7 E 1 14— 1„ 7— 02— 2 X deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet —— wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Wer.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. Pf. n„ 2„ 5„=, 1. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 4¾½ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und f defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —,——— —= Leihbibliothek 4 der —— Vivian * d . oder der Mann ohne Charakter. 4 Ke Scecece Aus dem Engliſchen der Miß Edgeworth. 1 — 412 †* 4 6 1 —— — — — Szenen aus dem „ Leben der großen Welt. Aus dem Engliſchenu der Miß Edgeworth. „ Er ſtes Gemälde, Vivian. Sweiter Theil. „ ————— Peſtb, 1814. Bei Conrad Adolph Hartleben. b V b Neuntes Kapitel. — „Wieleicht Herr Vioian,“ ſagte Lady Julia,„ſollte ich mich in dieſem Augenblicke anſtellen, als waͤre mir die Ehre unbekannt, die Sie mir erwieſen haben; vielleicht ſollte ich ab⸗ warten, auch aus ihrem Munde zu erfahren, was ich bereits aus jenem meines Baters vernommen habe, und ſelbſt dann noch uͤberraſcht ſcheinen; allein ich verſtehe mich ſehr wenig auf all' dieſe kleinen Kunſtgriffe der Coquetterie;— als tief betrachte ich unter mir dieſes erzwungene Be⸗ nehmen meines Geſchlechtes, obwohl ich mich deßhalb keineswegs fuͤr entbloͤßt achte von jener beſcheidenen Zurückhaltung, welche ihm zukoͤmmt. in ſo fern ſie uicht unverträglich mit einer andern Tugend iſt, die ich hoch daruͤber ſetze, nämlich mit jener der Aufrichtigkeit. Gegenwärtig und je⸗ derzeit iſt und wird Offenherzigkeit meine einzige — 6— Politik ſeyn. Das Zutrauen, welches ich gegen Sie an den TJag legen will, iſt der ſtaͤrkſte Be⸗ weis, den ich Ihnen von meiner Achtung geben kann und von meiner Erkenntlichkeit fuͤr Ihre Zu⸗ neigung. Es ſteht nicht mehr in meiner Macht mein Herz zu verſchenken; unwiderruflich gehoͤrt es Jemanden an, der meiner Wahl Ehre bringen wird. Ihr Autrag wurde meinem Vater, warum wurde er nicht mir ſelbſt gemacht? Alle Maͤn⸗ ner, mit Ausnahme eines Einzigen, behandeln die Weiber wie Puppen, und wundern ſich nach⸗ her, wenn ſie in der Folge in ihnen keine vernunf⸗ lige Weſen erkennen! Verzeihen ſie mir dieſen Ta⸗ del, der nur zu gegruͤndet iſt, aber, wie ich im Begriffe war Ihnen zu ſagen, Ihr Antrag ver⸗ wickelt mich in die groͤßten Schwierigkeiten, die um ſo ſchwerer zu beſtegen ſind, da ihm mein Va⸗ ter mit ſehr vieler Waͤrme beiſtimmt. Meine Zu⸗ neigung fuͤr ihn iſt lebhaft und ſtark. Vielleicht wuͤrde ich vor einem oder zwe Jahren bei der Unwiſſenheit, in der ich dogmatiſch erzogen wurde, es fuͤr eine Pflicht gehalten haben, mich blindlings dem Willen meiner Aeltern zu unterwerfen, und einen Gatten aus der Hand meines Vaters anzu⸗ nehmen, ohne weder mein Herz noch meinen Kopf zu Rathe zu ziehen, ſeit aber mein Geiſt mehr — 7— aufgeklärt wurde, ſeit ich einen hoͤheren Begriff von der Wuͤrde meines Geſchlechts und groͤßere Hoffnungen des Gluͤckes gefaßt habe, erfuhren meine Begriffe von Pflicht eine große Veraͤnde⸗ rung, und ich ſchmeichle mir den hinlaͤnglichen Muth zu beſitzen, um meine Denkweiſe uͤber die Rechte meines Geſchlechts zu vertheidigen, und das innige Gefuͤhl, welches ich demjenigen zolle, was recht iſt und ſchicklich.“ Vivian wollte etwas ſagen; allein er wußte noch nicht zum Allerbeſten, ob er fuͤr oder gegen die Rechte des ſchoͤnen Geſchlechts ſprechen ſollte. Lady Julia zog ihn aus der Verlegen⸗ heit, indem ſie fortfuhr ihren Ideen freien Lauf zu laſſen.* „Meine Offenherzigkeit gegen meinen Vater wird mich theuer zu ſtehen kommen. Seit ich den Zuſtand meines Herzens kenne, und erſt dann ha⸗ be ich ihn erkannt, als Sie mir Veranlaſſung ga⸗ ben zu glauben, daß Sie ſich im Ernſte an mich ſchließen wollen;— ſeit ich alſo den Zuſtand meines Herzens kennen gelernt habe, ſagte ich meinem Vater unverholen, was ich nur immer da⸗ von wußte. Sollten Sie es glauben; ich wenig⸗ ſtens haͤtte es niemals geglaubt, wenn ich's nicht ſelbſt haͤtte erfahren muͤſſen: Mein Vater, der — 8— wie es Ihnen bekannt iſt, den liberalſten Anſich⸗ ten huldigt, mein Vater, der im geſelligen Um⸗ gang ganz fur die Sache der Liebe iſt, er, wel⸗ cher der Miß Bateman geſtattete mir die neue Heloiſe in die Haͤnde zu geben, war erſtaunt, aͤrgerlich, hoch entruſtet, als er ſeine Tochter das Geſtaͤndniß, die Erklaͤrung ſollt' ich ſagen, machen hoͤrte, daß ihr Herz einem Manne von hoͤchſtem Verdienſte angehoͤre, einem Manne, dem nichts weiter als die Vorzuͤge des Rangs und der Reichthumer mangeln, wofern man anders dieß Vorzuge nennen kann. Mein Vater war mehr erſtaunt, mehr verdrießlich, mehr erzuͤrnt als ich es Ihnen ſagen kann; wüthend wurde er uͤber den einzigen Gedanken, daß ich auf einen Augen⸗ blick nur an etwas anderes als an eine ſchickli⸗ che Unterbringung denken koͤnne, an ein bleibendes Verhaͤltniß, welches ſeine politiſchen Verbindungen verſtaͤrken, und in der großen Welt ſeiner Lieblingstochter Ehre bringen kännte. Ach, die Selbſtfucht und die beſchraͤnkten Anſtch⸗ ten, dieſes Eis uͤber das Herz gezogen, dieſe Un⸗ empfindlichkeit!... Doch ich will nicht, wenn ich von meinem Vater rede, mich von Ehrfurcht und Zaͤrtlichkeit entfernen.— Er liebt mich.— Ich wuͤnſchte ihn noch eben ſo ſehr achten zu koͤn⸗ nen fuͤr nemm liet eine ma den — 9— nen, als ich ihn geachtet habe.— Ich hielt ihn fuͤr erhaben uͤber ſo gemeine Uirtheile. Sollten Sie nicht auch nach ihrem Umgange mit ihm das⸗ ſelbe vermuthet haben? Er ſelbſt hat zuerſt mei⸗ nem Geiſte die Beſchraͤnktheit genommen, wollte der Himmel, er haͤtte mich niemals der ſtrengen Wachſamkeit meiner Mutter entzogen, ſondern lieber in der gluͤcklichen Unwiſſenheit gelaſſen, in der ich empor wuchs! Wozu ſehe ich mich jetzt in einer helleren Sphaͤre, wenn ich nicht Gebrauch machen darf von meiner Vernunft, wenn ich nicht den Gefuͤhlen meines Herzens folgen und der Vor⸗ rechte eines vernünftigen Weſens, eines freien Geſchoͤpfes genießen darf?“ Lady Julia, jetzt die Augen gegen Himmel erhebend, ſchien doch wenigſtens ein ſehr ſchoͤnes Geſchoͤpf zu ſeyn. „Herr Vivian“ fuhr ſie fort,„darf ich hoffen, daß Sie nunmehr uͤberzengt ſeyen, von der Vergeblichkeit aller Verſuche meine Zunei⸗ gung zu gewinnen oder ihr Hinderniſſe in den Weg zu legen; Sie werden ſo großmuͤthig ſeyn, mich ohne Nothwendigkeit jedes Zwiſtes mit mei⸗ nem Vater zu entuͤbrigen. Bin ich dahin gebracht feinen Befehlen ungehorſam zu ſeyn, und die Anbietung eines Eheverhältniſſes auszuſchlagen, —— — 10— das ihm alle erſinnlichen Vortheile zu vereinigen ſcheint, ſo kann nichts anderes als Ungluͤck ent⸗ ſtehen, das mich trifft, ohne Ihnen die minde⸗ ſten Vortheile gewaͤhren zu koͤnnen. Mein Vater wird ſich um ſo mehr der einzigen Verbindung widerſetzen, die mich gluͤcklich machen kann, und der Untergang desjenigen, welcher nach meiner Meinung der trefflichſte aller Menſchen iſt, kann davon die Folge ſeyn. Ich uͤberlaſſe Ihnen die Sorge,“ ſuhr Lady Julia fort,„Ihnen, der Sie in ſolchen Dingen mehr Erfahrung haben, als ich, irgend einen Ausweg anfzuſuchen, um ihre Forderungen zuruͤckzunehmen. Ich werde bei Ihnen noch um eine andere Gunſt nachſuchen, und kann Sie nicht beſſer von meiner Achtung uͤberzeugen, als wenn ich darein willige gegen Sie Verbindlichkeiten zu haben. Ich bitte Sie nicht bloß das Geheimniß, welches ich Ihnen anvertraute, zu bewahren, ſondern auch, wenn der Zufall oder Ihr Scharfſinn Sie in der Folge auf die Entdeckung führte, wer der Gegenſtand meiner Zuneigung iſt, von dieſer Entdeckung kei⸗ nen Gebrauch zu meinem Nachtheile zu machen. Sie ſehen, ich uͤberlaſſe mich gaͤnzlich Ihrem Ehrgefühl und Ihrer Großmuth.“ Vivian entgegnete auf dieß Alles: Be⸗ wege üͤber ſein und weni er au von, lia. nich licht zun it i vert mei che Lie heil erw ich mnigen ch ent⸗ ninde⸗ Tater noung und dde dei ſuchen, ichtung mgegeu — 1 1— weggründe dieſer Art haͤtten eine ſolche Macht uͤber ihn, daß er ſeine Leidenſchaft bezaͤhmen, ſeine eigenen Empfindungen den ihrigen aufopfern, und ſich bemuͤhen werde zu beweiſen, er wolle wenigſtens um jeden Preis ihr Gluͤck ſichern, wenn er auch nicht ſelbſt gluͤcklich ſeyn koͤnne.„Ich habe von Ihnen ſolche Großmuth erwartet,“ ſagte Ju⸗ lia,„und bin erfreut zu ſehen, daß ich mich nicht geirrt habe. Sie gleichen nicht jenen angeb⸗ lichen Liebhabern, welche von Liebe zum Haß, zum wirklichen Haſſe uͤbergehen, ſobald ſie ſich in ihren Hoffnungen getaͤuſcht, oder ihre Eitelkeit verwundet ſehen. Ein Beiſpiel mehr, das zu meiner eigenen Erfahrung hinzukoͤmmt, und wel⸗ ches meine Ueberzeugnng vollendet, daß wahre Liebe frei von Eitelkeit ſey. Ich war ein ſehr eit⸗ les Geſchoͤpf ohne allen Werth bis zu dem Au⸗ genblick, in dem die Liebe mich von der Eitelkeit heilte, ſo wie von tauſend andern Fehlern oder Schwächen. Wie doch dieſe Empfindung das Herz erweitert, die Seele erhebt und veredelt! Mag ich gluͤcklich werden oder ungluͤcklich, ſo habe ich doch wenigſtens dieſe reine Seligkeit ge⸗ koſtet.“ „Bezauberndes Maͤdchen!“ rief Vivian — 1 2— aus,„moͤchten Sie doch niemals gleich mir die Qualen ungluͤcklicher Liebe er fahren.“ „Sie ſind in Wahrheit großmüthig;“ ſagte ſie,„Sie hoͤren mich mit Nachſicht an, Sie waͤn⸗ ſchen mein Gluͤck in dem Augenblick, in dem ich Ihre eigenen Gefuͤhle verwunde. Ohne aber Ih⸗ rer Aufrichtigkeit, Ihrer Empfindſamkeit Unrecht zu thun, ſo erlauben Sie mir Ihnen zu ſagen, daß Ihr Kummer nur voruͤbergehend ſeyn werde. Sie kennen mich, ſo zu ſagen, nur erſt ſeit ge⸗ ſtern, und der leichte Eindruck, den ich auf Ihr Gemuͤth gemacht habe, wird bald verwiſcht ſeyn; allein auf mich iſt der Eindruck einer erſten Liebe mit Huͤlfe der Zeit ſo tief geworden, daß er in mir ſo lange dauern wird, als die Erinnerung. „Ich fuͤrchte,“ ſagte Ju lia ploͤtzlich innehal⸗ tend und erroͤthend,„ich fuͤrchte, ich habe bereits zu viel, allzuviel fuͤr ein Frauenzimmer geſpro⸗ chen. Der Fehler meines Charakters iſt, ich weiß es, und man hat es mir geſagt, daß ich nicht ge⸗ nug von jenem beſitze, was man vorſichtige Zu⸗ rückhaltung nennt.“ Ihre Roͤthe verdoppelte ſich, und ſie ſchien mit Verwirrung bedeckt.„Da habe ich's noch ſchlim⸗ mer gemacht,“ ſagte ſie, das Geſicht mit den Haͤnden verdeckend. Doch einen Augenblick darauf und ſe h jetzt Hen ſichti digen muth fund achte wieſe via Frei Wan eint ſein eini Exte müͤt auf der lis tade ſie ent raf und bemuͤht ſich ihrer ſelbſt zu bemeiſtern, ſetzte ſte hinzu:„Es iſt Zeit, daß ich mich entferne⸗ jetzt da ich Ihnen das ganze Geheimniß meines Herzens enthuͤllt habe. Vielleicht habe ich unvos⸗ ſichtiger Weiſe dieſes Herz geoͤffnet, aber beſchul⸗ digen Sie hierwegen, mein Herr, nur Ihre Groß⸗ muth. Häͤtte ich in Ihnen mehr Selbſtſucht ge⸗ funden, ſo wuͤrde ich auch mehr Vorſicht beob⸗ achtet, und Ihnen nicht ſo vieles Zutrauen be⸗ wieſen haben.“ Lady Inlia entfernte ſich und ließ Vi⸗ vian in anhaltendem Staunen zuruͤck. Ihre Freimuͤthigkeit, ihre Großmuth, ihre begeiſterte Waͤrme, ihre Empfindſamkeit, alles dieſes, ver⸗ eint mit ihrer Schöͤnheit, hatte in unſerm Helden ſeine Liebe und Bewunderung erhoͤht, und er blieb einige Zeit in einer Art von Extaſe. Von dieſer Extaſe ging er in die heftigſte Erſchuͤtterung des Ge⸗ muͤthes uͤber; auf und niedergehend ſchlug er ſich auf die Bruſt in der Verzweiflung, welche ihm der Gedanke verurſachte, daß das Herz Lady Ju⸗ lias unwiderruflich fuͤr ihn verloren ſey; dann tadelte er ſie wegen der Kuͤhnheit, mit welcher ſte ihre Liebe bekannt, erklaͤrt habe: hierauf entſchied er: daß ſie bei all dem Adel ihres Cha⸗ rakters, und dem Glanze ihrer Geiſteseigenſchaf⸗ ———— ————— 1 ten keineswegs das Weib waͤre, welches ein ver⸗ nuͤnftiger Mann heirathen moͤchte. Es lag in ihr etwas zu Nomanhaftes, und allzu Unbeſonnenes. Sie hatte, wie Ruſſel ſagte und ſie ſelbſt ein⸗ geſtand, nicht genug von vorſichtiger Zu⸗ ruͤckhaltung. Ein Verdacht von Eiferſucht⸗ einiges Mißtrauen auf ſeinen Freund ſchlich ſich in Vivians Seele.„Und wie,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„iſt denn Ruſſel mein Rebenbuhler? War er ſchon ſeit laͤngerer Zeit in Geheim mein Nebenbuhler? Sollte es moͤglich ſeyn, daß Ruſ⸗ ſel mit Geſchicklichkeit daran gearbeitet habe, ſich des Herzens dieſes jungen unſchuldigen Ge⸗ ſchoͤpfes zu bemeiſtern, das ihm in gewiſſer Hin⸗ ſicht anvertraut war? Seit er mir von Klugheit vorpredigt, mich gegen Juliens Reize verwahrt, mich beſchwoͤrt, mit einer Erklärung nicht zu ei⸗ len, ſollte er nicht ſeit dieſer Zeir daran arbei⸗ ten mich zu beſeitigen? Nein; es iſt doch unmoͤg⸗ lich; ſchlechterdings unmoͤglich! Und aenn alle Umſtaͤnde, wenn tauſend Zeugen ſich verabrede⸗ ten, um zu bekraͤftigen; ich wuͤrde es dennoch nicht glanben!“ Ganz entſchloſſen nicht ungerecht gegen ſei⸗ nen Freund zu ſeyn, ſelbſt nicht im Innerſten ſei⸗ nes Herzens, wies unſer Held jeden beleidigen⸗ — 15— den Zweifel an Ruſſel hintan, indem er an ſeine langerprobte Rechtlichkeit und an die Waͤrme ſeiner ſtandhaften Freundſchaft dachte. In dieſer Geiſtesſtimmung ging er uͤber den Schloßhof, um ſich nach Ruſſels Zimmer zu begeben, als ei⸗ ner der Freunde der Familie ihn begegnete und anhielt. Es war Herr Mainwaring, der jun⸗ ge Advocat. Er hatte Antheil an Lord Gliſton⸗ bury's Zutrauen, er war ſtolz daranf, und um einen Beweis zu geben, daß er es beſitze, gab er Herrn Vivian zu verſtehen, daß er von ſeinem Antrage unterrichtet ſey; dann wuͤnſchte er ihm Gluͤck zu der Ausſicht auf eine eben ſo vortheil⸗ hafte als angenehme Verbindung. Vivian war keineswegs gefaßt darauf, ſich uͤber dieſen Gegenſtand mit Jemanden zu unterhalten, am wenigſtens aber mit einem Rechtsgelehrten; er hatte noch nicht einmal auf die Mittel gedacht, die er nach Juliens Verlangen anwenden wer⸗ de, um ſeinen Antrag zuruͤckzunehmen. Mit ei nem Gemiſche von uͤbler Laune und Verlegenheit antwortete er in allgenieinen Ausdruͤcken und Ge⸗ meinplaͤtzen, wobei er ſich huͤtete einen beſtimm⸗ ten Sinn damit zu verbinden, und bemuͤhte ſich den läſtigen Mann vom Halſe zu bringen; aher unſer Advocat, der ſich nun einmal an ihn — 16— angeklammert hatte, ſchleppte ihn unterm Arm nach einer Halle, wo er, wie er ſagte, ihm eine wichtige Mittheilung machen wolle. Dieſer Mann war ſchon fruͤher ſehr bemuͤht, Vivian durch angelegentliche Aufmerkſamkeiten und durch ein verbindliches Betragen zu gewinnen, aber ſeine Schmeichelei hatte dem letzteren mehr Gering⸗ ſchaͤtzung als Achtung eingefloͤßt; durch fortge⸗ ſetzten Eifer hatte er es indeſſen dennoch dahin gebracht, Vivian glauben zu machen, daß ſein erſtes Urtheil allzu ſtreng, und Herr Main⸗ waring im Ganzen genommen ein ſehr rechtli⸗ cher Mann von guten Gemuͤthseigenſchaften ſey, obgleich ſein Benehmen nicht gerade zu ſeinem Gunſten einnehme. 1 Nach mehreren wiederholten Verſicherungen ſeiner Achtung und ſeiner Anhaͤnglichkeit fuͤr Herrn Vivian, nachdem er mehrere Male wie⸗ derholt hatte, daß er ſich ſelbſt bloßſtelle durch dasjenige, was er ihm ſagen wolle, nahm ſich Herr Mainwaring endlich die Freiheit ihm zu verſtehen zu geben, daß er aus ſeinem ganzen Weſen ſchließe, es haben ſich von Seite der jun⸗ gen Lady Hinderniſſe erhoben, von welchen man nicht ſprechen ſolle; er wage es aber dennoch ihm zu ſagen, daß dieſe Hinderniſſe ſo lang beſtehen würden, als eine gewiſſe Perſon im Schloſſe waͤre, und als man der jungen Lady erlaubte ſo viele Zeit mit dem Studieren bei ihrem Bruder zuzubringen, wenn er ſich wohl befaͤnde, oder ihn zu pflegen, wenn er krank waͤre. Herr Main⸗ waring fuͤgte hinzu, Lord Gliſtonbury's Blindheit und Unklugheit ſetze ihn in Erſtaunen, da er dieſe Verſon bei ſich im Hauſe behalte, nach den Nathſchlaͤgen, die man ihm unter verdeckten Worten gegeben, und nach allen Beweiſen der an⸗ gewandten Verfuͤhrungskuͤnſte. Vivian unter⸗ brach Herrn Mainwarino, um ihn zu bitten, ihn nicht lange durch leere Umſchweife geſpannt zu halten, ſondern ihm beſtimmt den Gegenſtand ſeines Verdachts zu nennen. Herr Mainwa⸗ ring erſuchte ihn um die Erlaubniß, hiermit ver⸗ ſchont ſich zu halten; er ſchuͤttelte den Kopf, laͤchel⸗ te und ſagte, dieß muͤſſe er dem Scharfſinne der hierbei intereſſirten Perſonen uͤberlaſſen. Vivi⸗ an antwortete: Herr Mainwaring habe Herrn Ruſſel in Gedanken, allein er irre ſehr, wenn er dieſem Abſichten und Handlungen zumu⸗ thete, die nicht in jeder Hinſicht ehrenvoll waͤren. Herr Mainwaring laͤchelte noch einmal und ſchuͤttelte ganz bedenklich den Kopf, darauf ſeufzte er, und ſagte: er wolle hoffen, daß Herr Vivian II. Theit. 2 Vivian Recht habe; es mäſſe ohnehin die Zeit offenbaren, woran ſich hierinfalls zu halten ſey; nur moͤge Herr Vivian, was immer fuͤr ein Ereigniß eintrete, das tiefſte Stillſchweigen uͤber den Nath beobachten, welchen zu ertheilen ſeine Freund ſchaft ihn, vielleicht unvorſichtiger Weiſe, verleitet haͤtte. 3 Kaum hatte ſich Herr Mainwaring zu⸗ ruͤckgezogen, als Capitain Pickering, Herrn Vivian begegnend, ſich ſeiner bemaͤchtigte, das Geſpraͤch auf denſelben Gegenſtand leitete und ihm zu verſtehen gab, daß Herr Ruſſel der gluͤckliche Nebenbahler ſey, der ſich in Ge⸗ heim des Herzens der Lady Julia bemaͤchtigt habe. Obwohl Vivian in Erſtannen gerieth, daß dieſe beiden Herren die nämliche Entdeckung gemacht hatten, oder in Hinſicht auf ihren Ver⸗ dacht derſelben Meinung ſeyen, ſo vertheidigte er doch ſeinen Freund, und erklaͤrte feierlich, daß er fuͤr die Ehre Herrn Ruſſels mit Gefahr ſeines Lebens ſtehen wuͤrde, wofern es noͤthig waͤre. Der Capitain zuckte mit den Achfeln, er ſagte, daß dieß alles ihm eigentlich nichts angehe, und weil Herr Vivian die Sache mit ſo vieler Waͤrme aufnehme, ſo werde er nicht mehr davon ſprechen, denn es fep von ihm — 19— ſehr entfernt, mit Herrn Vivian Haͤndel zu ſu⸗ chen, fuͤr den er eine beſondere Hochachtung he⸗ ge. Rachdem er dieß mit allem Freimuth des Soldaten erklaͤrt hatte, zog ſich Pickeri ug zu⸗ ruͤck, und ſagte, als er ſo eben den Caplan ſah:„Da koͤmmt ein Mann, der Ihnen uͤber die⸗ ſen Gegenſtand mehr ſagen kann, als ſonſt einer von uns, aber Wickſted laͤßt ſeinen Worten nicht ohne Bedacht freien Lauf.“ Vivian, deſſen Rengierde lebhaft auf⸗ geregt, und der ſchon ziemlich verwirrt war, wandte ſich an Herrn Wickſted, der denn verſt⸗ cherte, daß er nichts wiſſe; daß er nichts Ue⸗ bles vermuthe, daß er wenigſtens ſich nicht erlau⸗ ben koͤnne, etwas zu ſagen; daß uͤber ſo haͤckliche Familienangelegenheiten, wie dieſe, Jedermann den Grundſatz haben muͤſſe, mit ſeinen eigenen Augen ſehen zu wollen. Bei dem allen ruͤckte Herr Wickſted mit ſeiner Meinung heraus, und ſagte weit mehr als Capitain Pickering und Herr Mainwaring zu verſtehen gegeben hat⸗ ten. Vivian behaupiete aber noch mit Hitze, ſein Freund Ruſſel koͤnne nichts Tadelnswerthes ge⸗ than haben. Herr Wickſted begnuͤgte ſich das Wort Freund mit emphatiſchem Tone zu wiederholen, 2* — 20— und mit unglaͤubigem Weſen laͤchelnd, überließ er Vivian ſeinen Betrachtungen. Dieſe Be⸗ trachtungen wurden quälend, denn obgleich Vi⸗ vian Ruſſel'n gegen fremde Angriffe verthei⸗ digte, ſo hatte er doch nicht Feſtigkeit des Charak⸗ ters genug, um gaͤnzlich den Verdacht zu verbannen, den ihm die Eiferſucht einfloͤßte, und der durch ſo vielfache und wohl uͤbereinſtimmende Zeugniſſe ge⸗ naͤhrt war. Er fuͤhle nicht mehr den Muth in ſta, gleich jetzt zu Ruſſeln zu gehen, um ihn von ſei⸗ nem mißlungenen Heirathsprojekt zu unterrichten, und ihm ſeine geheimen Empfindungen mitzutheilen. Er entfernte ſich von der Treppe, die nach dem Ge⸗ mache ſeines Freundes fuͤhrte, und beſchloß Ruſ⸗ ſel'n mit eigenen Augen zu beobachten, ehe er uͤber die gegen ihn gerichteten Anſchuldigungen ein Urtheil faͤllte. Aber ach! ſeine Einbildungskraft war ſo beunruhigt, daß er nicht mehr im Stande war, die Dinge zu ſehen oder zu hoͤren, wie ſie wirklich waren. Als Nuſſel und Inlia das erſte Mal wieder in ſeiner Gegenwart zuſammen waren, erſtaunte er, daß er ſo einfaͤltig gewe⸗ ſen ſey, nicht fruͤher ihre wechſelſeitige Zuneigung bemerkt zu haben. Obgleich Lady Julia jetzt ihre guten Gruͤnde hatte, ihre Leidenſchaft zu ver⸗ bergen, ſo offenbarte ſich doch dieſe Leideuſchaft — 21— jeden Augenblick um ſo auffallender vielleicht, als Ju lia ſich angelegentlicher bemuͤhte ſie zuruͤck⸗ zuhalten. Er wußte, daß Lady Julia ſeinen Freund im hoͤchſten Grade liebe, und unglaublich ſchien es ihm, daß dieſem unbekannt ſeyn ſollte, was der gangen Welt aufgefallen ſey. Das ru⸗ hige Weſen Ruſſels, ſeine ſtaͤte Herrſchaft uͤber ſich ſelbſt, machten bald Vivians Jorn re⸗ ge, bald brachten ſie ſeinen Verdacht zum Schwei⸗ gen, manchmal ſchien ihm dieſe Nuhe nur ein Meiſterſtuͤck von Verſtellung, manchmal ein Be⸗ weis von Unſchuld zu ſeyn, die ſich unmoͤg⸗ lich erheucheln laſſe. Es gab Augenblicke, wo Ruſſels freundſchaftliches Benehmen ihn ſo ſehr ruͤhrte, daß er auf dem Punkte war, ſich freimuͤthig zu entdecken, aber ungluͤcklicher Weiſe verhinderte ihn immer ein Umſtand dieſe Abſicht auszufuͤhren. Endlich benuͤtzte Miß Strikt⸗ land, die ſeit einiger Zeit fuͤr Vioian ſehr aufmerkſam geworden war, eine Gelegenheit, ihn in einen etwas abgelegenen Fenſterwinkel zu zie⸗ hen, und nach vielen Verſuchen das Geſpraͤch auf dieſen Gegenſtand hinzuleiten. Nach vielerlei Kopf⸗ verdrehungen und Zuſammenziehungen der Hals⸗ musfeln ſagte ſie unſerm Helden: ſie fuͤrchte ſehr, daß Lord Gliſtonbury's Iuntrauen bei dem — 22— Individuum uͤbel angebracht ſey, welches er zum Erzieher Lord Lidhurſt's gewaͤhlt habe; ſie ſagte, es ſey ihr wohl bekannt, daß Herr Ruſ⸗ ſel die Ehre habe zu Herrn Vivians Freun⸗ den zu gehoͤren, daß aber nichts ſie verhindern koͤnne zu reden, wenn ſie es fuͤr ihre Pflicht hal⸗ te, dieß zu thun; ſie fuͤgte hinzu, daß nach der un⸗ gluͤcklichen Veraͤnderung in den Einrichtungen der Familie ſie keinen Einfluß mehr auf Lady Julia, noch Hoffnung habe, uͤber den Gegenſtand angehoͤrt zu werden, um den es ſich handle; es waͤre demnach das beſte, was ſie thun koͤnne, ſich an den Freund des Herrn Ruſſels zu wenden, der vielleicht in der Lage ſeyn werde, dem gaͤnzlichen Untergange ei⸗ nes Gliedes dieſer ſo edeln Familie vorzubengen. Miß Striftland ließ ſich kein Woͤrt⸗ chen entſchluͤpfen, das einer Anſpielung auf Viovians Neigung fuͤr Lady Julia aͤhnlich geſehen, oder das ihn auf die Vermuthung ge⸗ leitet haͤtte, daß ſie von ſeiner Bitte um ihre Hand etwas wiſſe: ſie druͤckte ſich mit vieler Maͤ⸗ ßigung und Aufrichtigkeit aus, und ſchrieb alle Fehler und Unvorſichtigkeiten Lady Juliens ih⸗ rer neuen Gouvernante, der Miß Bateman zu; ſie aͤußerſte ihren Wunſch, einem großen Un⸗ heile vorzubeugen, nicht aber welches zu verurſa⸗ 5 zum fie uſ⸗ Lun⸗ dern hal⸗ un⸗ der lia, ehört nach Lund dt in ge ei⸗ gen. oͤrt⸗ auf nlich ge⸗ ihre Maͤ⸗ alle 3 ih⸗ nan Un⸗ urſa⸗ chen; dießmal ſchienen ſelbſt ihre Umſchweife und die gewohnte Strenge ihrer werblichen Ueberklug⸗ heit, nicht am unrechten Orte zu ſeyn: weßhalb auch alles, was ſie anführte, auf Vivian gro⸗ ßen Eindruck machte. Indeß vertheidigte er doch Ruſſeln immer noch, und verſicherte Miß Striktland: er koͤnne bei ſeiner Ueberzeugung vom ehrliebenden Charakter ſeines Freundes gar nicht denken, daß irgend eine Verſuchung im Stande waͤre, ſeine Rechtſchaffenheit zu erſchuͤt⸗ tern. Miß S triktland erwiederte, ihre Mei⸗ nung über dieſen Gegenſtand ſey feſt begruͤndet⸗ und es wäre unnutz, ſie zu beſtreiten. So wieder⸗ holte Verſicherungen des gleichfoͤrmigen Glaubens aller Perſonen, die mit ihm uͤber dieſen Gegen⸗ ſtand ſprachen, das Zuſammentreffen ihrer Mei⸗ en jerregten nun in V ivians Gemüch eine Eiferſuc daß er gänzlich unfäͤhig wur⸗ ernun ee zu machen. Er ſuchte A einer e r Stimmm auf, die ganz unpaſſend zu wechſelt leigen 2neläri e war; indeß fand er ihn weder auf ſeinem Zim⸗ mer, noch in den Gemächern des Lord Lidhurſt noch in einer anderen gemeinſchaftlichen Abthei⸗ lung der Zimmer im Schloſſe. Die Kammerfrau der Lady Sarah hoͤrte ihn die Bedienten fra⸗ — 24— gen, wo Herr Ruſſel ſeyn moͤge; ſie zeigte mit u ihm eine Partie des Parks an, welche er vor⸗ nigſa zugsweiſe zu ſeinen Spaziergaͤngen benuͤtzte, und hahen ſagte ihm, daß wenn er ſich dahin bemuͤhen woll⸗ ſel 1 te, er wahrſcheinlich Herrn Ruſſel finden wuͤr⸗ Bir de. Vioian lief dahin, nicht ohne eine gehei⸗ beweg me Andeutung erhalten zu haben, daß auch Lady 1 ſchi Julia dort ſey. So verhielt ſich's auch, beide verwit waren mit einander im Geſpraͤch begriffen. Ih⸗ Rahe ren Blicken durch Baͤume entzogen, naͤherte ſich Vivian und hoͤrte ſeinen Namen ausſprechen. länge „Halten Sie inne,“ ſagte er hervortretend, chrie „Ihre Gebeimniſſe will ich nicht erlauern;; ich bin Ange kein Verraͤther an meinen Freunden.“ aufg Als er ſich auf dieſe Weiſe ausdruͤckte, hef⸗ als tete er auf Ruſſeln Zlicke, aus welchen ſein da S ganzer verhaltener Zorn leuchtete. Erſchreckt durch Nebe dieſe ploͤtzliche Erſcheinung und durch die ſonder⸗ Erſta bare Anrede, noch mehr aber durch ſeine auf wund Juſſeln geworfenen Blicke, ſprang Lady Ju⸗ ſagen lia erſchuͤttert mit einem ſchwachen Schrei auf.— nicht Erſtaunt, aber mit hinlaͤnglicher Geiſtesgegenwart wuͤßs trat Ruſſel Vivian entgegen, und ſag⸗ gelie te:„Sie ſind nicht recht bei Sinnen, mein lie⸗ ber Freund; in dem Zuſtande, worin Sie ſind, than kann ich Sie nicht anhoͤren. Gehen Sie ein wenig nicht — 25— mit mir ſpazieren, um ſich zu beſaͤnftig en. We⸗ nigſtens drei Minuten lang muß man Nachſicht haben mit dem Zorne eines Freundes,“ ſetzte Ruſ⸗ ſel mit einem Laͤcheln hinzu, und bemuͤhte ſich, Vivian eortzufuͤhren; aber dieſer blieb un⸗ beweglich ſtehen. Ruſſels NRuhe, ſtatt ihn zu ſich zu bringen, entflammte nur ſeinen Zorn; ſeine verwirrte Einbildungskraft zeigte ihm in dieſer Ruhe bloß die treuloſeſte Verſtellung. „Sie ſollen mich durch ihre Kunſtgriffe nicht laͤnger mehr taͤuſchen koͤnnen, Herr Ruſſel!“ ſchrie er.„Obgleich ich der letzte war, der die Angen aufthat, ſo ſind ſie mir am Ende denn doch aufgegangen. Warum haben Sie ſich angeſtellt als waͤren Sie mein Rathgeber, mein Freund, da Sie doch wußten, daß Sie mein gluͤcklicher Nebenbuhler waren? Ja, ſpielen Sie nur den Erſtaunten; ſehen Sie mit der Miene der Ver⸗ wunderung und der Unſchuld dieſe junge Lady an⸗ ſagen Sie, daß Sie das Zutrauen ihres Vaters nicht mißbraucht haben; ſagen Sie noch, Sie wuͤßten nicht, daß Sie von ihr bis zum Wahnſinn geliebt werden!“ „Ach Herr Vivian, was haben Sie ge⸗ than!“ ſchrie Lady Julia; mehr konnte ſie nicht ſagen, ſie fiel ohne Bemußtſeyn zu Bo⸗ — 2 6— den. Bei dieſem Anblicke legte ſich Vivians Zorn. „Was habe ich gethan“ wiederholte er, Ruſ⸗ ſeln helfend ſie aufheben.„Ich Elender; ich habe ihr Geheimniß verrathen!— aber ich glaub⸗ te, daß alle Welt es ſchon wuͤßte!— Iſt es möglich Ruſſel, daß Sie nichts davon ge⸗ wußt haben?“ Ruſſel gab keine Antwort; er lief nach einem in der Naͤhe fließenden Bache, um Waſſer zu holen. Vioian war nicht im Stande, der Lady Julia auch nur im mindeſten Huͤlfe zu leiſten, er hatte nicht eine einzige klare Idee. So⸗ bald Lady Julia wieder zu ſich gekommen war, entfernte ſich Ruſſel; Vivian warf ſich ihr zu Fuͤßen; in verworrenen Ausdruͤcken redete er von der Heftigkeit ſeiner Leidenſchaft, von ſeiner Reue, und ftehte Vergebung.„Herr Vivian“ ſagte Lady Julia mit Schmerz und Wuͤrde, „werfen Sie ſich nicht vor mir nieder; erſparen Sie ſich alle dieſe Dinge. Ich kann Ihnen i in die⸗ ſem Augenblicke nicht verzeihen; Sie haben mie eine Schmach zugefuͤgt, die ſich nicht wieder gut machen laͤßt. Ich hatte Ihnen ein Geheimniß an⸗ vertraut, ein Geheimniß, daß nur meinem Va⸗ ter und Ihnen bekannt war.— Sie haben es aufge lieber Denn Welt leicht haben 3ch auvert geopf ſich d nur Unw che; iſt wene che! wurt nach aſſer det e zu So⸗ war, hihr te er einer a n” irde, aren die⸗ mir t gut han⸗ Va⸗ en es aufgedeckt, und wem? Ich wollte, man haͤtte es lieber der ganzen Welt kund gethan als.. Denn was kuͤmmert mich die Meinung der ganzen Welt in Vergleich gegen die ſeinige. Ich bin viel⸗ leicht in ſeiner Achtung verloren, vernichtet. Sie haben mir den empfindlichſten Streich geſpielt. Ich hatte mich Ihrer Ehre, Ihrer Großmuth auvertraut, und Sie haben mich verrathen, hin⸗ geopfert!“ „Entehrender Verdacht!“ rief Vivian aus, ſich vor die Stirne ſchlagend.„Wie konnte ich ihm nur einen Augenblick Gehoͤr geben!“ „Verdacht auf Ruſſel!“ rief Julia mit Unwillen,„Verdacht gegen Ihren Freund, wel⸗ che Bosheit, oder welche Schwaͤche!“ —„Schwaͤche, unwuͤrdige Schwaͤche! Das iſt die ploͤtzliche Wirkung der Eiferſucht, und wenn ſie wuͤßten, Lady In lia, durch wel⸗ che Kunſtgriffe ich zu dieſem Wahnſinne gebracht wurde!„“ „Das kann ich jetzt nicht anhoͤren, Herr Vivian“ unterbrach ihn Lady Julia.„Meine Gedanken koͤnnen nicht bei ſolchen Dingen ver⸗ weilen. Ich werde auf das Vergangene nicht zu⸗ ruckkommen. Was geſchehen iſt, das iſt geſche⸗ hen, was geſagt worden iſt, bleiht geſagt. Sie . — 28— können Ihre Worte nicht zuruͤcknehmen. Sie ſind gehoͤrt, ſind verſtanden worden. Ich bitte Sie, mein Herr, mich zu verlaſſen, und mir die Mu⸗ ße zu goͤnnen daruͤber nachzudenken, was mir zu thun uͤbrig bleibt, wofern ich anders im Stan⸗ de bin, nachzudenken. Ich habe keinen Freund, ich habe Niemanden, der mir rathen wollte oder Foͤnnte. Doch ich habe Sie gebeten, mein Herr, mich zu verlaſſen.“ Vivian war aunſchluͤſſig ob er Lady Juli⸗ en ſagen ſolle, daß ihr Geheimniß mehreren Per⸗ ſonen vom Hauſe bekannt ſey, oder wenigſtens von ihnen vermuthet werde. „Ich ſehe auf der Teraſſe,“ ſagte Vivian „einen Bedienten, der ſo ausſteht, als ob er uns ſuchte. Ich hatte Ihnen etwas wichtiges zu ſagen aber dieſer Menſch— „Milady! Miß Bateman hat mich be⸗ auftragt, Ihnen zu ſagen, Milady, das Lady Playdel, der Oberſt und Sir James im Salon ſeyen, und ſie wuͤnſcht, Milady, Sie moͤchten die Guͤte haben zu ihnen zu kommen; denn Miß Bateman erwartet Sie, Mila⸗ dy, um Verſe abzuleſen. Sie hat mir aufgetra⸗ gen Ihnen dieſes zu ſagen, Milady!“ „Gehen Sie zu ihnen, Herr Vivian, ich kann n Bedien Sie ſchon 2 komme teſchei langſa zu ſey mein! wie ut allem ich b habe gen mein ſem gehor ne un — 29— kann nicht hingehen.“„Milady!“ fuhr der Bediente fort,„Milord ſelbſt verlangt, daß Sie kommen; er und dieſe Herren haben Sie ſchon uͤberall geſucht.“ „Sagt denn meinem Vater, daß ich gleich kommen werde.“—„Gezwungen in Geſellſchaft zu erſcheinen,“ ſagte Julia zu ſich, indem ſie langſam dem Schloſſe zuging,„und genoͤthigt zu ſeyn, ruhig und heiter auszuſehen, waͤhrend mein Herz.. Ach, welches Leben voll Zwang, wie unwuͤrdig meiner, die ich, wie man ſagt, zu allem Guten und Edeln gebildet ſeyn ſoll; aber ich bin nicht mehr Herrin uͤber mich ſelbſt. Ich habe fuͤr nichts Seele mehr als fuͤr einen einzi⸗ gen Gegenſtand. Warum wußte ich nicht beſſer mein Herz zu bewahren? Doch hinweg mit die⸗ ſem Warum, kann ich nicht ſeinen Empfindungen gehorchen, wenn ich mich zu meiner Wahl beken⸗ ne und ſie rechtfertigte?“ Vivian ſtoͤrte Lady Julias Traͤume, in⸗ dem er ihr, als ſie auf der Terraſſe waren, ei⸗ ne Gruppe Koͤpfe bemerklich machte, die aus ei⸗ nem Schloßfenſter ſie ſorgſam zu beobachten ſchie⸗ nen. Das Geſicht der Miß Striktland war am meiſten in die Augen fallend, ſie hing mit der halben Figur beim Fenſter heraus, und als ſie ſich — 30— zuruͤck zog, hoͤrten Vivian und Julia, wie ſie ſagte,„das iſt nicht er, das iſt nicht er?“ Auf einer andern Seite des Schloſſes ſahen ſie an ei⸗ nem Stiegenfenſter den Advocaten, den Capitain und den Caplan, die ebenfalls ſie zu beobachten ſchienen, dann aber augenblicklich verſchwanden. „Sie ſehen alle aus, als ob ſie uns belauern wollten“ ſagte Vivian. „Welche Niedrigkeit!“ rief Lady Julia aus,„ich weiß nicht was demuͤthigender iſt, ſelbſt zu belauern oder ſo belauert zu werden. Aber ich kann nicht glauben, daß ſie Alle mit uns ſo be⸗ ſchaͤftigt ſeyen.“) „Meine liebe Lady Julia terlauben Sie mir dieſen zaͤrtlichen Ausdruck jetzt, da ich alle Hoff⸗ nung verloren habe. Mir ſteht nicht einmal das Recht zu, auf ihre Verzeihung zu hoffen; erlau⸗ ben Sie mir aber, daß ich Ihnen einen Dienſt erweiſe, indem ich Sie auffordere, ſich nicht Ihrer gewohnten Offenherzigkeit zu uͤberlaſſen, ſondern auf Ihrer Hut zu ſeyn. Sie ſchmeicheln ſich, das Geheimniß, welches Sie mir anvertrauten, ſey nur Ihrem Vater bekannt, ich habe aber Urſache zu glanben, daß es von mehreren Perſonen im Schloſſe bereits vermuthet wird, wofern es ih⸗ nen nicht ſogar beſtimmt bekannt iſt. Sie koͤn⸗ wiede Unged ruckge heran lange aber auf, ſanf Ver zen V 0 bitte aber was — 3 1¹— „. 55„ nen verſichert ſeyn, daß ich deſſen ganz gewiß, an i nur zu gewiß bin.“ pirht Lady Julia blieb ploͤtzlich ſtehen, dachte ditain 3 3 4 uchten einen Augenblick nach und rief aus: anden.. So lebe wohl, geliebte Hoffnung, lebe wohl! auten und iſt ſie denn dahin: fort auch mit aller Furcht! „Milady, ich bin von Milord ſchon ulia wieder geſchickt. Er erwartet Milady'n mit elbſt Ungeduld,“ ſagte der Bediente, der ſchon zu⸗ er ich— růckgekommen war. Indeß kam Milord ſelbſt ſo he⸗ heran.. —„Nun denn, Julia, wo warſt du ſo hennie lange?“ ſagte er mit gebieteriſchem Tone; als er c e aber Herrn Vivian ſah, klaͤrte ſich ſeine Stirn Hoff⸗. 2n. il dgs auf, und ſeine Stimme wurde im Augenblicke erlan ſanfter. dienf„Ha, ha! iſt's ſo? Recht gut, ſehr gut zum Ihrer Verwundern, mein gutes Maͤdchen. Wie rei⸗ ndaun zend iſt doch die Einſamkeitl ſagt , di Voltaire; nicht wahr, Here Vivian? Ich mn bitte um Vergebung, daß ich Sie ſuchen ließ⸗ 1 ſen aber Sie wiſſen, eben die Unterbrechungen ſind's, kſach was auf dem Theater macht, daß die verliebten 3 4 Scenen nicht zu langweilig werden, und das es ih⸗ Theater, ſagt man, haͤlt der Natur den Spie⸗ e fin⸗ gel vor. Doch hentzutag gibt's keine Natur, der —— man den Spiegel vorhalten koͤnnte, ſehr ſeltene Faͤlle ausgenommen, wie jener meiner Julia. Wo geheſt du doch ſo geſchwind hin, meine Klei⸗ ne, und uͤberdieß erroͤthend?““ —„Mich duͤnkt, Sie wollen, daß ich der Lady Playdel und dem Sir James Geſell⸗ ſchaft leiſte.“ —„Ja, ja, ich habe nach dir geſchickt, da⸗ mit du gewiſſe Verſe vortrageſt, die ich nicht mehr recht auswendig weiß. Nur hinauf, nur hinauf, wir werden nachkommen, wir haben hier ein Paar Worte zu reden, die dich nichts angehen.“ Lord Gliſtonbury hielt Vivian eine gute Stunde lang zuruͤck, und ſetzte ihn in nicht geringe Verlegenheit, da er von Julia redete, und immer dabei annahm, ſie ſey guͤnſtig fuͤr ihn geſtimmt; doch ſetzte er hinzu, ſie haͤtte einen ge⸗ wiſſen Trotz, der ſie vielleicht verleiten wuͤrde⸗ einige Zeit hindurch ſich gegen ihn ſtuͤtzig zu be⸗ nehmen. Hierauf folgte eine Abhandlung uͤber den Trotz, austapeziert mit Citationen und Spruͤchwoͤrtern, dann eine Lobrede, aus dem Munde des Milord uͤber die große Klugheit eben dieſes Milords, und uͤber ſeine umfaſſende Keunt⸗ niß des Menſchenherzens, inſonderheit des weib⸗ lichen; hierauf zur Unterſtuͤtzung des Geſagten Anekd theuer allen dern Fübti einem eehrſe ſeines und d um zi ſich u ohne velch ſie ga war er d und klaͤr hn! ließ dung nen i len e Thei au, zuri 9 eltene 1 lia. Klei⸗ h der eſell⸗ „da⸗ mehr nauf, Paar eine nicht dete, r ihn en ge⸗ urde u be⸗ uͤber und dem eben ennt⸗ weib⸗ agten Anekdoten, ſich beziehend auf die galanten Aben⸗ theuer, deren Zeuge er ſeit dreißig Jahren in allen Volksklaſſen war, nebſt Bonmots und an⸗ dern Verzierungen des Vortrags von ganz eigner Fabrikation, endlich etwas Sentimentales nebſt einem bischen Moral und ein Paar philoſophiſchen Lehrſätzen, um erſichtlich zu machen, daß er trotz ſeines lockern Lebens doch ein tiefer Denker war, und daß er, obgleich er nicht Zeit genug hatte um zu leſen, vermittelſt ſeines eignen Genies ſich uͤberall geholfen habe, ſo daß er allgemach, ohne ſelbſt zu wiſſen wie, Dinge einſehen lernte⸗ welche Andere nicht zu faſſen vermochten, und wenn ſie ganze Jahre hindurch ſtudierten. Herr Vivian war verpflichtet dieß alles anzuhoͤren, waͤhrend er vor Ungeduld brannte ſich vor ihm zu retten und Ruſſeln zu ſuchen, gegen dem er ſich er⸗ kläͤren wollte. Endlich ließ Lord Gliſtonbury hn los, aber das half nicht viel, denn Ru ſſel ließ ſich nicht ſehen, und man erhielt die Mel⸗ dung, daß er mit einigen wiſſenſchaftlichen Perſo⸗ nen in einer kleinen Stadt ſpeiſe, die etliche Mei⸗ len entfernt lag. Vivian brachte den groͤßten Theil des Tages in Lord Lidhurſts Gemaͤchern zu, um Ruſſeln zu ſprechen, ſobald er wieder zuruͤck anlangte. Endlich kam er wirklich nach Vivian II. Theil. 3 — 34— 1 Hauſe, bedeutete aber den Bedienten dem Herrn Vivian, falls er um ihn fragte, zu ſagen, daß er ihn fuͤr dieſen Abend nicht ſehen koͤnne. Umſonſt pochte Vivian an ſeiner Thuͤre, er wurde nicht eingelaſſen, und legte ſich mit dem Vorſatz zu Bette, den morgenden Tag zeitlich aufzuſtehen, um mit ſeinem Freunde zu reden, von ihm Ver⸗ zeihung zu erhalten und ihn um einen Rath fuͤr ſein kunftiges Benehmen zu bitten. derrn daß ſonſt nicht 6 zu ihen, Ver⸗ fuͤr Zehntes Kapitel. — Ugewißheit⸗ Neugierde, Liebe, Eiferſucht und Neue, ſaͤmmtlich Dinge, deren ein einziges hinlaͤnglich ſeyn kann den Menſchen eine ganze Nacht hindurch wach zu halten; dieſe Empfin⸗ dungen beſtuͤrmten wechſelweiſe den armen Vi⸗ voian ſo heftig, daß er mehrere Stunden lang die Angen nicht ſchließen konnte. Als er wie⸗ der erwachte, trat Julias dann Ruſſels Bild vor ſeine Phantaſtie. „Iſt Herr Ruſſel ſchon aufgeſtanden?“ fragte Vivian ſeinen Bedienten, der ihm die Stiefel ins Zimmer trug. „Auſgeſtanden! O, er iſt ſchon lange fort.“ „Fort; wohin?“ „Das kann ich nicht ſagen; doch ja, Herrn Ruſſels Bedienter hat mir geſagt, daß ſein Herr die Poſt nehme um nach dem Norden ab⸗ zugehen, wo er einen alten Oheim beſuchen * 3 — 36— will, der krank geworden iſt. Er hat dieß, mei⸗ ne ich, erſt geſtern von einem der Herren erfah⸗ ren, mit welchen er geſpeist hatte. Ich kanu Ihnen daruͤber nichts Beſtimmtes ſagen; doch da haben Sie einen Brief, den er fuͤr Sie zu⸗ ruͤckgelaſſen hat.“ —„Einen Brief? Gib ihn her; warum haſt du mir ihn nicht fruͤher zugeſtellt?“ —„Meiner Seele, Sie ſchliefen ſo feſt⸗ daß ich Sie nicht erwecken wollte, beſonders weil Sie mich neulich, als ich Sie aufweckte, ſo heftig ausſchalten, und ich habe mich geſtern Abends ſelbſt ſehr ſpaͤt zur Ruhe begeben.“ „Laß mich. Ich werde klingeln, wenn ich dich brauche.“ „An Karl Vivian“ u. ſ. w. „Nach demjenigen, was geſtern vorging, wollte ich Sie nicht ſprechen, weil ich fuͤrchtete, daß ich nicht im Stande wäre es mit gehöriger Gelaſſenheit zu thun. Damit Sie nicht einiges falſch deuten moͤgen, was ich Ihnen etwa letzt⸗ lich geſagt habe, ſo muß ich Ihnen heute feier⸗ lich erklaͤren, daß ich nicht die mindeſte Muth⸗ maßung von jenem Geheimniſſe hatte, das Sie mir entſchleierten, und das ich nur aus Ihrem Mangel an Behutſamkeit und Schonung erfah⸗ ren habe. Kaum kann ich das glauben, was an ſich ſo unglaublich iſt, allein der bloße Zweifel iſt hinlaͤnglich um mir es zur Pflicht zu machen dieſes Haus zu verlaſſen. Haͤtte ich jemals nur im Mindeſten dasjenige vermuthet, womit Sie mich bekannt machten, ſo wuͤrde ich ſchon da⸗ mals das Mittel gewaͤhlt haben, welches ich jetzt ergreife Ich ſage Ihnen dieß nicht um mich zu rechtfertigen, ſondern um Sie zu uͤberzeugen, daß meine Rathſchlaͤge in Hinſicht auf Zuruͤck⸗ haltung im Benehmen und auf Klugheit bloß allgemeine Be merkungen waren.“ „Was mich betrifft, ſo ſcheine ich mich heldenmaͤßig zu benehmen, doch ich ver⸗ achte ein Lob, das ich nicht verdiene. So ſtark auch dieſe Verſuchung Ihnen ſcheinen mag, wie ſie es auch unter andern umſtaͤnden ohne Zwei⸗ fel geweſen waͤre, iſt hier doch mein Widerſtand ohne Verdienſt. Meine Sicherheit verdanke ich weder meiner Klugheit nach meiner Feſtigkeit. Ich will mich hieruͤber noch deutlicher erklaͤren. Wuͤrde ich uͤber meine Denkweiſe und uͤber meine Gefuͤhle einigen Zweifel uͤbrig laſſen, ſo fuͤrch⸗ tete ich die Wohlfahrt einer Perſon zu beein⸗ traͤchtigen, die ich ſehnlichſt gluͤcklich zu ſehen wuͤnſche; aus Theilnahme, aus Erkenntlichkeit fuͤr dieſe Perſon muß ich ge enwaͤrtig Ihnen, Vivian, ebenfalls ein Geheimniß offenbaren, von dem Sie unterrichten können wen ſie wollen und wen ſie es fuͤr dienlich halten. Mein Herz iſt ſeit langer Zeit verſagt. So lange Sie ſich an Miß Sidney anſchloſſen, war ich be⸗ muͤht die Liebe zu üͤberwinden, welche ſie mir einfloͤßte, und ich hoffe, daß mir niemals ir⸗ gende Etwas entſchluͤpft iſt, was eine Spur von meinen verſchloſſenen Gefuͤhlen verrathen haͤtte. Dieſe Erklaͤrung kann in Ihnen heutzutage nicht den mindeſten Kummer, wohl aber die Reue erre⸗ gen, daß Sie ohne Noth einen wahrhaften Freund auf eine unwuͤrdige Art und mit unverzeihlicher Schwaͤche in Verdacht zogen. Obgleich mir der Mangel an Feſtigkeit in Ihrem Charakter ſehr wohl bekannt iſt, obgleich ich geneigt bin einen Fehler zu entſchuldigen, den Zert und Erfahrung gut machen koͤnnten, ſo war ich doch auf den letzten Streich nicht vorbereitet; niemals wuͤrde ich geglaubt haben, daß Ihre Schwaͤche ſo weit gehen koͤnne um den beſten, den langerprobten Freund in Verdacht zu ziehen. Aber endlich bin ich zu der Ueberzeugung gelangt, daß Ihre Seele nicht ſtark genug fuͤr Zutrauen und Freund⸗ ſchaft iſt. Ich beklage Sie und ſehe, daß ich Ihnen nicht weiter nützlich ſeyn kann, auch fuͤhle ich, daß ich nicht weiter Sie zu achten vermag. Leben Sie wohl, Vivian, und moͤgen Sie einen Freund finden, der Ihnen erſetzt H. Ruſſel.“ Vioian kannte Ruſſel'n zu gut um ſich zu ſchmeicheln, daß die letzteren Zeilen bloß in einer Aufwallung von Zorn geſchrieben ſeyen, der ſich gar bald legen wuͤrde. Der ganze In⸗ halt des Briefes zeigte ihm, daß er ſich tief ver⸗ wundet fuͤhle. Sein ganzes Leben hindurch hatte er auf Ruſſel's Freundſchaft gezaͤhlt, wie auf ein ſicheres Gut, das unter keinem Wechſel der Umſtaͤnde, bei keiner Umwaͤlzung in den Ange⸗ legenheiten der Welt, ihm verloren gehen koͤnne, und da er jetzt einen ſolchen Freund durch eigne Schuld verloren hatte, durch eine unwuͤrdige Schwäͤche, ſo war ein Ungluͤck eingetreten, au deſſen Wirklichkeit er kaum glauben konnte. Zu gleicher Zeit erfuhr er auch Ruſſels edles Benehmen in Bezug auf ſeine Perſon und zwar in der ſchwerſten aller Proben, in der bedenk⸗ lichſten Lage, worin das menſchliche Herz ſich befinden kann. Bis dahin hatte Vivian nie — 40— bie mindeſte Ahndung von Ruſſels Liebe fuͤr Selina Sidney gehabt.„Welche Staͤr⸗ ke, welche Herrſchaft über ſich ſelbſt,“ ſagte er zu ſich,„welche Großmuth!— Und ich und ich? 7— Der arme Vivian, ſtets ſuͤndigend und ſtets reuevoll, war ſo verſunken in Kummer uͤber den Verluſt der Freundſchaft NRuſſels, daß er einige Zeit auf das Intereſſe ſeiner Liebe nicht denken, noch auch die Vortheile erwägen konnte, welche aus der Abweſenheit ſeines Re⸗ beubuhlers fuͤr ihn entſtehen koͤnnten, ſo wie aus der feierlichen Erklaͤrung dieſes Nebenbuhlers, daß ſeine Zuneigung unwiderruflich einer ande⸗ ren gewidmet ſey. Allgemach ſtellten ſich indeß dieſe Gedanken Vivianen in Klarheit vor⸗ und machten ſeine Hoffnungen wieder aufleben. Lady Julia, hoffte er, wuͤrde die volle Un⸗ möglichkeit anerkennen, daß Nuſſel ihrer Lei⸗ denſ Gaft entſprechen koͤnnte, ihre Vernunft, ihr Stolz muͤßte ſie mit der Zeit von einer hoff⸗ nungsloſen Liebe heilen, und Vivian war großmuͤthig oder verliebt genug, um zu fuͤhlen, daß der Werth von Julia's Herzen ſich kei⸗ neswegs vermindert, daß er ſich vielmehr in ſeinen Augen durch die Empfaͤnglichkeit vermehrt habe, ſeines Vivi dieſem nunget ſcaft vian er erf fiten klugen fftoyf ſicht ben, unfäl ſamen ich he zu ihl wird Dhne mir ſ ſeyn, ich a unſen Art — 412— habe, welche ſie fuͤr die Verdienſte und Tugend en ſeines Freundes zeigte. Seines Freundes, Vivian wagte es noch jetzt, Ruſſeln mit dieſem Namen zu nennen, denn mit den Hoff⸗ nungen der Liebe hatten ſich auch jene der Freund⸗ ſchaft wieder belebt. „Alles iſt noch nicht verloren,“ rief Vi⸗ vian aus.„Ruſſel wird mir verzeihen, wenn er erfaͤhrt, wie ich von dieſen geſchäftigen Para⸗ ſiten bin bearbeitet worden, und von jener lleber⸗ klugen, welche ihre niedrigen Gedanken mir ein⸗ pfropften. So ſchwach ich auch in mancher Hin⸗ ſicht ſeyn mag, ſo werde ich doch niemals zuge⸗ ben, daß ich des Zutrauens und der Freundſchaft unfaͤhig ſey. Nein, Ruſſel wird jenen grau⸗ ſamen Ausſpruch zuruͤcknehmen. Wenn er, was ich heiß wuͤnſche, gluͤcklich ſeyn wird, und wo⸗ zu ihn auch Selinas Liebe machen muß, ſo wird er mir ſeine Freundſchaft wieder ſchenken. Ohne dieſe Freundſchaft werde ich niemals mit mir ſelbſt zufrieden, koͤnnte ich niemals gluͤcklich ſeyn, ſelbſt wenn ich ſonſt alles erlangte, was ich am meiſten wuͤnſche. Jetzt, wo die wiederaufbluͤhende Hoffnung unſerem Helden neue Schwungkraft gab, wo ſeine Art die Dinge zu ſehen und ſein kuͤnftiges Schick⸗ — 42— ſal zu betrachten, ſich aus Schwarz in Weiß ver⸗ wandelt hatte, wies der Uhrzeiger, der mit ſei⸗ ner gewohnten Regelmaͤßigkeit ſortruͤckte, auf die eilſte Stunde. Schon hatte man Vivian das dritte Mal geſagt, daß das Fruͤhſtuͤck auſgetra⸗ gen ſey. Die erſte Perſon, die er ihm Saale re⸗ 1 den hoͤrte, war wie gewoͤhnlich Miß Bateman, die über eine Frage aus dee Gebiete des Senti⸗ mentalen declamirte, und ſich„in die Hohen des Erhabenen, aber auch in die Tiefen des Abge⸗ ſchmackten“ verlor. Vivian, der ſich um alles, was ſie auskramte, ſehr wenig kuͤmmerte, und der eben ſo weit entfernt war, ihr in ihrer Gegen⸗ wart zu ſchmeicheln als ſie in ihrer Abweſenheit laͤ⸗ cherlich zu machen, wie ſie wechſelweiſe vom groͤßten Theile der Herren Kenner und Schoͤngeiſter erfah⸗ ren und erleiden mußte, die das Schloß beſuch⸗ ten, Vivians Zlicke ſuchten auf allen Seiten die Lady Julia.„Sie fruͤhſtuͤckt heute auf ih⸗ rem Zimmer,“ ſagte Lord Gliſtonbury ganz leiſe, noch eh' Vivian ihren Namen ausge⸗ ſprochen hatte. „Iſt es denn wahr, daß wir dieſen Morgen Herrn Ruſſel verloren haben?“ ſagte Herr Pickering. „Ja,“ ſagte Lord Gliſtonbury,„er iſt geswun den zu hen ſey⸗ kraak li G ℳ Gramz ſagte de eruſthaf dem me 7 pitain Lidh junger von ſei be abe 9 die Be Glif Ton, ihm ſt n ung. mißve vocate eine ſ ſtonb ſichtbe gezwungen geweſen, in aller Eile nach dem Nor⸗ den zu gehen, und ich vernehme, daß es geſche⸗ hen ſey, um einen alten Oheim zu beſuchen, der krank liegt.“ „Lord Lidhurſt wird, fuͤrcht' ich, vor Gram zu Grunde gehen, daß er ihn verloren hat,“ ſagte der Advocat in einem Tone, den man fuͤr ernſthaft oder fuͤr ironiſch nehmen konnte, je nach⸗ dem man ſich's auslegte. „Lord Lidhurſt ſagen Sie,“ rief der Ca⸗ pitain aus,„aber meinen Sie denn im Ernſte Lord Lidhurſt? Niemals habe ich gehoͤrt, daß ein zunger Herr aus Gram geſtorben waͤre, weil er von ſeinem Hofmeiſter getrennt war.— Ich glau⸗ be aber bemerkt zu haben....“ Wir fſind nicht in der Lage zu wiſſen, worin die Bemerkung des Capitains beſtand, denn Lord Gliſtonbury erſchreckte ihn durch den barſchen Ton, mit dem er die Sahne begehrte, die bei ihm ſtand. Alle ſeine Ideen geriethen in Unord⸗ n ung. Weiler indeß bemerkt hatte, daß der Lord mißvergnuͤgt ſey, ſo fuhr er, unterſtüͤtzt vom Ad⸗ vocaten fort von Herrn Ruſſel, jedoch auf eine ſehr vortheilhafte Art zu reden. Lord Gli⸗ ſtonbury ſagte kein Wort dazu, doch war er ſichtbar verlegen. Miß Striktland huſtete — f„ mit laut — gen Bri 3 oder zu drei bis viermal, und ihr Weſen war noch viel pielen, ſtrenger, viel geheimnißvoller als gewoͤhnlich... beliebt. Lady Gliſtonbury nebſt Fräulein Tochter ner Stu item, item. Faſt alle Welt, mit Ausnahme vorhet a der Fremden, die bloß auf Beſuch zugegen wa⸗ nung zu ren, bemerkten, daß etwas Ungewoͤhnliches in der ſch Guri Familie vorgegangen ſeyn müuͤſſe. Gegen das En⸗ 2ndy 6 de des Fruͤhſtuͤcks wurde das Benehmen des ganzen ötrif Cirkels immer gezwaͤngter, und man redete nur ad abgebrochen und beilaͤuſig vom Wetter, vom ur Wind und von der Wahrſcheinlichkeit der baldi⸗ cn gen Ankunft von Briefen aus dem Continent. In⸗ haltung deß Roſamunda, auf nichts acht habend, ſch auf durch ihre Eitelkeit gegen jedes Intereſſe, ſelbſt nachte gegen das der Neugierde geſchutzt, verfolgte ih⸗ net, d ren gewoͤhnlichen Weg, und bewunderte die ſchoͤ⸗ bary nen Sachen, die ſie ſagte. Ihr Patron ſelbſt, gar hal Lord Gliſtonbury, war daruͤber verdrießlich, doch be man hoͤrte ihn zuweilen eines jener geringſchaͤtzi⸗ d gen Worte ausſprechen, die ſo nachdraͤcklich ſind, Viße und, beim Aufſtehen vom Tiſche ſagte er Vivi⸗ ua an in's Ohr: tete „Das iſt mir doch ein Weib, das auf nichts dotos in der Welt denkt als an ſich! Sie kann nichts als reden und wieder reden! Ich fange an ihrer müͤde zu ſeyn.— Meine Herrn,“ fuhr Milord mit lauter Stimme fort,„ich habe dieſen Mor⸗ gen Briefe zu ſchreiben. Sie werden ſich zu Fuß oder zu Pferd promeniren, ſie werden Billard ſpielen, oder uͤberhaupt thun, was Ihnen ſonſt beliebt. Herr Vivian, ich hoffe Sie nach ei⸗ ner Stunde in meinem Cabinete zu ſehen, denn vorher aber habe ich ein kleines Geſchaft in Ord⸗ nung zu bringen.“ Lord Gliſtonbury z09 ſich zuruͤck, ſeine uͤble Stimmung war ſichtlich. Lady Gliſtonbury, Lady Sarah und Miß Striktland ſtießen jedwede einen Seufzer aus, darauf ſahen ſie einander mit Bedeutung an, ſtanden dann auf und entfernten ſich. Bald trennte ſich die ganze Geſellſchaft, und ging den Unter⸗ haltungen nach, wie ihr gefiel. Als Vivian ſich auf den Weg nach den Cabinet des Lords machte, ſah er in der Galerie eine Thuͤre ſich oͤff⸗ nen, die ins Toilettezimmer der Lady Gliſton⸗ bury fuͤhrte. Miß Striktland zog zwar gar bald die Thuͤre zu; allein Vivian harte doch bemerken koͤnnen, daß Lady Julia zu den Fuͤßen ihres Vaters lag, waͤhrend Ladp Gli⸗ ſtonbury und Lady Sarah, wie Statuen rechts und links neben ihm ſtanden. Darauf war⸗ tete Viviaun laͤnger als eine Stunde in Mi⸗ lords Cabinet nicht ohne große Unruhe und — 46— Verwirrung. Endlich hoͤrte er, wie die Thuͤren 7 54 aufgingen, und mehrere Perſonen in Bewegung anf m waren, woraus er ſchloß, der Familienrath muͤſſe V Herr beendet ſeyn. Er legte ein Buch nieder, das er See in den Haͤnden hielt, und worin er ſchon das alle3 ſechste Mal die naͤmliche Seite geleſen hatte, oh⸗ theil. ne ein Wort zu verſtehen. Lord Gliſtonbu⸗ ſenden ry trat, mit Papieren und Pergamenten in der gängic Hand, ein. 4 Allein „Herr Vivian, ich fuͤrchte, Sie warten keiten ſchon allzu lange. Ich bitte Sie tauſend Male daß m um Vergebung; es war mir unmoͤglich fruͤher zu Bäſch kommen. Ich wuͤnſche Sie zu ſprechen.— Wol⸗ macht len Sie ſich nicht ſetzen? Wir werden wohl daran Lord, thun, uns ruhig niederzuſetzen; denn wir haben ſinde nichts zu eilen.“ ein Bei dieſem allen ſchien doch Milord in mein ſtarker innerer Bewegung zu ſeyn, und Vivi⸗ aber an hielt ſich uͤberzeugt, daß ſein Geiſt ſehr an⸗ iſt ei gelegentlich mit einem Gegenſtande beſchaͤftig ſeyn ruche muſſe, da er dießmal nicht wie gewoͤhulich fuͤnf⸗ ſich's zig fremdartige Epiſoden zu Markte brachte eh er Man auf die Sache ſelbſt kam, ſondern ſich nach füͤr ſ dreimaligem Naſenputzen folgender Geſtalt ver⸗ ſchen nehmen ließ: Gatt „Ich wuͤnſche mit Ihnen wegen der Antraͤge ausſ zu reden, die Sie, Herr Vivian, in Bezug auf meine Tochter mir zu machen beliebten. Herr Mainwaring, mein Anwald, ſagt mir, Sie haben ihm den Stand Ihrer Einkuͤnfte und alle Ihr Vermoͤgen betreffenden Papiere mitge⸗ theilt. Von Ihrer Seite iſt Alles in einem paſ⸗ ſenden Zuſtande, und Ihre Vorgaͤnge ſind durch⸗ gaͤngig ungemein rechtlich ſowohl als anſtaͤndig. Allein auf unſerer Seite erheben ſich Schwierig⸗ keiten ſehr ſeltſamer Art, und ich habe erfahren, daß meine Tochter Julia Sie bereits mit der Beſchaffenheit dieſer Schwierigkeiten bekannt ge⸗ macht hat.„Ach, Herr Vivian,“ ſagte der Lord, ſein gezwungenes Weſen ablegend,„Sie ſind ein Mann von Ehre, von Gefuͤhl; es darf ein Vater Ihnen ſein Herz eroͤffnen. Sie ſehen, meine Tochter iſt ein liebenswuͤrdiges Weſen, aber ſie kennt die Welt nicht im geringſten; ſie iſt eigenwillig, romanhaft geſtimmt, ohne Zu⸗ ruͤckhaltung und ohne Vorſicht, mehr als man ſich's denken ſollte. Sie ſind ein vernuͤnftiger Mann, Sie lieben, Sie paſſen in jeder Hinſicht füͤr ſie, und es gehoͤrt zu meinen heißeſten Wuͤn⸗ ſchen, offenherzig geſtehe ich es, ſie als ihre Gattin zu ſehen. Glauben Sie daher ihrem ausſchweifenden, ihrem kindiſchen Sinne nicht, — 43— wenn ſie Ihnes erklaͤrt, ihr Herz ſey bereits ver⸗ ſagt. Hoͤren Sie nicht einmal alle dieſe laͤppi⸗ ſchen Dinge an; wir wiſſen ja Alle, was von der erſten Liebe eines ſechszehnjaͤhrigen Maͤdchens zu halten ſey. Indeß es iſt unſer Fehler;— mein Fehler, weil es die Leute ſo haben wollen; doch was liegt daran wer den Fehler beging,— man hat ſie mit Perſonen umgeben, die nicht gehoͤrig gewäͤhlt waren. Dieß iſt nur allzu⸗ wahr. Indeß kann Alles noch in Ordnung fommen; wenn nur Sie, mein Herr, Feſtigkeit beweiſen und ſie vor ihr ſelbſt retten wollen. Ich werde Ihnen daher den Rath geben....“ Vermuthlich war Lord Gliſtonbury ſchon im Begriff durch das Zuvielſagen die Wir⸗ kung desjenigen zu ſchwaͤchen, was er bereits geſagt, als Lady Julia vortrat, mit vieler Wuͤrde und Entſchloſſenheit auf beide zuging und ſagte:„Mem Vater, Sie haben mir befoh⸗ len Herrn Vivi an noch zu ſehen; ich gehor⸗ che“—„Sehr recht; hieran erkenne ich Ju⸗ lia, mein geliebtes Kind, und ich war uͤberzeugt Sie wuͤrde auch die hohe Meinung zu rechtfertigen wiſſen, die ich von ihr gefaßt habe.“ Lord Gliſtonbury wollte ſie nun zaͤrtlich an ſich ziehen, aber, ohne ihr Benehmen zu ändern 1 ſo vi berg gürt nicht verdi Zwa the preß ſich ſoſ Lor⸗ gan im ohn Eri Lid wir wen de toe wit Gl ſo viel es ihr auch koſtete, ihre Bewegung zu bergen, antwortete ſie: „Ich verdiene ſie nicht die Beweiſe Ihrer Zaͤrtlichkeit, mein Vater; erdruͤcken Sie mich nicht mit der Laſt eines Lobes, das ich nicht verdiene. Ich wuͤnſche Herrn Vivian ohne Zwang und ohne Zeugen zu ſprechen.“ Lord Gliſtonbury ſtand auf; die Roͤ⸗ the ſtieg ihm ins Geſicht, und von Zorn ge⸗ preßt, brachte er kaum die Worte heraus: „Erinnern Sie ſich, Julia; erinnern Sie ſich Lady Julia Lidhurſt; daß, wenn Sie ſo ſprechen, wie Sie es im Sinn haben, ich, Lord Gliſtonbury, Ihr Vater, ich und Ihre ganze uͤbrige Familie Sie aufgeben, Sie fuͤr immer verlaſſen. Dann ſind Sie ein Geſchoͤpf ohne Vermoͤgen, ohne Namen, ohne irgend eine Exiſtenz in der Welt, wohlgemerkt Lady Julia Lidhurſt!“ „Das iſt es, worauf ich gefaßt bin!“ er⸗ wiederte Julia erblaſſend, aber ohne deshalb weniger geſammelt zu bleiben oder an der Wuͤr⸗ de ihres Weſens etwas zu verlieren.„Wohl weiß ich's, von dem, was ich jetzt thun will, wird abhangen, was ich noch beſitze oder nicht, Gluͤck, Verwandte und Vater!“ Vivian 11. Theil 4 — 50— Lord Gliſtonbury blieb noch einen Au⸗ genblick ſtehen, die Augen auf ſie heftend, als wollte er in ihrem Innerſten leſen; aber fern davon, als haͤtte ſie ſeiner Pruͤfung entgehen wollen, ſchien ſie vielmehr willig ſich ſeinem forſchenden Blicke darzubieten. „In Wahrheit, auf dieſes Maͤdchen kann man ſich gar nicht verſtehen,“ rief Milord aus. „Herr Vivian, ich vertraue ſie an Ihrer Ehre, Ihrer Weltkenntniß, Ihrer trefflichen Beurthei⸗ lungsgabe; mit einem Worte, Ihrer Liebe und Standhafligkeit.“ „Und ich, mein Herr,“— ſagte Lady Ju⸗ lia, ſich gegen Vivian wendend, als ihr Vater fort war, und ihn durch Haltung und Gebaͤrde von einer leidenſchaftlichen Rede zu⸗ ruͤckhaltend, die er mit Begeiſterung vorzutra⸗ gen im Begriff ſtand,—„auch ich, mein Herr, vertraue mich Ihrer Ehre an, waͤhrend ich mich weigere Ihre Liebe genehm zu halten. So groß meine Unvorſichtigkeit auch war, als ich Ihnen das erſte Mal mein Zutrauen ſchenkte, ſo viel ich auch durch Ihre unbeſonnene Entſchleierung meines Geheimniſſes gelitten habe, ſo ſehen Sie mich doch entſchloſſen, Ihnen noch ein anderes zu entdecken, das noch wichtiger und fuͤr mich — —·—·——— * — 51— wohl noch demuͤthigender iſt. Sie werden mir aber dafuͤr keine Erkenntlichkeit ſchuldig ſeyn; die Umſtaͤnde nur ſind es, die mich zwingen, Sie entweder zu hintergehen oder mich Ihnen anzuvertrauen. Ich muß Ihre Gattin werden, wenn ich Sie unwuͤrdiger Weiſe betruͤge, oder⸗ Ihnen mein ganzes Zutrauen goͤnnen, und Ih⸗ nen ſagen, daß es nur ſchimpflich fuͤr Sie und fuͤr mich ſeyn muͤßte, wenn ich Ihre Gattin wuͤrde.“ „Was mich betrifft, ſo iſt dieß unmoͤglich,“ rief Vivian aus, und fuͤgte die leidenſchaft⸗ lichſten Ausdruͤcke von Liebe und Bewunderung hinzu. „Hoͤren Sie mich an, mein Herr, und machen Sie mir nicht unuͤberlegte Zuſicherungen, welche Sie ohnehin nur bald bereuen muͤßten. Sie glanben noch mit jener Lady Julia zu re⸗ den, welche ſie geſtern geſehen haben. Nein, Sie haben gar nicht mehr dieſe Perſon vor ſich. Einige Stunden haben eine ſchreckliche Veraͤnde⸗ rung bewirkt. Sie ſehen vor ſich ein Maͤdchen, das bis heute noch der Stolz, der Abgott ihtes Baters war, das im Schoße des Ueberfluſſes lebte, das bewundert, geſchmeichelt wurde bei⸗ nah von Allen, die ihr nahten; ein Maͤdchen * 4 — 52— ſehen Sie vor ſich, das Gluͤck, Nang und die ſchoͤnſten Ausſichten, das Jugend, Feuer und all jenes frohe Selbſtvertrauen beſaß, welches eine guͤnſtige Lage einfloͤßen kann, das, wie ich glaube, gute Abſichten, vielleicht einige Talente und, ich darf es ſagen, ein wohlwollendes Herz in ſich trug, ein Maͤdchen, das vielleicht.— Doch All dieſes iſt voruͤber.— Was liegt an dem, was ſie einſt haͤtte werden koͤnnen.— Sie iſt der ganzeu Welt zum Maͤhrchen gewor⸗ den. Sie iſt gefallen; gefallen unter die Fuͤße Jener, die ſie ehrten, ſte iſt noch unter der Verachtung der Veraͤchtlichen ſelbſt. Und was noch ſchlimmer iſt, ſie iſt gefallen in ihrer eig⸗ nen Meinung um ſich nie wieder zu erheben.“ Lady Julia's Stimme verſagte; ſie war genoͤthigt zu ſchweigen, ſank auf einen Stuhl. und verbarg ihr Geſicht. Einige Minuten lang vermochte ſie weder zu hoͤren noch zu ſehen; endlich aber den Kopf erhebend, wurde ſie Vi⸗ vian gewahr. „Sie ſtaunen, mein Herr! Ich ſehe, daß Sie mich bedauern, halten Sie aber, ich beſchwoͤre Sie darum, Ihre Gefuͤhle zuruͤck, ſchon ſind die meinigen ſo heftig, daß ich es kaum ertra⸗ gen kann. Ach, wollte Gott, mein Daſeyn waͤre noch einige Stunden zuruͤck! Aber ich habe noch gar nicht erklaͤrt, was vorging. So tief ich mich auch herabgelaſſen, will ich doch weder Jemanden taͤuſchen, noch die Mitſchuldige eines Betrugs ſeyn. Sie werden Alles aus meinem eignen Munde erfahren. Als ich heute mit Ta⸗ gesanbruch nicht mehr ſchlafen konnte, ſtand ich mit dem Verdacht, daß Herr Ruſſel das Schloß verlaſſen duͤrfte, auf, und waͤhrend ich mich ankleidete, hoͤrte ich im Hofe Pferdegetoͤſe. Ich ſah, wie der Bediente des Herrn Ruſſel ſein Pferd ſattelte. Einen Augenblick darauf hoͤrte ich ihn, ſeinem Bedienten den Befehl ge⸗ ben, die Pferde zum Gitter gegen die Straße nach Norden zu fuͤhren, und ihn zu erwarten, weil er zu Fuße durch den Park gehen wuͤrde. Ich dachte, daß dieſe die letzten Worte ſeyn wuͤrden, die ich aus ſeinem Mund vernaͤhme.— Run bemaͤchtigte ſich die Liebe meiner gaͤnzlich. — Leiſe ging ich uͤber die Treppe, die von mei⸗ nen Zimmern zu einer Hinterpforte fuͤhrt, und ſo verließ ich, unbeobachtet, wie ich glaubte, das Schloß. Ich lief in das große Eichengehoͤlz, wo Herr Ruſſel durchgehen mußte. Als ich ihn herankommen ſah, haͤtte ich aber die ganze Welt darum gegeben, wenn ich in meinem Zimmer haͤtte — 54— ſeyn koͤnnen.— Nun verſteckte ich mich hinter den Baͤumen. Als er aber ſinnend und ohne auf mich zu achten, an mir voruͤber ging, weil er vermuth⸗ lich glaubte, daß einer von den Lruten des Schloſſes da ſtaͤnde, ſo konnte ich den Gedanken nicht ertra⸗ gen, daß ich ihn wahrſcheinlich das letzte Mal ſehen würde: es entſchluͤpfte mir ein Ausruf,— was fuͤr einer weiß ich nicht, wohl aber daß bei dem Ton meiner Stimme Ruſſel erſchrak, und niemals werde ich ſeinen Blick vergeſſen..... Erſparen Sie mir das Uebrige.— Doch nein, ich werde es mir ſelbſt nicht erſparen.— Ich habe mein Herz, meine Hand angeboten, und beides wurde verworfen! Halb außer mir ſelbſt, ſagte ich ihm, ich wuͤrde nichts achten, weder Gluͤck, noch Rang, noch Aeltern, noch...; daß ich lieber mit ihm in der Dunkelheit leben, als die groͤßte Prinzeſſin auf Erden ſeyn wollte; ich habe Alles dieſes geſagt, ja ſelbſt noch mehr und doch bin ich verworfen worden!— Allein ſelbſt jetzt, in dieſem Augenblicke, ſtatt jenes Verlangen nach Rache zu fuhlen, das, wie man ſagt, das Herz eines zuruͤckgewieſenen Frauen⸗ zimmers erfuͤllt, bin ich nur von Bewunderung fuͤr Ihren edeln Freund durchdrungen. Ich habe ihm nicht Gerechtigkeit wiederfahren laſſen. Zwar bin Wor das beit burch gezn Hof te he meit erkl mich geb ich bin ich nicht im Stande Ihnen ſeine eigenen Worte zu wiederholen, noch ſein Weſen und das ganze Beuehmen zu beſchreiben, welches er bei dieſem Anlaſſe beobachtete; aber er hat mich durch ſeine Beredſamkeit uͤberzeugt, er hat mich gezwungen ins Schloß zuruͤckzukehren. Jegliche Hofſnung hat er mir benommen, mit einem Wor⸗ te hat er Alles vernichtet, was ich zu Gunſten meiner Liebe zu ſagen vermochte, indem er mir erklaͤrte, daß er eine Andere liebe. So hat er mich der Verzweiflung, der Schande Preis ge⸗ geben, und dennoch liebe, achte und bewundere ich ihn als den Erſten unter den Menſchen! Den bewundere ich alſo, der mich verachtet! Ob dieß ſonſt moͤglich iſt, weiß ich nicht, in mir aber iſt es ſo. Ich habe noch nicht Alles geſagt. Als ich ins Schloß zuruückkam, zeigte fich's, daß ich von Miß Striktland war be⸗ lauſcht worden.— Ich begreife nicht, wie ſie Alles wiſſen konnte, was vorgegangen war, viel⸗ leicht mit Huͤlfe eines Spion, der. mir nachgefolgt war ohne daß ich ihn bemerkte, und dieß war auch leicht moͤglich; ich ſah, ich hoͤrte nichts als meine Leidenſchaft. Miß Striktland be⸗ eilte ſich meinen Vater von ihrer Entdeckung zu be⸗ nachrichtigen. Ich mußte zwei Stunden vor einem — 5 6— Familientribunal zubringen. Meine Mutter, mit einer Käͤlte, tauſendmal grauſamer als der gan⸗ ze Zorn meines ungluͤcklichen Vaters, ſagte: ich haͤtte weiter nichts gethan als ihre Prophezeihung in Erfuͤllung gebracht. Jederzeit habe ſie vor⸗ ausgeſehen und es meinem Vater vorhergeſagt⸗ daß ich nur die Schande meiner Familie ſeyn wuͤrde. Doch cs gibt keine Vorwuͤrfe, die denje⸗ nigen glichen, die ich mir ſelbſt mache; ich fuͤh⸗ le, daß ich uner der Laſt meines eignen Ver⸗ dammungsurtheils erliege. Mir iſt, als ob ich nach einem Traume erwachte. Wie groß war nicht die Macht einiger Worte, eines Blickes von Ruſſel? Sie war hinlaͤnglich meine Ideen gaͤnzlich zu veraͤndern. Zwei Stunden des Nach⸗ denkens! zwei Stunden habe ich geſagt? Jahre, ein ganzes Daſeyn, ſind fuͤr mich in dieſen letz⸗ ten Stunden voruͤber gegangen. Nicht mehr bin ich daſſelbe Peſen. Doch nun iſt's zu ſpaͤt— viel zu ſpaͤt.— Ich habe meine eig'ne Achtung verlo⸗ ren. Auf dieſer Welt iſt kein Gluͤck mehr fuͤr mich!“ „Kein Gluͤck mehr fuͤr Sie?“ rief Vi vi⸗ an mit dem Ausdruck der lebhafteſten Theilnah⸗ me aus.„Sie haͤtten Ihre Selbſtachtung ver⸗ loren? Nicht doch, Lady Julia, tadeln Sie ſich nicht ſo ſtreng des Vergang'nen wegen; be⸗ ſchuldi chen K Einen Allem net th wallun Gehei 7 ihn un Troſtg del, der tu vi an genbl gen. zu er mir ſ ne A meine ren H nem meine ren! ich e dieſe ——— ſchuldigen Sie vielmehr die Umſtände, in wel⸗ chen Sie ſich befanden, die Nachlaͤſſigkeit der Einen, die Verkehrtheit der Andern, und vor Allem tadeln Sie mich; bleiben Sie bei mei⸗ ner thoͤrichten, bei meiner ausſchweifenden Auf⸗ wallung ſtehen, die allein Urſache iſt, daß ich Ihr Geheimniß....“ „Ich danke Ihnen“, ſagte Lady Julia ihn unterbrechend und aufſteheud,„aber jeder Troſtgrund wuͤrde nur vergeblich ſeyn. Der Ta⸗ del, welchen Andere verdienten, kann mich we⸗ der troͤſten noch rechtfertigen.“ „Erlauben Sie mir wenigſtens,“ nahm Vi⸗ vi an das Wort wieder,„Ihnen auf einen Au⸗ genblick Etwas von meinen Geſinnungen zu ſa⸗ gen. Erlauben Sie mir Ihnen, Lady Julia, zu erklaͤren, daß das Zutrauen, welches Sie mir ſchenken und das mich ehrt, fern davon mei⸗ ne Anhaͤnglichkeit an Sie zu mindern, vielmehr meine Bewunderuug fuͤr Ihre Offenheit, fuͤr Ih⸗ ren Hochſinn rege gemacht hat, und zwar in ei⸗ nem ſolchen Grade, daß kein Hinderniß mehr meine Beſtaͤndigkeit zu erſchuͤttern vermag. Har⸗ ren werde ich mit inniger Achtung und, wenn ich es vermag, auch mit Geduld, bis die Zeit dieſe ſchmerzlichen Eindruͤcke aus Ihnen verſchwin⸗ den macht. Ich werde nicht darum anſprechen, noch ſelbſt es annehmen, daß Ihr Vater oder ſonſt Jemand von Ihren Verwandten als Ver⸗ mittler auftrete. Alles werde ich von dem Ein⸗ fluſſe Ihrer ſo herrlich herangereiften Vernunft einzig erwarten, und von dieſer meine Beloh⸗ nung durch Ihr Herz hoffen.“ „Sie halten es alſo fuͤr moͤglich,“ ſagte Inlia, Vivian mit vieler Wuͤrde und Feſtig⸗ keit anblickend,„Sie glauben alſo, daß ich, nach dem Geſchehenen, nach allem dem, was ich Ih⸗ nen fagte, mich ſo weit erniedrigen koͤnnte, noch daran zu denken, einſt Ihre Gattin zu werden? Ich habe mich gegen Sie, ſo wie ich es that, deshalb erklaͤrt, um Sie vor dem Ungluͤck einer vergeblichen Anhaͤnglichkeit zu bewahren: ich kenne dieſe Qual und wuͤnſche ſehnlich, ſolche Anderen zu erſparen. Indeß hatte ich noch ei⸗ nen anderen Beweggrund, der ſich mehr auf mich als auf Sie bezog. Ich wuͤnſchte, der Freund Herrn Ruſſels moͤge mich nicht ganz verach⸗ ten, mich nicht ſchlechterdings fuͤr ein bloß ro⸗ manhaftes, tolles und vielleicht unverſchaͤmtes Maͤdchen halten. Zu meinem Unglück hat mein ſehnliches Verlangen im Guten vorzuſchreiten, haben die vortheilhaften Stimmungen meines Her⸗ zells, di liches/ Gute, b nen Unten nen Unte jung wie ausgeſtat liebt, u Schichſal Untergan Gedanke vian, werde di bei einer wird mi horen. ner Sch ter; ich ſeine To ſchlimme daure ich nicht beſ mehr ſe fuͤhlen, dieſes( Vruder zens, die Empfänglichkeit fuͤr Edles und Treff⸗ liches, die Begeiſterung fuͤr das Schoͤne und Gute, bei den Fehlern meiner Erziehung bloß mei⸗ nen Untergang entſchieden und beſchleunigt. Mei⸗ nen Untergang? Ja wohl, ein Frauenzimmer, jung wie ich, angehoͤrend einer edlen Familie, ausgeſtattet mit hochfliegenden Hoffnungen, ge⸗ liebt, wie ich war, mußte dennoch in dem Schickſale, welches ſie ſich ſelbſt ſchuf, ſeinen Untergang finden. Kaum vermag ich's dieſen Gedanken zu ertragen! Leben Sie wohl, Vi⸗ vian, Sie werden mich nie wieder ſehen. Ich werde die Erlaubniß erhalten, fern von hier, bei einer meiner Verwandten zu leben. Man wird mich kuͤnftig weder ſehen, noch von mir hoͤren. Mein Ungluͤck wird, wie ich hoffe, mei⸗ ner Schweſter nuͤtzlich ſeyn koͤnnen. Mein Va⸗ ter; ich beklage ihn, er liebt mich; er verliert ſeine Tochter fuͤr immer; ach es iſt wohl noch ſchlimmer als der Verluſt. Meine Mutter be⸗ daure ich nicht weniger; obgleich ich ihre Liebe nicht beſaß, ſo wird ſie doch fuͤr mich leiden, mehr ſelbſt als mein Vater wird ſie die Schmach fuͤhlen, die auf die Familie zuruͤckfaͤllt, wenn dieſes Geheimniß offenkundig ſeyn wird. Mein Bruder, o mein theurer Bruder! noch weiß er — 60— nichts von Allem. Aber warum betruͤbe ich Sie, indem ich Ihnen meine herbe Seelenangſt offenbare? Vergeſſen Sie, daß Lady Julia je⸗ mals exiſtirt hat. Ich wuͤnſche Ihnen das Gluͤck, fuͤr welches ich keine Genußfaͤhigkeit mehr habe; ich wuͤnſche, daß Sie ein Herz verdienen und erhalten moͤgen, das wahre Liebe zu fuͤhlen ver⸗ mag. Leben Sie wohl! Ä weitere; und den ſelbſt nen de, hiel als möe Er befre Gegenw indem er tigung v nen Gre ſo konnt bringen hatte es brigens ry's B ihm die Silftes Kapitel. I gerzenat daß fuͤr die Zukunft jeder weitere zudringliche Verſuch nur vergeblich ſeyn, und den Unmuth Lady Julia's mehren, ihm ſelbſt neue Unannehmlichkeiten verurſachen wuͤr⸗ de, hielt es Vivian fuͤr das Beſte, ſich ſobald als moͤglich von Gliſtonbury zu entfernen. Er befreite dadurch die ganze Familie von ſeiner Gegenwart, die jetzt nur laͤſtig ſeyn konnte, und indem er ſeinen Aufenthalt ſo wie ſeine Beſchaͤf⸗ tigung veraͤnderte, zerſtreute er auch leichter ſei⸗ nen Gram. Blieb Lady Julia im Schloſſe, ſo konnte ihre Geſellſchaft fuͤr ihn nur Unheil bringen, entfernte ſie ſich aus demſelben, ſo hatte es ohnehin keine Reize mehr fur ihn. Ue⸗ brigens fand er ſich durch Lord Gliſtonbu⸗ ry's Benehmen beleidigt, der die Abſicht hatte ihm die Wahrheit zu verbergen, und der ohne — 62— Ruͤckſicht auf das, was recht und ehrenvoll ſey, bloß darauf bedacht war ſeine Tochter auf eine vortheilhafte Art zu unterbringen, und ſeiner Familie eine einflußreiche Verbindung zu ver⸗ ſchaffen. Zu alle dieſen Gruͤnden geſellte ſich das ſehnſuchtsvolle Verlangen, Herrn Ru ſſel zu ſe⸗ hen und ſich mit ihm auszuſoͤhnen. Die Kraft dieſer vereinten Gruͤnde wirkte fuͤr dieſes Mal mächtig genug, die Vivian zur Gewohnheit ge⸗ wordene Unſchluͤſſigkeit zu uͤberwinden; ſein Bedienter ſah ſich durch den Befehl uͤberraſcht Alles zu ſeiner an der Stelle vorzunehmenden Abreiſe nach London vorzubereiten. Waͤhrend der folgſame Diener ſich bereitete zu gehorchen, aber doch fuͤr gut fand ein bischen nachzuſinnen uͤber die Veranlaſſungen zu einem ſo beſtimmt gegebenen Befehl, begab ſich unſer Held zu Lord Gliſtonbury um von ihm Abſchied zu neh⸗ men. Milord befand ſich im Ankleidezimmer der Lady Julia und war nicht ſichtbar; aber bald kam er in Eile und verſtoͤrt herbei, Vivi⸗ an zu ſprechen. „Welch ein Schlag fuͤr uns Herr Vivian⸗ wie ſchrecklich fuͤr uns alle und beſonders fuͤr mich! Sie war mein Lieblingskind, von ihr er⸗ wartete ich die Erfuͤllung aller meiner Wuͤnſche. Ich ve deckt ſpielt! nen, land nen/ heimnie unſer! iſt zu ſchickt ben, de me Jetzt ſ werde, wieder hatte Schich ſamme ſolle ſ werde iſt an wußt, ſie no Sie o man leul, lſey, f eine ſeiner 1 ver⸗ c das zu ſe⸗ Kraft Mal eit ge⸗ ſein rraſcht nenden brend rchen, finnen ſtimmt u Lord mneh⸗ immer aber Fivi⸗ dian; es fuͤr hhr er⸗ auſche. Ich vernehme, daß ſie Ihnen das Ganze aufge⸗ deckt hat; Ihnen iſt in der That grauſam mitge⸗ ſpielt worden. Unbeſchreiblich war mein Erſtau⸗ nen, als ich die Nachricht von Miß Strikt⸗ land vernahm. Ich habe nicht noͤthig, Ih⸗ nen, Herr Vivian, die Beobachtung des Ge⸗ heimniſſes anzuempfehlen; ſie wiſſen, wie ſehr unſer Hausfrieden davon abhaͤngt. Die Kleine iſt zu eine meiner Verwandten in Devonſhire ge⸗ ſchickt worden. Sie kann nicht mehr hier blei⸗ ben, wir muͤſſen ſie verlieren! Sie iſt die Schan⸗ de meiner Familie, ſie, auf die ich ſtolz war. Jetzt ſagt ſie, daß ſie ſich niemals verheirathen werde, nun auch gut! Aber ich werde ſie nicht wieder ſehen? Auch darauf bin ich gefaßt. Ich hatte ihr erklaͤrt, daß wofern ſie ſich nicht mit Schicklichkeit und Vernunft in ihrer letzten Zu⸗ ſammenkunft mit Ihnen benehmen wuͤrde, ſo ſolle ſie von mir ganz verlaſſen ſeyn: und ich werde ihr Wort halten. Lady Gliſtonbury iſt an all dieſem Urſache; ſie hat niemals ge⸗ wußt, was ſie mit Julia anfangen ſolle, als ſie noch ein Kind war. Eben recht; ich muß Sie auffordern insbeſondere gegen Miß Bate⸗ man behutſam zu ſeyn; denn ſie weiß von Al⸗ lem, was geſchehen iſt, kein Wort. Freilich — 64— waͤre es mir auch außerdem ſehr lieb, wenn Miß Striktland ebenfalls nicht mehr wuͤßte als ſie. In was hatte ſie ſich zu mengen, wer hat ihr befohlen meine Tochter auszuſpioniren? Sie hat ganz Recht, daß ſie die ſtrenge Tugend ſpielt, denn ſie iſt haͤßlich wie die Suͤnde; aber ſie hat uns jetzt in ihren Haͤnden und morgen begleitet fie Julia nach Devonſhire. Das wird mich in einen Zank mit der Miß Bateman ver⸗ wickeln, aber darum kuͤmm're ich mich wenig; denn, wie die Sachen nun ſtehen, werden wir uns um ſo fruͤher von dieſer Roſamunda be⸗ freien und das wird gut ſeyn. Ich werde mich mit ihr halb todt reden müſſen, und das waͤre mir erſpart worden, haͤtte ſie nur ihre Schul⸗ digkeit gethan und uͤber ihren Zoͤgling gewacht. Nicht als ob ich glaubte, daß Miß Strikt⸗ land mehr dazu tauge, ein Maͤdchen von dem Charakter und der Richtung des Geiſtes zu lei⸗ ten, welche Julia's Antheil ſind; im Gegen⸗ theil, ſie wuͤrde noch weniger zu ihrer Erziehe⸗ rin gepaßt haben. Man hat ſich gleich anfangs ganz verkehrt benommen; ich habe dies der Lady Gliſtonbury zu mehreren hundert Malen geſagt. Wird aber das Geheimniß gut bewahrt, und dies haͤngt von Ihnen, mein theurer Freund! ab, chen⸗ Jurl ger, oich. Sie verde dieß Jul lig u heico eben auch glau der fort — u ſton Sit uns Lord beſch ſagt Anc P — 65— ab, ſo werden Sie ſehen, daß das kleine Maͤd⸗ chen, nach einem halben oder ganzen Jahre der Zuruͤckgezogenheit bei unſerm armen Landpredi⸗ ger, ganz demuͤthig und gelehrig zuruͤckkommen wird. Dieß iſt meit Plan, aber Niemand als Sie ſoll meinen Hauptgedanken wiſſen. Ich werde ſagen, daß ich ſie nicht wieder ſehen will: dieß wird Lady Gliſtonbary beſaͤnfrigen und Julien Furcht einjagen, die ſich darauf wil⸗ lig unterwirft. Sie hat geſagt, daß ſie niemals heirathen wird: Poſſen, Poſſen, an die Sie ebenfalls nicht glauben werden. Das waͤre mir auch ein Mann von Welt, der ſolche Faſeleien glauben wollte.“ Vivians Diener kam und hatte wegen der Pferde um Etwas zu fragen.„Sie wollen fort? und wo gehen Sie hin? Sie gehen ab! — und wann, wie, warum?“ ſchrie Lord Gli⸗ ſtonbury als der Bediente weggegangen war. Sie koͤnnen es ja gar nicht im Sinne haben uns zu verlaſſen, Herr Vivian?“ Dieſer ſetzte ſeine Gruͤnde auseinander. Der Lord wollte ihre Soliditaͤt nicht anerkennen, und beſchwor ihn noch einige Tage zu bleiben.„Denn“ ſagte er zu ihm,„ihre Abreiſe wuͤrde in dieſem Angenblick eine üble Wirkung hervorbringen, Vivian II. Theil. 5 — 66— 4 man wuͤrde glanben, die ganze Famiſie ſey in Spaltung, und ſo Etwas zu veranlaſſen, wäre von Ihnen grauſam.“ Lord Gliſtonbury wußte aller Wahrſcheinlichkeit nach ſelbſt nicht, warum er hierauf eine ſolche Wichtigkeit lege, denn mit allem Anſcheine von großer Gewandt⸗ heit und tiefem Blicke war er doch nur ein Kin⸗ deskopf und ein ganz inconſequenter Menſch. Wollte er Etwas, klein oder groß, durchſetzen, ſo war er auch gebieteriſch, wenn ſich's thun ließ, und ging dieſes nicht an, ſo benahm er ſich doch ſo ungeduldig, als ob ſichs um Leben oder Tod handelte. Er vermochte in den vorkommen⸗ den Gegenſtaͤnden keinen Unterſchied zu machen, fuͤr ihn war alles von gleicher Wichtigkeit, und ſelbſt wenn man glaubte, er ſey jetzt ganz in Nachdenken uͤber ein Familienungluͤck verſunken, ſo erhitzte er ſich ploͤtzlich fuͤr eine laͤppiſche Klei⸗ nigkeit als ob er an ſonſt nichts zu denken haͤtte. Weil er nun ſo ſehr in Vivi an drang, wenig⸗ ſtens vier und zwanzig Stunden zu bleiben, ſo glan ubte dieſer, es fey dem Lord hieran auch ſehr viel gelegen.„In ſeinem Zuſtande,“ ſagte er zu ſich,„kann ich ihm ſein Begehren nicht ab⸗ ſchlagen.“ Er willigte demnach ein noch einige Tage hindurch zu bleiben, ohwohl er ußte, daß geue rh dem telbe ſein nach wun chen — 67— daß dieſe Verlaͤngerung des Beſuchs fuͤr ihn nur neuen Mißmuth erzeugen koͤnne. Bei der Tafel kuͤndigte Lord Gliſtonbu⸗ ry der ganzen Geſellſchaft an, daß die Aerzte dem Lord Lidhurſt angeordnet haͤtten, unmit⸗ telbar die Luft zu veraͤndern, und daß demnach ſein Sohn den nächſten Morgen in aller Fruͤhe nach Devonſhire abgehen werde; Lady Julia wuͤnſche dieſe Reiſe mit ihrem Bruder zu ma⸗ chen, und Miß Striktland werde ſie beglei⸗ ten Lord Gliſtonbury entſchuldigte die Abweſenheit ſeiner Tochter mit der zur Reiſe er⸗ forderlichen Zubereitungen. So geſchraubt die Lady's Gliſtonbury und Sarabh auch bei dieſer Gelegenheit waren, ſo fiel es dennoch nicht auf, weil dieß an ihnen etwas Gewoͤhn⸗ liches war. Der Advokat, der Capitain und der Caplan unterließen indeß doch nicht, einan⸗ der bedeutende Blicke zuzuwerfen, und verſuch⸗ ten auch mehrere Male Vivian zur Rede zu bringen und in ſeiner Seele zu leſen, allein ſie fanden ihn undurchdringlich.— Es gab noch eine ſecondaire Intrike, naͤmlich einen Zwiſt zwiſchen der Miß Bateman und Strikt⸗ land, worauf Vivian wenig achtete, und es that ihm gar nicht leid, als die Koſamun⸗ 5 — 5 8— da dem Lord Gliſtonbury erklaͤrte, ſie ſaͤhe ſich genoͤthigt die Familig zu verlaſſen, weil Miß Striktland am Zukrkauen des Lords mehr Theil habe, und nun, ſie wiſſe nicht warum, die Ehre genießen ſolle, Lady Julia nach Devonſhire zu begleiten. Vivian ſtaunte bloß über die Kleinlichkeit der Leidenſchaft, welche die⸗ ſe Art Welt in Bewegung ſetzte, waͤhrend Liebe und Mitleid fuͤr Lady Julia ſein ganzes Ge⸗ muͤth erfullten. Vergebens hoffte er auf eine Gelegenheit ſie noch ſehen und ſprechen zu koͤn⸗ nen. Sie erſchien nicht. Den andern Morgen machte er ſich ſehr zeitig auf, um den Augen⸗ blick zu erlauſchen, in dem er mit ihr zuſammen⸗ treffen koͤnne; er bat Miß Striktland ihm eine kurze Zuſammenkunft mit Lady Inlia zu erwirken, doch die Miß verſicherte, dieſes Ver⸗ langen wuͤrde nur vergeblich ſeyn, und er glaub⸗ te zu bemerken: daß dieſe ſtrenge Duenna, ob⸗ wohl ſie Lady Julias Verblendung uͤber ihren eignen Vortheil zu beklagen ſchien, im Grunde nicht boͤſe daruͤber war, daß ſte auf ihrem Ent⸗ ſchluſſe beharrte. Zur Schonung der Geſund⸗ heit Lord Lidhurſts unterrichtete man ihn von keinem Umſtande, der ihn haͤtte erſchuͤttern koͤn⸗ nen, und als Vivian von ihm Abſchied nahm, beauftragte ihn der armo junge Mann mit tau⸗ ſend fuͤr Herrn R uſſel verbindlichen Dingen. „Es iſt mir ſehr unangenehm, daß er ge⸗ 4 zwungen war mich zu verlaſſen; denn ich mag 1 geſund oder krank ſeyn, ſo iſt außer ihm und 3 Julia doch Niemand auf Erden, den ich lie⸗ 4 ber bei mir zu haben wuͤnſche. Sagen Sie 3 ihm dieſes, und ſagen Sie ihm auch— erinnern 4 Sie ſich genan an meine eignen Worte— daß 1 ich in Leben und Tod von Erkenntlichkeit fuͤr 4 ihn durchdeungen ſeyn werde. Er hat mir Grund⸗ 4 ſaͤtze und Neigungen eingefloͤßt, die ſehr verſchied en 3 ſend von jenen, welche mir eigen waren als er in die⸗ 4 ſes Haus kam. Selbſt in meinem kranken Zuſtande u faͤhle ich den Vortheil der Liebe zu den Wiſſen⸗ 4 ſchaften, welche ich ihm verdanke.— Wenn 3 ich mich ganz herſtelle, ſo hoffe ich ihm einige — Ehre zu machen, und ich ſchmeichle mir, meine 15 Familie werde meine Erkenntlichkeit gegen ihn e mit mir theilen. Julia, meine liebe Schwe⸗ t⸗ ſier, warum weinſt du ſo ſehr?— Haͤtte ich ⸗ dich eintreten geſehen, ſo wuͤrde ich nicht von n meiner Geſundheit geredet haben;— aber iſt's 7 nicht beſſer auf alle Faͤlle nichts zu verhehlen w und die Wahrheit nach ihrem ganzen Umfange ſeinen beſten Freunden zu entdecken?— Doch ich werde es nicht thun, weil ich ſehe, daß du es kaum ertragen kannſt.“ Lord Gliſtonbury ſagte ihnen, Miß Striktland ſey in Bereitſchaft und erwarte ſie.„Herr Vivian,“ ſetzte Milord hinzu, „wollten Sie wohl Lady Julia die Hand geben, um ſie zum Wagen zu fuͤhren?— Ju⸗ lia, Herr Vivian ſteht fuͤr dich in Bereit⸗ ſchaft, Lidhurſt, haſt du den Schluͤſſel zum großen Felleiſen?“ Als Vivian Julia be⸗ gleitete, hatte er ſo viele Achtung vor den Em⸗ pfindungen, welche ſie jetzt wahrſcheinlich erfuͤll⸗ ten, daß er, obgleich er ſehnlichſt gewuͤnſcht hatte ihr nur einige Worte zu ſagen, jetzt gar nicht ſprach. Er fuͤhrte ſie die ganze Lange der Ga⸗ lerie hindurch bis zum Fuß der Treppe am Arm und durch den Hof, ohne das Stillſchweigen zu unterbrechen. Lady Julia ſchien fuͤr dieſe be⸗ ſcheidene Zuruͤckhaltung Sinn zu haben, und in einem Augenblicke, in dem ſie nicht behorcht werden konnten, ſagte ſie zu ihm:„Nicht aus Erbitterung habe ich mich geweigert Sie zu ſe⸗ hen, ſonderu bloß um Sie zu uͤberzeugen, daß mein Entſchluß mit Feſtigkeit ergriffen ſey.— Haben Sie mir etwas zu ſagen, ſo din ich be⸗ reit Sie zu hoͤren.“ war er l ſte faſſe ſten cer mcit — /71— „Darf ich nicht von der Zeit Einiges er⸗ warten?“ ſagte Vivian,„Ihr Vater, ich weiß⸗ er hofft— Alles, um was ich Sie bitte, be⸗ ſteht, darin: keinen vorſchnellen Entſchluß zu faſſen. 4 —„Ich ſage Ihnen bloß Ihres eignen Be⸗ ſten wegen, Sie ſollen ſich nicht mit vergebli⸗ cher Hoffuung ſchmeicheln. Mein Vater kennt mein Inueres nicht wohl; er kann Sie zu einem Irrthum verleiren, aber ich will nicht, daß Sie getäͤuſcht ſeyen. Nach demjenigen, was ich Ih⸗ nen geſtern ſagte, traute ich Ihnen mehr Gei⸗ ſtesſtaͤrke zu, und ich dachte Sie wuͤrden mich nicht mehr in die Rothwendigkeit verſetzen, Ih⸗ nen meine Geſinnungen zu wiederholen. Schlie⸗ ßen Sie ſich anderswo an, ſobald Sie es vermoͤ⸗ gen; ich wuͤnſche aufrichtig Ihr Gluͤck. Miß Striktland erwartet mich. Leben Sie wohl!“ Sie beeilte ſich in den Wagen zu kommen, und als ſie fort war, bereute Vivian ſie wieder ge⸗ ſehen zu haben; er fuͤhlte, daß er ſich nur un⸗ uütze Qualen ernenert habe. Was in den naͤchſtfolgenden Tagen auf dem Schloſſe Gliſtonbury vorging, war ihm bei⸗ nahe unbekannt. An ſeinem Gemuthe konnte nichts haften, als das verworrene Geraͤuſch von d zeuten, die da redeten, lachten, ſich unterhiel⸗ ten, ohne daß er begriff, wie das zuging. In⸗ deß rief er ſeinen Muth zuruͤck, um an Ruſ⸗ ſel zu ſchreiben, ihn um ſeine Verzeihung an⸗ Luflehen und um die Wiederkehr ſeiner Freund⸗ ſchaft zu bitten, die ihm in ſeiner gegenwaͤrtig ſo traurigen Lage zu einem dringendern Beduͤrf⸗ niß als jemals geworden war. Als er dieſen Brief abgeſchickt hatte, verfiel er in einen Zu⸗ ſtand von Unſchluͤſſigkeit, von Hoffnungsloſigkeit ſogar, und war nicht im Stande bei irgend ei⸗ nem Entwurfe fuͤr ſein weiteres Leben zu verwei⸗ len. Er wußte nicht, ſollte er, wenn er Gli⸗ ſtonbury verlaſſen haͤtte, zu ſeiner Mutter, oder zu Herrn Ruſſel gehen, oder in ſeine Amtspflicht beim Parlament eintreten, um da, beſchaͤftigt mit den oͤffentlichen Angelegenheiten, einen neuen Ideengang anzunehmen und mehr Schnellkraft zu gewinnen. Dieß Letztere ſchien ihm auch das Beſte zu ſeyn; aber hundertmal aͤnderte er ſeinen Entſchluß, und gab in der Auf⸗ einanderfolge ein Duzend ſich widerſprechende Befehle, die auf ſeine Abreiſe Bezug nahmen. Endlich gab er ſein Ultimat fuͤr London, und der Wagen ſollte den naͤchſten Morgen um zehn Uhr vor dem Thore in Bereitſchaft ſtehen. Al⸗ — les Nac den êüſc das? wie Sat Mut unle chen dar Ladg Gli die! laug halt Hern dem verle gluc via und Sc rief tee les war zur beſtimmten Stunde in Ordnung. Nach dem Fruͤhſtuͤcke wartete Vivian bloß den Augenblick ab um von Lady Gliſtonbury Abſchied zu nehmen, die in ihren Gemaͤchern das Fruͤhſtuͤck eingenommen hatte. Mit ihrem wie gewoͤhnlich geſchraubten Weſen ſagte Lady Sarah, vom Theetiſch aufſtehend, ſie wolle ihre Mutter von Herrn Vävians Abreiſe vorlaͤuſig unterrichten. Vivian wartetr ein halbes Stuͤnd⸗ chen, es wurden zwei, es wurden drei Stunden daraus und Lady Gliſtonbury erſchien nicht, Lady Sarah kam ebenfalls nicht zuruͤck. Lord Gliſtonbury fing an ſich zu uͤberreden, daß die Damen ſich nicht zeigen wollren. Endlich langte eine Botſchaft von Milady an, des In⸗ halts, ſie bedaure, daß ſie das Vergnuͤgen, Herrn Vivian zu ſehen, entbehren muͤſſe, in⸗ dem ſie zu unpaͤßlich ſey um ihr Appartement zu verlaſſen, ſie und Lady Sarah wuͤnſchten ihm gluͤckliche Reiſe. Im Augenblick der Abfahrt bemerkte Vi⸗ vian, daß er ſeine Handſchuhe vergeſſen habe, und er ging zuruͤck ſie zu ſuchen. Als er alle Schraͤnke oͤffnete und ſeinen Bedienten herbei rief um die Handſchuhe mit ihm zu ſuchen, hoͤr⸗ te er im Nebengemach einen Schrei. Er horchte, hoͤrte aber nichts weiter, und glaubte ſich ge⸗ taͤuſchz zu haben; allein in eben dieſem Augen⸗ blick trat Lady Sarahs Kammerjungfer haſtig herein, und mit ausgeſtreckten Armen Vivian entgegen eilend, warf ſie ſich ihm zu Füßen. „Ach, gnaͤdiger Herr,“ ſchrie ſie,„ſeyen Sie nicht ſo grauſam wegzureiſen. Meine Ge⸗ bieterin, meine Gebieterin, meine arme Herc⸗ ſchaft! Sie werden Lady Sarah toͤdten, wenn Sie ſortgehen.“ „Ich werde Lady Sarah toͤdten? Wie ſo, warum? Ich habe ſie dieſen Morgen in guter Geſundheit beim Feuͤhſtuͤck geſehen.“ „So wiſſen Sie von Allem nichts!“ ſagte das Maͤdchen, aufſtehend und die Thuͤre ſchlie⸗ ßend,„Sie wiſſen nicht, in welchem Zuſtande ſie iſt, ſeit von Ihrer Abreiſe die Rede iſt. Alle Nacht treten Nervenanfälle ein; Milady ihre Mutter und ich, wir ſind beſtaͤndig auf den Fuͤ⸗ ßen um ihr beizuſtehen, aber Niemand im Hauſe als wir, weiß etwas davon. Wohl befunden beim Fruhſtucke? Daß Gott ſich erbarme, Sie wiſſen nicht, was ſie ausgeſtanden hat. Ich moͤchte gar nicht eine Lady ſeyn, wenn ich mich deshalb ſo entſetzlich verlieben und nachher ſo verlaſſen ſehen muͤßte. Und Milady Sarab nu druͤckt das Alles ins Herz zuruͤck, ſo daß wie ohne dieſe Anfaͤlle haͤtten denken koͤnnen, ſie be⸗ kuͤmmere ſich um Sie nicht mehr als wenn ſie von Marmor waͤre.“ —„Und wahrſcheinlich irrt Ihr euch. Ich kann fuͤr die Krankheit Eurer Gebieterin nichts; wenn ſie Nervenzuſtaͤnde hat, ſo thut es mir ſehr leid, aber ich wuͤßte nicht, auf welche Art ich helfen ſollte.— Ganz gewiß, Sie irret ſich!“ —„Mein Gott! ich irre mich? Als ob ich mich darin irren koͤnnte; ich, die ich Mila⸗ dy ſo gut kenne als mich ſelbſt; ich, die ich das Alles ſchon ſeit der Zeit der Wahlen weiß, als alle Welt ſie ſchon mit Ihnen verheirathete, als wir Alle ſchon dachten, daß die Heirath naͤch⸗ ſtens zu Stande kaͤme, und, weiß Gott, war⸗ um ſie iſt verſchoben worden. Ich werde Ihnen ſagen, daß ſie Ihnen ſeit dieſer Zeit ihr Herz geſchenkt hat, obgleich ſie davon weder mir noch ſonſt Jemandem ein Wort geſagt hat. Dieß habe ich quer durch ihr kaltes Weſen, wie durch ein Glas ſehen koͤnnen, und wenn ſie niederge⸗ ſchlagen war, ſo wußte ich wohl durch was fuͤr ein Mittel ich ſie aufrichten koͤnne, ich ſtimmte nur Ihnen ein Loblied an. Und ganz gewiß, als — 76— Gie zu London waren und ſo oft zu nus kamen, ſo ſagte die ganze Stadt, wie es porher das ganze flache Land geſagt hatte: die Heirath wird bald zu Stande kommen. Daß aber dieſes noch nicht geſchehen iſt, daran iſt bloß das verwuͤnſch⸗ te Abentheuer mit jenem hinterliſtigen Weibe Ur⸗ fache, das Sie eingefaͤdelt und aus London, ich weiß gar nicht wohin, weggeſchleppt hat. Aber ich werde meine ganze Lebenszeit hindurch den Tag nicht vergeſſen, der Sie wieder zu uns ge⸗ bracht hat, und die Ballnacht! Wie war doch alle Welt ſo zufrieden, wie ſo ganz uͤberzeugt, daß die Heirath nicht mehr fern ſey, und jetzt, nach dieſem Allen fortgehen und meine arme Herrſchaft Kummers ſterben zu laſſen! Ach, gnaͤ⸗ diger Herr, gnaͤdiger Herr, wenn Sie ſie ſehen koͤnnten, nicht bloß Sie, ein Stein muͤßte ſich erbarmen!“ Vivian war ſo erſtaunt, ſo außer Faſ⸗ ſung gebracht, daß er dieſes Maͤdchen, welches ziemlich einfaͤltig war, nach ihrer Art fortplau⸗ dern ließ, ohne ſie zu unterbrechen. Sehr uͤber⸗ raſchte ihn auch die Waͤrme ihrer Zuneigung fuͤr ihre Gebieterin, denn bis dahin, war es ihm nicht in den Sinn gekommen, daß Lady Sa⸗ rah Jemand lieben koͤnne. Das Gemaͤlde ihrer ſchme Lady wer! jungf ſaand hinzu wiede abrei jungh Gekl Frau fen. Sie ihrer Leiden erregte nicht bloß ſein Mitleid; es ſchmeichelte auch ſeine Eitelkeit.„Dieſe junge Lady ſo falt, ſo ſtolz, die noch niemals liebte, wer häͤttees glauben ſollen,“ ſagte die Kammer⸗ jungfer,„daß ſie ſeinetwegen in einen ſolchen Zu⸗ ſtund verfiele. Sie war uͤberzeugt,“ hatte ſie hinzugeſetzt,„daß ihre Gebieterin ſich nicht mehr wieder erholen werde, wenn er an dieſem Tage abreiſete.“ Waͤhrend des Geſpraͤchs mit der Kammer⸗ jungfer ließ ſich mehrmals eine Klingel hoͤren. Das Geklingel wuede ſtaͤrker, und man hoͤrte dieſes Frauenzimmer mehrmals mit ſeinem Namen ru⸗ fen.„Ich muß fort, muß hingehen, ich muß Sie verlaſſen,“ ſagte ſie,„ach gnaͤdiger Herr, nur noch einen Tag, haben Sie Mitleid, einen einzigen Tag nur!“ Dbſchon dieſe dringenden Anforderungen Vivian bewegten, blieb er doch bei ſeinem Entſchluſſe fortzugehen, ſo lang es noch moͤglich waͤre. Er ging deun ſchnell uͤber die Treppe hin⸗ ab und erreichte den Hof, wo er ſchon dem Lord Gliſtonbury ſein Lebewohl ſagte, als die Kammerfrau der Lady Gliſtonbury in aller Eile anlangte und ſagte, ihre Herrſchaft befinde ſich bereits etwas beſſer und im Stande Herru 1 — 78— Vivian zu ſeben; ſie fuͤgte die Bitte hinzu⸗ er moͤchte ſich bemuͤhen in ihr Ankleidezimmer zu gehen. Gepreßten Herzens und langſamen Schrit⸗ tes gehorchte Vivian. Er nahm ſeine ganze Feſtigkeit zuſammen, und ſagte, ſeiner Fuͤhre⸗ rin in der Gallerie nachfolgend, zu ſich ſelbſt: „Es iſt unmoͤglich, daß man mich jemals dahin leite die Lady Sarah zu ehelichen. All' die eſes iſt ein verabredeter plan, und ich werde nicht die Schwachheit haben, das Spielzeug ſo grob an⸗ gelegter Kunſtgriffe zu ſeyn.“ Die Kammerfrau fuͤhrte ihn ein, und ent⸗ fernte ſich. Lady Gliſtonbucy ſaß, und, ohne zu geden, wies ſie nach einem Stuhle, der ihr gegenuͤber ſtand.„Auf dieſe Art waͤre Alles zu einem theatraliſchen Auſetiite vorbereitet,“ ſagte Vivian zu ſich. Er machte ſeine Ver⸗ beugung, aber, immer den Hut in der Haud behaltend, ſetzte er ſich nicht.„Er war ſehr er⸗ freut zu erfahren, daß Milady ſich etwas beſſer befinde, und es ſey fuͤr ihn ſehr ſchmeichelhaft, daß er das Gluͤck haben duͤrfe, ihr ſeine Ehrfurcht und ſeinen Dank zu bezeigen, ehe er Gliſton⸗ bury verlaſſe.“ den, te ſi droht len e dieß einer bei il Bebe beme Hert der träͤge Abſt fen. ten, Sie ſton halte voll Zeic und ged ſo aft, rcht 9 F — 29— Milady, immerfort ohne ein Wort zu re⸗ den, deutete auf den Stuhl, und Vivian ſetz⸗ te ſich, den Angriff erwartend, mit dem er be⸗ droht mar. Lady Gliſtonbury war zuwei⸗ len einem ganz kleinen Kopfzittern unterworfen, dieß war bei ihr das einzige aͤußere Anzeichen einer inneren Bewegung, welches ſich jemals bei ihr offenbarte, und gerade jetzt war dieſes Beben weit ſtaͤrker als Vivian es jemals noch bemerkt hatte. „Haben Sie in aller Eile abzugehen, mein Herr?“ ſagte Lady Gliſtonbury.„— In der That nicht, wenn Milady mir einige Auf⸗ traͤge zu geben haben, widrigenfalls war meine Abſicht hente Abends noch in London einzutref⸗ fen.“„Ich werde Sie nicht laͤnger zuruͤckhal⸗ ten, Herr Vivian,“ ſagte Milady,„und Sie ſollen nicht befuͤrchten, daß Lady Glii⸗ ſtonbury Sie gegen Ihre Neigung hier feſt halte: es iſt aſlo unnuͤtz Sie durch dieſes Weſen voll Eilfertigkeit zu beleidigen und durch dieſe Zeichen von Ungeduld. Viviauz legte ſogleich ſrinen Hut ab und verſicherte, er ſey in keiner Hinſicht un⸗ geduldig, und es wuͤrde von ſeiner Seite eben ſo viele Unhoͤflichkeit als Undankbarkeit beveilen⸗ — 80— wenn er eilen wuͤrde aus dem Schloſſe Gli⸗ ſtonbury fortzukommen, auf welchem er mit ſo vielen Gefaͤlligkeiten uͤberhäͤuft worden waͤre. Er ſtuͤnde vielmehr vollkommen zu Miladys Be⸗ fehl. 1 e Lady Gliſtonbury verneigte ſich mit abgewogenem Anſtande und ſchwieg. Das Er⸗ beben ihres Hauptes vermehrte ſich, der uͤbrige Theil ihres Koͤrpers blicb unbeweglich. „Ich habe Sie rufen laſſen, Herr Vivi⸗ an,“ ſagte ſie zuletzt,„weil ich vor Ihrer Ab⸗ reiſe Ihnen uͤber eine Sache Aufklaͤrung verſchaf⸗ fen will, die mich betrifft. Nach dem Gerede eines ſehr dummen Landmaͤdchens, der Kammer⸗ jungfer Lady Sarah's, wovon ich ſo eben Nach⸗ richt erhalten habe, muß ich beſorgen, daß Sie bei Ihrer Trennung von uns einige ſehr falſche Muthmaßungen mit ſich wegnähmen..⸗ In dieſem Augenblicke ließ ſich ein Schrei hoͤren, der aus dem Innern des Appartements kam, und Vivian fuhr zuſammen, aber Lady Gliſtonbury, ohne hierauf zu achten, fuhr fort: „.. Muthmaßungen, die fuͤr meine Toch⸗ ter Sarah beleidigend waͤren, die, wenn ich ſie einigermaßen kenne, lieber ſterben, als ſich zu eine res G. burt u 6 rüͤhrt alſo an überzer heſtehe ihrer rer ſich fältige Gedaͤc richten hielt e die W tuͤrlich pfer den, erwied fuͤr do tung f nung Lady ganzen in St Vivj — 81— zu einem Benehmen herablaſſen wuͤrde, das ih⸗ res Geſchlechts, ihrer Erziehung und ihrer Ge⸗ burt unwuͤrdig wäre.“ Ergriffen vom Gefuͤhle der Ehrfurcht, ge⸗ ruͤhrt von Theilnahme fuͤr eine Mutter, die ſich alſo ausdruͤckt, hielt ſich Vivian nunmehr uͤberzengt, daß gegen ihn kein verabredeter Plan beſtehe, und daß die Kammerfran ohne Wiſſen ihrer Gebieterin geſprochen habe, und je finſte⸗ rer ſich Lady Gliſtonbury benahm, je ſorg⸗ faͤltiger ſie bemuͤht war, dasjenige aus ſeinem Gedaͤchtniſſe auszuloͤſchen, was ſte falſche Nach⸗ richten und Muthmaßungen nannte, um ſo mehr hielt er ſich uͤberzeugt, daß dieſe Kammerfrau nur die Wahrheit geredet habe. Zwiſchen ſeiner na⸗ tuͤrlichen Gutmuͤthigkeit und der Furcht das O⸗ pfer ſeiner reinmenſchlichen Geſinnungen zu wer⸗ den, befand er ſich in großer Verlegenheit. Er erwiederte in allgemeinen Ausdruͤcken, daß er fuͤr Lady Sarah Lidhurſt die groͤßte Ach⸗ tung fuͤhle und keine fuͤr ſie beleidigende Mei⸗ nung hegen koͤnne. „Die Hochachtung iſt ein Gefuͤhl,“ ſagte Lady Gliſtonbury,„welches ſie jederzeit der ganzen Welt einfloͤßen wird, und das kein Menſch im Stande iſt ihr zu verſagen. Uebrigens uͤber⸗ Vivian 1I1. Theil,* — 82— laͤßt ſie, uͤberlaſſe ich Sie, mein Herr, Ihrem Bewußtſeyn.“ Lady Gliſtonbury erhob ſich und Vivian ebenfalls.„Er hoffte, daß weder Milady noch Lady Sarah hierzu Urſache hätten.“ Er ſtand an weiter zu reden; was ihm in den Sinn kam, ſchien ihm nicht das rechte Wort zu ſeyn. Er konnte ſeine Phraſe nicht vollenden und begann eine andere, die er verſchiedentlich wendete. „Es wuͤrde fuͤr mich ſehr niederſchlagend ſeyn, wenn ich, außer ſo vielen Urſachen zum Kummer, auch noch von Gliſtonbury die Un⸗ gnade oder auch nur die Mißbilligung der Lady Gliſtonbury oder der Lady Sarah mit⸗ nehmen müuͤßte.“ „Sas eleß betrifft, mein Herr,“ ſagte Lady Gliſtonbury,„ſo kann ich mich nicht enthal⸗ ten uber ihr Betragen meine eigene Meinung zu hegen, und Sie koͤnnen, dunkt mich, wohl nicht glauben, daß eine Mutter ein Betragen biligen werde, welches ihre Tochter.... Mit einem Worte, es kann Ihnen nicht unbekannt ſeyn, was die ganze Welt geſagt hat, und Sie wiſſen eben ſowohl als ich, wie lehr einem jun⸗ gen wohlerzogenen Maͤdchen dergleichen Geruͤchte und ein Bruch dieſer Art nachtherlig ſeyen. Doch ich b mein ich! nung Lode ten! dara⸗ habe ter ten, Her bed zu t gend zum Un⸗ ady mit⸗ Lady thal⸗ ig zu wohl ragen Mit tannt Sit jun⸗ ruchte Doch — 83— ich bin einmal verurtheilt, und ich hoffe mich meinem Schickſal mit Entſagung zu unterziehen, ich bin verurtheilt den Umſturz aller meiner Hoff⸗ nungen zu ſehen. Mein einziger Sohn iſt dem Tode nahe, ich weiß auch, daß wir ihn verlie⸗ ren werden; ſeine Schweſter iſt noch ſchlimmer daran, als wenn ſie todt waͤre, und Dieſes habe ich immer vorausgeſehen. Aber meine Toch⸗ ter Sarah Nein, da ſind Unſtaͤnde eingetre⸗ ten, die ich nicht vorausgeſehen habe... Mein Herr, ich will Sie nicht zuruͤckhalten. Ich ha⸗ be die Ehre Ihnen eine gute Reiſe und viel Gluͤck zu wuͤnſchen.“ In dieſem Augenblick kam Jemand aus dem Innern des Appartements zu melden, daß der Lady Sarah noch ſchlechter gewordeu ſey, und daß ſie ihre Mutter ſogleich zu ſehen wünſche. Der Bediente ging mit der Antwort zuruͤck. Vivian war ſchon im Begriff abzutreten, aber er unterließ es, weil er auf dem Geſichte der Lady Gliſtonbury eine convulſtviſche Zuckung der Muskeln bemerkte. Sie machte eine An⸗ ſtrengung zu gehen, haͤtte aber Vivian ſir nicht unterſtutzt, ſo waͤre ſie gefallen. Sie be⸗ mühte ſich, ihren Gehuüͤlfen zuruͤckzuſtoßen und allein fortzukommen. 6* — 34— „Ich bitte unterthaͤnig, ſtuͤtzen Sie ſich auf meinen Arm,“ ſagte Wivian, im hohen Grade beſturzt. Von ihm gehalten kam ſie zur Thuͤre ihres Appartements, hier aber machte ſie, alle Kraͤfte ſammelnd, ihren Arm von jenem Vivi⸗ ans los, und ihm die Thuͤre zeigend, durch welche er herein gekommen war, ſagte ſte:„Dort iſt Ihr Weg, mein Herr!“ „Ich bitte um Verzeihung, Gnaͤdige; ich kann mich nicht entfernen, ich kann Sie in die⸗ ſem Angenblicke nicht verlaſſen,“ ſagte Vi⸗ oian. „Das iſt das Appartement meiner Tochter,“ ſagte Lady Gliſtonbury innehaltend und un⸗ beweglich ſtillſtehend. Einer der Bedienten von innen, der ihre Stimme gehoͤrt hatte, oͤffnete die Thuͤre, Lady Gli Fonbury muhte ſich, es zu hindern, aber vergeblich. Dunkelheit herrſch⸗ te im ganzen Zimmer, aber als der bei Oeff⸗ nung der Thuͤre entſtandene Luftzug den Vorhang eines offnen Fenſters gehoben hatte, fiel ein Licht⸗ ſtrahl auf ein Ruhebett, worauf Lady Sarah lag, ohne Bewegung, mit geſchloſſenen Augen und blaß wie der Tod; eine Perſon rieb ihr die Schlaͤfe, die andere die Fuͤße. Sie oͤffnete die Augen und erbob ein bischen den Kopf, als die Jhüͤ ein Wa⸗ „hier und fen. hob, die an Vi Aerz eigne gant viel ſagt ſohl Mil ſeeg ließ ihn gut emne Thuͤre aufging, und als ſie Vivian ſah, ſchien ein Strahl der Freude ſie zu beleben und ihre Wangen zu faͤrben. „Mein Herr,“ ſagte Lady Gliſtonbury⸗ „hier iſt das Appartement meiner Tochter.“ Sie konnte kein Wort weiter hervorbringen und fiel von einem paralytiſchen Anfall getrof⸗ fen. Ihre Tochter ſprang vom Bette auf, und hob, von Vivian unterſtuͤtzt, ihre Mutter in die Hoͤhe. Man fuͤhrte ſie nach einem Armſtuhl an dem offenſtehenden Fenſter. Sarah bat Vi vian ihren Vater zu ſuchen und ſchnell Aerzte herbeizuſchaffen. Vivian ließ ſeinen eignen Bedienten abgehen, deſſen Pferd noch ganz geſattelt am Thor ſtand, und befahl ihm ſo⸗ viel wie moͤglich zu eilen. „Sie reiſen alſo heut nicht ab, mein Herr 27 ſagte der Bediente.—„Thut, was ich euch be⸗ fohlen habe. Wo iſt Lord Gliſtonbury?“ Milord kam mit oͤffentlichen Blättern und ent⸗ fiegelten Briefen in dieſem Augenblick, aber er ließ Alles fallen, als er vernahm, was Vivian ihm meldete. Er war im Grunde human und gutmuͤthig; dieſer Streich war fuͤr ihn um ſo empfindlicher, vielleicht eben wegen der Art von Feindſchaft, die zwiſchen ihm und Lady Gli⸗ ſtonbury herrſchte. „Ich ſcheue mich da hinauf zu ſteigen,“ ſagte er.„Um Gottes Willen, Vivian, ver⸗ laſſen Sie mich in dieſer Verlegenheit nicht! Schicken Sie Ihren Wagen zuruͤck; hurtig! ſchiebt Herrn Vivians Wagen in die Remiſe.“ Die Kammerfrau der Lady Sarah kam ihnen zu ſagen, daß Lady Gliſtonbury die Sprache wieder bekommen und gefragt habe, ob Herr Vivian abgegangen ſey. „Gehen Sie doch mit mir hinanf,“ ſagte Milord,„ſo wird ſie ſelbſt ſehen, daß Sie noch nicht fort ſind.“ „Ah,“ ſchrie die Kammerfrau vom Fenſter an der Treppe ſchauend,„das iſt ja ſein Wagen, der wieder in die Remiſe zuruͤckkehrt! Gott ſey gedankt! Ja Milord, gehen Sie nur mit ihm hinein, das wird mehr wirken als alle Aerzte in der Welt mit allen ihren Arzneimitteln.“ „Hier ſind Milord und Herr Vivian,“ ſagte dieſes Maͤdchen, ſie hineinfuͤhrend, dann ſich an die Kammerfrau der Lady Gli ſt onbu⸗ ey wendend, ſagte ſie ihr auf eine fuͤr Jeder⸗ mann ſehr hoͤrbare Weiſe ins Ohr:„Herr Vi⸗ vian wird heute nicht abreiſen.“ — 37— Lady Sarah gab dieſem Maͤdchen einen Auftrag, der ſte nöthigte das Zimmer zu ver⸗ laſſen. Lady Sarah war nicht mehr jenes kalte, geſchraubte, langſame Weſen, welches Vivians Abneigung erregt hatte; ſie ſchien ihm vielmehr, ſie war wirklich eine ganz ver⸗ ſchiedene Natur, voll lebendiger Kraft und Gei⸗ ſtesgeg nwart. Sie vergaß zu gleicher Zeit ihre Unpaͤßlichkeit und ihre ſteife Sproͤdigfeit, ihre Liebe und jede andere Ruͤckſicht; die Gefahr ihrer Mutter war es, was allein ſie erfuͤllte. Lady Gliſtonbury war nur unvollkommen in den Wiederbeſitz ihrer Sinne gelangt. Sie laͤchelte gleich anfangs, als ſie ihn an der Seite Lady Sarah's ſtehen ſah, und ſie verſuchte ihm die Hand zu reichen. Als er aber ſich ihr nä⸗ herte und zu ihr ſprach, ſchien ſie von einer ſchmerzlichen Erinnerung gequaͤlt, und eben ſo uͤherraſcht als mißvergnuͤgt ihn hier zu ſehen, Vivian zog ſich zuruͤck, und Lord Gliſton⸗ bury, der wie ein Kind weinte, folgte ihm mit den Worten:„ehmen Sie mich mit Ihnen fort.— Doctor G.. ſollte ſchon lange hier ſeyn, ich will nach einem andern Arzt ſchicken.“ „Es iſt ſchrecklich, es iſt zum erſtaunen, und — 33— noch in dieſen Jahren, denn Lady Gliſton⸗ bury iſt noch nichts weniger, als alt; ſie iſt um achtzehn Monate juͤnger als ich. Niemand weiß, wenn ſeine Stunde ſchlaͤgt.— Ach, das iſt ſchrecklich! Haͤtte ich gewußt, daß ſie krank iſt, ſo wuͤrde ich ſchon lange die Aerzte zu Rath gezogen haben. Aber ſie leidet ſo im Stillen, ſie iſt ſo geduldig, viel zu viel! Niemals beklagt ſte ſich, niemals ſagt ſie, daß ſie leidet, ſey es phyſiſch oder moraliſch, wenigſtens beklagt ſie ſich gegen mich nicht, und das iſt vielleicht einiger⸗ maßen mir ſelbſt zuzuſchreiben. Ich gerierhe in Berzweiflung, wenn Lady Gliſtonbury jetzt, wie die Sachen zwiſchen uns ſtehen, die Welt verließe! Ich hoffe, daß ſte ſich von dieſem An⸗ fall erholen wird. Was halten Sie davon Herr Bivian?⸗ 1 Vivian ſagte all dasjenige, was er fuͤr gecignet hielt Lord Gliſtonbury's Hoffnun⸗ gen zu verſtaͤrken, und mir Vergnuͤgen nahm er dieſe Beweiſe ſeiner theilnehmenden Gefühle auf. Der Arzt langte an, und ſein Prognoſticon fiel nicht unguͤnſtig aus. Waͤhrend des Tages und der folgenden Racht verſchwand die Verziehung der Geſichtsmuskeln, die Kranke bekam den Ge⸗ drauch ihres Arms wieder, und es blieb ihr von dieſen Hemn große ſtimm eine vothen vian Sie! Ankle ihr ſe genhe leiſte tende te es Mut zerſt hoͤre trug waͤre ſie ſi wiei davom erhi lich rakt eine dieſem Anfalle nichts Weiteres als eine kleine Hemmung im muͤndlichen Ausdruck und eine große Schwäche zuruͤck. Sie hatte keine be⸗ ſtimmte Idee von der Natur ihres Uebels noch eine Erinnerung an dasjenige, was unmittelbar vorhergegangen war, und daß wegen Herrn Vi⸗ vians Abreiſe eine Verſtoͤrung eingetreten ſey. Sie befand ſich hinlaͤnglich wohl um nach ihrem Ankleidezimmer zu gehen, wo Herr Vivian ihr ſeine Ehrfurcht bezeugte, bei welcher Gele⸗ genheit Milord Gliſtonbury ihm Geſellſchaft leiſtete. Durch ſtaͤte Sorgfalt, und eine anhal⸗ tende, ihr ganz ungewoͤhnliche Froͤhlichkeit brach⸗ te es Lady Sarah dahin, die Beſorgniſſe ihrer Mutter, in Bezug auf ihre eigene Perſon zu zerſtreuen. Wenn Lady Gliſtonbury es nicht hoͤren konnte, ſo ſagten alle, die fuͤr ſie Sorge trugen, daß Lady Sarah nicht im Stande waͤre alle Beſchwerlichkeiten zu ertragen, welche ſie ſich auflegte; aber die Kraft ihres Koͤrpers ſo wie ihres Geiſtes ſchien mit der Nothwendigkeit, davon Gebrauch zu machen, ſich auch wirklich zu erhöhen, und bei dieſer Gelegenheit zeigte ſie ploͤtz⸗ lich eine Waͤrme und eine Schwungkraft des Cha⸗ rakters, wovon wenige Perſonen bisher in ihr nur eine ſehr geringe Spur hatten entdecken koͤnnen⸗ 8— M „Wer hätte ſo Etwas von Sarah erwar⸗ tet?“ ſagte Gliſtonbury ganz leiſe zu Herrn Vivian.„In Wahrheit, ihre Schweſter hat fuͤr mich nicht mehr gethan, wenn ich krank war. Ich wußte ſeit langer Zeit, daß Sarah ihre Mutter liebe, allein ich dachte, das ſey eine gewoͤhnliche und ſehr ruhige Zuneigung. Wer we ß, ob ſie mich nicht ebenfalls liebt, oder ob ſie mich nicht lieben koͤnnte.“ In dieſem Au⸗ genblicke trat ſie ein.„Sarah, meine Liebe! Wo ſind meine Tagesblaͤtter und die geſtern an⸗ gekommenen Briefe, die ich noch nicht geleſen habe? Ich will ſehen, ob ſte nicht Etwas ent⸗ halten, was deine Mutter intereſſiren koͤnnte. Lord Gliſtonbury las ſeine oͤffentlichen Blaͤtter, die ſie ſchuell herbeigeſchafft hatte, und der erſte Artikel, der ihm vorkam, ſagte:„Man erwartet mit jedem Tage die Aufloͤſung des Par⸗ laments.“ War dieſes gegruͤndet, ſo war auch Vivians Entwurf, ſich nach London zu bege⸗ ben, um ſeine Pflichten als Parlementsglied zu er⸗ fuͤllen, gänzlich vereitelt. Indeß konnte dieſes eine der Zeitungsnachrichten vom gewoͤhnlichen Schlage ſeyn; allein es fand ſich dieſe Neuigkeit durch Privatbriefe beſtätigt, welche an Lord Gliſtonbury und an Vivian gerichtet wa⸗ ren. dieſe waͤhts ßen⸗/ fuͤr ei tine alſot daſelt die g noch aber mehr de u das an, ren dru⸗ via Lade Vor er! Lor mit und ra. war⸗ Herrn er hat war. ihre eine Wer er ob Au⸗ lebe! — 9 1— ren. Lady Mary meldete ihrem Sohne, daß dieſe Aufloͤſung gewiß ſey; ſie nannte ihre Ge⸗ währsmaͤnner, welche keinen Zweifel uͤbrig lie⸗ ßen, und folglich ſchickte ſie auch ſogleich fuͤr eine nene Wahl dem Keller ihres Sohnes eine Verſtärkung zu.„Ich werde,“ ſagte ſte, „alſobald in Vivians Schloß eintreffen um daſelbſt offne Tafel zu halten und meinem Sohne die Herzen zu gewinnen. Das Schloß iſt zwar noch nicht vollſtaͤndig eingerichtet, dieß wird aber um ſo mehr fuͤr die Umſtaͤnde paſſen, und mehr bedarf es fuͤr eine Wahl nicht. Ich wer⸗ de uͤbrigens nicht verabſäumen, die Sachen auf das Beſte in Ordnung zu bringen.“ Lord Gliſtonbury trug ſogleich darauf an, daß Lady Mary zu Gliſtonbury ih⸗ ren Aufenthalt nähme, und er drang mit Nach⸗ druck auf die Annahme dieſes Antrags. Vi⸗ vian machte Einwendungen; die Krankheit der Lady Gliſtonbury diente zum willkommenen Vorwande um dieſe Einladung abzulehnen, und er hoffte, man werde ihn zureichend finden. Aber Lord Gliſtonbury ſagte, ſeine Gattin wuͤrde mit dieſer Einleitung ungemein zufrieden ſeyn, und er fragte mit den Augen nach Lady Sa⸗ rahs Meinung. Sie ſchwieg, und als ihr Va⸗ 0 — 9²— ker ſie ausdruͤcklich um ibre Meinung befragte, indem er zu ſeinen ſchoͤnen Redensarten ein„und was meinſt du, Sarah“ hinzufuͤgte, ſo ſagte ſte,„daß ſie ſich uͤberzeugt halte, ihre Mutter wuͤrde, wenn ſie ſich wohl befaͤnde, ſehr erfreut ſeyn Lady Mary Vivian bei ſich zu empfan⸗ gen, indeß koͤnne ſie es nicht auf ſich nehmen, zu entſcheiden, ob ihre Mutter, in ihrem gegen⸗ waͤrtigen Zuſtande die larmenden Scenen einer Wahl zu ertragen vermoöge.““ Lady Sarah ſagte dieß in einem ruhigen Jone, aber ſie erröthete ſtark, und zum erſten Male vergaß Vivian, wie ſehr die gewoͤhnli⸗ che Kaͤlte ihres Betragens ihm mißfaällig erſchie⸗ nen war; Lady Sarah gefiel ihm mehr als er jemals gedacht hatte, daß es moͤglich waͤre, aber vor Allem wußte er ihr Dank, daß ſie ihn nicht mit Macht in ihren Dienſt zwingen und vielmehr im Gegentheil ſeinen Wunſch ſich von Gliſtonbury zu entfernen nnterſtuͤtzen wolle. Lord Gliſtonbury wandte ſich an den Arzt; er beſragte ihn, ob nicht Geſellſchaft und Unter⸗ haltung das beſte Heilmittel fuͤr die Kranke ſeyn würde.„Man ſollte Lady Gliſtonbury nicht allein laſſen, eine Wahlfeierlichkrit wuͤrde ſie intere ſehr: ihm! daß fhe ten k ſie hei daß üͤberl gimu halte zu el S91 gend daß mit ſried noch geleg derh Geſ Sd hoff daſſ mac fagte, nuud ſagte kutter freut fan⸗ n, zu egen⸗ einer higen erſten Enli⸗ ſhie⸗ ls er wäͤre, eihn und von polle. Irzt; nter⸗ ſeyn nicht e fie — 93— intereſſiven, vergnuͤgen und in dieſem Augenblick ſehr erwuͤnſcht kommen.“ Der Arzt ſchloß aus Milords Ton, daß ihm um Beiſtimmung zu thun ſey, und er ſagte, daß eine gemaͤßigte Unterhalltung fuͤr Milady ſehr paſſend waͤre, daß Alles, was ſie intereſſi⸗ ren koͤnne ohne ſie zu ſehr anzugreifen, auch fuͤr ſie heilſam ſeyn werde. Nun erklaͤrte Milord, daß er dieſes der Eutſcheidung Miladys ſelbſt uͤberlaſſen wolle, und das aͤußerſte Ende des Zimmers verlaſſend, wo dieſe Verathung abge⸗ halten wurde, naͤherte er ſich Milady'n um ihr zu erklaͤren um was es ſich handle; aber Lady Sarah hielt ihn zuruͤck, und bat ihn ſo drin⸗ gend, hiervon mit ihrer Mutter nicht zu ſprechen, daß Viojan dadurch ſehr bewegt wurde, und mit einem Male die Sache zur allgemeinen Zu⸗ friedenheit ordnete, indem er ſagte, weder er noch ſeine Mutter wollten Milady'n einige Un⸗ gelegenheit verurſachen, ſie wuͤrden dagegen wie⸗ derholt im Schloſſe einſprechen, wenn Milady's Geſundheit es erlaubte; er fuͤgte hinzu, ſein Schloß liege in ſo geringer Entfernung, daß er hoffe, Milord werde es nicht unpaſſend finden, daſſelbe zum Mittelpunkt der Wahlgeſchaͤfte zu machen. Lord Gliſtonbury willigte in dieſe Einleitung und Lady Sarah ſchien damit zu⸗ frieden und ſogar fuͤr ſeine Schonung erkennt⸗ lich zu ſeyn. Milord, der ſich immer damit be⸗ faßte, Erlaͤuterungen zu geben und Commentare zu machen, las nun Milady'n mit lauter Stim⸗ me den Paragraph in Betreff der Aufloͤſung des pParlaments vor, und unterrichtete ſie, Lady Mary Vivian werde ankommen, und ſie wuͤrden das Vergnuͤgen genießen ſie beinah täg⸗ lich nebſt ihrem Sohne zu ſehen, obgleich er es von ihnen nicht erlangen koͤnne, daß ſie fuͤr die ganze Dauerzeit der Wahl zu Gliſtonbury blieben. Lady Gliſtonbury hoͤrte an, ver⸗ ſuchte zu verſtehen, ſchien auch wirklich begriffen zu haben; machte Herrn Vivian eine Verbeu⸗ gung, laͤchelte auf ihn und ſagte: ſie erinnere ſich, daß er waͤhrend der letzten Wahl oft nach Gliſtonbury gekommen, und daß ſie ſehr er⸗ fveut daruͤber ſey, nun bald das Vergnuͤgen der Gegenwart Lady Mary's Vivian genießen zu koͤnnen. Daß es Perſonen gaͤbe, welchen die Zeit der Wahlen nicht angenehm ſey, daß indeß ſie fuͤr ihre Perſon, wenn ſie geſund waͤre, ſich leicht darein fuͤgte. Daß ſie ſich mit Vergnuͤgen, beſonders an die letzte Wahl erinnere; daß es ihr ſehr viel Vergnuͤgen mache wahrzunehmen, daß 8e vian fich waͤtt noma gen 0 im W ne un Sar te, ¹ ſie ſ und Vid ſter Tho dige, Vit tung jede 61 und ſch daß Lord Gli ſtonbury's Einfluß Herrn Vi⸗ vian nuͤtzlich geweſen. Hierauf juͤgte ſie hinzu: „ich hoffe, daß die Angelegenheiten gegen⸗ waͤrtig eine fuͤr Sie guͤnſtige Wenung ge⸗ nommnen haben?“ und ſie richtete einige Fra⸗ gen an ihn, welche bewieſen, daß ihre Ideen im Widerſtreit waren, und daß ſie das Vergang⸗ ne mit dem Gegenwaͤrtigen vermengte. Lady Sarah und Herr Vivian ſagten einige Wor⸗ te, um ſie wieder in's rechte Geleiſe zu bringen⸗ ſie ſah Beide nach einander an ihnen zuhoͤrend, und ſagte: „Ich begreife: Gott ſegne Euch beide!“— Vivian nahm ſeinen Hut und ſah zum Fen⸗ ſter hinaus, um zu ſehen, ob ſein Wagen am Thore ſty. „Herr Vivian empfiehlt ſich Ihnen, Gnaͤ⸗ dige,“ ſagte Lady Sarah,„er geht nach Vivians Schloß, um die noͤthigen Vorberei⸗ tungen zum Empfange ſeiner Mutter zu treffen.“ „Ich wünſche Ihnen gute Geſundheit und jede Art von Gluͤck, mein Herr,““ ſagte Lady Gliſtonbury, indem ſie verſuchte aufzuſtehen und durch eine druͤckende Erinnerung verſtoͤrt ſchien. —„Stoͤren Sie ſich nicht, ich bitte un⸗ — 96— terthaͤnig, Milady.— Ich werde die Ehre ha⸗ ben Ihnen ſobae als au aich meine Ergebenheit zu bezeigen.“. „Bringen Sie mir, ich bitte Sie, gute Neuigkeiten von der Wahl, und machen Sie mir zu wiſſen, wie die Wahlſtimmen morgen ausge⸗ fallen ſeyn werden, Herr Vivian,“ fuͤgte Mi⸗ lady in dem Augenblick hinzu, als er zur Thuͤre hinausging. W deückt! als er Trabe nes Sc ſeiner) ſchäfu angelen Julie konnte gen an Die G Gegen! diener, Paraf ſich. und n ſey die Viy Zwoͤlftes Kapitel. — Vio ian, der ſich durch ſein Mitgefuͤhl ge⸗ druͤckt und beinahe gefeſſelt fand, athmete freier, als er ſich in ſeinem Wagen ſah, und in ſtarkem Trabe von Gliſtonbury entfernte. Sein eig⸗ nes Schloß und die Vorbereitungen zur Ankunft ſeiner Mutter und zu der Wahlangelegenheit be⸗ ſchäftigten ihn die folgenden Tage hindurch ſo angelegentlich, daß er kaum Zeit hatte an Lady Julia oder an Lady Sarah zu denken. Er konnte weder uͤber das Vergangene Betrachtun⸗ gen anſtellen, noch die Zukunft in's Auge faſſen. Die Gegenwart, die gemeine, die abgeſchmackte Gegenwart, und eine Menge Tapezierer, Keller⸗ diener, Stallknechte, Paͤchter, Freibauern und Paraſiten riſſen ſeine ganze Aufmerkſamkeit an ſich. Ein Schriftſteller hat geſagt, das große und wichtige Geſchäft des Lebens eines Weibes ſey die Liebe, aber die Welt der Romane ausge⸗ Viyvign II. Theil. 7 nommen, nimmt die Liebe nur einen ſehr kleinen Theil von den verſchiedenen Geſchaͤften der Mäͤn⸗ ner und der Frauenzimmer ein. Die Aufloͤſung des Parlaments hatte ſtart gefunden, Lady Vi⸗ vian lanzte gleich nach der Zeitung an, welche dieſe Neuigkeit brachte: mit ihr kam eine neue Ordnung der Ideen, welche alle in Erwaͤgung der Bedeutenheit ihres Sohnes in der Welt und in der Erwaͤgung ſeines kuͤnftigen Gluͤckes con⸗ centrirt waren. Dieſe beiden Grundbegriffe wa⸗ ren in ihrem Geiſt zu eng mit einander verbun⸗ den, als daß ſie jemals vermocht haͤtte, ſolche zu trennen. Sie ſagte zu ihrem Sohne, es ſey ihr ſehr unangenehm, daß er ſeinen Aufenthalt auf dem Lande ſo ſehr verlaͤngert habe, und zwar noch waͤhrend der letzten Parlamentsſitzung, weil er dadurch ſich die Gelegenheit zu weiterer Aus⸗ zeichnung benommen habe. Waͤhrend der vorigen Sitzung hatte Milady oft ſehr ſchmeichelhafte Gluͤckwuͤnſche uͤber die Talente ihres Sohnes⸗ und uͤber die Figur erhalten, die er ſchon in der politiſchen Welt ſpielte. Ihre Eigenliebe, ihre Zaͤrtlichkeit fuͤr dieſen Sohn machten ſie ſehn⸗ lichſt wuͤnſchend, daß er ſeine Laufbahn mit Ei⸗ fer und Erfolg weiter betrete.„Was die gegen⸗ woaͤrtige Wahl betrifft, ſo iſt kein Zweifel,“ ſagte fe, da ſtonbu glaube/ hinzu,n hegründe au Lady ſchenkt, che du a richt and dere mei weißt/ che vot richtete Ernſte, liche 3e verurſa die al ſehen. 9 11 Mary. ſo lange Rede ſe wunſch mit ein hen, u heit, i inen daͤn⸗ ſung Vi⸗ elche neue zung und con⸗ wa⸗ — 99— ſie, /daß du mit Huͤlfe des Einfluſſes Lord Gli⸗ ſtonbury's werdeſt gewaͤhlt werden, und ich glaube,“ ſetzte ſie mit einem bedeutenden Laͤcheln hinzu,„daß dein Eredit in dieſer Familie wohl begruͤndet ſey. Die Welt hat dich wechſelweiſe an Lady Inlia und an Lady Sarah ver⸗ ſchenkt, und taͤglich befragt man mich, fuͤr wel⸗ che du am meiſten eingenommen ſeyſt. Es kann nicht anders kommen, als daß die eine oder die an⸗ dere meine Schwiegertochter werde; wenn du es weißt, ſo ſetze mich in den Stand zu ſagen, wel⸗ che von beiden es ſeyn wird.“ Lady Mary richtete dieſe Frage zugleich an ihn, halb im Ernſte, halb im Scherze, aber die außerordent⸗ liche Bewegung⸗ welche dieſe Anfrage Vivian verurſachte, uͤberzengte ſie, daß fuͤr dieſes Mal die allgemeinen Geruͤchte nicht ungegruͤndet ſeyen. „Von Miß S elina Sidney“ fuhr Lady Mary fort,„kann nach ihrer ausdruͤcklichen und ſo lange beobachteten Weigerung nicht mehr die Rede ſeyn. Was ich jederzeit am Meiſten ge⸗ wüͤnſcht habe, mein lieber Sohn, war, dich mit einer der Ladys Lidhurſt verehelicht zu ſe⸗ hen, und die Talente Lady Julia's, ihre Schoͤn⸗ heit, ihre Jugend....“ 7* — 100— Vivian unterbrach ſeine Mutter, indem er ihr raſch erklaͤrte, es koͤnne von Lady Julia Lidhurſt nun eben ſo wenig fernerhin die Rede ſeyn, als von Miß Sidney, da er ſeine An⸗ traͤge gemacht habe, aber mit denſelben zuruͤckge⸗ wieſen worden ſeye, und da er genothigt ſey zu glauben, daß der Entſchluß dieſes zweiten Ge⸗ genſtandes ſeiner Wuͤnſche eben ſo unwandelbar ſey, als jener des erſten. Seine Mutter war aͤußerſt erſtaunt. Daß ihr Sohn von Lady Ju⸗ lia Lidhurſt abgewieſen worden ſey, dieß galt ihr fuͤr eine moraliſche und politiſche Un⸗ moͤglichkeit, beſonders wenn ſie bedachte, wie offenbar das Verlangen der Gliſtonbury's war, auf dieſe Art eine Verbendung zwiſchen bei⸗ den Familien zu bewirken. Was konnte dieß doch bedeuten? Vielleicht ſtand Lady Julia in dem Irthum zu glauben, ihr Sohn ſtehe noch mit Miß Sidney in Verbindung,„oder viel⸗ leicht“ ſagte Lady Mary, welche die feine Gewandtheit beſaß, die Bedenklichkeiten des Zart⸗ gefühls zu entdecken,„vielleicht waltete irgend ein Anſtand in Bezug auf ihre aͤltere Schweſter ob; denn du weißt, daß man waͤhrend des ver⸗ floſſenen Winters dir die letztere zutheilte. Ja, ganz gewiß iſt das die Urſache; ich werde nach Gliſto nuten ich ſch den T entgeh — ſchun ſeh habe tet. einig Mal niß lady welc endl erlau Mut ſibe drin ſehr ſie wie thu leit — 101— Gliſtonbury gehen und mich binnen fuͤnf Mi⸗ nuten der ganzen Lady Julia bemaͤchtigen; ich ſchreibe mir einen einigermaßen durchdringen⸗ den Blick zu, und die Wahrheit ſoll mir nicht entgehen.“ Lady Mary erfuhr eine neue Ueberra⸗ ſchung, als ihr Sohn erklaͤrte, Lady Julia ſey gar nicht zu Gliſtonbury, ſondern ſie habe ihren Bruder nach Devonſhire beglei⸗ tet. Es trat nun ein tiefes Schweigen ein, das einige Minuten anhielt, dann aber rief Lady Mary aus: „Darunter liegt irgend ein großes Geheim⸗ niß verborgen! Ich muß es durchdringen.“ Mi⸗ lady kramte nun eine Menge Fragſtuͤcke aus, welche Vivian nach einigen Ausfluͤchten endlich die Erklaͤrung abdrangen, es ſey ihm nicht erlaubt, die Sache aufzudecken. Er wiſſe, ſeine Mutter habe eine zu edle Denkungsart, ſie be⸗ ſitze zu vieles Feingefuͤhl, um weiter in ihn zu dringen. In der That beſaß ſeine Mutter eine ſehr edle Denkungsart, aber zu gleicher Zeit war ſie ſehr neugierig, und obgleich ſie fortwaͤhrend wiederholte:„ich will keine einzige Frage mehr thun; ich wollte um nichts in der Welt dich ver⸗ leiten, ein Wort zu ſagen, welches das Ver⸗ — 102— trauen verriethe, das man in dich, mein lieber Sohn, geſetzt hat,“ ſo erlanbte ſie ſich doch eine Menge ſinnreicher Vermuthungen.„Ich weiß, wie ſich das verhaͤlt,“ oder,„ich bin uͤber⸗ zeugt, daß ich's dießmal errathen habe, aber ich begehre nicht, daß du mir es ſageſt. Du thuſt vielmehr wohl daran, es zu verneinen.“ Aber alle dieſe Muthmaßungen hindurch traf Lady Mary doch das Wahre nicht; ſte war vorläufig zu ſehr durch die Idee irre geleitet, daß Nuſ⸗ ſell ſich an Selina Sidney geſchloſſen hatte; ihr Scharfblick hatte ihr zu dieſer Ent⸗ deckung verholfen, waͤhrend ihr Sohn noch mit Miſtriß Wharton außerhalb des Koͤnigreichs war, und ſie hielt ſich fuͤr die einzige Perſon in der Welt, die davon Kunde habe. Dieſe vorge⸗ faßte Meinung machte, daß Ruſſell von dem Kreiſe ihrer Combinationen ganzlich ausgeſchloſ⸗ ſen blieb. Sein Abgehen aus dem Schloſſe Gli⸗ ſtonbury erregte in Milady's Geiſt keinen Verdacht der wahren Urſache dieſes gaͤhlings ge⸗ thanen Schrittes, die Krankheit ſeines Oheims erklaͤrte auf eine natüͤrliche Art ſeine Reiſe nach dem Norden von England, und Milady ver⸗ ſtand ſich zu gut auf Philoſophie, um zwei Ur⸗ ſachen einer Wirkung zuzuſchreihen, nachdem ſie hereits brachte Ordnun telbar! heirath geweſen Den at nach( an das zog fie Lady heit ih nachrie Anftug Milod ſchien Anfal Geiſte Jhaͤti ſie un ſen d von d heim Bem das flußt — 103— bereits eine fuͤr hinlänglich erkannt hatte. Sie brachte es daher ganz ruhig in ihrem Kopfe in Ordnung, daß Lady Julia Lidhur ſt unmit⸗ telbar mit einem jungen Manne von Stande ver⸗ heirathet werde, der letztlich zu Gliſtonbury geweſen ſey, als man daſelbſt Comoͤdien auffuͤhrte. Den andern Tag begab ſie ſich mit ihrem Sohn nach Gliſtonbury: denn ohne ſich dießmal an das gewoͤhnliche Berufsceremoniel zu halten, zog ſie bloß ihre Sehnſucht zu Rath, die arme Lady Gliſtonbury zu ſehen, von deren Krank⸗ heit ihr Sohn ſie in allgemeinen Ausdruͤcken be⸗ nachrichtigt hatte. Vielleicht kam dabei auch ein Anflug von Neugierde ins Spiel. Sie fanden Milady in bei weitem beſſern Zuſtande; ſie ſchien ſich eben ſo gut als vor dem erlittenen Anfall zu befinden, ihr Gedaͤchtniß und all' ihre Geiſtesfaͤhigkeiten hatten ſich wieder in freier Thaͤtigkeit ernenert. Vivian beobachtete, daß ſie und Lady Sarah aus dem neugierigen We⸗ ſen der Lady Mary ſchloſſen, er muͤſſe nichts von demjenigen geſagt haben, was ſie wollten ge⸗ heim gehalten wiſſen, und das Zeugniß ſeines Bewußtſeyns, die innere Bernhigung, welche das Gefuͤhl ſeines tadelloſen Benehmens ihm ein⸗ floͤßten, verſetzten ihm in eine vortheilhafte Stim⸗ — 104— mung. Auf ſeiner Seite erkannte Lord Gliſton⸗ bury hinwieder, daß er ſich in Bezug auf ſeine Tochter Julia ſehr ehrenvoll benommen habe, ſo daß man wechſelſeitig mit einander zufrieden war. Auf Lady Mary's Anfragen wegen ſeines Sohnes und ſeiner Tochter Julia äußerte Mi⸗ lord, daß Miß Strictland, die ſo eben angekommen ſey, befriedigendere Nachrichten von Lord Lidhurſts Geſundheitsumſtaͤnden braͤchte, daß er gegenwaͤrtig nebſt ſeiner Schweſter bei Milord's Bruder, dem Biſchof von*** ſich befinde. Es beſtand niemals ein inniges Verhaͤlt⸗ haͤltniß zwiſchen Lord Gliſtonbury und die⸗ ſem Bruder, weil ihre Charaktere und, ihre po⸗ litiſchen Anſichten allzuverſchieden waren. Kaum hatte Lady Mary Lord Gliſtonbury'n mit ungewoͤhnlicher Herzlichkeit die Worte,„mein Bruder, der Biſchof“ ausſprechen hoͤren, ſo erinnerte ſie ſich, daß dieſer Biſchof einen Sohn habe, einen jungen Menſchen von ſehr einneh⸗ mender Geſtalt und liebenswuͤrdigem Charakter. Nun bildete ſie ſich ſogleich ein, daß er es ſey, mit dem Lady Julia in Verhaͤltniſſen ſtehe. Innigſt uͤberzeugt, das Rechte getroffen zu ha⸗ ben, dachte ſie nicht weiter an Lady Juli a's Angelegenheiten, ſondern ihre ganze Aufmerk⸗ —— — 103— ſamkeit richtete ſich auf Lady Sarab, deren Kälte und Zuruͤckhaltung aber jedesmal ihres Scharfblickes ſpotteten. Weil es ihr nicht ge— lang, die Unterhaltung auf das Thema von Em⸗ pfindung, von Liebe zu lenken, ſo machte ſie ſich uͤber die naͤchſte Wahl her, und man eroͤrterte die verſchiedenen Intereſſen und den Einfluß der bedeutenden Leute in der Grafſchaft; von allem dieſen ſchien Lady Sarah vollkommen Kennt⸗ niß zu beſitzen. Lord Gliſtonbury fuͤhrte nun Vivian in ſein Cabinet, um ihm Do⸗ cumente in Bezug auf dieſe Wahl zu zeigen, und behaͤndigte ihm einen Brief der Lady Ju⸗ lia, der in einem andern, an ihm ſelbſt gerich⸗ teten, eingeſchloſſen war. „Ich hatte Sie unterrichtet,“ ſagte Mi⸗ lord zu ihm,„mein Entwurf ſey aus meiner Julia auf ewige Zeit ein Landmaͤdchen zu machen, und zwar bei einem armen Dorfpfar⸗ rer und bei ſeiner Frau. Dieſes ſind entfernte Verwandte, die wir in Devonſhire haben;— allein der Plan iſt durch einen guten Mann, dem Bruder Biſchof, vereitelt worden. Auf ih⸗ rer Reiſe ſind mein Sohn und ſeine Schweſter an der Reſidenz des Biſchofs voruͤbergefahren; ich hatte der Miß Strictland wohl empfoh⸗ — 106— len, das Incognito zu beobachten, aber ſie ha⸗ ben im Dorfe angehalten, um auszuruhen, weil Lidhurſt ermüuͤdet war. Die Leute des Bi⸗ ſchofs entdeckten ſie und benachrichtigten davon ihren Herrn, der ſogleich zu ihnen ſchickte und zuletzt ſelbſt zu ihnen ging. Als er ſie ſah, war er uͤber Lidhurſts Krankheit ſo betruͤbt, und, wie mir Miß Strictland ſagte, uͤber Ju⸗ lia, die er ſeit ihrer Kindheit nicht geſehen, ſo erfreut, daß er beide ganz in Beſitz nahm, und Julia wußte ihm ſo ſehr zu gefallen, daß er gegenwaͤrtig ſchreibt, er koͤnne ſie nicht entbeh⸗ ren, ich muͤſſe ſte ihm ſchlechterdings uͤberlaſſen, und er werde mit ihr vereint fuͤr Lidhurſt's Geſundheit auf's Angelegentlichſte Sorge tragen. Ich glaube ihn zufrieden ſtellen zu muͤſſen, denn im Ganzen genommen iſt es ſchicklicher, daß In⸗ lia im Palaf des Biſchofs ſey, als im Pfarr⸗ hauſe, und obwohl mein armer Bruder nicht jene Weltkenntniß beſitzt, die ihm zu wuͤnſchen, oder die im Stande waͤre, dieſes romanhaft geſtimmte Maͤdchen zur Vernunft zu bringen, ſo... Doch ich halte Sie ab, Ihren Brief zu leſen, und ich ſehe, daß Sie mit Ungeduld ihn zu leſen wuͤnſchen. Nicht wahr? Doch das iſt ja ganz natuͤrlich.— Indeß fuͤrchte ich, es wird nichts zu ma quaͤlen Glif zen E henom Rückſt S die B Freun hatte dafuͤr legen zu le ——— — 107— zu machen ſeyn.— Ich werde Sie nicht weiter quaͤlen. Fuͤr jeden Fall wiſſen Sie,“ fuͤgte Lord Gliſtonbury hinzu,„daß ich in dieſer gan⸗ zen Geſchichte mich ſtandhaft als Ihr Freund benommen habe, und genug, Sie wiſſen, daß ich Ruckſicht zu nehmen verſtehe.“ Vivian war niemals ſo erkenntlich gegen die Beweiſe geweſen, welche Milord ihm von Freundſchaft oder ſchonender Ruͤckſicht gegeben hatte, als gerade jetzt. Er war ihm ungemein dafuͤr verbunden, daß er fortging, und ihm Ge⸗ legenheit gab, in Ruhe den Brief Lady Julia's zu leſen./ Dreizehntes Kapitel. — * „Ehe Sie dieſen Brief leſen, werden Sie ver⸗ muthlich ſchon unterrichtet ſeyn, daß mein Oheim, der Biſchof von*** mich in ſeinen Schutz ge⸗ nommen habe. Ich kann nicht genug bereuen, daß ich nicht einige Jahre oder ſelbſt einige Mo⸗ nate fruͤher einen Mentor wie ihn gefunden habe. Unbefannt war es mir bisher, wie groß die Macht der Guͤte ſey, wenn es darauf ankommt, ein Ge⸗ muͤth in der Zeit ſeiner tiefſten Betruͤbniß zu ruhren, und eben ſo wenig wußte ich, wie ſehr die Beredſamkeit der wahren Froͤmmigkeit in das Herz zu dringen vermoͤge. Dieſer vortreffliche Oheim wird, ich hoffe es, mit der Zeit mich mir ſelbſt ganz wieder zuruͤckgeben. Schon bin ich einigermaßen von den Verirrungen der Lei⸗ denſchaft zuruͤckgekommen. Nachdem ich von ei⸗ nem Gefuͤhle beinah ganz verzehrt war, beginne ich den Einfluß anderer Beweggrunde zu fuͤhlen, und m erwoͤg meine fieber finme Herr, ein G iſ. hen he halten den Beſte die T daran Ich feier! mit von! len 9 tin v meini und Geiſß verſe finde Sie — — 109— und meine geſellſchaftlichen Verbindlichkeiten zu erwaͤgen. Unter den Gegenſtaͤnden, worauf ſich meine Aufmerkſamkeit richtet, ſeit ich aus dieſem fieberhaften Seelenzuſtande, aus dieſem Wahn⸗ ſinne hervorgegangen bin, iſt Ihr Gluͤck, mein Herr, naͤchſt jenem meiner Angehoͤrigen fuͤr mich ein Gegenſtand, woran mir am meiſten gelegen iſt. Nachdem ich Ihnen dieſe Zuſicherung gege⸗ ben habe, ſo hoffe ich, Sie werden ſich uͤberzeugt halten, daß ich niemals Sie zu Etwas uͤberre⸗ den moͤchte, was ich nicht mit Ihrem wahren Beſten fuͤr vereinbarlich halte, und ſollte ſelbſt die Wohlfahrt oder das Leben meiner Aeltern daran haften, die mir doch das Theuerſte ſind. Ich hoffe, Sie werden im Vertrauen auf dieſe feierliche Erklaͤrung mich mit Geduld und ſelbſt mit Zutrauen anhoͤren. Nach Allem, was ich von Ihrer Art zu denken wahrnahm oder erzaͤh⸗ len hoͤrte, bin ich uͤberzeugt, daß Sie eine Gat⸗ tin von einem Charakter beduͤrfen, welcher dem meinigen in vieler Hinſicht entgegengeſetzt iſt, und die eine von der meinen ganz verſchiedene Geiſtesrichtung hat. Sie ſind gewoͤhnt nach den verſchiedenen Gemuͤthslagen, in denen ſie ſich be⸗ finden, ihre Charakteraͤußerungen zu wechſeln; Sie ſind empfaͤnglich fuͤr ploͤtzliche Eindruͤcke, — 110— aber Sie halten dieſe nicht feſt; aͤußere Um⸗ ſtaͤnde wirken auf Sie ein. Bisher hatten Sie einen Freund, der die Aufwallungen ihrer Lei⸗ denſchaften zu maͤßigen, zu ordnen wußte, jetzt aber, da er fern von Ihnen iſt, werden Sie leb⸗ haft den Verluſt der Vortheile fuͤhlen, welche Sie aus ſeiner ruhigen Beurtheilungskraft und aus der Gruͤndlichkeit ſeiner Auseinanderſetzun⸗ gen zogen. Sollten Sie demnach nicht vielmehr, ſo wie Sie bei Ihrem Herzensfreunde fanden, in einem Weibe jene Feſtigkeit, jene Staͤttigkeit des Charakters ſuchen, die mehr geeignet iſt, ploͤtzlichen Antrieben zu widerſtehen, als ihnen nachzugeben; wuͤrden Sie nicht wohl daran thun, in ihr einen Charakter zu ſuchen, der von enthu⸗ ſiaſtiſcher Waͤrme entfernt iſt und nur an der pflicht haftet, einen Geiſt, der weit entfernt durch Beiſpiel und Sympathie die Verirrungen des Ihrigen(verzeihen Sie dieſen Ausdruck) zu mehren, im Gegentheile ſie durch entgegenge⸗ ſetzte Eigenſchaften verhindern oder ihnen ein Gegengewicht darbieten wuͤrde? Und angenom⸗ men, wenn mit dieſer Klugheit, dieſer Staͤrke des Charakters ſich eine gewiſſe Langſamkeit, eine Foͤrmlichkeit, eine Kaͤlte des Benehmens verbaͤn⸗ de, die fuͤr einen Mann von Ihrem Feuer und — Fhre ſeyn ſtoße als weſe ten, ange rer? dieſe und zur! lich dem vom Sch ihr An ruͤck nen chen See eine Jer gan der ————— — — 1 1 1— Fbhrer Sebhaftigkeit nicht gleich anfangs anziehend ſeyn koͤnnte: laſſen Sie ſich dadurch nicht zuruͤck⸗ ſtoßen; wenn Sie gelernt haben, dieſes Weſen als die Anzeige und die Folge der zu Ihrem Gluͤck weſentlich erforderlichen Eigenſchaften zu betrach⸗ ten, ſo wird es Ihnen, ich bin deſſen gewiß, angenehm ſeyn, beſonders, wenn Sie bei naͤhe⸗ rer Beobachtung bald finden werden, daß unter dieſer anſcheinenden Kaͤlte, unter ſo viel Schnee und Eis dennoch ein großer Fond von Faͤhigkeit zur heißeſten Zuneigung verborgen liege. Hiervon hatten Sie ein Beiſpiel, erſt neuer⸗ lich und zwar in meiner eigenen Familie. In dem Augenblick, in welchem meine arme Mutter vom Schlage beruͤhrt wurde, ſahen Sie die Schwungkraft der Seele meiner Schweſter, und ihr Charakter hat ſich Ihnen unter einer neuen Anſicht geoffenbart. Aus dieſem Ausbruch zu⸗ ruͤckgehaltener Zaͤrtlichkeit fuͤr eine Mutter koͤn⸗ nen Sie ſich einen Begriff von der Gewalt ma⸗ chen, welche die Leidenſchaft der Liebe in der Seele meiner Schweſter erringen koͤnnte, ich ſage, einen Begriff; denn ich bin uͤberzeugt, daß nur Jene, welche ſie eben ſowohl kennen als ich, die ganze Staͤrke der Zuneigung wuͤrdigen koͤnnen⸗ deren ſie faͤhig iſt. — 1 12— Sollte ich mich irren, Herr Vivian, wenn ich daͤchte, daß es fuͤr ihr Gluͤck nothwendig waͤre, mit eben ſo viel Waͤrme als Standhaftig⸗ keit geliebt zu werden. Nein, in dieſem Puncte kann ich nicht im Irrthum ſeyn. Es handelt ſich um einen andern Punct, woruͤber ich eben ſo wenig ungewiß bin, daß Sie naͤmlich mehr einer Perſon vonsber Art meiner Schweſter als einem Herzen, wie das meinige, eine große An⸗ haͤnglichkeit einfloͤßen koͤnnen. Weder Ihre Selbſt⸗ liebe noch irgend eines Ihrer Gefuͤhle moͤge ſich verwundet finden, wenn ich Ihnen ſage, daß⸗ wofern ich noch im Stande waͤre, meine Neigun⸗ gen auf irgend einen andern Gegenſtand zu len⸗ ken, daß, wenn auch nicht die eingetretenen Um⸗ ſtaͤnde mich hinderten, an Sie als an einen Lieb⸗ haber zu denken, ich doch nicht vermoͤgend waͤre, die Leidenſchaft der Liebe fuͤr einen Mann von Ihrer Geiſtesrichtung zu empfinden. Erhaben⸗ heit, Feſtigkeit des Charakters, freies ſelbſtſtaͤn⸗ diges Walten der Kraft, kuͤhnes Aufſtreben des Geiſtes zu allem Edeln und Hohen, dieß iſt's, was meine Einbildungskraft zu entzuͤnden, was mein Herz zu ruͤhren vermag. Meine Schweſter im Gegentheile wird vielmehr die Lebhaftig⸗ keit, den Edelſinn ihres Charakters bewundern, und f und werd ſiche⸗ radhe durch ter O pfän⸗ könne an S war ſeyn welc nig dem Sc laſſe faͤr P —— — 1 13— und ſie wird durch jene Eigenſchaften, Talente und Reize des geſelligen Umgangs eingenommen werden, welche Sie ſo vorzugsweiſe beſitzen Ver⸗ ſichert der Guͤte Ihrer Neigungen und der Ge⸗ radheit Ihrer Grundſaͤtze, im Gefuͤhle, daß ſie durch ihre eigene Seelenſtaͤrke den Gefahren Ih⸗ rer Schwankungen und Ihrer allzugroßen Em⸗ pfaͤnglichkeit fuͤr neue Eindruͤcke zuvorkommen koͤnne, wuͤrde ſie als Ihre Gattin ſich immer feſter an Sie ſchließen, und Sie ganz beſtimmt eben jener Eigenſchaften wegen lieben, die Sie an ſich ſelbſt als Fehler betrachten koͤnnen, und dieß aus dem Grunde, weil ſie fortgeſetzt fuͤhlen wird⸗ daß ſie nuͤtzlich, ja ſelbſt nothwendig zu Ihrem Gluͤck ſey. Sie werden uͤberraſcht ſeyn, mich mit ſo viel kaltem Blute fuͤr Andere ſprechen zu höͤren, und zwar in Bezug auf einen Gegenſtand⸗ bei dem mein eigenes Betragen ſo unbeſonnen war, und Sie werden vielleicht nicht geneigt ſeyn, die Rathſchlaͤge einer Perſon zu befolgen, welche in ihren eigenen Angelegenheiten ſo we⸗ nig Klugheit beobachtete; ich werde daher, nach⸗ dem ich meine Gruͤnde aufgeſtellt und meine Schlußfolgen angegeben habe, Ihnen es uͤber⸗ laſſen, die Anwendung zu machen, wie Sie es faͤr gut finden werden, und ich fuͤge bloß hin⸗ 8 Misian II. Theil — 14— zu, daß die Erfuͤllung meiner Wünſche in dieſer Hinſicht mir zur hohen Berubigung dienen wuͤrde. Mein Gemuͤth wuͤrde ſich eines großen Theils der Vorwuͤrfe entladen ſehen, die ich mir mache. Ich habe das Ungluck meines Vaters und meiner Mutter herbeigefuͤhrt; ich habe alle Urſache zu fuͤrchten, daß der Schlag, den mein Benehmen meiner Mutter verſetzte, zu ihrer letzten Krank⸗ heit beigetragen habe. Ein Ereigniß, welches meiner ganzen Famil e das entwichene Gluͤck zu⸗ rruͤckgäbe, iſt daher dasjenige, was ich auf die⸗ ſer Welt am meiſten wuͤnſchen muß. Ich waͤre daher getroͤſtet, und hocherfreut ſogar, wenn ich hoffen koͤnnte, durch meinen Einfluß auf Sie da⸗ zu beizutragen. Außer der Wonne, welche ich empfande, wenn ich das Gluͤck meiner Schwe⸗ ſter und das ihrige geſichert ſaͤhe, wuͤrde ich auch ein ſehr großes Vergnügen an jener innigen Freundſchaft finden, welche nur die Bande einer ſo nahen Verwandtſchaft mir geſtatteten, mit Ihnen einzugehen. Empfangen Sie dieſe Ver⸗ ſicherung ſtatt jener Anerbictung von Freund⸗ ſchaft, die gebieteriſch und beleidigend iſt, weil ſie doch nur entweder keine Bedeutung hat oder Gefaͤhr bringt, ein Anerbieten, das andere — Fran Liebe enpf daß und geſch der für thur ſehr Ein was lag pe ind wel — 115— Frauenzimmer gewoͤhnlich Jenen machen, deren Liebe ſie verworfen haben. Im Schloſſe*** Julia Lidhurſt.“ Bei der erſten Durchleſung dieſes Briefes empfand Vivian nur neuen Schmerz daruͤber, daß er alle Hoffnnng verloren hatte, die Hand und das Herz der Perſon zu erhalten, die ihn geſchrieben. Als er ihn wieder las, rüͤhrte ihn der warme Ausdruck der Wünſche Lady Julia's fuͤr ſein Gluͤck und die Begierde, ihr Genug⸗ thuung uͤber einen Punct zu verſchaffen, der ihr ſehr am Herzen zu liegen ſchien, hatte weit mehr Einfluß auf ihn als ihre Vernunftgrunde. Alles, was von vernünftigem Sinn in dieſem Briefe lag, ging fuͤr ihn verloren, die ſentimentalen Partieen wirkten dagegen mit ganzer Kraft, ohne indeß ihm den Widerwillen benehmen zu koͤnnen, welchen er noch gegen die Perſon und das Beneh⸗ men der Lady Sarah empfand. Lord Gliſton⸗ bury ſtellte keine Frage an ihn wegen dem In⸗ halte des Briefes ſeiner Tochter Julia, aber ſo viel es nur immer der Anſtand erlaubte, beob⸗ achtete er Vivians Geſichtszuͤge, als er in 4 den Salon trat. Lady Gliſtonbury's ge⸗ mäͤßigter Ernſt war ſo ruhig als gewoͤhnlich, ak⸗ 8* * 116— lein das kleine Kopfzittern deutete hinlaͤnglich auf ihre unterdruͤckten Empfindungen. Lady Sarah war blaß, aber ihr Betragen war ſo vollkommen ruhig und geordnet, daß Vivian ſich uͤberzeugt hielt, ſie wiſſe wenigſtens nichts vom Inhalte des Briefes. Ihr Aeußeres war in der That ſo ruhig, ſie ſchien ſo unbeweglich, daß Lady Mary daruͤber die Geduld verlor. „Ich habe doch in meinem Leben kein junges Frauenzimmer wie Lady Sarah Lidhurſt ge⸗ ſehen; das iſt ein Stock, ein Stein, eine Statue. Sie hat mir in einem gewiſſen Punct nicht den min⸗ deſten Zweifel uͤbrig gelaſſen. Ich geſtehe: als ich er⸗ kannte, daß von Lady Julia nicht mehr die Rede ſeyn koͤnne, ſo habe ich angefangen zu glauben, daß Lady Sarah meine Schwiegertochter werden könne, ich habe mich ſogar danach geſehnt, weil ſie mit vieler Sorgfalt erzogen wurde, und weil die Verbindung unſerer Familie mit jener der Gliſtonbury ſehr wünſchenswerth iſt. Ueber⸗ dieß hatte ich gedacht, eh ich ſie noch heut mor⸗ gens geſehen habe, daß dieſes Maͤdchen dich liebte, und daß ſie einer Zuneigung empfaͤnglich, waͤre, allein ich bin gegenwaͤrtig uͤberzeugt, wie ausſchweifend dieſer Gedanke war. Sie hat keine Empfindung, ſchlechterdings keine, mit genauer 4 Rolh ſchend⸗ als al ſoll. kleinli von di tend ie ten m Empft keine ſie En ſo ein Auge vom ſcch i undi Ungen den nicht hing Kar — 117ñ— Noth hat ſie noch Etwas von geſundem Men⸗ ſchenverſtand. Sie denkt auf nichts in der Welt, als auf die Art, wie ſie ihre Ellbogen halten ſoll. Ihre Kaltblütigkeit, die Wichtigkeit, die kleinliche Sorgfalt, mit der ſie die Wollenfaͤden von dieſen verwuͤnſchten Tapeten abſchnitt, wäh⸗ rend ich mit ihr von deiner Perſon redete, ſetz⸗ ten mich in Wuth. Sie hat nicht die mindeſte Empfindung, nicht eine bloße Art davon!“ „Ach“ fagte Vivian,„Sie laſſen ihr keine Gerechtigkeit wiederfahren. Allerdings hat. ſie Empfindung, ſie hat welche fuͤr ihre Mutter.“ —„Ja, fuͤr ihre Mutter, das mag ſeyn, ſo eine Art von maſchinenmäaͤßiger Zuneigung.“ „Aber Gunädige, wenn Sie ſie in dem Augenblicke geſehen haͤtten, in dem ihre Mutter vom Schlage berührt wurde.“— Zu ſeinem großen Erſtaunen ſah Vivian ſich in der Lage Lady Sarah zu vertheidigen⸗ und ihr beinah eine Lobrede zu halten; aber die Ungerechtigkeit ſeiner Mutter in dem Puncte, um den es ſich handelte, war ſo groß, daß er es nicht vermochte, ihre heftigen Anzuͤglichkeiten hingehen zu laſſen. „Du ſetzeſt mich in Erſtaunen, mein lieber 1,“ ſagte Lady Mary,„erinnerſt du dich — 1 18— nicht, daß du auf eben dem Wege, wo wir ſind, waͤhrend unſerer Ruͤckkehr von Gliſtonbury, es find nun gerade zwei Jahre, die Lady Sarah eine Petrification genannt haſt?“ —„Ja, Gnaͤdige, weil ich ſie noch nicht kannte.“* „Sehr gut, mein Lieber; ich muß doch die Zeit darauf wenden, ſie beſſer zu analyſiren, und ich nehme an, daß ich gleich dir die Entdeckung machen werde, ſie ſey keine Petrification. Alſo Alles zuſammengerechnet, iſt Lady Sarah die künftige Gattin, die man dir zuſchreibt. Ich bin damit zufrieden. Dieſe Verbindung iſt mir auf jeden Fall ganz anſtändig; das Uebrige iſt deine Sache. Haſt du dich ihr ſchon vorgeſtellt?“ —„Nein, in der That nicht, Gnaͤdige. Gott bewahre mich! Wie eilt doch ihre Ein⸗ bildungskraft mit der Poſt, meine theure Mut⸗ ter! Gibt es denn kein Mittelding zwiſchen einer Petrifikation und dem Verliebtſeyn in ſie?“ „Verliebt? Wer haͤtte das geſagt? Ich habe kein aͤhnliches Wort fallen laſſen. Ich weiß, daß dieſes unmöglich iſt. Ich habe bloß gefragt, ob du dich fuͤr ſte erklaͤrt, ob du deine Antraͤge gemacht habeſt.“ —„Nein, liebe Mutter, nein!“ 2a aus, uu der ſie rah k ditſti was ſi nen, I nicht a genug, zurüch und 3 Entſch heit w ſtonb ſen L die fühlte urthe und; Hoffn Scho durch Han ſtiig haͤlt Ant — 1 19— Lady Mary druͤckte ihre Zufriedenheit aus, und vielleicht diente die Ungerechtigkeit, mit der ſie mehrere Tage hindurch fortfuhr, Lady Sa⸗ rah Lidhurſt der Gefuhlloſigkeit anzuklagen, dieſer im Gemuͤthe Vivians mehr, als Alles, was ſie zu ihren Gunſten haͤtte beibringen koͤn⸗ nen. Indeß war es ihm doch ſehr lieb, ſich noch nicht angetragen zu haben. Er hatte weder Muth genug, einen Schritt vorwaͤrts, noch einen Schritt zurück zu thun. Die Sachen gingen ihren Gang, und zogen ihn mit ſich fort, ohne ihn zu einer Entſcheidung zu vermoͤgen. Die Wahlangelegen⸗ heit wurde betrieben, alle Tage kam Lord Gli⸗ ſtonbury zu ihm, oder er ging. ſelbſt auf deſ⸗ ſen Schloß; alle Tage wurde es flarer, worin die allgemeine Erwartung beſtehe, manchmal füͤhlte er, wie unwiderruflich er nun einmal ver⸗ urtheilt ſey, dieſer Erwartung zu entſyrechen, und zuweilen uͤberließ er ſich der ſchmeichelnden Hoffnung, Lady J u lia werde bald in den Schoß ihrer Familie zuruͤckkehren, und er koͤnne durch irgend eine gluͤckliche Wendung noch ihre Hand erhalten. Es fehlte ihm die Huͤlfe der Fe⸗ ſtigkeit Ruſſells, um ſich in ſo haͤklichen Ver⸗ haͤltniſſen gehoͤrig zu behaupten. Ruſſell's Antworten auf ſeine Briefe blieben ſo kalt, und — 1 20— enthielten die entſchiedene Weigerung, ſich je wieder mit Vioians Angelegenheiten zu be⸗ faſſen, daß dieſer keine Moͤglichkeit vor ſich ſah⸗ wieder ſeine Freundſchaft zu gewinnen, und ſeine wohlerwogenen Rathſchlaͤge zu benuͤtzen. Sol⸗ chergeſtalt war Vioian ſich ganz überlaſſen, und allen Schreckniſſen der Uuſchluͤſſigkeit Preis gegeben, als ein Ereigniß die Geſtalt der An⸗ gelegenheiten des Gliſtonbury'ſchen Hauſes bedeutend veraͤnderte. In dem Augenblick, als man von Lord Lidhurſt gute Nachrichten uͤber ſeinen Geſundheitszuſtand erhielt, als ſeine Ael⸗ tern ſich ſchon der Hoffnung ſeiner gaͤnzlichen Herſtellung uͤberließen, ſtarb er beinah gählings dahin. Von der ganzen Familie war nur die Mutter auf dieſe Kataſtrophe vorbereitet. Man ſcheute ſich ihr dieſe Nachricht mitzutheilen, aber zu aller Welt Erſtaunen nahm ſie dieſelbe mit Ruhe und Entſagung auf. Sie ſagte, daß ſie ſeit langer Zeit den Eintritt dieſes Ungluͤcks voraus⸗ geſehen, und daß ſie ſich dem Willen des Himmels unterwerfe. Man beklagte die Aeltern, die einen jungen liebenswuͤrdigen Menſchen von den groͤß⸗ ten Hoffnungen verloren, einen einzigen Sohn, beſtimmt der Erbe eines Titels und eines großen Verui che 7 der i den! ſehe! ſahen gewo einen die rathe eulg Sol — 1 21— Vermoͤgens zu ſeyn, bald aber erwos man, wel⸗ che Veränderung dieſer Sterbefall in der Lage der üͤbrigen Familie veranlaſſen muͤſſe. Die bei⸗ den Lady's Lidhurſt, deren Anſpruͤche auf ein ſehr unbetraͤchtliches Vermoͤgen beſchraͤnkt waren⸗ ſahen ſich mit einem Male zu reichen Erbinnen geworden. Die Grafſchaft Gliſtonbury mußte einem Gliſtonburyſchen Reffen zufallen, wenn die beiden Lady's Lidhurſt ſich nicht verhei⸗ ratheten, oder keine Knaben bekamen, da im eutgegengeſetzten Falle der Titel auf den erſten Sohn der einen von beiden uͤberzugehen hatte. Alle dieſe Umſtaͤnde wurden, wie man ſich's wohl vorſtellen kann, bald bekannt, und dienten der ganzen Nachbarſchaft zum Stoffe ihrer muͤndli⸗ chen Unterhaltung. Viele Leute wuͤnſchten Vi⸗ vian Gluͤck zu den guͤnſtig veraͤnderten Umſtaͤn⸗ den jener Perſon, mit der er, wie man nicht zweifelte, bereits ſeine Verbindung verabredet habe. Vom erſten Beſuch an, den Vivian und ſeine Mutter nach Lord Lidhurſt's Ableben auf Gliſtonbury machten, fanden ſie daſelbſt ei⸗ nen jungen Mann von vielen aͤußeren Vorzuͤgen, der aber duſter und verſchloſſen war, ſo wie ſeine Geſichtszuͤge und ſein Weſen ihnen gleich an⸗ — 122— fangs widrig waren. Er hingegen ſchien ſie nur mit verdachtvollen Blicken anzuſehen, und jedes Mal unruhig zu werden, wenn Vivian von der Wahl ſprach, oder ſich Ladn Sarah'n naͤ⸗ herte. Dieſer junge Mann war Herr Lidhurſt⸗ Lord Gliſtonbury's Neffe, und einſt ſein geſetzlicher Erbe. Leicht konnte man beim erſten Anblick wahrnehmen, daß der Oheim ſeinen Better nicht liebte, doch war etwas mehr Zeit erforderlich, um zu entdecken, daß der Vetter den Oheim vollends äußerſt gering ſchäͤtze. Ob⸗ gleich noch ſehr jung, war Herr Lidhurſt ſchon ein ſehr ſchlauer Politiker, und ſeine Gefuͤhle kannten koine andere Richtſchunr, als den eig⸗ nen Vortheil. Er beſaß mehr Gewandbeit als der Lord, weniger Eitelkeit, aber viel mehr Ehr⸗ geiz als dieſer. Bei Lord Gliſtonbury war der Ehrgeiz mehr erkuͤnſtelt als natürlich; er glaubte dadurch ſeinen Rang beſſer herauszuhe⸗ ben, und die Meinung von der Wichtigkeit ſei⸗ ner Perſon zu vergroͤßern. Herrn Lidhurſt's Ehrgeiz war tief gewurzelt und unbegraͤnzt, aber kalt, ſchweigend und berechnend. Der Hochmuth verzehrte in Geheim ſein Inneres, allein, nie Fonnte er ihn verleiten, Etwas zu ſagen oder zu thun, das nicht vorher wohl bedacht geweſen waͤre⸗ ließ/ mißtr lichen uu gin Neben von befund gegen Pall eigni Zuku ſeine te er jedo daß und ein ſiei fand Hal eher the Lo aunt —8— — 12 3— waͤre. Wer ſich nicht bloß vom Ehrgeiz leiten ließ, war ihm ein Thor, wer es aber that, dem mißtraute er als einem unzuverlaͤſſigen„gefähr⸗ lichen Menſchen. Die erſten benutzte er um ſie zu gaͤngeln, die zweiten beobachtete er als ſeine Nebenbuhler. Er hatte ſich bei dem Biſchof von*** während Lord Lidhurſts Krankheit befunden, und er war auch bei ſeinem Ende zu⸗ gegen geweſen. Seit Lady Julia im biſchoͤflichen Pallaſte angekommen war, ſah er ſchon dieß Er⸗ eigniß vorher, und die Wahrſcheinlichkeiten der Zukunft berechnend, unterließ er auch nichts um ſeiner Couſine zu gefallen. Bald zwar uͤberzeug, te er ſich, ſeine Muͤhe wuͤrde nur vergeblich ſeyn, jedoch troͤſtete er ſich leicht mit der Bemerkung⸗ daß ſie entſchloſſen ſey unverehelicht zu bleiben⸗ und er wäre nicht ungeneigt geweſen, ſich auf ein Geluͤbde einzulaſſen, auf daß der Himmel ſie in dieſem Vorſatze beſtärken moöͤge: jetzt be⸗ fand er ſich zu Gliſtonbury in der Abſicht, ſeine Hand Lady Sarabh'n anzubieten, da dieſe ihm eben ſo gut als Julia die gewoͤhnlichen Vor⸗ cheile verſichern koͤnne. „Nun denn, mein lieber Vivian,“ ſagte Lord Gliſtonbury ihn auf die Seite ziehend, „wie finden Sie doch meinen Neffen Marma⸗ — 124— duke Lidhurſt? Stehen Sie nicht an mir Ihre Meinung unverholen zu ſagen, denn ich werde Ihnen ohne Umſchweife geſtehen, daß man ihn hier nicht ſehr liebt; er ſteht hier in keinem guten Geruch; doch das bleibt unter uns. Er glaubt, ich wuͤßte es nicht, daß er mich fuͤr einen oberflaͤchlichen Menſchen haͤlt, weil ich nicht den Kopf mit ſtatiſtiſchen Tafeln austape⸗ ziert habe, und mit alle dem fiscaliſchen und financiellen Kram, den er an den Fingerſpitzen her⸗ zuͤhlen kann; aber ich denke, daß ich ſo gut ein Politiker bin als er; ich nehme mir ſogar die Freiheit zu glauben, daß ich ihm an Kenntniß der Welt ein bischen überlegen bin, denn die Welt iſt's, aus der ich meine Erfahrungen mehr geſchoͤpft habe, als aus Buͤchern. Was halten Sie davon Vivian? Ich kann ihm beweiſen, daß ich ihn mit einem einzigen Blicke durchſchaut habe. Er will Lady Sarah haben, aber er hat nie einen Fuß hierher geſetzt, ehe ich mei⸗ nen armen Sohn verloren habe. Er paßt fuͤr Lady Sarah nicht, oder ich muͤßte mich ſehr irren. Haben Sie bemerkt, wie eiferſuͤchtig er gegen Sie iſt? Er hat mein Seel' nicht Un⸗ recht, man kann daraus fehen, daß es ihm an Scharfblick nicht fehlt.— Warten Sie nur, warte nicht Sie trubt muß nich Luſt men. erſten ſtime mid geu dieſe und kein trät du — 1 25— warten Sie, noch kennen Sie Marmadnken nicht, noch nicht die Haͤlfte ſeiner Projekte. Wenn Sie doch nur geſehen hätten, wie ſich ſeine Stirn truͤbte, als wir von der Wahl ſprachen! Ich muß Ihnen vorlänfig zu wiſſen thun, daß er mich daruͤber ausholen wollte. Er zeigte große Luſt fuͤr dieſe Grafſchaft auf die Bank zu kom⸗ men. Er ſpricht davon, daß er ſich ſogleich am erſten Tage zeigen wolle, wenn man die Wahl⸗ ſtimmen ſammle. Ich habe ihm geſagt, daß ich mich hierum nicht annehmen koͤnne, daß ich ge⸗ gen Sie Verpflichtungen haͤtte. Er antwortete, dieſe Verpflichtungen koͤnnten nur bedingnißweiſe, und in der Vorausſetzung eingegangen ſeyn, daß keiner meiner Verwandten als Wahlbewerber auf⸗ träte. Ich ſtränbte mich ſo gut es ging, aber er trieb mich wirklich in die Enge. Auf Ehre⸗ er wuͤrde mich in eine grauſame Verlegenheit ſtur⸗ zen, wenn er auf ſeinem Entwurf beharren wollte. Sie werden ſich leicht einbilden koͤnnen, was man ſagen wuͤrde, wenn man bemerkte, daß ich die Plane meines eigenen Neffen durchkreuzte, eines jungen Mannes, der ſich in der Welt er⸗ heben will, und dieſes zu Gunſten Jemandes⸗ der nicht mein Verwandter iſt, und Marma⸗ duke iſt gerade einer von jenen tief eingreifen⸗ — 126— den Politikern, die ſolche Entwuͤrfe aushecken und ihre Ausfuͤhrung verfolgen, ohne ſich zu kuͤm⸗ mern, auf weſſen Unkoſten dieß geſchehe. Ich kann indeß verſichern, daß man mich nicht hin⸗ dern ſoll zu thun, was mir zuſteht, wenn man mich ſchrecken will, und daß mit Liſt eben ſo wenig auszurichten iſt, denn ich bin eben ſo fein als er. Seyen Sie ſtandhaft, Vivian, mein theurer Freund, ich werde feſt bei Ihnen ſtehen bleiben; dißleſ Sie auf mich Alles, was ich wuͤnſche....“ Hier hielt Milord inne.„Doch mehr kann 46 Ihnen in dieſem Angenblick nicht ſagen, denn hier zeigt ſich mein vortsefflicher praͤ⸗ ſumtiver Erbe, der ganz eigends herbeikommt, um die Confoͤderation zu zertrummern. Ich werde morgen fruͤh aufſitzen und zu Ihnen rei⸗ ten; jetzt aber ſeyen wir ſtumm, wie ſich's ge⸗ hoͤrt vor Marmaduke unſerm Meiſter in der Politik, verſtehen Sie mein lieber Vivian?“ Ungeachtet dieſer Art von Eiferſucht, wel⸗ che Lord Gliſtonbury gegen Marmaduke hegte, und des Gepolters welches er anfing, wenn er von ihm redete; ſo benahm er ſich doch ganz anders, wenn er mit ihm ſelbſt ſprach. Vi⸗ oian begriff ſehr wohl, daß Milord ſich vor ſeinem Neffen ein bischen fürchte, und daß⸗ denn ganz Vi⸗ vor daß⸗ — 127— wenn er ſich auch in Geheim ſeiner ganzen Ab⸗ neigung gegen ihn uͤberließ, er dennoch Scheu trage oͤffentlich mit einem Manne zu brechen, dem er zutraute, daß er ſich eine ſehr ſtarke Parthei in der Welt verſchaffen koͤnne. Wenn Marmaduke aus ſeinem gewoͤhnlichen Tiefſinn erwachte, wenn er ſich herbeiließ an/ der Conver⸗ ſation Antheil zu nehmen, ſo drehten ſich ſeine Aeußerungen immer unter den Machthaͤbern und Perſonen von großem Einfluß herum, ſeine bit⸗ tern Ausfaͤlle trafen aber Diejenigen, welche ſich nach ſeiner Meinung nie zu einer großen Be⸗ deutendheit hinaufſchwingen wuͤrden. Was er behauptete, lieſerte niemals den offenbaren Be⸗ weis, es erlaubte nur die wahrſcheinliche Folge⸗ rung, daß er keine Eigenſchaft, keine Talente ſchaͤtze, als nach dem Prriſe, zu welchem man ſie auf dem großen politiſchen Markre an Mann bringen konnte. Die Gäͤbendes öͤffentlichen Vor⸗ trages war ihm die köͤſtlichſte, welche der Him⸗ amel einem Sterblichen verleihen konnte, und berühmte Parlementsredner waren die einzigen Perſonen in der Welt, wofuͤr er Achtung zeig⸗ te. Da Bivian mit Erfolg im Hauſe der Gemeinen geredet hatte, ſo war er in dieſer Hinſicht fuür Marmaduke Lidhurſt ein Gegenſtand — — 5 des Neides, allein dieſer Neid war durch die Verachtung gemaͤßigt, welche ihm der Mangel an Ausdauer erzeugte, den unſer Held in Hinſicht auf die Sphaͤre des Ehrgeizes bewieſen hatte. „Sie werden ſehen, daß Ihr Herr Vivian“ ſagte er zu ſeinem Oheim, während Vivian die Damen unterhielt,„bei naͤherer Analyſe wei⸗ ter zu nichts gemacht iſt, als hoͤchſtens Weibern zu gefallen. Guter Gott, mit ſeiner Leichtigleit fuͤr den oͤffentlichen Vortrag, was wuͤrde ich nicht ſchon ins Werk geſetzt haben! Der arme Menſch hat doch gar keine Stätigkeit in ſeinem Ehrgeiz; nicht eine große Anſicht, keine Schwung⸗ kraft des Geiſtes. Machen Sie ihn zum Ab⸗ geordneten eines Weilers, und er wird eben ſo zufrieden ſeyn als waͤre er es fuͤr die ganze Grafſchaft. Sie werden ſehen, nach einer oder zwei Sitzungen wird er ſich darauf beſchraͤnken und ſelbſt, ohne eine Penſion zu haben, ſich als ein guter Landjunker auf ſeine Guter zu⸗ rückziehen. Eine Verbindung mit ihm wird fuͤr Ihre Familie keinerlei Vortheil bringen. Lady Sarah wird an der Seite eines Mannes wie dieſer zu keiner Achtung in der Welt kommen. Ich halte mich uͤberzeugt, daß ſie zu viel Unter⸗ cheid ſich a te di weil ſeligk ſeine und; perſe gen. hur terſch weni nahm Reelſ Ston nes Vir von teeten Perſe Aher unde gegen belu der di — 1 29— cheidungsgabe beſitze und ſich zu ſehr achte um ſich auf eine ſo kahle Heirath einzulaſſen.“ Lord Gliſtonbury huſtete, ſpuckte, putz⸗ te die Naſe und ſchien ſehr unruhig, beſonders weil er ſich Muͤhe gab ſeiner gewoͤhnlichen Red⸗ ſeligkeit Einhalt zu thun. Nichts konnte mehr ſeine Achtung fuͤr die Faͤhigkeiten ſeines Neffen und zugleich ſeine Abneigung vor deſſen ganzer Perſon beweiſen, als dieſes unnatuͤrliche Schwei⸗ gen. Indeß ſchien es, als waͤre Herrn Lid⸗ hurſt's gute Meinung in Hinſicht auf die Un⸗ terſcheidungsgabe ſeiner Couſine voreilig und zu wenig uͤberdacht, denn den ganzen Tag hindurch nahm Lady Sarah die angelegentlichen Auf⸗ merkſamkeiten ihres Vetters Marma duke mit Stolz und Geringſchaͤtzung auf, und wurde ſei⸗ nes ernſthaften Weſens ſo ſatt, daß ſie Herrn Vivian offenbar den Vorzug gab. Dieſe Art von Wetteifer, welche Herrn Lidhurſts Auf⸗ treten als Nebenbuhler herbeifuͤhrte, gab der Perſon um die es ſich handelte, einen höheren Werth. Vivian ward durch das veraͤchtliche and eiferſuͤchtige Weſen, welches Herr Lidhurſt gegen ihn beobachtete, wechſelsweiſe gereizt und beluſtigt. Marmaduke's Entwurf, ihn von der Familie Gliſtonbury auszuſchließen und Vioian II. Theit 9 aus der Gunſt der Lady Sarah zu verdraͤngen verdroß ihn nicht wenig, und er wollte beweiſen, daß er das Terrain zu vertheidigen und ſeinen Vortheil zu behaupten wiſſe. Unmerklich wur⸗ de Vivians Aufmerkſamkeit auf Lady Sarah immer angelegentlicher. Er ſetzte ſeinen Stolz darein zu zeigen, daß er mit Anſtand, mit Gra⸗ zie und Geſchmack den Hof zu machen verſtehe; es ſchmeichelte ihn der Gedanke, daß die Zu⸗ ſchauer ſeine Ueberlegenheit anerkennen und nicht an dem Vorzuge zweifeln koͤnnten, den er erhal⸗ ten wuͤrde. Lady Sarah, deren Benehmen wäͤhrend der Abweſenheit der Miß Strictland ſich zu deren Vortheile verändert hatte, erhielt durch das Vergnuͤgen uͤber die Aufmerkſamkeit unſers Helden ſichtbar neue Rerze, ſo daß ſie anfing ihm ſehr liebenswuͤrdig zu erſcheinen. Er hatte wohl erwartet Feuer unter dieſem Eiſe zu finden, aber angenehm uͤberraſcht war er, Blumen des Fruͤhlings demſelben entbluͤhen zu ſehen. Sein Wagen ſtand bereits ſeit einer halben Stunde am Thore ohne daß er darauf dachte fortzu⸗ gehen. „Du haſt Recht, mein lieber Sohn,“ ſag⸗ te Lady Mary zu Vivian, als ſie wieder im Wagen ſaßen,„dn haſt vollkommen Recht, und * ich iert Sie iſt ihren zuk uich Eharakte micht. Leichtig Seele. ſöon i einnehm rungen bin ich ich imn Einfluß in ihr d rakter, ſon, di 5 ſelbſt ſagte V 1 wendeſt heweiſt haſt zu ſchwind ſen An. — 131— ich irote mich in Hinſicht auf Lady Sarah. Sie iſt gefuͤhlvoll, ſehr gefuͤhlvoll, es liegt in ihren Geſinnungen viel Großes und ſie weiß es zur rechten Zeit darzulegen. Das iſt ein ſchoͤner Charakter, ein Charakter, der ſich deutlich aus⸗ ſpricht. Sie benahm ſich heute mit gefaͤlliger Leichtigkeit, und ihre Geſichtszuͤge waren ganz Seele. Ich verſichere dich, daß ich ſie ſehr ſchoͤn gefunden habe; ja wirklich ſie iſt ein ſehr einnehmendes Frauenzimmer. Welche Veraͤnde⸗ rungen kann doch die Liebe hervorbringen! Nun bin ich ganz zufrieden geſtellt. Das iſt's, was ich immer gewuͤnſcht hatte. Geburt, Rang, Einfluß, Vermoͤgen, mit einem Worte, Alles iſt in ihr vereinigt; ſie iſt ein Weib von einem Cha⸗ rakter, wie du ihn bedarfſt, und gerade die Per⸗ ſon, die am meiſten fuͤr dich paſſend iſt.“ „Wenn ſie doch nur ihrer Schweſter oder ſelbſt Selina Sidney mehr aͤhnlich ſehe,“ ſagte Vivian einen Seufzer ausſtoßend. „Das Wort ſelbſt, welches du da an⸗ wendeſt, indem du vonSelina Sidney ſprichſt, beweiſt mir hinlaͤnglich, daß du wenig Urſache haſt zu ſeufzen; denn du ſiehſt in welcher Ge⸗ ſchwindigkeit dasjenige ſich aͤndert, was bei die⸗ ſen Anlaͤſſen der Phantaſie angehoͤrt, und leicht 9* — 132— koͤnnteſt du Lady Sarah in Kurzem ſelbſt ſo ſehr lieben als du Lady Julia liebteſt.“ „Unmoͤglich!“ „Unmoͤglich! Warum? Mein lieber Karl, du ſetzeſt mich in Erſtaunen; denn du mußt doch eingeſehen haben, welche Abſichten und Erwar⸗ tungen die ganze Familie nebſt der jungen Per⸗ ſon hat, und deine bewieſenen Aufmerkſamkeiten kann man ſich nur auf eine einzige Art er⸗ klaͤren.“ „Glauben Sie? Ich habe in der That nicht darauf Acht gehabt, wenigſtens war meine Abſicht nicht, mich in Verbindlichkeiten einzulaſ⸗ ſen. Mein Benehmen war doch ganz gewiß nicht von ſolcher Art. Sie wiſſen, ein Mann iſt nicht wie ein Frauenzimmer durch ein Paar Wor⸗ te in die Luft gebunden. Complimente und ein Paar galante Worte ſind unſerſeits noch keine ernſthafte Sache. Ein Mann haͤlt ſich gegen ein Frauenzimmer in ſo lange nicht verpflichtet als bis er ſeine Erklaͤrung gemacht, und foͤrm⸗ lich um ihre Hand angehalten hat.“ „Ich weiß, daß dieß im Durchſchnitt der Grundſatz unſerer jungen Leute iſt; allein das iſt meiner Meinung nach eine unredliche Art zu denken, und es waͤre mir ſehr unlieb, wenn That neine ulaß nicht n iſt Wor⸗ dein keine gegen ichtet aoͤrm⸗ t der n das de Art wenn . 133 mein Sohn ſie zu der ſeinigen machte,“ verſetzte Lady Mary mit Unwillen.„Frage deinen Freund, Herrn Ruſſell, wie er in dieſer Hinſicht denke. Schon vor langer Zeit hat er dir, wie ich weiß, geſagt, daß wenn du nicht im Ernſt an Lady Sarah Lidhurſt daͤchteſt, du nach den umlaufenden Geruͤchten ſehr Un⸗ recht thueſt, mit den Gliſtonbury'sden ver⸗ trauten Umgang fortzuſetzen, und auf dieſe Art die ganze-Familie und die junge Perſon inſonderheit zu betruͤgen. Ich berufe mich hierwegen auf Herrn Ruſſel, willſt du ihn zum Richter neh⸗ men und uͤber dieſe Frage entſcheiden laſſen?“ Vivian ſeußzte tief; alles dieß erinnerte ihn an den Verluſt ſeines Freundes, allein er konnte, ohne Lady Julia's Geheimniß zu miß⸗ brauchen, die Gruͤnde des Mißvergnuͤgens von Seite Ruſſels nicht erklaͤren. Er antwortete dann:„daß er es nicht noͤthig habe, Herrn Ru ſ⸗ ſells Meinung einzuholen, wenn er bereits je⸗ ne ſeiner Mutter vernommen habe.“ Die Vor⸗ liebe der Lady Mary fuͤr dieſe Verbindung mit den Gliſtonbury's vermehrte unter dieſen Umſtaͤnden die Strenge ihrer Moral und ſie er⸗ wiederte:„Wenn dieß iſt, ſo erklaͤre ich dir, meine Meinung, deutlich ausgeſprochen, beſteh — 134— darin, daß es von deiner Seite unredlich ge⸗ handelt waͤre, wenn du eine ſtillſchweigend ein⸗ gegangene Verbindlichkeit aufheben wollteſt, wel⸗ ches nicht geſchehen koͤnnte ohne die Ruhe dieſer ganzen Familie zu ſtoͤren und ihr Ungluͤck zu ver⸗ urſachen, denn bei dem gegen waͤrtigen Geſund⸗ heitsſtande der Lady Gliſtonbury— wer kann fuͤr die Folgen eines Kummers dieſer Art haften, der ſich auf ihre Lieblingstochter bezieht⸗ beſonders da ſie ohnehin erſt neuerlich ihren Sohn verloren hat.“ „Es iſt genng; ſagen Sie mir nichts mehr⸗ meine liebe Mutter, ich beſchwoͤre Sie darum: ich ſehe dieß alles ein, ich fuͤhle es; ja, ich muß Lady Sarah ehelichen. Doch wie unguͤn⸗ ſtig in nicht mein Geſtirn! Mußte ich denn ge⸗ zwungen ſeyn ein Weib zu heirathen, das ich nicht liebe, deren Perſon, deren ganzes Weſen mir unangenehm iſt, waͤhrend ich ganz fuͤr eine andere eingenommen bin?“ „Das waͤre in der That etwas Schreckli⸗ ches,“ ſagte Lady. Mary wirklich beſtuͤrzt. In dieſem Augenblicke nahmen ihre Ideen eine neue Richtung, und ſie urtheilte nicht mehr nach ih⸗ rem Syſtem als Frau von der großen Welt, ſon⸗ dern nach ihren romantiſchen Begriffen.„Ich 4 wa ge⸗ ein⸗ wel⸗ ieſer ber⸗ und⸗ wer Art zieht, hren nehr, rum: ich nguͤn⸗ in ge⸗ 3 ich Veſen eine eeckli⸗ n neue ch ih⸗ ſon⸗ 13ch — 133— waͤre, du kannſt es glauben, ſehr traurig daruͤber, wenn ich mir es zuſchreiben muͤßte, dich verlei⸗ tet zu haben gegen deine Gefuhle zu handeln deiner Reigung Gewalt anzuthun. Ich wollte in keinem Falle fuͤr eine Heirath wie dieſe ver⸗ antwortlich ſeyn, wenn du wirklich in ihre Schwe⸗ ſter verliebt biſt, und wenn du eine Abneigung fuͤr die Perſon und das ganze Weſen der Lady Sarah hegſt. Ich wuͤrde eine ſehr ſchlimme Handlung begehen, wuͤrde ſelbſt deine Sittlichkeit in Gefahr ſetzen, wenn ich auf einer ſolchen Hei⸗ rath beharrte. Gott bewahre mich vor ſolch ei⸗ nem Verſuche!“ Hier trat ein Stillſchweigen ein, das waͤhrend der Zuruͤcklegung von andert⸗ halb Meilen anhielt.„Aber Karl, nach all dem, was ich heute geſehen, wie iſt es moͤglich, daß Lady Sarah dir in ſolchem Grade mißſtele⸗ als du mir ſageſt?“ —„Meine Mutter! es hat ſich gefunden, daß ſie mir heute nicht ſo unangenehm als ſonſt erſchien.“ „Nun, kann nicht der Fall eintreten, daß fie dir morgen, uͤbermorgen und in allen nachfol⸗ genden Tagen ebenfalls nicht unangenehm vorkom⸗ me? Was jene Phanthaſie fuͤr ihre Schweſter betrifft, ſo weißt du ſehr wohl, daß, wenn alle — 136— Hoffnung verloren iſt, die Liebe von ſelbſt ihrer Wege zieht.“ „Das mag wohl einſt geſchehen, aber jetzt iſt's noch nicht ſo. Ich wuͤnſchte, es waͤre be⸗ reits der Fall geweſen, denn dieſe Liebe kann mir doch nichts Anders als Qualen bereiten, und ich halte mich gleich Ihnen uͤberzeugt, daß ich beſſer daran thun wuͤrde Lady Sarah zu hei⸗ rathen: Sie iſt allerdings ſehr ſchaͤtzenswerth⸗ und ich bin erkenntlich fuͤr den Vorzug, den ſie mir einraäͤumt. Gegenwaͤrtig, da ſie eine reiche Erbin geworden iſt, muß es mir beſonders gefal⸗ leu, ſie in Bezug auf mich ſo ſtandhaft zu ſehen; wie Sie ſagen, ſie hat einen edlen Charakter. Ein Frauenzimmer wie ſie verdient in der That nicht an einen Menſchen wie dieſer Marmaduke Lidhurſt ausgeliefert zu werden, der in ihr weiter nichts als das Mittel ſieht, ſeinem Ehr⸗ geize zu dienen, und der, wie ich nicht im min⸗ deſten zweifle, ſie ungluͤcklich machen wuͤrde. Der Hochmuth dieſes Menſchen, ſein kaltes be⸗ rechnungsvolles Weſen iſt mir unertraͤglich. Er bildet ſich ein, die Familie werde ſich von ihm dahin bringen laſſen mich zu verwerfen, vielleicht wird er aber ſehen muſſen daß er ſich irret. Lord Gliſtonbury würde mich weit lieber ihrer t jetzt re be⸗ fann „und ich hei⸗ verth⸗ een ſie reiche gefal⸗ hen; after. That duke n ihr Ehr⸗ min⸗ uͤrde. s be⸗ Er ihm leicht 4 — 141337— als ihn zu ſeinem Eidam haben, allein nach all' dem, wiſſen Sie ohnehin, daß ich, ſobald ich's uͤber mich gewinne„ um Lady Sarah etwas fruͤher oder ſpäter anhalten kann: es iſt nichts, das mich zur Eile noͤthigte.“ Auf dieſe Art ſchloß die Unterredung. Den andern Morgen, zu ungewöhnlicher Stunde, kam Lord Gliſtonbury auf Vivians Schloſ⸗ ſe an. Er ſah verlegen und bekuͤmmert aus. Anfangs verſuchte er allerlei Dinge auf die Bahn zu bringen, allein die Unterhaltung gerieth immer in's Stocken. Da nun Lady Mary ſah, daß Milord mit Ungeduld darauf warte, ihren Sohn unter vier Augen ſprechen zu koͤn⸗ nen, ſo benuͤtzte ſie die erſte vorkommende Gele⸗ genheit ſich zu entfernen, nicht ohne beſondere Reugierde und ohne viele Muthmaßungen uͤber den Beweggrund, der Milord daher gefuͤhrt hatte, und uͤber dasjenige, was in dieſer Zu⸗ ſammentretung wuͤrde verhandelt werden. Lord Gliſtonbury's Mienen druͤckten wechſelsweiſe einen ploͤtzlich ergriffenen Entſchluß und die vollſtaͤndigſte Unſchluͤſſigkeit aus; end⸗ lich nahm er ſich, wie man ſagt, zuſammen und fragte ganz barſch: — 138— „Vioian haben Sie die ie Heütlgen Blätter geſehen?“ —„Die Zeitungen?— Ja.— Rein; da liegen ſie auf dem Tiſche, aber ich habe noch keinen Blick darauf geworfen. Gaden 5 irgend etwas Beſonderes?“ „Ja in Wahrheit, etwas Beſonderes, et⸗ was ganz Beſonders. Aber es ſteht in dieſer nicht; in jener auch nicht. Sie haben ja das Blatt gar nicht, wo es vorkommt. Das iſt ebenfalls ſehr ſonderbar.“(In ſeinen Taſchen ſu⸗ chend)„Ich bin doch ein Dummkopf, daß ich das Papier nicht mitnahm; ich muß es aber doch bei mir haben. Ja doch, hier iſt's. Es handelt ſich um keine oͤffentliche Thenigkeit ſondern um eine Privatſache.“ Vivian war ganz Ohr, denn er erwarte⸗ te Erwas zu erfahren, das ſich auf Lady Julia bezoͤge. Lord Gliſtonbury, der durch ſeinen Verkehr mit Geſchaͤftsmaͤnnern die Kunſt gelernt hatte mit Worten zu bezahlen, wenn er daran war mit den Ideen Banquerut zu machen, ließ ſich gehen, unde knuͤpfte eine nichtsſagende Phraſe an die andere, waͤhrend er ſeine Gedanken ſammel⸗ te und die Geſichtszuͤge ſeines Geſell afters ſtu⸗ dierte. zu be nen Ich nicht meini de d ihm eina daß zug beſü wenn ſche Art erſe daf te, pa er Vlätter in; de e noch irgend es, et⸗ dieſer ja das Das iſt hen ſu⸗ ich das boch bei delt ſich um eine rwarte⸗ Julia ſeinen gelernt daran ldeß ſih raſe an ſammel⸗ ers ſtu⸗ „Sie erinnern ſich deſſen, was ich Ihnen zu verſtehen gab, als ich die Ehre hatte mit Ih⸗ nen über einen gewiſſen Gegenſtand zu reden. Ich geſtehe, daß Herrn Lidhurſts Benehmen nicht zu den Begrifſen paßt, welche ich zu den meinigen gemacht habe, jedoch Jedermann hat die Freiheit ſeine Anſichten zu waͤhlen, wie es ihm gut duͤnkt. Ich will Ihnen die Sache aus⸗ einanderſetzen, Herr Vivian⸗ weil ich fuͤhle, daß ich mich hieruͤber gegen Sie ohne allen Ver⸗ zug und zu Ihrer Bernhigung erklaͤren muß. Auch befurchte ich nicht mich dadurch herabzuſetzen, wenn ich Ihnen meine Geſinnungen ohne Um⸗ ſchweif entdecke, und die Sache auf eine ſolche Art darlege, wie ſie mir nach meinen Anſichten erſcheint: denn es iſt ſchlechterdings nothwendig, daß man ſich auf eine oder die andere Art erklaͤ⸗ re, daß man fuͤr die Sache oder fuͤr das Ge⸗ gentheil entſcheide. Bei öͤffentlichen Angelegen⸗ heiten koömmt Alles auf die Entſcheidung an, wie dieß der große Kanzler Bacon oder jemand Anderer ſagt, und kein Menſch Weif dieß beſ⸗ ſer als Marmaduke.“ Jetzt kam Milord in die Hitze, und ſeinen parlamentariſchen Kauderwelſch verlaſſend, nahm er ſeinen vertraulichen Styl an. — 140— „Zum Geier, er hat uns um einen ganzen Markt gebracht; er war geſchickter als wir, aber meinem Urtheile nach, hat er ſich auf keine ſehr loxale Weiſe benommen; was halten Sie davon Vivian?“ „Mein lieber Lord, ich weiß noch nicht um was ſich's handelt.“ „Ahb, die Thatſache iſt ganz einfach! Hö⸗ ren Sie nur, Marmaduke hat ſich ohne mein Wiſſen, ohne meine Einwilligung und, wie er ſehr wohl wußte, ganz gegen meine Abſichten, zum Kandidaten fuͤr die Grafſchaft erklaͤrt und hier iſt das ſchoͤne patriotiſche, zierliche und blu⸗ menreiche Avertiſſement,— der Bliz ſoll es ver⸗ zehren— das er in die Zeitung ſetzen ließ.„An die Herren von der Grafſchaft, Geiſtliche und Grundeigenthuͤmer.“ Peſtilenz, das iſt ein Stein des Anſtoßes den er mir in den Weg ge⸗ worfen. Wie ich zum erſten Male dieſen ſau⸗ bern Paragraph las, ſo habe ich mir die Augen gerieben, denn es koſtete mich Muͤhe zu glauben, daß er von Marmaduke ſey. Obſchon ich mir einbilde die Leute an ihrer Schreibart zu kennen, wenn ich nur die erſte Zeile geleſen habe, ſo wä⸗ re ich doch niemals im Stande geweſen zu erra⸗ then, daß dieſes ein Stuͤck von der Proſa mei⸗ nes N Name lichen duk Datl Als! hen t zugeſ geſte Kati mein iſt e gala ich: aufß mei muf der daß er rech zu ral ₰ ganzen s wir, uf keine en Sit cht um 51 55, ne mein wie er ſichten, irt und dblu⸗ es ver⸗ ß.„An che und iſt ein geg ge⸗ en ſau⸗ Augen lauben, ich mir kennen, ſo wä⸗ merra⸗ ſa mei⸗ — 141— nes Neffen ſey, haͤtte ich nicht ganz unten ſeinen Namen der Länge nach, in ſehr großen abſcheu⸗ lichen Schriftzuͤgen gefunden.„John Marma⸗ duke Lidhurſt,“ und was noch mehr iſt, das Datum:„auf dem Schloſſe Gliſtonbury.“ Als wenn dieß mit meiner Gutheißung geſche⸗ hen wäre, als ob ich ihm meine Unterſtuͤtzung zugeſichert haͤtte, da er doch wußte, daß ich erſt geſtern uber den Gegenſtand mich in meinem Kabinete erklaͤrt und ihm geſagt hatte, ich wuͤrde meine Verbindlichkeiten gegen Sie erfüllen. Das iſt ein Streich, der ſich keineswegs fuͤr einen galanten Menſchen ſchickt, denn Sie ſehen, daß ich nun in der Lage bin oͤffentlich fuͤr Jemanden aufzutreten, der bloß mein Freund iſt, daß ich meinen nächſten Verwandten entgegenarbeiten muß, woruͤber ſich die Welt nicht wenig wnn⸗ dern wird.“ Vivian druͤckte ſeinen Schmerz daruͤber aus, daß Milord ſich in ſolcher Verlegenheit befaͤnde; er bemerkte indeß, die Welt mütte ſehr unge⸗ recht ſeyn, wenn ſie ihn tadelte, und fuͤgte hin⸗ zu, Milord habe einen zu malcheidenden Cha⸗ rakter, um. „Allein abgeſehen von der Welt,“ ſagte Milordaihn unterbrechend,„ſelbſt in unſerer — 142— Familie, unter den Lidhurſts, mit Einſchluß der entfernteſten Verwandten, wird ſich gegen mich ein Bund bilden, und um ſolche Familien⸗ zwiſte iſt es eine mißliche Sache: denn, obſchon wir nicht mehr in den Zeiten des Lehenweſens leben, ſo ſind doch die Partheiſtaͤmme auf die Lehenſtaͤmme gefolgt; und wir andern Parthei⸗ haͤupter, wir müſſen immer bedacht ſeyn, unſe⸗ re Anhaͤnger zufrieden zu ſtellen, oder wir ſind Nichts auf dem Schlachtfelde, ich will ſa⸗ gen im Parlamentsſaale. Ha, ha, hal... Ich lache, aber der Gegenſtand iſt ernſthaft, denn dieſer Marmaduke Lidhurſt wird im Pri⸗ vat⸗ wie im oͤffentlichen Leben eitt unverſoͤhnlicher Feind ſeyn; dieſer Marmadukeiſteines unaus⸗ loͤſchlichen Haſſes faͤhig, er geht uͤberall hin, er hat Bekanntſchaft auf dem ganzen Erdkreiſe, er iſt in allen Clubs; der junge Menſch tummelt ſich in der Welt herum, man hoͤrt ihn an, er wird dieſe Geſchichte verdolmetſchen wie es ihm beliebt und Glauben finden. Mit ſeinem eige⸗ nen Neſſen kann man daraus keine Ehrenſa⸗ che machen; er weiß daß dieſe Familienzwiſte auf eine freundſchaftliche Art und nicht nach dem Geiſt der Ehre in Ordnung gebracht werden. Darin liegt aber die Schwierigkeit. inſchluß h gegen familien⸗ obſchon enweſens auf die Parthei⸗ unſe⸗ wir ſind will ſa⸗ hal.. ft, denn im Pri⸗ nlicher Sunaus⸗ hin, er teiſe, et tummelt an, er es ihm mn eige⸗ tenſa⸗ enzwiſte t nach gebracht erigkeit. — 143— Die Geſetze der Ehre ſchweigen uͤber dieſen Punct, und die Landesgeſetze dehnen ſich auf dieſe Angelegenheiten des Scheingefuͤhls nicht aus. Aber noch wiſſen Sie den eichiuſten Umſtand nicht. 1 Aln 9 „Wirklich? rief Vio ian aus.“ —„Ja, wirkich. Sie kennen den Mei⸗ ſterſtreich von Marmaduke’s Politik nicht⸗“ —„Rein; worin beſteht er denn, Mi⸗ lord? Ich bin ganz Ohr, erklaͤren Sie mit/ ich bitte.“ „Das iſt aber baͤklich, das iſt ſchwierig! Nein, nein, bei meiner Seele, ich kann Ihnen das nicht auseinanderſetzen,“ ſchrie Lord Gli⸗ ſtonburh.„Ich bin ganz empoͤrt! Ich ſchwoͤ⸗ re Ihnen auf die Ehre eines Pairs vom Koͤnig⸗ reiche, daß ich's Ihnen ſagen wollte, wenn ich koͤnute, aber in Mahe peie ich natenag es nicht.“ og un re. dr— „Sie wiſſen, mein theurar Lord,““ ſagtr Vivian,„daß Sie gegen mich keine ſolchen Bedenklichkeiten aus Zartgefuͤhl hegen ſollten: Sie haben mir die Ehre erwieſen mir ihr enges Vertrauen zu goͤnnen, und wir ſtehen mit einan⸗ der auf einem ſolchen Fuße, daß es Nichts au was Sie mir nicht ſagen duͤrften.“ ⸗ — 144— „Sie haben Recht; das iſt wahr,“ ſagte Milord, ſeine Miene der angenommenen Bekuͤm⸗ merniß ablegend und bemuͤht, ſich auch, von ſei⸗ ner wirklichen Verlegenheit frei zu machen.„Sie haben vollkommen Recht, mein lieber Vivianz wir ſtehen in ſo innigen Verhaͤltniſſen, daß ich nicht in ſolchem Grade bedenklich ſeyn ſollte, al⸗ lein es gibt Dinge, die ein Mann von guter Ge⸗ burt, guter Erziehung.... mit einem Worte, dieß wuͤrde das Anſehen haben, als ob.... doch meine Ehre— ich bin in die Ecke der Wand ge⸗ trieben, ich bin dahin gebracht, mich zu verthei⸗ digen, ſo gur ich kann, gegen dieſen Herrn Nef⸗ fen. Ich weiß, die Sache wuͤrde ſo ausſehen, als ob es das Abſcheulichſte in der Welt waͤre, eine Sache, die, wenn ich mich dazu verſtehen ſollte, mir nicht minder ſchwer ankaͤme, als mich koͤpfen zu laſſen. Man müͤtßte geradezu glauben, als waͤre ich ganz eigens gekommen, um Sie zu bereden, daß Sie meine Tochter heira⸗ theten;— und Sie wiſſen ſehr wohl, daß dieß eine Sache iſt, auf die ein Mann meiner Art gar nicht denken koͤnnte. Allein, da ich mich ſo in die Enge getrieben ſehe, ſo muß ich Ihnen wohl ausdruͤcklich die Wahrheit ſagen, und Ih⸗ nen Marmaduke's Meiſterſtreich erklaͤren, ſo 2 ſagle Beküum. von ſei⸗ *.„Sie vian; jaß ich lte, al⸗ ter Ge⸗ Worte, .. doch and ge⸗ derthei⸗ e Ref⸗ sſehen, waͤre, erſtehen e, als eradezu en um heira⸗ ß dieß er Art mich Ihnen nd Il⸗ ren/ — 145— ſchwer es mir auch ſeyn mag. Er hat um Laͤdy Sarah angehalten, und er war ſo kuͤhn, mich zu befragen, ob an den Geruͤchten, die nach ſei⸗ ner Behauptung in Umlauf waͤren, etwas Ge⸗ gruͤndetes ſey.— Und er dringt in mich, der liſtige Schalk, dieſe Geruͤchte zum Schweigen zu bringen, und zwar nach der einzig ſichern Me⸗ thode, das iſt, auf einige Zeit den fortwaͤhren⸗ den Verkehr zwiſchen den Schloͤſſern Vivian und Gliſtonbury ſo lange aufzuheben, bis Lady Sa⸗ rah vermaͤhlt ſey, oder, wenn unſer tief ein⸗ greifender Politiker deutlicher haͤtte reden wollen, bis er ſelbſt ſie geheirathet habe.— Was nun auch Weiteres geſchehen mag, ſo habe ich doch, iſt's nicht wahr? offenherzig mit Ihnen geredet. und Sie werden einſehen, daß ich berechtigt bin, zu erwarten, Sie werden meine Beweg⸗ gruͤnde ohne Argwohn denten, und mir mit gleicher Offenheit antworten.“ Waͤhrend Milord redete, wechſelten in Vi⸗ oian verſchiedene Arten von Gefuͤhlen, und mancherlei Ruͤckſichten draͤngten ſich ihm auf. Erſtaunen, Mitleid, Erkenntlichkeit, Eitelkeit, Eiferſucht, Ehre, die Unterredung mit Lady Mary, Julia's Brief, der Vortheil dieſer Heirath, die Anwartſchaft auf die Grafſchaft, Vivian 11. Theil. 10 — 146— der Triumph oder die Niederlage in Hinſicht auf die Wahl, die unverſchaͤmt beleidigende und ſo ploͤtzliche gemachte Forderung des Herrn Lid⸗ hurſt, die Grauſamkeit, ein Frauenzimmer zu verlaſſen, das ihn liebte, die Herabwuͤrdigung, die Unmoͤglichkeit nach gewiſſen Geruͤchten ſich zuruͤckzuziehen, ergriffen ihn im gaͤhen Wech⸗ ſel, und er entſchied ſich nach ſeinen Gefuͤhlen, und nach der Verlegenheit, in welche der Au⸗ genblick ihn verſetzte. Seine Antwort war ein foͤrmliches Anhalten um Lady Sarah's Hand, worauf die groͤßten Betheurungen ſeiner Anhaͤng⸗ lichkeit und Neigung, ſo wie die ſchmeichelhafte⸗ ſten Acußerungen folgten, die ihm nur beifielen. Er wußte nicht ſo recht, was er ſagte, und Lord Gliſtonbury forſchte nicht ſehr ſorgfältig, ob er das Weſen und den Ausdruck eines wirk⸗ lich fuͤr einen Gegenſtand begeiſterten Meuſchen habe, uͤberdieß fragte er gar nicht, was aus Vivians neuerlicher Liebe fuͤr Lady Julia geworden ſey, ſondern, zufriedengeſtellt, daß das Verlangen daſſelbe, wenn gleich der Gegenſtand verſchieden ſey, troͤſtete er Vivian mit dem lauten Ausrufe: „Gehen wir, gehen wir! Das Alles wer⸗ den Sie der Lady Sarah ſelbſt ſagen, und ich cht auf und ſo u Lid, amer zu digung ichten Wech⸗ efuͤhlen, der Au⸗ var ein 2 Hand, Anhaͤng⸗ helhafte⸗ eifielen. und Lord egfältig, es wirk⸗ Reuſchen was aus Julia daß das genſtand mit dem lles wer⸗ und ich — 147— will„ doch ich weiß ein Geheimniß zu be⸗ wahren. Sie gehen mit mir nach Gliſtonbury zuruͤck. Lady Gliſtonbury wird hocherfreut ſeyn, Sie zu ſehen, und ich werde mich an den Anblick der Figur weiden, die Marmaduke machen wird, wenn ich ihm ſagen werde, daß Sie um Lady Sarah a ngehalten haben. Denn jetzt muß ich Ihnen nur Alles ſagen, unſer Po⸗ litiker hat ſeine Rechnung auf die Wahrſchein⸗ lichkeit gegruͤndet, daß Sie ſich nicht mit einem Male entſchließen würden, mir einen An⸗ trag zu machen, der mich in den Augen der Welt berechtigte, meinen Eidam gegen meinen Vetter zu unterſtuͤtzen. Was die Wahl als Schwiegerſohn betrifft, ſo wiſſen Sie wohl, daß dieſe meiner Sarah ſelbſt zuſteht; denn wenn ſich zwei gleich vortheilhafte Partieen, im ge⸗ woͤhnlichen Sinne dieſes Wortes genommen, zei⸗ gen, ſo bin ich zu ſehr guter Vater, um nicht meiner Tochter das Recht des Vorziehens anheim zu ſtellen. Alſo, Sie ſehen, daß wir uns treff⸗ lich verſtehen, und daß wir Marmaduke'n zwingen werden, die Fehler ſeiner Berechnungen anzuerkennen Was ſagen Sie dazu, Herr Po⸗ litiker Lich glaube, Sie werden ihre Ankuͤndigung für die naͤchſte Zeitung zuruͤcknehmen koͤnaen. 10* Warum lachen Sie denn nicht, wie ich, auf ſeine Unkoſten, mein lieber Vivian?“ So aus der Fuͤlle ſeines Herzens plaudernd, kehrte Lord Gliſtonbury mit Vivian nach Hauſe zuruͤck. Dem letz eren war dieß Geſchwaͤtz ſehr angenehm, weil es ihn der Nothwendigkeit enthob ſelbſt zu reden. „So iſt denn,“ ſagte Vivian zu ſich, „das Loos geworfen, und ich habe mich angebo⸗ ten, Lady Sarah Lidhurſt zu heirathen! Wer haͤtte das vor zwei Jahren gedacht? Haͤtte man mir es nur vor zwei Monaten vorausgeſagt, ſo wuͤrde ich's nicht geglaubt haben. Aber dieſe Heirath iſt eine paſſende, eine ganz paſſende, die den Aeltern und Verwandten von beiden Seiten auch ſehr wohl anſtehen wird. Lady Sarah iſt eine ſehr ſchaͤtzbare Perſon, und einer großen Zuneigung faͤhig; ſie gefaͤllt mir überdieß, ich will ſagen, ſie hat mir geſtern recht wohl gefal⸗ len: ja, ich liebe ſie wirklich.“ Unſer Held fing dann an, der Lady Sa⸗ rah Lidhurſt den Hof zu machen, und dieß in einer Stimmung, worin, nach Doctor John, ſon, die meiſten Leute ſind, wenn ſie im Be⸗ griff ſtehen, ſich zu verehlichen, und die aus ei⸗ nem Gemiſche von Rückſichten und wirklicher f ſeine dernd, n nach chwiß digkeie 1 ſich, ingebo⸗ dathen! Haͤtte ggeſagt, e dieſe de, die Seiten zarah großen eß, ich gefal⸗ Sa⸗ ad dieß John, im Be⸗ aus ei⸗ rklicher — 149— Reigung beſteht. Da unſere Leſer bereits hin⸗ laͤnglich wiſſen, was in den Gemuͤthern der beiden intereſſirten Theile vorging, ſo werden wir ſie nicht mit der Auseinanderſetzung der Aufmerk⸗ ſamkeiten ermuͤden, welche Vivian der Lady Sarah erwies. Es wird zureichend ſeyn, bloß anzufuͤhren, daß Lord Gliſtonbury die Be⸗ ruhigung genoß, ſeinen Reffen gewaltig getäuſcht zu ſehen, daß die arme Lady Gliſtonbury keinen zweiten paralytiſchen Anfall von Freude auszuhalten hatte, und daß die Vermaͤhlung Karl Vioians and der Lady Sarah Lid⸗ hurſt mit Feierlichkeit und Pracht vollzogen wurde, bei welcher Gelegenheit beide Theile von allen Seiten jeden erſinnlichen Beweis des Bei⸗ falls zu dem von ihnen gemachten Schritt er⸗ hielten. Vierzehntes Kapitel. — „U die Vermaͤhlung wurde mit Pracht zur allgemeinen Freude gefeiert.“ Die Verfaſ⸗ ſer und die Leſer der Romane ſind gewoͤhnlich damit zufrieden, wenn ſie es bis zu dieſer gluͤck⸗ lichen Kataſtrophe gebracht haben; ſelten iſt's⸗ daß ihr Intereſſe und ihre Neugierde ſich wei⸗ terhin erſtreckt; allein im wirklichen Leben iſt dieß nichts als der Anfang des haͤuslichen Glucks oder Ungluͤcks. Bald nach den Hochzeitsceremsnien trat ein Ereigniß ein, welches die Feſtlichkeiten auf Gliſtonbury unterbrach und die Luſt in Trauer verwandelte. Lady Gliſtonbury, ermuͤdet durch die große Menge Beſuche, welche ſie an⸗ zunehmen genöͤthigt war, erlitt einen zweiten Anfall vom Schlage, und ſtarb wenige Stunden darauf. Auf dieſe Art wurde dieſes Ereigniß durch die Freude uͤber die Verheirathung ihrer Pracht Verfaſ⸗ oöhnlich r gluͤc⸗ n iſt's, ch wei⸗ eben iſt Gluͤcks en trat ten auf Trauer rmuͤdet ſie an⸗ zweiten Stunden kreigniß ig ihrer Tochter beſchleunigt, waͤhrend Vivian ſonſt befüͤrchtete, daſſelbe koͤnnte in dem Falle eintre⸗ ten, wenn er ſich weigerte, die Hand der jungen Lady anzunehmen. Nach dem Tode ihrer Mut⸗ ter überließ ſich Sarah's Gemüuͤth ganz der Zartlichkeit fuͤr ihren Gatten. Oeffentlich und in den Augen der Bekannten ſchien ſie freilich ungefaͤhr die naͤmliche Perſon zu ſeyn, allein in häͤuslicher Stille zeigte ſich ihre Anhaͤnglichkeit mit größter Stäͤrke, und ſie war ſo innig zaͤrt⸗ lich, daß Vivian ſich oft fragen mußte, ob dieß daſſelbe Weib ſeyn koͤnne, das vor den Au⸗ gen der Welt ſo kalt, ſo leblos ſchien. Bei ei⸗ nigen ſehr ſeltenen Gelegenheiten hatte ſi ſie vor ihrer Heirath einen Funken des Feuers gewahr werden baſſen, das ſie in ſich trug, jetzt aber verſperrte ſie ihre Flamme nicht mehr. Pflicht und Leidenſchaft wa en in keinem Widerſtreite; vor der Heirath hatte ſie die letztere mit Gefahr ihres Lebens unterdruͤckt, ſie dachte aber nicht, daß in den haͤuslichen Verhaͤltniſſen die Beweiſe einer ungemeinen Liebe von Seite eines Frauen⸗ zimmers gegen ſeinen Gatten ſogar tadelnswerth oder gefaͤhrlich ſeyn koͤnnten; ſie hielt es fuͤr ihre Pflicht, ihren Gatten mit ganzer Kraft des Ge⸗ müthes zu lieben. Allein der Fehler lag darin, — 1 52— Lrr daß ſie zu wenig Klugheit beſaß, die erforvert wird, um jene Leidenſchaft zu regeln, die man Liebe nennt, daß ſie davon nicht ſo viel wußte, als ein Maͤdchen von ſiebenzehn Jahren, das ei⸗ nige Romane geleſen, oder von den Erfahrungen Anderer Etwas vernommen hat. Man hatte ſie angewieſen, niemals von Liebe zu reden, nichts zu leſen, was hierauf ſich bezoͤge, ja nicht ein⸗ mal daran zu denken, und man hatte ſie in die⸗ ſer Hinſicht in dem Grade eingeſchraͤnkt, daß ſie, unbekannt mit den Gefahren, welchen ſie ausgeſetzt war, ſelbe nicht einmal ahnend mit vollen Segeln dieſes Meer befuhr, ohne Karte, ohne Kompaß. Ohne Vorſicht in ihrer Zaͤrtlich⸗ keit legte ſie ihrem Gatten einen Zwang auf, den der begeiſtertſte Liebhaber kaum wuͤrde ertra⸗ gen haben. Selten geſtattete ſie ihm, ſie zu verlaſſen; ſo oft er ausging, entriß ſte ihm das Verſprechen, zu einer gewiſſen Stunde zuruͤckzu⸗ fommen, und uͤberſchritt er gerade einige Minu⸗ ren, ſo erfolgten zaͤrtliche Vorwuͤrfe. Ja ſelbſt, wenn er den ganzen Tag bei ihr zubrachte, war ſie unruhig und graͤmlich, wenn er ſich nur von ihrer Seite entfernte, und er, welcher gelernt hatte, die anſcheinende Käͤlte Lady Sarah's hindurch ihre innerſte Bewegung zu erkennen, las rfidrert die man wußte, das ei⸗ rungen atte ſie nichts ht ein, in die⸗ t, daß hen ſie nd mit Karte, irtlich⸗ uf, den eertra⸗ ſie zu hm das rüͤckzu⸗ Minu⸗ ſelbſt, , war sur von gelernt 1rah's en, las — 153— in ihren Geſichtszuͤgen, wie ſehr ſie litt, weun er mit jemand Anderem, beſonders mit einem Frauenzimmer ſich unterhielt. Vivian hatte einſt einen Morgen mit La⸗ dy Sarah treulich zugebracht; dann kuͤndigte er ihr an, daß er nicht mit ihr ſpeiſen werde; ſie bat ihn zeitlich zuruͤckzukommen und ihr den beſtimmten Augenblick zu ſagen, an dem ſie hof⸗ fen koͤnnte, ihn wieder zu ſehen. Er gab den Zeitpunct aufs Geradewohl an, um ſich nur von dieſem Zudringen zu befreien, als er aber uͤber die Treppe hinabging, entfuhr ihm ein Ausdruck der uͤbeln Laune, welcher jedoch gluͤcklicher Weiſe nur von einem Bedienten gehoͤrt werden konnte, der darauf nicht achtete. Vivian fand an dem Orte, wo er ſpeiſete, eine ſehr angenehme Geſell⸗ ſchaft, man drang in ihn, auch Abends bei Ti⸗ ſche zu bleiben; er gab den wiederholten Aufor⸗ derungen nach, hatte jedoch die Aufmerkſamkeit einen Bedienten nach Hauſe zu ſchicken, der ſei⸗ ner Frau und ſeiner Mutter zu melden hatte⸗ daß man auf ihn nicht warten ſollte. Als er zurückkam, fand er Alles zu Bette, Lady Sa⸗ rah ausgenommen, welche wachte und mit der Uhr in der Hand ihn erwartete. Als er eintrat — 134— empfing ſie ihn mit Vorwuͤrfen, die indeß in zaͤrt⸗ lichem Tone geſagt waren. „Aber warum, meine liebe Sarah, ha⸗ ben Sie auf mich gewartet, ſtatt ſich zu Bette zu legen, wie ich Sie darum bitten ließ?“ Sie fuhr demungeachtet fort, ganz ſachte zu murren, und fügte, ohne es jedoch ſelbſt zu glauben, hinzu: „Ach, ganz gewiß wuͤrden Sie weit glüͤck⸗ licher ſeyn, wenn Sie meine Schweſter Julra oder jene Miß Sidney geheirathet haͤtten.“ Unwillkuͤrlich ließ Vivian ſich einen tie⸗ fen Seufzer entſchluͤpfen, aber augenblicklich ſuchte er, in der Furcht ſeine Frau betruͤbt zu haben, ſie von dieſem Gegenſtande abzulenken. Doch vergebens. Die arme Lady Sarah ſagte nichts mehr, aber ihr Gram war tief und heftig: ſo buͤßte ſie theuer fuͤr ihre Unklugheit, und ſie litt nach Maßgabe ihres Stolzes und ihrer Zaͤrtlich⸗ keit. Dieß ſind jene kleinen Umſtaͤnde, die ſo oft die Herzen entfremden, und die Liebe ver⸗ bannen! Vivians ſanfte Natur ertrug es ei⸗ nige Zeit hindurch, ſich dem Zwange zu unter⸗ werfen; wenn er aber ſtatt aus Schwaͤche allen Zudringlichkeiten ſeiner Frau nachzugeben, wenn er ſtatt ſich bloß mit ihrer Unterhaltung zu be⸗ — zaͤrt⸗ , ha⸗ Bette Sie urren, nuben, gluͤck⸗ ulla n. en tie⸗ ſuchte aben, Doch nichts g: ſe ſe litt tlich⸗ ie ſo ver⸗ s ei⸗ inter⸗ allen wenn zu be⸗ — 155— faſſen, vielmehr ihren Geiſt anf Gegenſtaͤnde gerichtet haͤtte, die wuͤrdig geweſen waͤren, ihn zu beſchaͤftigen, dann wuͤrde er auch ſein Gluͤck in jener innigen Zuneigung gefunden haben, mit der ſie fuͤr ihn erfuͤllt war. Wer immer das Herz eines Weibes von einigem Verſtande beſitzt, der vermag es ihren Geiſt binnen einem Jahre mehr zu vervollkommen, als alle Lehrmeiſter in der Welt, die Buͤcher, die philoſophiſchen Curſe⸗ die kurzgefaßten Abriſſe u. ſ. w., es zu thun ver⸗ moͤchten. Allein Vivian beſaß nicht Entſchloſ⸗ ſenheit genug zu einer Unternehmung dieſer Art, er war nur darauf bedacht, ſeiner Frau augen⸗ blicklichen Unmuth zu erſparen, und ſo geſchah es, daß das Uebel, welches er fuͤrchtete, nur mit jedem Tag hoͤher heranwuchs. Vivians Mutter ſah mit Schmerz und Reue die Fortſchritte dieſes ehlichen Mißver⸗ gnuͤgens. „Ach,“ ſagte ſie,„ich that ſehr Unrecht, auf dieſe Heirath zu dringen. Mein Sohn hatte mir erklärt, es ſey ihm unmöglich, Lady Sa⸗ rah Lidhurſt jemals zu lieben. Beſſer waͤre es geweſen, noch an der Kirchenthuͤre eine ſo üͤbelgewählte Heirath rückgaͤngig zu machen, als ſie zuzugeben. Mein armer Sohn hat ſich aus — 156— Grundſaͤtzen der Ehre verheirathet; ſeine Ach⸗ kung, ſeine Unterwuͤrfigkeit, die er gegen mich zu beobachten gewohnt war, haben ebenfalls vielen Einfluß auf dieſen Schritt gehabt, und ich brachte ſein Gluͤck dem Verlangen zum Opfer⸗ ihn in eine ſogenannte große Verbindung eintre⸗ ten zu ſehen. Ich bin die Urſache ſeines Miß⸗ geſchicks und Gott weiß, wie dieß Alles noch enden wird!“— Gequält durch die Vorwurfe ihres Gewiſ⸗ ſeus und von dem heißen Wunſche erfüllt die Sachen auszugleichen zwiſchen ihrer Schwiegertochter und ihrem Sohne, that ſie wei⸗ ter nichts als dieſe Sache noch mehr zu verderben. Sie redete mit Lady Sarah nach der ganzen Frei⸗ muͤthigkeit und Waͤrme ihres Charakters, und beſchwor ſie auf gleiche Weiſe offenherzig zu ſeyn und ihr die Urſache der Veraͤnderu ng zu entdecken, welche mit Vivian vorgegan⸗ gen ſey. 81* „Ich weiß nicht, was Sie ſagen wollen, Gnaͤdige, mit dem Ausdrucke einer Veraͤnderung in Vivian.“ —„Gibt es nicht irgend eine Mißßhellig⸗ keit zwiſchen ihnen Beiden, meine Liebe?“ 1 weiß. einig, A6. mich nfalls „und pfer, utre⸗ Miß⸗ noch elviſ⸗ die ihrer wei⸗ ben. Frei⸗ — 157— „Ganz und gar nicht, Gnaͤdige, ſo viel ich weiß. Herr Vivian und ich ſind vollkommen einig,“ ſagte Lady Sarah. —,So muß ein Mißverſtaͤndniß obwalten?“ „Ich kenne keine Mißverſtaͤndniſſe zwiſchen uns. Herr Vivian und ich verſtehen uns ſehr wohl zuſammen.“ „Wenn das iſt, ſo beſteht doch eine Kaͤl⸗ te, oder wie ich es nennen ſoll. Ganz gewiß, meine liebe Lady Sarab, iſt eine Kälte zwi⸗ ſchen Ihnen eingetreten; denn nicht mehr ſtehen die Sachen, wie ſie ſtehen ſollten.“ „Ich weiß ſehr wohl, Gnaͤdige, daß ich mich uͤber keine Kaͤlte von Seite Herrn Vi⸗ vians beklagt habe. Muß ich aus dem, was Sie mir da ſagen, den Schluß ziehen, daß er gegen Sie irgend eine Klage gegen mich vorge⸗ bracht hat? Sollte dieſes der Fall ſeyn, ſo wer⸗ de ich mir's zur Pflicht machen, ſobald ich nur weiß um was es ſich handelt, in meinem Be⸗ tragen dasjenige abzuaͤndern, was ihm miß⸗ faͤllig iſt.“ —„Klagen mein Sohn?— er beklagt ſich nicht, meine Theure. Sie faſſen mich nicht wohl. Mein Sohn legt Ihnen nichts zur Laſt.“ — 158— „Nun denn, Gnaͤdige, wenn Keines von uns Klage gefuͤhrt, ſo ſteht, wie mir ſcheint, auch Alles ſo wie es ſeyn ſoll, und ſollte ich fuͤr die Zukunft in was irgend fuͤr einem Puncte meiner Pflicht nicht nachkommen, ſo werde ich Ihnen ſehr verbunden ſeyn, wenn Sie mich da⸗ von benachrichtigen.“ Daran verzweifelnd, die dreifache Wehre des Starkmuths Lady Sarahs zu durchbrechen, wendete ſich die Mutter an ihren Sohn, auf ſei⸗ nen großherzigen, offenen Charakter zählend. Vivian bezeugte aufrichtig, wie ſehr er wuͤn⸗ ſche ſeine Frau gluͤcklich zu machen. Im Ge⸗ fuͤhle ihr wehegethan zu haben und daß ſie dar⸗ unter ſchrecklich leide, entſchloß er ſich Opfer darzubringen, welche ihr angenehm ſeyn koͤnnten. Er verſagte ſich oft Geſellſchaften und Unterhal⸗ tungen, woran er Geſchmack fand, und brachte mit ihr den groͤßten Theil ſeiner Zeit zu. Es war ein beſonderes Gluͤck fuͤr Lady Julia Lid⸗ hurſt, daß ſie fortfuhr bei ihrem Oheim dem Biſchof zu leben: ſie war naͤmlich dadurch nicht in der Lage die unangenehmen Folgen zu uͤber⸗ ſehen, welche aus der von ihr ſo ausdruͤcklich an⸗ gerathenen Verbindung hervorgegangen waren. Freundſchaftliche Rathſchlaͤge ſind manchmal ſehr — 59— nützlich um einer unklugen Heirath zuvorzukom⸗ men, ſelten aber ſchlaͤgt eine Heirath gunſtig aus, wenn ſie nach der Meinung Anderer und folglich nicht in Folge des eigenen Urtheils und der Neigung der Perſonen geſchloſſen wird, die es betrifft; denn nehmen wir ſogar an, daß die allgemeinen Gründe, worauf der gegebene Nath beruht, noch ſo trefflich ſeyen, ſo iſt es doch bei⸗ nah unmoͤglich, daß die Nathgebenden all die klei⸗ nen Umſtäͤnde des Geſchmackes und der Launen erwägen, wovon das Glück oder Ungluͤck des haͤuslic Lebens abhängt. Ueberdieß iſt man mehr geneigt zu bereuen, was man auf fremden Rath unternahm als dasjenige, worauf man in Uebereinſtimmung mit dem eigenen Urtheile ſich eingelaſſen hat; und dieſes iſts, was beſonders bei den ſchwaͤcheren Seelen eintritt. Leute von wirklicher Seelenſtaͤrke koͤnnen ſich auf eine ſelbſt⸗ ſtaͤndige Weiſe nicht nach fremden Meinungen wohl aber nach ihren Gruͤnden fuͤr einen Gegen⸗ ſtand entſcheiden, die ſchwachen Geiſter dagegen weichen einzig der Meinung anderer, und ſowohl vor als nach der Entſcheidung haften ſie nie⸗ mals mit Nachdruck an den beſtimmenden Gruͤnden. Die von Lady Julia angewandten Beweiſe um darzuthun, daß die Charakterfeſtigkeit ihrer — 160— Schweſter die Wandelbarkeit Vivians aus⸗ gleichen wuͤrde, ihre Verſuche, klar zu machen, daß zwei Perſonen, die ſich wechſelſeitig Dien⸗ ſte leiſten, ſich naͤher aneinander ſchließen und lieben muͤßten— waren allerdings ganz ſinnreich und in gewiſſer Hinſicht auch richtig, allein ihrer Vorſicht waren mehrere Betrachtungen entgan⸗ gen die ſich alle der Erfuͤllung ihrer Vorherſa⸗ gungen entgegen ſtellten. Sie, die ſich in Hin⸗ ſicht auf Charakterkenntniß nicht geirrt hatte, war in unrichtige Folgerungen gerathen; denn obwohl ſie vorausgeſagt hatte, daß ihle Schwe⸗ ſter Sarah mit einem Feuer lieben werde, daß max bei der Kaͤlte und Trockenheit ihres Be⸗ nehmens nicht erwarten ſollte, ſo hatte ſie ſich doch in dem Umſtande geirrt, daß ſie der Mei⸗ nung war, eine ſolche Zaͤrtlichkeit muͤſſe Vivi⸗ an nothwendig angenehm ſeyn; freilich hatte ſie nicht vermuthet ihre Schweſter werde in die läͤſtigen Anwandlungen der Eiferſucht ſo ſehr ver⸗ fallen, als es wirklich geſchehen war. Kein Brief, keine Nachricht, wenn es nicht von Zeit zu Zeit eine boshafte Bemerkung ihres Coufius Marmaduke war, welcher ſie aber keinen Glau ben beimaß, gab Lady Julia Gelegen⸗ heit zu dem Verdachte, daß dieſes Paar, zu deſ⸗ ſa Verei hatte, un ſreute ſic Rathſch grofßmiih ſieſch da den, audh Permögen und jene Briefe, ſchrieh „E dere P ihre edle eine glu werde it auf mei⸗ 2 Fr ) Dieß welche über ßiget Imal ben gleich len dürf Iivian — 161— ſen Vereinigung ſie ſo nachdruͤcklich mitgewirkt hatte, nicht auch vollkommen glücklich ſey. Sie freute ſich demnach des gelungenen Erfolgs ihrer Rathſchlaͤge, und, ihrem bis zum Romantiſchen großmuͤthigen Hange nachgebend, beſchaͤftigte ſie ſich damit Ruſſel'n mit Selina zu verbin⸗ den, auch ging ſie mit dem Gedanken um, ihr Vermoͤgen zwiſchen den Kindern ihrer Schweſter und jenen Ruſſell's zu theilen. Einer der Briefe, welche ſie damals an Lady Sarah ſchrieb, ſchloß, wie folgt: „Es bleibt mir nichts uͤbrig als eine an⸗ dere Perſon, die ich nicht nennen kann, fuͤr ihre edlen Eigenſchaften, ſo wie du es biſt, durch eine gluckliche Liebe belohnt zu ſehen; daun werde ich ruhig ſterben und ich wollte, daß man auf mein Grabmal ſchriebe: „Joyless I. liv'd, but joy to others gave.*) Fremd den romantiſchen Ideen und den *) Dieſer Vers iſt die Schlußzeile einer Ueberſetzung, welche die Verfaſſerin von einer Stelle Delille’s über Rouſſeau verfertigte. Wir halten für zweckmä⸗ ßiger ſtatt ihrer Engliſchen Ueberſetzung hier das Ori⸗ ginal ſelbſt ſprechen zu laſſen, und den Verſen deſſel⸗ ben unſere deutſche Ueberſetzung beizufügen, die in gleichem Silbenmaße und in gleicher Anzahl von Zei len abgefaßt iſt und wenigſtens treu befunden werden dürfte. 11 5 Vivian 11. Theil. großmuͤthigen Gefuͤhlen fuͤhrte Lord Gliſton⸗ bury ganz nach ſeinem Geſchmack ſein Leben fort, ohne Acht darauf zu haben, was in ſeiner Familie vorging. Was ihn noch beunruhigte und bekuͤmmerte, war, daß er noch nicht wußte, ob Lady Sarab's erſtes Kind ein Knabe oder ein Malheureux! le trépas est donc ton seul asile! Ah! dans la tombe, au moins, repose enfin tranquille! Ce beau lac, ces fots purs, ces fleurs, ees gazons frais, Ces paàles peupliers tout t'invite à la paiv. Respire donc enfin de tes tristes chimeres. Vois accourir vers toi les epoux et les méres. mple les amans, qui viennent chaque jour Verser sus ton tombeau les larmes de l'amour: Vois ce groupe d'enfans, se jouant sous l'ombrage Qui de leur liberté viennent te rendre hommage, Et dis, en contemplant ce speotacle enchanteur: Je ne fus point heureux, mais j'ai fait leur bonhcur. Ueberſetzung. Unglücklicher! Im Tod nur kann der Gram dir ſchwinden? So moögſt du wenigſtens im Grab die Ruhe finden! Ja, dieſer ſchöne See, die Blumenflur, der Hain, Der Pappeln reizend Blaß lädt dich zur Ruhe ein. Hier wollteſt du, befreit vom düſtern Wahne, weilen. Sieh wie die Gatten, wie die Mütter zu dir eilen. Dieß liebend Paar blick an, daß täglich ſüß vereint An deinem Sarkophag der Liebe Thränen weint: Der Kinder Gruppe ſieh, wie froh ſie ſcherzen, ſpringen, Und für der Freiheit Luſt den muntern Dank dir bringen. Dann ſage— weilet ſtill auf dieſem Bild dein Blick: Ich ſelbſt war nicht beglückt doch ſchuf ich And'rer Glück Maͤde auf. nach tum! Woll rah feblbe zerſtee perſo ins4 mein ſchah wohl le, dem — 163— Maͤdchen ſeyn werde. Ohne Unterlaß dachte er dar⸗ auf.„Gott gebe uns einen Knaben!“ ſagte Mil ord „nachher iſt's vorbei mit Marmaduke; Punc⸗ tum mit der Erbſchaft.“ So oft Milord eine Wolke auf der Stirne der Ladys Mary und Sa⸗ rah oder Vivians ſah, ſo ſtand ihm ein un⸗ fehlbarer Zanberer zu Gebot um dieſe Wolke zu zerſtreuen, er naͤherte ſich nämlich jener der drei Perſonen, die bekuͤmmert ſchien und ſagte ihr ins Ohr:„Es wird ein Knabe ſeyn; ich wette meinen Kopf daß es ein Knabe wird.“ Oft ge⸗ ſchah es, daß dieſes Univerſalmittel, aufs Gerathe⸗ wohl beigebracht, den Kranken zum laͤcheln brach⸗ te, und dann ermangelte Milord nicht mit dem Weſen eines mit ſeinem Scharfblicke ſehr zufriedenen Menſchen zu ſagen: Ha, ha! Ihr habt Euch eingebildet ich wuͤßte nicht, worauf Ihr denkt. Beruhigt Euch nur und Ihr werdet ſehen, daß wir dem Marmaduke noch un⸗ term Fuße das Gras wegmaͤhen.“ In dieſer Hoffnung war Lord Gliſtonbu⸗ ry ſehr zufrieden und liebte ſeinen Schwieger⸗ ſohn alle Tage mehr, beſonders da dieſer ein Feind ſeines eventuellen Erben war, oder ihn wenigſtens als einen ſolchen betrachtete. — 164— Vivians leichter Sinn war dem Milord beſonders angenehm, und verſchaffte ihm das Vergnuͤgen alle Tage einen Mann zu meiſtern, deſſen Talente den ſeinigen ſehr uͤberlegen waren; dieſe gutmuͤthige Bereitwilligkeit zu Allem, was man wollte, war noch bei unſerem Helden durch den Mangel an Antrieb und Beſchaͤftigung ver⸗ mehrt; er dachte, daß er jede Hoffnung zum Gluͤck verloren habe; die Sorgen des Tages Fuͤmmerten ihn wenig, und er war in einer ſo paſſiven Stimmung, daß ein ſo oberflaͤchlicher Beobachter als Lord Gliſtonbury in ihm nichts Anders als einen gutgearteten voͤllig zu⸗ friedenen Menſchen ſah. Milord hatte jeder⸗ zeit die Gewohnheit ſich den Freuden der Tafel zu uͤberlaſſen, und da er ſeit der erſten Wahl bemerkt hatte, daß Vivian ein wackerer Tiſch⸗ genoſſe ſey, ſo nahm er ihn oft hierzu in Be⸗ ſchlag. Vivian fand in jener erkuͤnſtelten Hei⸗ terkeit, die der Wein gibt, eine augenblickliche Linderung fuͤr ſeinen Unmuth und gab ſich mehr und mehr einem Fehler hin, den er ſonſt verab⸗ ſcheuet hatte, und der ihm nicht natürlich war. Die Vorſtellungen ſeiner Mutter und ſeiner Frau waren unnuͤtz. Er ſelbſt machte ſich Vorwuͤrfe, er fuͤhlte ſeine Verſchlimmerung, aber ſein eige⸗ d ner T Freund Selbſt Iuttau bruch Weg d fentlich nen me lichkei erhob üͤber der M aufree begab Sa lesz wode nicht war ſelbſt ſle die re und beſ me — 165= ner Tadel war zu ſchwach, und er hatte jenen Freund verloren, deſſen Beredſamkeit ihn zur Selbſtbeherrſchung vermochte, ihm Muth und Zutrauen einfloͤßte. Armer Vivianl im Schiff⸗ bruch ſeines Glückes blieb ihm indeß noch ein Weg des Heils uübrig. Er bekleidete einen oͤf⸗ fentlichen Charakter, er war ſich bewußt, daß er ei⸗ nen makelloſen Ruf bewahrt hatte, und die Recht⸗ lichkeit, welche er als Parlamentsglied bewieſen, erhob ihn noch mehr als ſeine Rednertalente weit über ſeine Nebenbuhler, ſie hielt ihn nicht bloß in der Meinung Anderer ſondern auch in der ſeinigen aufrecht. Als das Parlament ſich verſammelte, begab er ſich nach London, miethete wegen Lady Sarah ein ſchoͤnes Haus, ganz entſchloſſen Al⸗ les zu thun was ſeiner Frau angenehm wäre und wodurch er ihr gefallen koͤnnte, wenn er auch nicht ſie zu lieben vermoͤchte. Lady Sarah war zu und außer Hauſe ganz Frau uͤber ſich ſelbſt: ſie konnte ihre Zeit verwenden, wie es ſte gutduͤnkte. Ihre Toilette, ihre Equipagen, die Zahl ihrer Dienerſchaft, mit einem Worte ih⸗ re ganze Hauseinrichtung entſprach ihrem Range und uͤberſtieg ſogar Vivians Vermoͤgen. Sie beſaß Alles, das Herz ihres Gemahls ausgenom⸗ men. Je weniger er ſie liebte um ſo mehr be⸗ 8 — — — 166— muͤhte er ſich dieſen unwillkürlichen Fehler da⸗ durch gut zu machen, daß er ihr voͤllige Freiheit und aͤußeren Glanz verſchaffte, wodurch er hoff⸗ te ihr zu ſchmeicheln und ihren Geiſt zu beſchaͤf⸗ tigen. Was ihn betraf, ſo war das Haus der Gemeinen ſeine Zuflucht, dort vergaß er au⸗ genblicklich ſeines baͤuslidhen Grams und wahr⸗ haft war er vom Eifer fuͤr das offentliche Wohl erfuͤllt, den ſo viele Andere erkuͤnſteln. Stolz war er darauf, daß Wharton ſich vergeblich der Waffe des Laͤcherlichen bedient habe um ihn von ſei⸗ nen tugendaften Vorſätzen abzubringen, die er als öffentliche Perſon zu erfuͤllen bedacht war, und noch ſtolzer war er, daß die Vorberſagun⸗ gen dieſes Mannes ohne Sittlichkeit in Bezug auf ſeinen nahe bevorſtehenden Abfall von der Parthei des Vaterlandes nicht in Erfuͤllung ge⸗ gangen ſeyen. Er wünſchte ſich Gluck ſeinen Ruf als guter Buͤrger bewahrt und wenigſtens in dieſer Hinſicht die Verheißungen ſeiner hoff⸗ nungsvollen Jugend erfuͤllt zu haben, noch ſelbſt ſeiner und des Freundes wuͤrdig zu ſeyn, den er verloren hatte. Er hing an dieſem Gedanken wie an dem einzigen Troſte, den er in dieſem Leben habe. Lord Gliſtonbury hatte keinen Be⸗ griff von buͤrgerlichen Tugenden, Ideen dieſer Art konn den; er Vorurthe zu ſeinen dir er je Welt ein deß war teiotism ihm ein üͤber di gab? nen po Katriot ſungso parthe Rolle von Preis und of gen, ſcher fen vergl Ma ſpree die — 1 67— Art konnten in ſeinen Kopf keinen Eingang fin⸗ den; er betrachtete ſie als Ueberbleibſel von Vorurtheilen der Schule, wovon Vivian ſich zu ſeinem Erſtaunen noch nicht losgemacht hatte, die er jedoch wohl ablegen wuͤrde, wenn er die Welt ein bischen beſſer kennen gelernt haͤtte. In⸗ deß war Milord ganz erfreut uͤber den Pa⸗ triotismus Vivians, nicht bloß, weil dieß ihm ein Gefuͤhl ſeiner eigenen Ueberlegenheit uͤber dieſen Senator von friſchem Datum gab, ſondern auch weil er hievon fuͤr ſeine eige⸗ nen politiſchen Abſichten Vortheil ziehen konnte. Patriotismus war ſein Feldgeſchrei, ſein Lo⸗ ſungswort als eines der Haͤupter der Oppoſitions⸗ parthei, und Jeder, der nur halbertraͤglich die Rolle des Patrioten zu ſpielen verſtand, war von großem Werth fuͤr ſeine Parthei. Welchen Preis mußte er nicht erſt auf den fuͤr Tugend und oͤffentliche Wohlfahrt entgluͤhten Redner le⸗ gen, der dort weit beſſer, als ein bloßer politi⸗ ſcher Schauſpieler den Geiſt der Menge zu tref⸗ fen und zu leiten wußte? Lord G liſtonbury verglich einſt die Reden Vivians und jene Marmaduke Lidhurſt's, und ſagte:„Sie ſprechen Beide auf gleiche Weiſe gut, gleich iſt die Stärke ihrer Beweisgruͤnde, gleich die Rein⸗ = —— 16— 4 heit und Zierlichkeit ihres Vortrags,; allein in der Beredſamkeit meines Schwiegerſohnes weht ein gewiſſer Geiſt, es liegt darin eine Weihe der Ruͤhrung und Kraft, wovon ſich in jener mei⸗ nes Neffen nichts vorfinden will; ſie bringen im Unterhauſe einen bedeutend verſchiedenen Ein⸗ druck hervor, und ich wuͤßte nicht, was ſonſt die Urſache davon ſeyn moͤchte, als daß Vivi⸗ an wahrhaft durchdrungen iſt, und daß man Lidhurſten betrachtet, wie,— wie,— Ei⸗ nen von uns.“ H. Marmadurke Lidhurſt verfuhr der⸗ mal in Uebereinſtimmung mit ſeinem Oheim, er folgte auf der Straße der Politik ſeinem Pa⸗ nier unter der Bedingung jedoch, daß der Oheim die naͤchſte Gelegenheit ergreifen werde ihm ei⸗ nen eintraͤglichen Platz zu verſchaffen, deſſen Erlangung ihm ſehr am Herzen lag. In dieſer Hoffnung entſagte er ploͤtzlich, oder ſtellte ſich wenigſtens ſo an als ob er ent ſagen wollte, auf Alles, was er von ſeinem Oheim zu erben haͤt⸗ to; oftmals ſagte er, daß er wuͤnſche Lady Sarah's erſtes Kind moͤge ein Knabe ſeyn, und er beneide Vivian um ſein beſonderes Gluͤck nicht; allein all ſeiner Ver ſtellung unge⸗ achtet konnte er es doch nicht dahin bringen, daß allein in nes weht Veihe der ener mei⸗ rugen im ſen Ein⸗ as ſonſt Vivi⸗ daß man „— Ei⸗ fuhr der⸗ Oheim, nem Pa⸗ t Oheim ihm ei⸗ , deſſen In dieſer ellte ſich te, auf ben haͤt⸗ he Lady be ſeyn⸗ ſonderes g unge⸗ gen, daß — — 169— ſein Oheim aufgehoͤrt haͤtte auf ihn eiferfuͤchtig zu ſeyn oder daß Vivian ſich mit feinem Ego⸗ ismus, ſeiner Argliſt und ſeinem politiſchen Be⸗ nehmen ausgeſoͤhnt haͤtte. Indeß erkannte der letztere ſeine Geſchicklichkeit an, und zeichnete ihn auch in dieſer Hinſicht aus. Die Nebenbuhler⸗ ſchaft der Talente, welche zwiſchen ihnen ent⸗ ſtand, war unſerem Helden in ſo weit nuͤtz⸗ lich, daß ſie ſeiner Thaͤtigkeit einen ſtaͤrkeren Au⸗ trieb gab. Eines Abends hielt Vivian im Unterhan⸗ ſe uͤber einen wichtigen Gegenſtand eine Rede, die um ſo beſſer aufgenommen wurde, da ſie aus dem Munde eines Mannes kam, der im trefflich⸗ ſten Rufe ſtand. Ermuͤdet ging er in ein Kaffee⸗ haus um eine Erfriſchung einzunehmen, und hier ſammelte ſich um ihn eine große Anzahl von Bekannten, die ihm zu dem erhaltenen Bei⸗ falle Gluͤck wuͤnſchten. Aber ploͤtzlich, als er den Blick durch die Menge gerichtet hatte, ent⸗ fernte er ſich von ihr; denn er ſah mit einem Lächeln der herzlichen Billigung einen Mann ſich naͤhern, den Freund, deſfen Beifall ihm weit hoͤher galt, als der Applaus des ganzen Unterhauſes, den Freund, deſſen Verluſt er ſo herh betrauert hatte. Ruſſel reichte ihm — 170— die Hand. Vivian ergeiff ſie mit großer Wäͤr⸗ 87 me, und eh ſie ein Wort zu einander geredet, 1 uih hotten ſie ſich vollkommen verſtanden; ihre Aus⸗ nuß ſöͤhnung war vollſtaͤndig. uan „Ja,“ ſagte Ruſſel, mit Vivian ver⸗ ſtr i ſchlungenen Arms auf und nieder gehend,„ich ſcht, muß jedes perſoͤnlichen Unwillens vergeſſen, denn niſh hocherfreut und ſtolz bin ich wegen Ihres errun⸗ kady genen Ruhms, und mehr noch wegen ihrer Tu⸗ pfei gend, die Sie als Staatsbuͤrger bewäͤhren. Die à n Talente des Redners, und ſeyen ſie auch die iech ſeltenſten, gelten mir, wie Sie wiſſen, nur we⸗ dnß nig in Vergleich mit Jenem, das weit ſeltener ue5 und weit hochachtungswuͤrdiger iſt: die politiſche hat Rechtlichkeit. Der Abſcheu, die Verachtung, End welche Sie ſo eben als Mitglied unſeres Senats ſeutl uͤber die Beſtechlichkeit ausgedruͤckt haben, und der Ihr mit den Grundſaͤtzen, welche Sie aͤußerten, Ae ſo ganz uͤbereinſtimmendes Betragen ſind Ihrer Dan und, erlauben Sie mir beizuſetzen, arer Erzie⸗ lihe hung wüͤrdig.“ amt „ Vivian war entzuͤckt üüber dieſe Lobſpruͤ⸗ voll che und uͤber dieſe Ausdruͤcke der Achtung Ruſ⸗ ſein ſels, die waͤrmſten, welche er jemals aus wün ſeinem Munde vernommen. Er voergaß ſelbſt ſeiner haͤuslichen Leiden, und den Schluß die⸗ bec — 171— ſes Tages, des einzigen, an dem er ſich ſeit ei inigen Monaten gluͤcklich fuͤhlte, brachte er mit ſeinem Freunde zu. Sie ſpeisten zuſam⸗ men und erzaͤhlten ſich wechſelſeitig, was ihnen ſeit ihrer Trennung begegnet war. Ruſſe I. ſagte, daß er ſich letztlich ſehr angenehm uͤber⸗ raſcht gefunden habe, da der Biſchof von*** Lady Julia's Oheim, ihm eine betraͤchtliche Pfruͤnde verlichen hätte: dieſer Biſchof, den er niemals geſehen, habe ihm einen ſehr aus⸗ zeichnenden Brief geſchrieben, worin er ſagte, daß er alle Verbindlichkeiten kenne, welche ſei⸗ ne Familie ihm ſchuldig ſey, und daß Lord Lid⸗ hurſt's, ſeines Neffen, letzte Bitte vor ſeinem Ende darin beſtanden ſey, die von ihm ſo we⸗ ſentlichen geleiſteten Dienſte durch ein Zeichen der Achtung und Erkenntlichkeit zu belohnen. Aber der Biſchof fuͤgte hinzu, daß weder die Dankbarkeit ſeiner Familie noch die freundſchaft⸗ liche Zuneigung ihn vermocht haͤtten ein Kirchen⸗ amt Jemanden zu verleihen, von dem er nicht vollkommen uberzeugt waͤre, daß er deſſen durch ſeine Tugenden und durch ſeine Verdienſte ſich würdig gemacht habe. Dieſer Brief war, wie es Vivian wohl beobachtete, ganz geeignet Ruſſel's Gewiſſen⸗ — 172— haftigkeit und Feingefuͤhl zuſrieden zu ſtellen. Die Unterhaltung ſiel ſodann auf Lady Jul ia Lid⸗ hurſt. Ruſſel wußte nicht, daß Vivian noch mehr von der Leidenſchaft dieſes liebenswuͤr⸗ digen Maͤdchens erfahren habe, als ſte kurz vor ſeiner Abreiſe von Gliſtonbury hatte bemer⸗ ken laſſen, und Vioian konnte dagegen ſich nicht enthalten die ehrenvolle und zarte Wei⸗ ſe, auf die er von ihr ſprach, zu bewundern, und dieß um ſo mehr, da er nicht im mindeſten Etwas zu verheimlichen ſchien. Ruſſel ſagte Vivian, er habe erzaͤhlen gehoͤrt, daß ein durch Talente und guten Ruf vortheilhaft bekann⸗ ter Mann erſt neuerlich ſich bemuͤht habe ihre Hand ſich zu erwerben, daß aber Lady Julia auf das Beſtimmteſte ſich geweigert habe ſeine Aufmerkſamkeiten anzunehmen, wobei ſie uͤberdieß wiederholt erklärte, ſie wuͤrde ſich niemals ver⸗ ehelichen. Ihr ehrwuͤrdiger Oheim haͤtte ihr in dieſer Hinſicht volle Freiheit eingeraͤumt, und ſich ſelbſt enthalten Lord Gliſtonbury von dieſem Autrage zu benachrichtigen, weil er be⸗ ſorgte auf dieſe Weiſe das Maͤdchen nur neuen Zudringlichkeiten auszuſetzen. Ruſſel billigte dieſes Beuehmen des Biſchofs fehr, nicht bloß weil es freundſchaftlich und vernuͤnftig, ſondern auch un te von derho und: digen, mache ſoruch uͤberze then; Lady zwiſe den te, ſelbſt ſreut men durc ſot ver das rede die Ge ihn n. Die Lid⸗ iwian lswuͤr⸗ drz vor bemer⸗ n ſcch Wei⸗ undern, ndeſten l ſagte aß ein ekann⸗ he ihre Julia e ſeine berdieß ls ver⸗ ihr in , und y von er be⸗ neuen billigte t bloß ſondern auch weil es am meiſten geeignet war ſeine Nird⸗ te von ihrem Entſchluſſe abzubringen. Er wie⸗ derholte ſeine Meinung, daß ein Mann von Geiſt und Kraft Lady Julia zu einem liebenswür⸗ digen, ihren Pflichten ungemein getreuen Weibe machen koͤnne. Vivian ſtimmte dieſem Aus⸗ ſpruche bei, aber er fuͤgte hinzu, daß er ſich uͤberzeugt halte, ſie werde ſich niemals verheira⸗ then; dann aber ſchwieg er ploͤtzlich.— Hätre Lady Julia die Unterredung hoͤren koͤnnen, die zwiſchen beiden Freunden ſtatt fand, wovon ſie den einen geliebt, den andern ausgeſchlagen hat⸗ te, ſo wuͤrde ſie eine beſſere Meinung von ſich ſelbſt gefaßt, und ſich des lebhaften Intereſſe er⸗ ſfreut haben, welches Beide an ihrem Gluͤck nah⸗ men. Sie bedauerten nur, daß eine junge, durch ihre Talente ſo ausgezeichnete Perſon, von ſo trefflich gerichteten Neigungen, eine ſo miß⸗ verſtandene Erziehung erhalten habe. „Und jetzt, mein lieber Ruſſell, da wir das Capitel von Lady Julia beendet haben, reden wir nun von Miß Sidney,“ ſagte Vi⸗ vian. Die Veraͤnderung, welche in Ruſſels Geſichtszuͤgen vorging, ließ errathen, daß es ihm nicht eben ſo leicht war auf dieſen Gegen⸗ — 174— ſtand ſich einzulaſſen; um ihn denn zu troͤſten fuhr Vivian fort: „Da Sie nun reich geworden ſi ſind, mein lieber Ruſſel, ſo werden Sie ſich ganz ge⸗ wiß verheirathen, und ich weiß„“ fuͤgte er laͤ⸗ chelnd hinzu,„daß Miß Sidney ihre Gattin werden wird. Wenn Jemand verdient ſo gut be⸗ theiltzu ſeyn, ſo ſind es ohne Zweifel Sie, und ich werde der Erſte ſeyn, der abnen hierzu Gluͤck wuͤnſcht.“ „Sachte, mein lieber Freund, ſagte Ruf⸗ ſel ihn unterbrechend,“ Ihr Wohlwollen und Ihre Einbildungskraft machen Sie einen zu ge⸗ ſchwinden Gang annehmen, indem Sie ſo vor⸗ laͤufig mein Gluͤck feſtſetzen.“ Ruſſel bemerk⸗ te nun, er habe ſeine Liebe Selina er ſt dann erklaͤrt, als Vivians Verheirathung ihn uͤber jede Gefahr einer Nebenbuhlerſchaft gegen ſeinen Freund hinausgeſetzt habe. Selina hat⸗ te ihn ſehr achtungsvoll angehoͤrt, dann aber er⸗ klaͤrt, daß, da ſie bei einem erſten Verhaͤltniß ſehr ungluͤcklich geweſen ſey, ſie nicht geneigt ſeyn koͤnne ſich in neue aͤhnliche Verbindungen einzulaſſen. „Ich verſichere, wie Sie es eben in Bezug auf Lady Julia gethan haben,“ ſagte Vivi⸗ teöſten „ mein ganz ge⸗ e er la⸗ Gattin gut be⸗ ie, und n hierzu e Ruſ⸗ Uen und n zu ge⸗ ſo vor⸗ demerk⸗ na erſt ung ihn ft gegen na hat⸗ aber er⸗ khaͤltniß geneigt ndungen n Bezug Vivi⸗ — 175— an„daß Miß Sidney ſich wird uͤberreden laſſen ihren Entſchluß zu veraͤndern, und ich will die Bemerkung nicht unterdruͤcken, daß, wenn ich in ſolchem Falle Lady Julia minder achten wuͤrde, ſich dagegen meine Achtung fuͤr Seli⸗ na nur vermehren muͤßte.“ Er fuhr mit der ihm natuͤrlichen Aufrichtigkeit fort, ſeinem Freun⸗ de zu erklaͤren, daß er ihm den Beſitz des Her⸗ zens Selina Sidney's auf das ſehnlichſte wuͤnſche, und mit Zuverlaͤſſigkeit erwarte, er wuͤrde an ihrer Seite jene Hoͤhe des haͤuslichen Gluͤckes erreichen, welche...“ Vivian war im Besxriff zu ſagen,„wel⸗ che fuͤr mich verloren iſt⸗“ allein ſein Schmerz⸗ gefuͤhl unt erdruͤckend, ſagte er bloß:„jene haͤus⸗ lichen Freuden, welche ich als den Gipfel der menſchlichen Gluͤckſeligkeit betrachte, und das Niemand mehr verdient als Sie, mein theurer Ruſſel.“ Ruſſel errieth ohne Muͤhe, daß Vivi⸗ an durch ſeine Verehelichung eben nicht den Gipfel der menſchlichen Gluͤckſeligkeit erreicht habe, aber ſeine Freundſchaft war zu aufrichtig und zu aufgeklaͤrt, als daß er ſich uͤber einen ſo behutſam anzufaſſenden Gegenſtand ein Wort er⸗ laubt haͤtte, das ſeinen Freund Kummer verur⸗ — 176— ſachen koͤnnte. Er erinnerte ihn an keine der Unterredungen, die zwiſchen ihnen in Bezug auf Lady Sarah Lidhurſft ſtatt hatten, noch we⸗ niger an Vivians wiederholte Erklärungen, daß es ihm unmoͤglich ſeyn wuͤrde ſie jemals zur Gattin zu waͤhlen. Er äußerte nicht das minde⸗ ſte Befremdeu uͤber dieſe Heirath, und fragte ſeinen Freund nicht, wie er doch von der Liebe fur Lady Julia geheilt worden ſey. Er ſchien Alles vergeſſen zu haben, wovon er ſchicklicher⸗ weiſe nicht zeigen konnte, daß er es noch im Gedächtniß bewahre. Vivian erkannte die ganze Zartheit dieſes Benehmens, allein die be⸗ ſcheidene Zuruͤckhaltung und das Stillſchweigen Ruſſels uͤber gewiſſe Gegenſtaͤnde erforderte eine Staͤrke, eine Herrſchaft uͤber ſich ſelbſt, die er nicht beſaß. Er war anfangs entſchloſſen Ru ſ⸗ ſell nicht ein Wort von ſeinem haͤuslichen Kum⸗ mer zu entdecken, doch kaum waren vier Stun⸗ den ihres Zuſammenſeyns verfloſſen, als er ſich Klagen entwiſchen ließ und geſtand, daß er ſei⸗ ne Heirath ſchmerzlichſt berene. Er bekannte, daß er durch die vereinten Bemüuͤhungen der Fa⸗ milie Gliſtonbury und durch ſeine Mutter getrieben worden ſey Lady Sar ah zu heirathen, bleich Geſchn 2 Beweg ſo beden wurde. Wahl chen S die no leerer Gattin ſehr ſe hedeute hiervon gluͤckli lich li mane deſelie le iſt, und t kann. mit E moral Auge muthi Tip ie der ag auf h we⸗ ungen, s zur ninde⸗ fragte Liebe ſchien icher⸗ hh im e die iie be⸗ eigent derte ſ, die Nuß Kum⸗ Stun⸗ t ſich er ſei⸗ unnte, e Fa⸗ dutter athen/ 177— „bgleich ſeine Vernunft oder doch wenigſtens ſein Geſchmack und ſeine Neigung dagegen waren. „Was auch immer“ ſagte Ruſſell,„die Beweggruͤnde Ihrer Wahl geweſen ſeyn moͤgen, ſo bedenken wir, daß ſie fuͤr das ganze Leben gemacht wurde. Hierbei muͤſſen wir ſtehen bleiben und die Wahl zu rechtfertigen ſuchen. Vor Allen verſu⸗ chen Sie durch die Mittel gluͤcklich zu werden, die noch in ihrer Macht ſind, ſtatt ſich ſelbſt in leerer Reue zu verzehren. Sie ſind mit einer Gattin vereint, an der Sie offenherzig mehrere ſehr ſchaͤtzbare Eigenſchaften anerkennen, wieder bedeutende gefallen Ihnen zwar nicht; lenken Sie hiervon ihre Aufmerkſamkeit ab und Sie werden gluͤcklich ſeyn mit einer Gattin, die Sie ſo zaͤrte lich liebt. Erwügen Sie uͤbrigens, daß, die No⸗ mane dei Seite geſetzt, die Liebe obgleich ein deſeligendes Gefühl, doch nicht die einzige Auel⸗ be iſt, welcher der Mann von Geiſt, Tugend und thaͤtiger Kraft das wahre Glück entſchoͤpfen kann. Ihre öffentlichen Obliegenheiten, Ihre mit Erfolg gekroͤnten Bemuͤhungen, Ihr hoher moraliſcher Standpunct, auf den Sie vor den Augen der Welt....“ Ruſſel wurde in dieſen troͤſtenden, er⸗ muthigenden Aeußerungen durch Dazwiſchenknnft Vivian II. Theil. 12 cines von den Leuten Lord Gliſtonbury's unterbrochen; welcher H. Vivian einen Zettel von ſeinem Herrn uͤberbrachte: Milord lud ſei⸗ nen Schwiegerſohn ein ſobald als moͤglich zu ihm zu kommen, weil er ihm eine wichtige Angele⸗ genheit vorzutragen habe. Vivian wurde ganz unmuthig daruͤber ſeinen Freund verlaſſen zu muͤſ⸗ ſen um Etwas von dem anzuhoͤren, was er„Mi⸗ lord Gliſtonbury's wichtige Geheimniſ⸗ ſe in Betreff eines winzigen Nichts“ nannte. Nuſſel ging den andern Morgen ab um ſein Beneſiz in Beſitz zu nehmen, verſi⸗ cherte aber Vivian, daß er ihn bald wie⸗ der ſehen wuͤrde, in welcher Hoffnung die bei⸗ den Freunde ſich trennten. Vivian eilte zu Lord Gliſtonbury und fand ihn in ſeinem Cabinete.„Wo waren Sie denn,“ rief dieſer aus,„ich habe Boten über Boten geſchickt, und Sie an allen vier En⸗ den der Stadt ſuchen laſſen; ich dachte, Sie wuͤrden Abends mit uns ſpeiſen, aber Sie hatten ſich fortgefluͤchtet und Niemand wußte mir zu ſagen wohin oder mit wem, wäahrend wir Sie voll Uugeduld in unſerem Cabineksrathe erwar⸗ teten.“ Vivian antwortete: in einem Augen⸗ blicke, in dem er am wenigſtens ſich's verſah⸗ habeer ſ fing all Weiſe zu dieſen habe; al dielen at Dienſte keine ne Pirie 16 fel ba ſeine T ſichs ge ſeht lie gutes werde, Dieß die un Sehe n men iſt haͤtte de ve Veude verſtat 8s waͤ hahen. dutys d Zeitel lud ſei⸗ zu ihm Angele⸗ de ganz zu muͤſ⸗ „Mi⸗ imniſ⸗ ichts⸗ Morgen „ verſi⸗ ld wie⸗ ie bei⸗ nburg waren Voten jer En⸗ 2, Sie hatten mir zu ir Sie erwar⸗ Augen⸗ verſah⸗ — 179— habe er ſeinen Freund Ruſſel gefunden, und er ſing an Milorden von der gnaͤdigen Art und Weiſe zu erzaͤhlen auf welche der Biſchof von*** dieſen Freund mit einer guten Pfruͤnde betheilt habe; allein Lord Gliſtonbury hatte gleich vielen andern großen Herren die Gewohnheit auf Dienſte von Leuten zu vergeſſen, wovon er ſich keine neuen mehr verſprach; und kurz ſchnitt er Vivians Erzaͤhlung mit dem Ausrufe ab: „Sehr gut, zum Verwundern gut! Ruſ⸗ fel hat ohne Zweifel bei meinem armen Sohne ſeine Pflicht wohl erfuͤllt, und ſich betragen wie ſichs gebuͤhrte, im Ganzen genommen iſt es mir ſehr lieb zu erfahren, daß mein Bruder ihm ein gutes Beueſtz verliehen hat, und ich hoffe, er werde, wie Sie ſagen, ſich bald verheirathen: Dieß wird in jeder Hinſicht und aus Urſachen, die uns bekannt ſind, um ſo beſſer ſeyn.. Sehr wohl, es freut mich, daß er untorhekom⸗ men iſt, obwohl dieſes Benefiz mir ſehr nutzlich haͤtte ſeyn können, wofern es einem meiner Freun⸗ de vorbehalten geblieben wäͤre, allein mein Bruder, der Biſchof, hat ſich niemals darauf verſtanden in eine politiſche Abſicht einzugehen; es waͤre eben ſo gut keinen Bruder Biſchof zu haben..... Auf alle Fälle iſt H. Ruſſell Ihr 1 2* — 180— Freund, und ich bereue ks nicht; ich kann es Ihrentwegen nicht bereuen..... im Gegenthei⸗ le freue ich mich daruͤber und zwar um ſo mehr, da H. Ruſſel ein Mann von vielen Verdien⸗ ſten iſt..... Doch das Alles iſt jetzt geſchehene Sache und ich habe Sie von einem ganz ande⸗ ren Gegenſtande zu unterhalten. Sie wiſſen, daß ich Ihnen jederzeit geſagt habe, ich wuͤrde über kurz oder lang doch zu meinem großen Zweck ge⸗ langen, erinnern Sie ſich nur Vivian.“ —„Ihr großer Zweck, Milord? Ich weiß in der That nicht, ob ich ihn kennen ſoll.“ 4 „Ah, ganz gewiß kennen Sie meinen gro⸗ ßen Zweck, Sie, mein Schwiegerſohn, ſollten darauf vergeſſen haben? Unmoͤglich; das Mar⸗ quiſat iſt's, das Marquiſat. Habe ich Ihnen nicht geſagt, daß ich fruͤher oder ſpaͤter die Re⸗ gierung doch dahin bringen würde meine Graf⸗ ſchaft in ein Marquiſat zu verwandeln? Nun denn; die Sache iſt zu Stande gekommen, oder doch ſo weit vorwaͤrts gegangen als wenn es ſchon geſchehen waͤre; ſie unterhandeln mit mir um wegen der Bedingniſſe uͤbereinzukommen.“ —„Ich ſtatte Ihnen dazu meinen Gluͤck⸗ wunſch ab, theurer Lord,“ ſagte Vivian. nE nicht/ Philoſ ganzen Glüdw Jhnen höthige lich Ih fuhr nicht unter an, h Unter Vid auf 1 einge ich legen ſchb keit cher ten ſen kann es genthei⸗ d nehr, Zerdien⸗ chehene ande⸗ n, daß de übet vech ge⸗ 14 2 Ich kennen en gro⸗ ſollten Mar⸗ Ihnen die Re⸗ Graf⸗ 2 Nan 1, oder denn es nit mir nen.“ Gluͤch⸗ in. — 181— „Sie legen Gluͤckwünſche ab, ich zweifle nicht, daß Sie es mir wuͤnſchen, aber, Herr Philoſoph, man wird ſagen, daß Sie an der ganzen Sache nicht Theil genommen haben. Ihr Glückwunſch, ja das iſt recht ſchön; ich muß Ihnen indeß bemerken, daß ich etwas mehr be⸗ noͤthige als Ihren Glüͤckwunſch; ich bedarf naͤm⸗ lich Ihre Unterſtuͤtzung. Wie er doch ausſieht;“ fuhr Lord Gliſtonbury fort,„ſollte man nicht denken, daß er gar nicht weiß, was man unter dem Worte unterſtuͤtzung verſteht? Vivi⸗ an, haben Sie niemals von parlamentariſcher Unterſtuͤtzung gehoͤrt?“ „Ich hoffe, mein lieber Lord“ antwortete Biojan mit vieler Wuͤrde,„Sie werden ſich auf meinen Namen in keine Verbindlichkeiten eingelaſſen, noch etwas verſprochen haben, was ich nicht zu halten vermoͤchte.“ Lord Gliſto nbury ſtockte und ſchien ver⸗ legen, dann ſammelte er ſich und ſagte mit ent⸗ ſchloſſenem Tone: „Nein, ich habe mich in keine Verbindlich⸗ keit eingelaſſen; ich habe fuͤr Sie kein Verſpre⸗ chen gegeben, das Sie nicht zu erfuͤllen vermoͤch⸗ ten, ganz gewiß habe ich nichts verſprochen, deſ⸗ ſen ſchnelle Erfuͤllung ich nicht von meinem — 182— Schwiegerſohne erwarten koͤnnte.“„In was fuͤr Verbindlichkeiten haben Sie ſich fuͤr mich einge⸗ laſſen, was haben Sie fuͤr mich verſprochen,“ fragte Vivi an mit Feuer. —„Nichts Anderes, mein lieber Freund“ ſagte Lord Gliſtonbury den ſcherzhaften Ton ergreifend,„als daß Sie einer von den Unſrigen ſeyn werden, und gehoͤren Sie denn nicht zu uns? Sie, mein Schwiegerſohn, da muͤßte doch der Leidige ſein Spiel haben, wenn ſie nicht zu den Unfrigen gehoͤrten. Kurz, Sie wiſſen ſehr wohl, um ernſthaft zu reden, daß eine Parthei immer den gleichen Schritt halten, daß eine Familien⸗ parthei feſt verbunden bleiben muͤſſe. Wenn das Miniſterium meine Abſichten erfullt, ſo werde ich auch die ſeinigen durchſetzen helfen, wenn ich mein Marquiſat habe, bekommen ſie meine Stimme.“ „Aber die meinige nicht. Erlauben Sie mir Ihnen zu ſagen Milord; ich verhandle auf ſolche Art meine Stimme nicht. 2 —„Aber Sie wiſſen doch, H. Vivian, Sie wiſſen ſehr wohl, daß es ſich um Ihr Inter⸗ eſſe ſo wie um das meinige handelt. Sie wiſ⸗ ſen, daß das Marquiſat mit der Zeit und Ge⸗ legenheit an Ihren Sohn fallen wird. Es han⸗ helt ſch das me ich auch nachliſſ daß Sie man He Alles, geſagt Helden denn i und in gehöre Geſch ich der Glit ne dar ander der weine Nuf was füͤr h einge⸗ ochen,, treund“ en Ton nſrigen muns? ich der zu den rwohl, immer nilien⸗ in das werde enn ich meine n Sie handle dian, Inter⸗ e wiſ⸗ d Ge⸗ han⸗ — 183— delt ſich alſo um Ihr Intereſſe ſo gut als um das meinige, uͤberdieß ſollen Sie wiſſen, daß ich auch Ihren abgeſonderten Vortheil nicht ver⸗ nachlaͤſſigt habe. So machte ich's zur Bedingung, daß Sie den ehrenvollen Poſten bekaͤmen⸗ welchen man Herrn C— zu verleihen im Begriff ſtand.“ Alles, was Ruſſel von buͤrgerlicher Tugend geſagt hatte ſtand jetzt vor der Seele unſeres Helden.„Ich danke Ihnen, mein lieber Lord, denn ich bin verſichert, daß Sie freundſchaftlich und in guter Abſicht gehandelt haben, doch ich gehoͤre nicht zu den Leuten, die bei oͤffentlichen Geſchaͤften bloß auf ihr Intereſſe bedacht ſind, ich denke nicht einmal auf mein Intereſſe.“ —„Se ſcheint's mir auch“ ſagte Lord Gliſtonbury mit mißvergnuͤgtem Weſen. Oh⸗ ne darauf Acht zu haben fuhr Vivian fort: „Richt fuͤr das Marquiſat, nicht fuͤr jeden andern Fitel oder Rang der nach dem Belieben der Krone vertheilt werden kann, moͤchte ich meine Ehre, meine Grundſaͤtze, meinen guten Ruf aufopfern.“ 5 „Alles das iſt ſehr ſchoͤn, ſehr gut geſagt, aber ich ſehe nicht wie es eben auf dasjenige ſich bezöge um was es ſich jetzt handelt“ ſagte Lord Gliſtonbury,„denn wenn Jemand ein Mar⸗ 4 — 284— niſei annimmt und im Sinue der Miniſter Sei⸗ ner Majeſtaͤt ſeine Stimme abgibt, ſo folgt dar⸗ aus nicht nothwendig, daß er au ſeſuer Ehre und an ſeinen Grundſaͤtzen zum Verraͤther werde, daß er ſich um ſeinen guten Ruf bringe.“ „Freilich nicht“ ſchrie Vivian„„nehmen Sie doch nicht an, Milard daß ich im Stan⸗ de waͤce einen ſo ſeltſamen, ſo abgeſchmackten Schluß zu ziehen. Wenn jedoch ein Menſch heute eine Meinung behauptet, morgen aber ei⸗ ne ganz entgegengeſetzte unterſtutzt, und wenn er dieſes aus gewiſſen Nuͤckſichten von ſehr gro⸗ zem Belange that, ſo wird er zwar mit Recht— um ſeinen ganzen Ruhm der Rechtſchaffenheit kommen.“ „Politiſche Rechtſchaffenheit And Tadello⸗ ſiakeit,“ ſagte Lord Gliſtonbury,„moͤgen ganz volltoͤnende Worte ſeyn, ſie ſind aber doch wirklich nichtsſagend hinter'm Vorhang, wie wir jetzt ſtehen. Vivian, was ſoll es uns nuͤtzen, ich bitte Sie, auf ſolche Art zu reden? Zwi⸗ ſchen Ihnen und mir hat das nicht einmal den geſunden Menſchenverſtand„ denn wer koͤnnte heutzutag bei einer Parthei im Ernſte auf etwas Anderes denken als Macht zu erlangen oder die erlangte zu bewahren. Einfluß, Macht iſt der Räff Madl Werl und? Mein zerzei Art de ſema Tirat ſeu z deele der die les? an ſ aust aller unb der Sor wür hoͤrt tegr flue rin et Sei⸗ (öt dar⸗ hre und de, daß ehmen Stan⸗ nackten Menſch der ei⸗ wenn r gro⸗ 94— eaheit dello⸗ noͤen r doch ie wir ützen, Zwi⸗ l den oͤnnte etpas er die it der 185— Maßſtab des Talents, und dieſes letztere Wort Macht faßt Alles in ſich, was einen wirklichen Werth. hat. Ich erklaͤre mich ohne Umſtaͤnde; und da die Ehre eine Sache der Meinung und die Meinung eine Sache der Zahl iſt, da es ferner je⸗ derzeit Leute genug gibt, welche in Dingen dieſer Art das Beyſpiel geben und als deren Bundesgenoſ⸗ ſe man ſehr wohl faͤhrt, ſo kommen Ihre ſchoͤnen Tiraden üͤber dieſe Gegenſtände, nur als bloße Poſ⸗ ſen zu betrachten. Ueber politiſche Tadelloſigkeit declamiren iſt nicht die Sache eines Mannes⸗ der ſich auf Geſchaͤfte verſteht und ein bischen die Welt kennt. Doch warum ſage ich das Al⸗ les?“ rief Lord Gliſtonbury aus, und hielt an ſich, um ſein Mißvergnuͤgen nicht allzuſtark ausbrechen zu laſſen,„Herr Vivian weiß dieß allerdings eben ſo gut als ich. Es iſt mir nicht unbekannt, wie mein Reffe, M armaduke, der auf alle Faͤlle kein Dummkopf iſt, Ihre Sprache in dieſem Augenblick verdolmetſchen wuͤrde: er wuͤrde, wie ich's ſchon oͤfter von ihm hoͤrte, gerade zu ſagen, daß dieſe politiſche In⸗ tegritäͤt nichts Anderes als eine feine Aus⸗ flucht iſt.“ „Politiſche Integritaͤt iſt nichts Anderes als rine feine Ausflucht!“ wiederholte Viyian in — 186— ſeinem Erſtaunen. Wenn er ſonſt Herrn Whar⸗ ton ſich zu aͤhnlichen Grundſaͤtzen bekennen hör⸗ te, der ſeit langer Zeit ſich mit Politik befaßte⸗ der ſeiner Verdorbenheit ſich ruͤhmte, ſo wurde er daruͤber ärgerlich, da er ſie aber wiederho⸗ len hoͤrte als Maximen, die ſich ein noch ſo jun⸗ ger Menſch wie H. Lidhurſt klatbluͤtig aufge⸗ ſtellt und zur Richtſchnur genommen, ſo wurde er daruͤber ſo hoch entruͤſtet, daß er kaum im Stande war an ſich zu halten um nicht mehr zu ſagen als Klugheit und Artigkeit erlaubten. „Und nun werde ich Ihnen nicht bergen“ fuhr Lord Gliſtonbury fort,„daß ich es fuͤr weit freimuͤ thiger, ja ſelbſt fuͤr freundſchaftlicher gehalten haͤtte und fuͤr mehr uͤbereinſtimmend mit dem Betragen, das ein Schwiegervater von Sei⸗ te ſeines Eidams erwarten darf, wenn Sie ſich ganz natuͤrlich erklaͤrt haͤtten, ſtatt ſich uͤber die politiſche Tadelloſigkeit zu ereiſern. Ich ſehe wohl, daß ich von Ihnen nichts erwarten kann.“ „Ganz gewiß Milord, reden Sie jetzt nicht im Ernſté,“ ſagte Vivian. „Ich ſage Ihnen dieß in groͤßtem Ernſte, mein Herr,„ſchrie Milord ſich ploͤtzlich dem Zorn uͤberlaſſend und das Zimmer in großen Schritten durchmeſſend.“ Sie haͤtten ſich bei die⸗ fer Ge lem mn nen S Hert⸗ natn gerſohn wollte haben ſes 36 am w erwar ich he Unter Freun geſtel zu b. er, u thun men, wiede Lir ſtelle zen! legen mals har⸗ höͤr⸗ aßte, durde erho⸗ jun⸗ ufge⸗ urde n im mehr ten. gen“ füͤr icher dmit Sei⸗ e ſich er die ſche unn.“ nicht nſte⸗ dem oßen i die⸗ — 187⸗— fer Gelegenheit offenberziger, edler und vor Al⸗ lem mehr ſo benehmen ſollen, wie ſichs fuͤr ei⸗ nen Schwiegerſohn geziemt. Und gewiß, mein Herr, wenn ich Alles gewußt haͤtte, was ich jetzt weiß, Sie wuͤrden niemals mein Schwie⸗ gerſohn geworden ſeyn, niemals, niemals! Ich wollte lieber Lady Sarah im Grabe geſehen haben, ja mein Herr, weit lieber waͤre mir die⸗ ſes geweſen. Sie ſind die Perſon, von der ich am wenigſen in der Welt einen ſolchen Schritt erwartet hätte. Aber ich habe einen Neffen, ich habe einen Reffen, und jetzt weiß ich einen Unterſchied zu machen. Ein Mann kennt ſeine Freunde nicht, als wenn er ſie auf die Probe geſtellt hat.“ Vergebens bemuͤhte ſich Vivian den Lord zu beſänſtigen, indem er ihn verſicherte, daß er, um ihn zu verbinden, geneigt ſey Alles zu thun, was von ihm abhinge, Eines ausgenom⸗ men, welches ihm entehrend ſchiene. Milord wiederholte mit erzuͤrntem Tone, daß,„wenn Vioian ihn in dieſem Puncte nicht zuſrieden ſtellen koͤnne, in einem Punete der ihm am Her⸗ zen laͤge, und welcher jederzeit die groͤßte Ange⸗ legenheit ſeines Lebens war, ſo werde er nie⸗ mals an die Ergebenheit ſeiner Perſon gegen ihn — 188— glauben, und es wuͤrde zu einem auffallenden Bruche kommen, indem er ihn dann nicht mehr als ſeinen Sohn betrachten koͤnne.“ Nachdem er dieſes Anathema ſo deutlich ausgeſprochen hat⸗ te, als der Zorn es ihm erlaubte, ging er nach ſeinem Zimmer um ſich zu Bette zu begeben. Vivian ging ſogleich zu ſeiner Mutter, ihr von dieſer Scene Bericht zu erſtatten, und er hielt ſich ihrer Billigung ſeines Benehmens gtewiß. Obgleich ſie aber den Adel ſeiner Em⸗ pfindungen und dieſen Geiſt der Unabhaͤngigkeit lobte, ſo war es doch klar, daß die Hoffnung, den Titel eines Marquis auf ihren Enkel uͤber⸗ gehen zu ſehen, ſie uͤber andere Ruͤckſichten hin⸗ ausgehen machte. Sie erklaͤrte,„daß ſie um alle Titel im Koͤnigreiche, und um alle Guͤter der Welt nicht ſehen wollte, daß ihr Sohn ſich auf eine entehrende Weiſe benähme, was man aber von ihm fordere, ſey nichts Anderes als ei⸗ ne jeuer Veraͤnderungen der Parthei, eine von jenen Gefälligkeiten, zu welcher ſich jede oͤffent⸗ liche Perſon an ſeiner Stelle ohne Widerwillen wuüͤrde herbeilaſſen; es mußte ihr hoͤchſt unange⸗ nehm ſeyn, wenn das Gouvernement ihn, wie mehrere Andere die ſie nennen koͤnnte, unter die Seelen der von ihm Verdammten rechnen wuür⸗ daß, urthe Erfol hinge verm wenn ſchlo allge gannz ne d „Sit und uden mehr dem hat⸗ nach tter, und mens Em⸗ gkeit ung, lber⸗ hin⸗ um zuͤter ſich man ls ci⸗ von fent⸗ rillen unge⸗ wie er die wür⸗ . de, waͤhrend es doch ein ausſchweifender Ge⸗ danke ſeyn wuͤrde, wenn er geſonnen wäre, al⸗ lein den Strom der Verdorbenheit entgegenzu⸗ ſchwimmen oder ihn aufzuhalten: da es doch nur hoͤchſt unklug ſeyn wuͤrde, ſich ganz aufzuopfern ohne die mindeſte Hoffnung ſeinem Lande einen Dienſt leiſten zu koͤnnen.“ Vivian unterbrach ſie, um ihr vorzuſtellen, daß, wenn jede öͤffentliche Perſon auf dieſe Art urtheilte, es auch unmoͤglich ſeyn wuͤrde, mit Erfolg fur das Beſte des Staats zu wirken, daß hingegen, wenn Jedermann ſo daͤchte, er allein vermoͤge ſchon etwas Nuͤtzliches zu leiſten, und wenn Jedweder, von dieſer Hoffnung beſeelt, ent⸗ ſchloſſen waͤre einen Theil ſeines Intereſſe dem allgemeinen Vortheile zum Opfer zu bringen, ganz gewiß viel Gutes zu Stande kommen muͤſſe⸗ „Moͤglich, ſagte Lady Mary,“ ich beken⸗ ne daß ich mich auf Politik ſehr wenig verſtehe. „Sie ließ demnach die Vernunftgruͤnde fahren⸗ und nahm zur Ueberredung, zur dringenden Bit⸗ te ihre Zuflucht. Sie beſchwor ihren Sohn zu vermeiden, daß er ſich mit den Gliſtonbu⸗ ry's zerſchlage, und ſich den Haß ſeines Schwiegervaters zuziehe.„Ich ſehe“ fuͤgte ſie hinzu,„daß dieß Alles ein Gewebe des ſchlauen — 190— Marmaduke iſt; er kennt den Eigenſinn ſei⸗ nes Oheims, er hofft, deine Begriffe von Va⸗ terlandsliebe werden es nicht erlauben ihm auch nur in einem Puncte nachzugeben, der ihm ge⸗ rade ſo ſehr am Herzen liegt. Marmaduke wird, du darfſt mir es glauben, aus dieſem Al⸗ len Vortheil zu ziehen wiſſen.“ Ze mehr Vivian widerſtrebte, um ſo mehr drang ſeine Mutter in ihn. Endlich nahm ſie zu Thraͤnen ihre Zuflucht, und erklaͤrte, daß ſie ihn ſeiner ſelbſt Willen, wenn nichts Anderes ihn ruͤh⸗ ren koͤnne, fußfaͤllig bitten und beſchwoͤren muͤß⸗ te, Verzicht zu thun auf dieſen Donquicho⸗ tismus.“ „Don— OQnichotismus!“ ſagte Vivian. „Ruſſel, mein Freund und mein Lehrer wuͤr⸗ de meinem Entſchluſſe wohl einen ganz anderen Namen beilegen.“ Lady Macy erwiederte, ſie daͤchte ihre Meinung oder wenigſtens ihre Bitte ſollte doch weit mehr Wirkung auf ihren Sohn machen, als jene aller Lehrer und aller Freunde in der Welt. Da die Sache auf dieſe Art zum Gegenſtande ei⸗ nes Kämpfes uͤber die Macht und den Einfluß auf Vivian zwiſchen ihr und Ruſſel geworden war, ſo gerieth Milady um ſo mehr * in Eif genden Gedal keiten tin et auf ſe ry, in Be 1 Wort wenn dir o Verle den! was innen man gen der Arbe hatte Hau und ind hal du — 291— in Eifer. Vivian war denn durch die drin⸗ genden Vorſtellungen ſeiner Mutter, durch den Gedanken an die bevorſtehenden Familienſtreitig⸗ keiten und an die ihn umgebenden Schwierigkei⸗ ten erſchuͤttert, welche ihn bedrohten, wenn er auf ſeinem Entſchluſſe beharrte, als Lady Ma⸗ ry, die noch einen ſehr kraͤftigen Beweisgrund in Bereitſchaft hatte, davon Gebrauch machte. „Mein lieber Sohn;“ nahm ſie wieder das Wort,„man müuͤßte den Kopf verloren haben, wenn man den Platz ausſchlagen wollte, der dir angeboten wird. Erwaͤge doch ein wenig die Verlegenheit, worin du dich nothwendig befin⸗ den mußt, wenn du nicht das annehmen willſt, was ſich jetzt gluͤcklicher Weiſe dir anbietet. Er⸗ innere dich der ungeheuern Forderungen, die man naͤchſtens an dich ſtellen wird, der Rechnun⸗ gen wegen der Wahlangelegenheit, jener wegen der Bauten und der Forderungen all der armen Arbeitsleute, die an deinem Schloſſe zu thun hatten, der Forderungen des Sattlers und des Hauſes in der Stadt, welches du gekauft haſt und binnen drei Monaten bezahlen ſollſt. Es iſt in der That unmoͤglich, daß du dich aufrecht er⸗ halteſt, wenn du nicht dieſen Platz erhaͤltſt, deun du weißt; lieber Karl, daß ich dich nicht wirk⸗ — 192— ſam unterſtuͤtzen kann, vermoͤchte ich's, ſo wuͤr⸗ de ich mich gluͤcklich ſchaͤtzen dich aus der Ver⸗ legenheit zu ziehen, was auch immer mir wieder⸗ fahren koͤnnte, gern wollt' ich auf mein Haus in der Stadt Verzicht leiſten nnd meine Equipa⸗ ge abſtellen.“ „Nein, nein, meine theure Mutter,“ ſchrie Vivian,“ ich werde nicht dulden, daß Sie noch mehr fuͤr mich thun, Sie haben bereits ſchon zu viel fuͤr mich gethan, und ich kann nicht an alle Unannehmlichkeiten denken, welche fuͤr Sie aus Ihrer Großmuth und Ihrem Zutrauen hervorgegangen ſind.“ 1 —„Laſſe das; hiervon ſoll gar keine Rede ſeyn, mein lieber Karl! Swiſchen Mutter und Sohn kann kein Unterſchied des Intereſſe's ſtatt finden, und wenn ich in eine noch ſo duͤrftige Lage geriethe, ſo kann ich doch verſichern, daß ich mich immer auf eine Art zu behelfen wüßte, welche dir jedes bekuͤmmernde Gefuͤhl erſparen würde. Wenn ich jetzt von mir geredet habe, ſo iſt dieß nicht geſchehen um dich au das Ver⸗ gangene zu erinnern, ich wollte dir bloß mein Bedanuern ausdruͤcken, daß ich fuͤr die Zukunft dir nicht ſo nuͤtzlich ſeyn kann als ich es wuͤnſch⸗ he, und, was Lord Gliſtonbury betrifft, ſo weit Einkun und de ihm ſch Pfund du ihn leiſtetef cher 2 nücht ie traut z Frau! Sie f geſtimi mit ihr iſt nic ihre 6 iſt, w ſchreck te Vi zu Ge loszun nehme verſetz Fuße Viy wuͤr⸗ Ver⸗ ieder⸗ Haus uipa⸗ ſchrie Sie ereits kann delche rauen Rede rund ſtatt rftige daß üßte, aren abe, Ver⸗ mein kunft uſch⸗ riff, —*9 ſo weißt du, daß ungeachtet ſeiner ungeheuren Einkuͤnfte ſeine jaͤhrliche Ausgabe weit groͤßer iſt, und daß er in einem Grade belaſtet iſt, der es ihm ſehr ſchwer machen wuͤrde auch nur tauſend Pfund Sterling grliehen zu bekommen. Wenn du ihm nnter dieſen Umſtaͤnden nicht Genuͤge leiſteteſt, ſo koͤnnteſt du dich auch nicht ſchickli⸗ cher Weiſe an ihn wenden; uͤberdieß wäͤre ich nicht im Stande mich mit dem Gedanken ver⸗ traut zu machen, daß du bei der Familie deiner Frau um eine Geldaushulfe nachſuchen ſollteſt. Sie ſind ohnehin hochfahrend genug und ganz geſtimmt zu glauben, daß uns die Verbindung mit ihnen zu großen Ehren gehoben habe. Es iſt nicht nothwendig, daß wir uns herablaſſen ihre Schuldner zu werden. Schulden zu haben iſt, wer auch immer der Glänbiger ſe, eine ſchreckliche Sache.“ „Eine ſchreckliche Sache, in der That!“ ſag⸗ te Vioian einen tiefen Seufzer ausſtoßend. —„ und das einzige Mittel, welches dir zu Gebot ſteht um dich von deinen Schulden loszumachen, beſteht darin, dieſen Platz anzu⸗ nehmen, der dich mit einem Male in Wohlſtand verſetzen und dir erlauben wird weiterhin auf dem Fuße zu leben, woran du dermal gewoͤhnt biſt.“ Vivign 11, Theil. 13 n— „Was dieß betriſft, ſo werde ich meine Lebensweiſe veraͤndern. Es gibt keine Aufforde⸗ rung, die ich mir nicht gefallen lieſſe, ſchrie Vioian,„um meine Schulden zu bezahlen und meine Unabhaͤngigkeit zu behaupten;“— „Sehr wohl, mein lieber Sohn Ich bewundere deinen Muth, wenn du dieß zu thun vermagſt, daß iſt ohne Zweifel das Sicherſtez aber ich furchte, daß wenn es darauf ankoͤmmt, du nicht im Stande ſeyn werdeſt auszuharren“ nn „Doch werde ich's im Stande ſeyn, Halden Sie ſich deſſen verſichert,“ ſagte Viv ian,„fuͤr ſe Etwas habe ich Entſchloſſenheit genug, Sie laſſen mir keine Gerechtigkeit wiederfahrem“ r —„Du irreſt mein lieber Karl, ich laſſe dir Gexechtigkeit wiederfahren, denn ich zweifle an deiner Entſchloſſenheit fuͤr jene Faͤlle nicht, welche deine eigenen Entbehrungen betreffen, be⸗ trachte aber deine Frau, denke auf Lady Sa⸗ rah's Beduͤrfniſſe, und den Luxus, in dem ſie immer gelebt hat, und blick' auf die Leute von hohem Rang, mit welchen ihre Familie umgeht. Urtheile wie viel ihr Stolz leiden muͤßte, wenn dieſe Leute ſie vom Kopf bis zum Fuße meſſen würden. Ich zweifle nicht, daß Lady Sa rah ijhre Pflicht erfuͤllen und die von ihrem Gemahl ,8 geſorder 89,— wäreſt Fonnteſt gebracht ne ſtille Saral mit ein heit no doch ich herabzu Weib, ge dein genſtand in der ich liel allein Fäche binlaͤng ohne S lieher S zuſehen V Nacht daruͤbe dieſen meine ulfordr⸗ ſchrie ejuhlen 7.— dundere gſt, doß fuͤrchte, cht im halten n, afar 9, Sie 172 ch laſſe zweifle e nicht, fen, de⸗ y Sa⸗ dem ſie ite von umgeht. „wenn meſſen Sgrah Gemahl geforderten Spfer darbringen werde, und waͤteſt du,— ich muß jetzt wohl gänz dentlich reden— wäreſt du leidenſchaftlich in Sie verliebt, ſo Fönnteſt du mit Ehre dieſe von ibrer Seite dar⸗ gebrachten Opfer annehmen; was wird aber ei⸗ ne ſtille Zurückgezogenheit fuͤr dieſe arme Lady Saräh und mit dieſer Lady Sarah ſeyn? mit einer Gefaͤhrtin, die weder einige Beleſen⸗ heit noch jenen Reichthum der Ideen hat, die... doch ich bin nicht geſonnen ſie in deinen Augen herabzuwuͤrdigen; ſie iſt ein ſehräſchaͤtzenwerthes Weib, mehr will ich nicht ſagen und das Uebri⸗ ge deinen eigenen Betrachtungen uͤber dieſen Ge⸗ genſtand uͤberlaſſen. Wenn etwas Entehrendes in der Annahme diefes Platzes laͤge, ſo wollte ich lieber ſterben als deßhalb in dich dringen, allein obwoht ich nicht ſehr bewandert bin im Fuͤche der Politik, ſo kenne ich doch die Welt hinlänglich um zu wiſſen, daß Leute von Ehre ohne Scham Plätze annehmen. Laß mich denn, lieber Sohn, dich beſchwoͤren die Sachen ſo an⸗ zuſehen, wie ſie wirklich ſind.“ Vivian ſagte ſeiner Mutter, daß die Nacht ſeine Rathgeberin ſeyn ſollte, und er reif daruͤber nachdenken werde; zufrieden ihn bis auf dieſen Punet gebracht zu haben, ließ ſte ihn nach 1 3*ℳ — 1290— Hauſe zuruͤckgehen. Eh er ſich ſchlafen legte, ſann er nach, ob er ſeine Frau zu Rathe ziehen dri ſollte, die von der ganzen Verhandlung nicht ſe 1 unterrichtet war und den verfallenden Zuſtand dasfn ſeiner Augelegenheiten nicht kannte. Er ließ ihr und be die Gerechtigkeit wiederfahren zu glauhen, ſie un da wuͤrde ſich gerne eutſchließen mit ihm in der Zu⸗ riſen/ ruͤckgezogenheit zu leben, auf den Hochmuth und gſagt den Luxus Verzicht zu leiſten, der eine Folge ih⸗ Schwe res Ranges war, und zwar aus Liebe fuͤr ihn Der g und aus Pflichtgefühl. Er war uͤberzeugt, daß elic ſie bei allem Widerſtreit zwiſchen dem Intereſſe lich ihres Vaters und der Ehre ihres Gatten ſeſt an Zufluc der Seite dieſes letzteren ausharren wuͤrde. Ob⸗ mtment gleich Lady Sarah ſich nicht auf Politik ver⸗ Unger ſtand, obgleich ihr Geiſt nicht viel Umfaſſendes ſo we hatte, und ſie die Begriffe von öffentlichem Wohl forder und Patriotismus nicht nach ihrer ganzen We⸗ die ſenheit zu zerſetzen vermochte, ſo wußte doch die ih Bivian, daß, wenn er ihr die einfache Frage ſeine vorbringe:—„wenn ich dieß oder dieß unter⸗ füͤhl g nehme, ſo handle ich gegen mein Bewußtſeyn große und meine Ehre, und wofern ich mich zum Ge⸗ nicht gentheil entſchließe, ſo werde ich demjenigen ge⸗ die maͤß Handeln, was ich fuͤr gerecht und edel hal⸗ mit te; und nur ſo kann ich meine Ehre retten.“ Wenn Einer vereit 1 legte, eziehen g riit Zuſtand ließ ihr en, ſie der Zu⸗ th und olge ih⸗ für ihn gt, daß Jutereſſe eſt an de. Oh⸗ ttik ver⸗ faſſendes i Wohl zen We⸗ ite doch e Frage junter⸗ ußtſeyn zum Ge⸗ igen ge⸗ edel hal⸗ Wem — 337— er ihr dieſe Bemerkung machte, ſo fuͤhlte er, daß ſie darauf alſo antworten werde:„Thun Sie dasjenige, was Sie fuͤr gerecht und edel halten, und bewahren Sie Ihre Ehre, was auch die Fol⸗ gen davon ſeyn koͤnnen.“ Er erinnerte ſich alles deſſen, was Lady Julia ihm von dem Vortheile geſagt hatte, den er aus der Seelenſtärke ihrer Schweſter bei wichtigen Anlaͤſſen ziehen koͤnnte. Der gegenwärtige Umſtand war ſeit ſeiner Ver⸗ ehelichung der erſte, worin ſeine Frau ihm nuͤtz⸗ lich ſeyn konnte; indeß ſtand er an zu ihr ſeine Zuflucht zu nehmen und je naͤher er ihrem Appar⸗ tement kam, um ſo mehr vergrößerte ſich ſeine Ungewißheit. Fur's Erſte war es ihm zuwider ſich ſo weit demuͤthigen zu ſollen, daß er ihren Rath fordere, fuͤr's Zweite hatte er nicht den Muth die Schulden und die Verlegenheit einzuſtehen, die ihr jederzeit waren verborgen geblieben. Was ſeine Mutter ihm vom jenem Mangel an Feinge⸗ fuͤhl geſagt hatte, das darin liegen wuͤrde, wenn er große Opfer von einem Weibe annaͤhme, das er nicht lieben koͤnne, obwohl er es wirklich ſchaͤtze; die Unerträglichkeit eines abgeſchiedenen Lebens mit einer ſolchen Gefaͤhrtin das, unaufhoͤrliche Einerlei im Zuſammenſeyn mit ihr, alle dieſe vereinten Ideen und mehr noch die Wahrnehmung — — —— — — 168— des unmittelbaren und ſchon eingetretenen Uebels näͤmlich gegen ſeine Frau uͤber dieſen unan⸗ genehmen Gegenſtand ſich erklären zu ſollen; die Beſorgniß, eine Gegenerklaͤrung von ihr in all' jener Foͤrmlichkeit anhoͤren zu muͤſſen, die ihm hoͤchſt widerlich war; die Furcht vor ihrem Er⸗ ſtaunen und vielleicht vor ihrem Tadel, wenn er ihr den Stand ſeiner Angelegenheiten aufgedeckt hätte, dieß Alles wirkte ſo⸗ unwiderſtehlich auf ſeine Schwachheit, daß er kein anderes Mittel vor ſich ſah als zu ſchweigen. Seine Hand lag ſchon auf dem Thuͤrſchloſſe ihres Zimmers, er öͤffnete mit Behutſamkeit aus Furcht ſi ſie aufzu⸗ wecken, aber ſie ſchlief nicht. „Was hat Sie e ſen lange aufgehalten 7 ſag⸗ te ſir. 1—„Geſchaͤfte, meine eiebe, rrhirderiee er mit einiger Verlegenheit. „Darf ich fragen, von welchen Art dieſe Geſchafte waren?“ —„Bloß volitiſcher Art. 7 e All⸗ nur politiſche Angelegenhejten hielten 6 Sie auf,“ ſagte ſie mit Aufmerkſamkeit ihren Mann anſehend, dann, als ob ſie ihre Neugierde unterdruͤcken wollte, fuͤgte ſie hinzu, „Weiber duͤrſen ſich in Politik nicht mengen,“ und au ſch u 7 te Vi feieden ſhafft her Vo nes M rahr Mann ſich i danken ſtehend mit d nunge imm dere ten i oater, mung ſelben imme „W dieſe ſich weſe Uebels ungn⸗ en; die in all' die ihm em Er⸗ venn er fgedeckt lich auf Mittel and lag erz, er aufzu⸗ m“ ſag⸗ derte er tt dieſe ennheiten rkſamkeit ſie ihre e hinzu, gengen,“ — 199— und auf die andere Seite ſich wendend ſcidt⸗ f ſich an zu ſchlafen. „Sie haben Recht, meine Liebe“ entgegne⸗ te Vivian, und ſagte kein Wort weiter. Zu⸗ frieden dieſe Schwierigkeit ſich vom Halſe ge⸗ ſchafft zu haben, beraubte er ſich aus Schwaͤche der Vortheile, welche er aus der Feſtigkeit ſei⸗ nes Weibes häͤtte ziehen koͤnnen. Waͤhrend Sa⸗ rah unbekannt mit dem peinlichen Zuſtande ihres Mannes ruhig ſchlief, wachte er und uͤberließ ſich in der Stille der Nacht der quaͤlenden Ge⸗ danken. Was ihm ſeine Mutter von der bevor⸗ ſtehenden Geldverlegenheit geſagt hatte, fiel ihm it verdoppelter Stärke wieder bei, die Rech⸗ ungen wegen der Wahlauslagen, der Maurer, Zimmerer, Maler, Tapezirer und hundert an⸗ dere draͤngten ſich vor ihn, ſie drohten, erſchreck⸗ ten ihn und zerſtreuten die reine Gluht ſeiner vaterlaͤndiſchen Treue. In fieberhafter Stim⸗ mung des Geiſtes durchlief er fortwaͤhrend den⸗ ſelben Kreis von Ideen und Schwierigkeiten, immer kam er auch wieder auf die Frage zuruͤck: „Was iſt zu thun?“ Bitter bereuete er in dieſer Nacht die thoͤrichten Ausgaben, wozu er ſich entſchloſſen hatte. Waͤre es ihm moͤglich ge⸗ weſen ſich wieder in die Vergangenheit zuruͤckzu⸗ — 200— verſetzen, ſo wuͤrde er ganz gewiß nicht aus ſei⸗ nem Hauſe ein Schloß gemacht haben. Haͤtte er damals vorausgeſehen, daß dieſe Auslage al⸗ len vorläufigen Ueberſchlag der Koſten ſo weit uͤberſteigen würde, in der That ſchon damals haͤtte nichts ihn vermocht eine ſolche Ausſchwei⸗ fung zu begehen. Der Baumeiſter und alle ver⸗ wandten Werkmeiſter waren ganz gewiß Schur⸗ ken, jedoch man mußte ſie bezahlen.— Was war zu thun? Ohne Zweifel war es eine ſehr argerliche Sache eine ſtreitige Wahl durchſetzen zu wollen. Indeß es war geſchehen, die Ausla⸗ gen waren gemacht, man mußte allerdings be⸗ zahlen. Waz wollte er alſo anfangen 2 Di Einſchränkung, welche er einer ſo großmuͤthi Mutter auflegen, die Opfer, le dnme ner Gattin fordern mußte, ni uch nicht wiſte, und Alles was Lady Sabe dung va der Schuiaeuſhaß ſtehende Gattin, alden muß te: es draͤngte zu ſehr. Was k koſtnite er begin⸗ den⸗ Sich Lord Gliſtonbury unterwerfen, und den Platz, den man ihm bot, annehmen. Vio ian ſeufzte 3 wendete ſich um im Bet⸗ te, ſeufzte, erwog, wendete ſich noch einmal um und es entfuhr ihm der letzte Seufzer der ſter⸗ euden Vaterlandsliebe! Dieß iſt das Ende, das heweine nicht ordnete herachn T1 indem ſichten vielme rungen ters nung Friede Verfa Elend tin u ichtl 8 gar man wie, viele ten b auff für nicht den us ſei⸗ Häͤtte age al⸗ o weit damals ſchwei⸗ le ver⸗ Schur⸗ Was ne ſehr ſchſetzen Ausla⸗ ngs be⸗ Die uthigen an ſei⸗ wiſte, or der n muß⸗ begin⸗ werfen, men. in Bet⸗ einmal der ſter⸗ de, das — 201— beweinenswuͤrdige Ende alles Patriotismus, der nicht durch die dem Anſcheine nach ſehr unterge⸗ ordneten Tugenden der Vorſicht und der wohl⸗ berechneten Haushaltung unterſtüuͤtzt iſt. Der arme Vivian ſuchte ſich zu troͤſten, indem er zu ſich ſagte, daß er nicht bloß nach Ruͤck⸗ ſichten auf aͤußeren Vortheil handle, daß er vielmehr gezwungen ſey den dringenden Forde⸗ rungen ſeiner Mutter und ſeines Schwiegerva⸗ ters nachzugeben; daß er genoͤthigt ſey ſeine Mei⸗ nung uͤber öffentliche Gegenſtände dem haͤuslichen Frieden zum Hpfer zu bringen, und um dem Verfalle der Gluͤcksumſtaͤnde ſeiner Mutter, dem Elende und vielleicht der Lebensgefahr ſeiner Gat⸗ tin und ſeiner Kinder vorzubeugen. Die Ver⸗ zichtleißu ſeine Grundſaͤtze war in ſolchem Fd 12 che Schwaͤche, ja ſie hatte ſo⸗ gar 3En verthes an ſich.„Und wie man es vetrachten mag, ſo gibt es doch⸗ wie Lofs“ Zliſtonbury ſagt, beutzutag ſo viele Leute, die durch ihr Beiſpiel einen Patrio⸗ ten berechtigen in der Politik eine andere Flagge aufzuſtecken.— Ein Mann gilt uicht einmal für einen Mann von Talenten, wenn ſie ihm nicht Erwas eingebracht haben.— Der Markt den er macht, der Preis, den er loͤſet, ſind in — 202— den Angen vieler Menſchen der wahre Maßſtab des Werthes eines oͤffentlichen Geſchäftsmannes.“ Solche Dinge ſagte ſich Vivian um ſein Gewiſſen einzulullen, und er wußte ſehr wohl, daß all dieſes vollkommen dem groͤßten Theile der⸗ jenigen gefallen werde, mit denen er zu thun ha⸗ be; von ihrer Seite befuͤrchtete er alſo weder Geringſchaͤtzung noch Tadel, allein an Ruſſel konnte er nicht denken ohne alle Beklemmungen der Gewiſſensbiſſe und den Todeskampf mit der Schande auszuhalten. Er wendete ſich noch ein⸗ mal im Bette um, und es entfuhr ihm ein Aech⸗ zen, welches Lady Sarah ploͤtzlich aufweckte. Sie fragte, was es waͤre, da ſie aber keine Ant⸗ wort erhielt, ſo glaubte ſie, daß ſie getraͤumt oder ihr Mann nut im Schlafe geredet Er achtzte nicht mehr, er ſeufzte a der, aber erſchoͤpft von Geiſteserme ek in eine Art von Betaͤubung, die ſich vis zur Stunde des Aufſtehens verlaͤngerte. Ehe er an⸗ gekleidet war, kam Lord Gliſtonbury zu ihm. Milord hatte ſeine gefälligſte Miene und ſein an⸗ ziehendſtes Betragen angenommen. Er reichte beim Eintritt Vivian mit feyerlicher Auf⸗ richtigkeit die Hand, nannte ihn ſeinen lieben Sohn und bat ihn wegen ſeiner geſtrigen Hef⸗ abe. Naßßub lannes. um ſein N wohl eile der⸗ hun ha⸗ weder uſſel mungen mit der loch ein⸗ n Aech⸗ ſweckte. ne Ant⸗ tträumt et habe. ie⸗ Nfiel is zur er an⸗ zu ihm. ein an⸗ reichte r Auf⸗ lieben en Hef⸗ 1—r 203— tigkeit um Vergebung—„Ich geſtehe ein Un⸗ recht gehabt zu haben,“ fuͤgte er hinzu, nallein ich halte mich uͤberzeugt, daß Sie meine Zunei⸗ gung und Achtung fuͤr Ihre Perſon kennen, und daß wir, im Grunde genommen, nie in einen großen Zwiſt mit einander gerathen koͤnnen; ich bin dem zufolge gekommen, neuerdings uͤber die⸗ ſen Gegenſtand mit Ihnen zu verhandeln, waͤh⸗ rend wir Beide in voller Geiſtesruhe ſind. ch zweifle nicht, daß wenn Sie, die Nacht uͤber, dieſen Gegenſtand erwogen haben, Sie ſich auch auf ſolche Weiſe benehmen werden, daß der Vor⸗ zug gerechtfertigt werde, welche ich meinem Schwiegerſohn vor dem Neffen zugeſtehe, nicht wahr Vivian 2“ Lord Gliſtonbury ſchwieg, eine Anwort erwartend. Vivian, der ſich eben raſſirte, ſchnitt ſich, und es war ihm ſehr lieb einen Augenblick des Zeitgewinnes zu haben: ſtatt zu antworten, rief er aus:„das verwünſch⸗ te Barbiermeſſer; ich habe mich geſchnitten, aber, Milord, ſetzen Sie ſich nicht? und wenn Sie mir die Ehre erweiſen.... Lord Gliſtonbury ſeßtzte ſich, und ging in ſeinem Vortrage nach aller Ordnung zu Wer⸗ ke, ohne jedoch ſeines langweiligen Krams von Lückenbuͤßern zu vergeſſen, und er bewies durch — 204— alle erſinnlichen Argumente die Nothwendigkeit, daß Vivian dieſen Platz annehme und ihn un⸗ terſtuͤtze,„wie er auch nicht gezweifelt habe, daß ſein Schwiegerſohn ihn bei dieſer Gelegenheit unterſtuͤtzen werde.“ Er brachte nachher Briefe von wichtigen Perſonen und ihren untergeordne⸗ ten Geſchäftsträgern zum Vorſchein, welche mit ihm wegen der Angelegenheit des Marquiſats in Unterhandlung getreten waren, und er gab Re⸗ chenſchaft von Allem, was im Wege der ver⸗ traulichen Mittheilung eingeleitet wor⸗ den ſey. Er endete mit der Erklaͤrung,„die Sache ſey bereits gaͤnzlich abgeſchlaſſen, er habe ſein Wort gegeben und habe fur Vivian ſeine Ehre verpfaͤndet; er wuͤrde ſich nicht er⸗ laubt haben in ſeinem Namen zu handeln oder auch nur zu reden, wenn er nicht gefuͤhlt häͤtte, daß er nicht bloß fuͤr ſich, ſondern fuͤr ſeinen Schwiegerſohn, fuͤr ſein zweites Selbſt unter⸗ handle, daß man weder die Zeit auf Vivian zu warten, noch die Moͤglichkeit vor ſich ſah ihn zu Rathe zu ziehen, daß der ganze Plan geſtern eingeleitet und vorgelegt worden ſey; dieß waͤre zwei Stunden nach der Parlamentsſitzung ge⸗ ſchehen, daß man Vivian allenthalben habe aufſuchen laſſen und daß er, der Lord Gliſton⸗ hury gewag Famil ſchluß ſbehe ie ri heiligt werden nem! daß und! Milo lieber Parl rung und vi ausg beme fent hell den digkeit, hn un, de, daß genheit Triefe eordne⸗ che mit ſats in ab Re⸗ r ver⸗ et wor⸗ „„die „ er iwign chtt er⸗ lu oder thätte, ſeinen unter⸗ ivian ah ihn geſtern ß wäre ng ge⸗ n habe iſton⸗ — 205— bury, weil man ihn nicht treffen konnte, er gewagt habe nach dem allgemeinen Intereſſe der Familie und nach jenem Vivi ans einen Ent⸗ ſchluß zu faſſen; daß die Sache unn einmal ges ſchehen ſey, daß es nun kein Mittel gebe ſol⸗ che rückgaͤngig zu machen, daß ſein Wort ge⸗ heiligt ſey und raheh uicht. koͤnne widerrufen werden.“ Mit ſchwacher Stimme und d unentſchlaſßer nem Tone fragte Vivian, ob es nicht anginge, daß er den ihm angebotenen Platz ausſchlage, und dagegen, um nicht auf eine den Maßregeln Milords zuwider laufende Ant zu votiren, ſich lieber fuͤr die Dauer dieſer Stbung ganz vom Parlamente entferne. in me⸗ 3. Lord Glieſtonburpe⸗ Bra dh Beweisfh rungen gegen dieſen Plan bei, den er für unklug und ausſchweifend erflärte. 3 mf ⸗ u „Ein Mann, wie Sie, mein lieber Vi⸗ vian, der ſich auf der HOopoſitionsbank ſo ſehr ausgezeichnet hat, und der ſich noch weit mehr bemerklich machen wird, wenn er auf einem oͤf⸗ femeldchenbedentanzen poſien ſtsht und mit Macht bekleidet iſt, ar „Rein,“ ſagte Vivian aufſhehenb, dg dem er ſich vollſtaͤndig raſſirt hatte,„nein, Mi⸗ — 206— lord, ich werde mich nicht auszeichnen, wenu ich Grundſaͤtze verlaſſe, die mit als jene des Rechts und der Wahrheit erſcheinen; wenn ich einige Rednergabe beſitze, ſo verdanke ich dieſes dem Umſtande, daß ich mir ſtets guter Abſich⸗ ten bewußtwar. Ich werde ſchlecht redru, ich werde gar nichts zu ſagen wiſſen, wenn ich mich erhebe um gegen meine innere rierenunn zu rehenn onn Git 1 G 1 dn„Ab,N ſagte Lord Gliſto nbury, a ihe mänesken Ideen von Vaterlandsliebe koͤnnen Ihnen viele feine und große Zuͤge des Gefuͤhls Refern, aber ſie werden Ihnen(den Gebrauch ihrer Zunge micht benthmen.„Blichan Sie nacht allen großen Rednern unſerer Zeit, und nennen Sie mie Einen, wemn Sie's im Stande ſind, der nicht uͤber den groͤßten Theil politiſcher Streit⸗ fragen bald fuͤr, bald dagegen geſprachen, und zwar jederzeit gut geſprochen häͤtte. Gehen wir, gehen wir nur, Sie werden ſehen, daß Sie Ih⸗ te Sache zum Verwundern machen werden, wie ſo viele Andere, die Ihre Vorgaͤnger ſindetnen e 1520,Sie werden ſehon, daß ich ganz und gar keinen Nutzen ſchaffen, und daß ich nichts An⸗ deres als ein dnnesdMghes Nlak Neyn werde.“ m — macht nicht nicht d Sie ſi Haupt weiß/ hen S Sie w geſteh Menſ in Ve mich die K mehr heimn macht theue genbl aüßt Sie den, Wür ich geth wend enen des eun ich dieſes Abſich⸗ en, ich ih mich ung zu „ihre können hefühls brauch enach nennen e ſind, Streit⸗ „ und an wir, jie Jhe wie mamat nd gat s An⸗ tde.“ — 207— — Ein Klotz? Sie, der doch ſo ganz ge⸗ macht iſt um... Doch ſtille, ich will Ihnen nicht ſchmeicheln; zwiſchen uns Beiden kann nicht von Schmeicheleien die Rede ſeyn⸗ aber Sie find gemacht die Seele und mit der Zeit das Haupt eineg, Parthei zu ſeyn. Sachte! Ich weiß, was Sie mir ſagen wollen, aber erlau⸗ ben Sie mir in dieſer Sache Richter zu ſeyn. Sie wiſſen wohl, mein Neffer iſt— alle Welt geſteht das ein— ein ſehr geſchickter jungen Menſch, aber ich kann ihn mit Ihnen gar nicht in Vergleich bringen. Ich verſichere, daß ich mich auf ſo Etwas verſtehe, und Sie feben, daß die Kammer mein Urtheil bekräftigt hat. Noch mehr, denn ich habe vor Ihnen gar kein Ge⸗ heimniß, und, wenn das Sie gnicht zu eitel macht, wenn Sie ſich nicht etwa deshalb allzu⸗ theuer erkaufen laſſen— was in dieſem Augen⸗ genblicke keine geringe Verlegenheit veranlaſſen ufßte— ſo kann ich Ihnen eingeſtehen, daß Sie ſehr viel beigetragen haben mir zu erwer⸗ ben, was ich ſo lange Zeit als das Ziel meiner Wuͤnſche vor Angen hatte— das Marquiſat 1„Ich, Milord; das iſt unmoͤglich, denn ich habe deswegen niemals einen einzigen Schrite gethan.. — 208— —„Verzeihen Sie, vielleicht ohne daran zu denken, thaten Sie gerade dasjenige, was am Sicherſten zu ſolch einem Ziele fuͤhrte. Sie haben auf der Oppoſitionsſeite ſo wacker geſpro⸗ chen, daß man ſich gezwungen ſah ⸗Ihnen einen Mundkorb vorzuhaͤngen, und um Jh⸗ nen an den Leib zu kommen, konnte man nichts Beſſeres thun als ſich an mich wenden, an mich, der ich Ihr Schwiegervater bin und deſſen Erbe Sie werden muͤſſen. Sie uͤberſehen die geheime Verkettung aller dieſer Dinge nicht ſo mit einem Blicke) als ich, der ich hierin ſeit ſo langer Zeit Erfahrungen geſammelt habe. Nun war aber bei mir nichts in Gang zu bringen, als durch das Marqniſat; Dieß war mein Sine quâ non, und Sie ſehen auch, daß ich meine Abſicht„hauptſaͤchlich durch Sie, erreicht habe; ich gebe dieß einmal zu, obgleich Marmadu⸗ de mich uͤberreden moͤchte,/ daß er dieß durch ſeine Uuterhandlungen eingeleitet habe. Nein⸗ nein; zich laſſe Ihnen Gerechtigkeit wiederfabren, und ich habe mich nicht damit begnuͤgt Ihnen ſolche bloß in Worten zu beweiſen, da ich auch ausbedungen habe, daß Sie dieſen Platz bekaͤ⸗ men, ohne welchen Sie, wie ich weiß, nicht auslangen koͤnnten. Auf dieſe Weiſe, mein lie⸗ het Vir Ihnen n und mit mich mit wir zuſa⸗ Vollm tion br huüͤty Wagen iſt's nic eingeleit Ende m verſtand ſtück. den uns oder ich vot um jeuner d zugehen Bewuf Jivig e daran e, was te. Sie geſpro⸗ i einen um Ih⸗ nichts it wich, en Etbe geheime it einen langer un war en, als in Siue meine ht habe; madu⸗ durch Nein⸗ rfahren, Ihnen ich auch t bekä⸗ , nicht nein lie⸗ — 209— ber Vivian, iſt“ Alles erklärt, und es bleibt Ihnen nichts üͤbrig als mir die Hand zu reichen, und mit mir hinunter zugehen, denn ich häbe mich mit dem Staatsſeeretair verabredet, daß wir zuſammen fruͤhſtuͤcken werdan; er hat ſeine Vollmacht und muß uns unſere Capitula⸗ tion briugen;„doch,“ ſagte Lord Glyſton⸗ bury zum Fenſter hinausſehend,„da iſt der Wagen unſeres Freundes....“—„Ah, noch iſt's nicht zu ſpät! Die Sache kann noch anders eingeleitet werden— iſt denn kein Mittel...“ Ein ſehr ſtarkes Pochen ließ ſich am Thore hoͤren. „Wollte doch der Himmel, Milord!... —„Wollte der Himmel, mein lieber Vi⸗ vian daß wir all' dem Hin⸗ und Herzerren ein Ende machten, worin kein geſunder Menſchen⸗ verſtand liegt, und lieber hinabgingen zum Fruͤh⸗ ſtuck. Gehen wir doch— wir müſſen vermei⸗ den uns noch läͤcherlich zu machen; kommen Sie oder ich gehe allein.— Stellen Sie ſich doch vor um was ſich's handelt; ein politiſches De⸗ jeuner dieſer Art... 7 3 Lord Gliſtonbury beeilte ſich hinab⸗ zugehen; mit wundem Herzen und marterndem Bewußtſeyn folgte Vivian. In dieſem Au⸗ 24 Vivign II. Theit, ——y— — — — — 210— genblicke haͤtte er gewuͤnſcht Ruſſel'n bei ſich zu haben um den Folgen vorzubengen, welche dieſe Zuſammenkunft haben mußte. Aber Nuſ⸗ ſel war abweſend; der Waͤchter ſeines Gewiſ⸗ ſens, die Stuͤtze ſeiner Entſchloſſenheit fehlte. Wehe demjenigen, der nicht Beides ſich ſelbſt ſeyn kann! Das Reſultat dieſes politiſchen De⸗ jeuner’s war genau ſo, wie der Leſer es wird vorausgeſehen haben, wenn er auch nicht gerade ſo viele Erfahrung in der Weltkenntniß beſaͤße als Lord Gliſtonbury. Die Capitulation von Milords politiſcher Bande wurde, Vivian an der Spitze, unterzeichnet. Lord Gliſton⸗ bury verlor bei dieſem Handel an ſeinem guten Ruf nichts, denn hieran war ſchon laͤngſt nichts mehr zu verlieren, und, da er uͤberhaupt gehoͤ⸗ rig abgehaͤrtet war, ſo befand er ſich auch bei dem Vorgange ganz in ſeinem Elemente. Vi⸗ vian hingegen, elender Geldverlegenheiten we⸗ gen, verkaufte ſeine in den Augen des Publi⸗ kums wohl begruͤndete, in ſeinen eignen unſchäͤtz⸗ bare Achtung, die ſeine einzige Quelle des Gluͤcks war.— Er wußte, er fuͤhlte dieß mit tiefſtem Schmerz, allein nur unnuͤtzer Weiſe. Lord Gliſtonbury und ſein neuer Frennd, der Staatsſecretair, der ein Mann ehen ſo Vivi und ſei 3 ſlA rief Lor it zu iine ſo und ſie Neulin malsd wie ſie vom Speiſe hen uu dern, Mahl der iſt miteil haftes bur üͤber in do ren( dii ſich „ welche der Ruſ⸗ s Gewiſ⸗ it fehlte. ſch ſelbſt ſchen De⸗ es wird ht gerade 6 beſäße vitulation Vivian liſto n⸗ tem guten ngſt nichts upt geho⸗ auch bei nte. Vi⸗ heiten we⸗ s Publi⸗ unſchätz⸗ es Gluͤcks it tiefſten ſein neuer ein Mann — 2411— eben ſo voll Geiſt als voll Politik war„ neckten Vi vian wegen ſeines ſchwerfäͤlligen Ernſtes und ſeiner offenbaren Niedergeſchlagenheit. „In Wahrheit mein lieber Vivia n,“ rief Lord Gliſtonbury aus,„meine Geduld iſt zu Ende und ich kann nicht zugeben, daß Sie eine ſo laͤcherliche Figur in der Welt ſpielen, und ſich vor unſerem Freunde als ſolch einen Neuling zeigen. Wie? Werden Sie denn nie⸗ mals die Augen oͤffnen und die Welt ſo anſehen wie ſie iſt? Haben Sie noch niemals die Fabel vom Hunde geleſen, der an ſeinem Halſe die Speiſen fuͤr ſeinen Herrn trug? Die Sachen ſte⸗ hen nun einmal ſo heut zu Tage in manchen Lan⸗ dern, und Jener, welcher nicht zulangt bei der Mahlzeit, wenn er ſie nicht mehr retten kann, der iſt ein Thor, verſtehen Sie mich?“ Milord und der Staatsſecretair lachten miteinander. „Sehen Sie doch, wie Vivian ſein ernſt⸗ haftes Weſen beobachtet,“ fuhr Lord Gliſton⸗ bury ſort,„ſollte man nicht ſagen, daß er über uns erſtaunt iſts Mein lieber Vivian, in der That muß ich mich recht genan auf Ih⸗ ren Charakter verſtehen, um zu glauben, daßs ⸗— 1 4* — 242— Sie nicht die Rolle eines Nenſone von der al⸗ ten Zeit ſpielen.“ „Oh,“ ſagte der Secretait im heitern Tone⸗ „Herr Vivian weiß ganz gewiß, eben ſo gut als wir, daß der Pätrlokismus ganz wohl nge⸗ bracht iſt, wenn man auf der Buͤhne ſteht, au⸗ ßer dem Theater aber muchen wir uns von dem heroiſchen Weſen los; wie ſollten wir uns ſonſt aus der Sache ziehen?— Haben Sie gehoͤrt, Milord, daß wir noch ein anderes blaues Band zu unſeter Dispofition baben, da Lord G Fr rr geſtorben iſt?⸗— —„Ich hatte ſehr vieke Hacha hku fuͤr die ſen armen Lord G****. Ich kann niir vor⸗ ſtellen, daß meht als Einer um dieß blaue Band auſucht?“ Vom Bande, das R haben war, machte man den Uebergang auf die Penſion von dem und dem, man muthmaßte, daß dieſer oder je⸗ ner Poſten, wenn ſein Inhaber abdankte, auf ein beſſeres Subjeet uͤbergehen koͤnne. Nun wurden vor Vivians Augen alle die erbaͤrm⸗ lichen Geheimniſſe enthuͤllt, wodurch die Ober⸗ partei ihrem Betriebe Schnellkraft zu geben ſucht. Er hatte geleſen, er hatte ſagen hoͤren, er glaub⸗ te ſogar, daßt oͤffentliche Angelegenheiten auf dtr ai⸗ en Tone t ſo gut d ange⸗ eht, au⸗ von dem Ktis ſouſt e gehort, es Band 6* rung fuͤr wir vor⸗ aue Vand machte von dem oder je⸗ fte, auf Nun erbaͤrm⸗ ie Ober⸗ den ſucht. er glaub⸗ iiten auf — 213— ſolche Weiſe fortgefuͤhrt wuͤrden, allein bis zu dieſem Augenblicke hatte er noch nicht die Sache ſo in der Nähe beleuchten koͤnnen; in der That war er noch Neuling genug um ganz uͤberraſcht zu ſeyn, als er ſah, daß, nach ſo ſchöͤnen Verſi⸗ cherungen von beiden Seiten der große Gegen⸗ ſtand dieſer Poliker, der einzige, den ſie im Au⸗ ge behielten, darin heſtand ihre Plaͤtze zu erhal⸗ ten oder Andexen diejenigen, welche ſie einnah⸗ men, hinwegzunehmen. Vivian fuͤhlte, wie ſich mit jedem Augenblick ſein Unmuth und ſeine Traurigkeit mehrte.„Mit dieſen Leuten alſo habe ich eingewilligt gemeinſchaftliche Sache zu machen.... Muß ich mit dieſem Strome des Verderbens fortgeriſſen und zur Entehrung ge⸗ kuͤhrt werden! Ach, Ruſſel.“ Vivian beſchloß die Verpflichtung wieder aufzuheben, welche er gegen Lord Gliſtonbu⸗ ry und den Staatsſecretair eingegangen hatte, und erwartete bloß eine Pauſe in der Unter⸗ haltung, um ſich zu erklären; eh aber dieſe Pau⸗ ſe ſtatt hatte, kamen andere Perſonen an, der Secretair beeilte ſich fortzugehen, und ſagte zu Vivian, der ihn an der Thuͤre aufhielt: „O mein theurer Freund, nun iſt Alles in Oronung gebracht; ſie muͤſſen bei der heutigen — —— — — ———— — 214— Sitzung Einer von den Unſrigen ſeyn, und Sie werden ſehen, daß Alles aufs Beſte in der Welt geht, wenn man uͤbereinſtimmend handelt und die Regierung unterſtützt. Ich bitte Sie um Vergebung, daß ich Sie ſo ſchnell verlaſſe, aber es erwarten mich ſo viele Perſonen.., übrigens, wenn wir uns noch etwas mehr zu ſagen haben, ſo ſehen wir uns ja heute Abends im Parlament.“ Lord Gliſtonbury vermied gleich dieſem jede weitere Erklaͤrung; er ſagte, nun waͤre Alles feſtgeſetzt und unmöglich koͤnne hieran Etwas ge⸗ aͤndert werden. I 4 und Sie der Welt nelt und Sie um aſſe, aber übrigens, en haben, rlament.“ ich dieſem vaͤre Alles Elwas ge⸗ Faͤnfzehntes Kapitel. — Da Stunde ſich ins Unterhaus zu bege⸗ ben trat endlich ein, Lord Gliſtonbury ſah, daß Vivian ganz niedergeſchlagen und in gro⸗ ßer Unordnung des Geiſtes ſey, er fing an zu fuͤrchten, daß er nur die Wahrheit geſagt habe und wirklich unvermögend ſeyn duͤrfte ſeine Ideen zu derbinden und Ausdruͤcke zu finden, wenn es darauf ankomme im Widerſtreite mit demjenigen zu reden, was er ſeine Grundſätze und ſein Ge⸗ wiſſen nannte.„Dieſer mein Sohn, ſtatt unſer Apollo zu ſeyn, wird uns nur große Ungele⸗ genheit machen,“ ſagte er,„wenn wir nicht Mittel finden ihn aufzurichten.“ Dem zufolge nahm ihn Lord Gliſtonbury mit ſich ins Caffeehaus und noͤthigte ihn Etwas zu ſich zu nehmen ehe er es wagte oͤffentlich zu ſprechen. Milord ſtaͤrkte ihn, indem er ihn ein volles Glas nach dem andern auszuleeren bewog, — 216— 1 bis er endlich wieder Worte gefunden hatte. Vi⸗ vian nahm ſeinen neuen Platz im Hauſe ein, lund in einer Anſtrengung ſeiner Schmach Troz zu bieten, erhob er ſich um zu ſprechen. Unge⸗ achtet der Huͤlfe des Weins, ungeachtet des Bei⸗ ſpiels H. Marmaduke's Lidhurſt, der vor ihm mit Unerſchrockenheit geredet hatte, vermoch⸗ 12 Bivian kaum, vft. ſiotieene und mit ge⸗ Zeſapar phnrs zu halten, eiue: gede welche den Copiſten auf der Galerie die Klageg abdrang, daß ſie nicht begreifen oder wenigſteus nicht deutlich vernehmen könnten, was das ehrenwerthe Mit⸗ glied ſage. Seine Unzuläͤnglichkeit füͤr die Ver⸗ richtungen der Sitzung fuͤhlend und die Urſache verwuͤnſchend ging er wieder, ſobald er aufge⸗ hoͤrt hatte zu reden, ins Caffeehaus zuruͤck. Lord Gliſtonbury verſuchte neuerdings ibm Spann⸗ Fraft zu verſchaffen, und ſagte: es wuͤrde Alles beſſer gehen, wenn es zur Gegenrede kaͤme. Jetzt wurde der Lord von Jemanden abgerufen: Vi⸗ vian blieb allein. Herr Wharton kam ins 1 Caffeehaus mit einigen ſeiner Freunde; er ſchien von Wein und Zorn erhitzt, voll gluͤbender Heftigkeit redete er mit Jenen, die bei ihm wa⸗ ken, und ſprach die Worte aus:„Das iſt ein ab⸗ itte. Vi⸗ Hauſe ein, mach Troz m. Unge⸗ des Vei⸗ i, der vor vermoch⸗ mit ge⸗ Rede ohne velche den raug, daß t deutlic eiihe Mit⸗ die Ver⸗ e Urſache ee auſge⸗ ruck. Lord m Spann⸗ erde Alles me. Jetzt tn: Vi⸗ kam ins er ſchien gluͤhender ihm wa⸗ ſt ein ab⸗ — 2 17— ſcheuliches Betragen! Ein Taugeuichts iſt er, ein Elender!“ Und dieſe Ausdrücke ſprach er ſo laut aus, daß alle Leute im Caffeehauſe ſich gegen ihn hin wendeten um zu hoͤren, was er ſagte. Der Obriſt S... ‚der von Whartons Par⸗ thei war, doch aber eine gute Meinung von Vi⸗ vian hatte, nahm dieſen unter den Arm, zog ihn auf die Seite und ſagte ihm im Vertrauen, er halte ſich uͤberzeugt, daß irgend ein Mißver⸗ ſtaͤndniß in Bezug auf die Verabredungen ſtatt habe, welche Lord Gliſtonbury mit dem Miniſterium— wie man hoͤre— genommen ha⸗ be; denn Herr Wharton beklage ſich, wie mehrere Andere von Milords alter Parthei, daß er ſie ſchmaͤhlich verlaſſen habe;—„ſeiner Par⸗ thei das gegebene Ehrenwort nicht zu halten, zeuge von einem keineswegs edlen Charakter. Wharton hätte Milords feierliches Verſpre⸗ chen, daß er nie fuͤr ſich unterhandeln werde, ehne ihn in den Vertrag mit einzuſchließen, und jetzt verſichere man, Lord Gliſtonbury habe den Handel wegen ſeines Marquiſats abgeſchloſ⸗ ſen ohne fuͤr Jemand anderen als fuͤr ſich, ſeinen Neffen und ſeinen Schwiegerſohn Etwas bedun⸗ gen zu haben.“— 3 — —— 6 1 — — — 218— NKiiedergeſchlagen uͤber den Gedanken der Schande dieſes doppelten Verraths, dieſer Ver⸗ letzung der Treue im öͤffentlichen ſo wie im Pri⸗ vatleben dankte Vivian dem Oberſten S.. fuͤr das freundſchaftliche Benehmen, mit welchem er ihm dieſe Nachricht mitgetheilt habe; er eroͤff⸗ nete ihm, daß ihm von dieſer Verhandlung gar nichts bekannt ſey und bat ihn um die Genug⸗ thuung bei einer Erklaͤrung gegenwaͤrtig zu ſeyn⸗ welche zwiſchen ihm und Lord Gliſtonbury ſtatt haben werde. Der Oberſt S.... willig⸗ te ein, und ſie gingen zuſammen fort um Mi⸗ lord aufzuſuchen, ſie fanden ihn nicht, trafen aber im Caffeehauſe auf Herrn Marmaduke Lidhurſt, welcher, von Vivian aufgefordert, die Thatſache nicht läugnen konnte, obgleich er alle Abſpruͤnge und umſchweife machte, die ihn gewoͤhnlich zu Gebot ſtanden, und wodurch er der Schmach einer beſtimmten Antwort vorzu⸗ beugen hoffte. Scham und Unwille, welche ſchnell auf Vivians Geſcchte ſich malten, uͤberzeugten den Oberſten S..... daß er an den beſon⸗ deren Einzelnheiten dieſer unwuͤrdigen Verhand⸗ lung keinen Autheil habe, und er bedeutete Vi⸗ vian mit aller Achtung, daß er ſeine Freunde eeber ihre irrige Meinung belehren und ihnen die ten der ſer Ver⸗ im Pri⸗ welchem er eroff⸗ lung gar Genug⸗ zu ſeyn⸗ nbury willig⸗ um Mi⸗ trafen laduke efordert, gleich er die ihn durch er t vorzu⸗ e ſchnell zzeugten beſon⸗ zerhand⸗ tete Vi⸗ Freunde hnen die — 219— Sachen ſo darſtellen wuͤrde, wie ſie ſich wirklich verhielten. Marm aduke fand einen Vorwand ſich fortzuſchleichen; an Jemanden, den er hoͤren wolle, ſagte er, komme jetzt die Reihe im Par⸗ lament zu reden, und nun machte er ſich davon. In dieſem Augeublick kam Wharton, der mit ſeinen Freunden ab⸗ und zuging, bei Vivi⸗ an voruͤber: er ließ einige Sarkasmen uͤber die Privatlaſter und uͤber die oͤffentlichen Tugenden fallen, dann ſagte er:„aber ich wollte, daß die⸗ ſer kleine Auswuͤrfling, dieſer ſehr edle und mäͤchtige Prinzin der Expectanz, die⸗ ſer— erwählte— ſehr getreue und liebe Vetter Seiner Majeſtaͤt, wohl wuͤßte, daß der Mann, welchen man ganz ſchlecht⸗ hin Nobert Wharton nennt, nicht unter die Leute gehoͤrt, die man ungeſtraft hintergeht und bei Seite ſitzen laͤßt. 1 „Von wem ſpricht er! was will er ſagen?“ lispelten ſich Einige der Umſtehenden ins Ohr. „Von was fuͤr einen Prinzen redet er? was iſt das fuͤr eine Gattung von Prinzen, die er bezeich⸗ net? O! Es iſt nicht von Prinzen die Rede,“ ſagte Einer der Anweſenden„Sie wiſſen doch⸗ daß ſehr edler und mächtiger Priuz der Titel eines Marquis iſt, und daß unſer ——— — —-— —— ‿ — 220— ſehrgetreuer und lieber Better, die ge⸗ woͤhnliche Titulatur iſt, wenn der Koͤnig an ei⸗ nen ſolchen ſchreibt.“ „Wer iſt aber der Marquis in der E⸗ pectanz?“ —„Wie, Sie wüßten es nicht? Das 61 Lord Gliſtonbury.“ „Aber wenn einer von den Feunden Milords zugegen wäre, ſo koͤnnte er das ahnden.“ —„Stille! Sein Schwiegerſohn hoͤrt, was Sie reden.“ „Wo iſt er 2 —„Dort, ſehen Sie doch nicht hin!* Vivian war mit Recht uͤber die Vorgän⸗ ge Lord Gliſtonbury's und ſeine Falſchheit ſo erbittert, daß er nicht geſtimmt ſeyn konnte ſeine Vertbeidigung zu uͤbernehmen; er beſchloß denn die Sorge dafur ihm ſelbſt zu uͤberlaſſen, oder, wenn es ihm beliebte, dieſes Geſchaͤft 5. Marm aduke Lidhurſt anzuvertrauen; indeß dieſe Bemerkungen, ſo ins Ohr gelispelt, mach⸗ ten doch einige Wirkung auf ihn. Wharton, der fortfuhr mit ſeinen Freunden umher zu ge⸗ hen, ging noch einmal bei Vivian vorbei und ſagte: 1 1 d, die ge⸗ ig an a, der Ex⸗ e Das iſt Milorde . härt, was Hin Vorgan⸗ Folſchheit on konnte beſchloß lberlaſſen, ſchäft. en; indeß t, mach⸗ harton, er zu ge⸗ n vorbei — 221— „Das öͤffentliche Laſter und die oͤf⸗ fentliche Tugendl Das gibt ein ſchoͤnes, ein wohlgewähltes Paar.“ „Wer ſind dieſe zwei moraliſchen Perſonen,“ fragte einer von W hartons Gefährten. „WuͤßtenSie das nicht? erwiederte W har⸗ ton,„der Reffe und der Eidam.“ Vivian der ſeine Worte vernahm, und folglich wußte, daß er eine der bezeichneten Per⸗ ſonen ſey, trat vor um von Wharton eine Erklaͤrung zu verlangen, aber der Oberſt S.... hielt ihn zuruͤck.„Sie ſind in keinem Falle ſchuldig dieß zu unterſuchen,“ ſagte et,„Whar⸗ ton hat ſich nicht an Sie gewendet, und wenn er es in der Abſicht geſagt hätte, daß Sie es hoͤren ſollten, ſo iſt er durch eine falſche Nach⸗ richt getaͤuſcht, und uͤberdieß hat ihn der Wein eln wenig angegriffen. Laſſen Sie mich machen, ich werde das Alles noch vor morgen zu Ihrer Zufriedenheit in Ordnung bringen.’“ Rur mit Muͤhe ergab ſich Vidian in die⸗ ſen freundſchaftlichen Rath. Er fand ſich jetzt mehr als bisher durch jede und alle ſarkaſtiſche Bemerkungen Whartons beleidigt, weil ihnen doch eigentlich eine Wahrheit zum Grunde lag. Niv iſt ein Menſch reizbarer als wenn et — —— 222 fuͤhlt, daß er nicht ganz unverdient Tadel erdul⸗ den ſoll, wenn er fuͤrchtet, man moͤge ihm noch mehr zur Laſt legen als er wirklich verdient. Die Bemerkungen in's Ohr gefluͤſtert, die Blicke, welche die bei dieſer Scene gegenwaͤrtigen Per⸗ ſonen auf ihn warfen, die Meinung der großen Mehrzahl, die Beſorgniß wegen desjenigen, das noch koͤnnte geſagt werden, abertaͤubten die Stim⸗ men von Vivian s geſunder Vernunft. „Kommen Sie,“ ſagte der Oberſte,„ſehen wir doch, was im Nebenzimmer vorgeht.⸗ Vivian weigerte ſich von der Stelle zu gehen auf der er ſtand, und ſagte, dieß wuͤrde heißen Wharto nen Terrain einraͤumen. Die⸗ ſer ging neuerdings voruͤber, und immer auf das Naͤmliche anſpielend, ſagte er: „Oeffentliches Laſte e! Wir alle wuß⸗ ten, wie es binnen kurzer Zeit kommen werde. Wir wußten, daß es auf Ehrenſtellen hinaus⸗ laufen wuͤrde; allein keine Seele wollte mir glau⸗ ben, wenn ich ſagte, was es mit der buͤrger⸗ lichen Tugend fuͤr einen Ausgang nehmen werde, als ich euch ankündigte, daß ſie nichts anderes ſeyn werde als ein geheimer Verrath.“ te Je auf i g h War zu ri ben, dert „N. nees, bin wer dl erdul⸗ m woch ent. Die Blicke, hen Per⸗ großen gen, das te Stim⸗ ſehen 8 ötelle zu ß wuͤrde n. Die⸗ auf das ille wuß⸗ werde. hinaus⸗ nir glau⸗ urger⸗ nehmen e nichts Limer — 223— „Nun, das iſt klar und ausdrüuͤcklich,“ ſag⸗ te Jemand mit halbgedaͤmpfter Stimme. Herr Wharton!“ rief Vivian aus,“ auf ihn vorwaͤrts gehend,„ich war in der La⸗ ge hoͤren zu muͤſſen, was Sie geſagt haben, Waren Sie geſonnen dieſe Aeuſſerung an mich zu richten?“ 3 „Es ſcheint, daß Sie ſolche verſtanden ha⸗ ben, mein Herr, und dieß iſt hinlaͤnglich,“ erwie⸗ derte Wharton im unnerſchaͤmteſten Tone. „Nach meinen Gedanken, war es leicht genug zu verſtehen, wenn Sie aber glauben, daß Je⸗ nes, was ich ſagte einer Erklaͤrung bedarf, ſo bin ich ebenfalls ganz bereit eine ſolche zu geben⸗ wer ſie auch ſeyn mögen, der ſie von mir verlangt.“— „In dieſem Falle wäre die fruͤheſte die be⸗ ſte,“ ſagte Vivian. Sie gingen zuſammen hin⸗ aus und die Zuſchauer riefen:„Sehr aut, ſehr gut! Da zeigt ſich Energie! Vivianmußte ihn wegen der Urſache zur Rede ſtellen. Aber was i*ſt doch eigentlich der Gegenſtand dos Streites⸗ welcher von Beiden hat Unrecht?“ Lang vorher, eh dieſe Frage entſchieden wurde, war die Herausforderung erklaͤrt und angenommen. Oberſt S—, der Vivian und A 1 ß — 224— Wharton nachgefolgt war, bemuͤhte ſich die Sache auszugleichen, indem er erinnerte, daß Vivian ſelbſt von Lord Gliſtonbury ge⸗ täuſcht worden ſey, der ihn in der Unbekannt⸗ ſchaft mit allen das Aanth betreffenden Ver⸗ handlungen gelaſſen habe. Aber Wharton, wel⸗ cher wußte, daß, weun er die Sache mit ei⸗ nem Male nachdrücklich betriebe⸗ er ſich viel Ehre bei ſeiner Parthei und in den Au⸗ gen dieſer großen Mehrheit der Menſchen er⸗ werben wuͤrde, welche der Meinung ſind, das größte Verdienſt eines Mannes beſtehe darjn ſi ſich einem Piſtolenſchuſſe auszuſetzen, wollte nichts von einer Vorſtellung hoͤren. Der Oberſt S— erklaͤrte, wenn er an Wharto na Stelle wäͤre, ſo wuͤrde er keinen Anſtand nehmen gegen Herrn Vivian ſich zu entſchuldigen und zu bekennen, das, was er bei dieſer Gelegenheit geſagt habe, ruͤhre von einer irrigen Vorausſetzung, in der er vorher geſtanden, welche aber verſchwunden ſey/ nachdem die Thatfache genau ans Licht ge⸗ bracht worden waͤre; doch umſonſt; Wharton verweigerte jede guͤtliche Beilegung. Seine Po⸗ litik, ſein Hochmuth, ſeine Nachluſt, Alles ver⸗ einte ſich, ihm jene unverſchaͤmte Beharrlichkeit zu geben, welcher viele Leute den ruhmvollen Na⸗ men de von M verdor auf die ſchen, und 2 9 Vivi acht der S Vid noch den fo Blute all’d fuͤr J den ten. rh's einet Er ſich de te, daß rh gt⸗ befannt⸗ den Ver⸗ n, wel⸗ nit ei⸗ ebe, er den Au⸗ chen er⸗ nd, das atjn ſich nichts it S— e wire, n Herrn ekennen, t habe, in der wunden ict ge⸗ arton ine Po⸗ les ver⸗ ckeit zu len Na⸗ — 228— men des Muthes zugeſtehen. Durch dieſe Arr von Muth geſchieht es, daß die ſchlechteſten, die verdorbenſten Leute ſich oft in Einem Augeublicke auf die gleiche Hoͤhe ſchwingen, welche Men⸗ ſchen, empfehlenswerth durch ihre Grundſaͤte und Tugenden, einnehmen. Man kam überein Herr Wharton und Vivian wuürden ſich den nächſten Morgen um acht Uhr an einem beſtimmten Ort außerhalb der Stadt ſchlagen. Oberſt S— willigte ein Vivians Seeundant zu ſeyn. Ruſſel war noch nicht zuruͤck, man erwartete ihn erſt fuͤr den folgenden Tag. Als Vivian im Stande war mit kaltem Blute nachzudenken, blickte er mit Schauder auf all' die Uebel, welche fuͤr ſeine Angehoͤrigen und fuͤr Alle, mit denen er in Verhaͤltniſſen ſtand, aus den Folgen dieſes Zweikampfes entſpringen koͤnn⸗ ten. Die Sache mußte vor den Gliſtonb u⸗ ry's geheim gehalteu werden, wo Vivian zu einer großen miniſteriellen Taſel geladen war. Er ging nach Hauſe um ſich anzukleiden. In der Hoffnung ſich eine Viertelſtunde der Einſamkeit verſchaffen zu koͤnnen ſchickte er ſeinen Bedien⸗ ten der ihn in ſeinem Appartement erwartete fort, mit der Erin nerung, er wuͤrde ſchellen Viyian 11. Theil⸗ 15 —— — 226— wenn er ihn benoͤthige. Als er aber in ſein An⸗ kleidezimmer trat, ſo ſah er ganz betroffen daſelbſt ſeine Frau ſitzen, die ihn mit Ungeduld erwarte⸗ te, und neben ſich auf einem Tiſche ein Kaͤſtchen mit neu gefaßten Diamanten ſtehen hatte.„Ich glaubte Sie bei Ihrem Vater; meine Liebe! Soll⸗ ten Sie heute nicht bei Ihrem Wxier ſpeiſen?“ ſagte Vivian. „Nein“ antwortete Labp Sar ah,„Sie wiſſen ohne Zweifel, daß er ein politiſches Di⸗ ner gibt, und ich nehme an, daß Sie daran Theil nehmen werden.“ „O ja doch,“ rief Vivian, nich, vußt⸗ nicht, was ich redete. Allerdings habe ich dabei zu erſcheinen, deßhalb muß ich,(nach der Uhr ſehend) mich umkleiden, denn ich habe feine Zeit zu verlieren. „Dennoch muß ich Ihnen einige Minuten entziehen“ ſagte Lady Sarah., Vivian blieb in ungeduldiger Erwartung ſtehen, waͤhrend Lady S arab nachzuſinnen ſchien, wie ſie ihren Vortrag einleiten ſolle. „Die Weiber, ich weiß es, ſollen ſich nicht mit Politik befaſſen“ ſagte ſie endlich mit Be⸗ klommenheit, doch ploͤtzlich in einen anderen Ton ſein An⸗ een daſelhg d erwarte⸗ Käſichen atte.„Jch ſede! Soll⸗ ſpeiſen?“ 4 h 5„Sit tiſches di⸗ Sie daran ich wußte de ich dabei ch der Uhr habe feine ge Minuten Erwartung innen ſchien, en ſich nicht ch mit Be⸗ anderen Ton — 227— übergehend, ſprang ſie auf und ſagte mit Hef⸗ tigkeit: 3 „Ach, mein theurer Gemahl, was haben Sie gethan? Nein, nein; ich kann's nicht glan⸗ ben. Nicht eher werde ich's glauben, als ich aus Ihrem eigenen Munde es werde vernommen haben.“ „um was handelt ſich's, meine liebe Ladh Sarah, Sie erſtaunen und beinabe beunruhigen ſich mich“ ſagte Vivian, bemüuͤht, gelaſſen zu ſcheinen. „Ich will Sie nicht beunruhigen, und Gott bewahre mich, daß ich Ihnen eine ſolche Be⸗ ſturzung verurſachte, als ich ſie erfahren mußte,“ ſagte Lady Sarah, indem auch ſie ſich beſtreb⸗ te Gelaſſenheit zu zeigen.„Ich ſollte mich uͤber⸗ zeugt halten, wenn nicht meine Schwaͤche es ver⸗ hinderte, daß ich keinen Grund habe in Beſtuͤr⸗ zung zu gerathen. Ohne Zweifel hat man ſich getaͤuſcht und ich that Unrecht daran falſchen Berichten Glauben beigemeſſen zü haben. Vor einer halben Stunde war ich bei dem Juwelen⸗ händler Gray um die Diamanten meiner armen Mutter abzuholen, welchen er, wie ſie wiſſen eine neue Faſſung gegeben hat.“ 4 4 1 1 4 4 1 — 228— „Wäͤhrend ich dort war, traten mehrere Herren ein; ich kannte keinen von ihnen, und ſie kannten mich ebenfalls nicht beſſer; denn ſie ſagten Dinge, welche gewiß Niemand von mei⸗ ner Bekanntſchaft in meiner Gegenwart haͤtte ſagen koͤnnen. Ich vernahm, daß ſie aus dem Unterhauſe kamen, und bei den heutigen Debat⸗ ten zugegen waren. Sie haben geſagt.... in Wahrheit, ich kann ihre Ausdrücke nicht wie⸗ derholen, ich kann nicht einmal den Gedanken davon ertragen. Es iſt unmöglich, daß Sie Ih⸗ ren guten Ruf als oͤffentliche Perſon wie eine Waare veraͤußert haͤtten um meinem Vater ein Marquiſat zu verſchaffen! Sie vermöchten es nicht eine ſo entehrende Handlung zu begehen und Ihre Parthei wegen eines elenden Poſtens fuͤr Sie ſelbſt zu verlaſſen! Sie erbleichen.... So wollte doch der Himmel, daß ich in dieſem Augenblicke im Grabe läge!... —„Gott ſchuͤtze Sie davor, meine liebe Lady Sarah!“ rief Vivian aus, indem er ſich bemuͤhte zu laͤcheln und die Sache ins Scherz⸗ hafte zu ziehen.„Warum wollten Sie im Grabe ſeyn, doch nicht deßhalb, weil Ihr Gemahl einen guten Platz erhielt? Leben Sie, leben Sie!“ fuhr er fort die kraftlos ſinkende Hand ſeiner mehrere ten, und denn ſie don mei⸗ tt häͤtte aus dem Dehat⸗ licht wie⸗ Bedanken Sie Jh⸗ wie eine dater ein cten es degehen Poſtens en.... in dieſem ine liebe mer ſich Scherz⸗ m Grabe ahl einen n Sie!“ id ſeiner — 229— Frau emporhebend,„und bedenken Sie nur,— denn hauptſächlich, ich verſichere Sie, dieß iſt's, was mich zu dem Entſchluſſe brachte, bedenken Sie, daß Sie deßzals viel angenehmer leben werden.“ „Und Sie dachtem an mich, und dieß be⸗ wog Sie zu dem entſcheidenden Schritte? O, das iſt's, was ich am meiſten gefuͤrchtet habe“ rief Lady Sarah aus;“ wann werden Sie doch meinen wahrhaften Charakter erkennen; wann werden Sie Zutrauen auf Ihre Frau ſetzen, mein Herr, wann einſehen, wie unbegrenzt die Macht ihrer Zuneigung, ihrer Zaͤrtlichkeit fuͤr Sie iſt?“ Vivian, von ihren Worten und dem Aus⸗ drucke ihrer Geſichtszüge getroffen, blieb einen Augenblick lang ſtumm vor Ueberraſchung, und verſicherte hierauf ſtammelnd, er habe jederzeit ihrem Charakter Gerechtigkeit wiederfahren laſ⸗ ſen, er kenne die ganze Kraft ihrer Zuneigung für ihn, und ſetze auch das groͤßte Zutrauen in ſie. „Nein, mein Herr, nein, ſagen Sie mir nicht Etwas, das ich doch nicht zu glauben ver⸗ möchte, Sie ſetzen in meine Anhaͤnglichkeit kein Zutrauen, ſonſt wuͤrden Sie nie etwas Aebnli⸗ ches gethan haben um mir einen Kummer zu er A nl 4 8 — —— — 230— ſparen. Welchen grauſamern Kummer kann es auch wohl fuͤr mich geben als den Gedanken, daß der gute Ruf meines Mannes befleckt iſt? Den⸗ ken Sie, daß ich, Ihre Gattine dieß mit dem Verluſte eines ſilbernen Tafelzeuges, eines Hau⸗ ſes in der Stadt, einer Kutſche, einiger Bedien⸗ ten oder aͤhnlicher Kleinegkeiten dieſer Art ver⸗ gleichen könnte?“ fuͤgte ſie hinzu, auf ihre Dia⸗ manten blickend; dann plöͤtzlich ſie ergreifend rief ſie aus:„Nehmen Sie, nehmen Sie! Das iſt von meiner Mutter, aber, wenn ſie auf uns vom Himmel herabſehen könnte, ſo wuͤrde ſie mein Opfer billigen, ſie wuͤrde Ihnen gebieten es anzunehmen. Auf den Knieen beſchwoͤre ich Sie denn, mein Innigſtgeliebter, nehmen, ver⸗ kaufen Sie dieſe Steine, verkaufen Sie das Silberzeug, Hausgeraͤthe, Kutſchen, verkaufen Sie Alles lieber als Ihre Ehre!“ „Sie iſt verkauft!“ ſagte Vivian mit der Stimme der Verzweiflung! „So kaufen Sie ſolche zuruͤck, kaufen Sie zu jedem Preiſe ſie wieder zuruͤck!“ ſchrie Lady Sarah.„Nein; ich will zu Ihren Fuͤßen auf den Knieen liegen bleiben; Sie ſollenz mich nicht aufheben, ohne daß ich von Ihnen dieß Ver⸗ prrecht mir, heftige . aus. nie l Alles gut und t „wal um: gene kann es nfen, daß ſte Den⸗ mit dem nes Hau⸗ Bedien⸗ Art ver⸗ hre Dig⸗ ergreifend die! Das eauf uns wüͤrde ſie gebieten hwoͤte ich nen, ver⸗ Sie das verkaufen ian mit ufen Sie hrie Lady fußen auf nich nicht ieß Ver⸗ — 231— ſprechen erhalte, dieſe Gerechtigkeit, die Sie mir, die Sie ſich ſelbſt ſchuldig ſind!“ —„Es iſt zu ſpät!“ ſagte Vivian in heftiger Beklemmung.— „ Niemals zu ſpät!“ rief Lady Sarah aus.„Leiſten Sie auf dieſen Platz Verzicht; nie wird es zu ſpät ſeyn.— Schlagen Sie Alles ab; ſchreiben Sie ſogleich und es wird gut gehen, denn Ihre Ehre iſt dann gerettet und das Uebrige iſt in meinen Augen nichts.“ —„Erhabnes Weib!“ rief Vivian, „warum habe ich nicht fruͤher Sie gehoͤrt, war⸗ um nicht zu Deiner Seelenſtärke meine Zuflucht genommen?“ 82 „Bedienen Sie ſich ihrer jetzt. Hoͤren Sie mich an in dieſer Stunde. Verlieren wir nicht die Zeit mit Worten. Hier iſt Tinte und Fe⸗ der, ſchreiben Sie, mein lieber Mann, und ſeyen Sie noch Sie ſelbſt.“ —„Vergedens verzehren Sie Ihre ganze Thatkraft für mich!“ ſchrie Vivian, ſich den Haͤnden Lady Sarah's entreißend, und mit Heftigkeit ſich gegen die Stirn ſchlagend.„Es iſt geſchehen; nun gibt es kein Huͤlfsmittel mehr! Ich bin ein Elender, den ſeine Schwaͤche lu — 132= Grunde gerichtet, entehrt hat, und ich ſage Ih⸗ nen, daß nicht mehr zu helfen iſt! Lady Sarah ſtand auf, und blieb ſtarr voll Verzweiflung ſtehen; dann hob ſie die Au⸗ gen gegen Himmel und beobachtete einen Augen⸗ blick lang ein Stillſchweigen. Hierauf ihrem Gatten ſi ch naͤhernd, fagte ſie mit peränderter Stimme aher mit ruhigem Beſen:„Wenn man nicht mehr zurücktreten kann, ſo werde ich nicht writer in Sie dringen; aber im Ruhm wie in der Schmach zablen Sie darauf, daß Ihre Gattin Sie niemals verlaſſen wird! 10 8, Vivian umarmte ſt ie mit einer fur ſie noch nie empfundenen Zärtlichkeit.„Treffliches Weib; ich bin es mir ſchuldig Dir zu erklären, daß ich getaͤuſcht, daß ich durch Hinterliſti in dieſe Lage gezogen bin; mehr ſagen kann ich nicht!“ In dieſem Augenblicke pochte ein Bedienter an der Thuͤre. Er kam von Lord 6 li ſto n bu⸗ rp zu melden, daß alle Leute gekommen ſepen, und daß man nur auf Herrn Vivian warte, um ſich zur Tafel zu ſetzen. „Sie ſind nicht im Stande hinzugehen,“ kogte Ladg Sarah.„Wollen Sie, daß ich ſage dh⸗ lieh ſtart e die Au, a Augen, uf ihrem rinderter benn man ich nict vie in der ne Gattin r füͤr ſie reffliches erklären, neerliſt in kaun ich Jedienter ſonbu⸗ en ſchen, warte, zugehen,“ dß ich — 233— meinem Vater eine Zeile zur Entſchuldigung ſchreibe?“ b ——„0 nein, ich muß dahin gehen,“ rief Vivian aus, gählings aufſtehend,„ich muß hingehen⸗ oder man wuͤrde ſich einbilden, man wuͤrde vermuthen... ich kann Ihnen dieß nicht er⸗ kläͤren, meine Tbeure, aber ich muß hingehen, muß mich heute zeigen, und ſelbſt ein heiteres We⸗ ſen annehmen, wenn ich's vermag. 7 Haſtig entfernte er ſich. Ein Bedienter be⸗ bändigte Lady Sarah'n eine große Menge Billeten und Beſuchkarten. Die Billete ent⸗ hielten Glückwuͤnſche ihrer Bekannten zufolge des Geruͤchts, daß ihr Vater Marquis werden ſolle. Die Karten waren von Leuten, welche dieſen Abend in ihr Haus zur Aſſemblee kommen ſollten. Es war gerade einer der Tage, an wel⸗ chen die große Welt ſich bei ihr verſammelte. Lady Sarahs erſte Abſicht war Entſchuldi⸗ gungen wegen Unpäßlichkeit zu ſchreiben, welche ſie hindere Beſuch zu empfangen; als ſie aber ſich erinnerte, daß ihr Gemahl geſagt habe, er müͤſſe ſich zeigen, und ſelbſt heiter geſtimmt erſcheinen, wofern er es vermoͤchte, ſo hielt ſie es ihrem beiderſeitigen Intereſſe fuͤr entſprechen⸗ der u und mehr übereinſtimmend mit Vivians — 234— Wuͤnſchen, Beſuche anzunehmen ohne daß man an ihr ein Anzeichen von Kummer oder Unruhe bemerke. Sie bereitete ſi ch denn hierzu, und mit gepreßtem Herzen durchwandelte fie ihre praͤchtigen Gemächer, um zu ſehen, ob ſie auf eine paſſende Weiſe ausgeſchmuͤckt feyen. Indeß ſaß Vivian bei Lord Gliſton⸗ bury an der Tafel, in großer Geſellſchaft, beſtehend aus Leuten, die zum Miniſterium ge⸗ hoͤrten. Sobald er nach beendetem Mahle abzu⸗ kommen im Stande war, ging er fort. Lord Gliſto nbury ſchrieb dieſe ſchnelle Entfernung ſeiner Verlegenheit zu bei Leuten zu ſeyn, deren Gegner er lange Zeit geweſen war. Milord be⸗ trachtete dieß als einen kindiſchen Eigenſinn, von dem er ſich bald losmachen wuͤrde. Vivi⸗ an ging nach Hauſe mit wahrer Sehnſucht al⸗ lein zu ſeyn und ſich mit Muße beſchäftigen zu koͤnnen; als er aber die Treppe hinanſtieg ſah er ſie mit Orangenbaͤumen, Roſengeſtraͤuchen ge⸗ ziert und die verſchiedenen Gemaͤcher ausge⸗ ſchmuͤckt und zubereitet um große Geſellſchaft aufzunehmen; Lady Sarah fand er aber zum erſten Male behangen mit den Diamanten ih⸗ rer Mutter. 1 heute? liebtt 6 wußten nöchte mand Thüͤre geben mand gerad Sag hierz gege . 335— „Lieber Himmel; geſchieht dieß, weil Sie heute Beſuch annehmen,“ rief er aus. 4 —„Allerdings; denn ich dachte, mein lieber Freund, daß Sie es alſo wuͤnſchten.“ „Ich, ſo etwas wünſchen? O wenn Sie wuͤßten, wie ſehr ich im Gegentheil allein ſeyn mochte!“ —„In ſolchem Falle und da noch Nie⸗ mand gekommen iſt, habe ich voch Zeit meine Thuͤre verſchließen zu laſſen, und den Befehl zu geben, daß man ſage, ich ſey zu krank um Je⸗ manden zu empfangen. Dieß wird auch nicht gerade eine Luͤge ſeyn, ich kann es verſichern. Sagen Sie, wollen Sie das?“ —„Nein, meine Liebe, es iſt zu ſpaͤt hierzu,“ ſagte Vivian,„mir ſcheint, es ſey gegenwaͤrtig unmoͤglich dieß zu thun.“ „Nichts wird unmoͤglich ſeyn, wenn Sie es wunſchen.“ —„Nun denn; thun Sie, was Ihnen gefaͤllt“ „Was iſt aber fuͤr Ihr Intereſſe am paſſend⸗ ſten? Ich kenne kein anderes Vergnuͤgen als die ſes zu befoͤrdern.“ —„Sie find viel zu gütig gegen mich, und ich fuͤrchte, daß ich in der ganzen Zukunft — 236— nicht im Stande ſeyn werde, Ihnen meine Er⸗ kenntlichkeit zu beweiſen.“ 9 „So entſcheiden Sie doch, was hier am Beſten zu thun ſeyn werde,“ ſagte Lady Sarah. —„Ich denke, meine Liebe, Sie moͤgen ganz richtig geurtheilt haben; ſehen Sie denn Ihre Freunde und leiten Sie Alles auf's Schick⸗ lichſte ein: ich indeß koͤnnte nur auf einen Au⸗ genblick erſcheinen; ich habe Geſchaͤfte von Wich⸗ tigkeit vor mir,— Briefe, Schriften,— die heute noch zu vollenden ſind, und ich werde mich nun in mein Cabinet zuruͤckziehen.“ „Sie ſollen nicht geſtoͤrt werden,“ ſagte Lady Sarah,„und ich werde Alles thun, was ich vermag.“”“ Ein ſtarker Schlag an's Thor hemmte ihre Worte. Vivian ging durch den Saal um bald ſein Cabinet zu erreichen, wo er, nachdem er eine Weile quaͤlenden Betrachtungen nachgehan⸗ gen hatte, durch das Geraͤuſch der Uhr aufmerk⸗ ſam gemacht wurde, welche die Mitternachts⸗ ſtunde anzeigte. Er erinnerte ſich, daß er meh⸗ rere Augelegenheiten in Ordnung zu bringen, und vor Allem ein ſchon vorläufig in Bereitſchaft gehaltenes Teſtament, worin bloß leerer Raum auszufuͤllen war, unterzeichnen, und mit allen zormlichkei ſeinet Ftau umſkände b geſichtt, einige Ala noch verme dergeſtalt, mal ſeiner ße, er we den Troſt fuͤhle Erk ſen ſeyen. als nöthig haglicher Schreihe dieſer ach hei der müſſe. träͤchtlich Vermaͤcht cher bei, zuſammen Cabinets ter herei 9 zu dieſe ——— Formlichkeiten verſehen muͤſe. Das Schickſal ſeiner Frau, in Hinſicht auf die aͤußeren Gluͤcks⸗ umſtaͤnde war durch ſeinen Ehevertrag reichlich geſichert, er ſchaltete aber ſeinem Teſtamente einige Klauſeln ein, welche ihren Wohlſtand noch vermehren mußten, und er war beſorgt ſie dergeſtalt abzufaſſen, daß er in ihnen ein Denk⸗ mal ſeiner Ehrfurcht und Hochachtung hinterlie⸗ ße, er wollte, daß ſie fuͤr den Fall ſeines Todes den Troſt habe zu wiſſen, daß ſeine letzten Ge⸗ fuͤhle Erkenntlichkeit und Achtung fuͤr ſie gewe⸗ ſen ſeyen. Seiner Mutter vermachte er ſoviel als noͤthig war um den Reſt ihrer Tage in be⸗ haglicher Ruhe hinzubringen, doch mußte er im Schreiben inne halten, als er ſich den Schmerz dieſer achtungswerthen Mutter dachte, der ſie bei der Nachricht von ſeinem Tode beſtuͤrmen muͤſſe. Ruſſel'n bedachte er mit einem be⸗ trächtlichen Theile ſeines Vermoͤgens nnd dieſem Vermaͤchtniſſe fuͤgte er ſo eben jenes einiger Buͤ⸗ cher bei, die ſie waͤhrend der Tage ſeines Gluͤcks zuſammen geleſen hatten, als die Thuͤre ſeines Cabinets ſich rauſchend oͤffnete, und ſeine Mut⸗ ter hereintrat. 3 „Was bedeutet dieß?“ ſagte ſie,„Du biſt zu dieſer Stunde in Papiere vergraben!“ —„Ich haſſe die zahlreichen Zuſammen⸗ kuünfte,“ ſagte Vivian ſeine Papiere zuſam⸗ menlegend und vor ſeine Mutter hintretend. „Nicht mehr doch als ich,“ ſagte Lady Ma⸗ ry,„aber ich habe mit muſterhafter Geduld auf dem Poſten, an den mich Lady Sarah ge⸗ ſtellt, an einem Spieltiſche auf den Augenblick deines Erſcheinens geharrt, um doch fuͤnf Mi⸗ nuten lang mit dir reden und dich fragen zu koͤn⸗ nen, wie die Sachen im Parlament vorbei ge⸗ gangen ſeyen. Auch wollte ich dir Gluͤck wün⸗ ſchen.... Als ſie das Wort Gluͤck wuͤnſchen ansgeſprochen hatte, hielt ſte ploͤtzlich inne⸗ denn ſie hatte Zeit gehabt den Ausdruck der Geſichts⸗ zuͤge ihres Sohnes zu pruͤfen, welche ſich nicht hinläͤnglich verſtellen konnten um dem mutterli⸗ chen Scharfblicke zu entgehen. „Mein lieber Sohn,“ ſugte ſt ſie,„es muß Etwas im Werke ſeyn, das nicht gut geht; ich beſchwoͤre dich mir zu ſagen, um was es ſich handelt.“ Ihr Blick fiel auf das Pergament, welches auf dem Tiſche lag, und ſie erkannte, das dieſes ein Teſtament ſey. Mit erzwungenem Läͤcheln fragte ſie Vi⸗ vian, ob ſie auch mit der Schwachheit gewiſſer Leute behaftet ſey, welche kein Teſtament ſehen uäſammene re zuſam⸗ etend. ady Ma⸗ e Geduld arah ge⸗ Augenblick fuͤnf Mi⸗ en zu kon⸗ vordei ge⸗ hluck wün⸗ wunſchen inne, denn Geſichts⸗ ſich nicht mutterli⸗ „es muß geht; ich das es ſich Dergament, eckannte, te ſie Vi⸗ eit gewiſſer meat ſehett — 239— koͤnnen, und ſich einbilden, daß derjenige⸗ der ein ſolches abfaſſe, ſogleich ſterben müſ⸗ ſe. Um ihre bangen Beſorgniſſe zu beſchwich⸗ tigen und neuen Fragen zuvorzukommen, legte er ſeine Papiere beiſeite, und ging mit ihr in den Salon zuruͤck, wo er ſich Muͤhe gab mit frohſinnigem Weſen an der Unterhaltung Theil zu nehmen. Lord Gliſtonburp, der gekom⸗ men war ſein neu erworbenes Anſehen geltend zu machen, ſpielte ſeine Rolle als großer Herr, als Mann von hoher Wichtigkeit ſo gut als es ſein Mangel an innerer und aͤußerer Wuͤrde nur immer geſtatten wollte; auf Fragen, die ſein Marquiſat betrafen, antwortete er durch ein Ohrziſcheln und fuͤhrte ſeine nene Rolle eines Freundes der Regierung nach beſten Kraͤften durch. Alles war gleichſam verſchworen Vi⸗ vian traurig zu machen, doch wußte er ſich mit ſolcher Geſchicklichkeit zu bezwingen, daß ſeine Heiterkeit und ſein Geiſt alle Jene bezau⸗ berten, die nur an der Schale zu haften pflegen; aber ſeine Mutter ließ ſich dadurch nicht irre fuͤhren, ſie erkannte, daß dieſe heitere Laune doch nur erkünſtelt ſey. Sie ſtellte an alle Her⸗ ren von ihrer Bekanntſchaft Fragen daruͤber, was im Hauſe der Gemeinen am vorigen Tage — 24— und an dieſem bei der Tafel Lord Gliſtonbu⸗ ry's vorgegangen ſey; aber all' diejenigen, wel⸗ che bei dieſer Tafel waren, erzählten ihr, man haͤtte ſich auf das freundſchaftlichſte in der Welt verglichen, und ihre miniſteriellen Freunde gaben die Verſicherung, es waͤre im Parlament Alles zum Verwundern gut gegangen. Niemand konn⸗ te ihr Etwas von dem Auftritte melden, der im Kaffeehauſe zwiſchen Wharton und Vivian ſtatt gefunden. Irre gemacht, aber ſich dennoch hiermit nicht begnugend, ſchickte dieſe beſturzte Mutter in Herrn Ruſſel's Wohnung, um zu wiſſen, ob er nach der Stadt zuruͤckgekommen ſey, und ihn zu beſtimmen, daß er an der Stelle zu ihr käme. Sie hoffte von ihm die Wahrheit erfahren zu koͤnnen oder ſich des Einfluſſes Ruſ⸗ ſel's auf ihren Sohn zu bedienen, um einer Streitſache zuvorzukommen, wenn eine ſolche im Gange ſeyn ſollte. Die Antwort, welche man ihr zurüͤckbrachte, beſtand darin, daß Herr Ruſ⸗ ſel erſt den anderen Tag um zehn Uhr ankom⸗ men könne, daß man aber zuverlaͤſſig nicht un⸗ terlaſſen werde ihm, ſobald er einträfe, ihr Bil⸗ let zuzuſtellen. Lady Mary gab ſich nun Mu⸗, he in den Geſichtszuͤgen ihrer Schwiegertochter zu leſen, indem ſie einige Fragen an ſie ſtellte, ſionbu⸗ gen, wel⸗ r, man der Welh de gaben ent Alles ad konn⸗ der im Vivian dennoch beſtürzte um zu ekommen er Stelle Wahrheit ſes Ruſ⸗ um einer ſolche im lche man ar Ruſ. ankom⸗ icht un⸗ ihr Bil⸗ nun Mi, ertochter he ſtellte, um zu entdecken, ob ſie in Bezug auf Vivian irgend ein Beforgniß bege. Lady Sarah's Geſicht hielt dieſe Prode ohne mindeſte Veraͤn⸗ derung aus, dadurch aber fand ſich Lady Ma⸗ cy noch nicht beruhigt, denn ſie wußte, daß ihre Schwiegertochter, wie erſchuͤttert ihr inne⸗ rer Zuſtand auch ſeyn moͤge, hinlaͤngliche Herr⸗ ſchaft uͤber ſich ſelbſt habe, um denſelben hinter einem ruhigen Aeußeren zu verdergen. Lady Sarabh, welche die unrnhige Neugierde ihrer Schwiegermutter bemerkt hatte, machte ſich's zur Pflicht die Geheimniſſe ihres Gatten zu bewah⸗ ren, und da ſie ſelbſt das Ganze zu wiſſen glaub⸗ te, ſo wurde ſie über dieſe muͤtterliche Sorgfalt keineswegs beſtuͤrzt, und faßte nicht den minde⸗ ſten Verdacht uͤder die wahre Lage der Dinge. Lady Mary wurde endlich durch eine Un⸗ terredung mit ihrem Sohne ziemlich beruhigt, und ſie kam mit ſich ſelbſt daruͤber ins Reine, Vivian habe ſich mit ſeinem Teſtamente bloß deßhalb beſchäͤftigt um einen Artikel in Bezug auf Herrn Ruſſel in Ordnung z6 bringen, und daß die Niedergeſchlagenheit, die ſie an ihm be⸗ merkt hatte, bloß von dem in ſeinem Innern vorausgegangenen Kampfe herruͤhre, den er be⸗ ſtanden hatte, eh' er ſich entſchließen konnte kuͤnf⸗ Viyign 1I. Theil⸗ 16 ———— — 24²2— tig gegen ſeine Grundſätze abzuſtimmen. Sie erhob ſich um fortzugehen. Vivian, indem er ihr die Hand reichte um ſie nach ihrem Wa⸗ gen zu führen, hatte Müͤhe ſeine Bewegung zu verbergen, und er nahm von ihr mit ſo angele⸗ gentlicher Zaͤrtlichkeit Abſchied, daß alle ban⸗ gen Beſorgniſſe dieſer guten Mutter wieder er⸗ wachten; allein ihr Kutſcher, um einem andexn Wagen, nach dem ſchon gerufen wurde, Platz zu machen, beeilte ſich fortzukemmen ohne ihr die Zeit zu laſſen, daß ſie ihrem Sohn ein Wort hätte ſagen koͤnnen. Als ſeine Mutter fort war⸗ zog er ſich, ſtatt wieder in den Geſellſchaſtsſaal zu gehen, in ſein Cabinet zuxuͤck„ und benuͤtzte dieſen Augenblick um ſeine Vermächtnißurkunde zu beenden, da aber alle Dienerſchaft zu ſehr beſchaͤftigt war, ſo war er nicht im Stande ſich ſogleich zwei Zeugen zu verſchaffen; um ſie zu bekommen, mußte er warten, bis die ganze Gr⸗ ſellſchaft ſich entfernte. — Endlich hoͤrte das Geräuſch der Waͤgen auf; ſchon herrſchte das Schweigen. Vivian wollte ſo eben die Glockenſchnur anfaſſen, um ſich die noͤthigen Zeugen zu verſchaffen, als er die Schritte ſeiner Frau im Corridor hoͤrte. Er beeilte ſich in den Gang zu gehen und ihr ent⸗ 4. Sit , indem em Wa⸗ gung zu Hangele⸗ all dan⸗ ieder er⸗ aandenn d, Plaß ohne ihr ein Wort ſort wat, caſtsſual benutzte ußurtunde aft zu ſehr Stande ſich um ſie zu ganze Ge⸗ der Paͤgen Viyian faſſen, um hen, als er ehoͤrte. Er nd ihr ent⸗ — 243— gegen zu kommen; mit warmer Zaͤrtlichkeit faßte er ſie unter den Arm und ſchritt mit ihr zwei⸗ oder dreimal durch die großen Gemächer, waͤh⸗ rend die Domeſtiken die Lampen ausloͤſchten. Vi⸗ vians Geiſt und Gemuͤth war ſo ſehr erfuͤllt, daß er nicht reden konnte, und dennoch nicht bemerkte, daß er immer geſchwiegen habe, bis denn endlich Lady Sarah das Stillſchweigen brach und ihn befragte, ob er ſein Geſchaͤft be⸗ endet habe. „Nein, meine Theure; ich habe noch Eini⸗ ges zu Stande zu bringen; aber Sie werden mir ein Vergnugen machen, wenn Sie ſich zur Ruhe begeben, denn Sie müſſen an Seiſt und Körper ganz ermüdet ſeyn.““: —„Aber Sie ſelbſt ſind ja halbtodt vor Ermuͤdung, wie mir ſcheint; ſollten Sie nicht auf morgen verſchieben koͤnnen, was Ihnen noch zu thun uͤbrig bleibt?“ —„Nein,“ entgegnete Viv ian,„ich kann nichts auf morgen verſchieben; meine Pflicht bringt es mit ſich dieß Geſchaͤft noch heute ab⸗ zuthun.“ „Wenn es eine Sache der Pflicht iſt, ſo habe ich nichts mehr zu ſagen;“ antwortete La⸗ dy Sarah;„aber fuhr ſie mit einem ſonder⸗ 16* — 244— dar vereinten Weſen von hohem Ernſt und De⸗ muth fort,„wenn ich mir erlauben duͤrfte, Ihr Zutrauen in dem Maß⸗ 5 dnſouch zu vehmen Sie zu fragen.. 0 Stellen S keine Fragen an dermich. meine Liebe, denn ich kann keine beantworten, ſelbſt die Ihrigen nicht,“ ſagte Vivian,„und verargen Sie es mir nicht, wenn ich Sie be⸗ ſchwoͤre nun ſchlafen zu gehen; mein Geiſt wird dann freier ſeyn. Ich kann meine Gedanken nicht beherrſchen, wenn ich Ihrentwegen ſo un⸗ ruhig ſeyn muß als es jetzt der Fall iſt; in mei⸗ nem Leben war ich's nicht in aͤhnlichem Grade. Sie werden mir viel Vergnuͤgen machen, wenn Sie ſich zur Ruhe begeben.“— „Schlafen kann ich nicht; aber verlaſſes werd' ich Sie, weil Sie es ſo wuͤnſchen; ich zerlaube mir keine unbeſcheidene Neuglerde ee. Gute Nacht!“ 4—„Gute Nacht! und ich danke Dir noch einmal fuͤr alle Güte, mein vortreffliches Weib!“ „Es gibt doch keine beſſere Frau in der Welt,“ ſagte Vivian in dem Augenblicke als ſie ſich zuruͤckzog.„Warum habe ich ſie nicht ſo ſehr geliebt, als ſie es verdiente? Ach, dieß war wie⸗ der eine Schwäche auf meiner Seite, und ich and De⸗ fte, Ihr nehmen an mich, atworten, n,„und Sie be⸗ deiſt wird Gedanken en ſo un⸗ z in mei⸗ m Grade. a, wenn verlaſſen ſchen; ich gierde.— Dir noch es Weiba der Welt,“ s ſie ſcch ht ſo ſehr ßwar wie⸗ „ und ich — 245— war ſchwach in Allem! Wie ſehr iſt's nicht Scha⸗ de, daß ſie, bei ſo vielen Vorzuͤgen, fuͤr die gan⸗ ze Welt, mich ausgenommen, ein ſo mißfaͤlli⸗ ges Benehmen zeigt. Wie ſehr Schade, daß ſie mit ſo vielem Muthe, ſo vieler Kraft zu dul⸗ den oder jeden Wunſch zu unterdrüͤcken, ſo we⸗ nig die Gabe zu gefallen verbindet! Warum mußte eine allzu ſtrenge Erziehung ſie hindern eben ſo liebenswuͤrdig zu ſeyn als ſie ſchaͤtzens⸗ werth iſt. Lebe ich, ſo werde ich nichts ver⸗ nachlaͤſſigen um ſie gluͤcklich zu machen, und wenn ich ſterbe, ſo wird ſie wenig Urſache ha⸗ ben den Verluſt eines Ehemanns zu beklagen⸗ wie ich war.... ais Vivian beendete nun ſein Teſtament in den gehoͤrigen Formen, er ſchrieb einige Geſe chaͤfts⸗ briefe, brachte Papiere in Ordnung, uͤbergah au⸗ dere den Flammen; er bedauerte, daß Ruſſel⸗ der ſeine Vermaͤchtnißangelegenheit in Vollzug ſetzen ſollte, nicht bei ihm zugegen war; er ver⸗ weilte bei der Vergangenheit mit dem ſtrengſten Tadel und faßte die kluͤgſten Entſchließungen fuͤr die Zukunft fuͤr den Fall, als er leben wuͤrde; endlich von Anſtrengungen des Geiſtes uͤberwaͤl⸗ tiget„ſchlief er auf kurze Zeit ein, wurde aber durch die Wanduhr geweckt, welche ſieben Uhr ——ꝛ—ꝛ—ꝛ—õõ—— — 246— ſchlug. Um acht Uhr war er am verabredeten Gaftde Orte. Herr Wharton kam fuͤnf Minuten fohlen⸗ ſpäter. Als ihre Secundanten die Entfernung Bepeg bemeſſen hatten, nahmen Sie ihre Stellungen ton t ein. Bioian war der Herausfvyderer. Herr Er we Wharton hatte den erſten Schuß. Er gab thet l Feuer... Vivian wankte auf einige Schrit⸗ betllte te zuräck, ſchoß ſeine Piſtole in die Luft und auch fiel zu Boden. Die Secundanten flogen zu ſei⸗ zeugte ner Hülfe herbei und hoben ihn auf. Die Ku⸗ Freun gel war in die Bruſt gedrungen. Vivian reich⸗ Ort te Herrn Wharton zum Zeichen der Verzeihung und die Hand, und ſobald er wieder die Sprache zuvon bekam, er ſuchte er die Secundanten ſich zu er⸗ ſah, innern, daß er der herausfordernde Theil geweſen Er ſey, und die Schmach des Zwiſtes verdient ha⸗ dan be. Wharto n, ſo verhaͤrtet er auch war, ſchien cher von Mitleid ganz bewegt und von Neue gequaͤlt Hof zu ſeyn; er fragte Vivian, welche von ſeinen V nen Freunden wiſſen ſollten, in welcher Lage er ſi ch ode befände. Ein Wundarzt war bereits zugegen. ten Vivian, ſehr geſchwaͤcht durch ſeinen Blutver⸗ Len luſt, ſprach Ruſ ſels Namen aus, und fuͤgte als bloß die Worte hinzu: Keinen andern. de Wharton ritt fort um R ufſel aufzuſuchen, ue und man brachte Vivian nach einem kleinea. w — 447— Gaſthof in der Nähe; ſo hatte es der Arzt be⸗ fohlen, der ihn nicht mehr für fähig hielt die Bewegung eines Wagens zu ertragen. Whar⸗ ton traf Ruſſel, der aus der Stadt kam. Er war früher eingetroffen, als man es vermu⸗ thet hatte, und Lady Mary's Billet zufolge beeilte er ſich nähere Kunde einzuziehen, die er auch erlangte, und welche ihn nur zu ſehr uͤber⸗ zeugte, daß die Beſorgniſſe der Mutter ſeines Freundes gegruͤndet ſeyen. Er hatte ſelbſt den Ort der Zuſammenkunft in Erfahrung gebracht, und eilte dahin in der Hoffnung einer Kataſtrophe zuvor zu kommen. Als er Herrn Wharton ſah, vermutheie er auch, daß es zu ſpät wäre. Er ſtellte bloß die Frage:„Lebt Vivian noch?“ dann ſetzte er ſeinen Weg fort. Der Arzt⸗ wel⸗ cher der Zweite war, den er ſah, gab ihm keine Hoffnung zur Möglichkeit einer Rettung fuͤr ſei⸗ nen Freund; er ſagte, daß er bis zum Abend oder hochſtens bis zum nächſten Morgen ſchmach⸗ ten koͤune. Vivian war nun wieder im vol⸗ len Beſitze des Bewußtſeyns und der Sprache; als er aber Ruſſel erſcheinen ſah, ſo wur⸗ de er durch den Ausdruck des Schmerzes auf ſei⸗ nem Geſicht ſo erſchuͤttert, daß er Alles vergaß was er ſich vorgenommen hatte ihm zu ſagen. = 6 Dießmal war Ruſſel, der ſeelenſtarke Ruſ⸗ gung u ſel, ſelbſt darnieder gedruͤckt. e au „Ja mein theurer Freund,„“ ſagte Vi vian ich nuß zu ihm,„dieß iſt das Ende all' Ihrer Sorgfalt len, die fur mich, und all' Ihrer Hoffnungen, die Sie von Zi mir hegten. O, meine Mutter, meine arme her; lie Mutter; was wird aus ihr werden? Wie wer⸗ Selin den wir fuͤr ſie Troſtgruͤnde auffinden?— In 72 Ihnen, in Selina Sidney nur; Sie wiſſen, er zu? wie ſehr meine Mutter Selina liebte, wie van Fre ſehr ſie auch von ihr geliebt wurde, bis endlich 3 und ibe ich, die Urſache des Ungluͤcks aller meiner Freun⸗ tig in d de, ſie getrennt hatte. An Ihnen iſt es ſie zu ver⸗ hindern einigen, an Ihnen Alles wieder gut zu machen. S Dieſe Hoffnung Ihres Gluͤckes, o mein theurer jenige, Freund, wird meine letzten Augenblicke erleich⸗ hüͤndigt tern.— Ach, wie weit glücklicher wird Seli⸗ de ſein na mit Ihnen ſeyn als.... n ie Vivie . Ruſſel ſeufzte—„Ja, weichen Sie der Anſtren Macht Ihrer Gefuͤhle,“ ſagte Vivian,„denn hat es ich kenne ſie nach ihrem ganzen umfang, und„Seye Sie haben jederzeit weit lebhafter fuͤr mich em⸗ 7. ich nich pfunden als ich ſelbſt. Aber es iſt ein Gluͤck Troſte fuͤr Sie, daß ich aufhoͤre zu leben, denn ich hatte, habe Ihnen jederzeit nur wenig Ehre und vielen nem? Kummer gebracht. Und dennoch hatte ich Nei⸗ glaub Luſ⸗ an gfalt von arme wer, .Jn iſſen wie dlich reun⸗ ver⸗ chen. eurer leich⸗ deli⸗ ee der denn und hem⸗ Glüͤck in ich dielen Nei⸗ gung zum Guten, abet 5 habe nicht Zeit mich der Reue in Bezug auf mich ſelbſt zu aberlaſſen;; ich muß vielmehr mich mit Perſonen beſchaͤfti⸗ gen, die mehr werth ſi ſind als ich.“ Vivian forderte Papier, Tinte und Fe⸗ der; ließ ſich aufheben und im Bette ſtutzen um Selina und ſeiner Mutter zu ſchreiben. „Widerſetzen Sie ſich dieſem nicht,“ ſagte er zu Ruſſel,„dieß iſt der einzige Beweis von Freundſchaft, den ich noch zu geben vermag, und uͤberhaupt das Einzige, was ich gegenwär⸗ tig in dieſer Welt mit Freude zu thun vermag; hindern Sie mich daran nicht.“ Seine zwei Billete enthalten ungefaͤhr das⸗ jenige, was er Ruſſel'n geſagt hatte. Er be⸗ haͤndigte ſie ſeinem Freunde, dann, bis zum En⸗ de ſeine großmuͤthige Natur bewahrend, ergriff Vivian die Feder wieder, und ſchrieb mit Anſtrengung einige Worte an ſeine Frau.„Sie hat es um mich wohl verdient,“ ſagte er.— „Seyen Sie ihr ein Freund, Ruſſel, wenn ich nicht mehr bin; ſie wird, ich weis es, des Troſtes beduͤrfen. 9 Als Ruſſel ihm verſichert hatte, er wollte ſich in jeder Hinſicht nach ſei⸗ nem Willen benehmen, ſo ſagte Vivian: nich glaube, nun wird keine andere Perſon meinen 24— Lod beweinen, als vielleicht Lady Julia Lid⸗ hu rſt. Mit welcher Großmuth hat ſie mir nicht verziahen; ſagen Sie ihr, daß ich, ſterbend, mich deſſen noch erinnerte. Es iſt die Schwäche des Charakters, dieſe unſelige Schwäche iſt es, was all' meine Unfälle verurſacht hat. Ach, Ruſ fel. wie genau kannten ſie mich nicht ſchon zeitlich? — Deoch jetzt iſt's mit Allem zu Ende; meine Erfabrung kann mir nicht mehr nützlich ſeyn.— Ich ſehe, Sie moͤge Anderen dienen: tauſend und abermals tauſend junge Leute gleichen mir. — Doch alle Gegenſtände zeigen ſich verwor⸗ ren meinem Blick. Eines nur troͤſtet mich; ich habe kein Blut eines meiner Nebenmenſchen ver⸗ 8 7. goſſen. Mein groͤßter Fehler beſtand darin, daß ich einen ſo verdorbenen Menſchen zu meinem Freunde machte; er iſtis der mich vernichtet hat. Vor ein Paar Jahren haͤtte ich wohl nicht ge⸗ dacht, daß ich von ſeiner Hand ſterben muͤßte. Doch ich verzeibe ihm, ſo wie auch ich auf 1 4 Verzeihung rechne. Iſt der Geiſtliche gekommen, den ich rufen ließ? Mein lieber Ruſſel; dies wäre für Sie ein zu quälender Vorgang.— Er iſt alſo gekommen.— Nun denn, laſſen Sie ihn hereinkommen.“ Lit religibſen ihe unf ruhig en richte ih und erlo 5 ſagte R Herzen⸗ gehen, heftig, Erleich eine T an das verblic nicht leiſer knieet gend a Lid, nicht d. mich he des „ was uſſeb eitlich? meine ſeyn.— tauſend hen mir. verwor⸗ ich; ich hen ver⸗ rin, daß meinem htet hat. nicht ge⸗ müßte. ich auf kommen, el; dieß 3.— Et iſſen Sie —— — 251— Vivian wurde auf einen Moment ſeinen religizſen Geſchaͤften uͤberlaſſen. Der Geiſtli⸗ che rief Ruſſel zuruck, der ſeinen Freund in ruhig entſagender Stimmung fand. Vivian reichte ihm die Hand, dankte ihm noch einmal und erloſch. „Freund, würdig eines beſſeren Schickſals!“ ſagte Ruſſel bei ſich,„mit einem ſo guten Herzen, mit ſo großen Talenten und ſo jung; der du nur einen einzigen Fehler hatteſt. O mein Freund, ſo iſt denn Alles zu Ende, und Alles, was du warſt, biſt du umſonſt geweſen?“ Vivians Mutter und ſeine Witwe ka⸗ mien in dieſem Augenblicke. Weder Ruſſel noch Lord Gliſtonbury, der ihnen athemlos ſolgte, konnten ſie abhalten in das Zimmer zu gehen. Der Schmerz der Mutter war äußerſt heftig, doch Geſchrei und Thränen gaben ihr Erleichterung. Lady Sarah vergoß auch nicht eine Thräne, ſie ließ keine Klage laut werden; an das Bett hintretend, wo der Leichnam des verblichenen Gatten lag, überzeugte ſie ſich ob nicht die Blutadern noch ſchluͤgen, ob nicht ein leiſer Hauch von Leben noch vorhanden ſey, dann knieete ſie bei ihm in ſich geſammelt und ſchwei⸗ gend nieder. Lord Gliſtonbury ſchlug ſich — 252— 1 1 ſe leng an die Stirne, lief mit großen Schritten das ten. Zimmer auf und nieder, und wiederholte in je⸗ traurige dem Augenblick:„ich hab' ihn getoͤdtet; ich ha⸗ ve be ihn getoͤdtet!— Ich bin die Urſache ſeines nung Todes.— Er iſt mein Opfer, mein Schlacht⸗ rn e 1 dofer! führt ſie fort, bringt ſie hinaus.— Ich vir, vermag's nicht. O führen Sie doch mit Ge⸗ Piignn walt ſie fort, Herr Ruſſell... So muß denn ich..“ 2 iis. 3 „Es bedarf keiner Gewalt“ ſagte Lady Sa⸗ nah in dem Augenblick aufſtehend als ihr Vater ſich ihr naͤberte:„ich gehe meinen Gatten fuͤr immer zu verlaſſen.“ Nun ſich gegen Herrn Ruſ⸗ ſel wendend, fragte ſie, ob ihr Mann fuͤr ſie keinen Auftrag oder einen Brief zuuckgelaſſen ha⸗ be. Ruſſel behaͤndigte ihr den Brief: ſie entfernte ſich, ihn mit ſich fortnehmend und noch immer keine Thraͤne vergießend; einige Stunden nachher wurde ſie von Wehen befal⸗ len, und vor Einbruch der Nacht von einem todten Kinde entbunden, das ein Knabe war. Lady Sarah überlebte dieſe Schickſale, aber nie wieder erſchien ſie in jenem bunten Gewirre, das man die Welt nennt..1n Ruſſel und Miß Sidney waren durch Vivians Tod ſo erſchüttert und betruͤbt, daß ten das in je⸗ ich ha⸗ ſeines hlacht⸗ — 35 nit Ge⸗ vo muf dy Sa⸗ dr Vater ztten fuͤr n Ruſ⸗ afür ſie laſſen ha⸗ nif: ſie nend und ; einige en befal⸗ on einem abe war. le, aber Gewiere, ten durch übt, daf — 253— ſie lange Zeit an nichts Anderes denken konn⸗ ten. Aber der fuͤhlende Leſer kann nach ſo traurigen Ereigniſſen bei der beruhigenden Hoff⸗ nung verweilen, daß zwei Weſen, die durch Tu⸗ gend und Charakterſtärke ſo ſehr des Gluͤckes würdig waren, es auch durch ihre gänzlichs Ver⸗ einigung geworden ſeyn werden. Ende des zweiten und letzten Theils. Wien, gedruckt bei Carl Gerold. — 6 1 2 1,4 2 2— Colou&rey Sorirol Chart Blue Cyan Green vellow Hed Magenta Seey⸗ 4 1 4 3 2