X 2 596b0 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rianb⸗ der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 3„— ⸗ 3„—„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruͤckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Brescia Das lebendige und bunte Treiben, welches in den erſten Tagen unſeres Einzugs in Mailand auf den Straßen herrſchte, bot dem Beobachter manches eigenthümliche intereſſante Bild. Der Soldat, welcher ſich in den Gefechten des dießjährigen Feldzuges tapfer geſchlagen, der ſich be— wußt war, zum ſeltenen glänzenden Erfolg deſſelben mitgewirkt zu haben, ging ſtolz und erhobenen Hauptes durch die Straßen. Zeigten auch ſeine Kleider hie und da noch Spuren vom Bivouak und den Strapazen harter Märſche, ſo war doch ſeine Miene deſto friſcher, und man las aus ſeinen von Glück und Stolz ſtrahlenden Augen das ihn beſeli— gende Gefühl,„der italieniſchen, der ſieggekrönten Armee anzugehören.“ Die Offiziere, deren frohes Aeußeres Zeugniß gleicher erhebenden Gefühle ablegte, waren auch ſchon Hackländer. Soldatenleben im Krieg II 1 1 damit beſchäftigt, ſich auf's Neue häuslich einzurichten. Alte Bekanntſchaften wurden wieder aufgeſucht, und wie freute man ſich, hie und da einen Bekannten wieder zu finden, den man ſeit dem Ausmarſche nicht mehr geſehen, und von dem man nicht wußte, hatte ihn eine feindliche tödtliche Kugel getroffen, war er gänzlich verſchont geblieben, oder mußte er viel— leicht in Novarä oder Pavia verwundet im Spitale zurückbleiben, den Heimziehenden ſehnſüchtig nach⸗ blickend. Solche Scenen des Wiederfindens und der in— nigen Freude, einander glücklich wieder zu ſehen, ge⸗ wahrte man häufig und nicht bloß zwiſchen öſterrei— chiſchen Soldaten und Offizieren. Auch ſehr viele von den Einwohnern Mailands drückten dem alten Bekannten, dem heimkehrenden Streiter freundlich die Hand und hießen ihn willkommen. Das über alle Erwartungen glänzende Reſultat des Feldzuges, ſein mit dem Anfange faſt zuſammen— fallendes Ende, und alles, was darüber im Publikum verlautete, grenzte ſo an das Fabelhafte, daß Viele ihren Ohren und Augen nicht trauen wollten, und ſich daher des Gedankens nicht wehren konnten, Ra detzky ſey geſchlagen und auf dem Rückzug begriffen. Man hörte daher von den Bewohnern Mailands hie und da in allem Ernſte die Frage:„Aber ſagt mir — aufrichtig, bleibt ihr hier oder gehts morgen weiter? Iſt es wirklich wahr, daß der alte Marſchall geſchla gen und ſich an die Etſch zurückzieht?“ So ſprachen wohl Viele in den erſten Tagen, und manche Gruppen von hochgewachſenen ſchönen Männern mit gewaltig ſtarken Bärten und außeror⸗ dentlich keck umgeworfenen Mänteln ſah ich beiſam⸗ men ſtehen und hörte ſie ſagen, wenn die Soldaten mit dem dürren und doch ſo friſchen Siegesreis auf dem Tſchakow luſtig vorüberzogen, daß es ganz be ſtimmt ſey, daß Radetzky ſich nur zwei Tage in Mai land aufhalte und alsdann genöthigt ſey, ſich wie im Jahr 1848 unter die Mauern Verona's zurückzu ziehen. Die unangenehme Enttäuſchung ließ denn frei lich nicht lange auf ſich warten. So erzählte man uns auch, daß während der Schlacht von Novara Tauſende von Menſchen auf den alten Wällen Mailands und vor deſſen Thoren ſich geſammelt hatten, und daß Viele deutlich hören wollten, wie ſich der Schall des Kanonendonners allmählig über Vige vano und Gambolo gegen Pavia hin entferne. Mit allgemeinem Jubel wurde dieſer kühne, nur zu bald getäuſchte Glaube begrüßt; denn nun ſchien es ſicher, daß die öſterreichiſche Armee vollſtändig geſchlagen war, ja, daß die Piemonteſen ſie bei La Cava vollſtändig umzingelt hatten. Umſonſt veröffentlichte die Behörde ein Bulletin von dem Gefechte bei Mortara, umſonſt ließ ſie es an die Straßenecken und Plätze anheften, man lachte darüber und zuckte ungläubig die Achſeln, weil das Placat keine Unterſchrift hatte. Außerdem fehlte es nicht an Perſonen, welche von dem Schauplatz der Kämpfe Nachrichten erhalten haben wollten und die lügenhafteſten Berichte über die Siege der Piemonteſen verbreiteten. Aus dieſem Kaffeehausgeſchwätz nun formirten leichtſinnige bös— willige Menſchen ſogar eine Wafefenſtillſtandsurkunde mit den härteſten Bedingungen für die Oeſterreicher, welche der geſchlagene Feldmarſchall ſich gezwungen ſah, anzunehmen. In Mailand ſelbſt hatten die Lügen weiter keine Folgen, als einzelne Reibereien zwiſchen Gensdarmerie und Leuten der niederen Volksklaſſen, welche Auftritte jedoch ſelbſt noch am Tage des Einzugs ſtatt fanden. So wurden zwei Offiziere, die den Truppen entgegen ritten, an dieſem Tage vom Pöbel beläſtigt und wä⸗ ren wahrſcheinlich ernſtlich inſultirt worden, wenn nicht in dieſem Augenblicke in der Nähe der betreffen⸗ den Straße ein heimkehrendes Regiment mit feſtem Schritt und luſtiger Feldmuſik einmarſchirt wäre. Bei dieſem Anblick aber, welcher die gehegten Erwartungen „eine geſchlagene Armee einziehen zu ſehen,“ auf das Unangenehmſte täuſchte, ſtob der Volkshaufen erſchro⸗ cken auseinander, ließ ſich aber freilich an andern Orten auf's Neue täuſchen. In andern Theilen der Lombardei, vorzüglich aber in den Gebirgen und namentlich in der Landſchaft Brescia begannen, wie man weiß, nach dem Abmarſch der Oeſterreicher Unruhen ernſterer Art und die Re volutionsmänner mit ihrem Anhang, Deſerteuren, Schleichhändlern und gemeinen Verbrechern aller Art tauchten plötzlich wieder an das Tageslicht empor und wenn auch meiſt eine kleine, aber entſchloſſene Schaar, tyranniſirte ſie doch die Mehrzahl, die friedlichen Bürger, weil dieſen, ſtatt jenen auf die Köpfe zu ſchlagen, auch hier, wie an ſo vielen andern Orten, die nöthige Energie zu entſchiedenem Handeln fehlte. In Folge des leichtſinnigen Aufrufes des Prin⸗ zen Eugen von Savoyen-Carignan waren bedeutende Waffenſendungen durch die Propaganda in die Lom⸗ bardei eingeführt worden, mit welchen ſich dort die Rebellen, an andern gemäßigteren Orten die Bürger be⸗ waffneten, eine Art Civica herſtellten, um auf alle Fälle gerüſtet zu ſeyn und der allgemeinen Sache dienen zu können, je nachdem ſie jenſeits des Teſſin entſchieden würden. Wären die Oeſterreicher beſiegt worden, ſo hätte ſich bei deren Durchmarſch manches Städtchen in ein zweites Melegnano verwandelt. Da dieß aber glücklicherweiſe nicht der Fall war, ſo hatte ſich die Bürgerwehr angeblich nur zu Aufrechthaltung der Ord⸗ nung conſtituirt, ja empfing die zurückkehrenden Trup⸗ pen an manchen Orten in Parade, präſentirte das Gewehr und lieferte alsdann ihre Waffen ruhig wie— der ab. An manchen Orten mochte es, ſo wie dieß verlangt wurde, nun freilich mit dieſem friedlichen Be⸗ nehmen Ernſt und daher dieſe neu entſtandene Civica ſehr erfreut geweſen ſeyn, als ſie bei der Rückkehr der Oeſterreicher ihres Dienſtes enthoben wurden. Anders aber geſtalteten ſich die Dinge in der Hauptſtadt Brescia, deren Einwohner unter allen Lombarden für die trotzigſten und tapferſten gelten. „Was vom Regimente Haugwitz,“ ſagt der Bericht— erſtatter der italieniſchen Ereigniſſe in Italien,„vori⸗ ges Jahr in ſeiner Treue verharrte, ſchlug ſich tapfer für Oeſterreich, was abfiel, war kein verächtlicher Feind,“ und die Piemonteſen rühmten die Brescianer ihres 21. Regiments. Schon in alter Zeit galt be— kanntlich Brescia für eine unruhige Stadt. Im Jahre 1796 empörten ſie ſich, von den Franzoſen auf⸗ gehetzt, gegen die Stadt Venedig, ihr rechtmäßiges Oberhaupt, und riefen die Franzoſen in's Land. So wurden ſie Unterthanen Frankreichs, welches ſie da mit eiſerner Ruthe im Zaum hielt. Dennoch fand ſpäter Oeſterreichs milder Scepter an ihnen keine ₰ treuen dankbaren Unterthanen. Die Dankbarkeit der Völker gehört leider nicht zu den Tugenden der Ge— Pnaee Schon im vorjährigen Aufſtand übertrafen e Brescianer durch treuloſes grauſames Benehmen gegen gefangene öſterreichiſche Offiziere und deren Weiber und Kinder alle lombardiſchen Städte. Am 23. März 1849 erhoben ſich nun die Stadt und ihre Umgegend in hellem Aufſtand; der Poſt— wagen von Mailand wurde ausgeraubt, das Gepäck des Regiments Albrecht weggenommen, vereinzelte Militärs gefangen gemacht, einige Anhänger oder An⸗ geſtellte der Regierung eingeſperrt, ſchrecklich mißhan delt und zum Theil ſelbſt ermordet. Im Caſtell, wel— ches ſofort nach ausgebrochener Empörung ſein Ge⸗ ſchütz gegen die Stadt ſpielen ließ, lag nur eine ſchwache kaiſerliche Beſatzung. An dieſe wurde, nach⸗ dem das Feuer auf die Stadt begonnen, ein Geiſt— licher als Parlamentär abgeordnet, welcher der Be— ſatzung eröffnete, daß für jeden Schuß auf die Stadt ein kranker Soldat, deren ſich zur Zeit des Auf⸗ ſtandes in dem Haupthoſpital Nr. 2 gegen 300 be⸗ fanden, würde umgebracht werden. Der Commandant des Caſtells ſtellte nun einſt weilen das Feuern ein. Im Spital aber, deſſen Zu gänge geſperrt waren, ſtand, wie man ſpäter erfuhr, jeder, der ſich nur einigermaßen aufrecht halten konnte, zur äußerſten Vertheidigung bereit, da die Unglücklichen wußten, welche Gefahr ihnen drohe. Das Commando im lombardiſch-venetianiſchen Königreiche führte während des Feldmarſchalls Ent⸗ fernung Feldmarſchalllieutenant Haynau. Sein Haupt⸗ quartier hatte er in Padua. Sogleich, als er die Nachricht von dem Aufſtand in Brescia erfuhr, beor— derte er aus Mantua und Verona einige Truppen zu Bezwingung der Empörung. Auch Radetzky entſen⸗ dete von Novara, wo er am Tage nach der Schlacht von dieſem Aufſtand Kunde erhielt, unverzüglich den Feldmarſchalllieutenant Appel mit dem 3. Armeecorps nach derſelben Gegend, und verfügte ſich perſönlich mit dem erſten Reſervecorps nach Mailand. Die Verblendung der Brescianer ging ſogar ſo weit, daß ſie die Quartiermacher des dritten Armee— corps, deren Erſcheinung hätte genügen ſollen, ſie zur Beſinnung zu bringen, ohne weiteres gefangen nah— men. Daß vor Ankunft dieſer bedeutenden, gegen Brescia beorderten Truppenmacht der Aufruhr be⸗ kämpft war, iſt bekannt. Das oben erwähnte Schweigen des Geſchützes vom Caſtell in Brescia, die Vorſicht, womit das von Verona und Mantua ſich nähernde kleine Corps zu Werke ging, hatte unterdeſſen den Uebermuth der Inſurgenten geſteigert. Generalmajor Graf Nugent, Sohl Inſu fernt mach Brei was bede diit Sohn des Feldzeugmeiſters, hatte am 27. März die Inſurgenten aus der eine Stunde von der Stadt ent fernten Ortſchaft Santa Eufemia vertrieben, und machte am folgenden Morgen den Verſuch, ſie aus Brescia mittelſt eines Scheinangriffs herauszulocken, was jedoch nicht gelang. Es kam nur zu einem un bedeutenden Gefechte, wobei indeſſen das neu formirte dritte Bataillon des Regiments Ceccopieri(Italiener) die Gelegenheit ergriff, durch treues Verhalten im Gefechte ſein vorjähriges pflichtwidriges Benehmen gut zu machen. Inzwiſchen traf Haynau vor der Stadt ein, und vernahm, daß die Inſurgenten ſich zum äußerſten Widerſtand rüſteten, und in allen Gaſſen, je auf 20 Schritt, Barrikaden erbaut hatten. Wenn nun von der einen Seite vielleicht Klugheit gebot, mit dem Angriff auf die Stadt zu zögern, bis das Corps des General Appel eingetroffen, ſo war von der andern Seite zu fürchten, daß durch dieſe Verzögerung viel— leicht das oben erwähnte Militärhoſpital in Brescia in die Hände der Inſurgenten falle. Die ehrenwerthe Rückſicht auf die bedrohliche Lage der kranken Kame— raden in der Stadt, welche ſchon ſeit drei Tagen an Lebensmitteln Mangel litten, gab den Ausſchlag. Der ſofortige Angriff wurde beſchloſſen, und der helden— müthige Feldherr unternahm es, eine inſurgirte Stadt 10 von 50,000 Einwohnern mit einem Häufchen von 2300 Mann und 4 Kanonen anzugreifen. Aller dings unterſtützte dieſen Angriff das Feuer von 30 ſchweren Geſchützen vom Caſtell her. Die Truppen, mit welchen Haynau dieſes Un— ternehmen ausführte, waren ein Bataillon Sieben— bürger Romanen, ſonſt Wallachen(aus welchen fran— zöſiſche Blätter ausgewanderte Römer von der Partei des Papſtes gemacht haben), das erſte und dritte Ba— taillon Baden. Dieſes ſchöne Regiment gehörte zur Beſatzung von Verona, und hatte bereits daran ver— zweifelt, im dießjährigen Feldzug durch den Gebrauch der Waffen im offenen Kampf mitwirken zu können. Es erhielt aber nun noch ſeinen ſchönen Theil daran. Ueber die unter heldenmäßigen Beſtürmungen erfolgte Einnahme dieſer unglücklichen Stadt kam am 3. April nachfolgender Bericht des Feldmarſchalllieu tenant Haynau in's Hauptquartier. „Indem ich nicht zweifle, daß die Ereigniſſe in und um Brescia bis zum 30. März l. J. Euer Excel— lenz durch das lombardiſch-venetianiſche General Commando bereits berichtet worden ſind, beeile ich mich, Euer Excellenz nachſtehend die Relation von dem am 31. März und 1. April unternommenen An⸗ griff und der Bezwingung dieſer rebelliſchen Stadt zu unterlegen. Bis zum 30. März hatte ſich die gege n gade begnug drohen dem( der N der A eilte Eufen ſende der Diſp trirte bung 2 dron Geſc Ung nicht läng aus ßun 11 gegen Brescia bis St. Eufemia vorgeſchobene Bri gade des Generalmajors Grafen Nugent damit begnügt, die Stadt von dieſer einzigen Seite zu be drohen, und hatte es nicht dahin gebracht, ſich mit dem Caſtell in Verbindung zu ſetzen. Als mir in der Nacht vom 29. zum 30. die Kunde zukam, daß der Aufruhr in Brescia immer mehr überhand nehme, eilte ich am 30. von Padua über Verona bis St. Eufemia, traf alle erforderlichen Anſtalten zum Nach ſenden einiger Truppenkörper, ſo wie zur Verſtärkung der Garniſon von Verona, und erließ die geeigneten Diſpoſitionen, um mit der bei St. Eufemia concen— trirten Brigade Nugent am 31. März die Einſchlie ßung und die Erſtürmung der an allen Ausgängen ſtark verbarrikadirten Stadt Brescia zu bewirken. Dieſe Brigade beſtand aus dem erſten romaniſch⸗ba nater Grenzbataillon, 2 Bataillon Großherzog Baden, 2 Diviſionen von Ceccopieri⸗Infanterie, 1 Schwa⸗ dron Liechtenſtein Cheveaurlegers, in 4 ſechspfündigen Geſchützen, im Ganzen 2300 Mann und 50. Pferden. Ungeachtet dieſer geringen Truppenmacht zweifelte ich nicht an dem Erfolg, und durfte den Angriff nicht länger aufſchieben, da die Inſurgenten in Brescia aus dem nahen Gebirg täglich Zuwachs erhielten. Am 31. mit Tagesanbruch wurde die Einſchlie ßung der Stadt mittelſt 5 Colonnen bewirkt, welche 12 um die Stadt herum der Art diſponirt wurden, daß die fünf Chauſſeen, welche zur Stadt führten, beſetzt und die fünf Thore derſelben bedroht wurden. Das erſte Bataillon Baden jedoch führte ich ſelbſt über die Abfälle des Gebirgs und das rückwärtige Ausfallthor in das Caſtell von Brescia. Alle dieſe Colonnen mußten zum Theil unter dem Feuer der auf den Stadtwällen zahlreich poſtirten Inſurgenten ihren Weg nehmen, ſo daß wir auf dieſem Marſche einen Tod— ten und 12— 14 Verwundete hatten. Obgleich hef tiger Regen dieſe Unternehmung beſonders für die das Gebirg überſchreitende Colonne erſchwerte, ſo wurde ſie andererſeits durch den Nebel begünſtigt. Gegen Mittag war die Einſchließung der Stadt be— wirkt, in welcher die Pöbelherrſchaft und vollſtändige Anarchie herrſchte. Ich ließ der Stadt bekannt ma— chen, daß ich im Caſtell angekommen ſey und ſie durch die in der Anlage abſchriftlich mitfolgende Notifika⸗ tion zur Unterwerfung auffordern. Um 12 Uhr Vor⸗ mittags erſchien eine Deputation der Stadt, welche die Unmacht der Municipalbehörde und des beſſer ge⸗ ſinnten Theils der Bewohner gegen die Aufrührer bekannte, zugleich aber eine Sprache führte, welche offenbar bewies, daß ſie ihr Verbrechen keineswegs erkennen, ſondern die wahnſinnige Idee durchblicken ließ, als ſtünden ſie in Vertheidigung der Stadt gegen die K. ſeligkei galem maßree gäͤngli derlegt dieſen bellen aufge U läͤute reihe 13 die K. K. Truppen bei dem Wiederbeginne der Feind ſeligkeiten zwiſchen Piemont und Oeſterreich auf le— galem Boden. Sie baten um Aufſchub der Gewalt maßregeln bis 2 Uhr Nachmittags, welche Zeit unum gänglich nöthig ſchien, um die Inſurgenten zu Nie derlegung der Waffen zu bewegen. Ich bewilligte dieſen Aufſchub, immer noch hoffend, daß die Re— bellen das wahnſinnige Vorhaben der Vertheidigung aufgeben werden. Statt der Antwort wurde um 2 Uhr mit allen Glocken der Stadt Sturm ge⸗ läutet und aus den das Caſtell umgebenden Häuſer— reihen, aus den Thürmen und von allen Dächern ein ununterbrochenes Feuer auf das Caſtell gerichtet. Ich verlängerte freiwillig den Termin noch bis halb 4 Uhr Nachmittags. Als aber der Aufruhr um dieſe Stunde immer mehr zunahm, ließ ich das Feuer aus dem Caſtell auf die Stadt eröffnen und den Sturm von allen Seiten ausführen. Da ich bloß 4 Feld geſchütze bei der Porta Torre longa(Straße von Verona) hatte und alle Eingänge ſehr ſtark verbarri⸗ kadirt waren, ſo konnte im erſten Augenblick bloß durch dieſes Thor eingedrungen werden. Ich ließ dieſen Angriff auf die Porta longa durch eine Abthei lung von Reconvalescenten unter Führung des Lieu tenants Sinrizek von Ludwig⸗Infanterie dadurch er leichtern, daß ich dieſe Abtheilung aus dem Caſtell 14 längs dem Stadtwalle in die Flanke der Thorbarri⸗ kade diſponirte. Lieutenant Sinrizek führte dieſen Angriff mit ausgezeichneter Bravour aus, ſo daß die Inſurgenten auf den erſten Anlauf vom Thore ver— trieben und dieſes ohne einen Schuß der Colonne des Generalmajors Grafen Nugent geöffnet war. Als die Colonne des Generalmajors Grafen Nugent ein— gedrungen war, ließ ich das erſte Bataillon Baden⸗ Infanterie aus dem Caſtell in die Stadt ausfallen. Es begann nun ein mörderiſcher Kampf, der von den Inſurgenten mit der größten Hartnäckigkeit von Bar rikade zu Barrikade, von Haus zu Haus geführt wurde. Ich hätte nie geglaubt, daß eine ſo ſchlechte Sache mit ſo viel Ausdauer vertheidigt werden könnte. Ungeachtet dieſes verzweifelten Widerſtandes und ob— gleich der Sturm nur theilweiſe und wenig durch Geſchütz vorbereitet werden konnte, erſtürmten unſere braven Truppen heldenmüthig und leider unter gro ßem Verluſt eine Häuſerreihe um die andere. Da jedoch nicht alle Colonnen gleichzeitig in die Stadt zu dringen vermochten, auch die Nacht bereits herein brach, ſo befahl ich, für heute die weitere Vorrückung einzuſtellen und die eroberten Stadttheile zu behaup ten. Bis ſpät in die Nacht währte dek Kampf fort. Am 1. April mit Anbruch des Tages erneuerte ſich das Sturmgeläute heftiger noch als Tags zuvor, und der Ra noch g. terliche ſodann luſten, Hartn kräftig daher augen Waff aus zu ſte Aben Bom 15 der Kampf begann von Seiten der Inſurgenten mit noch größerer Erbitterung. Ich ließ nun ein fürch terliches Bombardement auf die Stadt eröffnen und ſodann den Sturm erneuern. Bei den großen Ver luſten, die wir bereits erlitten hatten, und bei der Hartnäckigkeit und Wuth des Gegners mußte zu den kräftigſten Maßregeln geſchritten werden. Ich befahl daher, daß kein Gefangener gemacht, ſondern jeder augenblicklich niedergemacht werde, welcher mit den Waffen in der Hand ergriffen würde; die Häuſer, aus welchen geſchoſſen wurde, befahl ich in Brand zu ſtecken, und ſo geſchah es, daß ſchon vorgeſtern Abends, mehr aber noch geſtern, theils durch das Bombardement, theils durch Brandlegung an ſehr vie len Stellen Feuer entſtand. Unſere Truppen machten allmählig immer noch Fortſchritte, doch konnte nur Schritt vor Schritt vorgerückt werden, da die Zahl der verfügbaren Truppen für dieſe ausgedehnte und aus ſo vielen engen Gaſſen beſtehende Stadt zu ge ring war. Nach und nach wurden durch Flanken angriffe die Thore Porta Aleſſandro, Porta Mazzaro und endlich gegen Abend auch Porta S. Giovanni (gegen Mailand) genommen und beſetzt, und in glei chem Maße Kuch die Stadt von den Inſurgenten ge ſäubert, die nun ſchon häufiger ſuchten, über die ¹ 6 ie Stadtmauern in das freie Feld zu entfliehen. 16 wurden alle in das Eck zwiſchen Porta S. Giovanni und Porta Pila gedrückt. Um 4 Uhr Nachmittags war ein Bataillon des 1. Banater Grenzregiments und eine Schwadron Dragoner, welche ich aus Novara hatte nachrücken laſſen, dann eine aus Mantua ge— ſendete Mörſer-Batterie in Brescia eingetroffen. Das Grenzbataillon wurde ſogleich verwendet und dadurch die Beendigung des Kampfes beſchleunigt. Allmählig ließ der Widerſtand der Rebellen nach, und um 6 Uhr Abends waren unſere Truppen nicht nur im Be⸗ ſitz der ganzen Stadt, ſondern auch die Ruhe in der— elben hergeſtellt. Unſer Verluſt in dieſem hartnäcki gen mörderiſchen Kampfe, welcher— mit Unterbre⸗ chung von wenigen Stunden in der Nacht— von halb 4 Uhr Nachmittags des 31. März bis 5 Uhr Nachmittags des 1. Aprils wüthete, war bedeutend. Noch vermag ich keine genaue Verluſtangabe zu ſen ſ ſ den; doch muß ich vor der Hand gehorſamſt melden, daß Generalmajor Graf Nugent am Knöchel eines Fußes der Art verwundet wurde, daß der Fuß am— putirt werden mußte; daß ferner der an General— major Nugents Stelle das Commando führende Oberſt Graf Favencourt von Baden-Infanterie an der Spitze ſeiner Truppen einen Schuß durch die Bruſt erhielt und in kurzer Zeit darauf ſtarb; daß Oberſtlieutenant Miletz deſſelben Regiments ſchwer verwundet fiel und von und dürf 17 von den Inſurgenten auf gräßliche Weiſe ermordet und ſein Leichnam verſtümmelt wurde. Im Ganzen dürfte der Verluſt betragen an Todten 5— 6 Offiziere und 80 Mann, an Verwundeten aber 10—12 Offi⸗ ziere, mehr als 150 Mann. Die genaue Angabe dieſer Verluſte werde ich nachzutragen die Ehre haben. Den Verluſt der Inſurgenten vermag ich noch nicht zu ſchätzen, doch kann ich anführen, daß aller Orten eine bedeutende Anzahl Leichen gefunden wurde. Alle Truppen, ihre braven Offiziere an der Spitze, haben mit außerordentlicher Tapferkeit und Hingebung ge— kämpft, und ihr Benehmen verdient die größte Aner— kennung. Wenn dieſer lange und erbitterte Straßen⸗ kampf nicht ohne Exceſſe verlief, ſo iſt dieß unter ſolchen Umſtänden ſelbſt bei der beſtdisciplinirten Truppe nicht zu verhindern. Ich werde nun auf das Eifrigſte bemüht ſeyn, Ordnung und Geſetz in der Stadt ſchnell herzuſtellen, und werde den Rück marſch meiner Truppen erſt dann anordnen, wenn ich die Stadt an Feldmarſchalllieutenant Baron Appel übergeben haben werde, welcher laut einer erhaltenen Mittheilung mit einem Theil ſeines Armeecorps heute den 2. April in Brescia eintreffen wird. Vorläufig habe ich alle Thore ſtark beſetzt und laſſe Niemanden aus der Stadt ſich entfernen, um wo möglich der Haupträdelsführer habhaft zu werden.“ Hackländer, Soldatenleben im Krieg. II 2 18 Die Nachricht von der Einnahme Brescia's, die wenige Tage nachher in Mailand bekannt wurde, rief eine große Beſtürzung in der Bevölkerung hervor. Jetzt erſt fiel manchen Leichtgläubigen, welche ſich bisher durch allerlei Lügen hatten täuſchen laſſen, die Binde von den Augen, und ſie ſahen mit Schrecken ein, wie gefahrdrohend das Schwert des Feldmarſchalls über ihren Häuptern ſchwebte. Doch bemerkte man auf den Straßen ſelbſt keine beſondere Bewegung, und ſogar die prahlenden Kaffeehauspolitiker, die bis jetzt noch manches Trottoir mit dichten ſie umgebenden und ihren Lügen und kühnen Phantaſien lauſchenden Grup⸗ pen behauptet hatten, verſchwanden allmählig und trugen ihren Grimm nicht öffentlich zur Schau. Ja ſchon nach einigen Tagen nahm das Gewoge des Stadtlebens einen ſo friedlichen und natürlichen Cha rakter wieder an, daß man hätte glauben können, Stadt und Land erfreuen ſich ſeit langen Jahren eines ununterbrochenen tiefen Friedens. Wie noch vor wenig Wochen ganze Wagenzüge Abreiſende beförderten, ſo kehrten dieſelben jetzt bei dem herrlichſten Frühlings— wetter in eben ſo großer Anzahl wieder zurück. Nur das frühere ſo rege Leben in den Theatern und auf dem Corſo ſtellte ſich nicht ſo ſchnell wieder ein. In der Oper ſah man außer wenigen Damen und einigen Fremden nur öſterreichiſche Uniformen, und land leer wef ten tag ver luf abe Pf ſich 19 auf dem Corſo erblickte man ſelbſt an den ſchönſten Tagen kaum ein halbes Dutzend Wagen, die faſt unbemerkt vorüber rollten und gewaltig gegen das bunte belebte Treiben des Corſo's in ſeiner frühern glänzenden Zeit abſtachen. Nach der Rückkehr der Oeſterreicher nach Mai land im vergangenen Jahr war der Corſo eben ſo leer, wie in den Tagen, von welchen ich hier rede, weßhalb Offiziere und Soldaten ſich damals bemüh— ten, denſelben einigermaßen zu füllen und den Corſo tagen einen neuen, wenn auch andern Glanz zu verleihen. Bei dieſer Veranlaſſung ſollen aber die luſtigen Soldaten in ihrer Siegesfreude mit ſolchen abenteuerlichen Equipagen und mit ſo ſonderbaren Pferden und andern Reitthieren erſchienen ſeyn, daß ſich Vater Radetzky veranlaßt ſah, den Uebermuth ſeiner Kinder etwas zu zügeln und einen Befehl zu erlaſſen, wonach es nur eleganten oder doch wenig— ſtens anſtändigen Equipagen und Reitern auf guten Pferden erlaubt ſeyn ſolle, ſich an der Corſofahrt zu betheiligen. II. In der Villa reale.— Uach Malghera. Der Feldmarſchall hatte Abends gegen neun Uhr ſeine kleine Abendgeſellſchaft entlaſſen und ſich in ſein Schlafzimmer zurückgezogen. Als er zur Ruhe gegangen war, wurde es all— mählig ſtiller in der Villa reale zu Mailand, und dem geräuſchvollen Leben auf Treppen und Höfen folgte bald die tiefe Stille einer ſchönen ruhigen Nacht. Wer hätte es aber auch gewagt, in dieſer Stunde, an dieſem Orte unnöthigen Lärm zu machen? Nicht aus Furcht vor Strafe flüſterten nur die Sereſchaner im Vorzimmer zuſammen oder gingen die Wachen draußen im Gange mit langſamem leiſem Schritte. Nein! aus des Herzens Innigſten, aus den kindlichen Gefühlen kam dieſe Sorge für den Schlaf des geliebten Feldherrn. Hat er ſich doch für ſeine Soldaten an⸗ geſtrengt, hat er doch für ſie gedacht und gewirkt, und muß er doch in ſanftem Schlaf Erquickung und 21 neue Kräfte ſammeln, der alte S4jährige Mann, um morgen das Wohl und Wehe ſeiner„Kinder“ wieder mit erneuerter Kraft leiten zu können. Darum Stille!— Der junge Ordonnanzoffizier vom Dienſt macht ſich auf dem Sopha des Vorzimmers wohlgemuth ſein Lager zurecht, und iſt ſtolz darauf, jede Minute des Winkes ſeines hohen Führers gewärtig ſeyn zu dürfen. Während ſo in der Villa reale, entlegen von dem Geräuſch der ſtolzen Königsſtadt, mit der Nacht auch Ruhe und Frieden einzog und den Schlaf des alten Feldherrn vor Störung ſchützte, pflegte Mailand in dieſer Stunde einen ganz andern Anblick zu bie— ten. Jetzt erſt, mit dem Verſchwinden der Tages⸗ hitze, wurde es ſchön und lebendig. Der Corſo ſtrahlt mit unzähligen Lichtern, alle Gewölbe und Café's ſind glänzend beleuchtet, Tauſende von Spaziergängern ſtrömen auf und ab und die dröhnenden Straßen⸗ orgeln ſpielen den Radetzkymarſch, daß es weit hin— aus in die Nacht ſchallt. In den Militärcafé's drängen ſich Offiziere aller Waffengrade, erzählen einander von dem vergangenen Feldzug, tauſchen ihre Abenteuer aus, und Freunde berichten, wo ſie wäh rend der Schlacht in dem und dem Augenblicke geweſen; kleine arme Savoyarden umſtehen in ihrem ſchmutzigen - 22 Schornſteinfegergewand die glänzenden Offiziergruppen und ſchauen mit ihren großen treuherzigen Augen ver— wundert in die hellen Gasflammen. Hier vor dieſen Café's ſind die reichlichſt ſtrömenden Erwerbsquellen dieſer armen Knaben: ſie verſpeiſen Gefrorenes und machen erſchreckliche Grimaſſen, während ſie es zer— kauen; ſie ſchlagen die zierlichſten Purzelbäume, und haben eine komiſche dummdreiſte Art, das Kupferſtück, welches der Kellner einem zahlenden Gaſte heraus— gibt, zu verlangen, daß man es ihnen nicht ab ſchlagen kann. Während dem wogt der Strom der Spazier— gänger in dichter Maſſe den Corſo auf und ab, und oft, wenn der Eine oder der Andere der Vorüber wandernden in den Lichtkreis des hell erleuchteten Café kommt, erkennt man einander und ſehnſüchtige Blicke fliegen häufig hin und her. So iſt's draußen auf dem Corſo, und daran denkt auch der einſame Ordonnanzoffizier in der Villa reale, während er Säbel und Tſchako ablegt und ſich für die kommende Nacht vorbereitet. Doch iſt er ſtolz wie ein König und möchte den kleinen Sopha in dieſem Augenblick nicht mit einem reichen Fauteuil in der Scala vertauſchen; er hat ja das ehrenwerthe Loos, in der Nähe der faſt geheiligten Perſon des Feldmarſchalls ſeyn zu dürfen. 23 Drunten in der Wachtſtube ſummt es leiſer und draußen auf dem Hof ſpazieren die Grenadierwachen feſten Schrittes und aufmerkſamen Blickes umher. Sie halten das Gewehr ſtraff im Arm und beobach ten das kleinſte Geräuſch in ihrer Nähe. Hie und da kommt noch ein Offizier aus dem innern Gebäude, der vielleicht ſo ſpät auf ſeiner Kanzlei beſchäftigt war; er hält den Säbel feſt im Arm, damit er nicht auf der Treppe klirre und die tiefe feierliche Stille unterbreche. Im dunkeln Garten der Villa ſteht der Grena— dier vor ſeinem Schilderhaus, ein gebräunter Ungar mit langem dunklem Bart, und die große Bärenmütze wirft noch einen ſchwärzeren Schatten auf das ohne hin ſchon tiefdunkle Geſicht. Er hat den Blick er— hoben, aber ſeine glänzenden Augen haften nicht an dem dunkelblauen Nachthimmel, er ſteht regungslos und ſchaut auf ein Fenſter im erſten Stock, aus wel— chem durch dichte Fenſtervorhänge ein gedämpfter Lichtſchein in den Garten hinausdrängt. Der Gre— nadier denkt an Santa Lucia und Curtatone, Somma— campagna und an Novara und dabei ſieht er immer⸗ fort den Lichtſchein an, und da der Ungar voller Phantaſie iſt, ſo bilden ſich ihm ſonderbare Bilder aus den dichten Falten des Vorhangs. Das Fenſter wird zu einem Zauberſpiegel, der, anfänglich verhüllt, ſich 10 — geheimnißvoll aufklärt, wie langſam verziehender Pul⸗ verdampf. Dort reitet der Marſchall auf ſeinem Schimmel, und nachdem er einem Adjutanten ein paar Worte geſagt, winkt er nach der Gegend, wo ſeine viertauſend Grenadiere ſtehen, unthätig und deßhalb unmuthig. Schon lange haben ihre eifer⸗ ſüchtigen Blicke zornig die Bewegungen der Jäger⸗ bataillone verfolgt, und es ärgert den Grenadier, daß die kleinen Kerle immer das beſte Fett von der Suppe nehmen. Aber jetzt kommt der Adjutant näher, und der Ungar im Garten, der dieß alles denkt, lächelt, als er ſich die Freude eines vergangenen ſchönen Augenblicks in's Gedächtniß zurückruft. Er fällt das Gewehr und marſchirt auf dem feinen Sand des Gartens mit feſtem Tritt einige Schritte vor wärts, den glänzenden Blick feſt auf das erleuchtete Fenſter gerichtet, er hört den Trommelwirbel und öffnet ſchon den Mund zu einem kräftigen Hurrah — ſchade, daß in dem Garten kein feindliches Ba taillon ſteht, daß der Feldzug vorüber; lachend ſchul tert er jetzt ſein Gewehr und geht dann wieder ruhig auf und ab. Droben erlöoſcht der Lichtſchein, der Feldmarſchall hat ſich zur Ruhe begeben. An einem ſolchen Abend ſaß ich in dem un tern Zimmer der Villa reale bei meinem lieben —— „—— —-— ₰ Oberſtlieutenant E. Wir rauchten unſere Cigarren und unterhielten uns von dem viertägigen Feldzuge, aus dem wir ſeit einigen Tagen heimgekehrt waren. „Sie müſſen morgen ſchon nach Meſtre gehen und die intereſſante Belagerung Malghera's an— ſchauen,“ ſagte der Oberſtlieutenant;„leider bin ich durch eine Uebermaſſe von Geſchäften hier zurückge halten, und kann nicht daran denken, einen Urlaub zu nehmen.“ Ich hatte mich ſchon ſeit einigen Tagen mit die— ſem Projekt beſchäftigt, auch heute ſogar ſchon für „dieſe kleine Reiſe von dem Feldmarſchall mich verab ſchiedet. Der alte Herr war auch bei dieſer Gelegen heit freundlich, gut und lieb, wie immer. Er wollte gerade ausreiten und ſaß ſchon zu Pferde, als er mich im Hofe ſtehen ſah. Er winkte mir, näher zu treten, und ich bat ihn um Erlaubniß, für einige Zeit zu dem Belagerungscorps nach Meſtre gehen zu dürfen. Mit den freundlichſten Worten lobte er mei nen Entſchluß, reichte mir die Hand und ſagte mit ſeiner gewinnenden Liebenswürdigkeit:„Kommen Sie aber ja bald wieder zu uns zurück.“ Damit ritt er fort, ich aber blieb noch lange im Hofe ſtehen und ſchaute ihm wahrhaft wehmüthig in dem Gefühl nach, ihn während einiger Zeit nicht zu ſehen. Ich geſtehe es gern, alle die lieben 26 wohlwollenden Worte, die der große Mann während des Feldzuges, ſo wie ſpäter, mir zu Theil werden ließ, waren mir wie eben ſo viel koſtbare Geſchenke, die unverwiſchbar in meine Seele niedergelegt, in der Erinnerung immer koſtbarer werden, und die ich mir nie anders als mit dem innigſten Danke vergegen— wärtigen werde. Um nach Meſtre zu gelangen, gab es verſchiedene Wege und Gelegenheiten. Ueber Verona ging die Poſt bis Vicenza; die Plätze waren aber damals ſtets lange vorher beſtellt und ſehr ſtark beſetzt. Von Vi— cenza nach Meſtre wurde die Eiſenbahn nur zu mili⸗ täriſchen Zwecken benutzt, doch konnte ich, durch die Güte des für mich freundlichen Oberſt Schlitter, Generaladjutanten des Feldmarſchalls, mit einem Paß des Hauptquartiers verſehen, wahrſcheinlich mit der— ſelben befördert werden. Für die nächſten vier Tage war auf der Poſt kein Platz mehr zu haben und doch drängte die Zeit, denn allem Anſchein nach ſollte eheſtens bei dem Belagerungscorps vor Venedig etwas bedeutendes ge⸗ ſchehen. Nachdem mir Oberſtlieutenant E. jenen Vor⸗ ſchlag gemacht hatte, ſaßen wir noch zuſammen und berathſchlagten, auf welche Weiſe ich nach Meſtre ge⸗ langen könnte, als von der geheimen Operations⸗ 2 — 8 Kanzlei dem Oberſtlieutenant der Befehl zugeſchickt wurde, noch in Derſelben Nacht einen Courier abzu fertigen, der eine wichtige Depeſche nach Ollmütz zu überbringen habe. Es war ſchon ſpät geworden, und da mehrere Offiziere, die zu Courierreiſen vorgezeich— net waren, nicht aufgefunden werden konnten, ſo wurde der Hauptmann der Grenadiercompagnie, wel cher heute die Wache that, beordert, noch in derſelben Nacht abzugehen. Das war eine Gelegenheit für mich, wie ſie nicht beſſer hätte kommen können. Der Grenadiercapitän, ein ſehr freundlicher, artiger Mann mit großem pechſchwarzem Backen- und Schnurrbart, ging über Verona und Vicenza und erklärte ſich auf Befragen mit Vergnügen bereit, mir den zweiten Platz in ſeiner Reiſekaleſche einzuräumen. Meine Sachen waren bald zuſammengepackt. Der Oberſt lieutenant verſah mich mit einem Empfehlungsſchrei⸗ ben an den Commandirenden von Meſtre, Feldmar ſchalllieutenant Baron Haynau, und ſchon Nachts um 12 Uhr rollten wir durch die leerer werdenden Straßen von Mailand zur Porta Orientale hinaus auf der Landſtraße gegen Verona. Fahrten bei dunkler Nacht haben, finden ſie in dieſem oder jenem Lande ſtatt, wenig Eigenthümliches. Die Nacht iſt Nacht, ſey es in dem rauhen Nor dengoder in dem milden Süden, und der einzige 28 Unterſchied von Nachtreiſen in verſchiedenen Ländern liegt wohl darin, daß man, je nach Verſchiedenheit des Klima's, mehr oder weniger friert. Die Leiden und Freuden des Extrapoſtreiſens wechſeln bekanntlich ſo ziemlich mit einander ab, doch ſind die erſteren bedeutend überwiegend, wenn man, wie wir in dieſer Nacht, in keiner eigenen Cquipage reist und deßhalb den Wagen auf jeder Station wech— ſeln muß. Es war ſehr dunkel, nur unſere Cigar⸗ ren, ſo wie die des Poſtillons leuchteten wie große Glanzkäfer durch die Nacht. Der edle Roſſelenker, der, vor uns auf einem Harttraber ſitzend, komiſche Bewegungen machte und mit Beinen und Armen focht, um ſich zu erwärmen, ſah hiebei in ſeiner ro— then, verſchoſſenen Uniform mit dem gewaltigen Hut wie ein hölzerner Harlekin aus, der, an einem Faden gezogen, ſeine Glieder taktmäßig in die Luft hebt. Er hatte ein kurzes ſehr dünnes Mäntelchen umhän⸗ gen, das er beſtändig dahin dirigirte, wo der Wind herblies. Die Peitſche knallte, der Grenadiercapitän fluchte hie und da derb über ſchlechtes Fahren; die Laternen warfen einen zitternden Schein auf die Landſtraße, die großen dunkeln Pappeln ſchienen wie aufgeſchreckte Geſpenſter vorbeizuhuſchen, und bald ſchimmerte vor uns ein Licht— die Station. Alles lag im tiefen Schlaf, und es dauerte lange, ehe . ., 29 Stallieri und Poſtillon aufgeweckt und bereit waren. Ein neuer Wagen wurde hervorgezogen, friſch ge— ſchmiert, der Poſtillon ermahnt, gut zu fahren, und nach einem Aufenthalt von einer ſtarken Viertelſtunde ging's weiter. Die erſten Nachtſtunden von zehn bis drei ſind, wie jeder Gereiste weiß, was den Aufenthalt auf den Stationen anbelangt, für den Reiſenden die un— angenehmſten. Der Poſtillon kommt aus dem Wirths⸗ haus, ſchläft nach vielgenoſſenem Getränk den Schlaf des Gerechten und iſt ſchwer zu erwecken. Nach drei Uhr aber kommt bald die Fütterung der Pferde und die Thiere erwarten dieſelbe mit ungeduldigem Schüt teln und Schnauben; den Poſtknecht friert's bei her annahendem Morgen in ſeinen ſchlechten italieniſchen Bett, die Hähne begrüßen rufend den neuen Tag und das Rollen eines Wagens iſt weithin hörbar— eine Extrapoſt! Der Poſtillon freut ſich auf das zu erwartende Trinkgeld und auf den warmen Kaffee, den ihm daſſelbe verſchafft. Er ſpringt hurtiger von ſei— nem Lager, die Kälte des Morgens läßt ihn die Pferde raſcher aufſchirren, und auf dieſe Art wird der Reiſende beim Anbruch des neuen Tages raſcher befördert als in der Abendſtunde. Unſere Nacht ſchwand unter einem leichten Schlummer dahin, und zog über uns hinweg wie ein 5 30 ſchwarzer dichter mit Sternen verzierter Schleier, der allmählig den Glanz der ſinkenden Abendſonne ver deckt, und raſch dahin flattert, um dem roſigen Mor genlicht Platz zu machen. Bald ſahen wir die Gegenſtände vor uns deut⸗ licher, erkannten die Farbe der Pferde, unterſchieden das Riemenzeug, dann jeden Knopf, jede Schalle an demſelben und endlich auch die Phyſiognomie des Po ſtillons, welcher ſich umwendet und ſagt:„molto freddo,“ dabei dampft er aus dem Munde wie ſeine Pferde. Er hat die Arme unter dem Mantel verbor⸗ gen, die Peitſche in dem Stiefel ſtecken und ermahnt die Thiere, ſchneller zu laufen, indem er ihnen einen warmen Stall und ſehr guten Hafer verſpricht. So erſcheint die neue Station, der Wagen hält, der Dampf der warmen Pferde ſteigt gerade in die Luft und ver— deckt dieſelben beinahe unſerm Blick. Der Poſtillon hüpft herum, um ſeine Füße zu erwärmen, der neue Stallieri löst die Stränge, führt die dampfenden Pferde hinweg und fragt, bis wann man die neuen befehle. Hier iſt die Frühſtücksſtation, weßhalb der Grenadiercapitän einige Minuten bewilligt, um vor allem Haar und Bart in Ordnung zu bringen und dann den warmen Kaffee zu nehmen. In dem Lo kale, wo dieß geſchieht, ſind, obgleich es erſt fünf Uhr iſt, mehrere Gäſte. Der Italiener ſteht ſehr ** A— άᷣo— — — ——;— ⏑—— früh auf, und wenn er ſich übrhaupt ſchon in's Café begibt, ſo iſt das Heranrollen einer Extrapoſt ein Ereigniß, das ihn noch ſchneller in die Kleider und auf die Straße treibt; er wirft den Mantel um und betrachtet, wenn auch zitternd vor Froſt, die An gekommenen und den Wagen. Bald war der Kaffee genoſſen, die Cigarre angeſteckt und wir rollten, die Stationen Gorgonzola, Treviglio und Chiara hinter uns, gegen Brescia, begierig, ob in dieſer Stadt von den Verheerungen des letzten Kampfes noch viel die erſten Häuſer, ohne auf dieſer Seite etwas von den erwarteten Schutt- und Trümmerhaufen zu ſehen. In den Straßen der Stadt ſelbſt ging Alles ſeinen Geſchäften nach, und das Einzige, was hier an die Revolution erinnerte, waren lange weiße Kallkſtriche, die man an Häuſern und öffentlichen Gebäuden be merkt. welche vor Ausbruch des Kampfes dort angeſchrieben waren und die„deutſchen Barbaren“ mit Tod und Verderben bedrohten. und man ai Tedeschi!“ und„Morte agli Austriacci!“ Zuweilen waren dieſe Inſchriften noch kräftiger, wie:„Tod und Verderben den deutſchen Barbaren!“ Der Italiener bedarf einer ſolchen Aufregung, * 31 u ſehen ſey. Bald erreichten wir Dieſe Kalkſtriche verdeckten die Inſchriften, Ebenſo war es in Malland, dort überall die Worte:„Morte 32 um, wenn es energiſches Handeln gilt, ſich in die gehörige Wuthverfaſſung zu ſetzen, und je häufiger ver dieſe Worte, beſonders, wenn er ſie ſelbſt hinge— ſchrieben, liest, um ſo heftiger iſt für den Augenblick ſeine Kampfbegierde. Dazu läuten ſie, wenn es zum Kampfe kommen ſoll, mit allen Glocken und erregen ihre reizbaren Nerven auf eine furchtbare Weiſe. Uebrigens war der Kampf in Brescia dießmal ſehr ernſter Natur, und es bedurfte des eiſernen Willens und der kräftigen und umſichtigen Führung des Feld⸗ marſchalllieutenants Haynau, um mit ſeinen 2300 Mann die inſurgirte Stadt von 40,000 Einwohnern zu bändigen. Daß dabei viel Blut gefloſſen, iſt, da der Kampf äußerſt hartnäckig war und die Brescianer ſich fürchterlich wehrten, ſehr begreiflich. Augenzeu— gen haben mir verſichert, daß die Barrikaden haus— hoch aus Erdfäſſern und Faſchinen gebaut, alles andere der Art bis jetzt Geleiſtete weit übertroffen hätten. Durch die Straßenkämpfe hier und ander wärts haben aber die Heerführer Manches und na mentlich gelernt einzuſehen, daß es in ſolchen Fällen nichts mehr bedarf, als die Truppen ſchleunigſt aus den Straßen hinauszuziehen, und dann langſam vor gehend, Haus um Haus wieder zu nehmen; eine blutige Arbeit, aber mit guten getreuen Soldaten und tüchtigen Offizieren faſt unfehlbar von dem beſten Erfolg. 33 Ich kann nicht unterlaſſen, hier eines ſehr er götzlichen Artikels zu erwähnen, den das Journal des debats vom 8. April über den Straßenkampf von⸗ Brescia brachte. Nach der Mailänder Zeituug er⸗ zählt daſſelbe den Vorfall von Euphemia und Brescia und ſagt:„Le Général Nugent se dirigea sur Brescia avec un bataillon du régiment Ceccopieri et un autre bataillon italien composé de réfagiés romains partisans du Pape(conſinali romani)“ Dieſe Confi- nali romani ſind aber romaniſche Grenzer(Wallachen). Es heißt alsdann weiter:„Faffaire du Brescia, au milieu d'évènements bien plus graves m'a d'important que cette circonstance trop significative que les pa- triotes italiens étaient attaqués et battus par des soldats italiens dont une partie n'appartenant méme pas auæ contrées de la dominalion autrichienne.“ Ein vollkommenes Seitenſtück zur alten Haidſchnucken— geſchichte. Wir ſpannten in Brescia um und fuhren zu dem Thore gegen Verona hinaus. Hier ſah man die furchtbaren Zerſtörungen, die der Straßenkampf hinterlaſſen. Große Schutt- und Trümmerhaufen bezeichneten den Ort, wo einzelne Häuſer geſtanden, andere Gebäude, deren ſchwarz gefärbte Mauern noch ſtanden, waren im Innern ganz ausgebrannt, und an den leeren Fenſteröffnungen ſah man, wo der Hackländer, Soldatenleben im Krieg. II. 2 3 34 ſchwarze Dampf hinausgeſchlagen hatte. Ein Café in der Nähe des Thors war bis auf den untern Stock zuſammengeſtürzt, und dort hing noch das halb verkohlte Schild mit der Aufſchrift:„Café.“ Die gol— denen Buchſtaben waren weiß gebrannt. Dieſe Trüm— merhaufen und verbrannten Häuſer zogen ſich von dem Thore bis zu dem eine halbe Stunde entfernten Dorfe St. Euphemia, wo der Kampf am heftigſten gewüthet. Es war uns leichter um's Herz, als wir dieſe traurigen Anblicke hinter uns hatten und durch die lachende, reizende Gegend dahin rollten. Der Früh⸗ ling trat mit aller Kraft auf und ſein warmer Hauch ſprengte die Knoſpen der Bäume; ſo weit das Auge ſah, ſproßte ſaftiges Grün auf Feldern und Wieſen, an Bäumen und Rebgeländen. Raſch fuhren wir abwärts und bald ſahen wir die violett gefärbten Bergformen, welche den Gardaſee einſchließen, und im nächſten Augenblick entdeckten wir zwiſchen den Hügeln vor uns den tiefblauen Waſſerſpiegel des herr— lichen, mir bis jetzt unbekannten Sees. Der Poſtillon klatſchte laut ſchreiend mit der Peitſche, die Pferde galoppirten luſtig einen kleinen Abhang hinab, und in kurzer Zeit hielten wir vor dem Poſthauſe in Deſenzano am Ufer des Sees, wo ſeine leicht ge⸗ kräuſelten Wellen die Mauern der Straße beſpülen. 35 Der Anblick des Gardaſees iſt durch die tiefblaue Farbe ſeines Waſſers und durch herrlich geformte Berge und Felſen, die ihn umgeben, einer der rei— zendſten Seen, die man ſehen kann. Schöne Inſeln liegen in demſelben, doch ſind ſie, wie überhaupt die Ufer des Gardaſees, wenig bebaut, auch ſpärlich von Fremden beſucht und deßhalb wenig bekannt. Es liegt dieß häuptſächlich wohl daran, daß dem Fremden die Transportmittel,„Dampfboote, Eilwa⸗ gen“ nicht ſo häufig und bequem zu Gebote ſtehen, wie an dem Comer See und Lago maggiore. Auch ſieht man hier wenig Landhäuſer und Villen, und größere Städte wie Lecco und Como fehlen gänzlich. Die Partien auf dem Gardaſee ſollen großartig und reizend ſeyn und ſehr der Mühe lohnen, ihnen einige Tage zu widmen. Man findet in den Städten De— ſenzano und Riva gute Gaſthöfe, und die Preiſe für Fahrten auf dem Gardaſee ſind ſehr billig. Die Um— gebungen des Gardaſees ſind ernſter und großartiger, als die der andern italieniſchen Seen. Er iſt ein, ächter Alpenſee, in heitern klaren Tagen voll lieb— licher und pittoresker Schönheit, aber leicht erregbar und bei Gewitter und Sturm ſehr gefährlich. Der Poſtillon verſicherte mich, daß ſeine Wellen oftmals bis auf die Straße von Deſenzano herüberſchlagen. Bald fuhren wir weiter und erreichten in kurzer P. 36 Zeit die kleine, durch den vorjährigen Feldzug ſo bekannt gewordene Feſtung Peschiera. Sie bildet eine Spitze des berühmten Dreiecks, deſſen beide andern Mantua und Verona ſind, und in welches ſich der große Feldherr mit ſeiner Armee zurückzog, um auf den rechten Moment zum entſchiedenen Handeln zu warten. Dieſes gefährliche Dreieck reſpektirte der Sardenkönig außerordentlich, und wenn er auch an den Grenzen deſſelben erzürnt umherſtreifte, wagte er ſich doch ſelten hinein. III. Peschiera.— Verona Es waren an dem Tage, von welchem ich hier rede, wenige Wochen vergangen, als ich mit der ſiegreichen öſterreichiſchen Armee aus dem glänzenden dießjährigen Feldzug zurückkehrte und mir hoch erfreut geſtand, ein Stück Weltgeſchichte mit erlebt zu haben. Hier nun, vor Peschiera, war abermals ein ſchönes denkwürdiges Bild aus der Kriegsgeſchichte zu meinen Füßen aufgerollt und wie in einem Buche konnte man hier Schritt vor Schritt große Thaten des vo rigen Jahres in lebendigen Bildern ableſen. Peschiera iſt eine kleine niedliche Feſtung, und die alten Werke und Baſtionen ſpiegeln ſich in der freundlichen klaren Fluth des Gardaſees. Damit es ihr auch im Innern an Waſſer nicht fehle, ſo fließt ein Arm des Mincio mitten durch die Stadt und füllt die Feſtungsgräben. Gewöhnlich haben kleine Feſtungen im Innern etwas Oedes und Trauriges; 38 Peschiera nicht, und das macht gerade wohl dieß Waſſer des Mincio. Alte unregelmäßige Häuſer ſtehen im Innern der Feſtung an dem Waſſer und hier herrſcht reger Verkehr. Hier wohnen Hand— werker und Wäſcherinnen; kleine Kinder ſpielen unter lautem Geſchrei da herum. Der einzige Platz der Feſtung, mit grünen Bäumen bepflanzt, auf welchem ſich Spaziergänge finden, ſtößt an das Ufer des Fluſſes. Beim Ausbruch des Krieges commandirte hier der Feldmarſchalllieutenant Baron Joſeph Rath, Ritter des Thereſienordens, ein tüchtiger Offizier. Die Beſatzung, 15— 1600 Mann, beſtand aus der nöthi— gen Artillerie, einem Zug Huſaren und einem Ba— taillon Ottochaner, ausgezeichneten Soldaten. Die Ottochaner, ein Gebirgsvolk, ſind ſchöne, große, ſchlanke Männer mit gebräuntem Geſicht, feurigem Auge und ſtarker Stimme. Da ſie auch zu Haus mitten im Frieden, gegenüber ihren kühnen und räu— beriſchen Nachbarn in türkiſch Croatien und Bosnien, beſtändig einen ſtrengen Vorpoſtendienſt in Wald und Gebirg haben, ſo iſt dieſe beſtändige Uebung eine gute Schule, die ſie im öſterreichiſchen Heer zu einer vortrefflichen leichten Infanterie macht. Dem Feldmarſchall Radetzky mußte viel daran liegen, Peschiera zu behaupten, deßhalb vertraute er 39 es dem Commando eines tüchtigen Offiziers, welcher das in ihn geſetzte Vertrauen dadurch rechtfertigte, daß er mit ſeiner Beſatzung mehrere Angriffe der Piemonteſen tapfer abſchlug. Peschiera iſt für eine Feſtung nicht günſtig gelegen. Auf der Landſeite befinden ſich bedeutende Höhenzüge, welche den Haupt wall auf eine Entfernung von tauſend bis zwölf⸗ hundert Schritt dominiren. Doch hat man dagegen einige feſte Vorwerke angelegt, welche mit der Feſtung durch gedeckte Communikation zuſammenhängen. Ge⸗ ſtatte man mir einen flüchtigen Rückblick auf den erſten italieniſchen Feldzug anno 1848. Am 18. Mai vorigen Jahres wurde Peschiera von dem General Vanno(unter welchem der Herzog von Genua ſeine Lieblingswaffe, die Artillerie, com— mandirte) nachdrücklich angegriffen. Die eben erwähn ten Vorwerke, das Fort Salvi und das Fort Mandela waren durch die Uebermacht der piemonteſiſchen Ar tillerie ſchon am 25ſten gänzlich zum Schweigen ge bracht und die Bruſtwehren zerſtört. Eine Aufforderung zur Uebergabe wies indeſſen der Feldmarſchalllieute nant Rath, obgleich die Beſatzung nichts mehr als Mais ohne Salz und Oel hatte, unbedingt zurück. Der König von Piemont war ebenfalls bei der Be lagerung zugegen und betrachtete ſich dieſe von einer der umliegenden Höhen, wo er ſtundenlang auf einem 40 Seſſel ſaß und wie aus einer Theaterloge auf die blutige Bühne von Peschiera niederſchaute. Obgleich die Feſtung an vierzigtauſend Schüſſe ausgehalten, obgleich der größte Theil der Wallge— ſchütze demoöntirt war und auf zwei derſelben zur Bedienung nur ein Mann kam, obgleich alle Mühlen zerſtört waren und die Koſt nur noch aus Pferde— fleiſch und grobgequetſchtem Mais beſtand, ſo zögerte doch der tapfere greiſe Commandant mit der Ueber— gabe bis nach dem Sieg von Curtatone und dem Gefecht von Goito, wo er ſah, daß es dem Feld— marſchall unmöglich ſey, ihn zu entſetzen. Ueber dieſes Gefecht bei Goito ſind damals eine Menge Lügen zum Nachtheil der kaiſerlichen Waffen verbreitet worden, obgleich dieſes Gefecht doch für Jeden, der die näheren Details kennt, den öſter— reichiſchen Truppen nur zur größten Ehre gereicht. Man ließ dieſelben über achttauſend Mann verlieren und die Armee geſchlagen nach Mantua entfliehen. Nun war aber von der ganzen Armee nur die Bri— gade Benedek, beſtehend aus ſechs Bataillonen der Regimenter Baumgaxten, Giulay und Hohenlohe, bei Goito im Feuer, derſelben Regimenter, welche in Curtatone geſiegt hatten. Dieſe Brigade hatte eigent⸗ lich nicht den Befehl, Goito zu nehmen, ſondern ſollte nur eine Recognoscirung unternehmen, um — — — 0 einen Angriff, der den andern Tag erfolgen ſollte, vorzubereiten. Benedek ließ aber, von Kampfesluſt überwältigt, angreifen. Es gelang ihm auch, bis über die Brücke des Mincio zu dringen und ſich in den erſten Häuſern feſtzuſetzen. Da er aber von der Armee nicht unterſtützt wurde, Goito ſelbſt eine der feſteſten Stellen am Mincio iſt und die dortigen Schanzen durch 40 Kanonen mit achtzehn bis zwan— zigtauſend Piemonteſen vertheidigt waren, ſo wurde ſein Rückzug um ſo unvermeidlicher, als ein Theil ſeiner Artillerie demontirt und mehrere Trainpferde zuſammengeſchoſſen waren. Dieſer Rückzug, obgleich im furchtbarſten Feuer ausgeführt, ging in beſter Ordnung von Statten. Nicht ein Gefangener fiel in Feindes Hand, und ſelbſt die demontirten Geſchütze und Pulverwagen wurden durch hundert Freiwillige von Giulay, welche während des furchtbarſten Feuers erſt Maulbeerbäume zur Wegbahnung fällen mußten, zurückgebracht, ſo daß der Feind nicht eine Trophäe aufzuweiſen hatte. Nach dieſem Gefecht nun übergab Feldmarſchall— lieutenant Rath die Feſtung den Piemonteſen und erhielt als Anerkennung für ſein tapferes Aushalten freien Abzug mit allen möglichen Ehrenbezeugungen. Pes chiera blieb dann bis nach der Schlacht von Cuſtozza in den Händen der Piemonteſen und wurde alsdann 42 von Feldmarſchalllieutenant Haynau aufs Neue bela— gert. Dieſer bedrängte die Feſtung aufs Aeußerſte, zerſtörte die von den Piemonteſen wieder aufgeführ— ten Werke, und hätte er die Feſtung von der Seeſeite einſchließen können, ſo würde er bald Meiſter der— ſelben geweſen ſeyn und die bekannten Differenzen wegen des großen Geſchützparks von Peschiera wären nicht entſtanden. Da aber die Inſurgenten die Dampfboote auf dem Gardaſee in ihrer Gewalt hatten, ſo führten ſie der Beſatzung während der Belagerung durch Haynau fortwährend Lebensmittel zu. Während dem flog aber der Feldmarſchall Ra— detzty von Sieg zu Sieg, rückte in Mailand ein und ſchloß mit Carl Albert den Waffenſtillſtand, durch welchen die Feſtungen Peschiera, Rocca d'Anfo und Oscopa geräumt, die Grenze der beiderſeitigen Reiche als Demarcationslinie angenommen und der Flotte des Königs zur Pflicht gemacht wurde, Venedig zu verlaſſen und nach den ſardiniſchen Staaten zurück— zukehren. Dem Feldmarſchalllieutenant Haynau kam dieſer Waffenſtillſtand durchaus nicht gelegen, denn als die Botſchaft hievon im Lager von Peschiera eintraf, hätte ſich vielleicht die Feſtung nicht einen Tag mehr halten können, und alsdann wäre der ganze feindliche Ge— ſchützespark Oeſterreich verblieben. Am 10. Auguſt, — — an dem Tage, an welchem Abends die Uebergabe ſo unerwartet erfolgte, ſchoß gerade die öſterreichiſche Artillerie mit bewundernswürdiger Genauigkeit und großem Glück. Nebendem, daß mehrere Granaten in die Kaſerne ſchlugen, fiel auch eine Granate und eine Bombe zu gleicher Zeit in ein Magazin mit ge fullten Bomben, welche ſich entzündeten und eine furchtbare Verwüſtung anrichteten. Die Beſtürzung der Beſatzung bei dieſer Exploſion war nach den Be richten der Piemonteſen unbeſchreiblich. Man denke ſich aber auch in dem beſchränkten Raum dieſer kleinen Feſtung einige hundert Granaten, die ſich entzünde ten und indem ſie zerplatzten, nach allen Seiten Tod und Verderben hintrugen. Wir ſahen in der Feſtung die ungeheure Oeffnung, welche dieſe Er ploſion in Wall und Mauer geriſſen. Ueberall lagen große Schutthaufen und mehrere umliegende Gebäude waren theilweiſe durch die Gewalt der platzenden Kugeln zerſtört. Auch hinter Peschiera ſah man die deutlichen Spuren vieler Kämpfe und Gefechte, welche hier ſtattgefunden. Rechts auf den Hügeln lagen die halbzerſtörten Angriffsbatterien der Pie⸗ monteſen und Oeſterreicher; zwiſchen ihnen und der Feſtung die Forts Mandella und Salvi, an deren Ausbeſſerung fleißig gearbeitet wurde. Links von der Straße ſahen wir einzelne Bauernhöfe und Caſine im traurigſten Zuſtand, theils gänzlich ver wüſtet, theils abgebrannt. Doch war man auch hier meiſt eifrig beſchäftigt, den Schaden wieder herzu ſtellen und wer vielleicht ſchon nach einem Jahre durch dieſe herrliche Gegend fährt, ſieht wohl von dem furchtbaren Kampfe nichts mehr, als hie und da un förmliche, vom Regen abgewaſchene Erdhaufen mit Einſchnitten, welche ein kundiges Auge für Ver ſchanzungen und Schießſcharten erklärt. Bald lag Verona vor uns, die herrliche, liebe, alte Stadt mit ihren zahlreichen Thürmen, wie an das Gebirge angeſchmiegt, das ſich hinter ihr erhebt und die Stadt im Halbkreis umſchlingt. Die Berg wand, welche die Stadt umſchließt, iſt dicht mit un— zähligen Höfen und kleineren und größeren Villen bedeckt, daß wenn man Verona und ſeine nächſten Umgebungen von ferne ſieht, man glaubt, die Stadt ſetze ſich das Berggelände hinauf fort und erſtrecke ſich bis auf die Höhe deſſelben, wo die großen und ſtarken Feſtungswerke des Caſtells liegen. Ich kenne denn auch keine Landſtadt, welche eine ſchönere Lage als Verona hat. Neben uns hatten wir das berühmte Plateau von Rivoli, wo die Piemonteſen die erſte Schlacht des Feldzugs bei St. Lucia verloren, eine Hochebene, die der König von Sardinien zu ſeinem Unglück ſo lange feſthielt und vertheidigte. Die ſchönſte Straße führt ſchnurgerade nach den Thoren von Verona, und bald erreichten wir die neuen impoſanten Feſtungs— werke. Für die Befeſtigung von Verona wurde ſchon im vorigen Jahre durch den Feldmarſchall, welcher die Wichtigkeit dieſes Punktes tief empfand, alles mögliche gethan. Die umliegenden Ortſchaften, Tom— betta, Santa Lucia, San Maſſimo und Crocebianca wurden durch Schießlöcher in den Mauern für In— fanterie und Schießſcharten für das Geſchütz zum tüchtigen Widerſtande fähig gemacht. Auch wurden am Rande des Abhangs, von dem ich vorhin ſprach, ſieben Redouten erbaut und mit Zwölf und Achtzehn— pfündern beſetzt. Was ſich nun an dieſen improvi— ſirten Werken als nothwendig und tüchtig erwies, wurde jetzt nach den Regeln der Kunſt neu angelegt und ausgeführt, und ſo entſtanden mehrere Forts um die Stadt, welche dem bedeutenden Waffenplatz eine noch größere Stärke geben. Dieſe Redouten und Batterien, ſagt General Williſen in ſeinem italieniſchen Feldzug von 1848, ſind auf eine ſehr nachahmungswerthe Weiſe nach den Führern benannt, welche ſich am 6. Mai am meiſten ausgezeichnet haben. Sie heißen vom linken zum rechten Flügel Redoute Clam, Wratislaw, Schwarzenberg, d'Aspre, Batterie Straſſoldo, Kopal Redoute Fritz Liechtenſtein und Wallmoden. Die Führer der Armee baten den Feldmarſchall, daß das Hauptwerk ſeinen Namen tragen dürfe. So heißt das ſtärkſte Werk in der Mitte der Linie bei St. Maſſimo Fort Radetzky. Solche Mittel, die Thatkraft zu ſpannen, gehören unter die wirkſamſten und edelſten. Verona iſt eine ächt italieniſche Stadt mit maſſiv gebauten, von Alter geſchwärzten Häuſern, von denen die meiſten eine ſchöne, edle Architektur und herrliche Sculpturen zeigen. Geſchäftiges Leben herrſcht auf den Straßen, die Werkſtätten der Handwerker ſtehen weit offen und man ſieht Schuſter und Schrei⸗ ner, Sattler und Schmiede, wenn man vorüber— wandelt, in völler Thätigkeit; daneben befinden ſich große Gewölbe mit rieſenhaften Käshaufen, mit Fleiſch und Würſten aller Art und großen Obſtkörben voll Orangen und Citronen, Granatäpfeln und großen ſchönen Melonen. Zu dieſen Südfrüchten und dem ganzen Anblick der Stadt paſſen auch die ſchönen Geſtalten und edlen Geſichtszüge der Vornehmen. Die Frauen und Mädchen zeichnen ſich durch ſchönes ſtarkes ſchwarzes Haar und feurige Augen aus, welche noch mehr hervorgehoben werden durch den weißen Schleier, womit ſie ihr Haupt bedecken. Hier ſieht man beim Vorüberfahren einen coloſ⸗ ſalen ſchwärzlichen Pallaſt, die hohen Fenſter kunſtreich —ñD ꝗ--—— ₰ vergittert, und blickt durch die große Einfahrt in einen mit Säulen verzierten Hof, in welchem ein klarer Springbrunnen plätſchert. Dort iſt ein merk— würdiges Bauweſen quer über die Straße geſprengt in hohen weiten Bogen, die große Thore bilden. Ueber denſelben blicken den Durchwandelnden aus ſeltſamen reichverzierten Niſchen halbverwitterte Stein⸗ figuren an. Ganz Verona iſt wie ein Muſeum von merkwürdigen Ueberbleibſeln großartiger Architektur und Bildhauerarbeit der alten Römerzeiten und dem kriegeriſch bewegten Leben des Mittelalters. In einer Seitenſtraße erblickt man die ſeltſam geformten, aus Eiſen zierlich erbauten Grabmäler der Scaliger, und was man an andern Orten in Kirchen ſieht, zeigt ſich hier auf offener Straße, wodurch der Ein— druck auf den Beſchauenden ein ganz eigenthümlicher iſt. Neben einem ambulanten Obſtladen, deſſen Süd⸗ früchte in allen Farben ſpielen, erhebt ſich das dunkele verwitterte Gitterwerk jener Grabmäler; neben der Pfanne, in welcher die Kaſtanien braten, ſteht der rieſenhafte Sarkophag des Can Grande, welcher in voller Rüſtung auf ſeinem ſteinernen Paradebett ruhend aufwärts in den tiefblauen Himmel blickt, der ſich freundlich über Verona ausſpannt. Ein Theil der Stadt wird von der Etſch durch⸗ ſtrömt, und mehrere maſſiv gebaute Brücken mit weitgeſprengten Bogen verbinden beide Stadttheile. Alte Steinfiguren auf dem Geländer blicken hinab in den klaren Bergſtrom, der auch hier reißend und wild dahinbraust. An den Ufern faſt aller Flüſſe, die eine Stadt durchſtrömen, haben die Gebäude ein alterthümliches und wunderliches Ausſehen. Alles hat ſich nach dem Fluſſe hingedrängt und die hohen Gebäude ſchei nen ſich auf- und übereinander hinzudrängen, um nur den Anblick des klaren Waſſers zu genießen, vor welchem ſie in ſchwindelnder Höhe plötzlich gezwungen ſind Halt zu machen und wo ſie einander durch den Strom getrennt, von hüben und drüben mit tauſen— den der verſchiedenartigſten Fenſteröffnungen verwun⸗ dert anſchauen. Hoch über dieſes Alles nun erhebt ſich hier in Verona das alte graue Amphitheater, die Arena, ein Denkmal der älteſten Römerzeit. In den engen Straßen der Stadt zwiſchen den alten maſſiven Bauwerken tritt die Erinnerung an frühere Zeiten, namentlich an das Mittelalter, dem Dahinwandelnden faſt wie in keiner andern Stadt lebhaft entgegen. Die feſtungsartigen alterthümlichen Palläſte, Steinbilder der Madonna, mit vergilbten Roſen und verblichenem Flitterwerk umgeben, bilden einen Schauplatz, auf dem noch zu Tage die alten Scaliger, die fürſtlichen Familien des Visconti und —„—— 49 Carrara mit glänzendem Gefolge auftreten und die Montecchi und Capuletti ihre Kämpfe ausfechten könnten, ohne in ihren ſchweren Rüſtungen, ohne in ihren glänzenden mittelalterlichen Gewändern für die Straßen und Häuſer des heutigen Verona's un— paſſend zu erſcheinen. Ja, wenn man in heller Mondſcheinnacht bei dem Grabmale der Familie della Scala vorbeigeht und der weiße Strahl des Lichts auf der Rüſtung des Can Grande ſchimmert, ſo iſt man verſucht zu glauben, der alte Herr der Stadt habe ſich in der milden Nachtluft unter dem eiſernen Baldachin ein wenig zur Ruhe gelegt; man tritt leiſe auf und blickt ſich an der Ecke ſcheu um, ob der gewappnete Herzog nicht langſam den Kopf erhebt, um dem Davonſchleichenden, der ihm wohl wie ein Geſpenſt einer ihm unbekannten verweichlichten Zeit erſcheinen dürfte, bedenklich nachzuſchauen. Ob die ſchöne liebeglühende Sage von Romeo und Julie wahr iſt, iſt am Ende gleichgültig, doch, flocht ſie einen duftigen Brautkranz um die grauen Mauern der Stadt, einen Brautkranz, den ſelbſt der harte Tod der Liebenden nicht zu verwelken vermochte. Noch heute, namentlich in ſtiller Nacht, zittert ein geheimnißvoller Ton davon durch die enge Gaſſe Verona's, in welcher das Haus der Capmulet ſteht, ein Ton, der ins Innere des Herzens dringt, und Hackländer, Soldatenleben im Krieg. II. 3 4 50 es in lebendiger glaubiger Erinnerung des hier Vor⸗ gefallenen eigenthümlich errege. Das Haus ſelbſt iſt ein altes ſchwarzes Gebäude mit einem düſtern Hof— raum, der ſich gegen die Etſch hin erſtreckt und mit verfallenen Mauern umgeben und mit Schutthaufen und Steintrümmern bedeckt iſt. Einſtens mag dieß ein duftender Garten geweſen ſeyn. Der klare Fluß fließt dort vorbei, und die Nachtigallen lieben das Waſſer— „Dort vom Granatbaum ſang ſie jede Nacht.“ Das Grabmal der Julia, oder vielleicht richtiger das alte Gewölbe, wo der ſarkophag-ähnliche Stein liegt, beſuchte ich eines Tages. Ich kenne es, ich glaube nicht an dieſen Theil der ſchönen poetiſchen Sage und bin überzeugt, dieſer Stein iſt nie zu dem beſtimmt geweſen, was ihm jetzt beigelegt wird; aber doch ging ich hin und trat feiernd und nachſinnend auf, als ſey ich feſt überzeugt, hier habe die unglück— ſeligſte aller Liebenden einſt wirklich geruht. Die Wahl des Ortes verleiht allerdings der Sage, welche an ihn geknüpft iſt, einige Wahrſcheinlichkeit. Ein altes Mauerwerk vor der Stadt mit einem großen Thor, durch welches man in einen mit Mauern umgebenen Raum tritt, der zu einem Rebengarten umgewandelt iſt, iſt die angebliche Ruheſtätte der treueſten der 51 Liebenden. In den ſonderbarſten Windungen und ſeltſamſten Verrenkungen ziehen die dicken Rebſchenkel an Mauern und Bäumen umher und ruhen auf alten Steinen und morſchen Baumſtämmen; Blätter bilden ein duftiges Laubdach und man wandelt auf altem Steingeröll und ringsum herrſcht eine tiefe Stille, wie auf einem Friedhofe. Rechts in dieſem Garten, am Ende deſſelben befindet ſich über der Erde ein altes, halb eingeſtürztes Gewölbe, unterſtützt von aufeinander gethürmten Steinen und neuerem Mauer⸗ werk; dort liegt der Grabſtein. Eine dichte Epheu— wand bekleidet die alten Mauern und die immer grünen Blätter, vom Luftzug bewegt, zittern über dem offenen Sarkophag. Der alte Stein iſt ſehr be⸗ ſchädigt, da ſich die Beſuchenden häufig Steinchen davon abſchlagen. Auch mir bot der Führer ein ſolches an; doch begnügte ich mich mit einem Epheu— blatt von einem uralten Stamm, welcher ſchon lange über den Stein hing und ſeit alten Zeiten in die leere Oeffnung geſchaut. Während ich bei meinem dießmaligen, ſehr kur— zen Aufenthalt in Verona nur Zeit hatte, die alte Piazza Brà für wenige Augenblicke zu beſuchen, hatte mein Begleiter, welcher ſehr eilig war, ein kleines Pranzo(Mittageſſen) beſtellt, das wir in einer anſpruchloſen Oſteria in der Nähe der Poſt 52 einnahmen. Oſteria und Pranzo waren gleich ſchlecht. Das Gaſtzimmer ging in einen verfallenen Hof und hatte vergitterte Fenſteröffnungen ohne Gläſer; Küche, Treppe und Zimmer waren ſchmutzig und in jeder Beziehung vernachläſſigt,— Wirth und Wirthin ebenſo. Zu allem dieſem herrſchte noch ein unange nehmer Geruch von verbranntem Fett in jenem Raume und das Pranzo war in beklagenswerther Harmonie mit den angeführten Erſcheinungen. Bald ſaßen wir auch wieder in unſerer Kaleſche und verließen das alte, mir ſo liebe Verona. Die Eiſenbahn, welche die beiden Hauptſtädte des lombardiſch-venetianiſchen Königreichs, Mailand und Venedig, vereinigen ſoll, iſt, obgleich in der Poebene, wo von Terrainſchwierigkeiten gar keine Rede iſt, noch lange nicht beendigt. Feldmarſchall Radetzky, groß als Staatsmann wie als Feldherr, hat trotz der Kriegsjahre und ſeiner beſchränkten Mittel das Mögliche für den Bau derſelben gethan, und ſo iſt die Strecke von Verona nach Vicenza bei— nahe vollendet, und wird wohl noch zu Ende des Jahrs 1849 befahren werden können. Damit iſt ſchon recht viel gewonnen. Die große Lagunenbrücke, obgleich ſie bei der Belagerung viel gelitten, wird baldigſt wieder hergeſtellt ſeyn, und ſo ſind die beiden wichtigen Plätze, Venedig und Verona, auf wenige 53 Stunden nahe gerückt. Man wird zur Eiſenbahn— fahrt von Venedig hierher kaum vier Stunden brau— chen, von Verona nach Trevillo mit dem Eilwagen neun Stunden, und von dort nach Mailand mit der Eiſenbahn zwei, alſo im ganzen fünfzehn Stunden. Gleich hinter Verona ſieht man den Eiſenbahn damm und bleibt in ſeiner Nähe bis nach Vicenza. Der Weg dahin, eine ſchöne Chauſſee, bietet außer einigen alten Schlöſſern, die auf der linken Seite an den Bergabhängen liegen, wenig Intereſſantes. Nachts gegen zehn Uhr erreichten wir Vincenza, wo ich mich von meinem freundlichen, liebenswürdigen Grenadiercapitän mit meinem herzlichſten Dank trennte. Er fuhr über Treviſo weiter gegen Wien, und ich begab mich in einen Gaſthof der Stadt, gegenüber der Pferdepoſt, der mir als vorzüglich bezeichnet war. Sein gutes Renommé war begründet. Früher war dieſer Gaſthof, ein großes maſſives Gebäude, Sitz und Wohnhaus eines der mächtigen Geſchlechter von Vicenza. Eine breite, mit Statuen beſetzte Treppe führt nach oben auf einen ungewöhnlich großen Vor platz, der als Bildergallerie und Eßſaal dient, und auf welchen die Thüren zu den Gaſtzimmern münden. Ein ſehr dienſtfertiger Kellner ſchürte in dem über— großen Kamin, obgleich ich der einzige Fremde im Hauſe war, ein hellloderndes Feuer an, empfahl 54 mir das Beſte aus der Küche und nöthigte mich mit vieler Redſeligkeit eine Reihe Zimmer anzuſehen, weil dort der große Marſchall gewohnt. Dieſer Kell— ner war überhaupt ſehr geſchwätziger Natur und log mir die merkwürdigſten Einzelnheiten von der Bela⸗ gerung Malghera's mit einer Umſtändlichkeit vor, die ans Unglaubliche grenzte. Dagegen war ſein Souper vortrefflich, und das Bett in einem hohen Zimmer mit alter vergoldeter Holzſchnitzerei für eine Perſon ſo übermäßig groß, daß man ſich in demſelben ganz einſam fühlen konnte. IV. Vicenza. Bei dem Erwachen am andern Morgen war mein erſter Gedanke, auf welche Art ich nach Meſtre ge— langen könne. Die Eiſenbahn ging freilich dahin, wurde aber nur, wie mir der Kellner anvertraute, zu mili— täriſchen Zwecken benützt. Das Reſultat meines Nachdenkens war die Entſcheidung, dieſe Frage den Zufälligkeiten der nächſten Stunden und meinem Reiſeglück zu überlaſſen. Ich ſchickte vor allem, ſo bald es die Zeit er— laubte, meinen Paß in das Commandanturgebäude, um ihn, wie es nothwendig war, viſiren zu laſſen. Der Commandirende hier war der Oberſt Müllner, Chef von Boyneburg⸗Dragoner, der mich auf das Zuvor kommendſte und Freundlichſte behandelte. Er ließ mir ſeinen Wagen anbieten, um in bequemer Weiſe die merkwürdigſten Punkte des blutigen Kampfes bei Vi— cenza ſehen zu können, und als ich meinen Dank hiefür 56 ſelbſt abſtattete, erwies er mir die Ehre, mich zu begleiten. Gegen zehn Uhr Morgens fuhren wir von Vi cenza ab, nachdem ich zuvor in der alten Stadt die merkwürdigen und ſchönen Bauwerke Palladio's ge— ſehen, mit welchen dieſer große Architekt ſeine Va— terſtadt ſo ſchön geſchmückt hat. Man ſieht hier, was gute Vorbilder vermögen, denn auch die meiſten ſpäter entſtandenen Gebäude haben angenehme und edle Formen und zeigen die vortreffliche Schule des großen Baumeiſters. Vicenza iſt überhaupt eine ſehr angenehme und hübſche Stadt. Die Straßen ſind gerade und reinlich, die öffentlichen Plätze groß und mit ſchönen Bauwerken umgeben, und dabei liegt Vicenza in einer fruchtbaren, waſſetreichen, herrlich angebauten Gegend an den Ufern des Bachiglione, der mit ſeinem klaren ſchönen Waſſer bei den alten, mit Epheu bedeckten Stadtmauern vorbei fließt und dort zwiſchen alten Gebäuden mit ſchönen Brücken und zerfallenen Mauern die maleriſchſten und ſchön— ſten Anſichten bildet. Die Gegend, in welcher Vicenza liegt, iſt der Garten von Venedig und verdient dieſen Namen mit Recht. Aber nicht bloß die Vegetation, auch die Men— ſchen ſind hier ſchön. Berühmt waren von jeher na— mentlich die Mädchen von Vicenza wegen ihrer ₰ Schönheit, doch vertraute mir mein Kellner mit einem tiefen Seufzer, daß ſeit der Zeit, wo die fremden Legionen unter Durando hier gehaust, manche Schön heit verblüht und manche Schöne mit dem abziehen den Heer verſchwunden ſey. Ueberhaupt kam mir die Stadt etwas verödet vor, was nach dem gewal tigen und blutigen Schlag, den die Oeſterreicher im vorjährigen Feldzug hier gegen die Piemonteſen und ihre Verbündeten ausführten, nicht zu verwundern iſt. Klang doch damals die Einnahme von Vicenza und die Erſtürmung der ſtark verſchanzten Anhöhen der Monti Bericci wie eine Fabel.„Dort werden die öſterreichiſchen Diviſionen Halt machen,“ hieß es, „hier wird ihr keckes Stürmen nicht gelingen.“ Da kam aber der alte Marſchall, und ſeine braven Trup pen erſtiegen an einem ſchönen Vormittag dieſe An— höhen mit ihren fürchterlichen Verſchanzungen, nahmen eine Batterie nach der andern im Sturmſchritt und hatten die ganze Poſition erobert, ehe man ſich deſſen verſah. Die Anhöhen, welche die Stadt auf einer Seite umſchließen, die Monti Bericci, erheben ſich aus den herrlichen Fluren der Vicentiniſchen Ebenen und bil den eine maleriſche Gruppe von Hügeln und leichten Bergen. Ihre Ausdehnung von ihrem nördlichen Fuß, an welchem Vicenza liegt, bis zu dem Fuße 58 nach Süden beträgt ungefähr zwei und eine halbe Stunde; von Oſt nach Weſt ungefähr anderthalb Stunden. Die unteren Abhänge ſind gut angebaut, und auf den Höhen ſieht man kleine Dörfer, Höfe und Caſinen, zu welchen ſchmale, enge und ſteile Fahrwege führen, die das ohnehin ſchon durch Schluch— ten zerſchnittene Terrain noch ſchwieriger machen. Hier hatte ſich General Durando ſeit dem 23. Mai vori gen Jahres fürchterlich befeſtigt. Auf dieſen Monti Bericci waren alle Vorſprünge, welche die Ebene be— herrſchen, mit ſehr feſten, ſoliden Werken und mit Batterien vom ſchwerſten Kaliber verſehen. Geſchütze und Munition hatte man mit der Eiſenbahn von Ve⸗ nedig kommen laſſen. Die Batterien lagen etagen⸗ förmig über einander und unterſtützten das Kloſter und die Kirche Madonna del Monte, welches äußerſt maſſiv erbaut zu einer kleinen Feſtung umgeſchaffen und, als ein Hauptſchlüſſel der ganzen Vertheidigung, mit den beſten Truppen, mit Schweizern, beſetzt war. Seitwärts dieſes Kloſters, wo ſich die Berge etwas höher erheben, fingen die Verſchanzungen wieder an und erſtreckten ſich bis zu dem höchſten Gipfel, wo auf einer kegelförmigen, einzeln ſtehenden Spitze„zur ſchönen Ausſicht“ ein ſehr feſtes Blockhaus aufgeführt war, welches in der Verlängerung des einzigen, breiten Wegs, der über dieſe Höhen führt, ſo ſtand, 59 daß man denſelben vom Blockhaus aus ſehr wirkſam mit Kartätſchen beſtreichen konnte. Alle dieſe Ver ſchanzungen waren außerordentlich feſt und umfang reich und aus allem möglichen Material gebaut, eine wahre Muſterkarte von Batterien. Neben Schanzen von Faſchinen und Erde war an einem ſteilen Ab hang eine Sandſackbatterie erbaut, welche den untern Theil des eben erwähnten Weges Verderben drohend beherrſchte. Nachdem ich dieſe Befeſtigungen geſehen— ſie waren zum größten Theil, obgleich zerſtört und zer ſchoſſen, noch vorhanden— ſo begriff ich vollkommen, wie ſich die öſterreichiſchen Offiziere am Tage nach der Einnahme auf's Höchſte verwunderten, wie es eigentlich möglich geweſen, dieſe Stellung einzuneh men. Die Bergwände, welche von den Oeſterreichern zu erſtürmen waren, ſind mit Steingerölle bedeckt, zerklüftet und mit niederem Strauchwerk verſehen, das wenig Deckung gegen die feindlichen Kugeln bietet und nur das Vordringen erſchwert. Außerdem befand ſich die Stadt ſelbſt noch in einem Achtung gebietenden Vertheidigungszuſtande. Ueber zweihundert Barrikaden ſperrten die Gaſſen, alle Brücken waren abgebrochen, das Pflaſter aufge riſſen und jedes Haus ſo zu ſagen zu einer Feſtung gemacht. Neben einer fanatiſirten Bevölkerung befanden 60 ſich überdieß bei 15,000 Mann Truppen in der Stadt. Kurz die Piemonteſen hatten Behufs der Vertheidigung nichts verſäumt und glaubten nicht, daß es den Oeſterreichern möglich ſeyn werde, Vi cenza zu erobern. General Durando, der Oberbefehls haber der päpſtlichen Truppen, erklärte öffentlich, es ſey unmöglich, Vicenza in kurzer Zeit und ohne die größten Verluſte zu nehmen, ſelbſt wenn 200,000 Oeſterreicher es angreifen würden. Doch ſollte er bitter enttäuſcht werden. Die Italiener ſind keine Spanier und Vicenza ſollte kein Saragoſſa werden. In einem leichten Wagen mit zwei guten Pfer den beſpannt fuhren wir den Monte Berico hinauf und der freundliche Oberſt zeigte mir jede Poſition und erklärte mir mit der Sachkenntniß ſeines Stan⸗ des den Verlauf der Schlacht. Die Brigade des General Culoz hatte die Ehre der gefährlichſten Stel— lung und des erſten Angriffs. Sie war auf den Höhen bei Arcugnano aufgeſtellt, um auf deren Rücken vorgehend die Verſchanzungen oben anzugreifen und in erſter Linie das ſtarke, oben erwähnte Block— haus zu nehmen. Das erſte Armeecorps war unten im Thal bei Longara und Debba am rechten Ufer des Bachiglione aufgeſtellt, ſein rechter Flügel ſollte gegen die Stadt vorgehen, ſein linker die Höhen des Monte 61 Berico langſam erklimmen und ſich mit der Brigade Culoz in Verbindung ſetzen. Die Brigade Wohlge muth auf dem linken Ufer des Bachiglione ſollte von Secula her vorrücken, um mit dem zweiten Armee corps die Verbindung zu unterhalten. Dieß zweite Armeecorps, welches auf der Straße von Padua ſtand, hatte die Beſtimmung, die Stadt von der Oſt— ſeite anzugreifen. Man ſieht aus dieſer Diſpoſition, daß die Oeſterreicher die Stadt in einem großen Halb— kreis eingeſchloſſen hatten, deſſen rechter Flügel ſich unten im Thale, der linke auf den Anhöhen bei Arcugnano befand. Wir fuhren bis auf die Spitze des Berges, wo eine prachtvolle Villa, die Caſa Ramboldo, mit einer herrlichen Ausſicht nach allen Seiten hin, einſam und trauernd in einem jetzt ſtillen und melancholiſchen Garten liegt, umgeben von hohen Fichten und dunkeln Pinien. Das Haus war verlaſſen und nur von einem Aufſeher bewohnt. Es hatte bei dem Kampfe, welcher hier begann, nicht ſo viel gelitten, als man wohl glauben könnte. In dem Garten mit ſeinen ſchönen Blumenbeeten, mit Teichen voll ſtillen Waſ— ſers, mit Brücken und feinen Kieswegen, herrſchte tiefe Stille. Kein ſeidenes Kleid rauſchte zwiſchen den Laubgängen und kein menſchlicher Laut ſtörte die ländliche Ruhe. Der Wind rauſchte durch die Pinien und hoch über uns ſtieß zuweilen ein Raubvogel einen kurzen gellenden Schrei aus!— Auch die Berge vor uns lagen wie in tiefem Schweigen erſtarrt nach all dem Schrecklichen, das ſie vor nicht langer Zeit er— lebt, und dem Traurigen, was ſie in ihrem Schooße bargen:— wir ſahen an vielen Orten große Gräber der hier gefallenen Krieger. Von hier aus ſoll des Morgens der Anblick der kämpfenden Armeen ein S herrlicher geweſen ſeyn. Das Wiederhallen des Ge— ſchützes in den Bergſchluchten, das Aufblitzen aus den Batterien, der Pulverdampf, der in den ver⸗ ſchiedenartigſten Formen über dem grünen Strauch— werk herdrang; das Hurrah der angreifenden Jäger, welche an den Abhängen vertheilt unaufhaltſam vor drangen, und dazu die weite Ausſicht auf das Thal, wo im Sonnenſchein die Bajonette der öſterreichiſchen Truppen in langen Reihen blitzten und wo der ſchwarze Adler im gelben Felde munter faatterte; weiter hinaus gegen Venedig aber die ſchöne frucht— bare Ebene, wie im tiefſten Frieden mit wallenden Korn- und Reisfeldern, mit Rebgeländen und immer grünen Olivenbäumen reich bepflanzt. Caſa Ramboldo wurde ſchon vor Tagesanbruch durch Oberſt Hahne von den Oeſterreichern genommen. Vor ſich hatten die tapfern Truppen den breiten Weg, der an mehreren Stellen abgegraben war und auf we 63 welchen das in der Verlängerung deſſelben gelegene Blockhaus einen furchtbaren Kugelregen ausſprühte; rechts und links warf ſich die tapfere Infanterie(La⸗ tour und Oguliner) in die Gebüſche an der Straße und ging im Sturmſchritt vorwärts. Das Blockhaus wurde mit Raketen in Brand geſteckt und alsdann von der Infanterie erſtürmt. Wie freudig mag es dem Feldmarſchall und der Armee in der Ebene, wie traurig aber den Italienern zu Muth geweſen ſeyn, als ſie auf der Spitze des Berges die grauen Rauch wolken des brennenden Blockhauſes erblickten. Die Erſtürmung deſſelben war ein ſchöner Anfang des glorreichen Endes und dem General Durando mögen dieſe Rauchwolken mit dem Blitzen der Geſchütze als ein Verderben verkündendes Gewitter erſchienen ſeyn, das anfing ſich über Vicenza und ſeinem Haupte zu entladen. Ueber den Verlauf dieſes Kampfes ſchreibt der Berichterſtatter über:„die kriegeriſchen Ereigniſſe in Italien im Jahr 1848“(ein gediegenes Werk) Fol gendes: „Es trat nun eine Pauſe ein, weil dem Feld marſchall ein vereinzeltes Vordringen der Brigade Culoz, bevor der combinirte Angriff aller Corps er folgen konnte, nicht räthlich ſchien. Dieſer General erhielt gleichzeitig einige Verſtärkung an Truppen und —— 64 Geſchütz. Des Feldmarſchalls Anordnungen waren auf möglichſte Schonung der Truppen berechnet, ſeine überlegene Artillerie hauptſächlich ſollte die Bezwin⸗ gung des Feindes erwirken. Er verfügte ſich per ſönlich auf einen Hügel in der Nähe des Monte Berico und hielt den linken Flügel ſo lange zurück, bis die mit einer großen Linksſchwenkung verbundene Vorrückung des rechten Flügels vollzogen war und der letztere auf allen Punkten im Gefechte ſtand. Erſt um zwei Uhr Nachmittags eröffnete General Culoz das Feuer ſeiner Geſchütze gegen die Verſchanzungen des Monte Berico. Dieſen Angriff unterſtützte die zur Rechten gegen die Villa Rotonda ſich bewegende Brigade Clam. Nachdem das Geſchütz- und Plänklerfeuer eine Stunde angehalten hatte, unternahmen die Schweizer einen kühnen Ausfall vom Monte Berico gegen den Monte di bella viſta und näherten ſich der öſterreichiſchen Stellung bis auf fünfzig Schritte, allein eine Kar— tätſchenlage und das gleichzeitige Heranrücken des zehnten Jägerbataillons, ſo wie der Regimenter La tour und Reiſinger nöthigte ſie zum Rückzug. Die römiſchen Civiciſten ergriffen zum größten Theil die Flucht oder verſteckten ſich in Häuſern und Kellern. Das zehnte Jägerbataillon erſtürmte den Monte Be— Hauptmann rico, Jablonski war der erſte auf der 65 Schanze. Die Oeſterreicher, ſchreibt ein päpſtlicher Schweizeroffizier, ſchlugen ſich äußerſt tapfer, beſon⸗ ders ſah man ihre Offiziere mit der größten Todes verachtung kämpfen. Nun war zunächſt das Kloſter Madonna del Monte zu behaupten, allein den Schweizern wurde befohlen, ſich nach der Stadt zurückzuziehen. Mur rend gehorchten ſie, doch wurden noch der Thurm und vereinzelte Häuſer vertheidigt, aber vom nachdringen den Feind erſtürmt. Unter den erwähnten Säulen hallen ſetzten ſich die Schweizer auf's Neue, allein da nun auch die Brigade Clam nach Erſtürmung der Villa Rotonda ihre linke Flanke bedrohte, zog man die Truppen gänzlich nach der Stadt zurück. Auf dem linken Ufer des Bachiglione erſchwerte den Angriff die dichte Cultur, welche den Kanonen die Zielpunkte verbarg und die Wirkung des Hori zontalſchuſſes ſchwächte. Es ließ ſich daher einzig vom Wurfgeſchütz ein befriedigendes Ergebniß erwar ten. In dieſer Vorausſicht hatte man in Mantua eine Batterie von vier Mörſern ausgerüſtet, welche jetzt gute Dienſte leiſteten. Ohne alle künſtliche Deckung gegen den feindlichen geraden Schuß wurden ſie im Beiſeyn des Oberſten Stwrtnik auf offenem Felde nur auf fünfhundert Schritte von der feind lichen Linie aufgeſtellt(eine Arbeit, die nicht ſo leicht Hackländer, Soldatenleben im Krieg. II 5 66 vor ſich geht, wie das Auffahren von Feldkanonen) und warfen noch im Laufe des Abends neunzig Bom⸗ ben in die Stadt. Noch ſchwieriger war die Aufgabe der auf dieſer Seite von dem General Fürſt Friedrich Liechtenſtein vorgeführten Infanterie. Bei der Padua— niſchen Vorſtadt wehrten ein Erdwall und die neben demſelben befindlichen durch einen tiefen Graben und ſtarken Verhau geſchützten Häuſer dem Vordringen der Oeſterreicher und die zwiſchen dieſer Vorſtadt und derjenigen von Santa Lucia gelegene Linie war neben verſchiedenen Schanzen und Gebäuden durch einen breiten naſſen Graben geſchützt, durch welchen die Jäger des achten Bataillons und die Ungarn von Franz Karl im Sturm unverſehens aufgehalten wur den. Nur mit empfindlichem Verluſt zogen ſie ſich aus dieſer Lage. Die Vorſtadt Santa Lucia ſelbſt griff Generalmajor Fürſt Wilhelm Taxis an und be mächtigte ſich einiger Häuſer, allein die Barrikaden, welche zwei Compagnien Schweizer beſetzt hielten und das nächſtgelegene Seminar blieben im Beſitz der tapfern Vertheidiger und die heldenmüthigen Anſtren— gungen der Regimenter Kaiſer und Haugwitz erreich⸗ ten nichts mehr als die Wiedereinnahme einiger anſtoßenden Häuſer, aus welchen ſie der entſchloſſene Feind nach dem erſten Angriff verdrängt hatte. Bald nach dem Verluſt des Monte Berico wehte 67 von mehreren Thürmen der Stadt die weiße Fahne. Auch an einigen Barrikaden wurde ſie aufgepflanzt, von den Schweizern aber ſogleich heruntergeriſſen. Um Mitternacht jedoch erſchienen Parlamentäre bei den öſterreichiſchen Vorpoſten, um im Namen Duran— do's wegen Uebergabe der Stadt zu unterhandeln. Die Capitulation wurde am 11. Juni um 6 Uhr früh unterzeichnet. Sie lautete dahin, daß die päpſt lichen Truppen in der Mittagsſtunde ihren Abzug über Eſte und Rovigo nach dem Po anzutreten hat ten, und ſich verpflichteten, drei Monate nicht gegen Oeſterreich zu dienen. In Betreff der Einwohner gab der Feldmarſchall das Verſprechen, ſie in Bezie hung auf das Vorgefallene nach den wohlwollenden Grundſätzen ſeiner Regierung zu behandeln.“ „Die Oeſterreicher,“ ſchreibt ein päpſtlicher Schweizeroffizier,„behandeln unſere Verwundeten nicht wie Feinde, ſondern wie Brüder, und gemeine Sol— daten haben nach ihrer Heimkehr zu erzählen gewußt, wie der Feldmarſchall in Perſon den Spital beſucht und ſie freundlich getröſtet habe.“ Noch am Ende des 11. Juni brach General Culoz nach Verona auf, am 12. in der Frühe folgte das erſte Armeecorps ihm nach. Der Feldmarſchall eilte dem letztern perſönlich dahin voraus. Das zweite Armeecorps blieb einſtweilen in Vicenza. 68 Das Defiliren der abziehenden italieniſchen Be— ſatzung von Vicenza, Schweizer, Piemonteſen, Römer, Linientruppen und Freiſchaaren durcheinander ſoll, namentlich was die letztern anbelangt, ein ganz er götzlicher Anblick geweſen ſeyn. Der alte Marſchall hatte ſich mit ſeinem Generalſtabe vor das Thor gegen Verona aufgeſtellt und ließ die feindlichen Truppen bei ſich vorüberziehen. Zuerſt kamen die Schweizer, ſodann die Artillerie, und ihnen folgte die reguläre Infanterie, dann die Guardia Civica von Rom, Bo logna ꝛc., Crociati und Freiſchaaren, und, da das Schönſte immer zuletzt, ſo machte den Beſchluß ein Corps Amazonen— zum Theil ſehr hübſche Mädchen— mit Schwertern umgürtet und Blicke auf die öſterreichi— ſchen Truppen werfend, als wollten ſie den ſiegreichen Feind damit vernichten. Als dieſes Corps der Rache vorbei marſchirte, lächelte der alte Marſchall und eine große Heiterkeit bemächtigte ſich der ganzen Umgebung. Unter der Beſichtigung dieſes denkwürdigen Schlachtfeldes, unter den intereſſanten Mittheilungen meines gütigen Begleiters war die Zeit ſchnell in angenehmſter Weiſe dahingeeilt. Es war Mittag geworden, als wir nach Vicenza zurückkehrten, und unterdeſſen hatte ſich für mich eine herrliche Gelegen— heit gefunden, nach Meſtre zu kommen. Es ging nämlich um zwei Uhr auf der Eiſenbahn ein Convoi r be ei G fc 1 3 . *1 P 69 mit einem großen Pulvertransport zu dem Belage rungsheer, dem ich mich anzuſchließen die Erlaubniß bekam. Die Zeit bis zur Abfahrt benützte ich zu einem ſehr ſoliden Frühſtück und beſuchte zu dem Ende die berühmte Reſtauration ai tre Garo⸗ fanni, die beſte in Vicenza, ja vielleicht in ganz Italien. Vor zwei Uhr ging ich zur Eiſenbahn und fand da, von Mailand angekommen, die Erzherzoge Franz Karl und Leopold, ſo wie den Herzog von Württemberg und mehrere andere Offiziere, welche ebenfalls an der Belagerung von Malghera Antheil nehmen wollten. Unter ihnen befand ſich zu mei— nem großen Vergnügen Oberſt Schlitter, ſo wie auch der Oberſt Baron Reiſchach, Commandeur von der Prohasca⸗Infanterie. Wir fuhren ab, ließen die Monti Bericci hinter uns und glitten mit Win— deseile durch die weite Ebene, die ſich von hier bis zu den Lagunen von Venedig erſtreckt. Rechts ſahen wir neben uns das berühmteſte Bauwerk Pal— ladio's, die Villa Rotonda, deren Anblick mir um ſo intereſſanter war, da ſie im Kampfe von Vicenza von den Schweizern hartnäckig vertheidigt und von dem tapfern Oberſt Reiſchach, der mit uns im Wa gen war, an der Spitze ſeiner braven Infanterie genommen wurde. Der Oberſt holte ſich hier eine 5 70 ſtarke Verwundung, aber auch als wohlverdienten Lohn— das Thereſienkreuz. Nach einer Stunde erreichten wir Padua und bemerkten bald darauf am Horizont, daß wir uns einer belagerten Feſtung näherten. Hie und da ſtieg weißer Pulverdampf auf und ein dumpfer Schuß dröhnte von dem Fort Malghera herüber. Als wir näher kamen, bemerkte man deutlich, daß ſie mit ſchweren ſechzigpfündigen Bomben nach Meſtre warfen. Bald ſah man eines der ſchweren Geſchoße zu unſerer Seite in den Boden hineinſchlagen und die Gewalt der platzenden Klugel warf die Erde hoch empor; bald zerſprang eine Bombe in der Luft und man hörte einen dumpfen Knall und hoch über uns, an der Stelle, wo die Kugel zerſprungen, ſchwebte eine ſchwarze compacte Rauchwolke, die erſt nach einiger Zeit vom Winde langſam verweht wurde. Da die Eiſenbahnſtation von Meſtre den feindlichen Schüſſen zu ſehr ausgeſetzt war, und die Kugeln oftmals weit darüber hinausſchlugen, ſo machte der Convoi dieſſeits deſſelben, bei dem letzten Telegraphenthurm vor Meſtre, Halt, wo wir dann ausſtiegen. NW. Meſtre.— Straßenleben.— Feldmarſchall- lientenant Haynau. Es war ein etwas trüber, neblicher Tag und nur aufmerkſam gemacht durch den Blitz und Pul verdampf ſah man das Fort Malghera in unbeſtimm— ten Umriſſen. Meſtre, das kleine Städtchen, lag dicht vor uns, aber ſtatt der langen Waarenzüge, die in früheren Zeiten zu allen Stunden des Tages mit Obſt und Gemüſe beladen, nach Meſtre zogen, um die jenſeits gelegene Königin des Meeres, die ſtolze Venezia, damit zu verſehen, erblickte man heute nach allen Seiten nichts als Militär mit Trans porten oder Belagerungsarbeiten beſchäftigt. Dort zogen lange Reihen von Wagen, meiſt mit Ochſen beſpannt, und fuhren Reiſig und Baumzweige, aus welchen Faſchinen und Schanzkörbe angefertigt wur— den. Ihnen folgten große Züge Munitionswagen und Artilleriſten mit ledigen Pferden, welche Ge— ſchütze von einem Ort zum andern gebracht. Quer die Felder durchſchneidend, kamen von den außerhalb des Orts liegenden Häuſern große Haufen Infan terie, aber ohne Waffen. Sie hatten den langen grauen Mantel an, und die Holzmütze auf dem Kopfe. Ihre dunkeln, broncefarbenen Geſichter zeigten an, daß es Croaten ſeyen, ſo wie die Schaufeln und Hacken, daß ſie zur Schanzarbeit gingen. Einzelne Ordonnanzen ritten dazwiſchen durch und Offiziere des Geniecorps und der Artillerie ſprengten mit ihrem Gefolge über Wieſen und Gräben und ritten hinaus zu den angefangenen Werken, um ſie in Augenſchein zu nehmen. Das alles zuſammen bot ein lebendiges militäriſches Bild von ganz anderem, ungleich ernſte— rem Charakter, als ich es früher beim Bivouak, ja ſogar bei der Schlacht geſehen. Im Gewühl der Schlacht rollen die Trommeln, knallen Gewehrſchüſſe, luſtiges Hurrah der Angreifenden ertönt, Cavallerie klirrt und raſſelt vorbei, die Pferde ſchnauben, die Reiter glänzen, Staubwolken fliegen auf, zwiſchen ihnen durch ſtrahlen tauſende von Bajonneten und uͤber allem das Flattern der bunten Fahnen im friſchen Winde. Hier dagegen von allem dem nichts: es glänzt kein Säbel und keine Bajonnetſpitze, rings umher tiefe Ruhe, eine unheimliche Stille, nur unterbrochen durch die dumpfen Schüſſe aus der Fe— ſtung oder das Sauſen einer Granate, die zufälliger und unangenehmer Weiſe etwas nahe kommt. Der Soldat marſchirt ſchweigend dahin, er darf nicht ſingen oder Hurrah rufen, um den Feind in der Feſtung nicht unnöthiger Weiſe aufmerkſam zu machen, und der ganze Trupp, der dort hinaus zur Arbeit zieht im Mantel, deſſen graue Farbe nicht vom Weiß des Lederzeugs unterbrochen wird, ſieht aus, als zöge er zu einer Leichenfeier, zu einem Begräbniß. Dieß iſt denn in der That auch der richtige Ausdruck, denn die Offiziere und Soldaten, welche in die Tranchéen oder zum Batterienbau beordert ſind, müſſen immer der Kugel gewärtig ſeyn, ſie können ſich nicht da gegen ſchützen, ſie graben ſehr häufig ihr eigenes Grab und das ihrer nachfolgenden Kameraden, die vielleicht in den tiefen Laufgräben von der Vollkugel darniedergeſtreckt oder von der Granate zerriſſen werden. Einzelne ſolcher armen Bleſſirten wurden zur Eiſenbahn hin uns entgegengetragen, um mit dem zurückkehrenden Convoi auf die ſanfteſte Art in das große Militärhoſpital nach Padua gebracht zu werden. Die Eiſenbahn war überhaupt von großem Nutzen für die Belagerer, ſowohl um Verwundete, als auch Truppen zu transportiren und Baumaterialien, Pul ver, Kugeln, Geſchütze von den Feſtungen Verona 74 und Mantua zu beziehen. Auf unſerem Wege nach Meſtre— der Telegraphenthurm, wo der Convoi hielt, liegt ungefähr eine kleine halbe Stunde vor dem Ort— kamen wir bei dem großen Artilleriepark vorbei, der auf der Landſtraße aufgefahren war. Die Felder um Meſtre waren durch Regen und durch Nach— barſchaft der Lagunen ſo mit Waſſer getränkt, daß die ſchweren Geſchütze dort unfehlbar eingeſunken wären und deßhalb hier auf der feſten Straße aufgeſtellt werden mußten. Hier war eine Geſellſchaft ſchöner Stücke bei— ſammen; neben ſchwarz und gelben Laffetten ſah man dunkelblaue piemonteſiſche, von dem bekannten Geſchütz— park aus Peschiera, unter ihnen die berühmten ſechs Apoſtel, ſchöne, ſchlanke, metallene Zweiunddreißigpfün⸗ der, die einen guten Effekt verſprachen, ſobald ihnen geſtattet würde, ihren metallenen Mund aufzuthun. Im Ganzen waren hier: 14 Stück ſechzigpfün dige Mörſer, 31 Stück vierundzwanzigpfündige Ka nonen, 10 Stück achtzehnpfündige Kanonen, 8 Stück lange Haubitzen, 7 Stück ſchwere Paixhans, 6 Stück zweiunddreißigpfündige Kononen, 4 Stück kurze ſchwere Haubitzen und 3 Stück zwölfpfünder. Man begreift leicht, daß Meſtre mit Soldaten überfüllt war, da in dem kleinen Ort und den um— liegenden Höfen 25,000 Mann zuſammengezogen waren. Selbſt vor dem kleinſten Hauſe, an welchem 75 wir vorbeikamen, ſah man eine Menge Soldaten ſitzen, und wo irgend ein anſehnliches Gebäude war, ſah es aus, wie vor einer Kaſerne. Das Lederzeug hing am Fenſter und oben wurde geputzt und ange ſtrichen, unten aber ſaßen die Soldaten, auch hier meiſtens von den Grenzregimentern, in langen Rei hen und ruhten von der Arbeit aus oder bereiteten ſich vor, mit der Dämmerung in die Laufgräben hin— auszugehen. Die meiſten Einwohner waren theils vor der übergroßen Einquartierung, theils vor den Kugeln aus Malghera, die ſchon jetzt auf ver chie denen Punkten in die Stadt einſchlugen, mit ihren Habſeligkeiten geflüchtet; deßhalb waren die Neu angekommenen, mit Ausnahme der Erzherzoge, was unſer Unterkommen anbetraf, in ziemlicher Ungewiß— heit. Der Oberſt Schlitter nahm ſich meiner, wie gewöhnlich, freundlichſt an, und wir beſchloßen, der Reihe nach in den Häuſern am Wege, nach einem beſcheidenen Plätzchen für uns zu forſchen. Lange ſuchten wir vergebens und wo wir ein anſtändiges Haus ſahen und auf Aufnahme darin hofften, war es ſchon beſetzt. Endlich fanden wir im Orte ſelbſt eine gaſtliche Thür, gutwillige freundliche Hausleute, die uns wenigſtens für die Nacht ein Unterkommen verſpra⸗ chen. Sie hatten in ihrem Hauſe noch zwei Zimmer 76 unbeſetzt, welche unter den gegenwärtigen Umſtänden, was Reinlichkeit und Bett anbelangt, unſere kühn— ſten Erwartungen übertrafen. Ich hatte ſogar einen Lehnſtuhl in meinem Zimmer. Dieſe Gemächer waren allerdings für ein Paar höhere Offiziere beſtimmt, die erwartet wurden, doch, ſo lange dieſelben nicht ankamen, konnten wir da bleiben. Das Haus hatte einen kleinen hübſchen Garten mit einigen zertretenen Blumenbeeten, mit Rebgängen und ſogar einigen großen weißen Töpfen, in welchen Aloen und Orangen wuchſen. Hinter dem Garten war der Kanal von Meſtre, über uns ein ſchöner tiefblauer Himmel, und ſo waren wir vor der Hand aufs Allerbeſte ein gerichtet. Wie hatte ſich Meſtre geändert, ſeit ich dieſe kleine Stadt nicht mehr geſehen! Die Jahreszeit war damals keine freundlichere als jetzt; denn es war zu Beginn des Winters, und es ſproßte weder Grün an den Bäumen noch auf den Feldern und Wieſen; aber ein lebhafter Handelsverkehr herrſchte auf den Straßen des Städtchens. Bauern aus der ganzen Umgegend, an ihren verſchiedenartigen Coſtümen kenntlich, ſtanden in Gruppen beiſammen, dazwiſchen Kaufleute aus Venedig, Gondelführer, Weiber, Kin— der, und Alles das handelte und lärmte und ſchrie durcheinander. Dazwiſchen fuhren langſam große 77 Wagen mit Fiſchen beladen, mit Früchten und Ge— müſen aller Art, und Alles das wurde von den Kar ren in die großen Marktboote geladen und hinaus gerudert in das Waſſer, weit hinaus bis zu der ſchönen Stadt, die, inmitten der ſtillen Fluthen thronend, dieſen Tribut von dem umliegenden Land verlangt und zu ihrer Erhaltung nothwendig braucht. Welche Menge kleiner ſchwarzer Gondeln lag damals hier beiſammen, und man hatte die Auswahl unter zwanzig bis dreißig, und warf ſich in die ſchwellen den Kiſſen, vergnügt, bald nach Venedig zu kommen. Der Gondolier trieb ſein Schifflein durch die dicht zu ſammengedrängte Maſſe von Fahrzeugen aller Art und fluchte halblaut und auch wohl recht laut, je nachdem ihn eine andere Gondel berührte, oder ein großes ſchmutziges Marktſchiff ſtreifte. Bald war man im freien Waſſer des Kanals von Meſtre und die Gondel ſchoß wie ein Delphin dahin. Nach einer kleinen halben Viertelſtunde wandte ſich der Gondolier um, zeigte auf einige Erdwerke rechts und links oder auf einen öſterreichiſchen Soldaten, der da oben ſtand, Gewehr im Arm, und ſich die Vorüberſchiffenden neugierig betrachtete, und ſagte: Malghera. So, das iſt Mal ghera, das Hauptfort, der Brückenkopf von Venedig. Man fuhr gleichgültig durch die Werke, ſah Palli— ſaden und Schießſcharten und vergaß im nächſten Moment beim Anblick der weitern Waſſerfläche, in welche man nun hinausruderte, das Fort wieder. So damals— nicht ſo heute. Die erſte Nacht unſeres Aufenthalts hatten wir alle recht gut geſchlafen; nur zuweilen wurde ich auf geſchreckt durch einen Schuß aus Malghera, der dumpf herüberkrachte und die Fenſterſcheiben erzittern ließ. Als ich am andern Morgen die hölzernen Läden meines Fenſters öffnete, ſtrahlte mir ein entzückend ſchöner Frühlingstag entgegen. Die Sonne glänzte und ſpiegelte ſich auf dem Kanal zu meinen Füßen und warf einen goldenen Schimmer auf die ſaftig grünen Reis⸗ und Fruchtfelder. Die Luft war klar und blau, und der Rauch aus den Schornſteinen ſo wie aus den Feldern, wo die Wachtfeuer munter brannten, ſtieg kerzengerad in die Höhe. Die Feld— toilette war bald in Ordnung, und ich ging in das Kaffeehaus auf dem Marktplatz der Stadt, nachdem ich vorher einen kleinen Gang durch verſchiedene Straßen gemacht. Wie war hier Alles verändert! Von den Einwohnern war faſt niemand mehr zurück— geblieben, und aus den Fenſtern, die nicht verſchloſ— ſen waren, blickten Offiziere und Soldaten heraus. Auf den Straßen ſah man ebenfalls nur Militär, in Trupps beiſammen ſtehend oder vorübermarſchirend oder kleine häusliche Arbeiten verrichtend. Nur 79 wenige öffentliche Anſtalten der Stadt waren als Aus— nahme von der Regel des Augenblicks von ihren Be— ſitzern nicht verlaſſen. Es waren dieß zwei oder drei Kramladen, das Café und der erſte Gaſthof der Stadt. Die beiden letztern Anſtalten mußten, wie man ſagte auf Befehl des Commandirenden, in voll— kommen ſolidem Stand fortgeführt werden. Natür⸗ lich brauchte der Wirth nur gegen gute Zahlung und nur das zu liefern, was ihm aus der Umgegend her— beigeſchafft wurde; doch fehlte es für die Offiziere nie am Nothwendigſten. Im Café hatte man Mor⸗ gens ſeinen guten Kaffee, weiß oder ſchwarz, wie man es verlangte, auch Brod dazu, und zweierlei Cigarren, ſogenannte Havannah und Rattenſchwänze. Im Gaſthaus gab es beſtändig nach der Karte zwei— bis dreierlei Fleiſch, Gemüſe oder Mehlſpeiſe und Salat. Die Zubereitung ließ aber viel zu wünſchen übrig, und was die Reinlichkeit anbelangte, ſo mußte man beide Augen zuſchließen. Der Koch dieſes Eta— bliſſements hatte begreiflicher Weiſe eine gewaltige Furcht vor den ſchweren Bomben, die zuweilen in die Stadt einſchlugen, und dieſer Ehrenmann konnte einigemal nur durch eine Wache, die man ihm bei gab, vermocht werden, nicht bei Nacht und Nebel durchzugehen. Aber er ſowohl wie der Wirth ließen ſich Angſt und Schrecken gehörig bezahlen, und man 80 dinirte hier theurer als in der beſten Trattorie zu Mailand. Vor dem Kaffeehaus waren ſchon in aller Frühe eine Menge Offiziere der verſchiedenſten Waffenarten und Regimenter beiſammen, namentlich von den Grenzregimentern, aus welchen der größte Theil des Belagerungscorps beſtand, ſah man eine große An zahl. Sie zeichnen ſich von den Infanterieregimen tern dadurch aus, daß ihre Waffenröcke ſtatt weiß von dunklem Tuch ſind. Außer ihnen ſah man viele Offiziere der ſteyeriſchen freiwilligen Schützen mit der weißen Spielhahnfeder auf dem grauen Tyroler hute; ferner Offiziere des Generalſtabs der Artillerie, namentlich aber des Geniecorps, welche letztere hier außerordentlich ſchweren Dienſt hatten. Von zwölf zu zwölf Stunden ſollte ſie abgelöst werden, waren aber oftmals von 48 Stunder 36 im Dienſt, und in welch anſtrengendem Dienſt! Oft Tage lang in Waſſer und Schlamm ſtehend, immer bei den vorderſten Arbeitern wußten dieſe braven Offiziere durch ihr Beiſpiel den Muth ihrer Leute aufrecht zu erhalten und die Ar beiten mit einer Ausdauer fortzuführen, die ans Wunderbare grenzte. Sie hatten ſich auch hiezu mit zweckmäßigen Anzügen verſehen, und während ſie der graue ſehr praktiſche Paletot von oben gegen den Regen ſicherte, waren ſie unten einigermaßen 81 geſchützt durch große Waſſerſtiefel, welche bis über das Knie reichten. Wenn aber die Arbeit vorüber war und man ſich im Café verſammelte, war alles heiter und guter Dinge. Ueberall in Italien iſt das Café der Ver einigungspunkt der Offiziere der Garniſon, um ſo mehr hier, wo es keine andere Zerſtreuung gab und wo faſt alle Truppen, welche in die Laufgräben be⸗ ordert waren, hier vorbei mußten. Stillſchweigend in grauem Mantel und Holzmütze marſchirten die Abtheilungen hin und her, den Ausziehenden wurden freundliche Grüße nachgerufen—„Auf Wiederſehen! — Seyd's fleißig!“— den Zurückkehrenden drückte man die Hand und ließ ſich ſchnell erzählen, wie es draußen bei den Belagerungsarbeiten ſtände. Wagen mit Munition, Schanzzeug und Kugeln beladen zogen in langen Reihen durch, um theils ihre Ladungen den Arbeitern zuzuführen, theils dieſelben in den ſchon fertigen Pulverkammern unterzubringen. Artille— rieoffiziere ritten hin und her, ſteckten ſich bei dem Café ihre Cigarren an und erzählten von merkwür⸗ digen Schüſſen, die draußen geſchehen. Man kann ſich leicht denken, wie geſpannt man auf den Tag war, an welchem unſere Batteriebauten beendigt ſeyn würden und die öſterreichiſche Artillerie die ewigen Neckereien aus Malghera beantworten könnte; doch Hackländer, Soldatenleben im Krieg II. 4 6 82 war bis dahin noch viel zu thun, und wer das Ter rain um Malghera kennt, wer die ſumpfige Nie derung geſehen hat, in welche man Parallele und Laufgräben einſchneiden mußte, der kann ſich einen Begriff machen von der Müſhſeligkeit dieſer Arbeit. Malghera, welches weſtwärts von Venedig liegt, wurde von den Franzoſen angelegt, und ſeine Be feſtigung von den Oeſterreichern vervollkommnet, aber nicht ganz beendigt. Es hängt, vielleicht in der Hälfte ſeiner Umgebung, mit dem feſten Lande zu— ſammen, während die andere Hälfte an die Lagunen ſtößt. Das Fort beſteht aus einem Fünfeck mit ſtar— ken Erdwällen und Waſſergräben, welche von dem Waſſer der Lagunen angefüllt ſind. Im Innern be finden ſich zum Schutz der Mannſchaft bombenfeſte Kaſernen. Die Vertheidigung Malghera's wird un— terſtützt durch verſchiedene Außenwerke, nämlich an der Südſeite durch das ſtarke Fort Rizzardi, öſtlich durch eine Sternſchanze und auf einer Inſel in den Lagunen gelegen durch das Fort San Giuliano. Schon am 20. April ſollte die Eröffnung der Laufgräben beginnen, und ſollten dieſelben von der Chauſſee nach Padua eingeſchnitten werden. Es hatte aber vorher einige Wochen lang faſt unaufhaltſam geregnet, und das ohnehin feuchte Terrain war hie⸗ durch ſo mit Waſſer getränkt, daß es eine Unmög— 83 lichkeit war, ſich einzugraben. Schon bei einem Fuß Tiefe kam das Waſſer zu Tage, die Leute ſanken in den Moraſt ein wie die Geſchütze auf den Feldern, und zu allem dem ſtauten die Belagerer die Kanäle des Sile und ſetzten die ganze Niederung unter Waſſer. Das war nun unterdeſſen etwas beſſer ge worden. Schon ſeit mehreren Tagen herrſchte ſchöne trockene Witterung und ein friſcher Oſtwind unter⸗ ſtützte die Frühlingsſonne und half das Terrain austrocknen. Materialien zum Batteriebau, Faſchinen, Schanz— körbe, Schanzſäcke, auch die Bettungen waren theil— weiſe vorhanden, und ſo ſtanden die Sachen, als wir am 28. April nach Meſtre kamen. Die Erde war ſo weit trocken, daß am nächſten Tage, am 29. April, um Mitternacht die Erdarbeiten zu Lauf gräben und Batterien beginnen ſollten. Der Commandirende der Belagerung, Feldmar ſchalllieutenant Haynau, bewohnte ungefähr drei Mijglien von Meſtre, an der Chauſſee nach Treviſo, die Villa Papadopoli, eines der zahlreichen Land— häuſer, welche reichen Venetianern gehörend, und jetzt in Folge des Krieges leer ſtanden oder von Offizieren und Soldaten bewohnt wurden. Gleich vor dem Thor von Meſtre fangen dieſe Landhäuſer an und liegen da in großer Anzahl, eines 84 neben dem andern, faſt bis nach Treviſo hinaus. Bald ſind ſie klein, bald groß, bald ein einfaches Häuschen mit einigen Bäumen, bald ein mächtiger Palaſt inmitten eines großen Gartens, der von Waſſergräben durchſchnitten und von ſchön geſtutzten Hecken eingefaßt iſt. Häufig ſind die Villen mit großen Orangerien, zwiſchen denen Marmorfiguren ſtehen, verſehen. Hier verbrachten die venetianiſchen Nobili den größten Theil der ſchönen Jahreszeit, und ebenſo, wie ſie dieſelben vor Ausbruch der Re⸗ volution verließen, wohl eingerichtet, mit Allem ver— ſehen, was das gewöhnliche Leben verlangt, ja meiſtens mit dem größten Comfort, lagen ſie heute noch da. Gewöhnlich blieb ein alter Portier zur Aufſicht da, hielt die Gartenthür feſt verſchloſſen, und öffnete nur dann erſt, wenn ſich ein Quartier— macher ſehen ließ, der die Räumlichkeiten in Augen— ſchein nehmen wollte. Papadopoli liegt ein paar hundert Schritte von der Straße ab und eine gerade Allee führt auf das anſehnliche zweiſtockige Haus. Daſſelbe ſteht in einem gepflaſterten Hofe, dem kein Baum, kein Strauch Schatten verleiht. Man findet dieſes häufig bei den hieſigen Villen, und ich möchte den Grund hiezu nicht in dem Geize ſuchen, mit welchem der Italiener jeden Fußbreit Landes zur Nutzung anlegt, vielmehr 8⁵ glaube ich, daß ſie Bäume und Sträuche von ihren Wohnungen fern halten, um das Ungeziefer zu ver— meiden, das ſich in dem Grün gewöhnlich anſiedelt. Die Villa liegt ziemlich einſam, und man ſah hier außer den Schildwachen nichts Militäriſches. Ich ſollte hier dem Feldmarſchalllieutenant Haynau vorgeſtellt werden, und war äußerſt begierig, dieſen damals ſchon ſo hochgeachteten Mann und verdienten General kennen zu lernen. Er hatte ja noch vor ganz kurzer Zeit ſeinem militäriſchen Ruhme durch die heldenmüthige Einnahme von Brescia ein neues Lorbeerblatt hinzugefügt. Baron Haynau war ausgefahren, als wir an— kamen, und wir erwarteten ihn in dem Billardzim mer, welches ſich im Erdgeſchoß befand. Bald kam er an, ſtieg aus ſeinem Wagen und wir gingen ihm entgegen. Während er einige Rapporte und Briefe durchlas, hatte ich Zeit, ihn mir näher zu betrachten. Feldmarſchalllieutenant Haynau iſt ſehr groß; er überragt um ein bedeutendes die größten Männer, welche ich neben ihm ſtehen ſah. Dabei iſt ſeine Figur außerordentlich ſchlank, ja mager, ebenſo ſein Kopf mit den ſcharfmarkirten Geſichtszügen. Er hat graue Haare, blitzende aber gutmüthige Augen, eine ſehr hervorſtehende Adlernaſe und einen ſelten langen 86 grauen Schnurrbart. Derſelbe iſt im Gegenſatz zu den gewöhnlichen Bärten unter der Naſe ſchmal und geht nach beiden Enden breit auseinander, was dem ganzen Kopfe, namentlich im Winde, wenn der Bart flattert, etwas Kühnes, ja Wildes gibt. Eigen— thümlich iſt bei dem langen, vollkommen proportio nirten Geſicht das außerordentlich kleine und zurück fallende Kinn, welches in Verbindung mit dem freundlichen Blick der Augen den harten Ernſt des Geſichtsausdrucks mildert, und ihn zwar nach denkend, aber nicht finſter erſcheinen läßt. Baron Haynau iſt im Umgang ein freundlicher, ja liebens— würdiger Mann; er hat durch ein bewegtes Leben viel gelernt, viel erfahren, und ſpricht, was ſehr angenehm iſt, neben dem ihm eigenen Verſtand, mit vielem Humor. Auch den ernſteſten Dingen weiß er in der Converſation eine heitere Seite abzuge winnen, und wenn er vom Krieg, von den Gräueln der Schlacht erzählt, ſo fühlt man, daß er es für vollkommen nothwendig hielt, ſo und ſo zu handeln, daß ihm aber menſchliches Elend, Kummer und Noth. wohl zu Herzen geht. Leute, die ihn genau kennen, ſind überzeugt, er würde ſich ohne viel Worte und ebenſo bereitwillig dem Wohl des Ganzen zum Opfer bringen, als er auch ſeinen beſten Freund würde er— ſchießen laſſen, wenn es ſo ſeyn müßte, nicht aber ohne im letztern Falle vielleicht im Geheimen bittere Thränen über eine ſchwere Pflicht zu vergießen. Baron Haynau trug den grauen Generalüberrock und einen Hut mit grünen Federn. Er nahm mich ſehr freundlich und gütig auf, erlaubte mir, in Meſtre und deſſen Umgebung alles anzuſehen, was mir für meinen Zweck dienlich erſchien, und lud mich zu Tiſche. Nachmittags ſuchte ich den verehrten mir vom piemonteſiſchen Feldzug her bekannten preußiſchen General Williſen auf, der nach Meſtre gekommen war, um der Belagerung anzuwohnen. Ich fand ihn bald, und er war für mich freundlich und belehrend wie immer. Ein Gang durch Meſtre, den ich eben falls an dieſem Tag machte, zeigte mir die großen Verheerungen, die das Städtchen an der Südſeite gegen Malghera betroffen. Hier, wo früher der größte Verkehr herrſchte, wo auf dem Hauptkanal Gondel an Gondel lag, wo die buntbemalten Schiffe der Brenta aus- und einluden, wie war Alles hier verändert, verödet!—— Dort, wo ſich ehemals an ihren Uferketten die Gondeln wiegten und jeder Gondolier dem ankommenden Fremden die ſeinige anpries, war heute nicht ein Schiff, nicht eine menſchliche Seele zu ſehen. Eine Batterie ſperrte den Kanal und deſſen Mündungen. Schwere Ge ſchütze ſchauten auf das ſtille Waſſer gegen Malghera, 88 um die Stadt gegen einen Ausfall der Belagerten zu ſchützen. Die umliegenden Häuſer, meiſtens ge— ſchloſſen, oder auch hier und da mit zertrümmerten Fenſtern und Läden, ſtanden trauernd da, vor den Hausthüren lag zertretenes Stroh, Ueberbleibſel von Betten, welche die fliehenden Einwohner auf die Straße gezerrt, ſo wie alte Möbelſtücke, welche ihnen nicht der Mühe werth geſchienen mitzunehmen. Dieſe letzten Straßen der Stadt waren gänzlich verlaſſen, und da die Häuſer derſelben dem feindlichen Feuer bloßgeſtellt waren, lag auch kein Militär hier. Spuren der eingeſchlagenen Bomben und Kugeln ſah man aber an allen Ecken. Hier war ein Dach zer— riſſen, dort ein Balken zerſchmettert, Mauern waren umgeſtürzt und zwei Fenſteröffnungen in eine einzige verwandelt. Obgleich die Belagerten aus dem Fort weder auf die Arbeiter an den Laufgräben, noch auf die Stadt ſelbſt ein regelmäßiges Feuer unterhielten, ſo ſchoſſen ſie doch während des Tages häufig herüber, bald mit ſchwerem Geſchütz, bald warfen ſie Bomben des größten Kalibers; man konnte nicht einen Schritt auf den Straßen gehen, ohne den dumpfen Knall eines Geſchützes und gewöhnlich bald darauf das Zi— ſchen einer Bombe und den Schlag, wenn ſie irgend einfiel und zerſprang, zu hören. Sie ſchienen es 89 draußen zu wiſſen, daß der größte Theil der Ein— wohner mit ihren Habſeligkeiten geflohen, denn erſt am Nachmittag des Tages, von welchem ich hier rede, begann dieſes heftige und nachdrückliche Schießen auf die Stadt. Was von den Leuten hier noch zu— rückgeblieben, waren die ganz Armen, welche leider nicht die Mittel hatten, ihre Habſeligkeiten fort— ſchaffen zu laſſen, oder welche nicht wußten, wohin ſie ſich wenden ſollten. Als ich am großen Kanal ſtand und hinaus gegen Malghera ſah, erblickte ich den lang in die Höhe geſtreckten weißen Dampf aus einem Mörſer, und ſobald ich den Knall vernahm, ſauste die Kugel auch ſchon in die Straße hinein. Sie fuhr mit furchtbarer Gewalt in ein nahe liegen des Haus, zerſplitterte einen ſchweren ſteinernen Balkon, wie man ein Glas zerſchlägt, und riß ein Stück der Mauer nieder. Eine arme Frau, die ihr kleines Kind auf dem Arm hatte, ſtürzte, obgleich nicht getroffen, vor Schrecken zuſammen und war ſo außer ſich und zitterte ſo vor Entſetzen, daß ſie, als wir ſie aufhoben, nicht ſtehen konnte, ſondern von ein Paar Steyrer Freiwilligen, die bereit willigſt herbei eilten, weggeführt werden mußte. Ein anderer Fall, der vor ein paar Tagen vor— kam, war noch viel ergreifender. Eine Frau, die im Erdgeſchoß wohnte, geht auf einige Augenblicke 90 und läßt ihr kleines Kind von drei bis vier Jahren allein im Zimmer, nachdem ſie die Thüre zugeſchloſſen. Wie ſie zurückkommt und noch wenige Schritte von ihrem Haus entfernt iſt, ſchlägt eine Bombe in das Haus, bricht durch das Dach und durch zwei Stock— werke und ſchlägt brennend und ziſchend tief in den Lehmboden des Parterrezimmers, wo ſich das kleine Kind allein befindet. Man kann ſich die Angſt und das Geſchrei dieſes armen Geſchöpfes denken. Die Mutter ſtürzt hinzu und will das Kind aus der Stube reißen, wird aber von Leuten, die herbeieilen, mit Gewalt zurückgehalten. Die Kugel war am Ausbrennen und mußte in der nächſten Sekunde platzen, wo alsdann das Kind ſammt der Mutter verloren geweſen wäre; das währte vielleicht nur zwei Augenblicke, aber welche Augenblicke der Qual; glücklicher Weiſe erlöſchte jedoch die Kugel, ohne zu platzen, und das Kind war gerettet. Die Soldaten der Grenzregimenter und die luſti— gen ſteyriſchen Freiwilligen, die in der Nähe hier herum wohnten, machten ſich aber nicht viel aus den eiſernen Lerchen, die den ganzen Tag um ihre Köpfe ſchwirrten. Das Krachen aus dem Fort kümmerte ſie gar nicht mehr und wenn ſie einmal ganz in ihrer Nähe ein verdächtiges Ziſchen vernahmen, ſo ſteck— ten ſie wohl ihre Köpfe zum Fenſter hinaus, um zu 91 ſehen, wohin das eiſerne Ungeheuer eigentlich geflo gen. Nach einer mäßigen Berechnung hatten die Belagerten in Malghera ſeit der Einſchließung etwa fünftauſend Schüſſe gethan, durch welche öſterreichi ſcher Seits zwei Mann verwundet waren. Man kann gerade nicht ſagen, daß die Italiener ſchlecht ſchoſſen, denn die meiſten ihrer Kugeln fielen nach Meſtre und der nächſten Umgebung, und es war ein außerordentliches Glück, daß ſo wenige trafen. Viele Bomben ſchlugen in die Kanäle, ſpritzten einen hohen Waſſerſtrahl in die Luft und verlöſchten. Ich ſah eines Tages zwei Kroaten, die am Kanal vor ihrem Hauſe Wäſche reinigten, als eine Kugel geflogen kam und dicht vor ihnen in das Waſſer einſchlug, was aber durchaus keinen beſondern Eindruck auf ſie machte; ſie ſahen einen Augenblick von ihrer Arbeit auf und fuhren dann ruhig fort zu waſchen. Die Belagerten auf ihren Wällen waren nament lich bei Tage außerordentlich aufmerkſam auf Alles, was um ſie her vorging, und feuerten augenblick⸗ lich, ſo wie ſie ein paſſendes Ziel entdeckten, haupt ſächlich auf Offiziere, die ſich im Dienſt oder aus Neugierde außerhalb der Stadt ſehen ließen. Man konnte bei ſolchen Spaziergängen ſicher darauf rechnen, die Feinde zu allarmiren, denn wenn ſie nur eine Offiziersfeldmütze oder einen grauen Paletot erblickten, 92 ſo ziſchten augenblicklich ein Paar Granaten herüber. Auch auf die von Vicenza herkommenden Eiſenbahnzüge (obgleich die Haltſtation außer dem Bereich ihrer Ku⸗ geln lag) ſchoſſen ſie von Zeit zu Zeit, freilich ohne etwas zu treffen. Die Munition koſtete ihnen ja nichts; ſie hatten eine erſtaunliche Menge fertiger Cartouſchen und gefüllte Wurfgeſchoſſe vorgefunden, und deßhalb war es auch begreiflich, daß ſie ſogar auf einzelne Soldaten ſchoſſen, die zur Ablöſung eines vorgeſchobenen Poſtens gingen oder die den Kameraden etwas zu eſſen hinaus trugen. Bei einem ähnlichen Falle ereignete es ſich kurz nach meiner An⸗ kunft, daß ein Grenzer einen Korb mit Brod und dergleichen hinaustrug, worauf ſie augenblicklich an— fingen zu ſchießen. Jedesmal, ſo oft eine Kugel vorbeifuhr, ſetzte der Grenzer ſeinen Korb nieder und — zeigte ihnen hohnlachend einen unnennbaren Theil ſeines Körpers. VI. Ausſicht vom Guelphenthurm.— Vomben. Meſtre hat eine Kirche mit einem hohen aber ſehr ſchmalen Thurm und einen andern einzeln ſtehen— den Thurm am Ende des Marktplatzes, ein altes, maſſives und eckiges Gebäude mit einer Plattform, einer großen Uhr und Glocke und einer Telegrapheneinrich— tung. Dieſer Thurm nun war das Belvedere der Generalität und von der Plattform oben hatte man Malghera, die Lagunen und Venedig wie eine Karte vor ſich liegen. Die Beſteigung deſſelben war das einzige und größte Vergnügen, das man in Meſtre genoß. Unten hatte der Thurmwächter eine kleine Schenkwirthſchaft eingerichtet und mußte bis oben hinauf brennende Lampen unterhalten, damit man den Weg finden konnte. Der hölzerne Treppenbau dieſes Gebäudes war ſehr leicht und wenn auch nicht ge— rade gefährlich, doch unbequem. Die Plattform war von Holz, und dort verſammelte ſich, wer Zeit und 94 Erlaubniß hatte, den Thurm beſuchen zu können. Es waren in dieſem Augenblicke mehrere kaiſerliche Erzherzoge hier, ſo Erzherzog Karl Ferdinand, Erz herzog Leopold, ſo wie auch der leider ſo früh geſtor bene Erzherzog Ferdinand von Eſte. Dieſe hohen Herren ſah man täglich hier oben und mit ihnen Herzog Alexander von Württembetg, der nie fehlte, obgleich es ihm die größte Mühe machte, mit ſeinem beſchädigten Fuß die ſteilen Treppen hinaufzuklimmen. Es war ſehr intereſſant, ſo viele Bekannte und mehr oder minder berühmte Männer hier oben beiſammen zu ſehen. Unter der großen Glocke auf einer Bank ſaß gewöhnlich der Kommandirende, Baron Haynau und die Andern um ihn herum gruppirt. Auch Oberſt Jellachich, der Bruder des Bans, ein ſehr liebens— würdiger Mann und eine durch und durch poetiſche Natur mit edlen Geſichtszügen und dunklem Teint, war viel hier oben. So ſah man hier, wie in einer Loge ſitzend, den letzten Akt des großen blutigen Drama's der italie niſchen Revolution, deſſen impoſante Schlußſcene uns die Bezwingung Venedigs, der bisher noch nie er— oberten ſtolzen Lagunenſtadt, vorfuͤhrte. Der Ge— danke, die Eroberung dieſer Inſelſtadt mittelſt einer förmlichen Belagerung zu verſuchen, darf als ein ſehr kühner bezeichnet werden, denn ſie iſt theils 95 durch ihre Lage, theils durch die von der Kunſt hinzu gefügten Vertheidigungsmittel beinahe unüberwindlich. Doch, was nützte ihr dießmal die Unüberwindlichkeit? Geſetzt auch, es wäre den Oeſterreichern nicht ge— lungen, Venedig einzunehmen, und es wäre eine ſelbſtſtändige Republik geblieben, hätte es ſich ohne den Beſitz eines bedeutenden Küſtenſtrichs, welchen ihm Oeſterreich mit Leichtigkeit würde ſtreitig gemacht haben, wohl halten können? Gewiß nicht! Man betrachte nur die eigenthümliche Lage der Stadt, mitten im Waſſer, und vergeſſe nicht, daß das, was ſie einestheils faſt unüberwindlich macht, anderntheils ſo ungeheure Unterhaltungskoſten bedingt, welche eine einzelne Stadt, ſey ſie auch noch ſo reich, nicht zu erſchwingen im Stande iſt. In den Lagunen nämlich, die mehrentheils ſich zwiſchen dem feſten Lande und der Inſelgruppe aus⸗ dehnen, auf welcher Venedig und die ihr zugehörigen kleinen Städtchen erbaut ſind, mündeten urſprünglich verſchiedene Flüſſe des venetianiſchen Feſtlandes. Hätte man nun in jenen früheren Zeiten dieſen Flüſſen, von denen die bedeutendſten die Piave, der Sile, der Zero, die Deſſa, die Brenta und der Bachig lione ſind, ihren ehemaligen natürlichen Lauf gelaſſen, ſo würden die Lagunen ſeit der Gründung Venedigs durch die ſtarken Geſchiebeablagerungen der benannten 96 Gewäſſer theilweiſe ausgefüllt und die Stadt auf dieſe Art mit dem Feſtlande verbunden worden ſeyn. Wahrſcheinlich aber wäre es geweſen, daß ehe dieſe Anſchwemmung vollſtändig zu Stande gekommen, eine Uebergangsperiode eingetreten wäre, welche die La— gunen in einen ungeheuren Sumpf verwandelt hätte, deren Ausdünſtungen die Bewohner Venedigs ge— nöthigt haben würde, die Stadt zu verlaſſen. Daher fand ſich die ehemalige Republik Venedig ſowohl durch militäriſche als durch geſundheitspolizeiliche Rückſich— ten veranlaßt, jene Flüſſe ſämmtlich von den Lagunen abzuleiten, ſo daß ſie ſich mittelſt Kanälen, theils nordwärts, theils ſüdwärts von den Lagunen in das Meer ergießen. Da aber nun der Unterhalt dieſer Kanäle und die domit in Verbindung ſtehenden Steindämme jährlich mehrere Millionen Franken er⸗ fordert, ſo kann die Stadt in ihrer unangreifbaren Lage und überhaupt nur erhalten werden, wenn ſie das Haupt eines größeren Staates iſt, oder einem andern größern Staate angehört, der, wie es die öſterreichiſche Monarchie gethan, die nothwendigen ungeheuren Summen zum Theil auf Koſten des Feſt⸗ landes auf dieſe Arbeiten verwendet. Sobald aber Venedig aufhörte, der Monarchie anzu gehören, ſo hätte Oeſterreich, das überhaupt für Venedigs Auf— ſchwung ſo viel gethan, weiter kein Intereſſe, dieſe Auslagen ferner zu beſtreiten, und die neue Republik dürfte, wie geſagt, nicht im Stande ſeyn, die Koſten für den Unterhalt jener Kanäle zu tragen. Doch, blicken wir wieder auf die Sachlage der Gegenwart. Bis jetzt hatten wir die Stadt vor uns in ihrer alten ſichern Lage, mitten im Waſſer, durch das Fort Malghera gedeckt und ſo weit vom Lande, daß ein Geſchütz des ſtärkſten Kalibers nicht im Stande iſt, eine Kugel hinüberzuſchleudern. Von der Seeſeite war dagegen die Blokade, ſeit die ſardiniſche Flotte das Meer verlaſſen, etwas wirkſamer vollzogen wor— den. Wenn man die Lage der Stadt von dorther ins Auge faßt, ſo glaubt man eine ſtrenge Blokade nicht ſo ſchwierig. Dort trennt nämlich der Lido, ein ſchmaler Streifen Landes, die Lagunen von der offenen See und in erſtere gibt es für größere Schiffe nur drei Einfahrten, bei Chioggia, Malamocco und San Nicolo, vor welche öſterreichiſche Fregatten ge— legt wurden. Da aber dieſe Kriegsſchiffe der anhal tenden Stürme wegen ſich der Küſte nicht zu ſehr nähern durften, ſo war es den Venetianern immer möglich, vermittelſt kleiner Fahrzeuge Lebensmittel und dergleichen in die Lagunen zu bringen. Ein Rückblick auf den Anfang, den Verlauf und das Ende der venetianiſchen Revolution, oder, wenn Hackländer, Soldatenleben im Krieg. II 5 7 98 man lieber will, Republik, den die allgemeine Zei tung im September 1849 brachte, dürfte nach dem Vorhergegangenen um ſo mehr an ſeinem Platze ſeyn, als die in den auswärtigen, namentlich Wiener Zei tungen darüber enthaltenen Berichte zum Theil ebenſo abenteuerlich waren als die Gerüchte, die man in Venedig über den Stand der Dinge in Ungarn aus ſprengte. Selbſtredend können in einer ſolchen Ueber ſicht nur die wichtigſten Ereigniſſe berückſichtigt werden. Am 25. Februar des vergangenen Jahrs war in Venedig das Standrecht publicirt worden. Da hätte man meinen ſollen, von der militäriſchen Ober— behörde würde die Sache ſo verſtanden, daß man ſich auch hier, wie in dem ganzen lombardiſch-venetiani ſchen Königreich, auf eine Schilderhebung gefaßt halten und die nöthigen Vorkehrungen treffen müſſe. Wenigſtens war zu erwarten, daß mindeſtens die wichtigſten Forts, die Venedig beherrſchen, in den gehörigen Vertheidigungszuſtand geſetzt, und die dort aufgeſtellten Truppenabtheilungen mit den nöthigen Weiſungen verſehen und zu einiger Vorſicht ange— halten werden würden. Von allem dem geſchah aber nichts. Beim Ausbruch der Revolution befanden ſich in Folge einer ganz unbegreiflichen Fahrläſſigkeit die Forts in einem kläglichen Zuſtande. Sie waren meiſt faſt gänzlich entwaffnet; einige ſtanden leer, wieder 99 andere waren eben im Bau begriffen. Das Fort von Brandolo war gänzlich unbrauchbar und das von Tre⸗Porti beſtand in einem Sandhaufen mit einigen kaum angefangenen Mauern. So kam es, daß in der Nacht des 21. März, als eben die Ca— pitulation mit Zichy abgeſchloſſen worden war, Mal ghera ſammt aller darin befindlichen Munition und Artillerie von der Bürgerwehr Meſtres durch einen Handſtreich genommen wurde, daß in der folgenden Nacht die Bewohner von Chioggia die in San Felice und den umliegenden Forts liegenden Garniſonen zwingen konnten, die Waffen zu ſtrecken. Am Morgen des 16. März hatte ſich die Nach richt von der Wiener Revolution verbreitet, und des andern Tages ſtrömte die Menge auf dem Markus— platze zuſammen, um die Befreiung Manin's und Tommaſeo's zu fordern. Ueber die Vorfälle des 16ten ſtand in der Gazetta di Venetia:„Die Nachricht von der Aufhebung der Cenſur und der Einberufung der Stände in den deutſchen und ſlaviſchen Provin zen, ſowie der Centralcongregationen im lombardiſch— venetianiſchen Königreiche wurde vom venetianiſchen Volke mit lautem Jubel aufgenommen; um ſeinen Beifall über die königliche Freigebigkeit auszudrücken, verſammelte es ſich auf dem Markusplatze, wo es laut ſeine Freude offenbarte. Einige Kundgebungen 100 ließen indeſſen fürchten, daß die Fröhlichkeit nicht harmlos und rein bleiben möchte. Um Störungen zu verhindern, hielt man es für angemeſſen, die Truppen ausrücken zu laſſen, die jedoch, da mit Ausnahme eines widerſpenſtigen Haufens die Menge ſich zerſtreute, nach zwei Stunden wieder in ihre Kaſernen zurückkehren konnten. Bei dieſer Gelegen— heit wurden zwei Individuen leicht verwundet, ein Dritter erſtickte im Gedränge.“ Während der darauf folgenden Nacht hatten die Rädelsführer ihre Leute bearbeitet. Die Maſſen, die Manin und Tommaſeo frei haben wollten, antworteten auf die Zögerung des Gouverneurs:„Wir wollen es und zwar ſo⸗ gleich!“ Die Einen eilen, um einen geſetzlichen Befehl zu erwirken, die Andern aber erbrechen die Gefängniſſe und tragen die beiden Gefangenen auf den Schultern nach dem Markusplatze. Der Jubel war ungeheuer. Auch die übrigen politiſchen Ge— fangenen wurden befreit und Meneghini und Stefani in Padua nicht weniger feſtlich empfangen. Das Militär war unterdeſſen wieder ausgerückt; inſultirt und mit Steinen geworfen, machte es von der Schießwaffe Gebrauch, wobei vier Perſonen auf dem Platze blieben und ſieben mehr oder minder ſchwer verwundet wurden. Der Podeſta, Graf Cor⸗ rer, begab ſich ſofort mit der Municipalität zum 101 Gouverneur und beantragte die zeitweiſe Bildung einer Bürgerwehr. Dieſelbe wurde bewilligt. Abends brachte ein Dampfſchiff von Trieſt die Kunde von der Promulgation der Verfaſſung, worüber ſich unter der Bevölkerung die lebhafteſte Zufriedenheit aus— ſprach. Bürgerwehr und Militär fraterniſirten, den beiden Gouverneuren ward ein donnerndes Hoch ge— bracht und das Theater Fenice, feſtlich beleuchtet, ſchallte wieder von Evviva's auf die Verfaſſung, Pius IX. und den conſtitutionellen König Ferdinand. Die Neckereien mit dem Militär dauerten indeſſen ununterbrochen fort. Am Liſten rotteten ſich die Arſenalarbeiter gegen den wegen ſeiner Strenge verhaßten Oberſten Mari— novich zuſammen; die Bürgerwehr rettete ihn nur durch Bitten und Ermahnungen aus den Händen des blutgierigen Haufens. Als er ſich aber am andern Tage gleichwohl wieder auf ſeinem Poſten einfand, wurde er elendiglich ermordet. Dem Verſcheiden nahe, verlangte er nach einem Prieſter.„Kommende Woche,“ war die Antwort. Das Militär, ohne alle beſtimmten Befehle, wußte nicht, wie es ſich zu ver halten hatte, um ſo weniger, da die italieniſchen Soldaten, namentlich die Marine, bereits deutlich genug die Abſicht durchblicken ließen, mit den Em pörern gemeinſchaftliche Sache zu machen. Der 102 Bürgerwehr äber war ohnedieß nicht zu trauen. Als ein Major Bodai ſeinen Soldaten zu feuern befahl, ſtreckten ſie den Lauf ihrer Gewehre zur Erde, und ein Unteroffizier ſtieß mit ſeinem Degen den Major nieder. Darauf warf dieſe Truppe ihre öſterreichiſchen Abzeichen weg, und bald folgte alles in Venedig be— findliche italieniſche Militär dieſem Beiſpiele. Die Marine verwendete Schiffe, Waffen, Munition zur Vertheidigung der Kanäle, der Lagunen und der Forts. Unter der allgemeinen Bewegung ſandte die Municipalität eine Deputation, an deren Spitze der Podeſta Correr ſtand, zu dem Civilgouverneur Grafen Palffy. Der überaus merkwürdige Bericht, den die De— putation über ihre Sendung veröffentlichte, lautet der Hauptſache nach:„In die Gemächer Seiner Ex⸗ cellenz eingeführt, fand die Deputation den Gouver— neur von ſeinem Regierungsrath umgeben. Sofort nahm der Herr Graf das Wort und begann ſeine Rede mit einem ſtrengen und langen Tadel wegen der dem Gouvernement ſchuld gegebenen Fehler.— Dabei unterbrach ihn der Advokat Aveſani mit den Worten:„Sind wir hier, um nach altem Brauch eine Rüge zu empfangen oder zu unterhandeln?“ Dieß machte den Grafen nur noch ärgerlicher, und er ſchloß ſeine Rede mit dem Vorwurf, daß man die — 103 Beruhigung des Landes verſprochen habe, ſobald die Regierung das bewilligt haben würde, was, kaum gewährt, nun eine neue und größere Aufregung her vorgerufen; er habe ſeinen Regierungsrath um ſich verſammelt, um von dieſem die weitern Forderungen zu vernehmen; folglich wuͤrden dieſelben in dieſer Conferenz gar nicht erörtert. Auf dieſe gereizte Sprache entgegnete der Podeſta: der Staatsrath habe die Deputation gewählt, um das zur Kenntniß ſeiner Excellenz zu bringen, was er zu Verhütung von Blutvergießen unvermeidlich halte, und forderte den Advokaten Aveſani auf, im Namen der Deputation das Wort zu nehmen. Dieſer erklärte nun rund heraus, man müſſe ſogleich auf die Hauptſache ein gehen, und dieſe ſey: das öſterreichiſche Gubernium dankt ab.„Wenn es ſo ſteht,“ entgegnete der Gou verneur entrüſtet,„lege ich das Gubernium nieder und übergebe es, kraft der mir zugegangenen In ſtruktionen, in die Hände Seiner Excellenz des Mi litärgouverneurs, ſo daß die Stadt mit ihm allein zu thun hat.“ Er ſelbſt rief den zufällig anweſenden Grafen Zichy herbei, der ſich über die ihm gemachte Forderung nicht wenig verwundert äußerte. Aveſani bemerkte, er ſehe in der Erklärung des Grafen, dar auf nicht hören zu können, einen abſchlägigen Be ſcheid, und gehe das Volk davon in Kenntniß zu 104 ſetzen. Der Herr Feldzeugmeiſter ſey verantwortlich für alles daraus entſpringende Unglück. Graf Zichy hielt ihn zurück und bat ihn ſich zu mäßigen. Ave— ſani aber entgegnete: Mäßigung ſey unmöglich und ſchloß mit einer ſpeciellen Auseinanderſetzung der Forderungen: 1) Die deutſchen, oder überhaupt nicht italieni ſchen Truppen, ziehen ab, die italieniſchen bleiben. „Unmöglich,“ rief der General,„wir ſchlagen uns!“ „Gut, wir ſchlagen uns,“ erwiederte Aveſani, im Be— griff zu gehen. Abermals von dem Grafen zurück— gehalten und ermahnt, ſich in ſeine Lage zu ſetzen, da es ſich um ſeinen Kopf handle, wenn er in ein ſolches Verlangen willige, fügte Aveſani hinzu, in ſolchen entſcheidenden Augenblicken ſtehe jedermanns Kopf auf dem Spiel; man könne keine Befehle von Wien abwarten; ſchon zu viel Zeit habe man ver— loren, jede Stunde, jede Minute könne die blutige Entſcheidung bringen; die Forderung ſey lakoniſch ge⸗ ſtellt, alſo müſſe es auch die Antwort ſeyn. Nach einigem Hin- und Herreden ward der erſte Artikel bewilligt. Aveſani nannte ſofort den zweiten. 2) Die Truppen ziehen unverweilt zu Waſſer nach Trieſt ab. Zichy ſträubte ſich dagegen, weil er nicht ver— wehren könne, daß die Truppen ſich zu ihren reſp. 105 Corps begeben und unter dem Schutze des Forts ab— ziehen. Allein Aveſani meinte, daß im Gegentheil auch die Forts geräumt werden müſſen, und daß die Venetianer nicht geſonnen ſeyen, mit den von ihnen ausgetriebenen Truppen ihren Brüdern in den Pro— vinzen ein Geſchenk zu machen.— Bewilligt! 3) Alle Kriegsmaterialien bleiben in Venedig. Bewilligt! 4) Alle Kaſſen bleiben zurück. Auf den Einwand, die Truppen und die Ueber fahrt müſſen bezahlt werden, willigte der Redner der Deputation darein, daß ein dreimonatlicher Sold an die Truppen und die Ueberfahrtskoſten bezahlt würden. Zuletzt forderte Aveſani die beiden Gouverneure als Geißeln bis zur vollſtändigen Vollziehung des Ver— trags. Graf Palffy beklagte ſich laut über dieſes Begehren, da er ſein Amt niedergelegt habe und bei dem Abkommen mit dem Militärgouverneur gar nicht als betheiligt angeſehen werden könne. Auch der Militärgouverneur fand die Forderung unerhört, und machte überdieß bemerklich, daß er mit der Ausfüh— rung der Vertragsartikel ſich zu beſchäftigen habe und ganz nothwendig erſt zuletzt abreiſen werde. Die Anweſenden ſchlugen ſich ins Mittel, daß darauf nicht länger beſtanden werde, worauf Aveſani die Hand des Grafen Zichy mit den Worten ergriff: 106 „General, geben Sie mir Ihr Ehrenwort, daß Sie zuletzt abreiſen werden.“ Dieſes Ehrenwort ward ſchriftlich gegeben. Während im Regierungsgebäude ein öſterreichi ſcher General ſich dieſe unerhörte Demüthigung ge— fallen laſſen mußte, hatte Manin einen andern un blutigen Sieg davon getragen. Mit einigen hundert Mann Bürgerwehr drang er in das Arſenal, nahm den Kommandanten, Vice-Admiral Martini, gefangen, und ſetzte den Oberſten Graziani an ſeine Stelle. Unter dem Rufe:„Es lebe die Republik! Es lebe S. Markus!“ vernahm man auf dem Markusplatze die Kunde. Die Deputation ſetzte die Bürgerſchaft von dem Vorgefallenen durch die wenigen Worte in Kenntniß:„Bürger, der Sieg iſt unſer ohne Blutver— gießen! Das öſterreichiſche Civil- und Militärgouver⸗ nement iſt geſtürzt. Ehre unſerer braven Bürger wehr! Eine proviſoriſche Regierung wird ſofort eingeſetzt werden, und einſtweilen haben, in Anbe tracht der Dringlichkeit des Augenblicks, die Mit— glieder der Deputation, welche den Vertrag abſchloßen, die Regierung übernehmen zu müſſen geglaubt.“ Manin empfahl ſich den Venetianern mit dem bündigen An— ſchlag:„Venetianer, ich weiß, daß Ihr mich lieb habt, und im Namen dieſer Liebe bitte ich euch, bei dem durchaus gerechtfertigten Ausdruck Eurer Freude, ————— 107 Euch mit jener Würde zu betragen, die Männern, welche werth ſind frei zu ſeyn, geziemt.“ Schon in der Nacht vom 22. zum 23. März legte die Deputation ihre Macht in die Hände des Kommandanten der Bürgerwehr, Mengaldo, nieder, der auf den 23. März Nachmittags zwei Uhr die Nationalgarde zuſammenrief, und nachdem der Pa triarch die dreifarbige Fahne eingeſegnet hatte, dem „Volke“ die Mitglieder einer proviſoriſchen Regierung vorſchlug, dem bekannten Albert, ouvrier, ward An⸗ gelo Toffoli, artiere, nachgebildet. Zu gleicher Zeit hatte Rovigo, Treviſo, Udine ihre Revolutionen, und es währte nicht lange, bis auch die venetianiſchen Provinzen von den Oeſterreichern faſt gänzlich ge räumt waren und ihre Zuſtimmungsadreſſen zu der in Venedig proklamirten Republik einſandten. Allein dieſe litt von Haus aus an zwei großen Gebrechen. Gerade der Kern der Bürgerſchaft, jener kräftige Mittelſtand, der ſeiner Zeit in Brügge wie in Zürich, in Köln wie in Mailand oder Florenz bei allen po— litiſchen Bewegungen den Ausſchlag gab, hat ſich in Venedig faſt neutral gehalten. Ganz beſonders zogen ſich diejenigen, die an der Spitze der Bürgerſchaft ſtanden, ſehr bald faſt von jeder Betheiligung an dem Gang der öffentlichen Angelegenheiten zurück, und begnügten ſich damit, weniger das Gute zu thun, 108 als das Böſe zu verhindern. Ebenſo wenig verſtand ſich die höhere Geiſtlichkeit und namentlich der Pa— triarch dazu, dem Abfall von Oeſterreich durch die in ihrer Macht ſtehenden Mittel energiſchen Vorſchub zu leiſten. Es iſt wahr, der Patriarch erließ ſeine Hirtenbriefe zu Gunſten der Republik; allein man ſah es denſelben deutlich genug an, daß ſie nicht von Herzen kamen und lediglich durch die Gewalt der Umſtände eingegeben waren. Eine um ſo radikalere Geſinnung legte die niedere Geiſtlichkeit an den Tag. Die Pfarrer und Curatgeiſtlichen einer der Diö⸗ ceſen, die gegen einen ihnen aufgedrungenen apoſtoli⸗ ſchen Vicar Proteſt einlegten, ſagten darin vom Patriarchen:„Wir proteſtiren gegen die verwerfliche Schwäche, die mißbrauchte Autorität des Bürgers Jacopo Monico, Cardinal-⸗Patriarchen, eines Man⸗ nes, verdorben durch die niedrigen Leidenſchaften eines Höflings, angeſteckt von der Luft des öſterrei— chiſchen Hofes, der um den Lohn knechtiſcher Er— gebenheit gegen die Tyrannen ſchmähliche Gunſtbe— zeugungen davon trug und ſolche an unwürdige Günſtlinge vertheilte, um ſeinerſeits wiederum den niederträchtigen Tribut verführeriſcher Schmeicheleien zu ernten.“ Die nöthigen Vertheidigungsanſtalten abgerech net, beſchränkte ſich, was vom 26. März an geſchah, 109 faſt ausſchließlich auf Reden und Feſtlichkeiten. Zu allerlei unfreundlichen Discuſſionen und unliebſameren Demonſtrationen gab das Verhältniß zu Piemont Anlaß. Schon zu Anfang Aprils war eine Partei mit der Regierung wegen ihres Mangels an Energie unzufrieden, und gegen Ende Mai's erreichte die Spannung zwiſchen Republikanern und Royaliſten eine bedenkliche Höhe. Die am 3. Juli zuſammenge— tretene Nationalverſammlung, von der 60 Mitglieder ſich nicht einfinden konnten, weil ihre Heimath von den Oeſterreichern beſetzt war, beſchloß zwar mit 127 gegen 6 Stimmen, daß Venedig zuſammt der Lom— bardei und unter denſelben Bedingungen wie dieſe mit den ſardiniſchen Staaten verſchmolzen werden ſolle, und Manin ſelbſt ſprach dafür. Da er aber gleichwohl, um unter keinem Könige dienen zu müſ— ſen, ſeine Stelle als Präſident der Regierung nieder— legte, fehlte es dem durch die Nationalverſammlung ernannten oder vielmehr beſtätigten Miniſterium an allem und jedem Einfluß. Die Zuchtloſigkeit unter den Truppen wurde immer größer, und nach der Schlacht von Cuſtozza war die Verwirrung in den Zuſtänden wahrhaft kläglich. Am 6. Auguſt, alſo in demſelben Augenblick, wo Radetzky in Mailand einzog, machte die Regierung von S. Markus zwei Geſetze bekannt, durch welche die Einverleibung mit 110 Piemont förmlich beſtätigt ward. Zu gleicher Zeit übernahmen drei k. piemonteſiſche Commiſſäre, Colli, Cibrorio und der wenig beliebte Präſident der bis herigen Regierung, Caſtelli, die Zügel des Staats. Von San Markus wehte die dreifarbige Fahne mit dem ſavoyiſchen Wappen, die Kanonen wurden ge⸗ löst, die Behörden fanden ſich in ihrer Amtstracht ein, aber das Volk blieb ſtumm. Da überſandte Welden von Padua aus den ſardiniſchen Commiſſären die Capitulation vom 9. Auguſt. Sobald die vene tigniſchen Straßenpolitiker davon Wind erhielten, verſammelten ſie ſich Abends(am 11.) auf dem Mar⸗ kusplatze und ließen den Ruf: Nachrichten! Nachrich ten! erſchallen. Die königlichen Commiſſäre theilten dem Volk bloß einen Theil der Capitulation mit. Schon dieß Wenige genügte, daß die Menge los brach:„Nieder mit der königlichen Regierung! Nieder mit den Commiſſären! Es lebe Manin!“ Außer Stand, den Sturm zu beſchwören, ſchickten die Com— miſſäre in aller Eile nach Manin. Ihm gelang es, die aufgeregten Gemüther zu beruhigen, indem er ſich für den Charakter und Patriotismus der Commiſſäre verbürgte,„die ihre Gewalt nicht behalten würden, ſobald dieß der Sache Italiens ſchaden könnte.“ Dieſelben legten auf der Stelle ihr Amt freiwillig nieder, und Manin verſprach, während der 48 111 Stunden bis zur Einberufung der Nationalverſamm lung die Regierung übernehmen zu wollen. Die Verſammlung übertrug ihm, dem Contreadmiral Gra ziani und dem Oberſten Cavedalis diktatoriale Ge walt, erklärte ſich für permanent und alle bisherigen Regierungsgewalten wurden abgeſetzt. Alles Silber mußte abgeliefert werden, und niemand durfte ohne ausdrückliche Erlaubniß die Stadt verlaſſen. Da hätte man glauben ſollen, ſolche Energie werde ihre Früchte tragen. Keineswegs! Kaum hatte die neue Regierung dieſen ſcheinbaren Anlauf zu nach— drücklicher Kraftentwicklung genommen, als ſie es für gerathen hielt, mehrere Vorſtandsmitglieder des unlängſt geſtifteten Circolo italiano, die ſich zu rothen Grundſätzen bekannten, auszuweiſen und den Sol daten den Beſuch des Clubbs ſtrenge zu unterſagen. Die Verlegenheiten häuften ſich in dem Maße, daß die machtloſen Diktatoren auf den 15. Februar 1849 die Einberufung einer permanenten Repräſentanten— Verſammlung des Staates Venedig beſchloſſen. Allein auch dieſe Verſammlung entbehrte aller und jeder Lebenskraft; ſie beſtätigte, was die Triumvire für gut fanden, und die hinwiederum mußten in allem dem meiſt aus Fremden beſtehenden Offizierscorps zu Willen ſeyn. Von dem Augenblick an, da die Volks repräſentanten am 16. Juni ein aus dem General 112 Uloa, dem Oberſtlieutenant Sirtori und dem Schiffscapitän Baldiſſerotto beſtehende Militär⸗ commiſſion mit unbeſchränkter Vollmacht unter Pepe's Präſidium ernannten, figurirte Manin nur noch dem Namen nach. Die Bevölkerung war phyſiſch und geiſtig gebrochen und glaubte alles, was ihr die Wi— derſtandsmänner ad ogni costo einredeten. Wenn dieſe geſagt hätten, morgen komme der Kaiſer von China der Stadt zu Hülfe, die Menge hätte es ge— glaubt oder doch ſo gethan, als glaube ſie es. Denn die Tonangeber ließen durch Manin mit ſchwerem Gelde auf Staatskoſten eine Cohorte Prätorianer be⸗ zahlen, die Tag um Tag das jedesmalige Loſungs⸗ wort nach Haus geſchickt bekamen und danach die „öffentliche Meinung“ auf dem Markusplatz laut werden ließen. Wer dagegen die Stimme zu erheben gewagt hätte, wäre als Verräther gebrandmarkt worden. Die Meiſten wag— ten aus Furcht oder Aerger gar nicht mehr, ihre Wohnung zu verlaſſen, und das Pfla— ſter blieb im unbeſtrittenen Beſitz einiger hundert Schreier. Während bereits die ärmeren Klaſſen ausſchließlich von Kartoffeln lebten und die Cho— lera ſchreckliche Verwüſtungen anrichtete, konnte eine Handvoll Leute eine ſolche Tyrannei ausüben, daß ſich das Volk zu allem Unglück auch noch eine dreiwöchige 113 Beſchießung der Stadt, ohne die geringſte Ausſicht auf Befreiung gefallen ließ. Jetzt hatten ſelbſt die Offiziere nichts mehr zu befehlen. Die zuchtloſen Soldaten ſetzten allein ihren Willen durch, und Ma nin war ſchwach genug, einer rohen, entarteten Sol dateska als paſſives Werkzeug zu dienen. So ſah es alſo in Venedig aus; doch hatte man draußen in der öſterreichiſchen Blokadearmee nur Ah nungen von dem zuchtloſen Treiben in der belagerten Stadt. Man erfuhr Gewiſſes von dorther eben ſo we nig, als Manin dem irregeleiteten Volke von den ihm wohlbekannten milden und verzeihenden Abſichten Oeſterreichs im Falle einer Unterwerfung wiſſen ließ. An einem klaren Tage, wie dem meiner Ankunft in Meſtre, erkannte man drüben in der Stadt mit bloßen Augen deutlich die Kuppeln der großen Kirchen, Thürme, Häuſer und hohen Schornſteine mit dem langgeſtreckten Dampf, der hinaus zog und nur zuweilen erblaßte vor der weißen Wolke eines Schuſſes, der ſich aus der Stadt oder irgend einem der Forts hervorwälzte. Das Fort Malghera hatte man gerade vor ſich und überſah es vollkommen mit allen ſeinen Werken und Gräben. Die Venetianer waren fleißig geweſen und hatten nach den vorgefundenen öſterreichiſchen Zeichnungen das Fort fertig gebaut. Ernſt und ſtill lagen die Lagunen da und am Horizont, mitten im Hackländer, Soldatenleben im Krieg. II 8 114 Waſſer, das alte Venedig, jetzt, wo keine Gondel, kein Fahrzeug das Waſſer durchſchnitt, doppelt ernſt und trübe. Mit den Fernröhren konnte man alle Arbeiten der Belagerten genau beobachten; ſie hatten in Malghera einen großen Aufwand an dreifarbigen Fahnen gemacht, alle Werke waren damit beſteckt, was übrigens gerade nicht ihr Vortheil war, denn man konnte hierdurch noch deutlicher die aus- und einſpringenden Winkel erkennen. Man ſah, wie ſie an ihren Batterien arbeiteten, Kugelhaufen aufbauten und ihre Geſchütze bedienten. Namentlich auf den Werken gegen Meſtre und einer Lünette, die dem Thurm, auf welchem wir uns befanden, zugekehrt war, erblickte man ſie beſtändig in großer Thätigkeit. Viele hatten rothe Hoſen an, welche weit hinaus glänzten. Der Thurm, deſſen ich oben als das Ob⸗ ſervatorium der Belagerer erwähnte, auf welchem ſie beſtändig eine Menge hoher Offiziere erblickten, war ihnen ein Dorn im Auge. Sie hatten auf der genann ten Lünette zwei ſchwere Mörſer aufgeſtellt, mit welchen ſie denſelben beſtändig beſchoſſen. Von Viertel⸗ ſtunde zu Viertelſtunde ſah man, wie ſie ihr Geſchütz fertig machten, wie ſie ſich bemühten, die Richtung auf's Genaueſte zu nehmen, und wie oft Mehrere nach einander hinzutraten, dieſelbe zu unterſuchen und zu verbeſſern. Jetzt ſind ſie fertig, plötzlich 115 quillt weißer dicker Dampf hervor, es kracht und im nächſten Augenblick ziſcht hoch in der Luft die Bombe. Viele aber zerplatzten, ehe ſie ſich abwärts neigten, andere aber kamen oft ſehr verdächtig und unangenehm in unſere Nähe. Vor dem Thurme ſchlugen ſie zuweilen in's Waſſer oder in die Häuſer, fuhren oft rechts und links bei uns vorbei, und einigemal ſauste eine Bombe über den Thurm und nicht gar hoch über unſere Köpfe weg. Glücklicherweiſe haben ſie das Gebäude ſelbſt während der ganzen Belagerung nicht ein einzigesmal getroffen, wodurch ein furchtbares Unglück hätte ent ſtehen können, denn die Plattform, ſo wie die höl zernen Treppen wären unfehlbar zerſtört worden, und was an Perſonen, die ſich oben befanden, nicht mit hinabgeſtürzt wäre, würde wohl ſeinen Tod oder ſchwere Verwundung in den Flammen gefunden haben, die durch die brennende Kugel in dem dürren Holz werk jedenfalls entſtanden wären. Man dachte aber bei den Unterhandlungen droben nicht an die Gefahr und ſaß ſtundenlang auf der Plattform, hinaus in die weite Gegend blickend. Neben der Paduaner Chauſſee war eine kleine Niede— rung, wo die Laufgräben eingeſchnitten wurden. Dichte Reihen Maulbeerbäume in dieſer Niederung, welche durch Rebengelände verbunden ſind, waren ein gutes Schutzmittel für die Arbeiter an den — — 116 Laufgräben, denn wenn auch dieſe Baumzweige keine Kugeln abhielten, ſo ſchützten ſie doch in ſo fern, als der Feind hierdurch von den Arbeitern ſelbſt nicht viel ſehen konnte. Einige Caſinen dagegen, die hier lagen und einen Zielpunkt abgaben, waren von den Kugeln furchtbar zerſtört. Dort wurde jetzt Tag und Nacht rüſtig fort gearbeitet; das Erdreich war trocken geworden, die erſte Parallele war vollendet und der Bau der Batterien in derſelben ſollte ebenfalls näch— ſtens beendigt werden. Die unzähligen Schüſſe aus dem Fort konnte man natürlich nicht beantworten und man mußte die Belagerten ungehindert ihre Munition verſchießen laſſen. Ein einzigesmal nur, als ſich eine große Anzahl Arbeiter aus dem feind⸗ lichen Fort auf das Glacis gewagt hatte und be ſchäftigt war, Raſenſtücke auszuſtechen, womit ſie ihre Werke erhöhen wollten, ſandte man ihnen von Meſtre ein paar ſchwere Raketen hinüber, worauf ſie augenblicklich die Flucht ergriffen und ſich an dem Tag nicht mehr ſehen ließen. Unterdeſſen waren achttauſend Mann beſtändig in den Laufgräben beſchäftigt, theils zu Weitertrei⸗ bung der Laufgräben, als wirkliche Arbeiter, theils um ihre Kameraden gegen einen etwaigen Ausfall zu decken. Raſch ging es hier vorwärts, man fing an Bettungen hereinzubringen und die Geſchütze näher 117 heranzufahren. Alles war voll Eifer und die Kano niere konnten den Augenblick nicht erwarten, wo ſie hinter ihren Geſchützen ſtehen würden, um den Feind im Fort mit gleicher Münze zu bezahlen. Nachts, wenn alles rings umher ſtill war, leiſteten hieſige einhei miſche Bundesgenoſſen, wohl die einzigen Italiener, die ſich gegen Oeſterreich vollkommen gleich geblieben waren, weſentliche Dienſte— ich meine nämlich ſämmtliche Froſchfamilien der umliegenden Sümpfe, denn das Geräuſch des Schaufelns und Grabens, das Klopfen der Hämmer ward vollkommen übertönt von dem weithallenden melodiſchen Concert, das ſie allabendlich anſtimmten. Am 2. Mai, Abends gegen halb eilf Uhr, be gannen die Venetianer aus dem Fort ein ungewöhn liches ſtarkes Feuer auf Meſtre. Die Nacht war ziemlich dunkel, und was nicht im Dienſt war, eilte bei dem furchtbaren Krachen auf die Straßen, um zu ſehen, was es eigentlich gebe. Von Malghera herüber ertönte Schuß auf Schuß, Raketen flogen und Bomben ziſchten herüber, die ſchweren Pairhan— ſen krachten, daß die Scheiben erzitterten, und in der Stadt ſelbſt machte dieſes furchtbare Schießen den Eindruck, als zöge in der Nähe ein ſchweres Gewitter vorüber, welches ſich mit unzähligen Blitzen entlüde; ſo häufig und blitzartig wurden die Straßen 86 118 von den vorüberſauſenden und platzenden Kugeln er— leuchtet. Ich begab mich nach der Poſt, um noch einen Brief in den Kaſten zu werfen. Da ſtand gerade der Eilwagen, der von Wien über Udine und Tre— viſo hieher kam und ſeinen Weg, nachdem er umge— ſpannt, gegen Mailand fortſetzen wollte. Die Paſ— ſagiere, es waren zwei Damen im Coup'é, blickten mit vor Angſt bleichen Geſichtern hinauf an den Himmel, wo jeden Augenblick in einem feurigen Bogen eine Granate oder Bombe vorüber flog, und horchten ent— ſetzt auf das donnerähnliche Gebrüll der ſchweren Geſchütze aus dem Fort und auf das Krachen der Dächer und Mauern, wo eine Kugel einſchlug. Den Poſtillonen war es ebenfalls nicht gut zu Muth, und nachdem alles bereit war, ſchwangen ſie ſich auf ihre Pferde und jagten im Carriere durch die Stadt auf der Chauſſee nach Padua unaufhaltſam davon, bis ſie in Sicherheit waren. Obgleich die Poſt gerade auf der Paduaner Chauſſee täglich eine böſe Strecke zu paſſiren hatte, indem ſie in der Länge von ein paar hundert Schritten in den Bereich der Kugeln kam, die von Malghera aus nach den Laufgräben ge⸗ ſchoſſen wurden und welche die Bruſtwehren überflie gend die Chauſſee kreuzten, ſo iſt doch glücklicher Weiſe dem Eilwagen nie etwas paſſirt. Von dieſem Tage an hörten aber die Fahrten nach Meſtre auf und die 119 Poſten gingen ſpäter von Treviſo direkt über Vicenza nach Verona, ohne wie bisher Padua zu berühren. Beſonders prächtig war dieſen Abend der An blick von dem großen Thurm aus. Jetzt lag Alles einen Augenblick in tiefer Dunkelheit, dann fuhr der leuchtende Pulverblitz empor und zeigte den Punkt, wo das Geſchütz ſtand und einen Theil des Werkes wie im Feuer. Das Fort in ſeinen dunklen Umriſſen ſah aus, wie der Krater eines feuerſpeienden Ber ges, der dumpfgrollend eine neue Eruption vorberei— tet; überall zuckten die Blitze empor, überall quoll nur auf eine halbe Sekunde roth beleuchteter Dampf heraus. Wie prachtvoll zeichneten ſich die ſprühen den Bomben auf dem dunkeln Nachthimmel ab, wie majeſtätiſch die weißglühenden Schlangen einer Ra kete, deren ſie auch zum Ueberfluß ſchoßen. Unbe ſchreiblich ſchön aber war vor allen Dingen der An— blick großer Leuchtkugeln; herrlich ſchwebte die weiß glänzende Kugel herab, es war, als ruhe ſie einen Augenblick wohlgefällig über dem dunkeln Waſſer eines Kanals, in welchem ſie ſich ſpiegelte, ehe ſie hinab— ſank und ziſchend erlöſchte. Der ganze Spektakel von heute Abend war die Einleitung zu einem kleinen Ausfall, den die Bela— gerten verſuchten. Es war aber, als hätte der um— ſichtige und tapfere Kommandirende etwas dergleichen 120 geahndet, denn in der Nähe des großen Kanals, wo ſie gewöhnlich und auch dieſesmal vorzudringen ver ſuchten, war eine ſchwere Raketenbatterie verſteckt, welche, ſo wie ſich etwas Verdächtiges ſehen ließ, augenblicklich und ſo wirkſam zu feuern begann, daß der Feind nach einem kurzen Geplänkel und Hinter— laſſung einiger Todten ſehr bald wieder in ſeine Werke zurückflüchtete. Es iſt etwas Vorzügliches um dieſe öſterreichi ſchen Raketenbatterien. Im Allgemeinen beſchrieben iſt die Einrichtung etwa folgende. Man denke ſich eine große Raketenhülſe von Metall, welche aufs ſorg— fältigſte wie eine gewöhnliche Rakete geſchlagen iſt, mit einem weittreibenden und ſtarken Satze, deſſen Zuſammenſetzung bekanntlich ein Geheimniß iſt. Vorne an dieſer Raketenhülſe iſt eine drei-, ſechs- oder zwölf— pfündige Kugel befeſtigt oder eine kleine ſiebenpfün— dige Granate. Das Geſchoß wird mit einer langen Stange verſehen und auf ein dreibeiniges Geſtell unge— fähr wie das Stativ der Feldmeſſer aufgelegt. An demſelben befindet ſich auch eine kleine Maſchine, welche erlaubt, der Rakete die nothwendige Elevation zu geben, da ſie meiſtens in Bogen geworfen werden. Das Abfeuern geſchieht mit einem Zündhütchen, welches durch ein Percuſſionsſchloß entzündet wird. Die öſterreichiſche Artillerie hat es bekanntlich in der 121 Anfertigung dieſer Geſchoſſe, ſo wie in der Richtung derſelben ſehr weit gebracht und iſt deßhalb die Ra— kete in ihrer Hand eine außerordentlich gute Waffe. Der größte Vortheil derſelben beſteht aber in der leichten Beweglichkeit, denn z. B., von hohen Felſen herab, von Häuſerdächern, in ungewöhnlich occupir— tem Terrain, wohin man mit keinem Geſchütz ge⸗ langen kann, iſt es ſehr leicht mit einer Raketen batterie zu manövriren. Ein Mann klettert mit dem Stativ auf den Felſen, ein paar andere tragen die Munition und der Feind bekommt eine Ladung Kugeln von einem Orte her, wo er es gar nicht vermuthet. Auch um Häuſer und Dörfer anzuzünden, ſind die Raketen ſehr zweckmäßig: ſtatt der Kugeln wird in dieſem Falle eine Brandröhre aufgeſetzt. Auf dem Marſche beſteht die Raketenbatterie aus ein paar Wurſtwagen, in welchen ſich Munition, Stangen, Stativ und Richtmaſchine vorſichtig eingepackt befinden. Nachdem der Ausfall an jenem Abend abgeſchla— gen war, fuhren die Belagerten die ganze Nacht fort, Bomben und Granaten nach der Stadt zu werfen. Ich will es geſtehen, daß ich einen ſehr unruhigen Schlaf hatte; jeden Augenblick wurde man von dem Krachen der Geſchütze erweckt und lauſchte alsdann erwartungsvoll, ob nicht das verdächtige Ziſchen einer der großen Bomben in der Nähe hörbar ſey; denn 122 ſchon am Nachmittag waren mehrere dieſer unwill— kommenen Gäſte über das Haus, wo ich wohnte, hin— weggeflogen und in benachbarte Aecker und Gärten eingefallen. Wie leicht konnte ſich eine mein Haus zum Ziel nehmen und mir durch Dach und Zimmer decke hindurch einen Beſuch in meinem Bette abſtatten. Doch ging die Nacht glücklich vorüber, wenigſtens für mich. In andern Straßen waren aber mehrere Kugeln eingeſchlagen, namentlich auch in ein Haus, das als Kaſerne benützt wurde. Eine Kugel drang durch das Dach ein, zerriß den Fußboden des zwei— ten Stocks, nahm einen Unteroffizier, der dort ſchlief, mit hinab in den erſten Stock, platzte da und tödtete und verwundete ſechs bis ſieben Mann. In einer Kirche wurden durch eine einſchlagende Bombe vier Mann verletzt und in einem Stall ein Pferd todt— geſchlagen. Der Morgen kam und das Schießen dauerte immer fort. Man ging behutſam durch die Straßen, hielt ſich ſo viel wie möglich an den Häuſern und ſpähte nach dem verdächtigen Sauſen in der Luft, um zu ſehen, wo die Kugel einſchlug, um im Noth— fall auf die Seite ſpringen zu können. Vor dem Kaffeehaus war aber trotz des Bombardements das Leben bewegt und luſtig, wie immer. Da wurde von den Abgelösten erzählt, wie es draußen in den 123 Laufgräben ausſah, und man hörte von einigen ſchwe— ren Verwundungen, die in der Nacht vorgefallen. Während man ſo ruhig da ſaß und ſeinen Kaffee nahm, fuhr eine Bombe daher und zerplatzte wenige Schuh über dem Hauſe. Die Stücke der Kugel durch— brachen das hölzerne Schutzdach deſſelben und ſchlu— gen dicht vor den Tiſchen, an welchen man ſein Frühſtück nahm, das Pflaſter auseinander, ſo daß Steine und Eiſen uns um die Köpfe ſausten. Das Schießen ging den ganzen Tag fort. In dem Gar ten des Hauſes, wo General v. Williſen wohnte, zerſprang eine Bombe und die Stücke ſchlugen ins Fenſter des Zimmers, wo er ſich gerade befand. Einem Oberlieutenant von den Jägern wurde der Fußboden neben ſeinem Bette durchbohrt und über dem Haupte des lieben Oberſt Jellachich ſauste eine Kugel in das nebenliegende Quartier, was dieſen vortrefflichen Offizier aber durchaus nicht ſtörte, einen empfange— nen Brief in größter Gemüthsruhe zu Ende zu leſen. Mittags ſaß ich in meinem Stübchen und beendigte einen Bericht, als eine ſchwere Bombe in den Gar ten meines Hauſes einſchlug und dort zerplatzte. Es war ein 150pfündiges Geſchoß von zwölf Zoll Durch— meſſer. Von den zerplatzten Stücken, etwa zwei Zoll dick, nahm ich mir eins zum Andenken mit. Doch muß ich geſtehen, daß mir mein Quartier in dieſem 124 Augenblick nicht gar angenehm erſchien; es lag in gerader Linie von Malghera aus hinter dem großen Guelphenthurm und alle Kugeln, welche dort vorbei⸗ gingen und über das Gebäude hinwegflogen, dirigir⸗ ten ſich hieher. In weniger als einer Stunde fielen denn auch vier Bomben deſſelben ſchweren Kalibers, wie die erſte, in die umliegenden Gärten, weßhalb ich auszuziehen beſchloß, um mir ein anderes Quar tier vor der Stadt zu ſuchen oder vielmehr eines zu beziehen, das mir durch die große Freundlichkeit des Quartiermeiſters Seiner Excellenz des Kommandiren— den bereits vor einigen Tagen angewieſen war. Dieß war eine kleine Villa in der Nähe von Papadopoli. Ich packte denn auch meine Sachen zuſammen und beſchloß noch an demſelben Abend meine Wohnung zu verlaſſen. VII. Im Laufgraben.— Mleine Villa.— Beſchießung von Mlalghera. Denjenigen der verehrten Leſer, welche von den nothwendigen Arbeiten zur Belagerung einer Feſtung wenig Kenntniß haben, erlaube ich mir zu bemerken, daß ein Laufgraben nichts weiter iſt, als eine in das Erdreich eingeſchnittene Straße, die im Zickzack zu den vorgeſchobenen Batterien führt und auf welcher man, gedeckt vor den feindlichen Schüſſen, Geſchütze, Munition ꝛc. transportirt. Da die Batterien näm lich ſo weit als möglich gegen die Feſtung vorge ſchoben werden, und man von denſelben viel mit den rückwärts liegenden Zeuggärten verkehren muß, ſo iſt es nothwendig, ſicher zu den Geſchützen gelangen und zurückgehen zu können. Zu dieſem Ende macht man einen breiten etwa drei Fuß tiefen Graben, und wirft die Erde, welche man aushebt, gegen die Feſtung 126 zu einer Bruſtwehr auf, hinter welcher man nun ziemlich ſicher vordringen kann. Einen wirklichen und ganz ſichern Schutz gewähren übrigens dieſe Bruſtwehren ſelten. Die ſchwere Geſchützkugel dringt leicht hindurch, und häufig ſchlagen Bomben und Gra naten hinter den Laufgräben oder vor denſelben ein und richten oft großen Schaden an. Am 3. Mai be ſuchte ich mit General v. Williſen, der mich freund lichſt über manches belehrte, die Tranchéen in ihrer ganzen Ausdehnung. Von der Paduaner Straße her betraten wir den Laufgraben, welcher durch das dichte Gehölz getrie ben war, und welchen Maulbeerbäume und Rebenge— lände auf beiden Seiten einrahmten. Da alle Arbei ter vorn bei den Batterien waren, ſo war es in den langen Gängen ziemlich einſam, und von dem tief blauen wolkenloſen Himmel ſchien die Sonne recht heiß auf uns herab. Wir vernahmen nichts als das Lied einiger Vögel, die ſelbſt durch das beſtändige Schießen nicht verjagt, ſich munter auf den jungen friſchen Blättern wiegten. Vor uns dröhnte dumpf das Klopfen der Hämmer, mit welchen Pfähle eingetrie ben wurden, und auf unſerer Seite krachte hie und da ein Schuß von Malghera herüber, dort einen Baum niederreißend, hier die Bruſtwehr durchfurchend, oder es kam eine Bombe oder Granate ziſchend 127 geflogen, drang mit dumpfem Schlag in den lockeren Erdhaufen der Bruſtwehr, oder ſauste über uns fort, zwiſchen den Bäumen zerplatzend. An den Biegungen des Laufgrabens waren kleine Depots errichtet(mit Brettern und Faſchinen nothdürftig gegen die Kugeln geſichert), wo Schanzgeräth aufbewahrt wurde, oder wo ſich Militärärzte befanden, um die bei der Arbeit Verwundeten augenblicklich verbinden zu können. Die Leute, welche vorn arbeiteten, waren, wie man immer bemerken konnte, ſehr bereitwillig, unermüd— lich und dabei heiter und guter Dinge. Da man vom Fort aus den ganzen Tag auf die Tranchéen ſchoß, ſo that man natürlich Alles, um die Leute ſo viel wie möglich vor den Kugeln zu ſichern. Hie— zu gehört, daß einer beſtändig aufpaßt, wo die Kugel, die herankömmt, einſchlagen werde. Man hört die Bomben und Granaten hoch in der Luft ſauſen, ohne ſie zu ſehen. Dieß Sauſen nun verliert ſich in einer andern Richtung oder wird ſtärker, in welchem letz tern Falle ſich dann alles ſo feſt wie möglich an die Bruſtwehr drückt, da man nicht wiſſen kann, wo die Kugel einſchlagen wird. Plötzlich fällt ſie vor oder hinter dem Laufgraben, Sand und Steine hoch em porſchleudernd, nieder. Nun wirft ſich alles ſo ſchnell wie möglich der Länge nach auf die Erde— die Bombe platzt— da aber die Stücke derſelben faſt 128 immmer aufwärts fliegen, ſo werden die am Boden Liegenden ſelten beſchädigt. Man kann ſich denken, daß dieß Niederwerfen zu manch komiſcher Scene Veranlaſſung gibt, nament⸗ lich wenn eine Hohlkugel lange nicht zerſpringt und deßhalb die Umherliegenden den Kopf in größter Er⸗ wartung ſcheu nach der Seite wenden, wo das Un— gethüm ziſcht und wühlt. General von Williſen ſagte mir ſpäter, er habe nie etwas Komiſcheres geſehen, als die Behendigkeit, mit welcher ich ſelbſt bei einer ähnlichen Veranlaſſung meine Perſon in Sicherheit brachte. Es iſt aber auch in der That kein Spaß, wenn die Kugeln ſo rechts und links an einem vor— beifahren. Auch heute kam der Fall vor, daß einem Manne, der ſich unvorſichtigerweiſe nicht niederwarf, von einem Bombenſtück der Leib ſchrecklich zerriſſen wurde. Eine ungefährliche, wirklich komiſche Ver wundung kam heute ebenfalls vor. Der Bediente eines Offiziers nämlich hatte einen gewaltigen Re ſpekt vor den Kugeln und mußte ſeinem Herrn etwas in die Laufgräben hinausbringen. Als er einmal da war, wurde er trotz ſeines Widerſtrebens mit zur Arbeit genommen. Er ſchaufelte denn auch tüchtig darauf los, war aber einer der erſten beim Nieder— werfen und machte es wie der Vogel Strauß, in— dem er, um nichts zu ſehen, ſein Geſicht in den 129 Sandhaufen vergrub. Da platzte eine Granate hinter den Laufgräben, ſprengte einen Stein, auf den ſie ge— fallen, auseinander, und ein Stück deſſelben traf den armen Bedienten und verwundete ihn leicht an einer Stelle, wodurch ihm auf einige Tage das Sitzen be ſchwerlich gemacht wurde. Wenn es auch kein außerordentlich großes Wag— niß iſt, die Laufgräben während des Feuerns zu be⸗ ſuchen, ſo muß man ſich doch nicht unvorſichtiger weiſe den feindlichen Kugeln ausſetzen, eine Lehre, die der ruſſiſche Fürſt T., welcher ſich ebenfalls hier befand, beinahe zu ſeinem größten Unglück erhielt. Dieſer, ein unerſchrockener Mann, beſuchte vor einigen Tagen ebenfalls die Laufgräben und kletterte auf die Bruſtwehr, um nach der Feſtung hinzuſehen. Plötz⸗ lich kracht es drüben, der Fürſt ſprang ſchnell in den Laufgraben hinab und eine Sekunde nachher ſchlug eine 32 pfündige Kugel auf dieſelbe Stelle ein, wo er geſtanden. Es war ihm, ſo ſagte er ſpäter, als habe er gefühlt, daß der Pulverblitz, der dort aufſtieg, ihm gegolten, weßhalb er ſich dann zur Erde fallen ließ und ſo glücklicherweiſe der Kugel entging. Es koſtete mich am Abend dieſes Tages keine ge— ringe Mühe, einen kleinen Wagen oder vielmehr einen kleinen einſpännigen Karren zu erhalten, um meine Habſeligkeiten nach dem Landſitze zu ſchaffen, wo ich Hackländer, Soldatenleben im Krieg. II 6 9 130 ferner reſidiren wollte. Endlich trieb ich einen Fuhr⸗ mann mit einem kleinen magern Pferde auf, und wir fuhren hinaus auf der Straße nach Treviſo. Der Himmel hatte ſich Nachmittags mit dicken ſchwar— zen Gewitterwolken überzogen, bald blitzte und don— nete es von allen Seiten, und man konnte oftmals nicht unterſcheiden, kam die plötzliche Helle, die in den ſchwarzen Wolken ſtrahlte, von dem Leuchten des Blitzes oder von dem Schießen aus Malghera, war es das Krachen des Donners, oder der dröhnende Schlag der Geſchütze, was die Luft zerriß. Bald aber wurde das empörte Element vollkommen Meiſter, der Blitz gab ganze Lagen und ſchüttete das weiße Feuer nur ſo auf die Erde herab, die Pappeln der Chauſſee bogen ſich vor der Gewalt des Sturmes, der Regen ſtürzte in Strömen nieder, das Pferd ging nur im langſamſten Schritt weiter, und der Fuhrmann ſeufzte aus Herzensgrunde. Endlich nach einer kleinen Stunde langten wir bei der Villa an, welche für mich beſtimmt war. Sie lag eine Miglie weiter als Papadopoli in einem Garten, und das Haus hatte ein recht anſtändiges Aeußere. Da ich aber nirgends Licht ſah, ſo befürchtete ich ſchon, es befinde ſich in dem Gebäude keine Seele, um mir einen freundlichen Empfang zu bereiten. Ich be⸗ zahlte meinen Kutſcher, lud meinen durchnäßten 131 Nachtſack auf die Schulter und öffnete das Gitterthor des Gartens. Ringsum im Park war alles ruhig und ſtill, Sturm und Regen hatten in ihrer Heftigkeit nach— gelaſſen, und nur noch ein leichter Wind pfiff durch die Zweige einiger hochſtämmigen Cypreſſen. Ich ging auf einem weichen Sandwege zwiſchen zierlich verſchnittenen Hecken, hörte die letzten Regentropfen in Waſſerbaſſins fallen, bei denen ich vorbeikam, und wenn hie und da ein leichtes Wetterleuchten die Nacht erhellte, ſo bemerkte ich hochſtämmige Orangen und Citronen in großen Kübeln und weiße Garten figuren, die mich geſpenſtig anſchauten. Der Anblick dieſes kleinen Parks mit ſeinen Zierlichkeiten hätte mir gewiß einen doppelt ange— nehmen Eindruck gemacht, wenn das Haus nicht ohne Licht abſchreckend finſter vor mir gelegen hätte. Ich überlegte mir ſchon, was zu machen ſey, wenn ich dort niemand fände, ob ich in der Nacht nach Meſtre zurückkehren ſollte, oder ob ich mir im Fall der Noth eine Unterkunft durch Erbrechung einer Thüre oder eines Ladens zu verſchaffen habe. So gelangte ich an die Hausthür und klopfte, doch ohne Erfolg; ich klopfte abermals, und auch jetzt blieb Todtenſtille in dem Hauſe, dann aber hörte ich zu meinem unausſprechlichen Vergnügen 132 eine Thüre öffnen und langſam ſchlürfende Tritte näherten ſich.„Wer iſt da?“ fragte von innen eine Weiberſtimme. Ich ließ meinen Säbel auf die mar⸗ morne Stufe der Treppe niederfallen und entgegnete, man ſolle mir ohne weiteres aufmachen, ich ſey in das Haus einquartiert. Einen Augenblick hörte ich zwei Stimmen zuſammen flüſtern, dann wurde die Hausthüre geöffnet und ich ſah eine alte Frau und einen alten Mann vor mir, die mich verwundert anſtaunten. Ich wiederholte mit wenigen Worten, daß ich hier einquartiert ſey, und fragte, ob man davon wiſſe. „Allerdings,“ ſagte die alte Frau, ves iſt Alles beſtellt und eingerichtet,“ und der Mann ſetzte hinzu:„Corpo di Bacco, aber wir hätten nicht geglaubt, daß Sie in dem furchtbaren Wetter kommen würden.“ Ich war aber trotzdem bei dem furchtbaren Wetter gekommen und trat ein. In einem hübſchen Veſtibul nahm mir der Mann meinen naſſen Paletot und Nachtſack ab und führte mich in meine Zimmer, welche zu ebener Erde lagen und ganz gaſtlich her— gerichtet waren. Es war ein Appartement von vier großen und geräumigen Gemächern, nicht reich, aber ſehr anſtändig, ja comfortabel möblirt; es befanden ſich in jedem Zimmer Ruhetiſche, Fauteuils, und neben dem Schlafzimmer, in dem ein ſehr gutes Bett war, brannte in dem Kamin ein großes Feuer und die 0 133 hellen Flammen deſſelben ſpielten ſo angenehm auf dem ſteinernen Fußboden und der Wiederſchein lagerte ſich mit einer warmen wohlthuenden Farbe auf den Wänden, ſo daß es hier im Zimmer ganz heimlich war. Neben dieſem Gemach mit dem Kamin war ein kleines Bücherzimmer mit den Werken älterer und neuerer Italiener und Franzoſen, und hier hatte der Beſitzer mehrere Büſten berühmter Landsleute aufge— ſtellt. Wer war aber jener Beſitzer? Ich weiß es nicht und habe auch nie darnach gefragt; was konnte mir auch ein Namen nützen, den er mir vielleicht nennen würde. Ich kannte den Träger deſſelben doch nicht. Hoffentlich iſt aber der Eigenthümer dieſer kleinen Villa, der ein Ordnung und Kunſt liebender Mann ſeyn muß, nicht bei der Belagerung verunglückt und erfreut ſich nunmehr wieder ſeiner hübſchen Beſitzung. Der Nähe des feindlichen Geſchützfeuers entrückt, hörte ich kein Ziſchen der Bomben und ſchlief vor trefflich, trotzdem, daß ſie aus Malghera faſt die ganze Nacht hindurch ſchoſſen und jedesmal meine Fenſter erzitterten, ſo oft eine der ſchweren Bomben und Kanonen ihren Mund aufthat, obgleich die Ent— fernung von hier in gerader Linie über vier Miglien betrug. Den andern Morgen erwachte ich unter dem Geſang der Vögel und dem glänzenden Licht der 134 Morgenſonne, das ſich zu einem meiner Fenſterladen herein ſtahl. Doch war der Himmel nicht ganz llar, ſon⸗ dern es zogen vom geſtrigen Gewitter her immer noch dunkle Wolken wie eine Kette rieſenhafter Nachtgeſtalten Hand in Hand unter dem blauen Himmelsgewölbe dahin. Geſtern Abend war der hochverehrte und geliebte Feldmarſchall Radetzky in Begleitung des Handels— miniſters v. Bruck von Mailand im Lager angekom— men, wo er drei Tage bleiben wollte. Man hatte für ihn eine Villa, ebenfalls an der Straße nach Treviſo gelegen, in Bereitſchaft geſetzt und ich hatte das große Glück, als ich heute Morgen nach der Stadt ging, den Feldherrn ein paar Augenblicke zu ſehen und zu ſprechen. Heute nun am 4. Mai war die angefangene Vorparallele mit ſechs Batterien fertig geworden und um Mittag ſollte die Beſchießung von Malghera von dieſen Batterien aus mit 26 Geſchützen(15 Mörſern, 5 Haubitzen und 6 Kanonen) beginnen. Man hegte, theils durch die glänzenden Reſultate im vor⸗ und dießjährigen Feldzug gegen die Italiener irre geleitet, ſo wie durch das unpraktiſche, ewig nutzloſe Schießen aus Malghera auf eine unſichere Haltung der Be⸗ ſatzung ſchließend, die Anſicht, daß ſich das Fort nach einigem ernſten Auftreten und nach wenigen gut ge— zielten Schüſſen ergeben würde, und wohl aus dieſem 135 Grunde begann man die Beſchießung aus 26 Ge ſchützen, ſtatt die Aufſtellung von 60 abzuwarten, die hiezu anfänglich beſtimmt waren. Selbſt die ſo vor— ſichtigen und vortrefflichen Artillerieoffiziere, wahr— ſcheinlich ebenfalls begierig, dem Feind ſeinen ewigen Kugelregen etwas erwiedern zu können, gaben dem allgemeinen Drängen auf ECröffnung des Feuers nach und glaubten bei ruhigem und langſamem Schießen mit 10 bis 15,000 Schuß, die man beſaß, ein vier undſechzigſtündiges Feuer unterhalten zu können. Man kann ſich denken, in welch geſpannter Er wartung ſich Alles dieſen Morgen befand. Das Bel vedere auf dem großen Thurm war gedrängt voll Offiziere, und wir harrten von da, wie in einer Loge, des impoſanten Schauſpiels, das ſich vor unſern Füßen entwickeln ſollte. Denke man ſich das Pano⸗ rama, das ſich vor uns entfaltet, hoch am Horizont der Silberſtreifen des Meeres, Venedig in ſeiner ganzen Ausdehnung mit ſeinen unzähligen Thürmen und Kuppeln ruhig und ſtill— der Königin der Waſſer— in den Lagunen thronend. Dicht zu un— ſern Füßen Malghera, alle aus- und einſpringenden Winkel mit dreifarbigen Fahnen geziert. Der große Kanal einſam und leer, kein Nachen, keine Gondel dort. Meſtre rings um uns von ſeinen Einwohnern ver laſſen, öde und todt. Und hoch am Himmel ſchwarze 136 Gewitterwolken, welche, hie und da zerriſſen, zuweilen einen Sonnenblick durch und auf Venedig fallen ließen, wodurch die hohen Palläſte und Thürme pracht— voll vergoldet wurden. Von unſern Batterien, die in einem Halbkreis vom großen Kanal bis zum Fort Rizzardi Malghera umgaben, war nichts ſichtbar; ſie lagen am Rand einer Maulbeerbaumkultur verſteckt, zwiſchen den friſchgrünenden Bäumen und jungen Reben. Selbſt der Feind hatte ſie beim hellen Tages— licht noch nicht entdeckt, denn ſeine Schüſſe irrten auf der ganzen Parallele umher, ohne einen Punkt feſtzuhalten. Um 12 Uhr Mittags ſandte der Feld⸗ marſchalllieutenant Haynau einen Offizier in die Laufgräben, um den Befehl zum Anfang des Feuers zu geben. Wir ſtanden in geſpannter Erwartung, äußerſt begierig, die Wirkung unſerer Kugeln auf den Feind zu ſehen, der ſich ſorglos damit beſchäftigte, ein Kaſernendach in Malghera neu einzudecken und auf dem Glacis Raſenſtücke auszuſtechen. Viermal wurden wir getäuſcht und hielten den Knall ein— ſchlagender feindlicher Bomben für das Feuer unſerer Geſchütze. Endlich ſtieg aus der Keſſelbatterie auf unſerem linken Flügel dichter Dampf auf; wir hörten die Bomben heulen und ſahen ſie in Malghera ein⸗ ſchlagen, Erde und Rauch hoch emporwerfend, und 137 wenige Augenblicke darauf entwickelte ſich auf unſerer ganzen Linie aus allen Batterien das Feuer. Ueberall ſtiegen die Rauchwolken auf, leuchteten die Blitze, krachten die Mörſer und Geſchütze. Vielleicht einige Minuten nach dem Anfange unſeres Feuers waren die Venetianer unthätig, vielleicht überraſcht, viel⸗ leicht im Laden begriffen. Die Feinde auf dem Glacis verließen daſſelbe in eiliger Flucht. Das oben erwähnte Kaſernendach war in einem Augen⸗ blick menſchenleer. Aber nun begannen ſie aus allen ihren Werken ein ſolch furchtbares und eiliges Feuer, wie ſich keiner der älteren Offiziere erinnerte, je ge hört zu haben. Daß ſie von der Marine und den übrigen Forts viel Geſchütz nach Malghera geſchafft, war wohl bekannt, aber von der großen Anzahl, wie ſich dieſelbe jetzt zeigte, hatte Niemand eine Ahnung. Wo nur auf ihren Wällen ein Platz zu finden war, da hatten ſie Stücke aufgepflanzt und da donnerte es hervor. Es war ein ſolch' Krachen der Geſchütze, Geheul der Bomben und Pfeifen der Kugeln, wie man wohl nicht leicht wieder etwas Aehnliches hören wird. Auf einen Schuß aus unſern Batterien kamen wenigſtens ſechs bis acht aus dem Fort. Glück— licher Weiſe ſchoſſen ſie zu eilig, um gehörig richten zu können, und doch waren am Abend unſere Bruſt— wehren von ihren Kugeln tüchtig durchkämmt. Sie 138 ſchoſſen auch von ſolchen Werken, von wo es gar nicht möglich war, uns irgend einen Schaden zu thun; ſo von S. Guiliano. Das Fort Rizzardi war für unſere Batterien am gefährlichſten und machte den meiſten Lärm. Seine Werke waren faſt beſtändig in Rauch und Feuer der Geſchütze eingehüllt, und es knurrte in Einem fort herüber, wie ein böſer Hund. So viel man in einigen Stunden ſehen konnte, hatten unſere Batterien die Schießſcharten in einer Lunette des Forts ſehr beſchädigt, ein Geſchütz un— brauchbar gemacht und das Dach der Kaſerne tüchtig mitgenommen. Auf dem Erercirplatz in Venedig entdeckte man tauſende von Menſchen, die neugierig dem Spektakel zuſahen und zuhörten. Auch auf den Eiſenbahndamm wagten ſich kühne Reiter, kehrten aber im Galopp wieder um, als ihnen einige ver dächtige Kugeln nahe kamen. Die Lagunen waren mit unzähligen Gondeln beſetzt, kurz Jeder, Freund und Feind, genoß das wirklch großartige Schauſpiel ſo viel als möglich. Wenn man das unerhörte Feuer, das aus dem Fort auf unſere Batterien unterhalten wurde, anſah, ſo war es begreiflich, daß ſich auch die öſterreichiſche Armee hinreißen ließ, ſchneller zu ſchießen, als an— fänglich befohlen war, woher es denn auch kam, daß ſchon in den ſpätern Nachmittagsſtunden die wenige 139 Munition verſchoſſen war, das Feuer auf unſerer Linie ſchwächer wurde und ein paar Batterien noch vor Abend gänzlich aufhörten. Die Aritilleriſten hatten endlich gar keine Munition mehr und auch die Venetianer, denen es hieran nicht gebrach und deren 173 Geſchütze mit allem Nothwendigen reichlich ver ſehen waren, ſtellten gegen Abend ihr fürchterliches Feuer ebenfalls ein, und nur noch zuweilen krachte ein Schuß herüber wie die letzten ſchweren Regen— tropfen nach einem großen Gewitter. An Verwun— deten und Todten hatten wir an den Batterien ſechs Mann, demontirt war aber kein Geſchütz. Jetzt ſah man allgemein ein, daß Malghera ſich nicht, wie manche wohl glaubten, ſo ſchnell ergeben werde, und daß es nothwendig ſey, eine weiter vorgeſchobene Parallele mit zahlreicheren Batterien zu erbauen. Radetzky benutzte ſeine Ankunft in Meſtre noch mals zu einem Akt der Milde und Gnade gegen die rebelliſche Stadt, den letzten Verſuch machend, den gutgeſinnten Bürger zu ermuthigen, daß er die Schreckensherrſchaft jenes zuſammengelaufenen Geſin— dels, das ihn tyranniſirte, breche. Er gab deßhalb einen vierundzwanzigſtündigen Waffenſtillſtand und ſandte folgende Bedingungen nach der Stadt, deren Erfüllung er theils verlangte, theils verſprach: 1) augenblickliche Unterwerfung der Stadt; 2) Uebergabe 140 aller Forts; ſo wie aller Schiffe; 3) Uebergabe aller Waffenvorräthe und Entwaffnung des Volks ꝛc. Da— gegen bewilligte der Marſchall 4) jedem, der die Stadt verlaſſen wolle, hiezu 48 Stunden Zeit, und er konnte ſeinen Weg ungehindert zu Waſſer und zu Land nehmen; 5) eine vollkommene Amneſtie für alle Soldaten vom Feldwebel abwärts. Obgleich nun ſo viel wie möglich gethan wurde, um dieſe Proklamation auch zur Kenntniß des Volks zu bringen, ſo war es doch vorausſichtlich, daß die Machthaber alles thun würden, um das eindringliche Wort des alten Marſchalls zu verheimlichen, was denn auch geſchah, und ſo kam es, daß die milden Bedingungen nicht angenommen wurden, worauf der Feldmarſchall am 6ten wieder nach Mailand zurück— kehrte. Bei ſeiner Abreiſe hatten ſich ſehr viele Sol daten eingefunden, um ihn zu ſehen, unter andern faſt ein ganzes Bataillon von Prinz Emil Infanterie. Ein Corporal trat vor und hielt eine Rede aus dem Stegreif, worin er dem alten Herrn ſagte, ſie ſän— gen und ſprächen immer von ihrem Vater Radetzky und der müßte es ihnen auch erlauben, daß ſie ihn ſich einmal ganz genau anſähen. Natürlich hat den Marſchall dieſe Scene außerordentlich erfreut und er ſprach nach ſeiner Gewohnheit freundliche und liebe Worte zu den Soldaten und reiste alsdann ab unter — —‿ — nimmer enden wollendem Jubelgeſchrei und Hur— rahruf. Um dieſe Zeit wurde Baron Haynau zum Feld⸗ zeugmeiſter ernannt und übernahm den Oberbefehl in Ungarn, wogegen Feldmarſchalllieutenant Graf Thurn als Kommandirender vor Venedig eintraf. Auf's Neue begannen nun die Arbeiten in den Lauf— gräben von Malghera mit unerſchütterlicher Ausdauer, doch traten die Elemente der baldigen Ausführung der projektirten Parallelen abermals hinderlich in den Weg. Es fing wieder an zu regnen, das Erdreich wurde abermals moraſtig, in den Laufgräben und Batterien wateten die Artilleriſten und Arbeiter bis an's Knie im Schlamm und Waſſer. Trotzdem wurde unaufhaltſam fortgearbeitet; doch riefen mich nach der erſten Beſchießung die Vorgänge im deutſchen Vaterlande, die badiſche Revolution und beunruhi— gende Nachrichten aus Württemberg nach Hauſe zu— rück. Auch war hier nicht abzuſehen, bis wann die neuen Batterien fertig ſeyn würden, und ich hatte nicht Luſt, mich längere Zeit als nutzloſer Zuſchauer hier herumzutreiben. Die Batteriebauten vor Malghera betrieb man aber mit außerordentlicher Thätigkeit. Aus Mantua und Verona wurden Munitionsvorräthe zu Wagen und Eiſenbahn herangeführt und am 23. Mai waren 14² 19 Batterien erbaut und in denſelben 88 Geſchütze eingefügt, welche an Munition 73,400 Schüſſe hatten, womit man eine 96ſtündige Beſchießung aushalten konnte. Man kann die Koſten eines jeden Schuſſes durchſchnittlich auf einen Dukaten annehmen. So begann denn auch wieder das Feuer am 24. Mai früh um 5 ¼ Uhr. Ein Augenzeuge ſchrieb darüber der Allgemeinen Zeitung vom 26. Mai: „Vorgeſtern endlich, nach ſechswöchentlichen raſt loſen Vorarbeiten in den Laufgräben und Batterie— bauten und nach glücklicher Einführung von unge— fähr 95 Geſchützen, begann das große Bombardement von Malghera Morgens halb 6 Uhr. Noch war der Himmel nach einem heftigen Gewitterregen mit ſchweren Wolken überzogen, als unſere Geſchütze nach allen Richtungen hin zu donnern begannen. Nach Verlauf von fünf Minuten erwiederte der Feind dieſes Feuer mit gleicher Stärke und bald konnte man einzelne Schüſſe gar nicht mehr unterſcheiden. Das Ganze glich mehr dem Ausbruch eines fürchter⸗ lichen Gewitters, es war ein Sauſen und Ziſchen von Kugeln, ein Donner der Geſchütze, daß alle Gebäude und ſelbſt der alte Guelphenthurm in Meſtre zitterten. In geiſterhaften Formen ſtieg der Rauch empor und vermiſchte ſich mit dem ſchwarzen Ge⸗ wölke und nur undeutlich erblickte man im dunkeln 143 Hintergrund zwiſchen den Blitzen der Kanonen und feurigen Bogen der Raketen des Forts von Malghera die Batterien des Feindes und in Silhouettenumriſſen die alte Dogenſtadt über den Lagunen. Gegen 9 Uhr erhellte ſich der Himmel und um Mittag ließ das Feuern auf beiden Seiten etwas nach. In den erſten Stunden hatte man beiderſeits nicht weniger als vierzig Schüſſe auf die Minute gezählt, wonach denn das frühere Bombardement vom 4. Mai nur als ein kleines Vorſpiel des geſtern begonnenen erſchien. Den Tag hindurch wurde keine Selunde mit dieſen Arbeiten ausgeſetzt. Mit ein brechender Nacht verſtummten die Geſchütze des Feindes beinahe ganz, während unſererſeits die Moͤr— ſerbatterien nur um ſo fleißiger das Fort mit Bom— ben bewarfen. Ein herrliches Schauſpiel boten letztere, wie ſie ſich in unermeßlicher Höhe nach allen Rich tungen kreuzten, und gleichſam mit den Sternen zu rivaliſiren ſchienen, bis ſie wieder wie Sternſchnup— pen ebenſo ſchnell herabfielen und bald da, bald dort in die Feſtungswerke einſchlugen, bisweilen auch in der Luft mit unendlichem Widerhall platzten. In dem Fort ſcheint dieſe Art von Munition jetzt zu fehlen, da ſolche nicht gegen uns gebraucht wurde. Um Mitternacht war Alles ruhig, und man benützte die Zwiſchenzeit bis zum Tagesanbruch zur Wieder 14 4 herſtellung der zerſchoſſenen Bruſtwehren und andern Batterien.“ „Trotz dieſes, den ganzen Tag hindurch anhal tenden fürchterlichen Feuers zählten wir am Abend nur 17 Todte und etwa 20 Verwundete, darunter keinen Offizier, und von den Geſchützen waren bloß zwei Kanonen demontirt. Die Bedienungsmannſchaft war voll des beſten Muthes, und die Artilleriſten und andern Truppen, die Abends zur Ablöſung durch die Stadt zogen, ſangen muntere Lieder, froh darüber, daß ſie einmal ſo recht Kanonen donnern gehört. Als Feldzeichen trugen ſie meiſt friſche Roſen auf ihren Holzmützen und ſo gingen ſie voll Todesver⸗ achtung, Vivat ihrem Kaiſer rufend, in die Lauf⸗ gräben zu den noch heißen Batterien, wo das Blut manches wackern Kameraden kaum noch an den La— fetten getrocknet war. Ein ſchmerzliches Gefühl drängte ſich mir auf, der ich Augenzeuge der Hingebung dieſer braven Truppen war, wenn ich ſie mit den fahnenflüchtigen und eidesbrüchigen Soldaten in gewiſſen Theilen unſeres zerriſſenen Vaterlandes verglich!“ „Den darauf folgenden Tag, nachdem das Bom⸗ bardement beiderſeits mit erneuerter Heftigkeit fort⸗ geſetzt worden war, und wie gewöhnlich um die 145 Mittagszeit etwas nachließ, konnte man bei heiterem Himmel durch jedes gewöhnliche Fernglas ganz deut— lich die Verwüſtungen unterſcheiden, welche unſere Batterien in den Bruſtwehren und Verſchanzungen der feindlichen Feſtungen angerichtet hatten. Eine davon, die man den Cavalier hieß und die am höchſten Punkt am rechten Eck ihres Blockhauſes gebaut war, ſchwieg jetzt gänzlich. Das Dach der Kaſerne war mitten durch entzweigeſchoſſen, das kleine Finanzhaus am linken Flügel verlaſſen und ganz durchlöchert. Nach jedem Schuß flog wieder neuer Erdſtaub vom Fort in die Höhe. Zwei Pulvermagazine borſten früher ſchon mit fürch— terlichem Knall und ein drittes, welches das bedeu— tendſte zu ſeyn ſchien, ging noch Abends zwiſchen ſechs und ſieben Uhr mit einem Donnerſchlag und einer bis in die Wolken reichenden Rauchſäule in die Luft. Es war dabei des Jubelſchreiens in unſern Batterien und von den zuſchauenden Soldaten, die auf den Dächern der vorderſten Häuſer von Meſtre ſaßen, faſt kein Ende. Deſſenungeachtet feuerten nach kurzer Pauſe die Kanoniere des Forts Malghera fort, und es iſt nicht zu läugnen, daß ſie ſich bisher ſehr tapfer und äußerſt thätig hielten, obgleich ihr Verluſt in jeder Hinſicht größer ſeyn mußte, als der unſrige. Spät Abends und die Nacht hindurch wurden wieder Bomben nach allen Richtungen geworfen und Hackländer, Soldatenleben im Krieg. II. 7 10 146 daneben die Beſchädigungen in den Laufgräben und Batterien ausgebeſſert. Das Ingenieurcorps legte während des Bombardements, wie früher zur Zeit der Vorarbeiten die größte Umſicht und Tapferkeit in den mißlichſten Verhältniſſen an den Tag, und die Artillerie bewährte nunmehr auch hier ihren alten Ruf. Es iſt bewunderungswürdig zu ſehen, mit welcher Ruhe und Entſchloſſenheit dieſe Leute in den von allen Seiten mit den ſchwerſten Projektilen be— ſtrichenen Batterien ihre Geſchütze bedienen; wie ſie vom Pulverdampf geſchwärzt und mit Erdkoth von oben bis unten über und über beſpritzt und beworfen, des Mittags und Abends zwar müde aber heiter heimkehren, um ſich eine kurze Raſt zu gönnen und dann wieder neuen Muthes dahin zu ziehen. Mit großer Umſicht leitet jetzt Feldmarſchalllieutenant Graf Thurn die Operationen, derſelbe, der bei Novara das vierte Armeecorps kommandirt hatte. Aber unver⸗ geßlich bleibt ſeinen hieſigen Truppen der tapfere, durch kaiſerlichen Befehl nach Ungarn abberufene Feldmarſchalllieutenant Haynau, der wahre Soldaten⸗ vater, und es iſt doch ſehr zu bedauern, daß es ihm nicht gegönnt war, das letzte, und wie man hoffen darf, glückliche Reſultat ſeiner Belagerung ſelbſt zu ſchauen. Heute am 26ſten war das Feuer im Gan⸗ zen minder heftig und die Sache ſcheint jetzt den 147 geregelten Gang einer ernſthaften Belagerung und Beſchießung zu nehmen; die Venetianer aber, ſcheint es, wollen die höchſte Noth einer langen Cernirung abwarten. Somit ſchließe ich für heute, bis ich etwas Entſcheidendes berichten kann.“ Bereits am 25ſten, ſo ſagt der Berichterſtatter über„die kriegeriſchen Ereigniſſe in Italien,“ ein nicht genug zu empfehlendes Buch, bemerkte man eine Abnahme des feindlichen Feuers. Dieß erhöhte den Eifer der öſterreichiſchen Artilleriſten und viele Vormeiſter(Richtende), welche den richtigen Erfolg ihres Schießens ſehen konnten, ließen ſich gar nicht ablöſen. Das Fort Rizzardi und die Sternſchanze waren bis zum 26ſten ganz demontirt und zum Schwei⸗ gen gebracht. In der Feſtung ſelbſt waren ſchon viele Werke verlaſſen, zwei Munitionsmagazine auf— geflogen und wenige Mann bedienten mehrere Ge— ſchütze neben einander. Von der tapfern Beſatzung waren hundert getödtet, dreihundert meiſt ſchwer verwundet, keine Möglichkeit der Ablöſung und ebenſo wenig eines Erſatzes der Munition, weil jedes mit dergleichen ſich nähernde Schiff Gefahr lief aufzu⸗ fliegen. Nach 10 Uhr Abends, den 26. Mai, ſtellte ſie alſo ihr Feuer ein, worauf auch das öſterreichiſche während der Nacht ermäßigt wurde. Feldmarſchalllieutenant Graf Thurn traf nun die 148 nöthigen Verfügungen zur Ausführung eines Sturms. In der nämlichen Zeit aber, nämlich zwiſchen zehn Uhr Nachts und drei Uhr früh, räumte die Beſatzung in aller Stille die Feſtung, ſo daß um vier Uhr früh am 27. Mai, als eine Patrouille von einem Unter⸗ jäger und drei Mann der ſteyeriſchen Schützen den Werken ſich näherte, ſie dieſelben verlaſſen fand. Muthig ging ſie in die Feſtung, erſtieg die Bruſt— wehr und winkte mit freudigem Zuruf ihren Kame⸗ raden in den Laufgräben und Batterien. Mit lautem Jubel eilte Alles, was in der Nähe hielt, mit oder ohne Waffen, nach der Feſtung, welche um ſieben Uhr militäriſch beſetzt und bewacht war. Einige kühne Offiziere und Soldaten waren nach der Eiſenbahnbrücke geeilt, andere hatten ſich ins Waſſer geworfen und ſich des auf zwei hundert Schritte rechts der Brücke gelegenen Forts San Giu— liano oder Anconetta bemächtigt. Plötzlich aber em— pfing ſie von den Schiffen und dem links von der Brücke näher gegen die Stadt ſtehenden Fort San Secondo ein heftiges Geſchützfeuer, wodurch in dem Fort San Giuliano ein Munitionswagen in die Luft geſprengt und der Tod von drei ausgezeichneten Offizieren und mehreren braven Soldaten herbeige— führt wurde. Im Ganzen hatte die öſterreichiſche Artillerie in 149 72 Stunden 60,000 Schüſſe gethan. Die meiſten waren Treffer, die Zerſtörung übertraf jede Vorſtel— lung.„Wenn je die Artillerie wegen ihres richtigen Schießens und aufopfernder Ausdauer ein Lob ver— dient hatte, ſo hat ſie beim Anblick des Forts Mal ghera ihren Lohn gehabt.“ Dieſen Worten eines vortrefflichen Offiziers, deſſen Aufzeichnung wir hier benutzt haben, gehe noch folgende den der kaiſerlichen Armee inwohnenden Gerechtigkeitsſinn bezeichnende Aeußerung voran:„Jedem drängte ſich die Bewun— derung auf, wie es möglich geweſen, dieſen Platz ſo lange zu behaupten.“ In den eroberten Werken wurden 137 Geſchütze, wovon 38 unbrauchbar, 35,000 Kugeln und Bomben und 33 Centner Pul ver erbeutet. Noch am Abend erſchien bei der Armee der Feld⸗ marſchall, welcher am Vormittag auf die telegraphiſche Nachricht von der Einnahme Malghera's unverzüg lich von Verona hergeeilt war. Er beſichtigte, vom Jubel der treuen Krieger begrüßt, die genommenen Werke und befahl, die Arbeiten zur Beſchießung von Venedig mit aller Anſtrengung fortzuführen. Die in der Stadt herrſchende Partei wollte noch nichts von Uebergabe wiſſen, obſchon ihr ſelbſt das engliſche Miniſterium dieſe anrieth. In ihrer Verblendung hoffte ſie auf einen Entſatz aus Ungarn. Dort 150 erlitt im Gegentheil das Princip der Nichtintervention gerade jetzt einen argen Stoß. Wie Oeſterreich nicht um ſich ſelbſt, ſondern für ganz Europa in Italien der Revolution die Stirne geboten hatte, ſo trat nun Rußlands Kaiſer zur Beförderung des gemeinſamen Ziels mit Kraft auf. Die Welt ſollte vorläufig wiſſen, daß Bündniſſe ſich noch nicht verbieten laſſen. Venedig ſelbſt wurde bekanntlich am 22. Auguſt übergeben. VIII. Abſchied vom Hauptquartier. Obgleich mein Aufenthalt in Meſtre mit manchen Unannehmlichkeiten, ja mit Gefahren verſchiedener Art verknüpft war, ſo nahm ich doch von dem in tereſſanten großartigen Schauſpiele, das ich geſehen und von den lieben Bekannten, die ich hier erworben, nur ungerne Abſchied. Ich kann nicht umhin, von letztern noch zweier Landsleute zu erwähnen, die ſich bei der Armee be⸗ fanden und beide in ihren ganz verſchiedenen Fächern das Anerkennungswertheſte leiſteten und leiſten. Der eine iſt der badiſche Doktor Beck, ein junger Arzt, der ſich zu Vervollkommnung ſeiner Kenntniſſe als ausübender Wundarzt ſchon längere Zeit bei der italieniſchen Armee befand. Seine raſtloſe Thätigkeit und ſeine vielen Verdienſte auf dem Verhandplatze wurden auch ſowohl von den Kommandeuren, als von den Verwundeten ſelbſt aufs Höchſte anerkannt, und — — 152 ſeine unermüdliche Sorgfalt, ſeine geſchickte Hand haben manch' ſchmerzliches Leiden gemildert. So viel ich hörte, war Doktor Beck zu einer Belohnung empfohlen, doch weiß ich nicht, ob er den Orden oder die goldene Medaille, die er wohl verdient, erhalten. Der andere, den ich gerne hier erwähne, iſt der junge talentvolle Maler Eugen Adam aus München, der, wie ich, dem Hauptquartier gefolgt, damit be ſchäftigt war, das in getreuen künſtleriſchen Schilde rungen genau und anſchaulich darzuſtellen, was ich durch die Feder verſucht, in ſchwachen Umriſſen wie— derzugeben. Eugen Adam hat als Augenzeuge ſo— wohl vom Feldzug 1848, wie vom letzten Feldzuge, vom Marſche, aus dem Bivouak, aus der Schlacht und aus dem gemüthlichen Lagerleben die ſchönſten Scenen erfaßt und geſammelt. In Vereinigung mit ſeinen Brüdern gibt er in dieſem Augenblicke in München ein großes Werk heraus: Erinnerungen an die Feldzüge der k. k. öſterreichiſchen Armee in Italien aus den Jahren 1848 und 1849, welches in guten Lithographien ebenſo ausgeführt, wie er es entwor— fen, allen Verehrern der tapfern öſterreichiſchen Armee gewiß in hohem Grade willkommen ſeyn wird. Der preußiſche General von Williſen, dem ich auf dieſem Wege nochmals meinen Dank ſage für die viele Freundlichkeit, die er mir beſtändig bewieſen, 153 hatte die Güte, mich mit Maler Adam nach Treviſo zu begleiten. Es war ein unfreundlicher, regneriſcher Tag, und da ich bei Ankunft in genannter Stadt einen Platz auf dem Courierwagen nach Mailand fand, ſo hielt ich mich hier nicht länger auf, ſondern nahm herzlichen Abſchied von den Freunden und fuhr gegen Verona. Den andern Morgen gegen 12 Uhr kam ich nach Mailand. Obgleich noch in Meſtre die Geſchütze donner ten, obgleich d'Aſpre mit ſeiner Heeresmacht im Toskaniſchen ſtand, obgleich die Franzoſen damals in Rom unterlegen waren, und obgleich die Piemonteſen durch Hinausziehen der Friedensunterhandlungen Miene machten, wie wenn es für ſie eine Möglich keit, ja ein Leichtes wäre, zum drittenmal in die Trompete zu ſtoßen, ſo herrſchte doch hier in Mai land die größte Ruhe. Es war gerade, als ſeyen die Tage von Mor tara und Novara vor Jahren geweſen, die Kriegsuhr hatte ausgeſchlagen, in dem Räderwerk ſummte und ſauste nichts mehr Ungewöhnliches, es gab keine Bivouaks mehr, keine ſtaubbedeckten Staffetten jagten einander, der Pulsſchlag des hieſigen Lebens ging wieder ruhig und gleichförmig, wie der Schritt der Schildwachen nächtlicherweiſe. Aber dieſe Ruhe that 154 wohl— nicht dem Soldaten, der das Schwert un— gern in die Scheide ſtieß, nicht dem Wühler, der ingrimmig zuſchaute, wie jene Fundamente, die er gelegt, um ein fluchwürdig Werk zu erbauen, langſam überſponnen wurden vom erneuten täglichen Verkehr, und endlich ganz verſchwanden und untergingen zwi— ſchen der ernſtlichen Thätigkeit, die ſich an allen Ecken zu regen begann— ſie war wie Frühlingsregen nach langer Dürre, Alles athmete friſch und kräftig auf, und überall ſproßten und keimten neue Blüthen, herrliche Früchte verſprechend. Handel und Gewerbe fingen an ſich wieder zu regen, manche Magazine, die bis jetzt geſchloſſen waren, wurden wieder geöff⸗ net, und aus allen Ständen fanden ſich Kaufluſtige zuſammen; auf dem Corſo ließen ſich wieder elegante Equipagen ſehen, und Abends war derſelbe überfüllt mit Spaziergängern. Beſprach man ſich mit einem italieniſchen Pa⸗ trioten über die heutigen Zuſtände, ſo zuckte er aller— dings mit den Achſeln, ſeufzte„povera italia“ und ſchaute vielleicht einen vorüberwandelnden Grenadier grimmig an, forſchte man aber weiter und ließ ſich von der proviſoriſchen Regierung des vergangenen Jahrs und der Volksherrſchaft erzählen, wie ſie hier von zügelloſen Banden ausgeübt ward, ſo wurde er milder und gab zu, daß der Zuſtand eigentlich noch 155 unerträglicher geweſen, und daß es doch am Ende beſſer ſey, den Befehlen eines öſterreichiſchen Feld marſchalls zu gehorchen, als den Launen eines wilden Haufens. Das Leben im Hauptquartier fand ich wieder, wie ich es verlaſſen. Feldmarſchall Radetzky hatte unter anderm einen Armeebefehl erlaſſen, worin es hieß: „Se. Majeſtät der Kaiſer und König haben mir mit allergnädigſtem Handſchreiben vom 3. d. M. die allerhöchſte Zufriedenheit über die Siege ausgeſprochen, die wir unter dem Schutz des Allmächtigen jüngſt er— fochten haben.“„Sagen Sie meiner tapfern Armee (das ſind die Worte des Kaiſers), daß ſie ſich in meinem Herzen ein unvergängliches Denkmal der Liebe und Dankbarkeit errichtet hat.“ Se. Majeſtät fügen die für mich ſo höchſt ſchmeichelhaften Worte bei:„aus dem Munde ihres würdigen Feldherrn wird ſie dieſen Auftrag am liebſten vernehmen.“ Soldaten! mit Stolz erfülle ich dieſen allerhöchſten Befehl; denn eurer Treue, eurer Tapferkeit verdanke ich die Zu— friedenheit meines Kaiſers. Laßt uns hoffen, daß der entflohene Friede und mit ihm Ruhe und Glück bald wieder in das ſchwer geprüfte Vaterland zurück⸗ kehren werde. Sollten jedoch die Stürme, die es heimgeſucht, noch nicht ausgetobt haben, ſo ſind wir heute wie jüngſt bereit, den letzten Blutstropfen für 156 einen geliebten Kaiſer, für den Ruhm, die Ehre und die Einheit des Vaterlandes freudig zu verſpritzen. Das ſind meine, das ſind eure Geſinnungen, ihr habt ſie mir auf ſo manchem Schlachtfeld gelobt und bis jetzt treu und ehrenhaft erfüllt.“ Unter den vielen glänzenden und ſchmeichelhaften Beweiſen der allgemeinen Theilnahme, welche dem Heldenmarſchall von ſo vielen Seiten her zu Theil wurde, kann ich nicht umhin, der Adreſſe des königl. preußiſchen Gardecorps zu erwähnen, welche in die— ſen Tagen hier ankam. Dieſelbe war in Form eines Albums und auch im Aeußern ſchön und geſchmackvoll ausgeführt. Der Unſchlag enthielt auf braunem Sammt unter der Königskrone den Stern zum ſchwar— zen Adler-Orden mit ſeiner Umſchrift:„Suum cui- que.“ Der Titel mit der Inſchrift:„Dem k. k. öſter⸗ reichiſchen Feldmarſchall Joſef Wenzel Grafen Radetzky von Radetz, dargebracht von den Offizieren des K. preußiſchen Gardecorps“ ſinnreich componirt, mit Ara⸗ besken umgeben, durch W. Camphauſen in Düſſeldorf ausgeführt, zeigte ſämmtliche Offiziere, beziehungs— weiſe Regimenter und Truppentheile des Gardecorps, wie ſie aufwärts blickend, dem Einzug des greiſen Helden nach dem vorjährigen glänzenden Feldzug durch die Porta Romana zuſchauen. Die Adreſſe ſelbſt lautet: „Excellenz! Fünfunddreißig Jahre ſind ſeit jener denkwürdigen Zeit verfloſſen, wo Oeſterreichs und Preußens Heere in Waffenbrüderſchaft zuſammen⸗ ſtanden und treuen Sinnes das Recht und die Ehre Deutſchlands verfochten. In den Veteranen unſeres Heeres hat ſich das Andenken jener Zeit durch die Erinnerung in der jüngeren Generation deſſelben durch die Tradition ſtets wach erhalten. Als in letzter Zeit das Schwert an Oeſterreichs Grenze gezogen wurde, war das Herz unſeres Heeres bei unſern alten Kriegsgefährten. Wir hatten Mitgefühl für die ſchweren Tage von Mailand, als wenn ſie uns ſelbſt getroffen hätten, wir warteten mit Ungeduld auf die Tage der Vergeltung und begrüßten mit Freude und Jubel den Siegeszug Ihres tapferen Heeres vom Mincio bis zum Ticino. Die Tage von Sommacam pagna und Cuſtozza gehören nicht Oeſterreich allein! ſie gehören allen Soldaten deutſcher Nation, die ihren Fürſten und ihren Fahnen treu geblieben ſind und ewig treu bleiben wollen; ſie gehören dem deutſchen Waffenruhm, der deutſchen Kriegsgeſchichte! Geſtatten Sie uns daher, Herr Feldmarſchall, daß auch wir in Ihnen unſern Feldherrn verehren, denn Ihre Sache iſt die unſrige; daß auch wir ſtolz ſind auf Ihre weiſe und kräftige Führung und auf die Aus dauer und die Tapferkeit, mit der die öſterreichiſche 158 Armee gefochten hat. Unſer Glückwunſch und unſer Dank ſind in jetziger ſchwerer Zeit noch tiefer ge— fühlt, noch wärmer und kräftiger, als in gewöhn⸗ lichen Zeitläuften. Möge der Tag nicht mehr fern ſeyn, wo der Ruf des gemeinſamen Vaterlandes uns Gelegenheit gibt, Ihnen zu zeigen, daß wir noch die alten treuen Waffenbrüder früherer Zeit ſind, ſtets und gern bereit, an der Seite unſerer tapfern öſter— reichiſchen Kameraden und mit ihnen gemeinſchaftlich die Sache des Rechts zu verfechten und Schlachten zu ſchlagen. Potsdam, 18. Auguſt 1849.“ Der kalligraphiſche Theil dieſes ſchönen Albums iſt von Herrn Schütze in Berlin. Den Titel deſſel— ben ſchließt die kleine Anſicht einer deutſchen Strand⸗ batterie, feindliche Kriegsſchiffe beſchießend. Prophe⸗ tiſch: der Hafen von Eckernförde, das Linienſchiff Chriſtian VIII. und die Fregatte Gefion. Die Kunde dieſer glänzenden Waffenthat deut⸗ ſcher Truppen kam faſt zu gleicher Zeit hier an und wurde mit Jubel begrüßt. Der Feldmarſchall, den dieſe Aufmerkſamkeit außerordentlich gerührt, und der mit großer Freude auch den Namenszug des Königs von Preußen unter der Adreſſe fand, beantwortete dieſelbe an Se. königl. Hoheit den Prinzen von Preußen: „Durchlauchtigſter Prinz, gnädigſter Herr! Dem 159 in tiefſter Ehrfurcht Unterzeichneten iſt eine Adreſſe zugekommen, welche das Offiziercorps der königlichen Garde an mich und das Heer unter meinen Befehlen richtete, und worin dieſes ausgezeichnete Corps mir ſeine waffenbrüderliche Theilnahme an den Erfolgen ausdrückt, die Gott, deſſen Schutz noch nie von der gerechten Sache gewichen, unſern Waffen verliehen hat. An der Spitze dieſer Adreſſe glänzt vor allen der gefeierte Name Eurer königlichen Hoheit, ſowie jener des Prinzen Friedrich. Erlauben demnach Höchſtdieſelben, daß ich den edlen Prinzen, der ſo lange und ruhmvoll an der Spitze des ritterlichen Gardecorps ſteht, zum Organ meines dankerfüllten Herzens wählen dürfe, um die Gefühle auszudrücken, womit dieſer Beweis waffenbrüderlicher Theilnahme mich und meine Truppen durchdrungen hat. Zwar immer kleiner ſchmilzt die Schaar zuſammen, die einſt auf blutgetränkten Schlachtfeldern Deutſchlands Frei— heit wieder begründete, aber die Tradition hat das Andenken an dieſe große Zeit friſch und lebhaft unter uns erhalten. Sie iſt der Boden, auf dem der gegen— wärtige Geiſt der deutſchen Heere wurzelt und aus dem er ſeine Nahrung ſog. Nimmer ſoll der Bund zerreißen, den wir dort geſchloſſen, wenn auch keiner mehr übrig ſeyn wird von den Männern, die ihn mitgekämpft, den Kampf für Deutſchlands Freiheit. 160 Ja, noch einmal hat das preußiſche und öſterreichiſche Heer Deutſchland vom Untergang gerettet, als ſie mit treuer Bruſt die Throne ihrer Herrſcher deckten, an deren Stufen ſchon eine wilde Demagogie zer— ſtörend pochte. Könnte je Bruderzwiſt dieſe Heere noch einmal ſpalten, dann iſt es auf immer um Deutſchlands Größe und Einheit geſchehen, denn nicht mit Theorien, nicht mit Deklamationen bekämpft man den innern und äußern Feind, das beweiſet das Land, auf deſſen Boden ich jetzt ſtehe. Doch dahin wird es nicht kommen, ſo lange noch an der Spitze deutſcher Heere deutſche Fürſten ſtehen. Ja, Deutſchland ſoll groß, ſoll frei, ſoll mächtig ſeyn, aber es ſoll es mit und durch ſeine Fürſten ſeyn, denn nur durch Eintracht, nicht durch Zwieſpalt kann dieſes hohe Ziel erreicht werden. Möge das preußiſche, möge das öſterreichiſche Heer das Band ſeyn, das Hohenzollerns und Habsburg Throne unzertrennlich mit einander verbindet, dann werden die Wetterwolken entſchwinden, die jetzt noch drohend den Horizont unſeres deutſchen Vaterlandes umhüllen. Auch in unſerer Bruſt ſchlägt ein ſtolzes deutſches Herz, und niemanden räumen wir das Vorrecht ein, deutſcher zu empfinden, als wir; aber wir kennen die Ge— ſchichte unſerer innern Spaltungen, wir wollen nicht, daß dieſe unglücklichen Zeiten ſich wiederholen ſollen, 161 die nur denſelben verderblichen Ausgang haben wür den, wie ehemals. Ob Fürſtenehrgeiz oder aufge wiegelter Volksgeiſt uns in Bruderzwiſt und in Ver derben ſtürzen, das gilt gleich. Empfangen Euer königliche Hoheit meine und meines Heeres Huldi gungen, und geruhen Höchſtdieſelben, dem edeln Corps, deſſen hoher Führer Sie ſind, unſern brüder lichen Gruß zu entbieten. Oeſterreichs Krieger rei chen durch mich Preußens tapferem Heere die Hand zum Schutz deutſcher Freiheit, deutſcher Größe, und vor allem deutſcher Einigung durch alte deutſche Treue und Tapferkeit.“ Meine Zeit in Mailand war nun abgelaufen, und ich blickte mit Freude und Rührung auf die ſchönen Tage zurück, die ich hier verlebt. Unver— geßlich werden ſie mir ſeyn, unvergeßlich die Erin nerung an den großen Helden, der mich ſo liebreich aufgenommen. Ich ging, demſelben meinen letzten Beſuch zu machen. Vater Radetzky wohnte wieder in der Villa Reale in reizender Abgeſchiedenheit von der lärmenden Stadt, ebenſo ruhig und ſtill wie früher, und der greiſe Held erfreute ſich nach den Mühſeligkeiten des Feldzuges, Gott ſey Dank! des beſten Wohlſeyns. Waren ſeine ſchweren Berufsarbeiten beendigt, ſo ritt oder fuhr er ſpazieren, oder man ſah ihn nach— H Hackländer, Soldatenleben im Krieg. II. 11 162 denkend in dem ſchönen Garten der Villa wandeln, ſich herzlich freuend an der blauen Himmelsluft und dem friſchen Grün des jungen Frühlings, den er ſchon ſo oft kommen und ſchwinden ſah. Stundenlang konnte ich dem alten ehrwürdigen Marſchall zuſchauen und ſehe ihn noch vor mir, wie er hin und her ging zwiſchen den Blumen und Sträuchern, die ſich für mich zu ſeltſamen Geſtalten und Arabesken formten, ſein weißes Haupt bekrän⸗ zend,— jetzt ſah ich ihn auf der Höhe von Novara ſtehen unter einem Baldachin von Pulverdampf, wie er die rechte Hand ausſtreckt und freudig hinhorcht auf den immer mehr ſich entfernenden Kanonendon⸗ ner.— Jetzt höre ich ſeltſame Muſik und ſehr wun— derliche Geſtalten— Allah, il Allah— und er, hoch zu Roß, einen feindlichen Baſchi herunterhauend, während er ihm den Roßſchweif entreißt. Und das war in den Türkenkriegen, von denen der alte Herr ſo ſchön erzählte.. Er reichte mir die Hand, als ich Abſchied von ihm nahm, die rechte Hand, die ſo lange und ruhm— voll den Säbel geführt, und ich bin ſo glücklich, ſagen zu können, daß er mich ungern ſcheiden ſah, denn er ſprach ja zu mir:„Kommen Sie bald wieder, Sie gehören zur Familie.“ * 163 Nach dieſem Abſchied waren mir die andern von Bekannten des Hauptquartiers minder ſchwer. Ich ſagte dem Oberſt Schlitter mein Lebewohl Eberhard war ſchon ein paar Tage vorher nach Verona gegangen und verließ betrübten Herzens das Hauptquartier. Im Hofe ſpielte ein Muſikcorps— es waren Böhmen, die neuaufgezogene Wache richtete ſich häuslich ein, legte die Torniſter ab, einige reparir ten die Zeichnungen zum„Mühleziehen,“ ein harm— loſes Spiel, die ihre Kameraden von geſtern mit Kreide auf die Steinbänke vor der Villa gemalt, oder ſetzten ſich unter die dichtbelaubten Bäume. Die neuen Wachen ſpazierten auf und ab, die Muſik ent— fernte ſich, gefolgt von Flaneurs aller Altersklaſſen, und da es um dieſe Jahreszeit in Mailand zur Mit tagsſtunde ſchon ziemlich heiß war, ſo waren die Straßen in kurzem öde und leer. IX. Rückkehr. Um nicht meine Rückreiſe nach dem Vaterland auf derſelben Straße anzutreten, auf der ich nach Italien gekommen, beſchloß ich über den Simplon und Genf zu gehen. Außerdem hoffte ich noch bei der Fortſetzung meiner Reiſe über Bern, Baſel und Karlsruhe einen flüchtigen Blick in die damaligen revolutionären Wirren des unglücklichen Badens machen zu können. Dem Entſchluß folgte ſchnell darauf die Ausführung. Das Packen meiner Sachen raubte mir nicht viel Zeit. Meine Abſchiedsbeſuche waren bald gemacht. Weniger leicht wurde es mir, von vielen Männern zu ſcheiden, an welche ich durch die Bande der Dankbarkeit und der gemeinſchaftlichen Erinnerung zuſammen verlebter großer Ereigniſſe ge feſſelt war. Italien verläßt man außerdem ſelten gern. Das fühlte ich lebendig, als ich den Wagen beſtieg, um den Alpen zuzueilen. 165 Von Malland bis Seſto⸗Calende führt eine mei⸗ ſtens gerade ſtaubige Chauſſee, ohne viel Abwechslung. Der Wagen, der mich bis dahin führte, war ein beſcheidener Poſtomnibus mit ſeinen vielen Leiden und wenig Freuden. Gegen 11 Uhr Morgens ge langten wir nach Seſto, wo unſere Päſſe einer ſtrengen Viſitation unterworfen wurden. Von hier war ich der einzige Paſſagier, der mit dem Eilwagen weiter reiste. Den Poſtomnibus ließ ich zu meiner großen Freude dort zurück. Seſto-Calende, am öſtlichen Ende des ſchönen Lago maggiore gelegen, wo der Teſſin hinausſtrömt, iſt ein kleiner ächt italieniſcher Ort, deſſen Häuſer mit großen Bogen und Balkonen verſehen auf den See hinausſehen. Auf einer Fähre ſetzten wir über das klare hellgrüne Waſſer des weltberühmten Sees und ſchieden ungern von demſelben, als wir drüben die Chauſſee mit ihren Staubwolken betraten. Wie iſt das Waſſer hier ſo ruhig, ſo kühl und friſch, wie zeichneten ſich in der klaren Frühlingsluft alle Gegenſtände ſo ſcharf und lieblich in ihm ab! Die dunkeln Häuſer an dem hellen Waſſer, auf dem Balkon neugierige Mädchengeſichter; flatternde Wäſche an dünnen Seilen, faule Schiffsleute, die auf den Treppen, die zum See führen, auf dem Rücken lie— gen und den Kopf auf die Arme ſtützen, andere, 11⸗ 166 die in den ſchaukelnden Booten auf dem Waſſer ihre Glieder behaglich ausſtrecken und nur hie und da den Kopf in die Höhe heben und ſchläfrig der Fähre, die an ihnen vorüber rauſchte, nachſchauen. Der Poſtillon ſchlägt mit ſeiner Peitſche nach Einem, der faul neben uns herrudert; dieſer, den Poſtillon kennend, erwiedert Scherz mit Scherz und ſendet uns mit dem Ruder eine Lage ſpritzenden Waſſers zu, und man trennt ſich lachend. Auf der Fähre ſelbſt iſt ein blinder Spielmann, der auf das Verlangen von ein paar öſterreichiſchen Soldaten, die am Ufer ſtehen, auf ſeiner alten Violine:„Gott erhalte Franz den Kaiſer!“ ſpielt. Er ändert aber bald dieſe Melodie und geht in einen melancholiſch klingenden Walzer über, denn der ſchlaue Alte hält es für unſchicklich und gegen ſeine Intereſſe, das piemonteſiſche Ufer, gegenüber von Seſto-Calende, mit der Hymne des ſiegreichen Feindes zu betreten. Jetzt ſind wir in Piemont. Eine abermalige Paßviſitation, ein Mauthhaus. Doch wirkt die warme Frühlingsluft niederdrückend auf die Ausüber der öffentlichen Gewalt. Sie ſitzen mit ihren blanklakir ten Hüten und rothen wollenen Epauletts unter einem dicken Kaſtanienbaum. Der Conducteur ruft ihnen zu, er habe nur einen einzigen Paſſagier; dazu blinzelt er ſchelmiſch mit den Augen und flüſtert ihnen zu: 167 „es ſey ein öſterreichiſcher Offizier.“ Er vermuthet O es aus meiner Feldmütze. Die Piemonteſen greifen an ihren Hut, der Poſtillon ſetzt den einen Fuß in den Steigbügel und ehe er noch vollkommen im Sattel ſitzt, galoppiren die Pferde luſtig davon. Es war drückend heiß an dem Morgen und die Hitze um ſo quälender, als wir dicht neben dem See dahin fuhren, deſſen kühle Fluthen ſo verlockend zu einem erfriſchenden Bade einluden. Unwillkürlich mußte ich daran denken, als ich vor ein paar Jah ren auf dem lieblichen See mit einem kleinen elegan ten Dampfboot die grünen Wellen durchſchnitt; eine Erinnerung, welche mir den ſtaubigen Weg, auf welchem ich jetzt dahinrollte, doppelt unerträglich machte. Wie ſchön iſt ſo eine Fahrt auf dem herr— lichen Spiegel des maleriſchen Sees. Ich reiste damals mit einem guten Freunde, dem vortrefflichen Maler Charles Müller, der eben aus Rom kam, wo er ſein zweites großes Bild für den Kronprinzen von Württemberg begonnen. Es war ſpäter im Sommer, doch nicht ſo heiß, wie dieß mal. Freilich wehte damals auf dem See ein ange nehmer Wind, freilich ſaßen wir unter dem Zelt am Steuerruder und hatten neben uns eine Foglietta voll ſprudelnden Aſti und rauchten vortreffliche Cigarren dazu. Müller entwarf Skizzen von der Landſchaft, 168 an der wir vorüberglitten, und von den Paſſagieren und Matroſen. Es war ein Sonntag oder Feſttag. Die Leute kamen aufs Dampfboot und gingen davon, zierlich geputzt; aus allen Dörfern, an denen wir vorbeikamen, tönte das feſtliche Geläute der Glocken zu uns herüber. An ſo eine Vergangenheit denkt man gerne im Poſtwagen und hofft dabei im Hinblick auf die Ge— genwart auf eine beſſere Zukunft. So that ich auch. Was ich in jenen Augenblicken im Poſtwagen dachte, denke ich auch in dieſem Augenblick, daß es mir nämlich eine große Befriedigung gewähren würde, den Lago maggiore wieder einmal an einem ſchönen Tage in angenehmer Geſellſchaft zu befahren. Reiſe nur Jeder dahin, der es möglich machen kann, er wird die friſcheſten und angenehmſten Erinnerungen für ſein ganzes Leben zurückbringen. Italien iſt ſo ſchön, man verläßt es ſo ungern und ich ſtarrte wäh⸗ rend der ganzen Fahrt ſeitwärts zum Wagenfenſter hinaus und nahm den innigſten wehmüthigſten Ab— ſchied von jedem Gartenhaus, von jedem Kirchlein, bei dem wir vorüberfuhren. Vorwärts nach Deutſchland mochte ich nicht gerne ſchauen; auf dem Wege, der dort hinführt, über die hohen ſchneebedeckten Alpen, welche vor mir la— gen, hingen graue drohende Wolken und in Deutſchland 169 ſah es traurig aus. Da fanden ſich wohl in jenem Augenblick Einer gegen den Andern im Kampfe des unglücklichen Bürgerkrieges. Gegen 1 Uhr erreichte ich Arona. Die Hitze war niederdrückend und ich fühlte mich glücklich, den engen Wagen für ein paar Stunden verlaſſen und in dem freundlichen Gaſthaus auf einem großen Balkon, der über den See hing, ein vortreffliches Mittagsmahl einnehmen zu können. Während ich daſaß, kam das Dampfboot und legte bei Arona an, um eine Menge öſterreichiſcher Offiziere einzunehmen, die heiter und guter Dinge, mit großen Fernröhren bewaffnet, den weltberühmten Inſeln des Sees einen Beſuch machten. Nachmittags fuhr ich weiter über Leſa nach Ba veno; rechts im See ſah ich Iſola Bella und Iſola Madre, links auf einer kleinen Anhöhe die rieſige Bildſäule des heiligen Borromäus. Baveno liegt etwa in der Mitte des Sees und ſeine Lage unterſcheidet ſich von der von Seſto-Calende weſentlich. Dieſes liegt nach allen Seiten frei in der Ebene, heiter und vergnüglich, Baveno dagegen an die Bergwand ge ſchmiegt, in reizender Stille, wenn auch etwas me— lancholiſch. Der Reiſende findet hier in der Poſt ein gutes Hotel, worauf er in Seſto verzichten muß. Vor den Fenſtern deſſelben wiegen ſich auf dem 170 durch Baumzweige kaum ſichtbaren Spiegel des Sees eine große Anzahl von ſchlanken Schiffen. Von hier. aus werden die meiſten Beſuche nach den Inſeln ge— macht. Wie reizend iſt Iſola Bella! Damals beſuchte ich ſie mit meinem Freunde Müller; dießmal mußte ich mich von Baveno aus mit dem Anblick begnügen. Wie herrlich iſt der Gar ten auf der Inſel, die ſtillen Haine von Pomeranzen-, Granat-, Lorbeer- und Olivenbäumen! Man glaubt ſich auf ein Zauber Eiland verſetzt, in einen Feen garten. Hochſtämmige Cypreſſen und Pinien beſchatten kleine Raſenplätze, auf denen plätſchernde Spring brunnen eine erfriſchende Kühlung verbreiten. Cac tus in den ſeltſamſten Formen und rieſenhafte Aloen wachſen an Treppen und Wegen. Und welche Stille herrſcht hier! Da der große Palaſt gewöhnlich un bewohnt iſt, ſo vernimmt der Beſucher kein Geräuſch als den eigenen Fußtritt, der auf weichem Sand verhallt. Man ſpricht unwillkürlich leiſe in dieſen dichten Laubgängen; man glaubt hie oder da müſſe eine geiſterartige Geſtalt erſcheinen, die, während ſie ſtill vorüberſchwebe, den Eindringling mit ernſtem Blick fragen werde, was er hier ſuche? Der eigenthümliche Reiz dieſer wahren Feeninſel liegt in der Stille und dem Frieden, der hier, in Verbindung mit der herrlichſten Natur, allenthalben 171 waltet. Doch hat ſie auch ſchon ihre geräuſchvollen Zeiten erlebt, ſchon hat ſich auf ihr der Glanz des aͤußern Lebens in den großartigſten Verhältniſſen entfaltet, ſchon hat ſelbſt das Kriegsgetümmel, ein glänzendes Hauptquartier die Ruhe der Inſel in reges Leben verwandelt. Daß vor längerer Zeit die Inſel einen geräuſch vollen, durch weltlichen Glanz verherrlichten hiſtori ſchen Abend ſah, iſt wohl eine der intereſſanteſten Erinnerungen der weltberühmten Iſola Bella. Es erſchallte damals Muſik in dem ſtillen Garten, aber es war rauſchende Kriegsmuſik, das Schloß war er— leuchtet, der See rings umher mit Booten bedeckt, aber auf den Booten ſah man keine bunten Teppiche und im Garten kniſterte auf dem weichen Sande kein Damenfuß. Säbel klirrten und Sporen, Schild wachen ſchritten im Hofe auf und ab und lärmende Offiziere erfüllten Gänge und Treppen. Der Obergeneral Napoleon Bonaparte hatte hier ſein Hauptquartier. Hier in dem Garten wanderte er, große Plane ſchmiedend, wenige Tage vor der welthiſtoriſchen Schlacht von Marengo, auf und ab, und hier ſchnitt er in die Rinde eines Lorbeerbaums, noch lange Jahre nachher ſichtbar, das Wort: Bat— taglia. Ahnend hatte er den Lorbeer erwählt, daß er das Wort Schlacht beſchatte. Wie oft mag 172 wohl der große Kaiſex auf der heißen ſchattenloſen Inſel im fernen Weltmeer an jenen Abend und an den duftigen Garten der Iſola Bella gedacht haben. Dieſen Gedanken überließ ich mich auf der herr— lichen Terraſſe des Hauſes zu Baveno, wo man un— ter laubigen Orangenbäumen ſitzend, die klare Flut des Sees und die ſchöne Inſel gerade vor ſich hat. Es war für dieſesmal der letzte Gruß an Italien, den ich aus warmem Herzen dem Abend anvertraute. Ich hatte die intereſſanteſten und ſchönſten Tage während meines dießmaligen Aufenthaltes in dem herrlichen Lande genoſſen. Ich hatte ein glänzendes Hauptquartier, einen großen Feldherrn verlaſſen und dachte daher beim Anblick der Inſel ſo gern an den kriegeriſchen Glanz, der ſie erfüllte, als jener andere große General inmitten ſeiner glänzenden Siegesbahn da weilte. Ich dachte an Iſola Bella und an San Angelo, dieſes vor Marengo, jenes vor Novara. Die beiden Hauptquartiere mochten wohl ſo ziemlich dieſelben Erſcheinungen geboten haben, ſo groß auch die Verſchiedenheit dieſer beiden ausgezeichneten Feld herrn ſeyn mag. Hier ein ehrgeiziger junger General, mächtig geſpornt durch den Glanz einer Krone, die er wohl in kühnen Träumen ſchon vor ſich ſah, dort ein achtzigjähriger Mann mit dem Feuer der Jugend, der einfach und beſcheiden an Ehre und Ruhm nichts 173 mehr zu erringen hatte, und deſſen ſchönſter Titel darin beſtand, daß ihn die Soldaten ihren Vater nannten. So leb' denn wohl, Italien, lebt wohl, Schlach tenlärm und Wachtfeuer! Ich beſchließe hier meine Schilderung des italieniſchen Feldzugs. Von dem ſchönen Lande ſelbſt ſcheide ich aber mit dem ſehn lichen, ganz beſondern Wunſch, der hoffentlich noch erfüllt werden wird: es möge mir noch einmal ver gönnt ſeyn, Dich wieder zu ſehen„Vater Radetzky.“ Nach einem Aufenthalt von einer Stunde ging der Wagen von Baveno weiter, dem Gebirge zu. Noch eine Strecke dem See entlang zwiſchen Brüchen von grauem Marmor geht die herrliche Straße. Zur Rechten erblickt man eine reizende Bucht, an welcher das hübſche Städtchen Bellinzona liegt. So wie man den See verläßt und ſich nördlich wendet, ſteigt die Straße ſchon merklich bergan und man betritt eine anmuthige Gebirgswelt. Man ſieht herrliche Wal dungen mit üppigen Bäumen, wie ſie auch nur an den milden Ufern des Sees gedeihen, ſchöne ſaftig grüne Wieſen und klare kühle Felsbäche, die ſpru— delnd von der Höhe der Berge kommend ſich beeilen, den ſchönen Lago maggiore zu erreichen. Von meiner Reiſegeſellſchaft iſt nicht viel zu ſagen. Ein bejahrter Geiſtlicher ſaß mir gegenüber, der anfänglich ſehr ſchweigſam war, nachher aber, 174 als das erſte Els gebrochen war, um ſo redſeliger wurde. Er examinirte mich über den letzten Feldzug, namentlich über die Schlacht von Novara, verſicherte mir, wie man auch hier am See den Sieg der Oeſterreicher nicht habe glauben wollen— er ſelbſt natürlich ausgenommen— und wie es aber jetzt dem ordentlichen Bürger vollkommen recht ſey, daß der alte Herr wieder mit feſter gewaltiger Hand die Zügel ergriffen.„Sie können ſich nicht denken,“ ſagt er, „wie in jedem Dorfe oft ganz ſchlechte Subjekte, denen man ſonſt keinen Liar geborgt hätte, bei der unruhigen Zeit zu Macht und Anſehen kamen. Wer am beſten ſchreien und auf die öſterreichiſche Regie rung ſchimpfen konnte, der hatte die Oberhand, und ſolche Kerle waren gewaltthätig, brutal, und, wenn ſie auch von den meiſten Leuten verabſcheut wurden, ſo hatte doch Niemand den Muth, gegen ſie aufzu treten. Aber ich verſichere Sie,“ fuhr er fort,„jetzt ſind wir Alle froh, daß es ſo gekommen iſt, und viele ſogar von der andern Partei haben eingeſehen, was es heißt, wenn die Obrigkeit gezwungen iſt, den Griff des Schwertes fahren zu laſſen und ſich die erſte beſte Hand deſſelben bemächtigt.“ Der Mann hat nicht ſo Unrecht, dachte ich ſeuf zend, und blickte hinauf zu den Bergen, hinter wel— chen das deutſche Land lag. 175 Ferner befanden ſich im Wagen ein Paar alte Italienerinnen, zwei Schweſtern, von welchen die eine in Vogogna eine verheirathete Tochter hatte, die ſie beide beſuchen wollten. Während weniger Stunden fuhr auch ein ſchwarz gekleideter Herr mit uns, eine wohlgenährte, zufrieden ausſehende Figur, und wie mir der Conducteur erzählte, Notar in einem ſeitwärts der Straße liegenden Dörfchen, der das Unglück gehabt, ſich in zwei ſchöne Schweſtern gleichzeitig dergeſtalt zu verlieben, daß er nicht im Stande war, mit ſich darüber in's Reine zu kommen, welcher er den Vorzug ertheilen und mit ſeiner Hand beglücken ſolle, weßhalb er am Ende beſchloß, vor der Hand gar keine zu heirathen. Der Notar und die beiden Schweſtern lebten nun nichts deſto we niger auch unverheirathet in beſter Harmonie zu ſammen. Es war ſchon dunkel, als wir Domo d'Oſſola erreichten, ein kleines Städtchen, dicht am Fuß des Simplon an der Toſa gelegen, über welche hier eine lange Brücke führt. Früher ging der Eilwagen von hier Morgens früh weiter, jetzt aber hatte man die Fahrt anders eingerichtet, weßhalb ich denn ſchon ge⸗ gen zehn Uhr Abends mit dem Conducteur und einem einzigen Paſſagier die Weiterreiſe über die Berge an— trat. Mein Begleiter war ein italieniſcher Viehhändler, 176 der auf erſchreckliche Weiſe nach Knoblauch roch und mich trotz meines gänzlichen Stillſchweigens über die Theorie des Viehhandels einige Stunden lang unermüdlich aufklärte. Die Simplonſtraße, im Jahr 1806 von Napoleon angelegt, war eine der beſſern und ſchönſten Kunſt⸗ ſtraßen der damaligen Zeit. Mit hunderten von Brücken führte ſie durch die wildeſte Alpennatur mit all ihren Schönheiten und Schrecken. Dieſe Schön heiten und Schrecken der Natur ſind nun freilich ge blieben, die Straße iſt auch noch da, aber faſt ganz verwahrlost. Von den frühern ſoliden Brücken z. B. ſind manche gänzlich verſchwunden, und man hat ſie durch Baumſtämme erſetzt, welche unter den dahin rollenden Wagen wanken und krachen. Durch die Freundlichkeit des guten Viehhändlers wurde ich von den gefährlichſten dieſer Stellen unterrichtet, noch lange vorher, ehe wir dahin kamen, und wenn wir ſie erreicht, ſo zeigte er mir bei ſchwachem Mond— licht und dem zitternden Schein der Wagenlaternen morſche Geländer, abgeriſſene Straßentheile und ſchwankende Brücken, die oft ſo ſchmal waren, daß ein Menſch nicht gut neben dem Wagen hätte herge hen können. Auch wußte er eine Menge von Un glücksfällen aller Art, die hier paſſirt waren, und wenn er dieß Thema gründlich abgehandelt hatte, ſo 177 kam er immer wieder auf beſagten Hammel zurück und pries— die Maſtochſen von Teſſin. Die Simplonſtraße iſt im Frühjahr und Herbſt ſtark von Lawinen heimgeſucht, weßhalb man pracht— volle Gallerien in die Felſen ſprengte, die oft meh— rere hundert Fuß lang ſind. Von außen ſtürzen rauſchende Felsbäche auf ſie herab; kein Strahl des Mondes dringt in dieſe Gewölbe, der Wagen raſſelt auf dem Geſtein des Bodens, und man fühlt ſich ge⸗ rade nicht behaglich. Zu einem weitern Schutz gegen die Lawinen hat man an der Straße kleine Häuſer erbaut mit der Aufſchrift„Refuge,“ und in dieſen Zufluchtsörtern wohnten auch die Straßenaufſeher, und man konnte da einige Lebensmittel bekommen. Viele von denſelben ſtehen aber jetzt leer, bei einem andern dagegen, welches noch bewohnt iſt, hielten wir gegen zwei Uhr Morgens. Der Viehhändler ſtieg aus, um einigen Schnaps zu genießen, und beſchwor mich, ein Gleiches zu thun, da die eiſige Morgenluft auf dem Berge einem nüchternen Magen durchaus nicht zuträglich ſey. So bald der Schnaps mit Brod und Ziegenkäſe verzehrt war, fuhren wir weiter. So warm es am Tage geweſen, ſo kalt war es jetzt gegen Morgen hier in den Bergen. Endlich graute der Tag; wir erreichten das Dorf Simplon, Hackländer, Soldatenleben im Krieg. II. 8 12 178 wo uns der Viehhändler verließ und wir in dem ein zeln ſtehenden Poſthauſe einen ziemlich ordentlichen Kaffee bekamen. Wie nüchtern ſah aber hier Alles im erſten Grauen des Tages aus! das Haus mit doppelten Fenſtern, in dem mächtigen Ofen eine große Gluth, die wohl zu ertragen war, und drau— ßen in der Natur kaum ein Zeichen des erwachenden Frühlings. Vor uns in der Höhe gewaltige Schnee maſſen, die kleinen Bergwaſſer an den Ufern mit Eis beſetzt, die Wieſen noch grau und erſtorben; es war ein trauriger Unterſchied zwiſchen geſtern Nach mittag, wo ich zu Baveno ſaß in der warmen wür zigen Luft, unter Lorbeern und Orangen. Bei dem einigermaßen gefährlichen Wege, der von hier vor uns lag, hatten wir obendrein heute noch die unangenehme Ehre, die Spitze des Berges zum erſtenmal nach dem Winter auf den Rädern des Wagens zu paſſiren. Bisher war man auf Schlit ten gefahren. Bis zu dem alten Hoſpiz, das ſeit wärts im Grunde liegt, ging es ziemlich gut, dann aber fuhren wir durch Hohlwege, in den Schnee ein— geſchnitten, die eine außerordentliche Höhe hatten. An beſonders gefährlichen Stellen wurde der Wagen durch Schutzmannſchaften gehalten. So gelangten wir gegen ſechs Uhr Morgens auf die Höhe des Simp lon, und abwärts ging es in den erſten zwei Stunden in der That ſehr unangenehm und gefährlich. Die Straße, welche beſtändig an einer Bergwand von ein paar tauſend Schuh Höhe hinläuft, iſt nicht übermäßig breit und ſieht in der Entfernung wie ein Faden aus, der leicht um die Wand geſchlungen iſt. Man begreift oftmals nicht, wie nur ein einzelner Menſch da Platz zum Gehen haben könne. Dieſe Straße war nun heute auf vier bis ſechs Schuh hoch mit einem Schneedamm bedeckt, der, oben viel ſchma ler als unten, den Pfad bedeutend verengte. Wenn ich zuweilen ſchüchtern aus dem Wagenfenſter hinaus— ſah, ſo bemerkte ich rechts die hohe Bergwand ſo nahe, daß man ſie mit der Hand erreichen konnte, links aber einen ungeheuren Abgrund und ſo dicht an unſerer Seite, daß die Schneeſtücke, welche hie und da von den Rädern abgeſchnitten wurden, unauf haltſam in das Thal hinabrollten. Für dieſe Fahrt, nicht ohne Gefahr, hatte unſer Wagen dagegen die Ehre, mit einem kleinen Tannenbaum verziert zu ſeyn, an welchem bunte Bänder flatterten, und an dem eine Inſchrift befeſtigt war, welche beſagte: dieß ſey der erſte Wagen, welcher in dieſem Jahre auf Rä— dern über den Berg komme. Nach und nach wurde der Schnee, auf dem wir fuhren, weniger, endlich klapperten die Hufe der Pferde auf Sand und Steinen und gegen 180 zehn Uhr Morgens kamen wir wohlbehalten nach Brieg. Es war Sonntag, und in dieſem kleinen ſehr ſtillen und langweiligen Orte mußte ich bis Abends ſechs Uhr bleiben. Die einzige Unterhaltung, die der Ort bot, beſtand in einer Geſellſchaft acrobatiſcher Künſtler, die, drei Perſonen ſtark, Mittags auf zwei Pferden und einem Eſel durch die Stadt zogen und eine Vorſtellung für Nachmittags drei Uhr ankün digten. Die Hauptperſon war eine ſchrecklich magere, alte und häßliche Frau, die in einem rothen Spen— cer, weißem Unterkleid, fürchterlich geſchminkt auf einem Pferde ſaß und die Trompete blies. Es war ein kläglicher Anblick und ebenſo die Vorſtellung, die ſie gaben. Die Frau als Hauptactrice hatte gewiß einmal eine beſſere Zeit erlebt; ſie war nicht ohne Talent und Geſchicklichkeit, aber wahrhaft grauen⸗ erregend ihre Bemühungen, jung und elegant zu er ſcheinen. Tiefſter Jammer ſprach aus ihren Zügen, und das Weinen ſchien ihr beſtändig näher als das Lachen zu ſeyn. Der Bajazzo hatte ſeine Rolle auf eine neue, aber entſetzliche Art aufgefaßt. Seine eingefallenen ungeſchminkten Wangen glänzten von einer hektiſchen Röthe, der arme Menſch war im höchſten Grade bruſtkrank und karrikirte ſich ſelbſt und ſeine fürchterliche Krankheit. 181 Ich war froh, als ich wieder in dem, wenn gleich ſehr gefüllten Poſtwagen ſaß. Bis hieher hatte ich von politiſchen Stürmen, welche von Frank⸗ reich und Deutſchland nach der Schweiz wehten, nichts bemerkt. In Italien war der Krieg wie ein ſchweres Gewitter vorübergezogen und das Leben ſchien ſich wieder angenehm und freundlich zu geſtalten. Die meiſten waren froh, daß alles ſo gekommen ſey. In den Bergen war es ruhiger; da grünte unten Alles in der Farbe der Hoffnung, und auf der Spitze war man weiß geſinnt. Auf dem Wege aber von Brieg nach Sion und Martigny wurde hinter mir im Innern des Wagens heftig politiſirt; in Sion verſammelte ſich der große Rath, es war irgend eine Wahl im Gange, und der Conducteur wurde noch in der Nacht erſucht, den harmloſen Tannenbaum von unſerm Wagen zu nehmen, man könnte ihn ſonſt für die Demonſtration irgend einer Partei halten. Auf den verſchiedenen Stationen kamen immer neue Paſſagiere zu uns; es erſchienen viel ſchäbige Schlapphüte und viel wildes Bartwerk. Es wurde für die franzöſiſche Republik geſchwärmt und von ein— zelnen der bezeichneten Individuen die badiſche Er hebung ſtark belobt. Ich glaube, es war in Monthey, wo wir zu einem kleinen ſchlechten Frühſtück in einen großen, ziemlich leeren Saal getrieben wurden. Meine 182 öſterreichiſche Feldmütze ſchien einigen der Paſſagiere durchaus nicht zu gefallen, und als ich mich mit an dern gleichgeſinnten Paſſagieren ziemlich offenherzig über die badiſchen Zuſtände und die aufkeimende rothe Republik ausſprach, ſchlug eines der bärtigen und beſchlapphuteten ſchäbigen Individuen mit der Fauſt auf den Tiſch und rief aus:„va pour les rouges!“ eine Aeußerung, die übrigens mit mir einige der an weſenden Schweizer ſehr übel zu nehmen ſchienen, die den Frieden des Poſthauſes beinahe geſtört und um ein Haar das beſagte Individuum in unfreiwil liger Weiſe vor die Thüre geſetzt hätten. Doch beruhigten ſich die erhitzten Gemüther wie der, wir krochen, nach eingenommenem Kaffee, auf unſere Plätze zurück, ich befand mich angenehmer weiſe im Coupé, und ſo fuhren wir endlich weiter an einem der herrlichſten Maimorgen, erreichten nach einigen Stunden Villeneuve und den lieblichen Gen— fer See. Links tief im Waſſer ſah ich das alte Schloß Chillon, rechts ließen wir die bekannten rei— zenden und durch ihre Bewohner berühmten Land häuſer liegen, kamen gegen eilf nach Vevay und Abends fuhr ich, leider bei Regenwetter, auf dem Dampf boote nach Genf. X. Ein Stück Revolution. Von Genf an, wo ich einen Tag verweilte, ging ich über Bern nach Baſel, der ſchönen, aber ſehr langweiligen Stadt am Ufer des Rheins. Hier findet man einen ſehr guten, neuerbauten Gaſthof: „Zu den drei Königen,“ der an Eleganz und Pracht den berühmten Hotels am Mittel- und Niederrhein in nichts nachſteht. Daſelbſt im großen weiß und goldenen Speiſeſaal ſaß neben mir ein junger Mann und ſeufzte tief und laut, während er die letzten Reſte Rheinwein mit einem ungemein wehmüthigen Ausdruck aus ſeinem grünen Römer trank. Der Kellner beſorgte mir eine Eiſenbahnkarte von Efrin— gen bis Durlach, und auf meine Frage, ob im Gaſt hof Reiſegeſellſchaft ſey, deutete er auf den neben mir ſitzenden Herrn. Der Herr war ein Handlungs reiſender aus Preußen und wir wurden bald bekannt. Um das im ſchrecklichen Aufruhr begriffene badiſche 184 Land zu vermeiden, wäre er gerne über Straßburg gereist, aber die grauſame Handelspolitik ſeines Hauſes, welche ihm befahl, in Baden und Karlsruhe einige Incaſſo's zu machen, nöthigte ihn, den Weg über Efringen und Freiburg zu nehmen. Er war bereit, nöthigenfalls das Leben für ſein Haus zu opfern. Ich ſprach ihm, ſo viel mir's möglich, Muth ein und gab ihm heilſame Rathſchläge, unter andern den, ſich als Freiſchärler zu maskiren. Er behauptete aber, zur Durchführung dieſes Charakters durchaus kein Talent zu beſitzen; man würde ihn als des Spionirens verdächtig anhalten, nach Raſtatt bringen und vielleicht füſiliren. Er wollte nöthigen falls ſterben, wie er gelebt, gekleidet nach dem neue— ſten Schnitt, mit vier Ringen an jeder Hand, großer Uhrkette und einer ſehr herausfordernden Buſennadel.— Wer aber auch auf der Tour durch die Schweiz ſo viel entſetzliche Geſchichten über das badiſche Land zu hören bekommen, wie wir, dem konnte wohl auf die Durchfahrt bange werden. In Genf erzählte ein Franzoſe der entſetzten Tiſchgeſell ſchaft, in Karlsruhe ſey die Guillotine permanent erklärt, beim Eintritt ins Badiſche werden die Päſſe der Reiſenden aufs ſtrengſte unterſucht, und letztere, bei einigermaßen verdächtigem Befund nach Raſtatt vor das Revolutionstribunal geſchleppt. 185 Es war ein wunderſchöner, klarer und freund licher Frühlingsmorgen, als wir Baſel und die Schweiz verließen. Ich ſtieg auf die Imperiale, und mein preußiſcher Leidensgefährte kletterte mir bald nach, wobei er mir flüſternd verſicherte, das Innere des Wagens ſey größtentheils mit„Geſtalten“ beſetzt; auch habe er gehört, wir würden bei Efringen auf die achttauſend deutſchen Arbeiter ſtoßen, die aus der Schweiz ihren badiſchen Brüdern zu Hülfe kommen. Der Tag war herrlich, die Felder prangten im friſchen Grün, tauſend und aber tauſend Blüthen bedeckten die Obſtbäume und unzählige Lerchen ſtiegen jubelnd empor und ſchmetterten ihr Morgenlied. In der ganzen Natur herrſchte der tiefſte Frieden, die Leute auf dem Felde gingen ihrem Geſchäfte nach, die grünen badiſchen Zollbeamten ſonnten ſich am Mauthhauſe der Leopoldshöhe und unterſuchten aufs harmloſeſte unſere Koffer; nach Päſſen wurde nicht gefragt. Kurz, an der Grenze dieſes inſurgirten Landes war nichts Verdächtiges zu ſehen, als daß an den badiſchen Eiſenbahntarifen das Wort Groß— herzogliche mit einigen kühnen Bleiſtiftſtrichen ver— tilgt war. Einige der Geſtalten des Wagens ver ließen uns hier und gingen zu Fuß ins Land hinein. Wir fuhren weiter und mein Mitreiſender begann aufzuthauen, als wir mit einemmal vor uns auf der 186 Straße einen Trupp Menſchen gewahrten, die eben falls nach Efringen zogen.„Sehen Sie,“ ſagte mein Nachbar,„das iſt der Nachtrab der Arbeiter.“ Es waren wirklich abenteuerliche Geſtalten; ernſt und feierlich zogen ſie daher, Auge und Mund dem Him mel zugekehrt; von keinen irdiſchen Gütern beſchwert auch nicht ein Einziger hatte ein Loth Gepäck bei ſich und dazu ſangen ſie:„Was iſt des Deutſchen Vaterland?“ Es ſchienen Handwerksburſche von ver ſchiedenen Zeichen. Ihr Führer hatte die Hände auf dem Rücken unter den Schößen eines fadenſcheinigen ſchwarzen Fracks verborgen, und ſein Geſicht war mit einem Bart verziert, wie ich nie einen geſehen; derſelbe reichte bis zu den Knien in angemeſſener Breite und war wahrhaft fürchterlich. Auch die an dern hatten in Bartwuchs das Mögliche gethan, und auf den Geſichtern der meiſten ragte die Naſe wie ein einſamer Wachthurm zwiſchen wildem Urwald hervor. Als wir Efringen näher kamen, begegneten uns auch Soldaten, Dragoner, Infanterie, und alle freuten ſich ſichtbarlich der neu errungenen Freiheit; zu zwei und drei zogen ſie dahin Arm in Arm und forderten ihr Jahrhundert in die Schranken; dabei hatten ſie die Mützen ſchief aufs Ohr geſetzt und trugen neben den badiſchen und deutſchen Farben mächtige rothe Schleifen. Wie mir, der ſo eben von 187 der vortrefflich öſterreichiſchen Armee kam, dieſe ver wilderte Soldateska wohl that, kann man ſich denken. Ich glaubte, nicht nur ſeit den letzten Tagen hun dert Stunden Weges gemacht zu haben, ſondern auch hundert Jahre vorwärts oder vielmehr rückwärts ge kommen zu ſeyn. Obgleich es noch ſehr frühe am Tag war, ſchie nen doch die meiſten der Herren Soldaten ſchon ſtark gefrühſtückt zu haben, und wenn ſie auch keinen Un fug begingen, ſo machten ſie doch mit ihren offenen Uniformen, ihrem nachläſſig umgeworfenen Lederzeug, ihrer gänzlichen unmilitäriſchen Haltung einen höchſt unangenehmen Eindruck. Viele Dragoner kamen aus den Häuſern am Weg; ſie hatten den langen Reiter mantel umgehängt und ſchleppten ihre Säbel gewaltig. Man las in ihren herausfordernden Mienen ſo recht das Bewußtſeyn ihrer großen Wichtigkeit; ſie waren voll Errungenſchaften und geiſtigen Getränks, und jeder ſah in ſich ſchon einen ſelbſtgewählten Führer. Ich glaube, ſo lange die Welt ſteht, iſt ein ſo ſchmäh— licher Abfall von der Fahne, wie der des badiſchen Militärs, noch nicht vorgekommen. Ich freute mich ſehr über das Verhalten einiger Eiſenbahnbeamten, die das unentgeltliche Spazierenfahren des Militärs durchaus nicht duldeten und ſie aus den Waggons wieſen, wenn ſie die Fahrt nicht bezahlen wollten. 188 Bis Freiburg hatte Alles, was wir ſahen, das eben Beſchriebene abgerechnet, noch keinen außergewoͤhn⸗ lichen Anſtrich. Hie und da erſchienen Freiſchärler, fuhren eine kleine Strecke mit dem Zuge und ver ſchwanden wieder; einzelne Turner in grauleinenem Anzug mit rothen Halsbändern und ſchweren Hirſch fängern gingen wohl in den Bahnhöfen am Zuge auf und ab und blickten forſchend in die Wagen, freundlich in die der dritten und vierten Klaſſe, ernſt und bedeutungsvoll in die der zweiten, wo wir ſaßen, und mein Reiſegefährte fuhr wohl zehnmal mit der Hand nach ſeinem Paſſe, um ſich zu legitimiren, daß er ein Handlungsreiſender und kein Ariſtokrat ſey. Dem Manne ſchwebte die große franzöſiſche Revolu— tion mit allen ihren Schreckniſſen beſtändig vor Augen, und am meiſten beunruhigte ihn, daß er ein Preuße ſey, ein Unterthan des Czaren an der Spree. In deſſen legten wir, von der ſchnaubenden Locomotive gezogen, Station um Station zurück, ohne daß uns etwas Unangenehmes begegnete. Bald hinter Frei burg mehrten ſich die Soldaten aller Waffengattun gen mit und ohne Gepäck. Jubelnd und ſingend kamen ſie daher, große rothe Bänder an Tſchako's und den Bajonneten. Vorn im Zuge hatten ſie eine Klarinette, die mit ſchreienden Tönen und zwar ſehr verſtimmt, luſtige Tanzweiſen ſpielte. Während des 189 Fahrens, beim Raſſeln und Schnauben hörte man nur einzelne klägliche Töne derſelben, wenn aber der Zug hielt, entfaltete ſich die Melodie in ihrer ganzen Herrlichkeit. In Emmendingen fuhr mein Reiſege— fährte vor Schreck zuſammen und ſagte:„Um Gottes willen, ſehen Sie den Mann da!“ Ich ſehe hin, das mußte nothwendig ein Stück der proviſoriſchen Regierung ſeyn. Ein langer, noch junger Mann mit Urwühlerbart, auf dem Kopf den ſchwarzen Schlapphut, die ſehr breite deutſchfarbene Binde über die Schulter gehängt, an der Seite einen ſchwarzen Säbel mit gelbem Griff, ſo ſtand er da, mit unter⸗ geſchlagenen Armen, geſpreizten Beinen, ein würde⸗ volles Bild der errungenen Freiheit und proviſoriſchen Gewalt.„Der fehlte uns noch!“ meinte mein Reiſe— gefährte, und ſeine Naſe wurde ordentlich ſpitz und lang, als ſich der Beſchriebene vor unſere Wagen— thür ſtellte, dem Conducteur mit einer einzigen Hand— bewegung zu öffnen befahl und ſich an unſere Seite auf die Kiſſen warf, gerade wie er draußen geſtan— den, mit untergeſchlagenen Armen und weit geſpreiz— ten Beinen. Nachdem er Alles, was er um und an ſich trug, abgepackt und neben ſich auf die Bank ge— legt hatte, nahm er im zwölfſitzigen Wagen minde— ſtens acht Plätze weg; hierin kamen auf die Brief— taſche und deren Inhalt allein vier Plätze. Er 190 muſterte nun die Papiere Blatt für Blatt durch. Es ſchienen Tagsbefehle, Quartierliſten, auch waren viele mit Bleiſtift geſchriebene Zettel dabei. Dem Conducteur, der jetzt das Fahrbillet forderte, hielt er eines dieſer Papiere, das mit einem großen Siegel verſehen war, vor die Naſe und ſchmetterte alle Be denken mit einem einzigen Worte„Regierungsmit glied“ vollſtändig zu Boden. So ſaßen wir denn in der Höhle des Löwen, und der Handlungsreiſende, gebannt durch die ſchwarz-roth-goldene Schärpe, war nicht im Stande ein Auge vom Träger derſelben zu verwenden. Dieſer ſtützte den Kopf gedankenvoll auf den Arm, hob den Bleiſtift an die Naſe und mur— melte, während er würdevoll und ernſt an die Wa gendecke hinaufſah, unverſtändliche Worte. Darauf notirte er ein paar Worte mit Bleiſtift, ſah uns for ſchend an, ob wir auch ſeine Geſchäftigkeit bemerkt, und warf ſich dann in die Wagenkiſſen zurück, um gleich darauf ans Fenſter zu fahren und den Con ducteur mit lauter Stimme zu ermahnen, die Abfahrt des Zugs zu beſchleunigen. Endlich pfiff die Loco motive; die Klarinette verſtummte, und wir fuhren weiter. Alle an der Bahn lungernden Soldaten, ſo— wie alle Bürger, die einigermaßen geſinnungstüch tig ausſahen, wurden vom Regierungsbeamten mit einer herablaſſenden Handbewegung gegrüßt, was 191 indeſſen von den Betreffenden nicht abſonderlich be achtet wurde. So kamen wir nach Lahr, wo auf dem Bahn hofe ein luſtiges, wildes Treiben herrſchte. Zahlreiche betrunkene freie Soldaten lärmten und jubelten, ſelbſt gewählte Führer, denen die neue Offiziersuniform gar nicht vortheilhaft ſtand, und denen der Degen beſtändig zwiſchen die Beine kam, bemühten ſich ver gebens einigermaßen Ruhe und Ordnung herzuſtellen. Nicht als ob die Soldaten etwas Unerlaubtes gethan hätten, Alles war ihnen ja erlaubt; aber ſie ſtörten einigermaßen die Eiſenbahnordnung, indem ſie das Zeichen zur Abfahrt nicht achteten, oder die ihnen angewieſenen Plätze nicht einnahmen, oder geiſtig erheitert, wie ſie waren, oben auf die Wagen hin aufkletterten. Der Regierungsbeamte, welcher ſeine große Schärpe um den Leib geſchlungen hatte, bemüht ſich ebenfalls umſonſt die Söhne des Vaterlandes zur Ordnung zu bringen, und alle ſeine Anreden, reich lich geſpickt mit„Bürger“ und„Freunde,“ hatten keine Wirkung. Die militäriſchen Brüder ſetzten ſich doch hoch hinauf auf die Wagen und einer derſelben ließ den Zug eine Zeitlang anhalten, bis er ſeine Pfeife gefunden, die ihm zwiſchen die Räder gefallen war, und bei all dieſem Lärm und Spektakel ſchrie die Klarinette lauter als je und jubelte in den entſetz— 192 lichſten Klagetönen:„Freiheit, die ich meine, die mein Herz erfüllt ꝛc.“ Zu Vermehrung des wüſten Lärms auf den Bahnhöfen befand ſich auf jedem derſelben eine Wache, die unter Gewehr, zuweilen auch unter die Senſe oder den Säbel trat, wenn der Zug ankam. Es mochten ganz ehrenwerthe Leute ſeyn, dieſe Wacht⸗ mannſchaften, aber wie ſie daſtanden, in den groß— artigen badiſchen Bahnhöfen, neben der brauſenden Locomotive, ihrer acht bis zehn in Blouſen und Jacken, Ueberröcken und Fräcken, mit allen nur erdenklichen Waffen, hatte ihr Anblick etwas traurig Komiſches. Hier erhielt unſere Geſellſchaft im Wagen einen Zuwachs durch die Perſon eines Freiſchaarenoffiziers. Er war gekleidet, wie man ſich Hecker denkt: Eine Feder auf dem Hut, Dürſtend nach Tyrannenblut, Große Stiefelm Waſſerſohlen, Säbel trägt etlünd Piſtolen. Dazu trug er eine blaue Blouſe, war eine dicke behäbige Geſtalt und hatte im Gegenſatz zu den fürch— terlichen Waffen ein vergnugtes, menſchenfreundliches Geſicht. Er war ein badiſcher Flüchtling, hatte ſich lange in Straßburg aufgehalten, und war nun zurück⸗ gekommen, um am Feldzug Theil zu nehmen. Das 193 wußten wir alles in den erſten fünf Minuten. Vor dem Regierungsbeamten rückte er ehrfurchtsvoll den Hut, dieſer examinirte ihn ernſt und würdevoll, wie es einem Mitglied der proviſoriſchen Regierung zuſtand. Bürger, Sie werden einen Paß oder Ausweis bei ſich haben?“—„Ja wohl, Bürger Regierungsbeamter. Ich bin vom Obercommando der Volkswehr auf zwei Tage nach Straßburg beurlaubt.“ Damit übergab er ihm ein Papier.„Schon gut, Bürger Schnepff. Sie haben Geſchäfte in Straßburg?“—„Ich habe dort meine Frau und Effekten, und da ich dem Rufe der Regierung ſchleunigſt Folge leiſtete, konnte ich nichts mitnehmen, als was ich auf dem Leibe trage. Ueberhaupt iſt es mir ſehr ſchlecht gegangen, Bürger Regierungsbeamter.“ Und nun erzählte der Offizier ſeine Geſchichte, die wirklich traurig genug war, und während dieſer Erzählung rollten ihm die Thränen über die Wangen herab. Schüchtern ſagte er zum Regierungsbeamten, er glaube ihn früher ſchon ge⸗ ſehen zu haben, und nach einigem Hin-und Herrathen einigten ſich beide dahin, es müſſe im Rebſtock zu Straßburg bei Hecker geweſen ſeyn. Schon auf der nächſten Station verließ er den Wagen wieder, nach⸗ dem er vom Regierungsbeamten dringend ermahnt worden, ja morgen zur rechten Zeit wieder in Karls⸗ ruhe einzutreffen, da das Bataillon wahrſcheinlich Hackländer, Soldatenleben im Krieg. II. 9 13 194 marſchiren werde. Der dicke Freiſchärler nahm von uns allen herzlichen Abſchied, verſicherte dem Bürger Regierungsbeamten auf ſein Wort, daß er morgen pünktlich eintreffen werde und ſetzte hinzu:„Bürger, wenn ich morgen nicht zur rechten Zeit da bin, ſo könnt ihr mich erſchießen laſſen.“ Der Regierungsbeamte verließ einen Augenblick den Wagen, und es ſtieg eine andere Figur ein, die ich im erſten Augenblick nicht zu klaſſificiren wußte. Es war ein Mann in den fünfzigen, anſtändig ge r kleidet, mit kurz geſchorenem grauem Haar, einem weißen Hut und blauer Brille, er hatte ein unan⸗ 1 genehmes verſchmitztes Geſicht und lächelte beſtändig, ſowohl bei unſerem Anblick, als beim Anblick der Wachmannſchaft auf dem Bahnhofe und der lärmen den Soldaten in den Wagen. Der Beamte kam zu rück und ſetzte ſich dem Neuangekommenen gegen— über. Beide betrachteten ſich eine Weile forſchend, dann zog die blaue Brille lächelnd ein Papier aus der Taſche und überreichte es dem andern.„Aha!“ rief dieſer,„Sie ſind der Armeelieferant N. aus Straßburg.“ Als Antwort flog ein vergnügtes Lächeln über die Züge deſſelben, ein Lächeln, das wie dreihundert und mehr Procent ausſah und ſagen wollte: macht nur immer proviſoriſche Regierungen, ich allein habe den Profit davon. Nachdenklich blickte 8 195 der Beamte wieder in ſeine Papiere, da kam der Conducteur an den Schlag und erſuchte den Liefe⸗ ranten ſich in die dritte Wagenklaſſe zu begeben, wohin ſein Freibillet laute.„Laſſen Sie den Bür ger hier,“ ſagte der Beamte.„Entſchuldigen Sie,“ entgegnete der Conducteur,„der Dienſt befiehlt mir, dem Herrn ſeinen richtigen Platz anzuweiſen.“— „Der Bürger bleibt hier!“ verſetzte der Beamte;„ich bin aide de camp des Generals und habe mit dem Bürger⸗Armeelieferanten Namens der Regierung Wichtiges zu beſprechen.“ Der Conducteur zog ſich zurück, der aide de camp lehnte ſich in die Wagen kiſſen zurück und ſagte zum Lieferanten, der ihn ſtill lächelnd, aber, wie es ſchien, mit bewunderungsvoller Hochachtung anſah und zugleich mit einem Seiten— blick auf uns:„Man muß den Leuten imponiren, aber auch die Macht dazu in Händen haben; noch ein Wort vom Conducteur und ich hätte mir einen Extrazug einſpannen laſſen.“— Die Locomotive pfiff, der Zug verminderte ſeine Schnelligkeit, wir hielten an und die Klarinette vorne im Zug jauchzte entſetz— lich laut auf. Im Bahnhof derſelbe Lärm, daſſelbe Gewühl. Der Adjutant verließ den Wagen und ich benützte den Moment, mich äußerſt beſcheiden nach dem Namen des Mannes zu erkundigen. Der Lie— ferant, an den ich mich deßhalb wendete, und der 196 mir anſehen mochte, daß ich nicht zu den Rothen gehörte, zuckte ſonderbar lächelnd die Achſeln und ſagte:„Mein lieber Herr, wer kann alles das kennen!“ Ich ſtieg aus, kaufte in der Reſtauration ein Butterbrod, ſtellte mich ſpeiſend zu einem der Conducteure und fragte ihn im gleichgültigſten Tone von der Welt nach dem Namen des Bürger-Armee lieferanten, bekam aber zur Antwort:„Hör'n Se mal, des is viel verlangt, daß mer de Name von dene Kerls all' wiſſe ſoll.“ Kopfſchüttelnd nahm ich meinen Sitz wieder ein. Der Adjutant hatte dieß mal mehr als gewöhnlich auf dem Bahnhof zu thun und ſtand in ſeiner beliebten Stellung noch immer da, als die Locomotive bereits pfiff. Umſonſt winkte der Lieferant, umſonſt erſuchte ihn der Conducteur eilig einzuſteigen, er verſicherte beide auf das Herab laſſendſte, der Zug werde ohne ihn nicht abfahren und darauf begab er ſich mit aller Bequemlichkeit an ſeinen Platz, worauf ſich der Armeelieferant ganz ent— zückt über die bewieſene Kaltblütigkeit ausſprach und verſicherte, das ſey des Soldaten ſchönſte Eigenſchaft. Wir näherten uns Raſtatt; da rief der Badener: „Sehen Sie dort unſere Feſtung? nicht mehr die Zwingburg öſterreichiſcher Stockhelden und preußiſcher Croaten!“ Der Lieferant blickte mit geheimer Freude auf die ehemalige Reichsfeſtung, wo das ſchwarz 197 roth⸗goldene Banner wehte, und wohin er wahr⸗ ſcheinlich viel verdorbenes Mehl und ſchlechten Speck geliefert hatte. Da lagen die ſchönen Werke vor uns, in der Sonne funkelten die neuen Geſchütze und badiſche Soldaten ſaßen in langen Reihen auf den Bruſtwehren und ließen die Beine zierlich herab⸗ hängen.— Wir fuhren weiter nach Karlsruhe. „Apropos,“ ſagte der Lieferant,„habt ihr wirklich in Karlsruhe ſeinen Marſtall und ſeine Wagen ver kauft?“—„Gott bewahre,“ erwiederte der Beamte, „ich habe geſtern noch eins der Leibpferde geritten.“ Der Bahnhof der badiſchen Hauptſtadt war geräuſch⸗ loſer, als ich erwartet hatte. Mein preußiſcher Reiſe— gefährte ſtieg mit ziemlich erleichtertem Herzen aus und verließ mich hier. Durlach war verödet, nicht einmal Bürgerwache befand ſich dort. Mit dem Zuge ſelbſt fuhren nur Soldaten in der dritten und vierten Klaſſe, die zweite Klaſſe war faſt ganz leer, und in der erſten Klaſſe hatte, wie der Dichter von dem Kaiſerpalaſte in Stambul ſagt, die Spinne ihr Netz aufgehangen.— In Durlach verließ auch ich die Bahn, um mich oſtwärts zu wenden. XI. Stuttgart. Der Eilwagen, der von Durlach nach Stuttgart fährt, war bereits beſetzt, als ich auf der Eiſenbahn ſtation erſten Ortes ankam, und ich meldete mich auf dem Poſtbüreau zu ſpät, um noch als alleiniger Bei— chaiſenpaſſagier angenommen zu werden, weßhalb ich meine Zuflucht zu einem der zahlreichen Omnibus nahm, welche, ein irdiſches Fegfeuer, zum Nutzen der Reiſenden denſelben Weg nach der württembergi ſchen Reſidenz machten. Wir waren in dem Wagen eng zuſammengepfropft, und als derſelbe nach langen Vorbereitungen endlich von drei ſchlechten Pferden in Bewegung geſetzt wurde, krachte er in allen Fugen, verſchob ſeine Ecken auf eine bedenkliche Art und wackelte langſam, man konnte ſagen kopfſchüttelnd aus der geſinnungstüchtigen Stadt Durlach auf die freie deutſche Chauſſee hinaus. Dieſe freie deutſche Chauſſee ſah aber auch ſtellenweiſe gar zu ſonderbar 199 aus. Ueberall befanden ſich badiſche Volkswehren in kleinen Trupps mit Senſen, alten Musketen und dergleichen bewaffnet und erxercirten nach Herzensluſt. Da nun Baden in dieſem Augenblicke ein freies deut ſches Land war, ſo hatten ſich dieſe Volkswehren immer mitten auf den Fahrweg der Chauſſee aufge⸗ ſtellt, obgleich rechts und links Platz genug geweſen wäre, und zwangen auf dieſe Art mit großer Genug— thuung die ebenfalls freien badiſchen Omnibusführer, mit ihrem Gefährt eine ewige Schlangenlinie zu be ſchreiben. Zuweilen ſtand dieſe Volkswehr auch in zwei bis drei Gliedern, und alsdann fehlte an einem Hineinfallen in den deutſchen freien Chauſſeegraben unſererſeits außerordentlich wenig. Meine Reiſege ſellſchaft beſtand größtentheils aus Frauenzimmern, die alle nach Württemberg reisten, um der zu ſtark emporkeimenden badiſchen Freiheit zu entgehen; auch befand ſich ein Papagei in einem meſſingenen Käfig auf dem Wagen— es war eigentlich eine Papageiin— und auf dieſelbe hatte all der Lärm, all das merk würdige Getreibe in Baden einen ſolchen erſchrecklichen Eindruck gemacht, daß ſie ſich veranlaßt ſah, in der vergangenen Nacht ein Ei zu legen, was von einem derartigen Vogel, der ſich ſeit undenklichen Jahren in Einzelhaft befindet, doch jedenfalls von einer großen geiſtigen und körperlichen Erſchütterung Zeugniß ablegt. 200 Bald dunkelte es, und als endlich der Mond aufſtieg und mit ſeinem ſanften weißen Licht die Gegend erleuchtete, verließen wir das Land der Frei heit und der ſelbſtgewählten Führer und vor uns lag das„geknechtete“ Württemberg. Aus der Entfer nung geſehen, ſchienen die Grenzpfähle der beiden Länder mit dem großherzoglichen und königlichen Wappen dicht bei einander zu ſtehen und ſich in der Mitternachtsſtunde wahrſcheinlich leiſe flüſternd ganz erſchreckliche trauervolle Geſchichten zu erzählen; als ſie aber den badiſchen Omnibus näher kommen ſahen, trennte ſich der badiſche Grenzpfahl eilfertig von dem württembergiſchen, und als wir bei ihnen vorüber fuhren, ſahen die beiden Wappenſchilde ſo ſtill, ſo gerade und harmlos aus, als haben ſie nicht daran gedacht, vorhin ſich Worte der Trauer mitzutheilen. Ach, wie thaten meinen Augen die württember giſchen Farben ſo wohl! Schwarz und roth ohne Gold, deſſen in den letzten Tagen ich ſo viel Falſches geſehen. Ich blickte nach den Hirſchgeweihen zurück, ſo lange ich konnte, und nachdem der Wagen eine weite Strecke entfernt war, ſah ich deutlich, wie die beiden Grenzpfähle wieder zuſammengerückt waren und, wie ich annahm, emſig fortplauderten. In Vaihingen an der Enz würde„bloß umgeſpannt,“ ſo ſagte nämlich der Omnibusführer in Durlach, aber 201 dieſes Umſpannen dauerte beinahe anderthalb Stun— den, während welcher Zeit der Reiſende mitten in der Nacht Muße genug hat, ſich die Stadt zu be ſchauen. Vaihingen lag in tiefem Schlafe; auf der Straße hörte man nichts als das Hin- und Her— ſchreiten einer Schildwache, das Murmeln der Röhr⸗ brunnen und das melancholiſche Schlagen einer ge— fangenen Wachtel. Einer der Soldaten kam aus der benachbarten Wachtſtube an den Wagen, und da ich der einzige der Paſſagiere war, welcher es vorzog, durch die Straßen zu wandeln, ſtatt in dem Kaſten eingeſchloſſen zu bleiben, ſo ging ich mit dem Infan— teriſten durch die Straßen, und benützte dieſe Zeit dazu, um mit ihm zu fraterniſiren. Der Mann hatte ganz gute Ideen, ſchien die badiſchen Meutereien zu verabſcheuen und war ſeinem König in Treu' und Liebe zugethan. Der Soldat meinte, im Jahr 1841, wo das große Jubiläum war, habe das ganze Land dem König einſtimmig bewieſen, wie ſehr es ihn liebe und verehre, und damals, ſagte er, hat Alles von der ſegensreichen fünfundzwanzigjährigen Regierung des Königs geſprochen und es hat keiner etwas da— gegen zu ſagen gewußt. Was iſt denn nun in den acht Jahren geſchehen oder was hat der König in den acht Jahren gethan, daß man ihm ſo aufſätzig iſt? Ich konnte das eben ſo wenig wie der Soldat 202 beantworten, beſchloß aber, mich hierüber gelegent lich von irgend einem Mitgliede des Landesausſchuſſes belehren zu laſſen. Endlich wurden die Pferde wieder eingeſpannt und wir fuhren weiter. Der Morgen dämmerte be reits, als wir durch Schwieberdingen kamen und der klare Himmel verſprach einen ſchönen Tag. Auf der Prag ſah ich die Sonne aufgehen und von da rollten wir langſam und ſchaukelnd zur Reſidenz hinab. Es mochte fünf Uhr ſeyn, als wir in die Stadt fuhren. Die Fenſter waren allenthalben noch geſchloſſen und auf den Straßen bemerkte man nur hie und da an den Brunnen ein frühzeitiges Dienſtmädchen. Am Schloßplatz verließ ich den Omnibus und wunderte mich ungemein, als ich bei dem Theater und dem Schloſſe vorbei ging, und bemerkte, daß dort allent halben der Wachtdienſt von der Bürgerwehr verſehen wurde. Die Bürgerwehr hat ſich damals recht gut benommen und mit großer Aufopferung alle Strapa zen des Wachtdienſtes ertragen, die Ruhe in der Stadt bewahrt, und hie und da, wo es nöthig war, ſelbſt den Exceſſen der Soldaten geſteuert. In der guten Reſidenz Stuttgart hatte ſich ſeit meiner Abweſenheit Manches verändert, Manches zu getragen. Die Regierung hatte die Reichsverfaſſung unumwunden, ohne Vorbehalt anerkannt, und es 203 herrſchte Freude und Entzücken in ganz Iſrael. Die königliche Familie war nach Ludwigsburg übergeſie— delt, das neue Schloß in der Reſidenz ſtand in Folge dieſer Veränderung öde und leer. Die Männer eines gewiſſen Fortſchritts jubelten am allerlauteſten und ſchritten immer weiter fort, jenem Morgenrothe ent— gegen, das bei der Reutlinger Verſammlung ſpäter einen ſo glorreichen Sonnenaufgang verkündigte. Die Kammer der Abgeordneten ſprach zu dem Volke am 25. April: „Mitbürger! die Sache des Volks, die deutſche Sache hat geſiegt; der Grundſatz der Nationalſouve ränität hat ſich wiederholt Anerkennung errungen. Das Staatsoberhaupt hat heute die unbedingte An— erkennung der Reichsverfaſſung einſchließlich des Wahlgeſetzes unterzeichnet. Wir verdanken dieſen Sieg der gerechten Sache neben der Entſchiedenheit des Miniſteriums vor allem dem Volk, welches durch den an den Tag gelegten ächten deutſchen Sinn und durch ſeine entſchloſſene Haltung die Forderungen der Kammer der Abgeordneten ſo kräftig unterſtützt hat. Das Volk hat ſich dadurch der im März vorigen Jahres errungenen Freiheit würdig gezeigt; es hat den Bürgern derjenigen deutſchen Staaten, deren Regierungen die Reichsverfaſſung nicht anerkannt haben, ein Vorbild gegeben, welches ſeine Wirkung —-—õÿy 204 nicht verfehlen wird. Bald wird ein deutſches Reich in Wahrheit gebildet ſeyn, und die Geſchichte wird den Namen des württembergiſchen Volks in ihre Tafeln ſchreiben. Heil dem einigen, dem freien Deutſchland!“ Unterdeſſen ſchritt man im benachbarten Baden auf der Bahn des Umſturzes, damals ‚alleinſelig machende Freiheit“ benannt, rüſtig vorwärts; man verführte das Militär, vernichtete die Disciplin, ohne welche jedes Heer ſchlimmer als gar nichts iſt, und ſchielte zu gleichem Zweck ins Württembergiſche hin über, wo in der Zeit eine ungeheure Menge von Bier und Wein conſumirt wurde, um dem Soldaten die Augen zu öffnen, damit er ſehe, was eigentlich Freiheit ſey. Doch muß man es dem württembergi ſchen Militär zu ſeiner Ehre nachſagen: es wurde trotz aller dieſer Verführungen in ſeiner Treue, der eigentlichen und alleinigen Soldatenehre nicht wan— kend gemacht. Wenn auch kleine Exceſſe vorfielen, wenn man auch hie und da Soldaten nach dem Zapfenſtreich in außerordentlich erheitertem Zuſtand durch die Straßen wanken ſah, wenn auch zuweilen im Rauſche unpaſſende Reden gehalten wurden, ſo kam doch nichts vor, was berechtigen könnte, Ehren rühriges von dem württembergiſchen Militär zu ſprechen. Eines Tages, als Seiner Majeſtät dem 205 König in Ludwigsburg gemeldet wurde, daß eine Soldatenverſammlung auf dem kleinen Cxercirplatz ſtattfinde, begab derſelbe ſich zu Pferd ſogleich an Ort und Stelle, wo zuvor ſchon der General von Troyff und der Oberſt Donop erſchienen waren, und die ſämmtlichen verſammelten Soldaten, etwa drei hundert an der Zahl, von der Ungeſetzlichkeit ihres Benehmens wegen unterlaſſener Einholung der Er⸗ laubniß überzeugt hatten, ſo daß, als Seine Majeſtät ſich einfand, dieſelben bereits den Platz zu verlaſſen begannen. Der König ritt mitten unter die im Ab— gehen begriffenen und verlangte zu wiſſen, was ſie zu einer Zuſammenkunft veranlaßt und wer dieſelbe hervorgerufen habe; worauf einige hervorgetretene Soldaten gehörige Auskunft zu geben nicht vermochten, bis endlich ein Schütze des achten Infanterieregiments erklärte, daß die Verſammlung vor allem den Zweck haben ſollte, ſich dahin auszuſprechen, daß ſie, im Gegenſatz zu dem ſträflichen Benehmen der badiſchen Soldaten, mit Treue und Ergebenheit für König und Vaterland Blut und Leben einſetzen wollten. Hierauf erwiederte Seine Majeſtät: dieß ſey die Sprache eines braven Soldaten, und forderte jenen Schützen auf, ihm im Namen ſeiner Kameraden die Hand zu reichen. Unter lebhaftem Lebehochrufen der Mannſchaft ritt der König ſodann vom 206 Platz weg, der in wenig Augenblicken von den verſammelt geweſenen Soldaten ganz ge räumt war. Den Tag darauf ließ Seine Majeſtät bei einer über das erſte Regiment abgehaltenen Parade von jeder Compagnie zehn Mann vortreten, einen Kreis um ſich ſchließen und ſprach zu ihnen einige zum Herzen gehende Worte, in welchen unter anderem ausgedrückt wurde, daß der König im Vertrauen auf die Treue und einen ehrenhaften Geiſt unter den Soldaten des erſten Regiments daſſelbe in ſeinem Hauptquartier behalten habe und ſie zur Erklärung darüber auffordere, ob er auf ihre treue Pflichter füllung zählen dürfe, in dieſem Falle würde auch er, wie er ſtets geweſen, ſeinen Soldaten fortan ein Vater ſeyn. Ein begeiſtertes Ja! und ein feuriges Lebehoch folgte auf dieſe königliche Anrede. Es iſt freilich wahr, daß in dieſer Zeit in einem großen Theil des Landes im Intereſſe der Anerken nung der Reichsverfaſſung eine große Agitation herrſchte; doch geſchah dieß weniger in Anerkennung der Vorzüge eben dieſer Reichsverfaſſung, welche in ihrem Zuſammenhange noch wenige im Volk damals geleſen haben mochten, als vielmehr in dem immer mächtiger werdenden Drange nach Ruhe und Frieden um jeden Preis. Ein Blatt Stuttgarts, die„Laterne,“ 207 deren Licht bald darauf aus Mangel an conſervativem Oel erloſch, ſagte in dieſer Richtung: „Seit einem Jahre waren die Bande der Ord nung gelockert, die Achtung vor dem Geſetze ſchwand mehr und mehr, die Geſetze wurden kaum noch der Form nach gehandhabt; in jedem Ort, in Stadt und Dorf befand ſich eine, wenn auch kleine Schaar von Hecker-Burſchen, die das Panier der Freiheit als Schild aushängte und ſich Volksverein nannte, nach der die Beſitzenden ſich immer ängſtlich umſahen, ihr halb freiwillig, halb gezwungen Conceſſionen mach— ten, und der ſelbſt die Behörden nirgends kräftig und entſchieden entgegen zu treten wagten. Man glaubte immer nachſichtiger ſeyn und durch die Finger ſehen zu müſſen. Fanden da und dort auch Exceſſe der gröbſten Art ſtatt, ſo entſchuldigten ſich die Be hörden mit Nichtwiſſen, mit dem Mangel einer amt— lichen Anzeige, oder hieß es, man dürfe die aufge— regte Menge durch Einſchreiten nicht noch mehr reizen. Die Ortsvorſteher in den kleinen Städten und Dörfern wagten es nicht mehr, Zucht und Ord— nung in ihren Gemeiden aufrecht zu erhalten; viele verweigerten geradezu die Juſtiz, und ſagten naiv und oſſen, wie man von ihnen in jetziger Zeit noch verlangen könne, gegen dieſen oder jenen aufzutreten, der doch den größten„Anhang“ im Orte habe. Ging —— — 208 man einen Bezirksbeamten um Hülfeleiſtung, Execu— tion oder ſonſtige Unterſtützung in ſeinem guten Rechte an, ſo machte derſelbe ein bedenkliches Ge— ſicht, ſprach von der Böswilligkeit der Leute, ſagte zwar Hülfe zu und erließ— irgend einen nichts ſagenden Befehl. Damit war aber auch alles ge⸗ than, und an eine kräftige Hülfsvorſtreckung ſeit Monaten nicht zu denken. Man ſah es dem Beam ten an, wie ſauer es ihm geſchah, ernſtliche Maß regeln zu ergreifen, und drang, um es mit ihm nicht zu verderben, nicht weiter in ihn. Alles ſuchte und haſchte nach Popularität und buhlte um die Volks— gunſt, und ſo konnte man es auch dem Beamten nicht verdenken, wenn er ſich durch ein nachſichtiges Regiment die große Menge geneigt zu machen und dadurch ſeinen Poſten zu erhalten ſuchte. Laissez faire et laissez passer wurde fortan der Grundſatz, und das Miniſterium war zufrieden, wenn nur die Ruhe nirgends geſtört wurde. Aber dieſe Ruhe war nur eine ſcheinbare, unter deren Decke Zucht- und Geſetzloſigkeit ihr ungeſtörtes Spiel trieben. Man ſchwieg und hoffte im Stillen auf ein baldiges Er ſtarken der Regierung, auf die Zeit, wo das Mini ſterium, nach Erledigung der höhern politiſchen Fragen, ſeine Blicke auf die Zuſtände im Lande rich ten und der wahren Ordnung wieder aufhelfen werde. 209 Es fragt ſich nun, ob ſich die Regierung durch die Vorgänge der jüngſten Zeit gekräftigt fühlt, und ob das Miniſterium Römer, ungeachtet der Rückſichten, die es,— wenn auch wider Willen— den Volks vereinen quasi ſchuldig geworden iſt, den Muth hat, der der Regierung„offenbar feindſeligen Richtung“ dieſer Vereine entgegenzuwirken. Wir ſehen bei die ſer Frage von dem politiſchen Treiben ganz ab, ſon dern meinen vorzugsweiſe den durch dieſe Vereine genährten und nun durch ihr neuliches ſiegreiches Auftreten ſehr erſtarkten Geiſt der Mißachtung gegen die noch zu Recht beſtehenden Geſetze, den Geiſt der Unbotmäßigkeit, Widerſetzlichkeit und Brutalität. Das Miniſterium wird vergeblich auf Berichte von ſeinen Beamten warten; keiner wird ſich damit ſelbſt der Schwäche anklagen wollen; aber es herrſcht ein Zu ſtand auf dem Lande, der in kurzer Zeit beklagens werthe Folgen haben wird.“ Zu den oben bezeichneten Verführungen vermit telſt freien Zechens, durch welche die Freiheitshelden das Militär zum Treubruch verleiten wollten, kam noch eine andere Wühlerei der fluchwürdigſten Art, indem man eines Tages eine Proklamation an den Straßenecken angeſchlagen ſah, die auch in den Ka— ſernen ſoviel wie möglich verbreitet wurde. Dieſe Proklamation, angeblich ein Aufruf der badiſchen Hackländer, Soldatenleben im Krieg. II. 14 210 Meuterer an ihre deutſchen Kameraden— in dieſem Falle brave Kameraden und nicht verthierte Söldlinge — war denn in der That ein Machwerk unſinnig— ſter Art, und der damalige Kriegsminiſter, General Rüpplin, hielt es mit vollem Recht für nothwendig, dagegen nachfolgende Anſprache an die Truppen zu erlaſſen: „Soldaten! Es iſt am geſtrigen Tage in allen Kaſernen, auf allen Straßen und durch Maueran— ſchlag ein Aufruf verbreitet worden, den die badi ſchen Soldaten an ihre Kameraden im übrigen Deutſch land erlaſſen haben ſollen. Gleich jenen früheren Anſprachen von Ungenannten, die im Bewußtſeyn ihrer ſchlechten Sache nur unter dem Deckmantel der Verborgenheit ſich an euch wenden, iſt auch dieſer offenbar in Stuttgart verfaßte, nicht von badiſchen Soldaten herrührende Aufruf einer unlautern Quelle entfloſſen. Trotz der Unhaltbarkeit der darin aufge ſtellten Sätze erachte ich es, in Betracht der jüngſten Ereigniſſe in unſerem Nachbarlande, für meine Pflicht, bei dieſem Anlaß einige ernſte Worte an euch zzu richten. Ihr habt Vertrauen zu mir, ich weiß es, und ich danke Euch dafür— Ihr wißt, wie die Achtung und das würdige Verhalten meiner Waffen gefährten das Ziel meiner Beſtrebungen iſt— darum glaubt, daß ich offen und wahr zu Euch rede. 211 Württemberger! wer den Eid bricht, den er Fürſt und Verfaſſung geſchworen, wer die Fahnen in den Staub tritt, die in Schlachten den Ruhm ſeiner Väter geſehen, darf Euch ſeine Kameraden nicht mehr nennen. Wie ſolche verbrecheriſche Handlungen nun auch beſchönigt werden, was immer man zu ihrer Entſchuldigung auch ſagen mag, es iſt nur Lug und Trug und wird— ſo hoffe ich— keinen Zugang zu Euch finden. Die Pflichten der Soldaten ſind ein— fach und einem jeden leicht verſtändlich. Sie lauten: Muth, Gehorſam, Treue! Jene Meuterer in Baden haben ſich mit ihrem Verrathe gegen jede derſelben verfehlt, und bald wird die Reue ihrer unſeligen Verblendung folgen; ſie haben ſich ſelbſt, ihre Waf— fen, ja den geachteten Namen eines deutſchen Krie gers mit Schande befleckt. So haltet nun Ihr— meine Waffengefährten— um ſo feſter an Eurem Eide, vertraut Euren Führern, die mit Euch nur die Ehre und das Wohl des Vaterlandes wollen. Be wahret unerſchütterlich Ordnung und Gehorſam, denn ſie befeſtigen und ſchirmen das Heer, das nur durch ſeine entſchloſſene verfaſſungsmäßige Haltung die Heimath zu ſichern vermag. Mit glatten Worten nahen ſich Euch die Verführer, prüfet, was ſie ſagen. Weil ſie Eure Treue, Eure gemeinſame Kraft fürch ten, darum wollen ſie Unfrieden und Zwietracht in 212 Eure Reihen ſäen. Württemberger! König, Regie⸗ rung und Volk halten feſt und unverbrüchlich an den Freiheiten, welche durch die Landes- und Reichsver⸗ faſſung— die auch wir freudig anerkennen und wo es Noth thut, mit den Waffen in der Hand ſchützen und vertheidigen wollen, als ein für alle gleich ver— bindliches Geſetz— verbürgt ſind. Alle Stände durchdringt das Gefühl der ehrenvollen Stellung, welche ſich Württemberg im deutſchen Lande erhalten hat. Soldaten! wahret dieſen euren Beruf, wie es braven Männern geziemt. Nie werdet ihr zu Hand⸗ lungen befehligt werden, welche gegen Recht und Geſetz ſind— ich bürge euch dafür mit meiner Ver— antwortlichkeit!— nie zu Handlungen, welche nicht in Uebereinſtimmung wären mit der Pflicht des Bür— gers wie des Soldaten! Bedenkt, daß die Augen des geſammten deutſchen Vaterlandes auf Euch gerichtet ſind, daß Ihr die Erben ſeyd des Ruhms, den Eure Väter, geführt von Eurem König, den württember⸗ giſchen Waffen erkämpft haben!“ Aus all dieſen Vorgängen erſieht man, daß es an zuſammengetragenem Zündſtoffe in Württemberg nicht fehlte, auch waren Hände genug bereit, um die Brandfackeln hineinzuſchleudern und auch hier einen Bürgerkrieg zu entzünden. Zu alledem kam noch die Volksverſammlung zu Reutlingen, welche am 28. Mai 213 ſtattfand, und in deren Folge man ſich„rothe“ Pfingſten verſprach. Die Verſammlung war von 49 Oberäm⸗ tern und 202 Volksvereinen beſucht. Das klingt allerdings ſehr ſchön, doch muß man wiſſen, was dahinter ſteckt. Daß in jedem Oberamt einige eral tirte Köpfe zu finden waren, die beſcheiden genug waren, ſich für den wahrhaftigen und getreuen Aus druck ihres ganzen Bezirks zu halten, iſt nicht zu verwundern, ebenſo wenig, daß ſich in irgend einem beliebigen Dorfe ein radikaler Schreiber oder ein ar mer verkümmerter Schulmeiſter höchſelbſt zum Volks verein conſtituirte und ſich ſelbſt als ſolcher einſtim mig nach Reutlingen ſchickte. Der bekannte Abgeordnete Becher(ſpäter Reichsregent) präſidirte, und von Baden waren Fickler und Hoff anweſend und forder ten zur Unterſtützung der badiſch⸗deutſchen(!) Sache auf. Beſchloſſen wurde in dieſer Verſammlung: In Erwägung der Lage des deutſchen Vater⸗ landes und der von unſerer Regierung in der 147. Kammerſitzung dargelegten An- und Abſichten hat die ſtatutenmäßige Vierteljahrsverſammlung der württem bergiſchen Volksvereine berathen und beſchloſſen aus zuſprechen: die proviſoriſche Centralgewalt Deutſch lands iſt zum Verräther an der Nationalſouveränetät geworden, indem ſie geſchehen ließ, daß Preußen, das die Reichsverfaſſung nicht anerkannt hat, alſo 11 214 als Reichsfeind und nicht als Diener der Reichsge⸗ walt zu betrachten iſt, das Reichsland Sachſen an gegriffen hat und duldet, daß Preußen im Reichsge biet noch militäriſche Aufſtellungen macht. Das Reichsminiſterium ſteht offenbar mit dem Reichsfeinde im Bunde; man iſt ihm deßhalb um ſo weniger Ge horſam ſchuldig, als daſſelbe im Widerſpruch mit der Nationalverſammlung im Amt iſt, von der allein es ſeine Gewalt ableiten lann. Demgemäß iſt in den Augen des ſchwäbiſchen Volkes ſeine Gewalt an die Nationalverſammlung zurückgefallen und das ſchwä biſche Volk anerkennt alle Befehle der Nationalver ſammlung als gültig, und gelobt, ihnen nachzu— leben, wie viele oder wie wenige Mitglieder ſie zähle. Indeß verlangen wir von der Nationalver⸗ ſammlung: 1) Wenn ſie irgend gemeint iſt, noch zum Heile des Vaterlandes zu wirken, von der unwürdigen Bettelei um Uebernahme der Reichsſtatthalterſchaft bei den Kronen Deutſchlands endlich abzuſtehen, einem Verfahren, das nur dazu dient, den Reichsfeind von Preußen erſtarken zu laſſen, und bitten ſie ſofort, die Heere der Reichsländer aufzubieten, um den Reichsfeind Preußen in öffentlichem Kriege aus den Marken der Reichsländer zu vertreiben, in denen er nur Verrath gegen die Nationalſouveränetät ſpinnt, — ◻ brutale Gewalt an der geſetzlichen Freiheit übt, und das kaum erwachte Vaterland in die alten Feſſeln des deutſchen Bundes zu ſchmieden ſucht. 2) Nach der Reichsverfaſſung ſtehen alle deut— ſchen Lande, die ſolche anerkannt haben, geſetzlich be⸗ reitss in einem Schutz⸗ und Trutzbündniß. Jeder Angriff auf ein Reichsland muß alſo von allen ab gewehrt werden, wie wenn das eigene Land ange— griffen wäre, und kein Reichsland darf ein anderes angreifen oder zum Angriff deſſelben helfen. Dieß Bündniß geloben wir heilig zu halten, und fordern, getreu der Reichsverfaſſung auf, den Gehorſam gegen jeden Befehl zu verfaſſungswidrigen Angriffen auf ein Reichsland zu verweigern. Wir ſtehen nicht mehr auf dem Boden des Bundes, das neue Reich, alſo alle die Länder, deren Volk die Reichsverfaſſung an— erkennt, ſind an ſeine Stelle getreten. Ihnen allein ſteht deßhalb namentlich ein Recht auf die Reichs— feſtungen und der Eintritt in dieſelben zu. Nur die Nationalverſammlung kann ferner ausſprechen, daß ein Reichsland die Reichsverfaſſung verletzt habe. Sie hat dieß gegen Baden nicht ausgeſprochen, und auch wir vermögen darin, daß ein Volksſtamm ſich ſelbſt die Landesverfaſſung gibt, eine Verletzung der Reichsverfaſſung nicht zu erkennen, ſo lange die Reichsgewalt ihr verfaſſungsmäßiges Nein gegen die 216 fertige Landesverfaſſung nicht eingelegt haben wird. Demgemäß fordern wir von unſerer Regierung: 1) Ungeſäumte Anerkennung und thatkräftige Durchführung des reichsgeſetzlich bereits beſtehenden Bündniſſes mit allen Reichsländern, alſo auch mit Baden und mit der Rheinpfalz. 2) Unverzügliche Rückberufung der Truppen aus ihrer Angriffsſtellung von der badiſchen Grenze, und Verweigerung des Ein- und Durchmarſches von Trup pen, die nicht auf die Reichsverfaſſung beeidigt ſind, insbeſondere Nichteinlaſſung von ſolchen Truppen in die Feſtung Ulm. 3) Alsbaldige Bewaffnung des ganzen Volks, um jeden Angriff der Reichsfeinde beſtehen und je den deutſchen Bruderſtamm gegen dieſelben ſchützen zu können. 4) Sofortige öffentliche und feierliche Beeidigung des Heers, ſowie aller weltlichen und geiſtlichen Beamten. 5) Amneſtie für alle politiſch Angeſchuldigten oder Gefangenen. Die Verſammlung ſelbſt ſoll eine Art polniſcher Reichstag geweſen ſeyn. Es wurde viel gelärmt und noch mehr geſprochen, und alsdann 64 Vertrauens männer erwählt, welche der Kammer der Abgeord neten die beſcheidenen Wünſche(des Volkes) vor 217 D tragen ſollten. Der Ankunft dieſer Vertrauensmänner, ſowie ihrem Auftreten ſah man in der Reſidenz mit der geſpannteſten Erwartung entgegen. Die Auf regung und Theilnahme für dieſe Beſchlüſſe, ſo fabelte man, ſey ungeheuer und etwas ganz anderes, wie vor wenigen Wochen, als man die Anerkennung der Reichsverfaſſung durchgeſetzt hatte. Man ſprach von Tauſenden bewaffneter Volkswehren, die ſich einfin den würden, um der Bitte der Vertrauensmänner Nachdruck zu geben, um allenfalls mit Gewalt zu erlangen, was man in Güte nicht erhalten würde. Obgleich nun all' dieſe Angaben ſehr übertrieben waren, ſo herrſchte doch eine unbeſchreibliche Auf regung im Lande und Angſt und Schrecken vor der nächſten Zukunft. Die Freiheitsmänner in Württem berg, ermuthigt durch die Vorgänge in Baden, und der ruhige Bürger, durch dieſelben nicht klüger ge worden, wühlten einestheils und ließen anderntheils Alles geſchehen, um Württemberg an den Rand des Verderbens zu bringen. Wer weiß, was geſchehen wäre, wenn nicht der König, wie immer, die Zügel feſt und kräftig in der Hand behalten, und ſo das Land, hie und da dem Unvermeidlichen nachgebend, gerettet hätte. Auf das Verhalten der Reſidenz in dieſem kriti ſchen Augenblicke blickte das ganze Land mit geſpannter 218 Aufmerkſamkeit, und man kann es nur hoch an erkennen, daß ſich die Wühler, auf eine Erhebung Stuttgarts hoffend, durch das entſchloſſene und gute Benehmen eines großen Theils der Bürgerwehr gänz lich getäuſcht fanden. Die Stadt blieb vollkommen ruhig, und man zuckte im Allgemeinen über die Be ſchluüſe der tagenden Reutlinger mitleidig die Achſeln. So ſtanden die Sachen in Stuttgart, als ich aus Italien zurückkehrte. Es ſchien in dieſem Jahre nun einmal meine Beſtimmung zu ſeyn, von einem Hauptquartier in das andere zu kommen. Kaum nämlich hatte ich mich im Gaſthof zum König von England häuslich niedergelaſſen, ſo erfuhr ich, daß ich mich auf dem Krater des Vulkans befinde, auf dem Herde der Aufregung, im Hauptquartier— des Landesausſchuſſes. Es herrſchte ein außerordent liches Leben in dem ſonſt ſo ſtillen Hauſe. In den untern Zimmern wurde eine unendliche Menge von Bier conſumirt, und hier fand ſich zuſammen, was ſich damals der Geſinnungstüchtigkeit näherte; Bürger wehren aus allen Theilen des Landes, in mehr oder minder geſchmackvollen Coſtümen, Heckerhüte in allen I Farben, viele mit rothen Federn und eine unerhörte Menge von Bartwerk. Da ſaßen ſie den ganzen Tag bei ihren Schoppen und ließen ſich von den Neuangekommenen erzählen, wie es draußen im Lande 219 ausſchaue, wie ſtark die Bürgerwehr dieſes oder jenes Ortes morgen erſcheinen werde, und welche Frei⸗ ſchaaren ſchon von Hauſe abmarſchirt ſeyen. Es war ein wirklich abenteuerliches Leben und es ſummte um das Haus den ganzen Tag wie ein Bienenſchwarm. Die Zimmer des Landesausſchuſſes waren im obern Stock, und jeden Augenblick polterte es die Treppen hinauf und es erſchien irgend ein bewaffneter Bote mit grauem Heckerhut, Hirſchfänger und Büchſe, um eine Meldung zu machen oder einen Befehl entgegen zu nehmen. Auch viele Bekannte ſah ich oben aus⸗ und eingehen, Herren im ſchwarzen Frack, welche aus der Kammerſitzung, die gerade über die Reut— linger Beſchlüſſe berathen hatte, referirten. Man kann nicht anders ſagen, als daß es oben ziemlich lautlos herging, unten dagegen wurde deſto mehr gelärmt und kräftiger Stimmen weithallender Chorus ſang Freiheitslieder aller Art. Dem alten Hauſe ſelbſt, wie es ſo dalag neben dem rieſenhaften grauen Schloß der alten württembergiſchen Herzoge, mochte dieß fremdartige Treiben und Leben gewiß ſonderbar genug vorkommen. Auf ſeiner Hausthür, über der Hausthür nämlich, ſteht deutlich zu leſen das Wort: „Burgfriede,“ und hiezu paßte doch das Getriebe des Landesausſchuſſes gar ſchlecht. Am 29. Mai übergab nun eine Deputation jene 220 Forderungen der Reutlinger Verſammlung in Form einer Petition an die Kammer, welche ſich aber, wie bekannt, in ihrer Mehrheit gegen dieſe Agitation ausſprach, wodurch dem beabſichtigten Aufſtandsver⸗ ſuch eine größere Ausſicht, wie auch lokales und augenblickliches Gelingen benommen wurden. Doch bereitete man jetzt von anderer Seite her der Regie rung neue Verlegenheiten, indem man, um der Trup pen gewiß zu bleiben, eine ſchleunige Beeidigung des Heeres auf die Reichsverfaſſung beantragte. Doch widerſetzte ſich der König dieſem Anſinnen auf das Beſtimmteſte und Ausdrücklichſte, und entging durch die Feſtigkeit, mit welcher er auftrat, zahlloſen Ver legenheiten. Er war nicht ſo ſchlecht ausgeſonnen, dieſer Plan, und hätte die württembergiſchen Trup pen, deren Chef, Generallieutenant von Miller, ſich damals noch für einen Reichsgeneral anſah, zur Dis poſition einer Sache ſtellen können, die eigentlich noch gar nicht eriſtirte und nur zu den bekannten Zwecken der Umſturzpartei ausgebeutet werden ſollte. Zu allem dem kam nun die letzte Sitzung in der Paulskirche am 30. Mai, in welcher unter anderem Herr Moritz Mohl ſagte: Von einer Wirkſamkeit der Reichsverſammlung hier in Frankfurt könne nicht mehr die Rede ſeyn. Hier bleiben heiße politiſch und mora liſch verfaulen(Herr Mohl blieb ſchon ſehr lange dort). 221 Es ſey ihm erklärlich, daß von Stuttgart(wo man, auf die Reutlinger Vorgänge fußend, ein neues gün ſtiges Terrain zu finden hoffte) noch keine Einladung ergangen ſey. Wenn man aber die Stimmung des Landes beachte, wie ſie ſich unlängſt noch in Stutt— gart ausgeſprochen, ſo könne man nicht zweifeln, daß die Verſammlung in Stuttgart einen Standpunkt finden werde, auf welchem ſie gewiß ſey, eine neue Wirkſamkeit zu finden. Darauf ſagte Herr Schoder noch: die württembergiſche Regierung, auch wenn ſie wolle, was er nicht glaube, könne der Verſammlung ihren Schutz nicht verſagen. Sie könne es nicht um ihrer politiſchen Ehre willen, die durch viele ausdrück liche Erklärungen des Herrn Römer dafür verpfändet ſey, daß die Reichsverſammlung in Württemberg als das rechtmäßige Organ des Nationalwillens anerkannt werde. Er ſtehe dafür gut, daß es der württember giſchen Regierung nicht einfallen werde, das Recht der Verſammlung, ihren Sitz nach Stuttgart zu verle gen, mit Wort oder mit That zu beſtreiten.„Was aber das württembergiſche Volk betreffe, ſo wünſche ein großer Theil deſſelben nichts lebhafter, als daß die Verſammlung ſich in ſeine Mitte begebe,“— unter andern, 49 Ober ämter und 202 Volksvereine, die in Reutlingen verſam melt waren, man muß das nicht vergeſſen.— Herr 222 Löwe, der bei dieſer Verhandlung den Vorſitz übernom men, erklärte, daß er dem Beſchluß der Reichsverſamm lung gemäß die nächſte Sitzung in Stuttgart anberau men werde, nachdem er die Behörden der Stadt und die württembergiſche Regierung zuvor davon in Kennt niß geſetzt. Zu Anfang Junis fand nun dieſe Ueberſiedlung nach Stuttgart ſtatt, zu derſelben Zeit, als Fickler hier wegen Verſuchs, das württembergiſche Militär zu verführen und von ſeiner Pflicht abwendig zu machen, verhaftet wurde. Fickler, wie der„Beobach ter“ ſagte, das Mitglied des regierenden Landesaus ſchuſſes in Baden, trat am 3. Juni, unmittelbar vor der Kammerſitzung, nichts ahnend aus dem Laden eines Kleiderhändlers, wo er ſich zum Schutz gegen die furchtbare Hitze einen Sommerrock gelauft hatte und wieder in die Drotſchke ſteigen wollte, in welcher er hergefahren war, als ein Polizeicommiſſär mit einem Polizeiſoldaten ebenfalls zu ihm in den Wagen ſtieg mit den Worten:„Mein Herr, ich fahre mit Ihnen!“ Der Polizeicommiſſär befahl dem Drotſchken— führer, vor das Gebäude der Stadtdirektion zu fahren. Schnell war der Wagen um die Ecke gebogen, Fickler wurde in das Gebäude der Stadtdirektion geführt. Nach einem Aufenthalt von kaum vier Minuten wurde er in den Wagen zurückgebracht, begleitet von Ober 223 polizeicommiſſär Kegelen und einem Polizeiſoldaten, und im raſchen Lauf der Pferde zum Königsthor hinausge fahren. Vor der Abfahrt, da ſich bereits zahlreiche Gruppen um das Stadtdirektionsgebäude geſammelt hatten, rief Fickler noch aus dem Wagen:„Bürger, ſaget Seeger und Becher, daß Fickler ſo eben verhaf tet worden ſey.“ Kegelen erwiederte hierauf:„Herr Seeger iſt Stadtdirektor.“ Fickler:„Gut, ſo ſaget es dem Abgeordneten Seeger.“ Die Drotſchke fuhr Ludwigsburg zu, in deſſen Nähe bekanntlich Hohen asberg liegt. Auch in der untern Königsſtraße rief Fickler noch einmal zu den Vorübergehenden aus dem Wagen:„Machet bekannt, daß Fickler verhaftet wor den iſt.“ Fickler war geſtern Nachmittag in Beglei tung des Mitgliedes des badiſchen Landesausſchuſſes, Steinmetz, um 2 Uhr hier angekommen. Nachdem nun im Lauf deſſelben Tages ſchon ungefähr 20 bis 30 Mitglieder des Rumpfparlamentes hier eingetroffen waren, kamen am andern Tage, es war ein Sonntag, mit dem Abendzuge von Heilbronn noch ungefähr 40, welche wahrſcheinlich auf einen freudigen Empfang in der Reſidenz gehofft hatten. Obgleich ſich nun viele Neugierige und Spaziergänger am Bahnhofe einfanden, ſo war doch das, was allen falls einer Begrüßung ähnlich ſah, nicht der Art,, daß es die eintreffenden Parlamentsmitglieder beſonders hätte erfreuen können. Ein bekannter Cafetier der Reſidenz, W., von ſeiner Liebhaberei für merkwür dige ausländiſche Thiere aller Art der„Affen-W.“ genannt, hatte ſich mit einer ſchwarz-roth⸗goldenen Fahne und vielleicht hundert ſeiner Glaubensgenoſſen eingefunden und ſchritt nun den, im Zuge in die Stadt Einziehenden voraus. Es ſchien aber, als ob dieſer Vortritt den Ankommenden ſelbſt nicht ganz zuſage, denn ſie blieben von dem Augenblick an, wo ſie in die Königsſtraße einbogen, immer mehr hinter dem Fahnenträger zurück. In das Hotel Marquard, wo das Büreau und der Vicepräſident Eiſenſtuck ihren Sitz genommen, gingen ebenfalls die meiſten von ihnen. Wenn es auch an dieſem Tage Abends auf den Straßen der Reſidenz ziemlich lebhaft ausſah, wenn man auch Geſtalten aller Art bemerkte und kleine Scandale hie und da vorfielen, ſo blieb doch im All gemeinen die Stadt ziemlich theilnahmlos und die Stimmung ſtellte ſich als für Ordnung und Recht günſtig heraus. Auch liefen von allen Theilen des Landes zahlreiche Erklärungen gegen die Reutlinger Verſammlung und für die Haltung des Miniſteriums ein; Stuttgart war, wie ſich radikale Blätter aus drückten, ein Sumpf, ein reaktionäres Sodom geworden. Am 4. Juni hielt nun die zuſammengetretene n Fraktion des deutſchen Parlaments im Saal des Hotel Marquard ihre erſte vorbereitende Sitzung. Es waren 81 Mitglieder anweſend. Füv die folgen. den Tage war denſelben der Sitzungsſaal der Kammer der Abgeordneten überlaſſen, in welchen ſie ſich am 6. Juni in feierlichem Zuge aus dem mit deutſchen. und württembergiſchen Fahnen geſchmückten Rathhauſe begaben. Noch einmal ſchien eine kleine Theilnahme für dieſelben bei einem Theil der Stuttgarter Ein wohner aufflackern zu wollen, Von einzelnen Batail lonen der Buͤrgerwehr waren Theile erſchienen und bildeten Spaliere vom Rathhauſe bis zur Kammer der Abgeordneten. Müßige Jugend und eingetroffene Fremde von allerlei ſonderbarem Ausſehen feuerten zu Lebehochrufen an, aus einigen Fenſtern hingen deutſche Fahnen und manche Einwohner Stuttgarts ſchienen das Gaſtrecht üben zu wollen und die ange kommenen Fremden für den ſehr mittelmäßigen Em⸗ pfang am Bahnhofe einigermaßen zu entſchädigen. Doch ſtutzten die meiſten ſchon in den erſten Sitzun gen an der Sympathie, welche das Rumpfparlament für den badiſchen Aufſtand kundgab, umſomehr, als auch die Eraltirteſten die badiſche Sache in ihrem wahren Lichte zu betrachten anfingen. Hiezu trug nicht wenig bei, daß die ſogenannte proviſoriſche Re⸗ gierung Badens wegen der Verhaftung Ficklers eine Hackländer, Solvatenleben im Krleg II. 10 15 226 Proklamation an das württembergiſche Volk erließ, in welcher dieſe Verhaftung als eine Kriegserklärung gegen Baden, gegen die deutſche Sache bezeichnet und ausgeſprochen wurde, daß man dafür Genugthuung mit den Waffen in der Hand verlangen, der würt— tembergiſchen Regierung das Schwert entgegenhalten „und die Rebellen mit den Kronen vernichten werde,“ wozu mitzuwirken und in erſter Linie gegen ihre eigene Regierung alſo das württembergiſche Volk aufgefordert wurde. Die Kammer der Abgeordneten beſchloß nun zwar, ihre tiefe Entrüſtung über dieſes verbrecheriſche Aktenſtück auszuſprechen, erklärte auch nach einigen Tagen(wenigſtens eine große Anzahl Deputirter that das), ihren Sitzungsſaal nicht mehr für das Rumpf⸗ parlament hergeben zu wollen, doch geſchah weiter nichts, um die Regierung gegenüber dieſem Parla— mente zu ſtärken oder dieſelbe zu veranlaſſen, die Frankfurter übrig Gebliebenen nach Hauſe zu ſchicken. Und doch wäre ſchon in den erſten Sitzungen Urſache genug dazu vorhanden geweſen. Die Verſammlung faßte z. B. auf Antrag des Dreißigerausſchuſſes ſchon am erſten Tage eine Menge Beſchlüſſe, worin es un— ter anderem hieß: das von den Regierungen von Preußen, Sachſen und Hannover verkündete Wahl— geſetz zum nächſten Reichstag iſt null und nichtig, und wer irgendwie zur Ausführung deſſelben mit— 227 wirkt, iſt ein Hochverräther. Ferner wurde bis zur Einſetzung eines Reichsſtatthalters eine Regentſchaft aus fünf Perſonen beſtehend, erwählt, mit deren Ein— tritt die Wirkſamkeit der proviſoriſchen Centralgewalt, aufhören ſolle. Die erſtaunte Reſidenz erfuhr auch am 6. Juni bereits, daß vorüber ſey die kaiſerloſe, die ſchreckliche Zeit und daß wieder, wenn auch nicht ein, doch fünf Herrſcher in Deutſchland geböten. Die fünfe waren: der Herr Regent Raveaur, welcher zu⸗ gleich das Präſidium führte und mit dem der Herr Regent Becher, der Präſident der Reutlinger Ver⸗ ſammlung, das Kriegsweſen(¹!) beſorgte; dann der Herr Regent Vogt für die auswärtigen Angelegen⸗ heiten, und die Herren Regenten Simon und Schüler, welche Finanzen, Juſtiz und das Innere übernahmen. Die Regentſchaft beeilte ſich nun, eine Proklamation zu erlaſſen, welche alſo lautete: „An das deutſche Volk! Die bisherige proviſo— riſche Centralgewalt hat ſich im Widerſpruch mit den ihr nach dem Geſetze vom 28. Juni v. J. obliegen⸗ den Pflichten, beharrlich geweigert die Reichsver⸗ faſſung durchzuführen und alle dahin zielenden Be⸗ ſchlüſſe der deutſchen Nationalverſammlung unbeachtet gelaſſen. Sie hat es trotz mehrfacher Mahnung ver— ſäumt, die Erhebung der deutſchen Volksſtämme zu Gunſten der Reichsverfaſſung zu unterſtützen und 228 den Regierungen entgegenzutreten, die ſich anmaßten, mit offenem Friedensbruche dem deutſchen Volke eine Verfaſſung und ein Wahlgeſetz aufzuzwingen. Die verfaſſungsgebende deutſche Reichsverſammlung hat aus dieſen Gründen in ihrer Sitzung vom 6. Juni d. J. beſchloſſen,„die bisherige Centralgewalt ihres Amtes zu entſetzen und eine Regentſchaft für Deutſch⸗ land einzuſetzen, die in allen Angelegenheiten, welche die allgemeine Sicherheit und Wohlfahrt Deutſchlands betreffen, die vollziehende Gewalt zu üben hat.“ Wir, die Unterzeichneten ſind von den Vertretern der deut— ſchen Nation zur Regentſchaft für Deutſchland er nannt worden. Es ſind uns die Pflichten und Be⸗ fugniſſe der bisherigen Centralgewalt, die Durchfüh rung der Reichsverfaſſung und die Vollziehung der Beſchlüſſe der Nationalverſammlung übertragen wor den. Für unſere Handlungen ſind wir der National verſammlung verantwortlich. Deutſche! wir haben dem Rufe Eurer geſetzlichen Vertreter Folge geleiſtet im feſten Vertrauen auf unſere gerechte Sache. Es gilt das Heiligſte, die Freiheit und die Ehre des deutſchen Volks zu retten vor maßloſen Uebergriffen der rohen Gewalt. Wir werden alle unſere Kräfte aufbieten, den Bürgerkrieg abzuwenden und auf fried— lichem Wege die deutſche Einheit und Freiheit zu erreichen; wir werden aber, wenn es zur Erreichung 229 dieſes Zieles nöthig iſt, der Gewalt Gewalt entge— genſtellen. Hunderttauſende aus allen Theilen des Vaterlandes haben feierlich gelobt, Gut und Blut für die Reichsverfaſſung einzuſetzen(allerdings wahr, aber wo blieben dieſe Hunderttauſende zur Zeit der Noth?); wir werden ſie auffordern, in jenem Falle ihr Manneswort zu löſen. An Euch, deutſche Krieger, noch ein beſonderes Wort! Das Geſetz(!!) gibt uns die Oberleitung der geſammten bewaffneten Macht Deutſchlands(l!), es überläßt uns die Ernennung der Oberbefehlshaber. Ihr, deutſche Kxrieger, werdet dem Geſetze gehorchen, deſſen bewaffneter Arm ihr ſeyd. Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten der Volkswehr und des ſtehenden Heeres, weß Grades Ihr ſeyn mögt, Ihr werdet alle wetteifern in pünkt lichem Erfüllen der Befehle, die wir und die von uns ernannten Befehlshaber Euch zukommen laſſen. Ihr werdet des Wahlſpruchs jedes Kriegers einge— gedenk ſeyn: Treue dem Geſetz, Gehorſam ſeinen Voll ſtreckern! Nachdem mit dem heutigen Tage der Befehl über die Reichstruppen, welche bisher der proviſoriſchen Centralgewalt verpflichtet waren, in unſere Hände übergegangen, wird jeder fernere Gehorſam gegen Befehle der bisherigen proviſoriſchen Centralgewalt als Treubruch gegen das Geſetz und die deutſche Nation geahndet werden. Deutſche! In verhängniß vollem Augenblicke wenden wir uns an Euch. Noch iſt es Zeit, durch unſere eigene Kraft des Vater landes Größe, Einheit und Freiheit zu retten, ihm Achtung zu verſchaffen nach Außen und Frieden im Innern! Noch iſt es Zeit, unter den Bürgſchaften der deutſchen Reichsverfaſſung eine auf Freiheit ge— gründete Ordnung der Dinge wieder herzuſtellen. Ruhe und Frieden, die unerläßliche Bedingung des Erblühens von Handel und Gewerbe, werden nicht eher zurückkehren, bis der unvermeidliche Kampf zwi— ſchen dem Abſolutismus und der Freiheit zu Gunſten der Freiheit beendet. Steht alle zu uns mit Eurer vollen Willens- und Thatkraft. Der gerechten Sache iſt der Sieg gewiß.“ Als Antwort hierauf erließ das württembergiſche Geſammtminiſterium nachfolgende Gegenerklärung: „Die bisherige deutſche Nationalverſammlung in Frankfurt hat in Folge Beſchluſſes vom 30. Mai v. J. ihren Wohnſitz nach Stuttgart verlegt. Zurückgeführt auf den ſechsten Theil ihres Beſtandes und faſt aus— ſchließlich nur noch eine einzige der im Volk enthal— tenen Parteien darſtellend, hat die übergeſiedelte Ver ſammlung in ihrer erſten Sitzung in wenigen Stunden, ohne Debatte, die wichtigſten Beſchlüſſe gefaßt, unter andern den Beſchluß, die ſeitherige Centralgewalt in Frankfurt ab- und eine aus fünf Mitgliedern 231 beſtehende Regentſchaft einzuſetzen. Dieſe ſelbſt aber beginnt ihre Wirkſamkeit damit, ſich den Befehl über die Heere aller deutſchen Staaten zuzuerkennen und läßt, während ſie verſichert, alles aufbieten zu wollen, den Bürgerkrieg abzuwenden, bei keinem, der die Verhältniſſe kennt, einen Zweifel übrig, daß ihr Beginnen nur dazu führen kann, das Gut und Blut Württembergsin einem brudermörde⸗ riſchen und gegenüber den größerndeutſchen Staaten ganz ungleichen Kampfe zu vergeu⸗ den und durch die Geldopfer, welche die in Stuttgart neugewählte Reichsregentſchaft zunächſt nur von unſerem Staate fordern könnte, unſern ohnehin ſchon tief geſunkenen Wohlſtand vollends zu zerrütten. Wir haben alle Zweifel an dem rechtmäßigen Fortbeſtand der Nationalver— ſammlung unerörtert laſſend, in ihr nur den einer beſſern Zukunft noch fähigen Reſt jener politiſchen Schöpfung ſehen wollen, an welche die deutſche Na tion ihre ſchönſten Hoffnungen, ihr wohlberechtigtes Streben nach Einigung und Selbſtbeſtimmung geknüpft hat; nicht verhehlen aber können wir uns, welche gewichtige Bedenken ſich der behaupteten Befugniß der Verſammlung entgegenſtellen, die durch das Reichs geſetz vom 28. Juni 1848 bis zur definitiven Be gründung einer Regierungsgewalt für Deutſchland 232 eingeſetzte Centralgewalt mit einer andern zu vertau ſchen, und außer allem Zweifel endlich iſt es, daß wir dieſer neuen Regentſchaft nicht die Schickſale Württembergs preis geben dürfen. Wir erklären daher, daß wir der aufgeſtellten proviſoriſchen Re gentſchaft das Recht nicht zugeſtehen, ohne Zuſtimmung der württembergiſchen Regierung für Württemberg gültige Beſchlüſſe zu faſſen, namentlich nicht das Recht über württembergiſche Streit, und Geldkräfte zu verfügen, und wir vertrauen zu dem im württem bergiſchen Heere und in der Bürgerwehr lebenden Geiſte der Ehre und des Pflichtgefühls. Das Heer und die Bürgerwehr, ſie werden ihrer Verpflichtung eingedenk ſeyn, die Verfaſſung zu beſchützen, dem Geſetze Achtung zu verſchaffen und die öffentliche Ordnung und Ruhe aufrecht zu erhalten. Der deutſchen Reichsverfaſſung und allem, was das deutſche Volk von ihr hofft, auf geſetzlichem Wege durch ausführbare Mittel Geltung zu verſchaffen, wird unſer vereintes Streben bleiben.“ Dieſer Erklärung des Miniſteriums ſchloßen ſich Stadtrath und Bürgerausſchuß, ſo wie die Comman danten der Bürgerwehr an. Auch in der Bürger⸗ ſchaft fand eine Adreſſe in gleichem Sinne lebhaften Anklang; es kamen aber auch von verſchiedenen Volksvereinen Zuſtimmungsadreſſen für die National— 233 Verſammlung, welche natürlich von derſelben mit großem Beifall begrüßt und von den radikalen Blättern beſtens auspoſaunt wurden. Doch wurde ihr durch die wenige Theilnahme, welche ſich im Lande für ſie ausſprach, der Boden unter den Füßen weggezogen und als nun die Kammer der Abgeordneten einen Mehrheitsantrag annahm, welcher lautete:„die Kammer möge zu Protokoll erklären, daß ſie der Anſprache des Geſammtminiſteriums im Sinne der bisherigen Ausführung, welche auch der Abſicht der K. Regierung gemäß ſeyn dürfte, beitrete, daß ſie alſo Beſchlüſſe der von der Nationalverſammlung neueſtens eingeſetzten proviſoriſchen Regentſchaft nicht als ohne weiteres für Württemberg verbindlich be— trachte, ſondern ſowohl der K. Staatsregierung, als auch, je nach ihrem Betreffe der Ständeverſammlung, eine Prüfung und Anerkennung derſelben vom Stand punkte der Landes⸗ und Reichsverfaſſung vorbehalten, namentlich wofern dadurch die württembergiſchen Streit- und Geldkräfte einſeitig in Anſpruch genom men, oder ſonſt die Intereſſen dieſes Landes durch jene Beſchlüſſe bedroht werden ſollten,“ als nun weiter der Verſammlung der Sitzungsſaal der Kammer verweigert wurde, da ſah man deutlich, daß der Name„Wander parlament,“ den man dem Ueberreſte der Nationalver ſammlung beigelegt, vollkommen gerechtfertigt ſeyn dürfte. 234 Se. Majeſtät der König hielt in dieſen Tagen eine Muſterung über die Truppen und das Erſcheinen des geliebten Monarchen und bewährten Führers wurde mit außerordentlicher Theilnahme begrüßt; General von Miller verlegte ſein Hauptquartier in die Reſidenz und in der Stadt, bisher von Truppen ziemlich entblößt, ſah man wieder militäriſches Leben. nal Infanterie kam von den Höhen herab, auf der ſtaub⸗ bboedeckten Chauſſee zogen Reitermaſſen hin und wieder V und die ſchwarzrothen Fähnlein flatterten luſtig im Winde. Auch Geſchütze raſſelten auf dem Pflaſter b und es wurde eine ſechspfündige Batterie nach Stutt gart verlegt. Das Rumpfparlament hatte ſich inzwiſchen nach einem neuen Sitzungslokale umgeſehen und für daſſelbe die Reitbahn des Bereiters Fritz gewählt, nachdem H ſie in einem Gartenſaale des Bierbrauer Kolb getagt. Die Reitbahn, ein großes leeres Gebäude, wurde mit der nöthigen Einrichtung verſehen, mit Dra— perien, Feſtons und deutſchen Fahnen geziert, auch ſah man Lorbeerkränze und unter vorhandenen In— ſchriften war eine bemerkenswerth:„die deutſchen Frauen den deutſchen Männern.“ Die Regentſchaft begann, um ihre Thätigkeit damit zu entfalten, daß ſie dem württembergiſchen (Reichs-) General v. Miller die ſchriftliche Weiſung 235 zukommen ließ, ihr allein zu gehorſamen. Daß dieſem Befehl natürlich keine Folge gegeben wurde, ſo entſetzte ſie den Reichsgeneral ſeiner Stelle und ließ auch dem die deutſchen Streitkräfte in Schleswig und Jütland befehligenden General v. Prittwitz nach⸗ folgende Depeſche zukommen:„Wir ſetzen Sie hier durch in Kenntniß, daß die deutſche conſtituirende Nationalverſammlung in ihrer Sitzung vom 6ten d. M. beſchloſſen hat, die bisherige Centralgewalt ihres Amtes zu entheben und eine Regentſchaft für Deutſch land einzuſetzen, die in allen Angelegenheiten, welche die allgemeine Sicherheit und Wohlfahrt Deutſchlands betreffen, die vollziehende Gewalt zu üben hat. In Folge dieſes Beſchluſſes hat hierauf die conſtituirende Nationalverſammlung die Unterzeichneten als Mit glieder dieſer Regentſchaft erwählt und uns die voll ziehende Gewalt übertragen. Wir haben die Reichs regierung übernommen. Indem wir Ihnen hievon, Herr General, Nachricht ertheilen, fordern wir Sie auf, künftig nur von uns, der proviſoriſchen Reichs regentſchaft und von niemand anderem Befehle oder Inſtruktionen anzunehmen. Zugleich ertheilen wir Ihnen hiedurch die Weiſung, den Krieg gegen die Dänen raſch und energiſch fortzuführen und na mentlich ganz Jütland militäriſch zu beſetzen, damit baldigſt ein ehrenvoller Frieden geſchloſſen werden 236 könne. Zu Vermittlung eines ſolchen Friedens werden wir demnächſt einen Reichscommiſſär abſenden. Unter⸗ handlungen, Wafefenſtillſtands⸗ oder Friedensſchlüſſe zwiſchen Dänemark und deutſchen Einzelſtaaten werden wir nicht anerkennen.“ Man wird es begreiflich finden, daß bei der Aufregung und Spannung, in welcher ſich zu dieſer Zeit alle Parteien befanden, geringe Straßenſcandale nicht ausblieben. Doch war die Ruhe niemals ernſt— lich bedroht und ſolche Vorfälle beſchränkten ſich auf kleine Aufläufe vor der Hauptwache, wenn hie und da ein Arreſtant eingeliefert wurde, der zu viel ge lärmt, oder ein Soldat, der ſich unbotmäßig betragen. Natürlich dachte alles an große Emeuten und da fehlte es nicht, daß ſich die Königsſtraße bei ſolchen Veranlaſſungen zahlreich mit Menſchen füllte. Haupt— ſächlich waren es Neugierige und von den andern, welche mitſpielten, meiſtens ſehr junge, kaum erwach— ſene Leute beſchränkten vielleicht ſieben Achtel ihre Theilnahme auf ein ungeheures Gepfeife, auf ein wüſtes Geſchrei, auf lächerliche Drohungen und darauf, das übrige Achtel oft ſehr gegen deſſen Willen in die erſte Reihe vorzuſchieben, den Bürgerwehrmännern und Polizeibeamten gegenüber. Aber ſolche Aufläufe, namentlich bei Nacht, haben immer etwas Wildes, Unheimliches. Zahlloſe Leute ſchwärmten auf und 237 ab, traten jetzt zu dem Knäuel vor der Hauptwache und liefen bald wieder zurück, um den entfernter ſtehenden ſchreckliche Dinge zu erzählen, die nie vor gefallen. Alle Eckſteine und Treppen waren mit Mädchen und Weiber beſetzt, die laut hinauskreiſch ten und zurückwichen, ſowie in dem Menſchenknäuel vor ihnen eine kleine Bewegung entſtand. Adjutan ten und Ordonnanzen, die von dem Schloß in die Kaſerne geſchickt wurden, hörte man von weither auf dem Pflaſter galoppiren, dann traben und endlich im Schritt reiten, ſowie ſie in die Nähe der Menſchen— maſſe kamen. Jetzt rückte auch Bürgerwehr an, eine Compagnie, das Gewehr im Arm und durchbricht die Reihe des zuſammengedrängten Volkes, glücklicher— weiſe aber ohne jemand zu verletzen, denn man macht ihnen eilfertig Platz und es werden höchſtens einige Hühneraugen unſanft berührt oder es kommen die Gewehrkolben der Flügelleute hie und da etwas mit ſolchen in Berührung, die ſich weigern der öffent— lichen Macht Platz zu machen. Hinter ihren Reihen aber ſchließt ſich die Volksmaſſe wieder und das Ge— pfeife und Gejohle weit hinaus ſchallend lockt noch eine größere Menge Neugieriger heran. Auch Waffen werden herbeigeführt, aber verſteckt gehalten und hie und da ſieht man einen fremden Handwerksburſchen, der die Sache vielleicht irgendwo ſchon mitgemacht, 238 den roſtigen Säbel unter dem Rockſchoße verbergend, nach dem Schauplatze eilen.„So iſt's recht!“ ruft er,„das Volk muß frei werden,“ ſtellt ſich aber vor⸗ derhand in die hinterſte Reihe, um zu ſehen, welchen Ausgang die Sache nehmen wird. Dieſer Ausgang war aber glücklicherweiſe bei uns bei dieſen Scenen ein vollkommen befriedigender. Bald vernahm man den feſten Schritt einer heranrückenden Infanterie⸗ maſſe und die Menge wich an die Häuſer zurück und in die Seitenſtraßen, um ſich langſam zu verlaufen. Ein paarmal aber auch hatte der Himmel ein freund⸗ liches Einſehen, es fing an zu regnen und die dicht herabfallenden Tropfen ſäuberten die Straßen ſchneller, als es Militär und Polizei gekonnt hätte. Die meiſten gingen nach Hauſe, zufrieden ein bischen Auflauf geſehen zu haben und nur die Hartnäckig— ſten ſchwärmten auf den Straßen herum, machten ihrem Unwillen durch heftige Redensarten gegen irgend eine beliebige Patrouille Luft, wurden für die Nacht eingeſteckt und kamen den andern Morgen ziemlich nüchtern nach Hauſe. Derartig waren nun wie geſagt die Aufläufe, welche zu jener Zeit in Stuttgart aufgeführt wurden. Für das Rumpfparlament herrſchte durchaus keine Theilnahme mehr; das Intereſſe, welches noch vor einiger Zeit an ihm genommen wurde, hatte es ſelbſt 239 verſcherzt durch ſeine an Tollheit grenzenden Beſchlüſſe und namentlich dadurch, daß es neben der eigenen Landesregierung eine Regentſchaft anſtellte, eine Re— gentſchaft unter andern mit dem Herrn Becher, dem jene gehorchen ſollte. In den nächſten Tagen traf dieſe Regentſchaft denn auch Anordnungen wegen Auf— ſtellung eines Reichsheers und verlangte von Würt temberg neben einem Credit von einigen Millionen Gulden fünftauſend Mann Infanterie, vier Schwa— dronen Cavallerie und zwei Batterien. Dieſe Trup pen ſollten vor ihrem Abmarſch auf die Verfaſſung beeidigt werden, Landau und Raſtatt beſetzen und die verfaſſungstreuen Gebiete(wohl Baden und die Pfalz) beſchützen. Jetzt ſchien das Maß ge füllt zu ſeyn und die württembergiſche Regierung gab als Antwort auf jene Forderungen der National— verſammlung ihren Wunſch dahin zu erkennen, ſie möge Stuttgart verlaſſen. Bei allen dieſen Wider⸗ wärtigkeiten hatte die Regentſchaft auch einen kleinen Sonnenblick, denn Vater Itzſtein traf in Stuttgart ein und brachte der entblößten Kaſſe zehntauſend Gulden von fünfundzwanzigtauſend, welche die badi— ſchen Machthaber zugeſichert. Gegen die am 16. Juni von der Reichsverſammlung gefaßten Beſchlüſſe über Bildung einer Volkswehr, deren Annahme von Seiten unſeres Miniſteriums, einer völligen Ueber— 240 lieferung der Regierungszügel an die Regentſchaft gleich geweſen wäre, gab daſſelbe nachfolgende Erklärung: „Das unterzeichnete Geſammtminiſterium, welches wiederholt verſichert, die deutſche Reichsverfaſſung, ſoweit es einem einzelnen Staate Deutſch⸗ lands möglich iſt, zur Anordnung zu bringen, ſo wie ſie denn auch in Wirklichkeit bereits zur An wendung gebracht wird, erklärt hiemit, daß es die von der Nationalverſammlung geſtern Abend gefaßten, die Bildung der Volkswehr betreffenden Beſchlüſſe nicht anerkenne und ſämmtlichen württembergiſchen Behörden verbiete, dieſelben anzuerkennen.“ Zugleich wurde am 18. Juni ein Miniſterrath gehalten, in welchem man beſchloß, dem Präſidium der Reichsverſammlung anzuzeigen, daß weitere Sitzungen in Stuttgart oder Württemberg nicht mehr zugegeben werden könnten. Als dieſer Erlaß im Publikum bekannt wurde, zeigte ſich bald auf den Straßen große Bewegung. Alle Parteien, alle Neugierigen hatten Feiertag ge— macht und wogten durch die Stadt. Das Militär war ausgerückt, ſtarke Patrouillen durchzogen die Stadt und auf den öffentlichen Plätzen Stuttgarts ſah es ganz kriegeriſch aus. Ueberall war Cavallerie und Infanterie aufgeſtellt und auch die Bürgerwehr 10 — — verſammelte ſich theilweiſe; namentlich in der Königs⸗ und Kronprinzſtraße wogte es von Menſchen, und hier folgte eine Patrouille der andern. Ueberhaupt war die Militärmacht, welche heute entfaltet wurde, ſo zahlreich und achtunggebietend und dabei die Stim mung der Soldaten ſo vortrefflich, daß man im Noth fall vollkommen im Stande war, jeden anarchiſchen Verſuch kräftig niederzuwerfen. Von dem Beſchluſſe des Miniſterraths und daß derſelbe der Kammer an jenem Morgen mitgetheilt würde, hatte man in der Stadt bereits Kenntniß erlangt und die Theilnahme des Publikums an dieſem vermuthlich letzten Tage des Rumpfparlaments war ganz anders, als die ihm anfangs bezeugte. In der Kammerſitzung wurde nun das miniſterielle Schreiben an den Präſidenten der Nationalverſammlung verleſen, daß man keine wei— tern Sitzungen dulden werde, und es wurde hinzu— gefügt, bis jetzt ſey noch keine Antwort darauf erfolgt. Da war es, wo ſich in der württembergiſchen Kammer der württembergiſche Regierungsrath(Mitglied des Miniſteriums des Innern), Herr Schoder, erhob und erklärte: er habe eine Antwort, nämlich die, daß die Nationalverſammlung ſich um 3 Uhr in ihrem Sitzungs⸗ lokal verſammeln würde. Herr Schoder, der ſich unter— ſtand, dem Miniſterium ſeines Landes dieſe Antwort zu geben, iſt zur Zeit Präſident der verfaſſungs Hackländer, Soldatenleben im Krieg. II 11 16 revidirenden Verſammlung Württembergs. Kaum aber waren jene Worte geſprochen, ſo erhob ſich der Kriegs miniſter, General Rüpplin von ſeinem Platz und ver ließ den Sitzungsſaal, um als Antwort auf die Ant wort des Herrn Schoder die nöthigen militäriſchen Maßregeln zu treffen. Dieß war Mittags gegen 12 Uhr. Um 1 Uhr ritt General von Miller in Be gleitung einiger Adjutanten, eines Civilcommiſſärs und einer Abtheilung Feldjäger gegen den Sitzungsſaal des Rumpfparlaments, das Fritz'ſche Reithaus, hin. Bald darauf wurden die dahin führenden Straßen von Linienmilitär und Reiterei abgeſperrt. Schon vor 3 Uhr ſah man einzelne Abgeordnete dem Parlamentslokale zugehen, ein größerer Zug folgte bald darauf, unter ihnen und an der Spitze waren: Schott, Uhland und Löwe. Als ſie in die Nähe des Fritz'ſchen Reithauſes kamen, wurde ihnen von einem Civilcommiſſär erklärt, daß ſie nicht eingelaſſen würden. Präſident Löwe, welcher dagegen im Namen der Nationalverſammlung Proteſt erheben wollte, wurde durch Trommelwirbel in ſeiner Rede unterbrochen. Das Militär benahm ſich bei dieſer Veranlaſſung mit muſterhafter Ruhe und Mäßigung, und obgleich den andern Tag von Verwundungen viel gefabelt wurde, ſo ſtellte doch bald eine deßhalb eingeleitete Unterſuchung die Un wahrheit dieſer Behauptung klar heraus.— Die 243 Cavallerie, welche bei dem Reithauſe aufgeſtellt war, hielt ſich ſo lange vollkommen paſſiv, bis einzelne Abgeordnete, trotz der Erklärung des Civilcommiſſärs, den Verſuch machten, ſich gewaltſam dem Sitzungs lokal zu nähern. Darauf rückte die Reiterei im Schritt vor und ſäuberte die Straßen. Es war an jenen Orten eine ziemliche Menge Volks verſammelt, nament— lich zahlreiche Anhänger des Rumpfparlaments, doch hielten es dieſelben für gerathen, ſich ruhig zu ver— halten und ihren Gefühlen nur durch einiges Lebe— hochrufen Luft zu machen. Nachdem auf ſolche Art das Rumpfparlament aufgelöst worden, zerſtreuten ſich die Abgeordneten theils in die Stadt, der größte Theil aber verfügte ſich mit dem Präſidenten nach dem Hotel Marquard. Hier fand man aber auch bereits Cavallerie aufgeſtellt und bemerkte zugleich auf der Straße Geſtalten aller Art. Breite Schlapphüte, viel Bartwerk, einige Blou⸗ ſen, kurz größtentheils„Geſtalten,“ die man für rei— ſende Barrikadenmänner halten konnte. Die meiſten dieſer Leute waren Fremde, die Niemand kennen wollte. Von ihnen wurden die zurückkehrenden Abgeordneten mit Lebehochrufen empfangen, was die Militärmacht durchaus nicht zu verhindern ſuchte. Als aber Simon von Trier vortrat, um an der Treppe eine Anſprache an das„Volk“ zu halten, machte die Cavallerie vor 244 dem Hotel eine Schwenkung und nöthigte den Haufen auseinander zu gehen. So bewegt nun auch die Straßen der Stadt heute Nachmittag waren, ſo zahlreich Neugierige jeden Alters und Standes, unter ihnen zahlreiche Weiber und Kin der, hin und her wogten, ſo viele Patrouillen der Infanterie, Cavallerie und Bürgerwehr, die feſtge ſchloſſen alle Straßen kreuzten, zum Ausweichen und Auseinandergehen die harmloſen Zuſchauer nöthigten, ſo fiel doch am heutigen Tage nirgends ein Scandal vor, fand nirgends eine eigentliche Ruheſtörung ſtatt. Der Schloßplatz war das lebendige Bild eines kleinen Feldlagers. Infanterie, Cavallerie und Artillerie war dort aufgeſtellt; die Reiter ſtanden neben den Pferden, die Artilleriſten lehnten am Geſchütz und die Infan— teriſten hatten ihre Gewehre zuſammengeſtellt und plauderten lachend mit einander, wozu die Feldmuſiken luſtige Tänze aufſpielten. Es war keinem der Zu ſchauer verboten, ſich unter das Militär zu miſchen, und man ſah häufig Gruppen von Militär und Civil beiſammen ſtehen und ſich über das Vorgefallene unter halten. Doch kamen dabei auch geſinnungstüchtige Neckereien vor und einige unverbeſſerliche Subjekte verſuchten es, mit den Soldaten auf ihre bekannte Art zu fraterniſiren; doch waren Kolbenſtöße, gut gebrauchte derbe Fäuſte und einige Arreſtationen der 245 wohlverdiente Erfolg dieſer patriotiſchen Bemühungen. Das Militär benahm ſich taktvoll, getreu und ehren— haft und zeigte manchem erſtaunten Wühler, wie wenig die frühern Bier- und Weinſpenden geholfen und wie feſt der württembergiſche Soldat an ſeiner Pflicht, an ſeinem Eide und an der Treue zu ſeinem König halte. Als General von Miller ſpäter bei den auf dem Schloßplatz aufgeſtellten Soldaten erſchien, wurde er mit lautem Ruf begrüßt und ſeine Anſprache, die mit einem begeiſterten Hoch auf den König endigte, ward mit Jubel aufgenommen. Das Militär zeigte, daß es eingedenk des Wahlſpruches ſeines geliebten Königs:„Furchtlos und treu,“ den Rechtszuſtand, das öffentliche Wohl und die wahre Freiheit des Vaterlandes mit allen ſeinen Kräften zu ſchirmen und zu fördern jeden Augenblick bereit ſeyn werde. Das Rumpfparlament ſchien indeſſen nicht ſo gleich weichen zu wollen. Es wurde auf den folgen den Tag um 4 Uhr eine Verſammlung im Werner ſchen Bierhauſe verabredet und die Regentſchaft erließ einen Aufruf, der mit den Worten ſchloß:„Es gilt vor allem, Baden und der Pfalz die Bruderhülfe zu— zuführen. Aus allen deutſchen Ländern mögen Frei willige den Bedrängten zu Hülfe eilen. Deutſche! duldet nicht, daß die Männer, die ſich muthig für 246 die Reichsverfaſſung(!?!) erhoben, dem Reichsfeinde erliegen. Bedenkt, daß die Niederlage dieſer Tapferen auch Euch das Loos der Knechtſchaft bringt. Zu den Waffen, deutſches Volk! Es gilt den heiligen Kampf für unſere Freiheit gegen ſchamloſe Unterdrückung. Zeige der Welt, daß dein Herz groß wie dein Geiſt; zeige, daß das Herz Europas, das man erſtorben wähnte, noch in Begeiſterung ſchlage für die Freiheit.“ Herr Schoder, der in dieſen Tagen eine für ein Mitglied der K. Regierung gewiß noch nie da— geweſene außerordentliche Thätigkeit entfaltete, ſtellte in der Kammerſitzung des 19. Juni den dringlichen Antrag:„In Erwägung, daß die Departementschefs Römer ꝛc. dem Präſidenten der deutſchen National verſammlung die Vornahme jedes officiellen Aktes in Württemberg unterſagt und mit gewaltſamer Verhin— derung jedes Verſuchs gedroht, auch dieſe Drohung geſtern dadurch ausgeführt haben, daß ſie das Sitzungs⸗ lokal der Nationalverſammlung, geleitet von den Ab— geordneten Schott und Uhland, behufs der Abhaltung einer Sitzung dem Sitzungslokale ſich nähernden Prä— ſidenten Löwe, trotz ſeiner auf das Reichsgeſetz vom 10. Oktober 1848 geſtützten Verwahrung, mit roher Gewalt zurückdrängen ließen; in Erwägung, daß in dieſem Attentat auf die oberſte geſetzliche Gewalt des deutſchen Reiches zugleich ein Angriff auf die Ver— 247 faſſung des einen Theil des deutſchen Reichs bilden— den württembergiſchen Staats gelegen iſt— beſchließt die Kammer der Abgeordneten: gegen die Departe— mentschefs Römer, Roſer, Duvernoy, Schmidlin, Rüpplin und Goppelt wegen Verletzung der Ver faſſung Anklage bei dem Staatsgerichtshofe zu er heben.“ Dieſer Antrag wurde aber für nicht dring lich erklärt und die Kammer ging über denſelben ſpäter zur Tagesordnung über. Dem Präſidenten der Nationalverſammlung kam an demſelben Tage noch ein Schreiben des Miniſters des Innern zu, worin er denſelben erſuchte, ſeine bisherigen Collegen, welche Württemberg nicht ſpeciell angehörten, aufzufordern, im Laufe des nächſten Ta ges die Abreiſe aus Württemberg anzutreten, indem ſich die Regierung ſonſt zu ihrem Bedauern genöthigt ſehen würde, die zur Erhaltung der Ruhe des Lan des abſolut gebotenen Maßregeln zu treffen. Als nun aber Nachmittags 4 Uhr die Mitglieder des Rumpfparlaments zu einer vertraulichen Beſprechung im Werner'ſchen Lokal verſammelt waren, machte ihnen Schott im Namen des Miniſters Römer die Eröffnung, daß jener Befehl zurückgenommen ſey und die Herren als Privatperſonen gegen Löſung von Polizeikarten und unter Nachweis des Zwecks ihres Aufenthalts hier bleiben könnten. Man beſchloß — 248 jedoch, im Allgemeinen hievon keinen Gebrauch zu machen, vielmehr nach Karlsruhe überzuſiedeln, wo eventuell am 25. Juni die erſte Zuſammenkunft ſtatt finden ſollte. Dieß waren die letzten Wetterleuchten des Ge— witters, welches ſich über Württemberg zuſammenge⸗ zogen hatte. Glücklicherweiſe aber fand keine Ent— ladung deſſelben bei uns ſtatt, es zog an unſern geſegneten Fluren vorüber, und nach den furchtbaren Blitzen und heftigen Donnerſchlägen, die aus der Ferne zu uns herüberdröhnten, konnten wir uns ſehr glücklich ſchätzen, daß es unſer Land verſchonte. XII. Uach Vaden. Am 11. Juli Abends fuhr ich abermals einem Kriegsſchauplatze zu und zwar nach dem badiſchen Lande. Doch war hier die größte Arbeit gethan, die preußiſchen Truppen mit ihren Verbündeten ſtan den ſchon nahe an der Schweizergrenze. Im Schwarz wald gab es nur hie und da kleine Begegnungen zwiſchen ſtreifenden Soldaten und zerſprengten Frei ſchaaren. Der Prinz von Preußen hatte mit ſeinen braven Truppen dem Aufſtand ein ſchnelles Ende gemacht, und nur die Feſtung Raſtatt, mit guten Werken, neuem ſchönem Geſchütz und reicher Muni tion verſehen, war noch in den Händen der Inſur— genten. Dorthin wollte ich mich wenden, um eine andere Art der Einſchließung zu ſehen, eine andere Art des Angriffs, wie ich ihm vor Malghera an gewohnt. An einem klaren ſchönen Sommermorgen ſah ich 250 die badiſche Hauptſtadt vor mir liegen. Hinter Durlach links von der Straße ab zeigte mir der Conducteur die Kaſerne der Artillerie, Gottesaue, welche in den erſten Anfängen der badiſchen Revolu⸗ tion eine ſo traurige Rolle ſpielt. Da lag das große Gebäude verlaſſen und öde mit ſeinen grauen Mauern, zertrümmerten Fenſtern und offenen Thüren im Grauen des Morgens wie ein rieſenhaftes Geſpenſt, mahnend an eine entſetzliche Mitternachtsſtunde der nahen Vergangenheit, ein Geiſt, der nicht mehr gebannt werden kann, und der noch in langen, langen Jahren an jene ſchauerlichen Tage erinnern wird. In der Stadt ſelbſt ſah man in der frühen Morgenſtunde noch wenig Leben auf den Straßen, nur preußiſche Schildwachen ſpazierten auf ihrem Poſten auf und ab, wahrſcheinlich ſich freuend, daß der Tag gekommen und die Wache bald vorbei ſey. Auch Or⸗ donnanzen ritten durch die Straßen, Küraſſiere im blinkenden Harniſch. An einigen Straßenecken be merkte man kleine Pikets von Infanterie, die feld kriegsmäßig verpackt zum Abmarſch dort angetreten waren. Einige boten ganz das lebendige Bild einer Truppe, die nach mehrtägigem Aufenthalt in einer Stadt, wo es ihr gut gegangen, nun der Trommel folgt, die ſie von dannen ruft. Nach einem herz lichen Abſchied von ſchnell erworbenen Freunden und 251 Freundinnen, ohne Hoffnung, vielleicht je wieder zurückzukehren. Luſtig ſchauten die Soldaten an den heitern Morgenhimmel. Hier rückte einer den Tor niſter, der ihn jetzt ſchon anfing zu drücken, etwas in die Höhe, oder zog den Brodſack herab, der ſchwer mit den Gaben des Hauswirths angefüllt und hin reichend verſehen für den heutigen Marſch erſchien. Vor der Fronte ſtehen die Offiziere und erzählen lachend von ihrem hieſigen Aufenthalt; hinter den Soldaten ſieht man eine Gruppe von Unteroffizieren, die ſich ernſthaft und bedächtig über die wahrſchein lichen Vorfälle der nächſten Tage beſprechen. Den Soldaten ſelbſt wird ſo kurz vor dem Ausmarſch von dem geſtrengen Feldwebel etwas durch die Finger ge ſehen, und wenn ſie nicht gar zu weit auseinander treten, ſo drückt der ernſte gravitätiſche Mann mit dem wohlgenährten Körper, mit der dicken Brieftaſche auf der Bruſt und dem langen Degen an der Seite, der Feldwebel nämlich, die Mutter der Compagnie, eine Auge zu und bemerkt nicht, wie ſich dort Einer hinwegſchleicht, um in dem eben geöffneten Spezerei laden ſeine Schnapsflaſche füllen zu laſſen, oder wie ein Anderer an der Ecke den letzten zärtlichen Ab ſchied nimmt von einer jungen Badenſerin, die dem ſchmucken luſtigen Soldaten ihr Herz geſchenkt. Jetzt hört man in einer Nebenſtraße Pferdegetrappel, 2 52 es iſt der Major mit ſeinem Adjutanten, die zu der Truppe ſtoßen. Beide ſind nicht gerade glänzend beritten. Der Major, ein dicker, wohlgenährter Fa— milienvater, reitet ein dickes, wohlgenährtes Pferd, einen Braunen, Mecklenburger-Stumpfſchwanz. Wie er um die Ecke herumkommt, beſchließt er, den Meck lenburger in Galopp zu ſetzen, doch ehe er dieß fertig bringt, galoppirt er zuerſt ſelbſt auf den Sattel, als wolle er freundlich den Gaul erſuchen, jetzt ein Gleiches zu thun. Der Adjutant, lang und hager, wie das Roß, auf dem er ſitzt, ſetzt einen gelinden Trab an und hält bei den Offizieren, wenn der Major bei der Fronte vorbeireitet.„Ein kapitales Pferd!“ ſagt der Adjutant von ſeinem Schwarzbraunen,„we nig Aeußeres, aber unbezahlbar in der Schlacht.“ „Stillgeſtanden!“ Alles iſt fertig und bereit. Die letzten Abſchiede werden ſchnell abgebrochen, die Offi— ziere ziehen ihren Degen und treten auf den rechten Flügel ihrer Züge, die Tambours haken ihre Trom mel los und machen ſich fertig.„Mit Sektionen rechts ſchwenkt!— Marſch!“— Rrrum, bum, tum, tum,— und dahin ziehen ſie. Manches Fenſter öff net ſich, und heraus blickt ein gähnender Kopf mit der Nachtmütze und ſchüchtern manch' unfriſirtes Da— menhaupt. Offiziere und Soldaten ſchielen an den Häuſern empor, winken hie und da zum Abſchiede 253 hinauf und verſchwinden alsdann um die Ecke. Bald hört man den feſten geregelten Schritt nicht mehr, und nur dumpf und in weiter Entfernung die raſ ſelnden Trommeln. Endlich hört auch das auf, das Bataillon zieht auf der Chauſſee weiter, der Staub wirbelt auf, die Soldaten tragen das Gewehr, wie es ihnen gut dünkt und ſingen dazu: Als ich an einem Sommertag, O Lieb', o Seel', o Herzenskind, Hurrah! Im grünen Wald im Schatten lag. Mit der Ralle, Balle, mit der Langſamkeit, Meine Liebe komm' herein, Hurrah! Dabei wird der Feldflaſche ſehr häufig zugeſprochen, der dicke Major ſchwitzt unſäglich und wird von dem aufwirbelnden Staube ſehr geplagt, ebenſo der hagere Adjutant, der viel mit dem Hauptmann der erſten Compagnie ſpricht, und ſchon nach einer Stunde ganz heißer iſt.— Zuletzt ſieht der Bauer, der draußen auf dem Felde arbeitet, auf der entfernten Chauſſee weit ab eine große Staubwolke ſich langſam fortbe wegend, daraus hervor Gewehrläufe und Bajonnette blitzen und ſagt:„Da zieht Infanterie.“ Solche Scenen bemerkte ich beim Hereinfahren verſchiedener Art, welche dann die Phantaſie noch weiter verfolgte, als das Auge dieſes konnte. Vor einem großen Hauſe, wo der Kommandirende von 254 Karlsruhe wohnte, und ebenſo an dem Stadthauſe, befanden ſich Ordonnanzen, die Depeſchen brachten und empfingen. Die Reiter waren meiſtens abge ſeſſen, und Infanteriſten, die ſich gerade da in un wichtigen Geſchäften befanden, hielten unterdeſſen die Pferde. So ſah man in den Straßen der Stadt nur militäriſches Leben, im übrigen waren die Häuſer noch verſchloſſen, die Gardinen niedergelaſſen und die Karlsruher ſchienen noch größtentheils dem Morgen ſchlummer obzuliegen.—— Die Zeit der ſchweren Noth, die wie ein wildes Wetter jählings über die Stadt hereinbrach, ſchien verſchwunden. Der republikaniſche Fiebertraum, ge ſpenſtig wie Heren⸗Sabbath und ebenſo bevölkert mit wilden unheimlichen Geſtalten, zerfloß beim erſten Hahnenſchrei, und das Morgenlicht der erwachenden Vernunft riß unerbittlich die nächtlichen Hüllen ab und zeigte entſetzliche Phantome, von denen ſich das Auge ſchaudernd abwendet. Wie jener Ritter im Walde, der alle Wunden, die er ſeinem ſchattenhaf⸗ ten Gegner ſchlägt, im eigenen Fleiſche empfindet, ſo auch hier: hohnlachend verſchwindet das Geſpenſt, aber das Blut tropft am eigenen Körper herab und die Trümmer liegen umher. Als nun die Sonne über die Dächer herauf ſtieg und die Straßen mit Licht und Leben bevölkerte, 255 ging ich aus, um mich in Karlsruhe umzuſehen. Die Stadt war ruhig und ſtill, und das Leben in ihr athmete ſchwer und unmerklich. Die Straßen waren leerer als je, und es berührte einen jetzt recht unangenehm, daß man in denſelben, man mochte ſich wenden wohin man wollte, immer und immer das großherzogliche Schloß vor ſich ſah, einſam und ver— laſſen. Von den Verheerungen des Kampfes ſah man um Karlsruhe, außer einigen zertretenen Fruchtfel dern, nicht viel, in der Stadt noch weniger. Ob⸗ gleich Baden noch keine Republik war, ſo ſchien man doch den großherzoglichen Wappenſchildern hie und da zu Leibe gegangen zu ſeyn, denn ich ſah manche, die in äußerſt verdächtigem Jugendglanze ſtrahlten. Von Truppen war, außer einer Schwadron Küraſſiere und einiger Infanterie, noch etwas naſſauiſches Mi— litär da; badiſche Soldaten kamen faſt täglich in zahlreichen Trupps an, bald unbewaffnet von Preu ßen eskortirt, bald bewaffnet ſich ſelber ſtellend. Auch Dragoneroffiziere ritten wieder wie ehedem durch die Straßen; mancher dieſer Herrn hatte gewiß viel ver loren, dagegen aber auch durch die troſtloſen Ge⸗ ſchichten gewiß einiges Neues gelernt! Ein großer Zug preußiſcher Munitionswagen, Feldſchmieden und Belagerungsgeräthſchaften, der auf der Eiſenbahn gegen Raſtatt geführt wurde, ſah äußerſt originell 256 aus. Es waren wohl 24 Wagen mit Beſpannungs⸗ pferde, die in Reihen neben einander in den Gitter⸗ käſten ſtanden, die Geſchirre blank und ſauber geputzt, die Reiter neben den Pferden, den Kantſchuh in der Hand. Das alles durch die einzige Locomotive da⸗ vongeführt. Schaaren von Leuten aus der Stadt aller Alters⸗ klaſſen, namentlich viele Frauen und Mädchen, die gegen zehn Uhr zu einem Thore der Stadt hinaus— zogen, veranlaßten mich, ihnen zu folgen. Sie gin gen alle nach dem Friedhofe, um einem Begräbniſſe beizuwohnen, einem Begräbniſſe dreier an ihren Wun— den geſtorbener preußiſcher Landwehrmänner, was hier beinahe ebenſo viel ſagen wollte, als dreier fern von der Heimath und den Ihrigen geſtorbenen Fami— lienväter. Es iſt ſonſt nicht meine Leidenſchaft, auf Kirchhöfe zu wandeln und Leichenpredigten zu hören, wo ja faſt immer der alte Text:„er ward geboren, nahm ein Weib und ſtarb,“ variirt wird; aber das war hier ganz anders, man trug drei Fremdlinge hinaus, die„getreu der Fahne, der ſie zugeſchworen,“ weit von ihrem Heimathsdorfe ihr Leben ließen, und der Zug der Begleitenden und Leidtragenden war zahlreich und in würdiger Haltung. Ihn eröffnete der Oberſt von Brandenſtein, der preußiſche Kom⸗ mandant, und dem Wagen folgten in langer Reihe c ₰ Karlsruher Bürgerwehr, das Pompier⸗ und Schützen corps, ſowie preußiſches und naſſauiſches Militär, der Kirchhof aber war gedrängt voll Menſchen, Zuſchauer aller Alters- und Standesklaſſen, dazu ſchien die Sonne hell und glänzend, und es leuchteten die weißen Kreuze und rauſchten die Immergrünkränze, unter den Bäu men war es kühl und ſchattig, und gewiß auch ſo in der Erde, wohinein man die drei armen Soldaten verſenkte unter dumpfem Trommelwirbel; er erklang dreimal nacheinander, leiſe anfangend und dann von der vollen Kraft wieder abſterbend, daß man zuletzt nicht mehr wußte, hörte man den Trommelſchlag oder hörte man das Rollen der Erdſchollen! Der Geiſtliche ſprach, und was er ſprach, war erſchütternd und wurde wie zu lauter ſchmerzlichen Bildern.— Fern in Preußen ſah ich einen kleinen Bauern— hof, und unter den Bäumen am Hofthor ſaß ein junges Weib und überwachte ihr kleines Kind, das vor ihr auf dem Boden kroch, durch das offene Fenſter ſieht man an der Wand des Zim⸗ mers das Bild des Vaters in Landwehruniform, roh gemalt, wie es die Soldaten mit aus der Gar— niſon bringen, und das junge Weib(ſo ſagt der Geiſtliche) iſt in einem Zuſtande, wo das erregte Gemüth ahnungsvoller und weitſchauender iſt, wie ſonſt; ſie ſchauert zuſammen, denn in ihren Ohren Hackländer, Soldatenleben im Krieg. II. 17 58 klang es heute Nacht und klingt es jetzt wieder, wie dumpfer Trommelwirbel, ſie betet, und auch das Kind muß die Händchen falten, beten ja doch im ſelben Moment, hundert Meilen von ihr, ſo viel tauſend Menſchen für den Gatten und Vater, da man ihn in die Erde ſenkt, nicht einmal in die Heimatherde! Gönnen wir den armen Soldaten, die im Kampfe verwundet im Spital ſterben, das ärmliche Todten opfer, die mitleidige Thräne, die in manchem Auge zittert, die hellen Tropfen, die in das Gras rollen neben die offenen Gräber, gönnen wir es einem für alle. Dieſe hier haben von den Gebliebenen das traurigſte Loos: auf dem Felde der Ehre zu ſterben, wenn die Kugel richtig traf, iſt nicht ſo ſchlimm, iſt viel luſti ger; da wiſcht ſich der Nebenmann die Augen aus, während er ladet, und winkt dem Kameraden, dem er vielleicht im nächſten Augenblick folgt, zum Abſchiede. Später macht man ein tiefes Grab, legt ihrer zwan zig auch dreißig hinein, eine ganze Geſellſchaft, lauter gute Freunde, und nicht geſchieden durch die gewiſſen Bretter; ein alter Unteroffizier will zum Gedächtniß der Todten ſprechen, aber es laufen ihm die Thränen ſo arg in den Bart, er kann nichts reden, und dieß iſt dennoch die beſte Rede, die er halten konnte; man ſchaufelt das Grab zu, ſetzt auf den Hügel ein rohes Holzkreuz, und Tauſende, 259 die dort vorbeiziehen, ſalutiren den tapfern Kame raden.— 4—————— Es wird hier nicht unintereſſant ſeyn, über die Crfolge der verbündeten Truppen, unter dem Ober kommando des Prinzen von Preußen, das Nähere zu vernehmen, wie es der Heerbericht Sr. königl. Hoheit mittheilte. Derſelbe lautet: „Die Armee, welche unter meinem Kommando beſtimmt iſt, in der Rheinpfalz und dem Großherzog thum Baden die rechtmäßige Regierung, Ordnung und Geſetz wieder herzuſtellen, ſteht nunmehr mit drei Corps in der Gegend von Karlsruhe vereinigt. Das erſte Armeecorps der bezeichneten Rheinarmee iſt unter dem General v. Hirſchfeld am 11. Juni an drei Punkten der pfälziſchen Grenze zwiſchen Kreuz nach und Saarbrücken aufgeſtellt geweſen und hat am 12ten und 13ten das preußiſche Gebiet verlaſſen, in der Abſicht, mit vier Colonnen, unter denen die des linken Flügels die Reichsfeſtungen Landau und Germersheim bald möglichſt ſicher zu ſtellen beſtimmt war, concentriſch gegen Kaiſerslautern, den Sitz der ſogenannten proviſoriſchen Regierung, vorzugehen. Ich für meine Perſon hatte mich der Colonne ange ſchloſſen, welche von Kreuznach über Kirchheim bolanden und Neuſtadt dirigirt worden iſt. Auf dreien der gewählten Straßen haben die Inſurgenten zu 260 widerſtehen verſucht, ſind indeß überall mit leichter Mühe zurückgeworfen, ſo daß die bei Homburg, Ann— weiler und Kirchheimbolanden ſtattgefundenen Gefechte nur unerheblich genannt werden können. Als bedeu tender allein iſt die Einnahme von Ludwigshafen an zuſehen, weil ſich an dieſelbe die durch 24 Stunden dauernde, von Mannheim aus effectuirte Beſchießung des Ortes, ſo wie die daraus hervorgegangene faſt völlige Zerſtörung einer außerordentlich ſchönen, dem Rheine zugewandten Häuſerreihe anſchließt. Der Verluſt der Truppen iſt in dieſen Gefechten nicht bedeutend geweſen. Er würde ein weit empfindlicherer haben ſeyn müſſen, wenn die Inſurgenten, deren Geſammtſtärke an den verſchiedenen Punkten der Pfalz anfangs auf etwa 10,000 Mann und 8 Ge⸗ ſchütze angegeben worden iſt, von ihren Kräften ernſt lichen Gebrauch zu machen verſucht hätten. Das Terrain, welches namentlich die Verwendung der Kavallerie faſt gänzlich ausſchließt, begünſtigt die Defenſive vorzugsweiſe. Ebenſo erfolglos, als mit den Waffen in der Hand, haben die Inſurgenten mit Proklamationen gegen den geſunden Sinn der Truppen anzukämpfen verſucht. Jeder Soldat hatte ſich eine beſtimmte Meinung über das verbrecheriſche Treiben der Rebellen zur Stelle mitgebracht, durch die eigene Anſchauung der Verhältniſſe nur noch 261 mehr befeſtigt, ſo daß es allein den angeſtrengteſten Bemühungen der Offiziere zuzuſchreiben iſt, wenn im Gefechte überhaupt Gefangene gemacht worden ſind.“ „Die proviſoriſche Regierung entwich bereits am 14ten aus Kaiſerslautern nach Neuſtadt, zwei Tage ſpäter gefolgt von ihrem ſogenannten Ober general, dem angeblichen Polen Sznayde; am 17ten waren Germersheim und Landau durch preußiſche Truppen entſetzt und deren ganzes Corps in der Um gegend dieſer beiden Orte concentrirt. Die quasi— Regierung mit den Kaſſen, ſo wie 5000 Mann Frei— ſchärler mit 8 Kanonen zogen in unerreichbarer Flucht am 18ten über die Brücke von Knielingen nach Baden ab. Die zahlreichen guten Elemente des Landes traten ſchnell neben den einmarſchirenden Truppen wieder zu Tage; Maſſen gezwungener Freiſchärler waren in ihre Heimath zurückgekehrt. Der ſichtbare Empfang, welcher der ſo oft verſchrieenen preußiſchen Soldateska von der ungleich überwiegenden Majorität der Bevölkerung zu Theil geworden iſt, war freudig und von Worten des Dankes für die Befreiung von ſchlimmem und gefürchtetem Druck begleitet. Wenn für den Soldaten hierin etwas wohlthuendes und eine Anerkennung dafür liegen mußte, daß ſeine Ruhe Nutzen geſchaffen habe, ſo iſt dieß namentlich bei der Begrüßung mit der Beſatzung der Feſtung Landau 17 262 der Fall geweſen. Mehr noch von innen durch eine unzuverläſſige Bürgerſchaft, als durch die wiederholten Angriffe der Freiſchaaren gefährdet, hatte die brave bayeriſche Garniſon ſechs ſchwere Wochen zu überſtehen gehabt. Die Offiziere hatten, mit dem Gewehr auf der Schulter, den Dienſt mit ihren Gemeinen als Poſten auf den Wällen getheilt, und ich habe es für meine Pflicht gehalten, dem verſammelten bayeriſchen Offizierscorps perſönlich auszuſprechen, wie hohe Anerkennung die Geſchichte jenes Zeitabſchnitts in der preußiſchen Armee gefunden hat. Der erſte Theil der uns geſtellten Aufgabe war gelöst. Die Pfalz war von Freiſchaaren geſäubert. Die bayeriſchen Regie rungs⸗ und Gemeindebeamten kehrten zu ihren Funktio nen zurück und gleichzeitig rückte Generallieutenant Fürſt v. Thurn und Taxis mit den nunmehr über den Rhein gegangenen bayeriſchen Truppen in die Pfalz ein, welchem auf ſeinen Wunſch ein preußiſches Ba taillon als Verſtärkung für Landau zurückgelaſſen wurde. Das nächſte Ziel war nunmehr die Vereini gung des erſten(Hirſchfeld'ſchen) Corps mit dem am 21ſten am rechten Ufer ſtehenden zweiten Corps (Graf v. d. Gröben), ſowie mit dem ſchon ſeit län— gerer Zeit dort befindlichen dritten Corps(des Ge— nerals v. Peucker). Zu dem Ende ging das zuerſt genannte Corps, mit der Beſtimmung den Neckar 263 und die daran aufgeſtellten feindlichen Kräfte von Süden her anzufaſſen, am 20. Juni Morgens 3 Uhr über den Rhein, machte am 2t“ſten mit ſeinem größern Theile, in der Abſicht, einen bei Bruchſal annoncirten, indeß in der Wirklichkeit ſpäter nicht vorgefundenen Feind zu treffen, eine Diverſion nach letzterm Orte, ſetzte hier die Eiſenbahn in Unthätigkeit, ſtand am 22ͤſten Abends, 1 ½ Meilen ſüdlich von Heidelberg, nöthigte durch dieſe Stellung die noch zwiſchen ihm und dem Neckar und die daran aufgeſtellten feind— lichen Kräfte zum ſchleunigen Rückzug, öffnete ſolcher geſtalt die ſehr ſchwierigen Neckarübergänge bei Hei delberg, Ladenburg, Mannheim und war durch ſeine Vortruppen am 23ſten Morgens mit dem zweiten Corps in Heidelberg faktiſch vereinigt. Dieſe Be wegungen des erſten Corps haben indeß nur durch die wirkliche Gewalt der Waffen effectuirt werden können. Es hat am 20ſten ein unbedeutendes Zu— ſammentreffen mit dem Feinde bei Philippsburg ſtatt— gefunden, in welches bei einem kühnen Reiterangriff neben dem Tode zweier ausgezeichneter Offiziere die Verwundung des Prinzen Friedrich Karl fällt; am Aſten aber iſt es zu einem ernſteren Gefecht bei Waghäuſel, vorwärts Philippsburg gekommen, in welchem es der Heranziehung vier neuer und entfernt ſtehender Bataillone mit acht Geſchützen der vierten 264 Diviſion(Generalmajor v. Brun) bedurft hat, um die zuerſt engagirte erſte Diviſion(Generalmajor v. Hannecken) gegenüber einem etwa 15,000 Mann incl. 18 Kanonen ſtarken, von Mieroslawski befehlig ten Feinde, in ihrer Stellung zu erhalten. Das Er ſcheinen dieſer Verſtärkung hat alsdann indeß, bei theil weiſer Auflöſung mehrerer Freiſchaarenabtheilungen, den ſchnellen Abzug der Inſurgenten gegen das Ge G birge nach Wiesloch und Heidelberg zur Folge gehabt.“ „Am 22ſten Abends iſt, wie bereits angedeu tet, nicht allein Heidelberg von denſelben geräumt, ſondern auch Mannheim, in Folge des Uebertrittes dreier daſelbſt ſtationirten badiſchen Schwadronen und einer damit zuſammenhängenden Contrerevolution der Bürger, den preußiſchen Truppen friedlich übergeben geweſen. General v. Peucker überſchritt den Neckar am 21ſten 3 Meilen oberhalb Heidelberg bei Zwin genberg, dem Feind in leichtem Gefecht folgend und ſich gegen Sinsheim wendend; das Gros des Generals v. Peucker ſtand am frühen Morgen des 22ſten in dem ſich nicht vertheidigenden Heidelberg.“ „In der ſomit ausgeführten Vereinigung der drei Armeecorps war der zweite Theil unſerer Aufgabe ge löst, der Feind zog durch das Gebirge gegen Süden auf Karlsruhe und Raſtatt zu. Die bis dahin gegen Norden gerichtet geweſene Direktion des erſten Corps 65 mußte ſich nunmehr demnach mit den erſten beiden an dern Corps gleichfalls zu der Richtung gegen Süden vereinigen. Dieſelbe hat uns nach einem am 24ſten ſtattgefundenen, nicht unbedeutenden Gefecht bei Ub ſtatt, einem zweiten am 24ſten bei Neudorf und Bruch⸗ ſal und der gewaltſamen Wegnahme von Durlach am 25ſten, gleichfalls geſtern in die vom Feinde ver laſſene Hauptſtadt Karlsruhe geführt. Die proviſo riſche Regierung hat ſich nach Raſtatt geflüchtet, die Behörden des Großherzogs ſind in der Reſidenz re ſtituirt, und es iſt demnach unter den verſchiedenen Theilaufgaben, aus welchen unſer großer Endzweck beſteht, nach den bereits angegebenen beiden Reſul taten, nunmehr ein dritter Punkt gelöst worden. Die Bevölkerung der Reſidenz hat uns mit Jubel als Befreier von täglich geſteigertem Terrorismus empfangen. Die Rebellen haben den ſtarken Arm der Gerechtigkeit in unſern Waffen kennen gelernt; alle treuen Unterthanen der Regierung werden ihre norddeutſchen Brüder als zuverläſſige Freunde erprobt finden. Die von Hauſe aus genommene Anſicht, daß der Widerſtand in Baden ernſter als in der Pfalz ſeyn werde, hat ſich beſtätigt. Geſtützt auf die eidbrüchigen badiſchen Truppen, namentlich zahlreiche Artillerie und die umfaſſenden Vorräthe der Feſtung Raſtatt, iſt die materielle Widerſtandsfähigkeit des 266 Feindes nur bedeutend zu nennen. Aber ſeine mannig— fachen Siegesberichte haben in Folge des fortdauern den Rückzuges der eingetretenen Demoraliſation in ſeinen Reihen nicht wehren können, und mit Gottes Hülfe wird das Endziel hoffentlich auf nicht bluti— geren Wegen erreicht werden, als es bisher geſchehen iſt. An der Spitze einer Armee, welche ſich fern von jeder politiſchen Verirrung durch freudige mora liſche Berufstreue, wie durch Tapferkeit und Aus dauer vor dem Feinde gleich auszeichnet, ſehe Ich vertrauensvoll in die Zukunft, und beabſichtige unver züglich in fortgeſetzter Operation gegen Raſtatt und den weitern Süden vorzugehen.“ Mit den Päſſen und ſonſtigen Legitimations papieren nahm man es in dieſen Tagen in Karls ruhe ſehr genau, aber ich muß von der andern Seite geſtehen, daß ſowohl auf der Polizei, ſo wie auf der preußiſchen Kommandantur, wo ſämmtliche derartigen Papiere ein militäriſches Viſa erhielten, Jedermann mit der größten Höflichkeit und Freundlichkeit behandelt wurde. Ich würde es mir im entgegengeſetzten Falle zur Pflicht machen, dergleichen vor das Forum der Oeffentlichkeit zu bringen, denn Plackereien auf dem Paßbureau oder auf der Poſt, die häufig genug dem Wanderer das Leben ſauer machen, ſind zu Nutz' und Frommen aller wehrloſen Reiſenden nicht oft 267 und laut genug zu rügen. Von dem genannten Po lizeiamt kann, wie angeführt, nur Rühmliches geſagt werden, ja es ging hier ziemlich heiter zu, nament lich wenn anweſende junge und ältere Damen behufs Ausſtellung einer Legitimationskarte ermahnt wurden, ihr Alter gewiſſenhaft anzugeben. Hiebei machte ich auch die Bemerkung, daß ſich die meiſten der anwe ſenden Karlsruher Damen in ſehr zartem Alter befanden. Auf der preußiſchen Kommandantur drängten die Leute mit Papier in der Hand ſich ordentlich zu der Schreibſtube und da wurde geſtempelt und geſchrie ben, daß es eine Luſt war. In Folge eines ziemlich langen Aufenthalts in die ſen Bureau's wäre ich beinahe zu ſpät zur Eiſenbahn gekommen und ich hätte auch in der That für heute da bleiben müſſen, wenn der Zug von dem Oberland in Folge der Unterbrechung zwiſchen Oos und Mug— genſturm nicht länger ausgeblieben wäre, wie ge wöhnlich. Auf dem Bahnhof befanden ſich eine große Menge Leute, beiderlei Geſchlechts, von den verſchiedenſten Ständen und Altersklaſſen; Paſſagiere, die mit dem nächſten Zuge landaufwärts reiſen wollten gab es nicht ſehr viele, und die meiſten der Anwe— ſenden warteten auf den Zug, um Nachrichten aus dem preußiſchen Lager und von Raſtatt zu erhalten. Man hörte die abenteuerlichſten und ſeltſamſten 268 Gerüchte aus der eingeſchloſſenen Feſtung. Einer wußte ganz genau, ſie beſäßen dort allen möglichen Proviant und zwar für wenigſtens ein Jahr, ein anderer wußte ebenſo ſicher, daß ſie jetzt ſchon beinahe nichts mehr zu beißen hätten, und ſich deßhalb ſchon in den nächſten Tagen den Preußen übergeben müßten. Was nun die Belagerungsarbeiten der letztern anbelangte, ſo konnte man darüber hier ebenfalls nur zu viel erfahren. Nach dieſem wollte man die Feſtung aushungern, nach jenem dagegen erſtürmen, nach einem andern hatte man ſchon mächtige Batterien erbaut, und ſah jeden Augenblick einer großen Be ſchießung entgegen. Ja Letzteres wußten einige Leute ſo ſicher, daß ſie mit demſelben Zuge an jenem Nach mittag, mit dem auch ich ging, nach Kuppenheim fuhren, um heute Nacht das wahrſcheinliche pracht— volle Schauſpiel einer großen Beſchießung zu genießen. Endlich fuhren wir ab. Wenige Stunden von Karlsruhe ſchon merkte man an dem kriegeriſchen Leben in Dörfern und auf Feldern, daß man ſich einem großen Heerlager näherte; hier ſaßen in den Bahnhöfen preußiſche und naſſauiſche Soldaten und ruhten, ihre Pfeife rauchend, gemächlich aus. Beide Theile ihrem Aeußern nach ſehr verſchieden und zwar zum Vortheil der Preußen. Der Wafeenrock kleidet ſehr gut und der Helm gibt namentlich den Köpfen 269 der ältern Landwehrleute mit ihren großen Bärten etwas ſchön militäriſches. Dazu iſt das gelbe Lederzeug der Naſſauer dem Auge nicht wohlthuend, und der preu⸗ ßiſche Unteroffizier mit ſeinem weißen ſpiegelblanken Bandelier müßte unfehlbar ſagen:„der Mann ſieht malpropre aus,“ und hätte nicht unrecht. Dort trabte ein Uhlan luſtig über's Feld, die ſchwarz⸗weiße Fahne ſeiner Lanze flattert hoch, und die große Ledertaſche zeigt, daß er Depeſchen überbringt. In Muggenſturm(bis wohin die Eiſenbahn von Karlsruhe aus fuhr) war nahe beim Bahnhof eine kleine Beiwache preußiſcher Küraſſiere. Hier ſah es überhaupt lebbaft und kriegeriſch aus, Offiziere und Soldaten vieler Waffengattungen Küraſſiere, Huſaren, Infanterie— bewegten ſich durcheinander oder ſaßen vor der großen Schenkbude, um einen kühlen Trank zu genießen. Die Pferde der Küraſſiere ſtanden an ihren Halfterſtöcken auf dem Felde, vor ihnen waren Küraſſe, Helm, Pallaſch und Sattel zu ſchönen kriegeriſchen Trophäen zuſammen geſetzt, die Leute aber lagen unter einem Wetterdach von Brettern und Reiſig und ſangen muntere Lieder. Ueberhaupt ſahen die Truppen geſund, wohl und munter aus, und es ſchien ihnen nichts abzu gehen. So viel ich gehört, war man auch hier zu Lande mit ihrem Betragen wohl zufrieden, ſie waren dankbar für das, was man ihnen gab, verlangten . ——M 270 nichts Ungebührliches, und wo einmal ein kleiner Erceß vorkam, beſtraften meiſtentheils die eigenen Kameraden den Schuldigen zur Genugthuung der Be ſchädigten und zu dem Zweck, damit die Ehre des Corps nicht durch zu häufige gerechtfertigte Anklagen leide! Von Trunkenheit hörte man nicht viel, denn ein kleiner Schnaps zur Magenſtärkung oder ein guter Kaffee iſt dem Norddeutſchen lieber, als der in Baden und Württemberg unvermeidliche Schoppen. Von Muggenſturm an waren die Dörfer zahlreich mit Militär beſetzt, die Preußen hatten Raſtatt, das man von der Straße mit Thüren und Wällen deutlich ſah, eng umzingelt. In erſterem Orte fand ich einen Wagen aus Baden-⸗Baden und dahin zur Begleitung einen Wacht— meiſter von der badiſchen reitenden Artillerie, der einigermaßen, aber wie er ſagte, gezwungener Theil— nehmer am Aufſtande geweſen und jetzt in ſeine Hei math entlaſſen worden war. Der Abend dieſes Tages war ſchön und klar, und zwiſchen den kriegeriſchen Bildern, die man in Dörfern und von den Land ſtraßen ſah, that es dem Auge ordentlich wohl, die Bauern überall auf den Feldern arbeiten zu ſehen und neben Geſchütz⸗ und Munitionskarren hohe ſchwankende Leiterwagen voll duftenden Heus. Bald ſah ich Raſtatt rechts neben mir liegen, ſah jedoch ‿ — — nur ein paar Kirchen und einige horizontale Linien, wahrſcheinlich Wälle und Werke, doch war ich auf der Landſtraße zu weit von der Stadt entfernt, um etwas dorten erkennen zu können. Wie ganz anders mochte es heute da drinnen ausſehen, als vor vier Wochen, wo ich dieſelbe Gegend, aber unter anderen Verhältniſſen geſehen und wo alle die unglücklichen verblendeten Menſchen noch voller Zuverſicht eines gewiſſen Sieges waren. Zuweilen erblickte ich dort drüben bei Raſtatt weißen Dampf aufſteigen und hörte darauf den dumpfen Knall eines Geſchützes; im Uebrigen war es trotz der belagerten Feſtung ein ſtiller friedlicher Sommerabend, die preußiſchen Soldaten ſaßen allent halben ſingend und ihre Pfeife rauchend vor den Häu ſern, Pferde wurden in das benachbarte Waſſer zur Schwemme geritten und der friedlich ausſehende Rauch aus den Schornſteinen ſtieg kerzengerade in die Höhe. Bald hatte ich Oos erreicht und fuhr auf der ſchö nen herrlichen Straße dem reizenden Thale zu, worin Baden⸗Baden liegt. Gern wäre ich in Kuppenheim geblieben, um in unmittelbarer Nähe der Feſtung zu ſeyn, doch war es keine Möglichkeit, dort auch nur die allerbeſcheidenſte Unterkunft zu finden. Nach einer klei— nen halben Stunde raſſelten wir durch die Straßen und ich fand im Zähringerhofe ein freundliches Zimmer. XIII. Baden-Baden.— Kaſtatt. Wer Baden-Baden in ſeinem Glanze, d. h. mitten in einer beſuchten Saiſon geſehen hat, und trat nun, wie ich, am andern Morgen beim ſchön ſten Sommerwetter auf die leeren, öden Straßen, der müßte, auch wenn man ihm vorhergeſagt, daß wenig Fremde gegenwärtig da zu finden ſeyen, über— raſcht ſtehen bleiben und kaum ſeinen Augen trauen. Da lagen dieſelben hübſchen reinlichen Straßen, auf denen ſonſt zahlloſe Equipagen gerollt und der heiße Sonnenſtrahl machte ſich breit auf ihnen und fand nirgends einen Gegenſtand, durch den er hätte einen Schatten hervorbringen können. Die Jalouſien und Läden der zierlichen Häuſer waren feſt verſchloſſen, und von all' den vielen blitzenden Augen, den ver ſchiedenſten Nationen angehörend, die hier vordem auf das Gewühl niedergeſchaut, war nichts mehr zu ſehen. Die ganze Fremdenliſte von Baden beſchränkte 273 ſich auf einige deutſche adelige Familien, die den Winter hier zugebracht, und auf ein paar Penſionäre und Halbgentlemen— trauriges Surrogat des frü hern Glanzes,— die ſich vorgenommen hatten, in Baden eine Saiſon mitzumachen. Mochte nun dieſe Saiſon glänzend ſeyn oder nicht, das war ihnen vielleicht ganz gleichgültig, oder der letztere Fall war ihnen vielleicht noch lieber, denn alsdann hatten ſie auf der Promenade viel mehr Platz und konnten vor dem Kurſaal zu ihrer Taſſe Kaffee mindeſtens drei Stühle benützen. Dieſe leere Promenade hatte in der That etwas ungemein Troſtloſes, da ſpielte all— abendlich vor einem Dutzend Perſonen die Bademuſik oft in der gleichen Anzahl, wie ihre Zuhörer, meiſtens aber waren es mehr Künſtler, wie Perſonen des Publikums. Sehr ſonderbar, ja in gewiſſer Hinſicht ergötzlich ſoll der Anblick von Baden⸗Baden mit ſeinen herrlichen Promenaden und ſeinen großen ſchönen Gebäuden noch vor wenig Wochen geweſen ſeyn, als nämlich Volkswehr und Freiſchaaren hier vorüber— gehend im Quartier lagen und in ihren Blouſen, Schlapphüten und großen Bärten die Plätze ausfüll— ten, wo ſich ſonſt die eleganteſte Welt umhertrieb. Ja im Kurſaal, im Converſationshaus und auf den Promenaden von Baden⸗Baden eine zahlreiche Geſell— ſchaft von Freiſchaaren zu ſehen, mit Bekleidung und Hackländer Soldatenleben im Krieg. 11 12 18 274 Bewaffnung der verſchiedenſten Art muß immerhin ein ſonderbarer Anblick geweſen ſeyn. Der Zähringer Hof, in dem ich wohnte, war wohl das einzige der großen Hotels, welches nicht verſchloſſen war oder faſt ganz leer ſtand. Im Gegen⸗ theil hatten wir zuweilen eine table d'hôte von 30 Per ſonen und auch zuweilen Abends eine ziemliche An— zahl von Gäſten, meiſtens preußiſche Offiziere aus dem Lager bei Kuppenheim. Man ſchwebte hier in Baden immer in einer großen Ungewißheit, was es mit Raſtatt eigentlich geben werde. Daß es von den preußiſchen Truppen enge eingeſchloſſen war, wußte man. In Stein mäuern, Ettichheim bis Muggenſturm ſtand die erſte Diviſion unter General Schack, in und um Iffezheim die zweite unter General Cöllen, und von Forch ge gen Kuppenheim die dritte unter Oberſt Graf Schlief fen. Im letztgenannten Ort befand ſich der Corps⸗ kommandant, General v. d. Gröben, und dieß ganze zur Belagerung combinirte dritte Armeecorps wurde auf 20 bis 24,000 Mann geſchätzt. Von den Fremden, welche ſich hier in Baden Baden befanden, waren die meiſten der Belagerung zu liebe hier, und deßhalb nach Kuppenheim unſer täglicher Ausflug. Von Belagerungsarbeiten ſah man aber um die Feſtung herum vorderhand nicht viel, 275 was der Rede werth war, das Belagerungsgeſchütz befand ſich noch unterwegs; von den großen Schanz— zeuggärten bemerkte ich nichts, und es hat auch wohl nie in der Abſicht des Kommandirenden gelegen, mit vollkommenen Belagerungsarbeiten gegen die Feſtung vorzugehen. Es wird nicht unintereſſant ſeyn, hier einen Blick auf die Geſchichte der Bundesfeſtung Ra— ſtatt zu werfen und namentlich auf die Begebenheiten der letzten Wochen derſelben, wie ſie die Allgemeine Zeitung in einigen vortrefflichen Aufſätzen brachte. „Sowohl als Reichsfeſtung verdient die Stadt Raſtatt eine gewiſſe Aufmerkſamkeit, ebenſo als der Ort, wo aus einem dem Anſcheine nach zufälligen Soldatencravall der republikaniſche Umſturz in Baden ſeinen Anfang nahm. Die Reichsfeſtung iſt in un— vollendetem Zuſtand, und leider wurden an dem ur— ſprünglich erweiterten Plan nichts weniger als vor— theilhafte Aenderungen aus finanziellen Rückſichten vorgenommen. Noch in der Mitte des vergangenen Jahrs waren über 8000 Arbeiter an den Werken beſchäftigt, die aber zu Ende des Jahres auf kaum 200 herabgeſetzt wurden, und da Oeſterreich ſowohl als Preußen in Folge der Zeitverhältniſſe mit ihren Geldbeiträgen zurückhielten, ſo ſtanden ſelbſt vor Aus— bruch der gegenwärtigen Unruhen und bei Wieder⸗ kehr der guten Jahreszeit kaum 1000 Menſchen in 276 regelmäßiger Arbeit. Merkwürdig genug trug man ſich lange zuvor, ehe an eine Befeſtigung Raſtatts nur gedacht wurde, allgemein mit einer alten Volksprophe zeihung, nach welcher Raſtatt befeſtigt, aber die Be feſtigung nicht vollendet werden ſollte, und dieſe Prophezeihung hat durch die Ereigniſſe bis jetzt nur Beſtätigung erhalten. Es wäre dieß ein empfindliches Unglück für die Stadt, die, wenn man von dem für den Augenblick vermehrten Verdienſt abſieht, in man chem Bezuge bedeutend eingebüßt hat. Raſtatt, zuletzt die Reſidenz der Markgrafen von Baden-⸗Baden, liegt in einem ehemaligen Rheinbette, deſſen beiderſeitige Ufer ſich in einer doppelten Erd erhöhung, von denen eine ſich von dem Kapellenberge am Schloß hin in der Richtung von Steinmauern, und die andere von der ſogenannten Kormerei in der Richtung von Iffezheim hinzieht, ganz gut erkennen ließen, bevor durch die Feſtungsarbeiten hierin gleich falls einige Aenderungen verurſacht wurden; indeſſen kann man ſelbſt jetzt noch die Spuren mit ziemlicher Sicherheit verfolgen, und zum Ueberfluß befindet ſich in der unmittelbaren Nähe ein Altwaſſer, das noch heutzutage der Altrhein heißt. Die durch Raſtatt fließende Murg mußte zu jener Zeit oberhalb der Stelle, wo jetzt Raſtatt liegt, in den Rhein getreten ſeyn und wirklich hatte ſie unterhalb Raſtatt moch im 277 vorigen Jahrhundert kein beſtimmtes Bette, bis für ihren Ausfluß nach Steinmauern zu, wo der Fluß jetzt in den Rhein fällt, ein beſonderer Kanal gegra⸗ ben wurde. Damals war Raſtatt in Folge der auf dieſe Weiſe in der Umgebung erzeugten ſtehenden Waſſer ein regelmäßiges Fieberneſt, und ſeit den durch den Feſtungsbau herbeigeführten Aufdämmungen und Vertiefungen hat ſich das Fieber auch wieder ein geſtellt; nach dem Urtheile der Aerzte wird die Reichs feſtung Raſtatt eine ungeſunde Garniſon werden. Zu den verſchwundenen hiſtoriſchen Erinnerungen des Orts gehört auch die vermöge der neuen Feſtungs arbeiten kaum noch erkennbare Stelle, an welcher die franzöſiſchen Geſandten zur Zeit des Raſtatter Con greſſes ermordet wurden; doch in Bezug auf die That ſache ſelbſt konnte manches aus dem Gedächtniß noch lebender älterer Einwohner nachgeholt werden, das ſonſt auch bald unwiederbringlicher Vergeſſenheit an heimfallen dürfte. Daß die That von öſterreichiſchen Soldaten, und zwar Szeklerhuſaren verübt wurde, unterliegt keinem Zweifel, da viele noch lebende Ein wohner die ganz in der Nähe einquartierten Szekler theilweiſe perſönlich kannten und nach der That er blickten, wie ſie namentlich große Geldſummen offen auf der Straße(an dem ſogenannten Ettlinger Thore) unter ſich vertheilten, die ſie als Lohn erhalten haben ſollten. Der am beſten über den ganzen Verlauf unter richtete Mann in der Stadt war der ehemalige Bürger meiſter und Landtagsdeputirte Höllmann, Eigenthümer des Gaſthauſes zum Kreuz, der aber ſeither verſtorben iſt. Dieſer nun verſicherte dem Referenten dieſes, welcher zu ihm in freundſchaftlicher Beziehung ſtand, oftmals, jene Ermordung wäre die Folge einer Privat— rache geweſen, indem nämlich der zweite öſterreichiſche Geſandte, Graf Erhardt, von dem franzöſiſchen Ge ſandten Bonnier einmal eine Ohrfeige erhalten, wo— für er ſich alsdann auf dieſe Weiſe gerächt habe; auch wäre er einer Strafe von ſeinem Hofe haupt— ſächlich nur durch die Gunſt der Kaiſerin Mutter entgangen. Derſelbe Graf Erhardt erſchoß ſich ſpäter, wie Höllmann verſicherte, aus Furcht oder Gewiſſens— biſſen, auf einem ihm angehörigen Gute im Badiſchen, als die franzöſiſche Armee zur Zeit des Krieges von 1805 im Begriff ſtand, über den Rhein nach Oeſter— reich vorzurücken. Jene Privatbeleidigung war be— kannte Thatſache und eine gewiſſe Einwirkung der— ſelben auf die Begebenheit, die anerkanntermaßen von dem Grafen Erhardt ganz geleitet wurde— die zu der That beorderten Szekler folgten dem beſonderen Befehl des Geſandten, und ein in dem benachbarten Städtchen Gernsbach im Murgthale liegender Ritt⸗ meiſter ſoll ausdrücklich alle Betheiligung von ſich mit 279 den Worten abgewieſen haben:„er wäre öſterreichi⸗ ſcher Soldat, kein Meuchelmörder“— kann man leicht zugeſtehen. Indeſſen wirkten dabei auch ſicherlich noch andere Beweggründe. Einmal der von Jominy in ſeinem bekannten Werke angeführte, daß man ſich aus den den franzöſiſchen Geſandten abgenommenen Papieren hätte überzeugen wollen, inwieweit deutſche Reichsfürſten ſich mit den franzöſiſchen Geſandten in politiſche Verbindungen eingelaſſen; und eine weitere Vermuthung ergibt ſich aus den Zeitumſtänden, näm lich die, daß, nachdem Oeſterreich den Krieg bereits in Italien ſchon wieder längſt gegen Frankreich be gonnen, man glauben konnte, durch jene auffallende That Deutſchland und die Reichsfürſten gegenüber von Frankreich zu compromittiren und dadurch wider Willen unmittelbar nach ſich in den Krieg zu ziehen; womit auch die eifrigen Bemühungen des öſterreichi ſchen Kabinets, die öffentliche Meinung über die Ur heber irre zu leiten— ſprengte man doch namentlich das Gerücht aus, der Mord wäre von als Szekler verkleideten Franzoſen verübt worden, deren Unifor men man in Straßburg fabricirt hatte— ganz gut übereinſtimmen konnten. Ohne Frage laſſen ſich aber alle aufgezählten Motive mit einander vereinigen: ein perſönlich auf das tiefſte und unverzeihlichſte gekränkter öſterreichiſcher 280 Geſandter mit beſondern geheimen Verbindungen am Wiener Hof, welcher die That anrieth, und dieſe auf die beiden zuletzt erwähnten Berechnungen hin als eine Staatsnothwendigkeit, welche durch die dabei zu erreichenden Vortheile hinlänglich entſchuldigt wurde, dringlichſt empfohlen haben konnte. Im übrigen bietet die Stadt wenig Merkwürdi ges dar: ſie hat keine Fabriken— eine früher daſelbſt beſtandene engliſche Stahlfabrik iſt ſchon längſt ein gegangen— und die Bewohner nährten ſich bisher hauptſächlich vom Ackerbau und von einem lebhaften Perſonenverkehr und Güterdurchzug, die beſonders durch die Lage der Stadt begünſtigt wurden an einer Stelle, wo ſich viele Hauptſtraßen kreuzen: eine nach Straßburg und Frankreich, eine nach Frankfurt und dem Norden von Deutſchland, eine nach der Schweiz und dem ganzen Süden und endlich eine nach Würt— temberg und dem öſtlichen Deutſchland, wiewohl die— ſer Vortheil der Stadt nunmehr gänzlich durch die Eiſenbahn entzogen iſt. Auch die bedeutenden Stadt⸗ waldungen, deren Eichen und Eſchen mit den höchſten Preiſen bezahlt und beſonders als Holländerſtämme ſehr geſchätzt wurden, ſind in Folge der Feſtungs— arbeiten völlig ausgehauen worden, und damit gehen auch beſonders treffliche, und bei den Gutſchmeckern berühmte Trüffeln, die einen eigenen Trüffeljäger 281 beſchäftigen, verloren. Mit einem Wort, die Stadt als Feſtung hat keine andern Erwerbsquellen mehr als ihren Ackerbau und die Garniſon, und dem Wohl ſtand der Stadt ſtehen keine guten Ausſichten bevor. Was von den Türkentrophäen des berühmten Markgrafen Ludwig von Baden-Baden, des Freun⸗ des von Eugen, noch vorhanden iſt, befindet ſich im Schloſſe aufbewahrt. Schon ſeit einem Jahre war die Disciplin des badiſchen Militärs ſo untergraben, daß jeden Tag die Zuſtände kommen konnten, die jetzt wirklich her⸗ eingebrochen ſind. Ob es die Schuld der Obern war, welche die Zeit verkannten, ob die Zeit ſelbſt das geſunde Blut in wilden Gährungsſtoff umwandelte, iſt gleichgültig; das Uebel war, wenn je heilbar, nur zu heilen durch conſequente Durchführung eines Grundſatzes, ſey's der Härte oder der Milde. Gerade dieſe Grundſätze fehlten. Als im vorigen Jahr gerade hier jene Beiſpiele von Meiſterloſigkeit der Beſatzung ſich zeigten, beſchwichtigte man durch zuckerſüße Worte; hernach, als durch die paar Schüſſe auf die Republikaner und den Lohn durch Orden und Ehrenzeichen für dieſe Thaten der Boden wieder be feſtigt ſchien, erhielten jene Worte bittern Nachge— ſchmack durch Zuchthaus⸗ und Feſtungsurtheile. Und als die neuen Exceſſe vom letzten Winter durch einen 282 Melodramenauftritt, das Verſöhnungsfeſt zwiſchen Oeſterreichern und Badenern, geſchloſſen waren, als die Spuckgeſchichten der weißen Frau beendigt waren, als dieſes Frühjahr die Rekruten ſich eifrig und wil— lig einübten, da glaubte man das Spiel gewon nen, und oft hörte man von Offizieren rühmen, daß bei einem neuen Aufſtande ihre Soldaten wie Löwen gegen das Volk kämpfen würden. Der un— befangene Beobachter hatte es mittlerweile ſich nie verhehlt, daß heute oder morgen eine Prätorianer wirthichaft ausbrechen könne, wie ſie Rom je in ſeinen ſchlimmſten Tagen geſehen. Daß dieſe Stim mung von den überaus thätigen demokratiſchen Ver— einen benützt wurde, konnte man vorausſagen, ohne Kalchas oder Teireſias zu ſeyn; ſchon acht Tage vor dem wirklichen Ausbruch ſprach man von einer Auf lehnung gegen das Ausrücken zu einer Waffenübung, welche nur unterblieb, weil letztere durch einen Regen vereitelt wurde. So ſtanden die Dinge, als am 9. Mai die Bürgerwehr bei ihrer Waffenübung ſich über den Beitritt zu den Beſchlüſſen der Karlsruher Bürger— wehr für die Reichsverfaſſung erklären ſollte. Auf dem Exercirplatz fand ſie einige hundert Mann der hieſigen Beſatzung mit ihren Unteroffizieren im Viereck aufgeſtellt, welche ſie mit lautem Lebehoch 283 empfingen. Offiziere ſah man nur am Eingang des Platzes oder von den Wällen herab der Dinge ſpä⸗ hend, die da kommen ſollten. Jene Offiziere der Wehrmänner, die von der Sache wußten, ſie viel leicht veranlaßt hatten, forderten den Bannerführer auf, ſich den Soldaten zu nähern, indem dieſe zu gleichem Zweck mit uns Hand in Hand zu gehen wünſchten. Nach einigem Zögern wurde willfahrt; die Soldaten ſprachen für den Zweck der Erhaltung und Schirmung der Reichsverfaſſung ihr Gelöbniß, ihren Wunſch der Verbrüderung mit den Bürgern aus, der mit großem Jubel aufgenommen wurde. Mittlerweile hatten die Oberoffiziere in ängſtlicher Spannung auf das Ergebniß gelauſcht; da der Schritt der Soldaten immer noch geſetzlich war, ließ man die Sache wieder auf ſich beruhen, man ignorirte ſie. Tags darauf neue Verſammlung der Bürger und Soldaten ſchon mit beſtimmterem Chrakter; die Zu— züge kamen geregelt, zum Theil mit entblößten Waf— fen und einer Fahne; einer der Redner erklärte, jetzt müſſe man auf das Volk ſich ſtützen, mit dieſem ge— hen, da die Könige ihren ſchlechten Willen ſo deut lich zeigten. Dieſer Mann wurde des andern Tags (11. Mai) vom Obriſten Hoffmann unter einem be⸗— liebigen Vorwande in der Leopoldskaſerne verhaftet. Kaum war die That ruchbar, ſo ſtürmten ſeine ——— — — K— — — — „ 284 Kameraden die Kaſerne; nur durch einen Oberoffizier, welcher, der Gewalt weichend, den Gefangenen frei— gab, wurde Aergeres verhütet. Einige Stürmer wurden verhaftet, des Nachmittags der Arreſt er⸗ brochen, die Gefangenen befreit; der Bürgermei ſter ſtellte Ruhe her. Des Abends drängten ſich die Soldaten zahlreich um die Aufſtellung der Bürger wehr; ſchon ſah man da und dort ſcharfe Patronen ſich mittheilen; es war die Stille vor dem Gewitter. Plötzlich ertönt der Ruf, ein ſoldatenfreundlicher Hauptmann ſey in Arreſt geſetzt; wüthend ſtürmten die Soldaten dahin, dorthin, ihn zu ſuchen, um lagerten die Leopoldskaſerne, wo Hauptmann Degen feld mit Mühe den Eingang vertheidigte. In dieſem Augenblick erſchien nach dem Oberſten Hoffmann auch der Obriſt des dritten Regiments, Pierron, vor den Stürmenden. Gegen ihn wandte ſich die Wuth. Würfe mit Steinen, mit Faſchinenmeſſern begrüßten ihn; ein Dragoner hieb nach Pierron, zerſchnitt die Zügel ſeines Pferdes; mit Mühe rettete den Obriſten ſein Adjutant, indem er den loſen Zügelriemen er griff und durch die Menge ſprengte. Auch Obriſt Hoffmann wurde durch einen Steinwurf verwundet. Ein neues falſches Gerücht entzündete die Maſ— ſen:„ein Kanonier ſey vom Hauptmann Degenfeld erſtochen.“ Die tobende Menge zog unter Todes⸗ 285 drohungen vor deſſen Wohnung, vor die Wohnungen anderer Offiziere, vor das Haus des Obriſten Pier ron. Dort hielt der Gouverneur von Cloßmann, deſſen humanes Benehmen ſeit Jahren rühmend an erkannt wurde, mit einer Schwadron Dragoner. Wie Spreu, aber unter dem Brüllen der Wuth, zerſtieb auf einen Augenblick die Menge, unter welche ſich das Proletariat der Feſtungsarbeiter gemengt hatte. Der General, welcher ſich vergebens verſtänd lich zu machen ſuchte, muß, durch fünf Steinwürfe verwundet, ſich zurückziehen. Jetzt wird das Haus des Oberſten Pierron geſtürmt; als man ihn nicht findet, ſchleppen die Meuterer die Fahnen des Regi— ments hinweg mit dem Säbel, den der Oberſt in manchen Feldzügen— er hatte ſchon als Lieutenant den Karl-Friedrichs-Orden— mit Tapferkeit ge ſchwungen. Die Beute wird auf dem Rathhauſe niedergelegt, wo der Bürgermeiſter, mit einer Wache der Bürgerwehr umgeben, über die bedrohte Stadt wacht. Auf ſeinen Verweis läßt der Haufe ſich ge fallen, daß die Fahne in die Kaſerne des Regiments getragen wird, und die Haufen verlieren ſich ſo ruhig, daß nach dem Zapfenſtreich ein Fremder die Vor gänge weder geglaubt, noch geahnt haben würde, daß ſchon das Plakat gedruckt war, welches den Belagerungsſtand verkünden ſollte, was nur durch 286 Zureden des Bürgermeiſters und im Bewußtſeyn der Unmöglichkeit der Durchführung unterblieben war. Des andern Tags wurde ein Unteroffizier aus ſeiner Kaſerne geſchleppt, von den eigenen Kameraden mit Fäuſten, Steinwürfen, Faſchinenmeſſern faſt bis auf den Tod zerfleiſcht; da kein Kanonier von einem Offizier getödtet war, ſollte er einen wenigſtens ver wundet haben. Mit der Ankunft des Kriegsminiſters und einiger Schwadronen, nebſt einer reitenden Bat terie, erwachte die Hoffnung auf Wiederkehr der Ordnung. Wer die Winke der Soldaten, die geringe Wirkung des Generalmarſches ſah, erwartete in ſtil— ler Ergebung, daß irgend ein neues Gerücht der Funke in dieſe Pulvertonne ſey. Die beiden Ober ſten, viele Familien flüchteten. Plötzlich ertönt der Ruf:„Preußen kommen!“ Raſend eilt die Menge bewaffnet gegen das Karlsruher Thor; in der Nähe, im Schloßgarten, waren die Dragoner und die rei⸗ tende Artillerie aufgeſtellt; hier wurde Hauptmann Zeroni, der den Verſuch gemacht hatte, mit vertrauter Mannſchaft die Ausfallbatterie zu beſpannen, ange⸗ griffen und verwundet; nur die Schnelligkeit ſeines Pferdes rettete ihn; verwundet wurde beim Ver⸗ ſuch, ſeine Dragoner herauszuführen, Rittmeiſter La Roche, der Tags darauf in Karlsruhe ſeinen Tod gefunden hat. Den Dragonern wird Befehl gegeben, 287 auf die Haufen einzureiten; beim Anblick, auf den Zuruf ihrer Kameraden ſtutzten ſie, ſie ſchwenken, verweigern den Offizieren den Gehorſam. Jetzt ge— winnt General Hoffmann mit der reitenden Batterie, den Offizieren der Kanoniere und Reiterei, nebſt wenigen Reitern die Karlsruher Straße durch eine Poterne; andere Offiziere retten ſich auf andere Weiſe; Generalmarſch ruft die Bürgerwehr unter Waffen; mit ihr vereinigen ſich die zurückgebliebenen Drago— ner, bald rückt auch die Linie an mit den noch üb— rigen Offizieren. Ein Vertheidigungsausſchuß wird gewählt, die Thore abgeſchloſſen, die Brücken abge— hoben, Vorpoſten ausgeſtellt, die Wälle beſetzt, im Schloßhof, auf den Plätzen der Stadt lagern ſich die Truppen am Wachtfeuer. Unglaublich iſt die Leichtigkeit, mit welcher die abenteuerlichſten Gerüchte verbreitet und geglaubt wurden; von dieſem, von jenem Thor ruft man um Verſtärkung; ſchon ſeyen die Reichsfeinde vor den Wällen angelangt; es gebe Spione in der Stadt unter Offizieren, Verräther unter den Sol— daten; ein Kanonier, der verkleidet die ſchöne Nacht zu einem Kiltgang benützen will, wird von ſeinen Kameraden als Spion erſchoſſen, ein anderer durch die gleiche Kugel verwundet, ein Einwohner er ſchoſſen auf der Straße gefunden. Natürlich zeigt — ——— 288 ſich bald die Grundloſigkeit des Preußenlärms. Haupt mann Greiner, durch das Gerücht ſeiner Verhaftung jetzt ein Abgott der Soldaten, wird Tags darauf, den 13., als Vicegouverneur aufgeſtellt, das Kommando der Garniſon und Regimenter beſtimmt, die Offen burger Verſammlung durch eine Abordnung beſchickt. Mittlerweile hatte die großherzogliche Regierung die Offenburger Punktationen:„Allgemeine Amneſtie, unbedingte Anerkennung der Reichsverfaſſung, Auf⸗ löſung der ſchon am Verſcheiden befindlichen Kam mer und Einberufung einer conſtituirenden Ver ſammlung, Abdankung des Miniſteriums und Wahl von Peter und Brentano zu Miniſtern“ anzunehmen nicht Muth, nicht Einſicht, noch wies Bekk auf die Bezwingung des vorjährigen Aufſtandes durch Bajon⸗ nete hin, obgleich leicht zu ſehen war, daß bei dieſer Stimmung der Truppen es ſich nicht um ein Putſchgelüſte, ſondern um eine großgewachſene Re— volution handle. Mittlerweile wurden die bekannten Offenburger Beſchlüſſe angenommen und durch Gögg, ein Mitglied des Landesausſchuſſes, verkündet. Es ſchienen die Wogen ſich zu legen; da erbrauste noch einmal der Sturm durch einen Gott weiß von wem angeordneten Generalmarſch. „Die Offiziere ſind Verräther, ſie ſind unter uns, nieder mit ihnen,“ war das Loſungswort, und nur 289 beſonnenem Einſchreiten iſt es zu verdanken, daß nicht zur nämlichen Stunde, da in Karlsruhe Militär und Bürgerwehr ſich bekämpfte, da der Großherzog und die Miniſter ſich nach Lauterburg im Elſaß flüchteten, auch hier eine Bartholomäusnacht über die Offiziere hereinbrach. Der neugewählte Kommandant der Ar⸗ tillerie, Heuſch, wird unter dem abenteuerlichen Vor wand verhaftet, er habe die Feſtung in die Luft ſprengen wollen, kaum kann er der Wuth der Sol daten entriſſen werden, vor welcher auch der Platz⸗ major ſich in ein Verſteck retten muß. Der General Cloßmann wird abgeſetzt, verhaftet, erſt nach zwei Tagen erhält er die Erlaubniß, die Feſtung zu ver— laſſen, als man die Verhafteten nach Karlsruhe bringt. Von da an wurde der Zuſtand der Reichsfeſtung immer zweifelhafter, immer proviſoriſcher; die Gar niſon wechſelte beſtändig landaufwärts, landabwärts. Eine Proklamation verdrängte die andere, und vor allem dem ſtand der Rekrut ziemlich verblüfften An— geſichts und war außerordentlich erſtaunt, daß aus ſeinem Krawall, ſeinen Hochrufen, ſeinen Steinwürfen und den Hieben mit dem Faſchinenmeſſer ſo groß artige Dinge entſtanden. Dazu fanden es die Sol daten außerordentlich angenehm, daß ſie täglich vier Kreuzer Zulage erhielten, daß Bier und Wein gut Hackländer, Soldatenleben im Krieg. II 13 19 g;· ——— 290 und wohlfeil war, und daß ſich vorderhand von einem Feinde weit und breit nichts ſehen ließ. Die öſterreichiſche Beſatzung war abgezogen, und mehrere Mitglieder des Landesausſchuſſes waren der Anſicht, daß, abgeſehen von der Anerkennung der Reichsverfaſſung, nur ſolche Truppen einzulaſſen ſeyen, deren Stimmung verläſſig ſey. Unterdeſſen that die Soldateska in der Feſtung was ihr eben gut dünkte, ſo fiel ihr am 30. Mai ein, nach dem benachbarten Baden zu ziehen, um den Oberſten Pierron und die übrigen dort befindli⸗ chen verabſchiedeten Offiziere zu holen und zu dieſer Razzia machte ſich ein Haufen von 2— 300 Soldaten auf den Weg. Als ſie nach Oos kamen, begegnete ihnen der von Baden kommende Eiſenbahnzug, dem ſie ein energiſches Halt! zuriefen; da es aber nicht möglich war, die Locomotive im vollen Laufe einzuhalten und ſie auch vielleicht glauben mochten, die Offiziere be— finden ſich, von dannen fliehend, auf dem Convoi, ſo gaben ſie drei Salven auf den Zug, in Folge deren der Locomotivführer an Kopf und Fuß verwundet und mehrere Wagen durchlöchert wurden. Glücklicherweiſe geſchah kein weiteres Unglück, indem die Reiſenden von den Conducteuren ermahnt wurden, ſich auf den Boden der Wagen niederzuwerfen. Es iſt gewiß merkwürdig, daß über dieſen Zug 291 dem Gouverneur der Feſtung ein Bericht abgeſtattet wurde, daß er endlich nicht mehr vermochte, als für die Zukunft ähnliche Unternehmungen zu verbieten. Ueberhaupt ſchwammen die freien Soldaten in einem Meer von Vergnügen. Die Offiziere befahlen nichts mehr, oder wenn ſie auch etwas befahlen, ſo wurde ihnen nicht gehorcht. Es war eine wilde Wirthſchaft und Alles ſchien jubelnd ſagen zu wollen: après nous le déluge und die Sündfluth ſchien denn auch endlich zu kommen und der ſo heitere Himmel drohte ſich zu verfinſtern, denn in der Richtung gegen die Pfalz ſtiegen für die glückſelige badiſche Freiheit drohende Wetterwolken auf, die ſich immer weiter ausbreiteten und am Ende den ganzen Horizont mit dunklem Gewölk umzogen. Das Volksheer wurde auf allen Punkten geſchlagen, Karlsruhe von den Preu ßen eingenommen und ein großer Theil der geſchla genen Freiſchärler, der Schweizer, Polen, der Ar— tillerie und badiſchen Infanterie wälzte ſich gegen Raſtatt, welches der Anfang, das Ende des Auf ſtandes werden ſollte. „In der Nacht vom 28. auf den 29. Juni,“ ſagt ein Tagebuch aus Raſtatt in der„Allgemeinen Zeitung“,„führte ein Extrazug die proviſoriſche Re gierung landaufwärts, kam der Vortrab der fliehen den Armee in Raſtatt an, Ueberreſte des Leibregiments, 292 einem Bataillon des zweiten, Dragoner aller Regi— menter, viele ohne Pferde, mit ihnen Struve und ſeine Frau, der ſeit der Beſetzung der Rheinpfalz ſich wieder bei der Armee eingefunden hatte. Seine Anrede erwiederten die Feſtungskanoniere mit dem Erſuchen, ſogleich die Feſtung zu verlaſſen— und ſo trieb er, gebeugt von dem Fluche, der an ſeine Ferſen ſich zu heften ſcheint, auf dem Wrack ſeiner kühnen Hoffnungen zum drittenmal hinaus in die Brandung des unſteten Lebens. Gegen Mittag kommt Mieroslawski mit dem Generalſtabe; es bedurfte einer Berathung, bis er Einlaß fand. Den Tag über bis in die ſpäte Nacht dauerte der Rückzug: badiſche Volkswehr, das vierte Regiment, die Feldartillerie, einzelne Bataillone des erſten, zweiten, dritten, die Hanauer Turner, die Robert Blum'ſche, die deutſch-polniſche, die Schweizer— Legion, die Volkswehren aus Rheinbayern, das Sie⸗ gel'ſche Corps. Zwei Bataillone des dritten Regi⸗ ments mit der einzigen Muſikbande, die ſich nicht aufgelöst hatte und die Reſte der drei Dragonerregi⸗ menter bildeten den Nachtrab. Die edelſten Pferde des großherzoglichen Marſtalls, des Markgrafen, des Fürſten v. Fürſtenberg bäumten ſich unter den Adju⸗ tanten des Generals, knirſchten ſchäumend neben und vor den Kanonen, wie unwillig über den 293 unberechtigten plebejiſchen Reiter, am koſtbaren Gebiß. In der Poſt drängten ſich die Führer: Mieroslawski zu Pferde, gekrümmt wie ein Winkelzeichen, in ein— fachem blauen Rock, rothen Beinkleidern, die gold verbrämte Mütze auf der niedern Stirn, mit ſtarkem blonden Bart, ein Bild froher Gemüthlichkeit bis die hellblauen Augen Zornesblitze ſchleuderten. Gajewski, der ſtämmige Oborski, die beiden Sigel mit jugendlich unbärtigem Geſicht, der alte Böning mit wallendem Bart und Haupthaar, Sznaide, Becker und Blenker gingen nach kurzer Raſt flußaufwärts. Es war ein Babel von Sprachen und Verdollmetſchung, was manchen ſtrategiſchen Fehler erklärte. Mieroslawski ſprach mit wenig Anerkennung von Truppen und Volkswehr: Ah ces gaillards, qu'on les chasse au feu s'ils ne veulent pas marcher, disant:„Es geht nich!“ Tags darauf war Muſterung. Sie wies an Soldaten und Volkswehr neunzehn Bataillone, ohne Artillerie etwa 18,000 Mann. Kampffähig durch die Ruhe der geſtrigen Nacht— freilich von Tauſenden auf dem Pflaſter, in erbrochenen Kirchen, auf der Flur verlaſſener Häuſer zugebracht— boten ſie ein tröſtlicheres Bild, als am Tag zuvor, an welchem faſt nur die Turner, Polen und Schweizer noch auf rechten Hauptes einhergingen. Jetzt erſt fing man an für die Verproviantirung der Feſtung zu ſorgen. Vom Oberland brachte jeder Zug neue Sendungen von Lebensmitteln, ein Raubzug führte die ganze Sennerei des Markgrafen Wilhelm vom Muſtergute Rothenfels der Feſtung zu. Der Generalſtab regiert— durch Plakate, welche faſt ſtündlich an den Straßenecken aufgeklebt werden. Merkwürdig iſt Mieroslawski's viertes Bulletin. Er nennt ſeine Flucht von Waghäuſel über Heidelberg, Sinsheim und Bretten einen„kühnen Flankenmarſch,“ und ſchreibt nicht nur die wilde Flucht der Drago⸗ ner bei erſterem Orte der Verrätherei des Oberſten Becker zu, ſondern ſpricht von einer ausgedehnten Verſchwörung des badiſchen Offizierscorps, in Folge deren Sznaide und er ſelbſt verhaftet worden ſeyen. Die beiden Oberſten aber(Biedenfeld und Thome, früher penſionirte Hauptleute), welche die Ver⸗ haftung vorgenommen, ſtehen mittlerweile an der Spitze ihrer Regimenter und verkehren dienſtlich mit dem General. Ein Theil der Armee bezieht nach und nach die Vertheidigungslinie, der linke Flügel lehnt ſich an Steinmauern, Edigheim, der rechte reicht vom Ein⸗ gang des Murgthals am Eichelberger bis Gernsbach; das Centrum bildete eine halbe Stunde vor der Feſtung eine Verſchanzung vor dem ſumpfigen Nieder⸗ 295 walde auf einer kleinen Anhöhe, welche den Knoten der Rhein⸗ und Bergſtraße bildet. In der Feſtung ſelbſt zehrte die Beſatzung reichlich von den zugeführten Vorräthen; die Augen der Kanoniere funkeln ſeltſam. Vieles erinnert an die Maitage. Plötzliche Gerüchte tauchen auf: bald brennt Karlsruhe, bald ſind die Preußen in Mörſch und Malſch, bald iſt Oberſt Becker vor ein Kriegsgericht geſtellt und erwartet ſeinen Tod, bald iſt dieſer und jener Spion einge— fangen. Einer von letztern, angeblich ein preußiſcher Major, in der That aber ein rheinbayriſcher Blou— ſenmann, welcher wegen Trunkes in Edenkoben und Durlach verhaftet geweſen war, wird auf dem Wege zum Verhör ſeiner Bedeckung entriſſen; ein Kanonier ſpaltet auf dem Marktplatz ihm den Schädel, trotz der tödtlichen Wunde entreißt er ſich der wüthenden Rotte und entflieht in der nächſten Straße, aber er wird eingeholt, und von Bajonnetſtichen getroffen; mit der letzten Kraft reißt er das Eiſen aus der klaffenden Wunde und flieht noch einige Schritte; da trifft ihn ein Schuß, er fällt in die Knie und bittet um den Troſt eines Prieſters— er wird ihm ver ſagt— um einen Schuß, der ſeiner Marter ein Ende mache. Da drückt ein Wehrmann auf ſeine Bruſt los, noch einen Aufſprung und ſeine Glieder dehnen ſich im Todeskrampf. Mit Blut befleckt ſtehen 296 ſeine Mörder, ſtehen Mädchen, Frauen mit Kindern auf dem Arme bei der Leiche; der Generalauditor, welcher den Gefangenen hatte ſchützen wollen, wird ſchwer verwundet weggeſchafft. Kaum ſind zwei Stunden verfloſſen, ſo erhebt ſich ein neuer Sturm. Die Kanoniere ſtürmen in das Gefängniß des preu— ßiſchen Majors Hinderſin. Sey's Zureden, ſey's Schamgefühl, ſie begnügen ſich mit der Ueberzeugung ſeiner Anweſenheit.„Aber den Juden raus!“ brüllt es jetzt. Ein Sprachlehrer Weil aus Karlsruhe, bald des Waffenkaufes, bald der Späherei angeklagt, wird dem Gefängniß entriſſen, unter einem Gewölbe ge ſchwungener Säbel durch die Stadt geſchleppt. Da hilft kein Abmahnen. Achſelzuckend und ſelbſt be droht ſteht der Gouverneur, ſteht der Amtsvorſtand vom Verſuche ab, den Haufen zu durchbrechen. Nur eine hohe Geſtalt im Calabreſerhut, Germain Metter nich, dringt durch die Menge; nach langem vergeb⸗ lichem Zureden, den Mann dem Kriegsgerichte zu überlaſſen, erreicht er wenigſtens, daß ſie verſprechen, den Unglücklichen nicht zu martern, nicht in der Stadt zu tödten.(!!) Vor dem Rheinthor, zwiſchen Mauer und Wall tödten drei Kugeln den Armen, der mit irrem Blick und zitterndem Lächeln bis zum letzten Athemzug ſeine Unſchuld betheuert.„Guter Gott,“ ſagte mir ein alter Lanzknecht von den 297 Schweizern,„unſere Sache kann keinen guten Aus— gang nehmen; dieſes Blut wird mit Feuer aufge— trocknet in dieſer Stadt!“ Und wo war der Ober general, wo ſeine Adjutanten? Ach dieſe galoppirten in den Straßen, jener aß Kirſchen, ſeine Lieblings— frucht und machte Plane. Von den Thätern wurde, ſo viel mir bekannt, niemand zur Rechenſchaft gezogen.— Den 28. Juni begannen die preußiſchen Truppen mit Fußvolk und einigem Feldgeſchütz den Angriff auf die Linie der Inſurgenten; ihr rechter Flügel nahm Edigheim faſt ohne Kampf einem Banner Volkswehr weg, das Centrum— bis Muggenſturm vorgeſchoben— blieb in dieſer Stellung. Bis zum Einbruch der Nacht knatterte das Plänkler- und Rottenfeuer, vermengt mit dem vollen Donner des Feldgeſchützes. Bei der Statue des donnernden Zeus auf dem Belvedere des Schloſſes breitete ſich vor zahl reichen Zuſchauern das Panorama des hin- und her⸗ wogenden Kampfs aus. In der Nacht wurden von der Kampfſtätte bei Michelbach etwa 20 Verwundete eingebracht, worunter ein badiſcher Hauptmann und ein preußiſcher Unteroffizier, welcher bald an Ver⸗ blutung ſtarb. Die preußiſchen Spitzkugeln gingen— nach der Angabe dieſer Leute— meiſt zu hoch, oder trafen, ſich ſenkend, die Füße; ihre Artillerie war 298 faſt ohne Wirkung— zwei ſchwere Fußwunden von Leuten, welche matte Kugeln aufhalten wollten. Den Lgſten in aller Früh bereiteten ſich die In⸗ ſurgenten zur Abwehr eines neuen Angriffs; früh 3 Uhr Generalmarſch und Allarmhörner. Die Bürgerwehr von Raſtatt hielt Hausdurchſuchung und trieb ſäumige Soldaten und Volkswehr, Offiziere ohne Mannſchaft und Mannſchaft ohne Waffen auf die Sammelplätze. Der General recognoscirte auf dem rechten Flügel. Von 10 Uhr ab begann das Feuern mit Kleingewehr auf der ganzen Linie der Aufſtändiſchen, gegen Mittag nahm die Artillerie Antheil am Gefecht. Nach 1 Uhr beſetzte Volkswehr und die Raſtatter Bürgerwehr die Wälle und Forts; Freiwillige nahmen an dem Kampfe Antheil; von der Stellung in Muggenſturm greifen die Preußen die feſte Stellung im Niederwalde und die Brücke von Kuppenheim zugleich an. Erſtere ward aufgegeben— man ſagt, weil nach Rauenthal ziehende Unterſtützung von der Beſatzuuͤg für Preußen gehalten worden ſey.— Zugleich kommt die Nach— richt, der rechte Flügel der Badener bei Steinmauern ſey bedroht. Den Fliehenden folgen preußiſche Plänk⸗ ler bis in den Bereich der Wallgeſchütze; Wagen mit Verwundeten werden eingebracht; man trägt Waſſer zum Bahnhof zur Erquickung der erſchöpften Mannſchaft. Doch jetzt kommt die Meldung, daß 299 von Kuppenheim und Steinmauern die Preußen ſich auf ihr Centrum zurückziehen und daß das der In— ſurgenten in neuem Angriff vorrückt; durch heftiges Plänkler⸗ und Rottenfeuer werden die Preußen bis zu der von ihnen genommenen Verſchanzung zu⸗ rückgeworfen. Die einbrechende Nacht macht dem Kampf ein Ende; die Preußen ziehen ſich nach Mug— genſturm, die Badener in die Feſtung zurück, da der Befehlshaber des dritten Regiments ſich weigert mit ſeiner erſchöpften Mannſchaft die Verſchanzung wieder zu beziehen; nur ein Banner Freiburger Volkswehr beſetzt den Ort Rauenthal. Im Ganzen waren von der Seite der Belager— ten etwa 4000 Mann im Gefecht; die Preußen mochten dagegen 6000 Mann ſtark geweſen ſeyn, jedoch mit wenig Geſchütz. In Raſtatt wurden etwa 60 Verwun dete eingebracht; Todte ſollen ziemlich zahlreich im Nie— derwalde gelegen haben. Außer der deutſch⸗polniſchen Legion hatte ſich von der Volkswehr das Banner von Renchen, nach Verſicherung der Augenzeugen, ſehr gut geſchlagen und den Feind mehrmals zum Weichen ge— bracht. Die Stadt wurde auf Befehl des„glänzenden Sieges“ wegen erleuchtet; doch gar viele Wohnungen blieben dunkel, deren Eigenthümer ſchon geflohen waren oder erſchöpft im Schlafe lagen, oder die Sache nur für den Erfolg einer ſtarken Recognoscirung anſahen. 1 —gS„ —— 300 Ueber den Angriff bei Muggenſturm gibt der von Elſenhans redigirte Feſtungsbote den bemerkens— werthen Zug, daß der Hauptmann Hinterhofer aus Naſſau, um verwundet nicht in die Hände des Fein— des zu fallen, ſich mit dem Schwert ſo durchbohrte, daß dieſes aus dem Rücken herausragte. Den 30. gerieth die durch einen pomphaften Auf— ruf noch mehr angeregte Siegesfreude in bedeutende Abnahme. Die vorgeſchobenen Poſten wurden auf die Murglinie zurückgezogen. Es verbreitete ſich die Nach— richt, die Preußen bedrohen vom Gebirg die obere Murg bei Gernsbach, Dampfboote bringen ihre Truppen nach Steinmauern, Blittersdorf, Iffezheim— im Rücken der Vertheidigungslinie; während dieſe von allen Punkten angegriffen wird, läßt Mieroslawski einen Arzneiwagen mit einem bedeutenden Theil der Kriegs— kaſſe bepacken und zieht mit dem Stabe nach Oos zurück. Seit dem 29. und 30. früh war faſt all' ſeine verfügbare Macht in einer Linie, ohne Reſer— ven, im Kampf geweſen. Jetzt zerſprengten die Preußen die Artilleriebedeckung bei Kuppenheim, und gewonnen war die dortige Stellung. Waren ſchon an den vorhergehenden Tagen bei dem Gefechte nur wenige der vielen Ordonnanzen des Generals im Feuer geſehen worden, ſo war jetzt die Verwirrung noch größer, Faſt jeder handelte 301 auf eigene Fauſt. Vielen war die Vereinigung mit dem abziehenden Heere unmöglich gemacht; ſo einem großen Theil der Feldartillerie. Abends zog auch Sigel ab, mit dem Verſprechen, wenn Entſatz mög— lich, dieſen in acht Tagen zu bringen. In der Feſtung blieb das gelbe(dritte) Regiment, einige Compagnien des erſten und zweiten, eine Abtheilung Dragoner, die polniſch-deutſche Legion, die rhein— bayeriſche Artillerie mit einem Theil des pfälziſchen Volksheers, einige Banner badiſche Volkswehren, zuſammen etwa 5000 Mann, die ſich aber ſchon in den nächſten Tagen durch Ausreißerei unter 4000. verminderten. Tiedemann, der Sohn des berühmten Anatomen, jüngſt erſt aus griechiſchen Dienſten ausgetreten, war zum Feſtungsgouverneur ernannt worden; ſein Vor gänger, Hauptmann Greiner, hatte den Tag nach der „Spionenſchlächterei“ ſeinen Poſten verlaſſen. Raſtatt war eingeſchloſſen. Der Verſuch einer Feldbatterie, ſich ohne Bedeckung durch Iffezheim durchzuſchlei— chen, mißlang; das Dorf war ſchon beſetzt. Eine Woche lang verfuhren die Belagerer ganz ſchonend gegen die Feſtung; die Zufuhr war abge ſchnitten, im Hauptquartier zu Kuppenheim, am Eiſenbahnwall bei Niederbühl, in den Rhein- und Rieddörfern ritten Patrouillen; bis nach Malſch —;;· .—— 302 brauste die Locomotive und brachte Belagerungsge— ſchütz, Mannſchaft und Lebensmittel. Auf den ähren— gelben Feldern konnte man von den Wällen aus den preußiſchen Spitzhelm neben der braunen Schnitterin erkennen; die Einquartierten halfen ihren Wirthen den Segen des Ackers in die Scheune bringen; dar über hin blauer Himmel, heller Sonnenſchein; es war ein gemüthliches Leben, ein Schäferſpiel vor dem blutigen Drama. Hinter den Wällen war die Kehrſeite des ſchönen Bildes. Nur die Abweſenheit der.. ki's und.. ski's, nicht das Walten der Ordnung über⸗ zeugte uns, daß die polniſche Wirthſchaft abgezo— gen. Der Eine gab Auslaßkarten für die zum Transport der Verwundeten requirirten Bauern der Umgegend, der Andere widerrief ſie. Hier wurde mit und ohne Anweiſung der Kriegscommiſſäre das Monturmagazin von Ettlingen geleert, dort zogen Kanoniere, Dragoner, Soldaten von der Linie den Volkswehren und Freiſchaaren, welche ihre zerriſſe— nen Kleider mit guten vertauſcht, und über die Blouſen den Soldgtenmantel geworfen hatten, die Kleidung vom Leibe. Hier verkauften Wehrmänner Ballen von Linnen, Bettzeug, aus den Kaſernen geſtohlen, oder packten Tücher auf die Bagagewagen; dort drangen auf Befehl ihres Oberſten die Soldaten 303 des dritten Regiments in die Wohnungen der Schnei— der und nahmen die zum Verarbeiten zugeſchnittenen Militärtücher— oft das Eigenthum der eigenen Kameraden— als ihrem Regimente gehörig, hinweg. Der Gouverneur, umgeben meiſt von ausländi— ſchem Stabe, machte Kraftäußerungen, welche, da ſie mit gröblichen Worten begleitet waren, die Offiziere verletzten, während er es gleichzeitig auch mit den Einwohnern verdarb, da er den zur Uebergabe rathen⸗ den Bürgermeiſter mit thätlichen Mißhandlungen be— drohte. Auf dieſe Art bewirkte er unter der Be⸗ ſatzung einen Zwieſpalt, welcher heute ſeine eigene Verhaftung, morgen einen blutigen Zuſammenſtoß zwiſchen den Volkswehren und Soldaten hervorzu— rufen drohte. In dieſer Lage der Dinge hatte am 2. Juli der General Graf von der Gröben die Beſatzung zur Uebergabe, mit 24 Stunden Bedenkzeit, aufgefordert, und hinzugefügt, daß Raſtatt vom zweiten Corps der Rheinarmee umſchloſſen ſey, und daß zwei an⸗ dere Armeecorps die in Flucht und Auflöſung be— griffenen Freiſchaaren verfolgten. Vier Tage ſpäter ſchwamm die Murg herab der Stadt entgegen eine verſiegelte Flaſche mit ähnlicher Aufforderung an die Bürger, und der Nachricht, daß Mieroslawski's Volkswehren ſich zerſtreut, die Reiterei, die Linie, 304 die reitende Artillerie von Freiburg aus ihre Unter— werfung angezeigt haben. Die Uebergabe wurde nach kurzer Berathung vom Gouverneur abgelehnt, und der Muth der Beſatzung durch Gerüchte belebt. Da waren nicht nur Oeſterreicher und Ruſſen von den Ungarn geſchlagen, ſondern dieſe in Schleſien einge⸗ rückt, zugleich ein Aufruhr am Rhein ausgebrochen, die Heſſen und Naſſauer in ihre Heimath zurückge⸗ kehrt, die Preußen bei Achern geſchlagen und ein württembergiſches Armeecorps durch das Murgthal gegen dieſelben im Anmarſch. So ſuchten die Ver— zweifelten, welche nach der Uebergabe bis zum ge meinen Kanonier herab ſtandrechtliche Behandlung fürchteten, die Unentſchiedenen, die Entmuthigten aufzuſtacheln. Deſſenungeachtet entwarfen in einer Verſammlung am 4. Juli die Offiziere des dritten Regiments, der Raſtatter Bürgerwehr, mit mehreren der Artillerie den Entwurf einer Capitulation; dieſe ſollte dadurch möglich gemacht werden, daß an Tie— demanns Stelle v. Biedenfeld zum Gouverneur er nannt würde. An der Unentſchloſſenheit dieſes ſonſt tapferen Soldaten ſcheiterte der Plan; in einer Nach— mittagsverſammlung der übrigen Offiziere, der Aus⸗ länder und Volkswehren(auch die frühere Verſamm— lung betheiligte ſich dabei) erklärte er nach langem Hadern, das Gouvernement nicht übernehmen, ſonſt 305 aber in ſeinem Kommando nach ſeinem Gutdünken verfahren zu wollen. Er betheiligte ſich auch, trotz der Bitten Tiedemanns, die nächſten Tage bei keinem Kriegsrathe, und zog ſich bald— ein zürnender Achilles— in das Fort A, welches ſeiner Obhut anvertraut war. In der Stadt war bis jetzt, obgleich Kalbfleiſch und Bier ſchnell zur Neige ging, das gleiche Leben und Treiben. Von den Wällen herab donnerten 24pfünder auf einzelne Patrouillen und Plänkler, es wurde blinder Lärm und Generalmarſch angeregt, wenn der Mondſchein irgend welchem angetrunkenen Kanonier eine Phantasmagorie vorgaukelte, und es blieben endlich die Bitten der Bürgerſchaft um Ein leitung einer Capitulation ohne Erfolg.„Man werde die Intereſſen der Stadt zu wahren wiſſen, müſſe aber das Sigel'ſche Corps acht Tage abwarten!“ Auf die gleiche Bitte, von einer Abordnung der Um gegend im Einverſtändniß und nach Wunſch des Ge nerals von Schack vorgetragen, antwortete ein Auf⸗ ruf des Gouverneurs vom 5. Juli:„Soldaten, laßt Raſtatt das deutſche Comorn werden.“ Tags darauf machten einige Artilleriſten und Scharfſchützen ohne Anzeige und Erlaubniß eine Razzia in die Felder von Rheinau— eine außerhalb der Wälle gelegene Vorſtadt. Sie wurden von den Preußen angegriffen, Hackländer, Soldatenleben im Krieg. II. 20 306 andere eilen aus der Feſtung zu Hülfe, und es ent ſteht ein Ausfall der Art, deſſen Ergebniß die Plünderung jener Bürger Rheinau's war, die mit Kla— gen ihrer Habe nachzogen. Es wurde von Seiten der Inſurgenten mit dem Blute von drei Todten und zehn Verwundeten erkauft, von denen einem Hauptmann ſofort die Hand abgenommen wurde. In Sieges— freude und durch erbeuteten Wein berauſchte ſich die Mannſchaft. Selbſtverwundungen und Hiebe kamen vor. Wie leicht es mit erſtern von den Betroffenen genommen wird, zeigte ein Soldat, dem beide Hände durchſchoſſen wurden. Er behielt die Pfeife im Munde und ſagte einem darob ſtaunenden Kameraden!: „Meinſt du denn, daß ich auch die Pfeife zerbrechen laſſen werde?“ Nachdem wir uns ſo im Innern der Feſtung einigermaßen umgeſehen, wollen wir auch einen Blick auf das preußiſche Lager werfen. XIV. Ein Lagerbild. Wenn man von Muggenſturm gegen das preußi— ſche Lager bei Kuppenheim kam, ſo fand man die erſten Vorpoſten deſſelben dieſſeits der Brücke über die Murg, wo von den Freiſchaaren eine Schanze zu zwei Ge⸗ ſchützen aufgeworfen wurde; auf dieſer Schanze, von Faſchinen und Erde erbaut, ſtand einer von den preußiſchen Doppelpoſten. Von weitem glänzte der Helm, und wenn man näher kam, wurde der Rei ſende von den Soldaten auf höfliche Art nach ſeinem Paß gefragt. Dieſes Paßweſen, ſeit jenen Ereig⸗ niſſen eingeführt, war nicht angenehm und würde auf den Verkehr ſehr hemmend eingewirkt haben, wenn dieſer Verkehr in damaliger Zeit an und für ſich nicht ganz unbedeutend geweſen wäre. Von Karls ruhe hatten wir vielleicht zwanzig Perſonen, von denen einige nach Baden und Freiburg gingen, die meiſten aber in's Lager nach Kuppenheim, wo, ſo ———— ——— 308 hieß es irrthümlicherweiſe, heute Abend ein neues Bombardement anfangen ſolle. Jede Patrouille, jeder Poſten, jeder Gendarme hatte das Recht, den Paß des Fremden zu unterſuchen. Doch reichte der An⸗ blick des preußiſchen Adlers auf dem Stempel voll⸗ kommen hin, den Fragenden zu beruhigen. In Kup— penheim ſelbſt zeigte ſich nun das bunte, lebendige Bild eines kleinen Heerlagers. Es war ſpät am Nachmittag, als ich das Dorf erreichte, die Soldaten ſtanden auf der Straße in Gruppen beiſammen, rauch ten ihre Pfeifen und erzählten ſich Geſchichten; die Cavallerie ritt ihre Pferde zur Tränke, und Ordon⸗ nanzen in vollſtändiger Bewaffnung, Huſaren, Kü⸗ raſſiere ſprengten durch die Straße. Das Haupt⸗ quartier des kommandirenden Generals, des Grafen v. d. Gröben, war im Wirthshaus zum goldenen Ochſen, einem kleinen Hauſe mit niedrigen Zimmern, vor demſelben die Staffage, wie vor jedem Haupt— quartier, Offiziere aller Waffen im Geſpräche, Adju— tanten hierhin und dorthin eilend, Feld-, Poſt- und Packwagen, und ein Haufen neugieriger Zuſchauer, die das Alles mit großer Befriedigung anſtaunen. Zum Beſuche des Lagers ſelbſt bedurfte es einer ſchriftlichen Erlaubniß; daſſelbe war anfangs nicht ſehr entfernt vom Eiſenbahndamm zwiſchen Kuppen heim und Niederbühl aufgeſchlagen, mußte aber weiter 309 zurückgezogen werden, weil aus der Feſtung mehrere mal Bomben bis dicht vor die Zelte flogen. In die⸗ ſem Lager campirten zwei Bataillone Infanterie und ſeitwärts eine Schwadron Huſaren, die Infanterie unter Leinwandzelten, die Huſaren hatten ſich Stroh⸗ baracken gebaut, und da die Hitze etwas nachgelaſſen hatte, ſo herrſchte im Lager ein regeres Leben; die Offiziere, die nicht im Dienſt waren, ſaßen vor den Marketenderbuden, die Soldaten lagerten unter den Bäumen an der Straße, und hie und da konnte man ein preußiſches Lied vernehmen. Die Umgebungen des Lagers waren maleriſch ſchön. Die Berge des Oos— und Murgthals in dunkler violetter Färbung mit dem Schloſſe Eberſtein, und weiter entfernt mit der alten Schloßruine von Baden, blicken von einer Seite in die Ebene, in der Raſtatt liegt; die Thürme dieſer Stadt ſelbſt, ſowie die langen geraden Linien der Wälle zeichnen ſich, nur theilweiſe durch das Abgebrannte Dorf Niederbühl verdeckt, in ſcharfen Umriſſen am Horizonte ab. Wie Mancher mochte dort auf den Werken ſtehen und ſehnſüchtig hinausblicken nach den Bergen, die mit ihren Schluchten und ſchattigen Wald— wegen das Entkommen ſo leicht machen würden. Die ſchönſte Partie in der Umgebung des Lagers iſt aber unſtreitig das Schlößchen Favorite, mitten in einem dichten Wäldchen gelegen, deſſen Alleen von allen 20 310 Seiten gerade auf daſſelbe führen und aus rieſen⸗ haften uralten Eichen beſtehen; hier war das Tivoli der preußiſchen Offiziere, und vor der großherzoglichen Hausmeiſterei, die zugleich Reſtauration war, ver— ſammelte ſich jeden Abend, wer vom Lager und aus Kuppenheim gerade nicht im Dienſt beſchäftigt war. Da faſt alle hier anweſenden Infanterieregimen⸗ ter aus Landwehr beſtanden, ſo bemerkte man faſt eben ſo viele Unteroffiziere und Soldaten, die ſich bei einem Schoppen Markgräfler wohl ſeyn ließen, wie Offiziere. Da der Offizier bei manchen Compag⸗ nien aus demſelben Ort iſt wie der Soldat, ſo ſieht man hier im fernen Baden den Hauptmann unter ſeinen Leuten ſitzen, wie das in Norddeutſchland Abends im Dorfe auch wohl der Fall war. Es ſind nämlich ſehr viele Gutsbeſitzer hier bei der Armee, die mit ihren Leuten zu gleicher Zeit ausgezogen ſind. Die Landwehr beſteht im Allgemeinen, da es ältere Alters⸗ klaſſen ſind, aus vollkommen kräftigen Männern, welche unter ihren Helmen recht gut ausſehen, da der große martialiſche Schnurr- und Kinnbart ſehr gut zu dieſer Kopfbedeckung paßt. Die Landwehr iſt bei einiger Sachkenntniß viel leichter zu behandeln als die Linie, deren Soldaten im jugendlichen Uebermuthe manches treiben, was dem Landwehrmann nicht einfällt. Nur will dieſer dagegen auch ſeinem vorgerückten Alter 311 gemäß behandelt ſeyn; er ſchlägt ſich vortrefflich, iſt ausdauernd im Gefecht, nimmt ſeine Waffen ſorg⸗ fältig in Acht, aber was man ſo mit dem techniſchen Ausdruck Kamaſchendienſt nennt, iſt ihm ſehr verhaßt. Auch ein paar Batterien ſtanden im Lager, rei— tende und Fußartillerie, und ich muß geſtehen, mir ging das Herz auf, als ich die alten bekannten blauen Laffetten wieder ſah:„alte Liebe roſtet nicht,“ und ich habe zu meiner Zeit mein Geſchütz geliebt wie nur Einer. Da ſtanden ſie zwiſchen den hohen wal— lenden Fruchtfeldern, und von weitem waren nur die glänzenden Rohre ſichtbar. Es iſt eine Luſt, ſo eine reitende Batterie, namentlich im durchſchnittenen Ter— rain; dahinfliegen zu ſehen; ringsum wirbelt der Staub empor, das dunkle Blau der Laffette iſt in den tiefgrünen Büſchen kaum ſichtbar und nur das blanke glänzende Rohr ſchlängelt ſich durch Gras und Strauchwerk lebhaft daher, wie der ſchillernde Rücken einer Rieſenſchlange. In den Zelten der Infanterie befanden ſich in jedem 14 Mann; von den Offizieren liegt der Haupt— mann mit dem Lieutenant ſeiner Compagnie zuſam— men, die Adjutanten ebenfalls, und nur die Batail— lonskommandanten haben ihr eigenes Zelt. Vor einem derſelben hatten die Soldaten einen kleinen Garten angelegt, einen Raſenplatz gebildet und Blumen 312 darum gepflanzt. In der Mitte ſtand ein Pfahl, auf welchem gefundene feindliche Kugeln vom Vier⸗ undzwanzigpfünder abwärts bis zur Piſtolenkugel auf⸗ geſtellt waren. Dreifarbige deutſche und badiſche Fah⸗ nen ſah man auch hie und da, und in dem andern Lager, auf dem Zelt des Generals v. Schack, befand ſich ſogar eine republikaniſche Fahne, welche man auf folgende Art erhielt: In den erſten Tagen der Belagerung von Ra— ſtatt hatte die zwölfte Compagnie unter dem Premier⸗ lieutenant v. Rango die Vorpoſten in den hinter dem Federbach aufgeworfenen Verſchanzungen. Kaum war am Morgen die Sonne aufgegangen, ſo meldeten die ſämmtlichen Doppelpoſten, daß in der Feſtung weiße Fahnen aufgeſteckt worden ſeyen. Der Lieute⸗ nant v. Rango glaubte ſich von der Richtigkeit die ſer Meldung ſelbſt überzeugen zu müſſen, er nahm deßhalb 2 Unteroffiziere und 12 Füſiliere, vertheilte ſie auf beiden Seiten der von Karlsruhe nach Raſtatt führenden Chauſſee und kroch nun im Chauſſeegraben ſo weit gegen die Feſtung vor, bis er ſich durch eigene Anſchauung vollſtändig überführt hatte, daß die von ſechs auf verſchiedenen Punkten aufgeſtellten Doppel poſten gleichzeitig und übereinſtimmend gemachte Wahr⸗ nehmung und die darauf baſirten Meldungen dennoch falſch waren und auf einer optiſchen Täuſchung 313 beruhten, welche durch das Fallen der Sonnenſtrahlen auf die Fenſter des Schloſſes und anderer hervor— ſtehenden Gebäude bewirkt wurde. Noch mehr in der Anſicht beſtätigt, wie höchſt vorſichtig man beim Erſtatten von Meldungen ſeyn müſſe, und zufrieden, dieſe unrichtige nicht weiter befördert zu haben, wollte die Patrouille eben den Rückzug antreten, als der dieſelbe begleitende Unteroffizier Friedrich Auguſt Pechmann aus Lauche, Kreis Querfurt, eine in kurzer Entfernung vom Feinde aufgeſteckte republika— niſche Fahne erblickte. Der ꝛc. Pechmann beſann ſich keinen Augenblick, ergriff dieſelbe und die Pa— trouille kehrte nun möglichſt eilig mit dieſer Trophäe in die Verſchanzung zurück, wo ſie mit Jubel em— pfangen wurde. Die Huſaren in ihren Strohbaracken waren— was die Hitze anbelangt— beſſer daran als die In— fanterie, denn die Sonnenſtrahlen können durch die Strohdecke nicht ſo eindringen, wie durch die dünne Leinwand. Die Pferde der Huſaren hatte man, wie immer im Lager, an die Fouragirſtricke gebunden, welche im Viereck an zwei Fuß hohe Pfähle befeſtigt waren, die Thiere waren aber in ſteter Bewegung und machten ihrer Stallwache viel zu ſchaffen: hier verſuchte eines, ſich auf dem Boden herumzuwälzen, dort prallte eines zurück, durch irgend eine Kleinigkeit ——— 314 erſchreckt, riß den Pfahl, an dem es ſtand, um und entſetzte ſich nun noch mehr vor dem Holz, das zwi— ſchen den Stricken ſchwebte. Das Lager war gegen Raſtatt hin mit einer doppelten Vorpoſtenkette verſehen; die erſte hatte ihr Lager dicht am Eiſenbahndamm, durch dieſen geſchützt, und kampirt in Bretterbuden und Zelten. Neben die— ſem Lager war ein Durchgang in dem Eiſenbahndamm, wo die Soldaten haufenweiſe ſtanden und gen Raſtatt ſchauten, von deſſen Wällen hie und da weißer Dampf aufſtieg und eine Kanonenkugel herüberſauste. Die zweite und äußerſte Vorpoſtenkette war in dem da— mals verlaſſenen Dorfe Niederbühl. Was den eben erwähnten Eiſenbahndamm ſelbſt anbelangt, ſo läßt ſich der neuerbauten Reichsfeſtung Raſtatt gegenüber manches darüber ſagen. Er nähert ſich der Feſtung — namentlich auf der Straße von Kuppenheim nach Niederbühl— bis vielleicht auf 12— 1500 Schritte, hat die richtige Höhe und Stärke, um jedem Feinde, der die Feſtung angreifen will, zur erſten Parallele zu dienen; man braucht nur hinter demſelben Bet— tungen zu legen und Mörſer aufzufahren und die Keſſelbatterie iſt fertig. Da der Eiſenbahndamm ferner und noch in ziemlicher Höhe an der Eiſenbahnſtation Naſtatts ſich den Werken bis auf wenige hundert Schritt nähert, ſo kann man längs demſelben bis 315 dahin faſt gedeckt vorgehen und mit wenig Faſchinen und Schanzkörben dort eine höchſt gefährliche Contre⸗ oder Demontirbatterie anlegen. Ich bin feſt überzeugt, man wird ſich genöthigt ſehen, den Damm der Eiſenbahn ſo zu verlegen, daß er gerade in die Feſtung hinein und ebenſo wieder hinaus läuft, damit man ihn auf dieſe Art von den Werken aus ſicher und wirkſam beſtreichen kann. Ich erhielt von dem Kommandanten der Vorpoſten die Erlaubniß, die äußerſten Vedetten in Begleitung eines Offiziers zu beſuchen, und auf dieſe Art das zerſtörte Dorf Niederbühl zu beſichtigen. Schon gleich hinter dem Eiſenbahndamm ſah man die Wälle Raſtatts deutlich vor ſich liegen, ſchaute in die Mündungen der Geſchütze und bemerkte, wie Leute — meiſtens ohne Röcke in Hemdärmeln— auf den Bruſtwehren hin und her liefen. An den großen Eichen, die vor Niederbühl ſtehen, ſah man hie und da an tiefen Löchern im Stamme, wo die Kugeln aus der Feſtung eingeſchlagen hatten. Hier war bei dem letzten Ausfall der Kampf am hitzigſten, und die preußiſchen Soldaten mußten bis an die Mitte des Leibes die Oos durchwaten, um die Freiſchaaren aus dem Eichenwald zurückzuſchlagen, was denn auch unter lautem Hurrah geſchah. Es war nicht ſo leicht, die Belagerten zurückzutreiben, und die preußi— ſchen Bataillone, die ins Feuer kamen, ſollen ſich 316 heldenmüthig geſchlagen haben, weil ſie dem Feinde gegenüber hier ſehr ſchwach waren. Es iſt aber auch natürlich, wenn man mit einem einzigen Armeecorps einen Umkreis von wenigſtens acht Stunden beſetzen ſoll, daß die ſo aufgeſtellte Kette nicht übermäßig ſtark ausgefüllt ſeyn kann. Niederbühl ſah ſchauer— lich aus: faſt ein Drittheil der Häuſer trug Spuren des Brandes, welcher theils durch die glühenden Kugeln aus der Feſtung, theits von den Inſurgenten die das Dorf einen Augenblick im Beſitz hatten— hervorgebracht wurde. Auch war ein großer Theil der Häuſer und Scheunen durch hineinſchlagende Bomben und Vollkugeln furchtbar zerſtört; ich habe vier Wände geſehen, die von einem einzigen 24 Pfün der durchbohrt waren; die Entfernung bis zu den Wällen beträgt aber auch nur wenige hundert Schritt, und es war ſchon während der Erbauung der Feſtung ernſtlich die Rede davon, das Dorf Niederbühl zu verlegen. Die Einwohner waren mit ihren Habſelig— keiten geflohen, und ſo lagen die reinlichen netten Häuſer in einer beängſtigenden Stille da. Der Schritt hallte in den Gaſſen, und wenn man zu den offenen Fenſtern hineinſah, erblickte man in den Zimmern die Spuren größter Verwüſtung, Möbel lagen zer ſchlagen umher, und der Schutt eingeſtürzter Wände bedeckte oft mehrere Schuh hoch den Fußboden; man ſah an dem hie und da ſorgfältig aufgeſetzten Holz, an Fäſſern und Eimern, die bei den Brunnen ſtehen blieben, und namentlich an den gar zierlich ange legten kleinen Gärten hinter den Häuſern, daß die Einwohner vor kurzer Zeit und ſehr ſchnell entfliehen mußten. Dieſe Gärten machten namentlich einen recht wehmüthigen Eindruck. Die Wohnung ihrer Ver pfleger war eingeſtürzt und die Blumen hatten ihr kurzes Sommerleben gerettet. Dieſe kleinen grünen Flecke gaben, hübſch gehegt und gepflanzt, wie ſie waren, dem ganzen Dorfe das Anſehen eines Fried hofes, wo auch zwiſchen verwitterten Steinen die Blumen ſorgſam angebunden ſind, und die Schling pflanzen hoch empor wachſen. Am ſchlimmſten war die Kirche mitgenommen: die Spitze des Thurmes herabgebrannt, und das Dach des Kirchenſchiffs ſo vollſtändig eingeſtürzt, daß nichts mehr ſtehen blieb, als die nackten vier Mauern, wo die heiße Sonne ſich gütlich that in dem geheiligten Raume. Auch eine unglückliche Bienencolonie war in der Nähe der Kirche von einer ſchweren Kugel zerſtört worden, die Körbe lagen halb verbrannt auf dem Boden, die Honigwaben überall zerſtreut, und das arme Völk chen, das dort gewohnt, ſummte in dichtem Schwarme um die zerſtörte Wohnung. Wir ſchlichen uns durch die Trümmerhaufen 4 1 1 318 nach dem jenſeitigen Ausgange des Dorfes, wo die äußerſten Vorpoſten hinter einer Barrikade von Bal— ken, alten Fäſſern und Gartenthüren, durch das letzte Haus gedeckt, nach der Feſtung hinauslugten, wo, ſa ſagt Corvin in ſeinen„Erinnerungs-Blättern aus Raſtatt,“„für die Pickelhauben einer der gefährlich ſten Punkte war, indem die in der Feſtung das ab gebrannte Dorf beſtändig im Auge behielten und augenblicklich auf alles Verdächtige ſchoßen.“ Auf dem Walle ſahen wir drei bis vier Männer und ein Frauenzimmer mit einem Sonnenſchirm, doch meinte einer unſerer Soldaten, es ſey ein verkleideter Mann, und man ſehe öfters dergleichen Geſtalten da oben herumſpringen. Obgleich wir ziemlich verdeckt heran gekommen waren, mußten ſie uns doch bemerkt haben, denn es dauerte nicht lange, ſo brachten ſie eine große Wallbüchſe herauf, und bald darauf pfiff eine Kugel bei dem Hauſe, hinter welchem wir ſtanden, vorbei. Ein preußiſcher Jäger, der mit der Büchſe auf der Schulter daher kam, und welcher behauptete, ſein Gewehr trage auf 800 Schritt, mochte das nicht leiden, lud die Büchſe ſorgfältig— er nahm, wie er ſagte, lieber ein paar Körner zu viel, als zu wenig— und legte ſich hinter die Barrikade. Lange zielte er hinaus, und nachdem er endlich abgedrückt, ſahen wir deutlich, wie einer auf dem Walle ſchnell 319 mit dem Arme in die Höhe fuhr. Obgleich nun die andern uns gerade nicht auf die anſtändigſte Art bemerklich machten, daß die Scheibe gefehlt ſey, ſo ſprangen ſie doch vom Walle herab und ließen ſich nicht mehr ſehen. Ueberläufer kamen faſt täglich ins preußiſche Lager, oft am hellen Tage. Die meiſten gingen un— ter dem Vorwand, Getreide zu ſchneiden, aus der Feſtung, entfernten ſich unbemerkt weiter und weiter, und ſprangen endlich im Zickzack davon, damit ſie die nachgeſandte Kugel nicht erreichen könne. Einmal bekam doch einer zwei Schuß, und wurde auf ſolche Art gezwungen, zurückzukehren. Schon einigemal iſt es vorgekommen, daß in der Morgendämmerung in Raſtatt hie und da eine weiße Fahne ſichtbar wurde, die aber bald wieder ver ſchwand. Wie manche in der Feſtung mochten ſehn ſüchtig auf den Augenblick harren, wo die Preußen einziehen würden! Die hartnäckige Vertheidigung dieſes Platzes war eines der allerwahnſinnigſten Un— ternehmen. In Malghera war das Verhältniß ein ganz anderes; da ſtand den Inſurgenten, nachdem ſie ihre Munition verſchoſſen, der ſchönſte Rückzug durch die Lagunen offen, den ſie auch wohlweislich benützten, aber welche Ausſicht auf Rettung blieb hier den Belagerten? Eines Abends bemerkte man 320 mehrere Feuer auf den Bergen bei Gernsbach— wahrſcheinlich Signale für Raſtatt— es wurde eine Compagnie Infanterie und eine halbe Schwadron Küraſſiere ausgeſandt, welche auch den nächſten Mor— gen ſieben bis acht verſprengte Freiſchärler einbrachten. Einige ſaßen auf einem Wagen, andere gingen zu Fuß, zu beiden Seiten ritten Küraſſiere, den Pallaſch am Arm, die geſpannte Piſtole in der Hand. Was die Verheerung an den Fruchtfeldern im Badiſchen anbelangt, ſo war die Sache nicht ſo arg, als man ſie gemacht hat, und wenn auch wohl ein Einzelner viel Schaden litt, ſo war der Verluſt im Ganzen noch nicht ſo bedeutend, daß er im Stande war, die Lebensmittel viel zu vertheuern. Sachkun dige verſicherten damals, der Ertrag der Fruchtfelder ſey ſo überaus reichlich, daß, wenn ſogar die Hälfte zerſtört worden, doch noch immer mehr eingebracht würde, als in früheren Jahren. Langs den Straßen ſah man wohl Stellen genug, wo das Getreide nie dergeſtampft und zertreten war, doch ſind dieſelben nicht groß, und nur da ziemlich bedeutend, wo Ge fechte ſtattgefunden haben, ſo auch in der Nähe von Oos. Ich fuhr dort Abends auf einem Wagen, der von Kuppenheim kam, und es geſellte ſich ein junger Mann zu mir, dem Aeußern nach das Ideal eines Freiſchaaren-Kommandeurs; eine kurze gedrungene 321 Geſtalt mit dichtem, ſtarkem, ins Röthliche ſpielendem Bart und durchdringende, lebhafte Augen; er wußte das Gefecht von Oos ganz auswendig, und zeigte mir mehrere Stellen dicht an der Chauſſee, wo ge fallene Freiſchärler begraben wären; man konnte eine ſolche Stelle deutlich erkennen; in der Länge und Breite eines Grabes war die Erde in einem kleinen Hügel zuſammengeſcharrt. Auf meine Frage, ob er auch mitgemacht, meinte er, wohl ein klein wenig, doch habe er mehr Markgräfler, als Blut vergoſſen. Bei der Erzählung des Gefechts legte er ſeinen Kno tenſtock häufig und ganz ſchußgerecht an den Backen, wenn er ſagte, da und dort habe es ſehr ſtark ge kracht. Es war ſchade, daß ſich hier im Lager kein Maler aufhielt, man ſah oft die ſchönſten Bilder, namentlich Abends, wenn die Gebirge herrlich blau und roth gefärbt waren, wenn die Thürme und Häu— ſer Raſtatts bei untergehender Sonne ſchwarz wie auf Goldgrund gemalt daſtanden, zuweilen von den Wällen weißer Dampf aufquoll, wenn die Soldaten in Gruppen vor ihren Zelten und an der Landſtraße lagen, und wenn zwiſchen Reiterabtheilungen, die hierher und dorthin zogen, ſchwerbeladene Getreide wagen mitten durch das kriegeriſche Lagergetümmel bei dem Läuten der Abendglocken, dem Schmettern Hackländer, Soldatenleben im Kvrieg. II. 14 21 — I —— ——— ö,5·— 322 der Trompeten und Rollen der Trommeln langſam dahin fuhren. Krieg und Frieden! Eines Abends ſah ich neben dem Walde der Favorite ein reizendes militäriſches Genrebild. Auf einem Feldwege dicht am Waldſaume, unter den tiefgrünen Eichen vorbei, ritt ein Zug Küraſſiere in ſcharfem Trabe dahin, die Abendſonne warf ihren letzten Strahl herüber und ließ den Staub, der von den Füßen der Pferde auf⸗ wirbelte, und ſich langſam an den Waldrand hin zog, wie glühend erſcheinen. Auf den Harniſchen und Stahlhelmen der Küraſſiere glänzte es wie rothe Flamme, als ſeyen es Reiter der hölliſchen Heer ſchaaren, die, in Feuer gehüllt, über die Erde ſtri— chen; bald waren ſie hinter dem Walde verſchwun— den, die Sonne ſank, der Glanz auf Wald und Feld verblich, das roſige Licht auf den Bergen ging durch Dunkelviolett in kaltes Grau über, die Pferde in den Beiwachen ſchüttelten ſich und ſchnaubten der kühleren Nachtluft entgegen. Die Wach- und Koch— feuer wurden glänzender und tiefroth, nach und nach ſchloßen ſich die Zelte und die Nacht behauptete ihr Recht. XV. Artillerieaufſtellung vor Naſtatt. Wenn man ſich mit einigermaßen ſachkundigem Blick in der Umgebung von Raſtatt umſah, ſo be— merkte man deutlich, daß hier von keiner vollſtändi⸗ gen Belagerung die Rede war. Da gab es keine Laufgräben, keine Parallele und die Geſchütze, welche aufgeſtellt wurden, brachte man hinter natürliche Deckungen, namentlich hinter den Eiſenbahndamm oder hinter ſolche, welche das Terrain von ſelbſt gab. Natüͤrlicherweiſe wurden Bettungen geſteckt und hie und da eine Schulterwehr zum Schutz der Artilleriſten angebracht, doch da die meiſten dieſer Stellungen nur je für eine Nacht benützt wurden oder um einen Ausfall kräftig abweiſen zu können und da man überzeugt war, Raſtatt werde ſich, wie es auch wirk⸗ lich geſchah, einmal enge eingeſchloſſen, baldigſt über— geben: ſo baute man keine vollſtändigen Batterien, — ¹ —— gl„ —— 32 1 ſondern ſandte den Inſurgenten bald von hier, bald von da glühende Kugeln und Granaten zu, um ſie zu beunruhigen und den beſſer Geſinnten vielleicht Veranlaſſung zu geben, die Thore zu öffnen. Da von dem Terrain um die Feſtung die Entfernung jedes einigermaßen bemerkbaren Punktes genau bekannt war, da die badiſche Artillerie geübte Kanoniere hatte, da Raſtatt mit neuen Geſchützen verſehen war und mit tadellos friſch angefertigter Munition, ſo war es kein Wunder, daß ſie erſtaunlich richtig ſchoßen, wodurch der preußiſchen Artillerie das Auffahren ihrer Geſchütze und das Verharren in ihren Stellungen ſehr erſchwert wurde. Doch haben ſich die braven preußiſchen Artilleriſten bei allen Veranlaſſungen außerordentlich ausgezeichnet und es kamen genug Beiſpiele von Kaltblütigkeit und Muth vor, welche werth ſind, daß ſie zur Kenntniß eines groͤßern Pu⸗ blikums gelangen. Ich ſage das mit Stolz, denn auch ich hatte einſt die Ehre, dieſem vortrefflichen Corps anzugehören und noch immer bewahre ich für Artillerie und Geſchütz eine herzliche Zuneigung. Ich liebte meine Waffe und erinnere mich noch ganz gut des tiefen Schmerzes, mit welchem ich damals mein Geſchütz abgab. Es war ein erobertes franzöſi ſches, die Juno. Leider hatte ich nicht das Glück, mit der metallenen Himmelskönigin durch die Feuer⸗ taufe verbunden geweſen zu ſeyn. Gewiß, es iſt etwas ſehr Luſtiges um ein beſpanntes Geſchütz, wenn es dahinrollt, nachdenklich den Blick zur Erde gekehrt, raſſelnd und Staub aufwirbelnd— und ſich jetzt plötzlich umwendend und dem Feind das offene Antlitz zeigt. Der brave Artilleriſt liebt denn auch ſein Geſchütz mehr wie ſein Leben und wird es unter keiner Bedingung feig im Stich laſſen. In dem Gefechte bei Kuppenheim marſchirte die zweite Haubitze der 6 pfündigen Fußbatterie Nr. 37 auf der Straße und kam in die Nähe eines Gehöf— tes, von woher ſie plötzlich mit einem heftigen Ge— wehr⸗ und Kartätſchenfeuer beſchoſſen wurde. Alle nebenſtehenden Truppentheile machten eine rückgängige Bewegung und nur die Haubitze, deren Geſchützführer zufällig zurückgeblieben war, wurde von dem Bom— bardier derſelben, Meder, der ſchnell das Kom— mando übernahm, kaltblütig vorwärts geführt. Obgleich das feindliche Feuer ein Pferd verwundete und da— durch der ganze Zug ziemlich in Unordnung gebracht wurde, ließ er behutſam abprotzen und trotz ſeiner gefährdeten Lage, da die Haubitze der Zielpunkt des feindlichen Feuers war, richtete er ſie ruhig und ent⸗ ſchloſſen und war ſo glücklich, ſchon die erſte Granate mitten in das Gehöfte zu werfen, wo die feindliche Artillerie verdeckt aufgeſtellt war. Ein Haus gerieth 326 in Brand, worauf der Feind eilig abzog. Dieß ſchnelle und mit ſo guter Wirkung eröffnete Feuer der Haubitze äußerte einen ſehr guten Einfluß auf die noch in der Nähe befindlichen Truppen, deren rückgängige Bewegung ſich nun zugleich in ein Vor— gehen auf Kuppenheim verwandelte. Bei Biſchofsweiher am 29. Juni kam bei der 6pfündigen Fußbatterie Nr. 11 der Fall vor, daß der Stangenreiter des zweiten Geſchützes des dritten Zuges, Kanonier Kant, von einer Büchſenkugel durch den Oberſchenkel geſchoſſen wurde. Man muß nun die ſchwierigen Funktionen eines Stangenreiters kennen, welcher die Stange oder Deichſel des Geſchützes mit der Hand und dem rechten Beine lenken muß; um zu ermeſſen, welch' großer Muth, ja welche Bravour dazu gehört, um trotz einer ſolchen Verwundung ſein Geſchütz nicht zu verlaſſen. Der Kanonier Kant blieb auf dem Pferde ſitzen und machte das ganze Gefecht mit, obgleich ihm das Bein bedeutend an ſchwoll, und er ſich vor Schmerzen kaum im Sattel erhalten konnte. Dazu kommt noch, daß während des Schießens die Protze mit den Pferden ſo aufge ſtellt wird, daß die Fahrer dem Feinde den Rücken zuwenden, alſo nicht einmal im Stande ſind, der Gefahr frei ins Auge zu ſchauen. Bei Waghäuſel gerieth das Füſtlierbataillon 327 des 28. Regiments plötzlich in das Feuer von zwei bis drei badiſchen Bataillonen und einer halben Bat— terie, und mußte ſeinen Rückzug antreten, der übri⸗ gens, wie bekannt, mit einer großen Ordnung aus— geführt wurde. Nachdem ſie die Chauſſee paſſirt hatten, faßten ſie in einem zur Seite gelegenen Fichtenwäldchen Poſto und ſtanden hier ziemlich ſicher, obgleich ſie mit Geſchoßen aller Art überſchüttet wur⸗ den. Einestheils gewährten ihnen die Bäume Schutz, anderntheils machte das hohe Getreide den Inſur⸗ genten das Zielen faſt unmöglich, ein Umſtand, der während des ganzen Feldzugs für beide Theile nach— theilig und vortheilhaft war, und dem es zu danken iſt, daß nicht viel mehr Leute blieben. Während dem kam ein Unteroffizier der Artillerie mit zwei zurückkehrenden Geſchützen auf dem rechten Flügel des Bataillons an, und kaum ſah er das Bedräng⸗ niß ſeiner Kameraden, ſo ließ er abprotzen und that ſechs bis acht Schuß auf die badiſchen Bataillone. Faſt jede Kugel ſah man bei der Trockenheit des Bodens und des Staubs, den ſie beim Aufſchlagen verurſachte, in die Reihen der Inſurgenten einſchla— gen, und jedesmal ertönte ein lautes Hurrah aus der preußiſchen Tirailleurlinie, welche an das Liſière lagerte. Das muß für den Artillerieunteroffizier ein freudiger Moment geweſen ſeyn. Er ſah die Wirkung -—— ÿÿÿÿ, 328 ſeiner Kugeln und bemerkte, wie die Bataillone ſtutzten und in Verwirrung geriethen. In demſelben Gefechte kamen die Geſchütze der 6pfündigen Fußbatterie Nr. 34 in ein heftiges Flin— tenfeuer, welches die feindliche Infanterie auf 250 Schritte gegen ſie eröffnete. Bald fuhr auch Artil— lerie gegen ſie auf, und das ſiebente Geſchütz verlor augenblicklich zwei Mann. Dem Kanonier Dirks maier wurden beide Beine abgeriſſen, dem Bombar dier Schmitz der linke Unterſchenkel zerſchmettert. Der Kanonier war augenblicklich todt, der brave Bombardier Schmitz aber ſchnallte, indem er ohne einen Laut von ſich zu geben, auf dem andern Beine hüpfte, die Schlagröhrtaſche ab, gab ſie an ſeinen Nachfolger und ſetzte ſich in einen Chauſſeegraben. Unterdeſſen wurde das feindliche Feuer ſo heftig, daß die Batterie zurückgehen mußte, und kaum hatte ſie ſich am Ende von Waghäuſel vor der Brücke aufge⸗ ſtellt, als dem Sergeanten Dieckmann einfiel, daß der unglückliche brave Bombardier Schmitz noch draußen im Chauſſeegraben ſäße.„Kameraden, wer holt unſern Schmitz zurück?“ rief er, und ſogleich traten der Führer des vierten Geſchützes, Unteroffi— zier Nidycker, Bombardier Stewes und Kanonier Brink vor, gingen wieder vor's Dorf ins dichteſte Gewehrfeuer hinaus, brachten den Verwundeten 329 glücklich zurückgetragen, und ſetzten ihn auf die Protze, auf welcher er von einem Manne gehalten wurde. Hiebei hatte Unteroffizier Nidycker ſeinen Säbel, der ihm beim Forttragen des Verwundeten hinderlich war, draußen hingelegt und eilte nun, obgleich die feind— liche Infanterie ſchon durch das Dorf vordrang, noch mals zurück, ihn zu holen, brachte ihn auch glücklich zurück, indem er ſagte:„die Kerls ſollen doch wahr haftig einen ehrlichen preußiſchen Soldatenſäbel nicht kriegen.“ Der eben erwähnte Sergeant Dieckmann, ein alter tüchtiger, gedienter Unteroffizier, hatte den Sohn ſeines Hauptmanns, den Lieutenant Ritter vom 17. Infanterieregiment, einen ganz jungen Of— fizier, bei ſich zur Bedeckung. Er kannte denſelben ſchon als Kind, und wenn ſich dieſer alte Soldat im Drange des Gefechts wohl freute über die Kühnheit ſeines Zöglings, denn er hatte ja in den Kinder⸗ jahren gewiß oft genug im Spaſſe mit ihm erercirt, wenn er ſo muthvoll vorging, ſo erwachte doch die alte Anhänglichkeit des wackern Sergeanten ſo zu demſelben, daß er ihm zurief:„Heinrich, kommen Sie, wir müſſen jetzt zurück!“ und dann wieder: „Herr Lieutenant, wir werden uns links halten müſſen.“ Bis zum Tage von dem letzten Gefechte bei Kuppenheim hatte dieſelbe preußiſche Batterie keinen g‚;· —-—. 330 Munitionserſatz gehabt, und ſich daher faſt ganz ver⸗ ſchoſſen, als am Morgen des 30. Juni der Lieute— nant Paulſſen, Adjutant des Kommandeurs der Artillerie, herangeſprengt kam und anzeigte, daß Munition hinreichend in dem etwa eine Stunde ent fernten Muggenſturm angekommen, zu erhalten ſey. Die Batterie hatte aber durch Kranke und Verluſte ſo viel Abgang gehabt, daß es nicht möglich war, in Ausſicht des bevorſtehenden Kampfes an der Murg, Leute von der zum Munitionsempfang und Verpackung derſelben mitzugeben. Auf dem Rückwege begegnete dem Adjutanten, der nicht wußte, wie er der Batterie ihre Munition ſollte zukommen laſſen, das ganze Muſikcorps des 17. Infanterieregiments, die mit ihren Inſtrumenten ruhig und friedlich des Wegs daher zogen. Dieſe ggriff er auf, nahm ſie mit ſich und ließ ſie einen Granatwagen und zwei Kartuſchwagen mit Granaten, Kugeln, Kartuſchen, Shrapnels, großen und kleinen Haubitzkartuſchen, Shrapnelzün⸗ dern, aller Art Schlagröhren, vollſtändig verpacken. Und Alles fand ſich auch in der That ganz gehörig und vorſchriftsmäßig verpackt, und bei der Beſichti— gung zeigte ſich ſpäter, daß nur ein unterer Einſatz⸗ kaſten mit Granaten leer geblieben war. Man könnte noch eine Menge ähnlicher Züge anführen, doch verbietet es der Raum dieſer Blätter, 331 welcher den Vorgängen um Raſtatt gewidmet iſt, wo die preußiſche Artillerie freilich nicht ſo das Glück hatte, ſich auszeichnen zu können, wie vordem im freien Felde oder wie ihre öſterreichiſchen Kameraden vor Venedig. Durch einen Armeebefehl vom 30. Juni wurde der Generalllieutenant von Scharnhorſt und der Ingenieuroberſt von Scheele, von welchen der Er ſtere als Kommandeur der Artillerie, der Letztere zur Leitung der Ingenieurarbeiten, ſich beim Oberkom mando der Operationsarmee am Rhein befand, beauf tragt, Raſtatt zu recognosciren und die Einleitungen zur Belagerung der Feſtung zu treffen. Beim Beginn der Einſchließung war folgende Artillerie hierzu beim zweiten Corps der Rheinarmee diſponibel: reitende Batterie Nr. 12, acht Geſchütze, zwei 7 pfündige Haubitzen, ſechs 6pfündige Kanonen; reitende Batterie Nr. 18, acht Geſchütze, zwei 7pfün dige Haubitzen, ſechs 6pfündige Kanonen; 12 fündige Batterie Nr. 12, ſechs 12 pfündige Kanonen; 6 pfün⸗ dige Fußbatterie Nr. 22, acht Geſchütze, zwei 7pfün dige Haubitzen, ſechs öpfündige Kanonen. Im Ganzen mithin 30 Geſchütze, darunter ſechs 7pfündige Hau bitzen. Die erſte Diviſion beſetzte die Strecke von der Eiſenbahn bis nach Steinmauern. 332 Die zugetheilte reitende Batterie Nr. 12 blieb im Bivouak 1000“ hinter dem Walddefilee an der Straße von Durmersheim, beſetzte aber die eroberte Schanze am Hirſchgrund, welche durch die Pioniere umgewendet worden war, mit einem Geſchütz zur Beſtreichung der Straße nach Raſtatt. Bei eintre— tender Dunkelheit wurde das Geſchütz ſtets zurückge— zogen. Ein Zug der Batterie wurde nach Stein— mauern detaſchirt, um den dortigen Murgübergang zu vertheidigen. Die dritte Diviſion der 12 pfündigen Batterie Nr. 12 und der erſten Hälfte der 6 pfündigen Fuß⸗ batterie Nr. 22 umſchloß Raſtatt auf der öſtlichen Seite. Die 12pfündige Batterie errichtete, nach ihr gewordener Anweiſung, 300“ vorwärts der Vogelau auf dem Eiſenbahndamm ein Enplacement für zwei Kanonen, um feindlichen Ausfällen kräftig entgegen treten zu können. Um dieſem Zwecke noch mehr zu genügen, wurde auf beiden Seiten der Eiſenbahn eine Rampe aufgeſchüttet, damit die Geſchütze bei Offenſivbewegungen der preußiſchen Truppen denſelben mit Leichtigkeit folgen konnten. Die zweite Diviſion endlich, mit der zweiten Hälfte der 6 pfündigen Fußbatterie Nr. 22, ſtand bei Iffezheim und am Iffezheimer Waldrande gegen Ra⸗ ſtatt, und ſchloß ſich rechts und links an die dritte 333 und erſte Diviſion an. Die Reſervecavallerie mit der reitenden Batterie Nr. 18 verblieb bei Muggen— ſturm. Das Hauptquartier der Corps war in Kuppen⸗ heim. Schon für die Nacht vom 4. zum 5. Juli hatte man eine Beſchießung der Feſtung Raſtatt unterneh⸗ men wollen, jedoch verhinderten mehrfache Umſtände die Ausführung derſelben; überdieß entſchied man ſich höhern Orts dafür, erſt mehrere, von badiſcher Seite verſprochene ſchwere Geſchütze abzuwarten. Am 4. Juli traf die neuformirte vierte Feſtungs— compagnie ſiebenter Artilleriebrigade bei dem Beren nungscorps ein, und erhielt in Muggenſturm Kan⸗ tonnementsquartiere. Am Abend deſſelbigen Tages übernahm dieſelbe einen Artillerietrain, badiſchen Materials, beſtehend aus: ſechs 12 Pfündern, fünf 6Pfündern, zwei 7 pfün⸗ digen Haubitzen, ſieben gefüllten Munitionswagen für dieſe Geſchütze. Am 5. Juli wurden derſelben Compagnie die erwarteten ſchweren badiſchen Geſchütze überwieſen und zwar beſtanden dieſelben in zwei langen 24 Pfün dern, zwei 12 pfündigen Mörſern und einem Spfün digen Mörſer mit 148 12 pfündigen und 162 Spfün digen Bomben. Die Hohlgeſchoſſe waren nicht geladen, —— ——— 334 jedoch 5 Centner Pulver, die zugehörigen Zündungen und geſchmolzenes Zeug hierzu geliefert worden. Die Kugeln für die 24pfündigen Kanonen wurden aus den Beſtänden der Reichsfeſtung Mainz theilweiſe entnommen und die verſchoſſenen ſpäter von der ba⸗ diſchen Regierung erſetzt. Mit der angeſtrengteſten Arbeit gelang es, dieſe Geſchütze befohlenermaßen bis zum 6. Juli ſchußfertig zu machen. Man war entſchloſſen, das Bombardement Raſtatts in der Nacht vom 6. zum 7. Juli vorzubereiten und das Feuer am 7ten früh 2 ½ Uhr zu eröffnen. Von den Batterien des zweiten Corps der Ope⸗ rationsarmee am Rhein, welches mit der Einſchlie— ßung der Feſtung Raſtatt beauftragt war, wurden die 12pfündige Batterie Nr. 12 und die Haubitzzüge der 6pfündigen Fußbatterie Nr. 22, reitenden Bat⸗ terie Nr. 12 und reitenden Batterie Nr. 18 zu einer Beſchießung der Stadttheile der Feſtung in der Nacht vom 6. zum 7. Juli verwendet. Der kombi⸗ nirten Haubitzbatterie wurden noch zwei großher— zoglich badiſche Haubitzen beigefügt.— Die Vor— bereitungen für die Beſchießung ſollten in der Nacht vom 6. zum 7. Juli ausgeführt werden, und war befohlen worden, das Feuer um 2 ½ Uhr früh zu eröffnen. I. Zwölfpfündige Batterie Nr. 12. Die 12 pfündige Batterie Nr. 12 marſchirte am 6. Juli Abends unter Bedeckung einer Compagnie Infanterie und eines Zuges Cavallerie aus dem Lager über Kuppenheim nach dem Wäldchen Eichlohe bei Rauenthal und errichtete daſelbſt einen Kugelglüh— ofen, um aus der gedeckten Stellung hinter dem Wege von Rauenthal nach Niederbühl unweit der Eiſenbahn, an welcher Stelle das Terrain eine 2 ½ Fuß tiefe Verſenkung bildet, Raſtatt auf circa 2100 Schritt mit glühenden Kugeln zu beſchießen. Das Feuer begann um 2 ½ Uhr Morgens, und war daſ⸗ ſelbe ſo glücklich dirigirt, daß ſchon nach dem 6ten Schuß die Wirkung deſſelben durch die in Raſtatt aufſteigenden Flammen ſichtbar wurde. Nach der Uebergabe der Feſtung zeigte es ſich, daß ſechs in der Kapellenſtraße belegene Häuſer theils ganz aus gebrannt, theils bedeutend beſchädigt waren. Nachdem die Batterie von 2 ½ bis 4½ Uhr in einem ununterbrochenen heftigen Feuer der ſchweren Feſtungsgeſchütze der Baſteien 26, 27, 28 und 30, ſo wie derſelben auf der Courtine Nr. 29—30 ge⸗ ſtanden hatte und unter dieſen erſchwerenden Umſtän— den fortwährend bedient war, ſo wurde dieſelbe erſt als bedeutendere Verluſte eintraten, zurückgezogen, indem 2 Pferde getödtet, ein Mann und ein Pferd — b b — ñͦ— g;„· ——— 336 verwundet wurden, von denen Erſterer ſpäter an ſeiner Wunde im Lazareth ſtarb. Bei dieſer Batterie an demſelben Tage zeichnete ſich der Kanonier Hebich beſonders und ſehr rühm— lich aus. Da die Geſchütze den Befehl hatten, mit glühenden Kugeln zu ſchießen, ſo wurde der Kugel— glühofen, wie es der Gebrauch iſt, ungefähr 800 Schritt rückwärts von den Geſchützen angelegt und da die glühenden Geſchoße von dort vermittelſt der Feld— ſchmiede herangeführt wurden, ſo erhielt der Kanonier- Hebich, da derſelbe gleichzeitig ein Schmied war, den Befehl, dieß Geſchäft auszuführen. Es iſt nun bekannt, wie viel der feindlichen Geſchoße die eigene Bruſtwehr überfliegen und das Terrain auf einige hundert Schritt hinter derſelben ſehr unſicher ma— chen. An dieſem Tage nun thaten die in der Feſtung das Uebermögliche und die 24pfündigen Ku⸗ geln und ſchweren Bomben hagelten ordentlich in die Batterie. Dieß hielt aber den Hebich durchaus nicht ab, ſeine Pflicht als ein braver Artilleriſt zu erfüllen und die glühenden Kugeln ſo ſchnell als möglich beizubringen. Hiezu kam noch, daß ſich die Batterie nur im Beſitze eines Kugelglührings befand, weßhalb der unerſchrockene Kanonier ohne weitere Hülfe und keine Gefahr achtend, ſämmtliche Glühku— geln vom Herde der Feldſchmiede nach den Mündungen ☛ 337 der Geſchütze trug, was in Allem, wo mehr Ringe vorhanden ſind, das Geſchäft von Nr. 8 der Ge⸗ ſchützbedienung bei der in Rede ſtehenden Batterie zu 6 Geſchützen, alſo dasjenige von 6 Mann iſt. II. Kombinirte ſiebenpfündige Haubitzenbatterie —‿ Dieſe aus den ſechs 7 pfündigen Haubitzen der Corps und zwei 7 pfündigen badiſchen Haubitzen zu— ſammengeſetzte Batterie war beſtimmt, Raſtatt von der Nordſeite mit Granaten zu bewerfen. Sie wurde in der Höhe der dieſſeitigen äußerſten Vorpoſten, ungefähr auf 2300 Schritte hinter einem Erddamm placirt. Auch hier begann das Feuer um 2 ½˖ Uhr Morgens. Obgleich bei der großen Entfernung der Erfolg des Feuers anſcheinend nicht günſtig war, ſo ergab ſich doch nach der Einnahme der Feſtung, daß die Granaten zum größten Theil ſehr günſtig ge— wirkt hatten. Der anfangs durch das Feuer ſehr überraſchte Feind erwiederte daſſelbe bald aus 12 und 18pfündigen Kanonen und 7pfündigen langen Hau bitzen. Die feindlichen Geſchoße hielten gut Linie, gingen aber theils über die Batterie hinweg oder ſchlugen vor derſelben ein und blieben in dem durch vorangegangenen anhaltenden Regen ſtark aufgeweich ten Erdboden ſtecken. Deßhalb krepirten auch einige Hackländer, Soldatenleben im Krieg. II. 15 22 338 in der Nähe der Batterie einſchlagende Granaten wirkungslos. Der Erddamm, hinter welchem die Batterie ſtand, fing mehrere feindliche Kugeln auf. Nach einem zweiſtündigen Feuer protzte die Batterie auf und ging in das Waldzefilée zurück. Der Feind beläſtigte dieſen Abzug durch keinen Schuß. Verluſte an Mannſchaften und Pferden hatte die Batterie nicht erlitten. Um den moraliſchen Eindruck, welchen die Be— ſchießung der Stadt in der Nacht vom 6. zum 7. Juli hervorgebracht, noch zu erhöhen, ward be ſchloſſen in der nächſtfolgenden Nacht vom 7. zum 8. Juli eine abermalige Beſchießung vorzunehmen und zwar wiederum von zwei verſchiedenen Seiten, nämlich zuerſt von derſelben Stelle am Eiſenbahn⸗ damme bei Rauenthal, wo in der Nacht zuvor die 12 pfündige Batterie Nr. 12 geſtanden, und dann von der nördlichen Liſiere des Iffezheimer Waldes an der Chauſſee nach Straßburg. Für die Geſchütz⸗ aufſtellungen bei Rauenthal wurden zwei lange bron— zene 24 Pfünder, zwei 12zöllige Mörſer und ein 8zölliger Mörſer, für die andern am Iffezheimer Walde ſechs 12 Pfünder beſtimmt. Sämmtliche verwendeten Geſchütze waren groß⸗ herzoglich badiſche. 339 Nach der Recognoscirung der Stellung begann am 7. Juli um 11 ½ Uhr Abends das Strecken der Bettungen, der Bau einer Schulterwehr für den Geſchützſtand der beiden langen 24 Pfünder und end⸗ lich die Aufſtellung der Geſchütze ſelbſt. Die Arbeit mußte anfänglich unter dem Feuer der Feſtung aus— geführt werden. Der Feind kannte die Lage und Ent⸗ fernung unſerer Geſchütze genau, weil bei dem Bom— bardement am 7. Juli die ſechs 12 Pfünder an dieſer Stelle geſtanden hatten. Um 2 Uhr waren die Armi— rungsarbeiten beendet. Die beiden 24 Pfünder ſtanden in einer Vertiefung hinter dem Damm, welcher von Rauenthal nach Niederbühl führt, 2100 Fuß von der Stadt entfernt. Die linke Flanke war durch eine Schanz korbſchulterwehr gegen das feindliche Feuer gedeckt. Die drei Mörſer erhielten ihre Aufſtellung un— gefähr 100 Schritt links ſeitwärts von den 24 Pfündern hinter dem Eiſenbahndamm, ſo daß der Damm als Bruſtwehr benützt wurde. 1 Das Feuer wurde um 2 ¾ Uhr durch die Mörſer eröffnet, etwas ſpäter nahmen auch die 24 Pfünder daſſelbe auf. Die Bedienung geſchah mit vieler Ruhe und Beſonnenheit. Gegen 4 Uhr Morgens hatten die 24 Pfünder die für ſie beſtimmte Munition verſchoſſen. Die 1 Siehe Seite 314 340 Mörſer ſetzten das Feuer fort bis 10 Uhr, nachdem von 6—7 Uhr eine einſtündige Pauſe eingetreten war, um der Bedienungsmannſchaft etwas Zeit zur Erholung zu geben. Die Wirkung dieſer Geſchütze war, wie wir ſpäter in der Feſtung erfuhren, ſehr groß; nur wurde das an mehreren Orten ausgebrochene Feuer durch die verbreiteten Löſchanſtalten ſofort gedämpft. Verluſte an Mannſchaften haben in dieſer Bat terie nicht ſtattgefunden. III. Die Geſchützaufſtellung beim Iffezheimer Walde 5 fe Sechs 12 Pfünder ſollten aus dieſer Poſition die Stadt mit glühenden Kugeln beſchießen. Das Feuer dieſer Batterie begann um 3 Uhr Morgens. Gleich nach dem erſten Schuß antwortete der Feind von 3 Seiten her mit Granaten und 18pfün digen Kugeln. Die feindlichen Granaten ſchlugen kurz vor, hinter und in die Batterie ein. Die Ueberlegenheit des feindlichen Feuers ver— anlaßte den Batteriekommandeur, nachdem er 34 Schüſſe betrug 1 Todten und 2 Verwundete. gethan, ſich abzuziehen; der Verluſt der Batterie Der von den Belagerten am 8. Juli verſuchte Ausfall gab die Veranlaſſung zum Bau mehrerer ſſe 341 Feldſchanzen, welche theils als Geſchützemplacements dienen, theils der Infanterie eine gedeckte Aufſtellung gegen derartige feindliche Unternehmungen gewähren ſollten. Dieſe Schanzen wurden mit badiſchen Ge ſchützen aus dem Muggenſturmer Park armirt. Gleichzeitig begannen nunmehr die Vorbereitun⸗ gen zu einem ernſtern Angriffe auf Raſtatt. Da es bis jetzt an ſchwerem Geſchütz gefehlt hatte, denn die drei ſchweren Mörſer und zwei langen 24 Pfünder waren einer ſo vorzüglich armirten Feſtung gegenüber wohl nicht in Anſchlag zu bringen, ſo konnten wohl keine größeren Erfolge erwartet werden, als man ſie bereits erreicht hatte. Um nun aber kräftiger auftreten zu können, wurde aus Koblenz ein Bela— gerungstrain von ſieben 23 pfündigen Haubitzen, ſieben 25 pfündigen eiſernen Mörſern und ſechs 10 pfündigen Haubitzen herbeigeſchafft. Der dritten Fußcompagnie, achten Artilleriebrigade, war die Verladung dieſer Geſchütze übertragen, und ſollte dieſelbe dann zur Unterſtützung der Belagerungsartillerie vor Raſtatt verwendet werden. Die Zeit bis zur Ankunft dieſer Geſchütze wurde nun eifrig benutzt für die Herſtellung des Batterie baumaterials. Die Arbeiter hiezu gab die vierte Feſtungscompaguie, ſiebente Artilleriebrigade, das Schanzzeug lieferten die umliegenden Ortſchaften, 342 das Batteriebaumaterialdepot wurde im Rauenthaler Wäldchen etablirt. Den 17. Juli traf endlich der Belagerungstrain in Begleitung der dritten Fußcompagnie, achten Ar— tilleriebrigade, der Laboratoriencolonne der achten und der Handwerkscolonne der ſiebenten Artillerie— brigade vor Raſtatt ein. Die in dem Muggenſturmer Geſchützparke noch vorhandenen badiſchen Geſchütze, Munitionswagen ꝛc. wurden dieſem Train beigegeben, und man etablirte den Belagerungspark hinter Rauenthal. Am 17. Juli wurde nunmehr ein Emplacement für die ſämmtlichen oben angeführten Belagerungs⸗ geſchütze begonnen und zwar hinter dem Eiſenbahn⸗ damme an der Biegung deſſelben, ſüdlich vom Eich blohnwäldchen. Es wurden daſelbſt 8 Traverſen, 5 Pulverkammern und 23 Bettungen hergeſtellt. Die Arbeit war am 19ten beendet. Die beiden langen 24 Pfünder ſollten weſtlich von Rauenthal, dem Bahn— hofe gegenüber, an der Liſiere eines dort befindlichen Wäldchens in der dort errichteten Feldverſchanzung placirt werden. Unterdeſſen war aber der Plan für die erſtere Geſchützaufſtellung höheren Orts geändert worden, ſo daß 7 Bettungen an der angegebenen Stelle unnöthig wurden. Es ſollten nämlich die ſieben 25 pfündigen Mörſer eine andere Aufſtellung 343 erhalten und zwar am ſüdöſtlichen Rande von Nie— derbühl. Das Geſchützemplacement konnte von der Feſtung nicht eingeſehen werden. Am 20ſten wurde demzufolge in dem Niederbühler Walde das Bau material für zwei Pulverkammern angefertigt. In der Nacht vom 20. zum 21. Juli wurden die 7 Bettungen für die 25 pfündigen Mörſer geſtreckt und die beiden Pulverkammern erbaut. Die nächſtfolgende Nacht wurde zu Heranſchaffung von Rundhölzern zu Blendungen nach der großen Batterie am Eiſen bahndamme benützt, welche am andern Tage, den 22ſten Vormittags vollendet wurden, ſo daß zu dieſer Zeit die große Batterie vollſtändig beendet war und man nur auf den Befehl zum Armiren derſelben wartete. XVI. Ausfälle. Der erſte Ausfall, den die Belagerten gemacht, galt dem Dorfe Rheinau und fand am 6. Juli ſtatt. Obgleich es in Raſtatt keineswegs an Lebensmitteln aller Art moch an Getränken fehlte, ſo hatten doch die reichen Weinvorräthe des genannten Dorfs die Luſt der badiſchen Kanoniere gereizt und ein Trupp von ihnen beſchloß, ohne ihre Vorgeſetzten weiter zu fragen, auf eigene Fauſt eine Razzia dorthin zu un ternehmen. Zugleich wollten ſie auch durch einen ſolchen Ausfall ihre Langeweile tödten und die preußi ſchen Truppen ein wenig necken. So zog ein Trupp Artilleriſten und Volkswehr hinaus, hatten aber kaum das Dorf erreicht, als ſie von den Preußen gut empfangen wurden. Sie machten Halt und ſchickten ſchleunig nach der Feſtung und verlangten einige Stücke Geſchütz zur Unterſtützung. In jenen Tagen war aber in Raſtatt wieder 345 ein Zerwürfniß auch unter den höhern Offizieren eingetreten. Tiedemann, der Gouverneur der Feſtung und Biedenfeld, der Oberſt des dritten Regiments, ſtanden ſich ſchroff gegenüber und konnten ſich über die in einer belagerten Feſtung ſo ſehr wichtige Frage, wer befehlen und wer gehorchen ſollte, nicht einigen. Tiedemann ſollte, durch die meiſten Offiziere gedrängt, den Oberbefehl an Biedenfeld abgeben, war auch im Begriff dieß zu thun, als ihm der auf Rheinau unternommene Ausfall Gelegenheit zu geben ſchien, ſeine verloren gegangene Popularität bei den Soldaten wieder zu gewinnen und beſchloß deßhalb dieſen eigenmächtigen Ausfall, freilich auf Koſten der Mannszucht zu unterſtützen. Biedenfeld, von dem der Gouverneur verlangte, er ſolle den Ausfall mit ſeinem Regimente ebenfalls unterſtützen, weigerte ſich indeſſen, wollte nicht einmal ein Ba— taillon hiezu geben und antwortete ſeinem ſelbſtge wählten Vorgeſetzten:„Ich führe mein Regiment nach Fort A.“ Corvin, welcher Chef des General— ſtabs war und aus deſſen„Erinnerungsblättern aus Raſtatt“ dieſe Details entnommen ſind, ſchickte Mu— nition hinaus, beorderte einige Geſchütze und ein Bataillon vom erſten Regiment und die zwei Com pagnien vom zweiten. An eine Diſpoſition hatte Tiedemann gar nicht gedacht. Er rückte mit den Geſchützen bis an das Ende des Dorfes vor und begann das Gefecht mit den Preußen, welche bei der über einen Rheinarm führenden Brücke bei Plitters⸗ dorf eine mit Geſchütz beſetzte Schanze aufgeworfen hatten. Der Zweck dieſes Ausfalls, die Vorräthe des Dorfes Rheinau aufzuladen und in die Feſtung zu ſchaffen, wurde nun von den Inſurgenten in der ihnen eigenthümlichen, wenn auch nicht ehrenvollen Weiſe ausgeführt. Dieſe Plünderung geſchah mit großem Eifer und vielem Humor, beſonders von Seiten der Dragoner⸗ und Offiziersburſche, die froh waren, Ueberfluß an Heu zu finden, das in der Feſtung anfing ſehr rar zu werden. Eine Menge Wagen wurden mit dem, was man fand, beladen. Beſonders reich war die Beute an Wein. Während hier ein Wagen mit Verwundeten fuhr, die natürlich keine freudigen Geſichter machen konnten, jagte dort ein anderer mit einer ſehr luſtigen, phantaſtiſch aufge— putzten Ladung. Das Centrum bildete ein großes Weinfaß, auf dem ein dicker Trompeter als Bacchus ritt; rechts und links daneben ſtanden andere gleich uniformirte Götter in halbſeligem Zuſtande und ſchwangen jubelnd die großen hölzernen Kannen. Der übrige Raum des Wagens war mit der bunteſten 347 Geſellſchaft gefüllt. Einige Soldaten mit Bauern hüten oder Weiberhauben auf dem Kopf blieſen aus Hausgeräthen aller Art, während Einer ein ſchon ziemlich großes Schwein unter dem Arm trug und an dem Schwanz wie an einer Drehorgel drehte, wobei das Thier entſetzlich ſchrie. Ein anderer hatte eine Katze gerettet, die indeſſen gar nicht dankbar ſchien, ſondern ſich jämmerlich ſträubte und Töne der Angſt erſchallen ließ, Andere hatten lebende Gänſe oder Hühner erobert, die in den Lärm mit ein— ſtimmten. Wäͤhrend Kartätſchen und Paßkugeln in die Häuſer ſchlugen, wurden dieſe ſehr ſorgfältig aus— geräumt, wobei es auch nicht an komiſchen Scenen fehlte. Beſonders thätig beim Einpacken und haupt— ſächlich lüſtern nach Federvieh waren die Dragoner. Sie jagten mit Säbel und Piſtolen den unglücklichen Enten, Gänſen und Hühnern nach. Die nicht be— ſchäftigten Artilleriſten einer zwölfpfündigen Batterie, deren Chef nicht ausrücken wollte, weil ihm der Bo— den zum Befahren ſeiner Kanonen zu locker erſchien(!) hatten dagegen in den Kellern Poſto gefaßt und ſof— fen tapfer darauf los, als ihre Kameraden am Aus— gang des Dorfes ſich ſchlugen. Die meiſten Ein— wohner hatten längſt ihre Wohnungen verlaſſen und ſich größtentheils nach Raſtatt geflüchtet. Einige b —;· —— 348 ‿ kamen herbei, um ihren Hausrath zu retten, wobei ihnen die Soldaten behülflich waren. Was aber eß⸗ bar für Menſchen oder Thiere war, ſollte an das Proviantamt abgeliefert und den Eigenthümern be— zahlt werden. Manche unbezahlte Gans mag ſich indeſſen in einen Dragonermagen verflogen haben. Das Vieh war größtentheils ſchon am Tage vorher weggeführt worden, indeſſen fiel eine nicht unbeträcht— liche Anzahl Ochſen und Kühe den Inſurgenten den— noch in die Hände. Hierauf erfolgte nun in der Nacht vom 6. auf den 7. Juli die im vorigen Kapitel erwähnte erſte Beſchießung, über welche ein Augenzeuge Raſtatts ſagt:„Die Stadt wurde von der preußiſchen Batte— rie mit einem wahren Hagel von Granaten und glü henden Vollkugeln überſät. Gleich die erſten Schüſſe zertrümmerten Dächer, Fenſter und Mauerwerk; ſtatt der Gebetglocke erſchallten um 4 Uhr die Sturm— glocken; durch jämmerliches Geſchrei in ein Haus in der Herrenſtraße gerufen, fand ich ein Ehepaar in ſeinem Blute; in der Küche hatte eine platzende Granate der Frau Hand und Bruſt, dem Mann die Weichtheile des Fußes zerſchmettert; ein Pompier wurde am Kopf ſchwer verwundet, drei Häuſer ſtun⸗ den in Flammen. Eine glühende Kugel verſengte den Fußteppich des Laboratoriums der Feſtung, ohne 349 das Pulver zu erreichen. Die Hartnäckigkeit der Soldaten wuchs mit der Angſt der Bewohner; ein Wort von Uebergabe zu reden, war lebensgefährlich. Gleich nach Mitternacht begann das Schießen auf den Wällen und gegen die Stadt, von 3 Uhr ab mit geringer Unterbrechung bis 9 Uhr wurden vom Eiſenbahndamm und Niederbühl glühende Vierund— zwanzigpfünder und fünfzigpfündige Bomben in die Stadt geworfen. Die meiſten erreichten ihr Ziel, das Schloßgebäude, die Häuſer bei der Kaſerne, auf dem Markt- und Rathhausplatz. Viele zerſchmetterten auf dem Pflaſter, an mehreren Orten zündeten die Geſchoſſe; die aufopfernde Thätigkeit der Feuerwehr, welche, in alle Straßen vertheilt, ſich Signale gab, hinderte, daß ein großer Theil der Stadt in Flam— men aufging. Und doch waren die Bomben oft leer, meiſt nur mit Ausſtoßladung gefüllt. Ein Mann wurde getödtet, mehrere ſchwer verwundet.“ Nach dieſer Beſchießung waren die Raſtatter Bürger natürlicherweiſe ſehr erſchrocken und viele Familien machten von der Erlaubniß, die Kaſematten beziehen zu dürfen, Gebrauch. Beſonders lebhaft war es im Fort C, wo dieſe Kaſematten einen eigen— thümlichen Anblick gewährten. Man denke ſich eine mehrere hundert Schritte lange Reihe zuſammenhän gender, kleiner, gewölbter Zimmer, deren Quader— 4 ——— —— 350 mauern über ſechs Fuß dick waren und die ihr Licht nur durch die Schießſcharten und die darüber zum Abzug des Pulverdampfs angebrachten Luftlöcher er— hielten, welche indeſſen, wenigſtens in jenen Kaſe— matten, durch Fenſter geſchloſſen werden konnten. Jede dieſer kleinen, bombenfeſten, nicht gedielten Zellen ohne Thüren und mit zwei Eingängen war bewohnt, meiſtens von Weibern und Kindern, die ihren koſtbarſten Hausrath mit ihren Perſonen in dieſe ſichern Aſyle geflüchtet hatten. Bei Tage hielten ſich dieſe Zellenbewohner meiſt in der Stadt auf, gegen Abend flüchteten ſie in die Kaſematten, denn die Granaten und glühenden Ku— geln, welche ſie einmal ſo unſanft geweckt, hatten ihnen gehörigen Schreck eingejagt. Die bei der Beſchießung am 7. und 8. Juli Morgens an der Eiſenbahn aufgeſtellten Geſchütze waren den Inſurgenten ſo läſtig geworden, daß ſie noch deſſelben Tags einen Verſuch machten, die Ge— ſchütze mittelſt eines Ausfalles zu nehmen oder doch unbrauchbar zu machen. Dieſe Geſchütze waren näm⸗ lich in ihren Emplacements unter dem Schutze von einem Zuge Füſtliere zurückgelaſſen worden und ſollten erſt mit eintretender Dunkelheit abgefahren werden. Der Feind debouchirte um 5 Uhr Nachmittags mit Infanterie und fünf Feldgeſchützen aus der Feſtung 351 und rückte über den Bahnhof hinaus. Dieſe Bewe gung war aus dem Lager bei Niederbühl bemerkt worden, und es rückte ſofort das Füſilierbataillon des zwanzigſten Infanterieregiments und zwei Mus⸗ ketiercompagnien deſſelben Regiments von dort aus über die Murg, um den Feind in die Flanke zu nehmen. Das Gefecht engagirte ſich vor dem Rauen— thaler Wäldchen. Die preußiſchen Truppen warfen den Feind, den ſeine Feſtungsgeſchütze mit lebhaftem Feuer unterſtützten, bis in den Bahnhof zurück. Das Gefecht wurde hier gegen Abend abgebrochen und die preußiſchen Truppen zogen ſich, ohne verfolgt zu werden, nach dem Geſchützemplacement zurück. Mit dem Dunkelwerden brach jedoch der Feind unter dem heftigſten Feuer ſeiner Feſtungsgeſchütze(beſonders aus Fort A und Lünette 33) gegen Niederbühl vor und ſteckte das Dorf mit Granaten in Brand. Eine preußiſche Infanteriecompagnie, welche das Dorf be— ſetzt hielt, mußte daſſelbe verlaſſen. Erſt mit Hülfe zweier Geſchütze der ſechspfündigen Fußbatterie Nr. 22, welche auf dem Emplacement am Eiſenbahndamme, Niederbühl gegenüber, Stellung genommen, gelang es, den Feind aus letzterem Dorfe zu vertreiben. „Auf den paniſchen Schrecken der Beſchießung am 7. und 8. Juli, ſowie des zurückgeſchlagenen Aus⸗ falls,“ ſagt ein„Tagebuch aus Raſtatt,“„folgte nun — ——· —— 352 in der Stadt ruhigere Ueberlegung. Die zertrümmer— ten Dächer wurden von den Bürgern nothdürftig aus⸗ gebeſſert, mittlerweile die„Vertheidiger“ ganz vergnüg⸗ lich auf den Wällen und Baſtionen ſaßen, zur Probe Kugeln des groben Geſchützes ins Blaue warfen und jeder Idee ſoldatiſchen Gehorſams Hohn ſprachen. Da erſchießt ein Gefreiter ſeinen Wachtmeiſter auf dem Walle, ſtatt ihm zu gehorchen, die Gerechtigkeit findet es nach drei Tagen für gut, auf ihn zu fahn— den, da der Thäter unſichtbar geworden. Hier ſchlägt ein Feldwebel einem Kanonier beim Trunk den Arm entzwei, Dragoner und Kanoniere richten in ſinn— und planloſem Jagen die Pferde zu Grunde, um ſie nicht im Dienſt gebrauchen zu müſſen, und der Offi— zier, der es wagt, ſolche Auftritte ſchüchtern zu tadeln, wird mindeſtens verhöhnt. Den 9. und 10. Juli machten Soldaten und Wehrmänner auf eigene Fauſt eine neue Razzia nach Rheinau; noch war mehr Wein, Quell des Muthes, dort zu holen! Ein Oberoffizier, vom Gouverneur abgeordnet, die Leute nach Hauſe zu treiben, wurde mit Säbeln und Bajonetten bedroht; ein Dragoner ſchießt beide Piſtolen auf ihn und ſeine Ordonnanzen ab. Es wurde bei Todesſtrafe verboten, die Thore zu paſſiren; man ſtieg über die Palliſaden; erſt als den Befehl die Schildwachen erhielten, von den 353 Wällen herab die Unbotmäßigen zu erſchießen, erſt als vom Wallgeſchütz getroffen ein Kanonier fiel, erſt als die Preußen mehrere getödtet und gegen zwanzig vollſtändig Betrunkene gefangen und die Murgbrücke abgebrannt hatten, unterblieb der Unfug. Jetzt aber wurde auch, was von Rheinau noch übrig iſt, durch Wallgeſchütz und Mordbrenner in Flammen geſetzt. »Ah ce pauvre village!« ruft ein franzöſiſcher Artille riſt beim Anblick des brennenden Dorfes, welcher von ſeiner Batterie deſertirt war, dieſen„Freiheits krieg“ mitzumachen. Daß bei ſolcher Verwirrung an eine Ermittlung der Verluſte an Mannſchaft nicht gedacht wurde, iſt klar. Täglich fanden Beerdigun— gen ſtatt, ohne daß der Pfarrer auch nur den Namen des Todten kannte. Den 12. Juli, als unter dem donnernden Schutz der Wallkanonen Ernte auf den zunächſt liegenden Aeckern gehalten wurde, fand man vier Leichen im Getreide; beim letzten Ausfall waren, dem Anſcheine nach, dieſe Leute ſchwer verwundet niedergeſunken und in grauenvollem Todeskampfe verſchmachtet. Der beſſere Theil der Beſatzung, durch ſolche Scenen angeekelt und entmuthigt, ſehnte ſich nach dem Ausgange; die übrigen wurden durch neue Gerüchte und Artikel des„Feſtungsboten“ aufgeſtachelt, der in gereimten und ungereimten Stylübungen Sigels Hülfe in Ausſicht ſtellte. Wie es aber damit ausſehe, Hackländer, Soldatenleben im Krieg. I1. 23 — 354 ſtellte ſich am 10. Juli heraus, als die angeblich von ihm abgeſchickte Ordonnanz wegen widerſprechender Reden verhaftet wurde. Der Mann geſtand im erſten Verhöre, er ſey zum Rheinthore hinaus, zum Karls ruher Thore wieder hereingegangen. Von wem abge ſchickt? wurde natürlich nicht gefragt. Zwiſchen der Partei des Gouverneurs und dem Obriſten Bieden feld wurde der Bruch täglich unheilbarer.„Unbot⸗ mäßigkeit, Verrath, Niederträchtigkeit, Verleumdung,“ war das Kaliber, womit man ſich gegenſeitig durch die Preſſe bediente. Auch die Bürger, anfangs zu Allem willfährig gegen das drohend geſchwungene Schwert, hernach in ſtumpfer Reſignation der Zer trümmerung ihrer Habe zuſchauend, liehen dem Grimm jetzt Worte; man hatte das naive Anſinnen an ſie geſtellt, ein Zwangsanlehen von 13,000 fl. wöchent⸗ lich zu ſtellen, um ihre lieben Gäſte noch länger be halten zu dürfen. Zwar machte der Fund von etwa 10,000 fl.(von wem?) verſteckter Gelder möglich, auch nach abſchlägiger Antwort noch einige Tage das Dringendſte zu beſtreiten; zwar blieb dem„Schrift— führer des Kriegsminiſteriums,“ Elſenhans, neben ſeiner Amtsführung und der Redaktion des„Feſtungs boten“ noch Muße genug, unter den Bürgern einen „Clubb für entſchiedenen Fortſchritt“ zu bilden, den— noch brach ſelbſt in höhern Kreiſen der Wunſch nach 355 Wiederanknüpfung der Unterhandlungen ſich durch; das obſtinate Stillſchweigen preußiſcherſeits war nach⸗ gerade unangenehm. Es ging ein Adjutant mit dem Anſuchen um Blutegel für die Kranken ins Lager von Kuppenheim. Daß nebenbei auch Anderes geſprochen wurde, ging aus der ſchmollenden Aeußerung hervor:„General Gröben habe nur von unbedingter Ergebung hören wollen, alles Uebrige ſey dem Großherzog als Landes regenten freigeſtellt.“ Die Blutegel kamen als Ge ſchenk an; als Gegengabe wurde am 13. Juli ein gefangener Huſarenwachtmeiſter entlaſſen. Das klingt ganz nach der Iliade oder den Maurenkriegen in Spanien. Möchte nur auch im Uebrigen die Huma— nität zum Durchbruch gekommen ſeyn, oder wenn zur Entwicklung des Dramas wirklich Eiſen und Feuer nothwendig war, daſſelbe nur gegen die Wälle und Baſteien angewendet worden ſeyn, damit es unſere in den Bierhäuſern ſo todesmuthige Beſatzung die Feuerprobe hätte beſtehen laſſen können. Wahrſchein— lich würde ſo die Löſung des Knotens ſchneller er folgt ſeyn, als da bei Wein und Fleiſch die Präto rianer die glühenden Kugeln über ſich wegfliegen ſahen und das ſchöne Schauſpiel eines nächtlichen Brandes noch gratis hatten. Das Bier ging indeſſen zur Neige, und der vom Oberland eingeſchickte Wein war 356 in der Kehlen Abgrund verſchwunden; ſchon leerte man die Keller geflüchteter Privatleute. Noch immer aber ſpielte die Muſik des dritten Regiments Walzer und Polkas zur Parade, immer noch tanzte leichtfertiges Frauenvolk mit dem Ungar und Polaken zu den Tö— nen der Clarinette.“—— Vielleicht derſelbe Vir⸗ tuoſe, den ich damals auf der Eiſenbahn vernommen, als er ſpielte: „Freiheit, die ich meine, Die mein Herz begehrt.“ XVII. In der Favorite. Obgleich wir in Baden-Baden vom Kriegsſchau— platze gar nicht weit entfernt waren, obgleich wir bei nächtlicher Stille das Krachen des Geſchützes deutlich hören konnten, ſo lebten wir doch, abgeſehen von dieſem Lärm, in tiefem Frieden. Es war überhaupt bis jetzt draußen bei Kuppenheim mehr wie ein großes Manöver geweſen, als wie eine ernſte Belagerung. Wer von den Offizieren aus dem Lager Urlaub er halten konnte oder nicht gerade im Dienſt beſchäftigt war, fand ſich Abends in der Stadt ein, um ſich mit Hülfe einer guten Speiſe- und Weinkarte, ſowie bequemer Stühle von den Strapazen des Lagerlebens zu erholen. Von hier nach Kuppenheim und Muggenſturm ging eine Menge Omnibus- und Lohnkutſcher aller Art, theils um die unterbrochene Eiſenbahnverbindung 23 ——— ——— 358 auf dieſe Art herzuſtellen, theils aber auch, um Neu— gierige nach dem Kriegsſchauplatz zu liefern. Hie und da ſahen wir in den Straßen kleine kriegeriſche Bilder: einen Infanteriedurchzug, oder wenn Cavalleriepatrouillen einritten, die, den Säbel an der Fauſt hängend, die Piſtole in der Hand, Ge— fangene transportirten, die in irgend einem Verſteck aufgefunden und ins Lager gebracht wurden. In der Nacht machte ſich oft eine Partie der Gäſte unſeres Hotels zu dem alten Badener Schloſſe hinauf, um von dort einen Ausfall anzuſehen, von dem faſt jeden Abend Dieſer oder Jener ſichere Nachricht brachte, daß einer ſtattfinden würde. Doch da man nur ſelten einen Schuß aufblitzen ſah, ſo blieben dieſe nächtlichen Partien unbelohnt, nament— lich für mich, der ich vor Malghera ſo prachtvolle Nachtſchießen erlebt. Man erzählte mir, daß der erſte nächtliche Ausfall der Belagerten von der alten Ruine ſich außerordentlich gut ausgenommen habe, nament— lich das Auffliegen eines Munitionswagens im freien Felde, durch eine Granate in Brand geſteckt, ſoll ein ſchöner, großartiger Anblick geweſen ſeyn. Belohnender dagegen waren Erkurſtionen, die ich in der Frühe auf die herrlichen Berge, auf hervorra gende Punkte machte, um nach der Feſtung hinüber zu ſchauen. Vor allen andern von der Eberſteinburg, 359 jener alten maleriſchen Ruine, die von ihren hohen Felſen weit hinaus in das Rheinthal blickt, ſieht man Raſtatt aus der Vogelperſpektive wie einen coloſſalen aufgerollten Plan vor ſich liegen. Eines Morgens, als ich hinaufging, hatte es bei Anbruch des Tages geregnet, von den herrlichen Buchen und Eichen, durch die dieſer maleriſch ſchöne Weg hinaufführt, fielen noch hie und da ſchwere Tropfen herab, leuchtend und ſtrahlend im Sonnen glanz. Die Luft war abgeklärt und rein, am Him mel zogen einzelne weiße Wolken und warfen auf die weite Ebene, die ſich fern vor dem Blick ausbreitet, jene langen, fliehenden Schatten, die eine Fernſicht ſo lebendig machen. Und wie iſt dieſe Fernſicht von hier aus ſo reich und ſchön! und hierzu kann man ſich keinen beſſern Vordergrund wählen, als eines der halb verfallenen Bogenfenſter der Burg Eberſtein. Rechts und links ziehen ſich in langen Schluchten die tiefgrünen Waldungen des Bergrückens bis ins Thal hinab, und dort unten wechſelt das ſaftige Grün friſchen Graſes mit goldgelben Getreidefeldern, mit grauem Brachland, mit dunkler gefärbtem Buſch werk kleiner Wäldchen reizend und ſchön ab. Hinter Raſtatt ſcheint der Boden thonfarbig und würde der Anblick für das Auge ermüdend ſeyn, wenn ſich dort nicht zwiſchen langen Pappelalleen der Silberfaden des — ͦ-— ——· ———— 360 herrlichen Rheinſtromes hinſchlängelte. Weiter hin aus verſchwimmt Feld und Wald, Buſch und Heide in einem glänzenden, vielfarbigen Duft, aus dem ſich die Vogeſen tiefblau mit ihren ſanften, ſchönen Formen am Horizont abzeichnen. Mit einem ſehr guten Frauenhofer'ſchen Tubus, dem Herrn von Lotzbeck gehörig, der ihn freundlich und bereitwillig den Fremden zur Benutzung überließ, hatte man Raſtatt, obgleich es ziemlich entfernt iſt, in überraſchender Nähe vor ſich. Die Entfernung von hier nach dorthin läßt ſich ermeſſen durch den Knall eines Kanonenſchuſſes, der, vom Auffahren des Blitzes an gerechnet, eine halbe Minute braucht, um an das Ohr des Zuſchauers zu gelangen. In Raſtatt nun konnte man jedes einzelne Haus erkennen, den Lauf mancher Straße verfolgen und deutlich ſehen, was die Leute thaten. Dort ſtanden Fäſſer auf der Straße, vielleicht um ſie mit Wein aufzufüllen, hier gingen zwei ſpazieren, da zog ein Trupp Soldaten vorbei; aber im Allgemeinen ſchien die Stadt und Feſtung öd' und leer. Auf den Wäl— len ſah man wenige Mann bei dem Geſchütz, nur auf der Südſeite ſtanden mehrere bei einem großen Mörſer, aus welchem ſie auch ein paar Schüſſe thaten. Rechts vom Fort Ludwig wurde an einer Schanze gearbeitet, aber es waren nur wenig Leute dort 361 beſchäftigt. Durch eine der Hauptſtraßen, die man der ganzen Länge nach ſah, wurde ein Pferd geführt, und an den Fenſtern der Kaſerne ſtanden ein paar Soldaten und ſchienen nach Niederbühl oder Kuppen⸗ heim hinauszuſchauen. Von dem preußiſchen Lager ſah man rechts neben dem Walde der Favorite die weißen Zelte und Strohbaracken; das Hauptquartier Kuppenheim lag dicht an die Bergwand geſchmiegt. Der Geſchäftsführer des Zähringer Hofs, wo ich wohnte, ein ſehr freundlicher, bereitwilliger Mann, hatte häufig während der Nacht auf dem alten Schloſſe bei Baden einen Poſten aufgeſtellt, der ihm und den Gäſten des Hotels ſchleunigſt zu melden hatte, wenn etwas Bemerkenswerthes draußen vorfiel. Auf dieſe Art wurden wir denn am 18. Juli in der Frühe in Kenntniß geſetzt, daß bei Raſtatt etwas Bemerkenswerthes vor ſich gehen müſſe, denn man ſehe nicht weit von der Feſtung eine Feuers— brunſt, ohne aber Kanonendonner zu vernehmen. Das hatte denn auch ſeine Richtigkeit, aber es war weder ein Ausfall, noch eine Beſchießung, ſondern in dem Dorfe Iffezheim ſtiegen Flammen auf, welche jedoch bald wieder gelöſcht wurden. Ueber dieſen Brand im Stallgebäude des Divi ſionsſtabes, der ſich zu Iffezheim befand, und von dem man glaubte, daß er angelegt ſey, erfuhr ich 362 ſpäter aus einem Bericht des Jägerhauptmanns v. Oppel einige intereſſante Einzelnheiten, namentlich aber dabei einen Beweis von der unerhörten Drei⸗ ſtigkeit eines badiſchen Artilleriſten. „Während der Belagerung von Raſtatt lag meine Compagnie(ſo heißt es in dem Bericht) mit mehreren anderen Truppen im Dorfe Iffezheim, unweit des Rheines, und mußte täglich etwa ein Drittel der Compagnie zu den Vorpoſten ſtellen. Gegen die Mitte der Belagerung wurde mir von einem Bauern, oder wie ſie hier heißen, Bürger dos Dorfs angezeigt, daß ſich ſchon mehrmals ein Artilleriſt Namens Hatz, der aus Iffezheim gebürtig und ein nichtsnutziges Subjekt ſey, aus der Feſtung durch die Vorpoſten geſchlichen, des Nachts bei ſeiner Braut in Iffezheim geweſen und früh wieder in die Feſtung geſchlüpft ſey. Nun war allerdings zwiſchen Iffezheim und der Feſtung ein ſehr coupirtes, ſumpfiges und mit ſtarkem Unterholze beſetztes Terrain, ſo daß ein einzelner Menſch ſich in den dunklen Nächten ſehr wohl durch die Vorpoſten durch ſchleichen konnte. Ich beſchloß daher, in aller Stille dem Hatz, der nach der Ausſage des Bauern in blauer Blouſe und breitkrämpigtem Hute, wie hier alle Land leute gehen, hin und zurück ſich ſchleichen ſollte, auf zupaſſen und ihn wo möglich abzufaſſen, und legte zu dem Ende alle Nächte nach 10 Uhr, ohne daß 363 irgend Jemand Kenntniß davon hatte, zwanzig Jäger ins Verſteck außerhalb des Dorfes nach Raſtatt zu, ſowie auch in der Nähe des fraglichen Hauſes, in welchem letzteren, beiläufig geſagt, zwei Musketiere im Quartier lagen. Dieß währte ohne Erfolg fünf Nächte lang, und ärgerlich hierüber beſchloß ich, von jetzt an alle Nächte perſönlich mich mit dem ganzen Reſt draußen hinzulegen und aufzupaſſen. Ich hielt dieſen Tag abſichtlich erſt Abends halb neun Uhr Appell ab und beſtellte die Compagnie, etwa ſiebenzig Mann, nach zehn Uhr einzeln außerhalb des Dorfes, allen Stillſchweigen und Vorſicht empfehlend, was übrigens kaum nöthig war, da Alle auf's Höchſte erpicht waren, den Hatz einzufangen. Es war eine wundervolle Julinacht, herrliches warmes Wetter und die ganze Nacht hindurch aus den verſchiedenen Bi vouaks um Raſtatt fortwährend der Geſang der Linien und Landwehrbataillone zu hören. Ich ſelbſt hatte mich mit fünf Jägern in die Wieſen dicht hinter dem ſumpfigen Erlengebüſch ſo gelegt, daß ich rückwärts das auf einer Höhe liegende Haus genau ſehen konnte, in welchem Hatz die Nächte zugebracht haben ſollte, und bemerkte plötzlich gegen zwölf Uhr, daß zum oberſten Fenſter dieſes Hauſes eine Laterne ſchnell dreimal hintereinander herausgehalten wurde.„Ha, ha,“ dachte ich,„das iſt das Zeichen, daß Alles ſicher 364 iſt, Hatz, jetzt haben wir dich!“ und athemlos horch— ten wir auf jede Bewegung ringsum. Wer aber nicht kam, das war Hatz; es ſchlug ein Uhr; es ſchlug zwei Uhr, ich hörte kein Anrufen, keinen Schuß, da in der ſtillen Nacht auch das Zuſpringen der Jä— ger gehört worden wäre, die im Dunkeln rings um das fragliche Haus im Dorfe ſelbſt verſteckt lagen. Auf einmal, ſo nach zwei Uhr, ſtieg plötzlich eine Röthe über Iffezheim auf, der nach zehn Minuten eine helllodernde Flamme folgte, und als ich ſofort draußen das Signal:„Raſch zurück!“ blaſen ließ, ertönte auch ſchon im Dorfe die Allarmtrommel, und wie wir nun athemlos im Dorfe ankamen, ſtand das Stallgebäude in hellen Flammen, in welchem die Pferde des Diviſionsſtabes eingeſtellt waren, deren auch richtig ſechs verbrannten und außerdem noch mehrere Häuſer niederbrannten. Herrn Hatz aber kriegten wir nicht und haben auch nie erfahren, ob er der Anſtifter des Feuers war, da drei bis vier Tage nachher die Feſtung übergeben wurde, und mir meine ſehr beſchränkte Zeit nicht erlaubte, mich nach dieſem Vagabunden umzuſehen.“— Durch Ueberläufer aus der Feſtung erhielten wir in den Tagen einige Blätter des„Feſtungsboten,“ welcher in Raſtatt erſchien und woraus ich der Merk 365 würdigkeit halber Einiges anführen will. Eingangs einer Nummer deſſelben hieß es:„Anzeige und Ein— ladung. Im Einverſtändniß mit dem Kriegsminiſtern Stellvertreter Sander ſowohl als dem Feſtungs— gouverneur Oberſt Tiedemann übernehme ich von heute an die Leitung dieſer Zeitung, welche jeden Tag erſcheint. Die Grundſätze, welchen ich dabei folge, ſind erſichtlich aus den nachfolgenden leitenden Artikeln und ich fordere nun, in der Ueberzeugung, daß ich darin die Anſichten der Garniſon und Bür⸗ gerſchaft Raſtatts ausſpreche, jeden zur genügenden Mitwirkung, insbeſondere auch zur Verbreitung des Feſtungsboten auf. Ernſt Elſenhans, Schriftführer im Kriegsminiſterium.“ Dann folgte ein Tarif über die Lebensmittel, wie ſie von der Proviantverwaltung der Feſtung ver⸗ theilt werden ſollen. a) Fleiſch: Nindfleiſch rohes, gekochtes oder Schweinefleiſch ½ Pfund per Mann täglich; b) Brod: ¼ Laib per Mann; Gemüſe: ein Mäßchen für 10 Mann täglich oder ein Pfund Mehl. Getränke: 2 Schoppen Suppe oder 1 Schoppen Wein, 1 ½ Schoppen Bier, ¼ Schoppen Branntwein per Mann. Tiedemann und der Feſtungsproviant meiſter Reiter waren unterzeichnet. Dieſem leiten den Artikel würden die betrogenen und verführten Menſchen ihre genügende Mitwirkung nicht verſagt —-,·;· b b —— —— 366 haben, wenn er nicht ebenſo wahrhaftig ſgeweſen wäre, wie der nachfolgende, der vom letzten Ausfall handelte; denn da hieß es:„der Ausfall, deſſen Er gebniß ein ſo höchſt günſtiges war, von dem aber auch kein anderes Reſultat erwartet werden konnte, wenn man bedenkt, daß die unſere Feſtung umſchlie— ßende Armee höchſtens aus ein paar tauſend Mann beſteht, und daß ferner die prahleriſche Proclamation der Preußen, in der von drei großen Truppencorps geſprochen wird, bloßer Wind, Berliner Wind ſind.“ Vom Bürger„Gröben“ war auch einigemal die Rede! Dieſe Ueberläufer entwarfen nebenbei ein trau riges Bild von den Zuſtänden der Feſtung. Die Artilleriſten, Tag und Nacht bei ihren Geſchützen auf den Wällen, wo ſie Orgien aller Art feierten, übten einen furchtbaren Terrorismus und drohten beim geringſten Verſuch zur Unterwerfung die Stücke gegen die Stadt zu kehren. Eines ihrer Hauptver gnügen beſtand darin, die Bahnwärterhäuſer vom Eiſenbahndamme herunterzuſchießen. Am 13. Juli beſprach eine Verſammlung von 48 Offizieren im Fort A die Möglichkeit der Ueber gabe. Der Beſchluß war: man ſolle davon nicht reden, bis man aus der übrigen Lage des Landes erkenne, daß Entſatz unmöglich ſey. Die Nachrichten, 367 oder vielmehr die Lügen des obenerwähnten„Feſtungs boten“ trugen natürlich viel dazu bei, die Hoffnung der Inſurgenten aufrecht zu erhalten. So hieß es z. B. eines Tages:„Nach ſichern Nachrichten wären die Preußen in der Schweiz eingefallen, um das Fürſtenthum Neuenburg wieder zu erobern, dort aber von den wackern Söhnen der Freiheit aufs Haupt geſchlagen worden.“ Obgleich General v. d. Gröben ſein Möglich ſtes that, um die Belagerten über ihre Lage aufzu— klären, ſo ging man doch anfänglich auf keinen ſeiner Vorſchläge ein. Das einfache Mittel, einige Num⸗ mern der Karlsruher Zeitung kommen zu laſſen, ver warf Tie demann, anfänglich ebenſo einen weitern Antrag, einen Offizier und Bürger in das Oberland zu entſenden, um ſich von der Lage der Dinge zu überzeugen. Die Bürgerſchaft verlangte durch eine Abordnung, ſich im Falle bei einer ſolchen Abſendung zu betheiligen, wurde aber zurückgewieſen. Den 14ten und 16ten wurden ſämmtliche Volks wehren in drei durchlaufende Bataillone zu 480 Mann mit Aufhebung der bisherigen Benennungen,„deutſch polniſche ꝛc. Legion“ eingetheilt. Dadurch wurde nun eine Maſſe ſogenannter Stabsoffiziere ohne Soldaten überflüſſig und dem„Generalſtab“ zugetheilt. Aber auch dieſe Bataillone verminderten ſich täglich. Den 368 Bürgern wurde erlaubt, unter dem Schutze der Wall— kanonen Frucht zu ſchneiden. Hierzu erboten ſich viele Volkswehrmänner, andere gingen als Bedeckung mit, aber manche kamen nicht wieder; theils gingen ſie in das preußiſche Lager über, theils wurden ſie von den Patrouillen angegriffen und niedergemacht. Das eingebrachte Getreide lag übrigens nutzlos in der Feſtung, da durch die Abgrabung der Oos und des Gewerbekanals die Mühlen ſtille ſtanden. Auch manche Brunnen waren dadurch verſiegt. Im Allgemeinen trat trotz des allmählig fühl— baren Mangels an Lebensmitteln noch keine Theu— rung ein. Die Privaten beeilten ſich, ihre Kühe, Schweine u. ſ. w.— bevor ein Gouvernementsbefehl gegen Anweiſungen auf die griechiſchen Kalenden ſie beanſprucht— herzugeben. Schon mußte, wer drei Kühe beſaß, eine abliefern. Am fühlbarſten war der Mangel an Pferdefutter und Geld. Gegen den mecklenburgiſchen Hauptmann v. Klein wurden am 13ten zwei Raſtatter Bürger ausgewech— ſelt; dem einen von dieſen, der draußen ſchon vierzehn Tage in Freiheit war und der die Sachlage kannte, wurde ſo ſtrenges Stillſchweigen auferlegt, daß die Be lagerten von der Außenwelt nichts Wahres erfuhren. Die preußiſchen Batterien um die Feſtung herum waren, wie wir bereits wiſſen, theils vollſtändig 369 fertig, theils konnten ſie jeden Augenblick armirt werden. Die Vorpoſten kamen der Feſtung immer näher und ſchon wurden auf den Wällen mehrere Schildwachen durch Spitzkugeln verwundet. Unterdeſſen war das kleine Schlößchen Favorite, das bis jetzt in dem friſchen Grün uralter Bäume ſtill und einſam dalag, der Mittelpunkt eines regen, kriegeriſchen Lebens geworden. Offiziere und Ordon— nanzen ritten in den langen Alleen ab und zu, große Feldwagen fuhren an, die verſchloſſenen Fenſter des Schloſſes ſelbſt öffneten ſich, in den Nebengebäuden ſah man Bediente und Stallleute in der K. preußi— ſchen Livrée, eine Compagnie Landwehr bezog die Wache und am 17. Juli traf der Prinz von Preußen, von Freiburg kommend, auf der Favorite ein und nahm dort ſeinen Aufenthalt, um bei wichtigen Er— eigniſſen, die vorausſichtlich in den nächſten Tagen ſtattfinden würden, gegenwärtig zu ſeyn. Da es für mich von großer Wichtigkeit war, bei einer Beſchießung oder Uebergabe die nöthige Erlaubniß zur Anwohnung eines ſolchen Schauſpiels zu erhalten, und ich im Hauptquartier des General v. d. Gröben, der mich freundlich aufgenommen, keine näheren Bekannten hatte, ſo beſchloß ich, mich nach der Favorite zu wenden, um dort vielleicht den Hauptmann v. Bergh, von der Adjutantur Seiner Hackländer, Soldatenleben im Krieg. II. 16 24 370 Königl. Hoheit, zu finden, den ich vor einigen Jah ren in Petersburg kennen lernte, und der ſich für mich beſtändig freundlich und zuvorkommend erwieſen. Da aber dieſer vortreffliche Offizier und Freund an dem Tage zufällig abweſend war, ſo ſuchte ich den preußiſchen Legationsrath Herrn v. Savigny auf, bei deſſen bekanntem liebenswürdigem Charakter ich überzeugt zu ſeyn glaubte, daß er gern etwas für mich thun würde, um meine Zwecke zu fördern. Ich hatte mich auch hierin nicht getäuſcht, wurde nicht nur von dem Herrn v. Savigny auf's Freundlichſte aufgenommen und berathen, ſondern derſelbe benach richtigte auch Se. Königl. Hoheit den Prinzen von Preußen von meiner Anweſenheit, worauf ich auch ſchon am folgenden Tage die Ehre hatte, dem Prin— zen vorgeſtellt zu werden. Man kann ſich leicht denken, wie ehrenvoll und wohlthuend es für mich war, von dem hohen Heer— führer freundlich angeredet und empfangen zu werden, von einem Manne, zu den ich ſchon vor längeren Jahren, als ich noch als Soldat die preußiſche Uni— form trug, gleich wie alle meine Kameraden, mit Liebe und angeborener Verehrung aufgeblickt. Der Prinz von Preußen, eine ſchöne hochge— wachſene Geſtalt hat einen freundlichen, heitern, außerordentlich gewinnenden Geſichtsausdruck, lebhafte 371 Augen und ſpricht mit tiefer klangvoller Stimme. Der Prinz trägt einen großen, blonden Schnurrbart, die Spitze etwas aufwärts gedreht und einen eben ſolchen Kinn⸗ und Backenbart, wie er in der preußiſchen Armee jetzt eingeführt iſt. Gekleidet war er in die ein fache Generaluniform, an derſelben den Orden pour le mérite und im Knopfloch das in den Befreiungskriegen wohlerworbene eiſerne Kreuz. Er befragte mich in der ihm eigenthümlichen, liebenswürdigen und freund— lichen Weiſe über den letzten italieniſchen Feldzug und die öſterreichiſche Armee und die Perſönlichkeit des Feldmarſchalls Radetzky und ſprach ſowohl über den Heerführer, wie über die Truppen mit großer Aner kennung. Darauf ſtellte er mich ſeinem Neffen, dem Prinzen Friedrich Karl, Major beim Gardehuſa— renregiment vor, welcher von ſeiner Verwundung in dem Reitergefechte bei Philippsburg, das er mit außer⸗ ordentlicher perſönlicher Bravour engagirte, den Arm in der Schlinge trug. Der Prinz von Preußen ſagte, indem er mich vorſtellte, lachend: ich ſey eigentlich ein nicht ganz würdiges Mitglied der preußiſchen Armee geweſen, denn ich habe mir erlaubt, in meinen „Bildern aus dem Soldatenleben im Frieden“ man— ches aus dem innern Dienſte komiſcher zu behandeln und darzuſtellen, als es wirklich ſey, und manche Schwäche deſſelben ſchärfer als nothwendig hervor⸗ — ge;q· —— 372 gehoben, im Allgemeinen aber etwas ſtark aus der Schule geſchwätzt, worauf ich Sr. Königl. Hoheit entgegnete: ich fühle mich allerdings ſchuldig, ſey aber gewiß, jetzt, wo es den Ernſt des Militärlebens gelte, mit voller Wahrhaftigkeit über die braven preußiſchen Truppen auch mit dem allerböſeſten Willen ſo ſchreiben zu müſſen, daß mich kein Tadel treffen könne. Leider hatte ich nicht das Glück, den Gefechten der preußiſchen Truppen gegen die Aufſtändiſchen beiwohnen zu können und mußte mich alſo damit begnügen, mir ſelbſt erzählen zu laſſen, von der Tapferkeit, Ausdauer und guten Mannszucht der preußiſchen Armee. Was ich hier von dieſen treff⸗— lichen Eigenſchaften der braven Soldaten ſah, waren nur kleine Züge, von denen ich im nächſten Kapitel Einiges mittheilen werde. Der Prinz von Preußen iſt ein vollkommener Soldat, umſichtig, unerſchrocken, von feſtem Charakter, für ſeine Untergebenen in jeder Hinſicht ſorgend und beſitzt durch dieſe Vorzüge die Anhänglichkeit und Zuneigung der ganzen Armee. Wenn man auch ein räumen muß, daß in der preußiſchen Armee ebenſo wie in allen andern Verſuche gemacht wurden, die Soldaten in Pflicht und Treue wankend zu machen, ſo hat der Name des Prinzen von Preußen, als 373 ihr Führer, gewiß dazu beigetragen, daß der Eid der Soldaten unbefleckt blieb und daß jeder getreu der Fahne folgte. Die preußiſche Disciplin ſpricht ſich ebenſowohl im Gefechte und im Dienſt aus, wie in den Freiſtunden und man konnte die Artigkeit und Zuvorkommenheit der Soldaten hier im Lager wahr— haft muſterhaft nennen. Vor allen betrugen ſich die Landwehren, lauter ältere, geſetzte Leute, außerordent⸗ lich gut, ſo wie ſich auch dieſe eine Zeitlang in ra— dikalen Blättern mit großer Freude für zweifelhaft verſchrieenen Truppen vortrefflich geſchlagen haben. So war es namentlich bei Upſtadt und Durlach, wo rheiniſche Landwehr und das Bataillon von Iſerlohn am heftigſten und beharrlichſten im Feuer ſtanden und wo, ein Zeichen der Liebe zu ihrem Heerführer, dem Prinzen von Preußen, als er zu ihnen ritt und ihnen ſagte:„ich danke euch, ihr habt eure Schuldigkeit gethan,“ mit einem donnernden Hoch einſtimmig das Preußenlied entgegenſchallte. So muß aber auch General und Soldat zuſammenſtehen, wenn etwas Großes und Schönes herauskommen ſoll und die Armee muß dem Buchſtaben des Befehls willenlos gehorchen, wie das Kriegsſchiff dem Druck des Steuerruders. Ein Soldat, der grübelt und üͤberlegt, ob der Befehl des Vorgeſetzten in ſeiner ganzen Ausdehnung auch zu erfüllen ſey, iſt ein — — ͦñ— ——— ——— 374 Unſinn und ein Regiment ſolcher Soldaten eine ſchrankenloſe Macht, die ihr Bajonnet heute nach dieſer, morgen nach jener Seite kehrt. Der Soldat, wenn er Soldat ſeyn will, hat als ſolcher nur ein Glaubensbekenntniß, dem er unbedingt folgen muß: das Kommandowort. Die Pferde ſchnauben und ſetzen an, Liege wer will mitten in der Bahn. Sey es mein Bruder, mein eigener Sohn, Zerriß mir die Seele ſein Jammerton; Ueber ſeinen Leib hinweg muß ich jagen, Kann ihn nicht ſachte bei Seite tragen. Von den Reichstruppen des dritten Armeecorps, des Neckarcorps, hielten ſich bei dem badiſchen Feld⸗ zuge die Württemberger außerordentlich brav und lebten auch, wie ich von den Offizieren beider Trup⸗ pentheile erfuhr, im beſten Einverſtändniß mit den preußiſchen Soldaten. Letztere ſollen aber auch wie abſichtlich auf das Zuvorkommendſte gegen ſie geweſen ſeyn; und eine Thatſache iſt es, daß ſie in den Quar— tieren, wo ſie zuſammenlagen, oftmals dem Kamera— den Württemberger die Betten abtraten und ſich aufs Stroh legten. Beide Truppen verketten ja auch alte Erinne— rungen. Wenn auch in der Armee der Einzelne wechſelt, kommt und geht, ſo bleibt doch Fahne und 1 Regiment, und der alte Unteroffizier erzählt dem 1 Rekruten von den Erinnerungen, die an beiden haf 1 ten und ſolche Traditionen vererben ſich und werden n heute wie in ſpäteren Jahren noch erzählen, wie tapfer neben der preußiſchen Armee die Württem berger damals unter ihrem Kronprinzen gefochten. Bei der Tafel in der Favorite machte ich mehrere ſehr intereſſante Bekanntſchaften und ſah eine Menge höhere Offiziere der preußiſchen Armee, deren Namen — einen vortrefflichen Klang haben. So unter andern den Chef der Artillerie der Operationsarmee, Gene rallieutenant v. Scharnhorſt, ein nicht großer, etwas ſtarker Mann mit einem klugen Geſicht, ern ſtem Weſen, aber freundlich und angenehm in der d Unterhaltung. Ebenſo den Generallieutenant Breſe, Generalinſpektor der Feſtungen, Chef der Ingenieure und Pioniere der preußiſchen Armee. Von fremden Offizieren und ſolchen, die nicht zugetheilt waren, befanden ſich im Hauptquartier der hannoveraniſche Generallieutenant Prinz Bernhard v. Solms Braunfels und der Chef des württembergiſchen Generalſtabs Oberſt v. Bauer. Eine ſehr angenehme ———ͤͤͤſ Bekanntſchaft war mir Major v. Stechow vom Regiment Garde du Corps und eine ebenſolche und dabei ſehr nützliche die des Chefs des Generalſtabs, Major Kirchfeld, ein anerkannt talentvoller und ſehr ——— 376 begabter Offizier, der ſich meiner auf's Freundlichſte annahm, vor allem aber kann ich nicht unterlaſſen, hier meinem verehrten Freunde, dem bereits erwähn⸗ ten Hauptmann v. Bergh, mit dem ich mich manche Stunde zu unterhalten, hier ſowohl wie ſpäter in Freiburg das große Vergnügen hatte, meinen herz— lichen Dank für all' die intereſſanten Mittheilungen, ſowie die Beweiſe großer Freundſchaft, welche ich durch und von demſelben erhielt, auszuſprechen. In der That, ich bedaure ſehr, mit all' dieſen Herren, die mich in hohem Grade gütig aufnahmen, nicht einen längeren Feldzug gemacht zu haben; aber leider war unſer Zuſammenleben hier auf der Favorite nur ſehr kurz, auf wenige Tage beſchränkt, denn das badiſche Trauerſpiel neigte ſich ſeinem Ende zu. XVIII. Patrouillengänge. Auch die Leſer dieſes Buchs, welche nicht Militär ſind, werden ohne Zweifel faſt alle wiſſen, was eine Patrouille iſt. Dienten ſie ſelbſt beim Militär, ſo haben ſie dergleichen ſoldatiſche Spaziergänge gewiß oft ge nug mitgemacht, und ſelbſt wenn ſie nur bei der Volkswehr Patrontaſchen und Gewehr trugen, ſo kamen ſie wahrſcheinlich in letzterer Zeit auch dort häufig in den Fall, einen Patrouillengang mitzu⸗ machen. Ja, wer ſich vielleicht in ſeinem Leben activ nie dabei betheiligte, hat ſich doch vielleicht in ſeinen jüngern Jahren in Stunden ausgelaſſener Freude in paſſiver Weiſe einige Kenntniß über die Functionen einer Patrouille zu verſchaffen gewußt. Die Patrouillen bei einer Armee im Felde, im Lager und auf dem Marſch ſind wie achtſame Augen, wie Fühlhörner, die der ſchwerfällige Armeekörper ausſtreckt, um das Terrain, die Stellung des Feindes zu unterſuchen. Im vorliegenden Falle dagegen bei einer Bela gerung wie hier vor Raſtatt, ſind Patrouillengänge vor Vollendung der Angriffsbatterien die einzige Art von kleinem Kriege, den man mit dem Feind zu führen im Stande iſt. Ein Feldzug iſt für den Soldaten eine luſtige Sache, wo Tag und Nacht Märſche wechſeln, wo man bald auf freiem Felde vor dem Wachtfeuer bi vouakirt, bald wieder durch Zufall in ein fettes Quartier kommt, wo man beim Angriffe mit ſeinem Gewehr einem Feinde mit der gleichen Waffe gegen überſteht und ihn deßhalb ſo gut niederſtrecken kann, wie er im Stande iſt, uns zu treffen, wo die Trom meln raſſeln, das Feldgeſchrei ertönt und der Tapfere unaufhaltſam vorwärts dringend die gegenüberſtehen den Maſſen zurückwerfen kann, wo das Terrain jeden Tag wechſelt, wo es heute gilt, einen Wald zu ver theidigen, morgen einen Flußübergang zu erzwingen, dann ein verſchanztes Gehöfte zu erſtürmen oder eine gutpoſtirte Batterie zu nehmen; ja das iſt ein Leben voll Luſt und Freude, wo jeder für ſich ſelbſt ein⸗ treten muß und nur der Mann etwas gilt, wenn er muthvoll mit offenem Auge vor den Gegner hin tritt und ſeine Waffen gut zu führen verſteht. 379 Ganz anders dagegen iſt der Dienſt einer Be lagerungsarmee. Auf baumloſer Ebene dehnen ſich die dünnen Leinwandzelte aus, gleich wenig Schutz gebend vor dem heftigen Regen, wie vor der brennen den Sonne, und dieſe darf der Soldat nicht verlaſſen, nicht ſeinen Platz wechſeln, nicht ſich in den kühlen Fluthen des fern in der Ebene ſich ſchlängelnden Fluſſes erfriſchen, nicht unter fröhlichem Geſang über die ſchattigen Berge, die dort vor ihm liegen, weiter und immer weiter marſchiren. Er iſt, und zwar in mehrfacher Hinſicht, gefeſſelt. Dort drüben ſieht er ſeinen Feind, aber der Feind iſt kein menſchliches Weſen, ſondern ein Phantom aus Erde und Steinen, mit gewaltiger Kraft begabt, und ſchleudert brennende Kugeln und gewichtige Geſchoße zerſchmetternd in ſeine Reihen, worauf er mit ſeinem Gewehr nicht zu antworten im Stande iſt. Hier hilft kein raſches Vorwärtsdrängen, kein perſönlicher Muth und der Infanteriſt kann nur leidend auf ſich ſchießen laſſen, indem er ungeduldig den Arbeiten der Artilleriſten und Pioniere zuſchaut, die ſich maulwurfartig in den Boden eingraben und ſich dem gewaltigen Feinde drüben langſam nähern. In ſolchen Fällen gibt es denn für den muth vollen Soldaten nur einen Weg, ſich auszuzeichnen und dem Feinde Schaden und Verluſte aller Art — ͦ— —— —y—— 380 zuzufügen— der Patrouillendienſt nämlich, wo ſich gewandte muthvolle Leute den Feſtungswällen ſchlei— chend nähern und, die feindliche Kartätſchenkugel nicht achtend, den Artilleriſten hinter ſeinen Blenden niederzuſchießen ſuchen oder Transporte erlauern, die man in die Feſtung hineinwerfen will, oder Arbeiten auf dem Glacis ſtören oder feindliche Patrouillen, die herauskommen, um Nachrichten von den Belage— rern einzuziehen, angreift und vernichtet. Es iſt aber ein gefährlicher Dienſt, dieſe Patrouillengänge vor einer belagerten Feſtung. Der Feind iſt natür⸗ lich auf ſeiner Hut, wirft ſtärkere Patrouillen ent⸗ gegen und wenn er Ueberfluß an Munition hat und die Entfernungen um die Feſtung genau kennt, ſchießt er mit ſchwerem Geſchütz auf die kleinſten Trupps, die ſich draußen ſehen laſſen. Dieß war namentlich bei Raſtatt der Fall und die Patrouillengänge der preußiſchen Truppen deßhalb mit großer Gefahr verbunden. Wenn gleich die Meinungen über das Kriegs⸗ material der Inſurgenten nach den gemachten Erfah⸗ rungen verſchieden ſind, ſo müſſen doch wohl alle darin übereinſtimmen, daß die badenſche Feſtungs⸗ artillerie vortrefflich ausgebildet war, wie dieß die Einäſcherung von Niederbühl, Rheinau ꝛc., das Nie⸗ derſchmettern einzelner Leute beim Patrouillengang ſt 381 und der Umſtand hinlänglich bewieſen, daß ſie ſowohl die entfernteſten Cavalleriebivouaks, als auch die ver⸗ deckteſten einzelnen Feldwachen im dichten Wald mit ihren Geſchoſſen zu erreichen und aufzufinden ver ſtanden. Außerdem beſaß ſie eine Ausdauer und Aufmerkſamkeit, die an's Unglaubliche grenzt, und Jedermann wird dieß beſtätigen, der namentlich die Vorpoſten am Eiſenbahndamme und an der Federbach⸗ brücke, und ſomit Gelegenheit gehabt hat, zu bemer⸗ ken, daß an dieſen Punkten der kleinſte geſchloſſene Trupp, ja ſelbſt ein einzelnes Pferd ihrer Aufmerkſam⸗ keit nie entging und ſofort mit einem Rollſchuß be⸗ grüßt wurde. Am Abend des Ausfalls gegen Rauenthal befand ſich der Lieutenant Rango mit dem Major Witz— leben, einem Landwehroffizier und mehreren Füſi— lieren an der eben genannten Brücke. Es war eine tageshelle Mondnacht, größere und kleinere Patrouil len tummelten ſich in dem vorliegenden Walde herum und überſchritten öfters im Trabe die denſelben durch— ſchneidende Chauſſee. Kaum hatte ſich nur die Spitze einer ſolchen Patrouille gezeigt, ſo blitzte es ſchon auf den Wällen der Feſtung, in Bogenſätzen rollten die Vollkugeln daher und es iſt kaum zu faſſen, daß nicht einige geſchloſſene Trupps dieſer Patrouillen beim Paſſiren der Chauſſee zerſchmettert wurden. Als 382 der kleine Trupp ſeine Reflexionen noch anſtellte über die chevalereske Freigebigkeit der Feſtungsartil— lerie, kam General v. Schack mit ſeiner Suite ge⸗ ritten und bog in die Chauſſee ein. Noch hatten aber die drei erſten Pferde dieſelbe kaum betreten, ſo blitzte es ſchon wieder auf dem Walle; man rief dem General zu, er wandte mit großer Geiſtesgegen— wart ſein Pferd rechts ab, und in demſelben Augen blickte ſauste auch ſchon eine 24pfündige Vollkugel kaum zwei Schritt links von demſelben vorbei und ſchlug eine dicke Pappel um. Selten mag wohl ein Meiſterſchuß mit einer größeren Schnelligkeit, genauern Berechnung und größern Präciſion abge⸗ geben worden ſeyn, deſſen beabſichtigte Wirkung nur durch die angeführten Umſtände glücklich vereitelt wurde. Als nun gegen das Ende der Belagerung die Lebensmittel in der Feſtung ſich verringerten, mußte der Beſatzung deßhalb Alles daran liegen, die inzwi⸗ ſchen reif gewordenen Feldfrüchte in die Stadt zu bringen, und es wurden zu dieſem Zwecke häufig Fouragirungen unternommen und mit der größten Kühnheit ausgeführt. Als die preußiſchen Offiziere dieſen Gegenſtand einſt beim Bivouakfeuer beſprachen und die Anſicht aufſtellten, daß jetzt die Aufgabe der Patrouillen darin beſtehe, dieſe Fouragirungen 383 hintertreiben und am beſten dadurch unmöglich zu machen, daß man das trockene Korn in Brand ſetzte, ſo fand dieſe Idee unter der Mannſchaft einen allge meinen freudigen Anklang. Jeder wollte hierin nund etwas leiſten, und es eröffnete ſich dadurch den Pa trouillen ein neues, weites Feld kühner und gefahr voller Thätigkeit im Bereich des Kartätſchenſchuſſes der Feſtung. Von den Vielen, die ſich als freiwillige, uner müdliche und unerſchrockene Patrouillengänger aus zeichneten, ſey es geſtattet, nur dieſe einige hier zu nennen, deren kühnes Benehmen wirklich durch einen Erfolg gekrönt wurde. Da die nachfolgenden Berichte größtentheils von Unteroffizieren erſtattet wurden, ſo iſt es gewiß in tereſſant, dieſelben wörtlich zu geben, da man aus dieſen gut geſchriebenen Aufſätzen die Intelligenz und Bildung des preußiſchen Unteroffiziercorps, dieſer mächtigen Stütze der vortrefflichen Armee, deutlich erſehen wird. I. Patrouillengang am 13. Juli. Ein Jeder von uns brannte vor Neugierde, ſich wo möglich einen der Freiſchärler, die ſich bemühten, mit Hülfe der Bürger von Raſtatt das Getreide vom Felde abzumähen und in die Feſtung zu ſchleppen, 384 zu erlegen und ſich gleichzeitig eine nähere Kenntniß von ſeiner ſchönen Waffe, dem Zündnadelgewehre, zu verſchaffen. Auch in mir war der Entſchluß feſt eingewurzelt, und ich war am 13. Juli ſo glücklich, meinem Vorſatze Genugthuung zu verſchaffen. Nachmit— tags 4 Uhr beſtimmte unſer Feldwachtkommandant, Herr Lieutenant von Düring IlI,, einige Patrouillen, um das im Felde ſtehende Getreide in Brand zu ſtecken; ich bekam den Auftrag, letztere bei ihrer Ar⸗ beit von der rechten Seite, wo ſie leicht umgangen werden konnten, zu decken. Wir näherten uns von dem Saume des Waldes, wo unſere Feldwache ſtand, der Feſtung bis auf 500 Schritt, welches uns wegen einer dort befindlichen Ziegelei und eines Raſenab— hanges nicht ſchwer wurde. Auf dem Raſenabhange angekommen, erlaubte es das hohe Getreide, noch 100 Schritt vorzugehen. Kaum gewahrten uns die Wachtpoſten auf dem Walle, als die Artillerie auch ſchon einige Kartätſchenſchüſſe über unſere Köpfe hin⸗ weg jagte; ſobald wir den Pulverdampf vom Zünd⸗ loche des Geſchützes aufſteigen ſahen, benutzten wir die alte Regel, die dem einzelnen Mann bei ſolchen Gelegenheiten zu Gebote ſteht: warfen uns zu Boden, ſprangen dann raſch wieder empor, um den naheliegen⸗ den Raſenaufwurf zu unſerer Bedeckung zu erreichen. Das regelmäßige Niederwerfen und Aufſpringen 385 meiner Patrouille ſchien dem Feinde auf den Wällen ein rechtes Vergnügen zu bereiten, und einer der Freiſchärler trat in bloßem Hemde, in der linken Hand eine Flaſche hoch emporhaltend, auf den Wall und ſtieß in dieſer Stellung ein helles Gelächter aus. ch ermahnte den Füſilier SchulzlI. mit mir hinter unſerm Verſteck hervorzutreten, wir thaten es, ich bat ihn, ſtill zu ſtehen, damit ich auf ſeiner Schulter auflegen könnte; er rief mir zu: „Unteroffizier, gut gezielt!“ es krachte, und Gott Bacchus ſtürzte, mit der rechten Hand nach dem Kopf greifend, rückwärts vom Walle. Bravo! ſchrie meine Patrouille; und wir fühlten uns alle für unſere Mühe hinlänglich belohnt! Wie der Blitz waren durch dieſe Operation alle übrigen Köpfe, die über den Wall ſahen, verſchwunden. Das wurmte uns. J ‿ Nach einem zweiſtündigen Vergnügen kehrten wir fröhlich zu unſerer Feldwache zurück und meldeten das Vorgefallene. Nach der Uebergabe von Raſtatt er⸗ kundigte ich mich in dem naheliegenden Lazareth und erfuhr, daß es ein Artillerieunteroffizier geweſen und daß derſelbe nach anderthalb Stunden an der Kugel, die ihm den Unterkiefer zerſchmetterte und durch das Genick fuhr, geſtorben ſey. Krauſe, Unteroffizier der 12. Compagnie des 31. Infanterieregiments. Hacklaͤnder, Soldatenleben im Krieg. II 17 25 — —„ — ͦ— —— —— 386 II. Patrouillengefecht den 21. Juli. Als ich den 21. Juli mich auf der Feldwache Nr. 2 befand, und das Wetter ſehr angenehm und heiter war, nahm ich mir vor, eine Patrouille gegen Raſtatt zu machen, und bat mir daher Erlaubniß vom Herrn Lieutenant v. Düring ll., welcher die Feld⸗ wache Nr. 2. kommandirte, aus. Hierauf forderte ich mehrere Kameraden auf, mit mir dieſe Patrouille zu machen, und es fanden ſich hiezu ſechs Mann: die Füſiliere Schulz, Hemmelmann, Rieth, Herr⸗ mann, Biſchoff und Weberl. Wir marſchirten nun von unſerer Feldwache ab, in der Abſicht, unſern Buſenfreunden das Leder ein⸗— mal tüchtig auszuwaſchen, zugleich aber auch das Ge⸗ treide, welches dieſelben immer abmähen wollten, gänzlich abzubrennen. An dem Acker, wo die Freiſchärler als Beſchützer der Kornſchnitter waren, angekommen, ließ ich meine ſechs Mann am Saume des Ackers ausſchwärmen und begab mich ſelbſt als Spitze vor, worauf mir meine Kameraden auf dem Fuße folgten; aber kaum war ich zwanzig Schritt vor, ſo bekam ich von zwei Sei— ten Feuer; meine Kameraden, gleich bei der Hand, gaben natürlich ſogleich Antwort, und wir hatten die Freude, zwei von unſern Buſenfreunden fallen zu ſehen. Da ich nun ſah, daß unſere Feinde ſehr 387 ſtark gegen uns waren, zogen wir uns hinter einen naheliegenden Hügel und fingen an, lebhaft zu feuern, ſo daß es uns gelang, unſere Gegner von einem nähern Herankommen abzuhalten; hierzu fand ſich aber auch etwas Kanonenfeuer von den Wällen Ra— ſtatts mit ein, jedoch hier konnte uns kein Teufel etwas anhaben; ungefähr eine Viertelſtunde konnten wir hier zugebracht haben, ſo bekamen wir von den hinterliegenden Feldwachen Verſtärkung, ſo daß wir jetzt 27 Mann waren; wir machten nun einen neuen Angriff gegen unſere Buſenfreunde, und es gelang uns auch, dieſelben in die Feſtung hineinzutreiben und noch etliche zu bleſſiren. Wir gingen nun langſam zurück und nahmen untereinander einen Schluck zu unſerer Stärkung und beſprachen das, was eben vorgegangen war. Ich that nun meinen Füſilieren den Vorſchlag, das Korn noch abzubrennen und dann nach unſerer Feldwache zurück zu marſchiren, welches mir aber abgeſchlagen wurde. Um mein Vornehmen auszuführen, ſchlich ich mich nun allein vor und zündete mitten auf dem Acker das Korn an, welches, da es ſehr dürr war, in hellen Flammen aufging; kaum hatte ich den Acker verlaſſen, ſo wurde mir verſchiedenes Geſchoß von den Wällen Raſtatts nachgeſchickt, ich konnte ungefähr 500 Schritte zurückgegangen ſeyn, ſo bemerkte ich, daß ———— —— 388 das Feuer ausgegangen war, ich kehrte nochmals um und zündete das Getreide von neuem an; aber kaum rauchte das Getreide, ſo ſchlugen auch die Kugeln rechts und links neben mir ein, welche mir von Raſtatts Wäl— len zugeſchickt wurden; ich war noch mit dem Anzün— den des Feuers beſchäftigt, da bekam ich einen Schramm⸗ ſchuß auf die linke Bruſt, welcher mir aber nur das Glas der Uhr zerſchmetterte; hierauf begab ich mich zu meinen Kameraden und marſchirte nach unſerer Feldwache, wo wir jubelnd empfangen wurden. Häger, Unteroffizier in der 12. Compagnie des 31. Infanterieregiments. Bemerkung: Dem Füſilier Hemmelmann wurde bei dieſer Gelegenheit das Gewehr in ſeiner Hand durch eine Kartätſchenkugel zerſchoſſen. III. Schon lange hatte ich den Wunſch, mein Ge wehr, das ſich bei den Schießübungen in der Garni— ſon ſo trefflich bewährt hatte, auch mal ſo im Felde auf den wirklichen Feind zu gebrauchen. Im An fange der Belagerung fand ich hierzu weniger Ge p legenheit, da die feindlichen Patrouillen nicht Stand hielten; gegen Ende der Belagerung aber, wo das reife Korn nach der Feſtung gebracht werden ſollte, und deßhalb häufiger größere Ausfälle gemacht wurden, 389 war die Gelegenheit günſtiger. Am 21. Juli war ich mit zehn Füſilieren der von dem Musketierlieute nant v. Broſch befehligten Feldwache Nr. 1 zuge theilt; ich bat deßhalb den Herrn Lieutenant, mir doch zu erlauben, eine Patrouille machen zu dürfen. Der Herr Lieutenant erlaubte mir dieß nicht nur, ſondern ging auch ſelbſt mit. Wir gingen deßhalb zuvörderſt bis an den Saum des Raſtatter Waldes vor und ſahen ſo auf circa 400 Schritt eine Be deckung von etwa zwölf Mann poſtirt, und hinter derſelben Arbeiter beſchäftigt, Kartoffeln auszumachen. Ich legte ſofort an und ſchoß einen Mann nieder, daſſelbe that dann auch der Füſilier Jungblutz nachdem ſo zwei Mann gefallen waren, zog ſich die ganze Geſellſchaft zurück. Wir gingen trotz der hart näckigen Gegenwehr der Bedeckung und unter einem Kanonenfeuer von circa ſechs Geſchützen eine ziemliche Strecke bis in ein türkiſches Weizenſtück vor, und ſahen in der Entfernung von etwa 600 Schritt zwei Mann beſchäftigt, Korn abzumähen; auch auf dieſe that ich auf Aufforderung des Lieutenants v. Broſch einige Probeſchüſſe und hatte die Freude, auf den dritten Schuß einen zu Boden zu ſtrecken, der andere ergriff eilig die Flucht. Da nun das ganze Feld leer war, auch ſchon zweimal Kanonenkugeln dicht neben uns eingeſchlagen 390 hatten, ſo befahl der Herr Lieutenant den Rückmarſch, und ich kehrte mit der feſten Ueberzeugung von der ausgezeichneten Trefflichkeit meines Gewehrs und dem feſten Vorſatz, es wie mein Auge im Kopfe ſtets zu bewahren, auf die Feldwache zurück. Rächer, Unteroffizier in der 12. Compagnie des K. 31. Infanterieregiments. IV. In den letzten Tagen der Belagerung von Ra ſtatt befand ſich unſere Compagnie am Eiſenbahndamm auf Vorpoſten, es war in der Vorpoſtenchaine ein fortwährendes Schießen. Die zurückkehrenden Pa— trouillen machten ſo unrichtige Meldungen, daß eine immer der andern widerſprach. Da rief mich der Herr Premierlieutenant v. Rango und ſagte:„Bi ſchoff, machen Sie mal eine Patrouille möglichſt weit vor und bringen Sie mir eine vernünftige Mel— dung zurück, wie es dort vorn ſteht.“ Ich machte mich nun mit dem Füſilier Kramer auf. Wir gin gen durch den Raſtatter Wald vor und krochen dann durch ein Getreideſtück die vorliegende Anhöhe hinauf. Kaum aber waren wir auf derſelben hinauf, ſo ſchlu— gen ſie auch ſchon die Gewehre auf uns an, jetzt galt es, ihnen als raſche Füſiliere zuvorzukommen. Wir zielten kurz, unſere Gewehre krachten, und einer 391 unſerer Gegner ſtürzte zu Boden, ein zweiter wurde als verwundet zurückgeführt, die übrigen ſchoſſen auf uns ab, trafen aber nicht, da wir uns hinter das Getreide duckten. Von hier aus ſchoſſen wir noch— mals, worauf die Geſellſchaft auseinanderſtob und zurücklief. Jetzt praſſelte ein Kartätſchenſchuß auf uns los; wir liefen nun hinter den Eiſenbahndamm, um von hier aus fernere Beobachtungen anzuſtellen, und erblickten dicht vor uns einen verſprengten Frei⸗ ſchärler. Dieſer warf aber gleich das Gewehr weg, winkte mit dem Schnupftuch und ergab ſich als Ge— fangener. In demſelben Augenblick ſchickte man uns von dem Walle eine Granate zu, die aber über un⸗ ſeren Köpfen in der Luft platzte, ſo daß uns die Stücke nicht trafen. Der Gefangene nannte ſich Schrotz und wollte ein Student aus Freiburg ſeyn. Wir lieferten denſelben an den Premierlieutenant v. Rango ab, der ihn auf die Hauptwache nach Oedichheim bringen ließ. Einige Stunden ſpäter meldete ich mich wieder mit dem Füſilier Schulz freiwillig zu einer Pa trouille. Sobald wir aus dem Walde heraustraten, bemerkten wir auf vier bis fünfhundert Schritt eine ziemlich ſtarke Bedeckung und dahinter Arbeiter, die Getreide mäheten. Wir nahmen jeder ſofort einen auf's Korn; auf unſern erſten Schuß fiel einer zu —— —— Boden, wir ſchoſſen nun jeder noch einmal und bleſ⸗ ſirten ſo einen zweiten. Da aber unſere Gegner auch nicht faul waren und uns ihre Kugeln tüchtig um die Köpfe pfiffen, ſo ſprangen wir in die Waldliſière zurück, ſchoſſen von hier aus noch einigemal mit gu⸗ tem Erfolg und nöthigten ſo die Bedeckung zum Rückzuge, nachdem die Arbeiter ſchon bei dem erſten Schießen davon gelaufen waren. Am andern Morgen, als kaum der Tag graute, machte ich mich mit Erlaubniß meines Compagnie⸗ führers mit meinem Freunde Hemmelmann auf den Weg. Kaum hatten wir den Wald hinter uns, ſo ſahen wir auch ſchon in der Ferne einen zwei⸗ ſpännigen Wagen halten und Leute, die Korn auf denſelben luden.— Wir ſchlichen uns bis auf etwa 700 Schritt heran und wollten nun unſere Gewehre auf Pferde probiren. Wir hielten mit der großen Klappe einige Fuß über die Pferde. Zwei Schuß waren ohne Erfolg, wir hielten nun etwas tiefer und beim dritten Schuß ſprang das eine Pferd hoch in die Luft. Jetzt ſchnitt es der Fuhrmann ſogleich vom Wagen ab und eilte nun mit dem andern Pferde vor dem Wagen, ſo ſchnell als es laufen konnte, der Stadt zu, während wir mit einigen Schüſſen vom Walle aus begrüßt wurden. Auf dem Heim— wege hatte ich mir von dem Artillerieunteroffizier, 393 deſſen Geſchütz unter der Eiſenbahnbrücke ſtand, einige Streichhölzchen geben laſſen, und wir wollten nun mit dieſen verſuchen, das Korn anzubrennen. Da aber der Wind von der Stadt herwehte, ſo krochen wir in dem Getreidefelde bis ans andere Ende gegen die Feſtung vor. Hier zündete es, und wir hatten die Freude, das Feuer einige Stunden brennen zu ſehen, ſo daß drei Kornſtücke abbrannten.“ Hierher gehört auch der Bericht des ſchon ge nannten Hauptmann v. Opel vom 30. Juni. „Am genannten Tage ward mir nänlich der Auftrag direkt von Sr. Excellenz dem Herrn General⸗ lieutenant Graf v. d. Gröben, mit meiner Com pagnie und 4 Sechspfündern unter dem Lieutenant Drabich der fünften Artilleriebrigade von Rietigheim (14 ½ Stunden von Raſtatt), wohin ich am Abend zuvor nach dem Gefechte an dem Federbach zum Schutze des Hauptquartiers gerückt war, über Oettig— heim nach dem dicht am Einfluſſe der Murg in den Rhein belegenen Dorfe Steinmauern zu rücken, um dem dort mit zwei Bataillonen ſtehenden Major Weh— mayer des 31. Infanterieregiments den Befehl zu überbringen, mit der durch mich ihm zugeführten Verſtärkung einen Scheinangriff auf den jenſeits der Murg verſchanzten Feind zu unternehmen, und ſo die Aufmerkſamkeit des Letzteren von dem während ———— —— dem auf unſerem linken Flügel ſtattfindenden Ueber gang des v. Hirſchfeld'ſchen und v. Peucker'ſchen Corps abzuziehen. Dieſer Scheinangriff gelang auch vollkommen, wenn er auch unter höchſt ſchwierigen Umſtänden unternommen werden mußte, da meine nur 150 Mann ſtarke Compagnie und die 4 Sechs pfünder einem ſehr zahlreichen Feinde und 8 Zwölf— pfündern jenſeits der Murg in einer vortrefflich ge— deckten Stellung gegenüberſtanden, dasdieſſeitige Terrain aber bis an die Murg beinahe ganz offen und nur längs des Rheins und unmittelbar an der Murg Dämme waren, die eine, wenn auch nur ſehr mangel⸗ hafte Deckung abgaben. Zwei Züge der Compagnie, zu denen noch ein Infanteriezug unter dem Lieutenant v. Helden⸗Sarnovsky des 31. Infanterieregi⸗ ments als Soutien ſtieß, gingen nun längs des Rheins gegen die Murg vor, konnten aber nicht bis an letz— tere vordringen, da ein wahrer Hagel von Shrapnels, Kartätſchen- und Büchſenkugeln ſie überſchüttete, und mußten ſie ſich damit begnügen, daß einzelne Züge, auf dem Bauche kriechend, den Murgdamm zu errei— chen ſuchten, um vielleicht von da die in den Däm— men eingeſchnittene feindliche Artillerie beſchießen zu können. Aber auch dieſe Deckung war völlig un— genügend, weil drüben dicker Wald und namentlich die Schweizer Schützen in den hohen Eichen vortrefflich 395 gedeckt ſaßen. Auf dem Damm neben einer großen aus Rohr geflochtenen Zolleinnehmerhütte lagen nun einzelne Balken zu irgend einem Baue, und der Ober jäger Krauſe, ſowie der Jäger Vogt und Jäckelll. meiner Compagnie krochen auf den Damm hinauf, um dieſe Balken zu einer Art Bruſtwehr zuſammen zuſetzen. Kaum aber hatten ſie einen Balken aufge hoben, ſo riß eine 12 Pfünder Kugel ihnen denſelben aus den Händen, ſo daß die beiden Jäger den Damm hinuntergeſchleudert wurden und der Jäger Jäckel II. ſich den linken Arm ausrenkte. Der Oberjäger Krauſe nahm ſofort einen zweiten Balken, lauch dieſer wurde ihm durch eine 12 Pfünder Kugel ent⸗ riſſen und zugleich umſauste ihn ein Kartätſchenhagel aus der kaum 300 Schritte entfernten verdeckten feind⸗ lichen Batterie. Trotzdem verſuchte es der Krauſe noch mehrmals, wiewohl vergebens, die Balken auf— einander zu legen, immer wurden ſie ihm aus den Händen geſchleudert. Bis jetzt war wie durch ein Wunder der Oberjäger Krauſe ganz unverletzt ge— blieben und ſelbſt keine der feindlichen Büchſenkugeln hatte ihn getroffen; als aber, wie gewöhnlich in dieſem Feldzuge die Artillerie fortfuhr nach dieſem einzelnen Mann Kugel auf Kugel zu ſenden und der ſpäter ebenfalls heraufgekrochene Jäger Auſt durch eine Kugel in den Kopf augenblicklich todt zur Erde 396 ſtürzte, ſah der Oberjäger wohl ein, daß er bei die ſem Feuer nicht zum Zweck gelangen könne, zumal in dieſem Augenblicke die Hütte in Brand gerieth. Er hob daher noch die Büchſe, Hirſchfänger und Cartouchen des oben liegenden Jäger Auſt auf, ging Schritt vor Schritt inmitten eines Kartätſchenhagels den Damm hinunter und gelangte völlig unverletzt zu den hinter dem Rheindamme liegenden beiden Zügen der Compagnie. Als ſpäter der Compagnie, wie jeder andern, zwei ſilberne Verdienſtmedaillen zugeſandt wurden, wiewohl ich zwei Oberjäger und ſieben Jäger zu denſelben vorgeſchlagen hatte, erhielt der Oberjäger Krauſe die eine durch einſtimmige Wahl der Compag— nie, während die andere ebenfalls einſtimmig dem Jäger Radeſtock zuerkannt wurde, der auf dem äußerſten linken Flügel bei den andern beiden Zügen der Com— pagnie ſich ebenfalls in demſelben Gefechte durch dreiſtes Drauflosgehen bis an den Murgdamm und Niederſchießen mehrerer feindlicher Artilleriſten aus— gezeichnet hatte. Einen zweiten Fall von tapferem Benehmen kann ich ebenfalls nicht unerwähnt laſſen, wiewohl nicht bloß Jäger ſich an dieſer That betheiligten, ich und der Lieutenant v. Weller meiner Compagnie aber die einzigen Zeugen derſelben waren. 397 Die Compagnie hatte am 21. und 22. Juni an und auf dem Eiſenbahndamme unter ſehr ſchwie— rigen Umſtänden gefochten und hielt am Abend des 22. Juni nebſt der zweiten Compagnie 20. Infanterie⸗ regiments den Bahnhof beſetzt, der oben auf dem hohen Damme am Anfang der großen Eiſenbahn brücke über dem Neckar liegt, während am andern Ende dieſer Brücke am jenſeitigen Ufer eine offenbar mit feindlichen ſchweren Geſchützen beſetzte Verſchan— zung und, wie wir wußten, die vorliegenden Pfeiler mit ſtarken Minen geladen waren. Es war mir, als älteſtem Hauptmann beider Compagnien unterſagt, eben wegen dieſen Minen den Uebergang über die Brücke zu forciren, ſelbſt dann noch als gegen Abend die feindlichen Geſchütze aus den Verſchanzungen herausgezogen wurden und dieſe nur noch durch Freiſchärler beſetzt war. Da wo dieſſeits der erſte Landpfeiler der hohen Brücke ſteht, unter welchem die Chauſſee nach Mannheim durchgeht, hatte ich ein Detaſchement von 12 Mus ketieren und 8 Jägern poſtirt, die das linke Neckar ufer im Schach hielten, und als ich nun bei einbre chender Dunkelheit Se. Excellenz den Herrn General lieutenant Grafen v. d. Gröben bei Beſichtigung meiner Stellung begleitet und ihn unter dieſem 7 Brückenpfeiler verlaſſen hatte, fiel mir die Stille in 398 der feindlichen Verſchanzung auf, ſo wie der Um— ſtand, daß ſeit 36 Stunden zum erſtenmale kein Schuß von drüben fiel. Ich beſchloß daher, mit ein oder zwei Mann oben längs des ſteinernen Ge— bäudes hinüberzuſchleichen, um ſo vielleicht unvermerkt an die feindliche Verſchanzung heranzukommen, und ſagte daher zu obigem Detaſchement:„Kinder, wer folgt mir hinüber, der erſte bekommt einen Dukaten!“ — Darauf ſagte ein alter Musketier, den Namen habe ich leider in dem darauf folgenden Allarm und Nachtmarſche nicht erfahren können:„Herr Haupt⸗ mann, ein altes preußiſches Soldatenherz zaget nicht, wir folgen Alle!“— Und Alle folgten über die Brücke, erſtiegen, der Unteroffizier Trabert des 20. Regiments zuerſt, die Verſchanzung, ohne daß die wirklich vorhandene Mine ſprang und machten es ſo möglich, daß 2 Stunden nachher das ganze Neckar— corps übergehen und noch in der Nacht nach Heidel— berg gelangen konnte. An demſelben Tage kam noch ein origineller Fall vor. In dem Bahnhofsgebäude waren in allen Stuben und hinter allen Fenſtern, auf dem Dache ꝛc. Jäger poſtirt, die, ſobald in der circa 300 Schritte entfernten feindlichen Verſchanzung die Blenden weg— gezogen wurden, ſofort ein rapides Feuer in die Schießſcharten eröffneten, weil ſonſt ſelten Gelegenheit er 399 war, einen guten Schuß anzubringen.— Der Jäger Merkel meiner Compagnie hatte bei einer ſolchen Gelegenheit eben ſeinen Schuß abgegeben und war, um ſich während des Ladens zu decken, hinter die Wand neben dem Fenſter getreten. Er war aber in der Eile nicht weit genug hinter die Mauer ge— treten und ſo kam es, daß eine 12 Pfünder Kugel dem mit halblinks ſtehenden Merkel den halben Dachs⸗ ranzen nebſt halbem Kochgeſchirr(die innere Seite) durchbohrte, und ohne den Merkel zu verletzen in die gegenüberliegende Wand fuhr. Merkel aber, im Eifer des Ladens, glaubte, es habe ſein Nebenmann im Scherz ihn herumgedreht(er fiel nämlich nicht hin, ſondern wurde nur ſo rapide herumgedreht, daß ihm der Ladſtock aus der Hand fiel); er rief daher höchſt ärgerlich dem neben ihm ſtehenden Jäger zu: „Was ſind das für Spielereien, dazu iſt wahrlich keine Zeit jetzt.“ Zum Schluſſe noch einen Bericht des Lieutenant v. Mins I. „Am 15. Juli Morgens 2 Uhr löste das zur Diviſion des Oberſt Graf v. Schlieffen gehörige, zu beiden Seiten der Straße von Kuppenheim nach Raſtatt am Ciſenbahndamme in Stroh- und Laub hütten bivouakirende 2. Bataillon, 20. Infanterie— regiments, die Vorpoſten im Dorfe Niederbühl und ——————-—-—=—— ——ͤͤͤͤſn—— —— 400 dem Walde gleichen Namens in der gewöhnlichen Weiſe ab. Die 6. Compagnie(Hauptmann v. Rein⸗ brecht) gedachten Truppentheils beſetzte das Dorf, was jedoch den beiden Feldwachen, von denen die links der Straße unter dem Befehl des Unterzeichne— ten, die rechts unter dem des Secondelieutenants v. Beuſt ſtand, und beſonders den an der äußerſten Dorfenceinte ſelbſt im feindlichen Büchſenſchuß ſtehen⸗ den Doppelpoſten ſeit dem Brande vom 8. Juli wenig Deckung gegen die kleinen und groben Geſchoße der Freiheitshelden gewährte. Als der gewöhnliche Morgennebel ſich zerſtreut hatte, und die Feſtungswerke mit ihren ſchwarzen Geſchützblenden uns entgegenſtierten, jeden Augen— blick bereit, den ſich Zeigenden einen eben nicht erfreulichen Morgengruß zuzuſenden, gewahrte der Unterzeichnete, der hinter hohen Feuerbohnen, von denen der Burſche zu gleicher Zeit für ein gutes Ge— müſe ſorgte, die Werke beobachtete, daß an der vom Fort Leopold vorgeſchobenen Lünette Nr. 33, an deren Glacisabdachung das Dorf ſtieß, auf dem Wall bei den Geſchützen thätig gearbeitet wurde. Da un⸗ ſere Gewehre auf dieſe Entfernung von 4—500 Schritt nicht ausreichten, oder wenigſtens kein ſicheres Ziel gewährten, ſo gab ich die Inſtruktion, die nächſte ſich in der Nähe zeigende Jägerpatrouille zu mir zu 401 ſenden. Eine ſolche ließ auch nicht lange warten, wonach ich dieſelbe dem Lieutenant v. Beuſt zuſchickte, deſſen Stellung etwas weiter gegen die feindlichen Arbeiter vorgriff. Derſelbe ſtellte die Jäger auf, und deren unerwartetes und wohlgezieltes Feuer ließ die Arbeiter für den ganzen Tag verſchwinden, da ſie wahr ſcheinlich vermutheten, es ſeyen Füſiliere mit ihren weit reichenden Zündnadelgewehren auf Vorpoſten gekommen. Dieſe Störung der arbeitſamen Volksbeglücker ſollte jedoch dadurch gerächt werden, daß ſie das Dorf eine Stunde lang mit Granaten und Kartät— ſchen beſchoſſen, bei welcher groben Erwiederung vor der Hand die Neckerei aufhörte, denn ſie ſchienen ernſtlich böſe zu ſeyn. Gegen Abend ließ ich Verſuche machen, das zwiſchen dem Dorf und den Wällen ſtehende Korn, das dem Feinde in der Nacht großen Vorſchub und uns keinen Nutzen gewährte, anzuſtecken, was jedoch wegen des ſtarken Abendthaues vereitelt wurde. Die Belagerten mochten dieß jedoch für eine drohende De— moönſtration halten und ſchickten nach 10 Uhr Abends ſtarke Recognoscirungspatrouillen, wodurch zwiſchen dieſen und den unſrigen, ſo wie den ſtehenden, für die Nacht verſtärkten Vorpoſten ein lebhaftes Schützen⸗ feuer entſtand. Einiger Verluſt mochte nun die Galle unſerer Gegner erregt haben, denn alsbald entſtand Hackländer, Soldatenleben im Krieg. II. 26 V b ——ͤͤͤͤſͤſZ1In —— 0 2 auf den Waͤllen ein nicht zu beſchreibender Lärm, in den auch das zarte, oder vielmehr durch Emanci⸗ pation ſtark gewordene Geſchlecht ſich einmiſchte. Eine eben nicht zarte Baßſtimme, die ſich wahrſchein— lich durch 48ãger Jahrgang noch geklärt hatte, rief unter dem Kreiſchen jener Jungfrauen:„Jetzt wollen wir dem Generallieutenant v. d. Gröben ordentlich eins auf den Zopf ſpucken.“ Sogleich wurden wir auch aus 4 Kaſemattenge— ſchützen auf eine höchſt zudringliche Weiſe in unun— terbrochenem Feuer mit Granaten über eine Stunde lang ſo hartnäckig beworfen, daß man einen Ausfall vermuthete, weßhalb die hinterſten Reſerven, ſelbſt bei der Nebendiviſion, durch die verſchiedenen Sig— nale unter die Waffen gerufen wurden. Ich hatte ſchon am Tage die verſchiedenen Ver theidigungspunkte und Linien beſtimmt und wieder holte dieſe Vorſicht, doch unnützer Weiſe. Die zornentbrannten Volksbeglücker beruhigten ſich wieder, nachdem ſie die ſchmutzigen„Koſaken von der Spree“ für ihren Uebermuth beſtraft zu haben glaubten. Wir hatten weder am Nachmittag noch in der Nacht Verluſt erlitten, ſo ſehr ich dieß auch be— wundern mußte, und hatten den Vortheil, durch die doch einmal allarmirte Landwehr früher als ſonſt ab gelöst zu werden. 403 Mit allen Töpfen, die noch von den Granaten unverſehrt gelaſſen waren, beladen, kehrten unſere Leute unter Scherzen und unter Erzählung der kleinen Abenteuer des vorigen Tags und der Nacht in ihr dürftiges Bivouak zurück. Dieß die zu dem wenigen nachſtehenden allerdings etwas lange Einleitung. Die nachſtehenden Skizzen ereigneten ſich unter den angegebenen Umſtänden, und ich habe ſie aus eigener Anſchauung oder doch zuverläſſiger Ueber lieferung: 1. Die Musketiere Setz korn und Hofſchnei der der 6. Compagnie, 20. Regiments, mußten an dem erwähnten Nachmittage unter dem lebhafteſten Granat- und Kartätſchenfeuer den am weiteſten vor geſchobenen Doppelpoſten der Feldwache des Lieute nant v. Beuſt ablöſen. Auf dem Gange dahin platzt über beiden in der Luft eine Granate; zwei herunterſchlagende Stücke treffen, das eine auf eine eindrückliche Weiſe den Feldkeſſel des erſtern, während das zweite den Aermel ſeines Waffenrocks aufreißt. Derſelbe ein wegen ſeiner Unerſchrockenheit ſchon der Compagnie bekannter Soldat wendet ſich jedoch ruhig zu ſeinem Kameraden mit der Frage:„Bruder Hof ſchneider, ſieh mal zu, ob mein Feldkeſſel noch drauf ſitzt, oder ob die Hundsfötter Polterabend mit — ————— ——ͤͤͤͤͤſW1—I— —— ihm gemacht haben; wir hätten dieſes nicht gern.“ (Letzteres iſt eine Berliner Redensart). Der Keſſel hatte jedoch nur einen zu ertragen⸗ den Eindruck bekommen, der ſeinen Fortgebrauch er— laubte, weßhalb ſich denn auch der ꝛc. Setzkorn beruhigter fühlte. 2. Die Leute der Feldwacht waren beim Beginn der Nachmittagskanonade gerade beim Kaffeetrinken, was eine Leidenſchaft der Berliner Landeskinder und auch wohl anderer Leute iſt, als eine in der Nähe ſpringende Granate ſie mit Schmutz bewarf, wobei unglücklicher Weiſe(ich beziehe dieß auf einen leiden ſchaftlichen Kaffeetrinker) dem Musketier Hulde auch ſein Theil, jedoch in ſeinen Kaffee zukam, wo— durch die Flüſſigkeit verſchwand und nur ein ver— mehrter Satz übrig blieb. Während der größte Theil der Leute auf eine weniger exponirte Stelle ſich verfügen durfte, bat der eben Genannte, nachdem er zuvor einen derben Soldatenreim den Störenfrieden zugerufen hatte, ſich auf der alten Stelle am Feuer neuen Kaffee kochen zu dürfen, was ihm auch nicht verwehrt wurde. Der zweite ungeſalzene Kaffee ſoll ihm deſto beſſer ge ſchmeckt haben. 3. Die Musketiere Arnold und Riegel ſtan— den auf Doppelpoſten und bedienten ſich abwechſelnd 405 um beſſer beobachten zu können, einer leeren Bier— tonne, auf die ſie ſtiegen. Während des Nachmittags— feuers dringt eine Geſchützkugel durch das beiſtehende Haus und fällt unweit ihrer Tonne hin. Der ꝛc. Riegel will die Kugel aufheben, indem dreht ſie ſich jedoch um und läßt den brennenden Zunder ſehen, und ſpringt auch gleich darauf an Ort und Stelle, ohne jedoch einen der beiden Poſten zu beſchädigen, da der weiche Gartenboden die Wirkung hemmte. Beide hielten jedoch ruhig in ihrer Stellung pflicht— gemäß aus, indem der Riegel mit kaltem Blute zu ſeinem Kameraden ſagte:„die Krähwinkler gönnen uns nicht einmal die leere Biertonne.“ 4. Der Unteroffizier Gärtner der Compagnie wurde durch einen jungen Soldaten darauf aufmerk⸗ ſam gemacht, daß eine Flintenkugel neben ihm ein— gefallen ſey. Der ꝛc. Gärtner deutete jedoch dem andern an, daß wohl noch mehr kommen könnten, nahm die noch rund gebliebene Kugel, aus ſeiner Deckung hervortretend, auf, ladete dieſelbe in ſein Gewehr und ſchickte ſie wieder hin, wo ſie hergekommen war. 5. Bei der nächtlichen Kanonade ſchlug die erſte, meiner Feldwacht zugeſandte Granate in ein noch nicht ausgebautes Haus, das der Brand verſchont hatte, ein und platzte hier unter einem furchtbaren Knall im Innern dieſes Hauſes, indem ſie dadurch 26* 406 die hinter dem Giebel des Nebengebäudes aufgeſtellte Feldwacht mit Ziegeln, Lehm und Glasſtücken bewarf. Das Einfallen und Platzen war ſo eins und uner wartet, daß alle Leute durch einander fuhren und ein ſich bückender Soldat mich ſelbſt beinahe umrannte. Ich machte nun beſonders dieſem begreiflich, daß ſein Bücken nach dem Knall zu ſpät und unnütz ſey; der ſelbe war jedoch noch ſo verdutzt und ihm der nahe Knall ſo unerklärlich, daß er ſich nicht gleich wieder zu faſſen wußte und deßhalb ſich ſtatt hinter den rechten Flügelmann, den Musketier Haſelow der Compagnie, einen thätigen und muthigen Soldaten, neben ihn ſtellte. Der Letztere holte jedoch mit aller Ruhe ſeine Schnupftabaksdoſe heraus und bot dem Andern eine Priſe mit den Worten an:„hier Gott lieb, nimm'ne Priſe und beruhige Dir,“ was auch eine gute Wirkung hervorbrachte. Ich könnte noch ähnliche kleine Beiſpiele an führen, die von Ausdauer und Muth in Gefahr und Strapazen unſerer jungen Soldaten ein Zeugniß ge ben, und die meine Erwartung übertroffen haben, ſie ſind jedoch ähnlicher Art, wie die vorigen, oder verlieren bei ihrer Erzählung an Effekt, da derſelbe zugleich durch die Oertlichkeit, die Zeit und die Ver⸗ hältniſſe, die ſich nicht immer für die Oeffentlichkeit detailliren laſſen, bedingt iſt. ger⸗ keit 407 Ich ſchalte hier in beſonderem Auftrage, obwohl eigentlich nicht hieher gehörig, zum Schluß ein Bei— ſpiel der Treue und Klugheit des Hundes ein, die ſich beſonders bei Hunden, die immer beim Militär geweſen ſind, wenn man ſo ſagen kann, auch mili— täriſch äußert. Am 8. Juli ſchlug die 5. und 8. Compagnie des 20. Infanterieregiments einen feindlichen Ausfall im Vereine mit zwei Füſiliercompagnien deſſelben Regiments, obwohl auch unter einigem Verluſt an Todten und Schwerverwundeten, ſiegreich zurück. Da ich leider, als zur 6. Compagnie gehörig, die am Morgen erſt von dem anſtrengenden Vor poſtendienſt gekommen war, und deßhalb in Reſerve zurückgehalten wurde, dem Gefecht nicht beiwohnen konnte, ſo bat ich am andern Morgen um die Er laubniß, mit vier Mann das Gefechtsterrain recog nosciren zu können, um nach Todten, Verwundeten und zurückgelaſſenen Waffen zu ſuchen. Das hohe Korn begünſtigte dieſe Abſicht, ich fand jedoch nur noch todte Freiſchärler, die an einigen Stellen zu vier, fünf und acht zuſammenlagen. Hier fand ich auch eine im Korn niedergedrückte Stelle, auf welcher zwei ältere und ein jüngerer Frei ſchärler nicht weit von einander todt dalagen. Bei letzterem lag, von einer Flintenkugel durch 408 ſchoſſen, auf dem Rücken und ebenfalls todt, ein mir wohlbekannter Hund, ein Bulldog, der dem Lieute— nant v. Schlieben, welcher jenem Gefechte bei der 8. Compagnie des genannten Regiments beigewohnt, zugehört hatte. In's Bivouak zurückgekommen, erfuhr ich denn auch das nähere Schickſal jenes Hundes, der ſeinen Herrn in das Gefecht begleitet und ſtets in der äußer— ſten Feuerlinie mit dem größten Eifer die blaugekittel— ten Freiſchärler verfolgt, und manchem an die Gurgel ſpringend, umgeriſſen und unſern erbitterten Leuten und ihrem Bajonnet überliefert hatte. In einer neuen Poſition der Inſurgenten ſetzte er ſeine Angriffe ſo hartnäckig fort, daß auch er für gefährlich geachtet, durch eine feindliche Flintenkugel zwiſchen drei ſeiner Feinde todt niedergeſtreckt wurde. Der ſo gefallene treue Hund durfte mithin hier wenigſtens erwähnt werden.“ XIX. Unterhandlungen. In der Feſtung ging unterdeſſen Alles ſeinen alten Gang, die Kanoniere auf den Wällen feuerten auf jede preußiſche Patrouille, die ſich in ihrem Be— reich ſehen ließ, und einzelne Schützen gingen förm— lich auf die Preußenjagd; doch kamen ſie meiſtens ſelbſt ſtark gejagt, ſtatt gejagt zu haben, wieder nach Hauſe. 1 Nach Rheinau hinaus wurden fortwährend ohne Erlaubniß Streifzüge gemacht, denn in den dortigen Kellern, unter dem Schutt verbrannter Häuſer, lag noch Wein. Vergebens gab der Gouverneur Befehle; da er aber ſeine Drohungen nie ausführte, ſo kehrte ſich auch Niemand daran. Da in der Feſtung Jeder that, was er mochte, und Niemand mehr einem Befehl gehorchte, ſo fan— den denn auch die Preußen keinen Widerſtand, als ſie endlich, der ewigen Plackereien müde, die Brücke 6 —y———ͤͤͤſͤͤſ1n —— 410 bei Rheinau in Brand ſteckten, obgleich dieſelbe nur einige hundert Schritt von Baſtion A entfernt lag. Mit den Vorräthen war übel gehaust worden und die Abnahme derſelben bemerkte man bedeutend. Da auch das Geld zu Ende ging, ſo wurden im Kriegsrath verſchiedene Vorſchläge gemacht, dieſem Mangel abzuhelfen. Einige wollten den Soldaten, die neben vollſtändiger Verpflegung noch vier Kreu zer über ihren Gehalt erhielten, einen Abzug machen, allein es ward allgemein anerkannt, die Mannszucht ſey bereits ſo ſehr gelockert, daß man eine ſolche Maßregel nicht wagen könne. Es ward nun vorge ſchlagen, Papiergeld auszugeben oder eine Zwangs— anleihe bei den Bürgern zu machen, und endlich be— ſchloſſen, die Studienkaſſe und den Heiligenfonds in Beſchlag zu nehmen. Indeſſen war die Disciplin ſo untergraben, daß die Soldaten thaten, was ſie wollten, beſonders aber die Artillerie und Dragoner.„Letztere,“ ſo ſagt Corvin in ſeinen„Erinnerungsblättern aus Raſtatt,“ „zeichneten ſich überhaupt durch ihre Habgier und Unverſchämtheit, aber niemals im Gefecht aus. Die ſer Mangel an Mannszucht war um ſo gefährlicher, da eine Feindſchaft zwiſchen dem Militär und der Volkswehr dazu kam, deren Grund Neid und Hab gier war.“ 411 Anfänglich waren große Vorräthe an Tuch und andern Militäreffekten vorhanden. Dieſe hatte man einer Commiſſion anvertraut, aber keine beſtimmten Regeln über die Art der Austheilung von dergleichen Gegenſtänden feſtgeſetzt. Die natürlichſte Regel wäre geweſen, denjenigen Kleidungsſtücke zu geben, die deren bedurften; aber dieſer Meinung waren die Sol daten nicht. Dieſe verlangten, die Gegenſtände ſollten gleichmäßig unter die verſchiedenen Truppencorps ver theilt werden; der Gouverneur ging aber nicht darauf ein und gab fortwährend Einzelnen Anweiſungen an die Kammer, während er dieſelben Andern abſchlug, beides ganz nach Laune. Die Volkswehren, welche meiſt ſtrengern Dienſt gethan hatten als das Militär, waren größtentheils nur mit Blouſen bekleidet und froren Nachts bei Regenwetter jämmerlich; wenn man ihnen aber nur alte Mäntel gab, ſo war das Militär neidiſch darüber und es kam vor, daß man den Wehrmännern dieſelben mit Gewalt vom Leibe riß. Statt ein Erempel zu ſtatuiren, begnügte ſich der Gouverneur mit Tagsbefehlen, die Niemand be achtete. Das Unweſen nahm mehr und mehr über hand. Eine Anweiſung war am Ende gar nicht mehr nöthig; es holte ſich Tuch, Leder u. ſ. w. wer und wie viel er wollte, und viele verkauften es für einen Spottpreis an Wirthe und Schneider. 412 Unter dieſer Sachlage machte der General von der Gröben nochmals das Anerbieten, er wolle einen Offizier und einen Raſtatter Bürger nach Karls⸗ ruhe und nach Oos geleiten laſſen, damit ſie ſich überzeugen könnten, daß die Freiſchaarenarmee auf allen Seiten geſchlagen und zerſprengt, und alſo ein Entſatz, welchen der Feſtungsbote als nahe bevor⸗ ſtehend anzeigte, in keiner Weiſe zu erwarten ſey. Auf dieſes Anerbieten hin wurde im Kriegsrath zu Raſtatt der Vorſchlag gemacht, vom General von der Gröben zu verlangen, daß er den Abgeſandten geſtatte, bis an die Vorpoſten der Inſurgenten oder bis an die Schweiz zu reiſen, damit man ſich vom wahren Stande der Dinge überzeugen könnte. Was man nicht erwartet hatte, geſchah. General v. d. Gröben, um weiteres Blutvergießen zu ver⸗ hindern und im Sinne der Menſchlichkeit Alles ge⸗ than zu haben, ging auf dieſen Vorſchlag ein. Die Belagerten erwählten in Folge hievon Corvin und einen früheren Feldwebel Lang(der unterdeſſen zum Major vorgerückt war) zu dieſer Miſſion. Am 18. Juli um 11 Uhr ritten denn dieſe Bei⸗ den in Begleitung von einem Zug Dragoner und einem Offizier, nebſt Trompeter und Parlamentär— fahne, nach Niederbühl hinaus. Beide Abgeſandte waren in Uniform und trugen die dreifarbige Schärpe 413 quer über die Bruſt. Da von Niederbühl aus die Ankunft dieſer Parlamentäre ſogleich ins preußiſche Hauptquartier zurückgemeldet wurde, ſo begab ſich der Ordonnanzoffizier des General v. d. Gröben, Graf Schmettau, Lieutenant im 4. Küraſſierregiment, welcher beſtimmt war, Corvin und Lang zu beglei ten, nach Niederbühl. Doch gab es noch einen Aufent halt, indem Graf Schmettau den Abgeſandten eröffnete, daß man ſie in Uniform und mit der drei farbigen Schärpe ꝛc. nicht werde reiſen laſſen und daß ſie nach der Feſtung zurück müßten, um Civil kleider anzulegen. An dieſem kleinen Umſtande wäre faſt die Unterhandlung geſcheitert, denn als um vier Uhr deſſelbigen Tages die Parlamentäre, welche ſo ſchnell keinen ordentlichen Civilanzug auftreiben konn ten, längere Zeit von Graf Schmettau in Nieder— bühl vergeblich erwartet wurden, ging dieſer Offizier ſeinem Auftrag gemäß zurück, und als nun endlich ſpät am Nachmittage Corvin und Lang daſelbſt ankamen, hörten ſie, ſie könnten nicht mehr ange nommen werden. Der wachthabende Offizier entſchloß ſich indeſſen, ſie dennoch zu melden, worauf denn nach zwei Stunden Graf Schmettau zum dritten mal hinausfuhr. Da dieſe Verhandlungen im Lager bekannt ge worden waren, ſo begab ich mich gegen 5 Uhr in das Lager der Vorpoſten am Eiſenbahndamm, und gleich darauf kam von Kuppenheim her ein Wagen, in welchem ſich Graf Schmettau, ein Küraſſier⸗ wachtmeiſter, ſowie ein Infanterieunteroffizier befan den, die gegen Niederbühl fuhren. Auf den Wällen Raſtatts bemerkte man viel Hin- und Herlaufen von Geſtalten aller Art; Dra goner in weißen Mänteln, Freiſchaaren und Artille riſten, auch waren hie und da weiße Fahnen aufge— ſteckt. Die preußiſchen Offiziere und Soldaten ſtan den am Eiſenbahndamm in Gruppen beiſammen, und namentlich die letzteren unterhielten ſich über die erwarteten Parlamentäre in ſehr ungünſtigen Ausdrücken. Bald ſah man bei Niederbühl Staub auffliegen und der Wagen kam zurück. Auf dem Bock ſaß jetzt der Küraſſierwachtmeiſter und hieb tüchtig in die ſchlechten Pferde. Vorwärts fuhr Graf Schmettau, neben ihm Corvin, als Chef des Generalſtabs der Feſtung Raſtatt, rückwärts der Infanterieunteroffizier und Major Lang. Die beiden Abgeordneten waren in ſchwarzem Frack ſauber gekleidet, mit verbundenen Augen, was ihnen ein trauriges, ſehr niedergedrücktes Anſehen gab. Das Ganze machte einen unangenehmen Eindruck und hatte etwas von einer Exekution an ſich: der 415 ſchlechte Wagen, die elenden Pferde, die der Wacht— meiſter mühſam vorwärts peitſchte, die verbundenen Augen der Beiden, und wenn man hierzu bedachte, was dieſe Inſurgentenführer auf alle Fälle erwartete, ſo konnte man ſich eines peinlichen Gefühls nicht er— wehren. Auch die preußiſchen Soldaten mochten Aehn— liches denken, denn ihr Geſpräch ſank zum leiſen Geflüſter herab und ſie blickten achſelzuckend dem da voneilenden Wagen nach. Die nun folgende Reiſe Corvins und Langs iſt in ihrem Ganzen ſo eigenthümlicher Art und in ihren Einzelheiten oft ſo intereſſant, daß ich nicht umhin kann, dieſelbe aus den„Erinnerungsblättern aus Raſtatt“ von Corvin dem ganzen Wortlaut nach hier wieder zu geben. „Als wir das Lager hinter uns hatten,“ erzählt Corvin,„fragte mich Graf Schmettau, wie ich es mit dem mündlichen Verkehr zu halten wünſche, ob wir denſelben bloß auf das Nothwendige beſchrän⸗ ken, oder uns keinen Zwang anthun wollten; er bringe dieß in Anregung, weil Gouverneur Tiede mann ſich darüber beſchwert habe, daß Graf Grö ben einen unſerer Parlamentäre allerlei Dinge ge— fragt, die nicht zu deſſen Auftrage gehörten. Dieß war um ſo lächerlicher, als Tiedemann ſelbſt ſich ſtets in ſehr unpaſſende Diskuſſionen mit den preußiſchen 416 Parlamentären einließ.— Ich ſagte dem Grafen, es wäre mir natürlich angenehm, der Unterhaltung auf unſerer Reiſe keinen Zwang anzuthun, da wohl jeder von uns wiſſen werde, was er zu verſchweigen habe. Zugleich ſagte mir der Graf, er habe mit ſei ner Ehre für unſere Sicherheit zu haften. Ich muß geſtehen, man hätte zu dem Auftrage, uns zu be— gleiten, keine paſſendere und für uns angenehmere Wahl treffen können. Graf Schmettau benahm ſich in jeder Hinſicht durchaus ſeiner Stellung an gemeſſen und ſo liebenswürdig und artig, als es unſer Verhältniß nur immer geſtattete. Daſſelbe gilt vom Feldwebel und Unteroffizier, die beide nicht beſſer gewählt ſeyn konnten.“ „Es war ſchon ziemlich ſpät, als wir von Oos mit einem Extrazug in einem Coupé erſter Klaſſe ab— fuhren. Spät in der Nacht kamen wir in Freiburg an, wo ſich damals der Prinz von Preußen aufhielt. Wir wurden in mehreren Gaſthöfen abgewieſen und mußten froh ſeyn, daß wir endlich in einem Saal auf einer Streu ſammt und ſonders ein Nachtlager fanden. Was ich am Morgen in Freiburg hörte und auch in den Zeitungen las, gab mir ſo ziemlich die Ueberzeugung, daß Graf Gröben uns nicht ge⸗ täuſcht und daß unſere Armee uns feig im Stich ge— laſſen, ja bereits ſeit vierzehn Tagen die Schweizer Grenze überſchritten habe. Lang hatte gleich Luſt, wieder nach Raſtatt umzukehren; allein ich beſtand darauf, daß wir unſern Auftrag erfüllten und bis Conſtanz gingen. Ich wollte mich dabei zugleich nach der Stimmung in Württemberg und dem Zuſtand der Dinge in Frankreich erkundigen, um alle nur irgend zu unſern Gunſten ſprechenden Chancen in Erwägung zu ziehen.“ „Der Prinz von Preußen wünſchte, daß wir unſere Reiſe ſehr beſchleunigten; denn wenn auch ein Waffenſtillſtand abgeſchlagen war, ſchien er doch nicht Willens, die Feſtung aus den von Coblenz an⸗ gekommenen 72 Stück Belagerungsgeſchütz beſchießen. zu laſſen, bevor wir zurückgekehrt wären. Er willigte indeſſen in unſere Reiſe bis Conſtanz, da es einmal ſo ausgemacht ſey. Ich entſchied mich dabei für den Weg durch den Schwarzwald über Donaueſchingen. Nur einmal war ich in Freiburg geweſen, als ich im vorigen Jahr Frau Herwegh aufſuchte, die zu Hecker nach Kandern gegangen war. Damals hatte ich nicht Zeit gehabt, die Stadt anzuſehen, und holte es jetzt nach. Wir gingen mit Graf Schmettau in den herrlichen Dom und beſahen uns überhaupt die Stadt. An einem Thor ſah man noch die Spuren der vorjährigen Beſchießung. Gegen Mittag fuhren wir mit vier Poſtpferden nach Conſtanz ab. Der Weg Hackländer, Soldatenleben im Krieg. II. 18 27 durch das Gebirg iſt reizend und hätte mich zu jeder andern Zeit entzückt; allein der ernſte Zweck dieſer Reiſe trübte mir den Genuß der herrlichen Gegend.“ „Es war Abend, als wir nach Donaueſchingen kamen. Hier lagen Mecklenburger, deren Offiziere alsbald durch die Neugier in den Gaſthof getrieben wurden, in dem wir abgeſtiegen waren. Die Herren hatten bei Ladenburg Schläge bekommen und erkun⸗ digten ſich mit großer Zungengeläufigkeit und unter vielem:„wenn man gewußt hätte“ und ſonſtigem Wenn und Aber, das ihre Ungeſchicklichkeit beſchöni⸗ gen ſollte, bei Lang, der damals in jener Gegend geſtanden, nach einigen nähern Umſtänden. Die Offiziere ließen es ſich hier ganz wohl ſeyn. Ein alter gutmüthiger Major protegirte ein allerliebſtes Mädchen, die wie die Tochter des Regiments geklei— det und, wie ich hörte, eine kühne Reiterin war. Wir unterhielten uns in dieſer Geſellſchaft bei fri— ſchen Forellen ganz vortrefflich, und fuhren erſt nach zehn Uhr weiter.“ „Die Reiſe war beſchwerlich, weil auf jeder Sta⸗ tion der Wagen gewechſelt wurde. Während ſolchen Wechſels wäre es für mich eine Kleinigkeit geweſen, irgendwo zu verſchwinden und das Württembergiſche zu erreichen, von wo aus ich unaufgehalten weiter gekommen wäre, denn ich war in Civilkleidung und 19 4 hatte Geld genug bei mir. Der Gedanke kam mir wohl und die Verſuchung lag nahe, denn ich konnte mir nicht verhehlen, daß unſere Sache geſcheitert ſey, und uns höhern Offizieren ein hartes Loos bevor⸗ ſtehe; allein ich unterdrückte jeden Gedanken der Art ſogleich; ich wollte nicht, wie Siegel und Conſorten gethan, das Vertrauen täuſchen, das die Garniſon von Raſtatt in mich geſetzt hatte; ich wollte ihr bis zum letzten Augenblick nach Kräften dienen und das Schickſal meiner Kameraden theilen. Ueberdieß hielt mich von einem Fluchtverſuche die Rückſicht ab, daß Graf Schmettau mit ſeiner Ehre für uns ſtehen mußte.“ „Am frühen Morgen kamen wir in Conſtanz an. Hier lagen 5000 Mann Heſſen. Nachdem ich einige Stunden geruht hatte, ging ich in der Stadt ſpazieren, die ich noch nicht kannte. Wenige Schritte und ich war in der Schweiz. Dort winkte die Freiheit, wäh⸗ rend mich hier Tod oder harte Gefangenſchaft bedrohte. Ich ſchickte aber nur Verwünſchungen über die Grenze den Feiglingen nach, die uns ſo ſchändlich geopfert hatten. Der Wirth verſchaffte mir Zeitungen, von denen ich einige einſteckte, um es denen in Raſtatt ſchwarz auf weiß zu bringen, daß ſie verrathen waren. Vielfältig erzählte man uns, wie die fliehenden Frei⸗ ſchaaren noch zuſammen geraubt hatten, was ſie — —-— —— — 420 bekommen konnten. Ich muß geſtehen, ich ſehe nicht ein, was dergleichen Diebereien zur Förderung der deutſchen Freiheit und Herbeiführung der Republik nützen ſollen. Ueberall auf unſerm Wege durch den ganzen Schwarzwald fanden wir Reichstruppen; ganz Baden war damit überſchwemmt; man hatte es für nöthig gehalten, nicht weniger als 120,000 Mann gegen uns aufzubieten. Raſtatt war von 20,000 Mann umſchloſſen, und von Hoffnung konnte gar nicht mehr die Rede ſeyn. Zum Ueberfluß ſtanden an der Süd⸗ grenze noch 10,000 Oeſterreicher, die man jedoch nicht ins Land ließ.“ „Am Mittag fuhren wir von Conſtanz abz am Morgen langten wir in Freiburg an und fuhren dann wieder mit einem Extrazug nach Oos, wo wir Sonnabend den 21. Juli gegen Mittag ankamen. Wir fuhren nach der Favorite, wo der Prinz von Preußen ſein Quartier hatte. Ich bat Graf Schmettau, es möglich zu machen, daß ich den Prinzen ſpreche; ich wollte von ihm erfahren, was man ungefähr mit uns im Sinne habe. Der Graf verſprach, meinen Wunſch dem Prinzen mitzutheilen, ſobald derſelbe von einer Recognoscirung zurückgekehrt wäre. Wir erwarteten ſeine Rückkehr in der Hausmeiſterei, wo mehrere preußiſche Offiziere ihren Mittagstiſch hatten.“ „Einzelne gefielen ſich darin, in meiner Gegen⸗ ann ann nehr Süd nicht 421 wart ihrem Preußenthum die Zügel ſchießen zu laſſen und dem Haſſe gegen„das Geſindel“ Luft zu machen. Meine Stellung erlaubte mir nicht, die rohen Burſche zum Schweigen zu bringen, und ich begnügte mich mit einem mitleidigen Lächeln als Antwort. Uebri⸗ gens muß ich der Wahrheit gemäß ſagen, daß ich im Allgemeinen die Offiziere nicht ſo taktlos gefunden habe. Als der öſterreichiſche General Eberle, der Erbauer von Raſtatt, hörte, daß wir da ſeyen, kam er auch und ermahnte uns die Feſtung zu übergeben.“ „Endlich kam der Prinz mit ſeinem zahlreichen Gefolge von ſeinem Ritte zurück. Ich ſah bei dem— ſelben eine Menge badiſcher Offiziere, die ſämmtlich als Gallopins benutzt wurden und im Allgemeinen eine ſehr traurige Rolle ſpielten. Ich ward nach der Favorite beſchieden, wo ich den Chef des Ge— neralſtabs des Prinzen, einen Major Kirchfeld ſprechen ſollte.— Ich hieß Lang mit mir gehen, allein man bedeutete ihm zurückzubleiben, da man nur mich ſpre— chen wolle. Das war mir unangenehm, da ich gern einen Zeugen bei der Unteredung gehabt hätte, denn zwei behalten beſſer als einer.“ „Nachdem ich eine Weile in einem Gartenpavillon gewartet, kam der Major. Ich ſagte ihm, ich habe mich nun überzeugt, wie von außen für uns vor— läufig keine Hülfe zu erwarten ſey; allein wir ſeyen 422 ziemlich ſtark, haben noch Proviant und Munition genug und können uns noch lange halten. Deſſen ungeachtet glaube ich, daß man nicht abgeneigt ſeyn würde, die Feſtung zu übergeben, wenn man uns freien Abzug gewährte. Der Major antwortete, man werde ſich auf Bedingungen nicht einlaſſen, da man ſicher ſey, die Feſtung zu bekommen, denn unſer Proviant werde einmal zu Ende gehen. Da die Preußen Baden doch beſetzt halten müßten, komme es nicht darauf an, ob man um Raſtatt einige tau— ſend Mann mehr liegen laſſe. Man habe Zeit und könne warten. Uebrigens müſſe ich mir nicht vor⸗ ſtellen, daß, wenn man auch Uebergabe ohne Be⸗ dingungen verlange, die Beſatzung barbariſch behandelt werden würde. Schon die Menge der Theilnehmer an der Revolution mache, daß man zu ſtrenge Maß— regeln nicht durchführen könne. Was man von Füſil⸗ laden in Maſſe erzählt habe, ſey eine Fabel; man werde alle Urſache haben, mit der Milde der Behand⸗ lung zufrieden zu ſeyn.“ „Ich bemerkte ihm darauf, wie ich allerdings glaube, daß man nicht zu ſtrenge gegen das badiſche Militär verfahren werde, wie ich aber fürchte, die Rache möchte auf die Nichtbadener, beſonders auf die Freicorps fallen, und für dieſe möchte ich auf freiem Abzug beſtehen, da ſie ſich keinenfalls auf Gnade 423 und Ungnade ergeben, ſondern gewiß irgend einen verzweifelnden Entſchluß faſſen würden, der noth— wendig auch den Preußen viele Menſchen koſten müßte. Der Major meinte, man werde es darauf ankommen laſſen; er bemerke mir aber, jeder Tag Verzögerung könne unſer Schickſal nur verſchlimmern. Bisher haben wir, wie ich geſagt, weder von den verſchiedenen Erlaſſen des Großherzogs, noch von der Auflöſung der Inſurgentenarmee etwas gewußt; dieß ſey nun nicht mehr der Fall und jener Milde— rungsgrund falle weg. Genug, ſchloß er, wir warten.“ „Sehr niedergeſchlagen verließ ich ihn. Ich mußte geſtehen, daß er unſere gegenſeitige Lage vollkommen vom richtigen Geſichtspunkte auffaßte. Wir waren den Preußen ſicher genug und ſie wären Thoren ge— weſen, wenn ſie uns Bedingungen geſtattet hätten. Humanitätsrückſichten gelten nicht, wenn endlich der Moment zur heiß⸗ und langerſehnten Rache gekom— men iſt.“ „Als wir nach Niederbühl fuhren, bemerkte ich dem Grafen Schmettau, daß die Favorite keines— wegs vor unſern Bomben ſicher ſey, und daß ich das Schloß nur geſchont habe, weil ich das unnütze Zerſtören haſſe. Er zweifelte jedoch an der Möglich⸗ keit, dorthin zu ſchießen, und ich verſprach ihm eine 42¹ nur mit einem Briefe anſtatt mit Pulver gefüllte Bombe hinzuſenden. Ebenſo verſprach ich ihm einen Kübel Eis zu ſchicken, weil er geſprächsweiſe geklagt hatte, daß es daran in der Favorite gäͤnzlich fehle. Ich nahm vor Niederbühl von ihm und den beiden andern Begleitern Abſchied und kann nur wieder— holen, daß ich dem Grafen v. d. Gröben für die Wahl derſelben ſehr dankbar bin.“ „Am Thor erwartete uns eine Menge Neugieriger; allein ich ſagte Niemanden, wie es draußen ſtand, bevor ich nicht dem Kriegsrathe Bericht abgeſtattet hatte. Daſſelbe ſchärfte ich Lang ein, den ich als⸗ bald auf das Schloß beſchied. Er verſprach ſogleich zu kommen, er wolle nur einen Augenblick nach Hauſe gehen; er kam aber nicht, ſondern rannte umher und ſchwatzte wie ein altes Weib. Ich habe ihn auch ſeitdem, ſo viel ich mich erinnere, gar nicht wieder geſehen, ſondern hörte nur, daß er die Abſicht ge⸗ habt, mit ſeinem Bataillon ſogleich in das preußiſche Lager zu marſchiren und ſich zu ergeben.“ „Schon auf der Reiſe hatte ich mich über dieſen Major ſchwer geärgert, weil ihm die Feldwebelachſel— klappen überall unter den Offiziersepauletten hervor⸗ ſahen. Sobald ein preußiſcher höherer Offizier kam, ſetzte er ſich gleich in Feldwebelpoſitur, und dem ent— ſprach auch ſeine Unterhandlung mit demſelben.— Jeder von uns hatte aus der Kaſſe zwanzig Gulden zu der Reiſe erhalten. Dieſe hielt Lang ſehr feſt und ich mußte immer für ihn mit bezahlen; zu Trink— geldern und dergleichen war er nur zu bewegen, wenn ich ihn mehrmals darauf aufmerkſam machte. In Conſtanz kaufte er ſich aber eine hübſche Weſte und einen Nachtſack, den er in Oos ſeiner Frau gab. Das ſind Kleinigkeiten und es mag kleinlich erſchei nen, daß ich dergleichen erzähle; allein es charakte riſirt die Feldwebelnatur des Mannes, der ganz gewiß zu weiter nichts geſchaffen iſt, als zum Feld— webel.“ „Die Offiziere, die mich am Thore erwarteten, ſagten mir, ſie freuen ſich, daß ich wieder da ſey, denn kaum habe ich die Feſtung verlaſſen, ſo ſey überall der Teufel los geweſen. Tiedemann ſey völlig übergeſchnappt und treibe die närriſchſten Dinge. Mit den Soldaten ſey nicht mehr auszukommen, die— ſelben thun was ſie wollen und gehorchen Niemand mehr. Sie dringen mit Gewalt in das Proviant magazin und holen, was ihnen gefalle.— Reiter, den ich antraf, ſagte mir, es ſeyen höchſtens noch für acht Tage Lebensmittel vorhanden. Ich erſchrack darüber ſehr, denn das war entſcheidend. Bisher hieß es immer, wir hätten noch für mehrere Wochen zu leben.“ — ——— — 126 „Der kleinere Kriegsrath kam gegen Abend zu ſammen und ich erſtattete ihm treu und gewiſſenhaft meinen Bericht. Ich erklärte, wir haben durchaus nicht mehr die geringſte Hoffnung, wir müſſen uns unter allen Bedingungen ergeben; wir könnten es höchſtens noch einige Tage verzögern, allein damit ſey nichts gewonnen, im Gegentheil erbitterten wir dadurch den Feind. Ich würde für ein Durchſchla gen ſtimmen, allein das ſetzte die Truppen dem ſichern Verderben aus. Lang ſey bereits überall umherge⸗ laufen, habe durch Verkündigung ſeiner Jeremiaden die Leute entmuthigt und wir würden nicht den fünf ten Theil der Leute zu einem ſolchen Entſchluſſe be— wegen. Kämen wir auch an den Rhein, ſo fänden wir keine Schiffe und würden von den Preußen ein geholt und gefangen oder niedergemetzelt. Unſern Leuten könne unmöglich viel geſchehen, da die Menge zu groß ſey, und aus Egoismus, weil vielleicht für uns Anführer einige Hoffnung des Entkommens ſey— duͤrfe man nicht ein Blutbad herbeiführen, das un zählige Opfer koſten müßte.“ „Meine auf die geſunde Vernunft und die Sach lage gegründeten Vorſtellungen fanden Eingang und es ward beſchloſſen, auf möglichſt gute Bedingungen zu kapituliren, indeſſen auf den andern Morgen der große Kriegsrath zuſammenberufen, welcher aus ſämmt 427 lichen Offizieren und drei Leuten von der Compagnie beſtand. Ich mußte lächeln, als ich vernahm, welche ſanguiniſche Hoffnungen einige unter uns noch hegten. Das mindeſte, was man fordern und worauf man beſtehen müſſe, ſey freier Abzug für alle Fremden, und zwar mit Gepäck und Waffen, welche letztere man erſt am Rhein ablegen wolle. Biedenfeld hatte gar noch Bedingungen im Sinn, nach welchen die Offiziere in ihren Chargen bleiben ſollten.“ „Um 8 Uhr am andern Morgen kam im Saal des Schloſſes der große Kriegsrath zuſammen. Tiede⸗ mann las meinen Bericht vor und ich ergänzte ihn darauf ſelbſt. Die Aufregung war allgemein. Da waren viele, welche hohe Worte im Munde führten, aber weder etwas Geſcheidtes noch etwas Ausführbares vorbrachten. Ich nahm daher das Wort und ſtellte der Verſammlung mit dürren ungeſchminkten Worten die Sachlage vor. Nach kurzer Debatte ward be— ſchloſſen, die Kapitulation auf ſo gute Bedingungen als möglich einzuleiten. Ich ward beauftragt, die Unterhandlung zu leiten und noch am Vormittag in's preußiſche Lager zu gehen. Zugleich beſchloß man, — auf weſſen Antrag habe ich vergeſſen— um dem Feinde mit edlem Beiſpiel voranzugehen, daß ich den bei Ladenburg in unſere Gefangenſchaft gerathenen preußiſchen Major vom Generalſtab, v. Hinderſin, 28 mitnehmen ſollte. Dieſer Offizier galt in der preußi⸗ ſchen Armee ſehr viel, und da er in Bezug auf ſeine Behandlung Urſache hatte, vollkommen mit uns zu— frieden zu ſeyn, und er zugleich Manches zu unſern Gunſten wußte, ſo hoffte man, daß ſein Fürwort uns von Nutzen ſeyn werde.“ „Tiedemann hielt es für nöthig, einen Brief mitzugeben, den aber glücklicherweiſe nicht er, ſon— dern ich geſchrieben. Ich machte darin geltend, was ſich für uns geltend machen ließ; ich ſagte, wir haben von den verſchiedenen Proklamationen des Großher⸗ zogs nicht das geringſte erfahren und ſeyen jetzt, nachdem ſie uns bekannt geworden, bereit uns zu unterwerfen, weßhalb wir auch Anſpruch auf die darin enthaltenen Verheißungen machten. Wenn wir die Feſtung jetzt übergeben, ſtatt ſie ſo lange als möglich zu halten, erſparen wir dem Feinde eine Menge Koſten, welche durch die Belagerung erwach— ſen würden, und überliefern einen in vollkommen gutem Stande befindlichen Platz, während man, wenn man uns zur Verzweiflung triebe, leicht nur einen Schutthaufen mit Tauſenden von Menſchen erkaufen müßte. Halte man die Feſtung, ſo habe man immer noch Hoffnung auf einen Entſatz, der durch einen leicht möglichen Umſchlag in den Nachbarländern her⸗ beigeführt werden könnte.“* „Nachdem wir in Niederbühl einige Zeit hatten warten müſſen, fuhren wir, ich mit verbundenen Augen, ins preußiſche Lager. Mein Kutſcher— ich hatte dießmal einen Wagen mitgenommen— mußte mit verbundenen Augen am Wege ſitzen bleiben und ein Soldat nahm ſeinen Platz auf dem Bock ein. Wir hielten und nachdem ich mit Hülfe des Grafen Schmettau ausgeſtiegen war, führte mich dieſer eine ziemliche Strecke weit, und am Gemurmel rings um uns entnahm ich, daß wir im Lager waren. Endlich forderte mich der Graf auf, mich tief zu bücken und das Tuch abzunehmen. Jetzt befanden wir uns in einem kleinen runden Zelt, in welchem ein Tiſch mit Schreibzeug und ein Stuhl ſtanden und wo mich der Graf allein ließ.“ „Nach einiger Zeit trat oder vielmehr kroch Graf Carl v. d. Gröben, kommandirender General des zweiten Corps der Rheinarmee, ins Zelt.“ „Graf Gröben iſt ein hübſcher, noch nicht alter Mann; ſeine Haare fangen kaum an ſich grau zu färben; ſein Geſicht trägt den Ausdruck der Güte und Milde, dem auch ſeine Manieren und der Ton ſeiner Stimme entſprechen.— Ich übergab ihm mei⸗ nen Brief und nachdem er ihn geleſen, ſagte ich ihm, ich ſey von der Beſatzung von Raſtatt beauftragt, wegen Uebergabe der Feſtung zu unterhandeln. Der General mochte am Ausdruck meines Geſichts ſehen, wie ſchmerzlich mich dieſer Auftrag berührte; er ermuthigte mich und ſagte mir, unſer Loos werde beſſer ſeyn, als wir alle erwarteten. Der Großher⸗ zog— ich hatte im Schreiben ausdrücklich geſagt, daß ſich die Beſatzung dieſem ergebe— ſey ein milder Herr, der ſchon wegen der Menge der Schul⸗ digen nicht zu ſtrenge verfahren könne.— Er machte mich darauf aufmerkſam, daß Truppen, die ſich in Freiburg ergeben, auf die Fürſprache des dort befehligenden Generals v. Hirſchfeld, vom Großherzog ſogleich nach Hauſe entlaſſen worden ſeyen; an ſeiner Fürſprache für uns ſolle es eben⸗ falls nicht fehlen, und er zweifle nicht, daß dieſelbe von Seiten des Großherzogs berückſichtigt werde. Bedingungen könne man jedoch der Beſatzung nicht zugeſtehen, ſondern verlange die Uebergabe auf Gnade und Ungnade. Dieſes Wort klinge allerdings hart, allein es ſey mehr eine Form; ich ſolle ihm nur vertrauen, ich werde ſehen, daß dieſes Vertrauen gerechtfertigt ſey.“ Corvin, als Abgeordneter aus der Feſtung, ſträubte ſich längere Zeit gegen das Anſinnen, die Feſtung auf Gnade und Ungnade zu übergeben. — Zuerſt verlangte er freien Abzug für alle Frem— den und Compromittirten, dann wollte er für die m 431 Beſatzung die Amneſtie in Anſpruch nehmen, welche am 5. oder 6. Juli für alle diejenigen erlaſſen wor— den, die bis zum 15ten zum Gehorſam zurückgekehrt ſeyn würden. „Der Graf,“ erzählt Corvin ferner,„erinnerte ſich dieſer Verordnung und glaubte, ſie müſſe noch auf ſeinem Schreibtiſch oder beim Civilcommiſſär lie gen, jedenfalls ſolle uns Alles zu gute kommen, was irgend andern der aufſtändiſchen Truppen zu gute ge kommen. Er wolle gleich nachſehen, ob er jenes Aktenſtück nicht finde. Was die direkte Unterhand— lung mit dem Großherzog anbelange, ſo werde ſich dieſe vielleicht machen laſſen, da derſelbe in Mainz und dieſes durch die Eiſenbahn nicht weit entfernt ſey. Nachdem er mich verlaſſen, war er ſo artig, mir einen preußiſchen Offizier zur Geſellſchaft zu ſchicken. Es war außerordentlich heiß an dem Tage und in dem Zelte herrſchte ſolche Schwüle, daß man es kaum darin aushalten konnte. Um einen Luftzug herzuſtellen, wurde das Zelt an verſchiedenen Stellen von der Erde gelöst, was denn auch etwas half. Da ich brennenden Durſt bekommen hatte, ſo bat ich um etwas Waſſer; man brachte Murgwaſſer, da kein anderes vorhanden, welches aber erſt zu trinken war, als der preußiſche Offizier Zucker und Wein kommen ließ.“ Die Unterhaltung, die nun hier in Abweſenheit —————ͤͤſn— ——— 432 des Generals geführt wurde, war höchſt ungezwun— gener Art, ja einigemal faſt komiſch zu nennen.„Wie kann man,“ meinte der preußiſche Offizier,„die Hart— näckigkeit ſo weit treiben, und einen Platz vertheidi⸗ gen wollen, wo auf einen Entſatz, die letzte Hoff— nung aller Belagerten, in keinem Fall zu rechnen iſt. Ich gebe ſogar zu, Sie hätten Lebensmittel und alles zum Leben Nothwendige im Ueberfluß, was ja auch nicht einmal der Fall ſeyn ſoll.“ Worauf Corvin antwortete:„Was den erſten Punkt anbelangt, ſo wiſſen wir wohl, daß wir einen Entſatz nicht zu hoffen haben, Lebensmittel aber haben wir die Hülle und Fülle, und können noch lange Zeit eine ver⸗ gnügte Exiſtenz führen; ich habe Sie,“ ſetzte er hinzu, „bei der großen Hitze oft bedauert, ſo ohne allen Schatten im Feld unter den dünnen Zelten liegen, iſt keine Kleinigkeit, und wenn ich Ihnen vielleicht mit einem Kübel Eis dienen kann, ſo wird es mir großes Vergnügen gewähren.“„Es muß doch jeder Menſch,“ verſetzte der preußiſche Offizier, ohne das Eisanerbieten einer Antwort zu würdigen,„bei Un⸗ ternehmungen einen Zweck, irgend eine Hoffnung haben, und das ſcheint bei Ihnen nicht der Fall zu ſeyn, oder glauben Sie vielleicht, daß wenn ſie auch das Unglück der Stadt Raſtatt durch ein herbeigezo— genes Bombardement noch vergrößert haben, mit heiler 433 Haut entrinnen zu können?“ Corvin entgegnete: „Bis jetzt habe ich noch nicht ernſtlich daran gedacht, mich für meine Perſon zu ſalviren, doch glaube ich, das würde mir nicht ſchwer werden.“„Ich verſichere Sie,“ ſagte der Offizier,„daß, bevor Sie die Stiefel ausgezogen haben, um über den Rhein zu ſchwimmen, Sie zehnmal abgefaßt ſind.“„Wiſſen Sie denn, ob ich über den Rhein entfliehen will? Es gibt auch andere Wege.“„Aber nur durch unſere Vorpoſten, und Sie werden bei einigen Gelegenheiten bemerkt haben, daß es nicht gar leicht iſt, ſich durch eine preußiſche Vorpoſtenkette zu ſchleichen.“„Sie werden mir erlauben,“ entgegnete Corvin,„die Hoffnung zu haben, daß ein alter Jäger, wie ich, der un— zähligemal den Auerhahn ſchoß, wohl im Stande ſeyn wird, eine preußiſche Schildwache zu beſchlei— chen.“—„Das kann wohl ſeyn,“ verſetzte der Offi— zier,„aber Sie müſſen bedenken, daß eine preußiſche Schildwache nicht in der Brunſt iſt und nicht mit geſchloſſenen Augen, wie ein Auerhahn, daſteht.“ „Mein Terrain,“ bemerkte Corvin,„kenne ich ganz genau, ich werde gewiß nicht im ſchwarzen Frack oder im Freiſchaarenanzug meinen Rückzug antreten, und jemand, dem es darum zu thun iſt, ſein Leben zu retten, findet Schlupfwinkel genug und müßte er davonkriechen wie ein Kaninchen.“„Nur wollen Sie Hackländer, Soldatenleben im Krieg. II. 19 28 434 nicht vergeſſen,“ ſagte der Offizier,„daß das Kanin chen ebenfalls zu erwiſchen iſt, und daß man dem ſelben bei einer ſolchen Veranlaſſung das Fell über die Ohren zieht, was auch Ihnen geſchehen könnte, wenn Sie als Kaninchen abreiſen würden.“ Auch auf Staatsformen kam das Geſprach, und Corvin meinte, eine gemüthliche Anarchie ſey die beſte Staatsform, ein geſellſchaftlicher Zuſtand nämlich, wo jeder thun und laſſen könne, was er wolle, und wo dieſes Thun und Laſſen weder des Nebenmen ſchen Freiheiten ſchmälerte, noch einem andern Scha den zufügte. Allerdings, entgegnete der Offizier, wäre ein ſolcher Zuſtand nicht ſo übel, doch gehörten Engel dazu, um ihn durchzuführen; daß aber die Menſchen, die jetzt hier auf Erden einen ſolchen Zuſtand einzuführen dächten, durchaus keine Engel ſeyen, müſſe er ihm doch zugeben. Als nun Corvin einſah, daß General v. d. Gröben von den an ihn geſtellten Bedingungen, die Feſtung auf Gnade und Ungnade zu übergeben, we der abgehen wollte noch konnte, ſah er ſich genöthigt, auf dieſelben einzugehen und begab ſich nach Raſtatt zurück, um das, was er ausgerichtet, dem großen Kriegsrath mitzutheilen.„Alle,“ fährt er in ſeinen „Erinnerungsblättern“ fort,„waren ziemlich beſtürzt über meine Mittheilung.„Was wird aber aus uns?“ riefen Böning und Lefebre, die Anführer der Freiſchaaren⸗ und Flüchtlingslegion.„Wir,“ ant⸗ wortete ich,„thun unſre Schuldigkeit als Männer von Ehre und opfern uns für unſere Leute.“ Die Uebergabe auf Gnade und Ungnade ward beſchloſſen. Es war ein großer Moment, als die Mitglieder des Kriegsraths mit feſter Hand das Protokoll und muth maßlich damit ihr Todesurtheil unterſchrieben, denn über unſer Schickſal machten wir uns keine Täuſchung mehr, wenn auch einige nicht gerade an den Tod dachten. Ich für meine Perſon war— darauf gefaßt ler und hatte meiner Frau ſchon von Freiburg aus Lebe⸗ wohl geſagt. Ich ſehe ſie noch alle ſo lebhaft vor mir, daß ich ſie malen könnte! Links von mir Tiedema nn, hen rechts Biedenfeld, neben ihm Böning, dann Jacobi, Heilig und die Andern im Kreiſe umher. Von Einigen hat der Sand von Raſtatt bereits das d Blut getrunken..——— Am 23. Juli früh um acht Uhr wurde im all we gemeinen Kriegsrath ſämmtlicher Offiziere, zu welchem von jedem Fähnlein zwei Unteroffiziere und Gemeine tatt beigezogen waren, der Bericht Corvins vorgeleſen. ößer Den Antrag auf Uebergabe machte Tiedemann auch inen zu dem ſeinigen. Ein einziger Soldat oder als ſolcher nri maskirter Volkswehrmann, Strobel, wollte dem 4 Bericht nicht glauben und die Feſtung halten, bis— 4306 Alles aufgezehrt ſey. Der Kriegsrath ſtimmte aber für ſofortige Uebergabe auf Gnade und Ungnade. Einen großen Einfluß auf dieſe ſchnelle Entſchließung hatte wohl die vollſtändige Zuchtloſigkeit der Beſatzung, die, ſobald ſie von den Unterhandlungen gehört, allen Gelüſten die Zügel ſchießen ließ. Schon in der vergangenen Nacht waren in der Stadt Exceſſe vorgefallen, wie ſie wohl auf Schiffen, die dem Untergang nahe ſind, ſtattzufinden pflegen. Die Soldaten hatten die Magazine erbrochen und allerlei Gewaltthätigkeiten verübt, welche die Bewoh⸗ ner mit gerechten Beſorgniſſen erfüllten. Der Schloß— hof war beſtändig voller Menſchen, die alle nach der Montirungskammer wollten, um hier noch Tuch und andere Gegenſtände zu faſſen. In derſelben Nacht deſertirte die Mannſchaft einer Lünette, Wachen verließen ihre Poſten, Thore blieben offen, zum Theil unbeſetzt, und eine Hand⸗ voll Preußen hätte vielleicht ungehindert die Stadt beſetzen können. Bemerkenswerth iſt, daß verſchiedene der Inſurgenten, die am frühen Morgen durchgehen wollten, von den preußiſchen Vorpoſten nach der Feſtung zurückgejagt wurden, indem ſie ihnen zu— riefen:„macht, daß ihr wieder hineinkommt, morgen kriegen wir euch doch!“ Dieſe Umſtände mögen auch wohl an dem ſchnellen Entſchluß des Kriegsraths ſchuld geweſen ſeyn, noch während derſelbe am 23. Juli verſammelt war, ſchallte wüthendes Geſchrei vom Schloßhof herauf, die Soldaten trieben allerlei Unweſen, Artilleriſten und Dragoner, auch Infanteriſten hatten die Mon— tirungskammer geſtürmt und eilten mit geſtohlenen Ballen Tuch davon. Um dieſem Scandal ein Ende zu machen, wurden ſogleich zwei Geſchütze, jedoch nur blind geladen, gegen die keckſten Haufen abgefeuert und ein Mann an der Hand verwundet, worauf die Menge auseinander ſtob, beſonders als ſie den Be⸗ fehl hörte, mit Kartätſchen zu laden. Gegen zehn Uhr Morgens kam Corvin in Be— gleitung Biedenfelds in das preußiſche Lager und brachte den bei Ladenburg gefangenen Major v. Hin⸗ derſin mit ſich hinaus. Major v. Hinderſin, ein tüchtiger Generalſtabsoffizier, hatte das Unglück, ſchon zu Anfang des Feldzugs, wie bekannt, gefangen zu werden. Er war im Ganzen in der Feſtung ordent— lich behandelt worden, und als er die Thore verließ, dankte er, wie er erzählte, einem Bürgerhauptmann, deſſen Zureden am Abend der„Spionenſchlächterei“ ſein Leben vor der Wuth der Kanoniere geſchützt, auf's Herzlichſte. Man hatte ihm, als er gefangen wurde, ſeinen Säbel genommen, ein ihm werthvolles Geſchenk, und der Umſtand, daß er einem Freiſchaaren⸗ 438 führer, der ihm verſprach, er werde ſeinen Säbel bei der Auswechslung wieder erhalten, im Vertrauen auf dieſe Zuſicherung Geld gab, blieb ohne den ge— wünſchten Erfolg. Er bekam ſeinen Säbel nicht wieder, und als der Major, da er in Freiheit geſetzt wurde, nach ſeiner Waffe verlangte, ſo händigte man ihm einen Dragonerſäbel ein, mit dem er dann im preußiſchen Lager ankam. Da derſelbe aber begreif licherweiſe ohne Portepee war, ſo gab der Prinz von Preußen das ſeinige, welches er von ſeinem Degen ablöste, dem braven Offizier, und dieß Zeichen der Gnade ſeines hohen Führers wird ihm auf dem trü— ben Hintergrunde der Raſtatter Gefangenſchaft eine erhebende Erinnerung ſeyn. Die Kapitulation wurde gegen Mittag unter ſchrieben, wornach die Beſatzung von Raſtatt Seiner Königlichen Hoheit dem Großherzog von Baden und den in ſeinem Namen vor der Feſtung liegenden preußiſchen Truppen dieſelbe auf Gnade und Ungnade übergab. XX. Uaſtatt.— Freiburg. Am 23. Nachmittags befanden ſich die Lager um der Raſtatt in einer außergewöhnlichen Aufregung. Der rü Vorpoſtendienſt war ſehr verſchärft, denn es war an— ine zunehmen, daß Einzelne aus der Feſtung Verſuche machen würden, ſich durchzuſchleichen. Deßhalb war auch von Mittag an der Eintritt in die Lager jedem Fremden, der nicht eine beſondere Erlaubniß vorzu— nd weiſen hatte, ſtreng unterſagt. Adjutanten und Or— — ö—— den donnanzoffiziere ſprengten nach allen Richtungen in die verſchiedenen Lager, und wer Nachmittags in die Nähe von Kuppenheim kam, ſah deutlich, daß hier etwas Außergewöhnliches vorgefallen war. Kuppen⸗ ——ͤͤͤͤͤͤnn heim war belebter als ſonſt, nur in ganz anderer Art; ſtatt der Soldatengruppen, die geſtern noch müßig und plaudernd zuſammenſtanden, lief heute alles bunt durcheinander. Aus den Häuſern traten die Infan— teriſten vollſtändig feldmäßig bepackt, an den Wagen —— 440 wurden die Pferde eingeſpannt und Huſaren und Küraſſiere eilten im Galopp zu ihren Sammelplätzen. Auf allen Geſichtern las man das freudige Ereigniß, das Ende eines beſchwerlichen Lager- und Einſchlie— ßungsdienſtes. Raſtatt iſt über! Im Lager ſelbſt trat die Mannſchaft zuſammen, die Geſchütze fuhren auf und die Huſaren ſattelten unter lautem Lachen und Scherzen ihre Pferde. Alles jubelte laut, und ich bin feſt überzeugt, daß auch die Landwehr ſchon lange nicht mehr ihre Torniſter mit ſolch' angenehmem Gefühle umſchallte, wie heute. Ein kleiner Unfall war heute zu beklagen. In dem Lager der zwölfpfündigen Batterie, in der Nähe der Favorite nämlich, brach Feuer aus, man ſagte, durch ein weggeworfenes Streichhölzchen, und fünf bis ſechs Strohbaracken ſtanden in einem Augenblick in hellen Flammen. Die Mannſchaft, welche in größter Schnelle ihre Pferde und die gefüllten Protzen bei Seite ſchaffen mußte, konnte ihre Effekten zu gleicher Zeit nicht retten, und ſo verbrannte ihnen vieles. Später ſah man zwiſchen dem verkohlten Stroh ver⸗ brannte Torniſter, Patrontaſchen und dergleichen umherliegen. Gegen vier Uhr rückte das preußiſche zweite Armeecorps, ſämmtliche Belagerungstruppen, unter 441 Trommelſchlag und klingendem Spiele von allen Sei ten gegen die Feſtung, und gegen halb fünf Uhr folgte der Prinz von Preußen, von einem zahlreichen glänzenden Gefolge umgeben, den Truppen und ließ die Diviſionen, welche von Kuppenheim durch Nieder— bühl gegen Raſtatt vorrückten, vor letztgenanntem Dorfe ein großes Carré bilden, wo er zu den preußi— ſchen Soldaten mit kräftiger, weithin vernehmbarer Stimme einige zu Herzen gehende Worte ſprach: er verſicherte ſie, daß er mit ihrem Benehmen bis jetzt vollkommen zufrieden ſey, er erkenne es an, daß ſie ſich unter Mühſeligkeiten aller Art gut und pflicht— getreu benommen und daß es das Werk ihrer Tapfer— keit ſey, dieſen Feldzug zu ſo ſchnellem Ende geführt zu haben, daß ſie bald ein trauriges Beiſpiel vor ſich ſehen würden, wie dagegen eine Armee endige, die ihrem Eid und ihrer Fahne untreu geworden— fern von der Heimath, ſo ſchloß der Prinz, ruf ich euch den Dank eures Königs und Herrn zu, dem ich den meinigen aus vollem Herzen anſchließe. Nach einem dreimaligen lauten Lebehochrufen ſämmtlicher Truppen verließ der Prinz das Carré und ritt nach der Favo— rite zurück, da er wahrſcheinlich bei dem nun folgen⸗ den traurigen Schauſpiel der Entwaffnung nicht zu— gegen ſeyn wollte. Die preußiſchen Truppen vor dem Niederbühler 442 Thore wurden nun in Hufeiſenform aufgeſtellt, von welcher zwei Seiten durch Infanterie und eine Seite durch Artillerie mit abgeprotzten Geſchützen gebildet wurde. In der Mitte hielt General v. d. Gröben mit ſeinem Stabe. Alles war äußerſt geſpannt auf das Erſcheinen der Inſurgenten, die nach und nach aus den Thoren Raſtatts herauskamen. Von den Führern erſchien der Gouverneur Tiedemann, der Kriegsminiſter Stellvertreter Enno Sander, Corvin und ein Adjutant Peters zu Pferde. Die erſtern in einem Gemiſch von badiſcher und Phantaſieuniform und hatten ſeltſam genug am Käppi und an der Scha⸗ brake das großherzogliche Lmit der Krone. Ein alter, ſeltſam ausſehender Mann, der bekannte Böning, präſentirte ſich als Chef der Freiſchaaren, er hatte unter einem Heckerhut langes, weißes Haar und einen wallenden Bart. Zur Entwaffnung rückten zuerſt ungefähr fünf zig Dragoner in das geöffnete Carré der preußiſchen Truppen, wo ſie Säbel und Patrontaſchen ablegten und alsdann zurückgeführt wurden; ihr Offizier fragte einen der Preußen, ob er auch ſeine Epauletten ab— legen müſſe und auf die Antwort„allerdings“ warf er ſie etwas heftig zu Boden. Alsdann kamen fünf bayeriſche Chevaurlegers in Paradeanzug, ſonſt recht chien füͤnf unſauber und ohne Halsbinden, aber auf wohlge— nährten, gut ausſehenden Pferden; ſie ſaßen ab, die Pferde wurden von blauen Huſaren in Empfang ge— nommen, die Waffen zu den andern gelegt, und ſie traten zurück. Ihnen folgten drei Compagnien Frei ſchaaren, mit ziemlich militäriſcher Haltung, die meiſten in badiſchen Soldatenmänteln mit Gewehren und Patrontaſchen, hie und da ſah man eine rothe Feder; einige ihrer Offiziere trugen dreifarbige Chär pen. Das Commando derſelben zum Ablegen der Waffen war ſchlecht und unmilitäriſch, ebenſo das Ausſehen der Einzelnen. In dieſen Haufen befan— den ſich, neben jungen Burſchen von vierzehn bis fünfzehn Jahren, verlebte Kerle von vierzig bis fünfzig. Nach ihnen erſchien das traurigſte, was man in dieſen Verhältniſſen nur ſehen konnte, drei vollſtändige Bataillone badiſcher Linieninfanterie, frei— lich aus allen Regimentern zuſammengeſetzt, geführt von ihrem Oberſten und Chef Biedenfeld. Sie hatten anfänglich die Abſicht, mit klingendem Spiel aus der Feſtung zu ziehen, und man hörte ſchon einzelne Töne ihrer Muſik, als ihnen aufs Strengſte bedeutet wurde, Leute ihrer Art dürfen ſich nicht einfallen laſſen, mit militäriſchen Ehren abzuziehen. Sie kamen in ziemlich guter Haltung daher, ordent lich geſchloſſen und feſten Schrittes; ſie trugen neue, — ——— ———ͤͤͤͤͤſͤſͤmſ 8₰ —— 444 ſauber ausſehende Uniformen; zwei Bataillone hatten Helme nach Art der preußiſchen, ein Bataillon die alten Tſchako's mit den Greifen. Die Commandos ihrer Offiziere waren gut und deutlich und die Griffe wurden ebenſo ausgeführt:„Bei Fuß Gewehr, ſtreckts Gewehr!“ Auch hatten ſie ihre Fahnen, wie ſich von ſelbſt verſteht, in Wachstuch eingehüllt, bei ſich. Ihre Torniſter, die ziemlich ſchwer ſchie— nen, durften ſie nachher wieder aufnehmen. Nach ihnen kamen einige Artilleriſten von ziemlich ſchlech— tem Ausſehen. Der größte Theil dieſer Truppen wurde vor dem Iffezheimer Thore entwaffnet, vielleicht mehr als dreihundert; unter ihnen waren ſchöne Leute, aber alle ſahen ſchlecht und verkommen aus. Ueber⸗ haupt war die ganze Beſatzung eine recht verwilderte Bande, und namentlich trugen die Phyſiognomien vieler unter ihnen den Stempel des Trunks und Liederlichkeiten aller Art, denen ſie ſich in der Feſtung ergeben. Nach der Entwaffnung wurden zwiſchen den In— ſurgenten kleine Abtheilungen preußiſcher Infanterie eingeſchoben und dieſelben mit den obgenannten Füh— rern in die Kaſematten der Feſtung gebracht. Etwas ſeitwärts am Glacis ſtand die ſogenannte Flüchtlingslegion unter Lefebre, vielleicht einige vierzig 445 Mann, eine abgeriſſene Bande mit confiscirten Ge⸗ ſichtern; es ſollen Franzoſen, Spanier, Italiener, Polen, kurz alle möglichen Nationen da vertreten geweſen ſeyn. Von einer Uniformirung war natür— lich keine Rede; dieſer trug einen zur Jacke verſchnit— tenen Soldatenrock, jener eine durchlöcherte Blouſe, hier ſah man einen zerfetzten Schnürrock, dort einen alten Sammtſpenzer, dazu waren die meiſten betrun— ken und viele hatten kleine Pfeifen im Munde. Ihre Entwaffnung war ſchon in der Stadt von ihren po— litiſchen Glaubensgenoſſen beſorgt worden. Eine ſolche Unmaſſe von Bart- und Haupthaar aber, ſolche Ur— wälder, die nie ein ſchneidendes Inſtrument berührt zu haben ſchien, wie bei ihnen, iſt wohl nie beiſam— men geſehen worden.— Anfänglich, ehe die Preußen einrückten, war die Stadt ruhig und ſtill, der Schritt hallte in den Straßen, und vielleicht an zwei Drittheilen der Häu— ſer waren Thüren⸗- und Fenſterläden feſt verſchloſſen. Was ſich von der Einwohnerſchaft im erſten Augen— blick auf den Straßen und an den Fenſtern ſehen ließ, ‚war von nicht viel beſſerm Aeußern, als ihre militäriſchen Brüder, namentlich ſah man Weibsbil— der, die unter der Belagerung ſehr gelitten zu haben ſchienen. In der Nähe des Kloſters ſah man die Ruinen ———ͤͤͤͤn—— —— 446 zweier abgebrannten Häuſer, die bei der erſten Be— ſchießung der Preußen durch glühende Kugeln aus Feldbatterien in Brand geſteckt worden, hie und da flatterten weiße, wie badiſche Fahnen, und vor dem Thore hing eine alte zerfetzte ſchwarz-roth-goldene. Die Straßen der Stadt waren an verſchiedenen Stel— len abgegraben, damit Cavallerie und Artillerie nicht eindringen könne, dieſe Löcher aber heute wieder nothdürftig zugeworfen worden. An mehreren Häuſern, ſo wie an den Stra— ßenecken ſah man nachfolgende Proklamation ange⸗ ſchlagen: „Kameraden, Mitbürger! Morgen früh 8 Uhr wird der große Kriegsrath in dem Lokal, wo er heute verſammelt war, von Neuem berufen, um die Ant— wort, welche uns vom preußiſchen Lager geworden iſt, mitgetheilt zu erhalten. Ich erwarte erforderlichen Ernſt und keine Exceſſe, damit wir am Ende unſere edle Sache nicht beſudeln mit Vergehen und Ver— brechen. Die Preußen haben um einen Kübel ECis gebeten, welcher ihnen durch einen Unteroffizier über⸗ ſandt werden wird. Der Gouverneur G. R. Tie⸗ demann, Oberſt.“ Dieſe Eisgeſchichte iſt wirklich gut; das Wahre an der Sache iſt, daß Corvin nach ſeiner Zurück— kunft wirklich einen Kübel Eis hinausſandte, der 44 Be aber natürlicherweiſe von den preußiſchen Vorpoſten aus zurückgewieſen wurde. nd da Wie durch einen Zauberſchlag hatte ſich in der r dem nächſten halben Stunde das Leben in Raſtatt ver ldene. ändert, und bald wimmelte es von preußiſchem Mi Stel litär. Hie und da öffnete ſich ein verſchloſſener Fen nicht ſterladen, an den Hausthüren ſtanden Jäger und vieder Huſaren mit den Einwohnern plaudernd, und vor dem Gaſthofe zum Kreuz, wo der General v. Cöllen Stra ſein Abſteigquartier nahm, ſtanden ein paar Batterien, ange einige Bataillone Landwehrinfanterie, grüne Küraſ ſiere und blaue Huſaren, alles voll Luſt und Freude. Uhr Später erſchien der Prinz von Preußen einen Augen heute blick in der Stadt und mit ihm der neue Gouverneur Ant der Reichsfeſtung, General v. Holleben. Der Prinz 4 orden wurde von den Soldaten, wo er ſich ſehen ließ, mit lautem Jubelrufe begrüßt. Von den blauen Huſaren hatte eine Schwadron auch in der Umgebung der Ver Stadt zu thun, um Ausreißer, die ſich bis jetzt ver 1 (Eis ſteckt gehalten, einzufangen, und die guten Reiter üͤber mit ihren flinken Pferden waren außerordentlich bei gie der Hand und vollführten dieß Geſchäft mit großem 1 Vergnügen; wo keine Widerfſetzlichkeiten ſtattfanden, 4 gahre wurden die Gefangenen ruhig eingebracht, wo ſich. rück dieſelben aber zur Wehr ſetzten, gab es, und mit 1 1 vollem Recht, flache Säbelhiebe genug. Uebrigens 448 muß man es lobend anerkennen, daß bei dem In— grimm, den das ganze preußiſche Militär gegen die Aufrührer hatte, keinerlei Exceſſe gegen die Einge— fangenen vorfielen, ja kein Laut, keine Schimpfreden hörbar wurden, es iſt dieß ein neuer Beweis von der vortrefflichen Disciplin der preußiſchen Armee. Was Platz fand, wurde einquartiert, und alles andere campirté theils in Raſtatt ſelbſt, theils auf dem Glacis. Als wir in der Nacht gen Baden zurückfuhren, war es dunkle Nacht, rings ſah man die Wachfeuer brennen, und die vielen Lichter in Raſtatt ſtrahlten hell über der ſchwarzen Häuſermaſſe empor, und ver⸗ banden ſich in glänzenden Streifen mit dem klaren Nachthimmel. Es war, als ſenkte ſich von oben herab ein beſſerer lichter Geiſt auf die Stadt, die ſchon ſo viel erfahren. Tief unten aber in den finſtern Kaſematten der Feſtung lagen jene, die all' das Unglück herbei⸗ geführt.— Am andern Tage erſchien aus dem preußiſchen Hauptquartier, Schloß Favorite, nachfolgende Pro⸗ klamation: „Die Feſtung Raſtatt, die letzte Zuflucht des Inſurgentenheeres, hat ſich geſtern auf Gnade und Ungnade der ſiegreichen preußiſchen Armee ergeben. 449 Die Garniſon ſtreckte um ſechs Uhr Abends im An geſicht des zweiten preußiſchen Operationscorps die Waffen auf dem Glacis der Feſtung. Da ſeit meinem Armeebefehl vom 8. Juli die in dem Schwarzwald zerſtreuten Banden der Inſurgenten ſämmtlich die Schweizergrenze flüchtend überſchritten haben, ſo iſt die der Armee geſtellt geweſene ehrenvolle Aufgabe nunmehr vollſtändig erreicht. In Zeit von ſechs Wochen iſt die bayeriſche Rheinpfalz und das Groß— herzogthum Baden von den Inſurgentenſchaaren be— freit worden, und beide Länder ſind ihrer recht⸗ mäßigen Regierung zurückgegeben. Euch tapfern Kriegsgefährten gebührt der Ruhm dieſer Erfolge, die Ihr unter dem treuen Beiſtande Eurer deutſchen Brüder, des Neckarcorps, errungen habt. Eurem Muth, Eurer Ausdauer und Hingebung für die ge— rechte Sache, zu der der Befehl unſers Königs uns ins Feld rief, iſt es zu verdanken, daß in ſo kurzer Zeit zwei Länder Euch ihre Befreiung von Willkür und Geſetzloſigkeit verdanken. Während in Euren Reihen Zucht, Ordnung und Gehorſam herrſcht, habt Ihr geſehen, was aus einer Truppe wird, in der dieſe Erforderniſſe eines wohldisciplinirten Heeres fehlen, namentlich wenn dazu noch der Vorwurf des Gewiſſens tritt, ſeinem Herrſcher und deſſen Fahne den Eid freventlich gebrochen zu haben. Während Hackländer, Soldatenleben im Krieg. II 29 450 Ihr in Treue gegen König und Vaterland beharrtet, während Vorgeſetzte und Untergebene in Pllichter— füllung wetteiferten, folgt der Sieg unſern Fahnen; mit Stolz ſehe ich auf eine Armee, der es unter Gottes Beiſtand beſchieden war, den alten wohlbe⸗ gründeten Kriegsruhm zu erneuern; die gezeigt hat, daß die Zeit eines 33jährigen Friedens, Dank ſey es unſerer Heeresverfaſſung, wohl angewandt ſeyn muß, da ſich die Truppen auf dem Schlachtfeld, wie in den übrigen Dienſtobliegenheiten überall bewährt haben. Nochmals, Kameraden, rufe ich Euch meinen Dank für Eure ehrenvolle Leiſtung zu; fahret nun— mehr fort, wo die friedliche Beſatzung Badens durch die Armee erfolgt, Euch neue Anſprüche auf Aner— kennung zu erwerben, indem Ihr ein rühmendes Bei ſpiel aller Soldatentugenden gebet. Zugleich bewillige ich Euch eine Gratifikation von 1 Thlr. für den Unteroffizier und ½ Thlr. für den Gemeinen. Der Oberbefehlshaber der Operationsarmee am Rhein. (gezeichnet) Prinz von Preußen.“— Einen Gang, den ich heute mit Erlaubnißkarte durch Raſtatt und die Feſtungswerke machte, war wohl im Stande, bei der großen Unordnung aller Art, die man ſah, einen tiefen Eindruck zu hinter— laſſen, und ich werde den Anblick dieſer verwilderten Werke ſobald nicht vergeſſen. 451 Auf dem Schloßplatz lag in bunteſter Unordnung eine ungeheure Menge Artilleriematerial aller Art durcheinander; doch ſchien man hier noch einiger maßen Ordnung gehalten zu haben. Auf den Wällen hatte man aber in letzter Zeit entſetzlich gehaust. Da ſah man zerbrochene Flaſchen und Krüge in Menge neben Kartuſchen, die aufgeſchnitten und in einen Haufen Pulver verwandelt mit Kugeln, Erbſen, Linſen, Brod, Unrath vermengt, ein empörendes Durcheinander boten. Von den Kanonenröhren fanden ſich viele ver nagelt und ſo verdorben, daß man neue Zündlöcher einſchrauben mußte. Andere waren mit Steinen und Kugeln von verſchiedenem Kaliber ſo vollgeſtopft, daß man ſie kaum wieder entleeren konnte. Von den ſchönen neuen Liel'ſchen Laffetten, auf denen die Belagerungsgeſchütze ruhen, waren viele mit Aexten zuſammengehauen. In den Wachſtuben hatten es ſich die Inſur— genten durch Matrazen und vollſtändige Betten ſo bequem wie möglich gemacht. Um nun dieſer entſetzlichen Wirthſchaft ein ſchnel— les Ende zu machen, war die preußiſche Artillerie— mannſchaft heute ſchon emſig beſchäftigt: man ſortirte Kugeln, kehrte die Pulverhaufen zuſammen, reinigte die Geſchütze und das Alles über den Köpfen derer, ——ſn- ——— 452 die noch geſtern Herr in der Feſtung waren, und jetzt tief drunten in den Kaſematten ſaßen. In der Stadt ſelbſt ſah es ſchon ein bischen beſſer aus. Geſtern noch verſchloſſene Häuſer öffne ten ſich den zurückkehrenden Eigenthümern, von denen viele auf den umliegenden Dörfern dieſem Moment mit banger Erwartung entgegen geſehen. Wie fanden vielleicht manche die zurückgelaſſenen Ihrigen, wie ihre Habe? Man that alles Mögliche, um den Straßen wie der ein nettes, ordentliches Anſehen zu geben, und Viele, welche geſtern noch den hereinmarſchirenden Preußen mit bleichen Geſichtern und angſtvoll ent gegengeſeufzt, waren heute wieder frohe, glückliche Menſchen. Die Stadt hatte plötzlich ein ganz anderes An— ſehen bekommen. Der neue Gouverneur der Feſtung, General v. Holleben, erließ nachfolgende Anſprache: „Bewohner von Raſtatt! Nachdem eure Stadt und die Feſtung Raſtatt den Händen der Meu— terer entriſſen worden, iſt der Empörung im Groß herzogthum Baden der letzte Anhalt genommen. Zur Wiederherſtellung der ſeit Monaten niedergeworfenen Ordnung, zur Wiederaufrichtung des Geſetzes ſind die ſtrengſten Maßregeln erforderlich. Bei Gefahr 453 eurer eigenen Perſonen werdet ihr aufgefordert, allen von den Militärbehörden zu treffenden Anordnungen die unbedingteſte Folge zu leiſten. Schwer laſtet das Vorgefallene auf einem namhaften Theil der hieſigen Einwohnerſchaft, und obgleich ich hoffe, daß noch eine, wenn auch kleine Anzahl gutgeſinnter Bürger vorhanden iſt, ſo iſt doch mein Mißtrauen . groß; es kann nur durch Bethätigung des größten Gehorſams und muſterhafter, ruhiger Aufführung allmählig ſchwinden und für euch gelindere Maß nahmen herbeiführen. Bürger! ich mahne euch, ein gedenk zu ſeyn der edlen Pflichten der Bürgertreue und der Achtung vor den Geſetzen; nur ſo iſt es möglich, daß jenes wahre Bürgerglück euch wieder zu Theil werden kann, deſſen ihr euch ſelbſt, wie leider ein großer Theil der Bewohner dieſes ſchönen Landes, durch Schwäche und Geſinnungsloſigkeit oder durch offenen Aufruhr verluſtig gemacht habt.“ Einige Tage nach der Uebergabe von Raſtatt verließ der Prinz von Preußen die Favorite und ich ging mit dem Hauptquartier nach Freiburg. Unter wegs war auf allen Stationen, auf allen Bahnhöfen kriegeriſches Leben, Truppenabtheilungen verſchiedener Waffen und Regimenter, welche die Bahn auf und ab fuhren, alle heiter und guter Dinge, denn der Feldzug war zu Ende und die Landwehrmänner, ſo 454 brav ſie ſich auch im Gefechte geſchlagen, ſahen doch großentheils freudig der Rückkehr entgegen, welche ſie den Ihrigen wiedergeben würde. Freiburg, ſonſt eine ſtille Stadt, war ſehr be lebt, auf Straßen und Gaſſen klirrte der Säbel und glänzte die Pickelhaube. Man hörte hier Dialekte aus allen Theilen der preußiſchen Monarchie und neben dem Rheinländer, der ſich einen Schoppen Wein geben ließ, bat der Norddeutſche um ein Schnäpschen, und nie, ohne hinzuzuſetzen:„wenn Sie ſo gut ſeyn wollen.“ An Plakaten fehlte es auch nicht und aus den meiſten konnte man entnehmen, daß die Partei des Aufruhrs im Stillen immer noch beſchäftigt war, die leider noch vielfach glimmenden Kohlen aufs Neue anzufachen. Man begriff nicht, wie es Menſchen geben konnte, die, trotz aller mißlungenen und für ſie ſelbſt übel ausgefallenen Verſuche, die Soldaten zu verführen, zum Aufruhr zu predigen und den Be hörden durch an und für ſich unbedeutende Kleinig keiten trotzig entgegen zu treten, immer noch fort fuhren zu wühlen und Unruhen hervorzurufen. Und doch war dem ſo. Die Beſtrebungen, den Soldaten ſeiner Pflicht abwendig zu machen, ſcheiterten aber beſtändig und vollkommen an dem guten Sinn der verthierteſten aller Söldlinge, den Preußen, und 1 1 e. trugen nur den Verſuchern große Unannehnlichkeiten und körperliche Zurechtweiſungen gutgemeſſen ein. Gab es doch einen Clubb hier, bei dem auch Frauen und„Jungfrauen“ betheiligt waren, von welchen alles auf- und angeboten wurde, den Soldaten zu verführen. Die königlichen Soldknechte ließen ſich dieß auch wohl gefallen, betrugen ſich anſtändig und verbanden nachher, wenn die Klauſel vorgebracht wurde, wor nach der militäriſche Bruder verſprechen mußte, nie mehr auf's„Volk“ einzuhauen, das Angenehme mit dem Nützlichen, indem ſie die Verführer tüchtig durch bläuten und ſie oftmals von weiteren Verſuchen auf ſolche Art abhielten, meiſtens auch, ohne ſie alsdann dem Gerichte zu übergeben. Mancher Wühler wurde aber auch von den Soldaten angezeigt und darauf hin eingeſteckt, und ebenſo manche Wühlerin, wodurch die andern veran laßt wurden, behutſamer aufzutreten. In den letzten Tagen ſah man wieder hie und da eine rothe Halsbinde, ſowie ſchwarze Freiſchaaren— hüte, deren Träger ſich namentlich in der Nähe der Kommandantur auffallend gern zeigten, was den Major v. Wangenheim, den Kommandanten der Stadt Freiburg, der überhaupt nicht viel Spaß verſtand, veranlaßte, nachfolgende Proklamation anſchlagen zu 456 laſſen:„Die ſchwarzen ſogenannten Freiſchaarenhüte ſind durchaus verboten, mit alleiniger Ausnahme der⸗ jenigen, die die hieſigen Zuchthäuslinge bei Gelegen— heit ſeit Jahren tragen. Freiburg, 28. Juli. Major v. Wangenheim.“ Dieſe Gelegenheiten ſind nun aber die Beerdigungen der Zuchthausgefangenen, wo ſämmtliche Sträflinge, die dem Zuge folgen, die obenerwähnten Hüte tragen. Wen man künftig mit ſolchem Hute auf der Straße antrifft, der— würde alſo für einen leidtragenden Zuchthäusling gehalten werden, was unangenehme Folgen haben könnte. Ein anderes Plakat warnte„vor jenen politiſchen Proſelytenmachern und Volksbeglückern von Profeſſion, die ihr ſauberes Handwerk noch im Geheimen fortzu— ſetzen trachten und im Trüben fiſchen,“ und ſetzte ferner eine angemeſſene Geld- und Gefängnißſtrafe für Jeden aus, der obrigkeitliche Maueranſchläge be— ſchädigte oder herabriß. Wie viel aber dergleichen Ermahnungen bis jetzt genützt, ſah ich an deutlichen Zeichen auf einem derſelben, wo zwei ſchmutzige Fin ger bemüht geweſen waren, gerade dieß Plakat zu vernichten. Im Zähringer Hofe hatte der Prinz von Preußen wieder ſein Quartier genommen und war daſſelbe umlagert von Adjutanten, Ordonnanz- und andern 457 nhute Offizieren. Jeden Augenblick brachten Couriere und e der Staffetten Meldungen aller Art, und Soldaten ver— ſchiedener Waffen, die hier zu thun hatten und aus— Najer und eingingen, machten das Getreibe noch lebendiger. nun In der Küche, im Hof, in den Ställen, Remiſen und 1, wo Stallungen tummalte ſich ein kleines Hoflager umher. die Bediente, Reitknechte, Tafeldecker und Silberdiener liefen durcheinander und rannten nicht ſelten mit den der 8 Kellnern zuſammen, die ſich durch die fremde Bedienung in ihrem Hausrecht einigermaßen gekränkt fanden. Als es Abend wurde, füllte ſich die Straße in der Nähe des Zähringer Hofes mit ſpazierengehenden Soldaten, die Arm in Arm herbeikamen, um einer ſſchen ffion großen militäriſchen Serenade zu lauſchen, mit wel— * cher der Prinz von Preußen am Tage ſeiner Ankunft ſetzte bewillkommt wurde. Bald waren die Straßen dicht — beſetzt mit Soldaten und Einwohnern der Stadt, und e be aus den geöffneten Fenſtern horchte eine zahlreiche Taer Damenwelt in der lauen, angenehmen Abendluft den Klängen der preußiſchen Militärmuſik. Die Muſiker, ſie waren vom 17. Regiment, Rheinländer, ſtanden bn im Kreiſe und kleine Freiburger Gaſſenjungen hielten ihnen die Notenblätter und thaten das eben ſo ſicher und gewandt, wie es noch vor Kurzem die jugend— lichen Straßenbummler von Köln gethan. Die alten Gaſſen des ſtrengkatholiſchen Freiburg dern Hacklänvder, Soldatenleben im Krieg. II. 30 458 bekamen zuerſt die Piushymne zu hören, was auch dem ſchwarzen finſtern Münſter, der ernſt auf das Gewühl ſchaute, nicht übel zu gefallen ſchien. Nach dem Hanſeemarſch in ſeiner friſchen muntern Weiſe ſtiegen die ernſten melancholiſchen Klänge ſchwäbiſcher Volkslieder zu dem Nachthimmel hinauf und grüßten die Weinberge des Breisgaues. Von einem dieſer Lieder fielen mir zufällig ein paar Strophen ein, die, wenn ich nicht irre, heißen: „Ueber's Jahr, über's Jahr, wenn ich wiederum komm', Kehr ich ein mein Schatz bei dir.“ Ich weiß nicht, warum ſie mir heute Abend ſo be deutungsvoll in die Ohren tönten. Den Schluß der Serenade machte:„Heil dir im Siegeskranz“ und das bekannte Preußenlied. Als die Muſik ſchwieg, trat ein Landwehrmann aus dem Haufen ſeiner Kameraden, nahm ſeine Mütze ab, blickte zu dem geliebten Heerführer auf, der auf dem Balkon des Hauſes ſtand, und brachte drei Hur rah dem Prinzen von Preußen, zu denen die Worte waren: er ſolle leben, immer und ewig! Tauſende ſtimmten ein und die Soldaten zogen darauf unter den Klängen des preußiſchen Zapfenſtreiches luſtig nach Hauſe. Des andern Tages wandte auch ich mich nach 159 Hauſe, nach Stuttgart, zurück und nahm meinen Weg über Effringen nach Baſel. Zwiſchen dieſen beiden Orten wir verließen D Effringen bei einbrechender Dunkelheit ſtanden an der Schweizer Grenze die preußiſchen und ſchweize riſchen Vorpoſten dicht neben einander. Die Mann ſchaft lagerte auf dem Felde unter Strohbaracken, und die einzelnen Schildwachen ſtanden plaudernd auf der Chauſſee. Bei dem Schein der Wagenlaterne unterſuchte ein Unteroffizier der Schweizer unſere Päſſe, und dieſer Republikaner nahm es ziemlich genau damit. Auf die gleiche Art wurden wir noch einmal an den Thoren der Stadt Baſel angehalten. Von hier aus ging ich über Schaffhauſen nach Friedrichshafen, wo ich an dem ſchönen Waſſerſpiegel des majeſtätiſchen See's noch ein paar Tage ſehr aͤngenehm verlebte. ———n— ———-— b . -——— xx rey Control Chart s Green vellow Hed Magenta