſtrengung fort,„bin nicht Mutter und mir brauchen Sie nichts zu ver⸗ heimlichen.“ Saulnier ſchüttelte bedenklich den Kopf und Sarah war über dieſe unerwartete Antwort einer Ohnmacht nahe. „Es thut mir leid, ſagte der Arzt,„aber d Bruſtleiden unterliegen.“ „Und iſt gar keine Hoffnung es zu retten?“ ½ wenn ich Sie betrübe,“ das arme Kind wird einem fragte Sarah, die mit größter Anſtrengung ſich be⸗ — 24 „Nein,“ antwortete der Doctor. Sarah ſaß einen Augenblick wie vernichtet von gewaltigem Schmerze da; aber ſie fand bald ihre ungewöhnliche Seelenſtärke wieder und ſagte: „Warum an das Unglück Anderer denken, wenn man ſelbſt zu beklagen iſt! Doctor, mich quälen Gebiſſensbiſſe, wenn ich mich ſo zum Ball geputzt ſehe. Während ich Vergnügen ſuche, leidet mein armer Leon. Ich will Ihnen aber auch alles ſagen, was mich herführt. Es iſt vielleicht ein thörichter Gedanke, aber ich lebe kaum, ſeit dieſer Gedanke über mich gekommen iſt.. Wenn er ſo ſchrecklich leidet.. und es hörte ihn Niemand!“ „Das iſt nicht möglich. Sie ängſtigen ſich ver⸗ geblich. Der Kammerdiener des Herrn von Lau⸗ rens iſt treu und kennt die Verantwortlichkeit, die auf ihm ruht.“ „Wenn es aber doch geſchähe?“ fragte Sarah ungeduldig. „Es iſt nicht möglich, wenn es aber doch ge⸗ ſchähe, wäre wirklich.. ein plötzlicher Todesfall zu fürchten.“ Die Frau von Laurens athmete tief auf. Der Kammerdiener des Herrn von Laurens, Germain, war kein Verächter des Rheinweins.. Es waren kaum einige Minuten ſeit dem Beſuche 2⁵ bei dem Doctor vergangen, die Kleine aber hatte ſte von benutzt, wie man Minuten benutzen muß. hre Sie war allein bei ihrem Manne. Germain befand ſich nicht auf ſeinem Poſten, V enn denn er benutzte die Anweſenheit der Frau von Lau⸗ ilen rens, um hinunter zu gehen und Lebendige zu ſehen. utzt In der Dienſtbotenſtube traf er Malou, der auf ihn nein zu warten ſchien, denn er war Jedermanns Freund gen, im Schloſſe. Man griff natürlich zur Flaſche; der hter arme Germain bedurfte einer Stärkung. anke Die Kleine ſtand am Kamine, als wollte ſie alle lich Reize ihres Wuchſes und Geſichtes auf einmal zei⸗ gen und Laurens betrachtete ſie mit Entzücken. vel⸗ Er war ſeit dem Morgen aufgeſtanden und hoffte aul⸗ feſter als je auf Geneſung. auf„Wie gut Du biſt, daß Duerſt zu mir kommſt,“ ſagte er;„ich hoffte nicht auf dieſen Beſuch.“ dah„Konnte ich auf den Ball gehen, ohne Dich vorher zu ſehen?“ fragte Sarah. 3„Du gehſt ſehr ſchön zu dieſem Feſte,“ ſagte er,„und ich werde Dich da nicht ſehen.. Der Anzug kleidet Dich zum Entzücken und ich habe Dich nie ſo reizend geſehen.“ „Schmeichelei!“ antwortete ſie. „Gewiß nicht. Alle, die Dich ſehen, müſſen Dich lieben und Du wirſt ſchön ſein für alle,— 26 nur nicht für mich. Ich geſtehe Dir meine thörichten Wünſche. Ich möchte auch zu dem Balle gehen.“ „Und warum nicht?“ entgegnete Sarah. „Die Anweſenheit des armen Kranken würde Dich in Deinem Vergnügen ſtören.“ „Im Gegentheil, Deine Anweſenheit würde mich erheitern.. Fühlſt Du Dich kräftig genug, ſo komm; ich bitte Dich ſogar darum.“ Er eilte in ein Nebenzimmer, um ſich einiger— maßen maskenballmäßig anzukleiden und bald er⸗ ſchien er wieder in den weiten Falten eines Brocat⸗ ſchlafrockes. Dann reichte er ihr die Hand, aber ſtatt nach dem Ballſaale zu gehen, führte ſie ihn in ihr Zimmer. „Ich habe meinen Fächer vergeſſen,“ ſagte ſie, „und Du mußt auch eine Maske haben.“ Der Batailleur winkte ſie ſich zu entfernen. Sie blieben beide allein und Sarah verlängerte mit Grauſamkeit abſichtlich dieſes Beiſammenſein. Laurens wurde durch die Schönheit und das bezau⸗ bernde Lächeln ſeiner Frau mehr und mehr aufgeregt; ſein Blut gerieth in Wallung, er verſuchte ſie zu küſſen. „Küſſen? Nein!“ entgegnete ſie kalt.„Haſt Du das Kind vergeſſen? Weiſt Du nicht mehr, daß 27 tet Du mich tief im Herzen verwundet haſt und daß ich 3 nie vergebe? „Ich glaubte, Du hätteſt verziehen,“ ſtammelte dud Laurens. „Erbarmen mit Dir?“ rief ſie aus, indem ſie ünde ſeinen Arm ergriff. Komm!“ nug, Sie zog ihn auf von dem Lehnſtuhle, in welchem er ſaß und in das Nebenzimmer; da blieb ſie vor ſger⸗ dem Bette des Kindes ſtehen und deutete auf deſſen er blaſſes Geſicht. ca„Sieh hier!“ fuhr ſie fort,„und ſage, ob ich Mitleid mit Dir haben kann?“ nach Herr von Laurens war wie vom Blitze getroffen ih und ſeine Augen ſahen bald das Kind, bald Sarah an. Er erkannte das Kind.. nicht an ſeinen Zü⸗ ſe gen, ſondern an den Zügen der Mutter. Es war das erſte Glied jener Kette von Unglück und Leid, die ſo ſchwer auf ſeinem Leben laſtete. Er haßte nur ein Weſen in der Welt— die Tochter Sarahs und gen ſo trat er auch jetzt, halb wahnſinnig, mit geballten jen Händen an das Bett. ezall⸗ 3. 4 ) 3 Aber Sarah ſtellte ſich zwiſchen ihn und das 4n Kind. le J- „Junfzehn Jahre leidet ſie,“ ſprach die Kleine, — indem ſie gerührt auf das Kind blickte,„fünf Jahre länger als Du und was hatte ſie verbrochen?“ 28 Laurens antwortete nicht; er ſchien ſeine Frau kaum zu verſtehen. „Funfzehn Jahre iſt ſie alt,“ fuhr Sarah fort, „die leidenden Kinder wachſen nicht. Die, welche ſie nicht kennen, halten ſie kaum für halb ſo alt. Sie hat ſo viel geweint.. Hätteſt Du ſie in dem Hauſe ihrer Mutter geduldet, würde ſie jetzt groß, groß und ſchön ſein!“ Laurens ſtand noch immer unbeweglich da.: „Ich weiß nicht, ob Du Dich noch erinnerſt; Judith war vier Jahre alt. Ich trat bittend und unterwürfig zu Dir und bat Dich um Verzeihung für mich und für ſie,.. für mich, das Opfer einer Schändlichkeit, für ſie, die das Unglück ihrer Mutter nicht kannte. Du warſt jung und Dir Deiner Kraft bewußt, welche das Geſetz dem Manne über die Frau giebt. Du ſtießeſt mich zurück, Du wareſt unerbittlich. Liebteſt Du mich damals? Ich glaube es. Thor, der Du wareſt! Nach dem Geſetze, das Ihr Männer gemacht habt, hatteſt Du die Macht, mich zu verachten und zu verſtoßen und Du liebteſt mich nur um ſo mehr. Erinnere Dich wohl, daß ich Dich nur einmal gebeten habe. Seit jenem Tage, an welchem unſer beider Schickſal entſchieden wurde, iſt der Name meiner Tochter nicht wieder über meine Lippen gekommen; ich war in den Augen der Welt Deine liebende Frau und nur Dir allein tad olt, lch ali dem T erſt, und ung iner utter iner über areſt rube ſetze, de Dl ohl nen dden eder jgen gein 29 zeigte ich bisweilen den Haß, der in meinem Herzen lag, Niemanden ſonſt und darnach beurtheile, was ich gelitten habe. Ich konnte meine Liebe zu meinem Kinde nicht zeigen.“ Laurens wollte fortgehen. „Bleibe!“ fuhr die Kleine auf, denn ſie war mit ihrer Rache noch nicht zu Ende.„Bleibe, Du mußt heute alles erfahren.. Du biſt verarmt; jetzt eben verkaufen Deine Gläubiger vielleicht Deine Stelle,.. ich aber, ich bin reich, ich beſitze Millio⸗ nen und.. laß Dir es nicht einfallen, die Behörden haben dagegen nichts zu ſagen.. Ich habe mich erkundiget; ich kenne das Geſetz. Mein Vermögen iſt ſoweit Deinen Händen entrückt, als wäre es tief in der Erde vergraben.“ Laurens hatte lange für einen der wohlhabend⸗ ſten Männer gegolten, aber ſein Credit ſank allmä⸗ lig und er wußte.., daß Sarah die Schuld trug. „Für ſie,“ fuhr Sarah fort und ſah nach dem Kinde,„für ſie, für mein Kind, das nicht das Dei⸗ nige iſt, habe ich all dieſes Vermögen auf Deine Koſten geſammelt. Mein Haß gegen Dich iſt meine Liebe zu Judith. Iſt es nicht Zeit, daß die Styön, gewechſelt werden? Geſtern hatteſt Du eine ſchreck⸗ deſſen Thür Du ihr hartherzig verſchloſſeſ gen wird ſie einen Palaſt haben; wirſtgenden der Aufnahme bitten?“ ⸗»Aufopferung 30 Der Wechſelagent ſtützte ſich auf das Bett; ſein Anfall kam und er kämpfte bereits gegen das ſieg⸗ reiche Leiden. „Ich habe noch ſo viel Kraft, um in mein Zim— mer gehen zu können,“ ſagte er;„komm, damit wenigſtens die Welt nichts weiß.“ Sarah zuckte verächtlich die Achſeln. „Die Welt!“ unterbrach ſie ihn;„Du weiſt wohl, daß die ſogenannte Welt taub und blind iſt, daß ſie nur Augen hat für Täuſchungen, Ohren nur für die Lüge.. Die Welt hält mich für Deine Vorſehung und wenn ſie Dich zu meinen Füßen ſter— ben ſähe, würde Dir ihr Mitleid fehlen. Bleibe!“ „Ich kann nicht, ich kann nicht,“ ſtammelte Laurens, deſſen bläulich werdende Hand krampfhaft das Bett erfaßte. „Ich will es aber.“ „Willſt Du mich ermorden?“ Sarah ſah ihn mit einem fürchterlichen Blicke an. „Du wirſt gerächt, meine Judith!“ fuhr ſie dann fort;„ſiteh dieſen Mann; er iſt ſo unglücklich, wie Du glücklich ſein wirſt.. Seine Beine wanken, dahiſt jung und ſtark..“ Tage, wollte nicht geſtehen, was ihre Tochter be— wurde ſie wollte den Sieg ganz genießen. über mein“ ſprach ſie weiter,„ſieh dieſen Mann, der Welt Tl Leid bereitet hat.. Er ſträubt ſich 31 1 gegen die Strafe, die ihn zu Boden drückt und Du 9.. Du haſt Deine Tage des Leidens überſtanden, haſt nun lange Jahre in Glück und Freude zu leben. ſ⸗ Ach, wie liebe ich Dich und wie haſſe ich ihn!“ ni Laurens konnte ſich kaum auf den Füßen halten und da die Comödie zu Ende geſpielt war, faßte ihn Sarah und ſagte: iſ„Nun komm; beherrſche Dich; ich werde Dich ſ, in Dein Zimmer führen.“ en Es iſt bekannt, daß ein kräftiger Wille in Ner⸗ ne venkrankheiten die drohende Kriſis auf einige Zeit r⸗ zurückhalten kann. Es gelang dem Herrn von Lau⸗ 4 rens langſam mit Hilfe ſeiner Frau nach der Thür lte zu und hinaus zu gehen. ft Nono, die arme Ausläuferin des alten Araby, wußte nicht, was an ihrem Bette geſchehen war; ſie lag in ruhigem Schlummer. Auf dem Corridor begegneten Herr und Frau n. von Laurens einigen Gäſten, die in den Ballſaal ſt hinunter gingen. — Die Kleine hatte ihre Engelsmiene wieder ange⸗ nommen als ſie ſo ihren Mann im Gehen unter⸗ ſtützte; man bewunderte ſie, als man ſie ſo ſchön, ſo pflichtgetreu dem Mann ergeben ſah, deſſen ſchreck⸗ liches Leiden ſich Jahre lang hinzog. Was auch die Dichter von den Tugenden der Frauen ſagen mögen, man findet ſolche Aufopferung 32 ſelten. Die Zärtlichkeit nutzt ſich gewiſſermaßen ab. Die Selbſtverläugnung ermüdet und Sarah ſpielte die Rolle des Schutzengels ſchon ſo lange. Als der Herr von Laurens in ſein Zimmer ge⸗ kommen war, hatte er noch die Kraft, auf ſein Bett zu ſteigen, aber kaum berührte ſein Kopf das Kiſſen, ſo begann der Anfall ſo heftig und fürchterlich wie noch nie vorher. Germain war zurückgekommen und Sarah befand ſich allein in dem Zimmer des Kranken. So lange der ſchreckliche Anfall dauerte, konnte man in ihren Zügen weder Angſt noch Mitleid ſehen. Nach einer langen halben Stunde ließen die Zuckungen nach und Laurens lag wie gewöhnlich regungslos in ſeinem Bette. Sarah zog die Vorhänge zu. In dieſem Augenblick wurde geklopft. Es war die Gräfin Eſther mit ihrem Verlobten Julian und zwei oder drei Andern, welche Sarah abholen wollten. „Nun, Kleine,“ ſagte Eſther,„wir warten ſeit einer Stunde auf Dich.“ „Still!“ antwortete Sarah indem ſie auf das Bett zeigte;„ich laſſe ihn nicht gern allein, bevor er eingeſchlafen iſt. Jetzt folge ich; er ſchläft.“ Alle gingen hinaus und Sarah ſchloß die Thür zu. 33 6. Einige Augenblicke darauf kam Germain zurück, t halb betrunken. Er blieb einen Augenblick vor der verſchloſſenen Thür ſtehen, dann ging er wieder hin— ze⸗ unter, da er gern den Vorwand ergriff, noch eine 1 Flaſche leeren zu helfen. n, Wieder einige Augenblicke ſpäter hätte man in vi dem Zimmer des Herrn von Laurens ſchwache Klage⸗ töne einige Minuten lang hören können. nd Dann trat völlige Stille ein, die nur durch hei⸗ gt tere Muſikklänge von Zeit zu Zeit aus dem Ball⸗ ſaale herauf unterbrochen wurden. Neuntes Kapitel. Der Mashenball. Der Ballſaal, der ehemalige Gerichtsſaal von Bluthaupt, gewährte einen wahrhaft zauberiſchen Anblick; Feuerlinien bezeichneten die ſeltſame Ar⸗ chitectur der Pfeiler und endloſe Guirlanden ſchweb⸗ ten an den Wänden, deren Riſſe und Sprünge unter reichem Sammetbehange verſteckt waren. Alles blitzte und glänzte; das Gold ſpiegelte ſich in den Cryſtallgläſern und von der Schwelle aus ſah man gleichſam einen Funkenregen ader ſich in der lauen duftigen Atmoſphäre bewegte. Dann erkannte man den lebendigen Theil des Schauſpieles: die mit Gold bedeckten Herrir'in den Trachten aller Zeiten und aller Länder und die mit Diamanten geſchmückten Damen. 35 Vier Quadrillen namentlich zogen die Aufmerk⸗ ſamkeit auf ſich, deren eine aus den Erzählungen der„Tauſend und eine Nacht,“ die zweite den barocken Einfällen der Schneider-Mandarinen des himmliſchen Reiches, die dritte dem ſeltſamen Ge⸗ ſchmacke der Renaiſſance und dle vierte endlich der Eleganz der Zeit Ludwigs XIII. entlehnt war. Auf den erſten Anblick war Niemand zu erken⸗ nen; alle Geſichter verſchwanden unter der Maske und die ungewöhnlichen Anzüge machten die Hal⸗ tung unkenntlich. Mit der Zeit aber würden wir wohl unſere verſchiedenen Bekannten herausgefunden haben. von Der Doctor Joſe Mira, der das lange Gewand gen und die hohe Mütze eines Zauberers trug, führte Ar⸗ eine alte Carricatur mit Reifrock und Falbeln, die lb⸗ keine andere war als die Herzogin der Tatarei, die ſchöne Frau von 1809. Reinhold flatterte als Figaro um die Frau von Audemer, die in ihrem Pampadouranzuge noch recht hübſch ausſah. r Deniſe und Franz gehörten zu der Quadrille aus der Zeit Ludwigs XIII. wie Eſther und Julian zu ſ der orientaliſchen. Der junge Abel hatte den guten Einfall gehabt ſich als Jokey zu kleiden: rothe Jacke, blaue Mütze, b grüner Gürtel, fleiſchfarbige kurze Beinkleider und 36 Stiefeln mit weißen Stolpen. Er begleitete die Marquiſe von Beautravers. Das junge Mädchen, welchem Mirelune den Hof machte, trug einen Strohhut mit blaßblauem Bande und einen Hirtenſtab; ſie pflegte Abends vor dem Einſchlafen Florian zu leſen. Die dicke Bankiersfrau, bei welcher Ficelle oft ſpeiſete, glänzte als Odaliske, aber man ſah an dem Arme dieſer Damen weder Mirelune noch Ficelle. Dagegen bemerkte man bald da bald dort eine Gruppe, welche Aufſehen erregte. Dieſe Gruppe ſollte offenbar die Sage vorſtellen, mit welcher ſich noch immer alle Gäſte beſchäftigten. Sie beſtand aus drei Männern, welche Arm in Arm gingen und in große rothe Mäntel gehüllt waren. Die Frauen fürchteten ſich. Sie waren von ungleicher Größe; die zwei größten gingen gemeſſenen Schrittes, der dritte aber ſchien ſich in ſeinem Anzuge nicht wohl bewegen zu können, er glich einem Pfau der ſich darin blähete. Man bemühete ſich zu ermitteln, wer die drei Perſonen wären, es wollte aber nicht gelingen. Nach einer Stunde trat eine Pauſe ein und der alte Herr von Geldberg erſchien, allein unmaskirt. Er hatte ſich ſeit dem Feſte nur ſelten gezeigt, gleich als ſtelle man ihn zur Verehrung aller aus. 37 Er ſchritt mit ſeinem ehrwürdigen Angeſicht langſam durch den Saal, auf die Arme ſeiner beiden älteren Töchter geſtützt. Er galt für den reichen glücklichen Alten; alle flüſterten um ihn her unbemeſſenes Lob und er ver⸗ galt allen mit herablaſſendem freundlichem Lächeln. Er war ein König, der ſich ſeinem Hofe zu zeigen geruhete. Wenn man recht darüber nachdachte, ſagte man ſich, daß die Familie Geldberg doch einzig in der Welt daſtehe. In der Mitte des Saals gab der Herr von Geldberg ein Zeichen und die Tänze begannen von Neuem, heiterer als je. Während von dem Orcheſter die luſtigen Töne herabſtrömten, trat ein hochgewachſener Mann, deſſen Geſicht gänzlich von einem langen ſchwarzen Barte verhüllt war, welcher ſich unten an ſeine Maske anſchloß, in den Saal, ohne daß er von Jemanden bemerkt wurde. Dieſer Mann, der ſich ſtill in der Menge hin⸗ drängte, ſollte nun ſo großes Aufſehen erregen wie die drei Männer und der alte Herr von Geldberg ſelbſt. Er trug ein langes Gewand mit Kapuze, das um die Hüften durch einen hanfenen Strick zuſam⸗ XI. 3 38 mengehalten wurde. Die, welche ihn zuerſt bemerkten, nannten ihn den Eremiten. Der alte Moſes von Geldberg ſchien ſich über die allgemeine Freude und Heiterkeit zu freuen; er blickte mit glücklichen gutmüthigen Augen auf die Pracht des Balles, der würdige Mann, der Pa⸗ triarch! Er hörte ſein Lob von allen Seiten und dieſer Augenblick mußte unter den ſchönſten Stunden ſeines Lebens in ſeiner Erinnerung bleiben. Der Fremde mit langem Bart, der ſich langſam Bahn durch die Menge brach, ging gerade auf die Gruppe des alten Moſes und deſſen Familie zu. Niemand achtete auf ihn. Nur Abel vertrat ihm den Weg. „Sie können nicht weiter,“ ſagte er.. „Ich will aber weiter,“ antwortete der Eremit. „Sehen Sie denn nicht, wen Sie vor ſich haben?“ fuhr Abel fort indem er die Maske ein wenig lüftete;„die Maskenfreiheit hört auf ſobald es ſich um meinen geehrten Vater handelt.“ Der Eremit legte ſeine Hand auf die Bruſt Abels und ſchob ihn leicht wie ein Kind bei Seite. „Laſſen Sie mich,“ ſprach er leiſe indem er wei⸗ ter ging;„man will Ihrem ehrwürdigen Vater in größerer Nähe ſeine Huldigung darbringen, mein junger Mann.“ Abel betrachtete den Eremiten beſorgt von oben 39 bis unten, denn die Worte, welche er vernommen hatte, weckten undeutliche Erinnerungen in ihm. Aber unter der Maske ändern ſich die Stimmen und Abel wußte nicht, was er denken ſollte. Der Eremit ſchritt zwiſchen der Frau von Lau⸗ rens und dem Doctor Joſe Mira hindurch, blieb vor dem alten Moſes ſtehen und ſtand ſo einen Augenblick mit auf der Bruſt gekreuzten Armen da. Der alte Mann betrachtete in ſeinem zufriedenen Stolze gutmüthig den Unbekannten und glaubte, es ſei der Anfang zu einer neuen Huldigung. Deshalb ſtreckte er wohlgefällig den Kopf vor, um beſſer zu hören, als der Eremit noch einen Schritt auf ihn zu that. Dieſer richtete ſeine Stimme ſo ein, daß ſie nur von dem alten Geldberg gehört werden konnte. Er ſprach ein Wort, nur ein einziges Wort, aber dieſes Wort mußte eine wahre Zauberkraft be⸗ ſitzen, denn an die Stelle des wohlgefälligen Lächelns des Greiſes trat ein Ausdruck des Entſetzens. Seine Beine zitterten und wankten und ſeine Lippen beweg⸗ ten ſich, ohne daß doch ein Wort hörbar wurde. Eſther und Sarah, die ihn ſtützten, fühlten, daß ſeine hagern Arme kramfthaft zitterten. Der Name, welchen der Eremit ausgeſprochen hatte, war ganz einfach der Name des alten Wuche⸗ rers im Temple, welcher auf Pfänder lieh. 1 r f — 40 Der Eremit hatte ſich an das Ohr des reichen Hauptes des Hauſes Geldberg geneigt und ihm leiſe zugeflüſtert: „Araby!⸗⸗ Dieſe drei leiſe geſprochenen Silben hatten den Alten wie Keulenſchläge getroffen. „Herr,“ riefen Eſther und Sarah gleichzeitig aus,„was haben Sie unſerm Vater geſagt?“ Der Eremit ſah eine nach der andern an und verbeugte ſich zweimal mit gravitätiſcher Höflichkeit. „Schöne Frau,“ antwortete er leiſe der Gräfin ſo daß er nur von ihr allein gehört werden konnte, „Brautſtand führt nicht immer zum Eheſtande.“ Und ehe Eſther in ihrer Verlegenheit antworten konnte, wendete ſich der Eremit an Sarah und flü⸗ ſterte dieſer noch leiſer zu: „Ich ſagte, ſchöne Frau, es gehörten bisweilen viele Stöße dazu, um einem Menſchen umzubringen .. Sie haben ein ſicheres Gift gewählt, aber das Warten wird Ihnen doch zu lang, nicht wahr und es dauert Ihnen zu lange bis das offene Grab ſich ſchließt?“ Die Gruppe, welche die Familie Geldberg bil— dete, war in dieſem Augenblicke der Zielpunkt aller Augen. Jedermann konnte die plötzliche große Ver⸗ legenheit des alten Moſes und der beiden Töchter deſſelben bemerken. 41 Eſther und Sarah hatten den Kopf geſenkt ohne zu antworten. Der Alte ſah ſich ſtaunend und ängſt⸗ lich um. Man fragte ſich im Kreiſe:„Wer iſt wohl dieſer Eremit und was mag er geſagt haben, das den guten Alten ſo unangenehm berührte?“ Der Eremit wurde eine wichtige Perſon und man beobachtete ihn mit wachſender Neugierde. Mira, Reinhold und Van Pract ſchauderten einigermaßen, als ſie dieſen Auftritt vor ſich ſahen. Nur der Ungar achtete nicht darauf. Er ſtand vor der Gruppe in ſeiner kriegeriſchen ungariſchen Tracht, die er zum Feſte nur etwas reicher hatte ausſtatten laſſen. Die Maske verhüllte den finſtern Ausdruck ſeines Geſichtes nicht ganz. Er war mit ſeinen Gedanken beſchäftiget und ſah nichts von allem dem, was um ihn her vorging. Der alte Moſes ſtützte ſich ſchwach, einer Ohn⸗ macht nahe, auf den Arm ſeiner beiden zitternden Töchter. „Wir wollen fortgehen,“ ſprach er mit kaum vernehmlicher Stimme.„Wir wollen fortgehen. Herr, Herr Gott, erbarme dich meiner.“ Eſther und Sarah gehorchten und gingen geſenk⸗ ten Hauptes an dem Eremiten vorüber, der noch immer unbeweglich, die Arme auf der Bruſt gekreuzt, da ſtand. Sie waren in der Mitte des Saales und der Weg war lang bis zu einer Thüre deſſelben. Die Menge machte ihnen Platz und man flüſterte erſtaunt. Alle Augen ruheten auf dem Eremiten; man ſchien etwas zu erwarten, denn der ſeltſame Auftritt ſchien ſeine Entwickelung und Erklärung finden zu müſſen. Hinter dem alten Moſes und ſeinen beiden Töch⸗ tern gingen Deniſe und Lea, welche keine Ahnung von dem hatten, was geſchehen war. Der Eremit ergriff die Hand des Fräulein von Audemer, die ſchüchtern zurück trat, und küßte ſie. „Lieben Sie ihn mit ganzer Seele, mein Kind,“ ſagte er zu ihr,„und machen Sie ihn glücklich, wenn Sie ſeine Frau ſind.“ Deniſe wurde glühend roth unter ihrer Maske, denn der Mann fand in dem Herzen eines Jeden den geheimſten Gedanken. Als die beiden Mädchen weiter gehen wollten, vertrat er ihnen den Weg und ſtellte ſich vor Lea. Einige Secunden ſchwieg er.., als drückte eine ſchwere Laſt ſein Herz. Er berührte die Hand Leas nicht, aber er neigte ſich an ihr Ohr und ſprach mit dem Tone des tiefſten Gefuͤhls: der„Armes Kind, morgen werden Sie nicht mehr an das Glück auf Erden glauben; hoffen Sie auf Gott.“ ig Er wendete ſich raſch ab, denn ſeine Stimme nn begann zu beben. trit Moſes von Geldberg und ſeine beiden Töchter 1n gingen unterdeß in dem Saale weiter. Die Huldigung des Hauptes des Hauſes, die bc ſo pomphaft begonnen, hatte ein trauriges Ende genommen.. Tauſend Gerüchte begannen in dem Saale umzulaufen und die albernſten Muthmaßun— gen fanden Glauben. Man ging ſelbſt zum Phan⸗ d taſtiſchen und ſagte der Eremit ſei der ehemalige ir Kaplan von Bluthaupt, der wer weiß woher gekom⸗ d,“ men ſei, um den alten Moſes von Geldberg den wenn Namen ſeiner Herrn zuzuraunen. Jedes Geheimniß verbreitet ſich ja allmälig und aök, trotz der allgemeinen Ehrfurcht, mit welcher man den den alten Moſes behandelte, hatte doch Jedermann von dem tragiſchen Ende der letzten Bluthaupt ſpre⸗ chen hören. llten, Man klagte nicht an; man gab allen dieſen alten Erzählungen unwahrſcheinliche Farben, aber eeint der Verdacht blieb. — Die Aufmerkſamkeit, welche erregt worden war, H mü berührte die Familie offenbar unangenehm. Die 44 Kleine rief den Ritter von Reinhold und ſagte einige Worte leiſe zu ihm. Der Ritter ſtellte ſich auf die Fußſpitzen und gab der Muſik ein Zeichen, worauf ſich der Saal, in welchem eben noch eine gewiſſe Stille geherrſcht hatte, mit den lauteſten harmoniſchen Tönen er⸗ füllte. Es entſtand eine Bewegung; die, welche zu fern geſtanden hatten, um den Auftritt zu ſehen, den wir beſchrieben haben, eilten zu ihren Tänzerinnen und der Ball begann von Neuem. Gleichwohl blieb eine lange Reihe von Neugie⸗ rigen immer da, wo ſich die Glieder der Familie Geldberg befanden. Man war nicht neugierig; man hatte wenig— ſtens einen Vorwand; die Familie hatte ihr Haupt gezeigt, damit man demſelben eine Art feierlicher Huldigung darbringe und man konnte den ehrwür⸗ digen Alten nicht ohne Ehrenbezeugungen fortgehen laſſen,— zumal da der Eremit, der einen Augen⸗ blick zurück geblieben war, von Neuem durch das Gedränge ſchritt und der ſich entfernenden Gruppe ſich wiederum näherte. Sein kleines Drama näherte ſich dem zweiten Acte. Man hatte den Eremiten, nachdem er Lea, die ſich jetzt bleich auf den Arm des Fräulein von Aude⸗ mer ſtützte, einige Worte zugeflüſtert hatte, einen 45 nie Augenblick in Gedanken, wie träumend da ſtehen ſehen. Dann ſchien er plötzlich zu erwachen und 1 d g0 eilte der Familie Geldberg nach. l, i Die Menge der Gäſte, die ſich einen Augenblick rrſc geöffnet hatte, um die Familie durchzulaſſen, ſchloß er ſich wieder; der kräftige Eremit drang aber doch leicht hindurch und ſtand nach einigen Minuten bei jfen Moſes von Geldberg, den jetzt der Doctor Joſe nwi Mira, der Ritter von Reinhold und der Ungar nund Yanos umgaben. Zuerſt blieb der Eremit hinter dem Doctor ſtehen ugi⸗ und man ſah, daß derſelbe erſchrak wie alle, an die ꝛmilt der Eremit bisher das Wort gerichtet hatte. Der Eremit hatte ihn bei Seite geſchoben und leiſe zu ihm enige geſagt: daupt„Weg da, Sie gelehrter Erfinder des Lebens⸗ liche trankes.“ vür⸗ Dieſe Worte verjüngten Mira um zwanzig gehe Jahre. Er ſah alsbald vor ſeinem Geiſt den alten uxer Günther, der in ſeiner zitternden Hand den golde⸗ d nen Becher mit dem Gifttranke hielt. Der Eremit hing ſich an den Arm des Ritters ppt 5 von Reinhold, den es kalt überlief bei dieſer Berüh⸗ rung und der lieber hundert Fuß tief in der Erde 1,1 gelegen hätte. la„Sie ſind ſicher,“ ſagte der Eremit zu ihm, enn„ein armer Mann, Herr Ritter. Sie gaben ſich 46 viel Mühe, um den Inhalt eines gewiſſen Käſtchens zu ſtehlen.“ Die Zähne Reinholds ſchlugen klappernd auf einander und kalter Schweiß trat auf ſeine Stirne. Er hatte nicht einmal die Kraft, um ſich zu ſehen und Faſſung zu ſuchen. Der Eremit öffnete halb ſeine Kutte und der Ritter glaubte, er ſuche einen Dolch. Hätte er nicht entſetzt den Kopf abgewendet, ſo würde er unter der Kutte ein ſeidenes Wamms nach der Mode zur Zeit der Königin Eliſabeth von Eng⸗ land bemerkt haben. Aber die Bewegung des Eremiten war auch ſo raſch, daß der Ritter nichts erblickte. Statt des Dolches zeigte der Eremit ein Packet Papiere. „Der Blödſinnige Geignolet ſtiehlt nicht nur in Paris,“ flüſterte er dem Ritter zu;„er kann auch ein Schloß öffnen. Armer Thor! Sie haben mir alles gelaſſen, was Sie verderben kann, Sie nahmen nur weg, was Ihnen nützlich ſein konnte. Es fehlt nichts als die Wechſel auf das Haus Geldberg.“ Reinhold wollte die Namen Van Praet und Ya⸗ nos nennen, aber er brachte ſie nicht über die Lippen. Seine Angſt war ſo deutlich wie die Neugierde des Kreiſes, der ihn umringte und die Menge drängte ſich immer näher heran. 47 Die Familie Geldberg war jetzt noch einige Schritte von der Thür entfernt und der Ungar, der auf nichts geachtet hatte, betrat bereits die Schwelle. In dem Augenblicke als er hinausſchreiten wollte, ließ der Eremit ſchnell den Arm Reinholds los, ſchob den dicken Van Praet bei Seite und klopfte den Ungar auf die Achſel. Dieſer drehete ſich um. Beide Männer waren groß und ſtark und die Umſtehenden erwarteten, daß dieſe letzte Scene einen andern Ausgang nehmen werde als die andern. Man hätte hundert Eiſenbahnaktien darum gegeben, wäre es zu erfahren geweſen, was der Eremit ſagen würde. „Ein Wort, Herr Georgyi,“ flüſterte der Ere⸗ mit auf der Schwelle. „Was wollen Sie von mir?“ fragte der Ungar. „Ich will Ihnen ſagen,“ antwortete der Ere⸗ mit,„daß Sie ſeit geſtern ſehr muthig den Mann ſuchen, der Ihnen in London einen Beſuch machte.“ Yanos richtete ſich empor wie ein Pferd, das die Sporen fühlt und der Eremit fuhr fort: „Und der ſich Ihrer Frau bediente, um..“ Er konnte nicht weiter ſprechen. Yanos faßte gleichzeitig die beiden Hände des Unbekannten und Reinhold flüſterte ihm zu: 48 „Laſſen Sie ihn nicht wieder los; es iſt der Baron von Rodach.“ „Habe ich ihn endlich!“ rief Yanos laut aus und das waren die erſten Worte, welche die Neugie⸗ rigen hörten; es waren aber auch die letzten. Trotz der ſcheinbaren Stärke des Ungars machte ſich der Eremit wie ſpielend von ihm frei und flüſterte: „Noch iſt es nicht Zeit.“ Dann eilte er in dem Corridor hin und der Un⸗ gar folgte ihm. Anfangs war dies leicht, denn die Gänge waren glänzend erleuchtet, aber der Eremit ſchien in dem Schloſſe genau bekannt zu ſein und als er im Dunkel verſchwand, rief er ſeinem Verfolger zu:„morgen!“ Der Ungar ſtand am Fuße der in den Thurm hinaufführenden Treppe und der Eremit war nirgends zu ſehen. Yanos glaubte, der Boden habe ſich geöffnet, um ſeinen Peiniger aufzunehmen. Das weckte andere grauenhafte Er⸗ innerungen in ihm und er wichſchaudernd zurück. Erſt am Anfange des Ganges ſammelte er ſich wieder und athmete auf als ſei er einer ſeinen Kräf⸗ ten überlegenen Gefahr entgangen. Einige Schritte von ihm brannte eine Lampe und nun erſt fürchtete er ſich nicht. Auch hörte er Tritte. Der Ungar ging auf den Ballſaal zu und ſtand bald —,. 49 vor Van Praet, Reinhold und Mira, welche die Diener zuſammenberufen hatte. „Sie haben ihn nicht eingeholt?“ fragte Rein⸗ hold raſch. Van Praet hob eine Laterne empor, mit der er ſich verſehen hatte, lächelte dem Freunde ins Ge— ſicht und rief aus: „Wie blaß Sie ausſehen, tapferer Freund! Es iſt das erſte Mal, daß ich Sie zittern ſehe. Beſſer hat er Sie wohl auch nicht behandelt als mich,“ fuhr der Holländer leiſer fort, um von den aufhor⸗ chenden Dienern nicht verſtanden zu werden.„Der verfluchte Menſch ſprach von meinen Schmelztiegeln. Er weiß Alles.“ „Alles!“ wiederholte der Doctor mit trübſeli— ger Miene. „Aber wo iſt er?“ fragte Reinhold;„wir ſind jetzt zahlreich, vielleicht..“ „So kommt!“ rief der Ungar aus, der an ſeine Eva dachte und ſich dadurch wieder zum Zorne reizte. Er ſchritt entſchloſſen nach dem Theile des Corridors zu, wo er vorher ſchon entſetzt ſtehen geblieben war. Mit dem Lichte der Laterne Van Praets erkannte man bald einen ſchmalen dunkeln Gang, in welchem ſich die niedrigen Stufen einer Wendeltreppe zeigten. Die Erde hatte ſich alſo nicht geöffnet um den Eremiten aufzunehmen. 50 „Hier iſt es,“ ſagte Yanos. Mira, Reinhold und Van Praet ſahen einander an. Die Treppe führte in den Thurm hinauf. „Wiſſen Sie gewiß, daß er hier verſchwunden iſt, Nanos?“ fragte der Ritter. „Vollkommen gewiß.“ Reinhold ſprach ganz leiſe, als fürchte er, ein aufmerkſames Ohr auf der Wendeltreppe könne ſeine Worte hören. „So haben wir ihn,“ ſagte er. Alle dachten nun an den geheimnißvollen Vor⸗ fall am Morgen und man erklärte ſich jetzt den räth⸗ ſelhaften Widerſtand, den die Diener gefunden hat⸗ ten, als ſie die Thüre oben im Thurme zu öffnen verſuchten. Sie erklärten ſich auch das Gerücht, das in der Gegend umlief und ſagte, die Seele Bluthaupts ſei auf dem Thurme wieder erſchienen. Es wohnte Jemand da, wo ſonſt Van Praet Gold zu machen verſucht hatte, und der Baron von Ro⸗ dach mußte es ſein. Man kannte keinen andern Zugang zu dem Thurme als den, vor welchem man eben ſtand. Van Praet, Reinhold und Mira berathſchlagten und befahlen endlich einem Diener, den Weinſchenk Johann, Malou und Pitois zu holen. Der Ungar höͤrte dieſen Befehl und ſchüttelte den Kopf. 51 „Wenn er vorüber gehen will, werden ſie ihn nicht aufhalten,“ dachte er laut. Aber die Leute wurden zur Wache unten an der Treppe aufgeſtellt und die Verbündeten kehrten in den Ballſaal zurück, wo das Vergnügen bereits jede Spur von dem Vorgefallenen verwiſcht hatte. Abel, Sarah, und Eſther ſchienen ſich zu vervielfältigen, um Jedem zu gefallen und ſelbſt der Doctor Mira ſtrengte ſich an, um den Liebenswürdigen zu ſpielen. Der Ball ſollte die Verlobung der zweiten Toch⸗ ter des Moſes Geld, der ſchönen Gräfin Eſther, mit dem jungen Vicomte Julian v. Audemer feiern, deren Verbindung man nach einigen Wochen in Paris feſtlich begehen wollte. Jedermann fand dieſe Verbindung völlig paſſend. Die Vicomteſſe namentlich nahm die Glückwün⸗ ſche, die ſie von allen Seiten empfing, mit ſtrahlen⸗ dem Geſicht an. Dieſe Heirath war die Erfüllung einer ihrer liebſten Wünſche und nur eins beküm⸗ merte ſie, daß die Verbindung Deniſes mit dem Rit⸗ ter von Reinhold nicht auch ſchon ſo weit vorge⸗ ſchritten ſei.„Aber die Mädchen! die Mädchen!“ ſprach ſie. Der Tanz dauerte heiter fort; bereits fielen einige Masken, denn der Ball hatte den Augenblick erreicht, in welchem auch die Kälteſten warm wer⸗ 52² den und die Aufregung die Schönheit der Frauen verdoppelt. Die Anzüge miſchten ſich zu einem glän⸗ zenden Chaos; heitere und geiſtreiche Worte flogen herüber und hinüber. Ueberall lachte oder träumte man, überall feierte die Liebe ihre Siege. Eſther und Sarah waren noch beiſammen und die erſtere geſtand, daß Julian in der letzten Zeit eine vollſtändige Herrſchaft über ſie erhalten habe, daß deshalb ihr Lebensglück von dieſer Verbindung abhänge. Die Kleine wünſchte ihr Glück dazu und verſpottete ſie zu gleicher Zeit, denn ſie war neidiſch auf das Glück, das ſo nahe und ſo ſicher zu ſein ſchien. Uebrigens ſchenkten ſie einander Vertrauen; Eſther hatte der Schweſter die Worte mitgetheilt, die der Eremit ihr zugeflüſtert und die Frau von Lau⸗ rens eine Fabel erſonnen, um ihr auch etwas ent⸗ decken zu können. Sie erzählte, der Eremit habe auf das langſame Hinſterben ihres Mannes an— geſpielt. „Ich zittere,“ ſagte Eſther.„Wer kann dieſer Mann ſein? Wenn ſeine Drohung in Erfüllung ginge!“ „Ein Eiferſüchtiger iſt er,“ antwortete Sarah. „Und von der Drohung brauchſt Du nichts zu fürchten. Julian liebt Dich und Du biſt reich.“ Auch Deniſe und Lea konnten die Worte des Eremiten nicht vergeſſen. Lea hatte den Ball nur M beſucht, weil es ihr befohlen worden war. Jetzt hing ſie matt und ſchwach am Arme der Freundin und wollte ſich entfernen, denn ſie fühlte ſich von einer Ohnmacht bedrohet. Jene Stimme, welche ihr die Hoffnung nahm, laſtete wie ſchweres Eis auf ihrem Herzen. Als Deniſe allein zu dem Balle zurückkam, trat Franz zu ihr und flüſterte ihr raſch einige Worte zu, denn ſie wurden beide beobachtet und die Frau von Audemer hütete ihre Tochter für den guten Ritter von Reinhold; Julian unterſtützte dabei ſeine Mut— ter, der vom Kopfe bis zu den Füßen Geldberg geworden war und die Bewerbungen ſeines Freundes Franz für einen lächerlichen Roman hielt. Deniſe und Franz hatten ſich einander noch nicht nähern können. Auf die Worte, die Franz der Geliebten zuflü⸗ ſterte, erhielt er zur Antwort ein leiſes Ja und man ſah es, daß Deniſe lächelte. „Sie ſind recht vergnügt,“ ſagte zu Franz, als er ſich entfernte, eine Dame, die ſich an ſeinen Arm hielt. Die Stimme war ihm bekannt und er erröthete wie ein junges Mädchen. Er beklagte wirklich die Frau von Laurens und beſchuldigte ſich, ſie vernachläſſiget zu haben. Er fürchteke und glaubte, daß ſie Viel leide und das machte ihn recht traurig. XI. 4 54 8 „Wie reizend Sie gekleidet ſind,“ ſagte er end⸗ lich, denn Sarah war es, die ſich an ſeinen Arm gehangen hatte,„und wie ſchön Sie in dem Anzuge ausſehen.“ „Ich glaubte, Sie hätten gar nicht Zeit, das zu bemerken,“ antwortete die Kleine im betrübten Tone.„Wir müſſen uns offen gegen einander ausſprechen. Die Ungewißheit, in der ich mich be⸗ finde, iſt mir peinigender als die Erwartung eines Unglücks.“ „Ich verſtehe Sie nicht,“ ſtammelte Franz. „Sie haben mit Fräulein von Audemer ein Stelldichein verabredet.“ „Welcher Einfall!“ „Ich weiß es.“ „Ich verſichere..“ „Warum lügen? Ich weiß doch, daß Sie De⸗ niſe lieben.“ „Nicht im Mindeſten.“ Die Augen Sarahs funkelten. Sie ſtanden eben an einem der Pfeiler, welche die Decke des großen Saales tragen. Die Menge wallte auf und ab. Nur ein Mann ſtand unbeweg⸗ lich an der andern Seite der Säule, ein Mann, der den ſeltſamen Einfall gehabt hatte, als Geſpenſt auf dem Balle zu erſcheinen. Ein langer weißer Schleier verhüllte ihn vom Kopfe bis zu den Füßen. 55⁵ Man hatte ihn erſt ſeit Kurzem in dem Saale bemerkt. Auf die luſtigen Neckereien, mit denen man ihn verfolgte, antwortete er kein Wort,— wie es einem anſtändigen Geſpenſte zukam. Er ging in dem Saale auf und ab und ſchien Jemanden zu ſuchen. Hinter der Säule war er ſeit etwa einer Minute ſtehen geblieben und nun ſchien er die Augen von Franz und Sarah nicht abzuwenden. Nach der Antwort des jungen Franz hatte Sa⸗ rah einige Minuten geſchwiegen. Endlich fragte ſie: „Sie lieben Deniſe nicht?“ „Nein,“ antwortete Franz. „Iſt es wahr?“ „Ich gebe Ihnen ja die Verſicherung.“ „So beweiſen Sie es mir. Ich wette, daß das Stelldichein morgen bei der Fackeljagd ſtattfin⸗ den ſoll.“ „Es iſt von einem Stelldichein gar nicht die Rede,“ fing Franz an, aber Sarah unterbrach ihn mit den Worten: „Es iſt eine ſo vortreffliche Gelegenheit! Nur etwas könnte mich überzeugen, daß Sie mir die Wahrheit ſagen.“ „Was wäre dies?“ „Sie werden es freilich nicht thun.“ „Sprechen Sie es aus.“ —— 56 Sarah und Franz bemerkten das Geſpenſt nicht. „Ich bin eiferſüchtig,“ ſagte die Kleine,„weil ich Sie noch immer liebe; ich fürchte; beruhigen Sie mich alſo.. Ich glaube, Sie haben die Stun⸗ den der Jagd für eine andere beſtimmt, wenn Sie dieſelben mir widmen wollen, fürchte ich nichts mehr und werde wieder glücklich ſein.“ Unter der weißen Hülle des Geſpenſtes hätte man einen ſchmerzlichen Seufzer hören können. „Dieſe Stunden gehören Ihnen wie alle meines Lebens,“ antwortete Franz, der nicht wußte, wie er die Schwierigkeit umgehen ſollte.„Wo ſoll ich Sie treffen?“ „Hinter dem Schloſſe,“ antwortete Sarah, die unter ihrer Maske lächelte,„dort, wo die Ruinen des alten Dorfes Bluthaupt liegen.“ „Und zu welcher Zeit?“ „Eine halbe Stunde nach Beginn der Jagd. „Ich werde mich pünklich einfinden,“ ſagte Franz. Sarah nickte ihm freundlich zu und ver⸗ ſchwand in der Menge. Unter der weißen Hülle des Geſpenſtes klang es wie ein Echo der letzten Worte, welche Franz ſprach. Dann ſchwankte es nach einem Ausgange des Saa⸗ les zu, über die langen Corridore, die Treppe hin⸗ auf, die zu dem Zimmer des Herrn von Laurens führte. 57 Es ſteckte einen Schlüſſel in das Schloß dieſer Thüre und trat ein. In dem Zimmer fiel die Hülle und es zeigte ſich das bleiche Geſicht des Herrn von Laurens ſelbſt. Er ſank auf ſein Bett und ſeine Züge drückten die tödtlichſte Angſt und Qual aus. Lange ſaß er ſo unbeweglich wie erſtarrt da. Dann rannen aus ſeinen eingeſunkenen Augen zwei Thränen langſam über ſeine Wangen. Seine hagere Bruſt hob ſich, ſeine bleichen Lippen öffneten ſich halb und wie ein herzzerreißender Seufzer kamen die Worte hervor: „Und ich liebe ſie doch noch.“ Die Kleine hatte ſich, nachdem ſie Franz ver⸗ laſſen, zu dem Ritter von Reinhold begeben. „Morgen,“ ſagte ſie zu ihm,„nach dem Be— ginn der Jagd, wird er unter den Trümmern des alten Dorfes ſein.“ „Allein?“ fragte der Ritter. „Mit mir.. Nehmen Sie Ihre Maßregeln darnach. „Schöne Frau,“ ſagte der junge Abel zu der Frau Marquiſe von Beautravers, ſeiner Tänzerin, „ich weiß nicht ob ich träume, aber unſere drei rothen Männer ſcheinen ſeit einiger Zeit um drei bis vier Zoll gewachſen zu ſein.“ 58 Die Marquiſe ſah in der angedeuteten Rich⸗ tung hin. „Es iſt wirklich wahr,“ antwortete ſie ſodann. „Wer ſind denn die Herrn?“ Abel ſtrich ſich ſeinen Schnurbart und ſagte: „Das iſt ein großes Geheimniß; mir hat man es nicht einmal anvertraut. Aber ſehen Sie! Da ſpricht Einer mit der Frau Vicomteſſe von Au⸗ demer.“ „Und da nimmt der andere den Arm Ihrer Schweſter, der Gräfin,“ ſiel die Marquiſe ein. „Und der dritte wendet ſich eben an den kleinen Narren, den Franz,“ ſetzte Abel hinzu. Alles dies war wahr. Die drei rothen Män⸗ ner, welche ſeit dem Beginn des Balles eine paſſive Rolle geſpielt hatten, die zu ihrem phantaſtiſchen Anzuge ſehr wenig paßte, ſchienen endlich eingeſehen zu haben, daß es Zeit zum Handeln ſei. Es begann in dieſem Augenblicke eine dreifache Scene, die für den Neugierigen von weitem eine gewiſſe Aehnlichkeit mit jenen des Eremiten hatte. Alle diejenigen, welche von den drei rothen Männern angeredet worden waren, ſchienen ſehr betroffen zu ſein. Der erſte hatte Franz auf die Achſel geklopft und in väterlichem Tone geſagt: „Sie ſind etwas muthwillig, mein Lieber und 59 machen verſtändigen Leuten, die hundertmal mehr bedeuten als Sie, das Herz ſchwer.“ Franz drehete ſich überraſcht um. Unterdeß flüſterte der zweite der rothen Männer dem Bruder Deniſes ins Ohr: „Herr von Audemer,.. Sie ſtammen aus einer edeln und reinen Familie.. Ich kannte Ihren Va⸗ ter und war ſein Freund.“ „Wer Sie auch ſein mögen,“ entgegnete Julian, „dieſe Reden ſcheinen mir zu ernſt für das Coſtüm, das ſie tragen und für den Ort zu ſein, an dem wir uns befinden.“ „Ich hatte weder das Coſtüm noch den Ort zu wählen, Herr Vicomte und ich habe Ihnen aller⸗ dings ſehr ernſte Dinge zu ſagen.“ Der dritte der rothen Männer hatte ſich vor die Vicomteſſe von Audemer geſtellt und ſie dadurch von der Menge getrennt. „Gräfin Helene von Bluthaupt,“ ſagte er in ſtrengem feierlichen Tone zu ihr,„Sie haben alſo alles vergeſſen!“ Deniſe tanzte; der Ritter von Reinhold ſpielte am andern Ende des Saales den Liebenswürdigen und der rothe Mann hatte einen Augenblick gewählt, in welchem die Vicomteſſe von Audemer allein war. Der Name Bluthaupt, den man ihr gab und den ſte ſeit ſo langer Zeit nicht mehr führte, verſetzte 60 ſie mit einemmale mitten in die Vergangenheit zu⸗ rück. Eine Welt von Erinnerungen erwachte plötz⸗ lich in ihrem Geiſte. Trotz ihrem Alter hatte ſie Spuren ihrer kalten blonden Schönheit behalten. Bis dieſen Augenblick hätte man unter ihrer Maske einen ſo blühenden Teint wie den einer jungen Frau ſehen können; ſie war ja ſo glüͤcklich über die reiche Heirath ihres Sohnes und die Freude nahm ihr zwanzig Jahre von ihrem Alter. Die erſten Worte des unbekannten Geheimniß⸗ vollen erſchütterten ſie heftig und ſie erblaßte. „Wer ſind Sie?“ fragte ſie verlegen. „Was liegt daran?“ antwortete der dritte rothe Mann;„ich bin eine Stimme, die von Ihrer er⸗ mordeten Familie ſpricht.“ Die Vicomteſſe begann zu zittern, aber bald richtete ſie ſich ſtolz empor; ſie wollte nicht bemer⸗ ken laſſen was ſie empfand. Ihr Ton erhielt etwas Spöttiſches. „Man hat mir bereits einige Kapitel von die⸗ ſem albernen Romane zugeflüſtert,“ ſagte ſie; „kommen Sie von meinen Brüdern?“ „Ich komme von Ihrem Vater, Madame,“ entgegnete der rothe Mann, der noch langſamer und feierlicher ſprach,„von dem Grafen Ulrich von Bluthaupt, von Ihrer Schweſter der Gräfin Mar⸗ 61 garethe und von Ihrem Gatten Raymond von Au⸗ demer, die alle drei durch Mörders Hand gefallen ſind.“ Die Vicomteſſe verſuchte eine verächtliche Ge⸗ berde zu machen, aber ihr Haupt ſenkte ſich doch, während ihre Wangen wieder purpurroth wurden. Sie mußte ſich auf die Lehne eines Stuhles ſtützen. „Verlaſſen Sie mich, Herr,“ flüſterte ſie; „verlaſſen Sie mich, ich bitte..“ —„Wahrhaftig,“ ſagte unterdeß der Erſte der rothen Männer, der noch immer den Arm des jun⸗ gen Franz hielt,„wenn Sie in irgend einem Win⸗ kel des Waldes von Geldberg todt liegen geblieben wären, hätten Sie es faſt verdient gehabt.“ „Bah!“ unterbrach ihn Franz,„das iſt eine alte Geſchichte und ich kann ſie Ihnen an den Fin⸗ gern herſagen.“ „Eiteler Narr!“ grollte der rothe Mann. „Aber das liegt in der Familie. Sie haben denen, welche über Sie wachten, viele und ſchwere Arbeit gegeben.“ „Wer hat das Recht über mich zu wachen?“ fragte Franz keck. „Verzeihen Sie die große Freiheit, die man ſich nimmt, gnädiger Herr. Man wagte ſich dieſe Er⸗ laubniß zu nehmen und ich denke, man wird ſie ſich noch mehrmals nehmen. Wenn man Sie handeln 62 ließe, ſtürzten Sie ſich lachend in die erſte beſte Schlinge.“ Franz ſtampfte ungeduldig mit dem Fuße. „Ich liebe dieſen Ton nicht,“ ſagte er,„und nichts iſt mir mehr zuwider als wie ein Kind behan⸗ delt zu werden.“ „Gnädiger Herr,“ entgegnete der erſte rothe Mann ohne ſeinen ſpottenden Ton aufzugeben, „erzürnen Sie ſich um des Himmels willen nicht. Man wird Sie ohne Ihre Zuſtimmung zu bewah⸗ ren wiſſen und wenn Sie ſich nur bis morgen Abend in Acht nehmen können. „Nun,“ fiel Franz halb heiter halb ernſt ein, „Sie ſcheinen in allem, was mich betrifft, gut unterrichtet zu ſein.“ „Vollkommen. Aber da fällt mir ein guter Rath ein.. Gehen Sie morgen nicht zur Fackel⸗ jagd.“ „Was fällt Ihnen ein?“ entgegnete Franz lachend. „Ich erwartete dieſe Antwort.. Wenn Sie gehen, ſo verſprechen Sie mir wenigſtens ſich nicht von der Hauptgeſellſchaft zu trennen.“ „Warum.“ „Weil man Zeit gehabt hat, das Gewehr wie⸗ der zu laden, das Ihnen ſchon eine Kugel in die Schulter brachte.“. 63 Der zweite rothe Mann und Julian ſtanden ein⸗ ander gegenüber und das, was man von dem Ge⸗ ſichte des letztern ſah, verrieth Zorn und Unzufrie⸗ denheit. Es ſchien ihm eine Ausforderung auf den Lippen zu ſchweben. Der rothe Mann aber ſagte in ruhigem und kal⸗ tem Tone: „Ich ſpreche nicht für Sie, Herr Vicomte, ſon⸗ dern für Ihren Vater, der mein Wohlthäter war.. Ja ich ſage noch mehr, ich wiederhole, daß ſie die Tochter eines Mörders heirathen wollen.“ „Wiederholen?“ fragte Julian. „Ja, es iſt nicht das erſte Mal, daß ich Sie aufmerkſam mache. In Paris, in der Nacht vom Sonntage zum Faſtnachtsmontage..“ „Auf dem Maskenballe?“ unterbrach ihn Julian. Der rothe Mann verbeugte ſich. „Sie alſo waren es?“ fragte der junge Vi⸗ comte näher tretend. Es lag in ſeinem Tone und in ſeiner Stellung etwas Drohendes. Die Stimme des rothen Mannes blieb vollkom⸗ men ruhig. „Ich ſpreche nicht mehr von der Vergangen⸗ —— 64 heit,“ ſagte er,„ſondern von der Gegenwart. Die Frau, mit der Sie ſich verlobt haben..“ „Schweigen Sie, Herr!“ fiel ihm Julian in die Rede. „Die Frau,“ fuhr der rothe Mann fort, ohne ſich irren zu laſſen,„iſt eine..“ Julian fuhr auf. „Sie lieben Sie alſo wirklich?“ fragte der rothe Mann. „Wie ich nie eine andere in dieſer Welt lieben werde,“ antwortete Julian. In dieſem Augenblicke ging in dem Ballſaale etwas Seltſames vor. Die rothen Männer hatten ſich verdoppelt, denn man bemerkte jetzt ſechs. „Verlaſſen Sie mich,“ ſprach die Vicomteſſe. „Wenn Sie mich auch entfernt haben,“ ſagte der rothe Mann in langſam ſtrengem Tone zu ihr, „ſo behalten Sie doch Ihr Gewiſſen.. Hatte ich nicht Recht, als ich ſagte Sie hätten alles vergeſſen? Sie ſind vergnügt ſeit faſt vierzehn Tagen in dem Schloſſe, wo Günther von Bluthaupt und Ihre Schweſter Margarethe ermordet wurden..“ „Verleumdung!“ ſtammelte die Vicomteſſe. „Das ſprechen Sie nicht aus Herzensgrunde, Gräfin Helene; Sie fürchten ſich daran zu glauben, e the 65 aber Sie werden glauben müſſen. Ich⸗kann Ihnen, ohne daß ich dieſen Saal verlaſſe, die Hauptperſo⸗ nen zeigen, welche bei jenem blutigen Drama thätig waren. „Sie ſehen da den Mann, deſſen ſtolzes Haupt über das der Umſtehenden hinwegragt,“ fuhr er fort und er zeigte auf den Ungar Nanos;„dieſer Mann hat vor zweiundzwanzig Jahren ſein Schwert in das Herz des Grafen Ulrich, Ihres Vaters, ge⸗ ſtoßen.. Die Vicomteſſe zitterte und vermochte kaum zu athmen; ſie ſuchte ſich von dem rothen Manne frei zu machen, aber dieſer wich nicht von ihr. „Sie liebten ſonſt Ihre Schweſter Margarethe, Gräfin Helene,“ ſprach er weiter;„betrachten Sie jenen alten Mann““— er zeigte auf Joſe Mira—; „er war ſonſt der Arzt in Bluthaupt.. Die arme Margarethe lag bleich und ermattet von Geburts⸗ ſchmerzen da und jener Mann, der ihr beiſtehen ſollte, vergiftete ſie.“ Die Vicomteſſe konnte ſich kaum noch auf den Füßen erhalten. „Es iſt entſetzlich!“ ſeufzte ſte;„verlaſſen Sie mich.“ „Ich bin noch nicht zu Ende,“ fuhr der rothe Mann fort indem er auf den Ritter Reinhold zeigte; 66 „dieſer iſt der letzte, der gewählte Bräutigam Ihrer Tochter, Gräfin Helene und man hat Ihnen doch bereits mehr als einmal geſagt, daß der Vicomte Raymond von Audemer von ſeiner Hand gefallen iſt. Die Vicomteſſe mußte ſich auf einen Stuhl ſtützen. „Wie kann ich einer ſolchen Lüge Glauben ſchenken?“ ſtammelte ſie.. „Wenn Sie die Zeugen jener Verbrechen ſehen, wenn Sie die Erzählung eines Mannes anhören, der halbtodt am Rande des Abgrundes kniete und zuerſt für das Heil der Seele Raymonds von Aude⸗ mer betete.“ Die Stimme der Vicomteſſe wurde ſo ſchwach, daß man ſie kaum noch verſtehen konnte. „Ich glaube Ihnen nicht,“ ſprach ſie mit An⸗ ſtrengung. Der rothe Mann öffnete ſeinen Mantel und zog aus ſeinem Buſen eine kleine Brieftaſche, auf wel⸗ cher ſich die Anfangsbuchſtaben des Namens Ray— monds von Audemer befanden. Unter dem Mantel trug der Mann einen von Gold blitzenden Anzug, aber er zeigte ſich nur einen Augenblick. Der rothe Mann fuhr fort: 67 „Vor zwanzig Jahren, in der Allerheiligen⸗ Nacht, fand ich einen Leichnam in dem Abgrunde, den man die Hölle von Bluthaupt nennt. Dieſe Brieftaſche trug der Todte bei ſich; erkennen Sie die⸗ ſelbe, Graͤfin Helene?“ Zehntes Kapitel. Die Fackeljagd Bei dem Anblicke der Brieftaſche wendete die Vicomteſſe die Augen ab und ihre Maske konnte nicht ganz die Angſt bergen, welche in ihren Zü⸗ gen lag. „Ich hatte den Mord nicht geſehen,“ fuhr der rothe Mann fort,„und kannte den Namen des Mör⸗ ders nicht, aber Gott führte eines Tages einen alten Diener des Grafen Günther zu mir, den der Zufall an den Rand des Abgrundes geſtellt hatte, als eben das Verbrechen geſchehen war.. Das blutige Ge⸗ heimniß laſtete ſchwer auf dem Gewiſſen dieſes Mannes, er geſtand mir und nun kann ich Ihnen ſagen: der Ritter Reinhold iſt der Mörder des Vicomte Raymond von Audemer.“ 69 Sein Finger zeigte von Neuem auf Reinhold, der wie ein Schmetterling umherflatterte und nichts von dem ahnete, was von ihm geſprochen wurde. Trotz der Eingenommenheit der Vicomteſſe war ſie tief erſchüttert; die Worte des Unbekannten hat⸗ ten eine Saite in ihr angeſchlagen, die lange ſtumm geweſen.. Sie hatte ihren Mann mit der innigſten Zärtlichkeit geliebt. Es trat eine Pauſe ein, in welcher die Vicom⸗ teſſe mit einem Entſchluſſe zu kämpfen ſchien. Der Unbekannte ſtand unbeweglich neben ihr und wartete. „Aber,“ fragte endlich die geängſtigte Frau, „wo iſt der Mann, der ehemalige Diener meines Oheims Günther?“ „Begeben Sie ſich morgen,“ antwortete der rothe Mann,„eine Stunde nach Beginn der Jagd in die Lärchenallee, welche zur Hölle von Bluthaupt führt. Der Zeuge des Verbrechens wird Ihnen dann ſelbſt die Stelle zeigen, wo das Pferd des Vi⸗ comte Raymond von Audemer ſtürzte.“ „Ich werde kommen,“ flüſterte die Vicomteſſe. In dieſem Augenblicke endigte der Tanz und die Bewegung, welche entſtand, führte Reinhold und Joſe Mira in die Nähe der Vicomteſſe, welche von Neuem ungläubig wurde. Es kam ihr ein Gedanke wie ein Lichtſtrahl. Sie dachte an eine Intrigue der XI. 5 —— — 70 Eiferſucht, welche unter den Gäſten Geldbergs an⸗ gezettelt worden ſei, um die doppelte Heirath ihres Sohnes und ihrer Tochter zu verhindern. Dieſe Heirath war ihr liebſter Wunſch und ſie ſah nun in dem Unbekannten nur einen Mann, wel⸗ cher die Maskenfreiheit mißbrauchte und eine ſchänd⸗ liche Comödie ſpielte. Sie hätte das Geſicht des Verleumders gern unverhüllt geſehen. „Kommen Sie zu mir, Herr Ritter!“ rief ſte Reinhold zu. Der rothe Mann machte eine Bewegung der Verwunderung, bald aber nahm er von Neuem eine feſte und ſtolze Haltung an. Mira und Reinhold traten auf den Ruf der Vi— comteſſe hinzu und ihnen folgten alle Neugierigen, welche etwas gehört hatten. Seltſamer Weiſe geſchah Aehnliches auch auf zwei andern Punkten des Saales. Man umringte den erſten rothen Mann, den Franz ohne Umſtände am Kragen gepackt hatte; man umringte auch den zweiten, zu welchem Julian von Audemer eben laut und vernehmlich ſagte: „Sie lügen!“ Franz verlangte alles zu wiſſen. Morgen werden Sie alles erfahren,“ erwi⸗ 77 derte der rothe Mann. ſte nwi 71 „Heute, dieſen Augenblick!“ rief Franz außer ſich aus;„ich laſſe Sie nicht los, bis Sie geſpro⸗ chen haben.“ Zu Julian ſagte der rothe Mann: „Sie haben ein ſo kurzes Gedächtniß, daß Sie ſelbſt ihr luſtiges Souper im Café Anglais vergeſ— ſen? Sr hatten da wahrhaftig eine ſchöne Dame!“ Julian erinnerte ſich ſeiner Ahnungen; die jetzige Andeutung ſchmerzte ihn tief und er hätte den Mann ermorden können, damit derſelbe nur nicht weiter ſpreche. „Aber ſolche gefällige Schönen,“ fuhr der rothe Mann fort,„ſind nicht geeignet einen Namen wie den Ihres Vaters zu führen.. Wenn Sie noch zweifeln, Herr Vicomte, ſo haben Sie die Güte, die Gräfin Eſther nach einem gewiſſen deutſchen Baron zu fragen, der Götz heißt.“ Julian wollte ſprechen, aber er vermochte es nicht. „Die Gräfin und er ſtanden auf dem beſten Fuße mit einander, obgleich der Baron den närri— ſchen Einfall nicht hatte ſie zu heirathen. Ich könnte Ihnen viel davon erzählen.“ Julian verlangte mit einer Geberde, die eben ſowohl eine Bitte als eine Drohung ſein konnte, Schweigen. „Nein,“ antwortete der Unbekannte darauf, ich kann nicht ſchweigen bevor ich zu Ende gekommen bin, denn ich bin ein Freund des Vicomte Raymond auch nach ſeinem Tode. Und ich muß ſeinem Sohne melden, daß er der Mann einer ſehr gefälligen Schönen werden will.“ Julian richtete ſich ſtolz empor und ſein Geſicht glühete. „Sie lügen!“ rief er aus und griff nach der Maske des Unbekannten. Dieſer ſchob ihn zurück, ohne ſeine Ruhe zu ver— lieren. So bildete ſich um jeden der drei rothen Män— ner eine Gruppe von Neugierigen, aber trotzdem ſchritten dieſe langſam nach der Hauptthüre zu. An der Schwelle ſah man ſie neben einander ſtehen. Sie waren genau von einer Größe und ſchritten hinaus. Mehrere folgten, als ſich im Saale der Ruf er— hob: da ſind ſie. Alle kehrten zurück zu den rothen Männern, die ſich vergebens frei zu machen ſuchten. „Nehmen Sie Ihre Maske ab!“ ſagte die Vi— comteſſe von Audemer zu dem größten der drei. Alle drei Masken fielen. Die Vicomteſſe ſtand dem Gra⸗ fen Mirelune gegenüber, Julian erkannte Amable Ficelle und Franz blieb vor dem verlegenen liebens⸗ dr 73 würdigen Polyt, dem Günſtlinge der Frau Batail⸗ leur, ſtehen. Die Verfolgten und die Verfolgenden ſtaunten in gleicher Weiſe. Man lachte, einige aber ſagten, dieſe drei rothen wären nicht die ächten. Eine Stunde nach dieſem Vorfalle, den Viele für eine vorher verabredete Comödie hielten, waren die Aſſociés Geldbergs in einer Gruppe beiſammen und ſprachen leiſe. „Weder Ficelle, noch Mirelune, noch der dritte arme Teufel,“ ſagte Reinhold,„ſind bei der Sache betheiliget.“ Die andern drei gehörten offenbar nicht zu den Gäſten und ſie ſcheinen nicht die einzigen zu ſein, welche hier eingedrungen ſind. Haben Sie nicht bemerkt, daß eine ganze Schaar ihnen folgte und ſie vertheidigen zu wollen ſchien?“ „Ich möchte wetten,“ ſagte Reinhold,„daß es unſere Deutſchen aus dem Temple ſind.“ „Man könnte bei dem Fortgehen der Leute ſtrenge Aufſicht führen.“ „Wir erlangen da vielleicht die drei Rothen.“ Der Ball dauerte ununterbrochen fort. Mehrere junge Leute, die Effect machen wollten, hatten ihr Coſtüm mehrmals gewechſelt, z. B. Abel von Geld⸗ 74 berg. Alle aber wurden durch einen Herrn vom Hofe Eliſabeths in Schatten geſtellt, deſſen Coſtuͤm etwas Königliches hatte. Das goldene Vließ hing I blitzend von Steinen auf ſeine Bruſt. Der Orden vom Hoſenbande glänzte auf der Seite ſeines Strum⸗ pfes und eine Rubinagraffe hielt die Feder an ſeinem Hute feſt. ö Dieſes Coſtüm hob die tadelloſen Formen des kräftigen Mannes hervor und die Frauen hatten nur 4 Augen für ihn. Er ging allein unter den Gruppen umher und redete mit Niemand. Ein Paarmal ſchon war er vor der Gruppe der Aſſociés vorübergeſchritten und als man in derſelben den Namen des Baron von Rodach nannte, fragte er ganz laut: „Wer ſpricht hier von dem Baron von Rodach?“ Die Geldberg ſtanden wie verſteinert da und im ganzen Saale blickte man dahin. Der Herr vom Hofe der Königin Eliſabeth trat ſtolz in die Gruppe hinein und nahm ſeine Maske ab, ſo daß man das ſchöne Geſicht des Barons von Rodach ſelbſt ſah. „Götz!“ rief gleichzeitig Eſther aus. V „Mein Bruder Otto!“ ſagte die Frau Vicom— teſſe von Audemer. „Der deutſche Herr!“ ſagte Franz verwundert. om. üm ßing Umn⸗ nemn 7⁵ Julian hatte den Ausruf Eſthers gehört und er traf ihn wie ein Dolchſtoß. Der Ausruf der Vicomteſſe erſchreckte die Geld⸗ bergs mehr als alles, denn ihre Feinde waren mit⸗ ten unter ihnen; ſie hatten es mit den gefürchteten Söhnen des Grafen Ulrich zu thun. Der Graf von Rodach verbeugte ſich zweimal lächelnd vor Eſther, dann mit einem Blicke auf die Vicomteſſe. Darauf wendete er ſich zu den Aſſociés und ſagte: „Nun, ſind Sie mit mir zufrieden?“ Reinhold ſtammelte eine unverſtändliche Ant⸗ wort. „Ich wollte dieſes ſchöne Feſt nicht zu Ende gehen laſſen,“ fuhr der Baron von Rodach fort, „ohne unter Ihnen zu erſcheinen. Die Geſchäfts⸗ criſis iſt bendiget, meine Anweſenheit in Paris war nicht mehr nöthig und ſo kam ich, um mich mit Ihnen zu erfreuen.“ „Sie haben Recht daran gethan, Herr Baron,“ antwortete die Frau von Laurens, welche zuerſt wie⸗ der Geiſtesgegenwart fand. „Wir freuen uns..“ begann Van Praet. „Aber,“ fuhr die Frau von Laurens fort,„hof⸗ fentlich ſind Sie im Schloſſe ſelbſt abgeſtiegen. Sie ſind hier ja zu Hauſe, Herr Baron und ich werde Ihnen ſofort eine Wohnung einrichten laſſen.“ 76 Deer Ton Rodachs nahm zum erſten Male etwas Ironiſches an. „Ich danke Ihnen, gnädige Frau,“ ſagte er, „für Ihr freundliches Anerbieten, kann es aber nicht annehmen. Sie wiſſen,“ fuhr er gegen Rein⸗ hold und Mira gewendet fort,„was ich Ihnen bei unſerm erſten Oelſammenſein geſagt habe. Sie frag⸗ ten nach meiner Adreſſe und ich antwortete Ihnen, daß ich das Geheimnißvolle liebe. So bin ich heute noch.. Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen meinen Aufenthalt verſchweige.“ Das Orcheſter begann einen Walzer zu ſpielen und Rodach nahm die Haͤnd der Frau von Lau⸗ rens, die er mit freundlichem Lächeln um den Tanz erſuchte. Sie konnte es ihm nicht abſchlagen. Franz ſtand unbeweglich mit großen Augen da und betrachtete den Mann, der über alle eine ſelt— ſame Macht auszuüben ſchien. „Ich muß den Ungar wecken,“ ſagte Reinhold I leiſe. „Er darf nicht lebendig aus dem Schloſſe,“ V ſetzte der Doctor hinzu. Lea von Geldberg befand ſich allein in ihrem Zimmer, denn längſt ſchon hatte ſie den Ball ver⸗ laſſen. In ihrem Herzen klangen die Worte noch ——††j4 ¾— ſein⸗ bei rag⸗ nen, ellte inen elen Lau⸗ CLanz nda ſelt⸗ 77 nach, die der Eremit geſprochen, der ihr geſagt, ſie möge auf Gott hoffen, weil es für ſie kein Glück mehr auf Erden gebe. Ihr Muth ſank. Sie hatte ſich in ihrem reizenden Ballanzuge auf das Bett gelegt. Es war kalt, aber ihr Körper glühete. Sie hatte zu beten verſucht, aber ach, in den erſten Stunden der Angſt veruällt gleichſam ein dichter Schleier den Gedanken an Gott und der Mund findet die tröſtenden Worte des Gebetes nicht. Auf die Lippen der armen Lea trat immer nur der Name Ottos, den ſie vielleicht um ſo mehr liebte, je weniger ſie hoffte. Ach, wie bitter ſind die Stunden, in denen man zum erſten Mal alle theuern Hoffnungen entſchlüpfen ſieht wie die Perlen, die ſich von einer zerriſſenen Schnur ablöſen! Jedes Glück wird da ein Schmerz; die theuer⸗ ſten Erinnerungen erhalten ſich nur durch Gift und jedes Lächeln muß mit einer Thräne abgebüßt werden. Die arme Lea hatte ſich wieder aufgeſetzt und ſaß nun, den Kopf geſenkt, die Hände auf den Knien gefalten da und dachte an Eſſelbach, wo ihre glück⸗ lichſte Jugendzeit vergangen war. In Geldberg hatte ſie das große ſtolze Schloß wieder erkannt, vor welchem der Verbannte träu⸗ mend ſtand, als ſie ihn das erſte Mal ſah. In der Nachbarſchaft hatte ſie die wohlbekannten 78 Wege wieder geſehen, auf denen ſie mit Otto ge⸗ wandelt und von Liebe geſprochen hatte. Nur wenige Monate waren ſeitdem vergangen und ſchon war die Zukunft ein ganzes trauervolles Leben geworden, denn die Stimme des Eremiten hatte nur ſchwache Hoffnungen in dem Herzen Leas zu ertödten gefunden. Sie fügte ſich unter den Aus⸗ ſpruch geduldig und ergeben. Man verkündete ihr Unglück und ſie hatte längſt eingeſehen, daß das Unglück für ſie der Verluſt Alles ſei. Nach langem Weinen wollte ſie den Schlummer ſuchen, aber er floh ſie; ihre Augen konnten ſich nicht ſchließen. Sienſtand auf und öffnete das Fenſter, das ins Freie ſah. Es war eine ſchöne Winternacht und der Mond zog langſam an dem wolkenloſen Himmel hin. Unabſehbar breitete ſich die Landſchaft im matten Mondenlichte aus; man ſah den dunkeln Schatten der großen Bäume an den Seiten des Berges; die Ruinen des ehemaligen Dorfes Bluthaupt ſchim⸗ merten im Graſe und glichen den Gräbern eines Gottesackers. Alles war ruhig, öde und ſtill. Die friſche Nachtluft that Anfangs dem Mäd⸗ chen wohl, aber bald zitterte ſie frierend und ſie trat zurück. 79 Da höͤrte ſie daſſelbe Geräuſch, welches ſie ſo oft ſchon vernommen hatte und das ſie in Deutſch⸗ land wie in Paris zu verfolgen ſchien. Sie blieb zitternd, aufmerkſam horchend ſtehen. Sie fürchtete ſich jetzt mehr als gewöhnlich; endlich öffnete ſie die Thüre ihres Zimmers um zu fliehen und trat auf den Corridor hinaus. Es ſchlug vier Uhr. Von dem Corridor aus hörte man noch ein fer⸗ nes Echo von der Ballmuſik. Dieſe Klänge beruhigten Lea und ſie ſchritt un⸗ willkürlich nach ihm hin, die Treppe hinunter. Die Treppe führte auf jene Galerie, in welcher wir früher Klaus hingehen ſahen, als er die Aſſociés belauſcht hatte. Links ſtieß dieſe Galerie an eine kleine Thüre, aus welcher Klaus in den Kapellenhof hinausgegan⸗ gen war.. Rechts gelangte man zu dem bewohn⸗ ten Theile des Schloſſes. Dieſen Weg ging Lea immer und wahrſcheinlich kannte ſie die kleine Thür gar nicht, welche zu der verfallenen Kapelle führte. Als ſie ſich rechts wendete, ging ein Mann ſchnell an ihr vorüber. Sie ſtand noch auf der Treppe; der Mann bemerkte ſie nicht und ging mit großen Schritten weiter. 80⁰ Das Mädchen aber hatte ſein Geſicht wohl erkannt. Sie lehnte ſich halb ohnmächtig an die Wand. Man hörte die kleine Thür nach dem Hofe zu aufmachen und wieder ſchließen. Mit einem Male richtete ſich Lea entſchloſſen auf. Sie ſetzte ihren Weg fort, aber in entgegengeſetz⸗ ter Richtung und wendete ſich ebenfalls nach der kleinen Thüre zu. Als ſie durch dieſelbe hinausgegangen war, be⸗ fand ſie ſich in einem kleinen Hofe, den der Mond beſchien. Links von ihr erhob ſich ein maſſiver Wall und rechts ſtand die verfallene Kapelle, deren gothi⸗ ſche Bauart ſie ſo oft von ihrem Fenſter aus bewun⸗ dert hatte. Lea ſchritt durch den Hof und trat durch die Oeffnung in die Mauer, durch die wir Klaus ſchon einmal gefolgt ſind, in die Kapelle hinein. In dem Augenblick als Lea ihren Fuß in das Gotteshaus ſetzte, öffnete ſich eine Thüre hinter dem Chor. Lea zitterte, aber eine geheimnißvolle Hand ſchien ſie vorwärts zu treiben. Sie ſchlug die Augen nieder, um die ſteinernen Geſtalten an den Wänden nicht zu ſehen, die der Mond ſo hell beſchien und ſetzte nach jener Thüre zu ihren Weg fort. Nach einiger Anſtrengung gelang es ihr dieſelbe wohh 81 zu öffnen und ſie befand ſich nun vor einer ſchmalen in den Felſen gehauenen Treppe. Sie ſtieg hinunter und gelangte in das Grab⸗ gewölbe des Grafen von Bluthaupt. Das erſte, was ihr auffiel war ein großes Grabmal mit drei neben einander liegenden Rittergeſtalten. Auf dieſem Grabe brannte eine Lampe, welche ihr blaſſes ſchwaches Licht in dem Raume umher verbreitete. Neben dem Grabe mit den drei Geſtalten ſtand ein Mann, welcher dem Lichte den Rücken zuwandte. Es war der, welchen das Mädchen auf dem Cor⸗ ridor hatte hingehen ſehen, um deſſentwillen ſie im Dunkel den grauſigen Weg gegangen war; aber jetzt fürchtete ſie ſich weiter zu ſchreiten, weil ſie das Geſicht des Mannes nicht ſah. Sie konnte ſich ja geirrt haben. Der Mann wiſchte ſich die Stirn ab; er ſchien ermüdet zu ſein, denn ſeine hohe Geſtalt ſank ermattet in dem großen rothen Mantel in ſich zuſam⸗ men. Dann ſetzte er ſich auf das Grabmal und bei dieſer Bewegung fiel das Licht der Lampe auf ſeine Züge. Diesmal konnte ſich Lea nicht täuſchen; mit Mühe erſtickte ſte einen Ausruf; es war wirklich das edele Geſicht Ottos. Das Herz des Mädchens erfüllte ſich mit unſäg⸗ 8² licher Freude; ſie hatte ihre ganze Angſt und Furcht vergeſſen. Sie ging weiter, aber kaum hatte ſie einige Schritte gethan, als ſie voll Grauen und Entſetzen von Neuem ſtehen blieb. Sie ſtrich mit der Hand über die Augen, die wie geblendet waren. Ein anderer Mann trat aus dem Schatten her⸗ vor, eine Geſtalt, die der Ottos völlig gleich war. War es ein Traum? Eriſtirten alle die ſeltſa⸗ men Dinge, von denen ſie ſo viel gehört hatte, nicht blos in der Einbildung? Als ſie ſich ſo fragte, trat eine dritte Geſtalt in den Lichtkreis, ganz gleich den beiden erſten. Es waren dieſelben ſchönen ſtolzen Züge, es war der⸗ ſelbe ſehr kräftige Körper, umhüllt von gleichem Mantel. Es waren drei Männer in einerlei Geſtalt, drei Bilder eines Weſens und die Täuſchung war ſo groß, daß Lea nicht zu erkennen vermochte, welcher denn eigentlich ihr Geliebter ſei. Der Schatten eines Pfeilers fiel auf ſie, ſo daß die drei Männer ſie nicht ſehen konnten. Die beiden, welche zuletzt gekommen waren, bückten ſich und nahmen unter dem Grabmale Hak⸗ ken und eine Schaufel hervor. Der, welcher zuerſt da geweſen war, hob die 83 Lampe empor und ſo traten ſie in einen leeren Raum, in welchem ein kleines hölzernes Kreuz ſtand. Lea lehnte ſich zitternd an den kalten Pfeiler. Der Mann, welcher die Lampe hielt, ſetzte ſie am Boden nieder, nahm ebenfalls eine Hacke und alle drei fingen an die Erde aufzugraben. Sie arbeiteten lange ſchweigend und es wurden fünf Gräber neben einander geöffnet. Sobald ein Grab fertig war, ſprach eine Stimme: „Das iſt für Fabricius Van Praet.“ „Das für den Doctor Joſe Mira.“ „Das für den Ritter von Reinhold.“ „Das für den Ungar Yanos Georgyi.“ „Das für den alten Moſes von Geldberg.“ Als Lea den Namen ihres Vaters hörte, ſank ſie auf ihre Knie nieder.. Die drei Männer ſtützten ſich auf ihre Spaten und ſtanden einen Augenblick ſchweigend da. „Es iſt länger als zwanzig Jahre her,“ ſagte endlich der, welcher zuerſt gekommen war mit ernſter trauriger Stimme,„als wir hier an derſelben Stelle ein anderes Grab gruben. Damals waren wir noch jung und unſere Schweſter lebte noch. Habt Ihr bisweilen ein Gebet geſprochen für die 84 Nuhe der Seele des unglücklichen Baron von Rodach?“ „Er wollte unſere Schweſter entehren,“ ant⸗ worteten die beiden Bruder finſter. „Und wir ſtraften ihn dafür mit dem Tode,“ fuhr der erſte fort;„es geſchah mit Recht; aber man muß auch beten für die, welche man ſo unvor⸗ bereitet vor den Richterſtuhl Gottes ſendet. Ich habe oftmals gebetet, denn unter dem Namen dieſes Mannes konnten wir häufig die Verfolgungen unſe⸗ rer Feinde vereiteln.“ Der, welcher ſo ſprach, kniete vor dem kleinen hölzernen Kreuze nieder und die beiden Andern folg⸗ ten ſeinem Beiſpiele. Sie ſchienen ſtill zu beten. Dann ſtanden ſie wieder auf und der erſte fuhr fort: „Unſere Arbeit für dieſe Nacht iſt gethan und wir wollen ausruhen, denn wir haben alle unſere Kräfte nöthig. Morgen werden, wenn es Gott gefällt, dieſe fünf Gräber gefüllt ſein und die Diener Bluthaupts den Sohn des Grafen begrüßen.“ Sie löſchten die Lampe aus und gingen alle drei nach der Treppe der Kapelle zu. Lea folgte ihnen mehr todt als lebendig und hielt im Hofe den erſten der drei Männer am Mantel zurück. und nſert Gott jenet dei hielt antel 85 „Otto,“ ſprach ſie mit bebender Stimme,„ſich war.. unten im Grabgewölbe und habe alles geſe⸗ hen, alles gehört.. Ich weiß, daß ich von nun an Dir nicht mehr angehören kann.. Lieber, ich beſchwöre Dich, ſchone das Leben meines Vaters.“ Otto war ſo erſchüttert, daß er keine Worte fand; unter allen Prüfungen ſeines Lebens war dies vielleicht die ſchwerſte. Er zog das Mädchen an ſein Herz und ſprach endlich: „Herr Gott, erbarme Dich ihrer und meiner.“ Dann folgte wieder eine Pauſe. „Lea,“ ſagte darauf Otto,„ich liebte Dich und liebe Dich noch.. Nie wird ein anderes Weib Dich aus meinem Herzen verdrängen.. Gott mache Dich glücklich und gebe mir doppeltes Leid!“ Der Kopf des Mädchens ruhete an ſeinem Her⸗ zen und ein ſchwerer Seufzer hob ihre Bruſt. „Lebe wohl,“ fuhr Otto fort indem er ſich ſanft von ihr freizumachen ſuchte.. „Wir werden einander in dieſer Welt nicht wie⸗ derſehen.“ „So finden wir uns im Himmel wieder!“ flü⸗ ſterte das Mädchen kaum hörbar. Und als Otto weiter gehen wollte, rief ſie: „Aber mein Vater! Du haſt mir das Leben tneines Vaters noch nicht zugeſagt.“ XI. 6 86 Otto blieb nochmals unentſchloſſen ſtehen. „Ich verſpreche Dir das Leben des Moſes Geld, Lea,“ ſagte er endlich;„aber die Gerechtigkeit muß ihren Lauf haben und es wäͤre Deinem Vater viel⸗ leicht beſſer, er ſtürbe.“ Damit ſchritt er von dannen und Lea wankte ihm langſam nach. Am andern Tage gegen ſieben Uhr Abends erhob man ſich von der Tafel in dem Schloſſe Geldberg. Das Diner hatte zeitig ſtattgefunden wegen der berühmten Fackeljagd, auf die man ſeit faſt drei Wochen gewartet hatte. Es war dies der letzte Act des Feſtes und am folgenden Tage ſollten die Gäſte nach Paris zurück⸗ kehren. Man hatte noch einmal ſehr gut gegeſſen und es herrſchte eine gewiſſe Aufregung. Die Frau von Laurens war nie reizender und liebenswürdiger geweſen und der Ritter Reinhold nie heiterer. Nur auf der Stirn Eſthers lag gleichſam ein Schleier von Trauer, denn Julian hatte ſich bei Tiſche nicht neben ſie geſetzt. Die ſchöne Gräfin ſuchte fortwährend die Augen ihres Verlobten, die ſit zu meiden ſchienen. Julian ſaß neben ſeiner Mutter, die ſich ſchwei⸗ gend verhielt, aber die allgemeine Heiterkeit wurde dadurch nicht geſtört. Eine halbe Stunde nach dem Diner begaben ſich die Gäſte in den großen Hof, in welchem man gro⸗ ßen Lärm hörte, Jagdrufe, Hundegebell und Pferde⸗ getrappel. Der junge Abel von Geldberg ſaß im Sattel und dieſer Abend ſollte ein denkwürdiger in ſeinem Leben ſein, denn als erfahrener Reiter und Jäger leitete er dieſen Theil des Feſtes. Als die erſten Damen im Schloßhofe erſchienen, gab er mit dem Jagdhorn ein Zeichen und eine luſtige Fanfare ſchallte durch die weitläuftigen Gebäude und hinaus ins Freie. Die Damen, welche reiten konnten, ſchwangen ſich auf die Pferde, um ſo der Jagd zu folgen, die andern ſtiegen in Wagen. Dann wurde das Thor weit geöffnet und der Jagdzug zog hinaus. Es war eine dunkele aber trockene Nacht. Die dicken Wolken zogen am Himmel hin. Als die Geſellſchaft hinaus vor das Schloß kam, überraſchte ſie ein prächtiges Schauſpiel. Die ganze Umgegend war gleichſam von Feuerlinien bezeichnet .. Der Wald glänzte, denn an den Bäumen brann⸗ ten bunte Lampen, namentlich zu Seiten der Wege, welchen die Jagd folgen ſollte. 6* 88 Wahrſcheinlich des Contraſtes wegen hatten die Feſtordner den Abhang des Berges, auf welchem das Schloß Geldberg lag, dunkel gelaſſen. Die Illumination begann erſt am Ende der großen Allee, in welcher der Zug hin ſich bewegte. Unter den Damen freilich zeigte ſich große Aengſt⸗ lichkeit, denn der Wald von Geldberg war voll ge⸗ fährlicher Stellen und wie hell und glänzend auch die Illumination ſein mochte, ſo vermochte ſie doch das Tageslicht nicht zu erſetzen. Uebrigens ſcheuten ſich hier und da die Pferde vor den blendenden Fackeln. Am Eingange des Waldes gab der junge von Geldberg ſeine Befehle und vertheilte die Poſten, worauf er den Weg für die Damen andeutete und endlich das Zeichen zum wirklichen Beginne der Jagd gab. Ein Hirſch war bereit gehalten, um ihn aufzu⸗ treiben. Der thätige Theil der Jagd ſollte ſich nach der Ebene und dem Teiche von Geldberg zu wenden, während den Damen und Trägen Plätze im Walde angewieſen waren, von wo aus ſie den Hirſch ſehen konnten. Auf das Signal ging es wie im Sturme dahin und die Wagen und die Fußgänger zerſtreuten ſich nach verſchiedenen Richtungen. 1 Nach einer Viertelſtunde etwa ſah man einen ndie ſchem Di Alles engſe Nlge⸗ auch edoch pferde dec zefehl eg fü n zul aufß ach de zendel, Walde h ſehe 7 3 dah ten ſt elnen 89 Schatten in das Dickicht ſchleichen und ſich unbeweg⸗ lich an einen Baum lehnen. Die Luft war kalt, aber ruhig, ſo daß keine Lampe erloſch und die Landſchaft ihren Schmuck un— verletzt erhielt. Auf dem Raſen der Allee hörte man dumpf die Tritte eines Pferdes und man erkannte in der Ferne die Geſtalt eines Reiters, die um ſo deutlicher und erkennbarer wurde, je näher ſie dem Lichte kam. Es war der Ritter von Reinhold. Als er an die Stelle kam, von welcher die Jagd aufgebrochen war, legte er die Hand über die Augen, um nach etwas zu ſehen. Es war ein anderer Reiter, in welchem Rein⸗ hold den Doctor Joſe Mira zu erkennen glaubte. Er rief den Portugieſen an, aber Niemand ant⸗ wortete. Der Ritter hatte ſich getäuſcht. Es war eine Reiterin, die ein langes dunkelfarbiges Reitgewand trug. Ein Schleier verhüllte ihr Geſicht. Dieſer Schleier bedeckte die bleichen Züge der Vicomteſſe von Audemer, welche die Jagd verlaſſen hatte und ſich allein nach der Hölle Bluthaupts begab. Ihre Erinnerungen hatten lange geſchlummert, jetzt endlich erwachte das Blut ihres Vaters in ihr und ihr Herz hatte in der vergangenen letzten ſchlaf⸗ los verbrachten Nacht geſprochen. 90 Sie wollte alles erfahren, wie ſchwer es ihr auch werden möchte. Sie ritt allein mit zitternder Hand den ſchmalen Pfad hinauf, der zum Eingang der Hölle führte. Der Ritter hielt ſein Pferd an; er hatte wahr⸗ ſcheinlich da ein Rendezvous, denn er wartete. Eine Minute etwa ſpäter kam eine andere Rei⸗ terin herbei, die einen knappen Atlasſpenſer trug, wahrſcheinlich ein junges Mädchen. Der Ritter dachte an Deniſe von Audemer, aber er hatte dieſe ja bei Julian und ihrer Mutter auf dem Wege nach dem Teiche von Geldberg verlaſſen. Die Reiterin, ſie mochte Deniſe ſein oder nicht, ſchlug nicht denſelben Weg ein wie die Vicomteſſe; ſte ließ den Weg, welcher zu der Oeffnung der Hölle führte, rechts und wendete ſich nach der Straße nach Heidelberg zu. „Ich glaube, die andere iſt auch ein Frauen⸗ zimmer,“ dachte Reinhold.„Was mögen ſie vor⸗ haben?“ Er war mit dieſen Gedanken noch nicht zu Ende als eine dritte Reiterin, welche wie die beiden andern von dem Teiche Geldberg herkam, einige Schritte von ihm im Galopp in die Allee hineinritt. Sie kam ſo dicht an Reinhold vorüber, daß ſie ihm zurufen konnte: „Nach den Ruinen!“ Rei⸗ trug, abet r auf nſſen. nicht, teſſe; Hölle nach auen⸗ vor⸗ Ende ndern hritt aß ſ 91. Reinhold erkannte die Frau von Laurens. Einige Augenblicke darauf kamen die Perſonen an, auf welche er wartete, der portugieſiſche Doctor und Fabricius Van Praet. „Meiner Treu,“ ſagte der Holländer, indem er ſich die Stirn abwiſchte,„das iſt ein ſchönes Feſt. Während mich das verfluchte Pferd zuſammenrüttelte, kam ich auf einen Gedanken.. Man hätte einen Luftballon ſteigen laſſen können.“ „Ach!“ ſagte Reinhold und er lächelte als er an das ehemalige Gewerbe ſeines Freundes dachte. „Einen Ballon, wie ich ihn 1820 in Leyden ſteigen ließ,“ fuhr Van Praet fort.„Er war oval und trug einen Strick, an welchem ſich ein Feuer⸗ werk befand.“ Joſe Mira zuckte die Achſeln. „Wir ſind nicht hier, um von Thorheiten zu ſprechen,“ ſagte er. „Mein vortrefflicher Freund,“ entgegnete Van Praet,„die Wiſſenſchaft der Luftſchifffahrt iſt keine Thorheit und Sie werden es noch erleben, daß die Luftballons die Eiſenbahnen erſetzen.. Indeſſen ſprechen wir jetzt von der Gegenwart.. Werden wir den Ungar nicht ſehen?“ „Er mag ſich in die Sache nicht miſchen,“ ant⸗ wortete Reinhold;„er hat etwas anderes im Kopfe. —y3 ͦ 92 Seit dem Balle ſteht er mit dem Degen in der Hand Schildwache unten an der Thurmtreppe.“ „Und wartet auf den Baron?“ fragte Mira. „Und wird da im Nothfalle viehrzehn Tage warten,“ entgegnete der Ritter.„Sein ungari⸗ ſcher Diener ſteht mit zwei geladenen Piſtolen bei ihm. Wenn der Baron im Thurme iſt, kommt er diesmal mit heiler Haut nicht davon.“ „Und wo ſollte er ſonſt ſein?“ fragte Van Praet.„Sind nicht die Leute ſicher, welche in der Nacht Wache hielten?“ „Vollkommen ſicher,“ erwiderte Reinhold.. „Es iſt unwiderleglich gewiß, daß der Baron Geld⸗ berg nicht verlaſſen konnte.“ „So wirder uns auch heute nicht hinderlich ſein,“ meinte der Doctor.„Wie ſtehen die Sachen?“ Reinhold rieb ſich die Hände und antwortete: „Wenn die Hirſchjagd ſo gut eingerichtet iſt, wie unſere Jagd, ſo beklage ich das arme Thier.. Der Kleine kann die Charybdis nur vermeiden, um in die Scylla zu gerathen.“ „Ich ſtehe für meinen Poſten,“ ſagte Mira. „Ich ſelbſt habe den bekannten Mann da aufgeſtellt.“ „Ich habe mit dem Pitois unter dem Negerkopfe geſprochen bei dem Hauſe, das der Franz ſo oft beſucht.“ „Und ich habe Malou unter den Ruinen des 93 alten Dorfes poſtirt,“ ſetzte Reinhold hinzu.„Eben ſah ich die Frau von Laurens, die zum Rendezvous ritt.. Ich wette für die Ruinen. Fritz, der kleine Drehorgelſpieler und der Weinſchenk Johann ſuchen und es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn wir unſere Partie noch einmal verlieren ſollten.“ „Wir haben nur noch eine Nacht!“ ſagte der Doctor.. Sie ritten fort, nach der Jagd zu, nachdem ſie ſich verabredet hatten, an derſelben Stelle nach zwei Stunden einander wieder zu treffen. Kaum waren ſie fort, ſo vernahm man ein leich⸗ tes Geräuſch im Gebüſch. Der Schatten an dem Baumſtamme bewegte ſich und man hörte einen weit ſchallenden eigenthümlichen Ton. Dieſer Ton war ein längſt ſchon zwiſchen den drei Brüdern verabrede⸗ tes Zeichen. Bald darauf antwortete derſelbe Laut im Dickicht in ziemlicher Entfernung und ein anderer in der Ebene. Zuerſt erſchien ein Mann, welcher wie ein Bauer gekleidet war und ein Pferd am Zügel hielt. Einige Augenblicke nachher kamen im Galopp zwei Reiter in breiten Hüten und großen Mänteln heran. Der Mann im Dickicht war eben ſo geklei⸗ det und ſchwang ſich auf das Pferd. „Freund Dorn,“ ſagte er,„Sie bleiben hier, 94 denn ſie werden wieder kommen; Du Götz an den Teich, Du Albert an das Haus am Negerkopf, ich zu den Ruinen.“ Sie jagten davon und verſchwanden in der an⸗ gegebenen Richtung. Dorn ſeiner Seits trat in das Dickicht hinein und lehnte ſich an den Baum. Der Platz, an welchem ſich die Ruinen befan— den, lag etwas außerhalb der für die Jagd bereit gehaltenen Wege, aber die Illumination warf ein ſchwaches Licht dahin. Ein Paarhundert Schritte davon ſtieg Otto vom Pferde, band es an einen Baum, ging zu Fuße weiter und bemühete ſich ſehr, daß man ſeine Tritte nicht höre. Er wußte, daß die Frau von Laurens bereits auf ihrem Poſten und daß Malou irgendwo ver⸗ ſteckt war. Etwa funfzig Schritte von ihm ging die Frau von Laurens auf und ab und ſah von Zeit zu Zeit beſorgt ſich um. An der Stelle, wo ſie gewöhnlich umkehrte, bemerkte er im Schatten eine zuſammen⸗ gekauerte Geſtalt, die etwas in der Hand hielt, wahrſcheinlich eine Flinte. Otto nahm ein Paar Piſtolen zur Hand und ſetzte Zündhütchen auf. Während er damit beſchäftiget war, ſah er ganz ran⸗ jinein efan⸗ berei ff en vom Fuße Tritte ereite ˖vel⸗ Fral 1 Zäül hnlih umel 95 in ſeiner Nähe eine Perſon lehnen, auf die er gar nicht gerechnet hatte und in der er endlich den Herrn von Laurens zu erkennen glaubte. Er ging langſam zu ihm und ſagte ſanft: „Erſchrecken Sie nicht. Das Geheimniß, das ich zufällig erfahre, bleibt in meiner Bruſt begraben. Sie dauern mich, Herr von Laurens und ich möchte Ihnen beiſtehen. Ich beklage Sie und diene Ihnen wie allen Opfern jenes Weibes.“ „Welches Weibes?“ fragte Laurens. Otto wieß nach Sarah hin, die wohl ungedul⸗ dig zu werden anfing, denn ſie ging raſcher. Herr von Laurens ſeufzete tief. Otto ſchilderte ihm das Leben der Frau von Laurens, wie er es genau kannte und als er zu Ende war, fragte er: „Lieben Sie das Weib noch?“ Der arme Laurens bedeckte ſein Geſicht mit bei⸗ den Händen und antwortete:„ich weiß es nicht; aber ich möchte ſterben.“ Franz kam nicht; die Frau von Laurens wurde ungeduldig und Malou langweilte ſich. Seit einer halben Stunde befand ſich die Vicom⸗ 96 teſſe von Audemer am Rande der Hölle mit Fritz, dem ehemaligen Reitknecht von Bluthaupt. Sie ſah leichenblaß aus. „Hören Sie mich an, da Sie alles wiſſen wol⸗ öD len,“ ſagte der Alte..„Je mehr ich davon rede, um ſo leichter wird mir das Gewiſſen.. vielleicht ... Ich ſoll einen Knaben umbringen helfen, der den alten Grafen ähnlich ſieht.. Ich habe ihn auch ſchon mehrmals im Walde vor dem Rohre ge⸗ habt und ich weiß nicht, warum ich nicht ſchoß.“ „Aber Raymond von Audemer?“ unterbrach ihn die Vicomteſſe. „Raymond von Audemer! Er war ein ſchöner Herr; ich erinnere mich ſeiner noch recht wohl.. Er kam in das Schloß Rothe, um die ältere Toch⸗ ter des Grafen Ulrich zu heirathen, die ſchöne Grä⸗ fin Helene. Ach wie luſtig waren ſie damals! Warum iſt der alte Fritz am Leben geblieben, da ſeine Herren geſtorben ſind!“ „Ich beſchwöre Sie im Namen Gottes,“ unter⸗ brach ihn die Vicomteſſe nochmals,„wie hieß der Mörder Raymonds von Audemer?“ Fritz ſah ſich ängſtlich um. Dieſer ganze Theil des Gebirges lag im tiefen Dunkel; nur auf die Straße nach Heidelberg fiel helles Licht und wer gute Augen hatte, konnte da Fiih 97 an einer Stelle ſogar zwei Perſonen erkennen, einen jungen Mann und ein Mädchen, die neben einander ſaßen und plauderten. Aber weder Fritz noch die Vicomteſſe bemerkten dies. „Reden Sie nicht ſo laut,“ ſagte der Alte; „ach wenn Sie wüßten, wie man hinter dieſen Bäu⸗ men horcht! Sehen Sie da den großen Lärchen⸗ baum? Gott ſcheint ihn verflucht zu haben wie mich. Seine Aeſte fallen einer nach dem andern ab, weil er das Verbrechen geſehen.. Ich ſtand dahinter und zitterte. Das Pferd Raymonds von Audemer war da ſtehen geblieben, wo wir jetzt ſind.“ Die Vicomteſſe konnte ſich einer Anwandlung von Grauen nicht erwehren. „Der, welchen man jetzt den Ritter von Rein⸗ hold nennt, kam hinter ihm,“ fuhr der Alte fort. „Es wäre alſo doch wahr!“ rief die Frau von Audemer aus. „Damals hieß er Jacob Regnault; er ſchlug das Pferd, das Pferd ſprang und ich hörte den Schrei, den ich ſeitdem nicht wieder vergeſſen habe .. Aber ich mag den Knaben nicht tödten, weil er dem alten Grafen gleicht.“ Die Frau von Audemer war unwillkürlich auf ihre Knie niedergeſunken und betete. — 98 Dann ſchwang ſie ſich langſam auf ihr Pferd und ritt zurück. Dorn wachte auf ſeinem Poſten und hörte nach der Straße hin eine athemloſe Stimme, die ihn rief. Er trat aus dem Dickicht heraus und ſah ſeinen jungen Nachbar vom Templeplatze, den Drehorgel⸗ ſpieler herbeigelaufen kommen. Er hatte keinen Hut mehr und der Schweiß rann ihm über das ver⸗ ſtörte Geſicht. „Herr Dorn!“ rief er.„Wo ſind Sie?“ Dorn zeigte ſich. „Kommen Sie geſchwind,“ fuhr der Drehorgel⸗ ſpieler fort.„Der Weinſchenk Johann bringt ihn gewiß um.“ „Wen?“ „Herrn Franz. Kommen Sie geſchwind.“ Dorn wußte nicht was er thun ſollte, da ihm befohlen war, hier zu bleiben. „Kommen Sie,“ fuhr Johann Regnault drin⸗ gend fort,„der arme junge Herr ahnet nichts; er ſitzt unten auf der Straße auf einem Steine mit einem Mädchen. Der Weinſchenk ging eben den Berg hinauf. Wenn er ihn ſieht.. Gott verzeihe es Ihnen, Herr Dorn, wenn Sie zögern.“ Dorn konnte ſich noch immer nicht ent⸗ ſchließen. Pferd nach tief. ſeinen rgel⸗ eeinen ver⸗ eni⸗ 99 „Glauben Sie mir nicht?“ fuhr Regnault fort. „Mein Gott, was ſoll ich Ihnen ſagen? Sie ſind der Vater Gertruds, die ich liebe.. Wenn ich eine Flinte hätte, wäre ich nicht zu Ihnen gekommen.. Aber ich war allein und ohne Waffen.. Ich hatte Sie ein Pferd vorbeiführen ſehen, lief her und ſuchte Sie und nun wollen Sie nicht kommen.“ Dorn ging endlich hinter Regnault her auf dem Wege hin, auf welchem wir die Frau von Audemer hinreiten ſahen. „Geben Sie mir Ihre Flinte, Dorn,“ ſagte Regnault nach einiger Zeit;„ich kann beſſer laufen.“ Der alte Dorn hatte keinen Athem mehr und reichte das Gewehr hin. Regnault lief ſo ſchnell als er konnte. „Wenn Du ihn retteſt,“ rief ihm Dorn nach, „ſo iſt Gertrud dein, ich ſchwöre es vor Gott.“ Dieſe Worte ſchienen dem Drehorgelſpieler Flü⸗ gel zu geben und Dorn blieb weit hinter ihm zurück. Er lief noch immer, aber bald hörte er einen Schuß fallen und er blieb ſtehen. In dem Blitze des Gewehres, daß ſich entladen hatte, ſah er am Nande der Hölle zwei Männer, deren jeder ein Gewehr angelegt hatte. Der eine 100 3 ſtand und hielt die Flinte durch die Oeffnung der V Hölle auf die Straße hinunter; der andere kniete und ſchien auf den erſtern zu zielen. In der erſten Secunde war alles wieder finſter, aber bald leuchtete ein neuer Blitz, denn der Kniende hatte auch geſchoſſen. Im nächſten Augenblick kam Johann Regnault zitternd zurück. Seit einer halben Stunde plauderten Franz und Deniſe unten in der Hölle, denn da hatten ſie ein— ander zu treffen verabredet. Sie hatten einander lange nicht ſo allein geſehen und waren glücklich. Sie ſprachen von ihren Hoffnungen und Beſorg⸗ niſſen. Als der erſte Schuß fiel, pfiff eine Kugel zwi⸗ ſchen dem Kopfe des jungen Mannes und Deni⸗ 9 ſes hin. Franz ſprang ſogleich auf und Deniſe ſtieß einen Angſtſchrei aus. b In dieſem Augenblicke fiel der zweite Schuß und die Echos von Bluthaupt trugen einander den Don⸗ ner zu. Diesmal pfiff keine Kugel um die Liebenden, g der kniete einen und Don⸗ den, 101 aber in dem Gebüſche an den Seiten des Abgrun⸗ des raſchelte es ſtark und dann fiel etwas ſchwer unweit von Franz nieder. Es war der todte Weinſchenk Johann aus der Giraffe im Temple zu Paris. Elftes Kapitel. Das Gericht Zluthaupts. Es mochte Mitternacht ſein. Die Jagd dauerte draußen noch fort, aber ſie nahete ſich ihrem Ende. Die Frau von Laurens befand ſich allein in dem großen Saale des Schloſſes.. Noch trug ſie ihren Reitanzug und ſie ſaß am Kamine auf einem alten Lehnſtuhle, in welchem ihr zierlicher Körper faſt verſchwand. Mit ſtierem zerſtreuten Blick ſah ſie auf die gro⸗ ßen Holzſtücke, welche in dem Kamine brannten und rauchten. Ein Diener trat ein und fragte, ob die gnädige Frau geſchellt habe. „Ja,“ antwortete Sarah.„Wenn die Herrn 103 von Reinhold, Mira und Van Praet von der Jagd zurückkommen, ſagen Sie Ihnen, daß ich hier bin.“ Der Diener ging wieder hinaus und Sarah ver— ſank von Neuem in ihre Gedanken. Von Zeit zu Zeit blickte ſie ungeduldig auf die Zeiger der altväteriſchen Uhr. Nach einer Viertelſtunde etwa hörte ſie das Git⸗ terthor des Schloſſes knarrend in ſeinen Angeln ſich bewegen. Sie ſtand ſogleich auf und trat an das Fenſter. Es waren die drei Verbündeten. Sarah ſah ſie vom Pferde ſteigen und durch den Hof ſchreiten. Sie ſprachen lebhaft mit einander und man errieth es an den Geberden des Ritters von Reinhold, daß er ſeinen Begleitern eine vortreffliche Nachricht mit⸗ theilte. Die Kleine zuckte die Achſeln und ſetzte ſich wie⸗ der nieder. Gleich darauf traten die drei Männer ein. „Schöne Frau,“ ſagte Reinhold, der voran⸗ ging,„ich will der Erſte ſein, Ihnen die große Nachricht zu üͤberbringen.“ „Victoria! Victoria!“ rief auch Van Praet aus. Die Kleine ſah ſie gleichgültig und muthlos an. „Freuen Sie ſich, ſchöne Frau,“ fuhr Reinhold fort.„Alle unſere Hinderniſſe ſind beſeitiget. Haben 7* 8 1 1 ————— — — 104 Sie die beiden Schüſſe unten gehört? Die Kugeln, mit denen die Gewehre geladen waren, haben für uns den Werth von mehr als hundertfach ihrer Schwere in Gold. Wir brauchen nun nichts mehr zu fürchten. Franz liegt unten in der Hölle von Bluthaupt.“ Die drei Genoſſen rieben ſich die Hände. „Ich glaubte bereits,“ fiel der Doctor ein, „wir würden niemals das Ziel erreichen.“ Sarah lächelte verächtlich. „Sparen Sie Ihre Freude zu einer beſſern Gele⸗ genheit auf,“ ſagte ſie;„Franz liegt in ſeinem Bett und befindet ſich eben jetzt ganz vortrefflich.“ Reinhold verſuchte zu lächeln. „Mir dürfen Sie ſolche Dinge nicht erzählen, ſchöne Frau,“ ſagte er;„ich könnte faſt behaupten Zeuge des Geſchehenen geweſen zu ſein. Ich ritt gegen zehn Uhr auf der Heidelberger Straße umher, als ich dem Weinſchenken Johann begegnete, der mich aufforderte vom Pferde zu ſteigen, damit ich etwas Merkwürdiges ſähe, das mich im erſten Au⸗ genblick freilich nicht eben erfreuete. Es war Fräu⸗ lein von Audemer mit dem Franz. Da ſagte ich zu Johann:„ich werde mich entfernen und Du wirſt Dein Beſtes thun.“ „Die Straße war ſo hell wie am Tage. Johann kletterte an der Hölle hinauf, um ſich im ſchlimmſten n 10⁵ Falle einen ſichern Rückzug zu bahnen. Nach zehn Minuten hörte ich zwei Schüſſe fallen und ich ritt im Galopp wieder hinzu. Die Lichter auf der Straße waren erloſchen und daran erkannte ich die Klugheit meines Mannes. Ich ließ mein Pferd bis an die Stelle vorgehen, wo ich Fräulein von Audemer mit dem Franz geſehen hatte. Es war nur noch ein Leichnam da.“ Der Ritter ſprach die letzten Worte in einem Tone aus, welcher jede Erwiderung abzuſchneiden ſchien. Die Frau von Laurens hatte ihn bis zu Ende ſprechen laſſen, ohne ihn zu unterbrechen. „Und haben Sie ſich die Mühe genommen ab⸗ zuſteigen, um den Leichnam näher zu betrachten?“ „Das wäre gefährlich geweſen,“ entgegnete der Ritter;„man hätte mich ertappen können.“ „Herr von Reinhold, Sie haben daran nicht wohl gethan; es hätte Ihnen den Verdruß erſpart, den ich Ihnen nun bereiten muß. Der Leichnam, der unten in der Hölle liegt, iſt wahrſcheinlich der Ihres Freundes Johann.“ „Wie können Sie das wiſſen?“ „Ich begegnete eben am Schloßthore Franz und Fräulein von Audemer, die mit einander zurück— kamen.“ „Wäre es möglich?“ ſtammelte der Ritter. 106 „Ich habe es geſehen,“ antwortete die Frau von Laurens kalt.. Es trat darauf eine Pauſe ein. Sarah blickte ſtill in das Feuer des Kamins. Reinhold wußte nicht, was er ſagen ſollte. „Da könnten wir ja aber ſelbſt verloren ſein,“ meinte endlich Van Praet. „Dieſer Meinung bin ich auch,“ entgegnete Sarah, die dann hinzuſetzte,„um ſo mehr als Franz jetzt den Namen ſeines Vaters kennt und weiß, welches Intereſſe wir haben ihn zu bekämpfen.“ „Warum glauben Sie das?“ fragte der Doctor. „Ich weiß es, ich errathe es; als er an mir vorüber kam, warf er mir einen ſo ſeltſamen Blick zu.. Die, welche ihm beiſtehen, haben ihm wahr⸗ ſcheinlich alles erzählt.“ Die drei Männer ließen die Köpfe ſinken. „Ich habe noch nicht einmal etwas geſagt,“ fuhr die Kleine fort;„haben Sie nicht auf der Esplanade vor dem Schloſſe zahlreiche Gruppen be⸗ merkt, die leiſe ſprachen und nach unſerm Schloſſe ſahen?“ „Das iſt nichts Beunruhigendes,“ entgegnete Reinhold;„es ſind Landleute, die auf die Rückkehr der Jagd warten.“ „Es ſind allerdings Landleute, Herr Ritter, aber ich ſchwöre es Ihnen zu, daß ſie an etwas an⸗ deres denken als an die Rückkehr der Jagd. Sie ſagen die Seele Bluthaupts werde ſich von Neuem zeigen.“ „Albernes Geſchwätz!“ brummte der Ritter. „Nein, es iſt ſehr ernſthaft. Man hat, glau⸗ ben Sie mir, die armen Leute bearbeitet. Der Mann, welchen wir den Baron Rodach nannten, hat die Zeit, welche er in der Gegend zubrachte, wohl benutzt. Wir ſind von einem Complott bedro⸗ het, in welchem wir alle umkommen können.“ Die Männer konnten ihre Unruhe nicht bergen; nur Sarah blieb kalt und gefaßt. Sie ſtand auf und ſchien größer zu werden. Sie war jetzt groß und ſchön wie jene Königinnen, welche uns die alte Tragödie in der Auflehnung gegen die Götter zeigt. „Siegen müſſen wir!“ ſprach ſie mit feſter ſchallender Stimme.„Wir wiſſen wo unſere Feinde ſind. Der Schein, welchen die Landleute die Seele Bluthaupts nennen, iſt die Lampe, deren ſich der Baron Rodach, der Baſtard Otto, vielleicht mit ſei⸗ nen Brüdern bedient. Sie befinden ſich in dem Stüb⸗ chen im Thurme. Wenn das Feuer im zweiten Stock des Thurmes auskäme, würden ſie verſchwin⸗ den, ohne daß eine Spur von ihnen übrig bliebe.“ „Allerdings,“ meinte der Doctor. „Unterdeß,“ fuhr die Frau von Laurens fort, 108 „begäben wir uns in das Zimmer jenes Franz, denn es iſt nicht mehr Zeit ſich auf fremde Hände zu verlaſſen. Franz ſchläft. Alle unſere Feinde wur⸗ den auf einmal verſchwinden.“ Die drei Verbündeten ſchwiegen und Sarah ſah ſte mit Verachtung an. „Sie brauchen einen Mann, nicht wahr, der vorangeht und den Streich führt? Nun holen wir den Herrn Nanos.“ Sie ſchritt durch das Zimmer. Van Praet, Reinhold und Mira folgten ihr, ſichtbar ungern. „Pitois und Malou müſſen zurück ſein,“ ſagte Sarah zu dem Ritter.„Suchen Sie dieſelben auf; wir werden ihre Hülfe brauchen.“ Reinhold entfernte ſich und die übrigen ſetzten ihren Weg fort. Faſt alle Diener waren der Jagd gefolgt und Niemand befand ſich in den langen Gängen. An der Thurmtreppe fanden die Genoſſen den Herrn Georgyi, der da auf ſeinen Feind wartete. „Herr Yanos,“ ſagte die Kleine zu ihm,„uns alle bedrohet eine ſchreckliche Gefahr. Der Mann, auf den Sie warten, wird nicht kommen. Warum ſollten Sie ihn nicht aufſuchen?“ Der Ungar erröthete. „Ich bin ſchon mehr als einmal zu der verfluch— ten Thür hinaufgegangen,“ ſagte er,„aber ich kann nur mit Menſchen kämpfen und wer weiß, wer oben auf dem Thurme iſt.“ Die Kleine hatte ihre Worte nach der vollkom— menen Kenntniß des Characters des Ungars bemeſ⸗ ſen. Sie ſtellte ſich ſehr verwundert. „Soll ich glauben,“ fragte ſie,„daß Yanos Georgyi ſich fürchte?“ Der Ungar runzelte die Stirne, antwortete aber nicht. „Da muß ich,“ fuhr die Frau von Laurens fort, „um den Dienſt beſorgt werden, den wir von Ihnen erbitten, Herr Nanos, denn es giebt Gefahr.“ Der Ungar richtete ſich kerzengerade empor und antwortete. „Ich bin bereit. Sind zwei auf einmal zu be— kämpfen?“ „Vielleicht,“ antwortete die Kleine.„Sie ſind bewaffnet; der junge Franz, den Sie ſonſt gering— ſchätzten, hat mächtige Vertheidiger gefunden.“ „Zeigen Sie mir meine Gegner!“ fiel Na⸗ nos ein. In dieſem Augenblicke kam Reinhold mit Pitois und Malou an, die noch ihre Jagdflinten trugen. „Gehen Sie da hinauf,“ ſagte die Kleine und deutete auf die Thurmtreppe. Sie ſelbſt folgte. Mira, Van Praet und Reinhold ſahen aus, 11⁰ als wüßten ſie nicht, ob ſie bleiben oder auch gehen ſollten. „Ich brauche Sie nicht,“ rief ſie ihnen zu. „Bereiten Sie unterdeß Ihre Waffen.“ Nach ihrem Befehle blieben Malou und Pitois auf der Treppe an dem Stockwerke unmittelbar vor dem Laboratorium des alten Günther ſtehen. Die Kleine improviſirte das nicht, was ſie in dieſem Augenblicke that. Sie hatte ſeit zwei Stun⸗ den darüber nachgedacht. Die Kleine hatte den Schlüſſel bei ſich, ſchloß auf und ließ die beiden Männer eintreten. „Sie ſind ergebene Männer?“ fragte ſie. „Ich glaube es,“ antwortete Malou. „Haben Sie das Licht auf dem Thurme geſehen, als Sie zurückkamen?“ „Die Leute reden ja von nichts weiter, als daß ein alter Zauberer da oben ſein Weſen treibe. Man hört ja aber nichts.“ „Man hött freilich nichts,“ antwortete die Kleine,„es iſt aber ſicherlich Jemand da, vielleicht ſogar mehrere Perſonen. Dieſe Leute ſind uns hin⸗ derlich.“ „Ich weiß das,“ ſagte Malou,„aber man ſagt, es dürfte nicht gut ſein, die Thür mit Gewalt zu öffnen.“ „Ich möchte Sie auch nicht der geringſten Ge⸗ ſeh un au ein fahr ausſetzen. Könnte man indeß die Gefahr nicht umgehen? Wenn z. B. Feuer in dieſem Zimmer auskäme..“ „Hm! die Mauern ſind von Stein; es gäbe ein Loch und damit abgemacht.“ „Man würde ſie da oben wohl ausräuchern.“ „Und Sie könnten das unternehmen?“ „Ach!“ antworteten die beiden Spitzbuben als beleidige ſie dieſer Zweifel..„Bezahlt müßte freilich gut werden.“ „Sie bekommen das Doppelte von dem, was Ihnen verſprochen worden iſt,“ ſagte die Kleine. „Zufrieden!“ rief Malou aus, welcher ſehr raſch das Bett im Zimmer zerſchlug und den Stroh⸗ ſack in die Mitte warf.„Das iſt das nöthige Brennmaterial,“ ſetzte er hinzu.„Weiter nichts?“ „Nein,“ antwortete Sarah.„Haben Sie Feuer angezündet, ſo ſchließen Sie die Thür zu und halten ſich auf der Treppe bereit. Kommt Jemand aus dem Zimmer oben heraus.. „So geleiten wir ihn die Treppe hinunter,“ unterbrach ſie Malou. Sarah nickte bejahend. „Schreien Sie aber aus Leibeskräften: Diebe! Diebe!“ ſetzte ſie hinzu. Die beiden Männer lachten laut auf. „Da wird man glauben,“ ſagten ſie,„die 112 Taugenichtſe oben hätten das Feuer angelegt. Das iſt hubſch erdacht.“ Der Strohſack wurde aufgeriſſen und ſein In⸗ halt thürmte ſich neben dem Bette auf. Sarah ging wieder hinunter. Im Corridor traf ſte ihre Verbündeten, die ſich bewaffnet hatten. „Kommen Sie,“ ſagte ſie zu ihnen,„ich will Sie führen.“ Sie ging wirklich voraus und ſie ſtiegen ge— räuſchlos die Treppe hinauf, welche zu dem Zimmer des jungen Franz führte. Sarah öffnete leiſe die Thür und ließ dann ihre Genoſſen vorangehen. Der Ungar trat zuerſt hinein und Sarah zuletzt, als wollte ſie den andern den Rückzug abſchneiden. In dem Zimmer brannte eine Lampe, die er ohne Zweifel auszulöoͤſchen vergeſſen hatte, ehe er ſich niederlegte. Man ſah in dem Lichte, das ſie verbreitete, die alten Geräthe, die beiden Rüſtungen an der Thür und ganz im Hintergrunde das Bett mit den vorgezogenen Vorhängen. Der Ungar ſah ſich entſchloſſen um, als er aber die beiden Rüſtungen erkannte, rief er aus:„hier war es.“ Mira, Reinhold und Van Praet ſchwiegen und zitterten. Sie hatten auch das Gemach erkannt, in welchem der Mord vor zwanzig Jahren geſchehen war. ———B½— — 113 „Feige Memmen!“ rief ihnen Sarah zu, indem ſie Reinhold den Dolch entriß;„nur das Weib unter Euch beſitzt Nännermuth!“ Und ſie trat ent⸗ ſchloſſen an das Bett. Der Ungar aber ſchämte ſich, ſchob Sarah zu⸗ rück, öffnete die Vorhänge des Bettes und wollte ſeinen Dolch gebrauchen, aber ſein Arm ſank wie gelähmt nieder. Vor dem Bette des Jünglings erblickte man von Neuem die ſchreckliche Erſcheinung, welche die Schul⸗ digen vor zwanzig Jahren an derſelben Stelle bei der Wiege des Sohnes der Gräfin Margarethe geſe⸗ hen hatten: Drei Männer von rieſiger Geſtalt in langen rothen Mänteln, das bloße Schwert in der Hand. Diesmal aber war ihr Geſicht unverhüllt. Sie ſtanden alle drei unbeweglich, ſtolz und un⸗ erſchrocken da und blickten die Mörder an. Hinter ihnen bemerkte man das jugendliche Ge— ſicht des Franz, der im Schlafe lächelte. Reinhold, Van Praet und Mira wollten fliehen, aber die Thür war hinter ihnen geſchloſſen worden und Dorn wachte auf der Schwelle. Gleichzeitig erſchienen durch die Thüre des Bett⸗ gemachs die männlichen Geſtalten der Deutſchen im Temple. Einer der rothen Männer trat von der Erhöhung 114 3 herunter, auf welcher das Bett ſtand, dem Ungar entgegen und ſagte: b „Yanos Georgyhi, ich hatte Ihnen verſprochen, V daß Sie heute den Mann finden ſollten, den Sie ſuchten. Werfen Sie den Dolch hin und ziehen Sie den Degen.. Ich bin der Sohn Ulrichs von Bluthaupt.“ Zwölftes Kapitel. Endliche Gerechtigkeit. Man hatte Fackeln auf die alten Kandelaber auf dem Kamine geſtellt und ein röthliches grelles Licht beleuchtete alle Winkel des Gemachs. Ein ſchrecklicher Kampf war beendiget. Vier Leichname lagen am Boden: Reinhold, Van Praet, Mira und der Ungar. Nur Einer der Baſtarde befand ſich noch da, der welchen wir als den Baron von Rodach gekannt haben. Aber die Thür des Betzimmers ſtand offen und man konnte errathen, daß die beiden andern nicht weit ſein würden. Franz war bei dem Kampflärme aus dem Schlafe 116 aufgefahren. Er ſtützte ſich auf den Elnbogen und betrachtete bald ſtaunend den Baron von Rodach, bald die vier Leichname. Die Frau von Laurens war auf einen Seſſel geſunken. Hinter ihr bedeckte ihre Schweſter Eſther das Ge⸗ ſicht mit beiden Händen, um das Blut nicht zu ſehen. An der Thüre, an der Wand lehnte der junge Abel von Geldberg, wie vom Blitze getroffen. In einem Winkel war der alte Moſes halb todt vor Schrecken in ſich zuſammengeſunken; er wagte weder zu athmen, noch ſich zu rühren; ſeine Zähne aber ſchlugen klappernd auf einander. Dieſe drei Perſonen waren nicht freiwillig ge⸗ kommen und die Boten, die ſie geholt hatten, ſtan⸗ den noch bei ihnen. Es waren Deutſche aus dem Temple. Als Otto endlich ſeine Stime erhob, hörten ihn alle erbebend an: „Es ſind noch nicht Leute genug hier,“ ſagte er;„man hole die Frau von Audemer, ihren Sohn und ihre Tochter.“ Ein Deutſcher ging hinaus. „Man rufe auch die armen Leute aus dem Temple, die Frau Regnault und ihre Kinder.. Sie müſſen in dem Schloſſe ſein. Dorn hat ſie bereits vorbereitet.“ ſel 117 Ein anderer Bote entfernte ſich. „Man begebe ſich in das Zimmer der Frau von Laurens; dort befindet ſich ein Kind, das für die Tochter ihrer Dienerin gilt, das aber unter uns gehört.“ Sarah konnte nicht mehr erbleichen. Als ein dritter Deutſcher fortgehen wollte, winkte ihm Rodach und ſagte ihm leiſe einige Worte, unter denen Sarah den Namen ihres Mannes verſtand. Einige Minuten darauf hatten ſich alle eingefun⸗ den, die Familie Audemer, die Regnaults mit der Tochter Dorns, und die kleine Ausläuferin, welche ein Mann aus dem Temple führte. Alle ſtellten ſich ſchaudernd, ſo weit als möglich von den Leichen entfernt auf. Nur die Mutter Regnault kniete weinend neben ihrem todten Sohne nieder. Franz ſtierte noch immer mit weit aufgeriſſenen Augen umher und wußte nicht, ob er wache oder ob ihn einer der entſetzlichſten Träume peinige. In der Stille, die in dem großen Gemach herrſchte, erhob ſodann der Baron von Rodach ſeine Stimme und ſprach: „Vor zwanzig Jahre haben die Männer, die jetzt todt vor uns liegen, eine ganze edele Familie ermordet, Ulrich von Bluthaupt, Günther von Xi. 8 118 Bluthaupt und deſſen Gattin, die Gräfin Mar⸗ garethe. Ein fünfter Schuldiger ſteht unter uns, der uns hört und ſagen kann, ob meine Worte Wahrheit oder Lüge ſind.“ Der alte Moſes faltete ſeine Hände, wie um Erbarmen zu bitten und ſprach: „Herr!.. Herr! es geſchah für meine armen Kinder.“ „Der Sohn Günthers und Margarethens,“ fuhr Rodach fort,„wurde gerettet.— Gräfin Helene, Deine Brüder hatten drei Mordthaten zu rächen, aber ſie rufen den Himmel zum Zeugen an, daß nicht die blinde Rachſucht ihre Schwerter geführt hat.— So lange die, welche jetzt todt vor unſern Augen liegen, gelebt hätten, würde immer eine Drohung über dem Haupte des letzten Grafen, unſe⸗ res Herrn geſchwebt haben. Die Baſtarde Ulrichs hatten ſich gar oftmals zwiſchen den Tod und ſeine Bruſt geſtellt. Aber wer weiß, ob ſie noch lange leben werden. Günther von Bluthaupt mußte durch das Leben ſchreiten können, ohne neue Schlin⸗ gen vor jedem ſeiner Tritte zu finden..“ „Aber,“ fiel hier die Vicomteſſe kaum verſtänd⸗ lich ein,„wo iſt der Sohn meiner Schweſter?“ „Ich weiß es,“ antwortete der Baron,„und ſeit zwanzig Jahren haben ich und meine Brüder um über ihn gewacht. Die menſchliche Gerechtigkeit iſt bisweilen ohnmächtig.. Wenn es ein Verbrechen war, ihr vorgegriffen zu haben, ſo möge Gott uns richten. Was ich und meine Brüder thaten, haben wir mit Vorbedacht gethan. Die Gräber für dieſe Männer ſind fertig in der Kapelle.“ Dann wendete er ſich gegen das Bett des jungen Franz, der halbangekleidet da lag und ſprach: „Stehen Sie auf, Günther von Bluthaupt!“ Vor dem Schloſſe draußen entſtand ein gewal⸗ tiger Lärm. Die Landleute, die auf dem Vorplatze verſam⸗ melt waren, ſchauten mit abergläubiſcher Erwartung nach dem Lichtſcheine, der am Fenſter des ehemaligen Laboratoriums des Grafen Günther glänzte. Die Frau von Laurens hatte richtig gerathen. Es war in der Umgegend das Gerücht verbreitet, das für dieſe Nacht außerordentliche Ereigniſſe ver⸗ kündigte und die Leute hofften nichts ſehnlicher, als von den ſie bedrückenden neuen Beſitzern des Schloſ⸗ ſes befreit zu werden. Mit einemmale zeigte ſich ein ſtärkeres helleres Licht an den Fenſtern des Thurmes, aber nicht mehr ganz oben auf demſelben, ſondern in dem vorletzten Stockwerke. Der Lichtſchein wurde ſtärker und bald erſchien er als Brand. Niemanden freilich fiel es . 8* 120 ein, daß es eine gewöhnliche Feuersbrunſt ſein könnte; denn eben hatte es zwölf Uhr geſchlagen und es war alſo die Stunde, in welcher die andere Welt in die unſrige herüber zu greifen pflegt. Die Diener dagegen bemüheten ſich den Brand zu löſchen und ſie wunderten ſich nur, daß Keiner der Herren ſich zeige. Bei dem Löſchen ergriff man auch Malou und Pitois, welche man dabei traf, wie ſie die Flammen ſchürten. Zwar behaupteten ſie, von den Herren von Geldberg ſelbſt den Auftrag erhalten zu haben, Feuer anzulegen, aber wer konnte das glauben. Sie wurden in Sicherheit gebracht. Franz ſtand jetzt neben Otto mit niedergeſchlage⸗ nen Augen. Die Leichen waren fortgetragen worden. „Moſes Geld,“ ſprach jetzt der Baron von Rodach,„erkennen Sie dieſen jungen Mann als Sohn Günthers von Bluthaupt und der Gräfin Margarethe an?“ Der Alte ſchwieg. „Moſes Geld,“ fuhr Rodach fort,„ich habe Ihnen das Leben gelaſſen, weil ein Engel zwiſchen mein Schwert und Sie trat und auch weil ich einen on Zeugen für die Dinge brauchte, die vor zwanzig Jahren geſchehen ſind,.. aber ich habe gegen Sie noch ſchrecklichere Waffen als ſelbſt das Schwert. Erkennen Sie in dieſem jungen Manne den Sohn Günthers von Bluthaupt und der Gräfin Mar⸗ garethe?“ Sarah wendete ſich zu ihrem Vater als wolle ſie ihn in ſeiner Weigerung zu antworten beſtärken; aber der Alte gedachte des Vorfalles im Temple und ſträubte ſich nicht länger. „Ja,“ antwortete er mit kaum vernehmlicher Stimme. Die Vicomteſſe und Julian zuckten zuſammen; bis dahin hatten ſie noch immer gezweifelt. Die Verlegenheit Deniſes ließ ſie noch reizender erſchei⸗ nen. Sie dachte jetzt nur an Franz und betrachtete ihn von der Seite. Ihr Herz war voll von Jubel und Hoffnung. In dem Kopfe des jungen Franz bewegte ſich eine Welt von Gedanken. Der Baron von Rodach fuhr fort: „Wir haben hier zu viel Zeugen als daß Sie Ihr Wort zurücknehmen könnten, Moſes Geld.. Jetzt verſteht es ſich von ſelbſt, daß der Sohn Bluthaupts ſein Erbe anzutreten hat.“ — 122 Abel, Eſther und die Kleine ſahen einan⸗ der an. „Der Sohn Bluthaupts, wie Sie ihn nennen,“ ſagte Sarah,„ſoll das Schloß Geldberg und das Schloß Rothe erhalten.“ „Das reicht nicht,“ ſprach der Baron;„Blut⸗ haupt beſaß alles Land zwiſchen Eſſelbach und Obernburg.. Die Zurückgabe muß vollſtändig ſein.“ „Dazu würde unſer ganzes Vermögen nicht hin⸗ reichen;“ fiel Abel ſchuͤchtern ein. „Es muß aber alſo geſchehen,“ erwiderte Rodach. Eſther, Sarah und Abel ſprachen leiſe mit einander. Unterdeß verließ der alte Moſes von Geldberg ſeinen Platz und trat zu ihnen. „Meine armen Kinder,“ ſagte er,„verweigert dieſem Manne nichts; er iſt mächtig und unbarm— herzig.“ Eſther und Abel zögerten. „Hört mich an,“ fuhr der Alte fort;„wenn Ihr wuͤßtet, wie ich Euch liebe, meine armen Kin⸗ der! Aber Ihr werdet nicht ganz arm ſein. Ich habe noch einige hunderttauſend Francs irgendwo verborgen und für mich werde ich nichts, gar nichts behalten.. Ich gebe Euch alles.“ „Sie willigen ein,“ ſagte der alte Moſes ſchnell. Das Schweigen der Familie beſtätigte dieſe Worte. „Noch eine Frage bleibt zu löſen,“ fuhr Rodach fort.„Es muß das Verſchwinden dieſer vier Män⸗ ner erklärt werden.“ „Das ſcheint Ihre Sache zu ſein,“ ſagte die Frau von Laurens. „Sie irren ſich,“ unterbrach ſie der Baron von Rodach;„auch dies iſt Ihre Sache.. Dieſer Mann iſt Anfällen von Irrſinn ausgeſetzt..“ Moſes Geld richtete ſich erſtaunt empor. „Sie werden ihn einſperren laſſen,“ ſagte Ro⸗ dach,„und einem Wahnſinnigen kann man alles zutrauen..“ Moſes ſenkte ſein Haupt von Neuem. Er hatte verſtanden; ſeine Kinder ſollten ſeine Richter ſein. „Herr!“ fiel Abel ein. „Ich frage Sie ſelbſt,“ unterbrach ihn der Baron von Rodach,„iſt ein Mann nicht wahn⸗ ſinnig, der Millionen beſitzt und dennoch ſich in Lumpen kleidet und unter dem angenommenen Na⸗ men Araby im Temple auf Pfänder leiht?“ 124 Alle Deutſche machten große Augen. Moſes ſtand wie erſtarrt da und leugnete nicht. Sarah aber hatte ſich raſch empor gerichtet und ihre Augen, in denen ein umheimliches Feuer glü⸗ hete, richteten ſich auf ihren Vater. „Ach!“ ſprach ſie,„Sie waren Araby?“ Und gedankenſchnell eilte ſie zu der kleinen Aus⸗ läuferin, die ſich hinter Gertrud zu verſtecken ſuchte und zog ſie zu dem Alten. „Iſt es wahr, Judith?“ fragte ſie. „Ja,“ antwortete leiſe das Kind. Sarah riß der Kleinen das Tuch ab, wieß auf die Flecken an der Bruſt des Kindes und rief aus: „Das haben Sie gethan? Man ſagt, ſie müſſe ſterben und Sie haben ſie umgebracht. Ich, ich bin nicht die Tochter Arabys, des Pfandverleihers. Was liegt der Tochter Geldbergs daran, einen Wucherer ins Irrenhaus zu bringen?“ Die Augen des Alten füllten ſich mit Thränen. „Sarah!“ ſtammelte er,„meine liebe Sarah! Es geſchah für Dich.“ Er verſuchte ihre Hand zu faſſen, aber die Frau von Laurens ſtieß ſie hart zurück. „Sie ſind verrückt!“ ſagte ſie. Er wendete ſich an ſeine beiden andern Kinder, aber ſie entfernten ſich von ihm. auf 15: nüſſe ich hers. einen nen. nrah! Frau indet, 12⁵ Moſes von Geldberg blieb einen Augenblick wie vom Blitze getroffen ſtehen, dann erhob er die thrä⸗ nenfeuchten Augen gen Himmel und flüſterte: „Mein Gott, es geſchah um ihretwillen; fuͤr ſie ein Leben voll Mühe und Schuld! Herr, Herr Gott, höre die Stimme eines Vaters! Undankbare Kinder, ich verfluche Euch!“ Eſther und Abel blieben ſtumm und unbeweglich ſtehen, Sarah zuckte die Achſeln und wollte zu ihrer Tochter gehen, aber das Kind fühlte das Gräßliche, das in der Verleugnung eines Vaters lag. Als Sarah das Kind von ihr ſich abwenden ſah, hörte ſie vielleicht zum erſtenmale die Stimme des Gewiſſens. Sie erblaßte und murmelte wie ihr Vater: „Mein Kind, für Dich habe ich alles gethan.“ In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thür und die zuletzt beſchiedene Perſon trat ein, Leon von Laurens, der langſam durch das Gemach ſchritt und ſich neben ſeine Frau ſtellte. Er berührte ſie leicht mit der Hand und ſie kehrte ſich um. Einen Augenblick ſtanden ſte einander ſtumm gegenüber. Laurens war nicht mehr derſelbe Mann. Er hatte den Ausdruck eines Herrn und Richters wieder gefunden. — 126 Sarah verſuchte es Anfangs ſeinen Blick aus⸗ zuhalten, aber ſie vermochte es nicht. „Madame, ſagte Herr von Laurens kalt,„ich liebe Sie nicht mehr.“ Und in dieſem Worte lag eine ganze Zukunft von ſchrecklicher Strafe. Die Gäſte von Geldberg rühmten unter einander, als ſie über die Corridors nach ihren Zimmern gin⸗ gen, die königliche Pracht und Freigebigkeit ihrer Wirthe. Der letzte Act des Feſtes war die Fackeljagd geweſen und man ſprach gleichwohl von einer an⸗ dern Feſtlichkeit, von einer feierlichen Ceremonie, von einem Sohne Bluthaupts, der wieder gefunden worden ſei. Die Thüre des Zimmers des jungen Franz ſtand weit ofſen und die Gäſte Geldbergs drängten ſich dahin. Der junge Abel ſprach laut: „Unſer verehrter Vater hat endlich gefunden, was er ſo lange geſucht, den Sohn Günthers von Bluthaupts, ſeines Wohlthäters und Freundes.“ Franz ſtand auf der Eſtrade vor dem Bette und um ihn knieten die ehemaligen Diener ſeiner Familie, ander, gin⸗ ihrer eljagd er an⸗ nonie, unden ſtand n ſich unden, 5 von 6 71 te und die Pächter und Umwohnenden, die man hatte ein⸗ treten laſſen. Als der letzte der Getreuen ſich wieder erhoben hatte, traten Götz und Albert in ihren rothen Män⸗ teln neben ihren Bruder Otto und alle drei knieten nieder. Am Ende des Saales hörte man nicht, was ſie ſagten, aber der junge Graf, Günther von Blut⸗ haupt, forderte ſie auf ſich zu erheben und umarmte einen nach dem andern. „Auf Ehre,“ ſagte Mirelune,„es iſt beinahe rührend.“ „Bah!“ entgegnete der Bühnendichter,„ein wiedergefundenes Kind?— Das iſt oft da geweſen.“ „Man ſpricht von einer Million Renten,“ flü⸗ ſterte die Marquiſe von Beautravers. Die Herzogin der Tartarei hatte Thränen in den Augen, denn ſie dachte an den König von Rom. Die Frau von Audemer mit ihren Kindern hatte ſich Franz genähert. Julian drückte dem ſonſtigen Freunde verlegen die Hand. „Graf,“ ſprach die Frau von Audemer,„ich habe nicht vergeſſen, daß ich eine Bluthaupt bin; 128 Sie ſind jetzt das Haupt der Familie und Ihnen ſteht es zu, meine Tochter zu vermählen.“ Franz und Deniſe lächelten. Am andern Ende des Gemachs legte der gute Hans Dorn die Hände Gertrudens und Johann Regnaults zuſammen. Die Illumination war längſt erloſchen und der Morgen begann bereits zu grauen. Am Fenſter Leas von Geldberg nur glänzte noch Licht und eine weiße Geſtalt zeigte ſich an den Scheiben. Unter dieſen Fenſtern erſchienen nach einander drei Männer, die in den Graben hinabſtiegen und an dem entgegengeſetzten Ufer wieder empor⸗ kletterten. Da ſtand Dorn, der drei geſattelte Pferde hielt. „Gotte behüte Sie!“ ſprach er traurig, wäh⸗ rend die drei Männer aufſtiegen. Sie jagten darauf in Galopp davon und riefen dem treuen Diener ein letztes Lebewohl zu. Dieſes Lebewohl ſchien ein ſchwaches Echo in dem Schloſſe zu finden. Die weiße Geſtalt am Fenſter Leas ſank zuſam⸗ men und verſchwand. 129 Die drei Männer, die Baſtarde von Blut⸗ haupt, ritten nach Frankfurt zu, um in ihr Ge⸗ fängniß zurückzukehren und das Wort zu löſen, das ſte dem Gefängnißaufſeher bei ihrer Flucht gegeben hatten. — — — — F — — 8 — — S 82 S— — A ——— 8 8 „ —— 2 2 ——— Grey Gontrol Chart Green vellow Heod Magenta