nr Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und afranzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe? Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Buͤcher jeden Tag von Morgens 3 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1-i r auf 1 Monat: 4 Met.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 5. Auswärtige Srnenten, haben für Hin⸗ lund Zurückſendung zder Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. „ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Nufeen ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz d des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem D iejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— Febensräthſel. Nooellen von Karl Frenzel. Zweiter Band. 4—— ee Teipzig, 1 Ernſt Julius Günther. 1874. 0 u 1 gens d richter er viel aus to abenten Kind; den T b aus, o ſie au ſie we etwas nem d Vork Fre Drittes Kapitel. „Ja“, ſagte nach einer längeren Pauſe des Schwei⸗ gens der bedächtige Wildenhagen,„es war ein thö⸗ richter Streich, und ohne die Gegenwart Anna's wäre er vielleicht noch ſchlimmer abgelaufen. Und das Alles aus toller Laune, ohne vernünftigen Grund. Statt abenteuerlich allein den Wald zu durchſtreifen, das Kind zu erſchrecken, über die Mauer zu ſpringen, in den Thurm zu klettern...“ „Hätteſt Du wie alle geſitteten Leute vom Schloſſe aus, auf dem geraden Wege, die Ruine beſuchen und ſie aus der Ferne betrachten können, um ſo mehr, da ſie weder in ihrem Inneren noch in ihrem Aeußeren etwas Sehenswerthes bietet“, unterbrach ihn von ſei⸗ nem Lager, Kopf und Arm im Verbande, Reinhard. „Vortrefflich! Ich bin beſiegt, beſchämt— wem das Frenzel, Lebensräthſel. II. 1 2 Haar zu ergrauen beginnt, der hat zu phantaſtiſchen oder ſentimentalen Tollheiten nicht mehr das Recht. Aber geſtehe nun auch Du, daß es mit der Welt zu Ende wäre, wenn nur Weiſe, wie Ottokar Wildenhagen, darin lebten.“ „Mit der Welt, wie ſie iſt, ja wohl! Allein wer ſagt Dir denn, daß ſie die beſte aller möglichen Welten ſei? Ich kann mir eine beſſere vorſtellen.“ „Wo man auf den Kopf fällt, ohne ihn ſich zu zerſchlagen?“ „Du bleibſt der alte Schalk“, drohte Ottokar mit dem Finger.„Du gewinnſt allen Dingen die lächer⸗ liche Seite ab.“ „Suche es wenigſtens zu thun. Weißt Du, warum? Weil ich hinter der lachenden Maske ein ver⸗ zweifelt ernſthafter Grillentänger bin. Ach, Freund Ottokar, kein luſtiger Held, den der Uebermuth und die Langeweile peinigen, ein ſchwermüthiger Narr ging in den Thurm und holte ſich dieſe Wunden— ein Hamlet, der Opheliens Spuren nachträumte!“ „Das wäre?“ Wildenhagen ſetzte ſich aufrecht in ſeinem Stuhl, als erwarte er eine feierliche Mitthei⸗ lung; er wollte dem Kranken den Scherz nicht ver— derben, im Fall es ſich nur um eine Eulenſpiegelei handelte, und ihm zugleich Muth zu einem Bekenntniß mache drücke G in ein Hauſe Pllege auf T bedürf Hand dem d den zie Wögel der in Gebirg ganze ſchon pflege des V durch Beſch im St erſten des F Wede Geiſt 3 machen, ſollte eine ſchwere Erinnerung ſein Herz be⸗ drücken. Es war am dritten Tage nach Reinhard's Unfall, in einem hohen, geräumigen und luftigen Gemach des Hauſes. Alles darin zeugte von der Anweſenheit, der Pflege und Sorgfalt einer Frau. Kein Stäubchen auf Tiſchen und Seſſeln; was der Kranke nur irgend bedürfen oder begehren mochte, war ihm leicht zur Hand gelegt; ein reich beſetzter Blumentiſch ſtand an dem Fenſter. Vom Bette aus konnten Reinhard's Blicke den ziehenden Wolken des Himmels, dem Fluge der Vögel folgen oder auf der ſchön geſchwungenen Linie der in der Ferne aufſteigenden, das Thal begrenzenden Gebirgskette ausruhen. Nicht umſonſt, das war der ganzen Einrichtung des Gemachs anzuſehen, hatte Ottilie ſchon im vergangenen Jahre ihre Lehrzeit als Kranken⸗ pflegerin beſtanden; für das Behagen und die Wünſche des Verwundeten war in einer Weiſe geſorgt, die nur durch Erfahrung erworben wird. Zu ſeiner eigenen Beſchämung fühlte ſich Reinhard gedrungen, Ottilien im Stillen die Spöttereien abzubitten, die er in ſeinem erſten Geſpräch mit Ottokar über die Verwandlung des Fräuleins in eine barmherzige Schweſter geäußert. Weder von ihrer Anmuth und Würde, noch von ihrem Geiſt und ſogar von ihrer Vorliebe für Schmuck und 1* 3 modiſche Bekleidung hatte ſie etwas bei dieſer Wand⸗ lung eingebüßt. Beſſer und ſchöner, als er es in ſeinen Vorurtheilen für möglich gehalten, wußte ſie die Dienſte, die ſie ihm leiſtete, mit dem Weſen und der Haltung einer vornehmen geiſtvollen Frau zu vereinigen. Ja, es war ihm, als empfinge ihre Erſcheinung von dieſer Theilnahme und Geſchäftigkeit für ihn einen neuen Reiz und Schmelz. Wildenhagen's Schilderung Otti⸗ liens ſchien Recht zu behalten und von dem ſtolzen und heftigen Mädchen, das Reinhard gekannt hatte, auch die leiſeſte Spur weggetilgt zu ſein. Indem Ottokar, der CEröffnung des Freundes harrend, ſeine Augen durch das Zimmer ſchweifen ließ, prägte ſich der Ausdruck der Befriedigung und des Vergnügens über Alles, was er ſah, ſo deutlich in ſeinem Geſicht aus, daß Reinhard ausrief:„Als Gott die Welt anſchaute, fand er, daß Alles vorzüg⸗ lich ſei— der erſte und größte Optimiſt, der auf ſei⸗ nem erhabenen Standpunkt keinen Widerſpruch zu fürchten hatte. Du denkſt jetzt Aehnliches; Alles, was Ottilie Aldenhoven hier geſchaffen, iſt muſterhaft, folg⸗ lich iſt ſie ſelbſt ein Muſter und Vorbild edler Weib⸗ lichkeit, und ich habe ſie richtig erkannt und ihren Werth gewürdigt, während Reinhard noch in den Nebeln und Finſterniſſen des Vorurtheils befangen war.“ ——õ— Drake Sache gerät leins, hier l quült Ottil Folte Otto „Zur Hälfte haſt Du meine Stimmung errathen, mich beſchleicht ein eigenes Gefühl der Genugthuung, daß meine verehrte Freundin meine Weiſſagung durch ihre Liebenswürdigkeit noch übertroffen hat. Aber dies Gefühl entſpringt nicht aus Citelkeit, das Fräulein richtiger als Du beurtheilt zu haben, ſondern aus der Freude, daß Dir dieſer Schatz von Huld und Güte zu Nutzen kömmt.“ „Und was ſagteſt Du, wenn ich ihn ſchon inmal in Anſpruch genommen?“ „Daß Dir das Geſchick mehr als billig zürnt oder wohl will.“ „Geſprochen wie die Pythia zu Delphi! Das Orakel des Bürgermeiſters bleibt in Ehren, wie die Sache auch enden mag.“ „Du ſelbſt haſt mich über den Ausgang beruhigt; geräthſt Du auch immer tiefer in die Schuld des Fräu⸗ leins, es iſt keine tragiſche.“ „Halt, Beſter! Das eben iſt die Frage. Seit ich hier liege— zugegeben, daß ich weich gebettet liege— quält ſich mein Gewiſſen mit dieſer Frage. So oft Ottilie eintritt, erleide ich etwas wie eine moraliſche Folter—“ „Hoffentlich ohne große Schmerzen“, bemerkte Ottokar lächelnd. 6 „Ja, wenn man vor Euren Augen nicht weint und ſtöhnt oder den leidenſchaftlich Unglücklichen im Stil eines ſchlechten Schauſpielers, wohl gar noch mit unſchuldigen Selbſtmordsverſuchen ſpielt, dann leidet man nicht, höchſtens an eingebildeten Krankheiten. Seitdem die Aerzte ſo viele neue materialiſtiſche Krank⸗ heiten erfunden haben, ſind die Seelenleiden ins Fabel⸗ land gewieſen worden. Kann man nicht ein Mann ſein, dem Tode in zwanzig Gefechten getrotzt haben und doch an einem kleinen Stich, an einem Riß im Herzen ſterben? An dem Stich einer Nadel blos?“ „Hm! Das iſt Hamlet, und ich fange an zu glau⸗ ben, daß der Thurm in der That Geſpenſter birgt.“ „Geſpenſter? Warum nicht? Ein halbes Dutzend Tage aus meiner Vergangenheit. Es hat lange ge⸗ dauert, ehe ſie von den Todten auferſtanden ſind, aber nun ſind ſie's und es drängt ſie zu reden, gerade wie Hamlets Vater, als er geſpenſtiſch umging, ange⸗ redet werden wollte. Erinnerungen und Geſpenſter ſind Plaudertaſchen.“ „So ruf' ich mit Horatio: Sprich, ich beſchwöre Dich, ſprich!“ „Ein Wort für viele! Ich ſaß ſechs Tage in jenem Thurm, ein halber Gefangener, unter der Ob⸗ hut und der Wache zweier Mädchen— und wann? —— ——— Währe Schwe J in Ott ſo hing er wie alten 3 Wächte Hunde mäßige kennen ſcheint. 5 1 ein tre einmal vorzuſt er Din Du w lution lichſter diente Deutſe iſt im öre 7 Während Du mich als flüchtigen Hochverräther in der Schweiz oder in Frankreich geborgen wähnteſt.“ Iſt das nun Ernſt oder iſt es Thorheit? mochte in Ottokar's Geſicht zu leſen ſtehen. Dieſe Eröffnung, ſo hingeworfen, ſtreifte an ein Märchen Münchhauſen's; er wiederholte darum nur:„Du ſaßeſt 1849 in dem alten Gartenthurm?“ „Im October 1849, und rings umher waren die Wächter des Geſetzes gegen mich losgelaſſen, wie die Hunde auf den Hirſch. Dein Erſtaunen wird ſich mäßigen, wenn Du die Geſchichte im Zuſammenhang kennen lernſt. Sie iſt nicht ſo romantiſch, als ſie ſcheint.“ „Du wirſt Dich aufregen...“ „Dann unterbrich mich! Ich will verſuchen, wie ein treuherziger Chroniſt zu erzählen. Alſo, es war einmal... Doch den Helden brauche ich Dir nicht vorzuſtellen, mit ſeinen Vorzügen und Schwächen iſt er Dir zur Genüge bekannt, und die Heldin— aber Du wirſt ſie ſelbſt ſehen! Ausſichtslos hatte die Revo⸗ lution in Baden und in der Pfalz begonnen, in kläg⸗ lichſter Weiſe ging ſie aus, ein ſolcher Narrenzug ver⸗ diente kein beſſeres Schickſal. Der Gedanke, aus Deutſchland eine einige untheilbare Republik zu machen, iſt im Reich der Ideen vielleicht göttlich ſchön, in der 8 Wirklichkeit war und wird er eine Thorheit bleiben— eine Thorheit, welche die Sieger die Jugend zu hart büßen ließen. Solche Vorſtellungen und Hoffnungen gleichen den Kinderkrankheiten; nur der iſt wahrhaft frei von ihnen, der ſie gehabt hat, und dem Alter ſind ſie gefährlicher als der Jugend. Von den Preußen aus einer Stellung in die andere getrieben, mußten wir zuletzt in die Schweiz und nach Frankreich über⸗ treten. Eine traurige, armſelige Schaar! Ich durfte mich unter meinen Genoſſen zu den Glücklichſten rech⸗ nen; in Zürich fand ich einen Brief von einem Ver⸗ wandten meiner Mutter, einem reichen Sonderling vor, der meinen Vater nicht leiden konnte und deshalb alle Tollheiten des Sohnes freigebig unterſtützte. Er er⸗ klärte ſich darin für einen Republikaner à la Waſhing⸗ ton und Lafayette und bekräftigte ſeine Geſinnung durch einen Wechſel, der meine Börſe unter den da⸗ maligen Verhältniſſen überreich füllte. In der Schweiz gefiel es mir nicht, ich zog es im echten Jugendüber⸗ muth vor, nach Paris zu eilen und dort auf den Barrikaden den Zwanzigfraneſtücken des Onkels Chre zu machen. Die Revolution ſchwebte ja in der Luft und wir alle träumten von nichts Anderem, als von Barri⸗ kaden und der rothen Republik. Ich war noch nicht lange in der franzöſiſchen Hauptſtadt, als mich ein neulel ihn teur, ichh bis 3 gnadd das Schif ſegelr bunt unter Grun Thate rika! eine! die J Grau die 3 zu w grifen glühe Vort krank treueſ Heilig 9 neuer Brief des alten Republikaners erreichte. Durch ihn erfuhr ich, daß mich ein Kriegsgericht als Deſer⸗ teur, Hochverräther und Führer der Inſurgenten— ich hatte es als Einäugiger unter den Blinden raſch bis zum Offizier gebracht— zu Pulver und Blei be⸗ gnadigt habe, daß mein Vater auf den Tod krank läge; das Schreiben ſchloß mit dem Rathe, das erſte beſte Schiff in Havre zu beſteigen und nach Amerika zu ſegeln.„Die Franzoſen“, ſchrieb der Alte,„ſind die bunt aufgeputzten Affen der Freiheit; wenn Du lange unter ihnen weilſt, wirſt Du Deine republikaniſchen Grundſätze verlernen und verrathen und ſtatt mit Thaten mit Redensarten bezahlen.“— Alſo nach Ame⸗ rika! Ich hatte vor der Republik jenſeits des Meeres eine unbeſtimmte Furcht, die Negerbarone rechts und die Methodiſtenprediger links flößten mir ein gleiches Grauen ein. Aber der entſcheidende Entſchluß über die Zukunft brauchte weder heute noch morgen gefaßt zu werden; was mich in jenem Briefe am tiefſten er⸗ griffen, was flimmernd und tanzend, in rothen, in glühenden Buchſtaben mir vor Augen ſtand, waren die Worte: Dein Vater liegt todtkrank darnieder. Sterbens⸗ krank durch meine Schuld! Der Vater war der ge⸗ treueſte Diener ſeines Vaterlandes und der Geſetze. Heilig, wie dem Prieſter die Geheimniſſe ſeiner Reli⸗ 10 gion, war ihm, dem unbeſtechlichen Wächter der Ge⸗ rechtigkeit, die überlieferte Staatsordnung; daran rühren das größte Verbrechen. Und nun hatte der eigene Sohn mit frevelhafter Hand an dieſem Bau gerüttelt! Weil ich ſein Sohn war, empfand ich ſeine ganze Verzweiflung. Der tragiſche Riß, der durch die Welt ging, war auch durch unſere Herzen gegangen. Die Pein dieſer Gedanken, das Schuldbewußtſein wurde mir endlich unerträglich; mich noch einmal mit dem Vater auszuſprechen, ſeine Verzeihung zu erbitten und dann nach der neuen Welt auszuwandern, in der meine Anſichten mit der Ordnung des Staates und der Geſellſchaft beſſer als mit denen daheim überein⸗ ſtimmten, erſchien mir plötzlich als die einzige, die allein würdige Löſung des Conflicts. Ich entſchloß mich kurz, unter einer Verkleidung, mit einem falſchen Paſſe, die Heimath wieder aufzuſuchen.“ „Unbeſonnener!“ ſchüttelte Ottokar den Kopf. „Brich nicht gleich den Stab über mich! Das Ge⸗ fühl, das mich beſtimmte, hatte die vollſte Berechtigung; es brannte mir auf der Seele, gerade vor einem Manne, wie mein Vater einer war, von antikem Ge⸗ präge, ganz und gar ein kategoriſcher Imperativ, ge⸗ rechtfertigt dazuſtehen. Heute würde ich mich freilich vor einer ſolchen Erörterung hüten, ich hab's erfahren, daß mn ghilo publit ſie ſch Grund ein 3i ſoll un Im Ue rig aul ¹ verſtant für Die 7 Drang, tigſe i allein tauchte junges ren—— war M aus de eine th die To recht ei der S 7 11 daß man den Mohren nicht weiß waſchen kann. Die Philoſophie iſt da, die Religion zu bekämpfen, die Re⸗ publik das Königthum; wo ſich beide ausgleichen, ſind ſie ſchon von der Strenge und Ausſchließlichkeit ihrer Grundſätze abgewichen. Nur wirſt Du zugeben, daß ein Jüngling nicht ſo hoffnungslos denken kann und ſoll und Wunder von ſeiner Beredtſamkeit erwartet. Im Uebrigen war das Abenteuer nicht halb ſo ſchwie⸗ rig auszuführen, als Du glauben magſt.“ „Und doch hat es, wenn ich Dich vorhin recht verſtanden, eine ſehr ernſte und bedenkliche Wendung für Dich genommen?“ „Ja, aber Du wirſt gleich hören, wodurch. Der Drang, den Vater wiederzuſehen, war wohl der mäch⸗ tigſte in meinem Gemüth, doch trieb er mich nicht allein vorwärts. Mit dem Bilde des alten Mannes tauchte ein anderes zaubergewaltig in mir auf. Ein junges Mädchen mit ſanften Augen und blonden Haa⸗ ren— allein die Beſchreibung iſt gleichgiltig, für mich war Marie ein Engel. Die Liebe ſchrieb ſich noch aus der Zeit her, in der ich das Gymnaſium beſuchte, eine thörichte und kindiſche Schülerliebe! Marie war die Tochter des Gärtners im Schloſſe der Aldenhoven, recht eigentlich ein Dornröschen für mich. Denn daß der Sohn eines Gerichtsraths ſo ohne Weiteres 12 eine Gärtnerstochter heimführen könnte, erſchien ſelbſt mir nicht glaubhaft, obgleich in unſerer phantaſtiſchen, leider erſt zu gründenden Republik man keinen Unter⸗ ſchied der Stände dulden wollte. Eine Kluft war offenbar da, wir fühlten ſie Beide zwiſchen uns, wann aber hätte leidenſchaftliche Liebe ſich durch ſolche Hin⸗ derniſſe aufhalten laſſen? Wo ſie ausbricht, gleicht ſie einem Wunder und erwartet auch darum überall Wunder.“ „Eine Gärtnerstochter!“ mußte nun doch, obwohl er ſich Schweigen gelobt, Ottokar einwerfen.„Und nie haſt Du zu mir von dieſer Liebſchaft geſprochen; wie? Du bewahrteſt Dein beſtes Geheimniß, während ich mein ganzes Herz vor Dir ausſchüttete!“ „Vergib, mein Freund! Ich höre nicht gerne Liebes⸗ geſchichten erzählen und führe niemals Frauennamen auf den Lippen. Die Liebe iſt zu zweien, jeder Dritte darin iſt ein zerſetzendes Element; wenn eine, ſo wird meine Geſchichte es Dich lehren. Die dritte in unſerem Bunde war Ottilie.“ „Ottilie Aldenhoven!“ „Sehr gegen meinen Willen kam ſie hinter unſer Geheimniß. Als Ottiliens Eltern das Haus bezogen, wurde Marie als die geeignetſte Spielgefährtin der einzigen Tochter betrachtet, ſie ward in das Schloß ₰ 4————d—— das bosh dung wohl einer ten ſelten ſelbſt ſchen, unter⸗ war wann Hin⸗ ht ſie berall bwohl „Und vchen; ihrend liebes⸗ namen Dritte wird nſerem unſer ezogen, in der Schloß -——— 13 genommen, mit Ottilien zuſammen unterrichtet und beinahe wie ein Mitglied der Familie behandelt. Das Uebel, das aus dieſer Erziehung für Mariens Zukunft erwachſen konnte, ließ Herr Gottfried Aldenhoven, der in dieſem Leben nur drei ſchätzbare Güter kannte: das Lachen ſeiner Tochter, eine gute Tafel und die boshaften Anekdoten des Doctors, nicht gelten; Bil⸗ dung hätte noch keinen Menſchen unglücklich gemacht, wohl aber ſchon vielen armen hübſchen Mädchen zu einer reichen Heirath verholfen. Die Mädchen gewöhn⸗ ten ſich raſch an einander und wurden unzertrennlich, ſelten ſah man ſie allein. Es war vorgekommen, daß der Trotzkopf Ottilie ſich geweigert, eine Geſellſchaft zu beſuchen, in die man ihre Freundin einzuladen ver⸗ geſſen oder vermieden. So nachgiebig und zärtlich Marie, ſo eigenwillig und heftig war Ottilie; in dieſer Weiſe ergänzten ſie ſich. Daß Ottilie die ſchönere und ſtrahlendere von beiden, mußte auch ich mir zugeſtehen, aber ich haßte ſie ebenſo ſehr, als ich die andere liebte. Dieſe Abneigung war gegenſeitig, ſie überhäufte mich mit ihren Spöttereien und fand ein grauſames Ver⸗ gnügen darin, mir, dem unbedeutenden Jungen gegen⸗ über, der eben zur Univerſität„reif“ geworden war, die vornehme Weltdame zu ſpielen. Ich verließ die Stadt und ging nach Heidelberg. Es war die erſte 14 längere Trennung, die mich von Marien ſchied, das arme Kind konnte ſeinen Schmerz darüber nicht ver⸗ bergen und den Bitten Ottiliens, ihr die Urſache ſeines Kummers zu entdecken, nicht widerſtehen; genug, das Fräulein erfuhr Alles. Als ich in den Ferien nach der Heimath zurückkehrte, ſuchte ſie mir jede Annäherung an Marie zu durchkreuzen und ſagte mir in ihrem hochfahrendſten Tone, daß ich ſie als ihre offene Fein⸗ din betrachten möge, niemals würde ſie mein Verhält⸗ niß zu ihrer Freundin billigen. Dies Alles ſpielte natürlich nur zwiſchen uns dreien und hatte, wenn Du es von dem Standpunkt Deiner erhabenen Welt⸗ weisheit zu belächeln würdigſt, das Anſehen einer ro⸗ mantiſchen Kindercomödie. Zwei Backfiſche zwiſchen ſiebzehn und achtzehn und ein Student von zwanzig Jahren, nach zurückgelegtem dritten Semeſter! In der guten alten Zeit machten die Dichter aus ſolchen Stoffen Novellen und Trauerſpiele, wie Romeo und Julia— jetzt zucken wir die Schultern darüber. In der zweiten Hälfte unſeres Jahrhunderts haben nicht mehr die Jünglinge, haben die Männer das erſte Wort. Aus dem Morgen iſt, fürchte ich, die Weltgeſchichte zu ihrer Mittagshöhe emporgeſchritten.“ „Warum fürchten? Ich preiſe es als ein Glück, daß wir den Wallungen und Wandlungen der Jugend 4——————-—— „das t ver⸗ ſeines „ das nach zerung ihrem Fein⸗ erhält⸗ ſpielte wenn Welt⸗ ner ro⸗ viſchen wanzig In der ſolchen leo und t. In nicht e Wort. ichte zu Glück, Jugend ——————— 1 —————— auch in der Dichtkunſt ein geringeres Gewicht beilegen, als es früher geſchah. Das Gute und Nützliche männ⸗ licher Arbeit ſteht mir höher, als die phantaſtiſche Laune eines jungen Menſchen, der die Welt umgeſtalten will und ſo unerfahren und verloren in ihr iſt, wie der Wanderer in der pfadloſen Prairie. Die Kunſt ſoll uns die Arbeit des Lebens, nicht blos die Arabeske daran, die Jugendliebe, ſchildern!“ entgegnete Ottokar. „Darüber wäre viel zu ſagen; Du zerhauſt den Knoten, aber Du löſeſt ihn nicht auf.“ „Zurück zu Deiner Geſchichte, ich bitte Dich! Meine leidige Unart, Dich zu unterbrechen“— „Behalte ſie auch ferner; ſo übſt Du an meiner Vergangenheit eine Kritik, die mir für die Zukunft nützlich ſein ſoll.— Während des Aufſtandes, in der wilden kriegeriſchen und politiſchen Aufregung war Mariens Bild in meinem Inneren etwas in den Schatten getreten, in dem Müſſiggang der Verbannung gewann es wieder Farbe und Glanz. So lange war ich von ihr entfernt, ohne jede Nachricht. Wie mochte ich ihr geſchildert worden ſein, als Hochverräther, Räuberhauptmann! Hatte ſich ihr Herz von mir ge⸗ wandt? Trauerte ſie um mich? Wenn die Vorſicht mir bisher noch die abenteuerliche Reiſe abgerathen, dieſe Angſt verbunden mit der Sorge um den Vater beſiegte 16 alle Einwände. Durch Verbindung mit einigen ein— flußreichen Männern gelang es mir, einen Paß zu er⸗ halten— ich reiſte unter dem Namen Henri Schneider aus Saverne im Elſaß, im Auftrag einer großen Weinhandlung in Bordeaux. Ich hatte mir den Bart wachſen laſſen, ſprach das Franzöſiſche geläufig mit „deutſchem“ Accent als Elſäßer und hoffte unange⸗ fochten mein Ziel zu erreichen. Als ich einmal erſt die deutſch-belgiſche Grenze überſchritten hatte und tiefer ins Land hinein fuhr, geſtaltete ſich Alles leichter und müheloſer. Das Revolutionsfieber hatte die ab⸗ ſeits der großen Straßen liegenden Landſchaften und Städte verſchont, und wo dennoch eine kleine Be⸗ wegung getobt, hatte ſie der ruhige Sinn, die ange⸗ borene Trägheit und Genügſamkeit unſeres nieder⸗ deutſchen Volksſtammes ſchnell beſeitigt. Jedermann ſehnte ſich nach Ruhe, ſelbſt die heftigſten Radicalen, die jeden Abend einen Schoppen Wein oder ein Glas Bier mit verſtändnißvollem Handdrücken und Kopf⸗ nicken auf die Morgenröthe der Republik tranken, er⸗ klärten den„paſſiven Widerſtand“ für die einzige, eines ſo philoſophiſchen Volkes, wie die Deutſchen es ſind, würdige Form der Oppoſition. Wo kein Feuer, iſt keine Spritze. Ich wurde wenig von der hochlöb⸗ lichen Polizei beachtet, mein Paß entwaffnete auch den ſtarkſten punkt d math.— keinen träumte händeln Pflanzel ſchlech Zum G eiligen ih über Bauer erſchütte Stande, und ſie hinhalte freundli ſtigen. ein⸗ er⸗ ſeider oßen Bart mit ange⸗ l erſt und eichter le ab⸗ und Be⸗ ange⸗ ieder⸗ mann zcalen, Glas Kopf⸗ 4, er⸗ inzige, hen es Feuer, ochlöb⸗ ich den 17 ſtärkſten Argwohn. So kam ich bis zum Ausgangs⸗ punkt der Eiſenbahn in der Richtung auf meine Hei⸗ math.— Dem Himmel Dank, ſie hatte damals noch keinen Ottokar Wildenhagen zum Bürgermeiſter und träumte in ihrem ſtillen Thal, abgeſchieden von Welt⸗ händeln und Heldenthaten, den ſchönen Traum des Pflanzendaſeins! Fünf Meilen einer holperigen und ſchlecht gepflaſterten Straße trennten mich von ihr. Zum Glück drängte mich die Noth nicht zu einem eiligen unüberlegten Schritt; in dem Gaſthauſe, in dem ich übernachtete, erfuhr ich, daß der alte Gerichtsrath Bauer wieder wohlauf ſei, noch etwas angegriffen und erſchüttert, aber doch durch ſeinen eiſernen Willen im Stande, den Sitzungen des Collegiums beizuwohnen und ſie zu leiten. Ich will Dich nicht mit Einzelheiten hinhalten— genug, der Zufall blieb mir treu und freundlich, Alles vereinte ſich, meinen Plan zu begün⸗ ſtigen. Ein Brief, einem ſicheren Boten anvertraut, benachrichtigte Marie von meiner Anweſenheit. An⸗ der Mauer des Gartens, unter den Fichten am Thurme ſprachen wir uns. Welch' ein Wiederſehen das war! Wir verabredeten keine zweite Zuſammenkunft, wir gelobten uns nur ewige Treue. Sobald ich in Frank⸗ reich oder in Amerika eine feſte Stellung gefunden, ſollte ſie mir nachkommen. In zwei, höchſtens in drei Frenzel, Lebensräthſel II. 2 18 Jahren würde ich ein gemachter Mann ſein, ſo lange kann man ſich ſchon gegenſeitig die Treue bewahren. So aufgegangen waren wir in unſeren Glückshoffnungen, ſo berauſcht von dem ſüßen Beiſammenſein, daß wir die Gefahr, in der ich ſchwebte, die bängliche Gegen⸗ wart nicht beachteten. Im Abenddunkel trennte ich mich von der Geliebten und eilte zur Stadt, zu der Unterredung mit dem Vater. In verſtellter Schrift, unter dem Vorwand, ihm eine wichtige Eröffnung in einem langwierigen, verwickelten Criminalproceß zu machen, hatte ich darum gebeten und war ſicher, daß ſeine Thüre für mich offen ſtehen würde. Das Wieder⸗ ſehen Mariens, die Gewißheit, von ihr geliebt zu wer⸗ den, hatte meinen Muth erhöht, meinem Geiſte einen mächtigen Schwung gegeben, nicht einen Augenblick zweifelte ich daran, die Verzeihung meines Vaters, ſeinen Segen zu erlangen; erbitten— wäre nicht das richtige Wort für meine damalige Stimmung.“ „Armer Freund!“ drückte ihm Ottokar die Hand. „Die Enttäuſchung muß herzzerreißend geweſen ſein.“ Die Augen ſchließend, hatte Reinhard den Kopf in die Kiſſen zurückgelehnt und verharrte eine Weile in dieſer Stellung.„Das iſt nun vorüber“, ſagte er, „und es lohnt nicht, viel Aufhebens davon zu machen. Dem Vater gefiel es, den alten Römer zu ſpielen, und 2 der So knirſchte verzeihen liche Pr keinen L ein, Dih trobig i Porte b und unk mir, in die Reu „Al wie erlei leiſe nie Stirne. Feſſel w muß ſich Vaterla die Rep internat dergleich hinmurn dunklen Tritte mich zun ſo lange bewahren. ffnungen, daß wir ſe Gegen⸗ ennte ich t, zu der Schrift, ffnung in proceß zu cher, daß 3Wieder⸗ zu wer⸗ iſte einen Augenblick 2 Vaters, nicht das 9.“ die Hand. ſen ſein.“ den Kopf eine Weile „ſagte er, zu machen. dielen, und —— 2 19 der Sohn verſtand ſich nicht auf die Miene eines zer⸗ knirſchten Sünders. Ich konnte nicht bitten, er nicht verzeihen; unbeugſam, unbarmherzig ſtießen zwei feind⸗ liche Principien zuſammen.—„Mein Haus beherbergt keinen Hochverräther!“ rief er.—„Es fällt mir nicht ein, Dich zu beläſtigen“, entgegnete ich und hüllte mich trotzig in meinen Mantel. Und nun noch wilde, wüſte Worte beiderſeits, die dem Alten eben ſo oft gellend und unheimlich im Ohr geklungen haben werden, wie mir, in ſchlafloſen Nächten, wenn neben der Sorge die Reue uns umſchwebt. „Als ich draußen vor dem Hauſe war, athmete ich wie erleichtert auf; mein Kopf ſtand in Flammen, der leiſe niederſchauernde Regen kühlte die brennende Stirne.„Das iſt aus, vorbei“, ſagte ich mir;„eine Feſſel weniger, es wird gut ſein. Der moderne Menſch muß ſich von den Eltern, von der Familie und dem Vaterlande entwöhnen lernen, ſeine Verwandten ſind die Republikaner aller Länder, ſeine Heimath iſt die internationale Genoſſenſchaft der Arbeit“— und mehr dergleichen Unſinn denkend und halblaut vor mich hinmurmelnd irrte ich durch die einſamen, feuchten, dunklen Gaſſen der Stadt, ſchaurig hallten meine Tritte wieder. Keine Ueberlegung, der Inſtinct führte mich zum Thore, nach der Fahrſtraße, die am Hauſe 2* — —— 20 richt. Ein mir den 1 unter mein gang nicht der Aldenhoven vorübergeht. Jenſeits deſſelben, eine Meile von der Stadt, hatte ich in einem Dorfe mein kleines Gefährt zurückgelaſſen, dorthin wollte ich und hoffte am Abend des nächſten Tages wieder die Eiſen⸗ uns getobt, die anderen Hausgenoſſen aufmerkſam ge⸗ E loſer Spar „Otti bahn zu erreichen. Freilich, meine Lage hatte ſich be⸗ dunkl ocſ denklich verſchlimmert; ohne ſes mir vorher klar zu ge⸗ Bledlate ſtehen, hatte ich nicht nur beſtimmt auf die Verzeihung, Wrägern 1 ſondern auch auf die Unterſtützung meines Vaters ge⸗ 1 i rechnet. Statt deſſen mußte der Streit, der zwiſchen jich bins, macht haben; wenn ſie nur ein verrätheriſches Wort erlauſcht, wenn ſich ein Ankläger unter ihnen fand, ..„ 8 4 F ſ war ich verloren. Leicht war mir der Vorſprung zur die Erde ſ das, mein — — Eiſenbahn abzugewinnen und damit der einzige Weg zur Rettung zu ſperren. Als ich durch das Thor der ibot ſi Stadt ſchritt, ſank das Bleigewicht dieſer Betrachtungen und un 3 faſt erdrückend auf meinen Muth. Alle meine Geiſtes⸗ jeden Steg gegenwart, meine Liſt und Kühnheit, meinen Stern Lücke in d mußte ich anrufen, um nicht verzweifelnd zuſammen⸗ ſchnellen G zubrechen. Schon hatte ſich die Furcht vor Verfolgern allen Thu meiner bemächtigt, ich vermied die Fahrſtraße und einander g ſchlug den Weg durch den Buchengang zu dem Schloſſe Zimmer, d ein, um daran vorüber auf der anderen Seite den Sie Niem Hügel wieder hinab zu ſteigen. Es war ein Umweg,„Aber ein aber die Angſt flüſterte mir zu: hier ſucht man Dich bat ich, ei u, eine ffe mein ich und ſe Ciſen⸗ ſich be⸗ zu ge⸗ zeihung, ters ge⸗ wiſchen kſam ge⸗ s Vort n fand, ung zur ge Weg chor der chtungen Geiſtes⸗ n Stern ſammen⸗ erfolgern aße und Schloſſe Seite den Umweg, nan Dich 21 nicht. Ein ſcharfer Wind hatte ſich erhoben und trieb mir den Regen in's Geſicht, das welke Laub raſchelte unter meinen Füßen. Noch war ich in dem Baum⸗ gang nicht weit vorwärts gekommen, als plötzlich eine dunkle Geſtalt vor mir auftauchte. Sie trug eine kleine Blendlaterne, deren Lichtſchein mich traf, während die Trägerin ſelbſt im Schatten blieb.—„Marie!“ rief ich aus.—„Nein“, entgegnete eine herriſche Stimme, „ich bin's, Reinhard.“ „Es war das Fräulein?“ unterbrach in athem⸗ loſer Spannung Wildenhagen den Erzähler. „Ottilie, ſie ſelbſt. Erwarte nicht, daß ich in die Erde ſank oder zu Stein erſtarrte.„Was ſoll das, mein Fräulein?“ fragte ich.„Still, ganz ſtill!“ gebot ſie mir.„Geben Sie mir Ihre Hand, ſo— und nun keinen Laut mehr!“ Sie wie ich kannte jeden Steg, jedes Gebüſch auf dem Schloßberge, jede Lücke in der Gartenmauer, nach einer Viertelſtunde ſchnellen Ganges war ich mit ihr in Sicherheit, in dem alten Thurm. Bis dahin hatten wir kein Wort mit einander geſprochen.„Hier“, ſagte ſie in dem oberen Zimmer, die Laterne auf den Tiſch ſtellend,„hier ſucht Sie Niemand, für dieſe Nacht ſind Sie geborgen.“— „Aber ein Wort— nur ein Wort der Erklärung!“ bat ich, ein Schwindel hatte mich ergriffen.—„Vor ——————fP—„ —y— 22 zwei Stunden war der Criminalcommiſſär Baumgarten bei meinem Vater; er kam von dem Orte, wo Sie die Eiſenbahn verlaſſen haben, er iſt Ihnen auf der Spur, jetzt iſt er mit den Gensdarmen in der Stadt. Gute Nacht, Reinhard!“— Ich verbrachte eine unbe⸗ ſchreibliche Nacht; vor Ermüdung hatte ich mich auf das Himmelbett geworfen, doch war an einen feſten ſtärkenden Schlaf nicht zu denken. In dem alten windumſtürmten Gemäuer krächzte und ächzte es allent⸗ halben; wenn ich jäh emporfuhr, war es mir, als würde an der Thüre von den Verfolgern gerüttelt, ich hörte ſie ſchon die Treppe hinaufſtürmen— es waren die Täuſchungen der aufgeregten Sinne. Aber mitten in dieſe Phantaſieen, welche die Furcht und der Selbſterhaltungstrieb geſpenſtiſch heraufbeſchworen, ſtellte ſich das Bild Ottiliens. Hatte ihr Marie meine Anweſenheit entdeckt? Welche Beweggründe hatten ſie mir entgegengeführt? „In der Frühe kamen die beiden Mädchen in den Thurm, ſie brachten mir Wein und Lebensmittel. Es war nicht möglich, den Thurm zu verlaſſen; in der näheren und ferneren Umgegend ſtreiften die Gens⸗ darmen, Polizeidiener und Waldhüter, auf mich fahn⸗ dend. Die Thränen, die floſſen, die Schwüre, die ge⸗ wechſelt wurden, erlaſſe ich Dir. Auf meine Bitte ———— rußte ſi mit mir ii zu we kann kein folger bei bekannt. in Ohnm ſtand mi Sie zu mich auf ſehen mie „Sie wo Sie zum würdiger und Sch an Ihr denken ſ ſih fu ſal ſpie chen? f Herzen, Glauben in ſeines ſeines F Verſuch ungarten wo Sie auf der Stadt. ne unbe⸗ nich auf n feſten m alten à allent⸗ nir, als gerüttelt, n— es 2. Aber und der cworen, ie meine aatten ſie n in den ttel. Cs ; in der ie Gens⸗ ich fahn⸗ , die ge⸗ ne Bitte 23 mußte ſich Marie entfernen, denn Ottilie ſchien nur mit mir allein Weiteres verabreden zu wollen.„Sie iſt zu weichmüthig“, ſagte Ottilie ihr nachblickend;„ſie kann kein Geheimniß bewahren. Geſtern, als Ihr Ver⸗ folger bei uns eintrat— er iſt mit dem Vater wohl⸗ bekannt— und von Ihnen ſprach, wäre ſie beinahe in Ohnmacht gefallen. Das ſagte mir Alles; ſie ge⸗ ſtand mir dann, daß ſie mit Ihnen geſprochen, daß Sie zu Ihrem Vater gegangen.“—„Und Sie ſuchten mich auf? Sie retteten mich?“ fuhr ich fort.—„Sie ſehen mich ſo fragend an?“ unterbrach ſie mich ſchnell, „Sie wollen wiſſen, warum? Weil ich nicht will, daß Sie zum Zuchthaus begnadigt werden, daß Ihr ehr⸗ würdiger Vater, daß meine liebſte Freundin vor Schmerz und Schmach darüber ſterben. Daß Sie zwei Leben an Ihr Geſchick gebunden haben, das hätten Sie be⸗ denken ſollen, ehe Sie in den Kampf zogen. Nur wer ſich frei von allen Pflichten weiß, darf mit dem Schick⸗ ſal ſpielen.“—„Und was thun Sie jetzt, ein Mäd⸗ chen?“ fragte ich dazwiſchen.—„Was ich vor meinem Herzen, was ich vor meinem Vater verantworten kann. Glauben Sie, wenn er ſich rühren könnte, er würde in ſeines Hauſes Umkreis einen— den einzigen Sohn ſeines Freundes haben verhaften laſſen, ohne einen Verſuch zu ſeiner Rettung zu unternehmen? Was er 24 nicht thun konnte, hab' ich verſucht.“— Ich erſchöpfte mich in ſtürmiſchen Dankſagungen, ich nannte ſie eine echte Republikanerin und wollte noch ein Dutzend ähn⸗ licher Schmeichelworte in meiner Begeiſterung über ſie ausſchütten, ſie wehrte mit einem mitleidigen Lächeln ab:„Ich bin keine Närrin, Reinhard, und liebe die Freiheit, die Sie preiſen, gar nicht; die Menge iſt zum Gehorchen da, nicht zum Befehlen. Im Uebrigen halten Sie aus, bis die Luft rein und der Weg für Sie frei iſt. In einer Stunde, wo der Vater ſich wohler fühlt, rede ich mit ihm von Ihrer Gegenwart in unſerm Hauſe; er ſoll Ihnen Empfehlungsbriefe nach Hamburg geben, in der Richtung dorthin wird man Sie am wenigſten ſuchen.“— Erkennſt Du noch darin Dein ſanftes Ideal?“ „Ich finde ſie in Allem, was Du erzählt haſt, ebenſo klug, verſtändig und großherzig, wie jetzt.“ „Klug und großmüthig gewiß— aber auch ſtolz und herriſch. Es kann in meiner Schilderung dieſer Vorfälle nach einem ſo langen Zeitraum nicht mehr zum vollen Ausdruck kommen— noch weniger kannſt Du es nachempfinden, welch' einen Triumph Ottilie feierte. Sie hatte den Jüngling, der ihr mit Gering⸗ ſchätzung begegnet, der vielleicht, ohne daß ſie ein kla⸗ res Bewußtſein davon hatte, ihre Eitelkeit durch ſeine Liebe zu 1 ſe, ſe ret ihres kluge Handlunge dlende Göt i ihrerJ ſchlug“ „Eine „Ich hartt hal Rettung d verlaſſen, ſtanden, n Unterwerf mich erw Falle in mein Loo Gewalt mußte m In der; ſinnigſten können;! folgern mich einſe zu erweck ſchäpfte ſie eine nd ähn⸗ über ſie Lächeln ebe die enge iſt ebrigen deg für ter ſich ſenwart sbriefe n wird u noch t haſt, 2* ch ſtolz dieſer mehr kannſt Ottilie Hering⸗ in kla⸗ h ſeine Liebe zu ihrer Freundin gekränkt, tief gedemüthigt— ja, ſie rettete und ließ mich die ganze Ueberlegenheit ihres klugen Kopfes fühlen. Indem ſie über meine Handlungen den Stab brach und meine Ideale wie elende Götzenbilder in den Staub ſtürzte, rächte ſie ſich in ihrer Weiſe. Ich mußte die Hand ſegnen, die mich ſchlug.“ „Eine ſeltſam peinliche Lage“, bemerkte Ottokar. „Ich würde auch nicht einen Tag in ihr ausge⸗ harrt haben, hätte ſich mir der ſchmalſte Pfad der Rettung dargeboten. Aber Feinde ringsum; den Thurm verlaſſen, hieß ins Verderben rennen— und wohlver⸗ ſtanden, nicht in die Kugeln und den Tod! Nach der Unterwerfung des Aufſtandes übten die Sieger Gnade, mich erwartete eine Zelle im Zuchthaus, im beſten Falle in einem Gefängniß; Wolle zu ſpinnen, wäre mein Loos geweſen. Da zog ich es doch vor, in der Gewalt meiner ſchönen Tyrannin zu bleiben; endlich mußte mir doch die Stunde der Erlöſung ſchlagen. In der Zwiſchenzeit hätte ich die ſchönſten und tief⸗ ſinnigſten Betrachtungen über Welt und Leben anſtellen können; dieſe ſtarken Mauern, die mich vor den Ver⸗ folgern ſchützten, waren zugleich Kerkermauern, die mich einſchloſſen, wohl im Stande, ernſthafte Gedanken zu erwecken, und auch an Einſamkeit fehlte es mir 26 nicht, ſo wenig wie jenem Prinzen Calderon's im Thurm. Das Leben iſt nur ein Traum, und wenn ich in dem wüſten Getümmel Newyork's oder noch jüngſt an den Flüſſen Virginiens, unter den Weiden, auf Vorpoſten, an dieſe Tage zurückdachte und ihre Bilder, nebelhaft verſchwimmend, mit holdem Lächeln, mit wehmüthiger Klage, mir vorüberzogen, waren ſie mehr als ein Traum? Schade, daß dies Traumweſen des Lebens erſt ſichtbar wird, wenn es hinter uns liegt. Der gegenwärtige Zuſtand iſt immer wirklich, greifbar, von grellen Farben und harten Formen; iſt er unwiederbringlich vorüber, wird er phantaſtiſch. So auch die Geſchichte, die ich Dir berichte. Es will mir jetzt nicht gelingen, mein heutiges Selbſt von dem da⸗ maligen zu trennen, ſo verſchieden ſie auch ſind und waren, und indem ich nur die wichtigſten Vorfälle er wähnte, tritt das Ganze in eine andere Beleuchtung, als es urſprünglich hatte. Was Dich wie Romantik an⸗ weht, war für mich langweilig und herzkränkend. Das Schlimmſte indeſſen ſollte noch kommen. Ich weiß nicht, wodurch es geſchehen— eine heftige Ciferſucht ergriff Marie. Weder meine Verſicherungen, noch Otti⸗ liens Fernbleiben, die ſich, ſeit dem erſten Tage meiner Gefangenſchaft, nicht weiter um mich zu bekümmern ſchien, bekehrten ſie von ihrem Wahn; mein Wider⸗ ſnah u wollte ſie di nich ſcaffn! ts beſtrih dic wie vechſeln ſchaflich Dabei d rückende men an. ich ſollte Thurm richtet, Hambur jubelte, zweiflun nach de den Ge riſſen d Die A nicht a naſe de in der nicht u on's im d wenn der noch Weiden, nd ihre Lächeln, aren ſie mmweſen tter uns wirklich, men; iſ iſch. So will mir dem da⸗ ſind und rfälle er ung, als intik an⸗ d. Das h weiß fferſucht ch Otti⸗ meiner ümmern Wider⸗ 27 ſpruch reizte nur ihre Leidenſchaft. Nicht eine Stunde wollte ſie mich allein laſſen, als könnte die Freundin, die mich hierhergeführt, mich ebenſo wieder von hinnen ſchaffen! Ein eiferſüchtiges Weib iſt wie ein Dämon, es beſtrickt Dich wie eine Sirene und droht beſtändig Dich wie eine Tigerin zu zerreißen. Entzückungen wechſeln mit Ausbrüchen des Schmerzes, der leiden⸗ ſchaftlichſten Hingabe folgt der feindſeligſte Widerſtand. Dabei trieb die unabwendbare, mit jeder Minute näher rückende Trennung das Feuer zu immer höheren Flam⸗ men an. Am vierten Tage ließ mir Ottilie ſagen, ich ſollte mich bereit halten, auf den erſten Wink den Thurm zu verlaſſen, ihr Vater ſei von Allem unter⸗ richtet, die Vorkehrungen getroffen, mich ſicher nach Hamburg zu führen. Während ich vor Freude auf⸗ jubelte, wollte Marie vor Schmerz vergehen. Ver⸗ zweiflung und Liebe wild durch einander fluthend— nach dem, was geſchehen, konnte ſich Marie nicht in den Gedanken einer ſo langen Trennung finden. Mich riſſen die widerſtrebendſten Empfindungen hin und her. Die Abreiſe verzögerte ſich, da ſich der Feind noch nicht aus der Gegend entfernt hatte.“ Die feine Spür⸗ naſe der Polizei witterte eben das gehetzte Wild noch in der Nähe. Durch welchen Zufall der einſame Thurm nicht unterſucht wurde, ob ich auch hierin die Fürſorge 28 und Ueberlegung Ottiliens anzuerkennen und zu ver⸗ ehren hatte, habe ich nicht erfahren. In der beſtän⸗ digen Unruhe und Aufregung fing ich an, jede Stunde, die ich in meinem Verſteck noch zubringen mußte, für eine verlorene zu halten, meine Stimmung wurde wie die Mariens immer gereizter. „Endlich war Alles in Ordnung; der alte Alden— hoven trat eines Nachmittags bei mir ein, von ſeiner Tochter geführt. Mit der Pünktlichkeit und Gewiſſen⸗ haftigkeit eines Kaufmanns hatte er den Plan zur Flucht bis in's Kleinſte ausgedacht— zu dieſer Stunde würde ich die Eiſenbahn erreichen, dann in Hamburg eintreffen, ſo und ſo viele Stunden ſpäter lichtete die „Eliſabeth“ die Segel nach Newyork; der Capitän war im Voraus von meiner Ankunft unterrichtet, ein⸗ mal an Bord ſei ich frei, auf amerikaniſchem Boden, unter amerikaniſcher Flagge— einige Empfehlungs⸗ ſchreiben, zwei Rollen Goldſtücke— der Mann erſchien mir ganz aus einem Guſſe, ein königlicher Kaufmann. Er machte dabei wenig Worte, ſchalt weder noch er⸗ mahnte er mich.„Sie haben ſich durch eine unbe⸗ ſonnene That“, ſagte er,„außerhalb der Geſellſchaft geſtellt. Auch gut, Sie müſſen ſich nun erobern, was Andere ererben, einen Platz in der Welt. Viel Glück! ich liebe die jungen Leute, die frühzeitig in eigenen 4———.— Schuhen nich ein 4 den Aldel ergeben w gübtde 3 athme Eine dämmerig den Kodf in dem den ſeine Sinne al gewahren gewiſſe G Kranken und fein und ſaß und Ruh ſtach da ſtellung zu ergän es aus und Ve Wildenh Einfachh zu ver⸗ beſtän⸗ Stunde, te, für rde wie Alden⸗ ſeiner wiſſen⸗ an zur Stunde mburg te die apitän , ein⸗ Zoden, lungs⸗ rſchien mann. cch er⸗ unbe⸗ lcchaft „was Glück! igenen 29 Schuhen ſtehen.“ Um neun Uhr Abends erwartete mich ein Jagdwagen an der Mauer; ein Diener, der den Aldenhoven über jede Möglichkeit der Untreue ergeben war, lenkte die Pferde— er brachte mich un⸗ gefährdet an eine kleine unbeachtete Station der Bahn, Ich athmete auf und war gerettet.“ Eine Weile regte ſich nichts im Zimmer, nur dämmeriger war es darin geworden. Reinhard hatte den Kopf auf die andere Seite gewandt, als wolle er in dem Geſicht des lauſchenden Freundes den Eindruck, den ſeine Erzählung im guten oder im ſchlimmen Sinne ausgeübt, Zuſtimmung oder Mißbilligung nicht gewahren. Ein Blick würde genügt haben, ihm eine gewiſſe Enttäuſchung Ottokar's zu zeigen; um ſie dem Kranken zu verbergen, legte er in ſeiner ſorglichen und feinfühlenden Weiſe beide Hände über das Geſicht und ſaß ſo nachdenklich und ſtill da. Gegen die Breite und Ruhe, mit der Reinhard ſeine Geſchichte begonnen, ſtach das Ende in der ſpringenden, abgebrochenen Dar⸗ ſtellung auffällig ab. Offenbar hatte hier der Hörer zu ergänzen und auszumalen, was der Erzähler, ſei s aus Schonung für Marie oder aus Scham, Klage und Verdruß über ſein Benehmen angedeutet. Für Wildenhagen, deſſen Charakter in ſeiner verſtändigen Einfachheit, wie aus dem Trieb der Selbſterhaltung 8 It 30 heraus, alle verwickelten und unklaren Verhältniſſe floh, war es keine leichte Aufgabe, ſich in die Lage Reinhard's zu verſetzen und ihm gerecht zu werden. Ebenſo befremdlich wie die politiſche Uebertreibung des Freundes, muthete ihn das Schwanken, das Zögern deſſelben an, ſich aus einer unhaltbaren, böſer Nachrede und Verdächtigung ausgeſetzten Stellung zu befreien. Er, der Betrachtende, überſchaute vom ſicheren Hafen⸗ damm die tobende See, in der Reinhard mit Wind und Wellen gerungen. Doppelt mußte er ſich darum vor jedem voreiligen Urtheil hüten und die Bemerkung, die der Andere erwartete, behutſam überlegen und ab⸗ wägen. Hatte er überhaupt ein Recht, hier mitzu⸗ ſprechen? Entzieht ſich die Leidenſchaft, noch dazu, wenn Schreck und Gefahr ſie auf's Aeußerſte entzün⸗ det haben, nicht dem Maßſtab des kalten Verſtandes? Wer kann von ſich behaupten, daß er unter gewiſſen Umſtänden nicht noch unkluger gehandelt haben würde, als Derjenige, deſſen Thun er verdammt? Der Han⸗ delnde ſtürmt vor, der Betrachtende ſteht ſtill; bringt die bloße Bewegung des Einen und die Unbeweglich⸗ keit des Anderen nicht in ihrem Geiſte eine grundſätz— lich verſchiedene Weltanſchauung hervor? Noch ſuchte Ottokar nach einer paſſenden Erwiderung auf Rein⸗ hard's Erzählung, die für das ihm bewieſene Vertrauen n un danken pll al „Nim du bſt ne Trauerſpit Deiner 5t „3ch Geſchiche und jedes zu ſagen verſchieben grifen, un der ihren Thüre.“ „Da⸗ wir, die ſieben U immer, In dieſen er iſt eif doch wür ihm einm heirathe i Wal Einfall ltniſſe Lage erden. g des ögern ſchrede reien. dafen⸗ Wind darum kung, d ab⸗ nitzu⸗ dazu, atzün⸗ ndes? wiſſen pürde, Han⸗ bringt eglich⸗ idſätz⸗ ſuchte Rein⸗ trauen 31 danken und zugleich um weitere Aufklärung bitten ſollte, als der Freund ihm ſchon zuvorkam. „Nimm nur die Hand vom Geſicht, ich ſehe durch; Du biſt noch unbefriedigt, wie von einem ſchlechten Trauerſpiel, und ein großes Fragezeichen ſteht auf Deiner Stirne.“ „Ich könnte nur ſagen, daß Lücken in Deiner Geſchichte ſind, aber all' unſer Wiſſen iſt Stückwerk und jedes Leben zeigt irgendwo einen Riß. Was noch zu ſagen ſein möchte, laß es uns auf ein anderes Mal verſchieben! Das viele Reden hat Dich überdies ange⸗ griffen, und Deine Pflegerinnen ſchließen dem Läſtigen, der ihren Kranken ohne Noth aufregt, künftig die Thüre.“ „Das könnte wohl ſein; um ſo vernünftiger thun wir, die Friſt, die wir noch haben, zu nutzen. Bis ſieben Uhr ſind wir ungeſtört, der Doctor brummt immer, ob er mich allein oder in Geſellſchaft findet. In dieſem kleinen Manne ſteckt die Seele eines Othello, er iſt eiferſüchtg auf jede Bewegung Ottiliens und doch würde er ſich aus Angſt aufhängen, wenn ſie ihm einmal ſagen würde: Doctor, in drei Wochen heirathe ich Sie.“ War es dies Wort, das in Ottokar's Seele den Einfall des Freundes wieder erweckte, oder hatten, 32 ihm unbewußt, ſeine Gedanken während ſeines träume⸗ riſchen Sinnens dieſe Richtung eingeſchlagen und wur⸗ den nun plötzlich laut und lebendig— er ſagte:„Ja, warum hat ſie nicht geheirathet? Je länger man dar⸗ über nachdenkt, deſto gerechtfertigter erſcheint Deine Verwunderung.“ „Alſo doch!“ drückte ihm Reinhard die Hand, während um ſeinen Mund ein liſtiger und ſchelmiſcher Zug ſpielte.„Auch Du fängſt an zu begreifen, daß Ottiliens Weſen ſeine Untiefen hat. Wohl iſt jetzt Alles an ihr klarer und lichter geworden; die Schwär⸗ merei der Jugend für die unbegrenzte Freiheit und die Erlöſung der Frau aus den Feſſeln der Geſellſchaft — die Tollheit, die jede fühlende Leſerin der Gräfin Hahn⸗Hahn und der Georges Sand durchgemacht— hat ſich bei ihr zu einer milden und thätigen Begei⸗ ſterung für das Erreichbare geläutert; nicht in's Aben⸗ teuerliche ſtrebt mehr ihr Wunſch; das Vorhandene zu beſſern und zu verſchönern, Schäden und Wunden zu heilen, das iſt jetzt ihr Bemühen— und ſo weiter! Ich könnte noch lange in dieſer poetiſchen Lobrede fortfahren, doch ich ſchließe, wie ich angefangen: ſtill und glänzend iſt das Waſſer, ja— aber, guter Freund, auch tief.“ „Ich werde mich nicht darauf wagen.“ lobung Ott meinte ſoga die Che n derzen. ſaß, auf vorgerückt; Grunde, d ſonders ſch neulich dar „Der weſenheiti „Bei Wiſſen. T wenn er e⸗ es nicht n Vorfällen Vergnügen quälen.“ „Du aber ſein Frenzel, L aͤume⸗ wur⸗ „Ja, dar⸗ Deine Hand, iiſcher daß ſt jetzt hwär⸗ und ſchaft Bräfin ht— Begei⸗ Aben⸗ andene zunden veiter! obrede i: ſtill rreund, 33 „Du denkſt, an dem Einen, der darin zu ver⸗ ſinken droht, iſt es genug. Ich komme auf Deinen Ausruf zurück, weil er unwillkürlich ſich an meine Ge⸗ ſchichte anſchließt. Zur Zeit, als ſie ſich zutrug, ſprach man in unſerer guten Stadt von einer nahen Ver⸗ lobung Ottiliens mit einem ihrer Vettern; Marie meinte ſogar, trotz der Abneigung ihrer Freundin gegen die Ehe mache der Vetter Fortſchritte in Ottiliens Herzen. Doch ſtand die Sache, als ich in dem Thurm ſaß, auf dem alten Punkt und war in keiner Weiſe vorgerückt; ſpäter zerſchlug ſie ſich vollends, aus einem Grunde, den ich immer gefürchtet, der mir aber be⸗ ſonders ſchwer auf das Herz drückte, als der Doctor neulich daran rührte.“ „Der Doctor! Wußte er denn von Deiner An⸗ weſenheit im Hauſe?“ „Bei den Aldenhoven geſchah nichts ohne ſein Wiſſen. Damals mag er zu Ottiliens Vorgehen, auch wenn er es mißbilligte, geſchwiegen haben; jetzt hält er es nicht mehr für nöthig, ſeine Wiſſenſchaft von jenen Vorfällen zu verbergen und findet wohl gar noch ein Vergnügen darin, mich mit ſeinen Anſpielungen zu quälen.“ „Du thuſt ihm unrecht, er poltert und ſpottet, aber ſein Gemüth iſt gut und menſchenfreundlich.“ Frenzel, Lebensräthſel II. 3 34 „Als ob ihn das hinderte, die Einen zu lieben und den Andern gram zu ſein! Mich kann er nicht leiden, und die Bemerkung, die er geſtern äußerte, war ganz in Gift getränkt. Wir ſprachen von Anna...“ „Nicht wahr, ſie iſt ein ebenſo ſchönes wie ſanft⸗ müthiges und liebenswürdiges Geſchöpf?“ „Findeſt Du?“ „Jeder muß es finden, der Augen für ſie hat. Ich bin ihr erſt durch Deinen Unfall näher getreten, habe erſt in ihrer Sorge um Dich ihre herrlichen Eigenſchaften kennen und ſchätzen gelernt— doch Du wollteſt von dem Doctor reden.“ „Ich verſuchte, ihn über das Kind auszuforſchen.“ „Warum denn ausforſchen? Spürſt Du auch in dieſer unſchuldsvollen Seele ein Geheimniß?“ „Nicht in der Seele, doch vielleicht um die Per⸗ ſon. Ich beſchwere Dich nicht mit Vermuthungen, für die ich keinen Beweis habe; der Doctor, bildete ich mir ein, müßte einen ſolchen Beweis haben, entweder für oder gegen mich. Allein der Alte blieb verſchloſſen, wie der Berg, der ſich nur auf das Zauberwort öff⸗ net. Alle meine Kugeln ſprangen von ſeiner Rüſtung ab und richteten ſich wider mich ſelbſt. Man hat, ſagte er, ſich darüber gewundert, daß Fräulein Alden⸗ hoven unvermählt geblieben, ſie, die einer Waiſe ſo viel mü bin imi mein Umſtän nicht 7 Schritt die an die inde rücht i die übe künftige Aufent lich etn treibun Oeean jenigen es nich 7 Rettun ſich da Ruf S eng gef e hat. treten, blichen h Du chen.“ ich in Per⸗ n, für ete ich tweder loſſen, drt öff⸗ üſtung n hat, Alden⸗ giſe ſo 35 viel mütterliche Zärtlichkeit beweiſt; man— dies„man“ bin immer ich; der Doctor ſpricht es in einem unge⸗ mein geringſchätzigen Tone, der mich unter anderen Umſtänden höchlich beluſtigen würde— man hat ſich nicht reiflich genug überlegt, welche Folgen ein gewiſſer Schritt des Fräuleins haben mußte. Eine Handlung, die an ſich außerordentlich lobenswerth ſein mochte, die indeſſen, einmal ruchbar geworden, durch das Ge⸗ rücht in ihren Beweggründen entſtellt, der Thäterin die übelſte Nachrede zuziehen mußte.— Nicht wahr, das war deutlich von dem menſchenfreundlichen Doctor!“ „Sehr deutlich!“ „Ich überſetzte es mir dahin: alle Klatſchſchweſtern der Stadt, die ganze Verwandtſchaft, zuletzt der zu⸗ künftige Bräutigam hatten von meinem heimlichen Aufenthalt im Thurm etwas raunen gehört. Schwer⸗ lich etwas Beſtimmtes und Wahres, deſto mehr Ueber⸗ treibungen. Als ich einmal in Sicherheit auf dem Ocean war, in dem amerikaniſchen Schiff, hatten Die⸗ jenigen, die um das Geheimniß meiner Flucht gewußt, es nicht unterlaſſen können, von meiner abenteuerlichen Rettung zu plaudern. Aus halben Andeutungen hatte ſich dann das Netz gewoben, in dem Ottiliens guter Ruf Schaden nahm. Die Maſchen ſind ſo dicht und eng geſtrickt, man kann ſie nicht zerreißen, ohne ſich 3* 36 ſelbſt zu verletzen. Sagt nur ſtets dreiſt und getroſt die Wahrheit, lehren die Moralphiloſophen. Leider hat die Wahrheit ſelten die Macht, die Hörer zu über⸗ zeugen. Und ließ ſich dieſe Geſchichte ſo glatt und eben, wie der Philiſter wünſcht, daß die Welt ver⸗ laufe, darſtellen, noch dazu von Ottilien darſtellen?“ „Kaum, und der Vetter iſt nicht zu verdammen, der einem ſolchen Räthſel gegenüber mit ſeiner Werbung zögerte. Nur ſollte Dich dies nicht beun⸗ ruhigen; wenn das Fräulein hätte heirathen wollen, an Freiern wird es ihr früher ſo wenig wie jetzt ge⸗ fehlt haben“, antwortete Ottokar auf die haſtig aus⸗ geſtoßenen Fragen Reinhard's.„Wichtiger wäre es für Dich, zu wiſſen, ob dieſer Rücktritt ihres Ver⸗ wandten ſie gekränkt hat, oder...“ „Oder?“ „Ob er ihr Herz nur von einer Laſt befreit.“ „Was kümmerte mich dieſe feine Unterſcheidung?“ entgegnete er rauh. „Du haſt das Verhältniß, in dem Du zu dem Fräulein ſtehſt, trefflich mit dem eines Armen, der eine Ehrenſchuld nicht bezahlen kann, zu ſeinem Gläu⸗ biger verglichen. Deine Schuld, meine ich, wird nun um ſo geringer, je weniger Werth Ottilie auf eine Verbindung legte, die Deine Dazwiſchenkunft aufhob. Sich da erſte Se zu bezal fragt? an mich faffend. 6 würdeſt, Aus der ich hera entrückt fangenh 2 7 Grab h gewohn Punkte ſeine A verwick kar'’s A wand, 27 537 Sich darüber Gewißheit zu verſchaffen, ſollte Deine erſte Sorge ſein. Der beſte Anfang, ſeine Schulden zu bezahlen, iſt der, ſich ihrer ganz bewußt zu werden, und darnach ſeine Mittel zu berechnen.“ „Alſo nach Deiner Meinung ſoll ich zahlen?“ „Nach dem Sprichwort wird man ja dadurch reicher.“ „Und nach Marien haſt Du mich noch nicht ge⸗ fragt? Ich dächte, ſie hätte doch den erſten Anſpruch an mich?“ erwiderte Reinhardt, ihn ſcharf in's Auge faſſend. „Einen Anſpruch, den Du lange getilgt haben würdeſt, wenn ſie noch unter den Lebendigen weilte. Aus der Weiſe, in der Du von ihr ſpracheſt, fühlte ich heraus, daß ſie Allem, was uns bekümmert, längſt entrückt iſt. Wir haben eine eigene Kühle und Unbe⸗ fangenheit, wenn wir über Todte ſprechen.“ „Gibt es nicht Verpflichtungen, die über das Grab hinausdauern?“— Reinhard ſchien mit ſeiner gewohnten Hartnäckigkeit das Geſpräch auf dieſem Punkte feſthalten zu wollen, obgleich der Freund ihm ſeine Abneigung, es fortzuſetzen, kaum verbarg. Solche verwickelte Gewiſſensfragen zu löſen, war nicht Otto⸗ kar's Art, und er ſuchte nach einem paſſenden Vor⸗ wand, ſich jeder weiteren Erörterung zu entziehen. — 38 „Es würde Dir nur eine ſchlafloſe Nacht bereiten“, ſagte er,„dies Für und Wider, alle dieſe weſenloſen Schatten noch länger hin und her zu wälzen. Die Einzigen, um die es ſich bei dieſer Geſchichte handelt, die einen Ausgleich mit einander zu treffen haben— vorausgeſetzt, daß es etwas auszugleichen gibt— ſind Du und Ottilie. Das iſt nun wie Hammer und Am⸗ bos; was hülfe es, wollte ich meine Hand dazwiſchen ſchieben? Sie würde zermalmt werden und doch nicht verhindern, daß der Ambos den Schlag des Hammers empfindet.“ „Die echte Philoſophie! Sie ergründet das Welt⸗ geheimniß, aber hält ſich weislich von dem Getriebe der Maſchine entfernt.“ Der Eintritt des Doctors enthob Ottokar der Antwort. Ohne einige Sticheleien über die langen und nutzloſen Beſuche Unberufener bei einem Kranken, der ſchon ſo ungeduldig und reizbar von Natur ſei, wie der Oberſt Bauer, ging es nicht ab; Abel hatte ſeinen Unmuth über die beiden Freunde noch keines⸗ wegs„ganz verdaut“ und war nicht der Mann, ſeinen Aerger„in ſich hineinzufreſſen“; im Gegentheil, nach Kraft und Laune wollte er eine gute Doſis davon den Schuldigen mittheilen. Nur merkte er in ſeiner Gut⸗ müthigkeit nicht, daß die Pfeile, die er für beſonders nifig hiel rrregten Diplomat zunehmen Schlinge die Wund ſanntzuſt rrkärt he eine hitzie Fabrik, gerade ſo verfocht, nur loſes würden d ausbrechen tauſende Ende gut ſchönert“ falt, mit immer n Au Grimm; Die gibt Jedem, doch noch T einen nach nden Gut⸗ nders 39 giftig hielt, die Lachluſt ſeiner Gegner am ſtärkſten erregten. Vor Allem verſtand es Ottokar, als geborener Diplomat, mit Ruhe und Humor ſeine Angriffe auf⸗ zunehmen und ihm, wo er es ſich nicht verſah, die Schlinge über den Kopf zu werfen. Nachdem Abel die Wunden Reinhard's unterſucht, ſie und den Ge⸗ ſammtzuſtand des Kranken für durchaus befriedigend erklärt hatte, fand er ſich mit dem Bürgermeiſter in eine hitzige Debatte über die Errichtung einer großen Fabrik, das bekannte Ideal der Stadt, verwickelt; gerade ſo eifrig wie Ottokar die Vortheile der Anlage verfocht, beſtritt der Arzt dieſelben. Die Fabrik würde nur loſes Volk in Menge herbeiziehen, die Arbeiter würden die Sitten verderben, anſteckende Krankheiten ausbrechen; in wenigen Jahren würde man Hundert⸗ tauſende als Rauch durch rieſige Schlote gejagt und, Ende gut, Alles gut, die Stadt um eine Ruine„ver⸗ ſchönert“ haben. Aber ſeine Heftigkeit ließ Ottokar kalt, mit ſchlagenden Gründen trieb er den Doctor immer mehr in die Enge. „Autoritäten!“ rief dieſer endlich in komiſchem Grimm;„was ſind mir Autoritäten in dieſer Sache! Die gibt es nur in der Medicin und wehe auch da Jedem, der ihnen vertraut! Hier kann man indeſſen doch noch einen Menſchen nach Hippokrates und Ga⸗ 40 lenus zu Tode curiren, das iſt immer etwas! Die Fabriken dagegen gehören in die rohe Empirie. Trotz⸗ dem will ich Ihnen eine Autorität entgegenſetzen. Ver⸗ ſteht Herr Reinhard Bauer etwas vom Maſchinenweſen?“ „Das will ich meinen, er iſt ein Millionär dabei geworden“, lachte Ottokar. „Gut, er ſei Schiedsrichter zwiſchen uns. Herr Oberſt Bauer, was halten Sie von einer Maſchinen⸗ fabrik in unſerer Stadt?“ Keine Antwort— Reinhard hatte ſein Geſicht der Wand zugekehrt und ſchlief, wie Ottokar bemerkte, den„Schlaf des Gerechten.“ „Den wir nicht ſtören wollen“, ſagte der Doctor. Damit verließen Beide das Gemach, um ihren Streit draußen, ohne die Anſicht der„Autoritäten“ einge⸗ holt zu haben, erbittert fortzuſetzen. Langſe Regenſcha ſchein ihn hard's mn einen un der ſich offenbart Reinhard Gedanken kunft au fehlte es ihm ſein zutheilen, Abel, d deihen d Zweites Kapitel. Langſam floß eine Reihe heiterer, nur ſelten von einem Regenſchauer unterbrochener Tage im milden Sonnen⸗ ſchein ihnen dahin. Da jene lange Unterredung Rein⸗ hard's mit Ottokar nach der Meinung des Arztes einen ungünſtigen Einfluß auf ſein Befinden geübt, der ſich in einer größeren Unruhe und Reizbarkeit offenbarte, wurde die Clauſur ſtrenge bewahrt, und Reinhard hatte jeden Tag überflüſſige Zeit, ſeinen Gedanken nachzuhängen und das Luftſchloß ſeiner Zu⸗ kunft aufzubauen. An Anregungen mancherlei Art fehlte es ihm nicht; der Doctor hatte nicht unterlaſſen, ihm ſeinen jüngſten Streit mit dem Bürgermeiſter mit⸗ zutheilen, und wie er, der Arzt und Stadtverordnete Abel, der nur das moraliſche wie das phyſiſche Ge⸗ deihen der Gemeinde im Auge behalte, über die ſchwe⸗ —ᷣ—ᷣ—ᷣ—ÿ—ꝛx:—O———CQ—Q—C—C—C—C—C——ꝛ—— — 42 bende Fabrikfrage denke. Welcher Anſicht huldige denn der Herr Oberſt? Deſſen Ausſpruch, wenn er auch ihn, den Doctor, nicht bekehre, werde ohne Zweifel für alle Anderen maßgebend ſein. So kam Reinhard hinter das öffentliche Geheimniß der Stadt. Welch' ein Fuchs war doch Freund Wildenhagen, der das tiefſte Still⸗ ſchweigen darüber beobachtet, um ihn deſto ſicherer zu umgarnen! Denn daß Ottokar bei dem reichen Manne, der die Anlage unternehmen ſollte, halb und halb an ihn ſelbſt gedacht, glaubte Reinhard als gewiß voraus⸗ ſetzen zu müſſen. Wie liſtig, lachte er, hat mich der Herr Bürgermeiſter in die Falle gelockt! Wenn ich einmal in der Stadt war, ſollten Freundſchaft, Heimathsgefühl, alte Erinnerungen auf mich einſtürmen, der Chrgeiz, meiner Vaterſtadt einen Dienſt zu leiſten, meinen Widerſtand beſiegen— dieſer Menſch iſt im Stande, mir ſchon im Voraus die Bildſäule, welche mir die Bürgerſchaft nach meinem Tode als dem Wohlthäter der Stadt auf dem Marktplatz errichten wird, blumen⸗ bekränzt und in bengaliſcher Beleuchtung zu zeigen! Aber Du biſt entlarvt, ſchnöder Diplomat, gegen alle Deine Künſte und Angriffe bin ich gewappnet. Frei⸗ lich, mußte er ſich geſtehen, hat der Zufall den Ab⸗ ſichten des Freundes ſeine mächtige Unterſtützung ge⸗ liehen; länger als er zu verweilen Willens geweſen, knüpfte forderung d eingehend i deſeben pr Was e 3 einem Iun tatt 3 ild zu a weja auf Je mie deſto ſtätke das zur Au gähigkeit, zu ſichern, Verhältniſt gelernt. 3 immer deu das Untel Schwierigt Muth herc geſtattete, freundete: die Geſtal⸗ denn Hihn, ir alle hinter eer zu anne, lb an draus⸗ „Herr al in fühl tgeiz einen ande, ir die thäter umen⸗ eigen! n alle Frei⸗ n Ab⸗ ig ge⸗ weſen, 43 hielt ihn ſeine Verwundung an dieſem Orte feſt; ein Band, das er zerriſſen gewähnt, obgleich es nur allzudicht mit den Faſern ſeines Herzens verwebt war, knüpfte ſich wieder an; jetzt nöthigte ihn noch die Auf⸗ forderung des Doctors, ſich mit den Plänen Ottokar's eingehend zu beſchäftigen und das Für und Wider derſelben prüfend abzuwägen. Was er hatte vermeiden wollen, vollzog ſich in ſeinem Innern ohne den geringſten Zwang von außen. Statt Wildenhagens Vorſchlag lachend von der Hand zu weiſen, nahm er ihn in ſeine eigene Gedankenwelt auf. Je mehr er ihn nach allen Seiten hin überlegte, deſto ſtärker wurde er von ihm angezogen. Das Geld, das zur Ausführung der Anlage gehörte, beſaß er; die Fähigkeit, ſie zu leiten und ihr einen großen Verkehr zu ſichern, durfte er ſich zutrauen; unter ſchwierigeren Verhältniſſen hatte er in Amerika kämpfen und ſiegen gelernt. Immer gewiſſer erſchien ihm das Gelingen, immer deutlicher in ſeinen Einzelheiten ſtellte ſich ihm das Unternehmen dar. Wo ſich ihm gar noch eine Schwierigkeit entgegenſetzte, forderte ſie nur ſeinen Muth heraus. Die Muße und Einſamkeit, die ihm geſtattete, ſich ungetheilt ſeinem Plan zu widmen, be⸗ freundete ihn immer mehr damit; wie der Künſtler die Geſtalt, die ihm vorſchwebt, gewann er ihn lieb. 3 44 e, meht aus Aber während er ſeine ſo plötzlich erwachte Neigung die me 3 el 8 2 eee andiger für Ottokar's Träume und Wünſche einzig aus ihrer ſändig Damit l Vortrefflichkeit herleitete und vor ſich ſelbſt behauptete, müden dis 1 daß nur die Güte und„Einträglichkeit“ des vorge⸗ bün ſchlagenen„Geſchäfts“ für die Entſcheiduug ſeines darin⸗ Verſtandes maßgebend geweſen ſei, hatte ſein Herz einen größeren Antheil daran, als er es ſich klar be⸗ retliſen üd wußt war. Aus Eigenſinn wie aus geheimer Furcht, Verücthet gegerſtand dort einer ſchrecklichen Wahrheit zu begegnen, hütete er A ſich, in den Abgrund ſeines Innern hinabzuleuchten. nicht widder Es iſt beſſer ſo, beruhigte er ſich, ich laſſe den Schleier benommen, darüber, bis der Wind ihn aufhebt. Der Erſte, der niiſcan 1 daran zupfte, war der Doctor. Daß die„bewährte wußt, was Autorität“ in der Fabrikfrage ihm Unrecht gab, er⸗ die Andeutun 6 ſtaunte und erzürnte ihn zugleich.„Sie vertheidigen gewiſſe u das Project des Herrn Bürgermeiſters ja mit einer änderung in Wärme, einem Feuer“, ſagte er giftig,„als wollten ihn hervorri Sie mich wie einen ſchändlichen Ketzer auf der Stelle ſeine Mitl daran braten, um nachher keinen Widerſpruch beſorgen ſchwankende zu müſſen. Man kommt unwillkürlich zu dem Ver⸗ ihm eines dacht... ſpielt mit ſ „Daß mich der Herr Bürgermeiſter mit der Aus⸗ ſie ſorglos ſicht auf das Amt eines beſoldeten Stadtraths be⸗ aufheben de ſtochen hat?“ Reize aus. „Nein, aber daß ganz beſondere Gründe— Gründe, es hat eben P.. Neigung ihrer auptete Furcht, ütete er leuchten. Schleier te, der ewährte ab, er⸗ heidigen it einer wollten r Stelle beſorgen n Ver⸗ eer Aus⸗ ths be⸗ Gründe, 45 die mehr aus leidenſchaftlicher Begierde als aus ver⸗ ſtändiger Ueberlegung entſpringen— den Amerika⸗ müden Oberſten dazu beſtimmen müſſen, hier ſeine Hütte zu bauen. Es ſteckt ein Span Verrücktheit varin!“ Damit hatte der alte hitzige Mann das Zimmer verlaſſen und Reinhard murmelte ihm nach:„Ein Span Verrücktheit! Ich fürchte, er hat's getroffen!“ Der Gegenſtand des Streites wurde zwiſchen ihnen Beiden nicht wieder erwähnt, und dem Kranken blieb es un⸗ benommen, ſeine Anlagen weit und weiter in phan⸗ taſtiſchen Gebilden auszudehnen. Gern hätte er ge⸗ wußt, was Ottilie von dieſem Luftſchloſſe hielte; ob die Andeutung, daß er ſich in der alten Heimath unter gewiſſen Umſtänden niederlaſſen würde, eine Ver⸗ änderung in ihren Zügen, in ihrem Benehmen gegen ihn hervorriefe— allein er fand die rechte Form für ſeine Mittheilung nicht. Mit halben Plänen, mit ſchwankenden Entſchlüſſen vor ſie hinzutreten, ſchien ihm eines Mannes nicht würdig zu ſein. Die Jugend ſpielt mit ſo vielen Hoffnungen und Entwürfen, daß ſie ſorglos heute Dies fallen laſſen und morgen Jenes aufheben darf, ihre Unbeſtändigkeit macht einen ihrer Reize aus. Das Alter ſoll ſich langſam entſcheiden, es hat eben keine große Auswahl für ſeine Zukunft — —— 46 mehr, und den Anderen nicht das Schauſpiel eines leichten, von Wind und Wellen umhergeſtürmten Fahr⸗ zeuges, ſondern eines Felſens, welcher der Brandung trotzt, bieten. Erſt wollte er mit ſich ſelbſt einig wer⸗ den, ehe er Ottilie von ſeinem Entſchluſſe unterrichtete. Wie ſehnte Reinhard ſich in dieſer Stimmung nach einer Verſtändigung mit Ottokar, aus der Kran⸗ kenſtube heraus, um die verſchiedenen Oertlichkeiten beſichtigen, Berechnungen anſtellen, Ingenieure herbei⸗ rufen— überhaupt das Unternehmen ernſthaft an⸗ greifen zu können! Aber in Hinſicht auf ſeine Kunſt und ſeine Anordnungen ließ der Doctor nicht mit ſich ſpaßen und wurde dabei auf das Wirkſamſte von Ottilien unterſtützt. Es war keine Möglichkeit, eher dem„engen Kerker“, wie Reinhard ſeufzend ſein helles und freundliches Gemach nun zu bezeichnen anfing, zu entkommen, als es der Arzt erlauben würde. Und was Ottokar betraf, ſo hielt er ſich in ſchüchterner Entfernung, blieb niemals über eine beſtimmte kurze Zeit an dem Lager des Freundes ſitzen und ahmte glücklich die Schweigſamkeit eines Trappiſten nach. Entweder hatte ihn die Strafrede des Fräuleins über die Unruhe, die er jüngſt ihrem Kranken bereitet, er⸗ ſchüttert, oder die öffentlichen Geſchäfte forderten aus⸗ ſchließlich ſeine Thätigkeit; kaum achtete er auf die gdanneih legenen i über das der Aldenh Mit d hard die b Tannen. trug er n auf und i kräftiger! ging auf Doctor. geſtelt ſeh Sie mit: ſclagen treiben, mein ſchö hut! Fü und den Reinhard die Geſell den Dreie Scherzen A eines n Fahr⸗ dandung ig wer⸗ rrichtete. mmmung r Kran. ſichkeiten herbei⸗ aft an— 2 Kunſt mit ſich ſte von t, eher n helles fing, zu de. Und üchterner ite kurze d ahmte i nach. ins über eitet, er⸗ ten aus⸗ auf die 47 Verſuche, die Reinhard machte, die Unterhaltung auf das Fabrikproject hinzuleiten, er ſtammelte einige un⸗ zuſammenhängende Worte und flüchtete mit einem ver⸗ legenen Erröthen zu den nie verſagenden Betrachtungen über das Wetter und das ſchön eingerichtete Haus der Aldenhoven. Mit dem Behagen eines Geneſenden ſchlürfte Rein⸗ hard die balſamiſche Luft und den würzigen Duft der Tannen. Seine Stirnwunde war vernarbt, den Arm trug er noch in der Schlinge; wäre nicht der Druck auf und in ſeinem Herzen geweſen, hätte er ſich wohler, kräftiger und eroberungsluſtiger als je gefühlt. Er ging auf Anna's Arm geſtützt, zur anderen Seite der Doctor.„Ich will meine Cur nicht wieder in Frage geſtellt ſehen“, ſagte der Plagegeiſt,„dadurch, daß ich Sie mit dem Kinde allein laſſe; Sie würden Ball ſchlagen, auf die Bäume klettern und anderen Unfug treiben, wenn man Sie nicht beaufſichtigte. Nein, mein ſchöner Herr, Sie ſtehen unter polizeilicher Ob⸗ hut!“ Für das Vergnügen eines erſten Spazierganges und den Genuß des Himmels in Licht und Luft hätte Reinhard noch einen theureren Preis bezahlt, als den die Geſellſchaft Abel's von ihm verlangte. Zwiſchen den Dreien gab es nur ein harmloſes Geplauder, ein Scherzen und Lachen über Nichts, aber der Doctor — 48 hatte richtig gerechnet, daß gerade ein ſolches Geſpräch von heilſamſter Wirkung auf das Gemüth Reinhard's ſein und mit der erfriſchenden Segenskraft der Natur ſich wohlthätig verbinden würde. Die Spannung wich aus ſeiner Seele, das Erwartungsvolle und Gereizte ſeines Zuſtandes, das ihn noch mehr als ſeine Ver⸗ wundung hatte leiden laſſen, gab nach, wie nach einem Sturme die Oberfläche eines tiefen See's ihre Glätte und ihren Glanz wieder gewinnt. Ihren Spaziergang bis zu dem Thurme auszu⸗ dehnen, erlaubte der Doctor nicht; da wo der Pfad ſich ſteiler in die Höhe zu winden begann, gebot er die Umkehr nach dem Hauſe. Dort, im Schatten der Lin⸗ den, könnte Reinhard noch nach Belieben eine Weile im Freien ausruhen. Die prächtigen Bäume bildeten eine halbrunde Niſche, die ſich auf einen von Blumen⸗ beeten wie von einer farbigen Arabeske umſchloſſenen Raſenplatz mit einer Flora⸗Statue öffnete. Garten⸗ ſtühle, zu denen man Reinhard's wegen vorſorglich einen gepolſterten Lehnſtuhl geſtellt, ſtanden um den runden, mit einer braunen, goldbefranzten Decke belegten Tiſch. Es war ein angenehmer, lauſchiger Platz. Als die Drei ſich demſelben näherten, kam ihnen Ottilie entgegen. Sie hatte in der Verrichtung häuslicher Geſchäfte ſich ihnen auf ihrem Gange nicht anſchließen können. Um p iifiget Anna wal zu holen. din, that um den 1 Mben nit eih andere A den Ankn mit Okti Mappe, den er hi ainem leie Gelächter „Gel ſie.„Dod Reinhard nauer al bitten.“ „Rit Bauweſe richten.“ „Nu Neubaues ſtille Vor Frenzel, präch ards Natur wich reize Yer⸗ einem JLätte zuszu⸗ Pfad r die Lin⸗ Weile ldeten umen⸗ ſſenen arten⸗ einen unden, Tiſch. ls die gegen. fte ſich u. Um 49 ſo eifriger lud ſie jetzt Reinhard ein, Platz zu nehmen. Anna ward in das Haus geſchickt, eine Decke für ihn zu holen. Der Doctor ſchenkte ſich ein Glas Wein ein, that einen Zug und fing dann ſeinen Rundgang um den Raſenplatz an. Neben Zeitungen und Büchern lag eine Mappe mit Zeichnungen und Bauplänen auf dem Tiſche. Ohne andere Abſicht, als ſich zu zerſtreuen oder vielleicht den Anknüpfungspunkt einer anziehenden Unterhaltung mit Ottilie darin zu finden, öffnete Reinhard die Mappe; aber ſchon nach dem erſten flüchtigen Blick, den er hineinwarf, legte er ſie mit einer Haſt und einem leichten Erſchrecken, die Ottilie zu einem heiteren Gelächter ſtimmte, beiſeite. „Gebrannte Kinder ſcheuen das Feuer“, ſcherzte ſie.„Doch werden Sie mir den Gefallen thun müſſen, Reinhard, die Zeichnungen ſich noch einmal und ge⸗ nauer anzuſehen, ich möchte Sie um Ihren Rath bitten.“ „Nicht doch; ich verſtehe nicht das Geringſte vom Bauweſen, nicht das kleinſte Kartenhaus kann ich auf⸗ richten.“ „Nun, ich helfe. Der alte Thurm bedarf eines Neubaues, ich habe mir in dieſen Tagen beſtändig ſtille Vorwürfe gemacht, daß meine Hartnäckigkeit nicht 4 Frenzel, Lebensräthſel II. —— 50 ohne Mitſchuld an Ihrem Unfall iſt.— Nein, Rein⸗ hard, Sie beruhigen mich nicht darüber! Längſt hätte etwas für das morſche Gemäuer geſchehen ſollen, denn zu dem grauſamen Gedanken des Doctors, es nieder⸗ zureißen, werde ich mich nie verſtehen.“ „Wollen Sie ſtets dadurch wieder an meine Thor⸗ heit erinnert werden?“ „Als ob die meine kleiner geweſen! So lange ich lebe, bleibt der Thurm aufrecht— und wenn mich Anna beerbt, wird er auch dann noch vor der Ver⸗ nichtung geſchützt ſein. Aber darum muß für ihn ge⸗ ſorgt werden. Ich habe einen Architekten aufgefordert, mir ſeine Vorſchläge über eine Wiederherſtellung oder einen Neubau zu machen; er hat mir zwei Pläne ge⸗ ſandt; der eine beſſert nur das Vorhandene ſauber, feſt und ſorgfältig aus, der andere erweitert es. Er⸗ leichtern Sie mir die Entſcheidung; mein Rathgeber, der Doctor, läßt mich ſchnöde im Stich, und Herr Wil⸗ denhagen ſagt in ſeinem weichſten Ton: wozu Thürme? Fabriken thun uns Noth! Es gibt hier nur zwei Ver⸗ theidiger der romantiſchen Poeſie, Sie und mich. Darum fürchten Sie ſich vor den unſchuldigen Zeichnungen nicht.“ „Ich fürchte mich nicht; es iſt eine romantiſche Ironie, daß ein proſaiſcher Deutſch⸗Amerikaner, der 80 wie di Dingen Geld V Ruine mal ei Hier h Geſtalt ich we dieſer jierlich oberſte Fenſter es ſich Aihl ei 7'⁸. ſtecken l ich bei 9 in's Ge It dieſ den D ſchaft? ſtigen auferſte ge⸗ uͤber, Er⸗ geber, Wil⸗ ürme? Ver⸗ arum ungen 51 wie die Nankee's ſich allmählig gewöhnt hat, bei allen Dingen und Geſchichten dieſer Welt zu fragen: Steckt Geld darin?“ wegen des Umbaues einer maleriſchen Ruine zu Rathe gezogen wird. Aber ſoll ich nun ein⸗ mal ein Urtheil abgeben, ſo wähle ich dies Blatt. Hier hat das Gebäude ſeine urſprüngliche Form und Geſtalt wiedergewonnen, die poetiſche Wendeltreppe— ich werde meine übrigen Lebenstage an die Poeſie dieſer Wendeltreppe denken!— iſt durch eine leichte, zierliche und doch ſichere eiſerne Stiege erſetzt, das oberſte Gemach hat durch das breitere und höhere Fenſter mehr Luft und Licht erhalten— freilich dürfte es ſich in dieſer Erneuerung nicht zum verborgenen Aſyl eines Flüchtlings eignen.“ „Hoffentlich werde ich nie wieder einen zu ver⸗ ſtecken haben“. „Wenigſtens keinen politiſchen mehr! Darum bleibe ich bei dieſem Blatte ſtehen“. Ottilie ſah von der Zeichnung auf, ihm heiter in's Geſicht.„Wie freut es mich, Ihrer Meinung zu ſein! Iſt dieſe Uebereinſtimmung in geringen und unbedeuten⸗ den Dingen nicht auch ein Zeichen ſeeliſcher Verwandt⸗ ſchaft? Ich nehme es dafür, und ſo mag denn unter gün⸗ ſtigen Sternen der alte Thurm zu einem neuen Daſein auferſtehen, aus Schutt und Staub, frei und fröhlich!“ 4* ——;——V—— —— 52 Als hätten ſie dieſe Worte herbeigerufen, kam Anna vom Hauſe daher, über den Arm die braune Plüſchdecke tragend, zum Schutz für Reinhard ge⸗ gen die Kühle der Abenddämmerung. Von einem ro⸗ ſigen Schimmer glänzte ihr ſanftes, in der erſten Jugendblüthe noch ein wenig ausdrucksloſes Geſicht; ihr Haar flatterte leuchtend im Wind; das blaue Band, das darin geſchlungen war, die breite blaue Gürtelſchärpe auf ihrem weißen Kleide, ihr beſchwing⸗ ter Schritt: es war ein entzückendes Bild der Anmuth und Jungfräulichkeit. Unwillkürlich legte Reinhard die Hand auf die Augen und wie halb verloren irrte ein Name über ſeine Lippen. Ottilie mochte bei dem Anblick des Mädchens von derſelben Erinnerung erfaßt werden; ſie beugte ſich auf die Zeichnungen nieder und kritzelte mit dem Stift gedankenlos krauſe Striche und Zeichen hin und her. Nur der Doctor bemerkte, daß dem„Kinde“ in einiger Entfernung der Bürger⸗ meiſter folgte, ſchwankend zwiſchen ſeiner Würde, die ein gemeſſenes Auftreten verlangte, und dem Wunſche, die ſchöne Flüchtige einzuholen— ſo erſchien es dem Satiriker, und eine große Priſe nehmend, ſagte er: „Ei, ei!“ Das riß nun auch die Beiden, die am Tiſche ſaßen, aus ihrer Verſunkenheit. Eine gegenſeitige Be⸗ grüßun 66 Reit nen“, die Del ward. lien nie legenhe und di ſeine g jet ve die haltung Verbeſſe meiſters Fräulei benden verſcha ſten, d Herrn füge, len, et bahnbe ſitzer i ausfa mälern kam aune N⸗ 1 ro⸗ eſten ſich. laue plaue ving⸗ muth chard irrte dem rfaßt leder triche rerkte, ürger⸗ e, die nſche, 3 dem te er. Tiſche ge Be⸗ grüßung fand ſtatt; trotz ſeines Widerſtrebens mußte es Reinhard dulden, daß ihm auf Befehl des„Tyran⸗ nen“, ſo rief er klagend, auf den Doctor zeigend aus, die Decke von Anna kunſtgerecht über die Knieen gelegt ward. Wildenhagen ſetzte ſich zwiſchen ihm und Otti— lien nieder, und wenn ſich Reinhard noch eben die Ge⸗ legenheit geboten hatte, ſich der Freundin zu eröffnen und die Frage zu thun, an der er unſichtbar ſchon ſeine ganze Zukunft ſchweben ſah, ſo ſchien ſie ihm jetzt wieder den Rücken zu kehren. Indeſſen führten die Pläne und Entwürfe des Architekten die Unter⸗ haltung gleichſam von ſelbſt auf Bauten, Umgeſtaltungen, Verbeſſerungen; das Talent des noch jungen Bau⸗ meiſters wurde geprieſen, und der Arzt meinte, das Fräulein Aldenhoven habe ihrer Pflicht, einem aufſtre⸗ benden Manne eine paſſende und lohnende Arbeit zu verſchaffen, genügt; nun ſei es an dem Herrn Ober⸗ ſten, der über californiſche Goldbarren, und an dem Herrn Bürgermeiſter, der über den Stadtſäckel ver⸗ füge, auch ihrerſeits dem Genius eine Aufgabe zu ſtel len, etwa die große Fabrik für Maſchinen und Eiſen⸗ bahnbedarf, mit einer prächtigen Villa für den Be⸗ ſitzer im Renaiſſanceſtil, da der Thurm ja Rococo ausfallen würde und an gothiſch⸗barbariſchen Baudenk⸗ mälern in der Stadt kein Mangel ſei. Als der Doc⸗ —— 54 tor mit dieſen Worten das Eis gebrochen hatte, und Ottilie mit einem blitzähnlichen Aufleuchten ihrer ſchö⸗ nen Augen Reinhard anſah— er wußte nicht, ob mehr Verwunderung oder Freude in ihrem Blick ſchim⸗ merte— hielt er nicht länger an ſich, ſondern begann ſeinen Plan in großen Zügen anzudeuten. Noch hütete er ſich, ſeine Perſon in den Vordergrund zu ſtellen und durch eine übereilte Aeußerung ſich zu binden, er ſprach nur im Allgemeinen von der günſtigen Lage der Stadt am Ausgang einer waldreichen, ein bedeu⸗ tendes Kohlenlager bergenden Gegend, in der Nähe der Eiſenbahn, eines ſchiffbaren Fluſſes, von den Vorthei⸗ len, welche eine gut geleitete, für die erſten Jahre des Kampfes auf der ſicheren Grundlage eines bedeuten⸗ den Capitals ruhende Fabrik den Unternehmern wie der Bevölkerung bringen würde; der Aufſchwung des Bauhandwerks allein werde den aller übrigen zur Folge haben. Seine Rede gefiel allgemein, er ver⸗ focht die Gründe des Verſtandes mit dem Ton des Herzens, wiederholt nickte ihm Ottilie ihren Beifall zu. Um den etwas eingezogenen Mund Abel's ſpielte ein kauſtiſches Lächeln, aber er unterbrach den Redner mit keinem Laut. Nur als Reinhard ſeine Auseinander⸗ ſetzung geendet und die Andern ſinnend ſchwiegen, klappte er mit einem heftigen Schlage den Deckel ſeiner ſ Taſche, mochte: Hauſe g lem Rei ner Fa völkerun ſie durch ben. 3 Herzen meine annäher auch nu Menſche leuchtet; und ſo wärmer Einſilbi ſeine U in Otto gen? Begeiſte lich au Reinha lien ur eifall te ein rmit nder⸗ legen, Deckel 50 ſeiner ſilbernen Tabaksdoſe zu und ſteckte ſie in die Taſche, eine vielſagende Bewegung, die ausdrücken mochte: Die Komödie iſt zu Ende, wir können nach Hauſe gehen. Ottilie ſtimmte darauf beinahe in Al⸗ lem Reinhard bei, auch ſie erblickte in der Eröffnung einer Fabrik eine Wohlthat für die arme ländliche Be⸗ völkerung der Umgegend, es würde dann leichter ſein, ſie durch Schulen und Vereine zu bilden und zu he⸗ ben. Ihr wie allen höheren Geiſtern und edleren Herzen ſchwebte bei jedem größeren auf das Allge⸗ meine gerichteten Unternehmen ein ideales Ziel, eine annähernde Löſung der ſocialen Frage, und wenn auch nur im engſten Kreiſe vor. Von Milde und Menſchenfreundlichkeit war ihr Weſen gleichſam durch⸗ leuchtet; eine ganze Reihe gemeinnütziger Anſtalten konnte und ſollte ſich nach ihr der Fabrik anſchließen. Je wärmer ſie ſich äußerte, um ſo ſchärfer mußte die Einſilbigkeit Wildenhagen's auffallen. Vornämlich auf ſeine Unterſtützung hatte Reinhard gerechnet. War nicht in Ottokar's Kopf der erſte Gedanke des Plans entſprun⸗ gen? Hatte er nicht hundert Gründe für einen, die Begeiſterung des Freundes zu benützen und ihn feier⸗ lich aufzufordern, vom Worte zur That zu ſchreiten? Reinhard erwartete im Stillen auch nur, von Otti⸗ lien und dem Doctor— denn„das Kind“, das be— ——-— 56 ſcheiden mit einer Stickerei am Tiſche ſaß, konnte doch kaum als Zeuge einer ſo wichtigen Staatsaction mit⸗ gezählt werden— und von dem Bürgermeiſter beim Wort genommen zu werden und ſo, um ſeiner Chre willen, einen Vorwand, länger in der Stadt zu verweilen, zu haben. Aber ſchmählich ließ ihn der Freund im Stich; Ottokar begnügte ſich mit der Erklärung, daß Niemand in der Stadt ſehnlicher als er den Tag herbeiwünſche, an dem der Grundſtein der Fabrik gelegt werde. Im Uebrigen hüllte er ſich in ein verdächtiges Schweigen. Hatte er ſchon ſeinen Mann gefunden?, Berührte ihn Reinhard's Antrag peinlich, weil er zu ſpät kam? War er andere Verpflichtungen eingegangen? Es war nicht möglich, ſich darüber Aufklärung zu verſchaffen, Ottokar wurde immer verlegener und hatte Mühe, ſich in ſeinen Antworten nicht zu verwirren. Als er das leiſe Erſtaunen der Geſellſchaft über ſeine Zer⸗ ſtreutheit bemerkte— ſogar„das Kind“ war, aus Mitleid oder aus Angſt, daß ihm etwas zugeſtoßen ſei, roth und blaß geworden— ſchützte er Ermüdung, amtliche Geſchäfte und kleine Verdrießlichkeiten vor. Da die Sonne inzwiſchen tiefer geſunken, mahnte der Doctor ſeinen Kranken zum Aufbruch in das Haus. Ottilie lud zu einem„kurzen“ Imbiß ein, kurz wenigſtens für Reinhard, der ohne Widerrede in einer hall müſſe. mit Füße ren Sie i ten Abend die ſocial zuſammel beinen Se ralität⸗ greifende ten, das genſchaft allgemeine bensverſi Sor wie Rein dazu frei Zimmer ihn der fand ein ſem Pun Unruhe erhalten. ſich imm je mehr e doch mit⸗ beim Chre veilen, rmand inſche, Im veigen. te ihn kam? Hwar affen, Mühe, Uls er eſtoßen dung, vor. nahnte n das ein, ede in einer halben Stunde in ſeinem Zimmer und ungeſtört ſein müſſe.„Hier werden ohnedieß alle ärztlichen Vorſchriften mit Füßen getreten“, brummte Abel;„ſchon längſt müß⸗ ten Sie im Bette liegen; ſtatt deſſen athmen Sie den feuch⸗ ten Abendnebel ein und ſtreiten mit dem Fräulein über die ſociale Frage. Sie Beide werden die Welt nicht zuſammenrücken, ſorgen Sie doch lieber, daß Sie ſelbſt keinen Schnupfen davontragen. Schulen, Bildung, Mo⸗ ralität— großer Aesculap, wenn Sie noch ein durch⸗ greifendes Mittel gegen Zahnſchmerzen erfinden woll⸗ ten, das wäre doch noch eine dankenswerthe Crrun⸗ genſchaft für die Menſchheit! Das brächte uns der allgemeinen Glückſeligkeit näher, als Sparkaſſen, Le⸗ bensverſicherungen und Productivgenoſſenſchaften.“ Soweit es zu beaufſichtigen war, geſchah Alles, wie Reinhard klagte, nach dieſem unbeugſamen Willen; dazu freilich, daß er ſich nach dem Eintritt in ſein Zimmer auch wirklich zur Ruhe begeben hätte, konnten ihn der Doctor und Ottilie nicht zwingen, und er fand eine thörichte Freude daran, ihre Befehle in die⸗ ſem Punkte zu durchkreuzen. Uebrigens hätte ihn die Unruhe auch ohne dieſen Stachel des Trotzes wach erhalten. Das ſeltſame Benehmen Ottokar's geſtaltete ſich immer wunderlicher, je ſchärfer er es betrachtete, je mehr er nach Gründen dafür ſuchte. Und wenn er —Qͥ́ᷓʒʒ— 58 dieſe Gedankenreihe fallen ließ, weil er kein Ende und keine Löſung abſah, rief er ſich jedes Wort zurück, mit dem Ottilie ſeinen Plänen zugeſtimmt hatte. Sie alſo würde ſeine Rückkehr in die Stadt willkommen heißen, ihre Freundſchaft war ihm für alle Zeiten verbürgt. Er wußte nicht eigentlich, zu welchem Zwecke, aber er ſpann den Faden, der ſich an dieſe„Freund⸗ ſchaft“ knüpfte, behaglich weiter. Am geöffneten Fen⸗ ſter ſitzend, genoß er die Kühle des Abends, die durch daſſelbe hereinſtrömte, mit jenem träumeriſchen Beha⸗ gen, zu dem gerade dieſe Stunde und der Schimmer des Mondes einladet. Ueber den dunklen Wipfeln des Waldes war das Geſtirn emporgeſtiegen, unter ſeinen Strahlen und dem Hauch der Nacht ſchauerten die Bäume leiſe und feierlich zuſammen. Die Welle des großen Lebensſtromes, der alles Geſchaffene durchdringt, ſchien langſamer und geräuſchloſer zu fluthen, und auch ihm war es, als löſte ſich in dieſer Stille von ſeiner Bruſt, was mit ſchwerem Gewicht darauf gelaſtet, und verflüchtigte ſich zu einem leichten Wölkchen, das ſpur⸗ los im Aether verſchwamm. Da bemerkte er in dem Garten ein weißes Ge⸗ wand zwiſchen dem Grün der Büſche; eine weibliche Geſtalt tauchte auf und verſchwand wieder. Wenn es „das Kind“ war, was hatte Anna zu dieſer Friſt und alein noch es vicht tenen zuf cen zu das ſie un nicht imm N war Ann waiſte 9 Reinhard, betrieben! habe beein er nun ſe die bang Ottilie n niß entre vorbereit ausſprech doch All ſagte ſich Reden zu Um ordnunge de und zurück, „ Sie ommen Zeiten Zwecke, reund⸗ Fen⸗ durch Beha⸗ immer In des ſeinen Bäume großen „ſchien uch ihm ſeiner et, und s ſpur⸗ zes Ge⸗ eibliche genn es riſt und 59 allein noch im Garten zu ſchaffen? Wiederum, war es nicht ein Wink des Schickſals für ihn, dieſen ſel⸗ tenen Zufall zu benützen, um ungeſtört mit dem Mäd⸗ chen zu reden und das Geheimniß zu durchdringen, das ſie umſchwebte? Mit einer Abſichtlichkeit, die ſie nicht immer verbergen konnte, hatte ihn Ottilie, hatte ihn der Arzt von Anna entfernt gehalten; die Diener des Hauſes, mit denen er in Berührung kam, hatten nichts zu verſchweigen, weil ſie nichts wußten; für ſie war Anna eben das junge Fräulein, eine früh ver⸗ waiſte Verwandte Ottiliens. Jetzt beſchuldigte ſich Reinhard, daß er ſeine Nachforſchungen nicht kräftiger betrieben und ſich von anderen Gedanken ausſchließlich habe beeinfluſſen laſſen. Mit einem Schlage vermochte er nun ſeine Verſäumniß wieder gut zu machen und die bange Qual der Ungewißheit zu enden. Weder Ottilie noch der Doctor würden ſich leicht ihr Geheim⸗ niß entreißen laſſen; Anna, die ahnungsloſe und un⸗ vorbereitete, in ihrer Kindlichkeit aber leicht ein Wort ausſprechen, deſſen Bedeutung ſie nicht kannte und das doch Alles enthüllte. Und wenn ſie von Stein wäre, ſagte ſich Reinhard, ich bin in der Stimmung, ſie zum Reden zu bringen. Um wenigſtens im Kleinen nicht gegen die An⸗ ordnungen des Doctors zu verſtoßen, während er ſie ———————— 60 im Großen übertrat, nahm er gewiſſenhaft einen Man⸗ tel um die Schultern, drückte ſich den runden Hut tief in die Stirne und ſchlich ſacht und eilig, aus Furcht, bemerkt und angehalten zu werden, durch die Corri⸗ dore, über die Treppen in den Garten hinab. Um ganz ſicher zu gehen, hatte er den Weg zu einer Seiten⸗ pforte eingeſchlagen; er glaubte Ottilie mit ihren Gäſten noch im Speiſeſaal verſammelt. So kam er ungeſehen in den Garten. Einſam dehnten ſich die Raſenplätze, die Wandelgänge im ſilbernen Licht des Mondes aus. Dahinter ſtiegen wie eine dunkle ſchwarzgrüne Wand, über die hin und wieder, einen Fleck erleuchtend oder einen Glorienſchein um die Wipfel breitend, die Licht⸗ ſtrahlen irrten und zitterten, die Tannen und Fichten der Bergterraſſe auf. Ein eigenthümliches zauberiſches Kampfſpiel des Lichtes mit dem Schatten; war der Mond auch nicht im Stande, dieſe gewaltigen dunklen Maſſen zu bewältigen und zu erhellen, er umgab ſie mit einem ſchimmernden Rande und drang durch jede Oeffnung. Auf dem ebenen Raum in der Nähe des Hauſes gewahrte Reinhard die weiße Geſtalt nicht mehr, die ihn hinunter gelockt. Sie wird ſich in den Fichtengang zu dem Thurm hinauf geflüchtet haben, ſagte er ſich, um nicht von der Dienerſchaft geſtört oder von Ottilien zurückgerufen zu werden. Aber was und wäre zu ſtillend Jdealen. Schut der twwaigen ging es il Alte in m dem Befin unberühtt, der Hausu drollig! Imm denden 3 an einem lief der; Gegenwa Vergangen wie es be in verſcht ihn am? fern von grau und Nan⸗ dut tief Jurcht, Corri⸗ Um Seiten⸗ Gäſten geſehen uplätze, es aus. Vand, id oder e Licht⸗ Fichten eriſches Har der dunklen gab ſie irch jede ähe des lt nicht in den haben, geſtört ber was 61 hat das Kind nur? Iſt ihr ein Leid, ein Schmerz widerfahren? Wenn ein junges Mädchen die Einſam⸗ keit des Waldes aufſucht, ſitzt ihr ein Pfeil im Herzen und wäre es auch nur der einer ungeſtillten und nie zu ſtillenden Sehnſucht nach den Sternen und den Idealen. Reinhard ſchritt rüſtig aus und hatte bald den Schutz der ſchirmenden Fichten erreicht, die auch ihn etwaigen Späherblicken verbargen. Das wäre drollig, ging es ihm durch den Sinn, wenn Ottilie und der Alte in mein Gemach kämen, um ſich noch einmal nach dem Befinden ihres Kranken zu erkundigen. Das Bett unberührt, der Vogel davongeflogen und der Weiſer der Hausuhr die zehnte Stunde zeigend— das wäre drollig! Immer weiter vertiefte er ſich in den dichter wer⸗ denden Waldpark. Der Mond ſtand gerade darüber an einem wolkenloſen Himmel. Wie ein lichtes Band lief der Pfad vor Reinhard's Füßen hin. Aus der Gegenwart führten ihn ſeine Gedanken neckend in die Vergangenheit. Ging er denn noch, trotz ſeiner Jahre, wie es bei den Dichtern heißt, auf Flügeln der Liebe in verſchwiegener Sommernacht? Und was erwartete ihn am Ziel der Wanderung? Er konnte nicht mehr fern von dem alten Gemäuer ſein. Da lauſchte es grau und düſter aus dem Dickicht und zwiſchen den 62 Bäumen hervor; melancholiſch umfloß es der Schimmer des Mondlichts. Auf der Bank, wo er vor Wochen Anna mit ihrer Zeichnung beſchäftigt getroffen hatte, ſaß die Geſtalt in Weiß. Obgleich ſie ihm den Rücken zukehrte, erkannte er ſie und damit ſeinen Irrthum. Es war Ottilie, die ſich in einen langen weißen Man⸗ tel gehüllt, um ihren Abendſpaziergang zu machen. Nur die ſchleunigſte Flucht konnte ihn von einer Be⸗ gegnung mit ihr retten, und er fühlte ſich in dieſem Augenblick muthloſer als je, in ihr Antlitz zu blicken und den Ton ihrer Stimme zu vernehmen. Aber es war ſchon zu ſpät. In der faſt lautloſen Stille um⸗ her, die nur das Säuſeln in den Baumkronen in ge⸗ meſſenen Zwiſchenräumen unterbrach, hatte ihn das Geräuſch ſeiner Schritte verrathen. Sie wandte das Geſicht dem Klange zu und erhob ſich von ihrem Sitz. So ſtand ſie aufrecht, ſchlank und ſtill, den Näherkom⸗ menden erwartend. Der weiße Mantel von wollenem Stoff, der ſich ihrem Körper weich und glatt anſchmiegte und in ſchönen Falten niederfloß; der Schleier, den ſie um den Kopf gebunden, ſo daß ihr Geſicht wie aus einer Umrahmung hervorſchaute, der Glanz des Mon⸗ des, Alles vereinigte ſich, um bei ihrem Anblick in Reinhard die Vorſtellung eines griechiſchen Götterbildes zu erwecken. Nein, edlere Formen, mildere und hoheits⸗ vollere 3 Schöbfun Mit einen Unabhäng zum Tiot Par ſie Stunde ne oder einer nöglich wegte der Jlechte ih Umhüllung ſich der id und Reinh „Gute genem La⸗ Erſparen densbruch verdient a zu hören.“ „Die cher Koho „Lin ein guter die Farbe himmer Wochen hatte, Rücken rrthum. n Man⸗ machen. ner Be⸗ dieſem bliücken Aber es le um— in ge⸗ hn das de das em Sitz. äͤherkom⸗ vollenem ſchmiegte den ſie wie aus es Mon⸗ nblick in terbildes hoheits⸗ 63 vollere Züge als Ottilie konnten jene bewunderten Schöpfungen claſſiſcher Kunſt nicht gehabt haben. Mit einem Gemiſch von Empfindungen, in dem, ſeinem Unabhängigkeitsſinn und ſeiner humoriſtiſchen Laune zum Trotz, die Ehrfurcht vorherrſchte, ſchritt er näher. War ſie eine Weile ungewiß geweſen, wer in ſo ſpäter Stunde noch durch den Garten ginge, ob der Gärtner oder einer der Diener, jetzt war kein Zweifel mehr möglich. Indem ſie einen Schritt vorwärts that, be⸗ wegte der Wind ganz leiſe ihren Schleier, die eine Flechte ihres Haares ſtahl ſich, losgegangen, aus der Umhüllung und fiel auf ihre Schulter. Damit löſte ſich der idealiſche Zauber, der ſie bisher umſponnen und Reinhard gebannt hatte. „Guten Abend, Ottilie“, vermochte er mit erzwun⸗ genem Lachen zu ſagen,„und üben Sie Großmuth! Erſparen Sie mir die Strafpredigt für meinen Frie⸗ densbruch bis morgen; nicht ich, aber die Mondnacht verdient es, nur ſanfte und holde Worte von Ihnen zu hören.“ „Die Frage müſſen Sie mir ſchon erlauben, wel⸗ cher Kobold Sie aus Ihrem Gemach vertrieben?“ „Ein weißer— und ich glaube darum, daß es ein guter Geiſt war. Nach allen Legenden iſt Weiß die Farbe der Engel.“ 64 „Mein Mantel? Wahrhaftig, Reinhard, Sie ſagen mir damit eine Schmeichelei. Eine Schmeichelei...“ „Die Sie aus meinem Munde überraſcht. Bin ich denn ſo ganz und gar zu einem Ritter der Damen verdorben, daß Sie mir auch nicht die kleinſte Galan⸗ terie zutrauen?“ „Sie ſteht Ihnen nicht zu Geſicht. Man merkt nur zu leicht, daß Ihr Humor damit ſpielt und noch lieber mit denen ſpielen würde, die auf die Leimruthe gingen, wie betrogene Vögel.“ „Halten Sie mich keiner zärtlichen Empfindung für fähig?“ „Ich denke, Sie würden Alles thun, ein ſolches Gefühl zu verbergen. Aber Sie wollten von meinem Mantel ſprechen.“ „Der mich in den Garten lockte, obgleich— und nun werden Sie mich mit Recht auslachen— obgleich ich eine Andere darunter vermuthete, als Sie.“ Sie lachte jedoch nicht, ſondern zog die Augen⸗ brauen finſter zuſammen.„Eine Andere? Doch nicht Anna?“ „Ja, Anna! Und da wir allein und ohne Zeu⸗ gen ſind, Ottilie, ſo könnte endlich der dunkle Punkt berührt werden, ohne die Ruhe des Kindes zu er⸗ ſchüttern und...“ Das „Das das Haus kehren.“ „Sie Lieber räl „Ihre noch andet traute Kin „Wa helles Gel ſagte der kleine När Ottilie, la ſchein flieg nicht geben Pater der „Ich die im G iſt. Auf tragiſche koͤnnte Re den Schle ließ ihm ihres gan ☛. So Frenz'l, L eſagen 6 .. Bin d Damen merkt ĩd noch imruthe findung ſolches meinem — und obgleich Augen⸗ vch nicht jne Zeu⸗ e Punkt 8 zu er⸗ 65 „Das Kind“, ſagte Ottilie ſtreng,„wird morgen das Haus verlaſſen und wieder in ihre Penſion zurück⸗ kehren.“ „Sie ſchicken ſie weg? Doch nicht meinetwegen? Lieber räume ich den Platz.“ „Ihre Gegenwart fürchte ich nicht; aber es gibt noch andere Gefahren, vor denen ich das mir anver⸗ traute Kind bewahren muß.“ „Was iſt das?“ rief Reinhard und ſchlug ein helles Gelächter auf.„Das iſt mir entgangen! Darum ſagte der Doctor ſein verhängnißvolles: Ei ei! Die kleine Närrin liebt den Bürgermeiſter. Ich bitte Sie, Ottilie, laſſen Sie dieſe Marienfädchen im Sonnen⸗ ſchein fliegen. Harmloſeres und Zierlicheres kann es nicht geben, als die Liebe des Kindes zu dem weiſen Vater der Stadt.“ „Ich möchte mit einer Empfindung nicht ſcherzen, die im Guten wie im Schlimmen gleich unberechenbar iſt. Auf einem Boden nicht ſcherzen, dem ſchon eine tragiſche Liebesgeſchichte geweiht.“ In ihr Geſicht konnte Reinhard nicht blicken, ſo dicht hatte ſie es in den Schleier gehüllt, allein der Klang ihrer Stimme ließ ihm keinen Zweifel über die tiefe Erregung ihres ganzen Weſens. So ſprechend waren ſie von dem ſchmalen Wald⸗ Frenzoel, Lebensräthſel. II 5 66 pfad niederſteigend wieder in die Mitte des Gartens gekommen, zu den Raſenplätzen und Blumenbeeten. „Gute Nacht, Reinhard“, ſagte ſie ruhiger,„es iſt ſpät und wir wollen in's Haus zurück. „Nein, ſo laſſe ich Sie nicht! Wir würden doch eine ſchlafloſe Nacht haben und uns am Morgen nur kälter und fremder begegnen“, erwiderte er eifrig. „Das Geſchick, das Wohl und Wehe Annass liegt mir eben ſo ſehr— beinahe eben ſo ſehr am Herzen, wie Ihnen, Ottilie.“ hWie mir?“ Er achtete nicht auf ihre Unterbrechung und fuhr fort:„Wildenhagen iſt mein Jugendfreund, nächſt Ihnen der einzige, der mir noch in dieſem Theil der der Welt aus jenen ſeligen und ſtürmiſchen Tagen lebt, wie ſollte ich nicht darnach ſtreben, ſein Glück zu befördern? Wenn er das Kind liebt und wieder geliebt wird... nun freilich, der Unterſchied der Jahre! Aber was iſt die Zeit für Liebende? Wollen wir die Kluft erweitern, anſtatt ſie zu ſchließen?“ „Es ſteht noch ein Anderes zwiſchen ihnen, als der Schatten der Jahre“, ſagte ſie zögernd.„Ich habe erſt heute die aufkeimende Neigung Anna's bemerkt, mit einem kleinen Schmerz wird das Feuer erſtickt werden. Abenteuer Daß wänden doppelte ſ den wah Liebenden „Der nach dieſe ſeine Bef und nun ijind Sie! „Ich Erſtaunens traf. In geſchlagen, auf ihn ſeiner Se dem erſten geworden gedrück, e Ein Gemi ihm.„Ar „Ann gekannt.“ Cartens eeten. ger,„es den doch gen nur t eifrig. liegt mir zen, wie ind fuhr naächſt beil der Tagen Glück zu er geliebt Jahre! wir die nen, als „Ich habe bemerkt, er erſtick 67 werden. Unter ihren Freundinnen wird ſie ihr erſtes Abenteuer bald vergeſſen lernen.“ Daß ſie ihm auszuweichen und mit leeren Vor⸗ wänden hinzuhalten und irre zu führen ſuchte, ver⸗ doppelte ſeine Hartnäckigkeit.„Sie verſchweigen mir den wahren Grund, der Sie zu der Trennung der Liebenden beſtimmt.“ „Der letzte Grund, wenn Sie es denn ſo ſehr nach dieſer Wiſſenſchaft gelüſtet“, entgegnete ſie durch ſeine Beſtürmungen erbittert,„der letzte Grund“— und nun vermochte ſie ſich nicht mehr zu faſſen— „ſind Sie!“ „Ich?“ antwortete er und wollte einen Ruf des Erſtaunens hinzuſetzen, als der Blitz ihrer Augen ihn traf. In der Aufregung hatte ſie ihren Schleier zurück⸗ geſchlagen, und der Blick, den ſie ſtrafend und zürnend auf ihn richtete, zerriß die Decke, die ſo lange vor ſeiner Seele geſchwebt. Die Offenbarung, die ihm bei dem erſten Zuſammentreffen mit dem jungen Mädchen geworden und die er doch wieder ſcheu in ſich zurück⸗ gedrückt, erhob ſich vor ihm als lebendige Wahrheit. Ein Gemiſch von Schrecken und Entzücken zitterte in ihm.„Anna iſt Mariens Tochter?“ „Anna iſt eine Waiſe und hat ihre Mutter nie gekannt.“ 68 „Keine Waiſe, Ottilie, keine!“ rief er in ſteigender Verwirrung.„Da ihr Vater, da ich lebe! O, ich könnte Ihnen gram ſein, Ottilie, daß Sie mir dies Geheim⸗ niß ſo lange, ſo mitleidlos verheimlichten, ja mir jede Kunde entziehen wollten!“ „Was konnte, was durfte ich ſagen, ehe Ihr Herz geſprochen? Mußt' ich nicht annehmen, Sie hätten Alles Alles, was hier geſchehen, hinter ſich in die Vergeſſenheit geworfen? Und vielleicht wäre es beſſer ſo geweſen!“ „Das iſt nicht Ihr Ernſt! Weil ſich jetzt eine Schwierigkeit aufthürmt, können Sie nicht wünſchen, daß ein Vater nie ſein Kind wiedergefunden, nie wie⸗ der an ſein Herz gedrückt hätte!— Anna, wo biſt Du? Anna!“ Sie legte, ihm Ruhe gebietend, die Hand auf die Schulter.„Eins darf ich fordern, Reinhard, Mäßigung! Damals, als ich Ihnen im Thurm, dunkel das un⸗ ſelige Geſchick meiner Freundin ahnend, eine Rede über die Mäßigung hielt, war ich wohl ein kindiſches Geſchöpf— jetzt würde ich mein Hausrecht beſſer wahren. Ich will nicht, daß Anna plötzlich und rauh aufgeſchreckt wird. Was geſchehen muß, nachdem Sie mir das Geheimniß entriſſen haben, bedarf ernſter und ſorgfältiger Ueberlegung. Leicht ſpringt man über die wären S knieen! 3 wie vor i heute Ale An i vergeblich Stunde; ſchieben. der Hälft an ein fri zu denken, und ein Im des Geſp merfrau eine Lan gewiſſen als wün Erzählun ſaß ſie in gleichſam aufſehen eigender hkönnte Geheim⸗ nit jede hr Herz hätten hin die es beſſer ett eine ünſchen, nie wie⸗ wo biſt dauf die täßigung! das un⸗ ine Rede kindiſches ct beſſer und rauh hdem Sie enſter und über die 69 Schranken der Sitte, aber ſchwer tritt man durch das große Thor wieder in die Geſellſchaft ein.“ „Sie ſind ein Engel an Beſonnenheit und Güte, wären Sie es weniger, ich würde vor Ihnen nieder⸗ knieen! Ich gehorche Ihnen in Allem, ſeien Sie nach wie vor meine Vorſehung, nur laſſen Sie mich noch heute Alles wiſſen!“ An ihrer eigenen Bewegung fühlte Ottilie, wie vergeblich es ſein würde, ihn auf eine gelegenere Stunde zu vertröſten und ihre Eröffnungen zu ver⸗ ſchieben. Zu viel war ſchon geſagt, als daß ſie auf der Hälfte des Weges hätte zurückbleiben können, und an ein friedliches und behagliches Zuſammenſein nicht zu denken, ehe Reinhard nicht von Allem unterrichtet und ein Entſchluß hinſichtlich Anna's gefaßt war. Im Hauſe herrſchte tiefe Ruhe; um jede Störung des Geſprächs zu verhindern, ſchickte Ottilie ihre Kam⸗ merfrau zu Bett. Mäßig erhellte mit mildem Licht eine Lampe das Gemach; doch ſuchte Ottilie mit einer gewiſſen Abſichtlichkeit die dunkelſte Fenſterniſche auf, als wünſche ſie nicht, daß Reinhard während ihrer Erzählung ihr Geſicht genauer betrachten könne. Dort ſaß ſie in ihren weißen Mantel gehüllt und wickelte, gleichſam um eine Beſchäftigung zu haben und nicht aufſehen zu müſſen, den Schleier, den ſie aus den 70 Haaren genommen, auf und ab um ihre Hand. Da Reinhard nach der Entdeckung, daß Anna ſeine Toch⸗ ter ſei, nach der ihm längſt drüben in Amerika gewor⸗ denen Kunde von Mariens Tode, nur Nebenſächliches von ihr erfahren konnte, durfte ſie kurz ſein, und all' das Schmerzliche jener CEreigniſſe ſchonend und oben⸗ hin berühren. Wozu durch ausführliche Schilderungen die Qual vermehren, die ihm in dieſen traurigen Minu⸗ ten ſein eigenes Gewiſſen bereitete?— Nach ſeiner Flucht aus dem Thurm, als von Hamburg her die Nachricht gekommen, daß er ungefährdet an Bord des amerikaniſchen Schiffes geſtiegen, war Marie in die düſterſte Schwermuth geſunken, bis dahin hatte die Macht der Leidenſchaft ſie aufrecht erhalten. Anfangs hattte der Arzt Hoffnung gegeben, daß ſich ihr Zuſtand allmählig beſſern würde, dann verzweifelte er an ſei⸗ ner Kunſt. Die Freundſchaft, die Furcht vor der Zukunft, die Gewalt, die der Wille und die Beſon⸗ nenheit Ottiliens immer über ſie ausgeübt, entriſſen ihr endlich das Geſtändniß ihres Fehltritts. Ottilie bekannte, daß im erſten Ausbruch ihr Zorn gegen Marie und Reinhard kein Maß gekannt,—„jetzt“, ſetzte ſie hinzu,„begreife ich wohl, daß auch ich einen Theil der Schuld trage; es war eben unſer gemein⸗ ſames Schickſal!“— Trotz Mariens Widerſpruch un⸗ eerrictete gelang, üm das ungli frilih ii haßlichet n Verbo wußten, g dugegen ſichten un hatte Ma heiterte d aber die nige Non ter guter ihres Va heit, für Kind zu in einen das Uebh gehend aus dem die ſie hatten ſi neuen K und ung d. Da Toch⸗ gewor⸗ ſchliches und all doben⸗ rungen Minu⸗ ſeiner her die ord des in die tte die nfangs zuſtand an ſei⸗ vor der Beſon⸗ entriſſen hr Zorn njett“, h einen gemein⸗ uch un⸗ 71 terrichtete ſie den Doctor von dem Vorgefallenen; es gelang, unter dem Vorwand einer Gemüthskrankheit das unglückliche Mädchen aus dem Hauſe zu ſchaffen; freilich nicht, was Ottilie verſchwieg, ohne eine Fluth häßlicher Gerüchte in der Stadt aufzuregen. In ſiche⸗ rer Verborgenheit, um die nur der Arzt und Ottilie wußten, gebar Marie ihr Kind; was auch der Doctor dagegen einwenden mochte, Ottilie überwand alle Rück⸗ ſichten und eilte zu der Freundin. Die Entbindung hatte Mariens ſchwache Kräfte vollends zerrüttet; wohl heiterte der Anblick ihres Kindes ihren Trübſinn auf, aber die Geſundheit konnte er ihr nicht ſchenken. We⸗ nige Monate nach Anna's Geburt ſtarb Marie. Un⸗ ter guter Pflege gedieh und wuchs das Kind; der Tod ihres Vaters verſchaffte Ottilie die vollkommene Frei⸗ heit, für Anna zu ſorgen. Am liebſten hätte ſie das Kind zu ſich in's Haus genommen, doch gewann hier, in einem ſo zarten Punkte, die Weisheit des Doctors das Uebergewicht. Wie Alles auf Erden nur vorüber⸗ gehend iſt, ſo ſchwand auch die Geſchichte Mariens aus dem Gedächtniß der kleinen Stadt. Die Aelteren, die ſie gekannt, ſtarben; die mit ihr jung geweſen, hatten ſich hier⸗ und dorthin zerſtreut und lebten in neuen Kreiſen; andere Geſtalten hatten die des jungen und unglücklichen Mädchens verdrängt. Die Diener⸗ 72 ſchaft des Hauſes hatte, als Ottilie vor einem Jahre Anna aus der Penſion genommen, bis auf zwei oder drei alte Leute nie von der Gärtnerstochter gehört, und jene Treuen, wenn ſie auch ihre Gedanken über„das Kind“ haben mochten, hielten ſich für zu verwachſen mit der Geſchichte und der Ehre des Hauſes, um Vermuthungen auszuplaudern, für die ſie keinen Be⸗ weis als eine flüchtige, vielleicht nur geträumte Aehn⸗ lichkeit beizubringen wußten. So gut Reinhard ſelbſt die Regungen ſeiner Seele zu beobachten und über die Wandlungen ſeines Innern ſich Rechenſchaft zu geben pflegte, in dieſen Augenblicken hätte er dem jähen Wechſel der Empfin⸗ dungen, die ihn ergriffen, rührten und erſchütterten, nicht zu folgen vermocht. Das Bewußtſein ſeiner Schuld und die Trauer um Mariens Leid und Tod, die mit ſanfter Klage ſich in ſeinem Herzen wie in dem leiſen Schluchzen Ottiliens erneuerte, wurden faſt von der Bewunderung und der Dankbarkeit aus⸗ gelöſcht. Größer als ſein Vergehen, größer als das Unheil, das er dadurch über die Geliebte gebracht, erſchien die Hingebung und der Heldenmuth Ottiliens. Mit ebenſo ruhiger Beſonnenheit wie unerſchütterlicher Standhaftigkeit, die Meinung der Welt nicht heraus⸗ fordernd, aber auch in dem, was ſie für gut und ſchön erkannt, That der Tag, ſon gung bo einfallen, ſeinem un dargebra daran; Opfers, leben un ihm zü gegen di Heirathi ſchon hat immer ſe über— auf den Bruſt hend ö ſenkt, ſ das au in einer ogenen weilen z gung, ein Jahre ei oder Khött, er„das vachſen S, um en Be⸗ Aehn⸗ ſeiner ſeines dieſen impfin⸗ tterten, ſeiner d Tod, wie in wurden it aus⸗ als das ebracht, ttiliens. terlicher heraus⸗ d ſchön 73 erkannt, nicht vor ihr zurückweichend, hatte ſie eine That der Freundſchaft ausgeführt, die nicht für einen Tag, ſondern für manche Jahre eine ſchwere Entſa⸗ gung von ihr gefordert. Es konnte Reinhard nicht einfallen, das Opfer von Geld und Mühe, das ſie ſeinem und der Freundin Kinde bis zur heutigen Stunde dargebracht, gering zu ſchätzen, aber er dachte doch nicht daran; wie trat es vor der Bedeutung des anderen Opfers, das ſie ſich auferlegt, ganz dieſem Kinde zu leben und lieber unvermählt zu bleiben, als ſich von ihm zu trennen, zurück! Entſprang ihre Abneigung gegen die Ehe nicht mit aus dem Vorgefühl, daß jede Heirath ihre Stellung zu Anna ändern würde?— Lange ſchon hatte Ottilie ihre Erzählung beendigt und noch immer ſaß ihr Reinhard ſchweigend am Tiſch gegen⸗ über— er hell von der Lampe beſchienen, den Kopf auf den Arm geſtützt, den andern verwundeten an die Bruſt gedrückt, die Augen bald ſchließend, bald ſpä⸗ hend öffnend; ſie im Halbdunkel, das Haupt ge⸗ ſenkt, ſo daß ihm nur die eine ihrer Wangen und das aufgelöſte braune Haar ſichtbar waren, das in einer dunklen, weichen, von ſilbernen Fäden durch⸗ zogenen Welle auf den weißen Mantel niederrollte. Zu⸗ weilen zuckte er leicht zuſammen und machte eine Anſtren⸗ gung, einige Worte zu ſagen, außer einem halblauten Achl ——O—ęOnnᷓ:——— —— 74 und O! drang indeſſen kein Laut über ſeine Lippen. Ein leiſes Kniſtern und Raſcheln ihres ſeidenen Gewandes erſchreckte ihn, ſie ſchien aufſtehen zu wol⸗ len, ein Zeichen für ihn, ſie zu verlaſſen. „Bleiben Sie ſitzen!“ bat er.„Verbannen Sie mich noch nicht von dieſer Stelle. Ich verlange nicht, daß Sie zu mir reden oder auch nur mit einem Blicke mich anſehen; gönnen Sie mir nur noch eine Weile Ihren Anblick; er beruhigt und entzückt mich über jedes Wort hinaus, das ich Ihnen ſagen könnte.“ „Ich bin es nicht, es iſt die Erinnerung, die Sie rührt. Unrecht haben wir jedoch gethan, uns mit die⸗ ſen alten Geſchichten ſo aufzuregen und die Nachtruhe zu verderben. Alles Weitere wollen wir dem kommen⸗ den Tage überlaſſen.“ „So leichten Kaufs werden Sie mich nicht los. Dies müſſen Sie wenigſtens mit anhören, daß ich Sie bewundere, Ottilie, verehre, wie ich nie einen Men⸗ ſchen auf Erden verehrt habe. Ich habe ein hartes und wüſtes Leben hinter mir— drüben in Amerika lernt man waghalſigen Muth und ungebändigte That⸗ kraft kennen und ſich ſelber darin üben, aber Tugend und uneigennützige Großmuth findet man nicht. Auch ich habe mich gewöhnt, daran zu zweifeln, und als letzte Triebfeder menſchlicher Handlungen die Selbſtſucht betrachtet wie die nicht bel gen der! der ſchön mir dam Natur, ai „In entgegne einige S daß ſie aller Spo Sie früh nun in d ich denn Beſcheid eine gut friedigte ſtets hei Hand g. Eine au genomm erzogen. Laſt au nem Ge ppen. denen wol⸗ 1 Sie nicht, Blicke Weile jedes le Sie it die htruhe nmen⸗ t los. ch Sie Men⸗ hartes merika That⸗ Tugend Auch nd als bſtſuct 75 betrachtet. Jetzt ſtehe ich beſchämt vor Ihnen; Thaten wie die Ihrigen, kann die Dankbarkeit der Betroffenen nicht belohnen, es iſt mit ihnen, wie mit den Schöpfun⸗ gen der Künſtler: in der Vollendung des Werkes liegt der ſchönſte Lohn für den Schöpfer. Aber Sie haben mir damit den Glauben an die Güte der menſchlichen Natur, an die Hochherzigkeit des Weibes wiedergegeben“ „Immer noch der alte Strudelkopf, Reinhard“, entgegnete ſie ſcherzend und rückte ihren Seſſel um einige Schritte näher zu dem Tiſche, wie zum Beweiſe, daß ſie ihre Faſſung ganz wiedergewonnen habe.„In aller Spottluſt die Jugendſchwärmerei! Vielleicht haben Sie früher die Menſchen zu ſehr verachtet und ſind nun in der Stimmung, ſie zu überſchätzen. Was habe ich denn ſo Großes gethan?— Ich frage nicht aus Beſcheidenheit; im Gegentheil, ich freue mich, daß ich eine gute Handlung vollführt. Aber dieſe That be⸗ friedigte zugleich meine Freundſchaft und erfüllte eine ſtets heilige Pflicht. Ich hatte der Sterbenden in ihre Hand gelobt, als Mutter für ihr Kind zu ſorgen. Eine andere hätte wohl das Verſprechen noch ernſter genommen als ich und das Kind im eigenen Hauſe erzogen. Habe ich nicht ſo den ſchwerſten Theil der Laſt auf andere Schultern geladen und mich mit mei⸗ nem Gelde deſſelben entledigt?“ 76 „Als ob nicht jedes edlere Gemüth ſeine Gabe zu verkleinern ſuchte! Als ob Sie mich mit dieſen Aeußer⸗ lichkeiten irreführen könnten! Ein beſſeres Zeugniß, ein unumſtößliches, gibt Ihnen mein Gefühl. Alles, was Sie verſchweigen, ſagt mir das Herz. Iſt nicht das Loos, das Sie gewählt, nur eine Folge Ihres Opfers?“ „Das Opfer, ein junges liebenswürdiges Geſchöpf zur Gefährtin zu haben! Und geſetzt, Sie hätten Recht, erſcheint Ihnen mein Loos beklagenswerth? O, über den Stolz der Männer, die nicht glauben wollen, daß eine Frau für ſich allein, daß ich in meinem Mädchen⸗ thum glücklich ſein könnte! Ein Blauſtrumpf bin ich nicht, und daß ich auf meine alten Tage eine Kopf⸗ hängerin werden würde, fürchten Sie doch nicht?“ „Sie fallen nicht unter das gemeine Recht“, ant⸗ wortete Reinhard und ſtand auf,„Sie ſtehen darüber. Sie haben, vom Glück begünſtigt, ſich eine Art eigener kleiner Welt geſchaffen, die aber, was Sie zugeben müſſen, nur für Sie paßt.“ „Nur für mich? Warum? Das iſt eben das Un⸗ glück der Frauen, daß wir weniger durch die Natur, als durch Gewohnheit und Erziehung geleitet werden, immer darauf zu ſinnen, uns an ein fremdes Geſchick anzuhängen, ſtatt ſelbſtſtändig ein eigenes zu ſchaffen oder zu erleiden.“ Ihnen 4 verd dank Ach, Ot baren Tag un er ſich werden blicken Heraus dem W Denn ebenſo leidenſ ich oh S Hände der Au fuhr e In m weile, be zu eußer⸗ 8, ein was das ers?“ ſchüpf Rech über 1 daß dchen⸗ in ich Kopf⸗ 20 ant⸗ rüber. eigener ugeben s Un⸗ Natur, verden, Heſchick ſchaffen 77 „Die kann es wohl, die nie geliebt hat, wie— Sie!“ ſagte er und trat dicht vor ſie hin. „O!“ entfuhr es ihr faſt unhörbar und ſie ſuchte ſeinen Blicken auszuweichen. „Sie finden es unbillig, daß ein Mann, der Ihnen ſeine Freiheit und Ehre, der Ihnen ſein Kind verdankt, Ihrem Herzen einen ſolchen Vorwurf macht? Ach, Ottilie, er redet unter dem Zwange einer unſicht⸗ baren Gewalt, aus dem Wunſche heraus, den er ſeit Tag und Nacht mit ſich verſchwiegen herumträgt, den er ſich ſcheute, auch nur vor ſeinem eigenen Ohre laut werden zu laſſen, weil er ihn in ruhigeren Augen— blicken der Ueberlegung als eine Vermeſſenheit, eine Herausforderung des Schickſals betrachten muß, aus dem Wunſche, Ihnen noch mehr verdanken zu können. Denn ſo natürlich es iſt, daß Sie mich nicht lieben, ebenſo natürlich iſt es, daß ich Sie liebe— heftiger und leidenſchaftlicher liebe, als es für meine Zukunft, die ich ohne Sie verleben ſoll, gut ſein wird.“ Sie rührte ſich nicht in ihrem Seſſel, nur die Hände hatte ſie über ihr Geſicht gelegt, ſo daß ihm der Ausdruck ihrer Züge entzogen war. Um ſo eifriger fuhr er fort:„Ob ich Sie ſchon als Jüngling geliebt? In mancher Stunde, ſeit ich wieder in Ihrer Nähe weile, iſt es mir, als könnte es nicht anders geweſen — 78 ſein! Iſt es Ihre Schönheit, Ihr Weſen, die Jugend⸗ freundſchaft, die Dankbarkeit, die ich Ihnen ſchulde— ich vermag es nicht zu entwirren, ich empfinde, ich denke, ich weiß nur, daß ich Sie liebe. Und dies Gefühl iſt ſo ſtark, daß ich mich nicht einmal frage, wie denn dies enden ſoll? So überwältigend, daß ich Ihre großmüthige Gaſtfreundſchaft ſchnöde verletze und mich mit jedem weiteren Worte des Vertrauens un⸗ würdig zeige, das Sie mir erweiſen. Ich Ihnen von Liebe ſprechen Ich, der ich nichts thun ſollte, als den Saum Ihres Gewandes küſſen und von hinnen gehen, von der Laſt Ihrer Wohlthaten erdrückt und unfähig, auch nur im kleinſten Maße dieſelben zu ver⸗ gelten! Ihr Schweigen ſagt mir Alles— gute Nacht, Ottilie!“ Ein Schluchzen, das ſie nicht ganz zu unterdrücken vermochte, hielt ihn zurück. Sanft zog er ihr die Hände vom Geſicht; ſie litt es ſchweigend, Thränen um Thränen ſtrömten aus ihren Augen. „Du weinſt? fragte er bebend. „Und ſollt ich nicht weinen?“ antwortete ſie und ſank, indem ſie aufzuſtehen verſuchte, an ſeine Bruſt, von ſeinem Arm umfangen, halb hingezogen, halb freiwillig.„Iſt es Euch denn ſo ſchwer, ein Frauen⸗ herz zu für wer ich er Reinha⸗ E tor ſich Kranken wegen über An dreifach Geſellſch fern bli ein Fr ruhiger Humor langte zwiſche und, m angeme Ohr, d jungen ugend⸗ Ide— de, ich dies frage, aß ich de und 8 un⸗ en von e, als hinnen t und u ver⸗ Nacht, drücken hhr die hränen ſie und Bruſt, „halb Frauen⸗ 79 herz zu errathen, oder haltet Ihr es nicht der Mühe für werth?“ „Als ob Du eine leichte Eroberung wäreſt!“ lachte er.„Du haſt mir mehr Sorge und Schmerz bereitet, als Du denkſt!“ „Dann hätteſt Du nur dieſelbe Laſt getragen wie ich,“ erwiderte ſie und erröthete verſchämt,„denn ich, Reinhard, ich habe Dich immer geliebt.“ Es war gut für ihr junges Glück, daß der Doc⸗ tor ſich bei ſeinem letzten Beſuche im Hauſe über den Kranken wegen ſeiner Widerſpenſtigkeit, über Ottilie wegen ihrer Zuſtimmung zu der Fabrikanlage und über Anna wegen ihrer Unaufmerkſamkeit gegen ihn dreifach geärgert hatte und deßhalb, um der ganzen Geſellſchaft ſeinen Zorn fühlen zu laſſen, drei Tage fern blieb. So konnte, was plötzlich über Nacht wie ein Frühlingsſturm über ſie gekommen war, ſich be⸗ ruhigen, Ottilie ihre Sicherheit und Reinhard ſeinen Humor wieder gewinnen. Wenigſtens äußerlich er⸗ langte das Verhältniß Beider bald jenes Gleichgewicht zwiſchen Würde und Zärtlichkeit, das ihrer Stellung und, wie Ottilie bemerkte, auch ihren Jahren einzig angemeſſen war. Die Dienerſchaft ziſchelte ſich in's Ohr, daß„etwas“ vorginge; diejenigen, die ſich des jungen Reinhard noch entſannen, behaupteten mit über⸗ -—— 80 legener Klugheit, ſo„etwas“ längſt vorausgeſehen zu haben. Unleidlicher berührte es Reinhard, ſeine Zu⸗ rückhaltung gegen Anna noch bewahren zu müſſen⸗ Hierin war Ottilie unerbittlich.„Deine Eröffnungen würden auf lange hin den klaren Spiegel ihrer Seele trüben“, ſagte ſie,„und ein Mißtrauen in ihr gegen mich hervorrufen, weil ich ihr die Wahrheit verſchwie⸗ gen; ſie ſoll ſich erſt gewöhnen, Dich als ihren Vater zu betrachten, ehe ſie erfährt, daß Du es biſt.“ Wie richtig ihre Prſorge und wie trefflich ihr Rath war, zeigte ſich bei der tiefen Bewegung Anna's, als Ottilie ihr mittheilte, daß ſie ſich mit Reinhard ver⸗ lobt hätte. Das Kind war ſo vor Freude wie vor Beſtürzung faſt außer ſich; vielleicht daß in dem Augen⸗ blick des fremden Glückes ihr Herz lauter ſchlug und bei der bevorſtehenden Aenderung ihrer Lage dunkle Wünſche um ſo ſtürmiſcher ſich darin regten.„Du wirſt bei uns bleiben als unſere Tochter“, ſagte Otti⸗ lie, ſie in ihre Arme ſchließend. Und Reinhard ſuchte ſeine Rührung hinwegzuſcherzen:„Auch ohne Brüder⸗ ſchaft getrunken zu haben, werden wir uns nun Du nen⸗ nen müſſen, Kind Anna! Ich will nur hoffen, daß Du eine gehorſame Tochter ſein und Dich nicht mit dem Doctor gegen uns verſchwören wirſt.“ Aber weder der Doctor noch der Bürgermeiſter thaten d ſören 1 dienen; licbe als bindung Punder wie natt nen Glü andere! findet freilich— Mi ſelſſamſt nung un Stadt i germeiſt um kein wohner gen laſt die Stä nem J auch da ſteht da hieß es „Ameri Frenze n zu ſe Zu⸗ üſſen. (ungen Seele gegen chwie⸗ Vater 1 — Nath , als ver⸗ e vor lugen⸗ g und dunkle „Du eOtti⸗ ſuchte rüder⸗ u nen⸗ aß Du t dem neiſter 81 thaten das Geringſte, das Glück der Liebenden zu ſtören und ſo Reinhard's ſchlechte Meinung zu ver⸗ dienen; ja ſie waren nicht einmal, was ſeine Eigen⸗ liebe als unausbleiblich vorausgeſetzt, über dieſe Ver⸗ bindung erſtaunt. Was ihn noch immer halb wie ein Wunder bedünkte, erſchien den Andern ebenſo einfach wie naturgemäß. Nur der Doctor ſagte, als er ſei⸗ nen Glückwunſch„ohne jede Spitze ſchlicht wie jeder andere Menſch“ darbrachte, zu Ottilien:„Jede Sphinx findet ihren Oedipus und damit auch ihren Abgrund, freilich dieſe Abgründe ſind verſchieden.“ Mit Genugthuung, unter der ſteigenden Fluth ſeltſamſter Gerüchte, die nun ihrerſeits wieder Span⸗ nung und Theilnahme auf's Aeußerſte trieben, ſah die Stadt in den nächſten Tagen und Wochen ihren Bür⸗ germeiſter mit dem amerikaniſchen Oberſten Bauer— um keinen Preis hätten ſich die Bewohner und Be⸗ wohnerinnen um dieſen„amerikaniſchen Oberſten“ brin⸗ gen laſſen— zu Wagen und zu Fuß, Arm in Arm, die Stätten beſuchen, wo die Phantaſie ſchon ſeit ei⸗ nem Jahre die Fabrik aufgebaut. Oefters begleitete auch das Fräulein Aldenhoven die Männer, ſie ver⸗ ſteht das Geſchäft mindeſtens ebenſo gut wie die Herren, hieß es. Das Gemurmel, das ihre Verlobung mit dem „Amerikaner“ erregt, hielt ſich nur in den engeren Frenzel, Lebensräthſel II. 6 —=—õ— 82 Kreiſen, um den Kaffeetiſch älterer Damen noch eine Weile. Es iſt eine Liebſchaft von lange her, ſie ha— ben ſich ſchon als Kinder verlobt, erklärten die Wohl⸗ wollenden und waren geneigt, Ottilie und Reinhard als Muſter treuer Liebe aufzuſtellen. Sie war immer eine Emancipirte und hatte keine Spur von edler Weiblichkeit; daß ſie ſich dem Abenteurer kopfüber an den Hals wirft, iſt noch nicht ihr ſchlimmſter Streich, urtheilten die böſen Zungen. Auf dem Markt des Le⸗ bens indeſſen verſtummten dieſe Nachreden bald vor dem großen allgemeinen Intereſſe, das ſich der Bür⸗ gerſchaft bemächtigte, als der Kaufcontract der Müh⸗ len in aller Form abgeſchloſſen wurde, Baumeiſter und Ingenieure eintrafen, ihre Unterſuchungen und Pläne an dem Orte ſelbſt anzuſtellen und vorzuberei⸗ ten, und Reinhard Bauer mit einem nicht unbedeu⸗ tenden Kapital der Aktiengeſellſchaft beitrat, die bis⸗ her, aus Mangel an Mitteln die nahgelegene Kohlen⸗ grube nur mäßig hatte ausbeuten können. Hier war etwas Greifbares, wobei ſich Jeder in ſeiner Weiſe mit Rath oder That betheiligen wollte. Auf dem Bahnhof erwartete man nicht mehr den neuen Cröſus, ſondern allerlei Maſchinen, Eiſenpfeiler und eiſerne Dachſparren zu den Bauten, die er beabſichtigte. An dem Tiſch der Honoratio en war niemals lebhafter ge⸗ ſtitten 1 wohnheit Verſam der all xrſpruch Philolog die ſiegr ſegte S ſich im die An führen kleinen ausarten Strike l ſchließen das„. din zu Bürger tonte, Reſiden machen d eine m der Bi⸗ mit die eine ie ha. Vohl⸗ inhard immer edler der an streich, des Le⸗ ld vor r Bür⸗ Müh⸗ meiſter n und zuberei⸗ nbedeu⸗ de bis⸗ Kohlen⸗ jer war Weiſe if dem Cröſus, eiſerne te. An fter ge⸗ 83 ſtritten worden; der Doctor, der wieder ſeine alte Ge⸗ wohnheit aufgenommen und regelmäßig in der kleinen Verſammlung den Vorſitz führte, vertheidigte eine in der allgemeinen Meinung verlorene Sache: den Wi⸗ derſpruch gegen die Fabrik; dafür tröſtete ihn der Philologe mit dem claſſiſchen Verſe, daß den Göttern die ſiegreiche, ihm aber, Cato dem Jüngſten, die be⸗ ſiegte Sache gefallen habe. Der Gerichtsrath freute ſich im Stillen über alle die Criminalproceſſe, welche die Anlage der Fabrik„mit Nothwendigkeit“ herbei⸗ führen würde; ſchon ſah er einen Strike mit einem „kleinen“ Aufſtand, einen bis zu Mord und Brand ausartenden Streit zwiſchen den Arbeitern, die den Strike begonnen, und denen, die ſich ihnen nicht an⸗ ſchließen wollten, voraus. Einmal erſchien zufällig das„Kind“ auf dem Bahnhof, eine Penſionsfreun⸗ din zu erwarten, und ebenſo zufällig ſtellte ſich der Bürgermeiſter ein, wahrſcheinlich, wie der Doctor be⸗ tonte, um die Honneurs der Stadt der aus der Reſidenz ankommenden jungen Dame gegenüber zu machen. Der Gerichtsrath runzelte die Stirne, er witterte eine merkwürdige Geſchichte in der Luft.„Sollte ſich der Bürgermeiſter mit Eheſtandsplänen tragen? Und mit dieſem myſtiſchen Fräulein Anna? Sie iſt eine 6*¾ 84 Waiſe, das kann Jedem geſchehen; aber ſie muß doch Eltern gehabt haben.“ „Nach der Phyſiologie iſt dies nothwendig, wenn auch traurig,“ ſagte der Doctor ernſthaft.„Aber ju⸗ riſtiſch erſetzen ja wohl Adoptiveltern die wirklichen? Und in dieſem Falle halten Sie die Adoptivtochter des Fräuleins Aldenhoven, oder in nicht ferner Zu⸗ kunft des Ehepaars Bauer für eine ſchlechte Parthie?“ „Adoptivtochter?“ rief der Rath und ſchloß vor Erſtaunen den Mund nicht.„Ich hab's von Anfang an geſagt, ſeit wir an dieſer Stelle den Amerikaner zum erſten Male ſahen: Das iſt ein wandelndes Ge⸗ heimniß.“ Die Anderen aber ſagten:„Welch' ein Glücks⸗ kind iſt der Bürgermeiſter! Er wird eine ſchöne und reiche Frau bekommen.“ B—————— —————— ————— 4 —— 2— 2 — — — — — = — ichen? ochter er Zu rthie?“ oß vor Anfang erikaner des Ge⸗ Glücks⸗ 3 volkreic den St bewegte Nerkel Erſtes Kapitel. Bekanntlich gibt es gerade in den größten und volkreichſten Städten die ſtillſten Plätze, und neben den Straßen, in denen der Strom des Lebens am bewegteſten auf⸗ und niederwogt, liegen die einſamſten Gaſſen. So mündet in meiner Vaterſtadt eine nur aus wenigen Häuſern beſtehende Straße in die gewaltige, die Stadt von Norden nach Süden durchſchneidende Verkehrsader. In meiner Jugend hatte die Johannis⸗ gaſſe nur dieſe eine Verbindung mit der übrigen Welt, auf der andern Seite ſchloß ſie eine Mauer, die den Hof eines Fabrikgebäudes begrenzte, ab. Nur wenige, aber große, weitläufige Gebäude rahmten die Straße ein. Rechts das Seitengebäude einer Kaſerne, links ein merkwürdiges Haus— oder beſſer kein Haus, ſondern nur eine lange, aus Backſteinen aufgeführte 88 zwölf Fuß hohe Mauer, mit einem Wagenthor in der Mitte und einer kleinen Pforte am Ende. Hinter der Mauer erhoben ſich die Wipfel ſtattlicher Kaſtanien⸗ bäume, und in einiger Entfernung gewahrte man das Dach und die oberen Fenſter des Hauſes. Es lag inmitten eines Gartens, rings von Mauern nnd Bäu⸗ men beſchützt und umhegt. Neben dieſen beiden Ge⸗ bäuden erſchienen die andern, die noch in der Straße ſtanden, vier oder fünf gewöhnliche Miethshäuſer, un⸗ anſehnlich. In einem derſelben habe ich mehrere Jahre meiner Knabenzeit verlebt. Es war natürlich, daß die jugendliche Phantaſie ſich eben ſo eifrig mit dem ſeltſamen Hauſe hinter der Mauer als mit der Ka⸗ ſerne, ihren Inſaſſen, Pferden und Kanonen beſchäf⸗ tigte. Die Mauer mit ihren faſt beſtändig geſchloſſe⸗ nen Thoren, die jeden Winterabend hell erleuchteten Fenſter des Hauſes, obgleich wir Umwohner alle wuß⸗ ten, daß nie ein Feſt in dieſen Räumen gefeiert wurde, forderten die Einbildungskraft gleichſam auf Märchen und Geheimniſſe zu erſinnen. Im Grunde ſteckte nichts Beſonderes dahinter, für Alles, was an dieſem Hauſe und in der Lebens⸗ weiſe ſeines Beſitzers wunderlich erſcheinen mochte, gab es eine einfache Erklärung. Das Grundſtück ge⸗ hörte einem gewiſſen Grafen Loß, der Haus und Gar⸗ ten gelal lich durc un ſich vor den hewahte konnte. eines ga⸗ mehr der ödung. in Ord Graf an wenigen reich aus müßten ſie ſich genüber allgemei eigenart Meiſten in ſeine So ging licher al barſchaft das bre Mann v in der er der anien⸗ n das s lag Väu⸗ n Ge⸗ Straße e, un⸗ Jahre „ daß t dem r Ka⸗ eſchäf⸗ chloſſe⸗ ichteten e wuß⸗ gefeiert in auf binter, Lebens⸗ nochte, ück ge⸗ d Gar⸗ ten gekauft, beide ausgebaut und verſchönert und ſchließ⸗ lich durch die Mauer von der Straße getrennt hatte, um ſich Ruhe und Stille zu ſichern und ſeinen Garten vor den Beſuchen der Soldaten und ihrer Liebchen zu bewahren, eine Maßregel, die ihm Niemand verargen konnte. Da er große Reiſen machte und oft während eines ganzen Jahres fern blieb, erhielt das Haus noch mehr den Anſchein vollſtändiger Verlaſſenheit und Ver⸗ ödung. Zwei oder drei alte Diener theilten ſich dann in Ordnung und Verwaltung deſſelben. War der Graf anweſend, ſo lebte er für ſich, im Umgang mit wenigen Freunden, in ſeiner Bibliothek und ſeinen reich ausgeſtatteten Sammlungen. Aber die Menſchen müßten anders beſchaffen ſein, als ſie es ſind, wollten ſie ſich mit ſolchen Erklärungen einer Erſcheinung ge⸗ genüber begnügen, die von dem Hergebrachten und allgemein Giltigen abweicht. Jeder, der ſein Daſein eigenartig zu geſtalten ſucht, iſt in der Meinung der Meiſten entweder ein Narr oder ein Schuldiger, etwas in ſeinem Kopf oder in ſeinem Leben iſt nicht richtig. So gingen denn die tollſten Gerüchte, eines abenteuer⸗ licher als das andere, über den Grafen in der Nach⸗ barſchaft von Mund zu Mund und erweckten in mir das brennendſte Verlangen, einmal den ſeltſamen Mann von Angeſicht zu Angeſicht zu ſehen und den 90 verſchloſſenen Raum ſeines Daheims, der den Knaben eine Zauberhöhle dünkte, zu betreten. Durch die Gunſt des alten Aufſehers kam ich nun wenigſtens ein⸗ und ein anderes Mal in den wohlgepflegten, von hohen ſchattigen Bäumen beſtandenen Garten, das Haus aber wagte auch er mir nicht zu öffnen; der Graf würde es erfahren und ſofortige Entlaſſung den Schuldigen treffen. Bald darauf zogen meine Eltern aus dieſer Gegend der Stadt, nur ſelten kam ich in die ſtille enge Johannisgaſſe, und der Graf Loß und ſein Haus hinter der kahlen rothbraunen Ziegelmauer ſanken tief unter in dem Meer neuer Erſcheinungen, lebhafter Eindrücke und Empfindungen, welche die Seele des Jünglings umſtürmten. Da ſollte ich plötzlich unerwartet an die Bilder und Vorſtellungen aus der Knabenzeit erinnert werden. Mittellos, ſuchte ich nach Vollendung meiner akademi⸗ ſchen Studien nach einer mir zuſagenden und die Noth⸗ durft des Lebens ſichernden Stellung oder Beſchäf⸗ tigung. Die Wahl pflegt uns in ſolchen Fällen keine Qual zu bereiten, man ſteht eben am Markt und horcht auf den erſten Ruf, der uns Arbeit und Lohn verſpricht. In der Zeitung fand ſich die Aufforderung eines Grafen Loß, der einen Vorleſer ſuchte, einen gebildeten Mann, dem neben der lateiniſchen auch die engliſche 1 pelt willt norar wal unwilkürl le für d die dama gerade die daß noch langt we forderung war etwe es dem( ſen wünd in ſeinem nichts A nen in f wöhnt. mein Gli der in n Drang lockung d und den in den 2 ſpielt ha dh biſ Knaben Gunſt n⸗ und hohen aber würde uldigen dieſer ie ſtile n Haus ken tief bhafter ele des Bilder werden. akkademi⸗ ie Noth⸗ Beſchäf⸗ en keine rkt und nd Lohn erderung e, einen auch die 91 engliſche und franzöſiſche Sprache geläufig ſeien; dep⸗ pelt willkommen ſeien hiſtoriſche Kenntniſſe. Das Ho⸗ norar war ſo hoch angeſetzt, daß der Leſer beinahe unwillkürlich ſtutzig werden mußte. Achthundert Tha⸗ ler für drei Stunden täglich, das war eine Bezahlung, die damals meine kühnſten Wünſche überflog. Aber gerade die Höhe der Summe erweckte die Befürchtung, daß noch andere Dienſte als das Vorleſen dafür ver⸗ langt werden dürften. Wie ich aber auch die Auf⸗ forderung ſtudirte, weder in noch zwiſchen den Zeilen war etwas Verfängliches zu finden. Der Zuſatz, daß es dem Grafen noch angenehmer und willkommener ſein würde, wenn der Vorleſer ſich entſchließen könnte, in ſeinem Hauſe Wohnung zu nehmen, hatte für mich nichts Auffälliges, ſeit Jahren war ich an das Woh⸗ nen in fremden Häuſern, unter fremden Menſchen ge⸗ wöhnt. Darum hätte ich nur gleich zugreifen und mein Glück verſuchen ſollen. Aber der bedächtige Zug, der in mir liegt, hielt mich zurück. Je mächtiger der Drang des Unbewußten in mir, je ſtärker die Ver⸗ lockung der Phantaſie war, das Anerbieten anzunehmen und den merkwürdigen Mann kennen zu lernen, der in den Träumen des Knaben eine ſo große Rolle ge⸗ ſpielt hatte, deſto eindringlicher warnte der Verſtand. Ich beſchloß, mein Vorhaben einem älteren Freunde 74 92 mitzutheilen, einem Manne, der durch ſeine Stellung wohl ſchon öfters mit dem Grafen Loß zuſammen ge⸗ troffen war und ſicherlich mehr und Genaueres von ihm wußte, als ich. Meine Vermuthung ging in Er⸗ füllung; mein Freund und Gönner war dem Grafen nicht fremd; ſie hatten beide ſogar in Algier einmal eine Woche in demſelben Gaſthofe verlebt.„Die Stelle, welche Sie annehmen wollen,“ ſagte er mir,„bietet für einen jungen Mann ſo viel Vortheile, daß ich unſchlüſſig bin, ob ich Ihnen auch nur ein einziges Wort ſagen darf, das Ihre Bewerbung verzögert.“ Alſo gibt es doch ſolchen Punkt.—„Ja,“ unterbrach er mich,„es gibt einen ſchwarzen Punkt am Himmel. Der Graf Loß iſt ein Ehrenmann, ein reicher, kinder⸗ loſer Mann, der wahrſcheinlich, wenn Sie ihm gefielen, auch ferner für Ihre Zukunft freigebig ſorgen würde — Sie wären nicht der erſte junge Gelehrte oder Künſtler, dem er die Wege geebnet— aber“... Sie ſtocken?„Wenn Sie es machen könnten, nicht bei ihm zu wohnen— allein er wird auf dieſe Bedingung be⸗ ſtehen, ſowie er erfährt, daß Sie ohne Familie, Ihr eigener Herr ſind“... Fürchten Sie, daß ich von ſeinen einſiedleriſchen Grillen angeſteckt werde?„Das ſchon würde mir nicht gefallen, Sie neigen überhaupt zur Schwärmerei, allein— vielleicht bin ich ein Thor, Zie hind die Bew mir keine die Beſtü ſih in i fuhr einle ohne Not nur zum in Algie der Arz aber ſin Ausbruch wieder ein Pahnſinn zweifel bei ih hm Im Geg bäufier ſind ſeit nicht vo in jedem Sie noch Die und Uner der Sont Selung nnen ge⸗ des von in Cr⸗ Grafen einmal Stelle, „bietet daß ich einziges dögert terbrach dimmel. kinder⸗ gefielen, n würde te oder ..Oie bei ihm gung be— ilie, Ihr ich von e?„Das berhaupt ein Thor, 93 Sie hinzuhalten. Ich beſorge, der Graf iſt krank.“ Die Bewegung, die er machte, ſo haſtig ſie war, ließ mir keinen Zweifel, welche Krankheit er meine, und die Beſtürzung über dieſe unerwartete Eröffnung mochte ſich in meinen Zügen lebhaft wiederſpiegeln, denn er fuhr einlenkend fort:„So geht's, da hab' ich ſie nun ohne Noth erſchreckt. Meine Wiſſenſchaft ſchreibt ſich nur zum Theil aus eigener Erfahrung her, ich habe in Algier den Grafen in einem Wuthanfall geſehen; der Arzt beſtätigte dann meine Beſorgniſſe. Dabei aber ſind tauſend Möglichkeiten denkbar, die jenen Ausbruch dort herbeigeführt, die hier fehlen, die nie wieder eintreffen. Wäre der Graf dieſen Anfällen des Wahnſinns häufiger ausgeſetzt, ſo hätte man ihn ohne Zweifel in ein Krankenhaus gebracht, Niemand würde bei ihm aushalten, Jeder ſeine Geſellſchaft meiden. Im Gegentheil, man begegnet ihm in dieſem Winter häufiger als je im Theater, in den Salons. Jahre ſind ſeit jenem Ereigniß vorübergegangen, könnte er nicht völlig geheilt ſein? Eines Anklopfens iſt die Sache in jedem Falle werth, und ein ſolcher Beſuch bindet Sie noch nicht.“ Dieſe Mittheilungen erhöhten nur meine Unruhe und Unentſchloſſenheit, ſie fügten zu dem Zauber, den der Sonderling in ſeinem einſamen Hauſe auf mich 94 ausübte, noch den Reiz des Schaurigen und Aben⸗ teuerlichen. Dennoch hielt ich an mich; als ich aber wiederholt an derſelben Stelle in den Zeitungen die Aufſorderung las, konnte ich endlich nicht widerſtehen. Ein Beſuch verpflichtet ja nicht, ſagte ich mir mit dem Freunde und ging, dem Grafen meine Aufwartung zu machen. Die Aufnahme, die mir zu Theil ward, zer⸗ ſtörte mit einem Schlag alle romantiſchen Träume. In einem ſchwarzen Hausrock, ein ſchwarzs Sammt⸗ käppchen auf den weißen Haaren, kam mir der Herr Graf entgegen, ein Mann zwiſchen ſechzig und ſieben⸗ zig, für ſein Alter kräftig, beweglich und munter, nicht über Mittelgröße aufragend, von gedrungenem Bau, mit einem großen Kopf, der durch den weißen Bart und das eigenthümlich ſtarke und reiche Haupt⸗ haar noch mächtiger erſchien. Er redete viel und gern, aber ſtets zur Sache, vornehm kühl und geſchäftsmäßig. Zuweilen hatte der Blick ſeiner grauen Augen einen ſtechenden Ausdruck, und er muſterte mich mit einer Schärfe, die mir unbehaglich fiel— aber das waren doch nur kurze Momente. Wer ſieht ſich überdies einen Fremden, den er in ſein Haus aufnehmen will, nicht mit allem Ernſte an? Unſere erſte Unterredung dauerte etwa eine Stunde; er erkundigte ſich nach meinen Verhältniſſen, Studien, Gewohnheiten—„ich gebe Ihnen ſo feine Mel „So kan len noch mir berho Vor Alle deilmitte einmal d ertragen. Weile, d Bibliothe für mich trag eingi vier Tage Meinung, nicht zu mit entfe eines Di Bibliothe Alle Stattlicht ladendes nich, daß dimnerſch mit der p d Aben⸗ ich aber ngen die derſtehen. mit dem ertung zu ard, zer⸗ Träume. Sammt⸗ der Herr id ſieben⸗ munter, rungenem n weißen he Haupt⸗ und gern, äftsmäßig. gen einen mit einer as waren dies einen will, nicht ing dauerte ch meinen „ich gebe —r 95 Ihnen ſogleich auch die meinigen preis, wir wären keine Menſchen, hätten wir keine Schwächen“, ſagte er. „So kann ich für mein Theil weder das Clavierſpie⸗ len noch das Rauchen leiden. Die Morgenſonne iſt mir verhaßt, ich liebe die Nacht, die Arbeit bei Licht. Vor Allem, Sie wiſſen ja, es gibt trotz Seneca kein Heilmittel gegen den Zorn, und ich vermag, hat mich einmal die Heftigkeit ergriffen, keinen Widerſpruch zu ertragen.“ In dieſer Weiſe ſprachen wir noch eine Weile, dann erhob er ſich und lud mich ein, ſeine Bibliothek und die beiden daranſtoßenden Zimmer, die für mich beſtimmt ſeien, im Fall ich auf ſeinen An⸗ trag einginge, in Augenſchein zu nehmen. In drei, vier Tagen möchte ich ihn von meiner endgiltigen Meinung, ob ja, ob nein? unterrichten, er wolle mich nicht zu einem vorſchnellen Entſchluſſe drängen. Da⸗ mit entfernte er ſich und überließ mich der Leitung eines Dieners, der mich eine Treppe höher nach dem Bibliothekſaal führte. Alles, was ich von dem Hauſe ſah, hatte trotz der Stattlichkeit und Pracht der Einrichtung etwas Ein⸗ ladendes und Anheimelndes; die Empfindung beſchlich mich, daß es ſich hier müſſe gut leben laſſen. Die Dienerſchaft war willig, ſchweigſam; überall herrſchte mit der peinlichſten Ordnung eine faſt feierliche Stille; 96 der Garten ſtand im erſten friſchen Frühlingsgrün; war es eine geheime Stimme in meinem Herzen, war es die Umgebung— es flüſterte mir bald leiſe, bald laut zu: bleib! Die Bedenklichkeiten des Freundes ver⸗ flüchtigten ſich zu leeren Wahngebilden. Auch nicht die geringſte Störung der geiſtigen Kräfte war an dem Grafen zu bemerken. Ohne es zu ahnen, hatte er ſelbſt für den Vorfall, der meinen Freund ſo entſetzt, die aus⸗ reichendſte Erklärung gegeben. Gewiß beſaß er außer den„menſchlichen Schwächen“, die er aufgezählt, noch manche andere, die er verſchwiegen, und der Verkehr mit ihm mochte voll Dornen ſein— aber erwarteten mich nicht in jeder Stellung, in jedem Amte Verdrieß⸗ lichkeiten, Schwierigkeiten? Hat der Arme, der ſich ſein Leben erringen muß, überhaupt die Freiheit, ſich nach Neigung oder Abneigung zu entſcheiden? Handelt, ent⸗ ſchließt er ſich nicht unter dem Zwang von Umſtänden, der für ihn ebenſo unbarmherzig und unerbittlich iſt, wie das Fatum für die Helden des griechiſchen Trauer⸗ ſpiels? In dieſer Stimmung ſagte ich am Ablauf der mir geſtellten Bedenkzeit zu. Nach unſerer erſten Unterredung hatte ich gehofft, der Graf werde mit einiger Wärme meine Zuſtimmung aufnehmen; meine Eitelkeit wurde getäuſcht, mit einem:„Es iſt mir an⸗ genehm,“ beantwortete er mein Schreiben. Gs das ein Gehaglie hinaus. erguicken platz mi ſich ei mich hi der Gr⸗ vollen ſchäftig diſch, zehn U Reiſebeſ vorgeno Frenzel gsgrün; gen, war iſe, bald des ver⸗ 3 5 a Frenzel, Lebensräthſel II. 7 ich nicht an dem er ſelbſt G die aus⸗ f er außer Zweites Kapitel. ilt, noch Verkehr Es war gegen die Mitte des Juni, daß ich in warteten das einſame Haus zog. Meine Zimmer, auf das l Verdrieß⸗ Behaglichſte eingerichtet, ſchauten nach dem Garten ſich ſein hinaus. Inmitten der großen, ſtaubigen Stadt eine ſch nach erquickende Oaſe. Unter meinen Fenſtern lag ein Raſen⸗ delt, ent⸗ platz mit einem kleinen Springbrunnen, dahinter erhob mſtänden, ſich eine Gruppe ſchöner Platanen. Frei konnte ich ittlich iſt mich hier in der Bibliothek, in den Sälen, in denen n Trauer⸗ der Graf ſeine verſchiedenen, zum Theil ſehr werth⸗ n Ablauff vollen Sammlungen aufgeſtellt, ergehen. Meine Be⸗ P rer erſten ſchäftigung war nicht anſtrengend; eine Stunde vor V verde mit Tiſch, zwei Stunden des Abends zwiſchen ſieben und en; meine zehn Uhr mußte ich ihm aus hiſtoriſchen Werken, aus 4 ſt mir an⸗ Reiſebeſchreibungen vorleſen, ſelten wurde ein Roman vorgenommen, noch ſeltener ein philoſophiſches Buch. V 98 Nicht ſcharf genug konnte der Alte ſeine Verachtung gegen die Metaphyſik wie gegen die Theologie aus⸗ drücken, er warf beide unterſchiedslos in denſelben Topf. Nur darum erſchienen ihm die Religionsſtifter und Sectenprediger gefährlicher und gemeinſchädlicher als die Philoſophen, weil ihre Wirkung auf die Maſ⸗ ſen eine größere und tiefere ſei. Das merkte ich bald, daß hier ein Punkt ſei, über den man nicht vernünftig mit ihm reden könne. In jeder anderen Richtung ver⸗ ſchloß er ſich fremder Einſicht und Meinung nicht, im Allgemeinen redete er lieber, als daß er zuhörte. All⸗ mählig geſtaltete ſich unſer Umgang immer freund⸗ ſchaftlicher. Was der Graf am meiſten ſchätzte, daß man von ſeinen Sonderbarkeiten kein Aufheben mache, ſich nicht immer verwundere, wenn er um Mitternacht ſpazieren fuhr oder beim hellſten Morgenſonnenſchein hinter den dicht verſchloſſenen Fenſtern bei einer Lampe ſein Frühſtück verzehrte; daß man ſeinen Wegen nicht nachſpüre, nicht, wie er einmal gedankenlos das Wort fallen ließ, mit Liſt oder Gewalt in die Burg ſeines Innern zu dringen verſuche— all' dieſe negativen Eigenſchaften fand er in mir. Ich bin von Natur nicht neugierig geſchaffen, und da ich weitaus die größere Zeit meiner Jugend einſam verlebt habe, finunten art het ſänenji als das zu keine die Geſ ſpielen liche G für mie ſtänden mich k meinen daß au rühren ſichert mals wagt ordent Fahrte gefahre men, die M derung Schild bücher, achtung le aus⸗ enſelben nsſtifter ädlicher 6 Maſ⸗ h bald, nünftig ung ver⸗ cht, im e. All⸗ freund⸗ 2, daß mache, ernacht enſchein Lampe en nicht s Wort ſeines gativen Natur aus die habe, 99 ſtimmten ohne mein Verdienſt, ganz aus meiner Eigen⸗ art heraus, viele Züge meines Characters mit dem ſeinen überein. Nichts war und iſt mir verhaßter, als das Blättern in dem Lebensbuch anderer Menſchen, zu keinem beſſeren Zweck, als um die Schadenfreude, die Geſchwätzigkeit zu befriedigen, oder mit neuen Bei⸗ ſpielen die Verachtung und den Haß gegen die menſch⸗ liche Geſellſchaft zu verſtärken. Die Rückſicht, die ich für mich forderte, war ich gewillt, unter allen Um⸗ ſtänden auch den Andern zu beweiſen, und wie es mich verdroſſen und verletzt, wenn der Graf nach meinen Herzensgeheimniſſen geforſcht, ſo begriff ich, daß auch ich nicht mit leiſem Finger die ſeinigen an⸗ rühren dürfe. Da er ſomit meiner Zurückhaltung ver⸗ ſichert war, gab er ſich offener und freier, als ich je⸗ mals im Anfang unſerer Bekanntſchaft zu hoffen ge⸗ wagt hatte. Bei guter Laune pflegte er mit außer⸗ ordentlicher Lebendigkeit und Anſchaulichkeit von ſeinen Fahrten zu erzählen; in früheren Jahren hatte er große gefahrvolle Reiſen nach Aſien und Amerika unternom⸗ men, im Heere der Amerikaner als Freiwilliger gegen die Mexikaner gefochten. Ein für ſein Alter bewun⸗ derungswürdiges Gedächtniß unterſtützte ihn bei ſeinen Schilderungen, er zeigte mir auch einmal die Tage⸗ bücher, die er geführt. Aber wie ausführlich und 7* rückhaltlos er auch von den äußeren Begebenheiten, den bunten Abenteuern ſeines Lebens ſprach, einen Einblick in ſeine Seele gewann ich dadurch nicht. Er erzählte mit einer gelaſſenen Ruhe, nicht wie einer, der innerhalb der Ereigniſſe, ſondern wie einer, der darüber ſteht, und war nur bedacht, Menſchen und Dinge in ſeinen Schilderungen richtig hervortreten zu laſſen. Als wir Beide einander näher gerückt waren, weihte er mich in ſeine literariſchen Pläne ein, und ich konnte es mir zur Ehre anrechnen, daß ich an dem einen und dem anderen großen Werke— etwa über die Ureinwohner Amerika's oder die Lehre der Buddhiſten— als Mitarbeiter zugelaſſen wurde. Er hatte ſich nämlich große Mappen und Foliobücher anfertigen laſſen, alle mit beſtimmten Aufſchriften, und trug nun in dieſelben die Stellen und Notizen unſerer Lectüre, die darauf Bezug hatten, ein. Aus dieſen Sammlungen ſollten ſich dereinſt die unſterbli⸗ chen Werke aufbauen. Es waren eben die Launen, die widerſpruchsvollen Wünſche und Neigungen eines rei⸗ chen Sonderlings, der durch irgend welche Geſchicke mit der Geſellſchaft zerfallen, in unruhiger Haſt bald nach dieſer, bald nach jener Beſchäftigung greift, und wie er früher ſein Leben auf Reiſen und in Abenteu⸗ ern hingebracht hat, ſo jetzt den Reſt ſeiner Tage in Plänen träumt. Staats Verwal Auch n. ger un wollte; mer m A und a unſer wir m beim S ſchen u Schrar nen p Freun und und hängig wir; mung geit es de Ueber eiten, einen Er einer, „ der nund en zu varen, . Er bücher riften, dotizen Aus ſterbli⸗ en, die 28 rei⸗ eſchicke ſt bald t, und denteu⸗ age in 101 Plänemachen und Grillenfangen verſäumt und ver⸗ träumt. Zu einer regelmäßigen Thätigkeit, etwa im Staatsdienſt oder in freiwilliger Betheiligung bei der Verwaltung der Gemeinde, fehlte ihm die Neigung. Auch machte ſich die Gebrechlichkeit des Alters häufi⸗ ger und entſcheidender geltend, als er es zugeben wollte; ſeine fünfundſechzig Jahre ließen doch nicht im⸗ mer mit ſich ſpielen. Auf einer Badereiſe, die ihm der Arzt verordnet und auf der ich ihn begleiten mußte, geſtaltete ſich unſer Verhältniß noch inniger, ganze Tage brachten wir mit einander in Geſprächen, auf Spaziergängen, beim Schachſpiel zu. Die Förmlichkeit, die zuerſt zwi⸗ ſchen uns beſtanden, milderte ſich; vielleicht wäre jede Schranke gefallen, wenn ich nicht aus einem angebore⸗ nen plebejiſchen Inſtinkt eine gewiſſe Furcht vor der Freundſchaft und Freundlichkeit des Ariſtokraten gehegt und mich beſcheiden in meiner Stellung als Vorleſer und damit in meiner geiſtigen Freiheit und Unab⸗ hängigkeit gehalten hätte. Nach der Badecur reiſten wir noch einige Wochen in heiterer, angeregter Stim⸗ mung durch das bayeriſche Gebirge und kehrten um die Zeit des Herbſtanfanges nach der Stadt zunrück. War es der plötzliche Umſchlag der Witterung, die ſich ohne Uebergang aus Wärme in Kälte verwandelte, hatte 102 das Bad doch nicht die gewünſchte Wirkung ausgeübt: kurz, je mehr wir uns der Stadt näherten, deſto ver⸗ drießlicher und nervös gereizter wurde der Graf. Die Fliege an der Wand konnte ihn ärgern; in ruhigeren Augenblicken entſchuldigte er dann ſeine üble Laune und verſuchte es auch wohl, ihrer Herr zu werden, aber es gelang ihm nicht. An einem ſtürmiſchen Abend fuhren wir in die Stadt, in das Haus ein. Mir gewährte die Heim⸗ kehr eine große Beruhigung. Der Zuſtand des alten Herrn während der letzten Tage hatte mein Gemüth mit ängſtlicher Sorge erfüllt, ſchreckliche Bilder quäl⸗ ten mich. Hier in ſeiner Behauſung, in der gewohn⸗ ten Ordnung, verlor auch der äußerſte Fall einen Theil ſeiner Furchtbarkeit, zumeiſt, und das war mir ein Troſt, minderte ſich meine Verantwortlichkeit. Stieß dem Grafen ein Unfall zu, ſo war in der Stadt Hülfe, Rath, Beiſtand leicht zu gewinnen; der Arzt, nicht ich hatte die Gefahr zu beſchwören. So ſelbſtſüchtig iſt nun einmal der Menſch. Wie er ſich auch dagegen, als gegen eine ſenti— mentale Anwandluug, wehren mochte, auch den Gra⸗ fen ergriff in den warmen, hell erleuchteten Gemächern das wohlthuende Gefühl, zu Hauſe zu ſein. Wir nah⸗ men zuſammen das Abendmahl ein, blätterten in den Büchern gekomme nen und er bei auf und über Ge Bett. Ii Ahnung Koffer ſich die los. E wird de ſeinen! und u Alte mer u erſchöh in die Heim⸗ alten emüth quäl⸗ vohn⸗ einen rmir Stieß Hülfe, nicht üchtig ſenti⸗ Gra⸗ ächern nah⸗ n den 103 Büchern und Zeitſchriften, die in unſerer Abweſenheit gekommen waren, und plauderten von harmloſen Din⸗ gen und Geſchichten. Gegen ſeine Gewohnheit ſtand er bei guter Zeit, es war noch nicht Mitternacht, auf und wünſchte mir eine Nacht ohne Träume, über Gebühr ſei er müde und ſehne ſich nach dem Bett. Ich weiß nicht, was es im Grunde war— eine Ahnung ließ mich nicht ſchlafen. Ich fing an, meinen Koffer auszupacken. Unter meinen Zimmern befanden ſich die des Grafen. Lange blieb Alles ſtill, regungs⸗ los. Es iſt nichts, ſagte ich mir ſelbſt, der Schlaf wird den alten Herrn ſtärken und einige Tage Ruhe ſeinen Nerven wohl thun, er muthet ſich eben zu viel zu. Da entſetzte mich ein wildes, gräßliches Geſchrei; halb klang es wie das Toben eines Wahnſinnigen, halb wie das Geſtöhn eines auf den Tod Verwundeten. Mit einem Sprung war ich zur Thüre und eilte die Treppe hinab. Zum Glück war der Kammerdiener, dem ich einen Wink gegeben, während der Nacht in der Nähe ſeines Herrn zu bleiben, ſchon zur Hand und um den Kranken beſchäftigt. Im Hemd war der Alte aus dem Bette geſprungen und raſte im Zim⸗ mer umher. Aber ſeine Kräfte waren, als ich eintrat, erſchöpft; ohne Mühe gelang es mir und dem Diener ihn wieder auf ſein Lager zu bringen. Seine Augen waren gläſern und ſtarr, Schaum ſtand ihm vor dem Munde, er ſprach irre Worte mit heiſerer Stimme, kaum war eins oder das andere verſtändlich. Offen⸗ bar war er beim Leſen von dem Anfall überraſcht worden; auf ſeinem Nachttiſch brannten noch die Wachs⸗ kerzen und lag ein Haufen Briefe. Einige derſelben waren erbrochen, er mochte ſie überflogen haben. Ir⸗ gend eine Mittheilung hatte ihn erſchreckt oder erzürnt, wenigſtens war es mir, als wehre er ein Phantom ab und ſchaue dann wieder ängſtlich nach dem Tiſche mit den Briefen. Ich trug darum das Tiſchchen mit Allem, was darauf war, in's Nebenzimmer, es be⸗ ruhigte ihn ſichtlich. Der Krampf ſeiner Glieder löſte ſich, ſein Geſicht nahm wieder einen natürlicheren Aus⸗ druck an. Inzwiſchen war der Arzt gekommen; er fand den Zuſtand des Grafen nicht weiter bedenklich, vorausgeſetzt, daß jede Aufregung vermieden würde. Ein kühlender Trank, Eisumſchläge wurden verordnet, ohne Widerſtreben unterwarf ſich der Kranke allen Anordnungen. Es ſchien ihm angenehm, daß mehrere Perſonen im Gemach verweilten, und von ihrem Kom⸗ men und Gehen eine beſtändige, wenn auch noch ſo leiſe Bewegung um ihn herrſchte.„Es kommt nicht,“ hörte ich ihn murmeln,„es kommt nicht!“ Was er damit Aufklän chende Taged ¹ „ fing er ausſah. die Re unange ben. wie ein Ich zü pier zu unheim kleines kleines über ken, it zuleſen eine war Albor gelieb eine ſ Augen dem⸗ tmme, Offen⸗ rraſcht Lachs⸗ gſelben . Ir⸗ tzürnt, zantom diſche en mit es be⸗ r löſte Aus⸗ ien; er enklich, würde. ordnet, e allen nehrere m Kom⸗ noch ſo nicht,“ Las er 105 damit ſagen wollte, blieb mir dunkel. Eine halbe Aufklärung— kann es für ſolche Leiden eine ausrei⸗ chende Aufklärung geben?— erhielt ich am dritten Tage darauf von ihm ſelbſt. „Der Arzt wird es Ihnen ſchon geſagt haben,“ fing er an,„es ſteht nicht ſo ſchlimm mit mir, als es ausſah. Verwünſchte Nerven! Die Ueberreizung durch die Reiſe, Verſtimmung, ſchlechte Verdauung— die unangenehme Nachricht hat mir zuletzt den Reſt gege⸗ ben. Wo haben Sie die Briefe hingethan, die ich, wie ein rechter Narr, in der Nacht öffnen mußte?“ Ich zögerte eine Weile, ihm das verhängnißvolle Pa⸗ pier zu geben. Aber er blitzte mich mit ſeinen Augen unheimlich an und rief:„Fürchten Sie doch nichts! Ein kleines Mädchen kündigt mir ſeinen Beſuch an. Ein kleines Mädchen— Sie werden ſich doch nicht Hals über Kopf in ſie verlieben?“ Nun überwand doch die Neugierde jedes Beden⸗ ken, ich holte den Brief. Er bat mich, denſelben vor⸗ zuleſen, ihm flimmere es vor den Augen. Es war eine zierliche, feine Schrift; dem Stil wie der Hand war die Schülerin unſchwer anzumerken. Angelica Alborn, ſo lautete die Unterſchrift, theilte ihrem viel⸗ geliebten Oheim ihre Penſionserreigniſſe mit, ſie hätte eine ſchwere Krankheit überſtanden und die Aerzte rie⸗ 106 then eine Luftveränderung und überhaupt für den Win⸗ ter eine Unterbrechung ihrer Studien an; ſie frage, ob ſie auf einige Tage mit ihrer engliſchen Gouver⸗ nante zu dem Onkel kommen könne, um mit ihm„den Feldzugsplan für den Winter“ zu überlegen, ſie für ihren Theil würde am liebſten mit ihm nach Nizza oder dem Genfer See gehen. Das Alles in einem ſteifen, regelrechten Ton, um ohne Anſtoß durch die Hand der Vorſteherin zu paſſiren; zwiſchen den Zeilen nur ſchien ſich mir ein Mädchen zu verrathen, das über ſeine Jahre hinaus einen feſten Willen hatte und vielleicht ſchon zu ſehr wußte, daß ſie im Beſitz eines großen Vermögens war. „Nicht wahr, ich bin ein alter Thor?“ unterbrach mich der Graf, als ich meine Vorleſung geendet,„nicht? Ueber eine ſolche Kritzelei böſe zu werden, zu er⸗ ſchrecken!“ „Vielleicht hat der Gedanke an die Gefahr, in der das Fräulein geſchwebt, von der Sie erſt jetzt etwas erfuhren“— wandte ich ein, kam aber nicht weiter, denn er ſah mich mißtrauiſch und boshaft von der Seite an.„Kein Verſteckſpiel, Herr Falk,“ meinte er abgebrochen.„Es iſt nicht das! Der Beſuch iſt mir peinlich, zwei Frauenzimmer in meinem Hauſe! Das kehrt das Oberſte zu unterſt. Was wollen ſie? Spio⸗ riren, f nach Ri in Wied noch ein hatte mei konnte ie thums, eines ju vernante Es befar boten in die inner ten hätt die Nicht und vert Abneigu gelehrte dem alt mir di nich, lit In ich verſ Ankunft Ungeleg nen Sch Vin⸗ frage, zuver⸗ „den ſe für Niza einem c die Zeilen 1, das e und eines :mich nicht? zu er⸗ in der etwas weiter, on der inte er iſt mir Das Spio⸗ 107 niren, fragen, belauſchen! Warum reiſen ſie nicht gleich nach Nizza? O, dieſe zärtlichen Verwandten! Solch' ein Wiederſehen! Bin ich ein Kinderhüter?“ Und nun noch eine lange Reihe ähnlicher Ausrufungen. Ich hatte meine leidige Mühe, ihn zu beſänftigen. Dabei konnte ich ihm, vom Standpunkt des Junggeſellen⸗ thums, nicht ſo ganz Unrecht geben. Die Gegenwart eines jungen Mädchens und einer„engliſchen Gou⸗ vernante“ bedeutete für uns etwas wie ein Erdbeben. Es befanden ſich wohl zwei oder drei weibliche Dienſt⸗ boten im Hauſe, aber es war nicht erhört, daß ſie je die inneren heiligen Räume deſſelben unberufen betre⸗ ten hätten. Ließ ſich ſolche Abſperrung auch gegen die Nichte des Hausherrn, gegen eine anſpruchsvolle und vermuthlich kecke Engländerin durchführen? In der Abneigung gegen den Beſuch, der unſere Ruhe und gelehrte Einſamkeit zu ſtören drohte, ſtimmte ich ſo mit dem alten Herrn überein. Er merkte es bald, drückte mir die Hand und lächelte ironiſch:„Sie verſtehen mich, lieber Paul!“ Im Gegentheil— und er wußte es recht gut— ich verſtand ſein Benehmen doch nur zur Hälfte. Die Ankunft des jungen Mädchens mochte ihm eine kleine Ungelegenheit bereiten, aber für ſeinen Ingrimm, ſei⸗ nen Schreck war dieſe Veranlaſſung zu geringfügig. 108 In meinem Sinnen mußte ich wohl das dümmſte Geſicht machen, denn er fing plötzlich laut zu lachen an:„Da ſitzen nun zwei gelehrte Häupter, ein blondes und ein eisgraues, und grübeln umſonſt, wie ſie ſich eines klei⸗ nen Mädchens erwehren könnten! Ja, ja,— wir fürchten uns! Wäre es nicht gar zu feig, hätte das Kind einen Verwandten in der Stadt— ich weiß nicht, ob ich mich nicht aus dem Staube machte. Aus dem Staube, was meinen Sie?“ Wie die Dinge lagen, hielt ich es für meine Pflicht, einlenkend zur Ruhe zu mahnen. Sein Wort könne doch nur im Scherz gefallen ſein, er ſolle ſich einmal nicht die Laſt, ſondern auch das Vergnügen ausmalen, das die Anweſenheit ſeiner Nichte für ihn haben werde; eine leichte Zerſtreuung, mannigfaltige Anregung, das harmloſe und doch immer ſo erfriſchende und ange⸗ nehme Geplauder holder Jugend, wer vermöge ſich die⸗ ſem Zauber zu entziehen?„Vielleicht“, ſchloß ich,„zieht das Fräulein uns ſich nach, weit und weiter nach Süden. Irrte nicht der ſiegreiche Roland auch einer Angelica nach?“ „Freilich, nur wurde dabei aus dem Helden ein Wahnwitziger.“ Ich zuckte leiſe zuſammen und verwünſchte meine vorlaute Zunge. Ale wviſſe men na Damen! über, a hieße do bin nos Here; t ſtehen. liegen Die Bi viel Gl liſchen? Handſch gegen des fü gen fa hafte die kl Ihre gens Grad Jeden ein le eine ei Geſich 1:„Da und ein des klei⸗ — wir tte das Hnicht, us dem Pflict, könne einmal en, das werde; ug, das d ange⸗ ſich die⸗ „„zieht er nach ch einer lden ein te meine 109 Allein er bewahrte ſeine Kaltblütigkeit nud ein gewiſſes ſpöttiſches Weſen.„Wir wollen uns zuſam⸗ men nehmen, mein lieber Paul— es ſind immer Damen! Mit der romantiſchen Ritterlichkeit iſt's vor⸗ über, aber ein Gentleman kann man— o, beſſer hieße es, ſollte man unter allen Umſtänden ſein! Ich bin noch zu leidend, ſchreiben Sie für mich an die Hexe; in einigen Tagen würden ihre Zimmer bereit ſtehen. Sie kann in Ihrem Stockwerk wohnen, da liegen noch drei oder vier Zimmer leer und unbenutzt. Die Bibliothek iſt neutraler Boden. Wünſche Ihnen viel Glück zur Nachbarſchaft, namentlich zu der eng⸗ liſchen Miß. Blaue Brille, grüner Schleier, rothbraune Handſchuhe und eine wahrhaft chriſtliche Abneigung gegen Lord Byron. Stellen Sie die hübſche Ausgabe des fürchterlichen Dichters an einen recht in die Au⸗ gen fallenden Platz, vielleicht meidet dann die tugend⸗ hafte Miß für immer den unheiligen Ort. Und was die kleine Hexe betrifft— hm, wir werden ja ſehen. Ihre Mutter war... leicht ſei ihr die Erde! Uebri⸗ gens gibt es zwiſchen mir und dem Kinde gar keinen Grad der Verwandtſchaft. Die Kinder nennen einen Jeden Onkel, man weiß nicht warum. Zuerſt iſt es ein leichtes, loſes Band, man ſpürt's kaum, zuletzt iſt eine eiſerne Kette daraus geworden. Lebensregel, mein 110 Lieber— nie ſchön mit Kindern thun. Und die Wei⸗ ber... Sie ſind jung und lachen mich aus, aber der Himmel wolle uns in Gnaden vor ihnen bewahren! Das Weib iſt des Uebels Urſprung und Wurzel.“ Er ſprach das Alles nicht in einem Zuge, raſch hinter einander, ſondern in langen Zwiſchenräumen, in abgeriſſener Weiſe, während ich den Brief an Fräu⸗ lein Angelica Alborn aufſetzte, ganz geſchäftsmäßig, wie er es mir aufgetragen. Als ich ihm das Schrei⸗ ben überreichte, ob er damit zufrieden ſei oder etwas daran zu ändern wünſche, ſchob er es mit dem Rü⸗ cken der Hand weg; er vertraue mir, ich ſolle es ab⸗ ſchicken, ihm ſei es Bedürfniß, nichts mehr von der Sache zu hören. N verginge zuſtand chem S heit ver in kein nerlich lichen beunru Unaufg ſchreckli der Br dies en zufalls meinen Wei. aber ahren! 1. raſch lumen, Fräu⸗ mäßig, Schrei⸗ etwas m Ri⸗ es ab⸗ en der — Drittes Kapitel. Die Tage, die bis zur Ankunft des Fräuleins vergingen, brachte ich in einem ſchwer zu beſchreibenden Zuſtande hin. Der Graf verharrte in unverbrüchli⸗ chem Schweigen und that, als habe er die Angelegen⸗ heit vergeſſen. Aeußerlich war er ruhig und gefaßt, in keinem Punkte änderte er ſeine Gewohnheiten, in⸗ nerlich kämpfte er einen harten Kampf. An untrüg⸗ lichen Zeichen wurde es mir ſichtbar. Und dies eben beunruhigte mich. In dieſer Geſchichte gab es ein Unaufgeklärtes, Geheimnißvolles; daß es trauriger und ſchrecklicher Art war, bewies die Erſchütterung, in welche der Brief Angelica's den Grafen geſtürzt. Wie würde dies enden? War ich, da Niemand die Verwickelungen des Zufalls zu berechnen, noch ihnen zu entfliehen vermag, zu meinem Unglück beſtimmt, eine Rolle in dieſem Drama 112 zu ſpielen? So quälte mich auf der einen Seite die Furcht, auf der andern reizte mich die Neugierde. Das Gleichniß hatte Recht: wie ein Rohr im Winde ſchwankte ich zwiſchen entgegengeſetzten Wünſchen. So verhaßt mir jedes Ausfragen der Dienerſchaft ei⸗ nes Hauſes iſt, diesmal mußte eine Ausnahme von der Regel gemacht werden. Dem Haushofmeiſter, dem die Einrichtung der Zimmer für die beiden Damen oblag, war ein Fräulein Angelica Alborn ſo unbe⸗ kannt, wie noch vor Kurzem mir. Nie, ſo lange er ſein Amt inne hatte, war die Schwelle dieſes Hauſes von einer„Dame“ überſchritten worden. Eine dürf⸗ tige Mittheilung gab der Kammerdiener; er entſann ſich, daß der Graf vor vier oder fünf Jahren ſich eine Weile in Mannheim aufgehalten und öfters eine Mäd⸗ chenpenſion daſelbſt beſucht habe, einmal ſei der Be⸗ ſuch von einem jungen Mädchen in Begleitung einer älteren Frau erwidert worden, der Herr ſei mit beiden Damen auf einen Tag nach der Heidelberger Ruine gefahren. Wenn die Erinnerung den Erzähler nicht täuſchte, ſo mußte das Fräulein jetzt ſechzehn oder ſiebzehn Jahre alt und ein„leidlich hübſches Ding“ ſein. Der Schleier indeſſen, der die engliſche Gou⸗ vernante bedeckte, wurde nicht gelüftet. In einer eigen⸗ thümlichen Aufregung ſah das ganze Haus der Ankunft der beid heirathe men— niſche J kein Wo ttehen u wweifelh Selbſtbe M kannten leiten. förmlich peſche ho Frübzug am Bal ter Oetc der in an. Ue die Paſ waren ſchlanke grauen an dem ſtebende aus und Frenz iite die e. Das hwankte ſchaftei⸗ me von ter, dem Damen ſo unbe— lange er à Hauſes ne dürf⸗ entſann ſich eine ine Mäd⸗ der Be⸗ ung einer mnit beiden ger Ruine ler nicht hn oder es Ding“ ſſche Gou⸗ ner eigen⸗ r Ankunft ———ℳʒʒòʒ;V 113 der beiden Mädchen— daß die Engländerin unver⸗ heirathet ſei, wurde als ſelbſtverſtändlich angenom⸗ men— entgegen, der Graf, der zu Allem eine iro⸗ niſche Miene machte und über den leidigen Gegenſtand kein Wort mehr verlor, ſchien über dem Treiben zu ſtehen und es von oben herab zu belächeln. Ich war zweifelhaft, ob ich mehr ſeine Verſtellung oder ſeine Selbſtbeherrſchung bewundern ſollte. Mir war es beſchieden, die merkwürdigen Unbe⸗ kannten zuerſt zu begrüßen und in das Haus zu ge⸗ leiten. So unerfreulich der Auftrag war, ſo ſteif und förmlich wurde er ausgeführt. Eine telegraphiſche De⸗ peſche hatte uns mitgetheilt, daß die Damen mit dem Frühzuge eintreffen würden, ich erwartete ſie demnach am Bahnhofe mit dem Wagen. Ein trüber, naßkal⸗ ter Octobertag; in grauer Morgendämmerung, im Nebel, der in einem feinen Regen niederging, kam der Zug an. Uebernächtig, mißmuthig entſtiegen in eiliger Haſt die Paſſagiere den Waggons. Meine Schutzbefohlenen waren leicht zu entdecken; die Engländerin, eine hohe, ſchlanke Figur, an ihrer Haltung und dem dichten grauen Schleier, der ihr Geſicht verhüllte, das Fräulein an dem kecken und ſicheren Blick, mit dem ſie die Um⸗ ſtebenden muſterte. Sie ſah bleich und angegriffen aus und erſchien mir durchaus nicht als eine hervor⸗ Frenzel, Lebensräthſel. II. 8 114 ragende Schönheit. Nur ihre blauen Augen hatten einen eigenthümlichen Glanz, blau ſchimmernd wie Stahl. Trotz ihrer Jugend trat ſie mit ruhiger Be⸗ ſtimmtheit auf; was ich vielleicht zu voreilig aus ih⸗ rem Briefe geſchloſſen, beſtätigte mir jetzt ihr Weſen und Benehmen. Sie fühlte ſich als das reiche Mäd⸗ chen, dem alle Pforten offen ſtehen und das keine Schwie⸗ rigkeiten und keine vergeblichen Wünſche kennt. Mit einer Verneigung, die ſie ein wenig von oben herab erwi⸗ derte, ſtellte ich mich ihr als Vorleſer des Grafen Loß vor und bat um die Erlaubniß, ſie zum Wagen füh⸗ ren zu dürfen. Che wir aber ſo weit kamen, wurde ich meinerſeits Miß Lavinia Roger, die es übrigens nicht der Mühe für werth hielt, ihren Schleier meinet⸗ wegen aufzuheben, vorgeſtellt, ein Diener beſorgte in⸗ zwiſchen das Gepäck. Im Wagen knüpfte ſich ein kurzes, dürftiges Ge⸗ ſpräch an. Wie ſich der Oheim befände? Sie ſei beſtürzt, weil er ihr nicht ſelbſt geſchrieben. Ob ſein Unwohlſein ernſter Natur geweſen? Das waren ihre Fra⸗ gen. Ich antwortete ausweichend. Sie freue ſich ſehr da⸗ rauf, ihn wieder zu ſehen; es ſei lange her, daß ſie mit ihm zuſammen geweſen. Aus dem ruhigen Tone, in dem ſie ſprach, konnte ich entnehmen, daß ſie auch nicht die leiſeſte Ahnung von dem Schrecken hatte, in den die 3 Fi ſie i Siegeln berzeugun und trau os glücl ſes bedrͦ verflochte einſilbige in den t ten Stra großen 6 „VWie fre zu lerne alleden! in einan Im fen die digung! Beſuch irrte ein und ſac war, zo licher al nug dien hatten end wie iiger Be⸗ aus ih⸗ r Weſen he Mäd⸗ Schwie⸗ Mit einer rab erwi⸗ rafen Loß agen füh⸗ n, wurde übrigens er meinet⸗ ſorgte in⸗ fftiges Ge⸗ Sie ſei Ob ſein nihre Fra⸗ ich ſehr da⸗ er, daß ſie higen Tone, uß ſie auch — hatte, in —— 115 den die Meldung ihrer Ankunft den Grafen geſtürzt. Für ſie war das Buch ſeines Lebens alſo mit ſieben Siegeln geſchloſſen. Warum es leugnen? Dieſe Ue⸗ berzeugung tröſtete und erfreute mich. Zu ſchmerzlich und traurig wäre es mir erſchienen, dies junge harm⸗ los glückliche Geſchöpf von der Laſt eines Geheimniſ⸗ ſes bedrückt, in eine düſtere Geſchichte eingeweiht und verflochten zu finden. Ab und zu, während unſerer einſilbigen Unterredung, blickte ſie zum Wagenfenſter in den trüben Herbſtmorgen hinaus. Die langen brei⸗ ten Straßen, das geräuſchvoll erwachende Leben der großen Stadt machten einen lebhaften Eindruck auf ſie. „Wie freue ich mich, das Alles zu ſehen und kennen zu lernen!“ meinte ſie. Ihre Begleiterin ſchwieg zu alledem hartnäckig, bewegte ſich kaum, hielt ihre Hände in einander gefaltet— ich glaube, ſie ſchlief. Im Hauſe empfing der Kammerdiener des Gra⸗ fen die Damen; der gnädige Herr ließe um Entſchul⸗ digung bitten, er hoffe am Nachmittage ihnen ſeinen Beſuch machen zu können. Ueber Angelica's Geſicht irrte ein Schatten des Unmuths, aber ſie bezwang ſich und ſagte:„es iſt gut!“ Da mein Auftrag erfüllt war, zog ich mich mit einer Verbeugung, die freund⸗ licher als der erſte Gruß erwidert wurde, zurück. Ge⸗ nug dienſteifrige Hände waren ja vorhanden, um den 8* +——— 116 Wünſchen unſrer neuen Hausgenoſſinnen Genüge zu thun. Angenehm war es mir nicht, aber es gehörte zu meiner Verpflichtung, den Grafen von meiner Sen⸗ dung Bericht zu erſtatten. Wie immer des Morgens ſaß er in ſeinem großen Lehnſtuhl, bei feſt verhangenen Fenſtern, vor einem reich beſetzten Frühſtückstiſch. Eine Lampe mit grünem Schirm verbreitete ein mildes Licht. Er war in einer wunderlich krauſen Laune und gefiel ſich ſelbſt in den tollſten Sprüngen der Phantaſie.„Iſt die Hexe im Hauſe? Haben Sie ſich gleich kopfüber in ſie vergafft? Was für Handſchuhe trug die Gouver⸗ nante? Alt oder jung? Wurden Sie ſcharf aus⸗ gefragt? Ich bin nur neugierig, ob das ganze Haus nicht in die Luft geſprengt wird? Haben Sie nie auf die unſichtbare Welt ſpeculirt, Falk? Es gibt Dämo⸗ nen.... Ja ſo, wie heißt denn die Engländerin?“ Zwiſchen all' dieſen Ausrufen ſchlürfte er ſeine Taſſe ſtarken Thee's, zerbröckelte einen Zwieback, löffelte ein Ei aus und ſchien weder eine Antwort zu verlangen, noch überhaupt geneigt zu ſein, ſich in ſeinem Mono⸗ log unterbrechen zu laſſen. Da er indeſſen bei der letzten Frage, die meiner Anſicht nach die vernünftigſte und einzig beachtens⸗ werthe war, eine längere Pauſe machte, erwiderte ich: „Juf die Ihr Name „Ken Gouverna⸗ heißt Lavi Dann ſpre Ob ſie me geoße Da weißer Cr Icht bewußtes, eben ande „Die verſtehen als in e einer ſolch ſibenzehn lernatur haben mi der jenſei Ich herrſchun ſeinem I — und der bishe Genüge zu 's gehörte meiner Sen⸗ 8 Morgens er derhangenen tich. Ene nildes Liht. e und gefiel nicſe ‚RN ich Vpfüber die Gouver⸗ ſcharf aus⸗ ganze Haus Sie nie auf Rot Dämo⸗ gländerin?“ ſeine Taſee „löffelte ein u verlangen, inem Mono⸗ die meiner ig beachtens⸗ rwiderte ich: 117 „Auf die Handſchuhe der Miß habe ich nicht geachtet. Ihr Name iſt Lavinia Roger.“ „Kenn' ich nicht! Lavinia! Eine lange dürre Gouvernante mit Quäkermienen und näſelndem Betton heißt Lavinia. O, heiliger Tizian, welche Läſterung!“ Dann ſprang er wieder zu dem Fräulein ſelbſt über. Ob ſie munter oder betrübt geweſen?„Iſt wohl eine große Dame geworden, zu der man im Frack und in weißer Cravatte gehen muß?“ Ich verneinte, ſie wäre mir wie ein guterzogenes, ſelbſt⸗ bewußtes, aber einfaches Mädchen erſchienen— nicht eben anders, als jedes ſiebenzehnjährige Mädchen. „Die liebe Unſchuld!“ ſpottete Graf Loß.„Sie verſtehen auch beſſer, alte Pergamente zu entziffern, als in einem Mädchenantlitz zu leſen. Die Tochter einer ſolchen Mutter iſt nicht eben anders als jedes ſiebenzehnjährige Mädchen! Dieſe Mutter— eine Künſt⸗ lernatur— nein, eine Schwärmerin, eine... Sie haben mir noch nicht geantwortet, was halten Sie von der jenſeitigen Welt und ihren Bewohnern, was?“ Ich mochte ihn doch wohl trotz meiner Selbſtbe⸗ herrſchung und der Kunſt der Verſtellung, die ich in ſeinem Dienſt gelernt, ein wenig zweifelhaft anſehen — und ſicherlich war die Frage in ſeinem Munde, der bisher alles Ueberirdiſche und Unſinnliche mit un⸗ 118 verſtändigem Eifer für Prieſterbetrug und Pfaffenmär⸗ chen ausgegeben, mehr als ſeltſam. Denn er lachte wild auf, ſtützte den mächtigen Kopf auf beide Hände und ſtarrte tiefſinnig oder abweſend auf die Arabes⸗ ken des Teppichs, der den Fußboden bedeckte.„Ich ſchwatze wirres Zeug,“ ſagte er.„Sie würden es nicht beſſer machen, wenn ſie Frau Alborn gekannt hätten. Nun, ſie iſt todt! Wird mich freuen, wenn ihre Tochter ein verſtändiges Frauenzimmer geworden. Wehe allen Denen, die hinter der Erſcheinungswelt etwas ſuchen; je nüchterner man Menſchen und Dinge auf⸗ faßt, deſto glücklicher iſt man. Wenig Hoffnungen, aber dafür auch keine Enttäuſchungen; keine Liebe, aber auch keine Ciferſucht.“ So kam allmählig eine ruhigere Unterhaltung zu Stande, bis der Kammerdiener meldete, daß die Da⸗ men in ihren Zimmern eingerichtet, gefrühſtückt und ihn beauftragt hätten, dem Herrn Grafen ihren Dank für die freundliche Aufnahme zu überbringen. „Ich merk's ſchon,“ brummte der Alte ingrimmig, „fortan wird ſich dies Haus und ich mit ihm um Fräu⸗ lein Angelica drehen!“ Wir pflegten um fünf Uhr ein mehr als reichli⸗ ches Mittagsmahl einzunehmen— der Graf war ein Feinſchmecker und Vieleſſer— und vorher wollte er ſch wie erzogene⸗ Allem, fürchtete Atzt w meine? wöhnte ſchen S tor fern band il hinauf, voran. Bäumen dete es dauerte Unglü blick d Verga Mädch ihres waren werks giſche von taſie ſaffenmär⸗ er lachte ede Hände iie Arabes cte.„Jch 4 es nicht int hätten. wenn ihre den. Wehe wwelt etwas Dinge auf⸗ poffnungen, eine Liebe, haltung zu aß die Da⸗ ſihſtückt und ihren Dank pen. ingrimmig, um Fräu⸗ als reichli⸗ af war ein ar wollte er 119 ſich, wie er mir nachſpottete, das ſiebenzehnjährige gut erzogene, alltägliche Mädchen anſehen. Daß ich nach Allem, was er geredet, dieſe erſte Zuſammenkunft be⸗ fürchtete, war natürlich, und ich bemühte mich, als der Arzt wie gewöhnlich bei ihm vorſprach, demſelben meine Beſorgniß anzudeuten. Aber der Alte arg⸗ wöhnte mein Vorhaben und fand in ſeiner mißtraui⸗ ſchen Schlauheit einen Vorwand, mich von dem Doc⸗ tor fern zu halten. In gewählter Toilette, ſein Ordens⸗ band im Knopfloch, ſtieg er dann zu ſeiner„Nichte“ hinauf, der Kammerdiener ſchritt, um ihn zu melden, voran. Ich ging mit klopfendem Herzen unter den Bäumen des Gartens auf und nieder, im Hauſe dul⸗ dete es mich nicht. Ich weiß nicht, wen ich mehr be⸗ dauerte, ob den alten Mann, der irgend ein ſchweres Unglück mit ſich herumtrug und dem ſich nun im An⸗ blick des jungen Mädchens die traurige Geſchichte der Vergangenheit wieder entſchleierte, oder dieſes junge Mädchen, das auf der Schwelle zu dem Blüthenalter ihres Lebens ein ſchmerzliches Geheimniß erfuhr? Starr waren meine Augen auf die Fenſter des oberen Stock⸗ werks gerichtet, hinter denen ſich die ergreifende tra⸗ giſche Scene abſpielen mußte, ich konnte ſie nicht da⸗ von abwenden. Meine jugendlich romantiſche Phan⸗ taſie malte ſich wunderliche Schreckniſſe aus. Da war 120 es doch, als ſchöſſe aus der Höhe ein Strom eiskalten Waſſers auf mich nieder; der Graf hatte ein Fenſter geöffnet, ſteckte ſeinen Kopf[heraus und rief:„Was iſt Ihnen, lieber Falk? Sitzt ein Adler auf unſerem Dache? Kommen Sie herauf, die Damen verlangen nach Ihnen.“ Ich muß eine klägliche Figur geſpielt haben, als ich in das Zimmer trat. Nur mühſam verbiß Fräu⸗ lein Angelica ein Gelächter. Die Gouvernante, die abſeits in der Fenſterniſche, halb von den wallenden Vorhängen verdeckt, ſaß, warf mir aus ihren von dichten Wimpern verſchleierten Augen einen matten, nichts⸗ ſagenden Blick zu. Mit Leichtigkeit erhob ſich der Graf von ſeinem Stuhl, mir entgegen.„Mein lieber Herr Falk, ich muß Sie bitten, meine Stelle bei den Da⸗ men zu vertreten und ſie zu unterhalten. Mir altem Manne wird es zu ſauer, dem munteren und raſchen Fluge dieſer Jugend zu folgen. Zeigen Sie ihnen unſere Einſiedelei, unſere Bücher, unſere Sammlungen. Wir beide ſind halbe Trappiſten, liebe Angelica, nur das Coſtüm fehlt. Alſo auf Wiederſehen, meine Da⸗ men, bei Tiſch!“ Er reichte dem Fräulein die Hand, die ſie an ihre Lippen führte; die Gouvernante grüßte er in ſeiner gemeſſenen Weiſe. Mir fiel— war es Eingebung, war es Zufall? denn von all' den Ereig⸗ niſſen, geringſt ühm nac ihren A ſchlafen Im das Mit fal. De ſchildert mit eine Ich kan ſtach, al würdig und zu Bild ih körperli Geiſte! ceene W ren“ n Alles ſ genom zunächſt cer zu Erſt be ſie ihre eiskalten Fenſter unſerem rlangen den, als Fräu⸗ me, die vallenden dren von n, nichts⸗ der Graf et Herr den Da⸗ r altem raſchen ie ihnen mlungen. lica, nur ſeine Da⸗ ie Hand, te grüßte war es en Ereig⸗ 121 niſſen, die folgen ſollten, ahnte ich damals nicht das Geringſte— der Blick auf, mit dem Miß Lavinia ihm nachſah. Es war ein unheimliches Funkeln in ihren Augenſternen, die bisher wie müde und ver⸗ ſchlafen hinter den Wimpern geruht. Im Uebrigen verging mir die Stunde, verging das Mittagsmahl angenehm und heiter, ohne Zwiſchen⸗ fall. Das Fräulein zeigte ſich doch ſo, wie ich ſie ge⸗ ſchildert, von lebhaftem Geiſte, verſtändigen Sinns, mit einer überraſchenden Feſtigkeit des Willens begabt. Ich kann nicht ſagen, daß ſie im erſten Eindruck be⸗ ſtach, auch gab ſie ſich keine Mühe, ſonderlich liebens⸗ würdig zu erſcheinen, ſie war zu ſpröde, zu altklug und zu ſelbſtbewußt dazu. Aber dem Grafen, der das Bild ihrer Mutter, offenbar einer leidenſchaftlichen, körperlich und ſeeliſch aufgeregten Frau, vor ſeinem Geiſte hatte, ſagte ihre ruhige, beſtimmte, beinahe tro⸗ ckene Weiſe zu. Dazu beſaß ſie, was er„gute Manie⸗ ren“ nannte, und jene Zurückhaltung, die er über Alles ſchätzte. Auf Miß Lavinia ward keine Rückſicht genommen; ſie ſelbſt ſchien ſich in dem fremden Hauſe zunächſt noch unbehaglich zu fühlen und nichts ſehnli⸗ cher zu wünſchen, als daß man ſie unbeläſtigt ließe. Erſt bei Tiſche, beim Kerzenglanz, gewahrte ich, daß ſie ihren Lavinia⸗Namen nicht mit Unrecht führe. Zwar 122 erinnerte ſie in keinem Zuge an das ſchöne, rothblonde Mädchen, das von Tizian gemalt für ſeine Tochter Lavinia gilt, aber ſie war in ihrer Art eine große Schönheit. Eine ſchlanke Geſtalt, ein edles, ausdrucks⸗ volles, bleiches Geſicht, von blonden Locken umwallt, mit prächtig geſchwungenen Augenbrauen, welche die Weiße und Höhe der Stirn noch mehr hervortreten ließen, etwas Unnahbares in ihrem ganzen Weſen, machten ſie zu einer ebenſo reizenden wie vornehmen Erſcheinung. Man vergaß darüber, daß ſie doch über die erſte Jugendblüthe hinaus war und am Eingang der dreißiger Jahre ſtand. Im Beſitz ſo vieler Vor⸗ züge würde eine Andere, aus natürlicher und verzeih⸗ licher Eitelkeit, ſich mehr in den Vordergrund gedrängt und die Augen der Männer, wenn nicht geſucht, ſo doch nicht vermieden haben. Miß Lavinia bemühte ſich dagegen, ihre Gegenwart in keiner Weiſe bemerk⸗ lich zu machen; ich glaube, ſie hätte uns am liebſten ſtill und körperlos wie ein Schatten umſchwebt. Sie hatte in ihren Bewegungen, ihrem Kommen und Gehen etwas Leiſes und Geräuſchloſes. Auf die Fragen, die an ſie gerichtet wurden, antwortete ſie fein und verſtändig, aber in ſichtlicher Verlegenheit, und als der Graf, dem ſie bei Tiſche gegenüber ſaß, mit un⸗ verkennbarem Erſtaunen über ihre Schönheit, ſie mu⸗ ſterte, Erſt ei Angel Graf Den? doch „Es zu mi tet m Aber, Dieſe nert Hand bblonde Tochter le große drucks⸗ imwallt, lche die vortreten Weſen, drnehmen doch über Eingang ler Vor⸗ verzeih⸗ gedrängt jucht, ſo bemühte le bemerk⸗ nn liebſten ebt. Sie lnd Gehen e Fragen, fein und und als mit un⸗ ——ʒ— ·—·——— t, ſie mu⸗ ſterte, erblaßte und zitterte ſie wie im Fieberfroſt. Erſt einige freundliche, bittende und ermuthigende Worte Angelica's brachten ſie wieder in's Gleichgewicht. Am Abend beſuchten wir das Opernhaus, der Graf führte ſeine Nichte, mir fiel Miß Lavinia zu. Den Thee trank er allein, ihn habe der bewegte Tag doch ſtärker angegriffen, als er ſich zumuthen könne. „Es geht an mit dem Weibsvolk“, ſagte er heimlich zu mir,„hätt's nicht für möglich gehalten! Da fürch⸗ tet man ſich ſein Leben lang vor Geſpenſtern!.. Aber, beſter Falk, Hand auf's Herz. Keine Liebſchaft! Dieſe Lavinia iſt wie ein tiefer Brunnen... Erin⸗ nert mich zuweilen an Goethe's Braut von Korinth. Hand auf's Herz und die Augen auf!“ Viertes Kapitel. Während der nächſten Tage geſtaltete ſich unſer Verhältniß zu den beiden Mädchen in freundlicher Weiſe. Der Graf gewöhnte ſich an ihre Gegenwart, es beſchränkte ſich jedoch ſein Zuſammenſein mit Angelica, das gemeinſame Mittagsmahl abgerechnet, nur auf eine kurze Stunde, in der er mit ihr einen Spaziergang durch den Garten machte. Auf meine Schultern wurde die größere Laſt geladen. Ich mußte den Damen die Merkwürdigkeiten der Stadt zeigen, bald in den Theatern, bald in den Concerten mit ihnen ſein. Des Abends aßen wir zuſammen und ein lebhafter Gedankenaustauſch knüpfte ſich an. Mit jeder Stunde gewann der Umgang mit An⸗ gelica für mich einen höheren Reiz, ihr Geſpräch, ja ihre Anweſenheit allein ſchon ſchien neue Kräfte in mir zu 3ch mir zu daß al und be uns zu leidenſe ter ſo glühte Aber! werden redeten i D heitszul günſtig der g eine er ſtanden geſteig wohlth kräftig Auch ſo böſe daß J alls 2 125 mir zu entwickeln oder die ſchlummernden zu erwecken. Ich ſprach noch einmal ſo gut und beredt, wenn ſie mir zuhörte. Und ohne Citelkeit durfte ich mir geſtehen, daß auch ſie ſich in dieſem Verkehr beglückt, befriedigt und bereichert fühlte. Gewiß, die Empfindungen, die uns zu einander führten, waren nichts weniger als leidenſchaftliche, und von jener Liebe, welche die Dich⸗ ter ſo anmuthig und ſo feurig zu ſchildern wiſſen, glühte damals ſchwerlich auch nur ein Funke in uns. Aber wir fingen an, uns gegenſeitig unentbehrlich zu werden, wir ſuchten einander mit den Blicken, wir redeten gern allein mit einander. Die Aerzte, die der Graf über Angelica's Geſund⸗ heitszuſtand zu Rathe gezogen, ſprachen ſich nicht un⸗ günſtig darüber aus; das junge Mädchen bedürfe nur der geiſtigen Schonung und Ruhe, ſie ſei überhaupt eine erregbare Natur und die Krankheit, die ſie über⸗ ſtanden, habe die Reizbarkeit ihrer Nerven noch mehr geſteigert. Eine Reiſe nach dem Süden würde ihr wohlthun, nur ſei es wünſchenswerth, daß ſie ſich kräftiger und munterer fühle, ehe ſie dieſelbe anträte. Auch war mit der Ankunft Angelica's im Hauſe ein ſo böſes, unfreundliches und rauhes Wetter eingetreten, daß Jedem, der nicht aus angeborener Neigung oder aus Modeſucht zu den modernen Nomaden gehörte, 126 die Luſt verging, mit einem leidenden Mädchen die beſchwerliche Fahrt nach Nizza zu machen. Wie die Dinge einmal lagen, würde ſich wohl der Graf zu dem ſaueren Gange haben entſchließen müſſen. Er war nicht nur der nächſte Beſchützer Angelica's, einer ihrer Vormünder, ſondern auch derjenige von allen ihren Freunden und Verwandten, der am freieſten über ſeine Zeit und ein großes Vermögen verfügte. Die Ande⸗ ren waren, wie ich jetzt erfuhr, Kaufleute, Senatoren in Hamburg, Brüder und Vettern ihres Vaters. Von Seiten ihrer Mutter lebte ihr kein Verwandter mehr. So eifrig nun auch dieſe„Hamburger“, wie der Graf ſagte, das Vermögen ihrer Mündel verwalteten und vermehrten, ſie ſchienen wenig geneigt, ſie bei ſich in ihren Familienkreis aufzunehmen oder ihretwegen ſich in die Unruhe und die Koſten einer Reiſe und eines Winteraufenthalts an einem fremden Ort zu ſtürzen. Der Graf that ſehr entrüſtet über das Benehmen die⸗ ſer trockenen Kaufmannsſeelen, dieſer poeſieloſen, mit hausbackener Moral und Bankactien ausgefütterten Philiſter— ich konnte ihnen nicht ſo ganz Unrecht geben. Gegen den Willen ſeiner Familie, all' ihren Warnungen zum Trotz, hatte Angelica's Vater ihre Mutter geheirathet— wie ich jetzt erſt hörte, eine Engländerin, die er in Rom kennen gelernt hatte. Die junge S ſzi i Grafen ſehr ung etwa ei nächſten beſten u für eine ſeines ei milie n von dieſ wenig er haben, e Erziehunc burgern Verwalt Alborn und lebt ſie mit Tode ve lie ihres anſtalt So mer ſch Schrecken 127 junge Frau wußte ſich mit der Hamburger Verwandt⸗ ſchaft nicht zu ſtellen. Aus halben Andeutungen des Grafen durfte ich ſchließen, daß die Ehe ſelbſt eine ſehr unglückliche geweſen. Alborn ſtarb, als Angelica etwa ein Jahr alt war; daß er außer zweien ſeiner nächſten Verwandten auch den Grafen Loß, ſeinen beſten und treueſten Freund, der aber damals ſchon für einen der tollſten Sonderlinge galt, zum Vormund ſeines einzigen Kindes beſtellte, verſtimmte ſeine Fa⸗ milie noch mehr. Die bürgerlichen Kaufleute waren von dieſer Verbindung mit dem excentriſchen Grafen wenig erbaut. Es mag genug Streitigkeiten gegeben haben, ehe man ſich dahin einigte, daß der Graf die Erziehung Angelica's leiten und überwachen, den Ham⸗ burgern dagegen uneingeſchränkt und ungeſchmälert die Verwaltung ihres Vermögens bleiben ſollte. Frau Alborn verließ darauf mit ihrer Tochter Hamburg und lebte in einer Stadt am Rhein. Selten verkehrte ſie mit den Verwandten ihres Mannes. Nach ihrem Tode verweilte Angelica eine Zeit lang in der Fami⸗ lie ihres Hamburger Oheims, bis ſie in die Penſions⸗ anſtalt zu Mannheim kam. So lagen dieſe Verhältniſſe, und es wurde mir im⸗ mer ſchwerer, aus ihrer proſaiſchen Nüchternheit den Schrecken zu erklären, der den Grafen ſo furchtbar geſchüt⸗ 128 telt, als er den Brief Angelica's geleſen. Dafür wurde mir das Weſen des jungen Mädchens um ſo klarer. Seit ihrer Jugend hatte ſie ſich als Waiſe, als ſelbſtſtändig und allein ſtehend in der Welt füh⸗ len gelernt. Der Gedanke, daß ſich Niemand ihrer mit offener und warmer Hingabe annehmen, Niemand aber auch ihren Wünſchen und Launen in den Weg treten würde, begleitete ſie, ſeit ſie angefangen, Ent⸗ ſchlüſſe zu faſſen und über ihre Zukunft nachzuſinnen. Daß ich mich lieber und angelegentlicher mit dem hol⸗ den Räthſel, das ſie mir aufgab, als mit den düſtern Geheimniſſen des Grafen beſchäftigte, braucht keine Entſchuldigung. Noch weniger als der Graf ſchien Miß Lavinia auf uns Beide zu achten. Selbſtverſtändlich war ſie bei allen Ausgängen und Beſuchen im Theater und beim Geſpräch die Dritte im Bunde; aber ohne ſon⸗ derliche Theilnahme und lebhaftere Bewegung. So viel des Neuen ſie auch hören und ſehen mochte, nichts ergriff ſie tief und mächtig, ſei es nun, daß ihre kühle Natur ſchwer zu begeiſtern war, oder daß ihre Hoff⸗ nungen, Ideale und Entzückungen in einer ganz ande⸗ ren Sphäre lagen. Schon vier Jahre unterrichtete ſie in jener Penſionsanſtalt mit großem Erfolg. Sie hatte eine vortreffliche Weiſe, den jungen Mädchen die engl hhre pur ſene ihre hung bo Krantheit bingebend een. Eit ner Anſic von Lav Warum tes Hetz aber wir hegte Ver viel bedeu andern zu daß der mete un anfing. dann hat einen gem öfters da vorſichtig eine ſtark Schwärm abzuſehen. Frenzel, 129 die engliſche Sprache zu lehren. Dazu empfahl ſie ihre puritaniſche Sittſamkeit und das ſtreng Gemeſ⸗ ſene ihres Betragens beſonders zur Leitung und Erzie⸗ hung von Mädchen. Angelica hatte ſich ſeit ihrer Krankheit, in der die Engländerin ihre treueſte und hingebendſte Pflegerin geweſen, innig an ſie angeſchloſ⸗ ſen. Eine zärtliche Freundſchaft, bei der, nach mei⸗ ner Anſicht, Angelica mehr an Neigung gab, als ſie von Lavinia zurückempfing, vereinigte beide Mädchen. Warum ich nun meinerſeits zu Miß Lavinia kein rech⸗ tes Herz faſſen konnte, vermag ich nicht zu ſagen, aber wir gingen eben nur an einander vorüber, keines hegte Vertrauen zu dem andern, oder wenn dies zu viel bedeutet, keines hielt es für lohnend, ſich mit dem andern zu beſchäftigen. Um ſo merkwürdiger war es, daß der Graf ihr eine größere Aufmerkſamkeit wid⸗ mete und ſich theilnahmsvoller um ſie zu bemühen anfing. Zunächſt zog ihn wohl ihre Schönheit an, dann hatte das Scheue und Aengſtliche ihres Weſens einen gewiſſen Reiz für ihn. Bei Tiſche richtete er öfters das Wort an ſie und als ſie, durch eine un— vorſichtige Aeußerung, ihn hatte merken laſſen, daß ſie eine ſtarke, unbezwingliche Hinneigung zur religiöſen Schwärmerei habe, war kein Ende ſeiner Neckereien abzuſehen. Doch behauptete ſie ſich ihm gegenüber Frenzel, Lebensräthſel II. 9 — 130 ſtandhaft und würdig, ohne aus ihrer Zurückhaltung oder der Achtung, die ſie ihm ſchuldete, herauszugehen. „Nun, meine theure Miß,“ ſagte er einmal,„dies Thema beſprechen wir beide noch ausführlicher. In einer ſtillen Stunde, ohne den Gelbſchnabel“— dabei wies er auf Angelica—„und ohne den Philoſophen“ — das war meine Wenigkeit.„Wenn wir allein ſind.. Warum ſchauen Sie mich ſo ſeltſam an, Miß Roger? Glauben Sie, ich gehörte zu den Heiden? Sind im Irrthum; könnte Ihnen von Viſionen nnd Zerknir⸗ ſchungen erzählen, könnte“... Was er noch etwa ſa⸗ gen wollte, verſchluckte er mit einem Stück Paſtete. Es war am zehnten Tage nach Angelica's Ankunft, ſpät Abends um die elfte Stunde. Mit dem kurz vorher eingetretenen Vollmond hatte ſich das Wetter gebeſſert. Der Himmel war klar, von Sternen ſchim⸗ mernd, glitzernd lag das Mondlicht auf den Stegen im Park, nicht mehr hinderte das dichte Laub der Kaſtanienbäume die Strahlen des nächtlichen Geſtirnes auf ihrem Wege. Gelbbraun und welk lagen die Blätter umher und raſchelten im Wind. Zuweilen ſtieg ein weißgrauer Nebel von dem feuchten Boden auf, ſchwebte zwiſchen den Bäumen empor, hing ſich an die kahlen Aeſte, ballte ſich hier dichter zuſammen und zerflatterte dort. Von dem hohen Fenſter des Bibliothekzimmers konn Wei Nich gen bei erzeug Vorh Büche anha nung Marn den h dern! nur e die b ich de der T junge dräng Erinn Wie Herzen nicht wenn ſtatt a 131 konnte ich das Alles bemerken, ich ſtand eine geraume Weile daran, träumend, in jene Betrachtung der Nichtigkeit und Unendlichkeit, des Todes und des ewi⸗ gen Lebens verſunken, die eine mondhelle Herbſtnacht bei fallendem Laub, mit wehenden Nebeln ſo leicht erzeugt. Dann ſchloß ich das Fenſter und ließ den Vorhang nieder, um noch eine Zeit lang unter den Büchern zu arbeiten. Nicht ſonderlich ruhig und anhaltend, denn mancherlei Bilder und Erſchei⸗ nungen neckten und ſtörten mich. Nicht die ernſten Marmorbüſten der Dichter und Denker ſchienen von den hohen Büchergeſtellen auf mich herabzublicken, ſon⸗ dern lockige Mädchenköpfe und Engelgeſichter— ach, nur ein einziges, alle trugen die Züge und hatten die blauen Augen Angelica'’s. Statt zu leſen, ſtützte ich den Kopf in die Hände und grübelte. War es in der That ſchon ſo weit mit mir gekommen, daß dies junge Mädchen ſich herriſch in alle meine Gedanken drängte? Daß ich nichts thun konnte, ohne durch die Erinnerung an ſie ermuthigt oder zerſtreut zu werden? Wie ſollte das enden! Noch glaubte ich Herr meines Herzens zu ſein— aber wie lange noch? Hieß es nicht die Güte und Argloſigkeit des Grafen täuſchen, wenn ich das Feuer dieſer Leidenſchaft in mir nährte, ſtatt es bei Zeiten zu erſticken? Ein armer Mann, der — —— 132 ein junges, reiches und unerfahrenes Mädchen liebt, wird ſtets den Verdacht eines Habſüchtigen, eines Schlei⸗ chers erwecken, nur unreine Abſichten wird man ihm zutrauen und wie frei ich mich ſelbſt in dieſem Augenblick von ihnen fühlte, würde der Graf, würde ſelbſt Angelica mir Glauben ſchenken? Ein Hauslehrer, ein Vorleſer, der ſich friſchweg in die Tochter oder die Frau des Hauſes verliebt, wie romanhaft und wie unehrenhaft zugleich war er mir bisher erſchienen— und jetzt war ich nahe daran, in dieſelbe Schuld zu verfallen! Oho, rief es in mir, noch iſt das Netz nicht zugezogen, es bedarf nur einer heldenmüthigen Anſtren⸗ gung, um es zu zerreißen! Wie unfrei wir auch im Zuſammenhang der natürlichen Welt ſein mögen, ganz entbehren wir der Freiheit in der moraliſchen nicht. Ueberwinde dich ſelbſt, lerne entſagen! Das iſt das tiefe Geheimniß, das aus dem Wirbeltanz der Erſcheinungen dich rettet, das iſt die einzig wahre und echte Lebenskunſt! Indem wurde auf der Treppe oder auf dem Cor⸗ ridor, der vor dem Bibliothekſaal hier zu meinen, dort zu den Zimmern der Mädchen führte, ein Geräuſch vernehmlich— wie wenn einer ſchwer athmend, leiſen und unſichern Schrittes daherkäme. Ich fuhr aus meiner Träumerei haſtig empor; unwilliger über mich ſelbſt, daß ich die Zeit nutzlos verſäumt, als erſchreckt über d horchte dicht v dem d hatte ke die La angſtlich mir, di mit ve iſt ſie tete im ſtil,, lau zurüch, dem Sej Eir Ich all Raum! Darübe geſett, dicken w rührt ſig Augen macht⸗ M 7 hingeſtell neinen, leräuſch leiſen or aus r mich rcchreck 133 über das ungewohnte Geräuſch. Ein paar Secunden horchte ich hinaus; jetzt war der nächtliche Wanderer dicht vor der Thüre des Saales, er taſtete ſich in dem dunklen Gange an der Wand entlang. Ich hatte keine Vermuthung, wer es ſein könne, ergriff die Lampe und öffnete raſch die Thür. Ein ſchriller, ängſtlicher Schrei ertönt— eine weiße Geſtalt ſteht vor mir, drängt ſich an mir vorüber in das Zimmer, ſtarrt mit verſtörten Augen umher...„Folgt er mir?“ Nun iſt ſie auf einem der Seſſel niedergeſunken. Ich leuch⸗ tete im Corridor umher, die Treppe hinab; Alles iſt ſtill, lautlos, dunkel. So kehre ich in die Bibliothek zurück, die Eingedrungene liegt noch wie betäubt in dem Seſſel: es iſt die engliſche Gouvernante. Eine ebenſo unangenehme wie verfängliche Lage! Ich allein mit Lavinia in dem weiten, halbdunkeln Raum! Eben ſchlägt die Roccocouhr die elfte Stunde. Darüber habe ich die Lampe wieder auf den Tiſch geſetzt, gehe einige Mal auf und nieder, aber auf dem dicken weichen Teppich iſt kein Tritt hörbar— und ſie rührt ſich noch immer nicht, ſchlägt noch immer nicht die Augen auf. Iſt das Komödie oder eine ernſte Ohn⸗ macht? „Miß Roger“— ich habe mich dicht vor ſie hingeſtellt—„was iſt Ihnen? Verfolgte Sie Jemand? 134 Wo kommen Sie her? Ermuntern Sie ſich, hier ſind Sie in Sicherheit.“ Jetzt bemerkte ich erſt, daß der lange Shawl, in den ſie ſich eingehüllt hatte, feucht war. Sie kam aus dem Garten, aber was hatte ſie da zu ſuchen, was hatte ſie dort in ſolche Beſtürzung verſetzen kön⸗ nen? Denn als ſie die Augen aufſchlug, allmählig mich erkannte und ſich in der Umgebung zurecht fand, prägte ſich in ihren Zügen ein ſolcher Ausdruck des Entſetzens aus, daß mir jeder Argwohn, als handle es ſich um eine Täuſchung oder um einen plötzlichen rein phy⸗ ſiſchen Schreck zerſtob. „Wollen Sie nicht das Tuch abnehmen, Miß Roger?“ fing ich von Neuem, da ſie beharrlich ſchwieg, an.„Leiden Sie, bedürfen Sie etwas? Soll ich ei⸗ nen Diener rufen?“ „Nein, nein!“ erwiderte ſie haſtig.„Es geht vorüber. Aber ich bitte Sie, verlaſſen Sie mich nicht. Ich kann nicht allein ſein, ich traue mich nicht in mein Zim⸗ mer zurück Sie ſind gewiß, daß er mir nicht gefolgt iſt?“ „Es iſt Ihnen Niemand gefolgt. Beruhigen Sie ſich doch. Was ſollte Ihnen in dieſem Hauſe geſchehen? Irgend eine Täuſchung Ihrer Sinne ängſtigt Ihre Seele, oder eine Einbildung.“ Sie achtete meiner letzten Worte nicht; den wei⸗ en in ihrem vorhin In „ nen. ten Fu und uc ſie die 93 entgegt auch ich kenne ic zeugt zu Veläſtig meine keren) „ „Wem Er iſt D DV für ſie Nachtz fen zu rer zu 135 ßen indiſchen Shawl hatte ſie abgeworfen und ſaß nun in ihrem hoch hinaufgehenden grauen Seidenkleide, wie ich ſie den vorhin am Theetiſch geſehen, blaß und zitternd vor mir⸗ aus„In dieſem Hauſe?“ wiederholte ſie furchtſam.„Ken⸗ hen, nen Sie dieſes Haus und ſeine Bewohner ſo genau?“ ön⸗ Ich war eben im Begriff, ihr einen pelzgefütter⸗ dich ten Fußſack zuzuſchieben; ſie fror ſichtlich. Dieſe Frage ägte und noch mehr der unheimlich flüſternde Ton, in dem zens ſie dieſelbe vorbrachte, ließen mich zuſammenfahren. un„Was wollen Sie damit ſagen, Miß Roger?“ phy⸗ entgegnete ich, mich wieder ſammelnd.„Freilich bin auch ich in dieſem Hauſe ein Fremder, ſo genau aber Miß kenne ich doch ſeinen Herrn und die Diener, um über⸗ vieg zeugt zu ſein, daß Ihnen von Keinem Gefahr, ja nur Beläſtigung drohen könnte.“ Unwillkürlich, ja gegen meine Abſicht hatte ich auf das Wort Herr einen ſtär⸗ keren Nachdruck gelegt. niht 4„Schließen Sie die Thüre“, bat ſie flüſternd. „Wenn er uns überfiele... Schließen Sie die Thüre! ha Er iſt furchtbar und in ſeiner Wuth zu Allem fähig!“ 4— Die Thüre ſchloß ich nun freilich nicht— es wäre eben? für ſie und mich viel bedenklicher geweſen, in dieſer Jöre Nachtzeit hinter verſchloſſenen Thüren zuſammen betrof⸗ fen zu werden— aber ich fing an, den Vorfall kla⸗ rer zu überſchauen. Der Alte hatte wieder einen An⸗ 136 fall ſeines Uebels gehabt— offenbar nur einen leich⸗ ten, ſchnell vorübergehenden, da im ganzen Hauſe Todtenſtille nach wie vor herrſchte, aber er hatte doch das ahnungsloſe Mädchen erſchreckt. Noch immer ſah ſie wie eine Verſtörte, eine Nacht⸗ wandlerin aus. Wild und unordentlich hing ihr das Haar um das blaſſe Geſicht; bei ihrer Flucht durch den Garten, in der feuchten Nebelluft war es ihr auf⸗ gegangen und hatte ſeine lockige Form verloren. Der Lehnſtuhl von dunkelrothem Sammet, in dem ſie halb ſaß, halb lag, mit zurückgelehntem Kopf; das Däm⸗ merlicht, das ſie umfloß und nur einen Theil ihres Antlitzes, die auf der Armlehne ruhende Hand beleuch⸗ tete; das geräumige dunkelgetäfelte Zimmer mit ſei⸗ nen Büchern und Büſten— die Umgebung, die Be⸗ leuchtung trugen das Ihre dazu bei, den ſeltſamen Eindruck, den Lavinia machte, zu erhöhen. Mir fie⸗ len, während ich ſo in nicht geringer Rathloſigkeit vor ihr ſtand, bald die Sibyllen des Alterthums, die in Viſionen verzückten Frauen der ſchottiſchen Berge — daher kam ſie ja— bald wieder die Opernſänge⸗ rinnen ein, die eine Wahnſinnige darzuſtellen haben. Vielleicht that ich ihr Unrecht, aber ich konnte mich nun einmal eines gewiſſen Mißtrauens ihr gegenüber nicht erwehren; ſo oft ich es verſcheuchte, ſo oft kam es wieder. D 7 nach ein. allerding Andeutu ren könn „Si Was üo 9„ Die ein ung antworte Sie ſchlag ih über die wie Sie richtet we Erk 7 bei ihrer erzählen, ſen Zuſt itt, wo ſi frühzeitig war bal Schlafzin der Glan 137 „Der Graf,“ ſagte ich auf ihre letzte Aeußerung nach einer kurzen Pauſe,„der Graf, Miß Roger, iſt allerdings leidend, und ich hätte Ihnen durch eine Andeutung ſeines Zuſtandes dieſe Beſtürzung erſpa⸗ ren können.“ „Sie mir?“ Ungläubig ſchüttelte ſie das Haupt. „Was wiſſen Sie von dieſem Manne?“ Die Frage hatte etwas Beleidigendes.„Daß er ein unglücklicher Kranker, aber ein Chrenmann iſt,“ antwortete ich erregt. Sie blickte mich mit einem eigenthümlichen Auf⸗ ſchlag ihrer Augen an und fuhr ſich mit der Hand über die Stirne.„Wie Sie meinen, mein Herr, ganz wie Sie wollen. Richtet nicht, auf daß ihr nicht ge⸗ richtet werdet!“ „Erklären Sie mir wenigſtens, Miß Roger“— bei ihrer unaufhörlichen Zögerung, die Begebenheit zu erzählen, wurde ich ungeduldig—„wie Sie in die⸗ ſen Zuſtand gekommen ſind, was Ihnen zugeſtoßen iſt, wo ſich der Graf befindet?“ „Ich traf ihn im Garten. Angelica hatte ſich frühzeitig niedergelegt, über Kopfſchmerzen klagend, und war bald eingeſchlafen. Als ich die Vorhänge ihres Schlafzimmers zuzog, lockte mich die Stille der Nacht, der Glanz des Mondes, noch einen Gang durch den 138 Garten zu machen. Dort begegnete ich dem Grafen.“ Sie hielt inne und ſchien Willens, mich mit die⸗ ſer halben, nichtsſagenden Aufklärung abzuſpeiſen. Mit einiger Anſtrengung verſuchte ſie ſich von dem Seſſel zu erheben, aber ihre Kräfte verließen ſie. Laut ſchluch⸗ zend fiel ſie zurück, bedeckte ihr Geſicht mit beiden Händen und jammerte:„Wo bin ich hingerathen? Habe Erbarmen mit mir, gerechter Gott des Himmels und der Erde!“ Unter uns ging eine Thür und fiel ſchallend wieder in's Schloß. „Er kommt! Er will mich faſſen!“ rief ſie hän⸗ deringend. „Wenigſtens überfällt er uns nicht wie ein Dieb in der Nacht, er kündigt ſich laut genug an,“ entgeg⸗ nete ich nicht ohne Ironie. Ihr wunderliches Beneh⸗ men entrüſtete mich. Lavinia hatte ſich ſchon erhoben, ihren Shawl wieder umgeworfen und ſchritt nach der kleinen, in einer Wandniſche angebrachten Thüre, welche die Bi⸗ bliothek mit ihren und Angelica's Zimmern verband. Es war gut, daß ſie ſich entfernte; in der That ſtieg der Graf die Treppe herauf. Als ſie die Hand auf den Drücker der Thüre legte, wandte ſie ihr Geſicht noch einmal zu mir zurück. Der Ausdruck des Schre⸗ gens wa „Ungerech murmeln deren Se Mir haus gerch tasmagorz wo der T reicht, da⸗ len Trieb mich in d vinig einge geſchoben. ben tanzte „Eil der Graff Ich ter mit ⸗ auf der S henden A „Wi Prächtige War im werden, b ffen.“ die⸗ Seſſel hluch⸗ beiden Habe à und zallend e hän⸗ Dieb ſentgeg⸗ Beneh⸗ die Bi⸗ eerband. at ſtieg nd auf Geſicht Schre⸗ 139 ckens war darin dem des Zornes und Haſſes gewichen. „Ungerechtes Blut ſchreit um Sühne!“ hörte ich ſie murmeln— dann war ſie entſchwunden, auf der an⸗ deren Seite der Thüre ſchob ſie den Riegel vor. Mir ſchwindelte der Kopf. War ich in ein Toll⸗ haus gerathen? Oder war das Ganze nur eine Phan⸗ tasmagorie? Zum Glück tritt in ſolchen Augenblicken, wo der Verſtand mit ſeiner Weisheit nicht mehr aus⸗ reicht, das Unbewußte in uns für ihn ein. Dem dunk⸗ len Trieb der Selbſterhaltung gehorchend, hatte ich mich in den Lehnſtuhl niedergelaſſen, den vorhin La⸗ vinia eingenommen, und die Lampe und ein Buch heran⸗ geſchoben. Leſen konnte ich freilich nicht, die Buchſta⸗ ben tanzten wirr durch einander. „Ei! Ei!“ ſagte da eintretend mit heiſerer Stimme der Graf.„Das nenn' ich fleißig, Herr Falk!“ Ich war aufgeſprungen; den ſilbernen Armleuch⸗ ter mit zwei Wachskerzen in der Hand, ſtand der Alte auf der Schwelle, das Haupt zurückgeworfen, mit ſpä⸗ henden Augen den Saal durchforſchend. „Will nicht ſtören, Beſter! Bleiben Sie ſitzen! Prächtige Octobernacht— konnte nicht einſchlafen. War im Garten hin⸗ und herſpaziert, um müde zu werden, bin aber nur munterer geworden. Sind Sie ſchon 140 lange in der Bibliothek? Hörte es wispern und ra⸗ ſcheln! Waren Sie allein?“ „Ganz allein!“ Ich log mit frecher Stirn. Zu welch' Aeußerſtem hätte vielleicht die Wahrheit geführt! Auch bezahlte ich ihn nur mit gleicher Münze. Wie er jetzt, immer noch den Armleuchter in der Hand, als ſuche er eine Spur, durch den Raum ſchlich, hier und dort an das Getäfel klopfte, hatte er etwas von einem Raubthier, das auf den Fang ausgeht. „Wünſchen Sie ein Buch? Herr Graf? Soll ich Ihnen vorleſen?“ „Es wäre geſcheidter, wenn ich Sie zu Bette ſchickte. Sollten ſich die jungen Augen ſchonen, werden noch Mancherlei im Leben damit zu ſehen haben! Toller Plunder, dieſe Welt!“ Er brummte das wie verloren vor ſich hin, ſchlich an den Büchergeſtellen vorüber, rüttelte heftig an der Tapetenthüre und kam dann wieder in die Nähe des gro⸗ ßen mittleren Tiſches, an dem ich, die Hand auf die Platte geſtützt, ſtand. Seltſam genug ſah er aus: er trug ein langes Gewand, das zwiſchen einem Kaftan und einem Hausrock etwa die Mitte hielt, von ſchwar⸗ zem Tuch, mit ſchwarzſammetnen Aufſchlägen an den Aermeln und vorderen Taſchen; von oben bis faſt zu den Knieen hinab war es zugeknöpft, mit ſilbernen iſelitten Haar ul nem Mo deutend und Erft und ſein Si „Ni ben, mei Sie nur mich unt Man des Geſch Weiſe hät „Ba Lucifer, gute Ma keine He keine Or⸗ matiſche ſchichtsph unermeßl ganz! J Darüber ander geſ⸗ in der ſchlich, etwas geht. Soll ich ſchickte. in noch Toller ſchlich an der des gro⸗ auf die aus: er Kaftan ſchwar⸗ an den faſt zu filbernen ciſelirten Knöpfen. Der graue Bart, das buſchige Haar um den mächtigen Kopf, der mir heute mit ei⸗ nem Male für ſeinen übrigen Körper zu ſtark und be⸗ deutend vorkam, gaben ihm etwas Patriarchaliſches und Erfurchterweckendes, zu dem jedoch ſeine Unruhe und ſeine ſtechenden Blicke wieder nicht ſtimmten. „Sind Sie in der That nicht müde?“ fragte er. „Nicht im mindeſten. Und damit Sie nicht glau⸗ ben, meine Höflichkeit ſpräche ſo, Herr Graf, brauchen Sie nur das Buch anzuſchauen, in deſſen Lectüre Sie mich unterbrochen haben.“ Manchmal iſt man in der That der rechte Narr des Geſchicks. Das Buch, das ich ihm vernünftiger Weiſe hätte verbergen ſollen— ich ſchob es ihm hin! „Balthaſar Bekker's bezauberte Welt! Wie, beim Lucifer, kommen Sie zu dieſem alten Tröſter? Der gute Mann hatte ganz Recht, zu beweiſen, daß es keine Hexen und keine Zauberer, keine Magie und keine Orakel gäbe, daß ſelbſt der Teufel eine proble⸗ matiſche Geſtalt wäre... Nicht war, die neuere Ge⸗ ſchichtsphiloſophie nennt das einen Culturfortſchritt von unermeßlicher Bedeutung? Bin ganz derſelben Anſicht, ganz! Alles Betrug, pfäffiſcher Betrug— nur...“ Darüber hatte er ſich niedergeſetzt, die Beine über ein⸗ ander geſchlagen und griff mit der Hand in ſeinen Bart. 142 „Zuweilen gewinnt das Leben einen überirdiſchen Schein, oder beſſer einen hölliſchen. Freilich, der gute Paſtor Bekker hat die Spur des Dämons auf Erden nicht gefunden. Der Teufel iſt ein Ariſtokrat, mit Philiſtern geht er nicht um. Aber mit Ihnen, Falk, mit Ihnen! Sie haben ſchwärmeriſche Augen, welche die Verſu⸗ chung herausfordern... Ganz, wie Miß Lavinia! Wäre ſehr neugierig, ob man vor zweihundert Jahren dieſe Dame nicht vor das peinliche Gericht gefordert hätte. Nicht als alte, ſondern als junge Hexe. Hm, was ſagen Sie?“ „Ich ſage nichts, Herr Graf, mir iſt es noch nicht eingefallen, Miß Roger auf ihr angebliches Hexen⸗ thum hin zu betrachten. Wie Sie eben bemerkten, es kommt Alles auf die Beleuchtung an.“ „Sie lächeln? Haben Sie kurioſe Gedanken? Glau⸗ ben, ich hätte ein Verhältniß mit Miß Lavinia? Wäre gar nicht übel, nur müßte man jünger ſein! Hübſches Mädchen... Bleibe dabei, halb Himmelsbraut, halb Satansbraut. He? Erſcheine Ihnen wohl wie ein alter Geck oder wie einer, der ſüßen Weines voll iſt?“ Ich verſuchte auf ſeinen Ton einzugehen.„Das anzunehmen wäre reſpectwidrig von Ihrem Vorleſer. Wenn Sie mich mit einem Lächeln kämpfen ſehen, ſo gibt es dafür einen paſſenderen Grund. Könnte nämlich wer we gehalte De „Haben Glück b abzuwan meinem noch ſch von Au Frauen weißen auf ein wären er giltigen verloren und blie als ſie Tugend von ein celt ih und ent Hat ſich laufen! ſeltſam! Schein, Paſtor m nicht hiliſtern Ihnen! e Verſu⸗ Lavinia! t Jahren gefordert re. Hm, es Hexen⸗ rkten, es ſen? Glau⸗ ſria? Wäre Hübſches raut, halb l wie ein voll iſt?“ Daa hen.„Das an Vorleſer. pfen ſehen, d. Könnte nämlich Miß Roger Sie ſo ſehen, wie ich Sie ſehe, wer weiß, ob Sie nicht von ihr für einen Hexenmeiſter gehalten würden!“ Der Graf krallte ſeine Hand feſter in den Bart. „Haben Sie mit dem Mädchen geſprochen?“ Zum Glück blieb mir die Lüge erſpart, ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er fort:„Liebe kein Geſchwätz in meinem Hauſe. Albernes Ding, dieſe Lavinia!“ Den⸗ noch ſchien er, meinem Erſtaunen gegenüber, eine Art von Aufklärung für nöthig zu finden.„Treffe das Frauenzimmer vorhin im Garten— ſie war in einen weißen Shawl eingewickelt und glich im Mondlicht auf ein Haar einem Geſpenſt. Bin neugierig, Sie wären es auch geweſen, mein Beſter, trotz Ihrer gleich⸗ giltigen Miene, und gehe ihr nach. Sie murmelte verlorene Worte vor ſich hin, plötzlich ſteht ſie ſtill und blickt ſich um. Da gab es nun ein Zetergeſchrei, als ſie mich gewahrte. Mochte meinen, ich ſtellte ihrer Tugend nach. In dieſer Hinſicht ſind die Weiber von einer unzerſtörbaren Leichtgläubigkeit, ſie ſchmei⸗ chelt ihrer Eitelkeit. Schrie alſo wie eine Beſeſſene und entfloh, als ich ſie feſthalten und beruhigen wollte. Hat ſich vielleicht gewundert, daß ich ihr nicht nachge⸗ laufen bin. Aber ſie ſprach ein Wort— ſeltſam, höchſt ſeltſam!“ Dabei ſtützte er den Kopf auf den Arm, —xJ 144 und ſchien gleichſam in ſich zuſammen zu ſinken. Nicht lange, dann lachte er grell auf.„Und Sie, Wertheſter, haben Sie nicht geſtern unter denſelben Bäumen mit Angelica geſprochen? Ja, mit den Weibern läßt man den Teufel in's Haus! Sind die beiden Mädchen vertraut miteinander?“ „Miß Roger iſt die Lehrerin und Pflegerin des Fräuleins geweſen; noch vorgeſtern rühmte das Fräu⸗ lein vor Ihnen, Herr Graf, die treue Hingabe...“ „Schnickſchnack!“ unterbrach er mich.„Hab's ver⸗ geſſen! Warum ſchließt ſich dieſe Lavinia dem Mäd⸗ chen ſo eng auf Schritt und Tritt an? Kannte ſie An⸗ gelica's Mutter? Weiß ſie etwas?“... Aergerlich über ſich ſelbſt, daß er ſeinen Gedanken einen ſo lauten Aus⸗ druck gegeben, ſchlug er auf den Tiſch und ſprang auf. „Ich will nicht, daß Angelica's Gemüth verwirrt werde!“ rief er.„Will nicht! Die Mutter iſt todt und die Sünde mit ihr. Das ſoll nicht wieder auferſtehen. Dieſe Lavinia muß aus dem Hauſe.“ Damit hatte er ſeinen Leuchter in die rechte Hand und einen Theil von Bekker’s„bezauberter Welt“ in die linke genom⸗ men.„Ich muß mich zu der Schlacht mit den Dämonen rüſten. Gute Nacht, Falk! Nun naht ſie wieder, die wilde Jagd!“ So entſtellt, mit den funkelnden Augen, den wir⸗ ren Haar⸗ wihigen iht in Boden ge Geſ gend nah geleitete e dend,„u. wüſte Na Frenzel, Nicht eriheſter, nen mit aßt man Mädchen rin des s Fräu⸗ d.. 4 abs ver⸗ in Näd⸗ e ſie An⸗ lich über ten Aus⸗ dang auf. verwirtt todt und jferſtehen mit hatte ien Theil e genom⸗ Dämonen dieder, die den wir⸗ 145 ren Haaren, mit der Haltung und Geberde eines Wahn⸗ witzigen hatte ich ihn früher noch nie geſehen, ſelbſt icht in jener ſchlimmen Nacht, wo ihn das Uebel zu Boden geworfen. Geſprochen ward zwiſchen uns nichts mehr. Schwei⸗ gend nahm ich ihm den Leuchter aus der Hand und geleitete ihn die Treppe hinab in ſein Schlafzimmer. „Gehen Sie, Falk,“ ſagte er dort mich verabſchie⸗ dend,„und verſuchen Sie zu ſchlafen, das war eine wüſte Nacht!“ Frenzel, Lebensräthſel II. — ——— Fünftes Kapitel. „Ich will nicht, daß Angelica's Gemüth verwirrt werde“, hatte er geſagt. Niemand konnte dieſen Wunſch ſehnlicher hegen als ich. Aber nach einer ſchlafloſen Nacht, in der ich Alles hin und her erwogen, hatte ich die Hoffnung auf ſeine Verwirklichung aufgegeben Wie wollte man Lavinia ohne Aufſehen aus dem Hauſe verbannen? Wenn ſie Kenntniß von einem dü⸗ ſtern Ereigniß aus der Vergangenheit der Frau Al⸗ born und des Grafen hatte, würde ſie, ſo gereizt, ſchweigen? Sich nicht durch Offenbarung des Geheim⸗ niſſes rächen? Ich redete mir ein, die Sache würde einen weniger gewaltſamen Verlauf nehmen, wenn ich ſelbſt um Alles wüßte. Dann könnte ich hier wie dort zur Ruhe rathen, ausgleichen, vor Allem das ge⸗ liebte Mädchen vor jeder unzeitigen und verletzenden — Enthü nich oder gand b auf ſi Weſens aufgeſt nicht G luft ei die Re einem früh in gewöhn pflegte. auf⸗ ſie ha Bette Himm nicht loſigke regen, ob ſie von il Die Ä verwirrt Wunſch hlafloſen n, hatte ufgegeben aus dem inem dü⸗ Frau Al⸗ gereizt, Geheim⸗ ze würde wenn ich hier wie das ge⸗ rletzenden 147 Enthüllung bewahren. Wiederum aber fürchtete ich mich vor den Geſtändniſſen, die mir etwa der Graf oder Lavinia machen möchten; Keiner von uns iſt ja ganz ohne Gewiſſensbürde, warum noch die Anderer auf ſich laden? So unluſtig, verſtimmt, zwieſpältigen Weſens wie an dieſem Morgen, war ich noch ſelten aufgeſtanden, und doch konnte ich auf meinem Lager nicht ausdauern. Ebenſowohl das Bedürfniß, in der friſchen Herbſt⸗ luft eines ſonnigen Octobermorgens aufzuathmen und die Nebel der Nacht zu verſcheuchen, als die Hoffnung, einem der beiden Mädchen zu begegnen, führte mich früh in den Garten, lange vor der Stunde, wo ich gewöhnl ich in dem Zimmer des Grafen zu erſcheinen pflegte. Ich war noch nicht oft die Kaſtanienallee auf⸗ und niedergegangen, als ich Angelica traf. Auch ſie hatte der Sonnenſchein früher als ſonſt aus dem Bette getrieben. Sorglos genoß ſie die Bläue des Himmels und freute ſich des Tages. Ich hätte es nicht vermocht, durch die kleinſte Andeutung ihre Harm⸗ loſigkeit zu trüben. Aber ohne ihr Mißtrauen zu er⸗ regen, ließ ſich im Laufe des Geſprächs die Frage thun, ob ſie zuweilen mit ihrer Begleiterin von ihrer Mutter, von ihren Verwandten in Hamburg geſprochen habe. Die Antwort war, wie ich ſie erwartet hatte. Ange⸗ 10* 148 lica konnte ſich nicht entſinnen, jemals ausführlicher mit Miß Roger von ihren Familienverhältniſſen ge⸗ ſprochen zu haben. Daß ſie eine Waiſe, die Tochter einer Engländerin und eines Hamburger Patriziers ſei, war in der Penſion Allen bekannt.„Vielleicht“, lachte Angelica,„hatte Lavinia gleich das engliſche Blut in mir geſpürt und ſich an mich wie an eine halbe Lands⸗ männin angeſchloſſen, aber es iſt dann bei dieſer ge⸗ heimnißvollen Sympathie geblieben. Lavinia ſpricht nie⸗ mals von ihren Verwandten, und ich nicht von den mei⸗ nen. Gewiß hat der Graf das arme Mädchen wieder ge⸗ neckt. Sind die Männer neugierig!“ „Diesmal bin ich es ganz allein, und in durch⸗ aus unſchuldiger Weiſe. Ein Traum...“ „Selbſt im Traum beſchäftigen Sie ſich mit uns armen Frauenzimmern, Herr Falk? Ich bin überzeugt, dieſer Traum iſt nur eine poetiſche Einkleidung Ihrer Neugierde. Doch da kommt der Gegenſtand derſelben. Soll ich ſie,“ ſetzte ſie mit anmuthiger Schalkhaftigkeit hinzu,„von Ihrem Begehren unterrichten?“ Ich brauchte nicht abzulehnen, denn Miß Roger auf uns zukommend, erinnerte ihre Pflegbefohlene gleich nach der erſten Begrüßung an einen Beſuch, den der Graf mit ihr machen wollte. Angelica, die eine plebe⸗ jiſche Ader in ſich hatte, verzog ein wenig das Geſicht, ihr lag nehme konnte detes wohnte An ſen, die war vi wie im Augen zeigten gungslo Entſchlu ren. A lief, ra er mit Ihnen Herrlich zehn J zenden ihr lag gar nichts an einer Einführung bei der vor⸗ nehmen Dame, um die es ſich handelte. Seinerſeits konnte der Graf nicht wohl umhin, ein junges, gebil⸗ detes und reiches Mädchen, das in ſeinem Hauſe wohnte, einigen Damen ſeiner Bekanntſchaft vorzuſtellen. Auf dem Antlitz Lavinia's wäre es ſchwer gewe⸗ ſen, die Erſchütterungen der Nacht zu entdecken. Sie war vielleicht um einen Grad bläſſer als gewöhnlich, wie immer trug ſie die Wimpern tief herab über die Augen geſenkt. Nur die unteren Theile ihres Geſichts zeigten gegen früher eine gewiſſe Starrheit und Re⸗ gungsloſigkeit. Offenbar hatte ſie im Nachtwachen einen Entſchluß gefaßt. Welchen? Ich ſollte es bald erfah⸗ ren. Als Angelica uns voran lachend zum Hauſe lief, raunte mir Lavinia zu:„Ich danke Ihnen. Wenn er mit dem Fräulein ausgefahren iſt, hätt' ich mit Ihnen zu reden.“ Ich nickte ihr ſchweigend zu. 3 Im Uebrigen war ſie ganz die Gouvernante oder, was ihr Verhältniß zu Angelica beſſer bezeichnet, die ältere Freundin, die im Augenblick für nichts Ande⸗ res Sinn zu haben ſchien, als die jüngere auf das Herrlichſte zu ſchmücken. Angelica hätte nicht ſieben⸗ zehn Jahre zählen müſſen, um nicht bei einer glän⸗ zenden Toilette ihre Unluſt zu vergeſſen. Während 150 die Mädchen mit dem Anzug beſchäftigt waren, ver⸗ fügte ich mich zu dem Grafen.„Heute muß der Vor⸗ leſer dem Kammerdiener den Platz räumen,“ rief er mir entgegen.„Noch eine kleine Weile Geduld, und ich werde zur Ballmutter. Sie können die„bezauberte Welt“ wieder in der Bibliothek unterbringen. Dieſer Bekker hat doch nicht tief genug in die Dinge geſchaut, war ein kahler Tropf mit Fiſchblut. An ſich iſt der Dämon ſehr harmloſer Natur, nur wenn er ſich hin— ter ein Weib ſteckt, wird er gefährlich. Hinter ein Weib, wie...“ „Dieſe Lavinia,“ ergänzte ich für mich und wollte mich verabſchieden. „Bleiben Sie im Hauſe?“ fragte er, ſich hoch in ſeinem Seſſel aufrichtend. „Ja. „Sie werden hoffentlich nicht mit Miß Roger von unſeren Nachtviſionen reden?“ fuhr er beinahe drohend fort und ſeine Hand zitterte auf der Armlehne. „Ich wüßte nicht, welches Intereſſe Miß Roger an der bezauberten Welt nehmen ſollte.“ „Oho! Könnte aber die Methodiſtin— das iſt ſie, ich wette! wenn ſie nicht gar zu den Zitterern gehört— könnte ſie nicht von ihrem Abenteuer im Garten zu ſprechen anfangen, um..“ Um da er ſo Er l 1 dr ſich „Ich Bſorgniß tigen ſuch „Ge Leuten d iht euch geſchiche Sie iht Beide un Dar er mit) Im Geſpräh Unterha Zweider Wi nia, wi tet hatt ihre mi Thräner Tiefen , ver⸗ er Vor⸗ rief er d, und auberte Dieſer geſchaut, iſt der ſich hin⸗ inter ein nd wollte hoch in oger von ſe drohend le. iß Roger das iſt Zitterern ſteuer im E n 151 „Um ſich intereſſant zu machen?“ unterbrach ich, da er ſtockte. Er lachte herzhaft.„Das iſt gut!“ Dann beſann er ſich.„Aber es iſt keine Antwort auf meine Frage.“ „Ich würde Miß Roger anhören, ihre etwaige Beſorgniß zu beruhigen und ihre Irrthümer zu berich⸗ tigen ſuchen.“ „Geredet wie Cato,“ ſpottete er.„Iſt euch jungen Leuten das Weib ſo gleichgiltig geworden oder ſtellt ihr euch nur ſo? Möchte kein Geraune, keine Ammen⸗ geſchichten Treppe auf, Treppe ab tragen hören. Sagen Sie ihr das; allein vielleicht iſt ſie klüger als wir Beide und ſchweigt.“ Damit war ich entlaſſen, eine Stunde ſpäter fuhr er mit Angelica davon. Im Grunde war es mir lieb, daß er ſelbſt ein Geſpräch zwiſchen Lavinia und mir vorausgeſetzt; unſere Unterhaltung verlor dadurch auch den Schein einer Zweideutigkeit und eines Vertrauensbruches. Wir trafen uns im Garten. Obgleich ſich Lavi⸗ nia, wie ſie eingeſtand, zu dieſer Mittheilung vorberei⸗ tet hatte, ſo ward während ihrer Erzählung doch oft ihre mühſam errungene Faſſung von Schluchzen und Thränen unterbrochen. Rechne ich zu dieſer bis in die Tiefen ihres Weſens nachzitternden Aufregung die 152 Eigenthümlichkeit ihrer Erſcheinung, das Abſonderliche ihrer Geſchichte, ſo würde auch ein kälterer Beobachter, als ich nach Allem, was vorangegangen, war, geglaubt haben, ſich unter dem Alpdruck eines ſchweren Trau⸗ mes zu befinden. Die Welt, in die ich entrückt wurde, war nicht die gewohnte, feſtgegründete Erde, ſondern ſchwebte zwiſchen Himmel und Erde. Jetzt, wo ich dieſe Dinge niederſchreibe, haben ſie freilich ihren myſtiſchen Schimmer zum größten Theil verloren; er lag in der Weiſe, der Stimme, dem Augenaufſchlag Lavinia's, bald ſprach ſie laut, in abgeriſſenen Sätzen, bald flüſternd, lange bei einem Gegenſtande verweilend, das Ganze durchzog ſich mit Bildern aus der Offen⸗ barung des Johannes und mit Sprüchen der Pſalmen. Aber auch ohne dieſen Schein enthielt die Geſchichte genug des Sinnberückenden und Schrecklichen. Ich ver⸗ ſuche ſie hier in Umriſſen wieder zu geben. Lavinia Roger hatte aus der erſten Ehe ihrer Mutter einen um viele Jahre älteren Bruder. Nach den Schilderungen der Stiefſchweſter war dieſer Wil⸗ liam Harriſon ein ebenſo begabter wie ausgezeichneter Menſch geweſen, ein rechtes Werkzeug Gottes. Mir erſchien er als eine aus Widerſprüchen zuſammenge⸗ ſetzte, gegen die Anderen wie gegen ſich ſelbſt unauf⸗ richtige Natur. Von ſeinem Vater hatte William ein nicht unbe götterte ih Geburt L als Knabe Gewalt ü haben. A Stiefrater o merkwü fährige K ſatz des ſe William beſchloß⸗ zu ſuchen. erregten A richig ver ein glühen der junge eine leiden ſchmack. das letzte die er ma Jealien, un hatte ein rung Sode nligiöſe g Peſchichte Ich ver⸗ he ihrer . Nach ſer Wil⸗ geichneter 8. Mir mmenge⸗ t unauf⸗ iam ein 153 nicht unbedeutendes Vermögen geerbt; die Mutter ver⸗ götterte ihn, auch nachdem ihre zweite Ehe und die Geburt Lavinia's ihr neue Sorgen gebracht. Schon als Knabe muß William durch ſeine Schmeichelkunſt Gewalt über Alle, die ihm nahe kamen, ausgeübt haben. Wie ſeine Mutter unterjochte er auch ſeinen Stiefvater. Dies war, nach Lavinia's Meinung, um ſo merkwürdiger, da der praktiſche, nüchterne, fünfzig⸗ jährige Kaufmann in Allem der vollkommene Gegen⸗ ſatz des ſchwärmeriſchen, leichtſinnigen Jünglings war. William hatte Neigung und Talent zur Malerei; er beſchloß, in dieſer Kunſt Ziel und Beruf ſeines Lebens zu ſuchen. Gleich die erſten Bilder, die er ausſtellte, erregten Aufſehen. Habe ich Lavinia's Beſchreibungen richtig verſtanden, ſo zeichneten ſie ſich vor Allem durch ein glühendes Colorit aus. Die Stoffe indeſſen, die der junge Mann wählte, verriethen nach meinem Gefühl eine leidende Phantaſie oder eine Verirrung des Ge⸗ ſchmacks. Bald war es die Peſt in London, bald das letzte Bacchanal der Wiedertäufer in Münſter, die er malte. Einige zwanzig Jahre alt, ging er nach Italien, um ſich in ſeiner Kunſt zu vervollkommnen; er hatte ein großes Gemälde im Kopfe, das die Zerſtö⸗ rung Sodom's und Gomorrha's darſtellen ſollte. Der religiöſe Zug in ihm, der ſich in all' ſeinen Werken 154 und Plänen offenbarte, ſchrieb ſich von den Eltern her, der Vater hatte zu einer der vielen ſchwärmeriſchen Secten England's gehört. Die Mutter hielt ſich noch dazu. Ueber William's Aufenthalt in Florenz und Rom wußte Lavinia nichts Genaueres zu berichten, eine große Verfinſterung ſeiner Seele ſei dort eingetre⸗ ten. Erſt lange nachher hatte Lavinia durch ihre Mutter von dieſen Dingen Kunde erhalten. Alles, was ſie erzählte, hatte ſich in ihrem frühen Kindes⸗ alter zugetragen, um ſo erſtaunlicher war die Anſchau⸗ lichkeit, die Ueberſpannung, mit der ſie davon ſprach. Als ob die Vorfälle, die ſie ſchilderte, ſich unmittelbar, in dieſer Stunde vor ihren Augen ereigneten! William hatte ſich dort, in Italien, einem wilden Künſtlerleben ergeben, alle ſeine religiöſen Grundſätze geopfert und ſich zuletzt leidenſchaftlich in ein ſchönes Weib verliebt. Dieſe Frau war Angelica's Mutter; Miß Alice Dixon hieß ſie damals, eine junge Engländerin, die in Rom die Bildhauerkunſt übte. Lavinia hatte ſie geſehen und beſaß noch ein kleines Paſtellbild von ihr: eine wunderbare Schönheit, für die der Name Delila, den ihr Lavinia gab, gleichſam erfunden war. In den Banden dieſes Weibes vergißt der junge Künſtler Al⸗ les, ſeine Religion, ſeine künſtleriſchen Entwürfe, er lebt nur ſeiner Liebe und verſchwendet ſein Vermögen, um den 3 kommen, gericht nie ihn die 7 lich durch Vom zurü er ſie nac ſt ſie die born. Ich tung Lab zuzweifeln mir unwid William i und Beza Will vermöge ihm Gott ſter— d nungen Loß gewe dieſem H Alicens, ſige Fül lich an2 den Eltern armeriſchen lt ſich noch lorenz und bericten t eingetre⸗ durch ihre ten. Alles, den Kindes⸗ die Anſchau⸗ von ſprach. mmittelbar, a! William ünſtlerleben eopfert und eib verliebt. Alice Dixon die in Rom ſie geſehen —n ihr: eine Delila, den ar. In den Künſtler Al⸗ Eutwürfe, er n Verwögen, 155 um den Launen Alicen's zu genügen. Wie es nun gekommen, war aus Lavinia's unzuſammenhängendem Bericht nicht recht zu erkennen; eines Tages verläß ihn die Treuloſe auf einer Reiſe, die ſie gemeinſchaft⸗ lich durch Sicilien machen, in Palermo und kehrt nach Rom zurück. Eine Krankheit hält William auf; als er ſie nach einigen Monaten in Rom wieder findet, iſt ſie die Verlobte des Hamburger Kaufmanns Al⸗ born. Ich hatte weder die Abſicht noch die Verpflich⸗ tung, Lavinia's Darſtellung zu unterbrechen und an⸗ zuzweifeln; der Fortgang der Geſchichte indeſſen ſchien mir unwiderleglich zu beweiſen, daß nicht Alice, ſondern William in dieſem unſeligen Verhältniß Verführung und Bezauberung geübt habe. William drängt ſich an Alborn und gewinnt— vermöge ſeiner geiſtigen Gaben und der Macht, die ihm Gott geſchenkt, ſo wenigſtens verſicherte die Schwe⸗ ſter— das Herz deſſelben. Vergebens ſind die War— nungen eines älteren Freundes— daß es der Graf Loß geweſen, hatte Lavinia erſt errathen, ſeit ſie in dieſem Hauſe war; vergebens die ſcheue Zurückhaltung Alicens, William wird das Haupt, der leitende gei⸗ ſtige Führer dieſes Kreiſes. Während ich unwillkür⸗ lich an Molière's Tartüffe und das Haus des armen 156 betrogenen Orgon denke, ſagte Lavinia mit dem feſten Tone unerſchütterlicher Ueberzeugung: William war ein Heiliger Gottes und vermochte mehr als ein ge⸗ wöhnlicher Menſch. Ich übergehe die Offenbarungen die ihm aus der Geiſterwelt kamen, die Beſchwörungen, die er in den Ruinen des Forums veranſtaltete, den ganzen wüſten Spuk und die myſtiſchen Verzückungen, in die William ſeine neuen Freunde zu verſenken wußte. Es war im Jahre 1851; nach der Nieder⸗ werfung der Revolution ging ein ſtarker pietiſtiſcher Strom durch die Welt. Hier kamen die Jeſuiten, dort die Spiritiſten in die Höhe. Schon hatte das Unweſen der Geiſterklopferei in den Nordſtaaten der Union um ſich gegriffen. Wie weit nun William von dem Sturm der Erweckung ergriffen, wie weit er der Betrogene, wie weit der Betrüger war, ließ ſich von mir nicht entſcheiden. Die Bedeutung ſeiner Perſön⸗ lichkeit muß groß geweſen ſein, da er ſogar einen ſo eigenartigen Character, wie ihn der Graf beſaß, ſich unterwarf und eine Zeit lang in ſeinem Banne hielt. Manche Aeußerungen des Alten, die mir bisher dunkel geblieben waren, erhielten jetzt ein überraſchendes Licht. Nur zu gut und zum eigenen Schaden hatte er die bezauberte Welt kennen gelernt. Ob William Alice und Alborn nach ihrer Ver⸗ mählung o ail ppäter nict zu ſag mit ihnen l probheten, deie Das! aner war! Satan, rief der Heiligen dem Theilne bungen, we ein Ausſpäl die dunkelſt die Frau, d als hätte ſ deren beiget eins geweſc Betrügers ren Verhält ihren Bru Heiligen hi verwickelte Veile ging Punſch. wanderung als ein ge⸗ ffenbarungen ſchwörungen, nſaltete, den Vezückungen, zu verſenken der Nieder⸗ r rietſtſcher die Jſſuiten, i hatte das rdſtaaten der William von ie weit er der lies ſich von ſeiner Perſön⸗ ogar einen ſo af beſaß, ſich — Banne hielt. bisher dunkel iſchendes Licht. hatte er die ich ihrer Ver⸗ 157 mählung ſogleich nach Hamburg begleitet hatte oder erſt ſpäter ſich wieder zu ihnen fand, wußte Lavinia nicht zu ſagen. Gewiß aber iſt, daß er in Hamburg mit ihnen lebte, daß ſich um ihn, wie um einen neuen Propheten, eine kleine Gemeinde eifriger Jünger bil⸗ dete. Das römiſche Zauberſpiel wiederholte ſich. Nur einer war nicht mehr der Alte— der Graf Loß. Der Satan, rief Lavinia, hatte ihn von der Gemeinſchaft der Heiligen losgeriſſen. Aus dem Verehrer William's, dem Theilnehmer der Geiſterbeſchwörungen und Bußü⸗ bungen, war durch irgend einen Zufall ein Spötter, ein Ausſpäher und Verächter des Heiligſten geworden. Die dunkelſte Rolle in dieſer Geſchichte ſpielte für mich die Frau, die Mutter Angelica's. Bald war es mir, als hätte ſie mit William zu der Täuſchung der An⸗ deren beigetragen; bald, als wäre ſie mit dem Grafen eins geweſen, ihren Gatten aus den Schlingen des Betrügers zu befreien. Lavinia hatte von dieſem wir⸗ ren Verhältniß keine klare Anſchauung; in der Abſicht, ihren Bruder zu vertheidigen und als fleckenloſen Heiligen hinzuſtellen, klagte ſie alle Anderen an und verwickelte ſich in die ſeltſamſten Widerſprüche. Eine Weile ging auch in Hamburg Alles nach William's Wunſch. Die Alborn's bereiteten ſich zu einer Aus⸗ wanderung nach Amerika vor. Dort ſollte ein neues 158 Reich Zion in Frömmigkeit, Freundſchaft und Güter⸗ gemeinſchaft gegründet werden. Der Frau, und na⸗ türlich Alicen zunächſt, war in dieſer neuen Gemeinde der Heiligen der erſte Platz, die Stelle einer Königin überlaſſen worden. Aber ehe der Plan mit dem gro⸗ ßen Vermögen Alborn's in's Werk geſetzt wurde, ge⸗ lang es dem Grafen, ſeinen Freund von der Verrückt⸗ heit des Unternehmens zu überzeugen, ja noch mehr ihn über die lächerliche und unwürdige Rolle aufzu⸗ klären, die ihm unter den Heiligen, gegenüber dem Propheten und der Königin, eingeräumt war. Wie⸗ der fand Lavinia nicht ſchwarze Farben genug, den Verrath des Grafen in ſeiner ganzen Häßlichkeit zu malen. Er war der böſe Geiſt ihres Bruders. Da⸗ rüber kömmt es nun zu einer hitzigen Auseinander⸗ ſetzung zwiſchen Alborn und William; wo früher die Liebe zum Guten, da legt jetzt der Haß jeden Schritt des Propheten zum Böſen aus. Mit Schimpf und Schande muß William Hamburg verlaſſen, aber er nimmt die Gattin Alborn's mit ſich. Auch hier läßt mich Lavinia im Unklaren, ob Alice ihm willig folgt oder gewaltſam von ihm entführt wird. Eines Abends, im October, es ſind gerade achtzehn Jahre her— und das Folgende vermag Lavinia aus eigener Erinnerung und Wiſſenſchaft zu erzählen— eiſceint der Nähe Bruder eine Wññ Vater iſt Mutter u. Dienſtmat Hauſe. Anordnun kende Se Rührung ſeit mehre bleibt auc Auserwäh ihm gekof erfährt beſten 3 räumt w oder aus unehrerb verbreite geweihte von übe Bruders ſame E und Güter und na⸗ len Gemeinde mmer Königin dem gro⸗ d wurde, ge⸗ der Verrückt⸗ da noch mehr e Rolle aufzu⸗ gegenüber dem it war. Wie⸗ n genug, den Iruders. Da⸗ Auseinander⸗ wo früher die jeden Schritt Schimpf und aſſen, aber er Auch hier läßt am willig ſolgt gerade achtzehn ig Lavinia aus u erzählen— 159 erſcheint in dem kleinen Landhauſe, das ihr Vater in der Nähe von Ramsgate, unweit der Küſte, beſaß, ihr Bruder William mit einer Dame. Unerwartet, wie eine Viſion, unter geheimnißvollen Umſtänden. Der Vater iſt in ſeinem Geſchäft in London; außer der Mutter und der elfjährigen Lavinia iſt nur noch eine Dienſtmagd und ein Gärtner mit ſeinem Gehilfen im Hauſe. Die Mutter iſt kränklich und ſoll nach der Arztes ſo lange als möglich die ſtär⸗ kende Seeluft genießen. Außer ſich vor Freude und Rührung über den heimgekehrten Sohn iſt die Mutter, ſeit mehreren Jahren hat ſie ihn nicht geſehen. William bleibt auch hier unter den Seinen der Heilige, der Auserwählte. Er umgibt ſich und die Dame, die mit ihm gekommen, mit einem tiefen Geheimniß. Lauſchend erfährt Lavinia, daß die Fremde Alice heißt. Die beſten Zimmer des Hauſes ſind dem Paare einge⸗ räumt worden, aber Niemand von den Hausgenoſſen oder aus der Nachbarſchaft wagt auch nur die leiſeſte unehrerbietige Aeußerung darüber. Im Gegentheil, es verbreitet ſich bald das Gerücht, daß Geiſter in dem geweihten Hauſe umgehen. Noch jetzt iſt Lavinia da⸗ daß während der Anweſenheit ihres Anordnung des von überzeugt, Bruders in jenem einſamen ſtillen Häuschen wunder⸗ ſame Erſcheinungen ſtattgefunden haben. Nur ſelten 160 kam William nach Ramsgate hinein; am liebſten machte er mit der Fremden, deren Schönheit Alle, die ſie ohne Schleier ſahen, bezauberte, Spaziergänge längs den Dünen. Oft im Mondſchein, in den ſternenhellen Herbſtnächten. Von ihrer Mutter hat Lavinia nach⸗ her erfahren, daß William mit der Dame nach Ameri⸗ ka zu reiſen gedachte; ein Ereigniß ſollte erſt ab⸗ gewartet werden. Es war nicht ſchwer zu erra⸗ then, was Lavinia's echt engliſche, falſche Scham ver⸗ ſchwieg. Da ruft ein Geſchäft, das ſeine perſönliche Ge⸗ genwart fordert, William nach der Stadt; verſtört kehrt er zurück. In den Straßen Ramsgate's iſt er dem Grafen, ſeinem unverſöhnlichen Feinde, begegnet. Nur mit Mühe iſt es William gelungen, ihm auszu⸗ weichen. Der Zuſammenhang enträthſelt ſich leicht. Statt des ſchwachen Alborn hat der entſchloſſene Graf Loß die Verfolgung William's übernommen und end⸗ lich ſeine Spur aufgefunden. Es iſt ſehr möglich, daß nicht nur die Freundſchaft zu Alborn, ſondern die Eiferſucht den Grafen zu ſeiner That angeſpornt. Ein ſchneller Entſchluß muß gefaßt werden, wenn das Paar dem Rächer entfliehen will. Aber es ſcheint, daß Alice ſich jetzt einer weiteren Flucht widerſetzt habe⸗ Der Graf weiß ihr, ſo genau ſie auch von William — D-ʒ—r—— —— bewacht de Hind ſe unruh es ein B grenzenlo wenn ſie nit Droh eine Fral häͤbiges: thigung den Wec war nicht Rauſch d Namen, William In der„ Bruders Menſchen ſen, den in glühe will ſie ſchwarze haben re das kleit erſchreckt Frenz'l, ſönliche Ge⸗ d. H ol, verſtört fate' iſt er de, begegnet. ihm auszu⸗ t ſich leicht. gloſſene Graf en und end⸗ ehr möglich, arn, ſondern angeſpornt. n, wenn das r es ſcheint, derſetzt habe von William nnnn—— n r ☛☛ — TrmrrnmeeenenʒOQA,ʒ˖:‧ 161 bewacht wird, durch einen Vertrauten einen Brief in die Hände ſpielen zu laſſen; dieſes Schreiben macht ſie unruhig, ſchwankend, unſicher. Ich vermuthe, daß es ein Brief ihres Gatten geweſen, der ihr in ſeiner grenzenloſen Liebe Verzeihung ihres Fehltritts zuſicherte, wenn ſie reuig zu ihm zurückkehrte, vielleicht verbunden mit Drohungen und Warnungen des Grafen. Daß eine Frau in Alicens Zuſtande ein friedliches wohl⸗ häbiges Daheim, auch wenn ſie es mit einer Demü⸗ thigung erkaufen mußte, den Gefahren einer Flucht, den Wechſelfällen einer unſtäten Wanderung vorzog, war nicht zu verwundern. Um ſo weniger, wenn der Rauſch der Leidenſchaft vorüber war. Des Grafen Namen, ja nur ſeiner Nationalität ward nie erwähnt, William bezeichnete ihn immer nur als den Feind. In der Phantaſie Lavinia's verſchmolz der Feind ihres Bruders mit dem böſen Feinde, dem Dämon des Menſchengeſchlechts, von dem ſie in ihrer Bibel gele⸗ ſen, den ſie ſo oft von dem Prediger ihrer Gemeinde in glühenden Höllenfarben hatte ſchildern hören. So will ſie ihn einmal in einer wilden Sturmnacht auf ſchwarzem Roß, das Feuer ſchnaubte, um das Haus haben reiten ſehen. Die furchtbaren Windſtöße, die das kleine Haus erſchütterten, ließen ſie nicht ruhen; erſchreckt war ſie aus ihrem Bettchen aufgeſprungen Frenzel, Lebensräthſel. II 11 — 162 und hatte ſich im Gebet auf die Kniee niedergeworfen. Da hört ſie mitten durch das Geheul des Sturmes und das Toben der brandenden See den ſcharfen Trab eines Pferdes, den Klang der Hufe, das Gewieher— aber ſo wiehert kein irdiſches Pferd. Vor Entſetzen ſträuben ſich dem Kinde die Haare, ſie eilt an das Fenſter, im flatternden Mantel, der wie eine rothe Feuerwolke ſchimmert, trabt ein Reiter, rieſengroß, daher; aus den Nüſtern ſeines Pferdes ſprüht Feuer, ein Funkenregen ſtäubt von den Steinen, auf die der Huf ſchlägt. Ich komme, Harriſon, ſoll er gerufen haben, ich komme! Das iſt eine kindiſche Uebertreibung, die ſich viel⸗ leicht darauf zurückführen läßt, daß Graf Loß einmal die Wohnung ſeines Gegners ausgekundſchaftet hat; er mochte, wenn alle anderen Stränge riſſen, die Frau ſeines Freundes ihrem Verführer gewaltſam entreißen wollen. Dazu ſollte es indeſſen nicht kommen, ein dunkles, ſchauerliches Ereigniß beendet Alles. Eines Tages, im Ausgang des Octobers— und drei Tage nach der Erſcheinung des geſpenſtiſchen Reiters— ver⸗ ließ William in der Mittagszeit das Haus ſeiner Mutter, zum erſten Mal wieder in heiterer Stimmung. Die Arche Noah's, ſagte er zu ſeiner Mutter, auf der — —— —— Sthwel führt ſ M u. Ei beplaut wort ul hin.„ tern an Willian „Es r. Brandu rufen? der.„ trotzig. Heilige kam die daß ſei ſam, kehrte kunf verlief Lavini auch! worden heimlig daxeworſen. Sturmes harfen Trab Hewieher— or Entſetzen eilt an das eine rothe rieſengroß, prüͤht Feuer, auf die der er gerufen die ſich viel⸗ Loß einmal ſchaftet hat. en, die Frau m entreißen kommen, ein les. Eines d drei Tage ſeiters— ver⸗ Haus ſeiner r Stimmung ſltter, auf der — 163 Schwelle, iſt flott geworden und der Geiſt Gottes führt ſie über die Waſſer der Sündfluth dahin. Mit dieſen Worten ging William nach Ramsgate zu. Eine Weile begleitete ihn Lavinia in kindlichem Geplauder. Aber er gab auf ihre Fragen keine Ant⸗ wort und murmelte nur Zahlen und Namen vor ſich hin. Plötzlich fing Lavinia an allen Gliedern zu zit⸗ tern an:„Hörſt Du nicht die Stimme, die Dich ruft, William?“ fragte ſie und hielt ihn am Rocke feſt. „Es ruft mich Niemand, es iſt das Geräuſch der Brandung.“„Könnte Dich von dorther nicht eine Stimme rufen? Iſt der Dämon nicht überall? Iaagte ſie wie⸗ der.„Ich bin mächtiger als der Feind,“ erwiderte er trotzig.„Geh' nach Hauſe. Die Wellen werden den Heiligen Gottes nicht verſchlingen.“ Als er ſo ſprach, kam die Sonne aus den Wolken und beleuchtete ihn, daß ſein Antlitz wie das eines Engels ausſah. Lang⸗ ſam, ſein kleines Herz von Kümmerniß geſchwellt, kehrte das Kind nach Hauſe zurück, ängſtlich die Heim⸗ kunft des Bruders erwartend. Und Stunde um Stunde verlief, keine brachte den Erſehnten. Die Ungeduld Lavinia's ſteckte die Mutter, die Hausgenoſſen, endlich auch Alice an. Es war darüber Spätnachmittag ge⸗ worden und dichter Nebel hüllte die Gegend ein. Un⸗ heimlich erſcholl das Getöſe der Wellen, ein dumpfes 11* grauen Mantel, der ihre ganze Geſtalt umſchloß, ein⸗ gewickelt, unten in dem gemeinſchaftlichen Zimmer des Hauſes.„Ich gehe William entgegen,“ ſagte ſie mit bebender Stimme,„ich weiß ihn zu finden.“ Lavinia entſann ſich nicht, daß einer verſucht hätte, ſie aufzuhalten. So ſchritt Alice aus dem Hauſe und war in der näch⸗ ſten Minute von dem grauen Nebel verſchlungen. Wie ein Traumbild war ſie gekommen, wie ein Traumbild entſchwand ſie. Lavinia hat weder ihren Bruder noch Alice wie⸗ dergeſehen. Nach fünf Tagen ſpülte das Meer eine ſchrecklich entſtellte Leiche an's Land. Die herbeigeru⸗ fenen Aerzte erklärten, daß ſie vielleicht dieſe ganzen fünf Tage ſchon im Waſſer gelegen. Aber nicht das Waſſer hatte den Unglücklichen getödtet, in der Bruſt trug er eine tiefe Wunde, die Stichwunde, die ein langer ſpitzer Dolch macht. An den Kleidern und der Geſtalt noch mehr, als an den Geſichszügen, die all' ihre frühere Schönheit und ihren engelhaften Glanz ver⸗ loren hatten, ward von der Mutter und dem Todten⸗ beſchauer William Harriſon erkannt. Die Wellen ha⸗ ben eine Sprache, allein wir verſtehen ſie nicht; die Wunden haben eine klagende Stimme, aber nur Gott hört ſie. Das Räthſel, das über William's Tod ſchwebte 164„ — wurde n rigjache giel. T Spur nn den Din ineſſen zu. Die über die Auskunf der und ihres un So lichkeit der Br Andern hätte, daß er Der Fe ter als Anfall Anhalt, glaubte des Ufe vinia m Brauſen ſch 95. 4 doß, ein⸗ Pummer des nitbebender fia entſann ufzuhalten. —n der näch⸗ ungen. Wie Meer eine herbeigeru. jeſe ganzen dicht das a der Bruſt de, die ein ern und der en, die all n Glanz ver⸗ dem Todten⸗ Wellen ha⸗ e nicht; die er nur Gott Tod ſchwebte ————————— — Im 165 wurde nicht enthüllt. Zwar ſtellte die Behörde man⸗ nigfache Unterſuchungen an, doch führten ſie zu keinem Ziel. Von der Dame im grauen Mantel war keine Spur mehr aufzufinden, ein Fiſcher wollte ihr in den Dünen begegnet ſein, er hätte ſie angerufen, ſie indeſſen wäre weiter geſchritten, gerade auf die See zu. Die Mutter, die vielleicht noch am genaueſten über die geheimnißvollen Beziehungen William's hätte Auskunft geben können, lag im hitzigen Fieber darnie⸗ der und ſtarb am dritten Tage nach der Beſtattung ihres unglücklichen Sohnes. So zerfloß Alles in Nebel und als einzige Wirk⸗ lichkeit blieb die Leiche mit der blutenden Wunde in der Bruſt. Die Einen glaubten an einen Mord, die Andern behaupteten, daß William ſich ſelbſt entleibt hätte, und ſie ſtützten ihre Meinung vorzüglich darauf, daß er erſichtlich an religiöſem Wahnſinn gelitten. Der Feind, von dem er gefabelt, ſei eben nichts wei⸗ ter als eine Viſion geweſen, die ihn gequält; in einem Anfall ſeiner Schwärmerei habe er ſich getödtet. Einen Anhalt, ja ein ſicheres Beweismittel für ihre Anſicht glaubten ſie in einem Dolche zu haben, der im Sand des Ufers gefunden worden war. Dieſe Waffe, La⸗ vinia mußte es zugeſtehen, hatte ihrem Bruder gehört, 9 Brauſen war in der Luft. Da erſchien Alice in einen“ 166 ſie trug die Anfangsbuchſtaben ſeines Namens auf ih⸗ rem Griffe eingegraben. Achtzehn Jahre— in wenigen Tagen erfüllt ſich die Zeit— ſind ſeit jenem ſchrecklichen Ereigniß vor⸗ übergegangen. Mancherlei Schickſale hat Lavinia erlebt, hin und her iſt ſie geworfen worden, niemals aber hat ſie den Eindruck, den damals das heranwachſende Mädchen von dieſen Seltſamkeiten empfangen, vergeſ⸗ ſen oder überwunden. Unter den traurigen Bildern, die ſie umſchweben, wird ſie kaum je ihres Lebens froh. In die Mädchenpenſion nach Mannheim iſt ſie zufäl⸗ lig gekommen. Eine alte engliſche Dame, die ſie als Geſellſchafterin begleitete, iſt dort auf der Reiſe geſtor⸗ ben. Im erſten Drange der Noth, freund⸗ und mit⸗ tellos in der Fremde, hat Lavinia die Stelle, die man ihr anbot, mit beiden Händen ergriffen. Später hat ſich ihre Lage ſehr zu ihrem Vortheil geändert, jene Dame hatte ihr im Teſtament ein nicht unbedeutendes Legat hinterlaſſen, das Lavinia's beſcheidenen Anſprüchen vollkommen genügte. Aber ſie iſt in ihrer Stellung geblieben, der Geiſt, ſagt ſie, hielt mich feſt. Nur all⸗ mählig hat ſie entdeckt, daß Angelica die Tochter Ali⸗ cens iſt, ſie empfindet eine leidenſchaftliche Liebe für das junge Mädchen. Ich vermuthe beinahe, daß ſie Angelica für das Kind ihres Bruders hält. Niemals —— ſt wih Nede get geboren un dem davon g warnt, Ahnunge als Ang geängſti ſtanden Anblick Mißtra Seele i ſtern— des zul liche,1 ten in Reiter bei R hen iſ da ha die da aufgeſ in Tod aus i gen, vergeſ⸗ ſen Bidern, Noo, T Ebens froh. t ſie zufäl⸗ die ſie als ſeiſe geſtor⸗ und mit⸗ le, die man Später hat t, jene Dame tendes Legat Anſprüchen rter Stellung ſt. Nur all⸗ Niemals 167 iſt zwiſchen ihnen beiden von der Vergangenheit die Rede geweſen; Angelica iſt erſt nach jenen Ereigniſſen geboren worden und ihre Mutter zu früh geſtorben, um dem Kinde, auch wenn ſie gewollt, eine Andeutung davon geben zu können. Arglos, aber nicht unge⸗ warnt, hat Lavinia das Haus des Grafen betreten. Ahnungen, Zeichen, Träume und Stimmen haben ſie, als Angelica die Reiſe zu ihrem Vormund beſchloß, geängſtigt, ſie hat den Ruf der Himmliſchen nicht ver⸗ ſtanden und iſt dem Drange ihrer Liebe gefolgt. Der Anblick des Grafen hat ſie gleich am erſten Tage mit Mißtrauen und Schauer erfüllt, dämmernd in ihrer Seele iſt ein furchtbares Bild aufgeſtiegen. Bis ge⸗ ſtern Nacht hat ſie es als einen Spuk des böſen Fein⸗ des zurückgewieſen, jetzt iſt ihr alles klar, eine entſetz⸗ liche, unumſtößliche Gewißheit. Sie hat ihn im Gar⸗ ten im hellen Mondſchein ſtehen geſehen, ſo ſah der Reiter auf geſpenſtigem Roß aus, der um das Haus bei Ramsgate getrabt. Und als er ihr nachgeſchli⸗ chen iſt, ſie hat umarmen wollen und„Lavinia!“ rief, da hat ſie die Stimme erkannt. Es war dieſelbe, die damals in der Sturmnacht zu ihrem Fenſter hin⸗ aufgeſchrieen: Ich komme, Harriſon! Und wie ſie in Todesangſt ſich von ihm losreißt und entflieht, ruft es aus ihrem Innern, oder iſt es eine Geiſterſtimme— 168 ſie weiß es nicht mehr— William Harriſon! Willi⸗ 1 am Harriſon! Der Alte taumelt zurück, gerade als wäre der Mondſchein, der in dieſem Augenblick dicht 1 vor ſeinen Füßen auf den Boden fällt, ein Blitzſtrahl und gibt ihr ſo Zeit zu entkommen. Wä nicht eit immer gungen Beſuch ten hinc nichts 1 ten faſt —— den Fa Mir w und ſche ſchaute, 1 ſam un res, wig unheiml enblich diht —Diitſtra Sechſtes Kapitel. Während dieſer ganzen Erzählung waren wir nicht einmal unterbrochen worden; geräuſchlos wie immer gingen die Diener im Hauſe ihren Beſchäfti⸗ gungen nach; länger, als ich vermuthet, ſpann ſich der Beſuch des Grafen mit Angelica bei ſeiner Verwand⸗ ten hinaus. Auch um uns in der Natur regte ſich nichts. Jetzt im Mittagsſonnenſchein war es im Gar⸗ ten faſt warm zu nennen. Und ſtill, man glaubte den Fall der Blätter von den Bäumen zu vernehmen. Mir war's, als ſäße ich an einem tiefen Abgrunde und ſchaute hinab und würde, je länger ich hinab⸗ ſchaute, unmerklich tiefer gezogen, die Erde wich lang⸗ ſam unter meinen Füßen. Auf dem Grunde des Mee⸗ res, wie auf dem Grunde des Lebens regen ſich tauſend unheimliche Gewalten, unheimlich und lockend zugleich. —— ————— — ——nar—] — 170 So dunkel hatte ſich noch nie die Nachtſeite des Da⸗ ſeins vor mir aufgerollt. Lavinia hatte das Wort nicht ausgeſprochen, aber es klang aus ihren Mitthei⸗ lungen nur zu deutlich heraus: der Graf iſt ein Mör⸗ der, der Mörder meines Bruders, er hat ihn in den Dünen erſtochen und die Leiche in's Meer geworfen. Und wenn ich nun auch dieſe Meinung auf die Rech⸗ nung ihrer Aufregung und Verſtörung ſetzte, es blieb noch genug des Thatſächlichen, nicht Abzuleugnenden vorhanden, um meine Klugheit und Beſonnenheit auf die härteſte Probe zu ſtellen. In ſolcher Lage iſt der Unbetheiligte am ſchlimmſten daran, ihn reißt keine Leidenſchaft zu einer raſchen That hin, zwiſchen den verſchiedenſten Entſchlüſſen ſchwankt er hin und her. Mir fiel Hamlet's Wort von der ſchlechtern Natur ein, die ſich unvorſichtig zwiſchen die entbrannten De⸗ genſpitzen von mächtigen Gegnern wirft. Wahrhaftig, wenn es nicht Angelica's Ruhe, den ganzen Himmel einer noch unſchuldigen Kinderſeele gegolten hätte, ich würde mich nicht zwiſchen den Wahnſinn des alten Grafen und den Dolch Lavinia's gedrängt haben. Das Wichtigſte mußte für mich ſein, die Abſichten des ſonderbaren Mädchens zu entdecken. Darin hatte der Graf ſchon recht, ihr Fortgang aus dem Hauſe räumte den Stein des Anſtoßes hinweg. Aber würde zuſanmen darin zu Und ich gerhandl auf ihre Erſte, ic Eindruck Schauſpi blenden, fremden und Gef ohne ein ten:„2 Graf m finden. wer ſiche der Leid klägerin dulden? ſein He 2 dtr geworfen. uf die Rech⸗ Ste, es blieb zuleugnenden nnenheit auf Lage iſt der reißt keine wiſchen den in und her. dern Natur rrannten De⸗ Wa Wa dahrhaftig, azen Himmel golten hätte, nn des alten zt haben. die Abſichten Darin hatte 3 dem Hauſe b Aber würde 474 ſie gehen wollen? Wer durfte es auf ſich nehmen, ſie gewaltſam zu entfernen? Und unter welchem Vorwand, ohne Angelica's Argwohn zu erregen? Ja, würde das junge Mädchen nicht vorziehen, mit ihrer Gouvernante zuſammen das ungaſtliche Haus zu verlaſſen, als allein darin zu bleiben? So viel Fragen, ſo viel Dornen! Und ich war gewiß der Ungeſchickteſte für eine ſolche Verhandlung. Ich dankte Lavinien für ihr Vertrauen; auf ihre Geſchichte einzugehen, erließe ſie mir für's Erſte, ich ſei zu erſchüttert. Wirklich ſchien ſie der Eindruck, den ſie gemacht, zu befriedigen. Wie die Schauſpielerin will auch die Heilige zunächſt gefallen, blenden, betäuben. Ich konnte, ohne daß ſie ein Be⸗ fremden darüber gezeigt, über das höchſt Bedenkliche und Gefährliche ihrer Mittheilungen hinweggehen und, ohne eine Meinung zu äußern, die Frage an ſie rich⸗ ten:„Was aber nun, meine theure Miß Roger? Der Graf muß Ihr Benehmen zum Mindeſten ſonderbar finden. Iſt auch Ihr Geheimniß bei mir gut gewahrt, wer ſichert Sie, daß Sie ſich nicht ſelbſt einmal in der Hitze der Leidenſchaft verrathen? Und wird der Graf eine An⸗ klägerin, wenn auch nur eine ſtumme, in ſeinem Hauſe dulden? An der Seite eines jungen Mädchens, an dem ſein Herz hängt?“ „Sein Herz?“ erwiderte ſie.„Er hat ſo we⸗ 172 nig ein Herz wie ein Gewiſſen; er liebt nur ſich.“ „Nein, Ihre Abneigung verblendet Sie. Er hat für Angelica die zärtlichſte Theilnahme, und wenn er, wie Sie erzählen, ihre Mutter geliebt hat, was iſt natürlicher, als daß er jetzt in ſeinem Alter für die Tochter ſorgt und wacht? Iſt Fräulein Alborn nicht überdies ein ſo liebenswürdiges Mädchen...“ Ich beſann mich noch zur rechten Zeit, daß meine Ge⸗ fühle für Angelica hier nicht am Platze wären, und verſchwieg, was Alles zu ihrem Lobe ſtürmiſch über meine Lippen wollte. Lavinia ſah mich mit ihrem ſchrägen Blicke an und murmelte vor ſich hin:„Ob er hier zu treffen wäre?“ Inzwiſchen hatte ich meine erſte Frage wieder aufgenommen, ob ſie einen Entſchluß gefaßt habe? Ich war peinlich überraſcht, als ſie mit feſter Stimme, ihre ganze Kraft in ihren Augen ſammelnd, antwor⸗ tete:„Gibt es eine Wahl, wenn Gott geſprochen? Die Hand des Unſichtbaren hat mich in dies Haus geleitet; was mir auch bevorſteht, ich werde auf meinem Po⸗ ſten ausharren. Mit dem Kleinſten unter uns hat Gott ein Großes vor, wir erkennen es nur nicht. Noch vor wenigen Tagen kam ich mir ſo unnütz und nichtig vor, jetzt bin ich die feurige Hand geworden, die an die „ 9 ſcreibt 0 im Trob⸗ die Untha Das und Entſac nit begnü wie bishe verſchweig ic fort: thun woh rühren. Sie haben geladen,) aber es Es iſt eir der Geda „Un Willen a Dan Wagen! uns. Lva wegen i war zu t nur ſich⸗ ie Er bu und wenn t hat, was Ulter für de Ulborn nicht aj mene Ge⸗ wäͤren, und irniſch über n Blicke an *zu treffen rage wieder ffaßt habe? ſter Stimme, lind, antwor⸗ prochen? Die aus geleitet; meinem Po⸗ ter uns hat ⁵ nur nicht. unnütz und n geworden, 173 die an die Wand dieſes Belſazar's ihr Mene Tekel ſchreibt. Zuerſt erſchrack ich vor ihm, fortan biete ich ihm Trotz. Um mich her ſtehen die Geiſter, welche die Unthat rächen!“ Das war nicht die Stimmung, der ich Vernunft und Entſagung predigen konnte. Ich mußte mich da⸗ mit begnügen, das Verſprechen von ihr zu fordern, wie bisher dieſe traurige Geſchichte dem Fräulein zu verſchweigen. Da ſie es ohne Widerſtreben gab, fuhr ich fort:„Und auch wir Beide, meine theure Miß, thun wohl am beſten, ſo bald nicht wieder daran zu rühren.„Die Rache iſt Gottes“, ſagt die Schrift. Sie haben mir ein ſchweres Geheimniß auf die Seele geladen, und ich brauche Muße, nicht es zu vergeſſen, aber es mit meinem ganzen Weſen auszugleichen. Es iſt ein fremder Tropfen in meinem Blut, ein frem⸗ der Gedanke in meinem Denken.“ „Und doch wird er fort und fort wider Ihren Willen auf Ihrer Stirn zu leſen ſein,“ ſagte ſie. Damit endete unſere Unterhaltung, wir hörten den Wagen des Grafen in den Hof fahren und trennten uns.. Lvainia's letzte Aeußerung hatte mich, gerade wegen ihrer Wahrheit, betroffen gemacht. Freilich war zu fürchten, daß ein im Mißtrauen geübter Blick, —ᷣ—ÿ—ÿ—::;:;;————————— — nxeʒadh——— — ↄ—— 174 wie der des Grafen, bald meine Wiſſenſchaft von La⸗ vinia's Geſchichte errathen würde. Bei Tiſche zog er mich zur Seite, während die Mädchen von dem Beſuche plauderten. „Etwas erfahren?“ „Nichts Sonderliches. Miß Roger gehört einer ſchwärmeriſchen Diſſenter Gemeinde an.“ „Dacht's gleich! Träume, Viſionen, Blödſinn! Aber ſehr hübſch— ſehen Sie nur, welch' ſchlanke Geſtalt! Will ſie gehen?“ „Ich fand keine Gelegenheit, Ihren Wunſch in paſſender Weiſe anzubringen, und konnte nur ſehr obenhin darauf anſpielen. Aber ſie liebt das Fräu⸗ lein zu ſehr, um ſich leicht von ihm zu trennen.“ „Verſtehe! Will den Goldfiſch nicht wieder aus dem Netz laſſen. Danke Ihnen, Falk. Macht ſich vielleicht von ſelbſt. Wenn ich ſchon der Teufel ſein ſoll, werde ich ihr die Hölle heizen!“ Im Ganzen aber war ſeine Laune eine beſſere als vor ſeiner Ausfahrt. Beweglich und von jedem Neuen leicht angeregt, wie er es war, hatte der Be⸗ ſuch, das Geſpräch mit der Dame und ihren Töchtern, zu denen er Angelica geführt, eine wohlthätige Wir⸗ kung auf ihn geübt. Auch Angelica war von der Aufnahme, die ihr zu Theil geworden, entzückt; ſie er⸗ ging ſich n. Ich w geüg gang ber ſprechen üten JIah timmmte, Grafen u In der Vule delten. 2 nachher Angelica lih und gegenübe nahm ſei an. ſagte er — „ Hand ud wenn ich erklärun die Go Hand ei zitterte; bei war ſchaft ft von La⸗ während die Kyort einer en, Blödſinn! welch ſchlanke e Punſch in inte nur ſehr ’t das Fräu⸗ drennen.“ Ft wieder aus k. Nacht ſich er Teufel ſein ne eine beſſere ind von jedem batte der Be⸗ ihren Töchtern, ohlthätige Wir⸗ war von der ückt; ſie er⸗ ging ſich mit ihm in dem Lobe ihrer neuen Bekann⸗ ten. Ich pries im Stillen das Schickſal, das Alles ſo gefügt und ihr in der fremden Stadt einen Um⸗ gang bereitete, der nicht nur ihren Wünſchen zu ent⸗ ſprechen ſchien, ſondern, was wichtiger war, beſſer zu ihren Jahren, ihrem Geſchlecht und ihrer Entwickelung ſtimmte, als das einſame Zuſammenleben mit dem Grafen und ihrer Erzieherin. In den nächſten Tagen geſchah nichts, wodurch der Vulcan ſich angekündigt hätte, auf dem wir wan⸗ delten. Der Graf beſuchte mit uns die Oper und blieb nachher noch eine Stunde mit uns zuſammen. Um Angelica bekümmerte er ſich nicht, er fand es natür⸗ lich und angemeſſen, daß ich ſie unterhielt. Lavinia gegenüber bewahrte er Ruhe und Höflichkeit, zuweilen nahm ſein Betragen ſogar die verbindlichſten Formen an.„Sie haben es mir angethan, Miß Lavinia,“ ſagte er einmal, als er eine Taſſe Thee aus ihrer Hand nahm,„und werden nicht böſe ſein dürfen, wenn ich Ihnen nächſtens in aller Form eine Liebes⸗ erklärung mache.“ Ihrer Gewohnheit nach antwortete die Gouvernante nichts darauf, aber ſie ließ ihre Hand eine Weile in der ſeinigen ruhen. Dieſe Hand zitterte; wer wollte ſagen, von welcher Erregung? Da⸗ bei warf ſie ihm einen ihrer eigenthümlichen, wie ver⸗ ——*— ——.„ —y———õ838— 1—— — ——;ʒ———— 176 ſchleierten Blicke zu, in denen ſich Myſtik und wollü⸗ ſtiger Schauer ſinnbethörend einander durchdrangen. Die heilige Thereſa oder Jeanne Guyon mögen ſo erſt die Männer und dann den Himmel angeſchaut haben. Verſuchte ſie die Macht ihrer Reize an ihm? Mir fiel — ſo thöricht und wild gingen meine Gedanken nun ſchon in der Richtung weiter, die ſie ihnen gegeben— Judith ein. Wollte ſie nach Art der jüdiſchen Heldin ſich rächen? Denn daß ſie über irgend einen unheim⸗ lichen Plan brütete, ſtand für mich über jedem Zweifel. Nur das kam in Betracht, ob es meine Pflicht ſei, ihn zu warnen. Aber wovor warnen? Vor dem Geſchick des Holofernes? Er würde mich ausgelacht haben. Welche beſtimmte Thatſache gab mir ein Recht, ein ſchutzloſes Mädchen anzuklagen? Wußte ich ihr Vertrauen nicht anders zu belohnen? Zum Glück bot er ſelbſt den Anlaß, meine Bedenklichkeiten in ſchein⸗ barer Unbefangenheit laut werden zu laſſen. Eines Abends, wir hatten im Theater„die weiße Dame“ ge⸗ hört, forderte er uns auf, Geſpenſtergeſchichten zu er⸗ zählen. Ich ſaß wie auf Kohlen, als die Reihe an Lavinia gelangte. Wenn ſie jetzt: William Harriſon! gerufen— ich glaube, ich wäre noch einmal ſo be— ſtürzt geweſen, wie der Graf. Aber ſie ſchüttelte den Kopf und entſchuldigte ſich, ſie wiſſe keine ſolche Ge⸗ —— — ſcichte. nit ſeine bei ihrer heſchwöru geiſein ſ ſprach nu in Alger Offenbart handelte. Spur da dieſen D mit Hum Nachtſtun rrhellten ſellſchaft. chen Mä hier ihr diger ge der Graf ließ es ſ Geſpenſte enttäuſch ſchichte b für ſolch Ierthum Frenzel, N und wollü⸗ durchdrangen. mögen ſo erſt eſchaut haben. m? Mir fal Gedanken nun en gegeben— diſchen Heldin einen unheim⸗ ſedem Zweifel. meine Pllicht nen? Vor dem ich ausgelacht Lußte ich ihr Zum Glück bot iten in ſchein⸗ laſſen. Eines eiße Dame“ ge⸗ eſchichten zu er⸗ 3 die Reihe an Uiam Harriſon! einmal ſo be⸗ ſie ſchüttelte den keine ſolche Ge⸗ 177 ſchichte. Trotzdem er ſeine Bitte wiederholte und ſie mit ſeinen ſtechendſten Blicken beobachtete, verharrte ſie bei ihrer Weigerung. Darauf erzählte er eine Geiſter⸗ beſchwörung im Coloſſeum zu Rom, die in ſeinem Beiſein ſtattgefunden. Er nannte keine Namen und ſprach nur von ſeinen Freunden und dem Beſchwörer im Allgemeinen. Mir war es freilich nach Lavinia's Offenbarungen nicht mehr verborgen, um wen es ſich handelte. Die Darſtellung des Grafen zeigte keine Spur davon, daß auch er einſt in tiefer Erregung an dieſen Dingen Antheil genommen, er ſchilderte jetzt mit Humor und ironiſcher Ueberlegenheit die einſame Nachtſtunde, den öden, wüſten, vom Mondlicht matt erhellten Ort, die wunderlich zuſammengewürfelte Ge⸗ ſellſchaft. Beſchworen wurde der Geiſt einer chriſtli⸗ chen Märtyrerin, die in der Verfolgung des Decius hier ihren Tod unter den Krallen und Zähnen der Tiger gefunden haben ſollte. Als guter Erzähler trat der Graf ganz hinter ſeine Figuren zurück und über⸗ ließ es ſeinen Zuhörern, ob ſie an die Echtheit ſeines Geſpenſtes glauben wollten, ob nicht. Doch ſchaute er enttäuſcht auf, als Angelica, nachdem er ſeine Ge⸗ ſchichte beendigt hatte, ſagte:„Ich habe keinen Sinn für ſolche Geſchichten; entweder laufen ſie auf einen Irrthum oder einen Betrug hinaus, und dann erſchein Frenzel, Lebensräthſel II. 12 —————— ·q—y— — 178 mir der Geiſterſeher ſowohl wie das Geſpenſt im ko⸗ miſchen Licht, oder es bleibt in ihnen, wie jetzt in Ih⸗ rer Erzählung, lieber Oheim, ein Unerklärliches zurück, das mich nur beunruhigt, aber weder erhebt noch er⸗ ſchüttert. Zwiſchen mir und dem Unſichtbaren giebt es als Verbindungsglied nicht einmal das Gefühl des Grauens, ich fürchte mich viel mehr vor den unermeß⸗ lichen Abgründen des Himmels in ſternenhellen Nächten, als vor allen Geſpenſtern, die zwiſchen Himmel und Erde ihr Weſen treiben.“ Wir Beide— er und ich— blieben noch am Tiſche ſitzen, als die Damen gegangen waren. „Wie das ſchwätzt!“ brummte er.„So ſicher, ſo ſchneidig! Schöne Jugend das; lauter Phyſik und Chemie! In der einen Hand das Teleskop, in der andern das Mikroskop! Daß die Theologie und die Philoſophie darüber in die Brüche gehen“— er rieb ſich vergnügt die Hände und kicherte in ſich hinein—„das freut mich! Aber um die Poeſie iſt's ſchade, und— geben Sie Acht, Falk!— die erliſcht noch eher! Wie dieſer Backfiſch das Jenſeits beiſeite ſchiebt, als wär's ein zerriſſenes Ballkleid von geſtern! Wenn das ihre Mutter gehört!“ „Darin aber werden Sie doch dem Fräulein Recht geben, daß alle dieſe wahren oder angeblichen Offen⸗ — harung ſtimmem ſie ſich Wahxh Ueberze ſchwerl Falle, 1 „ ſeiner unruhit das G. „8 licher Der He erkann zu reiz liches 4 ner fr 1 länderi 6s ſo penſt im ko⸗ tejett in Ib⸗ kliches zurück, bebt noch er⸗ lbaren giebt às Gcfühl des den unermeß⸗ hellen Nächten, dimmel und eben noch am waren. „So ſicher, ſo ar Phyſik und — er rieb ſich hinein—„das ſchade, und— wiebt, als wärs Wenn das ihre nn Fräulein Recht barungen aus der Geiſterwelt nur aufregen und ver⸗ ſtimmen. Aus natürlichem Selbſterhaltungstriebe ſetzt ſie ſich dagegen. Selbſt wenn die letzte und höchſte Wahrheit nicht unerforſchlich wäre, wie ſie es meiner Ueberzeugung nach iſt, auf dieſem Wege wird ſie doch ſchwerlich erkundet. Die Geſpenſter ſind in jedem Falle eine Trübung des Lichts.“ „Und inſofern war der Alte ein Dummkopf, mit ſeiner Geſchichte vorzurücken! Das Kind könnte eine unruhige Nacht haben und trotz ſeines Plappermauls das Gruſeln bekommen; das wollen Sie doch ſagen.“ „Das Kind wird ſchon für ſich ſelbſt ſorgen, bedenk⸗ licher ſcheint mir die Sache mit Miß Roger zu ſtehen. Der Herr Graf haben zuerſt den viſionären Zug in ihr erkannt, vorſichtig war es doch nicht, ihn noch mehr zu reizen.“ „Hm! Das läßt ſich hören! In der That, ſie zitterte ein paar Mal bei der dummen Geſchichte.“ „Vielleicht,“ wagte ich mich heraus,„hat ſie Aehn⸗ liches erlebt oder erfahren.“ „Oho! Das iſt Original! Kein Drama nach ei⸗ ner franzöſiſchen Idee!“ „Sie ſagten, daß mehrere Engländer und Eng⸗ länderinnen zugegen geweſen wären, Herr Graf; liegt es ſo ganz außerhalb der Wahrſcheinlichkeit, daß 12* 180 Miß Roger mit einem von ihnen zuſammengetroffen und...“ Er ließ mich nicht vollenden, mit einem Satz war er aufgeſprungen und ſtand vor mir. Zwei Ge⸗ walten kämpften in ihm; der Drang, ſich mitzutheilen und die Furcht, ſich zu verrathen. Als er die Hände auf dem Rücken verſchränkte, hatte die letztere geſiegt. „Nein,“ ſagte er vor ſich hin.„Warum die Sache nicht mit ihr ſelbſt zu Ende bringen?“ Er ging lang⸗ ſamen Schrittes, den Kopf geſenkt, durch das Zimmer. „He, Falk, haben Sie ſich ſchon einmal geſchlagen?“ fragte er, ohne mich anzuſehen oder in ſeinem Gange inne zu halten. „Als Student mit Commilitonen dreimal. Ich trage noch eine Narbe davon auf der Stirn.“ „Spielerei! Im Ernſt, auf Tod und Leben, mein ich?“ „Auch das. Der Herr Graf wiſſen es ja, daß ich bei dem Sturm auf die Düppeler Schanzen war.“ „Richtig! Sind etwas von einem Helden! Wür⸗ den ſich Ihrer Haut wehren und Ihren Feind erſchla⸗ gen, ihn in's Meer, in die Oſtſee werfen“... Wie gebannt ſtand er ſtill und ſtarrte vor ſich nieder.„Ich hab' einen verrückten Einfall. Wenn wir Doppel⸗ hochzeit hielten? Sie nehmen Angelica, ich Lavinia mo m et die Hände edtere geſtegt. die Sache t ging lang— das 9 Zimmer. geſchlagen 2 einem Gange dreimal. Ich drn.“ und Leben, en es ja, daß chanzen war.“ Helden! Wür⸗ Feind erſchla⸗ 1.. Mie c nieder.„Ich Doppel⸗ ich Lavinia ... Morgen muß es entſchieden ſein! Sie muß aus dem Hauſe oder— lachen Sie doch, Marinelli!“— und nun lachte er ſelbſt ſchaurig wild auf—„ich heirathe die Hexe, um ſie zu zähmen!“ Siebentes Kapitel. Der folgende Tag iſt, ſo weit ich mein Leben bis zu dieſer Stunde überſchauen kann, der entſcheidendſte meines Daſeins geworden. Nicht, als wir zum Sturm auf die Düppeler Schanzen antraten im Morgengrauen, als der Kanonendonner und der Trommelwirbel uns das Zeichen zum Angriff gaben, hat mein Herz ſtärker gepocht. Dieſer Tag hat mir... aber ich will dem Gang der Creigniſſe, wie ſie ſich ſtufenweiſe entwickel⸗ ten, nicht vorgreifen. Heiter, wie nun ſchon ſeit einer Woche, ging die Sonne auf; Jeder im Hauſe that, was er zu thun gewöhnt war; es war eben ein Tag wie alle Tage. Den wunderſamen Reden des Grafen pflegte ich ſchon längſt keinen Ernſt und keine Wirk⸗ lichkeit beizulegen, ſeine Phantaſie und ſein Humor liebten dieſe Sprünge, ſie waren für ihn eine Art gelliger Ende mc galett w daß el ſobald 6 auf⸗ als llüſterte tober!“ nur ein 8 ſeine S finden. Ringen Gegner⸗ faſt ve war d Morde dem 3 Erklä erklär nicht Nach vinig Begle ein Leben bis ntſcheidendſte zum Sturm a Herz ſtärker ich will dem eiſe entwickel⸗ on ſeit einer „Hauſe that, bben ein Tag n des Grafen keine Wik⸗ ſein Humor 7 ihn eine Art geiſtiger Seiltänzerkunſt. Daß er mit Lavinien ein Ende machen wollte, hatte er wiederholt verſichert, und zuletzt war alles beim Alten geblieben. Ich glaubte, daß er auch diesmal ſeinen Entſchluß ändern würde, ſobald er ſie ſühe. Darum nahm ich es gleichmüthig auf, als mir Lavinia mit ihrer Sibyllenſtimme zu⸗ flüſterte:„Heute iſt der Jahrestag, der dreizehnte Oc⸗ tober!“ Mir flößte das Schickſal William Harriſon's nur eine mäßige Theilnahme ein; ſo unverdient, wie ſeine Schweſter, konnte ich ſein unſeliges Ende nicht finden. Auch hatten die Worte des Grafen von einem Ringen Bruſt an Bruſt im ehrlichen Kampfe mit einem Gegner, bis man ihn niederwirft, der Geſchichte eine faſt vollſtändige Aufklärung gegeben. Ohne Schuld war der Graf nicht, aber eines feigen, hinterliſtigen Mordes ſchien er mir unfähig zu ſein. Gerade in dem Plötzlichen, Unfreiwilligen und Ungeſuchten ſeiner Erklärung lag meiner Empfindung nach ihre Wahrheit. Die erſte Ahnung, daß ſich dennoch etwas vor⸗ bereitete, ſtieg in mir auf, als der Graf bei Tiſche erklärte: er ſei leidend und werde uns dieſen Abend nicht wie bisher in das Opernhaus begleiten können. Nachher, als ſei es verabredet worden, bat auch La⸗ winia das Fräulein, ſie zu entſchuldigen und auf ihre Begleitung zu verzichten.„Und ich habe mich ſo ſehr 184 auf dieſe Vorſtellung gefreut, ſo ſehr!“ ſagte Angelica zwiſchen Mißmuth und Betrübniß. „Aber von Dir iſt ja nicht die Rede,“ meinte der Alte und ſtrich ihr über die Haare.„Sollſt Deinen Don Juan hören! Wünſche aber, daß Dir kein Ver⸗ führer von Sevilla je begegnen möge. Herr Falk iſt das Gegentheil Don Juan's, er kann Dich begleiten. Der Wagen führt Euch hin und holt Euch ab. Miß Lavinia, darf ich Ihnen ein Gläschen Sherry ein⸗ ſchenken? Hält Leib und Seele zuſammen, wie wir ſagen Namentlich im Nebel, und heute bekommen wir noch einen engliſchen Nebel. In ſolchem Wetter, mein Kind, pflegten die Götter bei uns ſpazieren zu gehen. Curioſe Paſſion, das! Im Nebel! Wo man nicht weiß, faßt man in die Luft nach der Freya oder hat man unvorſichtig das Fell des Höllenwolfs berührt!“ Ich will es nur bekennen, die Ausſicht, den Abend allein mit Angelica zu verbringen, machte mich für alles Andere taub und blind. In der Selbſtſucht meiner Leidenſchaft hatte ich nur Augen für die einzig Eine, und als ich ſie bei dem Vorſchlage des Oheims freudig lächeln ſah, ſchimmerte für mich ein ganzer Himmel voll Sonnenſchein in ihrem Geſichte. Meinet⸗ wegen hätte ſich jetzt über die Anderen ein Sturm⸗ wetter ohne Gleichen ausſchütten können, ich wäre ————— wältigend wiegten! ich es je aus. Un unwiderrt wie der( lichts, w Viel zu lung, es zenden f ihr auf zu werd ſeeliſcher als wer lichkeit Bei auf, da e Angelie meinte neinte der ollſt De Minen ir kein V 84 — 292- er⸗ rr Falk it begleiten. at. Miß Sberrg ein⸗ nen, wie wir bekommen wir — 21. B. x Wetter, mein eren zu gehen. do man nicht reya oder hat f. olfs berührt!“ cht, den Abend chte mich für er Selbſtſucht für die einzig ſe des Oheims ich ein ganzer ſichte. Meintt⸗ an ein Sturm⸗ nen, ich wäre 185 kaum davon gerührt worden; für mich war in Angelica's blauen Augen Freude und Frühling. Im Hauſe war Alles bis zu unſerer Abfahrt im alten Geleiſe gegan⸗ gen. Wir beide ſaßen im Wagen ſtumm neben ein⸗ ander; von dem, was mir das Herz bewegte, durfte ich nicht reden und ihr hielt wohl ein ähnliches Ge⸗ fühl den Mund geſchloſſen. In ſolchen Stimmungen beweiſt die Muſik ſo recht ihre göttliche, zugleich über⸗ wältigende und heilende Kraft. Mozart's Melodien wiegten uns in ein ſüßes Selbſtvergeſſen; beſſer, als ich es je vermocht, ſprachen ſie meine Empfindungen aus. Und dabei waren es keine harten, unbeugſamen, unwiderruflichen Worte, es war etwas Unfaßbares, wie der Geſang der Nachtigallen, wie der Strom des Lichts, wie der Duft, der von Roſenbüſchen her weht. Viel zu kurz für meinen Wunſch dauerte die Vorſtel⸗ lung, es hatte eben ſo viel des Neuen wie des Rei⸗ zenden für mich, an ihrer Seite zu ſitzen, jetzt von ihr auf eine Schönheit des Werkes aufmerkſam gemacht zu werden, jetzt ſie auf eine andere hinzuweiſen; ein ſeeliſcher Austauſch, der uns näher zu einander brachte, als wenn wir Monate lang in gleichgiltiger Alltäg⸗ lichkeit neben einander hingelebt. Bei dem Hinausgehen aus dem Theater fiel mir auf, daß der Diener, der uns zum Wagen führen 186 ſollte, nicht zu entdecken war. Angelica hatte kein Arg, ſie wandelte noch in Mozart's Zaubergarten. Doch wurde meine Sorge ebenſo ſchnell, wie ſie auf⸗ geſtiegen war, wieder zerſtreut. In der Nähe des Opernhauſes war eine große Feuersbrunſt ausgebrochen, die Wagen konnten durch die abgeſperrten Straßen nicht herankommen, wir hätten einen Umweg machen müſſen, um zu ihnen zu gelangen, und ſelbſt dann wäre es noch unſicher geweſen, ob wir in dem wüſten Durcheinander und dem gefährlichen Gedränge den unſrigen gefunden.„Ach,“ ſagte Angelica raſch ent⸗ ſchloſſen,„wozu uns bemühen, Herr Falk? Wir kom⸗ men viel beſſer zu Fuß fort, ſo weit iſt es ja nicht bis zu unſerem Hauſe.“ So ſchritten wir Arm in Arm, feſt aneinander geſchloſſen, durch den Nebel dahin. Eine wunderſame Wanderung; phantaſtiſch glühten die rothen Fackeln der Feuerwehr, die mit ihren Spritzen hin und her raſſelte, die Lichter der Laternen wie einzelne verlorene ſchimmernde Punkte durch den grauen dichten Nebel⸗ ſchleier; weithin über uns flammte röthlich der Himmel von dem Wiederſchein des großen Feuers. Zu gewal⸗ tiger Höhe wuchſen in dieſem eigenthümlichen Halb⸗ dunkel die ſtattlichen Gebäude der königlichen Paläſte, der Wache, des Zeughauſes, der Kirchen und Muſeen, die hier liegen 1wl 1 vohnten Form ütben und gro dj der alten in gwiſchenee fannt und und linfärnend Polken Da trunſt eilte, eingeſchlagen antronnen un ſamen Platze rennten uns kät am jenſe Wie ſo 1 an ſich! In uns die M erzen verſ ütter. B waren es itzt nicht m geregte We lodiſchen K und beſänf bat hatte f 1 hatte kein Raubergarten. „die ſie auf⸗ et Nähe des d ſelbſt dann n dem wüſten Gedränge den liea raſch ent— alk? Wir kom⸗ ſt es ja nicht feſt aneinander ne wunderſame rothen Fackeln n bin und her o zelne verlorene dichten Rebel lich der Himmel ers. Zu gewal⸗ fümlichen Halb⸗ glichen Paläſte, en und Muſeen, die hier liegen, auf; ihre mir ſo bekannten und ge⸗ wohnten Formen ſchienen ſich im Nebel zu ungeheuer⸗ lichen und grotesken zu verwandeln. Gingen wir noch auf der alten feſtgegründeten Erde, oder waren wir in ein Zwiſchenreich entrückt, zu ſeligen Geiſtern, uner⸗ kannt und unvernommen von der tobenden, ſchreienden dahinſtürmenden Menge umher, und ſchwebten in den Wolken? Da Alles zu dem Schauſpiel der Feuers⸗ bbrunſt eilte, wir aber die entgegengeſetzte Richtung eingeſchlagen hatten, ſo waren wir bald dem Gewühl entronnen und auf einem ſtillen, beinahe ganz ein⸗ ſamen Platze angekommen. Der Fluß und die Brücke trennten uns von der harten und traurigen Wirklich⸗ keit am jenſeitigen Ufer. Wie ſo nichtig, ſo unbedeutend war dieſer Zufall an ſich! In der erhöhten Stinmung jedoch, in die uns die Muſik und das ungeſtüme Wallen unſerer Herzen verſetzt hatte, erſchien er wie ein Geſchenk der Götter. Was wir ſprachen, waren es Ausrufungen, waren es zuſammenhängende Sätze— ich wüßte es jetzt nicht mehr zu erzählen. Der einmal in uns an⸗ geregte Wellenſchlag der Empfindung ſetzte ſich in me⸗ lodiſchen Klängen fort. Denn es klang berauſchend und beſänftigend wie Muſik, was ſie ſagte. Schein⸗ bar hatte ſich nichts in unſerem Verhältniß geändert, 188 und doch wurde es mit jedem Schritte, den wir tha⸗ ten, mit jedem Worte, das wir wechſelten, ein anderes. Eine lange Weile mochten wir ſo— das Gefühl der fortrückenden Zeit beſtand nicht für uns— auf⸗ und niedergehend von vielen Dingen geredet haben, hinter denen allen doch ein Unausgeſprochenes lag, als Angelica plötzlich inne hielt und mit beklommener Stimme ſagte:„Wir müſſen wohl an die Heimkehr denken und doch fürchte ich mich davor.“ „Was iſt Ihnen?“ „Es geht etwas im Hauſe um, ich vermöchte es nicht zu beſchreiben. Aber der Oheim hat einen ſo ſeltſamen Blick und Lavinia ein ſo ſcheues Weſen... Ach, Herr Falk, Sie ſind der Einzige, zu dem ich ein aufrichtiges, ein herzliches und rückhaltloſes Vertrauen habe. Mit Ihnen könnte ich durch die ganze Welt ziehen. Wie eine Schweſter“, ſetzte ſie dann raſch hinzu, um das allzu leidenſchaftliche Wort vor ſich ſelbſt zu rechtfertigen. „Bewahren Sie mir dies köſtliche Vertrauen, Fräulein Angelica,“ war Alles, was ich in der Freude meines Herzens darauf erwidern konnte. „Nicht wahr,“ hub ſie wieder an,„es hat einen Streit zwiſchen dem Oheim und Miß Lavinia gegeben? Was hat ſie ihm nur gethan, daß er ſie kränkt und erſvctet⸗ A 1 obabüh mn deſe Su und die bäßlichel und gläubigen, 8 Aus vl Verd Gerade dier potten, ſind s dem Gra der Seele u beſtzen, die gewähren. nit Miß R güſe, und, raſtiſche Ge „Das Oheim zu Kinderjahr ſuchen. A an ihn, Freund, Jett bere unterbrach hiße ſein den en, ein anderes. das Gefühl r uns— auf geredet hab ſprochenes b en, Iſt 6 nit bellommener N d Go ddie Heimkehr ſch vermöchte 6s n hat einen ſo nues Weſen.. zu dem ich ein tloſes Verttauen die ganze Welt ſie dann raſch Vort vor ſich iche Vertrauen, in der Freude „„es hat einen ravinia gegeben! ſie kränkt und vit th. ſwverſpottet? Wenn es in ſeinen Augen eine Sünde iſt, 189 in Gebetbüchern und in der Bibel zu leſen, ſo ſchadet ihm dieſe Sünde doch nicht. Iſt die Ausſchließlichkeit und die Verdammungsſucht der Ungläubigen nicht noch häßlicher und beklagenswerther, als der Hochmuth der Gläubigen, Herr Falk?“ Aus vollſter Ueberzeugung gab ich ihr Recht. „Gerade die“, ſagte ich,„die am lauteſten ihrer Ketten ſpotten, ſind aber darum noch nicht frei. So ergeht es dem Grafen; er ſpielt den Freigeiſt, ohne die Ruhe der Seele und die Klarheit der Weltanſchauung zu beſitzen, die allein einen Anſpruch auf dieſen Namen gewähren. Darum hoffe ich noch immer, daß er ſich mit Miß Roger verſtändigen wird, beide ſind reli⸗ giöſe, und, wenn Sie mir dies Urtheil erlauben, phan⸗ taſtiſche Gemüther.“ „SDas iſt's!“ nickte ſie mir zu.„Ich habe den Oheim zu wenig und zu oberflächlich gekannt, von den Kinderjahren her, aus gelegentlichen flüchtigen Be⸗ ſuchen. Auf ihrem Sterbebette hat mich meine Mutter an ihn, als an ihren treueſten und zuverläſſigſten Freund, gewieſen. Daran habe ich mich gehalten. Jetzt bereue ich faſt, daß ich zu ihm gekommen. Nein,“ unterbrach ſie ſich ſelbſt in ſchöner Aufwallung,„das hieße ſeine Güte mißachten und Sie kränken. Bei 190 alledem iſt dieſe Reiſe ein großes Glück für mich ge⸗ weſen, ſie hat mich mit Ihnen bekannt gemacht.“ Nun folgte ein Austauſch jener zärtlichen Betheu⸗ erungen, in denen ſchüchterne Liebe ſich zaghaft aus⸗ ſpricht. Eine Weile war der Gegenſtand, der das Geſpräch angeregt, von uns beiden wie vergeſſen. Wir tauſchten nur ſchöne Hoffnungen und Wünſche aus, daß dies Zuſammenſein nicht grauſam zerriſſen werden, daß im Gegentheil das Schickſal noch viele Tage an die ſo heiter und genußreich entflohenen reihen möge. „Ich habe es mir ſo reizend ausgemalt,“ ſagte ſie, „in Ihrer Geſellſchaft den Genfer See zu beſuchen. Welche Spaziergänge werden wir an ſeinen entzücken⸗ den Ufern machen! Wie lebhaft werden Sie uns die großen Schatten Rouſſeau's und Lord Byron's her⸗ aufbeſchwören! Wie glorreich wird es ſein, auf den ſchneeigen Gipfeln die Sonne untergehen zu ſehen!“ Das Bild war zu herrlich und zu lieblich, als daß ich es zu zerſtören gewagt hätte. Wie die glän⸗ zendſte Fata Morgana ſchwebte es verlockend vor mir her. „Und da ſollte,“ rief ſie,„der Oheim mit ſeinen Geſpenſtergeſchichten oder Miß Lavinia mit ihren Ge⸗ betbüchern ſtörend dazwiſchen fahren! Nein! Sie müſ⸗ ſen uns unſer Vergnügen laſſen, Herr Falk, laſſen vit ihnen onnigt tane Furc beide wolle gen, mit! danſ⸗ in n ale bergehen! Dari ſill geſtan dem Hau da lag es leuchteten des Vorh zes traur „Rt Hand ei nes?" fr weithin, Freude h „S des Leb unwillkiü „A und tre 5 1 für mich ge gemacht.“ ttlichen B etheu⸗ lS heu⸗ — zaghaft aus⸗ dand, der das vergeſſen. Wir Mün Vunſche ans, erriſſen 2. werden, diele Tage an n reihen mäge AIt 4 T alt,“) f ſagte ſie, ee zu beſuchen. ſeinen entzücken⸗ ain Sie uns die d Byronss her⸗ ſein, auf den en zu ſehen!“ zu lieblich, als Wie die glän⸗ verlockend vor eim mit ſeinen mit ihren Ge⸗ ein! Sie müſ⸗ aur Falk, laſſen wir ihnen das ihrige. Ich habe kein Herz für die Frömmigkeit Lavinia's und vor den Geiſtern des Oheims keine Furcht. Und Sie denken darüber wie ich. Wir beide wollen eine Verſchwörung ſchließen und ſie zwin⸗ gen, mit uns abzureiſen. Sind wir nur erſt aus dem Hauſe, in der freien, weiten Welt, wie bald werden da alle Geſpenſter als Nebelſtreifen im Sonnenlicht vergehen!“ Darüber waren wir nun doch, wie oft wir auch ſtill geſtanden, wie langſam wir vorwärts geſchritten, dem Hauſe in der Johannisgaſſe näher gekommen. Da lag es jenſeits der Ziegelmauer, mit ſeinen hell er⸗ leuchteten Fenſtern, zwiſchen den entblätterten Bäumen des Vorhofs hervorſchimmernd, und trotz dieſes Glan⸗ zes traurig, einſam und finſter. „Iſt es nicht ein Bild des Reichthums in der Hand eines harten, ſtolzen und unzugänglichen Man⸗ nes?“ fragte Angelica.„Es glänzt Alles um ihn her, weithin, aber in ſeiner Seele iſt es dunkel und die Freude bleibt ihm fern.“ „Sie haben es getroffen; die Freude, der Genuß des Lebens iſt ihm ferne geblieben“, ſagte ich beinahe unwillkürlich aus meiner Gemüthsſtimmung heraus. „Aber warum? Beſitzt er doch ſo viele würdige und treffliche Eigenſchaften, um ſelbſt glücklich zu ſein 192 und das Glück ſeiner Umgebung zu machen! Wie mit einem kalten Schauer weht es mich von da drüben her an! Was lauert nur in dem Schatten? Ein Un⸗ glück oder...“ „Eine Schuld.“ Hatte ſie das verhängnißvolle Wort geſprochen, war es mir über die Lippen geſchlüpft? Das junge Mädchen blickte mich mit ſeinen blauen Augen groß und ſcharf an...„Wir aber bleiben zuſammen,“ ſagte ſie zwiſchen Bitte und Befehl,„was auch ge⸗ ſchehen möge. Geben Sie mir die Hand darauf.“ Und als ich ihr meine Rechte reichte und nun ihre ſchmale, zarte und doch feſte Hand in der meinen lag, warf ſie den Kopf mit jenem Ausdruck des Trotzes und des Stolzes zurück, der ihr eigenthümlich war und ſie über ihre Jahre erhob.„Meine Verwandten,“ flüſterte ſie mir leiſe zu,„haben ſich allerlei über den alten Mann in die Ohren geraunt, aber die Hambur⸗ ger Kaufleute können einen preußiſchen Grafen nicht leiden. Ich glaube nichts Böſes von ihm; und an Ihrer Seite, was hätte ich auch da zu fürchten?“ Welch' ein beſeligendes Geſtändniß für mich ſchlum⸗ merte in dieſer Aeußerung! Inzwiſchen war die Klingel gezogen, die Pforte geöffnet worden.„Gott ſei Dank,“ ſagte der Diener, —— duß die Pagen iſt und vir be ränge zl wir die D „Auf wo ſie rech vill nur J nit Lavini örafen bei zum Theet Währ blieb ich ſaales, di um zu be um dem auch ihr thet tönte der alte er dies öf lich auffal Frenzel, L hen! M. Tee mit n da diü üben Ein Un⸗ ¹ Reſprochen 27 D. as dunge a Augen groß n zuſammen, à was auch g. d dar rauf.“ cte und nun der meinen ch des Trotzes nthümlich war Verwandten,“ erlei über den t die Hambur⸗ Grafen nicht ihm; und an fürchten?“ für mich ſchlum⸗ en, die Pforte ate der Diener, 193 „daß die jungen Herrſchaften wieder da ſind. Der Wagen iſt ſchon ſeit einer halben Stunde eingefahren und wir beſorgten, Sie möchten in dem heilloſen Ge⸗ dränge zu Schaden gekommen ſein.“ „Hat der Graf nach uns— nach dem Fräulein gefragt?“ „Nein, er iſt in der Bibliothek.“ Dabei war nichts Befremdliches; ruhig ſtiegen wir die Treppe hinan. „Auf Wiederſehen!“ ſagte Angelica im Corridor, wo ſie rechter, ich linker Hand zu gehen hatte.„Ich will nur Mantel und Hut ablegen und ſehen, wie es mit Lavinia's Kopfſchmerzen ſteht. Ich werde den Grafen bei ſeinen Büchern ſtören und ihn hinunter zum Theetiſch führen.“ Während ſie leichtfüßig den Gang entlang eilte, blieb ich einen Augenblick vor der Thüre des Bücher⸗ ſaales, die der Treppe gerade gegenüber lag. Nicht, um zu belauſchen, was etwa darin vorginge, ſondern um dem geliebten Mädchen nachzuſchauen, bis mir auch ihr Schattenbild entſchwunden. Aus der Biblio⸗ thek tönte ein dumpfes Summen und Singen, als ob der alte Herr ſich ſelber eine Tragödie vorleſe. Da er dies öfter zu thun pflegte, konnte es mir nicht ſonder⸗ lich auffallen. Um ſo mehr ſtutzte ich, als mir bei dem Frenzel, Lebensräthſel. II. 194 Eintritt in mein Zimmer der Kammerdiener mit be⸗ ſorgtem Geſicht, den Finger auf dem Mund, um mir Schweigen oder doch Behutſamkeit zu empfehlen, ent⸗ gegenkam. „Was iſt vorgefallen?“ forſchte ich leiſe. „Ach, Herr Falk“, antwortete er,„es gibt wieder eine ſchlimme Nacht. Kaum hatten ſie mit dem Fräu⸗ lein das Haus verlaſſen, ſo iſt der Herr Graf durch ſeine Zimmer wie ein Verſtörter hin und her gerannt, hat laut vor ſich hin geredet, wüſtes Zeug, in allerlei Sprachen, engliſch und italieniſch durcheinander. Dann hat er zu ſingen angefangen und dazwiſchen die wun⸗ derlichſten Fragen an mich gerichtet. Ich ſaß wie immer ruhig auf meinem Stuhl im Vorzimmer, er hatte alle Thüren aufgeriſſen und ſtürmte durch die ganze Flucht der Gemächer. Plötzlich blieb er vor mir ſtehen, lachte— Sie wiſſen ja, wie er lacht, man weiß nicht recht, iſt's vor Vergnügen oder aus Bosheit— und fragte mich: ob ich an Gott glaube? An den Teufel, an Himmel und Hölle? Aber er wartete gar keine Antwort ab.„Haſt Du ſchon ein Geſpenſt geſehen?“ rief er.„Möchte Dir einmal eins zeigen, alter Kerl? Wette, Du kröcheſt unter den Tiſch!“ Und ſang und pfiff und rannte vorüber. Vor zwei Stunden ging er in die Bibliothek; ich beſorgte, das Uebel könne in aitrete mn auf d vn Kamin uſammen, gten, ſo ſh nir die gro aſtößt, we p ſonderba ſchloſſenen aber auch! dauern, ehe fann! Da f und ſitze nu⸗ geihen, ich Ich be daß er kein lheil meine lungsweiſe auf dieſer ich das letz thelſaal ſti meinem B gen Raum voten aufc Aus d die 9. Mner mit be⸗ h fund, um mir empfehlen, ent⸗ leiſe. gitt wieder mit dem Fräu⸗ err Graf durch nd her gerannt, Heug, in allerlei einander. Dann riſchen die wun⸗ Ich ſaß wie Vorzimmer, er ie durch die ganze rvor mir ſtehen, man weiß nicht Bosheit— und artete gar keine leſpenſt geſehen?“ igen, alter Kerl? Und ſang und ei Stunden ging das Uebel könne An den Teufel, ihn antreten, und folgte ihm. Er hieß mich die Ker⸗ zen auf dem Tiſche anzünden und neue Kohlen in den Kamin werfen. Darauf zog er die Augenbrauen zuſammen, ſah mich an, winkte— da mußt' ich wohl gehen, ſo ſchwer es mir wurde. Ich hörte ihn hinter mir die große Thüre abſchließen. Wenn ihm etwas zuſtößt, wenn er ſich ein Leid zugefügt, er ſchaute ſo ſonderbar umher— und nun iſt er hinter der ver⸗ ſchloſſenen Thüre ſicher! Vor jeder Ueberraſchung ſicher, aber auch von jeder Hülfe getrennt! Wie lange wird's dauern, ehe man im Nothfall die Thüre aufbrechen kann! Da faßte ich mir ein Herz, öffnete Ihre Zimmer und ſitze nun hier und horche... Sie werden's ver⸗ zeihen, ich wußte mir keinen andern Rath.“ Ich beruhigte den guten Mann und verſicherte, daß er keiner Verzeihung bedürfe, ſondern im Gegen⸗ theil meinen und des Grafen Dank für ſeine Hand⸗ lungsweiſe verdiene. Von den drei Zimmern, die mir auf dieſer Seite des Hauſes angewieſen waren, pflegte ich das letzte in der Reihe, das dicht an den Biblio⸗ thekſaal ſtieß, als Schlafzimmer zu benützen. Hier vor meinem Bett, das durch einen Vorhang von den übri⸗ gen Raum getrennt war, hatte der Diener ſeinen Wacht⸗ poſten aufgeſchlagen. Aus dem Saal tönte das halblaute, eigenthümliche 13* 196 Geſumme; konnte ich zunächſt auch kein Wort verſte⸗ hen, ſo machte ſich doch ein gewiſſes rhythmiſches Element, ein gleichmäßiges Heben und Fallenlaſſen der Stimme vernehmlich.— Horch! winkte ich dem Diener, der mir auf den Zehen nachgeſchlichen war. Ich unterſchied zwei Stimmen; nun wurde die eine voller und ſtärker, es war die des Grafen, die andere zitterte, es war etwas wie ein nervöſes Schluchzen und Weinen darin— ich legte mein Ohr an die Wand; es war Lavinia's Stimme. Eine Indiscretion ward durch unſer Lauſchen nicht begangen, ſie laſen ſich gegenſeitig Pſalmen und Gebete in engliſcher Sprache vor, der Graf las den einen, Lavinia den andern Vers. Dies bedeutete ich dem Diener, der mich geſpannt anſchaute, um meine Meinung über den Vorfall zu erfahren, und beſchied ihn dann, nach den Gemächern ſeines Herrn hinun⸗ terzugehen;„ich hoffe“, ſetzte ich hinzu,„bald mit dem Grafen ſelbſt nachzukommen.“ „Geb's der Himmel,“ antwortete der treue Mann. „Der Graf lieſt die Bibel. Zwölf Jahre diene ich ihm nun, aber das Buch hat er niemals von allen ſeinen Büchern in die Hand genommen. Der Graf lieſt in der Bibel! Das bedeutet ein Unglück! Mei⸗ nen der Herr Falk nicht auch, daß ich den Wagen anſpannen lg ſ kann, we 3ch wei geſcheid auf Diener aus 1 auf den Thü gbnung ſollt der andern der Gewalt, und Liſt hatt Unſtand verf iand Angelie ſenen Thüre. unſchlüſſig. eine andere ſtummt, Lat immer kräfti das Bebend nun vernehr auf weißem deſſen Munſ beiden zu e wwechſelt un batung des Äb und zu un wurde die des Grafen, ein nervöſes egte mein Dhr m lle. lunſer Lauſchen Pſalmen und Graf las den 8 bedeutete ich aute, um meine en, und beſchied à Herm hinun⸗ „bald mit dem der treue Mann. zahre diene ich 1s von allen nen. Der Graf Unglück! Mei⸗ ich den Wagen 197 anſpannen laſſe, damit der Gottfried den Doctor ho⸗ len kann, wenn's losbricht?“ Ich weiß nicht mehr, ob ich einen beſtimmten Beſcheid auf die Frage gegeben; kaum aber war der Diener aus meinem Zimmer, ſo legte ich meine Hand auf den Thürgriff zu dem Bücherſaal. Meine bange Ahnung ſollte ſich nicht täuſchen, die Thüre war von der andern Seite verriegelt. Wenn er ſchon unter der Gewalt einer fixen Idee handelte, ſeine Klugheit und Liſt hatte der Graf noch nicht eingebüßt. Dieſer Umſtand verſtärkte noch meine Unruhe, wahrſcheinlich ſtand Angelica jetzt ebenſo wie ich vor einer verſchloſ⸗ ſenen Thüre. Eine Weile verharrte ich ſo ſtill und unſchlüſſig. Drinnen hatte die ſeltſame Unterhaltung eine andere Wendung genommen, der Graf war ver⸗ ſtummt, Lavinia las allein. Ihre Stimme wurde immer kräftiger und ſtärker, ganz und gar hatte ſie das Bebende verloren. Aus einzelnen Worten, die nun vernehmlich an mein Ohr ſchlugen, von dem Reiter auf weißem Pferde, der mit Gerechtigkeit ſtreitet, aus deſſen Munde ein ſcharfes Schwert geht, damit die Heiden zu erſchlagen, erkannte ich, daß ſie den Text gewechſelt und ſtatt der Gebete ein Capitel der Offen⸗ barung des Johannes las. Dazwiſchen ließ der Alte ab und zu einen heiſeren Ruf oder ein kurzes, in⸗ 198 grimmiges Lachen erſchallen. Unter anderen Umſtän⸗ den wäre dem Allen nicht die geringſte Bedeutung beizulegen geweſen, bei der Reizbarkeit des Grafen, bei ſeiner unglücklichen Anlage zu Ausbrüchen des Wahnſinns und zur Geiſterſeherei aber erhielt dies Zu⸗ ſammenſein mit einem Mädchen, das er haßte und fürch⸗ tete, einen Anſchein des Unheimlichen und Dämoniſchen. Mich überfiel eine tiefe Bangigkeit. Durch ein Hin⸗ und Herrücken der Stühle ſuchte ich mich den Beiden bemerklich zu machen und die phantaſtiſche Lectüre zu unterbrechen. Vergebens, Lavinia las fort mit erhobener Stimme; ſo ſehr ſtand meine Phantaſie nun auch ſchon un⸗ ter dem magiſchen Einfluß, daß mir dieſe Stimme dumpf und mächtig, wie aus einer Wetterwolke heraus ein grollender Donner, klang. Zugleich war es mir, als dränge aus der Bibliothek ein ſtarker betäubender Wohl⸗ geruch, wie von vielem Ambra und Weihrauch, und fingen an, auch mich mit ſeinem Dampfe einzuhüllen. Sollten ſie, fuhr es mir durch den Sinn, in allem Ernſt eine Geiſterbeſchwörung vorhaben oder ſich durch künſtliche Mittel in einen Zuſtand der Extaſe, wie die Heiligen des Mittelalters, verſetzen wollen? Ich klopfte entſchloſſen an die Thüre, eins⸗, zwei⸗, dreimal, immer ſtärker, fieberhafter. „Es klopft!“ ſchrie der Graf auf. Jus Lo dn Tiſch z „Poſee Sind nicht gurnthor ſh ainem Blute 5o kalt? N Hohlen 9 „Deffne „Ich bin es er mit Nac ic davor mit der Schrei Dieſer en, das O Sie mußte zimmer au ſie in Gefg Imblick erſc licht nach durchzuckten aus meine fand zum Vandniſche cerſaal m den Umſtän⸗ Ideutung des Grafen, brüchen des hielt dies Zu⸗ zte und fürch⸗ Dämoniſchen urch ein Hin⸗ den Beiden Ce Qa. ſhe Lectüre zu 4 tmit erhobener auch ſchon un⸗ — † timme dumpf ke heraus ein ar es mir, als fubender Wohl⸗ Peihrauch, und pfe einzuhüllen. Pinn, in allem oder ſich durch Ertaſe, wie die en? Ich klopfte dreimal, immer 199 Aus Lavinia's Hand ſchien die Bibel ſchwer auf den Tiſch zu fallen. „Poſſen!“ lachte der Alte grell und ſpöttiſch. „Sind nicht im Theater, Miß, wo Macduff an das Burgthor ſchlägt... Als der gute König Duncan in ſeinem Blute ſchwamm. Warum iſt es ſo finſter hier? So kalt? Mich friert! Schütten Sie Kohlen auf, mehr Kohlen!“ „Oeffnen Sie!“ rief ich, und wollte hinzufügen: „Ich bin es, Herr Graf!“... Aber dazwiſchen ſchrie er mit Macbeths Worten:„Iſt das ein Dolch, den ich da vor mir ſehe?“ und ein durchdringender, herzbrechen⸗ der Schrei erſcholl. Dieſer Schrei... Angelica hatte ihn ausgeſto⸗ ßen, das Ohr eines Liebenden war nicht zu täuſchen. Sie mußte Gelegenheit gefunden haben, von ihrem Zimmer aus in die Bibliothek einzudringen. Schwebte ſie in Gefahr? War ſie durch einen unerwarteten Anblick erſchreckt worden? Brauchte ſie meine Hülfe? Nicht nach einander, ſondern wie ein einziger Blitz durchzuckten mich dieſe Gedanken. Und ſchon war ich aus meinem Gemache über den Corridor hingeeilt, fand zum Glück ihre Zimmer offen und ſtand in der Wandniſche, welche durch eine Tapetenthüre den Bü⸗ cherſaal mit denſelben in Verbindung ſetzte; hierher 200 war in jener Nacht, die mir das Räthſel des Hauſes zu enthüllen angefangen, Lavinia geflüchtet. Seit ich Angelica's Schrei vernommen, mochten bis zu meinem Erſcheinen in der Bibliothek noch nicht drei Minuten vergangen ſein. Mich jetzt, nach ſo manchem Jahre, in die wild⸗ bewegte Stimmung jener Stunde zu verſetzen, iſt bei⸗ nahe unmöglich, in zu tiefem Widerſpruch ſteht meine gegenwärtige Lage zu der damaligen. Aber das Bild ſelbſt, das ſich meinen Blicken darbot, hat ſich mir mit unverlöſchlichen Farben eingeprägt. In die Kniee geſunken lag Angelica auf der Schwelle der Niſche; ſie hatte wohl einen Augenblick hinter dem Vorhang, der dieſelbe ſchloß, lauſchend ge⸗ ſtanden, denn ſie hielt ihn noch krampfhaft mit der Hand feſt. Als ſie meine Schritte hörte, als ich rief: „Ich bin's, Angelica, ein Freund!“ ſprang ſie auf und warf ſich mit jener ſtürmiſchen Empfindung, in der Angſt und Freude ſich um die Herrſchaft ſtreiten, an meine Bruſt:„Retten Sie mich, ſie ſind wahnſin⸗ nig!“ Zwei Stufen führten von der Niſche in den Saal herab, wir konnten ihn ſeiner ganzen Länge nach über⸗ ſchauen. Gerade gegenüber im Kamin glühten die Kohlen, und ein dunkelrother Schimmer verbreitete ſich von ihrem auer dun nin die ü richt angen reißen der ausgeblaſe den große T gachskerze ſer dämme⸗ chen damg die auf de Ambra und mach. Mi nen wäre, in einem w blonde Ha beſtieten S wärts vor den die ſch verzierte W melte Wo heftig und der mit d ſtand. J fiel ein S den funkel do des Hauſes — Seit ich zu meinem rei Minuten in die wildd⸗ (den, iſt bei⸗ ſteht meine Iber das. der das Vild hat ſich mir llca auf der n Augenblick ſtreiten, an d ſind wahnſin⸗ in den Saal ge nach über⸗ ten die Koblen, ſich von ihrem 201 Feuer durch den Raum. Hatten der Graf und Lavi⸗ nia die übrigen Lichter ausgelöſcht, waren ſie gar nicht angezündet worden, hatte ſie beim haſtigen Auf⸗ reißen der Thüre und des Vorhangs ein Windzug ausgeblaſen; nur auf dem ſilbernen Armleuchter auf dem großen Tiſch in der Mitte brannten die vier Wachskerzen mit ihrem ſtillen, matten Licht. In die⸗ ſer dämmerigen Beleuchtung ſchwebten grauweiſe Wölk⸗ chen dampfend hin und her; in einer Rauchpfanne, die auf dem Geſims des Kamins ſtand, verbrannte Ambra und erfüllte mit ſeinem Duft das ganze Ge⸗ mach. Mit einem Antlitz, das wie von Stein erſchie⸗ nen wäre, wenn nicht die Augen unheimlich geblitzt, in einem weißen, lang niederwallenden Gewande, das blonde Haar von einem blauen, mit goldenen Sternen beſäeten Stirnband feſtgehalten, ſtand Lavinia ſeit⸗ wärts vom Tiſch, in den beiden hocherhobenen Hän⸗ den die ſchwere, mit ſilbernen Buckeln und Beſchlägen verzierte Bibel. Ihre Lippen bewegten ſich, ſie mur⸗ melte Worte, die uns unverſtändlich blieben, und ſchien heftig und gewaltſam auf den Grafen einzuſprechen, der mit der einen Schulter gegen den Kamin gelehnt ſtand. In ſeiner Rechten blitzte ein Meſſer, zuweilen fiel ein Schimmer von den rothglühenden Kohlen über den funkelnden Stahl. Sein mächtiger Kopf mit der 202 Fülle weißen Haares ſchaute aus den Rauchwolken, die ihn umſpielten, hin und wieder von einem röthli⸗ chen Schein ſeitwärts getroffen, geſpenſtiſch, wie ein heidniſches Götterhaupt, hervor. Beide waren wie abweſend, wie Verzückte; während ſie Worte ohne Sinn vor ſich hinredete, blickte er ſtarr in's Leere, als müſſe ſich daraus ein Etwas, eine Geſtalt erheben, die bis jetzt nur in ſeiner Erinnerung lebendig war. So, habe ich mir ſpäter immer gedacht, muß der ausſchauen, dem eine Viſion, ein Geſpenſt ſich zeigt. Auch für einen kälteren und vor Allem unbetheiligten Betrachter würde der Anblick dieſer beiden Perſonen ſein Ergrei⸗ fendes gehabt haben, wie viel mehr für mich, der durch ſo manche Beziehungen mit ihnen verbunden war und das Geſchick eines geliebten Weſens ſo innig mit ihren Schickſalen verknüpft ſah. Als Angelica ſich aufſchreiend in meine Arme warf und wie vor einem furchtbaren Schauſpiel ihr Geſicht an meiner Bruſt verbarg, hatte ihre Hand den Vorhang losgelaſſen und er war vor uns niederge⸗ rauſcht. Leicht möglich, daß Lavinia wie der Graf das Ganze, das ſo plötzlich gekommen und wieder entſchwun⸗ den war, für eine Erſcheinung hielten. „Das war der ſchöne Dämon, der Dich zum Morde verlockt“, rief Lavinia mit erhohener Stimme. ſe mit be „Iſt der Alte a auf mich Sein daß ich heftigen aber hatt der falſch feurigen und ſchler Das gleich gli wollte ſich druchwolka, inem röthli c, wir ein waren wie ohne Sinn er als müſſe den, die bis r. So, habe ausſchauen, Auch für en Betrachter ſein Ergrei⸗ b, der durch en war und ng mit ihren meine Arme chauſpiel ihr zre Hand den ms niederge⸗ der Graf das er entſchwun⸗ er Dich zum ener Stimme. —ᷣ—ÿ—;;ę’—’⏑—ÿ—;—ᷣ—LD˖BD’— 203 „Nun iſt er dahingegangen vor dem Hauch des Herrn, in den Abgrund, Dir voran!“ „Mache nicht ſolch' ein Geſicht, wie der Zaube⸗ rer“, ſchrie er dazwiſchen,„ſonſt biſt Du des Todes!“ Was ſie darauf entgegnete, hörte ich nicht; ſanft hatte ich die Geliebte zurückgedrängt, riß den Vorhang wieder auf und ſprang mit einem Satz über die Stu⸗ fen in den Saal. „Was iſt das, Herr Graf?“ rief ich.„Kommen Sie zur Beſinnung, Lavinia!“ „William! William! der Rächer iſt da!“ So eilte ſie mir beſinnungslos entgegen, eine Nachtwandlerin. „Iſt er da? So ſoll er wiederum ſterben!“ ſchrie der Alte auf und ſtürzte ſich mit geſchwungenem Dolch auf mich los. Seine Bewegung war ſo plötzlich und gewaltſam, daß ich gerade noch den Arm erheben konnte, dem heftigen Stoße zu begegnen. In demſelben Augenblick aber hatte ſich Lavinia umgewandt und rief:„Und der falſche Prophet und das Thier wurden in den feurigen Pfuhl geworfen, der mit Schwefel brannte!“ und ſchleuderte die Bibel auf ihn. Das Buch ſtreifte dem Raſenden den Kopf, zu⸗ gleich glitt ſein Fuß auf der Decke aus, er ſchwankte, wollte ſich aufrecht halten, griff in die Luft und nach 204 dem Dolch, der dabei ſeiner Hand entfiel, taſtend, ſtürzte er kopfüber zuſammen. Es war doch, als wäre mit ſeinem Falle eine Wolke vor uns zerronnen, ein Schleier von unſeren Augen genommen worden. Die Dinge traten wieder in ihrer natürlichen Form und Farbe aus dem Nebel hervor. Schnell hatte ſich Angelica aus ihrer erſten Beſtürzung zu ihrer gewohnten Entſchloſſenheit geſam⸗ melt. Sie ſah nur, daß ich aufrecht geblieben, eilte zur Hauptthüre des Saales, ſchob den Riegel zurück und rief in den Corridor hinaus nach Hülfe. Die friſche Luftſtrömung drang in den überheißen Raum mit be⸗ lebender Macht und zertheilte die betäubenden Weih⸗ rauchwolken. Ich war neben dem Grafen niederge⸗ kniet und ſuchte ihn aufzurichten. Dabei merkte ich erſt, daß mich ſein Dolch in den rechten Oberarm ge⸗ troffen, das Blut rieſelte aus dem Aermel. In einer Ecke lag Lavinia auf den Knieen und betete; von ihrem Geſicht war auch nicht das Geringſte zu erken⸗ nen, ganz hielt ſie es mit ihren Händen und Haaren bedeckt. Mit Hülfe der Diener trugen wir den Grafen hinunter und brachten ihn auf ſein Bett. Erſt dort ſchlug er, wie aus einer tiefen Betäubung erwachend, die Augen auf. Er ſtierte uns der Reihe nach an, ſhien entt nicht unte und watf wunde, d geſchlagen, nenen Ech fir wußte birurgiſch mir einen mir den? erſt ſahen, Ruhe und ſtimmen w edler hilfr der allgen ſes ergriff bei all i Sorge zu ihre Lipp Augen. d. taſtend, Fall eine on unſeren den wieder dem Nebel ihrr„n wier erſten aheit geſan⸗ Kn, elte zur zurück und Die friſche aum mit be⸗ enden Weih⸗ en niederge⸗ ( merkte ich Oberarm ge⸗ 1. In einer betete; von ſte zu erken⸗ und Haaren den Grafen t. Erſt dort g erwachend, lihe nach an, ſchien enttäuſcht, daß er das Geſicht, welches er ſuchte, nicht unter uns fand, ſtieß ein häßliches Lachen aus und warf ſich auf die andere Seite. Aus einer Stirn⸗ wunde, die er ſich entweder bei ſeinem Niederfallen geſchlagen, oder die ihm eine der ſpitzen, ſilberbeſchla⸗ genen Ecken der Bibel zugefügt, blutete er ſtark. Da⸗ für wußte der Kammerdiener Rath; er beſaß einige chirurgiſche Kunſtgriffe und legte dem Grafen wie mir einen erſten Verband an. Der ſcharfe Dolch hatte mir den Aermel zerſchnitten und war, was wir jetzt erſt ſahen, tief in das Fleiſch eingedrungen. Mit einer Ruhe und Feſtigkeit, die nicht recht zu ihrer Jugend ſtimmen wollte und ihr doch wieder einen neuen Reiz edler hilfreicher Weiblichkeit verlieh, hatte Angelica in der allgemeinen Verwirrung das Regiment des Hau⸗ ſes ergriffen. Nur im Vorübergehen flüſterte ſie mir, bei all' ihrer Geſchäftigkeit, ein Wort der liebenden Sorge zu— und beſſer, beredter und rührender als ihre Lippen ſprachen ihre guten, treuen und klugen Augen. —— ——— — Achtes Kapitel. Ich lebte der Hoffnung, daß ſich mit dieſer Kata⸗ ſtrophe der ganze Bann, der auf uns gelegen, ohne weiteren Zwiſchenfall löſen würde. Nach dem wunder⸗ lichen Schauſpiel, deſſen Zeugin ſie ſgeweſen, konnte Angelica jene traurige Irrung aus dem Leben ihrer Mutter nicht mehr verſchwiegen werden, aber ich traute mir Ueberlegung genug zu, ſie ihr in der ſchonendſten Weiſe mitzutheilen. Denn wenn es mir nur zu gewiß iſt, daß nicht unſer Wille, ſondern die Dinge und Zuſtände um uns mit ihren unberechenbaren Einflüſſen, durch die Richtung, die ſie unſeren Wünſchen geben, durch die Folgen, die ſie an jedes unſerer Worte, an jede unſerer Thaten knüpfen, unſer Schickſal machen: wie hätte ich die Verirrung einer Frau nicht milde beurtheilen ſollen, die unter der ſtärkſten aller ſeeliſchen gewalten handelt 3 fen ließ ſ ſinnen, 8 den lehten aus dieſe wurde ich des Arzte Grafen, fähtlich! chen zu ſ im äußer da Angeli fügte ich Obe geraume Schrecken Stille ein ich woll geſchloſſe aufrecht Schweig ich mit Liebe m „Was al dieſer Kata⸗ llegen, ohne dem wunder⸗ eſen, konnte Leben ihrer ber ich traute ſchonendſten gur zu gewiß Dinge und ſee Einflüſſen, unſchen geben, r Worte, an icſal machen: nicht milde aller ſeeliſchen Gewalten, unter religiöſer Schwärmerei, weniger ge⸗ handelt als gelitten? Während der Krankheit des Gra⸗ fen ließ ſich dann auch ein ſchicklicher Vorwand er⸗ ſinnen, Lavinia zu verabſchieden; ſie ſelbſt mußte nach den letzten Scenen nichts ſehnlicher wünſchen, als ſich aus dieſem Hauſe zu entfernen. In ſolchen Gedanken wurde ich nicht wenig durch das bedenkliche Geſicht des Arztes überraſcht. Er bezeichnete den Zuſtand des Grafen, der wild durcheinander phantaſirte, als ge⸗ fährlich und erklärte, während der Nacht bei ihm wa⸗ chen zu wollen. Auch mich forderte er zur Ruhe auf, im äußerſten Falle werde er mich rufen laſſen, und da Angelica ihre Bitten mit ſeinem Befehle vereinigte, fügte ich mich. Oben in der Bibliothek ſaßen wir beide noch eine geraume. Weile zuſammen. Nach dem Lärm und Schrecken, die eben das Haus durchtobt, war die tiefſte Stille eingetreten. Von Lavinia keine Spur, ſie hatte ſich wohl in ihr Zimmer begeben und jeden Zugang geſchloſſen. Die Kraft der Pflicht, die bisher Angelica aufrecht erhalten, ließ nach, ſie brach in Thränen aus. Schweigend ſaßen wir Hand in Hand, dann verſuchte ich mit tröſtendem Zuſpruch ſie aufzurichten. Die Liebe mußte aus mir ſprechen und ihre Wunder thun. „Was auch kommen mag“, flüſterte ſie,„ich habe Dich!“ 208 —„Wir haben uns gefunden“, fiel ich ein Mit dem vollen Glücksbewußtſein ihrer Jugend und ihrer ſicheren Lebensſtellung fing ſie nun ſelbſt an, meine Beſorgniſſe wegzulächeln. In dieſem ſüßen Geplauder dachte ſie nicht daran, tiefer in die Dinge einzudringen; ihrer Klarheit und Reinheit war jedes Dunkle und Ver⸗ worrene verhaßt, und ohne ſich bewußt Rechenſchaft darüber zu geben, ſcheute ſie davor zurück. Die nieder⸗ brennenden Kerzen mahnten uns endlich zum Aufbruch und zur Trennung, aber der Bund unſerer Herzen war geſchloſſen. In der Morgendämmerung, wie es verabredet worden, ging ich in das Krankenzimmer, um den Arzt abzulöſen.„Ich fürchte“, ſagte er,„der Graf hat eine Gehirnerſchütterung gehabt, von der er ſich ſchwer er⸗ holen wird. Er litt immer an Geiſtesſtörungen, aber ſie pflegten raſch vorüberzugehen. Jetzt iſt das Leiden durch den unglücklichen Fall complicirt worden. Ja, die excentriſchen Köpfe! Sie erheben ſich wohl über die Welt der Philiſter und über die Proſa des Alltags⸗ lebens, aber um welchen Preis!“ Der Mann hatte leicht abſprechen, ihm hatte nie⸗ mals das Unendliche, das ewig Schöne und der Drang nach Wahrheit die Seele bewegt und erſchüttert. Ich hatte die Stelle des Arztes an dem Lager iſt denn ja in e bunden. 2 Bibliot nicht a Da wi Dumm für zw weg, verr. üd ner W D mich ſp Frenze . dle und Ver⸗ Rechenſchaft Dio ne die nidder zum Auſbruch ſſerer Herzen s verabredet um den Argt Graf hat eine ich ſchwer er⸗ brungen, aber iſt das Leiden worden. Ja, ch wohl über des Alltags⸗ lihm hatte nie⸗ öne und der und erſchüttert. n dem Lager 209 des Alten eingenommen. Sein Puls ging im Fieber, doch weniger unruhig und zuckend als in der Nacht. Mir beſtätigten ſich nur meine früheren Beobachtungen über ihn, daß nämlich zwei Gewalten ſich in ihm be⸗ kämpften. Sein Verſtand rang gleichſam im Verein mit ſeiner geſunden körperlichen Natur wider die Wahn⸗ gebilde, die ihn zu umnachten drohten. Nach einiger Anſtrengung erkannte er mich. „Sie ſind's, Falk! Wüſte Nacht geſtern. He, was iſt denn mit Ihrem Arm?“ fragte er.„Tragen ihn ja in einer Schlinge? Und mein Kopf iſt auch ver⸗ bunden. Haben wir uns geprügelt?“ „Sie ſind geſtern gefallen, Herr Graf.“ „Ja ſo, ich glitt aus. Es war ſo dunkel in der Bibliothek. Dann ſind Sie gekommen... Sie, war nicht auch Angelica dabei?“ „Wir kamen beide gerade aus dem Theater.“ „Richtig, aus Don Juan! Ich erinnere mich. Da wird zuletzt auch der ſteinerne Comthur lebendig. Dummes Zeug das, aber herrliche Muſik! Namentlich für zwei Verliebte. Warum wenden Sie das Geſicht weg, Falk? Der Doctor hat Ihnen geſagt, ich bin verrückt! Der Doctor iſt ein berühmtes Licht in ſei⸗ ner Wiſſenſchaft, aber er iſt ein Eſel, wenn er über mich ſpricht.“ Frenzel, Lebensräthſel II. 14 210 Er nahm etwas Nahrung zu ſich und ſchien ein⸗ zuſchlummern. Ganz ſeiner Behauptung gemäß, die Natur muß ſich durch Schlaf helfen. Leider dauerte dieſer Halbſchlummer nicht lange. „Falk“, fuhr er in die Höhe,„Sie haben mir nicht die Wahrheit geſagt. Ich ſelbſt habe Ihnen die Wunde beigebracht mit einem Meſſer... Ich hielt Sie für einen... Holla, wo iſt der Dolch geblieben?“ Seine Augen fingen zu rollen an, er ballte die Hände. Der Arzt hatte uns die Weiſung gegeben, ſo lange als möglich auf alle ſeine Wünſche einzugehen und vor Allem ihm nicht zu widerſprechen. „Ich habe ihn an mich genommen.“ „Aha, Sie wollen ein Andenken von mir haben 1 „Nein, ich wollte die Ciſelirung genauer unter⸗ ſuchen. Es iſt Mailänder Arbeit aus dem Anfang der Renaiſſance.“ „Wer weiß, aus welchem Grabe ihn William... Hm, kannten Sie einen gewiſſen Harriſon?“ Was antworten? Hier war guter Rath theuer. „Haben Sie uns neulich nicht von ihm erzählt?“ „Ich? Ach, die Geſchichte von der Geiſterbeſchwö⸗ rung auf dem Forum...“ „Die mich wieder Ihre große Kenntniß des Alter⸗ thums ih ei 2 7 das 9 und d begegn mir ne firtiniſ nes gu ſamme dies V Jahre Falk, fufüi einer k ATr d ſcien ein⸗ gemäß, die eider dauerte t haben mir nbe Ihnen die Ic hielt Sie h geblieben?“ alle die hände. ben, ſo lange m wit haben!“ genauer unter⸗ s dem Anfang lihn William... ſon?“ ler Rath theuer. erzählt?“ Geiſterbeſchwö⸗ untniß des Alter⸗ thums und Ihre poetiſche Gabe bewundern ließ“, ſagte ich einlenkend. „Sie halten das Ganze für Erfindung...“ „Halb Wahrheit, halb Dichtung. Ein Verſuch, das Abſolute im Spiegel des Endlichen aufzufangen.“ „Auf der Jagd nach dem Ewigen ſind wir, ich und der arme Narr Alborn, jenem William Harriſon begegnet. Ein eigenthümlicher Kerl, glauben Sie's mir nur. Freilich mit Euch jungen Leuten ohne Be⸗ geiſterung, ohne Feuer...“ „Aber erfüllt von dem kategoriſchen Imperativ der Pflicht“, unterbrach ich ihn. „Die Euch doch nicht hindert, Euch in meine Nichte zu verlieben! Oho, denkt Ihr, ich habe keine Augen?“ Er hatte meine Hand gefaßt und hielt ſie wie mit einer eiſernen Zange feſt.„Ja, ſie iſt ſchön, aber ihre Mutter war viel ſchöner. Idealiſch wie die ſixtiniſche Madonna. Ich lernte ſie als Verlobte mei⸗ nes guten Freundes Alborn kennen. Wir hatten zu⸗ ſammen ſchon ein Stück Welt geſehen; daß wir aber dies Weib ſahen, war unſer Unglück. Meine fünfzig Jahre fielen ihr zu Füßen— das verſtehen Sie nicht, Falk, Sie haben Fiſchblut in den Adern und ſind mit fünfzig Jahren ein geſetzter Profeſſor, die Ehre irgend einer kleinen Univerſität. Das Leben im Großen, aus 14* 212 dem Vollen genießen nur die Ariſtokraten und die Abenteurer. Ihr Plebejer trinkt ſauren Wein.“ „Zugegeben. Schade, daß wir uns oft ſogar mit Waſſer begnügen müſſen.“ „Aus Waſſer wurde Wein auf der Hochzeit zu Kana. Machen Sie Hochzeit, Falk! Meinen Segen haben Sie, es iſt die Genugthuung für die Stichwunde. Iſt doch nicht ſchlimm?“ „Eine Schramme.“ „Ja ſo, ein Soldat von Düppel, dem darf man mit ſolchen Kleinigkeiten nicht kommen. Iſt Angelica ſchon aufgeſtanden?“ „Ich werde das Fräulein rufen laſſen.“ „Nachher. Ich wollte Ihnen die Geſchichte von William Harriſon erzählen. Ein verwünſchter Zau⸗ berer... Sie paſſen nicht auf!“ „Ich habe den Plebejer noch nicht verſchmerzt.“ „Nichts für ungut. Es fällt mir eben ein, Jacob Böhme war ein Schuhmacher und er hat auch in den Abgrund des Göttlichen untertauchen wollen. Der Welt fehlt eine neue Religion.“ „Aber eine Religion kann man doch nicht er⸗ finden.“ „Darüber ließe ſich ſtreiten, Falk. Wir waren auf dem Wege zum Abſoluten. Ein Weib war auch — ſolchen Petuum die Maſ „Da Tempel das W. begegnet ein Ka Dir, W ſchlug Aufbiett Süichwunde n darf man ſt Angelica 1 ſchichte von ſſchter Zau⸗ rſchmerzt.“ ein, Jacob auch in den ollen. Der ch nicht er⸗ Wir waren b war auch dabei, die Wunder blieben nicht aus... oho, zuletzt war Alles Betrug, Gaukelei, Chebruch! Und als der Schleier vor dem Angeſicht des Propheten zerriß, da... reden Sie doch!“ ſchrie er auf. Jetzt hatte er ganz das ſchreckliche Ausſehen eines Tobſüchtigen. Seien Sie nur kaltblütig, hatte mir der Arzt anempfohlen, und ſpringen Sie nicht jäh aus dem Gedankenkreiſe des Kranken. „Ja“, nahm ich mich zuſammen,„es wird mit ſolchen religiöſen Erfindungen wie mit der des Per- petuum mobile gehen. Bis auf einem„beinahe“ iſt die Maſchine ſchon hundertmal erfunden worden.“ „Da bricht ein Rad— und der Vorhang im Tempel riß mitten durch! Ich mußte dem Betrüger das Weib des Freundes entreißen. Auf der Düne begegneten wir einander im Nebel. Bruſt an Bruſt ein Kampf, unter uns grollte der See. Hinab mit Dir, William, hinab! Duck unter!“ Er raſte, und ſchlug mit den Armen wüthend um ſich. Mit der Aufbietung aller Kräfte gelang es mir, ihn im Bette feſtzuhalten. „Und da erſcheint ſie, die Rächerin! Hilfe! Hilfe! Die Decke über den Kopf, ich kann ſie nicht mehr ſehen, die ſtarren, gläſernen Augen des Weibes“— 214 offenbar glaubte er Lavinia zu erblicken und ſuchte ſich vor dem Geſpenſt zu verkriechen. Indem ging die Thüre, aber nicht Lavinia, ſon⸗ dern Angelica trat ein. Von dem Sonnenſchein, der auf ihrem jungfräulich reinen Antlitz lag, ſchien ein Schimmer auf ſeine umwölkte Stirn zu fallen. „Ein Himmelsbild!“ rief er und ſank in die Kiſſen zurück. Hier war nichts mehr von meiner oder Angelica's Seite zu thun, als ihn der Obhut und Pflege des Arztes, ſeiner Diener und Wärter zu überlaſſen; er lag im Irrſinn. Merkwürdig aber war es doch, daß Angelica mit einer Kunde von Lavinia auf den Lippen über die Schwelle ſeines Zimmers geſchritten war. Hatte er eine Ahnung davon gehabt? In der Verwirrung der Nacht hatte Lavinia Ge⸗ legenheit gefunden, ſich aus dem Hauſe zu ſchleichen. Mit der peinlichen Sorgſamkeit und dem praktiſchen Lebensverſtande, der das ſeltſame Mädchen, recht im Gegenſatz zu ihrer religiöſen Schwärmerei, auszeichnete, hatte ſie in einem kurzen Briefe an Angelica gebeten, ihre Sachen ihr nach Mannheim nachzuſchicken und Abſchied genommen; ſelbſt die zärtlichſte Freundſchaft könne von ihr nicht fordern, mit dem Grafen länger —— aus. Zlicken A den Labi thek hä können. t Dar Tagen ei unſelige bar verl ſie das und de gekehrte vinia, und R zeug ſ dieſem lange ſagen, 1 b gelica mit über die datte er winia Ge⸗ ſchleichen. wraktiſchen recht im zeichnete, gebeten, ceen und rundſchaft in länger — 215 unter einem Dache zu weilen. Die Pflichten einer großen Haushaltung, die Angelica nun einmal über⸗ nommen und in der Feſtigkeit ihres Willens nicht auf Andere übertragen wollte, ließen ihr keine Muße, ge⸗ nauer den Beweggründen nachzuſpüren, die ihre Leh⸗ rerin aus ihrer Nähe getrieben, ich ſelbſt ſchob jede nähere Erklärung bis zu einer ruhigeren Stunde hin⸗ aus. Genügten doch die Umſtände, wie ſie vor den Blicken Aller lagen, zur Rechtfertigung des Entſchluſſes, den Lavinia ergriffen. Nach der Scene in der Biblio⸗ thek hätte ſie kaum einen andern Ausweg wählen können. Darum überraſchte es mich, als ich nach einigen Tagen einen Brief von ihr erhielt, in dem ſie auf die unſelige Begebenheit zurückkam. Wie arg und unheil⸗ bar vermag der Fanatismus und die Rachſucht, wenn ſie das Gewand der Religion annehmen, das Herz und den Geiſt auch eines ſanften, ſtillen und in ſich gekehrten Weibes zu zerrütten!„Gott“, ſchrieb La⸗ vinia,„Gott hat den Mörder gerichtet, ihm ſei Chre und Ruhm immerdar! Mich hatte er zu dem Werk⸗ zeug ſeiner Strafe auserſehen, ich danke ihm.“ In dieſem leidenſchaftlichen Tone ging der Brief noch lange fort— zu ſeiner Entſchuldigung mußte ich mir ſagen, daß alle Fibern des Mädchens noch unter dem 216 Eindruck des eben Erlebten zittern. Endlich kam ſie zur Erzählung des Thatſächlichen.„Ich hatte mich an einem unheilvollen Tage, nachdem wir vom Tiſche aufgeſtanden waren, in mein Zimmer zurückgezogen, um mit mir und Gott allein das Gedächtniß des ge⸗ liebteſten und unglücklichſten aller Menſchen zu feiern. Manche Stunde verbrachte ich ungeſtört in Gebeten und Erinnerungen. Da rief mich der Graf zu ſich in die Bibliothek. Widerſtrebend kam ich. Es iſt heute der 13. October, ſagte er, ein merkwürdiger Tag. Ich weiß es, antwortete ich. So, ſpottete er, aber Sie wiſſen nicht, daß mich die Luſt zuweilen anwandelt, Sie zu heirathen, Miß Lavinia. Dies da, erwiderte ich, würde uns ewig trennen— und ich zog den Dolch meines Bruders jenen Dolch, der im Sand der Düne gefunden ward— aus meinem Buſen und legte ihn zwiſchen uns auf den Tiſch. Er verfärbte ſich, blickte ſcheu auf den Stahl, der noch die Spuren des unſchuldig vergoſſenen Blutes trug, und fragte: Woher haben Sie das Spielzeug?— Es gehörte meinem Bruder, William Harriſon! Im erſten Augenblick ſchüttelte ihn ein Schauer des Gewiſſens, dann rich⸗ tete er ſich hoch in die Höhe: Und Sie ſind gekommen, die Nemeſis zu ſpielen?— Buße zu predigen, hat mich Gott zu Ihnen geſandt, antwortete ich. Und da wurde llammen zens zet Lavinig, ſuchung. und Sel litz von mir; zu beſch wollen i res oder mich die gen— 1 Untergan rührte ih Ich lichſter ſtrophe. aus Urſ mäßigen ausſchlie ganzen bleibt. 6 ſagen, da unſeligen 217 wurde der Geiſt mächtig in mir und ſprach aus mir flammende Worte, in denen die Eisrinde ſeines Her⸗ zens zerſchmolz. Er zitterte und rief: Laß uns beten, Lavinia, laß uns beten! Führe uns nicht in Ver⸗ ſuchung! Und wir laſen zuſammen die Bitten, Klagen und Seufzer der Heiligen. Aber Gott hatte ſein Ant⸗ litz von ihm abgewandt. Du verſtehſt es nicht, rief dr mir zu; Dein Bruder verſtand es beſſer, die Geiſter zu ebrogren. Gibt es ein Jenſeits? Komm, wir wollen ihn rufen, hervor aus dem Abgrund des Mee⸗ res oder aus der Tiefe der Himmel. Darauf hieß er mich die Offenbarung des heiligen Johannes aufſchla⸗ gen— und als ich die ſchrecklichen Verſe von dem Untergang Babylon's und dem Engel des Zornes las, rührte ihn der Finger Gottes...“ Ich übergehe das Ende des Briefes; mit mög⸗ lichſter Ruhe und Treue ſchilderte Lavinia die Kata⸗ ſtrophe. Scheinbar verlaufen die menſchlichen Dinge aus Urſache in Wirkung in einer durchaus geſetz⸗ mäßigen und natürlichen Reihe, die jedes Wunder ausſchließt, wir vergeſſen nur, daß der Anfang der ganzen Bewegung unerforſchlich und geheimnißvoll bleibt. So ließ ſich auch in dieſem ſchmerzlichen Falle ſagen, daß die Verſtörung, die den Grafen ſeit jener unſeligen, irdiſcher Gerechtigkeit vollſtändig entrückten 218 That an dem Nebelabend auf der einſamen Düne heimgeſucht hatte, durch das Zuſammentreffen mit La⸗ vinia nothwendig ſich ſteigern, daß ſeine krankhafte Phantaſie aus der krankhaften Einbildung des Mäd⸗ chens neue und gefährliche Nahrung ziehen mußte; zu⸗ letzt hatte dann ein unglückſeliges Ausgleiten des Fußes— kann es etwas Natürlicheres geben? fragte der Doctor— den tragiſchen Ausgang herbeigeführt. Aber wer will es mir verargen, daß ich in dem Allem das dunkle Walten einer unſichtbaren Macht ſehe und furchtſam verehre? In uns Allen ſchlummert ein Dä⸗ mon; es iſt nicht unſer Verdienſt, wenn er nicht er⸗ weckt wird. Auf dem düſteren Hintergrund dieſer Ge⸗ ſchicke aber ſtand Angelica's Liebe zu mir, wie der Regenbogen am Himmel nach dem Gewitter. Einem Engel gleich, ſo ſagte der leidende und ſterbende Mann in ſeinen lichten Augenblicken, erſchien ſie an ſeinem Bette. Zu ſeinem Glück quälte er ſich nicht lange zwiſchen Leben und Tod. Am zwölften Tage nach dem des 13. October machte ein Gehirnſchlag ſeiner ſo oft wiederholten Frage: Bin ich unſterblich? Wo iſt die jenſeitige Welt? ein Ende. Daß doch, meinte der Arzt in einer philoſophiſchen Anwandlung, das metaphyſiſche Bedürfniß des Menſchen, ſeine Sehnſucht nach den Idealen, immer auf eine ſo rohe und grob⸗ ſinnige— Nund,) Wa bleibt er talt. E er mich rchne ich licas H ſegnet. Willens des Irdiſ niſſen Go 219 a Düne 2 nit La⸗ ſinnige Weiſe, durch einen Schlag auf den vorlauten Mund, befriedigt wird! ranthafte 8 Mid⸗ Was der Graf auch gefehlt haben mag, für mich ußte; zu⸗ bleibt er eine bedeutende, eine verehrungswürdige Ge⸗ ſtalt. Er iſt der Schöpfer meines Glücks. Nicht, daß n fung er mich überreichlich mit ſeinem Teſtamente bedachte, eigefüht rechne ich ihm hoch an; aber er hat meine und Ange⸗ em Alen lica's Hände zuſammengelegt und unſern Bund ge⸗ 4 1 fehe und ſegnet. Von ihm hab' ich gelernt, der Kraft unſeres 6 ein Di⸗ Willens zu mißtrauen und nicht über die Schranken 1 richt e des Irdiſchen verwegen und voreilig nach den Geheim⸗ l er⸗. f —. m 3u. 1 diſſet Ge⸗ niſſen Gottes zu taſten V wie der t. Einem — nde Mann an ſeinem ſict lanee Tage nach hlag ſeiner blich? Wo ch, meinte plung, das Sehnſucht und grob⸗ — Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. Verlag von Ernſt Julius Günther in Teipzig. Keuelm Chillingly. Roman von Edward Bulwer. Aus dem Engliſchen 3 Bände. Eleg. geh. Preis 5 Thlr. Das Geſchlecht der Zukunft. Roman von Edward Bulwer. Aus dem Engliſchen von Jenny Piorkowska. Autoriſtrte Ausgabe. 1 Band. 8. Geheftet. Preis 1 Thlr. Die Lovels auf Arden. Roman von M. E. Braddon. Aus dem Engliſchen von Marie Scott. Autoriſirte Ausgabe. 4 Bände. 8. Eleg. geh. Preis 3 Thlr. 15 Ngr. Johannes Scherr: Michel. Geſchichte eines Deutſchen unſerer Zeit. Dritte, neu durchgeſehene Auflage. 2 ſtarke Bände Clegant. broſchirt Thlr 3. Di⸗ Bekrenzigtr oder Das Paſſionsſpiel von Wildisbuch. Zweite Auflage. 1 Band. 80. Eleg. geh. Preis 1 Thlr. Proteſtantiſche Jeſuiten. Hiſtoriſcher Roman von Loniſe Mühlbach. 6 Bände. Preis 5 Thlr. Verlag von Ernſt Zulius Günther in Neipzig. Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Alles um ein NMichts Roman von Georg Köberle. 3 Bände. 80. Eleg. geh. Preis 2 Thlr. Lneiker Ein Roman aus der Napoleoniſchen Zeit von Karl Frenzel. 5 Bde. 8. Eleg. geh. Preis 4 Thlr. 15 Ngr. Geheimniſſe. Novellen von Karl Frenzel. 2 Bände. 8⁰. Clegant geheftet. Preis 2 Thlr. Robespierre. Geſchichtlicher Roman von Karl Wartenburg. 2 Bände. 8⁰. Eleg. geh. Preis 1 Thlr. 15 Ngr. Nie Milden der Ge lelllchaft. Eine Erzählung Mar von Schlägel. 1 Band. 80. Eleg. geh. Preis 1 Thlr. Krieg und Frieden. Novellenbuch von Levin Schükking. 3 Bände. 80. Eleg. geh. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. Verlag von Ernſt Zulius Günther in Teipzig. 8 e—. 8 ...—* aeen . rey Control Chart Green vellow Hed Magenta