ͤͤͤ 1 1 p e 1 1 deutſ cher, engliſcher und franzöſiſ cher Literatur on Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgr: 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —x————— auf 1 Monat: v— Pf. 1 Mk. 55 Pf. 2 Mk.— Pf. 17 3 12 2 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſ endung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſun Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſett und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4 — Leihbibliothek — —— » — —2 Paul Feval's Werke. Deutſch Dr. A. Diezmann. Siebenter Zand. Leipzig: Otto Wigand. (Eigenthum der Vereins⸗Verlagsbuchhandlung.) 1846. 1 Der 2 Sohn des Teufels. Von — Paul Feval. Deutſch von — Dr. A. Diezmann. Siebenter Band. Leipzig: Otto Wigand. (Eigenthum der Wereins„Verlagsbuchhandlung.) 1846. —* Das Wirthshaus zu den vier Haimonshkindern. — —,— Erſtes Kapitel. Der Abſchluß. Wir nehmen unſere Geſchichte wieder auf, wo wir ſie gelaſſen haben. Wir befinden uns noch im Temple und zwar am Abende des Faſtnachtmontags im Jahre 1844. Die Wirthshäuſer in der Nähe des Marktes hatten alle eine gute Einnahme. Obgleich am Faſt⸗ nachtmontage eine Pauſe zwiſchen den Schwelgereien des Sonntags und den Ausgelaſſenheiten des Dien⸗ ſtags zu ſein pflegt, ſo gehört der Tag doch zum Carne⸗ val und will begoſſen ſein, wenn auch nur mäßig. Man trank alſo recht ordentlich um den Temple umher; der Apfelwein und der dünne weiße Wein floßen in wäſſerigen Strömen. Die beliebten Wirths⸗ heäuſer waren ſo voll von Gäſten wie am Tage vor⸗ her und mußten den Ueberſchuß ihrer Beſucher an 1 X minder angeſehene Kneipen abgeben, die ſomit auch ihren Theil von der allgemeinen Ernte erhielten. Es war ungefähr um dieſelbe Zeit, in welcher die Frau von Laurens auf der ſteilen und ſchlüpfrigen Treppe der Batailleur herunterging, um ſich auf den Rotundenplatz zu begeben. Sie war, wie ſchon erwähnt, einen Augenblick am Ende der Straße Petit⸗-Thouars ſtehen geblieben, weil ſie im Lichte der Laterne zu bemerken geglaubt hatte, daß Franz raſch über den Platz ſchreite und in den dunkeln Hausflur hineinſchlüpfe. Die Kleine war eine geiſtesſtarke Frau und die gewöhnliche Furcht, welche ihr Geſchlecht zurück⸗ zuhalten pflegt, hemmte ſie durchaus nicht. Sie hatte ein Intereſſe dabei, mit Franz zuſammenzutref⸗ fen und ohne die Stimme des blödſinnigen Geigno⸗ let, der ſein eintöniges Lied in dem Dunkel des Flu⸗ res hören ließ, würde ſich die Kleine unerſchrocken dahinein gewagt haben. Der Geſang des Blödſinnigen hielt ſie zurück. War es übrigens Franz auch wirklich geweſen? Das wankende Licht der Laternen täuſcht ſo leicht.— Als ſie noch unentſchloſſen daſtand, wendete ſich ihr Blick auf das Rotundengebäude und ihre Augen haf⸗ teten auf einem hellen Punkte, der im Schatten des Säulenganges glänzte. tauch eelten. er die frigen uf den ſchon Straße Lichte Franz unkeln nd die zurück⸗ Sie zutref⸗ eigno⸗ 3 Flu⸗ ſtocken zurück. 2 Das 1. ſich ihr in ha ten de˙s 9 Sie zögerte nun nicht mehr; jenes Licht zog ſie wie ein Magnet an. Sie ging über den Platz und blieb vor dem Laden des alten Araby ſtehen. In dem Augenblicke als ſie das Auge an eine Ritze des Ladens legte, kam eine elegante Equipage heran und fuhr in die Templeſtraße hinein. Der Kutſcher hielt die feuri⸗ gen Pferde in der Gegend der St. Eliſabethkirche an; der Diener ſchlug den Tritt herunter und ein Mann, deſſen Anzug unter einem Makintoſh⸗Mantel ver⸗ ſchwand, ſtieg auf das Trottoir. „Wartet auf mich,“ ſagte er. Der Bediente warf den Wagenſchlag wieder zu und ging vor der Kirche auf und ab. Der Kutſcher, ein unermüdlicher und eifriger Schläfer, wie alle ſei⸗ nes Gleichen, ſetzte ſich auf dem Bocke zurecht und fing an einzunicken. Der Herr ging auf dem Trottoir wieder einige Schritte hinauf und um die Ecke der Vendome⸗ Straße. Er war wie ein junger Mann gekleidet und die Kürze ſeines„Waſſerdichten“ verrieth den Angloma⸗ nen. Sein Gang ſollte raſch und gewandt ſein. Unter den ſchmalen Krempen ſeines Hutes ſah man die Locken ſeines vollen Haares glänzen und man ſah nur dies, weil der in ächt engliſcher Manier aufge⸗ 10 ſchlagene Kragen des Makintoſh den größern Theil ſeines Geſichts verdeckte.— Die Straße Vendome, welche ihren Namen dem letzten Großprior der franzöſiſchen„Zunge“ ver⸗ dankt, bezeichnet noch eine der Grenzen des ehe⸗ maligen Beſitzthums der Ritter von St. Johannes von Jeruſalem. Obwohl ſie an das handeltreibende geräuſchvolle Paris grenzt, gehört ſie doch eigentlich ſchon dem Marais an und ihre ſtille Ruhe ſticht von dem geſchäftigen Lärme des nahen Boulevard ab. Zwiſchen ihr und der Gruppe von Theatern, welche einander die wankelmüthige Gunſt des Pariſer Vol⸗ kes ſtreitig machen, zieht ſich nur eine ſchmale Häu⸗ ſerlinie hin, die aber wie eine Welt iſt. Die Be⸗ wohner dieſer Häuſer grenzen auf der einen Seite an die Wüſte, auf der andern an die Menge. Unſer Mann ging in der Vendome⸗Straße dicht an den Häuſern hin und gab ſich das Ausſehen, als habe er ein galantes Abenteuer im Auge. Trotz ſeiner großen Luſt konnte er aber doch ſeinen Schritten eine ſteife Schwere nicht nehmen. Die ſteifen Falten ſeines„Waſſerdichten“ verhüllten nur halb eine ſtark ausgeprägte Neigung zur Wohl⸗ beleibtheit und die Folge aller ſeiner Bemühungen war weiter nichts, als daß er wie ein ehemals jun⸗ ger Mann ausſah. Ein ſolches Ausſehen iſt in der Carnevalszeit Theil dem vel⸗ che⸗ annes bende itlich t von d ab. velche Vol⸗ Häͤu⸗ ie Be⸗ Seite dicht , als Trotz ſeinen Die en nur Wohl⸗ hungen ls jun⸗ valszeit 11 ungemein gefährlich und die ſehr luſtigen Leute ſind von Natur unbarmherzig gegen die funfzigjährigen Narziſſe. Unſer Mann hatte indeß kein gefährliches Zuſammentreffen auf dem einſamen Wegezufürchten, den er gewählt hatte. Nur einige luſtige und ſpot⸗ tende Ausrufungen gelangten durch die Paſſage Vendome zu ihm und das war alles. Die Paſſage, welche die Eleganz der faſhionablen Gallerien nachzu⸗ äffen ſucht, war faſt ſo verödet, wie die Straße und das Gaslicht, das die verſchmäheten Bazare beleuch⸗ ten ſollte, hatte eine gewiſſe melancholiſche Färbung. An der Ecke der Vendome⸗ und der Brunnen⸗ Straße drehete ſich der Mann um und ging wieder nach dem Temple zurück. Der Wind hob in dieſem Augenblicke die ſtarren Schöße ſeines Mäntelchens em⸗ por, die dabei wie Pergament raſchelten und die dar⸗ unter befindliche Kleidung zeigten, welche ein weißer Palletot war. Der Ritter von Reinhold verſuchte Anfangs die unregelmäßigen Bewegungen ſeines„Waſſerdichten“ zu verhindern, aber der Wind wurde immer heftiger und er mußte ſich ausſchließlich mit ſeinem kleinen Hute beſchäftigen, deſſen Verluſt auch den Verluſt des Haares hätte nach ſich ziehen können. Er ging grollend ſeinen Weg weiter und blieb erſt vor den carrirten Vorhängen der Giraffe ſtehen. In der Trinkſtube Johanns war es ſo voll, daß 12 kein Apfel zur Erde konnte. Die Giraffe, wie man bekanntlich die Wirthin nannte, ſaß runder, dicker, röther, lächelnder als je auf ihrem Platze und ſchenkte den Wein ſo freundlich und in ſo reine Gläſer ein, daß die Gäſte des Trinkens nicht überdrüſſig wur⸗ den. Die Zauberin hatte für Jeden einige angenehme halb franzöſiſche, halb deutſche Worte, die den Durſt reizten wie Pfefferkörner. Ihr Mann, der Wirth Johann, ſtand an dem andern Ende der Stube und ſprach mit dem ernſten Theile der Geſellſchaft; das war eine große Ehre, denn es hieß, er habe ſein Schäfchen ins Trockene gebracht und er war nicht der Mann, der mit dem erſten beſten ſprach. Unter denen, mit welchen er ſich unterhielt, be⸗ fanden ſich einige unſerer deutſchen Bekannten; die meiſten derſelben fehlten aber; es war weder Her⸗ mann da, noch Hans Dorn, noch Fritz, der melan⸗ choliſche Reitknecht von Bluthaupt. Die Geſell⸗ ſchaft beſtand zum großen Theile aus Unbekannten, die kennen zu lernen wir kein beſonderes Intereſſe haben. Wir erwähnen nur zwei der bevorzugten Zecher, die ſich an dem Lächeln der Giraffe erfreuten. Der erſte war ein wohlbeleibter Burſche mit dickem Geſichte und ſchwerfälliger Haltung, der ſich ſteif und ſtumm mit dem ganzen deutſchen Pflegma an den Schenktiſch ſtellte. Er war ſehr blond, ſehr fleiſchig, ſehr roth und ſchien vor allen ſtörenden man icer, enkte ein, wur⸗ ehme Durſt Lirth und das ſein t der , be⸗ die Her⸗ lan⸗ eſell⸗ aten, rreſſe igten uten. mit rſich legma Rſehr enden 4 13 Gedanken ſicher bewahrt zu ſein. Er hieß Nicolaus und war der Neffe Johanns, derſelbe, für welchen der Wirth die Hand Gertrudens gewünſcht hatte und welcher folglich die Urſache des Haſſes Johanns gegen die armen Regnaults war; denn Johann, der Drehorgler, vertrat trotz ſeiner Armuth Nicolaus den Weg. Der zweite war ein kleiner Mann von funfzig bis fünfundfunfzig Jahren, der großes und feſt be⸗ gründetes Anſehen in dem Hauſe zu haben ſchien. Er ſtand in dem Rufe etwas von einem Polizeidiener zu ſein und hieß Romain genannt Batailleur. Vor langen Jahren hatte er mit einem Mädchen der Halle eine der vorübergehenden Ehen geſchloſſen, welche weder die kirchliche Weihe ſuchen noch die Geneh— migung des Maire. Die Scheidung war auch ſchon längſt erfolgt, aber die Ehe hatte dem Mädchen das außergeſetzliche Recht gegeben, den ſchönen Namen Batallleur zu führen. Sie brauchte denſelben und war eine der Nota⸗ bilitäten des Temple geworden. Ihr ehemaliger Mann war aber auch ſehr ſtolz auf ſie und hätte viel darum gegeben, hätte er wieder ihr Herr und Meiſter wer⸗ den können. Er würde ihretwegen ſeine politiſchen Functionen aufgegeben und die Regierung im Stiche gelaſſen haben, um wieder Trödelmann zu werden. Aber es war nicht mehr Zeit. Der unglückliche 14 Romain ſchlich vergeblich um ſeine ehemalige Frau herum, die ihn immer in gebührender Entfernung hielt. So konnte er ſich nur noch nach der Vergan⸗ genheit zurückſehnen. Ob er gleich ein luſtiger Lebe⸗ mann war, ſo kannte doch Jedermann ſeine tiefe Herzenswunde; ſein Kummer machte ſich unwillkühr⸗ lich Luft und wie ihm der Wein die Zunge löſete, pflegte er ſeine Geſchichte regelmäßig mit den eben ſo ſtolzen als rührenden melancholiſchen Worten anzufangen:„Als ich noch der Mann der Madame Batailleur war.“ Bei dem Anblicke der Menſchenmenge, welche das Wirthshaus erfüllte, war der Ritter von Rein⸗ hold unſchlüſſig ſtehen geblieben. Gewöhnlich konnte ſich das Wirthshaus keiner überflüſſigen Anzahl von Gäſten rühmen. Der Ritter kam nicht ſelten ſelbſt daher und wenn er den Wirth nicht zu ſich beſchied, fanden ihre Beſprechungen in dem Zimmer ſtatt, in welchem wir die Deutſchen bei einander ſitzen ſahen. Heute aber war Faſtnachtmontag und dieſes Nebenzimmer war eben ſo voll wie die gewöhnliche Gaſtſtube. Der Ritter, welcher durch die trüben Fenſterſcheiben hineingeſchaut, hatte eine ſchöne und zahlreiche Geſellſchaft da geſehen, Damen des Temple mit ihren Hausfreunden ꝛc. und in einem Winkel den brillanten Polyt(Hippolit), den Günſt⸗ ling der Mad. Batailleur, welcher die fünfundzwan⸗ Frau nung gan⸗ Abe⸗ tiefe kühr⸗ öſete, eben orten dame velche Rein⸗ konnte lvon felbſt cied, t, in ahen. dieſes nliche rüben e und n des einem ünſ⸗ zwan⸗ 15⁵ zig Sous verzehrte, die ihm ſeine Königin geſchenkt hatte. Der Ritter wußte, daß man ihn in dem Temple ſehr gut kannte. Das Spiel, das er da ſpielte, war auch nicht ſehr beliebt, und er mochte ſich deshalb nicht zeigen, namentlich an dem Abende nach dem Verfalltage der Miethe. Zwar wußte er nicht genau was den Tag über weggenommen worden war, aber am Wegnehmen fehlte es an ſolchen Tagen nie und die wohlbekannte Armuth ſeiner armen Clienten ließ ihn nicht erwar⸗ ten, daß es diesmal anders geweſen ſein würde. Die Zechergruppen verdeckten ihm Johann, der ſich am fernſten Ende der Stube befand. Im erſten Augenblicke fühlte er den Muth nicht, dieſer ihm feindlich geſinnten Menge gegenüber zu treten und er ging inſtinctmäßig einige Schritte zurück nach ſeinem Wagen zu. Aber er überlegte die Sache doch nochmals. Er mußte durchaus mit Johann ſprechen. Obwohl die Unerſchrockenheit ſeine ſtarke Seite nicht war, ſo ſchämte er ſich doch ſeiner Muth⸗ loſigkeit und ſtellte ſich wieder an die Thüre des Wirthshauſes, wenn er auch Sorge trug im Schat⸗ ten zu bleiben. Sof ſtand er mehrere Minuten, ſuchte ſein Factotum in der Rauchatmoſphäre der Stube zu er⸗ kennen und ſchützte ſich ſo gut als möglich vor den 16 Strahlen des Gaslichtes, die auf die enge Gaſſe fielen. Eine Bewegung der Trinkenden enthüllte endlich die Geſtalt des Wirthes Johann. Der Ritter drückte ſeinen Hut tiefer über die Stirn hinein, zog den Kra⸗ gen ſeines Undurchdringlichen noch höher hinauf und ging mit drei Schritten über die Straße. Er trat hinein und trotz ſeiner Vorſicht erkannte ihn ſogleich Jedermann. Auch entſtand ein dumpfes Gemurmel in der Stube. Es hatte indeß nichts Drohendes und Reinhold hätte ſehr unrecht gethan, wenn er ſich gefürchtet. Unter dem Neide des Armen gegen den Reichen liegt ein ſo merkwürdiger Reſpect, den ſelbſt die Lei⸗ denſchaft in ihren Parorysmen nur mit Mühe erſchüt⸗ tern kann. Wenn der rechtmäßige Haß und die Rach⸗ ſucht zu dem Neide treten, findet allerdings bisweilen, aber ſelten eine Erploſion ſtatt. Auch da müſſen mehrere Umſtände zuſammen kommen. Im Allgemeinen wagt der Arme nichts. Wenn er einmal zornig wird, ſo iſt es Fieber und Wuth; dann ſchlägt er blind darauf los und ſeine wahren Feinde wiſſen ſeinen Streichen zu entgehen. Der Ritter war kaum in die Schenkſtube Johanns getreten, als ſeine Furcht wie durch Zauberei ver⸗ ſchwand. Er ſah ſeine Stärke. Alle Köpfe entblößten ſich demüthig um ihn her und auf alle Lippen trat ha ſſe dlich ckte Kra⸗ und unte pfes ichts han, üihhen Li⸗ ſchüt⸗ lach⸗ ilen, unen chts. und ſeine chen. anns ver⸗ ößten trat 17 ein beſcheidenes, unterwürfiges, ſchmeichleriſches Lä⸗ cheln. Die Giraffe erhob ihre Wohlbeleibtheit über den Schenktiſch, machte einen dreimaligen Knix und ſank dann in Ehrfurcht wieder nieder. 6„„Johann!“ rief ſie,„Johann, der Herr Ritter!“ Der Wirth hatte bereits die Gruppe verlaſſen, in welcher er ſich befand, und trat mit der Mütze in der Hand auf Reinhold zu. Der Ritter nahm eine hochgebietende Miene an und ſein Blick überflog die von Verehrung ergriffene Verſammlung. „Guten Abend, alte Dicke,“ ſagte er zu der Giraffe, die vor Freude kirſchroth im Geſicht wurde; „da wird der Montag ja luſtig gefeiert! Nun ich freue mich immer, wenn ich luſtige Leute ſehe. Ich liebe das Volk.. Schenken Sie doch allen den bra⸗ ven Leuten ein Glas Wein ein, daß ſie auf meine Geſundheit trinken können.“ Er hatte dabei die Stellung Heinrichs IV. ange⸗ nommen, als dieſer den berühmten Wunſch vom Huhne im Topfe äußerte. Die Verſammlung war von Dankbarkeit erfüllt. Dann ſchritt der Ritter mit königlichem Schritt hinaus und winkte Johann ihm zu folgen. „Er iſt doch ein braver Mann,“ ſagte Romain genannt Batailleur, indem er ſein Glas Wein aus⸗ trank. „Von weitem denkt man, es wären Tiger,“ meinte Nicolaus mit einem Schafsgeſichte,„und in der Nähe ſind's prächtige Leute.“ Einige Stimmen proteſtirten dagegen und be⸗ merkten, der Ritter habe an demſelben Tage ein hal⸗ bes Dutzend arme Trödlerinnen im Temple aus⸗ pfänden laſſen. Die Giraffe ſtieß aber unwillig ihren Zinnkrug auf das Blei des Schenktiſches und rief mit Begei⸗ ſterung aus: „Das waren Lumpe, die ihre Schuld nicht be— zahlen konnten.. Soll man die mit Handſchuhen angreifen, he?“ „Entſchuldigen Sie,“ ſtel Batailleur ein,„als ich noch der Mann meiner Frau war, kam es auch manchmal vor, daß man hier und da ſchlechte Kun⸗ den hatte und man ſetzte ſie heraus. Was da!“ „Was da!“ rief der Neffe Nicolaus aus. „Ja,“ fiel die ganze Geſellſchaft ein,„Pünkt⸗ lichkeit iſt im Handel und Wandel die Hauptſache.“ „Und dann,“ fuhr Batailleur fort,„thut es denen gut, die etwas haben. Seht, da unten iſt der Platz der Mutter Regnault, der ſehr gut iſt. Wenn ich noch bei meiner Frau wäre, nähme ich den Platz gleich.“ ſt der Wenn Platz 19 „Die arme gute alte Regnault!“ riefen einige weiche Seelen aus. Die Giraffe zuckte die Achſeln. „Sie ſoll gar ins Gefängniß wandern müſſen.. in ihrem Alter!“ „Ah bah,“ fiel Batailleur ein;„die Alte hat den Platz dreißig Jahre gehabt; ſie muß auch An⸗ dern einmal Platz machen.“ Reinhold und Johann ſtanden auf der Straße und ſprachen leiſe mit einander. „Fünf ſind herausgeſetzt worden,“ ſagte der Wirth;„drei davon werden bezahlen, weil ſie Sa⸗ chen haben. Die beiden andern haben nichts und.. Wiſſen Sie, daß die alte Regnault Ihnen viel Geld ſchuldig iſt, Herr Ritter?“ „Davon ſprechen wir ſpäter,“ unterbrach ihn Reinhold.„Ich habe eine wichtige Sache in Ihre Hände zu legen.“ „Die erſte iſt auch nicht gleichgiltig und da ich mir habe ſagen laſſen, die Mutter Regnault habe in der großen Welt gute Bekanntſchaften, ſo habe ich gleich zugreifen laſſen.“ „ Sie iſt verhaftet?“ fragte der Ritter mit einer gewiſſen Haſt. „Noch nicht,.. ſie hat ſich verſteckt,.. aber morgen wird es geſchehen. 1 Der Ritter ſtellte ſich vor ſein Faciotumes Jo⸗ 20 hann wollte das Geſpräch fortſetzen, aber er wurde V durch eine Geberde Reinholds unterbrochen, der ihn V am Arme faßte und ihn feſt anſah. V„Sie müſſen ſich eine hübſche Summe erſpart V haben, Johann,“ ſagte er,„aber ein reicher Mann ſind Sie ſo eigentlich doch noch nicht.“ V„Ach, daran fehlt noch viel,“ begann der V Wirth. V„Dagegen,“ fuhr Reinhold fort,„haben Sie b V bereits ein gewiſſes Alter erreicht.. Sie ſind fünf⸗ undfunfzig Jahre alt, nicht wahr?“ „Siebenundfunfzig im nächſten Juni.“ „Nun, wenn man erſt in dieſem Alter ſteht, ſo V hat man keine Zeit mehr, Geld bei Seite zu legen; man muß es aufgeben, ſich ein Vermögen zu erwer⸗ V ben oder es mit einem Schlage thun.“ V Johann ſchlug die Augen nieder, um den Ritter V von untenhervor zu betrachten. „Weil Sie ein kluger Mann ſind, Johann,“ antwortete Reinhold mit ſchmeichelndem Lächeln, b weil ich Sie für einen treuen Diener halte.“ V„Sie haben gewiß etwas Schweres für mich, V Herr Ritter.“ „Keineswegs.. Es ſind nur einige Maßregeln zu ergreifen und ein halbes Dutzend tüchtiger Män⸗ „Warum ſagen Sie mir das?“ fragte er leiſe. „weil Sie die gute Seite der Dinge kennen und er wurde n, der ihn ne elſpart her Mann egann der haben Sie ſind fünf⸗ 11 er ſteht, ſo e zu legen; zu erwer⸗ den Ritter gte er leiſe. Johann,“ m Lächeln, fnnen und 11 fe. 3 für mich, Maßrageln tiger Män⸗ 21 ner aufzutreiben. Sie haben perſönlich nichts dabei zu thun, Johann. Ich halte zu viel auf Sie, lieber Freund, als daß ich Sie im Vortrabe der Gefahr ausſetzen ſollte.“ „Es iſt alſo doch Gefahr dabei?“ fragte der Weinwirth. „Ja und nein.. In d ke würde es ſchlimm ſein, aber in Deutſchland. „Ach,“ fiel Johann ein,„in Deutſchland alſo?““ Der Ritter lächelte. „Eine Gelegenheit, das Vaterland wiederzu⸗ ſehen!“ ſagte er. „Und was ſoll man thun?“ V Der Ritter antwortete nicht gleich. Er ſah ſich um, damit er ſich überzeuge, daß kein neugieriges Ohr ihn hören könnte, dann trat er noch näher an Johann und ſagte: „Es iſt wegen der Kinder.“ „Ah!“ rief Johann, der eine neugierige und aufmerkſame Miene annahm.„Sie haben alſo Nachricht von ihm?“ „Der junge Menſch iſt in Paris.“ „Ich habe es Ihnen letzthin wohl geſagt!“ „Rühmen Sie ſich nicht, Freund Johann; Sie haben in dieſem Falle nicht wohl aufgepaßt. Was haben Sie mir geſagt? Nichts. Und doch lebt der VII. 2 22 Menſch ſchon lange unter uns und es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn Ihre deutſchen Kame⸗ raden nichts davon wiſſen ſollten.“ „Ich kann Sie verſichern..“ „Nun an Ihrer Anhänglichkeit zweifele ich nicht im mindeſten, aber wiſſen Sie auch gewiß, daß Ihre deutſchen Kameraden keinen Argwohn geſchöpft haben?“ „Gegen mich?“ entgegnete Fohanm.„Sie glauben, ich hinge auch ſo an Bluthaupt wie ſie, und da ſie mir nichts geſagt haben, ſo wiſſen ſie nicht mehr als ich.“ „Um ſo beſſer.“ „Wie haben Sie aber ſelbſt in Erfahrung ge⸗ bracht?“ „ Das iſt etwas anderes und es würde zu lange dauern, wenn ich es erzählen wollte. Die Haupt⸗ ſache iſt, daß wir es erfahren haben und daß kein Zweifel übrig iſt. Noch mehr: da die Schnelligkeit die Mutter aller Tugenden iſt, ſo haben wir gehan⸗ delt ohne Zeit zu verlieren und bereits eine Partie geſpielt.“ „Und Sie haben die Partie verloren?“ „Wir hatten ſo ſchöne Karten!“ ſagte der Rit⸗ ter im Tone des Bedauerns,„aber das Glück war uns nicht günſtig. Der junge Mann befindet ſich —— b ſtraße, r vollkomme Mühe.“ Johal machte ei „Fn dieſe Gebe Dolchſtöß ic bediene „Wer will,“ we „We unterbrac gleich di viel beſſe deten Fedh „Del derung au „Nich der Tuufe muß beſſe Sie unter der blickte 1 otwoit Shatten vollkommen wohl und wir haben nichts für unſere Mühe.“ Johann erhob den Blick zu dem Ritter und machte eine bedeutungsvolle Bewegung. „Pſui!“ entgegnete Reinhold zur Antwort auf dieſe Geberde.„Ihr Leute denkt immer gleich an Doolchſtöße. Das iſt zu gefährlich, Freund Johann; ich bediene mich ihrer nicht.“ „Wenn man aber ſchnell zu Ende kommen will,“ wollte der Weinwirth ſagen. „Wenn man in ein Haus hineinkommen will,“ unterbrach ihn Reinhold,„ſo braucht man nicht gleich die Thüre einzuſchlagen. Ich hatte etwas viel beſſeres gefunden, ein Duell mit einem vollen⸗ deten Fechter.“ „Der Donner!“ rief Johann voll Verwun⸗ derung aus;„das war gut.“ „Nicht eben ſchlecht, aber der Menſch denkt und der Teufel lenkt. Die Partie iſt verſchoben und es muß beſſer geſpielt werden.“ Sie ſtanden an dem Eingange der Brunnen⸗ ſtraße, nur wenige Schritte von den Templebuden, unter denen es dunkel und ſtill war. Der Ritter blickte zum zweitenmale in die Nacht hinaus; die Trottoirs waren verödet und nichts bewegte ſich im Schatten des leeren Marktes. 2* 24 Aus übergroßer Vorſicht zog er Johann mitten auf das Pflaſter, in gleiche Entfernung von den Häͤuſern der Straße Petit Thouars und von den Templebuden, dann legte er ſeinen Mund an das Ohr des Weinſchenken und begann leiſe weiter zu ſprechen. Er ſprach zwei bis drei Minuten, ohne inne zu halten. Als er zu Ende gekommen war, ließ Johann zögernd den Kopf ſinken. „Haben Sie mich verſtanden?“ fragte der Ritter. „Nun, es iſt ziemlich deutlich,“ antwortete Johann. „Nun?““ „Es giebt in Deutſchland Richter wie in Frank⸗ reich und ich habe nur einen Kopf auf meinen beiden Achſeln, Herr Ritter.“ „Ach,“ entgegnete der Ritter,„Sie kennen das Land beſſer als ich und wiſſen recht gut, daß..“ „Es iſt etwas zu machen, ja, aber ſehen Sie, ich habe trotz meinen ſiebenundfunfzig Jahren noch keine Luſt, in die andere Welt befördert zu werden.“ „Wer ſpricht davon?“ „Die Sachen.. Man hat ſolche Geſ ſchichten ſeht uͤbel, halte eod kleine Ciſ Schlag zu der langte ode ihn aufme⸗ den he in d trocken 1 1 Buch Johan fing an a „Si wenigſtens Reinh. „Nrel zige Deut, habe.. e Sie haber irgendwo „So „Nu. Thal el 3 duü dcke. ann. der 25 ſehr übel ablaufen ſehen, Sie wiſſen es auch und ich halte es doch für beſſer, lieber noch einige Jahre kleine Erſparniſſe zu machen, als einen ſo gefährlichen⸗ Schlag zu wagen.“ Der Ritter wußte nicht, ob Johann viel ver⸗ langte oder ob er ſich ganz weigerte; er betrachtete ihn aufmerkſam und bemühete ſich, die Wahrheit in den Zügen des Wirthes zu leſen; aber das 1 ine und trockene Geſicht deſſelben war wie ein verſchloſ⸗ ſenes Buch. Johann blieb kalt und ſchweigſam und der Ritter fing an kn verzweifeln. Sie ſchlagen mir es ab?“ fragte er endlich. „Wahrhaftig Herr Ritter,“ antwortete Jo⸗ hann,„es drängt mich dazu. Wenn Sie mir wenigſtens ſagten, was Sie zu geben gedenken!“ Reinhold lachte und ſchlug ſich gegen die Stirn. „Freund Johann,“ ſagte er,„Sie ſind der ein⸗ zige Deutſche von Geiſt, den ich jemals getroffen habe.. Ich hätte die Hauptſache beinahe vergeſſen. Sie haben, nicht wahr, ſo etwa 50,000 Francs irgendwo gut angelegt 2 „So ziemlich.“ „Nun, die Geſchichte wird Ihnen die tauſend Thaler Zinſen vollmachen. Sie ſehen, daß ich nicht drücke. Die Andern werden gut bezahlt und durch 26 Sie, was Ihnen vielleicht erlaubt, auch dabei noch etwas zu verdienen. Was ſagen Sie?“ Das Geſicht des Weinſchenken drückte weder Freude noch irgend ein anderes Gefühl aus. „Topp!“ ſagte er nur, indem er die Hand hin⸗ hielt;„ich übernehme die Sache.“ Rai nun übe ben nur Sie hin, ſpr über die Unterneb E Ritter ne det man Zu eine ins Sp braucht len bra Kute m h dabei 77 e weder and hin⸗ Zweites Kapitel. Larifla. Reinhold und ſein erſter Miniſter Johann waren nun über die Hauptſache vollkommen einig; es blie⸗ ben nur die Schwierigkeiten der Ausführung. Sie gingen neben einander auf dem Trottoir hin, ſprachen leiſe mit einander und beredeten ſich über die vortheilhaften und ſchlimmen Seiten des Unternehmens. „Es iſt ſchwer,“ ſagte Johann, indem er den Ritter nach ſeinem Hauſe hinzog;„im Temple fin⸗ det man brave Leute, die keine Vorurtheile haben. Zu einer kleinen Sache, bei der nur die Zuchtpolizei ins Spiel kommen könnte, kenne ich zwanzig ſehr brauchbare Perſonen, unter denen man nur zu wäh⸗ len brauchte; eine große Sache aber findet hier ihm Leute nicht; die unſrigen machen in dieſem Artikel 28 nichts und Sie ſehen ſelbſt ein, daß man hier nicht leichtfertig zu weit gehen darf.“ „Das iſt allerdings wahr,“ antwortete Rein⸗ hold,„aber wir wollen uns beſinnen.“ „Beſinnen, beſinnen! Wenn es keine giebt, findet man auch keine und dann haben Sie auch die Bedingung, daß ſie deutſch verſtehen müſſen; dies macht die Sache noch gefährlicher.“ „Sie ſehen ſelbſt ein, daß dies durchaus nö⸗ thig iſt.“ „Ich leugne es nicht.“ „Sie müſſen in der Gegend wie zu Hauſe ſein.“ „Allerdings, aber..“ „Denken Sie nach, Freund Johann.“ Sie kamen jetzt an der Thüre der Giraffe an; Johann zog den Ritter auf die andere Seite der Straße hinüber und muſterte mit den Angen die Trinker, welche in der Stube ſaßen. Wie ſein Blick ſich von einem zum andern wen⸗ dete, ſchüttelte er mißmuthig den Kopf. „Da ſind wohl drei oder vier Deutſche, welche unſere Sache übernehmen würden,“ ſprach er vor ſich hin;„aber reden Sie einmal mit ihnen dar⸗ über! Der Hans Dorn erführe es noch denſelben Abend und am nächſten Morgen früh wäre der kö⸗ nigliche Procurator bei mir.“ mal ruinin Dorn erh ich bei mie alte Bata Gewerbe ſich nicht welcher verloren das Kau „Un auf Poli zahlt hate Joha „Del riecht, un kaut, dan fieur geg Pelit Bruſt br die Pup verden ler nicht e Rein⸗ giebt, auch die 1; dies us noͤ⸗ ffe an; ite der gen die in wen⸗ welche er vor en dar⸗ enſelben der ko⸗ „Könnte man den Hans Dorn nicht ſelbſt erkau⸗ fen?“ fragte der Ritter. Johann ſah ihn erſtaunt an. „Den Hans Dorn erkaufen?“ murmelte er;„er iſt der halsſtarrigſte Eſel im Temple. Sie ſind zwar ſehr reich, Herr Ritter, aber Sie würden ſich zwanzig⸗ mal ruiniren, ehe Sie ein kleines Stück von dem Hans ⸗Dorn erhielten.. Außer den paar Deutſchen ſehe ich bei mir nichts, was wir brauchen könnten. Der alte Batailleur iſt ein alter Taugenichts, der alle Geywerbe treibt und vielleicht auch vor unſerer Sache ſſiich nicht fürchtete, aber er iſt ein Vollblut⸗Pariſer, welcher die Invalidenkuppel nie aus den Augen verloren hat und keine andere Sprache verſteht als das Kauderwelſch des Temple.“ „Und Jener?“ fragte Neinholb, indem er auf Polit zeigte, der herauskam, nachdem er be⸗ zahlt hatte. Johann zuckte die Achſeln ſtark. „Der iſt ein Narr, welcher nach Eau de Cologne riecht, und auf dem Bonledard an einem Zahnſtocher kaut, damit die Leute denken ſollen, er habe bei Def⸗ fieur gegeſſen.“ Polit ging ſtolz nach den Theatern zu, drückte die Bruſt breit heraus und ließ die Schenkel ſehen wie die Puppen, welche von den Schneidern gehalten werden und in den faſhionablen Stunden auf dem 30 Boulevard de Gand ſich herumtreiben und von Leicht⸗ gläubigen für Pflänzchen von Pairs von Frankreich angeſehen werden.“ 1 „Und der Dicke, welcher mit Ihrer Frau ſpricht?“ fragte Reinhold nochmals, indem er auf den Neffen Nicolaus zeigte. „Das iſt etwas anderes,“ antwortete Johann, indem er ſich würdevoll emporrichtete.„Er iſt mein leiblicher Neffe, ein wohlerzogenes Kind, das den Werth des Geldes kennt. Er wird ſeinen Weg gehen, aber ich möchte ihn nicht durch unſere Arbeit verführen, Herr Ritter.“ „Aber wen ſoll man da nehmen?“ fragte dieſer. Johann kratzte ſich hinter den Ohren unter der Mütze und zwar mit recht verlegener Miene. „Es iſt ſchlimm,“ brummte er vor ſich hin; „wenn wir da unten hinter der Notre⸗Dame oder bei den Gobelins wären, ſo brauchten wir nur zu wählen.“ „So wollen wir hingehen,“ ſagte Reinhold. „Gehen Sie! Ich für meinen Theil wage mich von meinem Hauſe nicht ſo weit weg. der andern Seite des Waſſers aber ſind ſie, wie ich mir habe ſagen laſſen, in Compagnien eingetheilt und es taugt nicht, ſeine Naſe zu nahe hin zu hal⸗ ten, wenn man die Parole nicht kennt.“ Man kennt mich im Temple, da kann ich mich frei bewegen; an⸗ Ro E wahre C Rein indem er plötlich „Ic gefällt, in hübſ mir nich zu halten „W 8 51 aber es Herr R. möchte Wir wo gehen, i leicht ko Sie kamen n vor dem 3 ſagte Im die„bi 7) Leicht⸗ ankreich r Frau er auf vohann, iſt mein das den in Weg Arbeit tedieſer. unter der ich hin; ne oder nur zu nhold. age mich an kennt gen; alt wie ich ingetheilt n zu hal⸗ 31 „Romangeſchwätz!“ entgegnete der Ritter. „Es iſt möglich, aber das Zuchthaus iſt eine wahre Geſchichte.“ Reinhold that einige Schritte auf dem Trottoir, indem er ungeduldig aufſtampfte, dann kehrte er plötzlich zu Johann zurück. „Ich ſehe wohl, daß die Sache Ihnen nicht gefällt,“ begann er;„es thut mir leid, es war da ein hübſches Sümmchen zu verdienen. Es bleibt mir nichts übrig, als Sie zu bitten, reinen Mund zu halten. Ich werde mich anderswo umſehen.“ „Warten Sie nur,“ ſagte Johann. „Die Sache hat Eile.“ „Die„Giraffe“ iſt ein zu anſtändiges Haus, aber es giebt andere Orte im Temple. Sehen Sie, Herr Ritter, es iſt mir nicht um's Geld, aber ich möchte Sie nicht gern in der Verlegenheit laſſen. Wir wollen einmal um den Rotundenplatz herum⸗ gehen, ich betrachte mir da meine Collegen und viel⸗ leicht komme ich auf einen guten Einfall.“ Sie gingen in der kleinen Seilerſtraße hin und kamen nach einigen Minuten auf dem Rotundenplatze vor dem Hauſe Hans Dorns heraus. „Im„Elephanten“ undin den„beiden Löwen,“ ſagte Johann zu ſich ſelbſt,„iſt's zu vornehm. Im„Wolfslager“ treibt man nur Liebeleien; nur die„vier Haimonskinder“ könnten..“ „Ich habe von dieſem Hauſe ſprechen hören,“ unterbrach ihn Reinhold. „Das glaube ich wohl,.. es iſt ein ſehr luſti⸗ ges Haus. Alle Abende kommen die, welche Klei— dungsſtücke ſtehlen, da zuſammen und man kann ſich hier mit wenig Geld einen vollſtändigen und recht anſtändigen Anzug kaufen. Wenn die Menſchen ordentlich wären und das Ihrige zuſammen nähmen, könnten ſie es zu etwas bringen. Ich kenne manche, die bis dreißig Francs täglich in dieſem Geſchäfte verdienen. Wo ſie die Sachen hernehmen, weiß ich nicht; wenn ſie aber Abends in die„vier Haimons⸗ kinder“ kommen, haben ſie immer zwei und drei Beinkleider über einander an, eine ſchöne Weſte in der Taſche und Halstücher im Hute verſteckt. Aber ſie können das Geld nicht leiden, alles wird ver— jubelt, immer ſind ſie betrunken, immer ſingen ſie, zanken und ſchlagen ſich unter einander, ſo daß ſie die Hätfts ihres Lebens im Gefängniſſe ver⸗ bringen.“ „Iſt das Haus weit von hier?“ fragte R Rein hold. ‚Da iſt es,“ antwortete Johann, indem er auf eine gelbliche Laterne zeigte, die vor einer dunkeln Hausflur hing. Sie waren unter dieſem Geſpräche weiter gegan⸗ gen und befanden ſich an der andern Seite der Ro⸗ tunde, de des Plat Beaujola und öder Vorüberg davon ein man aber die in zu ſind, wan dnar d hetrſchte alte Klei gen; kei ren und ſter. S der einen auf der lichem Ar zu dem mengedraä Der geigte, b baude. Ueb Straßer ein Bild raͤuchert ren,“ luſti⸗ e Klei⸗ inn ſich d recht enſchen ahmen, nanche, ſchäfte eiß ich mmons⸗ nd drei Veſte in Aber d ver⸗ gen ſie, ſo daß ſſe ver⸗ Rein⸗ ner auf dunkeln wgegan⸗ der Ro⸗ 33 tunde, dem Templemarkte gegenüber. Dieſer Theil des Platzes, welcher in die Straße Forez und Beaujolais führt, hat in der Nacht ein trauriges und öderes Anſehen als der übrige.(Er iſt für den Vorübergehenden nicht gefährlich, weil nicht weit davon eine Hauptwache ſich befindet, trotzdem ſieht man aber ſelten Leute gehen. Die Gaslaternen, die in zu großer Entfernung von einander angebracht ſind, warfen ihr ſchwaches Licht auf die verſchloſſenen Thuͤren der ärmlichen Läden der Rotunde; Dunkel herrſchte in dem öden Säulengange, in welchem ſtarr alte Kleidungsſtücke ſich ſchauerlich im Winde wie— gen; kein Licht zeigte ſich an den verſchloſſenen Thü⸗ ren und kein Tritt erſchallte auf dem unebenen Pfla⸗ ſter. Die Maſſe des Rotundengebäudes erhebt auf der einen Seite ihren ſchweren dunkeln Schatten; auf der andern Seite ſtehen hohe Häuſer von ärm— lichem Ausſehen, in welchem vom Erdgeſchoſſe bis zu dem Dache hinauf arme Troͤdlerfamilien zuſam— mengedrängt leben. Der dunkle Hauseingang, welchen die Laterne zeigte, befand ſich ungefähr in der Mitte dieſer Ge⸗ bäude. Ueber der Eingangsthüre erhellte das Licht der Straßenlaterne und jenes der Hauslaterne deutlich ein Bild von mittlerer Größe, auf dem man auf ver⸗ räucherten Grunde vier Männer in Dragoner⸗ 34 uniform auf einem langen Thiere reiten ſah, das keinen Namen in der Naturgeſchichte hat. Es waren die vier Haimonskinder. Darunter las man: „Verkauf von Wein, Bier und Branntwein.— Billard.— Garten und Siamſpiel im Hofe.“ Reinhold und Johann waren dem Hauſe gegen⸗ über unter der Säulenhalle ſtehen geblieben. „Wenn wir hier nicht finden, was wir brau⸗ chen,“ ſagte Johann,„ſo will ich mich hängen laſſen, wenn wir es überhaupt finden.“ „Wie aber können wir das ermitteln?“ ent⸗ gegnete Reinhold.„Man kann nicht durch die Fen⸗ ſter ſehen.“ Als eben der Wirth den Mund öffnete, um zu antworten, ließ ſich ein ſchwerer und langſamer Tritt in der Säulenhalle nach der Hauptwache zu hören. Gleichzeitig vernahm man von der andern Seite des Platzes her Stücke eines berüchtigten Liedes, das von zwei gewaltig heiſern männlichen Stimmen geſungen wurde. „Wir wollen weiter gehen,“ ſagte der Ritter, der immer zuerſt an die Klugheit dachte. „Der Teufel!“ flüſterte Johann ſtatt zu ant⸗ worten;„dieſe beiden Stimmen glaube ich zu kennen.“ Dieb Der kam, gin „Rotunde beiden Ge ſchlechten geſunken, berührte. Stac dete er und ſch Als konnte m die unten wie den! des Geſie geſehen? Joh D 1— cher an manchm A 77, ), das gegen⸗ brau⸗ haͤngen 2¹ ent⸗ die Fen⸗ um zu er Tritt hören. Seite des s, das Stimmen Die beiden Stimmen brüllten: Lariflaflafla Lariflaflafla— Larifla— fla— fla! Der Mann, welcher von der Hauptwache her kam, ging in dieſem Augenblicke um den Bogen der „Rotunde herum und erſchien den Blicken unſerer beiden Genoſſen. Er war ein armer Teufel in einem ſchlechten graulichen Palletot und ging zuſammen— geſunken, ſo daß das Kinn beinahe die Bruſt berührte. Statt in der Säulenhalle weiter zu gehen, wen⸗ dete er ſich auf das Pflaſter des Platzes hinunter und ſchritt nach den„vier Haimonskindern“ zu. Als er unter der nächſten Laterne hinging, konnte man die großen Büſchel ſeines Haares ſehen, die unter ſeinem abgeſchabten Hute hervorragten, wie den langen ſtarren Bart, der den größern Theil des Geſichtes wie eine fahle Pelzmaske bedeckte. „Wo habe ich doch den Mann ſchon einmal geſehen?“ lachte der Ritter laut. Johann ſah ihn von der Seite an und lächelte. „Dieſer Mann beſchäftiget Sie mehr als man⸗ cher andere,“ ſprach er leiſe,„und Sie haben manchmal mit mir über ihn geſprochen.“ „Wie heißt er?“ 36 „Eigentlich könnte er einer unſerer Arbeiter werden, freilich nicht gutwillig, denn für den Sohn und Erben Bluthaupts ließe er ſich zerhacken.“ „Wie heißt er?“ fragte der Ritter mit wachſen⸗ der Neugierde. „Aber,“ fuhr Johann fort, ehe er antwortete, „man könnte von dem Teufel reden, den er ſeit einem Ihnen recht wohl bekannten Abenteuer für ſei⸗ nen Herrn hält.“ „So nennen Sie mir doch ſeinen Namen! 14 „Man könnte von der Hölle von Bluthaupt ſprechen, die er jede Nacht im Traume ſieht und von einem Leichnam im Schnee tief unten im Ab⸗ grunde..“ „Sollte er es ſein?“ ſtammelte der Ritter mit veränderter Stimme. „Man könnte ihm ſagen, er habe den Blutpreis empfangen,“ ſprach Johann weiter,„und dann würde er alles thun, was man von ihm verlangt. Er iſt der arme Fritz, der Reitknecht von Bluthaupt.“ Reinhold wendete das Geſicht ab. Er war ſehr bleich und athmete ſchwer. „Wenn es fehlt, iſt er doch einer,“ fuhr Johann fort,„und ihn weiß ich immer zu finden. Aber wo zum Teufel ſind die Lariflas?“ Man hoͤrte wirklich die Schritte und die Stimme der Säͤnger nicht mehr. In dem Augenblicke als Friz ind ſchwand, vor, un der alten Straße„ die ſich b Anfan einigen gen der! Die Sche gegenſeiti de ſie de Joh Lachen! 85 nach ein ſie ſinde habe das Die Beſchäft Fuß den lonbein Der nackt. Es Circus gieht, D VI. Arbeiter Sohn 77 vachſen⸗ vortete, er ſeit für ſei⸗ 11 uthaupt ht und im Ab⸗ ütter mit lutpreis d dann erlangt. haupt.“ var ſehr Johann Aber wo Stimme lice als 37 Fritz in dem Flur der„vier Haimonskinder“ ver⸗ ſchwand, trat Johann unter der Säulenhalle her⸗ vor, um ſich außen umzuſehen. In der Ferne, an der alten Mauer, die den Platz ſchließt am Ende der Straße Petit Thouars, bemerkte er zwei Schatten, die ſich bewegten. Anfangs konnte er nichts unterſcheiden, nach einigen Minuten aber erhielten die ſtillen Bewegun⸗ gen der beiden Schatten eine Bedeutung für ihn. Die Schatten machten eine Art Toilette. Mit Hülfe gegenſeitigen Beiſtandes zogen ſie Beinkleider aus, die ſie doppelt und dreifach über einander trugen. Johann hörte in der Ferne ihr halb unterdrücktes Lachen und ihre Späße. „Ich erwartete ſie nicht in Paris,“ ſprach er nach einigen zögernden Augenblicken zu ſich;„aber ſie ſind's wahrhaftig. Das trifft ſich gut.. Ich habe das Geld ſo gut wie in der Taſche.“ Die beiden Männer ſetzten unterdeß ihre ſeltſame Beſchäftigung fort; einer hielt abwechſelnd einen Fuß dem andern hin, der daran zog und ein Panta⸗ lonbein in der Hand behielt. Der Ausgezogene wurde aber deshalb keineswegs nackt. Es glich wirklich einer komiſchen Scene in einem Circus, wo der Bajazzo zwei Dutzend Weſten aus⸗ zieht, ohne jemals aufs Hemde zu gelangen. VII. 38 Johann ſah eifrig zu. Er glaubte die Männer allerdings zu erkennen, aber er zögerte noch, weil die, welche er meinte, zwei ausgefeimte Spitzbuben, ſo klug und vorſichtig als bei rechter Zeit tollkühn waren. Er erklärte ſich nicht, warum ſie ſich nutzlos der Gefahr einer Toilette auf offener Straße, kaum hun⸗ dert Schritte von der Hauptwache, ausſetzten. „Grün⸗Mütze und Dachs ſetzen ſich nicht ſo aus,“ dachte er;„das liegt nicht in ihrem Charak⸗ ter. Wenn ſie Beinkleider gefunden haben, ſo zie⸗ hen ſie die überflüſſigen in der Schenke da aus und nicht auf der Straße.“ Als ihn noch dieſe Gedanken beſchäftigten, hob einer der Männer das Bein zu hoch und fiel ſchwer an die Wand. Sein Gefährte, der ihm wieder auf⸗ helfen wollte, verlor dabei das Gleichgewicht eben⸗ falls und fiel auch hin. Da entſtand nun ein toller Wettkampf auf dem Kehrichthaufen an der Mauer. Die beiden Männer wälzten ſich im Staube und lachten aus Herzens⸗ grunde. Wer ſollte ſich auf die Trunkenheit beſſer ver⸗ ſtehen als ein Schenkwirth in der Nähe des Temple? Johann prüfte den Ton dieſes Lachens und ſein Geſicht heiterte ſich plötzlich auf. „Ach, ſie haben zu viel gebechert, die Säufer 114 dachte ei man tüchti betrinken. „Joh ben Sie d Der 2 „weiter bei „Glei Kindern“ welche wi man keine vor der Geld ver gen fertie Erg einige S ihnen mit „Jol den unerl „ſol ich Joha hatten ſi Beinen! Packet, Als am Arn nach den Näͤnner veildie, ben, ſo ollfühn los der n hun⸗ icht ſo harak⸗ ſo zie⸗ us und 1, hob ſchwer er auf⸗ teben⸗ uf dem Nänner erzens⸗ er ver⸗ emple? n ſein uffr! 39 dachte er;„na, an dem Faſtnachtmontage, wenn man tüchtig gearbeitet hat, darf ſich ein Menſch auch betrinken.“ „Johann,“ fragte der Ritter leiſe,„was trei⸗ ben Sie denn allein da?“ Der Wirth folgte ſeinen Gedanken und ſprach weiter bei ſich: „Gleichviel; ich ſehe ſie doch lieber in den„vier Kindern“ da als auf der Straße. Sie ſind die, welche wir brauchen.. Im ganzen Temple findet man keine beſſern und wenn mir ſie eine Patrouille vor der Naſe wegnähme, wäre ein ſchönes Stück Geld verloren.. Aber werden ſie heute oder mor⸗ gen fertig werden?“ Er ging in ſeiner plötzlich geweckten Theilnahme einige Schritte hin, um zu ihnen zu gelangen und ihnen mit gutem Rathe beizuſtehen. „Johann!“ rief der Ritter, der nichts ſah als den unerklärlichen Rücktritt ſeines erſten Miniſters; „ſoll ich mit Ihnen gehen?“ Johann blieb ſtehen.. Die beiden Männer hatten ſich wieder empor geholfen, wankten auf den Beinen unſicher hin und her und machten jeder ein Packet aus der Beute. Als ſie damit fertig waren, nahmen ſie einander am Arm und gingen wankend und einander ſtoßend nach den„vier Haimonskindern“ zu.— 3* 40 Von Zeit zu Zeit verſuchten ſie auch zu tanzen und zu ſingen und dann riefen ſie aus vollem Halſe, ganz im Tone der deutſchen Trödler: „Nichts zu handeln? Alte Röcke? Alte Röcke? Hoſen?“ In dieſem Augenblicke blitzten die Gewehrlaͤufe einer Patrouille, die aus der Nebenſtraße kam. Johann erſchrak wie ein Vater, der eine Unvor⸗ ſichtigkeit ſeines Sohnes fürchtet. „Die Unglücklichen!“ dachte er;„die Unvor⸗ ſichtigen! Man wird ſie nun beim Kragen nehmen.“ Die beiden Männer, welche er Grün⸗Mütze und Dachs nannte, kamen ſchreiend und ſingend mit ihren Packeten unter dem Arme näher. Reinhold hatte endlich eingeſehen, daß Johann ſie belauſchte wie ein Wild und verhielt ſich deshalb hinter einer Säule. Die Patrouille kam im gewöhnlichen Schritte heran; Grün⸗Mütze und Dachs ſahen und hörten nichts und kümmerten ſich um nichts. Erſt als ſie die Schwelle der„vier Haimons⸗ kinder“ erreichten, bemerkten ſie die bewaffnete Macht in geringer Entfernung. Johann überlief eine Gäuſehaut. Bei dem Anblicke der Soldaten blieben die beiden Diebe einen Augenblick ſtehen und ſchwiegen; aber der Wein hatte ſie keck gemacht; ſtatt ſich zu drücken, pflanzten nilitairſe ſtimmten Verfaſfer Dan Hausflu woͤhnlh Jol Stirne Der angegrif unter de und übe Manner ſie verhe 41 mianzen pflanzten ſie ſich breit auf die Thürſchwelle, legten zHalſe militairiſch grüßend die Hand an die Mütze und ſtimmten begeiſtert das bekannte Lied an, das ſein Nöde? Verfaſſer der franzöſiſchen Armee gewidmet hat: 16 Wer gern bleibt Corporal, ehrlaͤufe Der iſt ein Dummrian, n.. Doch mancher Dummrian Unvor⸗ Wird auch wohl General, Lariflaflafla u. ſ. w. Unvor⸗ Dann verſchwanden ſie in der langen dunkeln men.“ Hausflur, indem ſie in gellendem Fiſtelton den ge— — 4 wöhnlichen Carnevalſchrei ausſtießen. end mi Johann zitterte an allen Gliedern und auf der Stirne ſtand ihm kalter Schweiß. Ahin Der Führer der Patrouille, der gerade in dem angegriffenen Range ſtand, blieb einen Augenblick Scrit unter der Laterne der„vier Haimonskinder“ ſtehen dhirin und überlegte offenbar bei ſich, ob er den beiden Männern bis in das Wirthshaus hinein folgen und rüh ſie verhaften ſollte. unfi Aber der Carneval hat ſeine Vorrechte. Die bewaffnete Macht ſetzte nachſichtig und großmüthig ihren Weg fort. fe beiden Johann athmete wieder freier, denn es war ihm en; abet eine Centnerlaſt von der Bruſt genommen. ⸗ drücen,„Das ſind zwei Burſche,“ ſagte er als er zum Ritter zurückkam,„die in der ganzen Stadt nicht ihres Gleichen haben.“ „Sind ſie auch Deutſche?“ fragte der Ritter, der noch immer an Fritz dachte. „Der Teufel kennt ihre Heimath,“ antwortete Lohann;„ſo viel iſt gewiß, daß ſie deutſch ſprechen, denn ich habe oft mit ihnen geredet. Ich glaube, ſie haben ſonſt Geſchäfte auf der Straße an der Grenze des Elſaß gemacht.“ Der Ritter trat unwillkürlich zurück. „Nun?“ rief Johann in aufrichtiger Verwun⸗ derung aus,„davor fürchten Sie ſich? Glauben Sie denn, ich werde Ihnen Leute ausſuchen, welche einen Tugendpreis erhalten haben? Ich würde mich nicht ſo haben bitten laſſen, als Sie mir die Sache vorſchlugen; aber ich glaubte, ſie wären im Zucht⸗ hauſe.“ Reinhold trat nochmals zurück. Johann blies die Backen auf und dann ſagte er: „Ich begreife Sie wahrhaftig nicht; Sie ſuchen und wenn Sie gefunden haben, ſpielen Sie den Zim⸗ perlichen.“ „Keineswegs,“ ſtammelte Reinhold, indem er ſeinen Abſcheu ſo ſehr als möglich verheimlichte; „ich bin ganz wohl zufrieden, aber ſagen Sie mir, wer die Männer ſind.“ „Lal gern in geviſſe mon und hieß. E nicht fii Gold ech Das Hal Grün⸗R in Breſt; weil er e ben en! enanden Zuchthe auf Leb N werden man ſie im Tem Sie ſch gekomm die gen ſuchten und p Araby dt nicht Nitter, awortete prechen, glaube, an der Lerwun⸗ Glauben , welche irde mich ie Sache Jucht⸗ ſagte er: ſe ſuchen den Zim⸗ indem er imlichte; Sie mir, 43 „Caſtor und Pollur,“ antwortete Johann, der gern in Maculaturpapieren las und folglich eine gewiſſe Kenntniß von der Mythologie hatte,„Da⸗ mon und„ ich weiß nicht gleich wie der andere hieß. Sie haben ihre Proben beſtanden und zittern nicht feig wie die Spitzbuben im Temple. Für Gold erhält man von ihnen, was man haben will. Das Haupt der Verbindung heißt Malou, genannt Grün⸗Mütze— zur Erinnerung an das Zuchthaus in Breſt; der andere heißt Pitois, genannt Dachs, weil er einem ſolchen Thiere ähnlich ſieht. Sie ha⸗ ben ein halbes Dutzend mal vor der Jury geſtanden, einander unterſtützt und ich glaubte, ſie wären im Zuchthauſe, weil ſie das letztemal zu Zwangsarbeit auf Lebenszeit verurtheilt wurden.“ „Wegen Mordes?“ fragte der Ritter. „Wie Sie ſagen,“ entgegnete Johann.„Sie werden entflohen ſein, denn ich glaube nicht, daß man ſie begnadigt hat. Daß ſie ſich zu dieſer Zeit im Temple herumtreiben, halte ich für ſehr einfältig. Sie ſehen mir aus, als wären ſie ſo weit herunter⸗ gekommen, daß ſie Beinkleider ſtehlen müſſen wie die gemeinſten Diebe. Sonſt als ich ſie kannte, be⸗ ſuchten ſie die Schmuckhändler im Palais Royal und verkauften ihre Erwerbungen an den alten Araby.“ 44 „Und ſie haben ihn vor den Aſſiſen nicht ange⸗ geben?“ fragte Reinhold. „Bah!“ erwiederte Johann.„Araby angeben! Der Alte iſt ein Hexenmeiſter und gegen den iſt nichts auszurichten. Jetzt haben wir unſere drei Männer in einer Falle. Vielleicht finden wir noch einen vierten unter der Geſellſchaft in den,„Haimons⸗ kindern.“ Das iſt alles mögliche, was man fuͤr die Sache hoffen kann, um die es ſich handelt.“ „Eigentlich,“ antwortete Reinhold,„„kann man ſich mit vier begnügen, aber weniger dürfen es auch nicht ſein. Ich möchte wohl wiſſen, wie Sie ſich dabei benähmen.“ „Das iſt ganz einfach und Sie können es ſehen, denn ich denke, Herr Ritter, Sie werden mich mit Ihrer Gegenwart bei dem Schritte unterſtützen, den ich bei unſern Leuten thun will.“ Rieinhold machte eine ſtark verneinende Ge⸗ berde. „Ach was,“ ſagte er;„meine Mitwirkung kann von gar keinem Nutzen ſein.“ „Entſchuldigen Sie,“ antwortete Johann.„Ich habe darauf gerechnet und rechne noch darauf.“ „Aber welchen Grund haben Sie dazu?“ Es gefiel Johann nicht, den wahren Grund zu ſagen, der dahin ging, ſeinen Gönner ſoviel als mäglich à binden. „der et ohne: Pivois be nicht, da niemand i Sie wiſfen witth bin ſie müſſen ihnen gebe Rein aber bed Zögern ſich mit; „Gl 5 „aber jer würde in ſein, da Sie muſ 3 „N brauche de fortfühn ange⸗ geben! den iſt tt drei ir noch imons⸗ an für 474 in man s auch Sie ſich ſehen, ich mit 1, den de Ge⸗ virkung möglich zu gefährden und ihn unwiderruflich zu binden. „Der Grund ſpringt in die Augen,“ antwortete er ohne Zögern;„wir wollen doch Malou und Pitois bedeutende Summen bieten. Glauben Sie nicht, daß ſie Neulinge in ſolchen Geſchäften ſind; niemand iſt ein beſſerer Advokat als ein Spitzbube. Sie wiſſen, daß ich ein armer Teufel von Schenk⸗ wirth bin und nur eine beſcheidene Wirthſchaft beſitze; ſie müſſen Garantien haben und die werden Sie ihnen geben.“ Reinhold wollte anfangs das geradezu abweiſen, aber bedachte ſich die Sache beſſer und nach einigem Zögern richtete er keck den Kopf empor und wendete ſich mit den Worten an Johann: „Gut; gehen wir hinein.“ „Schön!“ antwortete der Weinſchenk lachend; „aber jetzt gehen Sie wieder zu raſch. Ihr Anzug würde in den„vier Kindern“ nicht beſonders beliebt ſein, da die Gäſte dort der Mode nicht eben folgen. Sie müſſen ſich anders ankleiden.“ ‚Ich ſoll bis in mein Haus zurückkehren?“ „Nein, nur bis zu mir. Ich habe was wir brauchen; kommen Sie.“ Der Ritter ließ ſich ohne ein Wort zu ſagen fortführen. Sie kehrten mit großen Schritten auf 46 dem Wege zurück, den ſie gekommen waren und tra⸗ ten in das Haus Johanns. Einige Minuten ſpäter hätte man ſie wieder fort⸗ gehen ſehen können. Johann hatte ſeinen Anzug beibehalten, der Ritter aber trug ſtatt ſeines glän⸗ zenden Caſtorhutes und ſeines Macintoſh eine Mütze und eine Blouſe. Der den„vi Theil de Notunde Die Flur hiu füͤhrte; der Wi kannten ſie in Charlo da „Hain lichkeit iſt die und na⸗ der fort⸗ Anzug es gläͤn⸗ ſe Mütze Drittes Kapitel. Die vier Haimonskinder. Der Weinſchank der Frau Wittwe Taburot in den„vier Haimonskindern“ nahm den ganzen hintern Theil des Hauſes ein, welches dem Mittelpunkte der Rotunde gegenüber lag. Die Uneingeweiheten gingen durch den ſchwarzen Flur hinein und heraus, der auf den Platz ſelbſt führte; die eigentlichen Stammgäſte aber, die bei der Wittwe Taburot gut angeſchrieben ſtanden, kannten einen andern Ausgang und wußten, daß ſie im Nothfalle durch das Nachbarhaus in die Charlot⸗Straße gelangen konnten. Faſt immer befanden ſich unter den Gäſten der „Haimonskinder“ wenige, denen eine ſolche Bequem⸗ lichkeit gleichgültig geweſen wäre. Seit langer 6 iſt dieſe Wirthſchaft eine ganz eigenthümliche, i 48 welcher man nur gefährliche und ſeltſame Gewerbe kennt. Unter denen, die das Haus beſuchen, ſind einige einfach Vagabunden, andere Betrüger; noch andere beuten unter dem Vorwande, Contremarken zu verkaufen, die Umgebung der Theater aus; wie⸗ der andere ſind jene unglücklichen dem Schiffbruche entronnene Seefahrer, welche engliſche Raſirmeſſer feil bieten, die ſo ſcharf ſind, daß ſie ein Haar im Fluge durchſchneiden. Die Unſchuldigſten bieten in ihren guten Augenblicken Stöcke mit Zinnknöpfen oder Sicherheitsketten den Spaziergängern auf den Boulevards feil. Diejenigen, welche eine Vorliebe für das Landleben haben, machen die geweiheten Buchsbaumbüſchel für den Palmenſonntag und der Handel mit dieſem Artikel giebt immer einen Vor⸗ wand, ſich an den Kirchenthüren im dichteſten Ge⸗ dränge aufzuhalten. Und das genügt für den, der eine gewandte Hand und ein gutes Gewiſſen hat. Endlich finden ſich da tauſenderlei Unternehmer von Spielen im Freien, die theils von der Polizei ere⸗ det, theils ſtreng verboten ſind. Man findet da den Mann mit dem weißen Ka⸗ ninchen, den man in Sceaur, in Meudon u. ſ. w. geſehen hat. Es iſt der Sammelplatz jener Bankiers, die unter dem Vorwande von Macaronen das Rou⸗ lette unter freiem Himmel wieder einführen und die Leute um ihr Geld bringen. Man trifft da endlich jene fürche nen Straß ſicher dem der das ſi Dieſe folgt, wen ſpielen nul geſchah, beſtimmt decken, de Hutdeckel. Ju d arei Kar über eine loſer Tac Mähe Wo Die in den Zeugdiebhf Geſchäſte guter Ge ganz all Arichten gleichzei ihren C. markt n Gewerbe en, ſind r; noch remarken 5; wie⸗ iffbruche ſirmeſſer Haar im bieten in tknöpfen auf den Vorliebe weiheten und der ten Vor⸗ ſten Ge⸗ den, der ſſen hat. mer von⸗ ei gedul⸗ ßen Ka⸗ u. ſ. w. Zankiers, as Rou⸗ und die Fendlich 49 jene fürchterlichen Taſchenſpieler, die Geißel der klei⸗ nen Straßen in der Vorſtadt St. Antoine, welche ſicher dem armen Arbeiter irgend etwas abnehmen, der das ſinnreiche Birilibibi⸗Spiel liebt. Dieſe werden um ſo eifriger von der Polizei ver— folgt, weil ihre Bank kein Kupfer annimmt. Sie ſpielen nur um Fünffranesſtücke, wie es bei Frascati geſchah, und die Höhe des Einſatzes iſt gewiß nicht beſtimmt, die Unterhaltungskoſten der Anſtalt zu decken, denn ſie ſpielen auf der Straße auf einem Hutdeckel. Zu dem edeln Birilibibi-Spiele gehören nur grei Karten, die mit zauberhafter Geſchwindigkeit über einander fallen, eine dunkle Straße, ein ſonnen⸗ loſer Tag, vier oder fünf Helfershelfer, die in der Nähe Wache halten, ein Gimpel und ein Betrüger. Die allgemein gefeierte und beliebte Arbeit aber in den„vier Haimonskindern“ iſt der Kleider⸗ oder Zeugdiebſtahl. Die Nähe des Temple gieht dieſem Geſchäfte eine ſehr befriedigende Wichtigkeit. Ein guter Geſchäftsmann von den vier Kindern verſorgt ganz allein zwei Kleiderhändler. Er weiß ſich ein— zurichten, hat eine Dame, welche alle Modenmagazine gleichzeitig mit ihrem Vertrauen beehrt und unter ihren Camail eine Anzahl Waaren für den Trödel⸗ markt mitnimmt. Dieſe Damen ſind ſehr gut gekleidet und ſehr ausgezeichnet, was ſie indeß nicht hindert, Abends ſich in Branntwein zu berauſchen. Von Zeit zu Zeit erwähnen die Zeitungen eine oder zwei, welche ſich ertappen ließen, aber ſelten. Sie ſind gewandt, klug, geübt und die Geſchicklichkeit ihrer Hände bringt jedes Jahr eine lange Liſte in das Gewinn⸗ und Verluſtconto der Modenmagazine. Man muß jedoch anerkennen, daß die ächten Künſtlerinnen in dieſem Fache, die Virtuoſinnen, die gemeine Schenke auf dem Rotundeplatze nicht beſu⸗ chen. Die Wahl dieſes liebenswürdigen. Gewerbes verräth ſicherlich eine gewiſſe hohe Ausbildung des Geſchmackes und des Benehmens. Die meiſten Damen, welche es betreiben, geben ſich gern für Gräfinnen aus und leben in der großen Welt. Man hat geſehen, daß Einige Bälle gaben und an der Spitze von Wohlthätigkeitsunternehmungen ſtanden. Wenn ſie nur einigermaßen Glück haben, können ſie ſehr alt werden und in ſehr guten Betten, umgeben von einer ſehr achtbaren Familie, ſterben. Der Weinſchank in den„vier Haimonskindern“ ſah keineswegs ſo aus, wie die andern Wirths⸗ häuſer in der Nähe des Temple. Man mußte, um dahin zu gelangen, erſt durch einen ganz finſtern Flur und dann über einen ſchmuzigen Hof gehen, in welchem zwei Lauben von wurmſtichigem Holze⸗ ſtanden. Das Scha vergilbte Baſilikun brauchte. Von hinunter welchem Tuche ſte die ſchläge r Ei nicht di di Lin langer, Hofes, hinter kupfern Lkörfla M noch Man D als fu vollen t, Abends eit zu Zeit welche ſich gewandt, rer Hände 3 Gewinn⸗ die aͤchten ſinnen, die nicht beſu⸗ Gewetbes ildung des die meiſten h gern für Welt. gaben und nehmungen lück haben, ten Betten, je, ſterben. nskindern“ m Wirths⸗ mußte, un anz finſtern Hof gehen, vigem Holit 51 Das war der Garten. Schatten gab ihm in jeder Jahreszeit eine kleine vergilbte, ſeit Jahren abgeſtorbene Cypreſſe und ein Baſilikumſtock, den Frau Taburot auch jnr die Küche brauchte. Von dem Garten aus ſtieg man drei Stufen hinunter und gelangte ſo in ein großes Zimmer, in welchem ein Billard mit ſchwärzlichem ſchmuzigem Tuche ſtand. Die Verzierung dieſes Saales waren drei An⸗ ſchläge mit Aufſchriften. Eine dieſer Aufſchriften lautete: Hier wird nicht geraucht, ſobald Damen da ſind. Die zweite hieß: Man ſpielt Poule. Die dritte waren geſchriebene Billardregeln. Links von dieſem Saale befand ſich ein anderer langer, der ebenfalls tiefer lag als der Boden des Hofes, und hier hielt ſich die Frau Wittwe Taburot hinter einem Schenktiſche auf, der mit einer ſchönen kupfernen Gallerie umgeben und mit einer Menge Likörflaſchen beſetzt war. Man ſah hier weder Krüge mit eiſernen Reifen, noch einen immer feuchten bleiernen Schenktiſch. Man verkaufte den Wein maßweiſe, aber in Gläſern. Die Wittwe Taburot war eine Frau von mehr als funfzig Jahren, mit einem männlichen und würde⸗ vollen Geſicht. Die älteſten Stammgäſte erinnerten „¼ 52 ſich ſie immer hinter dem Schenktiſch der„vier Hai⸗ monskinder“ geſehen zu haben und gleichwohl wollte ſie die Wittwe eines Capitains der Kaiſergarde ſein und zur Beglaubigung hatte ſie ein Portrait des Kaiſers in ihrem Schlafzimmer. Wenn ſie von Napoleon ſprach, ſagte ſie„der andere.“ Sie hatte politiſche Anſichten, ein Häubchen mit breitem Bande und eine Vorliebe für Grog. Uebrigens war ſie eine ernſthafte Frau und ganz ihrer geſell⸗ ſchaftlichen Stellung gewachſen. In den häufigen Fällen, wenn die Polizei bei ihr erſchien, pochte ſie auf ihre Eigenſchaft als Wittwe eines ehemaligen Militairs, und ihr eben ſo feſtes als gleichzeitig ge⸗ horſames Benehmen hatte ihre Wirthſchaft immer gerettet. Ihren Stammgäſten flößte ſie Liebe und Achtung ein; ſie wußte zu rechter Zeit Credit zu geben und wenn ihr einer ihrer Kunden ein geſtohlenes Haus gebracht hätte, würde ſie gewiß ein Verſteck gefunden haben, um es in Sicherheit zu bringen. In dem Augenblicke als wir in ihr Haus treten, las die Frau Wittwe Taburot ein Feuilleton gegen die Jeſuiten in einem Journale, das von den Geiſt⸗ lichen lebt, und ſie trank zu dieſer erbaulichen Lectüre in kleinen Schlucken ſehr ſtarken Grog, den ſie anſtande laſſen. So um ſie kinder“ es war Ball zu di die Sti die Mit in dem Fü erlaut J ſelig rauch umhen Allei Paris N der ſi ſchwe Stel ſich er h N vier Hai⸗ wohl wollte ſergade ſein Portrait des te ſi„der aäubchen mit J. Uebrigens ihrer geſell den haufigen n, pochte ſte 8 ehemaligen leichzeitig ge⸗ ſchaft inmer und Achtung zu geben und hlenes Haus ſteck gefunden Haus treten, iillton gegen on den Geiſ lichen Letür og, den ſie 53 anſtandshalber in eine Thee⸗Taſſe hatte gießen laſſen. So ruhig und kalt ſie war, ſo lärmend ging es um ſie her zu. Die Gäſte der„vier Haimons⸗ kinder“ waren dieſen Abend vollſtändig verſammelt; es war großes Eſſen geweſen und man gedachte einen Ball zu halten. Ddie Tiſche waren an die Wände gerückt worden, die Stühle hatte man unter die Tiſche geſchoben und die Mitte des Saales gewährte einen freien Raum, in dem wohl Quadrillen getanzt werden konnten. Frau Taburot hatte dieſes Ertravergnügen nicht erlaubt, aber auch nicht verboten. Man tanzte; das verl afſtne Billard zeigte trüb⸗ ſelig ſein abgehaartes Tuch in dem Scheine zweier rauchender Lampen; in dem Garten irrte Niemand umher, Alle waren in dem Saal, Alle lachten und Alle ſangen. Man würde um dieſe Zeit in ganz Paris keine ſo vergnügte Geſellſchaft gefunden haben. Nur ein Mann war in der heitern Geſellſchaft, der ſich von der allgemeinen Freude ausſchloß und ſchweigend in einem Winkel ſitzen blieb. Er ſaß ganz am Ende des Saales an einer Stelle, wo er Niemandem im Wege war. Neben ſich hatte er ein großes Glas Branntwein, aus dem er häufig und reichlich trank. Es war Fritz, der Reitknecht von Bluthaupt. VII. 4 8³ Jeden Abend kam er und trank, bis die Trunken⸗ heit ihn unterjochte und niederwarf. Niemals ſprach er mit Jemanden, aber wenn der Branntwein Feuer in ſein Gehirn brachte, be⸗ wegte er langſam die Lippen und warf einzelne Worte vor ſich hin. Wenn er nicht wirklich betrunken geweſen wäre, würde man ihn hier ſehr ungern geſehen haben, denn man wußte über ſein Gewiſſen nichts und er hatte der Frau Taburot nie etwas Entwendetes anver⸗ traut. Das war ein Flecken in der Geſellſchaft, aber ein Mann, der ſo viel trank, konnte wohl ein an— deres Laſter entbehren. Fritz hatte ungefähr die Hälfte ſeines großen Glaſes geleert. Sein röthlich gewordener und zer— drückter Hut lag neben ihm auf dem Tiſche; auf dem Scheitel ſeines Kopfes ſah man einzelne Haare, während dicke ungekämmte Büſchel um die Schläfe fielen und ſein langer mit weißen Haaren beſtreuter Bart bis auf ſeine ſchmale Bruſt hing. Er ſaß mit geſenktem Haupte da. Wenn er ſich aufrichtete, um das Glas an die Lippen zu führen, zitterte ſeine Hand und das Glas klapperte an ſeinen Zähnen. Man ſah dann ſeine bleiche eingefallene Wange, auf welche die begin⸗ nende Trunkenheit und die ſchleichende Krankheit eine feuerrott tiefeinge Gedank Er dann ſe verſtänd pen kan Er her vor ren, da di ihm üb keine man! luſtig M Weinſe eſagt lleiden diſche merkſc ſtriel welch da ei und! Unbe die Trunken⸗ aber wenn brachte, be⸗ zelne Worte weſen waͤre, haben, denn und er hatte detes anver⸗ ſchaft, aber wohl ein an⸗ ines großen ner und zer⸗ he; auf dem jelne Haate, die Schläͤfe ren beſtreuter Glas an die nd das Glas ah dann ſeine he die begin⸗ erantheit teine 1 feuerrothe Stelle malten. Man ſah ſeine matten tiefeingeſunkenen Augen, die keinen Glanz und keinen Gedanken mehr hatten. Er blickte die verſammelte Menge zerſtreut an, dann ſenkte ſich ſein Kopf wieder, während ein un⸗ verſtändliches Gemurmel über ſeine bleichen Lip⸗ pen kam. Er ſchien nichts von dem zu ſehen, was um ihn her vorging und eben ſo wenig das Geſchrei zu hö⸗ ren, das den Saal erfüllte. Die Gäſte der„vier Haimonskinder“ vergalten ihm übrigens Gleiches mit Gleichem und gaben ſich keine Mühe, ſeine trübe Stimmung zu beobachten; man wollte nur den Abend des Faſtnachtmontags ſo luſtig als möglich hinbringen. Man ſah da Toiletten von jeder Art und was der Weinſchenke Johann zu dem Ritter von Reinhold geſagt hatte, um ihn zu beſtimmen ſich anders zu kleiden, erwies ſich als nicht ganz richtig. Die mo— diſche Kleidung des Ritters würde hier keine Auf⸗ merkſamkeit erregt haben, weil dieſen kecken Indu⸗ ſtriellen jeder Anzug recht war. Unter den Blouſen, welche die Mehrheit ausmachten, ſah man hier und da einen ſchwarzen Frack oder einen eleganten Rock, und dennoch hatte Johann Recht gehabt, denn ein Unbekannter, der elegant gekleidet war, mußte an 4* dieſem Orte nothwendig Aufmerkſamkeit und Miß⸗ trauen erregen. Auf der andern Seite war der Ritter ein in dem Temple zu wohlbekannter Mann, als daß nicht mancher Trödler ihn wiedererkannt haben ſollte und Johann wünſchte nicht, daß man ihn allgemein erkenne. Wenn eine Mannichfaltigkeit in der Tracht der Männer ſich bemerklich machte, ſo war ſie bei den Frauen noch auffallender. In einer Quadrille ſah man eine dicke Mutter mit einem carrirten Buſen⸗ tuche und einem baumwollenen Kopftuche, eine nette Griſette und eine ſtattliche Dame, welche aus einem Boudoir der Vorſtadt St. Honoré gekommen zu ſein ſchien. Und alle lebten in vollkommener Einigkeit; die ſtattliche Dame nannte die dicke Mutter du, welche ſie wiederum mit herzlichſter Freundlichkeit behandelte. Der Tanz, das braucht wohl kaum erwähnt zu werden, zeichnete ſich nicht gerade durch Züchtigkeit aus, aber er ging doch auch nicht gar weit über die Grenzen hinaus, die den Liebhabern der öffentlichen Bälle von der verſtändigen Polizei⸗Behörde geſteckt werden; die Geberden wurden durch die Ehrfurcht vor der Majeſtät der Frau Wittwe Taburot gemä⸗ ßiget, welche von Zeit zu Zeit ihre Lectüre unter⸗ brach, und mit 76 Na wieder machte ren, u Pas; als auf Chaum Provir jahtes T Grün Dache Bomb beide gnüger gen ſi lockten 8 moͤge Feſten beglei und Miß⸗ ein in dem 3 daß nicht n ſollte und n allgemein er Tracht der e ſie bei den Auadrille ſah irten Buſen⸗ he, eine nette he aus einem mmen zu ſein inigkeit; die rdu, welche it behandelte. n erwähnt zu ch Züchtigkeit b weit über die er affenllichen chörde geſtect di Ehriunht aburot gemä— Aictüͤre unter⸗ brach, um einen Schluck aus der Taſſe zu nehmen und mit königlicher Stimme zu wiederholen: „Seht zu, daß keine Dummheiten vorkommen.“ Nachdem ſie dies geſagt hatte, verſenkte ſie ſich wieder in das alte Zeitungsblatt. Die Griſette machte ihr von der Seite lange Naſen und die Her⸗ ren, welche ohne Damen tanzten, variirten ihre Pas; im Ganzen aber ging es faſt anſtändiger zu als auf den ſchönen Bällen des Prado und der Chaumière, wohin die gutmüthigen Aeltern in der Provinz ihre Erben in den zehn Monaten des Schul⸗ jahres zu ſchicken pflegen. Das Orcheſter beſtand aus Malou, genannt Grün⸗Mütze und deſſen Pylades Pitois, genannt Dachs. Pitois ſpielte Violine; Malou blies die Bombarde*), zur Erinnerung an die Bretagne. Da beide halb betrunken waren und ſich ſelbſt das Ver⸗ gnügen des Tanzes nicht verſagen wollten, ſo ſpran⸗ gen ſie bei der Quadrille ſelbſt mit herum und ent⸗ lockten ihren Inſtrumenten unmögliche Töne. Das Trommelfell eines Tauben hätte ſpringen mögen. Die Gallerie ſummte einige Töne zu tief die *) Eine kleine Oboe mit ſieben Löchern, welche bei den Feſten in der Nieder⸗Bretagne den Binion(Dudelſack) begleitet. 58 Melodie nach und die gellenden Stimmen der Da⸗ men vollendeten das hölliſche Concert. Die Ehre des Concerts verblieb trotzdem dem bretoniſchen Inſtrumente, deſſen näſelndes Aechzen über jene andern Töne ſich hören ließ. Malou, genannt Grün⸗Mütze, bearbeitete es ſehr eifrig; er blies mit aller Macht hinein und tanzte ſelbſt dazu; dicke Schweißtropfen rannen an ſeinen Schläfen herunter und wenn ihm der Athem ausging, goß er zu ſeiner Stärkung etwas von dem Inhalt einer Rumflaſche in ſeinen umfangreichen Mund. 1 Dieſer Malou war ein ziemlich merkwürdiger Menſch. Er mochte etwa fünfunddreißig Jahre alt ſein; um ſeine niedrige aber breite Stirn hing ein Wald von kurzem gelockten Haar; ſein Geſicht war gebräunt und er hatte ſchwarze glänzende Augen, wie einen feſtgezeichneten Mund. Das Ganze ſeines Geſichts, deſſen Ausdruck in dieſem Augenblicke durch die Trunkenheit gemildert wurde, verrieth eine ziemliche Keckheit und eine gewiſſe Offenheit. Er tanzte mit einem hübſchen niedlichen Mädchen von etwa funfzehn Jahren mit frechem Lärvchen, das er Butterblume nannte. Sein Freund Pitois, genannt der Dachs, glich ihm gar nicht. So gewandt und flink Malou war, ſo linkiſch zeigte ſich der Dachs in allen ſeinen Bewegu und pla Augenb lität in Augen, waͤrtig trauen. Pit Er wahrho hut teu tangte. D Herzo unter ſhemir artige M Gleich kitig dem g den waren hauſe ten einar die T nen der Da⸗ rotzdem dem dees Aechzen earbeitete es hinein und mrannen an n der Athem vas von dem mfangreichen merkwürdiger ßig Jahre alt tirm hing ein Geſicht war ende Augen, Ganze ſeines Augenblick ade, verrieh ſe Offnhei hen Mädchen en Nrochen, Dachs, glich ſink Malou in allen ſeinen Bewegungen. Er war ſchwarz wie ein Maulwurf und plattanliegende Haarbüſchel fielen bis auf ſeine Augenbrauen. Gleichwohl lag eine gewiſſe Jovia⸗ lität in ſeinen kleinen lächelnden und beweglichen Augen; im Ganzen aber war ſein Geſicht wider— wärtig und der Anblick deſſelben ſchon erregte Miß⸗ trauen. Pitois mochte ungefähr vierzig Jahre alt ſein. Er tanzte mit einer großen ſchönen Frau, die wahrhaftig einen Sammet⸗Camail und einen Feder⸗ hut trug und mit ganz beſonderem Feuer den Cancan tanzte. Dieſes ſchöne Weib war unter dem Namen„die Herzogin“ bekannt. Mit den Waaren, die ſie bald unter ihrem Sammetcamail, bald unter ihrem Ca⸗ ſhemirſhawl mitgenommen hatte, hätte ſie eine groß⸗ artige Modehandlung einrichten können. Malou und Pitois hatten einander nie verlaſſen. Gleichzeitig waren ſie Soldaten geworden und gleich⸗ zeitig waren ſie deſertirt; ſie hatten mit einander in dem großen und in dem kleinen Genre gearbeitet, auf den Straßen und unter den Straßenlaternen; ſie waren mit einander im Gefängniſſe und im Zucht⸗ hauſe geweſen und mit einander entflohen; ſie kann⸗ ten einander im Glück und Unglück und ſie liebten einander. Die Freundſchaft, dieſes Gefühl, welches die Dichter durch zu häufiges Beſingen widerwärtig 60 gemacht haben, findet ſich merkwürdigerweiſe häu⸗ figer unter Spitzbuben als unter ehrlichen Leuten. Malou hatte ſeine Bruſt mehr als einmal zwi⸗ ſchen Pitois und ein Meſſer geſtellt und Pitois hatte ſeinem Freunde eine Frau abgetreten, die ſie beide liebten, und er war in Folge davon ſo krank gewor⸗ den wie ein Romanheld. Einer konnte ſo wenig ohne den andern leben, daß ſich Pitois abſichtlich hatte verhaften laſſen, als Malou in's Zuchthaus gebracht worden war. Daß ſie gemeinſchaftlich lebten, brauchen wir wohl aum hinzuzuſetzen; aber die Gleichheit war nicht ganz vollſtändig unter ihnen, giebt es ja in jedem Hausweſen einen Herrn; ſo war auch hier Malou, genannt Grün⸗Mütze, das Haupt des Bundes. Bemerkenswerth iſt es, daß in allen Vereinigun⸗ gen von Uebelthätern das Anſehen in directem Ver⸗ hältniſſe zu der mehr oder minder bedeutenden Schuld ſteigt. Ein Beutelſchneider nimmt bei wei⸗ tem nicht denſelben Rang ein als ein Fälſcher; ein gewöhnlicher Dieb gilt nicht ein Viertheil ſo viel als ein Mörder. Malou und Pitois hatten in Ge⸗ meinſchaft alle Stufen des Verbrechens durchgemacht und ſie waren unter den ärmlichen Spitzbuben des Temple wahre Adler. Man bewunderte ſte, man belachte ihre unbedeutendſten Worte. Wenn ſie zu ſcherzen man ke Violin di ſie und ſie zu lichen; de als Ie Rotun Haime erweiſe häu⸗ en Lauten. einmal zwi⸗ Piois hatte die ſie beide krank gewor⸗ andern leben, mlaſſen, als war. rauchen wir leichheit war ſiebt es ja in var auch hier 3 Haupt des Vereinigun⸗ directem Ver⸗ r bedeutenden immt bei wei⸗ Fälſcher; ein ettheil ſo viel hatten in Ge⸗ durchgemacht Spißbuben des derte ſte, man Penn ſie zu 61 ſcherzen geruhten, gab es wahre Begeiſterung und man konnte ſich vor Freude nicht laſſen, als ſie die Violine und die Bombarde ſpielten. Die Frauen zogen ſie vor, die Männer verehrten ſie und erlaubten ſich nicht einmal eiferſüchtig gegen ſie zu ſein. Sie waren die Helden, die Unvergleich⸗ lichen; Grün⸗Mütze namentlich glich einem Gott. Der Ball hatte die höchſte Stufe der Luſt erreicht als Johann und der Ritter von Neuem über den Rotundenplatz gingen und in das Haus der„vier Haimonskinder“ hineinſchritten. Viertes Kapitel. Der Liebesgott. Der arme Ritter fühlte ſich in ſeinem neuen An⸗ zuge höchſt unbehaglich, wie ein Pfau etwa, dem man den Schweif genommen hat. Die Rollen wa⸗ ren umgetauſcht; er ſchien jetzt der Diener ſeines Factotums zu ſein und folgte ihm Schritt für Schritt und mit demüthiger Miene. Johann trat zuerſt in die Billardſtube und ſchritt durch dieſelbe hindurch wie Jemand, der an einem Orte zu Hauſe iſt. Reinhold brach beinahe Arm und Bein als er die drei ſchmalen und ſteilen Stufen hinunterſchritt. „Ach!“ ſagte der Weinſchenke indem er nach dem zweiten Saale zuſchritt;„heute giebt es keinen Poule. Welcher Herenſabbath wird denn da ge⸗ feiert?“ Sc man d barde. T in An dürft, Galler ſtigt a ſahen, nen, deſſen A Done zieml läͤchte accor T Achſe an ſie G Antee Grün duerſ ſoba gleie und Bar mn neuen An⸗ Netwa, dem e Rollen wa⸗ diener ſeines tt für Schrit be und ſchrit der an einem beinahe Arm ſeilen Stufen ndem er nach giebt es keinen denn da g⸗⸗ 63 Schon von der Thüre des Hausflurs an hörte man die kreiſchenden Töne der Geige und der Bom⸗ barde. Trotz dem Anſchlage in dem Billardzimmer, daß in Anweſenheit der Damen nicht geraucht werden dürfe, hatten alle Tänzer die Pfeife im Munde. Die Gallerie wurde natürlich davon ebenſo wenig belä⸗ ſſtigt als die Tanzenden. Johann und der Ritter ſahen, als ſie auf der Schwelle des Saales erſchie⸗ nen, nichts als eine Maſſe graulichen Rauches, in deſſen Mitte ſich eine verworrene Maſſe bewegte. Aus dieſem dicken Nebel erhoben ſich ſeltſame Töne, ein Geklapper von ſchweren Schuhen, die ſo ziemlich im Takte auf den Boden aufſtampften, Ge⸗ lächter, Bruchſtücke von Geſängen, falſche Geigen⸗ accorde und ſchnarrende Bombardenklänge. Der Ritter ſah mit offenem Munde über die Achſel Johanns; er glaubte zu träumen und er fing an ſich zu fürchten.„ Gleichwohl bereuete er es noch nicht, auf den Antrag Johanns eingegangen zu ſein. Mehrere Gründe hatten ihn zur Annahme deſſelben vermocht; zuerſt das gewaltige Intereſſe, das ihn drängte, ſobald als möglich das Unglück des Duells auszu⸗ gleichen, dann ein ihm eigenthümliches kindiſches und ſeltſames Gefühl; er hatte ſich nämlich dem Baron, Rodach gegenüber gerühmt zu Allem Mittel finden zu können und es lag ihm nun viel daran, dem Baron eine hohe Meinung von ſich beizubrin⸗ gen. Die Ueberlegenheit Rodachs drückte ihn und er freute ſich deshalb ſchon im Voraus, ſich vor dem Fremden aufblähen zu können, der ſich für unent⸗ behrlich hielt. Dieſer Gedanke hatte ihn noch mehr zu dem Un⸗ ternehmen hingezogen als das Intereſſe; er konnte der Hoffnung nicht widerſtehen, den Baron ebenfalls zu überraſchen und ihm zu ſagen: das habe ich gethan. Für einen Augenblick hatte ſich ſeine Furchtſam⸗ keit in Tollkühnheit verwandelt; er hatte die Augen zugedrückt und ohne langes Bedenken ſich vorgewagt. Jetzt kam die Ueberlegung nach und Gott weiß es, welche Angſt ihn für das kurze Wagniß ſtrafte. Er ſtand da hinter Johann und es rieſelte ihm eis⸗ kalt durch die Adern. Der Weinſchenk hatte ihm, um ſeine Verkleidung zu vervollſtändigen, ein ſchwarz⸗ ſeidenes Tuch über das linke Auge gebunden und die⸗ ſes Tuch war bereits naß von Schweiß. Zu noch größerer Vorſicht hatte Johann bereits von der Abnahme der blonden Perrücke und von dem Erſcheinen mit dem natürlichen Haarwuchſe geſpro⸗ chen; aber der Nitter hatte ſein Toupet mit der äußerſten Hartnäckigkeit vertheidiget, ſo daß es ihm Johann endlich gelaſſen.* launig; ſern Ler 3 unglück fnden. der Naͤh ₰ᷣ i tanzt!“ 5 77— er hält Hand Ab daran, eizubrin⸗ n und er vor dem ir unent⸗ dem Un⸗ er konnte ebenfalls habe ich urchtſam⸗ die Augen orgewagt. Hott weiß iß ſtrafte. ihm eis⸗ hatte ihm, in ſchwary⸗ en und die⸗ ann bereits id von dem ihj geſr⸗ tt mit der daß ts ihm „Es iſt Ball da,“ ſprach der Weinſchenke übel⸗ launig;„wie ſollen wir in dieſem Gewirre mit un— ſern Leuten reden können?“ „Wir wollen wieder fortgehen,“ erwiderte der unglückliche Ritter. „Nein. Wer weiß, ob wir ſie morgen wieder⸗ fänden.“ „Sei graziös, Frau Herzogin,“ ſagte man in der Nähe in der Tabakswolke. „Darauf und friſch, Dachs! Eine Polka ge— tanzt!“ „Da walzt Grün-Mütze mit der Butterblume; er hält ſie mit einem Arme und ſpielt mit der andern Hand auf der Bombarde.“ „Grün⸗-⸗Mütze iſt ein Teufelskerl!“ Und Frauenſtimmen ſyrachen⸗ „Trage mich auch ſo, Loiſeau!“ „Trage mich auch ſo, Ludwig!“ „Nimm beide Hände, wenn Du willſt.“ Aber Loiſeau und Ludwig waren nicht ſo ſtark wie Grün⸗Mütze und ihre Damen waren zweimal ſo ſchwer als Butterblume. Im ſtärkſten Tumulte ließ ſich die Klingel des Schenktiſches vernehmen und die rauhe Stimme der Mutter Taburot rief: „Macht keine Dummheiten!“ Der Contretanz ging zu Ende; es ſchien als Kaiſergarde und das gehorche man der Wittwe der Orcheſter ſchwieg. In dieſem Augenblicke zog die Rauchwolke durch die Fenſter hinaus, die man geöffnet hatte, um fri⸗ ſche Luft zu erhalten. Der Ritter konnte den ganzen Schauplatz auf einmal überblicken, aber ſein Kopf, der über die Achſel Johanns ragte, wurde auch bemerkt. „Wer iſt der?“ fragte Seiten gleichzeitig. „Seht,“ ſagte die k Geſicht! Er hat eine B leicht iſt er Amor.“ Dieſes Wort wurde höchſt beifällig aufgenom⸗ men und im nächſten Augenblicke ſah ſich der arme Ritter trotz der Bemühung Johanns fort und in eine Gruppe von Neugierigen hineingezogen. Jeder ſah ihm keck in's Geſicht und er wurde mit Stachelreden überſchüttet. „Welcher Kopf! Welcher Kopf!“ ſagte Malou, indem er ihn mit Bewunderung betrachtete;„auf den Backen trägt er für wenigſtens 75 Cent. rothe und weiße Schminke.“ „Er muß auf einem Tiſche ausgeſtellt werden,“ ſetzte Butterblume binzu,„ beſehen will, zahlt einen Sou.“ Geſagt, gethan. man auf verſchiedenen leine Butterblume,„dieſes inde auf dem Auge; viel⸗ und wer ihn ganz genau⸗ Es entſtand eine Bewegung in dem daß er u Fuß hoch ihm eine mit der? gebunden Geſichte Die laſſen un „An Nien finderne“ zu recht wolle d merkſan Der Jdernc konnten iig and Taburot gebens ſidente vergeber Dumm M trazt Frauen nd das edurch um fri⸗ ganzen Kopf, de auch iedenen dieſes ez viel⸗ ufgenom⸗ der arme din eine zvurde mit e Malou, te;„auf ant. vothe 71 werden, gand genan 67 in dem Gedränge und der Ritter befand ſich, ohne daß er wußte wie es zugegangen war, zwei bis drei Fuß hoch über der Menge. Im Emporheben hatte ihm eine ungeſchickte oder böswillige Hand die Mütze mit der Perrücke abgenommen, ſo daß nur das ſchief⸗ gebundene ſchwarze Tuch grell von dem geſchminkten Geſichte und dem völlig kahlen Scheitel abſtach. Die Verſammlung konnte ſich vor Freude kaum laſſen und brüllte: „Amor! Amor! Der Liebesgott!“ Niemals hatte man ſich in den„vier Haimons⸗ kindern“ ſo gut unterhalten. Die Poſſe kam ſehr zu rechter Zeit zwiſchen zwei Contretänzen vor, als wolle der Zufall den Anweſenden eine beſondere Auf⸗ merkſamkeit erweiſen. Der jubelnde Lärm ſteigerte ſich immer mehr; Jedermann warf ein Wetzwort hinein; die Damen konnten nicht mehr lachen und hingen halb ohnmäch⸗ tig an dem Arme ihrer Herren. Die Frau Wittwe Taburot konnte nicht mehr durchgreifen und ver⸗ gebens ließ ſie ihre Klingel erſchallen wie der Prä⸗ ſident einer ſtürmiſchen berathenden Verſammlung; vergebens ſchrie ſie ſo laut als ſie konnte:„Keine Dummheiten! Keine Dummheiten!“ Man hörte nicht mehr auf ſie; das Lachen kreuzte ſich mit immer neuen Witzen. Männer und Frauen, Tänzer und Zuſchauer, alle hatten ſich in einen dicken Knäuel zuſammengeballt, der kaum ein Viertheil des Saales einnahm und ſich um den unglücklichen Ritter von Reinhold drängte. Dieſer ſtand noch immer auf dem Tiſche, der ihm als Piedeſtal diente; er machte ſeine dicke kurze Geſtalt ſo ſteif als möglich; ſein ihm freigebliebenes Auge war niedergeſchlagen; er wagte ſich weder zu rühren noch die Menge anzuſehen, deren ſpottendes Geſchrei er wohl höͤrte. Seit man ihn unverſehens ergriffen hatte, um ihn mitten in den Haufen hineinzureißen, hatte er kein Wort mehr geſprochen; er wußte eigentlich gar nicht was um ihn her vorging; die Furcht erſtickte ihn; er hatte ſo zu ſagen keinen Tropfen Blut mehr in den Adern und die beiden Reihen ſeiner falſchen Zähne klapperten ſo ſtark auf einander, daß zu fürch⸗ ten war, er würde auch ſie verlieren. Er litt eben ſo viel wie die unglücklichen Opfer, welche die india⸗ niſchen Menſchenfreſſer necken und verhöhnen, ehe ſie dieſelben verzehren. Und gerade dieſe ſeine Angſt ergötzte namentlich die Damen; ſie wurden es nicht müde den Kopf des kleinen Mannes zu bewundern, der ſo glatt und kahl war wie ein Ei und von der Stirn bis zum Kinn geſchminkt. Die ſchwarze Binde war die Voll⸗ endung dieſes ſeltenen Bildes. „Schmetterlingsflügel ſollte er nur noch haben,“ ſagte die zwihm t „K fuͤr den Und Joh gettennt hier und en, die auch du und vor ſein fin gut un ſirte il A erzürn dem ge meinſa unbew Auge Brann C Späß wiee mein dßf MI der kaum chh um den licche, der dicke kurze gebliebenes h weder zu ſpottendes hatte, um gentlich gar ucht erſtickte Blut mehr iner falſchen iß zu fürch⸗ Er lit eben e die india⸗ hnen, chr ſt te namentlich de den Kopf ſo glatt und tirn bis zum war die Vol⸗ noch hnöen hatte et. 69 ſagte die Butterblume, indem ſie ſo nahe als möglich zu ihm trat. „Kellner!“ rief die Herzogin,„einen Köcher für den Amor!“ Und man lachte von neuem. Johann, der mit Gewalt von ſeinem Gonner getrennt war, verſuchte zu ihm zu gelangen und ließ fhier und da zu deſſen Gunſten einige Bitten einflie— ßen, die ſich im Lärme verloren, aber er hütete ſich auch durch zu lautes Schreien ſich heiſer zu machen und von Zeit zu Zeit trat ein boshaftes Lächeln auf ſein finſteres Geſicht. Die Poſſe gefiel ihm recht gut und die jämmerliche Geſtalt ſeines Herrn amü⸗ ſirte ihn. 4. e Außer der Wittwe Taburot, die ſich darüber erzürnte, daß man nicht auf ſie hörte, befand ſich in dem ganzen Saale nur eine Perſon, welche der ge⸗ meinſamen Freude fremd blieb: Fritz, der noch immer unbeweglich in ſeinem Winkel ſaß mit erſtorbenem Auge und hängendem Kopfe, die Hand an das Branntweinglas gelegt. Er hatte nichts geſehen; das Lachen und die Späße berührten ſein halbverſchloſſenes Ohr nur wie ein dumpfes Geſumme. In dieſem Augenblicke aber entſtand ein allge⸗ meines Fußgeſtampfe nebſt ſo lautem Jubelgeſchrei, daß Fritz zuſammenfuhr wie ein Mann, der erwacht. VII. 5 70 Er erhob langſam den Kopf und blickte ſich lang⸗ ſam in dem Saale um. Als ſein Auge auf das Geſicht des Ritters fiel, der über die Menge weit hinausragte, erbebten alle ſeine Glieder. „Immer! Immer!“ murmelte er, indem er das Geſicht mit den Händen bedeckte.„Er folgt mir üͤberall. Wenn ich auch trinke, ich ſehe doch was man nicht vergeſſen kann.“ Butterblume hatte den letzten lauten Jubel erregt. Das kecke muthwillige Mädchen hatte ſich einen Weg durch die Menge gebahnt und ſich mit einem Sprunge zu dem Ritter hinauf auf den Tiſch geſtellt. Malou blieb unten, um ſie im Nothfalle zu unterſtützen. Butterblume nahm die Stellung einer Tänzerin an und blieb unbeweglich, ſtreichelte mit der Hand das Kinn des Ritters und hielt mit der andern zwei Zoll uͤber dem kahlen Scheitel Reinholds die argzu⸗ gerichtete Perrücke deſſelben. Unten zeigte Malou mit einem Billardqueue auf dieſe Gruppe und ſagte mit der ſcharfen Betonung der Leute, welche vor Wachsfigurenbuden erklären: „Hier iſt zu ſehen ein Bild aus der Mytho— logie.. Pſyche, welche die Perrücke Amors wieder⸗ findet.“ Butterblume, die durch den großen Beifall ange⸗ trieben haſter! übergel ſchalch warum 3u Luſtigke boshaft lesken? hatte e Er und w mache G kräͤfti an M J. Tabur ſchritt und il du ſch J ſtütt doch Maj Zeit redtſe ſich lang⸗ ditters fiel, bbebten alle dem er das folgt mir doch was bel erregt. einen Weg n Sprunge lt. cothfalle zu er Tänzerin der Hand ndern zwei die argzu⸗ rdqueue auf n Betonung terkläten: der Milhe⸗ lors wiedet⸗ eſall angr 71 trieben wurde, der ſich in der Geſellſchaft in krampf⸗ hafter Luſtigkeit aͤußerte, wollte zu etwas anderem übergehen; ihre großen Augen funkelten bereits vor ſchalkhaftem Muthwillen und es gab keinen Grund, warum das Luſtſpiel ſobald zu Ende gehen ſollte. Zum Glück für den armen Ritter dauerte die Luſtigkeit Johanns nicht lange, ſelbſt wenn ſie eine boshafte Quelle hatte. Er erfreute ſich an der bur⸗ lesken Noth ſeines Gönners einige Minuten, dann hatte er genug. Er dachte wieder an die zehntauſend Francs und mehr gehörte nicht dazu, um ihn ernſthaft zu machen. Er drängte ſich durch die Menge, indem er ſeine kräftigen Ellenbogen arbeiten ließ und wendete ſich. an Malou. In demſelben Augenblicke verließ die Wittwe Taburot in gerechtem Unwillen ihren Thron und ſchritt durch die Menge, um perſönlich einzuſchreiten und ihr quos ego unter ihre aufrühreriſchen Kunden zu ſchleudern. Reinhold mußte, ſo von beiden Seiten unter— ſtützt, frei werden, aber die wirkſamſte Hilfe kam doch nicht von der Wirthin des Hauſes. Trotz der Majeſtät ihrer Bandhaube und der ehrwürdigen Zeitung, die ſie in der Hand hielt, wurde ihre Be— redtſamkeit wahrſcheinlich wirkungslos geweſen ſein. Johann dagegen brauchte nur zwei Worte zu ſagen, von denen er eins Pitois, das andere Malou ins Ohr fluſterté. 4 Pitois ließ den Arm der Herzogin los, Malou vergaß einen Witz und legte das Billardqueue hin. „Das iſt etwas anderes,“ brummte er;„das hättet Ihr gleich ſagen ſollen.“ Zu Butterblume gewendet ſetzte er hinzu: „Kleine, höre auf; es iſt nun genug gelacht.“ Butterblume verlor alsbald ihr muthwilliges Lächeln und ſtieg mit ſclaviſcher Folgſamkeit herunter. In der Verſammlung erhoben ſich noch einige Stimmen, welche gegen dieſes plötzliche Abbrechen proteſtirten, der Dachs aber rief:„ſtill!“ und alle ſchwiegen. „Ich wußte es wohl,“ ſagte die Mutter Ta⸗ burot,„daß wenn ich meinen Schenktiſch verließ, ſie gleich vernünftig werden würden. Was aber hat die friedliche Geſellſchaft ſo außer ſich gebracht?“ Sie ſah dabei auf den Ritter Reinhold, dem Butterblume die Perrücke zurückgegeben hatte. Un⸗ ter der friedlichen Geſellſchaft verſtand ſie natürlich ihre Gäſte. „Es iſt genug nun, Mutter,“ ſagte Malou; „man wird ſich in Schranken halten. Und für die⸗ ſen Mann ſtehe ich.“ Die Wittwe kehrte auf ihren Thron zurück. Ihr Jeſuite den Ri Blouſe Dieſe! nur zu Menſch Aermel 4 7/ ſie nur G den R gehob ſchüch Kreiſe 3 ſein O 77 „Wi nen n J ſich, Ung Fur von nicht orte zu Malou Malou uee hin. ;„das lacht.“ williges eruntet. h einige löbrechen und alle tter Ta⸗ verließ, aber hat cht?“ old, dem te. Un⸗ natürlich Malou; d füt die⸗ rüͤck. 73 Ihr liebenswürdiges Journal hatte ihr ſo viele Jeſuiten in den Kopf geſetzt, daß ſie verſucht war den Ritter für einen ſchrecklichen Socius und die Blouſe deſſelben für einen kurzen Rock zu halten. Dieſe Meinung machte ſie vorſichtig, denn ſie wußte nur zu gut, daß es gefährlich ſei dieſe mächtigen Menſchen zu reizen, welche die Cholera in ihrem Aermel bei ſich führen. „Macht mir keine Dummheiten wieder,“ ſagte ſie nur. Grün⸗Mütze und der Dachs hatten unterdeſſen den Ritter gefaßt und ihn von dem Tiſche herunter gehoben. Erſt als er wieder ſaß, ſchlug Reinhold ſchüchtern die Augen auf und ſah ſich verſtohlen im Kreiſe um. Johann, der hinter ihm war, neigte ſich an ſein Ohr. „Stellen Sie ſich nicht erzürnt,“ ſagte er. „Wir haben unſere beiden Männer und etwas kön⸗ nen wir es uns wohl koſten laſſen.“ Reinhold bemühete ſich zu gehorchen und ſtrengte ſich an, ein Lächeln zu Wege zu bringen; aber der Unglückliche hatte ſich zu ſehr gefürchtet und ſeine Furcht blieb auf ſeinem Geſichte lesbar. Er ſchlug von neuem die Augen nieder, um ſeine Verfolger nicht zu ſehen.— 74 Malou und Pitois hatten ſich neben ihn geſetzt; Johann wurde der vierte im Bunde. „Mutter, vom beſten Jamaica und eine ver⸗ ſiegelte Flaſche!“ rief Malou. Man brachte eine Flaſche Rum, Malou ſchenkte ein und legte ſeine Hand ohne Umſtände auf das Knie des Ritters. „Nun, Alter,“ ſagte er;„es ſcheint Ihnen nicht eben gefallen zu haben.. Sie haben aber keine Urſache, es übel zu nehmen.“ „Es war nicht ſo bös gemeint,“ ſagte der Dachs indem er ſeine ſchwarze Hand auf das andere Knie des Ritters legte. Dieſer ſah einen nach dem andern an. „Wir wollen verſtändig reden„“ ſagte Malou. „So iſt's,“ meinte der Dachs. „Wenn Du immer darein ſchwatzeſt,“ ſagte Malou,„ſo kommen wir nicht vom Flecke.“ Pitois nickte zuſtimmend und verharrte in be— ſcheidenem Schweigen. „Nun,“ fuhr Malou fort.„Vater Johann ſagte, Sie brauchten ein paar Leute, die ſich nicht fürchten, um da unten, in Deutſchland, etwas in Ordnung zu bringen.. Wenn's gut bezahlt wird, ſind wir die Leute dazu, nicht wahr, Dachs?“ Der Dachs ſchüttelte ernſthaft den Kopf. „Das heißt bei ihm ja,“ fuhr Grün⸗Mütze ſott ind nes I ſpricht Alſo w Lage i nicht i werden Ne dem erl Johann 8 Iht we Nennt , „ kommt rielleic undzw jungen man mit ſi giſezt; eine ver⸗ ſchenkte auf das t Ihnen ben aber et Dachs dere Knie Malou. „ſagte 74 te in be⸗ r Johann ſich nict etwas in ahlt wird, 57 pf. un⸗Müͤhe 75 fort indem er Herrn Reinhold die Kopfbewegung ſei⸗ nes Waffenbruders verdollmetſchte;„der Dachs ſpricht ſo wenn man ihm das Reden verboten hat. Alſo wie geſagt, die Sache paßt uns. Imn unſerer Lage iſt eine kleine Erholungsreiſe in's Ausland nicht übel, aber über den Preis müſſen wir einig werden.. Wollen Sie bezahlen wie ſich's gehört?“ Reinhold hatte ſich noch immer nicht ganz von dem erlittenen Ungemach erholt, deshalb antwortete Johann. „Der Herr iſt raſch in ſeinen Geſchäften und Ihr werdet Euch über ihn nicht zu beklagen haben.. Nennt Eure Forderung.“ „Vorher, Vater Johann, müſſen wir wiſſen..“ „Voraus läßt ſich nichts Genaues ſagen; es kommt alles auf die Umſtände an.. Ihr braucht vielleicht drei Wochen, vielleicht aber auch nur vier— undzwanzig Stunden.. Es handelt ſich um einen jungen Mann, der im Wege iſt..“ „Und den man aus dem Wege ſchaffen will?“ fragte Malou. „Richtig.“ „Der Teufel! Und wann müßte man be— reit ſein?“ „Die Sache wird nicht ſogleich ſtattfinden, aber man möchte Euch ſchon vorher im Lande ſehen, da⸗ mit ſich die Bauern an Eure Geſichter gewöhnten.“ 76 „Damit ſie uns nachher wieder erkennen?“ warf Pitois ein. „Keineswegs.. Damit es nicht ausſieht, als kämet Ihr mit uns. Ihr könntet morgen Mittags abreiſen.“ Die beiden Freunde ſahen einander an, um ſich Raths zu erholen. Die Stammgäſte der„vier Haimonskinder“ hatten unterdeß ihre frühern Beſchäftigungen wieder aufgenommen; einige tranken, andere ſpielten.. noch andere, welche den unterbrochenen Ball fort⸗ ſetzten, tanzten und ſangen mitten im Saale. Die Wittwe Taburot, die in ihrer Lectüre an eine rührende Stelle gekommen war, weinte heiße Thränen auf ihr Zeitungsblatt. rkennen?“ sſieht, als en Mittags n, un ſich onskinder“ gen wieder ſpielten.. Ball fort⸗ lale. Lectüre an weinte heiße Fünftes Kapitel. Grün-Mütze und Dachs. „Was meinſt Du dazu, Dachs?“ fragte Ma⸗ lou nach einer ziemlich langen Pauſe.„Was Papa Johann vorſchlägt, ſcheint gefährlich zu ſein.“ „Man wird nicht viel Zeit zum Zurückkehren haben.“ „Wir wollen zuſehen.“ „Sag' was Du meinſt,“ antwortete der vor⸗ ſichtige Dachs. „Hm!“ „Es iſt..“ „Ich glaube, wenn man jedem von uns tauſend Thaler zahlte.“ Johann ſprang empor. Der Ritter, welcher ſich ſelbſt wiederzufinden begann, bemerkte dieſe Bewegung und hielt ſie für 7 eine heftige Proteſtation gegen die Forderung der beiden Männer; wenn er aber die Augen aufge⸗ ſchlagen hätte, würde er geſehen haben, wie er bald Malou, bald Pitois von der Seite zu blinzelte, ſo daß der letztere, ſtatt wohlfeiler zu werden, Schwierigkeiten zu machen anfing. „Dreitauſend Francs!“ ſagte er.„Hält uns Papa Giraffe für dumm? Dreitauſend Francs für eine lange Reiſe zu Wilden! Damit iſt nichts be⸗ zahlt. Wenigſtens viertauſend müſſen wir haben.“ Johann blinzelte noch immer. „Nun,“ ſagte Grün⸗Mütze,„wir wollen fünf ſagen, um die Summe rund zu machen.“ „Das iſt viel!“ meinte Johann, der nicht aus ſeiner Rolle fallen wollte. „Freilich,“ entgegneten die beiden Banditen mit einem Winke gegen den Weinſchenken, um ihm anzu⸗ deuten:„ehrlicher Johann, Du bekommſt Deine Commiſſionsgebühr davon.“ Dieſer konnte nicht ſogleich einſchlagen; er han⸗ delte der Form wegen noch einige Augenblicke, dann ſchwieg er wie Jemand, der des Redens müde iſt. „Ich kann nicht entſcheiden,“ ſagte er zuletzt. Wenn der Herr jedem von Euch fünftauſend Francs geben will, ſo iſt das ſeine Sache.“ Der Herr wünſchte nichts mehr als fortzukom⸗ er hätte die Summe gegeben, wenn er ſich men; mit eine andere? den hät Er Mo „der H nicht Re 55 antwor wißt erfülle ( 7 gleichze Re von der aus de allerlei Lage des ſte ren w T hatte er noe g der aufge⸗ e bald inzelte, derden, alt uns ics für zts be⸗ ben.“ en fuͤnf cht aus ten mit anzu⸗ Deine er han⸗ e, dann de iſt. zuletzt. Francs ttzukom⸗ n er ſcch — 79 mit einem Male durch Zauberei oder auf irgend eine andere Weiſe auf dem Kiſſen ſeines Wagens befun⸗ den hätte. Er machte deshalb eine zuſtimmende Bewegung. Malou und Pitois faßten jeder eine ſeiner Hände. „Abgemacht!“ riefen ſie aus. „Ach, alter Johann!“ ſetzte Grün⸗Mütze hinzu; „der Herr iſt nicht halb ſo zähe als Du und es iſt nicht Recht, daß Du mit guten Freunden ſo knickerſt.“ „Ich hatte das Intereſſe des Herrn zu wahren,“ antwortete der Weinſchenke beſcheiden,„und Ihr wißt ja, daß ich meine Pflicht immer getreulich erfülle.“ „Das iſt wahr,“ ſagten die beiden Spitzbuben gleichzeitig. Reinhold ſpielte noch immer die traurigſte Rolle von der Welt. Sein böſes Abenteuer hatte ihn ganz aus der Faſſung gebracht. Er ſah an dem Orte allerlei phantaſtiſche Gefahren und befand ſich in der Lage eines Mannes, der am Rande eines Abgrun⸗ des ſteht und weder hineinzuſehen noch ſich zu rüh⸗ ren wagt. Die ruhige Beſprechung, welche ſtattgefunden, hatte ſeine Unruhe und Angſt nicht gemindert, weil er noch immer hinter ſich das ſpottende und drohende 80 rte, das ihn gequält, als er wie Amor auf dem Tiſche ſtand. Gemurmel hö Er war noch zu nahe bei der feindlichen Menge, die ihn ſo unbarmherzig geneckt hatte, als daß er ſeine Furcht ſogleich hätte überwinden können. In der kurzen Pauſe, welche dem Abſchluſſe des Handels folgte, wagte er ſchüchtern nach Johann hinzuſehen. „Der Herr ſcheint ſich hier nicht recht behaglich zu fühlen,“ ſagte Malou. „Ich glaube, er wäre lieber fort,“ ſetzte Pi⸗ tois hinzu. Johann trank ſein Glas Rum aus und ſtand auf. „Das kann geſchehen,“ ſagte er;„unter ehr⸗ lichen Leuten genügt ein Wort.. Wir ſind einig.“ „So ziemlich,“ antwortete Malou.„Wir müſſen noch als gute Freunde mit einander trinken.“ Er nahm das volle Glas des Ritters und reichte es ihm höflich. „Herr,“ ſagte er, indem er den Rücken ſeiner Hand an das Ohr legte,„ich wage Ihnen das Glas zu bringen.“ Reinhold benetzte ſeine Lippen mit dem Rum. „Und dann ,“ ſetzte Pitois mit freundlichem Lächeln hinzu,„gehört ſich ein kleines Draufgeld.“ „Was braucht Ihr?“ „Ach Francs; Der aus der Portefeu ten die? Rein Francs merken, befande Si „ er die unbedin Dachs? „J Der ſteckt un plötzlich Amor denge, daß er ſſe des ohann haglich te Pi⸗ ind auf. ter ehr⸗ einig.“ Wi inken.“ drächte en ſeiner nen das Rum. ndlichem ufgeld.“ 81 „Ach eine Wenigkeit,.. ſo etwa fünfhundert Francs zum Theilen.“ Der Ritter griff unter ſeine Blouſe und nahm aus der Taſche ſeines weißen Palletots ein reiches Portefeuille mit goldenem Schloß, das er öffnete. S ine Finger zitterten. Die beiden dem Zuchthauſe Entlaufenen ſperr— ten die Augen weit auf. Reinhold nahm eine Banknote von fünfhundert Francs heraus. Pitois und Malou konnten be⸗ merken, daß ſich noch andere ſolche Papiere darin befanden. Sie dankten ſehr höflich. „Das iſt ein guter Herr,“ ſagte Malou, indem er die Banknote einſteckte..„für ihn ließe man ſich unbedingt klein hacken wie Paſtetenfleiſch, nicht wahr, Dachs?“ „Ja,“ antwortete dieſer,„für ihn ließe man ſich ſchlagen bis man keinen Durſt mehr hat.“ Der Ritter hatte ſein Portefeuille wieder einge⸗ ſteckt und ſchickte ſich zum Fortgehen an, als ſich plötzlich hinter ihm in der Menge ein Schrei erhob, dem eine tiefe Stille folgte. Reinhold drehete ſich unwillkürlich um. Die luſtige Menge hatte ſich in zwei Reihen auf⸗ geſtellt und ließ einen breiten freien Raum leer. Auf dieſem Wege wankte ein Mann hin. Sein bärtiges Geſicht ſah erdfahl aus und ver⸗ ſchwand faſt gänzlich unter dem langen grauen Haar. Hinter dieſem Haar ſah man ſeine ſtieren Augen glänzen. Er war ſo betrunken, daß er ſich kaum aufrecht erhalten konnte. Alle verbeugten ſich vor ihm als er vorüberſchwankte und die Mädchen zupften ihn an ſeinem langen grauen Barte. Er bemerkte es nicht und ſetzte ſeinen Gang fort, ob er gleich bei jedem Schritte fallen zu müſſen ſchien. „Da iſt Fritz,“ ſagte Johann zu den beiden Banditen;„legt ihn in einen Winkel, damit er ſei— nen Rauſch ausſchlafen kann. Er darf nicht fort— gehen; ich habe noch heute mit ihm zu reden.“ „Reden kannſt Du immer mit ihm,“ ſagte Ma⸗ aber ob er Dir antwortet, iſt eine andere Wenn er ſeinen Schoppen Branntwein ann ernichts ſagen als: ich hab's lou,„, Frage.. getrunken hat, k geſehen, ich hab's geſehen.“ „Gleichviel,“ ſagte Pitois;„um Euch einen Gefallen zu thun, Vater Johann, wollen wir ihn da unter das Billard legen.“ Der Ritter, dem die Hoffnung auf ſeine baldige Erlöſung wieder mehr Muth gegeben hatte, erbleichte ehemaligen Reitknecht von von neuem als er den Er zitterte wieder. Bluthaupt herankommen ſah. Fritz wa hielt den Reit Jlaß i Blei aut Der dann no gegenübe „Au blume. Frit por, un verſpern Bei zurück, wollten und Am aus in „K burot. Ac ginnend Die dver⸗ Hagr. Augen ufrecht zm als en ihn fort, müſſen beiden ntwein ch habs h einen wir ihn e baldige aableiche ncht von wieder. 8³ Fritz war jetzt nur noch drei Schritte von ihm. hielt den Kopf geſenkt und wankte mit Mühe weiter. Reinhold wäre gern bei Seite gerückt, um ihm Platz zu machen, aber ſeine Beine waren wie mit Blei ausgegoſſen. Der ehemalige Reitknecht that noch einen Schritt, dann noch einen und nun war er Reinhold gerade gegenüber. „Amor, Platz gemacht!“ rief die kleine Butter⸗ blume. Fritz richtete in dieſem Augenblicke den Kopf em⸗ por, um das Hinderniß zu ſehen, das ihm den Weg verſperrte. Bei dem Anblicke Reinholds prallte er heftig zurück, während ſeine Arme ſich ausſtreckten, als wollten ſie eine furchtbare Viſion beſeitigen. „Es giebt eine Prügelei,“ ſagte Jemand in der Menge. „Eine Boxerei! „Ein großer Kampf zwiſchen dem Schapen und Amor,“ ſagte Butterblume, die ſchon im Vor— aus in die Hände klatſchte. „Keine Dummheiten!“ rief die Wittwe Ta⸗ burot. Aber man hörte ihre Stimme in dem wieder be⸗ ginnenden Lärme nicht. Die Spieler, Trinker und Tänzer hatten von 177 neuem ihre Plätze verlaſſen, um den angekündigten Kampf, der ein merkwürdiges Schauſpiel zu verſpre⸗ chen ſchien, in der Nähe zu ſehen. Man ſtellte ſich im Kreiſe herum, die Damen voran. Fritz und der Ritter, die einander gegenüber ſtanden, ſahen wirklich aus wie zwei Männer, die eben handgemein werden wollen; betrachtete man ſie in der Nähe, ſo ſah man auf ihren Geſichtern blei⸗ ches Entſetzen. Die Augenlieder des Ritters ſenkten ſich ſchwer und ſein Blick heftete ſich an den Boden. Fritz da⸗ gegen hatte die Augen weit aufgeriſſen und ſie ſchie⸗ nen aus ihren Hoͤhlen herausquellen zu wollen. Er ſtierte Reinhold an; ſeine Stirn runzelte ſich, ſeine Lippen bewegten ſich krampfhaft und das Haar ſtand ihm zu Berge. Soll ich ihn fortführen 12“ fragte Malou 77 Johann. „Sogleich,“ antwortete der Weinſchenke kalt⸗ blütig. Malou drehete ſich zu Pitois um. „Merke auf die Brieftaſche!“ flüſterte er ihm zu. „Es wird hart werden,“ ſagte man in der Menge.* Gewiß zum Lachen.“ d 2 „Zehn Sous für den Amor!“ bot Butterblume. „Id zogin ein Fritz das Hag wie Jem „Di dieſe Me verfluchte Die Fit beiden F aufſchri getroffen Die fallen ſe „A terblume „N. auch der Frit auf die Stütze plump Ni Schlaf „0 VIl. figten nſpre⸗ damen müber t, die nan ſie blei⸗ ſchwer rit da⸗ e ſchie⸗ en. lte ſic, 5 Haar Malou t. nie kalt⸗ rihm zu. 8 terblume. 8⁵ „Ich halte ſie für den Schoppen!“ fiel die Her— zogin ein. Fritz ſah ſich wirr im Kreiſe um, dann ſtrich er das Haar aus dem Geſicht und rieb ſich die Augen wie Jemand, der erwacht. „Die Hölle!“ ſprach er mehrmals.„Alle dieſe Menſchen ſind verdammt und er.. ach der verfluchte Mörder! Wie ſein Herz brennen muß!“ Die Menge wurde ungeduldig. Fritz trat noch einen Schritt vor und legte ſeine beiden Hände auf die Achſeln Reinholds, der laut aufſchrie und zuſammenbrach, als hätte ihn der Blitz getroffen. Die Stammgäſte jubelten als ſie den Ritter fallen ſahen. „Amor iſt beſtegt!“ ſagte die Herzogin;„But⸗ terblume, her mit den zehn Sous!“ „Nur Geduld,“ ſagte die Kleine.„Da fällt auch der Schoppen. Quitt!“ Fritz hatte ſich wirklich mit ſeiner ganzen Laſt auf die Achſeln des Ritters gelehnt und als ihm die Stütze fehlte, wankte er eine Secunde, dann fiel er plump mit dem Geſichte an den Boden. Niaht lange darauf bemächtigte ſich ſeiner der Schlaf und er rührte ſich nicht. „Nun ſchnarcht er,“ ſagte Johann zu Malou; VII. 6 „hebe ihn mir in einem Winkel auf. Jetzt laßt den Herrn fort. Er hat ſo viel als er tragen kann.“ Die beiden Freunde griffen mit großem Eifer nach dem Ritter und trugen ihn fort. Die Menge hatte ſich zwiſchen ihnen und der Billardthüre zu⸗ ſammengedrängt, aber ſie bahnten ſich bald einen Weg hindurch und befanden ſich in kurzer Zeit in dem kleinen feuchten Hofe, welchen man den Garten nannte. Sie hätten den Ritter dahinlegen können, aber ſie wollten wohl ihre Aufgabe ganz gewiſſenhaft zu Ende führen. Sie trugen ſo Reinhold durch den ganzen finſtern Hausflur und ließen ihn erſt auf dem Rotundenplatze los. „Gute Nacht.!“ ſagte da Malou;„ein ander⸗ mal ſchenken Sie uns ein.“ „Spitzbuben!“ flüſterte Johann Pitois ins Ohr;„ich wette, daß Ihr zugelangt habt.. „Nichts als die Brieftaſche,“ ſagte Pitois. „Ich bekomme meinen Theil?“ „Das wollen wir ſehen.“ Johann kehrte zu dem Ritter zurück und botzihm den Arm, deſſen der arme Mann ſehr bedurfte. „Gebt mir auf den Fritz Acht!“ rief der Wein⸗ ſchenke den beiden Freunden zu, die ſich ſchon wieder in dem Hofe befanden. Sie kehrten in den Saal zurück und legten den * Reitk ſchlief 21—, nach 7 / er di gena und gt den n.“ Eifer Menge re zu⸗ einen geit in Garten aber zaft zu ch den wf dem ander⸗ is ins te. r Wein⸗ mwiͤder gten den — 87 Reitknecht unter das Billard, wo er ruhig weiter ſchlief. Dann ſetzten ſie ſich vor eine Rumflaſche, um nachzuſehen, was in der Brieftaſche ſei. „Ein guter Abend!“ ſagte der Dachs indem er drei bis vier Banknoten ſtreichelte. „Und Arbeit!“ ſetzte Malou hinzu.„Ich ar⸗ beite gern in Deutſchland.“ „Zumal da der Herr wohl nicht Bankerott macht.“ Johann hatte den Ritter den beiden Banditen genannt, um ſogleich Vertrauen in ihnen zu erwecken und die Unterhandlung abzukürzen. Sie tranken einige Male raſch hinter einander. „Dachs,“ ſagte dann Malou,„kannſt Du denken, was für ein Mann der iſt, den wir bei Seite ſchaffen ſollen?“ „Doch ein junger Menſch, der ſich zu viel mit der Frau des Herrn zu ſchaffen macht,“ antwortete der Dachs. „Er iſt ja gar nicht verheirathet.“ „So iſt's vielleicht wegen ſeiner Geliebten.“ „Das iſt möglich, aber ich glaube, es iſt eher eine Geldgeſchichte; die Sache wird doch theuer. Zehn Säcke für uns, ungerechnet Johann, der mir auch nicht ausſieht als arbeitete er umſonſt.“ „Ja zwanzig Säcke wird's wohl koſten.“ „Ein Mann wie der wirft nicht gleich tauſend 6* ——— 88 Napoleonsd'or durch's Fenſter hinaus, um ein Frauenzimmer allein zu haben.“ Der Dachs dachte einen Angenblick nach, dann trank er auf einen Zug ſein Glas aus. „Mir einerlei,“ ſagte er.„Man giebt uns Arbeit, wir thun ſie; abgemacht!“ „Muſik!“ rief Malou aus und beide ſtanden leichten Herzens und ohne Gewiſſenspein auf, als wären ſie die ehrlichſten Menſchen. Der Saal füllte ſich von neuem mit übelklingenden Tönen. Der Dachs nahm den Arm der Herzogin, Malou den der Butterblume und der Tanz begann luſtiger als vorher. Der Ritter ging unterdeß am Arme Johanns in das Wirthhaus zur Giraffe zurück. „Welche Sitten!“ ſprach er in kläglichem Tone. „Wer glaubt es, daß ſolche Dinge mitten in Paris vorkommen!“ „Ja, ich habe mich auch immer darüber gewun⸗ dert,“ antwortete der phlegmatiſche Weinſchenke. „Ich glaubte wirklich, ſie wollten mir an's Le⸗ ben.. Und dieſe gefährlichen Menſchen! Galgen⸗ geſichter!“ „In einen Salon der Faubourg St. Germain hatte ich Sie freilich nicht gefuͤhrt.“ R „Und dieſes Geſpenſt!“ fuhr der Ritter ſchau⸗ dernd fort. — 1 6 4 A ftagt tete. Sack rück. gearb ich ho 2 gena Mal Johe Zim hatte men regr Thr wern tanden f, als füllte Der en der et als nns in Tone. Paris ewun⸗ nke. n's Le⸗ jalgen⸗ Bermain 89 „Der arme Fritz!“ begann Johann. Der Ritter ſchwieg. „Glauben Sie, daß er mich erkannt hat?“ fragte er. „Ach denken Sie doch nicht daran!“ antwor⸗ tete Johann achſelzuckend;„er iſt betrunken wie ein Sack und wenn er nicht betrunken, iſt er faſt ver— rückt. Wohlgemuth, Herr! Wir haben heute gut gearbeitet! Drei unſerer Leute ſind gefunden und ich hoffe den Vierten auch bald zu haben.“ „Den Namen dieſes Vierten haben Sie mir nicht genannt.“ „Nein; warum auch?“ „Es iſt wahr?“ „Mein ehrliches Wort darauf!“ Der Ritter athmete ſeit zwei Stunden zum erſten Mal wieder frei auf. Er ging auch ohne die Hülfe Johanns die Wendeltreppe hinauf, welche in das Zimmer deſſelben führte. Als er ſeine Blouſe und ſeine Mütze abgelegt hatte, um ſeinen modiſchen Anzug wieder zu neh⸗ men, blieb ihm kaum noch eine Spur von der Auf⸗ regung übrig. Alles glitt an dieſer kalten glatten Natur ab. Der Ritter war wie die Kinder, welche heiße Thränen weinen und ehe die Augen wieder trocken werden, von Herzen lachen. 90 „Der Amor!“ flüſterte er mit einem Anflug von Lächeln.„Die Idee war nicht ſchlecht, auf Ehre! Es fehlt den Leuten hier nicht an Geiſt.“ Er nahm ſeine Binde ab und rückte ſeine Perücke vor dem Spiegel in Ordnung. „Ich glaube doch, im Ganzen da unten mich mit ziemlicher Feſtigkeit benommen zu haben,“ fuhr er fort.„Manche Leute würden gewaltig erſchrok⸗ ken ſein, wenn ſie geſehen hätten was ich geſehen habe. Ich kann es Ihnen ſagen, Johann, gefürch⸗ tet habe ich mich gar nicht.“ „Das ſah man auch, Herr Ritter.“ Reinhold knüpfte die Schleife ſeiner Cravate und ſtrich noch einmal über ſeine Perücke. „Wirklich,“ ſagte er dann,„ich bin mit dem heutigen Abende gar nicht eben unzufrieden. Alles iſt in Gang gebracht und diesmal müßte es mit dem Teufel zugehen, wenn uns der Kleine noch einmal entginge. Gute Nacht, Johann.. Ich will nun noch ein Stündchen der Mutter meiner Zukünftigen den Hof machen... Denken Sie weiter über unſere Sache nach und wenn ſich etwas Neues darbietet, ſo kommen Sie morgen früh zu mir.“ Der Ritter begab ſich zu ſeiner Equipage, die noch immer an der Kirche auf ihn wartete. Er hatte die Freude, bei ſich zu denken, als er ſah, wie der Kutſcher und der Bediente froren: . 71 Abente R. gemuf der“ und dem nflug „auf ſt. 77 erücke nich fuhr chrok⸗ eſehen fürch⸗ ite und t dem Alles it dem einmal ſill nun nnftigen unſere rbietet, ge, die — als er en: — 91 „Dieſe Leute glauben, ich hätte ein galantes Abenteuer gehabt.“ Nachdem Johann ſeine Wirtſchaft noch einmal gemuſtert hatte, kehrte er in die„vier Haimonskin⸗ der“ zurück, um ſeine Aufgabe zu Ende zu bringen und beſonders um zu erfahren, wie viel ihm von dem Inhalte der Brieftaſche zukomme. 1 Sechstes Kapitel. Polyt. Der brillante Hippolyt oder Polyt, wie ihn die Geliebte nannte, ging, als er die Giraffe verließ, um auf den Boulevards zu verdauen, an Johann und dem Ritter vorüber, ohne ſie zu bemerken. Er konnte in dieſem Augenblicke nicht an ſolche Leute denken; er hatte ſeit Mittag zwei Mal gegeſſen; ſein Stock mit dem goldnen Knopfe drehte ſich faſt von ſelbſt in ſeiner Hand; ſein Hut neigte ſich keck auf das Ohr und er kauete einen Zahnſtocher mit der Siegesmiene, der laut von Trüffeln und Cham⸗ pagner ſpricht. Er hatte aber doch nur viel Kalbs— braten gegeſſen;— aber den liebte er. Er ging hochnäſig weiter und berührte die Erde kaum. Einige Schritte von der Vendome⸗ Straße wurde ſein Gang plötzlich gehemmt, denn er ſtieß und Sch 7 Sto lang ten wan der ſtiſt Zeil notl derd ſo beſt zu die ß, um mund Er Leute ſein t von ck auf it der ham⸗ Lalbs⸗ Erde Straße ſtieß 93 an Jemanden, der auf dem Trottoir ſtand und ohne ein Wort zu ſagen bei Seite trat. Der Geſtoßene richtete nicht einmal den traurig geſenkten Kopf empor; ſeine Arme hingen am Kör⸗ per herunter und ſein Geſicht ſah man nicht, denn es war unter der erbärmlichen Mütze verſteckt, welche faſt alle Eckenſteher und Drehorgelſpieler tragen. Inſtinctmäßig hob ſich der prächtige Stock Po⸗ lyts; in jedem Schoppen Wein liegt Kampfluſt; aber der Stock Polyts ſank doch nieder ohne geſchla— gen zu haben. Der arme Teufel, welcher ſeinen Weg langſam und mit beſchwerlichem Schritt fortſetzte, ſchien vom Schmerz ganz niedergedrückt zu ſein. In dieſem Stadttheil herrſcht der körperliche Schmerz und in den langen abgelegenen Straßen findet man gar nicht ſel— ten Perſonen, welche unter quälendem Hunger dahin wandern. Polyt blieb ſtehen. Der liebenswürdigſte der franzöſiſchen Künſtler, der unerſchöpfliche Beobachter, der in einen Blei⸗ ſtiftſtrich mehr Philoſophie und in eine einzige Zeile mehr Geiſt legt, als zu einem dicken Buche nöthig iſt, Gavarni hat nach einem berühmten Lie— derdichter geſagt:„das Vergnügen macht das Herz ſo gut!“ Im Allgemeinen läßt ſich der Gedanke vielleicht beſtreiten; er wird aber ein Lehrſatz, wenn man ihn auf die Freuden des Magens anwendet und wenn der Magen ſeine Arbeit leicht und ſchnell verrichtet. Alle Polyts in der Welt, ſie mögen nun Män⸗ ner von Königinnen oder Hausfreunde von Kräme⸗ rinnen ſein, müſſen einen ſehr guten Magen haben. Er iſt eines der Haupterforderniſſe ihrer Stellung. Polyt hatte recht brav bei der Batailleur gegeſ⸗ ſen und in der Giraffe noch fünfundzwanzig Sous verzehrt. Die Giraffe giebt überdies für eine ſolche Summe unglaublich viel. Polyt hatte alſo in dieſem Augenblicke ein ſehr gutes Herz; er geruhete ſich umzudrehen und dem armen Vorübergehenden nachzuſehen. Er erkannte in ihm einen ehemaligen Jugendfreund, einen Ka⸗ meraden der Freiſchule. „Sieh, ſieh,“ ſagte er;„es iſt Johann Reg⸗ nault.. Wie man einander aus den Augen ver— liert! und wie das Schickſal die Menſchen trennt! Ich bin ein Herr geworden, habe eine Stellung, bin gut angezogen und mache wahrſcheinlich nächſtens mein Glück, das kann mir nicht fehlen. Er dagegen hat die kurze Jacke und die Mütze behalten,.. er iſt Pöbel geblieben. Das hängt von dem Character ab.. Es muß doch auch kleine Leute geben!“ Polyt hatte, wie man ſieht, das Zeug zu einem Moraliſten. „Gleichviel,“ fuhr er dann fort, er war ſonſt ein g ihm einer zurl enn ſt. an⸗ me⸗ ben. ung. egeſ⸗ vous lche ſehr dem annte Ka⸗ Reg⸗ ver⸗ ennt! , bin hſtens gegen er iſt aracker 1 einem r ſonſt 8 1 † 95 ein guter Junge.. Jetzt ſieht er aus, als ginge es ihm recht ſchlecht; vielleicht macht's ihm Freude, einen alten Bekannten zu ſehen.“ Er ging einige Schritte nach der Brunnenſtraße zurück. „He! Johann!“ rief er.„Kleiner Johann! Wie Du ſtolz an Deinen Freunden vorbeigehſt!“ Johann Regnault hörte nichts und ging ſeinen Weg geſenkten Hauptes weiter. Polyt lief ihm nach und faßte ihn am Arm. „Nun,“ redete er ihn an;„biſt Du denn ganz taub geworden, Johann?“ Dieſer blieb endlich ſtehen und ſchlug verwun— dert die Augen auf. Er erkannte ſeinen Schulfreund nicht ſogleich und Polyt lachte geſchmeichelt über dieſes Zögern. „Du erkennſt mich nicht wieder, Kleiner?“ fragte er in einem Gönnertone, indem er die ſteife Halsbinde emporzog;„ich kann mir's erklären; man wächſt. Und dann benehme ich mich wohl auch etwas anders. Aber ſtolz bin ich nicht, Freund. Gieb her die Hand!“ Das ſehr traurige Geſicht Johanns heiterte ſich einen Augenblick auf, faſt bis zu einem Lächeln. Polyt und er waren ſonſt die beſten Freunde geweſen. „Wie Du groß geworden biſt!“ murmelte er. *½ 96 „Ich wäre an Dir vorbeigegangen, ohne Dich zu erkennen.“ Der Favorit der Mad. Batallleur ſtrich ſeine halbreinen Handſchuhe und ſagte: „Das glaube ich wohl.“ Johann betrachtete ihn vom Kopfe bis zu den Füßen. „Als wir einander kannten, Polyt,“ fuhr er mit einem ſchweren Seufzer fort,„waren wir recht glücklich.“ „Meinſt Du? Ich finde es nicht.“ „Freilich,“ ſagte Johann,„manche ſehnen das als ein Glück zurück, was Andere gern vergeſſen möchten.. Du biſt wohl gar reich geworden?“ „Nein,“ antwortete Polyt,„reich iſt das rechte Wort nicht, aber ich befinde mich recht behaglich.“ „Du haſt eine Stelle!“ „Und was für eine! Aber woher kommſt Du, Freund, wenn Du nicht weiſt, daß ich gut mit Mad. Batailleur ſtehe?“ „Ach ſo!“ entgegnete Johann. In dieſem Ausruſe lag weder Verwunderung noch Widerwillen. Johann Regnault war ein bra⸗ ves Herz; es lagen nur gute Triebe in ihm und die Ehre, die er begriff, ohne lange darüber nachzuden⸗ ken, hatte ihn perſönlich vor jeder ſchlechten Hand⸗ lung bewahrt; bei Andern aber überraſchte ihn das Laſte in de ſame Ehrl finde Laſter ſich e hen terlich verw Geſe Wag das zeige Gew „ (C alles Höch Drol blen rus Sch eine ch a ſeine zu den uhr er recht en das ergefſen n?“ z rechte lich.“ tommſt ich gut derung ein bra⸗ und die czuden⸗ 1 Hand⸗ ihn das — 97 Laſter nicht. Er lebte ſeit ſeiner Kindheit in Kreiſen, in denen die unbekannte und verfälſchte Moral ſelt— ſame Zugeſtändniſſe macht; er ſah um ſich her die Ehrloſigkeit ſelbſt in das Familienleben Eingang finden. In Paris ſind die Sitten des Volkes ſo; das Laſter richtet ſich leicht und ruhig ein und ſchafft ſich einen guten Platz. Die Worte und Ideen dre— hen ſich. Wie die Handelsehre ſo ziemlich der rit— terlichen gleicht, ſo modificirt ſich die Tugend und verwandelt ſich, bis ſie in gewiſſen Claſſen unſerer Geſellſchaft etwas Albernes und Widerſinniges wird. Was ſo heißt, iſt das organiſirte, friedliche Laſter, das ſeine Miethe bezahlt und die Wache bezieht.. Das Laſter iſt legal, ſo daß es ſich ungeſcheut zeigen darf, und ſo weit gelangt, daß es ein ruhiges Gewiſſen hat! Dieſe Leute haben ein negatives Evangelium; alles was das Geſetzbuch nicht ſtraft, iſt für ſie das Höchſte der Moral. Ueberdies lachen ſie über die Drohungen des Geſetzes und finden dieſelben ver— blendet und ſtreng. Die Ehe iſt für ſie eine Ausnahme, ein Lu— rus; ſie paaren ſich zufällig; ſie werfen in den Schmutz von Paris ohne irgend eine Gewiſſenspein eine Menge elender Kinder, welche ſpäter die Zucht⸗ 98 häuſer bevölkern und Schauſpieler zu den Dramen des Aſſiſengerichtes liefern. Dieſe Leute ſind nicht das Volk(Gott bewahre uns dies zu ſagen), aber ſie machen eine ſehr große Minderheit in der Hauptſtadt der Civiliſation aus. Sie bewohnen keinen beſondern Stadttheil, ſon⸗ dern finden ſich überall und namentlich gehören ſie auch allen Glaubensarten an. Einige, die auf hohen Sproſſen der geſellſchaft— lichen Stufenleiter ſtehen, ſind aus Syſtem ſo und man nennt ſie— Philoſophen. Die meiſten aber haben zu ihrer Entſchuldigung die Unwiſſenheit und die Armuth. Wer wollte alles dies leugnen? Manche Fami⸗ lien, die eine hübſche Wohnung und gute Meubles haben, treiben die Naivetät der Ehrloſigkeit ſo weit, daß ſie das Kind als verloren beweinen, welches ſich mit einem armen Manne verheirathete, während ſie mit Stolz auf das andere deuten, das Equipage hält und ächte Caſhemirſhawls trägt, weil ſeine Jugend geſchickt discontirt wurde. So tiefe Nacht herrſcht ſelbſt in Mutterherzen! Von allen Stadtheilen von Paris iſt gewiß der des Temple, welcher ſich vorzugsweiſe mit kleinen Wuchergeſchäften und allen Arten nicht eben erlaub⸗ ten Verdienſtes beſchäftiget, am wenigſten gegen die Schande geſchützt; er iſt arm; er hat in ſeiner Nähe die gen Loh gen rech ihr Mo gelt ber mas dramen ewahre große aus. l, ſon⸗ ören ſie lſchaft⸗ ſo und en aber eit Und e Fami⸗ Meubles ſo weit, ches ſich grend ſie Squipage eil ſeine herzen! gewiß der it kleinen n erlaub⸗ gegen die iner Nähe 99 die verderblichen gemeinen Theater; er geht ſeit lan⸗ gen Jahren auf der Straße des Wuchers und der Lohn und die Erholung von ſeinen Arbeiten ſind die gemeinſten Schenken. Gewiß giebt es im Temple eine große Anzahl rechtſchaffener Leute, aber ihre Rechtſchaffenheit kann ihren kräftigen Haß nicht heben, von welchem Molière ſpricht; ſie gewöhnen ſich, dulden, laſſen gelten. Sie ſelbſt hegen das Laſter nicht, aber ſie berühren es ohne Widerwillen und weil ſie doch ein⸗ mal leben müſſen. Johann Regnault gehörte einer Familie an, in welcher die Rechtſchaffenheit gleichſam ein Erbtheil war, das der Vater dem Sohne hinterließ. Nur ein Elender hatte ſich einmal in dem Hauſe dieſer braven Leute gezeigt und die Schuld eines Einzigen war von der ganzen Familie ſchmerzlich gebüßt wor⸗ den. Aber die Regnaults hatten Nachbarn. Jo⸗ hann war ſeit ſeiner Kindheit an die Geſchichten des Temple gewöhnt. Er kannte die Sitten der Han⸗ delsleute und er konnte ſich nicht mehr wundern, wenn er einen jungen Mann in den Schlingen des reichen Alters der Mad. Batailleur ſah, als wenn er ein junges Mädchen einem vornehmen Manne von funfzig Jahren zuführen ſah. Dieſe beiden Dinge gehören zu der Bedeutung des Wortes, welches die Freude der Vaudeville⸗Fabrikanten und der unver⸗ 4 100 7 ſchämteſte Euphemismus iſt: anſtändige Be kanntſchaft. Es läßt ſich weiter nichts ſagen, als daß Johann lieber geſtorben wäre, als ſelbſt ſo tief zu ſinken. „Das iſt meine Stelle,“ ſagte Polyt, indem er ſeinen Stock wie ein Rad drehete;„gutes Trinken, gutes Eſſen, guter Schlaf, hübſcher Anzug, von Zeit zu Zeit Theater, Ball wenn ich will und nichts zu thun.“ Er ſah Johann an als erwarte er, ihn ganz ver⸗ blüfft zu erblicken. Johann, den einen Augenblick das Zuſam⸗ mentreffen mit einem ehemaligen Freunde zerſtreut hatte, verſank wieder in ſeine Traurigkeit. „Was ſagſt Du dazu?“ fragte Polyt barſch; „das würde Dir wohl auch paſſen?“ Johann antwortete nicht. Polyt ſchüttelte ihm den Arm und zog ihn unter eine Laterne. „Aber wie Du verändert biſt, armer Kerl!“ rief er mit einem Tone wirklicher Theilnahme aus.„Du ſiehſt todtenbleich aus,.. Deine Augen ſind roth.. Biſt Du krank?“ Johann ſchüttelte den Kopf. „Dann biſt Du verliebt!“ ſagte der„Löwe““ des Temple...„Ihr jungen Liebhaber, die Ihr das Leben nicht kennt, nehmt die Weiber ernſthaft.. im neunz Alter / Du! Herz dic hat die E e Be⸗ Johann ken. indem Tiinken, g, von dnichts unz ver⸗ Juſam⸗ zerſtreut tbarſch; hn unter e!“ rief 2(o 19.„Du d roth.. „Lwe ie Ihr das haft„ im 10¹1 neunzehnten Jahrhundert! Habe ich recht gerathen, Alter?“ „So viel iſt gewiß,“ fuhr Polyt fort,„daß Du nicht eben ſchwatzhaft biſt. Alter, ſchütte Dein Herz einem Freunde aus! Wer weiß, ich könnte Dich vielleicht aus Deiner Noth befreien.. Man hat ſchon närriſchere Dinge erlebt.“ Johann legte ſtatt zu antworten beide Hände auf die Stirn. „Es iſt alſo ſehr ſchlimm?“ flüſterte Polyt mit einer Art Entſetzen. Ein Seufzer hob die Bruſt Johanns; ſeine Hände zitterten und Polyt ſah, daß Thränen über ſein Geſicht ſtrömten. Dieſer Schmerz machte größern Eindruck auf ihn als man hätte erwarten können. Er blieb wie verſteinert ſtehen und fand keine Worte mehr. Johann unterbrach die Pauſe zuerſt. Es gingen einige Worte über ſeine Lippen und Polyt hörte zu. Johann ſprach lebendiger; das traurige Vergnügen, welches die ſchmerzbeladenen Seelen in der Mittheilung finden, gewann allmälig die Oberhand; er erzählte ſeine traurige Geſchichte, die Ankunft der Gerichtsdiener im Hauſe, die Gefahr, welche der Mutter Regnault drohete und die Unmöglichkeit, den unbarmherzigen Gläubiger zu befriedigen. VII. 7 — 102 Je mehr er ſprach, um ſo innigere Theilnahme verriethen die groben Züge des gemeinen Stutzers. Sein Geſicht, das weiter nichts als gänzliche Sorg⸗ loſigkeit ausdrückte, verrieth wirkliches Mitgefühl. „Ob es möglich iſt!“ brummte er von Zeit zu Zeit zwiſchen den Zähnen.„Einer armen alten Frau etwas zu Leide zu thun!“ Als Johann zu Ende war, ballte Polyt zornig die Fauſt und ſtieß ſeinen Stock heftig auf das Pflaſter. „Und der niederträchtige Johann thut dies alles!“ rief er aus.„Wenn ich das gewußt hätte, würde ich meine 25 Sous gewiß nicht eben jetzt zu ihm getragen haben. Der Herr ſelbſt ſcheint gar kein Herz zu haben, denn die Mutter Regnault iſt alt, ſehr alt, nicht wahr, Johann?“ „Ach ja, ſie iſt ſehr alt.. Und das Gefäng⸗ niß iſt ihr Tod.“ „Was das betrifft, Johann, das Gefängniß bringt Niemanden um. Im Gegentheil, man lebt im Schuldgefängniſſe ganz angenehm.“ „Das glaubſt Du ſelbſt nicht. Die arme Großmutter!“ „Na freilich. Die wird ſich nicht eben amuſi⸗ ren,“ antwortete Polyt mit einer gewiſſen Gering⸗ 5 ſchätzung;„aber du mein Gott, das muß ich gerade ꝗ ahme tzers. Sorg⸗ ühl. Zeit alten zornig f das les!“ wüͤnde u ihm ar kein iſt alt, efäng⸗ angniß an lebt arme amüſi⸗ Gering⸗ gerade 103 ſo arm und kahl ſein wie eine Ratte. Ich habe nur, was ich da auf dem Leibe trage, ſiehſt Du. Wenn ich mir nur wenigſtens etwas erſpart hätte!“ Er ſuchte in den Weſtentaſchen und fand da zwei Dreißigſousſtücke. Ich habe wohl meine goldene Uhrkette,“ fuhr er fort, indem er die dem Ausſehen nach koſtbare Kette wog;„aber ſie iſt nur vergoldet.“ Johann reichte ihm die Hand. „Ich danke Dir, armer Polyt,“ ſagte er;„ich ſehe wohl, daß Du noch immer ein zules Herz haſt; aber Du kannſt nichts für mich thun.“ „Geduld!“ antwortete der Dandy.„Man kann etwas im Wirthohauſt vertrinken unt dabei fällt Einem etwas ein.“ „Ich habe keine Luſt dazu,“ entgegnete Jo⸗ hann. „Das iſt freilich Sache des Temperamentes. Mir thut ein Glas von irgend etwas immer mehr gut als ſchlecht.. Nun, wir wollen nachdenken.. Wie viel brauchtzſt Du wohl?“ 4 „Mit den Koſten beläuft es ſich auf mehr als achthundert Francs!“ „Achthundert Francs!“ wiederholte Polyt. .„Wenn ich dieſe Summe von Joſephinen verlangte, 7 2 1⁰4 würfe ſie mich achthundert Mal aus der Thüre hin⸗ aus.“ Er betrachtete abwechſelnd ſeine Beinkleider, ſeine Weſte, ſeinen Frack. „Das alles iſt etwa dreißig Francs werth,“ ſagte er.„Bleiben alſo noch ſiebenhundert und ſie— benzig Francs aufzufinden.“ Das Komiſche dieſer Scene verſchwand unter der wirklichen Rührung der beiden Freunde. Johann namentlich war tief ergriffen und drückte Polyt dankbar die Hand. „Alles das hilft nichts,“ ſagte dieſer..„Wie ich auch nachdenke, ich finde nichts.“ Einige Minuten lang ſtand er unbeweglich da, drehete die pomadiſirten Locken ſeines Haares und kauete an ſeinem Stockknopfe. Mit einem Male nahm er den Hut ab und machte einen Seitenſprung. „Haſt Du nicht geſagt, Du hätteſt hundert Francs?“ rief er ſo freudig aus als hätte er eine Goldgrube gefunden. „Hundert und zwanzig Francs!“ antwortete Johann Regnault. „Nun Freundchen,“ fuhr Polyt fort, indem er den Arm um ihn ſchlang und eine Polka anfing. 7 105 1 ne hin⸗ „Der alte Johann reicht uns das Waſſer nicht und kleider den Herrn lachen wir aus. Wir ſpotten über das 1 Gefängniß. Alle unſere Schulden werden bezahlt und wir behalten noch etwas zum Frühſtück morgen.“ verth,“ und ſie⸗ ) unter drückte Mie „Wie glich da, res und ab und e er eine ntwortete indem er manfing. Siebentes Kapitel. Hundertundzwanzig Francs. Dieſe Verſprechungen klangen feenhaft. Der arme Johann Regnault wollte nicht daran glauben; indeß ſprach Polyt ſo warm, ſeine Begeiſterung war ſo aufrichtig und er ſah ſo vollkommen überzeugt aus! Johann ſtand mit offenem Munde vor ihm, ſah ihn fragend an und wagte nicht zu reden, um die gehoffte Erklärung nicht hinauszuſchieben. „Wir haben es!“ ſagte Polyt, der ſich vor Freude nicht laſſen konnte;„freilich koſtete es Mühe, darauf zu kommen. Aber wir haben's. Haben wir Deine hundert und zwanzig Francs, mein Sohn, ſo ſtehe ich Dir dafür, daß wir vor Mitternacht tauſend haben.“ . Der auben; ng war erzeugt m, ſah um die ch vor Mihe, Haben 1 Sohn, ternacht 107 „Wie willſt Du das anfangen?“ fragte end⸗ lich Johann. „Ich will es nicht thun, Du ſelbſt ſollſt es thun. Ich gebe Dir nur guten Rath.“ „Scherzeſt Du?“ fragte Johann traurig und im Tone des Vorwurfs. „Nein,“ entgegnete Polyt;„mein Wort dar⸗ auf! Ich habe das Mittel gefunden und das Mit⸗ tel iſt gut.“ „Aber?.. Der„Löwe“ aus dem Temple ſtellte ſich breit vor dem Drehorgler hin und legte ſeine beiden Hände auf den Stockknopf. „Du wäreſt nie auf den Einfall gekommen, Johann,“ ſagte er mit triumphirender Miene; „und es iſt doch ſo einfach. Dreißig und vierzig ſind nicht für die Hunde.“ „Dreißig und vierzig?“ wiederholte Johann, der ſich bei dieſen Zahlen gar nichts denken konnte. „Du haſt's gleich begriffen, Freundchen,“ ſagte Polyt,„und das iſt ſchon ein gutes Zeichen. Dreißig und vierzig iſt ein Kartenſpiel, das man ſo nennt, weil.. nun gleichviel, es iſt ein Spiel, das unter gewöhnlichen Leuten nicht geſpielt wird Auch läßt's ſich leicht begreifen und es geht geſchwind. Mit nur hundert Francs kannſt Du Deine Sache in einer halben Stunde abmachen.“ 108 Der Drehorgler hatte bis zuletzt zugehört, war⸗ tete dann einige Secunden und ließ endlich den Kopf ſinken. „Und das iſt muthlos. „Ich denke.“ „Sonſt haſt Du keine Hoffnung?“ „Wie dumm,“ entgegnete Polyt,„ſind doch die Leute, welche das Leben nicht kennen. Du ſchwatzeſt in's Gelag hinein! Ich ſage Dir, die Sache iſt ſicher.“ „Man kann aber auch verlieren.“ „Niemals.“ Der arme Johann wünſchte ſich die Summe, die ihm verſprochen wurde, zu ſehr als daß er ſich nicht leicht hätte überreden laſſen; gleichwohl ſträubte ſich ſein geſunder Verſtand gegen die völlig unwahr⸗ ſcheinliche Behauptung.. Obwohl er kein Spieler war, ſo mußte er doch wiſſen, daß bei jedem Spiele verloren werden kann. Polyt erzürnte ſich, als er ihn ſo bedenklich ſah. „Es iſt zum Verwundern,“ brummte er übel⸗ launig für ſich hin;„ſitzt in der Dinte bis an die Ohren und macht ſo viel Umſtände! Haſt Du die hundertundzwanzig Francs bei Dir?“ „Nein,“ antwortete Johann;„ſie ſind zu Hauſe.“ Dein Mittel?“ fragte er ihn fangs er ſich brau Gro „ war⸗ en Kopf gte er doch die waheſt ache iſt Summe, ßet ſich ſtraubte nwahr⸗ er doch en kann. ſich ſi er übel⸗ s an die Du die ſind zu 109 „Ich würde an Deiner Stelle längſt fort ſein und das Geld geholt haben.“ Johann rührte ſich noch immer nicht. Da nahm ihn Polyt an der Schulter und ſchob ihn einige Schritte weit nach dem Markte zu. An⸗ fangs ließ ſich Johann ſchieben, dann aber ſtemmte er ſich und blieb ſtehen. „Ich will die hundertundzwanzig Francs nicht holen,“ ſprach er leiſe, wie verſchämt. „Und warum nicht?“ „Weil meine arme Großmutter das Geld ſehr brauchen wird, wenn ſie in das Gefängniß muß.“ „Du brauchſt aber nur zu wollen und Deine Großmutter geht nicht in das Gefängniß.“ Johann nahm ſeine Mütze ab, denn ſeine Stirne glühete. K. „Johann, armer Johann,“ ſagte Polyt zor⸗ nig,..„ich habe nicht übel Luſt, Dich zum Teufel zu ſchicken; aber man muß mit ſeinem Freunde Ge⸗ duld haben. Höre mich an,.. es iſt eine bekannte Sache, mehr als fünfmalhunderttauſend Perſonen haben es mir geſagt und darunter angeſehene Leute: das erſte Mal wenn man die Karte verſucht, gewinnt man immer.“ Der Dandy ſprach im Tone völliger Ueberzeu⸗ gung und Johann wurde wankend. G 11⁰ „Warum das erſte Mal mehr als andere Male?“ fragte er indeß. Polyt zuckte die Achſeln und ſah ihn ſehr mit⸗ leidsvoll an. „Was ſoll ich darauf ſagen?“ rief er aus;„ich kann es Dir nicht erklären,.. es ſind Dinge, die über Deinen Horizont gehen, Du würdeſt mich doch nicht verſtehen.. Um das zu begreifen, ſiehſt Du, muß man in der Geſellſchaft ſich bewegt haben.. Aber laß ſehen, haſt Du Vertrauen zu Deinem alten Polyt?“ „Ich glaube, daß Du mich aus der Ver⸗ legenheit befreien möchteſt,“ antwortete Johann; „aber. „Fort mit dem aber!.. Ich mag es nicht. Wenn Du Vertrauen zu mir haſt, ſo muß Dir mein Wort genügen. gewiß als das da eine Gaslaterne iſt, ſo ſicher iſt das, was ich Dir fage: das erſte Mal, das man ſpielt, gewinnt man.. Das ſteht feſt.“ „Wenn ich es glaubte!“ warf Johann halb überführt ein. „Mein Gott,“ unterbrach ihn Polyt,„iſt der Menſch dickköpfig! Ich, der ich mit Dir rede, habe ſelbſt die Erfahrung gemacht. Das erſte Mal als ich eine Karte anrührte, habe ich meine ganzen Ta⸗ ſchen voll Hundertſousſtücke mit zwei Francs gewon⸗ nen. hund / orgel / fuhr „iſt nach erwac Wie Bru Mandere ſehr mit⸗ us;„ich inge, die nich doch ehſt Du, haben.. em alten der Ver⸗ Johann; es nicht. Dir mein da eine Dir fage: at man.. aann halb „„iſt der ndde, habe ganzen La⸗ ncs gewon⸗ 111 nen. Darnach kannſt Du berechnen, was ſich mit hundert Francs gewinnen läßt.“ 1 „Es iſt alſo doch wahr!“ dachte der Dreh⸗ orgelſpieler laut. „Daß Jemand in einem ſolchen Falle verliere,“ fuhr Polyt fort, der ſich immer wärmer ausſprach, „iſt noch niemals da geweſen. Und denke nur etwas nach! Wenn die Mutter Regnault morgen früh erwacht und das Geld auf dem Tiſche liegen ſieht! Wie wird ſie ſich freuen!“ „Ach Gott, wenn dies möglich wäre!“ „Wie wird ſie die Hände falten, die arme alte Frau; wie wird ſie dem lieben Gott danken!“ Die Bruſt Johanns ſchien zerſpringen zu müſſen; denn den Gedanken an eine ſolche Freude konnte ſie nicht faſſen. „Du ſtändeſt an ihrem Bette,“ fuhr Polyt fort, „verſteckteſt Dich aber in der Ecke und ſäheſt, wie ſie weinte und lachte!“ Johann hatte große Thränen in den Augen. „Und dann,“ ſprach Polyt weiter,„träteſt Du allmälig, ganz leiſe näher auf den Fußſpitzen und ſtellteſt Dich dicht neben ſie,.. wie würde ſie Dich umarmen und wie glücklich würdet Ihr ſein.“ Johann legte beide Hände auf die keuchende Bruſt.— „Meine Mutter,“ ſprach er leiſe,„meine arme 8—* 2 — gute Mutter!— Du wirſt mich nicht täuſchen, Polyt.. Ich glaube Dir und will Deinem Rathe folgen.“ Der Dandy klatſchte in die Hände, als hätte er einen großen Sieg davon getragen, dann nahm er Johanns Arm und zog ihn mit ſich nach dem Rotun⸗ denplatz. „Das iſt nicht unglücklich,“ ſagte er in verän⸗ dertem Tone.„Wir wollen das Geld holen und die Sache bald ausmachen.“ Sie brauchten nur eine Minute, um die kleine Seilerſtraße hinüberzugehen und die kleine Hausflur zu erreichen, die zur Wohnung des Regnault führte. „Geh hinauf,“ ſagte Polyt,„und mache ſchnell. Ich warte hier.“ Der Drehorgelſpieler trat raſch in das Haus hinein und Polyt ging vor demſelben auf und ab. Johann warf, als er über den Hof ging, nicht einmal einen Blick zu den Fenſtern Hans Dorns hinauf, ſo ganz beſchäftigte ihn die Hoffnung, die nun in ihm entſtanden war. Es war Licht bei Hans Dorn, aber die Vorhänge fielen an den Fen⸗ ſtern herunter. Auf dem hellen Grunde bewegten ſich abwech— ſelnd einige Schatten. Leicht hätte man die zierliche 4½ 7 Geſtalt Gert dem Mäͤdche Auch ei überzeugen, Dorn nicht? betrachten. Dieſer S einen jungen Johann vier Stufen hinauf und Die V blieb ſtehen zu ſchreiten Er wa Polht verli lag Glaube gen Secund Hausflur! abgekühlt. lange vor zog ihn; Nal in ſe ſeine Mul As ſchah es täuſchen, em Rathe s hätte er nahm er m Rotun⸗ in veräͤn⸗ olen und die kleine Hausflur Regnault nhe ſchnell. das Haus und ab. ing, nicht ns Dorns pnung, die Licht bi m den Fen⸗ ſich abbbech⸗ die zieliche 113 Geſtalt Gertrudens und die noch ſchlankere eines an⸗ dern Mädchens erkennen können. Auch ein Mann war bei ihnen und um ſich zu überzeugen, daß es der gute Handelsmann Hans Dorn nicht war, brauchte man nur den Schatten zu betrachten. Dieſer Schatten verrieth eine ſchlanke Taille und einen jungen Mann. Johann ſah von dem allem nichts; er ſprang vier Stufen der wurmſtichigen Treppe auf einmal hinauf und ſtand bald vor der Thüre ſeiner Mutter. Die Thüre war nur eingeklinkt; aber Johann blieb ſtehen, als wagte er nicht über die Schwelle zu ſchreiten. Er war Feuer und Flamme geweſen, als er Polyt verließ; es trieb ihn ein gewiſſes Etwas; es lag Glaube und Begeiſterung in ihm, aber die weni— gen Secunden, die er gebraucht hatte, um durch den Hausflur und über den Hof zu gehen, hatten ihn abgekühlt. Statt die Thüre aufzumachen, blieb er lange vor derſelben ſtehen; eine geheimnißvolle Hand zog ihn zurück; er zweifelte wieder. Zum erſten Mal in ſeinem Leben erſchrack er bei dem Gedanken, „ ſeine Mutter und Großmutter zu ſehen. Als er endlich die Thürklinke niederdrückte, ge⸗ ſchah es mit der Raſchheit eines Mannes, der ſeine t 114 Schiffe verbrennt und abſichtlich einen Schleier über ſein Gewiſſen breitet. 4 Er trat ein. Die große kahle Stube wurde durch den Stumpf eines Talglichtes erhellt, das eine lange Schnuppe hatte. Drei Viertheile der Stube lagen ganz im Schatten; das ſchwache ungleiche Licht fiel auf die dunkle Wand. Nur hier und da trat ein Gegenſtand, der aber auch nur undeutlich zu erkennen war, aus dem Dunkel hervor. Als die Schnuppe von ſelbſt abfiel, leuchtete das Licht auf einen Augenblick heller; das Auge ſuchte da etwas, aber es fand auch nichts. Es herrſchte da die äußerſte Armuth. Man hatte alles verkauft, Stück vor Stück; nur die grauen ſchlechten Vor⸗ hänge an den Fenſtern und die dünne Decke auf dem Lager waren übrig geblieben. Der Drehorgelſpieler hörte in der Stube, als er eintrat, gar kein Geräuſch. Einen Augenblick glaubte er, ſie ſei ganz verlaſſen; aber ſein Blick, der ſich ſogleich nach dem Bette richtete, erkannte eine dunkle Maſſe, die von dem Weiß der Decke abſtach. Er ſchlich auf den Fußſpitzen näher und je näher er kam, um ſo deutlicher erkannte er das Geräuſch eines zwiefachen beſchwerlichen Athems. „Sie ſchlafen,“ dachte er bei ſich,„beide; ich werde es können.“ 2* Er verd diht an das macht zu he Die di hatte, wa die Großnl Die alt ühre Füßeh rüͤhete auf offenem Au Es wa Unempfind durch ſchm Die nicht abge auls dem! ſich auf ihr Den liel hatte ſie geſett. N um ein Ge Name ihr zählt, wa hatte von Rn; ſie lichen. eeier uͤber e wurde das eine er Stube ungleiche r und da ndeutlich htete das ge ſuchte heerſchte verkauſt, hſten Vor⸗ auf dem be, als er Augenblic ſein Bli, „erkannte der Decke d je näher Geräuſch beide ich 115 Er verdoppelte die Vorſicht und gelangte ganz dicht an das Lager, ohne das geringſte Geräuſch ge⸗ macht zu haben. Die dunkle Maſſe, die er von weitem geſehen hatte, war eine unbewegliche ſchlafende Gruppe, die Großmutter und die Mutter Johanns: Die alte Frau lag zur Hälfte auf der Decke und ihre Füße hingen von dem Bette herunter; ihr Kopf ruhete auf dem Kiſſen. Sie ſchlummerte mit halb offenem Auge und Munde. Es war keine Ruhe, ſondern eine gewiſſe ſchwere Unempfindlichkeit, welche bisweilen unverſehens durch ſchmerzliches Zucken unterbrochen wurde. Die Mutter Regnault hatte ihren Feſttagsanzug nicht abgelegt; ſie war erſchöpft und faſt vernichtet aus dem Palaſte Geldberg zurückgekommen, hatte ſich auf ihr Bett geſetzt und ſich nicht von da gerührt. Den liebevollen, theilnehmenden Fragen Victoriens hatte ſie ein ſtumpfſinniges Schweigen entgegen⸗ geſetzt. Nur einmal hatte ſich ihr Mund geöffnet, um ein Gebet an Gott zu richten, in welches ſich der Name ihres Sohnes miſchte. Sie hatte nicht er— zählt, was in dem Palaſt vorgekommen war, ſie hatte von der barbariſchen Härte Jacobs geſchwie⸗ gen; ſie wollte ihr unnennbares Leiden verheim— lichen. 116 Ihre erloſchenen Augen hatten an dem ganzen langen Abende keine Thräne gefunden. Jetzt endlich hatte die Ermattung ſie überwäl⸗ tigt und ihr Schlaf glich dem Tode. Ihre alten ver— zerrten Züge behielten bei der Vernichtung ihres gan⸗ zen Seins den Ausdruck der quälendſten Angſt. Die Bläſſe war bleifarbig und ihre Augenlieder ſchienen auf die barmherzige Hand zu warten, welche die Augen der Todten zudrückt. Ihr ſchwacher Hauch pfiff in ihrer Kehle; ihr weißes Haar drang unter ihrer Haube hervor und fiel um das abgehärmte Geſicht. Neben ihr war Victorie am Bett niedergekniet; ihr Kopf ſtützte ſich auf die Decke, die von ihren Thränen befeuchtet worden war. Der Schlaf hatte ſie offenbar in ihrer frommen Pflicht überraſcht; ſie hatte ſich wahrſcheinlich mit⸗ ten in Troſtworten unterbrechen müſſen, als ſie die Mutter Regnault endlich der Ermattung unterliegen ſah; dann hatte ſie ſich nicht mehr zu rühren ge⸗ wagt, um nicht den Schlaf zu ſtören, welcher ja die Schmerzen der armen Alten auf eine Zeit lang un⸗ terbrach. Man ſah ihr Geſicht nicht, das ſich auf die Decke des Bettes ſtützte; ihre Hände,die unter ihr hingen, waren noch gefalten und hatten die betende Haltung. Es wat Geſicht Vick ihre Stellun auszudrück Auf da fiel das Lic Johann ſtehen gebli gebrochen. In dieſe nes Komm draußen ar Et wl gleichjam Haupt in er ſich emn der Thran Er ſuc nerte ſich üͤber das greifen. Lickor ihter zuſar Joha „Re auf das das, was VII. i ganzen überwaͤl⸗ alten ver⸗ ihres gan⸗ ngſt. Die er ſchienen welche die ehle; ihr ervor und dergekniet; von ihren e frommen inlich mit⸗ als ſie die unterliegen rühren ge⸗ lcher ja die it lang un⸗ ich auf die ie unter iht die betende 117 Es war ein trauriges und troſtloſes Bild. Das Geſicht Victoriens brauchte nicht zu ſprechen; ſchon ihre Stellung ſchien die Unermeßlichkeit ihres Leides auszudrücken. Auf das Geſicht der Alten und deſſen Runzeln fiel das Licht. Johann war ein Paar Schritte von dem Bette ſtehen geblieben; er ſah alles dies und ſein Herz war gebrochen. In dieſem Augenblicke vergaß er die Urſache ſei⸗ nes Kommens und wußte nicht mehr, daß Polyt draußen auf ihn wartete. Er wußte nichts mehr; ſeine Gedanken ſtanden gleichſam ſtill. Mechaniſch wollte ſich ſein glühendes Haupt in der Decke bergen, aber ſchaudernd richtete er ſich empor, denn ſeine Stirn hatte das kalte Naß der Thränen berührt. Er ſuchte ſeine Gedanken zu ſammeln und erin⸗ nerte ſich deſſen, was er thun wollte; er neigte ſich über das Bett, um nach dem Kleide der Alten zu greifen. Victorie bewegte ſich leicht im Schlafe und aus ihrer zuſammengedrückten Bruſt wand ſich ein Seufzer. Johann wich entſetzt zurück. „Mein Gott!“ ſeufzte er, indem er beide Hände auf das Herz drückte,„wie ich zittere! Iſt denn das, was ich thun will, ein Verbrechen?“ VII. 8 118 Er ſenkte das Haupt und blieb einen Augenblick unbeweglich.. Dann fuhr er fort, wie um ſich zum Wagen zu zwingen. „Es muß geſchehen; ſie leiden zu viel.. Nur ich in der Welt kann ihnen helfen.“ Er trat wieder einen Schritt vor, aber er beſann ſich plötzlich anders und wendete raſch den Kopf nach dem dunkelſten Winkel der Stube. „Grignolet!“ dachte er. Statt ſich dem Bette zu nähern, ſchritt er durch die Stube und trat in die Ecke, wo der Blödſinnige gewöhnlich ſchlief. Es war Niemand auf der dünnen MatKeatze, die ſein Lager bildete. „Grignolet iſt nicht da!“ dachte Johann. „Sie ſchlafen Beide. Gott, öffneſt Du mir ſelbſt dieſen Weg und werde ich ſie retten?“ In dem Augenblicke tiefſter Bewegung ſucht auch die unverdorbenſte Seele nach Wahrzeichen. Johann meinte, der Himmel beſeitige die Hinderniſſe vor ihm und er faßte neue Hoffnung. 3 Er kehrte zu dem Bette zurück und ſuchte von neuem in den Falten des Kleides der Großmutter die Taſche, in welcher ſich der kleine Beutel Ger⸗ trudens befinden mußte. Obgleich ſeine Abſicht rein und gut war, ſo zit⸗ terte doch ſ in dieſem I für einen l Seine! lange. Wo Bewegung außerſte Ang Tootz ſei alte Frau in ſich zu bewe Der D. eines nahen er ſich beeil legenen He Es la gewiſſe Fur⸗ miſchte ſich Tropfen kal Im Au fühlte ſeine und berühr des ſeidenen Er füt noch nicht unter dem daran zich Dies lugenblic Lagen zu . Nur er beſann dopf nach er durch lödſinnige tratze, die Johann. mit ſelbſt ung ſucht ahrzeichen. dinderniſſe ſuchte von Hroßmutter eutel Ger⸗ zat, ſo ů⸗ 119 terte doch ſeine Hand noch immer, denn wer ihn in dieſem Augenblicke beobachtet hätte, würde ihn für einen Uebelthäter gehalten haben. Seine Unruhe machte ihn ungeſchickt; er ſuchte lange. Während er ſuchte, brachte ihn die geringſte Bewegung der Alten oder ſeiner Mutter in die äußerſte Angſt, ſo daß er zu entfliehen gedachte. Trotz ſeiner außerordentlichen Vorſicht fühlte die alte Frau in etwas ſeine Gegenwart, denn ſie begann ſich zu bewegen und ihre Lippen regten ſich. Der Drehorgelſpieler lauerte auf dieſe Zeichen eines nahen Erwachens und beeilte ſich; aber je mehr er ſich beeilte, um ſo mehr verirrten ſich ſeine ver⸗ legenen Hände in den Falten des Kleides. Es lag in den Gefühlen, die er empfand, eine gewiſſe Furcht und Reue, auch der ungeduldige Zorn miſchte ſich hinein und auf ſeiner Stirn ſtanden Tropfen kalten Schweißes. Im Augenblicke als er zu verzweifeln begann, fühlte ſeine Hand eine Oeffnung in dem Kleidſtoffe und berührte das erſtrebte Gold durch die Maſchen des ſeidenen Beutels. Er fühlte endlich ſeine Beute, aber er konnte ſie noch nicht faſſen; ein Ende des Beutels befand ſich unter dem Körper der alten Frau und er mußte ſtark daran ziehen. Dies erforderte Geduld. Johann zog leiſe, der 8* 120. Beutel aber gab nicht nach und die alte Großmutter ſchien zu erwachen. Ihr Kopf bewegte ſich auf dem Kiſſen, während bereits unverſtändliche Worte von ihren Lippen kamen. Ihre Arme griffen umher, als ſuchten ſie ein ge— liebtes Weſen zu faſſen. „Mein Sohn! Mein Sohn!“ flüſterte ſie end— lich mit erſtickter Stimme;..„tödte mich nicht;.. ich bin Deine Mutter.“ Johann wußte nicht, ob dieſe Worte ihm galten, er verlor den Kopf, er fühlte, daß ihm nur noch ein Augenblick übrig ſei und er zog ſtärker. „Mein Sohn, ach mein Sohn,“ ſagte die alte Frau, indem ſie ſich bewegte und im Traume weinte, „ich bin bitte Dich, laß mir meine letzte Hoffnung.“ Johann hatte keinen Muth mehr, weil er dieſe Worte auf die 120 Francs im Beutel anwendete. Ein Blick auf das Geſicht der Großmutter zeigte ihm jedoch deutlich, daß ſie nicht wache; er machte einen letzten Verſuch und der Beutel kam, aber mit einem Ruck.. Die alte Frau richtete ſich ſchnell empor. „Jacob!“ rief ſie aus. Der Drehorgelſpieler entfloh; er war bereits fünf bis ſechs Schritte vom Bette entfernt. „Ich habe nicht geträumt,“ fuhr die alte Mutter Regnault fort, indem ſie ihre Schwiegertochter am Arme rüttelt ich höre die Johann und liefſch Polht, „ iim und lel kaum noch „Da Mutter Re loſchener S noch beſit ſie verlier roßmutter während den kamen. ſie ein ge⸗ kte ſie end⸗ nicht;.. zm galten, uw noch ein gte die alte ime weinte, zofnnung.“ veil er dieſe wendete. nutter zeigte zer machte , aber mit ſich ſchnell war bereits nt. ealte Muttet gertochiet am — 121 Arme rüttelte;„meine Augen ſehen nichts mehr, aber ich höre die Tritte Jemands. Victorie! Victorie!“ „Wer iſt da?“ fragte Victorie;„biſt Du es, Johann?“ Johann antwortete nicht, ſchritt durch die Thüre und lief ſchnell die Treppe hinunter. Polyt erwartete ihn trällernd. Johann trat zu ihm und lehnte ſich an die Wand, denn er konnte ſich kaum noch aufrecht halten. „Da ſind die hundert und zwanzig Francs der Mutter Regnault,“ ſagte er langſam und mit er⸗ loſchener Stimme.„Es iſt alles, was ſie im Leben noch beſitzt und.. es iſt mein Leben, denn wenn ich ſte verliere, bringe ich mich um.“ Achtes Kapitel. Bei Hans Dorn. Polyt war nicht mehr ſo froh geſtimmt. Er fror an den Füßen und die Rührung, die ihn beim Anblicke des Schmerzes ſeines ehemaligen Cameraden übermannt, hatte ſich in übele Laune verwandelt, während er außen auf der Straße wartete. Er drehte den Stock in der Hand und zuckte verächtlich die Achſeln. „Das hängt alles vom Temperamente ab,“ ſagte er;„ich könnte fünfhundert Millionen Mil⸗ liarden Louisd'or verlieren, ohne daß mir es einfiele eine Waffe in die linke Hand zu nehmen, wie die Soldaten ſagen. Ich bin ein ordentlicher Spieler. Aber davon iſt jetzt die Rede nicht; Alles was wir gethan haben, ſiehſt Du, ſind Dummheiten und wenn Dicht genommen; Johann 73, ſich habe mehr.. 2 geſprochen. „Jhr „Das Ads ich Die Thränen in Eindrucha ben. Me weinen.“ „Und ſchon kein „Das Polyt, de gäbe gern aus der ſch borgen, n Er bl ſeinen St „Ab. hinzu;, „dl hann zög unt. Er ihn beim ameraden rwandelt, nd zuckte nte ab,“ nen Mil⸗ es einfiele , wie die r Spielet. was wit eiten und 123 wenn Dich's reuet, die hundert und zwanzig Francs genommen zu haben, ſo trifft ſich's eben ganz gut.“ Johann ſah ihn verwundert an. „Ja,“ fuhr Polyt mit zunehmender Kälte fort; „ich habe darüber nachgedacht.. Es geht nicht mehr.. Nehmen wir an, ich hätte gar nicht davon geſprochen.“ „Ich verſtehe Dich nicht,“ ſagte Johann. „Das iſt möglich. Ich verſtehe mich ganz gut. Als ich Dich ſo ſah, weiß wie ein Betttuch und mit Thränen in den Augen, machte das einen dummen Eindruck auf mich, ich kann Dir's gar nicht beſchrei— ben. Mein Wott, ich glaubte, ich müßte mit weinen.“ „Und jetzt,“ unterbrach ihn Johann,„haſt Du ſchon kein Mitleiden mehr mit mir?“ „Das iſt, auf Ehre! nicht wahr,“ entgegnete Polyt, der ſich wieder etwas warm redete;„ich gäbe gern alles was ich habe darum, wenn ich Dich aus der ſchlimmen Lage befreien könnte, ja ich würde borgen, wenn ich Eredit hätte.“ Er blieb ſtehen, um zu verſuchen, ob er ſich auf ſeinen Stock ſetzen könnte. „Aber ich habe keinen Credit,“ ſetzte er raſch hinzu;„was ſoll ich da thun?“ „Du ſprachſt von einem Spielhauſe,“ ſagte Jo⸗ hann zögernd. 12⁴4 „Allerdings,.. ich kann ebenſo gut wie ein Anderer einmal etwas Dummes ſagen.“ „Du willſt alſo nicht mehr?“ „Lieber Freund, ich habe mir die Sache überlegt, während ich in dieſer öden Straße Maulaffen feil hielt,— man muß doch die Zeit hinbringen! Und als ich mir die Sache überlegt hatte, ſagte ich zu mir: Polyt, Du biſt ein großer Eſel, und ich hatte Recht.“ 1 Johann begriff noch immer nicht. „Siehſt Du,“ fuhr der„Löwe“ des Temple fort,„es geht nicht.“ Kurz vorher zögerte Johann vor dem vorgeſchla⸗ genen Mittel wie vor einem Verbrechen.. jetzt, da man ihn daran hinderte, erzürnte er ſich.. So iſt der Menſch! Das Spielhaus, vor dem ihm anfangs ſo ſehr grauete, wünſchte er jetzt mit Leidenſchaft herbei. Er wollte mit aller Gewalt ſpielen und fürchtete ſich vor dem Verlieren nicht mehr. Es war als entreiße man ihm ein ſicheres Mit⸗ tel der Rettung. „Und warum geht es nicht?“ fragte er indem er ſich lebhaft emporrichtete. „Sieh,“ brummte Polyt,„ſieh, der Kleine beißt auch! Nun friß mich nur nicht!“ ſetzte er laut hinzu;„ich bin doch nicht Schuld daran.“ „Aber Dechorgler „Csi erwiederte guter Geſe hat. Sieh mein armen vertrauen k ſind keine und Heimo nur von f Deine Re nicht in d Johal drückte ih „Mei daß mich „Esi „aber wa dung finde Johar er war ne „Ich Glück un „Al bittend. „Id wie ein überlegt, affen feil n! Und gie ich zu ich hatte 3Temple ;rgeſchla⸗ jetzt, da Se iſt gs ſo ſehr ft herbei. rchtete ſich eres Mit⸗ te er indem Kleine beißt te er laut 4 4 — 125 „Aber warum? Sage warum?“ wiederholte der Drehorgler mit Aerger und Verdruß. „Es iſt erſtaunlich, daß ein Mann wie ich,“ erwiederte Polyt in ſelbſtgenügſamen Tone,„der in guter Geſellſchaft lebt, nicht gleich daran gedacht hat. Siehſt Du, es giebt eigentlich mehrere Gründe, mein armer Johann. Mit einem gewiſſen Selbſt⸗ vertrauen könnteſt Du wohl hineinkommen, denn es ſind keine Polizeidiener da, welche nach dem Geburts⸗ und Heimatsſcheine fragen, aber ſolche Orte werden nur von feinen und vornehmen Männern beſucht. Deine Mancheſter-Jacke und Deine Mütze würden nicht in die Geſellſchaft paſſen.“ Johann ſenkte den Kopf, denn dieſer Einwurf drückte ihn nieder. „Mein Gott!“ flüſterte er;„iſt es möglich, daß mich ein ſolcher Umſtand aufhalten kann?““ „Es iſt freilich hart,“ antwortete der Dandy, „aber was willſt Du machen? Ohne gute Klei⸗ dung findet man nirgends Zutritt.“ Johann rieb mit der Hand die glühende Stirn; er war nahe daran vor Wuth zu weinen. „Ich wünſche Dir alſo nur noch alles mögliche Glück und nun verdufte ich.“ „Bleibe noch ein wenig!“ ſprach Johann bittend. „Ich bleibe ſo lange als Du es wünſcheſt, 126 Freund, aber es hilft Dir nichts und mir macht's keinen Spaß. An Deiner Stelle nähme ich lieber ein Glas Kirſchwaſſer an als daß ich ſo verzweifelte. Wenn man etwas nicht kann, nun, mein Gott, ſo kann man nicht.“ Johann richtete plötzlich den Kopf empor. „Ich hab's gefunden!“ ſprach er mit freude⸗ ſtrahlendem Geſichte. „Was haſt Du gefunden?“ „Ich habe das Mittel gefunden einen guten An⸗ zug zu erhalten.“ „Ah!“ „Du wirſt ſehen, und einen vom beſten.“ Johann konnte ſich vor Freude nicht laſſen. Er hatte das Unglück ſeiner Familie vergeſſen, die Zu⸗ kunft lächelte ihm; er ſah Haufen von Gold vor ſich und ein glückliches Alter für ſeine Großmutter. Er ſah ſeine Mutter in einem ſchönen Laden und Grig— nolet in einem neuen Anzuge. Und es blieb ihm noch ſo viel Geld übrig, daß er die hübſche Gertrude heirathen konnte, an die er immer dachte. Welches Glück! Er ergriff die Hand des Dandy und drückte ſie mit Entzücken. „Mein guter Polyt,“ ſagte er,„warte nur eine kleine Viertelſtunde.“ Der, tiefen Wi /„Ich antwortet Jemand! ich da ne ſtändniſſe . und hole! „Gul gelaufen! „Sel Der empot un er nach Johe zurück un ſtatt aber zu gehen, Dorns z „We tt beiſich ich wette heute Ab Er und klop Gertrud Nien macht's ich lieber weifelte. Hott, ſo l. t freude⸗ uten An⸗ 71 n. ſſen. Er „die Zu⸗ dvor ſich tter. Er nd Grig⸗ blieb ihm Gertrude drückte ſie te nut eine 127 Der„Löwe“ verzog das Geſicht und drückte tiefen Widerwillen aus. „Ich warte vierzehn Tage, wenn es ſein muß,“ antwortete Polyt,„aber nicht hier. Es könnte Jemand vorübergehen und zu Joſephinen ſagen, daß ich da nach Mädchen ſähe;.. das gäbe Mißver⸗ ſtändniſſe.. Mach Deine Sache, nimm Dir Zeit und hole mich in Elpi-Sici bei dem Circus ab.“ „Gut,“ ſagte Johann, der zu den Antipoden gelaufen wäre.„Auf baldiges Wiederſehen!“ „Sehr wohl.“ Der Dandy zog die Weſte glatt, die Cravatte empor und rückte den Hut in Ordnung; dann ſchritt er nach dem Boulevard zu. Johann ſeiner Seits kehrte eilig in das Haus zurück und ſchritt zum zweitenmale durch den Hof, ſtatt aber nach der Wohnung ſeiner Mutter hinauf zu gehen, wendete er ſich rechts nach der Wohnung Dorns zu. „Wenn ihr Vater ausgegangen wäre!“ dachte er bei ſich, indem er die Stufen hinauf ſprang;„und ich wette, er iſt ausgegangen.. Ich habe Glück heute Abend.“ Er kam vor der Thüre des Kleiderhändlers an und klopfte leiſe dreimal, was das zwiſchen ihm und Gertruden verabredete Zeichen war. Niemand antwortete ihm. 128 Er hatte aber doch Licht an den Fenſtern geſehen als er über den Hof ging. Die Wohnung war alſo nicht leer. Wenn ein ſchüchterner Menſch einmal kühn wird, ſo kühlt ſeinen Eifer nichts ſo ſehr ab als das gewöhnliche Zögern, welches einen ehrlichen Mann oft Stunden lang an einer Klingelſchnur ſtehen läßt. Der Bittſteller vergißt in ſolchen gefährlichen Augenblicken die einſtudirte Rede; ein anderer ver⸗ liert im voraus ſein Lächeln und nach dreimaligem Klingeln ſucht auch der Muthigſte vergebens das verſchwundene Selbſtvertrauen. Johann hatte mit Vertrauen angeklopft, aber in dem Maße wie er vergebens auf die Antwort war⸗ tete, ſank auch ſein Vertrauen; ſeine Stirn verdüſterte ſich wieder und ſeine natürliche Schüchternheit gewann von neuem die Oberhand. Hans Dorn konnte zu Hauſe ſein; Gertrud war vielleicht ſchon zu Bette gegangen. Johann fühlte, wie ihn die Gänſehaut überlief, wenn er bedachte, daß vielleicht der Kleiderhändler ſelbſt ihm die Thüre aufmache. Er wagte nicht noch einmal das gewöhn⸗ liche Zeichen zu geben. Während er zögerte zum zweitenmale zu klopfen, ſpannte er ſein Gehör an um zu vernehmen, was wohl drinn im Hauſe vorgehe. Er hörte wohl etwas hinter der Thür, gleichſam 1 ein vertrau ſich ein and erſtere gena Wohet ſtwah, Johann und kannte brochene Wenn wäre, wü kratze an brechen. Seine kommen. Dorns be räͤuſch dau hann, als die Mauer Hand aus Ein a der Tonk man bisn ſtern, das mal unte lichſte Ur erklaͤren geſehen kühn als das Mann en läßt. hrlichen rer ver⸗ naligem ns das abet in ott war⸗ erdüſterte gewann crud war fuͤhlte, bedachte, ie Thüre gewöhn⸗ ullopfen, een, was gleichem — 129 ein vertrauliches Geflüſter; aber dahinein miſchte ſich ein anderes Geräuſch, welches ihn hinderte, das erſtere genau zu unterſcheiden. Woher das andere kam, wußte er nicht; es war ſchwach, dumpf und hörte nicht auf. Johann wohnte ſeit ſeiner Kindheit in dem Hauſe und kannte kein Geſchäft, welches dieſes ununter— brochene Geräuſch machen könnte. Wenn er in der Nähe eines Gefängniſſes geweſen wäre, würde er geglaubt haben, ein Gefangener kratze an der Wand und ſuche dieſelbe zu durch— brechen. Seine Augen konnten den Ohren nicht zu Hilfe kommen. Der ſchmale Vorſaal vor der Wohnung Dorns befand ſich im tiefſten Dunkel. Das Ge⸗ räuſch dauerte immer fort. Manchmal war es Jo⸗ hann, als könne er den nächtlichen Arbeiter, welcher die Mauer durchbrechen wollte, erfaſſen, wenn er die Hand ausſtrecke. Ein anderes Mal wußte er wieder nicht woher der Ton kam und was er war. In der Nacht hört man bisweileu geheimnißvolles Rauſchen und Flü— ſtern, das man ſich nicht erklären kann. Neunzehn— mal unter zwanzig Fällen haben ſie die allernatür⸗ lichſte Urſache, aber der, welcher ſie hört und ſie zu erklären ſucht, wendet ſich faſt immer an ſeine Phan⸗ 13⁰ taſie. Dann giebt es einen ganzen Roman, der auf der Spitze einer Nadel ſchwankt. Am andern Morgen ſchwindet der Roman; es war eine Windfahne, die ſich drehte, eine nicht gut geſchloſſene Thüre, welche klappte, ein Hund, der kratzte, ein zu eifriger Krämer, welcher die grauen— hafte Geſpenſterſtunde gewählt hatte, um einen Zuckerhut klein zu klopfen. Johann befand ſich nicht in der ruhigen Stim— mung, welche dem Geiſte geſtattet, auf Hypotheſen⸗ jagd zu gehen, aber das Geräuſch ließ ihm doch keine Ruhe. Er ging auf dem Vorſaale umher, befühlte üͤberall die Wand und fand nichts. Es war Nie⸗ mand da. Wenn der Ton eine irdiſche Urſache hatte, kam er von Hans Dorn ſelbſt oder aus dem kleinen finſtern Holzſtalle des Kleiderhändlers. Man ſagte, Hans Dorn habe für einen Mann ſeines Standes viel Geld; vielleicht grub er ein Verſteck, um den Schatz darin zu bergen. Johann tappte im Dunkel hin, um die Thüre des Holzſtalles zu befühlen; ſie ſchien von innen feſt verſchloſſen zu ſein. Dieſes Geräuſch hatte lange vor der Ankunft Johann Regnaults begonnen, aber als es ſich zum erſtenmale hören ließ, war kein Ohr da, das es ver⸗ nehmen konnte. Hans Dorn war in der Dämmerung ausge⸗ gangen und mehr zu thu den alten— Sie gal pfohlen Fra folgte die E Es wan * Stunden vo und in dem verſchwinden Ftanz r ſo diel zu ſe Geſchichtey ſtrömte in Geſchickes, ßer ſich vo Herz ausſch Und ei wechſelt we Kleideryacke ganz neuen Gertru Wie diel h Franz gew ihm um ſe liebte er ſie Deniſe der auf an; es ſiht gut d, der grauen⸗ einen Stim⸗ ötheſen⸗ ſch keine befühlte var Nie⸗ he hatte, mkleinen 1 Mann Wer ein ie Thüre ön innen Ankunft ſich zum ausge⸗ 131 gangen und ſeine Tochter, die huͤbſche Gertrud, hatte mehr zu thun als auf die Ratten zu horchen, die in den alten Mauern arbeiteten. Sie gab eine Soirée. Ihr Vater hatte ihr em⸗ pfohlen Franz zu lieben und zu bedienen und ſie be⸗ folgte die Empfehlung ſehr gewiſſenhaft. Es war wirklich Franz, den die Kleine zwei Stunden vorher hatte über den Rotundenplatz gehen und in dem dunkeln Hausflur des Kleiderhändlers verſchwinden ſehen.— Franz wollte Gertrud beſuchen. Er hatte ihr ſo viel zu ſagen, ein ganzes ſeltſames Kapitel ſeiner Geſchichte vom Vormittage hinzuzufügen. Die Freude ſtrömte in ſeinem Herzen über. Der Roman ſeines Geſchickes entwickelte ſich weiter und er war faſt au— ßer ſich vor Hoffnung; er mußte Jemanden ſein Herz ausſchütten. Und einige Worte, die früh mit Gertrude ge— wechſelt worden, während der Vater Dorn das Kleiderpacket ſuchte, hatten unſerm Jünglinge einen ganz neuen Horizont geöffnet. Gertrud kannte Deniſe und ſchien ſie zu lieben. Wie viel hatte Gertrud in der Meinung des jungen Franz gewonnen, ſeit er dies wußte! Wie kam ſie ihm um ſo vieles beſſer und ſchöner vor und wie liebte er ſie ſo aufrichtig und brüderlich! Deniſe und er waren getrennt ſeit ihn die Ver⸗ 132²2 treibung 3 dem Hauſe Geldberg von den reichen Salons entfernt hatte, die ſich ihm von Zeit zu Zeit öffneten. Er hatte keine Gelegenheit mehr ſich dem Fräulein von Audemer zu nähern. Am Abende vor⸗ her, in jenem feierlichen Augenblicke, als er faſt glaubte ſterben zu müſſen, war er genöthiget gewe⸗ ſen, um ihr ein letztes Lebewohl zu ſagen, eines der romanhaften Mittel zu ergreifen, die gewöhnlich zu nichts führen als ein geliebtes Weſen zu compro⸗ mittiren. Ohne das Duell würde auch Franz nie zu dem kühnen Mittel gegriffen haben, bei welchem alle Gefahr auf Deniſe fiel. Er war wohl unter⸗ nehmend, aber trotz dem kecken Muthwillen ſeines Alters und Charakters beſaß er doch auch das Zart⸗ gefühl ſchöner Seelen; er würde nie zu einem Ver⸗ ſuche gegriffen haben, der zu gefährlich für die Ge⸗ liebte ſein mußte. Jetzt hatte Deniſe ihm Rechte gegeben und er bewahrte tief in ſeinem Herzen wie einen Schatz das theuere Geſtändniß des Mädchens.. Aber noch immer beſtanden die frühern Hinder⸗ niſſe zwiſchen ihm und ihr. Die Thüre der Vi⸗ comteſſe von Audemer war Franz heute noch eben ſo verſchloſſen wie geſtern; es gab kein Mittel Deniſe zu ſehen und dies reizende Zuſammentreffen an der Thür des Hauſes, der zugeſtandene Kuß, an den Franz nicht denken konnte ohne daß ein wonniges Gefühl ihn Trennung z Ende hatte. Wenn! hatte, deren wuͤrde er an Seine Le —geandert, er voll von feut Er träun ling, der i kannte, Ade kele Geheim Aber a terdeß liebt Gedanke ſie jezt, da e ſehen, konn trennt leben Gertrud hatte ſie er welche Fta⸗ tanntſchaft hen die Qu doch Fran⸗ erklärte ſich aber er gla VIl. nreichen zu Zeit ſich dem nde vor⸗ er faſt het gewe⸗ eines der hnlich zu compto⸗ ranz nie welchem hl unter⸗ len ſeines das Zatt⸗ nem Ver⸗ er die Ge⸗ n und er Schat das m Hinde⸗ n der Vo och eben ſo ättel Deniſ ffen an der ß, an 35 wonniges 133 Gefühl ihn durchrieſelte, alles dies ſchien eine lange Trennung zu verkündigen, die vielleicht gar kein Ende hatte. Wenn Franz die kleine Gertrud nicht getroffen hätte, deren Lächeln ihm Glück zu verkünden ſchien, würde er an der Zukunft gezweifelt haben. Seine Lage hatte ſich ſeit dem vorigen Tage ſehr geändert, er glaubte es wenigſtens; ſein Herz war voll von feuriger faſt unſinniger Hoffnung. Er träumte für ſich, den armen elternloſen Jüng⸗ ling, der nicht einmal den Namen ſeines Vaters kannte, Adel und Reichthum und er hoffte das dun⸗ kele Geheimniß aufzuhellen, das ſein Leben umhüllte. Aber alles dies waren nur Hoffnungen und un— terdeß liebte er Deniſe mit tiefer Leidenſchaft. Der Gedanke ſie nicht zu ſehen ſchmerzte ihn tief, denn jetzt, da er ſie in ſein Herz hatte hineinblicken ſehen, konnte er nicht begreifen, wie er von ihr ge⸗ trennt leben könne. Gertrud ſollte ihn aus dieſer Noth befreien. Er hatte ſie erſt zweimal geſehen, aber die Umſtände, welche Franz einen Zufall nannte, hatten ihre Be⸗ kanntſchaft recht innig gemacht. Ohne ſich zu bemü⸗ hen die Quelle dieſes Gefühls zu ergründen, rechnete doch Franz auf Gertrud wie auf eine Freundin. Er erklärte ſich das Vertrauen nicht, daß er zu ihr hatte, aber er glaubte an ihre Treue und Hingebung. Er VII. 134 glaubte ſo feſt daran, daß er auf dieſe ſchwache Möglichkeit alle ſeine Zukunftshoffnungen ſetzte. Und er kam zu ihr, um ihr ſein ganzes Herz auszuſchütten; er war glücklich im voraus ſchon durch den Gedanken an das, was er mittheilen wollte und was er erfahren würde. Gleichwohl war nichts Neues zwiſchen ihm und der Tochter Hans⸗Dorns vorgekommen als einige flüchtige Worte, nach denen er leiſe hinzugeſetzt hatte: ich werde wiederkommen. War dies genug, daß Gertrud alles wiſſen konnte, was Franz von ihr hoffte? Vielleicht. Franz zweifelte an nichts und er war nie heiterer geweſen. Als er die Treppe Hans Dorns hinaufging, war der alte Kleiderhändler ſchon längſt ausge⸗ gangen, ohne ſeiner Tochter zu ſagen, wohin er ſich begebe. Gertrud war allein in dem Zimmer und das geheimnißvolle Geräuſch, das Johann Regnault vor der Thüre hörte, hatte noch nicht begonnen. Gertrud ſtickte wie gewöhnlich. Sie ſaß an dem Tiſchchen, das ihre Lampe und alle kleinen noth⸗ wendigen Geräthe trug, die ſie zu ihrer Arbeit brauchte. Tauſend lachende und traurige Gedanken folgten ſich in ihr und ſpiegelten ſich abwechſelnd auf ihrem Geſichte. Sie hatte Johann ſeit dem Morgen nicht geſehen. Am häufigf men da ii liebte Joha und Johan Aber ſi iigkeit iſt i ſlieht bei de glaubte auc ſparniſſe, w haben, ihre Von 3 meriſch ge vor und e Dann wir in do haben, d Herzen un Freude übe In de aufheiterte der Melan nach der dieſet Jer Endl Treppe. „Id phirenden chwache zte. es Herz à ſchon ittheilen ihmn und 3 einige zt hatte: g, daß von ihr und er aufging, ausge⸗ in er ſich mer und Regnault nen. Zan dem teen nolh⸗ ter Arbeit Gedanken jſelnd auf 135 Am häufigſten dachte ſie an ihn und ihre Züge nah⸗ men da einen Ausdruck der Rührung an. Sie liebte Johann mit ernſter, tiefer, aufrichtiger Liebe und Johann war ſo unglücklich. Aber ſie zählte erſt ſechzehn Jahre. Die Trau⸗ rigkeit iſt in dieſem Alter nicht von Dauer und ent⸗ flieht bei der erſten Annäherung der Heiterkeit. Sie glaubte auch, die 120 Francs, die Frucht ihrer Er⸗ ſparniſſe, würden für die Mutter Regnault hingereicht haben, ihre Verfolger zu beſänftigen. Von Zeit zu Zeit, wenn ſich ihre Stirn träu⸗ meriſch geneigt hatte, richtete ſich ihr Köpfchen em⸗ por und ein lächelnder Blick leuchtete in ihrem Auge. Dann war ſie das muthwillige Mädchen, das wir in den erſten Kapiteln dieſer Geſchichte geſehen haben, das luſtige gutmüthige Kind mit offenem Herzen und ffreier Seele, das gern lachte und die Freude überall zu erhaſchen ſuchte. In den Augenblicken, in denen ihre Stirn ſich aufheiterte, ihre Augen glänzten und den Schleier der Melancholie abwarfen, richtete ſich ihr Blick ſtets nach der Thüre. Sie wartete auf Jemanden und dieſer Jemand blieb ihrer Ungeduld zu lange aus. Endlich hörte ſie Schritte im Hofe, dann auf der Treppe. 22* „Ich wußte es wohl,“ flüſterte ſie mit trium⸗ phirendem Lächeln. 9* 136 Bis dahin war es ihr nicht eingeſallen zu ſingen, aber in dieſem Augenblicke ſtickte ſie raſcher und ſtimmte ein Liedchen an. Man klopfte und ſie ſang weiter. Man klopfte ſtärker. „Gertrudchen,“ ſagte gleichzeitig eine Stimme draußen an der Thüre,„ich würde Sie beſſer hören, wenn Sie mir erſt aufmachten.“ Das Mädchen unterbrach ſich lachend. „Wer iſt da?“ fragte ſie, noch ehe ſie aufſtand. Die Stimme draußen nahm einen kläglichen und zugleich ſpöttiſchen Ton an. „Mamſell Gertrud,“ ſagte ſie,„ich bin der arme Johann, Ihr Nachbar und komme..“ „Still!“ entgegnete das Mädchen und ſie ſtand erröthend auf. „Ich will wohl ſtill ſein,“ fuhr die Stimme fort,„aber wenn Sie nicht aufmachen, ſpiele ich die Pariſienne auf meiner Drehorgel.“ Gertrud lachte nicht mehr. Ihr Geſicht war purpurroth und in ihrem Auge lag ein zorniger Blick. Sie machte gleichwohl auf, Franz trat wie ge— wöhnlich ein und küßte ſie lachend auf beide Wangen. Gertrud trat ganz ernſthaft zurück. „Mein Vater iſt nicht da,“ ſagte ſie. „Deſto beſſer,“ entgegnete Franz, der die Thüͤre wieder zumachte;„mein Freund Dorn wäre jetzt auch überflü Gheimniſſ „Ichn Augen nied gollenden „Vill „Gewij Franz! herabhängen Gertrud und ſchien Franz Nach unbemerkle und blickte Der al ſtach ſehr Blick Gertr ſelig geweſe ſprach noch „Siel „Nein auf ihre, Nauſam; Franz Pauſe. Nach uſingen, her und Stimme er hören, ufſtand. hen und bin der 76 ſie ſtand Stimme le ich die ſicht war ger Blick t wie ge⸗ Wangen. die Thüte wäre jetzt 137 auch überflüſſig.. Wir haben emander eine Menge Geheimniſſe mitzutheilen.“ „Ich nicht,“ antwortete das Mädchen, das die Augen niederſchlug und deſſen hübſches Geſicht einen grollenden Ausdruck behielt. „Wirklich?“ fragte Franz enttäuſcht. „Gewiß.“ Franz verlor ſein Lächeln und ſtand mit ſchlaff herabhängenden Armen da. Gertrud hatte ſich wieder an ihre Stickerei geſetzt und ſchien ſich ganz mit ihrer Arbeit zu beſchäftigen. Franz ſchwieg und die Pauſe dauerte lang. Nach einer Minute etwa ſchlug das Mädchen unbemerklich die langen ſeidenen Wimpern empor und blickte von der Seite auf den jungen Mann. Der arme Franz ſah recht traurig aus und dies ſtach ſehr von ſeiner frühern Heiterkeit ab. Der Blick Gertrudens, der anfangs mißtrauiſch und feind⸗ ſelig geweſen war, wurde allmälig milder, aber ſie ſprach noch nicht. „Sie haben ſie nicht geſehen?“ fragte Franz leiſe. „Nein,“ antwortete Gertrud, welche die Augen auf ihre Stickerei heftete mit dem Vorſatze, recht grauſam zu ſein. Franz ſeufzte tief und es erfolgte eine neue Pauſe. Nach einer andern Minute ſchlug Gertrud zum zweitenmale die Augen auf. Franz hatte den Kopf geſenkt; ſein Gefühl übertrieb ſogleich alles wie bei einem Kinde; er war voll Verzweiflung. Das Mädchen hatte Mitleid und ihre Stimme wurde wieder ſanft. „Warum ſpotten Sie auch über Johann Reg— nault,“ ſagte ſie mit einem Reſte von Groll. Das Geſicht Franzens heiterte ſich auf. „Sie haben ſie geſehen,“ rief er aus,„und mir ſo geantwortet, um ſich zu rächen.“ „Nein; es wäre ſchön, ſich wegen eines Böſe— wichts ſoviel Mühe zu geben.“ „Gertrud, Gertrudchen!“ bat Franz,„nicht wahr, Sie haben ſie geſehen?“ „Man würde ſchönen Lohn finden, wenn man ſich mit Ihren Angelegenheiten beſchäftigte!“ „Mein Gott,“ ſagte Franz, der durch ein Nadelöhr gekrochen wäre,„der arme Johann! Der gute Johann! Ich liebe ihn ja, Sie wiſſen es. Gertrud, ſagen Sie mir aus Barmherzigkeit, ob Sie ſie geſehen haben.“. „Sie ſpotten dann nicht mehr über ihn?“ „Bei meiner Ehre, niemals! Ach wenn Deniſe mich nur halb ſo liebte!“ Franz ſprach dieſen Wunſch mit gefaltenen Hän⸗ den aus, die Augen gen Himmel gerichtet. Das d erſchienen. „Ich T „aber man werweinte 2 erblaßte mal wären, une weißen Händ 139 den Kopf Das Lächeln Gertruds war noch nicht ganz wie bei erſchienen. „Ich weiß nicht, ob man Sie liebt,“ ſagte ſie, Stimme„aber man war ſehr traurig als ich kam; man hatte verweinte Augen. Als ich von Ihnen ſprach, ann Reg⸗ erblaßte man und als ich ſagte, daß Sie gerettet l.. wären, umarmte man mich und faltete die kleinen weißen Hände, um weinend Gott zu danken.“ 5,„und es Böſe⸗ 3,„nicht venn man 1 purch cin n! Der viſſen es. gkeit, ob n?“ enn Deniſe enen Hän⸗ Druck von Otto Wigand in Leipzig. Paul Feval s Werke. Deutſch von Dr. A. Daezmann. Achter Zand. Leipzig: Otto Wigand. (Eigenthum der Vereins⸗ Verlagsbuchhandlung.) 1846. Der rke. Sohn des Teufels. Von . Paul Feval. Deutſch von Dr. A. Diezmann. Achter Band. Leipzig: Otto Wigand. „(Eigenthum der Vereins⸗Verlagsbuchhandlung.) 1846. Franz Hand Ger ſchwiegen die heiter ſ find!“ „Eie! ſlüſterte Ge „Spre mnerſättlich wieder Fri Er ho hübſche S „Ach ſehr, die wart über Neuntes Kapitel. Die Fee. Franz lachte, Franz weinte, Franz bedeckte die Hand Gertrudens mit Küſſen.„Und alles dies ver⸗ ſchwiegen Sie mir!“ ſprach er mit einer Stimme, die heiter ſein ſollte, aber zitterte.„Wie bös Sie ſind!“ „Sie haben über den armen Johann geſpottet!“ flüſterte Gertrud. „Sprechen Sie noch mehr von ihr,“ bat der unerſättliche Franz;„ſagen Sie mir alles, da wir wieder Frieden geſchloſſen haben.“ Er holte einen Stuhl und ſetzte ſich dicht an die hübſche Strickerin. „Ach ja,“ fuhr Gertrud fort,„ſie liebt Sie ſehr, die Arme und wenn man in ihrer Gegen⸗ wart über Sie ſpottete, würde ſie Sie wohl noch 1* beſſer vertheidigen als ich Johann Regnault verthei⸗ digen kann. Als ſie in das Zimmer trat, in wel⸗ chem ich auf ſie wartete, erſchrak ich, ſo ſehr fand ich ſie verändert. Es lag etwas Irres in ihren Augen. Statt wie gewöhnlich auf mich zu zukom⸗ men, denn ſie war immer ſo gütig und freundlich, ſank ſie auf einen Stuhl und bedeckte das Geſicht mit den Händen. „Ich hatte auch Thränen in den Augen, als ich ſie ſo ſchluchzen hörte, als wolle ſie erſticken. „Ihre Dienerin, Fräulein Deniſe,“ ſagte ich, „ich komme wegen der Stickerei.“ Sie höorte nicht auf mich. Da trat ich leiſe an ſie, ſetzte mich auf die Stuhlecke neben ſie und fuhr leiſe fort: „Wollen Sie mich nicht anhören, Fräulein Deniſe? Ich moͤchte Sie tröſten und Sie heiter ſehen.“ „ZHeiter!“ rief ſie aus.„Ach, arme Gertrud, wenn Du wüßteſt!“ Sie ſah mich an als ſie das ſagte und nahm die Hände vom Geſicht.. Man hätte glauben können, ſie hätte ſich Jahre lang gegrämt. Ich hatte ſie am Tage vorher ſo heiter und ſo ſchön geſehen und erkannte ſie kaum wieder. Armer Franz, man muß recht lieben und nur lieben 124 Franz ergriff die Hand Gertrudens und legte ſie auf ſein He ſhien. D „Ih fuhr ſie fo dem Neben, doch nicht die ganz kal Dann ſagte ſollte heute ſch, um E „Von ſterte ſie. Ich ne lange, un heit zu brit ich meinen „bon Fian Ihre H ſhlug die? Ich fül freigeblieber dog mich a Ihrige. „Ger waren Fre Dich inm glaubte ſi verthei⸗ in wel⸗ ſehr fand in ihren zukom⸗ eundlich, BGeſicht , als ih agte ich, hleiſe an und fuhr Fräulein bie heiter Gertrud, nahm die n können, atte ſie am ſchen und man muß d lagte ſe 7 auf ſein Herz, das ſeine Bruſt zerſprengen zu wollen ſchien. Das Mädchen lächelte. „Ich wußte nicht, was ich anfangen ſollte,“ fuhr ſie fort,„denn die alte Dienerin ging in dem Nebenzimmer hin und her; aber ich konnte ſie doch nicht ſo leiden laſſen. Ich nahm ihre Hand, die ganz kalt war und erwärmte ſie in der meinigen. Dann ſagte ich: ich weiß warum ſie weinen. Er ſollte heute ein Duell haben. Ihr Auge belebte ſich, um Erſtaunen auszudrücken. „Von wem ſprichſt Du, Gertrude?“ flü— ſterte ſie. Ich neigte mich auf ihre Hand und küßte ſie lange, um ſie durch meine Blicke nicht in Verlegen— heit zu bringen, wenn ſie roth würde. Dann nahm ich meinen ganzen Muth zuſammen und antwortete: „von Franz ſpreche ich.“ Ihre Hand zitterte leicht in der meinigen und ich ſchlug die Augen nicht auf. Ich fühlte, daß ſie ſich nach mir neigte. Ihr freigebliebener Arm legte ſich um meinen Nacken; ſie zog mich an ihr Herz, das ſo ſtark klopfte als das Ihrige. „Gertrud! Gertrud!“ ſprach ſie leiſe;„wir waren Freundinnen von Kindheit an und ich habe Dich immer geliebt.“ Dann ſchwieg ſie und ich glaubte ſie beleidiget zu haben. Aber in dem Augen⸗ blicke als ich den Kopf wieder aufrichten wollte, fiel eine heiße Thräne auf meine Stirne. „Sage mir alles,“ ſprach ſie;„ich weiß nicht, wie Du mich errathen haſt, aber es iſt wahr, ich liebe ihn und werde immer nur ihn lieben.“ „Gott ſei Dank, liebes Fräulein,“ entgegnete ich, indem ich die Augen aufſchlug;„wenn Franz dies hörte, würde er ſich gewiß gern morgen noch einmal ſchlagen.“ „Sie ſind mein guter Engel, Gertrud,“ unter— brach ſie Franz, der auf ſeinem Stuhle zitterte;„und was that Deniſe?“ „Sie wagte nicht ſogleich alles zu begreifen,“ fuhr das Mädchen fort,„ſo ſehr fürchtete ſie ſich zu irren. Allmälig, während ſie mich ſchüchtern fragend anſah, kehrte etwas Roth auf ihre Wangen zurück und das erwärmte auch mir das Herz. Ich ſah ſie lächelnd an und errieth die Frage, die ſie auf den Lippen hatte. 84 „Liebes Fräulein,“ ſagte ich und ich habe nie ein Wort ſo gern geſprochen,„ich habe Franz ſeit ſeinem Dnell geſehen.“ „Er lebt?“ fragte ſie; dann ſetzte ſie haſtig hinzu:„iſt er verwundet?“ Nach meiner Antwort blieb ſie einen Augenblick ſtill und andächtig ſitzen, ſie hatte die Hände gefal⸗ ten und dankte Gott.— Herr Franz, wenn Sie wüßten, wi nun, was daß ſie Ihr Ihren Wu gücklich. die Falbe Thränen ſch fteute ſich i ich ihre Sch rei und fan glänzend.— Stirn wiede „Nai iſt dieſen noch nicht mir ganz d Sie ve⸗ und ihre S „Sagt fingte Fran Gertru ſchalthaft: „Itt „Ach Dank bin Franz nichts geſ Vll. lie, fiel iß nicht, ahr, ich 1 atgegnete an Franz gen noch “unter⸗ e;„und greifen, tte ſie ſich ſchüchtern Vangen erz. Ich ie ſie auf habe nie Franz ſeit ſie haſtig Augenblic unde gefa⸗ 5 wenn Sie 9 wüßten, wie ſchön ſie da war! Ich erzählte ihr nun, was ich von Ihrem Duell wußte, ſagte ihr, daß ſie Ihr einziger Gedanke und daß ich nur auf Ihren Wunſch gekommen wäre. Sie war ganz glücklich. Je mehr ich ſprach, um ſo friſcher wurde die Farbe auf ihren Wangen und die Spur der Thränen ſchwand aus ihren ſchönen Augen. Sie freute ſich wie ein Kind und küßte mich als wäre ich ihre Schweſter. Sie bewunderte meine Sticke— rei und fand die Luft wieder lieblich, den Himmel glänzend. Mit einem Male aber verdüſterte ſich ihre Stirn wieder. „Mein armer Bruder!“ flüſterte ſie.„Er iſt dieſen Morgen angekommen und ich habe ihn noch nicht umarmt. Mein Gott, meine Angſt nahm mir ganz den Verſtand.“ Sie verließ mich, um zu ihrem Bruder zu eilen und ihre Schuld an Liebkoſungen abzutragen. „Sagte Sie nichts für mich als ſie fortging?“ fragte Franz. Gertrud unterdrückte das Lächeln und fragte ſchalkhaft: „Iſt das noch nicht genug?“ „Ach ja,“ antwortete Franz,„und wie vielen Dank bin ich Ihnen ſchuldig!“ Franz hatte während der ganzen Erzählung nichts geſagt. Ein tiefes ernſtes Gefühl zeigte ſich VIII. 2 10 in ſeinen Mienen; auch jetzt ſaß er einige Secunden nachdenkend da, als wolle er ſeine Freude ganz genießen. Aber von Dauer konnte es nicht ſein. „Ich danke, lieb Schweſterchen,“ ſagte er, in— dem er ſeinen Stuhl noch näher an den Gertrudens rückte und ſeinen Zügen wieder die ganze frühere Hei⸗ terkeit gab;„ich liebe Sie, ſehen Sie, zehnmal mehr als nöthig iſt, um das Recht zu erlangen, mich Ihren Bruder zu nennen. Wie gut und hübſch Sie ſind! Laſſen Sie mich die Händchen küſſen, welche die ihrigen gewärmt haben!“ Gertrud fand darin nichts Böſes. Als aber Franz die beiden Hände geküßt hatte, erſt zuſammen, dann eine nach der andern, drückte er auch ſeine Lippen auf die Stirne, welche dies⸗ mal erröthete und ſich entzog. „Fürchten Sie nichts, Schweſter,“ ſagte Franz, der für den Augenblick ſentimental war;„es iſt die Stelle, wohin die Thräne fiel.. wiſſen Sie?“ Gertrude lachte und ſetzte ſich wieder. „Und was haben Sie mir ſo Intereſſantes zu ſagen?“ fragte ſie. „Das iſt,“ antwortete Franz, deſſen beweg⸗ liches Geſicht ſich noch einmal änderte,„die Fort⸗ ſetzung meiner phantaſtiſchen Geſchichte. Ich glaube, auf Ehre, daß ich eine wichtige Perſon werde. Erinnerm Gertrud? „Ach frſchem G ter Theiln „Nun Wir ſchreit bin am En „Eine „Wen eryſt fott, mich zu ſe Gerte „In ich gar ni nicht das Gertrudch ich. Sie geheimniß praktizirt! „de „Ri rühme m Die Vör Kopf geb unbekann Secunden ude ganz tſein. te er, in⸗ ertrudens here Hei⸗ mal mehr gen, mich üͤbſch Sie 1, welche üßt hatte, /, drückte llche dies⸗ gie Franz, zes iſt die ie? iſantes zu ſen bebbeg⸗ mdirJon⸗ ch glaube, on werde. 11 Erinnern Sie ſich meiner Abenteuer dieſe Nacht, Gertrud?“ „Ach ja,“ antwortete das Mädchen, auf deren friſchem Geſichte ſich ſogleich ein Ausdruck geſpann⸗ ter Theilnahme zeigte. „Nun,“ fuhr Franz fort,„es geht weiter. Wir ſchreiten von Geheimniß zu Geheimniß. Ich bin am Ende der Sohn irgend eines Prinzen.“ „Eines Prinzen!“ wiederholte Gertrud gläubig. „Wenn nicht,“ fuhr Franz halb lachend, halb ernſt fort,„eine mächtige Fee es übernommen hat mich zu ſchützen.“ Gertrud antwortete nicht; ſie lachte. „In jedem Falle,“ ſprach Franz weiter,„weiß ich gar nicht mehr, woran ich bin und ich vermag es nicht das Räthſel zu löſen. Hören Sie mich an, Gertrudchen; vielleicht können Sie beſſer rathen als ich. Sie kennen ſchon das Geſchenk, das eine geheimnißvolle Hand auf dem Balle in meine Taſche praktizirt hat.“ „Den Beutel mit Gold?“ fragte das Mädchen. „Richtig.. Ich bin noch nicht ſehr alt und rühme mich auch keiner ganz beſondern Klugheit.. Die Börſe hatte mir eine Menge Gedanken in den Kopf gebracht... Ich bezog die Sache auf meine unbekannte Familie und erwartete beſtimmt ein zweites Geſchenk. Deswegen habe ich auch den gan⸗ zen Tag eine Tollheit nach der andern begangen.“ „Das ſieht Ihnen ähnlich?“ flüſterte Gertrud. „Sie haben Recht, Schweſterchen, denn auf Dummheiten und Tollheiten verſtehe ich mich vor— trefflich.“ 5 „Sie haben das Gold bis auf Louisd'or ausgegeben?“ 1 „Pfui! Viermal ſo viel als ich hatte, habe ich ausgegeben und nicht etwa Nothwendiges ge⸗ 77 „ den letzten kauft. „Aber was wollen Sie nun anfangen?“ fragte Gertrud. „Vergeſſen Sie meine Fee?.. Hören Sie mich an. Zuerſt beſtellte ich mir ſehr ſchöne Meubles. Obgleich ich der ſchlechteſte Reiter unter der Sonne bin, kaufte ich doch einen kleinen Engländer(d. h. ich gab Draufgeld), der nicht ſeines Gleichen hat.. Auch habe ich wohl einiges Geld hier und da aus dem Fenſter geworfen und ich kam nach Hauſe mit dem behaglichen Gefühle, einmal alle Wünſche befriediget zu haben, wenn auch die Reue ſich bereits darein zu miſchen anfing.. Ich bin ja ſo kurze Zeit reich geweſen! Ich kehrte alſo in meine Wohnung zurück und wollte eben meinen Schlüſſel unten bei der Hausmeiſterin verlangen.. In dem Augen— blicke fiel mir ein, daß ich etwas Wichtiges vergeſ⸗ ſen; ich gemiethet Fran Schalkha hätte üb ten wie liche noch ſchönern. Gertr Mannes mehr an noch eiw es elſter dann eh zigen Le das Dr ſchaft A Sie „lI bringen, etzten habe 2 5 ge⸗ fragte mich Ubles. Sonne d. h. hat.. a aus ſe mit ünſche bereits z Jeit hnung ten bei Augen⸗ vergeſ⸗ 13 1 ſen; ich hatte mir keine elegantere Wohnung gemiethet.“ Franz zuckte die Achſeln mit ſo gutmüthiger Schalkhaftigkeit, daß ihm Niemand ſeine Worte hätte übel auslegen können. Es iſt mit den Wor⸗ ten wie mit manchen Schmuckſachen, welche Häß⸗ liche noch häßlicher machen und die Schönen ver⸗ ſchönern. Gertrud fühlte ſich von den Worten des jungen Mannes gar nicht verletzt; ſie hörte dieſelben viel⸗ mehr an, als wären ſie ganz natürlich. Wenn ſie noch etwas anderes empfand als Neugierde, ſo war es erſtens einige Theilnahme für den Erzähler und dann etwas Ungeduld. Sie glich dem unbarmher⸗ zigen Leſern, welche dem Dichter grollen, ſobald das Drama an Spannung verliert und die Leiden— ſchaft Athem ſchöpft. Sie wartete. „Und wohin ſollte ich meine ſchönen Meubles bringen, wenn ich kein Zimmer dazu habe?“ „Freilich!“ fiel Gertrud ein, um der Sache ein Ende zu machen. „Aber ich war müde,“ fuhr Franz fort.„Jeder Tag hat ſeine Laſt und ſo meinte ich denn, die Sache ließe ſich auf den nächſten verſchieben. „Ich trat alſo in das Hausmeiſterſtübchen hinein. Statt mich den Schlüſſel nehmen zu laſſen wie —— —— 14 gewöhnlich ſtand die Hausmeiſterin, welche eine Frau von Bedeutung iſt und mich bisher ſo ziemlich über die Achſeln angeſehen hatte, von ihrem mit Leder beſchlagenen Stuhle auf und nahm ihre Na⸗ ſenquetſche ab.. In dieſer Weiſe pflegt ſie näm⸗ lich zu grüßen. „Ihr Mann hörte auf zu arbeiten und rückte ſogar ſeine Mütze ein wenig. Der Hausmeiſter, welcher alte Fußbekleidungen ausbeſſert, iſt im höch⸗ ſten Grade ſtolz auf ſeine Stellung in der Geſell— ſchaft; bis dahin hatte er mir nie die Ehre erzeigt, mir ſein entblößtes Haupt zu zeigen. „Die Kinder, welche in einer Ecke ſpielten, ſtell⸗ ten ihr Lärmen ein und ſahen mich mit großen Augen voll Staunen und Verehrung an. „Es mochte gegen halb ſieben Uhr Abends ſein, vielleicht auch um ſieben Uhr.. Welche Zeit iſt mein Freund Hans Dorn ausgegangen, Gertrud?“ „Gegen halb ſechs Uhr,“ antwortete das Mädchen, welches nicht wußte, wohin dieſe Frage zielte. Franz dachte einen Augenblick nach, ehe er den Faden ſeiner Erzählung wieder aufnahm. „Er könnte es ſonach doch geweſen ſein,“ flü— ſterte er zwiſchen den Zähnen. „Dieſer Empfang von Seiten des Hausmeiſter— ehepaares und der jungen Familie,“ fuhr er laut fott,„war blüft daſta nicht wußt wollte. „h melte ich. „Wolle die Hausme „Aber, „Sie laͤ der läͤchelten Ich war Die S herauf zieh ſagte dann „chg neue Wohn „Neue war mir als „Der. mit der gro Stock gemi „Ah h tel vom M geſezt un werden.“ „Und gen ein, iſt 2 1 das rage den ſlüů⸗ ſter⸗ laut 15 fort,„war ſo ganz ungewöhnlich, daß ich wie ver⸗ blüfft daſtand, jeden Gruß einzeln erwiederte und nicht wußte, ob man mich zum Narren haben wollte. „Ich möchte meinen Schlüſſel holen,“ ſtam⸗ melte ich. „Wollen Sie bis ganz hinaufgehen?“ fragte die Hausmeiſterin. „Aber, liebe Frau, ich glaube..“ „Sie lächelte, ihr Mann lächelte und die Kin— der lächelten. Ich war nahe daran mich zu erzürnen. Die Hausmeiſterin aber, die das Unwetter herauf ziehen ſah, ſetzte ihre Brille wieder auf und ſagte dann ſehr freundlich: „Ich glaubte, Sie würden heute Abend in Ihre neue Wohnung gehen..“ „Neue Wohnung?““ wiederholte ich und es war mir als träume ich. „Der Herr hat ja ſechs Zimmer neben einander mit der großen Terraſſe nach dem Hofe zu im erſten Stock gemiethet.“ 1 „Ah ha,“ dachte ich,„das iſt das zweite Kapi⸗ tel vom Maskenballe.. Die Geſchichte wird fort— geſetzt und ſie verſpricht ſehr intereſſant zu werden.“ d „Und um meiner Lage gewachſen zu erſcheinen, 16 ſetzte ich den Hut in der Hausmeiſterſtube auf, wie es einem Inhaber des erſten Stockwerkes ziemt. „Es iſt gut, liebe Frau,“ warf ich leicht hin; „ich finde nur, daß man ſich ein wenig übereilt hat nach den Befehlen, die ich gab. Aber zeigen Sie mir die Wohnung.“ Die Hausmeiſterin ging vor mir her mit der Brille in der Hand und blieb auf jeder Stufe ſtehen, um mich freundlich anzulächeln. Ich folgte ihr ernſt und gemeſſen. Die Thüre wurde endlich geöffnet und ich befand mich in einer ziemlich hübſchen, netten Wohnung, die ganz angenehm zu ſein ſchien und nur etwas klein war. „Sie kommt mir doch etwas klein vor,“ ſagte ich. „Das Zimmer des Herrn..“ begann ſie. Ich errieth ſchon was ſie ſagen wollte und mein Blick ſchmetterte ſie zu Boden, wie ich glauben muß, denn es war, als wollte die Frau in die Erde ſinken. „Ich wage zu hoffen,“ ſtammelte ſie,„daß ich den Herrn nicht beleidiget habe.“ Ich machte eine Bewegung mit der Hand und ſie ſchwieg. Um meinen Gedanken eine andere Rich⸗ tung zu geben, öffnete ſie einen kleinen Wandſchrank und nahm ein Portefeuille heraus, das ſie mir überreichte. ( 7 ſagte ſie C weiß ſch Ich Taſche; Und E Wohn etwas bringer Do Haltun directe wiſſen men! ben m „wie hin; that Sie t der Stufe fand ung, twas teich. mein muß, Erde ſß ich dund Rich⸗ hrank le mir 17 „Der Herr wird ſchon wiſſen, was es iſt,“ ſagte ſie,..„die Banknoten..“ „Ich will mir den Kopf abſchlagen laſſen, Ger⸗ trud, wenn ich ein Wörtchen davon wußte.“ „Schon gut, ſchon gut,“ antwortete ich,„ich weiß ſchon, liebe Frau. Ich hatte die Ruhe, das Portefeuille in die Taſche zu ſtecken ohne die Banknoten anzuſehen. Und was ſagen Sie dazu, Gertrudchen?“ „Es iſt ſeltſam,“ antwortete das Mädchen, welche dabei gewiß nicht an die Ruhe des jungen Franz, ſondern an die erzählten Abenteuer dachte. „Da nun,“ fuhr der junge Mann fort,„die Wohnung die Meubles wohl aufnehmen konnte, welche ich gekauft hatte, ſo behielt ich ſie. Aber das iſt nicht die Hauptſache. Während ich die würdige Hausmeiſterin da bei mir hatte, wollte ich ſie ein wenig ausfragen, um wo möglich etwas Licht in die geheimnißvolle Verwickelung zu bringen. Das war nun freilich um ſo ſchwieriger, da die Haltung, welche ich angenommen hatte, mir keine directen Fragen geſtattete. Man nahm an, als wiſſe ich ſchon alles; ich hatte mich als Herr benom— men und alles, was geſchehen, war, wie man glau⸗ ben mußte, auf meinen Befehl erfolgt. Wie ſtellte ich die Fragen. 18 Glücklicherweiſe braucht man ſich nicht ſehr mit Fragen zu beſchweren, um die Hausmeiſterinnen zum Reden zu bringen, eine einfache Erlaubniß reicht vollkommen hin, ihre Zunge in Gang zu bringen und iſt dieſe einmal in Bewegung, ſo weiß Gott, daß ſie nicht ſobald wieder ſtill ſteht. Auf dieſe Art erfuhr ich denn, ohne daß ich große diplomatiſche Kunſt aufzubieten hatte, daß mein angeblicher Beauftragter das Haus verlaſſen hatte als ich eben ſelbſt zurückgekommen. Es waren zwei geweſen; einer war an der Thüre im Wagen geblieben, während der andere die Wohnung in meinem Namen miethete und ein halbes Jahr voraus bezahlte. Die Sache war mit der größten Eile geſchehen, als wenn— meinte die Hausmeiſterin— mein Beauftragter meine Rückkunft gefürchtet hätte. Er war die Wohnung durchgangen und hatte flüchtig alles gemuſtert, auch in den Schrank das Portefeuille gelegt, das er der beſonderen Wachſam⸗ keit der Frau empfahl, und war dann wieder gegan⸗ gen wie er gekommen.“ Franz ſchwieg. „Und dann?“ fragte Gertrud, die noch etwas erwartete. „Das iſt alles.“ „Br kann?“ 7,— mit nnen eicht ngen jott, ich daß aſſen Es im zung Jahr twas 19 „Weiter haben Sie über die beiden Männer nichts erfahren?“ „Nichts weiter.“ „Und Sie muthmaßen nicht, wer es ſein kann?“ „Doch,“ antwortete Franz. Zehntes Kapitel. Das Schweſterchen. Die hübſche Gertrud hörte noch aufmerkſamer zu. Sie wartete ungeduldig auf die Muthmaßun⸗ gen in Bezug auf die Unbekannten, welche für Franz eine ſchöne Wohnung gemiethet hatten. Es dauerte eine Zeitlang ehe Franz weiter ſprach. Er überdachte nochmals die bereits gemachten Be⸗ merkungen und ſann von Neuem nach. „Ja,“ wiederholte er endlich.„Ueber den einen habe ich mehr als Muthmaßungen, faſt Gewiß⸗ heit.“ „Und wer iſt es?“ fragte Gertrud ungeduldig. „Freilich bringt mich dieſe Gewißheit nicht ſehr weit,“ fuhr Franz fort,„denn ich kenne den Namen dieſes Mannes nicht. Gleichviel; er läßt ſich doch wohl ermitteln. So viel iſt gewiß, daß nach der Beſchreibu Wagen de diſchien.“ „Ach „Del Franzhin Perſon, d „Und Franz Geſicht. „Mit nißliche! die mir d wir den kennten i Die noch meh „Kle „alles pe ſein Alten Geſicht ſ ſein und Vater er „Y ſtaunt a Male de hre deut iſamer aßun⸗ Franz prach. en Be⸗ neinen jewiß⸗ zuldig. ht ſcht Namen h doch ach der 21 Beſchreibung meiner Hausmeiſterin der Mann im Wagen deſelbe war, welcher mir auf dem Balle erſchien.“ „Ach!“ ſprach Gertrud mit offenem Munde. „Der berühmte deutſche Herr in Perſon,“ ſetzte Franz hinzu,„der Major, der Armenier, die dreifache Perſon, die mich mit ihrem Schutz verfolgt.“ „Und der andere?“ fragte das Mädchen. Franz zögerte und ſah Gertruden gerade in's Geſicht. „Mit dem andern,“ fuhr er fort,„iſt es eine mißliche Sache. Wenn ich der Schilderung glaube, die mir die Hausmeiſterin von ihm entwarf, wüßten wir den Namen dieſes zweiten recht gut, und Sie kennten ihn noch genauer als ich, Schweſterchen.“ Die Neugierde Gertruds wurde dadurch nur noch mehr gereizt. „Kleidung und Haltung,“ fuhr Franz fort, „alles paßt aufftden Mann, den ich meine. Es iſt ſein Alter, ſelbſt ſein leicht deutſcher Accent. Sein Geſicht ſoll das des ehrlichen Mannes in Perſon ſein und kurz und gut, ich glaube in ihm Ihren Vater erkannt zu haben.“ „Meinen Vater?“ rief das Mädchen ganz er⸗ ſtaunt aus, denn dieſes Wort entriß ſie mit einem Male den phantaſtiſchen Träumen, in denen ſich ihre deutſche Phantaſie umhertummelte. Der Name 22 ihres Vaters führte ſie in die nackte Wirklichkeit zurück. Ihr erſtes Gefühl war die Ueberraſchung, weil ſie bei der ſeltſamen und wunderbaren Vorſtellung, welche die Erzählung des jungen Mannes in ihr geweckt hatte, nicht im Entfernteſten an ihren Vater gedacht hatte. Es war ihr etwa wie es einen Kinde ſein würde, das unvorbereitet auf einem wirklichen und befreundeten Namen in den Mährchen der Tau⸗ ſend und Nacht geriethe. Aber trotz ihrer großen Ueberraſchung gedachte ſie an das, was am Vormittage geſchehen war. Den ſeltſamen Mann, den Franz den deutſchen Herrn nannte, kannte und liebte ihr Vater, ja ſchien ihn wie einen Herrn zu achten und zu verehren. Ihr Geſicht, das nichts zu verheimlichen ver— ſtand, veränderte ſich und dieſe Veränderung entging Franz nicht, der ſie immer unverwandt anſah. „Ich bitte Sie,“ ſprach er k.„antworten Sie mir, Gertrud. Glauben Sie, daß es Ihr Vater ſein kann?“ Das Mädchen öffnete den Mund, um bejahend zu antworten, aber eben als ſie ſprechen wollte, kam ihr doch ein Bedenken. Ihr Vater hatte vielleicht ein Intereſſe ſich zu verbergen, oder es konnte vielmehr gar nicht anders ſein, da er ſich ſo ſehr geheimnißvoll benahm. „ Gert unwillkü gegen Fr halten g Ihr Fragen bewieſen. zu müſſen gleichwol Zweifel, Die erzählt! heit für mährche deutſchen Hatt Und wel dieſem u dies hatt das Geſt gen Frar Wohnum ren geſu Die Lippen. welche 1 ſchkeit weil lung, nihr Vater Kinde lichen Tau⸗ achte war. lſchen ſchien ver⸗ tging vorten Ihr ahend , kam ih zu anders 23 Gertrud hatte dieſes Geheimniß zufällig und unwillkührlich erfahren, aber das Benehmen Dorns gegen Franz am Morgen ſchien der Tochter ihr Ver⸗ halten gebieteriſch vorzuſchreiben. Ihr Vater hatte nicht geſprochen und vor den Fragen des jungen Franz eine große Zurückhaltung bewieſen. Gertrud glaubte alſo ebenfalls ſchweigen zu müſſen. Es mußte Unkenntniß geheuchelt werden und gleichwohl blieb ihr ſelbſt faſt kein Schatten von Zweifel, je mehr ſie darüber nachdachte. Die ſeltſame Geſchichte, welche der junge Mann erzählt hatte, erhielt einen Character völliger Wahr⸗ heit für ſie. Der geheimnißvolle Agent dieſes Feen⸗ mährchens war gewiß ihr Vater, der auf Befehl des deutſchen Herrn handelte. Hatten ſie nicht heute früh von Franz geſprochen? Und welche unerklärliche Liebe hatte Hans Dorn dieſem unbekannten jungen Manne gezeigt! Ueber⸗ dies hatte der deutſche Herr in dem Augenblicke, als das Geſpräch endigte, nach der Wohnung des jun⸗ gen Franz gefragt. Sie ſelbſt, Gertrud, hatte dieſe Wohnung bei dem Fräulein von Audemer zu erfah⸗ ren geſucht. Die Antwort ſchwebte unentſchloſſen auf ihren Lippen. Sie wagte nichts mehr und ihre Stirn, welche nicht zu lügen verſtand, bedeckte ſich mit glü⸗ 24 hender Röthe. Ihre Augen vermieden den Blick des jungen Mannes. Dieſer beobachtete ſie noch immer aufmerkſam. Es lag in ſeinem Geſichte ein vieldeutiger Ausdruck. Man hätte darin eine große Freude unter der Maske des Verdruſſes erkennen können. „Sie wollen mir nicht antworten?“ fragte er im Tone der Traurigkeit.„Auch Sie hintergehen mich, Gertrud?“ Das Mädchen erröthete noch mehr, antwortete aber noch immer nicht. Sie litt wiklich, denn ſie ſtand zwiſchen ihrem Vater und Franz; zwiſchen Franz, welcher ſie ſeine Schweſter nannte und den ſie, wie ſie recht wohl fühlte, jeden Augenblick mehr liebte und zwiſchen ihrem theuren Vater, deſſen geringſter Wunſch ein Befehl für ſie war. Das Herz des Mädchens war gut und liebevoll, ſie hatte aber viel von der entſchloſſenen Natur der Mädchen, die von einem Manne erzogen werden. Wenn einmal ihr Wille in ihr geſprochen hatte, ſtand ſie feſt und unerſchütterlich. Wenn aber auch ihr Wille feſt ſtand nicht nach⸗ zugeben, ſo waren doch ihre Kenntniſſe in der Diplo⸗ matie gar nicht groß. Sie glaubte die Frage des jungen Franz mit einem Male zu beendigen, wenn ſie ſich beſtimmt weigerte eine Antwort zu geben, dadurch heldenmüthig ihre Pflicht zu erfüllen und das Gehei ren. Sie worten oß wußte nich ſchwiegent „Höt ohne die ſchloſſenen machte., bleiben, ſ allemal, antworter Auf Lächeln. „N horſamen reden. hätte erf verſchwie Gert rung aus geſagt. Fra eben bet er erfa ſehr bit achter VII. 25 das Geheimniß ihres Vaters unangetaſtet zu bewah⸗ ren. Sie wußte nicht, daß eine Weigerung zu ant⸗ worten oft einem Zugeſtändniſſe gleichkommt; ſie wußte nicht, daß die erſte Regel der Kunſt der Ver⸗ ſchwiegenheit die iſt, ſchön und gut lügen zu können. „Höoren Sie mich an, Herr Franz,“ ſagte ſie ohne die Augen aufzuſchlagen, aber mit einer ent— ſchloſſenen Miene, welche ſie noch viel hübſcher machte.„Wenn Sie wollen, daß wir gute Freunde bleiben, ſo fragen Sie mich darüber nicht. Ein für allemal, ich weiß nichts, ich habe Ihnen nichts zu antworten.“ Auf die Lippen des jungen Mannes trat ein Lächeln. „Nun, Schweſterchen,“ antwortete er in ge⸗ horſamen Tone,„ſo wollen wir nicht mehr davon reden. Ich hätte viel darum gegeben, wenn ich hätte erfahren können,.. aber ich ſehe, daß Sie ſehr verſchwiegen ſind.“ Gertrud ſtieß einen tiefen Seufzer der Erleichte— rung aus und triumphirte bei ſich. Sie hatte nichts geſagt. Franz ſeiner Seits ſah für einen Beſiegten nicht eben betrübt aus. Die beſtimmte Weigerung, die er erfahren hatte, ſtürzte ihn keinesweges in eine ſehr bittere Troſtloſigkeit. Ein mittelmäßiger Beob⸗ achter würde an dem Ausdrucke ſeines Geſichts VIII. 3 26 errathen haben, daß er beinahe alles wußte, was er zu wiſſen gewünſcht hatte. So waren beide junge Leute erfreut, Gertrud darüber, daß ſie ihr Geheimniß bewahrt, Franz, daß er es errathen hatte. Glücklich der Kampf, in welchem es weder einen Sieger noch einen Beſiegten giebt und nach dem beide Heere, wie das häufig auf größern Schauplätzen vorkommt, das Te Deum ſingen. „Ich gehorche Ihnen, Schweſterchen,“ fuhr Franz fort, während die beruhigte Gertrud ihn lächelnd anſah,„und vergeſſe die Fragen, die Ihnen nicht gefallen.. Wir haben einander ja ſo vieles Andere zu ſagen! Der Mann, welcher Ihr Vater nicht iſt, hat keine Spur in meinem Hauſe zurück⸗ gelaſſen und ich weiß nicht, ob ich ihn jemals werde ausfindig machen, aber was liegt am Ende auch daran? Die Art, wie man mit mir umgeht, bedeu⸗ tet etwas; wahrſcheinlich iſt mein Vater dabei im Spiele, denn man behandelt ein Kind nicht ſo, das man ſpäter im Stiche laſſen will.“ „Ich glaube gewiß..,“ begann Gertrud leb⸗ haft, aber ſie erröthete von Neuem und ſchwieg. Franz that als bemerkte er ihre Verlegenheit nicht. „Nun bin ich reich!“ fuhr er fort.„Das ſteht feſt und Sie können gar nicht glauben, Schweſter⸗ chen, w liebe das zu ſein. hätte, d Welt.“ „M vielen 6 „I machen, wurde ſ hinzu: „1 muß,( geſehen das w geben! werden. das ſch ſich auf glücklich niederg aufrich Muth. würde den W aufhör Auge ähnen vieles Vater urück⸗ werde auch edeu⸗ di im 2 , das dleb⸗ g. enheit gjſteht weſter⸗ 27 chen, wie wohl mir es thut, reich zu ſein. Ich liebe das Geld ſo ſehr und glaube doch nicht geizig zu ſein.. Wenn ich ein Zimmer voll Goldſtücke hätte, dann wäre ich der glücklichſte Menſch von der Welt.“ „Mein Gott, was wollten Sie denn mit dem vielen Gelde anfangen?“ fragte Gertrud. „Ich würde die Thüren und die Fenſter auf⸗ machen,“ antwortete Franz, aber gleich darauf wurde ſein Blick nachdenkend und er ſetzte weiter hinzu: „Wiſſen Sie, daß dies ſehr wohlthuend ſein muß, Gertrud? Ich habe die Armuth in der Nähe geſehen und weiß, was man in Paris leidet. Ach das wäre ein ſchönes Leben, könnte man immer geben! Man ſähe um ſich her alle Thränen trocken werden. Das junge Mädchen, das ſich bleich über das ſchlechte Lager ſeines alten Vaters beugt, würde ſich aufrichten und lächeln. Die Blumen ſind ſo glücklich, welche die Dürre auf den trocknen Boden niedergebeugt hatte und die ein Thautropfen wieder aufrichtet. Dieſer ſtarke Mann, den die Noth zur Muthloſigkeit und zum Verbrechen getrieben hat, würde ſich von dem Abgrunde entfernen und kräftig den Weg des Guten wandeln; die Klagen würden aufhören, das Schluchzen ſchweigen; ſo weit das Auge reicht, würde man das Glück lächeln ſehen. 3* 28 Ach ja, Gertrud, das Gold iſt ein mächtiger Gott und ich möchte Millionen beſitzen.“ Das Mädchen ſah ihn gerührt an. Franz ſtreichelte ihre Hand. „Welche Freuden könnte man mit ein wenig Gold erkaufen,“ fuhr er leiſe fort,„welche Schande tilgen, welche Vergehen mildern! Aber ſehen Sie, Schweſterchen, es giebt außer der ſchrecklichen Ar⸗ muth, die ſich in Paris verbirgt und die der Reiche bisweilen mit Schaudern entdeckt, andere ſtille Leiden, die man ſo gern in Freude verwandeln möchte. Ich kenne einen jungen Mann, der ſchön und brav iſt, der eine arme Familie erhält und ein hübſches Mäd⸗ chen, ſeine Nachbarin, liebt.“ Gertrud ſchlug die Augen nieder. „Das Mädchen,“ fuhr Franz fort,„vergilt ihm Liebe mit Liebe. Sie ſelbſt hat es mir geſagt. Sie ſpielten als Kinder mit einander und ſind nie getrennt worden. Wenn man ſie verheirathete, würde es in dem ganzen großen Paris kein Glück gleich dem ihrigen geben, denn, ich wiederhole es Ihnen Gertrud, die beiden Kinder lieben einander mit der wahren Liebe der ſchönen Seelen. Der Burſch iſt ein edles Herz und das Mädchen ein Engel.“ Franz lächelte und eine Roſenfarbe verbreitete ſich von der Stirn Gertrudens abwärts bis zu dem Beginne ten Buße flüſterte noch mne ſetzte er „was zuſtatte er Sie Gott Geld hande Sie, Ar⸗ Keiche eiden, Ich iſ, Mad⸗ vergilt iſagt. d nie n dem zrigen d, die Liebe Herz greitete u dem 29 Beginne des züchtig unter dem Wollenkleide verhüll⸗ ten Buſens. „Sie iſt ſanft wie Sie,“ ſahr Franz fort, hübſch wie Sie und gut wie Sie.“ Er bückte ſich dabei und ſeine Lippen berührten die Stirn des Mädchens. „Werden Sie nur nicht roth, Schweſterchen, 4 flüſterte er ihr in's Ohr;„Sie ſind alles dies und noch mehr.. Wenn ich reich bin, wie ich glaube,“ ſetzte er hinzu, indem er raſch den Kopf emporhob, „was kann mich hindern, den jungen Mann aus⸗ zuſtatten? Iſt er nicht mein Bruder, Gertrud, da er Sie liebt und Sie ihn lieben?“ Der Ton, mit welchem Franz ſprach, gab ſeinen Worten etwas außerordentlich Inniges. Die ſchönen Augen Gertruds wurden feucht. „Armer Johann,“ flüſterte ſie;„aber er iſt ſtolz und ich bin es auch, Herr Franz.“. „Nun, wir werden ja ſehen,“ antwortete die⸗ ſer plötzlich in einem andern Tone. „Denken Sie ſich, Gertrudchen, ich bin ganz außer mir, wenn ich bedenke, wie lange es dauert, ehe ich meine ſchönen Meubles bekomme. Der Reich⸗ thum bringt doch auch Sorgen. Aber woran benr. ken Sie, Schweſterchen? Sie ſitzen ja ſo traurig da.“ Gertrud dachte an Johann. „Bleiben Sie heiter!“ fuhr Franz liebkoſend 30 fort.„Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß wir alle glücklich werden.“ Während er ſo heiter ſprach und dazu lächelte, verſchleierte plötzlich ein Ausdruck von Betrübniß ſein anmuthiges Geſicht. „Es ſind kaum zwei Stunden vergangen, wäh⸗ rend mir das geſchehen iſt,“ flüſterte er,„und welche Gedanken ſind mir in der kurzen Zeit durch den Kopf gegangen! Mitunter kommt es mir noch immer vor als wäre es ein Traum... Iſt jener Mann mein Vater, Gertrud? Ich habe ihn dieſe Nacht auf dem Balle genau angeſehen; es liegt ſtol— zer Muth in ſeinem Blicke und ich glaube wohl, daß ich ihn lieben könnte. Und meine Mutter? Ach wie ſchön und fromm ſehe ich ſie vor mir!“ Er hielt in einer Art Entzücken inne. „Vielleicht iſt er aber nur ein Abgeſandter mei— nes Vaters,“ fuhr er haſtig fort,„was weiß ich? Das Blut, das in meinen Adern rinnt, brennt bis⸗ weilen wie Feuer— ich bilde mir ein, mein Vater müſſe ein Prinz ſein.“ Gertrud lächelte und Franz that als erwache er aus einem Traume. „Prinz oder nicht,“ rief er aus,„ich würde doch mein Schickſal mit Niemanden in der Welt vertau⸗ ſchen. Ich bin jung und bin glücklich. Was kann es anders als Freude in der Zukunft geben?“ Got 7/ trud.„ Leidenden „Ka gegnete heute Ab mir von mich liebe „Idh heit halte und der doch nich Da rung d „6 mit ein vergnüg Sie mi weiß es mir und andern liere?“ S Ertren Augen Worte 31 ß wir„Gott erhöre Sie, Herr Franz!“ flüſterte Ger⸗ trud.„Sie ſind gutherzig und denken auch an die helte, Leidenden. Sie verdienen glücklich zu werden.“ (ß ſein„Kann ich mir mehr Glück wünſchen?“ ent⸗ gegnete Franz,„und haben Sie mich nicht ſelbſt wah⸗ heute Abend glücklich machen helfen? Sie haben „und mir von ihr erzählt, Sie haben mir geſagt, daß ſie durch— mich liebe.“ noch„Ich habe Ihnen geſagt, was ich für die Wahr⸗ jener heit halte,“ unterbrach ihn das Mädchen;„aber ich dieſe und der arme Johann lieben einander auch und ſind ſtol⸗ doch nicht glücklich.“ l, daß Das war wie kaltes Waſſer auf die Begeiſte— hwie rung des jungen Franz. „Sie haben Recht, Schweſterchen,“ ſagte er mit einer gewiſſen Bitterkeit im Tone;„ich war zu mei⸗ vergnügt und Sie haben wohl daran gethan, daß ich? Sie mich aus meinen Träumen weckten. Ach, ich tbise weiß es wohl, daß noch manche Hinderniſſe zwiſchen Vater mir und Deniſe liegen, nnd was ſoll ich mit meinen andern Freuden anfangen, wenn ich Deniſe ver⸗ zore 2⸗ ihe er liere?. Sein Kopf ſenkte ſich. Da er immer von einem edoch Extreme zu dem andern überging, ſo ſtand er einen ertau⸗ Augenblick tief gebeugt da, ſo daß Gertrude ihre kann Worte bereute, als ſie ihn plötzlich ſo betrübt ſah. Aber ehe ſie noch den Mund geöffnet hatte, 1 32 um ihm Troſt und Muth einzuſprechen, war der Anflug von Betrübniß vorüber; er hatte wieder Ver⸗ trauen gefaßt. „Es muß gekämpft werden,“ ſagte er entſchloſ⸗ ſen;„das iſt klar und ich habe ja auch Waffen. Ich bin geſtern nicht verzweifelt, Gertrud, und wie ſehr hat ſich meine Lage ſeit geſtern geändert! Habe ich einen ernſtlichen Nebenbuhler?“ „Den Herr Ritter von Reinhold..“ „Eine lebendige Karrikatur, eine alte männliche Kokette.“ „Er iſt reich, mein armer Herr Franz, er iſt adelig.“ „Nun und ich?“ Gertrud ſchüttelte langſam ihr ſchönes Köpfchen. „Man weiß es noch nicht,“ flüſterte ſie. Franz ſtampfte in kindiſchem Verdruſſe mit den Füßen auf. „Sie ſind recht bös, Gertrud,“ ſagte er, aber das freundliche Lächeln des Mädchens ſtrafte dieſe Worte Lügen. „Ach, Herr Franz,“ fuhr ſie fort,„ich ver⸗ ſichere, daß ich Sie beide, Sie und Fräulein Deniſe, recht lieb habe, aber ich fürchte..“ „Was fürchten Sie?“ fragte Franz ſo lebhaft, als hätte die Entſcheidung über ſein Schickſal in den Händen des Mädchens gelegen.„Wie viel Zeit werde ich lernen? mein Ehr meines2 gewiß m Auch da was vorg Schutz Freund.“ „Rei Frar werdeb „T das M jungen Wer we „ Seits 8 treiben? Anklar fernen ir der Ver⸗ ſchloſ⸗ 1. Ich ie ſehr abe ich mmliche er iſt yſchen. it den „aber dieſe h ver⸗ deniſe, öhaft, in den el Zeit 33 werde ich noch brauchen, meine Familie kennen zu lernen? Ehe ein Monat vergeht, ich gebe Ihnen mein Ehrrnwort, habe ich ſo oder ſo den Namen meines Vaters erfahren und dieſer Name kann ſich gewiß mit dem des Ritters von Reinhold meſſen. Auch das Vermögen ſcheint groß zu ſein nach dem was vorgeht, und dann bin ich auch nicht ganz ohne Schutz bei der Vicomteſſe; ihr Sohn iſt mein Freund.“ „Rechnen Sie auf ihn?“ fragte Gertrud. Franz zögerte einen Augenblick mit der Antwort. „Jetzt nicht,“ ſagte er endlich,„aber wenn ich werde beweiſen können..“ „Wenn Sie beweiſen können,“ unterbrach ihn das Mädchen,„werden Sie die Unterſtützung des jungen Herrn von Audemer nicht mehr nöthig haben.. Wer weiß, was bis dahin geſchieht!“ „Gertrud! Gertrud!“ unterbrach ſie ſeiner Seits Franz;„wollen Sie mich zur Verzweiflung treiben?“ „Ich will Sie vor ihr ſchützen.“ „Habe ich nicht die Unterſtützung Deniſes ſelbſt? Ich werde ſie ſehen..“ „Herr Franz,“ ſagte Gertrud, die einen leiſen Anklang von Spott nicht ganz aus ihrer Stimme ent⸗ fernen konnte,„das Trottoir vor dem Hauſe Aude⸗ 34 mer iſt ein gefährlicher Platz für eine Zuſammen⸗ kunft.“ Franz biß ſich auf die Lippe und ſeine Augen— brauen ſchienen ſich zuſammenziehen zu wollen, Aber er umfaßte ſcherzend Gertrud und ſagte: „Da Sie es durchaus wiſſen wollen, Schwe⸗ ſterchen, ſo muß ich Ihnen wohl ſagen, daß ich auf Sie, nur auf Sie rechne.“ „Du mein Gott!“ entgegnete das Mädchen lachend,„da werden Sie keinen mächtigen Schutz haben, Herr Franz.“ „Es iſt der beſte und Sie wiſſen es ja, da ſie mir bewieſen haben, daß alle andern nichts taugen. Sie haben ein ſo vortreffliches Herz!“ „Gut!“ fiel Gertrud ein;„nun bin ich nicht mehr ſo bös, nicht wahr? Jetzt kommen die Com⸗ plimente.”“ „Sie wiſſen, daß ich Sie ſo ſehr lieb habe,“ entgegnete Franz;„und wie würde es mich erfreuen, wenn ich Ihnen Gleiches mit Gleichen vergelten könnte!“ Gertrud ſtrengte ſich recht an, um ihre ſchel— miſche Miene zu bewahren; aber Franz war ein Glücklicher, deſſen Stimme von ſelbſt die krummen Wege zu finden wußte, welche zu dem Herzen eines Mädchens führen. Sobal mand. In die eine ſchon liebte Den Gefühl z hinzog. „Eie Mann for ſterchen. von iht ſehen.“ Das blicke ne Wanduh Stunden kündigen Sie Fran und dieſe „Si ſehr bitte „d mmen⸗ lugen⸗ vollen, Schwe⸗ daß ich ädchen Schutz da ſie allgen. h nicht Com⸗ habe,“ freuen, rgelten eſchel⸗ aar ein ummen n eines 4 35 Sobald er es wollte, widerſtand ihm Nie— mand. In dieſem Augenblicke vertheidigte er übrigens eine ſchon im Voraus gewonnene Sache. Gertrud liebte Deniſe und dann empfahl ihr auch nichts das Gefühl zu bekämpfen, welches Sie zu Franz hinzog. „Sie werden zu ihr gehen,“ fuhr der junge Mann fort;„ich weiß es, daß Sie gehen, Schwe⸗ ſterchen. Sie werden ihr ſagen, wie ſehr ich fern von ihr leide, und wie ich mich ſehne, Sie zu ſehen.“ Das Lächeln Gertruds wurde in dieſem Augen— blicke noch ſchelmiſcher, weil der Guckuk an der Wanduhr zwei leiſe Toͤne hören ließ, welche den Stundenſchlag eine oder zwei Minuten voraus an⸗ kündigen. 3 Sie ſah nach der Uhr; der Weiſer zeigte auf 9. Franz konnte nicht errathen, was dieſer Blick und dieſes Lächeln bedeuteten. 3n. „Sie werden ſie bitten,“ fuhr er fort,„recht ſehr bitten in meinem Namen, auf den Knieen..“ „Du mein Gott!“ „Schlagen Sie mir's ab?“ „Ich glaube ja.“ „Gertrud.“ „Herr Franz!“ 36 „Schweſterchen!“ „Armer Herr Franz!“ Die Uhr ſchlug die neunte Stunde und noch zit— terte der Glöckchenklang durch die Stube, als man in der Ferne einen Wagen auf dem Rotundenplatze raſſeln hörte. „Horchen Sie!“ ſagte Gertrud, indem ſie den Arm des Freundes drückte. Beide ſchwiegen und in dieſer Stille vernahmen beide zum erſtenmale auch das andere dumpfe und anhaltende Geräuſch, das wir mit Johann Regnault auf der Treppe gehört haben. Sie achteten aber nicht daauf. Der Wagen kam ſchnell näher. Als er anhielt, ſchien es, als ſei es vor dem Hauſe Dorns. Gertrud klatſchte in die Hände und ihr liebes Geſichtchen ſtrahlte von Freude. „Das nenn' ich Pünktlichkeit!“ ſprach ſie vor ſich hin. „Sie erwarten Jemanden?“ fragte Franz. „Ja,“ antwortete Gertrud. „Muß ich gehen?“ „Nein, Sie wrden nicht überflüſſig ſein; der Beſuch gilt vielleicht auch Ihnen ein wenig mit. Treten Sie nur in das Zimmer meines Vaters hinein.“ / Wer anſchickte z Im kle Franz trud ſchob die Thüre doch zit ls man enplatze ſie den nahmen 7 pfe und egnault anhielt, ſr liebes ſie vor nnz. ein; der nig mit Vaters 37 „Wer kommt?“ fragte Franz, indem er ſich anſchickte zuzuhorchen. Im kleinen Hofe hörte man leiſe Tritte. Franz wollte ſeine Frage wiederholen, aber Ger⸗ trud ſchob ihn das Zimmer Dorns hinein und ſchloß die Thuͤre hinter ihm zu. Elftes Kapitel. Fräulein von Audemer. Kaum war Franz in das Zimmer des Kleider⸗ händlers hineingetreten, als die leichten Tritte ſich auf den Treppenſtufen hören ließen. Einen Augen⸗ blick ſpäter klopfte man an die Thüre und diesmal ließ ſich Gertrud nicht lange bitten ehe ſie öffnete. Die beiden Thüren befanden ſich einander gegen⸗ über. Als die Treppenthüre ſich in ihren Angelndrehte, wäre Franz, der das Auge an das Schloß gelegt hatte, beinahe umgefallen; Gertrud hatte ihm ihre Vermittelung ſo beſtimmt abgeſchlagen, daß er auf alles andere vorbereitet war, nur nicht Fräulein von Audemer in der erwarteten Perſon zu ſehen. Deniſe trat ein. Der Wagen, deſſen Rollen in der Ferne das Geſpräch zwiſchen Franz und Gertrud unterbrochen hatte, war jener der Vicomteſſe und in demſelben welche das Deniſe ho Rückwege nachzufra ſtellen A Schloſſe Seit bis dahin weſen, pl Sie hatte für welch ſchien ſie chenen ten Aus Geldbere Die weilen niſes der eine ſolch wie die genug. Dinge anzuſeh etwas! in Her „Die 9 Kleider⸗ itte ſich Augen⸗ diesmal nete. gegen⸗ adrehte, gelegt im ihre er auf lein von olen in Gertrud und in — 1 39 demſelben ſaßen Deniſe und die alte Marianne, welche das junge Mädchen überall zu begleiten hatte. Deniſe hatte eine Freundin beſucht und auf dem Rückwege den Wunſch geäußert, bei der Stickerin nachzufragen, wie weit ſie mit den verſchiedenen be— ſtellten Arbeiten ſei, die ſie für das große Feſt im Schloſſe Geldberg beſtimmt hatte. Seit dem Morgen war das ſchöne Mädchen, die bis dahin gegen alle Vergnügungen gleichgiltig ge— weſen, plötzlich für das angekündigte Feſt begeiſtert. Sie hatte lange mitzjihrer Mutter darüber geſprochen, für welche es immer ein Lieblingsgeſpräch war. Sie ſchien ſich für alles zu intereſſiren, für die verſpro⸗ chenen Bälle, für die Jagdpartien und für die wei⸗ ten Ausflüge in die Berge, welche das alte Schloß Geldberg umgeben ſollten. Die Vicomteſſe erkannte ſie nicht wieder. Bis— weilen war ſie verſucht, die frohe Stimmung De⸗ niſes der Ankunft des Bruders zuzuſchreiben, aber eine ſolche Urſache war für eine ſo feine Beobachterin wie die Frau Vicomteſſe von Audemer nicht natürlich genug. Ihre Erfahrung geſtattete ihr nicht, die Dinge unter einem ſo gewöhnlichen Geſichtspunkte anzuſehen; ſie erklärte ſich deshalb die Sache durch etwas Unbekanntes: Wind, Nerven, Laune. Und im Herzen wiederholte ſie ihren Lieblingsausſpruch: „Die Mädchen! Die Mädchen!“ 40 Die Vicomteſſe mißbrauchte dieſen Ausruf wohl ein wenig, aber fand ſie keine Entſchuldigung? Wenn man ein mächtiges, tiefſinniges Univerſal⸗ wort gefunden hat, welches alles beantwortet, alles erklärt, ſelbſt auf die ſchwierigſten Fragen paßt und allein ſo viel werth iſt als zwei oder drei philoſo⸗ phiſche Syſteme, ſo kann man ſich wohl feſt daran— halten. Ein ſolches Wort überhebt uns des Nachdenkens und der Beſorgniß; es iſt ein weiches Kiſſen, auf welchem ein träger Geiſt ausruht. Man muß auch dieſe koſtbaren Formeln um ſo mehr werth halten, da ihre Anzahl ſehr beſchränkt iſt. Man könnte ſie leicht zählen. Außer: die Mädchen! die Mädchen! hat man noch: die Weiber! die Weiber! wie alte Junggeſellen auszurufen pflegen; dann: die Kinder! die Kinder! wie alle Lehrer ſprechen und: die Dummheit! die Dummheit! womit ein ausgepfiffener Schauſpieler, ein durchgefallener Dichter oder Bewerber ꝛc. ſich tröſtet. Wenn man rechts oder links ein wenig von der geraden Linie abweicht, gelangt man zu wahrhaft überraſchenden Reſultaten. Wer hat nicht in ſeinem Leben einen der guten Leute kennen gelernt, welche für alle Räthſel der Geſchichte einen politiſchen Schlüſſel beſitzen? Der König dieſer Verallgemeinerer iſt jener Hddalgo, Nevolutic geniale H die Somr den Piit Den mehr als gegangen Wunder nicht gle comteſſe! uber die Ritters Der gegen d wenden den Gla anderes Hauptro Orangen erfteulich Abe nens al kehrte ſi fahl der „A Ritter n VIII. fwohl gung? verſal⸗ , alles ßt und hiloſo⸗ daran⸗ denkens , auf un ſo ſchränkt n! hat ! wie n: die prechen womit fallener von der ahthaſt ſeinem lche füͤr ſchlüſſel iſt jener 41 Hidalgo, welcher die ſchlechten Ernten von 1789 der Revolution als Verbrechen anrechnete und jener geniale Krämer, welcher die Ueberſchwemmungen, die Sommerdürre, die Maikäfer und die Nervenfieber den Prieſtern und namentlich den Jeſuiten aufbürdet. Den ganzen Tag über war die Frau von Audemer mehr als hinreichend in die Ideen ihrer Tochter ein⸗ gegangen und ſie hatte das Feſt im voraus für ein Wunder erklärt, dem die künftigen Jahrhunderte nicht gleichkommen konnten. Auch hatte die Vi— comteſſe bei dieſer Gelegenheit geſchickt einige Worte uͤber die liebenswürdigen Eigenſchaften des guten Ritters von Reinhold einfließen laſſen. Deniſe war in ſo reizender Stimmung, daß ſie gegen die Lobſprüche über den Ritter nichts einzu⸗ wenden fand, ſo daß ihre entzückte Mutter durch den Glanz des Feſtes von Geldberg hindurch ein anderes beſcheideneres ſah, bei welchem ſie eine Hauptrolle ſpielen ſollte; ſie dachte an Hochzeit, Orangenblütenkranz, Millionen und andere höchſt' erfreuliche Dinge. Abends war Deniſe unter der Aufſicht Marian⸗ nens ausgefahren. Als ihr Beſuch zu Ende war, kehrte ſie aber nicht in ihr Haus zurück, ſondern be⸗ fahl dem Kutſcher ſie auf den Rotundeplatz zu fahren. „Aber, Fräulein,“ ſagte Marianne,„der Herr Ritter wird jetzt bei uns zu Hauſe ſein.“ VIII. 4 42 „Nun,“ antwortete Deniſe,„man muß doch auch ein wenig an das Feſt denken. Wenn ich Gertrud nicht antreibe, werde ich in dem Schloſſe Geldberg nur Altes tragen.“ Deniſe hatte ſo für einige Tage ihre Ausfluͤchte gefunden, auf denen ſie wie auf weichem Kiſſen fried⸗ lich ausruhen konnte. Das große Feſt mußte für alles ſtehen und ſo ſchwieg denn auch Marianne. Als man vor dem Hauſe Dorns ankam, ſtieg Deniſe raſch aus. „Bleiben Sie im Wagen, wenn Sie wollen,“ ſagte ſie zu Marianne,„ich habe Gertrud nur ein Paar Worte zu ſagen und komme gleich wieder.“ Marianne war alt und es war ſo ziemlich die Zeit, in welcher ſie gewöhnlich ſchlafen ging. Der Wagen hatte weiche Kiſſen und Deniſe wußte recht wohl, daß ſie die Alte ſchlafend finden würde. Sie ging in das Haus Hans Dorns hinein. Der Beſuch war zwiſchen ihr und Gertrud früh verabredet worden. Gertrud hatte nicht alles ſagen können, erſtlich weil die Zeit drängte und dann, weil ſie noch nicht die ganze Geſchichte des jungen Franz kannte. Sie hatte deshalb verſprochen ihn wiederzuſehen und ſich weiter zu erkundigen, beſon⸗ ders aber zu erfahren, ob das Duell keine Folgen haben könne und ob Franz vor jeder Gefahr ge⸗ ſichert ſei. Cs n Deniſes, Mariann u wiſſen Franz ſpt nen höre diel gelit Als einen zier gleich in ſo verſuc beſaß, Deniſe moͤglich Ob. Jägende doch no Vertrau Beit verwirkl eine ſchy ſchaft z ter eine Dieſe ohne S einnal denn je uß doch eenn ich Schloſſe sflüchte en fried⸗ ußte für inne. n, ſtieg ollen,“ nur ein der. mlich die g. Der ßte recht de. nein. rud früh es ſagen d dann, s jungen chen ihn u, beſon⸗ eFoölgen fahr ge⸗ 43 Es war dies ein Vorwand für das Gewiſſen Deniſes, wie die Stickerei ein Vorwand bei Marianne war. Deniſe wußte ſo ziemlich was ſie zu wiſſen brauchte, aber ſie wollte noch mehr von Franz ſprechen, ſeinen Namen noch mehrmals nen— nen hören; ſie hatte in der vergangenen Nacht ſo viel gelitten, ſich ſo ſehr geängſtiget! Als ſie eintrat, reichte ſie Gertruden, die ihr einen zierlichen Knir machte, die Hand. Ob ſie gleich in der Kindheit mit einander geſpielt hatten, ſo verſuchte es doch Gertrud nicht, die zuviel Tact beſaß, eine unmögliche Gleichheit herbeizuführen. Deniſe dagegen bemühte ſich den Abſtand ſoviel als möglich zu mindern, der ſie beide aus einander hielt. Obgleich Gertrud lange aufgehört hatte, die Jugendgeſpielin Du zu nennen, ſo nannte Deniſe doch noch immer die hübſche Stickerin mit dieſer Vertraulichkeit. Beide liebten einander und ihr redliches Herz. verwirklichte in Verbindung mit ihrem Zartgefühle eine ſchwere Aufgabe, nämlich eine aufrichtige Freund⸗ ſchaft zwiſchen einem reichen Mädchen und der Toch— ter eines Mannes, der von ſeiner Hände Arbeit lebt. Dieſe Freundſchaft war ohne Neid auf der einen, wle ohne Stolz auf der andern Seite; ſie verletzte nicht einmal die beſchränkten Schicklichkeitsbegriffe der Welt, denn jede der beiden Freundinnen blieb vollkommen 4* 44 auf ihrem Platze und wenn ein Schritt über die ſtrengen Regeln der Etikette hinaus gethan wurde, ſo wagte ihn gewiß die Stickerin nicht. „Ich habe Dir noch nicht genug gedankt, meine liebe Gertrud,“ ſagte Deniſe als ſie eingetreten war, „für die Freude, die Du mir heute früh bereitet haſt. Wenn Du alles wüßteſt, was er mir geſtern Abend ſagte! Ich konnte kaum noch Hoffnung hegen.“ Man bemerkte eine gewiſſe Verlegenheit auf dem Geſichte Gertrudens und es fehlte etwas dem Empfange, der gewöhnlich ſo freundlich und herz⸗ lich war. Sie bot Deniſe einen Stuhl und dieſe ſetzte ſich. Franz, der noch immer hinter der Thüre ſtand, hatte Fräulein von Audemer ſogleich erkannt. Im Anfange kannte ſein Staunen keine Grenzen, dann trat an deſſen Stelle die Freude und endlich die Un— geduld. Deniſe befand ſich kaum ein Paar Secunden da und ſchon wußte er ſich nicht mehr zu laſſen; er konnte kaum dem Verlangen widerſtehen die Thüre zu öffnen, die ihn allein von Fräulein von Audemer trennte. Er ſah ſie nicht mehr. Deniſe hatte ſich, nach⸗ dem ſie über die Schwelle getreten war, von der geraden Linie von einer Thüre zur andern entfernt und nur in dieſer geraden Linie konnte er ſie durch das Schlüſſelloch ſehen. Zwar und horch lich dick Wenigſte Wäh Gertrud plauderte „Ha Audemer. „3 „Nu Sta nach der Gedank nicht m ſammen Sie Bedenkli ihre Küͤl Anweſen Das nen, ho Si ber die wunde, „meine e war, tt haſt. Abend en.“ eit auf as dem dherz⸗ zte ſich. eſtand, t. Im u, dann die Un⸗ ecunden ſen; et Thüre ludemer , nach⸗ von der entfernt ſe durch 45 Zwar konnte er das Ohr an die Thüre legen und horchen, aber die Thüre Hans Dorns war ziem⸗ lich dick und die beiden Mädchen ſprachen leiſe. Wenigſtens hörte der arme Franz gar nichts. Während er ſeinen Unſtern verwünſchte, hatte Gertrud neben ihrer Freundin Platz genommen. Sie plauderten. „Haſt Du ihn geſehen?“ fragte Fräulein von Audemer. „Ja, ich habe ihn geſehen,“ antwortete Gertrud. „Nun?““ Statt zu antworten, blickte Gertrud verſtohlen nach der Thüre zu dem Zimmer ihres Vaters. Neue Gedanken ſtiegen in ihrem Geiſte auf. Sie wagte nicht mehr. Sie fürchtete ſich jetzt vor dieſer Zu⸗ ſammenkunft, die ſie erſt ſo freudig vorbereitet hatte. Sie wunderte ſich, daß ſie nicht vorher ſchon Bedenklichkeiten gehabt hätte. Wie würde Deniſe ihre Kühnheit aufnehmen und wie ſollte ſie ihr die Anweſenheit des Geliebten melden? Daß ſie dieſelbe ganz werde verheimlichen kön— nen, hoffte Gertrud nicht. Sie ahnte die Stellung des jungen Mannes, als ſtehe ſie neben ihm. 3 Sogar ſeinen Geſichtsausdruck errieth ſie, in welchem die drohende Ungeduld von Minute zu Mi— nute ſichtbarer wurde. 46 Er ſchwieg allerdings noch und man hörte nicht, daß er ſich bewegte, aber gewiß ſprach er bald und ſuchte wenigſtens auf irgend eine Weiſe die Aufmerk⸗ ſamkeit Deniſens auf ſich zu ziehen. Und wenn Deniſe ſich erzürnte! Gertrud fühlte ſchon im voraus die bitterſte Reue. Bis zur Ankunft des Fräulein von Andemer hatte ſie nur an die Freude gedacht, beide verwun⸗ dert und glücklich, beide erröthen, ſtaunen und ein— ander zulächeln zu ſehen. Jetzt quälten ſie eine Menge Zweifel und ſie wußte nicht, ob ihr Eifer als Beleidigung aufgenommen werden würde. So ſaß ſie ſchüchtern und erröthend neben ihrer Freundin. „Nun?“ fragte Deniſe. „Ach Gott, liebes Fräulein,“ antwortete Ger⸗ trud, die ihre Aengſtlichkeit nicht überwinden konnte, „ich ſage Ihnen, daß ich mein Mögliches gethan habe.“ Ihre Stimme bebte leicht. Deniſe blickte ſie an und ihr Auge hatte einen beſorgnißvollen Ausdruck. „Iſt ein Unglück geſchehen?“ flüſterte ſie. „Nein, nein,“ entgegnete Gertrud lebhaft;„ich habe Herrn Franz geſehen.., es iſt nichts mehr zu fürchten, im Gegentheil, ich glaube er hat Urſache recht zufrieden zu ſein..“ „Täuſcheſt Du mich nicht, Gertrud?“ ———— „Nräu Vorwurfe nieder. Deni und bem häufig v „W habe Sie Zum nicht D. darüber tets ein geſperr Ge Verlege „ welche „ich bit nichts, 73 entgegn enicht, d und ufmerk⸗ fühlte udemer erwun⸗ nd ein⸗ je eine fer als en ihrer te Ger⸗ konnte, gethan ſie an Sdruck. 4 ſt ich mehr zu Urſache 47 „Fräulein ¹“ entgegnete dieſe in einem Tone des Vorwurfs, aber die Augen ſchlug ſie noch immer nieder. Deniſe betrachtete ſie einen Augenblick ſchweigend und bemerkte, daß der Blick der ſchönen Stickerin häufig von der Seite nach der Thüre ſchiele. „Was haben Sie, Gertrud?“ fragte ſie.„Ich habe Sie noch nie ſo geſehen.“ Zum erſtenmale nannte Deniſe die Freundin nicht Du, aber Gertrud hatte keine Zeit traurig darüber zu werden, weil in dem Zimmer ihres Va⸗ ters ein Geräuſch entſtand. Die Geduld des ein⸗ geſperrten Franz war zu Ende. Gertrud rückte ihren Stuhl und huſtete; ihre Verlegenheit ſteigerte ſich mehr und mehr. „Gertrud,“ fuhr Fräulein von Audemer fort, welche dieſe Verlegenheit auf ſich beziehen mußte, „ich bin ſtak, Du weiſt es, verſchweige mir alſo nichts, ich bitte Dich darum.“ „Ich verberge Ihnen nichts, liebes Fräulein,“ entgegnete Gertrud. Aber als ſie fortfahren wollte, ſchnitt ihr der Gedanke, daß ſie Franz nebenan verſteckt habe, die Worte ab. Sie wollte wenigſtens nicht lügen. Deniſe faßte ihre Hand. Dieſe Zurückhaltung hatte ſie mehr als alles beſorgt gemacht. „Meine gute Gertrud,“ ſagte ſie bittend,„ich 48 weiß, daß Du mich lieb haſt.. Deine Freund⸗ ſchaft veranlaßt Dich, mir jetzt die Wahrheit zu ver⸗ heimlichen. Sprich, ich beſchwöre Dich.. Wenn Du wüßteſt, was ich fürchte!“ „Mein Gott! Mein Gott!“ murmelte die arme Gertrud, auf deren Lippen gleichwohl ein Lä⸗ cheln ſchwebte. Ein Dritter, der unerwartet und in das Geheim⸗ niß der Lage nicht eingeweiht, eingetreten wäre, würde durchaus nicht errathen haben, was zwiſchen den beiden Mädchen vorging. Die Augen Deniſens blieben trocken, aber ein Schleier der Bläſſe lag auf ihrem Geſichte, deſſen Ausdruck von Minute zu Mi⸗ nute ſchmerzlicher wurde. Die Stirn, die Wangen und der Hals Gertrudens dagegen waren hoch⸗ geröthet, aus ihren niedergeſchlagenen Augen ſchie⸗ nen jeden Augenblick die Thränen dringen zu müſſen, aber unter den langen Franſen ihrer Lieder hervor⸗ ſchielte ſie nach der Thüre und hinter der Thräne, die an ihrem Auge zu hängen ſchien, lauerte ein muthwilliges Lächeln. Noch zögerte ſie einige Minuten und erſt als Franz noch ſtärkeres Geräuſch im Nebenzimmer machte, richtete ſie mit ſchelmiſchem Ausdrucke plötz⸗ lich den Kopf empor. „Nun meinetwegen,“ ſagte ſie;„ich will Ihnen lieber alles ſagen als Sie ſo in Angſt und Unruhe laſſen.. ſtens allei Sie w diesmal u 6 ganzen M Eine Kaäulein würfe; D hin, die folgte di Fran maßen ü ihm reich führen. Et in ſeiner Kopf ge Röthe die Ful ſcheinen 49 Iteund⸗ laſſen.. Wenn Sie bös werden, werde ich wenig— du ver⸗ ſtens allein den Kummer haben.“ Venn Sie wendete ſich nochmals nach der Thüre, aber diesmal mit geraden Augen. lt die„Er iſt da drinn,“ ſagte ſie indem ſie ihren ein Lä⸗ ganzen Muth zuſammennahm. Eine flüchtige Röthe färbte die Wangen des Sehein⸗ Fräulein von Audemer. Gertrud erwartete Vor⸗ wärt, würfe; Deniſe aber ſtand auf und ſagte ſanft: wiſchen„Ich will ihn ſehen.“ eniſens Gertrud hätte ſie dafür küſſen mögen. Wi Glücklich und leicht hüpfte ſie nach der Thüre 1) M⸗ hin, die ſie raſch öffnete. Sie trat ein und Deniſe folgte dicht hinter ihr. 3 Franz ſtand hinter der Thüre, ſo daß er gewiſſer⸗ miſ, maßen übr dem Horchen ertappt wurde. hervor⸗„Deniſe!“ ſtammelte er. Fräulein..!“ hräne, Er ergriff die Hand des Mädchens, die ſie tte ein ihm reichte, wagte aber nicht ſie an ſeine Lippen zu führen. eiſt als Er hatte einen Anfall von Blödigkeit. Eben zimmer in ſeiner Ungeduld war ihm ein Gedanke durch den feplöß⸗ Kopf gegangen, einer der Gedanken, welche glühende Röthe auf die Stirn ſtolzer Jünglinge treiben,— Ihnen die Furcht, vor der Geliebten lächerlich zu er⸗ Unruhe ſcheinen. 50 Denke doch Jeder an ſeine Jugendjahre, um dieſe Lage zu begreifen. Man erinnert ſich eines ungelegenen Wortes, einer ungeſchickten Geberde, eines linkiſchen Beneh⸗ mens; die Bruſt fühlt ſich beengt, Schweiß tritt auf die Stirn; man leidet und ſelbſt Gewiſſenspein iſt nicht quälender. Die Thüre hatte ſich gerade in dem Augenblicke geöffet als Franz ſich gegen den feinen Stachel jener Scham ſträubte, welcher ſo leicht den Weg zu jungen Herzen findet. Es war ihm als hätte er das Fieber. Das Beiſammenſein am vorigen Tage, an das er vorher mit wahrem Entzücken gedacht hatte, kam ihm jetzt wie eine Schande vor. Welche jämmerliche Rolle, Du mein Gott! ſpielt in allen Vaudevilles, ſelbſt in den dümmſten, ein kräftiger junger Menſch, der zu ſterben droht, ein Geheimniß herauspreßt und nicht ſtirbt! Die Sache iſt gemein geworden; man weiß ſchon im voraus, daß der junge Menſch niemals ſtirbt und man lacht über ihn. Franz wäre gern geſtorben. Als Deniſe auf der Schwelle erſchien, hatte er Luſt ſich zu verbergen, ſtatt ſich zu freuen. Wenn er in dieſem Augenblicke das ſchadenfrohe Lächeln Gertruds geſehen hätte, wer weiß, zu wel⸗ chem Aeußerſten ihn ſeine Verzweiflung getrieben haben w den Rück Schreibtiſ Fräͤu Franzens Sie ſchw war. L vorigen? rettet, we hatte füre Sie in der 3 Geſellſch haben n von den denn ſie Reichthu ſagen nu Unte geringſte werth v wenig keinen wöhnli Namen Er alten( 51 te, un haben würde. Aber Gertrud wendete ihm gerade 4 den Rücken zu und ſtellte das Licht auf den kleinen Vortes, Schreibtiſch ihres Vaters. 4 Ventſ⸗ Fräulein von Audemer theilte die Verlegenheit titt aauf Franzens nicht, ſie bemerkte dieſelbe nicht einmal. zpein iſt Sie ſchwieg zwar, aber nur weil ihr Herz zu voll war. Sie ſah ihn aus der großen Gefahr vom genblickt vorigen Tage gerettet und auch aus der Gefahr ge— hel jner rettet, welche die Verlegenheit Gertrudens ſie vorher jungen hatte fürchten laſſen. Fieber. Sie liebte ihn ſchon längſt. Sie hatten einander das in der Zeit, als Deniſe aus der Penſion kam, in der t, kan Geſellſchaft reicher Bankiers kennen gelernt. Wir haben weder den Wunſch noch einen Grund, ſchlecht r Goft! von den jungen Erben der Geldmänner zu ſprechen, immſten, denn ſie ſind unſere Herren; möge der Gott des en droht, Reichthums ihnen Freuden die Fülle geben! Wir t! Die ſagen nur, daß Franz ihnen nicht glich. hon im Unter allen den ſchönen Söhnen, von denen der irbt und geringſte fünf bis ſechsmalhunderttauſend Francs V werth war, nahm der arme kleine Franz gewiß ſehr wenig Platz ein. Er hatte keine Pferde, alſo auch hatte et keinen Jockey; er hatte nicht einmal das ganz Ge— wöhnliche, was ſich ſelbſt die Müͤlatten geben, einen nenftohe Namen, einen Titel, ein armſeliges Wappen. „zau wel⸗ Er befand ſich genau in der precairen Lage jener getrieben alten Schäferinnen, welche Könige heiratheten; er 52 beſaß nämlich nichts als ſein Herz und ſein hübſches Geſicht, außerdem etwa einige Kleinigkeiten, die wir nicht einmal beſchreiben können, einen gewiſſen Reiz, etwas angeborenes Ausgezeichnetes oder Vornehmes, eine Gabe, die gefällt und imponirt. Wenn man von Pferden ſpricht, nennt man das Blut oder Race. In der Natur Deniſes lag es dagegen, das Edle zu lieben. Das Ausgezeichnete zog ſie an. War ſie doch ſelbſt das reizende Muſterbild der ein⸗ fachen Anmuth, deren Geheimniß ausſchließlich die ächte Ariſtokratie beſitzt. Es lag in ihr kein Atom von Koketterie in der bürgerlichen Bedeutung dieſes Wortes. Sie verheimlichte nichts, ſie heuchelte nichts; ein zufällig gehörtes Wort brachte jene ſcheue Röthe, welche ein Zeichen der Schamhaftig⸗ keit ſein will und nur zu deutlich vom Wiſſen ſpricht, nicht auf ihre Wangen. Ihre ſchönen Augen mit dem klaren ruhigen Blicke verhüllten ſich nicht zu oft mit dem Schleier ihrer Lider. Alles war in ihrem Geſicht wie in ihrem Herzen rein nnd na⸗ türlich. Sie verſtand jene alte Rolle mit Grimaſſen und Lügen nicht zu ſpfelen, welche das Herkommen den jungen Mädchen aufzwingt; ſie war immer ſie ſelbſt, d. h. anmuthig, züchtig und würdevoll. In der Geſellſchaft, in welche ihre Mutter ſie gefühlt ha chen und Deniſe ha digen war beſaß, dal ſich hinge gut und n uͤbrigen h ſchöne Kle ſten geſehe die Erſah ſcheiden; Sie chen Me⸗ und die der wire ſie ihn d übrigen ſie mit de unter ſei Ehrenha Sie ohne da ren erſt wenn au war, d gegen ei 53 hülbſches geführt hatte, gab es allerdings viele reizende Mäd⸗ die wit chen und viele junge anſprechende Herren, aber ſen Reiz Deniſe hatte, entweder weil ſie zu ſchwer zu befrie⸗ nehmes, digen war oder weil ſie einen unglücklichen Geſchmack enn man beſaß, darin nur zwei Weſen gefunden, zu denen ſie ut oder ſich hingezogen fühlte: Lea von Geldbeeg, welche gut und natürlich war wie ſie und Franz. In allen en, das Fübrigen hatte ſie nur ſchöne Augen, ſchönen Teint, ſie an. ſchöne Kleider, ſchöne Schnurrbärte und ſchöne We⸗ der ein⸗ ſten geſehen. Und dabei beſaß ſie noch nicht einmal glich die die Erfahrung, das Aechte von dem Unächten unter⸗ in Nom ſcheiden zu können. i diſſes Sie hatte den armen Franz aus der ganzen rei⸗ heuchelte chen Menge herausgefunden. Obgleich die Erziehung hhte jene und die Umſtände jene feine Blüte der Race, von mhaftig⸗ der wir eben ſprachen, ſehr abgeblaßt hatten, ſo ſchied Wiſſen ſie ihn doch ſogleich von dem großen Haufen der n Augen ubrigen Herren, die es übelnehmen, wenn man ich nicht ſie mit dem Namen ihres Vaters nennt. Sie hatte war in unter ſeiner leichtfertigen Ausgelaſſenheit ritterliche nd na⸗ Ehrenhaftigkeit herausgefühlt. Sie hatten einander gleichzeitig liebgewonnen, iſſen und ohne daß ſie es ſich ſagten. Siſgeerin uſf wa⸗ unen den ren erſt am Tage vorher auf ihre Lippen getreten, ſi ſelbſt wenn auch ihr Verhältniß ſchon von längerer Dauer war, denn die Herzen hatten ſie ſchon vor Monaten dutter ſie gegen einander ausgetauſcht. Wir haben bereits erwähnt, daß ihre Geſichter eine auffallende Aehnlichkeit mit einander hatten, die noch größer wurde, wenn ſie zufällig gleiche Ge— fühle ausdrückten. Ihre Charaktere dagegen glichen einander nicht, wenn ſie auch nicht gerade entgegen⸗ geſetzt waren. Franz war lebhaft, muthwillig, keck, Deniſe dagegen mehr ruhig und ſchüchtern. Franz trieb die Luſtigkeit bis zur Ausgelaſſenheit, Deniſe war ernſt. Aber der liebe Gott hat die menſchlichen Charaktere auch nicht nach den Regeln der poetiſchen Kunſt geſchaffen. Der Menſch wandelt ſich ſtets um je nach den Umſtänden. Die Rollen, welche wir Franz und Deniſe zugetheilt haben, könnten wechſeln wie alles in der Welt. In dieſem Augenblick z. B. als das ſchüchterne Mädchen über die Grenzen der gewöhnlichen Schick⸗ lichkeit hinausging, empfand ſie gar keine Verlegen— heit. Sie gab ſich ganz ihrer Befriedigung hin, während Franz, der ſonſt ſo kecke Page, ganz und gar den Kopf verlor. Je länger die Pauſe dauerte, um ſo mehr ſchnürte ihm die kindiſche Angſt das Herz zuſammen. „Fräulein, aſtammelte er endlich, indem er die Augen halb auf ug,„nichts was Sie mir ſagen können, kommt dem Vorwurfe gleich, den mir das eigene Gewiſſen macht.. Ich bin ein Thor, aber halten Sie mich um Gotteswillen nicht für ſchlecht. 4- Gertrt u lächeln ſine Wor noch imm ſah ihn en „Fral ihre Auge freue mich Cs la ten, daß mit einer ſein ein Augen pen die Del der und Ger wiſſen w ſchlich ſi verlaſſen In uͤber die nach ih „,1 milder zwiſche Geſicher atten, die eiche Ge⸗ en glichen entgegen⸗ lig, keck, Franz „Deniſe nſchlichen voetiſchen ſtets um elche wit wechſeln chüchterne en Schick⸗ Verlegen⸗ Ung hin, ganz und dauerte, ingſt das dem er die mir ſagen n mir das hor, aber 5 71 ſchecht 1 5⁵ Gertrud hörte ihn ſprechen und verſuchte nicht zu lächeln; Fräulein von Audemer dagegen ſchien ſeine Worte gar nicht gehört zu haben. Sie hielt noch immer die Hand Franzens in der ihrigen und ſah ihn entzückt an. „Franz,“ ſagte ſie endlich leiſe und ließ dabei ihre Augen ihr ganzes Gefühl ausdrücken,„ich freue mich ſehr Sie wieder zu ſehen..“ Es lag ſo große Liebe in dieſen einfachen Wor⸗ ten, daß die falſche Scham des jungen Mannes mit einemmale ſchwand. Er dachte nicht mehr an ſein eingebildetes Verbrechen, ſchlug endlich die Augen zu Deniſe auf und berührte mit ſeinen Lip— pen die weiche Hand des Mädchens. Deniſe lächelte. Sie ſtanden nahe bei einan— der und ihre glücklichen Blicke ſprachen mit einander. Gertrud fühlte, daß ſie erröthete, ohne aber zu wiſſen warum. Ohne weiter darüber nachzudenken, ſchlich ſie durch das Zimmer und wollte daſſelbe verlaſſen. In dem Augenblicke aber, als die kleine Stickerin über die Schwelle ſchreiten wollte, drehte ſich Deniſe nach ihr um. „Bleibe, meine gute Gertrud,“ ſagte ſie mit milder ruhiger Stimme;„Du biſt nicht zu vlel zwiſchen uns.“ Zwölftes Kapitel. Das Zeiſammenſein. Gertrud holte ihre Stickerei und ſetzte ſich damit an den Arbeitstiſch ihres Vaters. Deniſe und Franz ſetzten ſich neben einander. Die letzten Worte des Fräulein von Audemer, die ohne alle Affectation geſprochen wurden und die man als ein Zeichen des Vertrauens zu Gertrud auslegen konnte, gaben dem Beiſammenſein doch etwas Ern⸗ ſtes und Gezwungenes. Man konnte wohl recht vertraulich mit einander plaudern, war aber doch nicht allein. Das ernſte Geſicht Deniſens drückte weder Ver⸗ legenheit noch Beſorgniß aus; ihr Blick ruhte mit unverhohlener Freude auf Franz und wenn ein Wort nicht über ihre Lippen kam, ſo war es ein ſtilles Ge⸗ bet zu Gott, der ſie ſo glücklich werden ließ. à Franz habt; aber Peſen De fallende, ſchönes M feit und Li gewiſſen 3 Deniſe „Ich Franz,“ ſein, wen wüͤnſchte „W Mann ſt konnte. Den „Ill Sie mich zu leſen. ich bemü J lieben? Die einen e erſtarb X — ‿ VIII. ich damit einander. mer, die die man auslegen das Ern⸗ ohl recht ber doch eder Ver⸗ uhte mit ein Wort tilles Ge⸗ . Franz hätte lieber etwas mehr Romanhaftes ge⸗ habt; aber bei den offenen würdevollen Worten und Weſen Deniſes verlor das Abenteuer alles Auf— fallende, Geheimnißvolle. Zwar ſah Franz ein ſchönes Mädchen neben ſich, die ihn mit aller Innig— keit und Liebe anlächelte, aber er fühlte doch einen gewiſſen Zwang. Deniſe brach denn auch zuerſt das Schweigen. „Ich erwartete es nicht, Sie hier zu treffen, Franz,“ ſagte ſie;„aber ich würde auch gekommen ſein, wenn ich es hätte vermuthen können, denn ich wünſchte Sie zu ſehen.“ „Wie gütig Sie ſind!“ entgegnete der junge Mann ſo leiſe, daß nicht einmal Gertrud ihn hören konnte. Deniſe dagegen ſprach vollkommen laut. „Ich wollte Sie ſehen,“ fuhr ſie fort,„weil Sie mich geſtern genöthigt haben, in meinem Herzen zu leſen. Zwar vermuthete ich ſchon längſt, aber ich bemühte mich immer noch zu zweifeln.“ „Iſt es denn ein ſo großes Unglück mich zu lieben?“ fragte Franz vorwurfsvoll. Die großen blauen Augen Deiſn erhielten einen ernſten gedankenvollen Blick. Ihr Lächeln erſtarb auf den Lippen. „Ich weiß nicht,“ antwortete ſie unwillkürlich VIII. 5 17 58 leiſer;„ich bin noch ſo jung und kenne das Leben nicht. Sind Sie nicht auch noch ein Kind?“ Dieſes Wort klingt in den Ohren von zwanzig Jahren immer nicht gut. Franz ſchielte nach Gertrud hin, um zu ſehen, ob ſie es gehört habe. Die kleine Stickerin ſaß ſehr ernſthaft da, es lauerte aber ein ſchelmiſches Lächeln um ihren Mund. Sie arbeitete emſig und ihre langen ſchwarzen Wim— pern verbargen den heitern Blick ihrer Augen nur halb. Seit Deniſe in das Zimmer des Kleiderhändlers getreten war, hatte das unerklärliche Geräuſch auf— gehört, das Johann Regnault auf der Treppe gehört hatte und von dem wir ſchon mehrmals geſprochen haben. In dieſem Augenblicke begann es von neuem, aber ſo ſchwach, daß es die Aufmerkſamkeit der bei⸗ den Liebenden nicht erregte. Nur Gertrud hörte es; ſie richtete raſch den Kopf empor und horchte. Das Geräuſch kam von der Ecke des Zimmers, da wo es an die Wand des andern Zimmers ſtieß und wo das Bett des Hans Dorn ſtand. Es war ein dumpfes ununterbrochenes Knir⸗ ſchen, das hinter dem Bette hervorzukommen ſchien, als wenn ein unſichtbarer Arbeiter von außen an der Wand arbeitete. Gertru aber die Ur ufme ire A Temple ve ds Geräu herüberſche „Ich iht ſchönes Ihnen ſpr daß ich 3 daß ich 8 Das „Ge Frage ſ würden aber, ack kunſt mit lange Ge undſ ſie 618 trud?“ Tochter 2 / as Leben 24 zwanzig zu ſchen, da, es n Mund. en Wim⸗ gen nur handlers uſch auf ve gehört eſprochen nneuem, der bei⸗ den Kopf immers, ners ſtieß es Knir⸗ en ſchien, en an der 59 Gertrud horchte einen Augenblick ängſtlich; als aber die Unterredung der beiden Liebenden von neuem ihre Aufmerkſamkeit erregte, ſagte ſie ſich, daß es im Temple verſchiedene Beſchäftigungen gebe und daß das Geräuſch wahrſcheinlich aus dem Nachbarhauſe herüberſchalle. „Ich weiß nicht,“ fuhr Deniſe fort, die langſam jihr ſchönes Köpfchen ſchüttelte,„und ich wollte mit Ihnen ſprechen, Herr Franz, um Ihnen zu ſagen, daß ich Ihnen geſtern die Wahrheit geſagt habe, daß ich Sie liebe; aber was können wir hoffen?“ Das Geſicht des glücklichen Franz ſtrahlte. „Geſtern,“ antwortete er,„würde mich dieſe Frage ſehr unglücklich gemacht haben, denn ich würde nicht haben darauf antworten können. Heute aber, ach Fräulein, wenn Sie wüßten, was die Zu⸗ kunft mir zu verſprrihen ſcheint! Es iſt freilich eine lange Geſchichte.“ „Ich habe nicht viel Zeit,“ unterbrach ihn Deniſe. „Unſere gute Gertrud weiß alles,“ fuhr Franz fort;., ‚ich habe ihr meine Geheimniſe mitgetheilt und ſie kann es Ihnen erzählen.“ „Sie ſind alſo alte Bekannte, Sie und Ger⸗ trud?“ fragte Fräulein von Audemer indem ſie die Tochter Dorns freundlich anblickte. „Ach ja,“ antwortete Franz keck, dann ſchwieg 5* 60 er verlegen, weil die hübſche Stickerin laut auf⸗ lachte. „Ach ja,“ wiederholte ſie;„unſere Bekannt— ſchaft zählt nicht nach Jahren, nicht nach Monaten, nicht einmal nach Wochen.“ „Und ich wußte es nicht!“ unterbrach ſie Deniſe. „Ich auch nicht,“ ſagte Gertrud,„und der Herr Franz auch nicht.. Wir haben einander ge⸗ ſtern zum erſtenmale geſehen.“ Franz wurde roth wie eine Kirſche; er hatte nicht zu lügen geglaubt, denn Gertrud war ihm wie eine langjährige treue Freundin. „Und ſchon Vertraulichkeiten?“ fragte Deniſe erſtaunt. „Ach,“ ſagte Gertrud,„ſſeit geſtern iſt ſoviel geſchehen. Herr Franz iſt in Todesgefahr geweſen und das zählt wohl ſoviel als zehn Jahre.“ Der Ton des Mädchens wurde ernſt und gefühl⸗ voll als ſie die letzten Worte ſprach. Dann ſchlug ſie von neuem die Augen nieder auf ihre Stickerei. Deniſe hätte ihr gern einen Kuß gegeben. Franz war noch immer verlegen über ſeine un— willkürliche Lüge. Bei meiner Ehre,“ ſagte er,„ich wollte Sie Klugen, Fräulein. Ich kenne keine andern ude als Gertrud und deren Vater und es iſt 77 nir alsh ich Sie g. „Ich Deniſe: Dank ſcht „Jetz Franz fo alles ſage „5p Mäͤdcher „ „iſt, namenl Er lich mi aus Re ſo daß hegte⸗ G des Lib Unger zens wurde und ii aut auf⸗ Bekannt⸗ lonaten, rach ſie und der nder ge⸗ er hatte ihm wie Deniſe iſt ſoviel geweſen gefühl⸗ ſchlug cckerei. 1 ſeine un⸗ ollte Sie andern id es iſt 61 mir als hätte ſie mich immer geliebt wie jetzt; habe ich Sie getäuſcht, ſo iſt es unwillkürlich geſchehen.“ „Ich danke Dir, meine gute Gertrud,“ ſagte Deniſe:„ich wußte gar nicht, daß ich Dir ſoviel Dank ſchuldig ſei.“ „Jetzt aber werde ich Freunde bekommen,“ fuhr Franz fort.„Ich will Ihnen mit zwei Worten alles ſagen, Deniſe: ich bin reich und von Adel.“ „Sprechen Sie die Wahrheit?“ flüſterte das Mädchen verwundert. „Und mein liebſtes Glück,“ fuhr Franz fort, „iſt, daß ich Ihre Liebe beſaß als ich arm und namenlos war.“ Er ſprach mit ſo tiefer Ueberzeugung und wirk⸗ lich mit dem Gefühle eines Mannes, der plötzlich aus Noth und Unglück herausgeriſſen worden iſt, ſo daß Deniſe auch nicht einen Schatten von Zweifel hegte. Gertkud dagegen fühlte trotz ihrer Unkenntniß des Lebens recht wohl, welche Hinderniſſe und welche Ungewißheit noch zwiſchen der wirklichen Lage Fran⸗ zens und dem gehofften Glücke lagen. Ihr Herz wurde beklommen als ſie ihn ſo vertrauensvoll ſah und in ihr erhob ſich eine Stimme wie ein trauriges Echo, das auf den Freudenjubel ein Wehe nachrief. Sie, die gewöhnlich ſo heiter war, wußte nicht, 62 warum jene fröhlichen Worte wie ein Mißton in ihrem Ohr klangen und ſie traurig machten. „Sie haben Recht, Franz,“ ſagte Fräulein von Audemer,„ich liebte Sie als Sie arm waren, ich würde Sie immer geliebt haben, aber Gott ſei ge— prieſen, denn meiner Mutter würde ich nie ungehor⸗ ſam geweſen ſein und ſo wären wir gewiß recht unglücklich geworden.“ Franz rieb ſich die Hände als hätte der Gedanke an die glücklich vermiedene Gefahr ſeine Zufrieden⸗ heit noch höher geſteigert. „Mein Gott,“ ſagte er mit tiefem Mitleiden über ſein früheres Schickſal,„ich weiß wahrhaftig nicht, wie ich ſo keck ſein konnte zu hoffen; Sie, Deniſe, hielten meinen Muth aufrecht; ich kannte Ihr Herz; ich wußte, welchen Edelmuth und welche Güte Sie beſaßen; an meine Armuth dachte ich leichtſinniger Menſch und an die Frau Vicomteſſe auch nicht, weil ich immer nur an Sie dachte. Jetzt aber,“ fuhr er ernſter fort,„muß man die Sachen ernſthaft anſehen und ſobald von Ihnen die Rede iſt, Deniſe, wird der Leichtſinn ein Verbrechen. Hören Sie mich an.. Ich brauche noch einige Tage, um den Namen meines Vaters zu erfahren; bis dahin werde ich mich klüglicherweiſe bei Seite halten und erſt, wenn ich Gewißheit habe, bei der Frau Vicomteſſe von Audemer erſcheinen.“ — 63 Das war klug und Deniſe billigte es. „Und glauben Sie,“ fuhr Franz fort,„daß ich abgewieſen werde, wenn ich mit meinem Namen und Vermögen komme?“ „Meine Mutter iſt gütig,“ antwortete Deniſe; „ich werde ihr ſagen, daß ich Sie liebe.“ Franz drückte die Hand des Mädchens nochmals an ſeine Lippen. „So oft ich dieſes Wort aus Ihrem Munde höre,“ ſagte er,„fürchte ich einen nur zu glücklichen Traum zu träumen. Aber es iſt wahr, Sie ſind hier.. Gott hat ſelbſt das Aeußerſte verwirklicht, was ich zu hoffen wagte. Ach wie ſchön ſind Sie, Deniſe und wie gern lebe ich nun! Wir ſind jung, unſere Zukunft iſt lang und ohne Wolken, überall Ihr ſchönes Lächeln, nichts als Glück.“ Er ſchwieg, ſein Herz war zu voll. Seine Be⸗ geiſterung fand keine Worte mehr. Einen Augenblick ſaß er wie andächtig da und betrachtete Deniſe anbetungsvoll. Das Mädchen ſah ihn auch an; ſie war hin⸗ geriſſen, völlig überzeugt. Kein Zweifel trübte ihr Glück. Aus der Seele ihres Franz ging die Illu⸗ ſion in die ihrige über und ihre entzückten Gedanken wiegten ſich in Liebkoſungen.. Es fiel ihr nicht ein zu fragen, ſie glaubte und der Glaube machte ſie ſo glücklich. 64 Ihre Stühle waren, wir wiſſen nicht wie, ein— ander ganz nahe gekommen. Sie ſaßen ſo dicht neben einander; ihre ſo ähnlichen Geſichter berühr⸗ ten ſich faſt; die zierlichen Ringel ihrer blonden Locken floſſen in einander; es war ein liebliches Bild. Man hätte ſie auf den erſten Blick für Bruder und Schweſter halten können, aber in dem ver⸗ ſchleierten Blicke Franzens lauerten heiße Blitze und in dem ſüßen Schmachten, das in den Augen Deni⸗ ſens lag, war die Leidenſchaft nicht zu verkennen. Die Liebe, die reizende junge Liebe drang durch, welche alles ſchmückt und ſelbſt die Schönheit ver⸗ ſchönt. Wie die Blume, welche im Schatten erblühete, neuen und unbekannten Farbenſchmuck erhält, wenn die Sonne einen goldenen Strahl auf ihren jung⸗ fräulichen Kelch wirft. Gertrud wagte es nicht mehr ſie anzuſehen. Sie war roth geworden und ihr Herz war beklommen. Das dumpfe, geduldige, gleichförmige Geräuſch hinter dem Bette Dorns dauerte noch immer fort. „Erinnern Sie ſich noch, Deniſe,“ ſprach Franz langſam,„des Balles, auf dem ich Sie zum erſten⸗ male ſah? Mir war es ſeltſam zu Muthe und als ich den Ton Ihrer Stimme hörte, glaubte ich ſter⸗ ben zu müſſen.. Ich war damals ein Kind und 65 mein Blick hatte ſich noch nie zu einer Dame erho⸗ ben.. Wiſſen Sie, warum ich Sie liebte?“ „Weiß ich warum ich zitternd Ihre erſten Worte anhörte?“ flüſterte Deniſe. „Es iſt ſeltſam,“ fuhr Franz fort;„ich würde Sie auch ohne das geliebt haben, denn eine Liebe wie die meinige kann nicht ohne den Willen Gottes entſtehen.. Sie gleichen meiner Mutter ſo ſehr!“ „Ihrer Mutter?“ wiederholte Deniſe. „Ich habe ſie nicht gekannt,“ fuhr Franz fort, welcher traurig den Kopf ſchüttelte,„aber ich hatte ihr Bild über meinem Bette und hielt es werth wie ein Heiligenbild. Lange war es meine einzige Liebe. Als ich Sie ſah, Deniſe, glaubte ich meine Mutter zu ſehen. Bis dahin hatte ich ſie nur mit den En— geln verglichen, jetzt fand ich ſie in Ihnen.. Es war dieſelbe heitere ruhige Schönheit, dieſelbe ſanfte Offenheit, derſelbe Blick, der ein gleiches Herz ent— ſchleierte. Sehen Sie, Deniſe, es war unſer Schick⸗ ſal. Mit dieſem erſten Tage iſt Ihr Bild tief in meinem Herzen eingegraben.. Wenn ich Abends nach Hauſe kam ohne Sie geſehen zu haben, betrach— tete ich Sie in dem Portrait meiner Mutter.“ Er ſchwieg um zu lächeln. Die Augen Deni⸗ ſens waren feucht. „Gewiß,“ fuhr Franz heiter fort,„„dachte ich damals nicht an die Hinderniſſe, welche uns trenn⸗ ——————⸗ÿʒ“ÿ—— † 1 66 ten; ich dachte an maht nichts als an Ihre Schön⸗ heit.. Hatte ich nicht Glück, Deniſe, da ich die Ge⸗ fahr erſt in dem Augenblicke ſah, in welchem mein guter Stern mir einen leichten Sieg giebt? Ich hatte erzählen hören, der Ritter von Reinhold habe von der Frau von Audemer Ihre Hand zugeſagt bekommen, aber dann dachte ich an Ihre ſo reine Stirn, an Ihre großen blauen Augen und an das blonde Haar, das ich in meinen Träumen wie einen Heiligenſchein um Ihr Haupt ſehe, verglich alles dies mit dem Fratzengeſichte des Herrn von Reinhold und tröſtete mich mit den Worten: es iſt nicht möglich.“ Franz unterbrach ſich nochmals, ſeine Augen ſenkten ſich und er erblaßte. „Mein Gott!“ flüſterte er ſchaudernd;„iſt es möglich?— Aber warum traurig werden?“ ſetzte er die Melancholie abſchüttelnd hinzu.„Deniſe! Deniſe! Wir haben nichts zu fürchten.. Sie wiſſen noch nicht alles; Ihr Bruder iſt mein Freund; nach einigen Tagen, wenn ich den Namen meines Vaters erfahren habe, ſoll Julian mich der Frau von Audemer vorſtellen.“ Deniſe antwortete nicht, aber die Freude, die aus ihren Augen ſtrahlte, ſprach deutlich genug. Sie dankte im Stillen Gott. Sie war ſo feſt überzeugt wie Franz. Jedes zͤ— 67 Wort des Letztern benahm ihr einen Zweifel. Als ſie in das Haus Dorns trat, hatte ſie kaum eine leiſe Hoffnung zu hegen gewagt; jetzt erſchien ihr die Furcht unmöglich. Die Zeit verging und ſie vergaß die alte Ma⸗ rianne, die unten im Wagen wartete; ſie vergaß in ihrem Glücke alles. Franz hatte ſeinen Arm um ſie geſchlungen und der Kopf Deniſens ruhete nachdenkend und leicht auf ſeiner Achſel. Sie hätten ſo Stunden lang ſitzen können, denn ein geheimer Inſtinct hielt ihnen unbewußt den Ge⸗ danken der Trennung fern von ihnen. Gertrud weckte ſie. Die hübſche Stickerin hatte den Kragen beendi⸗ get, welcher der Vorwand zu dem Beſuche des Fräu— lein von Audemer geweſen war. Als ſie die letzte Blume ſchloß, war es ihr als würde das Geräuſch hinter dem Bette ihres Vaters ſtärker und als käme es näher. Sie trat leiſe hinzu und ſteckte den Kopf zwiſchen den Vorhängen hindurch. Das Bette an das ſich ihre Hüfte ſtützte, rollte fort und ſtieß an die Wand. Da ſchwieg das Geräuſch. Dreizehntes Kapitel. Der Nagel. Gertrud horchte einen Augenblick am Bette ihres Vaters, dann kehrte ſie zu den beiden Liebenden zurück, die ſie nicht bemerkten und legte ſpielend den Kragen auf die Schultern Deniſes. „Da iſt der Vorwand zu Ihrem langen Beſuche, Fräulein,“ ſagte ſie;„Sie haben auf Ihre Stickerei gewartet, um ſie mitzunehmen.“ Deniſe hatte ſich bebend aufgerichtet. „Bin ich ſo lange hier?“ flüſterte ſie. „Eine Viertelſtunde,“ ſagte Franz. „Eine volle Stunde,“ entgegnete Gertrud; „aber wie finden Sie das, Herr Franz?“ Franz befühlte die allerliebſte Arbeit. „Vortrefflich,“ antwortete er. „Du biſt eine Fee, Gertrud!“ ſagte Fräulein . 21 69 von Audemer, die Stickerei bewundernd;„aber der Kragen gefällt mir nicht,“ ſetzte ſie ſeufzend hinzül. „Warum nicht?“ „Weil er mich an das Feſt in Deutſchland und an die lange Reiſe erinnert.“ „Armer Herr Franz!“ ſagte Gertrud;„eine Abweſenheit von vierzehn Tagen!“ Franz verſtand ſie nicht. „Ich habe erfahren, daß die Einladungen näch— ſtens erlaſſen werden ſollen,“ fuhr Deniſe fort, „und die Reiſe ſoll bald auf die Einladung folgen.“ „Müſſen Sie denn dieſem Feſte beiwohnen?“ fragte Franz. „Meine Mutter zählt ſchon ſeit einem Monate die Tage,“ antwortete das Mädchen;„wir haben ſchon im Voraus zugeſagt und alle unſere Vorberei⸗ tungen ſind getroffen.“ „Man ſagt, daß es ſehr ſchön werden wird,“ flüſterte Gertrud, in deren Tone ein wenig Neid lag. „Wie gern würde ich Dich an meiner Stelle reiſen laſſen!“ antwortete Deniſe.„Ach, es wer⸗ den läſtige Tage ſein, und ich kann nicht ohne Grauen daran denken. Sie, Franz, werden bis dahin die guten Nachrichten nicht erhalten, welche Ihnen Zutritt zu meiner Mutter geben würden; ſie wird alſo mit der ganzen Luſt abreiſen, mich mit dem ——————— 1 1 —— 70 Ritter von Reinhold zu verheirathen und dort unten, in der Familie von Geldberg..“ Franz hatte den Kopf ſinken laſſen; jetzt richtete er ihn raſch empor. „Das Feſt ſoll in dem Schloſſe Geldberg ſtatt— finden?“ fragte er. „Ja,“ antwortete Deniſe,„und man wird, wie Sie ſich denken können, mich beſtürmen. Wenn es noch in Paris wäre, wenn ich Sie bisweilen ſehen könnte, ſo bekäme ich Muth, aber ich werde allein ſein!“ „Nein,“ unterbrach ſie Franz in wohl bedach⸗ tem Tone,„es wird beſſer ſein als in Paris und Sie werden mich ſo viel ſehen können als Sie wün⸗ ſchen.. Ich folge Ihnen in das Schloß Geld— berg.“ Gertrud ſah ihn von der Seite an. „Welche Thorheit!“ ſagte Fräulein von Aude⸗ mer.„Sie in Ihrer Stellung Geldbergs gegen⸗ über können nicht eingeladen werden.“ Franz erröthete. Er dachte an Sarah. „Ich werde doch eingeladen werden,“ entgeg⸗ nete er,„und ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich dem Feſte beiwohne.“ „Er thut gewiß was er ſagt, Fräulein,“ rief Gertrud in einem Tone aus, in welchem eben ſo viel Bewunderung als Spott lagen.„Seit Franz 71 reich und der Sohn eines Prinzen iſt, verſpricht er Ihnen, wenn Sie es wollen, mit gleichen Beinen in die Seine zu ſpringen und wer weiß, ob er nicht Wort hielte,“ ſetzte ſie plötzlich unter dem Eindruck einer abergläubiſchen Erinnerung hinzu...„Es geſchehen um ihn ſeltſame Dinge und wenn man bedenkt, was ihm ſeit geſtern begegnet iſt, weiß man wahrhaftig nicht, was man denken ſoll..“ In dieſem Augenblicke klopfte Johann Regnault zum erſtenmale an die Treppenthüre. Gertrud hörte es nicht und Johann mußte das Zeichen zwei bis drei Mal wiederholen. Als das Mädchen endlich hörte, eilte ſie hinaus und machte die Thüre hinter den beiden Liebenden zu. Es konnte Hans Dorn ſein. Gertrud war nicht verlegen, weil ihr Gewiſſen ihr keinen Vorwurf machte. Sie öffnete deshalb die Thüre ohne Zögern und reichte die Stirn dem Kuſſe ihres Vaters hin. Der arme Johann dachte nicht daran, die Gele— genheit zu benutzen. „Nehmen Sie's nicht übel, Gertrud, daß ich ſo ſpät komme,“ ſagte er auf der Thürſchwelle;„aber ich möchte Sie um eine große Gefälligkeit bitten.“ Der arme Johann ſah noch ſchüchterner aus als gewöhnlich und die unwillkührliche Bewegung, welche Gertrud machte als ſie ihn erkannte, verdop— pelte ſeine Verlegenheit. Als er Polyt auf dem —————— 4 4 72² Rotundenplatze verließ, war er voll Feuer und Flammen und hoffnungsreich; er dachte zu ſpielen, zu gewinnen und die Mutter Regnault zu retten, die er ſo ſehr liebte. Die Beredtſamkeit des Favoriten der Frau Batailleur hatte ihn begeiſtert. Aber das ermuthigende Wort Polytes fehlte ihm jetzt, ſein Eifer erkaltete und ſeine Schüchternheit kehrte zurück. Gewöhnlich machte die herzliche Aufnahme Ger⸗ truds der Verlegenheit des Drehorgelſpielers ſchnell ein Ende; heute Abend aber ſah Gertrud faſt ſo ver— legen aus wie er ſelber. Dies wirkte auf Johann zurück. Er hatte ſeine Erklärung hocherröthend aber mit freier Stimme begonnen; nach einigen Worten aber verwickelte er ſich in den Worten, ſtammelte und wußte nicht mehr was er ſagen ſollte. „Sag' mir geſchwind, was Du haben willſt, Johann,“ flüſterte Gertrud;„ich habe keine Zeit.“ Der Drehorgelſpieler hatte große Luſt wieder zu gehen und er mußte an ſeine alte Großmutter den⸗ ken, um zu bleiben. „Iſt Herr Dorn zurück?“ fragte er leiſe und mit niedergeſchlagenen Augen. Gertrud erröthete und zögerte. Es war ihr als müßte das Geflüſter der Liebenden bis zu den Ohren Johanns dringen. — 73 Um den Laut dieſer Stimmen zu erklären, hätte ſie nur zu ſagen gebraucht ihr Vater ſei zurück; aber ſie konnte nicht lügen. „Nein,“ antwortete ſie. Da heiterte ſich das Geſicht Johanns auf. „Dann iſt noch nicht alles verloren,“ ſagte er. „Meine gute Gertrud, meine ganze Hoffnung beruht auf Dir. Willſt Du mir bis morgen früh ein Paar Beinkleider, eine Weſte und einen Frack leihen?“ „Wozu?“ fragte Gertrud erſtaunt. Johann antwortete nicht. Gertrud dachte daran, daß es der Faſtnachts— montag ſei. „Willſt Du zum Balle gehen?“ fragte ſie mit ſteigender Verwunderung. Johann ſchlug ſeine traurigen feuchten Augen zu ihr auf. „Zum Balle!“ wiederholte er. Es lagen in dieſen zwei Worten ſo viele ſchmerz— liche Vorwürfe, daß Gertrud Reue fühlte. „Johann, mein armer Johann,“ ſagte ſie, indem ſie ſeine Hände ergriff;„ich bin eine Thörin.. Aber was willſt Du jetzt in der Nacht mit einem Frack machen?“ Johann ſchüttelte den Kopf und ſeine Augenlider ſenkten ſich von Neuem. VIII. 6 aaaͤqͤqͤqqqͤͤgg 74 „Es wäre mir lieber, wenn Du mich nicht fragteſt, Gertrud,“ entgegnete er,„denn wenn ich Dir es ſage, tadelſt Du mich vielleicht. Aber ich kann Dir nichts verſchweigen, Du weißt es ja und wenn Du mich anhören willſt, ſage ich Dir Alles.“ Die Augen Gertruds verriethen große Neugierde. Aber in dieſem Augenblicke entſtand Geräuſch in dem Zimmer drinnen, wie wenn Stühle gerückt würden; Gertrud hatte Deniſe und Franz vergeſſen. Jetzt wechſelte ihr Geſichtsausdruck. „Ich glaube Dir, ich glaube Dir, guter Johann,“ ſagte ſie eilig;„was brauche ich zu wiſ— ſen? Warte einen Augenblick hier; ich bringe Dir was Du ſuchſt.“ „Wenn Du wiſſen möchteſt..,“ begann der Drehorgelſpieler nochmals. „Nein, nein,“ ſagte das Mädchen.„Warte nur hier auf mich, ich komme gleich wieder.“ Sie ging ſchnell an die Thüre ihres Vaters, aber ehe ſie dieſelbe öffnete, blieb ſie unentſchloſſen ſtehen. Die Augen Johanns folgten ihr ſtrahlend von Dankbarkeit und Liebe. Dieſer Blick hielt ſie zurück, denn das Zimmer Dorns war erleuchtet und Johann mußte die beiden Liebenden ſehen, wenn ſie die Thür aufmachte. Gleichwohl mußte gehandelt werden. „Höre, Johann,“ ſagte ſie mit feierlicher Miene;„ich will Dir wohl die Kleider holen, die Du wünſcheſt, aber Du mußt Dich herumdrehen. Es iſt darin etwas, das Du nicht ſehen darfſt,.. ein Geheimniß meines Vaters.“ Johann drehete ſich ſogleich um, Gertrud nahm das Licht mit und er blieb im Dunkel. Gertrud eilte in das Zimmer hinein und glaubte die Thüre hinter ſich zuzumachen, aber das Schloß war alt und fiel nicht ein, ſo daß die Thür nur angelehnt blieb. Franz und Deniſe plauderten und hielten einan⸗ der an der Hand. Sie ſahen das Mädchen kaum durch das Zimmer nach dem Cabinet hingehen, aus welchem Hans Dorn früh den Anzug Franzens geholt hatte. b Gertrud ſetzte das Licht hin und ſuchte einen An⸗ zug, der Johann paſſen konnte. Dieſer ſtand auf ſeinem Poſten mit dem Geſicht nach der dunkeln Treppe zu und es fiel ihm nicht ein, das angebliche Geheimniß Dorns zu erlauſchen. Das geheimnißvolle Geräuſch, das Gertrud hinter dem Bette ihres Vaters und Johann Regnault auf der Treppe gehört hatte, ſchwieg jetzt, aber es war Johann als verſuchte Jemand von innen den Holz— ſtall Dorns zu öffnen. 6* 76 Er wollte hingehen, um nochmals nachzuſehen und zu ermitteln, woher das Geräuſch komme, als ein neuer Vorfall ſeine Aufmerkſamkeit feſſelte. Es zog ſcharf die Treppe herauf. Die Thüre, welche Gertrud hinter ſich zugemacht zu haben glaubte, klappte und ging jeden Augenblick weiter auf. Durch dieſe Oeffnung heraus drang ein leiſes Ziſcheln, in welchem Johann bald die Stimme eines jungen Mannes zu erkennen glaubte. Eine erſte Anwandlung von Eiferſucht verwun⸗ dete ſein Herz; ſeine Augen glüheten, durch ſeine Adern lief ein kalter Schauer und er mußte ſeine ganze Kraft aufbieten, um ſich nicht umzudrehen und zurückzuſehen. Er widerſtand und blieb unbeweglich ſtehen. Aber Gertrud ſuchte vergebens unter den zahlreichen Kleidungsſtücken einen vollſtändigen und paſſenden Anzug. Sie wurde ungeduldig und die Ungeduld machte die Sache, wie gewöhnlich, nur ſchlimmer. Sie kam nicht zurück. Johann Regnault hörte immer hinter ſich das anklagende Geflüſter und eifer⸗ ſüchtige Bilder ſtellten ſich ſeinen Augen dar. Einen Augenblick, in welchem ſein Wille ſchwach wurde und er nur durch einen Inſtinct des Gehor⸗ ſams zurückgehalten wurde, glaubte er den Klang eines Kuſſes zu hören. Er erbebte als wenn ihm ein ſcharfer Stachel in —— T d 5 das Fleiſch geſtoßen worden wäre, drehete ſich um und blickte in das Zimmer Dorns hinein. Er ſah einen blonden Jünglingskopf, der ſich auf eine weiße Hand neigte und hörte einen zweiten Kuß. Das Geſicht des Jünglings fiel ihm auf; er kannte es, wenn er auch im erſten Augenblicke nicht ſagen konnte, wo er es geſehen habe. Das Geſicht des Mädchens war nicht zu erkennen, aber Johann brauchte es auch nicht zu ſehen; es konnte doch nur Gertrud ſein. Jetzt entſtand ein Gegenzug und die Thüre klappte wieder zu. Johann drehte ſich mechaniſch um und nahm die Stellung wieder an, welche ihm anempfohlen worden war. Er dachte nicht mehr und glich einem Menſchen, der einen Schlag mit einer Keule erhalten hat. „Da Johann,“ ſagte Gertrud, welche endlich die Kleidungsſtücke brachte;„mein Vater wird bald zurückkommen; geh ſchnell und bringe mir morgen recht früh alles wieder.“ Johann rührte ſich nicht und ſchwieg. Sein Auge ruhete ſtier auf dem Mädchen. „Nun?“ fragte Gertrud indem ſie ihm das Packet reichte. Johann drehete ſich jetzt langſam um blickte nach der Thüre, die jetzt verſchloſſen war. ———————— 4 1 4 Gertrud ſtampfte ungeduldig mit dem Fuße auf. „Ach Gertrud, Gertrud!“ flüſterte Johann, welcher mit flehendlicher Miene ſeine Hände faltete; „ich bitte Dich, habe Mitleiden mit mir.“ Gertrud errieth den Grund dieſer plötzlichen Trauer nicht und Deniſe hatte ihr geſagt, ſie wolle nun gehen. Sie übergab alſo das Packet Johann und ſchob ihn ſcherzend nach der Treppe zu, worauf ſie die Thür hinter ihm zumachte. Johann ging langſam die Stufen hinunter, ſteif wie ein Automat. Als er im Hofe angekommen war, bedeckte er ſein glühendes Geſicht mit beiden Händen. Es leuchtete ein Gedanke durch die Nacht ſeines Kum⸗ mers; er erinnerte ſichz an derſelben Stelle, wo er ſtand, hatte er zum erſten Male den ſchönen jungen Mann geſehen und Gertrud war auch da geweſen. Er richtete das Geſicht empor und blickte nach den erleuchteten Fenſtern der Geliebten hinauf, dann entfloh er mit tiefbetrübtem Herzen. Einen Augenblick ſpäter verließen auch Franz und Deniſe das Haus Dorns. „Gott gebe, daß Ihre Hoffnungen in Erfül⸗ lung gehen,“ ſagte Fräulein von Audemer auf der Schwelle des Hausflures;„aber ob Sie glücklich oder unglücklich ſein mögen, ich bin die Ihrige und 79 wenn ich Ihnen nicht angehöre, ſo ſoll doch gewiß auch kein anderer Mann mich ſeine Frau nennen.“ Die alte Marianne fuhr aus dem Schlafe auf als Deniſe ſich neben ſie auf das Kiſſen des Wa⸗ gens ſetzte. „Wie gewandt die Jugend iſt!“ murmelte die alte Frau;„ich hätte nicht geglaubt, daß man ſo raſch aus⸗ und einſteigen könnte!“ Gertrud war allein in ihrem Zimmer und machte ihr Bett zurecht. Dorn war noch nicht zurückgekom⸗ men. Auf der Treppe im Hofe rührte ſich Niemand. Nach einigen Augenblicken aber öffnete ſich die Thür des Holzſtalles langſam und ſchloß ſich geräuſchlos wieder zu. Eine dunkele Geſtalt glitt in der Fin⸗ ſterniß hin und kroch die Treppe hinab. Dann ging ſie über den Hof und durch den dunkeln Flur, um zu dem Rotundenplatze zu gelangen. Der ferne Schein der Gaslaterne fiel auf das bleiche Geſicht des blödſinnigen Geignolet. In der Hand hielt er einen großen Nagel, der von Mörtel ganz weiß war. „Es iſt hart,“ brummte er vor ſich hin,„und die Hände thun mir weh. Aber das Loch iſt doch ſchon tief.“ Er ſchärfte die Spitze ſeines Eiſens auf den Pflaſterſteinen und bald vermiſchte ſich mit dem Knir⸗ ſchen des Metalles ſein rauher, eintöniger Geſang. 80 Die erſten Worte des Liedes verloren ſich in einem dumpfen und keuchenden Gemurmel, dann wurde die Stimme heller und man hätte die Worte verſtehen können: „Ich ſah den Dorn den Schrank aufmachen; Er legte ein Käſtchen hinauf, hinauf. Morgen iſt mein Loch gemacht Und ich erreiche die Füchſe. Das giebt eine Luſt! Ah ha!“ Vierzehntes Kapitel. Das Spielhaus. Das Spielhaus der Frau Baronin von St. Roch in der Straße Prouvaires war eine Hölle von mitt⸗ lerem Range, in welcher ſich die Nähe der Hallen und die Straße St. Denis bemerkbar machte. Die Frau Baronin mußte, um ihre Salons zu füllen, auch viele kleine Leute einlaſſen, was für eine Perſon ihrer Art immer beklagenswerth iſt. Sie öffnete ihr Haus ungetreuen Caſſirern, lie⸗ derlichen Commis, kleinen Kaufleuten und ſchüch— ternen ſchlechten Subjecten, welche um Laſter knau— ſern und mit der Leidenſchaft rechnen. Zum Glück lieferte ihr die Nähe des Palais Royal einen Kern annehmbarerer Gäſte: Roués aus der Provinz, abenteuernde vornehme Herrn und V V b 4 V V 82 Fremde, jene beneidenswerthen Leute, um die ſich alle„Höllen“ ſtreiten. Für einen Mann, der ſich„Herr Graf“ nen⸗ nen läßt, iſt es gewiß ſehr unangenehm, neben einem Buchhalter zu ſitzen; aber die Spielhäuſer, die auf einem gewiſſen großen Fuße eingerichtet ſind, finden ſich nur ſelten und die Polizei hat den Teufel im Leibe. Man hat alſo keine große Auswahl. Die ſchönen Tage des Rouletts ſind vorüber und der Spieler, der von Natur ein Philoſoph iſt, ſieht mit ſtoiſchem Herzen den Augenblick kommen, wo der verfolgte Carreaukonig ſein verbanntes Haupt in den gemeinſten Spelunken wird bergen müſſen. Aber man wird ihm auch dahin folgen. In unſern Tagen giebt es nur noch dieſes Königthum, das ſelbſt in der Verbannung eine große Anzahl Getreuer findet. Das Haus in der Straße Prouvaires gehörte gar nicht zu den ſchlechteſten. Es konnte ſogar, wenn man die ſchlechten Zeiten berückſichtigte, für eine ſehr anſtändige Anſtalt gelten. Es wurde hoch da geſpielt. Traf man auch kleine Leute, ſo fehlte doch auch der Marquis nicht, eben ſo wenig als hübſche Frauen. Uebrigens hatte die Baronin von St. Roch, was höchſt beruhigend war, niemals mit der Polizei etwas zu ſchaffen gehabt. Sie war, wie man wohl erwartet, Wittwe unde die Wittwe eines angeſehenen Mannes. Sie hatte ———— 83 viel Unglück gehabt und war durch eine Reihe von beklagenswerthen Unfällen in die Lage gebracht wor— den, in welcher ſie ſich jetzt befand und für die ſie gewiß nicht geboren war. Ach, wenn die Todten ſehen könnten, was auf der Erde vorgeht, würde der ſelige Herr von St. Roch ein ſehr unglücklicher Todter ſein. Wenigſtens bewahrte aber die Wittwe in der Noth, in welche ſie durch das ungerechte Schickſal gebracht worden war, alle mögliche Würde. Die Gehilfen, mit denen ſie ſich umgab, verdienten hohe Achtung; ihr rechter Arm z. B., der Bankier des trente et quarante, war kein Geringerer als der Herr von Navarin, ein ehemaliger hoher Officier im Dienſte des Königs von Griechenland, der auf dem Schlachtfelde ſich Orden und Ehrenzeichen erworben hatte. Wir haben noch keine Gelegenheit gehabt von Herrn von Navarin zu ſprechen. Die Frau Ba— ronin von St. Roch aber kennen wir bereits unter dem Namen Joſephine Batailleur. Außer Herrrn von Navarin hatte die Batailleur den Beiſtand und den Rath einer in ſolchen Dingen höchſt erfahrenen Perſon, der Frau von Laurens, die ſich um alles gekümmert hatte und deren geübte Hand man auch überall erkennen konnte. Außen verrieth durchaus nichts die Induſtrie, welche im Hauſe betrieben wurde. Es hatte ein beſcheidenes 84 ehrliches Ausſehen und die Nachbarn ahnten kaum, was in ihrer Nähe vorging. Man gelangte von der Straße Prouvaires hin⸗ ein, aber ein zweiter Ausgang führte auf die Ge— flügelhalle. Die nur mäßig beleuchtete Treppe ver⸗ ſchwendete jenes verrätheriſche Gas nicht, das gleich— ſam ein Aushängeſchild für öffentliche Orte iſt. Man kam in die erſte Etage, nachdem man dem bezahlten und verſchwiegenen Portier den Namen der Frau Baronin genannt hatte. An der Thüre wurde man von einem alten Diener mit ehrwürdigem Ausſehen, kahlem Kopfe und patriarchaliſchem Lächeln in grauer Livrée em⸗ pfangen.. Der brave Mann war der Controleur der An— ſtalt. Die Guten nahm er auf, die Verdächtigen wies er ab. Und die Abgewieſenen glaubten ſteif und feſt, daß ſie ganz falſch gegangen. Konnte ein ſo achtbarer alter Mann der Cerberus einer„Hölle“ ſein? Man muß ſich einzurichten verſtehen. Die Kleine hatte dieſen koſtbaren Diener gewählt. Auf der Schwelle hörte man gar kein Geräuſch, höchſtens ein halb unterdrücktes Gemurmel, wenn die Stimmen der Spieler lauter als gewöhnlich wurden. Dies geſchah ſelten, denn im Saale wurde ſtreng auf Ordnung geſehen und man durfte ſein — 8⁵ Geld nur ſchweigend verlieren. Selbſt in dem an— geführten Falle verlor der Klang der Stimmen ſeinen Schall durch die belegten Thüren hindurch, ſo daß ſie an das Ohr des Uneingeweihten wie ein ſanftes Geflüſter freundlichen Geſpräches klangen. Man hörte auch das Klingen des Goldes nicht, eben ſo wenig als die einförmigen Worte des Banquiers. War man eingelaſſen, ſo gelangte man in ein Vorzimmer gleich dem eines guten Hauſes. Nach dem Vorzimmer folgte ein kleines Zimmer, in welchem einige Damen, die meiſt jung und ſchön waren, zu einer freundſchaftlichen Abendgeſellſchaft verſammelt zu ſein ſchienen. Wahrſcheinlich war dies auch ein Ableitungs— mittel gegen die Polizei für den Fall eines Unglücks, vielleicht aber auch etwas anderes. In dem dritten Zimmer ſtand ein Landsknecht— tiſch, an welchem ein Beamter des Hauſes ſaß. In dem vierten, dem letzten, ſpielte man an einem großen länglich viereckigen grünen Tiſche trente et quarante. In dieſem Zimmer hielten ſich die Frau Baronin von St. Roch und ihr verantwortlicher Miniſter, Herr von Navarin, auf. Die drei erſten Zimmer waren ziemlich einfach meublirt; das letztere war faſt ganz kahl. Wenn 1 V V V 1 86 man nur die Wände angeſehen, hätte man es für ein Billardzimmer halten können. Man bemerkte daran weder Gemälde noch Kupferſtiche, ſondern nur zwei jener Rahmen von Paliſanderholz, die man in den Kaffeehäuſern ſieht und einen Rechen mit zwei Dutzend Queues. Einer der Rahmen enthielt die drei Schnuren kleiner Kugeln, mit denen man die Points bezeichnet, der andere die Billard— regeln. Nur das Billard ſelbſt fehlte. Außer dieſen Rahmen, deren Beſtimmung ſich nicht gleich errathen ließ, trugen zwei Gegenſtände dazu bei, das Zimmer nicht ſogleich mit einem öffent— lichen Spielſaale zu verwechſeln, nämlich ein großer mit einfarbigem grünen Tuche beſpannter Schirm, der an der Wand hinter dem Bankier lehnte. Rechts und links vor dieſem Schirme ſtanden zwei kräftige Diener unbeweglich. Das zweite war eine Art ver— gitterter Loge, welche die Symetrie des Zimmers unterbrach. Sie mochte drei oder vier Perſonen faſſen können und war mit ſeidenen Vorhängen ver⸗ ſchloſſen. An der einen Seite ſtieß ſie an die Wand, welche ohne Zweifel durchbrochen war, um einen Aus⸗ und Eingang zu gewähren und an der andern an den Spieltiſch, in deſſen Mitte ſie ſich ziemlich befand. Die Frau Baronin von St. Roch ſetzte ſich im— — 87 mer zwiſchen die Loge und Herrn von Navarin, den Bankier, welcher in der Mitte des Tiſches ſaß. 1 Die Spieler waren daran gewöhnt, die Frau Baronin das Ohr von Zeit zu Zeit an den ſeidenen Vorhang legen zu ſehen, um Worte zu vernehmen, die außer ihr Niemand verſtand. Man bemerkte an der vergitterten Loge keine an— dere Oeffnung als ein Thürchen in der Geſtalt eines kleinen Fenſters, das ſich auf den Spieltiſch ſelbſt öffnete und aus welchem weiße Hände ſich heraus ſtreckten, die Gold und Banknoten ſetzten. Selten hatten ſich Herrenhände an dieſem Fen⸗ ßerchen gezeigt. Niemand unter den gewöhnlichen Spielern hatte das Geheimniß dieſer Loge zu ergründen vermocht, von der wir bereits geſprochen haben. Man nannte ſie den Beichtſtuhl der Fürſtin und beſchäf⸗ tigte ſich ſehr viel damit. Gott weiß, welche Vermuthungen man bereits darüber geäußert hatte! Die glücklichen Spieler lorgnettirten ſie lächelnd, als wenn ſie eine günſtige Gottheit verberge; die unglücklichen dagegen warfen ihr zornige Blicke zu und gaben ihr ihr Mißgeſchick Schuld. Die meiſten glaubten, daß hinter dem Vorhange, der innen zuge— ——= ———-——B—B——V—— y 88 zogen blieb, eine oder mehrere ſehr vornehme Per⸗ ſonen verſteckt wären. Und dieſes Räthſel, das ewig ungelöſet blieb, ſchadete dem Beſuche des Hauſes gar nicht, im Gegentheil es war ein Reiz mehr. Die weiße Hand, welche ſo viele Banknoten ausgab und ein— nahm, feſſelte auch die Kälteſten; manche Leute kamen nur der Loge wegen. Manche wollten hinter dem ſeidenen Vorhange ein allerliebſtes Ge⸗ ſicht ſehen, andere wieder das alte Geſicht einer ſteinreichen Herzogin und Jeder ſuchte ſich zu über— zeugen, ob er Recht gerathen habe. Man wollte die Fürſtin verführen und die Geſchichte von Franz, der in den Beichtſtuhl hineingerufen worden war, bewies wenigſtens ſo viel, daß die Hoffnung nicht ganz chimäriſch ſei. Es mochte etwa halb elf Uhr Abends ſein. Das Perſonal des Hauſes war ganz vollſtändig. Herr von Navarin ſaß auf ſeinem Poſten rechts von der Loge; neben ihm befand ſich die Kaſſe und an der andern Seite der Kaſſe ſaß der Mann, wel— cher die Karten bereit machte. Herr von Navarin war ein Mann mit zugleich ſanftem und martialiſchem Ausſehen. Sein Be⸗ nehmen war ernſt, würdevoll, artig und ſelbſt die Art, wie er das Gold zuſammenzog, verrieth den ächten Edelmann. ——— 2 89 Sein Amt war ein vielſeitiges. Abgeſehen von der wichtigen Bankierfunktion, die er zur allgemeinen Zufriedenheit verrichtete, ſollte ſein grauer Schnurr⸗ bart beſonders auch den unruhigen Spielern impo⸗ niren, welche über das Spiel zu reden beabſichtigten. Im Falle, daß Lärm gemacht würde, hatte er über— dies den Auftrag in Verbindung mit den beiden Dienern in grauer Livrée, die hinter ihm ſtanden, das Vaterland zu retten. Die Kleine hatte, als ſie mit Eſther von ihrem Spielhauſe ſprach, mit Recht bemerkt, daß alle Vor⸗ ſichtsmaßregeln getroffen wären. Der Herr von Navarin hatte neben ſich einen Kupferknopf, der am Tiſche ſelbſt ſich befand und den wir mit der Feder einer Sicherheitsklappe vergleichen können. Die Maſchinerie war einfach und leicht. Auf das erſte verdächtige Geräuſch erhielten die Spieler die Weiſung aufzuſtehen; der ehemalige griechiſche Offizier drückte an den Knopf und in Folge davon kamen an den vier Seiten des viereckigen Tiſches Billardbanden empor. Die beiden großen Diener hoben den Schirm mit grünem Tuche empor, der genau zwiſchen die Banden paßte und gleichzeitig die einzelnen Einſätze, die Karten und alle verrätheriſchen Zeichen des wirklichen grünen Tiſches bedeckte. Die Loge, welche in demſelben Augenblicke ge— ſchoben wurde, rollte geräuſchlos in ein anſtoßendes VIII. 7 90 Zimmer und ließ nur an der Wand ihre Vorderſeite, welche eine vergitterte Thüre vorſtellte. Statt der Hölle, wo kurz vorher ſoviel Gold hin und herwanderte, blieb ein unſchuldiges Billard⸗ zimmer übrig. Zahlreiche Proben hatten die Hand der Maſchi⸗ niſten geübt und man brauchte zur Bewerkſtelligung der Umwandlung gerade eine Viertel⸗Minute. Uebrigens waren, wie bereits erwähnt, dieſe klugen Vorſichtsmaßregeln bisher unnöthig geweſen. Das Haus der Frau Baronin von St. Roch hatte noch nie etwas mit der Polizei zu ſchaffen gehabt. Die Spieler fanden ſich indeß zahlreich ein. Das Gold rollte auf dem grünen Tiſche hin. Das Thürchen im Beichtſtuhle nur blieb geſchloſſen; die Fürſtin war noch nicht angekommen. Die Frau Baronin von St. Roch thronte im ganzen Glanze ihrer ſtrahlenden Toilette mit wahr⸗ hafter Majeſtät auf ihrem Poſten. Der Mann, welcher die Karten handhabte, ein ehemaliger Crou⸗ pier von Frascati, verrichtete ſein Amt als Virtuos. Es fehlte nicht an ſeltſamen Figuren am Tiſche. Der Teufel des Spieles belebte alle Geſichter mit ſeinem eben ſo grotesken als ſchrecklichen Hauche. Einige warfen Hände voll Louisd'or gleichgiltig hin; andere legten das beſcheidene Fünffrancsſtück auf und noch andere, noch vorſichtigere folgten von weitem 91 dem Gange des Spieles und pointirten ſorgſam und bedächtig auf gewiſſe Karten. Dieſe kennt wohl Jeder, der einmal in ſeinem Leben eine Spielhölle beſucht hat. Es ſind ernſte und traurige Thoren, wahre Philoſophen, die be⸗ ſtändig vom Unmöglichen träumen, auf die Laune ſpeculiren und die Unbeſtändigkeit ſelbſt feſſeln wollen. Außer der Frau Baronin von St. Roch kennen wir nur zwei Perſonen unter der aufmerkſamen Menge. Der Bühnendichter Amable Ficelle, Verfaſſer der „Champagerflaſche“ und ſein Pylades, der Graf von Mirelune, waren hier erſchienen wie überall, um die Zeit zu tödten und ihren„langweilreichen““ Müßiggang zu beſchäftigen. Beide ſpielten nicht, aber es war kalt draußen und etwas mußten ſie doch thun. Sie ſtanden in der letzten Reihe, Arm in Arm wie immer, die Lorgnetten vor die Augen geklemmt. „Haben Sie auch ein Schreiben aus dem Hauſe Geldberg erhalten?“ fragte Ficelle. „Allerdings.“ „Und es enthielt..2“ „O es iſt ſehr liebenswürdig; es handelt ſich um das große Feſt, von dem man ſchon ſoviel ge— ſprochen hat, Sie wiſſen ja, in dem Schloſſe Geld⸗ berg in Deutſchland.“ 7* 92 Hm!“ 7E „Man hat Sie auch eingeladen?“ „Das glaube ich! Man hat gar nicht daran gedacht mich zu übergehen. Ich wußte nicht, daß man Sie auch eingeladen und wollte Sie vor⸗ ſtellen.“ „Ich ebenfalls,“ ſagte Mirelune etwas gereizt; „in jedem Falle danke ich für den guten Willen.“ „Ich ſehe, daß man uns als wahre Freunde behandelt; ich errathe Ihren Brief nach dem mei⸗ nigen. Man rechnet auf Sie, nicht wahr, um einige Heiterkeit in das Feſt zu bringen?“ „Ja,“ antwortete Mirelune,„um das Ganze in Zug zu bringen.“ „Um es zu beleben.““ „Um Thorheiten zu begehen..“ „Kurz um die Geldwelt zu amüſiren.“ Die beiden Freunde ſahen einander an und gähnten. So ſteht es um den Pariſer Ruhm. Niemand gähnt mehr und ſtärker als die für luſtig geltenden Perſonen. „Und haben Sie ſchon eine Idee?“ fragte Mirelune. „Sechszig.“ „Der Tauſend! Da müſſen wir uns mit ein⸗ in 12 93 ander verſtändigen, wenn es Ihnen recht iſt; ich habe noch keine.“ „Wir treten in Compagnie,“ ſagte Ficelle groß⸗ müthig.„Zuerſt müſſen wir ein Theater haben..“ „Natuͤrlich und eine Truppe“ Ficelle zuckte die Achſeln. „Die Leute ſollen amüſirt werden,“ entgegnete er;„die kleinen Bankiersfrauen und die kleinen Baroninnen werden lieber ſelber ſpielen als Pariſer Künſtler ſehen. Angenommen wir bekämen zehn Damen und zehn Herren, die ſpielen wollen, ſo ha⸗ ben wir ſchon zwanzig Glückliche.“ Mirelune ſchien noch nicht überzeugt zu ſein. „Bedenken Sie doch,“ fuhr Ficelle fort,„welche Gelegenheit das iſt, Federn, Blumen, Diamanten zu zeigen und dann die erſten Liebhaber in engen Beinkleidern!“ „Sie haben doch Recht,“ flüſterte Mirelune; „ditſß werden ſich amüſiren, aber die andern?“ „Nehmen wir ſechshundert Gäſte an, ſo giebt es darunter auf der einen Seite zwanzig, die ſich königlich freuen und ihre Perſon der allgemeinen Bewunderung darbieten und faſt ſechshundert Zu⸗ ſchauer, die ſich ebenfalls königlich freuen, weil ſie über die zwanzig losziehen können.“ „Amable,“ ſagte Mirelune,„wie geiſtreich Sie I V 1 V 94 ſind, wenn Sie nicht ſchreiben! Aber was wird man ſpielen?“ „Zuerſt die„Champagnerflaſche.“ „Die iſt ſehr alt.“ „Ich ändere die Namen der Perſonen und er⸗ ſinne einen neuen Titel. Was ſagen Sie zu: „Triumph des Champagner und der Liebe“? „Das iſt troubadourartig, aber hübſch.. Da kommt die Fürſtin!“ Das Thürchen der geheimnißvollen Loge öffnete ſich wirklich in dieſem Augenblicke und eine merk⸗ würdig ſchöne Hand ſchob mit einem kleinen Rechen von Elfenbein eine Banknote auf den Tiſch. Funfzehntes Kapitel. Der Unbekannte. Das Wort„Fürſtin,“ welches der Graf von Mirelune ausſprach als das Thürchen in der Loge ſich öffnete, fand ein Echo an der ganzen Tafel. Jeder ſah empor und die Loge wurde der Zielpunkt aller Blicke. Gleichwohl war das, was geſchah, gar nichts Ungewöhnliches. Faſt alle Tage öffnete ſich das Thuͤrchen, um dieſelbe Hand zu zeigen; aber jedes Geheimniß wird um ſo wichtiger, ein je höhres Alter es erlangt. Die Vermuthungen häufen ſich allmälig an; man erſchöpft das Wahrſcheinliche und die proſaiſche⸗ ſten Geiſter gelangen zum Romanhaften. Hunderte von Auslegungen curſirten über die Spielerin im Beichtſtuhle, über die Fürſtin, wie ——— ——ʒ—ʒ—— — 96 man ſie nannte, und ihr Erſcheinen machte immer Aufſehen. Die Frau Baronin von Saint⸗Roche mußte alles aufbieten, um den unzähligen Angriffen gegen ihre Verſchwiegenheit zu widerſtehen. Sie wurde ſehr bedrängt, namentlich von den alten Stammgäſten, die gewiſſermaßen Freunde geworden waren. Die Fremden nahmen aus ihrer Boörſe noch unwiderſteh⸗ lichere Verſuchungen, aber nichts konnte ſie erſchüt⸗ tern; die Treue der Frau Baronin widerſtand allen Angriffen und die Neugierigen erfuhren nichts. Wenn man zu ſehr in ſie drang, brauchte die ſchlaue Baronin ein Mittel wie die alten Hirſche, welche Hirſchkühe auftreiben und die Verfolger auf andre Fährten bringen; ſie brachte ſelbſt eine neue Vermuthung auf und verwirrte das Chaos noch mehr, ſo daß die Geſcheidteſten nicht wußten, woran ſie waren. Eine ganze Minute lang und das iſt an einem ſolchen Orte viel, lief ein Geflüſter um den grünen Tiſch herum. Das Spiel wurde faſt unterbrochen. Der beſcheidene Theil der Verſammlung, die kleinen Kaufleute, die ſich von ihrem Comptoir verirrt hat— ten, die Commis ohne Anſtellung und Andre riſſen die Augen weit auf und ſchienen die Hand verſchlin⸗ gen zu wollen, die ſich aus dem Beichtſtuhle heraus⸗ ſtreckte. Die wenigen Damen, welche auch am ————— 97 Tiſche ſaßen, biſſen ſich auf die Lippen als ſie ihren Stern erbleichen ſahen und verſicherten leiſe, die Fürſtin ſei alt und ungeheuer häßlich, habe alſo, gute Gründe ſich verborgen zu halten. Manche alte Frauen behielten hübſche Hände.— Die Fremden nahmen die Lorgnette zu Hülfe; die Engländer, welche überall ſind, wo man ſpielt, ſtreichelten ihre Portefeuilles und fragten ſich ernſt untereinander was ſie wohl thäten, um der Sache auf den Grund zu kommen. Aber es war nichts zu thun, die Baronin blieb ſtumm ſelbſt vor den britiſchen Portefeuilles und die beſten Lorgnetten konnten durchaus nicht durch die Vorhänge hindurch blicken. „Lebhaft, meine Herren!“ rief der Herr von Navarin, der griechiſche Officier,„machen Sie Ihr Spiel.“ Dieſer Aufruf hatte einen nur mäßigen Erfolg, denn Aller Augen waren noch nach der Loge gerichtet. „Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich dieſe Hand nicht kenne!“ ſagte Mirelune zu Ficelle. „Es iſt erſtaunlich!“ flüſterte der Letztere;„es ſteckt darin ein Vaudeville, das gefallen muß.“ „Sehen Sie genau hin, Amable; es iſt die Hand der kleinen Marquiſe von Vieux⸗Lieu.“ „Ich ſehe deutlich drei Acte,“ entgegnete 98 Ficelle;„der Mann, welcher ſeine Frau ſucht und ſie unſchuldig in dieſer Loge findet; ein Kaſſirer, ein ehrlicher, aber ſchwacher Mann, der da ſeine Ehre verloren hat..“ „Mit einem Worte,“ unterbrach ihn Mirelune, „die Hand der Marquiſe iſt doch ſtärker und ich wollte wetten, daß die kleinen Finger da der Vicom⸗ teſſe von Longpré angehören..“ „Schöne Couplets dazu,“ ſprach Ficelles wei⸗ ter,„Witzworte, etwas Liebe und ich verbürge mich für 80 Vorſtellungen.“ Der Bühnendichter athmete tief auf; ſein Ge— ſicht ſtrahlte, wie es immer geſchah, wenn er auf eine ſcheinbar gute Idee kam. Während er ſich von Grund des Herzens Glück dazu wünſchte und der ſinnreiche Mirelune einen dritten Namen für die ſchöne weiße Hand fand, trat allmälig wieder Stille an dem Tiſche ein, und das Intereſſe für das Spiel gewann von Neuem die Oberhand. Herr von Navarin wollte eben ein neues Spiel beginnen als die Thüre mitten in der tiefen Stille ſich öffnete. An gewöhnlichen Abenden hätte ein König ein⸗ treten können, er würde keine Aufmerkſamkeit erregt haben; an dieſem Abend ſchien aber eine gewiſſe Unruhe zu herrſchen, und ſo drehte ſich unwillkühr— lich Jedermann um. ——— 99 Man ſah einen hochgewachſenen Mann eintre⸗ ten, der einen eleganten, aber durchaus nicht auf⸗ fallenden Anzug trug. Er war noch jung und ſein Geſicht auffallend ſchön. Niemand im Saale kannte ihn. Die Frau Ba⸗ ronin von St. Noch ſelbſt ließ bei ſeinem Anblicke eine gewiſſe Verwunderung merken. Er ſchritt mit ſtolzer Stirn und ruhigem Gang durch den Raum, der ihn von den Spielern trennte, ging dann um den Tiſch herum und ſetzte ſich links von der Loge nieder, an deren rechten Seite die Frau Baronin von St. Roch ſelbſt ſaß. Die Hand der geheimnißvollen Perſon im Beichtſtuhle ruhete noch immer auf dem grünen Tiſche; der Fremde beugte ſich vor und berührte dieſe Hand, welche ſich wie erſchrocken zurückzog. Das allgemeine Staunen hatte den höchſten Gipfel erreicht und das Spiel wurde eine Secunde unterbrochen. Engländer und Commis ſahen mit offenem Munde hin. Ficelle vergaß ſeinen Luſtſpiel⸗ plan und Mirelune verſuchte einen dritten Namen zu finden. Man hörte jedoch eine leichte Bewegung im Zimmer des„Beichtſtuhles.“ Die Frau Baronin von St. Roch, die ohne Zweifel durch ein gewiſſes Zeichen benachrichtiget war, legte ihr Ohr an den Vorhang. 1 6 100 Nach zwei oder drei Secunden ſtand ſie auf und trat zu dem Fremden. „Es knüpft ſich etwas an,“ ſagte Ficelle. „Was zum Teufel bedeutet das?“ flüſterte Mirelune. Die Frau Baronin raunte dem Fremden einige Worte zu, der ſich zuſtimmend verbeugte. Man ſah ſie dann nach einer Seitenthür hin— gehen. Der Fremde folgte ihr und er ſchritt hinaus wie er hereingekommen war, ohne den Mund geöffnet zu haben. In dem Augenblicke als der Unbekannte, welcher die Kühnheit gehabt hatte, ſo ohne weiteres die weiße Hand zu berühren, den Spielſaal mit der Frau Baronin von St. Roch verließ, befand ſich die Kleine allein in der Loge. Sie ſtand in ängſtlicher Erwartung da. Die Loge war innen viel dunkler als das Zim— mer ſelbſt, weil das Licht nur durch die ſeidenen Vorhänge hineindringen konnte. In dieſem Halbdunkel konnte die Kleine ſehen ohne geſehen zu werden. Das neugierige Auge der Spieler vermochte in das Dunkel nicht hineinzu— dringen, während der Blick Sarahs ungehindert den Spieltiſch überſchaute. Wenn die Verſammlung in einer gewiſſen Art zuſammengeſetzt war und die Kleine Luſt erhielt ſich ————— 101 ſelbſt unter die Spieler zu miſchen, erhielt der Die⸗ ner an der Thüre noch ſtrengere Weiſung und Sarah, die eine gewiſſe theatraliſche Kleidung anzulegen pflegte, ſetzte ſich muthig an den Spieltiſch. Die Baronin von St. Roch hatte ein eigenthümliches Talent, einen Kopfputz zu componiren. Die Frau von Laurens hätte, nachdem ſie aus den Händen der Baronin hervorgegangen, keck den Blicken ihrer Freunde entgegentreten können; aber ſie blieb immer klug. Heute hatte die Frar von St. Roch nicht nöthig, ſich mit dieſer Toilette zu beſchäftigen; die Anweſen⸗ heit des Bühnendichters und des Grafen von Mire⸗ lune, welche beide das Haus Geldberg zu beſuchen pflegten, gebot der Kleinen, ſich in dem Spielzimmer ſelbſt nicht zu zeigen. Sie war auch erſt ſeit wenigen Minuten erſchienen, als der Fremde eingetre⸗ ten war.. Die Kleine hatte ihn nicht eintreten ſehen. Sie dachte über die Ereigniſſe des Tages nach. Ihre Hand ruhete auf einem außerordentlich ſchönen Käſt⸗ chen, in welchem ſie ihr Geld bewahrte. Sie hatte daraus eine Banknote genommen und dieſelbe mecha⸗ niſch auf den Spieltiſch geſchoben. Sarah ſpielte ſo eigentlich gegen ſich ſelbſt, da das Geld der Bank ja von ihr geliefert wurde. Aber der ehemalige griechiſche Officier verſicherte, ein ſolches kleines 10² Manöver ſei nicht nutzlos. Die Banknoten ziehen Banknoten an. An dieſem Abende hatte ſie freilich andre Dinge im Kopfe als das Spiel. Ihr Geiſt arbeitete fort⸗ während in ihr. Wie vielerlei war in vierundzwan⸗ zig Stunden geſchehen, ungerechnet die Abenteuer des Maskenballes! Die Krankheit ihres Mannes, welcher ſeinem Ende ſich zu nähern ſchien, der Zwei— kampf des kleinen Franz, der ſiegreich daraus her⸗ vorgegangen war und nun noch immer als lebendige Drohung daſtand, ihre Tochter endlich, das arme bleiche Kind, das ſie in der Bude des alten Araby geſehen hatte! Judith, die einzige Tochter der gro— ßen Dame, die Erbin aller der mit Mühe erworbe— nen Millionen, Nono die Ausläuferin, die Sclavin des Wucherers, die Märtyrin des Blödſinnigen,— Judith, die am andern Tage ihre dünne Matratze, die auf dem nackten Steinboden lag, mit einem präch⸗ tigen Bette, ihr abgetragenes dünnes Kattunkleid⸗ ſchen mit Spitzen und Sammet, ihre Thränen mit Lächeln, das arme hagere blaſſe Geſicht mit der Schönheit der glücklichen Jugend vertauſchen konnte! Sie war ja ſchön trotz ihren Leiden. Sarah lächelte. Nie hatte ſie ihre Tochter ſo in Armuth geſehen und es war kurz vor dem Tage der Befreiung, vor dem Tage des Triumphes! 2 103 Judith war noch nicht funfzehn Jahre alt. Sie hatte alſo ein ganzes Leben voll Freude gegen einige Jahre der Noth auszutauſchen. Wie viele Tage würde es erfordern, daß ſie die kummervolle Ver— gangenheit vergaß! Die Jugend blühet ja ſo ſchnell wieder auf und das Unglück, das nicht mehr drohet, iſt ein Reiz mehr. So dachte Sarah. Sie ordnete die Zukunft ihrer Tochter und ſorgte ſie ſchön und glänzend zu machen, wie nur eine Mutter ſorgen kann. Dann kamen andre Gedanken; eine Wolke zog über ihr Lächeln, ihre Stirn runzelte ſich drohend. Auch wegen Judiths? Sie dachte an Herrn von Laurens, welcher das Hinderniß zwiſchen Judith und dem Leben war; ſie dachte an Franz, welcher die Zukunft der Tochter vernichten konnte indem er die Mutter verdarb. Und ihre Stirn richtete ſich ſchrecklich auf, ihre halb geſenkten Augenlider umſchleierten einen kalken umbarmherzigen Blick. 1— Auch noch andre Gedanken ſtellten ſich ein, frivole Gedanken. Das Herz dieſes Weibes war ein Chaos. Alle Grade des Böſen vermiſchten ſich darin, vermochten aber doch nicht einen Funken des himmliſchen Feuers zu verlöſchen. Die Kleine dachte an Lea, ihre jüngſte Schwe⸗ 10⁴4 ſter. Während Judith ſo viel leiden mußte, war Lea glücklich. Lea war ſchön wie ein Engel und ihr Herz glich ihrem Geſichte. Arme Judith! Auch ihretwegen haßte Sarah die Schweſter Lea. Nach Lea kam Eſther. Eſther war Gräfin, Wittwe und nur fünfundzwanzig Jahre alt. Sarah beneidete ſie um alles dies, und gleichzeitig mit dem Laſter ſelbſt dringt in das Menſchenherz das Beſtre— ben andere dafür zu gewinnen. Die Vorlockung Eſthers hatte begonnen und Sarah war nicht diejenige, welche auf halbem Wege ſtehen blieb. In dem Augenblicke als ſie zum erſtenmale auf den grünen Tiſch geſetzt hatte, dachte ſie an den Baron Albert von Rodach, den ſie ſo unerwarteter Weiſe in dem Hauſe Geldberg getroffen hatte. Seit dem vorigen Tage war er ihr bereits dreimal auf ihrem Wege begegnet. Zuerſt im Temple, dann auf dem Maskenballe und endlich in dem Hauſe. Er kannte Eſther und Sarah fragte ſich eben, wer ihm wohl den Weg nach dem Hauſe Geldberg ge⸗ zeigt habe, als ihre Hand, die ſie aus der Loge herausſtreckte, von einer andern Hand berührt wurde. 10⁵ Sie zuckte zuſammen und ſah ſich um. Links von dem Beichtſtuhle ſtand ein Mann, wel— cher den Arm noch ausgeſtreckt hielt. Sarah be⸗ trachtete ihn und erkannte in ihm den Baron von Rodach. „Nochmals er!“ flüſterte ſie erſchrocken. VIII. 8. V V Sechszehntes Kapitel. Hinter dem Vorhange. Der Baron von Rodach ſtand unbeweglich neben der Loge, blickte ſtier auf die Vorhänge derſelben und der Zufall leitete ſte genau auf den Punkt, wo Sarah ſtand. Sein Blick ſchien durch die Seide hindurchdringen zu können. Die Kleine neigte ſich, als ſie dies bemerkte, ſchnell nach der andern Seite der Loge und rief leiſe die Batailleur, die ihr Ohr ſofort an den Vorhang legte. Die Kleine ſprach ſchnell einige Worte und die Baronin von St. Roch ſtand auf, um die erhaltenen Befehle auszuführen. Sie ſollte den Baron in die Loge hineinführen. Die Entfernung des Letztern reizte die Neugierde 107 der Spieler im höchſten Grade und einige Minuten lang wartete man, ob er wiederkomme. In dieſem Augenblicke gingen die Baronin von St. Roch und der Baron von Rodach über einen Corridor, welcher zu dem Zimmer führte, aus wel⸗ chem man in den Beichtſtuhl eintrat. Die Kleine hatte die Thüre ſchon geöffnet und ſtand auf der Schwelle; ihr Geſicht drückte eine ſelt⸗ ſame Aufregung aus. Sobald die Baronin mit dem Fremden erſchien, gebot ſie ihr durch eine Ge⸗ berde zurückzubleiben. „Es iſt gut, meine liebe Batailleur,“ ſagte ſie; „laſſen Sie uns allein.“ Die Batailleur kehrte alsbald um und Rodach, der an ihr vorbeigegangen war, ſah ihr raſch nach, als er den Namen Batailleur vernahm. Die Tröd⸗ lerin hatte ſich bereits wieder entfernt, als er noch immer unbeweglich daſtand. Das entging der Kleinen nicht und ihre Ver— legenheit ſteigerte ſich ohne daß ſie wußte warum. Die Frau von St. Roch dagegen, welche nicht wußte, welche Wirkung ihr Name hervorgebracht hatte, kehrte ſehr ruhig in das Spielzimmer zurück. „Wohin mag ſie ihn geführt haben?“ fragte Mirelune den Bühnendichter. Ficelle wies auf die Loge. „Sieh, ſieh!“ flüſterte der Graf..„Das 8* ——-— 4 4 1 108 iſt ein Gedanke! Ich gäbe etwas darum, wenn ich wüßte, ob die weiße Hand der Marquiſe oder der Gräfin angehört..“ „Welche Scene gäbe das!“ ſagte Ficklle. „Nur Schade, daß man dieſen Beichtſtuhl nicht auf die Bühne ſetzen kann.“ Am grünen Tiſche herrſchte wieder tiefe Stille. Als es der Baron von Rodach müde war, der Batailleur nachzuſehen, wendete er ſich zu der Frau von Laurens und küßte ihr artig die Hand. Die Aengſtlichkeit der Kleinen wurde aber da⸗ durch nicht beruhiget; ihre Wangen rötheten ſich vielmehr. „Schöne Frau,“ ſagte der Baron,„ich glaube, Sie erwarteten mich nicht.“* Die Augen Sarahs waren niedergeſchlagen und ſie brauchte ein Paar Secunden, ehe ſie ant⸗ wortete. „Albert!“ flüſterte ſie endlich mit einer Stimme, welche ihre Unruhe verrieth,„Sie ſind ein ſeltſamer Mann! Wer hat Sie hierher geführt und wie konnten Sie hereingelangen? Suchten Sie mich hier?“ Der Baron lächelte kalt. „Das ſind viele Fragen auf einmal, ſchöne Frau,“ erwiderte er.„Der Reihe nach! Hierher geführt hat mich einigermaßen der Zufall und haupt⸗ e 109 ſächlich mein Vorſatz. Ich bin hereingekommen, weil ich mich für den Freund des Herrn von Navarin ausgab und den achtbaren Namen der Frau Baronin von Roch nannte..“ Sarah erbleichte als ſie dies hörte. „Was die dritte Frage betrifft, wie können Sie zweifeln, ſchöne Frau, daß ich Ihretwegen kam?“ Er hielt inne, fuhr aber gleich darauf mit einem leicht ironiſchen Tone fort: „Nur kam ich vielleicht auch aus einem andern Grunde.“ „Und dieſer andere Grund?“ fragte die Kleine, die zu lächeln verſuchte. Der Baron verbeugte ſich und antwortete: „Das iſt mein Geheimniß.“ Die Kleine richtete ihre Augen auf ihn, als wollte ſie ſeine Gedanken in ſeinen Blicken leſen. Aber die ſtolzen, glänzenden, ausdrucksvollen Augen Rodachs glichen jetzt einem Spiegel, in welchem ſich kein Gegenſtand darſtellt. Gewöhnlich ſpielte die Kleine vortrefflich Co⸗ mödie, aber welche Rolle ſollte ſie jetzt annehmen? Sie konnte nicht errathen, was der Baron eben dachte und wußte nicht, ob er ihr als Freund oder Feind gegenüberſtand. Es war ihr nie in den Sinn gekommen, von die⸗ ſer Seite her eine Gefahr zu erwarten. Sie hatte 110 Albert geliebt und hätte das Strohfeuer ihrer Laune vielleicht gern für einige Tage wieder angefacht, zumal da der Gegenſtand ihrer Laune in neuem Lichte erſchien. Sie hatte ihn lebhaft, muthwillig, heftig in Handlung und Worten gekannt und fand ihn jetzt ernſt und kalt. Es war dies ohne Zweifel eine Maske, aber für einen Mann ſeiner Art mußte eine Maske ſchwer zu tragen ſein. Und Albert trug die ſeinige als hätte er ſie immer getragen. Am vorigen Tage, in dem Gedränge des Balles, hatte ihn die Kleine ſo gefunden wie ſie ihn früher gekannt. Einige Stunden aber hatten alles um— geändert; ſchon in dem Hauſe Geldberg war Albert kalt und ernſt erſchienen. Jetzt ſchien dieſe Kälte ſich noch höher geſteigert zu haben und Sarah glaubte in dem Lächeln, das um die Lippen des Barons ſchwebte, Bitterkeit zu erkennen. Einen Augenblick wollte ſie zu den bereits erprob⸗ ten Waffen ihrer Koketterie greifen; dann fiel ihr ein, der Kälte Kälte entgegenzuſetzen und ſich in ihren Stolz zu hüllen. Sie war in jedem Kampfe erfahren und wußte, wie man die Männer auf die Knie nieder bringt. Aber ein geheimes Gefühl entzog ihr den Muth. Sie wagte nichts mehr. Rodach, der einen ſo gro⸗ ßen Theil ihres Geheimniſſes kannte, erſchien zu — 111 ſtark und furchtbar, als daß man ihn unbedachter Weiſe angreifen durfte. „Wie bin ich doch thöricht, mir den Kopf ſo zu zerbrechen!“ ſagte ſie plötzlich indem ſie ſich zum Lächeln zwang.„Sie ſind wirklich nicht blos meinetwegen gekommen, Albert. Meine Schweſter, die Sie faſt ſo genau kennt als ich, hat mir im voraus das Räthſel gelöſt. Sie ſind Spieler.“ Rodach ſchwieg. „Nun,“ fuhr Sarah heiter fort;„es iſt ein Band der Sympathie mehr zwiſchen uns beiden.. Aber warum hatten Sie mir das verſchwiegen?“ „Schöne Frau,“ antwortete Rodach,„Sie haben mir ſo Vieles verſchwiegen.“ Die Augenbrauen Sarahs zogen ſich leicht zu⸗ ſammen. „Sie ſcheinen wirklich einen Kampf gegen mich zu beabſichtigen,“ flüſterte ſie.„Sie haben nach ſo langer Abweſenheit nur Vorwürfe gegen mich und erkälten mir das Herz, da doch ſo wenig dazu gehört, mich zur glücklichſten Frau zu machen.“ Während ſie dieſe letztern Worte ſprach, wurde die Stimme der Kleinen ſanft und gleichſam bittend und ihr Blick drang ſcharf zwiſchen den halbgeſchloſ— ſenen Lidern hervor. Der Baron blieb vollkommen ruhig. 5 8—— ——— —:—— 2 2:—— —— 3 1 112²2 Die Kleine konnte eine Aeußerung des Zornes nicht unterdrücken. „Wenn Sie mich nicht mehr lieben, warum verfolgen Sie mich ſo eifrig?“ fragte ſie.„Ich finde Sie ſeit geſtern überall. Sie müſſen doch wiſſen, daß nur die Leidenſchaft den Mann entſchul⸗ digen kann, der ſich in gewiſſe Geheimniſſe ein⸗ drängt..“ Rodach antwortete noch immer nicht. „Herr Baron,“ fuhr Sarah fort, in deren Augen der Haß zu leuchten begann,„nehmen Sie ſich in Acht! Bis jetzt haben es noch Alle, die mich anzugreifen wagten, zu bereuen gehabt.“ „Ich weiß es,“ ſprach der Baron leiſe, der ſie feſt anſah,„doch nicht ſo ſehr als die, welche Sie liebten.“ Sarah erbebte. Ihr Mund öffnete ſich zitternd, aber ſie brachte kein Wort über die Lippen. Ihre Augen hafteten am Boden. Der Baron betrachtete ſie noch einen Augenblick mit Verachtung und Kälte. Dann raffte er ſich ge⸗ waltſam zuſammen als wäre die Rolle, die er über⸗ nommen, ſeinem Stolze zuwider. Er erfaßte die Hand Sarahs und führte ſie an die Lippen. „Ach ja,“ fuhr er fort und zwar plötzlich weich 113 und ſanft,„„die, welche Sie lieben, leiden, Madame und ich kenne einen Mann, der viel darum gäbe, wenn er Sie nicht gekannt hätte.“ Rodach wußte mehr und ſeine Stimme erhielt unwillkürlich einen ſchneidenden Klang, weil er an ſein Geſpräch mit dem Doctor Joſe Mira dachte. Der Doctor hatte ihm vieles geſagt. „Wer iſt dieſer Mann?“ fragte die Kleine ohne die Augen aufzuſchlagen. „Sie errathen ihn, Madame,“ entgegnete der Baron,„weil Sie ſehen, daß ich aus Deutſchland gekommen bin, um Sie aufzuſuchen.“ Die Kleine mußte ihre ganze Kraft aufwenden, um ihren Triumph zu verheimlichen. Ihr Herz klopfte heftig; die Verlegenheit verwandelte ſich in einen Sieg.. Noch ein Sclave! dachte ſie, denn ſie zweifelte nicht; ſie war daran gewöhnt, ver⸗ göttert zu werden. „Hören Sie mich an, Sarah,“ fuhr der Ba⸗ ron von Rodach fort,„es naht der Tag, an wel⸗ chem Sie alles erfahren werden, was tief in meinem Herzen liegt, wo Sie erfahren werden, wer mich in den Stand geſetzt hat, Ihr Geheimniß zu er⸗ gründen.“ „Warum nicht heute Abend?“ fragte Frau von Laurens. 4 ½ —2 114 „Weil ich heute Abend nur von mir ſprechen will, nur von Ihnen und mir. Alle Ihre Geheim⸗ niſſe kenne ich, Madame, ausgenommen ein ein⸗ ziges, das mich angeht und gerade dies möchte ich kennen.“ „Alle meine Geheimniſſe!“ wiederholte Sa⸗ rah, die ſich wieder zu ängſtigen begann. Ihr Auge betrachtete verſtohlen und forſchend die Züge des Barons. Rodach ſchien nachzuſinnen. Die Kleine betrachtete ihn einen Augenblick und verglich gleichſam ihre eigene Kraft mit der Macht dieſes Mannes, der ihr zu ſagen wagte: ich kenne alle Ihre Geheimniſſe. Irrte er ſich nicht? Je mehr Sarah darüber nachdachte, um ſo mehr beruhigte ſich ihr Blick und die Runzeln ſchwanden von ihrer Stirn. Alle ihre Geheimniſſe! Thorheit! Und übrigens glaubte ſie, daß Rodach ſie noch liebte; war ſie dann nicht gewiß ihn zu beherrſchen? Wußte ſie nicht, daß ſie jedes Herz zu tyranniſiren vermochte, das ſich ihr unklugerweiſe öffnete? Hatte ſie nicht ihr ganzes Leben hindurch verführt, gefeſſelt, geſtegt? Gab es für ſie Schwache und Starke? Hatte ſie nicht die ſtolzeſten Seelen unter ihr Joch gebeugt? Sie wartete, auf alles bereit und des Sieges ſicher. ————— 1 „Sarah,“ fuhr Rodach nach einige Secunden fort,„ein offenes Geſtändniß kann alles gut machen; das Herz verirrt ſich bisweilen und die Liebenden verzeihen.. Was haben Sie heute Abend bei dem jungen Manne in der Straße Dauphine geſucht?“ Die Kleine war entſchloſſen ſich über nichts zu wundern und doch ſtaunte ſie. „Wie?“ ſtammelte ſie;„auch das wiſſen Sie?“ „Was ich nicht weiß und was ich zu Ihren Gunſten auslegen möchte,“ entgegnete der Baron, „iſt der Beweggrund dieſes Beſuchs. Es kann nur die Liebe ſein.“ Sarah athmete tief. „Sie ſind eiferſüchtig,“ ſagte ſie. „Habe ich nicht Grund dazu?“ fragte der Baron. Seine Rolle wurde ihm läſtig, wenigſtens hatte er Mühe ſie weiter zu ſpielen. Sarah unterſtützte ihn dabei ohne daß ſie es wußte. Sie dachte einen Augenblick nach und ſie erin⸗ nerte ſich plötzlich eines vergeſſenen Umſtandes. „Jetzt habe ich es!“ rief ſie aus, indem ſie in die Hände klatſchte;„daß ich auch nicht früher darandachte! Sie würden mich dann nicht ſo erſchreckt 1133 ——————— 3 V 116 haben, Albert, mit Ihren Albernheiten und Ihrer ſpaniſchen Haltung.. Ich erinnere mich jetzt Ihres Erſcheinens an der Thüre des Zimmers im Café anglais. Seit dieſer Zeit haben Sie ohne Zweifel Ihren heitern Sinn verloren und das langere fin— ſtere Geſicht angenommen. Habe ich recht ge⸗ rathen?“ Rodach machte eine zweifelhafte Geberde und ſah aus wie Jemand, der ſich ſtellen will, als wiſſe er etwas genau, das ihm völlig unbekannt iſt. Die Kleine hielt dieſe Verlegenheit für den Aerger Rodachs, ſein großes Geheimniß aufgeklärt zu ſehen und der Gedanke gefiel ihr zu gut, als daß ſie ihn einen Augenblick aus dem Geſicht gelaſſen hätte. „Das iſt der Grund Ihrer theatraliſchen Er⸗ ſcheinung in dem Hauſe meines Vaters,“ fuhr ſie fort.„Sie ſind eiferſüchtzg, armer Albert, wie ein Graubart oder ein Schüler. Pfui, ein ſo ſchöner Herr, ein Don Juan! Da aufzuhören, wo die Schäfer anfangen! Und nach dem Beſuche im Hauſe meines Vaters hatten Sie keine Ruhe wie eine Seele, die den Weg in den Himmel nicht findet. Als ich ausging, ſtanden Sie irgendwo auf der Straße und folgten mir zur Batailleur, zu Franz..“ „Ach,“ unterbrach ſie Rodach, der den Unwiſ⸗ ſenden ſpielte,„Franz heißt er!“ 117 „Sie folgten mir überall. Wie Sie hier her⸗ ein kamen, weiß ich freilich nicht; im Ganzen braucht man aber auch kein Herenmeiſter zu ſein, um den Eintritt zu erlangen.“ 8 Rodach ließ ſie ſprechen ohne ſie zu unterbrechen und ſchien keine Luſt zu haben, ihre Beſorgniß wie— derum zu reizen. „Und der junge Franz?“ fragte er mit erheu⸗ chelter Zögerung;„Sie lieben ihn?“ „Vielleicht,“ antwortete Sarah. Die ſchwarzen Braunen Rodachs zogen ſich zu— ſammen. „Was würden Sie thun, Albert, wenn ich ihn liebte?“ fuhr die Kleine fort, welche ihr Lächeln ſo verlockend als möglich zu machen ſuchte. Rodach ſchlug die Augen nieder und antwortete finſter: „Ich brächte ihn um.“ Die Kleine betrachtete ihn ein Paar Secunden lang von der Seite mit offenbarem Wohlgefallen. Dann ergriff ſie ſeine Hand und zog ihn in die Loge hinein. Sie ſetzte ſich neben ihn nieder und legte ihren Kopf auf ſeine Achſel. Ihr ſchönes ſchwarzes Haar fiel in weichen Lok⸗ ken auf die Bruſt Rodachs und ihre Augen erhielten in dem Halbdunkel einen eigenthümlichen Glanz. 118 Sie war ſchön wie die Leidenſchaft, welche verlockt und berauſcht. „Wenn ein Mann das thäte, was Sie eben ſag⸗ ten,“ flüſterte ſie leiſe,„würde ich ihm angehören ſo lange ich lebe.“ Siebzehntes Kapitel. Die Quittung. Nach den letzten Worten der Frau von Laurens trat in dem ſogenannten Beichtſtuhle eine lange Pauſe ein. Die Kleine hatte dieſe Worte, welche einen Mord verlangten, mit ihrer ſüßeſten Stimme und dem verführeriſcheſten Lächeln ausgeſprochen. Aber unter dieſer lieblichen Stimme und hinter dieſem Lächeln erſchien ein ſo unbarmherziger Wille, daß der Baron unwillkührlich erbebte. Rodach kannte die Frau von Laurens nicht ſo genau, als ſie es glauben mochte, aber er beurtheilte ſie ſofort richtig und errieth die männliche Energie, welche unter ihrer zierlichen Anmuth verborgen lag. Dieſes Weib erſchreckte ihn deshalb auch weit mehr als Reinhold und Mira; ſie war offenbar die 120 gefürchtetſte unter allen Feinden, welche nach dem Leben des jungen Franz trachteten. Sarah hatte ſich nicht ganz getäuſcht als ſie behauptete, der Baron ſei ihr gefolgt; nur nahm ſie einen falſchen Grund an, wenn ſie an das Frühſtück im Café anglais dachte. Der Baron folgte ihr erſt ſeit etwa einer Stunde, weil er ſie in der Straße Dauphine an der Thüre der Wohnung des jungen Franz getroffen hatte. Weil er ihr folgte, war er in das Spielhaus gekommen. Er würde aber den Weg dahin wahr⸗ ſcheinlich auch ohne dieſen Umſtand gefunden haben, denn er hatte ſich in ſeiner Unterredung mit dem Doctor Joſe Mira manches bemerkt, unter andern die Namen von Navarin und Baronin von St. Roch. Als er gegen ſechs Uhr das Haus Geldberg verlaſſen, hatte der Baron von Rodach eine Stunde bei dem Kleiderhändler Dorn verbracht. Beide waren dann in das Haus Franzens gegangen und der Kleiderhändler hatte während der Abweſenheit deſſelben für ihn die Wohnung in der erſten Etage gemiethet. Sie wollten, wie es ſchien, mit dem jungen Manne nicht zuſammentreffen, denn die Sache wurde ſehr eilig abgethan und Hans Dorn nahm ſich kaum Zeit, die Wohnung im Einzelnen anzuſehen. in 121 Sobald ſie wieder auf die Straße gekommen waren, fuhren ſie raſch fort. Unterwegs ſprachen die beiden Männer deutſch von den Dingen, die im Vaterland geſchehen waren und welche die Thränen von Neuem in die Augen des treuen Dieners von Bluthaupt trieben. „Das Kind wird glücklich ſein!“ ſagte er mit inniger Rührung;„Gott liebt es, weil er ihm Ihre Liebe bewahrt hat, gnädiger Herr. Man ſagt, die Bilder der alten Grafen in dem großen Saale wären herumgedreht worden, mit den Geſichtern nach der Wand zu; wir wollen ſie ſchon wieder herumkehren, damit ſie den Erben ihres Blutes auf dem Herrn⸗ ſtuhle ſitzen ſehen.“ So ſprach Dorn und ſein treues Herz klopfte ungeſtüm bei dem Gedanken an die Rückkehr in das Vaterland. Rodach hörte ihn ſinnend an. Sie trennten ſich als der Baron zum erſten Mal ſeit ſeiner Ankunft in Paris wieder in ſeinem Gaſt⸗ hauſe ankam. „Vor allen Dingen, lieber Freund,“ ſagte er zu Dorn,„bewachen Sie das Käſtchen gut, das ich Ihnen übergeben habe; vielleicht hängt die ganze Zukunft des Kindes davon ab.“ Dorn hatte Arbeit für den ganzen Abend und er freute ſich darüber; es geſchah ja alles für den Sohn ſeines Herrn. n VIII. 9 122 Rodach ſelbſt war ermüdet. Drei Nächte hin⸗ tereinander hatte der Schlaf ſeine Augen nicht berührt. Jetzt hatte er zwei Stunden zum Aus⸗ ruhen. Als dieſe zwei Stunden vergangen waren und der Wecker neben ihm ihn ermunterte, fuhr er vom Lager auf, auf welchem er angekleidet lag. Er ging von Neuem aus. Sein Wagen brachte ihn in die Straße Pierre Lescot, die aus Häuſern mit ſchlechten Wirthſchaften beſteht. Er ſuchte da Verdier auf. Verdier war allein in ſeiner Wohnung im fünf⸗ ten Stock. Wenn er auch einen Beſuch erwartete, ſo glaubte er doch gewiß nichts weniger als Rodach bei ſich zu ſehen. Verdier lebte in den Tag hinein wie alle ſeines Gleichen; er ſpielte, er trank und gewöhnlich beſaß er nichts. Die Wunde, die ihn an das Lager gefeſſelt hielt, überraſchte ihn in einem ſolchen Augen⸗ blicke völliger Armuth. Am Tage vorber hatte er ſein letztes Geld luſtig vertrunken, weil er auch das Blutgeld für den andern Tag rechnete. Seine Wunde war nicht gefährlich, verurſachte ihm aber heftige Schmerzen, weil ſie nicht gehörig gepflegt wurde. Auf einem Stuhle neben ſeinem Bette ſtand eine geſprungene Taſſe, welche irgend . 123 einen Trank enthalten hatte, der bis auf den letzten Tropfen geleert war. Er hatte das Fieber; das Dunkel, welches in der kahlen Wohnung herrſchte, bevölkerte ſich für ihn mit allerlei Geſtalten. Er rief mit erſtickter Stimme ſeine Freunde, aber Niemand antwortete. Er zitterte und glaubte, ſein letztes Stündlein ſei gekommen. Als der Baron die Thür aufmachte, wußte er Anfangs nicht, wohin er ſich in der dichten Finſter⸗ niß wenden ſollte. Die Ermattung erſtickte in dieſem Augenblicke Verdiers Klagen; man hörte nichts als ein ſchweres keuchendes Athmen. „Verdier!“ rief der Baron leiſe. „Wer iſt da?“ entgegnete ſeine heiſere Stimme. „Kommen Sie endlich, Herr von Reinhold?““ Rodach tappte nach dem Lager hin. „Ach, was ich leide und wie ſchwach ich bin!“ fuhr Verdier fort.„Es war gar nicht klug von Ihnen, mich ſo wie einen Hund ſterben zu laſſen. Ehe ich abfahre, ſehen Sie, würde ich Ihnen eine kleine Erinnerung zurückgelaſſen haben. Geben Sie mir zu trinken; ich erſticke.“ „Wo iſt Licht zu finden?“ fragte der Baron. „Auf meinem Koffer hinter der Thüre liegt ein Stückchen.. Die Schwefelhölzchen ſind hier auf 9* ———O˖Oℳ——— ęòℳõéʒ“ðꝛ 124 dem Stuhle neben mir; ſchonen Sie aber meine Pfeife. Ach, Sie haben wohl gethan, daß Sie kamen, denn ich ſehnte mich faſt eben ſo ſehr nach dem königl. Procurator als nach dem Arzte.“ Rodach rieb ein Reibhölzchen an der Wand und das plötzlich erhellte Stübchen zeigte ſeine Kahlheit. Verdier hatte ſich mit Mühe aufgeſetzt. Bei dem Anblicke Rodachs machte er große Augen. „Ich habe das Delirium,“ brummte er, indem er ſchwer niederfiel,„oder es iſt der Teufel.“ Rodach ſuchte überall, um den Durſt des Kran⸗ ken ſtillen zu können. Endlich trat er mit der vollen Taſſe an das Bett. „Trinken Sie!“ ſagte er. Verdier drehete ſich herum und er ſah ganz blaß aus, aber mehr vor Schreck als in Folge der Schmerzen. Er trank und gab die Taſſe dem Baron zurück, ohne die Augen zu ihm aufzuſchlagen. „Ich danke, Götz,“ flüſterte er;„hoffentlich haben Sie mir genug gegeben und Sie kommen doch wohl nicht, um mir vollends hinüberzuhelfen.“ „Iſt der Ritter von Reinhold noch nicht da geweſen?“ fragte Rodach ſtatt zu antworten. Der Elende!“ ſagte Verdier, der im Zorn 8 ‿‿ 1 12⁵ einige Kraft fand;„der ſchlechte Knicker und Wu⸗ cherer! Wenn Sie wüßten, Götz!“ „Ich weiß Alles,“ unterbrach ihn Rodach. „Sie kennen ihn alſo?““ „Ich komme von ihm.“ „Hat er meinen Brief erhalten?“ „Ja.“ „Sie kommen alſo vielleicht in ſeinem Namen?“ „Nein.“ Verdier ſchien zu erwarten, daß der Baron ſich näher erkläre. Auch ſtellte ſich die Reaction nach der fieberhaften Aufregung ein, er fühlte ſich matter als je. „Ich war bei dem Herrn von Reinhold als Ihr Brief ankam,“ ſagte Rodach. „Was ſagte er?“ „Nicht viel, Sie wären zu nichts gut, glaube ich, Sie hätten Ihr Geld nicht verdient.“ „Weiter nichts?“ „So ziemlich. Er warf Ihren Brief ins Feuer und ſagte, von ihm würden Sie nichts bekommen.“ Verdier ballte unter der dünnen Decke die Fäuſte. 4 „Wenn ich ihn hier hätte, ih wwingte ihn!“ ſagte er zähneknirſchend. „Ins Unglück können Sie ihn ſtürzen,“ ent⸗ gegnete der Baron.. 126 Verdier richtete ſich auf den Elnbogen empor und ſeine erloſchenen Augen begannen von Neuem zu funkeln. „Hören Sie mich an,“ fuhr Rodach in ſeiner gewöhnlichen Ruhe fort;„Sie wiſſen, daß ich Sie durch und durch kenne und daß ich einige Ihrer Unterſchriften beſitze, die Sie ins Zuchthaus brin⸗ gen, wenn ich Sie vorzeige; Sie find in mei⸗ ner Gewalt, vollkommen, zieren Sie ſich alſo nicht und machen Sie keine Umſtände, ſondern nehmen Sie mein Anerbieten an ohne zu handeln.“ „Ich kenne es ja noch gar nicht,“ ſtammelte Verdier, deſſen Geſicht einen Ausdruck der Beſorg⸗ niß annahm. Rodach nahm ſeine Brieftaſche zur Hand. „Wie viel hatte Ihnen der Herr von Reinhold für Ihr Unternehmen von heute früh verſprochen?“ fragte er. „Zweitauſend Francs,“ antwortete Verdier. „Ich werde Ihnen eine Abſchlagszahlung in ſeinem Namen gehen,“ ſagte er,„wenn Sie dieſe Quittung unterſchreiben wollen.“ Er reichte das Papier Verdier hin, der las: „Von dem Herrn von Reinhold die Summe von fünfhundert Francs als Abſchlagszahlung für den Lohn, über den wir über mein Duell mit Herrn 82 127 Franz übereingekommen ſind, empfangen zu haben, beſcheinige ich hiermit. Paris, den 16. Febr. 1844.“ „Das kann ich nicht unterſchreiben,“ ſagte er. „Was kann es mir nützen? Es iſt doch nur Ihretwegen. Unterſchreiben Sie immerhin.“ „Aber mein werther Herr Götz..“ Der Baron zog ſeine Börſe und zählte fünfund⸗ zwanzig Goldſtuücke auf den Stuhl, welcher die Stelle des Tiſches vertrat. Verdier war geiſtig und körperlich höchſt ge⸗ ſchwächt und ſchielte begehrlich nach der aufgezählten Summe. „Ich ſchwöre es Ihnen bei meiner Ehre, daß ich von dieſer Schrift niemals gegen Sie Gebrauch machen werde,“ ſagte der Baron. „Aber..,“ ſtammelte Verdier, der noch zögerte. „Machen Sie ein Ende. Reinhold, der Sie ſo ſchlecht behandelt hat, muß beſtraft werden.“ „Der Niederträchtige!“ ſprach Verdier. „ Dieſt fünfundzwanzig Goldſeücke ſind Ihr Ei⸗ genthum.“ „Ich brauche Sie ſehr, Gott iſt mein Zeuge.“ „Wenn Sie nicht wollen, 95 ich mein Geld wieder mit, die Rache entgeht Ihnen und ich laſſe Sie als Fälſcher verhaften.“ Um der letzten Drohung mehr Kraft zu geben, ——————— 128 nahm der Baron aus ſeinem Portefeuille vier oder fünf Anweiſungen der Caſſe Laffitte, die offenbar nachgemacht waren und auf der Rückſeite den Namen Verdier enthielten. Der Verwundete wollte noch weiter überlegen, aber ſein Kopf war ſo ſchwach, daß er ſich verwirrte. Er unterzeichnete die ſeltſame Quittung und ſank dann auf ſein Lager nieder. Rodach ſteckte ſeine Brieftaſche wieder ein und als er unten auf der Straße angekommen war, ließ er ſich zu einem Arzte fahren, den er zu dem Kran⸗ ken ſchickte. Die ſorgſam bewahrte Quittung ſollte den In⸗ halt des Käſtchens vermehren, das er Hans Dorn anvertraut hatte. Von der Straße Pierre Lescot aus begab er ſich zu der Wohnung des jungen Franz und ſtatt des Hans Dorn, den er dort zu treffen geglaubt hatte, erkannte er Sarah in der Hausmeiſterwohnung. Der Anblick der Frau von Laurens rief eine ganze Reihe von Gedanken in ihm auf.. Es war dies vielleicht eine neue Gefahr, vielleicht eine neue Waffe und er mußte ſich Gewißheit zu verſchaffen ſuchen. Sein Kutſcher erhielt den Befehl, dem Wagen der Kleinen zu folgen. Die Pauſe in dem„Beichtſtuhle“ hatte bereits 129 mehrere Secunden gewährt. Die Worte Sarahs hatten die Wirkung einer ſchrecklichen Drohung auf Rodach gehabt. Er ſenkte den Kopf und ſchien nach⸗ zudenken. Sarah lehnte ſich noch immer an ihn; das matte Licht, welches durch die Vorhänge in die Loge drang, verwiſchte auf dem Geſichte der Kleinen die auch ſonſt kaum bemerklichen Spuren, welche das Alter darauf zurückgelaſſen haben konnte und man glaubte ein junges Mädchen in der vollen Blüte der erſten Schönheit zu ſehen. Sie gab ſich vertrauensvoll hin; ihre Haltung hatte eine unbeſchreibliche Anmuth, ihr verſchleierter Blick verkündete Zärtlichkeit und ihr Lächeln be⸗ zauberte. Sie ſtrich mit ihren weißen kleinen Fingern durch die braunen Locken Rodachs. Man hätte ihre Worte hören müſſen, um ſie zu glauben und wenn man die engelgleiche Stirn ſah, auf welcher eine ſo reizende Ruhe lächelte, konnte man faſt an dem zweifeln, was man gehört hatte. Die Frau, die mit Lächeln auf den Lippen von Mord geſprochen hatte, ſah aus wie eine Heilige. „Wie ſchön Sie ſind, mein Albert!“ fuhr ſie nach einigen Secunden in einem noch liebkoſenderem Tone fort,„und wie thöricht war ich, einen Preis für das Gefuͤhl zu verlangen, das mich zu Ihnen * ——— 13⁰ hinzieht. Was Sie auch thun mögen, ich werde Sie doch immer lieben müſſen.“ Rodach hatte die Augen niedergeſchlagen und antwortete nicht ſogleich. „Und doch,“ fuhr Sarah fort,„welches Ver⸗ trauen habe ich zu Ihrem Arme, Albert! Sie ſind ſo kräftig.. Sie brachten die keckſten Eiſenfreſſer zum Schweigen.“ Sie unterbrach ſich, um die Hand des Barons zu ergreifen und ſie in der ihrigen zu drücken. Dann fuhr ſie mit einem verführeriſchen Seufzer fort: „Wenn dies geſchehen wäre, würde ich Sie zu ſehr lieben.“ „Sie haſſen ihn alſo ſehr?“ fragte Rodach leiſe. Die Kleine richtete ſich empor und legte ihre wei⸗ ßen Schultern an die Lehne des Stuhles. Ihre Stimme und ihr Geſichtsausdruck änderten ſich. „Liebſter Mann,“ ſagte ſie in leiſem Tone, „glauben Sie das nicht. Ich haſſe Niemanden,“ ſetzte ſie leiſer hinzu,„aber manche Leute ſind mir im Wege.“ „Und der junge Mann gehört zu dieſen?“ „Allerdings, Baron.“ „Sie haben ihn alſo geliebt?“ „Eiferſüchtiger!“ ſprach Sarah mit Koketterie. „Ernſtlich, ich weiß nicht, was ich antworten ſoll. 131 Ich habe ihn nicht geliebt wie ich Sie liebe, Albert, aber.. „Aber..?“ wiederholte Rodach. „Nun,“ fuhr die Kleine, Heftigkeit heuchelnd fort,„wenn Sie ein Weib nur darum liebten, lieber Albert, würde ich dieſes Weib verabſcheuen. Sie ſehen, wie offen ich bin. Ich kann Ihnen einmal nichts verheimlichen.“ Es war eine Sache, die in den Formen und mit der hinterliſtigen Beredſamkeit eines alten Advokaten geführt wurde. Man ging an die Frage nicht geradezu, ſondern faßte ſie von der Seite. Rodach maß mit unwillkührlichem Schauer die unergründ⸗ liche Verdorbenheit dieſes Weibes, die ihn ſpielend einen Dolch in die Hand gab und fürchtete, ſeine Hand könne nicht raſch genug zuſtoßen, die ihn des⸗ halb gleichſam zu berauſchen ſuchte wie die gemeinen Uebelthäter, die man in der Stunde des Mordes mit Wein oder Branntwein betäubt. Es wurde ihm ſchwer ſeine Rolle weiter zu ſpie⸗ len; ſein Blut kochte vor Zorn und er mußte ſeine ganze Willenskraft zuſammennehmen, um ſcheinbar ruhig zu bleiben. „Sie ſind offenherzig, Madame,“ antwortete er mit einiger Bitterkeit, über die Sarah ſich allerdings nicht wundern konnte,„aber ich muß noch mehr 132 wiſſen. Was wollten Sie dieſen Abend dei dem jun⸗ gen Herrn.“ Die Kleine ſchlug die Augen nieder und bemühete ſich zu erröthen. „Sie merken es wohl,“ flüſterte ſie,„daß ich vorſichtig ſein muß; der junge Mann könnte plau— dern und mich verderben.. Wenn Sie alle meine Gedanken wüßten, die Ihre Ankunft in mir hervor⸗ ruft, lieber Albert! Vor Ihrer Rückkehr dachte ich an alle dieſe Dinge kaum, erſt ſeit geſtern habe ich alles überlegt. Um glücklich zu ſein, muß ich Ihnen ganz angehören 35 ich fürchte mich jetzt vor jenem jungen Manne.“ Eben als ſie dieſe Worte geſprochen hatte, öffnete ſich die Thür des Spielzimmers mit unge⸗ wöhnlichem Geräuſche und zwei neue Gäſte erſchie⸗ nen; aber ſie ſahen nicht aus als wären ſie ſchon öfters da geweſen. Sie gingen Arm in Arm durch das Zimmer um den Tiſch herum, um ſich der Frau Baronin von St. Roch zu nähern. Die Kleine drückte ſtark den Arm Rodachs und ſtieß einen Seufzer aus, während ihr Blick ſich auf die beiden Ankommenden richtete. Das Auge Rodachs folgte derſelben Richtung. „Iſt er es?“ fragte er. „Er iſt es,“ antwortete Sarah. „Welcher?“ „Der Kleinere.“ „Er iſt ja noch ein Kind.“ „Ein Kind, das es mit manchem Manne auf⸗ ⸗— f nimmt,“ antwortete ſie,„und das noch heute Mor⸗ b gen im Duell einen der geübteſten Schläger von ) Puaaris getödtet hat.“ 1„Ah!“ entgegnete Rodach, der unwillkührlich 8 lächelte, als er an den arnen Verdier dachte. 9„Nun, wir werden ihm auf der Menſur ſehen. Aber p war der geübte Schl ger, deſſen trauriges Geſchick 1 ich beklage, nicht auch Einer Ihrer Freunde?“ n Die Kleine zögerte. „Nein,“ antwortete ſie endlich leiſe;„aber ich . bin Ihnen Wahrheit ſchuldig, Albert; das Duell 1 hatte Hoffnungen in mir erweckt und ich rechnete 4 darauf.“ n„Sie rechneten darauf?“ —h„Glauben Sie mir, Ihretwegen, um Ihnen 1 ungetheilt anzugehören.. Ich bin reich. Mein Vater ſoll ein großes Feſt in Deutſchland, in ſeinem d Schloſſe Geldberg, geben; ich rechnete darauf..“ uf Rodach ſchauderte. Er ahnete den Zuſammen⸗ hang. 1 „Sie haben alſo noch einen andern Ritter außer mir?“ fragte er, indem er ſich bemühete gleichgültig zu bleiben. 15 —:———.L“₰ʒ3‧ʒ“N— 1 r 1 134 „Ich bin reich,“ wiederholte Sarah kalt,„und jetzt kann ich es Ihnen ſagen; ig) ging dieſen Abend zu dem jungen Manne, um ihn zu dem Feſte in Geldberg einzuladen.“ Sarah bemerkte die Bläſſe des Geſichts Rodachs nicht. 5 Achtzehntes Kapitel. Landsknecht. 6 Der Baron kannte, wie man weiß, das Schloß. Geldberg und er ſchauderte bei dem Gedanken an die Gefahr, welche keine menſchliche Klugheit hätte vorausſehen oder vermeiden können. Er nahm ſeine ganze Kraft zuſammen und ergriff die Hand Sarahs, um ſie an ſeine Lippen zu führen. „Ich danke,“ flüſterte er;„ich danke, Ma— dame; jetzt bin ich von dem Zweifel befreit, der mich ſo unglücklich machte. Aber wiſſen Sie auch gewiß, daß er Ihrer Einladung Folge leiſten wird?“ Sarah lächelte ſtolz. V „Er liebt mich wie ein Knabe und wie ein Thor,“ entgegnete ſie. „Nun,“ ſprach der Baron,„wenn Sie es er⸗ 1 — 136 lauben, werde auch ich bei dem Feſte in dem Schloſſe Geldberg ſein.“ Sarah reichte ihm vergnügt die Stirn dar und Rodach drückte einen Kuß darauf. Der Vertrag war geſchloſſen; Verdier hatte einen Stellvertreter. Franz reichte unterdeß rechts und links ſeine Hand hin wie Jemand, der ganz zu Hauſe iſt. Er grüßte vertraulich den ehemaligen griechiſchen Of— ficier und ſtellte ſeinen Begleiter, den jungen Vicomte Julian von Audemer, der Frau Baronin von St. Roch vor. „Dieſe beiden Geſichter ſollte ich kennen,“ ſagte Mirelune zu Ficelle. „Der Größere iſt der ſogenannte Bräutigam der Gräfin Lampion,“ antwortete der Bühnen⸗ dichter;„der Andere..“ „Ach der Andere iſt der Knabe, der geſtern Abend Fechtunterricht bei Griſier nahm,“ fiel der Graf ein.„Man ſcheint ihn heute früh nicht beſei— tigt zu haben.“ „Es war Faſtnachtsmontag und man wird ge⸗ frühſtückt haben..“ „Wie ein Mann, auf Ehre! Es giebt keine Kinder mehr.“ „Iſt Louiſe nicht hier?“ fragte Franz die Frau Baronin. 137 Louiſe war bekanntlich der Abenteuer⸗Name der Frau von Laurens. 2 1 I„Nein, mein Kleiner,“ antwortete die rothe Trödelfrau, die gern gelacht hätte als ſie an den großen Mann dachte, den ſie zu Sarah geführt lhatte. Franz blickte forſchend nach der Loge hin. 3 V „Iſt Niemand drinn?“ fragte er nochmals. „Niemand, mein Kind.“ Franz drehete ſich auf den Abſätzen herum. „Liebſt Du trente et quarante, Julian?“ fuhr 1 er fort.„Ich finde es im höchſten Grade ſchläfrig; laß uns Landsknecht ſpielen.“ „Meinetwegen,“ ſagte Julian. Franz hatte dieſen Abend die triumphirende Miene, die bei einem andern unerträglich geweſen 1 ſein würde, die ihm aber ganz gut ſtand. Er konnte ſein Geheimniß dem Freunde nicht mittheilen und mußte ſorgſam die Erxeigniſſe des an⸗ genehmen Abends verheimlichen, von denen er gar zu gern geſprochen hätte. Das Herz, das er nicht ausſchütten durfte, war ihm deshalb zu voll von Glück und Seligkeit und ſo mußte er ſich wenigſtens bewegen, ſprechen, leben.„. 1 Wenn man ſehr jung iſt, verräth ſich dieſer — Seelenzuſtand meiſt durch Ausgelaſſenheit und tolle I Streiche. VIII. 10 ——— V 138 Franz ſtützte ſich auf den Arm des Vicomtezvon Audemer und ging in das Nebenzimmer mit ſeiner Miene, als müſſe und wolle er einen recht tollen Streich begehen. Man mußte unwillkürlich lächeln, wenn man ihn anſah, und zwar ohne Spott und ohne Mitleid. Er war ein ſo hübſcher junger Mann. Seine großen zu gleicher Zeit muthwilligen und gutmü⸗ thigen blauen Augen hatten einen ſo offenen Blick! Seine gute Laune war anſteckend. Die Frauen ſahen ihn liebkoſend an und die Männer waren nicht neidiſch auf ihn, weil ſie ihn für zu jung hielten; die Alten erinnerten ſich der eigenen Jugend, wenn ſie ihn anſahen. „Meine Herren,“ ſagte er als er in das Lands— knechtzimmer trat,„ich zeige Ihnen im voraus an, daß ich im Zuge bin; ich habe heute Abend bereits etwas gewonnen, was mich für das ganze Leben glücklich macht.“ „Nun, Herr Franz,“ ſagte der Mann/ welcher die Frau Baronin von St. Roch vertrat,„ſetzen Sie ſich, Sie werden wieder verlieren.“ Franz ſetzte ſich ſo, daß neben ihm ein Platz für Julian von Audemer frei blieb. Alle Spieler an dem Tiſche kannten ihn. Jeder ſagte ihm einen freundlichen guten Abend bis auf 139 einen jungen Mann, der ſchwarz gekleidet war und ihm gerade gegenüber ſaß. Dieſer junge Mann machte ein ganz eigenthüm— liches Geſicht, das überflüſſig deutlich verrieth, daß er nicht häufig in Geſellſchaft komme. Seine Kleidungsſtücke, die nicht genau zu paſſen ſchienen, waren ihm hinderlich; er ſaß auf der äußer— ſten Ecke des Stuhles unbeweglich und ſteif wie ein hölzerner Heiliger; auf ſeiner Stirn ſtanden Schweiß⸗ tropfen; ſein Geſicht war bleich und faſt verſtört. Vor ihm auf dem Tiſche ſah man einen ziemlich anſehnlichen Haufen Gold, ein Paar tauſend Francs vielleicht. Er gewann mit unwandelbarem Glücke, das ſich auch nicht eine Minute verleugnete. Er befand ſich etwa eine halbe Stunde da. Nie⸗ mand kannte ihn; man hatte ihn linkiſch und ſchüch⸗ tern mit einem jungen Manne ſeines Alters in gemeiner Haltung eintreten ſehen, der immer hinter ihm ſtand. Der junge Mann hatte ſich auf den erſten beſten freien Platz geſetzt, ſechs Goldſtücke aus ſeiner Taſche genommen und ſie auf den Tiſch gelegt. Er hatte geſpielt, anfangs nach der Anweiſung ſeines Be⸗ gleiters, dann nach eigenem Willen. Und er hatte nicht einmal verloren. Seit ſeinem Eintritte hatte ſich ſein Auge aus Schüchternheit oder aus Habſucht niemals von dem 10* 140 kleinen Schatze abgewendet, der ſich unaufhörlich vergrößerte. Er hatte die Augen nicht aufgeſchla⸗ gen, ſo daß Niemand die Farbe derſelben hätte an— geben können. Nicht einmal das geräuſchvolle Eintreten des jungen Franz machte ihn aufmerkſam. Wenn ſelbſt die hübſche Gertrud unverſehens zu der Frau Baronin von St. Roch gekommen wäre, würde ſie in dem ſchweigſamen Spieler den armen Johann Regnault nicht erkannt haben. Er war ganz verwandelt und die Aufregung war noch mehr als die verſchiedene Kleidung Urſache, daß er ſich ſelbſt nicht glich. Das Spiel beſchäftigte ihn ganz und gar; in ſeinem Geſichte ſpiegelte ſich die außerordentliche Aufmerkſamkeit ab, die er ihm zuwendete; er lebte gleichſam nicht mehr, er ſpielte nur. Schon verſchleierte ſich der Gedanke, welcher ihn in das Haus geführt hatte, vor der unbekannten Leidenſchaft. Dieſes Gold, das vor ihm lag, war für ihn nicht mehr die Rettung ſeiner Großmutter, es war Gold, nichts als Gold. Der Teufel hatte in ihm geſprochen, die Luft der Spielhölle hatte gewirkt. Johann hatte das Fieber; er ſpielte, um zu ſpielen. Hinter ihm konnte Polyt ſeine Freude kaum mä⸗ ßigen; er that alles Mögliche um gleichgiltig zu erſcheinen wie es in der guten Geſellſchaft Sitte iſt, —,———— f —— ——,—— 141 betrachtete den wachſenden Geldhaufen von der Seite und hütete ſich wohl, Johann aufzufordern nun auf⸗ zuhören. Er hatte aber doch vollkommen genug, um die arme Mutter Regnault zu retten und überdies ein gutes Frühſtück zu halten; aber Polyt rechnete auf den Grundſatz, welcher demjenigen, welcher zum erſtenmale ſpielt, einen ſichern Gewinn verheißt. Das Glück mußte alſo benutzt werden. Polyt ſtellte ſich bald ſo, bald anders, ſtrich mit den rothen Fingern durch das lockige Haar und be⸗ dauerte, daß er ſeinen Stock mit dem galvaniſch vergoldeten Knopfe nicht bei ſich haben durfte. Er beäugelte die Damen von zweifelhafter Tugend, welche um den Tiſch herum ſaßen, kurz er war ab— ſcheulich. Von Zeit zu Zeit ſchritt er auf den Fußſpitzen durch das Zimmer und öffnete die Thüre zu dem Saale des trente et quarante ein wenig, um hinein— zuſchielen. Die Batailleur, ſeine Gebieterin, ſaß da und ſie hatte ihm ſtreng verboten, in das Spielhaus zu gehen. Polyt durfte den Befehlen ſeiner Königin nicht zuwider handeln. Er hatte ſich nur hereingeſchmuggelt. An einem Liebesabende hatte die Batailleur wie Jupiter, wel— cher die Mädchen der Sterblichen verführte indem er ihnen ſeinen ganzen Glanz zeigte, ihren Polyt 142² auch blenden und feſſeln wollen und ihn mit in ihrem Wagen in die Straße Prouvaires genommen, wo ſie unter dem adeligen Namen St. Roch bekannt war. Als die Wirkung erfolgt war, hatte ſie ihren königlichen Willen kund gegeben und ihrem Günſt⸗ linge verboten, die Grenze des Temple zu verlaſſen. Aber der abenteuerſüchtige Polyt wußte nun den Weg und was nöthig war, um in das Heiligthum hinein⸗ zugelangen. Die Ankunft des jungen Franz änderte das Glück Johann Regnaults nicht. Franz hatte ſich aber auch nicht getäuſcht; er hatte ebenfalls Glück an dieſem Abende und bald war ſein Haufen Gold ſo groß wie der Johanns. Faſt Alle am Tiſche verloren; nur die Beiden machten gute Geſchäfte. Aber wenn ihr Glück gleich war, ſo ließen ſich ihre Geſichter durchaus nicht mit einander vergleichen. Franz war ausgelaſſen luſtig; er ſchwatzte, er lachte, er ſcherzte; ſelbſt die Verlierenden lächelten über ihn. Johann Regnault dagegen machte die Zähne nicht auseinander. Seit ſeinem Eintritte hatte er ſich nur einmal bewegt, um einen Louisd'or aufzuheben, der an den Boden gefallen war und Polyt war ihm noch zuvorgekommen, indem er den Louisd'or in die Taſche ſteckte. Johann athmete ſchwer; ſeine Augenbrauen wa⸗ 143 ren zuſammengezogen und ſein Haar lag ſtruppig um ſeine Stirn. Je höher ſein Gewinn ſtieg, um ſo ſtärker wurde auch ſein Fieber; er kannte ſich ſelbſt nicht mehr. Zwei Banknoten waren zu ſeinen Goldſtücken gekommen und er mochte wohl viertauſend Francs vor ſich liegen haben. Polyt neigte ſich von hinten an ſein Ohr. „Du haſt tüchtig gearbeitet, Kleiner,“ flüſterte er;„aber man darf nicht hitzig werden.. Es ſchlägt Mitternacht. Wir ſtehen ſchon im andern Tage. Du biſt alſo nicht mehr im erſten Verſuchs⸗ tage und das Glück könnte umſchlagen..“ Johann zuckte ungeduldig die Achſeln. „Nun meinetwegen,“ brummte Polyt;„Du ſcheinſt nun eigenſinnig zu ſein und da Du mich nicht mehr brauchſt, ſo gehe ich.“ Polyt verließ ſeinen Poſten und blickte noch ein⸗ mal in das Zimmer des trente et quarante hinein. So oft er die rothe, dicke, blühende Batailleur ſah, fühlte er ſich ſtolz und glücklich in dem Range, den er in der Welt einnahm. Franz hielt in dieſem Augenblicke Bank und zwar mit ziemlichen Glücke; er hatte eine anſehnliche Summe vor ſich liegen. Die Spieler mußten, um ihm Stand zu halten, zuſammenſchießen und ſo durften die letzten ihr Geld verlieren wie die erſten. —— 144 Auch dieſer ſo glücklichen Bank gegenüber er⸗ bleichte das Glück Johanns nicht; er gewann zwar nicht mehr, aber er verlor auch kaum. „Es ſind vier tauſend Francs zu machen,“ ſagte Franz. Die Verlierenden waren etwas ſcheu geworden und man brachte auch die Summe kaum zuſammen. Franz gewann wieder. „Zweitauſend Francs!“ ſagte er luſtig indem er neue Karten nahm. Nach langem Zögern fanden ſich die zweitauſend Francs. Franz gewann wieder. „Viertauſend Francs!“ rief er. „Ich halte hundert,“ ſagte ſein Nachbar. „Ich dreihundert.“ „Ich funfzig.“ Und ſo fort. Als der letzte Spieler geſprochen hatte, fehlte noch etwa ein Viertel der Summe. Seit zwei oder drei Minuten hatte Johann nicht gewonnen und thörichter Aerger ſammelte ſich in ihm. Er ſtampfte mit den Füßen unter dem Tiſche auf und ſeine geballten Fäuſte ſuchten etwas zu zer⸗ malmen. Da man das Geld nicht gleich zuſammenbrachte, ſo konnte Johann vor Ungeduld ſich kaum laſſen. „Es geht heute Abend nicht,“ ſagte Franz. 145 „Zwei hundert Louisd'or ſchlagen Sie aus dem Felde; es iſt erbärmlich.“ Der Blick Johanns, der noch nicht über die Mitte des Tiſches hinweggekommen war, erhob ſich ein wenig und reichte bis zu dem Goldhaufen vor Franz. Da haftete er.. Verworrene Töne klangen in dem Ohr des armen Drehorgelſpielers und er drehte ſich um als ſuche er Polyt. Polyt ſtand am andern Ende des Zimmers. Der Blick Johanns kehrte, wie mit Gewalt ge⸗ zogen, auf den Goldhaufen ihm gegenüber zurück und er athmete tief. Bis jetzt hatte er ſeinen Einſatz ſchüchtern hin— geſchoben und ohne ein Wort dabei zu ſagen; mit einemmale ertönte jetzt ſeine unbekannte Stimme im Zimmer. Polyt unterbrach erſchrocken ſein Auf- und Ab⸗ gehen und kehrte mit drei Schritten auf ſeinen ver⸗ laſſenen Poſten zurück. „Ich halte alles,“ hatte Johann Regnault geſagt. „So iſt's recht,“ antwortete Franz,„das iſt ein braver Spieler.“ Die andern Spieler zogen ihre Einſätze zurück und ſahen zu; es war ein ſehr intereſſanter Zwei⸗ kampf. Die Partie begann. —— 1 5 14 1 146 Als die erſte Karte umgeſchlagen wurde, fühlte er ſich wie betrunken; das Blut drängte ſich mit Macht nach ſeinen Wangen und ſeine Augen wurden trübe. Er ſtierte gierig nach dem Spiele und be⸗ mühte ſich zu ſehen, aber er vermochte es nicht. Ein röthlicher Schein lag zwiſchen ihm und ſeinen Karten. Polyt ſtand unbeweglich und athemlos da und ſah für zwei. Zwei Secunden vergingen, die Jahrhunderte zu ſein ſchienen, dann entſtand ein Gemurmel um den Tiſch. „Gewonnen!“ ſagte man. „Wer?“ fragte Johann mit ſchwacher Stimme. Die Spieler lachten und ein unterdrückter Fluch Polyts berichtete Johann die Wahrheit. Seine Wange erbleichte; er wankte auf ſeinem Stuhle. „Zähle,“ ſagte Polyt,„Du haſt vielleicht mehr als viertauſend Francs.“ Johann fing an zu zählen; ſeine Hände zitter⸗ ten; er hatte weniger als viertauſend Francs. „Es iſt vorbei,“ brummte Polyt entmuthigt. „Du haſt nichts mehr; laß uns gehen.“ Johann rührte ſich nicht; er ſchien die Worte nicht zu verſtehen. Als der Rechen des Croupier ſeinen Haufen 1 147 Gold faßte, um ihn zu dem des jungen Franz zu ſchieben, folgte ihm Johann mit ſtierem Blicke. Man lachte noch immer am Tiſche, denn die Verzweiflung des armen Teufels hatte etwas ſehr Drolliges an ſich. „Laß uns gehen,“ wiederholte Polyt. Johann verſtand ihn endlich. Er ſah den Platz vor ſich leer. Dann ſtrich er mit dem Handrücken über ſeine ſchweißbedeckte Stirn und zum erſtenmale ſeit er in dem Spielhauſe war, ſchlug er die Augen ganz auf. Sein Blick ſuchte den Mann, der gewonnen hatte. „Achttauſend Francs!“ ſagte Franz in ſeiner gewöhnlichen Heiterkeit. „Sieh doch,“ flüſterte ihm Julian zu,„wie der junge Man Dich anſieht!“ Julian ſprach von Johann Regnault, deſſen große brennende Augen ſich mit entſetzlichem Haſſe auf Franz richteten. Die Wange des Drehorgelſpielers war erd⸗ fahl.. Die Zähne hielt er er krampfhaft auf⸗ einandergepreßt. Das lächelnde heitere Geſicht ſeines Gegners erſchien ihm wie das Geſicht eines Dämon. Es war derſelbe blonde Kopf, den er in dem Zimmer Dorns bemerkt hatte. Der Kuß, den er gehört und 3 V 148 der ſein Herz wie ein Dolchſtoß verwundet hatte, war von dieſem roſigen Munde gekommen. Und der ſchöne junge Mann ſchien ſo glücklich zu ſein, während er, Johann, von der gräßlichſten Verzweiflung erfaßt war. Ihre Blicke begegneten ſich und das Geſicht des jungen Franz nahm einen Ausdruck des Bedauerns und Mitleids an. Er erkannte den Drehorgelſpieler zwar nicht, aber er ſah ſeine Verzweiflung und hätte ihm das gewonnene Geld gern zurückgegeben. Johann fühlte die giftigſte Wuth im Herzen, ſeine Hände ballten ſich, die Muskeln ſeines Kör⸗ pers ſpannten ſich an, als wenn er auf den Gegner hätte ſpringen wollen. Er hatte an Gertrud gedacht, die ihn vielleicht hinterging und an die Mutter Regnault, die auf dem Bette lag und die durch dieſes Gold hätte gerettet werden können. Er fürchtete ſich vor ſich ſelbſt und fühlte ſich verſucht, über den Mann herzufallen, der ihm ſeine letzte Hoffnung entriß. Dann ſtand er auf und entfloh. 4 Neunzehntes Kapitel. Nach Mitternacht. Seit einer halben Stunde hatte es Mitternacht geſchlagen. Es war kalt. Zwei Männer gingen langſam in dem tiefen Dunkel hin, das um dieſe Zeit unter den Pfeilern der Halle herrſcht. Sie ſahen traurig und ganz verſtört aus; der Eine wankte wie betrunken und ſein Begleiter mußte ihn halten. Es waren Johann Regnault und Polyt, die aus dem Spielhauſe der Frau Baronin von St. Roch kamen. Polyt hatte nicht mehr das triumphirende Aus— ſehen, das ihn der Madame Batailleur ſo werth machte. Er hatte vergeſſen, den Hut auf ein Ohr zu ſetzen und nur ſelten verſuchte er den Stock in den Häͤnden herumzudrehen. h 150 Gleichwohl ließ ſich ſeine Niedergeſchlagenheit mit der des armen Johann Regnault nicht verglei— chen. Wenn das Gas zwiſchen zwei Pfeilern auf ſein verſtörtes bleiches Geſicht fiel, hätte man ihn für ein Geſpenſt halten können. Er ging mit nieder⸗ geſchlagenen Augen und antwortete auf die ge— ſchwätzigen Anſchuldigungen Polyts nicht; er hörte ſte vielleicht gar nicht. „Es iſt eine ſo bekannte Sache,“ ſagte traurig der„Löwe“ des Temple;„zwei Tage hinter ein⸗ ander kann man in dieſer Weiſe nicht gewinnen. Du hatteſt den Montag Abend angefangen und wir waren in den Dienſtag hineingekommen; ich hätte Dich am Kragen nehmen und mit Gewalt fortführen ſollen; aber ich bin in dieſem Hauſe nicht frei.. Wenn ich Scandal gemacht hätte, würde man Jo⸗ ſephinen gerufen haben und dann..!“ Johann ſah aus wie ein Schlafwandler, der geht ohne zu ſehen und zu hören. „Viertauſend Francs auf eine Karte zu ver— lieren!“ fuhr Polyt fort.„Sicheres Gold, das man in die Taſche ſtecken und forttragen konnte! Und ich war da und rief nicht: hört nicht auf ihn, er iſt toll! Denn toll biſt Du oder ich will mich hängen laſſen.“ Johann ſeufzte tief. Sie waren in der Straße Rambuteau gekommen. Während Polyt ſeine nutz⸗ 151 loſen Vorwürfe herauspolterte, erfolgte bei dem Drehorgelſpieler eine Reaction; ſeine Niederge⸗ ſchlagenheit wich noch einmal dem Fieber. Er erwachte allmälig; ſein ſchleppender ſchwerer Tritt wurde raſcher; er murmelte Worte ohne Zuſammen⸗ hang und begleitete ſie mit heftigen Geberden. Nach einem viertelſtündigen Gange blieb er mit einemmale auf dem ſchmutzigen Fahrwege der Temple⸗ ſtraße ſtehen. „Ich will umkehren,“ ſagte er, während er die Hand ſeines Begleiters ſtark drückte. Polyt unterbrach ſeinen endloſen Sermon. „Wohin?““ fragte er erſtaunt. „Er muß noch dort ſein,“ fuhr Johann fort, ohne zu antworten;„ich will ihn ermorden.“ „Wen ermorden?“ Johann drehte ſich auf den Abſätzen herum und ging in der entgegengeſetzten Richtung hin. Polyt lief ihm nach, um ihn zurückzuhalten. Johann wehrte ſich; ſein Geſicht glühte und aus ſeinen Augen ſprach Wahnſinn. „Ermorden will ich ihn!“ ſagte er,„ermorden. Wenn Du wüßteſt was ich heute Abend geſehen habe! Er ſaß neben ihr und küßte ihr die Hand. Ich weiß, daß er mein böſer Geiſt iſt. Die Mutter Regnault wird auf Stroh ſterben, im Gefängniß und Gertrud, ach Gertrud, die mich nicht mehr liebt!“ 15² Zwei Thränen rannen über ſeine glühenden Wangen. „Der arme Kerl iſt zum Einſperren toll,“ dachie Polyt.„Nun komm, Johann, ſei vernünftig. Wir wollen zu Bett gehen..“ Johann machte eine letzte Anſtrengung um ſich zu befreien, aber die Abſpannung trat wieder ein; er hörte bald auf ſich zu ſträuben, ließ den Kopf tief ſinken und folgte mechaniſch Polyt, der ihn nach dem Temple hinzog. Der Dandy ſchalt nicht mehr; er hatte Mit⸗ leiden und wendete jetzt ſeine Beredtſamkeit an, um den Drehorgelſpieler wieder aufzurichten und ihm Muth zu machen. „Es ſchwankt hinüber und herüber. Wenn wir wieder einmal Glück haben, wollen wir keine Dumm— heiten machen. Herr Gott!“ ſetzte er bei Seite hinzu,„Waſſer wäre für den da das Beſte. Haſt Du Durſt, Johann?“ „Ja,“ antwortete der Drehorgelſpieler, der die Hand auf die beklommene Bruſt legte„großen Durſt.“ „Wie ſich das trifft! Ich.. könnte die Seine austrinken! Wenn wir aber auch noch ein Wirths⸗ haus offen finden.. Geld haben wir ſo nicht.“ Sie kamen auf dem Rotundenplatze an. Der 153 Elephant, die zwei Löwen und die andern Wirths⸗ häuſer waren geſchloſſen. Polyt griff in die Weſtentaſche faſt unwillkürlich, denn er machte dieſe Bewegung ſehr oft. „Wenn das Fünffrancsſtück nicht fehlte,“ fuhr er fort,„ſo wüßte ich wohl, wo wir fänden was wir brauchen und mir wäre das ganz recht, da ich mit dem Portier meines Hauſes nach Mitternacht nicht gern zuſammentreffe. Die Mutter Tabourot läßt in ihren„vier Haimonskindern“ die Thüre für Bekannte immer ein wenig offen. Aber das Geld, das Geld!“ Polyt unterbrach ſich und ſprang vor Freude em— por; ſeine Finger hatten in der Tiefe der Taſche den Louisd'or gefunden, welchen er an dem Spieltiſche aufgehoben. „Da haben wir's doch,“ fuhr er tanzend fort. „Juchhe! Johann, ich halte Dich heute frei; Wein, Wurſt, Punſch ſollſt Du haben.. Wir wollen eſſen wie große Herren und trinken bis der Tag anbricht.“ Johann rührte ſich nicht. „Trinken!“ wiederholte er als ſpräche er mit ſich ſelbſt.„Der alte Fritz ſagt immer, er trinke um zu vergeſſen. Iſt es wahr, daß man alles ver— gißt, wenn man betrunken iſt?“ „Was?“ fiel Polyt verwundert ein.„Biſt VIII. 11 8 X 154 Du in Deinem Leben noch niemals betrunken ge⸗ weſen?“ „Niemals.. Wir ſind ja ſchon ſo lange arm.“ „Nun, mein Sohn,“ fuhr Polyt fort,„in die⸗ ſen Lebensgenuß will ich Dich einweihen. Wenn man Kummer hat, ſiehſt Du, hilft nichts als das Trinken. Das wiegt ſo ſchön ein; man hält ſich für einen Millionär und tauſcht mit Rothſchild nicht. Ach, es iſt ein ſchöner Zuſtand.“ „Iſt es wahr, daß man alles vergißt?“ „Alles,“ begann Polyt, der eine poetiſche Be⸗ ſchreibung der Trunkenheit improviſiren wollte. Johann unterbrach ihn, faßte ihn am Arme und ſagte: „So komm; wir wollen trinken.“ Polyt verlangte nicht mehr. Einige Secunden ſpäter waren die beiden Freunde durch den dunkeln Hausflur gegangen, vor welchem die Laterne noch ſchwach brannte. Sie gingen dann über den kleinen Hof oder Garten und Polyt klopfte mit ſeinem Stock⸗ knopfe an die Thüre des Billardzimmers. „Wer iſt da?“ fragte man drinnen. „Gut Freund!“ antwortete Polyt. „Was wollt Ihr?“ „Trinken, Alter; es iſt kalt hier außen; macht die Thüre auf.“ Der Kellner der Frau Wittwe Tabourot ſchien 15⁵ eine Zeit lang zu zögern, dann aber wurde die Thüre aufgemacht. Das Billardzimmer war leer wie damals als wir zum erſtenmale in dem Wirthshauſe der„vier Haimonskinder“ erſchienen, aber von dem Lärme, der Bewegung und tollen Luſtigkeit, welche zu jener Zeit in dem anſtoßenden Saale herrſchten, war auch keine Spur zurückgeblieben. Statt des blendenden Lichtes, der ihn beim Tanze erhellte und die Grup— pen der Tanzenden beleuchtete, verſuchte jetzt eine einzige rauchende Lampe auf dem Schenktiſche das Dunkel zu verſcheuchen. Alle Tiſche waren leer bis auf zwei oder kei, auf die einzelne Trinker den Kopf gelegt hatten, um zu ſchlafen. Man hörte nichts als das Schnar— chen dieſer Leute. Auf den erſten Blick bemerkte man nur Schla⸗ fende an den Tiſchen, wenn man aber genauer hin⸗ ſah, erkannte man in dem Halbdunkel Männer und Frauen in Carnevalstracht, die theils auf Bänken, theils auf neben einandergeſchobenen Stühlen und ſogar an dem Boden lagen. Männer und Weiber ſchienen auf Geradewohl da niedergeſunken zu ſein und ſie hatten oft ſeltſame Stellungen. Pitois, genannt Dachs, der auf dem Rücken lag, hatte beide Arme kreuzweis übereinander gelegt und ſchwitzte gewaltig, weil die Herzogin, die 11* 156 quer über ſeine Bruſt gefallen war, ihm den Athem benahm. Malou war glücklicher geweſen, denn er hatte eine Bank für ſich allein und das hübſche Köpfchen der Butterblume, die im Traume lächelte, lehnte ſich an ſeine Schulter. Die andern lagen hier und da, wo ſie die ſieg— reiche Trunkenheit eben zu Boden gebracht hatte. Die Luft in dem Saale war warm, dick und mit übelriechenden Dünſten erfüllt. Die Wittwe Taburot hatte ihren Schenktiſch ver⸗ laſſen, nachdem ſie die letzte Zeile ihrer Zeitung geleſen und den letzten Tropfen ihres Rum getrunken hatte Das Haus wurde von dem Kellner Franz bewacht, welcher durſtigen Bekannten die Thüre zu öffnen hatte. Außer Franz befanden ſich in dem Saale noch zwei Perſonen, die nicht ſchliefen. Sie ſaßen vor einem Glaſe Branntwein in der dunkelſten Ecke. Johann hatte, als er ſich mit dem Ritter Rein— hold entfernte, zu Pitois und Malou geſagt, ſie möchten ihm den alten Fritz bis zu ſeiner Rückkunft aufheben und das war geſchehen. Die beiden Männer, die am Tiſche ſaßen, waren Johann und der ehemalige Reitknecht von Blut⸗ haupt. Johann hatte ſich verbindlich gemacht, vier dienſt⸗ bereite Arbeiter zu ſchaffen, welche deutſch verſtänden 157 und zu einer gewiſſen Arbeit befähigt wären, die jenſeits des Rheines gethan werden ſollte. Bis jetzt hatte er erſt zwei gefunden und eben war er beſchäf⸗ tigt den dritten zu gewinnen. Fritz war ein Unglücklicher, deſſen Geiſt die täg⸗ liche Trunkenheit abgeſtumpft hatte; man ſah es ihm nicht mehr an was er ſonſt geweſen war; nur die, welche ihn in ſeiner Jugend gekannt hatten, ſagten, er habe ſonſt ein treues Herz und einen lichten Ver⸗ ſtand beſeſſen. Wie aber konntr man ihnen glauben? Es war nichts übriggeblieben als der Wille ſich fortwährend zu betrinken. Fritz war ein ſchöner Mann geweſen, jetzt aber erregte ſein Ausſehen Grauen. Seit zwanzig Jahren hatte man ihn nicht lachen ſehen, zwanzig Jahre lang ſeit jener Allerheiligen⸗ nacht, in welcher der letzte Graf von Bluthaupt neben ſeiner verſchiedenen Gemahlin aus Alters- ſchwäche geſtorben war. In jener Nacht war Fritz von Frankfurt a. M. zurückgekommen, wo er eine Beſtellung auszurichten gehabt hatte. Man hatte ihm in Frankfurt zu trinken gegeben und er hatte unterwegs oftmals getrunken. Die Nacht war ſehr finſter und der Wind rauſchte in den Lärchenbäumen vor Bluthaupt. Fritz, der aber⸗ 158 gläubiſch war, gedachte an die ſeltſamen Sagen, die man im Schloſſe erzählte. Als er an der„Hölle“ vorüber kam, ſah er zwei Geſtalten zwiſchen den Bäumen hinreiten und er fürchtete ſich, weil er oft gehört hatte, Ru⸗ dolf von Bluthaupt, der ſchwarze Graf, der zur Zeit der Kreuzzüge mit einer ungeſühnten Todſünde geſtorben, ſuche in ſtürmiſchen Nächten verirrte Rei⸗ ſende, um ſie an den Rand des Abgrundes zu führen. Fritz fürchtete ſich und da er ſich auf ſein ermat⸗ tetes Pferd nicht verlaſſen konnte, verſteckte er ſich hinter einem dicken Baumſtamme. Ein entſetzlicher Angſtſchrei ſchallte durch die Stille der Nacht, ein Schrei, der ſpäter noch oft ſeine Träume ſtören ſollte. Gleichzeitig zerriſſen die Wolken, welche den Himmel bedeckten und Fritz konnte in der Helle, die entſtand, das Geſicht des angeblichen ſchwarzen Grafen ſehen. Es war der Ritter Regnault, es war einer der Freunde des Zachäus Nesmer. Fritz war Zeuge eines gräßlichen Mordes ge⸗ weſen. Er ſtieg den Berg hinunter und gelangte auf die Straße, wo er einen Leichnam fand. Fritz hatte im Schloſſe des Grafen Ulrich gelebt und in dem todten Körper, der vor ſeinen Augen lag, erkannte er Ray⸗ mond von Audemer, den Gatten der jungen Gräfin Helene. Die Ereigniſſe der Nacht, welche dieſem Morde folgten, gaben Fritz Zachäus Nesmer und deſſen Freunde zu Herren. Der Mörder war einer der⸗ ſelben und Fritz wagte es nicht ihn anzuklagen; er ſchwieg. Aber eine unbarmherzige Stimme rief ſeitdem unaufhöͤrlich aus ſeinem Gewiſſen und Fritz ſuchte im Trunke eine Zuflucht gegen das mahnende Ge⸗ wiſſen. Nur drei Menſchen in der Welt kannten ſein Geheimniß, Johann und der Ritter von Reinhold, der ihm die Zunge gebunden, indem er ihm mehr⸗ mals Geld gab und Otto, der Baſtard des Grafen Ulrich, dem Fritz das Geſehene einmal anvertraut hatte. Das war der Mann, den Johann gewinnen wollte für die That, welche ſein Herr in Deutſchland ausführen zu laſſen gedachte. Und dieſe That hatte eigentlich gar keine Schwierigkeiten. Der einzige Schutz, der dem armen Fritz noch geblieben, war ein Reſt von Religion, jener unwiſſenden und aber⸗ gläubiſchen Religion, welche faſt vergißt Gott anzu⸗ beten, weil ſie zu viel zu thun hat, den Teufel zu beſchwören. Johann kannte Fritz ganz genau. Gegen Mitter⸗ 160 nacht, als er ſein Wirthshaus geſchloſſen, war er in die„vier Haimonskinder“ zuruͤckgekehrt. Fritz ſchnarchte in einem Winkel des Billardzim⸗ mers. Der Weinſchenk ſchüttelte und rüttelte ihn, er führte ihn dann an den Tiſch, an welchem wir ſie jetzt ſehen und ſetzte ihm Branntwein vor. Sie ſaßen da ſeit etwa einer halben Stunde als Polyt und Johann eintraten. Johann trank, damit der alte Fritz trinken möchte und da er einen uner⸗ warteten Widerſtand fand, ſtützte er ſich mit ſchwe⸗ rem Kopfe auf den Tiſch. Er war ſelbſt halb betrunken. Fritz ſaß ihm gegenüber, ſchweigſam und unbe⸗ weglich wie immer. Das Licht beleuchtete ſchwach ſeine eingefallenen Backen und den ſtarren Bart mit grauem Haar. Zwanzigſtes Kapitel. Die Trunkenheit. Fritz trank und ſeine erloſchenen Augen hefteten ſich gedankenlos auf Johann. „Nun, alter Fritz,“ ſagte dieſer,„Du ſiehſt, daß bei der Sache etwas zu verdienen iſt.“ „Die Richter in Deutſchland verurtheilen ſo gut zum Tode wie die in Frankreich,“ erwiderte der Alte. Johann zuckte die Achſeln. „Fürchteſt Du Dich vor dem Tode?“ fragte er lachend. — Der ehemalige Reitknecht zitterte vor Angſt und nahm einen großen Schluck Branntwein. „Nach dem Tode kommt die Hölle,“ ſagte er, „die Hölle, in der man in aller Ewigkeit brennt. Wenn ich mich davor nicht fürchtete, Johann, wür⸗ 8 162 det Ihr den alten Fritz längſt nicht mehr im Temple ſehen.“ „Warum?“ „Weil er häufig, wenn er an den Kais hingeht am Abende, ſich verſucht fühlt, in die Seine zu ſpringen. Ach, wenn der Tod ein Schlaf wäre,“ fuhr er plötzlich fort,„wie ſchnell würde ich mich einſchläfern, Johann. Aber aus dem Waſſer her⸗ aus lacht der Satan; die Hölle verlockt mich und ich mag nicht ſterben.“ Sein Kopf ſank auf die Bruſt und ſeine Augen ſchloſſen ſich halb. „Denke doch endlich einmal vernünftig nach, alter Freund,“ fiel Johann ein;„erinnerſt Du Dich der„Hölle“ bei Bluthaupt nicht mehr und deſſen, was Du in der Allerheiligen Nacht geſehen haſt?“ Der alte Fritz ſchauderte. „Nun,“ fuhr Johann fort,„iſt der Ritter daran geſtorben? Zwanzig Jahre ſind ſeitdem ver⸗ gangen und Gott weiß es, daß er ſich wohl dabei befindet, beſſer als wir Beide. Es giebt Richter in Deutſchland wie in Frankreich, aber die Richter in Deutſchland ſehen nicht weit. Glaube mir Fritz, daß ich meinen alten Freund nicht in eine ſchlimme Lage zu bringen ſuche, es iſt nichts zu fuͤrchten, nur Geld zu verdienen. Kann man auf Dich rechnen?“ Franz ſchüttelte langſam ſeinen Kopf. 163 „Nein,“ antwortete er. Johann ſtampfte mit dem Fuße ungeduldig und trank ein Glas Branntwein aus ohne daß er es merkte. Johann der Drehorgelſpieler und Polyt waren eingetreten und hatten ſich an den nächſten Tiſch am Schenktiſche geſetzt. Von da aus konnten ſie die Beiden in der Ecke im Dunkel nicht erkennen. Die Letztern aber brauchten nur das Geſicht etwas nach der Seite zu wenden um zu ſehen. Fritz freilich achtete niemals auf das, was neben ihm vorging und der Weinſchenk war in dieſem Augen⸗ blicke zu beſchäftiget, als daß er hätte neugierig ſein können. Das Geräuſch, das Polyt machte, erregte einen Augenblick ſeine Aufmerkſamkeit, dann wendete er ſich wieder zu ſeinen Geſchäfte. „Raſch, Franz,“ rief Polyt, der ſeine ganze Heiterkeit wieder gefunden hatte,„Paſteten, Sardi⸗ nen in Oel und Wein, aber gut. Es kommt nicht darauf an, was es koſtet,.. wir können bezahlen.“ Franz, welcher im Stehen ſchlief, ſuchte allas hervor, was das Haus der Wittwe Taburot an Lebensmitteln enthielt und ſtellte es auf den Tiſch; gleichzeitig entſtöpſelte er zwei Flaſchen ſogenannten Burgunder und das Feſtgelag begann. 4 164 Polyt aß aber allein, freilich für zwei Perſonen; Johann zwang ſich zum Trinken. „Hol' der Teufel die Sorgen!“ ſagte dann Po⸗ lyt;„was heute Abend nicht ging, geht ein ander— mal. Iß, Johann; da die kalten Fricandeaus ſind ſo gut wie in den„Vendanges de Bourgogne.“ „Wie ich auch trinke,“ antwortete Johann, deſſen Wange ſich wieder zu färben begann,„ich vergeſſe noch nichts.“ „Es wird ſchon kommen; Du haſt ja noch nicht einmal eine Flaſche geleert. Nur zu!“ Johann trank; ſein Auge begann zu blitzen, ſeine Wangen wurden glühend roth und er ſagte, während er das Glas in der zitternden Hand hielt: „Ich vergeſſe nichts,.. gar nichts.“ Man ſah am Boden und auf den Bänken Beine und Arme ſich bewegen und man hörte in dem Schnarchconcerte einzelne Stimmen, die im Schlafe ſprachen. Am andern Ende des Saales ſetzte der Wein⸗ ſchenk Johann ſeine Ueberredung fort. „Es iſt Schade, Fritz,“ ſagte er,„daß Du nur noch Lumpen auf dem Leibe haſt. Wenn ich bedenke, wie geputzt Du ſonſt warſt..“ Fritz betrachtete die Fetzen ſeines grauen Palle⸗ tot mit einer Art Scham. 165 „Ich verdiene nicht viel,“ antwortete er,„und muß überdies alle Abende Branntwein trinken.“ „Ich ſehe das ein, aber wenn wir unſer Ge— ſchäft machten, würdeſt Du alle Abende Dein Glas, ja Deine Flaſche Branntwein haben und Dich doch anſtändig kleiden können.“ Fritz ſtrich mit dem Rücken der Hand über ſeine Stirn. „Höre, Johann,“ ſagte er,„Du haſt mir ſchon Geld verſchafft und ſeit ich es erhielt, leide ich noch viel mehr. Manchmal, wenn ich betrunken bin, möchte ich Dein Haus anſtecken, denn Du haſt mir das Blutgeld in die Taſche geſteckt. Ehe ich es annahm, war ich nicht ganz verdammt.. Nimm Dich in Acht,.. ich fühle, daß ich betrunken werde,.. geh' Deinen Weg..“ Der Weinſchenk rückte unwillkührlich ſeinen Stuhl zurück und ſah den alten Fritz von der Seite an. Trotz der Trunkenheit, die ſeine Kräfte unter— graben hatte, war er noch immer ſtark. „Was ficht Dich an, alter Freund?“ ſprach er leiſe..„Ich möchte Dir gern etwas zuwenden.. Höre die Geſchichte an; ſiehſt Du, wenn Du erſt etwas Geld hätteſt, würde auch Dein Geſchäft beſſer gehen. Und wenn es Einem wohl geht, wenn man mit guten Freunden ißt und trinkt, lacht man über die kleinen Sünden der vergangenen Zeit.“ 166 Der Unwille des alten Fritz war verſchwunden wie er gekommen war; er dachte nicht mehr daran. Sein Auge, das einen Augenblick von Zorn gefunkelt hatte, wurde wieder matt und ausdruckslos. Er reichte ſein Glas hin und trank es dann auf einen Zug aus. „Wie heißt der Mann, den man ermorden will?“ fragte er in tiefem, hohlem Tone. „Peter, Paul, Jacob,“ antwortete der Wein⸗ ſchenk;„was liegt daran? Du kennſt ihn nicht.“ „Iſt er jung?“ „So ziemlich.“ „Iſt er glücklich?“ „Das weiß ich nicht.. Die Sache iſt die. Du reiſeſt nach der Heimath, man ſtellt Dir einen Jemand vor die Flinte und Du drückſt ab; dann kommſt Du mit der Taſche voll Geld nach Hauſe.. Das gefällt Dir, nicht wahr?“ Fritz antwortete nicht; er ſchien an etwas ande⸗ res zu denken und nicht zu hören, was Johann ſagte. „Manchmal habe ich gedacht,“ murmelte er nach einigen Secunden vor ſich hin,„daß ich weni⸗ ger unglücklich ſein würde, wenn ich eine junge ſanfte Frau hätte.“ „Sieh da!“ unterbrach ihn Johann, der da einen neuen der Verſuchung offenen Weg erkannte. 167 „Sie liebte mich vielleicht,“ fuhr der ehemalige Reitknecht von Bluthaupt fort, deſſen ſtieres Auge ſich ſo weit beſänftigte, daß es ſogar ein zärtliches Gefühl ausdrückte;„ich hörte zu Gott beten und ſie ſchützte mich vor dem Schrecken meiner Nächte.“ Johann lachte hinter ſeinem Glaſe. „Der alte Narr!“ dachte er. Laut ſetzte er dann hinzu, indem er ſich ſo gut verſtellte als ſeine zunehmende Trunkenheit ge— ſtattete: „Recht ſo, alter Kamerad; auf den Gedanken bin ich noch nicht gekommen. Es fehlt Dir eine Frau und wenn Du eine Frau haben willſt, mußt Du Geld haben.“ Als er fortfahren wollte, ließ ſich die Stimme Polyts an dem Schenktiſche hören. Der„Löwe“ des Temple war bei der dritten Flaſche und er konnte das Wonnegefühl, das er empfand, nicht mehr bergen; er fing an zu ſingen, wie er es bei ſeiner Souverainin zu thun pflegte, denn wer der Favorit einer bedeutenden Frau ſein will, muß auch angenehme Talente beſitzen; ein hübſcher Mann zu ſein reicht nicht aus. Der Weinſchenk blickte nach dem Tiſche hin und N er erkannte Johann Regnault. „Sieh! Sieh!“ brummte er vor ſich hin, in— 168 dem er ſein leeres Glas auf den Tiſch ſetzte;„was will der hier?“ Er faßte den armen Drehorgelſpieler, welcher der Nebenbuhler ſeines Neffen bei der hübſchen Ger⸗ trud war. Während er ihn anſah und über ein Mittelnach⸗ dachte, dies zufällige Zuſammentreffen gegen den Armen zu benutzen, fiel ihm in der Betrunkenheit etwas ein. „Sieh! Sieh!“ wiederholte er;„der muß deutſch verſtehen; die kleine Gertrud hat es ihn gewiß gelehrt.. Er muß auch Geld brauchen;.. ich möchte wohl einen Verſuch machen.“ 4 Sein langes hageres Geſicht heiterte ſich zum zweiten Male auf und er ließ von dieſem Augenblicke an Polyt und deſſen Gefährten nicht aus den Augen. W „Trinkt nur,“ dachte er,„trinkt; Ihr erleich⸗ tert es mir.“ Polyt und Johann brauchten nicht angeregt zu werden; der Letztere beſonders leerte das Glas mit verzweiflungsvollem Eifer. Als der„Löwe“ geſungen hatte, ſtieß er mit ſeinem Gefährten an. „Wenn ich reich bin,“ ſagte Polyt,„n nehche ich Joſephine Batailleur zum Stiefelputzen zu mir; wird b A= V 8 1 171 f Der Weinſchenk Johann theilte den noch übrigen Branntwein. Sein Kopf fing an zu ſchwindeln; er hielt noch an ſeiner Aufgabe feſt, aber er war eigent⸗ ’ lich mehr betrunken als ſein Gefährte. ¹„Auf Dein Wohl, Alter!“ rief er freudig, „und auf das Deiner Braut! Ich werde bei dem 1 Dorn um das Mädchen anhalten wenn Du willſt und liefere zur Hochzeit den Wein umſonſt.“ — Fritz trank langſam ſein Glas aus und lächelte noch immer, aber der Schlaf bemächtigte ſich bereits allmälig wieder ſeiner. ☛ „Es iſt ein ſchöner Traum,“ ſagte er,„wäh— rend ſein Kopf wankte;„ich ſah ſie heute früh. Ihre Mutter konnte kaum ein freundlicheres Lächeln haben. Um dieſen Preis, glaube ich, gäbe ich Dir den Reſt meiner Seele, Satan.“ — Seine Augenbrauen zogen ſich zuſammen und er ſtützte ſich mit beiden Elnbogen auf den Tiſch. „Sind wir einig?“ fragte Johann. Fritz ſah ihn an und nickte. —-— „Drei!“ ſagte der Weinſchenk, der mit Mühe aufſtand;„ich habe das Geld freilich ſchwer ver— dient. Aber wo finde ich den vierten? Es war mir doch als hätte ich eine Idee..“ —— 2 Er ſah im Saale umher und zählte an den Fin⸗ gern: Malou, der Dachs und Fritz. 8 12* — 172 „Das ſind nur drei,“ brummte er, während Fritz allmälig einſchlief.„Ah, richtig!“ Er hatte Polyt und den Drehorgelſpieler wieder bemerkt. Polyt war auch eingenickt; Johann Regnault bemühete ſich aufzuſtehen. „Hat der Kleine getrunken!“ dachte der Wein— ſchenk;„ich bin noch bei Verſtande; vielleicht geht's.“ Johann wankte nach der Billardthüre zu; der Weinſchenk folgte ihm und beide gelangten faſt gleichzeitig auf die Straße hinaus. Der Weinſchenk nahm da den Arm des Dreh— orgelſpielers, der ihn nicht erkannte und beide gin— gen mit einander über den Platz. Jeder hatte ſeine eignen Gedanken. Der Drehorgelſpieler murmelte zwiſchen den Zähnen:„es iſt erlogen. Man ver⸗ gißt nichts, nichts.“ „Du verſtehſt ja wohl deutſch, Kleiner?“ fing der Weinſchenk an,„und wenn Du brav arbeiten wollteſt, würde Deine brave Großmutter nicht lange im Gefängniſſe bleiben.“ Johann blieb ſtehen und richtete ſich gerade auf. „Es iſt Polyt nicht,“ ſagte er verändert;„wo habe ich Polyt gelaſſen?“ „Vor allen Dingen verſchwiegen!“ fuhr der 173 Weinſchenk fort.„Es iſt leicht; man ſtirbt nicht daran, wenn man einen Menſchen umbringt.“ „O, Einen möcht ich erwügen!“ ſagte der Drehorgelſpieler. 132„Sieh, das trifft ſich gut.. Es iſt derſelbe.“ „Er hat mir das Geld geſtohlen,“ fuhr der Drehorgelſpieler fort,„das Geld, das meine Groß⸗ mutter retten ſollte. Aber das iſt nichts. Wenn ich nur nicht geſehen hätte, daß er Gertrud küßte!“ „Wirklich? Nun, dumm iſt er nicht.“ V V „Gertrud! Gertrud! Sie liebt mich nicht mehr und ich muß ihn umbringen.“ „Ja, das iſt klar, und Du triffſt zwei Fliegen mit einem Schlage. Tauſend Francs ſind dabei zu verdienen.“ „Tauſend Francs! Warum reden Sie von tauſend Francs?“ „Weil er derſelbe iſt und uns auch etwas ge— ſtohlen hat.“ „Und Sie wollen ihn umbringen?“ „Freilich.“ 1 Der Drehorgelſpieler machte ſeinen Arm frei V und ſagte leiſe:„Fort! Ich kenne Sie nicht.“ „Mit tauſend Francs könnte die arme Mutter 174 Regnault ihr Geſchäft wieder anfangen.. Aber Du läßt den ſchönen jungen Mann lieber leben, damit er die hübſche Gertrud noch mehrmals küſſen kann.“ „Wer ſind Sie?“ fragte der Drehorgelſpieler; „von wem ſprechen Sie?“ Dann fuhr er ungeſtüm fort:„er ſieht aus wie ein Mädchen nicht wahr? Er hat weiße und rothe Wangen und langes blon⸗ des lockiges Haar?“ „Es iſt richtig!“ dachte der Weinſchenk.„Der Teufel iſt ſchlau. Wenn es wirklich derſelbe wäre!— Du beſchreibſt ihn genau,“ ſetzte er laut hinzu. „Er lächelt ſanft,“ fuhr der Drehorgelſpieler fort.. „Ja ja.“ „Geben Sie mir das Geld und ich ermorde ihn.“ Der Weinſchenk hielt ſich für den ſchlaueſten und glücklichſten Unterhändler. Sein Geld war verdient. Er zog den Drehorgelſpieler an eine Gaslampe und zeigte ihm ſein Geſicht. „Morgen ſprechen wir weiter davon,“ ſagte er. Zufrieden begab er ſich in ſein Haus und eine Minute ſpäter wußte der betrunkene Drehorgelſpieler nicht mehr, was er geſprochen hatte. Die Ereigniſſe des Abends aber blieben unver⸗ löſchlich ſeinem Gedächtniſſe eingeprägt. Er ſah das — 17⁵ Lächeln ſeines Gegners vor ſich und es ſtachelte ihn zur Verzweiflung. Sein Haß wuchs rieſengroß und ſeine Lippen murmelten unbewußt die Worte, die jetzt eine blutige Drohung waren: „Ich habe nichts vergeſſen,.. nichts.“ Druck von Otto Wigand in Leipzig. S-esn rrey Control Chart Green Vellow HNed Magenta 5 —