TE ,n. Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und afranzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Sfeſehedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Buͤcher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ruß Monat:„—— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Wer.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ac.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. g 1 d G ſe 1 -————õ—ʃ ——————————— — — Geheimniſſe. Novellen von Karl Frenzel. Zweiter Band. Leipzig, Uew-hVork, Ernſt Julius Günther. L. W. Schmidt. 1871. Die alte Geige. — Erſtes Kapitel. Faſt war die Sonne hinter den Horizont verſunken. Ein heller Goldſchimmer lag über der Landſchaft und ließ ſie in dieſer Beleuchtung noch lachender und reiz⸗ voller erſcheinen, als ſie es ſchon an ſich durch ihre Bodengeſtaltung und Fruchtbarkeit war. Der Blick des Betrachters ſchweifte über eine weite, ſanft gewellte Ebene, in der blühende Saatfelder und Wieſen im ſaftig⸗ ſten Grün mit waidenden Heerden einen dem Auge ge⸗ fälligen Wechſel der Farben darboten. Im Südweſten zeichneten ſich ſchön geſchwungene Höhenlinien auf dem Goldgrunde des Himmels ab, während im Nordoſten ein breiter kegelförmiger Berggipfel, weit in die Ebene als Ausläufer des ſich dahinter in das Land hinein verlierenden Gebirgzuges vorgeſchoben, emporſtieg. Fri⸗ ſches Waldesgrün umkränzte ſeinen Fuß, auf ſeiner Höhe lag ein weitläufiges Gebäude, ſchloßähnlich, mit Frenzel, Geheimniſſe. II. 1 1 1 Zinnen und Thürmen. Vom Fuße des Berges zog ſich ein ſtattliches Dorf, mit Gärten und Baumgruppen zwiſchen den Häuſern, in die Ebene. Ueber den kleinen Fluß, der zwiſchen Erlen⸗ und Weidengebüſchen mit ſtarkem Fall dahinſtrömte, führte in geringer Entfer⸗ nung von dem Dorfe eine ſchmale ſteinerne Brücke. Wer von Weſten die große Fahrſtraße daherkam und in das Dorf oder zum Schloſſe hinauf wollte, mußte darüber gehen, und ein läſtiger Aufenthalt pflegte zu entſtehen, wenn zu gleicher Zeit ein ſchwerbeladener Wagen aus dem Dorfe hinaus und ein anderer hinein fahren wollte. Ueberdieß fiel das Ufer des Fluſſes hier beſonders jäh und ſteil ab, und manches Unglück, das hier ſchon geſchehen, hatte der Stelle einen böſen Ruf verſchafft. Doch war trotz aller Reden und Klagen in der Gemeinde nichts gethan worden, ihre Gefährlichkeit zu mindern. Auf dieſe Brücke zu rollte ein leichtes, zierliches Gefährt, von einem Paar munterer, iſabellfarbener Ponies gezogen. Da es noch ein gutes Stück Wegs bis zu der gefährlichen Stelle war, ließ die junge Dame, die vom hohen Sitz aus die Pferde lenkte, auf der ſicheren, ebenen Straße dieſelben nach ihrem Willen luſtig dahintraben. In ihren hellen Augen, auf ihrem heiteren und ruhigen Geſicht ſchien ſich gleichſam die —ͤͤͤ ——— — — * 3 Schönheit der Landſchaft und der Abendſonnenglanz wiederzuſpiegeln: im Gegenſatz zu ihrem Gefährten, von deſſen hoher Stirn ein finſterer Schatten nicht weichen wollte, auch nicht, wenn ſeine Begleiterin eine Bemer⸗ kung zu ihm machte. Die Grüße der von ihrer Arbeit heimkehrenden Landleute, die von der Dame mit freund⸗ licher Neigung erwidert wurden, beachtete er kaum und griff nur zuweilen wie verdroſſen an ſeinen Hut. Kein Wunder, daß ihm die Bauern eine üble Nach⸗ rede hielten.„An Dem werden wir einen ſchlimmen Herrn haben!“„Dem juckt der Hochmuth in allen Fingern, und er iſt doch nur ein armer Schlucker.“ „Ach, was Habenichts! Bei dem Adel iſt die Regel, je fauler und je ärmer, um ſo hochmüthiger!“„Gott beſſere es, da war der Vater des gnädigen Fräuleins ein ganz anderer Mann.“„Nun, nun, Alter, es wird wohl auch mit Dem nicht ſo weit her geweſen ſein! Du kannſt jetzt klug reden, der Herr iſt lange todt.“ „Ja wohl, lange, fünfzehn Jahre und darüber!“„Im Grunde, was kümmert's uns, wer da oben ſitzt?“ Und der Redner zeigte nach dem Schloſſe auf der Bergkuppe. „Unſereins kommt doch nicht hinauf.“„Wer kann wiſſen?“ entgegnete ein Anderer zweifelnd.„Stirbt plötzlich irgendwo ein reicher Mann und ſetzt Dich zum Erben ein...“„Ja ja, es geht wunderlich in 1* der Welt zu. Stirbt da dieſer alte Weßbach und wer erbt das ſchöne Gut? Nicht der junge Herr oder das Fräulein, denen es doch eigentlich hätte zufallen ſollen, ſondern ein Fremder, ein Franzoſe, dieſer Herr Etienne Gérard...“„Mir gefällt er gar nicht, er hat etwas Heimliches.“„Ich laſſe ihn nicht ſchelten, er thut den Armen viel Gutes und iſt zu Jedermann freundlich.“ „Du gönnſt ihm das Fräulein wohl eher, als dem jungen Herrn von Adlersheim?“ Hin und wieder ging nun die Rede, wen von beiden Bewerbern— die Leute nahmen die Werbung als ſelbſtverſtändlich an, ohne ſich zu kümmern, ob ſie in Wahrheit ſtattfinde— das Fräulein mit Hand und Herz beglücken werde. Diejenigen aber, mit deren Schickſal man ſich ſo eifrig beſchäftigte, waren nicht in der Stimmung, das Geringſte für oder gegen die Prophezeihungen der Bauern zu thun. Die Verdroſſen⸗ heit ihres Begleiters hatte endlich auch das junge Mäd⸗ chen ergriffen. Der einſilbigen Unterhaltung, die ſich bisher mühſam fortgeſchleppt, war tiefes Schweigen ge⸗ folgt. Die Arme über einander geſchlagen ſtarrte er finſter vorr ſich hin. Ihm lachte die Landſchaft nicht entgegen, er ſah wie durch einen trüben, grauen Schleier. Neben traurigen Gedanken, die ſein Gemüth niederdrückten, mochte ihm auch ſeine Stellung an der Seite ſeiner — ◻ Couſine nicht behagen. Es iſt ſo lächerlich, ein Mann, der ſich von einer Dame kutſchiren läßt! Niemals hatten ihn die romantiſchen und abenteuerlichen Neigungen Helenens ſo peinlich berührt, wie zu dieſer Stunde. Wiederholt ſchwebte ihm ein zorniges Wort auf den Lippen, es zuckte ihm in der Hand, als müſſe er nach den Zügeln faſſen: immer aber bezwang er ſeine Heftig⸗ keit. Wie ſie ſo neben einander daſaßen, die beiden hohen ſchlanken Geſtalten, hätte man ſie für Geſchwiſter halten können. Von der Seite geſehen zeigten beide Geſichter dieſelbe edel ſchöne Profillinie; ſie hatten dieſelben großen, braunen, hoch überwölbten Augen. 1 Ein dunkelblaues Amazonenkleid umſchloß ihre jugend⸗ lich vollen Formen; er trug eine Art Jagdkoſtüm von dunklem Sammt, das die Bläſſe und eine gewiſſe Ab⸗ geſpanntheit ſeines Geſichts, im Vergleich zu der ro⸗ ſigen Friſche Helenens, noch mehr hervorhob. Viktor und Helenevon Adlersheim waren Geſchwiſter⸗ kinder. Mit gleichem Vermögen waren einſt ihre Väter in die Bahn des Lebens getreten; aber während Hele⸗ nens Vater durch eine reiche Heirath und vom Glück begünſtigt zur Höhe emporſtieg, war ſein Bruder mehr und mehr in die Tiefe gerathen. Doch trübte die Ver⸗ ſchiedenheit ihrer äußeren Lage nicht die Liebe und die ſeeliſche Harmonie, die zwiſchen ihnen herrſchte. ——— 6 Helenens Vater nahm ſich ſeines bedrängten Bruders mit thätiger Unterſtützung an, Viktor wurde auf ſeine Koſten erzogen, und da Helene ſein einziges Kind blieb, ſchien es nur natürlich, wenn eine Heirath zwiſchen ihr und Viktor die getrennten Beſitzungen der Adlers⸗ heim wieder vereinigte und das alte Geſchlecht wenig⸗ ſtens in Einem ſtolzen und jugendlich ſtarken Zweige fortblühte,— Gedanken, mit denen ſich der Edelmaun um ſo lieber und hoffnungsvoller trug, ſeit er die verfallene Stammburg des Geſchlechts auf jenem Berge dort ſtattlich wieder hergeſtellt hatte. Leider ſollte er nie ihre Erfüllung ſehen. Auf einer Reiſe durch die Schweiz, die er mit dem zwölfjährigen Viktor ge⸗ macht, war er durch einen Sturz von einem Felſen verunglückt. Erſt nach monatelangem Suchen hatte man ſeine Leiche in einem faſt unzugänglichen Abgrund aufgefunden. Schwermüthige Ahnungen hatten den ſonſt ſo heiteren und lebensluſtigen Mann vor der Reiſe gequält und in einer ſolchen Anwandlung hatte er wenige Tage vor ſeinem Aufbruch ſein Teſtament ge⸗ macht, in dem er ſeinen Bruder zum Vormund ſeiner damals fünfjährigen Tochter einſetzte. Der Bruder, von peinlichſter Ehrenhaftigkeit und durch die Güte des Verſtorbenen zu ihm und ſeiner Familie ſich noch gebundener in der Seele fühlend, hatte ſeine Vor⸗ — —— 4 —j— 7 mundſchaft, ſo bei Lebzeiten von Helenens Mutter wie nach dem Tode der edeln Frau, mit tadelloſer Uneigen⸗ nützigkeit geführt. Nicht nur, daß er ſich ſelbſt jede Einwirkung auf die Entſcheidung ſeines Mündels, hin⸗ ſichtlich ihrer Verbindung mit Viktor, verſagt: auch ſeinem Sohn war er in der Werbung um die Liebe ſeiner Couſine eher hinderlich als fördernd entgegen getreten.„Wenn Helene Dir nicht ihre volle, freie Zuneigung ſchenkt,“ ſagte er ihm,„werden wir bei unſerer Armuth nie dem Vorwurf entgehen, auf un⸗ würdige Weiſe den Willen des reichen Mädchens zu unſern Gunſten gebeugt zu haben.“ So war dieſe Verbindung, die aus den beiden jungen Leuten, wenn Helenens Vater noch gelebt, längſt ein glückliches Paar gemacht hätte, in der Schwebe geblieben: ja noch mehr, das wunderliche Verhältniß, in dem ſie zu einander ſtanden, verſchärfte die Verſchiedenheit ihrer Charak⸗ tere, und ehe ſie es ahnten, öffnete ſich zwiſchen ihnen eine weite, trennende Kluft. Und doch war jetzt durch eine Reihe von Zufällen die Liebe Helenens, eine Heirath mit ihr die letzte Aus⸗ ſicht Viktor's auf dem Meer des Lebens geworden. Schlug auch ſie ihm fehl, ſo lag nichts vor ihm, als eine beſchwerliche, mühſelige Fahrt, auf ärmlichem Schiff, nach geringen Zielen! Er bewirthſchaftete jetzt 8 das kleine Gut, das ſein Vater aus dem Schiffbruch ihres Vermögens gerettet, theils, weil der Vater auf Helenens Bitte die Verwaltung ihrer Beſitzungen ganz in die Hand genommen hatte, theils, um die Land⸗ wirthſchaft praktiſch zu erlernen. Vor zwei Jahren noch war Viktor nichts weniger als ein ſorgengeplagter Landwirth geweſen; damals gab es in der nahgelegenen großen rheiniſchen Feſtung, die auf ſteilem Felſen ge⸗ legen über Rhein und Moſel ſtolz und ſchützend dahin⸗ ſchaut, keinen liebenswürdigeren und tüchtigeren Offi⸗ zier, keinen Mann von feinerem Weſen und Anſtand, als ihn. Widerſtrebend nur hatte man ihm die Ent⸗ laſſung bewilligt, um die er gebeten; ungern verlor das Regiment einen ſo begabten jungen Offizier. Die verſchiedenſten Gerüchte ſuchten Viktor's Schritt zu er⸗ klären; die Meiſten kamen überein, daß ſeine Verhei⸗ rathung mit ſeiner Couſine die Löſung des Räthſels ſein werde. Aber nicht Helene, nicht ihr Beſitz, ein Anderes hatte Viktor's Willen trotz ſeiner Neigung für den Soldatenſtand beſtimmt. Nie hatte das Vermögen ſeines Vaters ausgereicht, ihn in dieſer koſtſpieligen Laufbahn zu erhalten, die durch die ariſtokratiſchen Neigungen und eine bis zur Verſchwendung gehende Großmuth und Freigebigkeit Viktor's noch koſtſpieliger wurde; allein zunächſt hatte der Oheim in ſeinem Teſta⸗ — 9 mente dem Neffen ein nicht unbedeutendes Legat aus⸗ geſetzt, und dann war ein entfernter Verwandter der Adlersheim— die Kinder hatten ihn niemals anders als Onkel Weßbach genannt, ohne zu fragen, ob ihm dieſe Bezeichnung auch gebühre— hilfreich eingetreten. In dieſer ganzen Landſchaft war Herr Bonaparte Weß⸗ bach als der reichſte Kohlengrubenbeſitzer und das größte Original bekannt. In jenem Jahre 1797 geboren, als der Ruhm des jungen Generals der Republik Bona⸗ parte von den Gefilden Norditaliens her ganz Europa mit ſtaunender Bewunderung erfüllte, hing Weßbach noch im Alter mit allen Faſern ſeines Herzens an dieſer heroiſchen Geſtalt, an Frankreichs Trikolore, an ſeinen Jugenderinnerungen. Alle Zuſtände hatten ſich gewandelt; die Theilnahme und die Begeiſterung für Frankreich, welche früher die Bewohner dieſer Gegenden beſeelt, waren in der jungen Generation erſtorben; Bonaparte Weßbach nährte faſt allein noch die kärg⸗ liche Flamme jener Sympathie und den raſch verflogenen kaiſerlichen Märchentraum. Im Uebrigen ein wackerer, thätiger Bürger, voll Wohlwollen gegen ſeine Arbeiter, der Erſte, wo es zu helfen galt, in den Gemeindever⸗ ſammlungen und ſpäter in den Landtagen ein uner⸗ ſchrockener, redegewandter, wenn auch wunderlicher Ver⸗ theidiger der Volksrechte, hatte Weßbach ſich bald eben ſo das Vertrauen der Menge wie die Hochachtung der vornehmeren Geſellſchaft, in die ihn ſein Stand und Reichthum wieſen, gewonnen. Unverheirathet fing er. ‚wie alle Hagelſtolze“ im höheren Alter ſich nach einem Familienkreiſe zu ſehnen an. Die Beſitzungen der Adlers⸗ heim lagen nur eine Meile von ſeinem Wohnhauſe; das feine und ſeinen Schwächen zart entgegenkommende Weſen der Mutter Helenens bezauberte ihn, Viktor's Vater war wie Weßbach ein vortrefflicher Schachſpieler, dazu die Schmeicheleien, die Liebkoſungen, die Tollheiten der Kinder mit ihrem„guten ſpaßigen Onkel“— ehe er noch recht wußte, wie ihm geſchah, war Bonaparte Weßbach an das Haus und die Familie mit ſtarken Banden gefeſſelt. Jahre hindurch blieb dieſer Verkehr in ruhigem Geleiſe, dann führten allmählich die Zeit⸗ ereigniſſe, Weßbach's Hartnäckigkeit und Viktor's auf⸗ brauſende, leidenſchaftliche Weiſe, die politiſchen Gegen⸗ ſätze des Alten und des Jungen, Zerwürfniſſe herbei, die zu ſchlichten Helene ihre ganze Anmuth und aus— gleichende Milde brauchte. Früher hatte es nur eines Briefes in der kühnen Handſchrift und dem noch kühne⸗ ren Gedankenfluge Viktor's an den„tapferen“ Onkel bedurft, der einen„angehenden Feldmarſchall“ nicht „in der Klemme der Manichäer“ ſitzen laſſen werde, um Weßbach's Kaſſe zu öffnen.„Das iſt ein Junge,“ * ſagte er darauf wohl zu Viktor’s Vater,„Sie können ſtolz auf ihn ſein— ritterliches Weſen ganz wie Murat! Wenn der Kaiſer noch lebte, der würde aus dieſem Viktor etwas machen... Reitergeneral, Marſchall, König... was weiß ich!“ Jetzt war das anders ge⸗ worden; nicht daß Weßbach in ſeinen alten Tagen in das ſchlimme Laſter des Geizes verfallen wäre, aber die ſtolze Seele Viktor's ertrug es nicht mehr, von einem Manne Wohlthaten zu empfangen, deſſen politiſche An⸗ ſichten und Schwärmereien für die Franzoſen er be⸗ kämpfte. So ſehr Weßbach die Franzoſen liebte, ſo verhaßt waren ſie Viktor. Um die Mißſtimmung zwiſchen Beiden auf den höchſten Punkt zu treiben, mußte Weß⸗ bach nun noch ein und ein anderes Mal ſeine Hinneigung zu ſocialiſtiſchen Träumen und Verſuchen verrathen, die Viktor in ſchroffer, abſprechender Weiſe als die Ein⸗ gebungen und Pläne von Narren und ehrgeizigen Be⸗ trügern behandelte. Auf ſeine eigenen Hilfsquellen ange⸗ wieſen, vermochte Viktor in ſeinem Stande nach ge⸗ wohnter Art nicht weiter zu leben: überall hätte er ſich einſchränken und aus dem glänzenden Cavalier vor den Augen ſeiner Kameraden zum Duckmäuſer werden müſſen. Zu einer ſolchen Entſagung fühlte er nicht die Kraft in ſich; er zog es vor, von dem Schauplatz ſeiner tollen und heiteren Jugend zu verſchwinden und auf dem Lande, in ernſthafter, angeſtrengter Beſchäftigung, ein Mann der Arbeit zu werden. Er ſtand an der Schwelle des dreißigſten Jahres; die Thorheiten, der fröhliche Lebensgenuß hatten allmählich ihre Friſche und ihren Reiz für ihn verloren, und die männlicheren Leiden⸗ ſchaften des Ehrgeizes, des Erwerbs, der Macht Beſitz von ſeiner Seele ergriffen. Auch that er wohl daran, ſich durch die Verwaltung eines kleinen Guts auf die der großen Beſitzungen ſeiner Couſine vorzubereiten, wenn es ihmbeſchieden ſein ſollte, ſie heimzuführen. Und um Helenens Liebe zu gewinnen, war, wie er bald gemerkt, ein beſtändiges Werben nöthig. Sie hatte ein gebiete— riſches, launenvolles Weſen; wie alle Mädchen, die das Glück mit großem Reichthum ausgeſtattet, begegnete ſie den Huldigungen der jungen Männer mit unverkenn⸗ barem Mißtrauen und hegte jenen romanhaften Wunſch, nur um ihrer ſelbſt willen geliebt zu werden, ſo oft ihr Verſtand auch dagegen anführte, daß es ja in der Welt, wie ſie einmal iſt, für die Andern unmöglich wäre, eine Trennung ihrer Perſönlichkeit von allen Be⸗ ziehungen, Umſtänden und Verhältniſſen vorzunehmen. Zu dem hohen Selbſtgefühl Helenens geſellte ſich das Bewußtſein vollkommener Freiheit in der Wahl ihres Gatten. Nach dem Willen ihres Vormunds ſollte ſie erſt mit dem Abſchluß ihres einundzwanzigſten Jahres, 13 nach ihrer Mündigkeitserklärung, ſich in dieſer Hinſicht entſcheiden. Gründe genug für Viktor, bis zu dieſem Zeitpunkt in der unmittelbaren Nähe des ſchönen Mädchens zu weilen. Dieſe Ueberlegungen hatten ihn dazu gebracht, aus dem Dienſt zu ſcheiden. Nicht ſo klar und beſtimmt, aber darum nicht weniger mächtig, hatte ein Unbe⸗ wußtes ihn geleitet: die Rückſicht auf den alten Weß⸗ bach, die Hoffnung, die halb verſcherzte Gunſt des Greiſes im näheren Umgang wieder zu gewinnen. Gerade aber, als Viktor auf dem Gute ſeines Vaters ankam, hatte Weßbach auf den Rath der Aerzte die Gegend verlaſſen und war, des milderen Klima's wegen, nach Algier gegangen. Nach ſeiner Rückkehr war er noch zurückhaltender gegen Viktor, mürriſcher und grämlicher durch Alter und Krankheit, als je zuvor. Er ſtarb in den Armen Helenens. Der Tag der Cröffnung ſeines Teſtaments war ein Tag der Verwunderung, des Kopf⸗ ſchüttelns, des Unwillens für Alle. Ein Mann, deſſen Name nie in der Landſchaft gehört worden, ging als der Univerſalerbe daraus hervor: Etienne Gérard. Das warzder letzte, ſtärkſte Schickſalsſ ſchlag geweſen der Viktor's ehrgeizige Hoffnungen getroffen. Ein dunk⸗ les Daſein, in untergeordneter Stellung, in Armuth. oder in Abhängigkeit von Andern ſchien ihm beſchieden — Die Liebe Helenens hätte ihn freilich wieder mühelos und leicht auf den Gipfel des Glücks erheben können, aber liebte ſie ihn? In der Lebhaftigkeit und dem Feuer ſeiner Couſine, die eine unwiderſtehliche Anzie⸗ hungskraft auf alle Männer ausübte, lag doch auch etwas Unberechenbares. Ein Hang nach dem Seltſamen und Ungewöhnlichen, das ihren weltunerfahrenen Augen zugleich als die wahre Poeſie des Lebens erſchien, drängte ihre Phantaſie in die Weite und beſchäftigte ſie mit andern, gleichſam höheren Geſtalten, als die waren, welche ihren Verkehr und ihre Umgebung bildeten. Heute fielen dieſe Betrachtungen beſonders ſchwer auf Viktor's Herz. Es iſt doch Alles vergeblich, ſagte er ſich; ſie liebt Dich nicht, Du biſt ihr nicht romantiſch genug. Wozu dieſe Bemühungen? Willſt Du wie Jakob ſieben Jahre um Rahel werben, um zuletzt dennoch abgewieſen zu werden? Als ob Du auch noch in dem Alter wäreſt, ſieben Jahre verlieren zu können! An die Arbeit, Freund Viktor! lerne entſagen; Hundert⸗ tauſend müſſen es, thu's freiwillig, noch kannſt Du es mit Anſtand. „Biſt Du ſtumm geworden, Vetter Viktor?“ unter⸗ brach ſie in luſtigem Uebermuth dieſen Gedankengang. „Ich merk' es ſchon, dem hohen Herrn mißfällt es, daß ich die Zügel führe.“ 2 1 ——— — ——— 15 „Ich liebe es eben nicht, unthätig dazuſitzen, und im Allgemeinen, denk' ich, paſſen Mäuner beſſer zum Wagenlenken als Frauen.“ „O wie Recht hatte Onkel Weßbach, als er Dich für den verſtockteſten aller Ariſtokraten erklärte! Du biſt ein Eiſenkopf und ein Tyrann. Wir armen Frauen! Von allen höchſten Gütern des Lebens ſind wir aus⸗ geſchloſſen!“ Trotz ſeiner Verſtimmung mußte er über den ele⸗ giſchen Ton, in dem ſie dieß ſagte, lachen.„Ja, die Hörigkeit der Frau! Ihr ſeid allezeit Sklavinnen, ſeit Adam es merkte, daß er ſtärker war, als Eva. Wenn aber von jenem ſchönen Stern des Abends, der dort in der blauen Wolke auftaucht... wenn von ihm, liebe Helene, ein Weſen auf uns herniederſchaute, würde es nicht ausrufen: Da fährt eine Königin mit ihrem Sklaven ſpazieren? Und ſo weiter! Ueberall arbeitende, raſtlos ſich mühende Männer.“ „Ihr laßt uns ja nicht arbeiten, ihr macht uns abſichtlich zu eurem Spielzeuge!“ „Kind, Kind, wir ſind alle ein Spielball des Schick⸗ ſals,“ entgegnete er in einer gewiſſen Selbſtvergeſſen⸗ heit.„Ein Ball, welchen die Hoffnung aufbläſt, bis ein ſtärkerer Wind ihn zerriſſen auf die Erde wirft.“ Du wirſt bitter, Vetter Viktor, und Du weißt „— 16 doch, daß ich das nicht leiden kann. Dieſe unheimliche Anklage des guten Onkels, die Feindſchaft gegen Herrn Gérard...“ Sie hielt haſtig inne, wie Eine, die zu viel geſagt hat und gern die geſprochenen Worte zurück⸗ nehmen möchte. Ruhiger, als ſie es erwartet, entgegnete er:„Wenn Du Dich einmal ganz in meine Lage verſetzen wollteſt, liebe Helene, ſo würdeſt Du vielleicht milder über mich urtheilen und mir zugeben, daß ich einige Urſache habe, mit dem Schickſal— da ich gegen die Menſchen nicht eifern ſoll— zu grollen. Wir ſind arm, ich habe noch zwei unerzogene Geſchwiſter...“ „Eins,“ unterbrach ſie ihn ſcherzend,„wirſt Du mir ſchon überlaſſen müſſen.“ Du biſt gütig wie immer, Couſine, nur ändert 2 das mein Geſchick nicht. Ich bin nicht ſo erzogen worden, wie es unſern Verhältniſſen entſprochen hätte. Zuerſt Dein ſeliger Vater, dann Onkel Weßbach haben mich verwöhnt. Ich habe das Leben eines reichen Jünglings geführt, laß es mich in das ſchroffſte Wort faſſen, aus fremder Taſche. Wie leicht wäre das Leben, wenn wir nicht immer erſt durch ſchmerzliche Enttäu⸗ ſchungen klug würden! Wenn unſer Verſtand weitſichtig genug wäre, das Ende der Bahn zu erkennen, auf die wir achtlos den Fuß ſetzen! Der Moraliſt kann mich — 17 anklagen: ich war kein Kind und hätte bei Zeiten Ein⸗ ſicht haben ſollen— die Einſicht, daß eines alten gräm⸗ lichen Mannes Liebe nicht der ſichere Boden iſt, eine Zukunft darauf zu gründen, daß man nur in eigenen Schuhen feſtſteht! Aber Du hörſt mich kaum an,“ ſetzte er auffahrend nach einem kurzen Schweigen, während deſſen er ihre Antwort oder einen Einwurf umſonſt erwartet hatte, hinzu,„Du ſiehſt in die Ferne... nach ſchöneren Geſtirnen!“ Auf dem Wege vom Dorfe her kam langſam ein Reiter und näherte ſich, wie ſie mit ihrem Wagen, der Brücke. Auf einem prächtigen arabiſchen Pferde ritt Herr Etienne Gérard tiefſchwarz gekleidet wie immer, hinter ihm folgte ſein Diener, ein Neger in phantaſti⸗ ſcher Tracht. Seit dem halben Jahre, daß Gérard die Erbſchaft Weßbach's angetreten, war dieß das dritte Mal, daß eine flüchtige Begegnung zwiſchen ihm und Helene und deren Verwandten ſtattgefunden. Viktor's Geſicht überzog eine helle Zornesröthe. „Muß uns auch gerade der jetzt in den Wurf kommen!“ brauste er auf.„Ich bin auch in der rech⸗ ten Stimmung zu dieſer Begrüßung! Und auf der ſchmalen Brücke! Ich bitte Dich, Helene, mach', daß wir vor ihm hinüber kommen. Gib mir die Zügel, ich mag ihm nicht begegnen.“ Frenzel, Geheimniſſe. II. 2 18 „Aber ich,“ erwiderte ſie trotzig.„Warum ſollen wir ihn fliehen? Er hat uns nicht beleidigt; ihn meiden, heißt ihn noch ſtolzer machen. Ich will ihm nicht ge⸗ kliſſentlich ausweichen, er ſoll nicht ſagen können: Helene Adlersheim fürchtet mich!“ „Thörichte Reden!“ murmel lte Viktor und trieb mit einem Peitſchenhieb die Pferde an. Heftiger zogen ſie an, und Helene, über des Vetters Betragen in der Gegenwart des Fremden doppelt in ihrer Citelkeit ge⸗ kränkt, riß eben ſo heftig, wie er geſchlagen, die Zügel zurück. 1 Hoch auf bäumten ſich die Thiere und ſcheu ge— worden durch die widerſpruchsvolle 2 Behandlung rasten 4 ſie im ſauſenden Lauf der Brücke zu. Sie aufzuhalten wurde ſelbſt den vereinten Anſtrengungen Viktor’s und Helenens unmöglich, die Gefahr war die größte, der wagen drohte an den ſteinernen Pfeilern der Brücke zertrümmert und auf das ſteinige, abſchüſſige Ufer hinabgeſchleudert zu erden Noch eine Sekunde des Schreckens, der Angſt: da ſtieg etwas Dunkles vor ihnen auf, es gab einen heftigen Ruck, zitternd ſtanden die Pferde ſtill. Vor ihren Füßen ſuchte ſich ein ge⸗ ſtürztes, wildes ſchwarzes Pferd vom Boden zu erheben, der Reiter lag bewußtlos, blutend daneben: es war Etienne Gérard. Mit einem Sprunge war Viktor —— 19 vom Wagen und hob die todtblaſſe Helene herunter. Schnell, wie ein Blitz vorüberzuckt, hatte der ganze Vorgang ſtattgefunden, erſt allmählich wurde den Ge⸗ retteten das Geſchehene klar. Der Reiter hatte von drüben her, von der andern Seite des Waſſers ihre Gefahr bemerkt, war über die Brücke gejagt und hatte, indem er ſein Pferd ihrem Wagen entgegenwarf und den Ponies in die Zügel fiel, dieſelben zum Stehen gebracht. Dabei überſchlug ſich ſein Roß, er ſtürzte zur Erde und verletzte ſich den Kopf an einem der Prellſteine. Schon war Helene neben ihm niederge⸗ kniet und hatte ſeinen blutenden Kopf erhoben; Viktor eilte zum Fluſſe nieder, um Waſſer in ſeinen Hut zu ſchöpfen. Mit lautem Wehklagen warf ſich der Mohr, der jetzt herangekommen war, über ſeinen Herrn. Vom Dorfe und von den Feldern eilten Leute herzu. Auf eine Decke, die ſie im Wagen gehabt, wurde der Ver⸗ unglückte niedergelegt, mit zitternden Händen wuſch ihm Helene das Blut von dem Geſicht und der Stirn. Welch' widerſtreitende Gefühle auch in Viktor's Bruſt wogten, Helenens Seele war ganz und ausſchließlich von dem bleichen Manne erfüllt, neben dem ſie kniete, und der vielleicht ſein Leben aufgeopfert hatte, um das ihre zu retten. „Wir müſſen ihn in das Pfarrhaus bringen,“ 20 ſagte Viktor, der ſich wieder geſammelt;„nach dem Schloß wäre es zu weit und zu beſchwerlich. Hätten wir nur gleich einen Arzt!“ „Er wollte heute Abend zur Tante kommen, hoffent⸗ lich iſt er noch im Schloß,“ antwortete Helene und gab dem Mohren die nöthigen Aufträge. Die Bauern hatten ſich indeß mit dem Wagen und dem geſtürzten Pferde beſchäftigt. Der Wagen hatte nur unerhebliche Beſchädigungen erlitten, Gérard’s Pferd aber lahmte und wurde auf Viktor's Befehl von dem Mohren den Weg zum Schloß hinaufgeführt. Man bereitete dem Verwundeten, ſo gut es ging, ein Lager auf dem Rückſitz des Wagens, Helene nahm neben ihm Platz, ſein Haupt ruhte auf ihren Knieen. Die Spannung, die ſie ſo lange bei dieſem ſchrecklichen Vorfall aufrecht gehalten, ließ nach, und während ſie immer von Neuem bemüht war, das unter dem leichten Verbande hervorquellende Blut zu ſtillen, rann eine Thräne nach der andern über ihre Wangen. Noch hatte Gérard die Augen nicht aufgeſchlagen; wie leb⸗ los lag er da. Jetzt, wo Helenens Thränen in heißen Tropfen auf ſeine Stirn ſielen, ging ein Zittern durch ſeinen ganzen Körper, die Bruſt hob ſich, ein Seufzer drang leiſe über die halbgeöffneten Lippen— er ſchlug die Augen auf und ſah in das ſchöne, angſtvoll über —— — 21 ‿ ihn gebeugte, thränenüberſtrömte Geſicht des jungen Mädchens. Wie der Sonnenſtrahl eines Lächelns irrte es über ſeine noch eben ſo ſchmerzlich entſtellten Züge — ein Augenblick, dann ſank er kraftlos zurück. Aber Helene flüſterte in aufwallender Freude:„Er lebt! Er lebt!“ Zweites Kapitel. Der Verwundete war in das Pfarrhaus gebracht worden, zur großen Beſtürzung des Pfarrherrn, der den kräftigen Mann noch kurz vorher in denſelben Räumen in blühender Geſundheit geſehen hatte. E⸗ wie er Viktor mittheilte, bei ihm umme für die Abgebrann⸗ das zu ſeinem Spren⸗ tienne Gérard war, geweſen, um ihm eine Geldſ ten in einem entfernteren Dorfe, gel gehörte, einzuhändigen. Schon während der Ver⸗ wundete durch die Dorfſtraße getragen wurde, hatte er wiederholt die Augen geöffnet und ein leiſes:„Mir iſt ganz wohl!“ Helenen zugeflüſtert. Jetzt, auf wei⸗ chem Lager, in dem ſtillen Gemach ruhend, erkannte er auch den Pfarrer, drückte ihm die Hand und ſagte, 23 immer wie einer, der zwiſchen Schlaf und Wachen da⸗ hin dämmert:„Geben Sie ſich keine Mühe um mich, es wäre ſo ſchön, in der Nähe eines Engels zu ſterben!“ Der Pfarrer war in ſeinem langen Leben zu oft Zeuge ähnlicher Vorfälle geweſen, um in Wort und Geberde nicht das Richtige treffen und den ſchwer Kranken beruhigen zu können.„Schließen Sie nur wieder die Augen,“ ſagte er über Etienne gebeugt, „der Engel bleibt.“ Und mit geſchickter Hand fing er ſeine Wunden zu unterſuchen an.„Ein Landpfarrer,“ meinte er zu Viktor,„muß dem Arzt ein wenig in's Handwerk zu pfuſchen wiſſen. Ueberhaupt, was den Unterſchied von Seele und Leib betrifft... hm, ich habe ſo meine ketzeriſchen Gedanken darüber, als wären das zwei Vorſtellungen für ein Ding!“ Die Unterſuchung fiel nicht ungünſtig aus, die Wunde am Haußt ſchien wohl ſchwer, aber doch nicht lebensgefährlich zu ſein, und in kunſtgerechter Weiſe wurde ein Verband darum gelegt. Mit einer gewiſſen Eiferſucht drängte Helene Viktor, der ſeine Hilfe dabei anbot, zurück; es war, als gönnte ſie Keinem auch nur den geringſten Anſpruch auf die nachherige Dankbarkeit Etienne's. Dieſe Behandlung, die er von ſeiner Cou⸗ ſine erfuhr, hatte nach der gemeinſam überſtandenen 24 Gefahr, bei der Verpflichtung, die ſie Beide in gleicher Weiſe Gérard ſchuldeten, etwas doppelt Kränkendes; die Lippen auf einander preſſend trat Viktor an das Fenſter und drückte ſeine Stirne an die Scheiben. In wunderlicher Miſchung irrten Empfindungen des Zornes und des Haſſes mit anderen, ſanfteren Gefühlen der Theilnahme und der Dankbarkeit in ſeinem Herzen in und durch einander. Was er ſeit lange, wie aus tief— innerſter, unausgeſprochener und ſelbſt unbewußter Ueberzeugung, als das Schlimmſte für ſeine Hoffnun⸗ gen auf Helenens Liebe gefürchtet: ein Zuſammen⸗ treffen, eine Annährung zwiſchen ſeiner Couſine und dem Fremden, der ſo unerwartet und unerwünſcht in dieſem Thal erſchienen war und eine feſte Stellung auf dieſem Boden einzunehmen ſich anſchickte, es war nun geſchehen. Der romantiſche Sinn des Mädchens hätte dieſen Mann nicht herrlicher mit erborgtem und erdichtetem Glanze umkleiden können, als es der Zu⸗ fall jetzt mit wahrem und wirklichem gethan; Etienne Gérard, der in Afrika, wie ſeine Anhänger zu erzählen pflegten, ſiegreich im Kampf gegen Beduinenhäuptlinge und Löwen beſtanden, hatte ſie aus der Hand des Todes gerettet. Um das ſpöttiſche Lächeln, das Viktor ſonſt immer und nicht ohne Erfolg dieſen abenteuerlichen Heldenthaten und Jagdgeſchichten entgegengeſetzt hatte, * war es für immer geſchehen. Warum ſollte der Mann, deſſen Kühnheit ſich vor ihren Augen erprobt und an ihnen ſelbſt erwieſen, nicht auch auf dem Schlachtfelde und im Sande der Wüſte ein Held geweſen ſein? Eine tiefe Röthe, halb des Zornes über das Geſchehene, das fortan Unabänderliche, halb der innern Scham, daß er einem jedenfalls tapferen Manne Unrecht gethan, färbte plötzlich Viktor's Wangen dunkler, und er wandte, im Grunde gegen ſeinen Willen, der ihm kühle Ablehnung gebot, von der ſtärkeren Leidenſchaft hingeriſſen, noch einmal das Geſicht des Gegners zu ſehen, die Augen nach dem Verwundeten. Der Pfarrer hatte ihm das dichte ſchwarze, hier und dort von einem grauen Schimmer überflogene Haar ganz aus der Stirn zu⸗ rückgeſtrichen; frei, offen, regungslos lag das Geſicht dem forſchenden Blicke Viktor's da. Ein broncefarbenes ſüdliches Antlitz, auf dem die Kämpfe des Lebens, vielleicht auch die gefährlicheren und ſchlimmeren heftiger Leidenſchaften, ihre deutlichen Spuren zurückgelaſſen: in einer tiefen Falte zwiſchen den Augenbrauen, in jenen feinen Schmerzenslinien, die, um den Mund ge⸗ zogen, ihm zugleich etwas Entſchloſſenes und Unbeug— ſames gaben. In Allem, wie ſich Viktor mit ſtillem Neide geſtehen mußte, das Geſicht keines unbedeutenden Menſchen; ein Geſicht, das halten wird, was es ver⸗ —————— . 26 „pricht, keines, das ſich leicht vergeſſen läßt. Nein, ge⸗ iin wiß nicht vergeſſen... Was zuckte nur in Viktor's mit Gehirn auf? Eine Erinnerung, die kaum aus der Tiefe d ſich erhebend auch ſchon wieder verſunken; ein Licht⸗ 4 abe funke, der aufleuchtend ſchon wieder von dichter Finſter⸗ MNRI. niß verſchlungen iſt. Dieſes Geſicht dünkte ihm bekannt, der nicht das Einzelne, die Naſe oder die Augen, ſondern Oa der Ausdruck, der Schnitt, die Farbe des Ganzen. Wie er ſich aber auch anſtrengte und ſein Denken zermarterte, er fand weder den Ort, noch die Zeit, wohin er es auch nur mit annähernder Sicherheit zu ſtellen ver⸗ mochte. 1 de Indeſſen war es dem Mohren gelungen, den Arzt aufzufinden. Helenens Ahnung hatte ſie nicht betrogen, er der Arzt war noch auf dem Schloſſe bei der kranken ge Tante geweſen: er kam nun in aller Eile und Unruhe ge über die Botſchaft des Dieners in das Gemach, hieß ü die Andern hinausgehen, um bei der Unterſuchung des I Kranken nicht geſtört zu werden, und behielt nur den 6 Mohren zu den nothwendigſten Dienſtleiſtungen bei ſich. Während Helene, von Aufregung und Anſtrengung er— T ſchöpft, im Nebenzimmer auf einen Stuhl ſank und mit gefalteten Händen leidvoll vor ſich hinſtarrte, keines Wortes mächtig, ging Viktor ſchweigend hinaus et in den Garten; er mußte im Freien Athem ſchöpfen, 27 eine unſichtbare Laſt hatte ſich ihm auf Kopf und Herz mit niederdrückender Schwere gewälzt. Kühl wehte der Abendwind von den Bergen her um ſeine Stirn, aber die innere Gluth in ſeiner Bruſt dämpfte er nicht. Mit immer ſchnelleren Schritten maß er den Gang, der von Obſtbäumen eingefaßt, von der Schwelle des Hauſes bis zu der kleinen jenſeitigen Thür in der leben⸗ digen, den Garten einſchließenden Hecke führte, auf und nieder. Wohin er blickte, überall ſchwebte ihm das Geſicht Etienne's vor, bald blaß und ſtill, wie das eines Sterbenden, bald zornglühend, mit funkeln⸗ den Augen, wie das eines Kämpfers im wildeſten Augenblick des Gefechts. Er bemerkte gar nicht, daß er ſich abermals umwendend hart an den Pfarrer an⸗ gerannt wäre, wenn dieſer nicht, die Hände ausſtreckend, gerufen hätte:„Halt, halt, Herr von Adlersheim! Was iſt das? wollen Sie uns auch noch zu allem Unglück krank werden? Sie ſehen aus, als wäre Ihnen ein Geſpenſt erſchienen!“ Viktor faßte ſich.„Sie ſind es, Herr Pfarrer! Vergebung, ich bin ſo in Gedanken... unſere Gefahr ... die heldenmüthige Aufopferung Herrn Gérard's. ... Es iſt mir zu verzeihen, wenn mir der Kopf noch etwas wüſt iſt... Wie geht es ihm?“ „Bei Ruhe und guter Pflege gibt der Arzt die 28 beſten Hoffnungen; es iſt kein edler Theil verletzt, kein Knochen gebrochen. Ob freilich die ſtarke Erſchütterung nicht ein Nervenfieber herbeiführen wird, läßt er noch dahingeſtellt. Aber mit Gottes Hilfe, bei der Kraft und Jugend Herrn Gérard's... nur Geduld, Herr von Adlersheim, wir werden über den Berg kommen.“ „Ich wünſche es von Herzen... obgleich... hochwürdiger Herr, ich will Ihnen gegenüber nicht hinter überſchwänglichen Redensarten mich verſtecken, deren Schleier Sie doch nur zu bald durchſchauen würden, ich könnt' es auch nicht einmal, am wenigſten in dieſer Stunde... Herr Gérard iſt mein Lebens⸗ retter, aber er wird niemals mein Freund werden.“ „Man begegnet dem fremden Manne, der wie aus einer Wolke hierher niedergefallen iſt, Keinem zur rechten Freude, mit Vorurtheilen, mit einer Voreingenommen⸗ heit und Abneigung, die nur zu natürlich ſind. Der Fremde, der ſich in unſerer Nähe, ich möchte ſagen, auf unſerer Scholle niederläßt, hat für uns immer et⸗ was von einem Eindringling; aber es iſt ein Vorzug der Bildung, ſolche Vorurtheile leicht von ſich abzu⸗ ſtreifen, ſobald man ſie als Vorurtheile erkannt hat Und was Herrn Gorard betrifft, er beſitzt die trefflichſten Eigenſchaften des Herzens und des Geiſtes. Wie ſagt doch der Dichter?„Edel ſei der Menſch, hilfreich und gut.“ un ☛ 29 „Und dort drinnen,“ erwiderte Viktor mit einer Bewegung nach dem Fenſter des Krankenzimmers hin, in einem Ton, der von einer leiſen und bitteren Ironie widerklang,„liegt ſolch' ein Auserleſener! Ein Halb⸗ gott unter uns anderen niederen Sterblichen!“ „Sie werden ungerecht, Herr von Adlersheim,“ unterbrach ihn ſanft verweiſend der Pfarrer. „Getrauen Sie ſich, an meiner Stelle billig und gerecht zu urtheilen? Ich hatte keinen Anſpruch, keinen rechtlichen Anſpruch auf die Güter des alten Weßbach, allein in meiner Meinung, wie in der aller Leute in der Umgegend, die uns beide kannten, war ich der Univerſalerbe des alten Herrn. War es eine thörichte Selbſtüberſchätzung? War es der natürliche Ausfluß langjähriger Freundſchaft? Sagen Sie ſelbſt.“ „Ich weiß, ich weiß,“ machte der Pfarrer.„Er war ein Voltairianer, der alte Herr, und hielt nicht viel von unſerer Kirche und ihren heiligen Gebräuchen. Dennoch wollte er kein öffentliches Aergerniß geben, beichtete mir vor ſeinem Tode und empfing die heiligen Sakramente. Glauben Sie mir, Sie ſelber können nicht ſchmerzlicher von ſeinem letzten Willen überraſcht worden ſein, als ich es damals von ſeinem Bekennt⸗ niß wurde. Sie mit einem Legat abgefunden, Fräulein Helene gar nur mit ſeiner Raritätenſammlung bedacht— und ein Fremder Herr des großen Reichthums, Herr dieſer Grubenwerke und dadurch halb und halb Ge⸗ bieter über das Schickſal von ſo vielen hundert Arbeitern! Wahrhaftig, ich war ſo betäubt, als ſchwankte die Erde unter mir! Was ſind die Pläne, die Hoffnungen, auch die gerechteſten, der Menſchen! Und was ich ſonſt für eines der größten und am ſchwerſten zu vermeidenden Vergehen gerade unſeres Standes gehalten, da es ſich uns ſo häufig und ſo leicht unter der Maske des Guten aufdrängt: die Erbſchleicherei, ſie erſ ſchien mir in dieſem Augenblick in einem milderen Lichte. Wir ſind allzumal Sünder vor Gott, Herr von Adlersheim! Wenn es noch möglich geweſen wäre, durch Vorſtel⸗ lungen, Ermahnungen und Bitten auf den verblendeten, hartnäckigen Willen des Greiſes einzuwirken!“ „Ich kenne Ihre Zuneigung für unſer Haus, für mich, hochwürdiger Herr! Wie väterlich ernſt haben Sie ſchon den unbändigen Knaben zur Geduld und Selbſtbeſchränkung gewieſen, als zu den einzigen Tu⸗ genden, die das Leben erträglich machen! Wenn er Ihnen nur gefolgt wäre! Aber geſtehen Sie auch, daß ich wohl ein Recht habe, Herrn Gé érard mit ſcheelem Blick anzuſehen, da Sie ſelbſt über ſein Glück erſchracken und es ihm nur zu gern entriſſen hätten!“ „Es iſt ja ſchon ſo,“ ſagte der Pfarrer und legte 2 31 die Hände bedachtſam über einander.„Ein Fall, der wieder einmal zeigt, daß doch nicht immer das Böſe in uns, ſondern zuweilen auch in den Dingen und Zu⸗ fällen liegt. In ſo eigenthümlicher, gefährlicher Ver⸗ kettung der Verhältniſſe ſind Sie an Herrn Gérard gerathen. Merkwürdig! wie Sie ihn haſſen, ſo ſcheut er Sie. Hoffen wir, daß die Spannung, die nur zu lange gedauert hat, ſich jetzt zwiſchen Ihnen und ihm ſanft löſen wird. Es iſt ein Mann, mein lieber Viktor, deſſen Freundſchaft zu erwerben ſich verlohnt. Der alte Weßbach hat ſeinen Werth richtig erkannt.“ „Meinen Sie,“ erwiderte Viktor kurz.„Ich ſehe da nur einen abenteuerlichen Mann, der Andere klug zu feſſeln und zu beſtricken verſteht, halb durch ſeine Erſcheinung, halb durch ſeinen Charakter. Hören Sie wohl, ich ſpreche ihm durchaus nicht edle und gute Eigenſchaften ab, aber es iſt etwas in dem Geſicht, das mir nicht gefällt.“ „Sie ſind auf falſcher Fährte, da iſt nichts von einem Abenteurer, einem Spekulanten auf den Reich⸗ thum und die Neigung Anderer. Gérard hat mich ſeit ſeiner Ankunft in unſerer Gegend wiederholt be⸗ ſucht. Man iſt ihm überall kalt und förmlich begegnet, ſogar ausgewichen, während er das Bedürfniß empfand, ſich auszuſprechen und über ſein Glück zu rechtfertigen. 32 Auch ich war Anfangs ihm gegenüber zugeknöpft und ließ ihn fühlen, daß er an eine Stelle getreten, die wir Alle einem Andern beſtimmt hatten.“ „Und was erfuhren Sie?“ fragte mit lebhafter Spannung Viktor. „Nicht viel, was das Thatſächliche betrifft; nichts, was wir nicht ſchon vorher gewußt. Daß Gérard ſeit fünfzehn Jahren in der franzöſiſchen Armee in Algier gedient und ſich von dem Stande eines gemeinen Sol⸗ daten der Fremdenlegion zu einem der kenntnißreichſten und ausgezeichnetſten Offiziere im Stabe des Mar⸗ ſchalls Mac Mahon aufgeſchwungen hatte; daß er zu⸗ fällig mit Weßbach in Algier zuſammengetroffen, eine Reiſe in's Innere des Landes mit ihm gemacht und ihn während einer Krankheit gepflegt hat. Kleinig⸗ keiten, Dinge, wie ſie Jedem geſchehen und meiſt ohne Folge zu verlaufen pflegen, in dieſem Falle aber das Verhängniß herbeiführten, unter dem wir leiden.“ „Wir?“ fragte Viktor. „Ja, Sie und ich und auch Gérard. Er hatte, als er in Algier das Schreiben des Gerichtes mit der Anzeige von Weßbach's Tode und letztem Willen er⸗ hielt, keine Ahnung von den hieſigen Verhältniſſen. Er wußte nur, und die Nachforſchungen eines Advo⸗ katen, dem er in dieſer Angelegenheit ſeine Aufträge 33 gegeben, beſtätigten es ihm, daß Weßbach keine näheren Verwandten gehabt, denen auch nur der Schatten eines Rechtes auf ſein Erbe zur Seite geſtanden. So kommt er hier an, mit reinem Bewußtſein und reiner Hand. Jeder hütet ſich wohl, dem neuen Herrn die unange⸗ nehme Wahrheit hinſichtlich Ihrer zu verkündigen. Man beklagt Sie im Stillen, öffentlich ſonnt man ſich in dem Glanz des neuen Geſtirns; das iſt nicht ſchön, aber menſchlich. Zuletzt muß in Gérard doch ein Ver⸗ dacht aufgeſtiegen, halbe, dunkle Worte mögen zu ihm gedrungen ſein, er verlangte von mir die volle, die ungeſchminkte Wahrheit.“ „Und Sie,“ fragte heftig Viktor,„Sie erzählten ihm, daß ich. „Kennen Sie mich ſo ſchlecht?“ entgegnete mild der Pfarrer.„Nicht ein einziges Mal iſt in unſeren Geſprächen Ihr Name genannt worden. Aber auch ohne Ihrem Stolze im leiſeſten nahe zu treten, konnte ich Gérard das herzliche Verhältniß ſchildern, in dem Weßbach ſo lange Jahre mit Ihren Eltern, mit des Fräuleins Mutter gelebt hatte. Ich ſah ihn unter den Gedanken und Betrachtungen, die aus meiner Erzäh⸗ lung auf ihn einſtürmen und ihm etwas wie ein Me⸗ duſenhaupt vorhalten mochten, erbleichen. Stumm drückte er mir die Hand und ſaß eine öpiſe den Kopf Frenzel, Geheimniſſe. II. 34 auf die Linke geſtützt, in ſich verſunken da.„Es war nicht recht von dem alten Mann,“ ſagte er beim Scheiden,„bedauern Sie mich, ich bin ſehr unglücklich.“ „Eine weltſchmerzliche Redensart, die nach Lord Byron ſchmeckt und im Uebrigen ſo wohlfeil iſt, ſo wohlfeil!“ murmelte Viktor halblaut. Aber der Pfarrer hatte ihn doch verſtanden und ſagte:„Sie werden mich noch ernſtlich böſe machen, Herr von Adlersheim; prüfen Sie wenigſtens, ehe Sie verdammen. Dieſer Mann iſt in Wahrheit tief und ſchmerzlich bewegt, ich kenne ſeine Vergangenheit nicht, allein ich begreife ſeine Stimmung vollſtändig aus ſeiner gegenwärtigen Lage heraus. Eine Stimmung, die ich theilen würde, wenn ich in ſeinem Falle wäre. Iſt es denn angenehm, von allen Augen ſcheel und miß⸗ trauiſch angeſehen zu werden und ſich ſagen zu müſſen: ohne dein Wiſſen und Wollen, ohne dein Zuthun haſt du ein Unrecht verübt! Und wodurch? Durch dein bloßes Daſein!“ Viktor zuckte die Achſeln.„Iſt es ſo ſchwer, den Weg, den er von Afrika hierher gefunden, wieder zurück zu finden?“ „Und Ihnen die ehmaligen Güter Weßbach's zu ſchenken? Sie ſehen auch aus wie Einer, der ſie von 81ℳ4 ihm zum Geſchenk annehmen würde! 8 35 „Nicht um mein Leben!“ betheuerte der junge Mann. „Was bleibt ihm dann übrig, als ſein Schickſal⸗ und wenn Sie wollen, ſeinen Reichthum zu ertragen? Sie kennen die griechiſche Sage, ſelbſt Herkules ver⸗ mochte das Hemd des Neſſus nicht von ſich abzuſtreifen. Eine ähnliche dämoniſche Gewalt liegt im Beſitz. Wir haben ihn und er hat uns. Und zuletzt kommt es doch einzig darauf an, wie wir die Gaben, irdiſche wie himmliſche, welche die Vorſehung uns verliehen, zum Wohl und zur Harmonie des Ganzen benutzen Da wünſchte ich denn, daß alle Reichen ſo wohlthätig, mit ſo klugem und verſtändigem Sinn wohlthätig wären, wie dieſer Herr Gérard. Getroſt, mein lieber Viktor, im Lauf des Lebens muß Jeder von uns ſchlimmere Dinge, ein größeres Weh überwinden, als eine verlorene Erbſchaft. Und immer in ſich allein, durch eigene Kraft und Läuterung! Was wir gewinnen, was vor uns zerrinnt, es geſchieht Alles nach einem Plane, deſſen Größe und Erhabenheit uns doch nicht, wie die Philoſophen des Peſſimismus behaupten, ganz und gar verborgen bleibt. Auch für Sie wird die Stunde der Erkenntniß ſchlagen. Eines über Allem: den Platz ausfüllen, auf den wir geſtellt ſind, das ſchafft dem eigenen Herzen Ruhe, ſchafft Achtung vor den Mitmenſchen und Gnade vor Gott.“ Wenn der Pfarrer ſo ſprach, hatte er etwas Herz⸗ gewinnendes und Ergreifendes; ein gehaltenes, faſt feierliches Weſen, das aber doch mehr an die Milde und den Ernſt eines Weiſen, als an die Salbung eines Prieſters erinnerte. War Viktor auch über Gérard keines Beſſeren bekehrt, er äußerte wenigſtens kein Wort mehr, und ſtumm kehrten ſie neben einander in das Haus zurück. Darüber war tiefe Abenddämmerunghereingebrochen, und der Pfarrer bat bedächtigen Sinnes Helene, die wieder an das Bett des Kranken gegangen war, ihm jetzt die Sorge für ſeinen Gaſt zu überlaſſen und mit dem Vetter nach dem Schloß zurückzukehren, wo ihre lange Abweſenheit gewiß ſchon ängſtliche Sorge erregt habe. Solcher Aufforderung war nicht zu widerſtehen; wie ſchwer es ihr auch wurde, Helene mußte ſich von dem Kranken und der traurig ſüßen Pflicht, über ihn zu wachen, losreißen. Noch einen langen Blick auf ihn werfend, ſchied ſie. Der Pfarrer begleitete die beiden jungen Leute über die Schwelle ſeines Hauſes. Helene hatte ihren Arm in den Viktor's gelegt, aber ihre Ge— danken weilten nicht bei ihm; Friede war rings um⸗ her, aber in ihre Herzen waren Unruhe und Leidenſchaft eingezogen. Drittes Kapitel. Nehrere Wochen waren ſeitdem vorübergegangen, ein ſommerlich warmer Hauch wehte über die Land⸗ ſchaft hin und von der Wunde Etienne Gérard's war nur noch unweit der rechten Schläſe eine breite rothe Narbe zurückgeblieben. Unter der ſorgſamen Pflege Helenens, des Pfar⸗ rers und ſeines treuen Dieners hatte er ſich allmäh⸗ lich wieder erholt. Aber die trübe Schwermuth, die auf ihm laſtete, hatte ihn, dem belebenden Gefühl der Geneſung zum Trotz, nur noch dichter umſponnen. Während ſonſt neue Verhältniſſe, in die wir treten, Bekanntſchaften mit neuen Menſchen, die ſich an eine gute That knüpfen, erfriſchend auch auf einen um⸗ düſterten Geiſt zu wirken pflegen, ſchien die Annähe⸗ 38 rung der Adlersheim an Gérard einen entgegengeſetzten Einfluß auf ihn auszuüben. So viel er konnte, ver⸗ mied er die Geſellſchaft der Familie; ſich ganz von ihr fern zu halten und wieder in ſeine frühere Abgeſchloſſen⸗ heit zurückzuziehen, verboten ihm nicht nur die Rückſich⸗ ten der Höflichkeit, die Sitte der Geſellſchaft, ſondern auch die Dankbarkeit, die er ſeiner Pflegerin Helene ſchuldete. Ueber die Aufnahme, die ihm auf dem Schloſſe bei ſeinem erſten Beſuche bereitet worden war, hatte er nicht zu klagen gehabt. Viktors Eltern waren ihm auf halbem Wege entgegengekommen, und wenn die Haltung und der Dank, mit denen Viktor ſeinem Le⸗ bensretter begegnete, kühler und gemeſſener ausgefallen, ſo fand dieß in der Spannung Beider zu einander und in ihrem faſt gleichen Alter ſeine Erklärung. Sie waren eben nicht mehr jung genug, um ſich leicht und ſchwärmeriſch dem neuen Eindruck hinzugeben, und wieder noch nicht alt genug ihre Empfindungen unter der Maske höflicher Gleichgiltigkeit klug zu ver⸗ bergen. Vielleicht hatte Gérard nicht einmal ſo viel Freundlichkeit von dem Manne erwartet, deſſen Hoff⸗ nungen er zerſtört: ſicher war es, daß ihn Helenens tiefe Bewegung bei ſeinem Anblick faſt erſchreckt hatte. Vergebens hatte er ſich bemüht, ſeine That, die von Allen weit über Gebühr gelobt wurde, als das Werk 39 eines glücklichen Zufalls, nicht als eine Handlung be⸗ wußter Ueberlegung darzuſtellen. Viktor, der ihm die Pein bei dieſer Wendung der Unterhaltung angeſehen, war ihm dann mit einem Scherze zu Hilfe gekommen und hatte das Geſpräch in jenen ebenen, breiten und ungefährlichen Redefluß der guten Geſellſchaft gelenkt. Dieſer erſte Beſuch leitete den Verkehr zwiſchen Gérard und Helene ein. Einladungen zu Spazier⸗ ritten, zu Ausflügen in die Umgegend wurden fortan gegenſeitig gemacht und angenommen; wie ſich Gérard auch ſträuben mochte, das Netz, in dem er gefangen war, zog ſich immer enger zuſammen. War es Laune des Glücks oder eine künſtliche Veranſtaltung, immer fand ſich auf dieſen Fahrten Helene an ſeiner Seite. Viktor, der doch den erſten Anſpruch auf dieſen Platz gehabt, hielt ſich gefliſſentlich zurück, in beobachtender Stellung. Da konnte es nun nicht fehlen, daß ſich das junge Mädchen in ſeiner ganzen Anmuth und Liebens⸗ würdigkeit zeigte und die reiche Fülle ihres Geiſtes mehr als Einmal zur vollſten Entfaltung und Blüthe kam. Der Eindruck auf Gérard blieb nicht aus; aber dieſer Eindruck hatte für ihn bei allem Reiz und Zauber etwas Unheimliches und Peinigendes. Wenn er ſie lange betrachtet oder ihr ſchweigend zugehört hatte, überfiel ihn eine Art Schwindel; ein Bild tauchte in 40 ſeiner Seele auf, das ihn verwirrte und mit Entſetzen ſchlug: er ſah ſich da wie im Traum auf den ſteilen Grat eines Felſens geführt und von einer geheimniß⸗ vollen Macht in den klaffenden Abgrund zu ſeinen Füßen gezogen. Zuweilen, er wußte ſich keine Rechen⸗ ſchaft darüber zu geben, ließ ihn der Ton ihrer Stimme, der Blick ihrer Augen zuſammenfahren, es war ein Etwas darin, das er nicht hören, das er nicht ſehen mochte. Allein dieſer unerklärliche Schauer hielt doch auf die Dauer vor der immer ſich gleichbleibenden Huld des Mädchens nicht Stand. Thörichte Einbil— dungen, finſtere Geſichte, welche ihr Lächeln verſcheuchte! Wenn ſie ihm die Hand mit leiſem Druck reichte, wenn ſie mit jenem aufmerkſamen Ohr, wie es nur Liebende haben, ſeinen Worten lauſchte, vergaß er ſeine Ahnungen, und ein Ausruf der Freude, ein Leuchten, das über ſein Antlitz ging, zeigten, daß auch für ihn das Leben ſeinen Werth noch nicht ganz verloren habe. „Othello bei Desdemona!“ ſpöttelte wohl darauf, wenn Gérard gegangen, Viktor, mit einem Zlick tiefer Abneigung ſeinen Nebenbuhler verſolgend. Darüber beſtand nämlich in der Umgegend und bei der Diener⸗ ſchaft des Hauſes kaum noch ein Zweifel, daß die reiche Schloßherrin den Fremden, den das Glück ſo wunder— bar begünſtigte, heirathen werde. Wenn Einer das 41 große Loos gewonnen hat, ſagten die Leute, ſo zieht er es auch noch das zweite und dritte Mal; und wieder, ſetzten Andere, auf Viktor deutend hinzu, brennt Einem das Haus ab, folgt die Scheune bald nach. Wie überall fanden ſich auch hier gute Freunde, die Viktor von dem Verhältniß ſeiner Couſine zu Etienne Gérard noch ge⸗ nauer zu unterrichten wußten, als er ſelber es war: abenteuerliche Geſchichten, in denen ſich nur der Neid und die gemeine Verleumdungsſucht der Menſchen aus— ſprach. Was es zwiſchen den Beiden gab, ſah Viktor, ſah es nur zu gut mit eigenen Augen und zornigem Herzen, die täglich wachſende, ſich im Kleinen wie im Großen äußernde Liebe des Mädchens, die Unent⸗ ſchiedenheit des Mannes, der in einem inneren Zwie⸗ ſpalt befangen, jetzt die Hand begierig nach dem Schatze auszuſtrecken und jetzt ſie wieder furchtſam zu⸗ rückzuziehen ſchien— wie einer, der unter dieſem Schatze eine gefährliche Schlange verborgen glaubt. So metaphyſiſch legte ſich indeſſen Viktor das Schwanken in Gérard's Betragen nicht aus; er ſah in dieſem ſorg⸗ fältigen Vermeiden einer beſtimmten Erklärung nur den Kunſtgriff eines geſchickten Spielers, der den An⸗ dern immer weiter locken will, bis er ſeines Sieges ſicher iſt. An dem Tage, wo Helene volljährig wird, meinte er, wird dieſer Menſch die Maske ſchon fallen 42 laſſen. Seine urſprüngliche Anſicht von Gérard's Cha⸗ rakter, welche die Vorſtellungen des Pfarrers einen Augenblick erſchüttert hatten, gewann wieder die Ober⸗ hand in ihm: ſchlau und verſchlagen, wie er den alten Weßbach verlockt, verlockte er jetzt auch Helenen. Den Einen hatte er durch ſein Soldatenthum, ſeine wahren oder erdichteten Fahrten und Kriegsthaten, ſein Kreuz der Ehrenlegion und ſeine Schwärmerei für Frankreich und„die große Nation“ überliſtet; die Andere betrog er mit weltſchmerzlicher Melancholie und jenen ſeltſamen Künſten, die ſchon Othello angewandt, um Desdemona's argloſes Herz zu beſtricken. Als einmal im Kreiſe der Familie um den Theetiſch Gérard ſich aus ſeiner ge⸗ wohnten Zurückhaltung zu einem lebhafteren Ton hatte fortreißen laſſen, als er da, von Helenens Blicken an⸗ gefeuert, ſeine Kämpfe und Gefahren unter den auf⸗ rühreriſchen arabiſchen Stämmen am Saume der gro ßen Wüſte, einen waghalſigen Ritt durch die waſſer⸗ loſe Oede, während im Südoſten am Himmel die ſchwärzlich⸗gelben Wolken, welche den Samum verkün⸗ digen, heraufzogen: als er dieß Alles geſchildert und ſein ſonſt ſo bleiches, gleichſam ehernes Geſicht von der Gluth der Leidenſchaft entflammt wurde, war Viktor zuerſt auf jene phantaſtiſche Bezeichnung gekommen. Wer doch ſagen könnte, wie unſere Gedanken ſich bilden, nach von; ſproc bilde ihn nens ande Emp dem 43 nach welchen Geſetzen ein Wort, ein Bild ganze Reihen von Vorſtellungen in uns hervorrufen! Einmal ausge⸗ ſprochen, verließ dieſer Name„Othello“ Viktor's Ein⸗ bildung nicht wieder, mehr und mehr verſchmolz für ihn Gérard mit dem Helden Shafſpeare's. Die Vorliebe, ja die ſchwärmeriſche Neigung Hele⸗ nens für Gérard hatte außer bei Viktor, auch bei den andern Perſonen in ihrer nächſten Nähe widerſtrebende Empfindungen erweckt. Getreu dem Worte, das er dem Vater und der Mutter des Mädchens gegeben: der Wahl ihres Herzens keinen Zwang anzuthun, ſeinem ganzen ehrenfeſten und ſchlichten Weſen getreu, hielt ſich ihr Oheim in dieſer Angelegenheit, von deren Entſcheidung doch das Glück ſeines Sohnes abhing, vollkommen zu⸗ rück. Nicht einmal ſeine Blicke ſprachen ſeine Wünſche aus. Er behandelte Gérard wie einen ebenbürtigen Genoſſen, wie einen lieben und gern geſehenen Freund des Hauſes. Wenn Helene das Wiſſen, den feinen Takt und die heroiſchen Eigenſchaften ihres Retters rühmte, ging er bereitwillig darauf ein und wußte noch eine oder die andere Thatſache zu Gérard's Gunſten hervorzuheben. Daß er bei alledem aus einer gewiſſen Steifheit und Gemeſſenheit nicht heraus kam, lag nun einmal in dem Charakter und in den Vorurtheilen des alten Edelmanns.„Mir wäre es freilich lieber,“ pflegte er 44 zu ſagen, und nicht ganz ohne Abſichtlichkeit, wenn er annehmen durfte, daß man ſeiner Nichte die Aeußerung hinterbringen werde,„mir wäre es lieber, wenn Helene einen Edelmann heirathete; warum trägt ſie einen ſo ehrenvollen und ruhmreichen Namen? Noblesse oblige! Aber ſie hat die Wahl, die freie Wahl! Und die jungen Leute ſchütteln die Köpfe über unſere altmodiſche Weis⸗ heit, ſie glauben ſich beſſer auf Zeit und Zukunft zu verſtehen, als wir!“ Weniger gelaſſen nahm die lebhaftere Mutter Vik⸗ tor's die Schwärmerei des jungen Mädchens auf. So manches Jahr hatte ſie ſchon Helene mit einer beinahe ſtürmiſchen Zärtlichkeit umfaßt und gehegt, mit jener ausſchließlichen Liebe, die den geliebten Gegenſtand N niemals aus den Armen laſſen will; ſie ſchalt es Un dank, daß Helene jetzt ihrer treuen Sorge vergeſſend einem Andern ſich zugewandt, und vergaß nur darüber, daß ihre eigene Zärtlichkeit in der ſelbſtſüchtigen Hoff⸗ nung gewurzelt, in Helenen die einſtige Gattin Viktor's zu ſehen. Trotz der Einreden ihres Gatten, trotz des Zwanges, den ſie ſich in ſeiner Gegenwart auferlegen mußte, trat ihre Abneigung gegen Gérard, ihr Verdruß über die Vereitlung ihres Lieblingswunſches in tau⸗ ſend kleinen Zeichen zu Tage. Unter ſolchen geſpannten Verhältniſſen leiden fein — beſaite gegebe lung! wandt ihre borgel Erde Velag Feſtun ſtehen auszl trauel einer dem 45 beſaitete Naturen am meiſten, denn ihnen iſt es nicht gegeben, mit einem raſchen Wort oder durch eine Hand⸗ lung der Leidenſchaft die Feſſeln zu löſen, welche Ver⸗ wandtſchaft und Gewohnheit um ſie geſchlungen haben; ihre Verſtimmung bleibt lautlos und greift im Ver⸗ borgenen immer weiter um ſich. So wird unter der Erde eine Mine langſam aber unaufhaltſam von den Belagerern fortgeführt, die darüber Wohnenden in der Feſtung haben die unbeſtimmte Ahnung einer bevor⸗ ſtehenden Erderſchütterung, aber ſie wiſſen weder ihr auszuweichen, noch ihr zu widerſtehen. Ohne daß einer der Betheiligten ihn in ſein Ver⸗ trauen gezogen hätte, war dem Pfarrer das drohende Zerwürfniß nicht verborgen geblieben; er ſah es mit tiefer Trauer herannahen. Durch Alles, was Men⸗ ſchen zu einem edlen Bunde vereinigt, war der Pfarrer mit der Familie der Adlersheim verbunden, auf der andern Seite aber hatte auch Gérard ein Stück ſeines Herzens gewonnen. Es war in dieſem Manne eine ſolche Vereinigung kräftigen Wollens und tiefſinnigen Denkens, es offenbarte ſich in ihm die ganze Macht einer ſeltenen, faſt dämoniſchen Perſönlichkeit, die unter dem Zwang und durch die Formen einer Alles gleich⸗ machenden Bildung noch nichts von ihrer Urſprüng- lichkeit eingebüßt hat, etwas Düſteres und Großartiges — — — — 46 zugleich, dem der Pfarrer ebenſo wie Helene unterlag. Kein Wunder, urtheilte Viktor in ſeiner bitteren Weiſe, dieſer Afrikaner iſt eben ein Zauberer; wer kennt nicht die aegyptiſchen Gaukler? Die Einen bezaubern Schlangen, die Anderen Menſchen, und bei dem thörichten Mädchen wie bei dem blöden Alten iſt die Phantaſie mit dem Verſtande durchgegangen. So arg war es nun doch nicht,— im Gegentheil, der Pfarrer hielt ſich für ver⸗ pflichtet, Helene in ernſter Warnung auf die unberechen⸗ baren traurigen Folgen aufmerkſam zu machen, denen ihre Neigung ſie und ihre Verwandten auszuſetzen drohte. „Es hat ſich noch immer geſtraft,“ ſagte er, den be⸗ ſonderen Fall unter ein allgemeines Geſetz faſſend, „wenn ohne äußerſte Nothwendigkeit ein Weib aus den altgewohnten, engen aber doch feſten und Schutz ge⸗ währenden Schranken ihres Lebens tritt, ſei es von einer Hoffnung verführt, oder von einer Leidenſchaft verblendet. Denn die Hoffnungen werden zu Enttäu⸗ ſchungen, unddie Leidenſchaft iſt die Flamme eines Augen⸗ blicks, jene Schranken aber bleiben feſt, von der Natur gezogen und von der Sitte geheiligt. Gewiß gibt es auch außerhalb ihrer ein Glück, nur fürchte ich, daß es durch die Trennung von geliebten Weſen, von jenen unbeſchreiblichen, kleinſten und doch tiefſten Eindrücken der erſten Jugend zu theuer erkauft wird. Wir re ßen — —— 47 terlag uns los, allein ein Stachel bleibt in unſerer Bruſt zu⸗ Weiſe, rück, der uns beſtändig reizt, und allem Glück, welches t nicht die Phantaſie, der befriedigte Wunſch, der höchſte Genuß langen, uns gewähren können, fehlt das Beſte: der Frieden. lädchen Wir Menſchen ſind dürftige Geſchöpfe; wir bilden uns it dem ein, weil unſere Gedanken ſo hoch gehen, könnten wir in doh auch unſere Perſon leicht und heiter aus dem Staube üt ver⸗ der gemeinen Wirklichkeit retten, aber wir ſind ohne erechen⸗ Flügel geboren, und mit tauſend Fäden ziehen uns Ge⸗ „denen wohnheit und Alltäglichkeit wieder zum alten Boden ndrohte. nieder.“ den be⸗ Wie ebenſo viele Stiche empfand Helene dieſe faſſen, Worte des Pfarrers in ihrem Herzen. Hatte denn dus den nur das Hergebrachte, der demüthige Gehorſam des hutz g⸗ Weibes, nicht auch die Freiheit und die Leidenſchaft es von ihre unveräußerlichen Rechte? Eine heftige Erwiderung enſchaft drängte ſich auf ihre Lippen, aber ſie ſchwieg: halb Enttäu-⸗ ein Schweigen des Unwillens, daß der Pfarrer ſo Augen⸗ eigenmächtig in ihr Leben einzugreifen ſuchte, halb ein r Natur Schweigen der Scham, vor einem Fremdem das Ge⸗ gibt es heimniß zu enthüllen, das ſie ſich ſelbſt kaum noch ein⸗ ih, daß geſtanden hatte. Der Gang vom Pfarrhauſe zum on jenen Schloſſe hinauf, die heitere Stille des Abends beruhig⸗ ndrücken ten ihr Gemüth nicht. In hoher Erregung, die r re ßen noch in der Röthe ihrer Wangen und in dem Funkeln ihrer Augen widerſchimmerte, trat ſie auf die Terraſſe des Schloſſes, wo ſie ihre Verwandten mit Etienne im Geſpräch traf. Von der breiten, durch eine ſteinerne Baluſtrade eingefaßten Terraſſe führten zu beiden Seiten mehrere Stufen in den Garten hinunter. Eine ſchöne und weite Ausſicht über die reiche und im ge⸗ fälligen Wechſel ihrer Wälder, Wieſen und Felder, ihrer maleriſchen Felſen und ihres freundlich hellen Fluſſes prangende Landſchaft bot ſich von hier aus dem Schauenden dar. Ein ſanfter, goldbeſäumter Himmel wölbte ſich darüber, und die Friedensſtimmung der Natur ſchien ihre wohlthätige Wirkung auch auf die Geſellſchaft zu üben. Helene hörte, als ſie mit ſchnellen Schritten und klopfendem Herzen durch den halbrunden Saal ging, deſſen Glasthüren ſich auf die Terraſſe öffneten, Viktor ganz gegen ſeine Gewohnheit herzlich lachen.„Nein, nein,“ ſagte er luſtig,„Sie ſind zu gutmüthig und zu romantiſch geſtimmt, Herr Gérard. Wahrhaftig, das iſt eine Geſchichte, ſo ſchaurig und ſo rührend erzählt, wie es nur ein ro⸗ mantiſcher Dichter vermag. An Ihnen iſt doch etwas von einem träumeriſchen Poeten verloren gegangen! Der alte Pierre Barnay, oder in gutes Deutſch über⸗ ſetzt: Peter Barnewitz, ein Held, ein Einſiedler aus unglücklicher Liebe oder, frei nach Schiller, ein Ver⸗ mit den ro⸗ twas ngen! über⸗ aus Ver⸗ 49 brecher aus verlorener Ehre! Peter Barnewitz!“ Sein Gelächter und die drollige Art, wie er den Namen ausſprach, mußte etwas Anſteckendes haben, denn auch Gérard, auf deſſen Koſten es ging, lächelte und meinte: „So kann man zu Helden- und Liebesruhm kommen und weiß nicht wie!“ In dieſem Augenblicke trat Helene auf die Terraſſe und fragte:„Was gibt's denn?“ War es nun der eigenthümlich zitternde Ton ihrer Stimme, ihr unerwartetes Erſcheinen oder die Auf— regung in ihrem Weſen und ihren Zügen, es wehte wie ein kalter Hauch über die Geſellſchaft und die harmloſe Heiterkeit verſtummte. „Es iſt nichts, mein gnädiges Fräulein,“ ſagte Gérard,„ein ſcherzhafter Irrthum. Ich war geſtern tiefer in den Wald jenſeits der Kohlengruben geritten und fand dort mitten im Dickicht, von Tannen und Fichten verſteckt, an einem kleinen Teich ein altes, ver⸗ fallenes Haus. Die Lage des Ortes, die Einſamkeit umher, das alterthümliche, von Epheu umſponnene Gemäuer machten einen tiefen Eindruck auf mich. Ich erkundigte mich bei meinen Leuten, woher dieß Haus ſtamme, wer es zuletzt bewohnt habe, und hörte, daß dort ein ſeltſamer Menſch zwanzig Jahre bis an ſein Lebensende geweilt habe. Es war eine wunderliche Ge⸗ Frenzel, Geheimniſſe. II. 4 — — — 50 ſchichte, die ich vernahm: ein armer Förſterburſche, der eine Gräfin geliebt und viel Schlimmes dabei erfahren, bis er ſich nach manchen Abenteuern menſchenſcheu und lebensſatt in die Einſamkeit flüchtete. Noch voll davon bin ich ſo eben herübergekommen, Frau von Adlersheim und Sie, mein Fräulein, und die Herren zu bitten, morgen bei gutem Wetter mit mir nach dem Waldhauſe zu fahren. Ich war in dem Fieber und der Freude eines Entdeckers und erſahre nun... Herr von Adlers⸗ heim hat recht, es iſt zu drollig!“ „Du wirſt mit uns lachen, Helene,“ ſagte Viktor, „es handelt ſich um den alten Barnewitz, von dem Dein ſeliger Vater uns ſo köſtliche, ſo ſchnurrige Ge⸗ ſchichten erzählt hat. Da ſieht man, wie ſich Mythen im Volke bilden! Dieſer Barnewitz war ein verſchla⸗ gener Schmuggler, er hatte das Gemäuer von den Gemeinden, die den Wald ſeit der Revolution— vordem war er Kloſtergut geweſen— beſitzen, um ein Billiges gekauft, ſpielte dort bald den Schatzgräber, bald den Geſpenſterſeher und paſchte dabei mit anderen verwegenen Leuten hinüber und herüber über die fran⸗ zöſiſche Grenze. Er iſt dann, als die Sache auf dem Punkt ſtand, verrathen zu werden, geheimnißvoll, wie er gekommen, wieder verſchollen.“ Wie eigen,“ entgegnete Gérard und ſtützte den „D hren, und davon öheim witten, diktor, dem e Ge⸗ othen ſſchla⸗ n den 51 Kopf in die Hand:„mir war es, als könne man in jenem Walddunkel, an dem ſchwarzen, tiefen, un⸗ heimlich ſchönen Gewäſſer nur weltentſagende Gedanken haben, nur das Glück der Stille empfinden, endlich dem Lärm und dem wilden Treiben der Menſchen entronnen zu ſein— oder nachſinnen über das Räthſel des Lebens und die grauſame Verkettung der Umſtände, die jetzt Heilige, jetzt Verbrecher aus uns macht, Ver⸗ brecher!“ ſetzte er haſtig in ſchmerzlicher Bewegung hinzu,„ach nein! Nur Unglückliche, tief Unglückliche!“ „Der Ort hat es Ihnen angethan,“ ſagte der alte Baron,„und Sie wollen ſich dieſen Eindruck nicht durch eine Diſſonanz ſtören laſſen. Viktor übertreibt natürlich ein wenig, aber dieß kann ich aus eigener Anſchau⸗ ung verſichern: eine poetiſche Figur war der Schmugg⸗ ler nicht!“ „Der Geſchmack, der Alles gekoſtet hat und immer nach Neuem lüſtern iſt,“ nahm Viktor unbefangen das Geſpräch wieder auf,„will es jetzt einmal mit den großen Uebelthätern verſuchen. Von den unterſten zu den oberſten Schichten der Geſellſchaft iſt das Wohl⸗ gefallen an Kriminalvorfällen und Senſationsgeſchichten, das Gefühl für wahre Schönheit vergiftend, gedrungen. Die Dichter begeiſtern ſich für Alle, welche, wie ſie be⸗ 1* 5 2 &☛ haupten, ungerechter Weiſe von der Geſellſchaft aus— geſtoßen oder doch ausgeſchloſſen worden ſind.“ „Willſt Du alle Urtheile der Geſellſchaft unter⸗ ſchreiben, Alles für gut erklären, was die ſogenannte Sitte uns vorſchreibt?“ unterbrach ihn nicht ohne Hef⸗ tigkeit Helene. Sie bezog ſeine Aeußerung allein auf ſich und ihre Liebe und wollte in Gérard's Gegenwart auch nicht den leiſeſten Zweifel über ihre Anſichten aufkommen laſſen. „Die Sitten und die Formen, in denen wir leben,“ entgegnete Viktor— und er zwang ſich ihrer Heftigkeit gegenüber abſichtlich zur Ruhe—„ſind nicht in allen Stücken gut, darum ändern und beſſern ſie ſich ja von Geſchlecht zu Geſchlecht; aber der Einzelne darf nicht zu jeder Stunde ſeine Willkür und Laune an die Stelle des Alleingültigen ſetzen. Von den Dichtungen verführt, gefallen ſich leider Viele in der Verwirrung dieſer Begriffe und preiſen offener oder heimlicher den Bruch des Geſetzes; es hat ſeinen Reiz, ſich in den poetiſchen Mantel Fra Diavolo's zu hüllen.“ „Sind Sie Ihrer immer ſo ſicher, Herr vyn Adlers⸗ heim,“ fragte Gérard, ſeine dunklen Augen auf ihn richtend,„daß niemals Leidenſchaften, ſchreckliche Um⸗ ſtände, ein unbezwinglicher Trieb Sie zu einer ſchlimmen That, zu einer That hinreißen würden, die Sie dann def⸗ auf vart hten en,“ gkeit allen von nicht Stelle ührt, dieſer Bruch ſchen dlers⸗ fihn Um⸗ umen dann Ihr Leben lang bereuen und doch niemals auch nur auf eine Minute aus Ihrem Gedächtniß weglöſchen könnten?“ 53 „Ich glaube,“ antwortete Viktor, den durchbohren⸗ den Blicken des Anderen kalt und ſtolz begegnend,„ſo vermeſſen dieß klingt. Und ich will Ihnen ſagen warum!“ Die Frage Gérard's hatte ihn gereizt, und, ſich von ſeinem Sitz erhebend, fuhr er fort:„Hätte ich in Leiden⸗ ſchaft etwas gethan, was die Ehre oder das Geſetz verletzt, ſo würde ich, zur Beſinnung gekommen, meinem Leben ein Ende machen. Ehe meine Schuld bekannt würde, hätte mein Tod ſie geſühnt.“ Etienne Gérard war bleich geworden, und ſeine Hand zitterte leiſe auf der Platte des Tiſches. Der alte Baron warf ſeinem Sohn einen ſtreng verweiſen⸗ den Blick zu und ſagte:„Was ſind das für läſterliche Reden!“ Helene aber rief:„An Viktor hat der Staat einen Inquiſitor eingebüßt; da er die armen Sünder nicht beſtrafen kann, beſtraft er freigebig ſich ſelbſt!“ Aus dem Spott ſchlug ihre Stimmung in die höchſte Erregung um, und mit wogender Bruſt, faſt athemlos ſetzte ſie hinzu:„Welch ein Hochmuth, und welche Ver⸗ meſſenheit iſt es, wenn nüchterner Verſtand und kalte Herzloſigkeit über Thaten der Leidenſchaft, über Menſchen, die dem Schickſal und den Göttern trotzen, in der Armuth ihrer Nichtigkeit zu Gericht ſitzen wollen!“ 4 Die ganze Geſellſchaft hatte ſich erhoben. Helene ſtand neben Gérard, und reichte ihm in der Selbſt⸗ vergeſſenheit der Aufregung ſtumm die Hand, als wolle ſie ihm damit ſagen:„Ich verſtehe Dich!“ Die Arme über einander geſchlagen ging Viktor die ſteinernen Stufen nach dem Garten hinab.„Das war das Ende,“ murmelte er,„ich habe ſie verloren. Aber beſſer ſo, als in dieſer unerträglichen Lage weiter leben.“ Erſt während des Abendtiſches vermißten die An⸗ deren Viktor. Auf die Frage nach ihm flüſterte ein Diener dem Baron einige Worte in's Ohr. Der alte Herr verfärbte ſich, behielt aber doch ſeine adelig ge⸗ meſſene Haltung bei und ſagte:„Mein Sohn empfiehlt ſich Ihnen, Herr Gérard, und Dir, liebe Helene; un⸗ abweisliche Geſchäfte— er hat auf ſeinem Zimmer einen Brief von unſerem Verwalter vorgefunden— haben ihn zu einer ſo plötzlichen Abreiſe genöthigt.“ Viertes Kapitel. In ſehr gemiſchter Stimmung hatte am andern Tage die Geſellſchaft die Fahrt nach dem einſamen Hauſe im Walde angetreten. Der leiſe Verſuch, den Gérard noch am Abend vorher nach der plötzlichen Abreiſe Viktor's gemacht hatte, die Fahrt aufzuſchieben, war von Helene mit der eigenſinnigen Heftigkeit eines jungen, ſchönen Mädchens abgewieſen worden, das ſich in ſolchen Dingen als Herrin über den Willen der Anderen weiß. Auf halbem Wege zwiſchen dem Schloſſe und ſeinem Gut war Gérard dann dem Wagen der Adlersheim entgegengekommen; er ritt ſein edles ara⸗ biſches Pferd, das ſich von ſeinem Sturz an der Brücke vollſtändig wieder erholt hatte, und blieb bis an den Saum des Waldes, an deſſen jenſeitigem Rande die Grenze gegen Frankreich hinlief, an der Seite des Wagens. 56 Der alte Herr von Adlersheim bewahrte ſeine würdige Haltung, und er mußte wohl ſcharf auf ſeine Gattin eingeredet haben, denn ſie gab ſich wenigſtens Mühe, ihren ſo wohl begründeten Verdruß, den ſie nicht ganz unterdrücken konnte, hinter dem Vorwande einer kleinen Unpäßlichkeit zu verbergen. Nur um He⸗ lenen das Vergnügen nicht zu ſtören, habe ſie die Fahrt mitgemacht, behauptete ſie, als Gérard nach dem Grunde ihrer Schweigſamkeit fragte. Im Uebrigen wurde der Abweſenheit Viktor's, wie in ſtillſchweigender Uebereinkunft, von Keinem gedacht. Oefters, wenn ſich die Straße verengte, denn ſie waren jetzt von der breiten Landſtraße in einen Feld⸗ weg eingebogen, mußte Gérard ſeinen Platz aufgeben und bald dem Wagen voranreiten, bald hinter ihm zurückbleiben. In ſolcher Friſt, wo die Augen Hele⸗ nens ihren beſänftigenden Zauber nicht auf ihn aus⸗ üben konnten, umſtürmten ihn tauſend vorwurfsvolle Gedanken.„Was willſt Du hier? Warum drängſt Du Dich in dieſe bisher ſo ruhige, glückliche Familie, Du, dem überall das Unheil folgt? Nicht genug, daß Du dem jungen Mann ſein Erbe genommen, willſt Du ihm auch noch die Braut rauben! Pfui, welch ein Schwächling, welch ein Feigling biſt Du! Statt von hinnen zu fliehen, ſiehſt Du den Gram dieſer alten — ſeine ſeine gſttens en ſie vande willſt welch Statt alten 57 Leute und kannſt Dich doch nicht losreißen. Was hoffſt Du denn? Dieſes Mädchen zu berühren, zu beſitzen? Unſinniger, Verblendeter! Blicke doch einmal in den Spiegel Deines Gewiſſens! Haſt Du auch ein Recht auf das Glück des Lebens, auf die Liebe eines ſolchen Mädchens?“ Aber ſolche Gedanken hinderten nicht, daß die Räder des Wagens immer weiter rollten, und das Pferd ſeinen träumeriſchen Reiter ihnen un⸗ aufhaltſam nachtrug. Da kam der Wald. Gérard bat die Damen, auszuſteigen und die von dieſem Punkte aus verhält⸗ nißmäßig kurze Strecke zu den Ruinen zu Fuß zurück⸗ zulegen. Wagen und Pferde wurden in dem kleinen hier gelegenen Wirthshauſe, das früher, als der ganze Verkehr zwiſchen Frankreich und den preußiſchen Rhein⸗ landen hin und her auf mächtigen Frachtwagen noch dicht an ihm vorüber gegangen, beſſere Zeiten geſehen hatte, unter der Obhut der Diener zurückgelaſſen. Es zeigte ſich bald, daß Gérard jeden Steg im Walde kannte, und auf die Frage des alten Herrn, wie er, der Fremde, ſich ſo raſch auf dieſem Boden zurecht gefunden, antwortete er:„Bedenken Sie doch, Herr Baron, daß viele Wochen lang dieſer Wald mein ein⸗ ziger Freund war. Die Menſchen ſahen mich mit miß⸗ trauiſchen Augen an, die Bäume nicht. Sie ſind meine ———˖QQQęOKO———Q—Q—QQQ—Q—Q—Q—O.O——O⸗—— 58 alten Bekannten von Jugend auf und ſind mir immer treu geblieben. Es war die Zeit der fallenden Blätter, als ich hierher kam, und das Herbſtgefühl, das die Natur bewegte, war auch in meinem Herzen.“ Das Wetter begünſtigte den Spaziergang; der Schatten, den die Bäume gewährten, und der Wind, der in gleichmäßigen Pauſen durch ihre Wipfel rauſchte, mäßigten die Hitze des Sommertages. Knorrige Eichen und ſchlank emporragende Buchen mit ſilbergrauen, ſäulenähnlichen Stämmen unterbrachen mit ihrem fröh⸗ lichen Grün das ernſte Düſter der Fichten, welche in der Waldung vorherrſchten. Je tiefer ſie in den Wald vordrangen, deſto freier und gehobener wurde die Stim⸗ mung Helenens: für ſie war die Abweſenheit des Vetters, welche die Anderen heimlich bekümmerte, ein Glück mehr zu der Freude dieſes ſchönen Tages. Längſt war ihr das beobachtende Weſen, die ſpöttiſche Weiſe und die Verbitterung Viktor's zur Laſt geworden. Sie erkannte darin nicht den Ausdruck ſeiner Neigung für ſie, ſondern den ſeiner Herrſchſucht und Anmaßung. Heiter eilte ſie jetzt den Andern voran, ſie hatte ihren Strohhut abgenommen und der Wind ſpielte luſtig mit ihren braunen Locken. Mit entzückten Blicken folgte Gérard der ſchlanken Geſtalt, aber ein tiefer Gram blieb in ſeiner Seele und der Schatten einer unbezſt jät, ſchwer Grabe dieſen pflegte ausge und A die B hinau weſen Weſte dem? und immer lätter, 8 die ; der Wind, uſchte, Eichen rauen, fröh⸗ che in Wald Stim⸗ t des e, ein Lingſt Weiſe . Sie ig für ßung. ihren luſtig glicken tiefer einer — —— 59 unbezwinglichen Schwermuth auf ſeiner Stirn, auch jetzt, wo er ihr den Arm bot, um ſie über eine be⸗ ſchwerliche Stelle zu geleiten. Vor Alters hatte ein Graben, der mit dem Teich in Verbindung ſtand, dieſen Theil des Waldes durchſchnitten. Im Frühjahr pflegte er ſich noch mit Waſſer zu füllen; jetzt war er ausgetrocknet, Steine, vom Sturm abgebrochene Zweige und Aeſte bedeckte ſeinen Grund; hier galt es, vorſichtig die Böſchung hinab und auf der andern Seite wieder hinauf zu ſteigen. Es war nicht Gérard's Abſicht ge— weſen, an dieſen Punkt zu gelangen; weiter hin nach Weſten führte ein ebener, wenn auch längerer Pfad zu dem Teich. Aber das muthwillige Voraneilen Helenens und ſeine eigene Unachtſamkeit, da er viel mehr mit ſeinen Gedanken und dem ſchönen Mädchen, als mit dem Wege beſchäftigt geweſen, hatten ſie hierher ge⸗ bracht. Helene lachte hell auf, als ſie die Verlegenheit Gérard's und das beſtürzte Antlitz der Tante ſah. „Ja, liebe Tante,“ rief ſie luſtig, und küßte ihr neckiſch die Hand,„das hilft nun Nichts, wir ſind hier im alten, romantiſchen Land!“ Und der Baron, dem die Abenteuer ſeiner Jugend einfallen mochten, wie er ſo oft zu Fuß oder zu Pferd über ſolche Gräben geſprungen, rieb ſich die Hände und ſag⸗ te:„Vorwärts, Herr Gérard, friſche Fiſche, gute Fiſche!“ 60 Sicher und leicht brachte Gérard ſeine Gefährtin über das anſcheinend ſo gefährliche Hinderniß, allein, wie ſcherzhaft ſich auch das Ganze ausnahm, ihm lockte es nur ein ſchnell wieder verſchwindendes Lächeln ab. Am jenſeitigen Rande des Grabens blieben die Beiden ſtehen, um die Alten, die ſich mühſamer durch das Geſtrüpp arbeiteten, zu erwarten.„Sie blicken ſo traurig, Herr Gérard,“ ſagte plötzlich, aus ihrer Munterkeit zum Ernſt übergehend, Helene.„Was bedrückt Sie? Mir iſt die Welt nie ſchöner und freier vorgekommen, als heute!“ „Nichts, gnädiges Fräulein, was ich Ihnen ſagen, ja, was ich nur von mir ſelbſt mit beſtimmtem Wort bezeichnen könnte. Ich bin auch nicht niedergedrückt oder verſtimmt, wie Sie meinen, ich habe eben keine heitere Ader in mir. Vielleicht haben die harten Ent⸗ behrungen meiner Jugend und die Mühſal meiner ſpäteren Jahre mir die rechte Freude an der Welt ver⸗ kümmert. In meiner kriegeriſchen Laufbahn iſt eine Scene des Schreckens und des Jammers der andern gefolgt; zwiſchen ihnen liegen die öden Jahre eines eintönigen, ereignißlos ſich dahinſchleppenden Garniſon⸗ lebens, in dem Bücher, deutſche Bücher vor Allem, und die holde Kunſt der Muſik meine einzige Zerſtreuung waren. Lebens Schwer und F 4 ihn me an. hafte Sie von die) und die ſt ſcheid Sore daru die Ich gebe Hie und Er der efährtin allein, n, ihm ndendes ben die er durch blicken us ihrer „Was no freier ſagen, m Wort reedrückt den keine ten Ent⸗ meiner Lelt ver⸗ iſt eine andern rre eines arniſon⸗ em, und ſtreuung —— 61 waren. Das hat meinen Sinn auf den Ernſt des Lebens gerichtet und gibt mir jetzt eine Düſterkeit, eine Schwerfälligkeit, die ſo gar nicht zu Ihrer Jugend und Fröhlichkeit paſſen.“ „Für meine Fröhlichkeit?“ erwiderte ſie und ſah ihn mit einer halb ſinnigen, halb verdießlichen Miene an.„Halten Sie mich denn für ganz unfähig, ernſt⸗ hafte Dinge ernſthaft zu nehmen? Bin ich auch für Sie nichts mehr als ein Schmetterling, der leichtſinnig von Blume zu Blume flattert? Wie ſeltſam ſind doch die Männer, die von den Frauen nur immer Lachen und Scherz erwarten und ſich dann wundern, wenn die ſo Gewöhnten ſich zaghaft vor jeder ſchweren Ent⸗ ſcheidung fürchten! Ja, mein Leben iſt bis jetzt ohne Sorge und ohne Kampf verfloſſen, aber glauben Sie darum nicht, daß ich im Bilde der Welt nicht auch die dunklen Farben und die tiefen Schatten entdeckte! Ich fühle es nur zu oft, daß wir Alle zum Schmerz geboren ſind, ja, daß wir nur durch Leiden...“ Hier wurde ſie durch die Ankunft ihrer Verwandten und durch ein leiſes Zucken Gérard's unterbrochen, Er hatte ihre Hand losgelaſſen und vermied es auf dem Wege, den ſie noch bis zu den Ruinen zurückzu⸗ legen hatten, mit einer gewiſſen Aengſtlichkeit, das Wort ausſchließlich an ſie zu richten. Auch gab der 62 Baron jetzt einige Späße aus dem Leben des alten Barnewitz zum Beſten, die vortrefflich die Liſt und die Eigenart des abenteuerlichen Mannes ſchilderten. Dar⸗ über hatten ſie den Teich und das einſame Haus er⸗ reicht. Wie hoch geſpannt auch Helenens Erwartungen durch Gérard's Erzählung ſein mochten, der Anblick dieſer Stelle, die ſie zum erſten Mal betrat, machte einen unbeſchreiblichen Eindruck auf ſie. Rings umher tiefſte, verſchwiegenſte grüne Waldeinſamkeit, unter wolkenloſem Himmel, in dem gleichmäßig goldigen Licht eines Sommernachmittags. Das ſchwärzlich grüne Gewäſſer des kleinen, aber dem Anſchein nach tiefen Weihers, von ſonnigen Streiflichtern überflogen, die Fichten im weiten Halbkreis umherſtehend, das alte Haus mit den eingeſunkenen ſteinernen Stufen vor der gewaltigen, einſt mit Eiſen beſchlagenen Hausthür, den zerſtörten Fenſtern, dem zur Hälfte eingeſtürzten Schindeldach, die Krähen und Dohlen, die bei der Ankunft der Wanderer kreiſchend von dem alten Thurm, der die eine Ecke des Hauſes krönte, emporflogen: Alles war ſo eigen, ſo maleriſch, voll ſchwermüthiger Romantik. Die Tante rümpfte mit mitleidigem und verächtlichem Blicke die Naſe. Dieſer Punkt, von dem nicht die geringſte Ausſicht zu gewinnen war, lohnte kaum die Mühe des weiten Weges; dazu die Feuchtigkeit empf Was⸗ 3 alten und die . Dar⸗ aus er⸗ rtungen Anblick machte umher unter en Licht grüne tiefen n, die as alte vor der usthür, ſtüͤrzten bei der Thurm, flogen: rüthiger m und on dem lohnte hi igkeit 6 63 umher, die Molche und Kröten, die ſie überall vermu⸗ thete... ſie war ſo ungnädiger Laune, daß der Oheim ſie ſanft ein wenig zur Seite nach dem Walde zu füh⸗ ren mußte, wo der Boden trockener war und große moosbewachſene Steine eine Art von Sitz boten. Wieder blieben ſo Gérard und Helene allein. Er wagte es nicht mehr, ſie anzuſehen, er fürchtete ſich vor der Liebe, die nun ſchon ſein ganzes Herz— er empfand es an den Schlägen deſſelben— erfüllt hatte. Was würde die kommende Minute bringen? Helene mochte eine ähnliche Empfindung von der Bedeutung des nächſten Augenblickes für ihre ganze Zukunft haben. Obgleich ſie ihr Geſicht von ihm abgewandt hatte und wie verloren vor ſich hin über den Teich blickte, flamm⸗ ten doch ihre Wangen von dunkler Röthe. Ohne ſich nach ihm umzuſehen, ſchritt ſie immer näher an das Gewäſſer heran, wo Schilf und Rohr, gleichſam wie eine Fortſetzung des Pflanzenwuchſes auf der Haide, üppig daraus emporſchoſſen. Leiſe bog der Wind die feinen Spitzen des Röhrichts zu dem Waſſer nieder, und wenn er dann weiter über die glatte Oberfläche hinſtrich und ſie unmerklich kräuſelte, war es, als ob die Sonnenlichter auf dem ſchwarzgrünen Grunde hin und her hüpften. Ein und ein anderes Mal tönte von dem andern Ufer des Weihers der ſchrille Pfiff 64 einer Rohrdommel herüber. Dieſer Laut, der Wind und das melancholiſche Geſchrei der Unken waren in dem faſt feierlichen Schweigen die einzigen, dem menſch⸗ lichen Ohr vernehmbaren Zeichen der Bewegung des Alls. „Wagen Sie ſich nicht zu weit vor, Fräulein He⸗ lene!“ warnte Gérard;„der Boden iſt ſumpfig, und Sie könnnten ausgleiten.“ Er war dicht an ihrer Seite und ſie hörte ſeine kurzen ſchnellen Athemzüge. „Welche Stille im Walde!“ ſagte ſie faſt tonlos. „Und wie wenig,“ brach er aus,„entſpricht ſie unſerm Leben, unſerm Herzen! Ach, Helene, wenn Sie in den Aufruhr des meinigen blicken könnten! Auf ſo viele Güter, welche die Glücklichen, als ob ſie zu ihrem Daſein gehörten, ſorglos und mühelos beſitzen, hab' ich von Jugend auf verzichten müſſen. Früh ſind mir die Eltern geſtorben, früh hab' ich meine Heimath verlaſſen, ich bin unſtät auf Erden geweſen, und un— ſtät und unruhig iſt mein Herz. Nie hab' ich die Se⸗ ligkeit des Friedens tiefer empfunden als in dieſer Stunde, an Ihrer Seite, aber zugleich erhebt ſich drohend die Gewißheit, daß dieſe Stunde vorübergehen wird und mit ihr auch das höchſte Glück, das ich einen Augenblick ahnen, fühlen ſollte, um ſeinen Verluſt um ſo ſchmerzlicher und für immer zu beklagen.“ 7 . 0 ſagt 1 7 „ Ihnen wenn Stol ihren Vind ren in nenſch⸗ ig des ihrer züge. tonlos. icht ſie wenn 1Auf ſie zu eſitzen, ih ſind eimath nd un⸗ ie Se⸗ dieſer üt ſich ergehen Heinen ſt um — 65 „Das höchſte Glück,“ entgegnete ſie befangen,„wer ſagt Ihnen denn, daß Sie es verlieren müſſen?“ „Nicht?“ rief er,„Sie wollten mir geſtatten, Ihnen zu dienen, um Ihre Neigung zu werben? Und wenn auch Ihre Freundſchaft meine Fehler entſchul⸗ digte, mein Verdienſt erhöhte, würden Ihre Verwandten nicht mit Recht den Abenteurer von ihrer Schwelle weiſen, der ſeinen Blick zu Ihnen erhob?“ „Ich bin frei,“ erwiderte ſie, mit einem gewiſſen Stolze ihr Haupt aufrichtend und ſah ihn lange mit ihren ſchwärmeriſchen Augen an. „Helene!“ under drückte ihre Hand an ſeine Lippen. Weiter ſprachen ſie nichts, es war Zeit, zu den beiden Alten zurückzukehren. Helene hatte die Empfin⸗ dung, als würde ſie, auf einer roſigen Wolke ſchwe⸗ bend, dahingetragen, die ganze Poeſie ihrer Träume ſchien ſich zu verwirklichen. Die Einförmigkeit und Einſamkeit ihres Lebens auf dem ſtillen Schloß, in einem engen Kreiſe von Menſchen, dieſe Abgeſchloſſen⸗ heit, die nur ſelten von kurzen Beſuchen in den fröh⸗ lichen Städten des Rheins unterbrochen worden war, hatten ihren Gedanken die Richtung in eine ideale Welt gegeben und ihren Sinn für das ſchnelle und richtige Erfaſſen der Wirklichkeit nicht ſcharf genug ausgebildet. Wie ihre Mutter wiegte ſie ſich gern in Frenzel, Geheimniſſe. II. 5 66 erträumten Herrlichkeiten, und ihr Reichthum auf der einen, die ſorgende, ſie verziehende Liebe ihrer Ver⸗ wandten auf der andern Seite hatten ihr bisher den Anblick des Elends und der Enttäuſchungen des Lebens erſpart. Die Erſcheinung Gérard's beſtärkte noch dieſe gehobene Stimmnng. In dem Bewußtſein, von ihm geliebt zu werden, erſchien ſie ſich jetzt als das benei— 4 denswertheſte Geſchöpf auf Erden. In ganz anderer Gemüthsverfaſſung ritt am ſpä⸗ ten Abend Gérard von dem Schloſſe, zu dem er den Adlersheim das Geleit gegeben, nach ſeinem Hauſe 1 heim. So lange Helene in ſeiner Nähe war, glänzte Alles, und kein Schatten aus ferner, trauriger Vergan⸗ genheit wagte ſich in dieſe Helle. Jetzt aber, in der Finſterniß der Nacht, bei dem bleichen Schimmer des Mondes, hatten dieſe Erinnerungen ein um ſo freieres Spiel.„Was haſt Du gethan?“ riefen ſie,„ſtatt zu büßen und zu bereuen, greifſt Du nach Glück und Genuß! Eitler Thor, wähnſt Du uns zu beſänftigen, zu ver⸗ bannen? Nein, wo Du biſt, werden auch wir ſein, und wenn Du ihre Hand zu erfaſſen glaubſt, wirſt Du nur unſere kalte Todtenhand berühren.“ Ein heftiger Wind, nach der Schwüle des Tages ein Gewitter für die Mitternacht verkündigend, brauſte von den Bergen her über die Felder, und zugleich von ſeinen Erinne⸗ zuf der Ver⸗ er den Lebens hdieſe en ihm benei⸗ im ſpä⸗ er den Hauſe glänzte ergan⸗ in der ner des freieres ſtatt zu Genuß! zu ver⸗ ir ſein, irſt Du heftiger ter für Bergen Crinne⸗ —— 67 rungen geängſtigt und das Unwetter fürchtend, trieb Gérard ſein Pferd zu ſchnellerem Laufe an. Sein grauer Mantel, der noch die afrikaniſchen Fahrten und Kämpfe mitgemacht, flatterte nur loſe befeſtigt im Sturmwind ihm nach; er aber dachte nicht daran, ihn feſter zu ziehen; ganz glich er jenem Reiter, hinter dem auf ſchnaubendem Pferd die Phantaſie des Dich⸗ ters die ſchwarze Sorge ſitzen ſieht. — — — — — — — Fünftes Kapitel. Auf der Terraſſe des Gartens ſaß Helene allein. Die Tante befand ſich ſchon ſeit zwei Tagen bei ihren Kindern auf dem Gute, das Viktor jetzt mit beſonders leidenſchaftlicher Thätigkeit verwaltete. Es ſchien, als hätten ihn die Worte ſeiner ſchönen Couſine an jenem Abend auf das Tödtlichſte verletzt; er hielt dafür, daß ſie damit ſeine Werbung in der kälteſten und ſchärfſten Weiſe zurückgewieſen habe; und was man ihm auch immer an Fehlern und Sünden heißblütiger Jugend nachſagen könne, den Ruf eines ritterlichen Edelmanns ſolle man ihm nicht antaſten. Nicht mit einem Worte hatte er darum die Gunſt Helenens wieder zu gewinnen oder ſeinen Gegner in ihrer Meinung herabzuſetzen geſucht. Mit Heftigkeit hatte er ſich auf die Arbeit allein. ihren onders en, als jenem -r, daß ärfſten n auch Jugend manns Vorte winnen zuſetzen Arbeit 69 geworfen, um in ihr Vergeſſenheit, Beruhigung und — wie wir Menſchen einmal ſind— auch Erſatz für das verlorene Liebesglück zu finden. Ein anderes Mädchen hätte vielleicht dem Manne gezürnt, der ſo ſchnell, nach einem Wortwechſel, und ohne den geringſten Verſuch einer Wiederannäherung zu thun, ſie aufgegeben hätte, aber ſolche Gedanken gingen nicht durch Helenens Seele. Viktor ſtand für ſie ſchon ganz in nebliger Ferne; Gérard und die Bilder einer unvergleichlich ſchönen Zukunft an ſeiner Seite erfüllten ausſchließlich ihre Gegenwart. Heute miſchte ſich jedoch den Hoffnungen eine tiefe Wehmuth bei; an dieſem vierten September war vor nun mehr als ſechszehn Jahren Helenens Vater durch einen Sturz vom Felſen im Kanton Waadt verunglückt. Wenigſtens war dieß der Tag, wo er aus ſeinem Gaſthof zu einer einſamen Wanderung ſich aufgemacht und nicht wieder dahin zurückgekehrt war. Helene hatte von dieſem traurigen Geſchick erſt viele Jahre nachher Näheres erfahren und auch dieß nur aus den Erzählungen ihres Oheims und des alten Weßbach, die ſich damals nach der Schweiz begeben hatten, um dem Verunglück⸗ ten und monatelang ſpurlos Verſchollenen nachzuſpüren. Das Ganze war für ſie mehr eine traurige Sage, als ein wirklich erlittenes und empfundenes Unglück. — —* 1 2 1 4 70 Und da ihre Verwandten die reizbare Einbildungskraft des Kindes fürchteten, ſo hatte man weislich den Schleier, der ſolche Unglücksfälle in der Einſamkeit der Gebirge mehr oder weniger immer umhüllt, für ſie noch dichter gezogen. Dieſer Tag aber war nach altem Herkommen in der Familie dem Gedächtniß des Verſtorbenen ge⸗ widmet. In der Dorfkirche wurde von dem Pfarrer, der den Seligen noch gekannt, eine Todtenmeſſe geleſen und die Tochter bekränzte den Grabſtein auf dem Kirch⸗ hofe, wo die Familiengruft der Adlersheim lag, mit Blumen. In leichter Wendung richtete ſich jetzt ihre Be⸗ trachtung von dem Vater auf den Geliebten. Welch' andere Gefahren hatte Gérard beſtanden; aus den Kämpfen mit wilden Arabern, aus dem Sandmeer und dem Sturm der Wüſte war er glücklich entkommen, und ihren Vater mußte auf einem Gebirgspfad, den Tauſende vor ihm gegangen, das dunke Geſchick ereilen! Sie hing noch dieſen Träumereien nach, als ihr Oheim mit Gérard durch den Saal geſchritten kam. „Nun iſt es genug geklagt für heute,“ ſagte der gutmüthige alte Herr.„Die Todten wecken wir nicht auf, und Alles wohl bedacht, iſt es auch noch die Frage, ob ſie ſich ſo willig wieder würden aufwecken laſſen. —Q-— gkraft hleier, ebirge dichter ommen een ge⸗ er, der geleſen Kirch⸗ g, mit re Be⸗ ſ) Welch ¹s den eer und ommen, d, den ereilen! Oheim Er F ☛ 71 Alſo den Kopf hoch, mein Kind! Da bringe ich Dir Herrn Gérard, der wird Dich beſſer unterhalten, als ich es zu thun im Stande bin.“ Und damit gar kein Zweifel über ſeine Unfähigkeit in letzter Hinſicht bliebe, zog er ſich einen Seſſel beiſeit und begann die Papiere, die er in der Hand hielt, zu durchblättern und zu leſen. Mit gleicher Beſtürzung hatten indeß die Lieben⸗ den einander betrachtet. Das ſchwarze Kleid und der ernſtere Geſichtsausdruck Helenens, obgleich Beides ſie noch ſchöner machte, übten eine niederſchlagende Wir⸗ kung auf Gérard aus, wie gebannt blieb er auf der Schwelle der Glasthür ſtehen, und Helene bemerkte zu ihrem Erſchrecken in ſeinen Mienen nicht nur die ſtumme Frage, was dieß bedeute, ſondern eine tiefere Verſtörung. Das Wort:„Was iſt Ihnen?“ entfuhr Beiden faſt zu gleicher Zeit mit dem nämlichen zitternden Ton. „Es iſt heute der Todestag meines Vaters,“ ſagte Helene dann und lud ihn ein, ſich an ihrer Seite nieder⸗ zulaſſen— die ganze Länge der Terraſſe trennte ſie von dem Oheim.„Und wenn ich auch nicht weiß, ob es in Wahrheit ein Troſt iſt, was uns der Onkel ſo eben geſagt hat, daß die Todten ſich nicht nach der Mühſal der Erde zurückſehnen, wir können mit all' unſerer Liebe und Trauer nichts thun, als ſie ruhen laſſen.“ — ꝛ——Q— — — —— — — — 72 „Wenn die Todten uns nur ruhen ließen!“ mur⸗ melte Gérard halblaut vor ſich hin, aber er faßte ſich und fuhr immer noch mit geſenkter Stimme fort: „Welch ein Zuſammentreffen! Auch für mich iſt der vierte September ein Gedenktag.... Ein Ereigniß aus meiner Jugend.... Längſt iſt Alles verſchollen, zerſtäubt, vergeſſen und doch läßt es mich nicht los, die Erinnerung daran kommt zuweilen über mich wie Alpdrücken.“ Er ſtockte, warf einen wild ſcheuen Blick auf Helene, und darauf, wie unwillig über ſich ſelbſt, ſchlug er ſich vor die Stirn:„Sprechen wir nicht mehr davon, mein Trübſinn würde Sie anſtecken, und ich wollte gerade bei Ihnen Erleichterung ſuchen.“ Die Heftigkeit jedoch, mit der er ſeine Bitte vor⸗ brachte, wurde derſelben gefährlich. So gar nicht ſtimmte dieſe Leidenſchaftlichkeit mit ſeinem ſonſtigen ruhigen Weſen, daß ſie die Neugier Helenens erweckte; Neugier und Sorge zugleich, der geliebte Mann möge von einem geheimen, verſchwiegenen Kummer, zu deſſen Beſeitigung ſie beitragen könne, gequält werden. „Viele Geſpenſter,“ entgegnete ſie,„pflegen zu ver⸗ ſchwinden, wenn man ihren Namen nennt, ich glaube, es iſt mit vielen Erinnerungen, die uns mehr einge⸗ bildete als wirkliche Leiden verurſachen, ebenſo.“ „Eingebildet?“ fragte er zurück.„Ach, ſie iſt nur — 7 mur⸗ öte ſich e fort. iſt der reigniß chollen, ht los, ich wie n Blick ſelbſt, ͤt mehr und ich te vor⸗ rricht onſtigen weckte, n möge udeſſen . zu ver⸗ glaube, einge⸗ 2 iſt nur 73 die holde Flamme der Liebe: er ergriff ihre Hand, die zu wirklich, dieſe Erinnerung— eine entſetzliche, im⸗ mer gegenwärtige Wirklichkeit! Wie ein gähnender Ab⸗ grund...“ Weiter ſprach er nichts, ſondern ſtarrte nur mit aufgeriſſenen Augen die Terraſſe hinab, als öffne ſich in Wahrheit zu ſeinen Füßen der Abgrund, den er in ſeiner Aufregung vor ſich zu ſehen wähnte. Helene wurde über dieſes ſeltſame Benehmen ernſt⸗ lich beſorgt: wie verwandelt kam ihr Gérard vor, und mit ihrer Beſtürzung verknüpfte ſich die Furcht, daß jenes Ereigniß, das ihn noch im Widerſchein der Er⸗ innerung ſo tief erſchütterte, ein Hinderniß für ihre Vereinigung mit ihm ſein könnte. Aus jenem Ab⸗ grunde ſchwebte für ſie eine Frauengeſtalt herauf, welche die Arme nach ihm ausbreitetete, die ein Anrecht an ihn hatte oder doch zu haben ſchien. Dringend forderten der Stolz und die Eiferſucht Helenens Aufklärung. Nur wenige Minuten waren Beiden in dieſem ängſtlichen Schweigen vorübergegangen, allein ſie hatten genügt, Gérard zur vollen Beſonnenheit zu⸗ rückzurufen. Wie einer, der mitten auf eisbedecktem Strom plötzlich die Eisdecke unter ſeinen Füßen kniſtern hört, weiterhin ſie ſchon geſpalten ſieht, und nun aus der Unvorſicht und der Blindheit, die ihn zu dieſem Wagniß verführt haben, mit dem ſtärkſten Aufgebot 74 des Willens alle Kräfte ſeines Geiſtes und alle Fibern ſeines Körpers anſpannt, um ſeine Unbeſonnenheit wieder gut zu machen: ſo hatte Gérard mit einem Blick auf die zuſammengezogene Stirn und den leiſe bebenden Mund Helenens die Gefahr erkannt, in der er ſchwebte, und war entſchloſſen, eine Rettung zu ver⸗ ſuchen. Es gelang ihm, ſein Geſicht zu beherrſchen und, ihrer Frage zuvoreilend, ſagte er:„Ich ſoll Ihnen beichten, mein Fräulein, aber wer ſichert mich, daß ich Abſolution erhalte?“ „Für welche That fürchteten denn die Männer keine Verzeihung von uns Frauen zu erhalten? Uns gegenüber hält ſich das ſtärkere Geſchlecht Alle s für erlaubt, oder wenn nicht für erlanbt, ſo doch für ver⸗ zeihlich. Ich wußte es ja, in jenem Abgrund lag nichts, als eine Frau; erſt war es eine Sirene, die verlockte, und jetzt iſt es eine Furie, die verfolgt. Nicht wahr?“ Sie hatte dieß Alles in einem leichten und ſcherzenden Ton ſagen wollen, allein die Erregung ihres Gemüths, ihr Verdruß und ihre Eiferſucht ſchärften jedes Wort zu einem ſpitzigen Pfeil. Nur prallten ſie machtlos an der Bruſt Gérard's ab. Er athmete hoch auf, dem Schwimmer gleich, der nach langem Kampf mit den Wellen das ſichere Ufer erreicht hat. Aus ihrer haſtigen Rede leuchtete für ihn — —— ſie ih beler dun, 2 2=2= ᷑. 7 — Fibern renheit einem leiſe in der zu ver⸗ erſchen . Ihnen daß ih Nänner Uns es für ur ver⸗ nichts, erlockte, wahr!“ rzenden emüths, „Wort érard's ich, der re Ufer für ihn ———ͤſſſſſͤſſſdſſͤͤ 75 ſie ihm zögernd ließ, und flüſterte:„Sie lieben mich, Helene?“ ſo leiſe und doch mit ſo mächtigem Gefühls⸗ ton, daß Helene, hoch erröthend, wortlos einen Augen⸗ blick vor ihm ſaß und erſt, als ſie ihm ihre Hand ent— zogen, halblaut ausrufen konnte:„Sie wagen viel, Herr Gérard, ſehr viel auf meine Freundſchaft!“ Und ſie verſuchte dem letzten Worte einen beſonders ſtarken Ausdruck zu geben. „Nein, Helene,“ fuhr er in haſtig abgebrochener Weiſe fort,„es liegt keine Frau in jener Tiefe, keine erſte Liebe, keine Verlaſſene. Meine erſte, meine einzige Liebe ſind Sie.“ Helene war aufgeſtanden und an die Baluſtrade getreten. Mit ſich ſelbſt unzufrieden folgte ihr Gérard; warum war ihm das verhängnißvolle Wort entſchüpft? „Ich habe Sie verletzt, Helene; verzeihen Sie mir, ver⸗ zeihen Sie den Ausbruch des Gefühls; wenn Sie ſeine Heftigkeit auch erſchreckt, an ſeiner Wahrheit können Sie nicht zweifeln! Ja wohl, es iſt heute ein unglück— licher Tag, die Aufregung hat mich zu einer tollkühnen Aeußerung hingeriſſen, die ich vielleicht mit dem Verluſte des Theuerſten büßen werde— mit dem Verluſte Ihrer Freundſchaft!“ „Ich bin nicht beleidigt, Herr Gérard,“ erwiderte ſie;„ich klage mich ſelbſt an, Sie gereizt zu haben. 76 Aber es liegt nur an uns, aus dieſem unglücklichen Tage einen glücklichen zu machen.“ Der Glanz des Himmels und die friedliche Schön⸗ heit der Landſchaft thaten das Ihrige zur Erfüllung dieſes Wunſches. Stumm waren ſie die Stufen der Terraſſe hinabgegangen, im Garten aber knüpfte ſich das Geſpräch wieder an. In ſolchen Fällen lenken wir gern unſere Aufmerkſamkeit von den verwickelten und ſchmerzlichen Geſchicken des Menſchenlebens auf das geſetzmäßige, ſtille Walten der Natur. Die un⸗ abläſſigen Kämpfe, die auch in ihr geführt werden, der Niedergang ganzer Reihen von Weſen und das Empor⸗ kommen anderer, ſind uns wie in einer Dämmerung hinter Wolken und Nebeln entrückt; wenn auch das Auge der Wiſſenſchaft ſie durchdringt, ſo erſcheint doch dem Genießenden oder dem Beſchaulichen die Natur als ein harmoniſches, feſt in ſich beruhendes, leiden⸗ ſchaftsloſes Ganze. Ueber Blumen und Bäumen, über Quellen und Hügeln ſcheint ein ewiger Friede zu ruhen. So verſenkten ſich auch jetzt Gérard und Helene in dieſe Welt des Kleinen. Hier ſchien es nicht wie im Daſein der Menſchen Stürme zu geben, welche die ſtolzeſten Bäume entwurzeln und die Erde erbeben laſſen. Helene hatte dem Freunde ſo viel zu zeigen, ihre ſchönſten Blumen, ihre Lieblingsplätze, daß die 7 get! Sie binau Halen „und an ſi Jone Onke gen woh Gen 68 ſ jetzt eber Gi ſor 77 lichen Zeit wie mit doppelt beflügeltem Schritte dahineilte. G, 4 Sie waren auf der andern Seite der Terraſſe wieder 3 düe hinaufgeſtiegen. Gérard hatte ſeinen Trübſinn und d 1 Helene ihre Mantopleit Wisder geiunden. 1 818„Da Sie ſo beſcheiden geworden ſind,“ ſagte ſie, 8 und gar nichts mehr von demi zornigen Wüſtenlöwen 3 an ſich haben, der mich vorhin ſo erſchreckte, will ich üühn Ihnen die wunderliche Sammlung zeigen, die mir n amſ Onkel Weßbach hinterlaſſen hat. Sie haben mich Alle N D. genug mit dieſer Erbſchaft geneckt, und ſie paßte auch hä- der wohl beſſer in ein öffentliches Muſeum, als in die Enpo⸗: Gemächer eines Mädchens. Doch Sie werden ja ſehen, neinng es ſind große Seltenheiten und Kunſtwerke darunter. c das Aber artig, Herr Kapitän, und gehorſam, Sie betreten nt doch jetzt mein Reich!“ Natut Was war ihm denn geſchehen? Er fühlte ſich, noch leiden⸗ eben in Qual und Zerknirſchung, auf den höchſten n, über Gipfel des Glückes erhoben. Er ſtand auf freiem, rühen. ſonnenumglänztem Gipfel. Ja, es gibt gute Gottheiten, lene in welche unſere Sühne annehmen und unſere Schuld wie im aus dem Buche ewiger Gerechtigkeit tilgen. Nicht die ſce die Nemeſis, eine höhere Gewalt lenkt unſer Leben: die ebeben Liebe, die Alles ausgleichende, verſöhnende, verzeihende zeigen, Liebe. Wie ſie leichten Schrittes vor ihm dahin ging, fielen ihm die alten Legenden ein, von den Heiligen, 70 78 die auf das inbrünſtige Gebet des Sünders vom Himmel niederſtiegen und ihn vom Tode erretteten. Wie ſie es auch verbergen wollte, ſie liebte ihn, und dieſe Liebe ſchien ihn gegen jede Gefahr zauberkräftig zu feien, er folgte ihr in einer Art von Verzückung und Ehrfurcht. Eine milde Abenddämmerung erfüllte die freund⸗ lichen Gemächer. Der kleine Saal, in dem die Samm— lung Weßbach's aufgeſtellt war, lag am Ende der Zimmerreihe, die ſie durchſchritten. Aus der ganzen Einrichtung ſprach Helenens künſtleriſcher Sinn; ſcheinbar eine gewiſſe maleriſche Unordnung, die ſich dem genauer Zuſchauenden als freie und harmoniſche Anmuth zeigte. Ueberall Blumen und ſchön geordnete Gruppen von Blattgewächſen, aus deren Mitte hier und da ſich wohlgelungene Nachbildungen antiker Statuen erhoben. An den Wänden Bilder und Stiche nach be⸗ rühmten Meiſtern, in der Mitte ein geöffneter Flügel; wer eintrat, mußte ſich von dieſer wohligen Stille und Behaglichkeit angezogen und wohlthuend berührt fühlen. Gérard gab ſeine Verwunderung zu erkennen und er⸗ höhte damit noch Helenens Freude. Sie führte ihn auf einen von Epheu umſponnenen Altan, der einen weiten Blick in die Landſchaft gewährte. Die vorher ſo leidenſchaftliche Stimmung Beider war allmählich 8 vom rettete. n, und erkräftig tzückung freund⸗ Samm⸗ nde der rganzen Sinn; die ſich moniſche geordnete titte hier „Statuen nach be⸗ r Flügel, ttille und rit fühlen. mund er⸗ ührte ihn der einen ie vorher allmählich 79 in ſanftere, zärtlichere Gefühle umgeſchlagen, und als jetzt der Mond noch blaß und faſt farblos aus den Wolken hervorkam, ſang Helene leiſe vor ſich hin: „Fülleſt wieder Buſch und Thal Still mit Nebelglanz—“ und ſich raſch zu ihm umwendend, ſagte ſie:„Sie lieben ja wohl die Muſik?“ „Ich liebe ſie, es iſt die erſte und einzige Kunſt, die ich erlernt. Man hat mir einmal geſagt, ich hätte es weit darin bringen können, aber es iſt anders ge⸗ kommen, ganz anders!“ „Eigenthümlich, daß die Soldaten ſo gern Muſik treiben.“ „Wenn ich die Anderen nach mir beurtheilen darf, ſo vergeſſen ſie in dieſer mächtigſten von allen Künſten die Härte und die Strenge ihres Handwerks. Der Krieg iſt die rauheſte aller Wirklichkeiten, die Muſik die freieſte, feſſelloſeſte und reinſte Idealität. Ich kann wohl ſagen, daß ſie mich ſtets getröſtet und erhoben hat.“ „Wollen wir muſiciren?“ „Wenn Ihnen mein ſchwaches Talent genügt!“ „Sie kennen ein Inſtrument?“ „Ich ſpiele die Geige.“ „Die Geige? Davon hat Onkel Weßbach mehr als ein Dutzend von den merkwürdigſten Formen in ſeiner — ᷣ—— — — —— Sammlung. Vielleicht iſt eine darunter, auf der ſich noch ſpielen läßt. Sonſt können wir zu dem Oheim hinüber ſchicken, er beſitzt eine treffliche Geige aus Cremona.“ Darüber hatte ein Diener Licht gebracht und auch in dem Nebenſaal die beiden Ampeln angezündet. Doch geſtattete dieſe dämmernde Beleuchtung nicht, die ganze Fülle der Gegenſtände, die hier aufgeſtellt waren, zu überſehen. Es war ein halbrundes Gemach mit einem einzigen großen Fenſter, eine rothe Tapete bedeckte die Wände. An derſelben hingen hier Waffen an Waffen, zum Theil vortreffliche Arbeiten aus dem ſechszehnten Jahrhundert, aus den Fabriken Mailand's und Tole⸗ do's; zum Theil die Bogen, die Lanzen und die Keulen wilder Völkerſchaften aus Afrika und von den Inſeln der Südſee. Auch ein paar türkiſche Roßſchweife, die Prinz Eugen bei Zenta erbeutet haben ſollte, wenn ſie nicht, was wahrſcheinlicher iſt, nachgemacht und dem Alterthümler von einem liſtigen Händler aufgeſchwatzt worden waren, prangten hier. Ihnen gegenüber hatte man die muſikaliſchen Inſtrumente nach Völkern und Zeiten geordnet. Auf Geſtellen von Eichenholz ſtanden venetianiſche Gläſer, Majolikaſchüſſeln, kunſtreich mit Reliefs verſehene ſilberne Gefäſſe und Becher, Taſſen von chineſiſchem Porcellan, ein Service aus der Fabrik der ſich Oheim ge aus nd auch t. Doch ie ganze aren, zu it einem eekte die Waffen, szehnten dd Tole⸗ te Keulen n Inſeln eife, die wenn ſie und dem geſchwatzt ber hatte kern und z ſtanden treih mit r, Taſſen der Fabrik 81 von Sévres, welches das Wappen der Marquiſe von Pompadour trug. Offenbar ſteckte in dieſen Sachen der Werth der Sammlung; ihnen gleich an Bedeutung mochten die alten Kupferſtiche ſein, die in jenen Mappen aufbewahrt wurden. Gérard's Blicke richteten ſich, es war nur zu na⸗ türlich, beim Eintritt ſogleich auf die Waffenwand. Sein ſcharfes Auge hatte die langläufigen Flinten und die Lanzen der Beduinen erkannt, die ſo oft ihm und ſeinen Leuten toddrohend entgegengeſtarrt. Und ein⸗ mal in dieſen Anblick verſunken, zog ihn nun bald jenes Schwert, bald jene zierlich mit Gold und Silber ausgelegte Rüſtung an. Helene lachte.„Das Soldatenblut regt ſich in Ihnen, und Sie haben ganz vergeſſen, weßwegen wir hierher gekommen. Sie wollten ſich eine Geige aus⸗ ſuchen, um ein melancholiſches Lied darauf zu ſpielen, und jetzt haben Sie nur Augen und Sinne für dieſe Mordwerkzeuge.“ Noch ehe er ſich entſchuldigen konnte, war ſie in das Vordergemach geeilt und kehrte, einen Armleuchter in der Hand, daraus zurück. Die Kerzen hoch haltend, damit er die Inſtrumente beſſer betrachten könnte, ſtand ſie da. Gérard trat an die Wand mit den In⸗ ſtrumenten. Leyern im antiken Geſchmack, tyroler Frengel, Geheimniſſe. II. 6 —— —— ——— — — 82 Zithern, neugriechiſche Theorben, allerlei Flöten hingen durch einander. Auch eine Janitſcharentrommel war vorhanden; den unteren Theil der Wand nahmen die Geigen ein. Die letzte unſcheinbarſte von allen ſehen und erſtarren, war eins für ihn. Nein, es iſt nicht möglich! rief es in ihm, und ſchon war die Leiden⸗ ſchaft der Frage zuvorgekommen, er hatte die Geige von ihrem Haken heruntergenommen— eine arme, alte ſchlechte Geige. Als ob ſie vor vielen Jahren aus der Kapelle eines kleinen Theaters ausrangirt worden wäre und dann ihren Weg zu den Dorfmuſikanten genommen hätte; ein paar Saiten waren ſogar ge⸗ ſprungen, aber Gérard erkannte ſie und ward blaß wie der Tod. Er hatte auf ihrem Griff ein tief mit einem Meſſer eingeſchnittenes Wahrzeichen erkannt. Vor vielen Jahren hatte er dieſe Geige in ſeinem Arm gehalten, hatte er darauf geſpielt, luſtige, traurige Weiſen, wie es kam, ein armer, junger, umherziehen⸗ der Muſikant— jetzt war ſie mit ihrem Zeichen, dem untrüglichen, für ihn die Hand Gottes geworden, die ihn zurückwies und ein Wort an die Wand ſchrieb, ein Wort... in wilder Bewegung ſchwang er die Geige um ſeinen Kopf und wollte ſie an der Wand zerſchellen. Mit einem lauten Schrei fuhr Helene von ihm zurück, er kam ihr wie ein Raſender vor. Der L hingen iel war nen die en ſehen iſt nicht Leiden⸗ le Geige me, alte ren aus worden uſikanten ogar ge⸗ ird blaß tief mit erkannt. nem Arm traurige herziehen⸗ hen, dem rden, die ſchrieb, g er die g Wand elene von Der vor. — 3 Leuchter entfiel ihrer Hand und die Kerzen verlöſchten am Boden. „Gérard, um Gotteswillen!“ „Ich muß fragen,“ überſchrie er ſie, und es war, als bräche eine verborgene, in ihm ſchlummernde Wuth über alle Schranken der Sitte und ſeines beſſeren Weſens hinaus;„woher haben Sie dieſe Geige?“ „Ich weiß es nicht,“ antwortete ſie zitternd;„Weß⸗ bach ſoll ſie aus der Schweiz mitgebracht haben, ſie ſoll ehemals im Beſitz eines Savoyardenknaben ge⸗ weſen ſein— ich weiß es nicht mehr, es iſt Jahre her, daß ich davon reden gehört.“. „Ich muß Alles wiſſen, Alles! Dieſe Geige.. o, Helene, Heleue! Es iſt aus mit uns, für immer!, „Was erregt nur Ihren Zorn, Ihren Schmerz ſo heftig? Was iſt es denn mit dieſer Geige?“ „Der Finger Gottes iſt es, der mich von hinnen weist! Nur Eins, Eins! Kann mir Niemand Auf⸗ klärung geben, wie Weßbach zu dieſer Geige kam?“ „Vielleicht der Pfarrer, Weßbach hat viel mit ihm verkehrt, und ich glaube, der Pfarrer hat einmal eine Art Katalog über die Sammlung anzufertigen begonnen. Aber beruhigen Sie ſich, Gérard, nicht dieſe Heftigkeit! Sie täuſchen ſich, ein Wahnbild führt Sie irre und läßt Sie Dinge ſehen, die nicht ſind.“ An Gérards Wimpern zitterte der feuchte Glanz einer Thräne, ſeine Zähne ſchlugen zuſammen.„Leben Sie wohl, Helene!“ ſagte er mit unterdrücktem Schluch⸗ zen.„Ich bin gezeichnet, ich darf nicht unter Glück⸗ lichen und Unſchuldigen weilen, ich gehöre in die Wüſte; leben Sie wohl!“ Er ſtreckte die Arme aus, als wollte er ſie ergreifen und an ſich ziehen, aber ein anderes Gefühl war mächtiger in ihm.„Kain,“ rief er,„Kain!“ und die Geige feſt an ſich drückend, als wäre in dieſem Zuſammenſturz ſeines Glückes das Zeichen ſeiner Schuld das einzig Feſte, an dem er ſich aufrecht halten konnte, ſtürzte er davon. „Etienne, Etienne!“ rief ihm Helene nach, dann ſank ſie ohnmächtig zuſammen.— Glanz „Leben Schluch⸗ Glück⸗ Vüſte, s wollte anderes „Kain!“ dieſem rSchuld konnte, h, dann —— Sechstes Kapitel. Unaufgehalten, kaum von einem Diener bemerkt, war Gérard aus dem Schloſſe gekommen. Einmal den Augen Helenens, die etwas Schreckliches für ihn hatten, entronnen, gewann er allmählich ſeine Geiſtesgegenwart wieder, nur der Eine Gedanke und Wunſch beherrſchte ihn noch, von dem Pfarrer Alles zu erfahren, was dieſer von der Geige und vielleicht von ihrem früheren Beſitzer wiſſe. Je unklarer ihm ſelbſt die Verknüpfung aller Fäden in dieſem Gewebe, das ihn jetzt mit un⸗ zerreißbaren Maſchen umſchlungen hielt, war, um ſo mehr reizte es ihn, dasſelbe zu durchſchaunen und dem Verderben in's Angeſicht zu ſehen, nicht aus eitler Neugierde, er fühlte die Nothwendigkeit, die ganze Wahrheit zu kennen, um von keinem Ereigniß mehr —— — — — —— 86 überraſcht zu werden oder ſich ſelbſt unvorſichtig zu verrathen. Der Weg nach dem Pfarrhauſe war lang; er faud hinreichend Zeit, ein Märchen zu erſinnen, mit dem er dem Pfarrer begegnen und ihm ſein Geheimniß, wenn es hier ein Geheimniß gab, entlocken könnte. Als er das Haus im Mondlicht hinter ſeinen ſchattigen Bäumen ſtill und friedlich liegen ſah, überrieſelte ihn jener Schauer, der auch die Tapferſten beindem erſten Ka⸗ nonenſchuß einer großen Schlacht beſchleicht. Der Pfarrer ſaß über ſeinen Büchern, das ſanfte Licht ſeiner Studirlampe fiel durch die kleinen Schei⸗ ben. Etienne hatte den Finger zum Klopfen erhoben. Was würde er hören, Tod oder Leben? Sollte er inne halten? Weiter leben mit allen Oualen in ſeinem Innern, wie er ſo lange gelebt? Aber er mußte ſchon, ohne es zu wiſſen, an die Thür gepocht haben, die Magd öffnete, er war drinnen, dem Pfarrer gegen⸗ über. Wie vor Kälte ſchüttelte er ſich; war es von der kühlen Abendluft, die ihn ſcharf umweht hatte? „Was bringen Sie, Herr Gérard?“ ffragte der Pfarrer.„Ich würde ſagen: noch ſo ſpät, wenn ein Freund jemals zu ſpät käme.“ Mit gepreßter Stimme, die aber, je weiter er ſprach, um ſo feſter wurde, entgegnete Gérard:„Verzeihung, ig zu fad den er wenn Ass er äumen jener en Ka⸗ ſanfte Schei⸗ thoben. ollte er ſeinem eſchon, en, die gegen⸗ von der 3 gte der enn ein ſprach, zeihung, ( hochwürdiger Herr, wenn ich Ihnen den friedlichen Abend raube. Ich bin nicht der Mann, viel Um⸗ ſchweife zu machen, am wenigſten jetzt, wo noch Alles in mir von einer heftigen Erſchütterung nachzittert. Stoßen Sie ſich nicht an meinem Ausſehen, bekümmern Sie ſich nicht darum, ich bin körperlich ganz wohl, Mr...“ „Sie hatten einen Streit mit Fräulein Helene?“ „Nein, nein! Hier dieſe Geige—“ und er zeigte ſie dem erſtaunten Pfarrer,„dieſe Geige.... aber laſſen Sie mich in Ordnung erzählen. Wir wollten Muſik machen, Fräulein von Adlersheim und ich, ſie zeigte mir die Raritätenſammlung des alten Weßbach, und da, da fand ich dieſe Violine.“ Er hatte die Geige auf den Tiſch gelegt, ohne ſie indeſſen ganz los zu laſſen, ſeine Finger umſchloſſen krampfhaft ihren Griff. „Wunderlich!“ ſchüttelte der Pfarrer den Kopf, „laſſen Sie doch einmal ſehen.“ Er rieb ſich die Augen, ſchraubte die Lampe höher:„Ja, ja, die Geige gehörte unſerm ſeligen Freunde, aber es iſt nichts Sondeliches daran.“ Nichts Sonderliches? fuhr es durch Gérard's Kopf, wenn Du wüßteſt! Und zugleich war es ihm doch, als wäre durch das Wort des Pfarrers eine Laſt von —yy⅓ y— õCUe—————-—-—4— 88 ſeinem Herzen gefallen. Niemand ahnt alſo das Ge⸗ ringſte... „Sagen Sie mir nur,“ war der Pfarrer in⸗ zwiſchen fortgefahren,„warum bewegt Sie der An⸗ blick dieſer Geige ſo mächtig?“ Zum Kampf! ſchien eine Stimme in Gérard zu rufen, es ſauste vor ſeinen Ohren wie vom Klingen der Trompeten, dem Lärm der Trommeln, die zum Angriff rufen. Feſt blickte er den Pfarrer an und ſagte mit jenem Ton, in deſſen Sicherheit allein ſchon Aufrichtigkeit zu liegen ſcheint:„Dieſe Geige hat Einem aus meiner Familie gehört.“ „Wäre es möglich?“ rief der Pfarrer freudig aus und hielt ihm beide Hände entgegen,„Sie wären jeuer... „Ich bin,“ entgegnete finſter Gérard,„der Kapitän Etienne Gérard, nicht mehr, nicht weniger, für Sie und für die ganze Welt.“ „Ja wohl, ja wohl,“ begütigte der Pfarrer.„Wie wunderbar ſind Gottes Fügungen!“ Er rief zur Thür hinaus der Magd, ſie ſolle eine Flaſche vom beſten Rheinwein aus ſeinem Keller bringen.„Das iſt ein Tag,“ ſagte er, in dem Gemache auf und nieder gehend,„den Einen beweinen wir als todt, den Andern begrüßen wir als wiedergeboren im Leben!“ 1 das Ge⸗ rrer in⸗ der An⸗ rard zu Klingen die zum an und ein ſchon dt Einem udig aus e wären Kapitän für Sie 1.„Wie zur Thür m beſten z iſt ein d nieder n Andern 89 Was iſt dem Mann, was will er? fragte ſich Gérard, trotz der Freudigkeit des Greiſes war es ihm, als bewege er ſich in einem unheimlichen Traum. Darüber hatte die Magd den Wein gebracht, der Pfarrer die Gläſer gefüllt und mit dem ſeinen an das Gérard's angeklungen:„Auf das Wohl deſſen, der zuletzt auf dieſer Violine geſpielt hat! Und nun hören Sie mich an.“ Die Männer ſaßen zu beiden Seiten des Tiſches, zwiſchen ihnen lag die Geige. Gérard hatte den Kopf auf den rechten Arm geſtützt und beſchattete mit der Hand Stirn und Augen, als wollte er den Andern die Sprache, die ſie redeten, nicht leſen laſſen. Der Pfarrer machte es ſich in ſeinem Sorgenſtuhl erſt behaglich, ehe er anhub. „Vor ſechszehn Jahren machte Helenens Vater eine Reiſe nach der Schweiz; ſeinen Neffen Viktor, den er ſehr verzog, da ihm ſelbſt ein Sohn verſagt ge⸗ blieben, hatte er mit ſich genommen. Die Reiſe ver⸗ lief in den erſten Monaten glücklich, dann blieben plötzlich eine Weile alle Briefe aus, bis zuletzt, als unſere Sorge auf das Höchſte geſtiegen war, ein paar Zeilen von Viktor eintrafen. Er zählte damals zwölf Jahre und konnte uns ſelbſtverſtändlich nur eine ſehr ungenügende Kunde geben. Sein Oheim war ſeit acht —(— —— — — ——— 90 Tagen aus dem Gaſthofe in einem Jurathal, wo ſie mehrere Wochen verweilt und Ausflüge in die Um⸗ gegend gemacht hatten, verſchwunden. An einem ſchönen Morgen hatte ſich der Baron, wie oftmals, zu einer längeren Bergfahrt aufgemacht, nach ſeiner Gewohn⸗ heit die Begleitung eines Führers abgelehnt und beim Abſchiede dem Wirth und den andern Gäſten geſagt, wenn der Tag heiter bleibe, werde er wahrſcheinlich in einer Sennhütte übernachten, um den Sonnenauf⸗ gang in ſeiner ganzen Herrlichkeit zu beobachten. Er war ein geübter Bergſteiger und Niemand beſorgte auch nur den kleinſten Unfall für ihn. Der Tag war ſchön geblieben, gegen Abend hatten die Führer, Hirten und Jäger, die mit den Bergen vertraut ſind, die Sorge blicken laſſen, es möchte in der Nacht, oben auf den Höhen, Sturm oder Schneefall geben; aber einmal war es zu ſpät, um noch in der Dämmerung dem Baron einen Boten in's Ungewiſſe nachzuſenden, und dann war ſein Glück auf dieſen Fahrten bei den Leuten ſprichwörtlich geworden. Auch erfüllte ſich die Prophe— zeihung der Führer nicht; der Wind brauste in der Nacht ſtärker als gewöhnlich, doch die Sonne ging leuchtend auf, und erſt in der neunten Stunde des Vormittags trat ein fürchterliches Unwetter ein. Es war unmöglich, aus dem Hauſe zu gehen; bei dem wo ſie die Um⸗ ſchönen zu einer Jewohn⸗ nd beim geſagt, ſcheinlich nnenauf⸗ ten. Er gte auch ar ſchön ten und le Sorge auf den mal war n Baron ud dann Leuten Prophe⸗ e in der une ging unde des bei dem —— —4³ 91 Einen und dem Andern tauchten Befürchtungen über das Verbleiben des Barons auf, obgleich diejenigen, welche immer das Beſte hoffen, gegen die Furchtſamen einwandten, daß er bei dieſem Wetter gewiß nicht von den Bergen niederſteigen werde. Am darauf fol⸗ genden Tage hatte man Boten nach allen Richtungen ausgeſandt, dem Verſchwundenen nachzuſpüren. Viktor war in der fürchterlichſten Aufregung, er ſchrie und weinte unaufhörlich, denn, daß ein Unglück geſchehen, daran war nach der Rückkehr der Boten, die keine Spur des Barons gefunden, nicht länger zu zweifeln. Wenn ich dabei geweſen wäre,“ hatte Viktor gerufen, ‚ſo würde ihm Nichts geſchehen ſein, oder ich wäre zu⸗ ſammen mit ihm geſtorben; ach, es iſt meine Schuld, wenn der gute Onkel verunglückt iſt!e Wegen einer Un— art nämlich, die er am Abend vorher begangen, hatte ihm der Oheim die Strafe aufgelegt, an jenem Tage zu Hauſe zu bleiben. So denkt der Menſch und Gott lenkt. Was dem Knaben eine Strafe ſein ſollte, war ihm zur Rettung geworden. Ich bin in meiner Er⸗ zählung dem Briefe weit zuvor geeilt, er meldete uns eben nur das Verſchwinden des Barons. Ungeſäumt machten ſich ſein Bruder und Herr Weßbach auf den Weg, um über ſein Verbleiben endlich Aufklärung zu erhalten. Von ihnen habe ich all' die Einzelheiten, die ——— 92 ich ſo eben erzählte, ſo wie das Folgende gehört. Der Baron hatte in keiner Sennhütte übernachtet; man fand ſeine Leiche erſt zwei Monate ſpäter durch einen Zu⸗ fall, der einen Gemsjäger in eine der unzugänglichſten Schluchten des Jura führte. In der erſten Zeit nach dem Unwetter wäre es keiner menſchlichen Kraft mög⸗ lich geweſen, in dieſe Tiefe zu dringen. Wie der Ba⸗ ron zu Tode gekommen, war nicht ſchwer zu erklären. Faſt in ſenkrechter Höhe über dem Abgrund gewährt der Berg eine herrliche Ausſicht über die Schluchten, auf die jenſeitigen Höhen, die dunklen Tannen und Fichten, welche alle Abhänge der Kluft bedecken, den Gebirgsbach, der hindurchſchießt. Indem er die Aus⸗ ſicht bewunderte, war der Baron ausgeglitten und hinab⸗ geſtürzt, er muß auf der Stelle und lautlos geſtorben ſein.“ „Hinabgeſtürzt?“ ſagte tonlos Gérard. Es war das erſte Wort, mit dem er die Erzählung des Pfar⸗ rers unterbrach. Der Pfarrer machte eine längere Pauſe und fuhr unabſichtlich mit den Fingern über die Saiten der Vio⸗ line; ſo lange nicht geſtimmt, gaben ſie einen ſchaurigen Klang. Göérard tönte es wie Geiſterruf aus einem Grabe. „Und dieſe Geige?“ fragte er. ört. Der nan fand einen Zu⸗ inglichſten Jäit nach raft mög⸗ e der Ba⸗ erklären. d gewährt Schluchten, innen und eeken, den die Aus⸗ und hinab⸗ wgeſtorben Es war des Pfar⸗ e und fuhr en der Vio⸗ ſchaurigen aus einem 93 „Dieſe Geige,“ nahm der Pfarrer nachdenklich ſeine Erzählung wieder auf,„brachte Weßbach als ein Andenken an den Ort, wo ſich dieß Alles zugetragen, und an einen jungen Menſchen zurück, der, wie es ſchien, von jenem Unwetter ereilt, in ihm verſchollen war, wie vom Sturmwind durch die Lüfte gejagt oder in die Tiefe hinab verſenkt! Ein armer Savoyarde, der Schilderung nach um vier oder fünf Jahre älter als Viktor, war von Lauſanne her in das ſtille Joux⸗ thal gekommen, ſeine Geige in Arm. In allen Wirths⸗ häuſern, bei allen Dorffeſten ſpielte er auf und die Leute gewannen ihn, trotz ſeines wilden und ſcheuen Weſens, lieb. Das Thal war in der Sommerzeit von Reiſenden überfüllt; denen unter den Fremden, die mehr Sinn oder Muße für ſeine muſtkaliſchen Lei⸗ ſtungen hatten, fiel der Jüngling beſonders auf. Ein deutſcher Kapellmeiſter ſoll in ihm ein bedeutendes Talent entdeckt und ihn mit ſich haben nehmen wollen. Der arme Jacques und ſeine Violine wurden ſo zu einer Art Berühmtheit in dem Thal. Mit dieſem jungen Muſtkanten trieb unſer Viktor, der, wie geſagt, damals ein ungezogener und heftiger Knabe war, beſtändig ſeine boshafte Neckerei. So oft Jacques im Wirths⸗ hauſe erſchien, eingeladen oder freiwillig, um ſeine Kunſt zu zeigen, immer wußte ihm Viktor einen ſchlech⸗ 94 ten Streich zu ſpielen; Kinderthorheiten, die nicht viel bedeuten mochten, die aber das empfindliche Gemüth des armen Burſchen doppelt reizten, da ſie ihm wehe thaten, und er ſich an dem vornehmen, verzogenen Kinde nicht rächen konnte. Eines Abends, es war am Vor⸗ abend des Tages, an dem der Baron ſeinen letzten Gang antrat, war Jacques in das Gaſthaus gerufen worden; Engländer, die eingetroffen waren, hatten an der Mittagstafel von ihm ſprechen gehört und wünſch⸗ ten ihn zu ſehen. Ganz ſtolz vor Freude kam er an, er legte ſeine Geige auf die hölzerne Bank vor dem Hauſe und wartete beſcheiden, bis man ihn hinein riefe. Da trat der Baron mit Viktor aus dem Hauſe, er redete Jacques an, und dieſer ging mit ihm eine kleine Strecke vom Hauſe bis zu der Brücke, die über den Fluß führt. Als Beide wieder zurückkehrten, war die Geige von der Bank verſchwunden, alles Suchen blieb vergeblich und erſt, als es zu ſpät war, noch eine Probe ſeiner Kunſt darauf zu geben, fand ſie der arme Burſche im Hofe hinter einem Schuppen verſteckt und mit Fett in einer Weiſe beſtrichen, daß ſie für längere Zeit un⸗ brauchbar war. Es iſt einer der ſchlechteſten Streiche geweſen, die Viktor in ſeinem Leben begangen hat. Wuthentbrannt ſtürzte Jacques in den Saal, wo noch einige Gäſte beim Spiel verweilten; er fand ſeinen — ſe nicht viel Gemüth ihm wehe nen Kinde am Vor⸗ hen letzten 5 gerufen hatten an d wünſch⸗ mn er an, vor dem nein riefe. Hauſe, er eine kleine über den ,war die icheen blieb eine Probe ne Burſche d mit Fett e Zeit un⸗ n Steeiche angen hat. f, wo noch und ſeinen 95⁵ kleinen Gegner nicht mehr, ſein wildes Toben, ſein Geſchrei erzürnten den Baron, dem er ſeine Klagen vor⸗ brachte, ebenſo wie den Wirth. Man wies ihn als einen Störenfried hinaus, wohl mit der Abſicht, am andern Tage Alles wieder gut zu machen. Am andern Tage aber ſollte der Baron ſterben und der arme Jac⸗ ques verſchwinden.“ Hier verſuchte der Pfarrer einen Blick, den er für beſonders liſtig hielt, auf Gérard zu richten. Dieſer aber hatte die Hand nicht von den Augen genommen und ſagte:„Der arme Jacques! Wir wollen ihm wünſchen, daß ihn der Sturm vom Felſen geweht hat.“ „Warum, warum?“ fragte eifrig der Pfarrer. Weil der Tod ſeliger als das Leben iſt, dachte Gérard ſtill bei ſich. Laut entgegnete er Nichts auf die Frage, ſondern meinte ablenkend:„Eine merkwürdige Geſchichte! Und das Alles hat Ihnen Weßbach erzählt?“ „So wie er es aus dem Munde der Leute im Wirthshauſe zu Valorbe vernommen hatte. Zum An⸗ denken daran bewahrte er dieſe Geige, welche Jacques bei ſeiner Flucht zurückgelaſſen.“ „Wie erklärte man ſich denn das ſeltſame Ver⸗ ſchwinden des Burſchen?“ „Einfach durch einen Unglücksfall. Weiter hin im Gebirge, nach der franzöſiſchen Grenze zu, war —— —— 96 ſchon in der Nacht ein heftiger Sturm geweſen, viel⸗ leicht iſt er in dieſem, vielleicht erſt ſpäter untergegangen. Oder auch—“ und nun kam wieder der gutmüthig ſchlaue Blick—„er iſt auf wunderbare Weiſe gerettet worden.“ Es war die Abſicht des Pfarrers, dieſe wunder⸗ bare Rettung noch ausführlicher zu beſchreiben, und dem Manne, der ihm gegenüber ſaß und noch immer den Verſchloſſenen ſpielte, recht herzhaft auf den Leib zu rücken und ihn zum Geſtändniß zu zwingen, daß der arme Jacques nicht geſtorben ſei, ſondern im Gegen⸗ theil den alten Weßbach beerbt habe, und jetzt ſeinen, des Pfarrers, beſten Rheinwein trinke. Dem gläubigen Prieſter erſchien die eigenthümliche Verwicklung der Zufälle als eine göttliche Fügung, ſo kunſtvoll und geſetzmäßig war Alles darin geordnet. Die böſe That Viktor's, der einen armen Knaben um ſein einziges Beſitzthum, um Ehre und Ruhm gebracht, erfuhr eine ſpäte, aber gerechte Strafe. Jener Knabe entriß ihm jetzt ein großes Vermögen und vielleicht die Braut⸗ Und was dem Pfarrer noch deutlicher die Unmittel⸗ barkeit göttlichen Eingreifens zu beweiſen ſchien: in dem Einen wie in dem Andern der beiden Männer hatte ſich eine Läuterung und Beſſerung vollzogen. Dieſer ſinnige Gedankengang wurde unſanft durch die Dich laſe erſte dige öc Ma en, diel⸗ gegangen. butmüthig e gerettet wunder⸗ ben, und ch immer den Leib gen, daß im Gegen⸗ tzt ſeinen, gläubigen lung der woll und böſe That einziges rfuhr eine intriß ihm fde Braut. Unmittel⸗ ſchien: in 1 Männer zogen. anft durch 97 die rauhe Aeußerung Gérard's unterbrochen:„In der Dichtung iſt es ſehr leicht, Todte wieder aufleben zu laſſen, in der Wirklichkeit bleiben ſie in ihrem Grabe.“ Und er ſtand auf, nahm die Geige, drückte dem erſtaunten Pfarrer die Hand:„Gute Nacht, hochwür⸗ diger Herr, ich danke Ihnen!“ und ging. Es wäre un⸗ möglich geweſen, ihn aufzuhalten, eine dämoniſche Macht war in ihm. Frenzel, Geheimniſſe. II. Siebentes Kapitel. Trotzdem ſich der Pfarrer Alles nach ſeinem Sinne und ſeiner Gemüthsart zuſammengelegt, hatte er den⸗ noch eine der unruhigſten Nächte ſeines Lebens zuge⸗ bracht. Ueberall ſah er im Traum Abgründe, hinab⸗ ſtürzende Menſchen, die im tollen Wechſel bald Viktor's oder Helenens, bald Weßbach's oder Gérard's Geſicht trugen; er hörte das Rollen des Donners, der Lawinen, und dazwiſchen mißtönendes Geigengekreiſch. Wie froh war er, als die Sonne in ſein Gemach ihre erſten Strahlen ſandte, und er, ohne ſeine alte Magd zu ſehr zu erſchrecken, ſich vom Lager erheben konnte! Aber Ruhe fand er auch im Morgenſonnenſchein und unter den Blumen ſeines Gärtchens nicht. In der Geſchichte, die er geſtern mit ſo großer Sicherheit vorgetragen, taucht auf; qlles ſo wo arme, alls i arbeit das( ſeine Géra ſein. als d übern Veide niſſe Pfarr lichkei bekan da i verw ja ſe Schre Helen doch Freil⸗ 99 tauchten bei genauerer Ueberlegung viele dunkle Punkte auf; durch Nichts war erwieſen, daß jener arme Jac⸗ ques und Gérard dieſelbe Perſon ſeien, und wenn es ſo war, was hinderte Gérard, es einzugeſtehen? Eine arme, mühevolle Jugend gereicht doch dem, der ſich aus ihr zu einer höheren Stellung im Leben emporge⸗ arbeitet hat, zur Ehre. Wiederum jedoch konnte er ſich das Erſtaunen Gérard's beim Anblick der alten Geige, ſeine dringenden Fragen darüber nicht anders erklären: Gérard mußte einmal im Beſitz der Violine geweſen ſein. Aber völlige Dunkelheit brach für ihn herein, als das Schloßfräulein bei ihm erſchien, mit bleichen, überwachten und verweinten Augen. Lange ſaßen Beide zuſammen und tauſchten gegenſeitig ihre Erleb⸗ niſſe mit Gérard am geſtrigen Abend aus. Der gute Pfarrer, dem das Leben der Welt mit all' ſeinen Wunder⸗ lichkeiten mehr aus Büchern als aus eigener Erfahrung bekannt war, wußte nicht ein noch aus. Er ſah ſich da in ein abenteuerliches, befremdliches Verhältniß verwickelt, das ihm aus tauſend Gründen nicht gefiel; ja ſein Mißfallen hatte ſich über Nacht in eine Art Schrecken verwandelt; Gérard konnte nicht der Gemahl Helenens werden, es war ihm, als ſtände etwas, das doch körperlos war, feindlich trennend zwiſchen Beiden. Freilich wagte er dem aufgeregten Mädchen dieſe Em⸗ 7 ⁵ 7 100 pfindung nicht zu bekennen, ſondern ſuchte nur durch Vorſtellungen und Bitten ſie von übereilten Schritten zurück zu halten. Am liebſten wäre Helene auf der Stelle ſelbſt zu Gérard gefahren, um von ihm eine offene Er⸗ klärung zu fordern. Mit ſchwerem Herzen verſprach endlich der Pfarrer, ſtatt ihrer dieſen ſauern Weg zu machen. Er ließ, um ſie vollends zu überzeugen, daß es ihm mit ſeinem Verſprechen Ernſt ſei, ſein Wägel⸗ chen anſpannen, bat ſie, nach dem Schloſſe zurückzu⸗ kehren, um nicht den Leuten Stoff zur Nachrede zu geben, erinnerte ſie noch einmal ganz leiſe an die Pflichten, die ſie gegen ihren Namen und ihre Ver⸗ wandten habe, ertheilte ihr ſeinen Segen und ſtieg auf. Du biſt doch ein alter unverbeſſerlicher Narr, der voll Vorurtheilen ſteckt! zürnte er mit ſich ſelbſt, als ſein Pferd anzog; wie biſt du darauf gefallen, ſie an ihre adelige Geburt zu mahnen? Als ob ein Fräulein von Adlersheim nicht einen Bürgersmann heirathen könnte, mag er nun Etienne oder Jacques Gérard heißen! Mochte nun das Pferd des guten Pfarrers ebenſo wie der Kutſcher an eine langſame Gangart gewöhnt ſein, oder lag es nur daran, daß der hochwürdige Herr, ganz in Gedanken verſunken, beide nicht zum ſchnelleren Trabe antrieb, genug, der Wagen brauchte eine geraume Zeit, ehe er die Meile Weges zwiſchen dem Dorfe und dem Kohl Nuf geſtr bar⸗ muß unge Geh mit Ein Kul wild Nat wa⸗ der dem ſtän Arl den Del We Val und nuf. voll ſein ihre von nte, enſo hnt err, eren ume und 101 dem Wohnhauſe Gérard's in der Nähe der großen Kohlengruben, die dieſer Gegend einen europäiſchen Ruf verſchafft haben, zurücklegte. Zuletzt— das lang— geſtreckte Haus mit dem Schieferdach war ſchon ſicht— bar— geriethen die Stränge in Unordnung, der Wagen mußte halten, und der Pfarrer, der über den Aufenthalt ungeduldig geworden, ſtieg ab, als plötzlich aus einem Gehölz an der Straße der ſchwarze Diener Gérard's mit lautem Klagegeſchrei ſtürzte. Er erkannte den Pfar⸗ rer, lief auf ihn zu, küßte ihm die Hand, warf ſich auf die Erde, weinte, ſtammelte, ſchrie, ganz wie ein Raſender. Ein unerwartetes Ereigniß hatte die dünne Tünche der Kultur von ihm weggewiſcht, und die urſprüngliche wilde Leidenſchaft ſeines Stammes, die nicht gebändigte Natur brach unter der Hülle wieder hervor. Das Einzige, was der Pfarrer von all' ſeinen Klagen verſtand, war der Ruf:„Mein armer Herr!“ Die Erklärung folgte dem Worte auf dem Fuße nach. Auf einer aus Baum⸗ ſtämmen raſch zuſammengefügten Bahre trugen ſechs Arbeiter den entſeelten Gérard daher. Sie kamen aus dem Gehölz, Schrecken und Trauer auf den Geſichtern. Dem Pfarrer zitterten die Kniee, als die Leute auf dem Wege nach dem Hauſe vor ihm ſtill ſtanden und die Bahre niederſetzten. Da lag Etienne Gérard, ſtarr und ſtumm und bleich, mit geſchloſſenen Augen; eine 102 Kugel hatte ſein Herz getroffen. Der Diener wollte den Mantel, den er über die Wunde gebreitet, fortziehen, aber der Pfarrer litt es nicht; er hatte die Hände ge⸗ faltet und ſprach, während die Andern, die Häupter entblößend, niedergekniet waren, das Gebet für die Seele des Todten. Dann hoben die Männer die Bahre wieder empor und ſchritten dem Hauſe zu, das jetzt ohne einen Herrn war. In ſolchen Augenblicken zeigt die Religion ihre ganze ſegenbringende Gewalt. Durch die ſtille Größe ihrer Formen, die, ſelbſt des gewohnten Prunkes entkleidet, ihr)e Weihe bewahren, bändigt ſie den lauten Schmerz rauherer Gemüther und entführt den Sinn und die Empfindung der geiſtig Reicheren in eine höhere Welt. Dem Pfarrer hatte ſich bei dem erſchütternden Anblick gleichſam das Herz umgekehrt; aber als er einmal das Gebet geſprochen und in ernſte Betrachtung verſunken, im Voraus ſchon all' die ſchmerz⸗ lichen Scenen durchlebt hatte, die ihm hier und daheim noch bevorſtanden, war das Gefühl ſeines Standes und ſeiner Verpflichtung in ihm mächtig geworden, und der Friede Gottes, der uns in Freude wie in Trauer dem Irdiſchen entrückt, über ihn gekommen. Er faßte die Hand des Negers uund führte ihn mehr, als er, der ſchwache Greis, von ihm geführt wurde, in das Haus. Dort, in einem Saal des Erdgeſchoſſes, wo Gérard g⸗ pter dem ort; enſte lerz⸗ heim ndes und auer aßte der 103 ſonſt an jedem Sonnabend ſeine Arbeiter empfangen und ihre etwaigen Klagen angehört hatte, wurde die Bahre mit dem Todten niedergeſetzt. Der Pfarrer ſandte zunächſt einen der Diener auf ſchnellem Pferde nach dem nächſten Städtchen, um einen Arzt und die Behörden herbeizurufen. Die ganze Dienerſchaft war zuſammengelaufen, er aber hieß ſie ſtill hinausgehen. Eine Weile blieb er bei dem Todten allein, niederknieend, im Gebet. Seine Faſſung hatte indeſſen ihre beſänftigende Wirkung auch auf den Neger ausgeübt, er war im Stande, als ihn der Pfarrer darauf zu ſich rief, in ſeinem gebrochenen franzöſiſchen Deutſch eine Erzählung der unglücklichen Begebenheit, ſo weit ſie ihm begreif⸗ lich war, zu geben. Gérard war am vergangenen Abend gegen Mitter⸗ nacht nach Hauſe zurückgekehrt, rauh und ſtreng hatte er die Fragen und Dienſtleiſtungen des Negers zu⸗ rückgewieſen und ſich in ſein Zimmer verſchloſſen. Der treue Menſch war, über das Ausſehen ſeines Herrn erſchrocken, nicht zur Ruhe gegangen; vom Garten aus konnte er die Fenſter des Arbeitszimmers ſehen, bis zum frühen Morgen hatte Licht darin gebrannt, und er ſchloß daraus, daß ſein Herr die ganze Nacht ge— wacht, bald geſchrieben habe, bald ruhelos im Zimmer 104 auf und ab gegangen ſei. Am Morgen, als er ihm das Frühſtück brachte, hatte er ihn ſehr verändert ge⸗ funden. Seine Stimme klang heiſer, ſeine Bewegungen waren die eines Fieberkranken. Der Neger hatte zu⸗ nächſt an eine Krankheit ſeines Herrn geglaubt, ſich ein Herz gefaßt und gefragt: ob er nicht zum Doktor eilen ſolle. Darüber war Gérard zuſammengefahren und hatte, was der Diener nicht erwartet, erwidert: „Es iſt wahr, Ali, mein Kopf brennt. Nimm ein Pferd, reite zum Doktor. Weißt Du, es iſt wie in Con⸗ ſtantine, wo der alte Weßbach das Fieber hatte, mach' hurtig!“ Er hatte ihm die Hand gedrückt und ihn ver⸗ abſchiedet. Der Neger eilt zum Stall, ſattelt ſich ein Pferd, ſchwingt ſich auf und ſprengt zum Hof hinaus. Wie er aber ſo reitet und ſich Alles, was in der Nacht geſchehen, in das Gedächtniß zurückruft, blitzt in ihm der Verdacht auf, der Herr habe ihn nur fortſchicken wollen, um allein zu bleiben. Allein zu welchem Zweck? Er wirft ſein Pferd um und jagt zurück. Zu dem Doktor kann ein Anderer reiten, er will nicht von der Seite ſeines Gebieters weichen.—„Wo iſt der Herr?“ ruft er vor dem Hofthor.—„Der Herr? Der iſt vor einer halben Stunde fortgegangen.“—„Fortgegangen? Und ich ſoll zum Doktor? Er iſt ja krank!“—„Ei was krank, griesgrämig iſt er, heute hat er einmal ſich ktor ren ert: wieder ſeinen böſen Tag.“ Der Mohr, längſt vom Pferde geſprungen, fliegt die Treppe hinauf, das Zim⸗ mer des Herrn iſt verſchloſſen; es vergehen noch einige koſtbare, nicht wieder einzubringende Minuten mit dem Hin⸗ und Herlaufen im Hauſe, den Fragen, welchen Weg Gé⸗ rard eingeſchlagen, dann eilt der Mohr dem Walde zu. Der Inſtinkt und die Erinnerung, daß der Herr ſo oft und mit ſo großer Vorliebe von der Ruine und dem Teiche geſprochen, leitet ſeine Schritte, er kommt an das Ufer des Weihers. Dicht an der Schwelle des alten Hauſes liegt in ſeinen Reitermantel eingewickelt, wie ſchlafend, Gérard. Blut färbt den Boden, im Graſe entdeckt der Mohr die doppelläufige Piſtole, die er ſo oft in der Hand ſeines Herrn geſehen hat. Ein Lauf i*ſt abgeſchoſſen, die Hand, die niemals ihr Ziel verfehlte, hat dieß Mal das eigene Herz ſicher zu treffen gewußt, dieß tapfere Herz ſchlägt nicht mehr. Aber nur eine kurze Spanne Zeit iſt ſeit der ſchrecklichen That verfloſſen, von ihrer Arbeit laufen Holzfäller herbei, der Widerhall des Schuſſes im Walde hat ſie herbeigelockt... Mit der Ankunft des Arztes und eines Gerichts⸗ beamten am Nachmittage trat die rauhe Wirklichkeit in ihre Rechte und ſchnit alle nachdenklichen wie alle elegiſchen Gedanken kurz ab. An der That des Selbſt— mordes war nach einer Beſichtigung des Todten und 106 nach der Ausſage des Dieners nicht zu zweifeln. Auch hatte der Gerichtsbeamte, der früher in vielfachen Ge⸗ ſchäften mit dem Verſtorbenen zu thun gehabt, raſch ſein Urtheil gebildet. „Herr Gérard“, meinte er,„war immer ein wunder⸗ licher, melancholiſcher Mann; er hatte im ſtärkſten Grade, was die Engländer den Spleen nennen. Solche Menſchen müßten zu ihrem eigenen Beſten, namentlich wenn ſie reich genug ſind, um die Koſten bezahlen zu können, unter polizeiliche Aufſicht geſtellt werden. Glauben Sie nicht, Herr Doktor, daß er ſchon aus Afrika ſo etwas wie eine Gehirnkrankheit mitgebracht hat?“ Der Arzt wollte dieß nun zwar gerade nicht be⸗ haupten, mußte aber doch zugeſtehen, daß Gérard immer eine ſtarke Anlage zur Gemüthskrankheit gehabt habe. Der Pfarrer hörte die kalten Männer der Wiſſenſchaft mit leiſem Unwillen und zugleich mit einer geheimen Freude, die zunächſt noch ohne Grund ſchien, in dieſer Weiſe über den Todten reden. Wie ſo gar nicht ſtimmte ſeine Weltanſchauung mit dieſen Urtheilen zuſammen, welche die letzte und die höchſte Handlung des menſch⸗ lichen Willens, die Selbſtvernichtung, von dieſem oder jenem Krankheitsſtoff abhängig machten! Aber für die⸗ ſen beſonderen Fall hatte die Anſicht des Gerichtsbeamten „Al als Hal Wit wan Sch wün 107 der Alles nach der körperlichen Beſchaffenheit Gérard's natürlich und vernünftig fand, das Gute, jede weitere Nachforſchung nach den Gründen dieſer That zu ver⸗ hindern. Und der Pfarrer mit ſeinem gläubigen Ge⸗ müthe ahnte einen geheimnißvollen, erſchütternden Zu⸗ ſammenhang zwiſchen Helenens Liebe, ſeiner Erzählung von der alten Geige und dem Tode des Unglücklichen. Man hatte das Arbeitszimmer Gérard's geöffnet. „Ich dachte es mir,“ ſagte der Gerichtsbeamte, „Alles in der ſchönſten Ordnung; Herr Gérard war als Soldat ein pünktlicher Mann und hat ſorglich ſein Haus beſtellt, ehe er ſeine Piſtole an ſich ſelbſt verſuchte. Wir haben halbe Arbeit. Uebrigens, hochwürdiger Herr,“ wandte er ſich an den Pfarrer,„Sie können Ihrem Schützling, dem jungen Herrn von Adlersheim, Glück wünſchen. Nach dem Codicill zu dem Teſtament des alten Weßbach fällt ihm das ganze Vermögen zu, falls Herr Gérard ohne Erben ſtirbt. Der Fall iſt jetzt ein⸗ getreten.“ Indem ſie nun das Zimmer zu durchſuchen an— fingen, und an die Schränke die Gerichtsſiegel legten, fand ſich auf dem Tiſch ein Brief. „Er iſt für Sie, Herr Pfarrer,“ ſagte der Juſtiz⸗ rath mit einem raſchen Blick auf die Aufſchrift.„Wohl ein letztes Gebet, eine letzte Betrachtung! Daß die 108 Selbſtmörder ſo gern Monologe halten oder Bekennt⸗ niſſe machen! Doch ich will nicht ſtören, mein Geſchäft hat mit ſolchen Dingen nichts zu thun.“ Der Pfarrer empfand es als eine Wohlthat, von der Gegenwart dieſes rauh durchgreifenden Mannes befreit zu ſein, und zog ſich in ein kleines Gemach zurück, das ihm der Mohr, der wie vernichtet im Hauſe umherſchlich, aufthat. Dort ſaß er eine Zeit lang, den wohlverſiegelten Brief in der Hand. Die Aufſchrift an ihn war in ſtarken, männlichen Zügen geſchrieben, Gé⸗ rard's Hand hatte nicht gezittert, wohl aber zitterte jetzt die Hand des Greiſes, die das unſelige Papier hielt. Durch das Fenſter fiel der Nachmittagsſonnen⸗ ſchein mit ſeinem ſtillen, wohlthuenden Glanze, umher regte ſich nichts, nur das Papier kniſterte leiſe, als der Pfarrer das Siegel löste. Dann las er. Achtes Kapitel. „Wie habe ich es nur überlebt, dieſes Entſetzen, dieſe Qual! Den Anblick der Geige, das Geſpräch mit ihr, die Erzählung des Pfarrers! Was hatte ſie vor⸗ hin im Scherz geſagt? Ja wohl, aus der Sirene war die Furie geworden! O, Schickſal, warum zeigteſt du mir nicht mit Einem Male das Bild, das mich er⸗ ſtarren laſſen ſollte, warum enthüllteſt du es langſam, feierlich? Sollte ich wiederholt ſterben, und doch immer noch leben? War es nicht genug der Schmerzen, die ich ſchweigend in mir umher trug? Nagte nicht täg— lich die Furcht vor ſchmählicher Entdeckung, die Reue an meinem Herzen? Wenn du mir jemals in einer andern Welt begegnen ſollteſt, Schatten des Gemorde⸗ ten, jetzt darfſt du dich nicht mehr von mir abwenden, ich habe mehr, tauſend Mal mehr gelitten als du! 140 „Und wie Alles gekommen? Wer doch wüßte, durch welche Bewegung der Nerven, durch das Zucken welcher Fibern ſolche Gedanken in uns entſtehen und den machtlos gewordenen Willen zur That fortreißen! Als der Pfarrer vorhin ſo gleichmüthig von dem armen Knaben erzählte, dem man ſeine Geige, ſeine einzige Habe, beſchmutzt und verdorben, da zitterte wieder jeder Nerv in mir, wieder ſchwebte es wie eine Blutwolke vor meinen Augen, und meine Hand umfaßte den Griff der Geige, als wäre ſie eine Waffe geweſen. Gerade wie damals in dem Gaſthaus zu Valorbe! Mich, den Beſchimpften, den Beſchädigten, hatte man hinaus⸗ gewieſen, als ob ich kein Recht zu meinem Zorn, zu meiner Klage gehabt hätte, der Böſewicht aber durfte ſich heimlich, ohne Furcht vor Strafe, ſeiner Bosheit freuen und mir trotzen. Zertreten hätte ich ihn können wie eine Natter, die mir über den Weg läuft. Plan⸗ los irrte ich in dem Thal, am Fluſſe und auf den Höhen in der Nacht umher. Zuletzt warf ich mich in einer Höhle, wo die Kräuterſammler zu übernachten pflegten, auf einen Heuhaufen nieder und verſuchte einzuſchlafen; allein der Schlummer floh mich, immer raunte es um mich: ſtrafe, räche, ſchlage! War ich denn wehrlos? Mußte ich mich den frechen Launen eines adeligen Knaben fügen und lächeln, wenn er 444 mich verhöhnte? Vorausgeſetzt, daß er mir nachher ein Geldſtück in die demüthig abgezogene Mütze warf! Nein, ich war nicht wehrlos! Wenn er mir jetzt begegnet wärel.. „Und dennoch, wo ich jetzt, nach ſo vielen Jahren darüber nachdenke— und ich muß wohl, da meine letzte Stunde immer näher rückt— welche raſche, un— beſonnene, grauſame That! Wollte Jeder die Verletzung, die er erduldet, mit einer doppelt, ja hundertfach ſchwe⸗ reren rächen, was würde aus der Welt? Elender! Jetzt noch, im Angeſicht des Todes, wagſt du einen Mord und deine Beleidigung abzuwägen? Gähnt nicht ein Abgrund dazwiſchen, ſo tief, als der war, in den du dein Opfer ſtürzteſt? Eine Kränkung läßt ſich wie⸗ der gut machen, aber ein Mord? Was würdeſt du in dieſen bangen Sekunden geben, wenn du zu dem Todten ſagen könnteſt: ſtehe äuf und wandle? Dein Leben! Nichtige leere Träume! „Ich trat am Morgen ſchlaflos, hungrig, mit fieberhaft klopfenden Schläfen aus der Höhle. Es muß etwas Schreckliches in mir geweſen ſein, denn ein Wanderer, der mir begegnete, wich ſcheu vor mir zurück und verdoppelte ſeine Schritte. In mir raſte die Wuth der Vernichtung; Allen, die mich je beleidigt, hatte ich Rache geſchworen, und da, als ich um einen 112 Felsvorſprung biege, ſitzt auf einem Stein, hart über der Schlucht, der Mann, den ich damals für den Vater meines Feindes hielt. Er hatte mir den Rücken zuge⸗ kehrt und ſich in gefährlicher Stellung vornüber ge⸗ neigt, als wollte er in der Schlucht etwas beſtimmter erkennen. So vertieft war er in den Anblick, daß er meine Schritte überhörte. Ich ſchleiche mich hinter ihn, ich ſtrecke den Arm aus— ein wilder, halb un⸗ terdrückter Schrei entringt ſich meiner Bruſt— war's Freude, war's Schrecken?— und über die Felsklippen in die jähe Tiefe ſtürzte der Mann. „Horch, horch! Wieder ſchallt ein fürchterlicher Schrei durch die Stille der Nacht, und durch das Dunkel leuchten zwei Augen, ſtarr auf mich gerichtet— ſind es ſeine, ſind es Helenens Augen? Und der Schrei tönt nochmals, derſelbe Schrei, der mich jäh aus un⸗ ruhigem Schlummer in meinem Zelt in Afrika aufrief; derſelbe Schrei, der an jenem Morgen ſchaurig in der Felſenwildniß widerhallte! Hatte ihn der Unglückliche im Fallen ausgeſtoßen, war er meinen Lippen ent⸗ flohen? Mein Haar ſträubte ſich. Einen Augenblick ſchwankte ich, ſollte ich ihm in die Tiefe nachſpringen, ſollte ich davon eilen? Da ſehe ich am Boden ein Buchlein liegen, in dem der Fremde kurz vorher eine Zeichnung der Gegend verſucht hatte; es war von ſeinen Knie geich mein ſagen Fure kam Hilf Ich eine wei ſie mie der Mo Stt fün und 113 Knieen geglitten und lag vor mir. Dieß Buch, das Zeichen meines Verbrechens, beſtimmte die Richtung meiner Gedanken. Rette dich, rette dich! ſchien es zu ſagen. Ich ergriff es, ſteckte es zu mir und floh. Die Furcht bewies ſich ſtärker als Hunger und Ermüdung; Stunden nachher ſank ich erſchöpft auf der Schwelle eines einſamen Hauſes nieder, es lag ſchon am jen⸗ ſeitigen Abhang des Gebirges auf franzöſiſchem Boden. Hier begegnete ich ſeit meiner That zuerſt wieder Men⸗ ſchen, ich mußte ihnen eine Erklärung meines Kommens geben. Die Angſt vor Entdeckung machte mich über meine Jahre ſchlau und verſchlagen, als wäre ich längſt ein verhärteter Verbrecher geweſen. Meine Jugend kam mir in der Meinung dieſer ſchlichten Leute zu Hilfe, ſie mochten mir keine ſchlimme That zutrauen. Ich erzählte ihnen unter falſchen Thränen, daß ich einem Bärenführer, bei dem ich als Knecht gedient, weil er mich ſchlecht behandelt habe, entflohen ſei, und ſie glaubten mir, hießen mich ausruhen und erquickten mich mit Speiſe und Trank. Ein reiſender Kaufmann, der weiter in das Land hinein nach dem nächſten Marktflecken fuhr, nahm mich auf ſeinem Wagen eine Strecke mit ſich. Als die Nacht einbrach, war ich ſchon fünf Meilen von dem Ort des Verbrechens entfernt, und die Zeit, die zwiſchen der Nacht und dem Morgen Frenzel, Geheimniſſe II. 8 114 lag, dünkte mich eine Ewigkeit. Dieſer Gedanke gab mir eine wunderbare Ruhe. In dem Kämmerchen, das ich in einer Dorfſchenke gefunden, zog ich, vor Ueberraſchung endlich ſicher, das Büchlein hervor und blätterte darin. Viele Seiten waren beſchrieben, ein Brief lag darin, Alles in einer Sprache, mit Zeichen, die ich nicht kannte; ich vermuthete damals nur, daß es deutſch ſei. In den Taſchen ſteckten einige Geld⸗ ſcheine, ein paar Goldſtücke, nicht viel, wenn ich den Stand des Todten hätte in Betracht ziehen wollen, aber doch mehr Geld, als ich jemals in meinem Leben beſeſſen hatte. O, welch verwerfliches, ſelbſtſüchtiges Geſchöpf iſt der Menſch von Jugend auf! Dieſes Gold, das ich geraubt, an dem das Blut des Ermordeten klebte, es warf einen freudigen Schimmer über mein Geſicht und ließ mein Herz wie von einem Gefühl des Triumphs erbeben. „Hochwürdiger Herr, wenn Sie dieſe Zeilen leſen, haben Sie mir, ich hoffe es von Ihrer Güte, ſchon Alles vergeben. Zwiſchen uns Beiden iſt dann durch meinen Tod eine unüberſteigliche Wand aufgerichtet, ich bin für Sie zu einem Schatten geworden, und ob ich dann noch etwas vom Irdiſchen ſpüre, ein letztes Erinnern, ein verdämmerndes Ahnen von einem frühe⸗ ren Daſein— wer weiß es? Ein Fieber pocht in meinen Adern, und ich fürchte, daß meine Worte ſeine Spur zeigen. Vergeblich ſtrebe ich, meine Aufregung niederzukämpfen, der Schauer des Nichts hat mich er⸗ faßt. Möge Ihre Weisheit all' meine Worte richten; der arme Gérard konnte ein Verbrechen begehen, aber er war kein gemeiner Menſch. „Und wie nun Alles weiter kam? In der Nacht, die meiner That folgte, faßte ich den Entſchluß, nach Afrika zu gehen und dort in die franzöſiſche Fremden⸗ legion einzutreten. Einer meiner Vetter diente ſeit lange in ihr; der letzte Brief, den er uns geſchickt, beſchrieb ein großes Gefecht und einen großen Sieg über die Araber. Wir hatten ihn gerade erhalten, aals ich mich zu meinem erſten Ausflug über den Genfer See rüſtete, und er brachte einen mächtigen Eindruck auf mich hervor. Dieſer Brief fiel mir jetzt wieder ein, er beſtimmte mein Schickſal. Kampf, Gefahr, Blut und Tod, das war meine Sache. Glücklich kam ich nach Toulon, ſchiffte mich nach Algier ein und wurde ohne Umſtände in die Legion aufgenommen. Man war eben froh, neues Kanonenfutter zu haben. Ein guter Stern leuchtete mir auf meiner kriegeriſchen Laufbahn. In mir ſteckte ein geborener Soldat; mit Todesverachtung ſtürzte ich mich in das vorderſte Ge⸗ wühl der Kämpfenden, zu meinen Seiten fielen die — 116 Kameraden, aber mich traf keine Kugel, kein Säbelhieb. Der Tod wollte mich nicht. Unerwartet ſchnell ſtieg ich empor; ich wurde Korporal, und als ich, vom Zu⸗ fall begünſtigt, unſerem General das Leben gerettet hatte, Offizier mit dem Kreuz der Ehrenlegion. Eitel⸗ keit der Eitelkeiten! Mein Blick, der noch eben am Rand des Grabes vorüber irrte, wendet ſich noch ein⸗ mal zu dieſen Erinnerungen zurück. Ich war nicht glücklich; die Sündenſchuld vergiftete mir den Becher, welchen mir Ehre und Anerkennung darboten; ich galt für einen Menſchenfend, aber ich that meine Pflicht und fühlte mich wohl in ihrer Erfüllung. Können wir auch nicht ungeſchehen machen, was wir geſündigt, wir hoffen immer, unſere ſchlimmen Thaten durch unſere guten aufzuwiegen. So ſagte ich mir oft: du haſt dich ſchwer vergangen, aber du biſt ein braver Soldat, vielleicht, daß die Barmherzigkeit des Himmels darin eine Ausgleichung findet. „Der Gedanke an den Todten verließ mich jedoch nie; auf meinem Herzen trug ich den Brief, der da⸗ mals in ſeinem Taſchenbuch gelegen. Um die mir unbekannten Zeichen entziffern zu können, hatte ich von einem Soldaten in meiner Kompagnie, einem deutſchen Studenten, der wegen eines Duells die Hei⸗ math verlaſſen hatte, die deutſche Sprache erlernt. Das 1¹* Erſte, was ich in ihr las, war jener Brief; abgeriſſene Zeilen, die der Reiſende an ſeine Gattin geſchrie⸗ ben hatte, Zeilen, die mir auf's Neue das Herz zer⸗ riſſen, denn der Schreiber ſprach davon, den armen jungen Geiger, den ſein Neffe ſo gröblich mißhan⸗ delt, aufzuſuchen und nach Kräften für ihn zu ſor⸗ gen. Wer enthüllt das Räthſel der Welt? Er hatte mich glücklich machen wollen und ich— ich hatte ihn getödtet! „Die letzte ſchlimmſte Verwicklung dieſer Dinge, hochwürdiger Herr, kennen Sie, ich mußte ſeine Tochter lieben. Lieben mit einer Leidenſchaft... es war meine erſte, meine letzte, meine einzige Liebe! Laſſen Sie mich ſchweigen von meinen Hoffnungen, meinen Kämpfen, meinen Enttäuſchungen! Ich bin am Ende meiner Kraft, die Nacht iſt vorüber, und das Morgen⸗ roth ſteigt herauf. Was noch geſagt werden könnte, ſoll ungeſagt mit mir in das Grab ſinken. Ich lege mein Bekenntniß, dieſe vergilbten Zeilen von Helenens Vater und die Sorge für mein Gedächtniß in Ihre Hände. Um Weiteres zu bitten, habe ich kein Recht mehr. Ob es aus dem Irrſal, in das meine Schuld uns Alle verſtrickt hat, einen andern Ausweg gibt, als den, den ich wähle, ich weiß es nicht. Für mich iſt es der ſchnellſte und der ſicherſte. Was kein Arzt, 118 und was kein Prieſter heilen kann, das heilt ſchmerz⸗ lich, aber gewiß der Tod.“ Die Thränen floſſen dem Greiſe reichlich über die Wangen und benetzten die Blätter, die ſeiner zitternden Hand ſo ſchwer wurden, als wären ſie eherne Tafeln mit dem Richterſpruch Gottes geweſen. Wie immer im Leben war auch dieſes Mal die Nemeſis, oder, wie es der Pfarrer lieber nannte, die göttliche Gerechtig⸗ keit, am Ende der Dinge zur Erſcheinung gekommen. Einen Augenblick tritt ſo das ewige Geſetz, das die Schickſale der Sterblichen leitet, aus verhüllenden Wol⸗ ken, aus Thatſachen und Vorfällen, deren Bedeutung und Zuſammenhang uns bis dahin unerklärlich ge⸗ blieben, hervor, wir ſehen ſeine erhabene Majeſtät— aber freilich, um welchen Preis!„Arme Helene, armes Mädchen!“ ſeufzte der Pfarrer, indem er die Papiere ſorglich zu ſich ſteckte; er wollte hinzuſetzen:„Armer Gérard!“ als er jedoch bedachte, was dieſer Mann im Leben verübt und gelitten, als ihm in dieſem einen Falle die ganze Gebrechlichkeit der menſchlichen Natur und die Tragik der Welt ergreifend aufging, über⸗ wand die Erkenntniß von der Nichtigkeit des Daſeins und der Seligkeit des Todes ſeine angelernten, prieſter⸗ lichen Grundſätze, und er murmelte:„Ihm iſt wohl, und Gott wird ihm gnädig ſein!“ 419 Monate waren in's Land gegangen und nach den eiſigen Stürmen des Winters ſchmückte wieder, Augen und Herz erquickend, das Grün des Frühlings die Landſchaft. Auch auf dem Schloſſe der Adlersheim war die Ruhe wieder eingekehrt. Langſam hatte ſich Helene von einer ſchweren Krankheit erholt. Die Kunde von Gérard's Tode hatte ſie, ehe noch der Pfarrer in das Dorf zurückgekommen, erreicht. Wie ſich der alte, un⸗ ter der Laſt ſeines düſteren Geheimniſſes faſt erliegende Mann auch ihren Fragen zu entziehen ſuchte, er mußte ihr endlich, ſo ſchonend, wie es möglich war, die Wahr⸗ heit in halben Worten und Andeutungen geſtehen, wo⸗ bei er die Schuld, welche Viktor an der Verwicklung hatte, der Zukunft wegen ſchonend verſchwieg. Das hitzige Fieber, das ſeit dem vergangenen Abend ſchon in Helenens Adern tobte, hatte ſie nach dieſen Offen⸗ barungen niedergeworfen. Bewußtlos ſank ſie zuſam⸗ men. Viele Wochen hindurch ſchwebte ſie in äußerſter Gefahr und erſt allmählich ließen die Aerzte ihre Ver⸗ wandten Hoffnung ſchöpfen. Nicht weniger tief und ſchmerzlich hatten die Mittheilungen des Pfarrers Vik⸗ tor getroffen. Wie ſehr er auch Gérard als den Stö⸗ rer ſeines Glückes gehaßt, er konnte ſich jetzt nicht ver⸗ hehlen, daß ſein boshafter Streich die Wurzel alles Unheils geweſen. —õÿ ——— 120 Für die Bewohner der Landſchaft war Etienne Gérard wie ein ſeltſames Meteor erſchienen und erloſchen. Wenige hatten ſich an ihn angeſchloſſen, den Meiſten war es eine Erleichterung, von der Herr⸗ ſchaft und Gegenwart eines Mannes befreit zu ſein, der ihnen beſtändig als ein Fremder und ein Eindring⸗ ling erſchienen war. Früher hätten ſie es vielleicht ebenſo unwillig ertragen, Viktor als ihren Herrn an⸗ zuerkennen, jetzt war er als die neuaufgehende Sonne auch der Beſſere. Die Wandlung ſeines Charakters verſtärkte die gute Meinung der Menſchen von ihm, er war durch eine ernſte Schule der Prüfung gegangen, und ſein ehmaliger Uebermuth in Freundlichkeit und Milde gegen Alle umgeſchlagen. Helenen konnte dieſe Läuterung in dem Weſen ihres Vetters nicht entgehen. Mehr als je war ſie ſelbſt, rauh aus poetiſchen Träu— men zurückgeſcheucht, für den Ernſt des Lebens ge⸗ ſtimmt. Zu viel hatte ſie von jener ſtürmiſchen Leiden⸗ ſchaft, welche die Pflicht geringer achtet als die Befriedigung der erſteren, gelitten, um ſich fortan nicht ſtill zu be— ſcheiden. Oft ſahen ſie die Leute im Dorf am Arme Viktor's zu dem Kirchhofe gehen; es blieb freilich ungewiß, ob die Thränen, die dann ihren Augen entfloſſen, allein ihrem Vater, oder ob ſie auch dem galten, der nach ſeinem Wunſche in dem Garten ſeines Hauſes, fern ☛ 424 ab an der Mauer unter dichtem Tannengebüſch, eine einſame Ruheſtätte gefunden hatte. Trotz dieſer Trauer und dieſes Schmerzes aber waren Alle überzeugt und ſprachen ſichere Anzeigen dafür, daß an einem nicht zu fernen Tage der Pfarrer in feſtlich geſchmückter Kirche die Hände der Beiden zum glücklichen Bunde zuſammenfügen werde. — — 4 — ————ÿ —y———————————————— 3 ———yyyy— Erſtes Kapitel. Es war in der zehnten Abendſtunde. Noch nicht lange war Mademoiſelle Marie Gauſſin, die liebens⸗ würdige Schauſpielerin der Comédie française, aus dem Theater in ihre Wohnung zurückgekehrt. Mit ent⸗ zuckender Anmuth, unter dem lauten Beifall der Zu⸗ ſchauer, hatte ſie in Voltaire's Luſtſpiel„Nanine,“ das in dieſem Herbſt zu den Neuigkeiten der Bühne gehörte, die Hauptrolle geſpielt.„Nanine oder das be⸗ ſiegte Vorurtheil“ iſt der Titel des Stücks, und die Handlung dreht ſich um die Liebe des Grafen Olban zu der liebenswürdigen, aber armen und im niedern Stande geborenen Nanine. Jetzt, nachläſſig in ihrem Lehnſtuhl ruhend, mußte ſich Mademoiſelle Marie la— chend ſagen, daß ſie in Wirklichkeit ſich beinahe in — — 1 6 * 3 — 126 Naninens Lage befinde. Ihr zur Seite, zärtlich ihre Hand faſſend und noch zärtlicher zu ihr aufſchauend, ſaß auf einem kleinen Seſſel der junge Vicomte Marcel von Montjoye und ſprach zu ihr in leidenſchaftlichen Ausdrücken von... Ja, ſie hörte nicht Alles; der Triumph, den ſie auf der Bühne errungen, verwirrte ihr Köpfchen, und ſie wiegte kokett ihre kleinen Füße in den rothen Schuhen mit den hohen Abſätzen auf der gepolſterten Bank, auf der ſie ruhten, hin und her. Marcel hatte Voltaire's Komödie ergriffen und decla⸗ mirte die Verſe des Grafen, in denen er Naninen das Geſtändniß ſeiner Liebe macht. „Das ſteht nicht in der Rolle,“ unterbrach ihn jetzt ſchelmiſch die Schauſpielerin.„Voltaire's Verſe ſind richtiger und viel weniger feurig. Sollten Sie zu all' den Vorzügen, die Sie beſitzen, theurer Marcel, auch noch den haben, ein Liebling der Muſen zu ſein? So viel Gaben erregen meinen Neid und meine Eifer⸗ ſucht.“ „Sie ſpotten, Marie! Sie wiſſen, daß Alles, was ich habe, und was ich bin, zu Ihren Füßen liegt!“ In ſolchen Betheurungen, in dem Getändel holder Worte und ſüßer Schwüre ging die Unterhaltung eine Weile hin; der junge Mann war unerſchöpflich in ſeine und dung richt ein ſpan wer bäu Liel lich nur des Wo und Fre We mag 127 ſeinen Verſicherungen, in dem Ausdruck ſeiner Liebe, und Marie Gauſſin ebenſo reich an ſcherzhaften Wen⸗ dungen und anmuthigen Neckereien. Das zärtliche Paar ſaß in einem behaglich einge⸗ richteten Zimmer, im Kamin brannte ein luſtiges Feuer; ein Schirm mit buntbemaltem chineſiſchem Papier be⸗ ſpannt ſchützte ſie vor der Gluth, falls ſie unbehaglich werden ſollte; auf dem Geſims zwiſchen zwei dick⸗ bäuchigen Porcellan⸗Vaſen ſtand eine Stutzuhr, den Liebenden gerade gegenüber, aber ſie waren zu glück⸗ lich und zu ausſchließlich mit ſich beſchäftigt, um auch nur flüchtig dem unerbittlichen und unermüdlichen Gang des Zeigers zu folgen. Die Grazien, wenn ſie aus den Wolken herabgeſchaut, würden ſich des Anblicks der Schönen und Glücklichen gefreut haben; aber nicht immer iſt eine Freude der Sterblichen, was den Unſterblichen wohlgefällt. Welche Augen hätte der alte Graf von Montjoye ge⸗ macht, wäre ihm im Spiegel ſeines Bibliothekzimmers, in dem er gerade ein Buch über die Heldenthaten des Marſchalls Villars im ſpaniſchen Erbfolgekrieg las, dieß Bild erſchienen! Nicht um zu den Füßen einer Schauſpielerin die Zeit zu verträumen, hatte er ſeinen einzigen Sohn nach Paris geſandt. Verdrießlichen Sinnes, unmuthig über die Wandlung oder, wie er ſagte, die Verſchlechterung der Zeiten, hatte er ſich längſt —— 7 — —— ———†— 128 nach ſeinen Gütern in Languedoc zurückgezogen; ſein Sohn, der ſchöne, glänzende Marcel, erſchien ihm ge⸗ eigneter, den Namen und den Ruhm der Montjoye's am Hofe von Verſailles zu vertreten. Heute ſchrieb man den dreizehnten November des Jahres 1749, und der Vicomte verweilte gerade zwei Monate in Paris— ein neunzehnjähriger, lebhafter und, was Alles ſagen will, ſchwärmeriſch verliebter, phantaſtiſcher Jüngling, der in all' dieſen Tagen Nichts als Mademoiſelle Marie Gauſſin in der Welt geſehen und mit vollen Zügen das Glück ſeiner jungen Freiheit und ſeines Reichthums genoß. Endlich war er den Belehrungen des Hofmeiſters und der ſtrengen Aufſicht des Vaters entflohen. In dem Schloß der Langen— weile in Languedoc hatte jede Stunde ihre Ordnung und ihr Geſchäft gehabt: immer zur beſtimmten Stunde ſetzten ſich Vater und Sohn zu Tiſche, immer zur be⸗ ſtimmten Stunde machten ſie einen Spazierritt; es pflegte am Morgen einen harten Verweis zu geben, wenn der Vater am Abend vorher das Licht in dem Gemach des Sohnes länger, als vorgeſchrieben war, hatte brennen geſehen. Von alledem war nun keine Rede mehr! Die volle ganze Freiheit beglückte Marcel. Nach Laune konnte er kommen und gehen, eſſen und ſchlafen, fechten und reiten. Niemand durfte ihn zur rr 129 2 Rechenſchaft ziehen; zwei Diener, eine wohlgefüllte Börſe, zwei prächtige Pferde ſtanden ihm zur Ver⸗ fügung, er wußte gar nicht, was er mit ſeinem Ueberfluß und ſeiner Unabhängigkeit beginnen ſollte. Nur ECins hatte er ſich feſt gelobt, dieſe koſtbare Frei— heit nicht wieder aufzugeben. Er betrachtete darum den Beutel voll Briefe, die ihm der Vater an die BVetter und Tanten, an alte Gönner und Freunde zur Empfehlung mitgegeben hatte, mit hennhen Un⸗ willen, er merkte darin eben ſo viele liſtigen Fallen, die man ihm ſtellte, und ſtatt die Schreiben zu über⸗ reichen, verſchloß er ſie in den innerſten Kaſten ſeines Schrankes. Nur mit jungen Leuten, ſeinen Standes⸗ genoſſen, die ebenſo wie er der Zucht ihrer Hofmeiſter entronnen, ein müßiggängeriſches Leben in Paris führten, verkehrte er. Eine einzige Ausnahme hatte er, wenn auch mit Widerſtreben, machen müſſen: im Som⸗ mer hatte der Marquis von Noailles, der in erſter Ehe eine Schweſter des Grafen von Montjoye gehei⸗ rathet, denſelben beſucht; Marcel konnte, in Paris an⸗ gekommen, nicht umhin, ſich ihm vorzuſtellen, ſchon aus Beſorgniß, ihm einmal unerwartet zu begegnen. Er war überraſcht, im Palaſte des Marquis eine junge, reizende Dame zu finden: Noailles' Gemahlin. Die Frau Marquiſe ſchien für den etwas ſchüchternen, Frenzel, Geheimniſſe. II. 9 —— — — ————— —— —— —— — — befangenen und linkiſchen Landjunker, deſſen dunkle feurige Augen eine ganz eigene ſtumme Beredtſamkeit hatten, beim erſten Blick eine beſondere Theilnahme zu faſſen.„Betrachten Sie mich wie eine rechte Tante,“ ſagte ſie lächelnd,„rechnen Sie auf all' meinen Ein⸗ fluß, ich werde Ihnen Nichts verweigern.“ Marcel, über ſo viel entgegenkommende Güte beglückt, küßte der Dame wiederholt die Hand, ſie ſchieden in beſter Freundſchaft, und eine Weile ſetzte der junge Mann ſeine Beſuche im Hotel Noailles regelmäßig fort. Eine Weile— bis ihn der Zufall oder ſein Stern in das Theater führte, wo er ſein Herz an Madewoiſelle Gauſſin verlor. Er hatte ſich in ſeiner Freiheit ſo ſtolz und ſicher gefühlt, und nun war er auf einmal der Liebe unterthan geworden. Viel ſtrenger und aus⸗ ſchließlicher als ſein Vater, beherrſchte ihn der kleine, loſe Gott. Aber Marcel fand dieſe Feſſeln nicht drü⸗ ckend, im Gegentheil, es war ihm, als erführe ſein Weſen in dieſem Zauberbanne eine Erhöhung, ſein Leben eine Erweiterung. Der Weg von der ſtillen Be⸗ wunderung der ſchönen Schauſpielerin aus der Ferne bis zu der Bekanntſchaft und einem vertrauten Umgang mit ihr machte ſich leichter und ſchneller, als er am erſten Abend, wo er ſie ſah, geglaubt. Wenn man ein franzöſiſcher Edelmann iſt, mit Marcel's Namen 431 und Aeußerem, und die Goldſtücke, die man ausgibt, nicht ängſtlich zu zählen braucht, hat man in ſolchen Dingen keinen Grund zur Verzweiflung, einem ſchönen Mädchen gegenüber. Die Liebe des Vicomte erfuhr keine ſpröde Abweiſung; ſeine romantiſche Schwärmerei hatte für Marie Gauſſin nach manchem alltäglichen Abenteuer, wie ſie einer Schauſpielerin nicht erſpart bleiben, ſogar einen neuen, poetiſchen Reiz. Es um⸗ wehte ſie wie der Duft des Waldes, der grünenden Wieſen im Frühling; ſtatt der Lügen der Welt zeigte ſich hier die Wahrheit der Natur, es war wie ein holdes Schäferſpiel aus einem glücklichen Arkadien. Der Zauber des Geheimniſſes geſellte ſich hinzu: der Vicomte, der die Spöttereien ſeiner Freunde fürchtete, wie Marie, die ihre Gründe dafür haben mochte, ſuchten ihre Liebe den Augen der Neugierigen zu ver⸗ bergen, und das Glück ſchien ihre Abſicht zu be⸗ günſtigen. In dieſem Augenblicke— Marie hatte lange ge⸗ ſchwiegen und träumeriſch den Zukunftsplänen des Jünglings gelauſcht, der ihr vorſchlug, mit dem An⸗ bruch des Frühlings Paris zu verlaſſen und nach einer ſtillen, blumigen Einſamkeit zu flüchten: es war ſo drollig, während der Novemberſturm in den Straßen heulte und an die ſchlecht ſchließenden Laden der Fen⸗ 9 132 ſter ſchlug, ein Luftſchloß im Frühlingsſonnenſchein und Veilchenduft zu bauen— in dieſem Augenblick ver⸗ kündigte die Uhr mit ſchnellen haſtigen Schlägen die zehnte Stunde, und wie von einem plötzlichen Gedan⸗ ken erfaßt, als käme ſie aus einem Zuſtand der Selbſt⸗ vergeſſenheit zur Wirklichkeit zurück, legte Marie ihre kleine Hand dem Geliebten auf den Mund:„Schwei⸗ gen Sie! Nur eine Minute, Marcel, ſchweigen Sie 1“ Trotz des ſcherzhaften Tons, den ſie ihrem Aus⸗ ruf hatte geben wollen, klang Etwas wie Angſt und Betroffenheit hindurch, ſo daß Marcel erſtaunt zu ihr aufſchaute. Sie winkte ihm nur mit den Augen zu, ſich ſtill zu verhalten: ein tiefes, erwartungsvolles Schweigen trat ein. Nicht lange dauerte die Spannung: deutlich hörten beide dreimal hinter einander ein kurzes, durchdrin⸗ gendes Gelächter. „Alſo doch!“ rief Marie, die blaß geworden war und, die Augen ſchließend, als wolle ſie ſo den An— blick einer ſchrecklichen Erſcheinung vermeiden, in ihren Lehnſtuhl zurückſank. „Was iſt das?“ Marcel war aufgeſprungen und hatte die Thür zu dem Nebengemach aufgeriſſen: aber es regte ſich Nichts, Niemand war darin, und er 133 ein wandte ſich wieder an Marie, ob ſie ihm dieſen ſelt⸗ ſamen Vorfall erklären könne. „Ach, Marcel,“ fing ſie an,„ich habe unrecht ge⸗ handelt, Ihnen ein Ereigniß zu verſchweigen, das mich nun ſchon zum zweiten Mal erſchreckt und gerade durch ſeine Wiederholung um ſo unheimlicher wirkt.“ „Wie? Dieß Gelächter? Es hat ſich ſchon ein⸗ mal vernehmen laſſen? Iſt es ein Zeichen?“ Und a amme der Eiferſucht blitzte in den Etwas wie die F Augen des Vicomte auf. Raſch er ntſe loſſen wollte er — ſich in das Nebenzimmer ſtürzen, als müſſe dort irgendwo verſteckt einen Nebenbuhler finden. Marie ergriff ſeinen Arm.„Bleiben Sie, mein Freund, Ihr Zorn wie Ihr For rſchen würden vergeb⸗ lich ſein; dieß entſetzliche wurin rührt ich kann es nicht anders glauben— rührt.. es iſt ein Ruf aus der Geiſterwelt!“ Während ſie ihr Geſicht in den Händen verbarg, ſtand Marcel in der erſten Verwunderung wie erſtarrt da. Von ſeiner Wärterin hatte er wohl als Kind gehört, daß es in dem verfallenen Thurm des Schloſſes, den ſein Vater nicht wieder aufbauen laſſen wollte, weil die Ruine, dicht mit Epheu überwachſen, einen eigen— thümlich ſchönen Anblick gewährte, nicht geheuer ſei, und Geſpenſter dort ihr nächtiges Weſen trieben, abe 134 daß er jemals ſelbſt in ſo unmittelbare Berührung mit der jenſeitigen Welt kommen würde, nicht im Traum war es ihm eingefallen. So glich er jetzt mit offenem Mund, ſprachlos, mit ſtarren Augen einer Salzſäule. Allmählich kehrte ihm indeſſen mit der Ueberlegung auch die gute Laune zurück. In dieſem Zimmer ſah es nicht nach Geſpenſtern aus. Da war Alles freundlich und zierlich, buntfarbig und von Lichtern hell, die Geſpen⸗ ſter aber lieben die dunklen, düſtern Orte, lange Corri⸗ dore mit tiefen Schatten, Kirchhöfe, Ahnenſäle mit alten hohen Bildern in erblindeten Goldrahmen, und, was das Wichtigſte war, nur um Mitternacht dürfen ie ſich zeigen. Neben Mariens Lehnſtuhl auf der Erde lag Vol⸗ taire's Komödie und das Blatt, das ſeine eigenen liebeglühenden Verſe enthielt; er hob beide lachend auf und ſagte:„Marie, Sie ängſtigen ſich mit närriſchen Einbildungen; iſt es möglich, daß ſich ein Geſpenſt in die Nähe des Herrn von Voltaire wagt?“ Und ſchmeichelnd zog er ihr die Hände vom Ge⸗ ſicht.„Ich bin bei Ihnen, Marie, Ihr Ritter, Ihr Geliebter, bereit, eine ganze Geiſterwelt zu bekämpfen, wenn Sie es wünſchen!“ 1 „Sie ſind gut, Marcel, gut, tapfer und treu! Ich hoffe, dieß iſt kein trauriges Vorzeichen für unſere Liebe!“ „Ach, Marie! Laſſen Sie den Himmel oder die Hölle lachen, ich werde Sie immer lieben!“ Seine Verſicherungen ſchienen ſie zu beruhigen und ihr wieder Muth einzuflößen. Draußen ſauſte der Sturm mit erneuter Heftigkeit, ſie ſchmiegte ſich inniger an ihn und erzählte:„Ich hätte Ihnen die Vorfälle dieſer letzten Tage nicht verbergen ſollen, Marcel, denn es betrifft Sie ebenſo nahe, wie mich, aber die Liebe iſt ſelbſtſüchtig und freut ſich, wenn ſie eine Sorge, einen Kummer auf ſich allein nehmen und dem Geliebten erſparen kann. Das Geheimniß unſerer Liebe, ſo ſorgſam wir es gehütet, iſt entdeckt.“ „Unmöglich! Wer kennt mich in Paris? Wer hätte Abſicht oder Neigung, meine. Wege zu er⸗ ſpähen?“ „Und doch muß es geſchehen ſein. Hören Sie nur! Vor ſechs Tagen erhalte ich einen mit zitternder Hand geſchriebenen Brief, er kam von einem Freunde, den ich ſeit Jahren aus den Augen verloren hatte, und der mich jetzt bat, an ſein Sterbebett zu kommen. Zuerſt überwogen Schrecken, Verwirrung und Beſtürzung jedes andere Gefühl in mir. Ich liebe das Leben, und der Anblick des Todes iſt mir verhaßt. Und dann— ich — — —— ——,— — — — — — — war mit jenem Manne nicht im Guten auseinander gegangen. Er hatte mich lange umſchwärmt und mit ſeinen Liebesanträgen verfolgt. Bedauern Sie mich, Marcel! Eine arme Schauſpielerin muß ſich Huldi⸗ gungen gefallen laſſen, die.. Genug, er war mir zu⸗ letzt unerträglich geworden, und ich hatte ihm meine 3 Schwelle verboten. Zuweilen ſah ich ihn noch hier und dort— in den Gängen des Theaters, vor meiner Hausthür, im Gewühl der Gaſſe. Ich hatte das un⸗ beſtimmte Gefühl, daß er mich bewache und belauſche, daß er mich noch nicht ganz aufgegeben habe, aber er wagte doch nicht mehr, ſich in meine Nähe zu drängen. Und auch in mir ſtumpfte ſich die unangenehme Em⸗ pfindung, unter einer geheimen Aufſicht zu ſtehen, zu⸗ letzt ab. Ach, Marcel, die Welt iſt nicht ſo harmlos und ſchön, wie Sie ſich einbilden! Alle dieſe Gedan⸗ ken beſtürmten mich bei dem Leſen jenes Briefes. Doch war ein ſo rührender Ton darin, die letzte Bitte eines Sterbenden! Das Mitleid trug den Sieg über meine Abneigung und meine Bedenklichkeiten davon. Ich ging zu ihm. Wie bin ich beſtraft worden! Er war bei voller Beſinnung, mit großen, ſtarren Augen ſah er mich an.„Grauſame, Treuloſe,“ rief er mir zu,„dahin haben Sie mich gebracht, Sie haben mir das Herz gebrochen.“ Ich ſuchte ſeine Aufregung zu — 137 beſchwichtigen, ſanft duldete ich ſeine Vorwürfe. Plötzlich nannte er mit einem wilden Aufſchrei Ihren Namen. Ich erblaßte, ich fuhr zuſammen.„Ich weiß es wohl,“ ſagte er,„daß Sie ihn lieben, aber glauben Sie nicht, Ihres Glücks ungeſtraft zu genießen, aus der Welt des Grabes ſoll meine Stimme Sie erſchrecken und Sie an Ihre Herzloſigkeit mahnen.“ „Aber das ſind die Aeußerungen eines Wahnſinn— gen,“ unterbrach ſie Marcel. „Dafür nahm ich ſie auch und wollte gehen. Da ward die Thür geöffnet, eine vornehme Dame rauſchte herein.„Die wird meine Rache vollführen,“ ſchrie der Kranke und fiel in ſeine Kiſſen zurück.“ „Eine vornehme Dame?“ „Sie maß mich mit hochmüthigem Blick vom Kopf bis zu den Füßen und gab ſich nicht einmal die Mühe, ihre Verachtung und ihren Groll gegen mich zu ver⸗ bergen. Das Peinliche meiner Lage wurde mir zu drückend, mit einer kurzen Verneigung ging ich. Im Hauſe erfuhr ich, daß die Dame die Marquiſe von Noailles ſei, und daß der Kranke in ihrem Dienſte ge⸗ ſtanden habe.“ „Die Marquiſe von Noailles?“ rief Marcel und ſprang in die Höhe.„Das iſt ſeltſam und bedeutet nichts Gutes.“ — ——ù „Sie kennen die Marquiſe,“ fragte ihrerſeits Marie zurück,„und verſchwiegen es mir?“ „Ich mußte dem Marquis, einem meiner Ver⸗ Hin wandten, bei meiner Ankunft in Paris aufwarten; bei dieſer Gelegenheit ſah ich die Frau Marquiſe. Sie ſchien mich nicht ohne Theilnahme zu betrachten, ich ſchl bin öfter in ihr Haus gekommen, aber ſeit ich Sie ge liebe, Marie, habe ich meine Beſuche eingeſtellt, mir ſind die Menſchen gleichgiltig geworden, Sie allein ſind nas meine Welt.“. die „O jetzt iſt mir Alles klar! Jene Dame liebt nich Sie. „Das iſt zum Lachen, Marie! Welche Augen ibe Sie machen! Ich wette, Sie ſind eiferſüchtig auf die Gli Marquiſe!“„S „Oder ſie iſt es auf mich. Ich reime mir das bro Ganze zuſammen. Ihr Ausbleiben hat die Marquiſe wer befremdet; von der Befremdung zur Nachforſchung iſt nicht weit. Ein Zufall wird ihr jenen Mann, der mich verfolgte, entgegen geführt haben, und unſer Ge⸗ in heimniß wurde verrathen.“ 6s, „Nennen Sie mir den Namen jenes Elenden, da⸗ den mit ich ihn zur Rechenſchaft ziehen kann!“ bel „Ihre Rache kommt zu ſpät; er hieß Francois eng Lambert.“ ge 60 „Er hieß?“ „Seit drei Tagen iſt er todt, man hat mir ſeinen Hingang gemeldet.“ „Und jenes Gelächter?“ „Ich vernahm es geſtern zuerſt, mit dem Glocken⸗ ſchlag Zehn. Es iſt der Schreckensruf, den er mir an⸗ gekündigt hat.“ „Unmöglich! Man macht ſich luſtig über uns, man will uns ärgern! Unſer Glück hat Neider. Aber die Todten ſind ſtill, und die Lebenden fürchte ich nicht.“ Sie ſchüttelte ungläubig und traurig den Kopf; über ihr Geſicht, das vorher wie im Sonnenſchein des Glücks geſtrahlt, legte ſich eine Wolke der Schwermuth. „Sie haben den Blick nicht geſehen,“ meinte ſie abge— brochen,„den mir die Marquiſe zuſchleuderte. Marcel, werden Sie mich nie verlaſſen?“ „Nie, nie!“ betheuerte er. Marie Gauſſin wohnte in einer der Gaſſen, die in die große Straße St. Honoré münden, und während es, als der Vicomte von der Geliebten ſchied und aus dem Hauſe trat, dort noch von Fußgängern und Wagen belebt und lärmvoll war, bewegte ſich Niemand in der engen dunklen Gaſſe. Nur hier und da fiel aus den Fenſtern der hohen Häuſer zu beiden Seiten ein matter 0 Lichtſtrahl, von der Ecke der Straße her ſchimmerte das flackernde Licht einer Oellampe. War es die Ueberreizung, in die ihn das Geſpräch verſetzt, war es eine Wirklichkeit: Marcel fühlte, als er vorwärts ging, ſich wie von einer unſichtbaren Hand am Mantel feſtgehalten. Eiſig wehte es ihm im Nacken, war es nur der Wind? Er faßte ſich ein Herz und ſchaute ſich um. Eine Geſtalt oder ein Schatten ſchien dicht an den Häuſern hinzuſchweben— er wollte ſie an⸗ rufen, nun war Alles verdämmert, verweht: er ſelbſt ſtand mitten in dem auf- und niederwogenden Gewühl der Straße St. Honoré. Ja, dieß war die wirkliche, leibhaftige Welt, wie von einer Laſt befreit athmete er auf. Planlos irrte er noch lange hin und her; was er ſonſt immer gemieden, den Anblick, den Lärm und⸗ das Getümmel der Menge, ſuchte er heute auf, es ver⸗ gnügte und zerſtreute ihn. Nach der wunderlichen Ge⸗ ſchichte der Geliebten war es ihm als hätte er jetzt erſt wieder feſten Boden unter den Füßen. Zweites Kapitel. In den glänzenden Gemächern der Marquiſe von Noailles war eine zahlreiche Geſellſchaft verſammelt, des Vergnügens voll, in guten und ſchlechten Scherz⸗ reden ſich ergehend, die Champagnergläſer in der Hand, und das Lachen auf den Lippen. Mit Geiſt und An⸗ muth wußte die Dame des Hauſes Alles zu beleben, jedem Gaſte eine Freundlichkeit zu ſagen und ihn in das geſellige Treiben mit fortzuziehen. Es war nicht leicht, ihr zu widerſtehen und eigenſinnig ſeinen Ge danken nachzuhängen, unwillkürlich fühlte man ſich umgarnt. Daß der Vicomte von Montjoye einſam in einer Fenſterniſche ſtand, wo ihn ein lang hinabfallen⸗ der Vorhang noch überdieß halb verbarg, und theil⸗ nahmlos Herren und Damen vorüberſchreiten, plaudern 142 und flüſtern ließ, konnte nur aus einer Unachtſamkeit der Marquiſe geſchehen, die annehmen mochte, daß ein junger Mann im Kreiſe ſo vieler Damen ſich ſchon ſelbſt Unterhaltung verſchaffen werde. Dennoch richtete ſie verſtohlen mehr als Einen Blick nach jener Stelle, und ſo oft Marcel eine Bewegung machte, grüßte und einige Worte mit dem Einen oder dem Anderen wech⸗ ſelte, begegnete ſein Auge ſtets ihrem Blick. Da er aber nur Wenige kannte, geſchah dieß ſelten genug, und das Augenſpiel der Marquiſe hatte nichts Auffälliges. Nur ihn ſelbſt beläſtigte es. Widerſtrebend war er hierher gekommen, ſeine Stimmung paßte nicht zu einem heitern Feſte. Die Höflichkeit und eine ge⸗ heime Furcht vor der vornehmen Dame hatten ſeinen Entſchluß beſtimmt. Plötzlich hatte ſein anmuthiges Liebesabenteuer eine ſchwermüthige und düſtere Färbung erhalten. Es war ein Gewitter, das ſich drohend über einer lachenden Frühlingslandſchaft zuſammenzieht. Je weniger Marcel bisher in ſeinem Leben Schreckliches und Schmerzliches erfahren, je unbekannter ihm die Verwicklungen des Geſchicks waren— ihm, der in einfachen, ſtreng geordneten Verhältniſſen, in einer Art Waldeinſamkeit aufgewachſen— um ſo tiefer berührte ihn die Wendung, die ſein Abenteuer genommen. Ue⸗ berall glaubte er das ſpöttiſche Gelächter zu hören, das d ihn mocl Spo erſch zui loſig gege gege taſi übe mäf hart Arg trag 143 ihn vor einigen Tagen zum erſten Mal erſchreckt. Er mochte ſich ſelbſt ſeiner Thorheit wegen ſchelten, der Spott kam nicht von Herzen. In einem ſeltſamen Lichte erſchien ihm die Geliebte. Ein Mann war aus Liebe zu ihr geſtorben; ſterbend noch hatte er ſie der Treu⸗ loſigkeit angeklagt. Mußte es darum nicht eine Zeit gegeben haben, wo ſie ihn geliebt hatte? Eiferſucht gegen den Todten erfaßte ihn; ſeine aufgeregte Phan⸗ taſie zauberte ihm das Bild François Lambert's vor — was Wunder, daß er es zuletzt leibhaftig ſich gegen— über zu ſehen glaubte? Sein Weſen, früher ſo gleich— mäßig, wurde unruhig und unſtät; während er ſonſt harmlos vertraut, beobachtete er jetzt die Geliebte voll Argwohn und Mißmuth. Aus der Idylle drohte ein tragiſches Verhängniß zu werden. Die Geſellſchaft hatte ſich hier- und dorthin in die Gemächer verſtreut, einige der Jüngeren tanzten, Andere ſaßen an den Spieltiſchen. Von der allgemeinen Bewegung mit ergriffen, hatte auch Marcel ſeinen Platz verlaſſen und war einige Male auf⸗ und niedergegangen. Am Ende der Zimmerreihe öffnete ſich ein kleines, halb⸗ rundes, dämmernd vom Licht einer Ampel erhelltes Gemach; nur gedämpft drang das Geräuſch der Muſik, der Lärm der Gäſte herein, hier ſetzte ſich Marcel nieder und träumte weiter. 144 Nicht lange; aufblickend ſah er eine Dame ſich gegenüber ſtehen, es war die Marquiſe. Sie ſtand in der geöffneten Flügelthür, zwiſchen dem Saal und dem Gemache, das Geſicht ihm zugekehrt. „Schlummern Sie, Endymion?“ fragte ſie lachend. „Und iſt es erlaubt, Sie zu wecken? Im Ernſte, Marcel, Sie machen mir Kummer. Abſichtlich ziehen Sie ſich von Ihren Freunden zurück!“ Er hatte ſich erhoben.„Von meinen Freunden? Ach, Frau Marquiſe, ich habe keine.“ „Das klingt wenig ſchmeichelhaft für mich und jür den Marquis!“ „Vergebung“, ſtotterte Marcel.„Ich wollte Sie nicht kränken. Mir iſt hier noch Alles ſo ungewohnt, ſo fremdartig, ich habe noch keine höfiſche Sitte gelernt.“ Die Marquiſe drohte mit dem Finger.„So ent⸗ gehen Sie mir nicht. Seit Wochen haben Sie ſich in meinem Hauſe nicht blicken laſſen— nun, ich könnte beinahe Ihre Mutter ſein und habe Nachſicht mit Ihrer Jugend. Aber der Graf von Montjoye hat geſchrieben.“ „Mein Vater!“ „Auch ihn haben Sie ohne Nachricht gelaſſen, einen bejahrten, zu allerlei Grillen geneigten Mann! Nicht wahr, das iſt nicht ſchön? Und wodurch haben wir dieſe Vernachläſſigung verdient?“ 67 145 Marcel's Verlegenheit der ſchönen Frau gegenüber, die ſo ſanft und doch ſo eindringlich zu ihm ſprach, ſtieg höher und höher; mit niedergeſchlagenen Augen ſtand er vor ihr, er zupfte an ſeinen Manſchetten, ſein Geſicht nahm einen ſo komiſchen Ausdruck der Bitte und der Zerknirſchung zugleich an, daß die Marquiſe ihn mit ihrem Fächer leiſe auf die Finger ſchlug und fortfuhr:„Allen Sündern ſei vergeben! Und damit Ihre Reue eine dauernde ſei, ſollen Sie erfahren, wie gute Freunde Sie beſitzen, gute, uneigennützige! Das Hauptmannspatent in der königlichen Garde, das Sie wünſchten, ich habe es für Sie erwirkt.“ Der Vicomte wußte nicht, wie ihm geſchah. Sollte er ſich der Marquiſe zu Füßen werfen? Hatte er ihr nicht den Verdacht abzubitten, den er gegen ſie gehegt? Sie hatte für ihn gehandelt, ſie war ſeinen Bitten zu⸗ vorgekommen. Wenn ſie ihn liebte, wie die eiferſüchtige Marie behauptete, er hatte doch gewiß kein Recht, ihr daraus einen Vorwurf zu machen. Den Ort vergeſſend, wo er war, bedeckte er ihre Hand mit Küſſen. Die Marquiſe duldete einen Augenblick dieſen Ausbruch ſeiner Freude, dann zog ſie ihre Hand zurück. Mit zärtlichem Wohlwollen weilten indeß ihre dunklen Augen noch auf ihm, ſie hatte ein feines Geſicht mit regel⸗ mäßigen Zügen, das unter der Schminke, in dem Glanz Frenzel, Geheimniſſe II. 1 10 146 der Kerzen den roſigen Schimmer erſter Jugendblüthe log; auch ohne die leicht begreifliche Verklärung, in der Marcel ſie jetzt erblickte, war ſie eine glänzende, ver⸗ führeriſche Erſcheinung. Der kalte, boshafte Zug, der ſonſt um ihren Mund ſpielte, war ganz in dem Aus⸗ druck offener undrückhaltsloſer Freundſchaft verſchwunden. „Wodurch hab' ich nur ſo viel Huld verdient?“ rief darüber Marcel,„wie ſoll ich Ihnen danken, Frau Marquiſe?“ Der klugen Frau mochte in Rückſicht auf die Be⸗ obachter ein längeres Geflüſter mit dem jungen Mann bedenklich erſcheinen, ſie nahm ſeinen Arm und ließ ſich von ihm in den Saal zurückführen. „Wie Sie mir danken ſollen?“ ſagte ſie halblaut. „Durch Aufrichtigkeit, durch Gehorſam, Marcel!“ „Stellen Sie mich auf die Probe, Frau Marquiſe.“ Es war, als ſuche ſie ſein Inneres zu durchdringen und ſeine Geheimniſſe zu ergründen, ſo prüfend be⸗ trachtete ſie ihn.„Nachher, Marcel“— meinte ſie dann—„nachher!“ Indem lachte es hinter ihnen: ſo durchdringend, ſo unheimlich, wie in dem Gemache der Schauſpielerin. Befremdet und betroffen ſah ſich Marcel um, er hatte den Arm der Marquiſe losgelaſſen. ( Caval wäre gecken tracht Blic, mir? den l trotzic Griff auf d mit l Was Uhr Vette zu un Mare bekan 147 Ein ſchmächtiger, ſehr geputzter, noch jugendlicher Cavalier ſtand hinter ihm. „Verzeihung, Frau Marquiſe,“ ſagte er,„beinahe wäre ich über Ihr Kleid geſtolpert.“ Seine Stimme mißfiel Marcel ebenſo wie ſein geckenhaftes Weſen; er runzelte die Stirn und be⸗ trachtete ihn mit unfreundlichem, faſt herausforderndem Blick, der zu fragen ſchien: galt Dein Lachen etwa mir? Die Marquiſe mochte eine Erörterung zwiſchen den beiden jungen Männern befürchten: der Eine ſtand trotzig an ihrer Seite, und ſeine Hand umfaßte den Griff ſeines Degens, der Andere wiegte ſich übermüthig auf den Abſätzen ſeiner Schuhe hin und her, noch immer mit lachendem Munde. „Darf man fragen, Herr Chevalier,“ fing ſie an, „was Ihre Lachluſt ſo unbändig reizt?“ „Immer, Frau Marquiſe, wenn der Zeiger der Uhr die zehnte Abendſtunde weiſt, fällt mir mein armer Vetter François Lambert ein.“ „Francois Lambert!“ rief Marcel. Der Stutzer maß den Fremden, der ihn ſo keck zu unterbrechen wagte, von Kopf zu Füßen, daß die Marquiſe ſich beeilte, die jungen Männer mit einander bekannt zu machen. 10* 148 „Der Herr Vicomte Marcel de Montjoye! Der Herr Chevalier de Lambert!“ Während die Herren ſich gegenſeitig verneigten, doch mit einer Miene und Haltung, als ob ſie ſich auf einem Fechtplatz und nicht in einem Tanzſaal befänden, wurde die Marquiſe von einer Dame ihnen entführt. „Sie tragen einen ſehr ſchönen und ſtolzen Namen, Herr Vicomte,“ ſagte der Chevalier.„Die Montjoye's ſind ein altes und ein tapferes Geſchlecht; ich freue mich, Sie begrüßen zu dürfen.“ Das Alles in einem Ton, als ob er fortfahren wollte:„Und hoffe, daß Sie mir Genugthuung nicht verweigern werden.“ Dieſe Fortſetzung ſchnitt ihm Marcel durch höfliche Entgegnung ab:„Ich bin Ihnen außerordentlich dank⸗ bar für Ihre gute Meinung von den Montjoye's, ich erwidere ſie vollkommen in Hinſicht auf die Lambert's, und Sie werden darum meinen Ausruf, als Sie Ihres Vetters erwähnten“.. „Ahl! Sie kannten den armen Schelm? Ich ſage, armer Schelm, weil er todt iſt.“ „Ich kannte ihn nicht, aber da ich erfahren, daß er vor einigen Tagen, gerade um die zehnte Stunde des Abends geſtorben iſt..“ „Geradeum diezehnte Stunde! Miteinemheiſeren, gel⸗ lenden Lachen! Sie ſind genau unterrichtet, Herr Vicomte.“ beie erreg comt niſſe Aber Vett 149 „So wunderte mich Ihre Heiterkeit, Herr Chevalier, bei einem Vorfall, der doch ganz andere Empfindungen erregen ſollte.“ „Erlauben Sie mir die Bemerkung, Herr Vi⸗ comte— eine ſolche Einmiſchung in meine Verhält⸗ niſſe, Wetter! Sie ſind doch nicht mein Beichtvater! Aber Sie nehmen einen ſo großen Antheil an meinem Vetter..“ „Den größten!“ „Iſt er Ihr Schuldner geblieben? Oder hat er einen Ehrenhandel auszufechten vergeſſen?“ „Vielleicht das letzte!“ ſagte hitzig Marcel, dem die Empörung über die ſpottende Weiſe des Chevalier das Blut ſchneller durch die Adern trieb. „Das ändert die Sache. Herr Vicomte, ich bin der Univerſalerbe meines Vetters. Allein hier iſt kein geeigneter Ort, dergleichen Dinge zu erörtern. Ver⸗ ſchlägt es Ihnen Nichts, ſo ſuchen wir die Einſam⸗ keit auf.“ „Wie Sie wünſchen, Herr Chevalier!“ In einem der Nebenzimmer hatten ſie bald einen leeren Tiſch gefunden: vor Lauſchern konnten ſie ſicher ſein. Das hohe Spiel, das in dem anſtoßenden Ge⸗ mache geſpielt wurde, beſchäftigte die Gäſte, die Einen als Theilnehmer, die Anderen als Zuſchauer, aus— — — —— 150 ſchließlich. Der Chevalier ſchien mit den Gewohnheiten des Hauſes bekannt zu ſein; auf ſeinen Wink ſetzte der Diener eine Kryſtallflaſche mit rothem Wein auf den Tiſch vor ihnen nieder. „So,“ meinte der Chevalier einſchenkend,„hier können wir ungeſtört plaudern und am Ende berathen, wo, wann und wie wir uns am beſten die Hälſe brechen. Auf Ihr Wohl, Herr Vicomte!“ „Auf das Ihrige!“ „Und nun wünſchen Sie zu erfahren, warum mich der Gedanke an das Hinſcheiden meines Vetters in die beiterſte Laune verſetzt? Einfach, weil er mich zum lachenden Erben gemacht hat. Lachend aus drei Gründen: er war ein reicher Geizhals und hat mir ſein Geld hint— terlaſſen; er ſoll eine ſehr ſchöne Geliebte gehabt haben und hat mir wexigſtens ihren Namen und ihr Me⸗ daillonbild vererbt..“ „Ihr Bild!“ „Nach einander, mein Herr, oder wie ſitzen noch um Mitternacht hier. Drittens, er hat mir einen Ehren⸗ handel mit einem der beſten Degen Frankreichs ver⸗ macht.“ „O, Herr Chevalier!“ „Herr Vicomte!“ Gegenſeitige Verneigung— dann fuhr Lambert nbert 151 fort.„Punkt Eins: das Geld. Der jüngere Bruder meines Vaters beging die Thorheit— ſo nannte es mein Großvater— die Tochter eines Wechslers zu heirathen und in ſein Geſchäft einzutreten. Die Folge davon war, daß er täglich reicher wurde, während in unſerm verfallenen Schloß täglich die Armuth wuchs. Mein Vetter ſtudirte ein wenig und kaufte ſich eine Rathsſtelle beim Pariſer Parlament. In dieſem Amt hat er ſich der Frau Marquiſe von Noailles gefällig und nützlich bei einigen Proceſſen erwieſen. Von mir hielt er nicht viel, aber er wollte mich auch nicht ganz ſinken laſſen. Es war doch immer eine Ehre für ihn, Arm in Arm mit dem Chevalier de Lambert über die Straße zu gehen. Zuletzt verliebte er ſich in eine Schau⸗ ſpielerin, die ihn an der Naſe herumführte.“ „Mein Herr!“ „Gewiß, er war ein Narr, und ich verdenke es der Dame nicht, daß ſie ihn ſo behandelte. Ich bin erſt ſeit kurzem aus meiner Gariſon nach Paris zurück⸗ gekehrt..“ „Sie haben den letzten Feldzug mitgemacht?“ „Ja, mein Herr Vicomte, ich war bei Fontenoy.“ „Es iſt mir eine große Ehre!“ Ueber den Tiſch hin ſchüttelten ſich die jungen Männer die Hände. — „Bei meiner Rückkehr,“ ſprach der Chevalier weiter, „fand ich den Vetter halb verrückt. Bei meiner Ehre, aus unerwiderter Liebe halb verrückt. Es iſt eine bürger⸗ liche Krankheit, unerwiderte Liebe! Und er iſt denn auch daran geſtorben. Ich verſichere Sie, mir würde das nicht geſchehen. Ihr Glas, Vicomte, und Ihnen auch nicht!“ Marcel wurde im raſchen Wechſel blutroth und leichenblaß, ſein Herz krampfte ſich zuſammen, ſein Kopf ſchwindelte. Für ihn hatten alle dieſe leichtfertigen Redensarten etwas Verletzendes und Schreckliches zu⸗ gleich. War es möglich, in ſolchem Tone über die Liebe, über Marie Gauſſin zu ſprechen? Am liebſten hätte er auf der Stelle mit dem frechen Manne ſeine Klinge gekreuzt. Aber auf der anderen Seite drängte es ihn, mehr von dem Verhältniß des Todten zu Marie zu erfahren. „Kommen wir raſch zu dem zweiten Punkt,“ rief er und ſchlug mit der flachen Hand auf den Tiſch, daß die Gläſer klirrten.„Zu der Geliebten Ihres Vetters!“ „Pſt!“ machte der Chevalier und legte den Zeige⸗ finger an die Stirn.„Ich errathe! Das alſo iſt's! Ich hätte es gleich merken können. Welch' einen Streit hätte mein Vetter mit einem Vicomte von Montjoye Ga- ma⸗ auch auszufechten gehabt, wenn nicht den um ein Weib!“ „Nun denn?“ „Ja, was verlangen Sie noch? Mademoiſelle Gauſſin hat Sie vorgezogen: ich hätte es ebenſo ge⸗ macht. Mein Vetter mag noch ſo böſe darüber ſein, Wahrheit iſt man auch den Todten ſchuldig.“ „Ihr Vetter war ein eitler, eingebildeter Thor, ohne Scham, der noch auf dem Sterbebett die Chre eines Mädchens anzutaſten wagte, der mit einer Liebe . prahlte, die ihm nie zu Theil geworden!“ „Phantaſt! Feuerkopf!“ lachte der Chevalier.„O ſchöne Jugend, die noch an die Tugend der Schau⸗ ſpielerinnen glaubt!“ „Ich werde es Ihnen beweiſen, daß..“ „Zunächſt ziehe ich es vor, mich ſelbſt von der Schönheit und Treue der Mademoiſelle Gauſſin zu 4 * überzeugen. Ein Liebhaber iſt immer Partei; ich aber rief bin dagegen gefeit. Für mich handelt es ſich hier um einen Auftrag meines Vetters, ich bin Nichts als ſein Teſtamentsvollſtrecker. Sehen Sie her, mein Herr Vicomte“— und er zog ein kleines, in Gold einge— faßtes Paſtellbild aus der Taſche ſeines Rockes und A hielt es ihm hin:„Marie Gauſſin! Sie ſoll wohl ge— reit troffen ſein.“ ove„Dieß Bild..“ 154 „Mein Vetter erhielt es von der Dame..“ „Bei Ihrem Leben! Her damit! Es iſt eine ſchänd⸗ liche Lüge, die Sie da ausſprechen“ „Oho!“ Beide waren aufgeſprungen. Der feurige Wein, den ſie in haſtigen Zügen getrunken, mochte die Ge⸗ müther noch mehr erhitzen, und es war zweifelhaft, ob die Achtung vor der Geſellſchaft ſie noch länger in den Schranken einer gewiſſen Mäßigung halten würde. Indem entſtand um die Spieltiſche eine Bewe— gung. Die Einen erhoben ſich, um Andern Platz zu machen. Dabei legte auch die Marquiſe ihre Karten nieder, und in dem Gedränge geſchah es, daß ſie in das Gemach flüchtete, in dem die jungen Männer ſich mit funkelnden Augen, zwei Kampfhähnen gleich, bedrohten. Die Marquiſe hatte ihre Hand auf Marcel's Schulter gelegt; ſie ſah noch den Goldrand des Bildes blitzen, das der Chevalier eilig wieder in ſeiner Taſche zu verbergen ſuchte, und ahnte den Zuſammenhang der ganzen Scene. Doch bezwang ſie ihre Unruhe und ſagte:„Ich hoffe nicht, daß auch die Herren ſich ſchon zum Aufbruch rüſten. Wir haben heute gar Nichts von Ihrem Witz genoſſen, Herr Chevalier.“ „Mein Witz dankt ab, wenn er Ihnen begegnet, Frau Marquiſe;“ um eine Antwort war Lambert nie 155 verlegen.„Die Bewunderung ſchließt ihm den loſen Mund.“ „Was für ſchlimme Geſchichten werden Sie meinem jungen Verwandten erzählt haben!“ entgegnete ſie. „Nicht doch, Frau Marquiſe, wir haben ein philo⸗ ſophiſches Geſpräch über die Geheimniſſe des Daſeins geführt.“ Marcel brannte der Boden unter den Füßen, er wollte auf Lambert zu ſtürzen und ihn vor den Augen der Marquiſe zur Rechenſchaft fordern, aber er fühlte ſich wie von unſichtbaren Banden gefeſſelt. War es die leichte, zarte Hand, die noch immer auf ſeiner Schulter lag? Der Chevalier hatte der Dame eine tiefe Ver⸗ neigung gemacht, und während die Marquiſe ihr Ge— ſicht flüſternd zu Marcel herabbog:„Was iſt denn geſchehen?“ war er im Gewühl der Gäſte ver⸗ ſchwunden. Marcel gab eine verwirrte Antwort, er verwünſchte die zudringliche Freundſchaft der ſchönen Frau, die nicht von ſeiner Seite wich und ihn hinderte, ſeinem Gegner zu folgen. Niemals hatte er die Zwieſpältigkeit unſeres Weſens lebhafter empfunden, als in dieſer Stunde. Er ging eine Weile neben der Marquiſe einher, dann nahm er neben ihr auf einem Sopha Platz. Auf ihre Fragen gab er einſilbig und ausweichend Beſcheid, zuweilen ſah er ſie lächeln, wie über ſeine Thorheit. Und während er dieß Alles erlebte, ſchien ſein Geiſt, wie ſeinem Körper entrückt an einem anderen Orte zu weilen. In Mariens Zimmer; ſie ſaß in ihrem Lehnſtuhl, das Feuer flackerte luſtig im Kamin. Da lachte es, boshaft, unheimlich. Sie eilte an das Fenſter und öffnete es. Unten ſteht der Chevalier und fordert Einlaß. Das Alles ſpielte ſich deutlich, leibhaftig vor ihm ab. Was war Wirklichkeit, was Traum? Und wenn der freche Spötter Recht behielt? Wenn die treue Liebe einer munteren und ſchönen Schauſpielerin in der That nur eine holde Einbildung ſeiner Jugend war? Dazwiſchen hörte er das Geräuſch der Gäſte, die ſich zu entfernen anfingen, die verklingenden Töne der Muſik. „Sie träumen, Marcel,“ ſagte jetzt die Marquiſe. „Und weder von hohen kriegeriſchen Ehren, noch von mir!“ „Ach, Frau Marquiſe, beklagen Sie mich! Ich komme mir wie ein Spielball in der Gewalt heimtückiſcher Mächte vor. Wie verworren iſt das Leben! Dieß Paris, dieſer Chevalier.. Mein Herz iſt zerriſſen.“ „Sie ſind ein Kind, Marcel! Ein Kind, das an einem Abgrund wandelt. Vergeſſen Sie nicht, was Sie mir vorhin gelobt, Treue und Gehorſam. Ver⸗ meiden Sie dieſe Marie Gauſſin, die Ihre Unerfahren⸗ heit benutzt..“ Marie Gauſſin vermeiden, aufgeben? Er wollte Etwas erwidern, da hatte ihn die Marquiſe verlaſſen. Lachte es nicht wieder hinter ihm? Drittes Kapitel. Vor dem Gebäude der Comédie française in der Straße des fossés— vor Zeiten lief hier ein alter Graben nach der Seite von St. Germain des Prés hin, daher der Name: die Gräben— drängte ſich trotz des unfreundlichen Wetters die Menge. Hier riefen die Diener nach den Wagen ihrer Herrſchaften, dort drüben waren die Stammgäſte, die Zeitungsleſer, Neuig⸗ keitskrämer und Schwätzer im Café Procope von ihren Stühlen aufgeſprungen, an die Fenſter und vor die Thür geeilt und fragten:„Was giebt's? Brennt das Haus? Iſt die Clairon verunglückt? Iſt Herr von Vol⸗ taire im Theater?“ So durcheinander ein wüſtes, un⸗ verſtändliches Stimmengebrauſe, von denen, die aus dem Komödienhauſe kommen, von den Müßiggängern 159 der Gaſſe, die auf dem kleinen Platz zuſammenſtrömen, ſtillſtehen und ſich zu einem Knäuel vereinigen, in dem Niemand ſich mehr ungehindert bewegen kann, und jede einzelne Stimme von hundert andern übertönt wird. Das Alles auf ſchmutziger Straße, im Regen⸗ ſchauer, bei dem fahlen Licht einiger Oellampen, die vor dem Portal des Theaters und dem Kaffeehauſe brennen. Zu denen, die in ſichtlicher Aufregung und im lebhaften Widerſtreit der Meinungen aus dem Hauſe eilten, gehörte der Vicomte. Raſch entſchloſſen wollte er ſich durch das Gedränge Bahn machen, aber plötz⸗ lich glaubte er, nur wenige Schritte von ſich entfernt die ſchmächtige Geſtalt Lambert's auftauchen zu ſehen — Lambert's, der nach ſeiner Ueberzeugung den pein⸗ lichen Vorfall im Theater herbeigeführt hatte. Mit einem Ruck ſtieß er die zunächſt Stehenden aus ſeinem Wege und flog auf jenen zu. Es war eine Jagd nach einem Schatten. Der Chevalier war von der Stelle, auf der er noch eben geſtanden, wie weggeblaſen. Jetzt ſchien er hier, jetzt dort zu ſein. Die Menge ſchloß ſich immer dichter zuſammen, die Wagen fuhren in einander, eine allgemeine Sperrung der Straße trat auf eine Weile ein. Jetzt geſchoben, jetzt halb getragen, wurde Marcel von den Andern vorwärts getrieben; ———— —— — als die Pferde vor einem der Wagen, ſtattliche feurige Thiere, anzogen und der Ruf:„Sie gehen durch!l ſie gehen durch!“ die erſchreckte Menge dahinraſen ließ, gerieth er mit Vielen, eine dunkle Menſchenwelle, in den Saal des Kaffeehauſes. Wie es geſchehen, er hätte es nicht erzählen können. Ein eifriger Liebhaber des Theaters, war der junge Mann längſt einigen andern ſtändigen Beſuchern der Comédie française, ſo abgeſchloſſen und zurück⸗ gezogen er ſich auch hielt, aufgefallen und obenhin be⸗ kannt geworden. Liebenswürdig von Natur, beſcheiden in ſeinem Urtheil, von jenem aufrichtigen, weltunkun⸗ digen, ritterlichen Weſen, das für die vielerfahrenen adeligen und unadeligen Pflaſtertreter von Paris den leiſen Duft des Landjunkerthums ausſtrömte, gefiel der Vicomte ihnen allen ausnehmend: es war leicht mit ihm zu verkehren, er beachtete niemals die Zeche, ſon⸗ dern bezahlte großmüthig für Alle, als wäre das ſelbſt⸗ verſtändlich, ja ſein Benehmen ließ die Hoffnung zu, daß ſeine Börſe ſich für einen guten Freund immer öffnen werde. Einer dieſer Freunde von den Bänken des Parterre erkannte unter denen, die halb wider ihren Willen in den Saal gedrängt wurden, den Vi— comte, rief ihm einen Gruß zu, bemächtigte ſich ſeiner und verſchaffte ihm in eifriger Höflichkeit einen Platz. 164 „Was iſt geſchehen, Herr Vicomte? Man ſagt: die Vorſtellung ſei unterbrochen, eine Couliſſe ſei um⸗ geſtürzt und habe Mademoiſelle Gauſſin erſchlagen.“ Während ſo der Dienſteifrige redete und dabei noch Gelegenheit fand, bei dem Kellner ſeine Beſtellung für ſich und den Vicomte zu machen, trocknete dieſer die erhitzte Stirn, holte tief Athem und ſtützte den Kopf in die Hand. „Alſo ſie iſt todt?“ nahm der Andere das Wort wieder auf. „Wer?“ fuhr Marcel in die Höhe. „Mademoiſelle Gauſſin.“ „Das wolle der Himmel nicht! Man hat Sie falſch berichtet. Ich war wie immer auf meinem Platz im Theater, ahnungslos des Sturmes, der aus⸗ brechen ſollte. Da hörte ich es um mich raunen und ziſcheln, eine Partei beabſichtige, Mademoiſelle Gauſſin auszupochen. Iſt das nicht ſchändlich? Dieß liebens⸗ würdige Mädchen, dieſe vortreffliche Künſtlerin! Eine Zierde der Bühne!“ „Ja wohl, Herr Vicomte! Irgend ein verſchmäh⸗ ter Liebhaber“.. „Sie ſprechen meine Gedanken aus.“ „Oder eine Nebenbuhlerin vom Hofe“.. Frenzel, Geheimniſſe. II 11 162 „Unmöglich! Könnte eine Frau ſo grauſam und boshaft ſein?“ „Warum nicht? Hinter den Couliſſen erzählt man ſich noch ganz andere Dinge von dem Haſſe der Her⸗ zogin von Bouillon gegen die arme Adrienne Lecouvreur; alte, doch unvergeſſene Geſchichten!“ Marcel ſchüttelte ſeufzend den Kopf und fuhr fort: „Genug! dieß Geziſchel bereitete mich auf den kommen⸗ den Lärm vor; es verſteht ſich, daß ich entſchloſſen war, mit allen Kräften für die Angegriffene einzutreten. Dennoch gingen die erſten Scenen, in denen das Fräu⸗ lein ſpielte, ſtill vorüber. Erſt im dritten Act erhob ſich der Tumult. Gerade bei der rührendſten Stelle; glauben Sie mir, Mademoiſelle Gauſſin hat niemals er⸗ greifender geſpielt. Aber für die Barbaren giebt es keine Kunſt; ſie haſſen Alles, was ihre rohen Herzen erheben und läutern will. Ganz oben im Paradieſe beginnt der Sturm, es wird geziſcht, gepfiffen, von der Galerie ſetzt ſich der wilde Lärm nach den Logen, in das Par⸗ terre fort.„Das iſt empörend, das iſt niederträchtig!“ rufe ich, Andere ſtimmen mir bei, in einer Minute iſt der ganze Saal in zwei feindliche Lager getheilt. Auf der einen Seite die Ziſcher, auf der andern die Klat⸗ ſchenden. Aber einige dieſer Böſewichter haben Pfeifen mitgebracht und übertönen mit deren ſchrillem Klang 163 unſern Beifall. Zitternd, Thränen an den Wimpern, ſteht das arme Mädchen auf der Bühne: ein Bild lei⸗ dender Unſchuld, Wilde würde ſie zum Mitleid gerührt haben! Ihre Feinde indeß ſcheint ihr Anblick nur noch mehr zu erbittern: hinunter! fort! hinunter! brüllen ſie. Wir verdoppeln unſern Beifall, da fliegt ein großer Blumenſtrauß aus einer der Logen auf die Bühne, gerade vor die Füße des Fräuleins. Bravo, rufen wir, über dieſen unerwarteten Zwiſchenfall erfreut, und glauben den Sieg ſchon in den Händen zu haben. Die Ziſchenden verſtummen, die Schauſpielerin hebt den Strauß auf.. ein heiſeres Lachen erſchallt, ſie er⸗ bleicht, fällt in Ohnmacht.. ſie muß von der Scene getragen werden.“ „Welch' ein Vorfall! Und weiter“.. „Die Schauſpieler weigern ſich, die Vorſtellung fortzuſetzen; ſie ſind mit Recht über die Behandlung empört, welche ihre gefeierte Collegin ſo unverſchuldet erfahren hat. Die Zuſchauer ihrerſeits ſind viel zu aufgeregt und erbittert über die muthwillige Störung, um noch Muße und Genuß für den Fortgang des Stücks zu haben. Alle brechen auf, man fragt ſich: wer hat dieß angeſtiftet?“ „Ja, wer hat dieß angeſtiftet?“ meinte der Andere und rieb ſich die Naſe. 11* 164 „O, ich weiß es!“ brach Marcel ungeſtüm aus. Seine Selbſtbeherrſchung verließ ihn. Mit einer ge⸗ wiſſen Ruhe, an ſich haltend hatte er die Begebenheit erzählt, aber in ſeiner Schilderung war ihm das Bild derſelben noch einmal in all ſeiner Häßlichkeit aufge⸗ gangen, die Pein ſeines Herzens hatte ſich wieder er⸗ neut, der Ausdruck des tiefſten Haſſes entſtellte ſein edles, ſtilles Geſicht, als er jetzt rief: „Ich kenne den Elenden! Meine Schuld iſt, was heute geſchehen! Längſt hätte ich ihn zum Zweikampf zwingen ſollen!“ An ihm hatte es indeß nicht gelegen, daß der Chevalier de Lambert noch unangefochten, luſtiger Dinge, in Paris umherwandelte. Vergebens hatte ſich Marcel nach jenem Zuſammentreffen bemüht, ihn in der großen Stadt aufzufinden. Die Marquiſe getraute er ſich nicht nach der Wohnung des Chevalier zu fragen, und die Diener im Hötel Noailles, an die er ſich wandte, wußten ihm keine genaue Auskunft zu geben. Dort, wo ihn Marcel aufſuchte, war er nicht, wurde er von Niemand gekannt. Weder in den Straßen noch in den Gärten, weder in den Theatern noch in Geſellſchaften begegnete der Vicomte ſeinem Gegner, er ſchien unſicht⸗ bar geworden zu ſein. Bei größerer Gemüthsruhe und gereifterer Lebenserfahrung hätte ſich Marcel ſagen ſagen — ——ꝛ-r— 165 müſſen, daß in dem Allen nichts Wunderbares liege. Seiner eigenen Aeußerung nach war der Chevalier erſt vor kurzem aus ſeiner Garniſon nach der Hauptſtadt gekommen, vermuthlich um ſeinen Vetter ſterben zu ſehen, ihn zu beſtatten und zu beerben: er wohnte viel⸗ leicht in einem Gaſthauſe, vielleicht bei einem Freunde. Unter dieſen hundert⸗ und aber hunderttauſend Men⸗ ſchen einen einzelnen, einen Junggeſellen, ohne Anhang, ohne große Dienerſchaft zu finden, war dieß etwas Anderes, als die Aufgabe im Märchen: in einem Hau⸗ fen Heu eine Stecknadel zu ſuchen? Leider beſaß Marcel nicht die kühle, philoſophiſche Ueberlegung, um die Dinge in dieſem Lichte zu betrachten. Seine Phantaſie, einmal erregt und in die Sphäre des Wunderlichen und Seltſamen getrieben, konnte ſich nicht ſo leicht wieder aus dieſem Zauberkreiſe entfernen. Unwillkür⸗ lich ſah er die Menſchen und Begebenheiten nicht mehr in der wirklichen, ſondern in phantaſtiſcher Beleuchtung. Eine ihm ſelbſt unerklärliche Befangenheit hatte ihn bisher zurückgehalten, Marien ſein Abenteuer mit dem Chevalier in allen Einzelheiten zu erzählen, nur flüchtig hatte er des Zuſammentreffens mit ihm erwähnt, hof⸗ fend, daß ihre Neugierde ihn zu weiteren Geſtändniſſen treiben werde. Aber ihr erſchien die Erinnerung an Francois Lambert, an das geſpenſtiſche Lachen peinlich und unheimlich. Ein dunkles Erröthen flog bei ſeinen Worten über ihr Geſicht—„Schweigen Sie, Marcel“, bat ſie,„ich will nicht mehr an dieſe unglückliche Ge⸗ ſchichte gemahnt ſein, ſie hat mich Thränen genug ge⸗ koſtet!“ Dieſe Thränen— ſie fielen ſchwer auf des Jünglings Seele. Sie beweint ihn, ſie hat ihn alſo geliebt: dieß war der Schluß ſeiner Eiferſucht. Die Warnungen der Marquiſe, die frechen Aeußerungen des Chevalier, die Selbſtanklage Mariens und eine gewiſſe, leichtfertige Weiſe des Betragens, die er plötz⸗ lich bei der Geliebten zu bemerken anfing— oder war es nur eine Vorſpiegelung ſeiner Eigenliebe, die ſich gekränkt fühlte, daß er nicht der erſte und einzige Freund der ſchönen Schauſpielerin ſei?— Alles trug dazu bei, den roſigen Schimmer von ſeiner Liebe zu ſtreifen. Ein Schmetterling, der ſeinen Schmelz ver⸗ liert! Warum habe ich meine Waldeinſamkeit ver— laſſen? klagte er ſchwermüthig. Wie traurig muß der Verlauf des Lebens ſein, wenn mir gleich der Eintritt in daſſelbe ſolche Schmerzen, ſolche traurige Erfahrun⸗ gen bereitet! Lohnt es ſich, in der wilden Jagd nach dem Glück von Enttäuſchung zu Enttäuſchung zu eilen? Viel beſſer, ich flüchte mich gleich wieder in die Stille und Verſchollenheit! Es iſt klar, daß dieſer Trübſinn mühelos von ſeiner Stirn und aus ſeinem Herzen 167 durch das Lächeln und die Scherze Mariens hinweg⸗ geſcheucht wurde; es genügte, daß ſie mitten in ihrem Spiel einen Blick nach dem Platze, auf dem er ſaß, richtete, um ihn glücklich zu machen; aber es hatte ſich doch in dieſen ſechs Tagen, die ſeit dem Feſte der Marquiſe verfloſſen waren, ein Unſichtbares, ſchwer zu Enträthſelndes zwiſchen Beide geſchoben, Jeder hatte vor dem Andern ein Geheimniß und, was noch ſchlimmer war, konnte es ihm nicht ohne Beſchämung mehr be⸗ kennen. Nach dieſer oder jener Seite mußte das Ereig⸗ niß des heutigen Abends eine Entſcheidung herbeiführen; es war mit dieſe dunkle Ahnung, welche Marcel's Blut ſtürmiſcher an die Schläfen klopfen ließ. Er kennt den Anſtifter und will ihn zum Zwei— kampf fordern! Der Theaterfreund, der Marcel gegen⸗ über ſaß, ſpitzte die Ohren. Und Andere mit ihm, die an denſelben Tiſch gedrängt worden waren und nun neugierig forſchende Blicke auf den Sprecher warfen. Im Stillen verwünſchte Marcel ſeine Heftigkeit, die ihn zu einem Gegenſtand der Aufmerkſamkeit für ſo viele müßige Schwätzer gemacht und ihn beinahe ſein Geheimniß hätte verrathen laſſen. „Ein Mann wäre ſolcher Bosheit fähig!“„Wer mag es nur ſein, was hat ihn zu einem ſo unwürdigen Streich bewogen?“„Ich denke doch, eine Frau ſteckt 168 dahinter.“„Wenn die Blumen nur nicht vergiftet waren!“ So durcheinander liefen nun Meinungen und Anſichten. „Nein, nein!“ miſchte ſich ein neuer Ankömmling in die erregte Unterhaltung.„Ich weiß Alles; eine der Frauen in den Ankleidezimmern der Schauſpiele⸗ rinnen hat mir Alles erzählt. Es geht dem Fräulein beſſer; man hat einen Wagen geholt, ſie wird hier vorüber nach Hauſe fahren.“ Marcel hatte ſich ſchon erhoben, um nach dem Ausgange zu eilen. „Und mit den Blumen? Was war es damit?“ „Ach! Es ſteckte ein Medaillon in dem Strauß, mit dem Bildniß des Fräuleins“.. „Und darüber fiel ſie in Ohnmacht?“ „Warum nicht? Vielleicht ſchickte es ihr ein Lieb⸗ haber auf dieſem Wege zurück!“ Ein Liebhaber— Marcel wußte es beſſer. Es war das Medaillon, das ihm der Chevalier gezeigt, das ehemals Frangçois Lambert beſeſſen.. Mußte eine ſolche Erinnerung an den Todten Marie nicht aufs tiefſte erſchüttert haben? Und wenn er noch einen Zweifel gehegt, jetzt war er zerſtoben. Nur der Che⸗ valier hatte dieſen Blumenſtrauß auf die Bühne ge⸗ worfen. In Sturmſchritten hatte er die Thür erreicht — — 169 und ſtand auf der Gaſſe. Dießmal hatte der Theater⸗ freund allein, mit langem Geſicht und verdrießlicher Laune, die Koſten zu tragen. Auf dem Platze zwiſchen dem Theater und dem Kaffeehauſe wimmelte es noch von Menſchen und Fuhrwerk, nur mit Mühe gelang es den Stadtwächtern und der Scharwache, den Wagen einen Durchgang zu verſchaffen. Als Marcel über die Schwelle des Café Procope ging, kam eine Carroſſe daher, mit zwei fackeltragenden Dienern auf dem Steh⸗ brett. „Platz! Platz!“ hieß es.„Das iſt der Wagen der Mademoiſelle Gauſſin!“ Bei der Nennung dieſes Namens brach die Menge in ein lautes Beifallsgeſchrei und in Hochrufe, die nicht enden wollten, aus. Die Einen klatſchten mit den Händen, Andere ſchwenkten die Hüte. Mit beiden Armen arbeitete ſich Marcel durch die Gaffer, um wo möglich einen Blick von der Geliebten zu erhaſchen. Aber ehe er in die Nähe ihres Wagens gelangte, erkannte er in dem einen der Fackel⸗ träger den Chevalier. Marcel traute ſeinen Augen nicht— es iſt eine Täuſchung, ſagte er ſich. Und doch, es war dieſelbe ſchlanke, ſchmächtige, feingliedrige Geſtalt, ſo bewegte der Chevalier den Kopf, ſo erhob er ſich auf den Zehen, ſo.. Da war der Wagen in die Seitengaſſe eingebogen, nur der Lichtſchein der „ Fackeln war noch von der raſch entſchwundenen Er⸗ ſcheinung ſichtbar. Wie verſteinert ſtand der Jüngling; es war ihm, als müſſe er ſich auf ſich ſelbſt zurückbe⸗ ſinnen. Zeit zur Ueberlegung und Samnlung ſollte er indeſſen an dieſem Abend nicht mehr finden. Die lodernden Fackeln, das wilde Geſchrei hatten die Pferde eines anderen Wagens ſcheu gemacht, ſie drohten durch⸗ zugehen; Marcel, in die vorderſte Reihe gedrängt, warf ſich ihnen entgegen, und mit Hilfe des Kutſchers und einiger anderen Leute gelang es ihm, ſie zu beruhigen. Darüber hatte die Dame, die im Wagen ſaß, angſtvoll ihren Kopf aus dem Fenſter geſteckt: es war die Mar⸗ quiſe. Was konnte Marcel thun? Wie mächtig auch alle Triebe ſeines Herzens, Liebe und Eiferſucht ihn Marien nachzogen, er konnte ſich der Bitte der Mar— quiſe nicht entziehen, einzuſteigen und ſie, die in Todes⸗ ängſten war, nach Hauſe zu begleiten. Welch' ein Zuſammenſein! In dem engen dunklen Raum eines Wagens! Vor Furcht, um Nichts ſehen zu müſſen, hatte die Marquiſe auch die Gardine des Fenſters herabgelaſſen. Sie war in noch größerer Auf⸗ regung als Marcel; wiederholt nannte ſie ihn ihren Beſchützer, ihren Lebensretter. Vergebens lehnte er jeden Dank ab; ihre Hand zitterte in der ſeinen, ihr Kopf ruhte an ſeiner Schulter. Konnte er ſie von ſich 4—————— — 8 ———— ſtoßen? Und doch war es ihm, als ob jede Berührung ein Verrath, eine Untreue gegen Marie ſei. Gegen Marie, die jetzt vielleicht mit dem Chevalier gerade ſo ſprach, wie die Marquiſe mit ihm! Blindwaltendes Schickſal, du wirfſt uns durcheinander, wie ein Kind die bunten Steinchen, mit denen es ſpielt! Dieſes und jenes Geſpräch wollte Marcel beginnen, um die ſchwüle Stille, in der nur das laute Schlagen ſeines Herzens und die heftigen Athemzüge der Marquiſe vernehmbar wurden, zu unterbrechen, aber die leidenſchaftlich be⸗ wegte Frau ließ es nicht dazu kommen. Nur in ab⸗ geriſſenen Worten machte ſich ihr Haß gegen Marie Luft; ſie fühlte, daß deren Schatten ſogar ihr Eintrag thue, daß jene noch in der Ferne mächtiger ſei, als ihre Nähe. So viel er konnte, ſuchte Marcel die Ge— liebte zu vertheidigen, zuletzt ſchwieg er ganz, ſeine Rede erzürnte die Marquiſe mehr und mehr. „Du liebſt ſie!“ rief ſie zwiſchen Schmerz und Wuth, mit ſchluchzender Stimme,„aber ich will dieſe Liebe aus Deinem Herzen reißen! Mir ſollſt Du ge⸗ hören, mir allein!“ „Marquiſe!“ Erſchrocken fuhr Marcel zurück. Aber es war ſchon zu ſpät, ſie bedeckte ſein Geſicht mit ihren Küſſen. Da hielt der Wagen, ſie waren vor dem Hötel Noailles. Diener ſprangen herbei, den Schlag zu öffnen. In ſeiner Befangenheit meinte Marcel, Jeder müſſe in ſeinem Geſicht ſeine Schuld leſen. Schneller hatte ſich die Marquiſe geſammelt, ſie war ganz die vornehme, ſelbſtbewußte Dame. Marcel geleitete ſie bis an den Fuß der Treppe; dort nahm er Abſchied, unter dem Vorwand, daß er mit ſeinen beſchmutzten Kleidern und Schuhen nicht in ihre Gemächer paſſe. Sie lachte zwar dar⸗ über, allein ſie wagte es nicht, ihn mit einer Bitte feſt⸗ zuhalten. Während ein Diener mit ſilbernem Armleuchter ihr die Stufen hinaufleuchtete, ſchied Marcel; bis die hohe Thür des Portals ſich hinter ihm geſchloſſen, glaubte er ſich von dem brennenden Blick der Marquiſe verfolgt. Einmal auf der Straße war es ihm, als ſei er einer großen Gefahr entronnen. Er freute ſich des dichten Nebels, der langſam niederging: ein grauer Schleier, der ihn einhüllte; eine naſſe Decke, die ſeine erhitzten Wangen kühlte. Ohne Wahl und ohne Ziel, ſo weit es ſich um einen freien und klaren Entſchluß ſeines Willens handelte, ging er vorwärts. Wie ſo oft im Thun und Laſſen des Menſchen, war indeſſen auch bei Marcel das Unbewußte, das ſicher Führende in unſerer Bruſt, an die Stelle der bewußten Ueber⸗ legung getreten. Nicht nur über die Narren und die 463 Kinder, wie das Sprichwort behauptet, auch über die Liebenden wacht ein Gott. Geraden Wegs eilte der Vicomte zur Wohnung Mariens. So unaufhaltſam und unwillkürlich war dieſe Bewegung, daß er in der Nähe des Hauſes, wie erſtaunt, ſich hier zu finden, den daſä Schritt hemmte. Was beginnen? fragte er ſich. Er ſchaute hinauf, die Fenſter waren dunkel. Aber eei ihn dieſer Umſtand hindern, ſich bei Mariens Dienerin nach ihrem Befinden zu erkundigen, wie ſie aus dem Theater zurückgekehrt, ob ſie ſchlafe? Und doch war ein Vorgefühl in ihm, das ihn zaudern ließ. „Guten Abend, mein Herr Vicomte von Montjoye!“ ſagte eine ſcharfe Stimme.„Oder lieber, gute Nacht! Denn wir dürften nicht mehr weit von der Geſpenſter⸗ ſtunde entfernt ſein.“ Aus dem Nebel auftauchend ſtand der Chevalier, von dem Licht einer Straßenlaterne getroffen, an der Seite Marcel's. Der Anblick des verhaßten Mannes riß den Jüngling aus allen Träumereien und unklaren Empfindungen. Jetzt oder nie! Läſſeſt du ihn dir wieder entweichen, ſo findeſt du niemals Gelegenheit, Rache zu nehmen! war ſein einziger Gedanke. „Es iſt eine Glücksſtunde, Herr Chevalier“, ent⸗ gegnete er,„da ich Sie treffe. Sie haben dieß mit 9 174 den Geſpenſtern gemein, beim Hahnenſchrei und vor einem blanken Degen zu entfliehen.“ „Was das Letzte betrifft, werde ich die Ehre haben, den Herrn Vicomte vom Gegentheil zu überzeugen, ſobald es ihm beliebt.“ „Sie ſcherzen, Herr Chevalier! Sie machten mir ſchon im Hauſe der Frau Marquiſe von Noailles dieß Anerbieten, aber Sie zogen es vor, nach dem Ver⸗ ſprechen unſichtbar zu werden.“ „Sie haben mich geſucht? Ich bedaure tauſendmal. Für künftige Fälle, ich wohne am Königsplatz, in dem Hauſe zum goldenen Herzen.“ „Ich danke! aber könnten wir nicht gleich hier das Nöthige verabreden?“ „Vor den Fenſtern der Mademoiſelle Gauſſin? Warum nicht? Sie iſt ja doch wohl die einzige Urſache Ihres Grolles gegen meinen armen Vetter?“ „Sie irren ſich. Ich hatte mit Ihrem Vetter kei⸗ nen Streit auszufechten. Es gilt Ihnen, mein Herr, nur Ihnen!“ „Um ſo beſſer. Man ſchlägt ſich noch einmal ſo gut, wenn es ſich um die eigene Ehre handelt. Wegen der Schulden eines Vetters— Sie begreifen, daß man es damit nicht allzu eilig und allzu genau nimmt.“ Wohl, wohl! Nicht ſo viel höfliche Worte, Herr „D 1 — 475 Chevalier! Zur That! Wann treffe ich Sie?“ „In drei Tagen, um zwölf Uhr Mittags. Es iſt die einzige Stunde in dieſem Nebelwetter, in der man die Knöpfe auf dem Rock ſeines Gegners deutlich ſehen kann.“ „Gut. Und wo wollen wir uns treffen?“ „Kennen Sie das rothe Haus in Chaillot? Ein luſtiges Wirthshaus, fünfzig Schritte davon liegt ein kleines Gehölz, Tannen und Eichen..“ „Ich kenne es und werde die Stunde nicht ver⸗ fehlen.“ „Die Wahl der Waffen ſteht Ihnen zu, Herr Vicomte.“ „Der Degen denn.“ „Einverſtanden! Wünſchen Sie die Gegenwart von Zeugen?“ „Ich werde einen Freund mitbringen.“ „Fertig alſo! Auf Ehrenwort! Für das Weitere ſorgt die Zukunft. Und da ich nun Ihrer Empfind⸗ lichkeit genug gethan, darf ich nach der Urſache Ihrer Abneigung fragen? Iſt Ihnen meine Naſe zu lang?“ „Sie ſind ein Schwätzer, ein Geck!“ brauſte Mar⸗ cel auf.„Genügt Ihnen das? Aber nein, ich will Ihnen die Wahrheit ſagen! Sie haben heut Abend das edelſte, das ſchönſte und beſte Mädchen in Frankreich 176 verhöhnt, beleidigt, bis auf den Tod gekränkt; Made— moiſelle Gauſſin..“ Der Chevalier lachte ſein gellendes, höhniſches Lachen.„Ich?“ „Ich halte Sie für den Veranſtalter des ſchänd⸗ lichen Vorfalls im Theater, Sie haben..“ „Ich habe.. O junger Menſch! Ihre Einfalt hat etwas Rührendes, aber vergeſſen Sie nie, daß hienie⸗ den die Unſchuld ſchlimmere Folgen nach ſich zieht, als die Sünde. Sie wollen wie die Heiligen der alten Zeit zwiſchen zwei Scheiterhaufen hindurch gehen? Daß die Flammen Sie nicht ergreifen! Was habe ich ge⸗ than? Ich habe in einem Blumenſtrauß dem Fräulein das Medaillonbild wieder zugeſtellt, wie ich es meinem ſterbenden Vetter verſprochen.“ „Sie mußten wiſſen, welch' ſchrecklichen Eindruck dieß auf die Dame hervorbringen würde...“ „Freilich, ſie hätte klüger gethan, mich in ihrer Wohnung anzuhören. Warum verweigerte ſie es mir? So oder ſo, ich mußte mich dieſes Bildes entledigen Uebrigens habe ich vor einer halben Stunde Made⸗ moiſelle Gauſſin um Verzeihung wegen des Schreckens gebeten, den ich ihr verurſacht.“ „Sie waren bei ihr?“ „Da der Vicomte von Montjoye, der den Vorrang na g 177 hat, nicht zum Dienſt bei ſeiner Dame war, ſo durfte der Chevalier de Lambert eintreten. Es iſt wie beim Kartenſpiel, jetzt liegt der König oben, jetzt der Bube. Da Alles rollt, rollen wir d ane Im Nebel ging er davon.„Auf Wiederſehen in Chaillot!“ hörte ihn Marcel noch aus der Finſterniß heraus ſagen, in der nächſten Secunde hatte ſie ihn gleichſam verſchlungen. Noch lange ſtand Marcel an einen Straßenpfeiler gelehnt, zu den dunklen Fenſtern der Geliebten hinauf⸗ blickend. Er war dort oben geweſen, der Verhaßte! Die Empfindung überkam ihn, daß auf Erden Alles Wechſel und Dunſt, Traum und Lüge ſei. Und wenn er dann wieder der Marquiſe gedachte, fühlte er die Röthe der Scham auf ſeine Stirn ſteigen, und der tiefe Widerſpruch des Lebens zerriß ſein junges Herz. Frenzel, Geheimniſſe. II. 12 Viertes Kapitel. Ein erſter Zweikampf hat eine unleugbare Aehn⸗ lichkeit mit einer erſten Liebe. In dem einen wie in der andern herrſcht das Ahnungsvolle, Seltſame, Wunderbare vor. In Hoffnung und Bangigkeit zu⸗ gleich ſchlägt das Herz dem Ungewiſſen entgegen. Das Leben auf einer Degenſpitze ſchwankend, das ganze Sein in eine einzige Empfindung aufgelöſt, eine Vorſtellung die andere verjagend, und doch alle nicht im Stande, das Unnennbare vollkominen auszudrücken, das in dieſen Worten: ein erſter Kampf, eine erſte Liebe liegt! Marcel nun war in einer gehobenen Stimmung, er hoffte ſich mit einem Stoß von einem widerwärtigen Nebenbuhler zu befreien und ruhmbedeckt in die Garde des Königs zu treten. Seiner Neigung zur träumeri⸗ — — — ſchen Melancholie hielt in dieſem Falle der Ernſt der Wirklichkeit das Gleichgewicht. Von dem Bekannten, der ihm bei dem bevorſtehenden Kampfe zum Zeugen dienen wollte, hatte er erfahren, daß der Chevalier ſich längſt als geübter Fechter und verwegener Rauf⸗ bold einen gefürchteten Namen gemacht. Um ſo größer wird die Ehre ſein, ihn beſiegt zu haben, meinte der Vicomte, aber der Andere warnte ihn, ſeinem Glück und ſeiner Uebung nicht all zu leichtſinnig zu vertrauen, in der Hitze des Kampfes ſei ſchon Manchem der halb gewonnene Sieg wieder aus den Händen entſchlüpft. Wiederholt hatte Marcel in dieſen zwei Tagen bei Marien vorgeſprochen, doch ſah er ſie nur ein einziges Mal und auch da nur wenige Minuten. Die Dienerin that ſehr beſorgt, und der Arzt hatte die größte Schonung empfohlen. Marcel fand die Geliebte blaß und verſtört, ängſtlich umherblickend, all' ihr frühere Munterkeit hatte ſie verloren. Es war ihm, als hörte ſie kaum auf ſeine Worte oder verſtände doch deren Sinn nicht, als betrachte ſie ihn mit jenen ſchmerz⸗ lichen Blicken, die auf immer von einem geliebten Weſen Abſchied nehmen. War es eine Folge ihrer Schwäche und tiefen Erſchütterung? Hatte ſie eine geheime Kunde von dem verabredeten Duell erhalten? 127 180 Marcel ſuchte Alles zu vermeiden, was ihre Gedanken auf den Vorfall im Theater lenken, was ihr den Ver⸗ dacht erregen konnte, daß er mit dem Chevalier zu⸗ ſammengerathen. Unter den Bäumen von Challlot wird ſich Alles entſcheiden, damit tröſtete er ſich. In⸗ dem er den Chevalier verwundet und beſiegt in ſeine Garniſon zurückſchickte, würde er auch alles Unheim⸗ liche aus dem Leben der Geliebten entfernen, nie wie⸗ der würde ſich dann das unheimliche, geſpenſtiſche Lachen hören laſſen. Eine geraume Weile vor der Stunde, die er mit ſeinem Gegner verabredet hatte, war darum Marcel mit ſeinem Zeugen bei dem rothen Hauſe in Chalillot. Je näher die Entſcheidung rückte, deſto höher ſtieg ſeine Ungeduld. Seit einiger Zeit hatte das kleine, freund⸗ lich gelegene Dorf mit ſeinem alten Kloſter, ſeinen Gärten und Bäumen, und noch mehr das Wirthshaus einen gewiſſen Ruf in der vornehmen Geſellſchaft er⸗ langt; man aß und trank vortrefflich in behaglich ein— gerichteten Zimmern und, was das Beſte war, fühlte ſich vor Lauſchern und Spähern ſicher. Ein kluger Mann, wußte der Wirth ſtets den Finger auf den Mund zu halten und das Vertrauen ſeiner Gäſte, männlicher wie weiblicher, zu rechtfertigen. Denn nicht nur pflegten die Damen des Hofes hier oft kleine Pick⸗ 184 nicks unter einander zu veranſtalten; auch Liebespaare, die in der Stadt Verrath und Entdeckung befürchteten, gaben ſich im rothen Hauſe— die grellroth geſtrichenen Schindeln ſeines hohen, ſpitzen Daches zeichneten es vor allen andern Gebäuden des Dorfes aus und machten es ſchon aus der Ferne kenntlich— ein froh beglücktes Stelldichein. Das Alles erzählte der Freund während der Fahrt dem Vicomte, der ihm nur ein halbes Ohr ſchenkte und unverwandt nach dem Gehölz ſchaute, das ſich jenſeit des Dorfes dunkel abzeichnete. Der Tag war nicht unfreundlich, herbſtlich, doch ohne Sturm und Regen, zuweilen brach ein Sonnen⸗ blick durch die graue Wolkendecke. Während der Wagen mit dem alten Diener vor dem Gaſthauſe hielt, gingen die beiden jungen Leute über das Feld, welches den kleinen Garten des Hauſes begrenzte und das Dorf von dem Walde trennte. Ehemals war der Wald größer, dichter und umfangreicher geweſen, die Könige von Frankreich hatten darin gejagt. Dann war mehr als die Hälfte abgeſchlagen worden, man hatte den Boden in Weide⸗ und Ackerland umgeſchaffen, nur ein mäßiges Gehölz, auf beiden Seiten von Waldblößen eingeſchloſſen, war aufrecht geblieben, jetzt ein beliebter Spaziergang der Pariſer, ein Tummelplatz für Reifen⸗ und Ballſpieler an den Feſttagen, und nebenbei von 182 denen, die einen Ehrenhandel auszukämpfen hatten, gern zum Schauplatz gewählt. Ein ſtiller, verſchwie⸗ gener Ort, den die Scharwache und die Diener des Polizeilieutenants von Paris immer nur dann betraten, wann ſie die Gewißheit hatten, Niemand darin zu finden, der ſich gegen die Duellgeſetze vergangen. Sin⸗ nend wandelte Marcel unter den entlaubten Bäumen auf und nieder, der Freund plauderte von gleichgiltigen Dingen. Die Erwarteten kamen noch immer nicht. Trotz der Mäntel, die ſie umgenommen, fing die Rauhheit der Luft an, ſich bemerklich zu machen.„Statt im Freien,“ ſagte Marcel's Begleiter,„thäten wir beſſer, im Hauſe zu verweilen; Hand und Fuß er⸗ ſtarren, und Sie werden nachher die Gelenkigkeit beider gebrauchen.“ „Unverwortlich von dem Chevalier, ſich ſo lange erwarten zu laſſen! Will er ſein Narrenſpiel noch weiter treiben?“ zürnte der Vicomte. Aber zu ändern war da Nichts, ſie gingen wieder auf das Haus zu. Ein matter Sonnenſchein überflog das Feld, die Dorfſtraße und gab den rothen Schin⸗ deln des Daches noch eine hellere Färbung. Dienſt⸗ fertig, ſein Sammetkäppchen in der Hand, empfing ſie der Wirth auf der Schwelle und geleitete ſie in eins der Gemächer im Erdgeſchoß. Um Marcel hätte die —— Welt verſinken können: vor dem Auge ſeiner Seele ſtand einzig der Chevalier; aber ſeinem Freunde war es, als eilte, beim Oeffnen der Hausthür, eine Geſtalt die dunkle Stiege hinauf— eine Geſtalt, die ihm— es ging ihm ſo durch den Sinn— nicht zu den Be⸗ wohnern des Hauſes zu gehören ſchien. „Warum führt Ihr uns nicht oben hinauf, Mei⸗ ſter Jacques? Wir ſind gute Edelleute und können zahlen.“ „O, Herr Marquis! Welche Worte! Ihr unter⸗ würfiger Diener! Ich glaubte nur..“ „Was? Offen heraus mit der Sprache!“ Marcel war ſchon längſt in das Gemach getreten und ſchaute durch die trüben Scheiben des kleinen Fenſters auf die Straße; von dort mußte der Chevalier kommen. „Dachte, die Herren haben es eilig“— und der Wirth rieb ſich das linke Ohrläppchen.„Haben ein Geſchäft dort unter den Bäumen!“ „Burſche, wenn Du plaudern ſollteſt! Hat man Dir Etwas verrathen?“ „Ich bin ſtumm wie ein Trappiſt.“ „Aber über uns poltert und lärmt es, was geht da vor?“ „Die Diener richten eine Tafel an, eine luſtige Geſellſchaft hat ſich angeſagt.“ „Mit Damen?“ „Ich bin Meiſter Jacques, und dieß iſt das rothe Haus—“ und ehe es ſich der Frager verſah, war ihm der Wirth, wahrſcheinlich nach der Küche, ent⸗ ſchlüpft. „Das iſt ein verdrießlicher Handel!“ Damit trat der Freund zu Marcel.„Wir werden Zeugen haben“ — und er berichtete ihm, was er ſo eben von dem Wirth gehört. „Ich behaupte, daß dieß wieder ein boshafter Streich des Chevalier iſt,“ rief der Vicomte.„Er fürchtet ſich und ſucht alle möglichen Ausflüchte..“ „Da kommen Reiter, ein Wagen..“ „Er iſt es! Hinaus! Laſſen Sie mich allen meinen Groll ihm ins Antlitz ſchleudern.“ „Ruhe, Herr Vicomte! Sie haben mir die Ehre erwieſen, mich zu Ihrem Zeugen zu wählen, vertrauen Sie mir nun auch. Entweder iſt hier ein Mißver⸗ ſtändniß oder.. Genug, ich eile ihnen entgegen.“ Und um ein Mißverſtändniß ſchien es ſich in der That zu handeln, wenn man aus dem Inhalt des Wagens einen Schluß ziehen durfte. Langſam näherte er ſich dem Hauſe, die Reiter waren von der Straße — — abgebogen und ritten dem Gehölze zu. Auf dem Deck des Wagens ſtanden Flaſchenkörbe; andere Körbe, die mit Tüchern wohl verhüllt waren, mochten Speiſen enthalten, Leckerbiſſen zu einem ſchwelgeriſchen Mahl, die in Chaillot nicht ſo leicht zu ſchaffen waren. Ent⸗ rüſtet wandte ſich Marcel vom Fenſter ab, er ballte die Hände. Nichts hätte die Ueberzeugung in ihm er⸗ ſchüttern können, daß Lambert dieſen neuen Faſtnachts⸗ ſcherz veranſtaltet habe, um ihn zu verhöhnen. Mit raſchem Entſchluß wollte er aus der Thür ſtürzen, als dieſe ſich leiſe öffnete, und eine Frauengeſtalt ihm den Ausgang verſperrte. Sie hatte die ſchwarze Kapuze und die Seidenmaske, die bisher ihr Geſicht verborgen, abgeworfen.. „Marie!“ „Marcel!“- Da Marie ſchwarz gekleidet war, fiel die Bläſſe und feine Durchſichtigkeit ihres Geſichts noch mehr auf. „Sie hier, Marie! Warum haben Sie bei Ihrem Leiden Ihr Haus verlaſſen? An dieſem rauhen Herbſt⸗ tage! Setzen Sie ſich doch, Sie zittern ja!“ „Wenn Sie mir verſprechen, mich nicht zu ver⸗ laſſen, Marcel! Machen Sie keine unwillige Bewegung, zürnen Sie mir nicht! Es iſt die Liebe, die Beſorg⸗ niß für Sie, die mich hierher getrieben. Ein Unſtern — — 186 verfolgt uns, meine Liebe bringt Ihnen Unheil und Verderben..“ „Sie reden im Fieber, Marie! Sagen Sie mir nur das Eine, wie haben Sie mich hier aufgefunden?“ „Ich erhielt am heutigen Morgen ein freches Schreiben von jenem Chevalier Lambert— iſt er ein Lebendiger oder nur eine Ausgeburt meiner Phanta⸗ ſie?. „Noch lebt er, aber das Licht der nächſten Stunde ſoll er nicht mehr ſehen!“ „Sie wollen ſich mit ihm ſchlagen? O meine Ahnung! Er lud mich zu einem Feſte ein, das er hier am Nachmittag ſeinen Freunden zu geben gedenke..“ „Und Sie kamen! Marie, warum haben Sie mir das gethan?“ „Undankbarer! Ich kam, weil ich hinter ſeinen Worten ein Geheimniß vermuthete, in das Sie ver⸗ wickelt ſchienen. Hat mir die Stimme des Herzens falſch gerathen?“ „Nein, nein!“ Sie ſaß auf einem der harten Holzſchemel des niedrigen Raumes, der als allgemeine Gaſtſtube diente, während die erleſenere Geſellſchaft im oberen Geſchoß ſich aufzuhalten pflegte; Marcel war vor ihr niedergekniet und drückte ihre Hände an ſein Herz.„Ich liebe, ich bewundere Sie, Marie! Aber — ¼ — —— 187 Sie dürfen nicht einen Augenblick länger an dieſem Orte verweilen, der Clende ſoll Sie nicht ſehen..“. „Ich gehe, wenn Sie mir verſprechen, daß dieſer Zweikampf nicht ſtattfinden wird.“ „Unmöglich!“ „Sollen Sie durch meine Schuld ſterben? Meine tolle Liebe hat dieſen Streit veranlaßt, was wußten Sie vorher von dem Chevalier Lambert, was er von Ihnen? Daß wir uns lieben, die boshaften Götter wollen es nicht! O, Marcel, uns wäre beſſer, wir hätten uns nie geſehen!“ „Marie!“ „Nein, es iſt eine Läſterung!“ Und ſie fiel ihm um den Hals.„Wir ſind einige Tage glücklich ge⸗ weſen, ganz glücklich, ohne Eiferſucht, ohne Unruhe, weltverloren! Laß es genug ſein, ehe der Becher über— ſchwillt! Die Marquiſe liebt Dich, Du haſt ſie ver⸗ ſtoßen, dafür wird ſie Dich und mich ihrer eiferſüch⸗ tigen Rache aufopfern, dieſer Lambert iſt nur ihr Werk— zeug.. „Komm von hinnen aus dieſer eiteln, neidiſchen, böſen Welt! Ich bin nicht für ſie geboren, ich paſſe nicht in ihren Tumult und ihre Ränke, ich nehme Dich mit mir fort..“ „Aber das iſt ein Traum! Ein närriſcher Traum! 188 Der Vicomte von Montjoye und die arme Schauſpie⸗ lerin Gauſſin können ſich hienieden nicht dauernd an⸗ gehören. Geſetze und Sitten verbieten es. Muß ich klug für Sie ſein, Marcel? Längſt wird Ihr Vater die ebenbürtige Gemahlin für Sie gefunden haben..“ „Nie! Nie! Er komme und entreiße Dich meinen Armen!“ „Und Du wirſt Dich doch bezwingen müſſen,“ flüſterte ſie unter Thränen. Da erſcholl Lambert's ſpöttiſches kurzes Gelächter, ſie hatten das Aufgehen der Thür überhört. „Tragt den Wein nach oben“, rief er den Kopf nach der Hausflur zurückwendend den Dienern zu. „Alles in Ordnung!“ Erſt dann nahte er ſich den Liebenden.„Mademoiſelle Gauſſin, ich heiße Sie will⸗ kommen! Ich war ſonſt ſtolz auf die Schnelligkeit meines Pferdes, aber die Tauben der Venus, die Sie hergeführt, haben den Vorſprung vor mir gewonnen. Herr Vicomte von Montjoye, Entſchuldigung, wenn ich Sie habe warten laſſen. Ich kam mit einem Bagage⸗ wagen. Reichen wir uns die Hände, Vicomte; Made⸗ moiſelle, ſegnen Sie dieſen Bund! Setzen wir uns zu Tiſche!“ Er ſprach das Alles mit einer ſolchen Geſchwin⸗ digkeit, einer ſo ſelbſtgewiſſen überlegenen Citelkeit, daß 189 Marcel in ſeiner Betroffenheit ihn nicht zu unterbrechen vermochte. Und als hätten ſie das Wunderliche und Lächerliche dieſes Vorgangs noch erhöhen wollen, lie⸗ ßen die luſtigen Geſellen oben die Gläſer klingen und huben ein Lied zu ſingen an, eine Einladung zum fröhlichen Gelage für die Zögernden. Das war zu viel für Marcel.„Unverſchämter Poſſenreißer,“ rief er in überſchäumendem Zorn, und die Maske Mariens, die auf dem Boden lag, aufraf⸗ dr, fend, warf er ſie dem Chevalier ins Geſicht. Im Nu hatten jetzt Beide die Degen in den Hän⸗ den. Vergebens verſuchte Marie ſie zu trennen. Mit — der Rechten ſich gegen die wüthenden Angriffe Lam⸗ den bert's vertheidigend, drängte ſie Marcel mit dem linken Arm zur Thür hinaus. „Zu Hilfe! Zu Hilfe!“ ſchrie ſie händeringend. Ihre Füße trugen ſie nicht mehr, an der Treppe ſank ſie nieder, ein Schauer überfiel ſie und raubte ihr die Beſinnung. Ile ernei rreerr Wild und wüſt ging es in dem Gemache her. ddee 2 Schemel und Tiſche ſtürzten um; es dauerte eine Zeit, ehe die Kämpfenden einen feſten Stand gefunden hatten, ſich auszulegen und zurückzuweichen. Schon bluteten ſie aus verſchiedenen kleinen Wunden, die ſie ſich in 8 der erſten Wuth zugefügt. Erſt jetzt, wo ſie allein im 190 Zimmer waren, begann der regelmäßige Kampf. Bei dem Geklirr der Degen war die Geſellſchaft— die Freunde Lambert's, der Zeuge Marcel's, welche dieſen Ausgang nicht befürchtet hatten— die Stiege hinab— geeilt und bildete im halbdunkeln Gange eine ebenſo erſchreckte wie aufmerkſame Zuſchauerſchaar. Durch die Scheiben des Gemachs fiel der Mittagsſonnenſchein, und der mattgelbe Streifen, den er auf die Dielen des Fußbodens abzeichnete, trennte die Fechtenden wie eine Schranke von einander. Noch hatte keiner einen Vortheil über den andern errungen, Marcel's jugend⸗ liche Kraft und Kühnheit kämpfte mit der Kunſt und Uebung des Chevalier. Bald ſprang er vor, bald zurück, bald ſuchte er mit einem Stoß die Bruſt des Gegners zu treffen, bald ihn zu unterlaufen und ſo zu Fall zu bringen. In ſeinem Ausfall wie in ſeinem Rückzug war etwas Blitzartiges, den Feind Verwirren⸗ des; hatte es Marcel mit einem Menſchen oder mit einem Schatten zu thun? Bei einer Wendung, die der Chevalier machte, glaubte der Vicomte endlich ſeine Gelegenheit des Glückes gekommen und ſtieß heftig zu: aber ſein Stoß ging in die leere Luft, und der Degen des Chevalier drang ihm in die Seite. Ein breiter Blutſtrom quoll aus der Wunde. „Oh!“ grinſte Lambert.„Das hat die Frau —.,— — 191 Marquiſe nicht erwartet, daß ihre kleinen Liſten und Ränke aus dem hübſchen Vicomte von Montjoye ſo bald einen ſtillen Mann machen werden!“ „Noch nicht,“ ächzte Marcel und richtete ſich mit letzter Anſtrengung ſtraff in die Höhe.„Heran!“ Umſonſt bemühten ſich die Andern zu vermitteln; ſchon war der Chevalier, in der Ueberzeugung, daß es ihm nicht fehlen könne, wieder auf Marcel einge⸗ drungen. Da hatte die Sonne mit ſcharfem Strahl die Wolken ganz zertheilt und erfüllte das Zimmer mit einer ſtarken, blendenden Lichtfluth. Der Chevalier blin⸗ zelte mit den Augen, glitt aus und fiel in den Degen Marcel's.. Nicht ein Minute war ſeit der Verwun⸗ dung des Vicomte verfloſſen.. Und plötzlich, wie der glänzende Lichtſtrahl gekommen, erloſch er auch, als der Chevalier röchelnd in die Arme ſeiner Freunde ſank. „Es iſt aus,“ ſtöhnte er. Aus Mänteln und Decken, die man über einen Schemel breitete, machte man ihm eine Art Lehne für den Oberkörper. „Eine ſchöne Beſcheerung! Ich wollte ein Ge⸗ ſpenſt ſpielen, nun bin ich ſelbſt darüber zum Schatten geworden! Meine Gläubiger werden triumphiren. So lange ich keinen Heller hatte, war ich unverwundbar, und jetzt.. Wetter, man ſoll mit Amor nicht ſpaſſen! Es geſchieht mir recht, warum miſchte ich mich in den Streit zweier verliebten Närrinnen? Peſt, da iſt die eine! Zerreißt euern Adonis, zerreißt ihn“... Weiter konnte er nicht ſprechen, der Schmerz war ſtärker, als er. An Rettung war nicht zu denken, die Spitze des Degens hatte die Bruſt getroffen. Vornüber geneigt, das ſtarre Auge auf den Ster⸗ benden gerichtet, deſſen Blicke ſich ſchon umflorten, ſtand Marcel, an einen Tiſch ſich haltend, ſchwankend, tau⸗ melnd: der Degen lag in einer Blutlache; ſeiner Wunden nicht achtend, ſah er nur eins: den Tod. Den Tod, den ſeine raſche Hand herbeigeführt. Was iſt Schuld, was Unſchuld? Was Zufall, was vorbe⸗ dachter Wille in ſolchen Thaten? Ueber allem Zweifel und allen Klügeleien war dieß gewiß: Er hatte jenen Mann getödtet. O Liebe, Jugend, unſchuldiger Traum des Glücks, mußtet ihr damit enden, mit dieſem Schau⸗ ſpiel des Grauens? Der Ruf:„Er iſt zu Tode getroffen, er ſtirbt!“ hatte Marie aus ihrer Betäubung erweckt. Das Ge⸗ ſchrei, die entſetzten Geſichter der Diener des Hauſes, die nun herbeikamen, theils aus Neugierde, theils zur Dienſtleiſtung, genügten, ihr Alles wieder in die Er⸗ innerung zurückzurufen, was ihrer Ohnmacht vorange⸗ gangen. Sie ſtürzte nach dem Gemach. Mit ausge⸗ ni 193 breiteten Armen blieb ſie auf der Schwelle ſtehen.. er lebte noch! „Marcel! Marcel!“ „Marie!“ Er bedeckte ſein Geſicht mit den Händen und fiel nieder: die Erſchöpfung und der Blutverluſt hatten ihn übermannt. Als im März des nächſten Jahres die Bäume im Park zu Montjoye wieder mit lieblichem Grün ſich ſchmückten, kehrte auch der junge Herr des Schloſſes zurück— aber nicht jung und blühend, wie er es ver⸗ laſſen, ſondern gebeugt und vor den Jahren gealtert. Ein hartnäckiges Fieber, das, von der Wunde herrüh⸗ rend, ſich endlich auf die Nerven geworfen, hatte ihn auf das Krankenlager niedergeſtreckt und nach Beſeiti⸗ gung der ſchlimmſten Gefahr monatelang an das Zim⸗ mer gefeſſelt. Jetzt hatten ihm die Aerzte die mildere Luft ſeiner ſüdlichen Heimath jenſeit der Loire em⸗ pfohlen, damit er dort vollends geſunde. Auch der Vater ſehnte ſich nach dem einzigen Sohne; er würde zu ihm gekommen ſein, wenn nicht der heftigſte Gicht⸗ anfall ſeine Reiſe verhindert hätte. Mehr als alle dieſe Gründe, ſo laut und eindringlich ſie auch ſprachen, war es der eigene Wunſch Marcel's, der ihn heimwärts Frenzel, Geheimniſſe. II. 13 194 führte. Die Wunde ſeines Leibes hatte ſich vernarbt, aber die Wunde ſeines Herzens blutete noch und würde — er wenigſtens glaubte es— ewig bluten. Wozu Viele ein langes Leben gebrauchen, ihm hatte das Schickſal in kurzen Wochen die Lehre gegeben, welche das Welträthſel erſchließt, daß unſer Daſein eine Kette von Irrungen und Enttäuſchungen, und Entſagung unſere einzige Rettung daraus iſt. Wie im Sturm hatte er die unbändigſten Leidenſchaften, Liebe, Haß und Eiferſucht, und den Tod in ſeiner ſchrecklichſten Geſtalt, wenn wir ſelbſt ſein Vollſtrecker ſind, kennen gelernt. Was wollte, was ſollte er noch in dem Strudel dieſer Stadt? Draußen ließ ſich das kurze höhniſche Gelächter nicht mehr vernehmen, aber wie oft erſcholl es noch vernehmlich dem Ohr ſeines inneren Menſchen! In der traurigen Muße der Krankheit war er ſich der tiefen Kluft bewußt geworden, die Marie von ihm trennte; nicht nur äußerlich ſchieden ſie Geburt, Rang und Vorurtheil— ein Vorurtheil iſt nicht unbeſieg⸗ bar, hieß nicht Voltaire's Komödie:„Das überwun⸗ dene Vorurtheil“?— auch ihre Seelen wollten nicht mehr harmoniſch zuſammenklingen. Mit dem glück⸗ lichen Leichtſinn der Künſtlerin hatte ſich Marie bald über die ſchmerzlichen Ereigniſſe hinweggeſetzt und in —— 195 neuen Aufregungen die alten vergeſſen; für ſie war es de eben nur ein Abenteuer mehr in ihrem glänzenden und wechſelreichen Leben, für Marcel ein Tropfen Wer⸗ muth, der ihm den Wein dieſer Welt für immer ver⸗ he gällte. Um ihm allein anzugehören, hätte ſie ihrer te Kunſt und ihrem Ruhm entſagen müſſen, ein Opfer, 9 das über ihre Kräfte ging. So ſchieden ſie in Wehmuth und doch mit der Ueberzeugung, daß jedes längere Bei⸗ ſammenſein ſie nur immer weiter von einander entfernen en würde, er, um in der Einſamkeit ſeines Schloſſes ihrer als der holdeſten und traumhafteſten Erſcheinung zu 1 gedenken; ſie, um zuweilen in nachdenklichen Augen— z— blicken, wenn ſie das leere und nichtige Treiben der ft 0 Bühne mit Ekel und Widerwillen erfüllte, zu ſagen: welch' glückliche Zeit war es doch mit ihm, es war meine einzige wahre Liebe! 6 Während Marcel's Tage ſtill und ereignißlos in in der Provinz verfloſſen, blieb Marie Gauſſin noch lange Nn eine Zierde der franzöſiſchen Bühne, und die Marquiſe „ von Noailles eine der vornehmſten und geiſtreichſten 4— Damen des Hofes zu Verſailles. cht 5 Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. in 13 Neue Romane aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Ogilvies oder Herzenskämpfe. Roman von der Verfaſſerin von„John Halifax.“ Aus dem Engliſchen von A. Kretzſchmar. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. Leben um Peben. Roman von der Verfaſſerin von„John Halifax“ Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. Autoriſirte Ausgabe. Zwei Bände. 8. Geheftet. Preis 1 Thlr. 10 Ngr. h Ein edles Leben. Roman von der Verfaſſerin des„John Halifax.“ Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. Autoriſirte Ausgabe. 2 Bände. 8. Geheftet. Preis 1 Thlr. 10 Ngr. — — Soſour& Srey Oortro Chart Blue Cyan Green Vellow Hed Magenta