euſher engliſcher und afranzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. 2 Lit. A. Nr. 256. 4 Leih- und eſebedin ngen. — 1. Offensein der Bibliothek. Die B thek ſteht ir Em. pfangnahme und Rückgabe der. Büchet üben. ag von Morgens 1 Uhr bis Abends 8 Uihx af 2. Lesepreis. Bei Aacbe eines gelichenen Buches wird von jedem Tag 5 T. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen 3. Caution. Uinbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wir. 1. Avonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 16 t. 1* rer chentic 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —:;————— auf 1 Monat: 1 Mr.— nf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mkt.— Pf. 5. Answärtige Aonnenten'haben für Hin⸗ lund Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Füſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Fur b beſchmutzte, zerriſſene. verlorene und —— — defecte Bücher(namentlich bei olchen nif. zupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deſerte Buch ein Theil le⸗ Fichgten erkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verp in 7. Ausleihezeit. Dieſethe iſt auf 1. tee feſtgeſetzt und wird beſonde acht, rs darauf aufmer kſam gema⸗ das ieroerleſhen der Bücher nicht ſtattfinden darf, chden iejenigen, we llche die⸗ An von mir deee auch dafür zu ſtehen haben. 1., Leihbibiiothek 1 Geheimniſſe. 4 Nove llen von Karl Frenzel. — Erſter Band. 4 Leipzig, New-Vork, 6 Ernſt Julius Günther. L. W. Schmidt. 1871. Der Schmuck des Inka. Frenzel, Geheimniſſe I. 1 1 b — „ 4— Erſtes Kapitel. An dieſem fünfundzwanzigſten Mai war der Bräu⸗ tigam angekommen. Nicht gerade erſehnt und erwünſcht, aber, wie der Graf ſagte, würde ſo doch endlich dieſe unbehagliche, nur allzu lange ſchon währende Spann⸗ ung zu einem leidlichen Ende kommen. Unter allen ſeinen Gutsnachbarn war es ein öffentliches Geheim⸗ niß, daß der Graf Waldhelm ſeine älteſte dreiund⸗ zwanzigjährige Tochter Melanie mit dem reichen Kauf⸗ herrn Albert Römer nicht aus ſeiner oder des Mäd⸗ chens Neigung, ſondern unter dem Zwange ſchlimmer und trauriger Verhältniſſe verheirathen wollte. Welche tragiſchen Auftritte, ehe es zu dieſem Verlöbniß ge⸗ kommen, zwiſchen Vater und Tochter ſtattgefunden hatten, darüber wußten die näheren Freunde und noch 12 4 mehr die Dienerſchaft des Hauſes erſtaunliche, freilich auch ſehr unglaubwürdige Dinge zu erzählen. Denn was offen der Welt vorlag, war doch nur dies, daß der junge Kaufherr und die ſtolze Gräfin ſeit einem halben Jahre verlobt waren, öfters Briefe mit ein⸗ ander wechſelten und ſich, dem äußeren Schein nach, mit gutem Anſtande in ihr Schickſal gefunden hatten. Dies wenigſtens der Gräfin zu verſüßen, wurde von ihren Verwandten verſichert, daß der Kaufherr und Fabrik⸗ beſitzer, bei einer bevorſtehenden Feſtlichkeit in der fürſtlichen Familie des Landes, wegen ſeiner Ver⸗ dienſte um die vaterländiſche Induſtrie in den Adels⸗ ſtand erhoben werden ſollte. Das ganze Haus des Grafen Waldhelm, Freunde und Verwandte, die ſich zur Feier der Hochzeit einge⸗ funden, und noch mehr die Diener, von dem alten Haushofmeiſter, der ſchon unter dem Vater des Grafen ſein Amt verwaltet, bis zu den Küchenmägden hinab, hatten der Ankunft des Bräutigams voll Erwartung und Unruhe entgegengeſehen. Um ſo erſtaunter waren ſie, als nichts in der Perſönlichkeit und in dem Auf—⸗ treten des Kaufherrn zu irgend welchen Bemerkungen der Gunſt oder Ungunſt Anlaß gab. Herr Albert Römer war weder ſchön noch häß⸗ lich, weder groß noch klein, man konnte nicht einmal — — + 4 0 ſagen, ob ſein Haar braun oder blond wäre. Er mochte etwa dreißig Jahre zählen, hatte ein offenes Geſicht mit klugen grauen Augen und einem fein ge⸗ ſchnittenem Munde. Wenn nicht ſein Name, ſo war doch ſeine Freigebigkeit fürſtlich. Dem Kutſcher und dem Diener, die ihn von der nahegelegenen Eiſenbahn⸗ ſtation nach dem Schloſſe geführt, hatte er mit je einem blanken Goldſtück die kleine Mühewaltung ge⸗ lohnt. Beſcheiden und doch voll ruhigen Selbſtbewußt⸗ ſeins, hatte er die entgegenkommende, faſt ängſtliche Höflichkeit ſeines zukünftigen Schwiegervaters erwidert; ſeiner Braut gegenüber bewahrte er eine gemeſſene, ritterliche Zurückhaltung, die ſich in den Augen ihrer nächſten Freundinnen durch das Geſchenk eines koſt⸗ baren Brillantſchmuckes in die liebenswürdigſte und überzeugendſte Beredtſamkeit verwandelte. Auch darin konnte man einen Beweis für das Zartgefühl des Bräutigams finden, daß die zwei Trauzeugen, die er ſich, elternlos wie er war, aus ſeinen Bekannten in der Hauptſtadt gewählt hatte, altadelige Namen trugen; von ſeiner Seite ſchien Alles angewandt und verſucht zu werden, um der jungen Gräfin den erſten ſchweren Schritt aus ihrem bisherigen Leben in ein anderes zu verſüßen. Als von einem Vetter der Familie, dem jungen Ulanenlieutenant Hans von Hochberg, in etwas 6 herausfordernder Weiſe beim Abendtiſch auf die baldige Standeserhöhung Herrn Albert Römer's angeſpielt wurde, hatte dieſer entgegnet: er würde ſie noch lebhafter und eifriger wünſchen, wenn er dadurch dieſem edlen Kreiſe näher zu treten hoffen dürfte, etwas, was er jedoch nicht glaube, da er ja in dieſem Hauſe auch das bürger⸗ liche Verdienſt ſo hoch geſchätzt ſähe und er hatte dabei mit einer vielſagenden und anmuthigen Handbe⸗ wegung auf die Bilder an den Wänden und die reiche Bibliothek des Grafen hingedeutet. Graf Waldhelm war als Sammler in der ganzen Provinz bekannt, Manche behaupteten ſogar, daß ſeine zerrütteten Ver⸗ mögensverhältniſſe ſich von dieſen koſtbaren Liebhabe⸗ reien herſchrieben; von dieſem Geſichtspunkt aus erhielt Albert's Aeußerung noch den Duft feinſter Ironie. Die Unterhaltung während des Abendmahles, die zu⸗ erſt nur wie ein dünnes Bächlein dahingefloſſen, ge⸗ wann allmählig an Kraft und Stärke, ſogar an Friſche und Munterkeit. Vor Allem war Hans von Hochberg in ausgezeichneter Laune. Er wußte die drolligſten Geſchichten zu erzählen, durch ſcherzhafte und gefällige Trinkſprüche die Heiterkeit immer wieder zu erwecken, und dem Ruf eines vortrefflichen Geſellſchafters und Kavaliers, den er ſchon lange genoß, aufs neue Ehre zu machen. — 7 „Das iſt ein ſehr liebenswürdiger junger Mann,“ ſagte halblaut der Bräutigam zu ſeiner Braut;„er hat ein ſo offenes Weſen, das im Augenblick für ihn einnimmt. Man denkt an die tapferen und luſtigen Helden Arioſto's.“ „Ich wünſche ihm Glück zu dem guten Eindruck, den er auf Sie gemacht,“ entgegnete froſtig Melanie. „Habe ich da eine nnangenehme Saite berührt?“ dachte Albert.„Hat ſie etwas gegen ihren Vetter?“ Bei ſeiner aufmerkenden und grübleriſchen Natur nahmen unwillkürlich ſeine Gedanken eine Weile die⸗ ſelbe Richtung und beſchäftigten ſich ausſchließlich mit dieſen beiden Perſonen, mit der Braut, die ihm zur Rechten mit geſenkten Blicken und ſtrenggeſchloſſen Lip⸗ pen, und dem jungen Offizier, der mit lachendem Munde und blitzenden Augen ihm ſchräg gegenüber ſaß. Als er ſie einige Minuten beobachtet hatte, ſchien es ihm nicht mehr zweifelhaft zu ſein, daß die beiden Verwandten in keiner Harmonie zu einander ſtänden, und daß, wenn auch nicht ein ausgeſprochener Haß, ſo doch eine ſtille Abneigung zwiſchen ihnen herrſche, die den jungen Mann antriebe, ſeine ſchöne Baſe fort⸗ während zu necken und zu reizen, und die ſie zwänge, ſeinen Spott mit ſcharfer Nichtachtung und zuweilen mit einem drohenden Zlick zu vergelten. Albert Römer war kein Mann für Frauenge⸗ ſpräche, und ſo machte es ſich denn nach aufgehobener Tafel beinahe, wie man ſo ſagt, von ſelbſt, daß er mit dem Grafen und einigen älteren Herren in eine lebhafte Unterhaltung über die Kohlenbergwerke dieſer Landſchaft und über den Handel gerieth, der nach den Nachbarländern betrieben wurde. Kam man auf dieſen Gegenſtand zu ſprechen, ſo pflegte der Steuerrath aus dem nahen Grenzſtädtchen auch ſein Klagelied über den zunehmenden Schmuggelhandel und über die Ver⸗ wilderung der Bevölkerung rings umher anzuſtimmen. Es ſeien ebenſo verwegene wie durchtriebene Burſchen, zu allen ſchlimmen Thaten aufgelegt. Wenn man dem erfahrenen Beamten glauben wollte, ſo wurde der ganze Schmuggelhandel ſeit einiger Zeit beinahe ſyſte⸗ matiſch in großartig angelegter Weiſe betrieben. An der Spitze des Ganzen ſtände nach ſeiner Meinung im Geheimen ein reicher jüdiſcher Händler, den er nur den langen Samuel nannte; das ſei ein gefährlicher ver⸗ ſchlagener Mann, auf den die Behörde längſt ein ſcharfes Auge gerichtet habe, ohne ihm jedoch bisher das Geringſte anhaben zu können.„Das iſt ſehr ein⸗ fach, lieber Rath,“ meinte der Graf mit ſtarker Be⸗ tonung.„Samuelſohn iſt ein unſchuldiger Mann. Ich will meine Hand nicht dafür ins Feuer legen, —— f — ———— Un ein auc mal den mer 4 daß er niemals eingeſchmuggelte Waaren gekauft oder auf ſein Riſiko ein Päckchen Seidenſtoffe ohne Ver⸗ zollung hinüber hätte tragen laſſen; welcher von unſeren Kaufleuten in der Umgegend befände ſich nicht in der⸗ ſelben Schuld! Ich behaupte nur, daß er nicht an der Spitze eines ſolchen wagehalſigen und verbrecheriſchen Unternehmens ſteht; Samuelſohn iſt Alles in Allem ein ehrlicher Mann, ſo viel böſe Gerüchte über ihn auch von Mund zu Mund gehen.“ Da das Kaufhaus des Herrn Albert Römer die mannigfaltigſten Beziehungen und Verbindungen mit dem großen Nachbarreiche hatte, ſo nahmen dieſe Be⸗ merkungen und Geſchichten bald ausſchließlich ſeine Aufmerkſamkeit in Anſpruch, und er am wenigſten von Allen hörte, daß Melanie, an ihrem Vetter vorüber⸗ gehend, dieſem einige Worte zuflüſterte, welche er mit einer Verbeugung beantwortete. Die Damen waren im Grunde nicht ungehalten, daß die Männer mit wenigen Ausnahmen ſich von ihnen nach der anderen Seite des Saales zurückgezogen hatten. Es gab für den Polterabend am nächſten und für das Hochzeitsfeſt am dritten Tage noch ſo viele Toilettengeheimniſſe und Ueberraſchungen zu beſprechen, daß die Einmiſchung der Männer als Störung von ihnen empfunden wor⸗ den wäre. Nur für den Ulanenoffizier und den alten 10 Herrn von Blacha, der als Freund und Zeuge des Bräutigams gekommen, übrigens aber ſeit Jahren ſchon ein gern geſehener Gaſt auf dem Schloſſe war, hatten die Damen eine Ausnahme gemacht. Theil⸗ nahmlos, die Rechte auf einen kleinen Marmortiſch ge⸗ ſtützt, ſtand Melanie; der alte Herr von Blacha warf ihr einen bedeutungsvollen Blick zu, aber ſie ſchien ihn eben ſo wenig zu bemerken, als die Ausrufe des Er⸗ ſtaunens und Entzückens, wohl auch des Neides zu vernehmen, die ihren Freundinnen bei der Erwähnung des prächtigen Brautgeſchenkes immer wieder ent⸗ ſchlüpften. Gewaltſam raffte ſie ſich endlich aus ihrem ſtarren Hinbrüten auf und ging nach ihrem Zimmer, den Schmuck zu holen, nach deſſen Anblick die Freun⸗ dinnen ſo ſehr verlangten. Auch galt es, die große Frage zu entſcheiden, ob eine zu dem Schmuck gehörige Schnur weißer Perlen am Hochzeitstage als Zierde des Haares oder Nackens verwandt werden ſollte. Die Mehrheit der Damen entſchied ſich für letzteres, da ja in den Haaren ſchon der blühende Myrtenkranz und ein lang herabwallender Spitzenſchleier angebracht werden mußten. Inzwiſchen war Melanie zurückgekehrt und breitete vor den erſtaunten Blicken der Umſtehenden das glänzende Geſchmeide auf dem Tiſch aus.„Welch entzückendes Feuer!“ riefen Alle.„Welch wunderbarer —— 1 Glang ſtröne ſagte ſamke bare Saal mach Aller deru einm zu li der ſam, woh⸗ Lc — 14 Glanz ſcheint dem Mittelſtein dieſer Arabeske zu ent⸗ ſtrömen! wahrlich es iſt ein Kohinvoor im Kleinen,“ ſagte Fräulein von Arnfeld, die ſich auf ihre Gelehr⸗ ſamkeit nicht wenig einbildete, indem ſie auf die koſt⸗ bare Bruſtnadel zeigte. „Aber auch die Faſſung iſt ſehr merkwürdig,“ be⸗ merkte Herr von Blacha,„es iſt keine moderne Arbeit; achten Sie nur auf das feine Gitterwerk des Metalles, dem die Diamanten eingefügt ſind, meine Damen. Sollte man nicht meinen, es ſei aus der Werkſtatt eines Benvenuto Cellini hervorgegangen? Albert!“ rief er nach dem anderen Ende des Saales hinüber,„kommen Sie einmal hierher und erzählen Sie uns, wie Sie in den Beſitz dieſes Meiſterwerks gelangt ſind.“ Der junge Kaufherr hatte die ganze Länge des Saales zu durchſchreiten, um zu dem kleinen Nebenge— nach zu gelangen, in dem ſich die Damen befanden. Aller Augen waren auf ihn gerichtet. In der Auffor⸗ derung Blacha's, ſo einfach ſie klang, ſchien ſür die einmal erweckte Neugierde ein Zauber des Geheimniſſes zu liegen, das um ſo mächtiger wirkte, je glänzender der Gegenſtand war, an den es ſich knüpfte. Lang⸗ ſam, den Kopf ein wenig geſenkt, wie es ſeine Ge⸗ wohnheit war, näherte ſich Albert; ein eigenthümliches Lächeln ſpielte um ſeine Lippen. Er ſah den alten Herrn von Blacha mit einem faſt vorwurfsvollen Blicke an, als ob er ſagen wollte: warum haben Sie mir das gethan? Einmal aber im Kreiſe der Damen, von ihren Bitten und Fragen beſtürmt, gewann er ſeine Ruhe und Sicherheit bald wieder; noch einmal ließ er ſein Auge über das kalte und ſtolze Antlitz ſeiner Braut hingleiten, die allein von allen wortlos und gleichgültig am Tiſche ſtand, als kümmere ſie dieſer Schmuck, ſeine Geſchichte und derjenige, der ſich anſchickte, ſie zu erzählen, ſo wenig als ein Abenteuer auf einem anderen Stern; dann ſagte er in jener be⸗ ſcheidenen und doch feſten Weiſe, die ſein ganzes Auf⸗ treten in dieſer adelsſtolzen Geſellſchaft bisher wie mit einem demantnen Schilde gegen jeden Angriff ge⸗ ſchützt und ihm zugleich eine gewiſſe Anziehungskraft verliehen:„Erſtaunen Sie nicht, meine verehrten Damen, wenn Ihnen meine Geſchichte wie ein Mär⸗ chen erſcheint. Sie glauben es mir gern, ich trage keine Schuld daran, ich bin nichts weniger als ein Poet. Das Land, aus dem der Schmuck ſtammt, bereitet Sie ſchon auf die Romantik vor. Ich kaufte ihn in Prezioſa's Vaterland, in Ma⸗ drid...“ „In Madrid!“ riefen einige der Damen. „Doch nicht aus der Hand und mit der Prophe⸗ 4— Geſch Aufe dem reich öffen der und Sche dieſe Han lichke nach klein wege Räu mir entfe nen auch dieſe 13 zeihung einer neuen Prezioſa?“ fragte ein wenig ſpöttiſch das munterſte der Mädchen. „Nein, mein Fräulein, ich kam auf eine ſehr pro⸗ ſaiſche Weiſe zu dieſem Schmuck. Hören Sie nur. Es ſind jetzt zwei Jahre her, daß mich kaufmänniſche Geſchäfte nach Spanien führten. Bei einem längeren Aufenthalt in Madrid erzählte mir ein Freund von dem Nachlaß einer kinderlos geſtorbenen Herzogin, der, reich an Seltſamkeiten und Kunſtwerken aller Art, öffentlich verkauft werden ſollte. Einer der Vorfahren der Herzogin hatte zu den Eroberern Peru's gehört, und wie es hieß, hätten ſich Koſtbarkeiten aus dem Schatze der Inka's von Geſchlecht zu Geſchlecht in dieſem Hauſe fortgeerbt, um jetzt endlich unter den Hammer zu kommen. Trauriges Ende ſo großer Herr⸗ lichkeit! Ohne von dem Schmuck zu wiſſen, auch nicht nach dem Golde Peru's lüſtern, ſondern nur eines kleinen Gemäldes von Murillo, eines ſeiner Betteljungen wegen, begab ich mich am feſtgeſetzten Tage in die weiten Räume des verödeten herzoglichen Palaſtes. Es gelang mir nicht, das Bild zu erwerben, und ich wollte mich eben entfernen, als ich dieſen Schmuck in einem verſchloſſe⸗ nen großen Glaskaſten bemerkte. Ich bewunderte zwar auch den Glanz und die Klarheit der Brillanten, aber dieſe hätten mich nie verlockt, ihn zu erſtehen, wenn nicht ein alter Diener des Hauſes, der mein Er⸗ ſtaunen gewahrte, mit weinerlicher Stimme mir zugerufen:„Ja, ja, Senor, bewundern Sie ihn nur auch, dieſen Schmuck! Bei der heiligen Jungfrau von Atocha! er iſt es werth. Dieſes Geſchmeide hat der große König von Peru, Atahualpa, um den Hals getragen, jene Spange um den rechten Arm, als ihn Don Alvaro Benavides gefangen nahm! Es gab keinen tapfereren Mann im Königreich, als Don Alvaro, es gibt — n ganz Spanien keinen Schmuck wie dieſen!“ „Der Schmuck Atahualpa's!“ ging es von Mund zu Munde unter den Verſammelten, und mit doppelter Neugierde wurden die Edelſteine betrachtet. „Ein Blick auf die Arbeit genügt,“ fuhr Albert fort,„um ſelbſt einen Laien in der Goldſchmiedekunſt davon zu überzeugen, daß er es hier nicht mit der Arbeit eines indianiſchen, wenn auch noch ſo geſchick⸗ ten, ſondern mit der eines italieniſchen Künſtlers aus Mailand oder Florenz zu thun hat. Offenbar hat der ſpaniſche Ritter, der dem unglücklichen Inka das. Geſchmeide entriß, bei ſeiner Heimkehr nach Europa die Steine zu neuer Faſſung einem berühmten Gold⸗ ſchmied übergeben; im Hauſe der Benavides aber erbte ſich die Sage in poetiſcher Weiſe fort.„Wenn ihr 15 aber ſo viel Werth auf den Schmuck legt,“ fragte ich den Diener,„warum ihn verkaufen? Wer beerbt denn die Herzogin?“—„Ihre einzige Nichte Donna Sol, eine Waiſe, antwortete er.—„Nun?“ entgegnete ich, „Donna Sol iſt doch wohl eine ſchöne Dame; dieſer Schmuck würde ſie gut kleiden.“—„Was bedarf ſie des Schmuckes, Seüor? Sie will in das Kloſter der Karmeliterinnen treten.“ „In ein Kloſter!“ rief mit einem Ton des Er⸗ ſchreckens Melanie aus.„In ein Kloſter!“ Sie legte die Hände auf die Stirne. Es waren die erſten Worte, mit denen ſie die Erzählung ihres Verlobten unterbrach. „Nicht wahr? Ein ſeltſames Zuſammentreffen! Der Schmuck Atahualpa's im Beſitz einer Nonne! Weiter⸗ forſchend erfuhr ich, daß Donna Sol aus unglücklicher Liebe der Welt für immer entſagen wolle, daß ſie jenen Schmuck einmal bei einem großen Feſte auf den Wunſch ihrer Tante getragen habe— bei einem Feſt, auf den ſie ihren Geliebten an eine andere Dame ver⸗ lor. Wie viel von dieſen Geſchichten wahr iſt, weiß ich nicht; Alles vereinigt wob gleichſam einen phan⸗ taſtiſchen Schleier um dieſe Edelſteine, durch den ſie noch märchenhafter und glänzender hindurchſchimmer⸗ ten. Ich ſetzte einen Trotz darein, den Schmuck zu jahre kaufen, und erhielt ihn nach einem hartett Wettkampf und 1 mit einem Engländer.“ reich „Und Donna Sol?“ fragte eines der Mädchen. und „Haben Sie nie nach ihrem Schickſal geforſcht?“* für „Wenn ich Ihnen auch„nein“ ſagte, Sie glaubten Einſ es mir nicht, gnädiges Fräulein! Darum will ich nur aufrichtig bekennen, daß ich das lebhafte Verlangen 1 Klo trug, die letzte Beſitzerin des Schmuckes von Angeſicht Ni zu Angeſicht zu ſehen.“ Kl Hier machte Melanie eine Bewegung des Er⸗ ſet ſtaunens, als ob ſie ihren Verlobten in einer Empfin⸗ ſchu dung überraſcht hätte, deren ſie ihn nicht für fähig ge⸗ Ar halten. 1 dan Albert bemerkte die Verwunderung ſeiner Braut ſyr nicht und fuhr fort:„Aber eine Novize der Karmeli⸗ M terinnen zu ſehen, iſt keine leichte Sache. Ich mußte ſr mich bis zu dem Tage ihrer feierlichen Einſegnung ge⸗ und dulden. Dieſelbe fand unter einem großen Zuſammen⸗ d lauf der Menſchen ſtatt. Einen Tag lang ſprach man ſe in Madrid von keiner andern öffentlichen Angelegen⸗ 6 heit. Die Herzogin hatte die Abſicht ihrer Nichte, den. 3 Nonnenſchleier zu nehmen, in jeder Weiſe durchkreuzt und gehindert; daß ſie Donna Sol zur Univerſalerbin 4 3 ihres Vermögens eingeſetzt, war ein letzter Verſach ge⸗ i weſen, die Himmelsbraut vor dem Ablauf des Novizen⸗ 5 1 — 17 jahres mit dem Glanz irdiſcher Herrlichkeiten zu blenden, und dem himmliſchen Bräutigam zu entführen. Glor⸗ reich hatte Donna Sol der Verſuchung widerſtanden und den Fürſten dieſer Welt beſiegt. Welch' ein Text für den würdigen Vruder Franziskaner, der vor der Einſegnung der Novize eine begeiſterte und rührende Predigt hielt! Ich hatte mir einen guten Platz in der Kloſterkirche verſchafft und konnte mit Muße das junge Mädchen betrachten, das mit einer erhabenen Ruhe der Welt entſagte. Donna Sol war eine ſpaniſche Schön⸗ heit, mit dunklen, leidenſchaftlich ſchmachtenden Augen, ſchwarzen Haaren und einem feingezeichneten Munde. Ihr Ausdruck, als ſie die Formeln, die ſie auf immer von dem Leben und der Freiheit ſchieden, leiſe nach⸗ ſprach, hatte jenes Viſionäre und Weltentrückte, das Murillo zuweilen ſeinen Heiligen gegeben. So ſteht ſie vor mir, ein Weſen, das nicht mehr dieſer Erde und doch noch nicht ganz dem Himmel angehört, halb ein Engel, halb der Schatten eines Mädchens. Bis heute,“ ſchloß er ſeine Erzählung,„hat dann der Schmuck unberührt und faſt unbetrachtet in ſeinem Käſtchen gelegen; ich erſchien mir ſtets nur als ſein Bewahrer, nicht als ſein Beſitzer. Ich denke, erſt jetzt iſt er aus Donna Sol's Erbe wieder in die rechten Hände übergegangen— in die ſchönſten und beſten, Frenzel, Geheimniſſe. I. 2 die ich kenne.“ Und indem er ſich bei dieſen Worten mit einem leichten Lächeln gegen Melanie verneigte, die erröthend einen Schritt zurückwich, mußten auch die, welche ihm in dieſem Kreiſe nicht wohlwollten, ſeine tadelloſe und gefällig einnehmende Haltung an⸗ erkennen. Schweigend, mit geſpannter Aufmerkſamkeit hatten Alle zugehört und als Römer ſo geredet, der Schmuck wieder in das rothe Sammtfutteral gelegt worden war, ging er noch einmal von Hand zu Hand, wobei der Steuerrath, als er ihn prüfend betrachtete, nicht unterlaſſen konnte, mit halblauter Stimme ſeinen Werth auf mehr als zwanzigtauſend Thaler zu ſchätzen. Melanie hatte ſeine Worte vernommen und ſchrak leiſe zuſammen; eine tödtliche Bläſſe überzog ihre Züge, die alsbald einer dunkeln Röthe wich. Indeſſen hatte ſie das Etui aus den Händen des Steuerrathes zurück⸗ empfangen, gerade als der Graf, nach Lichtern klingelnd⸗ das Zeichen zum Aufbruch für die Nacht gab. Die Diener erſchienen an der Thürſchwelle und die Gäſte zogen ſich einzeln zurück. Römer reichte ſeiner Braut den Arm und geleitete ſie bis zum Ausgange, wo er artig aber flüchtig ihre Hand küßte, ihr angenehme Ruhe wünſchte und ſie dann der Begleitung des ihr voranleuchtenden Dieners überließ. ——u— — rneigte, n auch vollten, ng an⸗ ſamkei et, der gelegt Hand, achtete ſeinen ſchätzen. ſchrat e Züge en hatte zurück⸗ ngelnd, e Gäſte Braut „wo el genehme des ihr — —— ——— — ꝙ Zweites Kapitel. Herr von Blacha war Albert auf ſein Zimmer gefolgt. Er hatte den jungen Mann vor längerer Zeit in der Hauptſtadt kennen gelernt nnd ein Ge⸗ fallen an ihm gefunden, das ſich allmählig bis zur wohlwollenden Freundſchaft ſteigerte. Ueber Alberts Verlobung hatte er bedenklich das Haupt geſchüttelt, es aber doch nicht ſeiner Stellung zu ihm für ange⸗ meſſen gehalten, die geheime Mißbilligung ſeines Her⸗ zens zu lauten Worten werden zu laſſen. Am heu⸗ tigen Abend aber war es ihm geweſen, als hätte Albert in ſeinen Blicken den Wunſch ausgedrückt, ſich ihm zu nähern und ſich vertraulich vor dem entſchei⸗ denden Schritt ſeines Lebens mit ihm auszuſprechen. Wahrſcheinlich war dies eine Täuſchung Blacha's, die aus ſeiner eigenen Neigung entſprang, den innern Zuſammenhang des Verhältniſſes zwiſchen Albert und Melanie zu erfahren, das ihn mehr als ſeltſam dünkte. „Wollen Sie eine Cigarre?“ fragte Albert, als der Diener die Lichter auf dem Tiſche angezündet und ſich, da Albert ſeine ferneren Dienſte ablehnte, ſchwei⸗ gend wieder aus dem Zimmer entfernt hatte. „Sie wiſſen, lieber Albert, ich gehöre noch zum alten Geſchlecht“, entgegnete Herr von Blacha,„und bin kein Freund des Rauchens. Aber laſſen Sie ſich durch mich nicht ſtören. Ihr jungen Herren könnt ja nicht mehr gemüthlich plaudern, wenn Ihr Euch nicht vorher, wie die olympiſchen Götter, in Rauchwolken ein⸗ gehüllt habt.“ „Danke für die Erlaubniß.“ Und Albert zündete ſich eine Cigarre an, lehnte ſich in den Armſtuhl zurück, that einige Züge und fuhr mit halbgeſchloſſenen Augen fort:„Sie ſprachen von Plaudern, Herr von Blacha, worüber wollen wir plaudern?“ „Seltſame Frage für einen Verlobten drei Tage vor der Hochzeit! Zu meiner Zeit pflegte man in ſolcher Lage von nichts anderm, als von ſeiner Braut und ſeinem zukünftigen Glücke zu reden.“ „In Ihrer Zeit, Herr von Blacha! Das will ich mein Ritt nied ban Mei Rei lich ſtun ſti nern und inkte. als und hwei⸗ zum „Und ſich nt ja nicht ein⸗ lehnte fuhr von wir Tage plcher t und ill ich 21 meinen! Wenn da Ihre Gedanken die Runde um Ihr Rittergut gemacht, ſo konnten Sie ſich eben behaglich niederlegen, Sie hatten nichts mehr zu ſorgen, feſtge⸗ bannt, wie Sie es waren, auf einen kleinen Erdenfleck. Meine Gedanken aber haben heute ſchon zweimal die Reiſe nach Japan gemacht, und ich ſollte Ihnen eigent⸗ lich zürnen, denn Sie haben mich vor einer Viertel⸗ ſtunde noch ganz unnöthiger Weiſe nach Spanien ge⸗ ſchickt.“ „Aha! des Schmuckes wegen...“ „Nun ſind meine Erinnerungen“, ſagte Albert mit einem träumeriſchen Ausdruck, der ihm ſonſt nicht eigen war,„noch immer unter dem Himmel von Ma⸗ drid. Aufrichtig, es war mir nicht angenehm, daß ich die Geſchichte jenes Geſchmeides erzählen mußte.“ „Warum? Sie enthielt doch nichts, was die Zu⸗ hörer, oder beſſer geſagt, die vornehmſte Zuhörerin, Ihre Braut nämlich, hätte irgendwie verletzen, ja nur aufregen können; und auf der andern Seite, wie ver⸗ möchte dieſe wunderliche Geſchichte den klaren Verſtand meines Freundes zu trüben oder ſein Gemüth zu be⸗ ſchweren!“ „Das iſt es auch nicht, mein lieber Herr von Blacha, nichts Einzelnes, nichts Beſonderes! Mich quält es uur, daß man von dieſem Schmuck ſo viel Auf⸗ —— 22 hebens macht, ein Aufſehen, das durch meine Geſchichte natürlich noch vermehrt werden wird. Und was meine Braut betrifft— ſie ſcheint keine Freundin von Stei⸗ nen zu ſein.“ Er ſagte dies mit einem ſo gleichmüthigen Ton, als ob er von der Güte ſeiner Cigarre oder der ſchwü⸗ len Luft im Zimmer geſprochen hätte. Herr von Blacha huſtete einige Male, was für diejenigen, die ihn näher kannten, immer ein Zeichen war, daß er ſich zu einer beſonders wichtigen und ernſthaften Rede rüſtete. „Die Gräfin Melanie iſt eine junge ſchöne Dame, die— ich deute es ihr nicht übel— den Putz liebt, und wenn ſie auch den Werth der Steine nicht achten mag, ſo doch ihren Glanz und ihre Schönheit ſehr wohl zu ſchätzen weiß.“ „Freut mich! Aus der Gleichgültigkeit, mit der ſie den Schmuck betrachtete, glaubte ich annehmen zu müſſen, daß ich mich bei der Wahl des Geſchenkes arg vergriffen hätte. Solchen Mißgriff pflegen die Frauen, wie ich mir habe ſagen laſſen, ihren Männern nicht leicht zu vergeben, wie viel weniger eine Braut dem Bräutigam! Die Verſchiedenheit des Geſchmackes am Hochzeitstage ſcheint— iſt dies nun Wahrheit oder eine thörichte Einbildung von mir?— eine Verſchieden⸗ heit d voll z komm Herr Händ dachte Aber zu ge hin, blic kehrte Back ing fürch Nach darü ichte heine heit der Anſchauung für das ganze Leben verhängniß⸗ voll zu weiſſagen.“ „Da wären wir ja bei Schiller's Spruch ange⸗ kommen: D'rum prüfe, wer ſich ewig bindet“— ſagte Herr von Blacha mit Bedeutung und rieb ſich die Hände. Jetzt habe ich ihm doch deutlich genug gemacht, dachte er, welch' Geſtändniß ich von ihm erwarte! Aber Albert war nicht Willens, ſo leicht in das Netz zu gehen; er blies die Wolken ſeiner Cigarre vor ſich hin, ſtand auf, öffnete das Fenſter, ſah einen Augen⸗ blick in den mondlichterhellten Garten hinaus und kehrte dann wieder zu ſeinem Sitz zurück; Herr von Blacha hatte ſich in ſeiner Sophaecke nicht gerührt. „Eine ſchöne Beſitzung, die des Grafen Waldhelm“, fing Albert wieder an,„aber verſchuldet, und wie ich fürchte, unrettbar verſchuldet! Sie ſind ja aus der Nachbarſchaft, Herr von Blacha, was iſt Ihre Meinung darüber?“. „Fragt der Kaufmann oder der Schwiegerſohn?“ „Ein Mann fragt, der es mit dem Grafen Wald⸗ helm und noch mehr mit ſeiner Familie wohl meint.“ „Für die älteſte Tochter“, entgegnete Blacha,„iſt durch die Heirath mit Ihnen, mein werther Herr Rö⸗ mer, ausreichend geſorgt; nun ſind noch zwei jüngere Söhne vorhanden, die ſich in der Hauptſtadt der Pro⸗ 24 vinz zum Officiersexamen vorbereiten. Sie werden wohl morgen auf dem Schloſſe eintreffen. Für die jüngſte Tochter endlich wird ſich irgend eine Stelle in einem Stifte oder, des alten Adels der Familie wegen, eine Bedienſtung in dem Hoſſtaate einer Prinzeſſin finden. Das Gut wird nach dem Tode des Grafen verkauft werden und wahrſcheinlich einen Ueberſchuß über die Schulden abwerfen. Inſofern werden die Waldhelms immer noch leidlich und mit Anſtand durch das Leben kommen. Der Glanz des Hauſes iſt freilich auf immer dahin. Was wir ſehen, iſt eben nur das letzte Aufflammen der Lampe, ehe ſie auslöſcht.“ „Durchaus meine Meinung, ich werde mein Geld nicht in dies verzweifelte Unternehmen ſtecken. Mag fallen, was nicht mehr aufrecht ſtehen kann.“ Ein Schatten ging über das Geſicht des Herrn von Blacha. Ihm klang die Aeußerung des Kauf⸗ manns ſo hart, daß er ſie mit ſeiner bisherigen Kennt⸗ niß von dem Charakter deſſelben nicht wohl vereinigen konnte. Er hatte freilich noch nie in Geldgeſchäften mit ihm zu thun gehabt. Und dieſer Mann, der mit ſo herzloſer Gleichgültigkeit über den Untergang einer alten und berühmten Familie ſprach, wollte in drei Tagen die ſchöne und ſtolze Tochter deſſelben Hau⸗ ſes heimführen! Hier war ein Räthſel, das Blacha in de wußte ' Menſe plötzli als ol gute und chen, trrect ſtehen rath nicht freien zu de junge derz hat verden r die lle in vegen, zeſſin Jrafen eſchuß n die durch reilich r das GCGeld Mag Herrn Kauf⸗ Kennt⸗ zeinigen häften er mit einer in drei Hau⸗ Blacha 25 in der Einfachheit ſeines Gemüthes nicht zu löſen wußte. „Haben Sie ſchon über den freien Willen des Menſchen nachgedacht, mein lieber alter Freund?“ fing plötzlich Albert eine neue Gedankenreihe an, gleichſam als ob er gefühlt, daß ſeine letzten Worte Blacha's gute Meinung von ihm erſchüttert hätten. „Ueber den freien Willen?“ fragte Blacha gedehnt und mußte wohl ein wunderlich erſtauntes Geſicht ma⸗ chen, ſo daß Albert lachend ihm die Rechte entgegen⸗ ſtreckte und ſagte:„Am Ende übt doch das bevor⸗ ſtehende Feſt ſeinen Einfluß auf mich aus, und ich ge⸗ rathe aus einer Tollheit in die andere. Seifenblaſen, nichts als Seifenblaſen! Aber die Frage über den freien Willen des Menſchen ſteht in inniger Beziehung zu dem Schritt, den ich übermorgen thun werde.“ „Endlich!“ dachte Blacha und rief:„Muth, mein junger Freund, Muth! Oeffnen Sie Ihr verſchloſſenes Herz einem alten Manne, der Sie ſehr liebgewonnen hat und nichts ſehnlicher als Ihr Glück wünſcht.“ Albert drückte ihm die Hand.„Ich habe längſt in Ihren Mienen geleſen, daß Ihnen meine Verlobung mit der Gräfin Melanie niemals gefallen hat und das Merkwürdigſte iſt, daß ich zu Zeiten gerade ſo über die⸗ ſes Verlöbniß gedacht habe, wie der Herr von Blacha.“ 26 „Nun? Und?“ fragte der Alte. „Aber es iſt noch viel eigenthümlicher, daß Sie ſelbſt vermuthlich nicht anders gehandelt hätten, als ich, wenn Sie ſich in meiner Lage befunden. Im vergan⸗ genen Sommer lebte der Graf Waldhelm mit ſeiner Tochter längere Zeit in dem Badeorte, in dem auch ich mich aufhielt. Ich nicht ausſchließlich einer Kur wegen, ſondern als ein echter Kaufmann mit dem Plan be⸗ ſchäftigt, ein in der Nähe jenes Bades gelegenes Eiſen⸗ werk zu kaufen. Ab und zu auf Spaziergängen be⸗ gegnete ich dem Grafen. Er war mir nicht ganz un⸗ bekannt; ich hatte im Gegentheil einmal mit ihm in einer gemiſchten Kommiſſion des Landtags, zu der er vom Herrenhauſe, ich von den Abgeordneten, deputirt war, geſeſſen. Wir waren damals oft hart an einan⸗ der gerathen, ſahen uns aber jetzt, auch unter weſent⸗ lich andern politiſchen Verhältniſſen, auf neutralem Boden wieder und ſchüttelten uns, halbwegs als gute Bekannte, halbwegs als ehrliche Feinde, die Hand. Es konnte nicht anders ſein, als daß ein und ein an— deres Mal eine Parthie gemacht wurde, bei der die Gräfin Melanie ſelbſtverſtändlich die Hauptrolle ſpielte. Wie ſoll ich Ihnen meine Empfindungen für dies eigen⸗ thümliche Mädchen ſchildern! Ihre Schönheit, ihr an⸗ muthiger Geiſt, ihre Lebendigkeit müſſen jeden Mann anziehen nicht au Blacha, trotz. 2 bin es oft mit tiſchen) auf Eiſ Verhält können. Dichter kampfe mnuß n ſchnitzt einer ich wei in dem werden lichen; der Gr nnich a bejer, fühl, einen Manne ß Sie 1s ich, ergan⸗ ſeiner ih ich vegen, un be⸗ Eiſen⸗ en be⸗ z un⸗ jm in der er eputirt einan⸗ jeſent⸗ ralem gute Hand. in an⸗ eer die pielte. eigen⸗ or an⸗ Mann 27 anziehen; ſie verfehlten ihre zauberiſche Wirkung auch nicht auf mich. Aber zugleich, mein lieber Herr von Blacha, ſchlägt in mir eine ſtarke Ader von Plebejer⸗ trotz. Mein Vater war der Sohn ſeiner Arbeit, ich bin es auch, und inſofern mußte mein Selbſtgefühl oft mit dem ariſtokratiſchen Stolz und den ariſtokra⸗ tiſchen Neigungen des Fräuleins zuſammenſtoßen, Eiſen auf Eiſen. In alle dem lag noch nichts, was das Verhältniß zwiſchen uns ſchickſalsvoll hätte verwickeln können. Noch war mir die Rückkehr unverwehrt. Den Dichtern nach geht der Beſiegte aus ſolchem Liebes⸗ kampfe immer nur mit einem gebrochenen Herzen. Ich muß wohl von derberem oder ſchlechterem Holze ge⸗ ſchnitzt ſein, ich hoffte ſelbſt im ſchlimmſten Falle mit einer Narbe davonzukommen. Da tauchte plötzlich, ich weiß nicht von welcher Seite es kam, das Gerücht in dem Badeorte auf, ich würde mit Nächſtem geadelt werden. War es nun eine Täuſchung meines bürger⸗ lichen Argwohnes, war es Wirklichkeit, ich fand, daß der Graf Waldhelm ſeitdem einen andern Ton gegen mich annahm. Unmerklich, aber doch anders; wir Ple⸗ bejer, Herr von Blacha, haben dafür ein ſo feines Ge— fühl, wie nur je ein Ariſtokrat von ſechszehn Ahnen einem neu geadelten gegenüber. Ich rede zu einem Manne, dem ich vertraue, ganz ohne Rückhalt vertraue, 28 ſonſt würde ich über das Folgende ſchweigen. Zu der⸗ ſelben Zeit nämlich ſah ich die Stirn des Grafen öfters mit ſchweren Wolken bedeckt. Häßliche Wolken, deren Schrift der Kaufmann nur zu bald enträthſelt hatte! Haben Sie vorhin gehört, wie der Graf, meiner Mei⸗ nung nach ziemlich unbedacht, die Ehrlichkeit und Brav⸗ heit des jüdiſchen Kaufmanns Samuelſohn hervorhob? Das iſt einer der gefährlichſten Wucherer, in deſſen Händen ſich damals der Graf befand, und dem er, wie ich fürchte, trotz all' meiner Bitten und Warnungen noch nicht entronnen iſt. Ich hege keine moraliſchen Vorurtheile irgend welcher Art gegen dieſen Mann, ich würde ihm nicht einmal laute Vorwürfe ſeiner Handlungsweiſe wegen machen. Im kaufmänniſchen Getriebe geht es nicht immer mit vollkommener Ehr⸗ lichkeit und Redlichkeit ab, die Habſucht iſt eben ſtärker als der moraliſche Grundſatz, und wir lernen eine ge⸗ wiſſe Duldung gegen Dinge und Geſchäfte, die man von einem andern Standpunkt aus verwerflich finden würde. Alle Welt will verdienen, ſo auch dieſer Sa⸗ muelſohn, und es iſt nur die Schuld des Grafen, wenn er ſich ſo viele Jahre lang von dieſem Manne aus⸗ beuten ließ.“ „Oder vielmehr ausbeuten laſſen mußte“, fiel Herr von Blacha ein.„Der Graf iſt ein Ehrenmann, aber Ueberl koſtſpi ſchöne Stellu großen einem ſelbſt Stirn es ein hervo Patex in d den. Grun durch fähig den Aber ökon den! vate ſchor — aber an Sparſamkeit, ſelbſt nur an Erwägung und Ueberlegung in Geldſachen nicht gewöhnt. Er hat koſtſpielige Neigungen, ſeine Sammlungen haben ein ſchönes Geld verſchlungen. Seinem Namen und ſeiner Stellung glaubt er es ſchuldig zu ſein, überall als ein großer Herr aufzutreten und niemals den Thaler von einem Groſchen zu unterſcheiden.“ „Das Alles, mein werther Freund, hatte ich mir ſelbſt geſagt, als ich jene häßlichen Wolken auf der Stirn des Grafen erblickte. Ich begreife, wie ſchwer es einem Edelmann wird, aus der glänzenden und hervorragenden Stellung, die er oder doch noch ſein Vater eingenommen hat, allmählig zurückzutreten und in der großen dunklen Maſſe der Leute zu verſchwin⸗ den. Und doch iſt dieſer Rückgang ein nothwendiger. Grund und Boden verlieren immer mehr, ich will durchaus nicht ſagen, ihren Werth, aber an Ertrags⸗ fähigkeit; was ſie einbringen, reicht nicht mehr hin, den geſteigerten Anſprüchen der Beſitzer zu genügen. Aber wohin verirre ich mich! Das iſt eine national⸗ ökonomiſche Betrachtung, die auf Sie, den wohlhaben⸗ den und mäßigen Herrn von Blacha, ſo gar nicht zutrifft.“ „Deſto mehr auf Ihren zukünftigen Schwieger⸗ vater“, ſchaltete der alte Herr ein,„und ich ahne nun ſchon, wie Alles gekommen.“ „Sie erſparen mir dadurch eine peinliche Erzäh⸗ lung. Ja, es kam, wie Sie ahnen. Am Rande des Abgrundes, in einer Kriſis, die er nicht mehr aufhal⸗ ten konnte, vertraute ſich mir der Graf an. Er glich einem Verzweifelten, oder, wenn ich Ihnen meine da⸗ malige Stimmung aufrichtiger bezeichnen ſoll, er ſpielte vor mir den Spieler, der Alles verloren, dem Nichts übrig bleibt, als ſich eine Kugel durch den Kopf zu jagen und ſeine Familie in Noth, Elend und Schande zurückzulaſſen.“ „Und Sie halfen ihm?“ „Ich will Ihnen Nichts vorlügen, Ihnen im Ge— gentheil mein Herz ſo offen darlegen, als es mir jetzt, wo jene entſcheidenden Tage doch ſchon eine geraume Zeit hinter mir liegen, noch möglich iſt. Kein Zweifel, daß ich dem Grafen Waldhelm eine gewiſſe Summe ſelbſt ohne genügende Sicherſtellung vorgeſchoſſen hätte. Auch wir Kaufleute ſind manchmal in der Lage, über⸗ großmüthig ſein und das Geld aus dem Fenſter wer⸗ fen zu müſſen. Wir gelten als Eindringlinge in die vornehme Geſellſchaft und müſſen uns mit den Waffen dort behaupten, die uns den Eingang verſchaffen, mit Geld und wieder Geld! Die Summe aber, die der Graf brauchte, um ſeinen damaligen Verbindlichkeiten zu genügen und dieſes Beſitzthum vor der Subhaſtation — zu wer iſt ſte noch trot nig Erſ han ſein und ielte ichts f zu ande Ge⸗ jetzt, aume eifel, mme gätte. über⸗ wer⸗ die zaffen mit e der keiten ation — —— —ͤͤͤ —— 31 wenn nicht Melanie ſeine Tochter geweſen wäre. Das iſt ein Bekenntniß, ſo aufrichtig, wie ſie es nur wün⸗ ſchen können. Die Sache aber verwickelt ſich dadurch noch mehr, daß entweder der Graf oder das Mädchen, trotz meiner Zurückhaltung, eine ſich in tauſend Klei⸗ nigkeiten verrathende Liebe bei mir entdeckt hatten. Erſt ſpäter fiel mir auf, daß der Graf in ſeinen Ver⸗ handlungen mit mir beſtändig auf die unſichere Lage ſeiner Tochter zurückkam und ihretwegen eine Sorge und eine Aengſtlichkeit zeigte, die mir denn doch, wenn ich die Angelegenheit mit gewohnter Kühle und Geſchäftsruhe betrachtet hätte, mehr als übertrieben er⸗ ſchienen wäre. Eine Gräfin Waldhelm, ſchön und jung wie Melanie, braucht für ihr Fortkommen in der Welt nicht zu ſorgen; ſie würde in jedem Hofſtaat eine Stelle gefunden haben. Aber, Herr von Blacha, das ſind Nachgedanken, Nachgedanken! Damals hörte 98 yg ich in Allem, was der Graf ſagte, nur den liebenden zärtlichen Vater, ſah nur, wie von goldenen Wolken umwallt, in der Ferne die ſchlanke reizende Geſtalt des holden Mädchens. Eine Thorheit, die ich vielleicht hart genug büßen werde!“ Er hatte die letzten Worte mit einem ſo bittern Ton geſprochen, daß Blacha leiſe zuſammenfuhr und zu ſchützen, würde ich niemals daran gewagt haben, fragte:„Was haben Sie nur? Der Graf iſt doch der⸗ ſelbe geblieben wie früher, und ich meine, das Mäd⸗ chen auch!“ Albert warf ſeine Cigarre zum Fenſter hinaus, zog die Uhr und meinte:„Es iſt Schlafenszeit, mein lieber Herr von Blacha. Ich habe Sie über Gebühr aufgehalten. Es ſteht uns Allen morgen ein beſchwer⸗ licher Tag bevor.“ „Haha“, lachte der Andere,„auf dieſe Weiſe wer⸗ den Sie mich nicht los. Ich habe nun erfahren, wie Ihr Verlöbniß zu Stande kam. Denn was Sie ver⸗ ſchwiegen, läßt ſich leicht ergänzen. Man brauchte Ihr Geld, man merkte, daß Sie die Tochter liebten, man ſetzte ſich in dem Drang des Augenblickes über gewiſſe Standesvorurtheile hinweg, halb zog ſie ihn, halb ſank er hin“— Der Alte wollte damit einen gutmüthigen Witz machen und dem Geſpräch, das immer ernſthafter zu werden drohte, noch zuletzt eine ſcherzhafte Färbung geben, aber Albert faßte die Sache tragiſcher auf und entgegnete:„Und ward nicht mehr geſehen“, ſchließt das Goethe'ſche Gedicht. Ich will nicht hoffen, daß dies eine Vorbedeutung für mich iſt. Von einer glück⸗ lichen Brautzeit, wie ſie die Dichter ſchildern, konnte in unſerem Falle nicht die Rede ſein, darauf hatte ich er⸗ nan viſſe jank Witz r zu ung und ließt daß lück⸗ unte eich — Das klingt lächerlich, aber Sie empfinden die Wahr⸗ rakter die Meinung Alberts theilen. Seine ſchlimmſten von vornherein verzichtet. Der Stolz Melanie's wäre in ſo kurzer Zeit nicht zu beugen und mit dem Schick⸗ ſal zu verſöhnen geweſen. Indeſſen, wenn man liebt, iſt man zu Selbſttäuſchungen nur zu geneigt. Die Kraft der Liebe, die wir in uns fühlen, betrügt uns mit Hoffnungen, als könne ſie, wie einſt die Kraft des Glaubens, Berge verſetzen. Die Achtung, Anhäng⸗ lichkeit und Neigung, die ich ihr zu beweiſen gedachte, die Ueberzeugung, daß ſie gegen meine Perſönlichkeit nichts Sonderliches einwenden könnte, ein leiſes Ge⸗ fühl der Dankbarkeit, die ſie mir ſchuldete, würden all⸗ mählig, ſo war mein Wahn, ihr kaltes Herz mit mil⸗ dem Feuer erwärmen. Bis zum heutigen Tage iſt dieſer erſte Sonnenſtrahl der Liebe freilich noch nicht auf ihrem Angeſicht oder in ihrem Herzen erſchienen, und ich werde eine Braut von Eis zum Altar führen. heit, die darin ſteckt.“ Herr von Blacha rieb ſich verlegen die Hände. 1 Er mußte nach ſeiner Kenntniß von Melanie's Cha⸗ Vorausſetzungen hinſichtlich dieſer Verbindung waren 1 durch die Geſtändniſſe des jungen Mannes nicht nur erfüllt, ſondern überboten worden. Ihm erſchien das Benehmen des Grafen Waldhelm, dieſe Hingabe ſeiner Frenzel, Geheimniſſe. I. 3 34 Tochter an einen Mann, den ſie nicht liebte, ja, dem ſie nach der ganzen Lage der Dinge mit Kälte und Abneigung entgegentreten mußte, im ungünſtigſten Licht. Im Geiſt verglich der alte Herr, der grade, weil er den andern Ständen ihr Recht und ihre Chre ließ, eine hohe Meinung von adeliger Sitte und Tugend hatte, die Handlungsweiſe Waldhelm's mit der jener aſiatiſchen Häuptlinge, welche ihre Töchter gegen Waffen, Roſſe oder Heerden zu verkaufen pflegen. Gern hätte er ſeinem zornig aufwallenden Herzen Luft gemacht, aber er begriff, daß er damit nur Albert's Schmerz verbittern und die Spannung des Verhältniſſes ver⸗ mehren würde. „Mein lieber junger Freund“, ſagte er darum, „es regnet nicht immer den ganzen Tag, wenn mit Sonnenaufgang einige Tropfen fallen. Bisher war Ihr Verhältniß zu Melanie ein Nebelmorgen, mit dem Beginn Ihrer Ehe können, nein— werden die Nebel niedergehen und die Sonne ſiegreich am Himmel leuch⸗ ten. Sie müſſen die junge Gräfin nicht zu hart beur⸗ theilen. In andern Anſchauungen aufgewachſen, bis zu dem Unglück ihres Vaters von andern, ſtolzern Hoffnungen erfüllt, empfindet ſie in dem Schickſal, das ihr nun geworden, etwas wie einen Sturz von einer großen Höhe in eine unermeßliche Tiefe. Wir Männer ———————.—— — 4 4 — — — ——. kommen über ſolche Dinge durch die Arbeit und den Drang des Lebens leichter hinweg, als die Frauen, die ſich mehr ihren Träumen überlaſſen können. Ihre lebhaftere Phantaſie malt ſich dann immer ſolchen Schickſalswechſel wie eine Verwandlung des gan⸗ zen Daſeins aus, ſelbſt die glücklichſten Bräute weinen. Wenn aber Melanie ſchließlich findet, daß es ſich in Ihrem Hauſe ebenſo leben läßt, wie in dieſem Schloſſe, daß all' ihre Wünſche ſich dort noch leichter erfüllen, als hier, ſo wird mit dem Schwinden ihrer Sorge auch ihre abnehmende Kühle ſich mindern und unmerk⸗ lich in herzliche Freundſchaft verwandeln.“ „Freundſchaft!?“ antwortete Albert.„Sie ſelbſt halten das für einen ſchlechten Troſt, aber ich trage die Schuld, ich ganz allein! Warum iſt ein Liebender immer auch ein eitler Narr? Wie konnte ich nur je⸗ mals einen Augenblick glauben, daß ſie mich lieben würde? Ich bin ihr gleichgültig, unausſprechlich gleich⸗ gültig! Wenn ich Herr meines Willens wäre, ſagte ich noch morgen: nein! und reiſte ab.“ „Um des Himmels willen!“ „Beſorgen Sie Nichts, ich thue es nicht, ich könnte es nicht einmal thun, mein Wille iſt gefeſſelt, wie durch einen geheimen magnetiſchen Strom. Uebt Melanie dieſen Zauber, oder iſt es der Trotz in mir, der ein 25 3* Weib nicht aufgeben will, das er mit ſo gewaltigen Opfern, unter ſo ſchweren Kämpfen ſeines Herzens, mit Darangabe ſeiner beſſeren Ueberzeugung halb er⸗ rungen?!“ 3 Herr von Blacha ſaß da, den Kopf auf ſeine Hände geſtützt und murmelte zwiſchen den Zähnen: „Eine verteufelte Geſchichte; wie leid mir der arme Junge thut!“ Eine Weile herrſchte tiefes Schweigen im Gemach. Im Nachtwinde, der durch das offene Fenſter herein⸗ ſtrich, flackerten die Flammen der Kerzen. „Geben Sie ſich keine Mühe, einen Ausweg aus dieſem Irrſal zu finden“, fing Albert wieder an,„denn dieſes Irrſal liegt ebenſowohl in unſern Herzen, als in der Außenwelt. Im Uebrigen, was iſt es auch, eine unglückliche Ehe mehr in der Welt, Herr von Blacha, darum fällt kein Blatt mehr von den Bäumen, kein einziges. Vielleicht iſt es mein Loos, ein reicher Mann zu werden, nichts weiter. Reich, hart und frei, das iſt auch etwas in dieſer jämmerlichen Welt. Man wird nicht geliebt, aber man wird gefürchtet und kann Dinge und Menſchen unſagbar verachten, unſag⸗ bar, mein Freund! Glauben Sie nicht auch, daß nach der Liebe die Weltverachtung das erhabenſte Ge⸗ fühl iſt?“ „Sie ſind bitter, Albert, und gefallen mir ſo gar nicht. Sie zwingen ſich in eine Stimmung hinein, in der nothwendig dieſes trübſelige Verhältniß Ihnen noch unheimlicher erſcheinen muß. Am Ende— wenn wir Alles noch einmal überlegten, wenn wir einen Ausweg entdeckten— und wäre es ſelbſt eine Trennung, eine Auflöſung der Verlobung... ich hätte ſo meine Ge⸗ danken.“ „Nein! Ich werde nicht zurücktreten, ich werde es mit ihr wagen.“ Der Ton ſeiner Stimme litt keine Entgegnung. „Und was wird das tragiſche Ende ſein?“ „Nicht Desdemona's Tod“, und er ſchloß das Fenſter.„Iſt es am dritten Tage nach unſerer Hoch⸗ zeit mir zu ſchwül im Hauſe geworden, reiſe ich mit Ihnen nach Paris. Das iſt Alles.“ Und er fing an herzlich zu lachen, ſchüttelte Blacha die Hände, rief:„Gute Nacht!“ und wußte ihn dabei ſo geſchickt, daß es dem alten Herrn vorkam, als geſchähe es ihm wie im Traum, aus der Thüre hinaus⸗ zuſchieben. Herr von Blacha befand ſich in der wunderlichſten Stimmung, nachdem er Alberts Gemach verlaſſen hatte. Langſamen Schrittes ging er den Corridor des Schloſ⸗ ſes entlang, um die am Ende deſſelben befindliche S————— 3——— — ——— ———— — ———— Treppe, welche zu ſeinem Zimmer hinaufführte, zu er⸗ reichen. Wie viele Ehen ſind unglücklich geworden, obgleich ſie aus Neigung und unter den günſtigſten Verhältniſſen geſchloſſen wurden! Warum kann hier nicht das Gegentheil eintreten? Hier haben die Stürme vor der Hochzeit getobt, mit der Trauung wird die Windſtille und nachher blauer Himmel und goldener Sonnenſchein kommen! dachte Herr von Blacha. Dann verdrängten wieder trübere Bilder die heitern, und die Ungleichheit der Charaktere der beiden Verlobten er— ſchien ihm ſo groß und ſo feindlich, daß aus ihrem Zuſammenſtoß nur ein tragiſches Schickſal hervorgehen könnte. So ſinnend und nachdenkend, war er, vielleicht ohne es ſelbſt zu merken, an eines der Corridorfenſter getreten, die einen freien Blick auf die zunächſt liegen⸗ den Gartenparthieen und die fernern Baumgruppen und Raſenflächen gewährten. Hell und mondbeleuchtet lag der Haupttheil des alterthümlichen Schloſſes ihm gegenüber, deutlich konnte er die Umriſſe des über dem Portale befindlichen ſteinernen Wappens mit der Gra⸗ fenkrone darüber unterſcheiden, welches die Tochter des ſtolzen Hauſes in wenigen Tagen aufgeben ſollte. Darüber verlor ſich ſein Blick in den dunklen Baum⸗ gruppen und Bosquets des Parkes, die von dem ter⸗ raſſenartig beim Hauſe abſteigenden Raſenplatz nur ——— —— ———— 39 durch einen breiten Kiesweg getrennt waren. Kein Laut regte ſich in der lauen Frühlingsnacht, Alles ſtill im Garten und Schloß, alle Lichter erloſchen bis auf die Strahlen der ewigen Geſtirne. Ermüdet von lan⸗ gem Wachen und Nachdenken über die Verhältniſſe, die ihn als Freund Albert Römer's und langjährigen Bekannten des Grafen Waldhelm aufs Tiefſte berühr⸗ ten, wollte Blacha eben vom Fenſter zurücktreten, als er auf dem Kieswege jenſeit der Raſenfläche deutlich den ſchattenhaften Umriß eines Mannes erblickte, der ſtillſtehend ſich vorſichtig umzuſehen und darauf nach der Seite zu wenden ſchien. Erſtaunt trat Blacha dem Fenſter wieder näher und gewahrte einen zweiten Schat⸗ ten, deſſen Umriſſe er aber wegen des Gebüſches, hinter dem er ſich verbarg, nicht genau zu erkennen vermochte. Wer waren dieſe beiden Schatten dort in der Mitter⸗ nachtsſtunde? Was trieben, was bezweckten ſie? Waren es Wirklichkeiten oder ſpielte ihm nur ſeine Phantaſie einen närriſchen Streich? Er rieb ſich den Schlaf aus den Augen. Noch immer waren die Schatten ſichtbar, der eine deutlich, ſo daß er genau eine große ſchlanke Männerfigur in einer Art grauen Ueberwurfs unter⸗ ſcheiden konnte, der andere halb durch das Geſträuch verborgen. Leiſe wollte er das Fenſter öffnen, um beſſer ſehen und vielleicht ein halb laut geflüſtertes 40 Wort vernehmen zu können. Aber das Fenſter wider⸗ ſtand ſeinen Bemühungen; es mochte lange nicht ge⸗ öffnet und der Riegel eingeroſtet ſein. Endlich ſprang es mit einem lauten Geräuſch auf, das weit durch die ſtille Nacht tönte, und ſogleich waren die Schatten mit einer faſt geiſterhaften Schnelligkeit verſchwunden. Ueber das Geräuſch erſchrocken, kopfſchüttelnd, ſtand Herr von Blacha am offenen Fenſter, regungslos in die Nacht blickend. Ihm, dem ehemaligen alten Soldaten, deſſen Bruſt das eiſerne Kreuz zierte, war Furcht un⸗ bekannt. Dennoch vermochte er ein unheimliches Ge⸗ fühl nicht ganz zu unterdrücken. An eine Wiederkehr der Schatten war nicht zu denken, der Baumgang hin⸗ ter dem Raſenplatz ſchützte ſie vor ſeinen ſpähenden Blicken. Sie aufzuſuchen, wäre eine Thorheit geweſen, lange bevor er in den Garten hinabgekommen, hätten ſie Zeit zur Flucht gehabt. Und am Ende was küm⸗ merte es ihn? Vielleicht war es ein Liebespaar aus der Dienerſchaft. Warum ſie ſtören?„O die Liebe, die Weiber!“ brummte Blacha und ſtieg die Treppe hinauf. Er fühlte eine unendliche Befriedigung in ſeinem Jung⸗ geſellenthum. — ger Drittes Kapitel. hr f⸗„Warum fliehſt Du?“ ſagte in dem Augenblick, en wo oben im Corridor Herr von Blacha das Fenſter en, geöffnet hatte, unten im Garten Hans von Hochberg. en Aber er erhielt von dem Mädchen, mit dem er — ſprach, keine Antwort; ſie flüchtete nur weiter in den 1 Baumgang hinein, der mit ſeinem ſchützenden Dunkel die ſſiee vor dem Auge jedes Lauſchers verbergen mußte. uf„Unnöthige Sorge!“ rief Hans, ihr nacheilend. g⸗„Hörteſt Du nicht ein Fenſter klirren? „Der Wind oder irgend ein Narr wird es auf⸗ geriſſen haben.“ „Und wenn er Dich oder mich erkannt hätte?“ „Um ſo beſſer,“ meinte trotzig Hans,„dann wäre 42 dies nie drige Verſteckſpiel auf einmal zu Ende, und ein großer Schlag würde Dich befreien!“ „Unſinniger, was wollteſt Du thun?“ „Was ich am Tage nach Deiner Verlobung hätte thun ſollen: mich mit Deinem Verlobten ſchlagen.“ „Er würde auch einen Zweikampf mit Dir an⸗ genommen haben!“ entgegnete ſie mit einem Ton bit⸗ terer Verachtung;„er iſt kein Edelmann!“ „Du,“ ſagte Hans,„ich fürchte, Du haſt Dich ſchwer in ihm verrechnet. Ohne Zögern würde er es mit mir gewagt haben, er iſt viel ſtolzer und muthiger, als Du denkſt, und wenn Du den Plan Deines künf⸗ tigen Lebens mit ihm auf ſeine Unterwürfigkeit und Nachgiebigkeit gegen Dich gegründet haſt, wirſt Du ſchlimme Erfahrungen machen, arme Melanie, ſchlimme Erfahrungen!“ „Das wußte ich nicht, daß Du in die Fußſtapfen Blacha's trittſt und dieſes Herrn Römer Lobredner wirſt.“ „Ich bin Richt ſein Lobredner, ich bin ſein Tod⸗ feind, und wäre die Sache ehrlich abgemacht worden, läge er oder ich ſchon ſeit ſechs Monaten unter ſechs Fuß Erde, und Alles wäre gut. Du aber und Dein Vater, ihr habt kein offenes Spiel getrieben, weder mit ihm noch mit mir!“ „Du wagſt viel auf unſere alte Freundſchaft,“ untert ſo pl hatte verſte Röme gegen er iſt hat u mir verzw kam, belvuf pfind halm Rett Thrä nein habt, diesn Alles unterbrach ſie ihn heftig.„Ueber mich iſt dies Alles ſo plötzlich, wie ein Erdbeben, hereingebrochen. Ich hatte keine Ahnung von der Lage meines Vaters, ich verſtehe ſeine Geldgeſchäfte nicht. So lange ſich Herr Römer in beſcheidenen Schranken hielt, hatte ich nichts gegen ihn einzuwenden. Er war öfters unſer Gaſt, er iſt ein feiner, gebildeter Mann, der viel geſehen hat und angenehm zu ſprechen weiß. Was wirfſt Du mir alſo vor? Als dann eines Tages mein Vater mit verzweiflungsvoller Miene in mein Gemach geſtürzt kam, mir ſeine entſetzliche Lage ſchilderte, griff ich halb bewußtlos, in der Sturmfluth wiiderſtreitender Em⸗ pfindungen, wie eine Ertrinkende nach dem erſten Stroh⸗ halm, der ſich mir darbot, den er mir als ſichere Rettung zeigte. Wenn Du wüßteſt, welche Reue, welche Thränen, wie viel qualvolle Tage und Nächte mir mein unbeſonnenes Jawort ſeitdem gekoſtet hat!“ „Ja wohl, es iſt Alles gut, was Ihr gethan habt,“ rief er trotzig.„Ihr habt wie immer ſo auch diesmal das Rechte gewählt! Nun iſt eben doch Alles ganz anders gekommen, als Ihr es vorbedacht hattet... „Ja, anders, aber durch Dein Ungeſtüm und Deine Wildheit. Habe ich Dir nicht geſchrieben, geſagt, Dich beſchworen: Du ſollteſt Dich in Entſagung faſſen, wie ————— ich, und vergeſſen, daß wir uns einſt für immer an⸗ zugehören hoffen durften?“ „Träume doch vom Himmel und vergiß ihn dann,“ lachte er ſchmerzlich und ſpöttiſch zugleich.„Weisheits⸗ lehren für Weiber und Thoren, nicht für Männer! Und ich bin auch Einer, der ſo leicht aufgibt, was er einmal beſeſſen!“ „Und Du wirſt es doch müſſen, guter Hans,“ und die heftige Regung, die ſie bis jetzt beſeelt, löſte ſich in ein unterdrücktes Thränenſchluchzen auf.„Es muß ſo ſein, ich kann nicht mehr zurück, und ſelbſt wenn ich wollte, würde weder mein Vater noch Herr Römer mich meines Wortes entbinden.“ „Wenn Dein Bräutigam todt iſt, biſt Du frei.“ „Und mein Vater iſt entehrt, ein Bankerottirer und vielleicht noch Schlimmeres. Das wäre die Folge einer ſo unſinnigen That.“ Sie ſtand an einen Baum gelehnt und blickte ſtarr vor ſich nieder. Der Mond, der immer höher den dunklen Himmel hinaufſtieg, warf ſein Licht ge⸗ rade auf den Fleck zu ihren Füßen. Es ſchimmerte wie von mattem Golde. Der Glanz mochte ihre Augen blenden und wunderliche Gedanken in ihr erwecken. „Wenn wir reich wären,“ brach ſie aus... ſie vollendete nicht; formlos und dunkel ſtieg vor ihrem iſ war u ſein. euerl in ne er ſein hre Chrät die L en offent Geſpr glitte brau ſeine abwe wie zu w Noch Tag Eine Ital nicht 45 E u Geiſt etwas Namenloſes und Schreckliches auf. Hans war unruhig unter den Bäumen auf⸗ und niedergegangen, ann, ſein Kopf glühte fieberhaft, ein Plan, immer aben⸗ ieiie teuerlicher als der andere, wurde von ihm gefaßt und ünner im nächſten Augenblick wieder verworfen. Jetzt wandte Aun er ſein Geſicht mit troſtloſem Ausdruck dem ihrigen zu. Ihre ſchlanke Geſtalt war vom Mondlicht umfloſſen. ud, Thränen glänzten an ihren dunklen Wimpern, aber lſte ddie Lippen hielt ſie feſt auf einander gedrückt, als ſollte E. kein Laut die Angſt und den Schmerz ihrer Seele ſebt offenbaren. In der leidenſchaftlichen Erregung des Herr Geſpräches war ihr die Kapuze von der Stirn ge⸗ glitten, und der Nachtwind ſpielte mit ihren aufgelöſten fri braunen Locken. ottirer„Was Du ſchön biſt,“ ſagte er und wollte ſie in Folge ſeine Arme ſchließen. Sie aber wich zurück und erhob abwehrend ihre weiße Hand. blicke„Warum von einander gehen,“ rief er plötzlich, 1 höher wie von einem Gedankenblitz durchzuckt,„da wir nur bt ge⸗ zu wollen brauchen, um vereint und glücklich zu ſein? umerte Noch biſt Du nicht ſein Weib. Wir haben noch einen Augen Tag vor uns. Was iſt in unſerer Zeit ein Tag? en. Eine halbe Ewigkeit! Wir entfliehen weit, weit, nach ſie Italien, wenn es ſein muß, nach Amerika. Biſt Du ihrem nicht reich?“ 46 Sie ſah ihn mit großen Augen an, und ihre * Wangen wurden dunkelroth. ſie i „Welch' ein abſcheulicher Gedanke,“ rief ſie,„iſt ds in Dir aufgeſtiegen?“ falln „Wenigſtens haſt Du mich verſtanden! Mit Deinenn ber ¹— 1 Schmuck könnten wir weit weg von dieſem Unglücksorte entfliehen! Im Krieg und in der Liebe iſt Alles erlaubt!“ u d „Du biſt wahnſinnig!“ ſagte ſie.„Willſt Du mich nich — zur Diebin machen?“ imm Dies Wort erſchreckte den jungen Mann ſo, daß er ſich vor die Stirne ſchlug und ſich ihr dann zu 8chr Füßen warf. en, „Vergib mir, ich bin ein Raſender, Du haſt Recht! ſein Aber Dich verlieren müſſen, wen brächte dieſe Pein u 1 nicht um ſeinen Verſtand? Es iſt Alles aus, Alles! Ich Das Beſte iſt, ⸗ich ſchieße mir eine Kugel durch den neir Kopf, dann biſt Du wenigſtens von Deiner Vergangen⸗ der heit befreit und kannſt verſuchen, ein neues Leben an⸗ einn zufangen.“ drei 1A„Hans, Hans!“ bat ſie. 1 or „Was iſt mir das Leben werth? Dich hab' ich ich 1 verloren, ich bin bettelarm. In wenigen Tagen werden meine Gläubiger kommen, ihr Geld zu fordern, und nac 8 18 ich? Ja, eine Kugel, das iſt das billigſte und ſicherſte ſie Mittel, mir für immer zu helfen!“ hin ihre „„iſt inem Sorte ubt!“ mich verden „und cerſte „Wir erliegen einem Verhängniß, Vetter!“ ſagte ſie in ſchmerzlicher Faſſung;„das Geld und immer das Geld! Unſere Schlöſſer ſind in ſeine Gewalt ge⸗ fallen, wir fallen ihnen nach, das Geld triumphirt über Adel und Ehre!“ „Und ich trag's doch nicht, Dich in ſeinen Armen zu wiſſen. In mir iſt etwas Gefährliches, das ſie nicht reizen ſollen; wer ſein Leben nicht achtet, iſt immer Herr über das der Anderen!“ „Hans,“ und ſie legte ihm ihre Hand auf die Schulter und ſah ihm mit rührender Bitte in die Au⸗ gen,„Du wirſt ruhiger werden, wir wollen größer ſein, als dieſer Krämer, der mich mit ſeinem Gelde zu erkaufen wähnt. Der Thor, läßt ſich Liebe kaufen? Ich bringe meinem Vater das größte Opfer, indem ich meine Hand in die des Verhaßten lege, aber mein Herz verſchenke ich nicht. Leb' wohl. Ich habe noch einmal mit Dir ſprechen wollen, und ſo ergib Dich drein. Verwirre durch Deine Trauer und Deinen Zorn meine Seele nicht, Du haſt die Zukunft vor Dir, ich habe die Erinnerung, das laß uns genügen.“ Ehe er eine Antwort ſtammeln konnte, war ſie nach der Seite des Schloſſes zu entſchwunden. Er ſah ſie die Stufen zur Terraſſe hinaufſteigen und dort hinter einer Glasthür verſchwinden. Ihm war es, 48 als ſchwebe ſie ſo leicht wie eine Feenerſcheinung da⸗ hin; er preßte die Hände an die Schläfen: war es ein Traum, der ihn getäuſcht? Noch einmal blickte er um ſich, es war Alles ſtill und einſam, klar ſtand der Mond über den Bäumen. Die Schloßuhr ſchlug die erſte Stunde, ſchärfer und kühler wehte der Wind. Er wußte nicht, woher es kam, aber er empfand ein eiſiges Fröſteln, das durch alle ſeine Glieder ſchlich.„Und es wird doch nicht gut,“ murmelte er und ging auf eine Seitenthür des ihm in allen ſeinen Theilen wohl⸗ bekannten Schloſſes zu. Hans und Melanie waren beinahe ſeit ihrer Kind⸗ heit zuſammen aufgewachſen. Er hatte früh ſeine Eltern verloren und in dem Hauſe ſeines Oheims freundliche Aufnahme und ſeine erſte Erziehung er⸗ halten. So hatte ſich zwiſchen den beiden faſt gleich alten Kindern eine gegenſeitige Freundſchaft und Zärt⸗ lichkeit entwickelt, welche im Verlauf der Jahre, als Hans in die Armee getreten, und da⸗ und dorthin in Garniſonen umhergeworfen war, gerade durch Ent⸗ fernung an Stärke und leidenſchaftlichem Feuer gewann. Wie wild auch das Treiben des jungen Offiziers in den Kreiſen ſeiner Genoſſen ſein mochte, ſeine ſchöne Verwandte ſchwebte ihm in allen Irrungen und Trübungen als ein lichtes Idealbild, als ſein Schutzengel vor, ——y — — Ar es kte er d der g die - Er iſiges „Und auf wohl⸗ Rind⸗ ſeine heims er⸗ gleich gärt⸗ als n in Ent⸗ vann. s in chöne ungen vor, ——-—— zu dem er voll Verehrung und Entzücken emporſah, aus deſſen Augen gleichſam die Kraft auf ihn nieder⸗ ſtrömte, ſich, wenn er gefallen, aus ſeinem Leichtſinn wieder zu erheben. Nur in längern Friſten, auf flüch⸗ 7 g tigem Urlaub, ſah er Melanie wieder, und jedes Mal erſchien ſie ihm ſchöner und reizender. Im Regimente galt es für eine beſchloſſene Sache, daß aus den Beiden ein Paar werden würde, und nicht wenige der Kame⸗ raden beneideten Hochberg um die liebenswürdige und reiche Braut. Denn auch dies muß bemerkt werden, daß Hans' Leidenſchaft für Melanie erſt durch die Ueberzeugung von ihrem großen Vermögen ihren vollen Goldklang erhalten hatte; der arme Offizier war eben auf eine reiche Heirath angewieſen. Plötzlich, es war wie ein Blitzſtrahl aus heiterm Himmel gekommen, erhielt dieſer Glaube eine bedenkliche Erſchütterung. Zuerſt leiſe, und dann immer lauter, wurde in der Provinzialhauptſtadt, in der Hochberg's Regiment in Garniſon lag, von den mißlichen Vermögensverhält⸗ niſſen, endlich gar von dem Bankerott des Grafen Waldhelm geſprochen. In ſeinem leidenſchaftlichen Un⸗ geſtüm hätte Hans am liebſten Jeden zu einem Kampf auf Tod und Leben gefordert, der ſolche Bemerkungen über ſeinen Oheim geäußert. Aber mit einem Duell macht man keinen Bankerott ungeſchehen, und als Hans Frenzel, Geheimniſſe. I. 4 4 50 in ſeiner Aufregung zuletzt Melanie in ſeinen Briefen beſtürmte, ihm eine Aufklärung über dieſe ſchrecklichen Gerüchte zu geben, mußte ihm ihr Schweigen als eine ſchlimme, aber unwiderlegliche Antwort auf ſeine Be⸗ fürchtungen dienen. Das Erſte, was er wieder von ihr erfuhr, war in einem Schreiben ihres Vaters die Ankündigung ihrer Verlobung mit dem Fabrikbeſitzer und Kommerzienrath Albert Römer. Hans war wie aus den Wolken gefallen, er tobte, raſte, wollte jetzt dies und in der nächſten Minute das Entgegengeſetzte thun, und mußte doch endlich die Dinge ihren ver⸗ hängnißvollen Lauf gehen laſſen, den er mit all ſeinen Zornausbrüchen nicht zu ändern vermochte. Seine Genoſſen faßten die Angelegenheit mehr vom komiſchen Standpunkt auf und wünſchten ihm von Herzen und aufrichtig Glück, aus einer unangenehmen Lage— denn etwas Anderes ſei doch ein Verlöbniß mit einem armen adeligen Fräulein nicht— ſo bald befreit worden zu ſein. Dabei fehlte es denn nicht an guten und ſchlechten Witzen über den Grafen, der ſein Kind an einen Kaufmann verſchachere, und über die zukünf⸗ tige Frau Kommerzienräthin Römer. Zwei Wochen ging Hans wie ein Träumender oder wie ein Mond⸗ ſüchtiger umher. Zuweilen ergriff ihn die Wuth, irgend eine entſetzliche That zu begehen, ſeinem Neben⸗ — riefen lichen eine e Be⸗ von 3 die eſitzer wie jetzt eſetzte ver⸗ ſeinen Seine iſchen und ge einem vefreit guten Kind künf⸗ gochen Rond⸗ Puth, jeben⸗ E rEAen ——— —Q⏑HQ,Pñ:2:õ———— — buhler den Hals zu brechen, erſt das treuloſe Mädchen und dann ſich zu ermorden, oder den Dienſt zu ver⸗ laſſen und nach Amerika auszuwandern, um dort in wilden Abenteuern den Schmerz ſeiner betrogenen Liebe ſich austoben zu laſſen. Dieſe Pläne tauchten ebenſo raſch, wie ſie empor⸗ geſtiegen, wieder in den unergründlichen Brunnen unter, in den ſchon tauſend und aber tauſend gute Vorſätze, kühne Entwürfe und hochherzige Entſchlüſſe des leidenſchaftlichen, aber unſteten jungen Mannes gefallen waren. Die Alles heilende Zeit machte ihn allmählig ruhiger. Er gewöhnte ſich an den Gedanken, auf ſeine ſchöne Verwandte verzichten zu müſſen, und wieder traten ſeine eigenen traurigen Verhältniſſe in den Vordergrund ſeines Dichtens und Trachtens. Auf die Ausſicht hin, der Schwiegerſohn eines reichen Mannes zu werden, hatte er viel geſündigt und war an ihm viel geſündigt worden. Die Summen, die ihm ſein luſtiges Leben gekoſtet, hatten ihm Wucherer vorgeſchoſſen und waren mit immer bereiten Börſen oft ſogar ſeinen Wünſchen zuvorgekommen. Die Kunſt, mit der Graf Waldhelm ſeinen Ruin Jahre lang zu verbergen gewußt hatte, war zum Theil auch auf ſeinen Neffen übergegangen. Waren einmal die Angelegen⸗ heiten des jungen Offiziers auf dem äußerſten Punkt 4* ¹ 1 1 4 52 angelangt, ſo hatte der Oheim Rath gewußt, ſie wieder leidlich in das rechte Geleiſe zu rücken. Der Hoffnung auf dieſe Hülfe mußte Hans fortan entſagen. Auch für ſeine Gläubiger war die Verlobung der Gräfin Melanie ein Donnerſchlag. Nicht allein, weil die Dame einen Andern heirathete, ſondern weil dieſer Andere ein bürgerlicher Kaufmann war. Deutlicher als jede Erklärung verkündigte dieſe Thatſache den Untergang des Glückes der gräflichen Familie. Hochberg merkte bald genug an den immer beſtimmter und drohender an ihn herantretenden Forderungen, wie verhängnißvoll— dieſer Wetterumſchlag gewirkt. Wo er ſonſt freund⸗ liche Mienen und offene Hände gefunden, zeigte man ihm jetzt Verdroſſenheit und Hartherzigkeit. Sein leiſes Anklopfen wollte man nicht mehr verſtehen, ſeinen lauten Bitten begegnete man mit ſchnöder Abweiſung. Seine Vorgeſetzten im Regimente drangen in ihn, ſich ihnen aufrichtig zu erklären, ehe die Gläubiger öffent⸗ lich gegen ihn auftreten würden, und verſprachen in dieſem Falle, die Sache, wenn nicht vollſtändig zu ordnen, ſo doch wenigſtens aufzuſchieben und ihm Zeit zu verſchaffen. Man wollte dem Regiment den fähigen Offizier erhalten. Halb war es Eigenſinn, halb Scham⸗ gefühl, vielleicht auch die Hoffnung auf einen uner⸗ warteten Glückszufall, kurz, Hochberg rückte mit der ieder nung Auch räfin Dame ndere jede gang rerkte ender ßvoll eund⸗ man leiſes ſeinen ſung. „ſich ffent⸗ en in g A Zeit higen cham⸗ uner⸗ t der 53 Sprache nicht ehrlich heraus und reiſte, mit dem Leicht⸗ ſinn der Jugend Alles in der Schwebe laſſend, nach dem Gute Waldhelm's, zur Hochzeitsfeier Melanie's ab. „Da paſſirt ein Unglück,“ ſagte einer der Kame⸗ raden, die ihn auf den Bahnhof begleitet hatten, als der Zug ſich in Bewegung ſetzte.„Gebt Acht, Hans bricht ſich oder einem Andern den Hals.“ Die Uebrigen lachten und der Jüngſte rief:„Nicht doch, ich wollte nur, ich wäre an ſeiner Stelle! Ich würde dieſem bürgerlichen Krippenreiter die Ehre, in meine hoch⸗ adelige Verwandtſchaft zu treten, durch die Ueber⸗ reichung meiner ſämmtlichen Wechſel beim Deſſert des Hochzeitsmahles noch werthvoller machen. Hat der Kommerzienrath einen Begriff von Lebensart, ſo kann er, auf Ehre! doch Nichts weiter thun, als ſie be⸗ zahlen und ſich mit dem Papier die Cigarre anzünden.“ Wenn Hans in ähnlichem Humor abgereiſt war, ſo hielt dieſe Stimmung nach ſeiner Ankunft auf dem Schloſſe nicht lange Stand. Die Verhältniſſe hatten dort eine ſo tragiſche Färbung angenommen, daß ein Schatten auf Jeden fiel, der durch Zufall oder Wahl in dieſelben hineingerieth. Dahin war die joviale Laune ſeines Oheims, der geiſtvolle Uebermuth Melanie'’s, er begegnete im engern Familienkreiſe nur gefurchten Stirnen und ſorgenvollen Geſichtern. Sorgfältig ward 3 ¹ 54 dabei ein jedes Ausſprechen der Dinge, die ihnen das Herz bedrückten, vermieden, ſo leiſe und ängſtlich ſchritten Alle dahin, als könnte die Erde bei einem ſtärkern Auftreten unter ihnen zuſammenbrechen.„Wären nur dieſe vier Tage erſt vorüber!“ hörte er den Grafen mit einem Seufzer ſagen. Der Oheim kam nicht recht, Melanie gar nicht mit ihm in ein Geſpräch; von der frühern Vertraulichkeit war keine Spur mehr zu finden. Ja, es ſchien Hans, als ſei er, obwohl er eine Ein⸗ ladung erhalten, ein unwillkommener Gaſt. Darüber wollte er ihnen zum Trotz bleiben. Hatte er es nicht in ſeiner Hand, ihr Feſt in ſchrecklicher Weiſe für immer zu ſtören? Er ſchlug prahleriſch an ſeinen Säbel. Um dies Aeußerſte zu verhindern, das in ſeinen Augen und in ſeinem ganzen Benehmen Albert gegenüber wie eine heraufziehende Wetterwolke drohte, hatte ihm Melanie die Unterredung bewilligt, um die er bat. Sie hätte ſich ſagen ſollen, daß ſolch' Geſpräch die Flammen nicht löſchen, ſondern nur noch wilder ent⸗ flammen würde. Wenn unter der Gewalt eines finſtern Schickſals Liebe von Liebe ewigen Abſchied nehmen will, was kann entſtehen, als ein unermeßlicher Brand? 4 3 das ſlich inem ären rafen rech, der den. Cin⸗ über nicht ————— 3 1 * t 4 Viertes Kapitel. Der nächſte Morgen fand die Geſellſchaft des Hauſes in einem kleinen Saale, deſſen Glasthüre auf die Terraſſe ging, um den Frühſtückstiſch verſammelt. Eine ältere Verwandte des Hauſes machte die liebens⸗ würdige und aufmerkſame Wirthin. Der heitere ſon⸗ nige Morgen ſchien alle Beſorgniſſe, jede Unruhe und ſchwermüthige Anwandlung, die ihn noch während der Nacht gequält hatten, aus der Seele und von der Stirn Albert's verſcheucht zu haben. Wenigſtens konnte ſich Herr von Blacha den freien und offenen Ausdruck in dem Geſicht ſeines jungen Freundes nicht anders erklären; nach dem Geſpräch vom geſtrigen Abend hatte er ihn in trüber und krankhafter Verſtimmung zu finden gefürchtet. Die Morgenſonne lächelte aber auch 56 ſo golden über den Park, ſo ſüß verlockend dehnte ſich die Bläue des Himmels in ungemeſſene Fernen aus, die Vögel ſangen ſo luſtig in den dichtbelaubten Zweigen, daß die Feſtſtimmung der Natur unmittelbar ihren läuternden Einfluß auf die Menſchen ausüben mußte. Wer widerſtände der Harmonie der Natur? Hätte doch Herr von Blacha ſelbſt darüber beinahe ſein nächtliches Abenteuer mit den Schatten vergeſſen, wenn ihn nicht, als er die Terraſſe hinabgegangen und den Raſenplatz mit den Blumenbeeten betrachtet, hinter denen in der Nacht die Schatten auf und niederge⸗ ſchwankt waren, der Gärtner ärgerlich auf die Zer⸗ ſtörung einiger Roſenſtöcke aufmerkſam gemacht. Die Schatten waren alſo doch keine Phantaſiegebilde, ſon⸗ dern Weſen von Fleiſch und Blut geweſen! Der Gärt⸗ ner hatte ärgerlich mit der Fauſt gedroht und geſagt: „Das kommt Alles von der verwünſchten Liebesge⸗ ſchichte her!“„Welche Liebesgeſchichte?“ hatte Herr von Blacha gefragt und darauf zu ſeiner Beruhigung erfahren, daß der kürzlich wegen Widerſetzlichkeit aus dem Dienſt entlaſſene Jäger Robert ein zärtliches Ver⸗ hältniß mit dem Kammermädchen der jungen Gräfin gehabt hätte und es vermuthlich ſeit ſeiner Entfernung aus dem Schloſſe nur noch eifriger fortſetze. Froh, daß ſich ſein Grauen und allerlei wunderliche Gedanken 3 6 1 * ————— — — —— ſich aus, bten Abar üben tur? nahe ſſen, und inter ſon⸗ Färt⸗ ſagt: ge⸗ Herr gzung aus Ver⸗ äfin ung roh, nken 57 in ſo harmloſer Weiſe aufgelöſt, war Blacha wieder in den Saal zurückgekehrt und hatte mit vorzüglicher Laune in die allgemeine Heiterkeit der Geſellſchaft ein⸗ geſtimmt, die von nun an einen ruhigen und heitern Fortgang des Feſtes verſprach. Blacha legte ſeinem ganzen Weſen nach ein ſo großes Gewicht auf die Sitte und das Schickliche, daß er bei einem guten An⸗ fang der neuen Ehe auch einen glücklichen Verlauf derſelben geſichert glaubte. Gleichſam als wolle er ſeine Meinung beſtätigen, bewegte ſich Albert mit ſolcher Ungezwungenheit unter den Damen, ſtand ihren Fragen, die ſich noch alle um den Schmuck und die ſchöne ſpaniſche Nonne drehten, mit ſo vieler Liebenswürdig⸗ keit Rede, daß die Meiſten von ihnen, die anfangs das Schickſal der jungen Gräfin zu beklagen geneigt geweſen waren, anderer Meinung wurden und ihn, ſelbſt⸗ verſtändlich auch in Rückſicht auf ſeine großen Reich⸗ thümer, für einen ganz annehmbaren und vortrefflichen Mann erklärten. Es fiel auf, daß weder der Graf noch Hans von Hochberg ſich in der Geſellſchaft ein⸗ ſtellten. Den Vater entſchuldigte Melanie mit Ge⸗ ſchäften, die er am Vormittage abmachen wolle, um den übrigen Theil des Tages ſich ſeinen Gäſten deſto ungeſtörter widmen zu können. Von Hans von Hoch⸗ berg brachte der Diener, den man zu ihm geſchickt, 1 1 —— 58 die Nachricht zurück: er hätte wichtige Briefe aus der Hauptſtadt erhalten, die eine unmittelbare Beantwort⸗ ung verlangten. Herr von Blacha lächelte, wie einer, der wohl weiß, was ſolche Briefe an einen jungen Offizier bedeuten. Melanie zuckte zuſammen und mußte, da ſie in dieſem Augenblick— war es Zufall oder Abſicht?— aus den klaren Augen ihres Bräu⸗ tigams ein prüfender Blick traf, ihr Geſicht abwenden. Die Uebrigen legten dem Zwiſchenfall keine große Be⸗ deutung bei. Die Schönheit des Morgens lockte in das Grüne, die jüngſten Mädchen waren ſchon in den Garten geeilt und ſchritten paarweiſe, Arm in Arm geſchlungen, am Fuße der Terraſſe auf und nieder. Albert hatte ſeiner Braut ebenfalls ſeine Begleitnng angeboten, ſie aber dieſelbe unter dem Vorwand, daß ſie noch ein Wort mit ihrem Vater zu wechſeln habe, ſich ihm aber dann gern anſchließen würde, abgelehnt. „Melanie iſt unausſtehlich,“ lispelte eine der jungen Damen der andern in's Ohr. „Aber ſieh' nur, er trägt es mit vieler Gelaſſenheit.“ In der That ſchien Albert, ſchon als er ſeine Bitte ausſprach, auf die Verweigerung derſelben ge⸗ faßt geweſen zu ſein; er bot der alten Dame ſeinen Arm und ſtieg mit ihr die Stufen der Terraſſe zu den Andern hinab. Bald tönte der Platz vor dem Schloſſe —————— 59 bis zu den Baumgängen von fröhlichem Rufen und dem heiterſten Gelächter wieder. Es war, als ob die Mädchen es darauf abgeſehen hätten, mit den Vögeln um die Wette zu jubeln. Die Alten ſtimmten, wie denn Freude anſteckend iſt, bald mit ein. Man fing Spiele an, lief um die Wette, man ſang, endlich wurden gar Reifen geholt. Schäferſcenen aus Arkadien! dachte Herr von Blacha und rieb ſich die Hände. Das war nach ihm der richtige Anfang einer Hochzeit. Daß die wichtigſte Perſon, die Heldin des ganzen Stückes, fehlte, überſah er in ſeiner Hoffnungsſeligkeit. Faſt regungslos ſaß indeſſen Melanie an dem Tiſch im öden Saal. Sie wollte ſich nicht dem Fenſter nähern, um nicht die Freude der Andern zu ſehen. Schon der Wiederhall des Geſanges und des Gelächters, der Klang ſo vieler fröhlicher Stimmen drang ihr verletzend in das Herz. Wer verſtand ſie, wer fühlte ihr nach, was ſie litt? Was für die Andern eine Gelegenheit zur Luſt war, für ſie war es der ſchreckliche Wende⸗ punkt ihres Lebens. Sie begriff nicht, daß ſie noch athmete. Seit ſie geſtern in der Nacht ſich von Hans getrennt, hatte ſie die Empfindung, daß eine der näch⸗ ſten Minuten ihr den Tod und damit die Erlöſung bringen müſſe; aber die Sekunden gingen vorüber, die Minuten, die Stunden gemeſſenen Schrittes und keine 60 brachte das Ende, keine änderte ihr Geſchick. Mit grauſamer Unerbittlichkeit rückte die Zeit zu jenem ent⸗ ſcheidenden Punkte vor, wo ſie am Altare ihre Hand für immer in die des ungeliebten Mannes legen ſollte. Und hätte ſie nur für ſich allein ſorgen müſſen! Aber ihr Vater, ihr Vetter waren nicht weniger vom Un⸗ glück bedroht, als ſie ſelbſt. Mit Schrecken hatte ſie heut in der Frühe, als ſie nach ſchlaflos durchwachter Nacht an das Fenſter getreten, um ihre heiße Stirn zu kühlen, einen Beſucher durch den Garten des Schloſſes ſchleichen ſehen, der ihr, auch wenn er nicht in ſo ver⸗ ſtohlener Weiſe gekommen wäre, das Blut aus den Wangen gejagt hätte. Es war der Kaufmann Sa⸗ muelſohn aus dem nahen Städtchen. Sie hatte den häßlichen Mann immer mit Widerwillen und Verach⸗ tung betrachtet, aber erſt ſeit ihrer Verlobung wußte ſie, welch' eine Macht er beſäße, und die Verachtung war zum Theil der Durcht gewichen. Was half das Grübeln, was half die Klage, daß ihr Vater ſich und die Ehre ſeines Namens in die Hände eines Wucherers gegeben? Es war einmal geſchehen, und die Folgen des Leichtſinnes und der Verſchwendung auf ihr ſchuld⸗ loſes Haupt gefallen! Oder doch nicht auf ihr Haupt allein? Hatte das Opfer, das ſie bringen wollte, nicht hingereicht, um die Feſſeln zu ſprengen, mit denen ihr ———ʒ:·;.—— Pate um Unt zu! —y —— 4 1 3 1 Vater an jenen Mann gekettet war? Sie erhob ſich, um nach dem Zimmer des Grafen zu gehen und die Unterredung, deren Länge ſie mehr und mehr beängſtigte, zu unterbrechen. Aber ſie kam nicht weit, denn als ſie ſich der Thür näherte, ſcholl ihr von draußen her ein Geräuſch von Schritten und Stimmen entgegen. Sie erkannte die Stimme ihres Vetters und ſchrack zurück, ſich umſehend, wo ſie ſich verbergen könne. Sie hatte gerade noch Zeit, in eine Wandniſche zu flüchten, die ein rother, halb niedergelaſſener Vorhang ſchloß, als die Thüre des Saales haſtig aufgeriſſen wurde, und Hans von Hochberg in mächtigſter Aufregung mit dem Kaufmann Samuelſohn hereintrat. „Zum letzten Mal,“ ſagte Hans und hielt den ſich ſträubenden Kaufmann mit beiden Händen feſt, „Sie müſſen mir helfen, es geht um's Leben!“ „Weh!“ erwiderte der Kaufmann,„wie ſoll es gehn um's Leben? Ich wollte Ihnen gern helfen, mein beſter Herr von Hochberg, aber ich bin ein armer, ge⸗ ſchlagener Mann; drinnen der gnädige Herr Oheim haben mich ausgepreßt wie eine Citrone. Laſſen Sie mich los, beſter Herr von Hochberg! Warum wollen Sie auch denken gleich an das Sterben? Die Herren Offiziere haben alle Schulden, ſehr viel Schulden, und es iſt noch Keiner daran geſtorben.“ 1 ' 62 „Aber ich ſage Ihnen, ich brauche in dieſen Tagen nothwendig Geld, heute oder morgen! Schreiben Sie, alter Würgengel, ſchreiben Sie einen Wechſel, welchen Sie wollen, ich werde ihn unterzeichnen...“ „Unterzeichnen!“ unterbrach ihn Samuelſohn.„Iſt doch ſo leicht zu ſchreiben ſeinen Namen, jedoch auch zahlen? Herr von Hochberg, Sie ſind ein trefflicher junger Mann, aber Sie haben keinen Kredit mehr. Laſſen Sie ſich ſagen von einem gewiegten Mann, die einzige Hülfe für Sie iſt dort unten der Herr Kommer⸗ zienrath Albert Römer, der eben ſo ſchön ſingt. Gott Abrahams, was iſt das für eine ſchöne Stimme, wie in den Opern von Meierbeer! Sprechen Sie mit dem, an ſeinem Hochzeitstage wird er nicht zuziehen ſeine Börſe, ein ſo generöſer Mann!“ „Verdammter Jude!“ ſchrie Hans außer ſich, ſchüt⸗ telte den Erſchreckten ein paar Mal, der ein„Gott der Gerechte!“ über das andere rief, und ſtürzte aus dem Saal über die Terraſſe nach dem Garten. Samuelſohn ſank erſchöpft in einen Stuhl und wiſchte ſich die Stirn mit ſeinem gelbſeidenen Taſchen⸗ tuch. Trotz ſeiner Angſt ließ er dabei ſeine klugen kleinen Augen blinzelnd im Gemach auf⸗ und nieder⸗ gehen und ſah Melanie ſchreckensbleich aus der Niſche hervortreten. Aber er that, als erkenne er ſie nicht ——— emn. und ſeufzte halblaut vor ſich hin:„Gott der Gerechte! Was ſind ſie heftig, dieſe jungen Herren vom Säbel, aber ſie ſind ſchön und vornehm, und man muß ihnen durch die Finger ſehen.“ „Herr Samuelſohn,“ brachte mühſam Melanie hervor. Sie hielt ſich in weiter Entfernung von ihm und lehnte ſich in ihrer Erſchütterung gegen die Lehne eines hohen Seſſels. „Ach die gnädigſte Gräfin!“ erwiderte Samuel⸗ ſohn und ſtand mit linkiſchen und demüthigen Ver⸗ beugungen auf.„Seien Sie mir allerſchönſtens ge⸗ grüßt an dem heutigen Tage, es iſt ein hoher Feſttag für Sie, und der alte Samuelſohn, der Sie geſehen hat ſo klein, freut ſich über Ihr Glück wie.. allein der Reſpekt verbietet ihm, mehr zu ſagen!“ Herr Samuelſohn machte nichts weniger als einen widrigen Eindruck. Er hatte ſich zu ſeinem Beſuch im Schloſſe in ſeinen beſten Anzug geworfen und trug den feinſten Leibrock, die weiße Cravatte und den gelben Handſchuh auf der linken Hand, den andern hatte er ausgezogen, mit leidlichem Anſtand. Dennoch flößten das unruhige Zwinkern ſeiner Augen und die erkünſtelte Demuth ſeiner Bewegungen Melanie ebenſo viel Ab⸗ neigung als Beſorgniß ein. 64 „Herr Samuelſohn,“ fing ſie wieder an,„Sie hatten mit meinem Vetter—“ „Die gnädige Gräfin werden doch nicht machen ein Aufhebens von dem kleinen Dispüt zwiſchen mir und Herrn von Hochberg? Die gnädige Gräfin weiß nicht, wie es zugeht in Geldgeſchäften. Im Anfang zankt man ſich, am Ende reicht man ſich die Hände. So iſt es geweſen von den Tagen Eſau's und Jakob's her!“ „Keine Umſchweife,“ fiel ihm Melanie mit ge⸗ runzelter Stirne ein,„ich will Wahrheit von Ihnen. Was verlangte mein Vetter von Ihnen?“ Faſt die ganze Breite des Saales war zwiſchen ihnen, weder der Kaufmann noch die Gräfin hatten ſich von ihrem Platze gerührt. Jetzt erſt näherte ſich Samuelſohn mit leiſen nachſchleppenden Schritten und vorgebogenem Kopfe in einer Art Vertraulichkeit, vor der Melanie unter andern Umſtänden wieder in ihre Niſche zurückgeflüchtet wäre. Als er ihr gegenüber ſtand, ſagte er mit gedämpfter Stimme:„Was ſoll wollen ein junger Offizier von einem armen Juden? Geld will er, Geld!“ Und er ließ den abgezogenen Handſchuh vor ihren Augen ſich bewegen, als wäre es eine Banknote.„Er hat ein luſtiges Leben geführt, und das luſtige Leben iſt koſtſpielig. Es iſt gar ge⸗ men. ſchen ſtten ſich und vor ihre über 65 traurig, aber das Ende aller Dinge heißt bezahlen. Gott, wo ſoll der junge Mann hernehmen das Geld? Wie er mir leid thut! Er wird verlaſſen müſſen ſein ſchönes Regiment, denn es borgt ihm Niemand mehr, weder von unſern Leuten noch von den Chriſten.“ Melanie ſchlug die Hände über das Geſicht.„Es iſt unmöglich, das kann, das darf nicht geſchehen! Sie müſſen Hülfe ſchaffen, Samuelſohn. Ich weiß es von meinem Vater, Sie können, wenn Sie nur wollen.“ „Worauf hin ſoll ich können? Früher war's anders, da haben die Leute gedacht,“ und nun ſenkte er ſeine Stimme noch tiefer und das Spiel mit dem Handſchuh hörte auf:„die gnädige Gräfin würden heirathen den Herrn von Hochberg, und es würde ſein eine gar reiche und vornehme Parthie, darauf haben ſie ihm vorgeſtreckt viele Hunderte.“ „Um meinetwillen?“ rief Melanie.„Und weil⸗ ich ihm verloren bin, ſollte nun auch ſeine Ehre ver loren gehen?“ Samuelſohn zuckte die Schultern, als wollte er ſagen:„Wie heißt Ehre?“ aber er hatte die dunkle Empfindung, daß er damit das unglückliche Mädchen noch tiefer verletzen und ſich vielleicht eines guten Ge⸗ ſchäftes berauben würde, das er in Melanie's Herzens⸗ angſt für ſich heraufdämmern ſah. Frenzel, Geheimniſſe. I. A 66 1 „Gott meiner Väter, welche Trauerſpiele ſieht man jeden Tag!“ ſagte er.„Wenn ich hierbleiben m könnte, würde ich mein Möglichſtes thun, dem jungen und Manne Geld zu verſchaffen, bin ich doch ſo ſehr dem wer gräflichen Hauſe attachirt, habe ich doch ſo gern ge⸗ ſc habt die gnädige Gräfin! Aber ich muß heute Nacht oder morgen in der Frühe über die Grenze nach Warſchau. Ich muß mir das Vergnügen verſagen, die Gräfin in ihrem ſchönen Brautkleide und mit den herrlichen Bril⸗ lanten zu ſehen. Sollen ſein gar koſtbare Steine, der nit Herr Kommerzienrath Römer iſt ein Kenner, und die 1 nod gnädige Gräfin werden ſein eine gar glückliche Frau.“ In ihrer Beſtürzung hatte Melanie nur die Hälfte von all' den Worten verſtanden, welche der geſchwätzigen 1 La Zunge Samuelſohn's entfielen. Die Angſt um ihren 3 Fr Vetter, die ihr immer fürchterlichere Schreckbilder vor⸗ le zauberte, beherrſchte ſo ganz ihre Gedanken, daß alles dic Andere formlos an ihrer Seele vorüberrauſchte. Ihren un natürlichen Widerwillen bekämpfend, trat ſie dicht an n den Kaufmann heran, und mit ihren dunklen her⸗ riſchen Augen in ſeinem Geſicht forſchend, in dem frei⸗ lich vor der beſtändigen Beweglichkeit ſeiner Mienen nichts zu leſen war, ſagte ſie mit zitternder Stimme: 5 „Ein Wort, Samuelſohn, und nichts mehr! Wollen n Sie meinem Vetter helfen oder nicht?“ T ———— ſieht leiben ungen dem n ge⸗ toder ſchau. fin in Bril⸗ 2, der d die rau.“ Hälfte tzigen ihren alles Ihren ht an her⸗ frei⸗ dienen mme: Vollen Der Kaufmann bückte den Kopf noch tiefer, murmelte etwas vor ſich hin, zählte an ſeinen Fingern und entgegnete endlich mit ſchlauem Aufblick:„Es werden ſein zehntauſend Thaler, die der junge Mann ſchuldet, wo ſoll ich hernehmen zehntauſend Thaler?“ — und nun wurden ſeine Zlicke noch ſchlauer— „Zehntauſend Thaler ohne Sicherheit?“ „Mein Vater wird ſie Ihnen geben!“ „Gott,“ machte Samuelſohn und ſteckte die Hand mit dem Handſchuh trübſelig in die Taſche,„wenn Sie noch ſagten, der Herr Kommerzienrath Römer—“ „Nichts von meinem Verlobten,“ unterbrach ſie ihn. „Nun ja,“ ſagte Samuelſohn mit einem pfiffigen Lachen,„warum ſoll der Mann erfahren, wozu die Frau das Geld braucht? Noch dazu vor der Hochzeit? Uebermorgen werden Sie eine reiche Frau ſein, gnä⸗ dige Gräfin, deren Unterſchrift reſpektiren wird Jude und Heide und Chriſt, und wenn Ihnen übermorgen zu lange, ſind Sie doch heute ſchon ſo reich mit Ihren Brillanten und Ihrem Verlobten!“ „Melanie, Melanie, wo bleibſt Du?“, riefen in dieſem Augenblick die Mädchen im Garten, und Samuelſohn zog ſich mit einer tiefen Verbeugung nach der zum Korridor führenden Thüre des Saales zurück. * 68 „Ich reiſe heute in der Nacht,“ ſagte er noch leiſe und bedeutungsvoll,„wenn die gnädige Gräfin...“ Schon aber hatte Melanie die Glasthür geöffnet und ſtand hochaufathmend auf der Terraſſe. Einige Minuten vergingen, ehe ſie ſich von der Aufregung, die in allen ihren Nerven zuckte, ſoweit beruhigt hatte, daß ſie ſchwankenden Schrittes die Stufen hinabwandeln konnte. Einmal im Garten unter den Anderen ſuchte ſie ebenſo ängſtlich jede Berührung mit ihrem Vetter zu vermeiden, als dieſer ſie herbeizuführen ſich bemühte. Schon war er um den Ruf ſeiner Liebenswürdigkeit gekommen. Die jungen Mädchen fanden ihn übellaunig N und gereizt und konnten ſich die Veränderung, die im Lauf einer Nacht mit ihm vorgegangen war, nicht er⸗ klären. Dagegen hatte Albert ihre Herzen vornehmlich durch den Geſang einiger kleinen ſpaniſchen Volkslieder wie im Sturm gewonnen. Die Gunſt, mit der ſo die Geſellſchaft den ihm verhaßten Nebenbuhler behandelte, verdroß Hans in ſeinem Unmuth noch mehr. Mit der Furcht vor einer ſchmählichen Entlaſſung aus dem Regiment verband ſich der Ingrimm über das Glück Albert's; wenn ihm alle Mädchenherzen zuflogen, wie lange würde ihm das Melanie's widerſtehen? Und wieder wurde dieſe Gedankenreihe von einer andern durchkreuzt: ob es denn kein Mittel gäbe, wenigſtens . „ofh andern igſtens die hartnäckigſten Gläubiger zu befriedigen oder von der Bekanntmachung ihrer Forderungen noch eine Weile zurückzuhalten? In ſolchem Kampfe richtete er ſeine Augen zuweilen Hülfe ſuchend auf Melanie, und wenn dieſe erſchreckt den Kopf zurückwandte, war es Hans, als müſſe er auf Albert losſpringen, ihn niederwerfen und vernichten. Vor ihm war nichts als Tod oder Entehrung. Melanie hatte eine Ahnung von dem qualvollen Seelenzuſtand ihres Vetters, aber der ihrige war nicht weniger ſchmerzlich. Auch in ihr bekämpften ſich wider⸗ ſtrebende Gedanken und Gefühle. Sie brauchte ihre ganze Selbſtbeherrſchung, um den Sturm, der in ihr tobte, äußerlich nicht zum Ausdruck kommen zu laſſen. Die Blicke Aller glaubte ſie fragend auf ſich gerichtet. Sie erſchien ſich wie eine Schuldige und wußte doch nicht recht, welche Schuld ſie begangen haben ſollte. Konnte ſie ihrem Verlobten die traurige Lage ihres Vetters geſtehen, war ſie gewiß, keine Fehlbitte zu thun? In demſelben Augenblick jedoch, wo ſie ihn ge⸗ dacht, verwarf auch ſchon ihr Stolz dieſen Ausweg. Hatte nicht Samuelſohn noch einen andern vorgeſchlagen? Was hatte er mit ſeinen geheimnißvollen Worten und Winken gemeint, wozu ſie verleiten wollen? Wie ſehr auch Jeder in der Geſellſchaft mit ſech 3 70 ſelbſt beſchäftigt ſein mochte, an Beobachtern fehlte es nicht, umſoweniger, da die Kälte und das ablehnende Weſen der Gräfin gegen ihren Bräutigam ſchon am Abend vorher aufgefallen war und mancherlei nicht eben freundliche Aeußerungen hervorgerufen hatte. Hier und dort ſteckten Einige die Köpfe zuſammen und fingen an, ſich ihre Bemerkungen leiſe mitzutheilen, Bemerkungen, die in der Unruhe und Haſt Melanie's und in der Heftigkeit Hochberg's eine ſtets ergiebige Quelle fanden. Herr von Blacha ſeufzte ſtill:„Nun kommt auch das noch! Wenn Albert erkennen ſollte, und er iſt ja nicht blind, daß Melanie früher ihren Vetter geliebt“... unwillkürlich hielt er ſich beide Ohren zu, als wollte er den Lärm nicht hören, den dieſe Entdeckung heraufbeſchwören mußte. In dieſem Moment trat Graf Waldhelm in den Garten mit ſtrahlendem Geſicht, ganz Heiterkeit und muntere Laune. Es gab keinen beſſeren Lebemann, als ihn, wenn er ſeine Kaſſe gefüllt wußte. Die ſchreck⸗ liche Ebbe, die noch geſtern darin geherrſcht, hatte vor Kurzem der wackere Samuelſohn in hohe Fluth ver⸗ wandelt. Das bekümmerte den Grafen wenig, daß er dafür die letzten Stämme ſeines Waldes hingegeben; „für nichts iſt nichts“, pflegte er in ſolcher Lage zu ſagen,„wenn ich luſtig bin, mag das alte Holz ver⸗ hlte es lhnende on am nicht e. Hier n und theilen, lanie's giebige „Nun ſollte, ihren beide 1, den n den t und mann, ſchrecf⸗ te vor h ver⸗ daß er geben; age zu z ver⸗ 71 brennen.“ Sein Erſcheinen in der Geſellſchaft lenkte ſogleich die Aufmerkſamkeit von Melanie ab; denn ei⸗ nem jeden der Herren und noch mehr jeder Dame wußte er mit artiger Schmeichelei zu nahen und alle mit verbindlicher Freundlichkeit zu beſchäftigen. So wenig wie er ſelbſt waren ſeine Gäſte geneigt, den Grund ſeiner Fröhlichkeit zu unterſuchen oder gar kopf⸗ hängeriſch über die unſicheren Grundlagen dieſes Glücks nachzugrübeln. Der Graf Waldhelm gehörte zu jenen Menſchen, deren liebenswürdiger Leichtſinn und ge⸗ fällige Anmuth ihre ganze Umgebung wie in einen magiſchen Bann gefangen nehmen. Wenn er lachte und ſcherzte, verzog der Griesgram ſelbſt den Mund zu einem kargen Lächeln. Heute, an einem ſonnigen Frühlingsmorgen, wie hätte es ihm da ſchwer fallen können, Alle zu bezaubern? Mit ihm ſcherzend und lachend, folgten ſie nur der Stimme der Natur und der ihres eigenen Herzens. Allmählig hatte ſich nach ſo manchem gemeinſamen Spiel die Geſellſchaft in einzelne Gruppen aufgelöſt. „Sie verſprachen mir vorhin,“ hatte Albert der Gräfin geſagt und ihr ſeinen Arm angeboten, ſie von dem freien Platze, auf den die höher ſteigende Sonne ſtärker herabſchien und brannte, nach den kühlen Baum⸗ gängen und Schatten der breitäſtigen Buchen zu führend. 2 So höflich bittend auch ſeine Stimme geklungen, hatte Melanie einen Ton des Befehls, jene Beſtimmt⸗ heit eines feſten und unbeugſamen Willens daraus ge⸗ hört, die den Schwankenden und Unſch lüſſigen immer dunee de ehlan dünkt. Mit niedergeſchlagenen Augen hatte ſie ſeine Begleitung angenommen. Empfand er es ni daß ihr Arm auf dem ſeinen zitterte? Nicht das fieberiſche Glühen ihrer Hand? Seinem Geſicht war die Spur keiner beſonderen Bewegung anzumerken, er erſchien weder ſtolz über die Schönheit, noch erfreut über dieſe erſte Gunſtbezeugung ſeiner Braut— Gunſt⸗ bezeugung nannte Hochberg in ſeinem eiferſüchtigen Groll die Widerſtandsloſigkeit Melanie's. Wie in ſchweigender Uebereinkunft blieben alle Gäſte hinter dem Brautpaar weiter und weiter zurück; ſie mochten vorausſetzen, daß dieſe Verlobten ſich ſo viel des Wichtigen und Wunderlichen, das zu keinem fremden Ohre dringen dürfte, in dieſer letzten Stunde anzuvertrauen hätten, daß ſelbſt die Neugierde ihr Lauſchen aufgab. Plötzlich am Ende des Ganges ſah ſich Melanie um, ſtand ſtill und ſagte mit unſicherem Tone und erröthenden Wangen:„Wir ſind allein.“ „Fürchten Sie ſich vor mir?“ antwortete Albert mit halbem Scherz. — — ungen, timmt⸗ immer Augen ind er Nicht Geficht terken, erfreut Hunſt⸗ btigen einem tunde e ihr ———BO::— — —————.—— 73 Ihn fürchten, wie kam er zu ſolch' hochmüthigem Ausruf? Sie wollte ihm trotzig in die Augen ſchauen, aber ſie hielt den ruhigen, klaren Blick der ſeinigen nicht aus. Es war etwas in dieſem Blick, das tief hinab durch alle Hüllen bis auf den Grund ihrer Seele zu ſehen ſchien. Sie ſtand vor ihm, als wäre ſie von durchſichtigem Glaſe geweſen, als läge ihr Dichten und Trachten ſchleierlos vor ihm da. „Vertrauen Sie mir, Melanie“, ſagte er, da ſie ſchwieg, mit innigem Ausdruck.„In meiner Lage Ihre Neigung zu fordern, wäre vielleicht zu kühn; ich fühle zu gut, daß ich ſie mir erſt erwerben muß, aber Ihres Vertrauens glaube ich ſchon heute nicht unwerth zu ſein.“ „Was ſoll ich Ihnen vertrauen?“ fragte ſie zu— rück, und die ganze Bitterkeit ihres Geſchicks ſchwoll über in ihrem Herzen. Warum hatte ſich dieſer Mann in ihr Leben gedrängt und ſie namenlos unglücklich gemacht? Aus Ruhmſucht und GEitelkeit, eine Gräfin Waldhelm ſein Weib zu nennen! Oder wenn er ſie liebte, was ging dieſe tolle Leidenſchaft ſie an? Wäre es nicht ritterlicher geweſen, ſie aufzugeben, als ſie aus der Hand ihres gedemüthigten Vaters beinahe wie eine gekaufte Sklavin zu empfangen?„Ein Ehrenmann“, brach ſie haſtig aus. 74 Sie kam nicht weiter, das Ausſehen Albert's ver⸗ ſchloß ihr den Mund. Er hatte ihren Arm losgelaſſen und die Augen⸗ brauen zuſammengezogen. Eine breite Zornader flammte auf ſeiner Stirn.„Ein Ehrenmann, Gräfin Melanie?“ ſagte er.„In dieſem Punkte dulde ich keinen Zweifel, keinen Makel auf meinem Namen! Vollenden Sie doch, was ſoll der Ehrenmann, den Sie ſich denken, thun? Sie ſchweigen, weil das heroiſche Mittel, das Sie mir zumuthen, nämlich Ihnen zu entſagen, ſtatt dem Kranken Heilung zu bringen, nur ſeinen Tod beſchl eunigen würde. Wie könnte der Stolz des Grafen Waldhelm von einem bürgerlichen Kaufmann ein Geſchenk, ein Geldgeſchenk annehmen, das er nie wieder zu erſtatten vermag?“ „Genug, genug!“ „Nein, nicht genug! Ich habe Ihre Kälte, ja Ihre unfreundliche Härte ertragen, ohne mit den Wimpern zu zucken. Wie auch die Selbſtgefälligkeit des Mannes darunter leiden mochte, es war die natürliche Strafe des ehrgeizigen Schmetterlings, der ſich an der ſtolzen Flamme die Flügel verbrannte. Aber meine Chre bleibe unangetaſtet! Nicht ich kann zu Ihnen ſagen: Melanie, Sie ſind frei! Wenn ich es ſagte, würde Ihr Vater ſich widerſetzen, würde binnen Jahresfriſt 742 qã2 2 5 ver⸗ Augen⸗ ammte anie?“ weifel, e doch, thun? ie mir ranken unigen ldhelm k, ein ſtatten Ihre mpern annes Strafe ſtohen Chre ſagen: würde esfriſt 75 vielleicht Herr Samuelſohn— es iſt unwürdig, das Bild weiter auszumalen. Sie allein können ſich die Freibeit, die Sie wünſchen, verſchaffen; ein feſtes und entſchloſſenes Wort von Ihnen genügt, ich würde in derſelben Minute gehen. Sie weinen, Melanie! Ich habe Sie nicht kränken wollen, warum reizten Sie mich? Weder Sie noch ich beugen das Schickſal, aber wir würden uns ſeinen Druck erleichtern, wenn wir Ver⸗ trauen zu einander faßten.“ „Was verlangen Sie von dem Opfer noch mehr, als daß es ſtill ſein Haupt neigt?“ „Sie hätten mir Nichts zu ſagen, was Ihre Seele fröhlicher ſtimmen, einen Schatten von Ihrer Stirn verjagen könnte?“ „Nichts!“ erwiderte ſie tonlos. Albert bekämpfte den Unmuth, der wieder in ihm aufſtieg:„Und wenn ich nicht als Ihr Verlobter, ſon⸗ dern als guter Freund zu Ihnen ſpräche? Sie lieben den alten Herrn von Blacha, denken Sie eine Weile: ich ſei er“.. „Sie ängſtigen mich, laſſen Sie mich „Auch von Herrn von Hochberg haben Sie mir Nichts zu ſagen?“ fragte er mit einer gewiſſen Strenge. Eine dunkle Röthe überwallte ſie, wie der Wiederſchein eines großen Feuers:„Nein, mein Herr“, rief ſie 11 — leidenſchaftlich,„Sie finden Ihre Luſt daran, mich zu quälen. Nein, und tauſendmal Nein!“ „Es iſt gut“, ſagte er und verneigte ſich. Er wollte ihr wieder den Arm reichen, aber ſie eilte glühendroth im Geſicht, Thränenſpuren auf den Wangen, die Hand in Zorn und Schmerz geballt, von dannen, nicht darauf achtend, daß die Andern, an denen ſie vorüberflog, mit fragwürdigen Mienen ihr nachſahen und ſich gegenſeitig verwundert betrachteten. Die Ge⸗ ſellſchaft, die ſich eben noch ſo luſtig im Garten ge⸗ tummelt, kehrte verdroſſen und einſylbig in das Schloß zurück. 2eg chloß Fünftes Gewiſſe Dinge liegen in der Luft. So war es nach Allem, was geſchehen, unter den Gäſten wie unter der Dienerſchaft im Schloſſe eine ausgemachte Sache, daß dieſer Polterabend nicht ohne irgend einen merkwürdigen Vorfall vorübergehen würde. Wenn man freilich gefragt hätte, was ſich denn eigentlich zutragen ſollte, würde Keiner darauf eine beſtimmte Antwort gewußt haben, Jeder für ſich und Alle zuſammen jedoch waren der Meinung, daß ein ſo ungleiches Paar nicht ohne ein abſonderliches Ereigniß in den Hafen der Ehe einlaufen würde. Die mit den Verhältniſſen und den Charakteren der Hauptfiguren beſſer bekannt waren, und an ihrer Spitze Herr von Blacha, glaubten von der Heftigkeit Hochberg's und dem Starrſinn Melanie's dieſen Ausbruch befürchten zu müſſen. In den unteren ——ʒ———— 78 Regionen der Küche und der großens daran ſtoßenden Halle, in der die Dienerſchaft ihre Mahlzeiten einzu⸗ nehmen pflegte, verknüpfte ſich dagegen in eigenthümlich phantaſtiſcher Weiſe der Schmuck, den der Bräutigam ſeiner Braut geſchenkt, mit dieſem ſo ungeduldig er⸗ warteten Vorfall. Daß der Schmuck gerade in der Einbildung dieſer Leute eine ſo große Rolle ſpielte, hatte weniger ſeine Koſtbarkeit als die Geſchwätzigkeit Liſette's, der Zofe der jungen Gräfin, verſchuldet. Sie benutzte jede Gelegenheit, um von den Brillanten und ihrer abenteuerlichen Geſchichte— nach ihr waren ſie nämlich durch die Hände aller ſpaniſchen Königinnen gewandert— zu erzählen. Schlimm war es für Liſette, daß von anderer Seite her, von der des Gärtners, allerlei ſpitze Bemerkungen über ihre genaue Beſchrei⸗ bung des Geſchmeides und über ihr Liebesverhältniß zu dem Jäger Robert fielen. Das ſei ein Burſche, ſo jähzornig und rachſüchtig, daß man ihm Alles zutrauen könne, der würde dem gräflichen Hauſe gewiß noch einmal einen argen Streich ſpielen; wenn ſie dieſem auch ſo viel von der Herrlichkeit erzählt hätte, könne ſich Niemand wundern, wenn die Brillanten noch an demſelben Tage aus dem Schloſſe verſchwinden würden. Das wagte der Gärtner nicht deutlich auszuſprechen, aber er deutete es an. Vergebens verſchwor ſich Liſette ———— 2 — ——4— genden einzu⸗ imlich tigam ig er⸗ n der pielte, zigkeit Sie und en ſie innen iſette, tners, ſchrei⸗ iltniß he, ſo rauen noch ieſem könne h an irden. echen, eiſette bei allen Heiligen, daß ſie ihren Geliebten, ſeitdem er aus dem Dienſt entlaſſen, nicht wieder geſehen. Da⸗ gegen erinnerte der Gärtner an ſeinen zertretenen Raſen und ſeine beſchädigten Blumen. Die Ausflüchte, die Liſette machte, erſchienen der Geſchworenenbank im Ge⸗ ſindezimmer durchaus nicht genügend, um die Verdacht⸗ gründe des Gärtners zu entkräften, und ſo ging die Zofe mit hochrothem Geſichte von dem gemeinſamen Tiſche fort, laut klagend, daß alle Menſchen ſchlecht und boshaft ſeien, und Einer dem Andern die Gunſt der Herrſchaft mißgönne. Die Andern aber ſteckten die Köpfe zuſammen und meinten:„Gebt Acht, wenn es ein Unglück gibt, hat die Liſette ihre Hand dabei!“ Als die Uhr die dritte Stunde des Nachmittags zeigte, die jüngern Damen ernſthafter ſich mit den Vor⸗ bereitungen zu ihren Polterabendſcherzen zu beſchäftigen anfingen, und es eine geraume Zeit ſo ſtill im Schloß und im Garten war, als ob alles Leben darin unter der Gluth der heißen Sonne in einen tiefen Schlaf verſunken läge, ging das Gerücht leiſe treppauf, treppab, durch die Corridore, den Saal und die Halle, und es flüſterte überall wie von Geiſterſtimmen: Der Schmuck! Gebt Acht! Der Schmuck! Eigen war es nun doch, daß der Zufall launiſch oder boshaft dieſen Ahnungen und Träumereien zu 80 Hülfe kam. Auch das Einfachſte und Unbedeutendſte verdichtete ſich in der aufgeregten Phantaſie der Müßig⸗ gänger, welche die feſtliche Gelegenheit im Schloſſe zu⸗ ſammengeführt, zu einem geheimnißvollen, vielverſchlun⸗ genen, fein angelegten Plan. So glaubte Herr von Blacha es mit einem Eide verſichern zu können, daß Herr Samuelſohn, obgleich er heut Vormittag im Gar⸗ ten ſich auch von ihm feierlich verabſchiedet hatte, zu ungewöhnlicher Stunde, in der Weiſe eines Mannes, der ſich auf Schleichwegen weiß und nicht geſehen wer⸗ den will, in das Schloß zurückgekehrt wäre. Ob frei⸗ lich Herr von Blacha für dieſe Ausſage als ein gül⸗ tiger Zeuge angenommen worden, war mehr als zwei⸗ felhaft. Wie gewöhnlich hatte er ſein Mittagsſchläfchen gehalten und war zufällig oder durch einen ſtärkern Windzug aufgewacht, der durch das halbgeöffnete Fenſter ſeines kleinen Zimmers wehte, und an dies Fenſter getreten. Er wohnte aber hoch oben im zweiten Stock des Hauſes und mußte offen geſtehen, daß der Schlaf weder ſeine Seele noch ſeine Augen ganz verlaſſen hatte. Dies einmal zugegeben, bemerkte er einen Mann, der in tief gebückter Haltung erſt an der Gartenmauer und dann an den Bosquets entlang bis zu einem Orte ſchlüpfte, wo, wie Herr von Blacha wußte, ſich eine kleine Eingangspforte in das Schloß befand. Ein — tendſte ſſe zu⸗ ſchlun⸗ er von , daß n Gar⸗ te, zu annes, n wer⸗ ärkern Fenſter Fenſter Schlaf klaſſen Mann, mauer h eine Ein Mann— vielmehr nicht ein beliebiger Mann, ſondern Herr Samuelſohn der Kaufmann, den im Umkreiſe von zehn Meilen jeder Gutsbeſitzer kannte. Und dieſer Mann war an der bewußten Pforte von einem weib⸗ lichen Weſen empfangen worden, von einer Frau oder einem Mädchen, denn nur ſolche tragen flatternde grüne Kleider; und auf dies grüne Kleid hätte der alte Herr nun gar ſeine Seele verwettet. Auf der entgegenge⸗ ſetzten Seite des weitläufigen Gebäudes war faſt zur ſelben Stunde, wo Herr von Blacha über den Juden Samuelſohn und das grüne Kleid nachſann, dem Kut⸗ ſcher Jakob eine Begegnung zu Theil geworden, die ihn ebenfalls tief nachdenklich ſtimmte. Dicht bei den Ställen und Remiſen des Wirthſchafshofes vorüber führte ein Weg ins Freie und dann durch den Wald bis in die Nähe des Städtchens und der Eiſenbahn, der um ein gutes Stück kürzer als die große Fahr⸗ ſtraße vom Schloſſe und vom Dorfe aus nach der Stadt war. Die Diener pflegten ihn zu gehen. Auf dieſem Wege nun ſah der Kutſcher den ehemaligen Jäger Robert eiligen Laufs herankommen. Das war an ſich nichts Wunderbares, nach dem Geſpräch in der Geſindehalle aber mußte es ſeine eigene Bewandtniß mit dieſem Robert haben. Was hatte er im herrſchaft⸗ lichen Walde, in der Nähe des Hauſes zu ſuchen? Und Frenzel, Geheimniſſe. J. 6 82 jetzt winkte er ſogar mit der Mütze und rief den Kut⸗ ſcher bei ſeinem Namen. Der Kutſcher und der Jäger hatten ſich ſchon, ſo lange ſie noch bei einem Wagen beſchäftigt waren, nie mit freundlichen Augen ange⸗ ſehen; heute hätte Jakob ſeine bevorrechtigte Stellung, wie er in Hemdsärmeln mit der rothen ſilberknöpfigen Weſte, die Pfeife im Munde, breitbeinig im Hofthor ſtand, nm keinen Preis aufgegeben. So ließ er Robert“ noch um einige Schritte näher kommen, um ihm, die Pfeife aus dem Munde nehmend, deſto grober zurufen zu können:„Was willſt Du hier? Das iſt gräflicher Grund und Boden.“ Der Andere hob den Kopf trotzig in die Höhe; „Dich will ich nicht ſehen, ſcher' Dich zum Teufel!“ „Was ſchleichſt Du hier herum? In der Nacht haben ſie Dich auch ſchon geſehen. Du haſt nichts Gutes vor, der Galgen iſt— Dein Ende, der Galgen!“ „Ach was Nacht und Galgen! Iſt Herr von Hoch⸗ berg nicht im Hauſe?“ „Das werde ich Dir nicht auf die Naſe binden.“ „Du würdeſt Dir ein gutes Stück Geld verdienen, wenn Du ihn hierherrufen wollteſt. Ich kann nicht an ihn und habe ihm doch ſo Wichtiges zu melden.“ „Du?“ machte der Andere gedehnt, und vergaß ganz, daß er ſeine Pfeife ſchon eine Minute lang in wäl als den Kut⸗ 5r—; r Jäger Wagen ange⸗ dellung, 9 nöpfigen Hofthor Robert hm, die zurufen räflicher e Höhe, ufel!“ r Nacht nichts zalgen!“ en Hoch⸗ binden.“ erdienen, m nicht elden.“ vergaß lang in der Hand hielt, ohne einen Zug daraus zu thun,„Du Galgenſchwengel?“ „Sieh mich nicht an wie die Ochſen das neue Thor. Kennſt Du mich nicht mehr? Wofür hlltſt Du mich?“ „Für einen Lumpen und Vagabunden“, ſchrie Jakob,„der ſich hier fortzuſcheeren hat, und zwar auf der Stelle.“ Und damit trat er in den Hof, warf das Thor zu und ſchob die Riegel vor, als gälte es ſich vor Dieben und Einbrechern zu bewahren. Darüber war ihm die Pfeife vollends ausgegangen, und er hatte, während er Feuer ſchlug, nichts Eiligeres zu thun, als die Geſchichte dem Kammerdiener des Grafen, der zufällig müßig im Hofe umherſtand, zu erzählen. Der ſchlug die Hände über dem Kopf zuſammen, aber nicht wie Jakob meinte, über die Frechheit Robert's, ſondern über die unergründliche Dummheit Jakob's.„Mein lieber Jacques“, ſagte er,„Sie verſtehen die Politik nicht; heben Sie einmal Ihre Hand hoch, und zählen Sie an den Fingern. Um vier Uhr kommt der Eiſen⸗ bahnzug in der Stadt an, um halb fünf war Robert am Thor, folglich kam er von der Eiſenbahn. Ehe er in unſern Dienſt trat, war er der Burſche des Herrn von Hochberg geweſen, der ihn an mich empfohlen hat: folglich kennt er alle Bekannten des Herrn von Hoch⸗ 6 84 berg und auch die Männer, welche— aber das ver⸗ ſtehen Sie nicht, Meiſter Jacques. Einen ſolchen Mann hatte Robert auf der Eiſenbahn getroffen. Wohin wollte dieſer Herr? In's Schloß. Was wollte Robert? Den Lieutenant davon unterrichten, daß er ſich auf den unliebſamen Beſuch vorbereiten könne. O maitre Jacques!“ und er deutete auf ſeine Stirn,„quelle bete! Aber das verſtehen Sie wieder nicht, und nun leben Sie wohl. Ich werde ſelber dem Herrn Lieute⸗ nant die Meldung machen und mir einen Thaler ver⸗ dienen. Das werden Sie doch hoffentlich verſtehen!“ Der ehrliche Jakob ſtand noch immer mit ſeinen fünf erhobenen Fingern der rechten Hand da und ver⸗ ſtand in der That nicht, um was es ſich handelte und um was es ſich nicht handelte; nur eine dunkle Vor⸗ ſtellung dämmerte in ihm auf, daß der Ulanenlieute— nant noch in irgend einer Beziehung zu Robert ſtehe, und auf der Eiſenbahn ein Fremder angekommen ſei, der in's Schloß wolle und doch nicht in's Schloß ſolle. Da indeſſen die beiden Beobachtungen, die eine, die Herr von Blacha, und die andere, die Jakob ge⸗ macht, ſich nicht berührten und von keinem klugen Kopfe ſcharfſinnig zu einem Ganzen verbunden wurden, ſo blieben ſie zunächſt nur als düſtere Punkte, wie ſo viele andere, am Himmel über dem Schloſſe hängen. Wie geſell richtet tig ge hatte, ten, nahte aus! geleg ſen, Lebe legen Freu Gäſt jede mäch unſe Mann Wohin obert? h auf waitre quelle d nun Lieute⸗ er ver⸗ ehen!“ ſeinen d ver⸗ te und Vor⸗ lieute⸗ ſtehe, en ſei, ſolle eine, ob ge⸗ klugen urden, wie ſo ängen. 8 ver⸗ Wie aber auch Stimmung und Erwartung der Feſt⸗ geſellſchaft im Geheimen auf ein Außerordentliches ge⸗ richtet war, als einmal die Feier ſelbſt in dem präch⸗ tig geſchmückten großen Saale des Schloſſes begonnen hatte, launige und ſcherzhafte Glückwünſche ſich kreuz⸗ ten, liebliche und groteske Masken ſich dem Brautpaar nahten, als endlich gar Abgeſandte, Alte und Junge, aus der Banernſchaft der beiden im Schutz des Schloſſes gelegenen Dörfer erſchienen, um auch ihrerſeits in Ver⸗ ſen, die dem Schulmeiſter vielen Schweiß gekoſtet, ihre Liebe und Chrfurcht der jungen Gräfin zu Füßen zu legen und ihr für alle künftigen Tage des Lebens Freude und Segen zu wünſchen: da entſchwand den Gäſten allmählig unter ſo vielen heiteren Anregungen jede Beſorgniß vor einem traurigen Zwiſchenfall. So macig iſt die Gewohnheit und die Sitte, daß ſie ſelbſt unſere Stimmungen beeinflußt, und wenn ſie auch nicht das Innere unſerer Herzen umkehren kann, ſo weiß ſie doch äußerlich den Schein, beute der Fröhlichkeit, morgen der Trauer, zu verbreiten, unter dem die Ge⸗ ſichter aller Betheiligten einen mehr oder weniger gleich⸗ mäßigen allgemeinen Ausdruck annehmen. Wer an dieſem Abend in den lichterhellten Saal, unter die froh⸗ bewegten Menſchen in prangenden Feſttagskleidern, ge⸗ treten wäre, würde ſehr erſtaunt geweſen ſein, wenn 1 — 86 ihm jener Dämon, der in Leſage's witziger Erzählung die Dächer der Häuſer von Madrid aufheben konnte, unter all dieſen Masken und Larven des Scherzes und der Luſt das tragiſche Geheimniß offenbart hätte, das ſie bedeclten. Selbſt dem verlobten Paare hätte nur ein in der Prüfung menſchlicher Geſichtszüge geübter Blick die innerliche, mühſam gedämpfte Erregung ange⸗ ſehen. Für den flüchtigen Beobachter war die Liebens⸗ würdigkeit, mit der Melanie die ihr dargebrachten Glück⸗ wünſche entgegennahm, ebenſo tadellos, wie ihre ſanft reſignirte Haltung Albert gegenüber. Sie ſchien die Selbſtbeherrſchung, die er ſo lange geübt hatte, nach⸗ ahmen und ihm zeigen zu wollen, daß auch ſie ihre leidenſchaftliche Heftigkeit zu beherrſchen wiſſe. In ihrem braunen Haar trug ſie einen Kranz von Moos⸗ roſen, und dieſelben Blumen rankten ſich in gefälliger Weiſe durch die Puffen ihres weißen Tüllkleides. Von dem koſtbaren Brautgeſchenk ihres Verlobten hatte ſie nur die Bruſtnadel mit dem weithin leuchtenden Bril⸗ lanten angeſteckt: eine zarte Aufmerkſamkeit, für die ihr Albert dankte, und in der Herr von Blacha in ſeinem trotz alledem und alledem immer hoffnungsvollen Gemüthe den erſten Schimmer der endlichen Verſöh⸗ nung Beider erkennen wollte. Es war Alles gut gegangen trotz des Sturmes, — bene die ſchie Un An geſe — 87 der am Spätabend um das Schloß zu toben anfing und für die Nacht ein Gewitter verhieß, wenn Meiſter Jakob, wie der Kammerdiener weltklug bemerkt hatte, verſtanden, was Politik wäre. In dieſem Falle näm⸗ lich wäre Hans von Hochberg, nach der Mittheilung, die ihm der Diener zugeflüſtert, weniger unruhig ge⸗ weſen, hätte nicht wiederholt nach der Uhr und dann nach der Thür geblickt, wie Einer, der eine Botſchaft ungeduldig erwartet und ſich doch zugleich fürchtet, ſie zu erhalten. Er ſpielte bei der ganzen Feſtlichkeit keine beneidenswerthe Rolle, und die verzweifelten Verſuche, die er machte, durch gewaltſamen Humor aus ſeiner ſchiefen Stellung herauszukommen, vermehrten nur die Unbehaglichkeit, die er mit ſich ſelbſt empfand und den Andern einflößte. Da— ſie hatten ſich eben zu Tiſche geſetzt und auf der Galerie des Saales blieſen die Muſikanten Weber's Brautjungferchor— neigte ſich der Kammerdiener zu Hochberg nieder und raunte ihm einige Worte zu, die dieſen haſtig aufſtehen, ſeinen Stuhl zurückſchieben und nach einer Verneigung gegen die Braut hin aus dem Saal gehen ließen. Es konnte nicht anders ſein, als daß die Blicke Aller dem Da⸗ voneilenden folgten und ſich dann, Erklärung ſuchend, auf den Grafen Waldhelm richteten, dem der Lieute⸗ nant zur linken Hand geſeſſen hatte. Der Graf hatte 88 wohl in ſeinem Leben ſchon peinlichere Lagen über⸗ ſtanden. Er begegnete den fragenden Blicken ſeiner Gäſte mit jenem halb liebenswürdigen, halb ironiſchen Lächeln, das ihm für ſolche Vorfälle jetzt als Schild, jetzt als Degen, um feindlichen Angriffen zu widerſtehn, immer zu Gebote ſtand, und ſagte, wie zur Entſchul⸗ digung ſeines Neffen, nach rechts und links hin: „Dienſtgeſchäfte!“ Und er ſagte dies mit einem Ton, der den Kundigen andeutete, daß er ſelbſt an dieſe Geſchäfte im Dienſte und ihre Wichtigkeit nicht glaube, den Andern, Nichteingeweihten aber wie unumſtößliche Wahrheit klang. Melanie's Kopf glühte, hülfeſuchend ließ ſie ihre Augen durch den Saal ſchweifen, nur auf den Mann, der neben ihr ſaß, wagte ſie nicht zu blicken. In dem Bewußtſein ihrer Schuld hatte ſie das Gefühl, daß Albert ihr mit Recht dieſen ſeltſamen Vorfall zum Vorwurf machen könnte. Seinen ſtrengen Anſichten von Regelmäßigkeit und Ordnung wie ſeinem feinen Takt mußte eine ſolche Scene doppelt beſchwerlich fallen. Heute aber war es anders. Für ihn, den Mann, der ſeiner Stellung, ſeines Reichthums und ſeines Willens ſicher war, erhielt der Wirrwarr in dieſem Hauſe, der Gegenſatz der hohen Anſprüche zu der Bedürftigkeit; des leeren Scheins zur ernſten Wahrheit, mehr und mehr das Anſehen einer tollen Maskenkomödie. Der Ge⸗ danke hatte Und das( er an ſtänd ſchän gens weite trat 89 danke, das ganze Leben ſei nur ein Faſtnachtsſcherz, hatte ſich ihm niemals unwiderſtehlicher aufgedrängt. Und dabei miſchte ſich in ſein ſpöttiſches Lachen noch das Gefühl eines kleinen Triumphes. Wie recht hatte er am Morgen gehabt, Melanie zu einem offenen Ge⸗ ſtändniß aufzufordern, wie tief mußte jetzt ihre Be⸗ ſchämung wegen ihres trotzigen und hartnäckigen Schwei⸗ gens ſein! Ununterbrochen hatte indeſſen die Muſik weiter geſpielt, und merkwürdig, gerade als ſie endete, trat auch Hans wieder in den Saal, lant lachend, eine telegraphiſche Depeſche in der Hand. Er erbat ſich einen Augenblick Ruhe, entſchuldigte die Störung, die er verurſacht, und verſicherte mit der heiterſten Miene, daß ſeine Kameraden ihn beauftragt hätten, in ihrem Namen dem Brautpaar die Huldigung des gan⸗ zen Regimentes darzubringen. Das wurde mit ſo gutem Humor von ihm vorgebracht, und Herr von Blacha kam ihm mit erhobenem Glaſe ſo bereitwillig zu Hülfe, daß in dem allgemeinen Hochruf, dem Klin⸗ gen der Gläſer, dem Schütteln der Hände, Niemand Verlangen trug, den Wortlaut der Depeſche, die Hoch⸗ berg ſich eben vorzuleſen anſchickte, zu vernehmen. Noch ſetzte ſich das Gläſerklingen fort, als er das Blatt in die Taſche ſteckte und halblaut, aber doch ſo, daß es die Näherſitzenden hören konnten, zu ſeinem Oheim ſagte: — 90 „Nein, es geht doch nicht, die Kameraden haben nicht für Damen geſchrieben!“ Albert erfüllte nur eine Pflicht der Höflichkeit, als er darauf in kurzen Worten Herrn von Hochberg und ſeinen Kameraden für die freund⸗ liche Rückſicht auf ſein Wohlergehen dankte. Waren nun ſeine Worte ein wenig zweideutig gewählt, oder der Ton ſeiner Stimme zu ironiſch gefärbt: als das Mahl zu Ende gegangen und die Jüngeren in der Geſellſchaft im Nebenſaale zum Tanze ſich anſchickten, zog ihn Herr von Blacha mit der heimlichen Frage auf die Seite:„Sie glauben nicht an die Depeſche?“ „Doch“, entgegnete Albert,„nur nicht an ihren Inhalt. Es wäre doch mehr als drollig, wenn adelige Offiziere in Wirklichkeit einem bürgerlichen Kaufmanne ihre Gratulation darbrächten.“ „Und ſind Sie erzürnt darüber?“ „Im Gegentheil, das Luſtſpiel iſt im beſten Gange. Wie lange kann es noch dauern, und die Verwirrung hat den höchſten Grad erreicht! Ich ahnte nicht, als ich hierher kam, daß ich auch zu einer Komödie ge— laden ſei.“ „Und die Löſung, wie denken Sie ſich dieſelbe?“ „Heiter, Herr von Blacha, im Sinne Molieére's, eine Läuterung für Alle.“ Darüber hatte der Tanz begonnen, und da Albert — — es aus men, die Sit mit ih ſchnel ſterte einzel zu:„ geht d bleibe meine Klage komn Bah⸗ Melo vor Meel tiefer wort nur. ———— die Sitte betrachten, daß nach dem erſten Tanz Melanie es ausdrücklich abgelehnt, an demſelben Theil zu neh⸗ men, ſo konnte es Niemand als einen Verſtoß gegen mit ihrem Vetter in die Reihe trat. Während ſie im ſchnellen Wirbel ſich durch den Saal ſchwangen, flü⸗ ſterte er im Schutz der rauſchenden Muſik, die jedes einzelne Wort übertönte, in abgebrochenen Sätzen ihr zu:„In zwei Stunden muß ich fort. Um zwei Uhr geht der Eiſenbahnzug nach der Hauptſtadt, wenn ich bleibe, bin ich ein verlorener Mann. Morgen wollen meine Gläubiger bei dem Regimentscommando ihre Klage erheben. Ein guter Freund iſt mir entgegenge⸗ kommen, mich zu warnen, und erwartet mich auf dem Bahnhofe.“ Was er nun noch ſagte, verklang für Melanie in dem allgemeinen Geräuſch, es ſauſte ihr vor den Ohren, wie das Brauſen eines gewaltigen Meeres, in deſſen Fluthen ſie unwiderſtehlich immer 1 tiefer hinabgezogen wurde. Sie hatte auch keine Ant⸗ 11 wort auf alle ſeine Bitten und Fragen, ſie erwiderte nur:„Morgen!“ Der Walzer war zu Ende. Hochberg hatte ſeine erſchöpfte Tänzerin zu einem Stuhl geführt, welcher der Muſikantengalerie ſich gerade gegenüber befand. Auf dieſer Galerie hatten hinter den Muſikanten die Diener des Schloſſes und einige vom Haushofmeiſter 92 Bevorzugte aus dem Dorfe Platz genommen. Als unten im Saale Melanie ſich niederſetzte, erſchien oben Liſette, die ſich bisher von dem ganzen feſtlichen Trei⸗ ben fern gehalten hatte, wie der Kammerdiener be⸗ hauptete, aus gerechtem Zorn über die boshaften An⸗ ſpielungen des Gärtners bei der Mittagsmahlzeit, die ein ehrenwerthes Mädchen,— une fille d'honneur— wie er ſich ausdrückte, um von den Andern nicht ver— ſtanden zu werden, nicht auf ſich ſitzen laſſen könne. Sie arbeitete ſich durch die Gaffer und wurde bald ſchiebend, bald geſchoben, in die vordere Reihe der Muſikanten ſelbſt gedrängt. Um beſſer ſehen zu können, beugte ſie ſich über die Brüſtung, und zur ſelben Zeit erhob ſich Melanie von ihrem Stuhl und verließ unter dem Vorwand, eine Weile ſich ausruhen zu wollen, da ſie einen leichten Druck im Kopfe fühle, den Saal. Sie hatte Blacha's Arm angenommen und ließ ſich von ihm bis in die Nähe ihres Zimmers führen. In ſeiner gutmüthig geſchwätzigen Weiſe beutete der alte Herr dieſe vor der Trauung ſchwerlich für ihn wieder⸗ kehrende Gunſt des Zufalls aus, indem er ihr eine glänzende Schilderung von den Vorzügen und trefflichen Eigenſchaften Albert's entwarf und ihr eine Anzahl von Beiſpielen aus ſeiner reichen Erfahrung anführte, daß ſcheinbar ungleiche und nur aus Vernunftgründen und? aus Chen ihm Saa ſamt —— und Rückſichten geſchloſſene Ehen häufiger als Heirathen aus Liebe den alten Spruch zur Wahrheit gemacht hätten: Ehen werden im Himmel geſchloſſen. Da Melanie ſchweigend und ohne Widerſpruch ihm zugehört, kehrte Herr von Blacha vergnügt in den Saal zurück. Er war von dem Triumph ſeiner Beredt⸗ ſamkeit feſt überzeugt; neben den großen Schickſals⸗ ſchlägen ſind es deine Worte geweſen, ſagte er zu ſich ſelbſt, die all' dies Herrliche vollendet. Wenn Herr von Blacha in das Pathos gerieth, fielen ihm immer Remi⸗ niscenzen aus Schiller's Dichtungen ein. Dieſe freudig bewegte und gerührte Stimmung erhielt noch einen höhern Schwung, als er den Grafen Waldhelm Arm in Arm mit Albert durch den Saal gehen ſah. Vor Blacha's Geiſte glühte im ſchönſten Licht die Fackel der Ver⸗ ſöhnung auf, und in dieſem Glanze, der Alles in Gold und Purpur kleidete, vergaß er ſogar das häßliche Ge⸗ ſicht Samuelſohn's, das ihm am Nachmittag wider Er⸗ warten vor Augen getreten war und ihm Schlaf und Verdauung verdorben hatte. In verbindlichſter Form hatte Graf Waldhelm ſeinen Schwiegerſohn gebeten, die Unvorſichtigkeit und das taktloſe Benehmen ſeines tollen Neffen zu verzeihen; es ſei ein junger, leicht⸗ ſinniger Menſch, der jedem Eindruck raſch nachgäbe, zu unſinnigen Streichen einer übermüthigen Jugend 94 geneigt, dem man aber wegen der guten Eigenſchaften ſeines Herzens die Fehler ſeines heißen Blutes vergeben müſſe. Auch Albert ſchien dies einleuchtend; aus dem längern Geſpräch mit dem Grafen zog er den Schluß, daß Hans von Hochberg ſich vielleicht, von der Vertrau⸗ lichkeit der Verwandtſchaft verführt, auf die Hand ſeiner Couſine Hoffnung gemacht und ihn, ſeinen Nebenbuhler, darum mit nur zu erklärlicher Eiferſucht und Feind⸗ ſchaft betrachte. Du haſt dem jungen Manne doch wohl Unrecht gethan, überlegte er bei ſich; wenn er deine Worte von vorhin in Blacha's Sinne aufgefaßt, hat r ein gutes Recht, dir zur zürnen. Selbſt wenn ſeine Depeſche eine Erfindung ſein ſollte, dich konnte im Grunde ſeine Lüge doch nicht verletzen; kommt es dir zu, ſeine Geheimniſſe zu erforſchen? Und ſo hin und hergehend, ſuchte er ſich Hochberg zu nähern und eine vertrauliche Unterhaltung mit ihm anzuknüpfen; der Chrlichkeit und Aufrichtigkeit ſeiner Geſinnung würde es nicht ſchwer fallen, den Andern zu überzeugen und zu gewinnen. Diejenigen, welche die Schlacht von Waterloo mit⸗ gemacht haben, pflegen mit einem Gemiſch von Staunen und Schrecken von jenem Balle zu erzählen, welcher am Abend des 15. Juni in Brüſſel bei der Herzogin von Richmond gefeiert wurde. Wellington, der Herzog von Brau jüng liche Tan⸗ der rück ſehen miſc wur zu Sch im ſpä ode dir und eine der irde und mit⸗ nen am von von ———— Braunſchweig, eine große Zahl Officiere, ältere und jüngere, engliſche, deutſche, holländiſche, vornehme, ſtatt⸗ liche Leute waren zugegen. Mitten in der Freude des Tanzes kamen Boten über Boten zu dem Herzog mit der Meldung, daß die Franzoſen im ſtürmiſchen Vor⸗ rücken begriffen wären, und nun war es ergreifend, zu ſehen, wie die jungen Männer immer wilder und ſtür⸗ miſcher tanzten, und nach jedem Tanze ihre Zahl kleiner wurde, da der Herzog jetzt die Einen, jetzt die Andern zu ihren Regimentern ſchickte, vom Feſtſaal auf das Schlachtfeld. Wie ſo viele von denen, die noch eben im Tanze ſich geſchwungen, lagen wenige Stunden ſpäter mit dem edlen Herzog von Braunſchweig todt oder verwundet in den Gehölzen von Quatrebras! Hans, der zufällig in ſeinem Zimmer ein Buch über den Feldzug von 1815 gefunden hatte und geſtern Nacht, da er nicht einſchlafen konnte, darin geblättert und auf die Schilderung dieſes Balles geſtoßen war, verglich noch unter dem Eindruck dieſer aufregenden Lektüre ſeine Lage und ſeine Stimmung in dieſem Saal mit der jener Helden. Auch ihm drohte nach kurzer Friſt etwas, das viel ſchrecklicher war, als der Tod auf dem Schlachtfelde, der Jenen vorgeſchwebt; wie ſie war er der nächſten Minute nicht mehr ſicher und wollte die, welche ihm noch gehörte, bis auf die Neige auskoſten. 1 96 Mit wachſender Leidenſchaftlichkeit warf er ſich in das Tanzgewoge und trank in immer haſtigeren Zügen den ſchäumenden Wein. Eben hatte er das Glas niederge⸗ ſetzt, blickte noch einmal in den Saal, auf all' die ro⸗ ſigen, glühenden Mädchengeſichter, als ſollte er ſie nie— mals wiederſehen, und ſuchte ungeduldig nach Melanie, die noch nicht wieder aus ihrem Zimmer zum Verſhein gekommen war, als Albert ſich ihm näherte. Den ver⸗ haßten Mann an dieſer Stelle im ndentri des Scheidens zu treffen, zu wiſſen, daß er blieb, während er ſelbſt gehen müſſe und zwar gehen ohne Wieder⸗ kehr: Hochberg's Blut ſiedete, ſeine Fauſt ballte ſich wie zum Schlage, es zuckte in allen Adern ſeines Armes. „Herr von Hochberg“, ſagte Albert, und ſein Ton mochte, gerade weil er ſich bemühte, herzlich zu ſein, ein wenig gezwungen klingen;„Herr von Hochberg, dieſe ganze Zeit über hat ein Mißverſtändniß zwiſchen uns geherrſcht und zu meinem Bedauern uns von ein⸗ ander entfernt, weiter entfernt, als es mir wünſchens⸗ werth erſcheint.“ „Ein Mißverſtändniß? Entfernung? Daß ich nicht wüßte, mein Herr! Im Gegentheil, ich habe ſtets ge— glaubt, ſeit ich die Ehre habe, Sie zu kennen, uns Beiden wäre esam beſten, das Meer läge zwiſchen uns!“ „Und wenn ich es verſuchen wollte, dies Meer der „l — der Irrungen—“ er betonte das Wort: Irrungen— „zu durchſchiffen und an der jenſeitigen Küſte zu landen?“ „Der Empfang dürfte unfreundlich genug ſein.“ In vino veritas! dachte Albert, und die Aufrichtig— keit, mit der Hans in ſeiner Weinlaune ſeine Abneig⸗ ung gegen ihn eingeſtand, gefiel ihm viel mehr, als die halbe und gezwungene Höflichkeit, die er bisher er⸗ fahren. Er lächelte und ſagte:„Ach Herr von Hoch⸗ berg, da kennen Sie uns Kaufleute ſchlecht. Auf einen erſten ſchlimmen Empfang ſind wir bei einem Fremden immer vorbereitet. Wie traurig ging es zuerſt dem erfindungsreichen Odyſſeus bei der ſchönen Circe! Wir kommen mit unſern Waaren unerſchrocken wieder, und der Kaufmann, der vielgeſchmähte, vielbeargwöhnte und vielgehaßte, wird zuletzt das Bindeglied zwiſchen den Völkern zur Weltverbrüderung, und ſeine Hand löſcht die Fackel der Zwietracht aus.“ Gerade die Ruhe und die ſcherzhafte Weiſe, in der Albert dies ſagte, empörte den Offizier bis in das in⸗ nerſte Herz.„Ja wohl,“ rief er,„wenn man den Schleichern die Gelegenheit läßt, wiederzukommen! Wenn man ſie nicht mit blutigen Köpfen heimſchickt Die Kaufleute, Herr Römer, habe ich geleſen, waren meiſt auch Seeräuber und Sklavenhändler und ſetzen das Ge⸗ ſchäft noch heute fort!“ Frenzel, Geheimniſſe. I. 21 98 Die Zornader, die am Morgen Melanie auf Albert's Stirn erſchreckt, flammte wieder auf.„Und der Enkel von ritterlichen Wegelagerern will mit dem Enkel der Pfefferſäcke, die ſeine Vorfahren geplündert, keine Ge⸗ meinſchaft haben,“ ſagte er,„das iſt durchaus billig, und ich verſtehe jetzt Ihre Meinung, Herr von Hoch⸗ berg, Ihre ganze Meinung.“ „Herr Römer...“ Hans erſtickte die Stimme vor Wuth, er erhob die Fauſt. Mit verſchränkten Armen, hoch aufgerichtet, ſtand ihm Albert gegenüber, ſchwer und ſcheinbar unbewegt, als wäre er eine Geſtalt von Erz. „Nur Blut kann dieſe Beleidigung ſühnen, nur Blut!“keuchte Hans. Kein Wort erwiderte Albert und rührte kein Glied⸗ ſeine Kaltblütigkeit ließ ihn viel ſtolzer und männlicher erſcheinen, als ſeinen unruhigen, zornbebenden Gegner. Doch wer hätte ſagen wollen, welch' Ende dieſer Zwie⸗— ſpalt genommen, hätte jetzt Melanie ihrem Vetter nicht zugerufen:„Hans!“ Sie ſtand hinter ihrem Verlobten, wie aus der Erde gezaubert, und ſchaute Hans mit großen ſtarren Augen an. Aus ihren Haaren hatte ſie den Kranz ent⸗ fernt und einen Schleier aufgeſteckt, der lang über ihren Rücken hinabfiel und vorn ihr Geſicht um Schläfen und 99 Wangen faſt ganz einrahmte. Sie mochte ihn wegen des Zuges, der durch die Corridore ſtrich, genommen haben, um ſich auf ihrem Gange von ihrem Zimmer zum Saal zu ſchützen. Ihr Weſen war wie verwan⸗ delt, alles Leben aus ihren Geſichtszügen entwichen. Aber weder Hans noch ein Anderer kamen dazu, ihrer Verwunderung darüber einen Ausdruck zu leihen, denn eben ſchlug eine Uhr die verhängnißvolle Stunde. In fünf Minuten mußte Hans das Schloß verlaſſen haben, wollte er noch den Eiſenbahnzug erreichen— und auch dies nur zu Pferde, im wilden Galopp. Noch verklang der ſcharfe Schlag der Uhr, als ein zuckender Blitz, ein mächtiger Donnerſchlag das Schloß erſchütterte, die Muſik und den Tanz unterbrach.„Es hat eingeſchlagen!“ „Um des Himmels willen, doch nicht hier? Seht einmal nach! Oeffnet die Thüren! Welch ein Gewitter!“ Im ängſtlichen Durcheinander flüchteten Mädchen und Frauen, die Männer ſuchten zu beruhigen. Da⸗ zwiſchen Donner auf Donner, Sturmſauſen und ſtrömen⸗ der Regen— ein Wolkenbruch. „Melanie, was iſt Dir?“ ruft die Tante. Und da liegt ſie ſchon in ihren Armen, in ſchwe⸗ rer Ohnmacht; der weiße Schleier hüllt ihr ganzes Ge⸗ ſicht ein, Alle ſind hülfreich um ſie beſchäftigt, nur Albert wagt nicht, ſie anzurühren. Seltſam! flüſtert 7*† eine geheime Stimme in ihm, ſeltſam! Sie ſieht aus wie Donna Sol, als der Schleier über ſie fiel! Hans iſt aus dem Saal geſtürzt, Niemand hat ſeine Entfernung bemerkt. Sechstes Kapitel. Bis zum Morgengrauen hatte das ſchwere Ge⸗ witter über dem Schloſſe getobt, und die ſo vielfach von inneren und äußeren Eindrücken aufgeregte Geſell⸗ ſchaft nur wenige Stunden eines unruhigen Schlafes genoſſen. Schwere Wolken hingen am Himmel, als endlich die Sonne über der fernen Gebirgslinie und den Wipfeln der Bäume aufging und mit fahlem Licht die Schläfer weckte. Statt im Glanz der freudigen Stimmung des geſtrigen Tages ſchien die Natur heute im Banne der Schwermuth gefangen zu liegen. Mit verdroſſenen Geſichtern, theils übermüdet, theils be⸗ trübt und beſtürzt, ſaßen die Gäſte um den Früh⸗ ſtückstiſch. Doch war ihre Zahl geringer als geſtern, indem der eine und der andere unter den verſchieden⸗ 102 ſten Vorwänden, es vorgezogen hatte, allein auf ſeinem Zimmer ſein Frühſtück einzunehmen. Es war, als fürchteten ſie ſich vor einander. Nicht einmal Herrn von Blacha, der eine Reihe von Geſpenſtergeſchichten und fürchterlichen Jagdabenteuern bei Sturm und Regen zum Beſten gab, gelang es, den Mißmuth und die Aengſtlichkeit der Verſammelten zu zerſtreuen. Ja, ſeine Geſpenſter, die ſich ſchließlich immer auf natür⸗ liche Weiſe in leere Luft auflösten, fanden nicht den geringſten Beifall. Seinen Zuhörern hätten ſie viel mehr zum Herzen geſprochen, wenn ſie unerklärt und geheimnißvoll geblieben wären. Alle waren auf etwas Schauriges gefaßt, und ohne daß man ſagen konnte, woher es gekommen, hatte das Grauen ihr Gemüth. ergriffen. Es mochte die Nachwirkung des Gewitters auf die geängſtigte Pſyche ſein. Eben hatte Herr von Blacha wieder ein unheimliches geſpenſtiſches Geräuſch, das ihn auf einem verfallenen Jagdſchloſſe im benach⸗— barten Böhmen um Mitternacht vor Jahren in Todes⸗ ſchweiß verſetzt, proſaiſch vernünftig als das Winſeln und Kratzen eines Hundes erklärt, als ein lautes Ge⸗ ſchrei, ein Rufen vieler Stimmen von dem Gange her erſcholl, die Saalthür aufgeriſſen wurde, und ein junges Mädchen, eine der Brautjungfrauen, die hin⸗ aufgegangen war, die Langſchläferin Melanie zu wecken — und ſich nach ihrem Befinden zu erkundigen, leichen⸗ blaß und athemlos in den Saal ſtürzte und rief: „Er iſt fort, er iſt fort!“ In demſelben Augenblick er⸗ ſchien, kaum weniger beſtürzt, der Kammerdiener des Grafen auf der Schwelle der Thür, überblickte die Ge⸗ ſellſchaft und ſagte zu Herrn von Blacha gewendet: „Er iſt auch hier nicht! Wenn ihm nur kein Unglück paſſirt iſt!“ „Wem denn?“ fragte Herr von Blacha den Diener, und ein Anderer das junge, an allen Gliedern zitternde Mädchen:„Wer, was iſt fort?“ „Melanie's Schmuck!“ erwiderte das Mädchen, und der Diener:„Herr von Hochberg iſt verſchwunden.“ Eine Scene unbeſchreiblicher Verwirrung und Be⸗ ſtürzung trat ein. In dem Durcheinander der Fragen, die Alle auf einmal, jetzt an das Mädchen und jetzt an den Diener richteten, war keine Klarheit der Anſchau⸗ ungen, kaum eine beſtimmte Antwort zu gewinnen. Dieſe wollten zum Grafen Waldhelm eilen, jene be⸗ gaben ſich nach Melanie's Zimmer, die einen riefen: man müſſe ſogleich nach der Stadt und dem dortigen Kreisgericht ſchicken, die andern ſagten:„Was iſt das für eine traurige Begebenheit! Wie benimmt ſich Melanie bei dieſem Verluſte? Was wird Herr Römer thun?“ Der war, als die Unruhe und der Wirrwarr 104 der Meinungen den höchſten Grad erreicht hatte, in den Saal getreten, zum Theil ſchon durch die Diener von dem Vorgefallenen unterrichtet. Als demjenigen, den die Angelegenheit am Nächſten berührte, ließen die Anderen ihm das Wort, uud ſo kam man endlich da⸗ hin, wenigſtens von der Entdeckung des jungen Mäd⸗ chens ein deutliches Bild zu erhalten. Vor Melanie's Schlafzimmer lag ein kleines erkerartiges Gemach, in dem ſich auf ihrem Tollettentiſch einige Koſtbarkeiten und Nippſachen befanden; Melanie liebte es, ihren Beſitz zur Schau zu ſtellen; dennoch hatte ſie die Vor⸗ ſicht geübt, das Brautgeſchmeide ſorgfältig in die Schublade dieſes Tiſches zu verſchließen. In der Nacht, als ſie müde, vom Gewitter körperlich und von dem Streit zwiſchen ihrem Verlobten und ihrem Vetter innerlich aufgeregt, von ihrer Ohnmacht kaum wieder⸗ hergeſtellt, am Arm ihrer Verwandten, in ihr Zimmer gekommen war, hatte ſie alle Hülfe, auch die Liſette's, abgelehnt, ſich raſch entkleidet und auf das Bett ge⸗ worfen. Sie hatte nicht weiter Acht auf den Tiſch und die Schublade gehabt, die Bruſtnadel, die ſie ge— tragen, hatte ſie in ein kleines, offen ſtehendes Käſtchen unter den Spiegel gelegt. Im Uebrigen hatte die Freundin das äußere Zimmer unverſchloſſen und die Kleider unordentlich über die Stühle geworfen ge⸗ funde aus Weil erſt a gebu weſe eine bem bein auf hero — funden. Auf ihr wiederholtes Rufen war Melanie aus einem ängſtlichen Traum aufgefahren, hatte eine Weile wie verſtört aufrecht im Bette geſeſſen und ſich erſt allmählig an den Anblick der Freundin und die Um⸗ gebung gewöhnt. Nach ihrer Ausſage ſei es ihr ge⸗ weſen, als erwache ſie in einem fremden Lande, unter einer andern Sonne. Während ſich nun die Freundin bemühte, ſie zu beruhigen und zu tröſten, und ihr beim Anziehen behülflich war, fiel ihr Blick zufällig auf den Tollettentiſch. Die Schublade war ein wenig herausgezogen, der Schlüſſel ſteckte im Schloß. Das Andere braucht nicht erzählt zu werden. Der Schreck der beiden Mädchen über den alsbald vermißten Schmuck machte ſie ſprachlos. Nun ein heftiges Suchen hin und her, hier und dort, ein Aufziehen aller Schubläden, ein Oeffnen der Schränke, ein Klingeln nach der Zofe: das Alles geſchah in wenigen Sekunden, vermehrte aber nur die Angſt der Mädchen und die Unordnung im Gemach. Albert war, nachdem er ſo weit Kennt⸗ niß von der Sachlage genommen, d der Meinung, daß der Schmuck wahrſcheinlich in der Unruhe des ver⸗ gangenen Tages oder in dem Schrecken der Nacht an einen andern Platz, als dort, wo man ihn geſucht, auf⸗ bewahrt worden ſei. So entſann er ſich eines kleinen, mit Perlmutter ausgelegten Schrankes, der im Zimmer 106 ſtand, und in dem möglicherweiſe Melanie das Ge⸗ ſchmeide hätte verſchließen können. Wenn er mit dieſer Anſicht einen in den Zuhörern etwa aufſteigenden Ver⸗ dacht von vorn herein abweiſen wollte, ſo bewirkte er das Gegentheil, denn jeder fand in ſeinen Worten nur eine auf die Spitze getriebene Großmuth, die in ihrem Uebermaß faſt nothwendig den Argwohn herausfor⸗ derte. Die Andern drangen deßhalb um ſo hart⸗ näckiger darauf, die Polizei ſogleich von dem Vorfall zu benachrichtigen; man könne ja, fügte einer ſpöttiſch hinzu, unterdeſſen den bewußten Schrank öffnen und die Zimmer der jungen Gräfin auf das Genaueſte unterſuchen. Allem Streit machte das Erſcheinen des Grafen Waldhelm ein Ende. Niemand hatte den Edelmann noch je in ſolcher Erregung geſehen, und diesmal war er nicht der geſchickte Schauſpieler, der eine Stimmung künſtlich nachzuahmen oder ſelbſt nach⸗ zuempfinden weiß, ſondern von einer wahren ſittlichen Empörung ergriffen, daß in ſeinem Hauſe ein ſo frecher Diebſtahl und noch dazu, wie es doch keinem Zweifel unterliegen könne, von Genoſſen und Mitbe⸗ wohnern dieſes Hauſes verübt worden ſei. Für ihn bedurfte es keiner Ueberlegung, welche Schritte zu thun wären; Alles der ſtrengſten öffentlichen Unterſuchung und dem Einſchreiten der richterlichen Gewalt zu über⸗ ——n—ʃ⏑— 2 ——— laſſen Schn gefüc gang keit, Kun beiv Vell leite unb wor Off ſchr auc — — 107 laſſen, war die gebieteriſche Forderung ſeiner Ehre. Schweigend hatte ſich Albert dem Willen des Grafen gefügt und war nach dem Gemach ſeiner Braut ge⸗ gangen. Schwerlich aus Neigung, mehr aus Höflich⸗ keit, dachte Herr von Blacha, der die diplomatiſche Kunſt und den ſicheren Takt ſeines jungen Freundes bewundern mußte. Denn ſo geſchickt hatte Albert die Verhandlung und die ſich durchkreuzenden Fragen ge⸗ leitet, daß auch nicht mit einem Wort des ſeltſamen unbegreiflichen Verſchwindens Hochberg's dabei gedacht worden war. Und gerade dies Verſchwinden des Offiziers in Verbindung mit dem gleichzeitigen Ver⸗ ſchwinden des Schmuckes gab Blacha vielerlei, wenn auch nichts Erfreuliches, zu denken. War es glaub⸗ lich, daß ein Edelmann ſich ſo weit vergeſſen, ſo tief erniedrigen konnte? Und wenn nicht, warum erſchien Hochberg nicht? Wo weilte er? Warum war er ge⸗ gangen? Gern hätte Blacha ſeine Vermuthung dem Grafen Waldhelm zugeraunt, um deſſen ſich überſtür⸗ zenden Eifer zu mäßigen, aber ein Blick in das finſtere, ſtrenge Geſicht deſſelben ſagte ihm, daß er mit ſeiner Warnung ſchlecht bei dem Unerbittlichen fahren würde, der ganz das Anſehen eines modernen Brutus hatte und bereit ſchien, ſelbſt ſeine nächſten Verwandten ſeiner beleidigten Ehre zu opfern. Schon jagte auch 108 ein Diener auf raſch geſatteltem Pferde ſpornſtreichs nach der Stadt, einen Beamten zur Unterſuchung des Falles herbeizuholen. An einem Diebſtahl des Schmuckes war nicht länger zu zweifeln. Das Geſchmeide wurde trotz allem Suchen nicht gefunden. Aber das Zimmer, in dem der Diebſtahl geſchehen war, hatte, wie Blacha bei ſich bemerkte, bei all' dieſem Nachforſchen in Schränken und Tiſchen, in den Ecken und Winkeln eine voll⸗ ſtändige Umwandlung erfahren. Nichts ſtand mehr genau an dem Platz, den es am Morgen innegehabt. Die Kleider waren fortgeräumt, die Seſſel zuſammen⸗ gerückt worden. Und wiederum war es auffällig, daß vor allen Andern Albert das Möglichſte that, dieſe Umgeſtaltung noch zu vermehren. „Wenn die Polizei kommt,“ meinte Blacha,„wird ſie ein ſchweres Stück Arbeit haben, in dieſem ſo rein gefegten, von unterſt zu oberſt umgekehrten Zimmer auch nur die leiſeſte Spur des Diebes zu entdecken.“ „Wer ſagt Ihnen denn,“ erwiderte Albert,„daß ich die Polizei überhaupt hier haben will? Den Ein⸗ tritt in das Schloß kann ich ihr nicht wehren, dafür habe ich ihr die Unterſuchung gründlich verdorben. Alles in Allem, eine geöffnete Schublade, ein ver⸗ — lorener Schmuck. Wer iſt der Dieb? Und nun rathe, wer kann!“ „Sie ſelbſt haben alſo ſchon gerathen?“ „Gewiß, nur erwarten Sie nicht, daß ich Ihnen die Löſung ſage.“ Blacha verſuchte zu lächeln, aber das Lächeln er⸗ ſtarb auf ſeinen Lippen, als Albert ihm die Hand auf die Schulter legte und ſagte:„Mein werther Freund, Sie ſind auf falſcher Fährte!“ Die Blicke beider Männer begegneten ſich, und Blacha ſah Albert's Augen mit einem ſchnellen, blitz⸗ artigen Zucken auf Melanie gerichtet. Was ging in Albert's Seele vor? Was wußte, was ahnte er? Was war hier Wahrheit, was Täuſch ung des Zufalls oder der Leidenſchaft? Theilnahmlos wie eine Betäubte, und dann wieder in Thränenſtröme ausbrechend, ſaß Melanie unter ihren Freundinnen. Sie hatte, als Albert ſich zuerſt ihr ge⸗ nähert, die Hände über das Geſicht geſchlagen und wäre— ſo wenigſtens erſchien es den Andern— zu ſeinen Füßen niedergeſunken, wenn er ihr nicht zu⸗ vorgekommen, ſie ſanft in ſeine Arme genommen und mit tröſtendem Zuſpruch beruhigt hätte. Der Verluſt des Schmuckes, ihr körperliches Leiden, die unſelige Nachricht von der Flucht ihres Vetters, die ein Unbe⸗ 4110 rufener ihr mitgetheilt, erklärten hinlänglich ihren Zu⸗ ſtand. Jeder billigte darum den Vorſchlag Albert's, daß man ſie ferner nicht mit Fragen beſtürmen, ſondern endlich einige Stunden allein laſſen möge: derweilen würden ſich ihre aufgeregten Sinne beruhigen, und die ſchrecklichen Phantaſieen, die ſie quälten, verſchwinden. Sein Machtwort entfernte endlich Alle aus Melanie's Zimmer bis auf die ältere Verwandte, zu der ſie in dieſen ſchlimmen Stunden einiges Zutrauen gefaßt hatte. Von den Dienerinnen wollte ſie keine um ſich ſehen, am wenigſten Liſette, die ſchreiend und klagend, daß ſie die Gunſt ihrer ſonſt ſo freundlichen Herrin verloren habe und doch an dem Verluſt des Schmuckes unſchuldig ſei, im Schloß umherirrte. Ueberhaupt war die ganze Dienerſchaft durch den Diebſtahl in die größte Beſtürzung verſetzt worden. „Da haben wir die Beſcheerung,“ ſagte Einer zum Andern und ſtieß ihn mit dem Ellbogen an, aber ſtatt der Witze und Scherze kamen nur gegenſeitige Anklagen, Vorwürfe und Beſchuldigungen zum Vor⸗ ſchein. Hierin ſollte der Eine, darin der Andere ſeine Pflicht verſäumt haben. Ja, eingetroffen war, was ſie während des vergangenen Tages erwartet; allein das wirkliche Ereigniß hatte ein anderes Ausſehen, als das geträumte, und während ſie als kleine Leute — ——— ————— ————— —. — —— — ſich ſicher vor dem Blitz geglaubt, der nur die Höhen und Spitzen treffen ſoll, war das Gewitter jetzt in ihrer Mitte eingeſchlagen und bedrohte Jeden von ihnen, wenn nicht mit Strafe, ſo doch mit argem Ver⸗ dacht. Der Graf hatte ſtrenge Muſterung unter ihnen gehalten und ein langes und peinliches Verhör mit den Einzelnen angeſtellt. Ueber den Verbleib des Schmuckes war weder von den Dienern noch von den Mägden auch nur die geringſte Andeutung zu er⸗ halten. Im Verlauf der Unterſuchung verſchaffte ſich die Meinung immer größere Geltung, daß der Dieb während des Balles, als die ganze Geſellſchaft und die Dienerſchaft im Saal verſammelt, und Gänge und Treppen menſchenleer geweſen, die glückliche Gelegen⸗ heit raſch benutzt habe, ſich in Melanie's Zimmer zu ſchleichen, und dann mit ſeinem Raube, im Schutz der Dunkelheit und des ausbrechenden Gewitters, un⸗ angefochten entkommen ſei. Mehr Aufklärung ge⸗ währten die Ausſagen der Diener hinſichtlich der Ent— fernung Hochberg's. In ſeinen grauen Reitermantel gehüllt, die Mütze tief in die Stirne gedrückt, in ſtürmiſcher Haſt, war der junge Mann— der Regen hatte eben ſündfluthartig niederzuſtrömen angefangen — in den Ställen erſchienen, hatte ſich von dem ein⸗ zigen Stallknecht, der gerade gegenwärtig war, ſein Pferd ſatteln laſſen und war in ſauſendem Galopp davongejagt, in der Richtung der Stadt zu. Der Reitknecht machte erſt jetzt dieſe Meldung, da er immer noch auf die Rückkehr des Herrn von Hochberg ge⸗ hofft hatte. Die Mienen des Grafen Waldhelm wurden, je mehr er in ſeinen Forſchungen vordrang, deſto ſtrenger und ſtarrer; was er in ſeiner erſten Aufwallung auch nicht mit der entfernteſten Ahnung bedacht, das malte ſich ihm immer beſtimmter, immer deutlicher in der Farbe der Gewißheit ab: die Schuld ſeines Neffen. Eine gewiſſe Erleichterung bereitete ihm in dieſer ängſtlichen Spannung das unerwartete Er⸗ ſcheinen Robert's, der, den Rappen Hochberg's am Zügel, in den Hof des Schloſſes ſchritt. „Das iſt der Dieb, das iſt der Dieb!“ ſchrieen wie mit einer Stimme die Andern, zufrieden, einen Blitzableiter entdeckt zu haben, eine unſichere Perſön⸗ lichkeit, auf deren Haupt aller Wahrſcheinlichkeit nach ſich der ſchwerſte Argwohn ſammeln mußte. Sie thaten das Ihrige dazu. Keiner hatte bisher den Namen Robert's ausgeſprochen, obgleich er in der Seele eines Jeden lag; die Beſchuldigung des Dieb⸗ ſtahls war eine ſo ſchwere, daß ſie ſich geſcheut, ſie an einen beſtimmten Namen zu heften. Jetzt aber trat der Menſch, dem man mit einigem Anſchein die That ——— zumuthen konnte und deſſen Vergangenheit und Be⸗ nehmen in den letzten Tagen manchen Anlaß zum Argwohn gegeben, in durchaus fragwürdiger Geſtalt unter ſie. Warum ſollten ſie länger mit der Stimme ihres Gewiſſens zurückhalten? Noch ehe Robert, von ſeinen früheren Genoſſen feſtgehalten, vor den Grafen in den Saal geführt war, hatte dieſer ſchon von ſeinem nächtlichen Geſpräch mit Liſette im Garten und dem Auftritt mit dem Kutſcher Jakob vor dem Hofthor ge⸗ hört. Auf die Fragen Waldhelm's antwortete Robert mit einer ſchwer zu verkennenden Unſicherheit. Der ſeltſame Empfang, der ihm zu Theil geworden, hatte ihn verwirrt und erſchreckt. Er that wie Einer, der in fremden Zungen angeredet wird. Da er noch keinen neuen Dienſt angenommen, ſich im Gegentheil immer noch Hoffnung gemacht hatte, den Grafen wieder zu verſöhnen, war er in dem Städtchen, ſeinem Geburts⸗ ort, geblieben und hatte auf dem Eiſenbahnhofe bei Fremden und Reiſenden vorübergehend Beſchäftigung geſucht und häufig erhalten. In derſelben Abſicht wäre er auch, ſo lautete ſeine Ausſage, in der Nacht auf dem Bahnhofe geweſen, als Herr von Hochberg dort eingetroffen, um mit einem Freunde, der ihn ſchon ſeit mehreren Stunden erwartet, nach der Hauptſtadt zu fahren; der Herr Lieutenant hätte eben noch die Frenzel, Geheimniſſe. I. 8 114 Zeit gehabt, ihm die Zügel ſeines Pferdes zuzuwerfen und ein Billet zu löſen, in der nächſten Minute ſei der Zug abgegangen. Der fürchterliche Sturm und Regen hätte ihn abgehalten, das Pferd noch in der Nacht wieder zurückzubringen, überdieß ſei das Thier zu erſchöpft geweſen, und er habe es in einem Schup⸗ pen des Bahnhofes für einige Stunden untergebracht. Dieſe Behauptungen klangen wahrſcheinlich und be⸗ ruhigten den Grafen wegen ſeines Neffen; es war doch kaum anzunehmen, daß er mit ſeinem Raube in Be⸗ gleitung eines Andern nach der Hauptſtadt gereiſt ſei. Dieſe Keckheit hätte an die Grenze der Frechheit ge⸗ ſtreift. Freilich, warum hatte er das Schloß über⸗ haupt verlaſſen, ſo eilig, ſo ohne jeden Abſchied, in einer Rückſichtsloſigkeit, die den Wirth noch ſchwerer als die übrigen Gäſte traf? Was konnte ihn zu ſolchem unbegreiflichen und unſchicklichen Betragen gegen den Oheim, gegen Melanie veranlaßt haben? Während der Verhandlung mit Robert war ein höherer Beamter der Polizei auf dem Schloſſe er⸗ ſchienen, und ehe er ſich nach dem Zimmer der jungen Gräfin begab, um den Ort der verbrecheriſchen That in Augenſchein zu nehmen, begann er ein ſcharfes Verhör mit Robert, der ihm als ein wilder Burſche ſchon von mancher Rauferei her bekannt war und ihm nic ein de au vo R mi de nicht das geringſte Vertrauen einflößte. Alles ver⸗ einigte ſich verhängnißvoll wider den entlaſſenen Jäger. Der Gärtner klagte ihn an, der Kutſcher, nun rückte auch Herr von Blacha mit ſeiner Schattengeſchichte vor. Das verdutzte Geſicht, das dieſen Behauptungen gegenüber Robert machte, verſchlimmerte ſeine Sache in den Augen des Beamten. Zuletzt verdarb ihn ein mißlicher Umſtand in ſeiner Erzählung rettungslos. Auf die Frage des Beamten: wer denn der Freund ge⸗ weſen, der Herr von Hochberg auf dem Bahnhof er⸗ wartet habe? ſchwieg er, ſtotterte dann und behauptete endlich, den Namen dieſes Mannes nicht zu wiſſen, er habe ihn nur öfters in der Wohnung des Lieute⸗ nants geſehen, als er noch in deſſen Dienſt geſtanden. Für den Beamten hing die Begebenheit, wie er dem Grafen verſicherte, klar wie das Sonnenlicht folgen— dermaßen zuſammen. Robert hatte, durch ſeinen früheren Aufenthalt im Schloſſe mit allen Gängen, Zimmern und Schlupfwinkeln deſſelben wohlvertraut, durch ſeine Geliebte von dem koſtbaren Schmuck unterrichtet, viel⸗ leicht auch von dem Orte, wo er aufbewahrt wurde, während des Feſtes das Geſchmeide geſtohlen, es auf dem Bahnhof jenem Fremden, den er jetzt als einen Freund Hochberg's darzuſtellen ſuche, übergeben, da er ſelber nicht in der Lage war, es verwerthen zu können, 8* 116 und ſei dann, um jeden Verdacht von ſich abzuwälzen und ſeinem Helfershelfer einen Vorſprung zu verſchaffen, nach dem Schloſſe zurückgekehrt. Nichts wäre ihm daher erwünſchter gekommen, als der Auftrag des Offiziers, den Rappen zurückzuführen, ſo habe er unter einem ſchicklichen Vorwande Alles, was im Schloſſe ſeit der Entdeckung des Diebſtahls geſchehen, erkundigen können. Offenbar gab es in dieſer Erklärung des Verbrechens noch manche Lücke und manchen dunklen Punkt, aber im Allgemeinen leuchtete ſie Allen ein, am meiſten Herrn von Blacha, der auch hinſichtlich des Fremden eine ſehr beſtimmte, vorgefaßte Meinung hatte. Wer konnte es anders geweſen ſein, als Herr Samuelſohn, der am geſtrigen Morgen ihm und dem Grafen von ſeiner bevorſtehenden Reiſe nach Warſchau geſprochen hatte? Ein Wucherer kann leicht zum Hehler werden, die ruſſiſchen und polniſchen Damen ſind Freun⸗ dinnen von Edelſteinen, das war Blacha's Anſicht. Wenn Samuelſohn den Nachtzug genommen, ſo wäre er eine Strecke bis zur Abzweigung der Bahn mit Herrn von Hochberg gefahren. Aus dieſer Stimmung heraus ſagte er, Robert ſcharf fixirend:„Wenn Sie mehrere Stunden auf dem Bahnhofe waren, ſo müſſen Sie auch unſern Nachbar und Bekannten, Herrn Sa⸗ muelſohn, geſehen haben, der hat doch ohne Zweifel — — ter oſſe gen des dlen ein, lich ung derr dem hau hler eun⸗ ſicht. väre mit zung mit Herrn von Hochberg und deſſen angeblichem Freunde geſprochen?“ Wieder ſchwieg Robert, verfärbte ſich, ſtotterte, kurz: hier lag der Kernpunkt der ganzen An⸗ gelegenheit, und der Burſche war, wenn nicht ſchuldig, ſo doch vollſtändig reif für eine längere Unterſuchungs⸗ haft bis zu einem aufrichtigen Geſtändniß. Während der Graf den Beamten auf ſeinen Wunſch nach dem Zimmer Melanie's führte, unterrichtete er ihn von dem Unwohlſein derſelben und bat ihn, Rückſicht auf ihren Zuſtand zu nehmen und ſie mit Fragen nicht zu quälen, vor Allem der Verhaftung Robert's noch nicht zu erwähnen, da ſie bisher ihre Zofe Liſette, die wahrſcheinlich mit dem ehemaligen Jäger unter einer Decke ſtecke, lieb gehabt und ihr viel vertraut habe Der Beamte fand in dieſer Bitte Nichts, dem er nicht hätte zuſtimmen können. Für ihn war ja die Sache ſchon entſchieden. Er beſichtigte nur das Zimmer, den Tiſch, die geöffnete Schublade, erkundigte ſich nach den einzelnen Stücken des Schmuckes, die ihm aber nicht Melanie, ſondern die alte Dame beſchreiben mußte. Melanie lag in einem unruhigen Halbſchlummer auf ihrem Bett. „Wir haben den Verbrecher,“ ſagte der Be⸗ amte leiſe zu dem Grafen,„das iſt die Hauptſache. Wenn die junge Gräfin den erſten Schreck überſtanden 118 hat, nach der Unruhe dieſer Tage, wird es noch Zeit genug ſein, ſie zu vernehmen. Auf die Kammer⸗ jungfer bitte ich Sie indeſſen ein wachſames Auge zu haben.“ Gefliſſentlich hatte ſich Albert von der ganzen Ver⸗ handlung fern gehalten, und als man ſeine Gegen⸗ wart gewünſcht, ſagen laſſen, ihm ſei die Sache in Hinſicht auf ſeine Verlobte zu peinlich, und zu unbe⸗ deutend in Bezug auf den Lärm, den man darüber ſchlage. Seine feſte Ueberzeugung ſei es nun einmal, ſo oder ſo, der Schmuck werde ſich wiederfinden, übrigens ſtamme ſein Wiſſen der Geſchichte bekanntlich nur aus zweiter Hand, aus den Mittheilungen Anderer. Mit einer gewiſſen Heftigkeit, die gegen ſeine ſonſtige Ruhe abſtach, hatte man ihn ſein Zimmer verlaſſen und nach dem Garten gehen ſehen. Blacha nannte die Haltung ſeines jungen Freundes und die zarte Schon⸗ ung gegen das gräfliche Haus, die ſich in allen ſeinen Worten und Handlungen kund gab, geradezu verehr⸗ ungswürdig. Dem Grafen Waldhelm war das Herz ſchwer, er fühlte, daß ſein zukünftiger Schwiegerſohn mehr als einen Grund zur gerechten Klage gegen ihn, gegen Melanie und Hans von Hochberg hätte. Zwar wußte er von dem heftigen Streit der jungen Männer auf dem Balle Nichts, aber das ſeltſame Betragen 119 Melanie's gegen ihren Verlobten, die Taktloſigkeit Hoch⸗ berg's waren ihm nur zu gegenwärtig. Wodurch hatte Albert eine ſolche Behandlung verſchuldet, war er ihm nicht ein Retter aus der äußerſten Noth geweſen, liebte er Melanie nicht? Der Gedanke, daß Melanie's Ab⸗ neigung gegen ihren Verlobten ihre tiefſte Wurzel nicht in ſeinem bürgerlichen Namen und Geſchäft, ſondern in einer ſchwärmeriſchen Jugendliebe zu ihrem Vetter haben könne, beſchäftigte den Grafen nur eine kurze Friſt. Was hatte eine ſolche Thorheit mit einer Che zu thun, die vielleicht den Glanz des alten Hauſes wiederherſtellte, ſicherlich aber ſeinen Untergang auf⸗ hielt? Einer Gräfin Waldhelm war die Freiheit nicht gegeben, ihre Hand aus Liebe zu verſchenken, ſie mußte ſich höheren Rückſichten opfern. Mochte ſie im Stillen ihrem verlorenen Traume nachweinen, änßerlich war ſie es ihrem Vater, ihrem Namen ſchuldig, eine angemeſſene, Haltung zu bewahren. Nur ihr leidender Zuſtand be⸗ wahrte ſie vor einer heftigen Strafrede des Grafen, aber er empfand es mit doppeltem Zwange, daß er vor Albert ihr Betragen entſchuldigen und Alles auf⸗ bieten müſſe, wenigſtens die ärgſte Verſtimmung aus deſſen Seele zu verſcheuchen. Er fand ihn im Garten in grübleriſches Sinnen „verſenkt auf einer Bank ſitzen. Der Wind ſchüttelte 120 die Regentropfen von den naſſen Zweigen des Baumes, unter dem er ſaß, auf ihn, ohne daß er es zu be⸗ merken ſchien. Auf ſeinem Geſicht lag eine tiefe Ab⸗ pannung, als habe der lange Kampf der Empfin⸗ dungen und Gegenſätze endlich auch ſeine Kräfte er⸗ ſchöpft. „Herr Römer— mein lieber Sohn,“ ſagte der Graf im Ausbruch der Herzlichkeit und legte ihm die Hand auf die Schulter,„Sie leiden! Ich ſehe es Ihren müden Augen an. Und nicht des entwendeten Schmuckes wegen! Warum wollen wir uns länger täuſchen? Sie haben ein Recht, nur allzu ſehr ein Recht, Melanie zu lürnen! Ich ſinne umſonſt, was dieſe Umwandlung hres Weſens hervorgebracht hat...“ „Um ſo deutlicher erkenne ich den Grund,“ ent⸗ gegnete tonlos Albert. „Sie meinen?“ fragte der Graf mit bebenden Lippen zurück. „Nichts, was Sie oder Ihre Tochter kränken könnte. Ich glaube, Pflanzen, die man aus ihrem mütterlichen Boden reißt und in einen andern verſetzt, müſſen etwas dem Aehnliches erleiden, wie Melanie in dieſen Tagen.“ „Ich verſprach mir ſo viel des Glücks von dieſer Verbindung, ſo viel! Ich habe die übertriebenen Vor⸗ ——;— — —— urtheile meiner Standesgenoſſen nicht erſt ſeit geſtern abgelegt und jeden Ehrenmann ſtets als meinesgleichen geſchätzt. Boshafte Einflüſterungen müſſen Melanie's Gemüth verwirrt haben..“ Albert hatte ſich gewaltſam gefaßt.„Wenn Sie mir ein Wort in dieſer Angelegenheit geſtatten, Herr Graf.. „Ein Wort? Und Herr Graf? So förmlich! Soll ich annehmen, daß Sie auch gegen mich einen ſtillen Vorwurf in der Seele haben?“ „Gewiß nicht! Zum mindeſten würde ich mir den⸗ ſelben machen müſſen: die Schwierigkeiten dieſer Ver⸗ bindung zu gering angeſchlagen und die Kraft eines Mädchenherzens für nichts gerechnet zu haben. Ein Rech⸗ nungsfehler, der den Kaufmann ſtärker trifft, als Sie!“ „Ein Mädchenherz! Das iſt wetterwendiſch wie Aprilwolken. Wahrhaftig, lieber Albert, ich muß lachen. Wenn ich Sie anſehe, bedenke, was Sie ſind, ein Mann von ſo großer Bildung und Welterfahrung, von jener Verſchloſſenheit und Gehaltenheit, welche die Frauen beinahe dämoniſch anzieht, und dann hören, daß Sie an Ihrem Siege über ein trotziges Mädchenherz nach dem erſten abgeſchlagenen Sturm verzweifeln— nein, lieber Albert, es iſt, laſſen Sie es den älteren Freund ſagen, es iſt zu ſpaßhaft!“ —————— 122 „Spaß oder Ernſt— es iſt dieſelbe Erſcheinung, und nur darauf kömmt es an, ob wir ihre Licht⸗ oder ihre Schattenſeite gewahren. Auch gebe ich die Parthie nicht verloren. Nur darauf beſtehe ich, daß man Me⸗ lanie nicht mit dieſer unglückſeligen Schmuckgeſchichte ängſtigt.“ „Was ſoll ſie ängſtigen? Der Verbrecher iſt ent⸗ deckt.“ „Um ſo eher wird hoffentlich die Polizei das Schloß verlaſſen. Der Anblick eines überall umher⸗ ſpähenden Beamten raubt mir jede Freiheit des Geiſtes, er peinigt, ich weiß es, meine Braut.“ Der Graf ſah ihn ſtarr an und ſein Geſicht ward dunkelroth. „Suchen Sie, finden Sie Nichts in meinen Wor⸗ ten“, ſetzte Albert ſchnell hinzu, der gefaßter wurde, je weiter er ſprach.„Der Schmuck iſt Melanie's, oder wenn Sie dies lieber hören, ihr und mein Eigenthum. Wir wollen uns durch die Sorge um ſeinen Verluſt nicht unſern Feſttag verdüſtern laſſen. Ganz empfinde ich es aus Melanie's Seele heraus, wie ſchrecklich es iſt, unſere Ehe— mit einer Kriminalunterſuchung zu beginnen. Ein ſtärkeres Herz als das ihre könnte da⸗ durch erſchüttert, ein ruhigerer Sinn verſtört werden. Wenden Sie, ich bitte Sie, Ihr Anſehen an, um die ————— ng, der thie Re⸗ hte ds 123 Beamten ſogleich aus Ihrem Hauſe zu entfernen. Laſſen Sie, was geſchehen, unter uns für's Erſte vergeſſen und verſchwiegen ſein. Die Gerechtigkeit wird uns früh genug daran erinnern.“ „Verſteh' ich Ihre halben Worte recht...“ „Hören Sie aus Allem nichts als meine Liebe zu Melanie heraus— eine Liebe, die durch andere Hand⸗ lungen als durch das Geſchenk eines Brillantſchmuckes bewieſen werden ſoll.“ Er hatte ſich bei dieſen Worten von der Bank er⸗ hoben und war mit kurzem Gruße an dem Grafen, der verlegen, zornig und zugleich wieder auf das Aeußerſte beſtürzt, das Geſpräch fortſetzen wollte und es doch nicht wagte, vorübergeſchritten. In dem großen Laubgang, der in gerader Linie auf das Portal des Schloſſes zuführte, begegnete ihm Melanie. War es der verſchleierte Himmel, war es die Wirkung ihres zerrütteten Seelenzuſtandes, ihre ſonſt ſo ſtolze Schön⸗ heit hatte einen rührenden Zug erhalten, etwas Bitten⸗ des und Bangendes. „Ich ſuchte Sie,“ ſagte ſie haſtig ſchon aus einiger Entfernung zu ihm, und ihr Schritt beflügelte ſich. Als ſie dann vor ihm ſtand, verbeſſerte ſie ſich:„Ich ſuchte meinen Vater— ich erfuhr, daß er in den Gar⸗ ten gegangen.“ 1 2 1 124 „Ich komme von ihm, Melanie.“ „Was haben Sie mit ihm geſprochen? Sagen Sie es mir, Albert, mein Herz iſt zum Zerſpringen voll.“ „Ich habe ihn beruhigt, ſoweit ich es vermochte, und ihn gebeten, dieſe ſeltſame Begebenheit nicht weiter zu verfolgen, wenigſtens jetzt nicht. Sie brauchen Ruhe, Melanie, ich will ſie endlich haben.“ Sie zog den Schleier dichter um das Geſicht, ſo daß es ihm unmöglich wurde, ihr gerade in die Augen zu ſehen.„Ich habe Sie geſtern beleidigt, Albert,“ ſagte ſie mit geſenkter Stimme,„Sie ſind ein Ehren⸗ mann, ich thue Abbitte. Sie forderten geſtern Vertrauen von mir, darf ich heute Wahrheit von Ihnen fordern?“ „Fordern Sie nur,“ antwortete er. Sie hemmte plötzlich ihren Schritt, blieb vor ihm ſtehen und fragte, ihre ganze Kraft zuſammennehmend: „Im Hauſe geht ein ſchreckliches Gerücht um, man ſpricht es nicht aus, aber ich höre es doch: Mein Vetter, Hans von Hochberg, habe meinen— habe den Schmuck entwendet.“ Sie ſchöpfte Athem. Der Wind hob den Schleier ein wenig empor, ihr Antlitz war blaß und weiß wie ein Kopf von Marmor, nur ihre Augen blitzten mit wildem Feuer.„Was denken Sie, Albert? Was denken Sie? Aber die Wahrheit!“ „Die Wahrheit? Nun denn, Gräfin Melanie“ ſo igen lt, ren⸗ zuen n2 ihm end: nan ſein den dind war ihre Sie, 100 nie — und er ſah ſie mit ſeiner ruhigen Gelaſſenheit an —„auf mein Gywiſſen, ich bin der unerſchütterlichen Ueberzeugung, daß Herr von Hochberg den Schmuck nicht genommen hat. Vor jedem Gericht der Welt würde ich daſſelbe verſichern.“ Unter ſeinen Worten und Blicken war das wilde Feuer ihrer Augen erloſchen, ſie wandte den Kopf zur Seite, aber ihre Hand, die er ergriffen, ließ ſie ihm widerſtandslos. So gingen ſie ſchweigend unter den regenſchweren Bäumen, Hand in Hand, grau war der Himmel, grau das Leben. —— Siebentes Kapitel. Seit zehn Tagen war Melanie die Gattin Albert's. Das Hochzeitsfeſt, zu dem die Gäſte von ſo weit her⸗ gekommen, hatte einen traurigen Ausgang genommen. Wenige Stunden nach der Trauung waren die Neu⸗ vermählten wider die Erwartung und Abrede nach der Hauptſtadt der Provinz, dem Wohnort Albert's, abge⸗ reiſt. Melanie ſchien der Boden unter den Füßen zu brennen und von allen Orten der Welt das Schloß ihrer Väter der verhaßteſte. Sie hatte noch vor der Trauung ihren Verlobten gebeten, ihr dieſen erſten und größten Wunſch in ihrer jungen Ehe zu erfüllen: auf der Stelle mit ihr abzureiſen. Der Graf hatte kein Wort eingewandt, ſondern es nur natürlich ge⸗ funden, daß die junge Frau den Unterſuchungen fern lleibe Schn nächſ erſten weit man berul entſet daß dem chung Ange neuer Mül Tag heit ſeine dem hatte ert s. her⸗ nmen. Neu⸗ h der abge⸗ en zu ſchloß r der erſten üllen: hatte h ge⸗ fern bleiben wollte, die das Gericht wegen des entwendeten Schmuckes im Schloſſe und bei der Dienerſchaft in den nächſten Tagen anzuſtellen beſchloſſen. Denn von ſeinem erſten Schreck zurückgekommen, hatte Robert bei ſeinem zweiten Verhör, als ihm endlich klar geworden, weſſen man ihn beſchuldige, und worauf dieſe Anſchuldigung beruhe, jeden Antheil an den behaupteten Diebſtahl ſo entſchiesen geleugnet und ſo unzweifelhaft dargethan, daß er an jenem Abend und in jener Nacht auf dem Bahnhofe beſchäftigt geweſen, daß der Unterſu⸗ chungsrichter in ſeiner Meinung von der Schuld des Angeklagten irre wurde und die Sache von einem neuen Geſichtspunkt zu betrachten anfing. Trotz aller Mühe jedoch, die er ſich gab, war in dieſen neun Tagen die Angelegenheit um keinen Schritt der Klar⸗ heit näher gerückt. Obgleich der Graf ſchon zweimal ſeinen Schwiegerſohn in ausführlichen Briefen von dem Fortgang der Unterſuchung in Kenntniß geſetzt, hatte Melanie nicht das Geringſte davon erfahren. Aus Rückſicht auf ihren leidenden Zuſtand hatte Albert einen dichten Schleier über die Geſchichte gedeckt, die für ihn eine ganz andere tragiſche Bedeutung hatte, als für den Richter, und im Geſpräch mit ſeiner Gattin niemals wieder des Schmuckes erwähnt. Dies war nicht ſchwer; die Gatten pflegten nur ſelten länger — 128 mit einander zu ſprechen. Nicht aus Abneigung, ver⸗ ſicherten ſich gegenſeitig die Diener des Hauſes; der Arzt hatte die größte Schonung für die junge Frau empfohlen, die im heftigen Fieber in ihr neues Haus⸗ weſen getreten war. Zu der Aufregung der ſo ſeltſam bewegten Tage vor ihrer Hochzeit hatte ſich die An⸗ ſtrengung der Reiſe, ein plötzlicher Wetterumſchlag, der die bisherige Wärme in feuchte Kälte verwandelt, ein inneres Leiden geſellt. Der Arzt war im Grunde der erſte Menſch geweſen, den Melanie in ihrem Hauſe ge⸗ ſehen; er hatte bei ihrem Anblick ein bedenkliches Ge⸗ ſicht gemacht und Albert gegenüber nicht mit ſeiner Beſorgniß zurückgehalten: ein Nervenfieber ſei im An⸗ zuge und laſſe, wenn man ſeinen Ausbruch nicht ver⸗ hindern könne, bei der körperlichen Schwäche und der geiſtigen Unruhe Melanie's das Aeußerſte befürchten. Mit der zärtlichſten Sorgfalt umgab Albert ſeine Gattin und wurde darin von ihrer alten Verwandten die auf ſeine Bitten mit ihnen gereiſt war, in hin⸗ gebendſter Weiſe unterſtützt. Zwiſchen Albert und der alten Dame knüpfte ſich bald ein inniges Verhältniß an, die Sorge um Melanie verband ſie. Was Beide am meiſten gefürchtet: daß die junge Gräfin immer auf's Neue tief und ſchmerzlich von all' den tauſend Aeußerlichkeiten berührt werden würde, die nun doch — einn als der tniß zeide mmer ſend doch einmal in dem Hauſe ihres Mannes anders waren, als im Schloſſe ihres Vaters, geſchah nicht, im Gegen⸗ theil ſchien der Wechſel des Ortes und der Umgebung wohlthätig auf Melanie zu wirken und die Schreck— bilder ihrer erregten Phantaſie allmählig zu verbannen und durch heitere zu erſetzen. Nur wenn ſie ihre Zofe Liſette ſah, pflegte ſie aufzuſchreien und das Geſicht in den Händen zu verbergen; zuletzt durfte dieſelbe ſie gar nicht mehr bedienen. Das arme Mädchen zerfloß in Thränen und wünſchte, bei der ſteigenden Abnei⸗ gung ihrer Herrin, für, die ſie keinen Grund wußte, zu gehen. Dennoch wollte Albert ſie um keinen Preis aus dem Dienſt entlaſſen, indem er ſagte: ſobald die Krankheit ſeiner Gattin gehoben ſei, würde ſie ungern eine treue Dienerin, die ſie ſo lange um ſich gehabt, vermiſſen. Gegen ihren Gatten war Melanie ſanft und ſchüchtern. Sie ſchien weder anf ſein Kommen noch auf ſein Gehen beſonders zu achten, aber wenn er mit ihr redete, begegnete ſie mit freundlichen Blicken ſeinen Augen und that ſchweigend nach ſeinem Willen. An ein Ausſprechen deſſen, was ſie Beide im innerſten Herzen bewegen mochte, war bei der Rückſicht, die er auf ihren Zuſtand nahm, nicht zu denken. Und wenn ſie zuweilen zaghaft verſuchte, die flüchtige Unterhal⸗ tung auf die Zeit ihres Brautſtandes und die letzten 9 Frenzel, Geheimniſſe I. 130 Tage, die ſie im Schloſſe verlebt, zu lenken, ſo wußte er mit großer Geſchicklichkeit, durch die Erwähnung einer Stadtgeſchichte oder eines Tagesereigniſſes, ſie wieder davon abzubringen. Es blieb ungewiß, wem von ihnen mehr daran läge, den Schleier über der Vergangenheit feſtzuhalten. An dem Morgen dieſes zehnten Tages war Albert eben im Geſpräch mit dem Arzte die Treppe von ſeinen Wohngemächern zu ſeinem Arbeitszimmer im Erdgeſchoß hinabgeſtiegen. Der Arzt hatte ſich günſtig über das Befinden Melanie's geäußert; von Tag zu Tag ſei ſie ruhiger geworden; ihrer gänzlichen Wieder⸗ herſtellung ſtände nur noch eine dunkle, für ihn uner⸗ klärliche Angſt entgegen, die ſich äußerlich in wieder⸗ holten Beklemmungen und Ohnmachten offenbare; ſie nach dieſer Seite hin zu beruhigen und zu heilen, ſei nicht die Pflicht des Arztes, ſondern falle ihrem Ge— mahl anheim. Als der Arzt Abſchied nahm, wurde dem Kaufherrn der Ulanenlieutenant Hans von Hoch⸗ berg gemeldet. Wie ſehr ſich auch Albert in ſeinen Gedanken mit Hochberg beſchäftigt haben mochte, der Name deſſelben war vor ihm zum letzten Male an jenem Regenmorgen im Garten von Melanie genannt worden. Seitdem war es im Schloſſe und im Hauſe Albert's geweſen, als hätte es nie einen Hans von boch ſii Den Erſt gehe jung man deut Die wol drin mit ferr — Hochberg gegeben, der ſo verhängnißvoll in die Ge⸗ ſchicke des Herrn und der Herrin deſſelben eingegriffen. Dennoch zeigte Albert bei der Meldung keine Spur des Erſtaunens. Cher ſchien ein leiſes, ſchnell vorüber⸗ gehendes Lächeln anzudeuten, daß er den Beſuch des jungen Mannes über kurz oder lang erwartet hätte. Als Hans von Hochberg eintrat, ſaß der Kauf⸗ mann an ſeinem Arbeitstiſch. Er erhob ſich ein wenig, deutete auf einen Seſſel und ſagte:„Ich ſtehe zu Dienſten, mein Herr, aber im Uebrigen, und Sie wollen dies gütig entſchuldigen, ſetze ich hinzu, ich bin dringend beſchäftigt.“ „Mein Geſchäft wird nur von kurzer Dauer ſein, mit einem einzigen Worte können Sie mich wieder ent⸗ fernen.“ Albert verneigte ſich ſchweigend. „Gab der Streit, den wir im Schloſſe des Grafen Waldhelm hatten, oder ich will ſelbſt ſagen, die Be⸗ leidigung, die ich Ihnen in einem Augenblick der Lei⸗ denſchaft zugefügt, gab Ihnen das Alles ein Recht mich zu beſchimpfen, mein Herr?“ „Sie zu beſchimpfen, Herr von Hochberg? Sie ſehen mich mehr als erſtaunt. Nach dem, was zwiſchen uns vorgefallen, nahm ich an, daß jeder Verkehr zwiſchen uns bis auf Weiteres, bis auf eine entſchul⸗ 9* — 13²2 digende Erklärung Ihrerſeits unterbrochen ſei. Ich verſtehe darum Ihre Frage nicht, wenn ſie nicht abermals eine Beleidigung bezweckt.“ „Auch das noch! Ich glaubte, die Kaufleute hätten ein beſſeres Gedächtniß, vor Allem bei Geldgeſchäften“ Geld iſt ja doch das einzige Ding, das ſie zu ſchätzen wiſſen!“ „Und das iſt gut,“ unterbrach ihn nicht ohne Spott Albert.„Wenn wir das Geld nicht ſchätzten, wer ſollte es? Die Armen beſitzen es nicht, und die Herren von Adel kennen bekanntlich weder ſeinen Werth noch ſeine Natur.“ „Leider ſo wenig, daß Sie es wagen durften, mich an dieſe Natur zu erinnern! Ja, Sie mein Herr! Oder iſt es nicht wahr, daß Sie hinter meinem Rücken meine Schulden bezahlt haben?“ Hochberg's Geſicht glühte vor Zorn; in dieſem Ge⸗ ſtändniß ſeines Leichtſinns und ſeiner Verſchwendung lag, wie adelig er auch bisher über das Schulden⸗ machen gedacht, etwas ihn tief Beſchämendes. Albert hielt den Kopf nachdenklich in die Hand geſtützt, ſo daß er zum Theil ſein Antlitz den Blicken des Andern ent⸗ zog. Die Aeußerung Hochberg's beſtätigte, im Fall ſie ſich auf Thatſachen gründete, jene Gedankenreihe, die dei der erſten Nachricht von dem Verſchwinden des 1 2 4 4 133 Schmuckes in ihm entſtanden und durch den Fortgang der Begebenheiten und die Verſuche, das Räthſel zu löſen, immer feſter geworden war. „Herr von Hochberg,“ fing er an,„ich weiß nicht, was Sie zu dieſer wunderlichen Anklage berechtigt, denn der Ton, in dem Sie zu mir ſprechen, iſt der eines Anklägers. Sind Ihre Schulden bezahlt, ſo wünſche ich Ihnen aufrichtig Glück dazu; aber ich kann Sie verſichern, daß es mir weder eingefallen iſt, mich nach denſelben zu erkundigen, noch ſie auf mich zu nehmen.“ „Herr!“ brauſte der Andere auf,„wollen Sie mich mit leeren Ausflüchten abſpeiſen? Vergeſſen Sie nicht, daß Sie mir doppelte Rechenſchaft ſchuldig ſind!“ „Ich vergeſſe Nichts, am Wenigſten eine abſicht⸗ liche Beleidigung. Aber ich habe noch nie gehört, daß ein Kaufmann, um ſich zu rächen, die Schulden ſeines Gegners, eines jungen Cavaliers, bezahlt. Ja, wenn ich noch Ihre Wechſel aufgekauft haben ſollte, das hätte noch einen Sinn! Das wäre doch noch ein Geſchäft, eines modernen Sklavenhändlers würdig!“ „Oh!“ rief Hans,„Sie rächen ſich beſſer und grauſamer! Wer hat keine Schulden? Und es iſt nicht einmal das Schlimmſte, unter ihrer Laſt zu erliegen! Die größten Männer ſind die ſchlechteſten Schuldner —————;— 134 geweſen. Es wäre mir eine Genugthuung, beſäßen Sie meine Wechſel und quälten mich. Durch Ihre ſcheinbare Großmuth jedoch machen Sie mich lächer⸗ lich! Sie ſpielen den Edelmüthigen und verletzen mich bis ins Herz. Sie ſagen zu Ihrer Gemahlin.. Albert ſtand auf:„In meinem Hauſe hat man bisher von Herrn von Hochberg noch nicht geſprochen, in keiner Weiſe, ih Keinem Sinn, weder im guten noch im böſen. Was Sie horhergeführt, begreife ich nicht ganz. Wollen Sie peeine feierliche Verſicherung, daß ich mich nie 9) Fbre ngelegenheiten bekümmert, ich gebe ſie Shen! X Der Eindruck ſeiner Worte und ſeiner Ruhe waren doch ſo groß, daß Wans ſtutzte. „Ich mag zu heftig geweſen ſein, Herr Römer,“ ſagte er;„mein Blut walt leicht über, ich befinde mich Ihnen gegenüber in einer durchaus ſchiefen Stellung. Daß ich Sie nicht liebe, bedarf keiner Erklärung, und ich erwarte, daß Sie dieſe Feindſchaft ehrlich theilen. Das Unglück, nicht das Glück hat uns zuſammen ge⸗ worfen, und wir müſſen nun verſuchen, ſo gut es geht, unter dem Wetterregen davon zu kommen. Seit Ihrer Verlobung mit meiner Couſine bin ich mir von Ihnen nur das Schlimmſte gewärtig. Sie nehmen meine Offenherzigkeit nicht übel.“ „Nicht übler als Ihr bisheriges Betragen. Ich gehe ſogar noch einen Schritt weiter und entſchuldige es. Wenn mir Melanie bei unſerer Verlobung geſagt hätte, daß zwiſchen Ihnen und ihr einmal eine Jugend⸗ liebe beſtanden...“ „Einmal? Und eine Jugendliebe?“ ſagte Hans und ſchlug ſich mit der Hand gegen die Stirn.„Bin ich denn irre? Eine Jugendliebe?“ „Ich wähle meine Ausdrücke vielleicht nicht gut. Ein Kaufmann, der nur das Geld ſchätzt, pflegt die Empfindung nicht auf der Goldwage zu wägen.“ „Und Melanie hätte Ihnen dies geſagt?“ „Nicht doch, wenn mir Melanie dies geſagt, be⸗ merkte ich. In dieſem Wenn liegt der Schlüſſel unſeres geſpannten Verhältniſſes. Sonſt hätten Hans von Hoch⸗ berg und Albert Römer ihr Leben lang friedlich neben einander hergehen können. Ich erfuhr zu ſpät durch eine zufällige Aeußerung des Grafen Waldhelm von Ihrer Freundſchaft für meine Verlobte. Zu ſpät, denn Sie hatten gerade wenige Stunden zuvor das Schloß verlaſſen. Mir indeſſen genügte das Wort des Grafen vollkommen, um Ihren Zorn gegen mich, Ihre plötz⸗ liche Abreiſe begreiflich zu finden. Wenn wir Leute, der Arbeit auch gröbere Empfindungen haben ſollen als die Hochgeborenen, wir verſtehen doch die Stimmen — 36 der Natur und der Leidenſchaft. Verſtehen, Herr von Hochberg, und verzeihen ſie.“ „Wenn Sie den Grund meiner Feindſchaft kennen, werden Sie um ſo weniger meine Heftigkeit, mich über Ihren Eingriff in meine Verhältniſſe zu betlagen, miß⸗ billigen.“ „Nein, nur habe ich in Ihre Verhältniſſe nicht eingegriffen.“ „Wer denn?“ rief Hochberg, und ging händering⸗ end im Zimmer auf und ab.„Wer denn? Gibt es geheimnißvolle Wohlthäter? Wichtelmännchen, die unſere Arbeit thun, einen Geiſt Rübezahl, der unſere Wechſel einzieht? Das iſt lächerlich! Ein Ammenmärchen aus der Kinderſtube!“ „So erzählen Sie doch erſt dies Märchen.“ „Das iſt bald geſchehen. Meine Gläubiger hatten gedroht, mich bei dem Oberſten zu verklagen; um ihnen zuvorzukommen, reiſte ich ſo haſtig, ſo ungezogen, ſo ohne jeden Abſchied in jener Nacht von dem Schloſſe ab. Meine Eiferſucht that das Uebrige. Vielleicht war es das Beſte, ſonſt hätten wir am nächſten Mor⸗ gen Kugeln mit einander gewechſelt, und die Braut hätte den Verluſt des Bräutigams oder eines Vetters zu beklagen gehabt. Mit wüſtem Kopf kam ich hier an, ein Freund hatte mich begleitet, es war ihm ge⸗ lung A ————=— 1 —2 lungen, einige hundert Thaler aufzutreiben, die er mir einhändigte. Aber das war, als ob man mit einem Tropfen Oel eine ganze wildbrandende See beruhigen wollte. Ich lief von einem Wucherer zum andern; borgen wollte Keiner, aber meine Gegenwart ſchien ſie doch freundlicher zu ſtimmen, ſie ſchenkten mir groß⸗ müthig einen ganzen Tag Friſt. Ein Tag! Wie voll das klingt! Und was iſt er für einen Unglücklichen? Die einzelne Minute ſinkt ſo träge in den Abgrund der Zeit, ſo träge und ſo ſchwer von Kummer, Sorge, Verzweiflung! Allein der ganze Tag! Er iſt vorüber, man weiß nicht wie, ſchneller und ſpurloſer, als der Hauch über einen Spiegel läuft! Ich war am Abend ſo arm, wie ich am Morgen geweſen. Nein, noch ärmer an Hoffnungen! Oder war ich es doch nicht? Am andern Tag zogen meine Gläubiger ſanftere Saiten auf. Mein Genius mußte in der Nacht mit ihnen ge⸗ ſprochen haben. Haha, vielleicht der Genius Ihrer Brautnacht! Sie thaten Alle ſehr geheimnißvoll, lächelten geheimnißvoll, ſahen mich ſtill von der Seite an und verſprachen, was mir damals das Wichtigſte war, die Sache noch anſtehen zu laſſen. Das Schwert des Damokles hing über mir; aber, Herr Römer, das iſt eine dumme Geſchichte. Die erſte Zeit ängſtigt man ſich und blickt ſcheu zu dem Eiſen hinauf, das ſo be⸗ — — — 138 denklich an einem Haar über unſerem Haupte ſchwebt. Dann wird man kaltblütiger, das Ding ſchwebt noch immer und fällt nicht, man geht darunter weg, man ſchläft, man trinkt, man ißt, es hängt noch immer. Iſt das Leben nicht ebenſo? Man ſtolpert über einen Stein und bricht das Genick, oder ein Ziegel fällt uns auf den Kopf, die Geliebte heirathet einen Andern, und wie all die tauſend Unglücksfälle heißen, deren offene Bekämpfung oder kluge Vermeidung das Leben iſt. Kampf um's Daſein, ſoll es ein Engländer im Humor der Verzweiflung genannt haben. So ging auch ich unter dem Schwert meiner Schulden immer luſtig weg, und doppelt luſtig, wenn ich dachte, daß Sie in dieſen Tagen der glückliche Gemahl Melanie's würden. Eine Komödie zum Todtlachen! Und nun das Ende. Sie ſind verheirathet, ohne daß ich Ihnen den Hals ge⸗ brochen, und meine Schulden ſind bezahlt, ohne daß ich einen Pfennig dazu gegeben hätte. Hat Amor oder Hymen ſie bezahlt? Denn der alte Samuelſohn hat es nicht gethan!“ „Das klingt freilich ſeltſam. Und die Gläubiger beharren in ihrem Stillſchweigen? Und von irgend einem Ereigniß, das Ihnen geholfen hätte, ahnen Sie nichts?“ „Ein Ereigniß? Sollte eine Tante, die ich nie ge⸗ kannt mal Leich eheme einer ihrer Achſe Alles brau⸗ Thäl geben des gefal uns welc ihren — 139 kannt und nie geſehen, geſtorben ſein? Daß ſie zwei⸗ mal ſtürbe! Und ich brauchte nicht einmal zu ihrem Leichenbegängniß zu kommen! Das iſt Unſinn! Meine ehemaligen Gläubiger ſind ſtumm wie das Grab, von einer erſchrecklichen Stummheit, wenn ich dieſelbe mit ihrer früheren Redegeläufigkeit vergleiche. Zucken die Achſeln, verneigen ſich artig vor mir, ſagen: es iſt Alles gut! Kneifen die Augen zuſammen und flüſtern: brauchen der Herr von Hochberg vielleicht ein tauſend Thälerchen? „Herr von Hochberg, darf ich Ihnen einen Rath geben, ſo betrachten Sie das Ganze wie eine Fügung des Glücks, ein Geſchenk des Himmels, das Ihnen zu⸗ gefallen iſt, unerwartet, wie alle himmliſchen Güter zu uns kommen. Geben Sie jedes thörichte Forſchen auf, welches die Sache ja nicht mehr ändern, ſondern nur ihren Zauber zerſtören würde. Geiſter, Feen und Wohlthäter wollen nicht belauſcht ſein. Sagt man ein unbedachtes Wort, zerfließt die Zaubererſcheinung. Ihre Ehre iſt in keiner Weiſe in dieſer Sache gekränkt; Sie bleiben der Schuldner eines Unbekannten, dem Sie, wenn er ſich je melden ſollte, Ihre Dankbarkeit beweiſen können. Ich bin es nicht, darauf mein Wort.“ Und indem nun Meldungen über Meldungen aus dem Comptoir kamen, welche die Anweſenheit des Herrn erheiſchten, wurde die lange Unterredung unter⸗ brochen, und mit gegenſeitigem Gruße, der freundlicher war als der erſte, ſchieden die beiden Männer. Achtes Kapitel. Als der Arzt ſie verlaſſen hatte, ſaß Melanie in dem weich gepolſterten Lehnſtuhl in einem weißen, mit Spitzen reich beſetzten Morgenkleide und blätterte theil⸗ nahmlos in den Zeitungen und Büchern, die vor ihr auf dem Tiſche lagen. Im Nebenzimmer, deſſen Thüren offen ſtanden, war Liſette um die Blumen beſchäftigt. Plötzlich ſtieß ſie einen Schrei aus, der, trotzdem ſie ſich Mühe gab, ihn zu unterdrücken, von Melanie ge⸗ hört wurde. Obgleich ſeit mehreren Tagen ſchon Herrin und Dienerin kein Wort mit einander gewechſelt hatten, die eine aus einer Miſchung von Abneigung und ge⸗ heimer Scheu, die andere aus Furcht, die Gebieterin noch mehr gegen ſich zu reizen, ſo berührte doch dieſer Schrei ſo eigenthümlich Melanie's Ohr und Herz, daß ſie das Buch aus der Hand zur Erde fallen ließ und: „Was haſt Du?“ fragte. Aber der Ton dieſer Frage klang ſo, als ob ſie keine Antwort, wenigſtens nicht die wahre, darauf erwartete. Liſette ſuchte ſich mit einer Ungeſchicklichkeit zu entſchuldigen. „Du lügſt,“ rief Melanie und trat, ehe die Zofe ſie hindern konnte, an das Fenſter. Ein Blick ſagte ihr mehr als alle Worte Liſettens. Gerade über den Platz vor dem Hauſe ging Hans von Hochberg und warf, als er in eine Nebenſtraße einbog, noch einen letzten flüchti⸗ gen Blick auf das Haus, als wolle er ſich Geſtalt und Form deſſelben ins Gedächtniß einprägen, oder hoffe an einem ſeiner Fenſter den Schatten einer geliebten Geſtalt vorüberſchweben zu ſehen. Melanie ſtand indeſſen ſo ſicher hinter ihren Blumen verborgen, daß er ſie auch bei einem längeren und ſchärferen Hinaufblicken nicht entdeckt haben würde. Er aber eilte, wie Einer, der von vielen Gedanken beſtürmt wird, und den ein in⸗ nerer Drang vorwärts treibt, vorüber— war doch auch Alles für ihn vorüber, die Geliebte für immer verloren! Melanie hatte genug geſehen. Sie wußte, daß ihr Vetter aus dem Zimmer ihres Gatten käme, ſie fürchtete, daß zwiſchen ihnen die Fortſetzung jener heftigen Unterredung ſtattgefunden, deren Anfang ſie in der Ballnacht auf dem Schloſſe mit angehört, die ——.— — ihr D Leben und Beſin der Welc Gehe einer reinſt und zu ve Zuſte heroi über mal viell aus entde vor — ———— —— ——— — 143 ihr Dazwiſchentreten damals unterbrochen. In voller Lebendigkeit malte ſich der ganze ſchreckliche Vorfall und Alles, was ihm vorangegangen und gefolgt, ihre Beſinnungsloſigkeit, eine dunkle That, Angſt, Sorge, der Zorn ihres Vaters— Alles wieder vor ihr ab. Welch ein Leben führte ſie doch! Unter der Laſt eines Geheimniſſes erliegend, in der qualvollen Erwartung einer fürchterlichen Entdeckung! Hatten ſie nicht die reinſten Beweggründe, die Ehre des Geliebten zu retten und einen Zweikampf zwiſchen ihm und ihrem Gatten zu verhindern, zu dieſer Schuld verleitet? Sollte dieſer Zuſtand ewig dauern? War es nicht beſſer, mit einer heroiſchen Anſtrengung ſich ſelbſt, ihr ſtolzes Herz zu überwinden, und dem Manne, dem ſie doch nun ein⸗ mal angehörte, ihre That zu geſtehen? Noch war es vielleicht nicht zu ſpät, noch konnte er das Geheimniß aus ihrem Munde erfahren, ehe es ihm ein Fremder entdeckte. Ein Fremder?— ſie zerknitterte ihr Tuch vor Zorn und Scham. War ſie doch in jener Nacht ſo entſchloſſen geweſen, warum verſagte ihr jetzt der Wille? Iſt es um ſo viel leichter, im Drang des Augenblicks und im Sturm der Leidenſchaft eine That auszuführen, als die vollbrachte zur Verurtheilung oder zur Verzeihung einem Andern zu offenbaren? Ohne Zögern hatte ſie noch eben zu Albert hinunter eilen wollen, —— 144 jetzt kam ſie nur bis zu ihrem Lehnſtuhl und ſetzte ſich nieder. Sie war ſo müde, gebrochen in ihrer Kraft! Durch die weißen, niedergelaſſenen Vorhänge der Fenſter drangen die Sonnenſtrahlen wie durch eine lichte Wolke milden Scheines in das trauliche Gemach. Rings umher regte ſich Nichts. Mit lautloſem Schritt über den weichen Teppich hatte ſich Liſette entfernt. Wie war der Raum ſo friedlich, ſo ſtill, gleichſam von guten Geiſtern vor dem Einbruch feindlicher Mächte geſchützt! Wie anmuthig der Schmuck der Wände, wie gefällig und behaglich die ganze Ausſtattung! Träumeriſch verglich Melanie dieſe Ruhe mit der Ver⸗ wirrung, dem Lärm, der beſtändigen Spannung, welche die letzten Tage ihres Aufenthaltes in ihrem Vater⸗ hauſe verwirrt und geſtört. Zum erſten Mal erſchien ihr Albert in einem beſſeren und ihr Benehmen gegen ihn in einem häßlicheren Licht. Er hatte den guten Ruf ihres Vaters gerettet und ſie ſelbſt aus unſichern Verhältniſſen auf die Höhe des Glücks, in eine edel geordnete, friedlich umhegte Häuslichkeit geführt. Wenn nicht Liebe, ſo verdiente er doch Hingabe und Dank⸗ barkeit. Wie recht hatte er damals im Garten gehabt, als er ihr ſagte, daß es ihren Vater verderben hieße, wenn er ſie aufgäbe. Sie mochte ſich nicht daran er⸗ innern, wie ſie bisher ſo viel Edelmuth gelohnt, es —ʒ—. 4. — beach genie ſo ſe nicht nicht nähh kennt ſchaf bren Fr zer⸗ ſche — 145 war ihr, als verzerre ſich ihr eigenes Geſicht im Spiegel bei dieſem Gedanken und nähme den Aus⸗ druck einer Furie an. Ja gewiß, ſie hatte ſchlecht und boshaft gehandelt; nicht an den Verlobten, nicht an ihren Vater, nur an ſich ſelbſt und ihre tolle Leidenſchaft hatte ſie gedacht. Sie wußte nicht, wie es gekommen, aber ſie mußte plötzlich über ſich lächeln, daß ſie ſich jemals ernſthaft als Gattin an Hochberg's Seite geträumt! Der Glanz der Märtyrerkrone, die ſie für die Entſagung ihrer Jugendliebe ſchon auf dem Haupte gefühlt, verblaßte mehr und mehr vor ihren Augen, und die Nothwendigkeit, mit Albert leben zu müſſen, verlor ihren tragiſchen Schrecken. ——————— ————— Was iſt denn Liebe? Iſt Liebe nur eine unbändige und phantaſtiſche Leidenſchaft, die ſich an den gelieb⸗ ten Gegenſtand, ohne ſeinen Werth oder Unwerth zu beachten, in blinder Heftigkeit feſtklammert, ſich aus⸗ genießt und ſchnell verzehrt, der Fackel gleich, die um ſo ſchneller erliſcht, je heller ſie leuchtet? Iſt Liebe nicht auch die ſchöne und maßvolle Empfindung, die nicht durch einen augenblicklichen Reiz, ſondern all⸗ mählig aus der Schätzung des Andern, aus der Er⸗ kenntniß ſeiner Vorzüge, aus Wohlwollen und Freund⸗ ſchaft entſpringt? de1ens das Gefühl, als brenne ihre erſte Liebe langſ r ihr zu Aſche nieder, Frenzel, Geheimniſſe I. 10 — 146 aber ihr Herz war darum nicht kalt und todt, eine nur milde Gluth durchwärmte es, oder war dieſe Wärme lhſtri nur die Wirkung der ſonnigen Stille in dem freund— ierde lichen Gemach? Lächelte die marmorne Muſe dort di g von ihrem Sockel, die immer ſo ernſt und feierlich kalt Eindr geblickt, heute vom Sonnenlicht erwärmt, ihr mit hei⸗ unter terer Sinnigkeit zu? Nicht in der Romantik der Ju⸗ Sol, gend allein, auch im Ernſt des Lebens und in der Er⸗ ſchaft p füllung der Pflicht liegt Poeſie, ſchien ſie zu ſagen. erfol Um ihren hin⸗ und herſchweifenden Gedanken ein von feſtes Ziel zu geben, griff Melanie nach den Zeitungen, dieſer ſie wollte nicht leſen, ſie wollte nur durch eine mecha⸗ ihrer niſche Beſchäftigung den Zwieſpalt ihres Innern, wenn gewo auch nur vorübergehend, beruhigen. Aber ſo leicht war eine der Bewegung, die ſie ergriffen hatte, nicht wieder Hauj ¹ Stillſtand zu gebieten. Um ein neues Leben zu be⸗ ten⸗ 1 ginnen, mußte ſie mit dem alten in ihrem Herzen ab⸗ mit geſchloſſen haben. Was wäre das für ein Glück ge⸗ Eine weſen, in das die Erinnerung an frühere Tage bald heroi mit feindlichen und drohenden, bald mit vorwurfs⸗ Umſ vollen Augen geblickt? So lange noch das Geheimniß mn ſchwer auf ihrer Bruſt laſtete, wagte ſie den Blick nicht bſch frei zu erheben, überall konnte ihr ein finſterer Schatten der begegnen. Da wurde ihre Aufmerkſamkeit unwillkür⸗ gew lich von dem Bilde einer Nonne gefeſſelt. Es war der de —ʒÿ—:.. eine ͤrme und⸗ dort kalt hei⸗ ₰ Ju⸗ ein ngen, jecha⸗ wenn twar vieder u be⸗ n ab⸗ k ge⸗ bald vurfs⸗ imniß knicht hatten illkür⸗ ar der ——— ———— 147 nur mäßig gelungene Holzſchnitt einer franzöſiſchen illuſtrirten Zeitung. Einmal geweckt, wollte die Neu⸗ gierde Melanie's mehr von einer Perſönlichkeit wiſſen, die gleich beim erſten Anſchauen einen ſo bedeutenden Eindruck auf ſie gemacht. Wie erſtaunte ſie, als ſie unter dem Holzſchnitt die Unterſchrift las:„Donna Sol, die Karmeliterin von Madrid.“ Mit der Leiden⸗ ſchaft, die ſich in allen ihren Handlungen ausſprach, verfolgte ſie den kurzen Lebensabriß, den das Blatt von dem edlen Mädchen gab. Donna Sol war nach dieſer Schilderung vor wenigen Monaten ein Opfer ihrer Hingebung und Pflichttreue in der Krankenpflege geworden. Im Herbſt des vergangenen Jahres hatte eine ſchlimme, anſteckende Krankheit die ſpaniſche Hauptſtadt verheert. Die vorhandenen Kräfte an Aerz⸗ ten und Krankenwärterinnen hatten bei der Gewalt, mit der die Seuche auftrat, bald nicht mehr genügt. Eine außerordent iche Menſchenfreundlichkeit und ein heroiſcher Sinn hatten dazu gehört, ſich unter dieſen Umſtänden, bei der Gefahr, welche ſchon die Berüh⸗ rung der Kranken mit ſich bringen ſollte, dennoch dieſem beſchwerlichen und oft tödtlichen Dienſte zu widmen. Der Mangel an geeigneten Pflegerinnen war ſo groß geweſen, daß der Erzbiſchof der Stadt auch den Nonnen, die in ſtrenger Clauſur uſ verpflichtet ſind, in 10⸗ 148 dieſer Rückſicht für eine Zeit lang den Dispens er⸗ theilte. Donna Sol, im Kloſter Schweſter Tereſa ge⸗ nannt, war eine der erſten geweſen, von ihrer Oberin ſich dieſe Erlaubniß zu erbitten. Schon galt ſie bei ihren Schweſtern als eine halbe Heilige. Die Handlungen der Güte und Barmherzigkeit, der ſelbſtloſen Aufopferung aber, die ſie jetzt gleichſam im Angeſicht der ganzen Haupt⸗ ſtadt übte, verſchafften ihr zu ihrem ſtillen Schmerze, denn ihre Seele trachtete nicht nach der Welt Ruhm und Eitelkeit, den Namen des Schutzengels von Madrid. Das Alles war in jenem Blatte mit großer Wärme und in anſchaulicher Darſtellung geſchildert. Viele Wochen lang war Schweſter Tereſa von den Pfeilen der Krankheit ungetroffen geblieben. So ſchwächlich ihr Körper war, die Menſchenliebe ſchien ihre Kräfte verdoppelt zu haben. Sie kannte in ihrem Dienſt weder Ermüdung noch Beſchwerden. Endlich, als die Wuth der Seuche ſichſchon erſchöpft hatte, erkrankte die Schweſter, der Würgengel hatte in ihr ſeine ſtärkſte Feindin ge⸗ funden und wollte, indem er ſie hinraffte, Allen, die befreit aufathmeten, ſeine ſchreckliche Macht gleichſam noch einmal beweiſen. Schweſter Tereſa hatte nicht lange gelitten; in feierlichſter Weiſe, unter dem Zulauf einer ungeheuren Volksmenge, war ſie beſtattet worden Gleich wie um die Heiligen des Mittelalters, breitete —— —— — —— —— ſich at ſchon iſche nannte beimen Sol, und e ſchon hangn hafter hier ſtamn niſche Vern word Elter wand meint rakten gen ſchien unten erwa er⸗ ge⸗ erin hren der lber, upt⸗ denn und drid. ärme Viele eilen chlich träfte veder Wuth eſter, n ge⸗ , die hſam nicht ulauf orden reitete ——— ſich auch um ſie, wenige Tage nach ihrem Hinſcheiden, ſchon der duftende Schleier der Legende. Der franzö⸗ ſiſche Erzähler, ein Kind Voltaire's, wie er ſich ſelbſt nannte, wollte dieſen Geſchichten zwar wenig Glauben beimeſſen, aber er fand die Lebensgeſchichte der Donna Sol, von allen Wundern entkleidet, an ſich rührend und ergreifend. Einen Zug derſelben kannte Melanie ſchon aus der Erzählung Albert's, wie er zu jenem ver⸗ hängnißvollen Schmuck gekommen. Was er aus mangel⸗ hafter Kenntniß der Verhältniſſe nur angedeutet, ward hier des Breiteren auseinandergeſetzt. Donna Sol ſtammte aus einer der älteſten und vornehmſten ſpa⸗ niſchen Familien. In ihrer Kindheit war ſie mit einem Verwandten aus einer Seitenlinie des Hauſes verlobt worden. Beſſer als gewöhnlich ſchien die Wahl der Eltern für ſie auszuſchlagen. Sie liebte ihren Ver⸗ wandten mit ſchwärmeriſcher Neigung: Schwärmerei, meinte der Franzoſe, wäre der Grundzug ihres Cha⸗ rakters geweſen. Ganz Madrid hätte die beiden jun⸗ gen Leute, die ſo ganz für einander geboren zu ſein ſchienen, ſchon im Voraus als das glücklichſte Paar unter dem ſpaniſchen Himmel bezeichnet. Da ſei un⸗ erwartet Donna Sol aus einem lebensluſtigen und heiteren Mädchen eine ſchwermüthige Kirchengängerin geworden. Wie auf einen Zauberſchlag hatte ſich eine — — 150 Umwandelung in ihr vollzogen. Auch dieſe Thatſache war von der Volkslegende phantaſtiſch geſtaltet und ausgeſchmückt worden. In dem Familienſchatz ihres Hauſes hätte ſich ein altes Geſchmeide noch aus der peruaniſchen Beute befunden, das, mit Blut und Un⸗ gerechtigkeit erworben, jeder Trägerin Unheil gebracht, als hätte das erſte Verbrechen, das ſich an dieſen Schmuck knüpfte, von jeder ſeiner Beſitzerinnen durch Thränen und Reue geſühnt werden müſſen. Das Blatt zitterte in Melanie's Hand. Sie zürnte dem franzö⸗ ſiſchen Erzähler, der über dieſe Volksmeinung ein un⸗ gläubiges Lächeln nicht unterdrücken konnte. Sie wußte es beſſer. Ja wohl, jede Beſitzerin des Schmuckes mußte mit ſchmerzlichen Thränen, mit ſchlafloſen, kummervollen Nächten, mit Pein und Schmach viel⸗ leicht, die Gewaltthat jenes Spaniers ſühnen, der die goldene Spange von dem Arm Atahualpa's geriſſen! Die Sage aber erzählte weiter, daß Donna Sol das Geſchmeide zum erſten Mal bei einem Feſte getragen, auf dem die Liebe ihres Verlobten ſich von ihr zu einer andern Dame allgewaltig wandte. Weder die Schönheit, noch die Liebenswürdigkeit und der Reich⸗ thum Donna Sol's führten den Ungetreuen zu ſeiner Pflicht zurück. Der Entſchluß, der Welt zu entſagen und in ein Kloſter zu gehen, verſtärkte ſich mit jedem ——— —— — Tage Eine Tante Schle ander Neber helde wund den l Alter ein i Blat falle dam ſchw ſaiſch der über ſich Mel zuſo Lan Gußte uckes oſen, viel⸗ r die iſſen! das agen, r zu r die Reich⸗ ſeiner lſagen jedem ———— Tage mehr in der Seele des getäuſchten Mädchens. Eine große Erbſchaft, die ihr durch den Tod einer Tante zufiel, ſchenkte ſie an dem Tage, als ſie den Schleier nahm, zur einen Hälfte dem Kloſter, zur andern als Morgengabe ihrer armen, aber glücklichen Nebenbuhlerin. Dieſe Handlung ihres Lebens, ihre heldenmüthige Aufopferung und ihren ſchönen Tod be⸗ wunderte ſelbſt der ſpöttiſche Franzoſe und ſchätzte ſie den herrlichſten Beiſpielen von Tugend, die uns das Alterthum überliefert hat, gleich. Der Eindruck dieſer Geſchichte auf Melanie war ein überwältigender. Sie ſaß lange unbeweglich, das Blatt auf ihren Knieen. Hatte es dem Schickſale ge⸗ fallen, ſie Aehnliches wie Donna Sol erleben zu laſſen, damit ſie ſich zu der Seelengröße der Spanierin auf⸗ ſchwänge? Sollte ihr Daſein, das ſie bisher ſo pro⸗ ſaiſch nüchtern und öde gedünkt, durch den Schimmer, der von der Schweſter Tereſa verklärend auch auf ſie überſtrömte, eine poetiſche Weihe erhalten? So ſinnend, hatte ſie überhört, daß die Thüre ſich geöffnet, und Albert hinter ihren Seſſel getreten war. „Melanie,“ ſagte er mit ſanfter Stimme,„liebe Melanie!“ und ſah ihr über die Schulter. Sie war zuſammengefahren, ſeine Stimme hatte ſie aus dem Lande der Seligen, wo alle Leidenſchaften beruhigt 152 ſind und ewiger Friede herrſcht, wo der Kriegslärm von, der Thatſachen nie die Stille der Betrachtung ſtört, auf aus glücklicher Verſchollenheit in das Weltgewühl zu⸗ gibt. rückgerufen. 1„Du biſt es?“ erwiderte ſie und ſenkte den Kopf, aber den ſie halb zu ihm erhoben hatte, wieder voll Be⸗ der ¹ fangenheit zur Seite. „Was haſt Du? Ich habe Dich bei Deiner Lek⸗ 6 türe unterbrochen; war ſie ſo anziehend?“ Melanie entgegnete Nichts, ſondern reichte ihm 1i7 ſchweigend das Blatt. Er trat hinter ihrem Stuhl vor und ſtand ihr nun gegenüber, jetzt auf ſie und ſelig jetzt auf das Blatt blickend. Während er es überflog, folg fuhr es durch Melanie's Sinn: in welch' ungewöhn⸗ licher Stunde kommt er heute zu Dir! Da iſt Etwas diſe geſchehen! Und nun fiel ihr wieder, ſie erſchreckend, Sol der Beſuch Hochberg's bei ihrem Gatten ein, eine Be⸗ gegnung, die ſie über ihren Gedanken und der Ge⸗ Miß ſchichte der Donna Sol ganz vergeſſen. haft Albert hatte das Blatt auf den Tiſch gelegt. vere „Ja,“ ſagte er,„ſo ſah ſie aus, nicht, wie der ſchlechte Wi Holzſchnitt ſie zeigt, ſondern wie dieſe Schilderung die ihres Lebens ſie vor die Seele des Leſers zaubern ah muß: eines jener Weſen, dem nur die Flügel zu fehlen luſt ſcheinen, um zu beweiſen, daß ſie einer höheren Art — elegt. lechte rung bbern eblen Art von Geſchöpfen, als wir ſind, angehören, deren Wandel auf Erden uns die Gewißheit einer unſichtbaren Welt gibt.“ Das waren auch Melanie's Gedanken geweſen, aber die irdiſche Bedrängniß hatte ſie ungeſtüm aus der Verſenkung in das Göttliche geriſſen. „Haſt Du das Ganze geleſen?“ „Ich denke, wenigſtens das Wichtigſte.“ „Auch das?“ fragte ſie zögernd,„was die Leute in Madrid von ihrem Schmuck erzählten?“ „Nein, das nicht“, erwiderte er,„dieſer un⸗ ſelige Schmuck! Muß er Dich ſogar bis hierher ver⸗ folgen?“ „Ja wohl, unſelig! denn der Fluch, den der in⸗ diſche Fürſt darüber ausſprach, hat ſich an Donna Sol wie an mir erfüllt!“ „An Dir? Weil Du ihn verloren? Das iſt ein Mißgeſchick, nichts weiter! Kein Fluch: eine Lehre haftet an dem Schmuck. Vergänglich iſt der Beſitz, vergänglich der Glanz, ſagt uns ſeine Geſchichte. Vielleicht beſaßeſt Du ihn nur auf ſo kurze Zeit, um dieſe Lehre in ihrer ganzen Strenge einmal zu er— fahren. Eine Kaufmannsfrau muß ſich früh an Ver⸗ luſte gewöhnen!“ „Du willſt mich oder Dich ſelbſt mit Deinen 154 ſchönen Worten betrügen! Zu nichts Anderem ſollte der Verluſt des Schmuckes dienen, als mich die Herr⸗ lichkeit der Welt gering achten zu lehren? Nein, Albert, Du ſpielſt ein großmüthiges Spiel mit mir, aber es iſt doch eben ein Spiel.“ „Ein Spiel?“ entgegnete er und ſchob ſich einen Seſſel zu dem ihrigen heran.„Wäre das ſo ſchlimm? Spielt nicht das Schickſal auch mit uns und nicht immer ſo freundlich, wie ich nach Deiner Meinung jetzt mit Dir ſcherze?“ „War es nur zum Scherz,“ fragte ſie plötzlich auffahrend,„daß mein Vetter, daß Hans von Hoch⸗ berg.. „Du haſt ihn bemerkt?“ „Ich ſah ihn über den Platz gehen. Er kam von Dir.“ „Von mir.“ „Und?“ „Ja, da bin ich in einiger Verlegenheit, Dir zu ſagen, was er wollte. Ich bitte Dich, bleibe ruhig ſitzen, es iſt nichts Aengſtliches, wie damals im Ball⸗ ſaal. Wir ſind ſogar auf dem Wege, gute Freunde zu werden.“ „Du ſpotteſt meiner.“ „In dieſem Augenblick?“ fragte er ernſt, ſetzte — aber dern Herr nicht Das mir dun 155 ‿— T D aber ſogleich, um den Eindruck dieſes Tones zu mil⸗ dern, hinzu:„Ich bin auch ein Spötter! Nein, wie Herr von Blacha ſagt, der Gott des Reichthums allein, nicht die Göttin des Witzes ſtand an meiner Wiege. Das Drollige iſt nur, daß es dem Zufall ſo gefällt, mir immer wieder in ſeinen wunderlichſten Erfin⸗ dungen und Verwickelungen eine Rolle zuzutheilen. So in der Geſchichte des Schmuckes, ſo auch dies— mal!“, „Du folterſt mich! Du ahnſt nicht, daß Du mir einen Dolch im Herzen umdrohſt.“ „Melanie!“. „Was wollte, was ſagte Hans zu Dir?“ „Es ſollte unter uns Männern bleiben, denn es handelt ſich nicht nur um mein und ſein, ſondern auch um das Geheimniß eines Dritten! Seine Schulden ſind bezahlt worden.“ „Ach!“ ſchrie Melanie auf. „Das Merkwürdigſte kömmt erſt,“ fuhr er fort. „Hochberg behauptete, ich hätte, um ihn tödtlich zu verletzen, insgeheim mit ſeinen Gläubigern verhandelt. Es hat Mühe gekoſtet, ihn vom Gegentheil zu über— zeugen.“ „Dir doch nicht,“ ſagte ſie mit ſtockendem Athem, „Dir nicht, Albert! Du ahnſt, nein, Du weißt.... 156 7 o, wo nehme ich Worte her, Dir zu offenbaren.... Halb mit bewußtem Willen, halb von einer ſtärkeren Gewalt fortgezogen, war ſie auf dem Teppich vor ihm niedergeſunken, die gefalteten Hände auf ſeinen Knieen: es konnte die Stellung einer Liebenden, es konnte auch die einer Reuigen ſein. Aengſtlich und ſcheu ſuchten ihre Augen in ſeinem Geſicht ihre Verurtheilung oder ihre Verzeihung.„Wie leidenſchaftlich Ihr die Dinge übertreibt, Du wie Dein Vetter!“ entgegnete er und ſtrich ihr die Haare von den Schläfen zurück.„Iſt das ein Vorzug der auserleſenen Geſellſchaft, alle Vor⸗ gänge nur durch bunte oder durch Vergrößerungsgläſer zu betrachten, während uns Anderen die Dinge in ihrer natürlichen, freilich proſaiſchen Form und Geſtalt er⸗ ſcheinen? Ich habe es Herrn von Hochberg nicht ge⸗ ſagt, wie ich mir den Zuſammenhang ſeiner Geſchichte denke, um ihn nicht eitel zu machen. Eine Fee hat ſich ſeiner angenommen, eine Fee!“ Melanie's Augen ſchwammen in Thränen, noch einmal ſah ſie ihn an, dann ſagte ſie:„Ich war dieſe Fee, Albert, ich!“ „Ach, nun haſt Du den Zauber durch Deine Offen⸗ herzigkeit zerſtört!“ Ihr Haupt lag auf ſeinen Knieen. Eine Weile ſprach Keins von Beiden. Es war, als ſeien ſie der —— 3 1 3 Welt entrückt, ſo weit, daß von all ihren Bedürfniſſen und Kümmerniſſen, ihren Sorgen und Kämpfen ſie nichts zu dieſer Friſt erreichen könne. „Ich bin ſchuldig!“ ſagte ſie, ſich faſſend.„Nicht dieſe Schonung, Albert! Sie drückt mich tiefer zu Boden, als die härteſte Verdammung. Es muß end⸗ lich zwiſchen uns klar werden, ich habe den Schmuck veruntreut, ich, Dein Weib! Der Fluch hat mich ge⸗ troffen, der Fluch!“ „Du biſt außer Dir! Was haſt Du denn ge⸗ gethan? Du biſt mit Deinem Eigenthum nach Be⸗ lieben verfahren. Meine Liebe haſt du gekränkt, aber kein Unrecht begangen.“ „Verſtoße mich, ich bin Deiner, ich bin Deines Namens nicht werth! Ich habe unwürdig gehandelt. Hätte ich Dir nicht geſtehen ſollen, daß ich meinen Vetter geliebt habe? Und dann, die Verwirrung, die Betäubung! Es iſt über mich gekommen, wie ein un⸗ heimlicher Dämon. Die Bilder einer Zweikampfes zwiſchen Dir und ihm, Bilder des Selbſtmords, mit dem er gedroht, verfolgten mich. In meiner Seelenangſt flüſterte mir Samuelſohn zu: Der Schmuck! Der Schmuck! Ja, das war ein Ausweg aus allen Gefahren. Seine Edel⸗ ſteine waren mehr als hinreichend, Hans' Schulden zu bezahlen, ihn zu retten. Nun wich der Verſucher nicht 158 mehr von meiner Seite: So nimm doch Dein Eigen⸗ thum, verkauf' es, gilt es doch die Ehre Deines Vetters!“ „Arme Melanie, und mit einem Worte hätteſt Du Dir dieſe Schmerzen erſparen können!“ „Mit einem Worte zu Dir, den ich als den Zer⸗ ſtörer meines Glückes haßte! Haßte, weil ich ihm nicht mit kalter Gleichgültigkeit begegnen konnte! Wäh⸗ rend des Feſtes hatte ſich Samuelſohn in mein Zim⸗ mer geſchlichen, Liſette gab mir ein verabredetes Zei⸗ chen— ich war der Freiheit meines Willens ſchon durch die Ereigniſſe beraubt und mußte vorwärts auf der abſchüſſigen Bahn. Eine Art von Schwindel und Trunkenheit hatte mich erfaßt. Ich gab ihm den Schmuck, um damit die Gläubiger Hochberg's zu be— friedigen. Am nächſten Morgen ſtürzte Alles über mir zuſammen. Ich wollte reden, aber die Scham erſtickte meine Stimme! Dazu die Furcht, durch ein vorzeitiges Geſtänd⸗niß meine Abſicht zu vereiteln! Oh, ich habe ſchrecklich gebüßt! Hören zu müſſen, wie Unſchuldige meines Vergehens wegen angeklagt wurden..“ „Beruhige Dich, wir ſind im Stande, ihnen die kurze Pein vollauf zu vergüten.“ „Am tiefſten hat mich Dein Edelmuth beſchämt! Da Du Hochberg nicht für den Dieb hielteſt..“ Mal hhät freu des ſchon auf und 159 „Konnt' ich nur annehmen, daß Feenhände den Schmuck entführt! An den liſtigen Kaufmann dachte ich dabei nicht. Um ſo beſſer, Melanie! Ich müßte mich ſehr täuſchen, oder Samuelſohn iſt noch im Be⸗ ſitz des Schmuckes. Eine Zeile von Dir, und er wird ihn zurückgeben.“ „Zurückgeben?“ „Natürlich gegen Prozente. Das hilft nun nichts, da Du einmal einen Kaufmann geheirathet haſt, mußt Du Dich bei Zeiten an den geſchäftlichen Gebrauch ge⸗ wöhnen. Und dann kein Wort mehr darüber!“ „Albert!“ Nun lag ihr Kopf an ſeiner Bruſt. „Deine Vergangenheit hat mir nicht gehört, liebe Melanie, nicht gehören können! Zu neu, zu gewalt⸗ thätig bin ich in Deine Kreiſe getreten, um einen freundlichen Smpfang erwarten zu dürfen. Wandlungen des Körpers wie Umwandlungen des Geiſtes voll⸗ ziehen ſich nur in Kriſen. Haben wir eine ſolche Kri⸗ ſis überſtanden? Deine Zukunft—“ „Sie ſoll Dir gehören, Dir allein!“ Ein bräutlicher Kuß vereinigte in einem Hauch zwei verſöhnte Herzen, ſtolze Herzen, die ſich erſt nach einem ſchweren Kampfe zuſammenfinden konnten. Eine Woche ſpäter gab der Kommerzienrath Römer ein großes Feſt. Zur Freude ſeiner politiſchen Geſin⸗ nungsgenoſſen ſollte er, wie es hieß, den Adel, der ihm „von hoher Hand“ angeboten worden ſei, abgelehnt haben. Den günſtigſten Eindruck machte eine fernere Behauptung des Gerüchts, daß ſeine Gemahlin, ob⸗ gleich eine geborne Gräfin Waldhelm, eine ſolche Standeserhöhung ihres Gatten nicht gewünſcht. Die junge Frau, die zum erſten Mal als Wirthin ſich zeigte, bezauberte alle Gäſte durch ihre gewinnende Anmuth. In ihren Haaren, um Hals und Arme trug ſie den Schmuck des Inka. Wie Römer es ſtets geſagt: das Geſchmeide war nur verloren geweſen und hatte ſich wiedergefunden. Robert, der aus ſeiner Haft entlaſſen, einen Dienſt im Hauſe des Kommerzienrathes erhal⸗ ten hatte, mußte wohl, nach der Anſicht der Geſchichten⸗ träger, in irgend einer Weiſe bei dieſem abenteuerlichen Vorfall betheiligt geweſen ſein, er ſelbſt wußte freilich nichts davon und ſegnete den Schmuck, der ihm zu einem„guten Dienſt“ in der Nähe ſeiner auch wieder zu Gnaden aufgenommenen Liſette verholfen hatte. Hans von Hochberg ſchien es, als hätten die Brillanten ſeiner ſchönen Couſine einen gar eigenthümlichen Glanz, wie jener bologneſiſche Stein, der im Dunkel der Nacht einen hellen Schein um ich verbreitet, aber den Kom⸗ merzienrath wagte er nicht darum zu befragen, und ——— — — — damn eſin⸗ ihm lehnt nere Melanie lachte nur, lachte ſo glücklich und heiter, und wies ihn an die jungen Mädchen im Saal, deren Augen viel freundlicher und ſternheller auf ihn niederſchauen würden, als ihre Brillanten. Den herzlichſten Antheil an dem Glück der Gatten nahm Herr von Blacha; aber es gibt nichts Vollkommenes auf Erden; auch Blacha's Freude war nicht ganz uneigennützig. Ein⸗ mal freute es ihn, daß ſeine Prophezeiung von dem Glück einer Vernunftheirath ſich wieder bewährt, und dann hatte ſich ſein Beſitzthum an wunderſamen Ge⸗ ſchichten um eine neue vergrößert, um eine Geſchichte; die geheimnißvoll anhub und noch geheimnißvoller endete. Denn auch für ihn erhellte ſich die Dämmerung nicht, welche die Liebe Melanie's und Albert's und den Schmuck des Inka vor den neugierigen Augen der Welt weihevoll umfloß. Frenzel, Geheimniſſe I. — — — = — — Eine Spukgeſchichte. Erſtes Kapitel. Wie es gekommen weiß ich nicht mehr, aber nachdem unſere Unterhaltung ſich lange und ein wenig eintönig um alle möglichen Tagesereigniſſe ge⸗ dreht, war ſie pötzlich bei Geſpenſtergeſchichten, Ahnungen, kurz bei jenem Unerklärlichen ſtehen geblieben, das man die Nachtſeiten der Seele genannt hat. Ich für mein Theil bin in dieſer Hinſicht ein geborener Zweifler; nicht, weil der Zweifel der Anfang aller Philoſophie iſt, ſondern aus einer gewiſſen Denkfaulheit, die ſich nicht gern um unlösbare Räthſel bemühen mag. Giebt es eine Un⸗ ſterblichkeit, giebt es keine? Iſt ein Gott? Oder iſt kein Gott? Kommen aus dem Jenſeits Schatten, Geiſter, magnetiſche Strömungen zu uns?„Sterben.. ſchlafen. vielleicht auch träumen!“ Jeder kennt Hamlet's — 166 Monolog auswendig und weiß auch, wenn das Geſpräch einmal zwiſchen Himmel und Erde ſchwebt, welch' eigen⸗ thümliche, faſt myſtiſche Färbung Alles um uns her annimmt, wie merkwürdig die Stimme des Erzählers klingt, wie geſpannt, in feierlichem Schweigen wir ihm lauſchen. Es war in einem Weinkeller des alten Berlin, um die neunte Abendſtunde. Des alten Berlin, das in jenem Bezirk von der Langen Brücke bis zu dem weiten, die Königsſtraße abſchließenden Alexanderplatz doch mehr des Merkwürdigen, Wunderlichen und Alter⸗ thümlichen birgt, als die landläufige Meinung zugeben will. Gerade gegenüber der Mikolaikirche erhebt ſich das ſtattliche Haus, in deſſen geräumigem, behaglich eingerichteten Keller wir, warum es verrathen? bei der wievielten Flaſche ſaßen. Oefters umgebaut, mit neuen Stockwerken und modernen Verzierungen verſehen, hat das Haus für Keinen, der daran vorübergeht, die geringſte Auffälligkeit, es könnte eben ſo gut auf der Ringſtraße zu Wien oder auf einem der neuen Boule⸗ vards in Paris ſtehen. Und auch der Weinkeller bot in ſeiner Nüchternheit ſo gar keine Veranlaſſung zu dem ſeltſamen Flug unſerer Gedanken. Wird man je das Geſetz für die eigenwillige Bewegung unſeres Gehirns finden? Ich entſinne mich noch, wir waren unſerer fünf! holz, ten( in ei Vier, ſeine Auße des geke zu er verd kräft röm Haa über Geſi Lpf übe und R be böh⸗ 167 fünf und ſaßen um einen mäßig großen Tiſch von Eichen⸗ holz, auf ſchweren, aus Eichenholz gefertigten, geſchnitz⸗ ten Stühlen. Dicht über uns brannte die Gasflamme in einer mattgeſchliffenen weißen Glaskugel. Ueber die Vierzig hinaus war ich der Aelteſte und Adolf mit ſeinen fünfundzwanzig Jahren der Jüngſte der Geſellſchaft. Außer uns ſaß nur noch ein Gaſt in dieſer Abtheilung des Raumes, die Füße über einander geſchlagen, in ſich gekehrt, vor einer Flaſche Champagner. Er ſchien Jemand zu erwarten, denn er zog wiederholt die Uhr und ſchüttelte verdrießlich den Kopf, ſei es nun, daß ihm die Minuten zu langſam gingen oder der Erwartete über Gebühr ausblieb. Uebrigens ein anziehender Mann, von hoher, kräftiger Geſtalt, mit einem ſtark ausgebildeten, an römiſche Kaiſerbilder erinnernden Haupt; noch dunkle Haare, hier und dort von einem grauen Schimmer überflogen, umrahmten leicht gelockt ein regelmäßiges Geſicht mit dunklen Augen, vollen, aber feſtgeſchloſſenen Lippen, einer römiſchen Naſe und einer hohen Stirn, über die eine breite Narbe lief. Trotz der Leichtigkeit und Anmuth, mit denen er den ſchwarzen, ſchlichten Rock trug, war ihm das Soldatiſche anzuſehen.. ein höherer Officier ohne Zweifel, er mochte in meinem Alter ſein, und ein Fremder; er hatte Franzöſiſch mit dem Kellner geſprochen, in einem Accent, an dem Adolf ———— —— 168 den Ruſſen erkennen wollte. Indeß, gleichviel, welcher Nation und welchem Stande er angehörte: eine Er⸗ ſcheinung, die ihren Eindruck zu machen nicht verfehlte und auch uns eine Weile beſchäftigt hatte, bis die Ge⸗ ſpenſtergeſchichten unſere Aufmerkſamkeit ausſchließlich in Anſpruch nahmen. Der Arzt, der auf den böhmiſchen Schlachtfeldern alle Schrecken des Diesſeits in ihrer Erbarmungsloſigkeit kennen gelernt, hielt nicht viel von den Schauern und Geſtalten des Jenſeits; aber das pſychologiſche Problem das allen auf einer wahren Erregung beruhenden Ge⸗ ſpenſtergeſchichten zu Grunde liegt, zog ihn an und aufmerkſamen Ohrs lauſchte er der Erzählung, die eben einer aus unſerer Tafelrunde zum Beſten gab. Adolf wollte ſich darüber, wie man ſo ſagt, todt⸗ lachen und fand es unbegreiflich, daß ein Verſtändiger ſolche Dinge ernſthaft nehmen könnte. „So ſei doch ſtill, junger Naſeweis“, rief ich ihm zu,„ſonſt ſpielen Dir am Ende die Geſpenſter einen böſen Streich. Wir ſind auf einer claſſiſchen Stätte: vor dreißig Jahren noch war dies eins der berüchtig⸗ ſten Spukhäuſer in Berlin.“ Das Erſtaunen war groß.„Wahrhaftig?“„Du weißt etwas davon?“„So erzähle doch!“ So durch⸗ einander die Freunde. mein wirtl ſpen Stu unſen wunt ſtand die tiefe ſch Und lich 8₰ „Ich habe meine erſte Jugend hier zugebracht, meine Eltern hatten im erſten Stockwerk eine Speiſe⸗ wirthſchaft...“ „Du haſt wol ſelbſt Bekanntſchaft mit den Ge⸗ ſpenſtern gemacht?“ neckte Adolf. „Wenigſtens bin ich ein Sonntagskind.“ In dieſem Augenblick rückte der Fremde ſeinen Stuhl, ſo eigenthümlich, daß wir Alle aufſahen. In unſerer Stimmung hatte das Geräuſch einen Klang.. wunderlich, ſeltſam.. Es war eine Thorheit. Der Fremde war aufge⸗ ſtanden und hatte ſich unſerm Tiſch genähert.„Wenn die Herren geſtatten“, ſagte er mit einer wohlklingenden, tiefen Stimme, in unſerer Sprache,„ſo höre ich Ihnen ſchweigend zu; ich bin ein Freund von ſolchen Geſchichten und Geſprächen.“ Ich verwünſchte im Stillen meine Voreiligkeit. Aber was thun? Zurück konnte ich nicht mehr, und anderer⸗ ſeits, was ich zu erzählen wußte, war harmlos und berührte Keinen. Die Leute, die in meiner Jugend dies Haus bewohnt, waren entweder geſtorben oder hatten es längſt verlaſſen, es war in einen anderen Beſitz übergangen und umgebaut worden. Ich durfte hoffen, mit einer hiſtoriſchen Notiz davonzukommen. „Wie die anſtoßenden Gebäude ſoll auch dies Haus,“ 170 begann ich,„im Mittelalter den Franziskanern gehört und einen Theil ihres Kloſters gebildet haben. Das Grundſtück reicht von der Poſtſtraße bis zu dem Spreearm, der jetzt die Mühlen treibt und unweit von hier von der Kurfürſtenbrücke überſpannt wird. Was in der Reformation aus dem Hauſe geworden, welche Schick⸗ ſale es unter den Königen erlitten, fragt mich nicht: genug, zu meiner Zeit ſtand es genau an dem Platz wie heute, nur ſah es weniger vornehm und etwas ver⸗ drießlicher aus. Ihm gegenüber vor der Kirche ſtanden damals noch eine Reihe Schlächterſcharren und ärmlicher kleiner Häuschen. Jetzt iſt hier Alles freier, breiter, luftiger gemacht worden. In dem Hauſe wohnte ein reicher Weinhändler, wie heute: derſelbe lange, düſtere mit Flieſen gepflaſterte Flur, in dem die Schritte wieder⸗ hallten, zog ſich zu dem ſchmalen, von zwei Seitenge⸗ bäuden eingefaßten Hof, der mit einem zu Remiſen und Ställen benutzten halbverfallenen Gebäude abſchloß. An der Stelle dieſes letztern iſt jetzt ein prächtiges Haus, mit der Front nach der Spree, aufgeführt. „Vor vierzig Jahren hatte Berlin noch den aus⸗ geſprochenen Charakter einer behaglichen Mittelſtadt; Alles war beſchränkter, aber auch lauſchiger; die Menſchen bewahrten den alten Ueberlieferungen eine größere Theil⸗ nahme und Treue, ſie glaubten noch; der ſpöttiſche, * Alles erreich vergift — ich dieſes zu M „3u nel ſicte ſchäfts verſpr nung ſeher Alled eines raſſel gang⸗ öffnet unhei Corri eſchi der ſirch Sta die Dlei ——— 2 171 Alles abweiſende Ton hatte den Bürgerſtand noch nicht erreicht und ſeine beinahe kleinſtädtiſche Harmloſigkeit vergiftet. Man lebte langſamer mit Wenigem, ruhiger — ich möchte ſagen: innerlicher. Die Spukgeſchichten dieſes Hauſes gingen in der Nachbarſchaft von Mund zu Mund; man rieth den Eltern ab, hier Wohnung zu nehmen, aber der Vater lachte darüber und die Rück⸗ ſicht auf die Wirthſchaft, die in dieſer volk- und ge— ſchäftsreichen Gegend einen neuen Aufſchwung zu nehmen verſprach, überwog alle etwaigen Bedenken. Dieſe Hoff⸗ „ nung wurde nicht getäuſcht, indeſſen auch die Geiſter⸗ ſeher oder beſſer die Geiſterſeherinnen behielten Recht. Alle⸗Mägde unſeres Hauſes waren- von dem Daſein eines feurigen Hundes in den Kellern, der mit Ketten raſſelnd aus der untern Welt zuweilen einen Spazier⸗ gang in die obere wage, überzeugt; unſichtbare Hände öffneten und ſchloſſen die Thüren; Geſtalten in langen, unheimlich nachſchleppenden Gewändern ſchlichen in den Corridoren umher, graue Mönche und nackte Jungfrauen erſchienen plötzlich um Mitternacht und lachten dämoniſch oder ſtöhnten herzzerreißend. Von der Sacriſtei der Kirche ſollte vor Zeiten bis zum Waſſer unter der Straße hinweg ein unterirdiſcher Gang gelaufen ſein; die mächtigen gewölbten Keller des Hauſes wären Theile dieſes Ganges; es gäbe in ihnen eine kleine 172 eiſerne Thür, die kein Schloſſer öffnen, könne, welche in den letzten, ſchmalſten Theil des Ganges nach dem Waſſer zu führe; dieſer Raum ſei ganz mit menſchlichen Gebeinen angefüllt, den Ueberreſten der Opfer, welche die Mönche getödtet: kurz, alle grauslichen Ritter⸗, Räuber⸗ und Geſpenſtergeſchichten lebten ſich hier noch einmal aus. Das im Innern winklige Haus, die langen Flure, die knarrenden Treppen, ein gewiſſes Halbdunkel, das mit Ausnahme der vorderen Gemächer in allen Räumen herrſchte, die Zugluft, die vom Waſſer her in ſtürmiſchen Herbſtnächten ſich überall empfindlich geltend machte, ein beſtändiges Knarren, Rütteln, Zittern Pfeifen: das Alles mochte beitragen, den Wahngebilden einer erhitzten Phantaſie einen Schein von Wahrheit zu leihen. Dennoch waren im Verlauf eines Jahres die Geiſtererſcheinungen noch nicht zu einer beſtimmten Verdichtung gelangt; der Hund war da und ſeine Kette raſſelte, der graue Mönch huſchte hin und her: aber von Angeſicht zu Angeſicht hatte Keiner den einen oder den andern geſehen. Das Unheimliche, das auf und nieder ſchwebte, hatte noch keine feſte Geſtalt gewonnen. Da raunen ſich plötzlich die Mägde eine haarſträubende Geſchichte zu; erſt leiſe, dann lauter, mit jedem Tage wird die Zahl der Ungläubigen kleiner, der Spuk iſt leibhaftig geworden. Vergebens verſucht die Mutter lache war zum ein mon, wur bſt ende aber oder die — 173 mit aufklärendem Wort die Unruhigen zu beſänftigen, die Furchtſamen zu ermuthigen, vergebens ſchilt der Vater: die Leute bleiben bei ihrer Behauptung.“ „Was war denn geſchehen?“ fragte Adolf dazwiſchen „Hatte der graue Mönch einen Angriff auf Eure Köchin gewagt?“ „Höre nur ruhig zu; wer weiß, ob Du zuletzt lachen wirſt! Das Billardzimmer unſerer Wirthſchaf war ein langer, von der Vorderfront des Hauſes bis zum Hofe ſich erſtreckender Saal, und da es nur durch ein hohes Fenſter erhellt war, mußte in den Winter⸗ monaten fortwährend das Gas darin brennen. Hier wurden die Flammen zuerſt angezündet, hier zuletzt ge⸗ löſcht. Mit dem Zudrehen des Hahns in dieſem Zimmer endete die Tagesarbeit der Dienerſchaft. Wenn man aber in der Mitternachtsſtunde dieſen Hahn zudrehte, oder in der Morgendämmerung ihn aufdrehte, ruhte die Hand nicht auf Metall, ſondern..“ „Nun?“ rief der Fremde, da ich eine theatraliſche Kunſtpauſe machte. „Auf einem blutenden abgeſchlagenen Menſchenkopf.“ „Ah!“ Er lehnte ſich wieder wie enttäuſcht in ſeinen Stuhl zurück. „Die Geſchichte iſt, ſo in heiterer Geſellſchaft erzählt, zu lächerlich, um grauſig zu ſein. Damals jedoch, mit —— 174 Schreien und Weinen, mit ſtarren Augen und blei⸗ ſchen Geſichtern verkündigt, übte ſie eine andere Wir⸗ kung auf Alle, die ſie vernahmen. Es war ein kleiner, verwachſener Kellner, der zuerſt die ſchreckliche Entdeckung gemacht. Das Stubenmädchen beſtätigte ſie; endlich der Reihe nach faſt die ganze Dienerſchaft. Hatte ſich das blutende Haupt einige Tage lang nicht auf dem Hahn der Gasleitung gezeigt, ſo konnte man ſicher ſein, daß es nach Mitternacht über der Thür zur Küche er⸗ ſcheinen würde. Eines Nachts wurde der Vater durch das wilde Gebell unſeres Hundes, der unter dem Herde ſchlief, und das Gekreiſch der Mägde aufgeſtört. Sie ſind häuslicher Geſchäfte wegen aufgeblieben, nichts im Hauſe hat ſich geregt, als die Uhr Zwölf ſchlägt, und der Hund aus tiefem Schlaf, wie toll geworden, empor⸗ fährt und bellend an der Thür hinaufſpringt. Laut ſchreiend blicken die Mädchen auf— da iſt das blutige Haupt. Ich brauche nicht zu ſagen, daß es verſchwunden war, als der Vater kam.“ „Und giebt es keine pſychologiſche Löſung des Spuks?“ unterbrach mich der Arzt. „Doch, freilich nur eine ungenügende. Und um ſo ungenügender, weil ich dies Alles nur nach den Erzählungen meiner Mutter aus ſpäterer Zeit be⸗ richte und nicht als Augenzeuge. Zunächſt laſſen Sie mich al in Ver glaube war d alledem wurde, ſchichte boten! konnte entziehe Eines und ich leichgl legenhe zur Kl ſchon die M Schrilt eeinehrl Die P führen aber e meine kräften ſſee. 7 175 mich aber noch erzählen, wie ich ſelbſt mit dem Spuk in Berührung kam. Ein Beiſpiel, daß ſich der Aber⸗ glaube wie eine anſteckende Krankheit verbreitet. Ich war damals vier Jahre alt und verſtand von alledem, was um mich her geraunt und geziſchelt wurde, wenig oder nichts. Mir Geſpenſterge⸗ ſchichten zu erzählen, hatten die Eltern ſtreng ver⸗ boten und verſtanden hierin keinen Spaß. Das aber konnte ſich ſelbſt der Beobachtung eines Kindes nicht entziehen, daß etwas Gruſeliges im Hauſe vorgehe. Eines Tages waren die Eltern auf einen Ball gegangen, und ich in der Obhut einer alten gutmüthigen und leichtgläubigen Dienerin geblieben. Dieſe günſtige Ge⸗ „legenheit ſollte benutzt werden, um über das Geſpenſt zur Klarheit zu kommen. Ich bin— ich ſagt es euch ſchon— an einem Sonntag geboren, folglich, ſchloſſen die Mädchen, ſtand ich dem Geiſterreiche um einige Schritte näher; ſah ich das blutige Haupt, ſo war es fein ehrliches Geſpenſt, wo nicht, war Alles eine Täuſchung. Die Pflichtvergeſſenen halten mich wach, um zwölf Uhr führen ſie mich in das dunkle Billardzimmer, ich ſchreie, aber es hilft nichts, ſie heben mich empor und legen meine Hand auf den Hahn. Ich ſchreie, aus Leibes⸗ kräften, ich zapple, ich weine..„Was iſt Dir?“ fragen ſie.„Meine Hand iſt naß“ ſchreie ich unter Thränen, 176 „meine Hand iſt naß!“ Das Entſetzen können Sie ſich ausmalen; meine Finger hatten ſich mit den Bluts⸗ tropfen benetzt; wenn ſich nachher bei Licht beſehen keine Spur davon zeigte, ſo wußte die alte Köchin dieſe Schwierigkeit leicht zu heben: Geiſterblut, ſagte ſie, iſt wie Teufelsgold, es bleibt nichts davon. Doch genug der Thorheit. Die Erklärung! Unſer Hausarzt erfährt von dem Spuk, er läßt ſich in das Billard⸗ zimmer führen. Sein erſter Blick fällt auf ein Bild an der Wand, er bemerkt, daß es ſich gegenüber in einem großen Spiegel wiederſpiegelt; auf ſeinen Wunſch werden die Vorhänge des Fenſters geſchloſſen und in dem halbdunklen Raum nur eine einzige Gasflamme angezündet; in dieſer Beleuchtung ſoll das Spiegel⸗ bild in der That etwas Dämoniſches gehabt haben.“ „Und was ſtellte das Bild dar?“ fragten die Freunde. „Eine Herodias mit dem Kopf des Johannes auf der Schüſſel.“ „Herodias!“ Der Fremde war aufgeſprungen. Nachher wollte Adolf behaupten, ſeine Augen wären ſo ſtarr geweſen, wie die eines Todten; mir ſchien ſein Ausruf und ſein Erſtaunen gar keiner tiefſinnigen Erklärung zu bedürfen. „Sie wundern ſich, wie ein ſolches Bild als Wand⸗ ſchmuck in einen Billardſaal kommt? Ein junger talent⸗ — voll hatt mei gäſt ſo i hän nur nar —— 44 voller Maler, der aber fortwährend in Schulden ſteckte, hatte es als Bezahlung einer hochangelaufenen Zeche meinem Vater zurückgelaſſen; mit vielen unſerer Stamm⸗ Zäſte war er befreundet geweſen, und das Gemälde war ſo ihm zur Ehre und zur Erinnerung an ihn aufge⸗ hängt worden. Uebrigens war es kein Original, ſond ern nur eine wohlgelungene Copie der Herodias von Leo⸗ nardo da Vinci, die in dem Dresdener Muſeum..“ „Die Herodias von Leonardo!“ unterbrach mich der Fremde abermals. In dieſem Augenblick ſchlug die Uhr der Nicolai⸗ kirche die zehnte Stunde, und in der ſtillen Straße ward das raſche Rollen eines Wagens vernehmlich. Die Glocke hatte noch nicht ausgeſchlagen, ſo hielt der Wagen vor dem Hauſe. Der Fremde war in ſichtlicher Be⸗ wegung.„Da kommt Herodias“, lachte Adolf, der keinen Blick von ihm verwandt hatte, übermüthig und eilte leichten Schritts die Stufen der Kellertreppe hinauf. Ein unwillkürlicher Drang, ohne daß ich mir des feſten Willens bewußt wurde, trieb mich ihm nach. Doch kam ich zu ſpät, eine Thorheit zu verhindern: er hatte die Thür des Wagens geöffnet, eine Dame ſtieg aus, blieb aber verwundert ſtehen, als ſie in dem Herrn, der ihr aus dem Wagen geholfen, nicht Den erkannte, den ſie wol erwartet hatte. Da fiel ihr Auge auf mich, Frenzel, Geheimniſſe I. 12 — ——— —— — der Schein einer Gaslaterne beleuchtete mein Geſicht. „Sie ſind es, Herr Doctor“, rief ſie lachend und ſchlug den langen ſchwarzen Schleier ihres Huts zurück „Das wußt'ich nicht, daß die Kritiker ſo galant ſind.“ Es war Fräulein Cöleſtine, die erſte Tänzerin unſeres Ballets: ein reizendes zierliches Geſchöpf voll Anmuth und Kraft, goldhaarig, mit verführeriſchen Nixenaugen.. Was die tugendhaft ſich ſtellende Welt ihr nachſagte, gehört nicht hierher. „Nun, geben Sie mir Ihren Arm nicht?“ fuhr ſie fort und richtete einen ihrer ſtrahlendſten Blicke auf Adolf, der ganz verſtummt, in ihren Anblick verſunken daſtand. „Mein Freund Adolf!“ ſtellte ich vor. „Begleiten mich die Herren freundlich bis zu meiner Thür“, plauderte ſie weiter,„es iſt ſo ſchaurig und dunkel in dieſem endloſen Flur. Der Wirth ſpart das Gas; ich wohne in dem Flügel nach ver Burgſtraße, aber ich muß ſeit einer Woche den Umweg durch das ganze Haus machen, weil die Straße gepflaſtert wird. Es war heut' luſtig im Theater, Doctor. Der Veſuv ſpie zum Entzücken Feuer, und das Publicum war hin⸗ geriſſen. Sie lachen? Wollen Sie ſagen, daß ich eitel bin? Auge in Auge; Verräther, bin ich nicht die beſte Stumme von,. Portici?“ ꝗl ſeſicht. gſtraße, rch das 1¹ wird. Veſub zar hin⸗ ich eitel die beſte „Sie würden noch unwiderſtehlicher ſein, wenn Sie reden dürften!“ „So ſind die Recenſenten!“ ſeufzte ſie mit komiſchem Pathos.„Selbſt ihre Schmeicheleien ſind Bosheiten!“ Im harmloſen Geplauder ſchritten wir den mit Flieſen belegten Flur entlang. Wie in meiner Jugend ſtanden an der einen Wand mächtige Weinfäſſer auf⸗ gereiht, auf der andern Seite ſtieg die Treppe dunkel empor. Es herrſchte jenes Zwielicht, in dem alle Gegen⸗ ſtände formlos, grau, wie in einem Nebel ſchwimmend erſcheinen. Wie aus weiter Entfernung ſchimmerte ein Licht in den Gang, es kam von dem hell erleuchteten Treppenhauſe des Gebäudes her, das den Hof abſchloß, Unter uns in den Kellern ward gehämmert. „Iſt es nicht“, fragte Cöleſtine,„als gingen ſie durch eine Schlucht der Unterwelt zu dem Zauberpalar Lucifer's?“ „Welche Vorſtellung!“ „Lieber Doctor, wenn man, wie ich, geraden Weges aus dem Veſuv kommt, hat man den Teufel im Leibe.“ Und dabei warf ſie den Kopf ſo eigenthümlich ba⸗ ſchantiſch zurück.. armer Adolf, du ſchauteſt wie ein Verzückter auf die Hexe! Nun waren wir an der Schwelle des hellen Hauſes „Gerettet!“ ſcherzte ſie.„Den ſchönſten Dank meine 13 180 Herren!“—„Gute Nacht!“—„Gute Nacht! Darf ich hoffen: auf Widerſehen?“ Dies Wiederſehen, kokett zwiſchen Adolf und mir getheilt, war ihr letztes Wort, doch eine zierliche Verneigung, ein Lächeln— dann war ſie hinter der Thür verſchwunden. Wir traten ſchweigend den Rückweg an. In dem Flur, der jetzt für uns, da wir das Licht hinter uns hatten, noch dunkler war, ſtieß ich mit dem Arm gegen eine Geſtalt, die dort regungslos ſtand. „Pardon“, ſagte eine tiefe Stimme. Es war der Fremde. „Was will der?“ fragte Adolf, als wir das Portal erreicht hatten, mich ſchüttelnd, mit einer vor Erregung zitternden Stimme. Dieſe Frage kam mir doch verzweifelt naiv vor. „Du biſt ein Narr“, entgegnete ich.„Was ein ruſ⸗ ſiſcher Edelmann um dieſe Stunde bei einer Tänzerin will! Er hat ſie bei einer Flaſche Champagner erwartet..“ 4 „Und die Geſchichte von Herodias?“ Ich faßte ſeinen Arm, und wir ſtiegen wieder zu den Freunden hinab. So wie ein Faſtnachtsſcherz fing dieſe ſeltſame Geſchichte an. ——— Zweites Kapitel. „Sie iſt ein Engel! Titania im Mondſchein tanzend! Tauſendmal ſchöner als die Nymphen des Horaz! Ein anbetungswürdiges Mädchen!“ Und ſo weiter in der Sprache der Verliebten und der lyriſchen Dichter. Damit kam Adolf einige Tage ſpäter zu mir in das Zimmer geſtürzt. Er hatte Cöleſtinens„Auf Wiederſehen!“ für eine Einladung genommen und war zu ihr gegangen. Ihr wißt ja, was Schiller allgültig ſagt:„Der Zug des Herzens iſt des Schickſals Stimme.“ Das Herz, das er in dem Flur des Geſpenſterhauſes ſchon halb an ſie verloren hatte, war bei dieſem Beſuche ihr ganz unterthänig geworden. Was ſie geſprochen, war geiſt⸗ voll, was ſie gethan, entzückend geweſen. Und wie hatte ſie erſt ausgeſehen! Die mediceiſche Venus war dürftig und häßlich neben ihr. Wie gut, daß uns kein Bild der ſchönen Helena aufbewahrt geblieben iſt, 182 es würde ſonſt ſchlecht um den Ruhm ihrer Schönheit ſtehen... „So viel Tollheit um eine Tänzerin!“ ſchwebte es mir als moraliſcher Einwand auf der Zunge, als der erſte Sturm der Schwärmerei über mich dahinge— brauſt war, und er nach einem Zündhölzchen ſuchte, ſich ſeine Cigarre wieder anzuſtecken, aber ich ſchwieg. Iſt es nicht gleichgültig, ob ein Heilige oder eine Sünderin dieſen ſchönen Rauſch, den wir erſte Liebe nennen, ent⸗ zündet? Es lag wie Morgenſonnenſchein des Glücks auf Adolſ's Stirn, er fühlte ſich gehoben und beneidete keinen Alexander um die Eroberung der Welt. Vielleicht hätte der ältere Freund bei alledem nicht den jüngeren ſich kopfüber in das Meer der Leidenſchaft ſtürzen laſſen ſollen, wäre es nur nicht ſo undankbar, Liebende zu warnen! Von den geträumten Wundern der Leidenſchaft zur Erkenntniß ihrer Nichtigkeit— Keinem bleibt dieſer Schritt erſpart. Glücklich, wer ſtirbt, ehe er entzaubert und enttäuſcht worden. Adolf war in der Stimmung, die ſich mit einem Aufenthalt in einem Bücherzimmer nicht verträgt, er drängte in's Freie. Arm in Arm ſchlenderten wir nach dem Thiergarten. Es war ein mildſonniger Nachmittag— ein Tag auf der Grenzſcheide zwiſchen Winter und Frühling. Die Bäme alle noch kahl, phantaſtiſch ihre d ir —) n g. It nderin ;, ent⸗ Glücks neidete jelleicht ngeren laſſen nde zu enſchaft gaubert t einem tägt, er vir nach ittag— tet und iſch ihre nackten Zweige und Aeſte ausſtreckend, aber doch wie von einem Hoffnungsſchimmer überflogen, der vom mattblauen Himmel herabwehte; in dem ſchwarzbraunen Erdreich der Blumenbeete ſteckten Crocus, Schneeglöck⸗ chen und Narziſſen ihre Köpfchen ſchüchtern zum Sonnen⸗ licht empor. In den großen breiten Baumgängen war ein buntes Gewimmel von Menſchen, auf der Fahr⸗ ſtraße rollten Wagen, ſprengten Reiter hin und her. Unſere Unterhaltung drehte ſich ſelbſtverſtändlich um die einzig Eine— oder, der Wahrheit angemeſſener, ſeine Rede, denn ich kam gar nicht zu Worte. „Ich langweile Dich“, ſagte er zuletzt,„allein ich habe Dir doch auch eine Neuigkeit aufgeſpart.“ „Nur nicht die Aufführung eines neuen Ballets.“ „Nein, nein! Etwas Anderes, Merkwürdiges, Selt⸗ ſames! Denke Dir, in Cöleſtinens Zimmer hängt eine Herodias..“ „Was?“ fuhr ich zuſammen.„Eine— Leonar⸗ do’s Herodias?“ „Dieſelbe.“ „Und Du haſt nicht gefragt, wie das Fräulein in den Beſitz dieſes Gemäldes gekommen iſt?“ „Wie ſollt' ich! Da hatte ich doch anziehendere Dinge mit ihr zu beſprechen!“ 184 „Ja ſo! Und Du weißt nicht, ob das Bild alt oder neu iſt?“ „Als ob ich dafür Augen gehabt! Ich betrachtete das Bild flüchtig und mußte lachen, mir fiel Deine Geſchichte ein. Uebrigens hat der Zohunnaskod eine Aehnlichkeit— hm, eine Aehnlichkeit. „Laſſe doch die Aehnlichkeit, nichts iſt trügeriſcher. Suche lieber zu erfahren, ob dies daſſelbe Bild iſt, das vor Jahren ſo viel Lärm und Unruhe im Hauſe her⸗ vorrief.“ „Willſt Du mich oder Cöleſtine gruſelig machen?“ lachte er.„Höre, höre, Du biſt am Ende unter die Spiritiſten und Geiſterklopſer geganden und biſt ein Medium, wie...“ „Wie.. 22 „Wie unſer Ruſſe, deſſen Antlitz mit dem Haupte des Täufers, wenn Du ihn von der linken Seite an⸗ ſchauſt, eine ſchlagende Aehnlichkeit hat.“ „Biſt du toll?“ wollte ich fragen, aber er ſah mich, 443 ich noch den Mund öffnen konnte, mit einem Blick ‚der mich beunruhigte und erſchreckte. Freilich, i ich mag nicht weniger verdutzt geweſen ſein, als er; es war doch, als ob plötzlich eine boshafte Hand einen Strahl eiſigen Waſſers auf unſere Köpfe ausgegoſſen hätte. Zum Glück beobachteten uns die Spaziergänger nie (7 d einen enoſſen ge ergänger 185 nicht, ein ſchöneres Schauſpiel feſſelte ihre Aufmerkſam keit. Von zwei prächtigen Schimmeln gezogen, flog der⸗ zierliche mit blauem Atlas ausgeſchlagene Wagen Cöleſtinens dahin: ſie hatte ſo viel zu grüßen, zu nicken und zu lächeln und war nebenbei, was ihr Nie⸗ mand verargen wird, ſo ſehr mit ſich ſelbſt und ihrer Schönheit beſchäftigt, daß ſie uns, die wir in der Mitte des Weges gingen, gar nicht bemerkte. Anders war es mit dem Reiter, der in einiger Entfernung im mä⸗ ßigen Trab ſeines Pferdes ihr folgte. Er erkannte uns gleich mit ſeinen großen, tiefliegenden Augen und zog mit vollkommener Artigkeit den Hut. Als wir den Gruß erwidert hatten, wandte ich mich zu Adolf:„Und in dieſem Geſicht willſt Du eine Aehnlichkeit mit dem Haupte des Johannes entdecken? Weißt Du, daß es ſchlimm mit Dir ſteht, wenn Du die Tänzerin durch einen gleichen Schleier ſiehſt?“ „Ach, was verſtehſt Du davon“, unterbrach er mich ärgerlich; es blieb dahingeſtellt, ob meine Bemerkung oder der Anblick des Ruſſen ihn verdroſſen habe. Eine Weile ſchritten wir ſchweigend dahin. „Du glaubſt“, hob er dann wieder an,„daß ich wie ein Gimpel in's Netz laufe! Daß eine Kokette ihr Spiel mit mir treibt!“ „Ich glaube gar nichts, als daß Du verliebt biſt 186 und die Dinge dieſer Welt von der tragiſchen Seite nimmſt.“ „Dieſer Ruſſe iſt unausſtehlich, er verfolgt ſie überall...“ „Merkwürdig! Wider ihren Willen?“ „Für Deinen Spott iſt nachher noch immer Zeit, erſt laſſe mich ausreden. Esliſt ein Herr von Fehmar; ein Livländer, von altem Adel, und wegen ſeines Reich⸗ thums und ſeiner guten ruſſiſchen Geſinnung am Hofe zu Petersburg hoch angeſehen.“ „Und eine Tänzerin iſt ihm dennoch gram? Da muß ein ganz abſonderliches Aber dahinter ſtecken.“ „Gewiß, Du wirſt es ſogleich hören. Er hat Cöleſtine im vergangenen Frühjahr bei ihrem Gaſtſpiel in Petersburg zum erſten Male geſehen und will ſie ſeitdem bekehren.“ „Bekehren? Wozu denn? Gehört er einer ruſſiſchen Secte an?“ „Er hält den Stand einer Tänzerin für gottlos und möchte ſie daraus befreien. Eine Dame aus ſeiner Verwandtſchaft, für die er als heranwachſender Knabe eine ſchwärmeriſche Verehrung gehegt, iſt nämlich an demſelben Tage vor zwanzig Jahren geſtorben, an dem Cöleſtine geboren ward...“ „Dann wollen wir fünfundzwanzig Jahre ſagen.“ 3 mal war Pfl The ihn We⸗ Dei Her⸗ und 1 187 „Meinetwegen dreißig!“ rief er ungeduldig.„Feh⸗ mar leidet nun an der fixen Idee: die Seele ſeiner Ver⸗ wandten ſei in Cöleſtinen wiedergeboren, er habe die Pflicht, ſie aus der Verderbniß und Unſittlichkeit des Theaters zu retten. Wie ihren Schatten ſchleppt ſie ihn mit ſich herum und kann ihn nicht abſchütteln. Wenn Du ſie näher kennen würdeſt, wenn Du es in Deiner ſatyriſchen Laune für werth hielteſt, ein ſolches Herz kennen zu lernen— achl ſie iſt ſehr unglücklich!“ Bedenklich und verſtimmt ſchüttelte ich den Kopf und rüſtete mich im Geiſt zu einer langen Rede, in der ich dem Freunde all' das Widerſinnige ſeiner Erzählung aufdecken und ihm den Fiſchſchwanz ſeiner Meluſine zeigen wollte. Allein das Geſchick hatte es anders beſchloſſen. Wir trafen auf Bekannte, die ſich uns anſchloſſen, dann ſchlug die Stunde, in der Adolf in ſeinem Bureau in der Maſchinenfabrik ſein mußte: wir ſchieden. Ich irrte noch eine Zeit lang allein im Park umher, voll Un⸗ muths, das Abenteuer wollte mir nicht aus dem Sinn. In der romantiſchen Geſchichte des Freiherrn von Feh⸗ mar ſah ich nur eine Erfindung Cöleſtinens. In Peters⸗ burg war ihr der livländiſche Cavalier angenehm ge⸗ weſen, ſie hatte ſich ſeine Huldigungen gefallen laſſen, in Berlin, nach einem Jahre, wurde ihr das Verhält⸗ niß unerträglich. Er ſchien eine verſchloſſene, tiefange⸗ 188 legte Natur zu ſein, nicht Willens, das Mädchen leichten Kaufs aufzugeben: aus Furcht vor ihm wagte ſie nicht ganz mit ihm zu brechen und ſuchte nur allmählig die Feſſeln abzuſtreifen. Dazu kam ihr Adolf gelegen. Eine neue Liebe beſchäftigte ſie und vertrieb vielleicht den läſtigen Ritter. Um Adolf über ihre wahren Beziehungen zu Fehmar zu täuſchen, erfand ſie die wunderliche Fabel, die ſie ſelbſt zugleich mit einem myſtiſchen Schimmer umkleidete. So legte ich mir in meinen Gedanken die Sache zurecht. Es that mir leid um Adolf, aber er war nicht in der Laune, Widerſpruch gegen ſeine An⸗ gebetete zu dulden, und am Ende, wußte ich ſo gewiß, was in dem wetterwendiſchen Herzen Cöleſtinens vor⸗ ging? Ob ſie ihn liebte, ob ſie ihn betrog: die Zeit allein konnte darüber entſcheiden. Ueberhaupt was iſt mehr dem Irrthum ausgeſetzt, als das Urtheil über Menſchen und ihre Handlungen! Immer ſind wir ge⸗ neigt, ihrem freien Willen bei ihren Thaten einen großen Antheil zuzuſchreiben— und was iſt freier Wille? Adolf gehörte einer angeſehenen und altbegüterten Bürgersfamilie der Stadt an. Raſch hatte er ſich in der Maſchinenfabrik, in die er eingetreten war, als Ober⸗Ingenieur das Vertrauen ſeines Principals er⸗ worben. Er war wohlhabend, unabhängig ſo durch ſein Vermögen wie durch ſein Talent, in blühender Jug lau fäll konn ſche Mä Rei —y 189 Jugend, mit ſeiner ſchlanken, kräftigen Geſtalt, ſeinen blauen Augen und blonden, lockigen Haaren eine ge⸗ fällige Erſcheinung, die nicht leicht überſehen werden konnte: am wenigſten von den Frauen, die ſeine Be⸗ ſcheidenheit, ſein ritterliches Weſen noch mehr als die Männer bezauberte. Wir hatten uns zufällig auf einer Reiſe kennen gelernt und Gefallen an einander gefunden. In ihm war noch ein unberührtes Herz, ein idealiſcher Aufſchwung, der inmitten ſeiner durchaus praktiſchen Berufsthätigkeit um ſo eigenthümlicher wirkte. Wenn einer vom Glück und von der Natur ſo ausgeſtattet iſt, ſo kann im Grunde nur ein Miſanthrop, wie ich einer bin, von einer Liebſchaft mit einer Tänzerin Unheil für ihn befürchten. Und doch war mir bei alle⸗ dem nicht wol zu Muthe. Das Unheimliche und Uner⸗ klärliche, das nun doch einmal trotz des Spottes des geſunden Menſchverſtandes um uns und in uns webt, ſpielte in Adolf's Liebe, wie es mich bedünken wollte, eine gefährliche Rolle. Ich ſchalt mich aus, daß ich mit meiner Erzählung die Veranlaſſung zu dem ganzen Abenteuer gegeben, und mußte dann wieder lachen: ich war der Bethörte, der Geſpenſter ſah, wo der Freund im friſchen Jugenddrang nur ein roſiges, lä⸗ chelndes Mädchen, eine Eroberung erblickte. Später, als ich beabſichtigt, kehrte ich heim. Mit 190 einigem Erſtaunen gewahrte ich, an dem Hauſe hinauf⸗ blickend, wie es ſo meine Gewohnheit iſt, in meinem Zimmer Licht. An der Vorthür meiner Wohnung kam mir der Diener entgegen: ein Herr, der ſich nicht habe abweiſen laſſen, erwarte mich ſeit einer halben Stunde. Gedankenlos fragte ich ihn mit halblauter Stimme:„Was iſt es denn für ein Mann?“ Man ſoll nichts auf Ahnungen geben! In der Schild erung des Dienerswar Herr von Fehmar nicht zu verkennen. Bei meinem Eintritt erhob er ſich von dem Stuhl und kam mir ohne Befangenheit, mit einer Höflichkeit, der ſchwer zu widerſtehen war, entgegen. Ich mußte ſeinen Gruß wol in mehr als kühler Weiſe erwidert haben, denn er ſagte:„Dieſer unge⸗ wöhnliche Schritt meinerſeits, Herr Doctor, mein Ein⸗ dringen in Ihre Häuslichkeit iſt ebenſo befremdend, wi verletzend. Seien Sie verſichert, daß ich es nicht ge⸗ wagt hätte, wenn ich nicht im Voraus ſchon, bei Ihrer Güte und Vorurtheilsloſigkeit meiner Verzeihung ſicher geweſen wäre.“ Was blieb mir übrig, als auf die Schmeichelei mit einer Verbeugung zu antworten und ihn zu bitten, wieder Platz zu nehmen. Geſtehe ich es nur, ich war ſelbſt neugierig geworden, den Zweck dieſes überra⸗ 8 ſchenden Beſuches zu erſahren. —“ — —— —B 191 „Ich bin ein Herr von Fehmar, ein Livländer, ein Freund der Natur und vielleicht allzu eifrig bemüht, in ihre Geheimniſſe zu dringen und den Zuſammenhang zwiſchen der ſichtbaren und unſichtbaren Welt zu ſuchen“, begann er nicht ohne eine leiſe Ironie. Alſo doch, dachte ich. Sollte eine Tänzerin einmal die Wahrheit geſagt haben? Hatte ich es hier mit einem Medium, mit einem richtigen Geiſterſeher zu thun? Ich hielt es nicht für nöthig, auf dieſen Eingang anders als durch ein leichtes Neigen des Kopfes zu antworten. „Vor einigen Tagen geſtatteten Sie mir eine Anec⸗ dote aus Ihrer Jugendzeit mit anzuhören— Sie ent⸗ ſinnen ſich, daß ich Sie einige Mal in unpaſſender Weiſe unterbrach, meine Erregung riß mich hin. Eine Thatſache aus Ihrer Geſchichte berührt den innerſten Nerv meines Lebens. Jenes Bild, das damals unter der Dienerſchaft Ihres Hauſes einen ſolchen Schauer erregte, das Ihr Vater von einem jungen Maler als Bezahlung einer Schuld annahm... können Sie mir Näheres darüber mittheilen? Iſt Ihnen vielleicht, da die Erzählung all' Ihre Jugendeindrücke wieder leb⸗ hafter in Ihrer Seele aufgefriſcht hat, auch der Name jenes Malers wieder eingefallen?“ „Leider, Herr von Fehmar, kann ich in keinem 192 Punkt Ihren Fragen genügen. Das Bild ſelbſt iſt mir nicht aus der Erinnerung entſchwunden, weil es mir einen unheimlichen Eindruck gemacht hatte und mir zwei Jahre lang vor Augen war. Nach jener Spukgeſchichte nahm es der Vater aus dem Billardzimmer und hing es, obgleich die Mutter widerſprach und es am liebſten verkauft hätte, in ſeinem Arbeitszimmer auf. Als er ſtarb, ſetzte die Mutter die Wirthſchaft nicht weiter fort und ließ die Einrichtung verkaufen. Die Herodias erlitt daſſelbe Schickſal und fiel mit ihren Geheimniſſen unter den Hammer des Auctionators. Lange nachher wandte ſich einmal das Geſpräch zwiſchen der Mutter und mir auf jene alten Geſchichten: da erfuhr ich, was ich erzählte.“ „Höchſt ſonderbar!“ ſagte Fehmar und ſtützte den Kopf in die Hand.„Höchſt ſonderbar! denn dies ſelbe Bild, das Sie vor mehr als dreißig Jahren verkauften, hängt jetzt in demſelben Hauſe, in dem Salon des Fräuleins Cöleſtine— einer Dame, die ich hochſchätze. Noch mehr, ſie hat das Bild von einer alten Frau ge⸗ kauft, die vor ihr jene Wohnung innegehabt.“ „Erlauben Sie mir die Bemerkung, Herr von Fehmar, daß dieſe Sache doch eine ſehr ſchlichte, pro⸗ ſaiſche Erklärung zuläßt. Das Bild mag einen hohen, künſtleriſchen Werth haben, ein Bilderhändler hat es —⸗—⸗—-=ͤ— —— — ÿ—· — —— bei dem erſten Verkauf erſtanden, dann iſt es aus einer Hand in die andere gegangen, zuletzt in die unſerer erſten Tänzerin. Daß dieſe für den Gegenſtand des Gemäldes eine gewiſſe Theilnahme beſitzt, iſt ſicherlich nicht wunderbar.“ „So läuft freilich Alles auf eine Reihe gewöhn⸗ licher Zufälle hinaus. Das iſt die Weisheit dieſer Welt.“ „Nicht doch; es mag, nein— es wird in allen Verwickelungen einen geſetzmäßigen Verlauf und Zu⸗ ſammenhang geben; ohne dieſes Geſetz, unter deſſen Antrieb wir handeln, ohne es zu ahnen, würde von einer Weltordnung nicht mehr die Rede ſein können: der Unterſchied zwiſchen uns Beiden beſteht nur darin, daß Sie dieſen Dingen eine Wichtigkeit, den Schein des Wunders beilegen, während ich ſie wie jeden andern Vorfall des Lebens betrachte. Seine letzte Wurzel hat jedes Weſen, hat jeder Vorgang im Dunkeln, im Uner⸗ klärlichen; wenn wir die Stufenleiter der Gedanken, Empfindungen, äußerer Anſtöße und Eindrücke, die uns zu einer Handlung geführt haben, wieder hinab⸗ ſteigen und gleichſam noch einmal unterſuchen wollen, wir erreichen nie die unterſte Stufe, ſie iſt in Finſter⸗ niß verborgen, wir ſagen dann: das iſt unſere Perſön⸗ lichkeit, ſo iſt unſer Weſen.“ Frenzel, Geheimniſſe I. 13 194 „Und iſt es nicht unſere Aufgabe, dieſe Finſterniß zu erhellen?“ „Mit der Fackel der Wiſſenſchaft, gewiß: aber was Sie thun— verzeihen Sie mir dieſe Bemerkung Herr von Fehmar!— verdoppelt nur das Dunkel. Für Sie entſpringt das ſcheinbar Räthſelhafte der Welt nicht aus ihrer natürlichen Vielgeſtaltigkeit und Unend⸗ lichkeit auf der einen und der menſchlichen Beſchränkt⸗ heit auf der andern Seite: wir ſind dem All gegen⸗ über eben wie Kinder, die nur bis zehn zählen können. Sie ſind damit nicht zufrieden, ſondern geben dem Seienden einen myſtiſchen Urgrund.“ Das Geſpräch verlor ſich mehr und mehr in Meta⸗ phyſik, wir wandelten im jenſeitigen Schattenreich, wo es ſich viel behaglicher leben läßt, als hienieden; wo man niemals in Gefahr geräth, ſeinen Fuß in den Teppich zu verwickeln und zu ſtolpern oder ſich den Kopf an der vorſpringenden Kante eines Spindes wund zu ſtoßen. Als wir endlich, da Keiner den Andern überzeugen konnte, daß ſein Weg durch die Leere zur Wahrheit führen müſſe, wieder zur Wirklichkeit, zu dem Ausgangspunkt unſerer Unterhaltung, dem Herodias⸗ bilde, zurückgekehrt waren, ſagte er:„Vernehmen Sie nun noch eins und dann ſchelten Sie mich einen Träumer. Der Maler jenes Bildes war ein junger Livländer: —— 195 eine meiner Verwandten hatte ihn ausbilden laſſen, er hat mehrere Jahre in ihrem Hauſe in Dresden gelebt; als ſie nach Riga heimreiſte, wollte er ihr folgen, er hatte eine raſende Leidenſchaft für ſie gefaßt, aber ſie war verheirathet und verbot ihm, ſie wiederzuſehen. Er iſt dann in Berlin geblieben und hat ein ſchlimmes Ende genommen. Jenes Bild hat er auf ihre Veran⸗ laſſung gemalt. Iſt mein Staunen nun nicht auch in Ihren Augen gerechtfertigt?“ Mit einer gewiſſen Schadenfreude weidete er ſich an meiner Verlegenheit. Doch entſprang ſie nur zum Theil aus der Verwunderung über ſeine Mittheilung, mich beſchäftigte vielmehr ſeine eigene Perſönlichkeit, ſeine Beziehung zu der Beſtellerin des Bildes, ſeine Schüler⸗ liebe zu ihr und die merkwürdige Fortpflanzung dieſer Jugendſchwärmerei in der Leidenſchaft für eine Tänzerin. Und dieſes Wiſſen um ſeine Vergangenheit und die Geheimniſſe ſeines Herzens machte mich ihm gegenüber befangen, er ſtand gleichſam entblößt vor mir da. Noch einige nichtsſagende Worte meinerſeits: er ergriff ſeinen Hut um zu gehen. Jetzt, wo wir uns dicht gegenüber ſtanden, erſchien mir ſein Geſicht wie von einem Schleier umzogen, ſeine Augen hatten einen metalliſchen Glanz, ſeine ganze Geſtalt ſtrömte wie ein magnetiſches Fluidum aus— thörichte Einbildungen, — ——————— — 196 die auch nur meine Stimmung anzeigen ſollen! Ich war ſchon trotz meines Sträubens unter dem Bann des Phantaſtiſchen. Noch einmal brachte er ſeine Ent⸗ ſchuldigungen vor, mir eine Stunde geraubt zu haben, ich ſchmeichelte nicht, als ich entgegnete: ich gäbe mich der Hoffnung hin, daß es nicht die letzte ſein würde, die wir mit einander verlebt; als er ſich raſch auf den Abſätzen umdrehte und in franzöſiſcher Sprache mit einem ſo ſcharfen und ſchneidenden Ton, wie ich ihn ſeiner Stimme kaum zugetraut, fragte:„Vergebung, ich ſah Sie im Park mit einem jungen Manne gehen; iſt dieſer Herr Adolf Ihr Freund?“ „Mein guter und lieber Freund!“ betonte ich ebenfalls. „Er iſt noch jung. Ein Wort von Ihnen wird Einfluß auf ihn haben. Es iſt nicht gut, daß er Fräulein Cöleſtine aufſucht. Eine arme Motte, die in's Licht fliegt!“ Ich wollte etwas erwidern, aber er drückte mir mit einem ſeltſamen Lächeln die Hand und öffnete die Thür. „Dummkopf“, ſchlug ich mich vor die Stirn. Das alſo war des Pudels Kern. Dieſer Herr von Fehmar hatte offenbar eine diplomatiſche Laufbahn hinter ſich. Nicht Erkundigungen aus dem Geiſterreich zu holen, 7505) — der Zweck ſeines Kommens war nur der geweſen, durch mich einen Nebenbuhler einzuſchüchtern, der ihm bei Cöleſtine gefährlich zu werden drohte. Der Doctor, mochte er im Fortgehen ſich geſagt haben, weiß nun, was ich für ein Mann bin und daß in dieſem Punkte nicht mit mir zu ſpaßen iſt. Er warne den jungen Laffen, meine Piſtolen ſind bereit! Bei allen ehrlichen Geſpenſtern, von dem Geiſte, den Brutus bei Philippi ſah, bis zu dem guten alten Manne, der den Geiſt des alten Hamlet auf unſerer Bühne mit ſo viel Würde ſpielte— die Geſchichte hatte allen transcendentalen Schimmer verloren und ſchien in dem groben Materialismus eines Zweikampfes, zehn Schritt Barriere, enden zu wollen. — — ————ʒ—:——— Drittes Kapitel. „Lieber Freund! „Du biſt ein trockner Philiſter geworden und haſt unter Deinen Büchern Deine Jugend vergeſſen. Oder Du bereiteſt Dich zu einer politiſchen Rolle vor. Glück zu, nationalliberaler Canditat der ſatten Bourgeoiſie und der Moral. Es lebte die Freiheit, die Schönheit, Cöleſtine! Nein, die Kunſt iſt nicht dazu da, Mädchen⸗ penſionate zu entzücken oder beſſer, hinter's Licht zu führen. Ja, ja, es mag Alles eitel ſein, mit Deinem Salomo und mit Deinem Schopenhauer... Aber ſie liebt mich, ſie liebt mich! Verſtehſt Du Das noch? Welch' ein Tag war der geſtrige! Sind wir, wie Du behaupteſt, in der Liebe wirklich nur die betrogenen Narren der Natur, o laſſe mich dieſe Narrenjacke ewig tragen, Natur! — —— —— — — nell In vierzehn Tagen wird das Theater geſchloſſen, ich reiſe mit ihr nach Paris. „Es lebt ſich ſo herrlich, es lebt ſich ſo ſüß, Am Seineſtrand, in der Stadt Paris!“ „Ach, der arme Heine! Er kannte, er hatte keine Cöleſtine. Und welch' eine Künſtlerin, welche Anmuth, Kraft und Leidenſchaft! Sie tanzt Einem die Augen aus dem Kopfe und die Seele aus dem Leibe. Das iſt kindiſcher Blödſinn, wird Deine kritiſche Weisheit ſagen, meinetwegen! Ich fühl' es als Wahrheit. Bisher habe ich die Geſchichte von dem Tanz der Herodias für eine boshafte Erfindung ihrer Feinde— jedes ſchöne Weib hat Feinde— gehalten, jetzt glaube ich daran. Inſofern hängt das bewußte Bild in ihrem Zimmer an paſſender Stelle, aber ich kann es nicht leiden. Der Kopf auf der Schüſſel ſtarrt ſo ſeltſam, wie zwiſchen Tod und Leben, aus dem Rahmen heraus, einmal war es mir ſchon, als bewegten ſich die Augen. Doch das war eine optiſche Täuſchung oder eine Folge meiner Eiferſucht gegen Fehmar. Eiferſucht! Mir ſollte der arme Livländer im Grunde leid thun, dieſer Buße predigende Johannes. Nach einem heftigen Streit hat Cöleſtine ganz mit ihm gebrochen, und er iſt aus unſerm Geſichtskreis entſchwunden. Er iſt weder im Theater, wenn ſie tanzt, noch reitet er an ihrem Fenſter vorüber. Als 200 ob ihn die Erde eingeſchluckt hätte. Vergieb mir, wenn ich Dich vernachläſſige; Liebende ſind eine ſchlechte Ge⸗ ſellſchaft für Philoſophen. Laß mich auf meine Weiſe glücklich ſein und grolle nicht darüber. Heute hat ſie das verwünſchte Bild verhängt— was denkſt Du, wenn man es dem Livländer zum Kauf anböte? Leb' wohl und beneide mich nicht; der Neid eines Satyrikers iſt ſchrecklich! Ja, ja, beneide mich nur! Dein Adolf.“ Dieſer Brief, der doch von ausgelaſſener Heiter⸗ keit überſtrömte, flößte mir eine unbeſtimmte, tiefe Traurigkeit ein. Vergebens ſuchte ich dieſe Diindm durch irgend einen Satz, eine Wendung der Rede zu begründen; jedes einzelne Wort ſchien mich Lügen zu ſtrafen, und doch ward ich den erſten Eindruck nicht los. Seit zehn Tagen hatte ich Adolf nicht geſehen; ich hatte ihn einmal in ſeiner Wohnung verfehlt, und ihm darauf in einem Briefe den Beſuch Fehmar's mit⸗ getheilt, mit der leiſen Andeutung, womöglich jeden Streit mit dem Livländer zu vermeiden: es ſei nicht gerathen, mit einem Othello anzubinden, noch dazu wenn es ſich um keine Desdemona handle. Dies Schreiben war die Veranlaſſung zu Adolf's Brief. Wiederholt hatte ich ihn geleſen und meine Unruhe, ſtatt ſich zu beſänftigen, war größer geworden. Dies 1 1 1 4 . —.— — 201 Verſchwinden Fehmar's, worüber Adolf triumphirte, äng⸗ ſtigte mich. Er bereitet ſich zu einem ſchrecklichen Duell, zu einem Ueberfall, zu einer Entführung Cöleſtinens vor: ſo durcheinander wirbelten mir die Einfälle. Und am Ende war es doch nur die Neugier, wie dieſe Geſchichte ausgehen würde, die Luſt nach dem Abenteuerlichen, die in einem verborgenen Winkel des Herzens bei uns Allen ſitzt, welche meine Einbildungskraft zu ſolchen Sprüngen bewegten. Warum haſt Du noch nichts in dieſer Sache gethan? rief ich mir ſelbſt zu. Rede mit Cöleſtine, ſuche hinter Fehmar's Pläne zu kommen. Der letzte Entſchluß erſchien mir nach längerer Ueberlegung der vernünftigſte: überdies war ich dem Livländer einen Beſuch ſchuldig. Er hatte in einem Hauſe der Wilhelm⸗ ſtraße mit einem großen Garten eine Wohnung genommen. Dort, im Garten, traf ich ihn, in einer Beſchäftigung, die meine ſchlimmſten Vorausſetzungen beſtätigte: er übte ſich im Piſtolenſchießen. Am Ende einer Allee war, wie man es auf Jahrmärkten und in Vergnügungslokalen ſieht, das Bild eines Mannes von Holz aufgeſtellt, und auf- und abgehend, bald aus weiterer Entfernung, bald näher tretend, bemühte ſich Fehmar mit ſeiner Spielpiſtole, Arm, Auge, Herz der Puppe zu treffen. Mir fielen die Zaubereien des Mittel⸗ alters ein; die Wachsbilder, die man von ſeinen Feinden verfertigen ließ, um ihnen unter Beſchwörungen und magiſchen Formeln eine Nadel in's Herz zu ſtoßen; an dieſer Wunde mußten jene ſterben. Ich hätte mich überzeugen ſollen, ob die Holzpuppe nicht eine gewiſſe Aehnlichkeit, wenn auch nur in den blonden Haaren und blauen Augen, mit Adolf beſeſſen: aber Fehmar ließ es nicht zu. Haſtig, als ihm der Diener, der mir voranging, meinen Namen genannt hatte, warf er die Piſtole bei Seite, kam auf mich zu und führte mich, trotz meines Sträubens, in ſein Zimmer hinauf. Er war blaß und leidend, ſeine Augen lagen tief in ihren Höhlen und blaue Ringe darum ſprachen von durchwachten Nächten. Seine Bewegungen kamen mir langſamer vor, ſeine Haltung erſchien hinfälliger, als die beiden Male, wo ich ihn geſehen. Sollte ihn die Leidenſchaft für Cöleſtine, die Erkenntniß ihrer Untreue ſo verzehrt haben? Ich verſuchte, während wir einander gegenüber ſitzend von gleichgültigen Dingen redeten, die Furchen ſeiner Stirn, das Geheimniß ſeiner Augen zu enträthſeln, denn zuweilen blitzte es in ihnen unheim⸗ lich auf und das ganze, ſonſt ſo ſtille, faſt regungsloſe Geſicht nahm den Ausdruck einer unbezähmbaren, wilden Energie an. So in dieſem Augenblick, wo er ohne Uebergang von dem Gegenſtand des bisherigen Ge⸗ ſprächs abſpringend, ſagte: 203 „Die Geſchichte unſeres Herodiasbildes dürfte bald um ein neues Blatt vermehrt werden.“ Jetzt galt es auf ſeiner Hut zu bleiben.„In der That, will Fräulein Cöleſtine das Gemälde verkaufen?“ „An Herrn Adolf...“ „Das möchte der letzte Käufer ſein; er iſt kein Liebhaber von Gemälden.“ „Er hat ſich da in eine Angelegenheit gedrängt, vorwitzig, unbedacht...“ Er vollendete nicht.„Wenn Alles mit dem Tod zu Ende iſt“, ſagte er vor ſich hinſtarrend,„und wir nicht mehr ſind als ein welkes, vom Herbſtwind herabgewehtes Blatt, wozu dann das Daſein?“ „Um zu arbeiten und in der Arbeit uns auszu⸗ leben.“ „Hm! Und die Freuden, die Schmerzen unſerer Seele? Was ſind ſie?“ „Vielleicht daſſelbe, was bei den Blumen der Duft, bei den Wellen der Schaum.“ „Sie ſind ein Materialiſt... Nichts für ungut, Sie vermögen nichts dafür, nichts dagegen. Gewiſſen Naturen können ſich die geiſtigen Elemente der jen⸗ ſeitigen Welt nicht offenbaren.“ „Wir Materialiſten ſind zu dickhäutig für die feinen Eindrücke“, ſagte ich mit gutmüthigem Scherz, ſeine 204 herkuliſche Geſtalt mit meiner Schmächtigkeit ver⸗ gleichend. Wider Willen mußte er lachen.„So meint' ich es nicht. Sie waren vielleicht näher an der Pforte des Geheimniſſes, als ich, aber Sie fanden keinen Ver⸗ mittler. Ich bin nicht ſo thöricht, um an die Geiſter zu glauben, die ein Maſter Home beſchwört, wie wären wir, in leiblicher Hülle und irdiſcher Schwere gefangen, im Stande, reinere, ätheriſchere Weſen zu rufen, zu beherrſchen? Darin ſtimmen wir Beide ganz überein, ich halte nur das Nichtſein für ein Unding. Wir ſterben nicht an geiſtigen, nur an körperlichen Krank⸗ heiten. Warum tödtet der Gedanke des Selbſtmords nicht, ſondern nur die Waffe? In einer Weiſe, die Gott allein kennt, ſcheidet ſich im letzten Augenblick Seele und Leib. Wo bleibt die Seele? In einem Jen⸗ ſeits? So iſt es nicht unmöglich, daß ſie auf andere Seelen, trotzdem, daß ſie noch mit einem irdiſchen Körper behaftet ſind, wirken kann. Logiſch nicht unmöglich! Aus welcher Entfernung wirkt der Magnet auf das Eiſen; welch' andere Dichtigkeiten, andere Maſſen, als in dieſer Beziehung der Leib des Menſchen iſt, durchdringt der Strahl eines Sterns. Alle Beweiſe gegen die Un⸗ ſterblichkeit ſind lächerlich; ſie fangen ſämmtlich mit der Behauptung an, daß die Trennung von Seele und — Leil Das offe eine auch Leib eine Unmöglichkeit ſei, da es gar keine Seele gäbe. Das iſt für Schulknaben gut. Wer in die Natur mit offenen Augen blickt, erkennt vom Kleinſten zum Höchſten einen Dualismus in ihr. Zwieſpältig iſt Alles, iſt auch des Menſchen Weſen. Sehen Sie dies Bild an“,— er zeigte auf eine große, vortrefflich gelungene Photo⸗ graphie Cöleſtinens, die in ſchwarzem Ebenholzrahmen an der Wand hing, und ſeine philoſophiſche Ruhe ſchlug in die heftigſte Leidenſchaft um—„iſt es ein Engel, ein Dämon?“ „Es iſt eben ein Weib, das Sie...“ „Nun? Das mich—?“ unterbrach er mich mit einem Aufſchrei der Wuth. „Das Sie lieben“, entgegnete ich kaltblütig.„Doch ſchwerlich ein geeignetes Beiſpiel, um daran den Dualis⸗ mus des Menſchen zu ſtudiren.“ „Und wie habe ich ſie geliebt!“ rief er aus. Mein Denken, mein Empfinden, mein Handeln: Alles, Alles richtete ſich auf ſie allein! Sie können es in dem gleich⸗ mäßigen Verlauf eines Gelehrtenlebens nicht erfahren haben, was es heißt, ein Ideal höchſter weiblicher Voll⸗ kommenheit mit ſich zu tragen, durch die wüſte Zügel⸗ loſigkeit des Soldatenthums, das Treiben des Lagers, durch Staub und Dampf des Schlachtfeldes! Im Herzen eine ſüße und doch ſchmerzliche, eine beglückende und 206 doch nie geſtillte Sehnſucht! Ich war kaum den Knaben⸗ jahren entwachſen, als ſie ſtarb. Sie war immer kränk⸗ lich geweſen, ſeit ich ſie kannte, aber mild und ſanft, eine ätheriſche Schönheit, eine verklärte Anmuth. Ihr Bild begleitete mich nach dem Kaukaſus, es umſchwebte mich in den Schrecken von Sebaſtopol. Wie der Strahl aus einer ſchönern Welt ſtieg es zu mir nieder; es gab zwiſchen mir und dieſer Seele einen unbeſchreiblich wohlthuenden, tröſtenden Verkehr. Kein Wort einer irdiſchen Sprache genügt dafür: eine Miſchung von Liebe, Freundſchaft, Anbetung und Entzückung... Sie verſtehen mich nicht..“ „Doch, doch!“ entſchlüpfte es mir. Zu verſtehen war ſeine Schwärmerei freilich nicht, aber bis zu einem gewiſſen Grade wenigſtens nachzuempfinden. Dieſe ſeltſame Verbindung von Krieger, Mönch und Künſt⸗ ler in ihm zog mich an; war dies das Holz, aus dem das Mittelalter ſeine Ritter und Heiligen geſchnitzt? „Sie werden mich beſſer verſtehen“, fuhr er fort, „wenn ich Ihnen bekenne, daß dieſer Idealismus nun doch nicht vor den Blicken einer Tänzerin Stand hielt. Soll ich ſagen, daß Cöleſtine für mich etwas Anderes war und iſt, als die Welt in ihr ſehen will? Welch' ein Tiefſinn ſteckt in der Lehre von der Wanderung der Seele! Alle, Leidenſchaften, Kämpfe, Sünden muß — 4 1 ——— — ———— die Seele in verſchiedenen Formen durchmachen, ehe ſie ſich von der Erde zu einem andern Stern erhebt. Mir war es, als diene in Cöleſtine ſo eine an ſich edle und vortreffliche Seele in den Banden der Sinn⸗ lichkeit. Ich näherte mich ihr, ich wurde vertraut mit ihr; tauſend unſcheinbare Dinge an ihr erinnerten mich an meine längſt geſtorbene Freundin; ſie liebte dieſelben Farben, dieſelben Wohlgerüche, zuweilen hätte ich es beſchwören wollen, daß ſie mit derſelben Stimme zu mir geredet. Dann brach wieder ihre wilde, ſinn⸗ liche Natur aus und mein Ideal lag zerſchmettert im Staube. Je häufiger ich ſie ſah, deſto ſtärker wurde meine Liebe, der Wille in mir, ſie zu erlöſen.“ Er hatte den Kopf in beide Hände geſtützt und ſchwieg. Als er wieder aufblickte, erbebte ich leiſe vor Mitleid und Schauer. Nie hab' ich einen ſolchen Aus⸗ druck der Vernichtung in dem Antlitz eines Lebendigen bemerkt. „Und nun will ein Knabe kommen und ſie mir rauben!“ ſchrie er und ſeine Niedergeſchlagenheit ver⸗ wandelte ſich in Wuth,„ein Knabe, der ſie zum Spiel⸗ zeug ſeiner Luſt entwürdigen will! Ich ſollte dies dulden, ich! Eher müßten die Fibern meines Herzens einzeln zerriſſen werden!“ Gewiß, es giebt auf Erden nichts Heiligeres, als —— die Treue— aber hatte Cöleſtine ſie ihm gelobt? Welch' ein Recht hatte er auf ſie? Der gute Fehmar, er mochte das Jenſeits ſo gründlich kennen, wie die Linien ſeiner Hand oder die ehemaligen Wälle von Sebaſtopol: im Dieſſeits war er ſehr unerfahren. So ſchonend es ging, ſuchte ich ihm den Unterſchied vorzuſtellen, den unſere Sitten, ob mit Recht oder Unrecht, gleichviel, zwiſchen einer Ehe und einer Liebſchaft feſtgeſetzt haben. Derernſte Hintergrund des Ganzen, wenn ich an die Schieß⸗ übungen im Garten dachte, und die Verwunderung, die ſich in Fehmar's Zügen bei meiner philiſterhaften Ausein⸗ anderſetzung ſpiegelte, boten einen ſo drolligen Gegenſatz dar, daß ich an mich halten mußte, um nicht zu lachen. Die Seelenwanderung und die Viſionen beiſeit, was war natürlicher, als daß Cöleſtine einen jungen, muntern, liebenswürdigen und reichen Mann, einem lang⸗ weiligen, alternden, ſchwermüthigen Liebhaber vorzog, der gar keine Anſtalt machte, ſie zu heirathen? Es wurden zwiſchen uns nur wenige Worte darüber ge⸗ wechſelt, denn der Diener brachte einen Brief und Feh⸗ mar bat um die Erlaubniß, ihn leſen zu dürfen— indeſſen ſie genügten mir, um mich zu überzeugen, daß die Tänzerin das Verhältniß mit ihm einzig in der Hoffnung ſo lange fortgeſetzt habe: der vornehme, in den höchſten Kreiſen der ruſſiſchen Geſellſchaft ſich be⸗ wegende Mann werde ſie heirathen. Was ihn bei all' ſeiner Liebe verhindert hatte, ihr dieſe Verbindung an⸗ zutragen, war ſeine Sache, ihr konnte man es nicht verargen, wenn ſie in einer andern Neigung Entſchädi⸗ gung ſuchte. 3 „Das iſt zu viel, zu viel!“ rief da Fehmar und zerknitterte den Brief, den er erhalten. Zu ſeiner ganzen Höhe aufgerichtet, ſtand er im Gemach, mit funkelnden Augen. Nichts mehr von Träumerei und Myſtik, es war etwas von einem Löwen in ihm. Ehe ich mich zu einer Frage faſſen konnte, hatte er den Schrank ge⸗ öffnet und aus einem Kaſten einen Revolver geriſſen. „Was wollen Sie thun?“ Damit wollte ich mich auf ihn ſtürzen, er hielt mich mit dem Arm zurück.„Ruhig! Ruhig!“ ſagte er und ſteckte die Waffe in die Bruſt⸗ taſche ſeines Rocks. Auf ſein Klingeln brachte ihm der Diener Hut und Mantel, einen weißen Mantel, wie ihn die öſtereichiſchen Officiere tragen. „Sie werden ſich meine Begleitung gefallen laſſen müſſen, Herr von Fehmar“, ſagte ich, alle meine Ent⸗ ſchloſſenheit zuſammen nehmend, auf der Treppe zu ihm. „Ich lehne ſie nicht ab“, entgegnete er kurz und hart.„Ich fürchte die Zeugen nicht.“ Auf der Straße ſprachen wir vom Anfang zum Ende unſeres Weges kein Wort mit einander; wie oft Frenzel, Geheimniſſe. I. 14 ſich auch unſere Gedanken begegnen mochten, wir äußerten ſie nicht laut. Das Ziel, dem wir zugingen, brauchte Keiner dem Andern zu ſagen: es war Cöleſtinens Haus. Ein kalter ſcharfer Oſtwind ſtrich durch die Gaſſen und traf uns ſchneidend in das Geſicht. Trotz ſeines Mantels fror Fehmar; die Gluth des Fiebers, das in ſeinen Adern tobte, kämpfte gleichſam mit dem eiſigen Hauch des Windes. Mir war der Gang ſchon recht; er be⸗ ruhigt ſich vielleicht, hoffte ich mit einem Blick auf meinen Gefährten und überlegte zugleich, welche Mittel, welche Möglichkeiten mir zu Gebote ſtänden, ihn von einer Gewaltthat abzuhalten. Vor einer Gewaltthat gegen ſich ſelbſt oder gegen Adolf und Cöleſtine. Die Armen, welch' ſchreckliche Ueberraſchung drohte ihnen! Mars und Venus im Netz des Vulkan's! Kein Zweifel, man hatte ſie verrathen. Längſt mochte die Zofe von Fehmar beſtochen ſein und ihn von allen Schritten ihrer Herrin benachrichtigen. Da war nun nichts mehr zu ändern, ſie mußten das Verhängniß hinnehmen, wie es kam. Fehmar ſchritt ſchnell und weit aus, ich war außer Athem, als wir das Spukhaus erreicht. Erſt als wir in dem langen düſtern Flur ſtanden, fiel es mir auf, daß er dieſen Weg eingeſchkagen; es wäre klüger ge⸗ weſen, wenn wir von der Burgſtraße her eingetreten. 211 Mein Erſtaunen wuchs, als er eine Seitenthür im Hofe öffnete und eine dunkle Hintertreppe hinanſtieg. Wollte er ſich mir entziehen? Ich blieb ihm dicht auf den Ferſen. Auf dem erſten Abſatz der Treppe hielt er an, eine Thür lag uns gegenüber, er hatte den Schlüſſel dazu. Ein ſchmaler Corridor mit Schränken an den Wänden nahm uns auf, durch ein kleines Fenſter, das in der Höhe der einen Wand angebracht nach dem Hofe ging, fiel ein ſchwacher Schimmer des Mondes. Einmal in dieſem Gange, ergriff mich eine Beängſti⸗ gung, die mir die Schweißtropfen auf die Stirn trieb, und eine Erinnerung, die noch zur Vermehrung des Schauers beitrug. Dieſer Corridor hatte zu unſerer Wohnung gehört, wie oft hatte ich hier Verſteckens ge⸗ ſpielt oder mich mit dem Hunde gejagt! Hier ſchwebte, als es aus dem Billardzimmer vertrieben worden, das blutige Haupt auf und nieder. Ich ging hinter Fehmar, um jede ſeiner Bewegungen beſſer beobachten zu können. Wenn das Mondlicht im Vorüberfliehen die lange Ge⸗ ſtalt in dem weißen Mantel ſtreifte, der, von der Schulter herabgefallen, auf den Dielen nachſchleppte, war der Eindruck in der That ein geſpenſterhafter. Mein Herz ſchlug hörbar, mein Athem ging heftig. Plötzlich ſtand er ſtill, den Kopf vorgeſtreckt, wie Einer, der in die Ferne horcht, er machte eine Bewegung nach ſeiner Taſche. Jetzt nimmt er die Waffe zur Hand, dachte ich; würde ich Kraft genug haben, ſeinen Arm im ent⸗ ſcheidenden Augenblick zurückzuhalten?„Wie laut ſchlägt Ihr Herz“, ſagte er tonlos,„meines iſt ganz ſtill.“ Prahlhans, murmelte ich im Stillen. Unweit von uns erklang ein Clavier, eine tolle Polka aus einer Poſſe Offenbach's wurde geſpielt. Dieſe Klänge, von einem fröhlichen Gelächter unterbrochen, leiteten uns weiter, am Himmel mochte eine Wolke über den Mond gehen, vor uns und um uns herrſchte Dunkelheit. Was nun geſchah, wird ſich niemals in alle Einzel⸗ heiten aufklären laſſen. Keiner der Betheiligten war in der Lage und Stimmung, einen ruhigen Beobachter abzugeben. Fehmar, mit der Einrichtung der Wohnung auf das Genaueſte bekannt, noch von der Zeit her, in der er der begünſtigte Liebhaber Cöleſtinens geweſen, hatte geräuſchlos eine Thür geöffnet: wir befanden uns in einem kleinen, zierlich eingerichteten Gemach: ein dichter weicher Smyrnaer Teppich dämpfte unſere Schritte. Eine Ampel, in einem mattgeſchliffenen röth⸗ lichen Glaſe, verbreitete ein mildes, wohlgefälliges Halbdunkel. Es war doch, als ob man Jemand er⸗ wartete. Nebenan klang das Clavier, klangen jetzt auch Caſtagnetten, die Schritte einer Tanzenden Und dann eine Stimme..„Evoë! Evoé!“ Es war Cöleſ⸗ 213 tinens Stimme, ſo bacchantiſch, als ob ſie durch ihren Ruf die Töne der Muſik zu größerer Wildheit antreiben wollte. Nun verſtummt das Clavier eine Weile.. „Wie ſchön biſt Du!“ ruft Adolf. Er iſt aufgeſprungen, um ſie zu haſchen, zu küſſen.„Evos! Evoë!“ ſo ſcheint ſie ihn wieder lachend zum Flügel zurückzudrängen. „Das Ende iſt der Tod!“ ſpricht Fehmar und reißt eine kleine Tapetenthür, die meinen Blicken bis⸗ her entgangen war, auf. Welch' ein Anblick! Uns, die wir in der Thür ſtehen, gerad' gegenüber das blutige Haupt auf der Schüſſel, das Herodiasbild, in einem großen Spiegel aufgefangen! Mitten im Gemach, noch eben ſchwebend im Tanzſchritt und jetzt wie erſtarrt innehaltend, in einem grünen Sammetkleid mit goldenen Stickereien, dem nicht unähnlich, das auf dem Bild Herodias trägt, mit bacchantiſch aufgelöſtem, flatterndem, röthlichgol⸗ denem Haar und halb offenem Buſen, Cöleſtine! Mich deckt die mächtige breite Geſtalt Fehmar's zur Hälfte: der Hut iſt ihm vom Kopf gefallen, er hat das Aus⸗ ſehen einer Leiche, nur die Augen flammen. Er hebt den Arm, ſieht ſie die Waffe in ſeiner Hand? Sie wirft ihm einen Blick zu, einen dämoniſchen, ſiegesge⸗ wiſſen, halb frechen, halb umſtrickenden Blick..„Adolf! Adolf!“ ruft ſie dann und reißt den jungen Mann ——————— 214 mit einer heftigen Bewegung, als er zu ihrem Schutz herbeiſtürzen will, zurück— der Wand zu, in der ſich die Thür befindet. Sie drückt ihn mit der ganzen Kraft der Leidenſchaft dagegen: will ſie ihn mit ihrem Leib vor der Kugel Fehmar's ſchützen? Und indem verſuche auch ich von hinten den Raſenden zu halten, fortzu⸗ reißen... Da blitzt es auf, der Schuß fällt, aber die Kugel zerſchmettert nur den Spiegel, genau an der Stelle, wo vor einer Secunde uns der Kopf des Jo⸗ hannes Baptiſta entgegenſtarrte.. Und da— ein Krachen, einentſetzlicher Aufſchrei... Das Bild iſt h rabgeſtürzt und hat mit ſeinem ſchweren Barockrahmen das Hinterhaupt Adolf's getroffen. Be⸗ wußtlos, aus einer tiefen Wunde blutend liegt er da. Der Haken, an dem es hing, war ſchlecht befeſtigt und hatte mit der Zeit nachgelaſſen; die Erſchütterung, in der Alles im Gemach von dem Schuſſe nachbebte, hat das Ihre, vielleicht zitterte die dünne Wand, als⸗ Cöleſtine gewaltſam Adolf dagegen ſtieß: es giebt hundert natürliche Erklärungen für den Fall eines Bildes. Die Welt iſt eine wohlgeordnete, vortreffliche Maſchine— und wir Alle können nur mit Hamlet ſagen:„Der Reſt iſt Schweigen.“ Nach vierzehn Tagen reiſte wirklich Cöleſtine nach Paris— aber nicht mit Adolf, ſondern mit dem Frei⸗ 8 1 1 1 1 Stunden, wo man mit ihm über Maſchinen und Eiſen⸗ 215 herrn von Fehmar. Adolf lag auf dem Schmerzens⸗ la ger. Anderthalb Jahr ſind ſeitdem vorübergegangen. Die Tänzerin hat die Bühne verlaſſen, man ſpricht in der Welt des Theaters kaum noch von ihr. Um ſo größeres Aufſehen macht ſie als Frau von Fehmar in den Kreiſen der Ariſtokratie zu Petersburg. Sie iſt eine der frömmſten und gottesfürchtigſten Damen der Geſellſchaft. Jeder⸗ mann bewundert ihre Anmuth, ihre Tugend, die Ge⸗ duld, mit der ſie die ſchwermüthigen Launen ihres Gatten erträgt. Man ſpricht davon, daß es ihrem Ein⸗ fluſſe gelungen ſei, ihm eine hohe Stellung im kaiſer⸗ lichen Rathe zu verſchaffen. Gegenüber dem Nihilismus und der Zügelloſigkeit, welche die vornehme ruſſiſche Welt, wie der Todtenwurm das morſche Holz, durch⸗ freſſen, vertreten dieſe beiden Gatten den Glauben an Gott, an die Unſterblichkeit und die Ideale im Geiſter⸗ reich. Iſt es dem gegenüber nicht lächerlich und bos⸗ haft, daß ich mich, ſo oft ich dieſer Geſchichte gedenke, mit dem Gedanken plage: Cöleſtine hätte das Abenteuer mit Adolf nur angefangen, um den trans⸗ cendentalen Fehmar zu einer proſaiſchen Ehe zu treiben? Und Adolf? Er iſt ein armer, ſtiller Tiefſinniger in einer Privat⸗Irrenanſtalt, mit halbwegs lichten bahnen ein vernünftiges Wort reden kann. Aber be⸗ rührt niemals die Kunſt; eine kindiſche Furcht hat er vor den Klängen eines Claviers und vor Geſpenſtern: der Arzt meint, er werde an dieſer Furcht ſterben. So wunderlich laufen auf- und abſteigend, hin und her, in⸗ und wider einander die Lebensläufe der Menſchen; wer will dieſe Zickzacklinien entwirren? Im Grunde, lohnte es auch der Mühe? 6 Ende des erſten Bandes. Druck aon Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. Colour& Grey Control Chart Blue Cyan Green vellow Hed Magenta