—— 590 Ott 229 290 3 0 Leihbibliothetr deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur — von Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und IJeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Nücdabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen,. 2— 4 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe Linterlecen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für acchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mr.— pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. — 7„„— 3„=.„=„ 5 Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Die Zeil füllte ſich allmälig mit betriebſamen Menſchen aller Art; Börſenmäkler ſtießen mit Neuigkeitskrämern zuſam⸗ men; die Kaufmannsdiener und Subalternbeamten eilten auf ihre Poſten; die Jäger in großer Livrée drängten die Bedienten kleiner Häuſer bei Seite und wichen wiederum den diplomatiſchen Boten aus, die man leicht an den wappengeſchmückten Portefeuilles erkannte. Es war ein fortwährendes und geräuſch⸗ volles Hin⸗ und Herwogen. Auch einige Frauen ſchlüpften dahin; reiſende Engländer krächzten ihr ſeltſames Kauderwelſch; die Hörner der Poſtillons ſchmetterten kühne Fanfaren und die Courriere klatſch⸗ ten mit der Peitſche, um die Menge zu warnen, Erſtes Kapitel. 8 4 welche den im Galopp dahinſauſenden mecklenburger Enn Pferden Platz machte.. VI7 gll Es war neun Uhr früh. Alle dieſe Leute hat⸗ und ga. ten Briefe abzuholen, Plätze in den Poſtwagen oder. Dh 2 Ertrapoſtpferde zu beſtellen. rich Ktoß Der Hof des großen Hauſes, in welchem der Feine uhr 1 Fürſt von Turn und Taris die Poſtbureaus einge⸗ Hue he richtet hat, war mit Wagen jeder Größe und jeder 1 9 Kam gefüllt. Man ſah da die nordiſche Droſchke Buntau neben dem excentriſchen Tandem, das leichte Tilbury ches die neben der ſchweren und bequemen Batarde, jener Ein trauri 9 engliſchen Erfindung, die in Deutſchland vervoll⸗ E ſcher kommnet worden iſt. 1 ſchmerzli 5 Es war im October 1824.— In dem Einſchrei⸗ Er! 4 bezimmer, das recht bequem eingerichtet iſt, erneuerte Füted G ſich die Menge jeden Augenblick. Unter der geſchäͤ⸗-⸗- Azu tigen Schaar, die ſich da drängte, alle Sprachen hereits, redete und alle bekannten Kleiderformen trug, wollen Jüge hat wir nur auf zwei Perſonen aufmerkſam machen, die 6 Glücklich in dieſem Augenblicke durch die ganze Breite des then; Zimmers von einander getrennt waren. Der erſtere Neben ih dieſer beiden Reiſenden beſtellte einen Platz in dem ein unerm Poſtwagen nach Heidelberg. Sein Anzug fiel ſeiner willeicht Seltſamkeit wegen ſelbſt an dieſem bevorzugten Orte„Melord auf, wo man fortwährend die ungewöhnlichſten Klei⸗ wohl ſeit 4 dungen neben einander ſah. Er trug einen ſcharlach⸗ delte m rothen Mantel und ſein breitkrämpiger Hut, wel⸗ ten V * „ „ — ———— 4 9 ienburge cher der Kopſbedeckung der Cavaliere zur Zeit Crom⸗ weell's glich, verbarg ſeine Stirn und Augen ganz rute hat⸗ und gar. agen oder Das, was man von ſeinem Geſichte ſah, ver⸗ rieth große Jugend und faſt weibliche Schönheit. ſchem der Feine üppige ſchwarze Locken quollen unter dem 1 us einge⸗ Hute hervor und fielen faſt bis auf die Schultern. und jeder Der andere Reiſende wartete bei dem Courrier⸗ ¹ Droſchke Bureau. Er hatte ſich an das Gitter gelehnt, wel⸗ eTilbury ches die Poſtſecretaire von dem Publicum ſchied... de, jener Ein trauriger Gedanke verfinſterte ſeine breite Stirn. vervoll⸗ Er ſchien nachzuſinnen und zwar über einen ſehr ſchmerzlichen Gegenſtand. Einſchrei Er mochte etwa vierzig Jahre alt ſein. Sein erdeuerte ſanftes ehrliches Geſicht hatte jeden heitern Jugend⸗ der geſchäf⸗ glanz verloren. Um die Schläfe fielen einige dünne Sprachen bereits ergrauete Haarbüſchel. Der Ausdruck ſeiner g, wollen Züge hatte früher offenbar die Sorgloſigkeit eines chen, die Glücklichen, den Stolz eines Edelmannes verra— reite des then; jetzt deutete er nur düſtere Muthloſigkeit an. er erſtere Neben ihm ſtand ein dicker Kaufmann aus London, bin dem ein unermüdlicher Reiſender, der in der Vaterſtadt fiel ſeiner vielleicht Seife verkaufte, im Auslande aber ſich gten Orte„Mylord“ nennen ließ und jetzt den Poſtſecretair ſten Klei⸗ wohl ſeit einer Viertelſtunde nicht losließ. Er han⸗ ſcharlach⸗ delte um den Fahrpreis, wollte bei allen die gedruck⸗ ut, wel⸗ 1 ten Verordnungen des Fürſten von Turn und Tarxis 10 ſehen und ſuchte ſeine Banknoten ſo hoch als mög⸗ lich anzubringen. Unſer Reiſender wartete unterdeß und blieb in ſein Sinnen verſunken. Seine Nachbarn benutzten ſeine Zerſtreuung, um ſich vorzudrängen; er be⸗ merkte es nicht. Eine ſeiner Hände, die er zwiſchen den Knöpfen ſeines Rockes auf der Bruſt durchge⸗ ſteckt hatte, brachte ein Medaillon hervor, das an einer goldenen Kette an ſeinem Halſe hing. Er drückte dieſes Medaillon an ſich und betrach⸗ tete es verſtohlen, als hätte er neugierige oder ſpöt— tiſche Blicke gefürchtet. Es war das Portrait einer jungen Dame, deren freundliche, gutmüthige blaue Augen ihm zuzulä⸗ cheln ſchienen. Um das Portrait ſchlang ſich wie ein Rahmen eine Locke von blondem Kinderhaar. Das Augenlid des Reiſenden wurde feucht. Dann mit einem Male ſchien er zu erwachen und verbarg raſch das Medaillon in ſeinem Buſen. „Ich möchte in das Schloß Bluthaupt,“ ſagte er zu dem Secretair, der eben frei geworden war. Der Secretair ſah nach einer Karte. „Zwiſchen Obernburg und Eſſelbach,“ antwor⸗ tete er.„Es geht kein Poſtwagen dahin und die Poſtſtraße führt nur bis Obernburg.“ „Wie weit iſt es?“ fragte der Frende. 8 wegen. Der Es warlt genblic 1T „ι Uebe Seeretam zu. D ebendeng dr ube vor d 7 fen von Dr Bug de lenkte ſe ſeineAr Mantel 11 „Acht deutſche Meilen, davon zwei auf Feld⸗ wegen. Wünſchen Sie einen Führer?“ Der Fremde erkundigte ſich nach dem Preiſe. Es waren einige Gulden mehr. Er ſann einen Au⸗ genblick nach, dann ſagte er: „Ich werde allein reiſen.“ Ueberflüſſig viel Geld hat der nicht, dachte der Secretair, indem er ihm den Schein gab. Der Fremde bezahlte und ging nach der Thür zu. Der junge Mann im rothen Mantel ſchlug ebendenſelben Weg ein. Sie ſchritten hinter einan⸗ der über den Hof, ohne daß ſie einander ſahen. Jeder war zu ſehr mit ſeinen Gedanken beſchäftigt, als daß er ſich viel um die Fremden bekümmert hätte. Eben als ſie die Ausgangsthür erreichten, die auf die Zeil führt, kam ein Courrier im Galopp vor dem Poſthauſe an. Er trug die Livrée der Gra⸗ fen von Bluthaupt: roth auf ſchwarz. Die Bemühung das Pferd anzuhalten, deſſen Bug den aͤltern der beiden Reiſenden faſt berührte, lenkte ſeine Aufmerkſamkeit auf den letztern, obwohl ſeine Augen bereits auf den jungen Mann im rothen Mantel gerichtet waren. Ein Ausdruck der Verwunderung malte ſich auf ſeinem von dem ſcharfen Ritte erhitzten Geſicht. Er kannte offenbar die beiden Reiſenden, zögerte aber einen gkugenblick, welchen von Beiden er anre⸗ 12 den ſolle. Als er ſich endlich umdrehete, ging der jüngere bereits links an den Häuſern der Zeil hin, während der Andere in entgegengeſetzter Richtung eilig in der Straße hinſchritt. „So will ich doch kein Glas Bier mehr trin⸗ ken,“ murmelte der Courrier vor ſich hin,„wenn der ſchöne junge Mann keiner der drei Baſtarde von Bluthaupt iſt. Der andere hatte vor fünf Jahren, als er die Gräfin Helene heirathete, ſchwärzeres Haar, aber er iſt es doch, der Vicomte von Au⸗ demer.“ Während er dies bei ſich dachte, ſchwang er ſich gewandt vom Pferde, warf den Zügel einem Diener zu und eilte in der Zeil hin. Bald aber wurde er wieder ungewiß. Derje⸗ nige, welchen er den Baſtard nannte, hatte ſich links, der Vicomte dagegen rechts gewendet. Wohin ſollte er gehen? Nach einer Secunde kehrte er um und eilte dem Herrn von Audemer nach; aber es mündeten eine Menge Gäßchen und Straßen in die .Hauptſtraße ein und der Vicomte war ohne Zweifel in eine derſelben gegangen. Der Courrier, welcher Fritz hieß, gab bald die Hoffnung auf, ihn einzu⸗ holen und kehrte wiederum um, den jüngern Reiſen⸗ den zu ſuchen, der ebenfalls verſchwunden war. Der Courrier eſtrich mit der Haßs über die ſchven ßb ſawarz⸗ 91 brunmte blüfft, ſchienen große H ganz un Sohn d Er um zu ſtießen deutſche auch ett und ſ ſehr un kommen hat mir Hauſts von„ Klopfe 13 ſchweißbedeckte Stirn unter dem Schilde der kleinen ſchwarz⸗rothen Mütze. „Ich hätte ſie doch gleich anreden ſollen,“ brummte er vor ſich hin;„aber ich war zu ſehr ver⸗ blüfft, als ich ſie Beide auf einmal ſah.— Sie ſchienen einander nicht zu erkennen,... der verfluchte große Hut verſteckte das Geſicht des jungen Herrn ganz und gar und vielleicht iſt er nicht einmal ein Sohn des Grafen Ulrich.“ Er war mitten auf der Straße ſtehen geblieben, um zu Athem zu kommen. Die Vorübergehenden ſtießen rechts und links an ihn an und mit ächt deutſcher Gemüthlichkeit grüßte er Alle, die ihn wenn auch etwas unſanft berührten. „Na,“ dachte er weiter bei ſich,„der Herr Graf und ſein Intendant lieben die Beſuche nicht eben ſehr und ich glaube, dieſe würden noch weniger will⸗ kommen ſein im Schloſſe Bluthaupt. Herr Zachäus hat mir einen Auftrag gegeben und es wird am be⸗ ſten ſein, wenn ich dieſen ausrichte.“ Er verließ die Zeil und wendete ſich dem Wallgraben zu, wo die neuen Häuſer den Glanz ihrer friſchen hellen Farben der Straße zukehren. Er blieb vor der Thüre eines zierlichen kleinen Hauſes ſtehen, welches wie ein hübſches Käſtchen von Pappe oder Zucker ausſah. Dann erhob er den Klopfer von übergoldetem Gußeiſen und fragte den — 14 öffnenden Bedienten:„Iſt der Herr von Regnault zu Hauſe?“ Man führte ihn in ein von ſtarken Parfums durchduftetes Zimmer, in welchem ein junger Mann in großgeblümtem ſeidenem Schlafrocke das buſchige ſtarre Haar den pommadiſirenden Händen eines Coiffeurs überließ. Der junge Mann, welcher den Dreißigen nahe ſtand, war ziemlich klein von Geſtalt und hatte ein lächèlndes Geſicht, deſſen Zügen es nicht an Zart⸗ heit fehlte. Der allgemeine Ausdruck derſelben war füßliche Schlauheit, die durch ſtudirte Offenheit ver⸗ deckt wurde. Sein Benehmen ſollte offenbar ſanft ſein und zugleich etwas Nobles haben. Auch miß⸗ lang ihm ſeine Bemühung in dieſem Stücke nicht ganz. In den Augen von Leuten, die nicht gar ſcharf ſahen, konnte Herr von Regnault für einen jener ehrlichen leichtſinnigen Menſchen gelten, die man im Auslande gern für die Muſterbilder des franzöſiſchen Charakters hält. „Was will der gute Mann?“ fragte er, ohne ſich umzudrehen. 4 „Ich komme von dem Schloſſe Bluthaupt,“ antwortete Fritz. „Ah ſo! Und Sie haben einen Brief von Za⸗ chäus Nesmer?“- „Nein, einen Brief habe ich nicht,“ ſagte der . ——— — 2 7 5— — — Botc. het Ihnen zu g0 die e mir v Zugen giſh Der Her 3 die Geſpenſte Gf ſo „Nun, ſo ſagen Sie ◻ 61 Ohr. Der Ha der Bote da deduftende 1„Die Md NXad „Das Der nicht geſag Jemand zu delte es ſi ſchönſtens zu trinken, Der H „Neuem wn ſeiner Und Frit gand ger 15 Bote.„Herr Zachäus hat mir nur aufgetragen, zu Ihnen zu gehen und Ihnen Worte zu wiederholen, die er mir vorgeſagt hat,... aber das muß ohne Zeugen geſchehen.“ Der Herr zuckte die Achſeln. „Die Deutſchen ſind doch ſo geheimnißvoll wie die Geſpenſter in ihren Balladen!“ murmelte er.... „Nun, ſo kommen Sie näher, guter Mann, und ſagen Sie mir Ihr großes Geheimniß leiſe in's Ohr.“„ Der Haarkünſtler entfernte ſich einige Schritte, der Bote dagegen legte den Mund an das pomma⸗ deduftende Geſicht des Franzoſen und flüſterte: „Die Zeit iſt gekommen.“ „Und?“ fragte Regnault. „Das iſt Alles.“ Der Franzoſe lachte laut auf.—„Habe ich es nicht geſagt?“ ſprach er dann.„Da ladet mich Jemand zum Abendeſſen ſo vorſichtig ein, als han⸗ delte es ſich um ein Verbrechen!... Ich danke ſchönſtens, lieber Mann. Germain, man gebe ihm zu trinken, damit er zufrieden gehe.“ Der Herr übergab dem Coiffeur ſeinen Kopf von Neuem und die lakoniſche Botſchaft ſchien ihn in ſeiner Unbefangenheit durchaus nicht zu ſtören. Fritz trank ein Schöppchen Rheinwein und ge⸗ ſtand gern zu, daß die Franzoſen höchſt liebenswür⸗ 16 dige Menſchen wären. Er hätte gern mehr getrunken, aber ſein Auftrag war noch nicht ganz vollzogen. Er ging alſo fort. Der neue Stadttheil von Frankfurt ſchien ihm ziemlich genau bekannt zu ſein. Er fand leicht ſeinen Weg an den freundlichen Gärten hin, welche die alten Mauern und Gräben erſetzt haben. Ueberall ſtanden eben ſo zierliche Häuſer gleich dem des Herrn von Regnault. Als er einige Straßen weit gegangen war, erblickte er die beiden Ufer des Main und überall bemerkte er buſchige Gärten und Blu⸗ menbeete, Springbrunnen, Seen, Brücken, Waſſer⸗ fälle, kurz Alles, was zu einem ſogenannten eng⸗ liſchen Garten gehört. Ueber den meiſten Thüren der Privathäuſer und am Giebel aller öffentlichen Gebäude konnte Fritz die Aufſchrift„freie Stadt“ leſen; hier und da begegnete er aber öſterreichiſchen und preußiſchen Soldaten, deren Anweſenheit der ehrgeizigen Ruhm⸗ rederei der Bürger der Reichsſtadt widerſprach. Der Auftrag des Boten führte ihn aus dieſem glänzenden Stadttheile hinaus, der einer Theater⸗ decoration glich. Er ſchritt nach dem Mittelpunkte der Stadt zu und bald gelangte er zu den niederlän⸗ diſchen Häuſern der Umgegend des Römers. Einige Schritte von dieſem alten Gebäude, deſſen ärmliches Ausſehen zu den großen Erinnerungen nicht paßt, die ſich date eines Hauſec Ein Die bernen Knöp „Ich 1 ſpuchen,“ ſ der Die gelangte in Maͤnner im iige Degenſt Als Nii Drahtmaste Mann von Huſarenbein da W Am O das ſeine, ſiikten Dol ſchreiend ro Dhan gewe Der M halte etwas 7 I Herrn Zu Herrn Gra derl 17 die ſich daran knüpfen, klopfte Fritz an der Thüre eines Hauſes an. Ein Diener in einer kleinen Jacke mit vielen ſil— bernen Knöpfen öffnete ihm. „Ich moͤchte mit dem Herrn Yanos Georgyi ſprechen,“ ſagte Fritz. Der Diener ging voraus, Fritz folgte ihm und gelangte in ein großes Zimmer, in welchem zwei Männer im Plaſtron einander freundſchaftlich tüch⸗ tige Degenſtöße verſetzten. Als Fritz eintrat, ſchob einer der Fechtenden ſeine Drahtmaske hinauf. Er war ein großgewachſener Mann von ſoldatiſchem Ausſehen, mit den rothen Huſarenbeinkleidern und den beſpornten Halbſtiefeln der Ungarn. Am Oberkörper trug er nur ein offenes Hemd, das ſeine muskulöſe Bruſt ſehen ließ. Seinen ge⸗ ſtickten Dolman und ſeinen Pelzealpak mit den ſchreiend rothen Aufſchlägen hatte er auf einen Divan geworfen. Der Mann war ſchön, aber ſeine Schönheit hatte etwas Rohes und Plumpes. „Ich komme zu Ihnen,“ ſagte Fritz,„von errn Zachäus Nesmer, dem Intendanten des Herrn Grafen Günther von Bluthaupt.“ Der Ungar ſah ihn ſtolz an, ſetzte ſich in einer I. 2 18 fernen Ecke des Zimmers nieder und winkte den Boten zu ſich. „Sprich!“ ſagte er. „Das wird nicht lange dauern,“ meinte Fritz. „Die Stunde iſt gekommen,“ ſetzte er dann hinzu. Der Ungar wartete eine Secunde und als Fritz nichts hinzuſetzte, legte er ſeine Maske wieder an, kehrte in die Mitte des Zimmers zurück und legte ſich von Neuem aus. „Gieb dem Manne zu trinken,“ ſagte er dem Diener. Fritz hörte, als er die Treppe wieder hinabſtieg, das Klirren der Degen, die ihren Tanz fortſetzten, als ob nichts vorgefallen wäre. Er trank noch einen Schoppen Wein und ging dann weiter, um ſeinen Auftrag vollends auszurichten. Vom Römer aus ging er tiefer und tiefer in die alte Stadt hinein. Bei jedem Schritte rückten die Häuſer näher an einander und die ſchmutzige Goſſe gewann an Breite, was die Straße verlor. Fritz näherte ſich der Judengaſſe und den umlie⸗ genden Gäßchen, welche das Judenviertel in Frank⸗ furt am Main bilden, wußte aber nicht recht, wohin er ſich wenden ſollte. Alles ſah ſich da gleich. Zu beiden Seiten des ſchmutzigen Weges neigten zwei lange Reihen uralter Häuſer ihre zackigen Dächer 19 herunter und ließen nur einen ſchmalen Streifen Himmel ſehen. In den dunkeln Gaſſen lag eine ſchwere übel⸗ riechende Luft. Auf allen Seiten hörte man jenes Geſumme, das von Tagesanbruche an bis zum Abende das alte Judenviertel erfüllt, und in den Gaſſen hin herrſchte eine ununterbrochene, aber ſtille Bewegung, eine Thätigkeit, welche das Geräuſch zu fürchten ſchien. Es war, als ob die alten Gebäude mit ihren Bewohnern noch von den Verfolgungen des Mittelalters ſprächen, als ob die ganze geſchäf⸗ tige Menge ſich der vergangenen Jahrhunderte und der Qualen erinnerte, die ihre Väter erlitten. Fritz ging zwiſchen dieſen hölzernen halb verfal⸗ lenen Häuſern hin und fand ſich unter den ärmlichen Kramläden nicht zurecht, an denen einzelne Gegen⸗ ſtände zur Schau ausgeſtellt waren. Die unabläſſige Bewegung, welche um ihn herum herrſchte, betäubte ihn faſt; Ströme von Vorübergehenden floſſen unaufhörlich in ſtiller Rüh⸗ rigkeit in einander. Auch einige glänzende Equipa⸗ gen raſſelten über das ſchmutzige Pflaſter und hielten vor Läden an, deren Auslagen zuſamm engenommen keinen Gulden werth waren. Man ging in denſel— ben ein und aus. Tief in irgend einem dunkeln Gange hörte man Geld klingen. Es gingen Leute da vorüber, welche aus vier 2* 20 Welttheilen hier zuſammengekommen waren. Die Judenſtadt macht trotz ihrem ärmlichen Ausſehen mit der ganzen Welt Geſchäfte und man hätte unter der Menge, welche die Gaſſe füllte, die verſchiedenen Formen aller Menſchenracen erkennen können. Sehr leicht waren namentlich die gewöhnlichen Bewohner des Ghetto von Frankfurt zu unterſcheiden, man erkannte ſie an dem gleichförmigen Charakter ihrer ſpitzen Adlerzüge und an der hohen Pelzmütze, die ſie auf dem Kopfe trugen, ſowie an der übertriebenen Sparſamkeit in ihrem Anzuge, welcher der Mode mit einer unerſchrockenen Gleichgiltigkeit trotzte. Am Himmel zogen ſchwere Wolken hin, welche durch einen heftigen Wind gejagt wurden. Regen⸗ güſſe mit Hagel ſchlugen an die in Blei gefaßten kleinen Fenſterſcheiben; dann drang wiederum plötz⸗ lich ein Sonnenſtrahl hindurch, die Straße wurde in ihren dunkelſten Winkeln beleuchtet und man ſah die ſchmalen Bogenfenſter mit den vom Staube undurch⸗ ſichtig gemachten Scheiben; man konnte die Num— mern der. Häuſer und die kleinen Firmas leſen, die über den niedrigen Läden lange hebräiſche Namen enthielten. Plötzlich bedeckte wiederum eine dicke Wolke den kleinen Streifen blauen Himmels; es wurde von neuem dunkel und man ſah hier und da Lampenlicht durch vergilbte Fenſterſcheiben in den Läden flimmern. altes weit dem ſtand Sehr ohner denen D Node de in h die lrch⸗ um⸗ die dmen — den von licht ſern. 21 Es ſchlug gleichwohl die zehnte Stunde auf den zahlreichen Thürmen der chriſtlichen Stadt. In einem der Augenblicke, als es ſchnell finſter wurde, gleich als ſei die Nacht plötzlich wieder zu— rückgekehrt, trat Fritz in ein noch ſchmutzigeres und dunkleres Gäßchen. Er ſah ſich um, wie Jemand, der ſich verirrt hat, und was er erblickte, weckte keine Erinnekung in ihm. Es war eine breite tiefe Goſſe mit hohen Haͤuſern zu beiden Seiten, deren befreundete Dächer einander feſt umſchlungen hielten. Er that noch einige Schritte, dann blieb er entmuthigt ſtehen und gab die Hoffnung auf, ſeinen Weg ohne Führer zu finden. „Wo komme ich nach der Judengaſſe?“ fragte er den Erſten, der ihm begegnete. „Sie ſind drin,“ antwortete der Gefragte. Fritz athmete freier. „Können Sie mir das Haus des Moſes Geld zeigen?“ fragte er weiter. Der Mann wieß mit dem Finger auf ein ſehr altes Haus ganz in der Nähe, deſſen Giebel ſich weit in die Gaſſe herein neigte. „Das iſt es,“ ſagte er. Fritz ſchritt ſogleich auf das Haus zu, das dem kleinen Kaffeehauſe der Judengaſſe gegenüber ſtand. Vorn hatte es einen auf die Straße ſich 22 öffnenden Laden; aber keine Firma zeigte den Namen oder das Gewerbe des Inhabers an; man ſah nur neben der feuchten Thüre ein Paar alte Stolpenſtie⸗ feln und ein Fernrohr von Pappe. Der Laden, in dem ſich eine alte Frau befand, ſchien außer dieſen Gegenſtänden nichts zu enthalten. Der Bote trat ein und fragte nach Moſes Geld. Die alte Frau ſtand auf ohne ein Wort zu ſagen und ging in einem dunkeln Gange voraus, an deſſen Ende ein Licht glänzte. An beiden Seiten dieſes Ganges bemerkte man verſchloſſene Thüren. Nur eine derſelben war ein wenig offen und der Bote ſchielte im Vorübergehen neugierig hinein. Da ſah er denn ein großes hell erleuchtetes Zimmer, deſſen Wände mit reichen Tapeten bekleidet waren, deſſen Fußboden ein koſtbarer weicher Teppich bedeckte und deſſen Meubels von ungewöhnlicher Form die Gren⸗ zen des deutſchen Lurus weit übertrafen. Fritz, der Diener des Grafen Günther von Buihaupt⸗ hatte dergleichen nie geſehen. In der Mitte des Zimmers ſaßen auf ſeidenen Kiſſen drei ſchöne Kinder, die ſpielten und lachten. Es waren zwei Mädchen, von denen die ältere zehn Jahre alt ſein mochte, und ein um zwei bis drei Jahre jüngerer Knabe. Auf einem Divan las eine Frau, die noch immer ſchön war, obgleich ſie die Grenzen der Jugend er⸗ wa Me von des kaar ſamen th nu nſtie⸗ , in dieſen Geld. ſagen deſſen dieſes Nur Bote P' ſah deſſen deſſen te und Gren⸗ , der hatte denen chten. ezehn 3 drei mmer d er⸗ 23 reicht hatte, in einem großen in Sammt gebunde⸗ nen Buche und unterbrach ſich nur, um lächelnd dem Spiele der drei Kinder zuzuſehen. Sie war ohne Zweifel ihre Mutter. Fritz konnte bei dem Anblicke dieſer Pracht, die von dem ärmlichen Aeußern des Hauſes des Juden Moſes Geld ſo ſehr abſtach, einen Ausruf des Er— ſtaunens nicht unterdrücken; die Alte aber ſchob ihn raſch bei Seite und machte brummend die Thüre zu. Fritz ſah nun nichts mehr als das Licht am Ende des Ganges. Dieſes Licht kam von einem Armleuchter, wie ſie die Juden brauchen, und der die Schreibſtube des Juden Moſes Geld erleuchtete. Dieſes Zimmer war ziemlich groß, hatte aber keine Meubles, außer einem Schreibpulte mit Fächern und zwei Strohſtühlen. Eine Menge nicht zuſammenpaſſender Gegenſtände, die gleichförmig dick mit Staub bedeckt waren, füll⸗ ten alle Winkel aus. Man ſah da Haufen von Gemälden, umgeſtürzte Sophas, ſeidene Vorhänge, die wie Wäſche in ein Bündel zuſammen gebunden waren, zwei Harfen ohne Saiten, Jagdflinten, Matratzen, vergoldete Tiſchuhren, Suppenſchüſſeln von Steingut und koſtbare Porzellanvaſen. Am Schreibtiſche bemerkte man das kahle Haupt des Juden Moſes Geld. Er war ein Mann von kränklichem Ausſehen, der dem hohen Alter nahe 2⁴ ſtand. Die, welche ihn kannten, verſicherten zwar, er habe ſein fünfzigſtes Jahr noch nicht überſchritten, er ſah aber wenigſtens um zehn Jahre älter aus. Sein Geſicht war blaß, hager und gelblich, und von kränklichem Ausſehen, aber vollkommen unbeweglich. Leben hatte er nur in den Augen, die faſt immer ge⸗ ſchloſſen waren, aber in ungewöhnlichem Glanze blitz⸗ ten, wenn das Lid mit grauen Wimpern zufällig ſich öffnete. Sein faſt lippenloſer Mund ſprach nur ſel— ten; ſeine Stirn war vollkommen kahl. Vor ihm auf dem Tiſche lag eine kleine Brille mit ſtählernem Geſtelle, das mit Leder umwickelt war. Neben ihm ſtand ein Mann, welcher den Rücken der Thüre zukehrte und ihm einen goldenen Ring mit einem eingeſchnittenen Wappen hinhielt. Das Geſicht dieſes Mannes, der ſich in einen großen Rei⸗ ſemantel gehüllt hatte, ſah man nicht. „Ich habe Ihnen ſchon geſagt, daß ich nur acht⸗ zehn Brabanter Thaler dafür geben kann,“ ſagte der Jude mit dünner matter Stimme;„nehmen Sie das Geld oder entfernen Sie ſich.“ „Zwanzig Thaler, mein guter Herr,“ entgeg⸗ nete der Reiſende;„ich brauche zwanzig Thaler.“ In dieſem Augenblicke ſchritt Fritz über die Schwelle. Moſes hörte die Tritte und ſetzte ſeine Brille auf die dünne Naſe, die wie ein Raubvogel— ſchnabel gebogen war. 25 dnr, Sein Blick heftete ſich mit unruhiger Beweglich⸗ ken, keit auf den Eintretenden und er fragte: 1 5 4„Was wünſchen Sie?“ lih„Ich komme von dem Schloſſe Bluthaupt,“ 1 ge antwortete der Bote. 4 liz„ Der Reiſende zuckte zuſammen, drehete ſich aber ſich nicht um. Auch das ſonſt unbewegliche Geſicht des 1 ſel Juden Moſes verrieth eine plötzliche Erregung. ihm„Gehen Sie!“ ſagte er zu dem Manne, der 1 nem 6 ihm den Ring noch immer hinhielt. 1 „Zwanzig Thaler!“ flüſterte dieſer;„aber be— licken eilen Sie ſich nicht; ich kann warten.“ ſeing 2 Dann ſetzte er den Hut auf, entfernte ſich und Das. ſchritt mitten durch den ſtaubigen Haufen von aller⸗ Nei⸗ lei Geräth hindurch, die ſich da befanden. Fritz verſuchte das Geſicht des Fremden zu ſehen, acht⸗ 1 aber es gelang ihm nicht. der Der Wucherer blickte ihm ängſtlich nach. das„Kommen Sie näher,“ ſagte er zu Fritz. Dann — ſetzte er leiſer hinzu: geg⸗„Sie haben einen Auftrag?“ 1“ 1.„Ja, einen Auftrag von Zachäus Nesmer, dem die Intendanten in Bluthaupt,“ antwortete Fritz. eine Die grauen Augen des Juden hefteten ſich gierig agl⸗ auf ihn. „Herr Zachäus ſchickt mich zu Ihnen,“ fuhr 26 der Bote fort,„um Ihnen die Worte zu ſagen: die Stunde iſt gekommen.“ Der Jude nahm dieſe Worte durchaus nicht mit derſelben Gleichgültigkeit auf wie Herk von Regnault und der Ungar Nanos. Seine Hand zitterte, wäh⸗ rend er ſeine Brille feſtzuſetzen verſuchte. „Die Stunde iſt gekommen!“ wiederholte er; „die Stunde iſt gekommen.“ Dann ſetzte er ſtill bei ſich hinzu, während er die Augen zudrückte:„ich bin ein armer Mann; ich habe Kinder! Herr, der Du ſie mir gegeben haſt, Du wirſt mich dafür nicht ſtrafen, daß ich ſie mäch⸗ tig auf Erden zu machen ſuchte!“ Fritz war vor dem Schreibpulte ſtehen geblieben. „Es iſt gut,“ ſagte Moſes zu ihm. „Ich habe Durſt,“ entgegnete der Bote, der einen dritten Schoppen Wein erwartete. „Rebecca!“ rief Moſes nach der alten Frau; „gieb dem Manne Waſſer!“ Fritz zuckte die Achſeln, kehrte dem Juden den Rücken zu und ging brummend hinaus. Moſes Geld dagegen ſtand haſtig auf und zog über ſeinen abgeſchabten Rock einen Mantelrock von Wachsleinwand, deſſen Alter Niemand angeben konnte. Er hatte den Fremden ganz vergeſſen. „Zwanzig Thaler!“ ſprach dieſer indem er leiſe wieder näher trat. 27 Der Jude zog ohne ein Wort zu ſagen einen Kaſten aus ſeinem Pulte und zählte die Summe hin.. nit ¹ Der Reiſende gab ihm den Ring. ult p„Es wäre möglich,“ ſagte er indem er dem h⸗ Wucherer ins Geſicht ſah,„daß wir einander in dem Schloſſe Bluthaupt wieder träfen, mein werther r Herr Geld. Alſo ohne Abſchied.“ Als Moſes allein war, ſtrich er mit beiden Hän⸗ de den über ſeine runzelige Stirn. ch„Herr! Herr!“ murmelte er;„dieſer Mann ſ, hat es gehört und errathen! Ach, was ich thue, ge⸗ h⸗ ſchieht für meine armen Kinder.“ Er begab ſich in das glänzend meublirte Zim⸗ n.. mer, in welches der Bote vorher neugierig geblickt hatte. de„Ruth,“ ſagte er zu der ſchönen Frau auf dem Sopha,„iich verreiſe... Ich erwarte zwei Aſſociés, u;. die mich zu dem Chriſten begleiten ſollen, deſſen Erbe ich gekauft habe. Ich werde wahrſcheinlich n zwei ganze Tage abweſend ſein,... vielleicht noch länger.“ 0g„Der Herr ſei mit Dir, Moſes,“ antwortete ü die junge Frau, die ihre ſchöne Stirn hinhielt, auf dn die der Jude ſeine bleichen Lippen drückte. 3 Laͤchelnd kamen die drei Kinder zu ihm, um ſich iſe liebkoſen zu laſſen. Er zog ſie alle drei zu gleicher A 28 Zeit an ſeine Bruſt und betrachtete eines nach dem andern mit entzückten Blicken. „Meine kleine Sara,“ flüſterte er,„wie ſchön wirſt Du werden! Eſther, meine ſüße Hoffnung! Abel, mein geliebter Sohn!... Es geſchieht für Euch, für Euch!“ Er nahm dann eines nach dem andern und drückte ſie mit liebevoller Zärtlichkeit an ſein Herz. „Verſchließe alle Thüren wohl, Ruth,“ ſagte er indem er fort ging;„die, welche kommen werden, haben ein ſcharfes Auge und dürfen nicht wiſſen was unſre Wohnung enthält. Herr, wenn ſie dies ſähen,“ ſetzte er leiſer hinzu,„würden ſie mich für reich hal— ten und mich berauben.“ Die Thüre ſchloß ſich hinter ihm während er das leere Gemach betrat, das gerade auf die Juden⸗ gaſſe ging. Nach einigen Minuten hörte man Pferdegetrap⸗ pel in der Straße. Drei Reiter hielten vor dem Hauſe: der Herr von Regnault, der Ungar Nanos Georgyi und ein Diener, der ein Pferd für Moſes führte.— „Aufgeſeſſen!“ rief Herr von Regnault ohne abzuſteigen.„Wir wollen eilen, Freund Geld, denn wir haben einen weiten Weg vor uns... auch glaube ich eben am Ende der Straße ein Ge⸗ ſicht nen und den dieſe war! endie ritt der zua Jud ſtal zen h dem ſchön ung G t für rückte ſagte den, was en,“ hal⸗ d er Iden⸗ 29 ſicht geſehen zu haben, dem ich nicht zweimal begeg— nen möchte...“ Der Jude ſchwang ſich ungeſchickt auf ſein Pferd und die alte Rebecca ſchob die Breter vor, welche den Laden von außen verſchloſſen. Gewiß fragten dieſen Morgen viele Bewohner der Judengaſſe, warum Moſes Geld ſeine Arbeit ſo frühzeitig be— endigt habe, da es doch nicht Sabbat ſei. Unſre drei Gefährten brachen auf. Der Ungar ritt voraus; er war ein bewundernswürdiger Reiter, der ſtolz im Sattel ſaß und ſeinen kriegeriſchen An— zug trug. Mehr als eine Rahel, mehr als eine Judith drehete ſich um, ſeine ſchöne männliche Ge— ſtalt zu ſehen. Manche Salome mit weichem Her⸗ zen ſeufzete ſeinem Schnurbarte nach. Hinter ihm ritt der Herr von Regnault, der nach der neueſten Pariſer Mode gekleidet war und einen hellen flammenfarbigen Frack mit großen Schöpskeu⸗ lenärmeln, runden und bauſchigen Klappen und ſchmalen Schößen, die wie ein Fuchsſchwanz herab⸗ hingen, Faltenbeinkleider, die wie ein Luftballon bauſchten und unter dem Stiefel durch ſchmale Leder⸗ riemen gehalten wurden, eine ſchwarze Cravatte mit einer großen Schleife, einen kleinen Hut, das Haar à la Karl X., dicht an den Schläfen angeſtrichen und einen Backenbart à la Guiche trug. Es war als ſähe man ein Modenbild von 1824. 30 Die Töchter Israels hatten auch für ihn einige Blicke, aber nur wenige; es blieb für ihn nur übrig, was von dem Herrn Yanos abfiel. Der Jude ritt zuletzt, in ſeinen Mantel gehüllt, das Geſicht unter den breiten Krempen eines alten Hutes verſteckt, der bei feſtlichen Gelegenheiten ſeine Pelzmütze erſetzte. Herr von Regnault ſah im Anfange häufig be⸗ ſtürzt rechts und links; je weiter er aber kam, um ſo mehr heiterte ſich ſeine Stirn auf und um ſo voll— ſtändiger erſchien ſein liebenswürdiges Lächeln wie— der. Der Jude behielt ſein gewöhnliches Anſehen und dachte an die Worte des Mannes mit dem Ringe. Sie ritten im Trabe durch das Judenviertel und gelangten in die Chriſtenſtadt. Herr von Regnault erhielt ſeine gute Laune gänzlich wieder und ſein hei— teres Geſpräch gereichte der franzöſiſchen Luſtigkeit zur Ehre.— Mit einemmale aber wurde er todtenbleich und ein begonnener Scherz erſtarb auf ſeinen Lippen. Man kam eben um die Ecke einer Straße an die alten Wälle. Ein modiſch gekleideter Reiter im Reiſemantel war ſo dicht an den drei Gefährten vorübergeritten, daß ſein Pferd und das des Ungarn beinahe an ein⸗ ander gekommen wären. 31 tuh Der Reiter ſetzte ſeinen Weg fort, ohne ſich um⸗ V übrig, zuſehen. 8 Regnault hatte ſein Pferd raſch angehalten; ſeine hüll, Züge ſahen verſtört aus und kalter Schweiß trat auf Alten ſeine Stirn. Im„Ob er mich geſehen hat?“ ſtammelte er, ohne daß er die geſenkten Augen aufzuſchlagen wagte. Der Ungar ſah ihn verwundert an. Der Jude ·, um ſaß mit offenem Munde auf dem Pferd und fing an voll⸗ zu zittern. fg be⸗ ſhn H hat Sie nicht geſehen,“ antwortete endlich Puge Herr von Regnault holte tief Athem und ſah lund empor. Sein Blick folgte dem Reiter, der ruhig ſei⸗ 4 nen Weg forttſetzte. 4 Es war der Fremde, den wir im Poſthauſe zu Frankfurt geſehen haben und den der Bote Fritz Vicomte von Audemer genannt hatte. Moſes Geld Hund hatte den Mann in ihm erkannt, der ihm einen Ring 3 1 mit eingeſtochenem Wappen verkaufte. n die Das Geſicht Regnaults war gänzlich verändert. Sein vorher lächelnder Mund hatte jetzt einen angſt— nantel vollen Ausdruck; ſeine Wangen waren bleich und ritt, ſeine Augenbraunen krampfhaft empor gezogen. Er ein⸗ faßte ſeinen Mantel und hüllte ſich ganz ein. „Zweimal!“ flüſterte er;„Wenn wir ihm zum 32 drittenmale begegnen, ſpiele ich das hohe Spiel nicht weiter.“ „Sie kennen den Mann?“ fragte der Ungar. „Vorwärts, ihr Herrn!“ ſagte Regnault, ſtatt auf die Frage zu antworten;„wenn er die Poſt⸗ ſtraße einſchlägt, bleibt uns der Feldweg.“ Er trieb ſein Pferd an und während er ſein Ge⸗ ſicht mit dem aufgeſchlagenen Kragen ſeines Man— tels vollends verhüllte, ſetzte er hinzu: „Ich hätte das erwarten ſollen! früher oder ſpäter mußte er kommen... und da er gekommen iſt, giebt es ein Duell auf Leben und Tod. Meine Herrn,“ fuhr er in bedächtigem Tone fort,„dieſer Mann hat unſer Aller Glück, vielleicht unſer Leben in ſeiner Hand... Er begiebt ſich ſicherlich in das Schloß Bluthaupt und... er muß unterwegs ſterben.“ Das ſchöne Geſicht des Ungar blieb kalt, das des Juden aber wurde unter den herabhängenden Hutkrempen leichenblaß. „Herr! Herr!“ murmelte er;„er reitet aller⸗ dings nach dem Schloſſe Bluthaupt.“ Sie waren jetzt über die Gärten hinaus, welche ſich an der Stelle der ehemaligen Feſtungswerke be⸗ finden. Rechts von ihnen auf der Straße nach Heidelberg, rollte in dieſem Augenblicke der Poſt⸗ wagen im Galopp dahin. Vorn im Cabriolet ſaß derje Poßt 4 gena Nebe die nicht gar. ſtatt Poſt⸗ n Ge⸗ Man⸗ oder umen hei Neine dieſer Leben ch in wegs „das 33 derjenige Mann im rothen Mantel, dem wir in dem Poſthauſe ſchon begegnet ſind. Aber der Baſtard von Bluthaupt, wie ihn Fritz genannt hatte, ſchien ſich vervielfältiget zu haben. Neben ihm ſaßen noch zwei andre junge Männer, die eben ſo auffallend gekleidet waren. Einige Minuten lang konnte man die rothe Farbe ihrer Mäntel erkennen, dann verſchwand alles in der Ferne. Links auf der Poſtſtraße nach Obernburg ritt allein der Vicomte von Audemer. Unſere drei Gefährten ſchlugen den ſchmalen Feld⸗ weg ein, der direct in dieſelbe Stadt führt und ſetzten ihre Pferde in Galopp, offenbar um dem einſamen Reiſenden vorauszukommen. Zweites Kapitel. — Die Hölle von Zluthaupt. 3 Der Vicomte Raymond von Audemer überließ den Zügel ſeinem Pferde und blickte zerſtreut in der Gegend umher; ſeine Gedanken waren fern von den Gegenſtänden, die ihm umgaben. Er dachte an Frank⸗ reich, wo zwei ihm theuere Weſen durch ſeine Ent⸗ fernung litten und auf ſeine Rückkehr warteten. Herr von Audemer war nach Deutſchland ge⸗ kommen, um einen Elenden zu ſuchen, der ihm ſein ganzes Vermögen geſtohlen hatte und dann um das Geheimniß aufzuklären, welches den Tod des Gra⸗ fen Ulrich von Bluthaupt, des Vaters ſeiner Gattin, umhüllte.. Es war dies eine ſehr dunkele Geſchichte. Ulrich war unter dem Dolche gefallen und der Name ſeiner Mörder zu den Ohren des Herrn von Audemer ge⸗ drun Ban Ein erließ in der n den Kank⸗ Ent⸗ d ge⸗ ſein das Gra⸗ attin, llrich ſeiner r ge⸗ tge 3⁵ drungen; aber dieſe Mörder ſtanden durch geheime Bande mit ſehr mächtigen Perſonen in Verbindung. Ein geheimer Schutz ſicherte ſie und obwohl die Aben⸗ teurer ohne Familie und Anſehen waren, hatte doch die deutſche Juſtiz die Augen für ſie zugedrückt. Man ſagte, ſie wären bei dieſer Gelegenheit die Werkzeuge eines unantaſtbaren Willens geweſen; ſie ſollten zu jener geheimen Polizei gehören, welche die deutſchen Fürſten, wie man ſagt, lange nach dem Sturze des franzöſiſchen Kaiſerreichs unterhielten. Man verſicherte ſogar, ihr Herr ſei der Czar. Es waren ſechs und drei davon kennen wir be— reits— den Ungar Yanos Georgyi, den Herrn von Regnault und den Wucherer Moſes Geld. Die an⸗ dern waren Zachäus Nesmer, der Intendant Gün⸗ thers von Bluthaupt, des ältern Bruders des unglück⸗ lichen Grafen Ulrich, Fabricius van Praet und der portugieſiſche Doctor Joſe Mira. Niemand hatte ſie beunruhiget, obgleich der Graf Ulrich viele Freunde gehabt. Seine drei Söhne, welche dem Mannesalter nahe ſtanden, würden viel⸗ leicht das Werk der Rache unternommen haben, aber ſie waren ſelbſt ſtark bei der Verſchwörung der Bur⸗ ſchenſchaft gefährdet und ihre Stimmen drangen nicht zu den Gerichtshöfen. Sie hatten nacheinander die Univerſität Jena, Halle und Heidelberg beſucht. Ihr Vater, der einer V 36 der glühendſten Gegner der Könige geweſen war, hatte in ihnen gleichgeſinnte Nachfolger. Trotz ihrer Jugend galten ſie für die Häupter des Univerſitäten⸗ bundes. Sie waren zwanzig Jahre alt, Drillinge und von unehelicher Geburt. Sie führten den Na⸗ men Bluthaupt nicht.“ Man ſprach viel von ihnen in der Pfalz und in Baiern, aber Wenige kannten ſie. Bei Lebzeiten ihres Vaters bewohnten ſie das Schloß Rothe am Rhein, unfern von Heidelberg. Seit dem Tode Ulrichs führten ſie ein unſtätes Le⸗ ben, durchzogen Deutſchland in allen Richtungen und flüchteten ſich nach Frankreich, wenn ihre Freiheit bedroht war. Die ehemaligen Unterthanen von Rothe hingen ihnen mit großer Liebe an und die übrige Gegend nahm ein romanhaftes Intereſſe an ihnen. Man liebte ſie, wie man in Deutſchland die Helden der Balladen und Legenden liebt. Aber dieſe Liebenſchloß gleichwohl eine gewiſſe Furcht nicht aus. Sie waren aus der Familie Bluthaupt, an die ſich ſeit undenk⸗ licher Zeit diaboliſche Sagen knüpften. Als ſie ſich nach Frankreich begaben, nahm ſie Audemer auf, der Gatte ihrer Schweſter Helene. Der Vicomte war ſchon lange mit der Familie Bluthaupt verbunden. Er und ſein Vater hatten bei der Auswanderung gaſtliche Aufnahme in dem Schloſſe Roth ſeine zer, tion eines des ſeine en var, oß ihrer nitäten⸗ rilling en Na⸗ und i in ie das elberg. tes Le⸗ tungen reiheit Hingen Degend Man en der ſchloß varen denk⸗ zmm ſte ge. amilie en bei hloſſe — 37 Rothe gefunden. Der Vicomte war da geblieben von ſeiner Kindheit an bis zum Sturze des Kaiſerreichs. In dieſer Zeit war der Graf Ulrich zer, arbeitete ſo viel er vermochte an tion des ältern Zweiges der Bourbo 1s eines der thätigſten Mitglieder des des. Der junge Vicomte von Au ſeine Bemühungen mit den ſeinigen un beid mit einander unter den Ge gnern Napoleons gekämpft. Später ſollte Graf Ulrich unter dem Dolche ei⸗ nes ruſſiſchen Agenten fallen, aber das politiſche La⸗ byrinth eines deutſchen Kopfes iſt nicht leicht zu er— hellen. Die Mitglieder der Burſchenſchaft, zu der auch Carl Sand, der Mörder Kotzebue's gehoͤrte, waren Roſenkreuzer, welche dem Kaiſer Alerander ſolgten und mit Blücher kämpften. Später trieben ſie Ver⸗ ſchwörungen, aber ſolche Verſchwörungen kommen ſelten bis zum tragiſchen Schluſſe. Ulrich von Blut⸗ haupt war eine unglückliche Ausnahme und ſein Tod wurde gewiſſermaßen eine Wiedervergeltung für die Ermordung des ruſſiſchen Agenten Kotzebue. Seine beiden Töchter waren zur Zeit ſeines To⸗ des bereits verheirathet, die ältere, die Gräfin He⸗ lene, mit dem Vicomte von Audemer, die jüngere, die Gräfin Margarethe, mit päpſtlichem Conſens, 38 mit dem ältern Bruder ihres Vaters, dem alten Gün⸗ ther von Bluthaupt. ſeltſame Ehe ließ ſich durch die gegenſeitige aaft der beiden Brüder nicht erklären: Gün⸗ ter und liebte die Einſamkeit; er und en inander nur ſelten; aber Günther hatte eine K e Knndern d es war gut, den größern Theil der i Güter der Bluthaupt in Eines zu vereinigen. Uebrigens beſtand in der Familie eine Sage, die al⸗ lerdings Beachtung verdiente. Das Blut der Bluthaupt, ſagte eine alte Le⸗ gende, befruchte ſich durch ſich ſelbſt und ſo oft der Name dem Verlöſchen nahe geweſen, hatte, wie die Urkunden in dem Archive nachwieſen, ein alter Graf eine Nichte oder hübſche Couſine geheirathet. Margarethe war ein ſanftes Kind, das dem Wil⸗ len des Vaters nicht zu widerſtehen vermochte. Viel⸗ leicht hatte ſie ſchon die erſte Liebesregung empfun⸗ den, welche das Herz der Mädchen erfüllt; vielleicht befand ſich unter den Nachbarn des Schloſſes Rothe irgend ein junger Herr, deſſen Anblick eine lebhaf⸗ tere Röthe auf ihr jungfräuliches Geſicht trieb und den Vorhang ihrer Lider auf ihre großen reinen blauen Augen herabſenkte; aber ſie konnte nur Worte des Gehorſams ſprechen und willigte ein die Frau des Greiſes zu werden. — 39 moine Sie küßte weinend ihre drei betrübten Brüder und reiſete ab. eſeitige Das ſchwere Thor des Schloſſes Bluthau t ſchloß Gün⸗ ſich hinter ihr und trennte ſie für unne von denen, er und welche ſie geliebt hatte.“ er hatte Ein ganz andres war das Schicſ 1 1 heil der Sie liebte den Herrn von Audemer mit Lei 1 inigen. und erhielt oft den Beſuch der drei Bi die al⸗ Hauſe des Vicomte in Paris. Die drei Jünglinge 1 vergaßen da den politiſchen Auftrag, den ihnen ihr 11 lte L Vater gegeben hatte. Man ſprach von dem Gluͤcke. oft dr der Gegenwart und von dem Glücke der Zukunft; 1 wiedi man lächelte, wenn man das ſchöne Kind in der ℳ Wiege, den Sohn Helenens, betrachtete. Nur der rmm Gedanke an die arme Margarethe trübte bisweilen— dieſes Glück. m Vil⸗ Wie erging es ihr in dem duͤſtern Schloß Blut⸗ Vill⸗ haupt? 2 pfun⸗ Der Graf Günther wieß die drei Söhne Ul⸗ elleicht richs von demſelben zurück, denn er haßte und ver⸗ Rothe achtete ſie, weil ſio von unehelicher Geburt waren.——₰ lebhaf⸗ Der Vicomteſbeſaß faſt gar kein eigenes Vermö⸗) eb und gen. Die Revolution hatte ihm das Erbe ſeiner 3 reinen Väter genommen. Seinen Wohlſtand bildete eine Vorte Penſion, die der Graf Ulrich zahlte und die die Mit⸗ Nrau gift ſeiner Frau ausmachte. Vor ſeiner Verheirathung hatte er in Paris den 40 Herrn v. Regnault gekannt, der für einen Mann von gutem Adel galt und in Geſellſchaft nicht un⸗ gern ge⸗ ſchen war. Einige 68 janden ihn ſchönz bt, ena Duelle mit Liberalen zu ſtammte, deußee man nicht, obwohl er ſeiner Katelgen Herkumft ſprach. Wo⸗ gab viel Geid a aus, um 3 einen Mann von Stand und Vermögen gehalten zu werden. Er ſtand in häufigem Verkehr mit Deutſchland und dies brachte ihm den Vicomte von Audemer nä⸗ her, auch ſandte der Graf Ulrich durch ihn die Pen⸗ ſion, welche die Mitgift ſeiner Tochter bildete. Herr von Regnault entledigte ſich dieſer Aufträge mit lie— benswürdiger Gefälligkeit und einer über jedes Lob erhabenen Pünktlichkeit. Uebrigens ſchien er dem Vi⸗ comte gänzlich ergeben zu ſein und dieſer geſtand ihm bald einen großen Platz in ſeiner Freundſchaft zu. Herr von Regnault war nicht der Mann, der dieſen Zuſtand lange unbenutzt ließ. Er machte An⸗ leihen bei dem Vicomte und nach einigen Monaten hatte dieſer ihm die ganze Summe anvertraut, welche ſein Vermögen ausmachte. Unterdeß erfolgte plötzlich der Tod des Grafen Ulrich. Raymond von Audemer hegte anfangs keinen Arg. dam Anth Extr aber ſchti eine und hen und An⸗ naten velche rafen einen — 41 Argwohn. Er trug Herrn von Regnault, der ſich damals gerade in Deutſchland befand, auf, ſeinen Antheil an dem Erbe zu verkaufen und ihm den Ertrag zu ſenden. Regnault wünſche nichts mehr als zu verkaufenr; aber darauf beſchränkte ſich ſeine Gefalligkeit. Er ſchrieb an den Vicomte, daß die ganze Summe bei einem reichen Banquier in Frankreich angelegt ſei und rieth ihm, das Geld bis auf neue Ordre da ſte⸗ hen zu laſſen. Dann kehrte er nach Paris zurück und führte ein vergnügtes Leben. Raymond von Audemer hegte kein Mißtrauen. Die Anweſenheit Regnaults beruhigte ihn ſogar noch mehr. Er war nun reich. Seine gute und ſchöne Frau liebte ihn mit unveränderlicher Liebe. Der kleine Julien, ſein Sohn, ein ſchöner Engel mit blondem Haar, gleich ſeiner Mutter, wuchs kräftig heran. Der Vicomte beſaß das Herz und den Ver⸗ ſtand, um dieſe ehelichen und Familienfreuden voll⸗ ſtändig zu würdigen und zu genießen. Es gab kei⸗ nen glücklichern Menſchen in der Welt als ihn. Eines Morgens klopfte eine Frau, deren Anzug die bitterſte Armuth verrieth, an die Thüre ſeines Hauſes an und blieb lange bei ihm in ſeinem Zimmer. An demſelben Tage ſtiegen drei Reiſende, die aus Deutſchland kamen, drei Jünglinge in rothen Mänteln, in dem Hauſe des Vicomte ab, der ſie 42 wie drei liebe Brüder aufnahm. Die arme Frau, die früh mit ihm geſprochen, batte oftmals den Na⸗ men Regnault genannt. Und auch in dem Ge⸗ ſpräche der jungen Reiſenden kam dieſer Name oft⸗ mals vor. Als dieſer Herr erſchien, um ſeinen ge⸗ wöhnlichen Beſuch zu machen, empſtng ihn Herr von Audemer kalt und ernſt. Er hatte an dieſem Tage die Gegenwart und Vergangenheit des kühnen Aben⸗ teurers kennen gelernt, der ſein Vertrauen erſchlichen. Die adelige Familie des„Ritters“ von Re⸗ gnault, wie er ſich nannte, ſtammte aus einem La⸗ den auf dem Trödelmarkt in Temple zu Paris. Ja⸗ cob Regnault, der ſchon in ſeiner Kindheit unter den Kindern dieſer permanenten Meſſe in übelem Rufe geſtanden, hatte eines Tages das väterliche Haus verlaſſen, aber die ganzen Erſparniſſe der Familie mitgenommen. Sein Vater war alt; er ſtarb, ehe er ſich von ſeinem Verluſte erholt hatte. Seine Mutter, ſeine Brüder und Schweſtern vegetirten in ihrer Armuth fort, die ſein Werk war. Allerdings wußte der Ritter nichts davon. Er hatte zu viel zu thun, als daß er ſich um ſeine Fa⸗ milie kümmern konnte. Seine Multer war es geweſen, die früh mit dem Vicomte geſprochen hatte. Die drei Waiſen hießen Otto, Albert und Götz und ware Brüder H Sie! der Erne Namend ters von Dieſ hatte, w faſt ein Der gen und ſen, in Schlim Ei ließ ke A war e ( J Bangl es geh dazu, mittell noch a mit ei § lein; E au, die en Na⸗ n Ge⸗ ie oft⸗ ten ge⸗ rr von Tage Aben⸗ ichen. nRe⸗ n La⸗ Ja⸗ er den Nufe Haus aamilie h von ſeine muth Er e Fa⸗ t dem Götz 43 und waren die Söhne Ulrichs von Bluthaupt, die Brüder Helenens. Sie hatten dem Vicomte mitgetheilt was ſie von der Ermordung ihres Vaters wußten, ihm auch die Namen der Mörder genannt, darunter den des Rit⸗ ters von Regnault. Dieſer Mann, den Raymond Freund genannt hatte, war ein Dieb, ein Polizeiſpion, ein Mörder, faſt ein Vatermörder Der Vicomte konnte ſeinen Unwillen nicht ber⸗ gen und Regnault entfernte ſich, ſchmachvoll verwie⸗ ſen, im Ganzen aber doch zufrieden, denn er hatte Schlimmeres gefürchtet. Eine Stunde ſpäter verließ er Paris und hinter⸗ ließ keine Spur. Als Audemer ſich ſeiner Perſon verſichern wollte, war es zu ſpät. Die angebliche Anlegung des Geldes bei einem Banquier in Frankfurt war natürlich eine Lüge, und es gehörten kaum viermal vierundzwanzig Stunden dazu, den Vicomte zu überzeugen, daß er gänzlich mittellos ſei. Es war ihm gar nichts geblieben. Die noch am Tage vorher ſo ſtrahlende Zukunft hatte ſich mit einem dunkeln Schleier umhüllt. Helene wußte von allem dem nich s; er litt al⸗ lein; er litt ſchmerzlich und lange. Er verbrachte ſeine Zeit mit vergeblichen Nach⸗ 44 . forſchungen und ſuchte den Aufenthalt Regnaults zu ermitteln, aber Regnault reiſete in England oder in Italien und gab vergnügt die letzten Ducaten von der Hinterlaſſenſchaft des Grafen Ulrich aus. Eine ſchwere Aufgabe war es für Audemer, ſei⸗ ner Frau ſtets ein heiteres und ruhiges Geſicht zu zeigen. Seine Augen füllten ſich unwillkührlich mit Thränen, wenn er dem Spiele ſeines Kindes zuſah, das ſchalkhaft lächelte und in den ſanften Augen ſei⸗ ner Mutter einen Strahl von Stolz erweckte. Naymond entging dem Seelentode; ganze Tage lang irrte er allein umher und betrachtete neidiſch die ſchwieligen Hände der Arbeiter auf der Straße, jene rauhen und muthigen Hände, welche Brod für eine ganze Familie verdienen können. Einmal überflog die Stirn Helenens eine züch⸗ tige Röthe unter ſeinem Morgenkuſſe. Mit nieder⸗ geſchlagenen Augen, aber mit lächelndem Munde flüſterte ſie ihm einige ſchüchterne Worte zu. Welche Freude würde ſie zwei Monate vorher bereitet haben, und welchen Schmerz verurſachte heute die unerwar⸗ tete Mittheilung! Helene fühlte, daß ſie zum zwei⸗ tenmale Mutter werden ſolle. Raymond drückte ſie an ſein Herz und ſuchte ih⸗ rem Lächeln dur h Lächeln zu antworten. Am andern Tage erhielt er Nachrichten aus Deutſchland, die ihm die Anweſenheit Regnaults in — der Unges ihn in ndel en Güntt Nayln Vatersll Er w und woll wo ihm, Mal lan Mittel; ſein all Schlec net; h Veugen Obernl begann ließen. V ſtraße. von d dults zu od er in von der er, ſei⸗ ſiht zu ich mit zuſah, en ſei⸗ Tage ſch die e, jene ir eine t züch⸗ nieder⸗ Munde Welche zaben, erwar⸗ 45 der Umgegend von Frankfurt meldeten. Man hatte ihn in dem Schloſſe Bluthaupt, bei dem alten Gra⸗ fen Günther geſehen. Raymond ſchützte vor, endlich die Erbſchaft des Vaters Ulrich zu erheben und reiſete obne Verzug ab. Er war am Morgen in Frankfurt angekommen und wollte das Schloß ſobald als möglich erreichen, wo ihm, wie er glaubte, wenigſtens ſeine Schwäge⸗ rin Margarethe jeden möglichen Beiſtand leiſten würde. Helene und Margarethe liebten einander ja ſo zärtlich. Regnault zu finden und ihn durch alle mögliche Mittel zur Rückgabe des Geldes zu zwingen, war ſein alleiniger Zweck. Vielleicht hatte er die kalte Schlechtigkeit dieſer Menſchen nicht genuͤgend berech— net; wenigſtens hoffte er noch immer ihn durch die Vergebung zu beſiegen. — 3* Der Ungar, Moſes und Regnault kamen zuerſt in Obernburg an. Sie wechſelten da die Pferde und es begann bereits zu dunkeln als ſie die Stadt ver⸗ ließen. Von Obernburg nach Eſſelbach führt keine Poſt⸗ ſtraße. Das Schloß Bluthaupt liegt eine Stunde von der ſchlecht unterhaltenen Fahrſtraße, welche die beiden Orte verbindet. Als unſere Reiſenden dieſe 46 Straße erreicht hatten, nahmen ſie das unterbro⸗ chene Geſpräch wieder auf. Regnault hatte ihnen das Vorſtehende erzählt und ſein letztes Zuſammentreffen mit Audemer in ſeiner Weiſe geſchildert.. Der Jude ſeufzete Ach und Weh ſo tief er konnte. Yanos Georgyi vermochte zwar ſeine Unruhe mehr niederzuhalten, zog aber die ſchwarzen Augenbraunen unter ungewöhnlichem Nachdenken zuſammen und wurde immer beſorgter. Nur der Ritter von Regnault hatte den lächelnden ſüßlichen Ausdruck ſeines Ge⸗ ſichtes wiedergefunden. Er pfiff leiſe ein modiſches Liedchen vor ſich hin und ſchien nahe daran zu ſein, ſich über die Aengſtlichkeit luſtig zu machen, in die er ſeine Gefährten gebracht. „Ich glaube nicht, daß Sie lügen,“ ſagte end— lich der Ungar, indem er Regnault ſcharf anſah. Dieſer verbeugte ſich ſchweigend. „Wer konnte ihm aber Nachricht gegeben haben?“ fuhr Yanos fort. „Ich habe zwar die Baſtarde nie geſehen,“ ent⸗ gegnete Regnault,„aber ich wette, daß ſie an jenem Tage bei Audemer waren.“ „Wie hätten ſie Kenntniß davon erlangen ſollen?“ „Sie ſollen vielerlei wiſſen. Gewiß iſt, daß der Vicomte a ander.“ „Hert Ungau ge ſchlug und „Der aber wo verderben (Na 6 Die die Fahrſt zu wende Grafen( Das —₰ geändert Schloſſ hervor jagte. 1 er auf über di men,. Sie nut hie pelte F ihnen der ſich Re terbro⸗ erzaͤhlt mer in onnte. mehr aunen n und Jnault § Ge⸗ diſches ſein, in die — 47 Vicomte alle unſere Namen nannte, einen nach dem andern.“ „Herr! Herr!“ ſeufzete der Jude, während der Ungar gewaltig mit der Fauſt auf den Sattelknopf ſchlug und leiſe ſprach: „Der Vicomte von Audemer iſt in unſerer Hand, aber wo ſollen wir die Baſtarde finden, die Gott verderben möge!“ Die Reiſenden verließen in dieſem Augenblicke die Fahrſtraße, um ſich nach einem bergigen Fußpfade zu wenden, der gerade an das Schloß des alten Grafen Günther führte. Das Wetter hatte ſich ſeit dem Vormittage nicht geändert; es ſtürmte... Als ſie in die Nähe des Schloſſes kamen, trat der Mond hinter den Wolken hervor, welche der Sturm ſchnell am Himmel hin⸗ jagte. „Da liegt Bluthaupt,“ ſagte Regnault indem er auf die hoͤchſte Spitze der kleinen Bergkette wieß, über die ſie eben ritten.„Der Vicomte wird kom⸗ men,... wir müſſen einen Entſchluß faſſen.“ Sie befanden ſich an einer wilden Stelle, wo nur hier und da einige Eichengebüſche und verkrüp⸗ pelte Fichten wuchſen. Etwa funfzig Schritte von ihnen begann ein Wald von hohen Lärchenbäumen, der ſich am Berge hinaufzog. Regnault hielt ſein Pferd an. 48 „Dort am Ende liegt die Hölle,“ ſprach er leiſe, während er vor ſich hinzeigte. „Ich begreife Sie nicht,“ ſagte der Ungar; „es kommt ein Mann; ſeine Anweſenheit iſt für uns gefährlich; es iſt Nacht; ich bin bewaffnet, Was brauchen wir weiter?“ Regnault zuckte die Achſeln und antwortete: „Die Piſtolen ſind geſchwätzige Freunde; ich ſage: da unten liegt die Hölle.“ „Es iſt gräßlich, einen Menſchen zu ermorden!“ fiel der Jude in ſehr ernſtem Tone ein, denn er fürch⸗ tete ſich ſehr. Regnault ritt zu dem Ungar und ſprach einige Secunden lang leiſe mit ihm. Während des Ge⸗ ſprächs wieß er häufig nach dem Theile des Gebir⸗ ges, welches er„die Hölle“ genannt hatte. Der Jude, der in geringer Entfernung hielt und an allen Gliedern zitterte, wenn er den Wind in den hohen Lärchen rauſchen hörte, ſtieß in dieſem Augen⸗ blicke einen halb erſtickten Schrei aus. „Dort!“ rief er und zeigte mit dem Finger vor ſich hin. Regnault und Yanos wendeten raſch die Augen nach der bezeichneten Richtung hin und glaubten einen Gegenſtand zu erblicken, der ſich unter den Bäumen bewege. Aber es währte nur einen Augenblick; der Mond, der bald bedeckt bald frei war, verrückte die Stelle fott ein gewiſe Sie g „Gut Geringſchö zu kämpfer „Auf Nitter von bei Tſche Moſer ſeinem Pf und jagte weiter, a Neg. wartete! welche deckte d Zittern Er ſich fürch Die Stunde ſorgt au ten ihn hätte R Ob J. er leiſe, Ungar 3 für uns e; ich den!“ fürch⸗ einige es Ge⸗ Gebir⸗ jelt und din den Augen⸗ ger vor Augen en einen Baumen 49 Stelle fortwährend und gab ſelbſt der lebloſen Natur ein gewiſſes phantaſtiſches Leben. Sie glaubten ſich getäuſcht zu haben. „Gut Glück!“ ſagte der Ungar im Tone der Geringſchätzung zu Regnault.„Jeder hat ſeine Art zu kämpfen; mir gefällt die Ihrige nicht. Adieu!“ „Auf baldiges Wiederſehen!“ antwortete der Ritter von Regnault.„Heben Sie mir einen Platz bei Tiſche auf.“ Moſes benutzte die ihm gegebene Erlaubniß, gab ſeinem Pferde einen tüchtigen Hieb mit der Reitpeitſche und jagte im Galopp davon. Yanos ritt ebenfalls weiter, aber im Schritt. Regnault blieb allein mitten auf dem Wege und wartete ſteif und unbeweglich im Sattel. Die Nacht, welche in dieſem Augenblicke ſehr finſter war, ver⸗ deckte die Todtenbläſſe ſeines Geſichtes ſo wie das Zittern aller ſeiner Glieder. Er fürchtete ſich; aber es giebt Menſchen, die ſich fürchten und doch wagen.. *.. 3.** A Die Nacht hatte den Vicomte von Audemer eine Stunde vor dem Schloſſe überraſcht. Er ritt unbe⸗ ſorgt auf der Straße hin und ſeine Gedanken beſtürm⸗ ten ihn zu ſehr als daß er gewöhnlichen Beſorgniſſen hätte Raum geben können. Ob er gleich einen großen Theil ſeiner Jugend I. 4 50 in Deutſchland bei dem Bruder des Grafen Günther verbracht, hatte er doch das Schloß Bluthaupt nie betreten und kannte die Umgegend deſſelben nicht. Er ritt im Trabe, ohne zu wiſſen, ob der Weg noch lang oder kurz ſei. Eine halbe Stunde nachdem er die Straße von Eſſelbach verlaſſen hatte, bemerkte er vor ſich mitten auf dem Wege eine dunkele Geſtalt, aber er ritt weiter, ohne im geringſten darauf zu achten. Die dunkele Geſtalt war ein Mann zu Pferde, in einen Mantel gehüllt, deſſen aufgeſchlagener Kragen das Ge⸗ ſicht verdeckte. Herr von Audemer kam bald an ihm vorüber. Einige Schritte weiterhin theilte ſich der Weg und führte auf der einen Seite nach dem Schloſſe, auf der andern nach der„Hölle.“ Hier hielt der Vicomte ſein Pferd an. Regnault hatte dies vorausgeſehen. Keiner der beiden Wege ſetzte den urſprünglichen geradezu fort; ſie bildeten eine Art Y, ſo daß der? Reiſende nicht wußte, ob er dem zur Rechten oder jenem zur Linken folgen ſollte. Audemer hielt unentſchloſſen an der Theilungs⸗ ſtelle und Regnault ritt ihm im Schritt nach. „Welcher Weg führt in das Schloß Bluthaupt?“ fragte der Vicomte. „Ich reite dahin,“ antwortete Regnault;„ven⸗ den Sie ſich rechts und reiten Sie gerade aus.“ — Reg Schauſoi unkenntli Der dem Weg Anfa wurde e Vicomte Reg. einmal! Gegenſte merkſam Schloſſe Crſchein wie die den Se R A Namen ein un der ſich liche ſte nach H De Abgrun teaus 1 Güncher haupt nie nicht. der Weg raße von ſch mitten wer ritt en. Die in einen ndas Ge⸗ dan ihm Regnault iden Wege ke bildeten te, ob er gen ſollte. Lheilungs⸗ ch. uthaupt?“ alt;„wen⸗ 2 11 alls. 51 Regnault war bei Gelegenheit ein ziemlich guter Schauſpieler und er hatte auch diesmal ſeine Stimme unkenntlich gemacht. Der Vicomte dankte ihm und ritt ohne Arg auf dem Wege hin, der zur„Hölle“ führte. Anfangs war der Weg ziemlich eben, bald aber wurde er beſchwerlich und holperig, ſo daß der Vicomte ſehr aufmerkſam ſein mußte. Regnault, der dicht hinter ihm folgte, glaubte einmal links von dem Lärchenwalde jenen beweglichen Gegenſtand zu bemerken, auf den der Jude ſchon auf— merkſam gemacht hatte. Die Umgegend des alten Schloſſes ſtand in dem Rufe, von übernatürlichen Erſcheinungen heimgeſucht zu werden und es irrten, wie die Sage ging, viele Schatten in der Nacht um den Schlund der„Hölle.“ Regnault aber fürchtete ſich nur vor den Lebendigen. Die„Hölle von Bluthaupt,“ deren ſchauerlichen Namen wir ſchon mehrmals erwähnt haben, war ein unermeßlicher Abgrund von länglicher Geſtalt, der ſich mitten in einem Plateau öffnete, deſſen weſt⸗ liche ſteil abfallende Seite den Weg von Eſſelbach nach Heidelberg überragt. Der Erdſturz, welcher dieſes Loch oder dieſen Abgrund gebildet hat, ließ die obere Fläche des Pla⸗ teaus unberührt, wo hundertjährige Lärchenbäume 4* —— A. 52 wachſen und ſie bildet ſo eine Art hängender Brücke über dem Abgrund, in welchem die Straße hinläuft. Von der Schlundöffnung bis zum Wege wachſen nur einige Büſche, welche die Felſenzacken kaum ver⸗ bergen, die durch den Erdſturz blos gelegt worden ſind, und ein dichtes Wurzelgeflecht hängt wie rieſige Franſen an dem Rande. Die Umwohner von Bluthaupt erzählen eine Menge ſchauerlicher Geſchichten von der„Hölle,“ deren täuſchende Ränder einen grünen Teppich über dem leeren Raume unten verlängern und ſo gleichſam ihr Opfer lächelnd anlocken, Schlünde, von denen die claſſiſchen Dichter ſo gern ſprechen. Schon mancher Fuß ſtrauchelte da im Zwielichte und ſtürzte in den Tod hinunter, wähnend er den feſten Boden zu betreten glaubte.* Noch ſch immer war es, wenn es ganz finſter geworden. Die Doppelreihe von Bäumen, die rechts und links von der„Hölle“ ſtand, ſchien abſichtlich da zu ſein, um die Täuſchung zu vollenden. Der Reiſende ſetzte ſeinen Weg fort, durch dieſe trügeriſchen t eg fort, 7 geriſch Führer ſicher gemacht und am andern Morgen fand man einen Leichnam mitten in der Tiefe auf der Straße. Einige Secunden nachdem das Pferd des Vicomte das Plateau erreicht hatte, blieb es mit einemmale ſtehen, ſtemmte die Vorderfüße mit aller Kraft ein und ſchna zu 3 1 blick ſtinct des wie die ſicilianiſchen Menſchen Der und das von Aude niß zu er Naſen ſe auf dem Ng floß ihm ſich al machen damit! di daran auf ert etwas er Brücke hinlaͤuf üft. wachſen um ver⸗ tworden ie rieſige hlen eine „Hölle,“ piich über gleichſam l üumihes 4 rſo gertt de da im waͤhrend ſabſichtlich n. Der geriſ chen rgen i fand ſe auf der es Vicomte einemmale K raft ein — und ſchnaubte gewaltig. Wäre Herr von Audemer zu Fuße gegangen, ſo würde es in demſelben Augen⸗ blicke mit ihm zu Ende geweſen ſein; aber der In— ſtinct des Thieres geht weiter als die Klugheit des Menſchen. Der Mond war hinter dicken Wolken verſteckt und das Gebirge lag in nebligem Dunkel da. Herr von Audemer neigte ſich vor und ſuchte das Hinder⸗ niß zu erkennen, das ihm den Weg verſperre. Der Raſen ſchien dichter und dunkeler zu ſein als ſonſt auf dem Wege,— weiter bemerkte er nichts. Regnault kam ihm nach und der kalte Schweiß floß ihm über das Geſicht. „Was hat er?“ murmelte er vor ſich hin. Audemer gab ſeinem Pferde die Sporen, aber es rührte ſich nicht von der Stelle. Regnault wollte ſchon fliehen; endlich nahm er ſich aber doch vor, noch einen letzten Verſuch zu machen; er nahm deshalb ſeine Reitgerte und gab damit dem Pferde des Vicomte einen fürchterlichen Hieb. Das erſchrockene Thier machte einen Satz vor⸗ wärts. Das Gebüſch öffnete ſich und die dürren Blätter daran raſchelten. Aus der Tiefe der„Hölle“ her— auf ertönte ein lauter Angſtſchrei, dann hörte man etwas Schweres hinabſtürzen. 82 53⸗ 54 Auf den Angſtſchrei des unglücklichen Vicomte antwortete ein Schrei des Entſetzens zur Linken unter den dicken Stämmen der alten Aii henbinde Regnault hatte keine Zeit, ſeiner gelungenen That ſich zu freuen. Bei der Bewegung, welche er machte, um ſein Pferd herumzuwenden, fiel der aufgeſchlagene Kragen ſeines Mantels zurück. In dieſem Augenblicke trat der Mond hinter den Wolken hervor. Der mörde⸗ viehr Höllenſchlund lag halb beleuchtet da und das bleiche Seſicht des Mörders zeigte ſich faſt ſo deut⸗ lich wie am Tage. Regnault gab ſeinem Pferde die Sporen und zog raſch den Mantelkragen wieder empor; aber zwei Augen lauſchten hinter einem nahen Baum⸗ ſtamme und hatten ihn erkannt. Während Regnault im Galopp entfloh, trat die rothe Livree des Boten Fritz, der auch von Frankfurt zurück kam, allmälig aus dem Schatten hervor. Fritz trat vorſichtig an den Rand des Abgrundes und legte ſich auf den Raſen nieder, um zu horchen Alles war ſtill in der Tiefe. Da kniete Fritz nieder und betete für den Todten. Der nuten ar demer u einſchlac und er Di als Er jenen E dem Du jene beid Verbrech hell um Der ſich nich Die Ge den Mu Viconte en untet ungenen un ſein ſeKragen blicke trat er morde⸗ und das ſo deut⸗ oren und or; aber Baum⸗ trat die Frankfurt or. bgrundes horchen. nTodten. Drittes Kapitel. Das Schloß. Der Ritter von Regnault kam nach einigen Mi⸗ nuten an den Ort zurück, wo der Vicomte von Au⸗ demer unſchlüſſig gezögert hatte, welchen Weg er einſchlagen ſolle. Das Athmen wurde ihm ſchwer und er wankte wie ein Betrunkener in dem Sattel. Dieſe Unruhe war nicht ſowohl Gewiſſenspein als Entſetzen und Furcht. Er hörte noch immer jenen Schrei, der ſich einige Schritte von ihm in dem Dunkel hatte hören laſſen; er ſah noch immer jene beiden Augen in dem Schatten U und ſein Verbrechen beobachten in dem Augenblicke, als es hell um die Oeffnung der„Hölle“ wurde. Der Ritter gehörte aber zu jenen Menſchen, die ſich nicht durch eine zukünftige Gefahr beugen laſſen. Die Gefahr mußte dicht vor ihm ſtehen, wenn er den Muth verlieren ſollte. 56 Je länger er nachdachte, um ſo ruhiger wurde er, weil ihm ja jetzt kein Gegner den Weg vertrat und er frei und ungehindert ſich bewegen konnte. Er ſchlug jetzt einen andern Weg ein und ritt im ſcharfen Trabe nach dem Schloſſe Bluthaupt hin. Der Wind nahm mit jedem Augenblicke an Gewalt zu und jagte die Wolken mit außerordent⸗ licher Schnelle vor ſich her. Das Licht des Mondes lief in der Ferne über die Felder hin, unabläſſig von den dunkeln Wolkenſchatten verfolgt, die jenſeits wiederum dem Lichte weichen mußten. 1 Zwiſchen den Wolken, die oben hinzogen, hatte der Himmel das dunkle Blau der Sturmnacht. Die Sterne flimmerten glänzend. Die Gegend am Wege, der den Höhen der klei— nen Bergkette folgte, ſah wild und rauh aus. Es war eine flache Haide, in welcher ſich hier und da große Kalkfelſenmaſſen erhoben, deren weiße phan⸗ taſtiſche Funnen grell von dem dunkel n Hintergrunde des Waldes abſtachen. Von Zeit zu Zeit zeigte ſich eine Gruppe verkrüppelter Eichen mit knorrigen Stämmen, die der Gebirgswind vor dem Winter entblättert hatte. Dann folgten wiederum Lärchen⸗ bäume, die ſchlank und gerade daſtanden wie Schiffs⸗ maſten und ihr ewiges Grün fünfzig Fuß hoch vom Boden wiegten. Nahe vor einem dichten Gebüſche, welches das Schloß noch verdeckte, bemerkte man dv ein Feld ſeltſam g⸗ Wer; einer Ph und weiß Der war mit bei ſich ſ Das Bluthau Gebüſſch In der Grafen Dorf o Re men w hinein deckte. Allee, hange Heidell Hölle, ſcharf ger wurde eg vertrat unte. und ritt aupt hin. zblicke an ßerordent⸗ aus. Es ier und da eiße phan⸗ atergrunde zeigte ſich knorrigen m Winter n Lärchen⸗ ie Schiffs⸗ Zhoch vom Gebüſche, nerkte man 57 ein Feld von unregelmäßiger Geſtalt, auf dem man ſeltſam gruppirte grauliche Schatten ſah. Wer zum erſtenmale dieſen Ort betrat, hätte in ſeiner Phantaſie ſicherlich poetiſche Schauer gefunden und weiße Geſpenſter geſehen. Der Ritter Regnault achtete nicht darauf. Er war mit ſeinen Gedanken beſchäftigt und betrachtete bei ſich ſeine Befürchtungen und Hoffnungen. Das Feld war die Stelle, wo die alte Burg Bluthaupt geſtanden hatte. Die halb unter dem Gebüſch verſteckten grauen Geſtalten waren Ruinen. In der Zeit, als die Bluthaupt noch ſouveraine Grafen des Gebirgs geweſen, hatte da ein großes Dorf oder gar eine Stadt geſtanden. Regnault hatte ſeine Unbefangenheit vollkom⸗ men wiedergefunden, als er in das Ahornwäldchen hineinritt, welches das Schloß auf dieſer Seite ver⸗ deckte. Nach einigen Minuten erreichte er die große Allee, welche ſanft abſchüſſig an dem weſtlichen Ab⸗ hange des Berges hinab und zu der Straße nach Heidelberg, etwa dreihundert Schritte über der Hölle, führte. 1 Am Ende der Allee erhob ſich eine dunkle Maſſe, deren Zacken an dem hellen Himmel deutlich und ſcharf hervortraten. Es war das Schloß Bluthaupt. Von dieſer Stelle aus überblickte Regnault die ganze Umgegend, welche aus dem Schatten heraus⸗ — 58 zutreten ſchien und bis in unabſehbare Ferne ihre großen Wieſen in den Thälern, ihre Felder an den Bergſeiten und ihre Wälder auf den Höhen aus⸗ breitete. „Wenigſtens die Hälfte von allen dem gehört dem alten Narren Günther,“ dachte Regnault,„und folglich uns. Wenn wir unſerer nicht ſo viele wä⸗ ren, könnte man es ein prächtiges Geſchäft nennen. Aber das beſte Gericht wird knapp, wenn viele Hung⸗ rige mit davon eſſen.“ Eine große ſchwarze Wolke mit fahlen Rändern ſtieg von Weſten herauf und bedeckte raſch nach einander alle hellen Stellen am Himmel, an denen die Sterne ſchwammen. Auch flogen einige einzelne Schneeflocken durch die Baumzweige. Regnault hielt ſein Pferd an und fuhr mit einer ihm zur Gewohnheit gewordenen Handbewegung über die pommadiſirten Haarbüſchel an den Schläfen. „Sechs!“ wiederholte er.„Wenn ſo viele Wölfe um eine Beute ſind, freſſen ſie ſich unter einander auf. Haben wir nur erſt die Beute, ſo wird ſich das andere finden.“ Er ſtreichelte mit dem Knopfe ſeiner Reitgerte den Hals ſeines Pferdes, das den Schnee fühlte, die Nähe des Stalles witterte und deshalb mit neuem Eifer weitertrabte. „Alles iſt für die Pferde Glück und Unglück wie füt die Manſcher ein brabes Thie eine gute Mahl Viomte in G. Vicomte wußte von heute Aben „Sie ſind hervorgegangen Stmme an ein Der Ritter denn er hatte welcher einer d magern Beute hatte. Er ſau antwortete wi „Ich ken Herr Nanos. „Ah!“ Ihr Geheinm „Man da folges ſichr iſ Nanos Ge des Ritters. „Da habe er leiſe zu ih werden... 59 ſerne ihre„. 3 c. 3. „. ür die Menſchen,“ fuhr Regnault fort.„Da wird tlder an de 7 4 S6 dn ein braves Thier gut zu Abend freſſen wie ſein Herr Ahen ald⸗ eine gute Mahlzeit hält, während das Pferd des g 4 8 7 1. Vicomte im Grunde der„Hölle“ liegt.... Der . Kepptt Vicomte wußte zu viel.... Ich gäbe meine That d d„ld von heute Abend nicht für hundert Louisd'or hin.“ d Mele ma⸗„Sie ſind alſo als Sieger aus dem Kampfe⸗ hervorgegangen, Herr von Regnault?“ ſprach eine Stimme an einer Seite der Allee. „Ah⸗s Der Ritter zuckte auf dem Sattel zuſammen, aandeh denn er hatte den rauhen Ton des Ungar erkannt, nu— welcher einer der ſechs hungrigen Wölfe an einer zu 8 deax magern Beute war, von denen er eben geſprochen ge einzelne hatte. Er ſammelte ſich indeß alsbald wieder und antwortete mit erheuchelter Heiterkeit: 6 vunn eie„Ich kenne das Mittel nie beſiegt zu werden,* ungübtt Herr Yanos.“ „Ah!“ entgegnete der Ungar.„Kann man 4 untet Ihr Geheimniß nicht auch erfahren?“ Beute, ſo„Man darf nur angreifen, wenn man des Er⸗ folges ſicher iſt,“ entgegnete Regnault. deitgerte Yanos Georgyi lenkte ſein Pferd dicht an das Hnet fühlt, des Ritters. eeshalb mit„Da habe ich denn auch die Gewißheit,“ ſagte er leiſe zu ihm,„daß Sie niemals mich angreifen werden...“ 60 Der Ritter machte eine höchſt anmuthige Geberde und verbeugte ſich. Sie kamen am Fuße der Mauern des Schloſſes an, um die bereits die Schneeflocken in dichten Maſ⸗ ſen wirbelten. Bluthaupt war eine ungeheure Steinmaſſe, die ſchon vielen Jahrhunderten getrotzt hatte. Aller⸗ dings hatte die Hand der Zeit an mehr als einer Stelle Spuren von ihrer Arbeit zurückgelaſſen und mehr als eine vom Roſt geröthete Kugel ſtak noch aus dem dreißigjährigen Kriege her zwiſchen den großen Steinfugen; das Ganze des Baues aber war noch unverſehrt geblieben. Von weitem war es eine verworrene Gebäude⸗ maſſe, deren ſpitze Dächer über eine zackige Umſchlie⸗ ßungsmauer hinwegragten. Dieſe hatte im Ganzen eine längliche Form mit zahlreichen Ecken, an denen runde Thürme ſtanden. Je näher man kam, um ſo mehr fiel das feudale Ausſehen der alten Feſte auf. Sie ſah noch gerade ſo aus wie in den Tagen, als die ſouverainen Gra⸗ fen von Bluthaupt und Rothe ihre unbezwingliche Burg gegen die Landgrafen in der Nähe vertheidig⸗ ten und ihre Eiſenmänner bis an die Ufer des Rhei⸗ nes ausſandten. Allmälig aber waren die Bluthaupt von ihrer Größe und Macht herabgeſtiegen. Seit etwa einem Jahrhunde wenn ſte ihren Reie Sage und Günther Atter der ein Blick eine Vorſt zu machen In d breiten G attigem ſchen un Um dies nung m ſchieden allmäͤli den M Jer aufgefü eiſett he die verr Lächer f ſchwere derließe Thürme ſchen ih als einer laſſen und Form mit ne ſtanden. lis feudale pch gerade inen Gra⸗ zwingliche vertheidig⸗ des Rhei⸗ von ihrer etwa einem 7 61 Jahrhunderte hatten ſie ihre Souverainetät verloren, wenn ſie auch noch immer große Herren und durch ihren Reichthum mächtig waren. Wenn auch die Sage und das Archiv in dem Schloſſe des alten Günther keine unwiderleglichen Beweiſe von dem Alter der Familie geliefert hätten, ſo würde ſchon ein Blick auf das Schloß hingereicht haben, um ſich eine Vorſtellung von der alten Macht der Bluthaupt zu machen.— In der Mitte der Mauern ſtand, von einem breiten Graben geſchützt, ein Gebäude in verſchieden⸗ artigem Style, in welchem alle Epochen der römi⸗ ſchen und gothiſchen Baukunſt verſchmolzen waren. Um dies Gebäude herum gruppirten ſich ohne Ord⸗ nung mehrere untergeordnete Gebäude, die zu ver⸗ ſchiedenen Zeiten aufgeführt worden waren, um den allmälig vervielfältigten Bedürfniſſen einer wachſen⸗ den Macht zu genügen. Jenſeits des Grabens, wo ein von Mauerwerk aufgeführter Bogen die Zugbrücke des Mittelalters erſetzt hatte, zeigte ein großes gewölbtes Thor noch die verroſteten Zacken des Fallgitters und zwei tiefe Löcher für die ſtarken Eichenbalken, welche ſonſt das ſchwere Gebälk der Zugbrücke emporhoben oder nie derließen. Rechts und links ſtreckten zwei kurze dicke Thürme ihre moosbewachſenen Bäuche vor und zwi⸗ ſchen ihnen erkannte man noch einen Reſt von Wap⸗ 62 penſchild, das von Spuren von Engeln gehalten wurde. Alles dies trug den Stempel der älteſten römi⸗ ſchen Baukunſt an ſich und mußte lange vor der Herrſchaft Karls des Großen aufgeführt worden ſein. Unmittelbar über dem Thore hing eine Art Käfig von großen Steinen, die in Sterne und phan⸗ taſtiſche Geſtalten durchbrochen gearbeitet waren. Dieſer einer weit ſpätern Zeit angehörige Käfig hatte wahrſcheinlich als Beobachtungspoſten gedient. Von der über den Graben führenden Brücke zog ſich im Zickzack die alte befeſtigte Straße hin, die ſonſt der einzige Zugang zu der Burg geweſen war. Man konnte dieſem Hohlwege mit Wänden von behauenen Steinen, die durch zahlreiche Schießſchar⸗ ten durchbrochen waren, noch folgen. Zwei bis drei Dutzend Häuſer, welche das neue Dorf Bluthaupt bildeten, zogen ſich rechts von die⸗ ſem befeſtigten Wege an dem Berge hinunter. Bluthaupt, jenes ſtolze Gebäude, das den Jahr⸗ hunderten getrotzt hatte und deſſen feſte Grund⸗ mauern der jüngſte Tag noch finden wird, ſtand auf dem Gipfel des Berges und überſchante die ganze ihm untergebene Umgegend. Es war der unnahbare Horſt in der Region der Wolken, von dem der fürſt⸗ liche Adler auf die irdiſchen Wohnungen herabſchoß. Regnault und Yanos, die von der Allee her an . das Schloß kan Seite der Maue ausragten. S Graben herum ſchende Thor durch ein eiſern Jetzt ſtellte mit ſeinem tau ſeinen dntt bro beln und zahl Ungeheuer dar Negnault Verachtung an „Altes R hat aber doch Prachtbau an Nnos dann mit dem ganze übrige Partthurm g ſchimmerte du & Thurmes. der „Der alte Nur zwe des Schloſſes liche Gebaäude 63 gehalten das Schloß kamen, gelangten hier an die weſtliche Seeiite der Mauer, deren Zinnen hoch über ſie hin— teſten römi⸗ NHaausragten. Sie mußten um den halb verſchütteten ge vor der Graben herumreiten, um das große nach Süden vorden ſcin ſehende Thor zu erreichen, deſſen ſchwere Flügel 3 eine Atb durch ein eiſernes Gitter erſetzt worden waren. id phar Jetzt ſtellte ſich ihren Blicken das Schloß dar i waren. mit ſeinem tauſendzackigen ſchon beſchneiten Dache, ig hatte ſeinen durchbrochenen Thürmchen, ſeinen ſpitzen Gie⸗ 4 dent. beln und zahlloſen Wetterfahnen, die unbekannte Buuce z0 Ungeheuer darſtellten und ſich krächzend drehten. 1, dir Regnault ſah das rieſige Gebäude mit tiefer war. Verachtung an. — 2„Altes Neſt!“ brummte er vor ſich hin.„Es M hat aber doch treffliche Steine, um daraus einen 4 Prachtbau aufführen zu können.“. 1 Yanos zog die Klingel am Gitter und zeigte dann mit dem Finger auf einen Thurm, welcher das den Jahr⸗ ganze übrige Gebäude überragte und der ſonſt als Grund⸗ Wartthurm gedient hatte. Ein röthlicher Schein fand auf ſchimmerte durch das höchſte Bogenfenſter dieſes Thurmes. 4 „Der alte Narr!“ ſagte Regnault achſelzuckend. Nur zwei oder drei Fenſter an der ganzen Fronte hoß. des Schloſſes waren erhellt. Das ganze unermeß⸗ her an liche Gebäude lag unbeweglich, wie im Schlafe da. 4. 8 64 Der Ungar mußte mehrmals ſchellen, ehe man daran dachte ihm zu öffnen. Endlich dreheten ſich die Flügel des Gitterthors kreiſchend in ihren Angeln und unſere beiden Reiſen⸗ den gelangten in den erſten Hof. Sie fragten nicht nach dem Grafen von Blut⸗ haupt, ſondern nach d deſſen Intendanten, Zachäus Nesmer. Es war etwa halb ſieben Uhr Abends. In einem von zwei Lampen ſchwach erleuchteten großen Saale ſaßen vier Männer um einen hohen Kamin von ſchw arzem Marmor, in welchem große Holzſtücke br uhnten⸗ Links an dem Kamine lehnte ſich ein gro⸗ ßes Bett, deſſen geſchnitzter Baldachin von Eben⸗ holzſäulen getragen wurde, an die Wand und ver⸗ ſchwand gänzlich unter den zugezogenen Falten der Borhange X An dieſem Bette hatte man einen: Tapetenſchirm aufgeſtellt, der eine Art Alcoven bildete. Rechts und links war Platz für mehrere Per⸗ ſonen. In dieſem Alcoven führte eine kleine Thüre zu einem runden Betſaale in einem Thürmchen, das nach außen vorſprang. Ein wie goldenes Geſchmeide durchbrochen gearbeiteter Betſtuhl, in Sammt und Gold gebundene ſchöne Gebetbücher und Heiligen⸗ lüder ſch n Ott. Zpviſch mit langt Taſſen bet diſen med den wider aus Inſti An d Draperie Gaze und erwarteten ſchien. Am Fenſterbe zwei u auf Se Dei dem W zu beiden herab. aber unt Feſtigkei ſein groß Augenbl Die und ſie J. tel 65 dan dman bilder ſchmückten dieſen der Frömmigkeit geweihe— . ten Ort. itteithors Zwiſchen dem Bette und dem Kamine ſtand eine n Reiſen⸗ mit langhälſigen Phiolen, ſilbernen Keſſeln und 3 Taſſen bedeckter ſchmaler u niedriger Tiſch. Von 4 ¹ von Blui⸗ dieſen mediziniſchen Geräthen ſtrömten jene ſtechen⸗ * 1 Jachäͤus den widerwärtigen Gerliche aus, welche der Menſch I aus Inſtinct verabſcheut, weil ſie Leiden verkündigen. An der andern Seite des Bettes und hinter der 4] In einem Draperie ſtand eine leere Wiege, die mit weißer zen Saale Gaze und mit Blumen geſchmückt war und einen 1 zmin von erwarteten Neugeborenen aufzunehmen bereit zu ſein Helzſtücke ſchien. h ein gro⸗ Am andern Ende des Saales, in einer tiefen on Cben⸗ Fenſterbrüſtung, ſaßen ein Page und eine Dienerin, d und ver⸗⸗ zwei unſchuldige lächelnde Kinder, neben einander Falten der auf Seſſeln und ſprachen leiſe mit einander. Der Page war achtzehn Jahre alt. Sein auf petenſchirm dem Wirbel geſcheiteltes langes blondes Haar fiel zu beiden Seiten ſeiner weißen Stirn in dicken Locken prere Per⸗ herab. Sein Geſicht hatte einen ſanften Ausdruck, aber unter dieſer Sanftmuth lag bereits eine kräftige 4 Feſtigkeit. Bisweilen belebte ein männlicher Blick ſein großes blaues Auge, das ſich aber im nächſten Augenblicke zu ſenken pflegte. Er hieß Hans Dorn. Die Dienerin zählte höchſtens ſechszehn Jahre und ſie war ein einfaches unſchuldiges hübſches I. 5 * 66 Mädchen mit blendend friſchem Teint. In dieſem Augenblicke ſah ihr Geſicht nachdenklich, gleichſam erſchrocken aus und gleichwohl öffnete von Zeit zu Zeit ein heiteres Lächeln halb ihren rothen Korallen⸗ mund, um die ſchneeweißen Zähne zu zeigen. Dieſes Lächeln ging indeß ſchnell vorüber und das Mädchen ſchien es ſtets zu bereuen, luſtig gewe⸗ ſen zu ſein. Ihre Augen wendeten ſich nach dem verhangenen Bette und ihr Blick nahm den Ausdruck achtungsvoller Ehrerbietigkeit an. Sie hieß Gertrud. Die vier Männer, welche an dem Kamine ſaßen, waren ſchweigſam und die Stille wurde nur biswei⸗ len durch einige halblaut geſprochene Worte unter⸗ brochen. Der Eine, ein langer hagerer Mann mit pedan⸗ tiſchem Geſichte, ſtand häufig auf und ſteckte ſein kahles Haupt zwiſchen den Bettvorhängen hindurch, hinter denen man ein leiſes Wimmern hörte. 4½ Er miſchte in einer ſilbernen Taſſe den Inhalt von zwei bis drei Phiolen zuſammen und gab dieſen Trank hinter den Vorhang. Dann ſetzte er ſich wieder nieder und ſo oft er ſo von neuem Platz nahm, entblößte der Graf Günther von Bluthaupt, der auf einem Chrenſeſſel an der Ecke des Kamines ſaß, ſein weißes Haupt und nickte dankend. 6 Der ſchwachle ſicht gro ſinn der noch et in ſein ſein faſ ſein Bli Er. über die hätte ei⸗ geheime ſchüchten muth, d Ueb In dieſem gleichſam n Jeit zu Korallen⸗ en 1 rüber und 1 nſig gewe⸗ 1 nach dem Viertes Kapitel. b n Ausdruck Günther der Janberer. 4 ine ſaßen, ur biswei⸗ Der Graf Günther von Bluthaupt war ein orte unter⸗ ſchwächlicher gebrechlicher Greis, deſſen bleiches Ge⸗ ſicht große Geiſtesſchwäche neben kindiſchem Eigen— mit pedan⸗ ſinn verrieth und auch nicht ohne Stolz war. Er hatte ſeckt ſein noch etwas von dem vornehmen Weſen, das er ſich in ſeiner Jugend angeeignet hatte; aber während ſein faſt kahles Haupt ſich ſtolz emporrichtete, ſprach ſein Blick eine gewiſſe ſchüchterne Demuth aus. Er war der Herr und Gebieter, ſein Sitz ragte über die Stühle ſeiner Gefährten hinweg und doch 4 hätte ein Beobachter ſchnell bei dieſem Manne eine* geheime Unterthänigkeit errathen. Es lag in ſeinem ſchüchternen Blicke, der ſeine Gäſte traf, eine De⸗ muth, die faſt an Unterwürfigkeit grenzte. Ueber ſeinem Haupte, auf dem Kaminſimſe, 5* z hindurch, te. den Inhalt gab dieſen ſo oft er ſo taf Günther ſeſſel an der tund nickt 68 ſtand ein goldener Becher mit dem Wappen der Fa⸗ milie Bluthaupt. Zu ſeinen Füßen, in einer Ecke des Kamins, trug ein kleiner Ofen ein Gefäß, in welchem eine ſchwärzliche Flüſſigkeit kochte. Etwa jede halbe Stunde goß der lange hagere Mann drei bis vier Löffel voll von dem Inhalte des Gefäßes in den Becher und reichte dieſen dem alten Grafen mit gravitätiſcher Verbeugung. Günther von Bluthaupt trank und eine flüchtige Röthe ſtieg in ſein Geſicht, das im nächſten Augen⸗ blicke nur um ſo bleicher wurde. Neben ihm ſaß ein dicker, fetter, runder Mann, deſſen kleine gutmüthige Augen durch halben Schlum⸗ mer geſchloſſen zu ſein ſchienen. Seine hohe breite Stirn war von einem Walde röthlichen Haares be⸗ deckt. Seine rothen Backen hingen auf den umge— ſchlagenen Hemdkragen herab und ſeine übrige Ge⸗ ſtalt glich einer Kugel, die man mit einem ſchwarzen Fracke bekleidet hat. Seine beiden weißen kurzen fet⸗ ten Hände ruheten auf ſeinem Schmeerbauche und verbanden den Lurus ihrer Ringe mit der Pracht ei⸗ nes dicken Uhrgehänges, das ihm bis auf die Schen⸗ kel fiel. Dieſer dicke Mann war Fabricius van Praet, ein holländiſcher Arzt, der Günſtling des alten Gra⸗ fen und deſſen gewöhnlicher Tiſchgenoſſe. Nach ihm kam der lange hagere gravitätiſche Mann, w von Geb ſchen Bun Günther ſobald et ſeines Ar Van hatte ſein welche ih ſchon ſeit dantenge beſſer kan ten, all hauptete gſtes⸗ gen ern de und an kaltes, Geſicht, weder C nichtsſa⸗ Gle Intenda Beſte, n gen, w ſchwer; 69 n der Fa⸗ einer Ccke jeſaß, in Mann, welcher der Dr. Joſe Mira, ein Portugieſe von Geburt und der gelehrteſte Arzt im ganzen deut— ſchen Bunde war. Er verließ das Schloß nie. g Günther von Bluthaupt glaubte ſterben zu müſſen, 1 g hagere r. ec C- e-.. 1 3 ſobald er das fleiſchloſe Geſicht und den ſpitzen Kopf 1 1 nhalte des 1 ſeines Arztes nicht ſah. dem alten Van Praet war ein Vierziger, Mira dagegen ¹ 1 de Ug hatte ſein dreißigſtes Jahr noch nicht erreicht. Die, erudi welche ihn ſchon lange kannten, behaupteten, er habe in eugen⸗ ſchon ſeit ſeiner erſten Jugend dieſes verwitterte Pe⸗ „ dantengeſicht gehabt. Diejenigen, welche ihn noch tr Kan, beſſer kannten, deren aber nicht viele waren, mein⸗ Schlum⸗ ten, alles dies ſei nur eine von ihm mit Mühe be— ohe breite hauptete Maske und der Doctor wolle nur ſein vier— daares be⸗ zigſtes Jahr erreichen und ſich ein hübſches Vermö⸗. den umge⸗ gen erwerben, um wiederum ein Jüngling zu werden. übrige Ge⸗ Der Vierte, welcher dem alten Grafen gegenüber 5 ſchwarzen und an der andern Ecke des Kamines ſaß, hatte ein kunzen fet⸗ kaltes, ſchmales, unbedeutendes und unbewegliches auche Und Geſicht, in dem weder Gutmüthigkeit noch Bosheit, Pracht iia weder Geiſt noch Dummheit lag; es war gänzlich die Schen⸗ nichtsſagend. Gleichwohl verſtand es Zachäus Nesmer, der ban Pract, Intendant Bluthaupts, vortrefflich, für ſein eigenes ſten Graa Beſte, wenn auch nicht für das des Grafen, zu ſor— gen, wie wir ſehen werden. Auch ſein Alter war ſchwer zu errathen. Man konnte ihm dreißig, aber 70 7 eben ſo gut funfzig Jahre geben. Die Wahrheit lag wahrſcheinlich in der Mitte. Der Graf Günther ſchenkte Zachäus das unbe⸗ dingteſte Vertrauen und Zachäus war für die Län⸗ dereien und Schlöſſer des Grafen was Mira für den Körper deſſelben und der dicke Van Praet für ſeine Zukunft war; denn der Graf Günther hatte in ſei⸗ nem Leben zwei Wünſche gehabt, die er lange Jahre hindurch mit eigenſinniger Liebe gehegt und mit un⸗ ermüͤdlicher Leidenſchaft gepflegt hatte. Der erſte dieſer Wünſche war eine rechtmäßige Hoffnung, die in dem Herzen jedes Menſchen liegt. Nur das Alter Günthers konnte dieſem Wunſche den Schein, eines eiteln Traumes geben:— er wollte einen Erben ſeines Namens haben. Er war der letzte Bluthaupt, denn die drei un⸗ ehelichen Söhne des Grafen Ulrich, die er nie geſe⸗ hen und die er von Herzensgrunde haßte, hatten das Recht nicht, das Wappen ihres Vaters zu führen. So begreiflich und ausführbar aber dieſer erſte Wunſch war, ſo thöricht war der zweite. Um dieſe unſinnige Einbildung zu begreifen, muß man ſich erinnern, daß Günther v. Bluthaupt ſich nie um die Angelegenheiten dieſer Welt geküm⸗ mert hatte. Sein Leben war einſam, in ſeinem alten Schloſſe, fern von dem Geräuſche der Außenwelt und fern von den Ideen der Zeit vergangen. Die Kevolutio erſt h von aulße den engen denſelben Günt nich über men; er Sein fteundſch ihm ein ſche des den We nur zur haupt G die N ihm e beſchä nur G den ein Odere ſes ein Wahre lichkeit ſeinen Biche zfahrheit lag das unbe⸗ e die Län⸗ iira für den dt für ſeine hatte in ſei⸗ lange Jahre und mit un⸗ rechtmäßige ſchen liegt. Lunſche den —er wollte die drei un⸗ Rer nie geſe⸗ , hatten das zu führen. Gdieſer erſte u begreifen, 6. Bluthaupt Welt geküm⸗ ſeinem alten er Außenwelt angen. Di 71 Revolutionen hatten um ihn her gedonnert, ohne daß er ſie hörte; ſein Ohr war taub gegen alle Stimmen von außen; die Welt beſchränkte ſich für ihn auf den engen Kreis, den er um ſich gezogen hatte. Ueber denſelben hinaus gab es für ihn nichts. Günther von Bluthaupt war ſeit dreißig Jahren nicht über die Grenze ſeines Parkes hinaus gekom⸗ men; er wußte nicht mehr was eine Stadt iſt. Sein Schloß ſtand allerdings mit deutſcher Gaſt⸗ freundſchaft Allen offen, aber die Reiſenden, die in ihm ein Obdach ſuchten, wurden nicht an dem Ti⸗ ſche des Herrn zugelaſſen und die Gäſte vergaßen ſchnell den Weg nach einem Hauſe, deſſen Thüre ſich ihnen nur zur Hälfte öffnete. Auf dem Wege nach Blut⸗ haupt wuchs deshalb Gras. Günther, der ſchon in der Zeit allein lebte, als die Manneskraft und die Thatenluſt noch nicht in ihm erſtarrt waren, ſuchte ſeine müßigen Kräfte zu beſchäftigen. Er grübelte in ſeinem Zimmer nach und nur Gott weiß, welche Geſpenſter in einſamen Stun⸗ den einen träumeriſchen deutſchen Kopf heimſuchen. Oder er ſchloß ſich in der alten Bibliothek des Schloſ⸗ ſes ein und las da ganze Tage lang. Da er das Wahre von dem Falſchen, den Traum von der Wirk⸗ lichkeit nicht zu unterſcheiden vermochte, ſo füllte er ſeinen Kopf mit alten Legenden an und nöthigte ſein Bischen Verſtand an allerlei Fabeln zu glauben. Man weiß, mit welcher Vorliebe deutſche Gelehrte im Mittelalter ſich mit der geträumten Goldmacher⸗ kunſt beſchäftigten. Dieſe Vorliebe war von den Ge⸗ lehrten auf die Adeligen übergegangen und zahllos ſind die Rhein-, Pfalz⸗, Land⸗, Gau⸗, Mark⸗ und Burggrafen, welche Blei in Gold zu verwan⸗ deln ſuchten und darüber ihr Leben und ihren Ver⸗ ſtand verloren. Die Sage erzählt, daß in früheren Zeiten auch mehrere Bluthaupts in dieſe Thorheit verfallen und in der Schloßbibliothek befand ſich allerdings eine große Anzahl beſtaubter handſchriftlicher und gedruck⸗ ter Werke, die alle von den ſichern Mitteln handel⸗ ten, mit Gottes Hülfe den Stein der Weiſen zu fin⸗ den und unedele Metalle in reines Gold zu ver⸗ wandeln. Günther von Bluthaupt hatte alle dieſe Träu⸗ mereien begierig geleſen, Jahre lang geleſen, wieder geleſen, darüber nachgedacht und die albernen Recepte in lateiniſcher, griechiſcher und hebräiſcher Sprache in ſeinen Lieblingsbüchern verglichen. Endlich war er zu dem Glauben, zu dem feſten und unerſchütterlichen Glauben gelangt und er hätte lieber den Tod erduldet, als zugegeben, daß er ſich mit eitlen Träumereien beſchäftige. Gleichwohl hielt ihn eine Art Scham lange zu⸗ rück und er zögerte, den Schritt zu thun, welcher die gheorie d een in der ch aft, abe ducct, ſ ſelbe zu w wachſende Andere. und er w Achimiſt Sein Gemache ſonſt we hatte und oder vie Günther ttaut u beit ver Welt E5 aber jet ſich and beitete u Rttorten zu den! in der9 tc Inmen wo he Gelchrte oldmacher⸗ on den Ge⸗ d zahllos „, Makk⸗ uw verwan⸗ ihren Ver⸗ Zeiten auch rfallen und dings eine no gedruck⸗ in handel⸗ ſen zu fin⸗ dd zu ver⸗ dieſe Träu⸗ ſen, wieder nen Recepte er Sprache demn feſten ind er hätte daß er ſich m lange zu⸗ welcher die 4* 3 73 Theorie von der Praris ſcheidet. Er war tief erfah⸗ ren in den geheimſten Geheimniſſen ſeiner Wiſſen⸗ ſchaft, aber die Erfahrung ging ihm noch ab und die Furcht, ſeine Seele zu verlieren, hielt ihn ab, die— ſelbe zu wagen. Die bekämpfte und jeden Augenblick wachſende Leidenſchaft wurde aber ſtärker als alles Andere. Seine Oefen ſchmolzen endlich das Metall und er wurde mitten im neunzehnten Jahrhunderte Alchimiſt und Goldmacher. Sein Laboratorium befand ſich in dem höchſten Gemache des fernſten Thurmes des Schloſſes, der ſonſt wegen ſeiner Höhe als Wartthurm gedient hatte und auf deſſen zackiger Spitze noch immer drei oder vier Feldſchlangen mit eiſernen Reifen ſtanden. Günther hatte ſein Geheimniß⸗Niemandem anver⸗ traut und die Zeit, welche er auf ſeine ſeltſame Ar⸗ beit verwendete, machte ſeine Abſonderung von der Welt vollſtändig. Es gelang ihm natürlich nicht Gold zu machen, aber jede Manie hat das Eigenthümliche, daß ſie ſich an das Unmögliche anklammert. Der Graf ar⸗ beitete und arbeitete; er ging unabläſſig von ſeinen Retorten zu ſeinen Büchern und von ſeinen Büchern zu den Retorten. Er hatte keine Ruhe mehr; ſelbſt in der Nacht ſetzte er ſein Tagewerk fort. Statt des Goldes, das nicht zum Vorſchein kom— men wollte, hatte die Arbeit Günthers ein anderes 74 Reſultat. Die alten Mauern von Bluthaupt hatten zu verſchiedenen Zeiten in d ufe geſtanden, Zau⸗ bereien zu umſchließen. Die en ſterben bekannt⸗ lich nicht. So dachte man d uch in der Umge⸗ gend an die oft erzählten G ten, in denen der Teufel nothwendig eine Rolle ſpielt; man ging nur noch mit Grauen an den düſtern Schloßmauern hin und der röthliche Lichtſchein, der in der Nacht auf einem der Thürme glänzte, ſchien das blutrothe Auge des böſen Feindes zu ſein, das auf die Umgegend herabſchaue. Die Bewohner des Gebirges und der Ebene ge⸗ wöhnten ſich allmälig, das Schloß mit Argwohn zu betrachten. Als Margarethe, ſtrahlend in friſcher Jugend⸗ ſchönheit, zum erſtenmale als Gattin des Grafen durch das eiſerne Gitterthor ſchritt, beklagte Jeder⸗ mann die ſanfte Jungfrau, die neben einem Satans⸗ diener ſchlafen ſollte. Günther hatte zwar Dispenſa⸗ tion von Rom erbeten, aber dies war nur um der Welt willen. Zachäus Nesmer war ſchon damals der Inten⸗ dant von Bluthaupt. Er beſtahl ſeinen Herrn an⸗ ſehnlich, hatte aber die gute Abſicht ihn noch weit beträchtlicher zu beſtehlen. Er glaubte nicht an den Teufel, hatte aber wie Jedermann die häufigen und langdauernden Beſuche Günthers in dem Laborato⸗ rium bem nicht zu danken a Erm Herrn be wetten ſei ein Gehe ſie auszu Einſ ſenem? des Wa außer i thun ge Ja ſch, undb gels, N ſich die darauf eingefü aupt hatten nden, Zau⸗ n bekannt⸗ der Umge⸗ denen der n ging nur nauern hin Nacht auf trothe Auge Umgegend Cbene ge⸗ lrgwohn zu her Jugend⸗ des Grafen kagte Ieder⸗ nem Satans⸗ a Dispenſa⸗ nur um der der Inten⸗ n Herm an⸗ ion noch weit nicht an den häufigen und em Laborato⸗ 75 rium bemerkt. Den Grund davon vermochte er ſich nicht zu erklären, aber als Freigeiſt wieß er den Ge⸗ danken an hnen ihden von ſich zurück. Er meinte, wenn er nur das Geheimniß ſeines Herrn belauſchen könnte, würde zehn gegen eins zu wetten ſein, daß er ſein Glück dabei mache; denn ein Geheimniß iſt eine Goldgrube für den, welcher ſie auszubeuten verſteht. Einſt in der Nacht ließ Zachäus ſeine Schuhe in ſeinem Zimmer und ſchlich barfuß die ſteile Treppe des Wartthurmes hinauf. Wahrſcheinlich hätte das außer ihm kein Menſch eine Meile im Umkreiſe zu thun gewagt. Zachäus legte das Auge an das Schlüſſelloch, ſah, daß der alte Graf ſich über ſeine Ofen bückte und betrachtete gierig den Inhalt eines Schmelztie⸗ gels, den Günther eben geöffnet hatte. Mehr brauchte Zachäus nicht zu ſehen. Er rieb ſich die Hände, ging wieder hinunter und einige Tage darauf wurde Fabricius van Praet in dem Schloſſe eingeführt. Dieſer brave Mann war eigentlich ein Gaukler und Luftſchiffer, der aber für ſein Handwerk zu dick und ſchwerfällig geworden. Er hatte einige Kennt⸗ niſſe von den phyſikaliſchen Wiſſenſchaften und es wurde ihm nicht ſchwer ſich bei dem leichtgläubigen 76 Grafen für einen kunſterfahrenen Adepten auszu⸗ geben. Einige Zeit ſpäter wurde ebenſo der Dr. Joſe Mira eingeführt. Van Pract hatte das Amt Gold zu machen und der gravitätiſche Joſe Mira ſollte wegen ſeiner Kennt⸗ niſſe in der Medicin dem Grafen Günther die Mit⸗ tel geben, den edeln Namen Bluthaupt fortzupflan⸗ zen. Mit Hülfe dieſer beiden Männer hielt der Inten⸗ dant Zachäus ſeinen Herrn an dieſen beiden ſchwachen Seiten und dies reichte vollkommen hin, daß er ſein eigenes Glück und das Glück ſeiner beiden Gefährten machte; aber Zachäus mochte dabei nicht ſtehen blei⸗ ben. Er hatte noch drei andere Genoſſen außer dem Doctor und dem dicken Holländer reich zu machen. Dazu bedurfte er des ganzen Vermögens des Gra⸗ fen und Zachäus wollte, da er theilen mußte, ſich wenigſtens ſo gut als möglich verſorgen. Die Einkünfte des Grafen waren zwar bedeu⸗ tend, aber nichts iſt auch ſo theuer als das Beſtre⸗ ben Blei in Gold zu verwandeln, namentlich wenn man einen Mann wie Fabricius von Praet zum Mit⸗ arbeiter hat. Zachäus erklärte denn auch, daß die Beſitzungen des Grafen, wenn es ſo fortgehe, bald in Rauch verwandelt ſein würden und ſchlug ein Ab⸗ hülfemittel vor. Er kannte einen Juden in Frankfurt, einen Mann von erprob gen eine! beiſtehen i das Schlo Da al ſeht drück mnabläſſig ein vortref zu ziehen. bedingten gegen ein als dasj Der konnte d Die nur du äußerſte ſchöne? zugethan hoffte ü fiel ſichi rige Arb jenem ih tors Jo Der Kthan, 77 ten auszu⸗ von erprobter Rechtſchaffenheit, wie er ſagte, der ge— gen eine kleine Vergütung dem edeln Grafen gern Dr. Joſe beiſtehen würde. So gelangte auch Moſes Geld in— das Schloß. 3 nachen und Da aber auch dieſe Darlehn auf Zinſen endlich 1 iner Kenn⸗ ſehr drückend wurden, L kam i Nesmer, der 1 1 er die Mi⸗ unabläſſig für den Nut tzen ſeines Herrn ſorgte, auf fortzupflan⸗ ein vortreffliches Mittel, ihm aus der Verlegenheit 1 tder Inten⸗ zu ziehen. Der treue Diener ſchlug ihm vor in einen n ſchwachen bedingten Verkauf aller Beſitzungen Bluthaupts daß er ſein gegen eine Rente zu willigen, die doppelt ſo groß ſei Gefährten als das jetzige Einkommen. 1 ſtehen blei⸗ außer dem zu machen.. des Gra⸗ Dieſer ſchwankte anfangs, ob er gleich immer nußte, ſich mur d durch die Augen des Zachäus ſah, vor dieſer äußerſten Maßregel. Er liebte auf ſeine Art die ſchöne Margarethe, die ihm mit kindlicher Neigung zugethan war und ſeinem Willen ſtets gehorchte. Er hoffte übrigens noch immer auf einen Erben und ge⸗ fiel ſich in dem Gedanken, daß ſeine lange und ſchwie⸗ rige Arbeit ſeinem Sohne zu Gute kommen würde, jenem ihm durch die unfehlbare Wiſſenſchaft des Doc⸗ tors Joſe Mira verheißenen Meſſias. Der Käufer war bald gefunden; Moſes Geld konnte dem edeln Grafen nichts abſchlagen. zwar bedeu⸗ das Beſtte⸗ ntlich wenn et zum Mi⸗ h, daß die ngehe, bald hlug ein Ab⸗ 2. Der Intendant hatte aber ſeinen Vorſchlag nicht gethan, ohne ſich mit Gründen verſorgt zu haben. einen Mann 78 Auch konnte er, wie wir ſpäter ſehen werden, allerlei Conceſſionen machen, ohne etwas dabei zu wagen. „Gott bewahre mich,“ ſagte er,„meinem gnä⸗ digen Herrn einen Vertrag vorzuſchlagen, der dem Intereſſe der edeln Gräfin Margarethe und des künf⸗ tigen Erben der Bluthaupt entgegen ſein könnte... Die Rente muß auf die Gräfin übertragbar ſein für den Fall— was Gott noch lange verhüten möge— daß ſie Wittwe werden ſollte. Wenn dagegen der Sohn geboren würde, den wir alle hoffen, ſo müßte der Kauf ſofort aufgehoben ſein.“ „Aber die Gelder, welche Moſes bis dahin ge⸗ zahlt hätte?“ warf der Graf ein, der ſchon faſt ganz gewonnen war.. „Das Geſetz ſpricht ſich in dieſer Hinſicht be⸗ ſtimmt aus,“ entgegnete Zachäus.„Jeder ſolcher Kaufcontract ſetzt den Käufer, wenn der angenom⸗ mene Fall eintritt, dem Verluſte der gezahlten Summe aus.“ 1 Günther hätte ſelbſt minder ſchlagenden Gründen nachgegeben. Die Hauptſache für ihn war die Fort⸗ ſetzung ſeiner Arbeiten und was lag ihm an den Gü⸗ tern der Familie, wenn die Arbeit zum Ziele führte? Er brauchte ja nur ſeine Retorte und ſeinen Schmelztiegel, um ſeinen Sohn reicher zu machen als alle Könige der Welt. 4 Et na eine von utkunde. Von d glüülichſte ſtaaten. Zachä das gioße von Prae war und Schwure ſtimmt a alten Fa Der tauf de Trank Moſes die Gie ſollte Ale iher wa Ma hätte d rechfert üͤber un Schwan en, allerlei twagen. inem gna⸗ der dem des künf⸗ könnte... ar ſein füͤr n möge— agegen der ſo müßte dahin ge⸗ n faſt ganz Hmſicht be⸗ Jeder ſolchel er angenon⸗ r gezahlten en Gründen ar die Fort⸗ an den Gü⸗ Ziele führte? und ſeinen er zu machen 79 Er nahm den Vorſchlag an und unterzeichnete eine von Zachäus Nesmer klug abgefaßte Verkaufs⸗ urkunde. Von dieſem Tage an war der Graf Günther der glücklichſte Menſch in ſämmtlichen deutſchen Bundes⸗ ſtaaten. Zachäus hatte immer Gold für ihn bereit und das große Werk ging nach Wunſch wie Fabricius von Praet ſagte, welcher die Wahrhaftigkeit ſelbſt war und der portugieſiſche Arzt betheuerte mit einem Schwure, daß nur ihm bekannte Zeichen ganz be⸗ ſtimmt auf die nahe Verjüngung des Blutes der alten Familie Bluthaupt deuteten. Derſelbe Doctor, welcher in den bedingten Ver— kauf der Güter eingeweiht worden war, hatte einen Trank bereitet, welcher alle Berechnung des Käufers Moſes täuſchen und das Leben des Grafen über die Grenzen eines Jahrhunderts hinaus verlängern ſollte. Alles ging, wie man ſieht, aufs Beſte und Gün— ther war von unvergleichlichen Freunden umgeben. Margarethe wurde wirklich guter Hoffnung, als hätte der Zufall die Prophezeihung des Doctors rechtfertigen wollen. Jedermann wunderte ſich dar⸗ über und der Doctor am meiſten. Solange die Schwangerſchaft ſeiner Frau währte, that Günther 80⁰ nichts als daß er Blei ſchmolz, Arzneimittel deſtillirte und den berühmten Lebenstrank zu ſich nahm. Die neun Monate waren eine glückliche Zeit für ihn, aber ſie machte ihn um zehn Jahre älter. Die ſechs Genoſſen aber, für welche Moſes Geld nur den Namen hergegeben hatte, wußten recht wohl, welcher Gefahr ſie der Zuſtand der jungen Gräfin Mar⸗ garethe ausſetzte. Sie hatten neun Monate Zeit gehabt, ſich zu berathen und auf jedes Ereigniß ſich vorzu⸗ bereiten. Die Zeit war abgelaufen und die Botſchaft welche Fritz nach Frankfurt gebracht hatte:„die Stunde iſt gekommen,“ bezog ſich darauf. Die Gräfin Margarethe lag in dem von dichten Vorhängen verſchloſſenen Bette und fühlte die erſten Wehen. Gleichzeitig, aber nicht zufällig, hatte van Praet, getrieben von den immer dringendern Anforderungen des alten Grafen, deſſen Schwäche ſeine Leichtgläu⸗ bigkeit ſteigerte, die endliche Erreichung des erſehnten Zieles und das Gelingen des großen Werkes für dieſelbe Nacht verkündiget. Die Oefen glüheten in dem Laboratorium und das geſchmolzene Metall kochte in dem Schmelz⸗ tigel... Es herrſchte tiefe Stille an dem großen Kamine. Man hörte nur das Ziſcheln des Pagen und der Dienerin, plauderten ziit ein le Endlie von den 3 piel auf kündete di Der der alten „Ch herumgel das Antt „U „wird m ſeir Di aus. 3 Blutha ſen St chalter „L Günthe Stund d rauchen Gl 1. deſtillirte hm. tliche Zeit (aͤlter. doſes Geld recht wohl, äfin Mar⸗ eit gehabt, ſich vorzu⸗ Botſchaft atte:„die on dichten ie die eiſten evan Pract, tforderungen Leichtgläu⸗ es erſehnten Werkes für torium und in Schmeh⸗ ßen Kamine. gen und der 81 Dienerin, die in der Fenſterbrüſtung mit einander plauderten und hinter dem Bettvorhang von Zeit zu Zeit ein leiſes Wimmern. Endlich ließ ſich eine ſeltſame Muſik hören, die von den Wolken herabzukommen ſchien, das Glocken⸗ ſpiel auf dem Thurme. Als dieſes ſchwieg, ver⸗ kündete die alte Schloßuhr die ſiebente Stunde. Der Doctor ſah nach dem emalllirten Zifferblatte der alten Tiſchuhr, die ebenfalls ſchlug. „Ehe der Zeiger noch einmal um das Zifferblatt herumgelaufen iſt,“ ſagte er,„wird der edele Graf das Antlitz ſeines Erben geſehen haben.“ „Und in derſelben Zeit,“ ſetzte van Praet hinzu, „wird das Gold in unſerm Schmelztigel erſchie⸗ nen ſein.“ Die Züge Günthers drückten die höchſte Freude aus. „Es wird eine Nacht des Glückes für das Haus Bluthaupt ſein,“ ſprach ſeiner Seits Zachäus, deſ⸗ ſen Stimme unwillkührlich einen ſeltſamen Klang erhalten hatte. „Eine glückliche, ſehr glückliche Nacht,“ rief Günther aus.„Aber wie lange wird mir dieſe Stunde währen!“ Der Doctor ſtand auf und goß eine Doſis des rauchenden Getränkes in den Becher. Günther führte den Becher an ſeine Lippen. I. 6 2 „Mir iſt es, als tränke ich Leben,“ ſprach er mit einem Blicke des Dankes zu dem portugieſiſchen Doctor. Seine eingefallenen dürren Wangen belebten ſich einen Augenblick und ein flüchtiger Strahl glänzte in ſeinen Augen. Dann wurde ſein Geſicht wieder bleich und der Blitz ſeines Auges erloſch. Er athmete ſchnell und legte ſeine beiden runze⸗ ligen Hände auf die keuchende Bruſt. „Ich möchte immer trinken!“ fuhr er fort. „Wenn ich nicht trinke, ſtockt mein Athem und ich fühle eine glühende Laſt da bei meinem Herzen.“ Sein Haupt wankte herüber und hinüber und ſank ſchwer auf die Bruſt. Van Praet, Zachäus und Mira ſahen einander verſtohlen an. ——, 8 bereitet Schwe hagen galva ſtarr. zeitig 3 die do lehrte bereite E Becher trunke das T vorgin ſprach er agieſſchn elebten ſich— hl glänzte ¹ icht wieder 1 . den vung⸗ Fünftes Kapitel. N er fort.. em und ich Der Zlutflecken. erioh 4.„—. 4 erzen. So oft der Graf eine Doſis des von Joſe Mira lber und bereiteten Trankes zu ſich nahm, ſteigerte ſich ſeine Schwäche. Nach einem Augenblicke von Wohlbe⸗ eneinander hagen, in welchem ſeine Altersſchwäche gleichſam galvaniſirt zu ſein ſchien, verſank er in ſchwere Er— ſtarrung. Sein Geiſt und ſein Körper erlagen gleich— zeitig einer niederdrückenden Laſt. Dieſen Abend empfand er ſtärker als gewöhnlich die doppelte Wirkung des Getränkes, das der ge— lehrte Doctor wahrſcheinlich mit größerer Sorgfalt bereitet hatte. Eine Minute nachdem ſeine Lippen den goldenen Becher berührt hatten, war er in eine Art Schlaf⸗ trunkenheit verſunken, in welcher er aber gleichwohl das Bewußtſein von allem behielt, was um ihn her vorging. — — 84 Sein auf die Bruſt geſunkener Kopf, der eine unſichtbare Laſt zu tragen ſchien, richtete ſich von Zeit zu Zeit mit Anſtrengung empor. Sein halb⸗ erloſchener Blick wanderte von einem ſeiner Gefähr⸗ ten zu dem andern, dann ſchloſſen ſich die ſchweren Augenlider wieder und der Kopf ſank von neuem auf die Bruſt. Joſe Mira folgte allen dieſen Bewegungen. Der dicke Fabricius van Praet, der breit auf ſeinem Stuhle ſaß, ſah die Holzſtücke in dem Kamine bren⸗ nen und dachte nicht an das Wunder, das ſich in dem einſamen Laboratorium oben in dem Wart⸗ thurme bereiten ſollte. Der Intendant Zachäus hatte die Hand auf das Geſicht gelegt und betrachtete zwiſchen den Fingern hindurch ſeinen Herrn mit un⸗ veränderlicher Kaltblütigkeit. Diesmal blieb der Kopf Günthers länger als gewöhnlich geſenkt; van Praet zeigte mit dem Fin⸗ ger auf die Uhr und ſagte leiſe: „Sie bleiben lange.“ „Still!“ erwiederte der Doctor;„er hört alles.“ Der Graf richtete ſich auf, als wolle er dieſe Bemerkung beſtätigen. „Es iſt wahr,“ ſagte er mit Mühe;„es dauert lange... die Minuten ſchleichen,... ſchleichen langſam.“ Er. Kräfte a „M dett Lou Schrei! Ach daſ ſich eika O die? Er er wei wie ei lechze. nehm lehre beſti Herr, / wenn d tete de 7 nie be 8⁵ d 6— Er holte Athem wie Jemand, der ſich über ſeine en halt Lraüte angeſtrengt hat. ns 4 1 rSejähr„Margarethe iſt ſtill! fuhr er fort.„Hun⸗ La.l⸗ dert Louisd'or gäbe ich darum, könnte ich den erſten eſchwern Schrei des Kindes hören... und der Schmelztigel! 1 heuem auf Ach daß ich das gelbe glänzende Gold nicht kochen, 4 ſich erkalten und eine feſte Maſſe werden ſehen kann! Rn. Onr O die Minuten ſchleichen!“ 1 u ſeinem Er ſtützte ſein Haupt auf ſeine zitternde Hand nine bren⸗... Seine drei Geſellſchafter ſchwiegen. das ſich in„Mein ganzer Körper iſt kalt wie Eis,“ ſprach em Wart⸗ er weiter,„aber ein Punkt in meiner Bruſt brennt 4 Zachäus wie eine glühende Kohle... Trinken! Ich ver⸗ betrachtete lechze.“ in mit un⸗„Sie dürfen von meinem Tranke nicht zu viel nehmen,“ erwiederte der Doctor in langſamem be⸗ länger als lehrenden Tone.„Die Doſen ſind nach der Kunſt t dem Fin⸗ beſtimmt; Sie werden deshalb trinken, gnädiger Herr, wann es Zeit iſt.“ „Ich leide ſehr,“ flüſterte der arme Greis;„ach „et hött wenn Sie wüßten, was ich leide!“ Der Doctor ſtreckte die Hand aus und beobach⸗ lle er dieſt tete den Puls. „Herr Graf,“ ſagte er frech,„Sie haben ſich ts dauert nie beſſer befunden.“ leichen Günther verſuchte zu lächeln und ſtammelte: „Vielleicht iſt es wahr;... ich bilde mir ein 86 krank zu ſein; aber das lange Warten bringt mich um. Stunden ſollen noch vergehen, ehe ich es er⸗ fahre!“ Mit einemmale ſchien er neu aufzuleben und hef⸗ tete ſein von Wünſchen glänzendes Auge auf das breite Antlitz des Holländers. „Herr van Praet,“ ſagte er in dem liebkoſenden Tone, den die Kinder gern annehmen,„meinen Sie nicht, daß wir in das Laboratorium hinaufgehen und den Schmelztigel aufdecken könnten, um zu ſehen, wie es ſteht?“ „Das würde die Verwandelung um einen Monat hinausſchieben,“ antwortete der Holländer gravitä⸗ tiſch,„vielleicht um ein Jahr,... aber ich ſtehe wie immer meinem gnädigen Herrn zu Dienſten.“ Er that als wollte er aufſtehen... Günther ſeufzete. Hinter den Vorhängen antwortete ihm ein Wim⸗ mern und eine liebliche Frauenſtimme ſprach im Tone heftigen Schmerzes den Namen Gottes aus. Die runzelige Stirn des Greiſes heiterte ſich als⸗ bald auf; er drehete ſich um und wartete auf ei⸗ nen andern Ton, der ſich noch nicht einfand. Der Doctor zog die Vorhänge halb auseinan⸗ der und das Licht der Lampen, das hineinfiel, be⸗ leuchtete ein Engelsgeſicht, das weißer war als der Muslin des Kiſſens, auf dem es ruhete, ein edeles lebes E⸗ blonde ſe Pangen und der laute uffn Der zu ſagen, wieder ni Der zunken. Han hatten i gen Gr dem Be 81 und w Uhrpe drauß D einen, kel blie auf den ken un den Th blichen Vi den Ta ingt nich ich es er⸗ nund hef⸗ eauf das ebkoſenden geinen Sie ſgehen und zu ſehen, gen Monat er gravita⸗ ſtehe wie u.“ „Günther ein Wim⸗ ch im Tone 8. e ſich als⸗ tete auf ei⸗ nd. auseinan⸗ einftel, be⸗ war als der „ein edeles 87 liebes Geſicht voll kindlicher Unſchuld. Einige blonde ſeidenweiche Locken hingen an den bleichen Wangen herab. Die Augen waren halb geſchloſſen und der farbloſe Mund ſchien ſich zu einem Klage— laute öffnen zu wollen. Der Doctor befühlte den Puls ohne ein Wort zu ſagen, zog die Vorhänge zuſammen und ſetzte ſich wieder nieder. Der alte Günther war in ſeine Ermattung ver— ſunken. Hans und Gertrud, auf die Niemand achtete, hatten ihr Geſpräch bei dem Wimmerlaute der jun⸗ gen Gräfin unterbrochen und ſahen mitleidig nach dem Bette hin. Es herrſchte eine tiefe Stille in dem großen Saale und man hörte nur das regelmäßige Geräuſch des Uhrpendels und das ſchauerliche Pfeifen des Windes draußen. Das unzureichende Licht der Lampen erhellte nur einen Theil des Saales, deſſen Wände im Halbdun⸗ kel blieben. Man erkannte undeutlich die Perſonen auf den Tapeten, die Vergoldung an den dicken Bal⸗ ken und die wunderlich geſchnitzten Frieſe. Ueber den Thüren befanden ſich gemalte Trophäen mit er⸗ blichenen Farben. Vier bis fünf große goldene Rahmen, die auf den Tapeten hingen, umgaben ernſte halb verblichene 88 Geſichter von Herrn von Bluthaupt, die zur Zeit der Kreuzzüge Jeruſalem geſehen hatten. Die Ge⸗ ſichter hatten trotz der ſchlechten Malerei eine auffal⸗ lende Aehnlichkeit mit einander. Die Bluthaupt hatten, wie eine Sage behauptet, von Jahrhundert zu Jahrhundert dieſelben Züge behalten. Dem Kamine gegenüber glänzten zwei Stahl⸗ rüſtungen und auf den Schilden, die vor den leeren Harniſchen hingen, konnte man das Wappen der Bluthaupt ſehen, nämlich drei rothe Männer auf ſchwarzem Grunde. Alles hatte ein ſchauerliches Ausſehen und zog die Gedanken faſt mit Gewalt in die finſtern Zeiten der Vergangenheit zurück. Die dunkeln Vorhänge, welche die Schmerzenstöne erſtickten, die ſchwarz be⸗ kleideten Wände, die Fenſter mit den gemalten Schei⸗ ben, auf die von Zeit zu Zeit ein Mondenſtrahl Leben zu zaubern ſchien, alles, ſelbſt die unbewegliche Gruppe der vier Männer, die das Licht der Lampen voll beſchien, erfüllte die Phantaſie mit Furcht und Grauen. Wenn der Wind ſtärker an den Fenſtern rüttelte und heulte und den Aeolsharfen zwiſchen den Schorn⸗ ſteinen des Schloſſes ſchauerliche Töne entlockte, oder wenn die eiſernen Ungeheuer, welche als Wet⸗ terfahnen dienten, ihre kreiſchenden Laute hören ließen, zuckten 9 die Stim Gertt Hans de Ulrich. Beid Dienerſch ausſchlie Nacl ſie iht O 3. ‿☛ in dem lachelte ſanftes Schwe wir ſt Wim 2 „Dru geweſe götterte ſeufzete des B. Ich we ſetzte welche Vaters ezur Zeit Die Ge⸗ eine auffal⸗ Bluthaupt ahrhundert Tappen der Ym f Nanner auf und zog tern Zeiten Vorhänge, ſchwarz be⸗ alten Schei⸗ iſtrahl Leben mbewegliche der Lampen Furcht und tern rüttelte den Schorn⸗ ne entlocke, he als Wet⸗ hören ließen, 89 zuckten Hans und Gertrud zuſammen als hätten ſie die Stimme eines Menſchen in Noth vernommen. Gertrud war in dem Schloſſe aufgewachſen, Hans dagegen ein Unterthan des ſeligen Grafen Ulrich. Beide nahmen eine beſondere Stellung unter der Dienerſchaft Günthers ein und ihre Dienſte galten ausſchließlich der Gräfin Margarethe. Nach einer Pauſe von einigen Minuten hatten ſie ihr Geſpräch wieder aufgenommen. „Ich war noch ein Kind, als die ſchöne Gräfin in dem Schloſſe ankam,“ ſagte Gertrud.„Sie lächelte nicht, wie die Bräute lächeln ſollen; ihr ſo ſanftes Auge war traurig und als ſie über die Schwelle dieſes großen Saales ſchritt, in welchem wir ſie jetzt leiden ſehen, ſchien eine Thräne an ihren Wimpern zu hängen.“ „„Die arme Dame!“ fiel Hans gerührt ein. „Drüben in dem Schloſſe Rothe war ſie ſo glücklich geweſen! Ihr Vater liebte ſie; ihre drei Brüder ver⸗ götterten ſie und alle Edelleute in der Umgegend ſeufzeten um ſie. Aber dieſe Heirath ſoll zum Glücke des Blutes dieſer Familie nöthig geweſen ſein.... Ich weiß wohl, was dem Ruhme des Hauſes fehlte!“ ſetzte er leiſer hinzu.„Die drei braven Burſche, welche man Baſtarde nennt, hätten den Namen ihres Vaters nach Gebühr aufrecht gehalten, der ſie in 90 ſeinem Teſtamente auch als ſeine rechtmäßigen Erben anerkannt hatte... Es iſt aber alles anders gekom⸗ men und viele Leute behaupten, ſie hätten es ſelbſt ſo gewollt.. Ich bin noch jung, aber ich habe doch ſchon die Zeit geſehen, als in dem ſchönen Schloſſe Rothe alles Glück und Freude war. Der edele Ulrich ſtand in der Kraft ſeines Alters; die drei jun⸗ gen Herrn hatten unter Allen in der U ngegend nicht ihres Gleichen; die beiden jungen Gräfinnen, Helene und Margarethe, die ſo gut als ſchön waren, ſchie— nen den Segen Gottes auf das Haus herunterzu⸗ bringen... Jetzt iſt Ulrich todt... der Mann, den man am Tage vorher in voller Geſundheit geſehen hatte, war am nächſten eine Leiche... Sehr mäch⸗ tige Leute, deren Ungerechtigkeit er bekämpfte, ſollen ſeine Feinde geweſen ſein. Er gehörte zu einem gro⸗ 9 ßen Bunde, deſſen Glieder ſämmtl ich Brüder unter einander ſind; aber welche Hand erhob ſich, ihn zu rächen?! Seine drei Söhne führen weder ben men Bluthaupt noch Nothe; ſie ſind Baſtarde. Ich hörte, auch ſie hätten ſich in einen verzweifelten Kampf eingelaſſen. Wer kann ſagen, ob ſie ein Obdach haben, wohin ſie ihr Haupt legen können? — Margarethe iſt die Frau eines alten Mannes, den habgierige Abenteurer umgeben... Nur die Gräfin Helene iſt glücklich... Möge Gott ſie vor allem Unglücke bewahren! Sie iſt die Frau eines — Faanzoſen tvon A Gertrud, es wa als die, welche: war auch noch aber noch mit F beide und wie ſe Hans unter am Gitter geſche Det alte G ſprach einige ver „Sie komm Zachäus Re ſter, um hinaus Auch Hans Das Gitte Räiter in einen war allein. der geſchloſſen ſen zurück, die „Es iſt n der niedelſezte. Mira und berde, die getn „Immer! Handelsleuten näher an den „ſollen ſolche d ſel Kabe 6 habe doch 3 n Schloſſ D del⸗ Nann, den 3 it geſehen gbehr mäch⸗ e, ſollen enem gro⸗ rüder unter 4 Mannes, Nur die ott ſie vor , rau eines 91 Franzoſen von Adel, den ſie ſeit ihrer Kindheit liebte. Gertrud, es war eine luſtige Hochzeit, ganz anders als die, welche Du mir eben beſchrieben haſt. Ich war auch noch ein Kind bei jener Hochzeit, denke aber noch mit Freude daran. Wie ſchön waren ſie beide und wie ſehr liebten ſie einander!“ Hans unterbrach ſich plötzlich, denn man hatte am Gitter geſchellt. Der alte Graf ſchlug die Augen halb auf und ſprach einige verworrene Worte. „Sie kommen)“ ſagte Van Praet. Zachäus Nesmer ſtand auf und trat an ein Fen⸗ ſter, um hinauszuſehen. Auch Hans und Gertrud ſahen durch das Fenſter. Das Gitter wurde geöffnet und herein kam ein Reiter in einem Mantel von Wachstuch; der Reiter war allein. Zachäus wartete bis das Gitter wie⸗ der geſchloſſen war und kehrte dann zu ſeinen Genoſ⸗ ſen zurück, die ihn fragend anſahen. „Es iſt nur Moſes,“ ſagte er indem er ſich wie— der niederſetzte. Mira und der dicke Holländer machten eine Ge⸗ berde, die getäuſchte Erwartung ausdrückte.. „Immer neue Geſichter von Abenteurern oder Handelsleuten!“ flüſterte Hans indem er wieder näher an den Seſſel der hübſchen Dienerin rückte; „ſollten ſolche Leute das Haupt der Familie Blut⸗ 92 haupt umgeben? So wahr ich Dich liebe, Ger⸗ trud, es geht in dieſem Schloſſe etwas ungewöhnli⸗ ches und drohendes vor.“ Das blühende Geſicht des Mädchens erbleichte. „Mache mich nicht ängſtlich,“ flüſterte ſie; „aber ich kann nur daſſelbe ſagen. Ich weiß nicht, welche traurige Ahnung mir das Herz zuſammen⸗ ſchnürt. Der Abend iſt kaum angebrochen und ich wünſche, es wäre ſchon wieder Tag.“ „Wenn dieſe Nacht die letzte für eines von uns ſein ſollte,“ erwiederte der Page indem er ſich be⸗ kreuzigte,„ſo ſei Gott ſeiner Seele gnädig!“ Gertrud ſchmiegte ſich zitternd dicht an ihn. Hans umfaßte das Mädchen und zog ſte an ſein Herz. „Laß mich,“ ſagte ſie.„Dieſes Spiel iſt neben dem Leidenslager der Gräfin eine Sünde; wir ſoll⸗ ten chriſtlich für ſie beten.“ Man hörte kein Geräuſch mehr im Hofe. Das Pferd des Juden befand ſich im Stalle und Moſes Geld ſelbſt war in das Zimmer des Zachäus geführt wor⸗ den, in welchem die Genoſſen zuſammen zu kommen pflegten. Hans hatte Mitleid mit der Furcht Ger⸗ 9 d)— truds und bemühete ſich ſie zu beruhigen. „Sind wir aber doch Kinder!“ ſagte er und verſuchte zu lächeln.. Laſſen wir uns da von einer thörichten Furcht ängſtigen, weil alles um uns her traurig iſt Morgen, l der Wiege ſan glänze Bluthaupt „Difſ der,“ fuhr Günthers Geſichte n ſhen. Di der Geger der Grä Tundchen Gert aber ſie volle G M „unter ſtehe; a zihlen ſe „Un mal ver ſtorben, 7 2 rem M kapelle. liebe, Ger⸗ ungewöhnli⸗ ebleichte. flüͤſterte ſie; h weiß nich, zuſammen⸗ vchen und ich nes von uns em er ſich be⸗ dig!“ cht an ihn. ſie an ſein piel iſt neben de; wir ſol⸗⸗ Hofe. Das Moſes Geld geführt wor⸗ t zu kommen (Furcht Ger⸗ in. ſagte er und da von einer z um uns her ſtorben, ohne ihm Kinder zu hinterlaſſen.* 93 traurig iſt und der Octoberwind draußen heult! Morgen, lieb Trudchen, wird ein hübſches Kind in der Wiege liegen und der Rheinwein in unſern Glä⸗ ſern glänzen zur Feier der Ankunft eines Erben der 1 Bluthaupt.“ 4 1 „Der Himmel gebe es!“ flüſterte Gertrud. 1 „Dieſe Maͤnner da haben unheimliche Geſich— 1 ter,“ fuhr Hans fort, der auf die drei Geſellſchafter Günthers zeigte;„aber das Herz gleicht oft dem Geſichte nicht und ſie ſind vielleicht ganz gute Men— ſchen. Du wollteſt mir eben erzählen, was man in der Gegend von der unverhofften Schwangerſchaft der Gräfin ſagt. Willſt Du nicht fortfahren, Trudchen?“ Gertrud antwortete einige Secunden lang nicht, aber ſie war ein Weib und die Luſt, eine geheimniß⸗ volle Geſchichte zu erzählen, iſt unwiderſtehlich. „Man ſagt vielerlei,“ antwortete ſie endlich, „unter andern auch Manches, was ich nicht ver⸗ ſtehe; aber höre nur Hans, ich will Dir Alles er⸗ zählen ſo gut ich kann. „Unſer Herr war in ſeiner Jugend ſchon zwei⸗ mal verheirathet. Seine beiden Frauen ſind aber ge⸗ „Die letzte liegt ſchon ſeit dreißig Jahren in ih⸗ rem Marmorgrabe vorn am Chore der Schloß⸗ kapelle. „Nur noch ein Paar ſehr alte Diener im Schloſſe erinnern ſich ſie geſehn zu haben, als ſie jung waren. „Dreißig Jahre lang dachte der Graf Günther nicht mehr daran, ſich wieder eine Frau zu nehmen. Er lebte eingeſchloſſen in ſeinem einſamen Schloſſe, deſſen Schwelle nie Einer ſeiner Nachbarn über⸗ ſchritt. Selbſt ſein Bruder beſuchte ihn nicht. „Was ich Dir ſagen will, klingt ſeltſam, aber ich habe es ſo oft gehört, daß es doch wahr ſein muß. Vor drei Jahren wußte der Graf Günther nichts von der Familie ſeines Bruders. Erſt damals ſchien er aus ſeinem langen Vergeſſen zu erwachen. Er erkundigte ſich und erfuhr, daß die Familie Ul⸗ richs aus zwei ehelichen Töchtern und drei Söhnen beſtehe, die kaum aus den Knabenjahren getreten 7 waͤren und keine Gräfin Bluthaupt zur Mutter hätten. 4 L. ⸗ 5. Wahrſcheinlich haſt Du auch von dem Feuer „2W reden hören, das unaufhörlich oben auf dem Wart⸗ thurme im linken Flügel des Schloſſes brennt. Dort war damals wie noch jetzt der Lieblingsaufenthalt des Grafen, der ſich Stundenlang da einſchloß. Nie⸗ mand hat jemals erfahren, was er dort treibt und — Gott verzeihe mir, wenn ich eine Sünde thue! — die Leute in der Gegend ſagen, er treibe da Zau⸗ berei und verkehre mit dem Teufel. „Seit Jahren war keine Nacht vergangen, in welcher do ſate; di hatte, beſc ſainen Lieb „Mal ren, daß? gen ſollten Grafen U nach Rom di arme „Die Thorheit ten, nach wieder die drei ſich ſcho ₰ · „„ habe Ve alte Gü Werheiß verkauft „N und ent rieth, rim Schloſſ ung waren. raf Günther zu nehmen. nen Schloſſe, chbarn uͤber⸗ nicht. ſeltſam, aber och wahr ſein Draf Günther Erſt danals zu erwachen. Familie Ul⸗ drei Söhnen ihren getreten up ſh or t zur Mutter ff dem n Ahr⸗ brennt.⸗ Dort rufenthat des ſchloß. Nie⸗ 95 welcher das Licht in dem Thurme nicht geglänzt hätte; die Nachrichten aber, die der Graf erhalten ) 7 hatte, beſchäftigten ihn ſo ſehr, daß er mehrere Tage t ſeinen Lieblingsaufenthalt nicht betrat „Man hörte ihn bei Gott und dem Teufel ſchwö⸗ ren, daß Baſtarde den Namen B uthaupt nicht tra⸗ gen ſollten. Er ſandte dann einen Boten an den Grafen Ulrich, ſeinen Bruder, und einen andern nach Rom, dort Dispens zu holen. Darauf kam die arme Gräfin Margarethe in dem Schloſſe an „Die meiſten Leute in Bluthaupt ſagen, es ſei t, in ſo hohem Alli er noch Kinder zu erwar— ten, nachdem man in der I Bugend hein uha den hat 3 „Günther hatte ſeine tannane nenein wieder begonnen, aber er war nicht mehr allein und die drei Männer, die jetzt bei ihm ſitzen, befanden ſich ſchon in dem Schloſſe „Das Gerücht verbreitete ſi⸗ einer derſelben habe Verkehr mit dem Böſen. Man ſagte ſogar, der alte Günther habe dem Teufel ſeine Seele für die Verheißung eines— Erben ſeines Namens verkauft. Slatbt Du das, Hans?“ „Nein,“ antn vortete der Page, deſſen offenes und entſchloſſenes Geſicht unverſtellte Neusſerd e ver⸗ rieth;„ich glaube an E 96 habe keine Zeit, Contracte mit den Sündern abzu⸗ ſchließen.“ Gertrud war nicht ſo geiſtesſtark. Sie ſchüttelte ihr hübſches Lockenköpfchen und ſprach feierlich: „Leute, die weit älter ſind als wir, glauben und ſagen es. Ich wünſche, daß nichts daran ſein möge; aber was hältſt Du von den drei rothen Männern, Hans?“ „Von den drei rothen Männern?“ wiederholte der Page. Gertrud ſtreckte ihre fleiſchige Hand nach einer der Eiſenrüſtungen aus und deutete auf die drei blu⸗ tigen Körper auf ſchwarzem Felde in dem Wappen der Familie Bluthaupt. „Ich meine die drei rothen Männer, welche un⸗ ſere Herrn ſeit Tauſenden von Jahren in ihrem Wap⸗ pen haben,“ fuhr ſie mit wichtiger Miene fort,„die drei Geiſter, welche über das Geſchick der Familie wachen. Hans, Du mußt doch davon gehört haben!“ .„Allerdings,“ antwortete der Page lächelnd; „ich beſinne mich.. Sie ſollen ſich jedesmal zeigen, wenn ein wichtiges Ereigniß bevorſteht. Sie erſchei⸗ nen bei Heirathen, Geburten und Todesfällen.“ Hans machte eine Geberde des Unglaubens. „Siehſt Du, Trudchen,“ ſagte er,„es giebt ſo viele Sagen von der Bluthaupt, ſo viele abergläu— biſche Legenden, ſo viele Lügen!“ „Ta „Wi Männer? Gertt ſcharf bet Hand fürchten Geiſt den glauben weilen! An Glaubi den G welche öberlie Geſicht lang uu d 7 wilkühr 97 dern abzu⸗„Das iſt keine Lüge,“ antwortete Gertrud. *„Wie ſo? Du glaubſt an die drei rothen e ſchüttelte Männer?“ erlich:„Ich muß wohl an ſie glauben.“ 7 lauben und„Warum?“ 1 ſein möge;„Weil ich ſie geſehen habe.“ 4 Mänrem, Gertrud ſprach die letzten Worte ſehr leiſe, aber 1 ſcharf betont. 1 wiederholte Hans wußte nicht, ob er laut auflachen oder ſich. 1 fürchten ſollte; denn wenn auch ſein unerſchrockener nach einer Geiſt den guten Willen hatte, ſich gegen den Aber⸗ ie drei blu⸗ glauben zu ſträuben, ſo ſchlich ſich derſelbe doch bis⸗ m Wappen weilen bei ihm ein, wie er ſich auch ſträubte. An dieſem Abende trug nach kurzem Kampfe die welche un⸗ Gläubigkeit den Sieg davon. Er erlag unbewußt ihrem Way⸗ dem Einfluſſe der ſchauerlich traurigen Atmoſphäre, d fott„die welche das Halbdunkel des alten Saals erfüllte. Es der Fanilie überlief ihn ein Froſteln. Sein jugendlich heiteres önhaben!“ Geſicht, das eben hatte lächeln wollen, wurde ernſt, e lächelnd; lang und angſtvoll. mal zeigen,„Du haſt ſie geſehn, Gertrud?“ fragte er un— willkührlich leiſe. „Ich habe ſie geſehen,“ wiederholte das Mädchen. R „Wann?“ „Es ſind gerade neun Monate, an einem Abende wwWie der heutige, nur daß es kälter war, weil es mit⸗ 1. 7 Sie erſchei⸗ pfällen.“ laubens. „es giebt ſo ele abergläu— 98 ten im Winter war und der Nordwind große Schnee⸗ flocken an die Fenſter warf. Die Gräfin Margarethe lag wie heute in ihrem Bette; der Trank des Doc⸗ tors Mira hatte ſie krank gemacht; wie eben jetzt ſchellte es draußen an dem Gitter. „Es erſchien ein Reiſender. Niemand unter den Leuten im Schloſſe kannte ihn. Er trug einen großen ſchwarzen Mantel. Sein Geſicht war edel und ſtolz und von langen Locken umgeben. „Als er eintrat, ſtieß die Gräfin einen Schaig aus, ich weiß nicht ob vor Schmerz oder Freude. „Der Fremde ſetzte ſich an der Abendtafel des Grafen nieder, dann begab er ſich in das Zimmer, das ihm Zachäus Nesmer angewieſen hatte. „Hans, ich habe das noch Niemandem geſagt und werde es auch nur Dir ſagen, da du mir geſchwo⸗ ren haſt, mein Mann zu werden.. Es iſt das Ge⸗ heimniß meiner lieben Herrin, für die ich mein Le⸗ ben, vielleicht unſere Liebe gäbe..“ Hans ergriff ihre Hand, küßte ſie und ſagte: „Ich bin glücklich, daß ich in Deinem Herzen leſen kann, Trudchen. Liebe die Gräfin, liebe ſie mehr als mich und vor mir. Sie iſt die Tochter des edeln Gra⸗ fen Ulrich, meines guten Herrn, die Schweſter der drei Enterbten, die ich mächtig und reich ſehen möchte ſelbſt auf Koſten meines Lebens.“ „Ich liebe ſie,“ ſagte das Mädchen,„weil Du ſi liebſt was ich E meinem. des Stu als hött leiſe rau hig ini Schirme nicht we Hal Ger z. Sie 1 als we immer alt w in da⸗ gebral ſteht. Tage, Teeppe immer ic all ſo daß von m ſprang oße Schnet⸗ Maxgarehe ik des Doc⸗ e eben jett d unter den einen großen del und ſtolz einen Schrei er Freude. endtafel des as Zimmer, atte. im geſagtund mir geſchwo⸗ z iſt das Ge⸗ ich mein Le⸗ nd ſagte: Herzen leſen ſie mehr als s edeln Gra⸗ Schweſter der ſehen möchte n,„weil Du 99 ſie liebſt.. Höre nun weiter; vielleicht verſtehſt Du, was ich nicht verſtehe. „Es war ungefähr Mitternacht. Ich lag da in meinem Zimmerchen hinter mir, konnte aber wegen des Sturmes nicht ſchlafen. Mehrmals war es mir als hörte ich in dem Zimmer meiner Gebieterin etwas leiſe rauſchen und ich glaubte, ſie bewege ſich unru⸗ hig in ihrem Bette. Du ſiehſt da links von dem Schirme an dem Bette der Kranken die kleine Thüre, nicht wahr?“ Hans nickte. Gertrude zeigte auf die Thüre des Betzimmers. .. Sie war bleich und ihre Stimme bebte. „Es war ein ſchrecklicher Auftritt!“ flüſterte ſie als wenn ſie mit ſich ſelbſt ſpräche;„ich werde ihn immer vor mir ſehen, und wenn ich hundert Jahre alt würde.— Dieſe Thüre,“ fuhr ſie fort,„führt in das Betzimmer der Gräfin, das durch eine nicht gebrauchte Treppe mit einem Hofe in Verbindung ſteht. Dieſer Hof hat keinen Ausgang. Vor dem Tage, von dem ich ſpreche, kannte ich weder die Treppe noch den Hof. Trotz dem Geräuſche, das ich immer in dem Zimmer meiner Gebieterin hörte, ſchlief ich allmälig ein, als plötzlich ein Schlag mich weckte, ſo daß ich emporfuhr. Es war als würde nicht weit von mir eine Thüre mit Gewalt aufgeriſſen. Ich ſprang aus dem Bette und eilte in das Zimmer hin, 7* 100 das durch eine Nachtlampe matt erleuchtet war. Höͤre nun, was ich ſah. „Die Gräfin Margarethe, noch blaß von den Leiden des Tages, hatte ihren Kopf mit dem aufge⸗ löſeten ſchönen blonden Haar auf das Kiſſen gelegt. Der Trank, den ich ihr nach der Verordnung des Doc⸗ tors Mira gegeben hatte, wirkte wohl; ſie ſchien in tiefem Schlafe zu liegen. Zwiſchen ihr und mir ſtand der Fremde, der am Abende in dem Schloſſe ange⸗ kommen war. Er war barhäuptig; ſein ſchwarzer Mantel lag am Boden neben ihm. Eines ſeiner Knie ſtützte er auf das Bett der Gräfin. So ſtand er un⸗ beweglich da, als hätte ihn der Blitz getroffen. Seine Blicke hefteten ſich mit Entſetzen auf die kleine Thüre des Betzimmers. Meine Augen folgten den ſeinigen. Hans, bei meinem Seelenheil, ich ſage die Wahrheit!— vor der Schwelle ſtanden die drei ro⸗ then Männer.“ Hans ſah nach jener geheimnißvollen Thüre hin. In ſeinen Zügen, die ihren naturlichen Ausdruck wie⸗ der erhalten hatten, ſprach ſich ein gewiſſes Miß⸗ trauen, nebſt geſpannter Aufmerkſamkeit aus. „Nicht der Fremde hatte mich aufgeweckt,“ fuhr Gertrud fort,„ſondern das Geräuſch der Thüre, welche durch die drei rothen Männer mit Gewalt ge⸗ öffnet worden war.“ „Al brach ſie 7 ſche, trübten Angſt it Wiſee daß dre ſtanden verſchw drei w ducch kaum ſchien wo w rühren mir un war. Häre a von den dem aufge⸗ ifſen gelegt. ng des Doc⸗ ſie ſchien in und mir ſtand clofſe ange⸗ ein ſchwarzer s ſeiner Knie ſtand er un⸗ getroffen. uf die kleine ſolgten den ich ſage die n die drei vo⸗ n Thüre hin. usdruck wie⸗ wiſſes Miß⸗ aus. weck,“ fuhr h der Thüre, it Gewalt ge⸗ 101 „Aber woran konnteſt Du ſie erkennen?“ unter⸗ brach ſie Hans. „Ich ſah ſie ſo deutlich vor mir wie ich jetzt Dich ſehe,“ antwortete das Mädchen.„Meine Augen trübten ſich erſt ſpäter,.. und wenn mich meine Angſt in jener ſchrecklichen Stunde nicht ohne mein Wiſſen getäuſcht hat, ſo kann ich vor Gott ſchwören, daß drei Männer in langen rothen Gewändern da⸗ ſtanden, deren Geſichter unter feuerrothen Hüten verſchwanden.“ „Das iſt wunderbar!“ flüſterte der Page. Gertrud fuhr fort: „Jeder hatte in der Hand ein langes Schwerdt, deſſen Klinge in dem Lichte der Lampe blitzte. Alle drei waren von gleicher Größe und ſahen einander durchaus gleich. Ihre Unbeweglichkeit dauerte wohl kaum den zehnten Theil einer Minute, aber mir ſchien es eine Stunde zu währen. Ich ſtand hier, wo wir ſitzen, wie verſteinert und konnte mich nicht rühren. Das Licht der Lampe reichte kaum bis zu mir und ich glaube nicht, daß man mich bemerkte. „Zwei der rothen Männer rührten ſich zu glei⸗ cher Zeit und wollten nach dem Zimmer hereinſchrei⸗ ten; der dritte aber hielt ſie durch einen gebieteri⸗ ſchen Wink zurück. Er nahm dem Einen den Degen und ging einige Schritte auf den Fremden zu. „Dieſer verließ endlich ſeine Stellung, in wel⸗ 10² cher ihn die Ankunft der drei rothen Männer gefun⸗ den hatte, wickelte ſeinen ſchwarzen Mantel um den linken Arm und ſtellte ſich in die Mitte des Zimmers. „Der rothe Mann ſchob ſeinen Hut zurück. Kann Gott böſen Geiſtern geſtatten, Engelszüge anzunehmen? Es war ein ſchöner junger Mann mit breiter Stirn und ebenholzſchwarzen Locken. Um ſeinen Mund ſchwebte ein bitteres Lächeln und in ſeinen Augen glühete Zorn. Er gab dem Fremden ſeinen Degen. Die Eiſen ſchlugen an einander und nur ihr Klang ſtörte die Stille, denn es wurde kein Wort geſprochen. Die Gräfin Margarethe ſchlief noch immer. Ich ſah die Klingen umherblitzen, ich hörte ſie ziſchen und aneinander ſchlagen; endlich ſank der Fremde mit einem lauten Schrei rücklings nieder. „Die Gräfin Margarethe fuhr aus dem Schlafe auf... ich fiel in Ohnmacht.“ „Und weiter ſahſt Du nichts?“ fragte Hans. „Ich weiß nicht, wie lange meine Ohnmacht ge⸗ dauert hat,“ fuhr das Maͤdchen fort;„als ich er⸗ wachte, ſaßen zwei der rothen Männer am Bette der Gräſin und ich glaube ſie lächelte. Aber Alles war wie ein Traum und es lag nun wie ein Schleier vor meinen Augen. Der dritte rothe Mann kniete da, wo das Gefecht ſtattgefunden hatte und rieb den Bod wiſchte n „3n hang, der Kör der dritt ſette er Ich hört ſprachen lieben.“ Hal Geberde den Ko Ge C 44 fort; deutli ſeinen und n dem L geweſe neuem mier gefun⸗ tel um den Zinmers. dut zurück. Engelzüge Mann mit ocken. Um zeln und in em Fremden inander und wurde kein rethe ſchlief blitzen, ich en; endlich ri rückings dem Schlafe gte Hans. hnmacht ge⸗ „als ich er⸗ um Bette der er Alles war ein Schleier Mann kniete atte und ritb 103 den Boden mit einem Stücke ſeines Gewandes; er wiſchte wohl Blutflecke hinweg. „Zwiſchen ihm und der Gräfin war der Bettvor⸗ hang, ſo daß ſie nicht ſehen konnte, was er that. Der Körper des Fremden war verſchwunden. Als der dritte rothe Mann ſeine Aufgabe beendigt hatte, ſetzte er ſich ebenfalls am Bette der Gräfin nieder. Ich hörte undeutlich, daß ſie alle Vier mit einander ſprachen— ſanft und wie Leute, die einander lieben.“ Hans machte in dieſem Augenblicke eine ſtumme Geberde, als ſchieße ihm plötzlich ein Gedanke durch den Kopf. Gertrud achtete nicht darauf. „Ich weiß nicht was ſie ſprachen,“ fuhr ſie fort;„dieſer ganze Theil meiner Erinnerung iſt un⸗ deutlich. Ich weiß nur noch, daß der, welcher mit ſeinem Schwerdte den Fremden niedergeſtreckt hatte und noch immer barhäuptig war, ein Pergament aus dem Buſen zog und daſſelbe in tauſend Stücke zer⸗ riß, nachdem er die Stirn Margarethens geküßt hatte. „Margarethe weinte. „Alles dies ſchien ein leerer Traum zu ſein und ich ſuchte mir es auch einzureden, daß es ein ſolcher geweſen. Meine müden Augen ſchloſſen ſich von neuem und als ich ſie wieder aufſchlug, ſchien die 104 Sonne in den Saal herein. Die Gräfin lag in ru⸗ higem Schlafe und ſah aus wie ein Engel. „Das Zimmer war ganz ſo wie in der Nacht vorher. Es waren weder die rothen Männer da noch der Fremde in ſchwarzem Mantel. Alle Thüren wa⸗ ren geſchloſſen. „Das Sonnenlicht machte mich muthig, ich konnte meiner Neugierde nicht widerſtehen und öffnete die kleine Thüre, durch welche die drei rothen Männer hatten hereinkommen müſſen. Mein Herz klopfte gewaltig, denn hinter der Thüre glaubte ich den Leichnam des Fremden zu finden. „Es war Niemand in dem Betzimmer, in wel⸗ chem das ſchöne Gebetbuch der Gräfin auf dem Bet⸗ ſtuhle aufgeſchlagen lag. Ich ging auf der dunkeln Treppe hinab und ſah mich in dem Hofe um, der mit einer Schneedecke überzogen war.— Ich ſah keine Fußtapfen in dem Schnee..“ Das Mädchen unterbrach ſich und legte die Hand auf die gepreßte Bruſt.„Kann denn aber auch der Fuß böſer Geiſter,“ fuhr ſie dann leiſe fort,„Spu⸗ ren auf der Erde zurücklaſſen?— Im erſten Augen⸗ blicke dachte ich nicht ſo. Ich ſuchte mir einzureden, daß ich geträumt hätte und daß meine Angſt und Unruhe nur die Folgen einer Fiebernacht wären.. Ich ging auf der Treppe wieder hinauf, ſah mich von neuem in dem Zimmer um und betrachtete jeden Gegenſtan All Stü und verge⸗ des Perga Sitte zerr var ein T — Awer Und den Fußbe „Sie „wenn a um den? ſchehen w tes verſch Han folgte, einen g. zu ſein 4 10⁵ lag in m⸗ l der Nacht Gegenſtand mit neuer Aufmerkſamkeit.— Nichts! Alle Stühle ſtanden an dem gewöhnlichen Platze und vergebens ſuchte ich auch eines der vielen Stücke ner da noch des Pergaments, das der Eine der Mörder an dem hürn wa⸗ Bette zerriſſen hatte.— Es war ein Traum! es war ein Traum! ſagte ich nochmals bei mir ſelber. nuthig, ich— Aber es war doch kein Traum.. Sieh da!“ ſtehen und Und das Mädchen zeigte mit dem Finger auf drei rothen den Fußboden. Mein Herz„Sieh,“ wiederholte ſie mit zitternder Stimme; eglaubte ich„wenn auch der rothe Mann ſein Gewand zerriß um den Boden damit zu reiben, wo der Mord ge— er, in wel⸗ ſchehen war,.. die Spuren des menſchlichen Blu⸗ dem Bet⸗ tes verſchwinden niemals.“ der dunkeln Hans, deſſen Auge dem Finger des Mädchens pfe um, der folgte, bemerkte wirklich auf dem ſtaubigen Fußboden — Ich ſah einen großen ſchwärzlichen Flecken, der noch feucht zu ſein ſchien. gte dixHand— * ber auch der ort,„Spu⸗ iſten Augen⸗ einzureden, ⸗Angſt und ht wäͤren.. f, ſoh mich rachiete jeden Sechſtes Kapitel. Hans und Gertrud. Der Graf Günther war endlich an dem Kamine wirklich eingeſchlafen. Sein weißes Haupt ruhete auf ſeiner Hand, die faſt ganz fleiſchlos war. Nur mit Mitleid konnte man das abgezehrte Geſicht des unglücklichen Greiſes ſehen und den keuchenden Athem hören, der ſich mühſam ſeiner hohlen Bruſt entwand. Man erkannte es leicht, daß nur noch wenig Leben in dieſem alten abgezehrten Körper ſei. Der Tod ſchien bereits über der gelblichen Stirn zu ſchweben und die eingeſunkenen Wangen hatten ſchon ein bleifarbiges leichenhaftes Ausſehen. Zachäus Nesmer, van Praet und der Doctor . benutzten dieſen Schlummer, um leiſe einige Worte zu wechſeln. al acht ade iſ ſei bal ten Yanos und „Wenn ſie vünſche,“ mur ic ihnen gem j Der Doctor ſein Nachbar au „Regnault „ich wette, de gethan iſt.“ „Und der hinzu,„liebt d das Piſtol noch ben wir den 3 Wer weiß, o troffen haben. Mina zuc als ſei er erſch „Der ehrl wie inmer zuer tt ſah den Hol „de?“ f auf einem and geweſen ſein w „Ohne 3 tendant.„Wit n Kamine pt ruhete dar. Nur jeſicht des keuchenden hlen Bruſt ch wenig ei. Der Stirn zu hatten rDoctor ſe Vorte 107 „Halb acht Uhr!“ ſagte der Intendant,„Der Jude iſt ſeit bald einer halben Stunde da.... Soll⸗ ten Yanos und Regnault nicht kommen?“ „Wenn ſie dahin gehen wollten, wohin ich ſie wünſche,“ murmelte der dicke van Praet,„würde ich ihnen gern jeden Beiſtand erlaſſen.“ Der Doctor begnügte ſich das zu denken, was ſein Nachbar ausſprach. „Regnault iſt ſchlau,“ fuhr Nesmer fort; „ich wette, daß er ankommt, ſobald die Arbeit gethan iſt.“ „Und der ſchöne Ungar,“ ſetzte van Praet hinzu,„liebt die Kämpfe nicht, in denen man weder das Piſtol noch den Degen braucht. Uebrigens ha⸗ ben wir den 31. October und die Allerheiligennacht. Wer weiß, ob ſie nicht Geiſter hinter der Hölle ge⸗ troffen haben.“ Mira zuckte die Achſeln und Zachäus ſtellte ſich als ſei er erſchrocken. „Der ehrliche Moſes,“ ſagte der Doctor,„iſt wie immer zuerſt auf ſeinem Poſten,... aber”“ Und er ſah den Holländer und den Intendanten an. „He?“ fuhr er mit einem Lächeln fort, das auf einem andern Geſichte eine häßliche Verzerrung geweſen ſein würde. „Ohne Zweifel, ohne Zweifel,“ ſprach der In⸗ tendant.„Wir haben ſchon längſt davon geſprochen. 4 108 Wir könnten das Geſchäft ſehr gut unter uns Dreien abmachen; jeder würde dann doppelt ſo viel er⸗ halten.“ „Ja wohl,“ meinten die Andern. „Das iſt das Schlimme bei ſchlechten Bekannt⸗ ſchaften,“ fuhr Zachäus Nesmer wie ein ächter gut⸗ müthiger deutſcher Spießbürger fort. „Und die Folge eines erſten falſchen Schrittes,“ ſetzte der würdige van Praet hinzu. „Wir würden nicht hier ſein,“ ſprach Nesmer ſehr ernſt weiter,„wenn unſere Aeltern jedem von uns eine oder zwei Millionen Gulden hinterlaſſen hätten.“ Der Doctor ſtimmte dieſer philoſophiſchen Be⸗ merkung bei, dann ſahen alle Drei nach der Uhr und verwünſchten ihre zögernden Genoſſen. „Sehen Sie doch, ob es vorwärts geht, Doc⸗ tor,“ ſagte van Praet. Joſe Mira ſteckte ſeinen kahlen Kopf zwiſchen den Vorhängen hindurch. Es ließ ſich diesmal kein Klagelaut hoͤren und der Doctor kam nach einigen Secunden zurück. „Niemand kann,“ ſagte er im Profeſſortone, „die Hilfsmittel genau berechnen, welche die Natur in kritiſchen Augenblicken ſelbſt findet.— Ich be⸗ zweifle es, daß die Frau die Schmerzen einer Ent-⸗ bindung ertragen kann; ich bin mit ihrem hinfälligen zuſtande! mm, ich i gans genau „(8g „Man der Doctor ühne Eiſch eine ander laſſen.“ „Wer entbunden Det Kamingit „s auch in hat kein el lachend Monate Han daß ſie e fönnen. verſunken Vuchſtab finde in! Sinn, d tuns Dreien ſo viel er⸗ ten Bekannt⸗ in äͤchter gut⸗ n Schrites, 4 ſprach Nesmer ern jedem von n hinterlaſſen pphiſchen Be⸗ nach der Uhr ſſen. s geht, Doc⸗ dopf zwiſchn ut hoͤren und zurück. Profeſſottone, ſche die Natur 1.— Ich be⸗ zen einer Enk rem hinfällgen 109 Zuſtande vollkommen zufrieden,... aber im Gan⸗ zen, ich wiederhole es, kann man es doch nicht ſo ganz genau wiſſen....“ „Es giebt ja Mittel,“ meinte Zachäus. „Man muß in Allem Maß halten,“ antwortete der Doctor.„Eine Doſis führt die Entwickelung ohne Erſchütterung und in anſtändiger Weiſe herbei, eine andere könnte beklagenswerthe Spuren zurück⸗ laſſen.“ „Wenn ſie aber entbunden wird, wann wird ſie entbunden werden?“ fragte van Praet. Der Doctor legte ſeine langen Beine auf das Kamingitter und antwortete: „Es kann mehrere Tage dauern, es kann aber auch in einer Stunde vorbei ſein. Die Wiſſenſchaft hat keine beſtimmte Antwort auf ſolche Fragen.“ „Und wer weiß übrigens,“ ſetzte van Praet lachend hinzu,„ob nicht die Kinder des Teufels elf Monate in dem Schooße ihrer Mutter bleiben.“ Hans und Gertrud waren zu weit entfernt, als daß ſie ein Wort von dieſem Geſpräche hätten hören können. Hans war überdies in tiefes Nachdenken verſunken. Es ſchien, als ginge ſein Geiſt über den Buchſtaben der Erzählung Gertrud's hinaus und finde in den Worten derſelben einen geheimnißvollen Sinn, den das Mädchen nicht begreife. 11⁰ „Haſt Du die Geſichter dieſer drei Männer geſehen, Trudchen?“ fragte er nach einer Pauſe. „Ich ſah nur eines,“ antwortete ſie;„die ſchö⸗ nen, ſanften, träumeriſchen Züge eines Jünglings.“ Hans dachte wiederum einige Secunden lang nach. „Und was geſchah im Schloſſe am Tage dar⸗ auf?“ fragte er weiter. Gertrud beſann ſich einen Augenblick, dann ant⸗ wortete ſie: „Am andern Tage ſuchte man den Fremden überall; alle Thore und Thüren waren ſorgfältig verſchloſſen und doch war der Fremde verſchwunden. „Wie hatte er verſchwinden können?— Nie⸗ mand wußte, was in jener ſeltſamen Nacht geſchehen war. Selbſt die Gräfin, deren ſchwerer Schlaf, welchen der Trank des Doctors hervorgerufen, erſt nach der Ermordung des Fremden geendet hatte, fragte mehrmals, was aus ihm geworden ſei. Nie⸗ mand konnte ſich das plötzliche Verſchwinden erklä⸗ ren. Die Diener und Unterthanen Bluthaupts ſag⸗ ten endlich, der Fremde ſei der Teufel geweſen, den die Beſchwörung des Holländers van Praet berufen hätte. Es verbreitete ſich ein dunkles Gerücht in der Gegend und Alle waren überzeugt, daß es in dem Schloſſe nicht geheuer ſei.— „Als dann die Schwangerſchaft der Gräfin be⸗ — lunt vund und ſagte, „In der ſct idt it den gleich er s ſci ein Schloſſes R Rodach, der Margartthe jzungen Herr habe. „Ich j in dem Scht „Ex gilt de „Niem fuhr Gertr die Leute ſonſt weiten heimlichen Schloſſe Ro hänglichkeit „Liebt! ihr Vort l Idermann muß,.„, ſ Männer Pauſe. „die ſchö⸗ glings.“ nden lang Tage dar⸗ dann ant⸗ n Fremden ſorgfältig ſchwunden. 2= Nie⸗ t geſchehen arer Schlaf, erufen, erſt endet hatte, —ſei. Nie⸗ nden erklä⸗ aupts ſag⸗ ſweſen, den get berufen rücht in der es in dem Gräfin be⸗ 111 kannt wurde, zählte man die Tage, rechnete nach und ſagte, ihr Kind wäre das Kind des Teuſels. „In dem Schloſſe lebte ein alter Falkenier, der jetzt todt iſt, und der behauptete, er habe den Frem⸗ den gleich erkannt, als er angekommen. Er ſagte, es ſei ein junger Edelmann aus der Nähe des Schloſſes Rothe geweſen, der Baron Stephan von Rodach, der ſich früher um die Hand der Gräfin Margarethe beworben und nach der Heirath unſerer jungen Herrin die Gegend von Heidelberg verlaſſen habe.“ „Ich habe dieſen Baron von Rodach allerdings in dem Schloſſe Ulrichs geſehen,“ fiel der Page ein. „Er gilt dort längſt für todt.“ „Niemand wollte dem alten Falkenier glauben,“ fuhr Gertrud fort.—„Seit neun Monaten haben die Leute im Schloſſe und in der Umgegend von ſonſt weiter nichts geſprochen und Dir, Hans, ver⸗ heimlichen ſie es wohl nur, weil Du von dem Schloſſe Rothe gekommen biſt und Deine edle An⸗ hänglichkeit für die Tochter Deines Herrn erriethen.“ „Liebt man ſie denn nicht?“ fragte der Page. „Wie ſollte man ſie nicht lieben?“ entgegnete Gertrud;„ſie iſt ja ſo gut und mildthätig und ſchon ihr Wort lindert Schmerzen. Jedermann liebt ſie, Jedermann bedauert ſte, daß ſie ihre Jugend opfern muß,.. aber ſeit jener Nacht iſt ſie wie von einem 2 — 11 Zauberkreiſe umſchloſſen.... Selbſt ihre Wohltha⸗ ten erregen Angſt und Furcht in den Hütten der Armen. Man wagt ihre Gaben nicht anzurühren und die Leute hungern lieber als daß ſie das Geld antaſten, das ſie ihnen reichte. Man weiß, daß ſie unſchuldig, fromm und rein iſt, aber es ſoll ein ver⸗ derbliches Band zwiſchen ihr und der Hölle beſtehen. „Du ſprachſt eben von den alten Legenden und zahlloſen Prophezeihungen, die über die Familie un⸗ ſerer Herren verbreitet ſind. Eine ſoll zu einer be⸗ ſtimmten Zeit die Ankunft des Sohnes des Teufels ankündigen und an den Tag ſeiner Geburt den Un⸗ tergang der Familie Bluthaupt knüpfen. „Ach, wie grauenhaft haben alte Leute vor mir darüber geſprochen! Sie ſagen, Alles würde vorbei ſein, ſobald jenes Kind den erſten Schrei thue. Das Licht auf dem Wartthurme ſoll in demſelben Augen⸗ blicke erlöſchen, in welchem die Gräfin Margarethe Mutter wird, und nie wieder leuchten. „Jedermann in der Gegend glaubt, dieſes Licht ſei die Seele des alten Günther, die ſchon längſt an den Fürſten der Hölle verkauft worden....“ In dieſem Augenblicke bewegten ſich die Vor⸗ hänge des Bettes bei den Zuckungen der Kranken, die unter ſchneidenden Schmerzen erwachte. An die Stelle ſtillen Wimmerns trat ein lauter Schmerzensſchrei. Günther die Augen ve „Sie ha diſen Geſtch „Ach, hört! Müttern ſo, der Doe „Schrei fuhr der Alt Perlendiaden der koſtbaren nägt... König?“ Van„ Günth „Eine „das Mete im Mutter des Glückes Margar zen; ihr An Alten erſchie Die dae Der P. Schrei der Tohltha⸗ atten der zurühren das Geld daß ſie lein ver⸗ beſtehen. enden und amilie un⸗ einer be⸗ es Teufels t den Un⸗ te vor mir ude vorbei thue. Das hen Augen⸗ Margarethe jeſes Licht längſt an 77 die Vor⸗ ar Kranken, . tein lauter 113 Günther richtete ſein Haupt empor und ſchlug die Augen verwundert auf. „Was iſt es?“ fragte er. „Die edle Gräfin...“ begann der Doctor. „Sie hat geſchrien,“ unterbrach ihn der Greis, deſſen Geſicht plötzlich von Freude überſtrahlt wurde. „Ach, hört wie ſie ſchreit! Nur Knaben ſollen ihren Müttern ſo große Schmerzen machen.“ Der Doctor nickte bejahend. „Schreie, Margarethe, ſchreie, liebes Weib,“ fuhr der Alte mit Lächeln fort;„ich gebe Dir ein Perlendiadem und einen Schmuck von Diamanten, der koſtbarer ſein ſoll als ihn irgend eine Königin trägt.... Werde ich nicht reicher ſein als ein König?“ Van Praet nickte. Günther ſah nach der Uhr. „Eine Stunde iſt vorüber,“ ſprach er heiter; „das Metall ſchmilzt im Tiegel, das Kind regt ſich im Mutterſchooße. Ach, glückliche Nacht! Nacht des Glückes für das Haus Bluthaupt!“ Margarethe wand ſich in unſäglichen Schmer⸗ zen; ihr Angſtgeſchrei wurde immer greller und dem Alten erſchien es wie liebliche Muſik. Die drei Genoſſen blieben kalt und unbeweglich. Der Page und das Mädchen ſchwiegen; jeder Schrei der Gräfin war ein Stich in ihr Herz. I. 8 114 „Gertrud!“ rief jetzt Margarethe, welche ſter⸗ ben zu müſſen meinte.„Zu Hilfe! Zu Hilfe!“ Gertrud ſprang auf und eilte an das Bett; aber der Doctor kam ihr zuvor und ſtellte ſich zwi⸗ ſchen ſie und die Kranke. „Gertrud!“ ſagte die arme Margarethe,„ver⸗ läſſeſt auch Du mich?“ Das Mädchen ſuchte mit Gewalt an dem Por⸗ tugieſen vorüber zu kommen und Thränen des Mit⸗ leides und des Zornes ſtanden in ihren Augen. „Zurück, Kind,“ ſagte der gravitätiſche Joſe Mira ſo feierlich als möglich. „Aber meine Gebieterin ruft mich!“ wollte Gertrud antworten. Der Doctor ſchob ſie zurück und wendete ſich an den alten Grafen. „Das Mädchen,“ ſagte er,„ſteigert durch ih⸗ ren thörichten Eigenſinn die Gefahr dieſes kritiſchen Augenblickes.“. Das bleiche Geſicht des Greiſes röthete ſich, ſo ſehr erzürnte er ſich. „Fort, Mädchen!“ ſprach er und hielt ihr dro⸗ hend die Fauſt entgegen.„Wagſt Du meinem Doc⸗ tor Dich zu widerſetzen? Mein Doctor iſt Herr hier, verſtehſt Du? und Alle müſſen ihm hier gehorchen.“ „Gertrud! Gertrud!“ wimmerte Margarethe kaum vernehmlich. — Gertrud ſhluchite „u. derAltehalb ic bitte Dich beſten Freun Der Nar Aloven herr „Noch, ſagte der al ſaſſe Dich u Wenn Du einen Rubin Die Kr wegten ſich Der a mit kindiſe „Sind „Ein tete der Por „Ja, will,“ ent Aber zur 3 Taopfen von Mira ſ „Ich f au können, velche ſter⸗ dilfe!“ dss Bet,; ſich zwi⸗ ihe, ver⸗ dem Por⸗ n des Mi⸗ lugen. dtiſche Joſe 7“ wolte deie ſich an er durch ih⸗ ſes kritiſchen ete ſich, ſo jelt ihr dro⸗ heinem Doc⸗ ſt Hett hier, gchorchen.“ Margarethe 115 Gertrud bedeckte ihr Geſicht mit den Händen und ſchluchzete. „Rufe nicht mehr Gertruden, liebe Frau,“ ſagte der Alte halb gebieteriſch, halb liebkoſend;„ſei ruhig, ich bitte dich. Du haſt den Doctor gehört, meinen beſten Freund.“ Der Name Gertruds drang noch einmal aus dem Alcoven hervor wie ein verklingendes Echo. „Noch einmal!— Verzeihen Sie ihr, Doctor,“ ſagte der alte Graf;„ſie iſt ſo jung.. Gretchen, faſſe Dich und bleibe ruhig.. die Gertrud iſt fort. Wenn Du ſie nicht mehr rufen willſt, gebe ich Dir einen Rubinring, der zehntauſend Gulden werth iſt.“ Ddie Kriſis war vorüber; die Bettvorhänge be⸗ wegten ſich nicht mehr und Margarethe ſchwieg. Der alte Graf rieb ſeine knochendürren Hände mit kindiſcher Freude. „Sind Sie zufrieden, Doctor?“ fragte er. „Ein Wort unſeres gnädigen Herrn,“ antwor⸗ tete der Portugieſe,„beſänftiget ſelbſt den Schmerz.“ „Ja, ich kann mit Gretchen machen was ich will,“ entgegnete der Alte;„ſie liebt mich ſo ſehr! Aber zur Belohnung müſſen Sie mir nun auch einen Tropfen von dem Tranke geben, Doctor.“ Mira ſah nach der Uhr. „Ich freue mich, den Herrn Grafen befriedigen zu können,“ ſagte er;„die halbe Stunde iſt vor⸗ 8* 116 über.“ Er goß die gewöhnliche Doſis in den gol⸗ denen Becher und der Graf trank begierig. „Ich danke,“ ſagte er;„Gott vergelte es Ihnen.“ Gertrud hatte ſich traurig und betrübt wieder neben dem Pagen niedergeſetzt, der mit ſtummer Ver⸗ wunderung allen Bewegungen des Doctors gefolgt war. Sein Geſicht drückte beſorgten Zweifel aus. „Iſt es das erſtemal, daß er Dich hinert, zu unſerer Gebieterin zu gehen?“ fragte er. „Das zweitemal,“ antwortete Gertrud.„Gegen Abend rief mich die Gräfin und als ich zu ihr gehen wollte, ſtellte ſich mir dieſer Mann entgegen.“ 5 „Weißt Du warum?“ „Ja,“ antwortete Gertrud;„er ſah dieſen Morgen, daß mir die Gräfin einen Brief und einen Schlüſſel zuſteckte. Er wollte mich verfolgen, als ich das Zimmer mit dem erhaltenen Auftrage ver⸗ ließ, aber ich lief ſchneller als er.“ „Welchen Auftrag hatte ſie Dir gegeben?“ fragte Hans weiter. „Ich kann nur in meinem Gebetbuche leſen,“ antwortete Gertrud erröthend.„Die Gräfin gab mir den Schlüſſel mit dem Briefe und beſahl mir beides dem Jäger Klaus zu überbringen, der wie Du von dem Grafen Ulrich gekommen iſt. Klaus ſetzte ſich ſogleich zu Pferde und iſt noch nicht zurück.” — Hans ſt „EinB „Ich he fähht Gertru⸗ ſtrengſte Sd „Die meinem He Page wit ei wenn ſie F mir ein W Gertrud „Du! Dich.“ Beide dicht an tete ſich n In d Wind dra Mondenli hohen Fen Hans nern, dien „Jem ſpreche er mir das( Gertre „Wa den gol⸗ gelte es t wieder mner Ver⸗ s gffolgt fel aus. undert, zu „Gegen ihr gehen n. ſah dieſen f und einen folgen, als fftrage ver⸗ gegeben?“ che leſen,“ Gräfin gab beſahl mit —n, der wie ſſt Klaus ichtzurück. 117 Hans ſtützte nachdenkend den Kopf auf die Hand. „Ein Brief,“ flüſterte er,„und ein Schlüſſel!“ „Ich hätte nicht davon ſprechen ſollen, Hans,“ fuhr Gertrud fort,„denn die Gräfin hatte mir das ſtrengſte Schweigen anbefohlen.“ „Die Geheimniſſe meiner Gebieterin ſind in meinem Herzen gut aufgehoben,“ antwortete der Page mit einer gewiſſen Begeiſterung,„ihre Feinde, wenn ſie Feinde hat, können mich tödten, aber nie mir ein Wort entreißen.“ Gertrud erfaßte ſeine Hand und drückte ſie. „Du biſt ſo gut,“ ſprach ſie,„und ich liebe Dich.“ Beide blieben einige Minuten ſchweigend und dicht an einander geſchmiegt ſitzen. Gertrud fürch⸗ tete ſich noch und Hans grübelte noch immer nach. In dem Saal war es vollkommen ſtill; auch der Wind draußen hatte ſein Pfeifen eingeſtellt und das Mondenlicht ergoß ſich ürunterürdchen durch die hohen Fenſter herein. Hans wendete ſeine Blicke nach den drei Män⸗ nern, die neben dem ſchlummernden Alten ſaßen. „Jemehr ich darüber nachdenke,“ ſagte er, als ſpreche er mit ſich ſelbſt,„um ſo drohender kommt mir das Geheimniß vor.“ Gertrud erblaßte und fragte: „Was fürchteſt Du?“ 118 „Ich weiß nicht,“ antwortete der Page,„aber ſieh nur, iſt es nicht als wollte der Graf Günther ſterben?“ Gertrud ſah den Alten mit Schaudern an und flüſterte:„ja, Du haſt Recht.“ „Der Graf ſtirbt gewiß,“ fuhr Hans fort, „und die Gräfin iſt in den Händen dieſes unglück⸗ lichen Arztes! Manche Menſchen ſind ſchlimmer als der Teufel, Gertrud, und die Befürchtung der Un⸗ terthanen Bluthaupts könnte wohl in Erfüllung gehen, ohne daß die Hölle dabei im Spiele wäre.“ „Wie meinſt Du das?“ fragte das Mädchen angſtvoll. Hans ſchüttelte den Kopf und antwortete nicht. Nach einer Pauſe heiterte ſich das Geſicht des Mädchens wieder auf, denn ſie war auf einen trö⸗ ſtenden Gedanken gekommen.* „Hans,“ ſagte ſie mit kindlichem Glauben,„ich hoffe, daß Du Dich irrſt.“ „Gott gebe es!“ flüſterte der Page. „Wenn ein Unglück geſchehen ſollte,“ fuhr Ger⸗ trud mit niedergeſchlagenen Augen fort,„würden die drei rothen Männer erſchienen ſein.“ Hans mußte über dieſe Worte lächeln, ſo traurig er auch war. „Wer weiß, ob ſie nicht noch kommen ſprach er. 117 In demſ dr die drück gen; er trat und ſtieß ein der Gertrude der gro überzogen. Gertrud murmelte m „So ſa die rotben „Kleine mals zu la blicke zuckte Gertrud ve Gitterthor 119 j„ncber In demſelben Augenblicke ſtand er auf, als könnte Dünther er die drückende Laſt ſeiner Angſt nicht länger ertra⸗ gen; er trat an das Fenſter, blickte zerſtreut hinaus an und und ſtieß einen leiſen Schrei der Verwunderung aus, der Gertruden zu ihm zog. ns ſott, Der große Schloßhof war mit einer Schneedecke unglüc⸗ überzogen. mmer als Gertrud drückte den Arm des Pagen ſtark und gder Un⸗ murmelte mit halberſtickter Stimme: Erfüllung„So ſah der Hof in jener Nacht aus, als ich ewaͤre.“ die rotben Männer hier in dem Saale erblickte.“ Mädchen„Kleine Närrin!“ antwortete Hans, der noch⸗ mals zu lächeln verſuchte; aber in demſelben Augen⸗ tte nicht. blicke zuckte er unwillkührlich zuſammen, während Heſicht des Gertrud vor Entſetzen wankte. Es wurde an dem enen troͤ⸗ Gitterthore heftig geſchellt. 1 uben,„ihh fuhr Ger⸗ „würden ſo traurig 74 kommen! Siebentes Kapitel. Das Abendeſſen. Hans und die niedliche Gertrud waren umſonſt erſchrocken, denn nicht die drei rothen Männer ſchell⸗ ten an dem Gitterthore des Schloſſes. Die Ankommenden waren der Ritter von Regnault und der Ungar Yanos Georgyi. Während ein Stallknecht ihre Pferde in den Stall führte, ſtiegen ſie die breite Treppe hinauf, zwiſchen deren von einander gewichenen Steinen Gras wuchs. Sie traten in den Flur, dann in den Waffenſaal, der von dicken Pfeilern getragen wurde, deren Capitäler an den vier Ecken grinſende Geſtal⸗ ten zeigten, häßliche kauernde Gnomen mit empor⸗ ſtehenden Eſelsohren. Es war Niemand in dem Saale. In dem anſtoßenden, deſſen allegoriſche Schnitze⸗ reien bewieſen, daß er als Gerichtsſaal gedient hatte, hieltn ſih auf, die ſtanden. Bluth Zeit hatte minder fe Sorgloſigt merkſamke Diener ſic dies war wohl Pla einen and kommen. Der? gehalten weiſen, ſchonen. nicht ebe gerade de ſeiner An fällig gew Der . laſſene G man nach Zwar ſta Familie? anſehnlich en umſonſt neer ſchell⸗ nRegaault arde in den npe hinauf, en Steinen ann in den gen wurde, nde Geſtal⸗ mit empor⸗ and in dem ſche Schnitze⸗ gedient hatte 121 hielten ſich Diener von jedem Alter und Geſchlecht auf, die um einen großen Ofen herum ſaßen und ſtanden. Bluthaupt hatte viele große Gebäude, aber die Zeit hatte arg an dieſen Nebenbauten genagt, die minder feſt waren als das Hauptgebäude. Die Sorgloſigkeit des Grafen Günther, der ſeine Auf⸗ merkſamkeit nur Träumereien zuwendete, hatte die Diener ſich in dem Schloſſe ſelbſt einniſten laſſen und dies war allerdings auch ſo groß, daß die Diener wohl Platz drinnen fanden, ohne der Herrſchaft, die einen andern Flügel bewohnte, vor die Augen zu kommen. Der Intendant Zachäus hatte es nicht für nöthig gehalten, die Dienſtleute aus dem Schloſſe zu ver⸗ weiſen, denn es lag ihm viel daran, Jedermann zu ſchonen. Wenn ihn die Diener im Schloſſe auch nicht eben liebten, ſo konnten ſie ihn doch auch nicht gerade der Tyrannei beſchuldigen, denn er war ſeit ſeiner Ankunft im höchſten Grade nachſichtig und ge⸗ fällig geweſen. Der ehemalige, jetzt dem Dienſtperſonal über⸗ laſſene Gerichtsſaal war nicht ſo ſehr verfallen, als man nach dem erſten Anblicke hätte meinen können. Zwar ſtanden keine Edelleute mehr im Dienſte der Familie Bluthaupt, aber ſie hatte noch immer ganz anſehnliche Leute um ſich. 122 Blaſius, der Haushofmeiſter, erhielt monatlich hundert Gulden für ſeine Dienſtleiſtungen. Frau Deſideria, die Wirthſchafterin, ſtand ihm an Wich⸗ tigkeit nicht nach. Sie hatten beide Lederlehnſtühle, auf denen ſie wie Fürſten inmitten ihres Hofes ſaßen. Neben ihnen ſaßen die Aufſeherin der Wäſche und die erſte Küchenmagd; dann folgte der Falkenier Gottlieb, der rein gar nichts zu thun hatte, der Sattler Arnold, der Schmied Leo und die Stall⸗ knechte. In der letzten Reihe putzten die Jäger ihre Gewehre und ſchäkerten mit den Mägden, die dem Alter der Frau Deſideria noch nicht gleichgekommen waren. Regnault und der Ungar ſchritten durch dieſe im⸗ poſante Geſellſchaft hindurch, um zu dem Zimmer des Zachäus Nesmer zu gelangen, wo der Jude Moſes Geld ſie bereits erwartete. Sie gingen durch eine lange Reihe großer Ge⸗ mächer, die ganz unbenutzt zu ſein ſchienen und deren Fenſter nicht einmal mehr Scheiben hatten. Sie konnten durch dieſelben hindurch den großen Umfang der Höfe und die Zahl der verſchiedenen Nebenge⸗ bäude überblicken, ſogar die zierliche Kapelle bewun⸗ dern, einen Ueberreſt aus dem zwölften Jahrhunderte, ein Werk jener geduldigen Zeit, welche Erwin von Steinbach den Straßburger Münſter bauen ſah. Zachäus Nesmer hatte ſeine Wohnung an dem Frau des G iſlichen ein großen ſeiner Art herrichen des Schlo Die a Schlöſſer den. Zac kleiner Feſt Van 4 ten am en durchaus! unmittelba Das4 erregte ein richtsſaale nach, wa kung über „Der Herr,“ ſa „Mit doch wohl Die ar und gegen „Sie 1 natlich Frau Wich⸗ ſtüͤhle, ſaßen. he und galkenier tte, der e Stall⸗ äget ihre die dem ekommen dieſe im⸗ Iimmer der Jude roßer Ge⸗ und deren n. Sie Umfang Nebenge⸗ lle bewun⸗ rhunderte, Erwin von nſch. ag an dem 123 öſtlichen Ende des Schloſſes genommen. Es lag ein großer Raum zwiſchen den Zimmern, die er nach ſeiner Art für ſeinen ausſchließlichen Gebrauch hatte herrichten laſſen und zwiſchen dem bewohnten Theile des Schloſſes. Die alten Riegel der Thüren und die verroſteten Schlöſſer namentlich waren durch neue erſetzt wor⸗ den. Zachäus hatte ſeine Wohnung zu einer Art kleiner Feſte gemacht. Van Praet und Joſe Mira, der Doctor, wohn⸗ ten am entgegengeſetzten Ende des Schloſſes. So durchaus nützliche Perſonen mußten immer in der unmittelbaren Nähe ihres Herrn ſein. Das Hindurchgehen Regnaults und des Ungarn erregte einen kurzen Aufſtand in dem ehemaligen Ge⸗ richtsſaale; die Dienſtleute ſahen ihnen neugierig nach, während die Mägde einander leiſe ihre Bemer⸗ kung über die beiden fremden Männer mittheilten. „Der franzöſiſche Herr iſt doch ein ſchöner Herr,“ ſagte Frau Deſideria. „Mit dem edeln Ungar, der ihn begleitet, iſt er doch wohl nicht zu vergleichen,“ meinte Lotte, die Frau des Courriers Fritz. Die andern Mädchen und Frauen nahmen für und gegen dieſe Meinung Partei. „Sie mögen ſchön oder häßlich ſein,“ ſagte end⸗ 124 lich der Schirrmeiſter Johann,„ich ſehe ſie nicht gern hier ankommen.“ „Sie ſind Raubvögel,“ fiel ein Andrer ein; „ſo oft ſie kommen, verkündigen ſie ein Unglück.“ Die Frauen zuckten die Achſeln. „In dem Schloſſe Bluthaupt iſt immer das Gaſtrecht geübt worden,“ ſprach gravitätiſch der Haushofmeiſter.„Sprecht alſo mit mehr Achtung von den Gäſten unſeres gnädigen Herrn.“ „Es ſind nicht die Gäſte des Herrn Grafen,“ brummte Johann,„ſondern des Zachäus und des verfluchten Holländers, der das Schloß noch dem Teufel übergeben wird.“ Frau Deſideria bekreuzigte ſich und alle Frauen und Mädchen folgten ihrem Beiſpiele. Es trat eine ängſtliche Stille ein wie früher vor der Ankunft der Fremden, denn auch hier waren ſeit dem Abende wie in dem Zimmer der Kreiſenden die Schrecken dieſer Nacht, in welcher das Geſchick der Familie Blut⸗ haupt in Erfüllung gehen ſollte, das allgemeine und ausſchlicßliche Geſpräch geweſen. „Wenn noch Licht oben auf dem Wartthurme iſt,“ ſagte einer der Stallknechte, der zuletzt einge⸗ treten war,„ſo kann die Frau Gräfin noch nicht entbunden ſein.“ In dieſem Augenblicke trat der Bote Fritz, der eben von ſeiner Reiſe nach Frankfurt zurückgekommen var, in de rat er doch bleicher als Er ſetz die Fragen fan. Seine2 liches Bild „Wenn brennt,“ fli mel, daß ih „Der l fiel Johann „Ach, guten Gehe Brot eſſen müſſen!“ „Ged „ihr habt ten. So habt Ihr n das Schloß find ſchwer. Alle A Lippen des Porte, den In der ſie nicht rer ein; nglüc 4* mer das atiſch der Achtung Grafen,“ und des noch dem le Frauen 3 teat eine Inkunft der llbende wie ecken dieſer rilie Blut⸗ meine und Partthurme lletzt einge⸗ noch nicht e Fiit 1 der lckgekommen 125 war, in den Saal. Ob er gleich durchnäßt war, trat er doch nicht an den Ofen. Sein Geſicht war bleicher als der Schnee, der auf ſeiner Livree lag. Er ſetzte ſich in einer Ecke nieder und wollte auf die Fragen ſeiner Frau nicht antworten, die zu ihm kam. Seine Augen waren ſtier und er ſchien ein gräß⸗ liches Bild vor ſich zu ſehen. „Wenn es die Seele Bluthaupts iſt, die da oben brennt,“ flüſterte Frau Deſideria,„ſo gebe der Him⸗ mel, daß ihr Licht nicht ſobald verlöſche.“ „Der liebe Gott hat damit nichts zu ſchaffen,“ fiel Johann ein. „Ach,“ ſeufzeten mehrere Weiber;„wir haben guten Gehalt und wenig Arbeit; aber beſſer trockenes Brot eſſen als ſich immer vor dem Böſen fürchten müſſen!“ „Geduld,“ ſagte der Schirrmeiſter Johann; „ihr habt Euch nur noch einige Stunden zu fürch— ten. So bald der Sohn des Teufels geboren iſt, habt Ihr nichts mehr zu beſorgen, denn dann wird das Schloß über uns zuſammenſtürzen und die Steine ſind ſchwer.“ Alle Anweſenden ſchauderten und die bleichen Lippen des Haushofmeiſters Blaſius fanden keine Worte, den kecken Schirrmeiſter zu ſtrafen. In der Pauſe nach dieſer ſchauerlichen Drohung, 126 öffnete ſich die Thüre des Saales und Zachäus er⸗ ſchien auf der Schwelle. Ihm folgte van Pract. Der Anblick des Holländers, deſſen breites volles Geſicht fortwährend lächelte, erregte unter den Dienſt⸗ leuten ein unbeſchreibliches Grauen; denn er unter⸗ hielt das Feuer oben in dem Teufelsthurme; er war der Vermittler zwiſchen dem alten Grafen und der Hölle. Seine Anweſenheit in einem ſolchen Augenblicke ſteigerte die Furcht und Angſt auf den höchſten Grad. Obwohl ſein Ausſehen durchaus nichts diaboliſches hatte, ſo bedeckten doch alle Weiber das Geſicht mit den Händen, um ihn nicht zu ſehen und Frau Deſi⸗ doria nahm ihre Zuflucht wiederum zu der ſchützen⸗ den Bekreuzigung. V Die Männer ſahen ihn finſter von der Seite an und in ihren Blicken lag eben ſo große Furcht als Haß. „Herr Blaſius,“ ſagte Zachäus zu dem Haus⸗ hofmeiſter des Schloſſes,„laſſen Sie in dem Zim⸗ mer der Gräfin decken für den gnädigen Herrn; mein Abendeſſen bringen Sie ſogleich in mein Zimmer.“ Blaſtus verbeugte ſich⸗ „Nun, heute iſt vergnügte Nacht, Kinder,“ ſagte Zachäus, indem er ſeinem unbeweglichen Ge⸗ ſichte einen gemüthlichen Ausdruck zu geben ſuchte. „Ja, 1 7 dice van Die An Fiitz ü ſah noch in nen Blicke der Verzwe „Eine die Jähne! „Unſet „wünſcht! Fier der! und nehm Rheinwein Der hinzu, un ging mit einige M. fin an der ſagſche vor dee Gericht in die bezei Das 2 höchſten G lets; das lic, faſt ü' äͤus er⸗ Iraet. s volles Dienſt⸗ er unter⸗ z er wat und der lugenblicke ſten Grad. laboliſches Heſicht mit rau Deſi⸗ er ſchützen⸗ er Seite an Fuccht als dem Haus⸗ dem Zim⸗ ermn; mein „.471 Zimmer. 71 Kinder, eben ſuchte. heglichen Ge⸗ 127 „Ja, eine vergnügte Nacht!“ wiederholte der dicke van Praet. Die Anweſenden blieben ſtumm und ſtill. Fritz überlief es kalt in ſeinem Winkel... Er ſah noch immer den Vorfall in der„Hölle“ vor ſei— nen Blicken und in ſeinem Ohre hallte der Schrei der Verzweiflung wieder. „Eine luſtige Nacht!“ flüſterte er, während ihm die Zähne klapperten. „Unſer gnädiger Herr,“ fuhr Zachäus fort, „wünſcht daß Ihr als gute Diener luſtig ſeid zur Feier der Ankunſt ſeines Erben. Deckt den Tiſch und nehme ein Jeder eine Flaſche von unſerm beſten Rheinweine.“ Der Haushofmeiſter winkte und einige traten hinzu, um die Tafel aufzuſtellen. Der Kellermeiſter ging mit ſeinem Gehilfen in den Keller hinunter und einige Minuten ſpäter ſaßen die Dienſtleute des Gra⸗ fen an der großen Tafel, jeder mit einer Rheinwein⸗ flaſche vor ſich; unterdeß trugen die Küchenjungen die Gerichte des alten Grafen und des Intendanten in die bezeichneten Zimmer. Das Abendeſſen des Grafen Günther war im höchſten Grade frugal, faſt wie das eines Einſied⸗ lers; das des Intendanten Zachäus dagegen reich⸗ lich, faſt üppig. Die rauchenden Speiſen, die durch 128 den Gerichtsſaal getragen wurden, ließen einen lo⸗ ckenden Wohlgeruch zurück. „Nun, Kinder,“ rief der Intendant,„füllt die Gläſer und trinkt auf die Geſundheit des Kindes, das geboren werden ſoll.“ Die Gläſer wurden gefüllt und Alle thaten als tränken ſie, aber keine Lippe netzte ſich in dem edeln Tranke. „Heil ihm und Segen!“ rief Zachäus noch⸗ mals. „Nun,“ ſagte van Praet, indem er den Inten⸗ danten am Arme zog,„hindert uns nichts zu Tiſche zu gehen.. Kommen Sie.“ Zachäus folgte ihm, nachdem er den Dienſtleu⸗ ten freundlich herablaſſend zugenickt hatte. Sobald er fort war, öffnete man ein Fenſter des Saales und ſchüttete den Inhalt aller Gläſer in den Hof hinaus. Niemand, nicht einmal der gravitätiſche Haus⸗ hofmeiſter, wollte auf das Wohl des Sohnes des Teufels trinken. 4 Auch als die Leute wieder Platz genommen hat⸗ ten, herrſchte eine ſchauerliche Stille an'der großen Tafel, obgleich ſchwerer Wein genug daſtand, der ſte hätte begeiſtern und heiter ſtimmen können. Gott⸗ lieb, der luſtige Falkenier, Arnold, Leo und die an⸗ lch wolte dern Jünge aber die all Das K dam Zimme zurück „Was „der junge,„un vorhängen.“ „Bei d lachen die „Wen. decht ind, eine Freude Es fe der bei de andern ſaf Enden gro viele langh ſein. Zachäu Thüre des „Hier während er J. gen lo⸗ üllt die 28, das aten als eim edeln ¹s noch⸗ en Inten⸗ zu Tiſcht Dienſtleu⸗ Fenſtet des läͤſer in den ommen hat⸗ n'der großen nd, der daſta önnen. Gott⸗ 129 dern Jüngern füllten die Gläſer wieder und tranken, aber die allgemeine Stille wirkte auch auf ſie. Das Küchenperſonal kam mit leeren Händen aus dem Zimmer der Gräfin und aus dem des Zachäus zurück. „Was machen ſie oben?“ fragte Johann. „Der Graf ſchläft,“ antwortete ein Küchen— junge,„und die Gräfin wimmert hinter den Bett⸗ vorhängen.“ „Bei dem Herrn Nesmer,“ ſagte ein Anderer, „lachen die Fremden aus Herzensgrunde.“ „Wenn gute Chriſten von einem Unglücke be⸗ droht ſind,“ ſagte einer von den Dienern,„iſt es eine Freude für die Böſen.“ Es fehlte bei den Genoſſen nur der Doctor Mira, der bei der Gräfin zurückbleiben mußte. Die fünf andern ſaßen an einer reich beſetzten Tafel, an deren Enden große Haufen Teller ſtanden und auf welcher viele langhalſige Weinflaſchen glänzten. Wahrſchein⸗ lich wollte man ganz allein und ohne Bedienung ſein. Zachäus war eben aufgeſtanden und hatte die Thüre des anſtoßenden Zimmers doppelt verſchloſſen. „Hier ſind wir gänzlich ungeſtört,““ ſagte er, während er ſich niederſetzte.„Macht es Euch be⸗ J. 9 130 quem, Freunde, als wärt Ihr hundert Meilen von Bluthaupt entfernt.“ „Und laßt uns trinken!“ rief Regnault. Der Holländer reichte ihm die Hand über den Tiſch hinüber, ſo geiſtreich und treffend fand er die Bemerkung. Der Wirth Nesmer ſaß zwiſchen Moſes Geld und Regnault; an der andern Seite des Tiſches hatte Van Praet, der auch zu dem Hauſe gehörte, den Ungar Yanos neben ſich. „Nun, Freunde,“ begann Regnault nach der Suppe,„es ſcheint alles vortrefflich zu gehen. Ohne dieſe Schwangerſchaft, die uns anfangs ſo geängſti⸗ get hat, hätten wir noch Jahre lang warten können, während wir jetzt ein Ende machen müſſen.“* „Herr Ritter,“ ſagte van Praet,„Sie ſprechen goldene Worte und ſind der liebenswürdigſte Menſch, den ich kenne. Wir fürchteten ſchon, Sie würden ausbleiben.“ 3 „Ach,“ erwiederte Regnault, indem er mit den Fingern durchsſein Haar fuhr;„die Frankfurterin⸗ nen ſind zwar ſehr liebenswürdig, aber einen Mann von Wort können ſie doch nicht hindern ſeinen Ge⸗ ſchäften nachzugehen.— Ich wurde auf dem Wege aufgehalten,“ ſetzte er mit dem ihm eigenen trium⸗ phirenden eiteln Tone hinzu,„und zwar durch ein ziemlich unangenehmes kleines Abenteuer. Ein ar⸗g ner Teuffl ſt olchen Regnau „Haben „und derL „Nein, „Rein, hatte nichts Sache viell wie ſteht es here Angab „der der Intend Wein tran Doctot he berühmte zuthun.“ „Ja, unterdeß auf dem F von Statte wenn Gra ſtirbt alles zu verwan Der als wenn nehmen. Meilen von ult. d über den fand er die Moſes Geld des Tiſches ſo geängſti⸗ en können, ſſen“ Sie ſprechen ſ ſte Menſch, Sie würden un er mit den trankfurterin⸗ einen Mann n ſeinen Ge⸗ 131 mer Teufel fing Streit mit mir an. Sie wiſſen, man iſt ſolchen Sachen ausgeſetzt.“ Regnault war etwas bleich, aber er lächelte. „Haben Sie ihn umgebracht?“ fragte van Praet, „und der Herr Yanos war Ihr Secundant?“ „Nein,“ antwortete der Ungar trocken. „Nein,“ wiederholte Regnault,„Herr Yanos hatte nichts dabei zu thun. Ich werde Ihnen die Sache vielleicht ſpäter erzählen, beim Deſſert. Aber wie ſteht es denn? Herr Nesmer, ich bitte um nä— here Angaben.“ „Der Herr Graf iſt ſehr herunter,“ antwortete der Intendant, der mit kleinen Schlucken ein Glas Wein trank;„fragen Sie nur van Praet,.. der Doctor hat ihm dieſe Tage arg mitgeſpielt und der berühmte Lebenstrank ſcheint ſeine Pflicht vortrefflich zu thun.“ „Ja,“ ſetzte van Praet lachend hinzu;„aber unterdeß ſteht der Schr ztiegel oben im Wartthurme auf dem Feuer. Das große Werk geht dort langſam von Statten und es müßte mit dem Ter ſſil zugehn, wenn Graf Günther nicht Zeit haben ſollte, ehe er ſtirbt alles Blei in Bluthaupt in gutes ſchönes Gold zu verwandeln.“ Der Jude Moſes ſah van Praet ſ ſchüchtern an, als wenn er zögere, dieſe Worte für Spott zu nehmen. 9* 13² „Ich,“ fuhr der dicke Holländer ſtolz fort,„ich habe Euch, meine werthen Freunde, die Mittel ge⸗ geben, dieſes vortreffliche Geſchäft zu machen.“ „Und ich!“ fiel Zachäus ein. „Und ich!“ wiederholte leiſe der beſcheidene Moſes Geld, der ganz ſtill ein Glas Wein nach dem andern austrank. „Ich will die Verdienſte Niemandes ſchmälern,“ fuhr der Holländer fort.„Sie Nesmer, haben mir 7 771 7 4. das Thor des Schloſſes geöffnet und ich ſchlage vor, auf Ihre Geſundheit zu trinken.“ Man trank die Geſundheit des Intendanten, dann fuhr van Praet fort: „Sie, würdiger Moſes Geld, haben die zehn⸗ bis zwölftauſend Gulden geliefert, die zum Abſchluß des Kaufes nöthig waren.. Ich bringe Ihnen ei⸗ nen Toaſt!“ Man trank die Geſundheit des Juden. „Ich aber,“ ſprach der dicke Holländer weiter, „ich habe die ſinnreiche Entſchädigung erfunden, in deren Folge die zehn- bis zwölftauſend Gulden hin⸗ reichen, mehrere hunderttauſend Gulden zu bezahlen. Wenn Sie die Koſten des Grafen noch beſſer benutzt hätten, Nesmer, wenn Sie zu zweihundert Proc. dargeliehen hätten, würdiger Moſes, Ihr würdet es doch nicht zu Stande gebracht haben. Dazu gehör⸗ ————— — in meine S und der gand „Sie ſir Praet,“ unt aber auch da „Di d Höländer fo Einkünfte B. und bezahlte an, daß wir Der An „Wieri zen auf den „Sch b ausfühtlich the, der, dient hat, ſechs ſo gle loſen darun „Jele Zachäu breitete es gleichzeitg hen auf da Der U ſagte: D „Davo ort,„ich Mittel ge⸗ on 74 ſen. beſcheidene nach dem chmälern,“ haben mir ſchlage vor, intendanten, en die zehn⸗ um Arſchluß nge Ihnen ei⸗ ander weiter, erfunden, in Gulden hin⸗ zu bezahlen. QMbeſſer benutt bundert Proc. Ihr wündet es Dazu gehöl⸗ 133 ten meine Schmelztiegel, meine gelehrten Formeln und der ganze alchemiſtiſche Apparat.“ „Sie ſind ein ausgezeichneter Escamoteur, van Praet,“ unterbrach ihn Regnault;„wer behauptet aber auch das Gegentheil?“ Die Dukaten unſres Freundes Moſes,“ fuhr der Holländer fort,„die Erſparniſſe Nesmers, und die Einkünfte Bluthaupts, alles ging durch meine Hände und bezahlte den Reſt der Rente. Ich trage darauf an, daß wir zweimal auf meine Geſundheit trinken.“ Der Antrag wurde einſtimmig angenommen. „Wieviel,“ fragte der Ungar,„wird im Gan— zen auf den Mann kommen?“ „Ich habe,“ antwortete der Intendant,„den ausführlichen Status der Güter Bluthaupt und Ro⸗ the, der als Grundlage des Verkaufscontractes ge⸗ dient hat, in der Taſche.. Ich habe dieſe Güter in ſechs ſo gleiche Theile als möglich getheilt.. Wir loſen darum.“ „Zeigen Sie uns den Status,“ ſagte Regnault. Zachäus brachte ein Papier aus der Taſche und breitete es auf dem Tiſche aus. Alle ſtanden dann gleichzeitig auf, ſteckten die Köpfe zuſammen und ſa⸗ hen auf das dicht beſchriebene Papier. Der Ungar ſetzte ſich zuerſt wieder nieder und ſagte: „Davon verſtehe ich nichts, aber wehe dem, der 134 ſeinen Antheil auf Koſten des meinigen verbeſſern 1[77 wollte! Van Praet war wegen ſeiner ſcheinbaren Gut⸗ müthigkeit, nebſt dem Doctor Mira, der einzige in der Geſellſchaft, welcher dem ſchrecklichen Ungar bis⸗ weilen die Stirn zu bieten wagte. „Man wird ſich bemühen, Herr Georgyi,“ ant⸗ wortete er,„Ihrer adeligen Unwiſſenheit die Sache ſo deutlich als möglich zu machen.. Nehmen Sie das Papier wieder fort, Nesmer; wir wollen lieber wie gute Freunde trinken.“ Regnault hatte keinen Antheil an dieſer Debatte genommen.. Er trank mit unauslöſchlichem Durſte und aß mit vortrefflichem Appetite. Der blutige Auftritt, in welchem wir ihn kurz vorher eine ſo fluchwürdige Rolle ſpielen ſahen, ſchien durchaus keinen unangenehmen Eindruck in ſeiner Erinnerung zurückgelaſſen zu haben. Er war einer jener harten Sünder, die durch nichts als durch die Furcht weich gemacht werden und die von Gewiſſensbiſſen nichts wiſſen. Er hatte kein Atom von Gefühl, ſein Herz war unverwundbar und die Natur hatte ihm dabei einen berechnenden, ungläubigen, gemeinen Sinn ohne Geſchmack gege⸗ ben, der ſich nur in jener ſpöttiſchen Luſtigkeit ge⸗ fiel, welche unter Stutzern niederer Herkunft guter Ton iſt. ließ, un kei 5 Man l zuan halten hausſpäße ſ. Das we fährlichere H denn dieſe D die eigenen man am wel ſelſchaftliche wie derrenon gefährlichen Wäſſerchen ben lang die tags und in Liebesabent ihm die wr ſtet habe. aber nicht. ſie eines I die Vorthei und ſollte n Er nahr ten Rang ei ſellteſich ſ „Und d 13⁵ erbeſſem Man hätte ihn für einen gemeinen Don Juan halten können, der höchſtens einiger Wirths⸗ en Gut⸗ hausſpäße oder einer wohlfeilen Verführung fähig 1 inzige in iſt. Das war aber eine trügeriſche vielleicht noch ge⸗ 1* agat bid⸗ fährlichere Hülle, als eine Maske der Gutmüthigkeit; 1 denn dieſe Dutzend„Löwen,“ die nur ſich ſelbſt und wi,“ant⸗ die eigenen Thaten rühmen können, ſind Leute, denen 1 die Sache man am wenigſten mißtraut. Sie ſtehen auf der ge⸗ hmen Sie ſellſchaftlichen Stufenleiter auf derſelben Sproſſe, 1 ollen lieber wie der renomiſtiſche Student, der ſich für einen ſtaats⸗ ſ gefährlichen Menſchen ausgeben möchte, aber kein ſer Debatte Wäſſerchen trübt, und wie der Commis, der ſein Le⸗ dem Durſte ben lang die Bücher führen muß, aber überall Sonn⸗ tags und in den Wirthshäuſern von ſeinen zahlloſen ir ihn burz Liebesabenteuern und von der Summe erzählt, die elen ſahen, ihm die und jene Tänzerin und Schauſpielerin geko⸗ Eindruck in ſtet habe. Man lacht über ſolche Leute, fürchtet ſie 1. aber nicht. Man tarirte ſie viel zu hoch, wenn man die durch ſie eines Verbrechens fähig hielte. Regnault hatte die Vortheile ſeiner Maske ſchon oftmals genoſſen twerden und L 4 und ſollte noch oftmals davon Gebrauch machen. fr hatte kein undbar und Er nahm unter ſeinen Genoſſen einen zweifelhaf⸗ erechnenden, ten Rang ein, Niemand rechnete auf ihn, aber er ſchmad gege⸗ ſtellte ſich ſo gern voran, daß man ihn bisweilen da euſigfeit g⸗ 5 erkunft gulet ließ, um keinen Streit zu haben. G„Und die liebe Gräfin?“ fragte er;„der Doc⸗ 136 tor hat ihren intereſſanten Zuſtand noch nicht beſeiti⸗ gen können?“ „Die Werke Satans ſind nicht ſo leicht zu zer⸗ ſtören, Herr von Regnault,“ antwortete van Praet pathetiſch;„der Doctor weiß ſich nicht mehr zu hel⸗ fen; das Kind wird zur Welt kommen, ich wette.“ „Und was iſt daruüber beſchloſſen worden?“ „Wir,“ ſagte Nesmer,„d. h. van Praet, der Doctor und ich, ſind der Meinung, daß wir die Sache ihren natürlichen Gang gehen laſſen, wenn die Gräfin von einer Tochter entbunden wird. Die Ankunft einer Tochter hebt den Verkauf dem Con⸗ tracte zu Folge nicht auf; es iſt eine Verzögerung von einigen Tagen, vielleicht einigen Wochen, in je⸗ dem Falle aber können der Graf und die Gräfin nicht lange mehr leben.“ Der Ungar hatte ſeine Gabel auf den Tiſch ge⸗ legt und hörte die Worte des Intendanten mit großer Aufmerkſamkeit an. Die andern Anweſenden nickten beifällig mit Aus⸗ nahme des Juden Moſes, der ſtets bei ſeiner demü⸗ thigen Zurückhaltung blieb und ſich ausſchließlich mit ſeinem Teller beſchäftigte.. „Und wenn es ein Knabe iſt?“ fragte Regnault weiter. Nesmer antwortete einige Secunden lang nicht; 1 er ſchien nachzud „2 endlich, haben, ſchehen. 3 der In Rechte Perluſt ſich zi 7 712 melte 7 dieſe junge / Nesme kräftige 1„ Regna 7 genen ein M Ihren mir ni * 8 137 eſiti 4 er ſchien über die Ausdrücke, die er zu brauchen habe, . nachzudenken und ſie ſorgſam zu wählen. u zer⸗„Wir ſind ja keine Anfänger mehr,“ ſagte er Praet endlich,„und da wir uns mit einander verbunden zu hel⸗ haben, ſo iſt es gewiß zu irgend einem Zwecke ge⸗ ette.“ ſchehen.“ 2„Offenbar,“ meinte van Praet. t, der„Die Ankunft eines Sohnes des Grafen,“ fuhr dir die der Intendant fort,„würde uns nicht nur unſerer wenn Rechte als Käufer verluſtig machen, ſondern auch den die Verluſt aller bis heute aufgewendeten Summen nach Con⸗ ſtiß zithen. gerung„Das würde mich zum Bettler machen,“ mur⸗ un j melte der Jude,„mich und meine armen Kinder.“ nn nict„Wir können,“ ſagte Regnault ſehr ernſthaft, 3„dieſe drohende Möglichkeit durchaus nicht auf der 2 jungen Familie unſres Freundes Moſes laſten laſſen.“ iſch g⸗„Folglich,“ ſetzte van Praet hinzu,„ſind wir, gloßer Nesmer, der Doctor und ich, der Meinung, daß kräftige Mittel anzuwenden wären.“ it Aus⸗„Ich ſchließe mich dieſer Meinung an,“ ſagte rdemie⸗ Regnault. hließlich„Ich,“ ſprach der Jude leiſe, mit niedergeſchla⸗ genen Augen und mit unſicherer Stimme,„ich bin Negnaul[ ein Mann des Friedens, Gott iſt mein Zeuge.. Ihre Klugheit iſt größer als die meinige und es ziemt grih mmir nicht, Ihnen irgend einen Rath zu geben.“ 5 5 „ 138. . n. Nur der Ungar hatte ſich noch nicht ausge⸗ F† 77 ſprochen.„das l „Was nennen Sie kräftige Mittel, van Praet?“ Blutha⸗ c. Ma fragte er jetzt. R „Das würde, werther Georgyi, zu unangeneh⸗ A „.„„=—„„.— 4 d. men und, wie mir's ſcheint, peinlichen Erorterungen er, d führen,“ antwortete der Holländer.„Noch einmal, wollee 3 wir ſind keine Anfänger.“ Nesmer Yanos zögerte einen Augenblick, dann zogen ſich K M ſeine dicken Augenbrauen zuſammen. dant, „Mit zwei Worten,“ ſprach er barſch,„wen wollen. wollt Ihr in dieſer Nacht umbringen?“ de Der Jude faltete die Hände, ſchob den Teller zu⸗ es aus rück, der— leer war, hob ſeine kleinen grauen Au⸗ Auge gen zur Decke empor und flüſterte:„Herr Gott! 1 Herr Gott!“ Iwan „Herr Yanos,“ ſagte Regnault,„hat Aus⸗ ſchöng drücke, welche den Dingen ein auffallendes Ausſehen der W eben... Der vortreffliche Moſes hat bereits allen auf der . g) f . Appetit verloren und unſer Abendeſſen ſcheint ſich verthei traurig zu endigen. Zum Teufel auch! Wir verſte⸗„6 hen einander doch und die Erklärungen van Praets„aber ſcheinen vollkommen zu genügen.“ trinken „Mir genügen ſie nicht,“ antwortete der Ungar, aber v „und ich frage zum zweitenmale, wen man in dieſer c gan Nacht zu ermorden gedenkt?“ 1/ Nesmer und van Praet ſchwiegen ſchmollend. Ungar eneh⸗ ungen mal, en ſich „wen r zu⸗ Au⸗ Gott! Aus⸗ sſehen allen t ſich verſte⸗ graets ngar, dieſer end. 139 „Nun wahrhaftig,“ ſagte endlich Regnault, „das liegt doch auf der Hand..., Günther von Bluthaupt, ſeine Frau und ihren Sohn.“ Yanos machte eine Geberde des Abſcheuß „Einen Greis, ein Weib und ein Kind!“ ſagte er, dann ſtürzte er ein Glas Wein hinunter als wolle er ſich hindern, ein Wort weiter zu ſprechen. Nesmer und van Pract zuckten die Achſeln. „Herr Nanos,“ ſprach ſodann der Inten⸗ dant,„wer den Zweck will, muß auch die Mittel wollen.“ Der Ungar füllte ſein Glas von neuem und trank es aus; ſein Geſicht röthete ſich und ſein ſchwarzes Auge blitzte ungewöhnlich. „Ein Weib!“ wiederholte er und er r mußte ſich Zwang anthun, um nicht zu ſchreien,„ein junges ſchönes frommes Weib, deſſen Liebe mit allem Golde der Welt nicht zu bezahlen wäre!— ein Weib, das auf dem Schmerzenslager liegt und das kein Schwerdt vertheidiget in der Stunde des feigen Mordes.“ „Es iſt langweilig,“ ſagte Regnault halblaut, „aber es währt nicht lange.. Sobald er anfängt zu trinken, wird er immer dramatiſch, glücklicherweiſe aber von neuem ein ſchamloſer Tegentches ſobald er ganz betrunken iſt.“ „Bei dem Namen meines Vaters!“ fuhr der Ungar immer hitziger fort,„ich für meine Perſon 140 kann weder Kinder noch Weiber morden!— Ich will reich ſein, ja, weil ich jung, von Adel und ſchön bin, weil mir nur Geld fehlt, um es mit jedem Prinzen aufzunehmen.... „Nun, Herr YNanos,“ unterbrach ihn van Praet,„Sie werden Geld bekommen....“ „Es muß ein herzzerreißender Anblick ſein, ein ſterbendes Weib neben der Wiege ihres ermordeten Kindes!“ fuhr der Ungar fort, der ſein Glas un⸗ aufhörlich füllte und austrank.„Ja, etwas anderes wäre es, wenn Männer mit Degen an der Wiege ſtänden, wenn die Schwerdter ſich kreuzten, das Blut ſich erhitzte, das Herz klopfte und die Sinne umnebelt würden!... Ich habe Ulrich von Blut⸗ haupt ermordet, Ihr wißt es....“ Der Jude bedeckte ſein Geſicht mit den Händen. „Ich habe ihn ermordet,“ wiederholte Nanos mit donnernder Stimme;„es war Nacht; wir ſtan⸗ den alle Fünf vor der Thüre des Zimmers, in das er gegangen war, und keiner von Euch wagte voran⸗ zugehen, weil Ulrich ein Soldat war und im Dun⸗ kel ſeines Zimmers uns laut zurief:„Der Erſte, der einen Schritt thut, iſt ein Kind des Todes.““ „Wir wiſſen, daß Sie muthig ſind wie irgend Einer, Herr Georgyi,“ ſagte Regnault mit ſchmei⸗ chelndem Tone.„Meine Herren, auf die Geſund⸗ heit unſeres Freundes Nanos!“. 9 UN trankd Trunke wanken waltig 9 Männe Weiber Zimme die Fin wie zw d dern er tiſches „ ſein! jenes wenn ſo wiͦ C. ſchönen gewor 1, wurde dem B mit den hen. Ich l und jedem vang t, ein odeten 1s Un⸗ nderes Wiege das Sinne Blut⸗ anden. Nanos r ſtan⸗ in das irgend ſchmei⸗ jeſund⸗ 6 144 Die Gläſer klirrten an einander; der Ungar trank das ſeinige zweimal hinter einander aus. Die Trunkenheit begann ſeiner Herr zu werden. Er ſtand wankend auf und ſchlug mit der Fauſt auf ſeine ge⸗ waltige Bruſt. „Ja,“ ſagte er,„Muth habe ich; gebt mir Männer zu bekämpfen, aber verlangt nicht, daß ich Weiber morde!— Gedenkt Ihr noch, daß jenes Zimmer ſchwarz war? Man ſah nichts darin als die Finſterniß und in dieſer Finſterniß hörten wir, wie zwei Piſtolen geſpannt wurden.“ Der Jude zitterte bei der Erinnerung, die An⸗ dern erbleichten und ſelbſt Regnault verlor ſein ſpöt⸗ tiſches Lächeln. „Ich trat allein vor,“ fuhr der Ungar fort, der ſein langes Haar ſchüttelte,„es zog mich etwas in jenes Zimmer, in welchem die Gefahr drohte. Ach, wenn die Völker einander noch Schlachten lieferten, ſo würde ich ein Held werden, das weiß ich.“ Eine wilde Begeiſterung ſtrahlte aus ſeinem ſchönen Geſicht; er ſchien um einen Kopf größer geworden zu ſein unter ſeinen bebenden Genoſſen. „Ich trat hinein,“ fuhr er fort,„das Dunkel wurde einmal erhellt und dann noch einmal und bei dem Blitze der beiden Schüſſe ſah ich einen Mann mit dem Degen in der Hand mitten im Zimmer ſte⸗ hen. Ich ſprang auf ihn zu; die Degen klirrten 142 knirrſchend an einander,... Ulrich fiel, dann kamt Ihr, meine Freunde,“ ſetzte Yanos mit bitterer Verachtung hinzu,„Ihr kamt alle Fünf und ich glaube... Ihr blieſet ihm das Lebenslicht vollends 8 1 aus. Der Ungar ſank auf ſeinen Stuhl und reichte ſein Glas hin, das ihm Nesmer ſchnell vollſchenkte. „Es wäre nicht unmöglich,“ flüſterte van Praet,„daß der Herr Yanos auch in der heutigen Nacht einem Degen gegenüberzutreten hätte.“ Der Ungar richtete ſich raſch auf, Regnault blinzelte mit den Augen, well er meinte, van Praet ſpreche nur ſo, um der Kampfluſt des Ungarn zu ſchmeicheln. Die Andern ſahen van Praet fragend an. Die Geſellſchaft war im Allgemeinen friedlich geſinnt und die Ankündigung eines Kampfes erfreute Niemanden. „Wer ſpricht von Degen?“ fragte der Ungar. „Der Graf Ulrich hat Freunde hinterlaſſen,“ antwortete der dicke Holländer. „Weiter nichts?“ fiel Nesmer ein.„Es iſt weit von hier bis Heidelberg.“ Regnault winkte ihm zu ſchweigen, da er noch immer glaubte, van Praet ſpiele Comödie. 4 „Es iſt weit von hier bis Heidelberg, wieder⸗ holte d langeh Au Beſorg. 8 21 Ng mit Ge m kamt bitterer und ich ollends reichte ſchenkte rte van heutigen erfreute Ungar. 71 laſſen, „Ei er noch wieder⸗ 143 holte dieſer kopfſchüttelnd,„es iſt aber auch ſchon lange her, daß Klaus fortgeritten iſt.“ Auf dem Geſichte des Intendanten malte ſich Beſorgniß. „Das habe ich nicht gewußt,“ ſagte er verlegen. Regnault knipp ihn in den Arm und unterdrückte mit Gewalt das Lachen. „Laſſen Sie ihn doch reden,“ ſagte er ihm in's Ohr....„Merken Sie denn nicht, daß er es nur des Ungarn wegen ſagt?“ Der Blick des Letztern, der ſchon durch die Trun⸗ kenheit umſchleiert war, haftete ſtier auf van Praet und er trank noch immer. „Dieſer Klaus,“ fragte er bereits ſtammelnd, „will Leute holen, die ſich mit mir ſchlagen ſollen?“ „Ja,“ antwortete Regnault. Yanos griff an ſeine linke Seite, als wolle er den Degen ſuchen; dann lachte er laut und lange. „Wenn es Männer und Degen an dem Bette der Frau und an der Wiege des Kindes giebt, die Frau iſt zwar ſehr ſchön,... aber der Degen!.. Sie müßte doch ermordet werden.“ Er ſank in den Stuhl zurück und ſeine ſchweren Augenlider fielen zu. „Ich habe vergeſſen, Ihnen das zu erzählen, Nesmer,“ fuhr van Praet fort.„Dieſen Morgen, als Sie nicht da waren, iſt die kleine Gertrud an 8* 4₰ 144 das Bett der Gräfin getreten, die ihr heimlich einen Brief und einen Schlüſſel gegeben hat.“ „Der dicke van Pract iſt ein vorzüglicher Schau⸗ ſpieler,“ ſagte Regnault;„aber die Verſtellung wird nutzlos; ſeht, der Wilde iſt ſchon eingeſchlafen.“ „Noch nicht, noch nicht,“ flüſterte der Jude, der ihn immer mit Angſt von der Seite anſah. „Ach, Herr! Ach, Herr! Was für ein heftiger, ſchrecklicher Menſch!“ „Der Doctor,“ fuhr van Praet fort,„konnte das Mädchen nicht einholen und er ſah, wie Klaus im Galopp fortritt.“ „Das iſt Alles?“ fragte Regnault...„Klat⸗ ſchen Sie, meine Herren, das Mährchen iſt prächtig erfunden.“ 1 „Es iſt kein Mährchen,“ entgegnete der Hol⸗ länder ernſthaft.„Danos ſchläft und die Verſtel⸗ 71 lung würde, wie Sie eben ſagten nicht nöthig ſein.“ 8 4 7 2 8 Da verlängerte ſich das Geſicht Regnault's. Der Intendant machte eine verdrüßliche Miene und Moſes fing wieder an zu zittern. „Und der Klaus iſt heute früh fort?“ fragte Zachäus Nesmer. „Und er iſt noch nicht zurück,“ ſetzte Regnault hinzu, der nicht lachte. 5 „Er gehört nach Rothe,“ meinte der Holländer bedeutungsvoll. Cot Genoſſen nault le nannte, D 950 van Pre „ll Regnau „J ſchüttelt Nacht herein! gekomm ner b herein ch einen Schau⸗ iſtellung hlafen.“ r Jude, anſah. heftiger, „konnte ie Klaus „Klat⸗ prächtig der Hol⸗ Verſtel⸗ hig ſein.“ gnaults. iene und " fragte Regnault d Holländer 145 Es trat eine lange Pauſe ein, dann ſahen die Genoſſen einander an und als der Ritter von Reg— nault leiſe den Namen der Baſtarde von Bluthaupt nannte, zuckten Alle am Tiſche zuſammen. „Das Gitter iſt jedenfalls feſt,“ ſagte endlich van Praet. 3 „Und die Thürme ſind gut,“ ſetzte der Ritter Regnault hinzu. „Ja,“ entgegnete Nesmer, indem er ſein Haupt ſchüttelte,„aber vor neun Monaten kam in der Nacht ein Fremder in's Schloß, durch das Gitter herein und Niemand weiß, wie er wiederum hinaus⸗ gekommen iſt.“ „Meinen Sie, daß es noch einen geheimen Ausgang giebt?“ fragte Regnault erſchrocken. „Ich bin erſt ſeit wenigen Jahren im Schloſſe,“ antwortete Nesmer,„habe aber von den alten Die⸗ nern oftmals erzählen hören, die drei rothen Män⸗ ner brauchten keinen Schlüſſel zum Gitterthore, um hereinzukommen.“ Achtes Kapitel. Der„grüne Zaum.“ Das Wirthshaus„zum grünen Baum“ in Heidelberg ſtand bei der Polizei nicht im beſten Rufe, war aber ſonſt ein hübſches Gebäude und zeigte auf ſeinem Schilde eine Eiche, deren Blätter wie Sma⸗ ragde glänzten und erſt im vergangenen Sommer neu gemalt worden waren. Man trank darin viel Wein und viel Bier. Der Wirth, Elias Kopp, ſollte gar, wie man erzählte, früher ſelbſt ſtudirt haben und ein flotter Burſche geweſen ſein; deshalb waren auch ſeine Gäſte vor⸗ zugsweiſe Studenten, unter denen er ſich am beſten gefiel. Alle Dienſtage wurde der Hauptſaal ſeines Hau⸗ ſes in einen Tanzſaal umgewandelt, wohin ſelbſt Profeſſoren und andere angeſehene Leute mit ihren blühenden Töchtern kamen.— — An der„g ſehen un haus, i 1 perſa Es nault,“ Schloſſ als der den Vic Da von St ten und Mann tels a ktamn der an D Erzäh A T wir im“ in en Rufe, eigte auf ie Sma⸗ Sommer ier. Der erzählte, Burſche äſte vor⸗ m beſten nes Hal⸗ jin ſelbſt nit ihren 147 An den andern Tagen der Woche verlor freilich r„grüne Baum““ viel von ſeinem eleganten Aus⸗ ſehen und wurde wiederum ein gewöhnliches Wirths⸗ haus, in dem ſich ein großer Theil der Studenten zu verſammeln pflegte. Es war an demſelben Abende, an welchem Reg⸗ nault, Moſes und der Ungar mit einander nach dem Schloſſe Bluthaupt ritten, ſo ziemlich zu der Zeit, als der Ritter allein auf dem Wege zurückblieb, um den Vicomte Audemer zu erwarten. Das größte Zimmer des Wirthshauſes war voll von Studenten, die ſangen, rauchten, tranken, ſpiel⸗ ten und debattirten. An einem Tiſche fiel ein junger Mann durch die ungewöhnliche Farbe ſeines Man⸗ tels auf, der roth war. Auch trug er einen breit⸗ krämpigen Hut und an ſeinen bleichen Wangen fiel eine Fülle ſchwarzer Locken herab. Er konnte zwan⸗ zig Jahre alt ſein. Weiterhin bemerkte man zwei ganz ebenſo gekleidete junge Männer, die dem erſten auch ſonſt ſo ähnlich ſahen wie ein Ldiiie lbild dem Originale. Der eine der beiden Letztern ſpielte und der andere war in eifriger Erzählung begriffen. Der Erſte hieß Otto, der Spieler Götz, der Erzähler Albert. Alle Drei waren Brüder. „Die Polizei iſt hinter uns her,“ ſagte Otto; „wir werden nicht lange mehr in Deutſchland blei⸗ 10* 148 ben und nichts zur Rache unſeres Vaters thun kön⸗ nen. Wir müſſen auf beſſere Zeiten hoffen. Unſer Schwager in Frankreich wird ſorgen, daß wir Brod ſinden. Das Teſtament des Grafen Ulrich,“ fiel Einer der Nachbarn Otto's ein,„hat ja das Vermögen in fünf gleiche Theile getheilt und ſeinen Söhnen kann es da unmöglich an Brod fehlen.“ Otto ſchüttelte die Locken und antwortete dann: „Das Teſtament des Grafen Ulrich iſt in tauſend Stücke zerrifſfen worden; wir haben jetzt auf ſein Vermögen eben ſo wenig Anſpruch als auf ſeinen Namen. Und unſere ſeltſame Tracht haben wir noch, weil wir kein Geld beſitzen, uns andere zu kaufen.“ „Wer hat das Teſtament zerriſſen?“ „Unſere Schweſter Margarethe, antwortete Otto,„iſt die Frau des Grafen Günther, der uns haßt und verachtet;„ſie iſt allein und ſchutzlos in dem alten Schloſſe, wo ihre Jugend eingeſargt iſt. Wenn Ihr wüßtet wie ſie uns liebt, und welche Freude es im Schloſſe Rothe gab, wenn wir Alle beiſammen waren! Ich weiß nicht, was d die Zukunft mir vorbehalten hat und ob ich einmal mei in Herz einem Weibe geben kann, jetzt aber, das weiß ich, iſt mir nichts ſo lieb und werth als meine Schweſter Margarethe.... Helene iſt glü ucklich, aber Marga⸗ rethe leidet und hat Anſpruch auf mehr Liebe.... Wir ho bannt! nur ein blick del den M aber G ſchützen Ot fins 30 rannen Gehein ther b das! mach reizt; zittern heriet. Ichh Aber. reden. 8 ſcholl 7 in kön⸗ Unſer Brod [Einer rmogen Söhnen dann: tauſend znf ſein ſeinen rnoch, zufen.“ twortete der uns tzlos in argt iſt. welche vir Alle Zukunft ein Herz veiß ich, Schweſter Marga⸗ dho jebe.* Wir haben uns von dem Schloſſe Bluthaupt ver⸗ bannt und unſere Schweſter ſeit ihrer Verheirathung nur einmal und insgeheim geſehen, was ein Augen⸗ blick der Freude mit vielen Thränen war. Wir fan⸗ den Margarethen noch rein und ſchuldlos wie ſonſt, aber Gott hatte einen Augenblick aufgehört ſie zu ſchützen... Otto unterbrach ſich und eine Wolke des Trüb⸗ ſinns zog über ſeine Stirn. „Arme Schweſter!“ fuhr er nach einer langen Pauſe fort;„ſie verſuchte zu lächeln und Thränen rannen über ihre Wangen... Wir mußten ihr das Geheimniß ihrer Furcht entreißen. Der alte Gün⸗ ther hatte Kenntniß von dem Teſtamente erhalten, das uns Drei reich und zu Grafen von Bluthaupt machte. Seine Habſucht und ſein Stolz waren ge⸗ reizt; er hatte gedroht... Die arme Margarethe zitterte... Das alte Schloß iſt ſo ſchauerlich! Wir beriethen uns unter einander und wurden bald einig. Ich hatte das Teſtament bei mir und zerriß es.— Aber.. wir wollen trinken und von etwas Anderem reden.“ „Das freie Deutſchland lebe!“ Die Gläſer klangen an einander und einſtimmig ſcholl es jubelnd durch den Saal: „Das freie Deutſchland lebe!“ 149 — —, — 150 Kaum war es wieder ruhig geworden, als ein Mann in roth und ſchwarzer Livrée eintrat. „Was wollen Sie?“ fragte man ihn. „Ich ſuche die drei Söhne des Grafen Blut⸗ haupt,“ antwortete er, und nachdem er ſich umge⸗ ſehen, fuhr er fort: „Da ſind ſie ja. Gott ſei Dank... Ich bringe ihnen eine Nachricht, bei der es ſich um Tod und Leben handelt.“ Die drei Brüder hatten die Stimme des Jägers Klaus erkannt und eilten auf ihn zu. „Kommſt Du vom Schloß?“ fragte Otto. Der Jäger antwortete nicht, ſondern zog einen Brief hervor, den er ihm überreichte. Otto riß ihn auf. Seine Hand zitterte. Die drei Brüder ſtanden allein mit dem Jäger Klaus in der Nähe der Thüre. „Von unſerer Schweſter,“ ſagte Otto leiſe, in⸗ dem er den Brief aus einander ſchlug. Albert und Götz traten dicht neben ihn, um mit in den Brief hinein ſehen zu können. Er enthielt nur wenige Zeilen. „Geliebte Brüder,“ ſchrieb die Gräfin Marga⸗ rethe,„wenn Gott will, daß Ihr den Brief zu rech⸗ ter Zeit erhaltet, ſo kommt mir zu Hilfe, ich be⸗ ſchwür denen ſjeht G glaubte Vaters bringen r 71 ftagte „ „und geſeher und ſe nen. iſt we als ein Blut⸗ umge⸗ hbringe Lod und Jägers kto. g einen m Jäger leiſe, in⸗ um mit Marga⸗ f zu rech⸗ 4 ich be⸗ ¹ 151 ſchwöre Euch. Die Leute, die um mich ſind und vor denen ich mich ſonſt immer fürchtete, flößen mir jetzt Grauen ein... Sie haben geſprochen als ſie glaubten, ich ſchliefe; es ſind die Mörder unſeres Vaters und ich glaube, ſie wollen auch mich um— bringen.“ Die drei Brüder ſtanden wie vom Blitze ge⸗ lahmt da. „Man will ſie umbringen wie unſern Vater?“ fragte endlich Otto. „Sie hat ſich ſehr verändert,“ ſagte Klaus, „und wenn Sie die Frau Gräfin ſeit der Zeit nicht geſehen haben als ſie noch lachte, als ſie glücklich und ſchön war, werden Sie ſie kaum wieder erken— nen. Aber eilen Sie, um Gotteswillen, der Weg iſt weit und die Zeit drängt.“ „Götz, ſchaffe Pferde,“ ſprach Otto, der wie aus einem Traume auffuhr. Und nach einer halben Stunde ritten die drei Brüder im Galopp auf der Straße nach Bluthaupt hin. Jeder hatte einen Degen mitgenommen. Von Heidelberg bis Schloß Bluthaupt iſt es wohl acht Stunden und die Nacht war faſt vergan⸗ gen, als die drei Brüder müde mit ihren müden Pferden in der wilden Gebirgsgegend erſchienen, 15² welche gleichſam den Kern der alten Grafenbeſitzung bildete. Es ſchneite nicht mehr, aber der Schnee lag, ſo weit das Auge reichte, gleich einer weißen Decke auf der Erde. Der Wolkenmantel des Himmels war hier und da zerriſſen und im Weſten ſtand der Mond, der in röthlichen Dünſten unterging. Otto ritt voraus und trieb ſein ermüdetes Pferd unabläſſig an. Er war ſeinen Brüdern ziemlich weit vorausgeeilt. Mit einem Male weigerte ſich ſein Pferd weiter zu gehen und blieb feſt auf dem Wege ſtehen. Selbſt die Sporen brachten es nicht von der Stelle. Otto ſah vor ſich, konnte aber kein Hinder⸗ niß erkennen; nur bildete der Schnee gerade vor den Füßen eine kleine Erhöhung. Die Straße zog ſich am Fuße eines Berges hin, deſſen Seite gerade an dieſer Stelle zerriſſen war und die Spur eines gewaltigen Erdſturzes an ſich trug. Rechts dehnte das bebauete Thal ſeine beſchneite Fläche weit in die Ferne; links ſtieg der Berg ſteil empor und zeigte oben, geradeüber dem Erdſturze, eine Art natürlicher Brücke, die eine Reihe hoher Lärchenbäume trug. Zwiſchen dieſer Brücke und dem Berge hindurch konnte man den Himmel ſehen. Das Ausſehen dieſes Ortes war zu auffallend, als da dem m „Hälle Er ſich vol Götz; ren. 8 hier feſſel tiger holen Aber O 82 ſchütte S den S nbeſitung t lag, o Deckt auf nels war der Mond, dtes Pferd emlich weit e ſich ſein dem Wegt ht von der i Hinder⸗ de vor den Berges hin, en war und n ſich trug. beſchneite Berg ſteil Erdſturze, deihe hoher mge hindurch auffallend, 153 als daß man ihn je wieder vergeſſen konnte, nach— dem man ihn einmal erblickt. Otto erkannte die „Hölle“ von Bluthaupt. Er ſtieg ab, weil er meinte, ſein Pferd ſcheue ſich vor einem neuen Erdſturze. Seine Brüder, die jetzt herzukamen, thaten daſſelbe. Sie traten alle Drei an die Stelle, wo der Schnee einen kleinen Hügel auf dem Wege zu bilden ſchien. Otto bückte ſich, fuhr aber ſogleich entſetzt zurück. „Es liegt ein Todter da!“ ſprach er. „Gott ſei ſeiner Seele gnädig!“ entgegnete Götz;„wir wollen die Pferde ein Stück weit füh⸗ ren.“⸗ Otto wußte wohl, daß es keine Zeit ſei jetzt ſich hier aufzuhalten, aber eine unwiderſtehliche Macht feſſelte ihn an die Stelle. 2 „Geht immer,“ ſagte er;„mein Pferd iſt kräf⸗ tiger als die Eurigen und ich werde Euch bald ein⸗ holen.“ „Die Schweſter erwartet uns!“ rief ihm Albert zu. Otto kniete nieder ohne ihm zu antworten und ſchüttelte den Schnee ab. Seine beiden Brüder ſchwangen ſich wieder in den Sattel und ritten weiter. 154 Der Schnee bedeckte allerdings einen todten Kör⸗ per in einem Reiſemantel. Er lag quer über den Weg und ſein Kopf ruhete auf einem ebenfalls todten Pferde. Otto ſchlug den Mantel des Unbekannten zurück und legte die Hand auf die Bruſt, die kalt war. Er hatte wahrſcheinlich ſchon ſeit mehreren Stunden aufgehört zu leben. Otto wollte ſich wieder aufrichten, um ſeinen Brüdern zu folgen; da trat der Mond hinter den Wolken hervor. Otto wollte in dieſem Lichte das Geſicht des Todten betrachten. Er bückte ſich des⸗ halb nochmals über denſelben und er erkannte wahrſcheinlich die Züge, denn er blieb wie erſtarrt ſtehen. Nach einigen Minuten und als er die Pferde ſeiner Brüder nicht mehr hörte, legte er ſeine beiden Hände auf die Stirn, die ſo kalt war wie die des Todten. Es rannen ihm Thränen über die Wan⸗ gen. Der Unbekannte hielt in ſeinen erſtarrten Hän⸗ den ein Medaillon, in welchem Kindeshaar um ein Frauenportrait geſchlungen war. Otto nahm das Medaillon an ſich. Dann ſuchte er in den Taſchen des Todten, die eine Brieftaſche und einige Papiere enthielten. Auch dieſe nahm er an ſich. Dan Kuß auf „He hin, ind „Helene ſtern!“ Mit en zurück dar. Er Stunden m ſeinen inter den ichte das ſich des⸗ erkannte eerſtarrt ie Pferde ine beiden ſie die des die Wan⸗ ten Hän⸗ r um ein dten, die en. Auch 15⁵ Dann faltete er die Hände und drückte einen Kuß auf die Stirne des Todten. „Helene! Helene!“ ſprach er halblaut vor ſich hin, indem er ſich wieder auf ſein Pferd ſchwang. „Helene und Margarethe,.. meine armen Schwe⸗ ſtern!“ Mit ſchwerem Herzen ritt er ſodann weiter. .. alten Feſt 3 hin, der hatte es Seite gec und die! Seiten do Kinderſpi Neuntes Kapitel. hundert? terninire Die Seele Ilnthaupts. Glei Alber„— Grafen Albert und Götz waren eben in der Allee des Mauem Schloſſes angekommen, als Otto ſie einholte. Statt nan aber dieſer Allee zu folgen, wendeten ſich die drei m Brüder links und ritten über den Platz, wo ſonſt UIn das alte Dorf geſtanden hatte, und wo man noch Pfud einige Ruinen ſah. Sie erkannten bald das Schloß Bind mit dem ſchweren Mauergürtel, über den die ſpitzen R Dächer der Gebäude hinwegragten. So gelangten geſeher ſie an die Hinterſeite, die keinen Eingang gewährte. der g Um zu den alten Thore zu gelangen, durch welches haben, am Abende Regnault, Moſes und der Ungar einge⸗ enzählte ritten waren, mußten ſie rund um den Wall herum⸗ Nac reiten. der an Dieſer Theil der Mauern war niedrig und ver⸗ Dhne deckte kaum einen Theil des Erdgeſchoſſes der Ge⸗ kommen bäude; auch trugen ſie hier nichts zu der Stärke der Sie Allee des lte. Statt ſch die drei „wo ſonſt man noch das Schloß die ſpitzen gelangten gewährte. h welches gaar einge⸗ Pall herum⸗ ig und ver⸗ ſis der Ge⸗ Stärke det 157 alten Feſte bei; ſie zogen ſich auf dem kahlen Felſen hin, der einen tiefen Abgrund überragte; die Natur hatte es allein übernommen, das Schloß auf dieſer Seite gegen jeden feindlichen Angriff zu vertheidigen und die maſſiven Baſtionen, die an den drei andern Seiten von Menſchenhand aufgeführt worden, waren Kinderſpiele gegen dieſe rieſige Mauer, welche zwei⸗ hundert Fuß hoch vom Boden aufſtieg und dem Un⸗ terminiren wie dem Erſteigen trotzte. Gleichwohl wendeten ſich die drei Söhne des Grafen Ulrich ohne Zögern nach dieſem Theile der Mauern hin und wagten ſich in das Gebüſch hinein, das an der Schlucht wuchs. Unten am Fuße des Felſens banden ſie ihre Pferde an Baumſtämmen an und fingen an, auf Händen und Füßen empor zu klimmen. Niemand achtete auf ſte und wenn ſie Jemand geſehen hätte, würde er ſie für wahnſinnig gehalten oder gar an eine der ſchauerlichen Sagen gedacht haben, die man in der Gegend von dem alten Schloſſe erzählte. 1 Nach einer Viertelſtunde gelangten die drei Brü⸗ der an eine Stelle wo der Felſen oben überhing. Ohne Flügel war von da unmöglich weiter zu kommen. 4 Sie blieben ſtehen, aber ſie ſtiegen nicht wieder * 158 hinunter.. Otto verſchwand plötzlich ohne daß man ſagen konnte wohin, dann Albert, dann Götz. In dem Schloſſe Bluthaupt, in dem Zimmer Margarethens war die Nacht unter Angſt und Schmerz vergangen. Nur Hans und Gertrud hörten das Wimmern und Schreien der jungen Frau.. der Graf Günther ſchlief, in ſich zuſammengeſunken, in ſeinem Lehnſtuhle. Der Doctor Joſe Mira ſtützte die Füße auf den Kaminrand, die Stirn auf ſeine Hände und ſchien tief in Gedanken verſunken zu ſein. Er gab ſich nicht mehr die Mühe auf das Win⸗ ſeln der Kreiſenden zu antworten, die mit ſterbender Stimme zu Gott betete, als hoffe ſie von dem Mit⸗ leide der Menſchen nichts mehr. Der Wind hatte ſich gelegt; es war alles ſtill draußen.. Nur das Glockenſpiel auf dem Thurme ließ ſich von Zeit zu Zeit mit ſeiner traurig⸗eintönigen Muſik hören. Die Stundenſchläge fielen langſam und ihre Klänge zitterten lange in der Luft nach. Das luſtige Abendeſſen in dem Zimmer des In⸗ tendanten war zu Ende. Um drei Uhr nach Mitter⸗ nacht verließ er ſeine Gäſte und kehrte mit van Praet in das Zimmer der Gräfin zurück. „Lieber Hans,“ ſagte er zu den Pagen, der noch immer mit Gertruden wachte,„lege Dich nun nieder.“ Hans wollte ſich weigern, weil er ſah, daß Gertrud; tendant mußte ge⸗ der verlaſſen Gertrud. „Un der⸗ ſchüttelte Ih „man ke fortſchick ſtützig z „N „ſie iſ nun. Er ſen wi Lächeln Bei Dan zuſamm Bewegu ſich zu ohne ſich Joſe hielt es ohne daß nn Götz. n Zimmer d Schmerz förten das au.. der Lunken, in Rira ſtüzte n auf ſeine ken zu ſein. das Win⸗ ſterbender dem Mit⸗ r alles ſtill em Thutme ⸗eintönigen en langſam t nach. er des In⸗ ach Mitter⸗ van Ptaet Pagen, der ge Dich nun r ſah, daß H„ 159 Gertrud ſich fürchtete allein zu bleiben, aber der In⸗ tendant wieß gebieteriſch auf die Thüre und Hans mußte gehorchen. Der Doctor, welcher ſeinen Platz am Feuer nicht verlaſſen hatte, warf einen mißtrauiſchen Blick auf Gertrud. „Und das Mädchen?“ ſagte er zu Nesmer. Der Intendant ſah Gertruden ebenfalls an, dann ſchüttelte er den Kopf. „Ihr Amt hält ſie hier zurück,“ flüſterte er; „man kann ſie in einem ſolchen Augenblicke nicht fortſchicken, ohne die ganze Dienerſchaft im voraus ſtützig zu machen.“ „Wir wollen ſie hier laſſen,“ meinte van Praet; „ſie iſt uns noch nicht hinderlich, wird ſie es, nun..⸗ Er ſprach ſich nicht ganz aus, aber ſeine Genoſ⸗ ſen wußten ſchon lange, wie ſie ſein gutmüthiges Lächeln zu deuten hatten. Beide nickten ihm zu. Das Mädchen kauerte ſich in der Fenſterbrüſtung zuſammen und ſuchte die Worte der Männer an den Bewegungen der Lippen zu errathen. Sie fing an ſich zu fürchten; ſie ahnete ein ſchreckliches Unglück, ohne ſich Rechenſchaft darüber geben zu können. Joſe Mira trat zu dem Bette der Gräfin und hielt es endlich für gerathen, ärztlich einzuſchreiten. 160* Es war Zeit, denn ſobald er die Gräfin unterſucht hatte, wendete er ſich an ſeine Genoſſen und ſagte: „Weckt den Herrn Grafen.“ Van Pract ſchüttelte vorſichtig den Greis, der die Augen halb aufſchlug. „Mich friert!“ flüſterte er;„ach, Sie ſind es, van Praet! Haben wir Gold?“ Der Holländer blinzelte mit den Augen. „Das Gold kocht,“ antwortete er;„wenn Sie binnen zwei Stunden nichts ſehen, werden Sie es nie erblicken.“ Günther ließ die Augen von neuem zufallen, Nesmer aber rüttelte ihn an der andern Seite. „Herr Graf,“ ſagte er,„nicht blos das Gold erwarten wir in dieſer Nacht.. Stehen Sie ſchnell auf und betrachten Sie den Erben Bluthaupts.“ Günther ſtrengte ſich an aufzuſtehen, aber ſobald er auf den Füßen ſtand, begann es in ſeiner Kehle zu röcheln und ſeine Augen verdreheten ſich. „Ach! Ach!“ ſeufzete er indem er wiederum auf den Stuhl ſank.„Das Gold und das Kind! Ich glaube, ich ſterbe vor Freude.“ Seine zitternde Hand faßte nach dem Becher, der auf dem Kamine ſtand. „Ich bin ſehr ſchwach,“ ſagte er mit kaum ver— nehmlicher Stimme;„niemals bin ich ſo ſchwach geweſen. Mein Blut ſtockt erſtarrt in den Adern. 8‿— Sie leid ſanft ſie leiſe näh hatte. J betrachte Gü ſinken. ſeine A „6 der Do G 82 1 für d G d den F G aber e⸗ ein Ge die dre ten, ſ weglic 175 beide unterſucht d ſagte: reis, der e ſind es, n. „wenn Sie den Sie es z zufallen, eite. das Gold Sie ſchnell zupts.“ aber ſobald ſeiner Kehle h. wiedetum das Kind! em Becher, it kaum ver⸗ ſo ſchwach den Adenn. 163 Sie leidet nun nicht mehr; wie ſchön ſie iſt, wie ſanft ſte ruhet!“ Der Doctor hüllte das Kind ein und legte es in die Wiege. Gertrude, die wieder Muth gefaßt hatte, war leiſe näher gekommen, ohne daß es Jemand bemerkt hatte. Nur der Doctor, der noch immer den Grafen betrachtete, trennte ſte noch von Margarethen. Günther ſchien unter dieſem Blicke zuſammen zu ſinken. Seine farbloſen Lippen bewegten ſich und ſeine Augen verdreheten ſich. „Es dauert nicht mehr zwei Minuten,“ flüſterte der Doctor. Gertrud hörte es und richtete ſich entſetzt empor. Der Alte wankte und flüſterte: „Gold und einen Sohn! Welche herrliche Nacht für die Familie!“ Seine Hand ließ die Säule los und er ſank auf den Fußboden nieder. Gertrud ſprang herbei, um ihm beizuſtehen; aber er war bereits leblos. Da zuckte wie ein Blitz ein Gedanke durch den Geiſt des Mädchens. Ehe die drei Spießgeſellen daran dachten ſie zurück zu hal⸗ ten, ſprang ſie auf und neigte ſich über ihre unbe⸗ wegliche Gebieterin. „Todt!!“ rief ſie aus, indem ſie zurückprallte; „beide todt?“ 11* 164 Sie wollte um Hülfe rufen als der Intendant, der um das Bett herum gegangen war, ſie rauh an⸗ faßte. Van Praet ſteckte ihr ein Tuch in den Mund, während ihr Mira die Hände und Füße band. So warf man ſie in die Fenſterbrüſtung, wo ſie neben Hans geſeſſen hatte und die drei Genoſſen kehrten an den Kamin zurück. „Der Graf iſt an Altersſchwäche geſtorben“ ſagte Mira,„die Gräfin bei der Entbindung; es konnte nicht beſſer kommen; uns bleibt nur das Mäd⸗ chen und das Kind übrig.“ „Wer wird ſich um das Verſchwinden einer Magd kümmern?“ meinte Nesmer. Gertrud hörte dieſe Worte, aber ſie war mehr todt als lebendig und konnte nicht einmal Anſtren⸗ gung machen, ſich von ihren Banden zu befreien. „Und das Kind?“ wiederholte der Doctor, in⸗ dem er den Lebenstrank in die Kohlen ſchüttete und das Gefäß ſorgfältig auswuſch. „Das Kind könnte nicht lebensfähig zur Welt gekommen ſein,“ ſagte van Praet. „Was hilft uns alles was wir gethan haben, wenn wir es leben laſſen?“ warf Nesmer ein. Der Doctor zuckte die Achſeln. Während er ſich auf eine Antwort beſann, hörte man ein dumpfes Geräuſch im Betſaale der Gräfin. die V ſammen Ger Achem dachte, der Fan Cs geſtorbe Va Vo Furcht Za der un ſtigten 3 noch gnau giebt, N. mit F den W ſterbru Intendant, erauh an⸗ en Mund, and. ng, wo ſie i Genoſſen geſtorben“ indung; es rdas Mäd⸗ nden einer war meht al Anſtren⸗ befreien. Doctor, in⸗ hüttete und zur Welt han haben, rein. hrend er ſich in dumpfes 165 Die drei Spießgeſellen zuckten erſchrocken zu⸗ ſammen. Gertrud riß die Augen weit auf und hielt den Athem an ſich, weil ſie an die drei rothen Männer dachte, die bei jedem Todesfalle und jeder Geburt in der Familie Bluthaupt erſcheinen ſollten. Es war ein Kind geboren und zwei Perſonen geſtorben. „Habt Ihr gehört?“ flüſterte der Intendant. Van Praet und Mira nickten bejahend. Vor dem Verbrechen zitterten ſie nicht, aber vor Furcht ſchlugen jetzt ihre Zähne zuſammen. Zachäus dachte an die Höllenſtrafe, der Hollän⸗ der und der Doctor nur an Irdiſches, aber ſie äng⸗ ſtigten ſich nicht weniger. Das Geräuſch hatte aufgehört. „Wenn Ihr meiner Meinung ſeid,“ ſagte Mira noch leiſer,„ſo holen wir unſre drei Freunde. Re⸗ gnault iſt ein kluger Mann und wenn es Gefahr giebt, ſo hat der Ungar Muth genug.“ Nesmer und van Praet hörten dieſen Vorſchlag mit Freuden an; alle drei machten ſich ſofort auf den Weg und ließen Gertruden geknebelt in der Fen⸗ ſterbrüſtung, das Kind aber in der Wiege liegen. Ihre Furcht war durch das geheimnißvolle Ge⸗ räuſch erregt worden, das ſie hinter dem Bette der Gräfin gehört hatten und keiner hatte den Muth al⸗ 166 lein an dem Schauplatze eines doppelten Verbrechens zu bleiben. Kaum hatten ſie die Thüre hinter ſich geſchloſſen, als ſich in dem Betſaale von neuem Geräuſch hören ließ. Die arme Gertrud empfahl Gott ihre Seele an, denn ſie glaubte in dieſer ſchrecklichen Nacht ſterben zu müſſen. Nach zehn Minuten kamen Nesmer, der Doctor und van Praet mit ihren drei Genoſſen zurück. Auf dem Corridor ſchon hörte man den Ungar Ya⸗ nos, der von Säbeln und vom Kopfzerſpalten ſprach. Der Intendant trat zuerſt ein, aber kaum hatte er einen Schritt in das Zimmer gethan, als er einen Schrei des Entſetzens ausſtieß. „Die drei rothen Männer!“ rief er und hang ſich hinter ſeine Gefährten, die ſelbſt vor Entſetzen ſtehen blieben. Vor der Wiege des Kindes ſtanden drei Männer in langen rothen Mänteln. Ihre Geſichter waren unter den breiten Hüten nicht zu ſehen. In der Hand hielten ſie bloße Schwerdter, die im Lichte blitzten. Es war das Geſicht Gertrudens. Der Ungar trat zuletzt ein, aber bei ſeiner Größe konnte er über ſeine Genoſſen hunweg ſehen. Er war noch halb betrunken. Alse iin Jreud „l nich das Er d ſen hindu mitten in Einen und trat ſtrecte, deles be Sta ſeine gle Geſicht Hand! eine ſch ſett zu 7 auls ſeij Als von Blu nithe. ein neu⸗ den Leich den die ſhönen trechens ſchloſe, ſch horen Söeele an, ht ſterben er Doctor n zurück, ggar N⸗ nſprach. um hatte Let einen und barg Entſeten [Männer er waren der Hand blitzten. iner Größe u. Er war 167 Als er die drei rothen Männer erblickte, ſtieß er ein Freudengeſchrei aus. „Platz da!“ rief er;„für Euch das Gift, für mich das Schwerdt! Zurück! Er drängte ſich zwiſchen ſeinen erſtarrten Genoſ⸗ ſen hindurch und ſprang mit dem Degen in der Hand mitten in das Zimmer. Einer der drei rothen Männer verließ die Wiege und trat ihm entgegen. Ehe er ſeinen Degen aus⸗ ſtreckte, warf er den Hut zurück und enthüllte ein edeles betrübtes Jünglingsgeſicht. Statt zuzuſtoßen, legte der Ungar die Hände vor ſeine gleichſam geblendeten Augen; ſein geröthetes Geſicht erblaßte plötzlich; der Degen entſank ſeiner Hand und fiel klirrend an den Boden. Er glaubte eine ſchreckliche Erſcheinung zu ſehen und wich ent⸗ ſetzt zurück. „Ulrich!“ rief er aus;„der Graf Ulrich iſt aus ſeinem Grabe geſtiegen!“ Als es Tag geworden war, drangen die Leute von Bluthaupt in das Gemach der Gräfin Marga⸗ rethe. Einige behaupteten, ſie hätten in der Nacht ein neugeborenes Kind ſchreien hören. Sie fanden den Leichnam des alten Grafen am Boden, ſie fan⸗ den die Gräfin todt im Bette. Ihr ſanftes von den ſchönen blonden Locken umringeltes Geſicht ſchien — ———— 168 noch zu lächeln. Ihr Mund war halb geöffnet, als hätte der letzte Schlaf ſie in dem Augenblicke über⸗ raſcht, als ſie ein Gebet geſprochen. Die mit Spitzen und Blumen geſchmückte Wiege war verſchwunden wie Gertrude. An demſelben Tage verließ der Page das Schloß, um nimmer wieder zu kehren. Es wurde gerichtlich beſtätiget, daß der Graf Günther und ſeine Gemahlin eines natürlichen To⸗ des geſtorben wären. Der Doctor Mira entwarf das Protokoll. Zachäus Nesmer, van Praet, Bla⸗ ſius und die erſten Dienſtleute im Schloſſe unter⸗ zeichneten es. Aber die meiſten Unterthanen von Bluthaupt blieben doch dabei, daß dieſer zweifache Tod durch die Hand des Teufels bewirkt worden ſei und fanden den Beweis darin, daß von dem Kinde keine Spur geblieben ſei. Der Teufel, ſagten ſie, hat ſeinen Sohn geholt. Als die Nacht von neuem das alte Schloß in ihr Dunkel hüllte, wendeten ſich viele Augen nach dem alten Wartthurme hinauf, aber kein Licht glänzte mehr durch das ſchmale Fenſter. Die Seele Bluthaupts war am 1. Novbr. 1824, in der Nacht Aller Seelen, erloſchen. Ende des Prologs. fnet, als licke üͤber⸗ kte Wiege der Graf lichen To⸗ ra entwarf raet, Bla⸗ yſſe unter⸗ Bluthaupt Tod durch und fanden keine Spur hat ſeinen gloß in ihr nach dem cht glänzte 1. Novbr. en. Paul Feval' Werke. 1 Deutſch von Dr. A. Daezmann. Zweiter Band. Leipzig: Otto Wigand. (Eigenthum der Vereins Verlagsbuchhandlung.) 1846. Der derke. Sohn des Teufels. Von Paul Feval. 8 Deutſch von Dr. A. Diezmann. Zweiter Band. d. Leipzig: Otto Wigand. (Eigenthum der Vereins⸗Verlagsbuchhandlung.) 1846. dlung.) Gs zehn Ic di in Fre *und di glänzen fiers ma noch di glech pr lagts. Die veßfüngt gettichen i di Einleitung. Das Gefängniß in Frankfurt. I. Es war im Februar des Jahres 1844. Neun⸗ 4 zehn Jahre waren ſeit den Ereigniſſen vergangen, die im Prologe dieſer Geſchichte erzählt wurden.— Frankfurt hatte ſeine neuen Anbaue vergrößert *b und die Blumengärten vervielfältiger, die einen glänzenden Gürtel für die Stadt bilden. Ihre Ban⸗ kiers machten noch immer gute Geſchäfte und ſie war noch humer ſtolz auf ihren Titel„freie Stadt“, ob⸗ gleich preußiſche uund ſterreichiche Soldaten in ihr lagen.— A 7.. Die alte Stadt hatte ſich fei zwanzig Vuhdr. — vertüngt und' verſchöm. Ihre Häuſer waren neu*⸗ * F. eſtrichen. worden. Nur die düſtecsudengaſſt hatte.. ihr wiberiches Ausſehen behalttnn Die älter gee... 2 8. 1 e— 1.. 3 dA 6 wordenen Häuſer neigten ſich noch drohender. Neuer Schmuz war zu dem alten gekommen; die Dächer ſchloſſen ſich enger aneinander; das Licht war trüber, die Luft dicker. Die Zeit hatte die ſchwere Aufgabe gelöſet, die Häßlichkeit der Judenſtadt häßlicher zu machen. Sie glich einem jener mit Gebrechen beladenen Bettler, die ein Obdach für ihre Lumpen im Schutte eines verfallenen Portales ſuchen und durch die ent⸗ ſetzliche Uebertreibung ihres Elendes die Mildthätig⸗ keit ſelbſt verſcheuchen. Dieſer cyniſche Bettler trug ſeinen Schmuz mit einer Art Stolz zur Schau, zeigte ſchamlos die Geheimniſſe ſeiner Blöße und wanderte in dem Schmuze umher wie ein betrunkener Greis, der ſelbſt die Scham verloren hat. In den dunkeln Gängen an der Judengaſſe herrſchte noch dieſelbe ſtille und geſchäftige Bewegung. Man hätte Mäntel, die ſchon vor zwanzig Jahren zerlöchert geweſen waren, und auf dem Kopfe der ökonomiſchen Söhne die abgeharten Pelzmützen ſe⸗ hen konnen, welche ihre Väter ſchon von den Groß⸗ vätern geerbt hatten. Nur einige Namen waren auf den Firmen ver⸗ ändert; der Trödler Levi war Baron geworden; die Söhne Roboam, die mit altem Eiſen gehandelt, hatten Gräfinnen geheirathet; andere waren ſpurlos verſchwunden; der Wucherer Moſes Geld ſollte, wie man giſciit! And wohnte, Stiefeln folger gi auf jener untere S obere abe Vo auf den Ciinner maligen läuteten Neome vor eir 3 mehr in eine komnmen Da den Be die ſäm Chren M eines 9 t. Neuer eDächer n trüber, Aufgabe Flicher zu beladenen n Schutte h die ent⸗ dildthäti⸗ ettler trug au, zeigte wanderte et Greis, Judengaſſe Bewegung. zig Jahren Kopfe der mützen ſe⸗ den Groß⸗ ſirmen vet⸗ geworden; gehandelt, ren ſpurlos Geld ſollte 7 wie man ſagte, in Paris oder London ein Bankier⸗ geſchäft haben und Millionen beſitzen. An der Thüre des Häuschens, das er ſonſt be⸗ wohnte, erblickte man noch immer ein Paar alter Stiefeln und ein Fernrohr von Pappe. Sein Nach⸗ folger ging ſeiner Spur nach und kletterte langſam auf jener geheimnißvollen Jacobsleiter empor, deren untere Sproſſen von wurmſtichigem Holze, deren obere aber von blitzendem Golde ſind. Von der Judengaſſe aus hörte man die Glocken auf den Kirchthürmen läuten und ihr Klang weckte Erinnerungen in dem Judenviertel unter den ehe⸗ maligen Bekannten des Moſes Geld. Die Glocken läuteten zum Andenken an den Patricier Zachäus Nesmer, einen der reichſten Bankiers der Stadt, der vor einem Jahre ermordet worden war. Zachäus Nesmer war ſchnell reich geworden und mehr als ein alter Jude erinnerte ſich recht wohl, ihn in einem ſehr beſcheidenen Wagen zu Moſes Geld kommen geſehen zu haben. Damals erhielt das Häuschen des Moſes auch den Beſuch von vier oder fünf andern Männern, die ſämmtlich, wie man glaubte, im Auslande zu Ehren und Reichthümern gelangt waren. Man erinnerte ſich eines Franzoſen Regnault, eines Holländers Van Praet und des Joſe Mira, des Leibarztes der Grafen von Bluthaupt. Es war nicht unbemerkt geblieben, daß alle dieſe Leute ungefähr zu gleicher Zeit reich geworden waren und daß Moſes Geld die grof ßen Beſitzungen de Graſen Günther gekauft hatte. Die Neugierigen in der Judengaſſe hatten ſich ſeit zwanzig Jahren unzählige Faagen darüber vor⸗ gelegt, aber nichts gewiſſes heraus gebracht, als daß fünf von den ſechs Männem, welche zu gleicher Zeit reich geworden waren, Deutſchland allmälig verlaſſen hatten. Es gingen mancherlei Gerüchte darüber und man erzählte namentlich, daß ſie ſeit dem Tode des letzten Grafen Bluthaupt geheimniß⸗ voll und erbittert verfolgt würden, daß die meiſten von ihnen bei verſchiedenen Gelegenheiten das Leben faſt verloren hätten und daß ihn Entfernung nur eine Flucht genannt werden könnte. Man glaubte zu wiſſen, daß ihre Gegner die drei Baſtarde von Bluthaupt wären, die von den Gütern ihrer Familie keinen Heller erhalten hatten. Auf den erſten Blick ſchienen ſie allerdings keine ſehr gefährlichen Feinde zu ſein, denn ſie waren ſeit vielen Jahren aus allen deutſchen Staaten verwie⸗ ſen und durften ſich nirgends öffentlich zeigen; aber ſie wußten der Gefahr dieſer Verbannung immer auszuweichen und befanden ſich häufiger in Deutſch— land als anders wo. In allen Städten fand ſich irgend ein gaſtfreundliches Haus, das ſich ihnen öffnete Sie wa ihre Fe⸗ ihrem digenſin man ih Un⸗ welcher Nesme der le⸗ ſogar dem Nam alle nicht richs Schli furter aus ke öffentl waͤren theilt. J alle dieſe n waren geen des n ſich ber vor⸗ icht, als u gleicher allmäͤlig Gerüchte iß ſie ſeit heimniß⸗ emeiſten as Leben nung nud hegner die von den en hatten. ings keine waren ſeit i verwie⸗ gen; aber mg immer in Deutſch⸗ n fand ſich ſcch ihnen 9. öffnete und ſie vor den Augen der Polizei verbarg. Sie waren drei ſtarke und entſchloſſene Männer und ihre Feinde fürchteten ſie trotz ihrem Einfluſſe und ihrem Reichthume. Nur Zachäus Nesmer war eigenſinnig in Deutſchland geblieben und ſo hatte man ihn eines Tages am Main ermordet gefunden. Unter den ſeltſamen Umſtänden dieſes Kampfes, welcher den Tod eines ſo angeſehenen Mannes, wie Nesmer war, herbeigeführt, hatte man auch folgen⸗ den bemerkt: Die drei Baſtarde hatten ſich immer in der Ent⸗ fernung von ihren Gegnern zu halten gewußt; keiner der letztern kannte ſie perſönlich. Man behauptete ſogar, der Patricier Nesmer habe ſein Vertrauen dem Aelteſten geſchenkt, der unter angenommenem Namen lange in ſeinem Hauſe geweſen wäre und alle Geheimniſſe des reichen Mannes ermittelt hätte. Sei dem nun wie ihm wolle, der Mord war nicht lange ungeſtraft geblieben. Die Söhne Ul⸗ richs waren trotz ihrer Klugheit und Vorſicht in eine Schlinge der Polizei gegangen, die ſie jetzt im Frank⸗ furter Gefängniſſe verwahrte. Freilich lagen durch⸗ aus keine beſtimmten Beweiſe gegen ſie vor und die öffentliche Meinung meinte im bitteren Spotte, ſie wären nur zu lebenslänglicher Unterſuchung verur⸗ theilt. Zwar bedauerte Jedermann das traurige Ende — 10 des reichen Nesmer, aber die drei Enterbten, die ſchön und brav waren und deren unglückliche Ge⸗ ſchichte faſt Alle kannten, fanden auch Theilnahme. Vielleicht gab es in ganz Frankfurt nicht Einen, der ſie von Angeſicht zu Angeſicht geſehen hatte, denn ſie hatten ſich von ihrer früheſten Jugend an mit al⸗ lerlei Vorſichtsmaßregeln umgeben und aller Blicke fliehen müſſen; aber man hatte viel von ihnen ge— hört und zwar nur Seltſames und Ungewöhnliches. Man kannte die lange Reihe von Unglücksfällen, die auf ihrer Jugend gelaſtet hatten, man wußte, daß ihr Vater, der Graf Ulrich, das Opfer eines Mordanfalles geworden, daß ihre Schweſter, Mar⸗ garethe, im zwanzigſten Jahre geſtorben war und daß ſie ſelbſt arm und namenlos in der Welt umher⸗ irrten. Die Unterthanen von Rothe ſprachen mit Be⸗ geiſterung von ihnen und die Umwohner von Blut⸗ haupt brachten ſie mit allerlei geheimnißvollen Be⸗ gebenheiten in Verbindung. Die meiſten Diener des Grafen Günther hatten ſich nach deſſen Tode zerſtreut und einige wohnten in Frankfurt, wohin ſie die Sagen und Gerüchte mitgebracht hatten, die ſie in Bluthaupt gehört. Sie hatten von jener ſchrecklichen Nacht geſprochen, in welcher die Seele Günthers auf dem Wartthurme erloſchen war, und von dem Pacte mit dem Teufel, wie von dem ver⸗ ſrochenen hauptet, würde eine den der al fauft habe allgemein, Baſtarde, deohalb zu furterinnen fangenen: llieben ſei die herab und Mantel furts vo Ma Andenke vurden. Die in ihre 3 nur durch hrochen, Die hende Zel terte Fen eine Mau dten, die liche Ge⸗ eilnahme. ͤt Einen, atte, denn i mit al⸗ er Blicke ihnen ge⸗ öhnliches. ücksfällen, in wußte, pfer eines ter, Mar⸗ war und elt umher⸗ n mit Be⸗ von Blut⸗ vwollen Be⸗ ten Diener eſſen Tode nt, wohin hatten, die von jener er die Setle mwar, und on dem ver⸗ 11 ſprochenen Sohne erzählt. Einige hatten ſelbſt be⸗ hauptet, die Hölle hätte Wort gehalten und man würde eines Tages in Deutſchland den Sohn ſehen, den der alte Günther mit ſeinem Seelenheile ſich er⸗ kauft habe. So glaubte man denn auch ziemlich allgemein, daß Zachäus Nesmer als Opfer der drei Baſtarde gefallen ſei, doch wagte es Niemand, ſie deshalb zu verdammen und wenn es auf die Frank⸗ furterinnen angekommen wäre, würden die drei Ge⸗ fangenen nicht lange hinter Schloß und Riegel ge— blieben ſein. Die Nacht ſank kalt und finſter auf die Stadt herab und nur wenige Männer, die ſich dicht in ihre Mäntel hüllten, eilten an dem Gefängniſſe Frank⸗ furts vorüber. Man hörte noch die Glocken klingen, die zum Andenken an den Tod des Zachäus Nesmer geläutet wurden. Die Bewohner des Gefängniſſes waren längſt in ihre Zellen zurückgekehrt und die Stille wurde nur durch den langſamen Gang der Schließer unter⸗ brochen, welche in den Gängen wachten. Die Baſtarde bewohnten drei an einander ſto⸗ ßende Zellen, deren mit ſtarken Eiſenſtäben vergit⸗ terte Fenſter in einen Hof ſahen, welcher nur durch eine Mauer von der Straße getrennt war. 12 Im Hofe ſtand eine Schildwache, aber Blaſius, der Gefängnißwärter, war der Anſicht, daß die Eiſenſtäbe an den Fenſtern und die bedeutende Höhe der Mauer das langweilige Auf⸗ und Abgehen der Soldaten völlig überflüſſig machten. Die Baſtarde ſtanden indeß in einem Rufe von Klugheit und Kühnheit, der einen gewöhnlichen Ge⸗ fängnißaufſeher vielleicht erſchreckt und doppelt vor⸗ ſichtig gemacht hätte. Sie waren in den zwanzig Jahren, ſeit ſie überall verwieſen, mehrmals ge⸗ fänglich eingezogen worden, aber ſtets glücklich dem Kerker entkommen. Trotzdem ließ ſich Blaſius in ſeinem ruhigen Schlafe nicht ſtören. Er war ein pünktlicher, aufmerkſamer, an Formen hängender Mann, der die größte Achtung von ſeiner eigenen Klugheit hatte. Die Einrichtung, die er in dem Gefängniſſe getroffen hatte, wurde pünktlich befolgt; die Umgänge geſchahen regelmäßig zur beſtimmten Zeit und das Dienſtperſonal arbeitete unter ſeiner Aufſicht wie eine große Maſchine. Abgeſehen von der Sicherheit, die ihm die ge⸗ troffenen Maßregeln zu verſprechen ſchienen, und von dem Glauben an ſeine Klugheit, die nicht zu täuſchen ſei, hielt er es auch für wenigſtens ſehr zweifelhaft, daß die Söhne des Grafen Ulrich durch Entweichung einen ehemaligen Diener ihrer Familie in Verlegenheit bringen wollten. Er be tr vermoch durften ſie der Gefän machte ſih gin, mit zu teinken allerlei zu Gefange er ſich g ſo lange di Blaſtus Alb löſcht; Blaſtus mit zwei Blaſ ein alter daß ſein fonnte er er Baaſius, t, daß die tende Höhe lgehen der m Rufe von jnlichen Ge⸗ doppelt vor⸗ den zwanzig nehrmals ge⸗ glücklich dem Blaſtus in Er war ein en haͤngender ſeiner eigenen ie er in dem ktlich befolgt; ur beſtimmmten eunter ſeiner ihm die ge⸗ chienen, und „die nicht zu enigſtens ſehr e Ulrich durch rihrer Familie 13 Er behandelte ſie ſehr gut und minderte ſo viel er vermochte die Langeweile ihrer Haft. Am Tage durften ſie zuſammen gehen und wenn ſich jeder nach der Gefängnißordnung in ſeine Zelle begeben mußte, machte ſich's der gutmüthige Blaſius zum Vergnü⸗ gen, mit einem nach dem andern ein Glas Wein zu trinken, eine Pfeife Tabak zu rauchen und über allerlei zu ſprechen. Obgleich ſein ehemaliger Herr, der Graf Gün⸗ ther, die Söhne Ulrichs nie hatte als Neffen aner⸗ kennen mögen, ſo behandelte ſie Blaſius doch als Mitglieder der Familie. So kurz, kalt und ſtreng er gegen die andern Gefangenen war, ſo freundlich und gutmüthig zeigte er ſich gegen Otto, Albert und Götz. Er hatte ja ſo lange das Brod der Familie Bluthaupt gegeſſen! Dieſen Abend war Otto der Glückliche, denn Blaſius erfreute ihn mit ſeiner Geſellſchaft. Albert und Götz hatten ihre Lampen ausge— löſcht; ſie ſchliefen wahrſcheinlich. In der Zelle Otto's dagegen brannte noch Licht. Er ſaß mit Blaſius an einem Tiſchchen, auf dem eine Flaſche mit zwei Gläſern ſtand und ein Spiel Karten lag. Blaſius rauchte wie ein Türke. Er war jetzt ein alter Mann, ſah aber noch rüſtig aus, trotzdem daß ſein Haar ſich grau gefärbt hatte. Trinken konnte er noch ſo tüchtig wie in ſeiner Jugend. Er ⸗ 14 hatte ſich in einen warmen Pelz gehüllt und ſchien ſich namentlich dieſen Abend ſehr behaglich zu fühlen. Die Gefängnißzelle war recht erträglich. Otto hatte ein gutes Bett, einige gute Stühle und ein Schreibepult. Gekleidet war er mit einer gewiſſen ſeltſamen Eleganz. Wie ſonſt herrſchte das Roth in ſeinem Anzuge vor, als wenn er ſich noch immer gern in die geliebte Farbe Bluthauptes kleide. Er trug einen rothen Schlafrock, der durch eine ſchwarze Gürtelſchnur zuſammen gehalten wurde. Sein Kopf war unbedeckt und das Haar fiel wie ſonſt in dicken Locken an den Wangen herunter. Die Jahre ſchienen wirkungslos über ſeine reine Stirn hingezogen zu ſein. Aus ſeinen glänzenden ſchwarzen Augen ſprach hoher männlicher Verſtand. Seine Züge waren in dieſem Augenblicke ruhig, aber man ſah es ihnen wohl an, daß ſie häufiger Kraft und muthige Entſchloſſenheit ausdrückten. Er glich dem Löwen, der träge in dem weichen Graſe ſich dehnt, fern von dem Feinde; aber der Löwe richtet ſich zornig auf bei dem geringſten bedrohlichen Ge⸗ räuſche und wirft den Feind, der ſich ihm nahet, mit unwiderſtehlicher Gewalt nieder. Blaſius miſchte langſam und bedächtig die Karten. „Heben Sie ab“, ſagte er.„Ich liebe das Franzöſiſche gar nicht; aber über die franzöſiſchen Karten geht mir nichts.“ Otto und fing ſict blieb ſahen als denke an rieth von daß er ſcch bisweilen, Ven elten giſh dem Gang hate, hü leiſes Gel errathen; vernahm nehmlich Die Otto s. Baaſc die Aufm gar nichts der Kart „No loren.. bin viel 15 und ſchien Otto nahm die ihm zugetheilten zwölf Karten zu fühlen. und fing an, ſie in der Hand zu ordnen. Sein Ge⸗ ich. Otto ſicht blieb unbeweglich und ſelbſt Leute, die ſchärfer le und ein ſahen als Blaſius, würden geglaubt haben, er er gewiſſen denke an nichts als an das Spiel. Gleichwohl ver⸗ das Noth rieth von Zeit zu Zeit ein kaum bewegliches Zeichen, noch immer daß er ſich mit ernſten Dingen beſchäftige. Es war kleide. Er bisweilen, als horche er aufmerkſam. ine ſchwarze Wenn Blaſius nichts ſagte, was freilich ſehr Sein Kopf ſelten geſchah, und wenn der Wächter draußen auf iſt in dicken dem Gange ſich bis an das Ende deſſelben entfernt hatte, hörte man in der anſtoßenden Zelle ein ſehr ſeine reine leiſes Geräuſch. Was es war, ließ ſich ſehr ſchwer glänzenden errathen; von Zeit zu Zeit ſetzte es ganz aus, dann dr Verſtand. vernahm man es wieder, aber immer kaum ver⸗ erühig, aber nehmlich. aufiger Kraft Dieſes Geräuſch beſchäftigte die Gedanken n. Er glich Otto's. n Graſe ſich II. Löwe richtet„ ohlichen Ge⸗ Blaſius vernahm von dem Geräuſche, welches die Aufmerkſamkeit Otto's ſo ſehr in Anſpruch nahm,— gar nichts, denn er beſchäftigte ſich ausſchließlich mit der Karte und der Flaſche. „Noch ein As“ ſagte er,„und Sie wären ver⸗ loren.. Lieber Herr Otto, ohne Schmeichelei, ich bin viel lieber bei Ihnen als bei Götz und Albert.. ) ihm nahet, tigdie Katten. Ich liebe das e franzöſſſchen 16 Götz kann nicht wieder aufhören, wenn er ein— mal ein Glas Wein getrunken hat und raſtet nicht, bis er einen Hieb hat; Albert kann gar nicht trin⸗ ken. Das iſt auch ein Fehler; dagegen erzählt er ohne Aufhören von Liebesgeſchichten und andern leichtfertigen Dingen.. Sie aber haben höoöchſtens den Fehler, daß Sie gar zu ſtill ſind und zu wenig reden. Nicht ein Wörtchen haben Sie mir von den hübſchen Briefchen geſagt, die Sie aus Frankreich bekommen.“ Otto lächelte traurig. „Wie zierlich und niedlich ſie geſchrieben ſind! Aber wiſſen Sie, daß ſchon ein Monat vergangen iſt und Sie noch immer nicht geantwortet haben?“ Otto ſchlug die Augen nieder und ein Lächeln flog über ſeine Lippen. „Der Name““, fuhr der Kerkermeiſter fort, in⸗ dem er eine Karte bedächtig faßte,„iſt nicht ſo hübſch als das Andere.. Den Namen kenne ich, ſe⸗ hen Sie, weil ich Ihre Briefe oder wenigſtens die Aufſchrift anſehe wie die, welche Sie erhalten, und ein hübſches Frauenzimmer ſollte doch nicht Nadame Batailleur heißen.“ Otto antwortete noch immer nicht. „Na“, fing Blaſius noch einmal an,„Sie ſcheinen nicht gern davon reden zu hören.. Treſle, Herr Otto.“ Der D eatten, de volle Gerä Otto's wal „Bei⸗ ſott,„gefü denken. E ausgeſpielt inmal Tie Diesm daß Blaſtu zu ſchenken der V dern Ende Kreiſchen, rieben wi Otto „Si Blaſtus, wenn man gehen Sie Otto Spotthin meiſter B Otto Ilaſtus n er ein⸗ aſtet nicht, nicht trin⸗ en erzählt nd andern hoͤchſtens dzu wenig ir von den Frankreich ieben ſind! vergangen rhaben?“ em Wcheln ter fort, in⸗ „iſnicht ſo kenne ich, ſe⸗ enigſtens die halten, und icht Madame 1 an, Sit en. Treſt, 17 Der Baſtard ſuchte einen Augenblick unter den Karten, die er auszuſpielen hatte.. Das geheimniß⸗ volle Geräuſch hatte aufgehört und die Gedanken Otto's waren gar nicht bei dem Spiele. „Bei Ihrem Spiele,“ fuhr der Kerkermeiſter fort,„gefällt mir beſonders, daß Sie darüber nach⸗ denken. Ein Anderer hätte gleich die Trefle⸗Zehn ausgeſpielt, aber Sie bedachten alles reiflich.. Noch einmal Trefle!“ Diesmal ſuchte Otto ſo lange nach einer Karte, daß Blaſius Zeit hatte, ſein leeres Glas wieder voll zu ſchenken. Der Wächter draußen befand ſich eben am an⸗ dern Ende des Ganges und man hörte ein leiſes Kreiſchen, wie wenn zwei Eiſenſtäbe an einander ge⸗ rieben würden. Otto rückte ſeinen Stuhl und huſtete. „Sie bekommen den Schnupfen,“ bemerkte Blaſtus,„die Winterabende greifen die Bruſt an, wenn man nicht trinkt.. Ich habe Trefle ausgeſpielt; geben Sie zu oder ſtechen Sie.“ Otto ſah ihn von der Seite an, als hätte er Spott hinter den Worten vermuthet; aber der Kerker⸗ meiſter Blaſius ſpottete niemals. Otto ſammelte ſich wieder und ſpielte weiter. Blaſius gewann und rieb ſich vergnügt die Hände, 2 18 K während Otto ſeiner Seits die Karten miſchte. Er DerW vergaß aber abheben zu laſſen. ſus ſtieß v „Erlauben Sie,“ fiel Blaſius ein; wo haben Otto l Sie die Gedanken, Herr Otto?“ rchtKomiſ Otto verwünſchte ſeine Zerſtreutheit, entſchul⸗ daß Blaſtus digte ſich und verſuchte zu lächeln. Blaſius ſtopfte mußte. ſich eine friſche Pfeife und verzieh. Währer „Ich bin nicht dumm“, ſagte er mit eigenthüm⸗ den anſß lichem Augenblinzeln,„und glaube die Menſchen rſche dung ziemlich zu kennen. Wenn Sie nicht die hübſchen dutie Han Briefchen aus Paris bekämen, hielt ich Sie nicht Gütlte.. für verliebt und wenn ich Sie nicht für verliebt hielte, könnte ich wohl, Gott verzeihe mir die Sünde, auf dnr zat .— gener Je⸗ den Gedanken kommen, Sie wollten zu entfliehen 1 frn Kerkerme ſucyen erregt wer „Sie ſpielen aus“, fiel Otto ein. 3 Die La „Gut.., aber die niedlichen Briefchen,.. und Al- dann kenne ich auch Sie und Ihre Brüder zu gut, um ts worden. als daß ich irgendwie mißtrauiſch wäre. Götz iſt zu bequem, als daß er ſich in ſeiner Ruhe ſtören ließe;„Sie Albert zu leichtſinnig, als daß er ein Geheimniß ver⸗ Baaſius. ſchweigen könnte. Sie ſelbſt, Herr Otto, ſind zu und habe klug, als daß Sie Ihren Hals wagten, nicht wahr?“ Aagen ſte „Gewiß, Herr Blaſius.“ Dtto „Geſtochen! Ich habe heute Abend Glück; Sie und gewa gewinnen keine Partie. Aber trinken Sie doch auch ſine Sti einmal.“ cftger un ſchte. Er wo haben „entſchul⸗ ſius ſtopſte eigenthüm⸗ Menſchen die hübſchen h Sie nicht vliebt hielte, Sunde, auf u entfliehen hen,.. und der zu gut, Göt iſ zu ſoören ließe; heimniß ver⸗ Otto, ſind zu nichtwahr?“ Glück; Sie Sie doch auch 19 Der Baſtard hielt ihm das Glas hin und Bla⸗ ſius ſtieß vergnügt mit ihm an. Otto lachte laut auf, als wäre irgend etwas recht Komiſches vorgekommen und er lachte ſo lange, daß Blaſius endlich angeſteckt wurde und mitlachen mußte. Während ſie lachten, hatte ſich das Geräuſch in dem anſtoßenden Zelt verändert. Man hörte jetzt raſche dumpfe Schläge, als wenn eine ſtarke unge⸗ duldige Hand an halb durchſägten eiſernen Stäben rüttelte.. Die Lachluſt Otto's war wirklich zur ſehr gele⸗ gener Zeit gekommen, denn die Aufmerkſamkeit des Kerkermeiſters Blaſius hätte ohne dieſelbe endlich erregt werden müſſen. Als die beiden Männer aufhörten zu lachen, war es auch in der anſtoßenden Zelle wieder ruhig ge⸗ worden. „Sie ſind ein luſtiger Vogel, Herr Otto“, ſagte Blaſius.„Ich weiß nicht, warum ich gelacht habe und habe doch gelacht, daß mir die Thränen in den Augen ſtehen.. Ich gebe nun wieder.“ Otto achtete diesmal aufmerkſam auf das Spiel und gewann. Blaſius vertrank ſeinen Verdruß und ſeine Stirn wurde purpurroth. Er wurde immer eifriger und es hätte etwas ganz beſonderes geſchehen 2* 20 müſſen, wenn ſeine Aufmerkſamkeit hätte abgelenkt werden ſollen. Er hörte den Fall zweier Körper nicht, die ſich raſch hinter einander in dem Hofe folgten, er hörte nicht einmal die Schildwache, die mit einemmal rief: „Wer da?“ Otto aber hörte alles. Er ſchlug die Augen nieder, ſein Geſicht erbleichte und die Karten zitter⸗ ten in ſeiner Hand. Blaſius hatte ſchlechte Karten und fürchtete die Partie zu verlieren, ſo viel Glück er auch im An⸗ fange gehabt hatte. Otto warf die Karten hin, wie ſie ihm der Zufall in die Hand gab; Schweißtropfen ſtanden auf ſeiner Stirn; jeder Augenblick wechſelte die Farbe ſeines Geſichts und er ſchien im höchſten Grade ängſtlich und beſorgt zu ſein. Blaſius, der ſein Spiel tief durchdachte, be⸗ merkte nichts davon. Er benutzte gewandt alle Fehler ſeines Gegners und geberdete ſich, als wenn ſeine Zukunft von dieſem Spiele abhänge. Als er den letzten Stich gemacht hatte, kreuzte er die Arme auf der Bruſt und ſah Otto an. „Diesmal ſind Sie ſelber Schuld!“ rief er aus, „Herr Otto, Herr Otto, Sie müſſen ſehr verliebt ſein.“ Der Baſtard antwortete nicht; er blickte ſtier vor ſich hin. Der. nehmen, „W Otto Ale ſein einigen. Ind Mund öf man in d nach eina pläötzlich g „Wa auſſtand. „MNic See meh zer dal unſere. einanden Otte des alten ſetzen. D und führt „Au ohne es; der den Gefa dr „Iſt 21 eabgelenkt“ 7r.. 1 Der Kerkermeiſter mußte das ungewöhnliche Be⸗ nehmen endlich bemerken. „Was haben Sie denn?“ ſcotterte er. Otto antwortete auch diesmal nicht; er horchte.. Alle ſeine Sinne ſchienen ſich in dem Gehör zu ver⸗ einigen. In dem Augenblick endlich, als Blaſius den Mund öffnete, um die Frage zu wiederholen, hörte man in der Ferne ein paar eigenthümliche Laute bald nach einander und das Geſicht Otto's heiterte ſich a ſuf plötzlich auf. ten hin, die„Was war das?“ fragte Blaſius, indem er hweißttopfen aufſtand. li wechſelt„Nichts!““antwortete der Baſtard leiſe,„als daß in häſſen Sie mehr Louisd'or gewonnen haben, als wir Kreu⸗ zer da haben. Beruhigen Sie ſich, alter Freund; ht, die ſich 7, er hörte emmal rief: die Augen katten zitter⸗ fürchtete die nuch in An⸗ rchdachte, be unſere Partie iſt beendigt, aber wir haben noch mit gewandt all einander zu reden.“ ich, als wenn Otto legte vertraulich ſeine Hände auf die Achſeln ge. des alten Mannes und nöthigte ihn ſich wieder zu hatte, treuzte ſetzen. Dann füllte er beide Gläſer bis an den Rand to an. und führte das ſeinige an die Lippen. "¹ rief er aus,„Auf Ihr Wohl!“ ſprach er;„Sie haben, in ſchr verlitt ohne es zu wiſſen, fünftauſend Gulden gewonnen.“ Der Kerkermeiſter machte große Augen und ſah blicke ſtierpvt den Gefangenen verblüfft an. „Iſt er übergeſchnappt?“ dachte er bei ſich. 2²2 begann Statt ſich zu ſetzen, trat Otto hinter das Bett, f lieren ha wo ſich eine Art Niſche befand, die als Kleiderſchrank diente und holte einen vollſtändigen Anzug heraus, Blaſ den er ſeit ſeiner Verhaftung nicht getragen hatte:„Si einen Reiſerock, einen abgetragenen aber noch„und me brauchbaren Mantel und Reiterſtiefeln. angeklagt Blaſtus ſah ihm in der größten Verwunderung Gefangn zu, ſtopfte ſich dabei die Pfeife und ſprach mehrmals Blaſe bei ſich: uf und „Der arme Menſch iſt nicht nur verliebt, ſon⸗ dos Vaſt dern völlig verrückt, verrückt. Ein großes Unglück!“„S vertauſchte ſeine würden Otto ließ ſich nicht irre machen, warmen Hausſchuhe mit den Reiterſtiefeln, ſteckte Geld in ſeine Weſtentaſche, zog ſeinen Reiſerock an und 6 nahm den zuſammengelegten Mantel unter den Arm. Gefin „So“, ſprach er dann,„nun fehlt mir nichts Maue weiter als Ihr Schlafrock und für den gebe ich Ihnen Brüͤde fünftauſend Gulden.“ die R Blaſius glaubte zu träumen. ſind ſi gut zun „Legen Sie ſich nieder, lieber Herr,“ antwor⸗ nachſeh tete er;„ein guter Schlaf beruhigt Sie vielleicht„ wieder.“ immer Otto ſchob einen Stuhl dicht an den, auf wel⸗ ſtändig chem der Gefangenwärter ſaß und nahm darauf in dieſe werden Platz. men Se „Laſſen Sie uns verſtändig mit einander reden,“ et das Bett, (leiderſchrank Bug heraus, ragen hatte: aber noch Terwunderung rach mehrmals verliebt, ſon⸗ ßes Ur ulät!“ ertauſchte ſeine dn, ſtecte Geld tiſerod an und unter den Arm. fehlt wir nichts en gtbeich Ihnen Herr,“ antwor⸗ gt Sir dill leicht nn den, auf we⸗ nd nahm darauf *„ 76 it einander reden, 23 begann er,„aber ſchnell, weil ich keine Zeit zu ver⸗ lieren habe.“ Blaſius lächelte. „Sie ſind ein braver Mann,“ fuhr Otto fort, „und man hat Ihnen den Auftrag gegeben, drei angeklagte Gefangene zu bewachen. Zwei dieſer Gefangnen ſind entflohen.“ Blaſius ſprang bei dieſen Worten vom Stuhle auf und wollte hinaus eilen, aber die kräftige Hand des Baſtards hielt ihn feſt. „Schreien Sie nicht,“ fuhr Otto fort,„Sie würden es bereuen und das Uebel wäre nicht wieder gut zu machen.“ „Sie irren ſich,“ unterbrach ihn der geängſtigte Gefängnißwärter;„es iſt Niemand entflohen. Meine Mauern ſind hoch. An die Fenſter der Zelle Ihrer Brüder habe ich ganz neue Eiſenſtäbe machen laſſen, die Runde geſchieht regelmäßig, und meine Wachen ſind ſtets auf dem Poſten. Laſſen Sie mich ſelbſt nachſehen.“ „Sogleich,“ antwortete Otto, der ihn noch immer feſthielt,„aber vorher müſſen wir uns ver⸗ ſtändigen.. Ich ſage Ihnen, daß Albert und Götz in dieſem Augenblick Frankreich entgegenjagen; Sie werden ſich ſogleich davon überzeugen können, neh⸗ men Sie es unterdeß für wahr an.. Sie verlieren 24 jedenfalls Ihr Amt und.. Sie werden alt, Bla⸗ ſius.“ Der Gefängnißwärter ſeufzte tief. Er hatte den ſo angenehm verbrachten Abend theuer zu bezahlen. „Ich biete Ihnen eine Summe,“ fuhr Otto fort, „die Sie wenigſtens vor dem Mangel ſchützt; auch will ich Ihnen ein Mittel angeben, Ihre Entſetzung zu verhindern.“ Der alte Mann wurde aufmerkſam. „Sie ſind ein kluger Mann,“ ſagte Otto,„und nun hinlänglich belehrt, um nie wieder Gefan— gene in Ihr Vertrauen zu ziehen. Jetzt unterſuchen Sie die Zelle meiner Brüder, damit wir nach voll⸗ kommner Kenntniß der Sachlage unterhandeln kön⸗ nen.“ Otto ließ den Arm des alten Mannes los, der ſchnell wie ein Jüngling hinaus auf den Gang ſtürzte. Man hörte die großen Schlüſſel in den Schlöſſern der anſtoßenden Zellen ſich drehen und die Thüren ſich öffnen. Bald darauf kam Blaſius troſtlos zurück. Otto zeigte auf den leeren Stuhl und der Gefängniß⸗ wärter ſank ſeufzend auf demſelben nieder. „Sie ſind fort, die Undankbaren, beide „Ich muß auch fort,“ fiel Otto ein. Blaſius zuckte unwillig mit den Achſeln und ver⸗ ſchmähte es in anderer Art zu antworten. Ich muß fort,“ wiederholte der Baſtard ernſt, „J 14 zurück den ſo len. und E Lügei „ cher( warte riger Aufe ſen! da fn3 Wer war. Er hatte den u bezahlen. hr Otoo fott, chützt; auch t Entſetzung Otto,„und jeder Gefan⸗ zt unterſuchen vir nach voll⸗ thandeln kön⸗ mnes los, det n Gang ſtüzte. den Schlöſſern die Thüren ſich troſtlos zurück. der Gefängniß⸗ teder. , beide!“ ein. Achſeln und ver⸗ orten. er Baſtand ernſt, 25 „und zwar ſogleich und Sie müſſen mir die Mittel dazu verſchaffen.“ Blaſius ſah ihn unwillig an. „Ich werde Sie ſtrenger halten,“ antwortete er. Otto lächelte und entgegnete: „Das würde Ihnen die beiden Gefangenen nicht zurückbringen, während ſie Ihnen zurückgegeben wer⸗ den ſollen, wenn Sie auf die Vernunft hören wol— len. Ich ſprach im vollen Ernſt, Herr Blaſius, und Sie wiſſen wohl, daß ein Bluthaupt nie eine Lüge über ſeine Lippen bringt.“ „Ich weiß es,“ murmelte der Alte;„aber wel⸗ cher Schlag! Du mein Gott, wer hätte das er⸗ wartet!“ „Ich und meine Brüder,“ fuhr Otto im trau⸗ rigen Tone fort,„haben in dieſer Welt eine ſchwere Aufgabe zu erfüllen.. Wir ſind lange arm gewe⸗ ſen und Krieg ohne Geld iſt immer Niederlage. Jetzt da wir reich ſind, werden einige Wochen zu dem Werke hinreichen, das in Jahren nicht auszuſühren war. Würden Sie mir glauben, wenn ich einen Eid ſchwüre?“ Der Gefängnißwärter ſchlug die Augen zu Otto empor und ſchien eine Zeit lang unſchlüſſig zu ſein. „Ja,“ antwortete er endlich,„denn das Blut in Ihren Adern iſt Blut der Bluthaupt.“ „Nun,“ fuhr der Baſtard fort,„ſo ſchwoͤre ich 26 Ihnen bei meinem Vater, daß Götz, Albert und ich binnen heute und einem Monat wieder hier ſein werden.“ Der Alte ſagte nichts. „Wenn Sie mir Ihre Mitwirkung verſagen,“ fuhr Otto fort,„ſo bleibe ich hier, denn Sie ſind nun unterrichtet und ich habe alle Mittel zur Flucht meinen Brüdern überlaſſen. Aber weder Albert noch Götz werden zurückkommen und Sie werden beſtraft werden.“ Blaſius ſtützte die Stirn auf die Hände und trank dann einmal zur Stärkung. „Ich weiß, daß Sie Ihren Schwur nicht bre⸗ chen werden, Herr Otto,“ ſprach er endlich,„und ich weiß auch, daß man im Nothfall Alles auf eine Karte ſetzt; aber wenn ich nun gefragt würde?“ „Wir ſitzen bereits ſeit einem Jahre,“ antwor⸗ tete Otto;„der Richter ſindet keinen zureichenden Grund uns zu verurtheilen und ſo wird man uns ruhig im Gefängniß laſſen.“ Blaſius war allerdings dieſer Meinung auch. Das Entweichen des dritten Gefangnen änderte in ſeiner Lage durchaus nichts, ließ ihm aber wenig⸗ ſtens eine Hoffnung. Außerdem hatte er ſo viel Wein getrunken, daß er wohl das Recht hatte, ein romanhaftes Mittel nicht ganz zu verſchmähen. Dennoch zögerte er noch. unſe ten, ung Vi gend lbert und ich der hier ſein g verſagen,“ denn Sie ſind del zur Flucht weder Albert Sie werden :Hände und ur nicht bre⸗ endlich,„und Alles auf eine t wünde!“ hre,“ antwor⸗ n zureichenden vird man uns geinung auch. en änderte in mn aber wenig⸗ atte et ſo viel dicht hatte, ein eſchmähen. 27 Da neigte ſich Otto zu ihm und ſagte leiſe: „Sie waren ſonſt ein treuer Diner Bluthaupts, Herr Blaſius. Sie hätten Ihr Herzblut darum gegeben, die Familie Ihres Herrn zu retten.“ „Das würde ich heute noch thun,“ fiel Bla⸗ ſius ein. „So thun Sie es,“ antwortete Otto raſch.. „Es lebt ein Sohn Ihres Herrn, der leidet und den Namen ſeiner Ahnen nicht kennt..“ „Das glaube ich wohl,“ erwiderte Blaſius mit blitzenden Augen und gefaltenen Händen„wiſ⸗ ſen Sie ihn aber zu finden?“. „Ich habe Ihnen ſchon geſagt, daß wir eine Aufgabe zu erfüllen haben; jenes Kind iſt der Sohn unſerer Schweſter Margarethe, die wir mehr lieb⸗ ten, als uns ſelbſt; er iſt auch unſer Sohn, da wir uns zwiſchen ihn und den Tod ſtellten, der über ſeiner Wiege ſchwebte.“ Der Blick des alten Mannes verrieth eine ſtei⸗ gende Neugierde. „Sie befanden ſich in der Nacht Allerheiligen im Schloſſe?“ fragte er leiſe. 1 „Wir kamen dahin,“ antwortete Otto,„aber die Geſchichte iſt zu lang, als daß ich ſie Ihnen er⸗ zählen könnte; meine Brüder warten auf mich.“ „Nur ein einziges Wort!“ fiel Blaſius ein. ————.— 28 „Haben Sie das Kind und die Gertrude mit fort⸗ genommen?“ „Gertrude half uns; der Page Hans kam uns nach und beide erzogen das Kind. Sie wohnen beide lange jenſeits des Rheins. Sie ſind würdige, treue, liebevolle Herzen. Ich weiß, wo ich den Pa⸗ gen finden kann und ehe ein Monat vergeht, wird, wenn es Gott gefällt, der Sohn meiner Schweſter der Graf von Bluthaupt und Rothe, in das Haus ſeiner Ahnen einziehen.“ Der Kerkermeiſter ſtand auf und wollte noch ein⸗ mal die beiden Gläſer füllen, aber ſeine Hand zit⸗ terte. „Das Schloß iſt noch nicht verkauft,“ ſagte er.„Ich könnte wohl noch ſo lange leben, um den Erben meines Herrn wieder einziehen zu ſehen. Um das noch zu erleben, wage ich Alles.“ Er zog ſchon ſeinen Schlafrock aus. „Ich bin nicht betrunken, Herr Otto,“ fuhr er fort, indem er ſein graues Haupt emporrichtete;„ich weiß, daß Sie mich hintergehen können, aber ich habe vierzig Jahre lang das Brod der Bluthaupt gegeſſen,— nehmen Sie alſo den Rock und möge Gott Sie ſchützen!“ Er half ſelbſt dem Baſtard den Schlafrock über den Reiſeanzug ziehen. Dann drückte ihm Otto die Hand und ſagte: „0 auſend Monat Er den Cor ſamen Bla baug ſe 5 ſich hin. ten ihn heißen, war.” Er nuten f 7/ er mu muthi men; jungen rüͤckeh emit folt⸗ à kam uns ie wohnen dwürdige, ch den Pa⸗ heht, wird, Schweſter das Haus lte noch ein⸗ e Hand zi⸗ auft,“ ſagte den, um den u ſchen. Um to,“ fuhr er richtete;„ich ren, aber ich er Bluthaupt ock und moͤge Schlafrock über und ſagte: 29 „Erwarten Sie uns; morgen werden Sie fünf⸗ tauſend Gulden erhalten.. Wenn wir nach einem Monat nicht zurückkehren, ſind wir todt.“ Er ſchritt darauf über die Schwelle, trat auf den Corridor hinaus und ahmte den ſchweren lang⸗ ſamen Gang des alten Kerkermeiſters nach. Blaſius war wieder auf den Stuhl geſunken und barg ſein Geſicht in beiden Händen. „Der Sohn des Teufels!“ murmelte er vor ſich hin.„Die ſchlechten Diener Bluthaupts nann⸗ ten ihn ſo; aber er ſollte der Sohn eines Engels heißen, da die Gräfin Margarethe ſeine Mutter war.“. Er hielt inne und fuhr erſt nach einigen Mi⸗ nuten fort: „Es ſind ſeitdem neunzehn Jahre vergangen; er muß jetzt ein Mann ſein.. Die Baſtarde ſind muthig und vollbringen Alles, was ſie ſich vorneh⸗ men; möge Gott ihnen beiſtehen, damit ich den jungen Grafen in ſeine Heimath und ſein Erbe zu⸗ rückkehren ſehe.“ Erſte Abtheilung. Der Fastnachtsson „ In Pe ſälſame N mal geig, begierig ſ terſtange dem As Kinder verbreitet Triumphü Es dieſechs wohner das Sta welche d den Par Sundent 1 Erſtes Kapitel. An einer Straßenecke. In Paris herrſchte Freude und Jubel. Jene ſeltſame Menge, die ſich des Jahres fünf bis ſechs⸗ mal zeigt, ohne daß man weiß, woher ſie kommt, begierig ſich zu den Maskenbällen drängt, die Klet⸗ terſtangen liebt, in die Feuerwerke vernarrt iſt, auf dem Asphalt der Boulevards Schaaren häßlicher Kinder und halbgeſchorener Hunde nach ſich zieht, verbreitete ſich in lärmenden Haufen von dem Triumphbogen an bis zur Barrière du Trone. Es war an einem der Tage, an welchen die ſechs Etagen der Häuſer im Marais ihre Be⸗ wohner auf einmal auf die Straße hinaus ſchicken, das Stadttheil St. Marcel die wilden Stämme, welche dicht gedrängt zwiſchen der Salpeterière und dem Pantheon hauſen, über die Stadt ergießt, die Studenten die Zugänge der Chaumiere verlaſſen, der I. 3 34 ganze Gros⸗Caillou über die Brücke Ludwigs XV. geht und die feiernden Obſthändlerinen mit den Haus⸗ männern der Vorſtadt St. Martin, die im Sonn⸗ tagsſtaate erſcheinen, zuſammenkommen. An dieſen Tagen der großen Volksausſtellung wird die faſhionable Stadt gleichſam erobert. Dieſe ſchönen und ſo wohl gekleideten jungen Herren, welche ſich in der Nähe des italieniſchen Theaters aufzuhal⸗ ten pflegen, ziehen ſich bei dieſer Gelegenheit zurück und laſſen ſich von ihren Schneidern einladen. Vor dem Café de Paris ſieht man nicht einen einzigen lakirten Stiefel und der verwunderte Tortoni ſucht vergeblich in der unabläſſig ſich erneuernden Menge einen jener feinen Herren, deren Ausſehen ſchon blendet und lockt wie eine Actienpromeſſe mit fünf⸗ zig Procent Prämie. Es war am Faſtnachtsſonntage bei herrlichem Wetter. Seit Mittag wogte die Menge in der Vor⸗ ſtadt St. Antoine, auf beiden Seiten der Boule⸗ vards und in der großen Allée der elyſäiſchen Fel⸗ der hin und her. Niemand vermochte zu ſagen, wohin ſich die Maſſe dieſer zahlloſen Volksmenge verlaufen würde, die ihre langſame und fortdauernde Bewegung fortſetzte und glücklich in einem Vergnü⸗ gen war, das ſie allein ſucht und begreift, glücklich ſich zu drängen, zu ſtoßen, in dem Schmutze zu wa⸗ ten, die bis in unabſehbare Ferne dichtgedrängtm Gerdc Köpfe murme innerun Feſtes. Ei ſter ein bahnten den Fia⸗ lich den derung riite. ſie fürch Aſcheb hoben die R halbz chen Cour taliſch einem ten uj verbar D e Ludwigs XV. amit den Haus⸗ die im Sonn⸗ nen. Volkdausſtelung merobert. Dieſe en Herren, welche heaters aufzuhal⸗ Alh nheit zurück neinladen. Vot 8 einen einzigen tte Tortoni ſucht neuernden Mengt zAnsſehen ſchon r'omeſſe mit fünf⸗ age bei herllihen Menge in det Vor⸗ Seiten der Volll⸗ der elyſäiſchen Fll⸗ rmochte zu ſag, loſen Volkomenge ne und fortdauernde in einem Vangnü⸗ viha glückich m Schmute zu war dicht deuäu 5. murmel und Geſumme 35 Köpfe zu ſehen, und glücklich jenes verworrene Ge⸗ zu hören, das in ihrer Er⸗ innerung bleibt gleich den Klängen eines heitern Feſtes. Einige verſchämte Masken, ausdauernde Prie⸗ ſter eines Cultus, der mehr und mehr verſchwindet, bahnten ſich ſo gut es gehen wollte, einen Weg unter * den Fiakern und Equipagen hin und warfen gelegent⸗ lich den Vorübergehenden eine wirkungsloſe Ausfor⸗ derung, einen Scherz hin, der nicht zum Lachen reizte. Die Kinde 6 an und weinten, denn ſie fuͤrchteten ſich vor i Locken und den mit Aſche beſtreueten Perrücken. Die Mütter ſchalten und hoben mit aller Rückſichtsloſigkeit der Sparſamkeit die Röcke auf, die Hunde heulten und hinkten mit halbzertretenen Pfoten umher und die Väter vergli⸗ d ernſthaft den Wein von Ramponneau mit dem der ourtille; irgend eine Griſette ſprach von der orien⸗ taliſchen Verführungskraft des Mars-Salons mit einem Begleiter, welcher die unverſchämteſten Abſich⸗ ten unter der Maske der gutmüthigſten Unſchuld verbarg. Die Luft erfüllte ſich mit den verſchiedenartigſten Gerüchen und die Echos wiederholten ungern die gellenden Töne der Trompeten und das näſelnde Ge⸗ ſchrei derer, welche Kalender und die Zugsordnung der Mezgergeſellen ausriefen. 36 AMNAndere unterhielten ſich von dem Faſtnachtsoch⸗ lla d ſen des vorigen Jahres, den ſie zum Nachtheil des bani diesjährigen erhoben. ſocighs Hier und da führte ein Herr mit einer Brille, deſ⸗ c, ſen Civilkleidung einen Officier der Bürgergarde kaum ſetzehn unkenntlich machte, einen garſtigen kleinen Jungen Kanner in Uniform an der Hand und dieſer Junge wurde I von allen Kindern beneidet, die nicht auch als glände Schotten oder Araber gekleidet waren. Amable Weiterhin ließ ſich ein ariſtokratiſches Paar ſe⸗ hoannr' hen, das die Freuden des Pöbels verachtet und ſich Feelleh nur unter die Menge miſcht, um die Vergnügungen llihe deſſelben zu verſpotten. Jedermann kannte dieſes Haaren 1 Paar, einen Edelmann und einen Künſtler, von eine gra denen der eine einen Wald von Haaren trug, der ſuchte V Andere aber glatt geſchoren war wie eine Ratte. Sie und ve ſtanden da wie überall, gähnten, hinderten die Vor⸗ 4 S überwollenden und wunderten ſich ganz laut, wie ſte⸗ Mung unter dieſes Volk gekommen.„ach Sie gingen Arm in Arm. Der Edelmann iſt logne ſeitdem vielleicht Marquis geworden, damals hieß haren er einfach Graf von Mirelune, war ein dicker, le⸗ V bensluſtiger Mann, der Beſitzer eines Pferdes, der faner d ei er ciner S ſPfeleri elche ini Ä Liebhaber einer Schauſpielerin, welche vor einigen ſie, m Jahren in der Mode geweſen und ließ ſeine Kleider fluchten in London fertigen. Uebrigens war er ein ganz M liebenswürdiger Mann und beachtenswerſthes Exem⸗ dards Jaſtnachtzolh⸗ Nachtheil des dr Brille, di⸗ gergarde kaum leinen Jungen Junge wurde nicht auch als ſches Paat ſe⸗ rachtet und ſich Vergnügungen kannte dieſes Künſtler, von aaten trug, der eine Ratte. Sie nderten die Vor⸗ anz laut, wie ſte ar Cdelmann iſt n, damals hieß ar ein dicker, le⸗ es Pferdes, der vor einigen ſeine Kleider elche ließ war er ein gand nswerches Erem⸗ 37 plar der jetzigen vornehmen Jugend, wenn er auch bereits die Fünfzig überſchritten hatte. Er hatte lockiges blondes Haar, einen ziemlich umfänglichen Bauch, kurze Arme, wohlgenährte Waden, ſprach ſiebzehn Worte des reinſten Engliſch und gefiel den Kammermädchen. Jedermann kennt dieſen Herrn, aber der ihn be⸗ gleitende Dichter iſt noch berühmter, denn es war Amable Ficelle, der Verfaſſer der„Flaſche Cham⸗ Tvagner“ und hundert anderer hübſcher Vaudevilles. Ficelle hatte damals wie noch jetzt ein plattgedrücktes gelbliches Geſicht mit etwa zwei Dutzend einzelnen Haaren über der Stirn, matte ſchläfrige Augen, eine gravitätiſche Naſe und einen maleriſchen Anzug, ſuchte traurig auf ſeinem Lebenswege Calembourgs und verachtete die Haus⸗ und Grundbeſitzer. Selbſtzufrieden ſchritten die Beiden dahin. Die Menge ſah ihnen nach, die Ladenmädchen ſagten: „ach dies ſind Herren“ und ihre mit Eau de Co⸗ logne bezeichneten Taſchentücher trugen den dank⸗ baren Mädchen ſtarkes Parfüm zu. Wenn ſie vorüber waren, runzelten die Republi⸗ kaner die Augenbraunen, zeigten mit Fingern auf ſie, machten ihre Frauen auf ſie aufmerkſam und fluchten zwiſchen den Zähnen. Man machte einander den Raum der Boule⸗ vards ziemlich ſtreitig; unter den zu Ungeduldigen 38 wurden wohl auch einige Fauſtſchläge gewechſelt und die Polizei griff von Zeit zu Zeit ein ſchlechtes Sub⸗ ject auf, das betrunken war wie ein Familienvater. Am Eingange aller Hauptſtraßen, welche die Boulevards durchſchneiden, brach ſich der Menſchen⸗ ſtrom. Ein Theil der Menge begab ſich in die Stadt hinein, während die Uebrigen ihre Schafpro⸗ menade fortſetzten. Paris hat einige bevorzugte Orte, welche die Menge vorzugsweiſe anziehen. Da erdrückt man ſich, während es etwas weiterhin nur eben gefüllt iſt. Der günſtigſte aller dieſer Oerter iſt der Platz, welchen die Vorſtadt des Temple, die gleichnamige Straße und die Boulevards bilden. Hier giebt es zehn Theater, zwanzig Reſtaurationen nnd ein Wacht⸗ haus, genug alſo und über genug, um ein furcht⸗ bares Menſchengedränge zu veranlaſſen. Es war faſt vier Uhr Abends. Alle Magen, denen man früh mit der Hoffnung auf ein Extra⸗ eſſen geſchmeichelt hatte, lenkten die ermüdeten Beine dem Geruche der nahen Küchen zu. Die Paſſage war buchſtäblich verſtopft Die Fußgänger, welche von der Madelaine kamen, ſtießen auf die, welche von der Baſtille herandrängten; die Arbeiter, die aus der Vorſtadt kamen, ſtanden den Commis und Krämern gegenüber, die nach der alten Stadt zurück wollten 5 — und auf Flliche Die amnzen weſen wo geben zu dr Wag Munieipe mehr wu und hier nur nicht Unte Chateau halten n Mann Platze ſchers RM dem W unter d Er beſpornt Mantele man dag reine un dem Ha ewechſelt und hlechtes Suh⸗ zamilienoater. n, welche die der Menſchen⸗ ib ſich in die ihr Schafpro⸗ te, welche die z erdrüͤckt man ur eben gefüll — iſt der Platz, ie gleichnamige Hirr giebt es mnd ein Wacht⸗ un ein furcht⸗ ſſen. Alle Magen, nuf ein Extra⸗ ermüdeten Beine 1. Die Paſſage ßgänger, welche ufdie, welche von deiter, di mis und Krämern. adt zurüc woliin e aus der 39 und auf dem Wege eilig auch ihren Theil von der Feſtlichkeit zu genießen ſuchten. Die wenigen Masken, welche vorher in der ganzen Ausdehnung des Boulevarts verſtreut ge⸗ weſen waren, ſchienen ſich hier ein Stelldichein ge⸗ geben zu haben. Sie hemmten die freie Bewegung der Wagen und die Unordnung wurde durch die Municipalgardiſten und Pferde vermehrt, die nicht mehr wußten, wohin und auf wen ſie hören ſollten und hier und da einem ein Glied zerbrachen, um nur nicht ganz müſſig zu ſein. Unter der langen Wagenreihe, welche von dem Chateau d' Eau bis zur Porte St. Martin ſtille halten mußte, befand ſich ein Fiacre, aus dem ein Mann herausblickte, der jeden Augenblick nach dem Platze hinſah und über die Ohnmacht ſeines Kut⸗ ſchers zu zürnen ſchien. Nach einigen Minuten ſprang der Mann aus dem Wagen, bezahlte den Kutſcher und drängte ſich unter die Menge auf dem Trottoir. Er trug einen langen Reiſemantel, der nur ſeine beſpornten Stiefeln ſehen ließ. Der Kragen des Mantels verhüllte einen Theil ſeines Geſichts. Was man davon ſah, war ſchön und edel: eine große reine und ſtolze Stirn, von leicht gelocktem ſchwar⸗ zem Haar umgeben, ein ruhiges aber ſcharfes Auge, — 40 aus welchem man gleichzeitig Klugheit und die Kraft eines männlichen Willens las. Ueber ſeine ganze Geſtalt ſchien der Schleier der Ermattung gebreitet zu ſein und der Staub, der den Mantel unſeres Unbekannten bedeckte, eine lange Reiſe und kürzliche Ankunft zu verrathen. Er war noch jung, kräftig und hoch gewachſen. Je weiter er nach dem Platze des Chateau d' Eau vordrängte, um ſo dichter und undurchdring⸗ licher wurde die Volksmenge; aber unſer Reiſender hatte kräftige Ellenbogen und den guten Willen, an ſein Ziel zu gelangen. Er drängte ſich mitten durch den Haufen und die ſummende Menſchenflut, die er rechts und links unwiderſtehlich bei Seite ſchob, öff⸗ nete ihm, wenn auch ungern, einen Weg. Freilich mußte er dabei viele Flüche hören; mehr als ein kampf⸗ luſtiger Regenſchirm wurde hinter ihm emporgeho⸗ ben, aber ſeine Geſtalt gehörte zu denen, welche der Menge ſtets und überall imponiren; die Regen⸗ ſchirme ſanken jedesmal nieder ohne geſchlagen zu haben, die Flüche wurden erſtickt und als unſer Rei⸗ ſender um die Ecke der Temple⸗Straße herumge⸗ kommen war, erklärten nur noch zwei oder drei Frauenſtimmen, er ſei ein ſchöner junger Mann und gleiche Herrn Melingue vom Ambigu⸗Theater. Me⸗ lingue gilt nämlich von dem Stadttheile Bonne⸗ — Nout mäͤnn J Stra⸗ einen Maſe guß treten. E ſem g die S und dieKraft er Schleitt det dtaub, der den e, eine lange ſen. ch gewachſen. des Chateau undurchdring⸗ unſer Reiſender ten Willen, an ich mitten durch ſchenflut, die er Stite ſhob, äf⸗ rWeg. Feellch ihr als ein kampf⸗ ihm emporgeho⸗ enen, welche der en; die Regen⸗ ne geſchlagen zu d als unſer Re⸗ Straße herunge⸗ ih zwei odet dii jzunger Nann und gu⸗Theater. Me⸗ tadtcheile Bonne⸗ 41 Nouvelle bis zur Straße Popincourt für das Ideal männlicher Schönheit. Als ſich unſer Reiſender einmal in der Temple⸗ Straße befand, wurde es ihm minder ſchwer, ſich einen Weg zu bahnen. Es gab auch da noch viele Menſchen, aber man konnte doch wenigſtens den Fuß auf das Trottoir aufſetzen, ohne Jemanden zu treten. Er ging raſch nach dem Temple⸗Markt zu. Die⸗ ſem gegenüber wurde die Menge wieder dichter, weil die Straße ſich mit beweglichen Verkaufsſtänden füllte, auf denen ſich Apfelſinen, Pfefferkuchen und Schmuckſachen von vergoldeter Pappe befanden. Obwohl es Sonntag war und der Tag ſich neigte, ſtanden doch alle Verkaufslocale offen. Zahl⸗ loſe Gaffer drückten die Naſen an die Scheiben der Auslagen, um den rothen oder blauen baumwollenen Sammet der Maskenanzüge und die kleinen Bilder zu bewundern, welche das Pariſer Volk ſo ſehr liebt und die Cachuchatänzerinnen in dem Coſtüme ihrer Würde vorſtellen. Auch der Temple⸗Markt ſelbſt feierte noch nicht. Man ſah ein Heer von Kaufluſtigen in den Gängen ſich hin und her bewegen⸗, welche den großen Bazar des Pariſer Trödels in vier gleiche Theile trennen. Man beeilte ſich noch zu kaufen und zu verkau⸗ fen, weil die Glocke bald das Zeichen zur Schlie⸗ 42 ßung geben mußte. Der Temple, der Trödelmarkt, wird gleichzeitig mit der Borſe geſchloſſen und es iſt dies nicht die einzige Aehnlichkeit, welche zwiſchen den beiden Märkten beſteht. Unſer Reiſender war über die St. Eliſabethkirche hinaus und ſuchte eine paſſende Stelle, um über die Chauſſée zu kommen. Die Wagen folgten einander ohne Unterbrechung und die Karren der kleinen Ver⸗ käufer verſtopften den Weg noch mehr. Der Fremde wartete, ging langſam auf dem Trottoir hin und ſah ſich nach einem Durchgange um. So kam er bis an die Ecke der kleinen Straße Fontaines und als er ſah, daß er nicht hinüber ge— langen könnte, ohne über den Temple hinaus zu gehen, blieb er am Ende des Trottoirs ſtehen. Einige Schritte von ihm, an der Straßenecke, ſtanden zwei Männer, die mit einander ſprachen. Sie gehörten offenbar nicht zu dem gemeinen Volke, ſondern es waren zwei Herrn und ihre Anweſenheit an einem ſolchen Tage, an einem ſolchen Orte, konnte für etwas Ungewöhnliches gehalten werden. Der eine war ein hochgewachſener junger Mann von achtundzwanzig bis dreißig Jahren mit Schnurr⸗ und Kinnbart. Er ging ſchwarz gekleidet und ſein bis oben hinauf zugeknöpfter Rock hätte für elegant gelten können. Zwiſchen den Fingern hielt er eine brennende Cigarre, von welcher noch dünne Rauch⸗ völtch auf ſei D. Rücken welchen Knöpfe Buſenſ Taſche eine di genau dödelmarkt und es iſt he zwiſchen ſabethkirche um über die ten einander lleinen Ver⸗ Der Fremde oir hin und inen Straße hinüber ge⸗ ehinaus zu ſtehen. Straßeneck, der ſprachen. neinen Volke, Anweſenheit Orte, konnte den. unger Mann mit Schnurt⸗ adet und ſein te für elegant Khielt er eine dünne Nauch⸗ 43 wölkchen emporwirbelten, die er aber aus Rückſicht auf ſeinen Begleiter nicht an den Mund führte. Der Andere wendete der Temple-Straße den Rücken zu. Er trug einen weißen offenen Palletot, welcher einen ſchönen blauen Frack mit goldenen Knöpfen ſehen ließ. An ſeinem Hemd mit feinem Buſenſtreifen ſah man zwei Diamanten. Aus der Taſche ſeiner geſtickten ſchwarzen Atlasweſte kam eine dicke goldene Kette hervor, an welcher jeder Ring wohl einen Doppellouisd'or werth war. Ueber den weißen Handſchuhen trug er Ringe an den Fingern. Auf den erſten Anblick ſeines Geſichtes ſein Alter genau anzugeben, würde höchſt ſchwierig geweſen ſein. Auf ſeinen Wangen lag eine gewiſſe Friſche; ſeine Augenbrauen waren ſchwarz wie Ebenholz und unter ſeinem engliſchen Hute quoll bewunderungs⸗ würdig gelocktes Haar hervor. Trotz dieſen triumphirenden Einzelnheiten ſagte ein gewiſſes Etwas, daß er ſchon längſt über die Vierzig hinaus ſei; ſein unterſetzter Körper neigte ſich zur Wohlbeleibtheit und um den lächelnden Mund lagerten ſich zahlreiche Runzeln. Unſer Fremder hatte die beiden Männer flüchtig angeſehen. Der jüngſte war ihm durchaus unbe⸗ kannt und das Geſicht der Andern konnte er nicht ſehen. 44 Er hatte keinen Grund, ſich mit ihnen beſonders haben me zu beſchäftigen und blickte deshalb wiederum nach ter einer, der Mitte der Straße hin, die ſich mehr und mehr ſch eine füllte, ſo daß die verworrene Menge von Karren, Fia⸗ Aber kern und Equipagen ſeine Ungeduld zu höhnen ſchien. ſſeinen, Das Schauſpiel war bunt und lebensvoll und heit. Ma würde für einen Zuſchauer, der Muße hatte, gar nd vellei nicht ohne Intereſſe geweſen ſein. Die meiſten Fuß⸗ VPuxen w gänger, die von den Boulevarts und Quaien her⸗ aiſtoerati kamen, drängten ſich lärmend nach dem Markte, ſcheidnen um die letzten Augenblicke der Verkaufszeit noch zu Düſe benutzen und ſich mit Flitterputz zu verſorgen. was dien Es fanden an dieſem Abende in Paris fünf⸗ b den Män hundert Maskenbälle ſtatt und der Temple enthält lebte. ſo viel Lumpen, daß ſich wohl eine Million Narren V Wer damit verkleiden kann. ſiege, Unter den Kaufluſtigen, die ſich ſo nach dem V würden Bazar drängten, gehörten die meiſten den unterſten di Klaſſen an; doch bemerkte man auch einige ſein wol⸗ b ſind zu lende Stutzer, welche lackirte Stiefeln ſuchten, Lo⸗ Gen retten, welche wohl wußten, wie gut gereinigte a daga Glacéhandſchuhe ausſehen, ſogar vornehme Damen, Staße 1 wirkliche vornehme Damen, Frauen von Bankiers de lizte oder Marquis, welche durch jenen lobenswerthen Er hntte Geiſt der Sparſamkeit getrieben wurden, der oft⸗ gehrch mals ſelbſt bei dem Reichthume blühet. Die Spitzen vom Temple ſind ſehr ſchön und dere fommen. ühnen beſonders wiederum nach von Karren, Fia⸗ zu höhnen ſchien. d lebensvoll und ße hatte, gar ie meiſten Fuß⸗ d Quaicn her⸗ dem Markte, in Paris fünf⸗ Temple enthalt Million Narren ſich ſo nach dem ſten den unterſten heinige ſein wol⸗ feln ſuchten, Lo⸗ ie gut gereinigte mn von Bankiers en lobenswerthen vurden, der oſt⸗ ühet. d ſehr ſchön und 4 haben meiſt nur einmal auf der geſchminkten Schul⸗ ter einer Tänzerin geruht. Warum ſollten Damen ſich eine Erſparung von hundert Procent verſagen? Aber die vornehmen Damen, die im Temple er⸗ ſcheinen, zeigen ſich mit einer gewiſſen Verſchämt⸗ heit. Man könnte ſagen, ſie ſuchten Liebesabenteuer und vielleicht irrt man ſich auch nicht immer. Ihre Wagen warten an irgend einer Straßenecke und ihr ariſtocratiſcher Wuchs verſchwindet unter einem be⸗ ſcheidnen Mantel. Dieſe Mäntel ſind für gewiſſe Damen daſſelbe, was die mauerfarbigen Mäntel für die abenteuern⸗ den Männer in der Zeit waren als Don Juan noch lebte. Wenn man vor dem Markte aus einem Wagen ſtiege, wenn man in glänzender Toilette erſchiene, würden die Trödlerinnen unverſchämte Preiſe fordern. Die beſcheidenen Mäntel und Merino⸗Camails ſind zu mancherlei zu gebrauchen. Eben da wir in dem Temple ankommen, hält ein eleganter Wagen an der Ecke der Phelippeaux⸗ Straße und ein anderer auf dem Rotonde⸗Platz. Der letztere ſtand ſchon ſeit einer Viertel Stunde da. Er hatte ein ſchüchtern verſchleiertes junges Mädchen gebracht, das ſich auf den Trödelmarkt begab. Der elegante erſtere Wagen war eben erſt ange⸗ kommen. Er trug kein Wappen an ſich; die Fen⸗ 46 ſter waren herunter gelaſſen und der Kutſcher in dunkelfarbiger Livrér hielt ohne große Mühe ein Paar träger Pferde im Zügel. Aus dieſem Wagen war eine hübſche Dame in dem beſcheidenen Mantel geſtiegen, den wir oben erwähnten, und hatte ſich mit der Gewandtheit einer Katze durch die Menge gedrängt. Ihre Füßchen ſchienen das ſchmutzige Pflaſter kaum berührt zu haben und trugen keine Spur des Kothes an ſich, der den Fahrweg bedeckte. An ihrem Hute befand ſich ein ſchwarzer dicht geſtickter Schleier, durch welchen man aber doch das blitzende Auge ſah. Sie ging ſchnell und mit jenem verſtohlenen Schritte, welcher die Furcht erkannt zu werden ver⸗ räth. Ihre lebhaften Augen ſuchten rechts und links unter der Menge. An der Straße Fontaines fiel ihr Blick auf un⸗ ſern Fremden. Sie zuckte zuſammen, blieb ſtehen und griff nach der Lorgnette. Dann ſchlug ſie den Schleier zuruck, um beſſer ſehen zu können. Sie war ſehr ſchön und ihre Züge ſchienen die jüdiſche Abſtammung zu verrathen; ihr bewegliches Auge konnte gleichzeitig gebieteriſche und ſchmeichelnde Blicke werfen; um ihre etwas zu ſchmale Stirn fiel das ſchönſte ſchwarze Haar in reichſter Fülle; ihre folgt Wa⸗ g wiſe nuter G ließ! blick Sch. hen bei kan ſich Bu gen denc aus plat Kutſcher in ße Mühe ein ſche Dame in den wir oben dandtheit einer Ihre Füßchen in berührt zu oths an ſich, ſchwarzet dicht aber doch das m Werſtohlenen zu werden der⸗ ten rechts und r Blick auf un⸗ en, blitb ſtehen rück, um beſſer züge ſchienen die ihr bewegliches undſchmeichlnde hmale Stirn fiel hſter Fülle; ihre 47 Lippen waren dünn und zu bleich; in ihrem Wuchs lag eine etwas träge Grazie. Als ſie die Lorgnette vor die Augen hielt, er⸗ folgte eine Bewegung in der Menge; es ſtellten ſich Wagen und mehrere Gruppen von Fußgängern zwiſchen ſie und unſern Unbekannten und einige Mi⸗ nuten lang ſuchte ſte ihn vergebens. Sie klappte die Lorgnette wieder zuſammen und ließ den Schleier fallen; dann blieb ſie einen Augen— blick unentſchloſſen ſtehen, bis ſie endlich raſchen Schrittes nach dem viereckigen Platze zu ging, wel— chen die Leute im Temple das Palais Royal nennen. „Ich werde mich getäuſcht haben“, dachte ſie bei ſich;„ich weiß ja, daß er nicht in Paris ſein kann.“ In dem„Palais Royal“, wo Kaufluſtige bei⸗ derlei Geſchlechts ſich in Menge drängten, befand ſich eine vorzugsweiſe reich und wohl ausgeſtattete Bude, welche einer dicken Frau, Mad. Batailleur genannt, gehörte. Hierher begab ſich der beſchei⸗ dene Mantel und hier fand ſich auch das Mädchen aus dem Wagen ein, welcher auf dem Rotonden⸗ platze hielt. Madame Batallleur kaufte und verkaufte Alles und ihre Bude war gänzlich gefüllt. Das junge Mädchen wartete auf den günſtigen Augenblick, um mit ihr zu ſprechen. 48 Sie hatte ihren Schleier ein wenig zuruckgeſchla⸗ gen und man konnte ihr regelmäßig ſchönes Geſicht ſehen, das durch den reinen Ausdruck der Jungfräu⸗ lichkeit noch verſchönt wurde. Madame Batallleur bemerkte ſie endlich und ver⸗ ließ ſofort ihre Kunden. „Noch nicht, liebes Fräulein,“ ſagte ſie leiſe; „der Briefträger iſt gekommen, hat aber nichts mit⸗ gebracht.“ „So komme ich morgen wieder,“ flüſterte das Mädchen mit einem tiefen Seufzer. „Wollen Sie mir nicht erlauben,“ fiel die Frau ein,„den Brief ſelbſt zu überbringen?“ „Nein, nein,“ unterbrach ſie das Mädchen; „ich komme ſchon wieder.“ Während ſie dies ſagte, wendete ſich ihr Auge nach der Temple⸗Straße hin und ihre Hand zog raſch den Schleier über das Geſicht, das ganz blaß wurde. Sie hatte die Dame aus dem andern Wa⸗ gen bemerkt, die raſch über den Platz ſchritt. „Meine Schweſter!“ ſprach ſie erſchrocken; „ich beſchwöre Sie, Madame, verrathen Sie mich nicht.“ „Pfui!“ rief Madame Batailleur aus, die ſie mit einem freundlichen Lächeln begrüßte, während ſie in der Menge verſchwand;„ich bin die Verſchwiegen⸗ heit ſelbſt, werthes Fräulein.“ Die heeln un Mdche A „ι Mantel 7 4,7, delsfrau Unj ſeinem; ſchmalen er hätte jett off Er hat drüͤckt Gegen der ehl Auff. G ſagte Sie ſic in Ha „ fagt mein( D terliche I. 49 zurückgſcla⸗ Die andere Dame empfing ſie mit demſelben Lä⸗ unes Geſich cheln und ihr verrätheriſcher Finger deutete auf das 1 der Jungfräͤu⸗ Mädchen, das entfloh. 6 „Wunderbar!“ ſagte die Dame im beſcheidenen dlich und ve⸗ Mantel, während ſie ſich auf die Lippen biß. A „Das geſchieht alle Tage,“ flüſterte die Han⸗ h ſagte ſie leiſe; delsfrau. ber nichts mit⸗ Unſer Reiſender blieb unterdeß fortwährend auf ſeinem Poſten. Mehrmals hatte der Zufall einen ¹flüſterte das ſchmalen Raum zwiſchen den Wagen geöffnet und er hätte hindurchſchlüpfen können; aber es hielt ihn fiel die Frau jetzt offenbar etwas an der Ecke der Straße zurück. 2 2 Er hatte ſich ſo dicht als möglich an die Wand ge⸗ das Mädchen; drückt und ſeine Aufmerkſamkeit auf einen andern Gegenſtand gerichtet; denn einige Worte, welche eſih ihr Auge der ehemalige junge Mann geſprochen, ſchienen ſeine ihre Hand zog Aufmerkſamkeit erregt zu haben. das ganz blaß Er horchte. em andern Wa⸗„Sie ſind ein vortrefflicher Menſch, Verdier,“ ſchrit. ſagte der Mann im weißen Palletot.„Beruhigen ſi eiſchrocen; Sie ſich; ich nehme es über mich, Ihnen den Weg im Handel zu bahnen.“ „Das haben Sie mir ſchon drei oder viermal gefagt, Herr Chevalier und Gott weiß es, ob ich mein Glück gemacht habe!“ Der Mann im weißen Palletot nahm einen vä⸗ terlichen Ton an. Il. rathen Sie mich ir aus, dieſiemit „während ſie i di Verſchwiegen⸗ 4 50 „Schlechte Gewohnheiten, Verdier, mein Sohn,“ antwortete er.„Sie müſſen gerecht ſein.. Sie ſehen jetzt ſo ziemlich aus, aber erſt ſeit Kurzem.. Ich ſpreche kaum ſeit einem Monat mit Ihnen; man merkt Ihnen das Rauchzimmer des Wirthshauſes von Weitem an, und das iſt der Teufel; es iſt dann nichts zu machen.“ „Wenn man mir eine gute Stelle gäbe,“ ſagte Verdier,„ſchnitt ich unbedenklich den Schnurbart ab und beſuchte die gute Geſellſchaft.“ Der Chevalier ſteckte ſeine behandſchuhte Hand in die Taſche ſeiner Atlasweſte und bewegte darin nachläſſig einige Goldſtücke. „Eine gute Stelle,“ fuhr er fort,„wäre das Wenigſte; aber Sie ſtehen nicht mehr in dem Alter, Verdier, in welchem man Commis wird. Ich habe etwas Beſſeres; unſer Haus geht mit einer Unter⸗ nehmung um.“ „Ich bin abgebrannt,“ antwortete Verdier, „und kann nicht mehr warten; wenn ich Ihnen die Wahrheit ſagen ſoll, ſo ſind mir hundert Louisd'or lieber als Alles.“ „Die ſollen Sie haben, lieber Freund, die ſol⸗ len Sie haben. Kann ich Ihnen denn etwas ab⸗ ſchlagen? Aber ſagen Sie mir, ſind Sie Ihrer Hand ganz ſicher?“ in der gens! halten J näher. Aufme aus n. ein un mein Sohn,“ t ſein.. Sie it Kurzem.. it Ihnen; man Wirthshauſes Teufel; es iſt e gaͤbe,“ ſagte LSchnurbart ab ndſchuhte Hand bewegte darin ort,„waͤre das ihr in dem Alter, wird. Ich habe mit einer Unter vortete Verdier, an ich Ihnen die zundert Louisdor Fnund, die ſöl⸗ denn etwas ch⸗ Sir Ihrer Hend 51 Verdier erhob ſeinen Stock und machte einige Hiebbewegungen. „Ich gehe noch immer wöchentlich ein Paarmal in den Fechtſaal,“ antwortete er;„und übri⸗ gens verſteht der junge Mann kaum den Degen zu halten.“ In dieſem Augenblicke trat unſer Unbekannter näher. Etwas in dieſer Unterhaltung reizte ſeine Aufmerkſamkeit in hohem Grade. Er wußte durch⸗ aus nicht von wem man ſprach, aber er empfand ein unwiderſtehliches Verlangen es zu erfahren. Er ſah von ſeiner Straßenecke aus die beiden Sprecher von der Seite an. Der Mann im weißen Palletot kehrte ihm noch immer den Rücken zu. Der Andere lächelte und dieſes Lächeln gab ſeinem Ge⸗ ſichte einen widerlichen Ausdruck. Statt der erheuchelten Offenheit, die bis dahin in dem Geſichte gelegen, hatte daſſelbe jetzt etwas Gemeines und Habgieriges. Er hatte ſich breit hingeſtellt und machte noch immer mit dem Stocke Fechterbewegungen. Dieſes Spiel verrieth gewiſſer⸗ maßen den Gedanken, der in ſeinem Geſichte lag und gab ihm das Ausſehen eines gemeinen Rauf⸗ boldes. „Wie haben Sie ihn aber zu einem Duell ge⸗ bracht, wenn er nicht fechten kann?“ fragte in die⸗ ſem Augenblicke der Chevalier. 4* 5² „Das iſt ſehr einfach,“ antwortete er.„Man läßt ſich beleidigen und dann keck darauf los. 74 „Ah!“ entgegnete der Chevalier im heiteren Tone;„der kleine Menſch hat Sie beleidigt.“ „Ja,“ antwortete Verdier, deſſen gebräuntes Geſicht eine leichte Röthe überflog,„im Café Piron. Er ſpielte; ich beſchuldigte ihn, daß er falſch ſpiele und er warf mir ſtatt aller Antwort ein Glas Bier ins Geſicht.“ Der Ritter lachte laut auf. „Die Sache kann ja nicht beſſer gehen,“ ſagte er;„Sie erhalten Ihre hundert Louisd'or, mein Lieber und wenn die Sache ausgeht, wie ſie ausge⸗ hen ſoll, ſo behalte ich mir eine Ueberraſchung für Sie vor. Sie ſollen mit mir zufrieden ſein.“ Der Chevalier zog eine große ganz flache gol— dene Uhr aus der Taſche. „Bald vier Uhr!“ ſagte er, nachdem er auf die Uhr geſehen hatte.„Ich ſollte ſchon bei der Vi⸗ comteſſe ſein und doch möchte ich noch mehr wiſſen.. Werden Sie ſich mit Degen ſchlagen?“ „Mit Degen,“ antwortete Verdier. „Und wo?“ In dieſem Augenblicke verdoppelte ſich das Wa⸗ gengeräuſch, ſo daß unſer Unbekannter die Antwort Verdiers nicht hören konnte. Dem Manne im weißen Palletot eine Fe Der vergeben Ind nete, ell dicht am unſeres F Ein ihm neigt hervor, d geben wan fecke ſchal zut Hälf den roſig cheln un gewiſſen noch. B gehöre ei geigte ſich Der Jahre alt den Kutſch „Hal widderholt Der( ihnn Ang 8. 7 heiteren t 77 ebräuntes fé Piron. ſch ſpiele Slas Bier n,“ ſagte or, mein ſie ausge⸗ ſchung füt in.“ flache gol⸗ er auf die ei der Vi⸗ rwiſſen.. h das Wa⸗ die Antwort e im weißen 5 53 Palletot erging es eben ſo, denn er wiederholte ſeine Frage. Der Fremde horchte geſpannt, aber nochmals vergebens. In dem Augenblicke als Verdier den Mund öff⸗ nete, erhob ſich eine kräftige Jünglingsſtimme ganz dicht am Trottoir und wendete die Aufmerkſamkeit unſeres Fremden ab. Ein Fiacre fuhr im Schritte vorüber und aus ihm neigte ſich ein allerliebſtes jugendliches Geſicht hervor, das von den ſchönſten blonden Locken um⸗ geben war, bei dieſem faſt weiblichen Schmucke aber kecke ſchalkhafte Augen hatte, die ihr dunkeles Blau zur Hälfte unter ſeidenen Wimpern bargen. Um den roſigen Mund ſchwebte ein offenes heiteres Lä⸗ cheln und die vollen Wangen beſaßen trotz einer ge⸗ gewiſſen Bläſſe vollkommnen Schmelz der Jugend noch. Man hätte ſchwören können, dieſes Geſicht gehöre einem Mädchen an, aber auf den Lippen zeigte ſich ein blondes Bärtchen. Der junge Mann konnte höchſtens achtzehn Jahre alt ſein. Er hatte die Stimme erhoben um den Kutſcher zu rufen. „Halten Sie an! Halten Sie an!“ rief er zu wiederholten Malen. Der Chevalier und deſſen Begleiter waren mit ihren Angelegenheiten zu ſehr beſchäftigt, als daß 54 dieſer Vorfall ſie hätte ſtören können. Daß der Fremde ſich umdrehete als er plötzlich dieſe Stimme hörte, war ſicherlich ein Zufall. Sobald er aber das ſchöne Geſicht des Jünglings erblickt hatte, ging in den Zügen und in ſeinem Blicke eine Veränderung vor. Eine glühende Röthe überflog ſeine Wangen und er machte eine unwillkührliche Bewegung, als wollte er dem jungen Mann entgegeneilen. Welche Urſache dieſe unwillkührliche plötzliche Theilnahme auch haben mochte, der Fremde be⸗ herrſchte ſich alsbald und nahm ſeine frühere Unbe⸗ weglichkeit wieder an. Dagegen achtete ſein Ohr nicht mehr auf das Geſpräch zwiſchen Verdier und dem Manne im weißen Palletot. Der Fiacre hatte endlich wenige Schritte von ihm angehalten, der junge Mann ſtieg aus und ging an die entgegengeſetzte Seite der Straße. Unter dem Arme trug er ein ziemlich großes Packet. Der Fremde warf einen Blick des Bedauerns auf die beiden Männer, deren Geſpräch im Anfange ſeine Neugierde in ſo hohem Grade angeregt hatte. Ein geheimer Inſtinct ſchien ihn in ihrer Nähe feſt⸗ zuhalten, aber ein noch ſtärkerer zog ihn in entgegen⸗ geſetzter Richtung fort. Er eilte dem ſchönen jungen Manne nach, der in der Menge bereits faſt verſchwunden war und um die Ecke der Häuſer am Temple ſchritt, als der Fremde Straße Der den und! dieſen T ſchneidet. In di me, welch aus dem der Mad Der Weg ihrer Equm dem junge den entgey Sobe ben war bei Seit⸗ Dieſ jungen J tahe dar⸗ das Packe Ideengang „Es naber es ſette er l doch ihre dies daß der Stimme er aber te, ging nderung Wangen ng, als plötzliche unde be⸗ e Unbe⸗ ein Ohr dier und von ihm dging an inter dem gerns auf Anfange gt hatte. Näͤhe feſt⸗ entgegen⸗ nach, der war und tt, als der 55 Fremde durch die Wagenreihe hindurch über die Straße hinüberzog. Der Jüngling trug ſein Packet in beiden Hän⸗ den und trat in den Mittelgang des Temple, welcher dieſen Trödelmarkt der ganzen Länge nach durch⸗ ſchneidet. In dieſem Augenblicke kam die verſchleierte Da⸗ me, welche wir an der Ecke der Phelippeaur⸗Straße aus dem Wagen ſteigen ſahen, aus der Bude der Madam Batailleur und wollte ſich entfernen. Der Weg, den ſie zu gehen hatte, um wieder zu ihrer Equipage zu kommen, ſührte ſie nach einander dem jungen Manne mit dem Packete und dem Frem⸗ den entgegen. Sobald ſie den Erſten erblickte, der ſtehen geblie⸗ ben war, um ſie neugierig anzuſehen, trat ſie raſch bei Seite und beſchleunigte ihre Schritte. Dieſe Bewegung konnte die Aufmerkſamkeit des jungen Mannes unmöglich ſchwächen, auch war er nahe daran ihr keck nachzueilen, aber ein Blick auf das Packet, das er in der Hand hielt, änderte ſeinen Ideengang. „Es iſt ganz ihre Figur,“ dachte er bei ſich; „aber es giebt viele ähnliche Geſtalten und dann,“ ſetzte er lächelnd hinzu,„Damen wie ſie machen doch ihre Einkäufe nicht im Temple.“ Dies beruhigte ihn und er ging zufrieden weiter. 56 In dieſem Augenblicke begegneten einander die verſchleierte Dame und der Fremde. Die großen ſchwarzen Augen der Erſteren hatten jenen ſcharfen Blick, den kein Hinderniß aufzuhalten vermag. Ob⸗ gleich der hohe Mantelkragen unſeres Reiſenden das Geſicht deſſelben verhüllte, ſo blieb ſie doch ſofort vor ihm ſtehen. Er wollte an ihr voruͤber gehen, aber ſie faßte ſeinen Arm mit ihrer kleinen Hand und die⸗ ſes Händchen war kräftig. „Zweimal hinter einander kann ich mich unmög⸗ lich täuſchen,“ fluͤſterte ſie, indem ſie ihn unver⸗ wandt anſah.„Herr Baron von Rodach?“ Der Reiſende unterdrückte eine Bewegung der Ueberraſchung und nickte zur Beſtätigung der Frage. Die Dame ſchlug ihren Schleier zurück. „Erkennen Sie mich nicht?“ fragte ſie. Der Baron ſah das hübſche Geſicht an, das wir ſchon beſchrieben haben. Er erblickte es offenbar zum erſtenmale. Gleichwohl antwortete er nicht ſogleich. Die Dame ſchien ungeduldig zu werden und fragte, indem ſie unwillig die Augenbraunen zuſam⸗ nenkniff:„Nein?“ Der Baron von Rodach wollte ſeine Unkenntniß nicht merken laſſen, ergriff deshalb die kleine niedlich behandſchuhete Hand und drckte ſie. Die Dame lächelte beſänftiget. 9. 77 geeignen ſache I zwei und Die ſen Nan Die das Geſ „Ke zu einer ſüchtig.“ Der war ein demſelbe der Frau ihen kö Si „morg Der Blicke 7 R Tochter 57 ndet die„Der Ott iſt zu einer weitern Erklärung nicht gioßen geeignet,“ ſprach ſie,„und ich möchte doch die Ur⸗ ſcharfen ſache Ihres langen Schweigens kennen. Zwiſchen g. Ob⸗ zwei und vier Uhr iſt Herr von Laurens an der Börſe“ den das Die Züge des Barons blieben ruhig als er die⸗ vfott vor ſen Namen hörte, aber ſein Herz klopfte hörbar. en, aber Die ſchöne Dame zog den Schleier wieder über und die⸗ das Geſicht. „Kommen Sie um dieſe Zeit,“ ſagte ſie,„oder unmög⸗ zu einer andern, denn mein Mann iſt nicht eifer⸗ d n unver⸗ ſüchtig.“ 4 Der Ton, mit welchem ſie dieſe Worte ſprach, ung det war ein ganz eigenthümlicher. Man hätte aus er Frage. demſelben lange und geduldige Kämpfe, den Sieg . der Frau und das tiefe Unglück des Mannes erra⸗ 1 then können. 1 „das wit Sie nickte leicht und entfernte ſich mit dem Worte:* offenbat„morgen!“ er nicht Der Baron ſah ihr nach, ſo lange ihr ſeine Blicke folgen konnten und ſein Auge blitzte. den und„Frau von Laurens!“ flüſterte er,„die ältere en zuſam⸗ Tochter des Moſes Geld!“ Inkennmiß ne niedlich Zweites Kapitel. Die vier Plätze. Der alte Dandy im weißen Palletot und deſſen Gefährte ſchienen in dieſer Gegend des Temple gar nicht bekannt zu ſein. Verdier konnte offenbar nur in der Nähe des Palais Royal wohnen und ſeine Heimath war denn auch wirklich ein Wirthshaus in jenem glänzenden Aufenthalte, während ſich ſeine beſcheidene Wohnung wahrſcheinlich in irgend einer Manſarde eines Gäßchens befand. Der Chevalier ſah ganz ſo aus, als wohne er in der Chauſſée d'Antin. Gleichwohl hatten einander Beide auf die natür⸗ lichſte Weiſe hier getroffen. Der arme Verdier holte alles, was er brauchte, aus dem Temple. Auch der Chevalier hatte ſeine Gründe, die ihn dahin führ⸗ ten, überdies muß man durch den Temple gehen, wenn mal de Bretag Der Straße ti Dahi ließ, der ging. Der Hauſe ſte tonge unr Frau Vie Wir Dame u Die elſte Herr ve weiter n Das würd uns Laurens und die F unermeßl lichkeit die Vechſela ter war d berg, Rei 59 wenn man von dem Boulevard de Gant nach der Rue de Bretagne ſich begeben will. Der Chevalier fand ſich ſehr häufig in dieſer Straße ein. Dahin wendete er ſich auch als er Verdier ver⸗ ließ, der ſeiner Seits irgend wohin zum Billardſpiel ging. Der Chevalier blieb vor einem alten, großen Hauſe ſtehen, welches die Ecke der Straßen Sain⸗ tonge und Bretagne bildete. Er fragte nach der Frau Vicomteſſe von Audemer. deſſen Z 1 ple gar Wir haben die Namen der ſchönen verſchleierten 3— bat nut Dame und unſeres fremden Reiſenden erfahren. 9 und ſeine Die erſtere war Frau von Laurens; der andere hieß haus in Herr von Rodach. Von dem letzteren wiſſen wir 33 end ſich weiter nichts. t irgend Das junge Mädchen, das wir im Temple ſahen, wird uns wohl bald wieder begegnen. Frau von pohne et Laurens war die Blüte der Blüte, der Geldariſtokratie und die Frau des Wechſelagenten von Laurens, eines natüt⸗ unermeßlich reichen Mannes, deſſen bekannte Recht⸗ ier holte lichkeit die ſprichwörtlichen Gerüchte, welche über die Auch Wechſelagenten umlaufen, Lügen ſtrafte. Ihr Va⸗ 13 bin führ⸗ ter war der alte von Geldberg von dem Hauſe Geld⸗ 5 le gehen, berg, Reinhold und C. 60 In ganz Paris gab es kein in großerem Anſe⸗ hen ſtehendes Bankiergeſchäft; ja es war eines jener puritaniſchen Häuſer, welche durch zu große Recht⸗ lichkeit das Geſchäft verderben und ſich mit 25 Proc. Gewinn begnügen, worüber die andern Bankiers die Achſeln zucken. Der alte Geldberg war ein würdiger Mann, ein wahrer Patriarch, ſchüchtern und beſcheiden, ob er gleich jährlich Millionen einnahm und er fand ſein höchſtes Glück in der Liebe ſeiner Kinder. Auch hatte ihn die Vorſehung in dieſer Hinſicht ſehr begünſtigt. Abel von Geldberg, ſein Sohn, war ein glänzender Cavalier, in allen Pferdeangelegenheiten erfahren, aber auch in den Geſchäften vollkommen bewandert. Sarah, des Bankiers ältere Tochter, hatte ſich mit dem Herrn von Laurens verheirathet; Eſther, die juͤngere, war mit fünfundzwanzig Jahren Wittwe eines Pair von Frankreich. Von der jüngſten, Lea, ließ ſich weiter nichts ſagen, als daß ſie ſchön und ſanft war wie ein Engel. Der Ritter von Reinhold, der Hauptaſſocié des Hauſes, ſtand in dem beneidenswerthen Rufe einer aufgeklärten Philantropie und induſtriellen Wiſſen⸗ ſchaft. Er leitete das Geſchäft mit Abel von Geld⸗ berg, denn der alte Moſes ruhete bereits ſeit einigen Jahren von den Mühen ſeines thätigen Lebens aus. Das Haus hielt ſich noch immer auf dem Pfade, den er gleichbe lichkeit. In fanden an Chrf Bildung der Frau muth un Wittwe! Pair von Obg. doch bere reinem S ihre Hal Der kleiner ſtadt zu der drei. Stol ſei Disconto Nach dem Leſer Laurens! nur noch Vorausſe dieſe ehre Anſe⸗ jener Recht⸗ Proc. iers die Mann, den, ob and ſein ich hatte pünſtigt. inzender fahren, vandert. hatte ſich ſſther, die Wittwe ften, Lea, chön und ſocié des dufe einer Wiſſen⸗ on Geld⸗ eit einigen bens aus. en Pfade, 61 den er gebahnt hatte und in Paris war Geldberg gleichbedeutend mit Handelsehrenhaftigkeitund Recht⸗ lichkeit. In der reichen Welt, in welcher ſie verkehrten, fanden Moſes und ſeine Familie ein Anſehen, das an Ehrfurcht grenzte; man pries aber auch die feine Bildung, wie die anmuthige, ungezwungene Figur der Frau von Laurens und die liebenswürdige Sanft⸗ muth und Mildthätigkeit der ſchönen Eſther, der Wittwe des Generals Grafen von Lampion, der als Pair von Frankreich geſtorben war. Obgleich Lea noch ein Kind war, ſo hatten ſich doch bereits Herzöge und Marquis— Herzöge von reinem Stamme und Marquis aus alter Zeit— um ihre Hand beworben. Dem jungen Herrn von Geldberg fehlte nur ein kleiner Titel, um der glänzendſte Stern der Haupt⸗ ſtadt zu ſein. Er konnte unter den reichen Erbinnen der drei Vorſtädte buchſtäblich wählen und war der Stolz ſeines alten Vaters wie der Ruhm der ganzen Discontowelt. Nachdem wir dies vorausgeſchickt haben, wird es dem Leſer leicht werden, das Benehmen der Frau von Laurens nach ſeiner Weiſe zu erklären. Wir müſſen nur noch hinzuſetzen, daß die geringſte übelwollende Vorausſetzung, die in gewiſſen Salons laut über dieſe ehrenwerthe und ſchöne Frau ausgeſprochen 62 worden, zehn Degen von Finanzmännern aus der Scheide gelockt haben würde. Die jungen Commis des Hauſes Geldberg wa⸗ ren wirklich Herren von gewiſſem Tone, die reiten konnten und die Fechtſchule wie die Schießſtände be⸗ ſuchten, ſobald die Buchhalter und Correſpondenten der Handelshäuſer ihre Geſchäfte beendigt und das Recht erlangt haben, auch etwas wie„Herren“ zu leben. Während⸗Frau von Laurens zu ihrem Wagen zurückkehrte, der noch immer an der Ecke der Straße Phelippeaur hielt, ſtand der Baron von Rodoch un⸗ beweglich an einer und derſelben Stelle. Er dachte vielleicht über die Urſachen nach, welche das Ver⸗ ſehen der ſchönen Dame veranlaßt hatten. In jedem Falle dauerte indeß ſein Nachdenken nicht lange. Er erinnerte ſich mit einemmale der Ereigniſſe, welche dem Zuſammentreffen vorausgegangen waren und ſah raſch nach der Stelle hin, wo der ſchöne, junge Mann, dem er folgte, ſtehen geblieben war. Dieſer hatte indeß ſeinen Weg fortgeſetzt und der Baron ſah an dem Eingange der Paſſage nur noch unbekannte Köpfe. Es waren kaum zwei Minuten vergangen, ſeit der Jüngling ſeinen Fiacre verlaſſen hatte. Er konnte noch nicht fern ſein; Rodach ging alſo eilig weiter und trat in den Temple ein. Be Menge ſtand. gang un nere füh Der delmarkt dunkl un gungen ten, ſchw ſchende, Concerte Nich der Börſ ſchaft de ſoll, ve rigen D gewiſſen Es iſt d unſerer Stadt bi wahre G zare iſt d wurmſtich net man Kupferger und die nus der erg wa⸗ ie reiten ände be⸗ ondenten und das rren“ zu Wagen t Straße doch un⸗ Er dachte das Ver⸗ In jedem ſange. Er ſſe, welche varen und ne, junge r. zt und det nur noch angen, ſeit Er konnte eilig weiter 63 Bei ſeiner Größe konnte er über die Köpfe der Menge hinwegſehen, die faſt ganz aus Frauen be⸗ ſtand. Trotzdem durchſuchte er vergebens den Haupt⸗ gang und die hundert Gäßchen, welche in das In— nere führen, er fand den jungen Mann nicht. Der eintretende Abend machte ſich in dem Trö⸗ delmarkt bemerklich. Die Buden wurden im Innern dunklund man bemerktewie im Halbdunkel die Bewe⸗ gungen der Verkäuferinnen, die ſich einander dräng⸗ ten, ſchwatz ten und ſchimpften und deren tauſend krei⸗ ſchende, gellende Stimmen ſich zu einem häßlichen Concerte miſchten. Nichts in der Welt, nicht einmal der große Saal der Börſe an den Tagen, an welchen einer Geſell⸗ ſchaft der Bau einer Eiſenbahn zugeſprochen werden ſoll, vermag eine deutliche Vorſtellung von der gie⸗ rigen Thätigkeit zu geben, welche den Temple zu gewiſſen Zeiten in fieberhafte Aufregung verſetzt. Es iſt dies ein in ſeiner Art einziger Anblick, der unſerer Meinung nach einen Hauptzug der großen Stadt bildet. Der Temple iſt das würdige und wahre Gegenſtück der Börſe. Einer der beiden Ba⸗ zare iſt von behauenen Steinen, der andere von wurmſtichigen Brettern gebaut; in dem erſten rech⸗ net man nach Banknoten, in der letztern kommt meiſt Kupfergeld vor; aber in beiden wird Geld verdient und die Lumpen des Volksmarktes haben vielleich 64 an ſich größeren Werth als die lügenhaften Illuſio⸗ nen, welche den Handelsgegenſtand der Böorſe aus⸗ machen. Es fehlt zur Aehnlichkeit nichts, als daß die alte Gerechtigkeit des Temple die ungeſchickten Diebe zur Züchtigung und Vertreibung verurtheilt. Sonſt iſt Alles gleich. Der Temple hat auch ſeine Helden, welche den Cours nach ihrer Bequemlichkeit regeln und ihre Genoſſen durch Hauſſe und Baiſſe drücken. Nur ſpielt die Habſucht hier nicht in Actien, ſondern in Lumpen; und iſt am Ende dies ein Unterſchied? Der Temple hat ſeine eigenthümliche Sprache; daß die Börſe ein beſonderes Kauderwelſch ſpricht, dürfte Niemandem unbekannt ſein. Mit einem Worte die beiden Bazars ſind Zwi⸗ lingsbrüder und ſie haben in dem Schooße ihrer Mutter, der abenteuerlichen Induſtrie, Alles erhal⸗ ten, was zu einem kecken Wucherer und Betrüger gehört. Der ganze Unterſchied zwiſchen beiden iſt derſelbe, wie zwiſchen dem plumpen, ſchmuzigen Schuh und dem lackirten Stiefel; es handelt ſich nur um etwas mehr oder weniger Schmutz. Auch nehmen die Börſe und der Temple bisweilen einen brüderlichen Tauſch vor. Mehr als ein Herr, deſſen ſchweres Portefeuille auf die Geſchäfte der Börſe Einfluß hat, iſt von den ſtaubigen Hütten des Pou⸗ Volant(fliegender Floh) oder des Foret⸗Noire (Schwar (er, der j mit altem die elegan fuhr. Nach der Börſe wir aber d giebt es ke da nur geg ben und w zahlen, we⸗ eehungern Cs we die Börſe Man wün chem unſe fallendſten nomie von flect, würd Man würd wie ein hun gewinngieri welche für lluſio⸗ aus⸗ die alte ebe zur onſt iſt Helden, tregeln drücken. ſondern erſchied? prache; ſpricht, ind Zwi⸗ oße ihret les erhal⸗ Betrüger beiden iſt hmuzigen undelt ſich 6. Auch ilen einen err, deſſen der Börſe des Pou⸗ nt⸗Noire 65 (Schwarzwaldes) ausgegangen und mancher Tröd⸗ ler, der jetzt das undankbare Geſchäft eines Handels mit altem Schuhwerk betreibt, gedenkt nicht ſelten an die elegante Equipage, in welcher er ſonſt zur Börſe fuhr. Nach dieſen vielfachen Vergleichungen zwiſchen der Börſe und dem Trödelmarkt im Temple müſſen wir aber doch einen Vorbehalt machen. Im Temple giebt es keine Bankerotte. Man kauft und verkauft da nur gegen baar. Diejenigen, welche nichts ha⸗ ben und welche die Miethe für ihre Bude nicht be⸗ zahlen, werden ohne Umſtände hinausgeworfen und verhungern anderswo. Es wäre ein intereſſantes Studium, wenn man die Börſe und den Temple an einem Tage beſuchte. Man würde da das hitzige Handelsfieber, an wel⸗ chem unſere Zeit krank liegt, von ſeinen beiden auf⸗ fallendſten Seiten ſehen. Die Handelsphyſiog⸗ nomie von Paris, die ſich hinter ſociale Lügen ver⸗ ſteckt, würde vollſtändig und ohne Schleier erſcheinen. Man würde ſehen, daß die frivole Stadt geizig iſt wie ein hundertjähriger Wucherer, habſüchtig und gewinngierig wie jene Banditen unſerer Straßen, welche für einen halben Louisd'or das Zuchthaus wagen, und daß ſie unermüdlich ſpeculirt und ſorgt und für ein wenig Gold gern die Seele hingiebt. Der Temple beſteht aus vier Haupttheilen, welche II. 5 66 maleriſche Namen haben und in zahlloſe Gänge zer⸗ fallen. In allen dieſen Theilen befinden ſich un⸗ gefähr vierzehnhundert Buden oder Stände, für deren jede wöchentlich etwa 10 Ngr. bezahlt werden müſſen. Unter dieſen Ständen giebt es gute und ſchlechte. Diejenigen, welche nach der Temple⸗ Straße ſehen, gelten für Glücksplätze, während die in der Mitte, ganz im Innern, weit weniger günſtige Ausſichten gewähren. Die Leute wagen ſich nicht gern in die ſchmalen Gänge hinein, an deren beiden Seiten junge und alte, häßliche und hübſche Frauen ſitzen, die aber alle ſtark im Reden und namentlich im Schimpfen unerſchöpflich und unermüdlich ſind. Allerdings ſind in der neueren Zeit einige ſchä⸗ zenswerthe Verbeſſerungen vorgekommen. Die Po⸗ lizei wird ſeit einigen Jahren im Temple beſſer ge⸗ handhabt und die Aufſeher geben den Sirenen, welche ihrer Zunge den Zügel gar zu ſehr ſchießen laſſen, nicht ſelten ſehr verdienſtlichen Unterricht in der Höf⸗ lichkeit; aber man darf dieſen neuen Garantien nicht trauen. Die beiden viereckigen Plätze rechts von dem Mit⸗ telgange bilden die rothe Reihe, jene links die ſchwarze Reihe. Jede Abtheilung hat ohnedies ihren beſonderen Namen. Die erſte und ſchönſte, welche von den Dandies vom ſech Baronin das„. ſind faſt Frivoli artikeln, jedem Pr. achen. Mada wir nach, Frau von erſten Abt Der nimmt ſch gleicht de da Wäſch und Kind Sie iſt wed ſie ſich beig ſichloſigke der fl iege läundung. Lumpen un in den ſich 67 zer⸗ vom ſechſten Range von, den Loretten und ſparſamen — un⸗ Baroninnen beſucht wird, heißt nach der Analogie e lu das„Palais Royal“. Die Verkäuferinnen daſelbſt werden ſind faſt civiliſirt und nennen ihre Waaren ſelbſt Frivolitäten. Dieſe Waaren beſtehen in Mode⸗ dlecht. artikeln, gewaſchenen Handſchuhen, Spitzen zu e ſchen, jedem Preiſe, Franſen, Theaterflitter und Schmuck⸗ 1 Min, ſachen.— usſichten„„ 6 m in die Madame Batailleur, die Trödlerin, zu welcher 9 Sciti wir nach einander das junge Mädchen und dit ſchöne 1 in ſöen Frau von Laurens gehen ſahen, befand ſich in dieſer ilich im erſten Abtheilung. ſu9 ſind. Der Fahnenplatz oder der„Flora⸗Pavillon“ 3 ige ſchä nimmt ſchon einen untergeordneten Rang ein und Die Po⸗ gleicht dem Bürgerſtande neben dem Adel. Es giebt beſſer ge⸗ da Wäſche, Matratzen, Vorhänge, Kattun⸗Kleider 9 en, welche und Kinderzeug. / hen laſſen, Die dritte Abtheilung nimmt auf der Stufen— der Höf⸗ leiter des Temple den Stand des gemeinen Volks ein. atien nicht Sie iſt weder elegant noch reich und der Name, den ſie ſich beigelegt hat, zeugt von der glücklichen Rück— dem Mik⸗ ſichtsloſigkeit der da herrſchenden Sitten. Sie heißt e Unts die der fliegende Floh und der Name iſt keine Ver— 12 at ohnedies läumdung. Es iſt ein unermeßliches Magazin von Lumpen und altem Eiſen, der immer volle Behälter, in Dandies in den ſich unaufhörlich die Körbe der Käufer alter 5* 68 Kleidungsſtücke und die Säcke der umherziehenden Trödler leeren. Nach dem gemeinen Volk giebt es noch etwas, ein etwas, das für den Lehrer der Staatswirthſchaft keinen Namen hat, von Manchen aber geradezu Canaille genannt wird. So giebt es auch im Temple nach dem„fliegenden Floh““ den„Schwarz⸗ wald“. Dieſer„Schwarzwald“ beſteht, mit Ausnahme einer dünnen Reihe Trödelbuden an der Straße Petit⸗ Thouars hin, ausſchließlich aus Niederlagen von altem Schuhwerk. Die ganze Welt könnte ſich hier mit alten Schuhen verſorgen und man muß dieſe unbe⸗ greiflichen Haufen ſehen, wenn man ſich eine Vor⸗ ſtellung von der Zahl der Sohlen machen will, welche auf dem Pflaſter von Paris abgenutzt werden. Die Schuhhändler des„Schwarzwaldes“ nen⸗ nen ſich unter einander Fafioteurs und ihr Ge⸗ werbe beſteht keineswegs in dem Ausbeſſern des alten Schuhwerks, ſondern in dem Verdecken der Löcher mit Pappe und Wichſe. Jenſeits des„Schwarzwaldes“ und des„flie⸗ genden Flohes“ befindet ſich der Templeplatz, wel— cher den herumziehenden Kleiderhändlern als Börſe dient. Auf der andern Seite des Platzes ſteht ein großes faufen ke ovales die Not fingniß ſoll. 3 Toödler alte Unif welche a wie die Hier brauchen gende S ſelben tl namentl integrire So inern Weiber und ven Schnei bald ſich die Wun Pantalo lange er gen, iſt aber dre Lump, ehenden etwas, rthſchaſt geradezu auch im Schwarz⸗ zusnahme aße Petit⸗ gen von hhier mit leſe unbe⸗ eine Vor⸗ ll, welche den. des“ nen⸗ dihr Ge⸗ des alten der Löcher des ſlie⸗ plat, wel als Borſe t ein goßes 69 ovales Haus mit einem ſchlechten Periſtyl. Das iſt die Rotunde des Temple, welche einmal als Ge⸗ fängniß für zahlungsunfähige Schuldner erbaut ſein ſoll. Jetzt wird das Haus von allen Arten von Trödlern bewohnt, namentlich von denen, welche alte Uniformen herausputzen und von den Huthändlern, welche alte Hüte in derſelben Weiſe wiederherſtellen, wie die Schuhhändler die Schuhe und Stiefeln. Hier hört der Temple eigentlich auf, aber wir brauchen kaum hinzuzufügen, daß der ganze umlie⸗ gende Stadttheil die Sitten und die Induſtrie des⸗ ſelben theilt. Die Häuſer an dem Rotundenplatze namentlich und die Straße Petit⸗Thouars gelten für integrirende Theile des Trödelmarktes. Sobald man in dieſe Straße oder in einen der innern Gänge des Temple tritt, verfällt man jenen Weibern, welche jeden Vorübergehenden mit lauter und vernehmlicher Stimme anrufen und ſowohl jedes Schmeichelwort als jede Schimpfrede kennen. So⸗ bald ſich Jemand zeigt, erkennen ſie ſchon von Weitem die Wunde ſeines Palletot, die ſchwache Seite ſeiner Pantalons und das Gebrechen ſeines Hutes. So lange er an ihrem Stande noch nicht vorübergegan⸗ gen, iſt er ein ſchöner Herr, ein lieber Herr; iſt er aber drei Schritte darüber hinaus, ſo wird er ein Lump, ein Kerl, der ſich nicht einmal einen Hut kaufen kann. Wehe ihm beſonders, wenn er häß⸗ 70 lich iſt oder ein Gebrechen an ſeinem Körper hat! Sie ſind unerſchöpflich in beleidigenden Spott⸗ namen. In den Stunden, in welchen auf dem Platze vor der Rotunde Markt gehalten wird, dienen dieſe Wei⸗ ber als Mäklerinnen und üben auch hier, trotz der Polizei, ihre furchtbare Beredtſamkeit aus. An einem andern Tage zu einer andern Stunde würde unſer junger Mann wegen ſeines Palletot ſicherlich angehalten worden ſein. Die Leute im Temple kaufen nämlich faſt eben ſo gern als ſie ver— kaufen, da ſie wiſſen, daß es ihren Waaren nie an Abnehmern fehlen kann. An dieſem Abende aber gingen die Dinge nicht ihren gewöhnlichen Lauf. Es war ſpät und die Händlerinnen, die nicht wußten, auf wen ſie zuerſt hören ſollten, hatten keine Zeit zum Kaufen. Ueberall gab es geräuſchvolle Erör⸗ terungen und Gebote, die mit Verachtung zurückge⸗ wieſen wurden, um im nächſten Augenblick ange⸗ nommen zu werden. Es waren ſauer⸗ſüße Wort⸗ kämpfe, in welchen ſich den Umſtänden zufolge die kecken Späße des Carnevals miſchten. Und man kaufte und kaufte ohne Aufhören, als wenn der Temple alle ſeine Vorräthe mit einemmale aufräumen ſollte. Nur die Matratzenverkäuferinnen und Eiſenhänd⸗ Packet an lerinnen machten „Palais dentlich Groſchen zu bekom Thaler z ceen ſtiag zuſchreibe Hier Blick das ſchwarzen noch ein, Jener A Weſteh der toll in Pa Fed Stiefeln perücken, keonshüt Unſe gegangen wanzig Zeit; m per hat! i Spott— Platze vor dieſe Wei⸗ *, trotz der 8 er Stunde es Palletot ie Leute in als ſie ver⸗ aren nie an lbende aber n Lauf. Es ihht wußten, —n keine Zeit chvolle Erör⸗ ung zurückge⸗ enblick ange⸗ ſüße Wort⸗ zufolge die lufhören, als nit einemmale und Eiſenhͤnd⸗ 71 lerinnen feierten. Die anderen Induſtriezweige machten dagegen glänzende Geſchäfte, namentlich der „Palais⸗-Royal““, deſſen„Frivolitäten“ außeror⸗ dentlich hinaufgetrieben wurden. Man mußte vier Groſchen daran wenden, um ein Paar Handſchuhe zu bekommen; kein Damenhut war unter anderthalb Thaler zu haben und die Anzüge von Schweizer Mäd⸗ chen ſtiegen zu einem Preiſe, den wir gar nicht her⸗ zuſchreiben wagen. Hier brauchte der Lakai eines guten Hauſes, deſſen Blick das Herz einer Krämerin entzündet hatte, einen ſchwarzen Frack. Jener junge„Löwe“ ſuchte nur noch ein Hemd, um anſtändig gekleidet zu erſcheinen. Jener Arbeitsmann in der Blouſe wollte eine ſchöne Weſte haben und ein ehrlicher Auvergner, der unter der tollen Menge allein ruhig geblieben war, ſuchte — ein Paar„ausgebeſſerte“ Stiefeln. Federhüte, alte mit Flittern geſtickte Fracks, weiche Stiefeln, Masken, römiſche Helme, Brillen, Flachs⸗ perücken, Bärenköpfe, Felle für Wilde und Napo⸗ leonshüte, Alles, Alles wurde geſucht und gefunden. Unſer junger Mann war bereits über zwei Plätze gegangen und hatte ſich ohne Erfolg an mehr als zwanzig Trödlerinnen gewendet. Man hatte keine Zeit; man nahm ſich nicht einmal die Mühe ſein Packet anzuſehen. 7² Als er über den Platz ſchritt, in deſſen Mitte die Bude des Inſpectors ſteht, konnte der ſchöne junge Mann ſich nicht mehr verheimlichen, daß die Nacht ſchnell heranrücke.“ „Was nun anfangen?“ flüſterte er, indem er ſeinen blonden Kopf ſchüttelte.„Ich habe nur noch etwas über einen Thaler und will eine Nacht als großer Herr verbringen. Er zögerte einen Augenblick, bevor er auf den nächſten Platz trat. Sein Verdruß ſteigerte ſich zur Betrübniß und dieſe warf gleichſam einen Schleier auf den lebendig heitern Ausdruck ſeiner Züge. „Ich glaube wohl, daß es meine letzte Nacht ſein wird,“ fuhr er fort,„und ſie ſoll wenigſtens glänzend und genußreich ſein. Wenn Deniſe mich liebt, muß ſie mir es heute Abend ſagen, und auch die Andere, die mich faſt um den Verſtand bringt, muß ich noch einmal, noch einmal ſehen.“ Der Strom der Kaufluſtigen ging an ihm vorüber und drängte ihn bald rechts bald links; er bemerkte es nicht. Er hatte in dieſem Augenblicke den Zweck ſeines Hierſeins faſt vergeſſen. Seine großen blauen Augen erhielten einen träumeriſchen Ausdruck und auf ſeinem beweglichen Geſichte ſpiegelten ſich alle ſeine Wmpfindungen. Der Name Deniſe trat noch einmal auf ſeine eippen u der ganze Temple v Anzug an Mannes! leicht kein Er hi hatte kein was er ſel Sein, waren nich len der Le⸗ vorüber ko teren Spo Blicke fü „ hard, w er ihn ruͦ „Kei- der vollen d. h. wie irrte und ſich die H wird gleic der weiter, e felbſt blieb Mitte die höne junge die Nacht „indem er be nur noch Nacht als er auf den teigerte ſich nen Schleier Züge. letzte Nacht wenigſtens Deniſe mich n, und auch ſtand bringt, 1.“ ihm vorüber er bemerkte ke den Zwec roßen blauen Ausdruck und elten ſich alle nal auf feine 73 Lippen und ſeine Wimpern wurden feucht. Unter der ganzen Menge, die in dieſem Augenblicke im Temple verſammelt war, konnte ſich kein männlicher Anzug an Eleganz und Feinheit mit dem des jungen Mannes meſſen. Dagegen gab es aber auch viel⸗ leicht keinen ſchmächtigeren Beutel als den ſeinigen. Er hieß Franz, war neunzehn Jahre alt und hatte keine Aeltern. Das war ſo ziemlich Alles, was er ſelbſt von ſeiner Geſchichte wußte. Sein guter Anzug und ſein vornehmes Ausſehen waren nichts weniger als ein Grund zum Wohlwol⸗ len der Leute, die ihn umgaben. Jeder, der an ihm vorüber kam, warf ihm einen mehr oder minder bit⸗ teren Spott zu und nur die Frauen hatten freundliche Blicke für ſeine Schönheit. „Platz, Platz da, Moderner!“ ſagte der Savo⸗ vard, welcher ein Paar alte Stiefeln ſuchte, indem er ihn rückſichtslos bei Seite ſchob. „Kein Geld!“ rief ein Straßenbube, der in der vollen Ausübung ſeines Amtes begriffen war, d. h. wie ein Hund, der ſich verlaufen hat, umher irrte und überall den Weg verſperrte.„Heute läßt ſich die Hoſe und der Frack nicht verkaufen; auch wird gleich geſchloſſen werden.“ Der Auvergner und der Straßenjunge gingen weiter, es folgten ihnen Andere, aber die Sache ſelbſt blieb ſich immer gleich. Ein tüchtigerer Stoß als die früheren weckte end⸗ lich Franz aus ſeinen Träumereien. Er ſah ſich um und wurde vor Unwillen roth wie ein Kind, als er bemerkte, daß er der Zielpunkt aller hönenden, ſpöt⸗ tiſchen Blice war. Seine zierlichen Augenbrauen runzelten ſich und ſeine weiße Hand ſchloß ſich, als wolle er einen Fauſtkampf beginnen. In der Menge erhob ſich ein ungeheures Ge⸗ lächter. Franz erröthete bis an die Ohren und ging nach der Straße Petit⸗Thouars zu. Der Baron von Rodach, der ihn noch immer ſuchte, kam einige Secunden darauf an der Bude des Inſpectors an, aber Franz war ſchon wieder wei⸗ ter fort und der Tag ſank mehr und mehr. Der Ba⸗ ron bemerkte ihn nicht. Er trat an eine Bude, wo der Verkauf die In⸗ haberin weniger in Anſpruch zu nehmen ſchien. „Könnten Sie mir wohl den Stand der Madame Batailleur anzeigen?“ fragte er. „Ich kenne ſie nicht,“ antwortete die Gefragte, blos aus Brodneid. „Und den Kleiderhändler Hans Dorn?“ Mir nicht bekannt.“ 774— Der Baron ſuchte noch immer mit den Augen in der Meng blicen, d nach und geit. So! andern S ſam war wandlum nichts ale ſcheinlich tragen. In e und unbe von ihr unddreiß einen ſch den Kop Mü her, ſchl wandblouj zehn Jahr vor ſich h „Wo ftragte Fra die alte? Biick zu, weckte end⸗ ſah ſich um dind, als er denden, ſpöt⸗ Augenbrauen loß ſich, als geheures Ge⸗ nnd ging nach noch immer an der Bude on wieder wei⸗ tehr. Der Ba⸗ erkauf die In⸗ e ſchien. d der Madame edie Gefragte, Dorn?“ it den Augen in der Menge. Endlich glaubte er eine Figur zu er⸗ blicken, die jener des jungen Franz glich, eilte ihr nach und verſchob ſeine Frage auf eine günſtigere Zeit. So lebhaft und von Käufern umdrängt die andern Stände und Buden waren, ſo ſtill und ein⸗ ſam war es hier. Vorn hingen nur vierbis fünf Lein⸗ wandlumpen und im Innern ſah man auch weiter nichts als ein halbes Dutzend Bänke, die wahr⸗ ſcheinlich dazu dienen ſollten, künftige Waaren zu tragen. In einem Winkel ſaß, in ſich ſelbſt verſunken und unbeweglich, eine hochbetagte Frau. Nicht weit von ihr hatte eine andere Frau, die zwiſchen fünf⸗ unddreißig und vierzig Jahre alt zu ſein ſchien und einen ſchönen Wuchs unter ärmlicher Kleidung barg, den Kopf auf die Hände geſtützt. Mitten in der Bude ritt ein hagerer, ſchwächli⸗ cher, ſchlecht gebauter und mit einer zerriſſenen Lein⸗ wandblouſe kaum bedeckter Junge von etwa fünf⸗ zehn Jahren auf einer der Bänke und ſang eintönig vor ſich hin. „Wollen Sie mir Kleidungsſtücke abkaufen?“ fragte Franz, indem er an der Bude ſteben blieb. Die alte Frau blieb unbeweglich, warf ihm aber einen Blick zu, in dem ſich Verzweiflung malte. 75 76 Die andere Frau richtete raſch den Kopf empor. Ihr Geſicht, das noch Spuren ehemaliger Schön⸗ heit an ſich trug, war von Thränen geröthet. Der auf der Bank reitende Junge brach in ein blödſinniges Lachen aus. Franz in dieſe ſti den leben, unterſchie Es Verſuch hen und ſeine Frag Er wa Enpfindun bald die K und antwa Knabe lach Franz „Oh dc. fopf empor. iger Schön⸗ üthet. brach in ein Drittes Kapitel. Die Bude. Franz hatte, faſt ohne es zu wiſſen, den Kopf in dieſe ſtille, leere Bude hineingeſteckt, die ſich von den lebens⸗ und geräuſchvollen andern umher grell unterſchied. Es war die letzte; er hatte hier einen letzten Verſuch machen wollen, blieb auf der Schwelle ſte⸗ hen und wußte nicht, ob er wieder fortgehen oder ſeine Frage wiederholen ſollte. Er war jung, nahm alle Eindrücke mit tiefer Empfindung auf und übertrieb bald die Blödigkeit, bald die Keckheit. Die beiden Frauen ſahen ihn an und antworteten nicht. Der auf ſeiner Bank reitende Knabe lachte fortwährend laut. Franz fühlte ſich beklommen. „Oh! oh!“ ſagte endlich der Junge, indem er 78 ſeine Bruſt mit beiden Händen zuſammendrückte, „ich lache zuviel, ich lache zu viel! Aber der fragt ja auch die Mutter Regnault, ob ſie etwas kaufen will.. Nichts da. Wenn Mutter Regnault Geld hätte, würde ſie Geignolet Brod geben; Geignolet hungert ſehr.“ Er hörte auf zu lachen und ſeine Stimme erhielt einen klagenden Ausdruck. Die jüngere der beiden Frauen wendete das Auge, in welchem tiefe Verzweiflung lag, zu ihm. „Johann wird zurückkommen, armes Kind,“ ſagte ſie,„und Du wirſt dann eſſen.“ Die Alte hatte ihre beiden runzligen Hände ge⸗ faltet und murmelte zwiſchen den Zähnen kaum ver⸗ ſtändliche Worte: „Ich habe ihn heute wieder geſehen,“ ſagte ſie, „er iſt ſehr verändert, aber mein Herz erkannte ihn. Mit dem Golde, das er in einem Tage vergeudet, würden dieſe armen Kinder ein Jahr lang glücklich ſein. Ich muß endlich zu ihm gehen,.. ich muß.“ Die Alte hieß Frau Regnault und war die Ael⸗ teſte im Temple. Die Andere, ihre Schwiegertoch ter, hieß Victorie und war die Mutter des Blöd⸗ ſinnigen, der eigentlich Joſeph hieß, von den Stra ßenjungen des Trödelmarktes aber den Namen Geig⸗ nolet erhalten hatte. Joſep burt an b Franz Munde. Her „„ν Glocke lͤ nen in die „Ohl ein,„nich hat kein C „Joſe Tone der; Der ſeine Ban „Hott Dan lodie, di Und J Man! Hinaus ( Dara Bank zu „Hot 79 nendrückt, Joſeph Regnault oder Geignolet war von Ge⸗ 4 der fragt burt an blödſinnig geweſen. das kaufen Franz blieb auf der Schwelle ſtehen mit offenem nault Geld Munde. Geignolet„Herr,“ ſagte endlich Victorie zu ihm,„die Glocke läutet zum Schluß des Temple und wir kön⸗ mme elhielt nen in dieſem Augenblicke nichts kaufen.“ „Oh!“ fiel der Blödſinnige mit neuem Lachen ein,„nicht weil die Glocke läutet. Mutter Regnault hat kein Geld, nichts, nichts!“ „Joſeph! Joſeph!“ flüſterte Victorie in einem Tone der Zärtlichkeit und des Vorwurfs. Der Blödſinnige ſchlug mit den Händen auf dendete das „, zu ihm. tes Kind,“ Hände ge⸗ ſeine Bank wie auf ein Pferd und rief n kaum ver⸗„Hott! Hott!“ Dann ſang er plötzlich nach einer ſeltſamen Me⸗ ,“ ſagte ſie, lodie, die er ſelbſt erfunden hatte: erkannte ihn. Morgen iſt Montag je vergeudet, Und Mamma Regnault hat nicht dreiunddreißig Sous, ng glücklich Um ihren Stand zu bezahlen. ih muß.“ Man wird uns hinauswerfen — Zum Faſtnachtsdienſtag, war die All⸗ Hinauswerfen, hinauswerfen, hwiegertoch⸗. Eine luſtige Geſchicht'. er des Böd— on den Stra Namen Geig⸗ Darauf unterbrach er ſich, um wieder auf die Bank zu klopfen und aus voller Kehle zu ſchreien: „Hott, Pferd! Hott!“ 80⁰ Seine Mutter hatte Franz vergeſſen. Sie ſah ihn an und ihre Augen füllten ſich von Neuem mit Thränen. „Ich werde gehen,“ murmelte die alte Frau. „Ach Gott, ich habe ihn ſo ſehr geliebt; wer hätte es denken ſollen, daß ich mich einſt ſo ſehr fürchten würde, ihn zu ſehen! Aber er weiſet mich vielleicht barſch von ſich und dann iſt er verloren.“ Ihre runzligen Hände zitterten. „Und ich werde die Urſache davon ſein!“ ſetzte ſie ſchaudernd hinzu. „Frau Regnault,“ rief eine Stimme in die Bude hinein,„Nachbarin, machen Sie zu, ſonſt kommen Sie in Strafe.“ Die alte Frau ſtand auf. „Dreißig Jahre bin ich nun hier,“ ſagte ſie; „vielleicht iſt es mein letzter Tag,.. aber man muß ſeine Pflicht thun.“ Sie ergriff mit ihren ſchwachen Händen einen der ſchweren Läden, mit denen die Bude zugemacht wurde. Victorie kam ihr zu Huͤlfe, der Blödſinnige rührte ſich nicht. Er klopfte unaufhörlich auf ſeine Bankund ſprach nur bisweilen: „Mich hungert ſehr.“ Dieſe entſetzliche Armuth machte auf Franz einen tiefen Eindruck. Er hatte die Finger in ſeine Weſte 7 7 . geſteckt frnkenſti ſollte. „Hei Auugenblie V heute Abe Sie Eile gen Sien ten Sie je Franz Säule, V hinein un Blödſinn Geig I das Gel auf Hän Fran handlers Es w hohes Ge⸗ Oder f duſtrie v Jederman und Jeder Die g geſchloſſen Sie ſah Neuem mit alte Frau. z wer hätte ehr fürchten ich viellicht —74 ein!“ ſetzte in die Bude eſt kommen " ſagte ſie; der man muß aänden einen de zugemacht Blödſinnige mnkund ſprach f Franz einen in ſeine Weſte 81 geſteckt und hielt in der Hand ſein einziges Fünf⸗ frankenſtück, aber er wußte nicht, wem er es geben ſollte. „Herr,“ ſagte Victorie, die ihn in dieſem Augenblicke ſah,„ich wiederhole Ihnen, daß wir heute Abend keine Geſchäfte machen können. Wenn Sie Eile haben, ſo gehen Sie in das Haus dort, das Sie auf dem Rotundenplatze ſehen und fra— gen Sie nach den Kleiderhändler Hans Dorn. Tre⸗ ten Sie jetzt bei Seite, damit ich zumachen kann.“ Franz ſtand ſteif und unbeweglich da wie eine Säule, trat zwar jetzt bei Seite aber in die Bude hinein und legte ſein Geldſtück auf die Bank vor den Blödſinnigen. Dann eilte er ſchnell davon. Geignolet ſtieß ein Freudengeheul aus, rollte das Geldſtück auf dem Boden herum und kroch ihm auf Händen und Füßen nach. Franz ſtand bald vor dem Hauſe des Kleider⸗ händlers Hans Dorn. Es war ein ſchmales, aber mehrere Stockwerke hohes Gebaͤude, das an ſeiner ärmlichen Fronte vier oder fünf Firmas trug, die aber ein und dieſelbe In⸗ duſtrie verkündeten. Auf den Rotundenplatze iſt Jedermann„Trödler für Paris und die Provinz“ und Jedermann lebt, wenigſtens ſo ziemlich. Die auf den Platz gehenden Läden waren bereits 6 geh geſchloſſen. Franz trat deshalb in einen langen und II. 6 — — — 82 dunkeln Flur, der in einen Hof führte. In dieſem Flur war es vollſtändig Nacht und Franz bemerkte keine Spur von einem Hausmanne. Er hatte zwiſchen einer dunkeln ſteilen Treppe, die zu den obern Stockwerken hinaufführte und der offenen Hofthür zu wählen. Er entſchied ſich für die letztere. An einer Thür des Erdgeſchoſſes ſtand ein junges Mädchen von heiterem und gutmüthigem Ausſehen, die mit einem Drehorgler ſprach, welcher das ſchwere und ge⸗ räuſchvolle Zeichen ſeines Standes auf dem Rücken trug. Der Orgler war wohl nur wenig ͤlter als Franz. In ſeinem ſchüchternen Geſichte lag viel Sanftmuth und Offenheit, namentlich aber eine träumeriſche Schwermuth, die von dem Zeichen ſeines proſaiſchen Gewerbes grell abſtach. Der grobe Baumwollen⸗ ſammet ſeiner Beinkleider und ſeiner runden Jacke ließ lichen Körper und ſchmächtige Glieder einen ſchwäch ahnen. Er ſchien ſehr müde zu ſein und brach unter der Laſt ſeiner Drehorgel faſt zuſammen. Das Mädchen dagegen war kräftig, roth und Aus ihrem friſchen Lächeln ſchien eine lebhaft. Sie hätte von ihrer glückliche Jugend zu ſtrahlen. Heiterkeit, Geſundheit und Lebensfülle etwas abge⸗ ben können. In dem Augenblicke als Franz in den Hof trat, bielt der jun Miͤchens in dber ofort be Das Ma die Stelle des duck. „Wohnt fiagte Franz. „Ja, d. „AufWi Dachorgler, „Gute) das junge freundliches Der art den, halb Ihnali Jungling 1' in der Bude almählig. ben ſo ſchn ſeiterer Sin In dieſem bemerkte n Treppe, te und der einer Thur idchen von wit einem e und ge⸗ dem Rücken rals Fr anz. Sanftmuth träumeriſche proſaiſchen Zaumwollen⸗ en Jacke ließ rige Glieder brach untet g, voth und ſchien eine atte von ihrer etwas abge⸗ den Hof trat, hielt der junge Drehorgeler die Hand des jungen Mädchens in der ſeinigen, er trat bei dem Geräuſch aber ſofort beſtürzt zurück und wurde kirſchroth. Das Mädchen erröthete ebenfalls leicht und an die Stelle des heitern Lächelns trat ein ernſter Aus⸗ druck. „Wohnt hier der Kleiderhändler Hans Dorn?“ fragte Franz. „Ja,“ antwortete das Mädchen. „Auf Wiederſehen, Gertrud,“ flüſterte der junge Drehorgler, indem er ſeine Mütz e abnahm. „Gute Nacht, Johann Regnault,“ antwortete das junge Mädchen und vergalt den Gruß durch ein freundliches Lächeln. Der arme Orgelſpieler entfernte ſich halb zufrie⸗ den, halb eiferſüchtig, denn Franz war ein ſchöner Jüngling und blieb mit Gertrud allein. Man hörte das klagende Inſtrument bald in dem Dunkel des Flures klingen und weinerliche Töne den luſtigen Tacten der Polka leihen, welche bereits in das Reich der Drehorgeln gerathen war. Franz betrachtete das blühende Geſicht der klei⸗ nen Gektrude und das peinliche Gefühl, das er in der Bude im Temple empfunden hatte, ſchwand allmählig. Die Eindrücke verwiſchten ſich in ihm eben ſo ſchnell als ſie entſtanden. Sein lebhafter, heiterer Sinn gewann bald die Oberhand wieder und 6* 83 — 84 er ſah das Mädchen als Mann an, welcher gern den Hof macht. Gertrud war ſicherlich das huͤbſcheſte Mädchen in ganz Paris. Sie hatte das Herz auf der Zunge und ihr offenes Lächeln verrieth ihre ganze Seele. Es lag durchaus nicht in ihrem Charakter, ein Schmeichelwort hart zurückzuweiſen oder ſich über das Compliment aus dem Munde eines hübſchen Herrn zu erzuͤrnen. Da ſie rein und ſtark war, ſo fürchtete ſie nichts, aber in dieſem Augenblicke em⸗ pfand ſie doch eine ungewöhnliche Unruhe. Sie hatte ja mit dem armen Johann Regnault geſprochen, der ſie liebte und ſo viel leiden mußte. Gertrud liebte ihn ebenfalls und ſie grämte ſich faſt uͤber ihre Heiterkeit. „Hans Dorn iſt mein Vater,“ ſagte ſie zu Franz, „und Sie werden ihn zu Hauſe finden.“ Franz hatte eines der Geſichter, welche alle Thorheiten der kecken Liebe entſchuldigen und liebens würdig machen. Die gewöhnliche Jugend, in unſerer Zeit na⸗ mentlich, geht pedantiſch und traurig umher oder erröthet blöde und verlegen; aber auch der mürriſcheſte Menſch kann den ſchönen Jünglingen nicht zürnen, die leider ſo ſelten werden und deren lächelnde Ju⸗ gend um die Schönheit flattert wie der Schmetterling um das Licht. Sie ke ſen und er iefe des S Schlinge, Keck nahen greifen mit auch, daß ſich birgt u Spiel Leide den ſie Zeit Ach, Haupte hin umgiebt, Jüngling nicht für in Beiſpi gerlichen Salons! Man Liebe, de laſſe din ſ träͤume un ein iß iſ ger di e für ihn ei dient oder Franz gern den Mäͤdchen er Zunge de Seele. ttet, ein ſich über pübſch kwar, ſo nblicke em⸗ Regnault en mußte. ue ſich faſt ezu Franz, welche alle d liebens r Zeit na⸗ unher oder mürriſcheſte icht zurnen, chelnde Ju⸗ chmetterling 85 Sie kennen ſich ſelbſt nicht und hören unentſchloſ⸗ ſen und erfreut die erſten Worte, welche aus der Tiefe des Herzens kommen. Sie fangen ſich in jeder Schlinge, zu welcher ſie der Reiz der Liebe lockt. Keck nahen ſie der Lockung, die Andere fürchten und greifen mit beiden Händen zu. Aber ſieht man nicht auch, daß unter ihrem ſchönen Lächeln eine Thräne ſich birgt und daß die Zeit kommt, in welcher das Spiel Leidenſchaft wird? Sie ſind ſo glücklich; wer⸗ den ſie Zeit haben zu leiden? Ach, ſind nur zwei Jahre mehr über ihrem Haupte hingegangen, ſo ſchlägt der Zauber, der ſie umgiebt, in Lächerlichkeit um. Sobald der Knabe Jüngling geworden, muß er ſich ändern, wenn er nicht für einen gewöhnlichen Verführer gelten und ein Beiſpiel mehr von jener gehäſſigen Copie des bür⸗ gerlichen Don Juan ſein will, die ſich in unſeren Salons und Kaufmannsläden umhertreibt.. Man laſſe ihm ſeine bald ſchüchterne, bald kecke Liebe, deren Tollheit ſogar nicht beleidiget; man laſſe ihm ſeine thörichten Hoffnungen, ſeine Pagen⸗ träume und ſeine lachenden Kämpfe, deren Preis ein Kuß iſt. Man ſchelte den Armen nicht; mor⸗ gen wird er Achtung lernen, morgen wird das Weib für ihn ein ernſtes Weſen ſein, dem er als Sclave dient oder das er grauſam hintergeht! Franz kam in dem Höfchen, wo er mit dem 86 Packet unter dem Arme, bereit daſtand, einen ga⸗ lanten Angriff zu unternehmen, dicht an das Lächer⸗ liche hinan. Lovelace ſelbſt würde in einem ſolchen Falle ſehr komiſch ausgeſehen haben. Franz aber war noch nicht zwanzig Jahre alt; ein muthwilli⸗ ges Lächeln blitzte aus ſeinen großen blauen Augen und er war ſehr hübſch. Die kleine Gertrude, die ihn ſo fand und darin als Kennerin urtheilte, fühlte ein gluͤhendes Roth auf ihren runden Wangen; ſie ahnete den Angriff und war einmal in ihrem Leben klug; ſie wich vor dem Feinde zurück. In dieſem Augenblicke kam der arme Johann Regnault vor der leeren Bude an, welche eben von ſeiner Großmutter und Mutter vollends zugemacht wurde. Er war der Sohn Victoriens und der ältere Bruder des Blödſinnigen und gab der alten Frau getreulich die kleine Einnahme von ſeiner Tages⸗ arbeit. So geſchah es jeden Abend, aber die Familie konnte davon nicht leben. Johann arbeitete ſo viel als er vermochte, und er war ſehr unglücklich. Wenn er in dieſem Augenblicke das Benehmen Gertrudens geſehen hätte, die er ſo ſehr liebte und auf die er eiferſüchtig war wie es alle Leidende ſind, würde ſein Schmerz gemildert worden ſein. Das] higen Kück fur, hüpft zitterten un die Stube: Franz „Vate mit Dir ſp Hans; lleinen Li und ordnete einige Fün mehrere H Drau Dorns, erhelltw lichen N ſehen. dieſe Wo⸗ auch eben und würd wenn nich dungsſtä neben ihr ſem ſiche auf unſe Groll zu einen ga⸗ as Lächer⸗ in ſolchen tanz aber nuthwilli⸗ len Augen und darin SRoth auf ngriff und hvor dem e Johann eeben von zugemacht der ältere alten Frau ner Tages⸗ die Familie ochte, und Benehmen ebte undauf dende ſind, in. 87 Das Mädchen führte wirklich einen heldenmü⸗ thigen Rückzug aus. Sie ging raſch durch den Haus⸗ flur, hüpfte eine kleine Treppe hinauf, deren Stufen zitterten und trat, ohne erſt Athem zu ſchöpfen, in die Stube ihres Vaters im erſten Stock. Franz folgte ihr auf dem Fuße. „Vater,“ ſagte Gertrud,„da iſt ein Herr, der mit Dir ſprechen will.“ Hans Dorn, der Kleiderhändler, ſaß an einem kleinen Tiſche, auf welchem ein Talglicht brannte und ordnete ſeine Rechnungen von dieſem Tage. Auch einige Fünffrankſtücke, etwas kleines Silbergeld und mehrere Haufen Sous lagen auf dem Tiſche. Draußen war es finſtere Nacht. Die Stube Dorns, welche durch das dünne Talglicht nur ſchwach erhellt war, ließ in einer Art Halbdunkel ihre ſchwärz⸗ lichen Meubles und ein Bett mit Sergevorhängen ſehen. Zwar konnte man wohl nicht ſagen, daß dieſe Wohnung Wohlſtand verrieth, aber ſie kündigte auch eben ſo wenig Armuth an. Alles war reinlich und würde ſelbſt recht freundlich ausgeſehen haben, wenn nicht an den Wänden lange Reihen alter Klei⸗ dungsſtücke gehangen hätten. Gertrud hatte ſich neben ihrem Vater niedergeſetzt und heftete von die⸗ ſem ſichern Platze aus ihre glänzenden, heiteren Blicke auf unſeren ſchönen jungen Mann, der ihr ohne Groll zulächelte. 88 Sie war wirklich ein hübſches Mädchen und ihr netter Griſettenanzug ſtand ihr allerliebſt. Diejeni⸗ gen, welche ihre Mutter gekannt hatten, ſagten, ſie gleiche derſelben Zug für Zug. Und ihre Mutter war jene andere Gertrud, welche wir auch jung, friſch und naiv in dem Zimmer der ſterbenden Gräfin Margarethe in dem alten Schloſſe Bluthaupt ken⸗ nen gelernt haben. Bisweilen, wann der Kleiderhändler Abends ſein liebes Kind umarmte, das ſein einziges Glück in dieſem Leben war, wurde er ſehr traurig und ſeine Augen füllten ſich mit Thränen. Seine Frau war jung geſtorben und die ſanften Blicke ſeiner Tochter weckten eine ſchmerzliche Erin⸗ nerung an ſie. Hans Dorn war jetzt ein Mann von vierzig Jah⸗ ren und hatte noch die ganze Jugendkraft bewahrt. Sein Geſicht war noch immer offen und frei wie ſonſt, ſein üppiges, lockiges Haar aber fing an zu ergrauen und dies war das einzige Zeichen, welches auf ſein Alter deutete. Man ſah es ihm wohl an, daß er gelitten hatte, aber der ſonſtige heitere Aus⸗ druck ſeines Geſichtes war nicht verſchwunden und er konnte ſeinen Platz unter luſtigen Leuten noch recht wohl ausfüllen. Franz band ſein Bündel auf und fing an, die Gegenſtände in demſelben auf dem Tiſche auszubreiten. Hans Geſicht des Es befa vollſtändige und Halstü Hans b das Tuch, ds Frackes immer zuerſt vorzugsweiſe er einen B ftagte endlic „Wier „Zweil Ranz. Hans ſeiner Fede „Die 4 „Di H alls;„es Irancs dafü betrügen 7 nicht mehr g „Hunde jolte der jun 89 kand ihr Hans ſah die Kleidungsſtücke an, ohne auf das Diejeni⸗ Geſicht des jungen Mannes zu achten. agten, ſi.. 2.... rei Es befand ſich in dem Packet ein Mantel, ein 24 Vuunier vollſtändiger ſchwarzer Anzug und mehrere Weſten h j Halstüͤ jung, und Halstücher. en Gräfin.. 2 rupt ka— Hans breitete den Mantel aus und unterſuchte das Tuch, er prüfte die Aufſchläge und den Kragen r Abends des Frackes 7 die Theile der Kleidungsſtücke, die zss Glic immer zuerſt leiden und von den Troödlern deshalb vorzugsweiſe beachtet werden müſſen—, dann warf er einen Blick auf die Weſten und Cravatten und fragte endlich wie herkömmlich: und ſeine ie ſanften Wie viel verl Sie daflir⸗ zin ſgeß Wie viel verlangen Sie dafür? iche Erin⸗ 22d ang af „Zweihundert und fünfzig Francs,“ antwortete . zig. ierzig Jah⸗ Franz. twrwi Hans ſchob Alles zurück und griff wieder nach d frei wie ſeiner Feder. fing an zu„„Die Halſte will ich geben,“ ſagte er dabei. welches„Die Häͤlfte!“ rief der junge Mann unwillig wohl an, aus;„es iſt ja Alles neu und ich habe tauſend 3 tere Aus⸗ Francs dafür gezahlt.“ unden und„Das iſt ein Beweis, daß die Schneider ſehr 8 rnoch recht betrügen,“ antwortete Hans Dorn.„Ich kann nicht mehr geben.“ ngan, die„Hundert fünf und zwanzig Francs!“ wieder⸗ zubreiten. holte der junge Mann im Tone der Troſtloſigkeit. 4 95 90 Die ſanften Augen Gertrudens drückten Mitleid aus. „Ich kann nicht mehr geben,“ ſagte der Kleider⸗ händler noch einmal;„wollen Sie es bei einem Andern verſuchen, ſo gehen Sie in die Rotunde; der alte Araby hat vielleicht noch nicht zugemacht. Er wird Ihnen drei Louisd'or für Alles geben, er⸗ laubt Ihnen aber, Ihre Sachen für fünfhundert Francs zurück zu kaufen, wenn Sie Luſt dazu haben. Auf Wiederſehen!“ Franz betaſtete ſeinen Mantel, ſeinen neuen, ſchönen Frack und ſeine prächtigen Weſten. Hans Dorn war ganz mit ſeinen Rechnungen beſchäftigt und hatte noch nicht geruhet, ſeine Augen zu ſeinem bittenden Kunden zu erheben. „Mein Gott!“ jammerte Franz,„ich habe nichts weiter und was ſoll ich mit hundert fünf und zwanzig Francs anfangen?“ „Sehen Sie, mein guter Herr,“ fuhr er fort, um einen Verſuch mit ſeiner Redekunſt zu machen, „ſehen Sie Alles noch einmal an; Sie haben es ſicherlich nicht genau betrachtet.“ „Doch,“ antwortete Dorn;„ich kann keinen Franc mehr zulegen.“ Der junge Mann legte die Hand auf die Bruſt und ſeufzte tief. Gertrud war innig gerührt. Hans Dorn ſelbſt ſchlug die Augen auf und in dem Auge fiel, ging rung vor. „Gert „gehe in? Das— noch einen jungen Ma Hans ſeine Nuhe Ads er er ihn noch Augen niel „Wie „Fra „Sie ler lebhaf Der „Nein en Mitleid er Kleider⸗ bei einem Rotunde; zugemacht. geben, er⸗ fünfhundert dazu haben. nen neuen, en. Hans beſchäftigt en zu ſeinem ich habe „ h dert fünf und fuhr er fot, zn machen, Sie haben es h kann keinen auf die Bruſt gerühtt. en auf und i dem Augenblicke, als ſein Blick auf den jungen Mann fiel, ging in ſeinen Zügen plötzlich eine Verände⸗ rung vor. „Gertrud,“ ſagte er mit bewegter Stimme, „gehe in Dein Zimmer; ich muß allein ſein.“ Das Maͤdchen gehorchte ſofort, warf aber doch noch einen Blick der Theilnahme auf den unbekannten jungen Mann, der ihren Vater ſo in Unruhe verſetzte. Hans Dorn ſchien ſich ſehr anzuſtrengen, um ſeine Nuhe wieder zu finden. Als er mit dem Fremden allein war, betrachtete er ihn noch etwa zwei Secunden, dann ſchlug er die Augen nieder. „Wie heißen Sie?“ fragte er leiſe. „Franz,“ antwortete dieſer. „Sie ſind ein Deutſcher?“ fuhr der Kleiderhänd⸗ ler lebhaft fort. 1 Der junge Mann erröthete leicht und antwortete: „Nein, ich bin ein Franzoſe, aus Paris.“ 91 Viertes Kapitel. Der erſte Kuß. Franz und der Kleiderhändler hatten eine Unter⸗ redung mit einander, welche vielleicht zehn Minuten dauerte. Jemand, der mißtrauiſcher geweſen wäre, als es unſer junger Mann war, würde bei mancher Frage, die ihm vorgelegt wurde, große Augen gemacht ha⸗ ben, aber Franz hatte nichts zu verheimlichen. Für die zweihundert und fünfzig Francs, die er ſuchte, würde er alles erzählt haben, was er von ſeiner Ge⸗ ſchichte wußte und noch mehr. Nach den zehn Minuten zog Hans Dorn den Tiſch⸗ kaſten auf und nahm zweihundert und fünfzig Franes heraus, die er zweimal zählte. Franz nahm ſofort das Geld und ſteckte es ein. „Ich danke Ihnen,“ ſagte er, indem er ſeinen Kock zukn anſtändig gut zu ver ch wünſche Glück.“ Er reic verſtohlen die halb oft So etm weiter in de ein lebhafte Kuß wara Thuͤr nach „Er vor ſich h. „As ich der Graffn ein Maͤche und ühren Alle, die ſc Er blie dann nahm Franz und ſprang ſichen zu h eine Unter⸗ in Minuten wäre, als ancher Frage, gemacht ha⸗ nlichen, Für die er ſuchte, en ſeinet Ge⸗ dvorn den Tiſch⸗ füͤnfzig Jranes ſteckte es ein. ndem er ſeinen 93 Rock zuknöpfte.„Sie haben es mir möglich gemacht, anſtändig zu ſterben und meine letzte Carnevalsnacht gut zu verbringen. Schlagen Sie ein, braver Mann; ich wünſche Ihnen und Ihrer hübſchen Tochter alles Glück.“ Er reichte dem Kleiderhändler die Hand und warf verſtohlen der ſchönen Gertrud eine Kußhand durch die halb offene Thüre zu. So etwas iſt ſelten verloren; das Mädchen trat weiter in den Schatten ihres Stübchens zurück, aber ein lebhaftes Roth färbte ihre friſchen Wangen. Der Kuß war an ſein Ziel gekommen. Franz ging die knarrende Treppe raſch hinunter. Der Kleiderhändler hatte ihm traurig bis an die Thür nachgeſehen. „Er würde in dieſem Alter ſtehen,“ ſprach er vor ſich hin, indem er langſam den Kopf ſchüttelte. „Als ich ihn anſah, glaubte ich das liebe Geſicht der Gräfin zu erkennen. Habe ich aber nicht ſchon ein Mädchen geſehen, das ihr ſchönes blondes Haar und ihren Engelsblick hatte? Sie war ſo ſchön und Alle, die ſchön ſind, gleichen ihr!“ Er blieb einen Augenblick in Gedanken ſitzen, dann nahm er ſeine Rechnungen wieder vor. Franz ſchritt raſch durch den dunkeln Hausflur und ſprang auf den Rotundenplatz hinaus. Ohne ſtehen zu bleiben, ging er an dem Periſtyl vorbei, 94 wo hier und da einige Lichter glänzten und ſchenkte der zahlreichen Geſellſchaft, welche das in der gan⸗ zen Umgegend berühmte Wirthshaus„zu den zwei Löwen“ füllte, keinen Blick. Erſt an der Ecke der Straße Bretagne, vor der Thür jenes großen Hau⸗ ſes blieb er ſtehen, in welches vorhin der Mann im weißen Palletot gegangen war. Er ſah nach beiden Seiten in der Straße hin. Die lärmende Luſtigkeit in dem übrigen Paris hat keinen Einfluß auf die ruhige Einſamkeit gewiſſer bevorzugter Stadttheile; der Marais ſchläft in ſeiner langweiligen Ruhe, wenn die Boulevarts lachen, tanzen und ſchreien. Die zwei bis dreihundert Schritte, welche die Bretagne-Straße von dem Cadran⸗Bleu trennen, können für eine volle Stunde gelten, denn man hört da nur ein ſchwaches Echo der gellenden Carnevalsgeſänge und der Lärm erſtirbt faſt, ehe er bis in dieſe ſtillen Gegenden gelangt. Die beiden Trottoirs lagen ſtill und verlaſſen da. Die Hälfte der Läden war geſchloſſen und aus den übrigen fiel hier und da ein Lichtſchein auf die Straße. Von Zeit zu Zeit gingen einzelne Leute ruhig ihrer Wohnung zu und ſeufzten über die ausgelaſſene Luſtigkeit, von welcher ſie hier und da einige Klänge vernahmen. Sie hatten den Hut tief uber die Stirn gedrückt, ſeiner Weſt gielten die Negenſchir Franz Jemand au hätte ihn fi aſten Rend gählt eine Mädchen, lange Wege Straße lock Franz ſo weit ſei Rentiers o taͤglichen ewig lang Er w men, abe rhoffte „Gs! „wvenn ſie Hauſe gege nicht ſterben ben.” Er gin dige Schild Nach z 95 d ſchenkte Idir hielten die Hände in den Taſchen und den werthen et gan⸗ Regenſchirm unter dem Arme. den zywei Franz ſchritt auf den feuchten Steinplatten wie 1 E der Jemand auf und ab, der ungeduldig wartet. Man Wadin hätte ihn für einen Verliebten halten können, der zum 3 erſten Rendezvous geht, denn der ſchläfrige Marais— zählt eine ziemliche Anzahl allerliebſter Frauen und vaht hin. Mädchen, welche diejenigen jungen Herren, die gen Pars lange Wege nicht ſcheuen, Abends in dieſe ſtillen celt gewiſſer Straße locken. it in ſeine Franz ſah begierig nach rechts und links, aber tts lachen, ſo weit ſein Blick reichte, bemerkte er nur ehrliche drihundert Rentiers oder dicke Paare, die Arm in Arm zum e von dem taͤglichen Diner gingen. Die Minuten kamen ihm volle Stunde ewig lang vor. waches Ccho Er war voll Freude und Hoffnung angekom— Lirn erſtirt men, aber jetzt hatte ſich ſeine Stirn verdüſtert und gelangt. er hoffte nicht mehr. nd verlaſſen„Es muß ſchon ſpät ſein,“ dachte er bei ſich; ſen und aus„wenn ſie nicht käme! Vielleicht iſt ſie ſchon nach hein auf die Hauſe gegangen.. Ach Gott und ich kann doch nicht ſterben, ohne ſie noch einmal geſehen zu ha⸗ Laute ruhig ben.“ eausgelaſene Er ging ſchneller auf und ab, wie eine ungedul⸗ einige Klänge dige Schildwache. Nach zwei oder drei Minuten griff er raſch nach zirn gedrick, ſeiner Weſtentaſche 96 [77 „Ich hatte eine Uhr!“ fiüſterte er in tragiko⸗ miſchem Tone, dann lächelte er gar. „Die arme Uhr!“ ſagte er.„Es iſt wirklich Zeit, ein Ende zu machen, denn es iſt mir nichts mehr übrig geblieben. Auch iſt es gewiß beſſer, ſchnell mit dem Degen in der Bruſt zu ſtexben, als in ſeinem Dachſtuͤbchen eine Pfanne voll Kohlen an⸗ zuzünden wie die Waſſerträger, die ſchlechte Geſchäfte machen. Welche Zeit iſt es?“ Er trat an einen Tabakladen, in welchem man, der Nähe des Temple gemäß, neben Cigarren auch Filzſchuhe, Hoſenträger, Seife, Cervelatwurſt, Wichſe und andere Dinge verkaufte. Franz ſah nach der Uhr an der Wand; der Zei⸗ ger wies auf die fünfte Stunde. Der junge Mann fühlte ſich wieder erheitert. „Das iſt die Zeit, in welcher ſie kommt,“ dachte er.„Die Witterung war ſchön, ſie iſt gewiß aus⸗ gegangen und es läßt ſich zehn gegen eins wetten, daß ich nicht vergebens warte.“ Mit neuem Muthe ſetzte er ſeine Wanderung fort, aber nach zwei oder drei Minuten bliel er mit einem Male ſtehen und ſah ſtier nach der St. Lud⸗ wigs⸗Straße hin. Er hatte zwei Frauen erkannt, eine im Häub⸗ chen, eine im Hute, die auf dem Trottoir auf ihn zukamen. Sie we bereits ſein beiden Dam gäden vor ſah ſie nicht der in den offenen Lad gar nicht me Dam ds Kleideth vor Freude. Siew Noch einig ihm, vorül Aber Freude h Dolchſtoß Deniſ welchem en ter ihr ſich Daran doch ſpreche Er trat Staßeneck wagen ged Thuͤre an alten Dien Il. in tragiko⸗ iſt wirklich mir nichts wiß beſſet, terben, als Kohlen an⸗ te Geſchäfte ſchem man, garren auch weelatwurſt, nd; der Zei⸗ junge Mann umt,“ dachte t gewiß aus⸗ eins wetten, Wanderung n bliel er mit der St. Lud⸗ ne in Häub⸗ rottoit auf ihn 97 Sie waren weit von ihm, aber wie raſch ſchlug bereits ſein Herz! Er konnte ſich nicht irren. Die beiden Damen gingen unterdeſſen an den geſchloſſenen Läden vorüber und gelangten in den Schatten. Franz ſah ſie nicht mehr, aber er lauſchte und als ſie wie⸗ der in den erſten Lichtſchein traten, der aus einem offenen Laden auf die Straße fiel, athmete er faſt gar nicht mehr. Dann klangen die zweihundert und fünfzig Francs des Kleiderhändlers in ſeiner Taſche, denn er hüpfte vor Freude. Sie war es; er hatte ſie geſehen und erkannt, Noch einige Minuten und ſie mußte da, dicht an ihm, vorüber gehen. Aber in dieſem Augenblicke als ſein Herz vor Freude hüpfte, traf ihn ein Gedanke wie ein Dolchſtoß. Deniſe war nicht allein; das ſchwere Thor, an welchem er lehnte, mußte ſich öffnen und ſofort hin— ter ihr ſich ſchließen. Daran hatte er nicht gedacht und er wollte ſie doch ſprechen. Er trat raſch zurück und verbarg ſich hinter der Straßenecke, vielleicht ohne zu wiſſen, was er zu wagen gedachte. Die beiden Frauen kamen vor der Thüre an; es war ein junges Mädchen mit einer alten Dienerin. Il. 7 98 Die Letztere griff nach dem Thuͤrklopfer. Franz ſt ſo gel hielt mit beiden Händen ſein Herz, das gewaltig in hinauf i 2 ſeiner Bruſt pochte. Das Die Thür wurde geöffnet und da ſie ſchwer war, Hauömeif ging Marianne, die Dienerin, zuerſt hinein, um fie fommen. vor ihrer Herrin offen zu halten. Einige In dieſem Augenblicke, als das junge Mädchen Thüre, ſta auch eintreten wollte, ſprang Franz hervor, ergriff unbewegli die Thürklincke und zog die Thüre heftig an ſich, ſo Das daß ſie donnernd zuflog. weil ſie Fr Das Mädchen ſtand zitternd da. Sie hatte ſeine eigen nicht einmal die Kraft zu ſchreien, ſo ſehr war ſie keine Wor erſchrocken. Nichte Die Dienerin aber hatte ſich bei dem Zuſchlagen und der der Thür umgedreht, um nach ihrer jungen Herrin Das zu ſehen; da ſie dieſelbe hinter ſich nicht erblickte, ſo„La ſuchte ſie das Mädchen vor ſich, aber auch da war Camavo Niemand zu ſehen. falle ki Die Hausflur war finſter und die Augen der und verſt Alten taugten nicht viel. Diſſe „Deniſe, Fräulein Deniſe!“ rief ſie;„wo ſind cen, wel Sie?“ jausdrücke Deniſe antwortete nicht. duang doch Die alte Marianne ſuchte wiederum rund herum det und blieb endlich athemlos ſtehen. llütige R „Sie wird zwiſchen mir und der Wand durchge⸗ merken; ſchluͤpft ſein,“ brummte ſie unwillig;„die Jugend legenheit er. Franz gewaltig in ſchwerwar, din, un ſie ge Mäͤdchen wor, ergrif Han ſich, ſo Sie hatte ſehr war ſie mo Zuſchlagen ungen Heriin ht erblickte, ſo auch da war die Augen der ſie;„wo ſind um rund herum Pand durchg 5„dit Jugend 99 iſt ſo gelenkig! Ich wette, daß ſie ſchon die Treppe hinauf iſt.“ Das beruhigte ſie ſo vollſtändig, daß ſie zu dem Hausmeiſter hineintrat, um wieder zu Athem zu kommen. Einige Schritte davon, hinter der zugeworfenen Thüre, ſtanden Deniſe und Franz einander gegenüber, unbeweglich und ſtumm. Das Mädchen fürchtete ſich nicht mehr ſo ſehr, weil ſie Franz erkannt hatte, aber Franz war durch ſeine eigene Kühnheit erſchreckt worden und konnte keine Worte finden, um Entſchuldigung zu bitten. Nichts deſto weniger blieb er zwiſchen Deniſe und der Thüre ſtehen, um ihr den Weg zu vertreten. Das Mädchen brach das Schweigen zuerſt. „Laſſen Sie mich gehen,“ ſprach ſie leiſe;„der Carnaval rechtfertigt tolle Streiche, ich will dem Vor⸗ falle keine größere Wichtigkeit beilegen als er verdient und verſpreche ihn zu vergeſſen.“ Dieſe Worte wurden mit einer Stimme geſpro⸗ chen, welche eine ruhige und würdevolle Verachtung „ausdrücken ſollten, aber das innere zornige Gefühl drang doch durch. Der arme Franz freilich beſaß die nöthige kalt— blütige Ruhe noch nicht, um dieſe Nüancen zu be— merken; er ſah nur die Verachtung und ſeine Verle⸗ legenheit wurde noch größer. 1 100 Gleichwohl rührte er ſich nicht von der Stelle. Die Augenbrauen Deniſe's zogen ſich leicht zu⸗ ſammen und ihr kleiner Fuß ſtampfte uuwillig auf das Trottoir.. Sie war ſehr jung, groß aber ſchmächtig und glich ganz den zarten Frauengeſtalten, welche die engliſchen Stahlſtecher ſo gern vorführen. Ihre Be⸗ wegungen hatten eine ungemeine würdevolle An⸗ muth. Sie war einfach, aber nicht ohne Eleganz gekleidet und in dem Halblichte der Straßenlaterne erkannte man undeutlich die außerordentlich feinen Züge ihres Geſichtes. Ihre Schönheit glich ſeltſamer Weiſe der Schön⸗ heit des jungen Franz. Es waren faſt dieſelben Umriſſe, dieſelbe Milde im Lächeln und dieſelbe Klugheit, die aus den großen, blauen Augen ſtrahlte. Nur erſetzte bei dem jungen Mädchen ein Ausdruck edler Zurückhaltung die muthwillige und entſchloſ⸗ ſene Miene des Jünglings; jetzt war es umgekehrt, Franz ſtand mit niedergeſchlagenen Augen und hoch⸗ gerötheten Wangen da, während verletzter Stolz und Verdruß den reinen Bogen der Augenbrauen des Mädchens zuſammenzog. Ihr Zorn ſtand ihr allerliebſt und man konnte ſich unmöglich ein rei⸗ zenderes Köpfchen auf einem anmuthigeren Körper denken. Wer die beiden jungen Leute bei einander hätte ſechen ſel ſiet gehal Denij hob die S „Laſſ ich rufe an Mit l hinzu: „Ich von Chre Irrthum.“ Das auf das S Er fa auf. 0 „⁸ Sie mir „ Miädchen mich unge ſucht mich net werder ſehen.“ „J, traurigem Ach Gott Sie noch r Stelle. leicht zu⸗ willig auf achtig und welche die „Ihre Be⸗ eeolle An⸗ ine leganz aßenlaterne tlich feinen der Schön⸗ itt dieſelben und dieſelbe gen ſtrahlte. in Ausdruck nd entſchloſ⸗ zumgekehrt, n und hoch⸗ tzter Stolz Augenbtauen or ſtand ihr glich ein re⸗ geren Kötper inander hätte 101 ſtehen ſehen, würde ſie gewiß fur Bruder und Schwe⸗ ſter gehalten haben. Deniſe wurde immer erzürnter und ihr Buſen hob die Seide des Camails. „Laſſen Sie mich gehen,“ wiederholte ſie,„oder ich rufe am Hülfe.“ Mit bitterer Verachtung ſetzte ſie gleich darauf hinzu: „Ich hielt Sie für einen Mann, für einen Mann von Ehre.. Sie ſtrafen mich grauſam für meinen Irrthum.“ Das waren eben ſoviele Keulenſchläge als Worte auf das Herz des armen Franz. Er faltete die Hände und ſah bittend zu Deniſe auf. „Ich beſchwöre Sie,“ ſtammelte er,„verzeihen Sie mir.. Wenn Sie wüßten..“ „Ich will nichts wiſſen,“ unterbrach ihn das Mädchen,„und ich verlange nochmals, laſſen Sie mich ungehindert zu meiner Mutter gehen. Marianne ſucht mich ohne Zweifel, die Thüre wird geöff⸗ net werden und man wird uns bei einander ſtehen ſehen.“ „Ja,“ ſprach Franz leiſe in unterwürfigem, traurigem Tone;„daran hatte ich nicht gedacht. Ach Gott, mein Fräulein, ich dachte an nichts, als Sie noch einmal, zum letztenmale zu ſehen.“ 10² Deniſe hielt ein ſtrenges Wort zurück, das be⸗ reits auf ihren ſchönen Lippen ſchwebte und ihre Augenbrauen glätteten ſich. An die Stelle der Röthe trat Bläſſe. „Ich will in das Haus gehen,“ ſagte ſie, dies⸗ mal aber in einem nicht mehr gereizten Tone.„Wenn Sie fortgehen, Herr Franz, ſo wünſche ich, daß Gott Ihnen Glück beſcheeren möge. Ich verzeihe Ihre Unvorſichtigkeit, aber halten Sie mich nicht. länger auf.“ „Ich gehe nicht fort,“ antwortete Franz,„und doch werde ich Sie nicht wiederſehen.. Nehmen Sie meinen Dank für Ihre Verzeihung! Wenn Sie mit Zorn im Herzen von mir geſchieden wären, würde meine letzte Nacht eine ſchmerzliche geweſen ſein.“ Eiskälte rieſelte durch des Mädchens Adern. „Leben Sie wohl,“ fuhr Franz fort, indem er endlich bei Seite trat,„leben Sie wohl, Deniſe und laſſen Sie mich Sie in dem Augenblicke ſo nennen, da ich für immer von Ihnen ſcheide; laſſen Sie mich Ihnen ſagen, daß ich Sie liebte, daß ich Sie liebe mit aller Kraft meines Herzens und daß mein letzter Gedanke Ihnen gelten wird.“ Das Mädchen dachte nicht mehr daran in das Haus zu gehen. Ihre ſchönen Augen ſahen das traurige Geſicht des Jünglings erſchrocken und fragend an und ſe finden. Wa ſie leiſe. nich erſch zeihen ſoll Ihre zu bitten. Franz Man er,„wen bedauert. würde ich haben; j meine A Fraͤulein lichen C gen mit für ſich theidiget. Deni „Sie Fran, „Mi hinzu. Fran „Un , das be⸗ und ihre Stelle der teſie, dies⸗ e.„Wenn hſe ich, daß Ich verzeihe e mich nicht. ranz,„und . Nehmen Wenn Sie wäͤren, würde eſen ſein.“ s Adern. rt, indem er „Deniſe und eſo nennen, zlaſſen Sie daß ich Sit und daß mein daran in das en und fragend 103³ an und ſchienen darin einen Grund zur Hoffnung zu finden. „Warum ſprechen Sie vom Sterben?“ ſprach ſie leiſe.„Sie ſind ein Kind, Franz, und wollen mich erſchrecken, damit ich Ihnen Ihre Thorheit ver⸗ zeihen ſoll.“ Ihre Stimme war mild und ſchien nun ihrerſeits zu bitten. Franz ſchuͤttelte den Kopf. „Man kann wohl vom Sterben ſprechen,“ ſagte er,„wenn man Niemand hier zurückläßt, der uns bedauert. Wenn ich ein Herz hätte, das mich liebte, würde ich wohl mein Geheimniß zu bewahren gewußt haben; ja wenn ich nur hoffen könnte, daß man meine Liebe mit einigem Mitleiden vergölte. Mein Fräulein, man muß ſehr ſtark ſein und einen gefähr⸗ lichen Gegner beſiegen können, wenn man den De⸗ gen mit Vertrauen zieht und ſein Leben nicht blos für ſich ſelbſt, ſondern auch für die Geliebte ver⸗ theidiget.“ Deniſe ließ das Haupt ſinken. „Sie haben ein Duell?“ fragte ſie leiſe. Franz nickte bejahend. „Mit einem Raufbolde vielleicht?“ ſetzte ſie hinzu. Franz antwortete nicht. „Und verſtehen Sie den Degen zu führen?“ 104 „Nein,“ entgegnete Franz. Das hübſche Geſicht Deniſe's ſah aus als ſei es von Alabaſter. „Franz,“ ſtammelte ſie,„in des Himmels Na⸗ men, ſchlagen Sie ſich nicht.“ Er legte die Hand auf ſein Herz, in dem ein Meer von Wonne wogte. „Ich muß,“ ſagte er, aber er konnte ſeine Freude kaum bemeiſtern. „Hören Sie mich an,“ ſagte das Mädchen in der größten Angſt;„ich will nicht, daß Sie ſterben, Franz.. Wodurch iſt Ihr Duell zu verhindern?“ Das Geſicht des Jünglings ſtrahlte, drückte aber doch ſein ganzes Glück nicht aus. Er ergriff die Hand Deniſes und drückte ſie an ſeine Lippen. „Nichts kann das Duell verhindern,“ ſprach er dann in einem Tone, der ſeinen Triumph verrieth; „aber nicht Jeder ſtirbt, der ſich ſchlägt, und ich fühle es, daß meine Hand ſtark werden und meine Bruſt vertheidigen würde, wenn ich Ihre Liebe be⸗ ſäße.“ Eine glühende Röthe überflog von neuem das Geſicht des Mädchens, das die Augen niederſchlug. Ihre Knie zitterten unter der leichten Laſt ihres Körpers. retten!“ „ Ha fuhr Frau er ſte an nich lieber ſucht.“ Deniſe Sie neigte des Jüngl „Mei As ſt ſe den glu ihr Herz Und „Id mich lieb Deni cheln umſ „Ina für Sie zu „Und Ja. ſerbe ich Auf l Diitte ver Keute berü 10⁵ „Mein Gott! mein Gott! könnte ich ihn doch retten!“ „Haben Sie Mitleiden mit mir, Deniſe,“ aus als ſei immels Na⸗ fuhr Franz fort, der keinen Widerſtand fand als er ſie an ſein Herz zog,„ſagen Sie mir, daß Sie in dem ein mich lieben und ich tödte den Mann, der mein Leben ſucht.“ eſeineFreude Deniſe hatte keinen Willen, keine Kraft mehr. Sie neigte Ihr ſchönes, bleiches Haupt auf die Achſel des Jünglings und wiederholte: „Mein Gott! mein Gott!“ Als ſie die Augen wieder aufſchlug, begegnete ſie den glühenden Blicken des Jünglings, die bis in ihr Herz drangen. Und er flüſterte ihr in das Ohr: Mädchen in Sie ſterben, chindern?“ „drückte aber ad drückte ſie„Ich beſchwöre Sie, ſagen Sie mir, daß Sie mich lieben!“ n,“ ſprach er Deniſe ſträubte ſich nicht mehr und ein reines Lä⸗ nph verrieth; cheln umſchwebte ihren Mund. ägt, und ich„Franz,“ ſprach ſie,„ich werde die ganze Nacht 4 en und meine für Sie zu Gott beten.“ Jhre Lebe be⸗„Und Sie lieben mich?“ „Ja, ja, ich liebe Sie und wenn Sie ſterben, n neuem das ſterbe ich auch.“ znüdderſchlug. Auf beiden Seiten des Trottoirs ließen ſich in Laſt ihius Tritte vernehmen. Die Lippen der beiden jungen Leute berührten ſich zu einem flüchtigen Kuſſe. 106 Dann entfloh Franz und Deniſe ſtützte ſich halb⸗ ohnmächtig an die ſchwere Thür des Hauſes. Es vergingen mehrere Minuten, che ſie ſich wieder ſo weit ſammelte, um klopfen zu konnen. Das Geſchehene war für ſie wie ein unruhiger Traum. Als ſie in das Zimmer ihrer Mutter trat, war ſie kalt und ihr Geſicht hatte eine marmorne Unbe⸗ weglichkeit. Die Vicomteſſe Audemer ſaß an der einen Seite des Kamins; an der andern ſtand der Chevalier, der ſeinen weißen Palletot ohne Zweifel in dem Vor zimmer gelaſſen hatte. „Du kömmſt ſpät, mein Kind,“ ſagte die Vi⸗ comteſſe,„und Herr von Reinhold wartete auf Dich, um Dir ſeine Huldigung darzubringen.“ Der Chevalier verbeugte ſich und lächelte. Deniſe grüßte ihn ohne zu wiſſen, was ſie that. „Eine gute Nachricht!“ fuhr die Vicomteſſe fort, indem ſie einen Kuß auf die Stirn ihrer Toch⸗ ter drückte.„Ich habe einen Brief von Deinem Bruder Julian erhalten, der ſeine Ankunft auf mor⸗ gen ſpäteſtens ankündiget.“ „Der liebe Julian!“ rief der Chevalier aus; „er muß jetzt ein vollendeter Cavalier ſein.“ Deniſe ſchien nichts zu hören, denn in ihrem Herzen gab es jetzt nur einen Namen und einen Gedanken.. Franz tvarts hi in ſeiner faſſn, ba weiter fort 107 Franz ging in unermeßlicher Freude die Bou⸗ levarts hinauf. Bald blieb er plötzlich ſtehen, um in ſeiner Wonne gleichſam ſich von neuem zu faſſen, bald ſetzte er laut aufjauchzend ſeinen Weg weiter fort. che ſie ſich zu können. unruhiger ertrat, war morne Unbe⸗ einen Seite r Chevalier, in dem Vor ſagte die Vi⸗ tete auf Dich, .“ lächelte. was ſie that. die Vicomteſſe m ihrer Toch⸗ von Deinem kunft auf mor⸗ Chevalier aus; ſein.“ Deniſe em Herzen gat Gedanken.. Fünftes Kapitel. Die Giraffe. Der Temple war ſchon längſt geſchloſſen und man ſah die drei oder vier Gasflämmen, welche den Haupteingang erhellen zu wollen ſchienen. Alles war ſtill in dieſem noch vor Kurzem ſo geräuſchvol⸗ len Raume. Die lockenden Buden, welche unab⸗ läſſig den Armen anziehen und ihm Schutz gegen die Kälte des Winters verheißen, ſtanden öde und ein⸗ ſam da. Auf den Strohſeſſeln der verlaſſenen Stände war keine der Sirenen zurückgeblieben, um die gewöhnliche aber beredte Rede zu halten, welche den Kaufluſtigen blendet und ihn da ein Kleidungs⸗ ſtück ſehen läßt, wo nur Lumpen ſind. Der Geiſt der Lüge und der Habſucht, welcher die Seele des Temple iſt, ſchlummerte auf einige Stunden und Inüchten; J nan ſah Raum vo Hunden b Wenn wihe der von dem F lenhalle iſt platten wie wiſſen, was und Diffre Gitter auf! Gewöh ſie etwas S die glücklic DVelt keine wii; mo Säcllüſeel das auf d aſfene golg d t bekehrte uft. Eini I arten an d und Andere ſenem hübſe Andere ein, wenn man geſchloſſen und nen, welche den chienen. Alles ſo geräuſchvol⸗ „welche unab⸗ Schuß gegen die n oͤde und ein⸗ der verlaſſenen kgeblieben, um halten, welcht zein Kleidungs⸗ ind. Der Geiſ r die Seele des ge Stunden und man ſah nichts mehr als einen großen vierſeitigen Raum von Buden, die von vier Männern und vier Hunden bewacht wurden. Wenn man des Abends an der weißen Säulen⸗ reihe der Börſe vorübergeht, ſcheint der ſtille Palaſt von dem Fieber des Tages auszuruhen. Die Säu⸗ lenhalle iſt verödet; kein Tritt hallt auf den Stein⸗ platten wieder und zwei Schildwachen, welche nicht wiſſen, was feſte Rente, was Promeſſen, Prämie und Differenz iſt, gehen allein an dem verſchloſſenen Gitter auf und ab. Gewöhnlich iſt die Einſamkeit traurig, hier hat ſie etwas Heiteres. Man denkt unwillkührlich an die glückliche Zeit, in welcher die fortgeſchrittene Welt keine Diebe und Speculanten mehr kennen wird; man denkt an die Stunde, in welcher der Schlüſſel zu dieſen Pforten verloren geht und das auf der ſtaubigen Eſtrade des Parquets ver⸗ laſſene goldene Kalb einſam brüllt und vergebens die bekehrte Menge ſeiner ſonſtigen Verehrer herbei⸗ ruft. Einige ſehen in der Zukunft einen ſchönen Garten an der Stelle dieſes furchtbaren Heiligthums und Andere entwerfen in Gedanken den Plan zu einem hübſchen Phalanſtere, das ſie dahin bauen möchten; Manche errichteten lieber eine Kirche da, Andere ein Theater, das Beſte aber dürfte es ſein, wenn man ein Hoſpital für diejenigen baute, welche 109 110 ſchwere Wunden in den tödtlichen Kämpfen der Agio⸗ Der Tem g tage davon trugen. Vor dem leeren Temple träumt man auch, aber von der Armuth, welche jeden Tag ſo viele Hunderte Wucher de dauern, bi in Flugſch von Unglücklichen in dieſe Räume treibt; man denkt wohner da an den unbeweglichen Egoismus der Leute, welche ceer Rente beſitzen und an die nutzloſen Beſtrebungen der Jün⸗ Auch i ger der ſocialen Wiſſenſchaft; die Einen ſchweigen und ödege und hüllen ſich in ihren unbarmherzigen Wohlſtand, phant“, d während die Andern ſchwatzen und ſich endlos dre⸗ eeichnetm hen und verzerren, ſich abmühen, ihre Einbildun⸗ Eäille um gen für Grundſätze, ihre Träumereien für Weiss im Sche heitsſprüche halten, ſich vom Morgen bis zum Abend zendes Lich abarbeiten und ſich mit dem krankhaften Zorne der len herbei. Schwäche gegen das Beſtehende ſtürzen. Die q Wenn ſie zufällig morgen ſtark wären, würden gewöhnli ſie niederreißen, aber neu aufzubauen verſtehen ſie waren an nicht. In de Ihr Herz iſt reich an edlen Gedanken; ſie ſehen wohlfeile das Unglück und erzürnen ſich darüber, aber in ihrem alten Tro nebelhaften Geiſte haben ſie nur einen armſeligen, an, welche übereilt angefangenen Roman, deſſen Entwickelung und vertro ſie nicht zu finden vermögen. die T Der Temple iſt nützlich, da die Lumpen doch ſſ gegen? beſſer ſind als die Nacktheit. Die Armuth fügt ſich inmer dieſ den habſüchtigen Lügen der Handelsleute, die ſie ich eher zu beſſer kennt als wir, aber ſchweigend hinnimmt. Eigent fen derAlio⸗ auch, aber iele Hunderte t; man denkt Leute, welcht ngen der Jun⸗ ien ſchweigen en Wohlſtand, h endlos dre⸗ re Einbildun⸗ en für Weis bis zum Abend ften Zorne der en. wären, würden ien verſtehen ſi mken; ſie ſehen :, aber in ihrem nen armſeligen, en Entwickelung ze Lumpen doch Arnuth fügt ſi elsleute, die fe igend hinnimmt. 111 Der Temple iſt eben ſo nützlich, wie der nützliche Wucher des Leihhauſes und ſein Nutzen wird ſo lange dauern, bis die genialen Männer, welche die Arbeit in Flugſchriften zu organiſiren ſuchen, für jeden Ein⸗ wohner das Minimum von tauſend Thalern jährli⸗ cher Rente gefunden haben. Auch in der Umgegend des Temple war es ſtill und öde geworden. Die„Löwen“ und„der Ele⸗ phant“, die beiden nebenbuhleriſchen Wirthshäuſer, zeichneten ſich dagegen durch ihren Lärm von der Stille umher aus und die Gasflammen, die an ihren Schenktiſchen brannten, verbreiteten ein glän⸗ zendes Licht und lockten von fern die durſtigen Keh⸗ len herbei. Die anderen beſcheidenen Wirthshäuſer, welche gewöhnlich die Concurrenz nicht aushalten konnten, waren an dieſem Abend ebenfalls zahlreich beſucht. In der ganzen Straße Dupetit Thouars floß der wohlfeile Wein in Strömen und die jungen und alten Trödlerinnen feuchteten ihre Zungen reichlich an, welche durch das Geſchrei den Tag über ermüdet und vertrocknet waren. Die Templeſtraße war noch gerade ſo wie wir ſie gegen Abend geſehen haben. Es herrſchte noch immer dieſelbe Bewegung da und der Lärm ſchien ſich eher zu ſteigern als nachzulaſſen. Eigentlich war die Zeit ſich zum Ball anzukleiden, 1 112 noch nicht gekommen, aber in dieſem Stadttheile ſchämt ſich Niemand ſeiner Ungeduld, deshalb wim— melte es denn auch bereits von Maskirten auf den Trottoirs und hier und da entwickelten ſich langwierige Streitigkeiten in der eigenthümlichen Carnevals⸗ ſprache. An den Modehandlungen drängten ſich noch immer Neugierige, welche den baumwollenen Sammet, die Langſhwals mit Franſen und die illuminirten Bil⸗ der betrachteten, welche da auslagen und Tänzer und Tänzerinnen vorſtellten. Wenn der Carneval das ganze Jahr hindurch dauerte, es würden ſich Maulaffen finden, die alles dies dreihundert und fünf und ſechzigmal anſtaunten. Unter den Wirthshäuſern in der Nähe des Tem⸗ ple iſt nach dem„Elephanten““ und den„zwei Lö⸗ wen“ dasjenige eines der beſuchteſten, das eine „Giraffe“ im Schilde führt. Es befindet ſich an der Ecke der kleinen Seilerſtraße und des gleichna⸗ migen Platzes. Unſer Reiſender, der Baron von Rodach, den wir mitten auf dem Markte verlaſſen haben, wo er ver⸗ gebens den jungen Franz ſuchte, hatte ſich ſeitdem noch nicht entfernt. Alle, welche ihn an den verſchloſſenen Buden hingehen ſahen, hielten ihn fuͤr einen Polizeidiener, zumal da dieſe Art Leute ſich in dem übelberüchtigten Stdthei ten pflege Unſer lleidet un zu kümm machte. Als e tr ſich gere denſtraße, der ſeinen Gleich und wußte Vori Verwund hatte, d andern i⸗ ſehr glä ſchloſſen „Ei ſchüttelnd ſen und ig gen nicht. ſein, wen dies Hau Trot Klingel u Wo ‿ I. Stadttheilt halb wim⸗ en auf den langwierige Carnevals⸗ hnoch immer Sammet, die iinirten Bil⸗ dTänzer und aht hindurch den, die alles al anſtaunten. dähe des Tem⸗ den„zwei Lö⸗ en, das eine efindet ſih an des gleichna⸗ cdach, den wit en, wo er ver⸗ tte ſih ſeildem loſſenen Buden m Polizeddenet, übelberüchtigien Stadtheile ſich immer in ziemlicher Anzahl aufzuhal⸗ ten pflegen. Unſer Reiſende hatte ſich noch nicht anders ge⸗ kleidet und ſchien ſich auch wenig um den Eindruck zu kümmern, den er auf die Vorübergehenden machte. Als er endlich den Trödelmarkt verließ, begab er ſich geradeswegs an das fernſte Ende der Rotun⸗ denſtraße, wie Jemand, der weiß warum er geht und der ſeinen Weg kennt. Gleichwohl blieb er am Ende der Straße ſtehen und wußte nicht, wohin er ſich wenden ſollte. Vor ihm ſtand ein ganz neues Haus und ſeine Verwunderung verrieth es, daß er nicht erwartet hatte, daſſelbe zu finden. Dieſes Haus glich den andern in der Nähe nicht, ob es gleich keineswegs ſehr glänzend ausſah. Der Baron blieb unent⸗ ſchloſſen an der Thuͤre ſtehen. „Eine neue Verlegenheit!“ murmelte er kopf⸗ ſchuͤttelnd vor ſich hin.„Der Temple iſt geſchloſ⸗ ſen und ich finde nun Madame Batailleur vor mor⸗ gen nicht. Mein Freund Hans muß ausgezogen ſein, wenn er nicht gar reich geworden iſt, denn dies Haus ſieht mir für ihn zu ſchön aus.“ Trotz dieſen Betrachtungen zog der Baron die Klingel und trat zu dem Hausmeiſter ein. „Wohnt Herr Dorn hier?“ fragte er. . 8 II Teuea 114 „Mir nicht bekannt,“ antwortete man aus einer warmen Hausmeiſterſtube, die ſehr ſtark nach Zwie⸗ beln roch. Dann ſetzte man hinzu: „Was thut er?“ „Er iſt Kleiderhändler,“ antwortete der Baron, „und wohnte früher in dieſem Hauſe,“ „Als es ein altes Neſt war,“ entgegnete der Hausmeiſter.„Jetzt wohnt kein Kleiderhändler hier. Sehen Sie ſich in der Nähe um.“ Dann warf der Hausmeiſter die Thüͤre dem Ba⸗ ron vor der Naſe zu und dieſer ging verdrießlich fort. Als er wieder auf der Straße war, ſah er ſich um, als ſuche er das verſchwundene Haus, in wel⸗ chem er Hans finden könnte. „Wo iſt er aufzutreiben?“ dachte er, indem er umkehrte.„Gott gebe nur, daß er ſich nicht ganz aus dem Temple entfernt hat! Wenn er noch da iſt, will ich ihn ſchon finden und ſollte ich an einer Thüre nach der andern anklopfen.“ Hans Dorn trat in dieſem Augenblicke in das Wirthshaus zur„Giraffe““, deſſen Eigenthümer, Johann, ein alter Bekannter von ihm war. In der „Giraffe“ fanden ſich namentlich die Deutſchen zu⸗ ſammen, die in der Umgegend des Temple zahlreich ſind und gern zuſammen halten. In der Gaſtſtube ſtanden herumziehende Trödler am Schenktiſch und tranken. Sie wurden da vor iner dic welche de die Frau Bluthaup knnen ge Chriſtel, als die wie das⸗ und ſchma In ein die Brunn Geſellſchaf die man deulſche in der, ten zu ſy Ns vechſelte dedruck, d Tiinkenden Ein 3 nahm den Faſt ds Hauſe ig, verdie 11⁵ uan aus einer einer dicken Frau mit vollem rothem Geſichte bedient, nach Zwie⸗ welche deutſch und franzöſiſch radebrechte. Sie war die Frau Johanns, den wir ſchon in dem Schloſſe Bluthaupt als einen der Diener des alten Günther 1 kennen gelernt haben. Sie hieß Lotte, Lene oder. Chriſtel, aber ihre Gäſte nannten ſie nicht anders 5 ntgegnete der als„die Giraffe“ ob ſie gleich ſo dick und klein war. der Baron, hndler hie. wie das Thier auf ihrem Wirthshausſchilde lang 5 und ſchmächtig iſt.— 1 uür dem Ja⸗ In einer Stube von mittlerer Größe, welche auf drießlich fort. „ſah er ſich aaus, in wel⸗ die Brunnenſtraße ging, war eine ziemlich zahlreiche Geſellſchaft an zwei oder drei Tiſchen verſammelt, die man an einander gerückt hatte. Alle waren 6 Deutſche und ſie feierten den Carneval. er, indem er ſich nicht ganz er noch da it, ich an einer Dieſelben Gäſte erſchienen des Jahrs mehrmals in der„Giraffe“, um zu trinken und von alten Zei⸗ ten zu ſprechen. Als Hans Dorn durch die Gaſtſtube ſchritt, llike in das wechſelte er mit der„Giraffe“ einen herzlichen Hän— Eigrchümn, dedruck, dann bahnte er ſich einen Weg durch die rrun. In der Trinkenden bis in das erwähnte Stübchen. Deutſchen zu⸗ Ein Freudenruf bewillkommnete ihn da und er emple zahlreich nahm den einzig noch leeren Platz am Tiſche ein. Faſt alle Verſammelte waren ehemalige Diener ichende Trödler des Hauſes Bluthaupt oder doch in der Nähe gebür⸗ wunden da ver tig, verdienten in Paris jetzt ihren Lebensunterhalt 8* 116 auf verſchiedene Weiſe und die meiſten ſtanden irgend wie mit dem Temple in Verbindung. Johann hatte die Grenzen des reifern Alters bereits überſchritten, aber ſein mißtrauiſches Weſen nicht verloren. Sein Geſchäft blühete indeß und alles an ihm verrieth Wohlſtand. Fritz, der ehemalige Bote, ſchien ſich ſeines Schick⸗ ſals nicht in gleichem Maße rühmen zu können. Er handelte mit alten Kleidern wie Hans Dorn, aber was er dabei verdiente, geſtattete ihm nicht viel auf ſeinen Anzug zu verwenden. So trug er auch jetzt einen fadenſcheinigen grauen Palletot und einen zer⸗ drückten Hut. Hans Dorn dagegen war anſtändig gekleidet. Er zog nicht mehr trödelnd umher, ſondern machte ſeine Einkäufe im Großen im Temple. Auch glaub⸗ ten ſeine Freunde, er habe ein hübſches Suͤmmchen bei Seite gebracht, um ſeine Tochter Gertrude damit auszuſtatten. Die Andern, welche in Bluthaupt oder in der Umgegend des Schloſſes gedient hatten, waren zu verſchiedenen Zeiten durch die ſchlechte Behandlung vertrieben worden, die ſie von den Nachfolgern des Grafen Günther erfahren. Was ſie vielleicht gern von dem Sohne Bluthaupts ertragen hätten, mochten ſie unter keiner Bedingung von Fremden erdulden. Die meiſten von ihnen hatten es an andern Orten gerſucht, di, welch Andern ve Deulſchen ſo verdien große Müͤh nicht zu be Der A hatte vom auch dem ſich doch tr Hans Dor „Nun Minuten, enander „Lei „Na Hinzu, der lit;„we geht es faſt die ga diſer höch s Wohl Hieb hatte Das( warf einen nden irgend fern Alters ſches Weſen indeß und ſeines Schick⸗ zu können. 5 Dorn, aber nicht viel auf er auch jetzt d einen zer⸗ dig gekleidet. endern machte Auch glaub⸗ es Suͤmmchen jertrude damit toder in der en, waren zu eBehandlung rachfolgern dee vielleicht gem zgäͤtten, mochten den erdulden. mandern Otten 117 verſucht, ehe ſie nach Paris gekommen waren und die, welche ſich zuerſt da niedergelaſſen, hatten die Andern veranlaßt, ihnen zu folgen. Da nun die Deutſchen in der Regel fleißig und ſparſam ſind, ſo verdienten die Meiſten ihren Unterhalt ohne zu große Mühe und hatten ſich über ihr neues Vaterland nicht zu beklagen. Der Abend fing ziemlich luſtig an. Johann hatte vom Beſten hergegeben und wenn ſein Wein auch dem Rheinweine nicht gleich kam, ſo ließ er ſich doch trinken, zumal da Alle Durſt hatten. Nur Hans Dorn brachte kein recht heiteres Geſicht mit. „Nun, Kinder,“ ſagte Johann nach einigen Minuten,„gehen die Geſchäfte etwas beſſer ſeit wir einander das letztemal ſahen?“ „Leidlich, leidlich,“ antwortete man überall. „Naris iſt nicht übel,“ ſetzte ein ſtarker Mann hinzu, der recht anſtändig gekleidet war und Hermann hieß;„wenn man ſich das Trinken nicht angewöhnt, geht es faſt von ſelbſt.“ Die ganze Geſellſchaft gab ihre Zuſtimmung zu dieſer höchſt moraliſchen Rede und man trank auf das Wohl des weiſen Hermann, der bereits einen Hieb hatte. Das Geſicht Fritzens hatte ſich verdüſtert und er warf einen traurigen Blick auf ſeinen abgeſchabten, 118 ſchmuzigen, ziemlich knopfloſen Palletot, der von den Feſtkleidern der Andern unangenehm abſtach. „Beim Trinken,“ murmelte er in ſein Glas hinein,„vergißt man mancherlei. Wohl denen, die nichts zu vergeſſen haben!“ Fritz war ein Mann von etwa fünfzig Jahren und hatte ein langes, hageres, bleiches und bärtiges Geſicht. Die Runzeln auf der Stirn und der fin⸗ ſtere Ausdruck ſeines Blickes verriethen Abmattung und Leiden. Er verdiente ſo viel als die Andern, aber jeden Tag betrank er ſich, allein, man wußte nicht wo. „Ich freue mich,“ ſagte jetzt Hermann,„Euch noch einmal alle beiſammen zu ſehen; wir halten uns gut und in den Jahren, ſeit wir die Heimath ver⸗ laſſen haben, iſt noch keiner hier ausgeblieben.“ „Die arme Gertrud ausgenommen,“ ſagte leiſe der Wirth Johann, der Hans Dorn von der Seite anſah. Hans Dorn ſaß ſo in Gedanken, daß er nichts gehört hatte als den Namen Gertrud. „Ich danke, Nachbar,“ antwortete er,„meine Tochter beſindet ſich, Gott ſei Dank! wohl und ſie hat mir aufgetragen die Geſellſchaft zu grüßen.“ Alle am Tiſche blinzelten mit den Augen. „Nachbar,“ platzte Johann endlich heraus, „was fehlt Dir heute Abend? Mir macht man b häͤufig; Fruudenſti Du dageg Sal ich nachen?“ Hans von ſtiner ,Schh ſein graues⸗ ti Gedank nicht mehr! ſhmerzen. ſngen und Laßt uns wird wich Dann das der. war. Er ffij uſtige Klan d ſogleich zu den durſt llpſte laut wurde feu erwartet d age. Als da 119 der von den es haͤufig zum Vorwurfe, daß ich ein Murrkopf und lach. Freudenſtörer ſei, was zu meinem Stande nicht paßt; ſein Glas Du dagegen giltſt für einen guten Geſellſchafter. il denen, die Soll ich heute Abend für Dich lachen und Witze machen?“ nfzig Jahren Hans Dorn ſtrich mit Gewalt die Runzeln und bariiges von ſeiner Stirn und machte ein freundliches Geſicht. 4 und der fin⸗„Ich habe allerdin gs etwas,“ ſagte er, indem er 1 n Abmattung ſein graues Haar ſchüttelte;„es iſt mir heute Abend ein Gedanke in den Kopf gekommen, ich kann ihn 94 , aber jeden nicht mehr loswerden und er macht mir ſogar Kopf⸗ nicht wo. ſchmerzen. Aber ich bin hier, um deutſche Lieder zu ¹ nann,„Euch ſingen und von unſerm alten Bluthaupt zu reden. wirhalten uns Laßt uns alſo ſingen und ſchwatzen, Freunde; das 5 Heimath ver⸗ wird mich heilen.“ tblieben.” Dann erhob er ſein Glas vor das Geſicht, auf 1 n,“ſagtelit das der Ausdruck herzlicher Heiterkeit zurückgekehrt war. Er ſtimmte ein Lied an, Alle fielen ein und der luſtige Klang ſchallte bis hinaus in die Gaſtſtube, wo es ſogleich ſtille wurde und die Gläſer auf dem Wege . eie zu den durſtigen Lippen innehielten. Manches Herz irer, 7 d it klopfte lauter bei dieſen Tönen und manches Auge viſ 6 wurde feucht. Es war als ob ein guter Wind un⸗ ugrihen. erwartet die geliebte Stimme der Heimath herbei⸗ Augen. trage. —ndlich ſhun Als das Lied zu Ende war, riefen Alle: Bravo! Nit macht ma von der Seite daß er nichts 120 und tranken auf das Wohl derer, welche von Deutſch⸗ land ſprachen. In dem Stübchen war die Rührung noch größer und als man weiter ſang, bebte manche Stimme. Es war eins der einfachen melancholiſchen Lie⸗ der, welche das den Deutſchen eigenthümliche muſt⸗ kaliſche Gefühl mit einer ſchönen Harmonie umkleidet. Das ganze Vaterland lag in dem Geſange, der aus Deutſchland ſtammte und von Deutſchen geſungen wurde. Sie legten ihre ganze Seele hinein und wie die Töne über die Lippen kamen, wachten die Erinnerun⸗ gen in Menge auf. Alle ſahen immitten einer weiten Landſchaft das alte Schloß, das ſtolz ſeine altergrauen Thürme emporſtreckte. Der letzte Ton endlich erſtarb in dem Klange der an einander geſtoßenen Gläſer und es trat eine lange Pauſe ein. Hans Dorn ſah gedankenvoll mit halboffnem Munde vor ſich hin und ſchien bei ſich zu lächeln. „Es war doch eine gute Zeit,“ ſagte endlich Hermann;„wir waren alle jung und der Herr des Schloſſes hieß noch Bluthaupt!“ Hans wendete ſein träumeriſches Auge nach ihm hin. „Wer weiß, ob die Bluthaupt ausgeſtorben ſind!“ flüſterte er. Johan unruhig we Augen. Hans wolle er ett „Erim rethe?“ fte ſeine nächſte „Obr alls, „Ichb patron,“ ine Heilig Hand „Wel er fort. Name Bl Erhie Munde un Das mitroth und ſah man an Däſem In dem cen wollt, auf das Fe Alle B hevon Deutſc ng noch größer nche Stimme. ncholiſchen Li⸗ chümliche muſ⸗ nonie unkleidet. ſange, der aus iſchen Reſungen n und wie die die Erinnerun⸗ en einet weiten ſeinealtergrauen dem Klange der trat eine lange nit halboffnem hzu lächeln. ſagte endlich d der Herr des zes Auge nach ot ausgeſtorben —— Cã; 121 Johann ſchuttelte das Haupt, während ſein Blick unruhig wurde. Die andern Gäſte machten große Augen.. Hans Dorn bewegte einigemal die Lippen als wolle er etwas ſagen. „Erinnert Ihr Euch noch der Gräfin Marga⸗ rethe?“ fragte er endlich ſo leiſe, daß ihn kaum ſeine nächſten Nachbaren verſtanden. „Ob wir uns ihrer erinnern!“ rief Hermann aus. „Ich bete zu ihr ſo oft wie zu meinem Schutz⸗ patron,“ ſetzte Fritz hinzu,„denn ſie iſt jetzt gewiß eine Heilige im Himmel.“ Hans Dorn ſaß mit niedergeſchlagenen Augen da. „Wenn Ihr ſie geſehen hättet wie ich!“ fuhr er fort.„Es war wie eine Erſcheinung und der Name Bluthaupt ſchwebte mir auf den Lippen.“ Er hielt inne; die Anweſenden horchten mit offnem Munde und Johann betrachtete ihn von der Seite. Das auf die Brunnenſtraße gehende Fenſter war mit roth und weiß gegitterten V orhängen verhüllt, doch ſah man an jeder Seite die Hälfte der Scheibe. Dieſem Fenſter gegenüber ſaß Hermann. In dem Augenblicke als Hans Dorn weiter ſpre⸗ chen wollte, zeigte Hermann plötzlich mit dem Finger auf das Fenſter. Alle Blicke richteten ſich dahin und man ſah, dicht — 122 an die Scheibe gedrückt, ein bleiches Geſicht, das ſich aber ſofort zurückzog und im Dunkel der Straße verſchwand. Hans Dorn erſchrak und ſtieß einen halb unter⸗ drückten Schrei aus. „Noch einmal!“ ſagte er dann;„noch eine Erſcheinung!“ „Deine Erſcheinung,“ fiel der Wirth ein,„ſoll der Teufel holen! Ich will ſie lehren da herein zu ſehen. Fritz, ziehe die Vorhänge zu und wartet ein wenig.“ Er ſtand auf, nahm einen Stock aus einem Win⸗ kel und eilte hinaus. Als er fort war, wurde die Thüre der Gaſtſtube, welche er zuzumachen vergeſſen hatte, leiſe halb ge⸗ öffnet und es zeigte ſich das träge Geſicht des blöd— ſinnigen Geignolet. Niemand bemerkte ihn. Er betrachtete einen Augenblick die Gäſte mit ſchweigendem und dummem Lachen, dann ſchlüpfte er in das Stüͤbchen, in welchem die Deutſchen ſaßen und kauerte ſich unter einen Tiſch in der Nähe der Thüre. Joſep brechlichen Gliedmaf und eine den beide ſchwand. Sein bewegliche Naſe war berührten chem man Er ma ſteckte die wein, welg Als d eſicht das der Straße halb unter⸗ „moch eine rih ein,„ſoll da herein zu nd wartet ein a einem Win⸗ der Gaſtſtube, leiſe halb ge⸗ tſict des blöͤd⸗ die Gäſte mit dann ſchlüpfte Hdeutſchen ſäßen — der Nähe der Sechſtes Kapitel. Der kleine Günther. Joſeph Regnault oder Geignolet hatte einen ge⸗ brechlichen Körper und dicke Gelenke an den dürren Gliedmaßen, große Plattfüße, ungeheuere Hände und eine gleichſam eingeſunkene Bruſt, die zwiſchen den beiden ſpitz emporſtehenden Schultern ganz ver⸗ ſchwand. Sein großer Mund blieb faſt immer in dem un⸗ beweglichen Lächeln des Blödſinns halb offen. Seine Naſe war eingedrückt und ſeine vorſtehenden Augen berührten faſt das dünne rothgelbe Haar, unter wel⸗ chem man kaum eine Spur von Stirn bemerkte. Er machte es ſich unter dem Tiſche bequem und ſteckte die Zunge mit Behagen in ein Glas Brannt⸗ wein, welches er in der Hand hielt. Als das Glas leer war, nahm er aus der Taſche ——— 5 — 124 ein Fläſchchen, das er mit liebkoſender Zärtlichkeit küßte, füllte das Glas von neuem und trank in unbemerk⸗ lichen Schlückchen wie naſchhafte Kinder. Dabei machte er kein Geräuſch, ſo daß ſeine An⸗ weſenheit von Niemanden geahnet wurde. Johann war draußen und in den Wirthshäuſern am Temple wird wie überall ſonſt von den Abweſen⸗ den geſprochen. Diejenigen, welche an dem Tiſche ſitzen geblieben waren, fingen denn auch von dem Wirthe zu reden an. Man erklärte ihn für einen braven Mann, es ſchien aber als wüßte man ſchon, was man darunter zu verſtehen habe, denn die Lobſprüche wurden von einem ſpöttiſchen Lächeln begleitet. So viel ließ ſich leicht errathen, daß der Wirth gerade für keinen Heiligen galt und daß man ziemlich mißtrauiſch gegen ihn war. Endlich kam Johann zurück und ließ wiederum die Thüre offen, warf dann den Stock in eine Ecke und ſetzte ſich übellaunig nieder. „Nun, alte Freunde,“ ſagte er,„jetzt ſind wir ſicher und brauchen keine Neugierigen mehr zu fürch⸗ ten. Jetzt wollen wir trinken, daß wir beſſer ſehen lernen.“ „Ich wußte wohl, daß Du Niemanden treffen würdeſt,“ fiel Hans Dorn ein;„diejenigen, welche ſich ſo in den Stunden zeigen, in welchen man von. den Tot wenn ſte auge zue „Ach Die! bekreuzigt „Wer mann.„ unterbroch „Der derhändler chen; aben Narr, Ih heiten zu ſe cl,„Und ander.“ „i „lſt es doc Vir wollen auch mit de verheiratheg „Ach, hübſches N. ger waͤre ichkeitküßte, n unbemerk⸗ aß ſeine An⸗ d. dirthshäuſern den Abweſen⸗ izen geblieben irthe zu reden en Mann, es sman darunter he wurden von daß der Wirth aß man ziemlich ließ wiederum tock in eine Eck „jebt ſind wit mehr zu fürch⸗ wir beſſer ſehi jemanden treffe jejenigen, welcht welchen man von . den Todten ſpricht, wiſſen ſich ſchon zu verbergen, wenn ſie wollen und dann vermag ſie kein Menſchen⸗ auge zu ermitteln.. „Ach, ſchweig!“ meinte Johann. Die Andern üͤberlief ein kalter Schauer und Fritz bekreuzigte ſich. „Wen haſt Du geſehen, Nachbar?“ fragte Her⸗ mann.„Du wollteſt es uns eben ſagen als wir unterbrochen wurden.“ „Der, welchen ich ſah,“ antwortete der Klei⸗ derhändler,„war ein Menſch von Fleiſch und Kno⸗ chen; aber warum davon reden? Ich bin ein armer Narr, Ihr wißt es ja; ich glaube überall Aehnlich— keiten zu ſehen und immer tritt mir ein Bluthaupt in den Weg.“ 9 Hermann reichte ihm die Hand über den Tiſch. „Du biſt ein gutes Herz, Nachbar Dorn,“ ſagte er,„und Du weißt ja, deßhalb lieben wir uns ein⸗ ander.“ A&/ 7 „Za, fiel jetzt der Wirth achſelzuckend ein, „iſt es doch als ſäßen wir bei einem Leicheneſſen.. Wir wollen von den Lebenden reden, ſonſt wird es auch mit dem Trinken nichts. Nachbar Dorn, wann verheiratheſt Du Deine Tochter?“ „Ach,“ ſagte Hermann,„die giebt einmal ein huͤbſches Weibchen! Wenn ich zwanzig Jahre jün— „ger wäre..“ 12⁵ 126 „Sie iſt ja noch ein Kind,“ antwortete Hans Dal Dorn;„es iſt noch lange Zeit bis zu ihrer Heirath.“ ond ſetze „Na,“ bemerkte der ungläubige Johann,„Nach⸗„Hot bar Dorn, ſie iſt kein Kind mehr, ſie hat ſchon recht V Dann beredte Augen im Kopfe. Ich weiß, was ich weiß.“„Geig „Sie hat Augen und Geld,“ fuhr Hermann ., 6 Bruder zu fort;„Du wirſt ein hübſches Bürſchchen finden, Nach⸗ vir V bar Dorn, der ihr auch etwas zubringt. Wer eine Wirthſchaft anfangen will, muß etwas haben; wenn 345 ſeftet Man man gar nichts hat, iſt die Liebe nicht den Teufel werth.“ Naſe auf.“ . S...— 1: Me „Kein Geld!“ ſprach eine weinerliche Stimme„Walch in der Nähe der Thüre.„Johann Regnault hat kein Geld.“ der„Girat Du es erza Alles wendete ſich nach der Stelle, von welcher„Ich! die Stimme kam und da ſah man denn Geignolgt, wtachtlich der unter den Tiſch lag und vergnügt aus ſeinem„Du Schnappsgläschen nippte. Der R Johann blinzelte den Gäſten zu und lachte. und ger. „Davon wollte ich nicht reden, Nachbar Dorn,“ und das ſagte er,„aber der arme Johann ſcheint mit Deiner ſteude. Tochter beſſer zu ſtehen als es ſein ſollte.“ Geignole „Johann iſt ein guter Junge,“ antwortete der Nffain des Kleiderhändler;„er erhält ſeine Familie, aber ich gann er mit geſtehe freilich, daß ich mir einen andern Schwieger⸗ ſohn wünſche.“— n Das mein' ich!“ fielen Alle wie im Chor ein.— ,— 127 vortete Hans Da kroch Geignolet aus ſeinem Verſteck hervor rer Heirath.“ und ſetzte ſich rittlings auf eine Bank. am, Nach„Hott!“ rief er luſtig;„hott, Pferd!“ ha ſchon ret Dann ſetzte er in klagenden Tönen hinzu: as ich weiß.“ zei ürſt iß ſei ch weiß„Geignolet dürſtet ſehr, aber er weiß, was ſein fuhr Hermann Enden K Bruder zu Mamſel Gertrud ſagt.“ nfinden, Nach⸗— 4, 5 gt. We fi„Hört Ihr?“ fragte Johann. . Wer eint 3. haben; wem„Ja, ja,“ fuhr Geignolet fort„und alle Abende 1 t den Feſ heftet Mamſell Gertrud dem alten Hans Dorn eine 1 icht den Teufel 4 Naſe auf.“ „Welche Naſe, lieber Joſeph?“ fragte der Wirth der„Giraffe“ in ſchmeichelndem Tone.„Wenn Du es erzählſt, ſchenke ich Dir ein Glas Wein ein.“ 5 le, von welhe„ Ich mag keinen Wein,“ antwortete Geignolet U denn Geignoßt, verächtlich;„ich will Brantwein.“ geliche Stimme a Regnault hat rigt nns ſänn„Du ſollſt ihn haben, Geignolet.“ 6 Der Blödſinnige wiegte ſich auf ſeiner Bank hin und lachte. und her. Hans Dorn ſaß in großer Verlegenheit Nachbar Dom,“ da und das Geſicht des Wirths verrieth Schaden⸗ unt mit Dein freude. theint wit Deint ſollte.“ Geignolet ſang einen Augenblick den ſeltſamen 0 2 7 27 6 2 eantworttt di Refrain des Liedes, das ſein Werk war, dann be⸗ 4.. 3 24 . rilt aber ih gann er mit einem Male aus voller Kehle: Famie, undern Schwiege⸗ Morgen iſt Montag Und Mamma Regnault hat nicht dreiunddreißig Sous, in Chor d Um ihren Stand zu bezahlen. wie 2 128 Man wird uns hinauswerfen Zum Faſtnachtsdienſtag, Hinauswerfen, hinauswerfen, Eine luſtige Geſchicht'. „Das wiſſen wir ſchon,“ ſagte der Wirth Jo— hann;„weiter.“. Der Blödſinnige ſah ihn an und dann ſchien er nachzuſinnen. „Sie haben meine Flaſche noch nicht gefüllt,“ ſagte er. Johann nahm eine Flaſche Branntwein und goß etwas in das Fläſchchen des Blödſinnigen. „Hott, Pferd!“ rief er, indem er mit großer Freude auf die Bank ſchlug. Dann ſetzte er ſeinen Geſang fort: „Der Sohn Regnault kommt Abends nach Hauſe Und giebt alles ſein Geld der Mama Zu Brod, zu Brod. Mir, mir giebt er einen Sou, Damit ich nicht ſage, Daß er zu Gertruden geht Und ſie küßt und ſie küßt. Eine luſtige Geſchicht’.“ Alle Anweſenden lächelten und nur Hans Dorn kniff die Augenbrauen zuſammen. „ Nachbar Johann,“ ſagte er,„wenn Du mich zu ärgern glaubteſt, ſo iſt Dir es nur halb gelungen. Johann Reg Ihr, aber er ih ja auch, gehorſam wüt Der Wirt „Packe indem er ihm! Geignolet „Ich bit fort, als ſpräch Gertruds war der Virth lager, ſah zien noch ein ander über die arme naͤmlich die J gewiſſen Anth ein ſchlechtes Geld dabei. Troß ſeinem hatte einen Re in deſſen Namen Migji, die, w ter geben würde Sache in Ordnu ftlgeſhlagen u 6 eintrete 129 Johann Regnault iſt arm, ich weiß es ſo gut als Ihr, aber er iſt ein braver Menſchennd dann weiß ich ja auch, daß Gertrude lieber ſterben als mir un⸗ gehorſam würde.“ Der Wirth ſchlug ärgerlich die Augen nieder. „Packe Dich!“ ſagte er zu dem Blödſinnigen, indem er ihm mit der Fauſt drohete. Geignolet entfloh ängſtlich. „Ich bin auch arm geweſen,“ fuhr Hans Dorn fort, als ſpräche er mit ſich ſelbſt,„„und die Mutter Gertruds war darum doch nicht unglücklich.“ Der Wirth Johann hatte ſein anſehnliches Wein⸗ lager, ſah ziemlich viele Gäſte bei ſich und betrieb noch ein anderes Gewerbe, das ihm große Macht über die armen Leute im Temple gab; er bezahlte nämlich die Miethen der armen Trödler für einen gewiſſen Antheil an dem Gewinne. Das, mochte ein ſchlechtes Gewerbe ſein, aber Johann verdiente Geld dabei. Trotz ſeinem Wohlſtande gab er nicht gern. Er hatte einen Neffen, der ſich etabliren wollte und in deſſen Namen ſehnte er ſich ſchon lange nach der Mitgift, die, wie er vermuthete, Dorn ſeiner Toch⸗ ter geben würde. An dieſem Abend hatte er die Sache in Ordnung zu bringen gedacht, aber ſie war fehlgeſchlagen und er ſchwieg nun verdrüßlich ſtill. Die eintretende Pauſe führte allmälig alle zu II. 9 130 der Erinnerung zurück, die ſie im Anfange des Bei⸗ ſammenſeins beſchäftigt hatte. Jeder hegte, ohne es zu wiſſen, einen und den— ſelben Gedanken und als Hermann von neuem den Namen Bluthaupt ausſprach, vergaßen Alle ſchnell das Zwiſchenſpiel des blödſinnigen Geignolet. „Es hat doch eigentlich Niemand die ſchreckliche Geſchichte recht ordentlich erfahren,“ fuhr Hermann fort. 1 „Was der Teufel thut,“ antwortete ein Ande⸗ rer,„bleibt immer ein Geheimniß und der Fall der Familie Bluthaupt iſt das Werk Satans.“ „Es war eine fürchterliche Nacht,“ fuhr Her— mann fort.„Mich ſchaudert's noch, wenn ich daran decke.“. Fritz wollte ſein Glas an die Lippen führen, aber ſeine Hand zitterte. „Innen im Schloß,“ flüſterte er,„und außen. Ach ja, es war eine fürchterliche Nacht. Die„Hölle“ war ſchwarz wie der wirkliche Höllenſchlund und noch immer höre ich jenen Schrei, der mich aufſchreckt, wenn ich ſchlafe und der mich zwingt zu trinken, da⸗ mit ich nicht daran denke.“ Er ſtrich dabei mit der Hand über die Stirn, auf welcher große Schweißtropfen ſtanden. „Jemand,“ fiel jetzt der Wirth Johann ein, „weiß von allen dieſen Sachen mehr als irgend einer, unſer Nachl gegen ſeine weil er uns Dorn al „a, k Mund aufge war doch die Margarethe ſelig! blieb g Dorn an ganz in ſeinen „Wir ha leiſer fort,, Männer von wie immer, Klaus, der iſ, hat ſie, Mongennebel Erſte jagte mit Körper ſchien hatte ein Kind ohnnäͤchtiges Die alten hatten dieſe G hörten ſie aben Sie hatten ja heimnißvollen 131 § Bei⸗ unſer Nachbar Hans Dorn, aber er hat ſich immer gegen ſeine alten Freunde nicht ausſprechen wollen, ad den⸗ weil er uns nicht traut.“ em den Dorn antwortete nicht. ſchnell„Ja, es iſt wahr, Dorn hat nie darüber den t. Mund aufgethan,“ ſetzte Hermann hinzu,„und er hreckliche war doch die halbe Nacht in dem Zimmer der Gräfin dermann Margarethe und ſeine Frau Gertrud, Gott habe ſie ſelig! blieb gar die ganze Nacht dort.“ in Ande⸗ Dorn antwortete noch immer nicht; er ſchien Fall der ganz in ſeinen Gedanken verſunken zu ſein. „Wir haben Alle ſagen hören,“ fuhr Hermann fuhr Her⸗ leiſer fort,„gegen Morgen waren die drei rothen richdermn Männer von Bluthaupt in dem Schloſſe erſchienen, wie immer, wenn ein Graf geboren wird oder ſtirbt. ihren, aber Klaus, der jetzt in dem Hauſe Geldberg Bedienter iſt, hat ſie, als er von Heidelberg zurückkam, im nd außen. Morgennebel über die Berge hinreiten ſehen. Der 1 Hölle“ Erſte jagte mit verhängtem Zügel und ſein feuerrother dund noch Körper ſchien ſein Pferd zu brennen. Der Zweite 5 nufſchrect, hatte ein Kind anf dem Arm und der Dritte hielt ein rinken, da⸗ ohnmächtiges Frauenzimmer auf dem Sattel.“ 1 Die alten Diener und Vaſallen von Bluthaupt die Stir, hatten dieſe Geſchichte hundertmal erzählen hören, 3 hörten ſie aber doch immer mit neuem Intereſſe an. Sie hatten ja gewiſſermaßen eine Rolle in dieſer ge⸗ heimnißvollen Legende geſpielt und einige Schritte ohann ein, rgend einer, 13² von ihnen war das Werk des Teufels vollbracht worden. „Das Kind war der Sohn des Teufels,“ ſagte der Wirth,„und das Frauenzimmer Gertrud, die unſer Nachbar Dorn ein halbes Jahr darauf hei⸗ rathete.“ Hans Dorn ſah ihn ernſt an. „Das Kind war der rechtmäßige Erbe von Blut⸗ haupt,“ antwortete er langſam,„und Gertrud ein ſanftes liebes Weib, das jetzt vor Gottes Thron kniet und für uns betet.“ Johann unterdrückte eine Geberde der Ungeduld. „Darüber iſt nicht zu ſtreiten, Nachbar,“ ſagte er;„Du weißt es und wir wiſſen es; aber warum ſchweigſt du immer, wenn wir Dich als Deine Herzensbrüder fragen?“ „Ich bin ſchwach,“ antwortete Hans Dorn, „und habe eine Tochter, deren einzige Stütze ich bin. Wenn meine Worte dem Erben unſeres Herrn nützlich ſein könnten, ſo wuͤrde ich, Gott ſei mein Zeuge! reden und ſollte ich durch ihre Rache vernich⸗ tet werden.“. „Weſſen Rache?“ fragte lebhaft der Wirth Jo⸗ hann, deſſen Auge einen vorſichtigen Blick an⸗ nahm. „Es ſind mächtige Männer,“ fuhr Hans Dorn fort, ſtatt zu antworten;„wir vermögen nichts gegen — ſe und kön thun.“ „Es wa aͤngſtlich,„ die Gräfin „Der Te wortete der⸗ glauben ihm und gut, Na Kind mag der Du biſt ſein) was aus ihm „Gähe es ein;„darübe zu verheimlich dem Tode de Gertrude un Familie noch wir erzogen Ulrichs kannte bisweilen. arm und verb einen Zufluche und tranke J das ſie alle d ih Thränen i wenn er ſeine! dracht ſagte V, die ff hei⸗ Blut⸗ trud ein on kniet geduld. “ ſagte rwarum 1s Deine es Herrn ſei mein vernich⸗ 9 K G. Lirth Io⸗ Blick an⸗ ans Dor chts gegen 133 ſie und können nichts für den Sohn Bluthaupts thun.“ „Es war alſo nicht der Teufel,“ fragte Einer ängſtlich,„der den Grafen Günther erwürgte und die Gräfin Margarethe erſtickte?“ „Der Teufel hat einen breiten Rücken,“ ant⸗ wortete der Wirth Johann,„und die Dummen glauben ihm viel aufladen zu können. Aber kurz und gut, Nachbar Dorn,“ ſetzte er hinzu,„das Kind mag der Sohn des Teufels ſein oder nicht, Du biſt ſein Pflegevater geweſen und mußt wiſſen, was aus ihm geworden iſt.“ „Gäbe es doch Gott!“ ſiel der Kleiderhändler ein;„darüber,“ ſetzte er hinzu,„habe ich nichts zu verheimlichen und kann Euch alles ſagen. Nach dem Tode des Grafen Günther begaben wir uns, Gertrude und ich, in das Schloß Rothe, wo meine Familie noch lebte. Das Kind war bei uns nnd wir erzogen es insgeheim. Nur die drei Söhne Ulrichs kannten das Geheimniß und beſuchten uns bisweilen. Sie waren damals jung und ſehr arm und verbannt. Sie hatten weder Geld noch einen Zufluchisort, aber ſie aßen trockenes Brod und tranken Waſſer, um das Kind zu unterſtützen, das ſie alle drei herzinnig liebten. Oftmals habe ich Thränen in den Augen des edeln Otto geſehen, wenn er ſeinen Neffen im Schlafe liegen und lächeln 134 ſah. Er dachte ohne Zweifel an die Gräfin Mar⸗ garethe, deren Ebenbild das Kind war. Selbſt die beiden leichtſinnigen Brüder Götz und Albert bückten ſich gerührt über die Wiege. Wenn es der liebe Gott erlaubt hätte, würde der kleine Gün⸗ ther drei kräftige Stützen gehabt haben. Er war ſchön. Die weiche milde Seele ſeiner Mutter ſprach aus ſeinen großen blauen Augen. Gertrud und ich wir hätten unſer Leben darum gegeben, ihm eine Thräne zu erſparen. „So vergingen vier Jahre. Meine Frau wurde ſchwanger und gebar das arme Kind, das jetzt ihren Namen trägt und mein einziges Gut auf dieſer Erde iſt. Um dieſe Zeit blieben die drei Baſtarde mit einemmale aus. Ihre Feinde hatten geſiegt und ſie ſaßen irgendwo gefangen. „Was in Bluthaupt vorging, wußten wir nicht, aber die Leute umher ſprachen wohl noch immer von dem Vorfalle in der Nacht Allerheiligen. In ihrer Unwiſſenheit nannten ſie den Erben ihres Herrn im— mer den Sohn des Teufels und Ihr müßt es wiſſen, Hermann und Fritz, da Ihr noch länger in der Ge⸗ gend wohntet.“ „Ein Menſch kann weiter nichts ſagent, als was er erzählen hört,“ antwortete Hermann einigermaßen verſchämt;„aber die von dem Kinde redeten, be⸗ haupteten, der Teufel ſei ſein Vater und wahrhaftig, ſich in den l Nahbar Do et ſtarb.“ der Wir ſpanntangehe wurde noch b Friß tran dippen bewege hörie die Wol „In der ſich viel um u Geheimniß wa daß der angeb. Hauſe befinde, Alle wie eine ihm beilegte. „Sie wa die noch läng als ich. Die Grafen gehör hetzig und die den Armen kau die ungerechten ſich natürlich ſ „Ja, fe ſehr verändert. „Die M wurde ihren t Erde ede mit und ſie irnicht, gner von mihrer ern im⸗ wiſſen, der Ge⸗ als was ermaßen ten, be⸗ lrhaftig, 135 Nachbar Dorn, der Graf Günther war ſehr alt als er ſtarb.“ Der Wirth, welcher die Erzählung Dorn's ge⸗ ſpannt angehört hatte, nickte beifällig und ſein Lächeln wurde noch boshafter. Fritz trank und ſah ſtier vor ſich hin. Seine Lippen bewegten ſich von Zeit zu Zeit, aber Niemand hörie die Worte, die darüber gingen. „In der Gegend von Rothe bekümmerte man ſich viel um uns,“ fuhr Hans Dorn fort.„Unſer Geheimniß war endlich ruchbar geworden, man wußte, daß der angebliche Sohn des Teufels ſich in unſerm Hauſe befinde, aber merkwürdiger Weiſe erwarteten ihn Alle wie einen Meſſias trotz dem Namen, den man ihm beilegte. 5 „Sie waren ſehr unglücklich und die von Euch, die noch länger zurückblieben, müſſen es beſſer wiſſen als ich. Die Leute, welchen das Schloß des edeln Grafen gehörte, drückten ihre Unterthanen unbarm⸗ herzig und die reichen Fluren um Bluthaupt brachten den Armen kaum trockenes Brod ein. Alles riſſen die ungerechten Herren an ſich und die Bauern ſahen ſich natuͤrlich ſehnſüchtig nach Erlöſung um.“ „Ja, iel Hermann ein,„es hatte ſich Alles ſehr verändert.“ „Die Männer,“ fuhr Hans Dorn fort,„welche ſich in den letzten Jahren des Grafen in dem 136 Schloſſe eingeſchlichen hatten, Moſes Geld, der Ungar Yanos, Mira, van Praet, Regnault und die Andern waren noch da.“ Bei dem Namen Regnault richtete Fritz ſein ſtie⸗ res Auge auf den Kleiderhändler. 3 „Und ich war in der„Hölle“,“ ſtammelte er mit unverſtändlicher Stimme,„und ſeit zwanzig Jahren kann ich nicht mehr ſchlafen.“ Hermann und die Andern geboten ihm Ruhe. Der Wirth ſorgte dafür, daß die Gläſer nicht leer daſtanden und außerdem horchte er. Dorn fuhr fort: „Eines Tages war meine Frau allein im Hauſe und ſtillte unſere kleine Gertrud. Der kleine Gün⸗ ther ſpielte draußen. „Mit einemmale hörte meine Frau nicht weit von der Thür ein klägliches Geſchrei, legte das Kind in die Wiege und trat ſchnell auf die Schwelle. „Der kleine Günther war verſchwunden. Sie hörte noch in der Ferne ſein Weinen und bemerkte in einer Staubwolke einen Reiter, der im Galopp auf der Straße hinjagte. „Sie glaubte den Ungar Yanos erkannt zu ha⸗ ben. „Die drei Söhne Ulrichs entkamen aus ihrem Gefängniß und forderten von uns Rechenſchaft über 8½ das uns anb lkeere Wiege. „Seitdem arme Gertrud meines Herrn „Die drei Gefahren, den „Wir hal Die, welche es gen. Viellich Schickſal ſeiner Donn ſchw Die Gäͤſte zählung erwar ſehr getäuſcht „Der So fiel er ein. „Es laͤßt mann,„und aus mit der F Allen Ann worden. „Ich weiß ſch hin, als ken, ich wei ſolce Achnlich desgeſchtnich „der t und n ſtie⸗ elte er wanzig Ruhe. icht leer Hauſe ne Gün⸗ icht weit das Kind lle. u. Sie bemerkte Galopp it zu ha⸗ nus ihrem taſt übet 137 das uns anvertraute Kind. Wir zeigten ihnen die leere Wiege. „Seitdem ſind viele Jahre vergangen. Meine arme Gertrud iſt geſtorben und ich habe den Sohn meines Herrn geduldig und unermüdlich geſucht. „Die drei Baſtarde thaten daſſelbe trotz allen Gefahren, denen ſie überall ausgeſetzt waren. „Wir haben das Kind nicht wiedergefunden. Die, welche es raubten, wußten es wohl zu verber⸗ gen. Vielleicht hat auch der letzte Bluthaupt das Schickſal ſeiner ganzen Familie erlitten.“ Dorn ſchwieg und ſtützte den Kopf auf die Hand. Die Gäſte hatten etwas Beſſeres von ſeiner Er⸗ zählung erwartet; der Wirth beſonders ſchien ſich ſehr getäuſcht zu haben. „Der Sohn des Teufels ſollte alſo todt ſein?“ fiel er ein. „Es läßt ſich viel dafür wetten,“ meinte Her⸗ mann,„und da die Andern Baſtarde ſind, ſo iſt es aus mit der Familie.“ Allen Anweſenden war das Herz ſchwer ge⸗ worden. „Ich weiß nicht,“ murmelte Dorn dabei vor ſich hin, als antworte er ſeinen eigenen Gedan⸗ ken,„ich weiß nicht, aber niemals ſah ich eine ſolche Aehnlichkeit. Und ich kann das lächelnde Kin⸗ desgeſicht nicht aus den Gedanken bringen.“ 138 „Er hat nicht Alles geſagt,“ meinte der Wirth; „es ſteckt ſicherlich noch etwas dahinter.“ „Wenn er es wäre!“ fuhr Hans fort, deſſen Auge blitzte;„wenn ich den Erben von Bluthaupt geſehen hätte!“ Hermann öffnete den Mund, um zu fragen. „Still!“ ſagte der Wirth mit einem eigenthümli⸗ chen Blinzeln. Hans Dorn faltete die Hände und blickte zum Himmel empor. „Je mehr ich darüber nachdenke,“ ſprach er weiter,„um ſo mehr glaube ich daran.. Er muß es ſein.“ „Und wo iſt er?“ fragte Hermann, der nicht länger an ſich halten konnte. Hans Dorn erblaßte. „Ich Narr, der ich war,“ flüſterte er mit trau⸗ rigem Lächeln.„Trinkt, Freunde und verlangt nicht, daß ich Euch meine Einbildung mittheile. Ich habe heute einen ſchönen jungen Mann geſehen, der mich an die Gräfin Margarethe erinnerte, das iſt Alles. Niemals hat ein Sohn ſeiner Mutter ähnlicher geſe⸗ ben, das iſt wahr, aber könnte ich mich freuen, ſelbſt wenn er mein kleiner Günther wäre?“ „Wir ſind unſerer zwölf,“ fiel Hermann mit Wärme ein,„und haben kräftige Arme; es wird dem Kinde an nichts fehlen.“ „Ich danke mann,“ antwort rand brauchſt, unſere Arme vern ſizte er mit erner im Stunden iſt Uebrigens würde dn Grafenſohn ſind nicht mehr d Frantfurt.“ Er ſchuͤtttelte ds Glas hin, d fülte, darauf hi jaſteigen. Es folgte ei „Thorheit! ſich ſelbſt erzürn nicht wieder an liegt daran, ob In dem Au lypen führte, ſer. Er drehete Es ſtand ein nnten ſehen, ein ſaubigen Reiſe nempigen Hut⸗ Unter dem. 139 „Ich danke für dieſe Meinung, Nachbar Her⸗ mann,“ antwortete Dorn;„wenn Du einmal einen 1 Freund brauchſt, klopfe getroſt bei mir an,.. aber 1 unſere Arme vermögen nichts für das Kind zu thun,“ ſetzte er mit erneuter Traurigkeit hinzu;„nach eini⸗ gen Stunden iſt es vielleicht zu Ende mit ihm. Uebrigens würden wir auch gebrechliche Stützen für den Grafenſohn ſein; ſeine natürlichen Beſchützer ſind nicht mehr da, die ſitzen in dem Gefängniß zu Frankfurt.“ d Er ſchütttelte das Haupt und reichte dem Wirthe das Glas hin, der ihm dieſes aus der letzten Flaſche füllte, darauf hinausging, um in den Keller hinab⸗ ann, der nicht zuſteigen. Es folgte eine Pauſe. „Thorheit! Thorheit!“ rief Dorn endlich über teent er mi tral⸗ ſich ſelbſt erzürnt aus;„die Söhne Ulrichs werden verlangt nicht, nicht wieder aus dem Gefängniſſe kommen; was 4 ente der Wirth; is fort, deſſen von Bluthaupt n zu ſtagen. nemeigenthümli⸗ und blickte zum ake,“ ſprach er ran.. Er muß eile. Ich habt liegt daran, ob das Kind lebt oder ſtirbt!“ geſehen, der mich In dem Augenblicke als er das Glas an die e, das iſt Alles. Lippen führte, berührte ihn ein Finger an der Schul⸗ tr ähnlicher geſe ter. Er drehete ſich um und ſprang auf. 6 nich freumn,ſäbt Es ſtand ein Mann da, den Niemand hatte ein⸗ 52 treten ſehen, ein hochgewachſener Herr, der in einen 2 Hermann mh ſtaubigen Reiſemantel gehüllt war und einen breit⸗ ne, tswitd dem krempigen Hut trug. Unter dem Hute zeigte ſich das bleiche Geſicht, . Arme; 140 das einige Minuten vorher an dem Fenſter erſchie⸗ en war. 88 Es trat ein Name auf die Lippe des erſtaunten rach ihn nicht aus, weil ihm der Dorn, aber er ſprach ihn nich 2— Fremde mit herriſcher Geberde Schweigen gebot und ihm zu folgen winkte. —— * Als der? hatte, blieben daſiten. „Dann ſe nach dem Nau Wenn mam Schwanz, ode Wand malen, gehört, daß d verneinten das, Hermann gemale in den? Dann ſetzte er ſeines Weines erſchie⸗ taunten ihm der bot und Siebentes Kapitel. Der Fremde. Als der Fremde ſich mit Hans Dorn entfernt hatte, blieben die Uebrigen einen Augenblick ſtumm daſitzen. „Dann ſahen ſie einander an, aber Keiner fragte nach dem Namen des Unbekannten. Wenn man vom Wolfe ſpricht, ſieht man der Schwanz, oder man ſoll den Teufel nicht an die Wand malen,“ ſagte endlich Einer;„habt Ihr gehört, daß die Thür aufgemacht wurde?“ Alle verneinten das. Hermann ſtand auf und bewegte die Thur eini— gemale in den Angeln, um zu beweiſen, daß ſie knarre. Dann ſetzte er ſich wieder nieder und trank den Reſt ſeines Weines aus. ——jj 142 „Die Thüre knarrt,“ ſprach er,„und harte Stiefeln pflegen auch hörbar aufzutreten.. Wenn aber der Teufel da im Spiele ſein ſollte, ſo ſieht er mir nicht aus als könnte er durch das Schlüſſelloch kriechen.“ „Haſt Du ihn erkannt, Hermann 2 fragte Einer der Trinkenden. „Meine Hand wollte ich darauf ins Feuer ſtecken,“ antwortete der Gefragte. „Welcher iſt es?“ „Ja, da ſitzt der Haken.. Ich habe ſie ſeit zwan⸗ zig Jahren nicht geſehen und konnte ſie ſonſt ſchon nicht von einander unterſcheiden.“ Unterdeſſen kam der Wirth mit vollen Flaſchen zurück und Alle ſchwiegen, als wäre es unter ihnen verabredet worden.. Auch deutete Niemand auf das Vorgefallene. Man ſah einander nur von Zeit zu Zeit an und der Wein ſchmeckte nicht mehr. Es lag ein gewiſſer Zwang auf der Geſellſchaft; nur Fritz trank unun⸗ terbrochen und ſtammelte in ſein Glas hinein einen langen haͤufig unterbrochenen Monolog. Er ſprach mit ſich von der„Hölle“ Bluthaupts und von dem Todesſchrei, der noch immer in ſeiner Erinnerung nachklang. 1 So oft Fritz ſich betrank, geſchah es ſo. Der Wein ſtimm den Anweſen Hans in der Straß Strahlen der Geſtalt des: ten Falten ſe⸗ Er war „Giraffe“ g vorgehe. Seit er klopft hatte, nung Dorns Nachforſchu Straße Beg in alle Häͤu gefunden, n In der) derhändler un Die neue Lünge des R jolais getren an den beider wohnen, ebe Weltmeer zu Als der nd harte Wenn ſieht er ſſelloch gte Einer 3s Feuer ſeitzwan⸗ onſt ſchon —n Flaſchen nter ihnen id auf das eit an und in gewiſfer lank vnun⸗ inein einen Er ſprach nd von dem (Erinnerung 143 Wein ſtimmte ihn melancholiſch und Niemand unter den Anweſenden achtete auf ſeine Reden. Hans Dorn und der Fremde gingen langſam in der Straße Dupetit⸗Thouars hin. Die bleichen Strahlen der Straßenlaternen beleuchteten die hohe Geſtalt des Baron von Rodach, der ſich in die dich⸗ ten Falten ſeines Mantels gehüllt hatte. Er war es, der früher draußen am Fenſter der „Giraffe“ gelauſcht hatte, um zu ſehen, was drinnen vorgehe. Seit er an die Thüre des neuen Hauſes ange⸗ klopft hatte, das an der Stelle der ehemaligen Woh⸗ nung Dorns aufgeführt worden war, hatte er ſeine Nachforſchungen ununterbrochen fortgeſetzt. Die Straße Beaujolais iſt nicht lang; er war allmälig in alle Häuſer hineingetreten, hatte aber Niemanden gefunden, welcher den Kleiderhändler Dorn kannte. In der Nähe des Temple giebt es ſo viele Klei— derhändler und ſo viele deutſche Namen! Die neue Wohnung Dorns war durch die ganze Länge des Rotundenplatzes von der Straße Beau⸗ jolais getrennt und in Paris wiſſen die Leute, welche an den beiden Enden eines Platzes von dieſer Größe wohnen, eben ſo wenig von einander, als wenn das Weltmeer zwiſchen ihnen läge. Als der Baron Rodach am Ende der Straße 144 Beaujolais ankam, ſank ſeine Hoffnung mehr und mehr. Er wußte nicht mehr, wohin er ſich wenden ſollte. Vielleicht hatte Dorn gar den Temple ver⸗ laſſen; vielleicht wohnte er nicht einmal mehr in Paris; vielleicht war er geſtorben. Endlich fiel ihm ein, ſich an die zahlreichen Wirthshäuſer zu wenden, ob er gleich wußte, daß der ehemalige Page von Bluthaupt ſich unmöglich in den Wirthshäuſern umhertreibe. Dennoch ent⸗ ſchloß er ſich, in allen die Runde zu machen. „Sobald mir ein deutſches Geſicht aufſtößt,“ ſprach er bei ſich,„rede ich deutſch und bald werde ich Nachricht haben.“ Er blieb vor der Weinhandlung an der Straße Forez ſtehen und ſah die betrunkenen Weiber, die ſich mit„Stiefelverbeſſern“ luſtig machten, unter allen rohen und gemeinen Geſichtern aber, die ihn umgaben, bemerkte er keines, das ihn anſprach. Er ging wei⸗ ter und nachdem er in zwei oder drei unbekannte Kneipen hineingeſehen hatte, kam er vor den glän⸗ zenden„zwei Löwen“ an. Das Tortoni des Temple war vollſtändig ge⸗ füllt. Die Ariſtocratie des Marktes drängte ſich da wie immer. Trotz der Tages- und Jahreszeit ſprach man von Geſchäften; alte Kleidungsſtücke gingen aus einer Hand in die andere und wurden zehnmal derkauft, ehe ſt langten. Die meiſten zeitig Pſandleihe gehött haben, de ſtecterdde Gtend ezzählen wetden. Der Baron g phanten“, den würdige Schenke. ihren Kaffee zut Erſt in der W fand et was er Er bemerkte Wirthshauſes!h flſthaft auch thes nicht, als fernte ſich eilig zurück. Da trat er i ſich en Glas W tranken fleißig un Baron, deſſen E. ſchen gemacht ha als ein Anderer. ſ die Thüre d l. hr und wenden le ver⸗ tehr in hareichen te, daß zmöglich och ent ſttößt,“ d werde —t Straße —, die ſich anter allen andig ge⸗ ate ſich da zeit ſprach ike gingen zehnmal verkauft, ehe ſie an die definitiven Eigenthümer ge⸗ langten. Die meiſten Weinhändler am Temple ſind gleich— zeitig Pfandleiher und was wir von dem Zinsfuße gehört haben, der bei ihnen gebräuchlich iſt, ſo über⸗ ſteigt er die Grenzen des Glaublichen wie wir anderswo erzählen werden. Der Baron ging nochmals weiter, ſah den„Ele⸗ phanten“, den„goldenen Löwen“, die liebens⸗ würdige Schenke, in welcher die Damen des Temple ihren Kaffee zu trinken pflegen. Erſt in der Brunnerſtraße, in die er nun gelangte, fand er was er ſuchte. Er bemerkte durch die vergilbten Scheiben eines Wirthshauſes hindurch Hans Dorn und deſſen Ge⸗ ſellſchaft, auch entging ihm die Bewegung des Wir— thes nicht, als dieſer nach dem Stocke griff; er ent⸗ fernte ſich eilig und kam erſt nach längerer Zeit zurück. Da trat er in die„Giraffe“ hinein und ließ ſich ein Glas Wein einſchenken. Die Anweſenden tranken fleißig und ſchrien unter einander, ſo daß der Baron, deſſen Erſcheinen anfangs ein gewiſſes Auf⸗ ſehen gemacht hatte, bald nicht weiter beachtet wurde als ein Anderer. So konnte er die Zeit abſehen, ließ die Thüre des Stübchens öffnen, in welchem II. 10 145 146 die Deutſchen ſaßen, und durfte unbeachtet hineintre⸗ ten als der Wirth ſich entfernt hatte. Es geſchah dies als Hans Dorn von dem jungen Unbekannten und von dem Eindrucke ſprach, den der⸗ ſelbe auf ihn gemacht. Draußen gingen der Baron und Dorn anfangs ſchweigend neben einander. Der Kleiderhändler war tief bewegt und konnte keine Worte finden. Der Baron dachte nach. „Gott ſei gelobt, mein lieber Herr,“ begann endlich der Kleiderhändler;„ich fürchtetete ſchon Sie nie wieder zu ſehen.“ Der Baron, der unwillkührlich raſcher und raſcher ging, blieb plötzlich ſtehen. Dorn betrachtete mit Ehrfurcht und Liebe das männliche edele Geſicht, das der Schatten des Hutes halb verhüllte. In dem Augenblicke als Dorn weiter ſprechen wollte, unterbrach ihn der Baron und ſagte: „Sprechen Sie von dem jungen Manne.“ „Wenn Sie gehört haben, was ich dort von ihm erzählte,“ entgegnete Dorn,„ſo habe ich nur noch wenig hinzuzuſetzen. Er kam heute Abend zu mir und als ich ihn erblickte, glaubte ich, die Gräfin Margarethe ſei aus ihrem Grabe aufgeſtiegen.“ Das Geſicht Rodachs wurde noch bleicher. „Er gleicht ihr ganz und gar,“ fuhr der Klei⸗ dethändler fott gäͤcheln.“ „3c weiß auch geſehen.“ „Und was „Er it es! Hans Dorn „So ſendet „Hat er Ih Rodach weiter. „Er heißt? Der Baron nicht unterdrück „Sie ſehen Name.“ Dorn ſchüt „Wenn w lieber Herr,“ uns täuſchen, d Franzoſen und Der Ausdru⸗ verſchwand wied „Ich glaub wohl;„das H hat lange genu iſ uns eine E tt bei Ihnen?“ begann ſchon Sie dort von abe ich nut Abend zu die Gräfin 147 derhändler fort;„er hat ihre Augen, ihr liebes Lächeln.“ „Ich weiß es,“ fiel Rodach ein,„ich habe ihn auch geſehen.“ „Und was meinen Sie?“ „Er iſt es!“ Hans Dorn legte beide Hände auf ſein Herz. „So ſendet uns ihn Gott!“ „Hat er Ihnen ſeinen Namen genannt?“ fragte Rodach weiter. „Er heißt Franz.“ Der Baron konnte eine Bewegung der Freude nicht unterdrücken. „Sie ſehen,“ rief er aus,“ es iſt ein deutſcher Name.“ Dorn ſchuttelte den Kopf. „Wenn wir nur dieſe Andeutung haben, mein lieber Herr,“ fuhr er traurig fort,„ſo können wir uns täuſchen, denn der junge Mann nennt ſich einen Franzoſen und kennt unſere Sprache nicht.“ Der Ausdruck der Freude im Geſichte des Barons verſchwand wieder. „Ich glaube doch, daß er es iſt,“ ſagte er gleich⸗ wohl;„das Herz ſagt es mir. Die Hand Gottes hat lange genug auf uns gelaſtet und das Schickſal iſt uns eine Entſchädigung ſchuldig.. Was wollte er bei Ihnen?“ 10* „Seine Kleider verkaufen.“ „Er iſt alſo arm?“ „Er hat nichts mehr. Ich ſprach zehn Minuten mit ihm und kenne ſeine ganze Geſchichte; er iſt ein braves Herz, muthwillig wie ein Kind und muthig wie ein Soldat. Er war eine Zeit lang Commis in einem Bankiergeſchäfte, aus dem man ihn aber ohne alle Urſache entlaſſen hat. Einen oder zwei Monate lebte er von dem, was er ſich erſpart hatte. Die Kleider, die er an mich verkaufte, waren ſein letztes Hülfsmittel und er will die ganze Summe, die er erhielt, dieſe Nacht durchbringen.“ „Bekam er viel Geld?“ fragte der Baron. „Zweihundert und fünfzig Francs. „Wie will er die denn durchbringen?“ „Erſt will er einige kleine Schulden bezahlen, dann einen Maskenanzug leihen und ein Frühſtück im Cafè Anglais bezahlen..“ „Dann?“ Hans Dorn ſprach immer leiſer. „Morgen früh um ſechs Uhr hat er ein Duell,“ fuhr er fort.„Er hat noch keinen Degen in der Hand gehabt und will eine einzige Fechtſtunde neh⸗ men, um nur wenigſtens zu wiſſen, wie er ſich an⸗ zuſtellen hat.“ Der Baron von Rodach lächelte unwillkürlich, als der Kleiderhändler dies erzählte; erſt als die Rde auf! geſich plo „Ein⸗ orgt und ä „Das ſein als der als er mir „Viſen Nodach. „Er iſt „Kennen „Der ju Rodach, Er gedachte einige Stun angehört ha neben ihm h gegen eins z er erſt ſo men fi. Vie ſollt wieder ausſin dieſer luſtige ſollte ein Iw ein ungleiche ohne Furcht vielmehr wie Minuten er iſt ein nd muthig 3 Commis ihn aber oder zwei part hatte. waren ſein umme, die haton. 74 bezahlen, n Rühſtüͤck in Duell,“ ggen in der ſtunde neh⸗ Ker ſich an⸗ nwillkürlich eſt als die 149 Rede auf den Zweikampf kam, verdüſterte ſich ſein Geſicht ploͤtzlich. „Ein Duell?“ wiederholte er.„Sah er be⸗ ſorgt und ängſtlich aus?“ „Das Duell ſchien ihm eben ſo gleichgültig zu ſein als der Ball,“ antwortete Dorn.„Er lachte als er mir ſeine Unkenntniß geſtand.“ „Wiſſen Sie ob ſein Gegner gewandt iſt?“ fragte Rodach. „Er iſt einer der beſten Schläger in Paris.“ „Kennen Sie ſeinen Namen?“ „Der junge Mann nannte ihn mir nicht.“ Rodach ging einige Schritte in großer Aufregung. Er gedachte unwillkührlich des Geſprächs, das er einige Stunden vorher in der Fontainesſtraße mit angehört hatte. Dorn ging mit geſenktem Haupte neben ihm her. Es war ſeiner Meinung nach zehn gegen eins zu wetten, daß der Retter, deſſen Ankunft er erſt ſo freudig begrüßt hatte, zu ſpät gekom⸗ men ſei. Wie ſollte der Jüngling unter der bunten Menge wieder ausfindig gemacht werden, welche Paris in dieſer luſtigen Nacht erfüllt? Und nach dieſer Nacht ſollte ein Zweikampf auf Leben and Tod ſtattfinden, ein ungleicher Kampf, in welchem der junge Franz ohne Furcht aber auch ohne Hoffnung auf Sieg, vielmehr wie ein ergebenes Opfer erſchien. 150 Der Baron von Rodach hegte dieſelben Gedan⸗ ken und die Beſorgniß des Kleiderhändlers erreichte ſeine Angſt nicht zum zehnten Theile. Er hatte in ſeinem Leben viel gelitten, aber nie⸗ mals ſo ſchmerzlich als in dieſem Augenblicke. Auf dem Jünglinge, den der Tod bedrohete, ruheten alle ſeine Hoffnungen und alle ſeine Erin⸗ nerungen. Aber die Jahre ſeiner Jugend und ſeines reifen Alters waren ein langer Kampf gegen das Unglück geweſen und jeder Schlag, wie fürchterlich er auch war, fand ihn feſt und ſtandhaft. Nach einigen Minuten blieb er plötzlich ſtehen, wendete ſich an ſeinen Begleiter und fragte: „Haben Sie ihm nicht abgerathen?“ „Denken Sie doch ſelbſt an Ihre achtzehn Jahre,“ antwortete der Kleiderhändler;„was würden Sie dem zur Antwort gegeben haben, der Ihnen bei Ihrem erſten Duelle vernünftig zugeredet hätte?“ „Ich war ein Thor!“ flüſterte der Baron. „Daſſelbe hitzige Blut ſtrömt in ſeinen Adern,“ fuhr der Kleiderhändler fort.„Der Teufel würde nicht im Stande ſein, ihn von ſeinem Vorhaben ab⸗ zubringen.“ „Deſto beſſer! deſto beſſer! murmelte der Baron wie unwillkührlich vor ſichehi. Dorn über einand „Denn „Und ich he „Ich ſt antwortete d Rodach ſeine langen Kopf empor. „Sie er raſch. „Nach d meiſten am „Hat e ſchule er get Dorn ſt „Vielle wortete er. „Beſinn ihm der Bar⸗ ſich un ſein Der arm Endlich Sie! Mii ſo etwas. hat ſo vieler vil ich gehe ( Gedan⸗ erreichte aber nie⸗ bedrohete, ine Erin⸗ nes reifen 8 Unglück er auch ich ſtehen, achtzehn „was haben, der zugeredet Zaron. n Adern,“ ufel würde ztthaben ab⸗ eder Baron 151 Dorn ſtutzte; dann ſchlug der Baron die Arme über einander. „Dennoch muß ich ihn finden!“ ſprach er, „Und ich habe ja auch die ganze Nacht vor mir.“ „Ich ſuche ihn ſchon ſeit fünfzehn Jahren;“ antwortete der arme Hans Dorn. Rodach nahm ſeinen Hut ab und ſtrich über ſeine langen Locken; mit einem Male richtete er den Kopf empor. „Sie erwähnten einer Fechtſtunde,“ ſprach er raſch. „Nach dem Maskenanzuge ſchien ihm dies am meiſten am Herzen zu liegen,“ antwortete Dorn. „Hat er Ihnen nicht geſagt, in welche Fecht⸗ ſchule er gehen wollte?“ Dorn ſtrich über die Stirn. „Vielleicht, aber ich erinnere mich nicht,“ ant⸗ wortete er. „Beſinnen Sie ſich, beſintten Sie ſich!“ rief ihm der Baron Rodach zu.„Denken Sie, daß es ſich um ſein Lebenehandelt!“ Der arme Dorn ſann und ſann vergebens. Endlich ſtammelte er:„warten Sie! warten Sie! Mein Gott, ich glaube doch, er ſprach von ſo etwas. Aber wer kann Alles behalten? Man hat ſo vielerlei im Kopfe In die erſte Fechtſchule will ich gehen, ſagte en glaube ich.“ „Den Namen deſſelben nannte er nicht?“ „Dieſer Name ſchwebt mir jetzt auf der Lippe,“ antwortete der Kleiderhändleer;„es iſt ein Name, den ich ſchon gehört habe, den ich kenne. Wie heißt der berühmteſte Fechtſaal? „Griſier?“ „Griſier!“ antwortete Dorn freudig. Rodach athmete freier. „Gott ſcheint mich ſelbſt zu führen, ſeit ich in Paris bin,“ ſagte er.„Freund Dorn, ich Jlaube unſer Glücksſtern iſt noch nicht ganz untergegangen.“ „Griſier!“ wiederholte der Kleiderhändler nech⸗ mals.„So hieß er, ich erinnere mich jetzt genau.“ „Der Jüngling ſoll gerettet werden,“ ſetzte Ro⸗ dach hinzu,„“ iſt er auch ein Fremder. Iſt es der, welchen wir ſuchen, ſo danken wir Gott auf den Knieen.“ Er reichte Dorn die Hand undſchritt raſch hinweg. Dorn ſah ihm ſtaunend nach. mnicht?“ auf der Lippe,“ ſt ein Name, Wi Wie heißt r Gott auf den traſch hinweg. Der Sohn des Teufels. Von Paul Feval. Deutſch von Dr. A. Diezmann. 8 Dritter Band. Leipzig: Otto Wigand. (Eigenthum der Vereins⸗Verlagsbuchhandlung.) 1846. (Eigent eld. Paul Feval's Werke. Deutſch von Dr. A. Diezmann. Yritter Band. Leipzig: Otto Wigand. lung)(Eigenthum der Vereins⸗Verlagsbuchhandlung.) 1846. Das G hold und C »Eveque ir ſchönen Ha fange der und das end kommen war Neben d ſtocratiſches vornehmen reichten, ha gebäude auf mis mit St Dieſe( Rogierungs Erſtes Kapitel. Die patriarchaliſche Familie. Das Geſchäftslocal des Hauſes Geldberg Rein⸗ hold und Comp. befand ſich in der Straße Ville⸗ l'Evéque in der Vorſtadt Honoré, in einem ſehr ſchönen Hauſe, das irgend ein großer Herr zu An⸗ fange der Regierung Ludwigs XV. gebaut hatte und das endlich in den Beſitz von Geldmännern ge⸗ kommen war. Neben den Hauptgebäuden, die ein völlig ari— ſtocratiſches Ausſehen hatten und dem vorzugsweiſe vornehmen Stadttheile gar nicht zur Unzierde ge⸗ reichten, hatte Herr von Geldberg geräumige Neben⸗ gebäude aufführen laſſen, in denen zahlreiche Com⸗ mis mit Stahlfedern in liniirte Bücher ſchrieben. Dieſe Commis hielten ſich für dreimal mehr als Regierungsräthe. Das hohe Anſehen, in welchem —— 6 das Haus Geldberg ſtand, ging einigermaßen auch auf ſeine Diener über, welche wichtige Leute wurden. Im Innern flößte alles Vertrauen ein und alles hatte ein ruhiges, reinliches, würdevolles Ausſehen. Die lackirten Stiefeln knarrten auf dem gebohnten Fußboden. Die Commis trugen weiße Cravatten und die blitzſchnell gezählten Geldſtücke verbreiteten einen angenehmen Klang. Im Jahre 1844 ſtand an der Spitze des Hauſes der junge Herr Abel Geldberg mit zwei Hauptaſſo— ciés, dem Ritter Reinhold und einem reichen frem⸗ den Arzte, der ſein Geld da angelegt hatte. Dieſer Arzt, der nur noch aus Liebhaberei practizirte, hieß Don Joſe Mira. Herr von Geldberg, der Vater, war ſehr alt und durch die Anſtrengungen eines langen mühſeli⸗ gen Lebens erſchöpft. Er gehörte zu jenen fleißigen und unruhigen Menſchen, die ſich ihr ganzes Leben lang abmühen und doch die Früchte ihrer Arbeit nie genießen. Sie gleichen den Seidenwürmern, welche den Cocon ſpinnen, der ihr Grab ſein ſoll. Sie ſpinnen Millionen und ihre dankbaren Erben ſetzen ihnen ein marmornes Denkmal auf das Grab. Der alte Herr hatte ſich bereits ſeit mehreren Jahren ganz von den Geſchäften zurückgezogen. Seine Kinder und Aſſociés, die ihn gleich verehrten, behaupteten, der gute Alte genieße die glückliche Ruhe, weniger einem welche an die und es war di Gleichwoh unbeſtinmte( Glück des all ſchienen. Man ſagte willig von den Der Handel ſcheſte und locke! häßliches Wor⸗ ſagen, die Har Der ſterbende 6 immer gewinne bis zu ſeiner let und Recheneren Man wußt gefleiſchte Hand Vorliebe für die Fürſten ſt mögli unwahrſcheinlich Nan ſagte, hatte daran Th ſein Sohn, Abe di Gräfin Lam ſein Alter ſo lie aßen auch wurden. und alles Ausſchen. gebohnten Cravatten verbreiteten es Hauſes var ſehr alt gen mühſeli⸗ nen fleißigen anzes Leben — Arbeit nie ern, welche ſoll. Sie Erben ſeten Grab. ſeit mehreren rrückgezogen. ic vrrehrtrn, cliche Ruhe, welche an die Stelle ſo langjähriger Arbeit getreten, und es war dies auch ſehr wahrſcheinlich. Gleichwohl liefen in den Comptoirs und ſonſt unbeſtimmte Gerüchte um, welche das angebliche Glück des alten Banquier in Zweifel zu ziehen ſchienen. Man ſagte, er habe ſich keineswegs ganz frei⸗ willig von den Geſchäften zurückzgezogen. Der Handel iſt nach dem Spiele die verführe⸗ ſcheſte und lockendſte Beſchäftiguug. Wenn wir ein häßliches Wort gebrauchen dürften, würden wir ſagen, die Handelsmanie ſei ein unheilbares Uebel. Der ſterbende Spieler ſieht vor ſeinen Blicken noch immer gewinnende Karten; der Kaufmann rechnet bis zu ſeiner letzten Stunde und er ſtirbt mit Zahlen und Rechenexempeln in Gedanken. Man wußte, daß der alte von Geldberg der ein— gefleiſchte Handel war. Woher alſo dieſe plötzliche Vorliebe für die Ruhe? Eine Abdankung bei einem Fürſten iſt möglich, aber bei einem Banquier völlig unwahrſcheinlich. Man ſagte, der ehrwürdige Greis habe mehr oder weniger einem Familiencomplotte nachgegeben. Alle hatten daran Theil genommen: ſeine beiden Aſſociés, ſein Sohn, Abel von Geldberg, Frau von Laurens, die Gräfin Lampion und Lea, das ſanfte Kind, das ſein Alter ſo liebevoll pflegte. 7 8 —õÿ — — — 3 1 — — Wenn man Gewalt angewendet hatte, ſo war es ausſchließlich im Intereſſe des Alten geſchehen, das ließ ſich nicht bezweifeln. Die drei Töͤchter Geldbergs, wahre Engel von kindlicher Liebe, konn⸗ ten nur tugendhafte Gedanken haben. Abel ſtand ſeinen Schweſtern wenigſtens gleich und die beiden Aſſociés waren ſo brave und vortreffliche Leute! Man hatte dem alten Banquier mit Gewalt den Genuß der Ruhe verſchaffen wollen; man hatte die Anſtrengungen von ihm entfernt, die auch wirklich für ſein hohes Alter nicht mehr paßten. Er war ja über⸗ dies dem Namen nach noch immer Chef des Hauſes und Gott weiß es, daß man ihm an Chrfurcht das doppelt zollte, was man ihm an Macht entzogen hatte. Seine Aſſociés ſaßen zu ſeinen Füßen, ſeine Kinder vergötterten ihn; er war ihr Götzenbild, aber eins, das man unter Glas ſtellt. Er hatte ſich in ſein Schickſal ergeben. Die Ge⸗ ſchäfte des Hauſes gingen ihn nichts mehr an. Er wußte nicht was geſchah und wenn ſeine Aſſociés ihn zufällig um Rath fragten, ſchlug er ihnen die Un⸗ terſtützung ſeiner Erfahrung rund ab. Die Zurückziehung des Herrn von Geldberg hatte um das Jahr 1838 mitten unter den induſtriellen Saturnalien ſtattgefunden, welche ganz Frankreich in Aufruhr brachten. Bis dahin Wege des al Nächſten nach und dabei nicht ſicher geweſen! gefunden. Nach dem? eine bemerkensn Das Haus Eiſenbahnactien mit ellenlangen die ein Danaide lionen ohne daß Trotzdem b Nuf von ſtrer wendet und n Tage die Ha Rreilich agten daß es anders Moſes ſich nich hinzu, dieſer b und gar mit d her geſchehe un und Trauer. wirklich zu grol die Comptoirs II. atte, ſo war en geſchehen, drei Töchter Lebe, konn⸗ Albi ſtand nd die beiden che Leute! it Gewalt den hatte die ch wirklich für erwar ja über⸗ dej des Hauſes Chrfurcht das Macht entzogen a Füßen, ſeine Götzenbild, aber eben. Die Ge⸗ mehr an. Er eine Aſſociés ihn t ihnen die Un⸗ b. on Geldberg hatt den induſtriell ganz Frankriit 4 9 Bis dahin hatte ſich das Haus von dem geraden Wege des alten Bankweſens nicht entfernt, am Nächſten nach der althergebrachten Methode gerupft und dabei nichts gewagt. Sein Gewinn war immer ſicher geweſen und in der Caſſe hatte nie Ebbe ſtatt⸗ gefunden. Nach dem Nücktritt des alten Moſes zeigte ſich eine bemerkenswerthe Veränderung. Das Haus beſchäftigte ſich mit Asphalt- und Eiſenbahnactien. Geldberg und Comp. war überall mit ellenlangen Buchſtaben zu leſen und die Caſſe, die ein Danaidenfaß geworden war, verſchlang Mil⸗ lionen ohne daß man wußte, wohin ſie kamen. Trotzdem behielt das Haus fortwährend ſeinen Ruf von ſtrenger Rechtlichkeit. Der Sinn der Worte ändert ſich, wenn man ihn im Handel an— wendet und nur die Geldverlegenheit kann in einem Tage die Handelsehre in Schande umwandeln. Freilich ſagten hier und da die alten Geſchäftsfreunde, daß es anders geweſen ſein würde, wenn der alte Moſes ſich nicht zurückgezogen hätte. Sie ſetzten hinzu, dieſer brave Mann könnte unmöglich ganz und gar mit dem nicht bekannt ſein, was um ihn her geſchehe und eben dies erfüllte ihn mit Schmerz und Trauer. Herr von Geldberg ſchien denn auch wirklich zu grollen wie Achill in ſeinem Zelte, ſo lange die Comptoirs des Hauſes, deſſen Chef er geweſen, III. 2 10 dem Publicum offen ſtanden. Er ſchloß ſich da in ſeinem Zimmer ein und Niemand, nicht einmal ſeine Kinder, nicht einmal ſeine Diener durften ihn da ſtören. Er wollte von neun Uhr Vormittags bis fünf Uhr Nachmittags allein, ganz allein ſein. Was er in dieſer Zeit that, vermochte Niemand zu ſagen, obwohl man ſich alle mögliche Mühe gegeben hatte, es zu ermitteln; es war durchaus nicht gelungen. Alle Fragen waren nutzlos geblieben und jede Liſt an dem hartnäckigen Schweigen des Alten ge⸗ ſcheitert. Seit zehn Jahren wurde jeden Tag ohne Aus⸗ nahme die Thüre ſeines Zimmere zu einer und der⸗ ſelben Stunde geſchloſſen und wieder geöffnet. In dem Comptoir und der Küche ſprach man gern leiſe über dieſes ſeltſame Geheimniß und das Ende dieſer Geſpräche war immer das gleiche. „Was kann er treiben?“ fragte man. Das war eben das Unbekannte. Es fand ſich in ſeinem Zimmer nichts, was ſeine Einſamkeit beſchäftigen konnte. Er war weder Ma⸗ ler, noch Schloſſer, noch Drechsler; die Bücher in ſeiner Bibliothek, die ausſchließlich aus hebräiſchen Schriften beſtanden, behielten auf dem alten Schnitte eine dicke Staubſchicht, denn er las nicht. Sein Bett blieb unberl weder Piano Schrieb, Das Rät Un fünf unter und em die Liebkoſung renplat bei Ti zeit unter ſeine Von fünf das eines Pat Ein Theil den Generalſt ſah da das Caſſen der ve Das ofſtz ciés zuſamme Nathszimmer Der übri Wohnung des von zwei Gan Geldberg beſt Im erſten nchten Flügel den linken f und Lea. D ſchaftlichen 3 F ſich da in einmal ſeine ften ihn da 3d bis fünf Was er nd zu ſagen, gegeben hatte, eſprach man mniß und das gleiche. lan. bts, was ſeine an weder Ma⸗ die Bücher in us hebräſchen alten Schnitte iht. Sein Bett icht 11 blieb unberührt, denn er ſchlief nicht. Er hatte weder Piano noch Geige noch Stickrahmen. Schrieb er ſeine Memoiren? Was that er? Das Räthſel blieb unauflösbar. Um fünf Uhr kam er in das große Zimmer hin⸗ unter und empfing da, als ob nichts geſchehen ſei, die Liebkoſungen ſeiner Töchter. Er nahm den Eh⸗ renplatz bei Tiſche ein und ſetzte ſich nach der Mahl⸗ zeit unter ſeinen Kindern nieder. Von fünf Uhr bis Mitternacht war ſein Leben das eines Patriarchen. Ein Theil des Erdgeſchoſſes des Hauſes war für den Generalſtab der Comptoirs beſtimmt und man ſah da das Cabinet der Geſchäftsführer und die Caſſen der verſchiedenen Actiengeſellſchaften. Das ofſtzielle Zimmer, in welchem die drei Aſſo⸗ ciés zuſammenkamen und das man pomphaft das Rathszimmer nannte, befand ſich im erſten Stock. Der übrige Theil des Erdgeſchoſſes diente als Wohnung des Doctor Joſe Mira mit Ausnahme von zwei Gartenhäuſern, die für die Damen von Geldberg beſtimmt waren. Im erſten Stock hatte Herr von Geldberg den rechten Flügel inne, der auf die Straße Aſtorg ging. Den linken Flügel bewohnte die Gräfin Lampion und Lea. Das Hauptgebäude enthielt die gemein⸗ ſchaftlichen Zimmer. 2* — Im zweiten Stock hatte ſich der junge Abel ein prächtiges Abſteigequartier eingerichtet, ob er gleich auch in der Stadt ein Haus hatte. Der Ritter von Reinhold wohnte ebenfalls im zweiten Stock. Hinter dem Hauſe befand ſich ein ſchöner Garten, der ſich an der Straße Aſtorg hinzog. Am Ende dieſes Gartens ſtanden zwei einzelne Kiosks, deren einer einen Ausgang nach Außen hatte. Dieſer letztere Kiosk ſtand in den Comptoirs in luſtigem Andenken. Man erzählte den neueintre⸗ tenden Commis gerne, er habe als Luſthaus des berühmten Herzogs von Barbanſac, des Veteranen der Regentſchaft und erſten Eigenthümers des Pala⸗ ſtes, gedient. Auch ſetzte man hinzu, die niedrige Thüre, welche nach Außen führte, ſei eben ſowohl von der Frau als dem Manne benutzt worden und die Frau Herzogin ſehr häufig zu ungewöhnlicher Stunde durch dieſelbe in den Palaſt gekommen. Die kleine Thüre war dazu ganz vortrefflich ge⸗ legen. Sie öffnete ſich ganz am Ende des Gartens in einem ſchmalen Gange, der 1844 noch beſtand und zur Straße Aſtorg führte. Es war von der Thüre bis zur Straße nur ein Schritt. Die Straße Aſtorg war überdies wenig beſucht und man mußte viel Unglück haben, wenn man hier die wollte. Unmöglie tzzihlte ſch u neuerer Zeit. Ein alten Morgen einen hüllt, aus den das Gäßchen Der alte ſchen und da⸗ teuer erzählte, ſtellte ſich des dem Gartenhe Es war milie Geldben mer in erſten Herr nach de da ein wür ſich für die diemte. Einige G reich verzierte dem alten orientaliſche chen Teppich d ner Garten, Am Ende ts, deren omptoirs in neueintre⸗ cuſthaus des § Veteranen gewöhnlichet kommen. trefflich ge⸗ des Gartens ih beſtand und d Praaße nur ein 13 man hier die Blicke der Neugierigen auf ſich ziehen wollte. Unmäöglich freilich war dies nicht und man erzählte ſich mancherlei von dem Pavillon, ſelbſt aus neuerer Zeit. Ein alter Commis wollte an einem nebligen Morgen einen Mann, der ſich in einem Mantel ge⸗ hüllt, aus dem Gartenhauſe ſchleichen und eilig durch das Gäßchen gehen geſehen haben. Der alte Commis pflegte indeß Geſpenſter zu ſehen und da man ihn auslachte, als er ſein Aben⸗ teuer erzählte, wollte er ſich genauer überzeugen; er ſtellte ſich deshalb früh an dem folgenden Tage vor dem Gartenhäuschen auf, aber— er ſah nichts. Es war ungefähr acht Uhr Abends und die Fa⸗ milie Geldberg befand ſich beiſammen in einem Zim— mer im erſten Stocke ihres Hauſes, wo ſich der alte Herr nach der Mahlzeit gern aufhielt. Es herrſchte da ein würdevoller, wohlverſtandener Lurus, der ſich für die hohe Stellung des Hauſes Geldberg ziemte. Einige Gemälde von guten Meiſtern, die an den reich verzierten Wänden hingen, ſtellten Scenen aus dem alten Teſtamente vor. Die Möbel hatten orientaliſche Formen und die Füße gingen auf wei⸗ chen Teppichen. 14 Das Zimmer wurde von zwei Armleuchtern, nach jüdiſcher Sitte, beleuchtet. An dem vom Ka⸗ mine entfernteſten Ende befand ſich ein goldenes Räuchergefäß, in welchem langſam Wohlgerüche brannten. Neben dem Kamin ſaß Herr von Geldberg in dem einzigen Lehnſtuhle, der ſich in dem Zimmer befand. Er war ein kränklicher, gebrechlicher Greis. Wenige ſchneeweiße Haare bedeckten ſeinen glänzenden Schädel. Sein Geſicht war gelb und von zahlrei⸗ chen Runzeln durchfurcht. Er ſaß gebeugt da und ſein Kinn berührte die Bruſt. Im Ganzen ſah er ehrwürdig aus und Eins nur ließ Moſes Geld, denehemaligen Wucherer aus der Judengaſſe von Frankfurt, in ihm erkennen. Dies Eine waren ſeine kleinen grauen Augen, deren un⸗ ruhiges Rollen das Alter zwar gemäßiget hatte, die aber dennoch bisweilen und unverſehens ſcharfe Blicke unter den weißen Franſen der Wimpern her⸗ vorwarfen. Neben ihm auf Kiſſen ſaß Sarah, ſeine älteſte Tochter, die Frau von Laurens. Wir, die wir ſie nur einmal vor dem Temple ge— ſehen haben, würden ſie kaum wieder erkannt ha⸗ ben, ſo ſehr veränderte ſie das Kerzenlicht zu ihrem Vortheile Ihre brä innen ungewö ſchwatzen Au ihres Haares, ſchlnngen, vol jene wolliſti⸗ die Prieſterinn Sie lag ha ſützte ſih auf! Dieſe Haltung Da ſie ſeb ſih angenehm eeſten Jugend Im Temp jener verderbli der Schwelle i haͤtte man ſie Lebe eſ ſei Namme des verſteht. Sie hielt leiſe ihrem alt Hinter ih Jahren mit Noſes Geld, Dieſer N nleuchten, vom Ka⸗ a goldenes Vo glgerüͤcht Geldberg in „ ae Zimmer cheer Greis. glänzenden von zahlrei⸗ ugt da und und Eins nur cherer aus der ennen. Dies n, deren un⸗ thatte, die chens ſcharfe Wimpern her⸗ ſeine älteſte im Temple g⸗ er erkannt ha⸗ nlicht zu ihrem 15 Ihre bräunliche Haut erhielt in dieſem Lichte einen ungewöhnlichen Glanz. Das Feuer ihrer ſchwarzen Augen blendete; die glänzenden Flechten ihres Haares, durch die ſich einige Korallenſchnuren ſchlangen, vollendeten ihre Schönheit und gaben ihr jene wollüſtig⸗reizende Farbe, mit welcher die Poeſie die Prieſterinnen der orientaliſchen Freuden bekleidet. Sie lag halb auf den Kiſſen und ihr Ellnbogen ſtützte ſich auf den Arm des Stuhles ihres Vaters. Dieſe Haltung ließ alle Reize ihres Körpers ſehen. Da ſie ſehr klein war und ihre zarten Glieder ſich angenehm rundeten, ſo war ihre Anmuth die der erſten Jugend. Im Temple würde man geglaubt haben, ſie ſtehe jener verderblichen Grenze nahe, wo die Frau auf der Schwelle ihres dreißigſten Jahres ſtrauchelt; hier hätte man ſie für ein Kind halten können, das die Liebe erſt ſeit geſtern kennt und die unvorſichtige Flamme des Auges noch nicht zu unterdrücken verſteht. Sie hielt ein Buch in der Hand und las daraus leiſe ihrem alten Vater vor. Hinter ihr ſprach ein Mann von etwa vierzig Jahren mit Eſther, der zweiten Tochter des alten Moſes Geld. Dieſer Mann hatte ein leidendes Ausſehen und 16 ein nervöſes Zucken bewegte häufig die entfärbte Haut ſeines Geſichtes. Wenn ſeine Züge ruhig blieben, war ſein Geſicht ſchön, aber dieſe Augenblicke der Ruhe erſchienen ſelten und gewöhnlich verzerrte er ſein Geſicht, da er die heftigen Zuckungen nicht unterdrücken konnte. Während er mit Eſther ſprach, ſah er häufig nach Sarah hin, die ihm die Blicke zurück gab und ihre Lecture bisweilen unterbrach, um ihm ihre weiße Hand zu überlaſſen. Der Mann war der Wechſelagent Leon von Laurens, der Mann der älteſten Tochter des Herrn von Geldberg. Der alte Moſes betrachtete offenbar beide mit Vergnügen. Er lächelte, wenn ihre Hände ſich ver⸗ einigten und wenn Sarah weiter las, nickte er dem Schwiegerſohne freundlich zu. Sarah war ſein Liebling; er nannte ſie„Kleine“ wie in den Tagen ihrer Kindheit und die ganze Familie, die ſeinem Beiſpiele folgte, behielt dieſen Schmeichelnamen der Frau von Laurens bei. Der Wechſelagent erwiderte jeden freundlichen Blick des Alten mit einem ſtillen Lächeln, in welchem Moſes nur ein Geſtändniß von Glück ſah. Gleichwohl lag in dieſem Lächeln eine ſchmerzliche tiefe Trauer und jene geduldige, vergebens bekämpfte Pein des Menſchen, der keine Hoffnung mehr hat. Die, we ſe die Haͤnde ten, meinten für ſein gehei und ſie müßte Wer ſte ſe und die Traur die Krankheit, er nicht lange ſchmerzlicher ſe Leben verließ. Eſther, r plauderte, gl eine große ſe Ihre Züge hatten im G und wohl pr Anmuth wü Schönheit iſt ſchien als fehl Eſther we ditl gefil i ihre Feinden diejenigen 1 glücklichen N von Frankre ſagten. 17 gtfäͤrbte g.... ddie Haut Die, welche ihn mit ſeiner Frau ſo ſahen, wie ſie die Hände in einander legten und Blicke tauſch⸗ ten, meinten freilich, die Liebe müſſe ein Balſam für ſein geheimes Leiden ſein; Sarah ſei ja ſo reizend und ſie müßten einander ſo ganz verſtehen! Wer ſie ſah, mußte den CEheſtand lieb gewinnen ſah er häufig und die Traurigkeit des Wechſelagenten ſich nur durch krück gab und die Krankheit erklären, da er wohl ausſah, wie wenn rſein Geſtcht uhe erſchienen Geſicht, da ken konnte. ihre weiße er nicht lange mehr leben könne, was ihm um ſo ſchmerzlicher ſein mußte, da er ſo großes Glück im at Lon von Leben verließ. er des Herrn Eſther, welche in dieſem Augenblicke mit ihm. plauderte, glich ihrer Schweſter gar nicht; ſie war ibar beide mit eine große ſchöne Frau im ganzen Jugendglanze. Hände ſich ver⸗ Ihre Züge waren regelmäßiger als die Sarahs, nicte erden hatten im Ganzen aber weniger Reiz. Ihr ſtarker trah war ſein und wohl proportionirter Wuchs ließ jene weibliche ein den Tagen Anmuth wünſchen, welche die Vollendung jeder e, die ſeinem Schönheit iſt. Ihr Geſicht war unbeweglich und es 4 ichelnamen der ſchien als fehle unter der ſchönen Stirne der Geiſt. Eſther war Gräfin, aber Gräfin Lampion. Der freundlichen Titel gefiel ihr; den Namen aber haßte ſie. Nur An, in welchem ihre Feinde nannten ſie Madame Lampion, während h, diejenigen, welche ihr gefallen wollten, den un— ſchmezliht glücklichen Namen des ſeligen Generals und Pairs— bens bekämpftt von Frankreich wegließen und nur Gräfin Eſther ig meht hat. ſagten. ullg 4 18 An der andern Seite des Kamins ſtickte die jüngſte Tochter des Moſes Geld. Lea zählte erſt achtzehn Jahre. Ihr bereits gänzlich entwickelter Körper war vollkommner als der Eſthers und noch anmuthiger als der Sarahs. Der jüdiſche Typus machte ſich in ihrem feinen geiſt⸗ reichen Geſichte faſt gar nicht mehr bemerklich. Ihre Stirn entwickelte die ſchöne Reinheit ihrer Linien unter dem reichen weichen ſchwarzen Haar und um ihren Mund ſpielte ein ernſtes träumeriſches Lächeln. Ihre kleinen Feenfinger handhabten die Nadel mit zerſtreuter Langſamkeit. Wenn ſie die langen Wimpern hob, die am Augenlide gleichſam einen breiten Sammetſtreifen bildeten, erkannte man über⸗ raſcht ein dunkelblaues ſo klares und reines Auge, daß man durch daſſelbe hindurch in ihre jungfräu⸗ liche Seele hineinblicken zu können glaubte. Lea hatte auch nicht den braunen Teint der Orientalen; ihr lockiges Haar fiel bis auf ihre Schultern und umfaßte die weißen Wangen, die ein flüchtiges Roth färbte. Schwerlich ließ ſich ein lieblicherer Kopf auf einem reizenderen Körper finden. Aber die Schön⸗ heit Leas lag nicht ganz in ihren körperlichen Voll⸗ kommenheiten. Auf ihrer Stirn thronte der Geiſt, durch ihr ſeltenes Lächeln hindurch erkannte man ihr redliches gutes Herz und ihre Seele, die ſich an allen Reinen ühren Zügen. Obwohl ſi Zweifel bereits ten in der bege ſinnendes Köp Seite. Dann und die leichte Ein Maler gewählt haben, der zum erſten trübt, jenen er kannte Schwer gendlichen Stir Wenn Sa unterbrach, g von Laurens weilen zu der Auge de„K Stachel, wien heit miſchte. Lea ſah ſie Geſpräch zwiß ſummte als Ohr. Sie ſprach nuͤr einen Nau ſticke die Ihr bereits mner als der Sarahs. feinen geiſk⸗ erklich. Ihre ihrer Linien aar und um ches Lächeln. n die Nadel e die langen eichſam einen ate man über⸗ reines Auge, hre jungftäu⸗ en Teint der bis auf ihre ngen, die ein tet Kopf alf er die Schön⸗ erlichen Voll⸗ nte der Geiſ, annte man ihr „die ſich an 19 allem Reinen und Cdeln erfreute, ſtrahlte aus allen ihren Zügen. Obwohl ſie noch ſehr jung war, hatte ſie ohne Zweifel bereits Erinnerungen, denn ihre Finger hiel⸗ ten in der begonnenen Arbeit bisweilen inne und ihr ſinnendes Köpfchen ſenkte ſich anmuthig nach der Seite. Dann zog ſich auch das Augenlid nieder und die leichte Röthe ſchwand von ihren Wangen. Ein Maler und noch eher ein Dichter würde ſie gewählt haben, wenn er jenen Hauch ſchildern will, der zum erſtenmal das Bewußtſein der Jungfrau trübt, jenen erſten Zug der Melancholie, jene unbe⸗ kannte Schwere, welche ſich unerwartet auf die ju⸗ gendlichen Stirnen legt. Wenn Sarah ſich auf einen Augenblick im Leſen unterbrach, glitt ihr Blick, nachdem er den Herrn von Laurens eine Liebkoſung zugetragen hatte, bis⸗ weilen zu der Schweſter hinüber und das ſchwarze Auge der„Kleinen“ hatte dann gleichſam einen Stachel, wie mit ihrem Lächeln ſich ein wenig Bos⸗ heit miſchte. Lea ſah ſie nicht; ſie ſah gar nichts; auch das Geſpräch zwiſchen dem Wechſelagenten und Eſther ſummte als unverſtändliches Gemurmel um ihr Ohr. Sie ſprach mit ihrem Herzen und ihr Herz nannte nur einen Namen. 20 Wir ſind bereits einmal ſtehen geblieben, um das ſchöne junge Mädchen zu betrachten und wir ſchilderten ſie hier nur, damit ſie dem Leſer nicht un— bekannt bleibe. Im Temple ſchlüpfte ſie geheimnißvoll und ſchüch⸗ tern vorüber, denn ſie war es, die aus dem Mieth⸗ wagen geſtiegen war und die wir bei Madame Ba⸗ tailleur trafen. Sie hatte ein Geheimniß.. Sarah liebte ſie nicht und Madame Batailleur ſtand im Solde Sarahs. In der Mitte des Zimmers auf dem Tiſche ſtand ein Brettſpiel.. Der Ritter Reinhold ſpielte da mit dem Doctor Mira. Der junge Abel von Geldberg ſah dem Spiele gelangweilt zu. Er war das zweite Kind des Mo⸗ ſes Geld und trat jetzt in ſein acht und zwanzigſtes Jahr. Er war ein ſchöner Mann mit ſtarkem Kopf⸗ und Barthaar und trug ſich vollkommen modiſch. Seine Pantalons hatten einen beneidenswerthen Schnitt; ſeine Weſte war lang, wie es die Mode verlangte und öffnete ſich weit auf der Bruſt, um die koſtbaren Spitzen eines Millionairhemdes ſehen zu laſſen. Seine Cravatte hatte einen ächt ariſtokra⸗ tiſchen Knoten und ſeine Stiefeln konnten nur von einem genialen Schuhmacher verfertigt worden ſein. Dem Geſ Lampion, alle ſtand gerade n beſaß er in reic die Albernen ge Er hatte v men, in der er ihm eine engliſc einige Bonmots der ſie anderom Dichter der„7 Calembourgs. Uebermaß an! das ſteife Schw In dieſem kommen, das? dern des Hauſ bis drei Stund weilen. Abel gähnte Muße an die T den Trab ſeiner Der Ritter nigſtens etwas dem Ritter bra wir ſeine liebe Palletot ſchon lieben, un hien und wir teſer nicht un⸗ Diſche ſtand ſpielte da mit ſah dem Spiele rkem Kopf⸗ modiſch. enswerthen es die Mode ndes ſehen zü acht griſtokra⸗ onnten nur von igt worden ſein. 21 Dem Geſichte nach glich er ziemlich der Gräfin Lampion, auch erkannte man leicht, daß der Ver⸗ ſtand gerade nicht ſeine ſtärkſte Seite ſei; dagegen beſaß er in reichem Maße jenen Weltfirniß, der ſelbſt die Albernen geiſtreich erſcheinen läßt. Er hatte vieles von der Geſſellſchaft angenom⸗ men, in der er ſich bewegte. Der Jockei⸗Club hatte ihm eine engliſche Eleganz gegeben. Er merkte ſich einige Bonmots des ſchönen Grafen von Mirelune, der ſie anderswo aufgeleſen hatte und Ficelle, der Dichter der„Flaſche Champagner“, lieferte ihm Calembourgs. Uebrigens wendete er ſie nicht im Uebermaß an und ſeine Lieblingsunterhaltung war das ſteife Schweigen der Pferdeliebhaber. In dieſem Augenblick war Frohne, denn ein Her⸗ kommen, das Niemand übertrat, gebot den Mitglie⸗ dern des Hauſes Geldberg, nach der Mahlzeit zwei bis drei Stunden in dem Zimmer des Alten zu ver— weilen. Abel gähnte, aber er blieb. Er dachte in ſeiner Muße an die Beine irgend einer Tänzerin oder an den Trab ſeiner Lieblingsſtute Victoria. Der Ritter Reinhold und der Doctor hatten we⸗ nigſtens etwas, um die Zeit zu vertreiben. Von dem Ritter brauchen wir nicht weiter zu ſprechen, da wir ſeine liebenswürdige Haltung und den weißen Palletot ſchon früher geſchildert haben. * ——Q——— — Ueber den Doctor Joſe Mira waren die letzten zwanzig Jahre ohne irgend einen Eindruck hingegan⸗ gen. Er war weder älter noch jünger geworden, vielmehr noch immer derſelbe hagere, gelbliche kalte Menſch, deſſen Alter ein Räthſel blieb. 3 Er ſchüttelte den Becher mit den Würfeln in eben der pedantiſchen und gravitätiſchen Weiſe, mit welcher er früher den berüchtigten Lebenstrank in den goldenen Becher des alten Grafen von Bluthaupt gegoſſen hatte. Von Zeit zu Zeit drehete er ſich gänzlich um und warf der Frau von Laurens einen ſtrengen Blick zu. Dann lächelte Reinhold in den Bart und gab ſeinen kleinen Augen einen Ausdruck böswilligen Spottes, aber er ſagte nichts und zwar wegen des jungen Abel, der neben ihm gähnte. Nachdem Frau von Laurens etwa drei Viertel Stunde geleſen hatte, erloſch ihre Stimme, aus wirklicher Erſchöpfung oder weil ſie es ſo wollte. Der alte Moſes legte ſeine runzelige Hand auf das ſchöne ſchwarze Haar ſeiner Tochter und ſagte liebkoſend: „Genug, Kleine, genug. Du biſt müde, ruhe aus.“ Frau von Laurens ſchloß das Buch und küßte die Hand ihres Vaters. „Nun i während ſie Das jun bei Seite und ten nie⸗ Abel bem ſter verlaſſenen den Kaminran Die Frau wohin ihr der folgte undſetzte Die hohlen Au ſamen Ausdrue en die letzten uck hingegan⸗ nkin den on Bluthaupt azlich um und a Vt zu. ab ſeinen en Spottes, jungen Abel, da drei Viertel Stimme, aus ſo wollte. ige Hand auf er und ſagte biſt mide, rühe und küßte —— 23 „Nun iſt die Reihe an Dir, Lea,“ ſagte ſie, während ſie aufſtand. Das junge Mädchen legte ſogleich ihre Stickerei bei Seite und ſetzte ſich auf das Kiſſen zu den Füßen ten nieder. Abel benutzte dies, nahm den von ſeiner Schwe⸗ ſter verlaſſenen Platz ein und ſtemmte ſeine Füße auf den Kaminrand. Die Frau von Laurens trat an den Spieltiſch, wohin ihr der unruhige Blick des Wechſelagenten folgte und ſetzte ſich neben dem Ritter Reinhold nieder. Die hohlen Augen Miras hefteten ſich mit einem ſelt⸗ ſamen Ausdrucke auf ſie, rührten ſich aber nicht. ——————— 1 —— q, Zweites Kapitel. Die gute Ehe. Der Ritter empfing die Frau von Laurens mit dem freundlichſten Gruße. „Spielen Sie weiter,“ ſagte die Kleine;„wir können immer dabei plaudern. Guten Abend, Doctor.“ Joſe Mira verbeugte ſich gravitätiſch. „Nun, Ritter,“ fuhr die Kleine fort,„erzählen Sie mir etwas von Ihrer Heirath.“ Reinhold ſtellte den Würfelbecher wieder auf den Tiſch und ſtrich mit den Fingern durch die Locken ſeines Toupés. „Es geht ſehr gut, ſehr gut, ſchöne Frau,“ antwortete er.„Fräulein von Audemer hat zwar mein Geſuch noch nicht definitiv angenommen, aber ihre Mutter..“ cp „Pfui A ein Mann wi Wage gehen! Hal ha ie mac tet zu gelange „Dieſes! er““ ts it ſicher. „Pfui, ſa Der Ritter chelten Lächeln falſchen Zͤhne „Ich könn „daß Sie eine ee jung!“ „Und ſo Ihren Würfe ſonſt kommt n von ehelicher g Neinhold dn Tiſch von Das lang weglich. Der Wec von der Seite III. Laurens mit Kleine;„wit Guten Abend, fort,„erzählen vieder auf den ch die Locken ſchöne Frau,“ demer hat zwar o nommen, aber 25 „Pfui Ritter,“ fiel die Kleine lachend ein,„muß ein Mann wie ſie auf ſolchen nicht mehr modiſchen Wege gehen! al! ha! ha!“ lachte der Ritter. ☛. machen der Mutter den Hof, um zur Toch⸗ ter zu gelangen?“ „Dieſes Mittel mag alt ſein, ſchöne Frau, aber es iſt ſicher.“— „Pfui, ſage ich; ein Mann wie Sie..!“ Der Ritter öffnete den Mund mit einem geſchmei⸗ chelten Lächeln und zeigte dabei die ganze Reihe ſeiner falſchen Zähne. „Ich könnte glauben,“ ſprach die Kleine weiter, „daß Sie eine kleine Liebſchaft fürchten.“ „O,“ entgegnete Reinhold,„Deniſe iſt ſo jung!“ „Und ſo ſchön, Ritter! Aber nehmen Sie doch Ihren Würfelbecher wieder, ich bitte Sie darum, ſonſt kommt mein Mann und verlangt ſeinen Antheil von ehelicher Zärtlichkeit.. Reinhold lachte laut und warf die Würfel auf den Tiſch von Palixanderholz. Das lange Geſicht Mira's blieb ernſt und unbe⸗ weglich. Der Wechſelagent ſah fortwährend ſeine Frau von der Seite an, Abel gähnte noch immer, Lea las 3 26 und die Gräfin Lampion glich einer ſchönen Statue der Langenweile. „In dem Falle,“ fuhr die Kleine fort,„wünſch' ich Ihnen das beſte Glück, Ritter, Fräulei Audemer iſt ſehr reich und alſo eine Partie.“ „Ich werde durch das Warten ſicherlich nichts verloren haben,“ ſagte Reinhold;„aber iſt es nicht Zeit, daß ich endlich das Glück der Ehe genieße?“ Die Kleine lächelte und drehete ſich um. Ihr Blick begegnete dem des Wechſelagenten und ihr ſchönes Köpfchen neigte ſich zu einem freundlichen Nicken. „Sehen Sie, ſchöne Frau,“ fiel Reinhold ſo⸗ gleich ein,„Sie machen mir den Mund wäſſerig.“ Die Lippe des Doctors zog ſich in die Höhe und ſein langes Geſicht erhielt einen diaboliſchen Aus⸗ druck. 1 „Sie haben Recht,“ antwortete die Kleine, ohne ihr Lächeln ſchwinden zu laſſen;„Herr von Laurens iſt ein ſehr glücklicher Mann.“ Dabei ſah ſie den Ritter Reinhold gerade in das Geſicht und aus ihrem Auge, das wie ein ſchwarzer Diamant funkelte, ſchoß ein ſcharfer Blitz. „Ich wuͤnſche Ihnen gleiches Glück,“ ſetzte ſie hinzu. Der Ritter ſchlug unwillkührlich die Augen nieder, als wenn il Bruſt geſezt der Do und ſein A chgachen. Neinholds un „Und ur „Welche „Der 8 Neinhold den Doctor a ganz und gar „Nun,“ Sie ſtumm?“ „Schön nicht, daß 73ch b. weiß gar viel ten.“ „Ich füh daß es ſchwe zu bewahren, Damen lieben Die Klei „Es ge prach ſie,, Stande eine chhönen Statle „wünſch' Nräule 1 in ſcherlich nichts !er iſt es nicht he genieße?” ſch um. Ihr meen und ihr m freundlichen dl Reinhold ſo⸗ und wäſferig.“ ndie Höhe und boliſchen Aus⸗ die Kleine, ohne r von Laurens gerade in das ie ein ſchwarzer Blit. lück,“ ſezte ſt le Augen nieder, 27 als wenn ihn Jemand unerwartet ein Piſtol auf die Bruſt geſetzt hätte. Der Doctor bewegte langſam den Würfelbecher und, ſein Auge konnte ſich von dem Sarahs nicht losmachen. Dieſe rückte ihren Stuhl dicht an den Reinholds und fragte leiſe: „Und unſer junger Mann? Iſt es vorbei?“ „Welcher junger Mann?“ fragte der Ritter. „Der Sohn des Teufels.“ Reinhold zuckte zuſammen und ſah von der Seite den Doctor an, der ſich ſtellte als beſchäftige er ſich ganz und gar mit dem Spiele. „Nun,“ fiel die Frau von Laurens ein,„ſind Sie ſtumm?“ „Schöne Frau,“ ſtammelte Reinhold,„ich wußte nicht, daß Sie unterrichtet.. „Ich bin von Allem unterrichtet, Ritter und weiß gar vielerlei von Ihnen und von anderen Leu⸗ ten.“ „Ich fühle veßt,“entgegnete der Ritter galant, daß es ſchwer iſt, Ihnen gegenüber ein Geheimniß zu bewahren, aber es giebt Dinge, die man doch den Damen lieber nicht ſagt.“ Die Kleine zuckte ungeduldig die Achſeln. „Es geht mich dies eben ſo gut an wie Sie,“ ſprach ſie,„und ich bin eben ſo wenig als Sie im Stande eine Unklugheit zu begehen. Uebrigens kenne 3* 28 ich den jungen Mann nicht und billige vollkommen das Mittel, das Sie erdacht haben, um ihn hinun⸗ ter in das Reich ſeines Vaters zu ſenden.“ „Wie ſeines Vaters?“ wiederholte Reinhold, dem die Sache unverſtändlich blieb.* „Des Teufels!“ brummte der Doctor, dem dieſer grauenhafte Scherz ſehr wohl gefiel. Reinhold fühlte ſich nicht behaglich. Die Worte der Frau von Laurens bezogen ſich auf Franz und den Verdure gegebenen Auftrag. Der Ritter hatte ſich in dieſer Sache über die Grenzen hinausgewagt, welche ihm ſeine gewöhnliche Vorſicht vorſchrieb. Er hatte mit ſeiner Perſon bezahlt und ſich in directe Verbindung mit dem Raufbolde geſetzt, welcher den jungen Franz in einen ungleichen Kampf locken ſollte. Wurde dieſer Schritt bekannt, ſo konnte er ſehr weit führen. Und nun war ſein Geheimniß in den Händen einer Frau, einer Frau, die jeden Augenblick ſeine Feindin werden konnte, die es vielleich ſchon war und unter dem geſchickt drapirten Mantel der würdevollen Zurückhaltung Alles zu wagen pflegte! Freilich war es nicht Zeit mehr ſich zu verſtellen. Sarah wußte die Sache, er mußte ſie als Vertraute annehmen und es war minder gefährlich, mit guter Manier Alles zu geſtehen. „Ich glaube, Sie werden meine Offenheit tntſchubdigen fold,„und Rückhalt au mir es lieber das meinige unterrictet h blick auf den! blieb,„ſo n beantworten. der junge Ma wegen der S nannten, wi können.“ „Es iſt C von Laurens. „Morgen Die Klein Seſſels zurücf „Es dau „wenn ich de jede fremde H „Von Ih Nrau,“'ſagte llimem twagt Die glein mit den Wor dvollkommen nihn hinun⸗ te Reinhol, Doctor, dem hiel. Die Vorte uf Franz und Ritter hattt nausgewagt, t vorſchrieb. ſich in dirette welcher den Kampf locken konnte er ſehr heimniß in den den Augenblic vielleich ſchon n Mantel der agen pflegte! ezu verſtellen. als Vertrautt lich, mit guter eine Ofenheit — entſchuldigen, ſchöne Frau,“ ſprach endlich Rein⸗ hold,„und mir nicht zürnen, wenn ich mich ohne Rückhalt ausſpreche; ich wiederhole deshalb, daß mir es lieber geweſen wäre, wenn das Geheimniß das meinige geblieben; da man indeß Sie davon unterrichtet hat,“ ſetzte er mit einem ſcharfen Seiten⸗ blick auf den Portugieſen hinzu, der ganz gleichgültig blieb,„ſo werde ich Ihre Frage mit zwei Worten beantworten. Das Haus Geldberg kann ruhig ſein, der junge Mann, mag er ſein wer er will, meinet⸗ wegen der Sohn des Teufels, wie Sie ihn eben nannten, wird bald nichts mehr gegen uns thun können.“ „Es iſt alſo noch nicht geſchehen?“ fragte Frau von Laurens. „Morgen früh wird es geſchehen.“ Die Kleine legte ihr Köpfchen auf die Lehne ihres Seſſels zurück. „Es dauert lange,“ flüſterte ſie nachläſſig, „wenn ich den Tod Jemandes wünſche, würde ich jede fremde Huͤlfe zu entbehren wiſſen.“ „Von Ihrer Hand wäre es ſüß zu ſterben, ſchöne Frau,“ ſagte Reinhold, der ein gefährliches Com⸗ pliment wagte. Die Kleine erhob ſich plötzlich und unterbrach ihn mit den Worten: 2 9 30 „Nimmt denn Ihre Partie kein Ende? Entſchul⸗ digen Sie mich, Ritter, wenn ich Ihnen Ihren Part⸗ ner entführe, aber der Doctor iſt mir ſehr nützlich, wie Sie eben haben ſehen können und ich ſprach nie mit ihm, ohne noch einmal ſo klug zu werden.“ Der Portugieſe ſchob ſeinen Stuhl zurück und ſtand auf. Reinhold entfernte ſich nach einer tiefen Berbeugung. 1 Die Kleine legte ihre weiße Hand auf den Arm des Doctors. „Wiſſen Sie etwas Neues;“ fragte ſie. „Durchaus nichts,“ antwortete Mira. „Fürchtet man noch immer für die nächſte Ver⸗ fallzeit?“ „Sehr.“ „Hat van Praet geſchrieben?“ „Seit geſtern zweimal.“ „Und das Londoner Haus?“ „Yanos Georgy droht zum Aeußerſten zu ſchrei⸗ ten, wenn er am zehnten nicht bezahlt wird.“ „Wieviel iſt man ihm ſchuldig?“ „Neunmalhunderttauſend Francs.“ „Und dem van Praet?“. „Beinahe das Doppelte.“ „Wieviel haben Sie in Caſſe?“ „Einige hundert Louisd'or.“ „Dieſe Worte wurden ſchnell gewechſelt und in inem Tone Dingmn. 1 faltr Beftim gerade da un Amm. Si ſchw ſie ganz leiſe „Ich ver der Cafſe habe „Sie ſoll tete der Docto Sarah da „Ich ſtek ſie ſeht zaͤrtlic Mannes zu trachtete. Statt ab ihm mit uner „Finden Laurens beſſe „Nein,“ „Sehen Sie ſind ſagen, wie! Mira w agenten, der e? Cnſſchul⸗ Ihren Pau⸗ ſehr nüzlich, ich ſprach nie werden.“ Al zurück und ach einer tiefen auf den Arm — zr Mia. die näͤchſte Ver⸗ herſten zu ſchre⸗ lt wird.“ zewechſelt und in 31 einem Tone als ſpräche man von ganz gleichgültigen Dingen. Die Antworten folgten den Fragen mit kalter Beſtimmtheit. Mira ſtand ruhig und kerzen⸗ gerade da und die Kleine ſtützte ſich träge auf ſeinen Arm. Sie ſchwieg zwei bis drei Secunden, dann fuhr ſie ganz leiſe fort: „Ich verlange dieſe Louisd'or, welche Sie in der Caſſe haben.“ „Sie ſollen dieſelben Morgen haben,“ antwor⸗ tete der Doctor, ohne mit den Wimpern zu zucken. Sarah dankte ihm nicht. „Ich ſtehe zu Dienſten, lieber Mann,“ ſagte ſie ſehr zärtlich, um auf den hartnäckigen Blick ihres Mannes zu antworten, der ſie von Weitem be⸗ trachtete. Statt aber den Doctor zu verlaſſen, drückte ſie ihm mit unerwarteter Kraft den Arm. „Finden Sie nicht auch, daß es mit Herrn von Laurens beſſer geht?“ fragte ſie. „Nein,“ antwortete Mira. „Sehen Sie ihn genau und noch einmal an. Sie ſind ein gelehrter Mann, könnten Sie mir ſagen, wie lange er wohl noch lebt?“ Mira wendete ſeine Augen nach dem Wechſel⸗ agenten, der in dieſem Augenblicke gerade einen Anfall 32 hatte und deſſen bleiches Geſicht ſich ſchmerzlich verzerrte. Der Doctor ſchüttelte den Kopf. „Ein Jahr vielleicht,“ antwortete er,„vielleicht auch nur einen Monat.“ Die Kleine ſeufzte tief und ihre Augenbrauen zogen ſich zuſammen. Der Doctor ſah ſie unver⸗ wandt an. Ihr Arm zitterte; ihr Geſicht war blei⸗ cher als je und die Gefühle, die ſie bis dahin unter⸗ drückt hatte, verriethen ſich. „Sie lieben wohl ſehr,“ ſprach er mit rauher angſtvoller Stimme. „Ja,“ antwortete Sarah und ein Blitz leuchtete in den hohlen Augen des Dortors und ſeine Wangen wurden noch leichenhafter. Die Kleine ließ plötzlich ſeinen Arm los und lachte, was in der ernſten Wohnung Geldbergs etwas ganz ungewöhnliches war. Abel unterbrach ſich im Gähnen, um zu ſehen was es gäbe; Eſther drehete ſich halb im Schlafe um, Reinhold trat wieder näher und der Wechſel⸗ agent lächelte aus Geſellſchaft mit. Der Doctor blieb gerade wie ein Pfahl ſtehen. „Hal ha!“ lachte Sarah weiter und ſank end⸗ lich auf einen Stuhl.„Der Doctor iſt allerliebſt. Leon, weißt Du, was er zu mir ſagte?“ der Wec erriht z „ der d achen fort,,, Min wich „Bravo! . rrriſi „Nun,“ „warum denn der Docto weglichkeit wied degeſchlagen u ſch wahrhaftig „Sie ſpott aagte er, aber kaum;„ich z man über mich Die letzter ftändlichen Gel Es ſchluge dr Frohn. Abe und Lea ſchlug Der alte J die Stirn, die dann ging der ſhlif in ſeiner dt das ſanfte 33 Der Wechſelagent wollte ſich durch Rathen den Kopf nicht zerbrechen.. „Der Doctor,“ fuhr die Kleine immer unter ſchmernlich r, wiellich Lachen fort,„will mich zum Maskenball begleiten.“ Mira wich drei Schritte zurück. Augenbrauen„Bravo!“ rief Abel aus. ſie unver⸗„Braviſſimo!“ fiel Reinhold ein. ſicht war blei-„Nun,“ meinte der Wechſelagent aufrichtig, dahin untet⸗„warum denn nicht?“ Der Doctor hatte ſeine gewöhnliche ſteife Unbe⸗ er wit rauher weglichkeit wiedergefunden? ſeine Augen waren nie⸗ dergeſchlagen und wagten nicht ſich zu erheben. Er d 6 a Vliz luchtet ſah wahrhaftig durchaus nicht wie ein Tänzer aus. 89 . ſineWangen„Sie ſpotten über mich, Herr von Laurens,“ 1 4 ſagte er, aber er bewegte dabei ſeine bleichen Lippen 1 kaum;„ich zürne Ihnen indeß nicht, denn wenn““ — Arm los und man über mich ſpottet, bringt man Sie gar um.“ N Heldbergs etwas Die letztern Worte verloren ſich in einem unver⸗ ſtändlichen Gemurmel. —, um zu ſehen Es ſchlug eben neun Uhr und das war das Ende ulb in Schlfe der Frohn. Abel rieb ſich die Hände, Eſther erwachte id det Wechſt⸗ und Lea ſchlug das Buch zu. Der Doctor Der alte Moſes küßte jedes ſeiner Kinder auf die Stirn, die Kleine zweimal auf das ſchöne Haar; un ſank nd dann ging der glückliche Vater in ſein Zimmer und . ſt allerlebſt. ſchlief in ſeiner Geiſtesruhe ein. Im Traume ſah er das ſanfte Lächeln ſeiner Töchter. Er hatte in ,20 te? 34 dieſer Welt nichts mehr zu wünſchen und ſein Alter war vom Glück umgeben. Der junge Abel begab ſich in den Clubb und in dem Augenblicke, als er in den Wagen ſtieg, trat die Kleine zu Eſther, um ſie zu fragen:„wirſt Du kommen?“ „Ja,“ antwortete Eſther. „So komm bald.“ Die beiden Schweſtern trennten ſich ſodann und die Kleine nahm neben ihrem Manne auf dem Kiſſen ihres eleganten Wagens Platz. Von dem Hauſe ihres Vaters bis zur Straße Provence ſprach ſie kein Wort. „Wirſt Du heute Abend nicht ausgehen?“ fragte Herr von Laurens als der Wagen hielt. „Ich weiß es noch nicht,“ antwortete die Kleine. Man ſtieg aus und einige Minuten ſpäter ſaßen Mann und Frau in dem Schlafzimmer der Frau von Laurens einander am Kamine gegenüber. Es war dies ein äußerſt zierliches Gemach, das die Kleine ganz nach ihrem Geſchmack möblirt hatte. Sie war eine Frau von Geiſt und Tact, der es auch an etwas poetiſchem Gefühl nicht fehlte und die in höchſten Grade jene weibliche Kunſt verſtand, alles um ſich her graziös zu ordnen. Das Schweigen, das bereits im Wagen begon⸗ nen hatte, dauerte auch am Kamine fort. Herr von (aurens ſch erfkeuen und Er betrachtet die einen He vorfen hatte. ſi er mit ihn die Salons fu in edem dieſe der Schönheit all Tage ſch tſi auch ein Jetzt, algs Geſicht wirkli lter Blick ſpr vürfigkeit au Die Klei die Anweſenl kben. If und ihr niedl ian Topich Lunge ſch ih die Klein mermädchen. Herr vor Das Ka „Du ka duihr. n und ſein Alter den Clubb und in Wagen ſtieg, den n:„wirſt D anne auf dem Kiſſet aöblitt hatte. e Jat. det es allh fählte und d — aunſt verſtand, 0 ds m Wagn g fott. Had aten ſich ſodann und 35 Laurens ſchien ſich einen Augenblick der Ruhe zu erfreuen und ſein Geſicht wurde jetzt nicht verzerrt. Er betrachtete ſeine Frau, die man ausgekleidet und die einen Hausrock über ihre bloßen Schultern ge⸗ worfen hatte. Zehn Jahre waren bereits vergangen, ſeit er mit ihr verheirathet war, zehn Jahre ſeit ihn die Salons für den glücklichſten Mann erklärten und in jedem dieſer Jahre hatte er einen neuen Reiz in der Schönheit Sarahs gefunden. Ja ſie kam ihm alle Tage ſchöner und jünger vor und deshalb liebte er ſie auch einzig und allein und leidenſchaftlich. Jetzt, als ihm ſein Leiden Ruhe ließ, war ſein Geſicht wirklich ſchön. Sein auf die Kleine gerich⸗ teter Blick ſprach grenzenloſe Liebe und völlige Unter⸗ würfigkeit aus. Die Kleine lag halb in ihrem Seſſel und ſchien die Anweſenheit ihres Mannes gänzlich vergeſſen zu haben. Ihr Blick hing an der Decke des Zimmers und ihr niedlicher Fuß ſchlug den Tact auf dem wei⸗ chen Teppiche. Lange ſchon hatte es zehn Uhr geſchlagen. Da ſah die Kleine nach der Pendule und rief ihr Kam⸗ mermädchen. Herr von Laurens wartete unruhig. Das Kammermädchen trat ein. „Du kannſt zu Bette gehen,“ ſagte die Kleine zu ihr. 36 Das Geſicht des Wechſelagenten heiterte ſich auf und er athmete freier als wenn er einer großen Ge⸗ fahr entgangen wäre. Sarah rührte ſich im Seſſel nicht; kurz vor elf Uhr endlich blickte ſie wieder auf die Uhr und ſodann auf ihren Mann, der noch immer betrachtend vor ihr ſaß. Ihr Blick war ſanft, faſt liebkoſend und er traf das Herz des Wechſelagenten wie ein Tropfen Balſam. „Woran denkſt Du Leon?“ fragte die Kleine. „An Dich,“ antwortete Herr von Laurens. „Immer an mich!“ flüſterte die junge Frau mit einem ſentimentalen Seufzer. Herr von Laurens rückte ihr näher, ergriff eine ihrer Hände, die ſie ihm freundlich überließ und auf die er einen langen Kuß drückte. „Immer an Dich,“ wiederholte er,„immer. Was Du auch thuſt, Sarah, Du kannſt mich nicht verhindern Dich zu lieben.“ Der Blick der Kleinen wurde noch ſanfter, faſt liebevoll. „Armer Leon!“ flüſterte ſie;„wie gut Du biſt und wie ſehr gerne möchte ich Dich glücklich ſehen!“ „Das würde Dir ſechr leicht ſein, Sarah. Ein Wort, ein Blick, ein Lächeln, ein Nichts, Alles von Dir macht mich glücklich.“ der Kopf! ind iht weiche ts Wechſelg lablaßte. „du biſtſe gut und edel, D Herr von L das vor Wonne Die Stimme liceren Ton an. „Weiß ich „warum ich Di Laurens erb ſine Adern, al fätte. Die Kleine ton ihm nicht a ds in der Wun „Du biſt g iifer Betruͤbniß du mich umbri gerzig, ich beſch nicht wieder au ſachen.“ Sein eben diſee Augenb Sünn überzog; heiterte ſich auf der großen Ge⸗ tz kurz vor elf Uhr und ſodann betrachtend vor ſend und er traf Tropfen Balſam. gte die Kleine. on Laurens. ejunge Frau mit aher, ergrif eine überließ und auf lte er,„immer. kannſt mich nicht loch ſanfter, faſt „wie gut Du h Dich glücklich in, Sarah. En Nicts, Ales v 37 Der Kopf der Kleinen neigte ſich auf ſeine Achſel und ihr weiches ſchwarzes Haar berührte die Wange des Wechſelagenten, der aus übergroßer Freude erblaßte. „Du biſt ſchön, Leon,“ flüſterte ſie;„Du biſt gut und edel, Du haſt Alles, um geliebt zu werden.“ Herr von Laurens legte die Hand auf ſein Herz, das vor Wonne gewaltig klopfte. Die Stimme der Kleinen nahm einen noch zärt⸗ licheren Ton an. „Weiß ich denn,“ fuhr ſie kopfſchüttelnd fort, „warum ich Dich nicht liebe?“ Laurens erbebte und kalter Schauer rieſelte durch ſeine Adern, als wenn ihn ein Dolchſtoß getroffen hätte. Die Kleine wendete ihren ruhigen ſanften Blick von ihm nicht ab. Dieſer Blick war wie das Gift, das in der Wunde bleibt. „Du biſt grauſam,“ ſagte endlich Laurens mit tiefer Betrübniß aber ohne Zorn.„Du weißt, daß Du mich umbringſt, Sarah.. Sei einmal barm⸗ herzig, ich beſchwöre Dich und ſprich dieſe Worte nicht wieder aus, die mir ſo tiefen Schmerz verur— ſachen.“ Sein eben noch regelmäßiges Geſicht wurde in dieſem Augenblicke fürchterlich verzerrt und ſeine Stirn überzog ſich dabei mit tiefen Runzeln. 38 Die Kleine lächelte. „SIch bin aufrichtig,“ ſagte ſie,„und Du thuſt Unrecht, mir es hoch anzurechnen, daß ich es Dir geſtehe.. Wir wollen aber nicht mehr davon ſpre⸗ chen, weil es Dich ſchmerzt.. Sei ſo gut und öffne das Fenſter.“ Der Wechſelagent gehorchte, ohne zu fragen warum. Während er nach dem Fenſter hinging, ſah ihm die Kleine nach, ohne ihre nachläſſige Stellung zu ändern, aber in ihrem Blicke lag etwas Grauenhaf⸗ tes und Böswilliges. Herr von Laurens öffnete das Fenſter und ein Strom kalter Luft drang in die warme Atmoſphäre des Schlafzimmers herein. „Die Straße Provence war, wie immer um dieſe Zeit, ſtill und öde. „Was ſiehſt Du?“ fragte die Kleine nach eini⸗ ger Zeit. „Ich ſehe nichts,“ antwortete der Wechſelagent, „außer einen Wagen, der drüben an der anderen Straßenſeite wartet. „Gut,“ entgegnete Sarah.„Es iſt kalt, mach das Fenſter wieder zu.“ Herr von Laurens gehorchte auch diesmal. Als er ſich umdrehte, um ſich wieder an ſeinen machen?“ naͤhlte unteri Dlaz an Kan tinem Spiegel Er hielt di ſich wider zu „Du willf fiagte er.„ ſerne.“ „Wie gefä Kleine ſtatt zu „Alfexliebſt „Ohne Sch „Kann ich Sarah war ſagte dann: „Bleibe, i Herr von Die Klein ſodann einen G nino von ſchw nahm. Der arme „Frau!“ Sarah egt „Was thu⸗ und Du thuſt ß ich es dir ir davon ſpre⸗ gut und öͤffne hne zu fragen —nging, ſah ihm ge Stellung zu bas Grauenhaf⸗ Fenſter und ein arme Atmoſphäte Kleine nach eine der Wechſelagen, an an der andeten V Es iſt kalt, mah auch diesmal. z wieder an ſeine wie immer un 39 Platz am Kamin zu begeben, ſah er ſeine Frau vor einem Spiegel ſtehen und ihr Haar ordnen. Er hielt dies für einen Wink und wagte es nicht ſich wieder zu ſetzen. „Du willſt Dich zur Ruhe begeben, Sarah?“ fragte er.„So wird es Zeit, daß ich mich ent⸗ ferne.“ „Wie gefällt Dir dieſer Kopfputz?“ fragte die Kleine ſtatt zu antworten. „Allerliebſt wie Alles an Dir.“ „Ohne Schmeichelei.“ „Kann ich ſchmeicheln?“ Sarah warf ihm einen koketten Blick zu und ſagte dann: „Bleibe, ich bitte Dich darum.“ Herr von Laurens ſetzte ſich ſehr glücklich nieder. Die Kleine vollendete ihren Kopfputz und öffnete ſodann einen Schrank, aus welchem ſie einen Do⸗ mino von ſchwarzem Atlas und eine Sammetmaske nahm. Der arme Wechſelagent ſing an zu zittern. „Frau!“ ſtammelte er;„was willſt Du damit machen?“ Sarah legte den Domino auf einem Stuhl und wählte unter ihrer reichen Gardrobe ein Kleid aus. „Was thut man gewöhnlich damit,“ antwortete 40 ſie leichtfertig.„Der Wagen auf der Straße unten wartet auf mich. Laurens zog die Stirn in Falten und ein gebie⸗ teriſches Wort trat auf ſeine Lippe, aber wenn er auch das Recht zu haben glaubte einen Befehl zu ertheilen, ſo gebrach ihm doch der Muth dazu. Die Liebe hatte allmälig und mit Geduld ſeinen Willen gebrochen und ihn in zehn Jahren zum Skla⸗ ven gemacht, in zehn Jahren heftiger Kämpfe, in zehn Jahren, die wie ein halbes Jahrhundert auf ihn laſteten. Er hatte Widerſtand geleiſtet und ſich ſtark be⸗ wieſen, aber ſeine Kraft war allmälig gebrochen worden. Unabläſſige Angriffe hatten ſeinen Wider⸗ ſtand beſeitigt. Jetzt war er nur noch ein ſchwaches Herz in einem ſchwachen Körper und ſein Leiden, welches das Mitleiden der Fremden erregte, nur das äußere Zeichen ſeines geiſtigen Schmerzes. Er ſchwieg. Die Kleine warf ein Negligé über und ſtellte ſich vor den Spiegel, um ihr Corſet zu⸗ ſammen zu ſchnüren. Herr von Laurens litt Höllenpein. Sein Ge⸗ ſicht wurde in der entſetzlichſten Weiſe verzerrt, aber unter allen Zuckungen ſeiner Muskeln blieb er ſtill und gelaſſen. Nur ſein Blick verrieth ein namenlo⸗ ſes Leid. Die zarten de ſedene Schn iden Augenblie ſäſſaß, warf mähete ſich daſ dautens ha und wollte ſich „Bleibe, L bauche Dich, l „Frau,“ Stimme,„ſch lide.“ „Kinderei! ſen Lächeln au daß die Domef Kammermädch unſer Gehein Sie beton inbarmherzig. Der Wech „Komm fort;„ich kan gen und die F Laurens l M Man hielt ihl auf die Ill. ſe Mein er Straße unten und ein gebie⸗ aber wenn er enen Befehl zu W. duth dazu. Geduld ſeinen T Jahren zum Slla⸗ iger Kämpfe, in Jahrhundert auf mälig gebrochen nten ſeinen Wider⸗ ſchwaches Herz in n Leiden, welches te, nur das äußete fein Neglige übe um ihr Corſet zu⸗ (npein. Sein Gt⸗ geiſe verzerrt, abe doein blib tr fil errieth ein namenlt⸗ 41 Die zarten Finger der Kleinen handhabten raſch die ſeidene Schnur des Corſets und ihre Taille wurde jeden Augenblick zierlicher. Als endlich das Corſet feſtſaß, warf ſie das gewählte Kleid über und be⸗ mühete ſich daſſelbe hinten zuzuhefteln. Laurens hatte kaum noch Athem; er ſtand auf und wollte ſich entfernen, um nichts mehr zu ſehen. „Bleibe, Leon, bleibe,“ ſagte die Kleine,„ich brauche Dich, lieber Mann.“ „Frau,“ flüſterte Laurens mit kaum hörbarer Stimme,„ſchone mich; Du ſiehſt ja, was ich leide.“ „Kinderei!““ rief die Kleine mit ihrem anmuthig⸗ ſten Lächeln aus;„ſei vernünftig, Leon, Du weißt, daß die Domeſtiken ſchwatzhaft ſind; wenn ich mein Kammermädchen rufe, kennt Morgen ganz Paris unſer Geheimniß.“ Sie betonte das Wort unſer ganz beſonders unbarmherzig. Der Wechſelagent blieb unentſchloſſen. „Komm und ſei mir behülflich,“ fuhr Sarah fort;„ich kann das abſcheuliche Kleid nicht zubrin— gen und die Finger thun mir weh..“ Laurens trat, bleich wie eine Leiche, zu ihr. Man hielt ihn allgemein für glücklich und er legte auf dieſe Meinung der Welt einen ſehr großen Werth. III. 4 42 Das Glück, das man ihm zuſchrieb, würde in der Wirklichkeit ſo groß geweſen ſein, daß ihm ſchon der Schein davon theurer war als das Leben. Hätte ſich ein Zweifel erheben können, hätte er ein Lächeln bemerkt, deſſen Bedeutung ſich leicht erräth, hätte er eines der leiſe geflüſterten Worte gehört, die wie ein Schlangenbiß verletzen, ſo hätte er ſein Unglück wahrſcheinlich nicht überlebt. Er trat zu ſeiner Frau und ſeine zitternde Hand faßte die Heftel des Kleides; er verſuchte daſſelbe zuzuhäkeln, aber ſeine Hände waren ſchwach und zitterten zu ſehr.. „Ich bin es nicht im Stande, Frau,“ ſagte er mit einem tiefen Seufzer;„auf Ehre, ich bin es nicht im Stande.“ Sarah drehte ſich um und ermuthigte ihn durch freundliches Kopfnicken, als wäre er ein ungeſchick⸗ tes Kind. Die Ungeduld hatte ihre Wangen lebhaft roth gefärbt; ihre Augen blitzten und Laurens hatte ſie kaum jemals ſo ſchön geſehen. Er ſank auf beide Kniee nieder. „Ich vermag es nicht!“ wiederholte er ohne zu wiſſen, was er ſagte. „Verſuche es nur noch einmal,“ antwortete Sarah;„ſei doch ein weniggefällig.“ Laurens faltete mit einer verzweiflungsvollen geberde die. zuoll aus ſein „Höre m daß ich nicht chenke mir ein Pochen.. B Die Klein Achſeln. „Ach, D ſagte ſie.„— Patent auf la zeit nicht ſor „Sarah! bittenden Ton Alles thue w Leidenſchaft, ich habe ſie l mehrmals be unſer Haus; Spieles aus, Laſter, wenn Spielerin un ein Verbreche Sarah, gehſ Sarahe ihn aufzuheb Biſt D ‿ ₰ würde in der ihm ſen der Leben. Hätte tein Lächeln errath, hätte gchört, die wie er ſein Unglück zitternde Hand ſuchte daſſelbe ſchwach und J au,“ ſagte er ich bin es thigte ihn durch n ungeſchick⸗ mlebhaft antwortete 43 Geberde die Hände und eine heiße brennende Thräne quoll aus ſeinen Augen. „Höre mich an,“ ſagte er ſodann.„Ich weiß, daß ich nicht lange mehr leben werde,.. alſo ſchenke mir einige Monate, Sarah, oder nur einige Wochen.. Bin ich nicht mehr, ſo biſt Du ja frei.“ Die Kleine zuckte unter ſchal khaftem Lächeln die Achſeln. „Ach, Du kannſt hundert Jahre alt werden,“ ſagte ſie.„Man weiß ja, daß Nervenſchmerz ein Patent auf langes Leben iſt.. Laß uns die koſtbare Zeit nicht ſo verſcherzen.“ „Sarah! Sarah!“ ſprach der Unglückliche im bittenden Tone weiter,„Du weißt wohl, daß ich Alles thue was Du wünſcheſt.. Du nährſt eine Leidenſchaft, welche die Welt ſtreng beurtheilen würde; ich habe ſie begünſtiget, verheimlichet, ich bin Dir mehrmals behülflich geweſen, in der Nacht, wie heute, unſer Haus zu verlaſſen; aber Du gingeſt wegen des Spieles aus, Sarah und was kümmert mich ein Laſter, wenn Du es haſt! Ich ſah Dich gern als Spielerin und würde Dich noch lieben, wenn Du ein Verbrechen begangen hätteſt, aber heute, heute, Sarah, gehſt Du nicht aus um zu ſpielen..“ Sarah ergriff beide Hände ihres Mannes, um ihn aufzuheben. Danmm fragte ſie: „Biſt Du nun fertig?“ 44 Laurens legte ſeine beiden Hände auf die glühende Stirn. „Frau,“ ſagte er indem er aufſtand mit Un— willen,„Du wirſt zu Hauſe bleiben.“ Die Kleine trat einen Schritt zurück und ſchlug die Arme über die Bruſt zuſammen. Ihr Buſen wogte, ihr Auge blitzte und ſie war grauenhaft an⸗ zuſehen. „Ich werde zu Hauſe bleiben, befiehlſt Du?“ wiederholte ſie mit einer Stimme, die in der Stille des Schlafzimmers lange nachklang. Der Wechſelagent antwortete nicht. Eine Se⸗ cunde lang hielt er den feſten und durchbohrenden Blick ſeiner Frau aus, dann ſchlug er die Augen nieder. Da kam auch das Lächeln wieder auf die Lippen der Kleinen und ſie trat ſpielend zu ihm. Laurens heftelte ihr Kleid zu. Sie warf den Domino über und nahm vom Kamine eine Kerze, die ſie ihrem Mann in die Hand gab. „Leuchte mir,“ ſagte ſie dabei. Statt die große Treppe hinunterzugehen, welche zur Einfahrt des Hauſes führte, begab ſie ſich in das Zimmer ihres Mannes. Neben demſelben be⸗ gann eine kleine Wendeltreppe, welche mit dem gureau in E dem Bureau f Auf dem? mer ihtes Mau von dem Kam nihtt das erſt ſe die auf die finausſchritt, Die Hand Stück Eis. „Morgen auf die Straße Als ſie fol lich und traur Endlich flüſte folgte!“ A darauf fort: müßte ich ſterl Er ging lo mußte ſich dal Statt in in das Sch daf den Seſſel ſar ſeſſen hatte m Nach eini rüchelnd aus uck und ſchlug Ihr Buſen Nauenhaſt an⸗ auf die Lippen nd nahm vom Mann in die raab ſie ſich in zugehen, welcht n demſelben be welche mit dem 45 Bureau im Erdgeſchoſſe in Verbindung ſtand. Aus dem Bureau führte eine Thür auf die Straße. Auf dem Wege durch das Cabinet an dem Zim⸗ mer ihres Mannes nahm die Kleine einen Schlüſſel von dem Kamine. Sie ging offenbar dieſen Weg nicht das erſtemal. Mit dem Schlüſſel öffnete ſie die auf die Straße führende Thüre und ehe ſie hinausſchritt, reichte ſie ihrem Manne die Hand. Die Hand des Wechſelagenten war kalt wie ein Stück Eis. „Morgen!“ rief ſie ihm noch zu als ſie heiter auf die Straße hinaushüpfte. Als ſie fort war, blieb Laurens lange unbeweg⸗ lich und traurig an einer und derſelben Stelle ſtehen. Endlich flüſterte er vor ſich hin:„Wenn ich ihr folgte!“ Aber er rührte ſich nicht und fuhr gleich darauf fort:„ach nein, nein. Wenn ich es ſähe, müßte ich ſterben!“ Er ging langſam die Treppe wieder hinauf und mußte ſich dabei an die Lehne anhalten. Statt in ſeinem Zimmer zu bleiben, kehrte er in das Schlafzimmer der Kleinen zurück, wo er auf den Seſſel ſank, auf welchem ſeine Frau vorher ge⸗ ſeſſen hatte und der noch ihr Negligé trug. Nach einigen Minuten, in denen ſich der Athem röchelnd aus ſeiner Bruſt wand, ergriff er das 46 Gewand und drückte es in leidenſchaftlicher Aufregung an ſeine Lippen, während er ſprach: „Sie hat mir Alles genommen, mein Glück, meine Ehre und mein Leben, aber ich liebe ſie den⸗ noch, ach ich liebe ſie ſo ſehr!“ Die Lieb Audemer wa nicht den Ar war es ihm vergaß ſein Laune und e hatte ihm ja ihm an, ſie ſchwand alle wie der Gen valsballe ve Indeß dann lehnte Fewöhnlich Drittes Kapitel. Der Fechtſaal. Die Liebe des jungen Franz für Fräulein von Audemer war ein ernſtes Gefühl, wenn es auch nicht den Anſchein hatte. Wenn er an ſie dachte, war es ihm plötzlich, als würde er ein Mann, er vergaß ſeine Knabenfreuden und ſeine muthwillige Laune und ergötzte ſich an ſeinem Glücke. Deniſe hatte ihm ja ihr Geheimniß anvertraut: ſie gehörte ihm an, ſie liebte ihn und vor dieſem Gedanken ſchwand alles, ſein Zweikampf am nächſten Tage wie der Genuß, den er ſich von dem letzten Carne⸗ valsballe verſprochen hatte. Indeß dies dauerte nur etwa eine halbe Stunde, dann lehnte ſich ſeine heitere Laune gegen die un⸗ gewöhnliche Sentimentalität auf, er ſchämte ſich vor 48 ſich ſelbſt und ſchüttelte mit Gewalt ſein Sinnen und Träumen ab. „Mein letzter Gedanke ſoll ihr angehören,“ flü⸗ ſterte er;„ſterbe ich, ſo wird ihr Name zuletzt auf meinen Lippen ſchweben,— aber ſo weit ſind wir noch nicht und ehe es dahin kommt, muß das Le⸗ ben luſtig genoſſen werden.“ Währender ſo bei ſich dachte, ging er auf den Boulevarts hin, wo ſich noch immer ein dichter Menſchenſtrom bewegte. Er trat in die erſte beſte Reſtauration hinein, aß etwas, aber nur wenig, weil er ſeine Gedanken beim beſten Willen von De⸗ niſe nicht abwenden konnte und auch weil er von ſeinem Gelde nicht viel ausgeben wollte. Beim Deſſert war er ziemlich ruhig geworden, er dachte nur noch halb ſo oft als früher an ſeine Geliebte und in der andern Zeit beſchäftigten ſich ſeine Gedanken mit einer Menge anderer Dinge, mit Degen, mit einem glänzenden Ballanzuge, mit Champagner, der in einem langen Glaſe perlte und mit großen ſchwarzen Augen, die ihn lächelnd an⸗ ſahen. War dieſe Theilung der Gedanken nicht eine Sünde, eine Entweihung? Die ſo reine, ſo geliebte Deniſe konnte nicht lange im Geiſte ihres Verehrers den tollen muthwilligen Gedanken gegenüber verharren, die er abſichtlich hervorrief⸗ Au ſiner Stele u die halb from ligenbild in ih dgen wollen. Er ſchüttel richtete keck ſei allen Gefahren ſuchen. Sein erſter iinem Masken Pagenanzug tete ſich in den ſchöne Narciß zenderes Bild als daß er in Die Mas Damenbillet. „Nehmen men umſonſti Franz kau⸗ „Ich wer den,“ ſagte vieder anhatt Die Ma als nach, a Sie hatte den Sinnen und ig er auf den ein dich er die erſte beſte rnur wenig, Uen von De⸗ weil er von uhig geworden, fruͤher an ſeint ſchäftigten ſich tDinge, mzuge, mit laſe perlte und lächelnd an⸗ onnte nichtlange n muthwiliigen z er abſihtlich 49 hervorrief. Auch entfernte er mit Gewalt ihr Bild aus ſeiner Seele und machte es wie jene Abergläubiſchen, die halb fromm und halb ſündhaft ſind und das Hei⸗ ligenbild in ihrem Zimmer verhüllen, wann ſie ſün⸗ digen wollen. Er ſchüttelte die blonden Locken ſeines Haares, richtete keck ſein Haupt empor und war nun bereit, allen Gefahren zu trotzen und alle Freuden aufzu⸗ ſuchen. Sein erſter Weg aus der Reſtauration ging zu einem Maskenverleiher, wo er ſich einen allerliebſten Pagenanzug ausſuchte. Er legte ihn an, betrach⸗ tete ſich in dem großen Spiegel und gewiß ſah der ſchöne Narciß in dem Kryſtalle der Quelle kein rei⸗ zenderes Bild; aber Franz liebte viel zu ſehr Andere als daß er in ſich ſelbſt hätte verliebt ſein können. Die Maskenverleiherin lachte und reichte ihm ein Damenbillet. „Nehmen Sie eine Maske,“ ſagte ſie;„Sie kom⸗ men umſonſt in den Saal.“ Franz kaufte eine Maske. „Ich werde mich um Mitternacht hier anklei— den,“ ſagte er, als er ſeinen gewöhnlichen Anzug wieder anhatte. Die Maskenverleiherin ſah ihm vom Fenſter aus nach, als er wieder auf der Straße hinging. Sie hatte den Tag über ſo viele häßliche Männer 50 geſehen, daß ſie ſich mit Vergnügen an dem Anſchauen des ſchönen Jünglings entſchädigte. Franz ging über den Börſenplatz und durch eine Straße, die wieder auf die Boulevarts führt. An der Ecke des Boulevart und der Vorſtadt Montmartre befindet ſich ein ſchmaler, langer Gang, vor welchem meiſt drei oder vier Wagen halten. Franz ging hinein und ſagte einige Worte zu dem Haus⸗ meiſter, der ihn in Nr. 3. im Hofe wies. Es war Nacht und das Gas vertheilte ſeine Strahlen in dieſem Gange nicht eben verſchwen⸗ deriſch. Franz, der nie da geweſen war, hätte lange nach Nr. 3. ſuchen können, wenn nicht die Breter⸗ wand, welcher die Fenſter eines Saales zu ebener Erde erſetzte, ein charakteriſtiſches Geklirre hätte durchdringen laſſen. Er horchte und unterſchied deutlich das Klirren von Fleurets, die ſich an einander rieben und das Aufſtampfen von Füßen. Da klopfte er an, aber es dauerte lange ehe man ihm, wegen des Lärmens drinnen, antwortete. Als er endlich eintrat, befand er ſich in einem Zimmer von mittler Größe, das voll von ledergepanzerter Männer war. Nur Einige hatten die gewöhnliche Kleidung an und ſahen blos zu. Franz befand ſich in dem Fechtſaale Griſiers, des literariſchen Söhnen Apo fenes glücklich oder Fürſten Fleuret einen zu den Künſt Franz wa der Thür ſtehe Blick gewähn Unordnung. da, man ſpi ſcllugen klirr Füße ſtampfte In der? Erdboden, v die bis an de maske vor d werther Fre⸗ Nleurets bog mencorſets o tropfte von S maske den ke — Um dieſe Kreis. Eir Jleuret in d am Helms Nihe auch a dem Anſchauen und durch eine führt. dder Vorſtadt langer Gang, rhalten. Franz zu dem Haus⸗ piec heilte ſeine den verſchwen⸗ 3 Nlln hätte lange nach cht die Breter⸗ aales zu ebener Geklirre hätte tlich das Klirren rieben und das te lange cheman antwortete. As in einem Zimmer ledergepanzertet en die gewöhnlich ſaale Griſters, deo 51 literariſchen Fechtmeiſters, welcher den geliebteſten Söhnen Apollos Degen in die Hände gegeben hat, jenes glücklichen Meiſters, deſſen Zöglinge Dichter oder Fürſten ſind, des gelehrten Meiſters, der dem Fleuret einen Gedanken gegeben und die Fechtkunſt zu den Künſten der Intelligenz erhoben hat. Franz war ſchüchtern in dem kleinen Gange vor der Thür ſtehen geblieben und ſah zu. Beim erſten Blicke gewährte der Saal ein Bild von gänzlicher Unordnung. Es herrſchte ein betäubender Lärm da, man ſprach herüber und hinüber, die Eiſen ſchlugen klirrend und ziſchend an einander und die Füße ſtampften beim Ausfalle donnernd auf. In der Mitte des Saales, auf geſchlagenem Erdboden, verſetzten einander drei Paare von Herren, die bis an das Kinn bepanzert waren nnd eine Draht⸗ maske vor dem Geſichte hatten, mit höchſt lobens⸗ werther Freigebigkeit wohlgeführte Stöße. Ihre Fleurets bogen ſich wie das feine Fiſchbein eines Da⸗ mencorſets oder zerſprangen wie Glas; ihr Haar tropfte von Schweiß und man hörte unter der Draht⸗ maske den keuchenden Athem der Gegner. Um dieſen Kampfplatz herum Kand ein doppelter Kreis. Einige, im Ballanzuge, warteten mit dem Fleuret in der Hand, die Maske wie das Viſir eines alten Helms emporgeſchoben, ungeduldig, daß die Reihe auch an ſie komme; andere, die als Kampfrichter — 52 zuſahen, trugen den Palletot oder den ſchwarzen Frack und hatten die Lorgnette in das Auge ge⸗ klemmt. Gewöhnlich ſtellt man ſich den Fechtſaal als einen Ort vor, in welchem die vollſtändigſte Rückſichtslo⸗ ſigkeit und Ungenirtheit eines gewöhnlichen Wirths⸗ hauſes herrſchen; bei Griſier aber iſt man in einem Salon, nur daß jeder Luxus fehlt. Man ſpricht in gewählten wohlbedachten Worten; die Cigarre iſt verpönt und füllt die Athmoſphäre nie mit ihrem zweifelhaften Dufte und die vornehme Dame, welche Männer einmal im Kampfe ſehen will, kann in Gottes Namen ihr Flacon in ihrem Boudoir vergeſſen. Auch vergiebt ſie ſich nichts, wenn ſie dieſen Ort beſucht, denn die Leute, welche ſie da findet, bilden ein aus— gewähltes Publicum. Die beiden jungen Männer da, deren Einer ſein langes Haar ſchüttelt und wüthend ausfällt, wäh⸗ rend der Andere ſeine Waffe mit einer gewiſſen ko⸗ ketten Anmuth handhabt, ſind die Neffen eines erſten Miniſters des Kaiſers von Rußland;— der Andere, der laut ſchreit und ſich blitzſchnell bewegt, iſt der Sohn eines Granden von Spanien;— hier ſteht ein Irländer aus einer herzoglichen Familie, der nicht katholiſch iſt und O'Connell nicht liebt;— Jener dort iſt der Marquis von L., der faſhionable Deputirte, der einen Gang mit dem Grafen, ſeinem pruder macht in achtungsr⸗ rin iſt wie da tinige Migglie Wetterdes Prä Cardinals Lan Alerander Du Schriftſteller, Fopſe hervorb und in ſeiner funge Schriftſ Auch erbl und Ficelle, und ihre Freu In dem? Saal vollſtä Neffe des Fe gimentsfechte Zunächſtſtehe einen Mann linge beauſſt Wettkampf! Franz 1 undete ihn de Griſier und antwor 2 „Ich ſte den ſchwarzen alals einen ae Rücſſchtsl⸗ ichen Virths⸗ ſt man in einem Man ſpricht die nha Dan ne, wel tr kannin Gottes de Auch ſen Ott beſucht, ilden ein aus⸗ Einer ſein dausfällt, wäh⸗ ner n paiſg ko⸗ effen eines erſten — der e bewegt, iſt der „— hier ſteßt a Familie, der lnicht lch;— er f faſhionable „d m n Graf in, ſeinem Bruder macht;— der dort iſt der Baron von.. ein achtungswerther Sportsmann, deſſen Blut ſo rein iſt wie das ſeines Pferdes.— Hier ſehen wir einige Mitglieder der engliſchen Ariſtocratie, einen Vetter des Präſidenten Volk und einen Verwandten des Cardinals Lambruschini.— Weiterhin erblicken wir Alerander Dumas, den geiſtreichen und fruchtbaren Schriftſteller, der fertig gebundene Bücher aus ſeinem Kopfe hervorbringt, wenn er nur die Stirne reibt; und in ſeiner Nähe ſehen wir vier bis fünf andere junge Schriftſteller. Auch erblicken wir hier wie überall Mirelune und Ficelle, die beide die Lorgnette im Auge haben und ihre Freundſchaft unentgeldlich ſehen laſſen. In dem Augenblick als Franz eintrat, war der Saal vollſtändig gefüllt, weil Eugen Griſier, der Neffe des Fechtmeiſters, einen Aſſaut mit einem Re⸗ gimentsfechtmeiſter hielt. Franz fragte die ihm Zunächſtſtehenden nach Griſier und man zeigte ihm einen Mann im blauen Frack, welcher ſeine Zög⸗ linge beaufſichtigte, während er einen Cal lembourg⸗ Wettkampf mit dem Grafen von Mirelune hielt. Franz rückte dem Profeſſor allmälig näher und redete ihn dann leiſe an. Griſier betrachtete ihn vom Kopfe bis zum Fuße und antwortete: „Ich ſtehe Ihnen zu Dienſten.“ 53 54 Sogleich zog er ſeinen blauen Frack aus, ſchnallte das Plaſtron um und ſetzte die Drahtmaske auf. Es fehlte in dem Fechtſaale Griſiers nichts als Platz und man mußte warten, bis zwei Fechter auf⸗ hörten. Franz ſah, daß alle Herren das Fleuret leicht und gewandt handhabten und konnte ſich eines geheimen Neides nicht erwehren. Nach einigen Minuten wieß ihm Griſier die er⸗ forderliche Stellung an, gab ihm ein Fleuret in die Hand und ſagte:„jetzt geben Sie Acht!“ Unter der vortrefflichen Anweiſung des Lehrers begriff Franz ſehr leicht die Anfangsgründe der Kunſt, die er erlernen wollte. Die erſte Lection dauerte eine Viertelſtunde. „Sind Sie ermüdet?“ fragte Griſier. „Nein,“ antwortete Franz. Und ſein jugendliches Geſicht hatte ſich kaum ein wenig geröthet; ſeine Stirn war frei von Schweiß und ſeine Hand zitterte nicht. Griſier lächelte unter ſeiner Maske. „Sie beſitzen Kaltblütigkeit,“ ſagte er,„und ich hätte Ihnen nicht ſoviel Kraft zugetrant. Ich glaubr. unſer Gegner wird uns nicht leich tbeſiegen.“ Das iſt auch meine Meinund, ſagte Franz. „Ich denke mein Beſtes 3 zu thun. Laſſen Sie uns wieder anfangen.“ Griſter ließ ihn ſich auslegen und faßte die Waffe an der Spitze zu laſſen. Dies ne el,„Und pa pariten Sie⸗ Franz th lſſch, dann ſe Duteend Ver „Nun lec „Geduld wir noch nich Es wurd cher der beſte keinen Eugen gegeben. Di die ihren Fe vertauſchten Saale rege Profeſſor ſel ſo ſpaͤter St nen, ſcheinbe tet, der zur nehmen ſche um eine D aber nichts eine unbeſch Noer DVer G kaus, ſchnallte tmaskt auf. ſiers nichts als 6 (Fechter auf⸗ ten das Fleuret konnte ſich eines Griſter die er⸗ n Fleuret in die lcht!“ ing des Lehrers ründe det Kunſt, ction dauerte eine atte ſich kaum ein frei von Schweiß ſagte ex,„und 55 an der Spitze, um ihn einen vollſtändigen Kreis machen zu laſſen. „Dies nennt man eine Contre de Quart,“ ſagte er,„und parirt jeden Stoß. Legen Sie ſich aus und pariren Sie!“ Franz that wie ihm geheißen war, anfangs lin⸗ kiſch, dann ſchon mit großer Sicherheit. Nach einem Dutzend Verſuchen war Griſter zufrieden. „Nun lehren Sie mich auch ſtoßen,“ bat Franz. „Geduld!“ antwortete Griſier;„ſo weit ſind wir noch nicht.“* Es wurde ſpät und Goriſſe, der Vor echter, wel⸗ cher der beſte Fechter in Paris ſein würde, wenn es keinen Eugen Griſier gäbe, hatte ſeine leßte Lection gegeben. Die kleine Garderobe füllte ſich mit Herren, die ihren Fechtanzug mit der gewöhnlichen Kleidung vertauſchten. Es war eine gewiſſe Neugierde in dem Saale rege geworden als man geſehen hatte, daß der Profeſſor ſelbſt das Plaſtron und die Maske noch zu ſo ſpäter Stunde nahm. Man hatte auch den ſchö— nen, ſcheinbar ſo ſchwächlichen jungen Mann betrach⸗ tet, der zum erſtenmal ein Fleuret in die Hand zu nehmen ſchien und Niemand zweifelte, daß es ſich um eine Duelllection handele. Dieſe Lectionen ſind aber nichts weniger als ſelten und Niemand hatte ſich eine unbeſcheidene Frage erlaubt. 4 Der Saal leerte ſich langſam und wenn man 8 56 über den jungen Mann ſprach, ſo geſchah es ganz leiſe. Viele der Anweſenden hatten ſich bereits entfernt, als die Thüre ſich öffnete und ein Neuankommender erſchien, der bedächtig eintrat wie ein Mann, der nicht das erſtemal da iſt. Er ging raſch hinter Franz hinweg, ohne Aufmerkſamkeit zu erregen und trat hinter den Vorhang der Garderobe. Der Mann trug einen großen Mantel, deſſen hoher Kragen ſein Geſicht verhüllte. In der Gar⸗ derobe blieb er unbeweglich auf einem Stuhle ſitzen und betrachtete durch den Vorhang den jungen Franz, der ſich noch immer übte. „Sind Sie jetzt müde?“ fragte in dieſem Augen⸗ blicke Griſier nochmals. „Nein,“ antwortete Franz, deſſen Hand von Eiſen zu ſein ſchien. Es herrſchte in dem Saal eine erſtickende Wärme, welche hinter dem Vorhange durch einen Ofen noch höher getrieben wurde. Der Fremde ſchlug ſeinen Mantelkragen zurück, um freier athmen zu können. Eugen Griſier, der ſich in dieſem Augenblicke neben ihm ankleidete, reichte ihm wie einem alten Bekannten die Hand und nannte ihn Baron von Rodach. „Sie ſind lange nicht hier geweſen,“ ſagte er zu ihm. „Ich wat der darauf wi Dieſet fül knken und ſche „Sie laſſ ih angreifen g „Oeduld, norgen ftüh. —54. „Nein, ne labe dieſe Nac Es befand Nerſonen in Griſter ba van Platz zu Saales hinzi Sie ausruhen Hätten Sie Dieſe Fr nich geſtellt „Das iſt antwortete er „Sie ſir fort. „Alerde hatte mir ge ducchen mei 1 — 2 eſch ah(8 ganz dereits entfernt, uanfommender in Mann, der ſſc hinter Faanz regen und trat Mantel, deſſen In der Gar⸗ n Stuhle ſitzen en jungen Franz, deſſen Hand von ſticende Wäͤrme, 4. en noch kleidete, reichte Zand und nannte erf,“ ſigien 57 „Ich war auf Reiſen,“ antwortete der Baron, der darauf wiederum den jungen Franz betrachtete. Dieſer fühlte endlich Müdigkeit, ließ das Fleuret ſinken und ſchüttelte ſeine zitternde Hand. „Sie laſſen mich müde werden,“ ſagte er,„ehe ich angreifen gelernt habe.“ „Geduld,“ antwortete Griſier,„wir haben bis morgen früh..“ „Nein, nein,“ fiel der junge Mann ein,„ſich habe dieſe Nacht noch andere Dinge vor.“ Es befanden ſich jetzt nur noch zwei oder drei Perſonen im Saale. Griſter bat Franz, auf dem nicht elaſtiſchen Di⸗ van Platz zu nehmen, der ſich an den Wäͤnden des Saales hinzieht und ſetzte dann hinzu:„Während Sie ausruhen, laſſen Sie uns ein wenig plaudern. Hätten Sie Luſt, Ihren Gegner zu tödten?““ Dieſe Frage hatte ſich Franz ſicherlich ſelbſt noch nicht geſtellt.. „Das iſt mir wahrhaftig gänzlich gleichgültig,“ antwortete er. „Sie ſind nicht der Beleidigte?“ fuhr Griſier fort. „Allerdings, aber ich habe auch beleidiget. Man hatte mir geſagt: Sie ſpielen falſch und ich habe dem Frechen mein Glas ins Geſicht geworfen.“ III. 5 „Im Kaffeehauſe?“ „Ja.“ Griſier machte ein ernſtes Geſicht. Nach dem ſanften jugendlichen Geſichte des jungen Mannes hatte er einen unbedeutenden Zank erwartet und Gri⸗ ſier verſteht ſich auf die Duelle am beſten. „Und Ihr Gegner,“ fragte er weiter, noch immer mit einiger Hoffnung,„iſt ohne Zweifel Einer Ihrer Freunde und Collegen?“ „Nein,“ antwortete Franz,„Einer der Men⸗ ſchen, deren Geſicht man zuweilen an den Orten ſieht, wo getrunken und geſpielt wird. Seinen Namen habe ich erſt in dem Augenblick erfahren, als er mir ſeine Karte gab.“ „Darf ich nach ſeinem Namen fragen?“ Verdier,“ antwortete Franz. Griſier erſchrak und noch mehr der Baron von Rodach, der allmälig vorgetreten war. „Verdier!“ wiederholte der Letztere leiſe, wäh⸗ 5 rend er ſich zu erinnern ſuchte.„Wo habe ich dieſen Namen ſchon gehöoͤrt?“ Seine Stirn runzelte ſich, da er ſich nicht zu be— ſinnen vermochte; mit einemmale aber ließ er die Arme ſinken und richtete ſich empor. „Jetzt erinnere ich mich!“ dachte er bei ſich;„er iſt der Mann aus der Straße Fontaines. Irgend etwas ſagte mir doch, daß ſeine Worte mich nahe „ berüh ührten; hinzu, inden ſich werde Verdie deſen Züge Rchter, wiſ „Ich hi wort ait Fral „Was „Nicht Währen ſeine Lippen ſich klar une diſſer „Jung nung nach muß Ihnen „Mein „das Due niht t verhit geben habel Sie mir a mich gerad zu entgehe Griſie „Uebe ſort;„w T — 1 Nach 5 h dem gen Mannes dttet und Gri⸗ noch imm er Finer Ihre 1 Einer der Men⸗ den Orten ſieht, Sanen N Seinen Namen n, als er mir der Baron von tere leiſe, wäh⸗ habe ich dieſen ſich nicht zu be⸗ er ließ et die J umn mich naht berührten; ſein Geſicht iſt da feſt geprägt,“ ſetzte er hinzu, indem er mit der Hand über die Stirn ſtrich; „ich werde ihn ſofort wieder erkennen.“ „Verdier!“ wiederholte ſeiner Seits Griſier, deſſen Züge ernſter geworden waren;„er iſt ein guter Fechter, wiſſen Sie das?“ „Ich hielt ihn für einen ausgezeichneten,“ ant⸗ wortete Franz. „Was hoffen Sie von einem Kampfe mit ihm?“ „Nicht viel, aber ich fürchte auch nichts.“ Während er dies ſagte, ſpielte das Lächeln um ſeine Lippen und ſeine großen blauen Augen richteten ſich klar und unbefangen auf Griſter. Dieſer ließ den Kopf ſinken. „Junger Mann,“ ſagte er dann,„meiner Mei⸗ nung nach iſt ein ſolches Duell ein Mord und ich muß Ihnen meine Mitwirkung verſagen.“ „Mein Herr,“ antwortete Franz wohlbedacht, „das Duell gefällt mir ſo wie es iſt. Sie können es nicht verhindern, weil Sie mir Ihr Ehrenwort ge⸗ geben haben, nichts davon zu ſagen. Verweigern Sie mir aber Ihre Mitwirkung, ſo berauben Sie mich geradezu der einzigen Möglahkei, der Gefahr zu entgehen.“ Griſier ſtand einen Augenblick nachdenkend da. „Neberlegen Sie ſich die Sache,“ fuhr Franz fort;„wenn Sie nicht geneigt ſind, ſo werde ich 5* 59 . 60 mir nicht die Mühe nehmen, irgend wo anders Un⸗ terricht zu ſuchen, ſondern trete auf gut Glück mor⸗ gen auf die Menſur.“ Griſier antwortete noch immer nicht. Franz ſtand auf. „Soll ich gehen?“ fragte er. Griſier ſah ſich um. Der Saal war leer wie die Garderobe, in welcher ſich nur der Baron von Rodach hinter den Vorhängen verſteckt hielt. Griſier winkte Franz zu bleiben, ging langſam durch den Saal und nahm zwei bloße Degen, die an der andern Seite an der Wand hingen. Franz legte ſein Fleuret weg und nahm einen der Degen, der an der Spitze einen Knopf hatte. Der Degen dagegen, den Griſier behielt, war ſcharf und ſpitzig. Franz wollte die Fechthandſchuhe wieder anziehen. „Keine Handſchuhe!“ rief ihm Griſier zu,„und keine Maske. Morgen werden Sie nichts der Art haben und eine Degenſpitze wird vor Ihrem Geſicht blitzen. Sie ſind muthig, ich glaube es ſicherlich, aber die erſten Drohungen des Stahles erſchrecken auch den Muthigſten. Gewöhnen Sie ſich daran!“ Franz legte ſich wieder aus nnd die Lection begann von Neuem. Griſier hielt abſichtlich die Spitze vor die Augen des jungen Mannes, der mit ſtaunens⸗ würdiger Präciſion parirte. Die geü nüde als di Als mas übenging, b Nühe bishe durh. Er Oegen und, gewordene( verwunden. „Wenn „ſſind Sie Franz! ſanftes Aug als ſei erh „Eher tete er, in Haares zu ner Chre, will ruhig ren und a gelehrt hab Herr Profe nich nicht. Er leg er es eben rade aus w aber der T wo anders Un⸗ gut Glück mor⸗ 3 34 rwie die Saron von Rodach ging langſam 8e Degen, die an und nahm einen nen Knopf hatte. ielt, war ſcharf der anziehen. der zu,„und bie nichts der Att r Ihrem Geſicht ube es ſicherlich, es erſchrecken ie ſich daran!“ nie Lection begann ich die Spitze vor der mit ſtaunens⸗ hl G2 61 Die geübte Hand des Profeſſors wurde früher müde als die des Schülers. Als man von den Paraden zu den Ausfällen überging, brach das Feuer des Schülers, das mit Mühe bisher zurückgehalten worden war, gänzlich durch. Er ſtürzte ſich mit blindem Eifer auf den Degen und Griſier mußte ſeine ganze ſprichwörtlich gewordene Gewandtheit aufbieten um ihn nicht zu verwunden. „Wenn Sie ſo angreifen,“ ſagte er endlich, „ſind Sie beim erſten Gange verloren.“ Franz hatte ſich allmälig erhitzt; ſein ſonſt ſo ſanftes Auge ſtrahlte in drohendem Glanze. Es war als ſei er halb trunken. „Eher bringe ich meinen Gegner um,“ antwor⸗ tete er, indem er die feuchten Locken ſeines blonden Haares zurückwarf.„Ich ſchwöre es Ihnen bei mei⸗ ner Ehre, daß ich morgen kaltblütig ſein werde. Ich will ruhig pariren, wie ein Mann von ſechszig Jah⸗ ren und alle Kunſtſtücke anwenden, die Sie mich gelehrt haben; jetzt aber lerne ich zuſtoßen. Achtung, Herr Profeſſor! Pariren Sie ſelbſt und ſchonen Sie mich nicht.“ Er legte aus, degagirte den Degen Griſiers, wie er es eben gelernt hatte und ſeine Waffe ſauſete ge⸗ rade aus wie eine Flintenkugel. Griſier wollte pariren, aber der Degen zerſprang auf ſeiner Bruſt in tücke. 62 Auf die Lippen Rodachs, der unruhig hinter dem Vorhange ſtand, trat ein freudiger Ausruf. „Wie ſchön iſt er!“ dachte er bei ſich,„und wie muthig! Wie das Herz ſeiner Ahnen in ſeinen Augen ſtrahlt! O, er iſt es, er muß es ſein!“ Eine Secunde lang ſtand Griſier ſtaunend über den gewaltigen Stoß da, der ihn mitten auf dem Plaſtron getroffen hatte; dann lächelte er; er fühlte ſich plötzlich in Freundſchaft zu dem unbekannten Jünglinge hingezogen. „Touché!“ rief er ſich verbeugend aus.„Neh⸗ men Sie eine andere Waffe!“ Franz hatte den zerbrochenen Degen weggewor⸗ fen, drehete ſich um und ſah nach der Uhr. „Ich weiß vielleicht noch nicht genug,“ antwor⸗ tete er,„aber es wird ſpät und ich habe keine Zeit mehr. Uebrigens werde ich müde und wenn wir das Fechten fortſetzen, bleibt mir keine Kraft zum Tanzen übrig.“ Griſier ſah ihn an als hätte er ihn nicht ver— ſtanden. Franz zog ſeine Weſte und ſeinen Rock wie⸗ der an. „Tanzen!“ brummte Griſier vor ſich hin. „Es iſt beinahe Mitternacht,“ fuhr Franz fort, „und morgen um ſieben Uhr muß ich in dem Dickicht neben dem Maillot⸗Thore ſein. Mein lieber Profeſſor, deun man! geht man ſp. nir alſo, da Er knöp Taille herau Rodach ſeine Worte. „Vergeſ habe, ſprac ſolend;„le ſo daß Ihre gehen Sie d Sie dann re 0. „Ich n „und will „Sie dächten,“ 24 „Nein Nacht ganz ſchon ihre „ſo würde Er dac ſeine Züge Seufzer, r. „Gut Wenn ich ſich, und den in ſeinen ſein 17 nug,“ antwor⸗ abe keine Zeit und wenn wir ine Kraft zum ihn nicht ver⸗ nen Rock wie⸗ vor ſich hin. fuhr Franzz fort, Hin dem Dickccht nlieberProfefot, 63 wenn man nur über ſieben Stunden zu verfügen hat, geht man ſparſam mit ſeiner Zeit um, verzeihen Sie mir alſo, daß ich Sie ſo ſchnell verlaſſe.“ Er knöpfte raſch ſeinen Rock zu, der ſeine zierliche Taille heraushob. Rodach hörte ihm begierig zu und merkte ſich alle ſeine Worte. „Vergeſſen Sie nicht, was ich Ihnen geſagt habe,“ ſprach Griſier, ſeinen Unterricht kurz wieder⸗ holend;„legen Sie ſich in einiger Entfernung aus, ſo daß Ihre Spitze kaum die Ihres Gegner berührt, gehen Sie dann vor, pariren Sie dabei und ſtoßen Sie dann raſch zu.“ „Ich weiß nun alles dies,“ antwortete Franz, „und will es nur dieſe Nacht zu vergeſſen ſuchen.“ „Sie wüͤrden beſſer thun, wenn Sie immer daran dächten,“ begann Griſier wiederum. „Nein, nein,“ antwortete Franz;„ich will die Nacht ganz haben. Und wenn auch die Nacht nicht ſchon ihre Verwendung hätte,“ ſetzte er leiſe hinzu, „ſo würde ich doch nicht an das Fechten denken.“ Er dachte wieder an Fräulein von Audemer und ſeine Züge wurden ernſter. Er unterdrückte einen Seufzer, reichte Griſier die Hand und ſagte: „Gute Nacht und ſchönen Dank, Herr Profeſſor. Wenn ich morgen früh Glück habe, komme ich zu 64 Ihnen und erzähle Ihnen den Hergang. Sehen Sie mich nicht wieder..“ Er vollendete den Satz nicht, ſondern unterbrach ſich durch eine Geberde der Sorgloſigkeit. Dann ſchritt er nach der Thüre zu. Griſier folgte ihm un⸗ willkührlich und ohne eigentlich zuwiſſen, was er that. Er, der erfahrenſte Fechtmeiſter, der den Tod über ſo vielen Häuptern hatte ſchweben ſehen, war ſo bewegt, daß ſeine Augen zuckten und die Stimme in ſeiner Kehle zitterte. „Vergeſſen Sie nicht,“ ſagte er,„Ihre Finten immer zu ändern, damit der Gegner Ihr Spiel nicht merke; gehen Sie nie vor, ohne mit der Parade fertig zu ſein.“ Franz hatte bereits die Schwelle überſchritten. „Ich danke, ich danke,“ antwortete er;„leben Sie wohl!“ Griſier ſah ihn ſchnell fortlaufen. „Hören Sie,“ rief er ihm nach;„ich kann Sie nicht ſo gehen laſſen. Haben Sie Zeugen?“ Franz war ſchon ziemlich weit fort, er antwortete aber: „Ich werde ſie auf dem Maskenball finden.“ Griſier kam trotz ſeiner Traurigkeit lächelnd in den Saal zurück. „Welch' muthiger und luſtiger Jüngling!“ ſagte er;„welcher Fechter würde aus ihm werden 144 Der Baror Griſter aber bel „Wahrhaf tron ablegte,, ih glaube er kc „Das ver antwortete die Geiſter ful ſch um. Er ſah no⸗ durch die Thü beſpornten Fu Baron in den — 1 ᷣ ehen Sie dern unterbrach folgte ihm un⸗ a, waserthat. der den Tod nſſehen, warſo die Stimme in „Ihre Finten Jor Syiel vicht mit der Parade le überſchritten. z„leben Sie ich kann Sie Zeugen?“ 1 tt, er antwortete unball finden.“ gkeit lächelnd in züngling!“ ſagt 65 Der Baron von Rodach ſtand mitten im Saale, Griſier aber bemerkte ihn nicht. „Wahrhaftig,“ fuhr er fort, indem er das Pla⸗ ſtron ablegte,„ich weiß nicht ob ich mich irre, aber ich glaube er kommt wieder.“ „Das verſpreche ich Ihnen bei meiner Ehre!“ antwortete die tiefe männliche Stimme Rodachs. Griſier fuhr erſchrocken zuſammen und drehete ſich um. Er ſah noch ein Stück von dem Mantel, der eben durch die Thüre flatterte und hörte den Tritt eines beſpornten Fußes; aber als er hinauseilte, war der Baron in dem Halbdunkel des Hofes verſchwunden. Viertes Kapitel. Der Mann mit drei Anzügen. Es war drei Uhr früh. Der Saal Favart zitterte unter tollen Polkas. Die ganze wechſelnde bunte Menge, die ſich zu den Maskenbällen drängt, war vollſtändig hier verſammelt und ſtrengte ſich im Schweiße ihres Angeſichts an ſich ſo gut als möglich zu beluſtigen. Commis, Griſetten, Studenten, Subaltern⸗ beamte, Loretten vom zweiten Range, Familien⸗ mütter, die einmal über die Schnur hauen wollten, tanzten daß ihnen der Athem faſt ausging. Wohl erzogene Leute dagegen, Schreiher bei Advocaten u. ſ. w., angehende Journaliſten und vertraute Die⸗ ner, die ſich für wichtig hielten, gingen gravitätiſch in ſchwarzem Frack umher. Natürlich fehlten der Graf Mirelune und Amable icht. Der Erſere ſpielt tr zupſte alle Do e der puzen. „Maske, ic Fieellehatte dizen Naſe, M auf ſeiner Stumg ſemit einander, dabei verloren. waren ganz in vorurtheilsfreien und waren dare berten deshalb Tacht großer erſchienen ware Der Ball, Die Schüc ufäligen Liebe plimente ginge Keckern trugen der erſten Beſten ten Lärm und Erfahrenen abe wählten. Die Liebe ſ Saal Favart anze wechſelnde bällen dräͤngt, ſtrengte ſich im gut als möglich n, Subaltern⸗ nge, Familien⸗ hauen wollten, 9 Wohl bei Advocaten ad vertraute Die⸗ lune und Amable 67 Ficelle, der Verfaſſer der„Flaſche Champagner“ nicht. Der Letztere ſann auf Calembourgs und der Erſtere ſpielte den Galanten und Courmacher, d. h. er zupfte alle Dominos und rief unter alle Atlaska⸗ puzen: „Maske, ich kenne Dich!“ Ficelle hatte eine Stumpfnaſe auf ſeiner natürlichen ſpitzen Naſe, Mirelune dagegen trug eine ſpitze Naſe auf ſeiner Stumpfnaſe. Sie ſahen aus, als hätten ſie mit einander getauſcht, aber auch als hätten Beide dabei verloren. Die beiden vortrefflichen Menſchen waren ganz in ihrem Elemente. Sie wurden von vorurtheilsfreien Damen bei ihrem Namen gerufen und waren darauf außerordentlich ſtolz. Sie bezau⸗ berten deshalb auch die Commis, welche in der Tracht großer Herren aus der Zeit Ludwigs XIII. erſchienen waren. Der Ball ging unterdeß luſtig weiter. Die Schüchternen ſuchten blöde nach irgend einem zufälligen Liebesabenteuer, aber ihre linkiſchen Com⸗ plimente gingen in dem Gedränge verloren; die Keckern trugen dagegen ihr Herz und ein Abendeſſen der erſten Beſten an; die Leute aus der Provinz mach⸗ ten Lärm und faßten häßliche Weiber am Kinn, die Erfahrenen aber ſahen durch die Maske durch und wählten. Die Liebe war der Gegenſtand aller kurzen und 68 langen Geſpräche; man warf einander die Herzen ſo zu ſagen an den Kopf; jeder Mann war ein Er⸗ oberer und jedes weibliche Weſen wurde geliebt. Es gehörten Unmaſſen von Champagner dazu, um dieſe Glut zu löſchen. Bei dieſen Bällen in den großen Theatern zu Paris giebt es von Allem und das macht ſie pikant. Die faſhionablen Claſſen ſind bekanntlich ſehr zahl⸗ reich vertreten; die mitteleren ſchicken unzählige Ab⸗ geordnete dahin: der Kaufmannsſtand ſtolzirt um⸗ her, der Kleinkrämer ſchlüpft auch hinein und mehr als ein Billet fällt aus der Höhe der Beletage in die Hausmeiſter⸗Wohnung, die es nicht unbenutzt läßt. Die und die Herzogin, welche ſich in dieſes Car⸗ nevals Paradies verirrt hat, wird da durch die Toch⸗ ter ihres Portiers verdunkelt und überraſcht den Herrn Herzog, welcher ſehr eifrig ihrem Kammermädchen die Cour macht. In dieſer Nacht hatte der Saal der komiſchen Oper keinen Nebenbuhler, denn die Oper ruhete von ihrem Feſte am vergangenen Tage aus. Die Ver⸗ ehrer der Mazurka hätten, um einen andern Ball zu finden, bis zu den jenſeits der ſogenannten Anſtändig⸗ keit liegenden Breiten des Ambigu⸗Theater hinabſtei⸗ gen oder ſich gar in die übel berüchtigten Räume des Odeon wagen müſſen. Der Saal war deshalb gddrängt voll Seit Polzeidie Gedränge gege⸗ man ſich kaum und compact al moſphäre ihr ve ſheln, Kichern In der M‚ Paat, das ſich lotene Gefährter ßer junger Ma der zu Huſaten ders trug. E Jahre alt ſein. auch eine gewi die ſich fürchte Winde fortreiß halb hintergan Er war ſch und Reizendes ndliches, zu lei dem ſanften Bl Es war de Schiffscadett angekommen w Er führte det zu groß der die Herzen inn war ein Er⸗ de geliebt. Cz rdazu, um dieſe unzählige Ab⸗ and ſtolzirt um⸗ nein und mehr er Veletage in à richt unbenutt in dieſes Car⸗ da durch die Toch⸗ erraſcht den Herm Kammermädchen tal der komiſchen Oper ruhete vol aus. Die Ver⸗ m andern Bal z annten Anſtändie Theater hinabſti⸗ btigten Räume de aal war deshal 69 gedrängt voll und man ſchlug ſich am Eingange. Seit Polizeidieners Gedenken hatte es kein ſolches Gedränge gegeben. In dem zu kleinen Foyer konnte man ſich kaum bewegen. Die Menge wogte dicht und compact auf und ab und warf in die dicke At⸗ moſphäre ihr verworrenes Gemurmel, das aus Zi⸗ ſcheln, Kichern und hellem Lachen beſtand. In der Mitte des Gedränges befand ſich ein Paar, das ſich ſo gut es ging Bahn brach und ver⸗ lorene Gefährten zu ſuchen ſchien. Es war ein gro⸗ ßer junger Mann mit regelmäßigen ſanften Zügen, der zu Huſarenbeinkleidern den Frack eines Seeoffi⸗ ciers trug. Er mochte fünf bis ſechs und zwanzig Jahre alt ſein. Sein Geſicht drückte Offenheit aber auch eine gewiſſe Schwäche aus, nicht die Schwäche, die ſich fürchtet, ſondern jene, die ſich von jedem Winde fortreißen läßt, die zu ſchnell glaubt und des⸗ halb hintergangen wird. Er war ſchön; ſein Lächeln hatte etwas Edeles und Reizendes; ſein der Liebe leicht zugängliches, redliches, zu leicht vertrauendes Herz ſpiegelte ſich in dem ſanften Blicke des Auges. Es war der junge Graf Julian von Audemer, Schiffscadett, der erſt ſeit einigen Stunden in Paris angekommen war und nur zu Abend gegeſſen hatte. Er führte einen Pagen mit einer Sammetmaske, der zu groß war als daß er hätte eine Dame ſein 70 können, aber auch zu zierlich ausſah, als daß man ihn ſogleich für einen Herrn halten konnte. „Abgemacht,“ ſagte der junge Graf, indem er über die Köpfe der ihn Umdrängenden hinwegzuſehen verſuchte;„ich bin Ihr Secundant, da Sie nicht zugeben wollen, daß ich den Elenden zur Raiſon bringee Sie ſind zwar noch jünger als ich, ſind aber hier ganz bekannt und ſchlüpfen da wie ein Aal hin⸗ durch, wo ich verblüfft ſtehen bleibe.. Aber wo zum Guckuck haben ſich unſere Damen verſteckt?“ „Ich ſah ſie eben noch,“ antwortete Franz, ‚als der große Menſch in deutſcher d Tracht ſich zwiſchen uns und ſie ſtellte. Haben Sie bemerkt, wie er mich anſah?“ „Ich habe wohl bemerkt, daß er ſich nahe an meinen blauen Domino drängte,“ antwortete der Schiffscadett.„Ich möchte wetten, daß ſie Bekannte ſind.. Aber ich wittere auch die ſchönen Damen von Weitem. Die da iſt reizend und ich würde ſie dem Könige entführen.“ Der Schiffscadett hatte gut gegeſſen und fühlte ſich geneigt, alle Dominos auf dem Balle zu lieben. Franz ließ zerſtreut den Kopf ſinken. „Sein Auge folgt mir überall,“ flüſterte er leiſe vor ſcch! hin.„Er ſcheint mich noch immer zu ſehen. Er iſt ein ſchöner Mann; wenn ich in ſeinem Alter ſtände, möchte ich einen Kopf wie er haben.“ in das Aus as mir r einfäl 7 t grnauer V und ihh h habe, Glid de rdam Tragen S die Gräfin Eſtl „Noch imn Seeleute ſind b Eſther iſt das prrechen wit! daß man woh und verſuchen „Mein,“ „Sie ha kein Vermöge Ich hal ι‿ „Wie S ſinn, um deſe Franz. Sie (eſtemal in der ten ſchon dar noch nicht zu Franz dr mit den Wor „Sehen als daß man konnte. eGraf, inden ar den hinwegzuſchen ant, da Sie nicht enden zur Raiſon als ich, ſind aber awie ein Aal hin⸗ leibe.. Aber wo den verſteckt?“ utwortete Franz, J Taacht ſich zwiſchen erkt, wie er mich aß er ſich nahe an antwortete der n, daß ſte Bekannte ſchönen Damen von d ich würde ſie dem gegeſſen und fühle in Balle zu lieben, h immer zu ſehm. dich in ſeinem Alr L.on 44 er haben. 71 „Bah!“ fiel Julian ein,„dieſe deutſche Tracht giebt das Ausſehen eines Theaterhelden. Aber, was mir einfällt, Franz! Meine Mutter ſteht in ſehr genauer Verbindung mit dem Hauſe Geldberg und ich habe, wie Sie wiſſen, wenigſtens auf ein Glied der Familie einigen Einfluß.“ 3 „Tragen Sie ſich noch immer mit dem Gedanken, die Gräfin Eſther zu heirathen?“ fragte Franz. „Noch immer,“ entgegnete der Andere;„wir Seeleute ſind beſtändig, wenn auch nicht immer treu. Eſther iſt das ſchönſte Weib in Paris. Aber davon ſprechen wir nicht; ich wollte Ihnen nur ſagen, daß man wohl einen Schritt bei den Geldbergs thun und verſuchen könnte, Sie mit ihnen auszuſöhnen.“ „Nein,“ antwortete Franz. „Sie haben mir aber doch gebeichtet, daß Sie kein Vermögen beſitzen.“ „Ich habe nichts, verlange aber auch nichts.“ „Wie Sie wollen. Immer noch derſelbe Eigen— ſinn, um deſſetwillen ich Sie eben lieb habe, guter Franz. Sie waren noch ein Kind, als ich Sie das erſtemal in dem Hauſe Geldberg ſah, aber Sie ſag⸗ ten ſchon damals:„ich will“, während ich heute noch nicht zu wollen vermag..“ Franz drückte ihm den Arm und unterbrach ihn mit den Worten: „Sehen Sie da!“ — — 72² Sein Finger zeigte auf das andere Ende des Foyer. „Es iſt unſer Deutſcher,“ rief Julian aus, deſ⸗ ſen Auge der angedeuteten Richtung gefolgt war; „aber er hat einen andern Anzug angelegt.“ „Und er ſpricht mit ihnen!“ ſetzte Franz hinzu. Julian hielt die Hand über die Augen, um beſſer ſehen zu können. Der Mann, den Franz bezeichnet hatte, ſprach wirklich mit zwei Damen, von denen die eine einen blauen, die andere einen ſchwarzen Atlas⸗Domino trug. Er war ein noch junger Mann mit unge⸗ wöhnlich ſchönem und heiterm Geſichte. Er trug einen glänzenden Majo-Anzug mit vielen ſilber⸗ nen Knöpfen, der gefranſeten Schärpe und der durch⸗ aus nothwendigen Reſilla. Die Damen, die er angeredet hatte und mit denen er ſehr angelegentlich ſprach, waren nicht blos wegen der Farbe ihres Dominos, ſondern auch wegen ihrer verſchiedenen Größe leicht kenntlich. Der ſchwarze Domino war ganz klein, ganz niedlich und zierlich; der blaue dagegen hatte eine impoſante Figur und die verrätheriſchen Falten des Atlas ließen einen üppigen und untadeligen Wuchs errathen. „Sie ſind es!“ ſagte Franz.„Wir müſſen zu ihnen zu gelangen ſuchen, denn ich bin vernarrt in jene Dam Wir müſſen; Julian i „Wahrh Sehen Sien les. Wenni dtwas zu lach Sie baht Schiffscadett ſteuerte, wäh ungekehrt ge Sie kam halben Weg Arm des M dor verſchw Sie bli „Wir „Es iſ hinzu,„d Wenn wird wir ihnen w hen; es iſt gegengeſetzte zu kommen „Meine ja, daß die „Und IIl. dere Ende de Julian aus, di⸗ i gefolgt war; e Franz hinzu. gen, um beſſer net hatte, ſprach n die eine einen Atlas⸗Domino ann mi unge⸗ ſichte. Er trug mi vielen ſiber⸗ eund der durch⸗ atte und mit denen nicht blos wegen auch wegen ihrer Panz klein, ganz lagegen hatte eine riſchen Falten des ntadeligen Wuche „Wir müſſe c vin vernan 73 in jene T Dame und der Mann macht mich neugierig. Wir müſſen zu ihnen.“ Julian wünſchte nichts eifriger. „Wahrhaftig,“ ſagte er,„„ich bin auch vernarrt. Sehen Sie nur, Franz; ſie iſt die Königin des Bal— les. Wenn ihr der Majo den Hof macht, ſo giebt es etwas zu lachen.“ Sie bahnten ſich mit Gewalt einen Weg; der Schiffscadett brauchte den Elnbogen und Franz ſteuerte, während es auf einem Schiffe wahrſcheinlich umgekehrt geweſen ſein würde. Sie kamen nur langſam vorwärts. Auf dem halben Wege ſahen ſie, daß jede der Damen einen Arm des Majo nahm und daß ſie ſo in dem Corri— dor verſchwanden, der zu dem Saale führte. Sie blieben verdrießlich ſtehen. „Wir ſind angeführt,“ meinte Julian. „Es iſt zehn gegen eins zu wetten,“ ſetzte Franz hinzu,„daß wir ſie nun ſobald nicht wieder ſehen. Wenn wir denſelben Weg einſchlagen wie ſie, können wir ihnen wohl die ganze Nacht vergeblich nachzie⸗ hen; es iſt alſo viel ſicherer, daß wir durch die ent— gegengeſetzte Thüre hinausgehen und ihnen entgegen zu kommen ſuchen. Glück auf!“ „Meinetwegen,“ antwortete Julian.„Ich weiß ia⸗ daß die Meinige ſchön iſt wie ein Engel.“ „ Und die Meinige!“ rief Franz aus.„Denken III. 6 74 Sie ſich, Julian,“ ſetzte er leicht erroͤthend hinzu, „ich bin verliebt, ernſtlich verliebt und zwar für mein ganzes Leben.“ „Ach,“ entgegnete der junge Graf,„in den ſchwarzen Domino?“ „Nein, in ein junges Mädchen, das eben ſo rein und unſchuldig iſt als ſchön.“ „Eben ſo heilig als ſchön!“ wiederholte Julian; „das iſt die gewöhnliche Redensart.“ Franz ſah ihn von der Seite an, als müſſe er ſich Gewalt anthun, um ein Lächeln zu unterdrücken. „Ja wirklich, ſo heilig als ſchön,“ ſprach er dem Freunde nach.„Sie haben wahrhaftig die Wahrheit geſagt und gleichwohl hat mich der ver⸗ dammte ſchwarze Domino behext.“ „Iſt die Heilige auch auf dem Maskenballe?“ fragte der Schiffscadett. „Pfui!“ erwiderte Franz.„Ich ſage Ihnen, Julian, ſie iſt ein liebes ſanftes Kind, ein Engelsherz, ſo wie Sie Ihre Schweſter ſchildern oder Ihre Mut⸗ ter als ſie noch ein junges Mädchen war.“ Das was man unter der Sammetmaske vom Geſichte Franz's ſah, war hoch geröthet. Er wendete den Kopf bei Seite und blieb einige Secunden lang in der verlegenen Stellung eines Menſchen, der zu viel geſagt zu haben fürchtet. Julian von Audemer aber hatte keinen beſondern Sinn in d achtete auf „Siee meine Gewe ein Schüler den Mauern Balle und ſ erwartet, w zug. Sager inmer hübſ „Anbe laut. „Und ſie mit der Franz ſich habe glaubt. der Ritte „Ach ſeine Haa „Eine „Alle „Ein „Erx „Vor „Sei „Dum 75 d hnu, Sinn in den Worten des Freundes gefunden und Wwarfür mein achtete auf deſſen Verlegenheit nicht. .„Sie erneuern damit, ohne es zu wollen, alle kaf,„in den meine Gewiſſensbiſſe,“ ſagte er;„ich bin noch wie l ein Schüler, Franz. Ich ſah, als ich ankam, an I. das eben ſo rein den Mauern die Anſchlagzettel von dieſem verlockenden 4 Balle und ſtatt zu meiner Mutter zu eilen, die mich 1 tholte Julian; erwartet, warf ich mich ſogleich in einen Maskenan-— zug. Sagen Sie mir, Franz, iſt meine Deniſe noch 1 als müſſe er immer hübſch?“— 44 u unterdrücken.„Anbetungswürdig,“ antwortete Franz halb⸗ on,“ ſprach er laut. 44 wahrhaftig die„Und meine Mutter hat noch immer die Abſicht at mich der ver⸗ ſie mit dem Ritter Reinhold zu verheirathen?“ 12 Franz ſprach noch kleinlauter als er antwortete: Maskenballe?“„ich habe davon ſprechen hören, aber nie daran ge⸗ glaubt. Fräulein von Audemer iſt ja ſo ſchön und (Ich ſage Ihnen, der Ritter ſo alt!“ „ein Engelsherz,„Ach nein,“ ſagte Julian,„er beſitzt noch alle odet Ihre Mur ſeine Haare.“ wal.“„Eine Perrücke!“ mmetmasfe von„Alle ſeine Zähne..“ thet. Er wendete„Ein falſches Gebiß!“ „Er blüht wie eine Roſe..“ „Von Schminke!“ „Seine Tallle iſt untadelig..“ „Durch Watte!“ e Sceunden lang Nenſchen, det zu e keinen beſondem 76 „Er iſt ein Millionär..“ „Dagegen läßt ſich nichts ſagen; aber ſeit ich das Haus Geldberg verlaſſen habe, beſuche ich keine Geſellſchaften mehr und weiß alſo nicht, was vor— geht. Sie ſelbſt, lieber Julian, ſind ernſtlich ent⸗ ſchloſſen, die Gräfin zu heirathen?“ „Lieber Freund,“ erwiderte der Schiffscadett, „meine Mutter drängt mich mit Gewalt dazu. Die Gräfin beſitzt ein großes Vermögen und ich glaube auch wirklich in ſie verliebt zu ſein.“ Franz unterdrückte ein Wort, das ihm auf die Lippen trat und ſchwieg. Sie kamen an der Thüre an, welche ſich jener gegenüber befand, durch welche die beiden Damen und der Majo hinausgegangen waren. In dem Augenblick als ſie über die Schwelle ſchrei⸗ ten wollten, drehte ſich Franz um, um einen letzten Blick in das Foyer zu werfen. „Da!““ rief er dabei aus und blieb zugleich ſte— hen.„Sehen Sie nur, Julian, ſehen Sie!“ Der Schiffscadett konnte einen Ausruf des Stau⸗ nens nicht unterdrücken. An der Stelle, welche der ſchöne Majo verlaſſen hatte, ſtand der deutſche Herr und überblickte ruhig die Menge. „Er muß den Anzug wieder gewechſelt haben,“ ſagte Julian ſtaunend. „Das Franz., er kurz vo Mſſo „Ale Ich 7 mes ſteckt! Franz ſchwand al „Was telte ſein b um die Löf Sie weiter men müſſe Sie g unter der Julig ihnen de Gedanken „Sie in den B Anſichten Sie einer ten und S gen Orte, würden geben?“ aber ſeit icch ſuche ich keine ct, was vor⸗ dernſtlich ent⸗ 5 wiffscadett, alt dazu. Die und ich glaube à ihm auf die elche ſich jener beiden Damen Schwelle ſchrei⸗ um einen letzten ſlieb zugleich ſte⸗ 77 „Dazu hat er kaum Zeit gehabt,“ entgegnete Franz.„Und dann ſieht er jetzt ſo traurig aus als er kurz vorher heiter war.“ „Allerdings.“ „Ich möchte wetten, daß dahinter etwas Seltſa⸗ mes ſteckt und ich hätte wohl Luſt..“ Franz unterbrach ſich und ſeine Lebhaftigkeit ſchwand alsbald. „Was geht es mich an?“ flüſterte er und ſchüt— telte ſein blondes Haupt.„Ich habe keine Zeit mich um die Löſung von Räthſeln zu kümmern. Kommen Sie weiter, Julian,“ fuhr er frot.„Unſere Da⸗ men müſſen frei ſein und ſie ſuchen uns vielleicht.“ Sie gingen die Treppe hinunter, deren Stufen unter den Füßen der Menge ganz verſchwänden. Julian drehete ſich häufig um, um zu ſehen, ob ihnen der Majo nicht etwa folge. Franz war in Gedanken verſunken. „Sie ſind Edelmann, Julian,“ ſagte er als ſie in den Ballſaal eintraten,„und müſſen ſtrengere Anſichten haben als wie Kinder des Zufalls. Wenn Sie eine reiche, ſchöne, ebenfalls adelige Dame lieb⸗ ten und Sie träfen dieſelbe an einem jener leichtferti⸗ gen Orte, wo jede Tugend irgend eine Wunde erhält, würden Sie ihr gern den Namen Ihres Vaters geben?“.. „Welchen Ort meinen Sie?“ 78 „Es giebt deren viele,— z. B. einen Mas⸗ kenball.“ Das Geſicht des Schiffscadett wurde ernſter. „Warum dieſe Frage?““ flüſterte er. „Um zu erfahren..“ Julian dachte einen Augenblick nach. „Ich habe in meinem Leben nur eine Dame ge⸗ liebt,“ antwortete er endlich;„dieſe Dame iſt Eſt⸗ her von Geldberg, die ich ſchon vor ihrer Verheira⸗ thung kannte, als meine Familie arm und ich Ihr College in dem Comptoir der Straße La Ville l'Eveque war. Es iſt alſo eine alte Liebe, an die ich immer denke, von der ich aber ſelten ſpreche. Wenn ich aber Eſther auf dem Balle ſähe, würde ich morgen abreiſen, wieder auf mein Schiff gehen und alle meine Hoffnungen, einſt glücklich zu werden, hier zurück— laſſen. Wenn mir Jemand ſagte, er habe ſie geſe⸗ hen, ſo würde ich ihm ſagen, er lůͤge und ihn er⸗ morden.“ 4 Die Stimme Julians von Audemer war ernſt und ſeine Augen drückten eine unerwartete Entſchloſ⸗ ſenheit aus. Die frühere ſorgloſe Schwäche hatte plötzlich einer Feſtigkeit Platz gemacht. Es trat ein Wort auf die Lippen ſeines Beglei⸗ ters, doch unterdrückte er es. „Wenn aber der, welcher Ihnen dies ſagte, Ihr Freund wäre?“ ſprach er. 3 Die! Eine Sech gleiter get „Hal fragte er Franz ſein Geſich auch nicht Das genes Lach ſchläft ger Herr Vie⸗ Das er glaubt „Si „und zu naueres Sie fenn „Ich naber ich Si Es Do W ſchwarze T / / 7 einen Mas⸗ de ernſter. ne Dame ge⸗ dame iſt Eſt⸗ tet Vetheita⸗ und ich Ihr Villel Cveque die ich immer Wenn ich de ich morgen und alle meine n, hier zurück⸗ thabe ſie geſt⸗ und ihn er⸗ mer war ernſt neete Entſchloſ⸗ Schwäche hatte ſeines Begle⸗ dies ſagte, Ir 79 Die Augenbrauen Julians zogen ſich zuſammen. Eine Secunde lang ſchwieg er und ſah ſeinen Be⸗ gleiter gerade ins Geſicht. „Haben Sie vielleicht die Gräfin geſehen?“ fragte er dann ganz leiſe, ohne die Lippen zu öffnen. Franz zögerte einen Augenblick und da die Maske ſein Geſicht bedeckte, ſo konnte man ſeine Gedanken auch nicht in ſeinen Zügen leſen. Das Reſultat des Nachdenkens war ein erzwun⸗ genes Lachen. „Welche Thorheit!“ ſprach er.„Die Gräfin ſchläft gewiß ruhig in dem Palaſt Geldberg und Sie, Herr Vicomte, werden mich nicht ermorden.“ Das Geſicht des Letztern heiterte ſich wieder auf; er glaubte den Worten des Freundes gar zu gern. „Sie haben mir Angſt gemacht,“ ſagte er lächelnd, „und zur Strafe müſſen Sie mir nun etwas Ge⸗ naueres von unſeren beiden Dominos ſagen, denn Sie kennen dieſelben ſicherlich beide.“ „Ich kenne ſie vielleicht,“ antwortete Franz, „aber ich kann nichts ſagen.“ „Sie ſind ſehr verſchwiegen.“ „Es ſind zwei vornehme Damen.“ „Darauf habe ich wetten wollen.. und dann?“ „Weiter weiß ich nichts. Das Geheimniß des ſchwarzen Domino geht mich zur Hälfte an und deshalb 80 bewahre ich es; das des blauen geht mich nichts an, warum ſollte ich es alſo nicht bewahren?“ „Iſt ſie hübſch?“ „Reizend.“ „Wiſſen Sie es gewiß?“ „Vollkommen.“ „Weiter brauch' ich nichts,“ ſprach der Schiffs⸗ cadett, der ſeine ganze Heiterkeit wiedergefunden hatte, „an allem Uebrigen liegt mir im Ganzen wenig.. Aber iſt es nicht eine von ihnen, die ich da unten, ganz unten im Saale ſehe?“ „Der blaue Domino!“ rief Franz aus.„Sie läßt ſich führen, bei meiner Ehre, wieder von dem Majo!“ „Und der ſchwarze Domino hat ſich an den an⸗ dern Arm gehangen,“ ſetzte Julian hinzu.„Wir müſſen uns überzeugen, ob wir den Staar haben. Franz, wir wollen ein geſchicktes Manöver ausfüh⸗ ren. Gehen Sie links, währenduich mich rechts halte; dabei laſſen wir die beiden Dominos nicht aus den Augen und Einer wenigſtens muß ihnen begegnen.“ „Einverſtanden!“ ſagte Franz. Sie ſchieden und fingen an, in entgegengeſetz⸗ ter Richtung durch die Menge ſich durchzudrängen. Freilich verloren ſie unter den dichtgedrängten Men⸗ ſchenhaufen ſehr bald ihren Compaß und konnten ſch nur na nen richten. minos nicht zuſammen. Währer einemmale „Pilſt fragte eine ben ihm. Franz k ganz von ſi Entwickelun dete das( Weib, das Der derniſſe ni „Sch ſchon ſeit noch an D weil er Di nicht ein w Franz und hielt wendet. Er fü Tone der der Zudri t wich nichtz Ur, 4 vahren?“ ach der Schiffs⸗ tgefunden hatte, anzen wenig.. wieder von dem ſich an den nn⸗ n Staar haben. Nanöver ausfüh⸗ ich mich rechts Dominos nicht ns muß ihnen entgegengeſet⸗ hzudrängen. gedrängten Men⸗ daß und konnten 81 ſich nur nach der Geſtalt des Saales im Allgemei— nen richten. So ſahen ſie nicht nur die beiden Do⸗ minos nicht, ſondern kamen auch ſelbſt nicht wieder zuſammen. Während Franz ſich abmühete, hing ſich mit einemmale ſanft ein Arm an den ſeinigen. „Willſt Du mein Herz haben, ſchöner Page?“ fagts eine luſtige etwas angetrunkene Stimme ne⸗ ben ihm. Franz konnte ſeine muthwillige heitere Laune nie ganz von ſich laſſen. Er ſchwieg, ohne viel an die Entwickelung des Abenteuers zu denken, und wen— dete das Geſicht ab wie ein Abenteuen ſuchendes Weib, das den Haken etwas feſter zu ziehen wünſcht. Der Andere ließ ſich durch ſolche bekannte Hin⸗ derniſſe nicht abſchrecken. „Schöner Page,“ fuhr er fort,„ich ſuche Dich ſchon ſeit einer Stunde; der Seemann, der eben noch an Deinem Arme hing, iſt ein dummer Kerl, weil er Dich verlaſſen hat. Sieh mich an; bin ich nicht ein weit hübſcherer Kerl als er?“ Franz konnte kaum noch das Lachen unterdrücken und hielt deshalb das Geſicht noch immer abge— wendet. Er fühlte, daß ſein Galan wankte und an dem Tone der Stimme errieth er, daß er betrunken ſei. Der Zudringliche drückte ihm ſehr verliebt den Arm 82 und flüſterte ihm ſehr hörbar deutliche Liebeserklä⸗ rungen ins Ohr. Das Schweigen des Pagen er⸗ muthigte ihn noch mehr, ſo daß er ihn endlich um— ſchlang und ihm einen derben Kuß auf die Backe drückte. Franz erwiderte den Kuß mit einen Fauſtſchlag, durch einen jener kräftigen Fauſtſchläge, die hier und da auf Bällen improviſirt werden und die einen Ochſen niederſtrecken könnten. Hätten die Menſchen nicht gar zu dicht geſtan— den, ſo würde der Galan wohl über den Haufen gefallen ſein; aber in dem Gedränge hätte ein Todter gerade ſtehen müſſen. Statt zu fallen, taumelte der Galan nur gegen den Grafen von Mirelune und zerdrückte ihm die Naſe. Dabei lachte er aus Her⸗ zensgrunde. „Schade,“ ſagte er,„daß Sie ein Mann ſind.. Ich gäbe hundert Dukaten darum, fänd ich ein Weib, das einen ſolchen Schlag führen könnte.“ Franz ſtand mit offenem Mund und hängenden Armen vor ihm. Seine Züge drückten die größte Verwunderung aus. Der betrunkene Galan, der ihn für ein Mädchen gehalten hatte, war— wiedet der deutſche Herr. Und der deutſche Herr hatte nochmals den Anzug gewechſelt. Er trug ein rothes halb offenes armeni⸗ ſches Gewand, das ſein Batiſthemd ſehen ließ. Franz ſa Jemanden, d aber es ſtand lachend dem! kenbällen zwe mal wieder. Dann rie den Armeniee en Merkmal ter und dem bar derſelbe Taacht, leich den Jäckchen lachend wie liche Lebeserklaͤ⸗ des Pagen er⸗ ihn endlich um⸗ 5 auf die Vate nen Fauſſſchlag, laͤge, die hier und en und die einen zu dicht geſtan⸗ uͤber den Haufen ge hatte ein Todter allen, taumelte der don Mirelune und lachte er aus Her⸗ ie ein Mann ſind. fänd ich ein Weid, onnte.“ nd und häͤngenden rrückten die größt inkene Galan, der te, war— wieder occhmals den Anzl alb offenes armen nd ſchen ließ. 83 Franz ſah ſich rings im Kreiſe um als ſuche er Jemanden, der ihm dies ſeltſame Geheimniß erkläre; aber es ſtanden nur unbekannte Zuſchauer da, welche lachend dem Auftritte zugeſehen hatten, der auf Mas⸗ kenbällen zwar ſehr häufig vorkommt, aber doch jedes⸗ mal wieder Heiterkeit erregt. Dann richtete Franz ſeine Augen wiederum auf den Armenier und ſuchte in deſſen Geſichte irgend ein Merkmal zu entdecken, welches ihn von dem Rit⸗ ter und dem Majo unterſcheide; aber es war offen— bar derſelbe Mann, ruhig und ernſt in der deutſchen Tracht, leichtfüßig, glänzend, heiter in dem blitzen⸗ den Jäckchen des Spaniers und jetzt betrunken und lachend wie man im Rauſche lacht. Fünftes Kapitel. Die beiden Dominos. Der Armenier lachte noch immer und ſah dabei den jungen Pagen an. Dieſer dachte nicht daran, es übel zu nehmen, denn ſeine Verwunderung ließ gar keinen andern Gedanken in ihm aufkommen. Er ſah mit großen Augen den ſeltſamen Mann an, der ſich wie ein Proteus verwandelte und ſich vervielfäl⸗ tigen zu können ſchien. Obwohl er den feſten Vorſatz gehabt hatte, die Stunden dieſer letzten Nacht gänzlich dem Vergnü⸗ gen zu widmen, ſo vergaß er doch den Ball und die Sirene, welche ihn lockte, nm den Schlüſſel zu dieſem Geheimniß zu ſuchen. Warum alle dieſe Verwand⸗ lungen? Wegen einer Wette? Gab ſich der ſonder⸗ bare Mann ſo viel Mühe blos um ſich zu unterhalten? Oder hatte, fonnte dies ſe Die Neu⸗ geſammelt, h gonnen. de gung für ſei dit ihn mit, Der Arn zunge und Fr deingender eig tumult erklan Das Ge⸗ plätlich wie ſein Auge fu Länge nach Der gan bemann in ſchen ſchwan Hätte Fran würde er ihn er Arn 5. F den Kopf et Aufmerkſamt blieb keine volle Spann ſhe umnebe und verſtänd — 2 und ſah dabei icht daran, erung ließ auffommen. Er en Ann an, d ind ſich vervielfä⸗ habt hatte, d lich dem Vergni— den Ball und de Schlüſſel zu dieſen le dieſe Verwand⸗ zab ſich der ſonde zuunterhaltn! 8⁵ Oder hatte er einen ernſten Zweck? und welcher konnte dies ſein? Die Neugierigen, welche ſich um den Armenier geſammelt, hatten einen Witzwettkampf mit ihm be⸗ gonnen. Der Graf Mirelune verlangte Entſchädi⸗ gung für ſeine eingedrückte Naſe. Ficelle bombar— dirte ihn mit allerdings ſehr alten Calembourgs. Der Armenier hatte aber eine ſehr geläufige Zunge und Franz hörte ihm ſtaunend zu als ein durch⸗ dringender eigenthümlicher Schrei mitten in dem Ball⸗ tumult erklang. Das Geſicht des. Armeniers verwandelte ſich plötzlich wie durch Zauberei; ſein Lachen verſchwand, ſein Auge funkelte und er richtete ſich ſeiner ganzen Länge nach ſtraff empor. Der ganze Unterſchied zwiſchen dem luſtigen Le⸗ bemann in armeniſcher Tracht und dem ernſten Deut⸗ ſchen ſchwand bei dieſer unerwarteten Veränderung. Hätte Franz noch einen Zweifel hegen können, ſo würde er ihn jetzt haben aufgeben müſſen. Der Armenier ſtand feſt auf den Beinen, warf den Kopf etwas zurück und ſchien mit geſpannter Aufmerkſamkeit zu horchen. Von ſeiner Trunkenheit blieb keine Spur zurück; ſeine Muskeln hatten ihre volle Spannkraft wieder erlangt und ſein vom Rau— ſche umnebeltes Auge war wieder vollkommen klar und verſtändig geworden. 86 Er antwortete auf die Späße ſeiner Nachbarn nicht mehr.. Nach zwei oder drei Secunden ließ ſich ein zwei⸗ ter ähnlicher Laut hören und alsbald drang der Ar⸗ menier durch den dichteſten Haufen gerade aus in der Richtung hin, aus welcher die beiden Töne gekommen waren. Es war ein Signal, Franz errieth es. Er wollte nacheilen, dem Armenier folgen, denn das Geheim⸗ niß reizte ſeine Neugierde im höchſten Grade, aber die Menge ſchloß ſich hinter dem Fremden dichter als vorher. Er bemühete ſich einige Minuten lang ver⸗ gebens, die lebendige Mauer zu durchbrechen und unterdeß war ihm der Armenier aus den Augen ver⸗ ſchwunden. Erſchöpft kehrte Franz endlich um und wendete ſich der Seite des Saales zu, wo er früher die beiden Dominos mit dem Majo bemerkt zu haben geglaubt hatte. Er hatte ſich auch nicht getäuſcht; die große und die kleine Dame befanden ſich da und gingen Hand in Hand umher; der Majo war nicht mehr bei ihnen. Sie ſchienen ihn bereits vergeſſen zu haben oder ſchwiegen abſichtlich von ihm; ſie ſprachen jetzt viel⸗ mehr von Julian und Franz. „Welche Unvorſichtigkeit!“ ſagte der blaue Domino leiſ nich erkenner „Ach,“ Acſſehzucken, kein Herenme macht unſer würde ich mie So vortr ſchienen ſie do blauen Domi wortete: „Dir, l mathig zu ſe unter dem R. du biſt Fra die Liebesſün nung ſchreib iiger Blik „Liebſt „Er it „Liebſt „Er hat „Liebſt „Er be Narineoff Sie be Eine Grup 87 r Nachbam Domino leiſe zu dem ſchwarzen.„Wenn Julian 1 mich erkennen ſollte!“ ſich ein zwei⸗„Ach,“ entgegnete der ſchwarze Domino mit drang der Ar⸗ Achſelzucken,„der Herr Vicomte von Audemer iſt geradt aus in kein Herenmeiſter, liebes Kind; die kleine Gefahr beiden Töne macht unſer Abenteuer pikant und wäre ſie nicht, würde ich mich für meinen Theil langweilen.“ 8. Er volte So vortrefflich dieſe Gründe ſein mochten, ſo das Geheim⸗ ſchienen ſie doch keinen beſondern Eindruck auf den a Grade, aber blauen Domino zu machen, der kopfſchüttelnd ant⸗ den udiimn als wortete: aeen lang ver⸗ ‚„Dir, liebe Schweſter, wird es wohl leicht, brechen und muthig zu ſein, denn der kleine Franz kennt Dich nur den Augen ver⸗ unter dem Namen, den Du Dir ſelbſt beigelegt haſt. Du biſt Frau Louiſe von Ligny und die Welt wird m und wendete die Liebesſünde dieſer Dame nicht auf Deine Rech⸗ rüher die beiden nung ſchreiben; mich aber kennt Julian und ein ein— u haben geglaubt ziger Blick könnte mich verderben.“ „Liebſt Du ihn?“ fragte der ſihwarze Domino. t; die große und„Er iſt ein hübſcher Junge.“ nd gingen Hand„Liebſt Du ihn?“ nicht mehr b„Er hat einen ſchönen Titel.“ „Liebſt Du ihn?“ ſen zu haben ode„Er beſitzt Vermögen und die Achſelſchnuren der in e jett vie⸗ Marineofficiere mißfallen mir nicht.“ Sie befanden ſich in einem entlegenen Winkel. aate der blau Eine Gruppe Promenirender in ſchwarzem Frack 29. 88 bildete eine Art Mauer um ſie. Die Wärme war drückend und ſie konnten es unter ihrer Maske kaum aushalten. Sie ſetzten ſich gleichzeitig auf die Bank und ho— ben die ſchwarzen Sammetmasken empor, die mit langen Spitzenbarben garnirt waren. Zwiſchen ihren Zügen und den Blicken der Neu⸗ gierigen befand ſich nur noch der Atlas ihrer Kapu⸗ zen; aber trotz dieſem Hinderniß drangen die hellen Strahlen des Kronleuchters bis zu ihren Geſichtern. Unter dem blauen Domino hätten wir leicht das regelmäßige Geſicht der Gräfin Eſther erkannt; un⸗ ter dem ſchwarzen Domino barg ſich die zierliche Geſtalt der Frau von Laurens. Sie ſah in dieſem Augenblick ihre Schweſter mit einem ſpottenden Blick an. „Ich frage Dich nicht mehr, Eſther, ob Du ihn liebſt; Du liebſt ſeine Figur, ſeinen Namen, ſeinen Titel, ſein Vermögen und ſeine Achſelſchnuren.. Hat man doch noch viel weniger begründete Lieb⸗ ſchaften geſehen! Ich war, wie Du weiſt, in den jungen Franz vernarrt.““ „Er iſt allerliebſt.“ „Er iſt ein Knabe.. Solche Dinge können nur eine kurze Zeit dauern.. Nach dieſer Nacht denke ich ihn nicht wieder zu ſehen.“ „Er wird Dich aufſuchen.“ Sarah achtung. „Ich we Eſther fort; und Hert vor Sarah un verachtungsve „Franz k Frau von Lig Die Klei Franz, der C war, mußte Sarah kannt In der Bankierhauſe Geldbergsm unbedeutende zende Dame nanzwelt, ha merke können Ein Spr die, welche war Sarah Sie hate den Salons ſhön und ſei von Keckheit III. e Waͤrme war Ms MNaske kaum P Bank und ho⸗ vor, die mit Jlicken der Neu⸗ las ihrer Kapu⸗ nen die hellen en Geſichtern. n wir leicht das rerkannt; un⸗ te Schweſter mit ſther, ob Du ihn „Namen, ſeinen ſchſelſchnuren. begründete Lieb⸗ u weiſt, in den Hinge können nur ſer Nacht dent 89 Sarah machte eine Geberde der tiefſten Ver⸗ achtung. „Ich weiß, daß Du Hülfsmittel haſt,“ fuhr Eſther fort;„aber es gehört nur ein Zufall dazu und Herr von Laurens..“ Sarah unterbrach ſie mit einer neuen und noch verachtungsvolleren Geberde. „Franz kennt nur die Frau von Ligny,— und Frau von Ligny iſt Wittwe.“ Die Kleine irrte ſich darin ſehr bedeutend. Franz, der Commis in dem Hauſe Geldberg geweſen war, mußte die Tochter des alten Bankier kennen. Sarah kannte nur Franz nicht. In der Zeit, als er im Comptoir des reichen Bankierhauſes arbeitete, hatten ſich ihm die Salons Geldbergs mehr als einmal geöffnet, aber er war ein unbedeutender junger Menſch und Sarah, die glän⸗ zende Dame, die Königin der koſtbaren Feſte der Fi⸗ nanzwelt, hatte unmöglich den jungen Commis be⸗ merke können, der in der Menge verſchwand. Ein Sprichwort ſagt, die Sonne ſähe nicht alle die, welche ſie anblickten und in Bezug auf Franz war Sarah die Sonne. Sie hatte den freigewordenen Commis nicht in den Salons ihres Vaters kennen gelernt. Er war ſchön und ſein Charakter beſaß jene reizende Miſchung von Keckheit und Schüchternheit, welche ſelbſt in den III. 7 4 90 der Huldigung überdrüſſigen Herzen Wünſche weckt. Sarah hatte ihn nach einer kurzen flüchtigen Laune geliebt und Franz ihr ganz Gleiches mit Gleichem vergolten, nur war die Liebeslaune des jungen Franz noch nicht vorüber als die Jüdin bereits wieder die tödtlichſte Langweile empfand. Sarah war ſo reizend und verſtand ſich auf die verlockende Koketterie ſo gut! Der junge Mann blieb bezaubert ſtehen und wollte den berauſchenden Lie⸗ bestrank, den ſeine jungfräulichen Lippen zum erſten⸗ male gekoſtet hatten, bis auf den letzten Tropfen leeren. Der Vortheil verblieb alſo der Frau von Lau⸗ rens, wie dies bei einem Kampfe zwiſchen einem noch gänzlich unerfahrenen Jüngling und einer dreißig⸗ jährigen Kokette nicht anders ſein konnte, welcher alle Geheimniſſe der weiblichen Diplomatie bekannt waren. Freilich war dieſer Vortheil nur ein ſcheinbarer weil die Kokette ein Geheimniß zu bewahren hatte und der Jüngling zufällig dieſes Geheimniß kannte. Sie hielt ſich vor jedem Angriffe ſicher und war deshalb um ſo leichter verwundbar, gleich jenem Ritter der Heldengedichte Italiens, der im Kampfe mit einer erprobten Rüſtung erſcheint, deren abge⸗ ſchraubte Stücke aber in der Stunde der Gefahr nach einander abfallen. Die b dann nahr gleicgülti wenn ſie meiſten am „Der lichen Nebe „Viell „Kenn genauer?“ „So; „Eini ihn kennen „Vor „Vor Die h Spitzen i „So ſache ſein armen kle fort. Sara geſehen. „89 ſein,“ biſt?“ Die Wünſche weck. üchtigen Laune mit Gleichem s jungen Franz räits wieder die und ſich auf die e Mann blieb ſchenden Lie⸗ pen zum erſten⸗ Sten Tropfen Frau von Lau⸗ iſchen einem noch ad einer dreißig⸗ konnte, welcher plomatie bekannt ur ein ſcheinbaren ewahren hatt cheinmiß kannte. ſe ſicher und war at, gleich jenen der im Kampfe eint, deren abge⸗ zeder Gtfaht na 91 Die beiden Schweſtern ſchwiegen eine Zeitlang, dann nahm die Gräfin das Wort wieder in jenem gleichguͤltigen Tone, welchen die Frauen anwenden, wenn ſie das ausſprechen wollen, was ihnen am meiſten am Herzen liegt. „Der kleine Franz hat ohne Zweifel einen glück⸗ lichen Nebenbuhler,“ ſagte ſie. „Vielleicht,“ antwortete die Frau von Laurens. „Kennſt Du den Baron von Rodach vielleicht genauer?“ „So ziemlich, und Du?“ „Einigermaßen.. Darf man fragen, wo Du ihn kennen lernteſt?“ „Vor zwei Jahren in Homburg, und Du?“ „Vor zwei Jahren im Bade.“ Die beiden Schweſtern ſahen einander unter den Spitzen ihrer Kapuzen hervor an. „Sollte nicht dieſer Baron von Rodach die Ur⸗ ſache ſein, daß Du plötzlich ſo grauſam gegen den armen kleinen Franz geworden biſt?“ fuhr Eſther fort. Sarah hatte ihre Schweſter nie ſo ſcharf blickend geſehen. „Sollte nicht der Baron von Rodach die Urſache ſein,“ antwortete ſie,„daß Du heute ſo neugierig biſt?“ Die ſchöne Wittwe erröthete und legte ihre Maske 7* 92 wieder an. Sarah lächelte ſchalkhaft. Sie öffnete dann den Mund, um das Geſpräch weiter fortzuſetzen, bemerkte aber in dieſem Augenblick in geringer Ent⸗ fernung den jungen Vicomte von Audemer, der alle Dominos muſterte und gewiſſenhaft ſuchte. Sie legte ebenfalls raſch ihre Maske wieder vor. „Ah!“ rief der Schiffscadet aus, der ſie in dieſem Augenblick entdeckte,„jetzt habe ich Sie, ſchöne Damen, und laſſe Sie nun nicht wieder los.“ In ſolchen Fällen iſt es gehränadlich zu lachen. Ein Maskenball iſt ja ſo etwas Luſtiges! Sie lachten denn alle Drei. „Und was iſt aus Ihrem ſchönen Majo gewor⸗ den, meine Damen?“ fragte der Cadet.„Der ſonderbare Menſch wechſelt ſeinen Anzug vollſtändig ſchneller als ich meine Cravatte umbinden kann.“ „Wie meinen Sie das?“ fragte der ſchwarze Domino. „Nun“ antwortete der Schiffscadet,„ſeit wir Sie verlaſſen, haben wir ihn bald als Deutſchen, bald als Spanier geſehen und ich zweifle gar nicht, daß wir ihn auch noch als Türken ſehen werden, ehe der Ball zu Ende geht. „Sie haben ganz recht,“ fiel Franz ein, der eben hinzutrat,„ich habe ihn eben als Armenier geſehen und zwar bedeutend betrunken. Und noch vielerlei habe ich geſehen,“ fuhr Franz fort,„aber ch werde⸗ Meine de Schweſten zu verliere Sarah Arm. Eſt ſiele ihrer radet den? aus Furcht ſeiner Seite erfüllte. Die be durch nach Franz bemerkten ihnen unte Es zeigte ein Majo Auf de man ſich Ankomme ſtopfte den lian ſehr ſ und ſie ko wählen, mungen nach der Sit oͤfnett fortzuſtzen, beringer Ent⸗ mer, der alle hie. te wieder vor. , der ſie in abe ich Sie, wieder los.“ ch zu lachen. Majo gewor⸗ Ladet.„Der ug vollſtändig —74 den kann. eder ſchwarze — det,„ſeit wir Deutſchen, iile gar vicht, en werden, ehe Franz ein, der als Arnenitt en. Und noch a fort,„ober 93 ich werde Ihnen meine Geſchichte bei Tiſche erzählen. Meine Damen,“ fuhr er dann gegen die beiden Schweſtern gewendet fort,„„wir fürchten ſo ſehr Sie zu verlieren, daß wir Sie entführen werden.“ Sarah amüſirte ſich nicht; ſie gab alſo Franz den Arm. Eſther war längſt daran gewöhnt, dem Bei⸗ ſpiele ihrer Schweſter zu folgen und gab dem Schiffs⸗ cadet den Arm ebenfalls, doch zitterte ſie ein wenig aus Furcht erkannt zu werden. Julian fühlte an ſeiner Seite ein leiſes Beben, das ihn mit Entzücken erfüllte. Die beiden Paare ſchritten durch die Menge hin⸗ durch nach der Ausgangsthüre zu. Franz und Julian ſahen ſich ringsumher um, bemerkten aber nirgends die ſeltſame Perſon, welche ihnen unter einer dreifachen Geſtalt erſchienen war. Es zeigte ſich in dem Saale weder ein Deutſcher, noch ein Majo, noch ein Armenier. Auf den Stufen draußen vor dem Theater drängte man ſich wie drinnen im Saale. Der Strom der Ankommenden ſtieg unaufhörlich hinauf und ver⸗ ſtopfte den Weg. So ward es auch Franz und Ju⸗ lian ſehr ſchwer, auf die Straße hinunter zu kommen und ſie konnten überdies nicht die Seite des Platzes wählen, die ihnen zuſagte. Die Menge hat Strö⸗ mungen wie das Meer; ſie wurden unaufhaltſam nach der Straße Favart zu getrieben und mußten in 94 den Säulengang treten, der von allen anſtändigen Herren und Damen ſonſt gemieden wird.— Dieſer Gang führt nach dem Boulevard und erwar dicht ge⸗ füllt mit Menſchen wie alle anderen Theile. Unſere beiden Paare folgten der Strömung und wagten es nicht zurück zu blicken. Franz hatte ſeine Maske abgenommen und folgte mit ſeiner Dame dem Cadet, der ſeine ſchöne Beglei⸗ terin ſo gut als möglich vor Ellnbogenſtößen und Püffen aller Art ſchütze. In dem Gange herrſchte ein Halbdunkel, das im Vergleich mit der blendenden Helle des Ballſaales auch Finſterniß genannt werden konnte. Hinter Franz und Sarah gingen drei Männer, welche das Geſicht faſt ganz mit dem Mantel bedeckt hatten. Es war kalt und jene drei Mäuner unterſchieden ſich durch nichts von der Menge. Franz hatte ſie nicht angeſehen; hätte er es aber auch gethan, ſo würde doch ſeine Aufmerkſamkeit wahrſcheinlich nicht erregt worden ſein. Am Ende des Ganges, da wo der Eingang für die Schauſpieler iſt, vernahm Franz, der in dieſem Augenblicke nicht ſprach, einige Worte, die halblaut hinter ihm geſprochen wurden. „Es iſt wie verabredet,“ fluͤſterte man.„Er dreht ſich nicht um; ich habe ſein Geſicht noch nicht geſehen.“ 8 „Stil! dich. Giel wenn er in d Es kam! ſch auf ihn ihm, als kene ſch un, um drei Männer konnten einen terdrücken. „Ihr le jetig aus. mein verwün ger iſt mit Franz über dem a Sinn ihrer ſprachen off eine Beweg laſſen und um und die „Was „wir wer Sie!“ Franz Gedanken Kapfe her anſtändigen d.— Dieſer var dicht ge⸗ heile. Unſere nd wagten es enſtößen und mntel, das im Ballſaales mnte. Hinter er, welche das er Eingang für der in dieſem t, die halblaut tte man.„E ſſcht noch nicht 9⁵ „Still!“ fiel eine andere Stimme ein;„er hört Dich. Gieb lieber Acht und ſieh ihm ins Geſicht, wenn er in das Gaslicht kommt.“ Es kam Franz nicht in den Sinn, daß dieſe Worte ſich auf ihn beziehen könnten; gleichwohl war es ihm, als kenne er die erſte Stimme ſchon. Er drehete ſich um, um zu ſehen, wer geſprochen habe. Die drei Männer blieben ſofort ſtehen, und zwei von ihnen konnten einen Ausruf der Verwunderung nicht un⸗ terdrücken. „Ihr lebendiges Ebenbild!“ riefen ſie gleich⸗ zeitig aus. Dann ſagte der eine leiſe:„es iſt ja mein verwünſchter Page!“ und der andere flüſterte: „er iſt mit meinen beiden Angebeteten!“ Franz ſah nur ihre ſchwarzen funkelnden Augen über dem aufgeſchlagenen Mantelkragen. Ueber den Sinn ihrer Worte konnte er nicht mehr zweifeln; ſie ſprachen offenbar von ihm. Franz machte von neuem eine Bewegung, als wolle er den Arm Sarahs los⸗ laſſen und ſie anreden, aber ſie dreheten ſich alsbald um und die Menge drängte ſich zwiſchen ſie. „Was iſt Ihnen?“ fragte Frau von Laurens; „wir werden Ihren Freund verlieren. Kommen Sie!“ Franz wußte nicht, was er antworten ſollte; die Gedanken ſurrten und ſummten ihm verworren im Kopfe herum. Die ganze Nacht hindurch war eine 96 Art geheimnißvoller Comödie um ihm geſpielt worden und er wußte die Auflöſung des Räthſels noch nicht zu finden. Er ließ ſich fortziehen und erreichte Ju⸗ lian von Audemer wieder, der an der Ecke des Bou⸗ levards wartete. Die drei Unbekannten ſtanden auf der Straße und ſprachen da mit einander. „Es iſt ſehr lange her, ſeit ich das letztemal ge⸗ weint habe,“ ſagte einer von ihnen mit tiefbewegter Stimme;„gjetzt aber treten mir Thränen in die Augen.“ „Es war mir als ſähe ich ſeine Mutter,“ ſetzte der zweite hinzu,„ſeine arme Mutter als ſie noch lachte und noch glücklich war.“ „Er iſt ein lebensluſtiger und ſchöner Junge.“ „Und wie kräftig! Ihr hättet den Fauſtſchlag hören ſollen, den er mir verſetzte.“ „Er muß reich ſein.“ „Und glücklich. Er muß im Leben alles Glück finden, das ſeine Mutter nicht kannte.“ Der dritte Unbekannte hatte bis dahin nichts ge⸗ ſagt; jetzt ergriff er die Hand der beiden andern und ſtellte ſich in ihre Mitte. „Vor allen Dingen muß er gerettet werden,“ ſagte er;„ſeine Feinde ſind mächtig und ſein Leben iſt für ſie eine fortwährende Drohung. Wir haben gott zu da ſnd, denn! Dann ten ſtand un „Jolge ſtauration, Eſeen geben ſprach er zu Reſtauration Boulogner? falbe Stund Kichtet Euch Sie dr ſchieden. geſpieltworden thſels noch nicht ind erreichte Ju⸗ e Ecke des Bou⸗ auf der Straße as letztemal ge⸗ mit tiefbewegtet Thränen in die eMutter,“ ſetzte itter als ſie noch chöner Junge.“ t den Fauſtſchlag Leben alles Glüch sdahin nichts ge⸗ beiden andern und gerettet werden, und ſein Vben Wir habn 97 Gott zu danken, daß wir zu rechter Zeit angekommen ſind, denn morgen wäre es zu ſpät geweſen.“ Dann wendete er ſich zu dem, der zu ſeiner Rech⸗ ten ſtand und fuhr fort: „Folge Du ihm und gehe mit ihm in die Re⸗ ſtauration, die er beſucht. Laß Dir in der Nähe Eſſen geben und verlaß ihn keine Minute. Du,“ ſprach er zu dem andern,„Du hältſt Wache vor der Reſtauration. Das Duell ſoll um ſieben Uhr im Boulogner Wäldchen ſtattfinden. Ich brauche eine halbe Stunde, um meine Geſchäfte zu beendigen.. Richtet Euch ein.“ Sie drückten einander ſchweigend die Hände und ſchieden. uE Sechſtes Kapitel. Der Armenier. Es war ungefähr halb ſechs Uhr früh. In einem Stuͤbchen im Café Anglais ſaß ein Mann drei oder vier leeren Weinflaſchen gegenüber. In dem anſtoßenden Zimmer lachte, ſcherzte und ſang man. Der Mann vor den Weinflaſchen hatte ein glü⸗ hend rothes Geſicht und auf ſeinen Lippen ſchwebte ein Lächeln. Sein Ausſehen verrieh es deutlich genug, daß der Inhalt der vier Weinflaſchen in ſei⸗ nen Magen gewandsect war. Neben ihm auf einem Stuhle hing ein großer Mantel und hinter ihm an der Wand ein breitkräm⸗ piger Hut. Sein Anzug war ein rothes armeniſches Gewand, auf der Bruſt bar wurde. Reben ihn her, die kützli Eben trat „Eine Fla Der Kelln wendete dann einſamen Trin „Das iſ rrinkt für ſich un ſich zu am tr ein Englän Er drehel holen. „Kellner armeniſcher „Mein „Sind „Es kön Kellner, der nich der Her „Weil halbes Duß fen habe. „Er iſt „Wie ir fruh. Ineinem n Mann drei oder achte, ſcherzte und hen hatte ein glü⸗ pen ſchwebte riieh es deutlich Leinflaſchen in ſe⸗ hing ein geoßer zand ein breiktäm⸗ meniſches Gewand, 99 auf der Bruſt offen, wo ein feines Batiſthemd ſicht⸗ bar wurde. Neben ihm ſchwang ſich eine Klingelzug hin und her, die kürzlich erſt gezogen worden war. Eben trat der Kellner ein. „Eine Flaſche Margaur!“ riefihm der Mann zu. Der Kellner ſah die vier leeren Flaſchen an und wendete dann ſeinen Blick voll Bewunderung auf den einſamen Trinker. „Das iſt ein närriſcher Kauz!“ dachte er;„er trinkt für ſich ganz allein und braucht Niemanden, um ſich zu amüſiren. Ich wette zwei Francs, daß er ein Engländer iſt.“ Er drehete ſich um, um die verlangte Flaſche zu holen. „Kellner!“ rief der muthmaßliche Engländer in armeniſcher Tracht. „Mein Herr, zu Befehl!“ „Sind Sie gewandt?“ „Es kömmt auf einen Verſuch an,“ dachte der Kellner, der dann laut antwortete:„warum fragt mich der Herr ſo?““ „Weil ich einen Einfall auszuführen und ein halbes Dutzend Louisd'or aus dem Fenſter zu wer⸗ fen habe. „Er iſt ein Ruſſe!“ dachte der Kellner. „Wie heißen Sie, lieber Freund?“ 100 „Peter, mein Herr. Mein Name ſteht auf der . Karte.“ Der Amenier griff in die Taſche ſeines langen Gewandes und holte eine ſeidene Börſe heraus. Peter meinte, der Fremde könne wohl gar ein Amerikaner ſein. „Ich ſtehe dem Herrn zu Befehle, ſagte er. Der Fremde öffnete die Börſe und legte ſechs Louisd'or auf den Tiſch. „Neben an ſind zwei luſtige junge Herren, Freund Peter,“ ſagte er. „Ja, zwei Herren mit ihren Damen.. „Ich kenne ſie einigermaßen und möchte..“ Der Armenier zögerte und Peter ſah ihn von der Seite an. „Wie dumm ich bin!“ dachte er;„er iſt ein ächter Pariſer und verheirathet.“ „Verſtehen Sie mich wohl,“ fuhr der Mann mit den vier leeren Flaſchen fort;„es handelt ſich um einen kleinen Scherz, eine Wette.“ „Ja, ja!“ ſagte Perter.„Man kennt das ſchon“ und er lachte ſchalkhaft. „Verſtehen Sie mich?“ fragte der Armenier. „Vollkommen.“ „Nun, errathen Sie?“ Das Lächeln Peters wurde mit einemmale ziemlich albern und er antwortete:„ich errathe es nicht.“ 44 — der Armeni ilhrort: „3ch will— in dem anſtoßen üir, welche ich ben halb ſechs unen fünf Uhr goldſtücke hier; Der Kellner „Das waͤre d ſic uüberhauh Sutuhren nie nicht rund her⸗ lngt, will ich „Nein, u Sache darf ni „Dann y „wenn man! Der Arme über einander „Freund“ in Sie die U gir nicht ſchla verdient.. Nargaur nich Der Kell ns Fenſter, Name f Lame ſteht auf der ich ſeines! langen Börſe heraus. nne wohl lgar ein fehle, ſagte e. iſe und lagte ſechs mge Herren, Freund und möchte..“ geter ſah ihn von den ſcttee er;„er iſt ei fuhr der Mann te 7 „Man kennt dat aate der Armenier. einemmalezemlch eraathe es nicht, ;„es handelt ſich 101 Der Armenier zog ſeine Uhr aus der Taſche und fuhr fort: „Ich will Ihnen die Sache erklären. Druüben in dem anſtoßenden Zimmer haben Sie eine Stutz⸗ uhr, welche ich ſehr deutlich ſchlagen höre. Es iſt eben halb ſechs Uhr. Wenn ich es nach dreißig Mi⸗ nuten fünf Uhr ſtatt ſechs ſchlagen höre, ſind dieſe Goldſtücke hier Ihr Eigenthum.“ Der Kellner kratzte ſich hinter den Ohren. „Das wäre nicht ſchwer,“ antwortete er,„wenn es ſich uberhaupt machen ließe.. Aber man kann die Stutzuhren nicht rückwärts ſtellen, wenn man ſie nicht rund herum dreht. Wenn es der Herr ver— langt, will ich alle Stunden ſchlagen laſſen.“ „Nein, nein,“ entgegnete der Fremde,„die Sache darf nicht bemerkt werden.“ „Dann wäre es wohl am beſten,“ meints Peter, „wenn man die Uhr ſtille ſtehen ließ. Der Armenier legte die Hände auf dem Tiſche uͤber einander und ſagte dann: „Freund Peter, Sie wiſſen ſich zu helfen. Hal⸗ ten Sie die Uhr auf; wenn ſie vor einer Stunde gar nicht ſchlägt, haben Sie die ſechs Louisd'or auch verdient.. Vergeſſen Sie übrigens meine Flaſche Nauguun nicht.“ Der Kellner ging hinaus und der Armenier trat la ns Fenſter, das er öffnete. 10⁰² Auf dem Boulevard ging ein Mann, der ſich in einem großen Mantel gehüllt hatte, auf und ab. Der Armenier legte ſich in das Fenſter und be⸗ trachtete den Mann einige Secunden lang mit einem gewiſſen Mitleiden. „Feſt auf ſeinem Poſten!“ brummte er vor ſich hin.„Wenn man ihm nur ein Glas Wein ſchicken könnte! Ich meines Theils habe den beſten Poſten und befinde mich ganz wohl hier.“ Die Kälte draußen fiel ihm bald auf; er fröſtelte und warf raſch das Fenſter wieder zu. „Jeder arbeitet nach ſeinen Kräften,“ fuhr er fort.„Er hat ſo oft unter Fenſtern Schildwache geſtanden, daß es für ihn ein wahres Vergnügen iſt, in der Kälte herumzugehen. Ich paſſe beſſer für das zugeh) Innere der Häuſer und für Aufgaben, bei denen es etwas zu eſſen und zu trinken giebt.“ Jetzt kam der Kellner mit der Flaſche Margaur zurück, näherte ſich dem Armenier auf den Fußſpitzen und ſagte ihm geheimnißvoll ins Ohr: „Es iſt geſchehen.“ Der Armenier legte den Finger auf den Mund und ſchenkte ſich mit tragikomiſcher Geberde ein Glas voll aus der friſchen Flaſche. „Es iſt gut,“ ſagte er dann.„ZJetzt gehen Sie und bleiben Sie verſchwiegen wie das Grab.“ Der Kel Louisd'or un Der An allein.. In dem lan von Au ſhe. Der Vorte waren Handbewegu Julian aufeinem kle mit den zart ſers Franz. noͤſamkeit, leicht über tet. 2 gleitet. 2 Schaume m ſuchten eing GEs ga Atlas anf Champagne tehielt, na⸗ Masken, leuchtende men hatte und nichts Mann dor dr Man, der ſich in te, auf und ab. das Fenſter und be⸗ den lang mit einen umte er vor ſich as Wei Dlas Wein ſchickn de den beſten Poſten ald auf; er fröſtelte Kräſten,“ führ a m Schildwache gergnügen iſ paſſe beſſer für dar fgaben, bei denen ee 41 der Faſche Margau ter auf den Fußſpihn ger auf den Mundm Geberde ein Glas ul „Jett gehen dü edas Grab.“ 103 Der Kellner warf einen Liebesblick auf die ſechs Louisd'or und entfernte ſich. Der Armenier blieb mit ſeiner fünften Flaſche allein.. In dem anſtoßenden Zimmer ſaßen Franz, Ju⸗ lian von Audemer und die beiden Dominos am Ti⸗ ſche. Der Champagner war reichlich gefloſſen; die Worte waren lebhaft geworden und die Geberden und Handbewegungen gaben ihnen nichts nach. Julian ſaß mit ſeinem ſchönen blauen Domino auf einem kleinem Divan. Der ſchwarze Domino ſtrich mit den zarten Fingern durch die blonden Locken un⸗ ſers Franz. Man ſprach mit jener liebreichen Be⸗ redſamkeit, die in ſo begeiſterter Zeit des Deſſerts leicht über die friſch gerötheten lächelnden Lippen gleitet. Die langen Gläſer mit dem flüchtigen Schaume wurden an einander geſtoßen; die Hände ſuchten einander; die Augen blitzten. Es gab ein reizendes Genrebild; ſchwarzer Atlas anf glänzend weißer Haut, die durch den Champagnerenthuſiasmus einen wärmeren Farbeton erhielt, nachläſſige Stellungen und der Sammet der Masken, welcher den Diamantglanz der zärtlich leuchtenden Augen verdoppelt. Die ſchönen Da— men hatten nämlich ihre Masken nicht abgelegt und nichts iſt ſo reizend und lockend als die dunkele 104 Hülle, welche den Blitz des Auges nicht hemmt und o ſchaufbli den Wangen jeder Dame eine reizendere Friſche giebt. der Dunſt Was man von der Stirn ſieht, wird reiner; das Kinn V Zwiſchen ſe erhält etwas Sammetartiges, der Hals ſieht blen⸗ der Gräfinb dender aus und der beſchattete Mund läßt in dem davon war! Purpur des Zahnfleiſches weiße Perlen errathen. Sarah Seit einer halben Stunde neckte Julian den Franz verſuch blauen Domino und bemühete ſich das Geſicht des⸗ din er hat ſelben zu ſehen. Eſther wehrte ſich ausdauernd da⸗ feben gegen. Das Fruͤhſtück war ſtark geweſen und man ſah es der ſchönen Gräfin an. Sie war aufgeregt; ihr Buſen wogte; ihre Augen ſchwammen in feuch⸗ Die Stu Luft ein gewi tem Liebesglanze. Man hätte unmöglich in ihr die An den unbewegliche Statue errathen, welche am Abende de Morgend vorher in dem Zimmer Geldbergs faſt eingeſchlafen ich ein. Frc war.. ſchaft ſich ein Zwar ſah man ihre Züge nicht, aber aus ihrer liſtigen Nach Stellung und in ihrem Blicke errieth man ihre ſinn⸗ igung und! liche Natur. Sie gab ſich ganz dem Vergnügen und Ihr ſchö den Freuden des Augenblicks hin und war von einer unterdrückt. Art Rauſch befangen. Eſther Trotz dieſem Sinnesrauſche aber blieb ſie inſtinct⸗ um, fing 9 mäßig vorſichtig. Man hätte ſie für Margaretha neuen Adel von Burgund halten können, die ihren zufälligen jielt ſich feſt Liebhabern alles gewährte, nur nicht das Recht, ihren von Audem Namen in ihrem Geſichte zu leſen. ehmen, zu Und Julian von Audemer war durchaus nicht V tt worden! II. ct hemmt und teFriſce gicht. iner; das Kinn als ſieht blen⸗ d läßt in dem merrathen. Julian den Geſicht des⸗ ’sdauernd da⸗ veſen und man wat aufgeregt; ammen in feuch⸗ oöglich in ihr die elche am Abende faſt eingeſchlafen „aber aus ihrer th man ihre ſinn⸗ Vergnügen und d war von einer dblieb ſie inſtine 3 ir Margarethe ihren zufälligen t drsJrcht in zat durchaus nich ſo ſcharfblickend wie Buridan. Sein Kopf glühete; der Dunſt des Weines wirbelte in ſeinem Hirne. Zwiſchen ſeinen trunkenen Blicken und den Augen der Gräfin befanden ſich zwei Schleier und der dichteſte davon war nicht die Sammetmaske. Sarah hatte ebenfalls ihre Maske behalten und Franz verſuchte es auch nicht, ſie ihr zu entreißen, denn er hatte offenbar keinen Schleier mehr zu heben. Die Stunden verflogen raſch. Esglag in der Luft ein gewiſſer wollüſtiger Duft. An den Gardinen bemerkte man den erſten Schein der Morgendämmerung und die Ermattung ſtellte ſich ein. Frau von Laurens, deren gemachte Leiden— ſchaft ſich einen Augenblick an der erſten Glut dieſer luſtigen Nacht entzündet hatte, fühlte wiederum Sät⸗ tigung und Langeweile. Ihr ſchöner Mund hatte bereits ein Gähnen unterdrückt. Eſther, die auch wieder etwas kälter geworden war, fing an zu fürchten. Sie wünſchte ihren ganz neuen Adel mit einem alten Titel zu vertauſchen und hielt ſich feſt an Julian oder vielmehr an den Vicomte von Audemer. Sie bereuete deshalb das tolle Unter⸗ nehmen, zu welchem ſie durch ihre Schweſter verlei⸗ tet worden war und kam, da ſie des Genuſſes müde III. 8 105 106 war, zu ihrem eigentlich ziemlich berechnenden Cha⸗ rakter zurück. Nur Julian ließ noch nicht ab. Er war verliebt und aufs Höchſte gereizt; er hätte ſeine Cadet-Ach— ſelſchnuren darum gegeben, nur um das Geſicht ſeiner ſchönen Unbekannten zu ſehen; aber ſein Eifer und ſeine Glut reichten nicht hin, das abgekühlte Feſt wie⸗ der zu erwärmen und nach einigen Minuten ſprach Sarah jene tödtliche Frage aus, welche gleichſam der letzte Hauch des hinſterbenden Vergnügens iſt, die Frage namlich:„welche Zeit iſt es?“ Franz drehete ſich raſch nach der Uhr um, denn es lag auch ihm daran die Zeit nicht zu vergeſſen. „Wir ſind ja erſt angekommen,“ fiel Julian ein. „Die Uhr geht vor.“ „Sie zeigt auf halb ſechs,“ fprach Franz.„Wir haben noch Zeit.“ Sarah ſah die Gräfin fragend an, die durch eine leichte Kopfbewegung antwortete. Der Zauber war gelöſet; die Liebe hatte die Flü⸗ gel wieder zuſammengelegt; man war am Tage nach dem Balle. Der Armenier in dem anſtoßenden Zimmer ſah auch nach ſeiner Uhr, die bereits halb ſieben Uhr zeigte. Seine fünfte Flaſche war leer und er ſah glücklich aus wie ein Prinz. Er klingelte dem Kellner. „Nreul ſechs Goldf Flaſche Laf Peter n ſich bis faſt „Wenn der Armenie zum Rechner ihrer Rechn. „Das deſſen Augen Eben l welchem die . „Die heraus. (N. „Der der Armen ter,“ ſetzte fitte und ho „Mein allen anden entſchlüpfen nen Geſcha „Es die Gräfin ſtraubte traͤubte,) füͤhlte Feſt wie⸗ Minuten ſprach egleichſam der gens iſt, die Uhr um, denn tzu vergeſſen. fiel Julian ein ach Franz.„Wir an, die durch eine eiebe hatte die Fl⸗ war am Tagenach genden Zimmer ſi halb ſteben Uh 107 „Freund Peter,“ ſagte er,„Sie haben Ihre ſechs Goldſtücke gewonnen.. Bringen Sie mir eine Flaſche Laffitte.“ Peter nahm die ſechs Louisd'or und verbeugte ſich bis faſt auf den Boden. „Wenn Sie noch ſechs verdienen wollen,“ ſagte der Armenier,„ſo brauchen Sie eine halbe Stunde zum Rechnen, wenn die jungen Herren drüben nach ihrer Rechnung fragen.“ „Das kann geſchehen,“ antwortete der Kellner, deſſen Augen ſtrahlten. Eben läutete die Klingel in dem Zimmer, in welchem die zwei Paare ſich befanden. „Die Rechnung!“ rief Franz durch die Thüre heraus.. „Der kleine Schelm iſt pünktlich,“ murmelte der Armenier zwiſchen den Zähnen.„Freund Pe⸗ ter,“ ſetzte er laut hinzu,„bringen Sie meinen Laf⸗ fitte und handeln Sie als kluger Mann.“ „Meine Damen,“ ſagte Franz drüben,„unter allen andern Umſtänden würden wir Sie nicht ſo entſchlüpfen laſſen, aber wir haben auch unſere klei⸗ nen Geſchäfte.“ „Es hat keine Eile,“ fiel Julian ein, der dann die Gräfin zu umarmen verſuchte, welche ſich jetzt ſträubte, und ſetzte hinzu: 8* — 108 „Wann werde ich Sie wiederſehen, meine ſchöne Anna?“ Die Gräfin nannte ſich Anna, wie Frau von Laurens ſich Louiſe nannte. „Ich weiß es nicht,“ antwortete ſie;„ich lebe ſehr eingezogen und mein Mann iſt ſtreng.. Es wird am beſten ſein, wenn wir dieſe tolle Nacht ver⸗ geſſen.“ Dagegen proteſtirte Julian eifrig. „Ich meines Theils,“ ſagte Franz,„frage Sie nicht, Louiſe, wann ich Sie wiederſehen werde.“ „Lieben Sie mich nicht mehr?“ antwortete Sa⸗ rah ſchmollend. „Ich weiß es nicht, wohl aber weiß ich, daß Ihre flüchtige Laune für mich bereits längſt verflo⸗ gen iſt.“ „Was bilden Sie ſich ein!“ „Läugnen Sie nicht; es kommt wenig darauf an, denn es läßt ſich zehn gegen eins wetten, daß wir uns nicht wieder ſehen.“ Er küßte ihr dabei die Hand. „Erlauben Sie mir, Louiſe, daß ich Ihnen danke,“ ſetzte er hinzu;„ich habe nie ein Weib ge⸗ ſehen, das ſo ſchön war wie Sie, eines ausgenom⸗ men, das den Engeln gleicht.. Sie thaten als lieb⸗ ten Sie uiich und ich war einige Zeit glücklich. Ich danke Ihnen für die Freude, die Sie mir gewährten und danke gegen mich Louiſe, wer ſen müſſen. dieſe Worte „Es iſt entgegnete F „Ich kenned daß ich ein zu ſein.“ Er fühl erkaltete. „Ich ke fort;„ich Geldberg.“ Sarah ſchwieg. „Es iſ lihes Glüc ſein.” „OpreR erſtickter S Sie leiſer. „Fürc lunge Man Ehre war neine ſchöne ie Fau von „ich lebe 65 Nacht ver weiß ich, daß ³ langſt verflo⸗ wenig darauf ins wetten, daß daß ich Ihnen nie ein Weib g eines ausgenon⸗ thaten als lieh⸗ hi alüclich. 3c eie wir gewähtte 109 und danke Ihnen auch für die Kälte, die Sie jetzt gegen mich zeigen. Ich hätte zuviel gelitten, ſchöne Louiſe, wenn ich eine zweifache Liebe hätte zurücklaſ⸗ ſen müſſen.“ „Was bedeutet das?“ flüſterte die Kleine, welche dieſe Worte nicht verſtand. „Es iſt Zeit, daß ich ohne Umſchweife ſpreche,“ entgegnete Franz, indem er ihr ſanft die Hand drückte. „Ich kenne die ganze Größe meines Glückes und weiß, daß ich ein Recht hatte, ſtolz auf meine Eroberung zu ſein.“ Er fühlte, daß die Hand Sarahs in der ſeinigen erkaltete. „Ich kenne Sie, gnädige Frau,“ fuhr er lächelnd fort;„ich bin ein ehemaliger Commis des Hauſes Geldberg.“ Sarah wurde unter ihrer Maske leichenblaß und ſchwieg. „Es iſt gewiß,“ fuhr Franz fort,„kein gewöhn⸗ liches Glück der Geliebte der Frau von Laurens zu ſein.“ „Sprechen Sie leiſer,“ flüſterte die Kleine mit erſtickter Stimme,„aus Barmherzigkeit, ſprechen Sie leiſer.“ „Fürchten Sie nichts, Louiſe,“ antwortete der junge Mann, der traurig ſein Haupt ſchüttelte;„Ihre Ehre war in guten Händen. Aber ſelbſt wenn ich 110 nicht verſchwiegen wäre, würden Sie nicht lange etwas zu fürchten haben.“ Die Augen der Kleinen, die ſtier gerade aus blickten, hoben ſich lebhaft. „Ich fürchte Sie nicht, Franz,“ ſagte ſie mit ſchmeichelnd⸗liebkoſender Stimme,„denn ich weiß, daß Sie gut und edel ſind, aber es handelt ſich nicht um mich; Sie ſprechen wie Jemand, der keine Hoff⸗ nung mehr hat. Franz, ich liebe Sie und Sie äng⸗ ſtigen mich. Was liegt an dem Zufall, der Ihnen meinen Namen offenbarte? Ich würde mich genannt haben, wenn Sie es verlangt hätten, denn ich gehöre Ihnen ganz an. Aber, Franz, was haben Sie und was muß ich hier für Sie fürchten?“ Franz ſah ſie gerührt an. Er glaubte Alles und liebte ja ſo gern. Er war ein Kind und immer be⸗ reit, ſein Geheimniß Jedem zu ſagen, der es hö⸗ ren wollte.— Er fürchtete den Tod nicht, aber er dachte wieder an ſein Duell und war gewöhnt, ſeine Gefühle nicht zu verheimlichen. Das Duell beſchäftigte ſeine Gedanken und er mußte davon ſprechen. „Von hier aus,“ ſagte er,„gehe ich zum Zwei— kampfe.“ „Ah!“ rief Sarah aus; aber kälter ſetzte ſie hinzu: „Ein Ballſtreit?“ „Neil gung, esi „Mit ſind?“ „Mit der mich ſp In den Freude, w wurde. „Arme Vange an iih hinzu: „Fran Franz zweitenmal „Ich; aber ein M Saral denken ver „Wen ſen, daß ſ „Wie Frau lächeln. „Ich mich trau ſehr zu fü gerade aus ſagte ſie mit in ich weiß, andelt ſich nicht der keine Hoff⸗ e und Sie äͤng⸗ der Ihnen de wich genannt demn ich gehöre 3 haben Sie und ar gewöhnt, ſeine Gedanken und er eich zum Zwei⸗ ber kälter ſeztt ſi 111 „Nein, Louiſe.. Es iſt eine ſchwere Beleidi⸗ gung, es iſt ein Kampf auf Leben und Tod.“ „Mit einem eben ſo jungen Manne als Sie ſind?“ „Mit einem Erzraufbolde, mit einem Manne, der mich ſpießen wird wie eine Lerche.“ In den Augen Sarahs leuchtete ein Blitz der Freude, während der Ton ihrer Stimme mitleidig wurde. „Armer Franz,“ ſprach ſie, dann legte ſie ihre Wange an die des jungen Mannes und ſetzte zärt⸗ lich hinzu: „Franz, Sie dürfen ſich nicht ſchlagen.“ Franz führte die ſchöne Hand der Kleinen zum zweitenmal an ſeine Lippen und antwortete: „Ich danke.. Sie haben ein gutes Herz, Louiſe, aber ein Mann darf auf ſolche Bitten nicht hören.“ Sarah ſchwieg; ſie war plötzlich in tiefes Nach⸗ denken verſunken und ſah Franz unverwandt an. „Wenn es ſo wäre!“ flüſterte ſie, ohne zu wiſ⸗ ſen, daß ſie ſprach. „Wie?“ fragte Franz. Frau von Laurens erbebte, dann verſuchte ſie zu lächeln. „Ich weiß nicht,“ antwortete ſie.„Sie haben mich traurig gemacht, Franz.. Ihr Gegner iſt alſo ſehr zu fürchten?“ 112 „Sie kennen ihn nicht, Louiſe, weil Sie eine Dame ſind, unter uns Männern ſteht ſein Ruf feſt. Aber gleichviel,“ ſetzte er heiter hinzu;„ich verſpreche Ihnen, daß ich mich ſo gut als möglich halten werde.“ Er ergriff dabei ein Meſſer und machte damit Stoßbewegungen. Die Kleine ſaß immer noch in Gedanken da. „Mein Gott,“ ſagte ſie endlich zögernd.„Ich kann die Sache nicht vergeſſen. Wie heißt jener Mann?“ „Verdier,“ antwortete Franz. Die Kleine ſprang von ihrem Stuhle auf und der untere Theil ihres Geſichtes wurde purpurroth, um ſich gleich darauf mit Todtenbläſſe zu bedecken. Ihre Hand brannte in der Hand des Junglings. „Was iſt Ihnen?“ fragte dieſer. Die Augen der Jüdin funkelten in eigenthümli⸗ chem Glanze durch die Löcher ihrer Maske, aber— ſie hatte ihre Kaltblütigkeit wieder erlangt. „Nichts,“ antwortete ſie in ruhigem unbefangenem Tone..„Ich habe dieſen Verdier nie nennen hören.“ Julian wiederholte unterdeß gegen Eſther ſeine feurigen Betheuerungen und Peter wartete draußen. Endlich öffnete er die Thüre des anſtoßenden Zimmers. „Kal fragte er Der? und antw „Noch Franz mehr und; ſtanden un über ihren Julian dienſte bei diingender tes Rende Franz erſtere ſa Tages un beobachtet ſen Auge nen, wür nen Geſt⸗ Ausdruck haben. In d ſo ausge Liebe ge G2 de eine uf feſt. ichverſpreche oglich halten nachte damit rStuhle auf und vurde purpurroth, ſe zu bedecken. aunbefangenem enennen hören.“ aen Eſther ſeint wartete draußen. des anſtoßenden 113 „Kann ich nun die Rechnung hineintragen?“ fragte er leiſe. Der Armenier hatte ſeine Uhr neben ſich gelegt und antwortete: „Noch nicht.“ Franz klingelte in dieſem Augenblick und rief: „Die Rechnung!“ Der Tag wurde heller und die Lichter erbleichten mehr und mehr. Die Damen waren bereits aufge⸗ ſtanden und warfen ihre warmen ſeidenen Mäntel über ihren Ballanzug. Julian von Audemer, welcher Kammermädchen⸗ dienſte bei dem blauen Domino verrichtete, ward dringender als je und bat endlich feurig um ein zwei⸗ tes Rendezvous. Franz und Sarah ſprachen nicht mehr. Der erſtere ſah mit ſichtbarer Ungeduld das Grauen des Tages und ſchimpfte auf den Kellner. Die Kleine beobachtete ihn von der Seite. Wenn man in die⸗ ſem Augenblick ihre Maske hätte empor heben kön⸗ nen, würde man auf ihrem bleichen und angegriffe⸗ nen Geſichte bald ein gewiſſes Mittleid, bald den Ausdruck kalten unbarmherzigen Triumphs bemerkt haben.— In dem Zimmer, in welchem noch kurz vorher ſo ausgelaſſene Heiterkeit und ſo verſchwenderiſche Liebe geherrſcht hatte, war nur Langeweile und 114 Abſpannung zurückgeblieben. Die Entwickelung ſolcher Comödien iſt immer eine trübſelige: erſtarrte Hände, bleiche Stirnen, blau geränderte Augen, Lip⸗ pen die gähnen mochten, leere Flaſchen auf beſchmutz⸗ tem Tiſchtuche und der unerbittliche helle Tag, der alle dieſe Ruinen beleuchtet. „Donnerwetter!“ platzte Franz endlich heraus; „man hat uns hier zu Narren.“ Er zog ſo ungeſtüm an der Klingel, daß er die Schnur in der Hand behielt. Der Kellner konnte nicht länger den Tauben ſpielen; er trat ein. Franz riß ihm die Rechnung aus der Hand. „Es iſt richtig,“ ſagte er, indem er einen Blick auf die Summe warf. Dann griff er in die Taſche, in welcher er den Reſt des Geldes geſteckt, das er von dem Kleider⸗ händler erhalten hatte;— die Taſche war völlig leer. Auf den Maskenbällen pflegen, trotz der guten Geſellſchaft, die man da findet, ſolche Unfälle vorzukommen. Franz ſtand in großer Verlegenheit da, weil ihm Julian im Voraus erklärt hatte, daß ſeine Börſe in ſeinem Gepäck ſei. Julian beobachtete ihn von der Seite und errieth was geſchehen war; während er ſeiner Schönen, die nicht mehr auf ihn hörte, Liebesworte zuſtammelte, jitterte er müſſen. Gedank unangenehr der andern daß er dort an, ihn bef ſchäftige er um nichts zu Franzh ſielt, etwas an die Stell auf ſeinem zurück und; Seltſan geleert, hat Die U groß wie d „Man tr.„Ich Er gri darin als Vorte mit Er lag nen Schri rend er l ſammen. lige: erſtartte te Augen, Li⸗ auf beſchmut lle Tag, der endlich heraus; „daß er die get den Tauben m die Rechnung dem er einen Blick in welcher er den von dem Kledder⸗ aſche war völig pflegen, trotz der t ſolche Unfälle ibeit da, weil ihm daß ſeine Vörſe i 19 rSeite und errieth 115 zitterte er vor dem Gedanken, lächerlich erſcheinen zu müſſen. Gedankenlos und wie man es in ſolchen höchſt unangenehmen Fällen macht, ſuchte Franz auch in der andern Taſche, obwohl er ganz beſtimmt wußte, daß er dort nichts finden konnte. Der Kellner fing an, ihn beſorgt anzuſehen und Julian that als be⸗ ſchäftige er ſich ganz und gar mit dem blauen Domino, um nichts zu ſehen. Franz hatte indeß in der Taſche, die er für leer hielt, etwas gefunden und grenzenloſes Staunen trat an die Stelle der Verlegenheit, welche ſich bis jetzt auf ſeinem Geſichte geſpiegelt hatte. Er zog die Hand zurück und mit ihr eine Börſe voll Goldſtücke. Seltſam! Während man ihm die eine Taſche aus⸗ geleert, hatte man ihm die andere gefüllt. Die Ueberraſchnng Julians war faſt eben ſo groß wie die des Freundes. „Man hat uns beſchenkt, wie es ſcheint,“ dachte er.„Ich muß doch auch nachſehen.“ Er griff lachend in ſeine Taſche, fand aber nichts darin als ein kleines Papierſtück, auf welchem einige Worte mit Bleiſtift gekritzelt ſtanden. Er lachte noch mehr und ſuchte die halberloſche⸗ nen Schriftzüge zu entziffern; aber er erblaßte wäh⸗ rend er las und ſeine Augenbrauen zogen ſich zu⸗ ſammen. 3 8 —— 116 „Was iſt Ihnen?“ fragte der blaue Domino. Der Cadet antwortete nicht und zerdrückte zor⸗ nig das Papier. Franz ſtand noch wie verblüfft da; er dachte mit einemmale wieder an die Ereigniſſe dieſer Nacht, welche er bereits wieder vergeſſen hatte und erinnerte ſich der geheimnißvollen Perſonen, die ſich ihm bei dem Balle genähert hatten. Der deutſche Herr na⸗ mentlich hatte ihn wohl eine Viertelſtunde lang ver⸗ folgt und war immer neben ihm gegangen. Er ſchüttete die eine Seite der Börſe in die Hand, die ſich mit deutſchen Golddſtücken füllte. Seine Stirn neigte ſich nachdenkend; aber er hatte keine Zeit ſeinen Gedanken nachzuhängen, ſchüt⸗ telte alſo den Kopf und warf den Betrag der Rech⸗ nung auf den Tiſch. „Nun kommen Sie, Julian,“ ſagte er. „Schon?“ antwortete der junge Vicomte von Audemer zerſtreut.„Es iſt erſt halb ſechs Uhr.“ Er deutete bei dieſen Worten auf die Uhr.. Franz ſah auch nach derſelben. Der Zeiger wies allerdings auf halb ſechs Uhr, aber der Pendel ſtand ſtill. „Sie iſt ſtehen geblieben,“ rief Franz erbleichend aus,„ees iſt ſchon heller Tag; die Zeit iſt vielleicht ſchon vorüber..“ „So wollen wir gehen,“ ſagte Julian. Ehe er eine Uhr dr die ſtebente Franz! und als der Julians und Der Cal Verſprechen aber Franz und zog den ner Schöner Die bei ungehindert pprechen. Eſther aber Als ſie rung zu fra ßenden Zir ſichtt auf de Er mach und zog ſich „Der zeitig aus. Der ſtand, wa zer dachte mit dieſer Nacht, und erinnerte ſich hihmt bei iſe indie Hand, L Vicomte von alb ſechs zuänhr. i hald ſechs Uht, 15 bleichend züt iſtbi vielleich te Julian. 117 Ehe er noch ganz ausgeſprochen hatte, ſchlug eine Uhr draußen auf dem Corridor und verkündete die ſiebente Stunde. Franz horchte und zählte mit angehaltenem Athem und als der letzte Schlag erklang, ergriff er den Arm Julians und zog ihn nach der Thür zu. Der Cadet wollte widerſtehen, denn er hatte das Verſprechen eines Rendezvous noch nicht erhalten; aber Franz beſaß in dieſem Augenblicke Rieſenkraft und zog den Vicomte fort, der kaum Zeit hatte, ſei— ner Schönen einen bedauernden Abſchied zuzurufen. Die beiden Damen blieben allein und konnten ungehindert über die eilige Flucht der jungen Herren ſprechen. Sarah konnte ſich dieſelbe wohl erklären, Eſther aber war höchlich verwundert. Als ſie den Mund öffnete, um nach einer Erklä⸗ rung zu fragen, trat der Armenier aus dem anſto— ßenden Zimmer und zeigte ſein hochgeröthetes Ge— ſicht auf der Schwelle. Er machte zwei tiefe orientaliſche Verbeugungen und zog ſich wieder zurück. „Der Baron von Rodach!“ riefen beide gleich— zeitig aus. Der Mann, der auf dem Boulevard Schildwache ſtand, war noch immer auf ſeinem Poſten. Er hatte 118 ihn ein einzigesmal verlaſſen, um ſich einen Wagen auf der nächſten Station zu beſtellen und dieſer Wa⸗ gen hielt vor dem Café Anglais. Er ſprach einige Minuten mit dem Kutſcher, wor⸗ auf dieſer lachend und achſelzuckend zwei Louisd'or in Empfang nahm. Als Franz aus dem Café Anglais trat, erblickte er den Wagen und ſtieg mit Julian ein, der ſich noch einmal umkehrte und nach den Fenſtern des Zim⸗ mers hinauf ſah, in welchem er die Geliebte gelaſſen hatte. „Nach dem Boulogner Wäldchen, Thor Maillot!“ rief Franz.„So raſch als möglich.“ Gewöhnlich zeichnen ſich die Fiacres nicht gerade durch übertriebene Eile aus, aber derjenige, welcher Franz und deſſen Freund fuhr, war ſicherlich der langſamſte von Allen. Er nahm ganz bedächtig die naſſen Haferſäcke ab, in welchen ſeine Pferde die Köpfe hatten und kaueten, dann unterſuchte er die Stränge und Zügel und wenigſtens zwei Minuten brauchte er, um die Kragen ſeines Mantels in Ordnung zu bringen. „Fahr zu!“ rief Franz.„Fahr zu!“ Julian blickte noch immer melancholiſch-ſehn— ſüchtig nach den Fenſtern des Kaffeehauſes hinauf. Der Kutſcher trat an den Wagenſchlag und nahn aus ſeiner Taſche ein fabelhaft kleines Blechkäſtchen, das er 5) ſchuhe wo chen woll „Unſ harten Si rückte. wenn ich k Währe mit dem B D Der2 enein groß geteeten, d in einiger tritte zu. Franz Rechtunte von Griſi ſotwwäͤhre hHeinen Wagen und dieſer Wa⸗ Kutſcher, wor⸗ 2 zwei Louisdor ais trat, ekblickte u, der ſich noch des Zim⸗ Geliebte gelaſſen Thor Maillot!“ Fiacres nicht gerade derjenige, welchet ſ war ſicherlich der ie naſſen Haferſäch e hatten und Stränge und Jüge auchte er, un d ao zu biingen. elancholiſch⸗ſehn ffechauſes hinauf. * enſchlag und nnh Aeines Blechkäfthn 119 das er öffnen zu wollen ſchien, aber ſeine dicken Hand⸗ ſchuhe waren ihm dabei ſehr hinderlich und das Käſt⸗ chen wollte nicht aufgehen. „Unſeliger, fahr zu!“ rief Franz, der auf dem harten Sitze des Wagens ungeduldig hin- und her⸗ rückte. „Es iſt die Nummer, mein Herr,“ antwortete der Kutſcher. „Hol' der Teufel Dich und Deine Nummer! Fahr zu und raſch, Du ſollſt mit dem Trinkgelde zu⸗ frieden ſein.“ „Sehr wohl, mein Herr, aber ich habe eine Frau und drei arme Würmer von Kindern; für die muß ich Brod ſchaffen und ich komme um meinen Dienſt, wenn ich keine Nummer gebe.“ Während er ſo ſprach, mühete er ſich noch immer mit dem Blechkäſtchen ab. Der Armenier, deſſen rothes Gewand jetzt unter einem großen Mantel verſchwand, war zu dem Manne getreten, der Schildwache ſtand. Sie ſtanden beide in einiger Entfernung und ſahen lachend dem Auf⸗ tritte zu. Franz holte tief Athem und nahm ſich vor, den Fechtunterricht noch einmal zu überdenken, den er von Griſier erhalten hatte, wobei er ſein Handgelenk fortwährend zur Uebung bewegte. 120 Das dauerte eine Zeit lang, aber bald bemerkte er, daß der Wagen ſich kaum bewegte. „Galopp, Fiacre, Galopp!“ rief er. Der Kutſcher blieb taub. Hinter dem Wagen gingen der Armenier und deſſen Begleiter Arm in Arm gemächlich nach, aber es iſt doch ſchwer, lange einem Manne, der weiß, daß ſeine Ehre auf dem Spiele ſteht, den Weg zu ver⸗ ſperren. In den elyſäiſchen Feldern drückte Franz den Arm Julians, der die Eindrücke der Nacht allmälig abzuſchüttelte und ſagte: „Wir werden zu ſpät kommen.“ „Das ſcheint keinem Zweifel zu unterliegen,“ antwortete der Cadet. „Verdier wird nicht mehr da ſein.“ „Ich fürchte es.“ Franz ſteckte den Kopf aus dem Wagen heraus und ſah eine Zeit lang dem ſchleichenden Gange der Pferde zu, die von den Leuten überholt wurden. „Julian,“ ſagte er dann zu dem Freunde,„füh⸗ len Sie ſich ſtark genug in einem Athem von hier bis zu dem Boulogner Wäldchen zu laufen?“ „Man kann es wenigſtens verſuchen,“ antwor⸗ tete der Cadet. Sie ſtiegen aus und liefen ſo ſchnell als möglich nach der Barriere de l'Etoile zu. Nach dreihundert Schritten! giaere dich nit ſeinem Franz! der ihn ſch drängte und ten ſchritt e ſinem Begl Thore Orlec Der Fiac deſen Beglei Franz ſe von Verdier Waldſtreifer Gegner treff Nach ein „Ah he Pattie heut nit ſeinem gefügig zu! „Wir) die Stelle; wei Männ „Esi „Und hinzu. Ill. bald bemerkte —— Armenier und nach, aber der weiß, daß 1 Weg zu xe⸗ Wagen heraus nden Gange der t wurden. nell als mögich dreihunden 121 Schritten dreheten ſie ſich um und bemerkten, daß der Fiacre dicht neben ihnen war und daß der Armenier mit ſeinem Begleiter darin ſaß. Franz hatte große Luſt, den Kutſcher zu prügeln, der ihn ſchadenfroh lachend anſah; aber die Zeit drängte und ſo eilte er weiter; nach einigen Minu⸗ ten ſchritt er durch das Thor Maillot und trat mit ſeinem Begleiter rechts von dem Gange, der zu dem Thore Orleans führt, in das Gebüſch. Der Fiacre hielt an dem Gitter; der Armenier und deſſen Begleiter gingen ebenfalls nach dem Gebüſche hin. Franz ſchritt ſo raſch als möglich. Er kannte die von Verdier bezeichnete Stelle nicht genau, aber der Waldſtreifen iſt ſo ſchmal, daß er bald auf ſeinen Gegner treffen mußte. Nach einigen Minuten hörte er Degen klingen. „Ah ha!“ ſagte Julian,„es giebt eine doppelte Partie heute. Wenn ſich nur der Mann nicht gar mit ſeinem Zeugen übt, um ſich das Handgelenk gefügig zu machen.“ „Wir wollen ſehen,“ ſagte Franz und ging auf die Stelle zu, wo der Klang herkam. Balderblickte er zwei Männer, die im hitzigſten Gefechte begriffen waren. „Es iſt Verdier!“ rief er aus. „Und der deutſche Herr!“ ſetzte Julian ſtaunend hinzu. 4 * III. 9 Paul Feval's Werke. Deuſt ſch von Dr. A. Diezmann. Vierter Band. Leipzig: Otto Wigand. (Eigenthum der Vereins„Verlagsbuchhandlung.)(Eigg 1846. Der rke. Sohn des Teufels. Von Paul Feval. Deutſch von Dr. A. Diezmann. Vierter Band. Leipzig: Otto Wigand. (Eigenthum der Vereins„Verlagsbuchhandlung.) 1846. Die RUotunde des Temple. ANw ——————— In dieſ chen ebenſo Man hatte Straßen de faſhionable ſäiſchen Fel Invaliden n von Gros⸗ Vorſtadt S und Unglück * Von de Moufftard Marsfelde hatte es Liet endliches G. Erſtes Kapitel. Die Toilette Gertrude's. In dieſer Nacht hatte man in den dunkeln Gäß⸗ chen ebenſo getanzt wie in den reichen Stadttheilen. Man hatte die Töne der Orcheſter längs der breiten Straßen der Vorſtadt St. Germain gehört und die faſhionable Stille jener nobeln Straßen an den ely⸗ ſäiſchen Feldern hin war unterbrochen worden. Die Invaliden waren bei dem Geräuſche der Contretänze von Gros⸗Caillou eingeſchlafen und die Walzer der Vorſtadt St. Antoine hatten manchen Gefangenen und Unglücklichen in den Schlummer gewiegt. * Von der Chauſſée d'Antin bis zum Stadttheile Mouffetard, von der Straße St. Denis bis zum Marsfelde war ein langes und breites Feſt geweſen, hatte es Lieder ohne Ende, luſtige Kämpfe und un⸗ endliches Gelächter gegeben. Heiden und Chriſten, Schwarze und Weiße, Reiche und Arme, Diebe und ehrliche Leute hatten ſich luſtig gemacht. Jetzt aber war alles vorüber; der Tag war über dieſen ſchlüpfrigen Geheimniſſen angebrochen und die bleiche Sonne unſerer Winter blickte die verdrießliche, ſchlaftrunkene, von Vergnügungen müde Stadt an. Nach ſolchen Ballnächten, bei denen ſich die Hälfte von Paris toll auf die dargebotenen Genüſſe ſtürzt, erhält die Stadt ein verſchämtes, reuevolles Ausſehen und ihr Erwachen hat etwas Katzenjämmerliches wie das eines Trinkers nach einem Zechgelage. Auf dem Boulevard ſieht man nur verdrießliche Menſchen gehen, welche ermattete Beine nachſchlep⸗ pen und gedankenlos vor ſich hin ſehen. Hier und da giebt ein von Betrunkenen erfüllter Wagen zu beiden Seiten gemeine Schimpfworte und heiſeres Geſchrei von ſich. Unter einem zu kurzen Palletot ſehen die verſchoſſenen Franſen eines Maskenanzugs hervor und der Inhaber, vielleicht ein alter Student, dem das Glück nicht lächelte, ſucht ſein kaltes Bett auf, während er an die Eroberungen denkt, die er hätte machen können. Bei jedem Schritte geht man bei Seite, um einem Unglücklichen auszuweichen, der dahin wandert und dem die grauſamen Polizeidiener nicht erlauben, ſich in die Goſſe zu legen. Alles dies iſt traurig, häßlich, widerlich, die ſcchlinim keine ſch Va fen, erv ſehr trau iſt das S verhaßten Wie! unter dieſe Müßiggär und wie v Glückliche Der J wohner be Continger benachthei endemiſch Kleinkrän des Muth ſichſelbſt lerinnen Palais Ra ſchen dem blieb, um denes Kle⸗ nen Kam Ohrringe 2 9 ſchlimme Kehrſeite einer Münze, die eigentlich gar keine ſchöne Seite hat. Während dieſe Kranken ihren Rauſch ausſchla⸗ fen, erwacht das arbeitſame Paris, das leider auch ſehr traurig iſt, denn die aufgehende Mörgenröthe iſt das Signal zu einer undankbaren Arbeit und einer verhaßten Beſchäftigung. Wie viele Weiſe, wie viele Glückliche giebt es unter dieſen beiden großen Haufen, den thörichten Müßiggängern und den neidiſchen Arbeitern? Ach und wie viele dieſer Weiſen ſind Gichtbrüchige! Die Glücklichen?— nun man ſuche ſie. Der Temple war noch nicht geöffnet. Seine Be⸗ wohner beiderlei Geſchlechts hatten ein bedeutendes Contingent zu dieſer luſtigen Nacht geſtellt; aber hier benachtheiligt das Vergnügen nie die Arbeit; die endemiſche Habſucht, die unter dieſem Volke von Kleinkrämern herrſcht, vertritt bei⸗ ihm die Stelle des Muthes und der Tugend. Es iſt hart gegen ſich ſelbſt und geſtattet ſich keine Ruhe.. Die Tröd— lerinnen und Verkäuferinnen auf dem Platze des Palais Royal verwendeten die Zeit, die ihnen zwi⸗ ſchen dem Ball und dem Beginn des Marktes übrig blieb, um ihr in einen Domino umgewandeltes ſei⸗ denes Kleid ſorgſam zuſammen zu legen, den golde⸗ nen Kamm aufzuheben, der ihr Haar hielt, die Ohrringe, das Halsband, die Broche und das 10 Armband, allen Schmuck, der ſie Prinzeſſinnen ſo aͤhnlich gemacht hatte, wieder aufzubewahren;— denn dieſe Frauen haben alles dies und noch ganz andere Dinge, ob ſie ſich gleich kaum ſatt eſſen und ſtatt Kaffee ſchwachen Cichorienaufguß trinken. Der Geiz iſt wie die Armuth: er hält meiſt gut mit der Eitelkeit Haus. Die Händlerinnen vom Flora⸗Pavillon, die min⸗ der elegant ſind als ihre Nachbarinnen, hatten we⸗ niger zu thun. Zwiſchen ihrem Ballanzuge und ihrer Alltagstracht war kein großer Unſerſchied. Von den Tänzerinnen, die der fliegende Floh und der Schwarzwald erzeugt, darf man nichts Böſes ſagen; aber die Ariſtokratie des Temple be⸗ hauptet, ſie gehörten nicht zur guten Geſellſchaft. Faſt alle Buden und Stände hatten Theil ge⸗ nommen und den Tag verbrachte man nun gewiß mit ausführlicher Erzählung der erlangten Siege und Eroberungen.. Im Temple wüͤnſcht man nichts mehr als für das gehalten zu werden, was man nicht iſt. Unter der Maske giebt man ſich für die Frau eines Advokaten, für die Lebensgefährtin eines Huiſ⸗ ſiers aus; einige nennen ſich Baroninnen und nur die Keckſten geben ſich geradezu für Loretten aus. Alle amüſiren ſich ſo gut ſie können, anfangs un ſich; ſehr ſieſi In ei Nacht die nung des Dom die Famili Wohnung Wohlſtand hen nur ein Frau, Vict der blödſin nault, der Loch zurüch Fenſter auf Wenn ren Inſtru⸗ ſeinem klei über. Die. S Nichtung ſe ſter der hü Und Johal Er wa Herzen und deren Noth tungs⸗ und als fur 11 um ſich zu amüſiren und dann um zu erzählen wie ſehr ſie ſich amüſirt hätten. In ein Haus am Templeplatze aber war in dieſer Nacht die Thorheit nicht eingedrungen, in die Woh⸗ nung des Hans Dorn. Dorn wohnte an der einen Seite des Hofes und die Familie Regnault an der andern. Er hatte eine Wohnung von mehreren Zimmern, die eine Art Wohlſtand verriethen; die Regnaults dagegen beſa⸗ ßen nur ein ärmliches Gemach, in welchem die alte Frau, Victorie ihre Schwiegertochter und ihr Enkel, der blödſinnige Geignolet, ſchliefen. Johann Reg— nault, der Drehorgelſpieler, zog ſich in ein kleines Loch zurück, das an das Gemach ſtieß und deſſen Fenſter auf den Hof ging. Wenn Johann Regnault nicht mit ſeinem ſchwe⸗ ren Inſtrument in der Stadt umherzog, ſtand er an ſeinem kleinen Fenſter gelehnt und blickte gerade hin⸗ über. Die⸗Stunden konnten ſchwinden, ohne daß die Richtung ſeines Blickes ſich änderte, weil das Fen⸗ ſter der hübſchen Gertrud gerade gegenüber war. Und Johann liebte die hübſche Gertrud ſo ſehr! Er war ein guter Junge mit ehrlichem offenem Herzen und ſorgte für ſeine Großmutter und Mutter, deren Noth er wohl zu ermeſſen verſtand, mit ach⸗ tungs⸗ und liebevoller Hingebung. Er liebte ſeinen — 12 Bruder Joſeph, genannt Geignolet, dem Gott den trotz d Verſtand verſagt hatte, und er würde gern geſtorben Leben ſein, hätte er dieſen drei geliebten Menſchen einiges In den Glück hienieden verſchaffen können. Mit Gertrude aber hörte er beſchäftigten ſich ſeine Gedanken vorzugsweiſe, denn Muſſk er liebte ſie mit jener tiefinnigen Liebe, welche die auch nic Seele nur einmal im Leben erwärmt und deren man Er gedenkt bis zu den Tagen des Alters. Schwerm Er hatte ſie ſchon als Kind geliebt, ohne zu wiſ⸗ Gertr ſen was Liebe iſt; ſie war ja ſo gut und ſo hübſch. ſeinem Fen Ihre kleine Hand verbarg ſo verſchwiegen das Almo⸗ und ſchön ſen, das ſie der Armuth bot, während ihre Wangen trude noch ſich roſiger färbten und Thränen der Rührung in ſtellte ſich ihren Augen lachten. Liꝛder vor Johann Regnault ſah alles dies von ſeinem Fen⸗ V zu zeigen, ſter aus.. Er ſelbſt konnte keine Almoſen geben, V tanzten. denn er war ſelbſt ſehr arm, aber er beneidete Ger⸗ Er w trud, die jedesmal herunter kam, wenn ein Bettler ſie wunſch im Hofe erſchien. Launn. Dorn und ſeine Tochter waren brave Leute, mild es nicht m gegen die Armen und hülfreich, ſo weit es ihnen ihr nahm er ſe beſcheidener Wohlſtand erlaubte. Dame; er Gertrud ſchien jedesmal ſo glücklich zu ſein, wenn ſchlich dah ſte gab.. Ging der Drehorgler in die Stadt, ſo oon ſeinen nahm er tief in ſeinem Herzen den Gedanken an das er ſich hin ſchöne junge Mädchen mit. Gertrud; Er war ein träumeriſcher Knabe. Sein unſtätes, ſollte 13 trotz der Menge, unter der er umherzog, einſames Leben ſteigerte ſeinen Hang zum Grübeln noch mehr. In den Liedern, die ſein armes Inſtrument ſpielte, hörte er reine Melodien. Gott hatte den Sinn für Muſik und Poeſie in ſein Herz gelegt und wenn er auch nicht ſelbſt ſchuf, ſo fühlte er doch als Dichter. Er ſann und liebte und das Geheimniß ſeiner Schwermuth kannte nur er. Gertrud hatte ſich daran gewöhnt ihn häufig an ſeinem Fenſter zu ſehen. Er war ſchön; ſein kluges und ſchönes Lächeln ging zu Herzen. Als Ger⸗ trude noch ein Kind war, ſie hatte es nicht vergeſſen, ſtellte ſich Johann Regnault oft in den Hof, um ihr Lieder vorzuſpielen und ihr die kupfernen Männchen zu zeigen, die auf ſeiner Drehorgel nach dem Takte tanzten. Er war gutmüthig und gefällig, that Alles was ſie wünſchte und gehorchte ſclaviſch ihren kindiſchen Launen. Damals liebkoſete er ſie; ſpäter wagte er es nicht mehr. Wenn er jetzt über den Hof ging, nahm er ſeine Mütze vor Gertrud ab wie vor einer Dame; er wurde roth, wenn er ſie nur ſah und ſchlich davon ſobald er ſie geſehen hatte. Um ſie von ſeinem Fenſter aus betrachten zu können, verbarg er ſich hinter dem Zeugfetzen, der als Vorhang diente. Gertrud mußte ihn anrufew, wenn er zu ihr gehen ſollte. — 14 Eines Tages ſagte ſie zu ihm: „Johann, liebſt Du mich denn gar nicht mehr?“ Der Drehorgler hatte große Luſt zu weinen, aber vor Freude. Von dieſem Augenblicke an erhielt er auch wieder Muth und er verſteckte ſich nicht mehr, um nach Gertrude zu ſehen. Wenn er nach ſeiner täglichen Wanderung zurückkam, ſpielte er ein Lied⸗ chen in dem Hofe und Gertrud, die nur auf dieſes Signal wartete, kam ſchnell herbei. Sie wechſelten dann einige freundliche Worte und ſprachen von der Zukunft, die wohl Glück mit ſich bringen könnte. Darüber vergaß dann der arme Regnault ſeine trau⸗ rige Gegenwart und lächelte hoffnungsreich. Von Liebe wurde bei dieſen geheimen Zuſammen⸗ künften nicht geſprochen. Es kam den beiden Kin⸗ dern nicht darauf an, dem was ſie fühlten einen Namen zu geben, ſie liebten einander, ohne daß ſie es ſagten und ſie liebten einander jeden Tag mehr. Je mehr Gertrud ſah, wie unglücklich Johann und wie er zu ſchwach ſei, die Noth in ſeiner Familie zu entfernen, um ſo lieber hatte ſie ihn.. Johann errieth das und ſeine Zärtlichkeit hatte viel von inni⸗ ger Dankbarkeit. Gertrud ſprach mit ihm von ſeiner Mutter, von ſeiner alten Großmutter und ſeinem blödſinnigen Bruder, denn ſie liebte alle dieſe Leute um ſeinetwillen. 4 Wenn die alte Frau unter der Laſt ihres Kummers erkrauk und trö Regnau ſchah es, ihren Au Victo nicht anſe men Kind Nachhar, als irgend ſeinen Wol then würd Ihrer Sch nicht mit, hatte, denn laſteten au heimniß, bisweilen loswand. den ſich ein lih erinner mitgenomm Sohn hieß Er wan der Mutte Vater eine Vermögen 6 IV. 15 erkraukte, wachte Gertrud an ihrem Lager, pflegte und tröſtete ſie und wenn die welken Lippen der Frau Regnault bisweilen ein Lächeln wiederfanden, ſo ge⸗ ſchah es, weil ſie das liebliche Geſicht Gertrudes vor ihren Augen ſah. Victorie dagegen konnte ſie ohne tiefe Trauer nicht anſehen. Sie hatte die Liebe der beiden ar⸗ men Kinder errathen. Dorn war zwar ein guter Nachbar, kannte aber die Armuth Regnaults beſſer als irgend Jemand und wie ließ ſich hoffen, daß er ſeinen Wohlſtand mit dieſer großen Noth verheira⸗ then würde? Es drohete alſo ein Unglück mehr.. Ihrer Schwiegermutter theilte ſie ihre Beſorgniß nicht mit, da ja die Alte ſo ſchon ſo viel zu leiden hatte, denn nicht bloß die Armuth und die Krankheit laſteten auf dem Alter der Frau. Sie hatte ein Ge⸗ heimniß, das ihr bitterſtes Weh war und das ſich bisweilen zur Hälfte aus ihrer gemarterten Bruſt loswand. Dann ſprach ſie von einem Sohne, an den ſich einige alte Trödlerinnen im Temple undeut⸗ lich erinnerten, der ſie früher verlaſſen und alles mitgenommen hatte, was die Familie beſeſſen. Dieſer Sohn hieß Jacob. Er war der Liebling des Hauſes geweſen, von der Mutter vergöttert worden und hatte von dem Vater eine Erziehung über ſeinen Stand und ſein Vermögen erhalten. Diejenigen, welche dieſe Geſchichte IV. 2 16 kannten, behaupteten, die Flucht Jacobs ſei für den Vater Regnault ein Nagel zum Sarge geweſen und die Verzweiflung habe ihn ins Grab geſtürzt. Man ſetzte hinzu, die Hand Gottes habe ſeit jener Zeit ſchwer auf der Familie geruhet. Die Noth ſei ſeit jener Zeit eingezogen um ſich nicht wieder zu ent⸗ fernen. Die Brüder Jacobs waren in Noth und Elend geſtorben. Von allen Kindern, die ſonſt am Tiſche der alten Regnault geſeſſen, war nur die Frau des älteſten Sohnes, Victorie, übrig geblieben, die unter zwei Kindern ein blödſinniges zur Welt gebracht.— Alles, was den Namen Regnault führte, ſchien ver⸗ flucht zu ſein. Im Temple fühlte man einiges Mit⸗ leiden mit ihnen, weil Mutter Regnault die älteſte der Trödlerinnen war und ihre Firma ſeit länger als dreißig Jahren an einer und derſelben Stelle hing; aber man empfand auch einen großen Widerwillen; man ſagte, die Regnaults hätten Unglück und bräch⸗ ten Unglück. Jeder fürchtet ja die Anſteckung der Armuth. Unter den Leuten im Temple meinte man allge⸗ mein, Jacob Regnault ſei irgendwo, man wußte nicht wo, umgekommen. Beſonders freundliche Seelen ſetzten hinzu, er ſei in England gehangen worden. Die alte Mutter aber ließ bisweilen Worte fal⸗ len, aus denen man abnehmen konnte, ihr Sohn lebe noch; f geheimn aus ihre Wen Es n als Fran⸗ Anglais! zu begeben Hans nicht geſcht Ereigniſſe den war, erhalten. Es kal geſehen ha ſeine ganze ſeiner liebl Dieſen derſtehliche zu. Er ſah und in dem von denen neigte, wäͤl Margareth und die tre⸗ dm frühzen von Bauer ih ſei ſeit — zu ent⸗ und Elend am Tſche Frau des „die unter n Worte fal ihr Sohnlo 4 17 noch; freilich waren es nur zuſammenhangsloſe und geheimnißvolle Worte, die nur in ihrer höchſten Angſt aus ihrem Herzen quollen. Wenn man ſie fragte, antwortete ſie nicht. Es war ſchon heller Tag, ſo ziemlich die Zeit, als Franz und Julian von Audemer aus dem Café Anglais kamen, um ſich in das Boulogner Wäldchen zu begeben. Hans Dorn wachte lange. Er hatte die Nacht nicht geſchlafen und die Erinnerung, die durch die Ereigniſſe des Abends plötzlich in ihm geweckt wor⸗ den war, ihn mehrere Stunden im Bette ſitzend erhalten. Es kam ihm faſt wie ein Traum vor, was er geſehen hatte.. So lange hoffte er nicht mehr und ſeine ganze Thätigkeit galt ausſchließlich der Zukunft ſeiner lieblichen Gertrud. Dieſen Morgen richtete ſich ſein Geiſt mit unwi⸗ derſtehlicher Gewalt den Gedanken der Vergangenheit zu. Er ſah wiederum das prächtige Schloß Bluthaupt und in demſelben zwei ſchöne junge Frauengeſtalten, von denen die eine ſich ſchon traurig dem Tode zu— neigte, während die andere geſund und glücklich lachte, Margarethe und Gertrud, die Dame vom Schloſſe und die treue Dienerin, die Tochter der Herrn unter dem frühzeitigen Leide niedergebeugt und die Tochter von Bauersleuten von Jugend und Glück ſtrahlend! 2* 18 Ach, ſie waren beide geſtorben: die Gräfin auf ihrem geſchnitzten Bette zwiſchen den reichen Sticke⸗ reien ihrer ſeidenen Vorhänge, die Dienerin in einem ärmlichen Bette in dem Temple, beide jung, beide ſchön, als ſie der liebe Gott zu ſich rief. Gertrud hatte eine Tochter zurückgelaſſen, welche ihren Namen trug, ihr ſanftes Herz und ihr liebliches Geſicht hatte; ſie war zwiſchen ihrem Mann und ihrem Kinde zum letzten Schlaf eingeſchlummert.. Margarethe dagegen hatte einen Sohn hinterlaſſen, der ſeine Mutter nicht kannte. Gertrud, das Kind reiner Liebe, die einzige Freude ihres Vaters, war da, geliebt und geſchätzt; wo aber war in dieſem Augenblicke der Erbe von Bluthaupt? Dorn fühlte einen Schauer durch alle ſeine Adern rieſeln. Der letzte Sohn Bluthaupts lag in dieſem Augen⸗ blicke vielleicht im Sterben. Dorn ſetzte ſich auf die wollene Decke ſeines Bet⸗ tes. Sein gutmüthiges Geſicht war bleich; ſeine Augen verriethen die Angſt ſeiner Seele und ſeine kalten Hände waren auf ſeinen Knieen über einander gelegt. Jeden Augenblick zogen Geſtalten vor ſeinen Augen vorbei: ein ſchöner junger Mann mit zartem mädchenhaftem Geſichte, der einen für ſeinen Arm zu ſchwer degen cs als h Mann fiel langen b Margartt Eiskale ſerab. Er des Barone Yoth die V An der hen, ſchni volle Hand ohne Anſt untadeligen ihr roſiger Die T abgeloſetes das in lang wallte. D durch dieſe ſ der Hand, ganz faſſen Ein gen Corſet. Sie wa Che ſte die einzige ad geſchäͤtzt; der Erbe von dieſem Augen ke ſeines Bet bleich; ſein le und ſeme über einander n vor ſeinen n mit zarlem für ſeinen Am 19 zu ſchweren Degen in der Hand hielt. Ein anderer Degen kreuzte ſich mit dem ſeinigen und Dorn war es als höre er das Kreiſchen des Eiſens. Der junge Mann fiel und ſein bleiches Geſicht barg ſich in dem langen blonden Haare wie der Kopf der ſterbenden Margarethe. Eiskalter Schweiß rann an den Schläfen Dorns herab. Er faltete die Hände und ſprach den Namen des Barons von Rodach aus, wie man in höchſter Noth die Vorſehung anruft. An der andern Seite der Wand, im Nebenſtüb⸗ chen, ſchnürte Gertrud ihr Corſet zu. Ihre kleine volle Hand berührte den Schnürſenkel kaum und die ohne Anſtrengung angeſpannte Leinwand hob den untadeligen Wuchs des Mädchens heraus, während ihr roſiger Mund den kleinen Spiegel anlächelte. Die Toilette Gertruds währte nicht lange. Ein abgelöſetes Band ließ das braune volle Haar fallen, das in langen Wellenlinien auf Schultern und Buſen wallte. Die Zähne des Kammes ſtrichen einigemal durch dieſe ſeidenen Wellen, dann faßte ſie dieſelben mit der Hand, die ſo klein war, daß ſie die Fülle nicht ganz faſſen konnte und rollte ſie hinten am Kopfe auf. Ein gewandt zugehäkeltes Kleid bedeckte das weiße Corſet. Sie war fertig. Ehe ſie an die Arbeit ihrer kleinen Wirthſchaft 20 ging, legte ſie das Auge an ihre Vorhänge. Johann Regnault ſtand bereits auf ſeinem Poſten am Fenſter und blickte trauriger als je hinüber. Das Lächeln des Mädchens ſchwand. „Armer Johann!“ flüſterte ſie.„Wie gerne moͤchte ich Dich glücklich machen!“ Sie kehrte dann an ihr Bett zurück und knieete vor einem Bilde der Jungfrau nieder, das ihre Mut⸗ ter aus Deutſchland mitgebracht hatte. Sie betete zu Gott für Johann, für ihren Vater, der ſie ſo zärt⸗ lich liebte und für alle Unglücklichen, die des Troſtes bedürfen.. Ihr kurzes und aufrichtiges Gebet ſtieg wie reiner Weihrauch zum Himmel empor. Als ſie aufſtand hatte, ihr Geſicht den heiteren Ausdruck wiedergewonnen; ſie machte Feuer an und ſang dazu. Gertru friſche Sti Als di ſie hinaus nen Topfe Bewegung muth. B heitern Tö Rlüſternh ganz auf. denkend un Sie ſann ien zeigte Mit e Johann in Fenſter Ii ger We gerne und knieete ihre Mut⸗ Sie betete ſie ſo zaͤrt⸗ des Voſtes egwie reiner den heiteren Heuer an und Zweites Kapitel. . Araby. Gertrud blies und ſang abwechſelnd und ihre friſche Stimme erfüllte ihr kleines Zimmer. Als die Kohlen in dem Oefchen kniſterten, ging ſie hinaus und kam faſt gleich darauf mit einem irde— nen Topfe zurück, den ſie auf die Glut ſtellte. Ihre Bewegungen dabei hatten eine unbeſchreibliche An⸗ muth. Bald drang ihre Stimme unwillkürlich in heitern Tönen hervor, bald ſank ſie bis zu leiſem Flüſtern herab. Manchmal hörte auch der Geſang ganz auf. Da neigte ſie ihr ſchönes Köpfchen nach⸗ denkend und ihre Arme fielen träge am Körper herab. Sie ſann und ſann; das Grübeln der jungen Mäd⸗ chen zeigte ſich auf ihrer Stirn. Mit einemmale aber richtete ſich ſich heiter wieder 22 empor; ihr Geſang erſchallte luſtiger von Neuem; die Wolke, die ihren hellen Blick getrübt hatte, war vorüber. Während der Topf auf dem Feuer warm wurde, wendete ſie die Matratze ihres Bettes um und zog die Falten ihrer ſchneeweißen Vorhänge in Ordnung. Auch dieſe zweite Toilette währte nicht viel länger als die erſte; im Augenblick erhielt ihr aufgeräum— tes Zimmerchen ein freundliches gefälliges Ausſehen und die Scheiben der Fenſter glänzten wie Spiegel. Der Topf über dem Feuer enthielt das Frühſtuck für ihren Vater und ſie ſelbſt, eine gute deutſche Suppe ſo dick, daß ein Löffel darin gerade geſtanden hätte. Gertrud würzte ſie mit erfahrener Hand und nahm zuerſt einen Löffel voll heraus, den ſie auf einen Porzellanteller ſchüttete. Dann knüpfte ſie über ihr ſchönes Haar ein Mus⸗ lintuch und ging mit einer Taſſe in der Hand flink die Treppe hinunter. Auf der Schwelle im Hofe hob ſie die Augen zu dem Fenſter Johanns hinauf, der ſchon auf ſie war⸗ tete. Sie nickte ihm zu.— Das Geſicht Johanns heiterte ſich auf, als wenn plötzlich ein Sonnenſtrahl darauf gefallen wäre. Gertrud ſchlüpfte raſch vorüber, ging durch den langen Flur, der hinaus auf den Templeplatz führte und n tunde: M allen durſtige halle de von alte Die nur hier ſtalt zum Alle tunde gel darin zun Regel ma lers zu! Ausnahn Straße T Die einigt, di den genon den iſt. ſind die ſo gleichen gazin hit hheilt iſt. Ind ſo arm n „ Keuem; e, war wurde, und zog Adnung. länger ffgeräum⸗ Ausſehen Spiegel. 5 Fuüͤbſtuͤck te deutſche de geſtanden rHand und n ſie auf nar ein Mus⸗ Hand füint ie Augen zu auf ſie war⸗ icht Johannd Sonnenſtrah ing durch de ol cplat fühne 23 und wendete ſich leichten Schrittes nach der Ro⸗ tunde zu. Man fing da an die Buden zu öffnen. Von allen Seiten brachten Wirthe aus der Nähe ihren durſtigen Kunden den Morgentrank und die Säulen⸗ halle der Rotunde empfing ihren täglichen Schmuck von alten Uniformen und geflickten Röcken. Die meiſten Trödler waren auf ihrem Poſten; nur hier und da ſah man an Buden noch keine An⸗ ſtalt zum Oeffnen. Alle kleinen Bazars, die auf die Halle der Ro⸗ tunde gehen, ſind gleichförmig gebaut, was auch darin zum Kaufe geboten werden mag. Von dieſer Regel machen nur das Etabliſſement des Weinhänd⸗ lers zu den„zwei Löwen“ und zwei Plätze eine Ausnahme, die ſich auf den öden Raum nach der Straße Dupetit Thouars öffnen. Die Schenke hat mehrere Läden in einen ver⸗ einigt, die beiden Plätze dagegen ſind aus einem La⸗ den genommen, der durch eine Wand getheilt wor⸗ den iſt. Schon in ihrem urſprünglichen Zuſtande ſind die Plätze nicht ſehr groß, werden ſie getheilt, ſo gleichen ſie zwei engen Gängen, die an ein Ma⸗ gazin hinten ſtoßen, das ebenfalls in zwei ge⸗ theilt iſt. In der erſten Hälfte befand ſich ein Trödler, der ſo arm war, daß er keinen ganzen Laden bezahlen 24 konnte; die zweite hatte eine der bemerkenswertheſten Perſonen im Temple im Jahre 1844 inne. Außen bemerkte man keinen Unterſchied von den angrenzenden Laden, ja er ſah wo möglich noch klein⸗ licher aus. Vor der Thüre hingen ein Paar rothe Beinkleider mit blauen Streifen und zwei oder drei blaue Fracks mit rothgewordenen Silber⸗Stickereien. Das war die Firma und die Firma log, aber Jedermann wußte, was der Inhaber verkaufte und die ausgehangenen Lumpen täuſchten Niemanden. Wenn man unter den Beinkleidern und alten Fracks hindurch gegangen war, welche ſeit Jahren im Winde ſchwankten wie Gehenkte am Galgen, be⸗ fand man ſich in einem kleinen Vorgemach und hatte vor ſich eine ſtarke eichene Wand mit einer halbmond⸗ förmigen Oeffnung. Die Wand hatte eine Thür, aber dieſe war ſtets verſchloſſen. Hinter der Wand ſaß alle Tage von zehn Uhr früh bis vier Uhr Nachmittags ein alter Mann, Araby genannt, der auf Pfänder und Si⸗ cherheit lieh und den Handelsleuten im Temple die⸗ ſelben Dienſte erwies, welche manche menſchenfreund⸗ lichen Bankiers den Fabrikanten ꝛc. erweiſen. Nur machen die Bankiers ihre Geſchäfte am hellen Tage und erzürnen ſich wenn ihre Opfer ſie Wucherer nen⸗ nen. Araby dagegen zeigte ſich nicht; er kam alle Tage um dieſelbe Stunde ſtill an, ſchlüpfte in ſein Loch! man g welche wurde die Ste Eingan Viel entfernte Gewiß ij gen gegen raſchem und ſogle Man Umgegenn kannte ſe wenigeL zu Angef Im die in gro lene Flock, geſchabten mütze, de einen kur mäntel. Diej hatten ih Geſicht h ichklein⸗ nar rothe oder drei⸗ tickereien. og, aber aufte und anden. und alten eit Jahren Halgen, be⸗ und hatte halbmond⸗ ſe war ſteis e Tage von as ein alter der und Si⸗ Temple die⸗ ſchenfreund⸗ peiſen. At bellen Tagt Vucheret nen⸗ et kam alle (üpfte in ſein 25 Loch und kam nicht wieder heraus. Lange hatte man geglaubt, er ſchlafe hinter dieſer Bretterwand, welche ihn von der Welt abſchloß. Um vier Uhr wurde die halbmondförmige Oeffnung, die bei ihm die Stelle des Bureaus vertrat, verſchloſſen wie die Eingangsthüre, aber fortgehen ſah man Araby nicht. Vielleicht wartete er das Dunkel ab; vielleicht entfernte er ſich auf der andern Seite der Rotunde. Gewiß iſt nur ſoviel, daß man ihn am andern Mor⸗ gen gegen halb zehn Uhr mit unſicherem, aber noch raſchem Schritte auf dem Rotundenplatze erſcheinen und ſogleich in ſeinen Laden gehen ſah. Man kannte Araby auf dem Markt und in der Umgegend wie einen weißen Sperling, d. h. man kannte ſeinen Anzug und ſeinen Gang, denn nur wenige Leute konnten ſich rühmen ihn von Angeſicht zu Angeſicht geſehen zu haben. Im Sommer wie im Winter trug er Beinkleider, die in große Schnürſchuhe gingen, aus welchen wol⸗ lene Flocken herausſahen, einen Mantelrock von ab⸗ geſchabtem Zeuge mit großem Pelzkragen, eine Leder⸗ mütze, deren großer Schirm ſeine Augen bedeckte und einen kurzen Mantel in dem Schnitte der Kutſcher⸗ mäntel. Diejenigen, welche ihn geſehen haben wollten, hatten ihm ſehr nahe treten müſſen, um ihm in das Geſicht blicken zu können. Sie ſprachen von einem 26 gelben Geſicht, das ſo runzelig wäre wie ein Apfel im April, von einer Hakennaſe, einem dünnen zahn⸗ loſen Munde und zwei kleinen lebhaften Augen, die hinter großen blauen Brillengläſern blinzelten. Sie ſetzten hinzu, der Mann müſſe wohl hundert Jahre alt ſein und ſie hätten nichts ſo Gebrochenes und Gebrechliches geſehen. Jeder Straßenjunge von der Vendome⸗Straße bis zum Sühnedenkmale Ludwigs XVI. kannte die dünnen Beine und den krummen Rücken des alten Araby genau. Die Mütter machten mit ihm die Kinder zu fürchten und in den Schenken umher lachte man über ihn, aber trotzdem fühlte Jedermann eine unheimliche Furcht vor ihm. Viele Trödlerinnen wären ſicherlich um keinen Preis nach Mitternacht vor der ſchlummernden Ro⸗ tunde vorüber gegangen, denn man erzählte, in die⸗ ſen nächtlichen Stunden, in welchen kein menſchlicher Fuß jenen Platz betrat, irre der alte Araby oder ſein Schatten langſam an den„beiden Löwen“ umher und bücke ſich auf die Erde, um die Sous aufzuleſen, die den Tag über auf dem Pflaſter verloren werden, und zwanzig andere abergläubiſche Geſchichten. Einige ſagten ſogar, er ſei jener von Gott verfluchte Jude, der ſeit vielen Jahrhunderten in der ganzen Welt als der ewige Jude bekannt iſt. Wie es nun auch mit dieſen halb ſpaßhaften halb ernſt der H ſo ſell in dri weiß e Temple iſt trot Fälle ne gah viell nahm dri er fragte Im Päſſ Quittun fragte nie an ihn cherheit auf nicht aͤhnliche ter drei bis zu z Rech wand ba dunkele befand, war. In 27 iin Agfel ernſt gemeinten Aberglauben ſtehen mochte, der in ten zahn⸗ der Hauptſtadt der civiliſirten Welt überhaupt nicht agen, die ſo ſelten iſt als man glaubt, Jedermann wendete ſich in dringender Noth an den alten Araby und Gott weiß es, ob ſolche Fälle bei den Handelsleuten im Temple häufig vorkommen. Es giebt wohl ein Leihhaus, aber das Leihhaus iſt trotz ſeinem vortrefflichen Charakter für manche Fälle noch immer zu furchtbar. Der alte Araby gab vielleicht etwas weniger als das Leihhaus und nahm drückendere Zinſen von ſeinen Vorſchüſſen, aber er fragte auch nach gar nichts außer nach dem Pfande. Um Päſſe kümmerte er ſich nicht, eben ſo wenig um Quittungen über bezahlte Miethe; der brave Mann fragte nicht einmal nach dem Namen derer, die ſich Wa. an ihn wendeten und man konnte ihm in aller Si— cherheit eine gefundene Uhr, einige Ellen Tuch, die auf nicht ganz ehrliche Weiſe erlangt waren, und ähnliche Dinge bringen. Er lieh überdies auch un⸗ ter drei Francs, er lieh alles, von hundert Louisd'or bis zu zehn Sous herab. Rechts von dem kleinen Platze vor der Breter⸗ Wlen e wand befand ſich eine niedrige Thüre, die in eine Geſchchim dunkele Niederlage führte, welche ſich an der Stelle ul n befand, wo an anderen Laden das Hinterſtübchen ſn der gahd war. In dieſer Niederlage befanden ſich allerhand te, in die⸗ ſchlicher aby oder ſein ven“ umher zaufzuleſen, aaßhaften halb 28 Gegenſtände, die deutlich bezeichnet waren und die Araby nach vierzehn Tagen verkaufen ließ, wenn ihm ſeine Schuldner nicht das Doppelte der geliehenen Summe brachten. Das war die Regel. Bisweilen nahm er mehr, aber dann kam es auf beſonderes Uebereinkom⸗ men an. Er machte aber nicht blos mit dem Temple Ge— ſchäfte. Mehrere Kaufleute in der Stadt ſtanden mit ihm in einträglicher Verbindung und man hätte Gegenſtände aus ſeiner Niederlage in den geſuchteſten Läden von Paris finden können. Obgleich die Paar Lumpen, welche über ſeiner Thüre hingen, Niemanden täuſchten, ob er gleich von drei Viertheilen der Handelsleute im Temple Geld genommen hatte, ſo fiel es doch Niemandem ein ihn zu denunciren. Das Bedürfniß wird den Wu⸗ cher immer und ewig ſchützen. Die Beraubten erzürnten ſich anfangs wohl und ſchwuren das Verderben des alten Geizhalſes, aber ſie beſannen ſich immer eines Andern; die Noth ſtand ſtets drohend neben ihnen und leicht konnte der Fall eintreten, daß man ſich glücklich ſchätzte, den alten Araby in der Nähe zu haben.. Hat jemals ein Spieler die Hölle angezeigt, die ſeinen Wohlſtand in Armuth verwandelte? Die armen Anleiher glichen darin den Liebhabern des und! 1 Temp es nͤ des al der me⸗ und der Leute g. Deshall ſchäft ru Laden, Nac ſche Ger trat.( klopfte e „A Innern. „„ „Ad ſprach d Sie eine Hin als ob o zu entfe is zeigte Ger emple Ge⸗ dt ſtanden man hätte üben ſeiner er gleichvon mple Geld mandem ein in den Wü⸗ wohl und halſes, abet ie Nothſtand 18 p 5 nate der Fal te, den alten anaezeigt, de 7 um ebhobem 29 des Roulette; die droheten. Sie ſchimpften etwas und hüteten ſich wohl ſich zu rächen. Uebrigens beſtand unter den Handelsleuten des Temple ein allgemein gültiger Glaube. Man hielt es nämlich für ſehr nutzlos, den geheimen Handel des alten Araby der Polizei zu verrathen, denn Je⸗ der meinte, die Polizei müſſe alles recht gut wiſſen und der alte Wucherer bezahlte wahrſcheinlich die Leute gut, welche den Temple zu beobachen haben. Deshalb und aus andern Gründen ſetzte er ſein Ge⸗ ſchäft ruhig fort; die Polizei näherte ſich nie ſeinem Laden, der von Geldbedürftigen nie leer wurde. Nach dem Laden Araby's hin ging auch die hüb⸗ ſche Gertrud als ſie aus dem Hauſe ihres Vaters trat. Er war noch nicht geöffnet und Gertrud klopfte ein Paar mal an. „Wer iſt da?“ fragte eine ſchwache Stimme im Innern. „Ich bin es, Gertrud.“ „Ach, mein gutes Fräulein, ich danke, ich danke,“ ſprach die Stimme in heiterem Tone.„Warten Sie einen Augenblick, ich werde ſogleich aufmachen.“ Hinter den Bretern entſtand nun ein Geräuſch als ob eine zu ſchwache Hand die zu ſchweren Riegel zu entfernen ſuche. Endlich gab ein Bret nach und es zeigte ſich eine kleine Oeffnung. Gertrud trat hinein. 30 Sie befand ſich in dem kleinen Vorraum, inwel⸗ chen das Halbdunkel der Säulenhalle vor ihr gedrun⸗ gen war. Es war nur ein menſchliches Weſen da, ein ar⸗ mes bleiches hageres Kind, die Dienerin des alten Araby. Die wenigen Schritte des Vorraumes bildeten ihre ganze Wohnung. Ihr Lager war eine harte Matraze am feuchten Boden. Neben der Matraze war kaum ſoviel Platz, daß man treten konnte. Das Kind hieß Noemi und ſie mußte die Arbeit verrichten, welche Laufburſchen bei andern Handels⸗ leuten im Temple thaten. In der ganzen Welt würde man keine ſchlimmere Lage als die ihrige haben finden können. In den kalten Winternächten ſchlief ſie in dem Loche, in wel⸗ chem wir ſie jetzt gefunden haben, ohne irgend eine andere Decke als ihr dünnes Kleidchen. Der Wind ſtrich durch die ſchlecht zuſammengefügten Breter und die feſt verſchloſſenen Thüren hinderten ſie anderswo eine Zufluchtsſtätte zu ſuchen. Der Wucherer belaſtete ſie mit Arbeiten über ihre Kräfte und gab ihr kein Geld dafür, kaum ſoviel Eſſen, daß ſie ihren Hunger ſtillen konnte. Wenn ſie ausging, gaben ihr die Troͤdlerinnen aus Mitleiden ein Stüͤckchen Brod als Almoſen, wegen, wie ein kleine 2 Brodſtüg über ſie! None davon. in die Th war drol Sieg, ri vollem M etwas zu lichen Ha Tage ma res und ſ unterdrück Wie phantaſti gern auch führte ei der Welt wenig w W. e die Arbeit in Handels⸗ ge ſchlimmere In den N.„ l oche, in wel⸗ irgend eine Der Wind en Breter und ſie anderswo eüten über iht „kaum ſovie rod - 31 aber ſie hatte auch einen Feind, der ſie ohne Unter⸗ laß verfolgte und der ſie mit teufliſcher Schlauheit zu berauben wußte. Der blodſinnige Geignolet lauerte ihr immer auf. Er wartete auf ſie an den Straßenecken und in Thor⸗ wegen, wo er unbeweglich und mit offenen Augen wie ein Vorſtehhund ſtehen blieb. Kam dann die kleine Ausläuferin vergnügt und kauete an ihrem Brodſtückchen, ſo fiel der Blödſinnige unerwartet über ſie her, entriß ihr das Brod und ſchlug ſie. Nono, wie man ſie allgemein hieß, lief weinend davon. Die Leute in den Wirthshäuſern traten in die Thüre um zu ſehen und zu lachen, denn es war drollig. Geignolet ſetzte ſich, ſtolz auf ſeinen Sieg, rittlings auf den Prellſtein und ſang mit vollem Munde ſein Lied. Man gab ihm wohl auch etwas zu trinken, um ihm Luſt und Muth zu ähn— lichen Heldenthaten zu machen. Und am nächſten Tage machte er es wieder ſo, weil es kein wehrloſe— res und ſchwächeres Weſen gab, das er ungeſtraft unterdrücken konnte. Wie man von dem alten Araby hundert ziemlich phantaſtiſche Geſchichten erzählte, ſo ſprach man gern auch von ſeiner kleinen Dienerin. Der Alte führte ein völlig einſames Leben und Niemand in der Welt wußte, wie er eigentlich lebe. Eben ſo wenig wußte man, woher die Kleine gekommen. IV. 3 32 Sie hatte keine Eltern und würde kein Obdach ge— habt haben ohne den ſchlechten Dienſt bei dem alten Wucherer. Gleichwohl hatte ſie auch an Gertrud, die ihr jeden Morgen vor der Ankunft des Alten Frühſtück brachte, eine Beſchützerin. Frau Batailleur rief ſie jedesmal zu ſich, wenn ſie vorüberging. Und man erzählte einen ſeltſamen Vorfall. Eines Tages war die arme kleine Ausläuferin in der Nähe des Palais Royal von ihrem Gegner Geignolet überfallen worden. Er hatte ſie grauſam geſchlagen und würde ſie diesmal erſchlagen haben, wenn ſie ſich nicht in den Laden der Frau Batailleur geflüchtet hätte. Bei der Händlerin befand ſich gerade eine ſchöne Dame, welche Spitzen kaufte. Nono ſaß athemlos und in Thränen in einem Winkel. Die ſchöne Dame ſah ſie, legte die Spitze hin und ſprach leiſe mit der Händlerin. Nono war damals nochkleiner und ſchwächer als jetzt. Sie weinte noch einige Minuten in ihrem Winkel, dann ließ ſie ihr Geſicht auf die Hand fal— len und ſchloß die von Thränen müden Augen. Sie ſchlief ein. Nun erzählte man Folgendes: Die ſchöne Dame trat leiſe zu ihr und ſtand einen Augenbtick über ſie gebeugt da. Während ſie das Kind betrachtete, lag in ih wiede nicht ſich ul ten, w das be Non Armuth war ſch zeigtenit Kleidche kaum be⸗ deutung lächelt, Ihr gar keit, we T 0. Wuchs Es lage in Herze unglückli regelmaͤf Ausdru Das läͤcheln; reizendes Ausläͤuferin in Gegner ſi ara uſam agen haben, Vatailleur ne ſchöne men in einem te die Spizze n ſchwächer ten in ihrem in ihren Blicken eine gewiſſe Rührung. Ehe ſie ſich wieder aufrichtete, küßte ſie Nono auf die Stirn. Frau Batailleur erkläͤrte freilich, ſie erinnere ſich nicht daran und ſetzte hinzu, wenn ihre Nachbarinnen ſich um ihre eigenen Angelegenheiten bekümmert hät⸗ ten, würden ſie unmöglich etwas haben ſehen wollen, das bei ihr vorgekommen ſein ſollte. Nono mochte fünfzehn Jahre alt ſein, aber die große Armuth hatte ihr Wachsthum zurückgehalten. Sie war ſchwächlich und ihre armen kleinen Gliedmaßen zeigten ihre Schwäche durch die Löcher in ihrem dünnen Kleidchen. Ihre Bruſt entwickelte ſich nicht; die zarten kaum bemerklichen Umriſſe derſelben, die liebliche An⸗ deutung, welche bei der jugendlichen Jungfrau bereits lächelt, hoben den Stoff ihres Kleides noch nicht. Ihr ganzer Körper hatte jene gleichförmige Mager⸗ keit, welche Noth und Armuth verräth. Trotz dieſem ärmlichen Ausſehen zog der ſchlanke Wuchs Nonos die Blicke an und gefiel den Augen. Es lag ein gewiſſer Reiz in dem Mitleiden, das man im Herzen empfand, wenn man ſie ſo ſchwach und unglücklich vor ſich ſah. Ihre Züge waren fein und regelmäßig und in ihrem blaſſen Geſichte lag ein Ausdruck ſtill ergebenen Leides. Das arme Kind konnte durch Thränen hindurch lächeln; dann erhielten die ſchönen ſchwarzen Augen reizendes Leben und warfen durchdringendere und 3* 33 34 ſanftere Blicke, gleich einem flüchtigen Sonnenſtrahle, der an einem düſtern Wintermorgen durch die Wol⸗ ken dringt. Wer im Temple geſagt hätte, die Ausläuferin des alten Araby ſei ſchön, würde für einen Narren gehalten worden ſein. Man ſah hier an ihr nur ihre krankhafte Bläſſe und die Löcher in ihrem Kleide. Sie eregte mehr Verachtung als Theilnahme. Den⸗ noch war ſie ſchön wie das ſtumme Leiden ſchön iſt, das ſich ergeben beugt. Der Heiligenſchein des Mär⸗ tyrerthums glänzte auf ihrer Kindesſtirn und ihre ſchweigende Traurigkeit würde viele Gedanken in einem Dichter angeregt haben. Sie ſaß auf ihrer harten Matratze und verzehrte gierig das Frühſtück, das Gertrud ihr gebracht hatte. Das Licht des Tages drang durch die Oeffnung in den ſchmalen Raum hinein. Es war ein Contraſt, der auch ſeine Schönheit hatte. Das Licht ſpielte auf dem Haare Getrudens und beleuchtete von der Seite ihre heitere Stirn, auf welcher die Kraft und die Fröhlichkeit der Jugend glänzten, dann fiel es gerade auf das hagere Geſicht Nonos, die in dieſem Augenblick auch glücklich war und ihre dankbaren melancholiſchen Blicke zu ihrer ſchönen Wohlthäterin emporhob. Draußen bemerkte man, gleich als ſolle dieſem Bild Cont des der S weil 35 c die Vol⸗ Bilde mildthätiger Menſchenliebe ein abſtoßender Contraſt entgegengeſetzt werden, das falſche Geſicht des blödſinnigen Geignolet, der unter den Säulen der Halle hinſchlüpfte und vor ſich hin brummte, weil er ſah, daß er ſeine Beute nicht erreichen konnte. enen Narren an ihr nur und verzehrte hr gebracht die Oeffnung eine Schönheit Getrudens Stirn, auf der Jugend hagere Geſicht lich war Blicke zu ihrer zſolle dieſem Drittes Kapitel. Nono die Ausläuferin. Nachdem der Blödſinnige einige Minuten lang vor dem Laden Arabys umhergeſchlichen war, blieb er hinter einer Säule ſtehen. Sein Blick folgte gierig jeder Bewegung der kleinen Ausläuferin, welche den Löffel zum Munde führte. „Du hatteſt großen Hunger, arme Nono!“ ſagte endlich Gertrud, die ihr lächelnd zuſah. „Ach ja,“ antwortete das Kind,„‚ich hatte ar⸗ gen Hunger und ich glaube ich würde ſterben müſſen, wenn Sie, Mamſell Gertrud, nicht Mitleid mit mir hätten, denn mein Herr wird alle Tage geiziger und ſo oft er mir Brod giebt, nimmt mir es der Geig⸗ nolet.“ „Komm zu uns, arme Nono, wenn Du hun⸗ gerſt.“ iſt ſer Und durch begegt „einm Seilerp ſo böſe, ren, w mit den mehr e Wenn zufällig todtgeſe Di Ge tratze u zurück. 9 / fragte iſt? „ ſeine inuten lang war, blieb Blick ſolgte pfernn, welche ime Nono!“ zuſah. ich hatte ar⸗ rben müſſen, itleid mit mit e geiziger und ss der Geig⸗ venn Du hun⸗ 37 „Ich darf den Laden nicht verlaſſen. Mein Herr i*ſt ſehr alt, hat aber noch die Kraft mich zu ſchlagen. Und dann müßte ich, wenn ich zu Ihnen wollte, durch den langen dunkeln Flur, wo ich Geignolet begegnen könnte.“ „Fürchteſt Du Dich ſo ſehr vor ihm?“ fragte Gertrud. Das Mädchen ſchauerte. „Einmal,“ ſagte ſie und hörte auf zu eſſen, „einmal traf er mich Abends an einer Ecke des Seilerplatzes. Ach Gott, Mamſell Gertrud, er iſt ſo böſe, wie Sie gut ſind! Er packte mich an den Haa⸗ ren, warf mich nieder auf das Pflaſter, trat mich mit den Füßen, ſchlug mich mit den Händen und je mehr er mich ſchlug, um ſo wüthender wurde er. Wenn nicht Hermann, der Freund Ihres Vaters, zufällig vorübergegangen wäre, würde er mich wohl todtgeſchlagen haben.“ Die Augen der Armen füllten ſich mit Thränen. Gertrud ſetzte ſich mitleidig neben ſte auf die Ma⸗ tratze und Geignolet trat weiter hinter ſeine Säule zurück. „Was haſt Du ihm denn gethan, Nono?“ fragte Gertrud,„daß er ſo aufgebracht gegen Dich iſt?“ 1 „Mein Gott,“ antwortete das Kind,„ich habe ſeine Stelle eingenommen.. Doch weiß es Gott, ———— ———————————— 38 daß dieſe Stelle keine gute iſt. Er war vor mir bei meinem Herrn, der ihn fortſchickte, weil er ſtahl.“ Gertrud nahm die kleine kalte Hand Nonos und wärmte ſie in den ihrigen. „Mach nun geſchwind, daß Du fertig wirſt, Nono,“ ſagte ſie;„mein Vater wartet auf mich.“ Nono führte von neuem den Löffel an den Mund und nach wenigen Augenblicken hatte ſie ihr Frühſtück beendigt. „Die Ausläuferin hat Alles gegeſſen!“ brummte Geignolet,„ſie hat mir nichts übrig gelaſſen.“ Dann trat er hinter der Säule hervor. Nono bemerkte ihn und machte eine Geberde der Angſt. Gertrud drehete ſich raſch um und ſah den Blöd⸗ ſinnigen, der davon lief, aber die Fauſt gegen ſein Opfer ballte. Gertrud ſtand auf und nahm ihr Geſchirr. „Er iſt ein armer Blödſinniger,“ flüſterte ſie; „man muß ihm verzeihen.“ „Ich verzeihe ihm auch,“ fiel das Kind lebhaft ein, in deſſen großen Augen ſich ein Engelsblickzeigte; „ich verzeihe ihm um Ihretwillen, Mamſell Gertrud und wegen ſeines Bruders, den Sie lieben. Ich bete zu Gott für ihn und für alle ſeine Verwandten, die ſo arm ſind wie ich.“ Die Wangen Gertrud's färbten ſich mit einer lebhaften Röthe. / Du! ( ſenkte pern ſte end chen. G Schwe Hand 27 „und Augen 11 ( 71 Frau Herrn / 9 7 ſtern f nicht h ſchein bezahl den.“ ftagte vor mir bei er ſtahl.“ Nonos und frig wiſ tauf mich.“ m den Mund ihr Frühſtück Nono er Angſt. ſah den Blöd⸗ uſt gegen ſein Geſchirr. flüſterte ſie; Kind lebhaft sbli lickzeigte; amſell Gertrud e lieben. Ich e Verwandten, ſich mit einer 39 „Lebe wohl, Nono,“ ſagte ſie ganz leiſe.„Haſt Du mir nichts zu ſagen?“ 1 Das Mädchen zögerte eine Secunde lang, dann ſenkte ſie ihre Augen und die langen ſchwarzen Wim⸗ pern legten ſich auf ihre hagern Wangen. „Ich hätte wohl etwas zu ſagen,“ antwortete ſie endlich;„aber ich fürchte, Sie traurig zu ma⸗ chen..“ Gertrud, die mit einem Fuße bereits auf der Schwelle ſtand, kehrte wieder um. Nono ergriff ihre Hand und küßte ſie. „Ich ſehe Sie ſo gern lachen,“ fuhr ſie fort, „und bin ſo unglücklich, wenn Kummer in Ihren Augen liegt!“ „Sprich geſchwind!“ ſagte Gertrud. „Geſtern kam Frau Regnault.., die arme alte Frau weinte ſo ſehr und ich hörte wie ſie meinen Herrn bat, ihr Geld zu borgen.“ „Wie viel Geld?“ fragte Gertrud. „Ach viel, viel!“ antwortete das Kind.„Ge⸗ ſtern früh habe ich Ihnen geſagt, daß ſie ihren Stand nicht bezahlt hat, aber das iſt noch nichts.. Sie ſcheint noch mehr ſchuldig zu ſein und wenn ſie nicht bezahlt, wird ſie in das Gefängniß geſperrt wer⸗ den.“ „Und Araby wollte ihr kein Geld geben?“ fragte ſie. 40 Nono zuckte die Achſeln. „Sie hatte kein Pfand,“ ſprach ſie dann.„Der Herr ſchimpfte ſie und jagte ſie fort.“ Der Kopf Gertruds ſenkte ſich auf ihren Bu⸗ ſen herab und ſie ſchien einen Augenblick nachzu⸗ denken. „Ich muß ihn ſehen,“ ſagte ſie endlich zu ſich ſelbſt.„Lebe wohl, Nono; morgen komme ich wieder.“ Als ſie fort war, erhob Nono die Augen zum Himmel und betete zu Gott, daß er ihr Glück ge⸗ währen möge. Gertrud war noch nicht in den dunkeln Flur ge— treten, welcher zu dem Hauſe ihres Vaters führte, als ein hagerer alter Mann in einem Mantelrock mit Pelz und einer großen Ledermütze, deren Schild wie ein Wetterdach niederhing, aus der kleinen Seiler⸗ ſtraße kam. Er ging wackelnden, trippelnden Schrit⸗ tes auf dem feuchten Pflaſter hin. Hinter ihm ſtießen einige Kinder im Chor jenen unmöglich zu beſchreibenden Carnevalsſchrei aus. Er ging mit dem Kopfe wackelnd über den Ro⸗ tundenplatz und ſtützte ſich auf ein langes Rohr mit ſchwarzem Hornknopfe. Es war Araby, der früher als gewöhnlich ſich in ſein Bureau begab, weil er daſſelbe am vorigen Tage eine Stunde früher verlaſſen hatte. Be ſeinet⸗ 9 um bis liegen? ſtrikteſt gethan, Non ſtehen. willigen „R Nor und nal zu trage Der auf und Da Schlüſſ ſteckte. Die der Alte Schlöſſ Na das ho Fugen in eine D A 41 Beim Cintritt in das kleine Vorgemach warf er ſeiner Dienerin einen übellaunigen Blick zu. „Faules Mädchen,“ brummte er,„biſt Du da um bis um acht Uhr früh auf meiner Matratze zu liegen? Ich habe Dir Wolle gegeben, damit Du ſtrikteſt wenn ich nicht zu Hauſe bin; was haſt Du in.„Der ihren Bu⸗ ick nachzu⸗ dlich zu ſic gethan, Tagediebin?“ komme ih Nono antwortete nicht und blieb vor ihrem Herrn 1 ſtehen. In ihren Zügen konnte man den Ausdruck 4 6 4 Augen zum willigen Gehorſams leſen. 1 Gück ge⸗„Räume auf,“ fuhr der Wucherer fort. Nono rollte gehorſam die Matratze zuſammen eeln Jlur ge⸗ und nahm ſie auf ihre Arme, welche die Laſt kaum aters führte, zu tragen vermochten. cantelrock mit Der Alte machte ihr die Thüre zur Niederlage n Schild wie auf und— das Stübchen war aufgeräumt. einen Seiler⸗ Dann nahm Araby aus ſeiner Taſche zwei große Unden Schrit⸗ Schlüſſel, die er in das Schloß ſeines Comptoirs ſteckte. n Chor jenen Die Thüre drehete ſich kreiſchend in den Angeln; chrei aus. der Alte verſchwand und man hörte, wie von Innen übet den Ke Schlöſſer wieder zugeſchloſſen wurden. ges Rohr mit Nach einigen Minuten glitt ein Brett, welches 1 das halbmondförmige Loch verſchloß, raſch in den newähnlic ſch Fugen hin und das Mützenſchild Arabys Feigte ſich de am vorigen 1 in einer Art Halbdunkel. 4 Das Comptoir war geöffnet. 1 tte. „Tagediebin!“ ſprach der Wucherer durch das Loch heraus;„hole mir mein Fruͤhſtück und ſpiele nicht unterweges.“ Er legte eine kleine Munze auf ein rundes durch den Gebrauch geſchwärztes Bret, das aus dem Loche hervorragte. Nono nahm das Geld und ging fort. Nach etwa einer Minute kam ſie mit einem ganz kleinen Stückchen Brod und einem ganz kleinen Stück Käſe wieder zurück, das wohlfeil verkauft ward, weil es verdorben war. Araby nahm ihr alles dies mit ſeinen gekrümm⸗ ten Händen ab, griff ſodann nach einem alten durch langen Gebrauch bis zum Rücken abgenutzten Meſſer und fing an zu eſſen. Die Brod⸗ und Käſebiſſen verſchwanden mit ein⸗ ander unter dem großen Mützenſchilde und man ſah nur das Kinn des Wucherers, das den Bewegungen des Mundes folgte. Während der Wucherer ſein Frühſtück mit langſamem Behagen kauete, ſagte er: „Tagediebin, Du kannſt ſo früh noch nicht Hun⸗ ger haben, da Du wie eine große Dame bis in den Tag hinein ſchläfſt. Mache in der Niederlage Platz für das, was der liebe Gott uns heute ſchicken wird. Verdirb nichts und ſtiehl nichts, Kleine! Wenn ich mit Dir zufrieden bin, ſollſt Du Mittags auch Brod und den Käſe bekommen, den ich übrig laſſe.“ Nono trat in die Niederlage hinein. 2 Augel alten 6 gekom Negna — A NM ſogleich Sie hinauf! deſſen I wallend baumſch einem d ſich etw befande hatte. durch das und ſpiele dem Loche d ging folt einem ganz kleinen Stück tward, weil m gekruͤmm⸗ alten durch nutten Meſſer ad man ſah ind Bewegungen Vucherer ſein jete, ſagte er: wch nicht Hun⸗ one bis in den gederlage Plat t ſchicken wid. Wenn ich 1 nags auch Brod eig laſſe.“ en 43 Araby aß weiter, lauerte aber immer mit den Augen in ſeinem ſchwarzen Loche und glich einem alten Affen, der an einer geſtohlenen Nuß knuppert. Gertrud war in das Haus ihres Vaters zurück⸗ gekommen. In dem kleinen Hofe wartete Johann Regnault mit ſeiner Drehorgel auf ſie. Sie ging ſchnell an ihm vorüber. „Warte auf mich,“ ſagte ſie zu ihm.„Ich komme ſogleich wieder.“ Sie lief ſchnell die Treppe zu ihrem Stübchen hinauf und ſah nicht einmal nach dem irdenen Topfe, deſſen Inhalt auf den glühenden Kohlen hoch auf wallend kochte. Sie öffnete den beſcheidenen Nuß baumſchrank, der ihre Kleidungsſtücke enthielt. Aus einem der Fächer nahm ſie eine Börſe, in welcher ſich etwa zwanzig neue und glänzende Fünffrankſtücke befanden, die ihr ihr Vater nach einander gegeben hatte. Dann lief ſie ſchnell wieder die Treppe hinunter, blieb aber, ſtatt in den Hof zu gehen, auf der Schwelle ſtehen und winkte Johann zu ihr zu kommen. Johann war ſchon glücklich wenn er ſie ſah, heute lag aber in ſeinem Geſichte eine tiefere Traurigkeit als gewöhnlich. Gertrud legte ihre kleine weiße Hand auf die Sammet⸗Jacke des armen Jungen und ſah ihn einige Secunden lang ins Geſicht ohne etwas zu ſagen. 44 Sie war gar nicht mehr das ſorgloſe Mädchen mit dem leichten Sinne, das vom Gebet zum Geſange überging und ſich gegen die kindliche Traurigkeit ihrer Träume ſträubte; es lag in ihrem Blicke vielmehr eine ernſte und innige Theilnahme. „Johann,“ ſagte ſie leiſe im Tone des Vorwurfs, „Du ſagſt mir oft, Du habeſt mich lieb und doch haſt Du kein Vertrauen zu mir.“ Der Drehorgler ſtand mit niedergeſchlagenen Augen, mit bleichen Wangen und erzwungenem Lä⸗ cheln vor ihr. „Wenn ich Geld hätte, Gertrud,“ antwortete er mit einer leicht bebenden Stimme,—„es gehörte ganz Dir an, Gott weiß es, aber ich ſehe Dich ſo gern glücklich und heiter, warum ſoll ich Dich an dem Theil nehmen laſſen, was ich leide?“ Die Augenbrauen des Mädchens runzelten ſich. „Du haſt mich belogen,“ ſagte ſie.„Du liebſt mich nicht.“ Der arme Johann faltete die Hände und ſeine ganze ergebungsvolle, ehrerbietige, aufrichtige Liebe malte ſich in ſeinen Blicken. „Ach, Gertrud,“ ſtammelte er leiſe,„ſprich nicht ſo.. Ich thue vielleicht Unrecht daran, daß ich Dich liebe, denn ich habe Dir nichts zu geben als meinen Kummer und meine Armuth, aber ich liebe D ich/ gegen G kalt zu ich gelit Doſt ſe Du biſt ich muß Deine) Jol A 9 nn er voll; geſtern, die No was ha Ddi ſorgniß traten. . S Si Worte Jo und ſei Geſicht Er dädchen mit un Geſange grigkeit ihrer ice vielmehr 2 Tamuß, ddoch haſt geſchlagenen genem(.½ ungenem L⸗ antwortete d gehänt ſ e Dich ſo ₰ ich Dich an 261 nzelten ſich. Du liebſt und ſeine 4 chtige Liebe 45 Dich, bei Gott, ich liebe Dich wie wahnſinnig und gegen meinen Willen.“ Gertrud ſtellte ſich als erzürne ſie ſich noch mehr; ihr hübſches Geſichtchen wendete ſich ab, um die Rüͤh⸗ rung zu verbergen. „Wenn man liebt,“ ſagte ſie und bemühete ſich kalt zu bleiben,„hat man auch Vertrauen. Wenn ich gelitten hätte, würde es mir, glaube ich, ein Troſt ſein, mit Dir von meinem Leide zu ſprechen; Du biſt nicht ſo, Johann; Du ſagſt mir nichts und ich muß von Fremden die Gefahr kennen lernen, die Deine Mutter bedrohet.“ Johann bedeckte ſein Geſicht mit den Händen. „Iſt es alſo im Temple ſchon bekannt?“ r dif er voll Bitterkeit aus.„Ich ſelbſt weiß es erſt ſe geſtern, Gertrud; aber manche Leute errathen deinr die Noth Anderer. Wer hat es Dir geſagt und was hat man Dir geſagt?“ Die Stimme Johanns drückte eine ſo bittere Be⸗ ſorgniß aus, daß Thränen in den Augen Gertrudes traten. Sie ſtammelte und mit Mühe kamen verworrene Worte über ihre Lippen. Johann verſtand ſie, denn ſeine Füße wankten und ſeine Hände bedeckten von neuem ſein verſtörtes Geſicht. Er ſtellte ſeine Drehorgel, die er nicht mehr 46 tragen konnte, an die Erde und ſetzte ſich auf die erſte Treppenſtufe nieder. Gertrud ſetzte ſich neben ihn. „Es iſt alſo wahr?“ fragte ſie. „Ja, es iſt wahr,“ antwortete Johann mit einem Seufzer.„Die alte Frau ſieht wohl recht alt aus, ſteht aber doch noch nicht in dem Alter, in welchem man nicht mehr ins Gefängniß gebracht werden kann. Geſtern Abend ſagte mir die Mutter alles das unter Thränen. Ich glaubte, ſie brauchte nur die Miethe für ihren Stand und ſchätzte mich glücklich, denn ſoviel hatte ich am Tage verdient. Aber, ach Gott! ich müßte Wochen und Monate lang Glück haben, wenn ich die Summe verdienen wollte, die meine Mutter braucht.“ Er ſchwieg und ein krampfhafter Seufzer hob ſeine Bruſt. „Das Gefängniß!“ fuhr er dann fort;„das Gefängniß in ihrem Alter! Ich, ich bin ſtark,“ ſetzte er hinzu indem er die Stirn erhob;„ich fürchte mich nicht vor der Verachtung der Welt. Ich würde Gott um weiter nichts bitten, als daß man mich ſtatt ihrer nähme, um mich einzuſperren und leiden zu laſſen. Sie wenigſtens würden mich nicht verachten, Ger⸗ trud, und überzeugt ſein, daß ich ein ehrlicher Menſch bin..“ „Ein ehrlicher Menſch und ein guter Sohn, Johan Mäͤdch in den edeles De gleich u „. Kopf. „Al „Ich be trud. täͤgliche orgel, n dem er d getröſtet ſie verka noch me Er orgel,! Ger „Bp ich habe Jol ſprach So ſtaubig die in d IV. G du die erſte dohann mit wohl recht n Alter, in nß gebracht die Mutter ſi bralcht chätzte mich ge verdient. und Monate Ne ae verdienen Seufzet hb nfart: das nfort;„das ſtark,“ ſett fürchte mich vürde Gott ch ſtatt ihrer den zu laſſen. rrachten, Ger⸗ ein ehrlicher 47 Johann, mein armer Johann!“ entgegnete das Mädchen, welche die Hände des Drehorgelſpielers in den ihrigen drückte;„ein guter Sohn und ein edeles Herz, das ich mit Stolz liebe.“ Der Blick Johanns war traurig und entzückt ſo⸗ gleich und ſeine noch feuchten Augen lächelten. „Ich danke!“ ſaste er, dann ſchüttelte er den Kopf. „Aber warum davon reden?“ ſprach er weiter. „Ich bedarf des Troſtes nicht, meine geliebte Ger⸗ trud. Ich werde arbeiten. Wenn ich etwas Ein⸗ träglicheres finden kann, verkaufe ich meine Dreh⸗ orgel, meine arme Gefährtin,“ ſetzte er hinzu, in⸗ dem er das Inſtrument ſtreichelte,„die mich oftmals getröſtet hat, wenn ich traurig war. Aber ich würde ſie verkaufen, ja ich würde ſie verkaufen und ſelbſt noch mehr opfern.“ Er ſtand auf und nahm den Riemen der Dreh⸗ orgel, um ſie überzuhängen. Gertrud hielt ihn am Arme zurück. „Bleib,“ flüſterte ſie,„bleibe noch ein Wenig, ich habe Dir etwas zu ſagen.“ Johann gehorchte wie immer, aber Gertrud ſprach nicht; ſie ſchien es nicht zu wagen. So ſaßen beide ſtill dicht neben einander auf der ſtaubigen Treppenſtufe. Viele andere Rendezvous, die in der vergangenen Nacht gegeben und empfangen IV. 4 48 worden, hatten hinter ſeidnen Draperien, in der ver⸗ ſchwiegenen Stille der Boudoirs, auf dem elaſtiſchen Sammt der Divans ſtattgefunden, aber nirgends würde man größere Hingebung und innigere Liebe, nirgends edlere und redlichere Herzen gefunden haben.. Johann und Gertrud liebten einander mit aller Kraft ihrer Seele, Es gab da auf der wurmſtichi⸗ gen Treppenſtufe, zwiſchen den feuchten und grauen Mauern der armſeligen Treppe, was man vielleicht in reicheren Wohnungen nicht gefunden hätte: ein zartes und reines jungfräuliches Herz und ein ſtolzes, offe— nes Jünglingsherz, eine getheilte Zuneigung, eine gleiche Hingebung, zwei Gewiſſen, die nichts zu ver— bergen hatten und mit Stolz ihre tiefinnerſten Ge⸗ heimniſſe zeigen konnten. Gleichwohl zögerte Gertrud noch immer zu ſpre⸗ chen. Sie wechſelte die Farbe und ihr Mund zitterte, als ſchäme ſie ſich des Geheimniſſes, das ſich auf ihre Lippe drängte. Johann ſah ſie beſorgt an. „Ich habe Dir etwas zu ſagen,“ ſprach ſie nach einer langen Pauſe;„es iſt eine Bitte und ich würde ſehr unglücklich ſein, wenn Du ſie mir abſchlügſt.“ „Wie könnte ich Dir etwas abſchlagen, Ger⸗ trud!“ Das Finger gii Johan dM „Du Gertrud in „Icht ſpieler. Gertru⸗ zurück, die auf die Lüp „Du! ſhlagen,“ Augen un und giebe Johal ſchrocken, „Ich „Ach, die dern Freu mehr. G zen, aber Sagen di liebe Sie Du Eigennutz „Wil mit bittere u, in der ver⸗ em elaſtiſchen der nirgendz nnigere Liebe, den gefunden nder mit aller t wurmſtichi⸗ und grauen anvielleicht in ne: ein zartes rſto lzes, ie 9 zu ver⸗ innerſten Ge⸗ amer zu ſpre⸗ Mund zitterte, as ſich auf d ſprach ſie nach und ich würde dauhe agen, Ger⸗ 49 Das Mädchen verſuchte zu lächeln und ihre Finger griffen in den Buſen. Johann achtete nicht auf dieſe Bewegung. „Du verſprichſt mir alſo ja zu ſagen?“ fuhr Gertrud in liebkoſendem Tone fort. „Ich verſpreche es,“ antwortete der Drehorgel⸗ ſpieler.— Gertrud zog raſch aus dem Buſen die Finger zurück, die eine Börſe hielten und das Lächeln, das auf die Lippen Johanns getreten war,— ſchwand. „Du haſt mir verſprochen, mir es nicht abzu⸗ ſchlagen,“ ſagte Gertrud mit niedergeſchlagenen Augen und im Tone der Liebe;„nimm dies Geld und gieb es Deiner Mutter.“ Johann antwortete nicht und ſah die Börſe er— ſchrocken an. „Ich hätte das fürchten können,“ flüſterte er. „Ach, die Armuth! die Armuth! Was für die An⸗ dern Freude iſt, vergiftet unſre Leiden nur noch mehr. Gertrud, ich danke Ihnen aus tiefſtem Her⸗ zen, aber Ihr Vater iſt in Verhältniß zu uns reich. Sagen die Weiber im Temple nicht jetzt ſchon, ich liebe Sie aus Eigennutz?“ „Du!“ entgegnete Gertrud unwillig;„aus Eigennutz?“ „Wir ſind ſo arm!“ ſprach der Drehorgelſpieler mit bitterer Entmuthigung. 4* 50 Gertrud ließ den Kopf ſinken und wagte wieder⸗ um nicht weiter zu ſprechen. Nach einigen Secunden ſchlug ſie die Augen auf; ihr Geſicht, in welchem gewöhnlich die ſchalkhafte Heiterkeit der Kindheit lachte, hatte einen feſten faſt ſtolzen Ausdruck. „Johann,“ fuhr ſie leiſe und langſam fort, „ich weiß nicht was die Weiber im Temple ſagen, aber wenn mein Vater in Noth wäre und Du kämſt zu mir wie ich zu Dir komme, ich würde Deine Hilfe nicht verſchmähen, ich ſchwöre es Dir vor Gott, der uns hört.“ „Ich bin ein Mann,“ flüſterte der Drehorgel⸗ ſpieler,„und Du biſt ein Mädchen, Gertrud.“ „Und Du willſt mir nichts ſchuldig ſein!“ rief dieſe in Zorn aus;„geh, Du biſt ſtolz und eigen⸗- ſinnig, Du liebſt mich nicht und liebſt Deine Mutter nicht.“ Johann ſchwieg vor dieſer Anklage und die Angſt ſeiner Seele ſpiegelte ſich auf ſeinem Geſicht. Gertrud fühlte Mitleid, aber ſie fuhr fort: „Ja, Du liebſt mich nicht, denkſt nicht an den Kummer, den Du mir machſt, denkſt nicht an Deine alte Großmutter, die Du retten könnteſt.“ „Ach, mein Gott, mein Gott!“ ſeufzete der arme Johann mit gefaltenen Händen und einer Ohn⸗ macht nahe. D. 21 Gertrud Der Blicke an „Höl Stimme; und würd alte Mutte Kind, arm beingſt, ge „Es Hoffnung ich nicht, Das Geld Und wie ſ aufbewahr Johan Liebe Gert litt ſchme König. Er fü die liebe 6 nem Gew felnde Gre „Ich nnein, ne Ein B Iie widder⸗ Augen auf; ſchalkhafte e feſten faſt ngſam fort, le ſagen, d Du kämſt Deine Hilfe et Gott, der olz und eigen⸗ Deine Mutter lage und die sſf⸗t 3 en Ge uhr fort: ſt wicht an den nicht an Deine teſt.“ ſeufßete der und einer Ohn⸗ 51 „Du haſt kein Mitleid mit Andern!“ ſprach Gertrud nochmals,„und denkſt nur an Dich.“ Der Drehorgelſpieler ſah ſie mit einem bittenden Blicke an.. „Höre mich an,“ ſagte er mit ſchluchzender Stimme;„ich will alles, was Du willſt, Gertrud und würde mein Leben darum geben, meine arme alte Mutter glücklicher zu machen; aber Du biſt ein Kind, arme Gertrud, und das Geld, das Du mir bringſt, gehört Deinem Vater.“ „Es iſt mein,“ fiel das Mädchen ein und Hoffnung glänzte in ihrem Blicke;„lügen könnte ich nicht, nicht einmal um Dich zu retten, Johann. Das Geld iſt mein, ganz mein, mein kleiner Schatz. Und wie ſehr danke ich Gott, daß ich ihn bis heute aufbewahrt!“ Johann freute ſich trotz ſeiner Trauer ſehr. Die Liebe Gertruds zeigte ſich ihm ja ſo aufopfernd! Er litt ſchmerzlich, war aber doch gluͤcklich wie ein König. Er fühlte nicht länger die Kraft zu widerſtehn; die liebe Stimme Gertruds ſprach ſo beredt zu ſei— nem Gewiſſen und der Gedanke an ſeine verzwei⸗ felnde Großmutter unterſtützte die Worte Gertruds. „Ich kann nicht,“ ſagte er nochmals ſchwach, „nein, nein, ich kann nicht.“ Ein Blick ſcherzenden Unwillens leuchtete in den 52 Augen Gertruds, dann ſank ſie allmälig auf ihre Kniee nieder, legte ihre Hände in die Hände Johanns und ſchlug ihr friſches ſchönes Auge zu ihm auf. „Ich liebe Dich!“ flüſterte ſie. Johann zog ſie an ſich und drückte ſie leiden⸗ ſchaftlich an ſein Herz. 1 „Ach, wie liebe ich Dich, Gertrud!“ rief er aus. Er nahm die Boͤrſe und ſie glitt in ſeine Taſche, Gertrud aber ſprang in ihrer Freude lachend und weinend auf, ſchlang beide Arme um den Hals Jo⸗ hanns und bedeckte ſeine Stirn mit Küſſen. „Ach, ich, ich liebe Dich auch!“ ſagte ſie. „Mein armer Johann, ich habe Dich nie ſo ſehr geliebt. Ich danke Dir!“ Johann glaubte ſie noch in ſeine Arme zu halten als ſie von Stufe zu Stufe leicht hinaufhüßſte und ihm von der Treppe oben mit einem letzten aächeln einen letzten Kuß zuwarf. Den F über, an de ſih ein w Scheiben. Dritttheil d fiel ein ge ſtuck als V Hinter chen von mi einem alten ſäͤtten. Das S daß der, dm Kami dn kahlen J auf ihre de Johanns im auf. ſie leiden⸗ 112, d!“ rief er einne Taſche, achend und n Hald Jo⸗ ſen. “ ſagte ſie. nie ſo ſehr me zu halten ufhüßſte und ezten Lacheln Viertes Kapitel. Die Regnaults. Den Fenſtern des Hauſes Hans Dorns gegen⸗ über, an der andern Seite des kleinen Hofes, öffnete ſich ein wackeliges Fenſter mit kleinen ſtaubigen Scheiben. Stücke geölten Papiers hatten wohl ein Dritttheil dieſer Scheiben erſetzt und vor dem Fenſter fiel ein gelbliches tauſendfach ausgebeſſertes Zeug⸗ ſtück als Vorhang herunter. Hinter dieſem Vorhange befand ſich ein Stüb⸗ chen von mittlerer Größe mit einer hölzernen Bank, einem alten Strohſtuhle und zwei ſchlechten Lager⸗ ſtätten. Das Stübchen hatte ein ſo ärmliches Ausſehn, daß der, welcher es erblickte, fröſteln mußte. In dem Kamin gab es weder Feuer noch Aſche. An den kahlen Wänden hin ſah man nicht einmal den 54 armen Schrank, der doch ſonſt das letzte Geräth der ss ſthr Armuth iſt. nicht ha Und die verfaulten Breter der Bettſtellen brauchte In V man nur anzublicken, um zu wiſſen, warum man platte, nicht auch ſie verkauft hatte. ben 3 Das war die Wohnung der Regnaults. Die uuye D alte Frau und ihre Schwiegertochter Victorie lagen mit einander in dem größten der beiden Betten; der 4 4 blödſinnige Geignolet ſchlief in dem andern. Rechts ven 9 von dem Kamin führte eine niedrige Thüre in das* Loch, in welchem Johann Regnault die Nächte zu⸗ hae brachte. Die alte Frau war noch im Bette und ſaß da unbeweglich. Victorie ſteppte Hoſenträger am Fen⸗ ſter und arbeitete ſo raſch, daß das Auge den ſchnel⸗ lern Bewegungen ihrer zarten Hand kaum folgen einen bo⸗ konnte. Aber oftmals hielt ſie inne; ihr Muth war zu Ende; ihre Hand ſank nieder und ihre Augenlider Viete fielen auf die matten Augen. Zlick zu Der Blödſinnige, der auf der hölzernen Bank einer Mu ritt, betrachtete ſie ſpottend und fügte ſeinem ſchauer⸗ die 7 doer ine 2 lichen Liede einen neuen Vers hinzu, um ſie der auf das Faulheit zu beſchuldigen. 3c ./ Er war übeler Laune, denn er war von ſeinem„Meine Ausfluge im Temple zurückgekommen und bedauerte neeht mit te Geräth der tellen brauchte warum man naults. Die Liccorie lagen Betten; der Nechts ure in das die Nachte zu⸗ te und ſaß da täget am Fen⸗ ige den ſchnel⸗ kaum folgen Muth war zu re Augenlider lzernen Bank einem ſchauer⸗ „ um ſit der arr von ſeinem und bedauerte 55 es ſehr, daß er das Frühſtück der kleinen Auslauferin nicht hatte ſtehlen können. Zwar lag ein vierpfündiges Brod auf der Kamin⸗ platte, aber das trockene Brod liebte Geignolet nur, wenn er es der armen Dienerin des alten Araby entriß. „Wo iſt unſer Sohn Johann?“ fragte die alte Frau, die ſeit dem Morgen noch kein Wort geſpro⸗ chen hatte. „Er wird ſeine Wanderung angetreten haben,“ antwortete Victorie. Die matten Augen des Blödſinnigen erhielten einen boshaften Ausdruck und er ſagte ſingend: „Ja, ja, ja, ja. Mein Bruder macht ſeine Wanderung, Er wandert um die Nachbarin, Und ſie lachen beide, Wenn die Mutter Regnault weint Auf ihrem alten Bette. Victorie warf dem armen Bloöͤdſinnigen einen Blick zu, in welchem ſich die ganze Verzweiflung einer Mutter malte. Die Großmutter legte ihr graues Haupt wieder auf das Kiſſen. „Ich bin recht krank heute,“ flüſterte ſie. „Meine arme Tochter, ich werde wohl nicht lange mehr mit Dir leiden.“ 56 Victorie ſtand auf und trug den Strohſtuhl an das Bett. „Gute Mutter,“ ſagte ſie;„ſprich nicht ſo.. Wir ſind wohl recht unglücklich, aber Gott iſt ja nicht unbarmherzig, da unſer Sohn Johann ein gutes Herz hat und uns liebt.“ „Das iſt wahr,“ antwortete die alte Frau. „Johann iſt ein guter Sohn;.. wir könnten noch unglücklicher ſein.“ Sie verſuchte zu lächeln, aber eine Thräne trat in ihre Augen und hing ſich an die grauen Wim⸗ pern. Ihre dürren runzeligen Hände kamen unter der Decke hervor, weil ſie damit das Geſicht verhül⸗ len wollte. Victorie hörte auf zu arbeiten. Die Alte ſchluch⸗ zete. Der Blödſinnige ſchlug auf die Bank, auf der er ritt und unterbrach ſein ewiges Lied mit dem lau⸗ ten Geſchrei: „Hott, Pferd! Hott, Pferd!“ „Mein Gott,“ murmelte die alte Frau;„ich möchte Euch gern nicht verlaſſen, meine armen Kin⸗ der, aber ich bin zu alt, um ſo viel zu ertragen. Weißt Du, Victorie, daß ich nun ſchon fünfund⸗ zwanzig Jahre alle Nächte weine? Wir liebten ihn ſo zärtlich, ſein Vater und ich,— ſein guter Vater, der ihm noch im Sterben rief und zu Gott betete, er möge ihn ſegnen!“ Victon und ſann das ſich den Reſti „Es fuhr die Leute ſagt hatte ſchö Deinen M weiten S nen Name ſchön war in der ga gefunden „Es ſtammelt Die „Di Dan loſchenen „di fuhr ſie f Einträgl naults z Töchter, läuft im nicht au ohſtuhl an nicht ſo. Hott iſt ja ohann ein alte Frau. anten noch hräne trat uen Wim⸗ amen unter icht verhül⸗ llte ſchluch⸗ nk, auf der it dem lau⸗ frau;„ich rmen Kin⸗ mertragen. n fünfund⸗ liebten ihn uter Vatet, tt betete, et 57 Victorie ſtützte ſich auf den dünnen Strohſack und ſann nach, wie ſie das Geſpräch unterbreche, das ſich jeden Tag erneuerte und die alte Frau um den Reſt ihrer Kräfte brachte. „Es ſind fünfundzwanzig Jahre vergangen,“ fuhr die letztere fort;„wir waren reich und alle Leute ſagten: Die Regnaults haben Glück. Ich hatte ſchöne Kinder, Du erinnerſt Dich.. Peter, Deinen Mann, den Du ſo liebteſt; Joſeph, meinen zweiten Sohn, den braven Joſeph; Johann, der ſei⸗ nen Namen Deinem Aelteſten gegeben hat! Und wie ſchön waren meine Töchter! Im ganzen Temple und in der ganzen Stadt hätte man nicht ihres Gleichen gefunden! Ja, die Regnaults hatten Glück.“ „Es wird wieder kommen, gute Mutter,“ ſtammelte Victorie. Die Alte ſah ihr in's Geſicht und antwortete: „Die Todten kommen nicht wieder!“ Dann leuchtete ein flüchtiger Blitz in ihrem er⸗ loſchenen Auge. „Die Leute waren neidiſch auf die Regnaults,“ fuhr ſie fort,„und ſie hatten Urſache. Wenn etwas Einträgliches in den Temple kam, fiel's den Reg⸗ naults zu. Sie waren alle ehrlich und brav, meine Töchter, aber ſie hatten viel Geld und das Waſſer läuft immer in den Fluß. Nur die Armen können nicht auf den Zufall hoffen. Erinnerſt Du Dich ———*. — ——— 58 noch? Ich hatte den Eckplatz, den wir noch haben und den man uns nun nehmen wird.“ Sie ſeufzete tief.„Peter, Dein Mann, hatte die beiden nãch⸗ ſten Plätze, dann kam Johann, darauf Joſeph und endlich meine Töchter. Es gab Regnaults vom Rotundenplatze bis zur Brunnenſtraße, Reg⸗ naults, die glücklich waren, wohlhabend, geſund und die ein gutes Gewiſſen hatten.“ Sie unterbrach ſich und ſtrich mit dem Rücken der Hand über ihre Stirn, die feucht von Schweiß wurde. „Mutter, gute Mutter!“ flüſterte Victorie. „Schweig, meine Tochter,“ fuhr die Alte fort; „ich verjünge mich wenn ich von der glücklichen Vergangenheit ſpreche. Ach wie liebten wir uns einander innig, und welche Freude herrſchte an un⸗ ſerem Tiſche, wie ſchön waren die Sonntagsabende! Meine Aelteſte, die arme Martha, hatte eine liebliche Stimme; ſie ſang uns zum Deſſert Lieder vor und ihr Vater ſagte, er höre ſie lieber als die mit Seide und Diamanten bedeckten Sängerinnen in der Oper. — Halene, die Jüngere, las uns Geſchichten aus ſchönen Büchern vor, Geſchichten, bei denen wir weinen mußten.. Meine Söhne plauderten leiſe mit ihren Frauen, die ſie liebten und um den Tiſch her ſaßen liebe kleine Kinder, denen die Zukunft Glück v die Freu Die Händen. abzuwiſc De 22 / 2— „Si Schluchze Söhne, die lächel andern u Geignole nault bei zu bezal Sie hat letzten T Geit O Spitzbub Vict Die? krampfhe Lächeln N „W ſte mit Namen ſeinen W tnoch haben Sie ſeufzett beiden naͤch⸗ .d ei Nch Joſeph und maults vom taßt, Rgg⸗ dend, geſund dem Rücken von Schweiß Victorie. die Alte fort; der glücklichen bten wir uns riſchte an un⸗ mtagsabende! eine liebliche jeder vor und die mit Seide in der Oper. eſchichten aus bei denen wir lauderten leiſe um den Tiſch die Zukunft 59 Glück verhieß. Ach mein Gott, wohin ſind alle die Freuden und Hoffnungen?“ Die Alte bedeckte von neuem ihr Geſicht mit den Händen. Victorie drehete ſich um, um eine Thräne abzuwiſchen. Der Blödſinnige ſang ſein altes Lied. „Sie ſind todt!“ fuhr die alte Frau unter Schluchzen fort,„ſie ſind alle todt, die ſtarken Söhne, die ſanften Töchter und die Unſchuldigen, die lächelten; alle ſind geſtorben, eines nach dem andern und die Noth ſaß zu Häupten ihres Lagers. Geignolet, der Arme, hat Recht, die Mutter Reg— nault beſitzt nicht 33 Sous, um den kleinen Winkel zu bezahlen, der ihr im Temple geblieben war. Sie hat nichts mehr; ihre Kinder leiden und ihre letzten Tage werden im Gefängniſſe vergehen.“ Geignolet machte große dumme Augen. „Oh ho!“ ſagte er lachend.„Mama bei den Spitzbuben!““ Victorie konnte keine Worte mehr finden. Die Alte neigte ſich zu ihr und drückte ihren Arm krampfhaft. Ihr Geſicht war bleich und ein bitteres Lächeln verzog ihren Mund. „Weil ich einen andern Sohn hatte,“ flüſterte ſie mit veränderter Stimme,„einen Sohn, deſſen Namen ich nicht ausſprechen darf, einen Sohn, der ſeinen Vater umgebracht und unſägliches Elend an 60 die Stelle unſerer Freude gebracht hat. Und ihn liebten wir am meiſten! Wir haben ihn erziehen laſ— ſen wie einen Adeligen; er wußte alles was wir nicht wußten; er war unſer Ruhm und unſer Stolz. Ach, meine Tochter, der Stolz iſt eine Sünde, die Gott immer ſtraft, ſelbſt den Stolz der Mutter.. Jacob verachtete uns, er ſchämte ſich unſerer und oftmals ſah ich, wie er ſich ſchamroth, mit niederge⸗ ſchlagenen Augen in den Straßen von mir abwen⸗ dete, wo ihn Jemand hätte beobachten können wenn er eine arme Trödlerin aus dem Temple grüßte, die ſeine Mutter war.. Aber ach, wenn er nur dies gethan hätte! Eines Tages war der Schubkaſten, in welchem mein Mann ſein Geld und das Geld der ganzen Familie aufbewahrte, leer.. Man hatte uns Alles geſtohlen, was wir in der Welt beſaßen, den kleinen Schatz, den wir ſo langſam und mit ſo großer Mühe zuſammengebracht! Und der Dieb war unſer Sohn!“ Die Stimme der Alten wurde hohl und faſt un⸗ verſtändlich. Bei den letzten Worten unterbrach ſie ſich, um Athem zu ſchöpfen. Der Blödſinnige hörte nicht mehr zu, ſondern ſchlug und ſtreichelte abwechſelnd ſeine Bank. Vic⸗ torie ergab ſich, die ſchon tauſendmal angehörte Ge⸗ ſchichte noch einmal zu hören. Gewöhnlich verſank die Alte, wenn ſie bis zur — Entwich gen und Die gen Sect neigte iſ und ſagt „Li kirche ger prochen. habe?“ Victe „Ich Tone for ßes Gehe nicht ſtro Vich die Alte fuhr for „O in dieſe Meinſt ,3 Die das and Worte ſtand. * „ Und ihn erzichen laſ tes was wir unſer Stolz Sünde, die er Mutter.. unſerer und mit niederge⸗ mir abwen⸗ konnen wenn egrüßte, die n er nur dies chubkaſten, in das Geld der Man hatte Welt beſaßen, und mit ſo der Dieb war und faſt un⸗ 61 Entwickelung gekommen war, in dumpfes Schwei⸗ gen und hielt erſchöpft inne. Diesmal ſchwieg ſie wohl auch, aber nach eini⸗ gen Secunden richtete ſie ſich auf den Elnbogen auf, neigte ihr runzeliges Geſicht aus dem Bette hinaus und ſagte: „Victorie, ich bin geſtern in der St. Eliſabeth⸗ kirche geweſen und habe mit einem Geiſtlichen ge⸗ ſprochen. Du weißt nicht, was ich ihn gefragt habe?“ Victorie ſchüttelte verneinend den Kopf. „„Ich fragte ihn,“ fuhr die alte Frau in dem Tone fort, den man annimmt, wenn man ein gro⸗ ßes Geheimniß enthüllen will,„ob Gott einen Sohn nicht ſtrafen würde, der ſeine alte Mutter verſtößt.“ Victorie verſtand den Sinn dieſer Worte nicht, die Alte aber beugte ſich noch weiter heraus und fuhr fort: „Der Geiſtliche antwortete, daß dieſer Sohn in dieſer und jener Welt verflucht ſein würde. Meinſt Du, daß er Recht hatte, Victorie?“ „Ich glaube es, Mutter.“ Die Alte ſank zurück, rückte ihren Kopf bis an das andere Ende des ſchlechten Lagers und fing an Worte zu ſprechen, deren Sinn Victorie nicht ver⸗ ſtand. „Ich auch, ich auch,“ ſagte ſie;„ich glaube, 62 daß ihn Gott verfluchen würde. Doch muß ich ihn ſehen! Aber iſt es kein Verbrechen, die Strafe auf das Haupt des Sohnes zu ziehen? Ach, ſchon lange will ich zu ihm gehen und ihn ſehen; die Andern kennen ihn nicht; er geht unter denen hin, die ihn als Kind geſehen haben und Niemand verſteht den Namen ſeines Vaters in ſeinem Geſicht zu leſen. Können aber die Veränderungen, welche die Jahre mit ſich bringen, den Blick einer Mutter täuſchen? Ich, ich habe ihn erkannt, ſogleich erkannt; ich weiß, wo er iſt und was er iſt; er iſt ſehr reich und ich wagte nur noch nicht zu ihm zu gehen und Al⸗ moſen von ihm zu betteln, weil ich den Fluch Gotte fürchte.“ Dieſe Worte gelangten nicht alle zu den Ohren Victoriens, die in ihre eigenen Gedanken verſunken war und ſich nicht bemühete, ſie zu verſtehen. Wenn die alte Frau von jenem undankbaren Sohne zu ſpre⸗ chen anfing, der die Urſache des Unglücks der Familie war, ſchien ſie zu fürchten gehört zu werden, aber ſie ſprach lange von ihm. Ihre zu volle Seele ſtrömte unwillkürlich den Schmerz aus. „Niemand weiß das,“ fuhr ſie fort,„und gebe der Himmel, daß es Niemand erfahre. Er hat Millionen und hat ſich von ſeinem Reichthume adeln laſſen. Ich aber, ſeine Mutter, möchte wohl wiſſen, woher er alle dieſe Schätze habe; ich habe geforſcht und gef ſein Gel Ihe würde n auf gehö Die dann ſpra über erwa auf und Blicke an. „Haſ zitternd. an dem ſe Victo „We „Frq wachſend über, m mich um gehen. ich kenne Geſſtliche Söhnen, Wied zurück un torie legt Drdnung WV. muß ich ihn Stuaft auf ſchon lange die Andern hin, die ihn verſteht den ht zu leſen. he die Jahre er täuſchen? rrfannt; ich hr riich und ehen und A⸗ Jluch Gottes zu den Ohren erſunken hen. Wenn Sohne zu ſpre⸗ s der Familie werden, aber volle Seele ſchthume adeln t wohl wiſen, habe gefolſchht 63 und gefragt, Jahre lang umſonſt, bis ich endlich ſein Geheimniß erfuhr.“ Ihre Stimme wurde immer leiſer und Victorie würde nichts verſtanden haben, wenn ſie auch dar⸗ auf gehört hätte. Die Alte ſtammelte noch einige Augenblicke, dann ſprach ſie das Wort„Verbrechen“ aus. Dar⸗ über erwachte ſie gleichſam. Sie richtete ſich zitternd auf und ſah ihre Schwiegertochter mit fragendem Blicke an. „Haſt Du mich gehört, Victorie?“ fragte ſie zitternd.„Habe ich das Geheimniß ausgeſprochen, an dem ſein Leben hängt?“ Victorie glaubte, die alte Mutter rede irre. „Weſſen Leben?“ fragte ſie. „Frage mich nicht!“ rief die alte Frau mit wachſender Aufregung aus;„frage mich nie dar⸗ über, meine Tochter.. Dieſe Gedanken bringen mich um. Ach nein, nein, ich will nicht zu ihm gehen. Lieber tauſendmal das Gefängniß, denn ich kenne ihn, er würde mich fortjagen und der Geiſtliche ſagte geſtern:„Gott verzeiht niemals den Söhnen, die ihre Mütter von ſich ſtoßen.“ Wiederum ſank die Alte erſchöpft auf ihr Lager zurück und ihre ermüdeten Augen ſchloſſen ſich. Vie⸗ torie legte das Kiſſen unter dem grauen Haupte in Ordnung und nur der monotone Geſang des Blöd⸗ IV. 5 64 ſinnigen ſtörte die Stille. Sie währte einige Minu⸗ ten. Dann wurde raſch die Thüre geöffnet und Johann Regnault trat herein. Er lehnte ſeine Or⸗ gel an die Wand und war mit zwei Sprüngen an dem Bette der Alten. Sein Geſicht glühete und ſeine feuchten Augen funkelten. „Mama Regnault!“ rief er, indem er an dem Bette niederkniete,„Freude! Freude! Der liebe Gott hat ſich unſerer erbarmt; Du wirſt nicht in das Ge— fängniß gehen.“ Die alte Frau ſchlug die ſchweren Augenlider auf während Victorie ihren Sohn verwundert anſah. „Ich habe Geld,“ rief Johann aus, der in ſei⸗ ner Freude bald lachte bald weinte. „Geld?“ wiederholte Victorie und in ihren Au⸗ gen verrieth ſich einige Beſorgniß. „Geld!“ ſprach der Blödſinnige nach, der zu ſingen aufhörte.„Ach.. ich habe Durſt!“ Die alte Großmutter rührte ſich nicht. Johann Regnault öffnete jetzt ſeine Hand, welche die Gabe Gertruds enthielt und warf die Börſe empor. Die Unruhe Victoriens nahm ſichtbar zu, die Alte aber erbebte bei dem Klange des Geldes und in ihre Augen kehrte etwas mehr Leben zurück. Die beiden Frauen fragten gleichzeitig: „Wo in ſtrenger „Wi „Vill Er zo die ſechs „Füch Bank;„ie „Hun alte Frau! nicht geſeh Victol nes und ſ Summe W „Wi Alte in von dem Vict bleiches ſorge. — Oie mdert anſah. s, der in ſei⸗ in ihren Au⸗ h, der zu 6⁵ „Woher haſt Du das Geld?“ fragte Victorie in ſtrengem Tone. „Wie viel iſt es?“ ſagte die arme alte Frau. „Viel,“ antwortete Johann Er zog die Schieber der Börſe zurück und ließ die ſechs Goldſtücke in ſeine Hand gleiten. „Füchſe!“ brummte der Blödſinnige auf ſeiner Bank;„ich will was, meine Flaſche zu füllen.“ „Hundert und zwanzig Francs!“ flüſterte die alte Frau!„Lange habe ich die Farbe des Goldes nicht geſehen.“ Victorie legte die Hand auf den Arm ihres Soh⸗ nes und ſagte: „Johann, um Gottes Willen, woher haſt Du das?“ Und auf der andern Seite fragte die Alte: „Wie viel iſt's?“ 3 Johann ſenkte das Haupt; er errieth, daß die Summe nicht hinreiche. „Weiter habe ich nichts,“ antwortete er. „Wir müßten dreimal ſoviel haben,“ ſprach die Alte in unheimlicher Unbeweglichkeit,„wenn ich von dem Gefängniſſe befreit ſein ſollte.“ Victorie ſah unterdeß ihren Sohn an und ihr bleiches Geſicht verrieth die ganze Angſt der Mutter⸗ ſorge. Sie waren ſo arm und ſeit ſo langer Zeit. Wo⸗ * 4 66 her dieſe unerwartete Summe? Der Drehorgeler war mit leeren Händen fortgegangen; konnte er in eini⸗ gen Minuten ſoviel Geld verdient haben? „Mein Sohn,“ fuhr ſie fort,„ich bitte, ich beſchwöre Dich, ſage mir, woher Du die Börſe haſt.“ Der junge Mann, der ſich ganz ſeiner Freude ab, hatte bis dahin auf die Angſt ſeiner Mutter geachtet. Der armen Alten war es eben ſo er⸗ gangen. Sie fürchtete ſich vor dem Gefängniſſe ſo ſehr und die Hoffnung, dieſem äußerſten Unglücke zu entgehen, nahm bei der Ankunft ihres Enkels alle ihre Gedanken in Anſpruch. Aber die Worte ihrer Toch⸗ ter fielen ihr jetzt auf. Die Bedenklichkeiten ihrer alten Ehrlichkeit erwachten in ihr. Sie ſchämte ſich ihrer Selbſtſucht und ſah Johann ſtreng und unver⸗ wandt an. Beide Frauen hegten gleiche Beſorgniß. Johann ſchlug die Augen nieder und eine glü⸗ hende Röthe überflog ſein Geſicht. Die Bedenklich⸗ keiten, die er mit ſo großer Mühe überwunden hatte, erhoben ſich wiederum in ſeinem Gewiſſen. Er wagte nicht zu antworten. „Sprich, Johann,“ ſagte die Großmutter im gebieteriſchen Tone; aber Johann ſchwieg. „Mein Sohn, mein armes Kind!“ fiel Victorie mit halberſtickter Stimme ein;„dieſes Unglück wäre das größte!“ hi Vot d rihtete ſic enktet t Namen 6, Der L mete fteier. „Und Johann for ihres Vater Die Al ſeine Mutt „Mei Verdacht g Johan von ihrem Die Nachdenke ſie unabla brochen, ließen ihr Enkel zu Victo macht, ſc ſeiner Sch „Wie die blonde Und wie dgeler war er in eini⸗ angniſſe ſo unglücke zu alle ihre ihrer Toch⸗ keiten ihrer Beſorgniß. a eine glü⸗ Bedenklich⸗ nden hatte, piſſen. Er oßmutter im ſie Victorie unglück wäͤre Vor dieſer undeutlich ausgeſprochenen Anklage richtete ſich Johann beleidigt empor, aber mit ge⸗ ſenkter Stirn, wie ein Schuldiger, ſtammelte er den Namen Gertrudes. Der Blödſinnige lachte laut und Victorie ath⸗ mete freier. „Und dieſes Geld iſt ihr Eigenthum,“ fuhr Johann fort,„die Frucht ihrer Arbeit und Geſchenke ihres Vaters.“ Die Augen wagte er dabei nicht aufzuſchlagen; ſeine Mutter aber zog ihn an ihr Herz und flüſterte: „Mein armer Johann, vergieb mir, daß ich Verdacht gegen Dich hatte.“ Johann gab ihr die Küſſe zurück und fühlte ſich von ihrem Lächeln freigeſprochen. Die Großmutter war wieder in ihr trauriges Nachdenken verſunken; ſie hatte die Gedanken, die ſie unabläſſig beherrſchten, einen Augenblick unter⸗ brochen, aber unabweißlich kehrten ſie zurück und ließen ihr keine Zeit, ſich über ihren vorwurfsfreien Enkel zu freuen. Victorie hatte Johann Platz auf dem Stuhle ge⸗ macht, ſah ihren Sohn lächelnd an und freute ſich ſeiner Schönheit. „Wie er uns liebt!“ dachte ſie, indem ſie über die blonden Locken Johanns ſtrich;„wie gut er iſt! Und wie ſchäme ich mich, Verdacht gegen ihn ge⸗ 67 68 habt zu haben. Aber Du verzeihſt mir, nicht wahr?“ ſetzte ſie laut hinzu;„ich glaube immer an Unglück, weil ich ſo viel gelitten habe.— Ich kenne kein liebenswürdigeres und ſanfteres Mädchen,“ ſagte ſie nach einer Pauſe, indem ſie ſich zu dem Ohre Johanns neigte.„Sie liebt Dich, ich weiß es ſchon längſt und bete ſchon lange jeden Morgen und jeden Abend zu Gott für ſie, weil ſie ihr Herz meinem Sohne gegeben hat, der mich hindert die Vorſehung zu läſtern und zu verzweifeln. Wenn Du wüßteſt, wie ſehr auch ich ſie liebe und wie ſehr ich wünſche ſie Tochter nennen zu dürfen! Ich träume von ihr; ich ſehe Euch beide neben einander ſitzen und bin glücklich.“ „Ach, wie gut Du biſt, Mutter!“ antwortete Johann, der mit unbeſchreiblicher Wonne jedes die⸗ ſer Worte anhörte. Dann verdüſterte ſich die Stirn Victoriens. „Wenn ich wie die andern Mütter wäre,“ fuhr ſte mit einem Seufzer fort,„würdeſt Du morgen ihr Mann ſein.. Die Mütter geben ihrem Sohne, damit er heirathen könne. Gott wollte es ſo, daß das Glück der Kinder von den Aeltern käme.. Aber ich, ich habe Dir nichts zu geben, mein armer Jo⸗ hann. Dein Vater iſt todt und Du haſt von uns nichts als Noth. Wärſt Du allein— Du haſt Muth und geſunde Arme— ſo würdeſt Du arbeiten, —jy‚— ———— vielleicht e trud heiratt fuhr ſie for zu können Elende. verſchwinde mein Sohn mehr bei D du ſicherlic Dir Dorn, Johan aber es gel ſterung un Müttern Erſt Schweigen war ganz ſunken. „Arm „hole mei⸗ Victori Winkel, d riſſener Lei Die C ſchien ſeit worden zu Aus d air, nicht immer an Ich kenne Näͤdchen,“ ſich zu dem , ich weiß Morgen ſie ihr Herz hindert die In. Wenn de und wie durfen. J eben einander antwortete ane jedes die⸗ ctoriens. wäre,“ fuhr Du morgen Prem Sohne, des ſo, daß ame.. Aber ein armer Jo⸗ haſt von uns — da hat Du arbeiten, 69 vielleicht reich werden und könnteſt Deine kleine Ger⸗ trud heirathen; aber wir liegen Dir auf dem Halſe,“ fuhr ſie fort, ohne länger ihr Schluchzen zurückhalten zu können;„wir drücken Dich nieder mit unſerm Elende. Alles was Du verdienſt, iſt für uns und verſchwindet in unſerer Armuth. Verlaß uns lieber, mein Sohn; geh weit, weit fort. Wenn wir nicht mehr bei Dir ſind und Dir Unglück bringen, wirſt Du ſicherlich reich. Und wenn Du reich biſt, wird Dir Dorn, der gut iſt, ſeine Tochter geben.“ Johann ſuchte ſeine Mutter zu unterbrechen, aber es gelang ihm nicht; ſie ſprach mit der Begei⸗ ſterung und Beredtſamkeit, welche die Liebe den Müttern giebt. Erſt die Stimme der Alten brachte ſie zum Schweigen. Sie hatte ſich im Bette umgedreht und war ganz wieder in ihre ſchrecklichen Gedanken ver⸗ ſunken. „Arme Tochter,“ ſagte ſie mit einem Male, „hole mein Sonntagskleid,.. ich will ausgehen.“ Victorie ſtand ſogleich auf und holte in einem Winkel, der als Kleiderſchrank diente, ein mit zer⸗ riſſener Leinwand umwickeltes Packet. Die Großmutter ſetzte ſich im Bette auf. Sie ſchien ſeit dem vorigen Tage um zehn Jahre älter ge⸗ worden zu ſein.. Aus dem Packete nahm Victorie ein Kleid von 70 dunkelm Wollenzeuge, das mit der Zeit faſt durch⸗ ſichtig geworden war, aber doch noch anſtändig ausſah. Die Alte zog es an und ſtand auf. Als ſie angekleidet war, kniete ſie nieder um ihr tägliches Gebet zu verrichten; aber dazwiſchen mur⸗ melte ſie:„ich muß ihn ſehen.. Gott, gieb, daß er mich nicht von ſich weiſet!“ Victorien, wollte ſie nicht ſagen wohin ſie gehe und ſie ſchritt hinaus ohne ein Wort zu ſprechen. In dem Augenblick als Gertrud hoch erfreut dar⸗ über zurückkam, daß ſie die Bedenklichkeiten Johanns endlich beſeitigt hatte, hörte ſie ihren Vater in dem Nebenzimmer rufen. Sie trat ſchnell an den Ofen, um das Fruͤhſtück bereit zu machen; aber die Kohlen waren in ihrer Abweſenheit faſt verloſchen und die Suppe war dick und kalt geworden. Gertrud fing an aus Leibeskräften in die Kohlen zu blaſen. Dorn ging mit ſchnellen unregelmäßigen Schrit⸗ ten im Nebenzimmer auf und ab. Einige Minuten lang ſchwieg er, dann rief er, als erwache er aus einem Traume: „Gertrud! Gertrud!“ Das Mädchen bließ ſo ſtark es konnte. Sie wußte, daß ſie ſich verſpätiget hatte und machte ein verdrießlic doch bald leichen S Es we gerührte ihn doppel wieſen hat Hans erhalten he Nach einig trud beeilt glühte bal zu kochen. Hans dem Telle Sie e ſicht war „Gu Dorn rührten ze Augen au auf. Gew ihm Gert Tochter e Vaterſtolg keinen Ku die Augen it faſt durch⸗ h gſz . anſtändig nieder um ihr zwiſchen mur⸗ t, gieb, daß ohin ſie gehe ſprechen. Herfteut dar⸗ orn I. 8 dten Johanns Vater in dem as Rühſtück n in ihrer uppe war dick in die Kohlen gigen Schrit⸗ nige Minuten wache er aus konnte. Sit nd machte ein 71 verdrießliches Geſichtchen, aber das Lächeln gewann doch bald die Oberhand wieder; ſie hatte ja einen leichten Sinn und gutes Gewiſſen. Es war ein guter Tagesanfang. Sie ſah das gerührte Lächeln Johanns noch vor ſich und liebte ihn doppelt um des Dienſtes willen, den ſie ihm er⸗ wieſen hatte. Hans Dorn ſetzte, ob er gleich keine Antwort erhalten hatte, ſeinen Gang durch die Stube fort. Nach einigen Minuten rief er von neuem und Ger⸗ trud beeilte ſich, Gott weiß es wie ſehr. Der Ofen glühte bald wieder und der Topf begann von neuem zu kochen. Hans rief zum dritten Male als Gertrud mit dem Teller in der Hand die Thüre aufmachte. Sie erwartete geſcholten zu werden und ihr Ge⸗ ſicht war noch röther als gewöhnlich. „Guten Morgen, Väterchen,“ ſagte ſie. Dorn ſtand mitten im Zimmer; ſeine Lippen be⸗ rührten zerſtreut die Stirn Gertrudes und als ſie die Augen aufſchlug, fiel ihr die Bläſſe ſeines Geſichtes auf. Gewöhnlich drückte es Fröhlichkeit aus. Wenn ihm Gertrud früh die Suppe brachte, pflegte er der Töchter einen tüchtigen Kuß zu geben und ſie mit Vaterſtolz zu betrachten. Heute kein Lächeln,— keinen Kuß; die Augenbrauen zuſammengezogen und die Augen ſtier. 7² Gertrud trat verwundert und beſorgt einen Schritt zurück. „Iſt Niemand da geweſen?“ fragte Dorn in einem Tone, den Gertrud nicht an ihm kannte. „Nein,“ antwortete ſie. „Ich habe Dich oft gerufen.“ Gertrud ſtammelte eine Erklärung und er ſetzte hinzu: „Es wird ſpät,.. und er kommt nicht.!“ „Willſt Du nicht frühſtücken, Väterchen?“ fragte Gertrud. „Ja, gieb her.. Gertrud ſetzte den Teller auf das kleine Pult, hinter welchem Dorn den Beſuch des jungen Franz erhalten hatte. Der Kleiderhändler nahm Platz und führte einen Löffel voll Suppe zum Munde, aber nur einen. Der Löffel blieb dann unberührt in dem vollen Teller. „Sth Gertrud ih Sie d zugeſtoßen Dorn an den Ti „Vätt Liebkoſung Statt! ein Zeichen Achſeln. „Mei Verdruß mich verſp Auslaufer ——— Fünftes Kapitel. Die Erwartung. „Schmeckt Dir Dein Frühſtück nicht?“ fragte Gertrud ihren Vater. Sie dachte an die Unfälle, die dem Suppentopfe zugeſtoßen waren und fühlte Reue. Dorn ſchüttelte den Kopf. Gertrud ſchlich ſich an den Tiſch und ſetzte ſich neben ihn. „Väterchen,“ begann ſie mit einer ſchüchternen Liebkoſung von neuem,„biſt Du böſe auf mich?“ Statt des erwarteten Kuſſes erhielt Gertrud nur ein Zeichen übeler Laune, denn Dorn zuckte die Achſeln. „Mein Gott!“ fuhr Gertrud fort, welche dieſen Verdruß auf ſich bezog,„ich weiß wohl, daß ich mich verſpätiget habe, aber ich trug erſt der armen Auslauferin das Fruͤhſtück hin..“ 74 „Mir gleichgültig,“ antwortete Dorn, indem er mit dem Fuße ſtampfte. Gertrud hatte ihn nie ſo geſehen. „Gutes Väterchen,“ begann ſie nochmals, diesmal mit Thränen in den Augen,„ſich bitte Dich um Verzeihung; es ſoll nicht wieder geſchehen.“ „Was?“ fragte Dorn, der ſie zerſtreut anſah. Gertrud fürchtete ſich vor dieſem Blicke. „Sohteſt Du krank ſein?“ fragte ſie zitternd. Dorn ſchlug mit der Fauſt auf den Tiſch. „Kann ich denn keinen Augenblick Ruhe ha⸗ ben!“ rief er dabei aus.„Geh, ich will allein ſein.“ Gertrud gehorchte und ging traurig nach der Thüre zu. Als ſie die Schwelle faſt überſchritten hatte, ſprach ihr Vater von neuem. „Niemand!“ ſagte er.„Vielleicht konnte er mein Haus nicht finden.“ Er unterbrach ſich. Sein Blick fiel auf ſein Ge⸗ ſchäftsbuch, in dem er am Abende vorher den Kauf der Kleider des jungen Franz eingetragen hatte. Es war der letzte Kauf geweſen. Die Blicke Dorns ſchienen ſich von dieſen Zeilen nicht losreißen zu können und ein Ausdruck plötzlichen Schmerzes ver⸗ drängte den Zorn, der ſich eben erſt in ſeinem Ge⸗ ſichte kund gegeben hatte. „Das „Das aum Sein Thränen in ſchlug er d ſich. „Wied halb zehn! Gertrud, w Gertrud Bette. „Halb Dorn und ſtützte So ſaß er aber er erl horchte, ſ ließen. Gertru ſorgter Bli geöffnete T Nach e ſtehen und Er achtete, den Augen Sein H Thüre. D 75 am, indem„Das iſt ſeine Hinterlaſſenſchaft!“ flüſterte er. „Das arme Kind!“ Sein Blick wurde allmälig gerührter bis die nochmals Thränen in ſeine Augen traten. Mit einem Male 1 ſchlug er dann das Buch zu und ſchob es weit von 4 ſich. „Wie die Zeit vergeht!“ murmelte er;„ſchon halb zehn Uhr! Aber dieſe Uhr muß vorgehen. * Gertrud, welche Zeit iſt es draußen?“— eüitern. Gertrud ſah nach der kleinen Uhr über ihrem n Ac. M Bette. † Ruhe ha⸗„Halb zehn Uhr,“ antwortete ſie dann. h will alle Dorn machte eine Geberde der Muthloſtgkeit 3 und ſtützte ſich mit beiden Elnbogen auf den Tiſch. 2 rig nach der So ſaß er einige Minuten ſcheinbar regungslos da, 4 3 ⸗„ 3„-— 4 überſchriten aber er erbebte bei dem geringſten Geräuſche und horchte, ſobald ſich auf der Straße Tritte hören 3 1 t umtet ließen. Gertrud wagte nicht einzutreten, aber ihr be⸗ g 5. nüf ſeyn gje⸗ orgter Blick beobachtete den Vater durch die halb⸗ ein Ge⸗’gt„) 4 e den Kauf geöffnete Thüre. hattt. Es Nach einigen Minuten ſah ſie ihn plötzlich auf⸗ ſtehen und wieder in dem Zimmer auf und abgehen. Er achtete auf ſeine Tochter nicht, die ihn nicht aus den Augen ließ. Sein Herumgehen brachte ihn bisweilen an die Thüre. Das erſte Mal waren ſeine Züge heftig ſeinem Ge⸗ 76 verzerrt; beim zweiten Male glaubte Gertrud zu be⸗ merken, daß ſeine Stirn ſich etwas glätte; beim dritten Male ließ ſich an der Veränderung nicht zweifeln. Offenbar ging in ihm ein wohlthätiger Gedanke auf, der ſeine trübe Stimmung verſcheuchte. Seine Brauen glätteten ſich, ſeine Augen wurden freundlich und um ſeine Lippen ſpielte ein Lächeln. „Bin ich nicht ein Narr!“ ſagte er.„Er hat mir wohl verſprochen, zu mir zu kommen, aber er wird mehr zu thun haben, als gleich zu einen armen Manne, wie ich bin, zu laufen.“ Gertrud verſtand einzelne Worte, begriff aber den Sinn nicht. Dennoch fühlte ſie ſich beruhigt, weil ſie in den Zügen ihres Vaters den Trübſinn nicht mehr bemerkte, vor dem ſie ſich ſo gefürchtet hatte. Dorn bemerkte ſie jetzt und winkte ihr. „Erinnerſt Du Dich an ihn, Gertrud?“ fragte er, als brauchte er den Namen des Mannes gar nicht auszuſprechen, an den er immer dachte. „An wen?“ fragte Gertrud. „Du kannſt ihn nicht vergeſſen haben; alle die, welche ihn, und wäre es nur einmal, geſehen haben, erinnern ſich ſeiner ihr ganzes Leben lang. Er war, es ſind zwei Jahre her, ſchon einmal hier; mein Herz flog ihm entgegen und eine ganze frohliche Ver⸗ gangenheit ſtand wieder vor meinen Augen.“ G „iche meinte „wie viele 2 mit eine den Blich „Ic der mir trud,„ erſt ſeit Das „Dt kaufte?“ Gert überzogen „Es „Du ha ſchöner ju muß ihn 6824 Das Sinn die ſchien wi zu ſein. rung nicht ohlthätiger erſcheuchte. Er hielt hier inne, um Gertrud ſagen zu laſſen: „ich erinnere mich.“ Aber ſie wußte nicht, wen er meinte. „Es iſt ſeltſam,“ fuhr er dann ungeduldig fort, „wie leicht die Kinder vergeſſen.. Haſt Du denn viele Männer mit ſo ſtolzem und edelm Wuchſe, mit einer ſolch königlichen Stirn, mit dem gebieten⸗ den Blicke und dem verführeriſchen Lächeln geſehen?“ „Ich habe nur einen einzigen Mann geſehen, der mir ſchöner ſchien als die andern,“ ſagte Ger— trud,„aber das iſt nicht zwei Jahre her, ſondern erſt ſeit geſtern..“ Das Auge Dorns verſſchleierte ſich wieder. „Der Knabe, welcher mir Kleidungsſtücke ver⸗ kaufte?“ fragte er leiſe. Gertrud, deren Stirn von glühender Röthe überzogen war, nickte bejahend. „Es iſt wahr,“ ſagte Dorn mit ſanfterem Tone. „Du haſt Recht, meine Tochter. Er iſt auch ein ſchöner junger Mann. Die Tochter Deiner Mutter muß ihn bewundern und lieben.“ Das Auge Gertruds forſchte fragend nach dem Sinn dieſer Worte, aber Dorn ſchwieg jetzt und ſchien wiederum in ſein düſteres Sinnen verſunken zu ſein. Es folgte eine Pauſe, in welcher Gertrud lange uͤber die ſeltſame Vorſchrift nachdachte, welche ihr 77 78 befahl, jenen jungen Unbekannten zu bewundern und zu lieben, der ſie hatte küſſen wollen und der ſeinen Anzug verkaufte. Ihr Vater knüpfte den abgeriſſenen Faden ſeiner Gedanken wieder an. „Ich ſpreche von dem andern, liebe Gertrud,“ ſprach er in jenem liebkoſenden Tone, den man an⸗ nimmt, wenn man die Erinnerung in Kindern wecken will;„Du weißt ja, von dem, welcher vor zwei Jahren bei mir war und dem ich die Hand küßte, als wäre er ein Prinz.“ Dies genügte und das Mädchen ſagte nun: „ein Mann in großem rothen Mantel..“ „Richtig, Gertrud; ich ſagte es wohl, daß Du ihn nicht vergeſſen haben könnteſt. Sein Blick dringt Einem bis in die Seele, um ſie mit Liebe und Ach⸗ tung zu erfüllen.““ „Sein Auge ſtrahlte wie ein Blitz!“ fuhr Ger— trud leiſe mit einem leichten Grauen fort;„ich fürchtete mich.“ „Ihr Mädchen fürchtet Euch vor Allem, aber er iſt nur den Schlechten und den Starken furchtbar. Haſt Du ihn genau angeſehen?“. „So ſehr als ich es wagte, Väterchen.“ „Sahſt Du nichts Ungewöhnliches und Ueber⸗ natürliches an ihm?— ein Zeichen, das ich nicht nennen wöhnli 7 Fu das M „2 Kleiderh ſo fühle meines? mehr ang Alles wo einen W ſelbſt.“ Das auf ſeine begelſtert ein Rau Da Stunde. Dor Schläge Mal die „9e Stimme. Knabe ng Ern ſie an ih holz. IV. indern und der ſeinen aden ſeiner Gertrud,“ en man an⸗ n Kindem welcher vor die Hand ſagte nun: 8 1, daß Du fuhr Ger⸗ fort;„ich Allem, aber 1 en furchtbar. und Ueber⸗ das ich nich — nennen kann und das eine höhere Macht als ge— wöhnliche Menſchenmacht zu verrathen ſcheint?“ „Deſſen erinnere ich mich nicht,“ antwortete das Mädchen. „Die Kinder ſehen nichts!“ murmelte der Kleiderhändler verdrüßlich;„wenn ich ihn anſehe, ſo fühle ich, daß er Herr meines Gewiſſens und meines Willens iſt. Ich fühle, daß ich mir nicht mehr angehöre. Auf ein Wort von ihm würde ich Alles was ich habe in den Wind ſtreuen und auf einen Wink Alles um mich her vernichten, mich ſelbſt.“ Das Geſicht Dorns war glühendroth; die Adern auf ſeiner Stirn ſchwollen auf und mit jedem Worte begelſterte er ſich mehr. Es war, als ſei plötzlich ein Rauſch über ihn gekommen. Da ſchlug die kleine Uhr draußen die zehnte Stunde.— Dorn hielt inne, um zu horchen. Er zählte die Schläge und Gertrud ſah, daß er dabei ein paar Mal die Farbe wechſelte. „Zehn Uhr!“ murmelte er mit tief bewegter Stimme.„Wer weiß, ob der Mann und der Knabe noch am Leben ſind!“ Er nahm dann Gertrud an der Hand und führte ſie an ihr Bett vor ein kleines Krucifix von Eben⸗ holz. 4* IV. 6 79 80 „Knie nieder, meine Tochter,“ ſagte er,„und bete für die, welche in Gefahr ſind zu ſterben.“ Alle Worte ihres Vaters waren bisher unerklär⸗ liche Räthſel für das Mädchen geweſen; erſt den letz⸗ tern konnte ſie eine Bedeutung abgewinnen und dieß machte ſie traurig. „Der Mann von geſtern iſt in Todesgefahr?“ fragte ſie leiſe. „Ja, er und ein anderer,“ antwortete Dorn. „Ach Gott,“ rief Gertrud aus,„und er ſah ſo heiter und guter Dinge aus; er ſprach vom Balle und ſchien nur an ihn zu denken.“ „Bete, meine Tochter, bete!“ unterbrach ſie ihr Vater. Gertrud faltete andächtig die Hände. „Der Eine liebte Deine Mutter ſehr,“ ſprach Dorn weiter, auf deſſen Stirn der Schweiß ſtand, „und wenn Deine Mutter noch lebte, würde ſie ihr Blut für den Andern hingeben.“ In dem Augenblicke als das Mädchen ſich wieder aufrichtete und ſich bekreuzigte, hörte man Schritte im Hofe. Es war aber nicht der Ton von ſchweren Schuhen, wie man ſie im Temple trägt, ſondern die von knappen Stiefeln. Hans Dorn trat ſogleich an das Fenſter, blieb aber mit ſtierem Blicke und offenem Munde ſtehen. Auch Gertrud blieb in ihrer Stellung am Bette. Noch wußte und 2 3. 7 Horch! Es geklopft denn m „ Gel den Rie Si auch al prallte gen Fra „V Ab ſie nicht Fra erklären der ſich chelnd d mächtig 81 4 und Noch verſtand ſie nicht Alles, aber das, was ſie 1 — wußte, reicht für ihr gutes Herz hin, die Hoffnung 4 4 und Befürchtung ihres Vaters zu theilen. 1 t den 6 Bald darauf hörte man die Tritte auf der Treppe. und dieß„Er kommt!“ flüſterte Dorn.„Horch! l Horch!“ b zgfaht?“ Es wurde mehrmals an der Thüre draußen an⸗ a geklopft. te Dorn.„So würde er nicht klopfen,“ dachte Dorn und 1 der ſah ſo ſtatt zu öffnen, ſank er auf einen Stuhl. s vom Valle„Soll ich aufmachen, Vater?“ fragte Gertrud, denn man klopfte ſtärker draußen. 1 brach ſie ihr„Thu was Du willſt,“ antwortete Dorn. A Gertrud hüpfte durch die beiden Zimmer und zog 3 .— den Riegel an der Thüre draußen zurück. T,“ ſporachh Sie wurde raſch aufgeriſſen und ein Kuß fiel ſtand, auch alsbald auf die Wangen des Mädchens. Sie würde ſi iht prallte beſtürzt zurück und die beiden Arme des jun⸗ gen Franz hielten ſie, ſonſt würde ſie gefallen ſein. 4 nſich wieder„‚Vater!“ rief ſie.„Vater, komm, er iſt es!“ 5 nan Schtite Aber ihre Stimme war zu ſchwach; Dorm konnte von ſchweren ſie nicht hoͤren. ſondern die Franz wußte nicht, wie er ſich dieſe Aufregung erklären ſollte, aber er war auch nicht der Mann, genſter, blieb der ſich gern den Kopf zerbrach und er ſtreichelte lä⸗ ne ftthm. chelnd das ſchöne Haar Gertruds, die halb ohn⸗ dan Bäte. mächtig in ſeinen Armen lag. 2. 6* Geftasn, als Ihr Vater mich gern fortſchicken wollte, 82 „Wie geht's dem Drehorgeler?“ fragte er. „Der iſt glücklich und ich möchte wohl an ſeiner Stelle ſein.. Sie ſind am Tage wahrhaftig noch hübſcher als bei Lichte. Das weiche Haar! Und wie wohl muß es dem Spitzbuben von Drehorgler ſein, der ſie küſſen darf, wenn Sie ihn anlachen.“ Gertrud legte einen Finger auf den Mund und zeigte mit der andern Hand auf die offene Thür des Zimmers ihres Vaters. „Der Vater iſt da!“ ſprach Franz leiſe, deſſen friſches Geſicht noch muthwilliger und heiterer aus⸗ ſah, als am Tage vorher;„er weiß nichts von der Liebſchaft? fürchten Sie nichts, liebes Mädchen, ich bin verſchwiegen wie ein Türke und ſage nichts. Uebrigens ſehe ich da in Ihren ſchwarzen Augen, daß Ihnen nichts Unrechtes nachzuſagen wäre. Sie ſind ebenſo gut und unſchuldig wie ſchön und ich bin ein boshafter Schwätzer, daß ich Sie ſo nöthige die Augen niederzuſchlagen und zu erröthen.“ Er nahm die kleine Hand Gertruds in die ſeini⸗ gen und führte ſie mit der kecken Grazie, die in allen ſeinen Bewegungen lag, an ſeine Lippen. „Sie merken gar nichts, mein ſchönes Kind,“ ſagte er in faſt ernſtem Tone,„aber ich liebe Sie faſt ſo ſehr als wenn Sie meine Schweſter wären. Bei mir kommt die Freundſchaft ſchnell wie die Liebe. ſah ih zende N Sie mit zwei od ich in di ich aus ſchien un Lebewohl „Si bedrohte: nicht hat Fra auf. „Je ſolche D thuſalen gewiß iſ „l „Ach, wie ich „F Ger ziehen. „Kf wüßte, Seit lã Dieſ 83 ſah ich Ihre Augen auf mir ruhen, und welches rei⸗ zende Mitleiden lag in Ihren Blicken! Gewiß haben Sie mir Glück gebracht. Ich dachte in voriger Nacht zwei oder dreimal an Sie und Gott weiß es, was 1 ich in dieſer Nacht zu thun hatte. Heute früh, als ich aus dieſer Welt ſcheiden zu müſſen glaubte, er⸗ ſchien unter allen Lieben auch Ihr Bild, um mir fragte d. lam ſeiner chaftig noch daar! Und Drehorgler nlachen.“ Mund und he Thür des Lebewohl zu ſagen..“ A .„Sie ſind alſo der Gefahr entgangen, die Sie f liſe, deſſen bedrohte?“ fragte Gertrud, die vor Staunen bisher g nierer aus⸗ nicht hatte ſprechen können. cis von der Franz runzelte die Stirn, dann lachte er laut Nädchen, ich auf. ſage nichts.„Ja, ja,“ antwortete er,„ich könnte viele 7 Augen, ſolche Duelle haben und doch ſo alt werden wie Me⸗ aͤre. Sie thuſalem. Es hat das ſein Gutes und ſein Böſes, hön und ich gewiß iſt aber, daß ich nicht viel davon verſtehe.“ ie ſo nöthige„Und mein Vater wartet!“ ſagte Gertrud. hen.“„Ach, wenn Sie wüßten, wie beſorgt er war und die ſeini⸗ wie ich für Sie beten mußte!“ b die in leen„Für mich?“ fragte Franz verwundert. a. Gertrud verſuchte ihn nach dem Stübchen hin zu ones Kind,“ ziehen. ich liebe Sie„Kommen Sie,“ ſagte ſie leiſe;„wenn er ſer wäarn. wüßte, daß Sie da ſind, würde er mich ausſchelten. Seit länger als einer Stunde wartet er auf Sie.“ 4 hiäm olle, Dieſe kleine Scene hatte etwa eine Min 5 84 gewährt und doch hoffte der arme Dorn nicht mehr. Er ſaß noch immer an derſelben Stelle, die Eln⸗ bogen auf den Tiſch und den Kopf auf die Hände geſtützt. Die Worte, welche draußen geſprochen wurden, drangen wie ein Geflüſter an ſein Ohr. Er wußte wohl, daß der, welchen er erwartete, nicht ſtehen bleiben und plaudern würde. Im erſten Augenblicke hatte er es nicht gewagt, ſelbſt an die Thüre zu gehen, ſo gewaltig faßte die Hoffnung ſein Herz an. Dann aber ſchwand die Hoffnung und nun wagte er erſt recht nicht zu gehn. Rodach konnte der Ankommende nicht ſein, da derſelbe in dem Vorzimmer ſich aufhielt. Wer es ſonſt ſein mochte, war ihm gleichgiltig. Franzaließ ſich durch Gertrud hereinziehen. „Ah,“ ſagte er,„Ihr Vater iſt eine Perle von einem Manne. Geſtern hat er mir für meine Gar⸗ derobe gegeben, was ich verlangte und heute mir Ihr Gebet verſchafft, das der liebe Gott ſo gern an⸗ hören muß..“ „Kommen Sie! Kommen Sie!“ wiederholte Gertrud. Und als ſie über die Schwelle trat, ſagte ſie leiſe: „Väterchen, da, da iſt er.“ X△ drehete ſich langſam um. Als er das ſchöne lo er mit ei zitterten tragen zu „G Dir!“ Er ſo und richte Himmel 8⁵ hi mehr. de G ſchöne lächelnde Geſicht des jungen Franz ſah, ſprang ie Eln⸗ er mit einem lauten Ausrufe auf. Alle ſeine Glieder 1 ſe Dändt zitterten und er ſchien ſeine zu große Freude nicht er⸗ tragen zu können. wuden,„Günther!“ murmelte er.„Gott, ich danke ſ wußte Dir!“ cht ſtehen Er ſchlug die Arme auf der Bruſt über einander und richtete die Augen mit inniger Dankbarkeit zum 4 1 gewagt, Himmel empor. 4 faßte die 3 g zwand die 1 t zu gehn. t ſein, da 4 13 Wer es 1 4 iehen. 5 — Perle von meine Gar⸗ heute mir ſo gern an⸗ — — wiedetholte —— t, ſagte ſie Als er das 4 Sechstes Kapitel. Die Geſchichte einer Uacht. Franz wunderte ſich über die große Aufregung des Kleiderkäufers ſehr. Anfangs muthmaßte er eine Verwechſelung, denn die große Freude konnte doch unmöglich ihm, Franz, gelten, der am Tage vorher noch ganz unbekannt geweſen und mit Dorn auch in keine andere Berührung gekommen war, als daß er ihm Kleidungsſtücke verkauft hatte. Allerdings hatte er bei dieſem Handel mit Dorn geſprochen und dieſer, wie es ſchien, an ſeiner Ge⸗ ſchichte großen Antheil genommen; aber ſeine Ge⸗ ſchichte war intereſſanter. Der Kleiderhändler liebte vielleicht Geſchichten. Eine andere Erklärung hatte Franz nicht geſucht.. Heute kam er aus einem ganz einfachen Grunde wieder zu Dorn. Er hatte ſeine Kleidungsſtücke für den Fall ſchlinme 6 fühlte, w Er ha noch nicht Geſicht Ge überdies n ner Ankun empfangen dem Geſich Kleiderhär „Die Antheil ſie Vielm war zu ju ſchon in ſ kam ihm etwas üb ſer und u ſich zu d wie in d entgegeng kannte, Maß und bezeugte, des Wah Seind eAufregung uthmaßte er reude konnte der am Tage dd mit Dom nen war, als te. el mit Dorn n ſeinet Ge⸗ het ſeine Ge⸗ händler liebte klärung hatte achen Grunde ungsſtück füt — 87 den Fall des Todes verkauft und jetzt, da die ſchlimme Stunde vorüber war und er ſich lebenskräftig fühlte, wünſe ſeine Garderobe zurückzuhaben. Er hatte von der Urſache ſeines Morgenbeſuchs noch nicht geſprochen, weil ihm das lächelnde ſchöne Geſicht Gertruds entgegengekommen war.“ Es war überdies nicht nöthig geweſen, daß er den Zweck ſei— ner Ankunft ſogleich ausſprach; man hatte ihn ja empfangen wie Jemanden, den man erwartet. Auf dem Geſichte Gertruds malte ſich die Freude und der Kleiderhändler ſchien außer ſich zu ſein. „Die guten Leute!“ dachte Franz;„welchen Antheil ſie an ihrem Kunden nehmen!“ Vielmehr und viel länger dachte er nicht. Er war zu jung und zu arglos, als daß das Mißtrauen ſchon in ſeinem Herzen hätte liegen können. Zwar kam ihm die Theilnahme, die man ihm ſchenkte, etwas übertrieben vor; indeß das war ja um ſo beſ⸗ ſer und um ſie ſich zu erklären, brauchte er nur an ſich zu denken. Er hatte ſo oft in der Freundſchaft wie in der Liebe ſein Vertrauen dem erſten beſten entgegengebracht und ſich immer ſo ſehr beeilt! Er kannte, um Andere zu beurtheilen, nur ſein eigenes Maß und die unerwartete Theilnahme, die man ihm bezeugte, überſtieg für ihn keineswegs die Grenzen des Wahrſcheinlichen. Seine Bekanntſchaften hatten faſt immer ſo 88 begonnen und wenn ſie auch, todtgeboren wie ſie waren, keine Spuren in ſeiner Erinnerung zurück⸗ gelaſſen, ſo hatten ſie doch auch ſ leichtſinnige Offenheit nicht im mindeſten verringerte Hier wunderte er ſich zwar ein wenig über die große Aufregung Dorns, das war aber auch Alles. „Mein lieber Herr,“ ſagte er, indem er auf den Kleiderhändler zutrat,„wenn mein Anblick dieſe große Freude veranlaßt, ſo macht es mir großes Vergnügen und ich danke Ihnen dafür.“ Dorn ſah ihn entzückt an und fand kein Wort zur Entgegnung. Er blieb mit dem Rücken nach dem Arbeitstiſche gewendet ſtehen und ſchien die Augen von dem kecken anmuthigen Geſicht des jun⸗ gen Franz nicht losreißen zu können. „Wie groß er geworden iſt!“ dachte er bei ſich;„wie kräftig er ausſieht! Und kein Wunder!“ ſetzte er hinzu, während ſeine Augen ihn vom Kopfe bis zu dem Fuße muſterten.„Ich war ein rechter Thor, mich ſo von Befürchtungen quälen zu laſſen. Hatte er mir nicht geſagt, daß der junge Mann gerettet werden würde? Und geſchieht nicht immer was er will?“ Franz, der immer weiter gegangen war, reichte dem Manne lächelnd die Hand und der Kleiderhänd⸗ ler ſchauerte vor Wonne als er dieſe Hand berührte. „Wahrhaftig, mein lieber Herr,“ ſagte der junge Mam in der Wel nimmt. Ic es kommt! zehn Jahren Namen ver⸗ flüchtig in d hubſchen To doch würde thun und zu Vater.“ Dorn du auf ſeine Li „Nun, nahm und fragten Sie Jedermann licht zu hab überdenke, es nicht üb zu finden, Iſt es eine gen Sie m Neugierde d Dorn; dägerte, ver faſt vollſtäng en wie ſie ng zurück⸗ eichſinnige ig über die auch Alles. er auf den ablick dieſe nit großes kein Wort Rüͤcken nach ſchien die cht des jun⸗ achte er bei Wunder!“ vom Kopfe r ein rechter en zu lafſen. mge Mam nicht immer war, reichte Kleiderhänd⸗ and berührte. “ ſagtt det 89 junge Mann,„ich glaubte nicht, daß es Jemanden in der Welt der ſo innigen Antheil an mir nimmt. IJ t, ob es Sympathie iſt, aber es kommt mit als wären wir ſchon ſeit fünf⸗ zehn Jahren die beſten Freunde. Ich habe Ihren Namen vergeſſen, den ich nur ein einziges Mal flüchtig in dem Temple nennen hörte, und den Ihrer hübſchen Tochter habe ich gar niemals gekannt.. doch würde ich für ſie Alles wie für eine Schweſter thun und zu Ihnen Vertrauen haben wie zu einem Vater.“ Dorn drückte die Hand des jungen Mannes und auf ſeine Lippen drängten ſich tauſend Fragen. „Nun,“ fuhr Franz fort, der ſich einen Stuhl nahm und ohne Umſtände ſich niederließ,„geſtern fragten Sie mich und ich antwortete, wie ich es gegen Jedermann gethan habe. Ich glaube nichts verheim⸗ licht zu haben, jetzt aber, da ich die Sache reiflicher uͤberdenke, komme ich auf eine Idee. Sie dürfen mir es nicht übel nehmen, wenn ich immer glaube Leute zu finden, die mehr von mir wiſſen als ich ſelbſt. Iſt es eine Dummheit, geſchwind fort damit! Sa⸗ gen Sie mir alſo offen, veranlaßte geſtern nur die Neugierde die Fragen, die Sie mir vorlegten?“ Dorn zögerte einen Augenblick und während er zögerte, veränderte ſich der Ausdruck ſeines Geſichts faſt vollſtändig. Ein geübter Beobachter würde ohne 90 Mühe die Bedeutung dieſer Veränderung errathen haben. Offenbar hatte ſich der ändler bisher arglos ſeinen Gefühlen hing ſeine Geiſtesgegenwart wieder der Kaltblü⸗ tigkeit, die er wiedererlangt hatte, erkannte er eine Gefahr, die zu verieiden, oder ein Geheimniß, das zu bewahren war.“ „Ich habe das Recht nicht zu ſprochen,“„dachte er.„Er hat mir ſeine Pläne in Bezug auf den jun⸗ gen Mann nicht mitgetheilt.“ „Herr Franz,“ antwortete er laut und ſo ruhig als es ihm möglich war,„ich habe Sie geſtern Abend zum erſten Male geſehen... Stellte ich Fra⸗ gen an Sie, ſo geſchah es, weil das Geſetz uns nöthigt, daß wir uns über die Leute erkundigen, welche uns Gegenſtände verkaufen, genauer ſogar als ich es bei Ihnen gethan habe, denn ich hatte Vertrauen zu Ihnen und forderte keinen Beweis.“ „Sie haben Recht,“ fiel Franz ein,„und ich danke Ihnen dafür,.. aber ſeit einer Stunde be⸗ mühe ich mich⸗ mich wieder auf Ihren Namen zu beſinnen.“ „Hans Dorn!“ fagte der Kleiderhändler. „Hans Dorn!“ wiederholte Franz;„es iſt der Name eines redlichen und würdigen Mannes. Und meine kleine Gönnerin, die geſtern ſchon geneigt zu ſein ſchien, meiner ſich anzunehmen?“ rei zur H „Ge „Hans u denn ich h Er nic liebes Geſ nicht ſehen Dorn nen Augen Das durchaus wenn ein unmöglich der umdre Maske der „Sta mir von J in ſeiner I von ihm Worten J und Duell ternacht di jungen Leu und fühlte ng ertathen adler bisher iöt fand er der Kaltblü⸗ mmute er eine eimniß, das en, dachte auf den jun⸗ Sie geſtern tellte ich Fra⸗ 5 Geſetz uns eerkundigen, genauer ſogar enn ich hatte Beweis.“ n,„und ich Stunde be⸗ en Namen zu händler. anz;„es iſt gm Mannes. ſchen geneigt 14 91 „Gertrud!“ antwortete das Mädchen, die ſich in der Nähe re niedergeſetzt und eine Sticke⸗ rei zur Ha n hatte. „Gertr iederholte Franz nochmals. „Hans und Gertrud! das darf ich nicht vergeſſen, denn ich habe viele Freunde.“ Er nickte dabei der hübſchen Stickerin zu, die ihr liebes Geſichtchen ſenkte, um die Röthe deſſelben nicht ſehen zu laſſen. Dorn ſah Alles und die Rührung, die aus ſei— nen Augen geſchwunden war, kehrte zurück. Das Benehmen des jungen Mannes weckte durchaus keine väterlichen Beſorgniſſe in ihm, als wenn ein Mißtrauen gegen Franz bei ihm ganz unmöglich geweſen wäre. Als aber Franz ſich wie⸗ der umdrehete, nahm er ziemlich ungeſchickt ſeine Maske der Gleichgiltigkeit und Kälte wieder an. „Statt mir die Nachweiſungen zu geben, die ich mir von Ihnen erbat,“ fuhr er fort und verlängerte in ſeiner Verlegenheit eine Erklärung, die Niemand von ihm verlangte,„erzählten Sie mir in zwei Worten Ihre ganze Geſchichte, ſprachen vom Tanzen und Duelliren und ſagten lachend, daß dieſe Win⸗ ternacht die letzte Ihres Lebens ſei. Ich liebe die jungen Leute, die Ihnen ähnlich ſehen, Herr Franz, und fühlte Theilnahme für Sie, da Sie in dem gro⸗ 92 ßen Paris ſo ganz allein ſtanden, wie Sie ſagten... Wenn Sie geſtorben wären, h Sie beweint haben... Ich weiß nicht, ie ſprechen, ſcheint Ihr Herz zu ſprechen. een auch einen deutſchen Namen und ich bin aus Deutſchland; auch, wiſſen Sie, giebt es gewiſſe Aehnlichkeiten, welche theuere Erinnerungen in der Seele wecken... Ihre Züge erinnerten mich an die eines Herrn, dem ich ſonſt diente, und an die eines jungen Mannes in Ihrem Alter, Herr Franz, der keinen andern Namen hatte als ſeinen Taufnamen, der in ſeinem zwanzig⸗ ſten Jahre auch gern an den Tod dachte.. deshalb freute mich Ihr Anblick heute. Ich kenne Sie nicht, ich weiß nichts von Ihnen, außer was Sie mir ſelbſt erzählt haben, aber als ich eben Ihre Hand in der meinigen fühlte, war es mir als fände ich einen Freund wieder, und ich dankte Gott.“ Franz ſchüttelte ihm die Hand. „Nun, Vater Dorn,“ ſagte er ganz ernſthaft, „ich glaube, ich heirathete Ihre Tochter, wenn ich nicht ſchon wie wahnſinnig verliebt wäre. Sie ſind die Perle der Kleiderhändler und gewiß giebt es in der ganzen Stadt keinen ſo braven Mann als Sie. Wahrhaftig, ich werde Sie öfterer beſuchen und ein ſchönes Kreuz für meine liebe kleine Gertrud da mit⸗ bringen, die mir in der Ecke da ſchmollt und mich vielleicht für einen Narren hält. Bis dahin und weil ich nic Sie mi „ gebrach S 77 verthan 1, der jun wollte, würden Traum wo ich geweſen Er 71/ es lange ſchwebte ſeine A Lidern. Goldſtuͦ D 7‿ Sie es 7 di ſagten. Sie beweint 1 ſprechen, auch einen Deutſchland Achr lichkeit, ele wecken... 5 Hernn, dem Mannes in . deshalb tenne eiriih was Sie mir Ihre Hand in fäͤnde ich einen ganz ernſthaft, ochter, wenn ich wäre. Sie ſind iß giebt es in „Mann als Sie. beſuchen und ein Gertrud da mi⸗ und mich z dahin und weil 93 ich nicht todt bin, bringe ich Ihnen Geld, damit Sie mir mane Acidume gsſtücke wieder geben.“ de Ihre 250 Franes nicht durch— ene „Was glauben Sie? Das Doppelte habe ich verthan!“ antwortete Franz. „Aber..“ begann der Kleiderhändler. „Vater Dorn! Vater Dorn!“ unterbrach ihn der junge Mann,„wenn ich Ihnen Alles erzählen wollte, was mir in dieſer Nacht begegnet iſt, Sie würden mir nicht glauben, denn es gleicht dem Traume eines Fieberkranken. Es giebt Augenblicke, wo ich ſelbſt mich frage, ob ich wohl wirklich wach geweſen ſei...⸗⸗ Er zog aus ſeiner Taſche eine Börſe voll deut— ſcher Goldſtücke und warf zwanzig davon auf den Tiſch. „Iſt dieſes Gold gut?“ fragte er. Dorn nahm eines der Goldſtücke und betrachtete es lange. Während er es auf allen Seiten beſah, ſchwebte ein halbes Lächeln um ſeine Lippen und ſeine Augen glänzten unter den niedergeſchlagenen Lidern. Offenbar beſchäftigte ihn nicht blos das Goldſtück und ſeine Gedanken waren anderswo. „Das Gold iſt gut,“ ſagte er leiſe.„Haben Sie es gefunden?“ „Noch beſſer!“ antwortete Franz.„Das iſt 94 der luſtige Theil meiner Geſchichte. Denken Sie ſich, ich hatte das, was Sie mir für meine Garde⸗ robe gezahlt haben, in die fecht Toſche meiner Pagenhoſe geſteckt— ich war als age gekleidet,“ ſetzte er zu Gertrud gewendet hinzu, die neugierig nach dem Golde ſah, das auf dem Tiſche lag— „ein prächtiger Anzug, Mademoiſelle, der Sie rei⸗ zend kleiden müßte!.. In meiner linken Taſche war gar nichts... Die Diebe nun ſcheinen auch die Maskenbälle zu beſuchen, denn eine ſehr geſchickte Hand hat mir meinen kleinen Schatz entführt... So weit iſt Alles ſehr gewöhnlich; aber während meine rechte Taſche leer wurde, füllte ſich die linke und Sie ſehen, daß ich bei dem Tauſche nicht ver— loren habe.“ Das Geſicht des Kleiderhändlers drückte gegen alle Erwartung eine nur ſehr mäßige Ueberraſchung aus; in dem hübſchen Geſichtchen Gertruds dagegen zeigte ſich großes Erſtaunen und wachſende Neu— gierde. „Iſt das nicht fabelhaft?“ fuhr der junge Mann fort.„Haben Sie ſchon einmal gehört, daß ſich eine fremde Hand in Ihre Taſche ſchleicht, um Gold hineinzuſtecken?“ „Es iſt das allerdings nicht gewöhnlich,“ ant⸗ wortete Dorn ganz gelaſſen. „Ihr Deutſchen ſeid doch ſchwer aus Eurer Ruhe zu iſt es g Schneide Wenn ſetzen ſ überraſch erzählen „M Dorn, ter erhel Gert Fran niſſe der wirr in e und nicht und er r Geſchicht Endl bei den unbewegl Er en ſein Zuſe Audemer geweſen! muth zu P., Bei möglich! IV. Denken( Denken Sie neine Garde⸗ gſche meiner ge gekleidet,“ „ ie neugierig ſche lag— der Sie rei⸗ n Taſche war auch die ir geſchickte mcfühſt... aber väͤhre nd Ueberraſchung ertruds dagegen vachſende Neu⸗ uhr der junge al achört, daß ſchlcht, um wöhnlich,“ ant⸗ aus Eurer 9⁵ Ruhe zu bringen! Nein, Vater Dorn, gewöhnlich iſt es gar nicht und wenn es ſo wäre, würden die Schneider nicht« Taſchen genug machen können. Wenn Sie aber auch nicht leicht in Erſtaunen zu ſetzen ſind, ſo wette ich doch, daß ich Sie überraſche... Soll ich Ihnen meine Geſchichte erzählen?“ „Mit Vergnügen höre ich ſie an,“ antwortete Dorn, der ſeine innige Theilnahme noch immer un⸗ ter erheuchelter Gleichgültigkeit zu verbergen ſuchte. Gertrud rückte näher, um beſſer hören zu koͤnnen. Franz ſammelte ſich eine Minute. Die Ereig⸗ niſſe der Nacht erfüllten ſein Gedächtniß, floſſen aber wirr in einander. Alles das, was er geſehen hatte und nicht begriff, betäubte gleichſam ſeinen Geiſt und er wußte nicht recht, wo er ſeine verſprochene Geſchichte beginnen ſollte. Endlich fing er auf Geradewohl an und gleich bei den erſten Worten blieb die Nadel Gertruds unbeweglich. Er erzählte ſeine Ankunft auf dem Balle und ſein Zuſammentreffen mit dem jungen Julian von Audemer, der ſonſt mit ihm in einem Bankiergeſchäft geweſen war, als die Familie Audemer faſt mit Ar— muth zu kämpfen gehabt hatte. Bei dem Namen„Audemer“ wurde Dorn wo möglich noch aufmerkſamer, aber er fragte nicht. IV. 7 96 Dann ſprach Franz von dem deutſchen Herrn, der ihm in der erſten Hälfte des Balles überall gefolgt; wie ſich der deutſche Herr dann in einen glänzenden Majo verwandelt habe und dieſer wie⸗ derum zu einem betrunkenen Armenier geworden ſei. Dieſer Mann, der ſich jeden Augenblick verwandelt, habe ein und daſſelbe Geſicht, aber einen dreifachen Ausdruck für daſſelbe gehabt, ja dieſen bisweilen gleichzeitig gezeigt. Seine lebhafte Schilderung gab dieſer ſeltſamen Sache eine ſo ungewöhnliche Färbung, daß die hübſche Gertrud ihn mit offenem Munde anhörte und den Athem anhielt. Die Erzählung war für ſie ein geheimnißvoller feſſelnder Roman, deſſen fort⸗ während verzögerte Entwickelung den Leſer in fieber⸗ hafte Spannung verſetzt. Namentlich die phanta⸗ ſtiſche Dreieinigkeit reizte ihre Neugierde und kam ihr ganz unbegreiflich vor, wenn auch ihr deutſcher Sinn darin ſich gefiel. Es war für ſie die unmög— liche Poeſie der deutſchen Balladen im glänzenden Lichte der Kronleuchter, mitten im Kreiſe der Civili⸗ ſation. Gertrud ſchauerte; ihre Augen öffneten ſich weit und ihr Buſen wogte. Sie glaubte den ſeltſamen Mann überall auf dem Wege des Jünglings ſich vervielfältigen und erſcheinen zu ſehen wie ein guter oder ein böſer Geiſt. Als8 zu denken len, wele Ihr! Mitunter beſſer als glitt imm gleich dar Fran ſamen E je weiter boliſchere Er e der ihn f dem Ball kel verſtech geſprochen Der5 war wie worden un danten geſt Als er ſchen Felde gehen, wa in Galopp das Geſich auch dies n t Hern, NaAII. s Dalles überall dann in einen nd dieſer wie⸗ geworden ſei. c derwandelt, nen dreifachen eſen bisweilen ſſer ſeltſanen ag, daß die kunde anhörte ag war für ſte 7, deſſen fort⸗ Leſer in fieber⸗ hh die phanta⸗ ede und kam h ihr deutſcher ſie die unmög⸗ n glänzenden e der Cyili⸗ fneten ſich weit den ſeltſamen Jünglings ſich n wie ein guter 97 Als Franz endlich weiter erzählte, hörte ſte auf zu denken und überließ ſich von neuem allen Gefüh⸗ len, welche die Geſchichte anregte. Ihr Vater dagegen hörte ruhig und kalt zu. Mitunter ſchien es, als verſtehe er die Geſchichte viel beſſer als der Erzähler ſelbſt; aber dieſer Eindruck glitt immer flüchtig auf ſeinem Geſicht hin, das gleich darauf ſeine Unbeweglichkeit wieder erhielt. Franz verdoppelte ſeine Anſtrengung. Die ſelt⸗ ſamen Ereigniſſe drängten ſich in ſeinem Munde und je weiter ſeine Erzählung vorrückte, ein um ſo dia⸗ boliſcheres Ausſehen erhielt ſie. Er erzählte ſeine Begegnung mit dem Armenier, der ihn für ein Mädchen hielt, ſein Fortgehen von dem Balle und wie die drei Männer, halb im Dun— kel verſteckt, ihn beobachtet und leiſe unter einander geſprochen. Der Pendel an der Uhr in dem Café Anglais war wie durch Zauberei zum Stillſtande gebracht worden und der Fiacre, in den er mit ſeinem Secun⸗ danten geſtiegen, offenbar behert geweſen. Als er mit Julian auf dem Trottoir der elyſäi— ſchen Felder ausgeſtiegen, um zu Fuße weiter zu gehen, war derſelbe ſchläfrige Fiacre mit einem Male in Galopp gefahren und er hatte in dem Wagen das Geſicht des Armeniers zu ſehen geglaubt. Aber auch dies mußte eine Täuſchung geweſen ſein, denn 7* 98 die erſte Perſon, der er in dem Boulogner Wäldchen begegnete, war der geheimnißvolle Mann ſelbſt mit dem großen Mantel und mit einem Degen in der Hand. „Und er ſchlug ſich für Sie!“ fiel Dorn ein, der nicht länger an ſich halten konnte. Gertrud faltete die Hände und ließ ihr hübſches Köpfchen ſinken, gleichſam um die Antwort des Fremden beſſer zu hören. Dieſer ſah den Kleiderhändler mißtrauiſch an. „Wer hat Ihnen das geſagt?“ fragte er. Dorn legte ſein Geſicht wieder ſo gut als mög⸗ lich in die Falten der Gleichgiltigkeit. „Ich glaube es zu errathen,“ antwortete er. Der Argwohn des jungen Franz ſchwand ſo ſchnell als er gekommen war. „Sie haben wahrhaftig recht gerathen, Vater Dorn,“ antwortete er...„Er ſtand da vor Ver⸗ dier, meinem Gegner, und er ſchlug ſich, Gott weiß es, weit beſſer als ich es hätte thun können trotz dem Unterrichte Griſiers. Welche Paraden und welche Stöße! Welche kühne und welche ſichere Hand! Eben als wir ankamen, erhielt er eine leichte Wunde und daran war ich Schuld, denn bei ſeinem Anblicke konnte ich einen Ausruf der Verwunderung nicht unterdrücken; aber es war als ob der Degen Verdiers von ſeinem Fleiſche abprallte, als wenn ſo 99 ſeine Haut ein Stahlpanzer geweſen. Zwei oder drei Tropfen Blut, weiter nichts,.. dann raſche Angriffe und Finten, deren Namen ich nicht kenne. Dem armen Teufel von Verdier ſchien es vor den Augen zu flimmern; er dauerte mich ordentlich. Wenn ich ihm aber auch hätte beiſtehen wollen, es wäre kaum Zeit dazu geweſen, Vater Dorn, denn drei Secun⸗ den nach unſerer Ankunft ſtürzte Verdier mit einem tüchtigen Stiche in der Bruſt rücklings nieder.“ „Und der deutſche Herr?“ fragte Dorn, deſſen Begeiſterung in dieſem Augenblicke durch nichts in der Welt hätte zurückgehalten werden können. „Gott weiß es, wo er iſt,“ antwortete Franz. „Sie können ſich denken, daß die ganze Sache mir ſehr wenig gefiel. Ich bin kein Kind mehr, um einen Beſchützer zu brauchen und der Mann ſoll mir, er mag ſein wer er will, Rechenſchaft geben... In dem erſten Augenblicke aber war ich wie gelähmt und konnte nichts thun. Ich vermag Ihnen nichts weiter zu ſagen, als daß der deutſche Herr den Zeu— gen Verdiers gruͤßte, ſeinen Degen auf dem Graſe abwiſchte und unter den Baͤumen verſchwand.“ Siebentes Kapitel. Die Garderobe des jungen Franz. Dorn bemühete ſich noch ſo ſehr als möglich, einen gleichgültigen Ausdruck in ſeinen Mienen zu erhalten, aber ſein offenes ehrliches Geſicht wider⸗ ſtand allen ſeinen Bemühungen; man konnte darin leicht das gewaltige Intereſſe leſen, das er an der Erzählung nahm. Franz hätte die vorgeſchlagene Wette nicht voll⸗ ſtändiger gewinnen können. Er hatte gewettet, ſeine Erzählung würde den Kleiderhändler in Erſtaunen ſetzen und das Reſultat übertraf ſeine Erwartung. Dorn war tief bewegt, wenn auch Franz die Gefühle des Alten nicht ganz erkannte, denn dieſen beſchäftigte nicht nur die Erzäͤhlung, er verrieth auch Dinge, die in derſelben nicht lagen. Was für Franz geheim⸗ nißvoll und unerklärlich war, errieth Dorn, und ob er gleich ihm doch vollkomm bare For „E mit feſten Fran phirte ül „Un Stimme „9 chelnd, Antheil auch in Julian bewegun ſen ihm ſuchen. Dorn, ſo erſch lichen T franz als mö lich 5 moöglich, M n„ 3 n Mienen zu H eſicht wider⸗ konnte darin 5 er an der ette nicht voll⸗ gewettet, ſeine in Erſtaunen eErwartung. az die Gefühle ſen beſchäftigte uch Dinge, die 101 er gleich auch eine deutſche Phantaſie beſaß, kam ihm doch dieſe lange Reihe räthſelhafter Erreigniſſe vollkommen natürlich vor. Er hatte ja eine unfehl⸗ bare Formel, alle dieſe Räthſel zu löſen! „Er hatte verſprochen ihn zu retten!“ dachte er mit feſtem Glauben bei ſich. Franz beobachtete ihn von der Seite und trium⸗ phirte über den Eindruck, den er gemacht hatte. „Und jener Verdier?“ fragte eine liebliche Stimme hinter ihm;„war er wirklich todt?“ „O, meine liebe kleine Gertrud,“ ſagte er lä⸗ chelnd,„nehmen wir an dieſen Verdier ſo großen Antheil?.. Der arme Teufel war nicht todt, aber auch in einem nicht viel beſſeren Zuſtande. Als wir, Julian und ich, zu ihm traten, lag er ſtumm und bewegungslos im Graſe. Seine beiden Zeugen riſ⸗ ſen ihm das Hemd auf, um ſeine Wunde zu unter⸗ ſuchen. Aber wie blaß Sie geworden ſind! Vater Dorn, ſehen Sie nur Ihre Tochter an.. Sie iſt ſo erſchüttert als hätte ſie zwölf Acte eines fürchter⸗ lichen Theaterſtücks mit angeſehen.“ Der Bläſſe Gertruds wich plötzlich einer lebhaf⸗ ten Röthe. Der Zauber war gebrochen. Sie warf Franz einen vorwurfsvollen Blick zu und kehrte zu ihrer Stickerei zurück. „Und Sie ſagen zu der Sache gar nichts, Va⸗ ter Dorn?“ fuhr der junge Mann fort. 102 „Ich ſage, daß Sie in dieſer Nacht ſeltſame Abenteuer gehabt haben, Herr Franz,“ antwortete der Kleiderhändler in heiterem Tone.„Solche Dinge können auch nur hübſchen jungen Leuten Ihres Alters begegnen. Nur haben Sie mir die Veranlaſſung des Streites zwiſchen Ihrem Gegner und dem deutſchen Herrn noch nicht erzählt.“ „Weil ich ſie ſelbſt nicht kenne,“ antwor⸗ tete Franz,„ob ich ſie gleich ſelbſt gar zu gern wüßte. Als wir, Julian und ich, bei Verdier an⸗ kamen, lag der arme Teufel, wie geſagt, im Graſe und gab kein Lebenszeichen mehr; man konnte ihn alſo nicht fragen. Nachdem man ihn mit einem der Zeugen in einen Fiacre gebracht hatte, blieb der An⸗ dere bei uns zurück und ſagte nur, der deutſche Herr habe ſie etwa dreißig Schritte von dem Thore Maillot angeredet, Verdier ſei bei dem Anblicke des Frem⸗ den erſchrocken und dieſer habe ihn bei Seite geführt, ohne daß Verdier Widerſtand geleiſtet. Der Zeuge konnte nicht hören, was ſie in dieſem Augenblicke mit einander ſprachen. Der Deutſche ſchien zu be⸗ fehlen; Verdier ſchien muthlos zu werden, aber durch ſeine Geberden eine Weigerung auszudrücken. Nach zwei oder drei Minuten ſprach der Deutſche laut wie im Zorn und die Zeugen hörten was geſprochen wurde, Worte vernichtender Verachtung, die der deutſche Herr ausſprach.„Wenn Sie nicht wollen,“ rief er ent nen Man zu ſchlag auch nich Sache vo „Sit legten ſic Gebüſch, nute und dacht hat meinen! über den gert hatt „G Gründe Der daß er was Si hier mi Es mu Glas B „ 1 Ichr facht ſeliſame antwortete „Solche ngen Luten un Sie mir di 5 hrem hrem Gegner antwor⸗ gar zu gern iVerdier an⸗ gt, in Graſe in konnte ihn mit einem der blieb der An⸗ deutſche Herr Thore Mällot m Augenblicke ſchien zu be⸗ werden, aber auszudrücken. rDeutſche laut vas geſprochen ccung, die der nicht wollen,“ 103 rief er endlich aus, indem er einen Degen unter ſei⸗ nen Mantel hervorzog,„ſo werden Sie ſich mit mir zu ſchlagen haben.“—„Darauf kommt mir es auch nicht an,“ antwortete Verdier, der ſeiner Sache vollkommen ſicher zu ſein ſchien. „Sie kehrten darauf zu den Zeugen zurück und legten ſich eben aus als wir, Julian und ich, im Gebüſch erſchienen. Ihr Kampf dauerte keine Mi— nute und der arme Verdier erhielt was er mir zuge⸗ dacht hatte. Da ich den Kopf noch ganz voll von meinen nächtlichen Abenteuern hatte und verlegen über den Aufenthalt war, den meine Ankunft verzö⸗ gert hatte, ſo fragte ich den Zeugen: „Glauben Sie, daß jener Herr perſönliche Gründe hatte, ſich mit Verdier zu ſchlagen?“ Der Zeuge ſah mich lächelnd an. „Kennen Sie ihn?“ fragte er mich. „Ich habe ihn dieſe Nacht zum erſten Male ge— ſehn.“— „Hat er mit Ihnen geſprochen?“ „Kein Wort.“ „Wie können Sie in dieſem Falle annehmen, daß er ſich für Sie geſchlagen habe? Ich weiß nicht, was Sie mit Verdier gehabt haben, aber er erſchien hier mit dem feſten Vorſatze Sie umzubringen.. Es muß noch etwas anderes geweſen ſein als das Glas Bier, das Sie ihm ins Geſicht geworfen.“ 104 „Nichts das ich wüßte..“ nichts. 4 „Er muß einen Groll gehegt haben, denn die ſamen Au ganze Nacht focht er, um das Handgelenk zu üben beobachte und unterwegs ſagte er, er wolle Ihnen ſechs Zoll mich ſo in helfen, i Eiſen unter der Achſel beibringen. 31 „Das war alles, was ich aus den Zeugen her⸗. heiten gel ausbringen konnte,“ ſetzte Franz hinzu;„mehr ich aber? wußte er ſelbſt nicht und er verließ uns am Ende ich doch der elyſäiſchen Felder, um ſich zu Verdier zu bege⸗ ein, warn ben.. Geben Sie mir nun Ihre Meinung, Vater nich gehi 8 Dorn.. Glauben Sie, daß der deutſche Herr mit Ich bin; für mich gehandelt hat?“ Gewiſſe „Ich.., ich bin davon überzeugt,“ ſagte Deutſche Gertrud. auf jede Der Kleiderhändler gebot ihr durch eine Geberde Fra Schweigen und ſagte dann: ner Mi „Ich für meinen Theil glaube es nicht. Wie des Ab Sie erzählten, kannte der Deutſche jenen Verdier, der halten. verlegen wurde als er ihn ſah.. Sie haben jeden⸗ Se falls eine eigne Sache mit einander ausgemacht..“ Haares Franz ſah abwechſelnd Gertrud, welche jetzt ſich gens,“ mit ihrer Arbeit beſchäftigte, und den Kleiderhändler ſeines an, in deſſen offenem Geſichte ein Schatten von Ver⸗— wieder legenheit lag. Einige Secunden lang ſchwieg er ches R und ſchien nachzudenken. Eij „Wahrhaftig,“ fuhr er dann fort, indem er„ den Kopf ſchüttelte,„wie ich auch ſinne, ich finde leiſe hͦ n, denn die vent zu üben n ſechs 2. ſichs Joll Feugen her⸗ zu;„mehr ins am Ende dier zu bege⸗ sung, Vater ſche Herr mit lleiderhändler ttn von Ver⸗ 4 or ag ſchwieg er art, indem er ih finde 105 nichts. Die Blicke des Mannes hatten einen ſelt⸗ ſamen Ausdruck, während er mich auf dem Balle beobachtete. Er mußte doch einen Grund haben, mich ſo im Auge zu behalten und ich kann mir nicht helfen, ich glaube, er hat mit an den Verlegen— heiten geholfen, die uns zurückhielten.— Wenn ich aber Alles recht überlege, Vater Dorn, ſo bin ich doch lieber lebendig als todt und ich ſehe nicht ein, warum ich mich erzürnt ſtellen ſollte, weil man mich gehindert hat, einen Taugenichts umzubringen. Ich bin dabei ganz ehrlich zu Werke gegangen; mein Gewiſſen wirft mir nichts vor. Hat der lange Deutſche ſich für mich geſchlagen, ſo erkenne ich ihm auf jeden Fall meinen Dank zu.“ Franz ſagte dies mit halb heiterer, halb ergebe⸗ ner Miene; offenbar hatte er bei dieſem Ausgange des Abenteuers noch etwas auf dem Herzen be⸗ halten. Seine Hand ſtrich durch die ſchönen Locken ſeines Haares und er hatte ſein Lächeln verloren.„Uebri⸗ gens,“ fuhr er fort als Antwort auf einen Einwurf ſeines Stolzes,„muß ich den Mann doch einmal wieder ſehen und dann werde ich ihn fragen, wel— ches Recht er hatte mich zu beſchützen.“ Eine noch düſterere Wolke zog über ſeine Stirn. „Er kann dieſes Recht wohl haben,“ ſetzte er leiſe hinzu;„es giebt, glaube ich, Leute, die mich — 106 kennen und die ich nicht kenne. Diejenigen, welche mich allein und hilflos in die Welt geſtoßen haben, wiſſen wahrſcheinlich wo ich bin und bereuen viel— leicht..“ Hans Dorn drehete ſich um, damit ſeine Verle⸗ genheit nicht bemerkt werde und er nicht zu antwor⸗ ten nöthig habe. Die ſanften Augen Gertruds waren auf Franz geheftet, den ſie mehr lieben lernte, als ſie errieth, daß er unglücklich ſei. Sowohl die Verlegenheit des Kleiderhändlers als die innige Theilnahme der hübſchen Tochter deſ⸗ ſelben entgingen Franz, der die Hände auf den Knien über einandergelegt hatte und nachſann. Die Kin⸗ der, die, wie er, ihren Vater nicht kennen, haben eigene Gedanken, welche die anderen jungen Leute nicht muthmaßen. Wie auch ihr Charakter und ihre Natur ſein mögen, es liegt in ihrem Nachdenken im— mer eine gewiſſe Traurigkeit in Verbindung ſtarker Hoffnung. Franz war heiter, leichtſinnig, muth⸗ willig und liebte das Vergnügen, aber bisweilen wandelten ihn die Gedanken um, wenn auch nur auf Augenblicke. Er ſah dann vor ſich ſeine Mutter und ſtellte ſie ſich ſo ſchön vor! Er ſah ſeinen Vater: ein edeles Geſicht und eine muthige Seele. Sein Herz, das jeder Liebe fähig war, ſehnte ſich nach d bittere Thre „Sie In die liebe Gede geſchah, vergangen ſuchte, he beſtimmte Es ſ Schweig redete. Abe ſein Va Un ihm m zu kon W Vorſic ung; hatte ſich ei als S hätte und e 1 ug n welche ſtoßen haben, dereuen viel⸗ ſeine Verle⸗ t zu antwor⸗ n auf Franz 5 ſte errieth, ungen Laute ter und ihre ig ſtarker nig, muth⸗ ber bisweilen auch nur auf g war, ſehnte 107 ſich nach dieſen theuern Weſen hin. Dann quollen bittere Thränen aus ſeinen Augen, weil er ſich ſagte: „Sie ſind vielleicht todt!“ In dieſem Augenblicke waren ſolche traurige aber liebe Gedanke über ihn gekommen, wie es jeden Tag geſchah, wenn er allein war. Die Ereigniſſe der vergangenen Nacht, die er vergebens zu begreifen ſuchte, hatten undeutliche Beſorgniſſe und noch un⸗ beſtimmtere Hoffnungen in ihm geweckt. Es ſprach in ihm eine Stimme, die er nicht zum Schweigen bringen konnte und die von ſeinem Vater redete. Aber jener Mann war zu jung, als daß er hätte ſein Vater ſein können. Und warum hätte er ihn ſo lange verlaſſen, um ihm nun gerade in der Stunde der Gefahr zu Hilfe zu kommen? Warum das Schweigen und die geheimnißvollen Vorſichtsmaßregeln? Dann nahmen ſeine Gedanke eine andere Rich⸗ ung; er machte ſich Vorwürfe darüber, daß er ſich hatte rühren laſſen, verſpottete ſich ſelbſt und nannte ſich einen Thoren. Es ſei in allem nichts, ſagte er, als Seltſamkeiten einer Carnavalsnacht; der Zufall hätte alles herbeigeführt; der ſchöne Traum entfliehe und er ſei nun wieder allein. Und ſein ſchalkhaftes Weſen ſträubte ſich kräftig 108 gegen den rührenden Traum, der zwanzig Mal zu⸗ rückgedrängt worden war und immer wieder ſich ein⸗ ſtellte. Mit einem Male richtete er ſich empor und rief wiederum das Lächeln auf ſeine Lippen. „Suchen Sie mir meine Kleidungsſtücke wieder heraus, Vater Dorn,“ ſagte er;„ich bin nicht her— gekommen, um weinerliche Geſchichten zu erzählen. Ich habe ja Geld genug in der Taſche und daſſelbe nicht geſtohlen; was brauche ich mehr? Ich wäre recht dumm, wenn ich mir den Kopf zerbrechen wollte, um das Unmögliche zu finden.“ Dorn ſtand auf ohne ein Wort zu ſagen und ging nach einem dunkeln Cabinet, in welchem unter einem Leinwandtuche die beſten Stücke ſeiner Waare hingen. Franz war von neuem allein mit Gertrud. Das Mädchen hatte wiederum die Nadel ergrif⸗ fen und ihre zarten Finger folgten dem Muſter ihrer Stickerei. „Iſt dieſer ſchöne Kragen für Sie, Gertrud?“ fragte Franz, um nur etwas zu ſagen. „Ach nein,“ antwortete ſie;„ich bin nicht reich genug, um ſo etwas zu tragen.“ „Und für wen iſt er?“ „Für ein Fräulein, das Sie vielleicht kennen, da Sie eben ihren Namen ausſprachen.“ Jo ει begann bereute röthete. Gert gend au gut, N kennt d weilen. ſpricht ihre Fr ſie iſt! Fre Verleg terdrüch Da merkſa Kopf ſ Ausdr fuhr ſ ſpielt zu erzählen. d daſſelbe c waͤre recht chen wollte, Nadel erarif⸗ Nadel ergrif⸗ Muſter ihrer Gertrud?“ bin nicht reich lleicht kennen, 7 109 „Ich habe den Namen einer Dame genannt..?“ begann Franz, der ſich nicht erinnerte. „Den Namen ihres Bruders wenigſtens,“ ſagte Gertrud. „Für Deniſe iſt er?“ fiel Franz lebhaft ein. Aber ſobald die Worte über ſeine Lippen waren, bereute er es, ſie ausgeſprechen zu haben und er⸗ röthete. Gertrud richtete ihre großen klaren Augen fra— gend auf ihn. „Sie iſt ſehr ſchön,“ flüſterte ſie,„und ach ſo gut, Fräulein Deniſe von Audemer! Mein Vater kennt die Familie ſchon lange und ich ſehe ſie bis⸗ weilen. Ob ich gleich ein armes Mädchen bin, ſo ſpricht Fräulein Deniſe doch mit mir als wäre ich ihre Freundin. Ach wenn Sie wüßten, wie ſanft ſie iſt und ein wie gutes Herz ſie hat!“ Franz erröthete jeden Augenblick mehr und ſeine Verlegenheit ſtieg trotz ſeiner Bemühung ſie zu un— terdrücken, höher und höher. Das Auge der niedlichen Gertrud wurde auf⸗ merkſamer als ob plötzlich ein Gedanke durch ihren Kopf ſchieße. Ihr Lächeln erhielt einen ſchalkhaften Ausdruck. „Sie theilt mir ihre kleinen Geheimniſſe mit,“ fuhr ſie ſanft fort;„wir haben mit einander ge⸗ ſpielt, als wir noch Kinder waren und Fräulein 110 Deniſe erinnert ſich deſſen. Ach, Herr Franz, der Mann, den ſie einmal liebt, wird glücklich ſein!“ Franz ſeufzete tief, aber er ſprach nichts. Gertrud ſtellte ſich als nehme ſie ihre Arbeit wieder vor, aber während ſie ihre Nadel raſch und geſchickt handhabte, ſchielte ſie nach Franz hinüber, der vor ihr ſtand. Sie ſah, wie das Geſicht des jungen Mannes ſich aufheiterte und wie ſeine Augen blitzten, als ob ſeinem Herzen recht wohl gethan worden wäre. In dem Augenblicke aber, als Franz ſich Glück wünſchte und ſich faſt ſelbſt über ſeine Verſchwiegen⸗ heit wunderte, lachte Gertrud laut auf. „Herr Franz! Herr Franz!“ ſagte ſie, indem ſie ihre muthwilligen aber gutmüthigen Augen auf ihn richtete,„ſchon geſtern als ich Sie ſah, war es mir als hätte ich Sie bereits irgendwo geſehen; ich beſann mich lange und jetzt weiß ich es mit einem Male. Unter den Fenſtern des Fräulein von Aude⸗ mer habe ich Sie geſehen, Herr Franz.“ Der junge Mann wollte leugnen. „Nein, nein,“ fuhr Gertrud fort,„ich weiß es genau, daß ich mich nicht irre. Sie waren unten auf der Straße und ſahen hinauf, ach, Herr Franz, mit welchen Augen! Als ich hinauf kam, bemerkte ich, daß Fräulein Deniſe den Vorhang etwas bei Seite geſchoben hatte und hinunterblickte..“ — 71 G Kleid zurüch 4 als h 5 Kleid verſtä C herzli Ohr ſo ſa habe fort 111 „Iſt das wahr?“ fragte Franz haſtig. Eben als Gertrud antworten wollte, kam der de Arbeit Kleiderhändler mit den verkauften Kleidungsſtücken ¹ ſch und zurück.. 3 un hinübt, Das Mädchen arbeitete ſogleich eifrig weiter, 3 als hätte ſie die verſäumte Zeit einholen wollen. Manes Franz zählte das Geld hin, das er für ſeine b Job Kleider erhalten hatte und empfing ſie dafür ſach— verſtändig eingepackt. Sluc Er reichte dann Herrn Dorn die Hand, die dieſer 8* herzlich drückte und nahm Abſchied. 3 Als er zu Gertrud kam, neigte er ſich zu ihrem aden Ohr und ſprach ganz leiſe:„wenn Sie Deniſe ſehen, 9 ſo ſagen Sie ihr, daß das Duell keine Folgen gehabt habe.“ Gertrud nickte und Franz ging mit den Worten fort: 4„Auf baldiges Wiederſehen.“ 1 Der Kleiderhändler machte ſein Fenſter auf, um ihm nachzuſehen, während er über den Hof ging. 7„Erſt als die zierliche Geſtalt des jungen Mannes in dem dunkeln Schatten der Hausflur verſchwunden war, kehrte Dorn auf ſeinen Platz zurück und ſtützte ſeinen Kopf auf die Hand.. bemerte Er brauchte ſich keinen Zwang mehr anzuthun; etwas bei ſeine Augen, die eine innige Freude ausdrückten, waren feucht. IV. 8 112 Gertrud dachte einen Augenblick an das hübſche Geheimniß, das ſie erfahren hatte und dann wende⸗ ten ſich ihre Gedanken wiederum der geheimnißvollen Geſchichte zu, die Franz erzählt hatte. Ihr Vater ſchwieg vollkommen, ſie konnte ſich deshalb ihrem Grübeln ganz überlaſſen und ſo verſchwand die Hei⸗ terkeit ſchnell in ihr; ihre kindiſche Furcht kehrte zu⸗ rück und die Geſtalten erſchienen von neuem vor ihren Augen. Ihr Köpfchen ſenkte ſich blaß und matt. Sie fürchtete ſich, beſonders vor dem ſchreckli— chen deutſchen Herrn, dem ihre Phantaſie eine über⸗ natürliche Macht zuſchrieb. Sie ſah ihn ſo vor ſich, wie Franz ihn beſchrie⸗ ben hatte, mit ſeiner hohen Geſtalt, von den langen Falten ſeines Mantels umhüllt, mit dem Hute, der ſein Geſicht beſchattete und mit dem ſchauerlichen Feuer in ſeinem Blicke. Während ſie ſo mit ihren Gedanken beſchäftiget war, klopfte man draußen ſchon zum zweiten Male an. Gertrud erſchrak und zögerte; erſt auf einen Wink ihres Vaters ſtand ſie auf, um zu öffnen. Als die Thüre ſich in ihren Angeln drehete, ſtieß Gertrud einen Schrei aus und ſtützte ſich wankend an die Wand. Ihre Furcht ſchien die Schreckens⸗ geſtalt herbeigerufen zu haben. Der deutſche Herr ſtand auf der Schwelle. hübſche dann wende⸗ ni ninin en Ihr N Vater lb ihrem vand die Hei⸗ b kehrte zu⸗ neuem vor Achtes Kapitel. h blaß und— dem ſhhrecli⸗ Das Käſtchen.* ge über⸗ 6 C 9 ℳ 3 k Lbei⸗ Gertrud erkannte auf den erſten Blick den räth⸗ — ſelhaften ſchrecklichen Menſchen, der eine ſo ſeltſame beſchrie⸗ Rolle in der Erzählung des jungen Franz ſpielte, und ſie blieb unbeweglich, ohne ihren Schrecken zu verheimlichen, an der Thüre ſtehen. „Wohnt hier Hans Dorn, der Kleiderhändler?“ fragte der deutſche Herr, eh er über die Schwelle ſchritt. tt — 55 abei nahm er mit ernſter Höflichkeit ſeinen Hut ab und zeigte ſeine ſtolze Stirn, auf welcher die töffnen. durchwachte Nacht kein Soln von Ermattung zu⸗ te, ſtieß rückgelaſſen hatte. Es war eine reine faltenloſe ankend Stirn, von üppigen Locken ſchönen ſchwarzen Haars 5 umwallt. Gertrud ſah dieſes edele Geſicht in ihrer Angſt an, ſchlug die Augen nieder und wagte nicht zu antworten. 8* 114 Der Baron von Rodach that einen Schritt über die Schwelle. Sein Blick, der ſich auf Gertrud richtete, war mild wie der eines Vaters. „Mein ſchönes Kind,“ ſagte er,„ich bin nun zu Ihnen hereingetreten, ohne Ihre Antwort abzu⸗ warten. Sie haben mich vielleicht vergeſſen, aber ich erkannte Sie ſogleich wieder, weil ich mich Ihrer guten Mutter erinnere, deren Züge Sie haben wie wahrſcheinlich auch das Herz.“ Gertrud ſchlug ihren ſchüchternen Blick zu ihm auf. Rodach lächelte. Es lag in dieſem Lächeln eine gewiſſe liebkoſende Zäͤrtlichkeit. Wäre die Furcht Gertruds nur die ſcheue Verlegenheit ihres Alters geweſen, ſo würde ſie durch dieſes offene Lächeln ſchnell verſcheucht worden ſein; aber der Kopf Ger— truds war in dieſem Augenblicke voll von fanatiſcher Angſt. Ihre Augenlider ſenkten ſich von neuem. Rodach betrachtete ſie nochmals einige Augen⸗ blicke. „Arme Gertrud!“ flüſterte er und er dachte da nicht an das Mädchen, das in aller Kraft der Jugend vor ihm ſtand, ſondern an die andre Gertrud, an die arme Tochter Deutſchlands, die ſonſt auch ſchön, jung und lächelnd geweſen, jetzt aber todt war. Eine ganze ferne Vergangenheit kehrte ihm mit dieſem Gedanken zurück, aber er hatte keine Zeit ſich n Schritt üͤber h auf Gertrud ich bin nun twort abzu⸗ ggeſſen, aber ich mich Ihrer — — Sie haben wie R zBlick zu ihm dieſem Lächeln Wärr die Furcht t ihres Alters offene Lächeln der Kopf Ger⸗ von fanatiſcher neuem. einige Augen⸗ ader dachte da raft der Jugend eGertrud, an onſt auch ſchön, todt war. kehrte ihm mit te keine Zeit ſich 115 mit ſolchen Träumen zu beſchäftigen und er fuhr nach einer kurzen Pauſe fort: „Wo iſt Ihr Vater, mein Kind?“ Gertrud zeigte mit dem Finger auf die halb offene Thüre. Der Baron von Rodach bückte ſich und druͤckte einen Kuß auf die Stirn des jungen Mädchens, das noch bleicher wurde und wankte, als wenn ſich alles Blut in ihr bei der Berührung dieſes gefürchteten Mannes nach dem Herzen zurückgezogen hätte. Rodach trat in das Stübchen Dorns hinein und Gertrud ſetzte ſich in einer Ecke nieder, in welcher ſie ſich ſtumm und ſtill verhielt. Dorn ſtand bei dem Anblicke Rodachs ſchnell und ehrerbietig auf; der Baron nahm den Stuhl, auf welchem ſo eben Franz geſeſſen hatte und der Kleiderhändler blieb vor ihm ſtehen. „Gnädiger Herr,“ ſagte er,„das Kind war hier.. „Ich weiß es,“ antwortete Rodach.„Eben als er in ſeinen Wagen ſtieg, hielt der meinige vor Ihrem Hauſe an.“ „Hat er Sie geſehen?“ „Nein.. Ich ließ ihm, ehe ich ausſtieg, Zeit ſich zu entfernen.“ „Er hat mir Alles erzählt,“ fuhr Dorn fort, „und was er nicht enträthſeln konnte, errieth ich. 116 Sie ſagten, Sie würden ihn retten und Sie haben ihn gerettet.. Sie haben aber auch eine Wunde erhalten.“ „Der Degen hat meine Achſel geſtreift,“ ant⸗ wortete Rodach;„einige Tropfen Blut an meinem Hemd, weiter nichts. Machen Sie die Thüre zu, Freund Dorn, denn wir haben von ernſten Dingen zu reden.“ Der Kleiderhändler ſchob den Riegel vor, dann kam er zu Rodach zurück, der mit der Hand unter den Mantel griff, um einen Gegenſtand zu nehmen, den er unter dem Arme trug. „Sie können ohne Scheu ſprechen, gnädiger Herr,“ ſagte Dorn.„Hier kann uns Niemand ſehen oder hören.“. Der letzte Theil ſeiner Worte war vollkommen richtig; die Thuͤre war ſehr dick und der armen Ger⸗ trud fiel es nicht ein zu horchen. Im Uebrigen irrte ſich der Kleiderhändler. Während er früh unruhig und ängſtlich wartete, war er mehrmals an das Fenſter getreten, um in den dunkeln Flur zu ſehen, welcher nach dem Rotun⸗ denplatze führte. Das Fenſter ſtand halb offen; Niemand achtete darauf, weil der Ofen hinreichte, die Luft trotz der Kühle draußen warm zu erhalten. Die Oeffnung war zwar klein, aber der Wind ſtrich hindurch und hob bisweilen den Vorhang von grol in d blick Klei Stu hinſ wo 117 grobem Muslin, welcher die Nachbarn hindern ſollte, in die Stube zu ſehn. So oft der Wind ſo wehete, blickten zwei große ſtiere Augen in die Stube des 1 a 8 Kleiderhändlers hinein. Ture a Dieſe Augen gehörten Geignolet ‚ der ſeit einer ſeen vidn Stunde nicht vom Platze gewichen war und ſcharf 3 hinſah, weil er immer die Stelle zu entdecken hoffte, . wo Hans Dorn ſeine„Füchſe“ aufbewahrte. vor, dam Seit er die Goldſtücke in der Hand ſeines Bru— Damd unter ders geſehen hatte, war ihm plötzlich dieſer Gedanke zu nahmen, in ſein krankes Hirn gekommen und er träumte von nichts als von Käſten voll Gold. Er wußte recht 5 gnäͤdget wohl, daß jedes dieſer kleinen glänzenden Stücke 1s Niemand einen Haufen großer Sous werth war, die er leiden⸗ ſchaftlich liebte, weil er ſich dafür Branntwein kau⸗ vollkommen fen konnte. armen Ger⸗ In dem Dunkel des kranken Verſtandes ent⸗ lebrigen irrte wickelt ſich bisweilen die Fähigkeit Böſes zu thun mit unglaublicher Gewalt. Da der geſunde Ver⸗ klich wartete, ſtand den Unglücklichen fehlt, ſo erſetzen ſie ihn durch ten, um in den feinen, ſcharfblickenden Inſtinct des Thieres, der dem Notun⸗ bisweilen die Berechnung des Gedankens täuſcht. alb offen; Sie beſitzen eine gewiſſe Schlauheit, die wie eine en hinreichte, Schlange dahinſchleicht, wohin die Stärke nie gelan⸗ zu erhalten. gen würde; ſie haben den feinen Sinn des Wilden, 84 2 welcher auf der Spur ſeiner Beute nachkriecht. Nichts von dem, was die Leidenſchaft der andern * ber der Wind Vorhang von Menſchen zügelt, hält ſie zurück; nichts lenkt ihre Aufmerkſamkeit von dem begehrten Gegenſtande ab; ſie haben die Scham nicht, die zurückhält, wohl aber die ſtegreiche Geduld der Schlauheit. Geignolet lag auf ſeinen beiden Knien da und hielt die Augen an die Fenſterſcheiben gedrückt. Mit ſeinem befeuchteten Finger hatte er eine lichte Stelle in die dicke Staubſchicht gemacht, welche die Fenſterſcheiben bedeckte und den groben alten Lein⸗ wandvorhang ein wenig emporgenommenz ſo lauſchte er ohne Aufhören. Das vergebliche Warten erſchöpfte ſeine Unge⸗ duld nicht. Er blieb da wie ein Wolf auf der Lauer unnd bemerkte nicht, wie die Zeit verging. Von Zeit zu Zeit murmelte er einen Vers von ſeinem ſeltſamen Liede, in welchem er von„Füchſen“ und Branntwein ſprach. Er hatte Franz neben dem Kleiderhändler ſitzen ſehen, aber als der junge Mann den Preis für ſeine Garderobe hinzählte, hatte ihm der unbewegliche Vorhang den Anblick des Geldes verborgen. Er hatte noch nicht bemerkt was er ſuchte und ſo wartete er. Als der Kleiderhändler wieder vor Rodach Platz genommen hatte, ſchlug dieſer ſeinen Mantel aus einander und ſetzte ein Käſtchen mit ledernem Deckel, auf den Zul ſah der begann aber de bar ma Dorns de eine B ₰ T legte Minu deſſen die S J käſtch / ſagte unerſe Man uns 1 berüh leucht beſeel meine des lenit ihre enſtande ab; ) t, wohl aber eer eine lichte welche die alten Lein⸗ az ſo lauſchte ſeine Unge⸗ uf der Lauer 1 Ms en Vers von n„Füchſen“ händler ſizen s für ſeine bewegliche raen er ſuchte und Rodach Platz n Mantel nit ledemem 119 Deckel, der mit ſilbernen Stiften beſchlagen war, auf den Tiſch. Zum erſten Male ſeit er auf ſeinem Poſten war, ſah der Blödſinnige etwas ſchimmern und ſein Auge begann zu glänzen; in demſelben Augenblicke hörte aber der ſchwache Wind auf, der ſich bisweilen fühl⸗ bar machte, und der Vorhang fiel an dem Fenſter Dorns wieder herunter. Der Blödſinnige grunzte ärgerlich und er machte eine Bewegung, als wolle er ſich hinausſtürzen. Dann zog er die Beine unter ſich zuſammen und legte die Augen noch dichter an die Scheibe. Einige Minuten lang ſah er nichts als den groben Muslin, deſſen unbewegliche Falten ihm das Hineinſehen in die Stube Dorns unmöglich machten. Rodach hatte ſeine Hand auf das kleine Leder⸗ käſtchen gelegt. „Zuerſt wollen wir von dem Kinde reden,“ ſagte er.„Sie haben Recht, Dorn; es hat ein unerſchrockenes muthiges Herz. Ich ſah den jungen Mann im Fechtſaale und möchte ſchwören, daß wir uns nicht geirrt haben. Als ſeine Hand den Degen berührte, glaubte ich in ſeinem Auge den Blitz auf⸗ leuchten zu ſehen, der den Blick meines Vaters beſeelte. Einen neuen Beweis habe ich nicht, aber meine ganze Liebe ſtrebt ihm entgegen und das Blut 120 der alten Grafen bebte bei ſeinem Anblicke in meinen Adern.“ „Die Stimme des Herzens lügt nicht,“ ant⸗ wortete Dorn;„und was Sie empfunden haben, fühlte ich auch. Sie ſind aus dem Blute der Herrn und ich bin nur ein armer Diener. Ich habe nicht das Recht zu ſagen, daß ich das Kind eben ſo liebe wie Sie, aber mein Leben gebe ich hin, wenn es nöthig iſt.“ Der Baron reichte ihm die Hand, aber ſeatt ſie zu drücken, führte ſie Dorn an ſeine Lippen. „Er bedarf der Liebe der Diener ſeiner Väter ſehr,“ entgegnete Rodach;„Ihre Ergebenheit wird auf die Probe geſtellt werden, Freund Dorn, denn man hat Schlingen um ihn her geſtellt und er wird mit dem blinden Vertrauen ſeines Alters in jeden Hinterhalt fallen. Haben Sie ümge Freunde, auf die Sie rechnen könnten?“ Dorn antwortete nicht ſogleich. Er beſann ſich. „Ich habe Kameraden,“ ſagte er endlich, „denen ich Alles anvertrauen würde, was ich mir durch meine Arbeit verdient habe, Alles was für das Glück meiner Tochter beſtimmt iſt.“ „Wer ſind ſie?“ „Deutſche gleich mir und ehemalige d iener von Bluthaupt, Hermann, Fritz, Johann..“ Dann hielt er inne und ſchien nachzudenken. Ich „ Johann anvertral „Un Dorn die der⸗ Wirthsh „E klingen danken, Vaterla mit jed prüfen rungen treu ar wieder in Ge L ſein h von n „ fragte / gen Zeit ſeit j Nach n meinen nicht aht, ant⸗ nl unden een hab de der Herrn Ich habe ſo liebe in, wenn es aber ſtatt ſie ſeiner Väter it wird Dorn, denn der wird er beſann ſich. endlich, was ich mir 3 was für Diener von Dann 121 „Ich weiß nicht,“ fuhr er dann fort,„dem Johann würde ich vielleicht mein Vermögen auch anvertrauen, aber das Kind iſt koſtbarer als Gold.“ „Und nach Johann?“ fragte der Baron.— Dorn nannte noch vier bis fünf andere Namen, die der Männer, welche am Abend vorher in dem Wirthshauſe zur Giraffe verſammelt geweſen waren. „Es iſt gut,“ ſagte Rodach,„dieſe Namen klingen gut in meinem Ohre und wir müſſen Gott danken, daß er ſo viele brave Deutſche fern vom Vaterlande zuſammengeführt hat. Sprechen Sie mit jedem einzeln und vorſichtig; horchen Sie und prüfen Sie, bis zu welchem Grade ſie den Erinne⸗ rungen, welche mit jedem Tage ſchwächer werden, treu anhängen. Thun Sie es aber bald, denn, ich wiederhole es, das Leben des Kindes ſchwebt immer in Gefahr.“ Dorn, der ſeit dem Weggange des jungen Franz ſein heiteres Geſicht wieder erhalten hatte, wurde von neuem beſorgt und unruhig. „Iſt das Duell nicht glücklich beſeitiget?“ fragte er. „Der Unglückliche, welcher ſich mit ihm ſchla⸗ gen jollte,„antwortete der Baron,„iſt für lange Zeit kampfunfähig, aber ich habe vieles erfahren, ſeit ich Sie nicht ſah, Freund 2 Dorn. Die ganze Nacht bemühte ich mich um ſeinetwillen und die 122 Arbeit iſt nicht fruchtlos geblieben. Das Duell war kein gewöhnlicher Kampf, ſondern ein kalt vorbe⸗ dachter Mord.“ „Ein Mord?“ rief der Kleiderhändler aus. „Auch hierüber,“ antwortete der Baron,„habe ich noch keine beſtimmten Beweiſe, aber ich bin auch erſt ſeit geſtern hier und kann nicht Alles in einer Nacht thun. Noch dieſen Vormittag werden ſich, wie ich hoffe, meine Vermuthungen in Gewißheit umwandeln.“ Der Baron ſchwieg. Dorn wagte keine beſtimm⸗ ten Fragen an ihn zu richten, aber ſein Blick fragte deutlicher als es ſeine Worte hätten thun können. „Auch dies iſt ein Grund,“ fuhr der Baron fort, der auf ſeine eigenen Gedanken antwortete; „man greift ihn an weil man ihn fürchtet und warum ſollte man den armen verlaſſenen jungen Mann fürchten, wenn er nicht durch ein errathenes Geheimniß Wichtigkeit erhielte? Jene Leute ſind reich und mächtig; er hat nichts und vermag nichts. Wie wäre alſo dieſer Haß zu erklären?“ Rodach ſtieß mit dem Elnbogen das Käſtchen zurück und ſtützte ſeinen Kopf auf die Hand. „Zwanzig Jahre ſind ſeitdem verfloſſen!“ ſprach er leiſer weiter...„Sie werden mich nicht mehr erkennen; als ſie mich ſahen, waren ihre Augen durch die Angſt getrübt und übrigens— das muß ich wohl mich erken bereit ſind niedergeſt Schwerte / Gn nicht, w Rodc verſtande „G tn,„, [Evequ G „₰ Di ſtrenge „iſt de ſchen! die ſch ich m ginnen S des K. richtet Blick, Jaron,„habe er ich bin auch Alles in einer werden ſich, in Gewißhei teine beſtimm⸗ n Blic fragte zun können. hr der. Baron n antwortete; fürchtet und aſſenen jungen in errathenes ne Leute ſind vernag nichts. 1 das Käſtchen Hand. oſſen!“ ſprach ich nicht mehr ihre Augen 123 ich wohl wiſſen— werden ſie mit Gold, wenn ſie mich erkennen ſollten, immer neue Arme finden, die bereit ſind, ihrer Bosheit zu dienen. Iſt Verdier niedergeſtreckt, ſo erhebt ſich ein Anderer und ich werde nicht immer da ſein, um meine Vruſt ihren Schwertern zu bieten.“ „Gnädiger Herr,“ ſagte Dorn,„ich weiß nicht, wovon Sie ſprechen.“ Rodach ſah ihn an, als hätte er die Worte nicht verſtanden. „Goldberg u. C.,“ fragte er ſtatt zu antwor⸗ ten,„wohnen noch immer in der Straße Ville⸗ l'Eveque in ihrem Palaſte?“ „Ja,“ antwortete Dorn. Die Augen Dorns wurden ſtier und verriethen ſtrenges Nachdenken. „Und dann,“ fuhr er mit einem Male fort, „iſt der Degen auch nur ein Mittel.. einen Men⸗ ſchen umzubringen; es giebt zehn ſicherere Mittel, die ſchwerer zu vereiteln ſind. Ich muß es wiſſen,.. ich muß es wiſſen und den Kampf ſogleich be⸗ ginnen.“ Seine ausgeſtreckte Hand ergriff einen Henkel des Käſtchens und zog daſſelbe raſch heran. Dann richtete er auf Dorn jenen forſchenden und ernſten Blick, der in dem Herzen des Kleiderhändlers eine 124 ganze Welt von Gefühlen und Erinnerungen wecken ſollte. „Das iſt die Hoffnung Bluthaupts!“ flü ſterte er. Dorn bückte ſich unwillkührlich und Rodach fuhr fort: „Es ſind die alleinigen Waffen, die ich beſitze, um jene Menſchen zu bekämpfen, welche die Hinter⸗ laſſenſchaft der edeln Grafen an ſich geriſſen haben.. Sie ſind freilich ſehr ſtark und werden nicht leicht zurückweichen; aber mit Hülfe dieſes Talismannes hoffe ich ſie zu beſtegen.“ Dorn machte große Augen und ſah das Käſt⸗ chen an, als wäre es ein übernatürlicher Gegenſtand. „Ich glaube an Sie, Freund Dorn,“ fuhr der Baron von Rodach fort, indem er ihn unverwandt anſah;„wenn ich in der Welt einen treueren und ergebenern Menſchen kennte als Sie, würde ich ihn aufſuchen, um ihm meinen Schatz anzuvertrauen.“ Dorn legte die Hand auf die Bruſt und ſagte dankbar: „Gnädiger Herr, ich ſtehe Ihnen ganz zu Dien⸗ ſten und was mir der Sohn Ihres Vaters anver⸗ traut, werde ich mich mit meinem Leben bewahren.“ „Ich glaube es,“ antwortete Rodach,„und — e ℳ ich uͤbergebe Ihrer Obhut die Hoffnung Bluthaupts. Schweigen Sie darüber gegen Jedermann, auch — gegen- deſſen! mir wä Vertral Sie es und da ſein, ſe Do a „⁸ mich be mir ge R. der üb „ empor keit r Habe ehe ich nicht fragg 125 gegen Ihre Tochter... Ich beginne einen Kampf, deſſen Ausgang ſich nicht vorherſehen läßt... Bei mir wäre dieſes Käſtchen zu ſehr ausgeſetzt; ich habe Vertrauen zu Ihnen wie zu mir ſelbſt; bewahren Sie es. Später komme ich, um es zurückzufordern und dann wird der Name Bluthaupt nahe daran ſein, ſeinen ehemaligen Glanz wieder zu gewinnen.“ Dorn verbeugte ſich ehrerbietig. „Ich nehme es an,“ ſagte er,„und verpflichte mich bei dem Andenken meines Vaters, das was Sie mir geben zurückzugeben, wenn Sie es befehlen.“ Rodach ſtand auf und warf ſeinen Mantel wie— der über die Schultern, um fortzugehen. „Es laſtete auf mir,“ ſagte er, indem er ſich emporrichtete;„jetzt habe ich eine Verantwortlich⸗ keit weniger und ich fühle mein Herz leichter... Habe ich Ihnen noch etwas zu ſagen, Freund Dorn, ehe ich fortgehe?“ Er ſann nach und plötzlich ſagte er: „Ich wußte wohl, daß ich etwas vergeſſen hatte... Ich möchte wiſſen, wo der junge Franz wohnt.“ in dieſem Augenblicke in dem Stübchen Gertruds. 228 nicht daran gedacht, ihn nach ſeiner Wohnung zu fragen.“ Dorn hatte die Thüre geöffnet und befand ſich 8 21 Ich Unglücklicher!“ rief er aus;„ich habe 126 Gertrud ſaß noch immer in ihrer Ecke und ſah von der Seite den Baron an, aber viel ruhiger als vorher. Ihre Verlegenheit war keine Angſt mehr und als ſie die Unruhe ihres Vaters ſah, fühlte ſie ſich ſtark genug, ihm zu Hülfe zu kommen. „Ich könnte dieſe Wohnung erfahren,“ fiel ſie leiſe ein. „Auf welche Weiſe?“ fragte Dorn. Gertrud erröthete. Sie hatte nicht bedacht, was ſie ſagte und wenn ſie nun antwortete, mußte ſie ein Geheimniß verrathen, das nicht das ihrige war, das Geheimniß der Liebe Deniſe's und des jungen Franz, denn ſie dachte an Fräulein von Audemer, als ſie ſagte:„Dieſe Wohnung kann ich erfahren.“ Zum Glück beſitzen die jungen Mädchen, wie unſchuldig ſie auch noch ſein mögen, ſchon etwas von der Schlauheit der Frauen. Gertrud dachte einen Augen⸗ blick nach und dann antwortete ſie: „Herr Franz erzählte von dem Vicomte von Audemer.“ „Da haſt Du Recht,“ fiel der Kleiderhändler getröſtet ein;„wenn Sie warten wollen, Herr Baron, ſo können wir n einer Viertelſtunde die Adreſſe haben.“ Rodach ſah nach ſeiner Uhr. „Ich werde wieder kommen,“ antwortete er. dacht, was ißte ſie ein ge war, das gen Franz, ner, als ſie — n.“ Zum ie unſchuldig s von der einen Augen⸗ vortete er. Oem 1