— „— ⸗-⸗-—-—— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. JLeih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. JI ee. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.—„f. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der 1d Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt G der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. . Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiierverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Paul Feval' Werke. Deutſch von Dr. A. Daezmann. Fünfter Band. Leipzig: Otto Wigand. (Eigenthum der Vereins⸗Verlagsbuchhandlung.) 1846. Der Sohn des Teufels. Von Paul Feval. Deutſch von Dr. A. Diezmann. Fünfter Band. Leipzig: Otto Wigand. (Eigenthum der Vereins⸗Verlagsbuchhandlung.) 1846. Die Rotunde des Temple. ——⸗=—ↄ Neuntes Kapitel. Ein verſprochenes Feſt. Man war zum Frühſtück bei der Frau Vicom⸗ teſſe von Audemer. Der Speiſeſaal ging in den Hof des Gebäudes und das Raſſeln der wenigen Wagen, welche von Zeit zu Zeit durch die Straßen Beaujolais und Bretagne fuhren, gelangte nicht zu den Ohren der Anweſenden. Es war mitten in Paris eine Stille, wie ſie auf dem Lande herrſcht; die tauſend Stimmen der geſchwätzigen Stadt verklangen in der Ferne, gleich als ob funfzig Stunden dieſen ſtillen Aufenthalt von dem donnernden Straßenpflaſter der Boulevarts ſchieden. Die Frau Vicomteſſe Helene von Audemer ſaß zwiſchen ihren beiden Kindern, Julian und Deniſe. V.. 1 5 — Das Geſicht der Vicomteſſe war ſanft und trug noch Spuren der Schönheit an ſich. Ihr blondes Haar lockte ſich um ihre Stirn, auf welcher ein auf⸗ merkſames Auge mit Mühe eine entſtehende Runzel entdeckt haben würde. Sie mußte in ihrer Jugend ihrer Schweſter Margarethe ähnlich geweſen ſein, nicht der Unglücklichen, die wir ſterben und auf dem Schmerzenslager liegen ſahen, ſondern der glück⸗ lichen Margarethe, als ſie noch der heitern Hoff⸗ nung ihrer ſchönen Jahre entgegenlächelte. Margarethe war ſeit zwanzig Jahren nicht mehr. Diejenigen, welche ſie gekannt hatten, würden gleich⸗ wohl einige Aehnlichkeit zwiſchen den wohlerhaltenen Zügen Helenens und dem reizenden Geſicht der unglücklichen Frau von Bluthaupt gefunden haben. Dieſe Aehnlichkeit wurde auffallend, wenn der Blick die Mutter verließ und auf die Tochter fiel. Deniſe war, bis auf die Farbe des Haars, ein lebendiges Ebenbild ihrer Tante. Ihr jugendliches Geſicht hatte denſelben gutmüthigen milden Aus⸗ druck, dieſelbe Anmuth und denſelben Reiz. Wenn ſie lächelte, war es das Lächeln Margarethens. Sehr wenige Perſonen hatten dieſe Aehnlichkeit bemerken können, denn das Leben Margarethes war in der Einſamkeit vergangen und hier befand man ſich in Paris, fern von Deutſchland, das ſie nie verlaſſen hatte. Diejenigen, welche ſie zufäͤllig be⸗ —— 9 ſtätigen konnten, wunderten ſich nicht darüber, denn ſie kannten die Familie Bluthaupt und wußten, daß die Kinder dieſes edeln Geſchlechts alle einander gleich waren. Sie hatten in den Sälen des alten Schloſſes die Bilder der Töchter und Söhne Bluthaupts geſehen, die einander ſeit Jahrhunderten außerordentlich gli⸗ chen; ſie hatten Günther, Ulrich, Helene und Mar⸗ garethe geſehen, die, abgerechnet das Alter und das Geſchlecht, ſämmtlich ähnliche Züge hatten; auch wußten ſie von Hörenſagen oder ſonſt, daß dieſelbe Eigenthümlichkeit ſich noch auffallender bei den drei Baſtarden von Bluthaupt zeige, welche in dem Ge— fängniß zu Frankfurt den Mord des Senators Za⸗ chäus Nesmer büßen ſollten. Die Frau Vicomteſſe von Audemer hatte ſich etwas als junge Frau gekleidet und man ſah, daß ſie trotz der frühen Morgenſtunde bereits eine gewiſſe Zeit vor ihrem Spiegel beſchäftigt geweſen war. Ihr Haar, das dünn zu werden anfing, war ſorg— fältig geordnet; ihr enganliegendes Kleid bekämpfte nicht ohne Erfolg die zu üppige Entwickelung einer Geſtalt, die ſonſt tadellos geweſen ſein mußte. Als Broche trug ſie ein Medaillon gleich dem, welches wir früher in den Händen Raymonds von Audemer ſahen. Dieſes Medaillon enthielt Haare von dem Kinde 10 Julian und das Portrait des Vicomte, denn Helene hielt das Andenken an ihren Gatten hoch und werth. Man brauchte ſie übrigens nur zu ſehen, um ihr Herz und ihren Geiſt zu errathen. Sie war eine vortreffliche, ſanfte, mildthätige und des Haſſes un— fähige Frau, aber auch ſchwach, von mäßigem Ver⸗ ſtande und faſt ohne Willen. In der Geſellſchaft galt ſie für geiſtreich, aber der eigentliche Verſtand hat mit dem, was man geiſtreich zu nennen pflegt, wenig zu ſchaffen. Man hat ſchon ſogenannte geiſtreiche Leute geſehen, die Schwachköpfe waren. Die Frau Vicomteſſe von Audemer war nach dem Tode ihres Gatten lange arm geweſen. Sie kannte damals nichts von den Geſchäften Raymonds von Audemer, der unter dem Vorwande abgereiſet war, die Nachlaſſenſchaft des Grafen Ulrich in Empfang zu nehmen und nichts wieder hatte von ſich hören laſſen. Ein Brief von Otto, dem Baſtard Bluthaupts, hatte ihr den Tod des Vicomte angezeigt ohne Ein⸗ zelnheiten anzuführen und wenn die Baſtarde ſpäter in Paris geweſen waren, hatten ſie die Sache im⸗ mer mit einem gewiſſen Geheimniß umgeben. Die beiden andern, Albert und Götz, ſagten nicht mehr davon als Otto, denn ſein Wille ſchien für alle Geſetz zu ſein. welch ware kann gluc Der das geſt there Hän Die und ſag ſech bol wün nen gekc ten gutte ſdine duel 11 Helene, die von den Ereigniſſen nichts wußte, welche der Abreiſe ihres Gatten vorausgegangen waren, und die jenen Jacob Regnault nicht einmal kannte, welcher das Hauptwerkzeug ihres Un⸗ glücks geweſen war, ließ Nachforſchungen in Deutſchland anſtellen und erfuhr gleichzeitig, daß das von ihrem Vater nachgelaſſene Vermögen ganz geſtohlen worden und die ungeheure Beſitzung Gün⸗ thers von Bluthaupt, ihres Oheims, ebenfalls in die Hände Fremder gekommen wäre. Von dieſer Seite hatte ſte nichts mehr zu hoffen. Die Familie ihres Gatten war ihr faſt unbekannt und Raymond ſelbſt hatte oft in ihrer Gegenwart ge⸗ ſagt, alle ſeine Verwandten wären ſo arm als er. Sie blieb allein mit dem kleinen Julian, der ſechs Jahre alt war und Deniſe, die ſie kürzlich ge⸗ boren hatte. Es waren ſchlimme Jahre und die arme Frau würde die zu ſchwere Laſt nicht haben ertragen kön⸗ nen, wenn ihr nicht zuweilen die Baſtarde zu Hilfe gekommen wären. Otto, Albert und Götz waren zwar arm, wuß⸗ ten aber immer einige Dukaten zu ſinden, wenn ein gutes Werk zu thun war. Helene erzog ihre Kinder wie ſie konnte; ſie war eine gute Mutter und ihre Mutterliebe gab ihr Hilfs⸗ quellen, die ſie nicht hatte. Julian und Deniſe em⸗ 12 pfingen eine genügende Erziehung. Als Julian ſein achtzehntes Jahr erreichte, machte ein Freund der Familie Audemer Helenen den Vorſchlag, ihn in einem der erſten Bankierhäuſer unterzubringen, das zwar noch nicht alt ſei, aber bereits einen europäiſchen Ruf habe. Helene willigte mit Freuden ein und Julian wurde Commis in dem Hauſe Geldberg, Reinhold und Compagnie. Dies war eine Gelegenheit für den Ritter von Reinhold, zu der Vicomteſſe zu gelangen. Sie war damals noch ziemlich ſchön und die Beſuche des Rit⸗ ters, die immer häufiger wurden, hatten vielleicht einen nicht ganz unclgennützigen Zweck. Helene aber, die nur die Zukunft ihres Sohnes vor Augen hatte, verſchloß die Augen und ließ dem Ritter die Thüre offen. Wahrſcheinlich überſtiegen übrigens die Kühn⸗ heiten des letztern eine gewiſſe Grenze nicht, denn die Vicomteſſe ſah ſpäter kein Hinderniß, ihm die Hand ihrer Tochter zuzuſagen. Herr von Reinhold warb wirklich eines Tages um die Hand der ſchönen Deniſe, aber da hatte ſich die Sache ganz anders geſtaltet. Julian war nicht mehr Commis in dem Bankiergeſchäft, ſondern be⸗ fand ſich als Cadett auf einem Staatsſchiffe und Deniſe kam ſtrahlend in Jugend und Schönheit aus einer der erſten Erziehungsanſtalten von Paris. 13 Sie war nicht mehr blos ein ſchönes Mädchen, ſondern auch eine reiche Erbin. Gegen alle Erwar⸗ tung hatte die Frau von Audemer eine reiche Erb⸗ ſchaft von einem entfernten Verwandten ihres Man⸗ nes erhalten, den ſie im Leben nie geſehen. Die Vicomteſſe hatte von ihrer Armuth her eine hohe Verehrung für den Reichthum bewahrt. Der Ritter von Reinhold war reich und welche perſönliche Meinung auch Helene von ihm haben mochte, ſie nahm ihn gern zum Schwiegerſohn an. Sie ging ſogar noch weiter und that einige Schritte wegen der Verbindung ihres Sohnes mit der Gräfin Eſther. Zwar beſtand ein Unterſchied im Glauben und in der Herkunft, Eſther war aber doch die Wittwe eines Pair von Frankreich und die Frau von Audemer hatte nie den Stolz der Bluthaupt gekannt. Ihre Armuth hatte ihr bürgerliche Geſinnung ge⸗ bracht. Fünfzehn Jahre lang hätte ſie das Wappen ihrer Väter mit den Titteln ihres Mannes gern für eine Rente von 1500 Francs hingegeben. Uebrigens liebte Julian die Gräfin Eſther. Dieſe beiden Angelegenheiten gingen neben ein— ander. Nur ſchien Deniſe, die noch nicht beſtimmt gefragt worden war, gar keine Ungeduld zu zeigen, ihr Schickſal mit dem des Ritters von Reinhold zu verbinden. 14 Ihre Abneigung, mit dem Ritter zuſammen zu treffen war vielmehr ſo groß, daß ſie faſt gar nicht mehr in den Palaſt Geldbergs ging, ob ſte gleich da eine Freundin hatte. Sie und Lea kannten einander zwar erſt ſeit einem Jahre, aber liebten einander und der Widerwille Deniſes mußte ſehr groß ſein, da ſie die arme Lea ſo in ihrer Einſamkeit verließ. Sie kannte die Pläne ihrer Mutter und wenn dieſe einige Worte von der Heirath fallen ließ, wurde ſie traurig. So ſind die jungen Mädchen alle, wenigſtens ſagen es die Frauen, welche nahe an die e Wierzig ge⸗ kommen ſind und ein Intereſſe dabei haben, ſich nicht mehr zu erinnern. Dieſen Morgen war das Geſicht Deniſes noch betrübter als gewöhnlich. Das Schwächliche und Zarte in ihr trat mehr hervor; ihre zu ſchlanke Ge⸗ ſtalt brach faſt zuſammen; ihre großen matten Au⸗ gen waren von bläulichen Ringen umgeben und ihre bleiche Stirn neigte ſich unter der Laſt eines gehei⸗ men Schmerzes. Deniſe ſetzte ſich bisweilen ſo mit mattem, lei⸗ dendem Ausſehen zum Frühſtück nieder und Frau von Audemer ſagte dann, ſie ſei krank und brachte ihr Arzneien. Am andern Tage kam Deniſe friſch, lachend und ſchöner wieder; die Jugend hatte geſtegt. Die Frau von Audemer glaubte, ſie habe ſie geheilt. gewo ten. ſenhe gene Jul weij beige 1 ſianer verge danke 15 Heute aber war Deniſe ſo verwandelt, daß die gewohnten Tränke eine ſchwere Aufgabe haben muß⸗ ten. Sie aß nicht und ſie ſprach kaum trotz der Anwe⸗ ſenheit ihres Bruders, deſſen Anblick ihr ein erzwun⸗ genes Lächeln abgedrungen hatte. Gleichwohl war Julian über ein Jahr abweſend geweſen und Gott weiß es, wie ſehr das Mädchen ſeine Rückkehr her⸗ beigewünſcht hatte. Von Zeit zu Zeit ſchien ſie ſich plötzlich zu be⸗ ſinnen und ſtrengte ſich an heiter zu erſcheinen, aber vergeblich; es beherrſchte ſie ein niederdrückender Ge⸗ danke, den ſie nicht abſchütteln konnte. Es giebt Mütter, die ſehr geſchickt das Geheim⸗ niß der Herzen ergründen; man könnte ſie Feen nen⸗ nen, die jenen Zauberſpiegel beſitzen, in welchem ſich jedes Geheimniß enthüllt. Es giebt aber auch an⸗ dere, welche das Band verdichten, das auf ihren Augen liegt und ſich ſo blind machen. Die Frau Vicomteſſe von Audemer würde ſich gegen Jeden ſehr erzürnt haben, der hätte ſagen wollen: Ihre Tochter liebt. Julian war erſt vor einer Stunde angekommen. Er gehörte nicht zu den ſchärfſten Beobachtern und doch hatte er ſchon errathen, was ſeine Mutter nicht ſehen wollte. Uebrigens war auch Julian ermüdet, zerſtreut, faſt verſtimmt. Das Vergnügen der Nacht hatte V. 2 ₰ 16 keinen andern Eindruck in ihm zurückgelaſſen als große Müdigkeit und noch mehr Verdruß. Jetzt, da ſich der Champagnerrauſch verzogen hatte, dachte er an die Unbekannte vom Balle mit einem gewiſſen Grauen. Er hatte ſie angeredet, nachdem er ein reichliches Mahl genoſſen; die Intrigue war raſch angeknüpft worden unter dem doppelten Einfluſſe der Trunkenheit und des Balles; ſo lange die tolle Nacht gedauert, hatte Julian in einem wahren Fieber auf geradewohl geliebt und mit Ungeſtüm gewünſcht. Als das Fieber geſchwunden, war ſein Ver⸗ ſtand wieder erwacht. Er hatte einen Blick zurück⸗ gethan und eine Ahnung war durch ſeinen Geiſt ge⸗ zogen, ein Gedanke, den er weder auf dem Balle noch bei m Souper gehabt, ein Gedanke, der ihn jetzt unverſehens überfiel, als er ſich nicht mehr Ueberzeugung verſchaffen konnte. Es war gleichſam eine Art ſpäten Hellſehens. So lange die Dame da bei ihm geweſen war, hatten nur ſeine Sinne ge⸗ ſprochen; jetzt kam es ihm vor, als wären die Er⸗ innerungen ſogar deutlicher als die Wirklichkeit; er ſah von weitem was er in der Nähe nicht geſehen hatte und glaubte die Unbekannte zu erkennen. Die Umſtände ordneten ſich in ſeinem Gedächt⸗ niſſe, das er zu Rathe zog; er gedachte eines Wor⸗ tes ſeines Freundes Franz, der, vielleicht zufällig, geſag ter d ſinn 17 geſagt hatte: was würdeſt Du thun, wenn Du un⸗ ter der Maske diejenige fändeſt, die Du liebſt? Er zürnte gegen ſich ſelbſt und nannte ſich un⸗ ſinnig; aber er ſah doch von da an unter der Maske ſeiner Schönen von der vorigen Nacht ein bekanntes Geſicht und über den beiden Träumen, die die langen Stunden ſeiner Abweſenheit erheitert hatten, war gleichſam ein ſchwarzer Schleier gebreitet. Man darf indeß die Gefühle, welche ſich in der Bruſt des jungen Cadetten regten, nicht zu poetiſch herausheben, noch den Verdruß bis zur Verzweif⸗ lung ſteigern. Wer hätte nicht nach einer durch⸗ ſchwärmten Nacht ſeine trüben Gedanken? Wenn der Kopf ſchwer iſt, wenn die Augen brennen, wenn die Hüften ſchmerzen, ſehen wir alles unter dunkeln Far⸗ ben und die ſchlechte Laune verbreitet um uns jene phantaſtiſchen Nebel, welche entmuthigen und ſchwächen. Julian hatte den Spleen. Er aß nicht mehr als ſeine Schweſter und ſeine Hand, die er unter den Frack geſteckt hatte, drückte in der Taſche das Stückchen Papier, das er in dem Café Anglais geleſen hatte und bei deſſen Worten er erblaßt war. Dies war ernſter als der ſpäte Argwohn über ſeinen blauen Domino. Julian kannte die Worte auswendig, welche auf das Papier gekritzelt waren 2* 18 und ſie galten ihm als Drohung, welche fortwäh⸗ rend in ſeinem Ohre wiederklang. Julian fühlte ſich ſehr unglücklich und ſpielte eine traurige Figur bei dieſem erſten Frühſtück nach ſeiner Ankunft. Nur die Frau von Audemer ſah heiter aus, denn ſie freute ſich ihren Sohn in der glänzenden Cadetten⸗Uniform zu ſehen, welche der Stolz der Mütter und der Ruhm der jungen Leuter iſt. Sie ſah die Zukunft bunt geſchmückt mit Hoch⸗ zeitsputz und glaubte ein fernes Echo von Contre⸗ tänzen auf ſchönen Hochzeitsbällen zu hören. „Du mußt Deine Schweſter entſchuldigen, lie⸗ ber Julian,“ ſagte ſie, indem ſie ihre Taſſe Thee ausſchlürfte;„ſie iſt gewöhnlich heiterer als jetzt; ſie wird wohl krank ſein.“ „Ich zweifle nicht daran, daß Deniſe ſich über meine Anweſenheit freut,“ antwortete der junge Mann zerſtreut. Die Schweſter reichte ihm die Hand und ver⸗ ſuchte zu lächeln. „Ich kenne dieſes Unwohlſein,“ fuhr Frau von Audemer fort;„ein Tränkchen und wir denken nicht mehr daran.. Aber Du kommſt recht zu gelegener Zeit, Julian.. Wenn Dein Urlaub erſt nach einem Monate erfolgt wäre, würdeſt Du dem ſchö⸗ nen Feſte nicht haben beiwohnen können, welches die Gel wol 19 Geldberg in ihrem Schloſſe in Deutſchland geben wollen.“ „Welches Feſt?“ fragte Julian. „Habe ich Dir nicht davon geſchrieben?“ ent⸗ gegnete Frau von Audemer lebhaft.„Ein Feſt, wie man noch keines geſehen hat, mein Sohn, ein Feſt, das ungeheure Summen koſten wird. Die Nichteingeladenen werden ſich nie darüber tröſten; Deine Schweſter wird dabei ſein, nicht wahr, Deniſe?“ „Ja, Mutter,“ antwortete das Mädchen, die nicht wußte, wovon man geſprochen hatte. „Sie wird zwölf Ballkleider mitnehmen,“ fuhr die Vicomteſſe mit ſteigender Begeiſterung fort,„vier Genreanzüge und das Uebrige im Verhältniß.. Ich ſelbſt habe das alles ſo geordnet, denn, Gott ſei Dank! ich beſchäftige mich mit ihr mehr als mit mir und als ſie ſelbſt. Ach, mein liebes Kind, wie würde ich es bedauert haben, wenn Du nicht hätteſt dabei ſein können.. Man wird zehn Jahre lang von dieſem Feſte ſprechen.“ „Iſt Deniſe damit zufrieden?“ fragte Julian. „Ob ſie zufrieden iſt!“ entgegnete die Vicom⸗ teſſe.„Und warum ſoll ſie es nicht ſein?“ Sie unterbrach ſich, um Deniſe anzuſehen, die nicht antwortete. „Liebe Kleine,“ ſagte ſie mit einem Anklang 20 von Verdruß im Tone,„Julian fragt Dich, ob Du Dich freuſt, nach dem Schloſſe Geldberg zu reiſen?“ Deniſe rief wiederum ihr zerſtreutes Lächeln auf die Lippen. 8 „Sehr,“ flüſterte ſie. Julian bemerkte es vielleicht, wie ſehr der Ton ſeiner Schweſter ihren Worten widerſprach, er hatte aber auch ſeine Gedanken. Uebrigens ließ ihm Frau von Audemer keine Zeit, näher auf die Sache einzu⸗ gehen. „Die Einladungen ſind noch nicht erfolgt,“ fuhr ſie mit wichtiger Miene fort,„aber die Sache iſt bald überall bekannt geworden und Jeder beeilt ſich eine Einladung zu erhalten. Ich kenne Leute, die funfzig Louisdor zahlen würden, um eingeladen zu werden. Aber es wird eine ſehr gewählte Ge⸗ ſellſchaft ſein; man wird nur Adelige und Millionäre ſehen.“ „Ich weiß nicht wo das Schloß Geldberg liegt,“ bemerkte der junge Vicomte;„es möchte aber doch wohl etwas weit dahin für ein Pariſer Feſt ſein.“ „Das eben iſt das Schöne dabei,“ entgegnete Frau von Audemer.„Es iſt das erxcentriſch, glän⸗ zend, königlich. Das Haus Geldberg übernimmt es, alle Eingeladenen nach Deutſchland zu bringen. Faſt alle Poſtpferde werden in Beſchlag genommen. 21 Vefour geht voraus und ſtatt der Wirthshauseſſen wird man wie im Palais Royal ſpeiſen.“ „Nun,“ ſagte der Cadett,„das verdient wohl mit angeſehen zu werden.“ „Du fühlſt wohl,“ entgegnete die Frau von Audemer indem ſie leicht mit den Augen blinzelte, „daß noch nichts officiell iſt; aber wir erhalten die erſten Nachrichten und was ich Dir da ſage, habe ich von dem Ritter von Reinhold ſelbſt, der uns faſt alle Tage beſucht, nicht wahr, Deniſe?“ Das Mädchen nickte bejahend, aber diesmal mochte ſie ſich anſtrengen ſo ſehr als ſie wollte, ihr bleicher Mund brachte es auch nicht zum leichteſten Lächeln. Ihr Unwohlſein ſchien jeden Augenblick zuzunehmen. Es lag in ihrem verſtörten Geſicht ein leidender Ausdruck und man errieth den Kampf ihres gebrochenen Willens, der ihre Thränen zurückzuhal⸗ ten ſuchte. Während ihre Mutter ſprach, dachte ſie. Es laſtete ein niederdrückender Gedanke auf ihr und man konnte ſich nicht mehr täuſchen, denn ihre zuneh⸗ mende, lange zurückgehaltene Angſt zeigte ſich deutlich. Aber die Frau von Audemer achtete nicht darauf. Sie war verliebt in die Familie von Geldberg, welche Hunderttauſende für ein Feſt ausgab. Seit zwei oder drei Wochen kannte ſie das Geheimniß 22 dieſer verheißenen Pracht und ſie konnte nur noch an ihre Reiſe, an ihre Toilette, an die ihrer Tochter und an das große Glück denken, durch Bande der Heirath ſich mit der ſo reichen und mächtigen Fami⸗ lie von Geldberg zu verbinden. Uebrigens iſt es nicht eben klug, ſich zu ſehr mit kleinen Unpäßlichkeiten junger Mädchen zu beſchäf⸗ tigen. Die Aufmerkſamkeit, welche man ihnen ſchenkt, verſchlimmert ſie nur und es iſt am beſten, jene nervöſen oder andern Anfälle gar nicht zu ſehen, welche ſich ſchnell wieder beruhigen, wenn man ſie nicht reizt. Das war die Meinung der Vicomteſſe, die ſicher⸗ lich eine gute Mutter war und ſich gern für ihre Kinder aufgeopfert hätte. Was konnte auch Deniſe haben? Der Doctor bürgte für ihre Geſundheit; ſie hatte alle Kleider, die ſte wünſchte, alle Hüte, alle Blumen, alle Spi⸗ tzen; man verweigerte ihr nichts, man geleitete ſie zum Balle und man hätte ſie gern gezwungen ſich zu zerſtreuen. Die Bläſſe, die ſich bisweilen einſtellte, war das Leiden der jungen Mädchen; die Traurigkeit mußte ein gewöhnliches Ende haben und wenn ſie litt, ſo war gewiß etwas Eigenſinn mit im Spiele. Und doch war die Vicomteſſe auch achtzehn Jahre alt geweſen; auch ihre jungfräulich friſche Farbe hatte hatt ihrer und dau wel her von man Haa ſte keite wan jaj bezo Gra ſamt ftd Gla wort fel. nich 23 hatte ſonſt der Liebesgram gebleicht; viele Nächte hatte ſie geweint ohne Schlaf finden zu können in ihrem Bette im ſchönen Schloſſe Rothe! Freilich, man vergißt ſo Vieles! Unſere fünf⸗ undzwanzigjährigen ernſten Männer ſehen mit Be⸗ dauern auf die Schüler und jungen Studenten herab, welche Polka tanzen; die Lebemänner werden Wu⸗ cherer; die Radicalen erhalten kleine Anſtellungen von der Regierung und die Kahlköpfe fragen, wie man das romantiſche Weſen ſo weit treiben und Haare tragen könne! Die Frau Vicomteſſe vergaß alles über die Be⸗ ſchreibung der verſprochenen feenhaften Herrlich⸗ keiten. Julian, der anfangs gleichgiltig geblieben war, fing an mit mehr Intereſſe zuzuhören; er war ja jung und man ſprach von Vergnügungen. Auch bezog ſich alles, was er hörte, mittelbar auf die Gräfin Eſther, ſeine ſchöne Braut. Er wurde allmälig lebhafter und ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit lenkte ihn mehr und mehr von Deniſe ab. „Und weißt Du, welcher Tag beſtimmt worden iſt?“ fragte er, indem er ſich zum erſtenmale ſein Glas vollſchenkte. „Wenn der Tag ſchon beſtimmt wäre,“ ant⸗ wortete die Vicomteſſe,„ſo wüßte ich es ohne Zwei⸗ fel. Der Ritter von Reinhold verſchweigt uns nichts; aber Herr Abel von Geldberg, der ſich auf 24 das Anordnen von Feſten wohl verſteht, hat die Zeit noch nicht feſtgeſetzt. Du wirſt für alles Nothwen⸗ dige ſorgen müſſen, Julian: für Jagdanzüge, für wenigſtens zwei oder drei Maskenanzüge, denn man verſpricht uns herrliche Bälle, für einige gewöhnliche Anzüge zu den Ausfluͤgen in die Umgegend und fuͤr Deine Uniform zu den Galagelegenheiten und dann .. wäre das alles?“ „Ich glaube wohl,“ antwortete Julian lächelnd. „Mein lieber Sohn,“ entgegnete die Frau von Audemer ernſt,„es iſt nichts lächerlich, als in Ver⸗ legenheit zu kommen. Alle Schneider in Paris ha⸗ ben deutſche Namen, daraus darf man aber nicht ſchließen, daß es auch in Deutſchland gute Schnei⸗ der gäbe. Und dann, Julian, müſſen wir in dieſer glänzenden Geſellſchaft uns doch auch zeigen. Deine Verheirathung hängt wahrſcheinlich von dem Ein⸗ drucke ab, den Du in Geldberg machſt.“ „Meine Verheirathung?“ wiederholte der Vi⸗ comte, deſſen Augenbrauen ſich runzelten. Seine Mutter ſah ihn überraſcht und verdrüß⸗ lich an. „Sollteſt Du Dich anders beſonnen haben?“ fragte ſie und als Julian nicht ſogleich antwortete, fuhr ſie mit ihrer Zungengeläufigkeit fort: „Es iſt eine ernſte Sache, mein Sohn und das Vermögen bildet zwar in einer Ehe nicht die Haupt⸗ ſache man gebe den ner and 25 ſache, aber bedenke es wohl, ich beſchwöre Dich.. man muß Millionen beſitzen, wenn man ſolche Feſte geben kann.“ Julian ſchwieg noch immer und Fran von Au⸗ demer ſetzte hinzu: „Ich habe es bei mir überrechnet.. Sie kön⸗ nen nicht weniger als 400,000 Francs koſten.“ Julian träumte. „Sie ſoll noch immer ſchön ſein,“ flüſterte er. Die Vicomteſſe lächelte.. Sie war beruhiget. Aus den Augen Deniſes quollen zwei große Thränen und rollten langſam über ihre Wangen. Seit einigen Minuten war das Mädchen mit ſich ganz allein. Schmerzliche Gedanken verfolgten ſie und brachen ihr das Herz. In dieſem Augenblicke, als ſie zu kämpfen aufhörte und die Thränen in ihre brennenden Augen treten ließ, wurde die Thüre des Speiſezimmers geöffnet. „Delle Victorie Gertrud wünſcht mit dem Fräu⸗ lein zu ſprechen,“ ſagte ein Kammermädchen. Deniſe ſtand ſchnell auf, denn ſie freute ſtch ihre Thränen verbergen zu können. Die Vicomteſſe und ihr Sohn blieben mit ein⸗ ander allein. Zehntes Kapitel. Die Mlädchen. Während Deniſe nach der Thüre ging, ſah die Vicomteſſe ihr mit völlig befriedigtem Blicke nach. „Du ſiehſt wohl,“ ſagte ſie zu ihrem Sohne; „die liebe Kleine ſieht aus als wollte ſie ſterben; aber ſobald man von Putz mit ihr ſpricht, iſt ſie ſchnell geheilt.“ „Ich finde ſie verändert,“ antwortete Julian. fe. ni gute Heirath,“ meinte Frau von Aüde⸗ r,„iſt das beſte Mittel.“ „Ich glaube Thränen in ihren Augen erſehen zu haben. „Auch das würde mich nicht wundern,“ ſagte die Vicomteſſe.„Die Mädchen ſind zu Allem fähig.“ Sie ſeufzete tief und flüſterte, indem ſie die Au⸗ gen gen Himmel wendete: 27 „Ach die Mädchen! die Mädchen!“ Sie ſtand auf, um ſich in einem Lehnſtuhle nie⸗ derzulaſſen. „Komm hierher, Julian,“ fuhr ſie fort,„und laß uns verſtändig mit einander reden, da wir allein ſind.“ Julian ſetzte ſich neben ſeiner Mutter nieder, die ihre beiden noch weißen und fleiſchigen Hände auf die Achſel ihres Sohnes legte und ihn einige Secun⸗ den lang ſchweigend betrachtete. Sie hatte jenes gutmüthige Lächeln einer Mutter, die liebt und glück⸗ lich iſt. „Du biſt wirklich ein ſchöner Mann geworden, mein Julian!“ ſagte ſie endlich mit ſanfter innig— zärtlicher Stimme;„aber wir ſprachen von der Traurigkeit Deiner Schweſter.. Biſt Du nicht auch traurig, mein Sohn? Es kommt mir vor, als hät⸗ teſt Du Dein ſonſtiges heiteres Lachen nicht mehr und als kämſt Du mit einem Kummer zurück, den Du nicht mittheilen wollteſt.“ Sie faßte dabei den Kopf des Sohnes mit beiden Händen und küßte ihn auf die Stirn. „Weißt Du, daß ich recht ſtolz auf Dein Be⸗ nehmen bin!“ fuhr ſie fort..„Im letzten Som⸗ mer hat man Deinen Namen drei Mal in der Zei⸗ tung geſehen; Jedermann ſprach von Dir;„das nenne ich mir einen Namen mit Ehre führen!“ ſagte man zu mir.„Ein Vicomte von Audemer iſt Füh⸗ rer eines Geſchwaders unter Ludwig XIV. geweſen; Ihr Julian, Madame, wird einmal wenigſtens Contreadmiral.“ Denke Dir, ob ich Stolz fühlte! .. Ich danke Dir, mein lieber Sohn, für alle Freude, die Du mir bereitet haſt.“ Julian erwiderte ihre Küſſe und ihr Lächeln, aber er behielt jenen Ausdruck von Zerſtreuung, den er während des ganzen Frühſtücks gehabt hatte. „Mein Gott, Julian,“ ſagte Frau von Aude⸗ mer, die ihn aufmerkſam betrachtete,„Du haſt etwas.. Verheimliche mir es nicht. Biſt Du mit Deinem Dienſte nicht zufrieden? Iſt der Chef unge⸗ recht oder zu ſtreng?“ „Es gefällt mir auf dem Schiffe,“ unterbrach ſie Julian,„und meine Vorgeſetzten behandeln mich als Freund.“ „Weil Du weder ſie noch irgend Jemanden brauchſt, mein Sohn,“ entgegnete die Mutter; „junge Männer mit muthigem Herzen ſollen auf königlichen Schiffen ſich bisweilen unglücklich fühlen . Meinen Julian aber möchte ich wenigſtens nicht unglücklich wiſſen. Sobald Dir es nicht gefällt, bitten wir um Deine Entlaſſung und Du kommſt nach Paris zurück. Du haſt zwei Campagnen mit⸗ gemacht und das iſt genug für einen Edelmann, der es nicht zum Handwerke machen muß.“ wa t 5 1o 29 „Liebe Mutter, das Seeweſen gefällt mir und..“ „Was?“ „Wenn ich Eſther nicht heirathe..“ „Und warum ſollteſt Du ſie nicht heirathen? Du liebſt ſie und ich glaube zu wiſſen, daß Du ihr nicht mißfällſt; Du haſt ein hübſches Vermögen und ſte iſt unermeßlich reich.. Du biſt von Adel, was in ihren Augen viel gilt, da ſie nach Auszeichnung ſtrebt. Du biſt ein ſchöner junger Mann und ſie iſt eine reizende Frau. Noch einmal, warum ſollteſt Du ſie nicht heirathen?“ Julian ſchüttelte langſam den Kopf. „Alles, was Du ſagſt, liebe Mutter, iſt wahr,“ entgegnete er halblaut,„aber..“ „Aber?“ wiederholte die Vicomteſſe ungeduldig. Der junge Mann ſchlug die Augen nieder und ſchwieg. Er dachte an den Ball und ſeine Ahnun⸗ gen kehrten in dieſem Augenblicke verſtärkt zurück. Freilich wagte er es nicht, ſeine Muthmaßung vor ſeiner Mutter auszuſprechen und er hütete ſich wohl, ihr ſein Abenteuer im Café Anglais zu erzählen. Aber beklagen wollte er ſich, vielleicht nur um ſich ſelbſt zu beruhigen. Er zögerte und die Frau von Audemer, die un⸗ geduldig, faſt erzürnt war, beſtürmte ihn mit Fragen. —— „Ja,“ ſagte er endlich,„Du haſt es errathen, Mutter.. Ich bin recht traurig und— wegen der Eſther.“ „Wie ſo?“ „Was ſoll ich Dir ſagen? Ich liebe ſie noch, ich liebe ſie ſo innig wie jemals, aber ich weiß nicht, ob es räthlich iſt, daß ich ſie heirathe..“ „Haſt Du einen Grund?“ fragte die Vicom⸗ teſſe, die entſchloſſen war ihn nicht ſo leicht loszu⸗ laſſen. Julian antwortete nicht; er ſchämte ſich ſeines Argwohns, aber er konnte ihn nicht loswerden, ja er beherrſchte ihn mehr und mehr, je länger er dar⸗ über nachdachte. Lieber wollte er ganz und gar ſchweigen, als den Zweifel ausſprechen, der ihn ſo unglücklich machte. Dieſer Zweifel kam ihm wirklich als eine Art Verbrechen vor; der Ruf der Damen Geldberg war ja ſo feſt begründet und ihr Leben ſtand ſo hoch über den gewöhnlichen übeln Nachreden und den tauſend Gerüchten, welche flüchtig den Ruf der meiſten be⸗ kannten Damen berühren. Julian rückte in ſeiner Unruhe in den Lehnſeſſel hin und her und ſeine Hand ſtrich leicht zitternd über die Aufſchläge ſeiner Uniform. In einem Augenblicke als ihn die Fragen ſeiner Mutter noch dringender beſtürmten, trafen ſeine Fing ner, gefun aber tral di zwiſc ( zog d 1 habe etwe die nner. Ich läum 31 Finger wieder auf das kleine Papier, das er in ſei⸗ ner Taſche bei dem Frühſtücke in dem Kaffeehauſe gefunden hatte. Sobald er es fühlte, ſchwand ſeine Unruhe, aber der Ausdruck ſeiner Züge wurde auch ſogleich trauriger. Das Papier war gleichzeitig eine Antwort auf die Fragen der Vicomteſſe und ein Hinderniß mehr zwiſchen Eſther und ihm. Er ſchlug die Augen nach ſeiner Mutter auf und zog das Papier aus der Taſche. „Mutter,“ ſagte er langſam und ernſt,„ich habe mit meiner Antwort gezögert, weil ich Dir etwas Seltſames mitzutheilen habe.. Du kannſt die Bedeutung dieſer Anklage gegen das Haus Geldberg beſſer beurtheilen als ich.“ „Eine Anklage?“ wiederholte Frau von Aude⸗ mer.„Eine Anklage gegen das Haus Geldberg? Ich kann ſie in voraus für eine ſchändliche Ver⸗ läumdung erklären.“ Julian reichte ihr ſchweigend das Papier, das er zerdrückt und in der Mitte zerriſſen hatte, ſo daß die Worte darauf kaum noch leſerlich waren. Die Frau von Audemer brauchte wohl eine Minute, ehe ſie dieſelben entziffert hatte. „Deine Schweſter ſoll den Mörder Deines V. 3 Vaters heirathen,“ las ſie endlich unwillkührlich laut,„und Du willſt Dich mit der Tochter..“ Die folgenden Worte waren abgeriſſen. Julian erwartete, daß ſeine Mutter verächtlich die Achſeln zucken und die ſeltſame Beſchuldigung belächeln werde; aber er irrte ſich. Die Vicomteſſe las den Inhalt des Zettels zwei- oder dreimal, dann gab ſie ihn ihrem Sohne zurück. Sie legte die Hände gefaltet auf ihre Knie, lehnte ſich in dem Stuhle zurück und verſank in Nachdenken. Ihr Blick war traurig und die Brauen zogen ſich über den niedergeſchlagenen Augen zuſammen. Ihr Mann war ſeit zwanzig Jahren todt, Helene aber war von Natur gut, wenn auch ihr Herz und Ver⸗ ſtand ſich manchmal irren konnten und ſo oft ihre Gedanken an Raymond zurückkehrten, erneuerte ſich ihr Schmerz über ſeinen Verluſt. Julian ſah ſie an und ſchwieg. „Es iſt nicht das erſte Mal, daß ich davon ſprechen höre,“ ſprach ſie endlich halblaut und mit Anſtrengung;„aber es iſt ein Irrthum oder eine Verläumdung. Dein armer Vater, mein lieber Julian, iſt wie ſo viele Andere vor ihm in jenem Abgrunde geſtorben, den man die Hölle von Blut⸗ haupt nennt, dort wo unſer Oheim Gunther wohnte. Der Ritter von Reinhold iſt ein rechtlicher Mann, das n geftac ihn z Rütte hat. Nam zur, Herr Spra⸗ gewit ungl i ſ jenen Jlaub maßer onſti inne Rtren⸗ 33 das möchte ich beſchwören... Ich habe ihn oftmals gefragt und meine ganze Klugheit aufgeboten, um ihn zu ſondiren, aber ich bin überzeugt, daß der Ritter meinen armen Raymond nicht einmal gekannt hat. Alles iſt ein böswilliges Geſchwätz oder eine Namensähnlichkeit... Dein Vater kannte allerdings zur Zeit ſeines Todes einen leichtfertigen Mann, der Herr von Regnault hieß, was in unſrer deutſchen Sprache gleichbedeutend mit Reinhold iſt...“ „Aber jener Regnault ſelbſt..“ unterbrach ſie Julian, deſſen Blick finſter und drohend wurde. Die Vicomteſſe winkte ihm. „Laß mich ſprechen,“ ſagte ſie.„Dieſer Reg⸗ nault ſelbſt war vielleicht ein ehrloſer Menſch, aber gewiß kein Mörder... Ich kann Dir über dieſe unglückſelige Geſchichte nichts weiter ſagen, als was ich ſelbſt weiß und das iſt wenig. Dein Vater hatte jenen Regnault zufällig kennen gelernt und ich glaube er ſchämte ſich der Bekanntſchaft einiger⸗ maßen, weil er ſie mir verheimlichte... In unſerer ſonſtigen Wohnung hatte Dein Vater ein Zimmer inne, welches von der ganzen üͤbrigen Wohnung getrennt war; da empfing er die Beſuche des Herrn von Regnault. Ich hörte häufig in Geſellſchaft von ihm ſprechen, wie von einem Narren und Verſchwen⸗ der, aber ich erinnere mich nicht, ihn jemals geſehen zu haben, Raymond ſtarb in der Hölle von Blut⸗ 3* 34 haupt... Deine drei Oheime kamen um dieſe Zeit nach Paris.. beſchuldigten den Herrn von Reg⸗ nault ſchon damals, aber die Geſchichte, die ſie mir erzählten, klang abenteuerlich wie ein Roman. Die Erkundigungen, die ich in Deutſchland einziehen ließ, meldeten mir, daß jener Herr, der übrigens in gutem Rufe ſteht, flüchtig durch Frankfurt gereiſt und in irgend einer öſterreichiſchen Stadt geſtor⸗ ben ſei.““ Helene ſchwieg und Julian ſprach auch nicht, denn die Erinnerungen laſteten ſchwer auf Beiden. „Mutter,“ ſagte endlich Julian,„Du haſt gethan was Du vermochteſt. Du warſt eine Frau und ſtandeſt allein, arm, mit zwei Kindern. Ich mache Dir auch keinen Vorwurf darüber, daß Du mir Alles dies nicht früher geſagt haſt, denn ich war noch jung... Jetzt aber bin ich ein Mann und erkenne hier eine Pflicht... Ich muß nach Deutſch⸗ land reiſen, Mutter, und mich überzeugen, ob Herr Regnault wirklich geſtorben iſt.“ Die Vicomteſſe reichte ihm die Hand, während eine Thräne in ihre Adgen trat. „Du wirſt nach Deutſchland reiſen, mein Sohn,“ ſagte ſie.„Gott iſt mein Zeuge, daß ich Deinen Vater noch liebe wie zur Zeit als er bei mir und ich glücklich war. Du wirſt reiſen,.. wir wer⸗ den mit einander reiſen und unſern Aufenthalt in dem ſchun 3 ſchme Herz bem lian, 171 „mei ner und! 1 Lache ten ande / glaul Brüd haben ner ſieſi nicht ach mach mal dem Schloſſe Geldberg benutzen, um alle Nachfor⸗ ſchungen anzuſtellen.“ Der Gedanke an das Feſt, welcher ſich in dieſe ſchmerzlichen Exinnerungen miſchte, verletzte das Herz des jungen Mannes, aber ſeine Mutter bemerkte es nicht. „Erinnerſt Du Dich Deiner drei Oheime, Ju⸗ lian?“ fragte ſie plötzlich nach einer Pauſe. „Nur undeutlich,“ antwortete der junge Mann; „mein Vater lebte noch, da ſah ich drei junge Män⸗ ner bei ihm erſcheinen, die rothe Mäntel trugen, und mein Vater küßte ſie herzlich.“ „Ja,“ flüſterte Frau von Audemer mit einem Lächeln, in welchem einige Bitterkeit lag;„ſie lieb⸗ ten immer das Seltſame und machten nichts wie andere Leute.“ „Du hatteſt ſie damals aber doch ſehr lieb, glaube ich.“ „Ich habe ſie heute noch lieb; ſie ſind meine Brüder und ohne den Beiſtand, den ſie mir geleiſtet haben, würde ich die Jahre des Unglücks, die Dei⸗ ner Kindheit folgten, nicht gärchlebt haben. Aber ſie ſind Sonderlinge, lieber Sohn... Ich kann es nicht vergeſſen, daß die Reiſe, welche Dein Vater nach Deutſchland unternahm, auf ihren Rath ge⸗ macht wurde. Seitdem habe ich ſie fünf⸗ oder ſechs⸗ mal wiedergeſehen und ich muß ſagen, daß ihre 36 Anweſenheit, ob ſie gleich arm und verfolgt waren, immer ein Troſt oder eine Hilfe für mich wurde. Sie ſind brave Männer, gewiß, aber ich empfange ſie dennoch immer kalt. Wenn ſie ihre tollen Gedan⸗ ken Deinem Vater nicht in den Kopf geſetzt hätten, würde die verderbliche Reiſe nicht unternommen wor⸗ den ſein und Raymond wäre vielleicht jetzt noch bei uns... Ich weiß nicht, ob meine Kälte ſie verletzte, aber ſie ſind lange nicht bei mir geweſen.“ Dieſe Worte machten auf Julian einen Eindruck, den die Mutter nicht erwarten konnte. Die Schil⸗ derung der drei Baſtarde flößte dem jungen Manne eine wachſende Zuneigung ein. Er hatte zwar oft⸗ mals von ſeinen unbekannten und unglücklichen Ver⸗ wandten ſprechen hören, aber niemals ſo geſpannt als heute darauf gehört. „Warum habe ich ſie ſeit dem Tode meines Vaters nicht wiedergeſehn?“ fragte er. „Du warſt in der Schule,“ antwortete die Vicomteſſe,„und ich muß es auch geſtehn, ich ſorgte dafür, daß ſie Dich nicht im Hauſe trafen, weil ich ihren Einfluß auf Dein junges Herz fürch⸗ tete. Verſtehe mich nicht falſch, mein Sohn: ſie ſind nicht im Stande abſichtlich zu ſchaden, aber ſie ſtürzen ſich blind in tollkühne Unternehmungen; die Gefahr ſcheint ſie anzulocken und ſie hegen politiſche Anſichten, die auch das Verderben Deines Groß⸗ vater oftme ſollte ſorg Sie geke ter Geſ berg deſ 37 vaters Ulrich waren. Obwohl ſie arm waren und oftmals nicht wußten, wohin ſie ihr Haupt legen ſollten, fiel es ihnen doch nicht ein, für ſich ſelbſt zu ſorgen und ſich einer einträglichen Arbeit zu widmen. Sie miſchen ſich in die Kämpfe, die in Deutſchland gekämpft werden und fechten wie umher irrende Rit⸗ ter gegen angebliche Feinde unſerer Familie, gegen Geſpenſter. „Und was thun ſie jetzt?“ fragte Julian. „Du haſt das nicht erfahren,“ antwortete die Frau von Audemer,„weil Du zu Schiffe warſt. Ihr unſinniges Benehmen hat endlich ſeine Früchte getragen und ich zittere bei dem Gedanken, daß Du ihrem Beiſpiele hätteſt folgen können, wenn ich Dich ihnen überlaſſen hätte.“ „Was iſt aus ihnen Dübortön „Sie ſind im Gefängniſſe, Julian, im Gefäng— niſſe und eines Mordes angeklagt.“ „In Wien?“ „Nein, in Frankfurt.“ „Iſt Frankfurt weit von dem Schloſſe Geld⸗ berg?“ „Nur einige Stunden. Warum?“ „Weil ich meine drei Oheime im Gefängniſſe beſuchen möchte.“ Die Vicomteſſe ſah ihn verwundert an. „Du kannſt thun was Du willſt, Julian,“ 38 ſagte ſie;„jetzt biſt Du alt genug, um ihren Rath ſelbſt beurtheilen zu können. Ich bin dagegen auf meiner Hut, obwohl ich ſie liebe wie es meine Pflicht iſt, und um auf das Erwähnte zurückzukom⸗ men, ich halte die Beſchuldigung des guten Ritters von Reinhold für eine unwürdige Fabel. Du kennſt ihn übrigens ſo gut wie ich. Was meinſt Du?“ „Ich denke ganz wie Du,“ antwortete Julian, der wieder in ſeine Gedanken verſunken war. „Und weißt Du, wer Dir dieſen Zettel gege⸗ ben hat?“ „Nein.“ „Aber wo Du ihn erhalten haſt, weißt Du?“ Julian zögerte eine Secunde, dann antwor⸗ tete er: „Auf dem Maskenballe.“ „Dieſe Nacht?“ „Dieſe Nacht.“ Die Vicomteſſe ſah ihn an und lachte laut auf. „Und ich beklagte ihn,“ ſagte ſie,„und war wegen ſeines Ausſehens beſorgt! Nun wiſſen wir, woher dieſe Bläſſe kommt, Herr Vicomte. Du haſt die erſten Stunden Deines Urlaubs gut benutzt und es läßt ſich vieles hoffen.“ Sie zog ihn an ſich und küßte ihn. „Großes Kind!“ fuhr ſie fort,„Du haſt da ganz ernſthaft von den Thorheiten des Maskenballs geüpte Narke Hand mein gelie dete dieſe Wäl Julie gew nich mei hol kom von was Sei Gel des heir und ch 39 geſprochen! Siehſt Du nicht, daß man Dich zum Narren gehabt hat und daß dieſer Zettel von der Hand Jemandes kommt, der Dich beneidet? Ach, mein armer Julian, Eſther iſt ſchön, reich und geliebt. Du haſt Nebenbuhler... Ich ſelbſt kenne deren volle zwanzig. Haſt Du wirklich den Grund dieſer anonymen Verläumdung nicht errathen?“ Die Frau von Audemer ſprach mit großer Wärme und vertheidigte eine Sache, die im Herzen Julians durch die Erinnerung an Eſther ſchon halb gewonnen war. „Aber,“ entgegnete er,„es handelt ſich doch nicht allein von mir; man ſpricht beſonders von meiner Schweſter und von dem Ritter von Rein⸗ hold.“ Frau von Audemer zuckte mitleidig die Achſeln. „Man ſieht wohl, daß Du von den Antipoden kommſt, mein Julian,“ entgegnete ſte;„wenn ich von dem Neide der jungen Herren geſprochen habe, was ſoll ich erſt von den jungen Mädchen ſagen! Sei gerecht und bedenke, ob alle Mädchen aus der Geldwelt ohne Neid Deine Schweſter einen Chef des reichſten Häͤuſes in der Faubourg St. Honoré heirathen ſehen können. Sie vergehen vor Aerger und wenn die Damen ſich duellirten, würde Deniſe ſchon ein halbes Dutzend Duelle gehabt haben.“ 40 „Sie ſcheint ihr Glück nicht eben ſehr hoch anzuſchlagen,“ meinte Julian. „Dadurch laß Dich nicht irre leiten, mein Sohn. Man muß eine Frau, eine alte Frau ſein, um errathen zu können, was in dem Herzen eines Mädchens vorgeht. Du wirſt Deniſe ſogleich ſo heiter zurückkommen ſehen als ſie während des Früh⸗ ſtücks traurig war; ſie wird Dir um den Hals fal⸗ len, als erblicke ſie Dich zum erſten Male; ſie wird Dich mit Liebkoſungen überhäufen und Du dürfteſt ſie kaum wieder erkennen. Solche Traurigkeit, ſiehſt Du, kommt man weiß nicht woher und geht man weiß nicht wohin; ſie liegt in den Nerven, ſagt man und das beſte Mittel dagegen iſt ein Ball, eine Spazierfahrt, etwas Sonne oder auch ein neues Kleid.“ „Iſt Deniſe mehr Kind als ſie es ſonſt war?“ fragte Julian in einem Tone des Vorwurfs. „Ach, Du weißt nicht,“ entgegnete die Frau von Audemer,„was junge Mädchen ſind! Aber unſer Geſpräch verirrt ſich und ich laſſe Dich wegen der armen Eſther nicht los. Sage mir, Julian, liebſt Du ſie noch?“ „Wer weiß, ob ſie mich nicht vergeſſen hat?”“ ſagte der Cadet. „Dich vergeſſen, Julian?“ fiel die Mutter ein. „Mein Gott, wie ungerecht die Männer ſind! So oft ih ohne Und mein Eſte vich ſreu Hätt ſie e Frau Mü Weo aul tete kan ahe ich ſehr dru mnie 41 oft ich Eſther in Geſellſchaft geſehen habe, jedesmal ohne Ausnahme, hat ſte mich nach Dir gefragt. Und der Ton iſt dabei die Hauptſache. Glaube mir, mein Sohn, ich verſtehe mich drauf; die Gräfin Eſther liebt Dich und ich fürchte nur, daß Du ſie nicht genug liebſt.“ „Wäre es wahr?“ fragte der junge Mann mit freudigem Lächeln. „Sollte ich Dich belügen, mein armer Sohn? Hätte ich die tauſend Umwege nicht bemerkt, die ſie einſchlägt, um von Dir reden zu können? Die Frauen, die lieben, ſind klug und liſtig, aber die Mütter ſehen auch hell und wie oft habe ich mit Wohlgefallen ihre kleine Liſt vereitelt und ſie lange auf den Namen hoffen laſſen, den ihr Herz erwar⸗ tete. Ich war eben ſo ungeduldig als ſie, denn ich kann nie genug von meinem lieben Sohne ſprechen; aber ich wollte ſehen, wie weit ihre Liebe gehe und ich kann Dir ſagen, Julian, ſie liebt Dich faſt ſo ſehr als ich.“ Julian ergriff die Hand ſeiner Mutter und drückte ſie ſanft. „Ich danke Dir,“ antwortete er,„Du machſt mich recht glücklich, denn auch ich liebe ſie.“ „Endlich!““ rief die Frau von Audemer aus, welche ihn erfreut auf beide Wangen küßte;„mein guter Julian, ich kann Dir nicht ſagen, wie glücklich 42 Du mich machſt. Ich liebe Eſther, als wenn ſie ſchon meine Tochter wäre, und dieſe Heirath iſt immer mein liebſter Wunſch geweſen.“ Julians Herz war voll und ſein Blick dankte der Mutter. In dieſem Augenblicke quälte ihn kein Zweifel mehr und der Argwohn, der ihn gefoltert hatte, kam ihm unglaublich vor. Eſther liebte ihn ja. Und welches beſſere Zeug⸗ niß konnte er haben als dieſes ſeiner Mutter? Was fehlte ihm zum größten Gluͤcke, nachdem er Gewiß⸗ heit über dieſe Liebe erlangt hatte? Während er ſich ſammelte und ſogar ſchon ſich wunderte, je gezweifelt zu haben, öffnete ſich ſchnell die Thüre des Zimmers und Deniſe, die mit Thrã⸗ nen in den Augen fortgegangen war, kehrte mit Lächeln auf den Lippen zurück. Der Zufall ſchien es auf ſich zu nehmen, voll⸗ ſtändig die Prophezeihung der Frau von Audemer zu verwirklichen. Das ſchöne Geſicht Deniſe's ſtrahlte von Zufriedenheit und Julian erinnerte ſich nicht, ſie ſo heiter und ſo ſchön geſehen zu haben. Er wechſelte einen Blick mit ſeiner Mutter. Der ſeinige drückte Verwunderung aus; die Vicomteſſe aber triumphirte. „Was habe ich Dir geſagt?“ flüſterte ſte ihm zu. Deniſe hüpfte durch das Zimmer und reichte der 43 Mutter ihre Stirn dar, dann ſchlang ſie ihren Arm um Julian, den ſie innig küßte. „Bruder! lieber guter Bruder!“ ſagte ſie. „Wie freue ich mich, Dich wieder zu ſehn!“ „Was habe ich Dir geſagt?“ flüſterte Fran von Audemer nochmals. „Was hatteſt Du heute früh, Schweſter?“ fragte Julian, während er ſie ebenfalls liebkoſete. „Ich war unwohl,“ antwortete Deniſe,„ſehr unwohl.“ „Und die kleine Gertrud,“ ſagte die Vicomteſſe in wohlwollender Neckerei,„hat Dir ohne Zweifel ein treffliches Heilmittel gebracht?“ Dieſe zufälligen Worte drückten die Wahrheit ſo vollſtändig aus, daß Deniſe hoch erröthete. Gertrud hatte wirklich ein treffliches Heilmittel gebracht. Sie hatte von Franz geſprochen und erzählt, daß er ge⸗ rettet ſei. Deniſe ſtammelte unverſtändliche Worte; ſie glaubte verrathen zu ſein. „Darf man den Wunderbalſam nicht kennen lernen,“ fuhr die Vicomteſſe fort,„der Dein Un⸗ wohlſein ſo ſchnell beſeitigte?“ Deniſe erröthete noch mehr. „Ich weiß nicht, was Du meinſt,“ antwortete ſie ganz leiſe;„Gertrud hat mir die Stickerei ge⸗ 44 bracht, die ich bei ihr für die Feſte in dem Schloſſe Geldberg beſtellte.“ 4 Die Vicomteſſe lachte laut. „Was habe ich Dir geſagt, Julian?“ ſprach ſie zum dritten Male;„Stickereien, Spitzen, Putz! Ach die Mädchen! die Mädchen!“ 1 Der Baron von Rodach hatte als er aus dem Hauſe Dorns trat und in den Wagen ſtieg, zu dem Kutſcher geſagt: „Straße Ville⸗l'Evoque, Geldbergs Haus.“ Elftes Kapitel. Das Vorzimmer. Es war noch nicht Mittag. Die Armee von Commis war in den prächtigen Comptoirs des Hau⸗ ſes Geldberg, Reinhold und Comp. vollſtändig ver⸗ ſammelt. Man arbeitete an allen Pulten trotz dem, daß es einigermaßen Feſttag war; die Stahlfedern kritzelten auf dem liniirten Papiere der dicken Bücher und das Geld, das geräuſchvoll gezählt wurde, ließ ſeinen Klang bis auf die Straße hinaus dringen. Die Vorübergehenden blickten neidiſch nach den Fenſtern des Erdgeſchoſſes dieſes Hauſes und man⸗ cher arme Teufel, der vor den Eiſenſtäben ſtehen blieb, die jedes Fenſter ſchützten, berauſchte ſich an dem Klange der Silber- und Goldſtücke, wie manche Arme in Paris ſich an den Düften berau⸗ ſchen, die aus den unterirdiſchen Küchen im Palais Royal dringen. 46 Man ſagte: das iſt das große Haus Geldberg, .. das Haus des Juden, in deſſen Caſſe ſo viel Geld liegt, daß man davon Paris und Frankreich kaufen könnte. Man berechnete die Capitale, welche dieſe Han⸗ delsmacht umſetzte und Viele geſtanden, daß wenn ſie wählen könnten, ſie lieber Erbe des alten von Geldberg als Sohn des Königs ſein wollten. Vor dem Hauſe hielten fünf oder ſechs Wagen mit Wappen an den Schlägen und aus dem Thore kamen fortwährend Leute in den Livreen der verſchie⸗ denen Pariſer Bankiergeſchäfte. Unter allen dieſen Livreen erkannte man die Geldbergs an ihrem guten Geſchmacke und ihrer ariſtocratiſchen Haltung. Jeder herauskommende Diener trug einen Geld⸗ ſack auf der Achſel. Die Caſſe Geldberg's glich den öffentlichen Brunnen, aus denen jeder den Tag über ſchöpft und die nie verſiechen. Ein Fiacre, der von den Boulevarts her kam, hielt hinter einem glänzenden Wagen, den man die Faubourg St. Germain von weitem anmerkte. Der Kutſcher des Fiacre ſtieg ab und öffnete den Schlag. Der Baron von Rodach ſprang heraus. Der Baron mußte, um zu der Thüre des Hau⸗ ſes zu gelangen, ſich einen Weg durch die Gruppen gepuderter Diener bahnen, die auf ihre Herren warte litit G Fiacr ſchaf meiſ die, an d niß und, ( Män draͤn Ma inde kling nige — Jeme kcere⸗ 47 warteten und unterdeß von Geſchäften und von Po⸗ litik ſprachen. Der Baron, den man hatte aus dem ſchlechten Fiacre ſteigen ſehen, wurde von der ganzen Diener⸗ ſchaft gemuſtert, die den beſcheidenen Bürgerſtand meiſt tief verachtet. Er drückte ſich ſo gut als möglich durch, ſtörte die„Herren“ ſo wenig als er konnte und gelangte an die Comptoirthüre, wo ihn ein anderes Hinder⸗ niß erwartete. Die Menſchen ſtrömten hier aus und ein. Dem Baron gelang es endlich, ſich zwiſchen zwei Männern mit Geldſäcken auf den Achſeln durchzu⸗ drängen und kam hinein ohne Jemanden zu ſtoßen. In dem Vorzimmer befand ſich jener ſchöne Mann, den die beſcheidenen Handelsleute erſparen indem ſie an ihre Thüren ſchreiben:„man beliebe zu klingeln.“ Der ſchöne Mann nutzte nichts, ſo we⸗ nig als das Vorzimmer. Man mußte in ein zweites Zimmer treten, um Jemanden zu finden, mit dem man reden konnte. Es war ein vollkommen vierſeitiges und ganz leeres Zimmer mit Bänken rund herum, die mit fei— nem Marokin beſchlagen waren. Wir nennen dieſes Zimmer das eigentliche Vorzimmer, da das erſte nur ein überflüſſiges war. Auf der Bank ſaßen zehn bis zwölf Perſonen V. 4 48 und warteten. Ein Herr im ſchwarzen Frack ging ſtolz und würdevoll auf und ab. Er war ein Be⸗ dienter, ſah aber aus wie ein Notar. „Herr von Geldberg?“ fragte der Baron von Rodach eintretend. Der ſchwarzbefrackte Diener grüßte mit hochmü⸗ thiger Höflichkeit. „Wünſcht der Herr mit dem Herrn von Geld⸗ berg dem Vater zu ſprechen?“ fragte er im Baßtone mit deutſchem Accent,„oder mit dem Herrn Abel von Geldberg?“ „Mit dem Vater.“ „Sehr wohl. Herr von Geldberg der Vater iſt nicht zu ſprechen.“ „Sagen Sie mir, wann ich ihn ſprechen kann.“ „Er hat keine beſtimmte Stunde.“ „Wie fängt man es da an ihn zu ſehen?“ „Man ſieht ihn nicht.“ Rodach ſah den Mann mit einiger Ungeduld an und glaubte faſt, man verſpotte ihn. Kaum aber hatte er das Geſicht des Dieners geſehn, ſo verließ ihn plötzlich ſein Zorn. Er unterdrückte eine Bewe⸗ gung der Verwunderung und drehete ſich um, als wollte er ſein Geſicht vor Jemand verbergen. Dieſe Vorſicht war übrigens ſehr nutzlos, denn der wie ein Präſident gekleidete Diener erwieß ihm nicht die Ehre ihn anzuſehen. 49 „Nun,“ fuhr Rodach in gezwungenem gleich⸗ giltigen Tone fort,„wenn man Herrn von Geld⸗ berg den Vater nicht ſehen kann, ſo will ich mit dem Herrn von Geldberg dem Sohne ſprechen.“ „Sehr wohl,“ antwortete der Diener.„Das iſt etwas anderes.. Herr Abel von Geldberg iſt be⸗ ſchäftiget.“ „Auf lange Zeit?“ „Vielleicht.“ „Und der Herr Ritter von Reinhold?“ „Beſchäftiget.“ „Und Don Joſe Mira?““ „Beſchäftiget.“ Rodach dachte einen Augenblick nach, dann trat er zu der Bank und ſagte: „Ich werde warten.“ „Herr,“ ſagte der Diener gutmüthig, indem er ſeine unterbrochene Promenade fortſetzte,„neh⸗ men Sie gefälligſt Platz.“ Rodach hatte die Aufforderung nicht abgewartet. Diejenigen, welche gleich ihm warteten, ſaßen der Comptoirthüre ſo nahe als möglich. Rodach folgte dieſem Beiſpiele nicht; er nahm an der Seite Platz. So oft die Promenade des Dieners im ſchwar⸗ zen Fracke die Züge des Mannes deutlich ſehen ließ, 4* ——— — 50 beobachtete ihn der Baron aufmerkſam und ſchien ihn vollſtändiger zu erkennen. Als dies geſchehen war, blieb ihm nichts weiter übrig, als das Zimmer zu beſehen, in dem er ſich befand, ſowie die Geſichter der andern Anweſenden zu muſtern, die freilich gar nichts ausdrückten. Das Zimmer war groß und kahl wie jedes Vorzimmer, durch einen Falenceofen geheizt und mit Marmor ge⸗ pflaſtert. Außer der Eingangsthüͤr und jener, die zu dem Comptoir führte, hatte es noch drei Thüren. Auf der erſten befand ſich eine Kupferplatte mit der Auf⸗ ſchrift Ceres, allgemeine Landwirthſchafts⸗ bank. Auf der zweiten las man in langen ſchwarzen Buchſtaben: Argentiniſche Anleihe. Auf der dritten wurde eben eine vergoldete Platte mit verzierten Buchſtaben befeſtiget: Eiſenbahn von Paris nach.. Com⸗ pagnie der großen Grundbeſitzer. Dies war ein ganz neues Unternehmen und dem Publikum kaum angezeigt. Der Baron betrachtete dies ſehr aufmerkſam und er ſchien dabei tiefer und tiefer in Gedanken aᷣ 51 verſinken. Er langweilte ſich nicht und die Warte⸗ zeit verging ihm ohne Ungeduld. Nur etwas ſtörte ihn in ſeinem Sinnen; wenn nämlich die Comptoirthüre geöffnet wurde. Er blickte dann in den langen Saal mit zahlreichen von Gittern umſchloſſenen Pulten hinein. Er ſchien die Zahl der Commis zu zählen und die vollkommene Ordnung zu bewundern, die da herrſchte. Es trat ein Ausdruck der Zufriedenheit auf ſein Geſicht, als wäre er ein Gläubiger, der das Haus ſeines Schuld⸗ ners beſucht und daſſelbe wohlhabender findet als er hoffen konnte. Viele der Perſonen, die gleich ihm warteten und nur mit Commis zu thun hatten, waren ſeit ſeiner Ankunft abgefertigt worden. Andere waren an ihre Stelle getreten und es ſaß ſo ziemlich immer eine gleiche Anzahl Wartender da. Unter den Neuangekommenen befand ſich eine alte Frau, die ſchwarz gekleidet war und deren rein⸗ licher aber ſehr abgetragener Anzug lange Kämpfe zwiſchen der hartnäckigen Armuth und einem muthi⸗ gen Stolze verrieth. Die Frau ſah ſo traurig aus, daß ſchon ihr Anblick trübc ſtimmte. Man erkannte auf ihrem gelblichen verſtͤrten Geſichte die Anſtrengung der Ergebung, welche noch zu kämpfen ſuchte, aber ſchwach war unter der doppelten Laſt des Schmerzes 52 und des Alters. Die arme Frau ſchien von der Noth gebeugt zu ſein; ihre gerötheten Augen brann⸗ ten in ihrem fahlen Geſichte und verriethen Thränen, die nie ein Troſt trocknet. Sie beſaß die große Schüchternheit der Armuth; ihre entzündeten Augenlider wagten ſich kaum zu heben und verſtohlen wiſchte ſie von Zeit zu Zeit Thränen ab, die unwillkürlich über ihre runzeligen Wangen rannen. Sie hatte ſchüchtern die Thüre des Vorzimmers halb geöffnet und war erſt auf die beſtimmte Auf⸗ forderung des ernſten deutſchen Dieners eingetreten, welcher die Wärme nicht hinausziehen laſſen wollte. Sie hatte mit zitternder und leiſer Stimme nach dem Herrn Ritter von Reinhold gefragt und der ernſte Deutſche ihr dieſelbe Antwort gegeben wie dem Baron von Rodach und die arme alte Frau hatte ſich ganz am Ende der Bank in dem fernſten Winkel nie— dergeſetzt. Das war vor einer halben Stunde geſchehen. Sie ſaß ſeitdem unbeweglich mit geſenktem Kopfe da, nur bisweilen, wenn das Geld heller klang als gewöhnlich, richtete ſie den Kopf halb empor und ihre erloſchenen Augen öffneten ſich weit, um einen gierigen Blick nach der Comptoirthüre zu werfen. Es lag in dieſer unwillkürlichen Bewegung eine gewiſſe ſchwere Klage; es war der Blick des halb Vutl laden Gell bewe ber 53 Verhungerten, der in einen Bäcker⸗ oder Fleiſcher⸗ laden ſchaut. Man errieth, daß nur wenig von dem Gelde, das man mit vollen Händen emſig hier bewegte, dazu gehört hätte, um ihren Schmerz zu beruhigen. Je mehr Zeit verging, um ſo größere Unruhe malte ſich in ihrem Geſichte. „Herr,“ ſagte ſie endlich als der Vorzimmer⸗ diener bei ſeiner Promenade ſich ihr näherte,„„könnte ich den Herrn Ritter von Reinhold nicht bald ſprechen?“ „Warten Sie nur, gute Frau, warten Sie nur,“ antwortete der Mann ruhig. „Ich habe keine Zeit,“ flüſterte die Alte ſchüchtern. „So warten Sie nicht.“ Der Mann drehete ihr den Rücken zu und ging nach dem andern Ende des Vorzimmers hin. Die Frau nahm ihren ganzen Muth zuſammen; als der Diener wieder in ihre Nähe kam, ſtand ſie auf und ging auf ihm zu: „Ich bringe Geld,“ ſagte ſie. Der Diener blieb ſtehen. „Dann,“ ſagte er,„brauchten Sie nicht zu warten; gehen Sie an die Caſſe.“ „Es iſt nur eine Abſchlagszahlung, mein guter Hetr.“ ⅓ ——— 54 „Der Teufel auch!“ antwortete der Diener in noch ſtärkerm deutſchen Accent;„Geldberg und Comp. nehmen nie Abſchlagszahlungen an.“ „Eben deshalb möchte ich mit dem Herrn Ritter ſelbſt ſprechen.“ „Ich ſehe das ein, aber jetzt iſt es nicht möglich.“ „Ich weiß nicht,“ ſagte die alte Frau zögernd, „ich habe ihn ſonſt gekannt und ich glaube wohl, daß er ſich meiner erinnert.. Wenn Sie ihm ſa⸗ gen wollten, daß Frau Regnault ihn zu ſprechen „wünſche..“ Sie vollendete nicht, denn auf das ſteife Geſicht des Dieners trat ein ſpöttiſches Lächeln. Er ſah nach der Gewohnheit der Leute, die täg⸗ lich hundert neue Geſichter ſehn, Niemand ins Ge— ſicht; die Frau Regnault aber kam ihm ſo originell vor, weil ſie glaubte, daß ihr ganz gemeiner Name ihr die Thüre des Herrn Ritters öffnen würde, daß er nicht umhin konnte, ſeine Augen auf ſie zu richten. Er ſah nichts Beſonderes; er kannte die Frau nicht. „Wahrhaftig, gute Frau,“ ſagte er,„was Sie da ſagen, iſt nicht geradezu unmöglich, aber, ſehen Sie, ich habe nach meiner Anweiſung zu handeln und darf die Herrn nicht ſtören. Gedulden Sie ſich.“ Die Mutter Regnault ſeufzete und ſetzte ſich wie⸗ der nieder. Der Baron von Rodach hatte dieſe Scene beob⸗ achtet, aber den Namen der alten Frau nicht ver⸗ ſtehen können. Nur regte ſich bei ihrem Anblicke eine undeutliche Erinnerung in ihm und es kam ihm vor als ſehe er ſie nicht zum erſten Male. Dieſer Umſtand war aber an ſich zu unbedeutend, die Gründe, die ihn in das Haus geführt hatten, dage⸗ gen waren ſo gewichtig, daß er nicht weiter nach— dachte, um über ſeine Erinnerung ins Reine zu kommen. Die Thüre, auf welcher eben die Platte mit der Inſchrift: Eiſenbahn von Paris nach.. befeſtiget worden war, wurde in dieſem Augenblicke aufgeriſ⸗ ſen und drei oder vier Herren mit mehreren Orden traten laut ſprechend heraus. Sie ſchritten mit dem Hute auf dem Kopfe durch das Vorzimmer, ohne ſich um die Anweſenden zu kümmen. „Das kann ein Geſchäft geben,“ ſagte der Eine. „Guter Titel!“ antwortete der Andere.„Und das Haus Geldberg iſt Gott ſei Dank ſtark..“ „Mit den Bekanntſchaften, die ſie haben,“ fiel ein Dritter ein,„könnte die Conceſſion wohl erlangt werden..“ 56 Der Vierte drehete ſich um und wieß mit dem Stocke auf das neue Schild an der Thüre: „Da iſt ſchon ein Anfang der Ausführung,“ ſagte er.„Die Hauptſache iſt geſchehen.“ Sie lachten zuſammen und gingen mit einander zu ihren Equipagen, die auf der Straße warteten. Es waren vielleicht große Grundbeſitzer. „Kommt nun an mich bald die Reihe?“ fragte Rodach von ſeinem Platze aus. Der Diener, der ſich vor den vier Herren tief gebückt hatte, blieb nicht ſtehen und antwortete blos: „Ich glaube es nicht.“ Der Baron wartete noch zehn Minuten, in denen ſich die Eiſenbahnthüre zweimal öffnete, und zwei ehrwürdige Geſtalten herausließen, denen das Wort Actionair in großen Wnchſtade auf die Stirn geſchrieben war. Zwölftes Kapitel. Das Danaiden-Faß. Als ſie fort waren, ertönte eine Klingel über dem Ofen und der Diener im Vorzimmer eilte hinein. Gleich darauf kam er wieder und ſagte: „Die Herren empfangen heute Niemanden.“ Die alte Frau faltete die knochendürren Hände und ſank wie vom Blitz getroffen in ihre Ecke. Einige Perſonen, die auch gewartet hatten, ent⸗ fernten ſich brummend. Der Diener wollte eben in das Comptoir hinein⸗ gehn, da ſagte der Baron leiſe zu ihm: „Klaus!“ Der Diener hatte ſchon die Hand an der Thür⸗ klinke, blieb aber unbeweglich und mit offenem Ohre ſtehen, ohne ſich indeß umzudrehen, denn er glaubte falſch gehört zu haben. 58 „Klaus!“ wiederholte der Baron. Diesmal drehete ſich der Diener raſch um und war mit einem Sprunge mitten im Zimmer. Er hatte den Herrn von Rodach eben ſo wenig angeſehen als die andern und ſobald er jetzt die Au— gen auf ihn richtete, ſtieß er einen Laut der Verwun⸗ derung aus. Rodach legte einen Finger auf den Mund und Klaus ſchwieg; nur ſeine Züge drückten noch Ver— wunderung aus. „Komm hierher!“ ſagte der Baron und Klaus gehorchte. „Man hatte mir wohl geſagt,“ fuhr Rodach fort,„daß ich Dich in dem Hauſe des Juden finden würde, das aber wußte ich nicht, daß Du die Züge Deiner ehemaligen Herren vergeſſen hätteſt.“ Das bleiche ernſte Geſicht des Dieners färbte ſich mit hoher Röthe; ſeine Augenlider zitterten und in ſeinen Augen lag ein tiefes Gefühl. „Gnädiger Herr,“ begann er. „Still!“ unterbrach ihn Rodach;„dieſer Titel, der mir nicht gebührt, iſt hier gefährlich. Ich heiße der Baron von Rodach und Du kennſt mich nicht.“ „Ich ſollte Sie nicht kennen!“ rief Klaus. „Ich bin der Baron von Rodach, ſage ich Dir, und Deine neuen Herren dürfen meinen wirk⸗ 59 lichen Namen nicht muthmaßen.. Du kennſt nun mein Geheimniß; kannſt Du es bewahren?“ Klaus legte die Hand auf das Herz. „Ich kann Alles was Sie mir befehlen, gnädi⸗ ger Herr,“ antwortete er.„Ach, ich habe weder Sie noch Ihren edeln Vater vergeſſen. Ich bin ein armer Mann und muß meine Arbeit dem leihen, der ſie bezahlen will, aber mein Herz gehört meinen alten Herrn und wenn Sie mich als Ihren Diener annehmen wollen, brauchen Sie nur ein Wort zu ſagen.“ „Das iſt brav geſprochen,“ entgegnete Rodach; „Du biſt ein ehrlicher Mann und ich erkenne in Dir einen der unſerigen.. Schlag ein!“ Klaus legte ſeine Hand in die des Barons wie ein Vaſall, der ſeinem Lehnsherrn ſchwört. Er hatte das ſteife Ausſehen nicht mehr, das wir eben an ihm bemerkten, denn dies war ſeine Amtsmiene. Er nahm dieſes gravitätiſche Weſen gleichzeitig mit dem ſchwarzen Frack an. „Haben Sie mir etwas zu befehlen?“ fragte er. „Ich muß ſogleich zu den Chefs des Hauſes Geldberg gebracht werden,“ antwortete der Baron. „Ich werde wie ein Hund aus dem Hauſe ge⸗ jagt,“ dachte Klaus, aber er zögerte keinen Augen⸗ blick, ging nach der Thüre zu und erſuchte den Ba— ron ihm zu folgen. 60 Rodach ſtand auf und beide verließen das Vor⸗ zimmer. Die Mutter Regnault ſah ſie traurig und nei— diſch fortgehen. „Und ich!“ ſagte ſie,„und ich? Ich werde nicht hineinkommen?“ Die Thüre fiel wieder zu und die alte Frau war allein. Sie ſchlug die thränenfeuchten Augen zum Himmel empor, dann ſenkte ſich ihr Kopf von neuem. Sie blieb unbeweglich in ihrem Winkel, zuſam— mengekauert und die Hände gefalten auf den Knieen, die zitterten. Der Baron von Rodach und Klaus gingen ſchweigend durch das Comptoir Geldbergs. Der ehemalige Diener von Bluthaupt ſchritt in ſeinem ſchönen ſchwarzen Frack voraus. Er hatte ſeine ernſte würdevolle Miene wieder angenommen. Beobachtete man nur den Anzug, ſo fiel der Ver⸗ gleich gewiß nicht zu Gunſten Rodachs aus, der noch ſeinen alten Mantel und die beſtäubten Stiefeln trug, da er ſeit dem vorigen Abende nicht Zeit gehabt hatte, den Anzug zu wechſeln. Er hatte die Nacht wachend und ſo verbracht wie wir ihn aus dem Wagen ſteigen ſahen und ſo finden wir ihn in dem prachtvollen Comptoir der Herren Geldberg, Reinhold und Comp. wieder. Die Commis ſahen ihn an wie Vögel im Käfige, er da Erb mäß ter Jla des dun ten, vera Reu ſeine füh hin 61 er dagegen betrachtete alles offenbar mit Vergnügen. Er bewunderte die vollkommene Ordnung, die Regel⸗ mäßigkeit und Stille. Wenn die Commis Beobach⸗ ter geweſen wären, ſo würden ſie ohne Zweifel ge⸗ glaubt haben, der Mann wäre ein neuer Compagnon des Hauſes Geldberg. Freilich ließ ſich ſeiner Klei⸗ dung nach von ſeinem Portefeuille nicht viel erwar⸗ ten; aber die Kleidung täuſcht oft und die Millionen verachten bekanntlich den Putz. In dem letzten Zimmer, wo ſich ein achtbarer Herr befand, welcher die Correſpondenz leitete, nebſt ſeinen Gehilfen, die ſämmtlich junge Stutzer waren, führte eine Wendeltreppe zu dem obern Stockwerke hinauf. Klaus und der Baron gingen da hinauf. Die Treppe endete an einem kleinen Zimmer, das als Vorzimmer diente und in dem ein Diener wartete. Er hatte wahrſcheinlich den Auftrag Niemanden einzulaſſen, denn er ſtellte ſich vor die Thüre. „Sie wiſſen ja, daß die Herren keinen Beſuch annehmen..,“ ſagte er. „Ich weiß was ich weiß,“ antwortete Klaus in dem Tone der Leute, die einen geheimen Auftrag haben..„Treten Sie nur bei Seite; die Herren warten.“ Der Diener trat brummend bei Seite, denn er 1 5 8 3 — 62 ärgerte ſich wohl, daß ein Anderer wiſſen wollte, was er nicht wußte. Klaus ging leiſe auf dem Teppiche durch das Vorzimmer; zwar ſtellte er ſich, als ſei er ſeiner Sache ganz gewiß, er zitterte aber doch an allen Gliedern. Er klopfte dann dreimal ſchwach an eine Thüre, vor welcher ein wollener Vorhang hing. „Sie wollen nicht!“ flüſterte er.„Wenn Sie es nicht wären, gnädiger Herr..“ „Hier ſind ſie?“ unterbrach ihn Rodach. Klaus nickte, Rodach ſchob ihn bei Seite und legte die Hand an das Schloß. „Beruhige Dich,“ ſagte er ehe er hineinging; „man wird Dich nicht fortjagen, und wenn man es thut, nehme ich Dich in meinen Dienſt.“ Das ernſte Geſicht des alten Dieners wurde von Freude überſtrahlt. Er ſchlug die Hände zuſammen und mußte ſich zuſammennehmen, um keinen Luft⸗ ſprung zu machen. Rodach trat ein und zog die Thüre hinter ſich zu. Er befand ſich in einem ſehr großen Zimmer, das in ſtrengem Lurus meublirt war und an deſſen Ende ein Schreibtiſch von Ebenholz auf gedrechſelten Füßen ruhete. Um den Kamin von ſchwarzem Marmor, der mit gewundenen Säulen und Reliefs geziert war, ſtanden fünf oder ſechs Stühle in 63 Unordnung und verriethen, daß kurz vorher eine ziemlich zahlreiche Geſellſchaft da verſammelt gewe⸗ ſen war. Rodach muthmaßte, daß auf den Stühlen die Herren mit den Orden geſeſſen haben mochten, die er lachend und plaudernd einige Minuten vorher hatte durch das Vorzimmer gehen ſehen. Jetzt war aber Niemand in dem Zimmer und auch das Schreibpult unbeſetzt, auf dem eine Menge Papiere lagen. Der Blick Rodachs wendete ſich zuerſt dahin, er hatte aber kaum Zeit auf mehreren herumliegenden Zetteln zu leſen: Eiſenbahn von Paris nach... Geſellſchaft der großen Grundbeſitzer, denn in demſelben Augenblicke hörte er in dem Neben⸗ zimmer ſprechen, deſſen Thüre halb offen ſtand. Rodach drehete ſich raſch um, konnte aber nichts ſehen; nur hören konnte er. Es ſchienen vier Perſonen zu ſprechen. Es be⸗ fand ſich darunter eine jugendliche Stimme, welche die Worte mit einem leichten deutſchen Accente tief aus der Kehle heraufholte, eine ſehr dünne offenbar franzöſiſche, eine tiefe Baßſtimme, die ſüdlich pomp⸗ haft ſprach und nur einem Bewohner der ſpaniſchen Halbinſel angehören konnte und endlich eine gut⸗ muthige, klägliche, ehrliche Stimme eines alten Mannes. Dieſe ſprach zuletzt und ſagte: V. 5 64 „Meine Herren, mir bricht es das Herz, ein ſo ſchönes Haus zuſammenſtünzen zu ſehen. Mein Gott, wenn ich bedenke, welche Geſchäfte wir zur Zeit des alten braven Herrn von Geldberg machten! Das war einfach, deutlich, ehrlich. Der Gewinn kam ohne eine Möglichkeit von Verluſt und zu Ende des Jahres hatten wir einen Abſchluß, den man Freunden und Feinden zeigen konnte.“ „Armſelige Geſchäfte, mein guter Herr Mo— reau!“ ſagte die dünne Stimme. „Altes Syſtem!“ ſetzte der deutſche Accent hinzu. Der Baron horchte geſpannt und ſein Geſicht drückte plötzlich Beſorgniß aus. „Sollte das Haus nicht mehr ſo ſolid ſein als ſonſt?“ fragte er ſich. „Es war das gute Syſtem,“ erwiderte im an⸗ demn Zimmer der Mann, den man Moreau genannt hatte;„damals und dur rch das Syſtem war unſere Caſſe immer voll, während es jetzt, Gott weiß es, keine leerere in Paris giebt.“ Der ſpaniſche Baß huſtete; die dünne Stimme und der deutſche Accent murmelten Worte, die der Baron nicht verſtand. „Und warum ſolite ſie nicht leer ſein?“ fuhr Herr Moreau fort, der lauter und lauter ſprach; iic heute dieſe wal den jun wal auff jun 65 „ich bin nur dem Namen nach Caſſirer; was ſch heute einſchließe, wird morgen herausgenommen.“ Die drei Stimmen ſchienen zu proteſtiren. Jeder dieſer Stimmen gab Rodach einen Namen; der Baß war der Dr. Joſe Mira; die dünne Stimme gehörte dem Ritter von Reinhold und der deutſche Accent dem jungen Abel von Geldberg. „Mein lieber Moreau,“ ſagte der Letztere,„wir waren in ernſter Geſchäf ſedenatſunnd. ſind Sie her⸗ aufgekommen, uns die Moral zu leſen wie Schul⸗ jungen?“ „Ich bin heraufgekommen,“ ſagte der Caſſirer, „um zu melden, daß ich Sonnabend Abends zwei⸗ undzwanzigtanſend Francs in der Caſſe gelaſſen habe und daß ich dieſen Morgen Papier für 45,000 Frs. verſilbert habe; es ſind heute ungefähr 60,000 Frs. zu zahlen.“ Der Caſſirer unterbrach ſich und Niemand ant— wortete ihm, Rodach hörte aber eine gewiſſe Bewe⸗ gung unter den drei Compagnons und es war ihm auch als bewege ſich etwas am andern Ende des Zimmers. Sein Blick richtete ſich unwillkürlich dahin und fiel auf einen Spiegel. In dieſem Spiegel ſah er vier Geſichter beiſammen: eine kahle Stirn, die nur dem Caſſirer angehören konnte; ein läde Geſicht mit einem präͤchtigen Backenbarte; ein fahles, ſteifes, 5* 1 A I 66 ernſtes Geſicht, das ganz für einen Böſewicht in einem Melodrama gepaßt hätte und endlich ein Ge— ſicht, das dem einer alten Kokette glich, welche ſich übermäßig ſchminkt. Rodach hatte den Sohn des alten Geldberg nie geſehen, den portugieſiſchen Doctor und den Ritter von Reinhold aber nur einmal erblickt und zwar un— ter Umſtänden, welche die Züge unverloͤſchlich in das Gedächtniß eingraben. Aber es war ſchon lange her. Nichts deſtoweniger irrte er ſich nicht, als er jedem der Compagnons, die er ſchon nach der Stimme geordnet hatte, eine Rolle zutheilte. Sie ſtanden alle wie auch der Caſſirer, der ein großes Buch in der Hand hielt. Alle drei ſahen nicht eben freundlich aus und in ihren Zügen konnte man deutlich leſen, daß ſie große Luſt hatten, den guten Moreau an ſeine Caſſe zurückzuſchicken. Dieſer war aber noch nicht zu Ende. „Folglich,“ fuhr er in ſeiner begonnenen Aus⸗ einanderſetzung fort,„enthielt die Caſſe 7000 Frs. mehr als heute zu zahlen waren. Dagegen fand ich die Caſſe völlig leer als ich heute früh ankam.“ Nodach bemerkte, daß die vier Compagnons ein⸗ ander anſahen. „Ich war es nicht,“ ſagte der junge von Geld⸗ berg. 67 „Ich auch nicht,“ ſagte Herr von Reinhold. „Ich auch nicht,“ ſetzte der portugieſiſche Doc⸗ tor hinzu. Der Caſſirer ſchlug die Augen auf, in denen die Achtung und Ehrfurcht dem Zorne wichen. „So bin ich es wohl geweſen?“ rief er aus, indem er das Buch auf einen Tiſch warf;„meine Caſſe iſt, Gott ſei's geklagt! wie ein Faß mit vier Löchern. Sie haben einen Schlüſſel, Herr Doctor, Sie auch, Herr Abel, Sie auch, Herr Ritter, und ich habe den vierten.. Ich weiß nicht, ob Sie hof⸗ fen mir einzureden, daß ich die 22,000 Frs. ge⸗ nommen hätte.“ Rodach horchte und runzelte die Stirn. „Zweiundzwanzigtauſend Francs!“ dachte er. „Und ich glaubte, man ſpräche hier nur von Mil⸗ lionen!“ Als wenn der Zufall auf ſeine Gedanken ant⸗ worten wollte, fiel ſein Blick eben auf die neuen Proſpecte der Eiſenbahngeſellſchaft der großen Grundbeſitzer und er las: Geſellſchaftscapital: Hundert und neunzig Millionen Francs. „Aber, mein vortrefflicher Herr Moreau,“ ſagte im Nebenzimmer die Stimme des Ritter von Rein⸗ hold,„ſchickt es ſich, daß Sie daher kommen und ſo viel Aufhebens von einer ſo erbärmlichen Summe — 68 machen? Laſſen Sie 10,000 Thlr. discontiren und ſprechen Sie nicht mehr davon.“ „Ihre guten Papiere ſind langſichtig,“ antwor⸗ tete der Caſſirer,„und Ihr Credit, ſo groß er ſonſt auch war, wird ſolchen Dingen nicht widerſtehen.“ „Das iſt unſere Sache,“ antwortete Abel achſelzuckend. „Es iſt auch meine Sache, Herr von Geld⸗ berg,“ entgegnete der Caſſirer, deſſen Stimme ernſt wurde, während ſein kahles Haupt ſich unter der Schwere eines entmuthigenden Gedankens ſenkte; „ich habe Vertrauen zu dem Credite des Hauſes ge⸗ habt, Sie wiſſen es. Es laufen in Paris für mehr als 300,000 Frs. von mir acceptirte Wechſel um, die nicht einmal Ihr Indoſſament haben, ſo blind glaubte ich an Sie.. Ich habe kein Vermögen, meine Herren, aber eine zahlreiche Familie.“ „Herr Moreau! Herr Moreau!l verſchonen Sie uns mit ſolchen Details,“ unterbrach ihn der Ritter. „Ich weiß wohl, daß das Haus noch große Mittel beſitzt,“ fuhr der Caſſirer fort;„ich würde nichts fürchten, wenn ich die Bücher ſehen könnte.. Aber die Hauptbücher haben Sie und wir wiſſen un⸗ ten nicht, wie es mit dem Conto des Hauſes Yanos Georgyi in London ſteht..“ „Das iſt meine Sache,“ ſagte der Ritter von Reinhold. 11 in Am 7/ Herr in ne fi 69 „Oder mit dem Conto des Hauſes van Praet in Amſterdam,“ fuhr Moreau fort. „Das iſt meine Sache,“ entgegnete der junge Herr von Geldberg. „Und mit dem Conto der Herrn Leon von Laurens in Paris?“ „Darum kümmern Sie ſich nicht,“ fiel der Doctor Joſe Mira ein. „Auch angenommen,“ fuhr der Caſſirer fort, „daß dieſe Privatconti gut ſtehen, was Gott geben möge, ſo bleiben doch die laufenden Laſten des Hauſes und dieſe ſind ſchwer genug, wie Sie wiſſen. Sie fragten mich eben, warum ich heraufgekommen ſei; ich habe lange gezögert, es Ihnen zu ſagen, denn ich diene ſeit zwanzig Jahren in dem Hauſe und ſein Gedeihen liegt mir mehr am Herzen als mein Leben.. Der alte Diener unterbrach ſich und Rodach, der dem Auftritte mit ſteigendem Intereſſe folgte, glaubte die Augenlider des Alten ſich heben und ſich ſenken zu ſehen, als wären ihm Thränen nahe. „Nun, beruhigen Sie ſich, alter Freund,“ ſagte der Ritter im Gönnertone;„wir geſtehen gern zu, daß Sie ein würdiger und treuer Diener ſind.“ „Ja, ja, Herr Ritter, ich bin ein treuer Die⸗ ner,“ wiederholte der Alte, deſſen Stimme wieder feſter und ſicherer wurde,„und deshalb muß ich * 70 ohne Rückhalt mit Ihnen ſprechen. Das Haus geht ſeinem Untergange entgegen; den will ich nicht ſehen und wenn es Ihnen nicht beliebt, mir Ihre Privat⸗ conti vorzulegen und mir die Caſſenſchlüſſel zu über⸗ geben, die Sie ſeit dem Rücktritte des alten Herrn an ſich genommen haben, ſo nehme ich ſofort meinen Abſchied und bitte Sie, ſich nach einem andern Caſ⸗ ſirer umzuſehen.“ Moreau nahm das Buch wieder unter den Arm, verbeugte ſich und ging fort. Die drei Compagnons blieben verlegen allein und ſchwiegen einige Augenblicke. „Wir brauchen ihn,“ ſagte endlich der Ritter, „und durch eine Conceſſion wird er zu beſänftigen ſein.“ „Zuerſt und vor allem müßten ihm die 22,000 Francs wiedergegeben werden, die er braucht,“ meinte der junge Herr von Geldberg;„ich erkläre aber, daß ich durchaus nichts zur Verfügung habe.“ „Ich auch nicht.“ „Ich auch nicht,“ ſagten die beiden anderen Compagnons. „Meine Herren,“ fuhr Reinhold fort,„es liegt etwas Wahres in dem, was Moreau ſagt und ich meines Theils geſtehe, daß ich am Sonnabend Abend ſechstauſend Francs aus der Caſſe genommen habe.“ 71 „Ich Sonntags früh 500 Louisdor.“ „Und ich,“ brummte der Doctor unwirſch, „habe das Letzte in voriger Nacht geholt.“ „Bei einem ſolchen Syſtem,“ fuhr der Ritter lachend fort,„kann die Rechnung des Caſſirers frei⸗ lich nicht ſtimmen. Aber,“ ſetzte er ernſt hinzu, „wir müſſen über die Sache nachdenken, mit dem Credit läßt ſich nicht ſpielen und wenn Moreau uns verläßt, kommen manche Kleinigkeiten an den Tag.“ „Man kann die Chefs eines Hauſes nicht hin— dern, Geld aus ihrer eigenen Caſſe zu nehmen,“ warf der Doctor ein. „Das iſt eine Frage,“ entgegnete Reinhold; „ich kann gute Gründe dafür und dagegen anfüh— ren.. Jetzt handelt es ſich aber um die fehlenden 20,000 Frcs., die jeden Augenblick gefordert wer⸗ den können.. Denken Sie nach, meine Herren! Wiſſen Sie ein Mittel, dieſe Summe augenblicklich herbeizuſchaffen?“ Der Doctor und Abel thaten als ſännen ſie nach. „Ich kenne den alten Moreau,“ ſagte endlich Abel,„und ich wette, daß die Summe irgendwo bereit liegt. Er will uns nur erſchrecken.“ „Wenn er aber wahr geſprochen hätte?“ „So müſſen wir borgen.“ „Bei wem?“ fragte Reinhold. „Wir haben Freunde.“ „Allerdings, aber wir müßten unſere Freunde bei der Hand haben.“ In dem Augenblicke als der Doctor den Mund öffnete, um auch etwas zu ſagen, entſtand ein leich⸗ tes Geräuſch an der Thüre. Die drei Compagnons dreheten ſich um und blieben wie verſteinert bei dem Anblicke eines Fremden ſtehen, der auf der Schwelle ſtand. Er grüßte ſie gravitätiſch und ſagte: „Meine Herren, der Zufall iſt Ihnen günſtig; Sie brauchen einen Freund; da iſt er.“ in bi Dreizehntes Kapitel. Die drei Compagnons. Der Baron von Rodach ſprach dieſe Worte zwar in vollem Ernſte, es ſchien aber doch ein Anklang bittern Spottes darin zu liegen. Die drei Compagnons waren ſtaunend und ſtumm bei ſeinem Anblicke ſtehen geblieben. Wenn irgend eine Regel in dem Hauſe Geldberg ſtreng befolgt wurde, ſo war es die Unverletzlichkeit ihres Privatcomptoirs. Ohne ihre beſtimmte Einwilligung gelangte Niemand in dieſes Zimmer, in das Klaus den Baron geführt hatte. Es war dies ein ſorgſam bewachtes Heiligthum, in welchem die Chefs des Hauſes Alles thun und ſprechen konnten, ohne den neugierigen Blick ihrer Diener fürchten zu müſſen. Selbſt der Caſſirer, dem ſeine Stellung größere Vorrechte gab, kam ſonſt nie an dieſen Ort, den man pomphafterweiſe Berathungszimmer nannte. 74 Wenn Moreau im Vertrauen mit ſeinen Prinzipalen zu ſprechen hatte, ſo blieb er in dem Nebenzimmer, in welchem wir ihn eben geſehen haben und das durch eine geheime Treppe mit der Caſſe in Verbin⸗ dung ſtand. Das Berathungszimmer öffnete ſich nur Leuten von auswärts, beſonders Mäklern, welche für Rechnung der drei Compagnons Geſchäfte machten, die eigentlich nicht zu einem Bankierhauſe gehören, Capitaliſten und Adeligen, die man zu Actionären machen wollte. Zur Empfangsſtunde gelangte Niemand hinein, bevor er vorher angemeldet worden und wenn dieſe Zeit vorüber war, durfte gar Niemand durch dieſe ſtreng bewachte Thüre ſchreiten. Die drei Compagnons mußten alſo glauben vor jedem Ueberfalle ſicher zu ſein und die Ankunft des Fremden in dieſem Augenblicke war ein wahrer Theatercoup für ſie. Ein Haus wie das ihrige hält ſich, wie tödtlich auch die Krankheit ſein mag, die an ihm nagt, lange auf dem feſten Grunde ſeines alten Credits aufrecht und kann Jahre lang bei allen äußern Zeichen des Reichthums mit dem Tode ringen. Schrecklich und verderblich iſt nur ein außerhalb bemerkbar gewordenes Nothzeichen. So lange der Zweifel nicht geweckt wird, ſcheint er unmöglich zu 7⁵ ſein; der Handelsrieſe lebt und geht und ſcheint voll Kraft zu ſein, ſo lange ſein inneres Leiden ihm keine Klage auspreßt. Noch am Vorabende ſeines Falles erhält manches Haus noch Millionen; vielleicht war die Geldflut in ſeiner Eaſſe nie ſo hoch; man glaubt, man preißt es, man erklärt es gerade in dem Augenblicke für unerſchütterlich, wenn das ganze Gebäude wankt. Am andern Tage hat der Blitz eingeſchlagen und man ſieht nichts als Trümmer und einen Mann, der ſo ſchnell entflieht, als die Poſtpferde laufen können. Auf der andern Seite hält ein ſolides, kräftiges Haus plötzlich ſeinen Aufſchwung an. Man ſieht es unter der Laſt einer Art Fluch ſchmachten; die Kun⸗ den entfernen ſich von ihm, als wenn man ſich in ſeinen öden Comptoirs die Peſt holte,— weil ſich ein Gerücht verbreitet hat, anfangs ſchüchtern, ein Geflüſter... Mehr iſt nicht nöthig. Die Dichter vergleichen den Ruf eines Mädchens mit der weißen Blüte der Lilie, welche die geringſte Berührung befleckt, mit dem feinen Staub auf dem Flügel der Schmetterlinge, der bei dem leiſeſten Hauche ſchwin⸗ det, mit tauſend andern vergänglichen Dingen; wenn aber nach dem größten Zufalle ein Dichter einmal von dem Handel ſprechen wollte, woher würde er ſeine Vergleiche nehmen? Das Haus Geldberg war noch ſtark und hatte 76 ſeine Hilfsmittel noch nicht erſchöpft, aber ſeit lange ſchon ſchritt es von Criſis zu Criſis. Das unglaub⸗ liche Benehmen ſeiner Chefs, die ſich bedachten und ſyſtematiſch plünderten, riß es einer mehr oder min⸗ der entfernten Kataſtrophe entgegen und wenn es gerettet werden ſollte, mußte eines jener induſtriellen Wunder eintreten, welche die Börſe in unſern Tagen gern bewirkt. Die drei Chefs rechneten auch auf dieſes Wunder; aber unterdeß mußte man warten und leben. Unter den Verlegenheiten, die es niederdrückten, eriſtirte das Haus eigentlich nur durch ſeinen unver⸗ gleichlichen Credit. Das, was wir von dem com— merciellen Rufe geſagt haben, galt von ihm noch mehr als von jedem andern; das geringſte Zeichen der Schwäche konnte ihm verderblich werden; es hing buehſtäblieh von einem Worte ab. Dieſes Wort hatten die Compagnons ſelbſt aus⸗ geſprochen und fremde Ohren hatten es gehört. Man denke ſich, ob der Baron von Rodach, der ſo plötzlich in diſde deiidil iche Geſpräch hinein⸗ trat, willkommen wa Die Eesndeons hatten am Vormittage gear⸗ beitet. Der Grund zu einem rieſenhaften Unterneh⸗ men war gelegt und die 1 galui der großen Grundbeſitzer war ſchon mehr als ein Wort. Man ſprach wahrſcheinlich an der Börſe ſchon davon und die Actienpromeſſen mußten ſogleich mit Aufgeld geſucht werden. Das konnte nicht fehlen, weil das Haus Geld⸗ berg, abgeſehn von ſeinem Credit, gute Bekannt⸗ ſchaften hatte und es ſich hoffen ließ, daß ihm die Commiſſion nicht fehlen werde. Geſchickt verbreitete Gerüchte über jenes wahr⸗ haft babyloniſche Feſt, das der ſchönen Welt von Paris in einem alten Schloſſe Deutſchlands gegeben werden ſollte, kamen gerade zu rechter Zeit, um Veranlaſſung zu geben, von dem ungeheuern Reich⸗ thume der Familie Geldberg zu reden. Der Credit iſt etwas, aber nichts kommt dem Grundbeſitze gleich und das Haus, von dem man ſagen kann, es hat eine Beſitzung, die ſonſt ein Für⸗ ſtenthum war, wird beſonders gut angeſehen. Nie⸗ mand brauchte zu wiſſen, wie ſehr die Beſitzung mit Hypotheken belaſtet iſt. Alles ging alſo nach Wunſch. Statt unter den Abzapfungen durch die Chefs zuſammenzuſinken, ſollte das Haus Geldberg vielmehr ſich noch hoch erheben und definitiv zu den größten und angeſehen⸗ ſten Häuſern in Europa gerechnet werden. Und gerade in dieſer günſtigen Zeit führte der Zufall oder der Verrath eine lebendige Drohung vor die Augen der drei Compagnons. Die Klagen ihres Caſſirers hatten ſie nicht 78 gerührt, weil ihre Augen auf die glänzende Zukunft gerichtet waren; jetzt aber trat plötzlich eine Wolke vor dieſe Zukunft; das Geheimniß, das für ſie das Glück war, gehörte ihnen nicht mehr an. Eine lange Minute hindurch ſtanden ſie beſtürzt und bleich vor Zorn da. Der Baron von Rodach ſah ſie kalt und ruhig an, beobachtete ihre Geſichter, ohne daß ſie es be— merkten und ſuchte ſie in dieſem erſten Augenblicke der Verlegenheit zu beurtheilen. Am ſchnellſten ſam⸗ melte ſich der Doctor Joſe Mira wieder; aber er hielt es nicht für gerathen das Wort zu ergreifen. Regnault rief offenbar ſeine Kaltblütigkeit zu Hilfe und ſuchte nach Worten, um mit einem Male den Eingedrungenen zu verblüffen. Aber der Herr Ritter von Reinhold hatte einen gefährlichen Feind in ſich ſelbſt. Er war feig wie damals als er Jacob Regnault hieß und wenn er einmal etwas wagte, ſo that er es mit geſchloſſenen Augen. Er gehörte nicht zu denen, welche das Gelingen beſſert. Zwanzig— jähriges Glück hatte ihn nicht beſſer gemacht. Er war noch immer derſelbe ſchlaue aber beſchränkte, liſtige aber leichtſinnige Menſch, wie der Aben⸗ teurer, den wir im Schloſſe Bluthaupt geſehen haben. Er hatte durch das Alter nichts verloren und nichts gewonnen, nicht einmal Vorſicht und Klugheit. Er blieb jenes unvollſtändige Weſen, das ſein! um ſ 5 fäͤhig ſeine Ge 79 ſein Leichtſinn um ſo gefährlicher machte, aber auch um ſo beſſer maskirte. Der Doctor Joſe Mira dagegen wäre vielleicht fähig geweſen, ſein Benehmen, wenn nicht gerade ſeine Grundſätze zu ändern. Er hatte ſich mit dem Gewinne vom Verbrechen ein äußerlich achtbares Leben zu ſchaffen gedacht und eine friedliche Zu— kunft voll ſüßer Genüſſe und Ruhe als Lohn der Arbeit in ſeiner mörderiſchen Vergangenheit ge⸗ träumt; er wußte im Voraus, daß die Erinnerun⸗ gen ihn nicht beläſtigen würden, denn ſein Gewiſſen hatte ſchon ſeit den Tagen ſeiner Jugend keine Stimme mehr. Joſe Mira würde in ſeiner Art glücklich am Ziele, das er erſehnt hatte, harmlos, wenn auch nicht tugendhaft geweſen ſein; er that Böſes nur aus Eigennutz und darin zeichnete er ſich vor dem Ritter von Reinhold aus, der nur ſchaden wollte. Im Ganzen freilich taugte einer ſo wenig als der andere, denn der Doctor Joſe Mira hatte ſeinen Zweck nicht erreicht und die erſehnte Ruhe nicht gefunden. Er war reich und obgleich er die ärztliche Prarxis aufgegeben hatte, war er als Gelehrter doch faſt berühmt; ſeine Stellung als Compagnon des Hauſes Geldberg gab ihm bedeutenden Einfluß und die Freuden des Ehrgeizes konnte er ſich wohl ver⸗ ſchaffen. Auf der andern Seite bedeckte ein undurch⸗ V. 6 80 dringlicher Schleier die Entſtehung ſeines Vermö⸗ gens. Zwar war er ſicher vor Argwohn, ſelbſt vor der Gewiſſenspein, der höchſten Strafe der Schul⸗ digen, welche die menſchliche Gerechtigkeit vergißt; aber ein Vergehen, das ſchlimmſte vielleicht in den Augen der Welt„ laſtete auf ſeinem ganzen Leben. Der kalte Partherzige Mörder, welcher mit gie⸗ rigem Auge dem Todeskampfe ſeiner Opfer zugeſehen hatte und deſſen Nächte gleichwohl nie von ſchreck⸗ lichen Träumen geſtört wurden, hatte einmal ſeinen Leihenſchaſten den Zügel ſchießen laſſen und ein Mädchen entehrt, die faſt noch ein Kind war. Die⸗ ſes Mädchen, die Frau geworden, war für ihn das Werkzeug des rächenden Zornes Gottes. Er liebte. Hinter ſeinem eiskalten Weſen lag ein glühendes und immer jugendliches Feuer. Eine Tyrannin ohne Beſchränkung machte ihn zum Scla⸗ ven und er kannte keine Freude und kein Leid, die nicht mit dieſer Liebe zuſammenhingen. Seit Jahren beſtand er einen vergeblichen heftigen Kampf; er fühlte ſich gehaßt, verachtet, verſpottet und liebte nur um ſo mehr; die Verachtung ſtachelte ihn, die Beleidigung zog ihn an; man befahl ihm Dinge, die für ihn unſinnig waren und der Mann des kalt berechnenden Verſtandes gehorchte. Seine Tyrannin ließ ihm weder Raſt noch Ruhe. Das Vermögen, das er durch das Verbre⸗ 81 chen gewonnen hatte, gehörte ihm nicht an und obwohl er ein Einſiedlerleben führte, ſchöpfte er doch eben ſo gierig als Abel von Geldberg, der pracht⸗ liebende und verſchwenderiſche junge Mann, aus der gemeinſchaftlichen Caſſe. Seine Hände waren nur ein Kanal. Das eünns wan Gold rann ihm durch die Finger und als Lohn für ſo viele Opfer erhielt er nichts als hier 15 d ein bitteres Wort, ein ſpöttiſches Lächeln. Das war gewiß Gerechtigkeit; die Frau, die ihn ſo züchtigte, war noch verdorbener als er, aber hier rächte ſie ſich blos. Es giebt, wie man ſagt, nur zwei Arten giftiger Schlangen: die, welche ſich auf Jeden ſtürzen, die in ihre Nähe kommen, und die, welche ihren Biß für den Augenblick des Zornes aufſparen. Regnault gehörte zu der erſtern, Joſe Mira zu der zweiten Art. Regnault biß immer um ſich und that Böſes wie ein Verſchwender. Mira wäre harmlos gewe⸗ ſen, wenn er keinen Grund zum Schaden gehabt hätte; aber hinter ihm ſtand das Weib, deren Tyrannei ihn reizte und das Gift trat in ſeinen Zahn. War er einmal im Zuge, ſo konnte er ſogar weiter gehen als der Ritter ſelbſt, weil er zu denken und zu ſchweigen verſtand. Er war der Kopf der Verbindung und Reinhold 6* der kühn und unvorſichtig war, ſobald es galt einer materiellen Gefahr zu trotzen, der Arm. Jetzt ſtellte ſich der Ritter wie ſonſt immer gern voran; er arbeitete unerſchrocken und gleichſam als Künſtler. Wenn es an einer Intrigue fehlte, begann er Handelsunternehmungen für ſeine eigene Rech⸗ nung und bot alle Gaben ſeines ſchlauen aber klein⸗ lichen Geiſtes auf, um wucheriſche Möglichkeiten herauszubringen. Aber dieſe kleinen halb legalen Spitzbübereien intereſſirten ihn nur halb und ſeine manchen Gefahren gegenüber kühne Natur bedurfte ſtärker anregender Kämpfe. Die Maske des Doctors war nicht ganz ſo glücklich wie die ſeines Compagnons. Sein finſterer Geſichtsausdruck ſtieß anfänglich zurück. Ob er gleich das Benehmen eines Weltmannes beſaß und ſelbſt das übertriebene gravitätiſche Weſen zu man⸗ chen Stellungen recht wohl paßte, ſo erregte doch ſchon ſein Ausſehen Mißtrauen. Er war kalt und ſprach ſchwülſtig, aber mit Mühe; es war als liege immer eine Lüge hinter ſeiner falſchen Geberde und unter ſeinen verlegenen Worten. Der junge Herr von Geldberg hatte keine Blut⸗ laſt auf dem Gewiſſen wie ſeine beiden Compagnons. Er kannte das Verbrechen nicht einmal, das ſeine Familie bereichert hatte und wußte nichts von der Vergangenheit. Er war nichts als ein junger Kauf⸗ mann geübt gen. er ko ſeine eine doch zen; ſchön 83 mann, in den erbärmlichen Kniffen und Pfiffen geübt, durch welche die Handelsleute einander betrü⸗ gen. Der Wucher hatte ihn von Kindheit an gereizt; er kannte keine andere Tugend als den Gewinn und ſeine Moral war das Einmaleins. Obwohl er eine glänzende Erziehung erhalten, ſo zeigten ſich doch große Lücken in ſeinem Geiſte und ſeinem Her⸗ zen und er hatte nichts davon behalten als eine ſehr ſchöne Handſchrift und die Kenntniß der Regel de tri. Nicht alle Stutzer ſind Narren, aber wenn ſie es ſind, ſind ſie es ganz. Er war Stutzer und Narr. Er liebte die Tänzerinnen und verehrte die Pferde, er wettete wie ein Engländer und zeichnete ſeine Weſten ſelbſt. Leute wie er werden bisweilen etwas trotz dem Spruche: aus nichts wird nichts. Abel von Geldberg brach zuerſt das Schweigen. Während Joſe Mira klüglicherweiſe nichts ſagte und der Ritter von Reinhold nachdachte, was er wohl ſage, legte er keck das Glas an das Auge und hert tete den Fremden. Vas ſoll das heißen?“ fragte er im verächt⸗ lichſten en Tone, den er ſin lden konnte;„und was kann der Mann von uns wollen?“ „Dieſer Mann will ſehr viel von Ihnen, Herr Abel von Geldberg,“ antwortete der Baron mit einem zweiten Gruße, der ſo ſteif und höhniſch als der erſte war;„dieſer Mann kennt Ihr Haus lange 84 und wünſcht in Geſchäftsverbindung mit Ihnen zu freten.“ Abel maß den Baron mit dem Blicke vom Kopfe bis zur Sohle und ſah in ihm nichts als einen lan⸗ gen Mann in ſtaubigem Mantel und nicht gewich— ſten Stiefeln. Er zuckte die Achſeln und wendete ſich zu ſeinen Compagnons. Mira betrachtete den Fremden mit großer Aufmerkſamkeit von der Seite. In dem Ge⸗ ſichte Reinholds lag ein Staunen, das ſich nicht mehr auf das plötzliche Eintreten dieſes unerwarte⸗ ten Gaſtes zu beziehen ſchien, und ein unklarer Arg— wohn. Es war als ſuche er in ſeinem Gedächtniſſe. „Er muß überſpannt ſein,“ ſagte Abel zu ſei— nen beiden Compagnons. „Offenbar,“ zerſtreut. flüſterte der Ritter von Reinhold „Es wird am einfachſten ſein, wir klingeln, um ihn hinausweiſen zu laſſen..“ „Ohne Zweifel,“ antwortete der Ritter noch⸗ mals. Dann trat er raſch zu dem Doctor, der zwei Schritte hinter ihm ſtand. „Ich glaube dies Geſicht ſchon irgendwo geſehen zu haben,“ flüſterte er. „Dieſes Geſicht nicht,“ antwortete der Portu⸗ gieſe ein tig hat erin 8⁵ gieſe, deſſen Augen niedergeſchlagen waren,„aber ein anderes, das ihm allerdings ſehr ähnlich war.“ „Es muß ſchon lange her ſein.“ „Sehr lange.“ „Helfen Sie mir doch, Doctor... Es iſt wich⸗ tig, damit man weiß, wie man ſich zu benehmen hat... Wir ſpielen eine lächerliche Figur hier.“ „Vor zwanzig Jahren,“ ſagte der Doctor leiſe. „Ich will des Teufels ſein, wenn ich mich erinnere.“ „Der alte Günther von Bluthaupt..“ Der Ritter ſchlug die Hände zuſammen und ſeine Züge erheiterten ſich plötzlich wieder. „Wahrhaftig ſo iſt es!“ ſprach er.„Ich⸗fürch⸗ tete etwas Schlimmeres. Denn der alte Graf konnte doch nicht ſelbſt wieder aufſtehen und jung werden.. Nun, Abel,“ fuhr er zu ſeinem jungen Compagnon gewendet fort,„Sie wollten klingeln; ich ſehe kein Hinderniß.“ In den zwei oder drei Secunden, welche dieſe raſche Unterredung des Doctors und Ritters gewährt hatte, war Rodach unbeweglich mit übereinanderge⸗ ſchlagenen Armen auf der Schwelle ſtehen geblieben. „Ich komme aus weiter Ferne,“ ſagte er jetzt, „und kam um Sie zu ſehen, meine Herren... Wenn Sie mich herausweiſen laſſen, werden Sie es Ihr ganzes Leben hindurch bereuen.“ 86 Abel lachte laut auf und ging nach der Klingel hin; der Ritter ſchien auch zu lachen, aber gezwun⸗ gen. Joſe Mira behielt ſeinen ſteifen Ernſt. In dem Augenblicke als der junge von Geldberg die Hand an die Klingelſchnur legte, öffnete ſich der Mund des Doctors halb und ließ wie ungern zwei oder drei Worte über die Lippen gleiten. „Uebereilen Sie ſich nicht, Abel,“ ſagte er. „Es dürfte am Klügſten ſein, erſt zu erfahren..“ „Was zu erfahren?“ fiel der junge Mann ein, indem er an der Klingel zog. „Wenigſtens den Namen deſſen zu erfahren, den Sie fortweiſen wollen, Herr Geldberg,“ antwortete der Baron von Rodach etwas lauter;„zu erfahren, ob dieſer Mann übergeſchnappt iſt, wie Sie ſagen, oder klug,.. ein Bettler, wie er ausſieht, oder ein Millionär.“ „Was kümmert uns das?“ unterbrach ihn Abel. Reinhold und Mira ſahen einander fragend an. „Endlich zu erfahren,“ ſetzte Rodach hinzu ohne ſich zu beeilen,„ob der Mann, der gegen Ihren Willen mitten unter Ihnen erſcheint, nicht das Recht hat, gleich Ihnen in Ihr Berathungszimmer zu treten; zu erfahren, ob er nicht in einer Hand das hält, was Ihr Haus ſtürzen kann und ſtände es auf dem Gipfel des Glückes, und in der andern etwas, was dem 2 hinan Wor 87 was es zu retten vermag, neigte es ſich auch bereits dem Sturze zu.“ Die Thüre, durch welche der Caſſirer Moreau hinausgegangen war, öffnete ſich bei den letzten Worten und es erſchien ein Diener in Livrée. „Die Herren haben geſchellt?“ fragte er. Der junge von Geldberg wieß auf Rodach, um ihn dem Diener zu bezeichnen und die Hinauswei⸗ ſung zu befehlen. In dem Augenblicke aber, in welchem er den Mund öffnete, kam ihm Joſe Mira zuvor und ſagte: „Es ſoll kein Menſch zu uns kommen, nicht einmal die Diener unſeres Hauſes..“ Abel von Geldberg ſtand mit offenem Munde da und der„ier entfernte ſich. „Nun,“ fuhr Joſe Mira fort, der einen Schritt vortrat,„ſprechen Sie ſo kurz als möglich: wer ſind Sie und was wollen Sie?“ „Mein Mittel,“ entgegnete Abel, indem er ſich ärgerlich berumdrehete,„war jedenfalls das kürzeſte und wenn Sie mich hätten handeln laſſen, wäre der Herr ſchon unten an der Treppe angekommen.“ „Ich gebe 3 Ihnen eine Viertel Stunde, mein junger Herr,“ ſprach Rodach,„um zu widerrufen und Don Joſe Mira für die Worte zu danken, die er eben geſprachen hat. Was die Kürze betrifft, Doc⸗ tor,“ ſetzte er zu dem letztern gewendet hinzu,„ſo 88 kann ich Ihnen weiter nichts verſprechen als mich der Kürze zu befleißigen, denn wir haben mehr als eine Rechnung mit einander auszugleichen. Che ich anfange erlauben Sie, daß ich mich ſetze.“ In dem kleinen Zimmer, in dem ſich die drei Compagnons befanden, war kein Stuhl vorhanden, Rodach ging alſo in das Hauptzimmer zurück und an den Kamin, wo vortreffliche Stühle ſtanden. Die Compagnons blieben eine Secunde allein und Rodach konnte ſie unter einander ziſcheln hören. Als ſie ebenfalls in dem Zimmer erſchienen, hatte der Ritter von Reinhold ein freundliches Lächeln an⸗ genommen und Abel von Geldberg ſein hochmüthiges Weſen zur Hälfte abgelegt; nur der Dr. Mira er⸗ ſchien mit unverändertem Geſicht. Er hatte gleich im Anfange das Unkluge und Gefährliche in dem Benehmen ſeines jungen Compagnons gefühlt. Der Unbekannte, der ſo unerwartet ankam flößte ihm lebhafte Beſorgniſſe ein, die er jetzt ſeinen Compag— nons mitgetheilt hatte. Klugheit und Vorſicht wa⸗ ren alſo nun an der Tagesordnung. Rodach hatte am Kamine auf einem Seſſel Platz genommen. „Ich bitte um Verzeihung, meine Herren,“ ſagte er,„wenn ich es mir bequem mache; aber ich bin durch eine weite Reiſe angegriffen und habe in der vergangenen Nacht kein Auge geſchloſſen.. Setzen 3 ten ſchle win maa Votf len, 89 Sie ſich gefälligſt auch und hören Sie mich an; ich wage zu hoffen, daß wir uns bald und gänzlich ver— ſtändigen werden.“ Er hielt ſeine großen Stiefeln an das Feuer. Die drei Compagnons nahmen Platz und mach⸗ ten die Bemerkung, daß der Fremde, welchen ſie ſo ſchlecht aufgenommen, allmälig die Oberhand ge⸗ winne. Sie waren in ihrem Hauſe und der Mann maaßte ſich, ehe er noch geſprochen, gleichſam den Vorſitz an. Er ſchien ſich ganz gemächlich zu füh⸗ len, während ſie ſehr verlegen waren. Kaum waren zwei Minuten vergangen, ſeit man ſich darüber berathen hatte, ob man dem Fremden, wie einen zudringlichen Bettler, die Thüre weiſen ſolle und jetzt benahm er ſich als Herr. ◻ „Ich war hier,“ begann er,„als Sie mit Ihrem Caſſirer ſprachen.“ 7 „Und Sie erlaubten ſich zuzuhören?“ unter⸗ brach ihn der junge von Geldberg, dem noch einmal die Luſt ankam, hochmüthig zuſein. „Ich kann es nicht leugnen,“ entgegnete Ro⸗ dach;„ich habe ziemlich alles gehört, was Sie Ihrem Caſſirer ſagten und was Sie unter einander ſprachen, nachdem jener brave Mann ſich entfernt hatte. Aber betrüben Sie ſich nicht darüber, meine Herren; Sie waren ja außerordentlich verſchwiegen 90 und wenn ich nicht weit mehr wüßte, würden Sie nicht nöthig haben mich zu fürchten.“ „Wir haben Sie alſo zu fürchten?“ fragte Herr von Reinhold, ohne ſein Lächeln zu verlieren. „Ja, Herr Ritter. Der Caſſirer ſchien mir ein würdiger Diener und nur etwas zu eifrig zu ſein. Gleichwohl vergaß er ein Conto unter denen, die er von Ihnen verlangte.“ „Wie ſo?“ fragte Reinhold. „Er wollte die Conti van Praets in Amſterdam, Yanos Georgyis in London und Laurens in Paris ſehen, ſprach aber nicht von dem Conto des Zachäus Nesmer in Frankfurt am Main.“ Das Geſicht des Joſe Mira verdüſterte ſich noch mehr und der junge von Geldberg wurde aufmerk⸗ ſamer. „Aber,“ ſagte der Ritter von Reinhold, der Mühe hatte ſein Lächeln beizubehalten,„unſer Ge⸗ ſchäftsfrund Zachäus Nesmer iſt todt.“ „Allerdings, Herr Ritter..“ „Und er hat keine Erben hinterlaſſen..“ „Doch, mein Herr, einen Neffen, den Sohn ſeiner Schweſter, der noch ein Kind iſt und dem die Behörde einen Vormund geſetzt hat.. Meine An⸗ kunft kann Sie ganz beruhigen. Wenn Sie Ihren Caſſirer entlaſſen wollen, ſo erbiete ich mich ſeine Stelle einzunehmen; behalten Sie ihn, ſo kann ich I verla 71 Haus brach 7 „1ch) Wal haben 91 ich Ihnen ſofort die 20,000 Frs. liefern, welche er verlangt.“ „Aber, Herr,“ murmelte der Ritter,„das Haus Geldberg..“ „Offenes Spiel, wenn ich bitten darf,“ unter⸗ brach ihn der Baron, der plötzlich den Ton änderte; „ich kenne das Haus Geldberg genau, in deſſen Wahl es ſteht, ob es mich zum Freunde oder Feinde haben will.“ Reinhold und Mira ſahen ihn mit ſichtlicher Angſt an, Abel von Geldberg verſtand ihn nicht. Rodach nahm aus ſeiner Taſche ein Portefeuille und aus dieſem zwanzig Banknoten, die er auf den Tiſch legte. „Klingeln Sie, Herr von Geldberg, und ſchicken Sie das Geld in die Caſſe.“ Abel gehorchte unwillkürlich und es kam ein Diener, dem das Geld übergeben wurde. Der Baron öffnete dann eine andere Seite ſeines Portefeuilles und nahm vier bis fünf ſehr abgegrif— fene Papierſtreifen heraus. „Ich muß Ihnen geſtehen,“ fuhr er fort,„„daß ich keineswegs erwartete, das Haus in ſo trauriger Lage zu finden. Ich wollte an der Caſſe die Wechſel hier im Belaufe von 200,000 Frs. erheben.“ „Zweimalhunderttauſend Francs!“ wiederhol⸗ ten die drei Compagnons. „Ja; ſie ſind im vorigen März verfallen,“ fuhr der Baron fort,„präſentirt, aber nicht bezahlt. Ich beſitze überdies Wechſel auf die doppelte Summe für den nächſten 1. März.“ „Wir ſtanden in Rechnung mit unſerm Freunde Zachäus Nesmer,“ ſiel Reinhold ein,„und dieſe Papiere bilden keine eigentliche Schuld.“ „Wenn es zum Prozeſſe kommt,“ erwiderte Rodach kalt,„ſteht es Ihnen frei Ihre Vertheidi⸗ gung beizubringen, für den Augenblick beſchäftigen Sie ſich nicht damit. Der Erbe Nesmers kann warten und es liegt in ſeinem und meinem Intereſſe, das Hün Geldberg zu halten.“ „In dem Ihrigen?“ fragte der Doctor. „Sie erinnern ſich vielleicht,“ ſagte Rodach in⸗ dem er ſein Portefeuille verſchlo 5,„eines Briefes, den Sie vor einem Jahre, etwa ſechs Wochen nach dem Tode eneni⸗ erhielten. Dieſer Brief meldete Ihnen die Ankunft des Barons von Rodach, welcher das Lortranien des Patriziers Nesmers genoſſen hatte und mit der Wahrung der Intereſſen ſeines Erben beauftragt war.“ „Dieſen Brief habe ich empfangen,“ antwortete Abel von Geldberg;„ich kannte dieſen Baron von Rodach nicht und das, was er berichtete, ſchien mir ſehr beſtreitbar zu ſein; gleichwohl nahm ich mir 93 vor, ihn zu empfangen, wie es einem Edelmann ge⸗ bührt. Er kam nicht. „Er ließ etwas auf ſich warten, allerdings,“ erwiederte der Fremde;„er hatte mehrere Reiſen zu machen; aber Sie ſehen ihn endlich vor ſich; ich ſelbſt bin der Baron von Rodach.“ Vierzehntes Kapitel. Die drei Schlüſſel. Die drei Compagnons verbeugten ſich und der junge Abel von Geldberg bückte ſich ſo tief als die andern. „Wenn der Herr Baron die Güie gehabt hätte, uns ſeinen Namen ſogleich zu ſagen,“ ſtammelte er. „Mein junger Herr,“ antwortete Rodach,„„ich habe in meinem Leben viele Kaufleute geſehen und kann nur in einem Geſellſchaftszimmer oder auf der Straße beleidigt werden; bemühen Sie ſich alſo nicht ſich zu entſchuldigen, da ich an allem ſelbſt Schuld bin. Wie ich Ihnen in dem Briefe ſchrieb, deſſen Sie ſich nur undeutlich zu erinnern ſcheinen, habe ich ein Jahr lang alle Geſchäfte Ihres Freun⸗ des Zachäus Nesmer beſorgt. Der brave Mann hatte kein Geheimniß vor mir; ich kannte ſein dama⸗ heim — ſchen Gel n- 95 liges und ſein früheres Leben und ſelbſt ſeine ge⸗ heimſten Verbindungen blieben mir nicht verborgen“ — ſetzte er ſtark betonend hinzu—„die früher zwi⸗ ſchen ihm, dieſen beiden Herren hier und Moſes von Gel beie beſtanden.“ Das Lächeln Reinholds änderte ſich in Verzer— rung des Geſichts um und ſelbſt Mira runzelte leicht die Augenbrauen. „Ich weiß alles,“ fuhr Rodach fort,„durch— aus alles von dem Tode des Grafen Ulrich an bis zu dem Nesmers ſelbſt.“ Die Stimme Rodachs bebte unbemerklich als er den Namen Ulrich von Bluthaupt ausſprach, aber ſein Geſichtsausdruck blieb ruhig und feſt. „Es fehlte mir,“ fuhr er fort,„nur die Kennt⸗ niß deſſen, was in dem letzten Jahre geſchehen iſt.. Ich kam, um mich darüber zu unterrichten; der Zu⸗— fall begünſtigte mich und ich erfuhr die ernſten Ge⸗ fahren, welche das Haus Geldberg bedrohen und die Sie mir vielleicht hätten verheimlichen wollen.“ „Herr Baron,“ antwortete Reinhold,„dieſe Gefahren ſind mehr ſcheinbar als wirklich vorhan⸗ den; das Haus hat die glänzendſten Hoffnungen, die ihm nicht entgehen können.“ „Gerade über dieſen Punkt wünſche ich mit Ih⸗ nen zu ſprechen, aber ich beſchwöre Sie noch einmal, verſchweigen Sie mir nichts. Sie ſind die ſtärkſten V. 7 96 Schuldner der Hinterlaſſenſchaft Nesmers und es liegt offenbar in unſerem Intereſſe Sie zu halten; ſehen Sie mich alſo im Voraus für einen Ihrer Com⸗ pagnons an und ſprechen Sie mit mir wie mit einem Manne, deſſen Zeit, Einfluß und Geld Ihnen für den Augenblick zu Gebote ſtehen.“ Reinhold erhob ſich in einem Anfall von Dank⸗ barkeit und reichte dem Baron die Hand, die derſelbe drückte. Die Hand des Barons war kalt und zit— terte, aber er achtete nicht darauf und ſchüttelte ſie herzlich. Abel und Mira glaubten in dieſem Augenblicke einen Schleier der Bläſſe auf das Geſicht Rodachs fallen zu ſehen. „Meine Herren,“ ſprach Reinhold ſodann, in⸗ dem er ſeine Augen auf ſie richtete,„ich glaube, wir können nur eine Anſicht haben; das Anerbieten, das uns der Herr Baron ſo offenherzig macht, muß an⸗ genommen werden.“ „Es iſt auch meine Meinung,“ ſagte der Doc⸗ tor Mira. Es lag in dieſem Geſpräche Mancherlei, was der junge von Geldberg nicht verſtand; aber er glaubte ſich ſtellen zu müſſen, als ſei ihm alles klar und er antwortete deshalb mit einer Verbeugung: „Ich bin derſelben Meinung und nehme meiner⸗ ſeits das Anerbieten mit Dank an.“ 97 „Mit dieſer unerwarteten Hilfe, die uns unſer guter Stern ſendet,“ fuhr der Ritter von Reinhold fort, der ſeine Wohlredenheit wiederfand,„werden wir aus einer Verlegenheit herauskommen und den Erben unſeres Freundes Nesmer befriedigen können. Da die Herren mir freie Hand laſſen, ſo will ich Ihnen ausführlich die gute Seite unſerer Lage aus⸗ einanderſetzen. Meine perſönliche Zukunft iſt lockend; ich habe außer dem Hauſe einige kleine Unterneh⸗ mungen begonnen, die nach Wunſche gedeihen. Meine Centraliſation der Miethen im Temple beſon⸗ ders, ein zugleich philanthropiſches und commerciel⸗ les Unternehmen, wirft ſchon einen hübſchen Ge— winn ab, an welchem ich das Haus gegen eine ge⸗ eignete Entſchädigung Theil nehmen laſſen will.. Ich ſtehe außerdem auf dem Punkte, eine reiche Hei— rath einzugehen; Sie haben alſo, Herr Baron, wie Sie ſehen, durchaus nicht mit Bettlern zu thun und die Vorſchüſſe 3 de S Sie uns leiſten, ſind in kei⸗ ner Art gefährdet.. Rodach machte mit der Hand eine Bewegung, die ſnhn zu wollen ſchien:„weiter!“ Das Haus ſelbſt,“ fuhr Reinhold fort,„hat die argentiniſche Anleihe, welche ihm in nicht langer Zeit große Summen zuführen wird; die Ceres, die allgemeine Landwirthſchaftsbank, deren Actien ſteigen, wie Sie ſich an der Börſe überzeugen können, und 7* 98 endlich die Hauptſache, den Hauptſchlag, der all unſer Kupfer in Gold verwandeln muß, die Eiſen⸗ bahn von Paris nach..“ „Iſt die Geſellſchaft ſchon organiſirt?“ fragte Rodach. „Noch nicht. Ach, lieber Herr, das läßt ſich nicht ſo leicht organiſiren, wie Sie zu glauben ſcheinen; es giebt Schwierigkeiten mancher Art. Die Eiſen⸗ bahnen ſinken und man muß geſtehen, daß uns hier wie überall der Geldmangel hinderlich iſt. Es muß wohl ausgeſprochen werden, da wir hier ganz offen reden: ohne den Rücktritt unſeres achtbaren Freundes und Compagnons Moſes von Geldberg würde das Haus jetzt nach Hunderten von Millionen rechnen.. Ich übertreibe nicht, werther Herr und der Beweis liegt darin, daß uns die Welt noch immer dieſes un⸗ geheure Vermögen zuſchreibt..“ „Allerdings,“ fiel Rodach ein;„ich ſelbſt..“ „Werther Herr,“ unterbrach ihn Reinhold, „wir ſind ſo ziemlich heruntergekommen. Winken Sie mir nur nicht, Doctor; ich weiß was ich ſage und nur vollſtändige Offenheit kann uns das Ver⸗ trauen des Herrn Baron verdienen.“ Abel machte eine Geberde völliger Beiſtimmung und der Ritter fuhr fort: „Die Compagnie der großen Grundbeſitzer ruht bereits auf trefflichen Grundlagen und ſie muß uns 99 wieder zu dem Punkte emporbringen, von welchem wir heruntergeſtiegen ſind, leider durch unſere Schuld, Herr Baron,“ ſetzte Reinhold mit einem tiefen Seufzer hinzu.„Wenn das Unternehmen gelingt, wie es wahrſcheinlich iſt, ſo geben wir dem Hauſe wieder eine europäiſche Bedeutung und alle unſere Sünden ſind abgebüßt. Auch ſind unſere Maßregeln darnach getroffen; nichts iſt verſäumt worden; wir haben einen anſehnlichen Theil unſerer Gelder aufgewendet, um Beweiſe von Wohlhaben⸗ heit zu geben, die faſt ſo gut ſind wie die Wohlha⸗ benheit ſelbſt, nämlich in den Augen der meiſten Menſchen. Unſere Commis geben ſo viel Geld aus wie Söhne reicher Familien; in den Journalen iſt immer die Rede von unſeren Feſten und unſere Sa⸗ lons ſtehen ohne Nebenbuhler in Paris da.“ „Wir ſind,“ ſagte der junge von Geldberg, in⸗ dem er den Schnurbart mit aller Selbſtgefälligkeit drehete,„wir ſind allerdings, Herr Baron, dieſes Jahr die„Löwen.“ Der Doctor nahm keinen Theil an dem Geſpräche und ſchien in Nachdenken verſunken zu ſein. Sein finſteres Auge, das tief eingeſunken zu ſein ſchien, blieb auf das Geſicht des Herrn von Rodach ge— richtet. D „Das reicht indeß nicht hin,“ fuhr der Ritter von Reinhold fort,„man wirft das Geld vergebens 100 durch das Fenſter hinaus; ein Ball iſt und bleibt ein Ball und es giebt deren ſo viele.“ „Ich weiß nicht, welche Beziehung Ihre Bälle..,“ fiel der Baron ein. „Zu der Compagnie der großen Grundbeſitzer haben können?“ unterbrach ihn Reinhold lachend. „Man ſieht es, daß der Herr Baron nicht aus Paris iſt,“ ſagte Abel mit dem ſtolzbeſcheidenen Tone eines Mannes, der etwas recht Kluges geſagt zu haben glaubt. „Ach, werther Herr,“ fuhr der Ritter fort, „wir ſind hier nicht in unſerm tugendhaften Deutſchland. Unſere Bälle ſind hier die große Trommel. Freilich iſt die Sache ſchon etwas abge⸗ nutzt und Alle ſagen es, gleichwohl laſſen ſich noch immer Alle dadurch fangen.. Man kennt es be⸗ reits ſeit hundert Jahren und nach hundert Jahren wird das Mittelchen noch immer in Gebrauch ſein. Wie dem auch ſei, wir wollten das Verfahren ver— vollkommnen, ihm etwas Neues geben und auf dem bekannten Wege einen Schlag ausführen, der wirk— lich in Erſtaunen ſetzt und bindet. Wir entſchloſſen uns, ganz Paris nach unſerm Schloſſe in Deutſch— land einzuladen.“ In das Schloß Bluthaupt? fragte der Baron. 77— „In das Schloß Geldberg, wenn Sie erlau⸗ ben,“ unterbrach ihn Abel. ſp 101 „Es ſollte dies ein Mittel ſein,“ fuhr der Rit⸗ ter fort,„dieſes Grundſtück nützlich zu machen, das faſt nichts einbringt und zwar wegen der ſchlechten Stimmung der Leute, aber doch ein ſehr großes Capital repräſentirt. Unſer alter Freund Moſes hat, wie ſich wohl ſagen läßt, darin mit zum Verfalle des Hauſes beigetragen; denn von dieſer Beſitzung Bluthaupt, die wir gegen alle Klugheit behalten haben, ſchreiben ſich die Forderungen her, die Sie bei ſich haben, ſo wie unſere Schulden an Yanos Georgyi und Herrn van Pract.. Gleichviel; in dieſem Falle wenigſtens ſoll das alte Schloß uns etwas nützen. Wir geben da ein Feſt, das vierzehn Tage dauern ſoll.“ „Es wird dies eine bedeutende Summe in An⸗ ſpruch nehmen.“ „Eine ungeheure Summe, werther Herr, eine ungeheure Summe.. Aber es wird auch be⸗ täuben.“ „Man wird nie etwas Aehnliches geſehen ha⸗ ben,“ ſagte Abel, indem er ſich die Hände rieb; „Baͤlle im Park..“ „Nächtliche Fiſchereien wie in Schottland. 1 „Fackeljagden wie die Fouquets.. „Tourniere, glänzender als die des Lord Eglinton.“ „Feen⸗Promenaden! Kirchthurmrennen und Hetzjagden, wie man ſie höchſtens in den königlichen Wäldern ſieht.“ „Und nach unſerer Rückkunft,“ ſetzte Reinhold in wahrer Begeiſterung hinzu,„werden alle unſere Eiſenbahnactien untergebracht und das Unternehmen wird geſichert ſein.“ Der Baron von Rodach dachte einen Augenblick nach. „Ich billige dieſe Idee,“ ſagte er dann,„und werde Sie dabei unterſtützen.“ „Sie ſind unſere Vorſehung,“ rief Reinhold aus,„denn es fehlte uns bis jetzt an den nöthigen Geldern.“ „Ich werde Sie zwar unterſtützen,“ wiederholte Rodach,„aber die Worte Ihres Caſſirers ſind durchaus nicht geeignet mir großes Vertrauen einzu⸗ flößen und wenn Sie die Caſſe ausleeren wie ich ſie fülle.. „Wir übernehmen die förmliche Verpflichtung,“ begann Regnault. „Das reicht nicht hin,“ ſagte der Baron;„ich muß andere Bürgſchaften haben.“ „Welche?“ fragte Reinhold. „Ich verlange, daß Sie Ihre Caſſenſchlüſſel an mich abgeben.“ Die drei Compagnons proteſtirten gleichzeitig. „Meine Herren,“ ſagte Rodach im Tone kalter 103 Hoͤflichkeit,„Sie haben hoffentlich ohne Rückhalt geſprochen, und nach dem, was Sie mir ſagten und dem, was ich ſchon wußte, kenne ich Sie ſo genau, als wenn wir ſeit zwanzig Jahren beiſammen gewe⸗ ſen wären. Es gefällt mir jetzt mich mit Ihnen zu verbinden und Sie mit aller Kraft zu unterſtützen. Glauben Sie mir alſo und weigern Sie ſich nicht.“ „Gewiß, Herr Baron,“ begann der Ritter von Reinhold in diplomatiſcher Weiſe. „Wie Sie wollen,“ unterbrach ihn Rodach; „wenn ich ſtrenge Mittel gegen Sie in Anwendung bringen und die Bezahlung meiner Tratten auf ge⸗ ſetzlichem Wege erzwingen wollte, ſo ließe ſich zwan⸗ zig gegen eins wetten, daß ſich das Haus Geldberg wegen einer ſo geringen Summe nicht würde für bankerott erklären laſſen.“ „Ohne Zweifel,“ ſagte Abel,„aber..“ „Erlauben Sie,.. ich will die Verlegenheit des Hauſes nicht vergrößern. Ich biete ihm im Gegentheil meine Börſe und meinen ganzen Einfluß an;.. dies giebt mir Rechte, meine Herren, und ich mache Gebrauch davon.“ Er zog ſeine Uhr aus der Taſche. „Ich habe Ihnen noch Manches zu ſagen,“ ſetzte er hinzu,„und es wird ſchon ſpät. Entſchei⸗ den Sie ſich.“ Die drei Compagnons ſahen einander fragend 104 an und gegen jede Erwartung fügte ſich der Doctor Mira zuerſt. „Wenn ich Alles recht bedenke,“ ſagte er mit niedergeſchlagenen Augen und die Worte wie ge⸗ wöhnlich ſtark betonend,„ſo halte ich das Verlan— gen des Barons für völlig begründet.“ Abel und Reinhold ſahen ihn überraſcht an. Er ſtand auf und übergab mit feierlicher Ver⸗ beugung ſeinen Schlüſſel an den Baron. „Nun,“ ſagte der junge Herr von Geldberg nach einer kurzen Pauſe,„da der Herr Baron un⸗ ſere Caſſe füllt, ſo mag er auch die Schlüſſel dazu haben.“ „So ſei es,“ ſetzte Reinhold hinzu;„ich mei— nerſeits habe alles Vertrauen zu der Rechtlichkeit des Herrn Baron.“ Er neigte ſich zu Rodach, übergab ihm mit aller Anmuth ſeinen Schlüſſel und ſetzte leiſe hinzu: „Ich möchte einige Minuten mit dem Herrn Baron unter vier Augen ſprechen und, wenn die Bitte nicht unbeſcheiden erſcheint, ihn erſuchen mit in meine Wohnung hinaufzukommen, ehe er das Haus verläßt.“ Rodach nickte bejahend und hielt die Hand nach dem jungen von Geldberg hin, der ſich auf der an⸗ dern Seite zu ihm neigte und ihm ſchnell zuflüſterte: „Wenn es dem Herrn Baron möglich wäre, ſen Po mir eine kurze Unterredung zu geſtatten, ſo wuͤrde ich ihn mit Vergnügen bei mir ſehen, ehe er von hier fortgeht.“ Rodach nickte wiederum. In dieſem Augenblicke wurde leiſe an die Thüre des Vorzimmers geklopft und ein Diener trat mit zwei Briefen in der Hand ein. Während Abel und Reinhold ſich nach dem Die⸗ ner umwendeten, fühlte Rodach einen Finger auf ſeiner Achſel und Joſe Mira flüſterte ihm zu: „Ich werde die Ehre haben mit Ihnen zu ſpre⸗ chen, ſobald wir ohne Zeugen ſein können.“ Reinhold nahm die beiden Briefe aus der Hand des Dieners. Einer derſelben war aus Paris und auf der Adreſſe des andern erkannte Rodach mit einer gewiſ⸗ ſen Beſorgniß, die er zu verheimlichen ſuchte, den Poſtſtempel von Frankfurt a. M. Fünfzehntes Kapitel. Der erſte Brief. Abel von Geldberg hatte nicht dieſelben Gründe wie ſeine Compagnons, die aufgedrungene Hilfe des Barons von Rodach anzunehmen. In ſeiner Ver⸗ gangenheit lag keine Drohung und ſein Gewiſſen war nur von den kleinen Sünden belaſtet, welche alle Söhne des Handels gemeinſchaftlich tragen. Nichts deſt weniger fiel es ihm nicht ein zu widerſtreben. Die Tratten in dem Portefeuille Ro⸗ dachs allein bildeten eine zureichende Waffe. Der junge von Geldberg errieth überdies einigermaßen, daß es zwiſchen dem Hauſe und Rodach ein Geheim⸗ niß gebe, welches die Schwere dieſer Waffe verdop⸗ pele. Endlich übernahm der Baron, welcher einen verderblichen Schlag hätte ausführen können, die Rolle des Retters; Abel ſah in ihm einen neuen Compagnon, der wohl ſeinen Antheil an dem 107 Gewinne in der Zukunft ſchmälern konnte, für den Augenblick aber gewiſſermaßen eine Vorſehung war. Statt alſo feindſelige Gedanken gegen den Neuan— gekommenen zu hegen, dachte Abel nur daran, ihn für ſich ſelbſt nutzbar zu machen und ſich ſo gut als möglich auf ihn zu ſtützen. Reinhold und der Doctor hatten ungefähr ähn⸗ liche Gedanken, nur daß ſie überdies vollkommen fühlten, daß ſie in den Händen des Fremden waren und keine Hoffnung hegen dürften, in einem Kampfe ihn zu beſiegen. Sie glaubten, der Baron hätte durchaus dieſel⸗ ben Intereſſen wie ſie und das war ihre Hoffnung. Der Baron erſchien ja an der Stelle ihres alten Genoſſen Nesmer und die Feinde des Hauſes waren folglich auch die Feinde des Barons; was er auch perſönlich empfinden mochte, er konnte für die Geld— berg nur ein Verbündeter ſein. Die Vergangenheit, die er zu kennen ſchien und die ſeine Worte leicht berührt hatten, war für Za⸗ chäus Nesmer dieſelbe wie für Geldberg u. C. Beider Vermögen ſtammte aus einer und derſelben Quelle und die Lage des Barons machte ihn gewiſ— ſermaßen mit verantwortlich für jene gemeinſchaft⸗ liche Vergangenheit. Es blieb deshalb nur zu ermitteln übrig, in wie weit der Baron wirklich der Stellvertreter der —— 1 1 108 Nachlaſſenſchaft Nesmers ſei. Er hatte dafür keinen andern Beweis beigebracht als ſein Wort und die Tratten, die in ſeinen Händen waren. Die Com⸗ pagnons hatten früher nie etwas von jenem Neffen Nesmers gehört, deſſen Vormund der Baron ſein wollte; aber freilich wäre auch die Zeit übel gewählt geweſen, wenn ſie gerade jetzt auf genaue Angaben hätten dringen wollen, die man ihnen nicht von ſelbſt machte. Der Baron ſtand zu ſehr im Vortheile und bot überdies den Frieden an; es war alſo nicht Zeit, jetzt Urſache zu einem Kriege zu ſüchen. So lange es ſich nur darum handelte, ſein Geld zu empfangen und ſeinen dargebotenen Einfluß zu benutzen, konnte man wohl die Augen etwas zudrücken, um ſie ſpä— ter, zu gelegener Zeit, wieder zu öffnen. Wenn alſo die Ankunft des Barons eine Furcht mitbrachte, ſo war ſie auch von Hoffnung begleitet. Sein Benehmen ſchien ein vertrauensvolles, gut⸗ müthiges Her zu verrathen; jeder der Compagnons nahm ſich alſo vor, ihn unter vier Augen genauer zu prüfen und hegte die Hoffnung, die unerwartete Ankunft zu ſeinem Privatvortheile zu benutzen. Auch war nicht zu läugnen, daß die Unterre— dung, die im Anfange einen hitzigen Kampf veran⸗ laſſen zu müſſen geſchienen hatte, bald freundlich geworden war und in ihrer kurzen Dauer die drei 109 Compagnons weit gebracht hatte. Es ließ ſich in ihren Mienen keine Spur von jener feindſeligen Ver⸗ achtung mehr erkennen, mit welcher ſte Rodach auf⸗ genommen hatten und keine Spur von der Angſt, die auf die erſte Ueberraſchung gefolgt war. Alles ordnete ſich zum Beſten. Nur der Baron blieb immer derſelbe und ſein Geſichtsausdruck hatte ſich nicht geändert. Jetzt, als er die Schlacht gleichſam gewonnen hatte, ſah er nicht freundlicher aus als im Anfange der Unter⸗ redung. Es war noch immer die ruhige würdevolle Stirn und derſelbe offene, aber feſte Blick. Eine Secunde reichte hin, die leichte Wolke zu verſcheuchen, welche der Anblick eines Briefes mit dem Poſtſtempel von Frankfurt hervorgerufen hatte, und keiner der Compagnons hatte ſie bemerkt. „Von Bodin?“ fragte der junge von Geldberg. „Ich glaube es,“ antwortete Reinhold indem er einen Blick auf die Adreſſe warf.„Wenn der Herr Baron erlaubt, wollen wir uns ſofort über— zeugen.“ „Thun Sie das,“ antwortete Rodach. Reinhold riß etwas haſtig das Couvert auf und fing an leiſe zu leſen. Während er las, runzelten ſich ſeine Augen⸗ brauen und er zuckte bisweilen ärgerlich die Achſeln. „Er iſt allerdings von Bodin,“ ſagte er,„und 110 der arme Menſch ſcheint noch nicht klüger geworden zu ſein als ſonſt. Die Freundlichkeit, welche der Herr Baron uns erzeugt, giebt ihm das Recht, Kenntniß von allen unſern Geſchäften zu nehmen, von den kleinen wie von den großen. Bodin,“ ſagte er zu Rodach mit ſeinem gewöhnlichen Lächeln gewendet,„iſt ein Agent, den wir in das Schloß Geldberg geſchickt haben, damit er die Vorbereitun— gen zu dem großen Feſte leite. Da er durch Frank⸗ furt reiſen mußte, ſo trugen wir ihm auch auf, ſich gelegentlich zu erkundigen, was aus den drei Baſtar⸗ den Bluthaupt in dem Gefängniſſe geworden ſei.“ „Ah!“ ſprach Rodach und er übertrieb, ohne daran zu denken, ſeine gleichgiltige Miene. In,“ 7,1 fuhr Reinhold fort.„Ich brauche Ihnen, Herr Baron, nicht zu ſagen, daß dieſe drei Abenteurer die erbittertſten Feinde des Hauſes Geld⸗ berg ſind.“ „Es iſt lange her, ſeit ich einmal davon ſpre⸗ chen hörte,“ entgegnete Rodach.„Und was meldet Ihnen der Agent?“ „Gar nichts,“ antwortete Reinhold, der die Achſeln zuckte.„Er iſt in das Gefängniß gegangen und ſchreibt, man habe ihn nicht einlaſſen wollen.“ „Weiter nichts?“ „Faſt. Er ſetzt nur hinzu, er habe ſich in der Stadt erkundigt und man hege da allgemein die 111 Anſicht, daß die Baſtarde nicht entfliehen würden. Sie wiſſen vielleicht, daß ſie bereits mehrmals aus ihren Gefängniſſen entwichen ſind.“ „Man ſagt es.“ „Es iſt begründet.“ „Die drei Männer ſcheinen ſehr entſchloſſene Leute zu ſein,“ warf der junge von Geldberg ein. „Man ſagt ſo,“ entgegnete der Baron.„Und was ſchreibt Ihr Agent ſonſt noch?“ „Der Kerkermeiſter ſei ein kluger Mann, der ſich ſeines Amtes ſehr annehme und Tag und Nacht wache.“ „Und dann?“ „Sonſt ſchreibt Bodin nichts.“ Der Baron lehnte ſich auf dem Stuhle zurück. „Das iſt freilich wenig,“ ſprach er halblaut; „wenn Sie mehr wiſſen wollen, kann ich ſelbſt dienen.“ Der Doctor Mira, welcher ſeinen Platz wieder eingenommen hatte und ſeiner Gewohnheit gemäß ſeit einigen Minuten in ernſtem und ſchweigendem Nachdenken daſtand, ſchlug plötzlich die Augen auf und ſchien aufmerkſam zu hören. „Kennen Sie jene Männer ſelbſt?“ fragten Reinhold und Abel gleichzeitig. „Ich kenne ſie,“ antwortete Rodach,„und komme ſelbſt von Frankfurt.“ V. 8 112 „Haben Sie dieſelben geſehen ſeit ſie im Ge— fängniß ſind?“ „Mehrmals. Sie haben wahrſcheinlich gehört, daß einer dieſer Herren, Otto, das Vertrauen des verſtorbenen Zachäus Nesmer unter dem Namen Urban Klob erworben hatte.“ „Wir haben davon gehört,“ ſagte Reinhold, „aber erſt nach dem Tode unſeres Freundes Nesmer und wir konnten es kaum glauben.“ „Es iſt doch die Wahrheit geweſen. Dieſer angebliche Klob hatte ſich das Vertrauen unſeres gemeinſchaftlichen Gönners dermaßen erworben, daß er ſelbſt mehr wußte als ich. Deshalb begab ich mich von Zeit zu Zeit zu ihm, um gewiſſe Nachwei⸗ ſungen zu erhalten, die mir noch fehlten und die ich in meiner neuen Stellung brauchte. Dabei ſah ich auch die beiden Andern.“ In den Zügen der drei Compagnons drückten ſich verſchiedene Gefühle aus. Abel war blaß und ſein Geſicht drückte eine gewiſſe Angſt aus. Rein⸗ hold und Joſe Mira ſahen den Baron mit geſpann⸗ ter Neugier an. Iſt es wahr, daß ſie einander Zug für Zug 77/ 3 2 g ähnlich ſehen?“ fragte Reinhold. „Sie ſehen einander allerdings ſehr ähnlich,“ antwortete Rodach,„aber Sie wiſſen ja, man über⸗ treibt immer.“ — 113 „Gleichen ſie auch ihrem Vater Ulrich?“ fragte der Doctor, deſſen Auge in dieſem Augenblicke feu⸗ rig blitzte. „Nein,“ antwortete Rodach ohne Zögern. „Und was ſagen ſte?“ fuhr Reinhold fort. „Sie ſagen, ſie hätten Zachäus Nesmer umge⸗ bracht, weil er einer der Mörder ihres Vaters gewe⸗ ſen wäre.”“ Reinhold und Mira ſchlugen die Augen nieder. „Wie?“ fiel der junge von Geldberg ein,„ſie geſtehen es.“ „Vor dem Gericht nicht,.. mir haben ſie es geſtanden, ja ſie rühmten ſich ihrer That.“ „Es find verſtockte Böſewichter,“ murmelte Abel. „Es ſind entſchloſſene Männer,“ entgegnete der Baron, indem er ſeinen kalten Blick auf die bei— den andern Compagnons richtete,„die mit ihrem Gewiffen nicht rechnen.“ „Sind Sie ihr Freund?“ ſtammelte Reinhold. Der Baron runzelte die Stirn und in ſeinem ſtolzen Auge leuchtete ein Blitz. „Ich bin der Baron von Rodach,“ antwortete er, indem er den Kopf emporrichtete;„ihr Vater ſchlug mir die Hand ſeiner Tochter Margarethe ab, die mich liebte und ich haſſe Alles, was nur entfernt an die Familie Bluthaupt erinnert.“ 8* 114 Dieſe Worte, die mit großer Energie geſprochen wurden, führten das Lächeln wieder auf die Lippen des Ritters von Reinhold und ſelbſt das finſtere Geſicht Mira's heiterte ſich ein wenig auf. „Sie ſprechen von einer längſt vergangenen Zeit, Herr Baron,“ ſagte Reinhold,„aber ich erinnere mich jetzt, wirklich davon gehört zu haben; man verſagte Ihnen die junge Gräfin Margarethe, um ſie dem alten Hexenmeiſter Günther zu geben.“ Der Baron nahm jene Miene tiefer Melancholie an, welche von ſchmerzlichen Erinnerungen hervor⸗ gerufen wird. „Ich war faſt noch ein Kind,“ ſagte er,„als ich ſie abreiſen ſah; die Zukunft ſchien ſich da für mich zu verdüſtern und mein Blut erſtarrte. Ja, ich litt ſehr und dieſes erſte Unglück hat auf meinem ganzen Leben gelaſtet... Ich verließ Deutſchland, denn der Anblick des Schloſſes Rothe brach mir das Herz... Zwanzig Jahre ſind ſeitdem vergangen und ich habe kein einziges Mal unter dem Dache meines Vaters geſchlafen.“ Es lag in dieſen Worten, die langſam und trau⸗ rig geſprochen wurden, offenbar Wahrheit. Mira ſeufzete, als wäre ſein Herz plötzlich von einer ſchweren drückenden Angſtlaſt befreit worden; ſeine finſtere Stirn glättete ſich und er lächelte faſt. „Nun, Herr Baron,“ ſagte Reinhold, der zum 115 zweiten Male Nodach die Hand in ſeiner innigen Befriedigung hinhielt,„dieſer Umſtand bringt uns ſo nahe, als hätten wir ſchon zehn Jahre mit einan⸗ der gelebt. Auch wir haſſen Alles was an Blut— haupt erinnert und wir haben dazu Gründe, welche Sie zum Theil kennen. Um jedoch wieder auf die verfluchten Baſtarde zu kommen, ſie ſchmieden ſicher— lich in ihrem Gefängniſſe Pläne.“ „Viele Pläne,“ antwortete Rodach. „Was hoffen ſie?“ „Zuerſt zu entkommen.“ „Dieſe Hoffnung theilen ſie mit allen Gefange— nen,“ ſiel Abel ein, der ſich an die Lage allmälig gewöhnte und ſeinen faden ſelbſtgenügſamen Ton wieder annahm.„Sie ſind nun ſeit beinahe einem Jahre unter Schloß und Riegel und das ſpricht jedenfalls für die Dauerhaftigkeit der Mauern in Frankfurt.“ „Angenommen, ſie entkämen?“ fragte Reinhold. „Sie machen aus ihren Abſichten kein Geheim⸗ niß,“ antwortete Rodach;„ihr Werk iſt begonnen und ſie haben den feſten Willen es zu Ende zu füh— ren... Zuerſt ſoll Van Praet unter ihrer Hand fallen.“ Abel machte große Augen und die beiden andern Compagnons unterdrückten einen Ausruf. „Dann wird der Ungar Yanos Georgyi fol⸗ 116 gen,“ fuhr Rodach fort, der immer ruhiger und kälter zu werden ſchien.„Nach dem Ungar haben ſie, wie ſie ſagen, erſt die Hälfte ihrer Arbeit gethan.“ Der Ritter ſtrengte ſich außerordentlich an ſein Lächeln beizubehalten. Mira war kalt und unbe— weglich wie ein Steinblock. „Das Uebrige wird auch geſchehen,“ fuhr Ro— dach fort,„wenn nicht der Tod die Baſtarde auf dem Wege aufhält. Dem Alter nach werden ſie mit Moſes von Geldberg anfangen.“ „Mein Vater!“ rief Abel beſtürzt und auf⸗ ſpringend aus⸗ „Mein junger Herr,“ ſagte Rodach,„wenn Sie die Geſchichte Ihres Hauſes nicht kennen, ſo werde ich es nicht übernehmen, Sie davon zu unter⸗ richten. Jedenfalls wiſſen Sie, daß Ihr ſchönes Schloß Geldberg ſonſt Bluthaupt hieß.“ „Wir haben es gekauft,“ entgegnete der junge Mann heftig,„und mein Vater hat es bezahlt.“ „Da ich nicht mit dem Plane umgehe Ihren Herrn Vater zu ermorden,“ ſprach der Baron Ro⸗ dach mit ruhigem Lächeln,„ſo brauchen Sie ihn auch vor mir nicht zu vertheidigen... Wir ſprechen von den drei Baſtarden, unſern gemeinſchaftlichen Feinden, und auf Ihr Geſuch ſage ich, was ſie vor⸗ haben.“ 117 Abel ſetzte ſich wieder nieder und ſtrich mit dem Rücken der Hand über ſeine Stirn. „Ich vergaß,“ flüſterte er,„daß dicke Mauern die Mörder von meinem armen alten Vater trennen.“ „Nach Moſes von Geldberg,“ fuhr Rodach fort, indem er ſich artig vor dem Doctor verbeugte, „wird die Reihe wahrſcheinlich an Don Joſe Mira kommen.“ Das Geſicht des Portugieſen erhielt eine bläu⸗ liche Farbe. Herr von Reinhold konnte kaum athmen. Seine Augen, die auf Rodach gerichtet waren, drückten eine unbeſchreibliche Angſt aus. „Nach Don Joſe Mira,“ ſprach der Baron weiter,„iſt nicht mehr zu wählen.“ „Genug, genug!“ ſtammelte der Ritter mit faſt tonloſer Stimme. Der Baron ſchwieg alsbald und es folgte eine lange Pauſe. Jeder der drei Compagnons bekämpfte ſeine Unruhe auf ſeine Art... Der junge Abel von Geldberg liebte ſeinen Vater ſehr, ſich ſelbſt aber noch mehr und ſo fand er am leichteſten Troſt. Mira ſah wegen ſeines finſtern Geſichtsausdrucks kaum trauriger aus als gewöhnlich; am vollſtändigſten und ſichtbarſten war die Angſt Reinholds. Alle Drei ſchwiegen, ſchlugen die Augen nieder 118 und ſchienen es abſichtlich zu vermeiden, einander anzuſehen. Vor dieſer Angſt und Unruhe, deren unſchuldige V oder freiwillige Urſache er war, blieb der Baron kalt und gemeſſen. Seine Augen blickten abwechſelnd bald den, bald jenen der Compagnons an und ſeine Züge verriethen weder Behagen noch Mißbehagen. Nach einigen Minuten ſchüttelte Reinhold durch eine ſichtbare Anſtrengung das Entſetzen ab, das ihn niederdrückte. Die angekündigte Gefahr konnte ja noch nicht ſehr nahe ſein und Reinhold konnte vor einer fernen Gefahr recht wohl Muth haben. Es ſollte wohl geſtorben ſein, aber wann? Er richtete ſich alſo empor und bemühete ſich laut zu lachen. „Wahrhaftig, Herr Baron,“ ſagte er,„Ihre Mittheilungen ſind ſehr ſchauerlich.“ „Sie haben mich gefragt, Herr von Reinhold und ich hielt es für meine Pflicht, Ihnen zu ant⸗ worten.“ „Tauſend Dank! Wir werden uns in Zukunft zweimal beſinnen, ehe wir Sie wieder fragen.. Die Herren Baſtarde beſchäftigen ſich in ihrer Muße— zeit im Gefängniſſe mit angenehmen Dingen! Nun, wenn ſie zufällig entkommen ſollten, können wir wenigſtens auf unſerer Hut ſein.“ 119 „Deshalb habe ich Ihnen alles erzählt,“ ent⸗ gegnete Rodach. „Nochmals tauſend Dank! Die Baſtarde könn⸗ ten am Ende doch ihre Aufgabe ziemlich ſchwierig finden. Van Praet iſt klug und vorſichtig und ich weiß die Zeit noch, als der tapfere Ungar Yanos Georgyi aus ihnen ſechs Männerhälften ſo leicht mit ſeinem Säbel gemacht hätte, wie Sie eine Fliege zer⸗ drücken, Herr Baron. Er iſt zwar jetzt ein acht⸗ barer Kaufmann, hat aber gewiß ſeinen alten Säbel irgendwo in ſeinem Comptoir aufbewahrt. Wir unſerer Seits vertheidigen uns gewiß ſo gut als möglich, nicht wahr, Doctor?“ „Ja,“ antwortete Mira. „Vor allen Dingen,“ fuhr der Ritter fort, „werden wir unſere nächſte Reiſe nach Deutſchland benutzen, um der Behörde in Frankfurt zu empfehlen, die Baſtarde doppelt ſtreng bewachen zu laſſen.“ „Eine gute Idee!“ bemerkte Abel. Der Ritter hatte ſeine ganze Heiterkeit wieder gefunden und antwortete lachend: „Ich habe nur gute Ideen, junger Freund. Hören Sie gleich noch eine vortreffliche.“ „Laſſen Sie hören.“ „Wir wollen die Unterſtützung des Herrn Ba⸗ rons in Anſpruch nehmen und mit ihm ein Schutz⸗ und Trutzbündniß gegen die Baſtarde ſchließen.“ 120 „Bravo!“ rief Geldberg aus.— „Da der Herr Baron,“ fuhr dann Reinhold fort, der ſeine Idee verfolgte,„mit jenen Männern faſt freundſchaftliche Verbindungen haben kann, ſo könnten wir in voraus von ihren Plänen unterrichtet werden und ſie vereiteln. Was ſagt der Herr Baron dazu?”“ Rodach ſchien zu zögern. „Die Sache iſt vielleicht ſeinem Rechtlichkeits⸗ ſinne zuwider,“ ſetzte Reinhold hinzu,„aber ich muß ihm bemerklich machen, daß nach guter Moral gegen Mörder alles erlaubt iſt.“ Die Augen des Barons blitzten. „Alles iſt gegen die Mörder erlaubt,“ wieder⸗ holte er langſam;„Sie haben Recht, Herr von Reinhold und Ihre Worte beſtimmen mich. Uebri— gens wäre Ihr Unglück auch das meinige, Sie kön⸗ nen alſo in dieſer Sache wie in anderen auf mich rechnen.“ Der Ritter rieb ſich die Hände; Abel dankte im Namen ſeines Vaters und Don Joſe brummte auch eine Art Dank. Es ſchlug drei Uhr und Abel und Reinhold er⸗ hoben ſich gleichzeitig. „Der Herr Baron wird mich entſchuldigen,“ ſagte der junge von Geldberg,„wenn ich ſo ſchnell Abſchied nehme; aber ich habe eine Zuſammenkunft wegen unſerer großen Angelegenheit und jetzt möchte ich weniger als je dieſelbe verfehlen, weil das Haus einen neuen Aufſchwung erhalten wird.“ „Ich befinde mich in demſelben Falle,“ ſetzte Reinhold hinzu. Abel grüßte und ging. Der Ritter wollte daſ⸗ ſelbe thun, Rodach aber, der den jungen Mann ungehindert hatte gehen laſſen, hielt Reinhold durch einen Wink zurück. „Herr Ritter,“ ſagte er,„ich bitte Sie noch immer um zwei Minuten.. Ich habe von etwas Wichtigem noch nicht geſprochen und zwar weil Ihr junger Compagnon da war, der Ihre Hauptgeheim⸗ niſſe nicht zu kennen ſcheint.“ „Ich ſtehe zu Ihrem Befehl,“ antwortete Rein⸗ hold indem er ſich wieder ſetzte. „Es handelt ſich,“ fuhr der Baron fort,„um das Kind, deſſen Eriſtenz Ihr Haus bedrohen könnte.“ „Welches Kind?“ fragte der Ritter, der ſich ſtellte als verſtehe er ihn nicht, um Zeit zu erlangen über die Sache nachzudenken. „Das Kind, das in der Nacht Allerheiligen im Schloſſe Bluthaupt zur Welt kam..“ Reinhold that, als verſtehe er nun plötzlich, lachte und ſah dabei den Portugieſen an, deſſen gelbliches Geſicht ſich aufheiterte. 122 „Der Sohn des Teufels?“ rief er aus. Der Sohn des Teufels?“ brummte der 77 Doctor. „Der Sohn des Teufels,“ wiederholte der Ba⸗ ron,„wenn Sie das Kind ſo nennen wollen. Sa⸗ gen Sie mir gefälligſt, was wir von ihm zu fürchten haben.“ Das Haus Geldberg. Erſtes Kapitel. Der zweite Zrief. Bei dem erſten Worte von dem Sohne des Teu⸗ fels hatte der Ritter von Reinhold unwillkürlich in die Taſche gegriffen, bald aber wußte er recht wohl was er da ſuchte. „Der Brief!“ rief er aus,„was habe ich doch mit dem Briefe gemacht?“ „Mit welchem Briefe?“ fragte Mira. Der Ritter ſuchte noch immer in allen Taſchen. „Ich habe doch nicht davon geträumt!“ flüſterte er;„es kamen zwei Briefe, einer aus Paris und einer aus Frankfurt, einer von Bodin und einer von Verdier!“ Er ſuchte noch immer und fand nichts. Bei dem Namen Verdiers bildete ſich unwillkür⸗ lich eine kleine Runzel zwiſchen den Augenbrauen des Barons. „Ich habe mich nicht beeilt, den Brief von Ver⸗ dier zu erbrechen,“ fuhr der Ritter fort,„weil ich ſchon in Voraus weiß, was er mir ſagen kann. Er hat eine Arbeit gethan und verlangt nun den Lohn dafür, mit Recht.“ „Wenn aber die Arbeit nur zur Hälfte gethan wäre?“ warf der Doctor ein, der auch zu ſuchen anfing. „Laſſen Sie doch!“ ſagte der Ritter.„Ich ſuche den Brief blos, weil es nicht gut wäre, ein Schreiben dieſer Art zufällig in unrechte Hände kom— men zu laſſen, denn über den Inhalt bin ich nicht im mindeſten zweifelhaft. Aber wohin zum Teufel habe ich den Wiſch geſteckt?“ Er hatte eine Taſche nach der andern vergeblich umgewendet. „Daran iſt der Herr Baron Schuld,“ ſagte er und er ſuchte ſeinen Verdruß unter einen Scherz zu verbergen.„Ich achtete auf die Erzählung der Nachrichten aus Frankfurt und dann ſagte uns der Herr Baron ſo intereſſante Dinge, das ich den ver⸗ fluchten Brief ganz vergeſſen habe.“ „Ich möchte wohl wiſſen, in welchem Zuſam⸗ menhange der verlorene Brief mit dem fraglichen jungen Manne ſtehen kann,“ ſagte der Baron. Reinhold lächelte ſelbſtgefällig. 127 „Das iſt ein kleiner Handſtreich von mir,“ flü⸗ ſterte er. „Beſonders möchte ich aber wiſſen,“ fuhr der Baron in ſeinem ruhigſten Tone fort,„warum der Ritter von Reinhold und Don Joſe Mira, den alten Herrn von Geldberg gar nicht zu erwähnen, der ſich, wie es ſcheint, um die Geſchäfte nicht mehr küm— mert, nicht ſchon längſt ein Mittel gefunden haben, den Sohn des Teufels zu ſeinem Vater zu ſchicken.“ Dieſer wohlfeile Scherz ſtimmte gar nicht mit dem Tone und dem Benehmen des Barons von Ro⸗ dach zuſammen, wurde aber von den beiden Com⸗ pagnons ſehr gut aufgenommen. Reinhold lachte laut auf und Mira zog ſein Geſicht in die Falten, welche bei ihm die Heiterkeit ausdrückten. „Vortrefflich, Baron, vortrefflich!“ ſagte der Ritter.„Ah, den Sohn des Teufels zu ſeinem Vater ſchicken! Ich begreife übrigens, daß die Exi— ſtenz dieſes Burſchen Ihnen ſehr ſeltſam vorkommen muß.. „Beſonders wenn ich Ihre bekannte Gewandt⸗ heit bedenke,“ antwortete Rodach.„Ich ſollte mei⸗ nen, dieſes Kind wäre weit leichter zu beſeitigen ge⸗ weſen als der alte Günther von Bluthaupt und deſ⸗ ſen Frau Margarethe..““ „Es läßt ſich dafür und dagegen ſprechen,“ antwortete der Doctor im Gönnertone. V. 9 128 „Ja, es läßt ſich manches dafür, manches aber auch dagegen ſagen,“ wiederholte Reinhold.„Zu⸗ erſt wußten wir nicht, mit wem wir es zu thun hatten.. „Und dann,“ ſetzte der Doctor mit einem Seuf⸗ zer hinzu,„ſind wir hier nicht in Deutſchland. Ach, Herr Baron, welcher Unterſchied zwiſchen Paris und jenem alten Schloſſe voll dummer oder beſtoche⸗ ner Diener, denen man alles, was man wollte, glaublich machen konnte!“ „Hier,“ fuhr Reinhold fort,„muß man es ganz anders anfangen. Unſer Freund Nesmer hat Ihnen ohne Zweifel erzählt, welche Mittel wir bei dem alten Günther von Bluthaupt anwendeten..“ „Er hat mir alles erzählt,“ antwortete Ro⸗ dach,„und ich fand Ihr Verfahren eben ſo klug als kühn.“ Reinhold ſpreizte ſich und der Doctor nahm auch den Ausdruck ſeines perſönlichen Stolzes an. „In dieſem Falle aber,“ fuhr der Baron fort, „haben Sie, ich geſtehe es, die gute Meinung nicht ganz gerechtfertiget, welche ich von Ihrer Geſchick⸗ lichkeit hatte.“ „Erlauben Sie..,“ wollte Reinhold einfallen. „Ich ſehe wohl,“ ſprach der Baron weiter, „daß ich Ihnen zu Hilfe kommen muß, wenn die Sache mit dem jungen Manne aufhören ſoll, der 129 unſere Zukunft und unſer Vermögen ſtets in Gefahr bringt.“ Der Doctor empfand offenbar große Freude, Rodach ſo ſprechen zu hören. Sein vorſichtiges und mißtrauiſches Geſicht drückte etwas wie Theilnahme aus und mit jedem Worte gewann Rodach offenbar mehr in ſeiner Achtung. Der Ritter dagegen war in ſeiner Eitelkeit ver⸗ letzt. Der Vorwurf der Unfähigkeit, welcher in den letzten Worten des Barons lag, hatte ihn ſichtbar tief gekränkt. „Gewiß, Herr Baron,“ ſagte er etwas gereizt, „wird uns Ihr Beiſtand immer von Werth ſein, aber in dieſem Falle kommt er allerdings etwas ſpät..“ „Wie?“ rief Rodach aus, dem es gelang ſei⸗ nem Geſichte den Ausdruck freudiger Ueberraſchung zu geben;„wäre der junge Mann..?“ „Bei ſeinem Vater iſt er,“ unterbrach ihn Rein⸗ hold triumphirend. Rodach rieb ſich die Hände und die Maske der Kälte, die er bis dahin beibehalten hatte, machte dieſe Aeußerung der Freude um ſo auffallender. Mira ſah ihn im Gefühle wirklichen Glückes an und Reinhold weidete ſich ſtolz an dieſer Heiterkeit. Dieſe ſo innige und unverſtellte Freude war ein Glaubensbekenntniß, das man durchaus nicht in Zweifel ziehen konnte. Hätte man auch annehmen 9* 130 wollen, daß die beiden Compagnons noch ein Atom von Mißtrauen gehegt hätten, was bei Reinhold nicht der Fall war, ſo mußten ſie jetzt gänzlich beru⸗ higet ſein. Der Man gehörte ihnen offenbar ganz an und war nicht beſſer als ſie. Schon im Anfange waren Gründe da geweſen, ihn ſo zu beurtheilen. Der Vertraute des Zachäus Nesmer konnte kein ſehr zartes Gewiſſen haben; in⸗ deß fand es wohl Jeder in der Ordnung, daß ſie an⸗ fänglich einige Zweifel hegten, da das Mißtrauen eine Nothwendigkeit war. Jetzt aber konnte von Beſorgniß nicht mehr die Rede ſein. Rodach war offenbar mehr als ein gewöhnlicher Abenteurer und ganz der Mann, um auf dem Fuße der Gleichheit in die würdige Genoſſenſchaft der Compagnie Geld⸗ berg einzutreten. Er hatte eben die Prüfung beſtanden und Rein⸗ hold wie Mira gaben ihm ein glänzendes Zeugniß der Tüchtigkeit. „Ich komme zwar eine halbe Stunde zu ſpät zu meinem Rendezvous,“ ſagte der Ritter heiter,„aber ich konnte dem Vergnügen nicht widerſtehen, Ihnen die vollſtändigſten Nachweiſungen über den jungen Mann zu geben, an dem Sie einen ſo innigen An⸗ theil zu nehmen ſcheinen.“ Reinhold blinzelte dabei mit den Augen, in den 131 Zügen Mira's wurde es einigermaßen lebendiger und Rodach verneigte ſich lächelnd. „Wenn ich den verwünſchten Brief hätte,“ fuhr der Ritter fort, indem er unter den Stühlen ſuchte, „würde das, was ich Ihnen eben ſagte, noch be⸗ glaubigter erſcheinen; für den Augenbick müſſen wir ihn freilich entbehren. Denken Sie ſich, der kleine Menſch iſt mehrere Jahre lang Commis in dem Hauſe Geldberg geweſen!“ „In dem Hauſe Geldberg!“ wiederholte Ro⸗ dach mit allen Zeichen des Erſtaunens. „Ja, er war da in unſern Händen, vor unſern Augen, aß unſer Brod, tanzte auf unſern Bällen und wir ahneten nichts, gar nichts.. Es iſt das eine ganze Geſchichte und wenn auch meine Leute noch zehn Minuten warten müſſen, ich werde ſte Ihnen mit wenigen Worten erzählen. Sie wiſſen, daß am 1. November 1824, in dem Augenblicke als wir Urſache zu der Hoffnung hatten, Alles ſei nun vorüber, die Baſtarde Ulrichs uns einen Streich im Schloſſe Bluthaupt ſpielten, welcher den Galgen verdiente.“ „Sie raubten das Kind?“ fragte Rodach. „Sie kamen aus der Erde heraus,“ ſagte der Ritter,„wie böſe Geiſter, die ſie auch faſt ſind. Wir hatten die ganze Nacht gewacht und ein Werk vollbracht, welches den Geiſt nicht eben beruhiget, 13²2 als wir ſie zwiſchen den beiden Leichen und der Wiege in ihren großen rothen Mänteln ſtehen ſahen. Sie werden ſich nicht wundern, daß wir uns fürch⸗ teten; ſelbſt der muthige Yanos ließ ſeinen Säbel fallen und lief ſchreiend davon; wir folgten ſeinem Beiſpiele und die Baſtarde hatten leichtes Spiel. Wenn Sie nicht ſchon damals geächtet geweſen wä⸗ ren, würden wir ſicher eine ſchlimme Rechnung mit der deutſchen Juſtiz gehabt haben. Zum Glück hegte aber die Polzei ſo viel Haß gegen ſie als Freund⸗ ſchaft für uns und ſo wagten ſie nichts zu unter⸗ nehmen. Sie beſchränkten ſich darauf, das Kind fortzuſchaffen. Freilich war das genug. Bei ſich hatten ſie eine Dienerin und einen Pagen, die ein⸗ tretenden Falls gegen uns zeugen und unſere Ge⸗ noſſenſchaft in ſchlimme Verlegenheit bringen konn⸗ ten.“ „Entſchuldigen Sie mich, daß ich Sie unter⸗ breche, Herr Ritter,“ ſagte Rodach.„Zachäus Nesmer hat mir dieſen ganzen Theil der Geſchichte oftmals erzählt. Der Page und die Dienerin bega⸗ ben ſich mit dem Kinde jenſeits Heidelberg und die Baſtarde gaben ihnen Geld, das ſie wer weiß woher genommen hatten..“ „Vielleicht von der Landſtraße,“ brummte der Doctor. „Vielleicht.. Sie aber ſuchten, fanden und 133 entführten endlich den Sohn des Teufels eben⸗ falls.. „Das that der Ungar,“ fiel Reinhold ein. „Das wußte ich noch nicht,“ entgegnete Ro⸗ dach,„wie die ganze Geſchichte des Kindes nach dieſer Entführung.“ „Das Kind,“ fuhr Reinhold fort,„war da— mals vier oder fünf Jahre alt, vielleicht nicht ein⸗ mal, denn wir ſind nun ſeit funfzehn Jahren in Pa⸗ ris und dachten damals noch nicht daran Deutſch⸗ land zu verlaſſen.. Man brachte das Kind nach Frankreich. Unſer Freund Nanos nahm immer ein⸗ fältige zarte Rückſichten. Er wollte durchaus das Leben des Kindes erhalten und vertraute dies in Paris einer Frau an, die jetzt Trödlerin im Temple iſt und damals unter den Säulen der Hallen Tuch⸗ ſtücke verkaufte. Die Frau heißt Batailleur.“ Rodach machte eine Bewegung und Reinhold fuhr, ohne darauf zu achten, fort: „Das Kind blieb zwei oder drei Jahre bei ihr, dann entlief es eines Tages und die Frau Batailleur, welche noch auf das erſte Quartal des Ziehgeldes wartete, gab ſich keine Mühe es wiederzufinden. Was nun aus ihm wurde, errathen Sie, ohne daß ich es Ihnen ſage. Es lief in der Stadt umher, trieb alle die kleinen Gewerbe der armen Kinder und bettelte vielleicht auch. Einmal kam ich von der Börſe mit einem Portefeuille voll Banknoten und werthvoller Papiere. Als ich in den Wagen ſtieg war mir es wohl, als höre ich eine Kinderſtimme mich rufen, aber ich glaubte, man wollte mich an— betteln und ich habe das Syſtem, die Faulheit durch Almoſen nicht zu unterſtützen. „In dieſer Sache bin ich mit den Democraten und Anhängern der ſocialen Wiſſenſchaft vollkommen einverſtanden, welche ſagen, Almoſen verdürben den Menſchen und erniedrigten ihn, und die Würde des Bürgerſtandes ſo weit treiben, dem Unglücklichen, der ihnen die Hand entgegenhält, aus zu großer Ach⸗ tung einem Sou zu verſagen. „Mein Wagen fuhr in ſcharfem Trabe und ich hörte immer das Kind hinter mir rufen; es beunru⸗ higte mich ein wenig und ich dachte an tauſend ſehr intereſſante Dinge. Als ich an das Ende der Straße Ville⸗-l'Eveque ankam, drang ein letzter Ruf zu mei⸗ nem Ohr und es kam mir vor als ob die Stimme, die ihn ausſtieß, erſchöpft ſei. Mein Wagen hielt in dem Hofe unſeres Hauſes an. Beim Ausſteigen griff ich wie gewöhnlich nach meiner Brieftaſche, um zu fühlen, ob ich mein Portefeuille noch habe. Ich fühlte nichts und griff in die Taſche hinein; ſie war leer. Da dachte ich wieder an die Stimme, welche ich gehört hatte und kehrte in unklarer Hoffnung um. Ich kam nicht weit. An der Ecke der Straße 13⁵ Ville⸗P'Evèque, da wo ich den letzten Ruf gehört hatte, traf ich ein ärmlich gekleidetes Kind, das auf einem Prellſteine ſaß und mit beiden Händen die keuchende Bruſt hielt. Der Schweiß überſtrömte ſein Geſicht und es ſchien ſo erſchöpft zu ſein, als könne es ſich nicht mehr rühren. Sobald es mich aber erblickte, ſprang es von dem Steine herunter, kam mir entgegen und hielt mein Portefeuille hoch empor. „Das Kind hatte ein hübſches Geſicht und an den Banknoten in meinem Portefeuille war mir viel gelegen, abgeſehen davon, daß ſich noch andere wichtige Papiere darin befanden, die mir ſchaden konnten. Es giebt Augenblicke, in denen die klüg⸗ ſten Leute Narren werden. Ich ließ mich hier auch verleiten, denn ich war gerührt wie ein Spießbür⸗ ger. Ich gab den Knaben zu einem Schreiblehrer und aus dem Knaben wurde ein Commis Geld⸗ bergs.“ „Ach, Herr Ritter,“ ſagte Rodach, der ſeine ganze kalte Ruhe wieder gefunden hatte,„ich er— kenne Sie nicht wieder.“ „Allerdings,“ antwortete Reinhold, der ſich wirklich zu entſchuldigen verſuchte;„ich wundere mich über mich ſelbſt wenn ich daran denke; aber, wie geſagt, es giebt Augenblicke, wo der Geſcheiteſte nicht weiß was er thut. Wer weiß übrigens, ob es nicht ſo am Beſten geweſen iſt. Wäre der Knabe auf der Straße geblieben, ſo würde er fern von unſerer Aufſicht aufgewachſen ſein und irgend ein ſchlimmer Zufall konnte ihn uns jeden Augenblick entgegen führen, während jetzt..“ „Sie haben Recht,“ ſagte Rodach,„auch die Unvorſichtigkeit iſt manchmal zu etwas gut. Aber wie erfuhren Sie ſpäter, daß er es ſei?“ „Das geſchah nicht ſogleich. In dem Comptoir war man ſehr zufrieden mit ihm; es ging Alles vor— trefflich und ich hatte eine gewiſſe Vorliebe für ihn... Uebrigens habe ich immer Glück gehabt und wenn ich eine Dummheit begehe, ſo macht unter zehn⸗ gewiß neunmal der Zufall Alles wieder gut.. Der kleine Menſch verliebte ſich und in wen? In das junge Mädchen, das ich ſelbſt heirathen will.“ „In Fräulein von Audemer?“ fragte Rodach raſch. „Habe ich ſie Ihnen ſchon genannt?“ fragte der Ritter.„In dieſelbe; in Fräulein von Audemer verliebte er ſich. Ich glaube auch, Gott verzeihe mir's, die Kleine fand ihn nicht übel. Das war gefährlich. Ich huͤtete mich wohl, mit der Vicom⸗ teſſe davon zu ſprechen, denn die liebe Frau iſt ſo einfältig, daß ſie im Stande geweſen wäre, die bei— den jungen Leute an der Hand zu nehmen und auf der Stelle mit einander zu verheirathen. Ich wollte 137 gegen Franz ſelbſt handeln. Es war eine Stelle für ihn in dem Hauſe Van Praets oder unſeres Freun⸗ des NYanos zu finden und ich beſchloß ihn von Paris zu entfernen. Eines Abends ging ich in ſeine kleine Wohnung; er war noch nicht da angekommen. Die Portiersfrau im Hauſe ließ mich hinaufgehen und ich trat in ſein Zimmerchen. Der junge Herr ſpielte. Sein Gehalt reichte nicht aus und ſeine Wohnung ſah nicht eben nett aus. Ich ſetzte mich nieder, um ihn zu erwarten. Ohne an etwas zu denken, mu⸗ ſterte ich ſein kleines Mobiliar. Mit einem Male fielen meine Augen auf ein Medaillon von der Größe eines Fünffrankenſtücks, das an der Wand über dem Bette hing. In dem Medaillon befand ſich ein Bild, das ich für das Portrait des Fräulein von Audemer hielt, aber ich irrte mich. Wenn Sie ſich noch der Gräfin Margarethe erinnern und Sie ſehen Fräu⸗ lein Deniſe, ſo werden Sie zugeben, daß man ſich täuſchen kann. Deniſe hat ganz das Geſicht ihrer r Tante und das Portrait war das der Gräfin Mar⸗ garethe. Ich erkannte ſogar um das Bild herum eine Locke blonden Haares, das nur der Gräfin oder ihrer Schweſter Helene angehört haben konnte, denn Sie wiſſen, wie ſehr ſie einander in der Jugend ähn⸗ lich waren.“ „Wie Alle von dem Stamme der Bluthaupt,“ warf der Baron in gleichgiltigem Tone ein;„ich ſelbſt, der ich von weiblicher Seite von einer Gräfin von Bluthaupt abſtamme, ſoll einige Aehnlichkeit mit der Familie haben.“ „Eine ſehr große!“ ſprach der Doctor;„ſie fiel mir ſogleich auf, ſo daß ich..“ aber er ſprach nicht weiter. „Wahrhaftig,“ ſagte Reinhold,„ich finde keine große Aehnlichkeit zwiſchen dem Baron und den Bluthaupts, die ich eü habe. Gewiß iſt aber, daß der kleine Franz alle Züge der Gräfin Margarethe und folglich die des Fräul eins von Au⸗ demer hat. Ich kann nicht begreifen, wie mir es nicht früher aufgefallen iſt. Doch ich kehre zu meiner Erzählung zurück. Statt länger auf den jungen Mann zu warten, ſprang ich raſch die Treppe hin⸗ unter. Ich war auf einen andern Gedanken gekom⸗ men; ich wollte ihn nicht blos nach England oder nach den Niederlanden ſchicken, ſondern viel weiter.“ „Sie erkannten ihn blos nach dem Medail⸗ lon?“ fragte Rodach. „Moraliſch brauchte ich weiter nichts,“ ant— wortete Reinhold;„es reichte hin, mir die Augen zu öffnen. Ich gedachte an die Züge des jungen Mannes, kurz ich war von dieſem Augenblicke an ſo feſt, wie ich es jetzt bin, überzeugt, aber ich hatte ein Mittel, mich voll kommen zu überzeugen und wendete es an. Ich hatte in dem Temple, wohin 139 mich häufig wichtige Intereſſen führten, jene Frau Batailleur gefunden, welcher unſer Freund Nanos vor vierzehn oder fünfzehn Jahren das Kind anver— traut hatte. Ich ging alſo noch denſelben Abend zu ihr und fragte ſie. Sie ſagte mir, jenes Kind habe wirklich Franz geheißen und zwar Franz kurzweg. Sie erinnerte ſich ſogar des Medaillons, von dem ſie den goldenen Reifen abgenommen und verkauft und mit einem kupfernen vertauſcht hatte. Am andern Tage ließ ich im Comptoir Streit mit dem Franz ſuchen und er wurde entlaſſen. Vielleicht hal⸗ ten Sie es nicht für klug, daß ich ſo ſchnell in der Sache verfahren bin, aber es kommen alle Tage Leute aus Deutſchland zu uns. Der Zufall hätte ein ſchlimmes Zuſammentreffen herbeiführen können. Er war überdies, obgleich aus unſerm Hauſe ent⸗ fernt, nichts deſto weniger noch immer unter meiner Aufſicht. Ob er gleich die Wohnung wechſelte, ſo ließ ich ihn doch immer beobachten und ich kannte alle ſeine Schritte. Der arme Junge führte ein Leben, daß er ſich ſchnell in's Verderben ſtürzen mußte und ich hätte auch nicht das Bedürfniß gefühlt, mich einzumiſchen, wenn mir nicht durch den Mann, der meine Angelegenheit im Temple beſorgte, ſehr beunruhigende Nachrichten zugekom⸗ men wären. Es iſt dies eine ſeltſame Sache, Herr Baron, die erwähnt zu werden verdient. Es giebt im Temple eine ganze Schaar ehemaliger Diener und Unterthanen von Bluthaupt...“ „Wirklich?“ fragte Rodach. „Es ſind ihrer wenigſtens zwei Dutzend,“ fuhr der Ritter fort, der etwas übertrieb, um die Anecdote pikanter zu machen,„ſämmtlich kreuzbrave Leute, die ihren ehemaligen Herrn noch immer lieben, ob ſie gleich von demſelben wie die Hunde behandelt wurden, und die jetzigen Beſitzer des Schloſſes tödt⸗ lich haſſen. Allerdings können ſie nichts oder doch ſo gut als nichts thun, wenn ſie aber z. B. den Sohn des alten Günther erlangten, dürfte ihr böſer Wille doch nicht unbedeutend werden. Es kommt mir allerdings ſchwierig vor, aber unſer junger Mann ſchien ziemlich energiſch zu ſein. Mein Agent, der ebenfalls ein ehemaliger Diener von Bluthaupt iſt, war von mir beauftragt worden, zu ermitteln, welche Pläne und Hoffnungen ſie hegten. Er iſt ſchlau, immer der Freund ſeiner Landsleute geblieben und verkauft mir ihre kleinen Geheimniſſe zu niedrigem Preiſe.“ „Wie heißt er?“ fragte Rodach nachläſſig. „Johann,“ antwortete der Ritter.„Er wohnt in der kleinen Seilerſtraße und hat da das Wirths⸗ haus zur„Giraffe“, wo man guten leichten Wein trinkt. Wenn Sie zufällig Jemanden unter den plumpen Deutſchen zu beobachten haben, ſo empfehle 141 ich Ihnen dieſen Wirth; Sie werden mit ihm zufrie⸗ den ſein.“ „Ich danke,“ entgegnete der Baron;„vielleicht findet ſich eine Gelegenheit, den braven Mann zu benutzen. Fahren Sie indeß in Ihrer Erzählung fort.“ „Um dieſe Zeit,“ entgegnete Reinhold,„kam Johann zu mir und ſagte, es gingen ſeltſame Ge⸗. rüchte unter den Deutſchen um; man behaupte, der Sohn des Teufels ſei in Paris, man ſuche ihn und habe die Abſicht, ihn mit allen Mitteln zu unterſtützen, ſobald er gefunden ſei. Ich ließ mir keine Beſorgniß merken, aber die Erzählung be⸗ unruhigte mich und ich nahm mir vor, den jungen Mann ein für allemal zu beſeitigen, deſſen Exiſtenz das Haus Geldberg fortwährend bedrohete. Der Doctor Mira, der beſcheiden ſchweigt, war meinem Plane nicht fremd und unterſtützte mich mit gutem Rathe. Der kleine Franz bewegte ſich häuſig in ſchlechter Geſellſchaft und verbrachte ſeine Tage im Wirthshauſe. Ich ſuchte einen meiner dienſtbaren Geiſter, einen gewiſſen Verdier, auf und verſprach ihm eine gute Belohnung, wenn er Streit mit dem jungen Manne bekommen könnte. Verdier wünſchte ſich nichts Beſſeres; er iſt ein ehemaliger Vorfechter, der gern von Zeit zu Zeit Jemanden im Duell er⸗ ſticht. Er kannte Franz ſchon, ging in das Wirths⸗ 142 haus, das ich ihm anzeigte und es gelang ihm auch bald, wodurch weiß ich nicht mehr, daß ihm der junge Mann ein Glas Bier in das Geſicht warf. Mehr war nicht nöthig. Es kam zum Duell, das heute früh ſtattfinden ſollte und da ſie ſich bei Son⸗ nenaufgange geſchlagen haben, ſo dürfte der letzte Bluthaupt bereits ſeit einigen Stunden mit ſeinen Ahnen Bekanntſchaft gemacht haben.“ „Sie hoffen es wenigſtens,“ ſagte Rodach. „Ich habe die feſte Ueberzeugung.“ „Sie können es nicht mehr wünſchen als ich; aber eine Gewißheit haben Sie doch nicht.. „Der Brief! Der verwünſchte Brief!“ rief Reinhold ärgerlich aus..„Wenn ich ihn nur fin⸗ den könnte, ſo würden Sie ſelbſt hören..“ Er ſtand auf und ſuchte wiederum überall da, wo er bereits geſucht hatte. Endlich fiel ſein Blick auf etwas Weißes unter dem Sockel der Uhr und er griff haſtig darnach. Es war wirklich der Brief, der nachläſſig hingeworfen worden und zwiſchen den Marmor des Kamins und die Uhr gefallen war. Reinhold hob ihn hoch empor. „Fünfhundert Louisdor, daß der Kleine todt iſt!“ rief er aus. „Ich wette niemals,“ antwortete Rodach; „aber laſſen Sie hören.“ 77 143 Reinhold betrachtete den Brief lächelnd und riß dann langſam das Couvert ab. Rodach folgte allen ſeinen Bewegungen und gab ſeinem Geſichte den Ausdruck geſpannter Neugierde. Zweites Kapitel. Die Liebe Joſe Miras. Reinhold ſpielte ſelbſtgefällig mit der ſcheinbaren Ungeduld des Barons, ſchlug den Brief Verdiers mit berechneter Langſamkeit aus einander und lä⸗ chelte ſchadenfroh, während er Rodach triumphirend von der Seite anſah. Der Letztere ſpielte ſeine Rolle als Neugieriger ſo gut, daß der Doctor fürchtete, er möchte endlich die Geduld verlieren und es für nöthig hielt, ihm zu Hilfe zu kommen. „Ihre Spielerei, Ritter, iſt unzeitig,“ ſagte er. „Es handelt ſich um eine ernſthafte Sache und der Herr Baron wartet auf Sie.“ „Gewiß wartet er auf mich,“ fiel Reinhold lächelnd ein;„man ſieht es ja. Hätte ich nur das verwünſchte Rendezvous nicht, ich würde kein Mit⸗ leid mit dem Herrn Baron haben und ihn noch län⸗ ger warten laſſen, damit er künftig an unſerer Klug⸗ heit nicht zweifelt. Aber ich habe mich ſchon verſpä⸗ tiget, alſo zur Sache!“ Kaum war ſein Blick auf die erſten Zeilen ge⸗ fallen, als ſein eiteles Lächeln wie durch Zauberei verſchwand. Er erblaßte unter der Schminke und ſeine Augenbrauen runzelten ſich. „Nun?“ fragte der Doctor erſchrocken;„ſollte man etwas entdeckt haben?“ „Es ſcheint wenigſtens,“ ſetzte der Baron von Rodach hinzu, 7 ls wenn der Brief nicht ganz er— wünſcht laute.. Reinhold brummte einen Fluch vor ſich hin und ballte die Fauſt. „Der elende Menſch Er liegt im Bette, hat einen Stich, ich weiß nicht wo, im Leibe und erfucht mich, ihm beizuſtehen. Der elende Bandit! Er ſoll es mir entgelten.“ Seine Stimme zitterte; ſein Geſicht wurde pur⸗ purroth und auf ſeine Lippen trat ein leichter Schaum. „Wie? Ihr Raufbold hat ſich von einem Kna⸗ ben verwunden laſſen?“ Reinhold zerdrückte den Brief in der Hand. „Was kann man wiſſen?“ ſagte er.„Der 10* 146 Menſch erzählt mir da einen ganzen Roman! Wer hätte das erwartet!“ „Was ſagt er?“ fragte Joſe Mira. Statt zu antworten, warf Reinhold zornig den Brief in den Kamin, aber er hatte nicht gut gezielt und traf den Marmor, ſo daß das Papier an den Füßen des Barons wiederfiel. Dieſer bückte ſich und hob den Brief auf. „Liegt Ihnen viel daran, daß der Brief ver⸗ brenne?“ fragte er,„oder wollen Sie erlauben, daß ich ihn lofe?“4 „Machen Sie damit, was Sie wollen, Herr Baron,“ antwortete Reinhold achſelzuckend.„Der Spitzbube!““ Rodach entfaltete das zerknitterte Papier und las laut:„ „Werther Herr.. „Werther Herr!“ wiederholte Reinhold zähne⸗ knirſchend;„von einem ſolchen Menſchen ſich ſo an⸗ reden zu laſſen, der ſeine Schuldigkeit nicht gethan hat!“* 77 Der Baron begann von neuem: „Werther Herr! „Ich glaubte Ihnen eine gute Nachricht mitthei⸗ „len zu können, rechnete aber auf einen ſchändlichen „Unfall nicht, der mir ſicherlich höher zu ſtehen „kommt als Ihnen..“ 147 „Höher als mir?“ höhnte Reinhold.„Haben Sie ſo etwas gehört?“ „Alle unſere Maßregeln waren gut getroffen, wie Sie wiſſen,“ las der Baron weiter;„der frag⸗ liche junge Mann und ich ſollten einander um ſieben Uhr im Boulogner Wäldchen treffen; ich war zu⸗ erſt auf dem Platze, wie es meine Pflicht erforderte, aber ſtatt des erwarteten Gelbſchnabels..““ „Er ſcherzt noch!“ fiel Reinhold ein. „Statt des erwarteten Gelbſchnabels,“ fuhr der Baron von Rodach fort,„fand ich einen großen Lümmel von Deutſchen, mit dem ich früher einen Spielſtreit gehabt hatte.. Ich konnte ihm, die Wahrheit zu ſagen, nicht viel abſchlagen, weil er genug von mir weiß, um mich dahin ſchicken zu können, wohin ich mich nicht ſehne..“ „Ins Zuchthaus, Spitzbube!“ warf Reinhold nochmals ein. „Als er mir aber befahl,“ las Rodach weiter, „unſern jungen Mann in Ruhe zu laſſen, ſchlug ich es ihm rund ab. Dann zwang er mir den Degen in die Hand und verſetzte mir bald einen Stoß in die Bruſt.. Hier unterbrach ſich der Baron ſelbſt und zuckte die Achſeln wie Jemand, der über etwas nachdenkt. „Beruhigen Sie ſich wo möglich, Herr Ritter,“ ſagte er in faſt ſtrengem Tone;„wir müſſen die Sache reiflich überlegen.. Es iſt eine ernſte Sache h und ſcheint deutlich zu beweiſen, daß der junge Mann geheime Beſchützer hat..“ „Allerdings,“ entgegnete Joſe Mira, der eine noch finſterere Miene annahm. „Ohne Zweifel, jedenfalls,“ ſetzte Reinhold hinzu;„aber wer weiß, ob uns der Verdier nicht hintergeht?“ „Welches Intereſſe könnte er dabei haben, Sie zu täuſchen?“ fragte der Baron. Reinhold öffnete den Mund, um neue Verwün⸗ ſchungen gegen ſeinen unglücklichen Bravo zu ſchleu⸗ dern, aber in dem Maße wie ſein Zorn ſich beru⸗ higte, kehrte auch ſein Verſtand zurück, ſo daß er die Sache unter einem andern Geſichtspunkte anſah. Die Bemerkung Rodachs hatte einen andern Gedan⸗ kengang in ihm angeregt. „Allerdings,“ ſagte er endlich;„wenn Verdier nicht lügt, könnte uns die Sache mehr als ein Un⸗ wetter auf den Hals ziehen. Wer mag der geheim⸗ nißvolle Beſchützer ſein?“ Der Baron zuckte die Achſeln und ſagte nur: „Leſen wir noch das Ende des Briefes.„Als der V Deutſche mir dieſes Geſchenk gereicht hatte, ging er wie er gekommen war und ließ mich auf dem Rücken in dem Walde liegen. Man brachte mich dann in mein Stüͤbchen, aber ich habe keinen Sou Geld, mein —“ —2 149 werther Herr von Reinhold und muß mich an Ihre Freigebigkeit wenden.“ Der Ritter ſchüttelte bedeutend mit dem Kopfe. „Sie wiſſen wohl, was Sie mir verſprochen haben,“ lautete der Brief weiter.„Ich habe den Degenſtich doch nur Ihretwegen bekommen und Sie ſind mir eine Entſchädigung ſchuldig.. Ein ander⸗ mal werden wir glücklicher ſein. „Bis zu Ihrem Beſuche oder Ihrer Antwort nenne ich mich, geehrter Herr, Ihren ergebenen J. B. Verdier. (Nr. 9. Straße Pet. Lescot.)“ Der Baron zerriß den Brief in ganz kleine Stücke und warf ſie in das Feuer, ſorgte aber auch dafür, daß er in der hohlen Hand das Stückchen behielt, auf welchem die Adreſſe Verdiers ſtand. Dann ſchlug er die Arme über einander und lehnte ſich auf dem Stuhle zurück. Reinhold war ganz aus der Faſſung gekommen. Dieſer Schlag traf ihn ganz unerwartet und mitten im Triumphe. Er hatte in dieſem Augenblicke gar keinen Gedanken und ſtellte ſich eine Zukunft von Kämpfen und Gefahren vor. Der junge Mann, den man ſo leicht bei Seite ſchaffen zu können geglaubt, hatte unbekannte Be⸗ ſchützer hinter ſich, die mächtig und voll Eifer ſein mußten, da ſie das Complott entdeckt hatten, wel⸗ ches den letzten Bluthaupt bedrohete. Konnte man, wenn ſie wirklich mächtig waren, hoffen, daß ſie ſich lange auf die Defenſive beſchränken würden? Der Doctor beſchäftigte ſich mit denſelben Ge⸗ danken, nur ging er tiefer in dieſelben ein und kam zu einem Schluſſe.„Wir müſſen unſer Spiel ge⸗ nauer im Auge behalten,“ ſagte er nach einer Pauſe. „Vor allen Dingen darf man den Unglücklichen nicht unzufrieden machen, weil er uns in große Ver⸗ legenheit bringen könnte.“ „Ich wollte dieſelbe Bemerkung machen,“ ſetzte der Baron von Rodach hinzu,„und wenn ich als Compagnon des Hauſes ſprechen dürfte, würde ich ſagen, man müſſe den Forderungen dieſes Verdier entgegenkommen. Man weiß nicht, was geſchehen kann.“ „Ich bin der Meinung,“ ſagte der Doctor, „daß Herr von Reinhold ſobald als möglich zu die⸗ ſem Verdier gehe, um genauere Angaben von ihm zu erlangen.“ „Ich ſoll zu dieſem elenden Menſchen gehen!“ fiel Reinhold in kindiſchem Aerger ein.„Er kann zehnmal ſterben, ehe ich mir die Muͤhe nehme, fünf Treppen hoch zu ihm hinaufzuſteigen. Er hat mich unwürdig hintergangen und ich mag nichts mehr von ihm hören..“ 151 „Aber,“ begann der Doctor. „Aber, was Sie ſagen können, wird völlig nutzlos ſein... Ich will nicht. Wer weiß übrigens, ob nicht dieſer Brief eine Schlinge iſt und ob ich nicht in ſeiner Dachſtube in einen Hinterhalt geriethe!“ „Das wäre nicht unmöglich,“ entgegnete der Baron von Rodach;„aber ich habe in meinem Leben viele weit ſchauerlichere Abenteuer gehabt und wenn Sie mir den Auftrag geben wollen, gehe ich in Ihrem Namen gern zu jenem Verdier.“ Reinhold verbeugte ſich ſteif, während der Doc⸗ tor mit ungewöhnlicher Wärme dankte. „Jetzt,“ ſagte ſodann Rodach,„halte ich den Herrn Ritter nicht länger zurück, den ich um Verzei⸗ hung zu bitten habe, daß ich ihn von ſeinem Ren⸗ dezvous ſo lange abgehalten habe. Ich möchte indeß nicht, daß er uns mit dem unangenehmen Eindrucke verließe, den dieſer Brief hervorgebracht hat. Vor einigen Minuten bot ich dem Hauſe Geldberg meine Hilfe an, ich wiederhole dieſes Anerbieten und wenn ich auch nicht mit Beſtimmtheit den glücklichſten Erfolg verſprechen kann, ſo darf ich doch wohl gute Hoffnung verheißen.“ „Haben Sie irgend ein Mittel?“ fragte Rein⸗ hold raſch. „Es ſteht noch nicht ganz deutlich vor meinem Geiſte,“ antwortete Rodach,„aber ich habe weit bedeutendere Schwierigkeiten gehoben und darf alſo wohl ſagen: beruhigen Sie ſich ganz.“ Neinhold wünſchte nichts mehr als Vertrauen zu faſſen; er ſtand mit bereits geglätteterer Stirn auf und ſchüttelte Rodach herzlich die Hand. „Sie ſind unſere Vorſehung, Herr Baron,“ ſagte er laut, worauf er leiſe hinzuſetzte:„Vergeſ⸗ ſen Sie nicht, daß ich Sie nach einer Stunde bei mir erwarte.“ Rodach verbeugte ſich und Reinhold ging fort. Sobald die Thüre ſich hinter ihm geſchloſſen hatte, rückte der Doctor ſeinen Stuhl näher und bemühte ſich ein ganz liebenswürdiges Geſicht zu machen. Dies gelang ihm freilich faſt gar nicht; doch erhielten ſeine Züge wenigſtens einen minder ſchauerlichen Ausdruck und ſeine Augen einen faſt freundlichen Blick. Nachdem er den Stuhl in die geziemende Nähe geſchoben hatte, zog er eine große goldene Doſe aus der Taſche und drehte ſie eine Zeit noch in der Hand herum, eine Minute lang vielleicht; dann ſtellte er ſie auf den marmornen Kamin, rieb ſich die Hände und blinzelte mit den Augen. Der Baron wartete. Der Doctor huſtete, kauete ein Huſtenplätzchen und glättete mit dem Finger ſeine ſtruppigen Augen⸗ brauen. 15³3 Der Baron wartete noch immer, in aller Ruhe. „Ja, ja,“ ſagte endlich der Doctor, dem es ungemein ſchwer zu werden ſchien;„ja, gewiß,.. es iſt beſtimmt meine Meinung.“ „Was?“ fragte Rodach. „Daß Sie in dieſem Augenblicke die Vorſehung des Hauſes Geldberg ſind... Als Sie ankamen, ſchoß mir allerdings, was ich Ihnen nicht verſchwei⸗ gen will, ein Verdacht durch den Kopf...“ „Welcher Verdacht?“ „Er iſt nicht von Bedeutung, denn, ich ver⸗ ſchweige es nicht, wenn Sie auch der geweſen wären, für welchen ich Sie anfänglich hielt, ſo würde ich mich doch auf Sie geſtützt haben, ſo ſehr verachte ich die armſeligen Menſchen, die Sie eben geſehen haben.“ „Ihre Compagnons?“ „Meine Compagnons,“ entgegnete der Doctor mit einem Seufzer,„ach ja, Herr Baron.“ Das Eis war gebrochen; der ſchweigſame Mira fand Worte in Menge und konnte höchſtens verlegen über die Wahl derſelben ſein. „Wir ſprechen weiter von dieſen Herren,“ fuhr er fort.„Ich ſprach von Ihnen und ſagte, daß ich Sie im erſten Augenblicke für einen Abgeſandten 154 unſerer Feinde hielt, vielleicht für einen dieſer Feinde ſelbſt. Aber jeder Argwohn iſt allmälig geſchwun— den. Ich habe Sie, ſeit Sie die Schwelle dieſes Zimmers betreten haben, ſehr ſorgfältig beobachtet und was ich ſah, was ich errieth, giebt mir Ver⸗ trauen... Wenn das Haus Geldberg noch zu ret⸗ ten iſt, werden Sie es ſicherlich retten.“ Rodach verbeugte ſich ſchweigend. „Ihr Intereſſe drängt Sie dazu,“ fuhr der Doctor fort,„und es freut mich vorzugsweiſe, end— lich einmal einen Mann unter uns zu ſehen.“ „Darf ich glauben, daß Sie über die Herren zu klagen Urſache haben?“ fragte der Baron. „Mehr als das,“ antwortete Don Joſe leiſer; „ich haſſe und verachte ſie. Wundern Sie ſich nicht, Herr Baron, wenn ich meine Ausdrücke in Ihrer Gegenwart nicht genau abwäge; ich wünſche, daß das Haus gerettet werde und halte es für durchaus erforderlich, daß Sie wiſſen, wie Sie mit den Com⸗ pagnons daran ſind. Der alte Moſes lebt, wie Sie wiſſen, ganz von der Welt zurückgezogen; er war für den Handel wie geſchaffen, aber Gott weiß, was er jetzt treibt... Auf ihn iſt nicht mehr zu rechnen. Sein Sohn Abel iſt ein armer ſchwacher ſtolzer Burſche, geiſtig kurzſichtig, ein Modenarr und verwöhnt durch den Zufall, der ihm unter den — 15⁵ Pinſeln an der Börſe einen gewiſſen Ruf von Klug⸗ heit gegeben hat.“ „Sie ſcheinen ſtreng zu urtheilen,“ ſagte der Baron. „Ich bin nur gerecht.. Der Herr Ritter von Reinhold würde ein ganzer Mann ſein, wenn ihn das Schickſal an der Stelle gelaſſen hätte, wo er ſtand, an der eines gemeinen Abenteurers. Er lügt mit ziemlicher Fertigkeit und durch ſeine Frechheit täuſcht er wirklich bisweilen; ſein Benehmen iſt eine leidlich gelungene Nachahmung der Manieren der großen Welt und ich habe ſogar viele Bürgerliche geſehen, die ihn für das Muſterbild eines großen. Herrn halten. Leider kam er an die Spitze eines ſehr großen Geſchäfts und dieſe Stellung konnte er nicht ertragen. Wenn der Bajazzo einer Seiltänzer⸗ geſellſchaft im Theatre frangais aufträte, würde man ihm auspfeifen; ebenſo weiß ein armer Teufel, der die Börſe beſucht, durchaus nicht, was er mit Mil⸗ lionen anfangen ſoll. Der arme Kopf Reinholds er⸗ trug es nicht; er hielt ſich für einen großen Staats— ökonomen, bewegte ſich unruhig hin und her, um ſeine Ohnmacht zu maskiren und trieb ſeine kindiſche Eitelkeit bis zum Grotesken. Er iſt zum großen Theile Schuld an dem Rücktritte des alten Moſes und warf ſich in tauſend und aber tauſend alberne — ¹ . 1 4 3 156 Speculationen, die nur in ſeinem beſchränkten Kopfe entſtehen konnten.“ „Seine Verſuche brachten das Haus um den Credit?“ fragte Rodach. Das gerade nicht,“ antwortete der Dockor; „Reinh old beſitzt darin eine gewiſſe Gewandtheit. Seine Speculationen gehen überdies meiſt gegen die Armen. Die Armen, die ſich nicht vertheidigen kön⸗ nen, haben nicht einmal die Kraft ſich zu beklagen. Ein Mann von Kopf könnte da etwas thun. Man bemüht ſich dem Armen die Hälfte ſeines täglichen Brodes zu nehmen und man wird für einen Men⸗ ſchenfreund und Beſchützer der Armen erklärt. Die Geſchichte vom Temple, die eine ſchändliche Wucherei iſt, weil Reinhold unter dem Vorwande die Miethe der Unglücklichen zu bezahlen, ihnen einen anſehnli⸗ chen Theil ihres Verdienſtes wegnimmt, hat ihn in den Ruf der Mildthätigkeit und Volksfreundlichkeit gebracht. Gefährlich iſt die tolle Menge ſeiner Un⸗ ternehmungen, namentlich da er das Recht hat, nach Belieben in unſere Caſſe zu greifen. Reinhold iſt demnach für das Haus eine völlig nutzloſe Laſt, ein häßlicher Auswuchs, der tödtlich werden kann, wenn man ihn nicht bei Zeiten beſeitiget.“ „Hätten Sie in 3 Ihrer Eigenſchaft als Arzt wohl Luſt, dieſe Kur vorzunehmen?“ fragte Rodach. „Herr Baron,“ entgegnete der Doctor,„ich 157 habe Ihnen ſehr wichtige Vorſchläge mitzutheilen und ich hoffe, daß Sie es nicht bereuen, mir einige Minuten geſchenkt zu haben. Vorher halte ich es noch für nöthig, Ihnen ein Paar Worte über die drei Töchter des alten Moſes von Geldberg zu ſagen. Die jüngſte iſt noch ein Kind und weiß nichts von dem, was in dem Hauſe vorgeht; auch haben ihre Schweſtern nicht Zeit gehabt ſie zu verderben.“ Zum erſten Male ſeit dem Beginn des Geſprächs belebte ſich das Auge Rodachs leicht und verrieth Theilnahme. „Die zweite,“ fuhr der Doctor fort,„wäre vielleicht eine vortreffliche Frau, wenn ſie die ältere Schweſter nicht hätte. Der Mann der älteren iſt ein Wechſelagent, der reich war und den ſie ruinirt hat. Sie iſt ſchön wie ein Engel aber boshaft wie ein Teufel. Wenn ſich eine Rechnung zwiſchen ihr und dem Hauſe herſtellen ließe, würden wir ſogleich zwiſchen ein und zwei Millionen Francs Geld in der Caſſe erheben.“ „Hatte ſie einen vierten Schlüſſel?“ fragte der Baron. „Nein,“ entgegnete Mira,„aber ſie bediente ſich des Schlüſſels Eines von uns.“ „Und was that ſie mit dieſem Gelde?“ „Sie ſpielt, aber ſie gewinnt häufiger als ſie verliert und ich halte ſie für ſehr reich. Sie muß 158 einen Agenten haben, der unter einem angenomme⸗ nen Namen die ungeheuren Summen anlegt, welche ſie täglich an ſich zieht. Sie iſt ein ungewöhnliches Weib, hat einen unbeugſamen Character, einen ſel⸗ tenen Geiſt und gar kein Herz, wenigſtens kein Mit⸗ leiden,“ fuhr der Doctor fort, der die Stirn auf die Hand ſtützte;„denn es liegt in ihr eine tiefe Liebe, welche ſie zur Tugend hätte bringen können, die ſie aber nur ins Laſter getrieben hat. Sie iſt ein ſeltſames Weſen, welche das Böſe erräth und das Gute leicht begriffen hätte, eine kühne und entſchleſſene Natur, die alles wagt und alles heuchelt, ein Weib nach ihren zügelloſen Launen und ihrer unbegrenzten Lei⸗ denſchaft, ein Mann nach ihrem unbeugſamen Wil⸗ len, und ein Teufel durch ihre kalte Schlauheit und ihre Geduld, wenn es gilt zu überliſten und zu be⸗ trügen.“ Das Geſicht des Doctors hatte die Maske des eiskalten pedantiſchen Weſens verloren, die daſſelbe gewöhnlich bedeckte. Um ſeine Lippen ſchwebte ein bitteres und trauriges Lächeln; ſeine Augen träum— ten und die Worte löſeten ſich gleichſam mit An— ſtrengung von ſeinem Gewiſſen los. „Ich kannte ſie als Kind,“ fuhr er langſam und mit ſanfterem Tone fort,„und kannte ſie als junges Mädchen. Bisweilen konnte ich in dem jungfräulichen Buche ihrer Gedanken leſen. Weiß 159 man, was die Frauen ſind und giebt es einen Gott? — Wenn ich an jene Tage denke, zweifele ich. Ei⸗ nige Monate lang ſchwankte ſie zwiſchen den beiden Wegen, welche die Menſchen das Gute und das Böſe genannt haben, Welchen würde ſie eingeſchla⸗ gen haben, wenn ſie ſich ſelbſt überlaſſen geweſen wäre? Das kann ich nicht ſagen.. Gewiß iſt es, daß eine Stimme Worte der Verführung in ihr Ohr flüſterte. Es fand ſich ein Mann auf ihrem Wege, der ihr ſagte, die Tugend ſei nur eine Lüge und einen Himmel gebe es nicht, ein Mann mit ſpöttiſcher Rede, mit ehrlichen Zweifel, ein Mann, der es ſich zum Glück rechnete, die junge Seele dieſes Mäd⸗ chens nach ſeiner Seele zu bilden, die bereits welk und gebrandmarkt war. Dieſer Mann liebte das Mädchen mit unmöglich zu beſchreibender Liebe und er nannte ſie ganz ſein.“ Der Doctor unterbrach ſich um tief aufzuath⸗ men, ſeine Bruſt ſchien ſich zu erweitern und in ſei⸗ nen Augen leuchtete ein fahler Glanz. „Es war dies ein ſüßer berauſchender Triumph,“ fuhr er in bewegtem Tone fort.„Sarah war ſchön wie eine orientaliſche Perle.. Sie trat in ihr funf⸗ zehntes Jahr und nie war eine Evenstochter ſo reich mit Reiz und Anmuth ausgeſtattet.. Der Mann, der ſie einen Augenblick beſaß, war ſchon weit über die Grenzen der Jugend hinaus; er hätte können der V. 11 160 Vater der Geliebten ſein; aber jener Mann hielt ſeit den Tagen ſeines Jünglingsalters mit Gewalt die Regungen des Herzens zurück und gab ſich ganz ein— ſamen Arbeiten und Studien hin. Er hatte nie ge⸗ liebt und kannte nur das Quälende der Leidenſchaft und die ſtechenden Wünſche, welche den Einſiedler peinigen. Für ihn war der Beſitz des Mädchens die Erſchließung des Paradieſes.“ Rodach hörte zu, die Hände auf den Knieen über einander gelegt; ſein Geſicht und ſeine Haltung drückten die vollſtändigſte Gleichgiltigkeit aus. Der Doctor dagegen war in hohem Grade aufgeregt und dies bildete einen ſeltſamen Contraſt. Der gewöhn⸗ lich ſo ruhige und ſteife Portugieſe ließ die einzige Leidenſchaft ſeines Lebens ſprechen, die ſich in einer traurigen, faſt poetiſchen Klage kund gab; aber dieſe Klage glitt über die Seele ſeines Gefährten ganz wie ein gleichgiltiger Ton. Rodach verrieth nicht die mindeſte Ungeduld und ſein Auge deutete durchaus keine Theilnahme an. Der Doctor fuhr trotzdem in ſeinen Erinnerun⸗ gen fort; man ermuthigte ihn nicht und er hörte doch nicht auf ſeine Seele auszuſchütten wie ein Kind, das zu ſchwach iſt, ein Geheimniß zu bewah⸗ ren, da ſich doch ſein verſchloſſenes Gewiſſen noch nie den Blicken eines Freundes geöffnet hatte. Einen 161 Fremden, einen faſt Unbekannten wählte er zum Vertrauten, vielleicht gar einen Feind. „Das dauerte zwei oder drei Monate,“ fuhr er fort.„Man kann nach einigen Tagen ſ ſo großen Glückes Jahre lang allein und traurig leben. Ha⸗ ben Sie errathen, Baron, wer dieſer Mann war?“ „Nein,“ antwortete Rodach zerſtreut. Joſe Mira ſah ihn einen Augenblick ſchweigend n, als ob ſeine tief eingeſunkenen Augen, deren Stern vielleicht niemals ein Gefühl des Mitleides ausgedrückt hatte, weinen wollten. „Ich war es,“ ſprach er mit erſtickter Stimme. Der Baron iußertr keine Ueberraſchung. „Hoͤren Sie mich an, Baron,“ fuhr der Doctor mit einer gewiſſen Heftigkeit fort;„ich war es,.. ich ſchlich mich zu dieſem argloſen Kinde,.. ich wendete Jahre an, um dieſes Herz nach meinem Sinne zu bilden und für die ſo lange Mühe fand ich ein Glück von zwei Monaten.. Errathen Sie? Nach dieſen zwei Monaten blieb ich verliebt; ich wurde verliebter als ich geweſen, faſt wahnſinnig; man machte mich zum Sclaven und ſeit jenen zwei Monaten ſind funfzehn Jahre vergangen!“ Die Lippen Miras zitterten krampfhaft und ſein Geſicht wurde leichenbleich. 11* Drittes Kapitel. —— Donnerſtag, den 8. Februar, Mittag. „Herr,“ ſagte Rodach zu Mira,„ich glaube, daß Ihre vertraulichen Mittheilungen ſich mehr oder weniger auf den gegenwärtigen Zuſtand des Hauſes Geldberg beziehen müſſen, aber ich ſehe den Zuſam⸗ menhang noch nicht ein und bitte Sie, mir denſelben zu zeigen.“ Der Doctor hatte einmal im Leben in ſeine Seele blicken laſſen und verſchloß ſie wieder. Er hatte ein abſcheuliches Verbrechen geſtanden, wie man die liebliche Epiſode einer erſten Liebe erzählt. Es wa⸗ ren dies ſeine ſchönen Tage, ſeine theuern Erinne⸗ rungen, ſeine goldene Zeit und mit Unwillen ſah er, daß der Baron bei ſeinem Geſtändniſſe kalt blieb. „Wie Sie ſagen,“ entgegnete er, während er plötzlich ſeine gewöhnliche Ruhe wieder fand,„es 163 bezieht ſich auf das Haus Geldberg; ich würde mir nicht erlaubt haben Ihre Zeit in Anſpruch zu neh⸗ men und Ihnen eine Sache zu erzählen, die mich allein angeht. Ein einziges Wort wird Ihnen alles begreiflich machen. Sarah ſchuldet mir mehre Mil⸗ lionen.“ „Sie haben aber doch ohne Zweifel Schuldver⸗ ſchreibungen?“ „Ich habe gar nichts.“ Der Baron wartete auf nähere Erläuterungen. Das Geſicht Miras aber drückte jetzt Mißtrauen aus und er ſchien zu bedauern ſo weit gegangen zu ſein. Er konnte freilich nicht mehr zurück. „Herr Baron,“ ſagte er im ärgerlichen Tone, „ich kann nicht ſagen, daß mir eine Hoffnung ge— blieben wäre, die ich bei Ihrer Ankunft hegte. Die Kälte, mit welcher Sie meine Eröffnung aufnehmen, läßt mich fürchten, Ihre wahren Abſichten verkannt zu haben. Nichts deſtoweniger will ich bis zu Ende gehen; ich bin faſt wahnſinnig, wie ich ſchon geſagt habe, und mein Wahnſinn iſt unheilbar, denn ich werde immer die Frau lieben, die mich haßt und mein Verderben wünſcht. Aber bei jedem Wahnſinne kom⸗ men lichte Augenblicke und wenn ich fern von ihr bin, wenn ich über die Sache nachdenke, lehne ich mich auf und wünſche glühend, mich ihrem Joche zu ent⸗ ziehen; meine ehrgeizigen Gedanken, die ihre Tyran⸗ 164 nei tödtet, erheben ſich wieder lebenskräftiger und ſtärker; ich nehme mir vor das Vermögen wieder zu erlangen, das ſie mir genommen hat; ich will das Haus Geldberg, das ſie auf der einen Seite unter⸗ grub wie Reinhold und Abel auf der andern, wieder aufrichten, aufrichten zu meinem Nutzen und zu Ih⸗ rem Nutzen, Herr Baron von Rodach, wenn Sie meine beiden Collegen verlaſſen und ausſchließlich mein Verbündeter werden.“ Der Baron ſchien ſich heute über nichts verwun⸗ dern zu können. „Ich halte das nicht für unmöglich, Herr Doc⸗ tor,“ antwortete er ganz unbefangen;„erklären Sie ſich mir nur näher.“ Der Doctor Joſe Mira hatte keine Spur mehr von der Aufregung an ſich, die ihn kurz vorher gleichſam überrumpelt hatte, doch lag in ſeinem Ge⸗ ſichte auch jener Ausdruck von Unbeweglichkeit und Kälte nicht mehr, die man ſonſt immer in ihm ſah. Er blickte den Baron gerade in das Geſicht und ſeine Augen glänzten. Rodach wartete. „Das Haus Geldberg gehört uns,“ fuhr der Doctor fort,„wenn wir in Gemeinſchaft handeln wollen.. Die Unterredung, um die ich Sie er⸗ ſuchte, hatte keinen andern Zweck.“ „Ich bin ganz Ohr, Herr Doctor.“ 165 „Sie kommen mit Wechſeln von bedeutendem Betrage aus Deutſchland an; Sie haben uns in der Hand; Ihr Intereſſe verlangt aber, daß Sie uns ſchonen, ſelbſt uns unterſtützen.. Ihr Intereſſe könnte aber auch ein ganz anderes ſein und in die⸗ ſem Falle.., wer weiß, ob das Haus lange krän⸗ kelte. Hören Sie mich, ich bitte Sie, mit Aufmerk⸗ ſamkeit an. Abel hat nur ein halbes Dutzend Pferde, die er für Racepferde hält und Reinhold beſitzt trotz ſeiner Gewandtheit und ſeinem Mangel an Vorur⸗ theilen nur Schulden. Die Gräfin von Lampion iſt reich, aber ihr Vermögen geht uns nichts an. Was ich von den alten Moſes ſagen ſoll, weiß ich nicht; es liegt etwas Geheimnißvolles um ihn, das ich nicht zu durchdringen vermocht habe.. Die Ein⸗ ſamkeit, mit welcher er ſich umgiebt, muß etwas verbergen, was aber, weiß ich nicht. Ich habe die Gewißheit erlangt, daß Niemand im Hauſe mehr davon weiß als ich. Seine Leute, ſeine Kinder ſelbſt theilen die Unkenntniß. Welcher Art auch das Ge⸗ heimniß ſein mag, das Haus kann jedenfalls auf ihn nicht rechnen, und— die Geſellſchaftscaſſe iſt leer. Verſtehen Sie mich nun?“ „Ich fange an, Sie zu verſtehen.. Sprechen Sie weiter.“ „Ich habe nicht viel mehr hinzuzuſetzen, außer daß Frau von Laurens mir eine ungeheure Summe 166 ſchuldet und daß ich ſie mit einiger Geſchicklichkeit wieder erlangen kann...“ „Nachher..?“ „Iſt die Summe wieder in meinen Händen, ſo bin ich reich neben meinen armen Compagnons; Sie erſcheinen drohend und ich allein beſitze die Mit⸗ tel Sie zu befriedigen. Treten wir zuſammen, ſo kommt offenbar das Haus in unſere Hände.“ „Sie haben Recht,“ ſagte Rodach;„iſt es aber nicht ſchon jetzt in den meinigen?“ „Erlauben Sie.. Ich kann mein Geld in eini⸗ gen Tagen haben... Bezahlt das Haus Ihre For⸗ derungen, ſo verlieren Sie die einzige Waffe, mit welcher Sie uns in Furcht ſetzen können, denn, unter uns geſagt, Herr Baron, die Geheimniſſe, die Sie vielleicht erfahren haben, ſind wohl von Wich⸗ tigkeit, aber es iſt eine lange Zeit über ihnen hin⸗ gegangen, das Schloß Bluthaupt liegt weit von Paris und man müßte Beweiſe beibringen...“ „Ich habe Beweiſe,“ unterbrach ihn der Baron.„Erſt dieſen Morgen habe ich irgendwo in Paris ein Käſtchen niedergelegt, das ich aus Deutſchland mitbrachte und deſſen Inhalt Sie, alle drei Compagnons von Geldberg, auf das Schaffot bringen kann.“ Der Doctor rückte unwillkuhrlich ſeinen Stuhl 167 zurück und ſah den Baron erſchrocken an, der ſeiner⸗ ſeits ganz ruhig blieb. „Ich habe in Gegenwart jener Herren nicht davon geſprochen,“ fuhr er fort,„weil ſie ſogleich die Flagge ſtrichen und die Drohung vor Leuten mir nicht nöthig erſchien, welche ſich ſchon im Voraus für beſiegt erkannten. Mit Ihnen, Herr Doctor, ſpreche ich davon, aber kalt, bemerken Sie wohl, und ohne die Abſicht, Sie zu erſchrecken. Ein Beweis davon iſt der, daß ich Ihnen gern ſage: ich bin nicht abgeneigt, mit Ihnen gemeinſchaftlich zu handeln.“ Die Stirn Mira's heiterte ſich ein wenig auf. „Darf man wiſſen, was jenes Käſtchen ent⸗ hält?“ fragte er nicht ohne Beſorgniß. „Ich habe keine Urſache, ein Geheimniß daraus zu machen. Es enthält Briefe von Ihnen, Herr Doctor, aus den Jahren 1823 und 1824, die aus dem Schloſſe Bluthaupt geſchrieben ſind. Dieſe Briefe ſind allerdings mit der größten Vorſicht abge⸗ faßt, werden aber ſo ziemlich durch andere von Van Praet, von dem Ungar, von Herrn von Reinhold und Moſes Geld ſelbſt erklärt, die zu verſchiedenen Zeiten geſchrieben ſind.“ „Wie haben Sie ſich alle dieſe Papiere ver⸗ ſchaffen können?“ fragte der Portugieſe halblaut. „Auf höchſt einfache Weiſe. Zachäus Nesmer 168 war Ihr Verbündeter, aber keineswegs Ihr Freund. Er hegte fortwährend den Gedanken, daß jeden Tag ein Streit unter Ihnen entſtehen könnte und er ſorgte von dem erſten Augenblicke Ihrer Verbindung an für Waffen für die Zeit des Kampfes...“ „Seit mehr als zwanzig Jahren!“ rief Mira aus.. „Allerdings. Die Deutſchen ſind vorſichtig. Wenn wir jemals zu einer Erörterung kommen, Doctor, ſo werde ich Ihnen noch ausführlichere Details über den Inhalt meines Käſtchens geben, denn ich habe Ihnen denſelben noch lange nicht voll⸗ ſtändig mitgetheilt. Heute ſind wir in Frieden mit einander und wir können unſere Unterhandlung wie⸗ der aufnehmen ohne an einen Kriegsfall zu denken, der vielleicht nie eintritt.“ Der Doctor hatte Anfangs auf ein ganz leich⸗ tes Gelingen gerechnet; dann war er faſt ganz ver⸗ zweifelt, ſo furchtbar erſchien ihm die Batterie, welche ſein Gegner plötzlich demaskirte. Jetzt faßte er wieder Hoffnung. Seine Waffen, ſo ſchrecklich ſie auch waren, wendete Rodach nicht gleich an; er hatte alſo ein Intereſſe dabei, den Krieg nicht zu beginnen. Während der Doctor nachdachte und bei ſich die Wahrſcheinlichkeiten des Gelingens und Mißlingens abwog, fuhr Rodach fort, wie um ihn zu beruhigen: 169 „Machen wir uns unſere gegenſeitige Stellung vollkommen deutlich... Ich bin ſtark, aber welchen Grund könnte ich haben, Ihnen nutzlos zu ſchaden? Mein Intereſſe liegt offen vor; ich will die For⸗ derungen aus dem Nachlaſſe Nesmers für meinen Mündel erlangen und zu gleicher Zeit, wenn es nicht unmöglich iſt, für mich ſelbſt in allen Ehren ein kleines Vermögen erwerben.“ Die Stirn des Portugieſen glättete ſich wieder ganz. Der Baron fand endlich eine ſchwache Seite. Man verſtändigte ſich. „Ich habe,“ fuhr Rodach fort,„offenbar nicht erſt in dem jetzigen Augenblicke die wahre Sachlage erkannt, wie Sie daraus erſehen, daß ich ſchon 20,000 Franes aus meiner Taſche genommen und mich vollſtändig zur Verfügung des Hauſes geſtellt habe. Die Hauptſache iſt für mich, daß das Haus lebe und auch bezahlen könne. Jetzt bieten Sie mir noch mehr, eine Theilung unter zweien, ſtatt unter vier, und ehe ich den Antrag annahm, wollte ich Ihnen nur bemerklich machen, daß ich wohl den Löwenantheil fordern könnte.“ „Und daß Sie freigebig ſind, wenn Sie ſich mit der Hälfte begnügen,“ unterbrach ihn der Doctor; „ich geſtehe das zu, Herr Baron, und zwar um ſo bereitwilliger, als ich bei der Bildung unſerer neuen Geſellſchaft ganz auf Sie rechne.“ 170 „Diesmal verſtehe ich Sie nicht ganz,“ ſagte der Baron. „Habe ich Ihnen nicht geſtanden, daß ich jene Frau liebe,“ flüſterte der Doctor,„daß ich ſie mit wahnſinniger und unheilbarer Leidenſchaft liebe? Habe ich Ihnen nicht geſtanden, daß ich ihr Sclave bin und daß ein Wort von ihr hinreicht, Alles zu vergeſſen? Wenn ich mich ſelbſt zu ihr begebe, habe ich die Ueberzeugung von ihr beſiegt zu werden; ich hoffe alſo nur auf Ihre Hilfe...“ „Meine Hilfe iſt Ihnen gewiß,“ antwortete Rodach ohne Zögern;„geben Sie mir die Mittel Ihre Sache zu führen und ich führe ſie.“ Der Doctor rückte ſeinen Stuhl wieder näher, ſo wohl that es ihm, die Unterhandlung in ſo gutem Gange zu ſehen. Er ſtreichelte von neuem ſeine gol⸗ dene Doſe wie im Anfange. Nach einigen Secunden ſtemmte er die beiden Elnbogen auf ſeine Kniee und bog ſich nach vorn; dann ſprach er in ganz vertrau⸗ lichem Tone. Rodach hörte ihn aufmerkſam an. Das dauerte ungefähr zehn Minuten, worauf der Baron aufſtand und ſagte: „Wir ſind vollkommen einig, Doctor. Noch habe ich ſeit meiner Ankunft in Paris keine Verab⸗ redungen getroffen, Tag und Stunde ſind mir alſo völlig gleich.“ „Man muß an den Verfall denken,“ antwor⸗ 171 tete Mira;„Zahlungstag iſt der 10. Wenn es Ihnen beliebt, beſtimme ich den 8.“ „Alſo der achte.“ „Mittags, wenn es Ihnen ſo recht iſt.“ „Mir vollkommen.“ „So vergeſſen Sie nicht, nächſten Donnerſtag den 8. Febr. Mittags bei der Frau von Laurens.“ „Ich verſpreche es Ihnen, Herr Doctor.“ „Ich rechne auf Sie, Herr Baron, und bitte Sie, meinen aufrichtigen Dank ſchon im Voraus anzunehmen.“ Mira hielt die Hand hin, welche Rodach faßte. Sie trennten ſich und in dem Augenblicke als Rodach über die Schwelle ſchritt, hörte er wie Mira wiederholte:„Donnerſtag den 8. Febr. Mittags.“ Es war in einem mit koſtſpieligem Luxus meub⸗ lirten Boudoir, dem es aber bis zu einem gewiſſen Grade an dem guten Geſchmacke fehlte, der allen Dingen erſt Werth giebt. Man ſah prächtige Meubles in ſeltſamen For⸗ men. Der Texppich hatte wahrſcheinlich mit Gold aufgewogen werden müſſen; die Gardinen blendeten und die Draperien, welche die Wände bekleideten, verſchwanden faſt unter der Menge guillochirter Rah⸗ men. Man bemerkte einige werthvolle Gemälde und viele ſchlechte, die aber ebenfalls mit ungeheuern 172 Summen bezahlt worden waren. Das Gold allein thut es nicht; es giebt das künſtleriſche Gefühl nicht, nicht einmal jenen Tact, den, wie man ſagt, die ächten großen Herren beſaßen. Ein Zuckerhut in Brocat iſt und bleibt ein Zuckerhut. Außer den Gemälden gab es da Statuetten, Vaſen von japaniſchem Porzellan und allerlei Selt⸗ ſamkeiten und Nippſachen. Der Kamin war damit bedeckt, wie die Conſole und die Etagère. Es war einer der Orte, die man nicht betreten darf ohne zu ſagen:„das iſt ein kleines Muſeum, ein wahres Heiligthum, köſtlich, herrlich, himmliſch!““ Man muß dies ausſprechen, wenn man nicht für einen ungebildeten Menſchen gelten will. Der Gott dieſes Tempels war Niemand als der junge Abel von Geldberg. In dem Augenblicke, als wir die ſeidene Dra⸗ perie emporheben, welche in ſchillernden Falten an der Eingangsthüre herabfiel, ſaß Abel am Kamin, dem Baron von Rodach gegenüber. Er trug einen unerhörten Schlafrock und Hausſchuhe, die ſich Nie⸗ mand auch nur im Traume vorſtellen kann; eben ſo wenig ſind wir im Stande ſie zu beſchreiben. Der Baron war vor kaum einer Minute einge⸗ treten. Abel hatte die gewöhnlichen Complimente beendigt und bot ihm Havannacigarren in einem 1 Oſhibbeways⸗Käſtchen an. Der Baron nahm eine Cigarre, ohne das Käſtchen zu betrachten. „Herr Baron,“ ſagte ſodann Abel, indem er ihm Feuer in einem Etui reichte, das an den Quel⸗ len des Nils gearbeitet worden war,„ich habe mir die Freiheit genommen, Sie in mein ärmliches Junggeſellenſtübchen zu bitten und hoffe, daß Sie mich entſchuldigen.“ Der Baron bließ bejahend eine Rauchwolke von ſich. Er war vielleicht der Erſte, welcher in dieſes „Allerheiligſte“ getreten war, ohne eine Albernheit zu ſagen und ohne die prächtig eingerahmten Pinſe⸗ leien zu bewundern. Abel grollte ihm deshalb; aber ſo wenig Geiſt er auch beſaß, ſo ſah er doch ein, daß hier der Groll nicht am rechten Orte angebracht ſein dürfte. „Es iſt ſehr freundlich von Ihnen, Herr Ba⸗ ron,“ fuhr er fort, indem er das abyſſiniſche Geräth. mit ſicherm Geſchick handhabte,„daß Sie ſich mei⸗ ner Bitte erinnerten.“ „Ich kam,“ antwortete Rodach,„weil ich bei der Lage, in welcher wir uns gegen einander befin⸗ den, glaubte, Sie könnten mir eine wichtige Eröff— nung zu machen haben.“ Abel hatte ſchon im Voraus ein cavalières Benehmen einſtudirt, das indeß durch die Kälte 174 Rodachs geändert wurde, welche jede vorzeitige Vertraulichkeit abſchnitt. „Herr Baron,“ antwortete er,„Sie haben ſich nicht getäuſcht; ich will Ihnen wirklich einen Vorſchlag machen und wünſche von Herzen, daß er Ihnen zuſagen möge. Um Ihre koſtbare Zeit nicht zu lange in Anſpruch zu nehmen, gehe ich ſogleich zur Sache ſelbſt über.“ Rodach machte eine zuſtimmende Bewegung und ſetzte ſich bequem. „Die Sache iſt die,“ fuhr Abel fort.„Ich habe ſchon ſeit ziemlich langer Zeit zu bemerken geglaubt, daß der Doctor Mira und der Ritter von Reinhold mehrere Geheimniſſe haben, in die ſie mich nicht einweihen wollen. Heute haben einige Worte, welche Sie fallen ließen, meine Zweifel in Gewißheit umgewandelt. Ich bitte Sie, Herr Baron, nicht um nähere Mittheilungen, aber offenbar liegt in der Vergangenheit Reinholds und Mira's irgend eine dunkele Sache, in welche auch mein Vater irgendwie verwickelt iſt.“ „Es iſt allerdings ſo,““ antwortete Rodach. Abel horchte geſpannt und glaubte, ſein neuer Compagnon werde noch einige Worte zur Erklärung hinzuſetzen. Es geſchah dies aber nicht; der Baron bließ vielmehr den Rauch ſeiner Cigarre bedächtig nach der Decke empor. 175 „Es iſt alſo eine Thatſache,“ fuhr Abel fort, „aber trotz meiner völligen Unkenntniß deſſen, was geſchehen iſt, kann ich kühn behaupten, daß mein Vater keine Schuld trägt und höchſtens in etwas Unrechtes hineingezogen worden iſt, das er nicht kannte. Ich kenne ſeinen gutmüthigen ſchwachen Character, aber auch den meiner Compagnons. Wir hrauchen die Worte hier nicht auf die Gold⸗ wage zu legen: Reinhold iſt ein elender Menſch, den nichts zurückhält, und der mürriſche Doctor taugt nicht mehr als Reinhold.“ „Baten Sie mich um die Unterredung, um mir dies zu ſagen?“ fragte Rodach, indem er mit dem kleinen Finger die Aſche von der Cigarre ſchnippte. „Nein, Herr Baron,“ antwortete Abel;„ich bat Sie um eine Unterredung, weil Ihr Intereſſe daſſelbe zu ſein ſchien wie das des Hauſes und weil ich in Ihre Hand eine Sache legen wollte, deren Ausgang für uns Alle, in commerzieller Hinſicht, eine Lebensfrage iſt.“ Abel ſammelte ſich einen Augenblick, um ſich der Ausdrücke zu erinnern, die er ſich vorher ausgedacht hatte; dann fuhr er fort: „Fabricius van Praet in Amſterdam hat eine Forderung von faſt anderthalb Millionen Francs an uns.“ „So viel!“ rief Rodach gleichgiltig aus. V 12 176 „Ich kann Ihnen die Summe an ſicherſten an⸗ geben, weil ich ſelbſt die Geſchäfte mit dem Hauſe Van Praet leite. Schon ſeit mehreren Monaten hat dieſer Geſchäftsfreund die Geduld verloren und gedroht; wenn er noch keine ſtrengen Maßregeln anwendete, ſo iſt es wahrſcheinlich nur der Diplo⸗ matie zuzuſchreiben, welche ich dabei aufgeboten habe. Aber Alles hat ein Ende. Ich bin überzeugt, daß der letzte Termin, den Van Praet auf mein dringendes Anſuchen bewilligte, nicht weiter verlän⸗ gert werden wird.“ G„Und wann geht dieſe Friſt zu Ende?“ fragte der Baron. „Am nächſten Sonnabend.“ „Sie hätten alſo noch Zeit zu ſchreiben?“ „Ich habe ſchon zu viel geſchrieben... Ein neuer Brief würde durchaus nichts nützen. Ich weiß, daß die Vollmacht des Hauſes Van Praet hier in Paris bei einem Advokaten liegt und daß dieſer ſeine Maßregeln im Falle der Nichtbezahlung im Laufe des Sonnabends beginnen wird.“ Der Baron nahm ſeine Cigarre aus dem Munde und betrachtete ſie aufmerkſam. „Mein lieber Herr von Geldberg,“ ſagte er, „Sie theilen mir da eine höchſt unangenehme Nach⸗ richt mit und ich weiß nicht, was ich dabei..“ „Vielleicht könnten Sie doch etwas dabei thun,“ 177 antwortete Abel.„Ich habe Grund zu glauben, daß van Praet uns minder ſtreng behandeln würde, wenn er nicht durch Nanos Georgyi und Nesmer ſelbſt gedrängt worden wäre. Es kann durchaus nicht in ſeinem Intereſſe liegen, unſer Haus zu ſtür⸗ zen. Gern würde ich ſelbſt zu ihm raͤſſen, aber ich muß Ihnen geſtehen, daß ich Paris nicht verlaſſen und das Haus nicht in den Händen der beiden Män⸗ ner laſſen mag, die es bereits an den Rand des Ver⸗ derbens gebracht haben.“ „Das begreife ich,“ ſagte Rodach ſehr ernſt und das war das erſte Wort, welches man für eine Er⸗ muthigung halten konnte. Der junge von Geldberg hielt es dafür und fühlte ſich dadurch erleichtert. „Dagegen,“ fuhr er fort,„würde ich Ihnen, Herr Baron, gern alles anvertrauen, was ich in der Welt beſitze.“ „Sehr viel Ehre für mich.“ „Ich beſitze, wie man ſagt, einen merkwürdigen Scharfblick und habe Sie deshalb auch ſogleich rich— tig beurtheilt; Ihre etwas rauhe Offenheit gewann Ihnen meine Achtung und dann.. ſind Sie ja ein Edelmann und Edelleute unter einander verſtehn und verſtändigen ſich weit leichter unds ſchneller. Wenn die Elenden, die ich meine Compagnons nen⸗ nen muß, nur einen Tropfen adeliges Blut in ihren Adern hätten..“ 4 1 . 8 6 V b 1. 1 178 Rodach vermochte es über ſich nicht zu lächeln. „Der Herr Ritter von Reinhold..“ bemerkte er nur. Abel zuckte mitleidig die Achſeln. „Iſt bürgerlich, werther Herr,“ antwortete er, „bürgerlich Ron ſeiner Perrücke an bis zur Sohle ſeiner Plattfüße.. Sie können ſich nicht vorſtellen, was ich auszuſtehen habe.. Laſſen wir das. Ihre Stellung uns gegenüber macht Sie unbeſtreit⸗ bar ſehr ſtark und ich auf der andern Seite führe einen Namen, an welchem der ganze Credit des Hau ſes hängt. Iſt einmal die Sache mit van Praet glücklich beigelegt, ſo halte ich die Criſis für beendi⸗ get und glaube, daß die Zukunft uns gehört.. Ich ſpreche mich mit aller Offenheit gegen Sie aus; ant worten Sie mir eben ſo. Meinen Sie nicht, daß wir die beiden Männer, die wir gleich verachten, leicht beſeitigen und dann beide eine neue Verbin⸗ dung gründen könnten?““ „Allerdings,“ antwortete der Baron. Das Geſicht Abels heiterte ſich auf. „Nun,“ fuhr er fort,„ich freue mich ſehr, Sie ſo ſprechen zu hören, werther Herr; jene beiden Menſchen ſind mir mehr zur Laſt, als ich Ihnen V ſagen kann, dagegen würde mir es eine Chre ſein, einen Mann wie Sie zum Compagnon zu haben.“ Rodach verbeugte ſich. 179 „Ich mache hier keine Complimente,“ fuhr der junge Mann fort,„und um Ihnen einen Beweis von meinem großen Vertrauen zu geben, das ich zu Ihnen habe, bin ich bereit, die Sache mit Van Praet, welche die ganze Zukunft des Hauſes iſt, in Ihre Hände zu legen. Würden Sie dieſelbe über⸗ nehmen?“ „Sehr gern,“ antwortete Rodach.„Unſere Intereſſen ſind hier offenbar gleich und gewiſſe Kenntniſſe, die ich von meinem Umgange mit Za⸗ chäus Nesmer her habe, werden mir hoffentlich Ein⸗ fluß bei Ihrem holländiſchen Handelsfreunde geben.“ Abel lächelte und zwar ſo ſchlau als möglich. „Ich habe allerdings etwas mit darauf gerech⸗ net,“ ſagte er;„trotz meiner Unkenntniß mache ich doch meine kleinen Beenerkungen und handele dar⸗ nach.“ „Nesmer hat mir oft geſagt,“ erwiderte Ro⸗ dach ſehr ernſt,„daß der junge Herr von Geldberg klüger ſei, als ſein Alter erwarten laſſe.“ Abel nahm die zu beſcheidene Miene an, durch welche der Stolz hindurchſieht. „Reines Compliment!“ flüſterte er;„aber laſ⸗ ſen Sie uns über die Sache mit Van Praet klar wer⸗ den. Jetzt haben wir Montag und unter zwei Ta⸗ gen erhält man keine Briefe aus Amſterdam. Wenn Sie nicht Donnerſtags den 8. Februar früh bei Van 180 Praet ſind, wird die Contreordre nicht zu rechter Zeit ankommen.“ „Nichts hindert mich,“ entgegnete Rodach, „Donnerſtags früh bei Van Praet zu ſein.“ „Sie haben keine Geſchäfte in Paris?“ „Durchaus keine. Ich bin erſt angekommen.“ Abel rieb ſich die Hände. „Deſto beſſer,“ ſagte er;„ſich fürchtete ein Hinderniß; jetzt habe ich Ihr Wort und fürchte nichts mehr. In unſerm Berathungszimmer habe ich ja geſehen, wie Sie eine Sache zu behandeln ver⸗ ſtehen und ich verwette meinen Kopf, daß Sie es durchſetzen.“ „Ich hoffe es auch,“ ſagte Rodach. „Nach Ihrer Rückkehr beſchäftigen wir uns mit unſern theuren Compagnonse, ich werde in Ihrer Abweſenheit den Weg bahnen.“ Rodach ſtand auf und warf den Reſt der Cigarre in den Kamin. „Ich rechne auf Ihre Geſchicklichkeit, werther Herr,“ ſagte er,„und ich werde thun was in mei⸗ nen Kräften ſteht.“ „Vergeſſen Sie nur nicht, daß Sie Donnerſtag den 8. Februar ſpäteſtens Mittags in Amſterdam ſein müſſen.“ „Ich werde morgen mit der Poſt abreiſen und verpflichte mich am nächſten Donnerſtage an der 181 Thüre des würdigen Van Praet anzuklopfen, ehe die Mittagsſtunde geſchlagen hat.“ „Wünſchen Sie, daß ich Sie bis zur erſten Station begleite?“ fragte Abel. „Wenn es Ihnen nicht zu viel Beſchwerde macht, nehme ich es mit Dank an.“ „So überzeuge ich mich, daß er wirklich reiſet,“ dachte Abel.„Ich bringe Ihnen,“ ſetzte er laut hinzu,„meine Vollmacht und alle Papiere mit und gebe Ihnen die letzten Nachweiſungen, die Ihnen von Nutzen ſein können. Alſo morgen, werther Herr.“ „Morgen.“ Die beiden neuen Compagnons drückten einan⸗ der die Hand und der Baron von Rodach entfernte ſich. Als er fort war, rieb ſich der junge von Geldberg mit triumphirender Miene die Hände und rief aus: „Welche Laſt weniger! Und der gute Mann mit ſeiner ernſthaften Miene und angenommenen Kälte hält ſich vielleicht für wer weiß wie klug! Es iſt doch wahr, daß ich ihn zu allem gebracht habe, was ich erreichen wollte.“ Er lachte macchiaveliſtiſch und betrachtete ſich in dem Spiegel, um zu ſehen, ob er eine Aehnlichkeit mit dem Fürſten von Talleyrand habe. Rodach hatte das Zimmer Abels von Geldberg ſeit ungefähr zehn Minuten verlaſſen und er ging Arm in Arm mit dem Ritter von Reinhold auf einer kleinen Terraſſe auf und ab, welche mit der Woh⸗ nung des letztern in Verbindung ſtand. Sie ſetzten eine bereits begonnene Unterredung fort. „Ich wußte wohl, daß wir uns ganz gut ver⸗ ſtändigen würden,“ ſagte der Ritter.„Zuerſt be⸗ ſitzen Sie zu viel Geiſt, um nicht ganz meiner Mei⸗ nung über den einfältigen Abel und den unglückli⸗ chen Doctor zu ſein, der mir immer wie ein Verrä⸗ ther in einem ſchauerlichen Theaterſtücke vorkommt. Man muß ſie durchaus beide beſeitigen. Zweitens ſind Sie zu geſchickt, um nicht die große Bedeutung dieſes Schrittes bei Nanos Georgyi zu erkennen. Aber es reicht nicht hin alles dies anzuerkennen und die Zeit drängt gewaltig.“ „Ich ſehne mich zu handeln,“ antwortete Rodach. „So iſt es Recht. Mir iſt es nicht zweifelhaft, daß der Herr Nanos und Van Pract ſich mit einan⸗ der verabredet haben, um uns gleichzeitig anzugrei⸗ fen. Beide haben den 10. dieſes Monats als letzten Termin feſtgeſetzt. Wenden wir den Schlag ab, der mich angeht und laſſen wir den Gimpel von Abel ſich herausziehen wie er es vermag. Er wird freilich 183 gegen die Verfolgung ſeines dicken Holländers nichts thun können und ſo wird es uns um ſo leichter wer⸗ den, ihn zu vernichten.“ „Das iſt ſehr wahrſcheinlich.“ „Aber wir dürfen auch nicht ſchlafen, denn wir haben eben nur noch ſo viel Zeit als gerade nöthig i*ſt und Sie ſollten eigentlich in London ſein, Baron, warten Sie..“ Er zählte an den Fingern ab, dann fuhr er fort: „Donnerſtag den 8. Februar vor Mittag.“ „Allerdings,“ ſagte Rodach. „Nun überlegen wir uns die Sache.. Haben Sie kein Hinderniß?“ „Ich bin eben aus Deutſchland angekommen und habe noch Niemand geſehen.“ „Sie können mir alſo die Verſprechung geben?“ „Ich kann mich völlig verpflichten,“ unterbrach ihn Rodach,„Donnerſtags den 8. Februar vor Mittag in London zu ſein.“ Paul Feval'’'s Werke. Deutſſch von Dr. A. Diezwmanu. Sechſter Band. Leipzig: Otto Wigand. (Eigenthum der Vereins⸗Verlagsbuchhandlung.) 1846. Der Sohn des Teufels. Von Paul Feval. 3 Deutſch von A. Diezmann. Sechſter Band. Leipzig: Otto Wigand. (Eigenthum der Vereins⸗Verlagsbuchhandlung.) 1846. Vierttes Kapitel. Der Kitter RKeinhold. Der Doctor Joſe Mira und Abel von Geldberg hatten ſicherlich gute Gründe gehabt, um ſich den Beiſtand des Barons von Rodach zu ſichern. Mira fühlte ſich ſchwach einer funfzehnjährigen Liebe ge⸗ genüber, die um ſo mächtiger war, je länger ſte ge⸗ dauert hatte und da ſie in einem ſonſt leeren Herzen thronte, in welchem jedes andere Gefühl erloſchen war. Abel wollte in Paris bleiben, wo ihn ſeine Tänzerin und ſeine Pferde, dann aber auch die Be⸗ ſorgniß zurückhielten, ſeine beiden würdigen Com⸗ pagnons könnten in ſeiner Abweſenheit irgend einen ſchlimmen Streich ausführen. Der Doctor und Abel ſahen überdies ein, daß ſich das Haus ganz in den Händen des Barons be⸗ finde. Der bedeutende Vorſchuß, den er gegeben 6 hatte, ohne dazu genöthiget worden zu ſein, gab ihnen eine hohe Meinung von ſeinem Vermögen und ließ zugleich eine Gutmüthigkeit bei ihm vermuthen, von welcher man leicht würde Vortheil ziehen kön— nen. Daher ſchrieben ſich ihre Verbindungsanträge, die keineswegs, wie alles übrige, eine Comödie wa⸗ ren. Abel und Mira wünſchten vielmehr aufrichtig, ihre angegriffene Schwäche durch die Kraft dieſes Mannes zu ſtützen, der reich und feſt zu ſein ſchien. Aber weder Abel noch Mira hatten dabei ſo drin⸗ gende Gründe als die waren, welche den Ritter von Reinhold beſtimmten. Dieſer befand ſich ganz in derſelben Lage wie ſie, hatte aber außerdem eine ſchwierige Sache zu ord⸗ nen, deren wirkliche Gefahren ſeine Feigheit noch übertrieb. Die Schlappe, welche er in dem Duell Verdiers mit dem jungen Franz erfahren hatte, min⸗ derte ſein Selbſtvertrauen bedeutend und ließ Verle⸗ genheiten beſtehen, von denen er ſich befreien zu kön⸗ nen gehofft hatte. Er war krank im Geiſte und ſah ſo viele Schwierigkeiten ſich auf ſeinem Wege erhe⸗ ben, daß die Entmuthigung ſich ſeiner bemächtigte und er durchaus einen Beiſtand brauchte. In dieſem Augenblicke, wo ſeine Geiſtesſchwäche durch das Mißlingen verdoppelt war, bekam er bei dem bloßen Gedanken an den Kampf mit Yanos Georgyi den Schwindel und die Reiſe nach London 7 erſchreckte ihn dermaßen, daß er, ehe er ſie unter⸗ nommen, lieber mit verſchränkten Armen dem Sturze des Hauſes Geldberg zugeſehen hätte. Dieſer Ungar Yanos Georgyi war ein fürchterlicher Menſch. Zwanzig Jahre hatten ſeine kampfluſtige Natur nicht verändert. Er hatte zwar Vermögen erworben, aber ſeinen aufbrauſenden Zorn behalten und verſtand einen Streit nicht anders als mit dem Degen auszu⸗ gleichen. Er hatte ſich dadurch in London ſogar eine Art Ruf erworben und war gefuͤrchtet und be⸗ kannt wegen ſeiner langen Piſtolen. In der engli⸗ ſchen Stadt, in welcher jede Seltſamkeit gewürdiget wird, bewunderte man den Kaufmann, der funf⸗ zig Duelle, aber keinen Prozeß gehabt hatte. Der arme Ritter von Reinhold hätte lieber fünf⸗ hundert Prozeſſe als einen einziges Duell gehabt und er konnte ſich alſo vor Freuden kaum laſſen, als er ſah, daß der Baron von Rodach ſo leicht in ſeine Anträge einging. Ein prächtiger Mann dieſer Ba⸗ ron! Er bezahlte die Schulden des Hauſes, verſprach Geld für das große Feſt in dem deutſchen Schloſſe, welches gleichſam das va-tout des gewagten Spieles der Compagnons Geldberg war, rühmte ſich eines Tages die Ungeſchicklichkeit Verdiers wieder gut ma⸗ chen zu wollen und übernahm endlich eine gefähr⸗ liche Sendung, die wohl gelingen konnte, die aber ſicherlich ohne Wunden nicht abging. Und alles VI. 2 8 dies, um Forderungen zu erhalten, die man ſicher⸗ lich nicht bezahlte, wenn das Glück des Hauſes ein⸗ mal wieder hergeſtellt war. Zwar drohete der Herr von Rodach bisweilen und er hatte Waffen, die nicht zu verachten waren, aber er wollte ja keinen Gebrauch von denſelben machen und der Edelmü⸗ thige half, ſtatt anzugreifen. Im Herzen verhöhnte und verſpottete ihn Reinhold und lachte ſich ins Fäuſtchen. „Sie, Herr Baron,“ ſagte er,„haben offen⸗ bar die ſtarke und ſchwache Seite unſerer Stellung Ihnen gegenüber vollkommen erkannt. Andere wür⸗ den thörichterweiſe ſtrenge Maßregeln verſucht ha⸗ ben; Ihr hoher Verſtand zeigte Ihnen aber das Ge⸗ fährliche derſelben. Auf dem Wege, den Sie ein⸗ ſchlagen, werden Sie ſicherlich nicht nur vollſtändige Bezahlung erlangen, ſondern überdies einer der Chefs des Hauſes Geldberg werden, das hoffentlich deren bald nur zwei kennt, Sie, Herr Baron, und mich.“ „Ich wünſche nichts mehr,“ antwortete Rodach. „Vortrefflich!“ dachte Reinhold.—„Man kommt jetzt,“ fuhr er laut fort,„in 36 Stunden nach London, aber Niemand kann ſicher auf das Meer rechnen und um gewiß zu rechter Zeit anzu⸗ kommen, dürften Sie wohl thun, ſchon morgen früh abzureiſen.“ 9 „Ich habe in Paris nichts Dringendes zu ſchaf⸗ fen,“ antwortete der Baron;„die wenigen kleinen Geſchäfte, die ich beſorgen will, werden mich kaum heute Abend beſchäftigen und ich reiſe ab wann Sie es wünſchen.“ Reinhold drückte ihm ſtark den Arm. „Wirklich, Baron, Sie ſind zu bewundern,“ ef er aus;„immer bereit! Niemals Hinderniſſe! Wie wird alles vortrefflich gehn, wenn wir beide die Geſchäfte des Hauſes leiten! Ich meines Theiles fühle mich nicht blos geneigt, Ihr Compagnon, ſon⸗ dern Ihr Freund in der vollen Bedeutung des Wor⸗ tes zu ſein.“ Reinhold ſprach dies mit wirklicher Wärme des Gefühls aus. In den Muskeln des Barons von Rodach zuckte es dagegen leicht, während er bis da— hin vollkommen ruhig geblieben war. Seine Augen⸗ lider ſenkten ſich, aber nicht ſo ſchnell, daß ſie den Blitz ganz verſteckt hätten, der in den Augen auf⸗ leuchtete. Es währte indeß nur eine Secunde und der Ritter von Reinhold hatte nicht Zeit es zu be— merken. Er bemerkte nur den ſeltſamen Ton, den die Stimme des Barons hatte, als derſelbe antwor⸗ tete: „Es iſt immer gut, Herr von Reinhold, wenn Compagnons auch Freunde ſind und es ſteht dem nichts entgegen, daß ich der Ihrige werde.“ 2* ri 1 10 Der Ritter ſah mißtrauiſch auf, ſo ſehr ſtach der Ton des Barons von dieſen freundlichen Worten ab. Er erwartete faſt einen feindlichen Ausdruck und drohende Blicke zu ſchauen. Aber die Züge des Barons hatten eben ihre kalte Unbeweglichkeit wie⸗ der erlangt. „Ehe wir uns trennen,“ fuhr er fort,„werde ich Sie erſuchen, mir alle nöthigen Nachweiſungen, die ich bei der Reiſe nach London brauche, ſo wie die Papiere zu geben, die auf den Auftrag Bezug haben.“ Reinhold begab ſich in ſein Zimmer und trat an ſeinen Secretair, aber in dem Augenblicke, als er den Schlüſſel in das Schloß ſteckte, ſchien ihn ein Gedanke zurückzuhalten. „Das wird lange dauern,“ ſagte er endlich; „die Rechnungen ſind etwas verwickelt.. Ich glaube einige Worte über eine gewiſſe Heirath ge⸗ ſprochen zu haben, die für mich von großer Wichtig⸗ keit iſt.. Ich ſtehe bei dem Mädchen und beſonders bei der Mutter in der ganzen Gunſt, die es nur im⸗ mer in der Bräutigamszeit geben kann.. Eben ſchlägt die Stunde, in welcher ich täglich meinen Beſuch bei der Frau Vicomteſſe von Audemer zu machen pflege.. Haben Sie etwas dagegen, wenn ich Sie erſuche, mir heute Abend noch einige Augenblicke zu ſchenken?“ 11 „Das iſt mir nicht möglich,“ antwortete Ro⸗ dach.„Die Reiſe, auf welche ich gar nicht rech⸗ nete, wird mich bis tief in die Nacht hinein beſchäf⸗ tigen.“ „Wenn Sie mir Ihre Adreſſe geben wollen, ſo werde ich in der Nacht, wann Sie wollen, zu Ihnen kommen.“ Der Baron antwortete nicht gleich. „Lieber Herr,“ ſagte er endlich,„ich bin ein eigener Menſch, habe es gern, wenn ich auf der Reiſe ganz frei bin und gebe alſo niemals meine Adreſſe.“ Auf das Geſicht des Ritters trat ein böswilliges Lächeln und er drohete mit dem Finger. „Irgend ein Liebeshandel, ich wette!“ rief er aus.„Wir wiſſen wohl, daß es ſchoͤne Damen in Deutſchland giebt und der Herr Baron iſt ohne Zweifel nicht allein.“ „Ich erlaube Ihnen zu denken was Ihnen be⸗ liebt, Herr Ritter.“ „Ich bitte um Vergebung, wenn ich unbeſchei⸗ den war; aber Sie müſſen doch die Dokumente vor Ihrer Abreiſe erhalten.“ Er dachte einige Minuten nach. „Ich wüßte wohl, wie die Sache ſich einrichten ließe,“ ſagte er dann,„aber ich fürchte Sie zu ſtören..“ „Laſſen Sie hören.“ „Die Diligence geht von hier bis Boulogne ſchneller als die Eilpoſt..“ „Ich werde mir ſogleich einen Platz beſtellen.“ „Wenn Sie nichts dagegen haben, begleite ich Sie zur Poſt und wir ſprechen unterwegs von unſe⸗ rer Angelegenheit.“ Reinhold dachte eben ſo wie Abel von Geldberg: „ich bin ſo meines Mannes ſicher und er kann mir nicht entgehen.“ Aber Rodach hatte gar nicht Luſt, ſich dieſer Prüfung zu entziehen. „Das trifft ſich vortrefflich,“ antwortete er; „ich werde morgen früh bei guter Zeit bei Ihnen ſein und wir reiſen mit einander ab.. Jetzt aber will ich Sie nicht länger von Ihren Geſchäften ab⸗ halten und wünſche Ihnen nur noch alles Glück.“ Er ging nach der Thuͤre zu und Reinhold beglei⸗ tete ihn; er wollte ſogar bis in den Hof mitgehen. Sie gingen die Haupttreppe hinunter und durch das Comptoir, wo die Angeſtellten ſich eben anſchickten ſich zu entfernen. Im Vorzimmer ſaß nur noch eine Perſon und Klaus ging fortwährend in ſeinem ſchwarzen Frack auf und ab. Die Perſon, welche noch immer wartete, ſaß in der fernſten Ecke. Es war die arme Mutter Reg— nault, die ſeit drei Stunden ſchweigend und unbe— 13 weglich da ſich aufgehalten hatte. In dem Augen⸗ blicke, als Rodach und der Ritter durch das Comp⸗ toir ſchritten, hatte Klaus der Mutter Regnault eben, vielleicht zum zwanzigſten Male, wiederholt, daͤß ſie den Ritter ſchwerlich ſehen würde. Die alte Frau antwortete nicht und blieb, wie in Verzweiflung ver⸗ ſunken, an einer und derſelben Stelle, ſo daß Klaus zu fürchten anfing, ſie wolle gar in dem Vorzimmer ſchlafen. Die arme Frau hatte während ihrer Anweſenheit oftmals die Comptoirthüre ſich öffnen und immer fremde Geſichter auf der Schwelle erſcheinen ſehen. Bei jeder neuen Prüfung dachte ſie bei ſich: wenn der nächſte, der erſcheint, er nicht iſt, gehe ich fort. Aber der nächſte, welcher erſchien, war ſtets ein Fremder und die arme Mutter blieb dennoch. Es war ihr als gebe ſie ihre letzte Hoffnung auf, wenn ſie dieſes Haus verließe. Draußen erwartete ſie un⸗ vermeidlich die Schande und das Leiden im Gefäng— niſſe. Als jetzt die Thüre ſich öffnete, ſchlug die Frau raſch die vom Weinen müden Augen aufV; ſie glaubte zu träumen; ihr ganzes Blut trat ihr ins Geſicht; ſie richtete ſich auf und faſt hätte ſie vor Freuden laut aufgeſchrieen. Reinhold und Rodach ſahen gleichzeitig nach dem Winkel, in welchem ſie einen halb erſtickten Ruf 14 hörten und erblickten die alte Frau, welche ihnen ihre zitternden Hände entgegenſtreckte. Das Geſicht des Ritters wurde leichenblaß und er blieb ſtehen, als hätte er auf eine Schlange ge⸗ treten. Rodach hatte ſogleich die alte Frau erkannt, die früher gleichzeitig mit ihm gewartet; aber er dachte ſich nichts dabei; erſt als er den Ritter anſah, fiel ihm die Bläſſe deſſelben auf. Was konnte dieſe plötzliche Verlegenheit verurſachen, wenn nicht die alte Frau? Rodach betrachtete ſeinen Begleiter noch⸗ mals und aufmerkſamer und wendete ſodann die Augen wiederum auf die Frau, deren Geſicht eine undeutliche Erinnerung in ihm weckte. Er zweifelte nicht, daſſelbe ſchon früher einmal geſehen zu haben. Die Frau betrachtete den Ritter mit Thränen in den Augen und dieſer rührte ſich nicht. Er heftete ſeine Blicke an den Boden, als ſtehe das Meduſen⸗ haupt vor ihm. Klaus war am andern Ende des Vorzimmers ſtehen geblieben und bemühete ſich vergebens die ernſte und gleichgiltige Miene beizubehalten, die er gleichzeitig mit ſeinem ſchönen ſchwarzen Fracke an⸗ zulegen pflegte. Er betrachtete mit großen verwun⸗ derten Augen von weitem dieſe ſtumme Scene und fragte ſich, was wohl der ſo ſtolze, ſo reiche, ſo rückſichtsloſe Ritter von Reinhold mit der unglückli⸗ chen Alten gemein haben könne, die kaum ihn, Klaus, anzureden gewagt habe. Frau Regnault war mit ihrem demüthigen Weſen und abgeſchabten Kleide in ſeinen Augen nicht mehr als eine Bettlerin. Wie alſo ließ ſich der merkwürdige Eindruck erklä⸗ ren, den ihr Anblick auf einen der Compagnons des mächtigen Hauſes Geldberg hervorbrachte? Ein Irr⸗ thum war gar nicht möglich, denn außer ihm war nur die alte Frau in dem Zimmer, alſo mußte der Ritter von Reinhold über ſie ſo ſehr erſchrocken ſein. Klaus konnte indeß ſich ſelbſt ſo viel fragen als er wollte, ſein Geiſt gab ihm keine Antwort; er ſtand da wie ein Pfahl, ließ die Arme an dem Körper her⸗ unterhängen und die Augen quollen ihm weit aus dem Kopfe heraus. Je länger das Schweigen und die Unbeweglich⸗ keit dauerten, um ſo ſichtbarer wurde die Unbehag⸗ lichkeit und Verlegenheit Reinholds. Seine faſt weiß gewordenen Lippen zuckten leicht und ſein Ge⸗ ſicht, in dem ſich mit einemmale tiefe Runzeln zeig⸗ ten, bedeckte ſich bald mit glühender Röthe, bald mit leichenhafter Bläſſe. Die alte Frau hielt ſich mit der einen Hand an der Wand an und drückte die andere auf die keu⸗ chende Bruſt. Sie war zu ſchwach gegen die ſchmerzlichen gewaltigen Gefühle, welche ihr Herz erſchütterten; ihre Kniee wankten und in den Run⸗ 16 zeln ihrer Wangen liefen Thränen herunter. End⸗ lich öffneten ſich ihre Lippen halb und ſie ſprach halb laut mit klagender und gebrochener Stimme einen Namen aus. Der Baron von Rodach horchte bei dieſem Na⸗ men auf, denn dieſer machte mit einem Male das Dunkel für ihn hell. Der Ritter wollte ſich ſtellen als habe er nichts gehört, aber ſeine Angſt ſteigerte ſich fortwährend und unter ſeinem falſchen Haar drangen Schweiß⸗ perlen hervor. Die alte Frau hielt ſich noch eine Secunde lang aufrecht, dann ſeufzete ſie in herzzer⸗ reißender Weiſe, wankte und fiel wie leblos auf die Bank zurück. Rodach eilte hinzu, um ihr beizuſtehen und eine Minute lang hielt er ſie in ſeinen Armen. Reinhold rührte ſich nicht. Als die Alte ſich wiederum ein wenig erholt hatte, neigte ſich Rodach nach ihrem Ohr und fragte leiſe: „Sie ſind Mad. Regnault?“ Sie nickte. „Arme Mutter!“ entgegnete Rodach und tiefes Mitleid ſpiegelte ſich in ſeinen Augen. „Herr Ritter,“ ſagte er ſodann laut indem er wieder in die Mitte des Vorzimmers trat,„ich werde nicht zugeben, daß Sie mich weiter begleiten.. Die 17 alte Frau da möchte gern mit Ihnen ins Geheim ſprechen und ich laſſe Sie mit ihr allein.“ Die Augenlider Reinholds hoben ſich, um dem Ritter einen durchbohrenden Blick zuzuwerfen. Er ſchien in den Worten Rodachs einen verborgenen Sinn zu ſuchen, aber das Geſicht des Barons war ſo ernſt und ruhig wie immer. „Ich kenne die gute Frau,“ fuhr er fort, indem er ſich zum Abſchiede verbeugte;„ſie iſt eine Trödle⸗ rin aus dem Temple und heißt Madame Regnault. Sie iſt unglücklicher als ich es Ihnen beſchreiben kann und wenn meine Empfehlung etwas bei Ihnen gilt, ſo bitte ich Sie inſtändig, Herr Ritter, ſie nicht ungehört abzuweiſen.“ „Gewiß, Herr Baron,“ ſtammelte Reinhold, der nicht wußte was er ſagte. Als der Baron ſchon faſt an der Thüre war, nickte er Klaus leicht zu und dann erſt ſchritt er hin— aus. Draußen in dem Corridor, der ebenfalls eine Art Vorzimmer bildete, blieb er einen Augenblick nachdenkend ſtehen und horchte nach dem was hinter ihm vorging. Er hatte ſtolzer das Haupt erhoben, runzelte die Augenbrauen und die feinen Linien ſeines Mundes drückten die tiefſte Verachtung aus. In dem Zimmer, das er verlaſſen hatte, blieb Alles ſtill. Er wartete noch einen Augenblick und dann legte er die Hand auf den Drücker einer Thüre 18 neben ihm. Es war nicht diejenige, welche in den Hausflur führte und der Baron bemerkte in ſeiner Zerſtreutheit nicht, daß er in ein unbekanntes Zim⸗ mer trat. Er glaubte, der Flur komme nach dieſem Zimmer und ſchritt hindurch, ohne einen Blick auf die Ge⸗ genſtände umher zu werfen. Dann öffnete er eine zweite Thuͤre und gelangte in einen nicht ſehr langen Corridor, der ſeiner Anſicht nach in den Hof führen mußte. Er war mit einem Teppiche belegt und ſtieß an eine Glasthüre, die innen ganz mit ſeidenen Vor⸗ hängen behangen war. Hinter der Glasthüre hörte er zwei weibliche Stimmen ſprechen und unter den Worten, die gewechſelt wurden, glaubte er mehr⸗ mals ſeinen Namen nennen zu hören. Fünftes Kapitel. Arme Mutter! Der Ritter von Reinhold blieb unbeweglich und wie betäubt ſtehen, nachdem der Baron ſich entfernt hatte. Die letzten Worte, die derſelbe geſprochen, hatten ſeine Verlegenheit auf das Aeußerſte getrie⸗ ben. Rodach hatte geſagt: Ich kenne dieſe Frau. War das wahr?— Es konnte wahr ſein.— Dieſer Rodach war jedenfalls ein ungewöhnlicher Menſch und es war Alles zu fürchten, wenn er in's Spiel kam. Es waren erſt einige Stunden vergangen ſeit er in das Haus Geldberg getreten und wie aus der Erde herauf in demſelben erſchienen; gleichwohl übte er bereits eine faſt unbeſchränkte Herrſchaft über die drei Compagnons aus. Er wußte Alles, die Ereigniſſe von geſtern und die längſt vergangenen; er hatte Geheimniſſe an's Licht gebracht, die ſeit 20 zwanzig Jahren begraben geweſen waren. Unter allen Lücken aber, die der Ritter von Reinhold ſo außerordentlich gern in der Geſchichte ſeines Lebens laſſen wollte, lag ihm eine beſonders am Herzen. Er hätte viel Geld darum gegeben, ſelbſt einige ſei— ner andern Geheimniſſe, um etwas zu verbergen, was ſich auf die arme Frau bezog, welche da in einem Winkel ſeines Vorzimmers unter der Laſt des Schmerzes zuſammen geſunken war. Seine Generalbeichte würde lang und ſchwer geweſen ſein. In der Schilderung ſeiner Handlun— gen von den Tagen ſeiner erſten Jugend an lag ſo viel Schmachvolles, daß eine eherne Stirn hätte erröthen müſſen; aber kein Geſtändniß würde für ihn ſo bitter geweſen ſein als das Geſtändniß ſeiner niedrigen Herkunft. Es beſchäftigte ihn keineswegs der Gedanke an einen Fehler oder an ein Verbrechen; es lag in ſei⸗ ner Angſt weder Reue noch Scham; in ſeinem Her⸗ zen empörte ſich nur ein kindiſcher Stolz und er litt nur an verletzter Eitelkeit. Aber dieſer Schmerz war entſetzlich und zum erſten Male ſeit vielen Jahren fühlte er wieder, daß ſein Herz heftig in ihm klopfte. Hatte der Baron, jener Mann, der die Gabe des Hellſehens zu beſitzen ſchien, das größte Geheim⸗ niß ſeines Gewiſſens errathen? Verlegen und unent⸗ ſchloſſen ſtand er da und hatte den Muth nicht, dem 21 Unvermeidlichen gegenüber zu treten, während er auf der andern Seite eben ſo wenig zu entfliehen wagte. Klaus fühlte undeutlich das Gefährliche ſeiner Lage als Zeuge dieſer für ſeinen Herrn höchſt unan⸗ genehmen Stellung; er wendete deshalb erſchrocken das Geſicht ab und würde den Gehalt eines Monats darum gegeben haben, wenn er ſich plötzlich durch Zauberei an das entgegengeſetzte Ende von Paris hätte verſetzen laſſen können. Die alte Trödlerin aus dem Temple bemerkte von allem dem nichts. Sie heftete auf den Ritter von Reinhold einen Blick, in welchem gleichzei— tig eine grenzenloſe Zärtlichkeit und ein ſtechender Schmerz lagen. Endlich bemerkte ſie die Abweſen— heit des Barons und dachte bei ſich: nun da er allein iſt, kommt er vielleicht zu mir. Und in ihrem ſchmerzerfüllten Herzen regte ſich von neuem die Hoffnung, eine ſchwache Hoffnung freilich, aber die Reiſenden haben ja auch mit Entzücken von einem Waſſertropfen geſprochen, mit dem ſie ihre vertrock— nete Kehle nach langem Durſte in der Wüſte benetzen konnten. In denen, welche lange gelitten haben, wirkt die Hoffnung in kleinen Doſen. Der Unglückliche, der an das Dunkel ſeines Kerkers gewöhnt iſt, hält ſchon den bleichen Schein der Dämmerung für die glänzende Sonne. 22 Die Trödlerin aus dem Temple wartete und die Thränen trockneten unter ihren Augenlidern. Sie wartete lange und in dieſen Minuten des Schwei⸗ gens erwachte eine Welt von Erinnerungen in ihrer Seele. Sie ſah ſich jugendlich und kräftig wieder, wie ſie einen blonden lächelnden Knaben an der Hand führte. Der Knabe war muthwillig und ſchien Neigung zu dem Böſen zu haben, aber welche Mutter glaubt an ſolche Andeutungen für die Zu— kunft? Sie ſah den Knaben heranwachſen und ſeine Kameraden in den lärmenden Vergnügungen auf dem Rotundenplatze beherrſchen; ſie ſah ihn ſodann zur Gelehrtenſchule gehen und wie ſtolz war ſie da auf ihn! Er war der erſte Regnault, der den Fuß in eine hohe Schule ſetzte.— Was ſagte man nicht Alles in den benachbarten Ständen! Der kleine Jacob ſei ſchon viel zu geſcheidt und er brauche durchaus nichts mehr zu lernen... Aber ſo ſprach der Neid. Ach Gott, wie lachte die arme Mutter damals über die böſen Prophezeihungen des Nei⸗ des! Das Kind wird ſich ſchon beſſern, ſagte ſie immer; wer im zwölften Jahre zu geſetzt iſt, wird im zwanzigſten blöde und im dreißigſten ſchwach⸗ köpfig. Die Kindheit muß ſich austoben.— Sie tobte ſich aus und verging. Jacob wurde ein hüb⸗ ſcher junger Burſche, der ſein Haar lockte und ſeine Taille zuſammenſchnürte ſo ſehr er konnte; er war 23 „der Löwe“ des Temple. In der Schule hatte er nicht viel gelernt, aber Bekanntſchaft mit einigen Kameraden gemacht, die reicher waren als er und der Vater Regnault vermißte bereits von Zeit zu Zeit Geld in ſeiner Caſſe.— Dann kamen die ſchlimmen Tage. Die arme Mutter ſah den unge⸗ horſamen jungen Mann nach einer Orgie in das Vaterhaus kommen und den Vorwürfen des alten Regnault, der ihn ſo ſehr liebte, frechen Spott ent⸗ gegenſetzen. Noch glaubte ſie die triumphirenden Beileidsbezeigungen ihrer Nachbarinnen zu hören, die zu ihr ſagten:„aber an Warnungen hat es nicht gefehlt, Frau Regnault. Wir haben Ihnen oft geſagt, daß Sie einmal Ihre Noth mit dem Bürſchchen bekommen würden.“ Wie lebhaft ſtanden alle dieſe Erinnerungen jetzt vor ihrer Seele! Dann folgte die erſte Wunde, welche dieſer ſchlechte Sohn dem Mutterherzen geſchlagen hatte: die Flucht Jacobs mit dem geſammten Gelde des Hauſes, die Krankheit und der Tod des Vaters Regnault und ſeitdem Unglück, immer Unglück.— Und dieſen Sohn, der ſie ſo grauſam gekränkt, den Sohn, der für ſie und ihre Familie ein lebendiger Fluch geworden war, ſah ſie nach zwanzig Jahren wieder, nach zwanzig Jahren der Noth und des Elendes, die ſein Werk geweſen. Gleichwohl ſchlug VI. 3 24 ihr armes Mutterherz ihm inbrünſtig entgegen; ſie liebte ihn ſo ſehr und mehr noch als in der ſo weit entlegenen Zeit, da ſie glücklich geweſen war. Der Sohn war ein Mann, faſt ein Greis geworden; kein anderes Auge als das der Mutter würde ihn wieder erkannt haben. Die Mütter ſehen durch die Vergangenheit. Die alte Frau erkannte in dem kräf⸗ tigen unterſetzten Manne den ſchlanken Knaben, dem ſte ſo oftmals lächelnd nachgeſehen hatte und hinter den Runzeln dieſes Geſichts erblickte ſie noch die rothen vollen Wangen des achtzehnjährigen Jüng⸗ lings. Es war ihr Jacob, ihr Lieblingsſohn. So dachte ſte. Ihre Seele erwachte und ver⸗ jüngte ſich; die lange Noth erſchien ihr als ein ſchmerzlicher und lügenhafter Traum. Nach einigen Minuten verſchwand die Wirklichkeit ganz vor ihr und eine theuere Illuſton verſetzte ſie in eine Art Verzückung. Sie faltete die Hände; aus ihren Augen floſſen Thraͤnen und ohne es zu wiſſen flü⸗ ſterte ſie leiſe: „Jacob! Jacob! Mein armer Sohn!“ Das waren die erſten Worte, welche ſie aus⸗ ſprach. Der Ritter zuckte zuſammen, als wäre er plötzlich von einem elektriſchen Schlage getroffen worden. Sein Blick irrte vorſichtig und furchtſam in dem ganzen Vorzimmer umher und haftete endlich auf Klaus, der ſich ſtellte, als ſehe er nichts. „Gehen Sie!“ ſprach er mit halberſtickter Stimme und ſo leiſe, daß es Klaus nicht verſtand. Sein bleiches Geſicht wurde purpurroth. Verſtehen Sie mich?“ rief er, indem er zor⸗ nig die Fauſt ballte;„fort! fort!“ Klaus lief entſetzt davon und wagte nicht zurück⸗ zublicken. Der Ritter ging, als hätte er nur auf dieſen Augenblick gewartet, mit beſchwerlichem Schritte nach der Comptoirthüre zu, konnte ſie aber nicht erreichen und mußte ſich auf der Bank niederlaſſen. Seine Augenbrauen waren gerunzelt und ſein ohn— mächtiger Zorn zog ſeine Lippen zuſammen. Auch legte er die Hand auf die Augen, als wären die geſchloſſenen Lider nicht hinrrichent geweſen, die Umgebung von ſeinem Blicke auszuſchließen. Die Mutter Regnault war ſehr alt und das Alter wie die Noth hatten ihre Geiſteskräfte geſchwächt. Die zu ſtarke Gefühlserregung brachte ſie in eine Art ſtillen Irrſinns. Sie hatte den nti hi e Blick der Mütter, welche das erſte Zeichen eines Leidens bei einem geliebten Sohne erblicken und um ihre farb⸗ loſen Lippen irrte ein gerührtes Lächeln. „Armer Jacob!““ flüſterte ſie nochmals. Die Illuſion weckte ihre Erinnerungen von fünf⸗ undzwanzig Jahren noch lebendiger auf und ſie ſah in dem Ritter von Reinhold nur noch den Sohn des 3* „V 26 Temple, der ſein Geſicht mit den Händen bedeckte und den ſie tröſten müßte. Sie ſtand geräuſchlos auf; ihre Füße zitterten zwar, aber ſie bemerkte es nicht. An die Wand ſich ſtützend ging ſie an der Bank hin und gelangte bis zu dem Ritter. Dieſer grübelte und ſann, um ein Mittel zu entdecken, die⸗ ſer für ihn ſo ſchrecklichen Lage ein Ende zu machen, aber er fand keins. Er hörte aber auch den leiſen Tritt der alten Frau nicht, die ſich einige Schritte von ihm auf die Bank ſetzte. So betrachtete ſie ihn mit gierigem Blicke und rückte ihm allmälig näher, als wenn eine unſichtbare Hand ſie nach ihm hinziehe. Als ſie dicht an ihm war, erhoben ſich ihre Hände und öffneten ſich, um ihn zu berühren; aber ſie wagte es noch nicht. Zwei oder drei Secunden ſaß ſie ſo, mit ausgeſtreckten Fingern dicht an der Achſel des Ritters, unbeweglich, ſtumm und faſt athemlos da. Dann hob ſich ihre bedrückte Bruſt plötzlich und ihre Augen füllten ſich von Neuem mit Thränen. „Jacob,“ ſagte ſie,„Du leideſt, mein lieber Jacob.“ Reinhold fuhr entſetzt zurück. Seine weit auf— geriſſenen Augen drückten Grauen, faſt Wahn⸗ ſinn aus. „Ich habe Dich ſeit langer Zeit nicht ſo nahe geſehen,“ fuhr die Mutter Regnault fort;„aber 27 ich würde Dich immer erkannt haben und wenn Du Dich noch mehr verändert hätteſt, mein Jacob, mein geliebter Sohn. Ach, wenn Du wüßteſt, wie ſehr ich Dich liebe!“ Reinhold ſah ſie geblendet, wie bezaubert, an, aber er antwortete nicht. Die alte Frau ſtrich mit dem Rücken ihrer Hand über ihre Stirn. „Ich weiß nicht mehr, warum ich gekommen bin,“ murmelte ſie vor ſich hin.„Ach, Jacob, wie gut iſt Gott, da er mir erlaubte, Dich noch einmal zu ſehen, ganz nahe bei Dir zu ſein und mit Dir zu ſprechen, wie in der Zeit, als Du mich Mutter nannteſt.“ Sie ſah Herrn von Reinhold immer an, ſchien ihn aber nicht ſo zu ſehen, wie er vor ihr ſaß; es lag gewiſſermaßen ein trügeriſcher Schleier zwiſchen ihr und der Wirklichkeit. Das unnatürliche Ent⸗ ſetzen des Ritters, ſein Widerſtreben und die Angſt, die ſeine Wangen gebleicht hatte, entging der alten Frau, oder ihre fieberhafte Aufregung verwandelte wenigſtens alles dies in ihren Augen. Sie ſah nicht die traurige Gegenwart, die ſchmerzliche Wahrheit, ſondern ihre ehemaligen Hoffnungen, die eine Ge⸗ ſtalt erhielten. „Jacob,“ fuhr ſie fort,„ich bin oftmals bis an die Thüre des Hauſes gekommen. Ich ſuchte in dem großen Hofe, wo koſtbare Equipagen mit präch⸗ t gen Pferden ſtanden. Iſt dies Alles Dein, mein Sohn? Ich ſah nach den Fenſtern hinauf, an denen geſtickte Vorhänge, Sammt und Seide hingen. Bei uns, Jacob, in dem Stübchen, in welchem Du geboren wurdeſt, hat man nie Sammt und Seide geſehen; ſonſt aber glänzten an den Fenſtern weiße Muslingardinen. Jetzt freilich, mein Sohn, ſind ſie abgenutzt und der Kattun hat ſo viele Löcher, daß er die Leere unſrer Wohnung nicht mehr bergen kann. Ich ſagte aber immer: wenn es Jacob wüßte, würde er in das Haus ſeines Vaters kom⸗ men und uns helfen. Ich wagte nur nicht hereinzu⸗ kommen, weil ich fürchtete, Du würdeſt Dich ſchä⸗ men. Als ich die ſchönen Röcke Deiner Diener ſah, verlor ich den Muth und hielt mich für zu arm, um ſie anreden zu dürfen.“ Reinhold ſeufzete tief; er befand ſich auf der Folter. „Andere Male,“ fuhr die alte Frau fort, „wartete ich auf der Straße auf Dich. Ich kenne die Orte, wo Du vorübergehſt, und oft fiel Dein zerſtreuter Blick auf mich, die ich mich verſchämt in der Menge verbarg. Aber mein Herz klopfte und meine Augen, die ſo viel geweint haben, fanden wieder Thränen.“. Sie lächelte wie die Glücklichen, die von ver⸗ 29 gangenen Schmerzen, erzählen. Es war ihr als wären ihre Leiden vorüber und als denke ſie gern an ihre überſtandene Noth. Der Ausdruck des Geſichts Reinholds änderte ſich langſam; ſeine Unruhe ſchwand, um der Ungeduld und dem Zorne Platz zu machen. Seine Lippen hatten bis jetzt noch kein Wort geſprochen. Die alte Trödlerin wendete ihre Augen von ihm nicht ab und ſie ſahen vielleicht einen liebenden Sohn, dem die Reue und Rührung die Sprache genommen. Sie hatte ſeit dreißig Jahren gelitten und träumte nun im Wachen. Aber mitten durch ihr Glück ſchritt plötzlich ein trauriger Gedanke. Ihre Stirn verdüſterte ſich wieder und ſie ſchlug die Augen nieder. „Ach, Jacob,“ ſagte ſte,„wie viele Tage lie— gen in dreißig Jahren! Und kein einziger iſt ver⸗ gangen, in dem ich nicht Deinen Namen im Gebete genannt hätte. Du haſt uns großes Leid zugefügt, mein Sohn, aber Dein Vater verzieh Dir auf ſei⸗ nem Sterbebette und ich hatte Dir ſchon vor Dei⸗ nem Vater verziehen. Deine Brüder und Schwe⸗ ſtern, Alle, die wir liebten, ſind dahin. Der Name Regnault ſteht auf vielen Kreuzen auf dem Fried⸗ hofe..* Aber nicht aus böſen Herzen biſt Du nicht 30 zu uns zurückgekommen, gewiß nicht; Du wußteſt es nicht.“ Reinhold wendete das Geſicht ab und nahm jene Miene der Ergebung an, welche den höchſten Ver⸗ druß anzeigt. „Nein, nein,“ flüſterte die Mutter Regnault, deren Stirn ſich mehr und mehr verdüſterte,„nicht deshalb haſt Du mir ſo großes Leid gethan. Es ſind viele Deutſche im Temple und ich wußte, daß Du in Deutſchland geweſen warſt. Immer fragte und erkundigte ich mich nach Dir. Und wenn Du wüßteſt, was ich erfahren habe, mein armer Sohn!“ Der Ritter horchte und ſein Blick wurde auf⸗ merkſam. Sein Gehirn arbeitete ſeit einigen Minu⸗ ten, um einen Rückzugsweg zu entdecken. Wir kön⸗ nen nicht ſagen, daß ihn die Anweſenheit ſeiner Mutter ganz ungerührt ließ, aber ſeine Rührung, wenn er etwas davon empfand, ging nicht ſo weit, daß er das Unglück der Familie beklagte. Er hatte kein Herz. Was für einen Andern eine entſetzliche Pein geweſen wäre, war für ihn nur eine gewöhn⸗ liche Strafe, gleichſam ein Ziegel, der ihn auf den Kopf fiel. Die letzten Worte der Frau Regnault unter⸗ brachen ſein Nachdenken; er horchte auf. „Lange glaubte ich, es wären Verläumdungen,“ 31 fuhr die alte Frau fort,„und ich glaube es noch, da ich Dich wieder ſehe, mein Sohn. Die Leute, welche aus Deutſchland kamen, ſagten mir, Du hätteſt durch verbrecheriſche Mittel Vermögen erwor⸗ ben. Ach Gott, wie oft habe ich mein Leben hin⸗ geben wollen, um die Vergehen meines Kindes zu ſühnen!.. Man ſagte mir, Du hätteſt zu einer Mördergeſellſchaft gehört und das Geld habe Dich Blut gekoſtet..“ Die Augenlider des Ritters zitterten und er zuckte die Achſeln. „Das iſt nicht wahr, gewiß nicht,“ ſprach die alte Frau in leidenſchaftlicher Zärtlichkeit weiter. „Du haſt den Namen Deines Vaters nicht befleckt und niemals geſtohlen, ſo wenig als wir..“ Dieſe ſtechenden Worte waren in dem Munde der Mutter Regnault nicht einmal ein Vorwurf, denn ſie fuhr gleich darauf fort: „Uns, mein Sohn, konnteſt Du alles nehmen, weil doch alles, was wir hatten, Dir gehörte. Die, welche Dich beſchuldigten, haben gewiß gelogen und ich bedauere die Thränen, die ich vergoſſen habe. Weiß ich denn nicht, daß ſie immer neidiſch auf Dich waren! Du warſt ja der Gelehrteſte und der Schönſte. Das konnten ſie Dir nicht verzeihen, mein armer Jacob und ſo ſagten ſie mir, Du wärſt ein Böſewicht.“ Sie ſchwieg. Sie dachte nicht mehr an die mör⸗ deriſchen Anklagen, von denen ſie eben geſprochen hatte, ſondern an die Klagen über ihren Sohn, die ſie im Temple vernommen. Reinhold wartete, ob ſie ſich näher erkläre, um genau zu wiſſen was er zu fürchten habe, aber das ſchwache Gehirn der alten Frau konnte einen Gedanken nicht lange feſthalten. Reinhold dachte alſo wieder darüber nach wie er die Alte los würde. Es giebt in ſolchen Fällen nur ein Mittel und ſelbſt die fruchtbarſte Phantaſie vermag kein anderes zu erſinnen. So ſchlecht aber auch das Herz Rein⸗ holds war, ſo zögerte er noch, zu dieſer Schändlich⸗ keit herabzuſteigen und dachte lieber nach. Seitdem aber ſeine Augen ſich emporgerichtet hatten, um die alte Frau zu betrachten, damit er ſie beſſer verſtehe, hatte ſich etwas in ihm geregt; es war, wenn auch nur ſchwach, eine unbekannte Saite in ſeinem Innern angeklungen. Die arme Frau mit den ſchmerzensvollen Lei⸗ denszügen war ſeine Mutter. Vielleicht hatte er in ſeinem Leben nicht zweimal an ſie gedacht; aber ſo verdorben auch ein Menſch ſein mag, ſo wird er doch nie ungerührt die Stirn, die ſich über ſeine Wiege neigte, jenes liebe Geſicht, das ſein erſtes Lächeln ſah, und jenen zärtlichen Blick ſehen, der ſeinem erſten Blicke antwortete. 33 Reinhold fühlte eine ſchwache Erinnerung an ſeine Kindheit und ſein ganzes Weſen erwärmte ſich. Er ſprach bei ſich den Namen Mutter aus, an den der Menſch noch denkt, ſelbſt wenn er den Namen Gottes vergeſſen hat. Es fiel ihm ein, etwas für die unglückliche Frau zu thun, deren Alter er ſo ſchmerzensreich gemacht hatte. Was war eine Handvoll Geld mehr oder weniger? In dieſem Augenblicke war er ſo umge⸗ wandelt, daß er ſeiner Mutter wohl zwanzig Louis⸗ dor zugeworfen hätte, wenn ſie ihm hätte verſpre⸗ chen wollen ſich ſchnell zu entfernen und ihn nie wieder aufzuſuchen. Aber die ungewohnte Rührung dauerte nicht lange. Der Gedanke erſtarb im Entſtehen in ihm und einige Minuten nachher wunderte er ſich wirk⸗ lich, daß er ihn hatte faſſen können. Die alte Frau dagegen bemühete ſich ihre Ge⸗ danken zu ſammeln und den verlorenen Faden ihrer Rede wieder zu finden. „So iſt es,“ flüſterte ſie, weil ſie vielleicht glaubte, Reinhold habe ſie gefragt wie ein Sohn es thun muß;„ſo iſt es, mein Sohn. Ich ſagte Dir, daß ich mich vor Deinen Bedienten fürchtete und daß ich es nicht wagte Dein Haus zu betreten; wozu aber bekam ich den Muth zu Dir zu kommen, nach— dem ich ſo lange gezögert? Mein Gott, ich bin ſo 34 alt und in meinem Gedächtniſſe wird es finſter.. Ich wußte es eben noch und nun habe ich es ver— geſſen.“ Ihre Blicke irrten einen Augenblick umher, dann plötzlich wurde ihr Geſicht todtenbleich. „Jacob, ach Jacob!“ rief ſie plötzlich aus wie man um Erbarmen ruft,„g„jetzt beſinne ich mich.. Mein Sohn, man will mich in's Gefängniß ſetzen und das Gefängniß würde mich umbringen. Ich kam, damit Du mich retten möchteſt.“ In dem Geſichte Reinholds zuckte kein Muskel. Die alte Frau rückte ihm noch näher; ihre Au⸗ gen waren voll Thränen, aber ſie lächelte weil ſie noch immer hoffte. in Sechſtes Kapitel. Bwei Schweſtern. Reinhold war ſo weit als möglich weggerückt und hatte ſich in einer Ecke an die Wand gelehnt. Es begann zu dunkeln und dieſes Dunkel be⸗ günſtigte die Illuſionen der alten Mutter, ob ſie gleich bei hellem Mittage eben ſo ſtark geweſen ſein würde. Die arme Mutter war das Spielwerk eines wirk⸗ lichen Traumes und es gehörte eine gewaltige Er⸗ ſchütterung dazu, um ſie zu wecken. Reinhold, der in dieſem Augenblicke in ſeiner letzten Verſchanzung angegriffen war, hätte wohl große Luſt gehabt, dieſe Erſchütterung zu bewirken, um ein Erwachen herbeizuführen, aber er hatte ſo lange geſchwiegen, daß er zögerte das Wort zu er⸗ greifen. Er beſaß überhaupt wohl den guten Willen Böſes zu thun, war aber jetzt wie immer feig. „Ach, ich bin ſo alt,“ fuhr Frau Regnault fort,„und ſo ſchwach; das Unglück hat mich bis hierher getrieben, Jacob, und ich bin gekommen, Dich zu bitten, aber Gott iſt mein Zeuge, daß ich nicht blos meinetwegen Dich bitten will,— alle Deine Schweſtern und Brüder ſind todt und ich habe nur noch Victorie bei mir, die Frau meines guten Joſeph, mit ihren beiden Kindern. Ach, Jacob, ſie haben kein Brod und mein Unglück iſt zu ſchwer für ſie. Mein Sohn, werde ihr Retter und ich ſterbe glücklich.“ Sie war wieder ſo nahe gerückt, daß ſie Rein⸗ hold berühren konnte. „Höre mich an,“ fuhr ſie mit einem Lächeln fort,„jetzt da ich daran denke, habe ich keine Furcht mehr, denn Du verfolgteſt mich, ohne es zu wiſſen, mein armer Jacob. Dein Geſchäftsführer Johann, der nicht wiſſen kann, daß ich Deine Mutter bin, hat kein Mitleiden gehabt. Heute werden die Häſcher kommen, um mich in das Gefängniß zu führen. Jacob, mein guter Sohn, Du brauchſt nur ein Wort zu ſagen. Und welche Freude, ach Gott! Dir meine letzten Ruhetage zu verdanken!“ Der Ritter drückte ſich noch immer an die Wand. In dieſem Augenblicke tiefer Bewegung öffnete die alte Frau ihre Arme und wollte ihn an ihr Herz drücken. 37 Jacob Regnault aber richtete ſich, kalt wie Stein, auf, entzog ſich der Umarmung ſeiner Mutter und blieb einige Schritte vor ihr ſtehen. „Madame,“ ſagte er leiſe, aber ohne ſichtbare Verlegenheit,„ich weiß nicht, was Sie reden und kenne Sie nicht.“ Die Mutter Regnault verſtand den Sinn dieſer Worte nicht ſogleich, ſo ſehr beherrſchte ſie noch im⸗ mer ihr Traum. „Seine Stimme!“ flüſterte ſie während ſie die Hände faltete.„Hatteſt Du denn noch nicht mit mir geſprochen, Jacob? Ach wie mein Herz ſchlägt und wie wohl ich Deine Stimme erkenne!“ Reinhold ſtampfte mit dem Fuße auf. Er fühl ob er gleich tief gefallen war, ſeine Schande und du erzürnte ihn ſo ſehr. „Ich ſage Ihnen, daß ich Sie nicht kenne!“ rief er heftig aus;„verſtehn Sie mich? Ich bin der Ritter von Reinhold und aus Wien gebürtig. Alles was Sie mir da ſagen, iſt Wahnſinn oder Betrug.“ Die alte Frau ſtand einige Secunden ſtumm da und bemühete ſich, nicht zu begreifen, aber ihre Angſt war ſtärker als ihr Wille. „Wahnſinn!“ wiederholte ſie langſam;„Be— trug! mein Gott, mein Gott! Du hatteſt dieſe Be⸗ ſorgniß in mich gelegt und ich hörte nicht auf Dich. 38 Betrug! Betrug! Mein Sohn hat ſeine Mutter ver⸗ leugnet, die ihn um ihr Leben bat.“ Der Ritter fühlte einen kalten Schauer durch alle Glieder rieſeln; ein geheimnißvoller Fluch laſtete gleichſam auf ihm, aber er blieb kalt und ungebeugt in ſeiner feigen Grauſamkeit. Die Frau Regnault zitterte und wankte und aus ihrer bedrückten Bruſt wand ſich ein ſchmerzenvolles Stöhnen. Gleichwohl hoffte ſie noch immer. Sie ſank auf ihre Kniee nieder. „Höre mich!“ ſprach ſie mit einer Stimme, die man kaum vernahm.„Wenn Du bereuſt, wird Dir Gott vergeben. Jacob, mein Sohn, erbarme Dich Deiner ſelbſt!“ Da Reinhold nicht antwortete, ſo ſchleppte ſie ſich ſchluchzend auf den Knieen zu ihm, aber in dem Maße wie ſie näher kam, wich Reinhold zurück und er gelangte ſo an die Comptoirthüre. Er legte die Hand auf den Griff, aber noch zö⸗ gerte er. „Mein Sohn! Mein Sohn!““ flüſterte die arme Mutter in höchßer Angſt. Reinhold hatte die Augenbrauen zuſammengeknif⸗ fen und alle ſeine Züge waren verzerrt. Ging ein Kampf in ſeiner Seele vor? Nach einer Secunde etwa irrte ein Lächeln um ſeine Lippen. „Ich kenne Sie nicht!“ ſprach er zum dritten 39 Male und die Thüre, die er haſtig aufgeriſſen hatte, fiel hinter ihm zu. Die Mutter Regnault blieb allein. Sie richtete ſich gerade auf und ging feſten Schrittes auf die entgegengeſetzte Thüre zu, ſo wie ſie ohne Wanken durch das erſte Vorzimmer und den Hof ſchritt. Auf der Straße aber ſchwand plöͤtzlich dieſe ge⸗ waltſam aufrecht erhaltene Kraft und ſie ſank an einem Prellſtein an dem Thore des Hauſes nieder. Ihr Mund öffnete ſich, aber nicht um zu fluchen. „Mein Gott!“ flüſterte ſie,„ſtrafe mich und erbarme Dich ſeiner!“ An dem Hauſe Geldbergs befand ſich ein großer ſchöner Garten, deſſen Mauer an der Straße Aſtorg und dem Durchgange nach der Straße Anjou hin⸗ lief. Die dritte Seite grenzte an andere Gärten. An der Mauer nach der Straße Aſtorg zu ſtand ein prächtiges Treibhaus, das an der einen Seite an den Kiosk ſtieß, von dem wir ſchon geſprochen haben und der früher die Liebesſünden einer ſchönen Herzo⸗ gin verſteckt hatte. Auf der andern Seite grenzte das Treibhaus an das Wohnhaus oder doch wenig⸗ ſtens an einen der zwei Pavillons deſſelben. Das Erdgeſchoß dieſes Gartenhauſes diente als Boudoir Leas von Geldberg, welche in den kalten VI. 4 40 Wintertagen in dem warmen Treibhauſe von Blu⸗ men, die ſie ſo ſehr liebte, umhergehen konnte. Das Erdgeſchoß des zweiten Papillons bildete einen reizenden kleinen Salon, in welchem ſich die beiden älteren Töchter des alten Moſes gewöhnlich aufhielten, wenn ſie im Hauſe waren. Die Com⸗ pagnons Geldbergs, Herr von Laurens und der alte Jude ſelbſt kamen meiſt vor Tiſche einige Minuten zu ihnen und von da begab man ſich zur Tafel. Herr und Frau von Laurens, die Gräfin Lampion, Abel, der Doctor und Reinhold fehlten ſelten an dem Familientiſche; es war dies eine der zahlreichen patriarchaliſchen Gebräuche, welche dem Hauſe Geld⸗ berg von weitem ein ſo tugendhaftes Ausſehen gaben. Dem Kiosk erotiſchen Andenkens gegenüber, der nach dem Gäßchen einen Ausgang hatte, ſtand ein anderer ſymmetriſch gegenüber. Von dieſem erzählte man nichts und er diente nur dazu, die Symmetrie herzuſtellen. Von dem Hauſe aus war es unmöglich ihn zu bemerken, denn der Garten war groß und voll mäch⸗ tiger Bäume, die keinem Park Schande gemacht ha⸗ ben würden. In dem Pavillon rechts befanden ſich Frau von Laurens und die Gräfin Eſther. Die letztere lag in Morgentoilette auf einer Cauſeuſe, wärmte ihre Füße und hob von Zeit zu Zeit die Arme empor, um 41 an ein großes Bouquet von Parma⸗Veilchen zu riechen. Sie ſah blaß aus; um ihre matten Augen lag ein bläulicher Ring; die tolle Luſt der vergange⸗ nen Nacht hatte ſichtbare Spuren auf ihrer Schönheit zurückgelaſſen. Sarah dagegen, die an der andern Seite des Kamins ſaß, war ſo friſch wie gewöhnlich und ſchien die Nacht nur einem ruhigen Schlafe ge⸗ widmet zu haben. Für jeden, der in die luſtigen Geheimniſſe des Balls Favart und des Café Anglais eingeweihet war, würde das ein Wunder geweſen ſein. Die Anſtren⸗ gungen waren dieſelben geweſen; man hatte die Or⸗ gie getheilt; die beiden Frauen hatten ſich tapfer ver⸗ gnügt, waren vor keiner Anſtrengung zurückgewi⸗ chen und hatten die Ballmüdigkeit durch den Cham⸗ pagner des Frühſtücks bekämpft. Die Eine war ſtark; ihr voller Körper vereinigte mit der Kraft die Vollkommenheit; ihre Formen zeug⸗ ten von üppiger Jugend; auf ihrer ſammetnen Wange blühete die Geſundheit. Die andre war ſchwächlich und zart; ihre ganze Perſon gewährte ein vortreffliches Muſter von anmuthiger, aber ſchwächlicher Zierlichkeit; eine Anſtrengung ſchien ſie zerbrechen, ein Hauch beugen, eine Ausſchweifung vernichten zu müſſen. Und die kräftige Frau wurde geknickt. Die Kleine zeigte ſich lebendiger als jemals; ihr zierlicher 4* 42 Wuchs hatte von ſeiner Elaſtizität nichts verloren; ihre Augen funkelten, ihr einfarbiger Teint und ihre Züge drückten das vollſtandigſte Behagen aus. Es giebt Naturen, welche durch die Vergnügun⸗ gen ſchreiten wie der Salamander durch die Flam⸗ men. Der tödtliche Genuß belebt ſie; ſie athmen die erſtickende Luft der nächtlichen Orgie wie der Kranke in den Frühlingstagen die ſchöne Luft des freien Landes.. Eſther war zuerſt angekommen und man ſah noch bei ihr auf dem Kamin das aufgeſchlagene Buch, in welchem ſie geblättert hatte! Es war ein Roman des Herzens, eine Studie über die Frauen, etwas das man auf den Tiſch legt, aber nicht lieſet. Die Kleine hielt in der Hand einen niedlichen Operngucker, der für ſie kein ganz nutzloſes Spiel— werk war. Schon zwei oder dreimal hatte ſie ſich ſeit ihrer Ankunft emporgerichtet, um mit den be⸗ waffneten Augen nach den Fenſtern des Pavillons zur Linken hinüberzuſehen, wo ſich ihre junge Schwe⸗ ſter Lea befand. In dieſem Augenblicke hatte ſie ihren Platz am Kamine wieder eingenommen und ſie redete. „Du biſt ein großes Kind, Eſther,“ ſagte ſie mit einem Anklange von Verachtung in der Stimme; „Du fürchteſt Dich vor allem und bleibſt bei aller 43 Luſt, das Leben zu genießen, wie eine Nonne im Winkel.“ „Der geſtrige Ball iſt ein Beweis davon,“ flü⸗ ſterte die Gräfin lächelnd. Die Kleine zuckte die Achſeln. „Iſt das nicht etwas Schönes!“ rief ſie aus. „Der geſtrige Ball! Als hätteſt Du einen Berg ge⸗ hoben!“ „Ich weiß nicht was ich gethan habe,“ ant⸗ wortete Eſther, deren Geſicht ſich etwas verdüſterte; „aber gewiß weiß ich, daß ich eine Thorheit beging. Wenn er mich erkannt hätte, Sarah!“ Die Kleine lachte laut auf. „Ach Gott, welche Mühe werde ich haben, Dich zu bilden, liebe Schweſter! Du fürchteſt Dich vor Deinem Schatten und Aller Augen ſcheinen auf Dich gerichtet zu ſein, ſobald Du den Kaminwinkel ver⸗ läſſeſt. Du biſt doch aber Wittwe und Niemand hat ein Recht Deine Handlungen zu controliren. Was würdeſt Du thun, wenn Du an meiner Stelle wäreſt?“ „Das hängt von Umſtänden ab,“ antwortete die Gräfin. „Allerdings,.. und es verſteht ſich wohl von ſelbſt, daß Du Deinen Mann nicht lieben würdeſt.“ „Wenn ich Julian heirathe, werde ich ihn lie⸗ ben, Schweſter.“ 44 „Einige Zeit, ja, ich will nicht widerſprechen.. Aber gerade deshalb ſollteſt Du Dich im Voraus entſchädigen.“ „Für was entſchädigen?“ fragte Eſther,„wenn ich glücklich ſein ſoll.“ „Ach, arme Schweſter, das Glück iſt ſo lang⸗ weilig! Einander zu lieben und es zu ſagen, einan⸗ der anzuſehen, zärtlich zu gähnen, immer daſſelbe Geſicht vor ſich zu haben, nie etwas zu wünſchen, zu beſtimmter Stunde glücklich zu ſein, und.. ich weiß nicht, aber eine ſolche Glückſeligkeit würde mich geradezu umbringen.“ Eſther lächelte noch immer. „Wie Du das alles zuſammenſtellſt, Kleine!“ ſagte ſie.„Du liebſt nur die verbotene Frucht und möchteſt als gute Schweſter mit mir theilen.“ „Allerdings,“ antwortete die Kleine.„Du biſt ſchön, meine arme Eſther, Du biſt jung und langweilſt Dich! Ich möchte Dich für das Leben in⸗ tereſſiren, weil ich Dich liebe; ich möchte Dir die Hälfte meiner Vergnügungen geben und Dich ſo glücklich machen, daß Du eines Tages zu mir ſagen könnteſt: danke Kleine; ich kannte nichts; Du haſt mich das Leben kennen gelehrt.“ Ihre Stimme war einſchmeichelnd wie eine Lieb⸗ koſung und ihr verführeriſcher Blick noch beredter als ihre Worte. 4⁵ Eſther hatte lange die negative Tugend der trä⸗ gen Naturen gehabt; im Grunde war ſie mehr gut als ſchlecht; das was die Frauen meiſt verlockt, hatte keinen bedeutenden Einfluß auf ſie, weil ihre Träg⸗ heit ihr Schutz und Schirm war. Indeß war das Jugendfeuer bei ihr nur verſteckt, nicht verloſchen und ihre etwas ſchwerfällige Nachläſſigkeit barg eine kräftige Sinnlichkeit. War die Trägheitshülle erſt durchbrochen, ſo ſprühete die Flamme empor und ſie gab ſich verlangend den gebotenen Genüſſen ſtür⸗ miſch hin. Bisher hatte es die Kleine immer übernommen gelegentlich dieſe Trägheitshülle zu durchbrechen und alles Unrechte, das Eſther in ihrem Leben gethan hatte, konnte mit Recht ihrer Schweſter zur Laſt ge⸗ ſchrieben werden. Die Propaganda iſt eine Nothwendigkeit für jede verlorene Seele. Sarah, die ſchöne und anmuthige Sünderin, wollte Allem was ſie umgab, die Sünde einimpfen. Es war ein Genuß für ſie, andere See⸗ len in ihren Fall hineinzuziehen; ſie hielt es für ein Glück, ihre anſteckende Verdorbenheit um ſich her zu verbreiten und Proſelyten für die Religion des Schlechten zu gewinnen. Sarah war in der früheſten Jugend gefallen. Schon in den erſten Jahren hatte ein unreiner Hauch ihr junges Herz berührt. Man lehrte ſie Gott zu 46 verläugnen und über die Stimme des Gewiſſens zu ſpotten. Sie glaubte an keinen Gott wie ihr Lehrer Doctor Mira und war gleich ihm mit kaltem Blute kühn und unbarmherzig. Aber ſie war ein Weib und das Weib geht im Böſen wie im Guten weiter als der Mann. Die Kleine hatte ihren Lehrer übertroffen. Ihr verderblicher Einfluß erſtreckte ſich über die, welche man gewöhnlich liebt und für die man ſich aufopfert. Wir haben ſie ſchon bei ihrem Manne geſehen; wir ſehen ſie neben Eſther und werden ſie neben Lea, ihrer jungen Schweſter, ſehen, deren reine ſtarke Seele den vergiftenden Einfluß bisher zurückgewieſen hatte. Sie ſpielte mit Allen. Franz, der arme Junge, den ſie eines Tages auf ihrem Wege fand und der in die Schlinge ihrer bewundernswürdigen Schön⸗ heit gefallen war, fand eben nicht mehr Gnade vor ihr als ihr Mann ſelbſt. Sie hatte ſich einige Wochen mit ſeinen ſchüchternen Seufzern beluſtigt, denen leichtſinnige Kühnheiten folgten; ſie hatte mit dieſer nun liebevoll glühenden Unwiſſenheit und naturwahrer Leidenſchaft geſpielt, dann ſich neben dem argloſen Knaben niedergelaſſen, der am Rande des Abgrundes ſpielte. Die Ueberſättigung kam und ſtatt Franz zurückzuhalten, freuete ſie ſich, ſie freute 47 ſich, ſelbſt ehe ſie wußte, daß Franz das Geheimniß kannte, welches ſie verderben konnte. Und wenn der Fuß des Knaben nicht ſchnell genug am Rande des Verderbens ſtrauchelte, ſo würde ihre kleine weiße Hand gern geholfen haben. Jetzt aber, da Franz ihr geheimnißvolles Leben kannte und ihren Namen wußte, galt es einen offe⸗ nen Krieg; ſie haßte ihn und wenn zufällig der Degen Verdiers ſeine Pflicht nicht that, ſo hatte Franz von nun an einen erbitterten Feind, der eifri⸗ ger ſein mußte als ſelbſt die Mörder Bluthaupts. In dieſem Augenblicke dachte die Kleine gar nicht an den armen Franz, den ſie für todt hielt. Sie war in guter Laune; das Souper vom vorigen Abende, das die Gefahr gewürzt hatte, welche über ihrem Liebhaber ſchwebte und die Stel⸗ lung Eſthers Julian gegenüber, hatten angenehme Erinnerungen in ihr zurückgelaſſen. Seit langer Zeit hatte ſie ſich nicht ſo vollſtändig unterhalten. Herr von Laurens befand ſich übrigens ſchlechter und jene Nacht, die für die Kleine an Vergnügen ſo reich geweſen, war für ihn langſam in ſchmerzlichem Leid vergangen. Gleichwohl zeigte ſich äußerlich nichts von dem was in ihr vorging. Wenn man ſie anſah, hätte man ſie beurtheilt, wie Jedermann ſie beurtheilte, ſie nämlich für lebhaft, geiſtreich und ſchlau, aber voll anmuthsvoller Herzensgüte gehalten. Kaum würde man ihr einige Koketterie zugetraut haben, nicht einmal jene wohlanſtändige und gewählte Ko⸗ ketterie, die bisweilen ein Fehler, häufig eine Tu⸗ gend, immer aber ein Schmuck iſt. „In Bezug auf Gefahren,“ ſagte ſie,„kenne ich nur die Furcht. Wenn man ſich fürchtet, iſt man halb verloren, ich geſtehe es, warum aber auch fürchten? Bei unſerer Lage iſt die Entſtehung eines Argwohns faſt unmöglich. Wem ſollte es einfallen zu glauben, die Gräfin Eſther..“ Sie lächelte und ſchwieg. „Das rettet uns!“ fuhr ſie fort.„Denke Dir eine Griſette, die mit einem Arbeitsmanne verlobt iſt. Der Arbeitsmann trifft auf dem Balle eine Concubine, die ſeiner Braut zu gleichen ſcheint. Herunter mit der Maske! Die guten Leute machen dabei nicht viel Umſtände; der Vicomte Julian von Audemer dagegen geht drei Stunden lang mit Dir umher, plaudert mit Dir, ſoupirt mit Dir..“ Eſther erblaßte bei dieſer Erinnerung. „Und er kennt Dich nicht!“ ſetzte die Kleine in einem Tone des Triumphs hinzu.„Dies, ſiehſt Du, iſt ſo gut als ein regelrechter Beweis; eine Kleinbürgerin iſt ſchon weniger gefährdet als eine Griſette; die Frau eines Notars noch weniger als eine Bürgersfrau, eine wirkliche Dame weniger als ————— ———— ———— 49 die Frau eines Notars und eine große Dame end⸗ lich, eine große Dame iſt gar nicht gefährdet!“ „Man kann nicht immer eine Maske und einen Domino haben,“ begann Eſther. Die Kleine zuckte die Achſeln. „Ach, ach!“ ſagte ſie,„welchen Grund bringſt Du da! Eine Maske und ein Domino verbergen die Perſonen nur ſehr wenig. Ich für meinen Theil kenne keinen beſſern Schleier als die Klugheit, welche durch eine volle Börſe unterſtützt wird. Hat man jemals mich entdeckt?“ „Der kleine Franz..“ „Er iſt todt.“ „Vielleicht Andere..“ „Niemals, liebe Schweſter, und das iſt ſo wahr, daß ich mich genöthigt ſah, gegen meinen Mann mich zu rühmen, um ihm nur etwas Miß⸗ trauen, deſſen ich bedurfte, in den Kopf zu ſetzen.“ Eſther ſah ſie erſchrocken an. „Armer Herr von Laurens!““ flüſterte ſie. „Ja, beklage ihn!“ rief die Kleine lachend aus.„Seit zehn Jahren iſt er der glücklichſte Ehe⸗ mann in Paris, heißt es allgemein und wahrhaftig, wenn er gewollt hätte..“ Der Ton Sarah's änderte ſich plötzlich; ſie un⸗ terbrach ſich mit einem Male in dem angefangenen Satze und ihr glänzender Blick wurde träumeriſch. 50 Wäre es möglich geweſen, in dieſem Geſichte zu leſen, das jede Maske anzunehmen verſtand, man hätte einen Anflug tiefen Gefühls in ihr zu errathen glauben können. Es ſchwebte ein Name auf ihren Lippen, aber ſte ſprach ihn nicht aus. Selbſt tief in dem verdorbenſten Herzen bleibt nicht ſelten ein Gefühl übrig, gleich den einzelnen ſchönen Statuen, die um die Ruinen eines Tempels ſtehen und den Platz bezeichnen, wo man Gott verehrte. In der befleckteſten Seele giebt es wohl eine Stelle, die ſorgſam vor jeder Schmach bewahrt wird,— eine Erinnerung, eine rein gebliebene Liebe, eine Mutteraufopferung. Die Kleine vollendete den angefangenen Satz nicht und ihre Augenbrauen runzelten ſich. „Aber er wollte nicht,“ fuhr ſie hart und kurz fort;„Du kannſt nicht wiſſen, liebe Schweſter, was zwiſchen mir und Herrn von Laurens liegt.“ Ihr heiterer Ausdruck kehrte gänzlich wieder zurück. „Und dann,“ fuhr ſie fort,„wer weiß? Du willſt durchaus Vicomteſſe werden, warum ſollte ich nicht Luſt bekommen, Marquiſe zu ſein?“ „Mein Mann iſt todt,“ ſprach Eſther leiſe. „Wir ſind Alle ſterblich,“ fuhr die Kleine fort; 51 „aber weißt Du, Schweſter, daß das kein Geſpräch für den Faſtnachtsmontag iſt? Ich wollte von Ver⸗ gnügungen reden und wir winden ſchwarzen Krepp über unſere Gedanken! Pfui! Laſſen wir Herrn von Laurens und ſeine Krankengrillen bei Seite. Ich habe Dich auf den Maskenball gebracht; haſt Du Dich da gut unterhalten?“ „Ach ja,“ antwortete Eſther ganz leiſe. „Nun, ich weiß etwas, was Dich noch weit mehr unterhalten würde.. Soll ich Dich in mein Spielhaus führen?“ 1 Eſther ſchlug die Augen nieder und antwortete nicht. Die Scham iſt von allen Gefühlen dasjenige, das ſich am liebſten am unrechten Orte feſtſetzt. Man ſchämt ſich je nach den Umſtänden des Guten wie des Böſen. In Geſellſchaft eines ehemaligen Spitzbuben wird ſich ein beſchränkter Menſch ſchä⸗ men, niemals etwas entwendet zu haben. In dem ſchmutzigen Gewirre von Gebäuden, das in London den Stadttheil der Advokaten und Geſetzmenſchen umgiebt, iſt die ſchneidendſte Beleidigung, welche man einem armen Teufel anthun kann, die Beſchul⸗ digung, er habe nie vor Gericht falſch Zeugniß ab⸗ gelegt. Wenn in den Bagnos und Zuchthäuſern die gro⸗ ßen Uebelthäter Zeit finden ihre Thaten zu erzählen, ſo laſſen unbekannte Sträflinge gewöhnlich demüthig das Haupt ſinken, weil ſie nicht Verbrechen genug begangen haben, um das Recht zu beſitzen, mit hocherhobener Stirn ſtolz umherzugehen. Eſther befand ſich ihrer Schweſter gegenüber ſo ziemlich in einer ähnlichen Lage. Man forderte ſie auf, an einem Unrecht Theil zu nehmen und ſie er⸗ röthete über den Gedanken, eine abſchlägige Antwort geben zu müſſen. Die Kleine wartete einige Secunden lang auf die Antwort, während Eſther, der man die Unent⸗ ſchiedenheit auf dem Geſichte anſah, die Augen fort⸗ während niedergeſchlagen hielt und die Schweſter von der Seite betrachtete. Sie wiederholte die Frage nicht. Ihr glühendes unter den langen ſchwarzen Wimpern halb ver⸗ ſchleiertes Auge ſchleuderte Blitze. Sie lauſchte, ihrer Beute ſicher. Ein ſiegreicher und grauſamer Spott lauerte unter der zierlichen Grazie ihres Lächelns. Nach einer Minute ſtand ſie plötzlich auf und ging nach dem Fenſter hin, welches nach dem an⸗ dern Pavillon ſah. Dann zögerte ſie wieder; Sa⸗ rah ſah ſie ſchon beſiegt vor ſich und wollte nicht durch zu große Eile ihren Triumph gefährden. Sie ſtellte ſich vor die Scheiben und richtete ihren Operngucker auf das Fenſter des Pavillons zur Linken. 53 Eſther drehete ebenfalls langſam den Kopf um, da ſie ſah, daß Niemand redete. „Was geſchieht ſo Intereſſantes in dem Garten, Kleine?“ fragte ſie. Die Kleine ſchien ganz in ihre Gedanken verſun⸗ ken zu ſein. „Belauſcheſt Du Lea noch immer?“ fuhr Eſther fort, die wiederum, ohne daß ſie es ahnete in das Geſpräch verfiel, das ſie vermeiden wollte;„ich wette, daß das arme Kind an die Thorheiten nicht denkt, die uns beſchäftigen.“ Die Frau von Laurens nahm ihren Operngucker vom Hauſe weg und ſchüttelte mit ernſter Miene den Finger, während ſie auf das Fenſter Leas zeigte. „Ich wette,“ ſagte ſie, jedes Wort ſtark beto⸗ nend,„daß ſie an etwas noch Schlimmeres denkt.“ — —— b Siebentes Kapitel. Eine Thräne und ein Lächeln. In den letzten Worten der Frau von Laurens lag gewiſſermaßen eine förmliche Anklage gegen die jün⸗ gere Schweſter. Eſther ſah ſie verwundert an und als die Kleine ſchwieg, ſtand ſie ebenfalls auf, um an das Fem enſter zu treten. Die Neugierde war in dieſem Augenblicke bei ihr größer als die Trägheit. .„Was haſt Du geſehen?“ fragte ſie. 2„Nich tts Nues,“antwortete Sarah;„der liebe * Arme Gn leeſet Vi esbriefe, weiter 44 22 Sie re ſchte dem Ipe erngucker GEfther, N ihn auf das Feuſter des Pavillons richtete und folgendes ſah:.— Lea⸗ 82 neben A9n mit Papieren bedeckten Tiſchchen; ſe-u einen weißen offenen Ueberrock, 4.. 55 auf den ihr prachtvolles ſchwarzes Haar in langen Wellen herniederfloß. Den Kopf hatte ſie auf die Hand und den Elnbogen auf den Tiſch geſtützt. Das Licht fiel gerade auf ihr Geſicht, das ſehr bleich war; ein Ausdruck des Leidens verbreitete ſich über alle ihre Züge. Ihre Augen hafteten auf einem auseinander ge⸗ ſchlagenen Briefe. Sie rührte ſich nicht und ohne die periodiſchen Bewegungen ihres Buſens, welcher den leichten Stoff des Ueberwurfs hob, hätte man ſie für die Geſtalt halten können, welche ein Dichter geträumt und ein Künſtler in Marmor ausgeführt hat. „Wie ſchön ſie iſt!“ flüſterte Eſther. Die Augenbrauen der Kleinen zogen ſich zuſam⸗ men. „Sie iſt achtzehn Jahre alt,“ antwortete ſie. Eſther fühlte das Bittere nicht, das in dieſer Antwort lag. Sie gab der Sarah den Opernguker zurück und fragte: „Warum glaubſt Du, daß es Liebesbriefe ſind?“ „Ich habe nicht geſagt, daß ich es glaube,“ entgegnete die Kleine;„ich weiß gern alles gewiß und erkundige mich deshalb.; Dieſe Briefe ſind von einem Manne; ſie ſind zahlreich und zwei habe ich ε geleſen.“ VI. 3 14 56 „Wirklich?“ „Aber ich hatte Unglück dabei. Dieſe beiden Briefe ſagten gerade ſo viel, daß ich Luſt erhielt, das Uebrige kennen zu lernen; ſie waren kurz, er⸗ klären nichts und hatten keine Unterſchrift.“ „Du kennſt alſo den Namen nicht?“ „Bis jetzt,“ unterbrach ſie die Kleine,„aber ich werde ihn kennen.. Ich gebe Dir die Verſicherung, Eſther, daß ich nichts gegen die Kleine habe. Sie iſt unſere Schweſter, wir müſſen ſie lieben,.. aber ich kann es nicht vergeſſen, daß ſie unſere erſten Liebkoſungen ziemlich kühl aufgenommen hat, und daß ſie unſer Entgegenkommen faſt zurückwieß.“ „Ich glaube, Du irrſt Dich, Sarah.. In den erſten Tagen ſchien Lea ſogar ſich ſehr glücklich zu fühlen, mit uns ſprechen und uns ſehen zu kön⸗ nen.. Ihre Kälte kam erſt ſpäter.“ Die Kleine hielt ihre Schweſter nicht für fähig, die Beobachtung ſo weit zu treiben. X8„Gleichviel,“ erwiderte ſie,„ob die Kälte frü⸗ her oder ſpäter eingetreten iſt, genug ſie trat ein. Kannſt Du in dem Jahre, das Lea in Paris iſt, eine Gelegenheit anführen, in der ſie ſich uns aus 1 eigenem Antriebe näherte?“ „Sie iſt ſchuchtern,“ ſagte Eſther. .„Sie liebt uns nicht,“ entgegnete Sarah. „Möglich,.. aber ſie kennt uns auch kaum; 57 ſie iſt fern von uns erzogen und ihr zurückhaltendes Weſen liegt ohne Zweifel an der Erziehung, die man ihr gegeben hat. Unſere Tante Rahel iſt Chri⸗ ſtin geworden und ihr Haus kann man ein Kloſter nennen. Lea mußte bei ihr kalt und gemeſſen wer⸗ den.“ „Heuchelei!“ flüſterte die Kleine;„ſie meidet uns weil wir die Gabe nicht haben ihr zu gefallen und dann wahrſcheinlich weil ſie ſich auf andere Weiſe zu beſchäftigen weiß. Sie iſt allein in dem Palaſte und eben ſo frei, ja noch freier als eine Ver⸗ heirathete. Wer weiß ob ſie ſich darauf beſchränkt lange Briefe zu ſchreiben und zu ſeufzen wie ein Täubchen, das von dem Tauber getrennt iſt.“ „Haſt Du Urſache ſo etwas zu vermuthen?“ „Nein,.. ich ſpreche blos von Dingen, die ich weiß und zwar um ſo mehr, da dieſe Dinge hinrei— reichend ſind, den Reliquien unſerer kleinen Heiligen kein zu großes Vertrauen zu gewähren. Geſtern Abend bin ich bei der Frau Batailleur geweſen.“ „Ach!“ entgegnete Eſther mit einigem Wider⸗ willen und großer Neugierde. Der Widerwille kam daher, daß Frau Batailleur, deren Namen die Kleine nachläſſig hinwarf, gleichſam ein lebend ger Uebergang war, welcher das Spielhaus wieder auf das Tapet bringen ſollte. Vor dem 5* 58 Spielhauſe aber fürchtete ſich Eſther, wenn ſie ſich auch ſehr dahin ſehnte. Die Neugierde hatte vielfache Quellen. Eſther wußte, daß es eine Menge Geheimniſſe aller Art zwiſchen der Frau Batailleur und der Kleinen geben mußte, hatte aber nicht die erforderliche Klugheit, das zu errathen, was Sarah verheimlichen wollte, die übrigens nicht immer verſchwiegen war und oft irgend etwas halb preisgab. Die Frau Batailleur war das Factotum Sarahs und man konnte den Dienſten derſelben, die elaſtiſch waren wie jene der Diener in Luſtſpielen, keine be⸗ ſtimmten Grenzen ſetzen. Sie wich vor nichts zurück und war zu allem fähig. Eſther, die ſie nicht kannte, aber undeutlich einen Theil ihrer Geſchichte gehört hatte, hielt dieſe Frau für ein romanhaftes, wenn nicht gar phanta— ſtiſches Weſen. Ihr Name ging immer wie ein Prolog einer ſelt⸗ ſamen Erzählung voraus und Eſther glaubte, ſie be⸗ ſitze die fabelhaften Hilfsmittel, welche die komiſchen Dichter ihren verſchmitzten Dienern geben. Jetzt ließ ſich annehmen, daß Frau Batailleur und Lea auf der Bühne erſcheinen würden, die in In⸗ triguen alt gewordene, an jede Art Betrug und Liſt gewöhnte Frau und das junge unſchuldige ganz na⸗ türliche Mädchen.— Eſther horchte. 59 „Ich ging zur Batailleur,“ fuhr Sarah fort, „und zwar wegen einer kleinen Börſenangelegenheit .. Ich habe viel Actien unter ihrem Namen. Wen traf ich an ihrer Bude?“ „Lea?“ fragte Eſther. „Du erräthſt ja alles!“ fiel die Kleine ein; „ja, wirklich die Lea, unſern reinen Engel, der da einen Brief des Geliebten ſuchte.“ t „Die Frau Batailleur alſo..?““ „Höre, was Du wahrſcheinlich nicht errathen ha⸗ ben wirſt.. Lea iſt unſere Freundin erſt ſeit vierzehn Tagen, aber in dieſen vierzehn Tagen habe ich Zeit gehabt einiges zu thun, ohne daß ich wußte, wozu es mir einmal nützlich ſein könnte; ich machte ſie mit der guten Batailleur bekannt, die ſo verſchwie⸗ gen und ſo gefällig iſt; ich führte ſie unter dem Vor⸗ wande dahin, Spitzen bei ihr zu kaufen und rühmte ihr dabei alle Eigenſchaften, welche die vortreffliche Batailleur auszeichnen. Unſer lieber Engel hörte mich ſehr aufmerkſam an und ſchien kein Wort von meiner Rede zu verlieren, denn am nächſten Tage ging er allein in den Temple.“ „Schon am andern Tage?“ „Leider ja.. Sie wußte die Frau Batailleur wieder zu finden und erzählte ihr, während ſie rei⸗ zend und jungfräulich erröthete, ein Märchen zum 60 Einſchlafen, von einem Vetter, den die Familie ver⸗ folge und den ſie bemitleide..“ „Sieh, ſteh,“ flüſterte die Gräfin,„das hätte ich ihr nie zugetraut.“ „Man muß den Leuten alles zutrauen.. Kurz ſie übergab der Batailleur, welche keinem Menſchen etwas abzuſchlagen vermag, eine recht hübſch ge⸗ ſpickte Börſe und bat ſie von Zeit zu Zeit Briefe an⸗ zunehmen, die unter ihrer Adreſſe ankämen.— Das hatte gar keine Schwierigkeit; aber als der erſte Brief und zwar aus Frankfurt am Main ankam, erzählte es die Batailleur mir.. Soll man ſich für eine Schweſter nicht intereſſiren? Meine Neugierde war in hohem Grade gereizt. Die Batailleur wollte, natürlich, die Verſchwiegene und Getreue ſpielen, aber ich habe ſie doch ganz in meinen Händen, denn mit meinem Gelde unterhält ſie ihr Spielhaus in der Rue des Prouvaires..“ „Sie hält das berüchtigte Spielhaus?“ unter⸗ brach ſie Eſther. „Ich Thörin!“ rief die Kleine aus.„Das hatte ich Dir noch nicht geſagt? Du mußt ja glau⸗ ben, arme Schweſter, ich hätte Geheimniſſe für Dich.. Sie hält das Haus oder ich thue es viel— mehr unter ihrem Namen.“ Ein noch ſtärkeres Staunen drückte ſich in dem Blicke Eſthers aus. 61 „Du wirſt ſehen,“ fuhr die Kleine fort,„ich werde Dir das ſogleich erklären und Du wirſt ein⸗ ſehen, daß nichts zu fürchten iſt, da es im Intereſſe der Batailleur liegt, ſich zwanzigmal lieber ins Ge⸗ fängniß bringen zu laſſen, als mein Geheimniß zu verrathen. Doch auf das Schweſterchen zurückzu⸗ kommen. Ich brauchte zwei bis drei Monate, ehe ich das Widerſtreben der Batailleur überwand und als ſie mir endlich einen Brief des geheimnißvollen Galans zeigte, ergab es ſich, daß die beiden girren— den Täubchen einander nichts zu vertrauen hatten und der Brief alſo nichts enthielt. Der zweite war noch unbedeutender und.. ich warte nun auf den dritten.“ „Es iſt vielleicht vorbei,“ ſagte Eſther. Die Kleine lächelte boshaft. „Vielleicht auf der einen Seite,“ antwortete ſie;„der Liebhaber ſcheint mir gar nicht ſehr warm und dringend zu ſein; auf der andern Seite aber..“ Sie unterbrach ſich und zeigte mit dem Finger auf das Fenſter gegenüber. Eſther nahm wieder das Glas. Ein Strahl der Winterſonne, der durch die blät⸗ terloſen Zweige der Bäume im Garten drang, fiel ſchief auf die Fenſter des Pavillons zur linken Seite und gerade auf das hübſche Geſicht Leas. Man erkannte, als ſei man bei ihr, die matte Bläſſe ihrer Wangen. An ihren langen ſeidenwei⸗ chen Wimpern glänzte und zitterte etwas im Son⸗ nenſtrahl. „Sie weint,“ ſagte Eſther. „Weint ſie?“ wiederholte die Kleine mit ſpötti⸗ ſchem Mitleiden;„der arme unbefleckte Engel! Das hat ſie unſere Frau Tante Rahel gelehrt, die Chri⸗ ſtin geworden iſt und deren Haus einem Kloſter gleicht..“ Eſther mußte unwillkürlich lächeln. Die Thränen, die an den Wimpern der armen Lea gehangen, rannen langſam auf ihren blaſſen Wangen herab. Der Brief, den ſie las, trug viele Thränenſpu⸗ ren an ſich. „Das Unglück, das mich betroffen hat,“ las ſie,„fand mich ſtark, weil mein Gewiſſen ruhig iſt. Das Werk, um deſſentwillen die Gerechtigkeit der Menſchen jetzt auf mir laſtet, iſt ſeit zwanzig Jahren begonnen und ich hoffe, Gott werde mir geſtatten es zu vollenden, ehe ich ſterbe.“ „Wenn ich aber an Sie denke, Lea, mein armes Kind, werde ich traurig und fühle gleichſam Reue. Bisweilen bringt das Andenken an Sie Troſt in meine Einſamkeit; ich ſehe Sie ſo ſchön und ſanft vor mir, ich leſe tief in Ihrem reinen Herzen und f 63 Ihr Bild erfreut mich mit einem Lächeln; ein anderesmal aber erfüllt das Andenken an Sie mein Herz mit bitterm Weh.“ „Ach, warum traf ich Sie auf meinem Wege! Warum habe ich Sie geliebt, da mein Herz nie bei Namen eines Weibes ſtärker geſchlagen! Warum haben Sie mich geliebt?“ „Sie ſind faſt noch ein Kind und nach wenigen Jahren werde ich ein alter Mann ſein.. Sie ha⸗ ben keine andere Forderung an das Leben als glück⸗ lich zu ſein und Gott zu dienen; ich dagegen gehe ſeit den Tagen meiner Jugend einher unter der Laſt einer geheimnißvollen Pflicht. Sie, meine theure Lea, können mir Ihre Freude nicht mittheilen, ich aber habe Ihnen meine Traurigkeit bereits mitge⸗ theilt.“ „O wie ſchön und reizend war Ihr jungfräuli⸗ ches Lächeln! Wie vergnügt fühlte ich mich wenn ich Sie frei und glücklich auf den grünen Wegen un⸗ ſerer Berge dahin eilen ſah!“ „Jetzt liegen Thränenſpuren auf den Blättern Ihrer Briefe; Sie haben das Leben des armen Verbannten gerettet, Lea und zum Lohne für die Wohlthat hat der Verbannte Ihr Glück in Noth verwandelt.“ „Ich kann nicht ſagen: es wäre beſſer geweſen, wenn ich geſtorben, denn ich lebe nicht für mich 64 allein und meine Aufgabe muß vollendet werden; aber tauſendmal beſſer wäre die Gefangenſchaft ge⸗ weſen, die ſpäter kam.“ „Ich litte vielleicht mehr, aber Sie wären doch glücklich.“ „Lea, Sie müſſen mich vergeſſen,.. Lea, ich beſchwöre Sie, reden Sie ſich ein, daß ich todt ſei und denken Sie nicht mehr an mich.. Meine Hand iſt von Blut befleckt... Was kann ein Mörder mit einem Engel gemein haben?“ „Es iſt wahr, ich habe gemordet. Das Schick⸗ ſal treibt mich und Gott hat das Schwerdt ſeiner Gerechtigkeit in meine Hand gelegt. Ach, ich be⸗ ſchwöre Sie, lieben Sie mich nicht mehr. Ich be⸗ darf, um meine Aufgabe zu erfüllen, die unbeug⸗ ſame Kraft und den unbarmherzigen Willen. Lieben Sie mich nicht mehr, denn ich fühle, daß ich ſchwach werde, wenn ich daran denke, daß ich glücklich ſein könnte.“ Lea las durch ihre Thränen hindurch und ihre Seele war von Grauen erfüllt. Sie ſchaudertr bei dieſen Worten von Mord und Rache, aber doch fand ſie in ihrem Herzen keinen Gedanken des Tadels. Derjenige, welcher dieſe Zeilen geſchrieben hatte, war ihr Gott und der Gedanke, daß er fehlen und irren könne, erſchien ihr als Gottesläſterung. Sie hing an ihm mit unbegrenzter Liebe, die jung und —* kräftig war wie ſie ſelbſt und einer Anbetung gleich⸗ kam. Sie warf das Papier auf den Tiſch, auf wel— chem mehr als zwanzig Briefe lagen. Einige waren von derſelben Hand geſchrieben wie der erſte, aus dem wir ein Stück gehört haben; die anderen waren unvollendete Entwürfe, welche das Mädchen ſelbſt geſchrieben und nicht fortgeſchickt hatte. Sie wagte es nicht, dem, welchen ſie liebte, alles zu ſagen; er war ſo unglücklich. Sie bemühete ſich, ihm nur Freudiges zu ſchreiben. Wenn ihr Herz der Feder zu traurige Worte dictirte, warf ſie den ange⸗ fangenen Brief hinweg, um wo möglich heiterer zu ſchreiben. Ihre Hand irrte einige Secunden lang unter den Papieren umher und ihre Wahl traf einen Brief, der häufiger geleſen war als die anderen und den ſie auf die friſche Wunde ihres Herzens legen wollte. „Habe ich Ihnen geſchrieben, Sie möchten mich nicht mehr lieben, Lea?“ hieß es in dem Briefe; „ach, glauben Sie mir nicht; ich ſuche mich ſelbſt zu täuſchen. Was ſollte ohne Ihre Liebe aus mir werden? Sie allein giebt mir die Kraft, meine Ver⸗ zweiflung zu bekämpfen.“ „Die, welche mich ſonſt kannten, verſicherten, meine Seele ſeine ſtark und kein Unglück werde je meinen eiſernen Willen beugen können; ſie hatten 66 Recht; mein Wille bleibt unerſchütterlich und ich weiß wohl, daß ich ſterben könnte ohne mich zu be— klagen wie in den Tagen meiner Kraft.“ zu können, d. h. geduldig ſeine Kraft aufbewahren für die Stunde des Kampfes, dulden und nicht ſchwach werden, ſeine Gluth tief in ſeiner Seele ver⸗ graben, um ſie in den Tagen der Freiheit jungfräu— lich hervorzuholen.“ haben ſich die Pforten eines Gefängniſſes hinter mir geſchloſſen; ich war da jünger, kräftiger vielleicht, wenigſtens verzweifelte ich nicht. Die Stunden der Gefangenſchaft verwendete ich, meine Befreiung vor⸗ zubereiten oder den Plan der Schlacht zu entwerfen, welche endlich meine Feinde unter meine Füße brin⸗ gen ſollte.“ Zweifels. Meine Hand war feſt, mein Geiſt klar; der Weg lag vorgezeichnet vor mir; während man V mich für gefeſſelt hielt, ging ich weiter.“ ſcher oder minder muthig? Ich weiß es nicht, aber in der langſam ſchleichenden Einſamkeit meiner Nächte zieht ſich bisweilen mein Herz zuſammen und ein Trauerſchleier breitet ſich über meine Zukunft.“ „Aber was iſt der Tod? Muß man lernen leben „Das iſt der Muth. Mohr als einmal ſchon „Und keinen Augenblick der Ermattung oder des „Hat ſich mein Blut abgekühlt? Bin ich ſchwä⸗ „Das Ziel, das ich verfolge, iſt keine unfrucht⸗ bare Rache. Als ich jung und glücklich war, habe ich mein Leben mehr als einmal für die Freiheit Deutſchlands gewagt; mein Vater ſelbſt ſtarb für dieſe edele Sache.“ „Wir waren drei Brüder, die wir ſeinen Fuß⸗ tapfen folgten und da er uns empfohlen hatte, be— reitwillig dem Vaterlande unſer Blut zu opfern, ſo trotzten wir allen Gefahren und ſuchten überall das Mäaͤrtyrerthum.“ „In jener Zeit, Lea, hatten die Männer, welche ich jetzt bekämpfe, meinen Vater noch nicht umge⸗ bracht; ſpäter ermordeten ſie meine Schweſter, ein liebliches Weſen gleich Dir, liebe Lea, das Deine fromme Seele beſaß und die ich faſt eben ſo ſehr liebte als ich Dich liebe.“ „Das ſind zwei große Verbrechen, welche Strafe verdienen, nicht wahr? Wenn es ſich nur um Rache handelte, würde ich wohl, glaube ich, abſtehen kön⸗ nen. Ich würde zwar nicht im Stande ſein zu ver⸗ zeihen, aber mein Schwerdt zerbrechen und dem ge⸗ rechten Gott die Strafe überlaſſen..“ „Aber meine Aufgabe iſt eine andere. Es gab früher in Deutſchland ein mächtiges Geſchlecht, wel⸗ ches die Mörder meines Vaters und meiner Schwe⸗ ſter in Staub geworfen haben; dieſes Geſchlecht will ich wieder aufrichten. Ehe ich Sie kannte, Lea, ge⸗ hörte meine ganze Liebe und Hingebung dem einzigen 68 Erben jener edeln Familie an. Jetzt, da ich Sie liebe, Lea, iſt mein Herz getheilt, aber meine Hin⸗ gebung iſt ganz geblieben und die ganze Arbeit mei— nes Lebens gebührt jenem Kinde, das der Sohn meiner Schweſter iſt.“ „Ich habe lange die Leidenſchaft bekämpft, welche mich zu Ihnen hinzieht. Mein Gewiſſen ſagte mir, die Liebe ſei für mich ein Verbrechen und ich habe das Recht nicht, mein Herz einem Weibe zu geben, weil ich Sclave einer Pflicht ſei.“ „Ich ſtrebte und kämpfte vergebens. Mein Herz war noch jungfräulich in dem Alter, wo man gewöhnlich ſchon an Liebeserinnerungen zehrt. Es lag in mir gleichſam ein unbenutzter Schatz von Liebe, denn was die andern jungen Männer in toller Gluth und kurzen Liebeleien von dem Jünglingsalter an bis zum reifen Alter vergeuden, habe ich aufge⸗ ſpart wie ein Geiziger, der ſeinen Schatz hütet. Da ſah ich Sie, Lea, und alles gehörte Ihnen; mein Herz erwachte und ich liebte Sie.“ „Und wie ſehr danke ich Gott, daß er mir Sie entgegenführte! Das Kind, zu deſſen Vater ich mich gemacht habe, wird in Ihnen eine zweite Vorſehung haben; Sie unterſtützen mich, Sie geben mir Muth und Kraft.“ „Wenn ich zuviel leide, rufe ich Sie an; Ihr 69 Engelgeſicht neigt ſich über mein Lager und Ihre liebliche Stimme flüſtert mir ſüße Worte zu.“ „Ach, Sie ſind meine Hoffnung. Aber ſie wird vielleicht unter dem Zweifel unterliegen, der mich niederdrückt, denn meine Hände ſind leider gebunden und während ich meine Kraft aufbiete, meine Falle zu zerreißen, wer weiß, was aus dem Erben des edeln Grafen wird!“ „Lebt er noch? Seine Feinde ſind mächtig; viel⸗ leicht unterliegt er eben in dem Augenblicke, da ich Ihnen ſchreibe, ihren Streichen.“ „Mein Gott, ſollen ſo viele Anſtrengungen ver⸗ loren, ſo viele Mühen vergeblich geweſen ſein „Ach, ich muß an Sie denken, Lea.. Sie ſagen, Sie beteten für mich; beten Sie für ihn. Ihr Gebet muß Gott dem Herrn angenehm ſein und ich klammere mich an Sie wie an einen rettenden Engel, der mir bei meiner ſchweren Aufgabe den Schutz des Himmels bringt.“ „Lieben Sie mich, ich beſchwöre Sie! Meine ganze Hoffnung beruht auf Ihnen. Wenn Ihr Bild mich flieht, verzweifele ich; ſobald es wieder er— ſcheint, glaube ich an den Sieg und an das Glück.“ Lea weinte noch, aber ſie lächelte durch ihre Thränen. Auf ihrem reizenden Geſichte lag eine ernſte an⸗ dächtige Freude. 177 70 „Sieh, Kleine!“ rief in dieſem Augenblicke Eſther aus, der es almnalig gefiel zu lauſthens„jetzt ſcheint ſie zu lächeln.“ „Sie lächelt wie eine Selige!“ antwortete Sa⸗ rah;„ich habe ſicherlich das Unintereſſanteſte von ihrer Correſpondenz geſehen.“ „Da küßt ſie das Papier!“ ſetzte Eſther hinzu. Die Kleine entriß ihr den Opernguker und ſah begierig hin. „Sie iſt wahrhaftig trunken!“ flüſterte ſie, „und gleichwohl wird ſie kalt und ernſt wie eine Heilige bei Tiſche erſcheinen... Und ſollte ich tau— ſend Louisd'or darum geben müſſen, ich muß alle Deine Briefe erhalten, mein ſchöner Engel,“ ſetzte ſie mit Stirnrunzeln hinzu,„und ich werde ſie leſen von der erſten Zeile bis zur letzten.“ Achtes Kapitel. Die Verſucherin. Lea wußte nicht, daß ſie in ihrem Sinnen von aufmerkſamen Augen beobachtet werde. Ihr Herz war bei dem Abweſenden und ſie vergaß die ganze Welt umher. Frau von Laurens hatte wirklich Unglück gehabt. Hätte ſie das Siegel des Briefes erbrochen, den wir eben geleſen haben, ſtatt daß ſte zwei unbedeutende Schreiben erhielt, ſo würde es ihr nicht ſchwer ge— worden ſein, den Namen des geheimnißvollen Ge⸗ liebten zu errathen. Dieſen Brief liebte Lea am meiſten; ſie fand darin zwar auch Traurigkeit, aber auch ach! ſo viele Liebe. In dem andern ſchien die bekämpfte Leidenſchaft ſich ungern zu zeigen. Der Schreiber war ein ſtarker V. 6 —. — — — — 72 — an das Seufzen und Schmachten nicht gewöhnter Mann, der unter dem Joche knirſchte und über ſeine eigene Schwäche unwillig wurde. In dieſem Briefe aber ſtützte er ſich auf ſeine Liebe und freute ſich derſelben. Er rief die Zärtlich⸗ keit Leas wie einen ſchützenden Engel an; die Reue, die ſonſt immer ſeine Herzensergießungen ſchwächte, ſchwieg da. Er hoffte; er ſprach von der Zukunft und Lea ſchätzte ſich glücklich, denn dieſe Hoffnung beruhete auf ihr. Als ihr Blick die letzte Zeile des Briefes überflo⸗ gen hatte, führte ſie das Papier an ihre Lippen und drückte auf die ſchon halb verwiſchte Schrift einen dankbaren Kuß. Dieſer Kuß war für die beiden ältern Schweſtern nicht verloren, die noch immer lauſchten. Der Brief blieb einige Secunden lang an die Lippen gedrückt, dann ſank die Hand matt herab. Sie lächelte nicht mehr. „Mein Gott!““ flüſterte ſie,„liebt er mich denn nicht mehr? Dieſen Brief, der mich ſo glücklich machte, habe ich ſeit bereits drei Monaten erhalten und die beiden folgenden waren kurz und nichts⸗ ſagend.. Die flüchtigen zerſtreut geſchriebenen Zeilen verriethen Kälte und zweiundvierzig Tage ſind be⸗ reits vergangen, ſeit ich den letzten erhalten!“ die 73 Ein kalter Schauer rieſelte durch alle ihre Glieder. „Er leidet ſo ſehr!“ fuhr ſie fort;„wenn ſein ſo ſchweres Unglück ihn ganz zermalmt hätte! wenn er krank wäre! wenn er..“ Sie ſprach die Worte nicht aus, aber ihr Geſicht erblaßte noch mehr und ihr Kopf ſank ſchmerzensvoll auf ihre Bruſt. Ihre Augen waren trocken; ihre weißen Lippen bewegten ſich langſam und murmelten ein Gebet. Sarah und Eſther glaubten von fern, ſie ſei mitten in ihren Liebesträumen eingeſchlafen. Nach mehreren Minuten eines unbeweglichen Schweigens richtete ſie ſich plötzlich empor. „Nein, nein,“ fuhr ſie fort, während ein Hoff— nungsſtrahl in ihren ſchönen Augen glänzte;„Gott kann mich nicht ſo unglücklich werden laſſen. Mor⸗ gen gehe ich wieder zu jener Frau, und morgen finde ich gewiß einen Brief bei ihr. Ach, Herr, ach hei⸗ lige Jungfrau wie will ich Euch danken auf meinen Knieen für einen Brief, für ein Wort, das mir ſagt: ich habe Dich nicht vergeſſen.“ Mitten auf dem Tiſche ſtand ein Käſtchen mit einem Schlüſſel, in welchem offenbar alle die auf dem Tiſche zerſtreut herumliegenden Papiere aufbe⸗ wahrt wurden. Lea trat an das Käſtchen und öffnete es; einen 6* 74 Brief nach dem andern legte ſie hinein, nachdem ſie dieſelben wieder zuſammengebrochen hatte. Bei die⸗ ſem Zuſammenlegen las ſie in jedem ein Wort, eine Stelle, welche ſie an den ganzen Inhalt erinnerte. Sie wußte ſie auswendig, obgleich es ihr liebſter Zeitvertreib war, unaufhörlich darin zu leſen. Nebſt den Briefen ihres Geliebten ſchloß ſte auch die unvollendeten Concepte ein, die ihr Werk waren. Dieſe von ihrer Hand geſchriebenen Zeilen ſprachen von ihm gleich denen, die von Frankfurt kamen; ſie liebte beide aus gleichem Grunde. Das Käſtchen war faſt voll und es lagen auf dem Tiſche nur noch zwei oder drei Briefe, die am ſichtbarſten Spuren an ſich trugen, daß ſie täglich in die Hand genommen würden. Lea nahm einen, um ihn an ſeine Stelle zu legen und ihr zerſtreuter Blick fiel auf die erſten Zei⸗ len. Statt ihn zuſammenzulegen, behielt ſie ihn offen in der Hand. Es war ein Concept, das ſie ſchon längſt geſchrieben hatte, einen Monat etwa nach ihrer Ankunft in Paris. Sie hatte es behalten, weil ſein Inhalt die Schmerzen desjenigen geſteigert hätte, der ſie tröſten wollte. Sie begann unwillkürlich jenes vergeſſene Blatt zu leſen, das von früherer Trauer ſprach. „Ich weiß nicht, wo Du biſt,“ ſagte ſie,„und ich habe ſeit meiner Abreiſe von Deutſchland keine l Nachricht von Dir erhalten.— Aber, Du hatteſt mir verſprochen mich immer zu lieben. Denkſt Du nicht mehr an mich? Was iſt aus Dir geworden? Was thuſt Du? Ach, wie gern möchte ich es wiſſen und wie weh thut es mir, mich ſo fern von Dir zu wiſſen! Ich ſchicke meinen Brief an den guten Gott⸗ lieb, den Bauer bei Eſſelbach, der Dich gaſtlich auf— nahm; wird er zu Dir gelangen?— Ich bin in Paris bei meinem Vater, den ich kaum kenne, bei meinen Schweſtern, die ich ſeit meiner Kindheit nicht geſehen habe. Wir wohnen in einem prächtigen Hauſe und ich bin von einem mir neuen Luxus um⸗ geben. „Alles iſt ſchön in dem Hauſe meines Vaters; nichts fehlt darin, nicht einmal das Grün, nicht einmal der Geſang der Vögel. Von dem Pavillon aus, in dem ich ſchreibe, ſehe ich große Bäume, deren bewegliche Zweige mein Fenſter liebkoſen und ich weine bisweilen, wenn ich ſie ſehe, weil ſie mich an die anderen Bäume erinnern, die frei auf dem Berge wachſen und unter deren Schatten wir beide ruheten. Wie glücklich Sie zu ſein ſchienen, mich zu ſehen und mich nahe bei Ihnen zu wiſſen! Ihre Küſſe brennen noch auf meiner Hand. Ach Gott, ich glaubte, dieſe Zärtlichkeit würde nie erlö— ſchen. Habe ich mich getäuſcht?“ „Ich ſehe meinen Vater alle Abende; er iſt gütig 76 gegen mich und ich glaube, er liebt mich; ich verehre ihn aus Herzensgrunde.“ „Ich habe einen Bruder, der mich bei meiner Ankunft durch die Lorgnette betrachtete; er küßt mir die Hand wie einer Fremden und ſagt mir, ich ſei hübſch. Ich weiß nicht, ob er mich liebt.“ „Ich habe zwei Schweſtern. Wenn Sie wüß⸗ ten, wie ſchoͤn ſie ſind. Man führte mich einmal zum Balle und ich ſah, daß ſie allgemeine Huldi⸗ gung fanden. Alle lagen zu ihren Füßen. Wenn ſie mit unbedeckten Schultern und mit Diamanten im Haar erſcheinen, kann ich ſie nicht anſehen, ohne faſt geblendet zu werden. „Mein Vater, mein Bruder und meine beiden Schweſtern gehören dem jüdiſchen Glauben an. Bis jetzt hat man der Ausübung meiner Chriſtenpflicht kein Hinderniß in den Weg gelegt; aber die Verſchie⸗ denheit des Glaubens thut meinem Vater weh; einigemal hat er mir liebevoll Vorwürfe gemacht und ich wußte nicht, was ich ihm antworten ſollte. Mein Bruder und meine jüngere Schweſter beſchäf⸗ tigen ſich damit gar nicht. Meine ältere Schweſter lacht und ſpottet, wenn ſie über Religion ſpricht. „Ich bin frei; Niemand kümmert ſich um das, was ich thue; man ſagt mir, ich ſolle glücklich ſein und das Leben genießen. Alle Vergnügungen ſtehen mir zu Gebote und ich weiß nicht, was ich mit dem 77 Gelde anfangen ſoll, das man mir giebt. Gleich⸗ wohl bin ich traurig, Otto, und ſehne mich alle Tage mehr nach dem beſcheidenen Häuschen meiner armen Tante Rahel. Es ſchmerzt mich, daß ich ihr heiteres ruhiges Geſicht nicht mehr ſehe, das mich an das mildfreundliche Geſicht meiner Mutter erin⸗ nerte; ich ſehne mich nach dem Stübchen, das die ſchöne Berglandſchaft, die reine Luft, den weiten Horizont und die liebe Glocke der nachbarlichen Ka⸗ pelle vor ſich hatte, die mich jeden Tag früh aus dem Schlafe weckte.“ „Ich ſehne mich.., aber warum mich täuſchen, Otto? Sie, Sie allein ſtehen im Hintergrunde mei⸗ ner Erinnerungen; nach Ihnen ſehne ich mich und nicht nach allen den Dingen, welche Ihre Anweſen⸗ heit mir ſo theuer machte.“ „Ich würde Paris lieben, wenn Sie da wären, und wenn ich Sie nicht mehr in der Nähe des Hau⸗ ſes meiner Tante fände, würde ich bei ihr traurig ſein wie an anderen Orten.“ „Otto, Sie haben mir niemals den Namen Ih⸗ rer Familie nennen wollen; Sie kennen auch den meinigen nicht und obgleich wir unſere Schwüre ge— tauſcht haben, bleiben wir doch einander fremd. Das iſt mir ſchauerlich; an manchen Tagen möchte ich vertraulich mit Ihnen ſprechen und es iſt mir als würde es ein Band mehr ſein zwiſchen uns; ein anderesmal zögere ich wieder und wünſche mir Glück zu unſerer gegenſeitigen Zurückhaltung.“ „Ich bin ein thörichtes Mädchen. Ich habe mich in Ihre Arme geworfen und Sie brauchten nur zu winken, um mich zu Ihnen hinzuziehen. Das iſt nicht recht. Man ſagt, meine Familie ſei adelig und mächtig; es iſt aber beſſer, wenn Sie den Na⸗ men der armen Unſinnigen nicht kennen, die Ihre Sclavin geworden iſt. Wenn Gott mich mit ſeiner grauſamſten Strafe heimſuchte, wenn Sie mich nicht mehr liebten, würde meine Unvorſichtigkeit wenig⸗ ſtens ein Geheimniß für Jedermann ſein und ich hätte weder Bedauern noch Spott zu fürchten.“ „Zum letztenmale ſah ich Sie in dem großen Walde von Lärchenbäumen, welcher das Schloß der alten Grafen von Thor umgiebt. Ich kam zu Pferde von Eſſelbach und wir irrten beide auf den Berg⸗ pfaden umher, während wir von der bevorſtehenden Abweſenheit ſprachen.“ „Sie verſprachen, nach einem Monate wieder zu kommen, aber etwas ſagte mir, daß unſere Tren— nung länger dauern würde. Wir gelangten ſo an den Fuß der Mauern der alten Feſte. Es ſind dies Ruinen und die großen Säle, in denen ſich die Macht der Herren barg, haben jetzt kein anderes Dach als das Dach des Himmels. Aber es ſind prachtvolle Ruinen; die düſtern Mauern ſprechen 79 noch von Heldenthaten und Schlachten und der hohe Thurm, der allein unberührt geblieben iſt auf dem Gipfel des Berges, gleicht einem Rieſenkönige, der auf den Stufen ſeines Thrones ſteht. „Ich erinnere mich, daß Sie lange ſchweigend die ſtarken Trümmer des vergangenen Ruhmes be⸗ trachteten. Auf Ihrer Stirn lag Melancholie und ich ſaubie eine Thräne an Ihren Wimpern zittern zu ſehen. „Nicht ich brachte dieſe Aufregung hervor, Otto; dieſer Schmerz war nur ein Vorgeſchmack der Tren⸗ nung. Ich weiß wohl, daß nicht mir in Ihrem Herzen der erſte Platz gebührt. Und ich beklage mich nicht, ich bete inbrünſtig zu Gott, daß er mir den zweiten bewahre.“ „Ich halte Sie gern auf Ihrem Pfade nicht auf. Das Ziel, das Sie verfolgen, muß edel und gerecht ſein wie Sie ſelbſt; gehen Sie, gehen Sie immer ohne an das arme Mädchen zu denken, das Sie liebt; ihr größtes Unglück würde es ſein, wenn ſie ein Hinderniß auf Ihrem Wege würde.“ „Als Sie die Ruinen von Thor betrachteten, ſprachen Sie einige Worte aus, die für mich ein Lichtſtrahl wurden. Ich erritih zum erſten Male, daß Sie der Diener eines gefallenen edeln Geſchlech⸗ tes wären, und daß ein großes Ereigniß Ihr Leben in Anſpruch nähme.“ 80 „Sie haben mir oft geſagt: ich gehöre mir ſelbſt nicht an; in dieſem Augenblicke verſtand ich Sie.“ „Aber, ich bin nicht eiferſüchtig auf das, was ſie Andern geben. Ich liebe den, den Sie lieben und würde mich glücklich ſchätzen, könnte ich ihm mein Leben weihen. Arbeiten und kämpfen Sie! Mein Gebet folgt Ihnen. Wenn Sie aber eines Tages ſiegreich ſind, dann denken Sie an mich und kommen Sie zurück. Vor allen kommen Sie zurück, wenn Gott Ihnen den Sieg nicht giebt.“ „Ich habe dieſe Zeilen vor zwei Tagen geſchrie⸗ ben und den Brief nicht geſchloſſen, weil ich zögere, Ihnen Worte der Trauer zu ſenden.“ „Ich ſchreibe aber weiter, denn wenn ich Ihren Namen auf dem Papiere ſehe, glaube ich Sie vor mir zu erblicken, es iſt mir dann als hörten Sie meine Klage und als tröſte mich Ihre geliebte Stimme.“ „Ich habe Ihnen nur noch eines zu ſagen, Otto: ich glaube, daß ich in dieſem Hauſe unglücklich ſein werde. Seit zwei Tagen iſt meine Furcht erwacht und ich habe Niemanden, dem ich mich anvertrauen könnte.“ „Es iſt dies vielleicht eine kindiſche Beſorgniß. Gewöhnlich geſchehen die geheimnißvollen Dinge in 81 der Nacht und die Furcht wartet auf die Finſterniß; ich aber höre hier am hellen Tage ſeltſames Ge— räuſch, das ich mir nicht erklären kann und das mich erſchreckt.“ „Ich halte mich faſt den ganzen Tag über in einem Pavillon auf, den ich ſchon einmal erwähnt habe und der in den Garten des Hauſes ſteht. Von dieſem Pavillon gelangt man in ein Treibhaus, wel⸗ ches die ganze Länge des Gartens einnimmt.“ „Alle Tage gegen halb neun Uhr Morgens höre ich ſchwere aber vorſichtige Tritte, welche auf den Stufen einer unſichtbaren Treppe dicht neben mir herunterzukommen ſcheinen.“ „Manchmal drehe ich mich um, weil ich glaube, die Schritte müßten in meinem Zimmer ſelbſt ſein. Einige Fuß unter dem Fußboden des Pavillons öff⸗ nete ſich eine Thüre und halten Sie es nicht für einen Traum, denn das Geräuſch iſt ganz deutlich, ich habe es zwanzig Mal gehört und immer zu der⸗ ſelben Stunde. Die Tritte gehen unter mir weiter. Bleibe ich in meinem Zimmer, ſo wird ihr Schall bald ſchwächer und hört allmälig ganz auf, aber ich habe vier oder fünf Mal die Thüre des Treib⸗ hauſes geöffnet und bin den Schritten gefolgt. Man hört ſie den ganzen Garten hin bis an das Ende des Treibhauſes, das in einem Kiosk endiget, in den Niemand hinein kommt. Hier öffnet derjenige, wel⸗ 82 cher unter der Erde geht, eine Thüre und das Ge⸗ räuſch hört auf.“ „Abends, gegen fünf Uhr, erneuert ſich dieſelbe Erſcheinung, nur umgekehrt. Die Schritte kommen von dem Garten her, gehen unter dem Pavillon hin und langſam die Treppe hinauf, von der ſie früh heruntergekommen ſind. Ich fragte den Gärtner, ob das Haus auf dieſer Seite Keller habe, aber er lachte mich aus. Ich fragte mein Kammermädchen und ſie ſah mich an wie man Leute anſieht, die nicht recht bei Verſtand ſind. Es iſt dennoch keine Täu⸗ ſchung. Es geht etwas Seltſames in dem Hauſe vor, ohne daß irgend Jemand etwas davon weiß. In der Einſamkeit entſteht eine abergläubiſche Furcht und ich bin immer allein. Ich behalte dieſen Pa⸗ villon für mich, weil mich da Niemand ſtört, aber ich würde es nicht wagen die Nacht da zu ſchlafen und habe mein Bett in ein anderes Zimmer des Hauſes bringen laſſen.“ „Ich armes Mädchen! Mein Geiſt iſt krank! Ich gleiche jenem Theatertyrannen, der in ſeiner Mauer gehen hört. Aber nicht davon wollte ich ſprechen, Otto, und wenn ich eine Freundin bei mir hätte, würde auch dieſe Furcht ſchwinden. Ich habe allerdings ein Mädchen meines Alters kennen ge⸗ lernt, das ich wohl lieben könnte. Sie iſt faſt ſo ſchön als meine Schweſtern und ihr ſanftes Geſicht 83 verräth eine ſchöne Seele. Sie heißt Deniſe. Gleich das erſte Mal als ich ſie ſah, fühlte ich mich zu ihr hingezogen und hätte ſie Freundin nennen mögen. Aber ſie ſcheint meine Schweſtern nicht zu lieben und die Kleine hat mir empfohlen, vor ihr auf der Hut zu ſein. Die Kleine iſt meine ältere Schweſter. Man nennt ſie hier ſo.. Ich verſchiebe es immer von ihr zu ſprechen und doch wollte ich Dälade von ihr ſchreiben.“ „Seit meiner Ankunft iſt meine andere Schwe⸗ ſter kalt und gleichgiltig gegen mich; die Kleine da⸗ gegen heuchelte ſogleich eine liebevolle Zuneigung. Sie bot eine Art Koketterie auf, um mein Vertrauen zu gewinnen und ich hielt ſie im Anfange für gut und wirklich liebevoll. Um mein Vertrauen zu ge⸗ winnen, ſchenkte ſie mir das ihrige, und mit welcher Klugheit that ſie das! Sie ſprach zuerſt von kleinen Sünden, die nicht einmal Sünden ſind, von einigen Einfällen einer großen Dame, die ſich herabläßt ein⸗ mal wie eine gewöhnliche Bürgersfrau ſich zu beneh⸗ men. Sie führte mich, während ſie ſich laut an— klagte, zu einer Frau Batailleur, einer Trödlerin im Temple, die ihr Putzſachen verkaufte. Als ſie ſah, daß dies mich nicht erſchreckte, ging ſie einen Schritt weiter und trat etwas kecker auf. Sie rühmte die Frau Batailleur ſehr, welche tauſenderlei zweifel⸗ hafte Gewerbe treibt, deren Verſchwiegenheit aber — e — 84 erprobt iſt. Ich bin geſtern allein bei ihr geweſen, Otto, und habe ihr Geld gegeben, damit ſie Ihre Briefe für mich annehme. Sie wohnt in der Straße Vertbois Nr. 9. Ach fände ich bei ihr bald einen Brief von Ihnen!“ „Was mir meine Schweſter ſagte, verſtand ich nicht recht, da ſie aber dabei lächelte, ſo lächelte ich auch, ohne ihr zu antworten. Die Kleine, die bei— nahe noch einmal ſo alt iſt als ich und meine Mut— ter ſein könnte, wollte mich wohl zu Schlechtigkeiten verleiten. Es lag unter dem Scheine von Zunei— gung eine Art Haß, deſſen Grund ich nicht errathen kann. Ich weiß nicht, ob ſie ſelbſt ſich etwas vor⸗ zuwerfen hat.“ „Aber ſie wollte mich zur Schuld verleiten. Sie ſprach zu mir von unbekannten Genüſſen und ge⸗ heimnißvollen Wonnen. Ihre ſündhafte Beredtſam⸗ keit entrollte vor mir tauſend verführeriſche Bilder.. Ich fand in meinem Zimmer Bücher.. Doch ich habe Ihnen genug geſagt,.. die Schamröthe tritt mir ins Geſicht und meine Feder zittert.“.... Der Tag neigte ſich zu Ende. Die Abendkühle bedeckte die Fenſter des Pavillons Leas mit einem Nebel. Eſther und die Kleine, die nichts mehr ſehen konnten, ſetzten ſich von neuem einander gegenüber am Kamine nieder. 8⁵ „Was willſt Du fürchten, Liebe?“ fragte Frau von Laurens;„es iſt für Alles geſorgt; Du wirſt da ſicherer ſein als unter Deiner geſtrigen Maske. Glaubſt Du, daß ich mir umſonſt ſo viele Mühe gegeben? Wenn ich der Batailleur Geld gegeben, wenn ich das Haus gleichſam zur Commandite ge— macht habe, ſo geſchah es, weil ich unumſchränkte Herrin ſein wollte. Du wirſt ſehen, wie geſchickt alles angeordnet iſt. Neben dem Bankhalter befin— det ſich eine Art vergitterter Loge, welche die ge— wöhnlichen Gäſte den Beichtſtuhl der Fürſtin nennen. Sie ſind überzeugt, daß hinter dem mit einem Muslinvorhange verſehenen Gitter eine Perſon von hohem Range ſich aufhält, welche bei verſchloſ— ſenen Thüren ihre Leidenſchaft für das Spiel befrie⸗ digen will. Man glaubt ſogar jene mächtige Dame könnte bei einem Ueberfalle die Thätigkeit der Polizei lähmen.“ Eſther lächelte. „Seit einigen Tagen,“ fuhr die Kleine fort, „hat die Batailleur eine andere Erklärung in Um⸗ lauf geſetzt. Der Vorhang der Loge verbirgt darnach keine Prinzeſſin, ſondern einen hohen Staatsmann, einen Inländer oder Fremden, einen Geſandten oder einen Miniſter.. Geben wir dieſe letztere Annahme zu, ſo ſiehſt Du wohl ein, Schweſter, daß wir von Seiten der Regierung nichts zu fürchten haben.“ 86 „Und Du biſt in jener Loge?“ unterbrach ſie Eſther. Nicht immer.. Die Loge iſt eine Vorſorge für die gefährlichen Fälle, ein Aſyl. Da ich ein unbe⸗ ſchränktes Recht der Controle über die Zulaſſung der Spieler ausübe, ſo weiß ich, ehe ich in den Saal trete, ob ich erkannt werden kann und ich habe dann zwiſchen der Loge und einem der Seſſel die Wahl. Wenn ich den Seſſel wähle, ſo habe ich nichts zu fürchten, aber ich gebe doch aus über⸗ großer Vorſicht meiner Toilette einen fandarkigen Anſtrich und überlaſſe meinen Kopf der Frau Ba⸗ tailleur, die das Geheimniß beſitzt, mir ein ganz anderes Geſicht zu machen.“ „Dieſe Batailleur muß ſehr geſchickt ſein.“ „Sie iſt eine wahre Fee, ſage ich Dir.. Sitze ich einmal an dem Tiſche, ſo beginnt die Leiden⸗ ſchaft. Eſther, ich din ſeit zehn Jahren und habe noch nicht eine Secunde lang Ermüdung oder Sät⸗ tigung empfunden. Bedenke, ob das die Liebe ge⸗ währen kann. Und das eine hindert die andere nicht. Hoͤre mich an. Der Bankhalter ſpricht die gewöhn⸗ lichen Worte; man hört einen metalliſchen Klang, der die Nerven ergreift; es geht etwas in das Blut über und der Puls klopft raſcher. Der grüne Tep⸗ pich verſchwindet unter einer Goldſchicht; überall liegt Gold. Große ſpaniſche Stücke, engliſche 87 Sovereigns, Dukaten, Louisd'or, was weiß ich? — Gold von St. Petersburg, Gold von Conſtan⸗ tinopel.. Die Karten werden gemiſcht, alle Män⸗ ner ſitzen geſpannt da,.. der Zufall ſpricht. Ich habe geſpielt, ich habe gewonnen,.. alles Gold, das den Tiſch bedeckte, liegt in einem Haufen vor mir.“ Der Buſen der Kleinen klopfte und ihre Stimme erbebte. Eſther hielt die Augen niedergeſchlagen und als ſie dieſelben aufſchlug, glänzte ein Blitz in denſelben. Die Kleine unterdrückte eine Geberde des Triumphs. „Du biſt Spielerin,“ flüſterte ſie;„Du wirſt kommen.“ Eſther antwortete noch nicht. „Du wirſt kommen,“ wiederholte Sarah;„ich ſage Dir, es iſt das höchſte Vergnügen, das Ver⸗ gnügen, das dauert und nicht ermüdet.“ Sie drehete ihren Stuhl auf dem Teppiche herum und rückte ihn näher an den ihrer Schweſter. „Ueberdies,“ fuhr ſie fort, indem ſie ihrer Stimme einen noch ſchmeichelndern Ton gab,„giebt es noch etwas anderes als das Spiel. Einige um den Tiſch herum ſind Abenteurer, aber die anderen ſind anſtändige Herren. Sie kommen aus allen Ländern wie das Gold, das ſie mitbringen. Ich VI. 7 88 habe da Engländer geſehen, die blond und weiß wa⸗ ren wie Frauen, Italiener mit Feuerblick, ernſte und träumeriſche Deutſche, wie ruſſiſche Athleten, die mit der geballten Fauſt den Tiſch hätten zerſchlagen können.“ Die Kleine lächelte und ihre Stimme wurde noch leiſer, wie ſanftes Geflüſter. Sie fuhr dann fort und ihr Mund befand ſich dicht an dem Ohre der Schweſter. Der Buſen Eſthers zitterte nun auch; das ganze Blut drang ihn nach dem Geſicht; das Lächeln der Kleinen dagegen blieb heiter und ruhig. „Pfui!“ ſagte Eſther.„Schweſter! Schwe⸗ ſter!⸗ „Liebe,“ entgegnete Sarah,„brauchen wir denn gegen einander zu heucheln?“ „In der Welt,“ begann die Gräfin. „Die Welt!“ rief die Kleine aus, indem ſie ungeduldig mit dem Fuße aufſtampfte. „Und Du ſprichſt von Gefahren! Gerade da liegt die eigentliche Gefahr, liebe Schweſter. In der Welt kommt jedes Geheimniß durch Geduld und Mühe an den Tag; ich habe mir einen Ruf gegrün⸗ det, der auch auf Dich übergeht und Dich ſchützt, aber glaube mir, Eſther, ein Hauch reicht hin, die⸗ ſen Ruf zu beflecken; die kleinſte Intrigue würde wir ſie da In und rün⸗ üth, de⸗ Utd 89 ihn ſtürzen und ich werde ängſtlich, ſo oft Du einen Mann anſiehſt.“ Das Auge Eſthers hob ſich verwundert und neugierig. „Ich bin ängſtlich, wenn Du in einem Salon biſt,“ fuhr die Kleine fort,„„weil aller Augen auf uns gerichtet ſind, weil es hundert eiferſüchtige Frauen ſehen, die auf die Gelegenheit lauern, uns zu verderben.“ Sie hielt inne und ſah ihrer Schweſter gerade ins Geſicht. „Willſt Du eine Heilige ſein?“ fragte ſie dann mit einem Male. „Gewiß..,“ ſtammelte die überraſchte Gräfin. „Du möchteſt es, liebe arme Schweſter,“ ent⸗ gegnete die Kleine,„aber Du kannſt nicht. Du biſt jung und kräftig; Dein Herz ſpricht, Deine Sinne regen ſich. Nun, ich ſage Dir, daß die Welt eine große Schlinge iſt, in der Du Dich mit offenen Augen fangen wirſt. Das Geld beherrſcht die Welt, aber die Vorurtheile konnte es noch nicht umbringen. Wenn wir einer geſchichtlichen Familie angehörten, wenn unſere Vorfahren bei Bouvines oder Fontenoy geſtorben wären, würde ich vielleicht nicht ſo mit Dir ſprechen, aber der Fehltritt, den man der Her⸗ zogin verzeihet, vernichtet die Tochter des Juden.“ „Ich bin Gräfin,“ wollte Eſther ſagen. 7* —ͤͤ — 90 „Gräfin Lampion, meine Gute. In unſerer Lage, glaube mir, muß man zwei Sehnen für ſeinen Bogen, zwei Wege in ſeinem Leben haben, einen, den man mit offenem Geſichte und mit ſtolz erhobe— nem Haupte folgt, und einen andern, den man ſtill betritt, wenn man von keinem Auge belauſcht wird; einen, auf dem man kalt und ſtreng iſt, und feſt auf der Tugend reitet, den andern, wo man thut was man will. Ich kenne ein Mädchen, die mit dem Corſet ſchläft, um eine Wespentaille zu bekommen; ſie langt athemlos auf dem Balle an und ihre Mut⸗ ter ſteht ſich oft genöthiget ſie aufzuſchnüren, wenn ſie getanzt hat. Iſt es nicht beſſer, den Zwang für die Stunde aufzuſparen, welche man der Geſellſchaft widmet, das ſteife Blankſcheit nach der Parade weg⸗ zuwerfen und ungehindert auszuruhen, um die An⸗ ſtrengung des Abends beſſer ertragen zu können? Du biſt wie das Mädchen, das ich erwähnte, arme Eſther; Du willſt Dein Corſet immer anbehalten; es drückt Dich und unter den feindſeligen Blicken der Leute wirſt Du Dich aufſchnüren laſſen müſſen.“ „, ſtammelte Eſther,„aber..“ „Was aber? Außerhalb der Welt oder der Ge⸗ ſellſchaft dagegen, auf dem andern Wege, den man allein und verkleidet betritt, wie ſicher! wie frei be⸗ wegt man ſich! Die Leute, denen man begegnet, Ich verſtehe ſehr wohl was Du ſagen willſt,“ 9¹1 kennen unſern Namen nicht, man ſteht ſie nur im Vorbeigehen und verliert ſie dann aus den Augen.“ „Aber man kann ſie wieder treffen.“ „Da leugnet man. Arme Schweſter, die Na⸗ tur hat uns Frauen die Keckheit und die Kaltblütig⸗ keit gegeben, gewiß damit wir davon Gebrauch ma⸗ chen ſollen. Man leugnet und wenn uns die Welt nie auf einem Vergehen ertappt hat, ſo iſt ſie für uns. Die Anklagen, die von außen zu ihr dringen, ſind ſo gut als nicht erfolgt; ſie glaubt nicht an das, was ſie nicht kennt und hält die Sitten, welche nicht die ihrigen ſind, für unwahrſcheinlich und un⸗ möglich..“ „Aber,“ warf Eſther nochmals ein, die ſchon halb überredet war,„die Welt kann doch auch an ſolche Beſchuldigungen glauben.“ „Zugegeben, ſo wagt man doch auch für ein ganzes Leben voll Vergnügungen nur einige durch die Furcht getrübte Augenblicke der Freude, nur einige ängſtliche Minuten, denn Du weißt es ja, Schwe⸗ ſter, es giebt in den Strafen der Welt keine Abſtu⸗ fungen; ein leichtes Vergehen wird beſtraft wie ein Verbrechen und wenn man einmal die Achtserklä⸗ rung der faſhionablen Welt wagt, muß man ſie we⸗ nigſtens auch verdienen. Aber wir ſchwatzen da zwecklos ins Blaue hinein.“ —-—— „Wenn nun der kleine Franz hätte ſprechen kön⸗ nen,“ ſagte Eſther. „Wieder dieſer kleine Franz!“ fiel die Frau von Laurens mit einem Anfalle von Zorn ein;„welches Gewicht würde ſein Wort in Vergleich mit dem mei— nigen gehabt haben? Und dann iſt dieſe ganze Sache eine Ausnahme. Ich handelte da unſinnig und hatte Strafe verdient. Der kleine Franz ſcheint in dem Hauſe Geldberg beſchäftiget geweſen zu ſein; das hätte ich wiſſen ſollen. Ich ſah ihn eines Tages in dem Spielhauſe und ſetzte mich keiner großen Gefahr aus, da die Vorhänge der Loge zwiſchen mir und ſeinem Blicke waren; aber er gefiel mir; ich erinnere mich nicht raſcher und ſtärker Gefallen an einem Manne gefunden zu haben. Ich verlor jede Vor⸗ ſicht.. Ich ſelbſt that die erſten Schritte und die Batailleur führte ihn auf mein Verlangen in den Beichtſtuhl der Prinzeſſin.“ Die Kleine ſagte dies ohne Erröthen und Eſther ſchien nicht verletzt zu werden. „Das iſt nun Dein einziger Grund,“ fuhr Sarah fort.„Franz, immer Franz! Die That⸗ ſachen übernahmen es, mir eine Antwort zu liefern und ich ſchwöre es, liebe Schweſter, daß Franz nie⸗ mals gegen mich ſprechen wird..“ In dieſem Augenblicke trat eine Dienerin ein, die einen Brief in der Hand hatte. 93 „Von dem Herrn Doctor,“ ſagte ſie. Sarah nahm den Brief und die Dienerin ent⸗ fernte ſich wieder. Die Kleine erbrach das Siegel mit Abneigung. „Wie mich der Menſch langweilt!“ flüſterte ſie. Ihr Blick fiel auf den offenen Brief, ihr Ge⸗ ſicht überzog ſich plötzlich mit Todtenbläſſe und ihre ſchönen Augenbrauen wurden verzerrt. Der Brief lautete: „Gnädige Frau, Ihrem Wunſche gemäß berichte ich Ihnen in Eile den Ausgang des Duells. Der junge F. iſt ihm geſund und wohlbehalten entkom⸗ men und V. wurde verwundet.“ Eine Secunde lang ſaß die Kleine wie verſteinert da. Eine dumpfe Wuth kochte in ihr; ihr Auge brannte unter den niedergeſchlagenen Lidern. „Sie konnten nicht!“ dachte ſie, während ſie die Zähne zuſammenbiß;„ſie haben mir ihn leben laſſen.. Ich ſehe wohl, daß ich die Sache ſelbſt übernehmen muß.“ Ihr ſtier an den Boden geheftetes Auge hatte denſelben drohenden und ſchrecklichen Ausdruck wie damals, als ihr Mann vor ihr auf den Knieen lag und ſie flehentlich anſah. Neuntes Kapitel. Drei Namen. Das dauerte eine Secunde. Eſther hatte kaum Zeit dieſe Umwandlung ihrer Schweſter zu bemerken. Die Kleine zerriß den Brief in kleine Stücke und verbrannte ihn. Ehe das Papier von den Flammen ganz verzehrt war, hatte ſie ihr verführeriſches Lächeln wieder ge⸗ funden. Sie war ſtark und immer über ſich ſelbſt Herr. Sie verſtand jede Leidenſchaft zu beherrſchen und jede Angſt zu bemeiſtern. Ihr Geſicht war eine gehorſame Maske ſelbſt in den Stunden der Noth. Bei dem Anblicke des Bil⸗ lets hatte ſie ein Zornanfall ergriffen, weil die Nach⸗ richt ſie unerwartet überraſchte, da ſie nicht einmal an die Möglichkeit dieſes Reſultates gedacht hatte. —— 9⁵ Sie hatte Franz heut zum Kampfplatze gehen ſehen; ſein Gegner war ein bekannter Raufbold und er verſtand kaum den Degen zu führen. Seit den drei oder vier Stunden, die ſie wachte, ſtellte ſie ſich Franz als einen Todten vor und ein Paar Mal hatte ſie ſich ſogar verſucht gefühlt den armen ſchönen, kecken, heitern Jüngling zu beklagen, den ſie ſonſt liebte und glühend in den Armen gehal⸗ ten hatte. Sie hatte wirklich einen Anflug von Rüh⸗ rung empfunden und zwiſchen Gähnen kopfſchüttelnd geſagt: „Es iſt Schade!“ Ein wenig Bedauern ſchließt jedoch in manchen Fällen die vollſtändige Befriedigung nicht aus. Sarah fühlte ſich ganz heiter geſtimmt; Franz kannte ihr Geheimniß, er allein kannte es und nahm es mit in das Grab. Sie hatte alſo kein Ausplaudern mehr zu fürchten. Jetzt freilich ergab es ſich, daß dieſes Grab zu vorſchnell gegraben worden.. Der Jüngling war noch nicht todt; er war vielmehr gegen alle Erwar⸗ tung der Schlinge entgangen und ſo ſchwebte die Drohung noch immer über dem Haupte Sarahs, eine ſchreckliche Drohung, denn Franz wußte vielerlei. Der Muthigſte zittert, wenn er den Degen fühlt, der ſein Fleiſch durchbohrt. Man kann von der größten Tapferkeit nichts weiter verlangen, als daß —ö—— V 96 ſie nach der erhaltenen Wunde ſich ſofort wieder auf⸗ richtet. Die Kleine war eine Art Heldin, ja mehr als das und die Wunde, die ſie ſchmerzte, hinderte ſie nicht zu lächeln.. Es war ein Bedürfniß für ſie andere in den Abgrund mit hineinzuziehen, in den ſie ſank. Im erſten Augenblicke des Verdruſſes dachte ſie ohne Zweifel nicht nach, aber ihr Inſtinct ſagte ihr, daß es nicht gut ſei, die Nachricht, welche ihr Mira mit⸗ getheilt hatte, weiter bekannt werden zu laſſen. Eſther zögerte noch und ſie durfte keinen Grund fin— den, noch länger zu zögern. Eſther war ein gewöhnliches Weib, ſchwach an Geiſt, ohne ſchützende Grundſätze und wurde durch das ſinnliche Element, das in ihr vorherrſchte, mit fortgeriſſen. Die Kleine wollte ſie noch ſchlechter haben; ſie gedachte die Schweſter nach ſich ſelbſt zu bilden, weil ſie glaubte, der Fall Eſthers würde ihren eigenen Fall ſchwächen und die getheilte Schande geringer ſein. Oder, denn man darf dieſe Ausnahmen, welche abſtoßen und erſchrecken, nicht zu erklären ſuchen, ſie führte vielmehr die Sache des Schlechten aus Neigung, aus Nothwendigkeit, aus Beruf; ſie beſtrebte ſich mit dem Eifer eines böſen Geiſtes zu ſchaden wie andere ſich aufopfern, um zu helfen und zu retten. Sie wendete ihre ganze Sorg⸗ 97 falt und Arbeit darauf und vielleicht hätte ſie ſelbſt nicht ſagen können, warum ſie mit ſo ausdauerndem Eifer Böſes zu thun ſuchte.— Nichts hielt ſie auf. Selbſt in dieſem Augenblicke, wo ſie ſo ganz uner— wartet einen empfindlichen Schlag erhielt, ließ ſie von dem angefangenen Werke nicht ab. „Ein Brief von dem Doctor!“ ſprach ſie leiſe indem ſie das letzte Papierſtückchen mit dem Fuße in die Aſche ſchob.„Ich hatte ihm einen Auftrag ge⸗ geben, den er nicht ausführen konnte.“ Sie ergriff darauf eine Hand der Gräfin und ſtreichelte ſie. „Da es das erſte Mal ſein wird,“ fuhr ſie fort, „ſo werden wir alle Vorſichtsmaßregeln anwenden. Selbſt die Batailleur ſoll nichts wiſſen. Wir ſchlüͤ⸗ pfen in den„Beichtſtuhl“ und rühren uns nicht. Du wirſt ſehen, wie alle neugierig empor blicken, wenn wir ein wenig Geräuſch hinter dem Vorhange machen.„Es iſt die Prinzeſſin! Es iſt die Prin⸗ zeſſin!“ Ein Engländer hat der Batailleur fünfhun⸗ dert Guineen geboten, wenn er den Vorhang ein wenig emporheben dürfe.“ Sie unterbrach ſich und fuhr ganz leiſe fort: „Wirſt Du kommen?““ „Du biſt ein Dämon, Sarah,“ flüſterte Eſther. Die Kleine küßte ſie lachend. „Du wirſt kommen!“ ſagte ſie.„Mein Gott, 98 wie ſie ſich bitten läßt! Und ehe ein Monat vergeht, wird ſie nicht wiſſen, wie ſie mir danken ſoll.. Wirſt Du heute Abend kommen?“ „Das iſt mir nicht möglich,“ antwortete Eſther. „Warum?“ „Weil ich beſchäftiget bin.“ „Ein Rendezvous?“ „Vielleicht.“ „Das iſt etwas Anderes. Darf man aber nicht wiſſen.. 2“ „Auch das iſt noch nicht möglich.“ Die Augenlider der Kleinen ſenkten ſich halb und ſie ſah die Gräſin unter den ſeidenen Wimpern her⸗ vor an. „Arme Schweſter!“ flüſterte ſie.„Du haſt eine wahre Sucht, alles geheim zu halten; aber ich errathe Dich.“ Eſther ſchüttelte den Kopf. „Ich wette, daß es ſich um den Baron von Rodach handelt,“ fuhr Sarah fort, deren Blick im⸗ mer ſchärfer wurde. Eſther antwortete nicht ſogleich und ihr Geſicht nahm einen Ausdruck von Mißtrauen und Unbeha⸗ gen an. „Du beſchäftigſt Dich wahrhaftig ſehr mit dem Baron, liebe Schweſter,“ ſagte ſie endlich mit einem Anklange von Ironie. — 99 „Weil ich ſehe, daß Du viel an ihn denkſt, Liebe.“ Während die Kleine dieſe Worte in heiterem Tone leicht hingeworfen ſprach, wendete ſie raſch den Kopf nach einer Glasthüre dem Fenſter gegen⸗ über, die auf einen nach dem Comptoir führenden Corridor ging. „Was giebt es?“ fragte Eſther. „Es iſt mir als hörte ich Tritte,“ antwortete die Kleine. Beide horchten aber ſie hörten nichts. „Ich werde mich wohl getäuſcht haben,“ ſagte Sarah nach einigen Secunden;„aber wie die Zeit vergeht und die Herren werden kommen. Willſt Du mir nicht ſagen, daß Du den Baron von Rodach geliebt haſt?“ „Welcher Einfall!“ „Sieh Dich vor! Ich glaube, daß Du ihn noch liebſt. Und ich ſehe auch nicht ein, wie man die Liebe von ſich fern halten kann. Der Baron iſt einer der ſchönſten Männer, die ich jemals geſehen habe.“ „Mit welchem Feuer Du ſprichſt!“ ſagte die Gräfin, welche die Lippen zuſammenkniff. „Ich bin blos aufrichtig,“ entgegnete die Kleine, „und werde gerade heraus ſagen, daß ich ihn ſehr geliebt habe.“ „Ach!“ ſprach Eſther. —— — 100 „Seinetwegen unternahm ich meine letzte Reiſe nach Deutſchland.. Einen ganzen Monat lang habe ich keine Karte angeſehen.“ „Und Du liebſt ihn noch?“ „Nein,“ antwortete die Kleine im Tone der Aufrichtigkeit. Eſther ſah ſie einige Minuten lang an, dann lächelte ſie. „Nun,“ ſprach ſie ſodann,„ich will Deine Aufrichtigkeit nachahmen, Sarah. Seinetwegen habe ich meine Reiſe in die Schweiz gemacht. Aber ich bin nicht ſo glücklich wie Du, denn ich liebe ihn noch, wie ich glaube.“ „Iſt das ein Unglück?“ „Julian iſt ja zurückgekommen.“ „Bah!“ fiel die Kleine ein;„bilde Dir ein, daß der Vicomte Dein Mann ſei und alle Bedenk⸗ lichkeiten werden ſchwinden.“ Dieſe frechen Worte wurden mit honigſüßer Stimme und in dem hübſchen anſtändigen Tone ge⸗ wöhnlicher Geſpräche geſprochen. Wenn man die beiden ſchönen Frauen mit der ruhigen Stirn und dem Lächeln auf den Lippen von weitem geſehen hätte, würde man geglaubt haben, ſie unterhielten ſich von ihrer Abendtoilette. „Ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken ſoll,“ entgegnete Eſther,„aber Julian gefällt mir.. Auf ——— ſe in 101 der andern Seite kann ich die Neigung nicht unter⸗ drücken, welche mich immer zu dem Baron hinzieht. Er denkt zwar nur an Spiel und Trunk, aber.“ „Ich habe nie geſehen, daß er eine Karte be— rührte!“ unterbrach ſie die Kleine. „Er wollte Dir vielleicht ſeine Leidenſchaft ver⸗ bergen.“ „Ich fand ihn für einen Sohn Heidelbergs im— mer ſehr mäßig.. Dagegen war er ein unerſchro⸗ ckener Don Juan.“ „Keineswegs!“ rief Eſther aus. „Ein Duellſucher und Abenteuerjäger.“ „Ich ſchwöre Dir, daß er für die ſchönſte Frau in der Welt keine Stunde Schlaf geopfert hätte.“ „Ich ſchildere Dir ihn ſo wie ich ihn in Hom⸗ burg geſehen habe.“ „Und ich wie ich ihn in Baden und in der Schweiz kannte.. Gleichwohl glaube ich nicht, daß es zwei Barone von Rodach giebt.“ „Du haſt ihn geſtern auf dem Balle geſehen. Das war der meinige.“ „Der meinige auch.“ Die Kleine ſah nach der Uhr. Es war drei Viertel auf fünf. Sie ſtand auf und drückte einen Kuß auf die Stirn der Gräfin. „Er iſt Dein, mein Schweſterchen,“ ſagte ſie; „glaubſt Du, ich wollte Deine Nebenbuhlerin ſein? Ich möchte Dich vielmehr ſo glücklich ſehen als Du ſchön biſt.“ Ihre weiche weiße Hand ſtrich liebkoſend über das Haar Eſthers. „Ich wünſche es,“ fuhr ſie fort;„verſtehſt Du wohl? Und ich werde Dich gegen Deinen Willen glücklich machen. Jetzt muß ich mich etwas mit mei⸗ ner Toilette beſchäftigen, denn ich fühle, daß man mir das Café Anglais von weiten anmerkt.“ Sie küßte Eſther nochmals, als liebe ſie dieſelbe leidenſchaftlich und ging dann mit graziöſem Schritte nach der Glasthüre zu. In dem Augenblicke als die Thüre hinter ihr zufiel, hörte Eſther, die ſich bequemer ausgeſtreckt hatte, einen halb erſtickten Schrei im Corridor. Er⸗ ſtaunt richtete ſie ſich empor und legte ihre beiden Hände auf die gepolſterten Lehnen des Seſſels, um aufzuſtehen und nachzuſehen was es gebe. Da ſie aber nichts mehr hörte, ſiegte ihre Bequemlichkeits⸗ liebe wieder; ſie ſtreckte ſich von neuem träge aus und ſchloß die Augen in halbem Schlummer. Das Geſpräch hatte ihre Gedanken auf dem Ba⸗ ron von Rodach gelenkt und das Bild des ſchönen Deutſchen trat vor ihre Seele. Der Schrei, den ſie gehört hatte, war von der Kleinen ausgeſtoßen worden, die an der andern der 103 Seite der Glasthüre einem Manne gegenüber ge⸗ kommen war. Es dunkelte ſchnell, aber das Licht von einem Fenſter in der Nähe erhellte das Geſicht des Fremden und die Kleine hatte ſofort in demſelben den Baron von Rodach erkannt. „Albert!“ rief ſie erſchrocken aus und ihr Er— ſchrecken war nicht geheuchelt, denn die Frau, die alles wagte, wollte doch vor den Augen der Menge und beſonders vor den Augen ihres Vaters für eine wahre Heilige gelten. Das Haus Geldberg war für ſie eine Art Heiligthum, vor deſſen Thüre ſie ihre Kühnheit ablegte. Rodach ſeiner Seits hatte in ihr die Dame er⸗ kannt, der er am Tage vorher im Temple begegnet war. Er befand ſich erſt ſeit einigen Minuten da und der Zufall hatte ihn geführt, wie die Leſer ſchon wiſſen. An der Glasthüre hatte er ſeinen Namen gehört und unwilllürlich gehorcht, ehe er umkehrte. Er vernahm wohl Worte, aber nicht den Sinn des Ge⸗ ſprächs. Eben wollte er umkehren, als plötzlich die Frau von Laurens aus der Thüre trat. Er konnte ihr nicht ausweichen. „Was thun Sie hier, Albert?“ fragte ſie raſch und leiſe. VI. 8 104 „Sie hatten mich aufgefordert, zu Ihnen zu kommen,“ antwortete der Baron.„Da bin ich.“ „Welche Unvorſichtigkeit! In meinem Hauſe, in der Straße Provence, nicht hier in dem Hauſe meines Vaters.“ „Sehen Sie mich nicht gern wieder?“ fragte der Baron, der ſie neugierig betrachtete. „Gewiß, lieber Albert.. Sie wiſſen ja, wie ſehr ich Sie liebe.. Ich freue mich ſehr, aber ich bin ängſtlich... Wenn Jemand käme!“ „Sie verſtehen größeren Gefahren auszuwei⸗ chen, ſchöne Dame,“ antwortete Rodach kalt. Die Kleine ſchlug die Augen zu ihm empor und betrachtete ihn einige Secunden lang aufmerkſam. „Wie Sie ſich verändert haben, Albert!“ ſagte ſie.„Geſtern hatten Sie noch Ihren kecken Blick und Ihr Lächeln, das ich ſo ſehr liebe. Heute ſind Sie ernſt und ſprechen in einem andern Tone.“ In dem Augenblicke als Rodach den Mund öff⸗ nete, um zu antworten, hörte man ein Geräuſch in dem Vorzimmer des Corridors. Die Kleine erblaßte. „Um Gottes Willen““ flüſterte ſie,„bleiben Sie nicht hier, Albert. Es kommt Jemand und ich wollte lieber ſterben, als in dem Hauſe meines Va⸗ ters auf einem Fehltritte geſehen zu werden.“ „Ich ſtehe zu Ihrem Befehl,“ antwortete Rodach. 10⁵ Die Kleine drehete ſich um und ſah nach rechts und links. Es waren nur zwei Thüren in dem Corridor, die, durch welche Rodach hereingekommen war und die Glasthüre. Hinter der erſtern hörte man Stimmen, die näher zu kommen ſchienen. Die Kleine zögerte einen Augenblick, dann legte ſie die Hand auf das Schloß der Glasthüre. „Jeder für ſich!“ dachte ſie.„Ich kann nicht wählen und wenn Jemand beſchuldiget wird, ſo mag ſie es ſein.“ „Treten Sie hier herein, Albert,“ ſagte ſie zu dem Barone;„es befindet ſich in dem Zimmer Je⸗ mand, den Sie kennen. Morgen beſuchen Sie mich,.. ich rechne darauf.“ Sie machte die Glasthüre halb auf, druückte Rodach die Hand und ſchob ihn in das Zimmer hin— ein. Dann entfloh ſie wie eine Gazelle. Die Gräfin Eſther lag noch immer in dem Seſ⸗ ſel; ihre Augen waren geſchloſſen; ſie träumte. Bei dem Geräuſche der Thüre ſchlug ſie die Au⸗ gen langſam auf; ihr Mund öffnete ſich ſtumm und ſie rieb ſich die Augen, als wollte ſie nicht glauben, was ſie ſah. „Götz!“ ſprach ſie endlich;„Sie hier? Warum haben Sie nicht gewartet bis heute Abend?“ Rodach war ſehr überraſcht und wenn man ſein 8* 106 Geſicht betrachtete, hätte man denken müſſen, er kenne die Dame eben ſo wenig als das Zimmer, in das er gelangt war. Dennoch trat er an den Kamin. In den Zügen der Gräfin drückte ſich Angſt und Freude zugleich aus. „Immer unvorſichtig!“ fuhr ſie mit lächelndem Vorwurf fort.„Götz, Götz, werden Sie ſich nie beſſern!“ Rodach, der unterdeß dicht an ſie getreten war, verbeugte ſich artig und küßte ihr die Hand. Die Gräfin betrachtete ihn aufmerkſam. „Welche ernſte Miene!“ ſagte ſie.„Sind Sie ſeit geſtern ein Weiſer geworden, mein ſchöner Götz?“ „Alles hat ſeine Zeit,“ antwortete Rodach; „das Alter kommt, gnädige Frau.“ Die Gräfin lachte laut auf. „Und das ſagen Sie ſo ernſthaft?“ rief ſie aus;„nennen Sie mich doch Eſther; ich könnte faſt glauben, Sie zürnten mir.“ Sie ſtand auf und ſtützte ſich ſanft auf den Arm des Barons. „Sehen Sie, wie ich Sie liebe,“ flüſterte ſie ihm ins Ohr.„Ihre Anweſenheit hier iſt gefähr⸗ lich für mich und doch denke ich nicht daran Sie zu ſchelten.. Sie kommen mir noch ſchlimmer vor als 107 ſonſt. Wie aber konnten Sie die Stunde des Ren⸗ dezvous vergeſſen und wie fiel es Ihnen ein, mich hier aufzuſuchen?“ „Ich wünſchte Sie früher zu ſehen,“ ſtammelte Rodach. Eſther drückte ihm zärtlich den Arm und ſprach: „guter Götz!“ Dann ſetzte ſte hinzu, ohne irgend⸗ wie ſpoötten zu wollen: „Es iſt nur Schade, daß man nie weiß, ob Sie betrunken ſind.“ Rodach verbeugte ſich lächelnd. „Nehmen Sie mir es nicht übel, lieber Götz,“ fuhr Eſther fort;„Sie wiſſen ja, daß ich Sie liebe wie Sie ſind. Haben Sie aber nicht dieſen Morgen geſpielt und getrunken?“ „Wenn man den Abend mit Ungeduld erwar⸗ tet,“ ſagte Rodach galant,„muß man die Zeit todtſchlagen.“ Eſther ſah ihn verwundert an. „Wenn Sie auch trinken wie ein Pfaffe,“ ſagte ſie,„Sie ſehen doch immer wie ein Edelmann aus. Götz, ändern Sie ſich lieber nicht. Ich glaube, Sie gefallen mir mit Ihren Fehlern am beſten.“ Sie richtete ſich dabei auf den Fußſpitzen empor und reichte ihm ihre ſchöne Stirn da, auf die Rodach bereitwillig einen Kuß drückte. Eben ſchlug es fünf Uhr. —-——— 108 Da zuckte Eſther zuſammen. Sie ließ raſch den Arm des Barons los und ſagte: „Mein Gott, Sie machen mich ſo unvorſichtig als Sie es ſelbſt ſind. Ich vergaß über Ihrem An⸗ blicke den Ort, wo wir ſind und dachte nur an mein Vergnügen. Sie müſſen fort, Götz.. Abends ſehen wir uns wieder.“ „Ich bin aus Zufall hierhergekommen,“ ant— wortete der Baron,„und weiß nicht, ob ich den Rückweg wieder finde.“ Eſther zeigte auf die Glasthüre, aber ihr Arm ſank bald zurück und das Wort ſtockte auf ihre Lippen. „Hier,“ ſagte ſie dann laut,„wird er dem Doctor und dem Ritter begegnen.“ Ihr Blick wendete ſich auf die andere Thüre. „Hier,“ fuhr ſie fort,„iſt der Weg meines Vaters, Abels und Leas.“ Ihr Geſicht drückte jetzt ernſtliche Beſorgniß aus, die jeden Augenblick zu wachſen ſchien. „Sie können hier nicht bleiben,“ rief ſte aus. „Mein Gott, was fangen wir an? Warum ſind Sie aber auch gekommen!“ Sie ſtützte den Kopf auf die Hand und dachte nach. Mit einem Male fuhr ſie erſchrocken empor. „Hören Sie?“ fragte ſie. Man vernahm ein leichtes Geräuſch nach der 109 Thüre zu, durch welche die Dienerin eingetreten war, welche den Brief des Doctors gebracht hatte. Eſther horchte geſpannt. Ihre Unruhe bildete einen auffallenden Contraſt mit der vollkommenen Ruhe der Barons. „Es iſt mein Vater!“ ſagte ſie endlich, indem ſie die Hände rang;„ich kenne ſeinen Tritt. Ach Götz, ich beſchwöre Sie, handeln Sie nur dies eine Mal in Ihrem Leben klug. Mein Vater hält mich für unſchuldig und ich würde vor Ihnen ſterben, wenn er erführe..“ Sie unterbrach ſich, um nochmals zu horchen. Die Tritte waren ganz nahe. Ihre gewöhnliche gleichgiltige Nachläſſigkeit war gänzlich verſchwunden; mit einem Sprunge befand ſie ſich an der Glasthüre. „Denken Sie auf einen Vorwand für Ihre An⸗ weſenheit,“ raunte ſie dem Baron in der Eile zu; „ſagen Sie, Sie hätten das Comptoir geſucht und ſich verirrt,.. irgend etwas,.. damit nur mein Vater nichts merke.“ Sie konnte nicht ausreden. Die große Thüre bewegte ſich und Eſther verſchwand. Der Baron von Rodach ſtand mitten in dem Zimmer und betrachtete kalt und gelaſſen die Thüre, durch die er den alten Moſes Geld eintreten zu ſehen erwartete. — ℳℳüA— 110 Die geſchnitzte Flügelthüre drehete ſich langſam in ihren Angeln und ſchob dabei den Thürvorhang zurück. Statt des runzeligen Geſichts des alten Juden erſchien aber das Engelsgeſicht eines jungen Mäd⸗ chens. Um dieſe Zeit war gewöhnlich die ganze Familie Geldberg in dem kleinen Saale verſammelt. Es dunkelte bereits; das Mädchen wunderte ſich an⸗ fangs, nur einen Mann in dem Zimmer zu ſehen und als ſie erkannte, daß dieſer ein Fremder ſei, wich ſte unwillkürlich zurück. Endlich ſtieß ſie einen ſchwachen Schrei aus, denn ſie ſah Rodach an und blieb unentſchloſſen, mit wankendem Knie, mit blei⸗ cher Wange und wogendem Buſen auf der Schwelle ſtehen. Rodach ſchien verwunderter zu ſein als ſie ſelbſt; man hätte jetzt in ihm den Mann nicht wieder er⸗ kannt, den wir oben geſehen; ein tiefes Gefühl, das er vergebens zu bekämpfen ſuchte, war an die Stelle ſeiner Kaltblütigkeit getreten. „Lea!“ flüſterte er leiſe. Als hätte ſie nur auf dieſen Ausruf gewartet, eilte das Mädchen auf ihn zu und ſchlang ihre bei⸗ den Arme um ſeinen Hals. Sie lachte und weinte zugleich. 111 „Lea! Armes Kind!“ ſtammelte Rodach, in⸗ dem er ſie leidenſchaftlich an ſein Herz drückte. Und das Mädchen flüſterte unter Freuden⸗ thränen: „Otto! Mein Gott, wie glucklich bin ich!“ Zehntes Kapitel. 8 Der Verbannte. Lea von Geldberg war noch nicht ganz achtzehn Jahre alt und hatte in ihrem elften Jahre die Mut⸗ ter verloren. Die Frau des Moſes Geld, die ſchöne Ruth, die wir früher unter ihren Kindern in dem geheimen Zimmer in der Judengaſſe zu Frankfurt ſahen, war * kurz darauf geſtorben nachdem ſie Deutſchland ver⸗ laſſen. 1 Sie war ſanft und gut und hatte ſich nie in die lichtſcheuen Geſchäfte ihres Mannes gemiſcht. Das ſchnell anwachſende Vermögen des Moſes blendete ſie nicht, ſondern erſchreckte ſie. Sie ſehnte ſich nach der Ruhe und Stille der erſten Jahre ihrer Ehe zu⸗ rück und dachte bisweilen ſchaudernd an die unbe⸗ kannte Quelle des Goldes, das um ſie her in Hau⸗ fen lag. 113 Moſes hatte ihr ſein Geheimniß nie offenbart, aber er wurde oft ängſtlich, wenn die Nacht kam und im Schlafe ſprach er bisweilen ſeltſame Worte. Mehr als einmal war Ruth durch ſein Geſchrei aus dem Schlafe aufgeſchreckt worden. Sie hatte ihn dann mit halboffenen Augen, mit bleichen Wan⸗ gen und ſchweißbedeckter Stirn daliegen und mit einem angſtvollen Traume kämpfen ſehen, während ſein verzerrter Mund murmelte: „Herr! Herr!.. es iſt für ſie.., für meine armen Kinder habe ich alles gethan.“ Ruth weckte ihn dann ſanft, aber ſie fragte ihn nicht. Sie wollte nichts wiſſen, aber ſie litt viel, weil ſie unwillkürlich Manches errieth. Und ihr Leiden, das keinen Tröſter, keinen Vertrauten hatte, untergrub ihre Geſundheit. Die Genüſſe des Lurus, die um ſie her ver⸗ ſchwendet wurden, erfreuten ſie nicht und linderten eben ſo wenig ihren Schmerz. Sie war eine Frau für das Familenleben, eine beſcheidene Seele; die Pracht widerte ſie an und regte fortwährend die Frage, die ſie nicht löſen konnte, neu in ihr an: „woher kommt aller dieſer Reichthum?“ Sie zog ſich ſo viel als möglich von der Geſellſchaft zurück, überließ die Vergnügungen auswärts ihren beiden äͤlteren Töchter und begann die Erziehung ihrer klei⸗ nen Lea. Ihren Schmerz behielt ſie gänzlich für ——— — 114 ſich. Moſes Geld fand ſie immer heiter und lä— chelnd, wenn er zu ihr kam, um auszuruhen und Troſt zu ſuchen, denn er war auch nicht glücklich. Außer dem geheimen Leiden, das ihn nie verließ und das einer Gewiſſenspein glich, hatte der ehemalige Geldverleiher andere Sorgen. Er hatte ſeine ganze Liebe ſeinen Kindern zugewendet; für ſie arbeitete er Tag und Nacht, für ſie ſparte er Gulden nach Gulden auf; um ihretwegen hatte er ſein Herz jedem Mitleide verſchloſſen, um ihretwillen hatte ſein umbarmherziger Wucher die Lumpen des Armen in Gold verwandelt. Seine Träume ſprachen die Wahrheit aus; wenn er ein Verbrechen auf dem Gewiſſen hatte, war es ſeiner Kinder wegen began⸗ gen worden. Und er zweifelte an der Liebe ſeiner Kinder. Er glaubte, ſein Sohn und ſeine älteſte Tochter hätten ſich im Stillen mit ſeinen Compag⸗ nons verbunden, die ſeine Feinde waren. Man wollte ihn von den Geſchäften verbrängen und ihm die Leitung des Hauſes entziehen. Er errieth es, das wußte er. Allerdings ſchützte man vor, ſein hohes Alter bedürfe der Ruhe, aber Moſes Geld lebte ſeit funfzig Jahren in Liſt und Trug und wußte was eine Lüge iſt. Sein ſchwacher durch das Alter träge gemachter Geiſt bot alle Kraft auf, die ihm geblieben war, um die Gewißheit ſeines Unglücks fern zu halten. Er 2 760765 — 115 umgab ſich mit abſichtlichen Täuſchungen und klam⸗ merte ſich an die chimäriſchen Freuden des patriar⸗ chaliſchen Familienlebens, das wir im Anfange die⸗ ſer Erzählung geſchildert haben. Er hielt ſich gleich⸗ ſam mit beiden Händen daran feſt und rief ſich ſelbſt laut zu, wenn ſein Herz blutete: meine Wünſche ſind erfüllt; ich habe meine Familie reich und mäch⸗ tig gemacht; ich bin ein glücklicher Vater. Bis⸗ weilen gelang es ihm auch, ſich ſelbſt blind zu ma⸗ chen, ſo daß er ſelig über das eingebildete Glück lä⸗ chelte. Er ſpielte ſeine Rolle in der Familiencomö⸗ die. Die lügneriſche Ehrfurcht, die ihn umgab, ſchläferte ihn ein wie Opium; aber das Erwachen war um ſo ſchmerzlicher. Nur die wahre Tugend und gerade Rechtlichkeit hat den Grund zu ſolchen heiligen Familienfreuden abgegeben. Die lügneriſche Copie davon, welche das Laſter verſucht, iſt ein Fratzenbild. Man ſtreiche Schmutz auf einen Sammetteppich und er wird ihn durchdringen, ſo dicht auch der Teppich ſein mag. Und iſt der Sammet einmal durchdrungen, ſo wird der Schmutz unter dem ſeidenen Glanze nur um ſo häßlicher er— ſcheinen. Moſes Geld hatte das Unmögliche verſucht. Er hatte auf Wucher und Verbrechen eine Zukunft bauen wollen, die nur dem Menſchen gehört, der gut und redlich lebte. Seine Strafe begann; ſein Geiſt floh; — 116 er hatte ſeine Seele verkauft und erhielt den Kauf⸗ preis nicht dafür. In jenen Stunden ſchrecklicher Qual, in denen das gehoffte Glück ſich verſchleierte und die Wirk— lichkeit ihm wie ein unbarmherziger Hohn erſchien, ging er zu Ruth, ſeiner ſanften Frau, die ihn als armen Mann geliebt hatte. Ruth nahm ihn auf und ſuchte ihm Muth zuzuſprechen. Sie reichte ihm zum Kuſſe die Stirn der kleinen Lea, des ſchönen Engels, deſſen Lächeln ſicherlich keine Lüge war. Bei ihr fand Moſes Geld die verlorene Ruhe wieder; dieſer Unſchuld gegenüber fühlte er ſich gleichſam freigeſprochen und die Hoffnung kehrte zu ihm zurück. Eines Tages aber legte die arme Ruth ſich in ihr Bett und ſtand nicht wieder auf. Als ſie fühlte, daß ſie zu Gott gehen werde, entfernte ſie Lea, die ſie nicht verlaſſen hatte und ließ Moſes Geld an ihr Bett rufen. „Ich werde ſterben,“ ſagte ſie zu ihm;„gern wäre ich noch hienieden geblieben, um Dich zu trö⸗ ſten und aufrecht zu erhalten, denn ich weiß, daß Du leideſt. Aber ich werde Dich, Moſes, auch in dem andern Leben nicht vergeſſen und für Dich beten, da Du mich geliebt haſt.“ Ueber die bleichen Wangen des alten Juden rannen Thränen. „Höre mich an, Moſes,“ fuhr die Sterbende 117 fort, deren Geſicht ruhig und heiter war und die in dieſer letzten Stunde gleichſam einen Abglanz himm⸗ liſcher Schönheit überſtrahlte,„Du haſt mir im Leben nichts verſagt, bewillige mir eine letzte Bitte in dieſem Augenblicke, da wir uns auf ewig trennen werden.“ Moſes Geld, der nicht ſprechen konnte, nickte bejahend mit dem Kopfe. Die Stimme der Sterbenden wurde von Minute zu Minute ſchwächer. „Meine Schweſter Rahel Müller, die bei Eſſel⸗ bach wohnt,“ fuhr ſie fort,„liebte unſere kleine Lea ſehr.. Ich möchte, daß das liebe Kind aus dieſem Hauſe entfernt und meiner Schweſter Rahel anvertraut werde.“ „Warum?“ fragte Moſes leiſe. Ruth antwortete nicht; ſie fürchtete Sarah, ihre älteſte Tochter, deren Herz ſie längſt ſchon errathen hatte; aber ſie wollte ſie in der Sterbeſtunde nicht beſchuldigen. Moſes Geld zögerte. „Gott iſt mein Zeuge,“ ſagte er endlich,„daß ich Dir, meine liebe Ruth, nichts abſchlagen möchte, .. aber Rahel iſt Chriſtin.“ „Es iſt beſſer, den Gott der Chriſten zu vereh⸗ ren als den Geiſt des Böſen,“ entgegnete Ruth mit kaum vernehmlicher Stimme.„Moſes, ich 118 beſchwöre Dich, weiſe meine letzte Bitte nicht von Dir. „Lea ſoll unſerer Schweſter Rahel übergeben werden,“ ſagte der Jude. „Bis zu dem Alter, in welchem das Weib ſich ſelbſt zu lenken verſteht,“ fuhr Ruth fort;„ver⸗ ſprich mir, daß Lea vor ihrem ſtebzehnten Jahre nicht nach Paris zurückkommen ſoll.“ „Ich verſpreche es Dir im Namen des heiligen Gottes.“ Ruth nahm die Hand ihres Mannes und legte ſie auf ihr Herz, das noch ſchlug. Sie fand keine Worte mehr, aber ihr Blick ſprach ihren Dank aus. Nach einigen Minuten ſtand ihr Herz unter der Hand des alten Moſes ſtill; ihre Augen hatten ſich halb geſchloſſen und ihr Mund blieb halb offen, als lächele ſie im Schlafe. Sie war todt. Lea reiſete nach Deutſchland ab. Kurz nach dieſem Todesfalle trat Moſes von Geldberg, der bis dahin jedem Andringen ſeiner Fa⸗ milie widerſtanden hatte, plötzlich alles ab und zog ſich von den Geſchäften zurück. Einige Monate war er traurig, ſchweigſam, von der Laſt des Müſſig⸗ ganges gleichſam niedergedrückt. Eines Tages end⸗ lich, nachdem er von früh an außer dem Hauſe ge⸗ weſen war, kam er mit lächelnder Miene zurück. 119 Der Greis, der am Tage vorher gebeugt, ſtill und unbeweglich geweſen war, erhielt mit einem Male wieder Leben und richtete ſich von neuem auf. Am nächſten Tage erſchien er nicht bei dem Früh⸗ ſtücke der Familie. Sein geheimnißvolles Leben hatte begonnen. Seit dieſem Tage wurde die Thüre ſeiner Woh⸗ nung regelmäßig halb neun Uhr früh geſchloſſen und erſt Abends um fünf Uhr wieder geöffnet. Trotz der Neugierde aber erfuhr Niemand, womit er ſich alle Tage ſo lange beſchäftigte. Er wollte allein ſein und man ließ ihn allein. Lea wuchs unterdeß fern von Paris heran und wurde ſchön. Sie hatte den Glauben ihrer Tante Rahel angenommen, die ſte wie eine Mutter liebte. Rahel, die Wittwe eines Chriſten Namens Muller und im Beſitze eines mäßigen Wohlſtandes, bewohnte ein Landhäuschen bei Eſſelbach. Sie war einfach und gutherzig wie Ruth und hing mit Mut⸗ terliebe an Lea. Aber ihr beſchränkter Geiſt ver— mochte es nicht, ein junges Mädchen, das die Kinderſchuhe bereits verlaſſen hatte, zu leiten. Lea blieb ſich bald ſelbſt überlaſſen und zum Glück be⸗ durfte ihre ſtarke, verſtändige Natur keines Führers, um ſich zum Guten auszubilden. Rahel Müller führte ein ſehr eingezogenes Leben. Selten ſah ſie einige Freunde ihres Mannes bei ſich, VI. 9 120 den katholiſchen Pfarrer des Ortes und die Armen, deren Stütze ſie war. Lea beklagte ſich über dieſe Einſamkeit nicht und wenn die gute Frau Müller ſie fragte, ob ſie nicht nach Eſſelbach gehen wolle, um ſich mit den jungen Leuten dort zu vergnügen, wun⸗ derte ſie ſich aufrichtig, daß man vermuthen könne, ſie ſehne ſich nach Vergnügungen. Hatte ſie in dem Hauſe ihrer Tante nicht alles was ſie brauchte? Was kümmerte ſie ſich um die Mädchen und Jünglinge, die ſie nicht kannte 2 Sie mied die Menſchen und liebte nur den ſchattigen Wald und die weite Ebene. Ihre größte Freude be⸗ ſtand darin, auf unbekannten Pfaden zu reiten. Wenn ſie weit weg war von dem Dorfe, wenn ſie ſich abſichtlich verirrt hatte, hielt ſie an und ließ das Auge entzückt über die unbekannte Landſchaft ſchweifen; ſie band ihr Pferd an einem Baume an, nahm ein Buch und oftmals war es bereits dunkel, als ſie in das Haus ihrer Tante zurückkam. Auf dieſen langen Spazierritten träumte Lea, aber ihre Träume glichen den melancholiſchen Ro⸗ manen nicht, welche die Mädchen ſo gern aufbauen. Sie waren vielmehr heiter und mild; ſie erfreute ſich an der blühenden Natur und die Leute, die ihr auf dem Felde begegneten, ſahen das ſo ſchöne glückliche Mädchen gern an. Wenn ſie wohlhabend waren, grüßte ſie dieſelben herzlich; waren ſie arm, ſo öffnete 121 ſich ſofort ihre Börſe und die Gabe, die aus ihrer ſchönen Hand fiel, glich durchaus nicht einem ge⸗ wöhnlichen Almoſen. Man kannte ſie mehrere Stunden in der Runde und freute ſich, wenn man von weitem den Trab ihres kleinen Pferdes hörte. Die Aeltern traten mit ihren Kindern an die Thüre des Hauſes und ſobald man ihre ſchlanke Geſtalt in dem ſchwarzen Sammetſpenzer erblickte, heiterte ſich Aller Geſicht auf. Lea Müller, wie man ſie nannte, war der Lieb⸗ ling Aller und galt für ein Muſter der Sanftmuth, der Milde, Anmuth und Schönheit. Die kleinen Kinder liebten ſie wie die gute Fee; die Mütter hätten ſie alle gern ihre Tochter genannt und obwohl ſie noch ſehr jung war, ſo ſeufzete ihr doch ſchon mancher Jüngling nach; aber alle ſeufze⸗ ten vergebens. In den Träumen Leas erſchien noch kein geliebtes Bild; ſie war ein Kind und zählte noch nicht ganz funfzehn Jahre. Nur einmal kam ſie mit einer Wolke auf der Stirn zurück und an den folgenden Tagen hätte man vergeblich die gewöhnliche Heiterkeit bei ihr geſucht. Zum erſten Male hatte ihr Herz bei dem Anblicke eines Mannes ſtärker geſchlagen und in ihrer Seele lag nun eine Erinnerung. Sie war ziemlich früh weggeritten und weiter 9* 12² gekommen als gewöhnlich. Gegen Mittag gelangte ſie an den Fuß eines Berges, auf dem eine alte Burg, groß wie eine Stadt, lag. Umher breiteten ſich Wald und Ruinen aus. Lea hielt entzückt ihr Pferd an und betrachtete lange die alte Herrenburg. Sie erinnerte ſich nicht jemals eine ſo edele Landſchaft geſehen zu haben. Alles umher zeigte von Macht und Größe. Vor ihr zogen ſich die Trümmer eines bedeckten Weges im Zickzack den Berg hinauf, zeigten hier und da moos⸗ bewachſene Schießſcharten und ſtießen endlich an das Hauptthor, an dem man noch die Ueberreſte einer Zugbrücke bemerkte. „Wie heißt dieſe Burg?“ fragte das Mädchen einen Bauer. 1 „Das war ſonſt das Schloß Bluthaupt,“ ant⸗ wortete er. Dieſer Name fiel Lea auf, als habe ſie ihn ſchon früher einmal gehört. Aber ſie hatte Paris ſo jung verlaſſen und Niemand, nicht einmal Rahel Müller, kannte die Angelegenheiten des Hauſes Geldberg. „Hat man ihm einem andern Namen gegeben?“ fragte Lea. Der Bauer nickte. „Wie heißt es jetzt?“ fragte das Mädchen nochmals. Der Landmann warf einen betrübten Blick auf 123 die alten Thürme, dann nahm er ſeinen Hut ab und entfernte ſich ohne zu antworten. Sein Mund ſchien den Namen ungern auszuſprechen, der an der Stelle des alten„Bluthaupt“ getreten war. Lea ritt um den Berg herum, um einen gang⸗ baren Weg zu finden und als ſie ſich dem Fuße der Mauern näherte, ſah ſie einen Mann an einem Baume der Allee lehnen, der traurig und finſter nach dem Schloſſe hinauf blickte. Der Mann hatte ſich in einem weiten Mantel gehüllt; an ſeinem Arme hing der Zügel ſeines Pferdes, das einige Gras⸗ büſchel abweidete. Lea wagte den Mann in ſeinen Gedanken nicht zu ſtören. Sie bewunderte noch einige Minuten das Großartige des alten Schloſſes und ritt dann nach der andern Seite des Berges hin. Sie hatte den Mann am Baume vergeſſen. Zwei oder dreihundert Schritte von dem Schloſſe hörte ſie im nahen Walde den Galopp mehrerer Pferde und einen Augenblick ſpäter ſauſeten ſieben oder acht preußiſche Reiter an ihr vorüber. Ihr Pferd erſchrak und bäumte ſich; vergebens verſuchte ſie das Thier zu halten, das im Galopp durch das Dickicht jagte. Ehe ſie unter den Bäumen verſchwand, hatte ſie Zeit gehabt hinter ſich zu ſehen. Die Reiter jagten nach der Allee des Schloſſes zu. Der Fremde hatte 124 ſte bemerkt, war mit einem Satze auf ſeinem Pferde und entfloh im geſtreckten Galopp. Mehr ſah Lea nicht. In wenigen Augenblicken war ſie durch das Gebüſch hindurch und befand ſich auf einer Art Haide, in der hier und da verkrüppelte Eichen wuchſen, und die ſich unabſehbar in die Ferne zog. Auf der Haide befanden ſich einige Bauern, die bei ihrem Anblicke ängſtlich wurden. Lea ſelbſt war nicht erſchrocken; ſie hielt ſich feſt im Sattel und wartete ruhig, daß ihr Pferd wieder ruhig werde. Sie hatte beinahe eine Reihe großer Bäume er⸗ reicht, als der Fremde plötzlich aus dem Walde kam und vor ihr quer über den Weg ritt. Er war denen, welche ihn verfolgten, vorausgekommen, aber man hörte in der Ferne den Hufſchlag der Pferde der⸗ ſelben. Lea und der Fremde kamen gleichzeitig bei den Bäumen an, aber ihr Weg war nicht derſelbe; der Flüchtige folgte der Reihe der Lärchenbäume, wäh⸗ rend das Mädchen gerade hindurch wollte. „Halt!“ rief ihr der Fremde zu. Lea wußte nicht, welche Gefahr ſie bedrohete, machte aber unwillkürlich einen neuen Verſuch ihr Pferd anzuhalten. Umſonſt. Der Fremde, der über ſie hinausgekommen war, 125 drehete ſich im Sattel um und als er ſah, daß ihr Pferd noch immer toll dahinjagte, hielt er das ſei⸗ nige an, ſprang herunter und eilte der Reiterin ent⸗ gegen. In dem Augenblicke als das Pferd ihn erreichte, faßte er es entſchloſſen am Zügel, der in ſeiner Hand zerriß. Das Roß warf das Mädchen aus den Steigbügeln und ſie fiel herunter auf den Raſen. Das Pferd dagegen verſchwand unter dem Ge⸗ büſch, welches die Oeffnung des Abgrundes ver⸗ deckt, den man die Hölle von Bluthaupt nennt. Lea lag am Rande des Abgrundes. In dieſem Augenblicke kamen die preußiſchen Reiter ebenfalls aus dem Walde heraus; der Fremde ſchwang ſich wieder in den Sattel und verſchwand. Lea ließ ſich in einem Hauſe in der Nähe ein anderes Pferd geben und kehrte zu ihrer Tante zu⸗ rück. Auf dem ganzen Wege hatte ſie andere Ge⸗ danken als ſonſt. Sie hatte ihre kindliche Sorg⸗ loſigkeit verloren. Ihre Gedanken betrafen aber nicht blos die ſchreck⸗ liche Gefahr, der ſie wie durch ein Wunder entgan⸗ gen war. Sie war muthig wie ein ſtarker Mann und der Gedanke an den Tod hätte ſie nicht ſo trau⸗ rig ſtimmen können. Sie ſchlug die Augen gedan⸗ kenvoll nieder, weil ſie unabläſſig das männlich ſchöne Geſicht ihres Retters vor ſich ſah. Er ſtand 126 da, den Rücken dem Abgrund zugewendet, der zu ſeinen Füßen gähnte, ſeiner unerſchrockenen Kraft vertrauend und bereit, den Anprall des wüthigen Pferdes auszuhalten. Er zuckte nicht mit den Wim⸗ pern; ſein Auge blieb gänzlich offen. Man hörte die Reiter näher und näher kommen, aber er blieb ruhig und kalt zwiſchen den beiden Gefahren ſtehen. Um Lea war es nun geſchehen; jenes Bild blieb tief in dem Herzen des Mädchens gegraben und ſollte ſich von da an nicht wieder verwiſchen. Es verging ein Jahr. Lea war kein Kind mehr. Sie liebte die ihr theure Einſamkeit noch mehr, weil ſie ihren Erinnerungen ungeſtört nachhängen konnte. Man ſah ſie nicht mehr lachen und wenn ſie fromm vor dem Altare der kleinen Dorfkirche knieete, zitterte eine Thräne in ihren Augen. Sie betete für ihn, deſſen Namen ſie nicht einmal kannte und der ſeit einem Jahre ihr alleiniger Gedanke war. Eine Viertelſtunde von dem Dorfe, dicht am Hauſe der Frau Müller, lag ein kleines Gut, das einem braven Manne gehörte, der ſich erſt kürzlich da niedergelaſſen hatte und Gottlieb hieß. Er hatte ſonſt, wie man ſagte, ein anſehnliches Amt bei den Grafen von Bluthaupt bekleidet. Er war arm und Lea unterſtützte häufig ſeine kranke Frau und ſeine halb nackten Kinder. Eines Tages, als ſie in das Haus trat, ſah ſie 127 einen Mann durch die Hinterthüre ſchlüpfen. Sie hatte in ihm ſogleich ihren Retter erkannt. Sie fragte, aber Niemand wollte ihr antworten. Nur in dieſer Sache traute man ihr nicht. Man behaup⸗ tete, ſie habe ſich geirrt und es ſei Niemand in dem Hauſe. Lea hatte ihren Retter nur einmal geſehen, aber alle Tage und alle Stunden jedes Tages ſeit einem Jahre an ihn gedacht. Sie wußte, daß ſie ſich nicht hatte täuſchen können. In einem Lande, das nicht vom Bürgerkriege zerriſſen wird, kann ein Mann, den Soldaten ver⸗ folgen, nur ein Uebelthäter ſein. Wie aber war es möglich, daß der ſo gute, ſo ſchöne Fremde ein Ver— brecher ſei? Er verbarg ſich; gewiß iſt er ein Ver⸗ bannter, dachte Lea; es droht ihm Gefahr und Lea wurde die Hüterin ihres Retters. Ohne daß es Je⸗ mand wußte, wachte ſie über ihn und ihr Retter ver⸗ dankte ihr eines Tages die Freiheit, wenn nicht das Leben. Sie trat eines Morgens athemlos in das Haus Gottliebs und ſagte: „Sie werden kommen und der, den Du ver⸗ birgſt, wird nicht Zeit haben ſich zu entfernen. Sage mir nicht, daß Du Niemanden verbirgſt,“ fuhr ſie fort;„ich weiß, daß er bei Dir iſt und ich will ihn retten. Ich komme von Eſſelbach, wo ich — — —— V 128 die Soldaten von ihm reden und ſagen hörte, daß ſie wuͤßten, wo ſie ihn finden würden. Sie werden von mehreren Seiten zugleich kommen und eben da ich ſpreche, iſt es kaum noch Zeit zur Flucht.“ Gottlieb und ſeine Frau wußten nicht was ſte thun ſollten. Als ſie ſich noch auf eine Antwort be⸗ ſannen, öffnete ſich die Hinterthüre und der Fremde erſchien mit einem Degen in der Scheide in der Hand. „Ich habe Sie gehört, Fräulein,“ ſagte er, „und danke Ihnen. Wie viel ſind es, die mich fangen wollen?“ Lea ſchüttelte den Kopf, indem ſie traurig den Degen betrachtete. „Ich weiß, daß Sie Muth haben,“ ſagte ſie, „aber es ſind zu viele.“ „Und kann ich Sie fragen..,“ fuhr der Fremde fort. „Warum ich Sie retten will?“ unterbrach ihn Lea lebhaft;„weil ich Ihnen das Leben verdanke.“ Das Geſicht des Verbannten drückte nur Ver⸗ wunderung aus. Lea ſchlug die Augen nieder und eine Thräne trat auf ihre Wange. „Er erkennt mich nicht wieder!“ dachte ſie. Er hatte mich nicht einmal angeſehen!“ 77 „Hören Sie mich an„“ fuhr ſie plötzlich fort: 129 „ich kann Ihnen dies jetzt nicht erklären, aber es iſt wahrhaftig die Wahrheit. Ohne Sie wäre ich jetzt todt... Die Zeit drängt und die Soldaten kommen. Folgen Sie mir, ich zeige Ihnen einen Zufluchts⸗ ort.“ Der Fremde ſah das ſchöͤne Geſicht des jungen Mädchens mit Bewunderungan. „Wo?““ fragte Gottlieb noch immer im Miß⸗ trauen. „Bei mir!“ antwortete Lea. „In Ihrem Zimmer?“ fielen der Mann und die Frau gleichzeitig ein. Lea trat zu dem Verbannten, ergriff ſeine Hand und ſagte mit engelreinem Lächeln: „Kommen Sie!“ Elftes Kapitel. Die Erſcheinung. Der Fremde ging mit Lea fort. Eine Viertelſtunde nachher ſtiegen preußiſche Reiter vor dem Hauſe Gottliebs ab, aber es war Niemand in ſeinem Hauſe und ſie mußten abziehen wie ſie gekommen waren. Der Verbannte blieb mehrere Tage in dem Hauſe der Frau Müller verſteckt, dann ſuchte er ein anderes Aſyl, aber er entfernte ſich nicht und die langen Ausflüge Leas waren nicht mehr einſam. Der Verbannte war unter dem Namen Otto unter ſeinen Freunden bekannt und er hatte deren viele in der Umgegend. Er wechſelte ſeinen Aufent⸗ halt oftmals und überall, wo er erſchien, nahm man ihn mit ehrerbietiger Gaſtlichkeit auf. Die Polizei ſtellte ihm fortwährend nach, aber er wußte ihr ſtets zu entgehen. 131 Er hatte mit Lea einige Zuſammenkünfte in den wildeſten Theilen des Gebirges. Sie liebten einander und ihre Liebe hatte etwas Ungewöhnliches. Während das Mädchen ſich ihr ohne Rückhalt und mit aller Leidenſchaft hingab, ſchien Otto dem Gefühle widerſtehen zu wollen, das ihn an das Mädchen zog. Es war als fühle er Reue. Otto beſaß die Schönheit eines jungen Mannes. Auf ſeiner Stirn war keine Runzel, in ſeinem brau⸗ nen Haar kein Silberfädchen zu entdecken; er ging ſtolz gerade; ſein Blick ſogar hatte den hellen Funken behalten, den das Alter erlöſcht oder dämpft. Aber der Schein kann die Sache ſelbſt nicht än⸗ dern. Otto war über die Grenzen der Jugend hin⸗ aus. Zwanzig Jahre voll Noth und Arbeit trenn⸗ ten ihn von ſeinem Jünglingsalter. Er hätte der Vater Leas ſein können. Und ſeine Liebe zu ihr hatte in gewiſſen Augenblicken wirklich etwas Väter⸗ liches. Er ſagte es ſich wenigſtens ſelbſt; er ſuchte ſich ſelbſt zu täuſchen und warf abſichtlich einen Schleier über ſeine Leidenſchaft, als wollte er ihr Fortſchreiten nicht ſehen. Es war ein phantaſtiſches Gefühl, das ſich leicht umwandeln konnte, wie jedes Gefühl, das bekämpft wird; bald war er plötzlich eiskalt, bald glühend warm. Lea begriff dieſen ſeltſamen Wechſel 132 nicht. Ihre Liebe blieb ſich alle Stunden und alle Minuten gleich. Sie dachte immer an Otto und da ihre Seele vollkommen rein und jungfräulich war, ſo kannte ſie auch keine Reue. Sie liebte hei— lig und unſchuldsvoll, vor dem Auge Gottes, dem ſie ihre Zärtlichkeit anvertraute. Bisweilen kam ſie von den Zuſammenkünften im Gebirge mit Thränen in den Augen zurück; ſie hatte Otto traurig und ernſt geſehen und vergebens ver⸗ ſucht, ſeine Eiſeskälte zu erwärmen. Zu andern Malen lächelte ſie unterwegs und ihr Herz konnte die Freude kaum faſſen, die es erfüllte. Otto hatte von Liebe geſprochen und in ſeinem Munde brannten die Liebesworte wie Feuer, das trotz aller Hemmniſſe frei hervorbricht. Aber das ſchoͤne Haupt des Mädchens ſenkte ſich nachdenklich. Ihr Pferd ging wie es ſelbſt wollte; ſie ſah kaum empor und kam an dem Hauſe ihrer Tante an, ohne daß ſie wußte, wie ſie dahin gekom⸗ men war. Sie überdachte da die Worte Ottos, der ſie ein wenig in ſein von Trauer erfülltes Herz hatte blicken laſſen. Sie kannte das Geheimniß des Ver⸗ bannten nicht, aber ſie errieth ſein langes Leiden, ſeine heldenmüthige Ergebung und die Kraft, die nie die Hoffnung aufgiebt. Er trug in allen Gefahren das Haupt hoch er⸗ haben; der Weg lag vorgezeichnet vor ihm und er 133 folgte ihm ohne Furcht und ohne Zögern. Begeg⸗ nete ihm der Tod darauf, ſo empfahl ter Gott ſeine Seele und ſchritt unverzagt weiter.. In dem Herzen Leas lag eben ſo viel Bewunde⸗ rung als Liebe. Otto beſchuldigte ſich häufig der Schwäche und Feigheit; er hätte, ſagte er, ſein Leben dem Voll⸗ bringen einer Aufgabe geweiht und nannte jede ver⸗ lorne Stunde einen Verrath. Er ſagte auch, daß er für die warme und aufopfernde Liebe des Mäd⸗ chens nur einen Theil ſeines Herzens geben könne. Sein Herz gehöre ihm nicht an; eine gebieteriſche Pflicht verlange alle ſeine Augenblicke und die Liebe könne in ihm nur einen Platz finden, der ihr ſtets beſtritten werde. Er ſei arm und verbannt; das Alter, deſſen Laſt er noch ungebeugt trage, werde bald ſeine Stirn niederdrücken; ſeine Hand ſei dem Schwerdte geweiht und die Aufgabe, die ihm ob⸗ liege, verlange Blut. Warum ſollte er das reine und glückliche Leben des ſanften Kindes ſtören? Sein Schickſal ſei ſtürmiſch; dürfe er die heitere und la⸗ chende Zukunft Leas durch drohende Wolken verfin⸗ ſtern? Er wollte fliehen, weit hinweg und auf immer fliehen; aber zum erſten Male gab ſein ſtarker Wille nach. Etwas, das ſtärker war als er, überwäl⸗ tigte ihn; er, der im Leben nur Hinderniſſe gekannt 134 hatte, blieb unter einer unbekannten Kraft wie ge⸗ lähmt. Er blieb, ſetzte ſich zu Pferde und galop⸗ pirte nach dem Gebirge, wo ihn ein Kuß und ein Lächeln erwartete. Er liebte und es war ſeine erſte Liebe. Sein Leben hatte bisher ſeinem Herzen keine Freiheit ge⸗ laſſen. Zwar hatte er viele Frauen geſehen von der Zeit an, in welcher die Liebe in dem Herzen des Mannes aufkeimt; aber ſein Blick war kalt und gleichgiltig über ihre Schönheit dahin geſchlüpft. Die Erinnerung an eine Todte lag wie ein ſchwarzer Schleier zwiſchen ihm und dem Gedanken an Liebe. Je ſchöner das Weib war, das er ſah, um ſo näher kam ſie dem ſchauerlichen Bilde, das tief in ſein Herz gegraben war; er ſah immer ein großes Bett mit alterthümlichen Säulen vor ſich, auf dem eine Ster⸗ bende lag, ſeine Schweſter, ſeine geliebte Schwe⸗ ſter. Zurück ihr Gedanken an Liebeswonne, die ihr die Jugend der anderen Männer reizt! Sein Schick⸗ ſal forderte Kampf und Rache. Es lebte in der Welt ein Kind, das der Sohn jener geliebten Schwe⸗ ſter war und das er aus einem Bettler zum Grafen machen wollte; ein edeles Geſchlecht, das tief in das Unglück hinabgeſunken war, ſollte er wieder mächtig und glänzend wie ſonſt aufrichten. Er hatte nebſt dem Morde einer Schweſter den gewaltſamen Tod eines Vaters zu rächen. Das war genug für das ganze Leben eines Mannes und Otto dachte nicht an die Liebe. Lange vergaß die Liebe auch ihn, aber endlich kam ſie und der ſtarke Harniſch, mit dem, wie Otto glaubte, ſein Herz gerüſtet war, ſchwand wie die Eishülle in den erſten Strahlen der Früh⸗ lingsſonne ſchwindet und ſchmilzt. Da er ſich für unverwundbar gehalten, hatte er keine Vorſichts⸗ maßregeln gebraucht und die Liebe drang unerwartet in ſein Herz ein. Als er ſie bekämpfen wollte, war es nicht mehr Zeit undder liebte dieſes einmal für die ganzen langen Jahre der Kälte und Gleichgiltigkeit. Trotz der ſiegreichen Leidenſchaft vergaß er aber keinen Augenblick ſeine Pflicht; ſein Herz theilte ſich und er hatte Raum darin für zwei Gedanken. Die Monate vergingen und jede Woche ſchenkte er einige Stunden Lea, die ungeduldig ſeit acht Ta— gen auf die kurzen Augenblicke des Glückes wartete. In der übrigen Zeit beſchäftigte er ſich mit ſeiner ge⸗ heimnißvollen Arbeit. Er ging, Niemand wußte wohin. Manche ſagten, er verbringe ſechs Tage in der Woche in der freien Stadt Frankfurt bei dem rei⸗ chen Patrizier Zachäus Nesmer. Einmal wartete die arme Lea, die freudig zu dem Stelldichein gekommen war, den ganzen Tag vergebens. So geſchah es auch in der folgenden Woche; Otto erſchien nicht. Einige Tage nachher VW. 10 —— „ 136 hörte man ſelbſt auf dem Lande von der Ermordung des Zachäus Nesmer. Lea begab ſich jede Woche in das Gebirge und immer wartete ſie vergebens; Otto kam nicht. Das ſiebzehnte Jahr Leas war vergangen. Ra⸗ hel Müller erhielt einen Brief von dem alten Moſes, der ſeine Tochter von ihr zurückforderte. Lea reiſete traurig nach Paris ab. Alles war ihr fremd und unbekannt in dem gro— ßen Hauſe Geldberg. Das Bruchſtück jenes Briefes, den wir auf ihrem Tiſche gefunden haben, hat uns ihre erſten Gefühle und ihr erſtes Begegnen mit ihren Schweſtern erzählt. Lea ſprach darin auch von Deniſe, die ihre liebſte Freundin war. Die beiden Mädchen hatten einan⸗ der ſofort lieb gewonnen, weil ſie gleiche Offenheit und gleiche Herzensgüte beſaßen; aber die Anhäng⸗ lichkeit des Fräulein von Audemer ſchien durch eine gewiſſe geheime Abneigung bekämpft zu werden. Deniſe fühlte ſich durch die anderen Mitglieder der Familie Geldberg abgeſtoßen. Sie ging nur ungern in das Haus und ſobald man von ihrer Ver⸗ heirathung mit dem Ritter von Reinhold ſprach, ſtellte ſte ihre Beſuche ganz und gar ein. Dies war indeß lange nach jenem Briefe Leas geſchehen, der übrigens aus ihrem Portefeuille nicht 137 herausgekommen war. Lea erſetzte ihn durch einen andern. Otto antwortete durch die Vermittelung der Frau Batailleur und ſeine Briefe gelangten unberührt dem Mädchen zu, mit Ausnahme der beiden letzten, die von der Frau von Laurens geleſen worden waren. Dieſer Briefwechſel glich ihrer ſonſtigen Unter⸗ redung; ſie ſprachen auch in den Briefen nicht von ihrer Liebe. Ob ſie gleich einander aus ganzen Her⸗ zen anhingen, kannten ſie einander doch nicht, weil es Otto immer vermieden hatte, über ſeine Verhält⸗ niſſe etwas zu entdecken. Lea kannte nur den Vor⸗ namen ihres Geliebten und Otto hielt ſie wie alle in der Umgegend von Eſſelbach für die Tochter der Frau Müller. Seit ſechs Wochen hatte Lea keine Nachricht von Otto erhalten und jetzt den ganzen Tag an ihn ge⸗ dacht; aber ſte hätte eher alles andere erwartet als ihn wieder zu ſehen. Der Baron von Rodach wie⸗ derum hatte wegen der Ereigniſſe, die an dieſem Tage ſo ſchnell auf einander gefolgt waren, noch nicht zu der Frau Batailleur gehen können und hatte ſich vorgenommen, ſie am Abende zu beſuchen, um bei ihr die Wohnung Leas zu erfahren. Das Zuſammentreffen mit dem Mädchen über⸗ raſchte ihn alſo eben ſo ſehr als Lea ſelbſt; aber im 10* 138 erſten Augenblicke dachten ſie beide nicht daran, ſon⸗ dern überließen ſich ganz dem Glücke, einander nach ſo langer Trennung wieder zu ſehen. Rodach betrachtete Lea, die den Kopf zurücklegte, um ihre entzückten Augen nach ihm emporzuheben und wunderte ſich, ſie noch ſchöner zu finden. Die feuchten und glänzenden Augen des Mädchens konn⸗ ten ſich von ihm nicht trennen; ſie hing ſelig und vertrauend an ſeinem Halſe. „Ich glaubte, Sie hätten mich vergeſſen, Otto,“ ſagte ſie endlich.„Ach Gott, was habe ich gelit⸗ ten! Aber nun habe ich Sie wieder; Sie haben ſich meiner erinnert und ich bin glücklich.“ Rodach drückte einen Kuß auf ihre Stirn; zwar ſchwieg ſein Mund, aber ſein Auge ſprach. Mit einem Male machte Lea ſich aus ſeinen Ar⸗ men los und fragte: „Sie verbergen ſich immer noch?“ „Ja,“ antwortete Rodach. Da nahm ſie ihn an der Hand und führte ihn nach der Thüre zu, durch welche ſie ſelbſt hereinge⸗ kommen war. „Kommen Sie mit mir,“ ſagte ſie.„Dieſes Zimmer wird ſich in einigen Minuten füllen und die Leute, die da erſcheinen, kennen Deutſchland Alle.“ Sie zog Rodach ſich nach durch die Säle des Erdgeſchoſſes hindurch, die leer waren, da die 139 Commis ſich entfernt hatten, in den Pavillon zur Linken, wo wir ſie kurz vorher die Briefe des Ge⸗ fangenen leſen ſahen. Sie verſchloß die Thüre, ſetzte ſich neben Rodach nieder, faßte ſeine Hände und betrachtete ihn vom Kopfe bis zu den Füßen. Ihre Freude war uner⸗ meßlich und es fiel ihr nicht ein, wie ihre Schwe⸗ ſtern nach dem Grunde ſeiner Anweſenheit zu fra⸗ gen; ſie wollte ſich nur an ſeinem lieben Anblicke ſättigen, ihn bewundern und lieben. Sie ſaßen beide dem Fenſter gegenüber an dem Piano Leas, auf welchem deutſche Lieder lagen. Das Zimmer war ganz ſo eingerichtet wie der kleine Saal, in welchem wir Sarah und Eſther mit ein⸗ ander ſprechen hörten. Nur die Verzierung war eine andere. Lea von Geldberg hatte ihren Lieblingsauf⸗ enthalt ſelbſt ausgeſchmückt und er war gleichſam ein ſchöner Rahmen für ihre reizende Geſtalt ge⸗ worden. Die geſchnitzte Etagere in einer Ecke trug die ge⸗ liebten Bücher, ein kleiner Secretair von Roſenholz, mit Perlmutter ausgelegt, war mit Papieren und unvollendeten Briefen bedeckt; vor dem Fenſter, das in dem Garten ſah, trug ein geneigter Tiſch ein auf⸗ geſchlagenes Album, in welchem die letzten Strahlen des Tages eine Aquarellſkizze beſchienen, eine deutſche Landſchaft: alte Bäume an einem ſteilen Bergpfade 140 hinauf; ein Herr und ein Mädchen am Rande des Weges ſitzend und zwei Pferde an einem Lerchen⸗ baume angebunden.. Dann ſah man ferner eine angefangene Sticke⸗ rei; ſchöne lieblich duftende Winterblumen, alles, was die Einſamkeit eines Mädchens erfreuen kann. Die Nacht, die langſam herankam, legte gleich⸗ ſam einen Schleier auf alle dieſe Gegenſtände. Zeit und Ort waren ganz geeignet, ſchön zu träumen und von Liebe zu ſprechen. Merkwürdigerweiſe aber hatte ſich das Geſicht des Barons von Rodach, ſeit er in das Zimmer Leas getreten war, allmälig verdüſtert. Statt der innigen Freude, die er im erſten Augenblicke des Wiederſehens empfunden hatte, ſchien er jetzt von ſteigender Beſorgniß gedrückt zu werden. Er erwie⸗ derte die Liebkoſungen des Mädchens nicht mehr. Sein Blick ruhete zwar noch immer auf ihr, aber er drückte ein immer peinlicher werdendes Gefühl aus. Seine Augenbrauen zogen ſich unter einem ſchmerz⸗ lichen Gedanken zuſammen; ſeine Wange war bleich geworden und um ſeine Lippen ſpielte ein bitteres Lächeln. Die arme Lea achtete nicht darauf und drückte noch immer ihre Freude aus. Endlich aber wurde das leidende Ausſehen des Barons ſo ſichtbar, daß es ihr nicht länger entgehen konnte. ———— 141 Sie unterbrach ſich plötzlich mitten in einer hei⸗ ter begonnenen Frage. „Was iſt Ihnen, Otto?“ fragte ſie erſchrocken. Otto antwortete mehrere Secunden lang nicht. Als er endlich das Wort nahm, geſchah es nur um eine Frage zu ſtellen, auf die er die Antwort voraus wußte. „Lea,“ ſprach er mit kaum vernehmlicher Stimme,„warum finde ich Sie in dieſem Hauſe?“ Das Mädchen ſah ihn verwundert an und ver— ſuchte dann zu lächeln. „Es iſt wahr,“ ſagte ſie;„Sie wiſſen es nicht, Otto; Sie halten mich wie Alle für die Tochter mei⸗ ner guten Tante Rahel.“ Rodach wartete und athmete kaum noch. „Wenn Sie gewollt, hätten Sie dies lange wiſſen können,“ fuhr Lea fort.„Das Haus hier iſt das Haus meines Vaters.“ Auf die Stirn Rodachs trat kalter Schweiß. „Sie ſind die Tochter des Moſes von Geld⸗ 4 berg?“ ſtammelte er, als wenn jedes Wort ſeine Kehle zerreiße. „Ja,“ antwortete Lea, die unwillkürlich die Augen vor dem ſtarren Blicke Rodachs niederſchlug. Dieſer ſaß ſteif und gerade da; ſein Geſicht ſchien von Stein zu ſein; man hätte ſagen können, der Blitz habe ihn getroffen. Lea wollte ſeine Hand wieder faſſen und fand ſie lencht und kalt. Da traten ihr die Thränen in die Augen. „Otto!“ rief ſie aus.„Otto, ich beſchwöre Sie, ſagen Sie mir, was Sie haben.“ Der Blick Rodachs ruhete düſter und ſchwer auf ihr, aber er ſah ſie nicht. „Otto,“ fuhr das arme Kind im Schmerze fort,„haben Sie etwas gegen mich und lieben Sie mich nicht mehr?“ Rodach erhob die Augen gen Himmel. „Mein Gott!“ flüſterte er,„war ich denn zu giici ich! Lea ſank vor ihm auf die Knie nieder; ihre Thränen erſtickten ihre Stimme, die beten wollte. Otto zog ſie an ſein Herz und drückte einen Kuß auf ihre Stirn. „Armes Kind,“ ſprach er ernſt und tief traurig, „ich ſagte Ihnen wohl, daß dieſe Liebe Ihnen Un⸗ glück bringen würde.“ „Mein Gott, warum?“ ſtammelte Lea ſchluch⸗ zend. Rodach betrachtete ſie einen Augenblick ſchwei⸗ gend; ſein Blick wurde ſanfter; ſie war ja ſo ſchön! „Was auch geſchehen mag,“ ſprach er,„ich werde Sie immer lieben.“ Lea verſtand ihn nicht, aber ſie lächelte durch 1[177 143 ihre Thränen, weil Otto ihr verſprach ſte immer zu lieben. Nahe bei ihnen ließ ſich jetzt der Ton einer Glocke hören und Lea fuhr auf. „Man ruft zu Tiſche,“ ſprach ſie.„Wenn ich zögere, kommt man vielleicht hierher.“ Rodach ſtand ebenfalls auf. Er war wie be⸗ trunken. Der Schlag, der ihn getroffen, war in ſein Herz gedrungen. Als er betäubt und wankend nach der Thüre zuging, verſuchte man ſte von außen zu öffnen, dann klopfte man leiſe daran. Lea zitterte. „Lea, liebe Schweſter,“ ſagte eine Stimme im Corridor,„komm, man wartet auf Dich.“ „Meine älteſte Schweſter!“ flüſterte das Mäd⸗ chen.„Verbergen Sie ſich ſchnell, Otto. Es iſt faſt dunkel, man wird Sie nicht ſehen.“ Ohne etwas zu denken ließ ſich Rodach in eine Fenſtervertiefung führen und ſtand da unbeweglich hinter den zugezogenen Vorhängen. „Nun, Schweſterchen?“ ſagte man draußen. Es war wirklich Sarah, die etwas gemerkt hatte und umher ſpürte wie ein Hund, der nahe daran iſt eine Fährte zu finden. Lea antwortete ihr einige Worte auf Gerade⸗ wohl; dann ſetzte ſie leiſe zu Rodach gewendet hinzu: 144 „Ich laſſe die Thüre offen; wenn wir fort ſind, gehen Sie auf den Corridor, der Sie in den Garten führt.. Sind Sie da, ſo brauchen Sie nur durch das Comptoir zu gehen, um hinaus zu kommen. Aber ſagen Sie mir ſchnell, wann werde ich Sie wiederſehen?“ Otto ſchwieg. Die Kleine rief von neuem ungeduldig; Lea mußte ihr öffnen. In dem Augenblicke als die Thüre ſich in den Angeln drehete, ſah die Kleine ſich raſch um. Sie erblickte nichts, verbarg ihren Verdruß unter einem Lächeln und küßte die jüngere Schweſter zart⸗ lich; dann nahm ſie dieſelbe am Arme und beide gingen fort. Rodach blieb eine oder zwei Minuten auf ſeinem Poſten. Als er endlich hinter dem Vorhange her⸗ vortrat, war der finſtere Ausdruck von ſeinem Ge⸗ ſichte verſchwunden. Er war ſtark gegen den Schmerz; jener Schlag, der alle ſeine Hoffnungen auf Glück zertrümmerte, hatte ihn unerwartet ge— troffen und einen Augenblick hatte ſein Herz gezuckt; aber ſchon richtete er ſich wieder auf und wenn auch tiefe Spuren von Schmerz auf ſeiner Stirn zurück⸗ blieben, ſo trug er doch den Kopf ſo hoch wie vorher. „Gott ſchütze ſie!“ ſprach er vor ſich hin als er „ 1 145 durch das Zimmer ging;„ich liebe ſie mit aller Kraft meiner Seele, aber das Blut meiner Familie muß wieder aufgerichtet werden!“ Die beiden Fenſter ließen noch etwas Helle in das Zimmer Leas herein; als aber der Baron die Thüre hinter ſich hatte, befand er ſich in einem Gange, der bereits gänzlich finſter war. Er ging auf Geradewohl in der Dunkelheit hin und bald ſtieß ſeine Hand an eine Wand, die den Corridor auf die⸗ ſer Seite ſchloß. Jenſeits der Wand hörte er ein dumpfes regel— mäßiges Geräuſch, das langſam näher zu kommen ſchien. Es klang wie ein beſchwerlicher Tritt, der die ſteilen Stufen einer Treppe hinaufgehe. Rodach drehete ſich um; er hatte weder Zeit noch Luſt die Urſache des Geräuſches zu entdecken. Kaum hatte er fünf oder ſechs Schritte in einer neuen Richtung gethan, als er plötzlich umkehrte; es hatte ſich eine Thuͤre hinter ihm geöffnet und zwar gerade an der Stelle, die er eben verlaſſen. Der Corridor wurde jetzt durch ein ziemlich hel⸗ les Licht erleuchtet und eine ſeltſame Erſcheinung zeigte ſich den Augen Rodachs. Er ſah vor einer kleinen gewölbten Thüre, die noch offen ſtand, einen ganz gebrechlichen zitternden Greis, der in einem großen Mantelrock mit Pelz⸗ beſatz gehüllt war. Ueber dem Pelze war ein kurzes F 146 Mäntelchen befeſtigt, deſſen Stehkragen an eine große Pelzmütze mit weit vorſtehendem Schilde ſtieß. Die Erſcheinung dauerte nur eine Secunde, war aber zu ungewöhnlich, als daß ſie wieder vergeſſen werden konnte. Das Licht, welches jetzt den Corridor erhellte, kam von einer Laterne, welche der Alte in der Hand hielt. Er trug eine blaue Brille, die ihn wahr⸗ ſcheinlich nicht am Sehen hinderte, denn er bemerkte ſogleich den Baron von Rodach und blies eilig ſeine Laterne aus. Es war nun von neuem dunkel in dem Corridor. Rodach hörte Bewegungen in dem Dunkel und ein Geräuſch von Thüren, die geöffnet und zuge⸗ macht wurden. Dann wurde alles ſtill. Rodach blieb überraſcht und nachdenkend ſtehen. „Das muß Moſes Geld ſelbſt ſein,“ dachte er. Er kehrte tappend umher und ſuchte die niedrige Thüre wieder zu finden, aber er fühlte überall nur die glatte Wand, ſo daß er das Nachſuchen aufgeben mußte und in entgegengeſetzter Richtung wieder über den Corridor ging. Nach etwa zwanzig Schritten ſtieß er eine Thüre auf zund befand ſich dem Garten. Einige Secunden ſpäter erreichte er die Straße. Unter dem Portal hielt eine glänzende Equipage, die den Ritter von Reinhold brachte. Rodach war⸗ 147 tete, bis die Equipage vorüber war und ſchritt dann unbemerkt weiter. Vor dem Thore auf einem Prellſteine ſaß eine arme Frau unbeweglich wie der Stein, den Kopf auf die Hände geſtützt. Die Lakaien des Ritters bemerkten ſie als ſte das Thor ſchloſſen und vertrieben ſie. Die arme Frau ſtand auf ohne ein Wort zu ſa⸗ gen und entfernte ſich mit wankendem Tritte. Es iſt weit von der Straße St. Honoré bis zum Rotundenplatze. Die arme Frau hatte einen langen Weg zu machen. Es war die Mutter Regnault, welche noch nicht die Kraft gefunden hatte, den Stein vor dem Hauſe zu verlaſſen, zu dem ſie durch die unbarmherzige Härte ihres Sohnes getrieben worden war. —ͤ — —— V — Zwölftes Kapitel. Die Straße Vertbois. Das Familiendiner fand dieſen Abend etwas ſpäter ſtatt als gewohnlich; alle waren nach der ge— wöhnlichen Zeit angekommen, ausgenommen der junge Abel, der unter anderen guten Eigenſchaften auch die Pünktlichkeit des Magens beſaß. Er war zuerſt in dem Wartezimmer erſchienen, wo die Unterredung zwiſchen Sarah und Eſther ſtatt⸗ gefunden hatte. Der Doctor und die Gräfin waren zu ihm gekommen, dann die Kleine, welche die Schweſter Lea brachte. Später erſchien der weiße Palletot des Ritters und es fehlte nur noch der Wechſelagent Leo von Laurens und der alte Moſes von Geldberg. Der Wechſelagent ſollte gar nicht kommen. Sarah mußte der Familie ankündigen, daß der arme 149 Mann durch ein ernſtliches Unwohlſein im Hauſe zurückgehalten werde. Man beklagte Sarah ſehr. Wenn zwei Herzen innig verbunden ſind und die Krankheit zieht in ein Haus ein, ſo leidet ja immer der Kranke am we— nigſten. Die arme Sarah! Die Abweſenheit des Herrn von Laurens wieder⸗ holte ſich übrigens wegen ſeines Uebelbefindens häu⸗ fig und man achtete nicht ſehr darauf. Merkwürdig war dagegen das lange Ausbleiben des Familien⸗ hauptes. Der alte Moſes öffnete jeden Tag Schlag fünf Uhr die Thüre des Zimmers und kam in den Pavil⸗ lon herab, wo ihn ſeine Töchter erwarteten; heute zeigte die Pendule bereits ſechs Uhr an und er kam noch nicht. Dieſe Zögerung war faſt beiſpiellos und deshalb ſehr wichtig. Drei Viertel auf ſechs Uhr entſchloſſen ſich Abel und die Kleine, in das Zimmer des Alten hinaufzu⸗ gehen. Anfangs horchten ſie, aber ſie hörten nichts. Sie klopften dann und ſogleich wurde geöffnet. Der alte Moſes zeigte ſich in der Tracht, die er jeden Abend trug, auf der Schwelle. Er that was er vermochte, um unbefangen zu erſcheinen; aber auf ſeinem Geſichte lag eine ungewöhnliche Bläſſe * 150 und während er am Arme ſeiner Tochter hinabging, zitterten ſeine alten Glieder. Seine Verlegenheit war ſo ſichtbar, daß ſelbſt Abel, der doch eben kein ſcharfblickender Beobachter war, ſie bemerken mußte; aber Niemand fragte den Alten. Das Eſſen verging ſchweigend; alle waren mit ihren eigenen Gedanken beſchäftiget und nur die Kleine zeigte ſich wie gewöhnlich heiter. Die drei Compagnons dachten an die wichtigen Ereigniſſe des Tages; Eſther fragte ſich, was wohl aus Götz geworden ſein möchte; Lea war bei Otto. Was in ihrem Zimmer geſchehen, blieb zwar ein Räthſel für ſte, aber ſie wurde traurig bei dem Ge⸗ danken an die finſtere Wolke des Trübſinns, die plötzlich ſich auf der Stirn des Geliebten gezeigt hatte. Ihr ſchöner Kopf ſank träumeriſch nieder und eine Unruhe, die ſie uß t zu bemeiſtern und erklären vermochte, wuchs mehr und mehr in ihr. Sie wollte heiter ſein zu— hren der Ankunft Ottos, aber immer war es ihr als ſtehe ihr ein Unglück bevor. Der alte Moſes ſaß ſtumm und unbeweglich auf dem Ehrenplatze. Er aß nicht. Sein lebhafter Blick war erloſchen und wenn man ſein Geſicht an⸗ ſah, hätte man glauben ſollen, er erblicke eine grauenhafte Erſcheinung.— Zwei oder drei Mal während der Mahlzeit 151 bewegten ſich ſeine Lippen, als wenn er ſprechen wollte, aber er that es nicht und kaum vermochte die Kleine, welche neben ihm ſaß, den unbemerklichen Ton zu vernehmen, der über ſeine Lippen kam, ob⸗ wohl ſie geſpannt aufhorchte und ihr Gehör ſcharf genug war. Einmal glaubte ſie zu hören:„ich habe ihn ge⸗ ſchen..⸗ Nach dem Diner, in dem Augenblicke als man in den Salon ging, winkte der alte von Geldberg dem Ritter und dem Doctor. Sie ſetzten ſich neben ihn, ſo daß ihre Stühle den ſeinigen berührten; ſein ängſtlicher Blick durchlief den Saal, als wollte er ſich überzeugen, daß Niemand ihn hören könne. Er nahm die geheimnißvolle wichtige Miene eines Man⸗ nes an, der ein großes Geheimniß ausſprechen will. Reinhold und der Doctor warteten geſpannt. „Nein, nein,“ ſtammelte endlich Moſes, der die Augen niedergeſchlagen hielt;„warum ſollte ſich das Grab öffnen? Mein Geiſt wird ſchwach,.. ich bin zu alt.“ Dann ſchwieg er wieder. Die beiden Compagnons warteten noch eine Minute, dann ſagte Reinhold ſanft und mit liebe⸗ voller Achtung: „Mein würdiger Freund, Sie haben uns geru⸗ fen; haben Sie uns eine Mittheilung zu machen?“ VI. 11 3 1 4 4 „ 4 * 3 1 ———ſſͤſ—n Der Alte ſah ſie nach einander an und ſchüttelte ſtark den Kopf. „Nein, nein,“ ſagte er;„was könnte ich zu ſa⸗ gen haben? Die Vergangenheit iſt fern; ich erinnere mich ihrer nicht mehr. Ruft Lea mit ihrem Buche zu mir.“ Er winkte ihnen ſich zu entfernen und wenige Augenblicke nachher begann Lea die gewöhnliche Abendvorleſung. Der Tiſch mit dem Bretſpiele ſtand bereit, Mira und Reinhold mußten aber, ſtatt ſich zu ihrer ge⸗ wöhnlichen Partie hinzuſetzen, einem Zeichen Sarahs folgen, die ſie in eine Fenſterbrüſtung beſchied. Eſther und Abel ſaßen neben dem Heerde an ein- ander. Sie hatten einander nicht viel zu ſagen und ſo tauſchten ſie geſchwiſterlich ihre Langeweile gegen⸗ ſeitig aus; ihr halb erſticktes Gähnen kreuzte ſich mit Sympathie. „Was hat er Ihnen geſagt?“ fragte die Kleine die beiden Compagnons. „Schöne Frau,“ antwortete Reinhold,„der achtbare Herr ſinkt meiner Anſicht nach ſehr; es ſcheint, als hatte er uns wirklich etwas zu ſagen, weil er uns zu ſich rief; als der wuͤrdige Mann uns aber bei ſich hatte und wir aufmerkſam horchten, aͤnderte ſich ſeine Laune und er hatte uns nichts mehr zu ſagen.“ 1⁵3 „Iſt das wahr?“ fragte die Kleine den Doctor Mira. Reinhold verbeugte ſich lachend, um für dieſen Beweis hohen Vertrauens zu danken. „Es iſt wahr,“ entgegnete Mira ernſt. Die Kleine zeigte auf einen Stuhl, den er als⸗ bald holte. Die Kleine ſetzte ſich am Fenſter nieder und die beiden Compagnons blieben vor ihr ſtehen. Sie ſprachen alle drei leiſe mit einander. An dem Kamine hörte man nicht einmal ihr Zi⸗ ſcheln. Nur die Stimme Leas war in dem ſtillen Zimmer zu vernehmen. Gewöhnlich hörte der alte Moſes aufmerkſam auf das, was ihm vorgeleſen wurde, denn er trug eine große Frömmigkeit und feſte Anhänglichkeit an die Gebräuche ſeines Glaubens zur Schau. Heute aber war ſein Geiſt zerſtreut und ſein ganzes Weſen verrieth Unruhe. Seine kahle Stirn neigte ſich bis⸗ weilen plötzlich unter der Laſt eines peinlichen Ge⸗ dankens, dann richteten ſich wiederum ſeine kllinen grauen Augen forſchend empor und ſeine Lippen be⸗ wegten ſich wie während der Mahlzeit, aber ohne daß ſie einen Ton hervorbrachten. Gewiß ergriff ihn die Bibel nicht alſo. Die Frau von Laurens hatte bereits ſeit einer Viertelſtunde mit den beiden Compagnons geſpro⸗ 41½ 154 chen und die Unterhaltung mußte ſehr feſſelnd ſein, denn alle drei waren ſehr eifrig dabei. „Ritter,“ ſagte die Frau von Laurens in jenem beſtimmten Tone, den ſie annahm, wenn ſie von Geſchäften ſprach,„es muß von neuem verſucht werden, es mag Gefahr dabei ſein oder nicht.“ „Schöne Frau,“ uünendfl Reinhold,„Sie wiſſen, ob ich zu Ihrem Befehle ſtehr⸗ aber ich habe nicht mehrere Verdiers zu bieten.. „Das hoffe ich auch,“ antwortete die Kleine, die verächtlich die Achſeln zuckte;„es ſoll kein ande⸗ rer Verdier alles verderben. Denken Sie nach, 1 meine Herren und Sie werden ein beſſeres Mittel finden.“ „Man ſetzt die Dichter herunter,“ flüſterte Reinhold, ‚wenn ihre Stücke drchäe efallen ſind; vorher hießen ſie aber Meiſterwerke. Das Mittel, ſchöne Dame, war gar nicht ſo ſch ucht und ohne den Menſ den, den Verdier in ſeinem Briefe er⸗ wähnt. „Gewiß,“ unterbrach ihn die Kleine ſpottend, „wenn er nicht geſcheitort wäre, hätten wir ihn ſie⸗ gen ſehen können.. Ich habe nie das Gegentheil. behauptet.“ Reinhold hätte ſich erzürnen können, aber er lächelte lieber. „Da Sie darauf zu beſtehen ſcheinen, ſchöne Frau,“ fuhr er fort,„ſo ſpreche ich auch die Ver⸗ dammung aus. Mein Mittel war ſchlecht, ja; kennen Sie ein beſſeres?“ Die Kleine ſah nach ihrer Schweſter und ihrem Bruder hin, die ihr den Rücken zukehrten; ſie wollte ſich überzeugen, ob eines oder das andere horche trotz dem Gähnen. „Ich mache Sie darauf aufmerkſam, ſchöne Frau,“ ſagte Reinhold,„daß die Lage mir jetzt eine andere zu ſein ſcheint. Der geheimnißvolle Mann, der zu ſo ungelegener Zeit Verdier den Degen in die Bruſt ſtieß, kam ſicherlich nicht zufällig und um einen Spaziergang zu machen ſo früh in das Bou⸗ logner Wäldchen.. Ich habe ſeitdem viel über die⸗ ſes ſchlechte Abenteuer nachgedacht und glaube be⸗ ſtimmt, daß der junge Mann Beſchützer hat.“ „Wir haben Geld,“ ſagte die Kleine. „Wir hatten Geld,“ brummte Reinhold. Die Kleine wendete ihr glänzendes kaltes Auge auf den Ritter. „Wozu die vielen Worte?“ ſagte ſie.„Er muß ſterben.“ „Ich wünſche es auch,“ entgegnete Reinhold, „äber.. ⸗ „Doctor,“ fiel die Kleine ein,„ſagen Sie, wie es angofangen iſt.“ Der Portugieſe hatte bis dahin gar nichts geſagt. —— * — ———* — 156 Wenn die Kleine die Augen aufſchlug, ſchlug er die ſeinigen nieder; ſah ſie ihn nicht mehr an, ſo blickte er auf und in ſeinen tief liegenden Augen blitzte gleichſam ein Feuerfunke. Er rührte ſich nicht und ſtand lang und ſtarr neben dem kurzen dicken Ritter. Das Geſuch der Kleinen war für ihn ein Befehl. „Es giebt ein Mittel,“ antwortete er in dem ihm eigenen kalten pedantiſchen Tone. Die Kleine und der Ritter horchten aufmerkſam. „Eſther,“ ſagte in dieſem Augenblicke Abel, dem das Nichtreden langweilig wurde,„haſt Du ſchon meinen Engländer Mecting geſehen?“ „Nein,“ antwortete Eſther. „Es iſt ein Brauner, der in Epſom geſiegt hat . Ich kaufte ihn für 350 Guineen vom Lord Purſe.“ „Ah!“ antwortete Eſther. „Ja und dieſer Meeting ſtammt von dem„Wa⸗ terloo“ und„der Prinzeſſin Mathilde.“ „Wirklich?“ „Ich habe die Urkunden.„Waterloo“ ſtammt, wie Du wiſſen wirſt, von„Problem“ und„Chip⸗ of⸗the⸗old⸗Block.“ „Daszweiß ich nicht,“ antwortete Eſther, die nicht darauf hörte. „Das iſt merkwürdig,“ ſagte Abel darauf; e 157 „Jedermann kennt das.„Chip-⸗of⸗the⸗old⸗Block“ gewann 1819 zu Ascott für Lord Cheſterfield 30,000 Guineen und ſein Vater, Peripatetician..“ Eſther gähnte. Abel ſah ſie unwillig an und ſchwieg. Der Doctor Mira brauchte wie gewöhnlich einige Minuten ehe er zum Sprechen kam. Er war ein kluger Mann, der alle ſeine Worte abwog. Die Kleine und Reinhold ſahen einander an. Als er ſie hinlänglich hatte warten laſſen, ſchlug er die Augen nieder und flüſterte: „Man braucht ihn nur zu dem Feſte einzu⸗ laden.. Die Kleine klaſchte in die Hände. Sie hatte ſo⸗ gleich errathen, während Reinhold noch nachſann. „Zu dem Feſte?“ fragte er. „Im Schloſſe Geldberg,“ ſagte die Kleine. „Wir ſind da unter uns und brauchen keinen Zwei⸗ kampf.“ Reinhold reichte dem Portugieſen die Hand. „Doctor,“ ſagte er,„Sie ſprechen wenig, aber Ihre Worte ſind Goldes werth.. Wenn wir ihn in das Schloß Geldberg bringen, iſt die Sache ſo gut als geſchehen. Aber unter welchezes Vorwande iſt er einzuladen, da wir ihn aus dem Hauſe fortge⸗ ſchickt haben?“ 158 „Das übernehme ich,“ ſagte die Frau von Laurens,„und ich ſtehe dafür, daß er kommt.“ „Un ſo beſſer,“ antwortete Reinhold.„Dann i*ſt aber auch das Feſt zu beſchleunigen.“ „Und man muß ſeine Maßregeln im Voraus nehmen,“ ſetzte der Doctor hinzu;„denn in der Umgegend von Geldberg findet man keine Leute wie man ſie braucht.“ „Auch bi iſt wahr,“ ſagte Reinhold;„ah Hoctor, welch' koſtbarer Mann Sie ſind! Ich kenne Jemanden hier ‚der uns wohl dienen könnte.“ „Man braucht Mehrere.“ „Ich kenne eine Frau,“ ſetzte ihrer Seits Sarah hinzu,„die vielleicht im Stande wäre, uns brauch⸗ bare Subjecte zu liefern.“ „Mein Mann wird ihrer ſo viele bringen als haben wollen,“ entgegnete Reinhold. Die Kleine ſtand auf. „Wann ſoll das Feſt ſein?“ fragte ſie. „Die Borereitungen müſſen ſchon weit gediehen ſein,“ antwortete der Ritter,„und nach dem 10. d. M. ſind wir auch frei. Was die Koſten betrifft, ſo ſendet uns der Himmel einen Geldlieferanten, den wir gar nicht erwarteten.. Man kann die Einla⸗ dungen erlaſſen.“ Thun Sie das,“ entgegnete Sarah;„je wi — 1, 159 früher deſto beſſer.. Ich werde mich mit dem klei— nen Franz beſchäftigen.“ Sie verließ die Fenſterbrüſtung und ging nach dem Kamine zu. Reinhold ſah den Portugieſen von der Seite an. „Doctor,“ ſagte er,„ſie kennt den Namen und die Wohnung des jungen Mannes, weil ſie es über— nimmt ihn einzuladen; den Namen können Sie ihr geſagt haben, denn Sie kannten ihn, aber die Adreſſe?“ Die Augenbrauen der Kleinen zogen ſich zu⸗ ſammen. „Ah, lieber Doctor,“ warf der Ritter nachläſ⸗ ſig hin;„wie ſchön ſie noch immer iſt und wie glücklich diejenigen ſein müſſen, welche ſie liebt!“ Die Kleine hatte ihre Stirn dem Kuſſe des Alten dargeboten. „Ich verlaſſe Sie heute Abend bald,“ ſagte ſie; „ich muß meinem armen Leon Geſellſchaft leiſten.“ Moſes fand wieder ein Lächeln, um ihr gute Nacht zu wünſchen. Als ſie fort war, wendete er ſich an Reinhold und den Doctor, die ſich dem Ka⸗ mine genähert hatten. „Sie können nicht lange ohne einander ſein,“ ſagte er;„wie ſie einander lieben!“ Der Doctor verbeugte ſich tief und Reinhold ſagte etwas Fades. 160 Der Wagen der Kleinen fuhr raſch nach der Straße Provence und eine Viertelſtunde ſpäter ſaß ſie am Bette ihres Mannes. Es war ein Arzt da, den man gerufen hatte. Die Kleine klagte bitter über die gebieteriſche Pflicht, welche ſte von dem Bette ihres kranken Gat⸗ ten entfernt habe; ſie überhäufte ihn mit zärtlichen Liebkoſungen und als der Arzt fortging, zürnte er faſt gegen Herrn von Laurens, der die Beweiſe der Liebe ſeiner ſchönen Frau mit kalter Gleichgiltigkeit aufgenommen hatte. Kaum hatte er die Schwelle überſchritten, ſo ſtand auch die Kleine auf, um ihren Anzug zu än⸗ dern. Bald kam ſie geſchmückt und ſo ſchön zurück, daß der Blick des Kranken leuchtete. „Gute Nacht, Leon,“ ſagte ſie;„ich finde Dich um vieles beſſer, Lieber. Wenn ich wieder komme, beſuche ich Dich vielleicht noch einmal auf einen Augenblick ehe ich mich niederlege.“ „Wohin gehſt Du?“ fragte leiſe der arme Wechſelmäkler, der leichenblaß war. Sarah nickte ihm lächelnd zu und entfernte ſich ohne zu antworten. Herr von Laurens ſah eine Secunde lang nach der Thürerhin, als hoffe er, daß ſeine Frau zurück⸗ käme; dann ſanken ſeine Augenlider ſchwer nieder. Er lag unbeweglich da. Um ſeine eingeſunkenen 161 Augen zeigte ſich ein weiter bläulicher Ring; ſeine Züge verriethen Abſpannung und um ſeine Mund⸗ winkel hatten ſich bittere Falten gebildet. Nach einigen Minuten zitterte er unter der Decke; ſeine Lippen zogen ſich zuſammen und ſein ganzes Geſicht wurde verzerrt. Er ſtieß einen Schmerzensſchrei aus. Sogleich eilte ſein Diener herbei, der ihn im Bette vor Schmerz ſich winden ſah. Er weinte wie ein Weib und unter ſeinem Schluchzen flüſterte er den Namen Sarahs, Sarahs, die ihm jeden Tag eine Doſis von Eiferſucht gab, jenem tödtlichen Gift, dem er langſam unterlag; Sarahs, die ihn ſpielend und mit Lächeln auf den Lippen mordete. Sarah war nicht wieder in ihren Wagen geſtie⸗ gefl, ſondern auf der Comptoirtreppe auf die Straße gegangen und hatte einen Miethwagen genommen, der ſie nach dem Temple hin brachte. Ein ſeidener Ueberwurf umhüllte ſie warm und ſie gab ſich ihren Gedanken hin, ohne daß eine Gewiſſensunruhe ihr Träumen und Sinnen ſtörte. Ihr hübſches Geſicht drückte vielmehr vollkommene Ruhe aus und ihre Phantaſie hielt ihr eine lachende Zukunft vor. Sie war ja noch ſchön, ſchön noch auf lange Zeit. Sie war reich und ihr Leben begann erſt. Der Wagen verließ den Boulevart bei der Porte St. Martin und ſtatt der breiten Straßen, durch die er geraſſelt war, gelangte er bald in eine enge ſchlecht beleuchtete Gaſſe, deren düſtere Laden durch eine ganze Welt von den glänzenden Magazinen des ſchönen Paris getrennt zu ſein ſchienen. Ein Paar Minuten rollte der Wagen durch Schmuz, dann hielt er an und zwar am Ende der Straße Vert-Bois, die an den Temple grenzt. Die Kleine erwachte heiter aus ihrem Traume und ſprang auf das ſchmale Trottoir, aber ihre Füß⸗ chen berührte die immer ſchmuzigen Steine kaum. Ein zweiter Sprung brachte ſie in einen dunkeln Hausflur, in welchem eine feuchte Luft ſich fühlbar machte. Ch die Kleine weiter ging, kehrte ſie ſich zu ihrem Kutſcher um und ſagte: „Warten Sie unten auf mich.“ Der Kutſcher ſtieg wieder auf den Bock und fuhr ab. Er kam öfters daher und wußte, daß„unten“ die Ecke der Straße Phelippeaur hieß. Die Kleine ging einige Schritte, wobei ſie das Kleid aufnahm, als befinde ſie ſich auf der Straße. Um ſie her herrſchte eine faſt vollſtändige Finſterniß, aber ſie kannte den Weg. Ihr Füßchen ſtieß bald an die unterſte Stufe einer Wendeltreppe, welche des Flures würdig war. Ohne ſehr großen Ekel faßte ſie den ſchmuzigen Strick, an dem ſie ſich anhalten mußte und begann u 163 beherzt die hohen und ſteilen Treppenſtufen hinauf zugehen. Erſt im dritten Stock machte ſie Halt. Hier begann der Lurus. Vor der Thüre lag eine Strohdecke zum Abſtreichen der Füße und die Hand der Kleinen fand im Dunkel eine ſchöne Wollentroddel, welche eine Klingelſchnur endigte. Sie ſchellte. Hinter der Thüre höͤrte man ge räuſchvolles Geſpräch mit lautem Lachen. Nach dem Tone der Klingel ließ ſich ein Geräuſch von Hausſchuhen innen hören; die Thüre wurde ge⸗ öffnet und zeigte eine alte Frau, die ein carrirtes Tuch um den Kopf geſchlungen hatte und in der Hand einen kupfernen Leuchter trug, den ſie hoch empor hielt, um zu ſehen, wen ſie vor ſich habe. Die gute Frau hatte ein ſchreckliches Haus⸗ meiſteringeſicht: dicke Augenbrauen, überrothe Au gen, eine Hakennaſe, einen Schnurrbart, ein dro hend vorſtehendes Kinn und einen großen Mund. Sarah lächelte ihr freundſchaftlich zu. „Guten Abend, Frau Huffé,“ ſagte ſie. Frau Huffé machte einen ſtudirten Knir und nahm eine freundliche Miene an, welche ihr Geſicht noch komiſcher machte. „Ich habe die Ehre Sie zu grüßen, gnädige Frau,“ ſagte ſie. 164 „Iſt Madame Batailleur zu Hauſe?“ fragte die Kleine weiter. Die Huffé knirte noch einmal, ging rückwärts und antwortete: „Madame wird ir Ehre haben, die gnädige Frau zu empfangen.“ Die Kleine trat ein. Frau Huffeé führte ſie durch ein Zimmer, in welchem ein angenehmer Küchen⸗ geruch herrſchte, dann gelangten ſte in ein zweites Zimmer, das mit einer Art Luxus meublirt war. In dieſem Zimmer ſaß die Frau Batailleur einem jungen Manne von etwa zwanzig Jahren gegenüber, der geziert mit ſchlechtem Geſchmack gekleidet war, einen gewichſten Schnurrbart trug und Locken hatte wie ein narrenhafter„Coiffeur.“ „Ich habe die Ehre Madame Louiſe anzumel⸗ den,“ ſagte die Huffé mit einem dritten Knixe. Die Frau Batailleur ſtand mit vollem Munde auf und reichte der Kleinen die Hand, die dieſe freundſchaftlich drückte. Dreizehntes Kapitel. Die Kleine. Frau von Laurens hatte den Schleier herunter⸗ gelaſſen als ſie in das Zimmer trat, in welchem Frau Batailleur mit einem Stutzer aus dem Temple⸗ Viertel ſpeiſete. Der Schleier war ſehr ſchön und ſo dicht geſtickt, daß er recht gut die Stelle einer Maske vertreten konnte. Der Dandy, welcher Hippolyt hieß, ſah ſie neugierig und verlegen an, bemerkte aber nichts als den Schleier. Er war ein Menſch mit hochrothem Geſicht, gro⸗ ßen Händen und Füßen, einem nicht ganz übeln Geſichte und gutem Wuchſe. Sein Rock von feinem Tuche, der abſcheulich eng war, ſtand ihm freilich ſchlecht; mit einer Mütze auf dem Kopfe und in einer Blouſe würde er nicht übel ausgeſehen haben. Der Anzug, den er trug, machte ihn jedenfalls 166 ſehr eitel. Er fühlte ſich„Löwe“ bis zur Spitze ſeiner zweifelhaft reinen Nägel und ſein Blick ſenkte ſich bisweilen wohlgefällig auf die lackirten Schuhe, die ihm die knorrigen Füße drückten. Er war der Günſtling der Frau Batailleun und unter vier Augen mit derſelben vielleicht ſehr ange⸗ nehm, aber die Anweſenheit der vornehmen Dame brachte ihn in Verlegenheit. Er wurde roth wie ein gekochter Krebs, ſtrich den Bart und das Haar und und ſteckte endlich beide Hände in die Taſchen. Dann mochte er fühlen, daß dieſe Stellung ſich nicht ſchicke und er zog raſch die Hände wieder heraus, um nach⸗ zudenken, was er wohl damit anfange. Die Frau Batailleur war fünfunddreißig bis vierzig Jahre alt, noch friſch und ziemlich hübſch. Sie hatte ein rundes volles Geſicht, rothe Backen, kleine lächelnde Augen, große weiße Zähne und das graublonde Haar, das in Paris ſo häufig iſt. Es iſt weder das Goldblond der ſchönen deutſchen Mäd⸗ chen, noch das Perlenblond der bleichen Jungfrauen Englands, ſondern das Pariſer Blond, das man ſehn muß, weil es ſich nicht beſchreiben läßt. Die⸗ ſes Blond iſt nicht häßlich, Gott bewahre, daß wir dies ſagen, es ſieht aber matt aus, es ſpiegelt nicht. Sehr ſelten findet man es unter den Frauen, die das Recht haben einen Hut zu tragen, bäufig dagegen bei den Griſetten und die Gaſſenbuben ken⸗ nen faſt keine andere Haarfarbe. Das Haar der Frau Batallleur hatte dieſes Blond, wie die Augenbrauen und die kurzen dünnen Wimpern. Sei dem wie ihm wolle, ſie hatte in ihrem Leben viele Eroberungen gemacht und die heitere Keckheit, die auf ihrem Geſichte lag, gefiel noch immer vielen Soldaten wohl. Aber Frau Batailleur gehörte ihrem Zeitalter an; ſie verſchmähte die Uniform und ſuchte Faſhionables. Ihre Figur war voll, fleiſchig und etwas größer als die Sarahs. Ihr Anzug beſtand in einem floh⸗ braunem ſeidenem Kleide, das gegen Unfälle durch eine große blaue Kattunſchürze mit vielen Fettflecken geſchützt war. Um den vollem, aber etwas braunen Hals lag ein Collier von prächtigen falſchen Stei⸗ nen. Auf dem Kopfe hatte ſie ein Häubchen von koſtbaren Spitzen, das aber durch die übergroße Bändermenge verdorben war. Unter dieſem Häub⸗ chen hervor kamen einige dünne ſteife Locken. Sie lachte immer und ſehr laut, klopfte die Leute gern auf den Bauch und ſprach die Templeſprache mit der Stimme eines Corporals. Der Tiſch ſah ſehr gut aus; das Tiſchtuch und die Servietten waren ſchön und das Silbergeſchirr koſtbar. Nur ſah man neben jedem Couvert eine VI. 12 168 gewöhnliche Flaſche ohne Siegel mit dem gewöhnli⸗ chen Wirthshausweine. Das Zimmer war groß und wie ein Salon meublirt. Es ſtanden darin zwei ſchöne Seſſel von rothem Sammet, ein Divan, geſtickte Stühle, alles faſt neu und ohne gerade auszuſehen als wäre es in einer Auction erſtanden. Man hätte wirklich glau⸗ ben können, in einem gewöhnlichen Salon zu ſein, der zufällig als Speiſeſaal benutzt werde, wenn nicht auf den Meubles umher allerlei Kleidungsſtücke 1 gelegen hätten. 3* Da ſah man Pelzröcke, dort Spitzenſtreifen, alte Handſchuhe, die auf Wäſche warteten, Muffe, Klei⸗ der, Corſets und ein halbes Dutzend abgetragene ö Beinkleider. An den Wänden hingen in dichter Reihe kleine hell illuminirte Kupferſtiche wie die ſchöne Geno⸗ veva, Abailard und Heloiſe, der verlorene Sohn ꝛc. Auf dem Kaminſimſe ſtand eine prächtige Uhr aus der Zeit Ludwigs XV. zwiſchen zwei ganz ge⸗ wöhnlichen Kaffeetaſſen. Das Zimmer wurde durch zwei Talglichter auf koſtbaren ſilbernen Leuchtern erhellt. Frau Huffé rückte einen Stuhl für die Kleine und knirte zum vierten Male, während ſie ihr freundlichſtes Lächeln in ihre ſchrecklichen Züge zwang. 169 Hippolyt wußte noch immer nicht wohin er die Hände thun ſollte und pfiff eine Polka. Der Stand des Günſtlings einer Königin iſt überall ein ſehr trauriger. Das Eſſen hatte kaum begonnen. Frau Batailleur winkte dem großen Bur⸗ ſchen freundlich nach der Thüre zu und ſagte: „Hippolyt, ſei ſo gut und geh.. Iß in einem Wirthshauſe; ich bezahle es.“ Er warf einen ſehnſüchtigen Blick auf den reich⸗ beſetzten Tiſch, aber es ließ ſich nichts antworten. Er ſtand alſo auf, ohne ein Wort zu ſagen, nahm in einer Ecke ſeinen Stock mit dem galvaniſch vergol⸗ deten Knopfe und verſchwand nach einer linkiſchen Verbeugung. Frau Huffé folgte ihm, nachdem ſie die Ehre gehabt hatte einen fünften Knir zu machen. Die Kleine ſchlug nun ihren Schleier zurück. Frau Batailleur ſetzte ſich wieder an den Tiſch und knüpfte die Serviette um. „Giebt es etwas Neues?“ fragte ſte, indem ſie ohne Umſtände wieder anfing zu eſſen. „Ja,“ antwortete Sarah;„ich habe Sie um Mehreres zu erſuchen, gute Batailleur.“ Die gute Batailleur ſchenkte ſich ein großes Glas voll Wein, trank es aus und nickte dabei der Frau von Laurens vertraulich zu. Im Temple und öffentlich wußte die Frau ſich 12* 170 in der gehörigen Entfernung von der vornehmen Dame zu halten; das Alleinſein unter vier Augen aber erlaubt manches bei Leuten, die einander achten und lieben. „Liebe Madame,“ fuhr die Batailleur fort, „wollen Sie nicht auch etwas genießen? Nicht? Nun wie Sie wollen. Ich trinke auf Ihre Ge⸗ ſundheit.“ „Thun Sie das.. Sehen Sie den armen Hippolyt immer bei ſich?““ „Reden Sie mir nicht von ihm,“ antwortete die Batailleur;„ich warte nur, daß er mir einen Streich ſpielt, um ihm meine Thüre zu verſchließen; aber er iſt ſo nett gekleidet, ſo nett und ich habe ihn ſo gern!“ Die Frau Batailleur war ein gemeines Weſen, aber reich, Frau Huffé dagegen eine gebildete Frau trotz dem carrirten Tuche, das ſie um den Kopf ge⸗ ſchlungen hatte und trotz ihrem entſetzlichen Geſichte. Sie hatte bei einem Senator des Kaiſerreichs gedient und wenn ſie von dem Koſaken, der ſie zur Zeit der Anweſenheit der Verbündeten verführt hatte, nicht verlaſſen worden wäre, würde ſie jetzt eine brave Familienmutter in irgend einem Dorfe der Ukraine ſein. So rückſichtslos und plump die Batailleur war, ſo ceremoniös höflich zeigte ſich ihre Dienerin. Auch 171 verachteten einander ſich beide von Herzens⸗ grunde. Die Kleine hatte Zeit gehabt, ſich an die Ma⸗ nieren der Trödlerin zu gewöhnen, denn dieſe war ſchon ſeit vielen Jahren ihr Factotum. Als der Kaffee gebracht wurde— denn welche Frau im Temple könnte ohne Kaffee ſein?— wollte die Kleine wiſſen, wie ihre Angelegenheiten ſtänden. „Frau Huffé!“ rief die Batailleur mit Donner⸗ ſtimme. Die alte Frau erſchien alsbald und die Gebiete⸗ rin herrſchte ihr zu: „Das Buch!“ „Ich werde die Ehre haben es zu holen,“ ant⸗ wortete Frau Huffé. Dies geſchah und die Batailleur blätterte in dem Buche mit vergilbten Blättern herum, während ſie mit der andern Hand den Kaffee umrührte, in den ſie Likör gegoſſen hatte. „Es iſt in der letzten Zeit nicht ſchlecht gegan⸗ gen,“ ſagte ſie;„man hat unten im Spiele etwas gemacht; die Nordbahnactien ſind geſtiegen, aber bei der Verſailler haben wir etwas verloren, eine Kleinigkeit.“ „Zeigen Sie her. Ich habe mich lange nicht um meine Angelegenheiten bekümmert.“ Sie rückte ihren Stuhl näher und die braunen 172 glänzenden Locken ihres herrlichen Haares berührten die dünnen Löckchen, die unter der Haube der Tröd⸗ lerin hervorkamen. Die beiden Frauen waren ganz verſchieden von einander; die eine konnte für das Muſterbild reizender Vornehmheit gelten; die andere mit der von geiſtigen Getränken gerötheten Stirn zeigte in ihrer Perſon die groben widerlichen Laſter der Emporkömmlinge, welche der Zufall hier und da aus dem Pöbel heraufhebt. Gleichwohl verrieth die vornehme Dame keinen Widerwillen; ſie fühlte viel⸗ leicht auch keinen. Der Duft des Kaffee mit Likör ſtieg ihr in die Naſe, aber ſie achtete nicht darauf. Ihr Geſicht neigte ſich über das Buch ganz ſo wie das der Trödlerin und von weitem hätte man ſie für Schweſtern halten können. Die Batailleur fing an zu rechnen. „Dreimalhunderttauſend Francs neapolitani⸗ ſche,“ ſagte ſie;„fünfmalhunderttauſend Francs in meinem Namen in Staatsrenten; ſiebzigtauſend Francs Rouenner Eiſenbahnactien; hundert und funfzehntauſend Nordbahn; viermalhunderttau⸗ ſend..“ „Das Ganze!“ unterbrach ſie die Kleine, deren ſchwarze Augen blitzten. Man ſtand noch ganz im Anfange. Die Ba⸗ tailleur ſchlug ein paar Blätter um und ſah nach der unten zuſammengezogenen Summe. 173 „Fünf Millionen dreimalhundert und funfzig⸗ tauſend Francs!“ ſagte ſie. „Wie lange das dauerte!“ Die Batailleur ſchlug die Hände zuſammen. „Lange!“ wiederholte ſie;„ich bin ja älter als Sie, Madame und habe Alles in Allem nicht mehr als armſelige 130,000 Frans zuſammenbringen können.“ Die Kleine dachte nicht daran, dieſen Vergleich übelzunehmen, ſagte aber: „Ich glaubte, das letzte Mal hätten wir mehr gehabt.“ „Liebe Madame,“ antwortete die Batailleur. „Wenn wir einander nicht ſchon lange kennten, würde ich glauben, ſie traueten mir nicht.“ „Pfui!“ entgegnete die Kleine mit ihrem lie⸗ benswürdigſten Lächeln.„Habe ich nicht meine ganze Zukunft in Ihre Hand gelegt?“ „Sie haben Recht. Und wenn Sie auch Ihre Vorſichtsmaßregeln gebrauchen, ſo ſollten Sie doch in Verlegenheit kommen, wenn ich einmal auf an⸗ dere Gedanken geriethe.“ Die Kleine wollte lächeln, aber ihr Blick verrieth Beſorgniß. Die Batailleur klopfte ſte auf die Achſel und fuhr mit lautem Lachen fort: „Nicht wahr? Ich könnte da viel verdienen; 4 P † 4 * 4 — ——— 174 aber Sie möchte ich nicht betrügen, meine liebe Ma⸗ dame.. Sie können ruhig ſchlafen. Joſephine Batailleur iſt eine ehrliche Frau, die Niemand be⸗ trügt.“ Sarah legte die kleine behandſchuhete Hand in die große rothe Hand der Batailleur und ſagte: „Ich glaube Ihnen.“ „Sie werden aber nie brauchen, was Sie haben.“ „Wenn es für mich wäre, gute Batailleur,“ entgegnete die Kleine,„würde ich mir nicht ſo viel Mühe geben. Sie wiſſen aber.. „Ja, es iſt für die kleine Judith, für das Kind der Liebe und des Geheimniſſes. Sie haben mir das ſchon oft geſagt. Aber wo haben Sie das Kind?“ „Meine arme Judith iſt fern von der Mutter und Fremden anvertraut. Sie leidet; wenn es mein Mann erlaubt hätte.. Ich hatte ihm alles geſtan⸗ den; er wußte, daß das Kind die Frucht der Ver⸗ führung war. Ich war damals ſo jung.. Mußte aber das arme Kind für ein Vergehen beſtraft wer⸗ den, das mir nicht einmal zuzurechnen iſt? Aber er wollte es nicht im Hauſe dulden und deshalb haſſe ich ihn. Wenn er todt iſt, bin ich frei und Niemand hat ein Recht, mein Verhalten zu controliren. Ich 175 nehme das Kind zu mir und werde es für die Toch⸗ ter des Herrn von Laurens ausgeben..“ „Ich habe die Ehre zu fragen, ob ich abdecken ſoll?“ ſagte in dieſem Augenblicke Frau Huffé, die leiſe eingetreten war. Die Batailleur war wüthend über dieſe Zudringlichkeit und Sarah ſtand auf. Hatte die Alte alles gehört? Sie ſah beſtürzt aus, obwohl ſie ſich ſo gut zu beherrſchen verſtand. Als die Huffeé ſich wieder entfernt hatte, begann die Kleine: „Ich habe noch etwas Wichtiges mit Ihnen zu beſprechen. Kennen Sie nicht vielleicht einige Män⸗ ner, die nicht eben ſehr gewiſſenhaft ſind und auf die man ſich verlaſſen könnte?“ „Wie mein Hippolyt?“ „Nein.. Die Sache ſoll in Deutſchland ge⸗ ſchehen und ſie würden gut dafür bezahlt werden.“ „Ich miſche mich nicht gern in ſolche Dinge,“ ſagte die Batailleur. „Wir ſprechen noch einmal darüber und Sie mögen thun, was Ihnen gut dünkt. Sie wiſſen, daß ich nichts umſonſt verlange. Jetzt leuchten Sie mir. Im Spielhauſe ſehe ich Sie heute noch wie— der.“ Sie verließ das Haus und ging auf dem ſchmu⸗ zigen Trottoir nach dem Temple hin. Sie wollte ſehen ob ſie die Ausläuferin des alten Araby noch V 1 176 erblicke. Mit klopfendem Herzen blickte ſie durch eine Spalte des Ladens hinein in des Alten Local und ſah da die arme Nono bei einem Lichtſtümpfchen ſitzen. Sie hatte ein Paar ſchmuzige von der Straße aufgeleſene Papierſtreifen in der Hand und buchſta⸗ V birte. Sie lernte ſo leſen. Aber das Lichtſtümp⸗ chen erloſch bald und die Arme legte ſich nieder. Sarah ſah nichts mehr, aber ihr Geſicht war von Thränen überſtrömt. „Judith!“ flüſterte ſte;„Judith, mein liebes Kind! ach ſtirb noch nicht, warte! Laurens ſtirbt bald. Dann ſollſt Du nicht mehr leiden.“ In dieſem Augenblicke hörte ſie ein lautes Lachen dicht neben ſich und eine Stimme ſang: „Heute iſt Montag; Sie ſuchten die alte Regnault Um ſie ins Gefängniß zu führen, Weil ſie kein Geld hat. Die Alte war fort, aber ſie kommen wieder, Eine ſchöne Geſchichte!“ Die Kleine entfloh und ſetzte ſich zitternd in ihren Wagen. „Straße Dauphine,“ rief ſie dem Kutſcher zu, „Nr. 6.“ Es war die Wohnung des jungen Franz. In der Straße St. Honoré einige Stunden 177 ſpäter hörte man Männer tief athmen, wie im Schlafe. Man ſah in dem Zimmer große Reiſemäntel, Stiefeln mit Sporen, Waffen und auf dem Tiſche Geld. An der Wand ſtanden drei Betten und in jedem ſchlief ein Mann. Eben ſchlug es nun Uhr und einer der Schläfer erwachte. „Schon?“ murmelte er.„Nach drei ſchlafloſen Nächten vergehen zwei Stunden Schlaf ſchnell.“ Er rieb ſich die Augen und dehnte die Glieder. „Unſere Stunden ſind gezählt,“ fuhr er fort; „ich muß noch dieſen Abend handeln und ehe ich fortgehe meine Brüder unterrichten. He, Brüder!“ rief er laut. Die beiden anderen ſetzten ſich auf. „Ihr müßt morgen früh beide aufbrechen,“ ſagte der, welcher zuerſt erwacht war. „Schon?“ antworteten ſie. „Ich habe ein prächtiges Spielhaus entdeckt, wo man ißt wie nirgends,“ ſetzte der eine hinzu. „Und ich habe ein reizendes Mädchen gefun⸗ den,“ ſetzte der Andere hinzu. „Es iſt des Kindes wegen,“ ſagte der Erſte. „So hol' der Teufel das Spiel,“ rief der Spie⸗ ler aus. 178 „Und die Mädchen dazu!“ meinte der Ver⸗ liebte. Dann ſetzten ſie ernſt hinzu: „Bruder, wir ſind heute wie immer bereit.“ ——e—- ——————. 7———ͤͤͤͤ 4 CO Our& Grey Sontrol Chart vellow Hed Magenta Cyan Green